deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: —— —— — — auf 1 Monat: L V — F T N W f. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren nutt⸗ ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem. Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 2 S2 ———— Die Geſchichte „ von Samuel Titmarſh und dem großen Hoggartyſchen Piamant. „ Von W. M. Thackeray. Drei Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlunz. 1850. Erſtes Rapitel. Worin von unſerm Dorf und von dem erſten Schimmer des Diamants Nachricht ertheilt wird. Wie ich im Begriff ſtand, nach London zurückzukeh⸗ ren, wo ich ſchon ins zweite Jahr eine Stelle bekleidete, ſchenkte mir meine Tante Hoggarty eine Diamantnadel, d. h. es war damals keine Diamantnadel, ſondern ein altväteriſches großes Medaillon, ein Dubliner Fabrikat von 1795, womit der ſelige Mr. Hoggarty auf den Bällen des Statthalters und bei ſonſtiger Gelegenheit Staat zu machen pflegte. Seinem Sagen nach trug er es in dem Treffen bei Vinegar Hill, wo nur ſein dicker Zopf ihn rettete, daß ihm nicht der Kopf abgehauen ward. In der Mitte dieſes Medaillons war Hoggarty ab⸗ gebildet in der ſcharlachrothen Uniform des Corps der Landmilizen, zu demeer gehörte; rund um daſſelbe waren dreizehn Haarflechten, die von eben ſo vielen Schweſtern des alten Herrn herrührten; und da alle dieſe Sraen die, wie ein Witzling es nannte, infamblonde Familienfarbe hatten, ſo konnte ein Menſch von ſtarker Einbildungskraft das Porträt Hoggarty's für eine große, fette, rothe Schnitte Ochſenfleiſch halten, um welche dreizehn röthlich⸗ gelbe Rüben herumlagen, die auf einer Platte von blauem Schmelz aufgetiſcht würden. Und es ſah aus, wie wenn aus dem großen Hoggartyſchen Diamant — ſo nannten wir ihn in der Famille — die Geſammtheit fraglicher Haare herauswüchſe. Thackerah, Samuel Titmarſh. 1 2 Meine Tante war reich und ich dachte, ich könnte ebenſo gut ſie beerben als ein anderer. Während meiner vierwöchigen Urlaubszeit bezeigte ſie ſich beſonders gütig gegen mich, lud mich oft zum Thee ein — obgleich eine gewiſſe Perſon im Dorfe ſich befand, mit der ich an dieſen göttlichen Sommerabenden lieber im Freien herumgeſchlendert wäre —; verſprach mir jedes⸗ mal, als ich ihren ſchwarzen Thee trank, ein Anſehnliches für mich zu thun, bevor ich wieder abreiſe; ſogar mußte ich drei bis viermal bei ihr zu Mittag eſſen und nachge⸗ hends mit ihr Whiſt ſpielen. Ich war kein großer Freund vom Spiel. Zwar machten wir immer ſieben Stunden lang fort, wobei ich ſtets verlor; doch betrug mein Ver⸗ luſt im Ganzen an Einem Abend niemals mehr als neun⸗ zehn Pfennig. Eine ſchlimme Zugabe hiebei war ein hölliſches widriges Getränk von ſchwarzen Johannisbeeren, das die Frau ihren Roſolio nannte, womit ſie jedesmal beim Eſſen aufwartete und noch um zehn Uhr vor Schla⸗ fengehen mich regalirte. Ich durfte es nicht abſchlagen, ungeachtet es mir auf Ehre ſtets ſehr übel bekam. Bei all dieſer Hingebung von meiner Seite und den wiederholten Verheißungen der Tante glaubte ich, dieſe würde mir zum mindeſten eine Handvoll Guineen ſchenken, von denen ſie eine ſchwere Menge in der Schublade hatte; und vaß ein derartiges Geſchenk mir zugedacht ſei, war mir ſo wenig zweifelhaft, daß ein junges Frauenzimmer Namens Marie Smith, der ich ſolches mitgetheilt hatte, in der That mir ein grünſeidenes Beutelchen ſtrickte, das ſie mir hinter Hicks, Heuſchober zuſteckte, rechter Hand, wo man das Kirchhofgäßchen hinaufgeht. In dem Beutelchen war Etwas, wenn ich die ganze Wahrheit ſagen ſoll. Erſtlich eine dicke Locke vom glän⸗ zendſten, ſchwärzeſten Haar, ſodann die eine Hälfte eines Sechspfennigſtücks an einer blauen Schnur, es um den Hals zu tragen. Ach! nur ich wußte, wo die andere 3 Hälfte des Silberſtücks ſich befand, und beneidete das glückliche Stückchen Silber. Den letzten Tag meiner Ferien mußte ich wie natür⸗ lich meiner Tante Hoggarty widmen. Sie war ausneh⸗ mend gnädig, und wichste ein Paar Flaſchen von dem ſchwarzen Johannisbeerwein auf, wovon ich das Meiſte trinken mußte. Als am Abend die Frauen, die bei ihr zuſammengekommen waren, ſich ſämmtlich — ſammt ihren Ueberſchuhen und Mägden — verabſchiedet, loſchte Frau Hoggarty, die mir ein Zeichen gegeben, daß ich bleiben ſollte, zuerſt drei von den Wachslichtern, die im Viſiten⸗ zimmer brannten, nahm dann eines zur Hand, ging und ſchloß ihren Schreibtiſch auf. Ich muß ſagen, mir klopfte das Herz, wiewohl ich ganz unbefangen that. „Mein lieber Samuel,“ hob ſie an, indem ſie ſo mit ihren Schlüſſeln klapperte, „ſchenk Dir noch ein Glas Roſolio ein“ — ſo betitelte ſie, wie geſagt, jenes ver⸗ wünſchte Getränke — „es wird Dir gut bekommen.“ Ich that es aber mit zitternder Hand, daß das Glas vom Anſtoßen der Flaſche klirrte. Indem ich es hinunterſtürzte, wurde die Alte auch mit ihren Operationen am Schreib⸗ tiſche fertig und trat zu mir, in der einen Hand mit dem Lichte zitternd, in der andern ein großes Päckchen. „Jetzt gehts los,“ dachte ich. „Samuel, mein lieber Neffe,“ ſprach ſie, „mit Dei⸗ nem erſten Namen heißeſt Du nach meinem ſeligen Mann, Deinem guten Oheim, und biſt von all meinen Neffen und Nichten der Einzige, mit deſſen Betragen und Auf⸗ führung ich vollkommen zufrieden bin.“ Wenn man bedenkt, daß meine Tante ſelber ſechs verheirathete Schweſtern hatte, und daß die dreizehn Hog⸗ garty's, welche alle in Irland hauſten, mit zahlreichen Nachkommen geſegnet waren: ſo muß man geſtehen, daß es ein überaus großes Compliment war, das mir die Tante da machte. ich hätte mich ebenſo ſtark beſonnen, es zu tragen, wie „Liebe Tante,“ ſagte ich zögernd mit bewegter Stimme, „ich hörte oft von Ihnen, daß unſrer im Gan⸗ zen drei und ſiebzig wären. Glauben Sie mir, Ihre gute Meinung von mir iſt für mich in der That hoͤchſt ſchmeichelhaft; Sie denken viel zu gütig von mir, wahr⸗ haftig, viel zu gütig.“ „Sei mir nur ſtill von dieſen verhaßten Irländern,“ ſagte meine Tante ziemlich aufgebracht, „ich verabſcheue ſie und vor allen die Alten“ — der Grund iſt, daß über Hoggarty's Verlaſſenſchaft ein Prozeß entſtanden war — „aber auch von meinen übrigen Verwandten iſt keines mir ſo anhänglich und folgſam geweſen, als Du, Samuel! Deine Prinzipale in London geben Dir das beſte Zeugniß in Hinſicht Deines Betragens und Deines Lebenswandels. Du haſt keinen Shilling weiter gebraucht, als Dein Jah⸗ reseinkommen von 80 Pfunden — immerhin ein anſtän⸗ diger Gehalt — während andere junge Leute nicht damit ausreichen würden. Du haſt Deine Monatsferien Deiner gewidmet, die auch gewißlich dafür dank⸗ bar iſt.“ „Oh Frau Tante,“ ſagte ich, weiter brachte ich nichts heraus. „Samuel,“ fuhr ſie fort, „ich habe Dir ein Geſchenk verſprochen, hier iſt es. Ich wollte Dir anfangs Geld geben. Doch Du biſt ein ſolider Menſch und brauchſt das nicht. Du biſt erhaben darüber, lieber Samuel. Ich gebe Dir den größten Schatz, den ich auf Erden habe, das Bild“ — Thränen erſtickten ihre Stimme — „das Bild meines ſeligen Herrn in das Medaillon gefaßt, wel⸗ ches den koſtbaren Diamant enthält, von dem Du mich oft haſt ſprechen hören. Trag' es, theurer Samuel, mir zu lieb und denk dabei an den ſeligen Geiſt dort oben und an Deine Tante Suſanna.“ Ich nahm das Ding in die Hände, es war in der Größe wie der Deckel einer Doſe mit Raſirpulver; und * 5 wenn ich einen dreieckigen Hut und Zopf hätte tragen ſollen. Ich war ſo unangenehm überraſcht und verdrieß⸗ lich, daß ich wahrhaftig keine Sylbe ſprechen konnte. Als ich mich wieder ein bischen gefaßt hatte, nahm ich die Broſche aus dem Papier heraus — ſie war bei Gott! ſo plump als das Vorhängeſchloß vor einem Scheu⸗ nenthor — und ſteckte ſie zögernd an das Hemde. „Gro⸗ ßen Dank, Tante,“ ſagte ich ſpoͤttiſch. „Ich werde dieß Geſchenk allezeit hochſchätzen um Ihretwillen, und es ſoll mir ein immerwährendes Andenken ſein an meinen Oheim und meine dreizehn Tanten in Irland.“ „So will ich nicht haben, daß Du es tragen ſollſt,“ kreiſchte Frau Hoggarty, „mit dem Haar von dieſen roth⸗ haarigen Weibsleuten. Du mufßt es herausmachen laſſen.“ „Dann wird aber das Medaillon verdorben, Tante.“ „Das macht nichts, Du kannſt es friſch faſſen laſſen.“ „Oder wie wäre es,“ ſagte ich, „wenn man die ganze Faſſung, wie ſie da iſt, wegließe — es iſt ohnehin zu groß für die jetzige Mode — und wenn ich das Bild meines Oheims einrahmen ließe und über meinem Kamin neben dem Ihrigen aufhinge. Es iſt gar zu niedlich.“ „Dieſes Miniaturgemälde,“ ſprach Frau Hoggarty feierlich, „war des großen Mulcahy's chef d'oeuvre. (Dieß Wort, aber nach engliſcher Ausſprache shy dewver war eines ihrer Lieblingsworte und machte mit den Wor⸗ ten bong tong und ally mode de Parry all ihr Fran⸗ zoͤſiſch aus.) Du kennſt die traurige Geſchichte des armen Mannes. Als der Künſtler dieß wunderhübſche Bildchen für die ſelige Frau Hoggarty auf Schloß Hoggarty, im Kreis Mayo, gefertigt hatte, trug ſie es auf der Bruſt auf des Lordlieutenants Ball, wo ſie mit dem Ober⸗ Commandanten eine Partie Picquet ſpielte. Warum ſie das Haar von ihren ſauberen Töchtern um Michaels Porträt herum machen ließ, iſt mir unbegreiflich. Aber ſo war es, wie Du es heut zu Tage ſiehſt. „Madam,“ ſagte der Ober⸗Commandant, „wenn das nicht mein Freund Michael Hoggarty iſt, will ich ein Hundsfott ſein.“ Das waren die eigenen Worte ſeiner Herrlichkeit. Frau Hoggarty auf Schloß Hoggarty machte die Broſche los und es ihn näher anſehen. Wer hat das gemalt?“ ſagte Mylord; „in meinem Leben habe ich keine ſprechendere Aehnlichkeit geſehen.“ „Mulcahy,“ antwortete ich, „von Ormond's Quai.“ „Er zähle auf meine kräftigſte Fürſprache und Un⸗ terſtützung!“ ſagte Mylord. Auf einmal aber verfinſterte ſich ſein Geſicht und er gab mir das Medaillon zurück mit einer Miene der Unzufriedenheit. „Das Porträt hat einen großen Fehler,“ ſagte ſeine Herrlichkeit, die ſtrenge auf Ordnung hielt — „und mich wundert, daß mein Freund Nichnel als Soldat ihn ſoll überſehen haben.“ „Was denn?“ fragte Frau Hoggarty von Schloß Hoggarty. „Madam, er trägt ja keinen Degen auf dem Bild!“ — und ganz böſe nahm er wieder die Karten zur Hand und ſprach während des ganzen Spiels kein Wort mehr. Als dem unglücklichen Künſtler den andern Tag die⸗ ſes zu Ohren kam, ward er auf der Stelle wahnſinnig. Er hatte ſeine ganze Ehre darein geſetzt, mit dieſem Bildchen ein Meiſterſtück zu liefern, an dem nichts aus⸗ zuſetzen ſein ſollte. — So ſchlimm wirkte jene Nachricht auf ſein reizbares Gemüth. Als Frau Hoggarty ſtarb, nahm Dein Oheim das Schmuckſtück zur Hand und trug es ſeither ſelbſten. Seine Schweſtern ſagten, wegen des Diamants; während er es rein aus Liebe für die Kunſt und — o des ſchnöden Undanks! — auch darum trug, weil das Haar von ihnen war. Was jedoch den unglück⸗ lichen Maler betrifft, ſo wollten Einige wiſſen, es habe ihn der unmäßige Genuß geiſtiger Getränke in ein de⸗ lirium tremens verſetzt; aber ich glaube nicht. Trink noch ein Glas Roſoliv.“ Die Erzählung dieſer Geſchichte verſetzte meine Tante jedes Mal in eine ſehr gute Laune, und als ſie zu Ende * war, verſprach ſie mir zu bezahlen, was die neue Faſſung des Diamants koſten würde. Sie hieß mich bei meiner Rückkunft nach London es dem berühmten Juwelier Po⸗ lonius bringen und ihr die Rechnung darüber ſchicken. „Das Gold,“ fügte ſie bei, „worein das Ding gefaßt iſt, iſt zum mindeſten fünf Guineen werth und den Diamant kannſt Du für zwei neu faſſen laſſen. Jedenfalls magſt Du dann das übrige behalten, lieber Samuel! und Dir ſelbſt Etwas nach Belieben darum kaufen.“ Hiemit ſagte mir die alte Frau Lebewohl. Es ſchlug zwölf Uhr, als ich das Dorf hinunterging; denn die Ge⸗ ſchichte von Mulcahh hatte immerhin eine Stunde lang gedauert, auch war ich beim Weggehen nicht mehr ſo niedergeſchlagen als in dem Augenblick, wo ich das Ge⸗ ſchenk erhalten. Im Grunde, dachte ich, iſts immer Etwas ſchones um eine Diamantnadel und gibt mir ein nobles Ausſehen, wenn mein Anzug auch noch ſo ſchäbig wäre. Und ſchäbig war er in der That. Gut, ſagte ich bei mir ſelbſt, mit drei Guineen, die ich herausbekomme, kann ich mir ein Paar Beinkleider vom beſten Stoff und Schnitt kaufen, der ich, unter uns geſagt, hoͤchlich be⸗ vurfte, indem ich gerade ſtark im Wachſen begriffen war und meine Pantalons ſchon über anderthalb Jahre auf dem Leibe trug. Die Hände in den Hoſentaſchen ſchritt ich das Dorf hinab. Ich hatte die Börſe der armen Marie zu mir geſteckt, nachdem ich die Sachen heraus⸗ genommen, welche ſie mir den Tag zuvor gegeben, und ſie anders wohin gethan hatte, um das verhoffte Geldge⸗ ſchenk meiner Tante darin zu verwahren. Da nun dieſes ausblieb, und zudem meine eigene kleine Baarſchaft durch die Spielvartieen mit meiner Tante wohl um fünf und zwanzig Schillinge geſchmolzen war, ſo konnte ich meiner Berechnung zufolge nach Abzug deſſen, was die Fahrt ſen hochſtens einige Siebenſchillingſtücke nach London bringen. Ich nahm ſo gewaltige Schritte, daß ich, wenn es möglich geweſen wäre, die zehnte Stunde eingeholt hätte, welche längſt vorbei war und um welche ich verabredeter Maaßen unter Mariens Fenſter mich hätte einſtellen ſollen. Ueber dem ewigen Geſchwätz der Tante von ihrem abſcheu⸗ lichen Roſolio war es zwölf Uhr geworden, und die Hoff⸗ nung war dahin, mit meiner Angebeteten in ihrem Nacht⸗ häubchen mit faltigem Beſatz, unter dem ihre reizenden Haarwickeln hervorſahen, beim hellen Mondſchein zu koſen. Das Fenſter war geſchloſſen und kein Gedanke von einem Lichte zu erblicken. Ich räuſperte mich und huſtete, und that manchen Pfiff über den Gartenzaun hinüber; ſang auch ein Liedchen, das ihr ſehr gefiel, ja ich warf nach dem Fenſter mit grobem Sand, der es auch tüchtig traf. Allein Niemand wolite erwachen, außer einem gro⸗ ßen Vieh von Haushund, welcher bellte und heulte, und ſo raſend an den Staketen gegen mich aufſprang, daß ich jeden Augenblick glaubte, er würde meine Naſe zwiſchen ſeinen Zähnen haben. Somit mußte ich ſo ſchnell als möglich mich davon machen. Den Morgen darauf berei⸗ teten Mama und die Schweſtern das Frühſtück für mich um vier Uhr, und um fünf kam der blaue, ſechsſitzige Poſtwagen, der nach London fuhr. Ich ſetzte mich oben drauf, ohne Mary Smith geſehen zu haben. Als wir an ihrem Hauſe vorbeifuhren, war es mir, als ob der Fenſter⸗ vorhang in ihrem Zimmer in demſelben Augenblick ein wenig bei Seite gezogen würde. Wenigſtens war das Fen⸗ ſter offen, welches in der Nacht geſchloſſen geweſen. Doch dahin raſſelte der Wagen und Dorf, Landhaus und Kirch⸗ ſammt Hicks Heuſchobern wurde bald nicht mehr ge⸗ ehen. —,—— ——— 9 „Potz Element! was iſt das für eine Broſche!“ ſagte ein Stallknecht, der eine Cigarre rauchte, zu dem Conduk⸗ t indem er mich anſah und den Finger an die Naſe egte. Ich hatte mich nämlich ſeit dem Abſchied von der Tante nicht mehr ausgezogen, und weil ich verſtimmt war und einpacken mußte, und meine Gedanken anderswo hatte: war mir die Nadel ganz aus dem Sinn gekommen, die ich am Abend zuvor an meine Hemdkrauſe geſteckt hatte. Pweites Rapitel. Der Diamant kommt nach London und thut Wunder in der City ſowohl als in Weſtend. Die Umftände, deren dieſe Geſchichte gedenkt, gehoͤren einer längſt vergangenen Zeitperiode an, deren ſich der ge⸗ neigte Leſer noch erinnern wird, in welcher eine wahre Wuth in der City herrſchte, ſich bei Geſellſchaften aller Art zu betheiligen, und Mancher in Folge dieſer Specu⸗ lationen ein großes Vermögen erwarb. Ich befand mich um dieſe Zeit als dreizehnter Com⸗ mis unter vierundzwanzig jungen Leuten in dem großen Geſchäft der „Independent Weſt Diddleſer Feuer⸗ und Lebensverſicherungs⸗Compagnie“ in ihrem prächtigen maſ⸗ ſiven Hauſe in Cornhill. Meine Mutter hatte eine Summe von 500 Pfunden daran gerückt, ſich eine Leibrente bei dieſer Anſtalt zu erwerben, welche ihr nicht weniger als 36 Pfund jährlich bezahlte, während keine andere Geſell⸗ ſchaft zu London ihr mehr als vierundzwanzig geboten — hatte. Vorſtand der Direktoren war der große Herr Brough von dem Hauſe Brough und Hoff, in Crutchedfriars, das nach der Türkei handelte. Es war ein neues Haus, machte aber ungeheure Geſchäfte in Feigen und Schwämmen, und mehr als irgend eines in der City in Roſinen von Zante. Brough war ein angeſehener Mann in der Verbin⸗ dung der Diſſenters, und ſein Name ſtand immer mit Hunderten an der Spitze jeder mildthätigen Geſellſchaft, welche jenen chriſtlich geſinnten Leuten ihr Entſtehen oder kräftige Förderung verdankte. Er hatte neun Comptoiriſten in dem Geſchäft in Crutchedfriars, und nahm keinen an, ohne ein Zeugniß von dem Schulmeiſter und Pfarrer ſeines Geburtsorts, das vollkommen für die Sittlichkeit und Kenntniſſe des jungen Menſchen bürgte. Um die Stel⸗ len bei ihm riß man ſich dergeſtalt, daß er ein Lehrgeld von vier⸗ bis fünfhundert Pfunden mit jedem jungen Mann bekam, den er auf zehn Stunden täglich zum Sklaven machte und den er dafür alle ſeine Geheimniſſe in Betreff des levantiſchen Handels lehrte. Er hatte auch ein be⸗ deutendes Wechſelgeſchäft, und wir jungen Burſche hoͤrten oftmals von den Leuten des Papiermäcklers — wir ſpeis⸗ ten in ihrer Geſellſchaft bei Cock und Woolpack, einem ordentlichen Gaſthaus, wo man ein mächtiges Stück Fleiſch, nebſt Brod, Gemüſe, Käſe und eine halbe Kanne Porter für einen Shilling bekommt und einen Pfennig dem Kell⸗ ner gibt — wie geſagt, wir hörten da immer von den unermeßlichen Geſchäften, welche ihr Principal in ſpani⸗ ſchen, griechiſchen und columbiſchen Papieren machte. Hoff, ſein Aſſocié, hatte damit Nichts zu thun, ſondern blieb daheim und widmete ſich ausſchließlich dem Geſchäfte der Firma. Er war ein ruhiger und geſetzter junger Menſch, ſeines Glaubens ein Quäcker, und mit dreißigtauſend Pfunden von Brough zum Compagnon unter ſehr guten Bedingungen angenommen worden. Im größten Se erzählte man mir, daß das Geſchäft des Hauſes ein Jah ins andere wohl ſiebentauſend Pfund abwerfe, wovon 11 Brough die Hälfte, Hoff zwei Sechstheile habe, das üb⸗ rige aber an den alten Tudlow komme, welcher Broughs Gehülfe geweſen, bevor Hoff Theilhaber geworden. Tudlow lief immer ſehr ſchäbig herum und wir hiel⸗ ten ihn für einen alten Geizhals. Einer von unſern Leuten dagegen, Robert Swinney mit Namen, behauptete in einem fort, es ſei baarer Unſinn, was man von Tudlow's An⸗ theil ſage und Herr Brough bekomme das Alles. Uebri⸗ gens wollte dieſer Robert Alles beſſer wiſſen, trug ſtets einen grünen, kurzen Frack und hatte freien Eintritt ins Covenigarden⸗Theater. Er ſchwatzte immer vor ſich hin im Arbeitszimmer, einem der prachtvollſten Lokale in Corn⸗ hill; ſprach nur von Veſtris und Miß Tree und trillerte: „Der Brombeerſtrauch, der Brombeerſtrauch, Der ſchöne, ſchöne Brombeerſtrauch“ — eins von Charles Kemble's famoſen Geſängen in „Maid Marian,“ einem Stück, welches damals Furore machte. Als Brough hörte, wie Freund Swinney über ihn lüge, und freien Zutritt ins Theater habe, kam er eines Tags ins Geſchäftszimmer herunter, während wir alle vier und zwanzig beiſammen waren, und hielt da eine der ſchönſten Reden, die ich je gehört habe. Er ſagte, er bekümmere ſich Nichts um üble Nachreden, Schmähungen ſeien das gewöhnliche Loos eines Mannes der Oeffentlichkeit, der ſtrenge Grundſätze habe, und ihnen gemäß handle; um was er ſich aber bekümmere, das ſei der gute Ruf jedes Einzelnen, der zu der Indepedenten⸗Weſt⸗Diddleſer⸗Geſell⸗ ſchaft gehöre. — Das Wohl von Tauſenden ſei ihnen überantwortet; Millionen gehen täglich durch ihre Hände; die ganze Stadt, das ganze Land ſchaue auf ſie, auf ihre Ordnung, Ehrbarkeit, auf ihr gutes Beiſpiel. Und wo⸗ fern er unter denen, die er wie ſeine Kinder betrachte, die er liebe, wie ſein eigen Fleiſch und Blut, fände, daß vom Wege der Ordnung abgewichen, daß kein regelmäßiges Leben geführt, daß kein gutes Beiſpiel gegeben werde — * 12 Herr Brough ſprach ſtets in dieſem nachdrucksvollen Tone — wenn er fände, daß ſeine Kinder von den heilſamen Geſetzen der Sittlichkeit, der Religion und des Anflandes abweichen, ſei es Groß oder Klein, von dem erſten Ge⸗ hülfen mit jährlichen 600 Pfunden an bis auf den Knecht herab, der die Treppen zu fegen habe, — wenn er nur den mindeſten Schatten von Leichtſinn, Verſchwendung oder Ausſchweifung wahrnähme: ſo würde er ihn verſto⸗ ßen, und wenn es ſein eigener Sohn wäre, würde er ihn verſtoßen. Während Herr Brough ſo ſprach, gingen ihm die Augen über, und wir, die wir nicht wußten, was noch kommen würde, ſahen einander an und wurden ſo blaß wie die Wand, Alle bis auf Swinney, welcher zwölfter Gehülfe war, und ein Geſicht machte, als ob er leiſe vor fich hin pfeife. Als Herr Brough die Thränen getrocknet und ſich wieder geſammelt hatte, kehrte er ſich im Kreiſe herum, und oh! wie pochte mir das Herz, als ſein Blick mich gerade traf. Doch wie leicht ward mir's wieder, als er mit einer Donnerſtimme rief: „Herr Robert Swinney!“ „Was beliebt?“ ſagte dieſer ſo kaltblütig als mög⸗ lich, und Etliche von uns Burſchen fingen an zu zittern. „Herr Swinney!“ ſchrie Brough, noch wilder als zuvor; „als Sie in dieſes Haus kamen — in dieſe Fa⸗ milie, darf ich wohl ſagen, und bin ſtolz darauf — tra⸗ fen Sie drei und zwanzig junge Leute an, ſo geordnet und gottesfürchtig, wie ſie ſich ſelten in einem Comptoir zu⸗ ſammen finden, oder die Geſchäfte eines ſo ungeheuren Capitalvermögens zu beſorgen haben, von deſſen Sicherheit und guter Verwaltung das Schickſal des ganzen Reichs abhängt. Zucht und Ordnung, Ernſthaftigkeit und Wohl⸗ anſtändigkeit herrſchten, als Sie kamen; keine profanen Lieder ertönten an dieſem den Geſchäften geweihten Orte; keine erbärmlichen Verleumdungen flüſterte man ſich in die Ohren zum Nachtheil der Vorſteher dieſer Anſtalt — † „ 1³ doch ich gehe über dieſe weg; ich kann ihnen bloß Ver⸗ achtung entgegenſetzen, Herr! kein weltliches Geſpräch oder ſchlechte Späſſe ſtörten dieſe Herren in ihrer Auf⸗ merkſamkeit, oder entweiheten den friedlichen Schauplatz ihrer Thätigkeit. Chriſten und Ehrenleute waren es, zu denen Sie kamen, junger Herr!“ „Ich bezahlte für meine Stelle, wie die Uebrigen,“ ſagte Swinney; „hat nicht mein Alter Aktien —“ „Schweigen Sie! Ihr rechtſchaffener Vater hat allerdings Aktien bei unſerer Anſtalt genommen, die ihm auch ſeiner Zeit einen höchſt bedeutenden Gewinn abwer⸗ fen werden. Er hat, ſage ich, Aktien genommen, ſonſt würden Sie, junger Herr, gar nicht hier ſein. Ich mache mir eine Ehre daraus, daß Jeder meiner jungen Freunde, die ich um mich ſehe, einen Vater, Bruder oder ſonſtigen werthen Verwandten oder Freund hat, der in ähnlicher Weiſe mit unſerm großartigen Unternehmen in Verbin⸗ dung ſteht, und daß nicht Einer unter ihnen iſt, der nicht dabei intereſſirt wäre, gegen anſtändige Proviſion noch Andere für den Anſchluß an unſere Geſellſchaft zu gewin⸗ nen, deren Vorſtand zu ſein ich die Ehre habe. Sie wer⸗ den finden, vaß das Dokument Ihrer Anſtellung von mir unterzeichnet iſt, und in gleicher Weiſe kaſſire ich es, Ich John Brough. — Herr, gehen Sie von uns, verlaſſen Sie eine Familie, in deren Schoos Sie nicht länger blei⸗ ben dürfen. Herr Swinney, ich habe geweint, habe ge⸗ betet, bevor ich zu dieſer Entſchließung gekommen bin. Aber ich habe mich einmal entſchloſſen und es bleibt da⸗ bei. Sie müſſen fort, auf der Stelle fort.“ „Doch nicht ohne vierteljähriges Salair, Herr Brough?“ „Man wird es Ihrem Vater ausbezahlen.“ „Zum Henker, mit meinem Vater! Ich will Ihnen was ſagen, Herr Brough: ich bin alt genug, und wenn Sie mir meinen Gehalt nicht geben, werde ich Sie ver⸗ haften laſſen, beim Kukuk, das werd' ich! Sie müſſen 14 mir in den Schuldthurm, oder ich will nicht Robert Swinney heißen!“ „Herr Roundhand, ſchreiben Sie eine Anweiſung auf i vierteljähriges Salair für dieſen ungerathenen Men⸗ en.“ „Ein und zwanzig Pfund, fünf Schilling, Roundhand, und Nichts für den Stempel!“ rief der freche Menſch. — „Hier die Unterſchrift. Sie brauchen die Anweiſung nicht auf meinen Banquier zu ſtellen. Und wenn Einer von Euch Herren dieſen Abend gern ein Glas Punſch trinkt, ſo iſt er von mir herzlich eingeladen. Es koſtet Nichts. Wenn Herr Brough mir die Ehre geben würde, ebenfalls zu kommen, um ſich's bei uns ſchmecken zu laſſen? Ich bitte ſchön, ſchlagen Sie es mir nicht ab. Zwingen Sie ſich doch!“ Das hieß die Unverſchämtheit aufs Höchſte getrieben. Wir konnten uns nicht mehr halten, und brachen in ein wahnſinniges Gelächter aus. „Gehen Sie!“ brüllte Herr Brough, der ganz blau im Geſicht geworden war. Robert nahm ſeinen weißen Hut vom Nagel und trollte ſich mit ſeinem Deckel, wie er ihn nannte, den er aufs rechte Ohr ſetzte. Als er fort war, gab uns Herr Brough noch eine Lektion, welche wir Alle uns zu merken den Vorſatz faßten. Und indem er auf Roundhand's Pult zuging, that er ſeinen Arm um deſſen Hals, und blickte über das Hauptbuch hinein. „Wie viel iſt heute einbezahlt worden, Roundhand?“ fragte er mit großer Freundlichkeit. „Die Wittwe brachte ihr Geld: 904 Pfd., 10 Schg., 6 Pf., ſage: Neun hundert und Vier, Zehn und Sechs. Kapitän Sparr hat ſeine Einlagen einbezahlt, brummt dabei und ſagt, er habe keine mehr: fünfzig Aktien, zwei Einzahlungstermine — drei zu fünfzig Pf., Herr!“ „Er brummt immerdar!“ „Er ſagt, er habe keinen Schilling, um ſich Gutes zu thun, bis zu Ausbezahlung ſeiner Dividende.“ — 15 „Sonſt noch was?“ Roundhand ging das Buch durch und brachte neun⸗ zehnhundert Pfund in Allem heraus. — Wir machten jetzt ſehr bedeutende Geſchäfte. Als ich auf das Comptoir kam, hatten wir faſt nichts zu thun, als die Zeitungen zu leſen, zu lachen und Poſſen zu treiben, und wir fuhren wie's Wetter an unſere Sitze, wenn ſich einmal ein Kunde zu uns verirrte. Damals bekümmerte ſich Brough nie um unſere Späße oder unſer Singen. Er ſtand auf beſtem Fuß mit Swinney; das war aber in früheren Zeiten, ehe wir uns ſo ſehr ins Geſchirr legen mußten. „Neunzehn hundert Pfund und Eintauſend Pfund in Aktien ? bravo, Roundhand, — bravo, ihr Herren! Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß jede Aktie, die Sie einbringen, Ih⸗ nen fünf Procente auf der Stelle einträgt! Bearbeiten Sie Ihre Freunde, ſeien Sie fleißig am Pulte, führen Sie einen geordneten Wandel; ich will nicht hoffen, daß Einer von Ihnen die Kirche meidet. Wer nimmt Swin⸗ ney's Stelle ein?“ „Samuel Titmarſh, Herr!“ „Herr Titmarſh, ich wünſche Ihnen Glück. Geben Sie mir Ihre Hand, Sie ſind jetzt zwolfter Comptviriſt dieſer Geſellſchaft und Ihr Gehalt erhöht ſich demnach um jährlich fünf Pfund. Wie geht's Ihrer vortrefflichen Mutter und Ihrer würdigen alten Tante? Ich denke, ganz gut. Ich bete inbrünſtig, daß ihr unſre Anſtalt noch viele viele Jahre ihre Rente möge zahlen dürfen. Wenn ſie noch mehr Geld auszuſtellen hat, ſo bekommt ſie hö⸗ here Intereſſen als die letzten, weil ſie um ein Jahr älter iſt und Sie, mein Lieber, fünf Procent. Warum nicht Sie ebenſo gut als ein andrer? Jugend will jung thun und eine Zehnpfund-MNote kann nichts ſchaden. Nicht wahr, Herr Abednego?“ „O, nein,“ ſagte dieſer, der dritter Schreiber war und den Angeber von Swinney gemacht hatte, und ſing an zu lachen, wie wir alle thaten, ſo oft Herr Brough 16 ein Späßchen machte. Nicht daß es wirkliche Späſſe waren, ſondern wir merkten es nur an ſeiner Miene. „Nebenbei, Roundhand, ein Wort mit Ihnen über Geſchäfte,“ fuhr er fort, „meine Frau wünſcht zu wiſſen, warun Sie niemals nach Fulham hinabkommen.“ „Allzugütig!“ ſagte Mr. Roundhand hocherfreut. „Sagen Sie, wann Sie kommen, mein Beſter! Sa⸗ gen Sie, am Samſtag und bringen Sie ihr Nacht⸗ zeug mit.“ „Unendlich gütig, auf Ehre. Ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, aber —“ „Aber, kein Aber, mein Freund! Hören Sie, der Kanzler der Schatzkammer erweist mir die Ehre, bei uns zu ſpeiſen und ich wünſchte ſehr, daß Sie mit ihm be⸗ kannt würden. Wiſſen Sie warum? Ich habe Sie ſei⸗ ner Herrlichkeit als den beſten Buchhalter in den drei Königreichen gerühmt.“ Roundhand konnte eine ſolche Einladung nicht ab⸗ ſchlagen, obgleich er uns geſagt hatte, daß er mit ſeiner Frau über den Samſtag und Sonntag nach Putney ge⸗ hen würde und wir, die wir wußten, was für ein Leben der arme Mann führte, zweifelten keinen Augenblick, daß unſer oberſter Commis von ſeiner Ehehälfte ſchön abge⸗ zankt werden würde, wenn ſie hörte, was im Werk ſei. Sie konnte nämlich Mrs. Brough nicht ausſtehen, weil dieſe Kutſchen und Pferde hielt und ſagte, ſie wiſſe nicht, wo Pentonville liege und könne alſo nicht bei Mrs. Round⸗ hand einſprechen. Wenn auch immer, ſo hätte ſicherlich ihr Kutſcher den Weg gefunden. „Und noch Etwas, Herr Roundhand,“ fuhr unſer Prinzipal fort, „ſeien Sie ſo gut, eine Anweiſung auf ſiebenhundert Pfund auszuſtellen. — Nun, ſehen Sie mich nicht ſo an, ich werde nicht damit durchgehen! — Gut! Siebenhundert — und Neunzig dazu, weil Sie gerade daran ſind. Am Samſtag iſt Sitzung des Ausſchuſſes und ſeien Sie unbeſorgt, ich werde ihm varüber Rechnung 17 ablegen, noch bevor ich mit Ihnen hinunterfahre. Wir werden den Kanzler in Whitehall abholen.“ Mit dieſen Worten legte Brough die Bankanweiſung zuſammen, ſchüttelte Roundhand zum Abſchied aufs herz⸗ lichſte die Hand und ſtieg in ſeinen, mit Vieren beſpann⸗ ten Wagen — er fuhr ſtets vierſpännig, ſelbſt in der Altſtadt, wo es ſehr ſchwierig iſt — der auf ihn im Thorweg wartete. Robert Swinney behauptete, er verrechne der Com⸗ pagnie zwei von den Pferden. Allein man durfte nur die Hälfte von dem glauben, was jener ſagte. Er machte gerne ſolche Witze. Ich weiß nicht, wie es ſich damit verhielt. Einer, Namenè Hoskins, eilfter Commis, wohnte mit mir zu⸗ ſammen in Salisbury Square, Fleetſtraße, wo wir ſehr hübſche Zimmer im zweiten Stock hatten. Als nun unſer Flötenduett dieſen Abend uns ziemlich langweilte und es eine ſehr ſchone Nacht war, traten wir einen Spaziergang an, Weſtend zu. Wir kamen gegenüber dem Cobentgar⸗ dentheater und ſtunden auf einmal vor dem Gaſthof zur Erdkugel. Da ſiel uns ein, daß Robert Swinney uns dahin eingeladen hatte. Wir glaubten zwar keineswegs, daß es ihm damit Ernſt geweſen, dachten aber, wir könn⸗ ten ja einmal hineinſehen. Auf keinen Fall würde das Etwas ſchaden. Und ſiehe da, in dem hintern Saale, wo er uns er⸗ wartete, fanden wir Robert wirklich am Ehrenplatze einer Tafel, mitten in einer großen Dampfwolke von Cigarren und ihrer achtzehen von uns, mit ihren Gläſern kürrend und auf den Tiſch ſchlagend. Was für ein Jubelgeſchrei empfing uns beim Ein⸗ treten! „Hurrah,“ rief Robert, „da kommen noch zwei! Mary, noch zwei Stühle, zwei Kelche, zwei Flaſchen heißes Waſſer und zwei Gläſer Genever! So wahr Gott lebt, wer hätte gedacht, Tit hier zu ſehen?“ Thackeray, Samuel Litmarſh. 2 18 „Je nun,“ ſagte ich, „es iſt purer Zufall, daß wir hier ſind.“ Bei dieſen Worten erſchallte auf's Neue donnerndes Freudengeſchrei. Es hatte nämlich ein jeder von allen achtzehn geſagt, er komme rein aus Zufall. Dem ſei wie ihm wolle, der Zufall verſchaffte uns eine göttliche Nacht und der gaftfreundliche Swinney zahlte Alles. „Ihr Herren!“ ſagte er, wie er die Rechnung be⸗ richtigte, „noch Eines auf das Wohl von John Brough, Eſquire und mich zu bedanken für die einundzwanzig Pfund, fünf Schilling, welche er mir heute Morgen ge⸗ ſchenkt hat. Was ſage ich, einundzwanzig Pfund, fünf Schllling? Nein, auch noch einen Monatsgehalt, den ich hätte bezahlen müſſen wegen Nichtaufkündigung, und das baar auf der Stelle, wenn ich aus dem Comptvir trat; was ich morgen zu thun im Sinne hatte. Ich habe eine andere Stelle, eine ſuperbe Stelle, ſage ich Euch, wöchent⸗ lich fünf Guineen, jährlich ſechsmal reiſen mit eigenem Fuhrwerk im Weſten von England, in Oel und Wall⸗ rath. Pereat die Gasbeleucheung, und ein Lebehoch auf die Herren Gann und Comp. in der Themſeſtraße!“ Ich bin in meiner Erzählung von der Weſt Didd⸗ leſer Verſicherungs⸗Anſtalt und ihrem Geſchäftsvorſtand Herrn Brough — daß dieß übrigens nicht die wirklichen Namen von jener und von dieſem ſind, wird der geneigte Leſer ohne meine Betheurung glauben — darum ſo um⸗ ſtändlich geweſen, weil mein Schickſal und das meiner Vorſtecknadel auf geheimnißvolle Weiſe an beide geknüpft war, was ſich im Verlauf der Erzählung ergeben wird. Zu bemerken iſt, daß ich unter unſern Leuten im Hauſe der Compagnie in beſonderem Anſehen ſtand, weil ich einer beſſern Familie angehoͤrte als die meiſten von ihnen; weil ich eine claſſiſche Bildung erhalten und nament⸗ lich eine reiche Tante hatte, Frau Hoggarty, mit der ich auch, wenn ich es ehrlich geſtehen ſoll, nicht wenig groß 19 zu thun pflegte. Es iſt kein Fehler, wenn man in dieſer Welt Achtung und Anſehen genießt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Und wenn man nicht ſelbſt ein wenig bramarbaſirt, darf man darauf zählen, daß kein einziger von unſren Bekannten der Welt von unſern Meriten er⸗ zählen und uns ſelbſt dieſe Mühe erſparen wird. So ließ ich bei der Rückkehr von meinem Beſuch in der Heimath, ſobald ich meinen Sitz vor dem alten Journalbuch, dem trüben Fenſter gegenüber, das in die Birchingaſſe ging, wieder eingenommen, die Kameraden nicht lange darüber in Unwiſſenheit, daß Frau Hoggarty — wenn ſie auch meine Hoffnung auf ein anſehnliches Geldgeſchenk unerfüllt gelaſſen, — ich hatte wohl zwölfen verſelben verſprochen, wenn ich ſo reich würde, ſie auf eine Waſſerpartie, die Themſe hinab, einzuladen — wie geſagt, ich that ihnen alsbald zu wiſſen, daß mir die Tante zwar keine Moneten, aber dafür eine Bruſtnadel, die wenigſtens dreißig Guineen werth, gegeben, und daß ich ſie nächſter Tage auf das Bureau mitbringen würde. „Oh ja, zeigen Sie ſie uns einmal,“ ſagte Abednego, deſſen Vater ein Geſchäft von nachgemachten Juwelen und Goldtreſſen in Hanway⸗Yard trieb. Und ich verſprach, daß er meinen Diamant würde zu ſehen bekommen, ſo⸗ bald als er gefaßt ſein würde. Da auch mein Taſchen⸗ geld auf der Neige war — das Fahrgeld hin und her, fünf Shilling unſrer Magd zu Hauſe, zehen der Magd und dem Diener meiner Tante, fünf und zwanzig im Whifiſpiel verloren, fünfzehn Shilling ſechs Pfennig für eine ſilberne Scheere für die lieben Fingerchen einer ge⸗ wiſſen Perſon — ſo gab mir Roundhand, der ein ſehr gutherziger Mann war, ein Monatsgehalt — ſieben Pfund, Einen Shilling, acht Pfennige voraus und lud mich zum Mittageſſen zu ſich ein. Er wohnte in Myddelton Square, in Pentonville, und ich hatte hier bei einem geſpickten Kalbsbraten und einem Glas Portwein Gelegenheit mit anzuſehen, wie ſchlecht ſeine Frau ihn behandelte. Armer 20 Tropf! Wir Unter⸗Commis meinten alle, es ſei nicht ſo übel, an einem Pult zu ſitzen für fünfzig Pfund des Monats, wie Roundhand ſie hatte. Doch bin ich jetzt überzeugt, daß es Hoskins und mir, wenn wir mit ein⸗ anber ein Duett auf der Flote in unſerer beſcheidenen Wohnung in Salisbury Square aufführten, beſſer zu Muth war als unſerm Chef und jedenfalls beſſte Har⸗ monie ſich bei uns fand, wenn auch unſer Muſiciren noch ſo übel ausfallen mochte. Eines Tages baten wir Roundhand um Erlaubniß, früher das Bureau verlaſſen zu dürfen, weil wir in Weſtend ein Privatgeſchäft abzumachen hätten. Er wußte, daß es den großen Hoggarty'ſchen Diamant betreffe und ließ uns fort. Als wir in die St. Martinsgaſſe kamen, zün⸗ dete Auguſt (Hoskins) eine Cigarre an, um ſich ein An⸗ ſehen zu geben und dampfte die ganze Straße hinauf und durch die Alleen, die in die Coventryſtraße führen, wo, wie allbekannt, das Gewölbe von Polonius ſich befindet. Die Thüre ſtund offen und eine Menge Caroſſen voll Damen fuhren vor und ſetzten ihre Bürden ab. Auguſt hatte die Hände in den Taſchen — man trug damals ſehr weite Hoſen, oben mit breiten Falten, unten ganz enge, daß man kaum mit den Stiefeln durchkonnte — wir Burſchen aus der City aber, mit hoͤchſtens achtzig Pfunden jährlich, trugen keine Stiefel wie die Modeherren ſondern nur ſogenannte Blücher's — indem nun ſo Auguſt die Hände in den Hoſen hatte, daß dieſe weit von den Hüften abſtanden und den Rauch ſeiner Eigarre mit An⸗ ſtand von ſich blies und mit den eiſenbeſchlagenen Ab⸗ ſätzen ſeiner Stiefel auftrat — einen für ſein Alter ſehr ſtarken Backenbart trug er auch noch — ſo ſah er in der That ganz vornehm aus und Jedermann mußte ihn für etwas Rechtes halten. Er ging nicht mit in den Laden herein, ſondern blieb außen ſtehen und betrachtete die Gegenſtände im Schau⸗ fenſter. Ich trat ein, und beim Anblick einer ſolchen 21 Pracht und Eleganz, — denn ich hatte nie zuvor ein ähnliches Lokal betreten, — blieb ich ſtumm vor Staunen und fragte endlich ſchüchtern einen der Herrn nach Mr. Polonius. „Was ſteht zu Dienſten?“ ſagte dieſer, der zufällig neben mir ſtand, und drei Damen bediente, eine gar Alte, und zwei junge, die mit großer Aufmerkſamkeit ein Halsband von Perlen beaugenſcheinigten. Ich nahm mein Schmuckſtück aus der Rocktaſche und ſagte: „Dieſes Juwel iſt, glaube ich, ſchon früher ein⸗ mal bei Ihnen geweſen. Es gehörte meiner Tante Frau Hoggarty auf Schloß Hoggarty.“ Bei dieſen Worten ſah ſich die alte Dame, weiche dabei ſtand, um. „Im Jahr 1795 kaufte ſie von mir eine goldene Kette und Repetiruhr,“ ſagte Herr Polonius, der ſich eine Ehre daraus machte, Alles noch zu wiſſen, „und einen ſilbernen Punſchlöffel für den Kapitän. Wie befindet ſich der Herr Major — Oberſt — General —?“ „Der General,“ ſprach ich, — „es thut mir leid, es ſagen zu müſſen — doch war ich ganz ſtolz, daß ein Mann wie Polonius mir ſo begegnete — Herr Hoggarty iſt nicht mehr. Meine Tante hat mir jedoch dieſes Ding mit dem Bilde ihres Gemahls verehrt, das ich Sie bitte mir ſorgfältig in Acht zu nehmen. Sie wünſcht, daß dieſer Diamant recht hübſch gefaßt werde.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Hübſch, wie es jetzt Mode iſt; und Sie möchten ihr die Rechnung ſchicken. Es iſt viel Gold daran, wie Sie ſehen, und Sie werden natürlich den Werth davon herausbezahlen.“ „Sein Sie verſichert, bis auf den Pfennig,“ ſprach Polonius, indem er ſich verbeugte und das Juwel betrach⸗ tete. Es iſt ein wundervolles Stück Arbeit,“ fuhr er fort, „und der Diamant hat ein Feuer wie wenige. Se⸗ hen Sie einmal, meine Damen. — Es iſt irländiſches 22 Fabrikat und ſteht die Jahrzahl 95 darauf. Vielleicht erinnert es Ew. Herrlichkeit an Ihre früheſte Jugend.“ „Gehen Sie, Herr Polonius,“ fuhr die alte Dame auf, ein zuſammengeſchrumpftes ſteinaltes Mütterchen mit hunderttauſend Runzeln im Geſichte, „wie können Sie ſolchen Unſinn an eine alte Frau hinſchwatzen wie mich? Anno *95 war ich ſchon fünfzig, und das Jahr drauf Großmutter.“ Dann brachte ſie ein Paar zitternde klapper⸗ dürre Hände zum Vorſchein, nahm das Medaillon und betrachtete es ſehr genau. Auf Einmal brach Sie in ein Gelächter aus und ſagte: „So wahr ich lebe, das iſt der große Hoggartyſche Brillant.“ Guter Gott! was war das für ein Talisman, in deſſen Beſitz ich gelangt war? „Seht, Mädchen,“ fuhr die Dame fort, „das iſt der große Juwel von ganz Irland. Der Mann mit dem roͤthlichen Geſicht in der Mitte iſt der arme Michael Hoggarty, ein Vetter von mir, der im Jahr 1784 in mich verliebt war, als ich eben Wittwe von Eurem Groß⸗ vater geworden war. Dieſe dreizehn Schnüre von rothem Haar ſtellen ſeine berühmten Schweſtern vor — Biddy, Minny, Thedy, Widdy (Wilhelmine), Freddy, Jzzy, Tizzy, Myſie, Grizzy, Polly, Dolly, RNell und Bell — ſämmtlich verheirathet, alle häßlich, mit infam blondem Haar. Welche derſelben iſt Ihre Mutter, junger Herr? wiewohl ich Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſſe, daß Sie nicht in die Familie ſehen.“ Zwei hübſche junge Damen richteten zwei Paar hüb⸗ ſche ſchwarze Augen auf mich und warteten auf meine Antwort, die ſie auch bekommen hätten; aber die Alte ließ mich nicht reden und begann hundert Geſchichten aus⸗ zukramen über die erwähnten dreizehn Frauen, deren ſämmtliche Liebhaber, von den fehlgeſchlagenen Hoffnungen in dieſer Beziehung, und allen Duellen, welche Hoggarty gehabt. Sie gab eine wahre Seandalchronik über die 23 verwichenen fünfzig Jahre los. Endlich wurde ſie durch einen heftigen Huſten, der ſie befiel, an der Fortſetzung gehindert, und Herr Polonius fragte mich dann in ehr⸗ erbietigem Tone, wohin er die Nadel ſenden ſolle, und ob ich das Haar auch wieder verlange. „Nein,“ ſprach ich, „an dem Haar liegt nichts.“ „Und die Nadel, mein Herr?“ Ich hatte mich anfangs geſchämt, meine Adreſſe zu Allein, zum Henker! dachte ich, warum ſollte ich das „Der König kann Marquis' und Herzoge machen, Zum Ritter ſchlagen und mehr — Einen Biedermann aber kann er nicht machen, Einen trenen Freund — nimmermehr!“ Warum ſollte ich mich geniren, dieſe Damen erfah⸗ ren zu laſſen wo ich wohnte? „Mein Herr,“ ſagte ich, „haben Sie die Güte, die Broſche, wenn ſie fertig iſt, an Herrn Titmarſh in No. 3, Bell Lane, Salisbury Square, bei der St. Bride⸗Kirche in der Fleetſtraße zu ſenden; man hat an der Glocke des zweiten Stocks zu läuten.“ „Wie? was, mein Herr?“ ſagte Polonius. „Wie! Was!“ kreiſchte die alte Dame. „Herr Wie was? Mais ma chére c'est impayable. Kommt. Der Wagen iſt da. Herr Wiewas, führen Sie mich, und ſteigen Sie ein, und erzählen Sie mir recht viel von Ihren Tanten.“ Sie hing ſich an meinen Arm und trippelte, ſo ge⸗ ſchwind fie konnte, zum Laden hinaus, die jungen Damen mit Lachen hinter ihr her. „Nun, ſchnell herein, hören Sie wohl,“ ſprach ſie, und ſtreckte ihre ſpitzige Naſe, mit dem Kopfe wackelnd, über den Kutſchenſchlag. „Ich kann nicht, gnädige Frau, ich habe elnen Freund bei mir,“ war meine Antwort. 24 3 „Bah, bah, ſchicken Sie ihn zum — und ſteigen ie ein.“ Kaum konnte ich noch ein Wort ſprechen, als mich ein langer, gepuderter Kerl in gelben Plüſchhoſen den Wagentritt hinaufhob und die Thüre zuſchlug. Eine gute Weile noch blickte ich im Wegfahren nach Hoskins hin, und werde in meinem Leben nie vergeſſen, was der für ein Geſicht machte. Den Mund offen, die Augen weit aufgeriſſen, ſtand er da, die Cigarre in der Hand, und ſtaunte aus Leibeskräften über das wunderbare Ereigniß, das ſich mit mir begeben. „Wer iſt der Titmarſh?“ ſagte Auguſt. „Meiner Treu, ein hochadeliches Wappen auf dem Kutſchen⸗ ſchlag!“ Yrittes Rapitel. Der Beſitzer des Brillants darf in einem prächtigen, vor⸗ nehmen Wagen fahren, und hat noch weiteres Glück. Ich ſaß auf dem Rückfitz neben einem wunderhüb⸗ ſchen jungen Fräulein, ungefähr ſo alt wie meine liebe Marie, d. h. ſiebenzehn und drei Viertel Jahre; uns ge⸗ genüber die alte Gräfin und ihre andere Enkeltochter, gleichfalls hübſch, nur zehn Jahre älter. Ich erinnere mich noch, ich trug an jenem Tag einen blauen Frack mit goldenen Knöpfen, Beinkleidern von Nankin, eine weiße, ge⸗ ſtickte Weſte, und einen Seidehut von Dando, der einen ſchwärzern Glanz als ver beſte Biber hatte. „Und wer war das Ungethüm?“ fieng die Alte kräch⸗ zend an,“ der abſcheuliche, gemeine Kerl mit den Hufeiſen 25 an den Stiefeln, dem großen Maul und der falſchen Kette, der uns ſo anglotzte, wie wir einſtiegen?“ Wie ſie nur wiſſen konnte, daß Auguſt's Kette von Krongold war! Wirklich hatten wir ſie die Woche vor⸗ her bei MPhail auf dem St.⸗Pauls⸗Kirchplatze für 25 Shillinge, 6 Pfennige gekauft. Es that mir aber weh, von meinem Freund ſo ſprechen zu hören, und ich erwie⸗ derte auf das Schimpfen der Alten: „Gnädige Frau, dieſer junge Mann heißt Auguſt Hoskins; wir wohnen bei einander, und es iſt der bravſte und gutmüthigſte Menſch auf Gottes Welt.“ „Recht ſo, daß Sie ſich Ihres Freundes annehmen, mein Herr,“ ſagte die zweite Dame, von der Großmutter Lady Jene genannt, die aber eigentlich Lady Jane (Jo⸗ hanne) hieß. „Ja, er hat Recht, auf Ehre, Lady Jene, und ich habe das gerne an einem jungen Mann. Alſo Hoskins heißt er? Hm, hm! Ich kenne alle Hoskins in England? Da ſind die Hoskins in Linkolnſhire, die Hoskins in Shrop⸗ ſhire: man ſagt, des Admirals Tochter, Bell, habe mit einem ſchwarzen Bedienten oder Hochbootsmann oder ſo einem Menſchen einen Liebeshandel gehabt. Doch die Welt redet gerne Schlimmes von einem. Da iſt ferner der alte Doktor Hoskins von Bath, der meinen armen Drum behandelte, als er die Bräune hatte, und der gute, alte Fritz Hoskins, der General, mit ſeinem Gichtleiden. Ach, der war im Jahre 84 noch ſo dürr, wie eine Spin⸗ del, und beweglich wie ein Harlekin, und in mich verliebt — oh! wie war der in mich verliebt!“ „Es ſcheint, Großmamma, Sie hatten in jenen Ta⸗ 6 ein ganzes Heer von Anbetern,“ ſagte Lady Jo⸗ anne. „Tauſende, kann ich Dir ſagen, meine Liebe. Ich war die Koͤnigin des Bades. Herr — wie heißen Sie doch gleich? — auf Ehre und Gewiſſen, hätten Sie das 26 geglaubt, wenn Sie mich jetzt ſehen? Ohne Schmei⸗ chelei!“ „Wahrhaftig nie, gnädige Frau,“ — gab ich zur Antwort, denn die Dame war ganz häßlich. Die beiden jungen lachten aus vollem Halſe über meine Aufrichtigkeit, und die zwei bärtigen Lakaien hinten auf der Kutſche ſah ic von meinem Sitze aus gleichfalls den Mund ver⸗ ziehen. „Auf mein Wort, Sie ſind ſehr aufrichtig, Herr Dings, ſehr aufrichtig in der That, Doch das gefällt mir an jungen Leuten. Aber eine Schönheit war ich. Fragen Sie nur den Oheim Ihres Freundes, den Gene⸗ ral. Er iſt von den Hoskins aus Lincolnſhire; ich wußte das gleich an der großen Familienähnlichkeit. Iſt er der älteſte Sohn? Es iſt ein hübſches Vermoͤgen da, aber arg verſchuldet, denn der alte Herr George war ein Teu⸗ felskerl, ein Freund von Hanburyh Williams und Littleton und dieſen abſcheulichen Menſchen! Wie viel bekommt er wohl einmal, wenn der Admiral ſtirbt?“ „Gnädige Frau, ich kann nicht dienen. Uebrigens iſt der Admiral nicht meines Freundes Vater.“ „Nicht ſein Vater? Er iſt es doch, ſag' ich Ihnen, und ich habe nie Unrecht. — Wer iſt denn ſein Vater?“ „Ein Lederhändler in der Kürſchnerſtraße in Snow Hill, gnädige Frau; ein ganz reſpektables Haus. Aber Auguſt iſt der drittälteſte Sohn, und kann ſomit auf kein großes Erbtheil ſich Hoffnung machen.“ Die beiden jungen Damen lächelten — die alte ſagte: „Wie, was?“ „Es gefällt mir an Ihnen, mein Herr,“ ſagte Lady Johanne, „daß Sie ſich Ihrer Freunde nicht ſchämen, wenn ſie auch keinen Rang in der Geſellſchaft einnehmen. Werden wir das Vergnügen haben, Sie irgendwo abſetzen zu können, Herr Titmarſh?“ „Ich habe nichts Beſonderes vor, gnädige Frau. Wir haben heute frei auf unſerem Bureau, wenigſtens ich und 27 mein Freund erhielten Erlaubniß; und ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn Sie's nicht übel nehmen, mit Ihnen eine kleine Spazierfahrt im Park zu machen.“ „Es wird uns unendlich freuen,“ antwortete Lady Johanne, wiewohl etwas gezwungen. „Ja, ganz gewiß,“ ſagte Lady Fanny, und klatſchte in die Hände; „nicht wahr, Großmamma? Und nachher können wir uns noch im Kenſington⸗Garten ergehen, wenn Herr Titmarſh ſo gut ſein will, und uns be⸗ gleiten.“ „Nein, Fanny, das wollen wir bleiben laſſen,“ ſagte Lady Johanne. „O ja doch, das wollen wir,“ kreiſchte Lady Drum. „Ich ſterbe faſt vor Ungeduld, noch Mehreres von ſeinem Oheim und ſeinen dreizehn Tanten zu hören. Aber ihr jungen Dinger plaudert immer darein, daß ich und mein hier kein geſcheidtes Wort mit einander ſprechen nnen.“ Lady Johanne zuckte die Achſeln und ſprach keine Sylbe mehr. Lady Fanny, die ſo munter war, wie ein junges Kätzchen — wenn man dieſen Ausdruck von einem Mitglied des hohen Adels gebrauchen darf, — kicherte und lachte in Einem fort, daß ſie ganz roth im Geſicht wurde, und ſchien an dem Aerger der Schweſter ihre Freude zu haben. Zugleich fing die Gräfin an, und ver⸗ tiefte ſich in die Geſchichte der dreizehn Fräulein Hog⸗ garty's, die noch lange nicht zu Ende war, als wir in den Park einfuhren. Als wir uns in dieſem ſelbſt befanden, kamen Hun⸗ derte von Herren an unſern Wagen geritten und ſprachen mit den Damen. Mit der alten Lady Drum, einer höchſt originellen Perſon, hatten ſie ihre Späſſe, — für Lady Johanne hatten ſie Bücklinge, und für Lady Fanny Schmeicheleien, zumal die jüngeren Herren. Mit holdem Erröthen und beſcheiden ſich verneigend, wie es einer ſo jungen Dame gebührte, nahm dieſe die Huldigungen aufz 28 aber dabei war es, als ob ſie an etwas Anderes dächte; denn ſie beugte ſich über den Wagen heraus und ſah ſich unter den Reitern begierig um, als ob ſie Jemanden ſuche. — Aha! Fräulein Fanny, ich verſtund wohl, was es zu bedeuten hatte, wenn eine junge, hübſche Dame, wie Sie, abweſend war und zerſtreut auf die Fragen ant⸗ wortete, die an ſie geſchahen, auch dem Wächter auf der Warte gleich in die Ferne ſchaute. Sorgen Sie nicht, Samuel Titmarſh weiß ſo gut wie andere Leute, was der „Jemand“ heißen will. Indem ich dieſen Manveuvres zuſah, konnte ich nicht umhin, der Lady Johanne einen Wink zu geben, der ſo virl ſagen ſollte, als: ich weiß, wie die Sache ſieht. „Ich wette, das gnädige Fräulein wartet auf Je⸗ manden,“ ſagte ich. Jetzt kam an ſie die Reihe, böſe zu ſein, und ſie ward ſo roth wie Scharlach. Doch eine kurze Weile darauf ſah die gute Seele ihre Schweſter an, und Beide hielten die Taſchentücher vor's Geſicht, und fingen zu lachen an, und lachten an Einem fort, wie wenn ich das ſchnurrigſte Zeug von der Welt geſchwatzt hätte. „II est charmant, votre Monsieur,“ ſagte die ältere zu ihrer Großmutter. Worauf ich mich verbeugte und ſprach: „Madame, vous me faites peaucoup d'honneurz“ denn ich kann Franzöſiſch, und es freute mich, zu ſehen, daß dieſe guten Damen Gefallen an mir fanden. „Gnädige Frau, ich hin nur ein geringer Menſch, und nicht in der höheren Geſellſchaft Londons zu Hauſe, und finde es wirklich ſehr artig von Ihnen, daß Sie mir einen Platz in Ihrem ſchoͤnen Wagen gönnen, und mich als einen Ihres Gleichen behandeln.“ In dieſem Augenblick kam ein Herr mit blaſſem Ge⸗ ſicht und einem Knebelbart um das Kinn auf einem Rappen auf uns zugeritten, und an einem leichten Zu⸗ ſammenfahren und dem augenblicklichen Hinwegſehen der 29 Lady Fannh merkte ich, daß endlich der „Jemand“ ge⸗ kommen ſei. „Lady Drum,“ fing er an, „Ihr unterthänigſter Diener! Ich bin ſo eben mit einem Herrn geritten, der ſich im Jahr ſo viel und ſo viel aus Liebe zur ſchönen Gräfin Drum erſchießen wollte.“ „War es Killblazes?“ fragte die Gräfin. „Es iſt ein lieber, alter Knabe, und ich bin bereit, noch heute mich von ihm entführen zu laſſen. Ober war es der alte Bi⸗ ſchof? Der Theure beſitzt eine Locke von mir, die ich ihm gab, als er meines Papa Hauskaplan war. Jetzt wäre es eine Kunſt, da, wo die Locke geſtanden, noch eine zu finden.“ „Warum nicht gar, gnädige Frau?“ ſprach ich. „Ganz gewiß, mein guter, lieber Herr! Unter uns, mein Kopf iſt ſo kahl und glatt wie eine Stückkugel. Fragen Sie Fanny, ob es nicht wahr iſt. Wie erſchrak die Arme, da ſie einmal als kleines Kind zufällig in mein kam, und ich meine Perrücke nicht auf atte!“ „Ich hoffe, das gnädige Fräulein hat ſich inzwiſchen vom Schrecken erholt,“ ſagte der „Jemand,“ indem er erſt ſie und dann mich anſah, als wollte er mich freſſen. Und wer ſollte es glauben? Alles, was Lady Fanny ſagen konnte, waren die Worte: „Ganz und gar; ich danke Ihnen, Mylord.“ Sie ſprach dieß ebenſo verlegen und erröthend, wie wir einſt in der Schule unſern Virgil herſagten, wenn wir ihn nicht recht gelernt hatten. Der Lord ſah mich noch immer grimmig an, und murmelte Etwas, wie daß er gehofft habe, einen Platz in der Lady Drum Wagen zu finden, da er von dem Reiten müde ſei. Worauf Lady Fanny gleichfalls Etwas mur⸗ melte, wie: Ein Freund der Großmamma! „Du ſollteſt ſagen: Ein Freund von Dir, Fanny,“ ſprach ihre Schweſter. „Gewiß, wir wären nicht hieher gekommen, hätte nicht Fanny darauf beſtanden, mit Herrn 30 Titmarſh in den Park zu fahren. Und ſomit ſtelle ich den Grafen von Tiptoff dem Herrn Titmarſh vor.⸗ Aber ſtatt daß dieſer den Hut abzog, wie ich that, brummte Seine Herrlichkeit, daß er ein andermal hoffe ge⸗ legener zu kommen und galoppirte mit ſeinem Rappen wieder davon. Ich meinestheils konnte mir nicht ent⸗ räthſeln, was ich ihm ſollte leids gethan haben. Aber es war, als ſollte ich an jenem Tag alle Welt ärgern. Denn wer kam gleich darauf an den Wagen hergeritten? — Niemand anders als der ſehr ehrenwerthe Edmund Preſton, einer von den Unterſtaatsſekretären ſei⸗ ner Majeſtät — wie ich aus dem Almanach auf unſerm Burcau wohl wußte — der Gemahl der Lady Johanne. Er ritt einen aſchgrauen Hengſt, und war ein bleicher dicker Mann, der ausſah wie wenn er nie in die friſche Luft käme. „Wer Teufels iſt denn das 2“ ſagte er zu ſeiner Frau, wobei er ſie und mich anſah. . „Oh, es iſt ein Freund der Großmama und der Schweſter,“ ſagte einfallend Fräulein Fanny, wobei der kleine Schelm ganz muthwillig der letzteren ins Geſicht ſah, dieſe hingegen ganz erſchiocken bittende Blicke auf die Schweſter warf und keine Sylbe erwiedern konnte. „Ja, ganz gewiß,“ ſuhr Fanny fort, „Herr Titmarfh iſt ein Vetter der Großmama mütterlicher Seits von den Hoggarty's her. Kannten Sie dieſe nicht, als Sie mit Lord Bagwig in Irland waren? Ich ſtelle Sie hiemit dem Vetter der Großmutter, Herrn Titmarſh vor: Herr Titmarſh! mein Schwager Mr. Edmund Preſton.“ Die ganze Zeit über konnte Lady Johanne nichts als ihrer Schweſter ſo hart als möglich auf den Fuß treten, woran ſich aber der kleine Schalk nicht kehrte — während ich, der nie von einer Vetterſchaft gehört hatte, mich in der größten Verlegenheit befand. Ich kannte die Gräfin Drum nicht ſo gut wie ihre Enkeltochter, die ſchelmiſche Here ſie kannte; denn die alte Dame, welche kaum zu⸗ vor den armen Hoskins Vetter geheißen, hatte, wie ſichs 3¹ ergab, die Manie ſich einzubilden, daß alle Welt mit ihr verwandt ſei und ſagte: „Ja, wir ſind verwandt und zwar nicht ſehr weit⸗ läufig. Michael Hoggarty's Großmutter war Millicent Brady, und ſie und meine Tante Towzer waren mitein⸗ ander verwandt, wie jedermann weiß; denn Decimus Brady von Ballybrady hatte eine leibliche Baſe zur Ehe von der Mutter der Tante Towzer, Iſabella Swift — das war aber keine Verwandte von dem Dechant, meine Liebe, der aus einer geringen Familie ſtammte — und iſt das nicht klar?“ „O, vollkommen klar,“ ſagte Lady Johanne lachend, während der ſehr ehrenwerthe Herr uns zur Seite ritt, und ein bitterböſes Geſicht machte. „Ei, die Hoggarty'ſchen kannten Sie gewiß, Edmund, die dreizehn Mädchen, alle mit rothen Haaren — die neun Grazien, und vier dazu, wie der arme Clanboy ſie zu nennen pflegte. Armer Clan! — auch ein Vetter von uns beiden, Herr Titmarſh, und einſt ſterblich in mich verliebt. Erinnern Sie ſich immer noch nicht, Edmund? — Entſinnen Sie ſich denn keiner einzigen mehr, der Betty, oder Minny, oder Thedy, Winny, Myſie, der Grizzie, Polly, Dolly oder einer andern?“ „Zum Teufel mit all dieſen Hoggarty's,“ ſagte der ſehr Ehrenwerthe, und das in eiren ſo kräftigen, lauten Ton, daß ſein Grauſchimmel plotzlich einen Satz machte und der Reiter um ein kleines über den Kopf des Pferdes hinausgeſtürzt wäre. Lady Johanne that einen Schrei, Fanny lachte; die alte Gräfin ſah aus, als wäre ihr das vollkommen gleichgültig und ſagte blos: „Das ge⸗ ſchieht Ihnen ganz recht für Ihr Fluchen, Sie abſcheuli⸗ cher Menſch, Sie!“ „Wäre es nicht beſſer, wenn Sie zu uns in den Wa⸗ gen kämen, Edmund — Herr Preſton?“ rief die ängſt⸗ liche Frau Johanne. 32 „Ei freilich, ich will Platz machen, gnädige Frau,“ ſprach ich. „Bah, bah! bleiben Sie ruhig ſitzen,“ ſagte Lady Drum, „es iſt mein Wagen, und wenn Herr Preſton im Geſpräch mit einer alten Frau, wie ich, ſo rohe, gemeine Flüche ſich erlaubt, — ja, ja, ſo rohe, gemeine Flüche — ſo ſehe ich nicht ein, warum meine Freunde um ſei⸗ netwillen incommovirt werden ſollen. Er mag auf den Bock ſitzen, wenn er will oder auf dem Mittelſitz fahren.“ Es war ganz offenbar, daß Lady Drum ihren Schwie⸗ gerenkel nicht leiden konnte, und ich habe häufig in den Familien die Bemerkung gemacht, daß dieſer Fall nicht ungewöhnlich iſt. Herr Preſton, einer der Unterſtaatsſekretäre Sr. Ma⸗ jeſtät ſaß in Todesangſt auf ſeinem Hengſt, der vorne und hinten ausſchlug und ſich ganz unbändig geberdete. Sein bleiches Geſicht ward noch bläſſer als vorher und er zit⸗ terte am ganzen Leib, als es ihm endlich gelungen war abzuſteigen, worauf er die Zügel dem Diener gab. Der Kerl — der Herr war mir gleich im erſten Augenblick zuwider, wie er herkam und gegen ſein artiges, ſanftes Weibchen ſo grob war und ich dachte, es ſei gewiß ein feiger Wicht, was ſich auch wirklich aus dem Abenteuer mit dem ſcheugewordenen Pferd ergab. Guter Gott! ein kleines Kind hätte es reiten können, und ſchon beim erſten Seitenſprung geberdete er ſich wie ein armer Sünder in der Todesangſt. „Schnell, Edmund, machen Sie, daß Sie herein⸗ kommen,“ ſagte Lady Fanny und lachte. Als der Wa⸗ gentritt herabgelaſſen worden, ſtieg er ein, mit einem mürriſchen Blick auf mich und wollte ſich in die Ecke von Lady Fanny ſetzen — mir fiel es, auf Ehre! nicht ein, mich nur zu rühren — da ſchrie die kleine Spitzbübin: „Gott bewahre, Herr Preſton! Den Schlag zu, Thomas! Was wird es für einen köſtlichen Spaß geben, wenn ein 33 Staatsſekretär vor aller Welt Augen auf dem Mittel⸗ ſitz eingezwängt fahren muß. Und der Staatsſekretär machte wirklich ein hoͤchſt betrübtes Geſicht. „Setze Dich an meinen Platz, Edmund! und ärgere Dich nicht über die Närrin da,“ ſagte ſeine Frau ſchüchtern. . „O, ich bitte, ſeien Sie ganz ruhig, ich ſitze gut, ganz gut hier und hoffentlich auch der Herr da.“ „Ganz gewiß,“ erwiederte ich. „Ich war faſt im Begriff, Ihnen vorzuſchlagen, daß ich ihr Pferd ſtatt Ihrer heimreiten wolle, weil ich glaubte, Sie fürchten ſich davor. Allein ich befand mich wirklich ſo trefflich hier, daß ich nicht von der Stelle konnte.“ Wie ſchadenfroh verzog die Alte den Mund, als ſie das hörte! Wie winkte ſie mir zu mit den kleinen Au⸗ gen! Wie kniff ſie die Lippen zuſammen, voll ſtillen Hohns über den unwillkommenen Schwiegerenkel! — hatte mich nicht mehr halten konnen; meine Kaltblütig⸗ keit und Geduld war dahin. „Wir werden ſtets hocherfreut ſein über Ihre Geſell⸗ ſchaft, Vetter Titmarſh,“ ſagte ſie und bot mir ihre gol⸗ dene Doſe, aus der ich eine Priſe nahm und mit der Miene eines Lords nießte. „Da Sie dieſen Herrn eingeladen haben mitzufahren, Lady Johanne Preſton, hätten Sie ihn auch gleich ein⸗ laden ſollen, bei uns zu ſpeiſen,“ ſprach knirſchblau vor Wuth der Unterſtaatsfekretär. „Ich habe ihn in meinen Wagen eingeladen,“ ſagte die alte Dame, „und weil wir bei Ihnen ſpeiſen werden und Sie es ſo haben wollen, ſo wird es mich außerordentlich glücklich machen, ihn dort zu ſehen.“ „Es thut mir leid, ich bin verſagt,“ entgegnete ich. „O, wie Schade!“ ſprach der ſehr ehrenwerthe Edmund, noch immer grollend, zu ſeiner Frau. „Wie Thackeray, Samuel Litmarſh. 3 34 Jammerſchade, daß der Herr — ich vergeſſe immer wie⸗ der wie er heißt — daß Ihr Freund, Lady Johanne, ſchon verſagt iſt. Gewißlich hätten Sie ſich ein Vergnü⸗ gen daraus gemacht, Ihren Anverwandten in Whitehall bei ſich zu ſehen.“ Lady Drum war freilich über die Maßen vrauf er⸗ picht, Verwandtſchaften ausfindig zu machen. Aber dieſe Rede des ſehr ehrenwerthen Edmund war mir denn doch zu ſtark. Jetzt, Samuel, ſprach ich zu mir ſelbſt, ſei ein Mann und zeige wer Du biſt! Ich nahm alſo das Wort und ſprach: „Ei, meine Damen, da der ſehr eh⸗ renwerthe Herr ſo ſehr nöthigt, werde ich meine Einla⸗ dung aufgeben und es ſoll mich herzlich freuen, ſeinen Hammelbraten ihm verzehren zu helfen. Um welche Zeit ſpeiſen Sie, mein Herr?“ Er ließ ſich nicht herab, auf meine Frage zu ant⸗ worten und mir war das gleichgültig; denn es fiel mir nicht ein, bei ihm ſpeiſen zu wollen, ſondern ich wollte ihm bloß eine Lektion in der Artigkeit geben. Ich bin zwar nur ein unbedeutender Menſch und weiß wie die Leute über Gemeinheit ſchreien, wenn Einer grüne Erbſen mit dem Meſſer ißt, oder dreimal Käſe verlangt, oder auf andere Weiſe gegen die Sitte verſtößt; doch hun⸗ dertmal gemeiner iſt es, nach meinem Dafürhalten, wenn man grob und hochmüthig gegen Niedrigerſtehende ſich be⸗ nimmt. Ich kann ſolche Kerls nicht ausſtehen, gleichwie ich die von geringem Stand verachte, welche vornehm ſcheinen wollen. Beßhalb beſchloß ich, demſelben zu zei⸗ gen, wen er vor ſich habe. Als der Wagen bei ſeinem Hauſe anfuhr, hob ich die Damen ſo artig als möglich heraus, trat in das Haus, nahm an der Thüre Herrn Preſton bei einem ſeiner Rock⸗ knöpfe und ſagte vor den Damen und den beiden vier⸗ ſchrötigen Lakaien — auf Ehre das that ich — „Herr,“ ſagte ich, „dieſe gütige alte Dame hieß mich in ihren Wagen ſteigen und ich fuhr mit ihr, ihr zu gefallen, nicht 35 um meinetwillen. Als Sie herkamen und fragten, wer Teufels ich wäre, da dachte ich, Sie hätten dieſe Frage auf hoͤflichere Weiſe vorbringen könnenz aber es war nicht an mir zu ſprechen, da ich nicht gefragt worden. Als Sie nun zum Spaſſe mich zum Eſſen luden, dachte ich, ich wollte Ihnen auch zum Spaß antworten und hier bin ich. Erſchrecken Sie aber nicht, ich werde nicht mit Ihnen ſpeiſen. Nur wenn Sie denfelben Spaß mit an⸗ dern Leuten treiben wollen, z. B. mit Einigen von un⸗ ſerm Comptvir, da nehmen Sie ſich in Acht, die werden Sie beim Wort nehmen.“ „Sind Sie zu Ende, Herr?“ ſagte Mr. Preſton, immer noch heftig; „wenn Sie zu Ende ſind, ſo ver⸗ laſſen Sie mein Haus, oder meine Diener werden Sie hinauswerfen. — Fort mit dem Burſchen da, hoͤrt ihr?“ Mit dieſen Worten ſchoß er wie wüthend von mir hin⸗ weg und in ſein Arbeitszimmer, deſſen Thüre er hinter ſich zuwarf. „Das iſt ein abſcheulicher Menſch, ein wahres Un⸗ thier, Dein Mann!“ ſagte Lady Drum, indem ſie ihre ältere Enkelin am Arm nahm, „ich kann ihn nicht aus⸗ ſtehen. Und nun kommt, das Eſſen wird kalt werden.“ Hiemit wollte ſie Lady Johanne ohne weitere Umſtände mit ſich fortziehen. Doch dieſe gute Dame kam ganz blaß und zitternd zu mir her und ſagte: „Herr Tit⸗ marſh, ich hoffe, Sie werden nicht böſe ſein, — Sie werden vergeſſen, was geſchehen iſt. Glauben Sie mir, es hat mir ſehr — —“ Thränen erſtickten die Stimme der armen Frau und Lady Drum rief: „Still, ſtill! Nichts mehr von dieſer Tollheit!“ indem ſie ihre Enkeltochter am Aermel zerrte und mit ſich die Treppe hinauf zog. Doch die kleine Lady Fannh kam herzhaft auf mich zu, bot mir ihre kleine Hand und ſagte, indem ſie mir die meinige drückte: „Lie⸗ ber Herr Titmarſh, leben Sie wohl!“ in ſo holdſeligem Tone, daß ich verdammt ſein will, wenn ich nicht bis 36 über die Ohren roth ward und mir das Herz heftiger zu pochen anfing. Als ſie ſich entfernt hatte, ſetzte ich den Hut auf's Ohr und ſchritt nach der Thüre zu, ſo ſtolz wie ein Pfau und muthig wie ein Löwe; indem ich nichts ſehnlicher wünſchte, als daß einer von den naſeweiſen, unverſchäm⸗ ten Lakaien mir nur im Mindeſten unartig begegnen möchte, daß ich hätte das Vergnügen haben können, nebſt meiner Empfehlung an ſeinen Herrn, ihn tüchtig durchzu⸗ walken. Aber es that mir keiner den Gefallen und ſo zog ich ab und ſpeiste zu Hauſe — geſotten Hammelfleiſch und Rüben ganz friedlich in Geſellſchaft meines Auguſt. Ich hielt es nicht für paſſend, dieſem — der, unter uns geſagt, ſehr neugierig iſt und gerne viel ſchwatzt — die näheren Umſtände des Familienſtreits mitzutheilen, deſſen Urſache und Zeuge ich geweſen — und ſagte alſo nur, die alte Dame — „es war das Wappen der Drum's“ — ſiel mir Auguſt ins Wort — im Augenblick bin ich hingegangen und habe es im genealogiſchen Hofkalender aufgeſucht — die alte Dame habe herausgebracht, daß ich ein Vetter von ihr ſei und habe mich auf eine Spa⸗ zierfahrt im Park mitgenommen. Den andern Tag gingen wir, wie gewöhnlich, auf unſer Bureau, wo richtig Hoſ⸗ kins die geſtrige Begebenheit bis auf die kleinſten Um⸗ ſtände, ja noch mehr dazu erzählte. Ich that zwar, als wenn ich mir nicht das Geringſte aus der Sache machte; doch muß ich geſtehen, es freute mich einigermaßen, daß die Herrn auf dem Comptoir mit einem Theil meines Abenteuers bekannt wurden. Wer beſchreibt aber mein Erſtaunen, als ich am Abend nach Hauſe kam und meine Hauswirthin, Frau Stokes, ihre Tochter Selina und der junge Herr Robert Stokes — ein Straßenjunge, der den lieben langen Tag auf den Staffeln an der St. Bride Kirche und in Sa⸗ lisburyſquare mit Steinkügelchen (Schuſſern) ſpielte — als, wie geſagt, alle mit einander jubelnd vor mir her 37 die Treppe hinaufſtürmten, die zu unſern Zimmern (im zweiten Stocke) führte und ich hier auf dem Tiſche, zwi⸗ ſchen unſern Flöten einer⸗, meinem Stammbuch, Auguſts Don Juan und Hofkalender andrerſeits folgendes er⸗ blickte: Erſtens. Ein Korb mit großen, rothen Pfirſichen, ſo lieblich anzuſehen, wie die Wangen meiner theuren Marie. Zweitens. Ein zweiter Korb mit großen, vollen ſchweren, ſüßen Weintrauben. 3 Drittens. Ein ungeheures Stück rohes Hammelfleiſch, wofür ich es hielt; Fran Stokes aber ſagte, es ſei der ſchönſte Schlegel Wildpret, den ſie je geſehen habe. — Und drei Karten, mit den Namen: Verwittwete Gräfin Drum. Lady Fannh Rakes. Mr. Preſton. Lady Johanne Preſton. Graf von Tiptoff. „Nein! ein ſolcher Wagen,“ ſagte Frau Stokes, „über und über mit Kronen! ſolche Livreen! zwei große Lakaien mit rothen Backenbärten und gelben Beinkleidern von Plüſch; und drinnen ſaß eine alte, alte Dame mit einem weißen Sommerhut und eine junge mit einem gro⸗ ßen italieniſchen Strohhut und blauen Bändern und ein großer, bleicher, hagerer Herr mit einem Knebelbart.“ „Verzeihen Sie, Madame, wohnt hier Herr Tit⸗ marſh?“ fragte die junge Frau mit einer Silber⸗ ſtimme. „Ja, gnädige Frau,“ ſprach ich. „Aber er iſt auf dem Bureau — bei der Weſtdiddleſex Feuer⸗ und Lebens⸗ verſicherungs⸗Geſellſchaft in Cornhill.“ 38 „Charles, thut die Sachen heraus,“ ſagte der Herr ganz vornehm. „Ja, gnädiger Herr!“ war die Antwort — und er brachte mir den Wildpretſchlegel in eine Zeitung gewickelt auf der Porcellanplatte, wie Sie es da ſehen und die bei⸗ den Körbe mit Obſt dazu. „Seien Sie ſo gut und ſtellen Sie dieſe Sachen in Herrn Titmarſh's Zimmer,“ ſagte der Herr, „nebſt unfrer und Lady Johanne Preſton's Empfehlung, und daß wir ihn bitten, dieſes anzunehmen.“ Damit zog er die Karten hervor, die auf Ihrem Tiſch liegen und dieſen Brief, der mit dem eigenen Wappen Seiner Herrlichkeit geſiegelt iſt.“ Mit dieſen Worten gab mir Frau Stokes einen Brief, den meine Frau zufällig noch heute beſitzt und der alſo lautete: „Der Graf von Tiptoff hat von Lady Johanne Preſton den Auftrag erhalten, ihr aufrichtiges Bedauern auszudrü⸗ cken, daß es ihr geſtern unmöglich geweſen, der Geſellſchaft Herrn Titmarſh's bei Tiſche ſich zu erfrenen. Lady Jo⸗ hanne iſt im Begriff, ſogleich zu verreiſen und kann deß⸗ halb ihre Freunde in Whitehall⸗Place über dieſe Zeit nicht empfangen. Lord Tiptoff hofft jedoch, daß Herr Titmarſh die Güte haben werde, Weniges von den Erträgniſſen des Gartens und Wildparks der gnädigen Frau anzunehmen, mit denen er vielleicht ein Paar gute Freunde rega⸗ liren wird, zu deren Gunſten er ſo gut und kräftig zu ſprechen verſteht.“ Dabei befand ſich ein Zettelchen, worauf geſchrieben ſtund: „Lady Drum iſt zu Hauſe, Freitag Abend, 17. Juni.“ — Und dieß Alles kam mir zu, weil meine Tante Hoggarty mir eine ſolche Broſche gegeben hatte. Das Wildpret ſchickte ich nicht zurück; warum hätte ich es auch thun ſollen? Auguſt meinte, ich ſollte es geradezu unſerm Direktor Brough ſenden, die Trauben und Pfirſiche aber meiner Tanie nach Somerſetſhire. 39 „Nein,“ ſagte ich, „wir wollen Robert Swinney und ein halbes Dutzend unſrer Kameraden einladen und uns da⸗ mit am Samſtag einen vergnügten Abend machen.“ Und ein luſtiger Abend war es auch; und hatten wir gleich keinen Wein zu unſerm Schmaus, hatten wir doch Bier die Fülle und zuletzt Geneber Punch. Auguſt ſaß unten an der Tafel, ich oben, wir ſangen nach Herzensluſt, Sen⸗ timentales und Komiſches unter einander und brachten Trinkſprüche aus. Ich hielt eine Rede, von deren In⸗ halt ich aber ſchlechterdings nichts zu ſagen weiß; denn, im Vertrauen, ich hatte am andern Morgen auf nichts mehr von alle dem mich beſinnen können, was nach einer gewiſſen Stunde den Abend zuvor ſich zugetragen. piertes Rapitel. Der glückliche Beſitzer der Diamantnadel ſpeist zu Pen⸗ tonville. Am Montag drauf ging ich nicht früher auf das Comptoir als eine halbe Stunde nach dem Aufmachen. Die Wahrheit zu ſagen, es war mir nicht unangenehm, wenn Hoſkins vor mir dort war und den Burſchen er⸗ zählen konnte, was vorgegangen — denn Jeder von uns hat ſeine kleine Schwachheiten und ich hatte es gern, wenn meine Kameraden groß von mir dachten. Als ich kam, ſah ich gleich an der Art und Weiſe wie die Burſche mich anſahen, beſonders Abednego, der mir aus ſeiner goldenen Tabatiere jetzt zum Erſtenmal eine Priſe anbot, — ß mir tüchtig vorgearbeitet worden 40 war. Roundhand ſelbſt ſchüttelte mir mit großer Wärme die Hand, als er kam, um mein Geſchäftsbuch nachzuſe⸗ hen, ſagte, ich ſchriebe eine ausgezeichnet ſchöne Hand — was auch der Fall war, ohne mir ſchmeicheln zu wollen — und lud mich auf nächſten Sonntag zu ſich in Myd⸗ delton Square zum Eſſen. „Es wird da freilich,“ ſagte er, „nicht gerade ſo flott hergehen, wie bei Ihren Freunden in Weſtend;“ er betonte dieſe letzten Worte beſonders ſtark. — „Aber meine Amalie und ich ſchätzen ſich ſtets glücklich, einen Freund in unſerer einfachen ſchlichten Weiſe bewirthen zu dürfen: weißen Peres, alten Portwein und etwas Gutes unter die Zähne.“ Ich nahm die Einladung an und ſagte, ich wollte auch Hoſkins mitbringen. Er antwortete, ich ſei allzu gütig und es würde ihn ſehr glücklich machen, auch Hoſkins bei ſich zu ſehen. Demnach begaben wir uns zur beſtimmten Stunde da⸗ hin. Allein obgleich mein Freund eilfter und ich nur zwölfter Commis war, ward mir doch bei Tiſche zuerſt und vom Beſten vorgelegt. Ich bekam zweimal ſo viel Fleiſchklöschen in meiner blinden Schildkrötenſuppe und faſt alle Auſtern aus der Sauceſchüſſel. Einmal wollte Roundhand Auguſten vor mir vorlegen, da rief ſeine Frau, die in rothem Kreppkleid mit einem Turban ſtatt⸗ lich herausgeputzt oben am Tiſche ſaß, grimmigen Blicks ihrem Ehgeſpann zu: „Anton!“ und der arme Round⸗ hand ließ die Platte ſinken und ward vor Scham roth wie ein Krebs. Und wie viel wußte nicht die Frau mit mir von Weſtend zu ſchwatzen! Sie hatte einen Hof⸗ kalender, wie ich verſichern kann und ſchien ſo bewandert in der Familiengeſchichte der Drum's, daß ich ganz er⸗ ſtaunt war. Sie fragte mich unter Anderm, wie viel Lady Drum jährlich zu verzehren hätte; ob ich glaube, daß ſie zwanzig, dreißig, vierzig oder hundertfünfzig Tau⸗ ſend jährlich hätte, ob ich nach Schloß Drum eingeladen 41¹ worden; was die jungen Damen trügen und ob ſie auch die abſcheulichen weiten Aermel ſchon hätten, die gerade damals aufkamen. — Hiebei betrachtete ſie ſelbſtgefällig ihre bloßen, dicken, fleiſchigen Arme. Während ich ſo mit ſeiner Frau ſprach, rief Round⸗ hand, der inzwiſchen uns mit ſeinem Portwein tüchtig zugeſprochen hatte, mir zu: „Hören Sie, beſter Samuel, ich hoffe, Sie haben die Hauptſache nicht vergeſſen und ein Paar Aktien der Weſtdiddleſer Geſellſchaft ange⸗ bracht? He?“ „Mr. Roundhand, habt Ihr die Flaſchen drunten ge⸗ füllt,“ ſchrie die Frau voll Aerger, um dem Geſpräch ein Ende zu machen. 5 „Nein, Amalie, ich habe ſie geleert,“ ſprach Roundhand. „Heißt mich nicht Amalie und ſeid ſo gut und geht hinunter und ſagt meinem Mädchen“ — mit einem Blick auf mich — „ſie ſolle den Thee in Eurem Zimmer ma⸗ chen. Wir haben hier einen Herrn, der nicht an die Ge⸗ bräuche in Pentonville gewöhnt iſt; — ein zweiter Blick auf mich — „er wird ſich aber nicht an dem Brauch ſtoßen, der bei guten Freunden herrſcht.“ Hier hob ſich ihre ſehr große Bruſt von einem tiefen Seufzer und ſie warf mir einen dritten Blick zu, der ſo ernſthaft war, daß ich ein ganz dummes Geſicht dabei gemacht haben muß. Was Auguſt anbelangt, ſo ſprach ſie mit dieſem den ganzen Abend kein Wort. Der tröſtete ſich aber mit einer tüchtigen Portion Semmel, die er zu ſich nahm und ſaß faſt die ganze Zeit über — es war ein entſetzlich heißer Tag — pfeifend und ſchwatzend bei Roundhand auf der Altane. Ich wäre für's Leben gern auch bei ihnen ge⸗ weſen, denn es wurde mir viel zu eng im Zimmer bei der großen, dicken Mrs. Roundhand, die ſich hart neben mich auf das Sofa geſetzt hatte. „Denken ſie noch an den ſchoͤnen Abend, den wir vorigen Sommer hier verlebten?“ hörte ich Hoſtins ſa⸗ 42 gen, der ſich über den Balkon gelehnt hatte und die Mäd⸗ chen beaugenſcheinigte, die aus der Kirche kamen. Sie und ich, in bloßen Hemdärmeln, kalten Grog die Fülle, — Mrs. Roundhand zu Margate — und eine ganze Kiſte voll Manilla⸗Cigarren.“ „Still!“ ſagte Roundhand mit ängſtlicher Haſt, „Amalie konnte es hören.“ Aber Amalie horte nichts, ſo tief war ſie in's Schwa⸗ tzen hineingerathen. Sie erzählte mir ein Langes und Breites davon, wie ſie mit dem Grafen von Schloppen⸗ zollern auf dem Balle gewalzt, den die Stadt London den allirten Souveränen gab; was für einen großen, weißen Schnurrbart der Graf gehabt, und wie unheimlich und ſonderbar es ihr vorgekommen, im Arme eines him⸗ mellangen Mannes, einem Kreiſel gleich, ſich im Saale zu drehen. „Roundhand hat es nie wieder zugegeben ſeit unſrer Verheirathung, nie — aber im Jahr 1814 be⸗ trachtete man es als eine ganz beſondere Ehre, wie Sie wiſſen, die man den fremden Fürſten damit anthun wollte. Neun und zwanzig Fräulein aus den beſten Familien der Altſtadt — ich verſichere Sie, Herr Titmarſh — z. B. des Lordmajors eigene Töchter, Aldermann Dobbin's ſeine, drei von Sir Charles Hopper, der das große Haus in der Bäckerſtraße hat — und Ihre gehorſame Dienerin, welche zu jener Zeit etwas ſchlanker war — unſere neun und zwanzig hatten wir zu dem Ende Tanzſtunde ge⸗ nommen und lernten walzen in einem Zimmer über dem egyptiſchen Saale in Manſion Haus. Es war ein herr⸗ licher Mann, dieſer Graf Schloppenzollern.“ Ich entgegnete: „Gewiß, Madame, hatte er eine ebenſo herrliche Tänzerin,“ wobei ich bis über die Ohren roth wurde. „Gehen Sie, Sie Loſer,“ ſagte Mrs. Roundhand und gab mir eine tüchtige Schlappe. „Ihr ſeid alle ei⸗ ner wie der andere, Ihr Leute von Weſtend — Keiner meint es aufrichtig. Der Graf war gerade wie Sie! 43 Ach! — Vor der Hochzeit nichts als Honig und ſchöne Redens⸗ arten. Wenn Ihr uns habt, nichts als Kälte und Gleich⸗ gültigkeit. Sehen Sie einmal Roundhand, das alte Kind, wie er nach einem Schmetterling ſchlägt mit ſeinem gelben Taſchentuch! Kann ſo ein Mann mich verſtehen? Kann er die Leere in meinem Herzen ausfüllen?“ Sie ſprach das Wort Herz ohne H, legte aber die Hand an den Ort, den ſie meinte, um doch gewiß verſtanden zu wer⸗ den. — „Oh! niemals. Werden Sie Ihre Frau auch einmal ſo vernachläßigen, Herr Titmarſh?“ Während ihres Geſprächs läutete es juſt aus der Kirche und ich dachte an meine liebe, theure Marie auf dem Lande, wie ſie nach Hauſe wandelte zu ihrer Groß⸗ mutter, in ihrem beſcheidenen grauen Mantel, unter dem feierlichen Klange der Glocken, während der liebliche Duft des friſchen Heu's die Luft erfüllte und der Fluß carmefin⸗ und purpurroth, golden und ſilbern in der Sonne erglänzte. Dort wandelte ſie, meine theure Marie, hundert und zwanzig Meilen von mir entfernt, in Somerſetſhire mit Dr. Snorter's Familie, mit welcher ſie gewöhnlich kam und ging. Und ich mußte das Geſchwätz dieſer unſchönen, gemeinen Kokette anhoͤren. Unwillkührlich langte ich nach dem halben Sirpence⸗ ſtück an dem Orte, der meinen Leſern ſchon bekannt iſt, und indem ich ohne daran zu denken mit der Hand an die Bruſt fuhr, ſtach ich mich in die Spitze meiner neuen Diamantbroſche. Polonius hatte ſie am Abend zuvor geſchickt und ich trug ſie gleich an Roundhands Tafel zum erſten Male. „Es iſt ein ſchoͤner Diamant,“ ſprach Mrs. Round⸗ hand, „ich habe ihn die ganze Eſſenszeit über betrachten müſſen. Sie müſſen ſehr reich ſein, daß Sie ſolche Koſt⸗ barkeiten tragen. Wie können Sie nur in einer gemeinen Schreibſtube der City bleiben — da Sie ſo vornehme Bekanntſchaften in Weſtend haben?“ Die Frau hatte mich gewiſſermaßen dergeſtalt in 44 Harniſch gebracht, daß ich ſchnell vom Sopha aufſtand und ohne ihr ein Wort zu erwidern nach dem Balkon zu ging — ja ich ſtieß ſogar den Kopf an die halboffene Glasthüre, indem ich zu den Herrn in die friſche Luft hinaus wollte. „Auguſt,“ ſagte ich, „es wird mir ſehr übel; ich wollte, Du gingſt mit mir nach Hauſe.“ Dieſer hatte auch keinen andern Wunſch; denn die letzte der Kirchgängerinnen war ſchon vorbeigekommen und der Tag neigte ſich zu Ende. „Was! ſchon ſo früh?“ ſagte Mrs. Roundhand, „es kommt noch ein Seekrebs, zwar nur etwas ganz Gewöhn⸗ liches — es wird ihm nicht gut genug ſein; aber — —“ Zu meiner Schande muß ich geſtehen, ich hätte faſt geſagt: „zum Henker mit dem Seekrebs!“ als Round⸗ hand auf ſie zutrat und ihr zu verſtehen gab, daß ich unwohl ſei. „Ja,“ ſagte Auguſt mit einem pfiffigen Geſicht, „Sie müſſen wiſſen, Mrs. Roundhand, daß er am Donnerſtag in Weſtend zum Eſſen eingeladen war bei Edelleuten vom höchſten Rang. Man ſpeist nicht in Weſtend für Nichts und wieder Nichts, Herr Roundhand, nicht wahr? wenn man Kegel ſpielt — —“ „Muß man eine Doppelpartie haben,“ fiel ihm Roundhand in die Rede. „Nicht in meinem Hauſe am Sonntag,“ ſagte Mrs. Roundhand, die es ſo verſtanden hatte, als ſollte ein Spiel gemacht werden, und ſchoß wüthende Blicke auf ihre Gäſte. „Nicht eine Karte darf angerührt werden. Sind wir in einem proteſtantiſchen Land, ſind wir unter einem chriſtlichen Volk oder nicht?“ „Meine Liebe, es waltet hier ein Mißverſtändniß ob. Wir ſprachen von keiner Whiſtpartie.“ „Es ſoll gar nicht geſpielt werden im Hauſe am Sabbatabend,“ ſagte Mrs. Roundhand und fuhr einer Windsbraut gleich aus dem Zimmer, ohne uns nur gute Nacht zu ſagen. 4⁵ „Bleibt doch,“ ſprach ihr Ehegeſpann, vor Schrecken faſt außer ſich; „bleibt doch nur! Sie kommt nicht wieder, ſo lange Ihr da ſeid, und ich wünſche ſehr, daß Ihr bleibet.“ Alber wir hatten keine Luſt mehr. In Salisbury Square angekommen, predigte ich Auguſten Eins über die ſchlechte Anwendung des Sonntags und las vor Schlafen⸗ gehen eine der geiſtlichen Reden von Blair. Als ich mich im Bett umkehrte, kamen mir allerhand Gedanken über das Glück, das die Vorſtecknadel mir gebracht hatte. Und es war noch nicht Alles, wie man im folgenden Kapitel ſehen wird. Fünſtes Rapitel. Der Diamant verſchafft ſeinem Beſitzer Zutritt an einen weit vornehmeren Ort. Zwar war die Nadel faſt das Letzte, deſſen ich im vorangehenden Kapitel Erwähnung that; ich würde aber lügen, wenn ich ſagen wolite, ſie ſei es auch in meinen Gedanken geweſen. Wie geſagt, hatte Polonius am Sam⸗ ſtag Abend ſie hergeſandt, während Auguſt und ich zu⸗ fällig nicht daheim geweſen. Wir hatten zu halbem Preis Savler's Wells Theater beſucht und vielleicht auch im Rückweg irgendwo eine Erfriſchung eingenommenz was aber alles nicht zur Sache gehört. Wie wir nach Hauſe kamen, lag das kleine Etui vom Juwelier auf dem Tiſche, und als ich die Nadel herausnahm, ha! wie glänzte und funkelte der Diamant heim Schein unſers einzigen Lichts! 46 „Ich bin gewiß, er würde allein ſchon das Zimmer erleuchten,“ ſagte Auguſt, „ich habe das geleſen — in der Geſchichte —“ Er meinte die Geſchichte von Cogia Haſſan Alhabbal in der Tauſend und Einen Nacht, wie ich wohl wußte. Dennoch löſchten wir das Licht, um den Verſuch zu machen. „Siehſt Du wohl, er erleuchtet wahrhaftig den ganzen Platz,“ ſagte Auguſt. Unſerem Fenſter gegenüber brannte nämlich eine Gaslampe, und das war wohl die Urſache, daß wir ganz gut ſehen konnten. Wenigſtens konnte ich in meinem Schlafzimmer, in das ich ohne Licht gehen mußte und deſſen Fenſter auf eine alte, ver⸗ fallene Mauer ging, trotz des Hoggartyſchen Diamants weniger als Nichts ſehen, und mußte im Finſtern herum⸗ tappen nach einem Kiſſen, das ich von Jemand hatte — ich will es nur geſtehen, von Marie Smith — und in welches ich die Nadel über Nacht ſieckte. Schlafen konnte ich nicht viel, weil ich immer an ſie denken mußte, und erwachte ſehr früh Morgens. Ich war wie närriſch, ſteckte ſie an meinen Schlafrock, als ich aufgeſtanden war und bewunderte mich damit im Spiegel. Auguſt war nicht weniger entzückt als ich. Denn ſeit meiner Rückkunft von Hauſe und namentlich ſeit meiner Spazierfahrt mit Lady Drum und dem Wildpret⸗ ſchmaus vergötterte er mich in Wahrheit und that aller Orten groß mit ſeinem „Freund von Weſtend.“ Als wir im Begriff waren, zu Roundhand's zum Eſſen zu gehen, und ich keine ſchwarze Atlasbinde hatte, um den Diamant dran zu ſtecken, hatte ich keine andere Wahl, als ſie in den Buſenſtreif meines ſchönſten Hemdes einzumachen, wobei, im Vorübergehen geſagt, der Muſſelin arg zerriß. Des ungeachtet that der Diamant ſeine Wir⸗ kung bei der Familie, vie uns empfing; bei einem Glied derſelben vielleicht nur zu ſehr. Tags darauf erſchien ich damit auf dem Comptoir, wie Auguſt es haben wollte, 47 obwohl ich in dem ſchon einmal getragenen Hemde nicht mehr ſo nobel ausſah, wie das erſte Mal, wo es ganz rein und blendend weiß war, wie ich es gewaſchen von Hauſe erhalten hatte. Die jungen Leute im Geſellſchaftsbureau bewunderten ihn alle über die Maaßen, ausgenommen der vierte Commis, M'Whirter, ein widerwärtiger Schottländer, aus purem Neid, weil ich nicht viel aus einem großen gelben Stein machte, einem Carum⸗Gorum oder wie er hieß, den er auf ſeinem Tabakshorne *) (wie er es nannte), hatte — wie geſagt, Alle waren entzückt von dem Dia⸗ mant, und Abednego ſelbſt, der es verſtehen mußte, da es in ſeines Vaters Fach einſchlug, ſagte mir, der Juwel ſei mindeſtens zehen Pfund werth und ſein Alter würde mir ſoviel dafür geben. „Das beweist alſo,“ ſagte Roundhand, „daß Tit⸗ marſh's Diamant wenigſtens dreißig Pfund werth iſt.“ Wir lachten Alle zuſammen und waren damit einver⸗ ſtanden. Ehrlich geſtanden, alle dieſe Lobeserhebungen und das Anſehen, in das ich bei meinen Collegen kam, verrückten mir ein wenig den Kopf, und als ſie einſtimmig behaup⸗ teten, ich müſſe eine ſchwarze Atlasbinde tragen, damit fich der Diamant ſchöner ausnehme, war ich unfinnig genug und kaufte eine für fünfundzwanzig Schillinge bei Ludlam in Piccadilly. Denn Auguſt ſagte, ich dürfe keinen ſo wohlfeilen und ordinären Stoff aus dem Oſtend nehmen, ſondern müſſe in den vornehmſten Laden gehen. Ich hätte eine für ſechszehn Shillinge ſechs Pfennige in Cheapſide haben können, die gerade eben ſo gut und ſchön geweſen wäre. Allein wenn ein junger Fant einmal eitel wird und die Mode mitmachen will, ſo kann es nicht anders ſein; er muß über die Schnur hauen. *) Nach der Analogie von Pulverhorn⸗ 48 Unſer Direktor, Herr Brough, horte natürlich auch von der Geſchichte mit dem Wildpretſchlegel und meiner Verwandtſchaft mit Lady Drum und dem ſehr ehrenwerthen Edm. Preſton. Nur ſagte Abednego, von dem er es hatte, ich wäre ſogar Geſchwiſterkind mit den Damen, und das machte, daß Brough noch höher von mir dachte. Herr Brouhh war, wie männiglich bekannt, Parla⸗ mentsglied für Rottenburgh, und da er für einen der reichſten Leute in der Altſtadt galt, ſah man immer die Großen des Landes auf ſeiner Villa zu Fulham. Und oftmals war in den Zeitungen zu leſen, was für wichtige Dinge daſelbſt vorgehen. 3 Nun, die Vorſtecknadel konnte in Wahrheit Wunder wirken. Nicht genug, daß ich um ihretwillen mit einer Gräfin in ihrem Wagen fahren durfte, daß ich einen Wildpretſchlegel und zwei Koͤrbe mit Obſt erhalten, daß ich ihr das oben beſchriebene Traktament bei Roundhand verdankte, mein Diamant ſollte mir noch weitere Ehren⸗ bezeugungen verſchaffen, — ich erhielt eine Einladung in das Haus unſers Direktors. Jährlich einmal im Juni gab dieſer Ehrenmann ein großes Ballfeſt in ſeinem Hauſe zu Fulham. Nach den Beſchreibungen, die ein Paar unſerer Leute davon machten, die dahin eingeladen geweſen, konnte man weit und breit nichts Glänzenderes ſehen, als dieſe Bälle. Parlaments⸗ glieder waren da in Menge, wie die grünen Erbſen im Juli, und gnädige Herren und Frauen ohne Zahl. Es ging dabei in allen Stücken wahrhaft fürſtlich zu. Es hieß, Mr. Gunter von Berkeley Square beſorge das Eis und das Eſſen nebſt der Aufwartung. Denn obgleich Brough eine Menge Bediente hatte, reichten ſie doch nicht hin für die Schaar der Gäſte, die hier zuſammentrafen. Es iſt jedoch zu bemerken, daß eigentlich Mrs. Brough die Ge⸗ ſellſchaft gab und nicht ihr Gemahl, der zu einer Sekte der Diſſenters gehoͤrte und ungerne ſeine Einwilligung zu Luſtbarkeiten dieſer Art gab. Allein er ſtand ganz unter 49 der Herrſchaft ſeiner Frau, wie er ſeinen Freunden in der Altſtadt nicht verhehlte, und man machte allgemein die Bemerkung, daß die meiſten derſelben ihre Töchter auf die Bälle gehen ließen, wenn ſie gebeten wurden, um der großen Anzahl hohen Adels willen, den unſer Direktor bei ſich verſammelte. Mrs. Roundhand, um nur Eines zu ſagen, hätte einen Finger von der Hand gegeben, wenn ſie hätte dabei ſein vürfen; doch, wie ſchon geſagt, nichts konnte Brough bewegen, ſie einzuladen. Roundhand ſelbſt und Gutch, unſer neunzehnter Schreiber, Brudersſohn eines Direktors der oſtindiſchen Compagnie, waren die zwei einzigen von uns, die gebeten waren, was uns wohl bekannt war, da ſie ihre Einladungs⸗ illets ſchon einige Wochen zuvor erhalten hatten und ſich nicht wenig damit brüſteten. Allein zwei Tage vor dem Ball und nachdem meine Buſennadel ihre gehörige Wir⸗ kung auf die Leute unſers Hauſes gethan hatte, kam Abednego, der eben in dem Zimmer des Direktors geweſen 3 war, mit übergroßer Freundlichkeit an meinen Pult und ſagte zu mir: „Titmarſh, Herr Brough ſagt, er erwarte, aß Sie am Donnerſtag mit Roundhand auf den Ball hinabkommen.“ Ich glaubte, Moſes treibe Scherz, — auf jeden Fall war dieſe Botſchaft von Herrn Brough eine ſehr ſonderbare, weil es nicht Brauch iſt, den Leuten in ſo beſtimmter Weiſe Knall und Fall Einladungen zukommen zu laſſen. Allein unmittelbar darauf kam er ſelbſt herunter und beſtätigte es, indem er im Hinausgehen ſich an mich wandte mit den Worten: „Herr Titmarſh, Sie ſind auf Donnerſtag zu Mrs. Brough's Geſellſchaft geladen, wo Sie auch einige Ihrer Verwandten treffen werden.“ „Wiederum Weſtend!“ ſprach der ſchelmiſche Auguſt. — Ich begab mich alſo auf den Weg in einem Cabriolet, das Roundhand für ſich, Gutch und meine Wenigkeit piahe und wofür er ſehr freigebig acht Schilling ezahlte. Thackeray, Samuel Litmarſh. 4 Es iſt unnöthig, die große Pracht des Feſis zu be⸗ ſchreiben, die Unzahl von Lampen im Landhaus und Gar⸗ ten, die Menge der Wagen, welche anfuhren, die Haufen von Neugierigen, welche draußen ſtunden, oder das Eis, die Muſik, die Kränze und Blumengewinde; endlich das kalte Nachteſſen. Die ganze Beſchreibung war gut ge⸗ geben in einer Modezeitung von einem Berichterſtatter, der vom Gelben Löwen gegenüber Alles mit anſah und in jenem Journal auf's Umſtändlichſte erzählte bis auf die Anzeige ver vornehmen Herrn und Damen, die ihm von deren Bedienten und Kutſchern beſchrieben worden, welche in das Bierhaus kamen, um ihren Porter zu trinken. Zutheuerſt die Namen der Gäſte hatten den Weg in dieſelbe Zeitung gefunden und es gab auf meine Koſten ein tüchtiges Gelächter, als unter den Titeln der hohen Herrſchaften auch mein Name in der Reihe der „Ehrenwerthen“ ſtand. Am andern Tag machte Brough bekannt, daß der redliche Finder eines Halsbands mit Smaragden, das auf dem Ball von John Brough Eſg. zu Fulham verloren gegangen, hundert und fünfzig Guineen erhalten würde. Doch ſagten Einige von unſern Leuten, dieſer Verluſt ſei eine pure Erdichtung, und Brough wolle blos damit zu verſtehen geben, wie großartig es bei ſeiner Geſellſchaft zugegangen. Allein das ſagten ſie wohl nur aus Neid, weil ſie nicht geladen worden waren. Natürlich hatte ich meine Diamantnadel vorgeſteckt und mich in meinen beſten Staat geworfen, nämlich meinen blauen Frack mit goldnen Knöpfen, wie oben erwähnt, Nankinhoſen und ſeidene Strümpfe, eine weiße Weſte und weiße Handſchuhe, die ich expreß für den Ball gekauft, angezogen. Allein mein Frack war eben auf dem Land gemacht, hatte eine ſehr hohe Taille und kurze Ermel, und ich muß darin einem Theil der großen Welt, die da verſammelt war, ſehr aufgefallen ſein; denn ſie gafften mich eine gute Weile an und ſtanden zuſammen, um mich tanzen zu ſehen, was ich auch nach meinen beſten 51 Kräften that, indem ich alle Pas auf das Genaueſte ein⸗ hielt, und mit Leichtigkeit und Gewandtheit, wie ich es bei unſerm Tanzlehrer in der Heimath gelernt hatte. Und mit wem, glaubt wohl der geehrte Leſer, daß ich zu tanzen die Ehre hatte? Mit niemand Geringerem als mit Lady Johanne Preſton, welche alſo noch nicht verreiſt war und die mir ſehr freundlich die Hand drückte, als ſie mich ſah und mich aufforderte, mit ihr zu tanzen. Zum vis à vis hatten wir Lord Tiptoff und Lady Fanny Rakes. Da hätte man aber ſehen ſollen, wie ſich die Leute herbeidrängten, uns zuzuſchauen und auch meine Kunſt nicht wenig bewunderten; denn ich machte die ſchönſten Kreuzſprünge, ganz anders als die Uebrigen, Lord Tiptoff nicht ausgenommen, welche die Quadrille tanzten, als hätten ſie eine ſchwere Arbeit zu verrichten, und über meine Beweglichkeit nicht genug ſtaunen konnten. Wenn ich aber tanze, ſo will ich mich nicht plagen, ſondern amuſiren, und Marie Smith ſagte oft, ich ſei der aller⸗ beſte Tänzer bei unſern Geſellſchaften. — In den Pauſen erzählte ich Lady Johanne, wie Roundhand, Gutch und meine Wenigkeit mit einem Cabriolet zu drei, den Kut⸗ ſcher abgerechnet, gekommen wären; und ich kann mit Grund der Wahrheit verſichern, daß die gnädige Frau über meine Schilderung herzlich lachen mußte. Ein Glück war es aber für mich, daß ich nicht in demſelben Gefährt zurückfuhr. Denn der Kutſcher ging in den Goldenen Loͤwen hinüber, wo er ſich volltrank und beim Nachhauſe⸗ fahren unſern Gutch und oberſten Commis umwarf, was eine Balgerei deſſelben mit Gutch zur Folge hatte, dem er faſt das Auge ausſchlug, weil er behauptete, Gutch's rothe Sammtweſte habe das Pferd ſcheu gemacht. Eine ſo unbequeme Heimfahrt ward mir dadurch erſpart, daß Lady Johanne, welche einen Platz in ihrem Wagen übrig hatte, dieſen mir anbot; und richtig ward ich um zwei Uhr nach Mitternacht, nachdem die beiden 52 Damen und Lord Tiptoff abgeſetzt waren, nach Salisbury Square gefahren in einer ſtattlichen, donnernden Karoſſe mit Laternen und zwei großen Lakaien, die faſt die Haus⸗ thüre einſchlugen und mit ihrem Klopfen die ganze Gaſſe in Unruhe brachten. Eine komiſche Figur machte Auguſt, der mit ſeiner weißen Nachtmütze auf dem Kopf zum Fenſter herausſah. Er ließ mich den Reſt der Nacht nicht mehr ſchlafen; ich mußte ihm von dem Ball und den Herrſchaften er⸗ zählen, die dabei geweſen. Den Morgen darauf erzählte er auf dem Bureau meine Erlebniſſe, wobei er wie ge⸗ wohnlich nicht vergaß, ſeine Ausſchmückungen anzubringen. Doch wieder auf den Ball zu kommen. — „Herr Titmarſh,“ ſagte Fräulein Fanny lachend zu mir, „wer iſt der große, dicke, ſonderbare Mann, der Herr vom Hauſe? Denken Sie, er fragte mich, ob Sie nicht mit uns verwandt wären? und ich ſagte: v ja wohl.“ „Fanny!“ ſagte Lady Johanne verweiſend. „Freilich,“ antwortete jene. „Hat nicht Großmama geſagt, Herr Titmarſh ſei ein Vetter von ihr?“ „Aber Du weißt, daß Großmama kein gutes Ge⸗ dächtniß hat.“ „Wahrhaftig, Sie haben Unrecht, Lady Johanne,“ ſprach Mylord; „ich meine, ſie hat ein wunderbares.“ „Ja wohl, aber kein — kein ſehr getreues.“ „Nein, gnädige Frau,“ ſagte ich; „denn Ihre Herr⸗ lichkeit, die Gräfin Drum, behaupiete, wenn Sie ſich noch erinnern, auch mein Freund Auguſt Hoſkins —“ „Deſſen Sie ſich ſo wacker annahmen“ — rief Fräu⸗ lein Fanny. „Sei ein Vetter von Ihro Herrlichkeit; was doch nicht wohl ſein kann, indem ich ſeine ganze Familie kenne. Sie wohnen in der Kürſchnerſtraße und St. Marie Are, und ſind nicht — nicht ganz ſo vornehm, wie meine Verwandten.“ 53 Bei dieſen Worten fingen Alle an zu lachen, und Mylord ſagte in ziemlich hochmüthigem Tone: „Seien Sie verſichert, Herr Titmarſh, daß Lady Drum mit Ihnen ſo wenig verwandt iſt, als mit Ihrem Freund Hoſkinſon.“ „Hoſkins, Mylord, und das ſagte ich auch Auguſten. Aber Sie ſehen, er hat mich ſo gerne, und deßhalb ſoll ich durchaus Lady Drum's Vetter ſein, und das breitet er aller Orten aus, ſo oft ich ihn auch vom Gegentheil verſichern mag. Uebrigens,“ fügte ich lachend bei, „habe ich dieſer vermeintlichen Vetterſchaft ſchon viel Gutes zu verdanken gehabt.“ Dann beſchrieb ich der Geſellſchaft unſer Eſſen bei Roundhand's, was Alles von meiner Diä⸗ mantnavel herkam, und wie ſehr ich um meiner Verbin⸗ vung mit dem hohen Adel willen angeſehen ſei. Ich dankte auch Lady Johanne recht ſchoͤn für ihr herrliches Geſchenk von Obſt und Wildpret, und erzählte ihr, daß ich eine Menge guter Freunde damit bewirthet, die aus tiefem Dankgefühl auf das Wohl Ihrer Herrlichkeiten getrunken. „Ein Wildpretſchlegel,“ rief Lady Johanne voll Er⸗ ſtaunen; „in der That, Herr Titmarſh, ich kann Sie nicht verſtehen.“ Da wir gerade an einer Gaslampe vorübergingen, konnte ich wahrnehmen, daß Lady Fanny, wie gewoͤhnlich, lachte, und Lord Tiptoff mit ihren großen ſchelmiſchen, glänzend ſchwarzen Augen anſah. „Nun, Lady Johanne,“ ſagte dieſer, „die Wahrheit muß einmal heraus; die Sache mit dem Wildpretſchlegel iſt ein Streich von unſerem gnädigen Fräulein hier. Ich hatte nämlich benanntes Wildpret aus Lord Guttlebury's Park erhalten, und weil ich weiß, daß das Wildpret von Guttlebury Preſton nicht zuwider iſt, ſagte ich zu Lady Drum, — in deren Wagen ich dießmal Platz gefunden, weil Herr Titmarſh nicht um den Weg war, — daß ich im Sinne hätte, den Schlegel Ihrem Gemahl zu ver⸗ 54 ehren. Worauf mein Fräulein Fannh, in ihre Händchen klatſchend, proteſtirte und erklärte, das Wildpret dürfe nicht Lord Preſton erhalten, ſondern es müſſe einem Herrn zugeſandt werden, von deſſen Abenteuer am Tag zuvor wir gerade geſprochen hatten — das war Herr Titmarſh, den Preſton, wie Fanny behauptete, ſchwer beleidigt hatte und dem man Genugthuung ſchuldig ſei. Daher drang Lady Fanny darauf, geraden Wegs nach meiner Wohnung in Albanh zu fahren — Sie müſſen wiſſen, ich behalte mein Junggeſellenquartier nur noch einen Monat —“ „Dummheiten!“ ſagte Lady Fanny. „Drang darauf, daß wir geradenwegs nach meiner fahren und den beſagten Wildpretſchlegel dort holen.“ „Großmama war ſehr beſorgt, ihn mitzunehmen,“ rief Lady Fanny. „Und dann mußten wir nach Herrn Titmarſh's Hauſe in der Altſtadt, wo das Wildpret gelaſſen ward nebſt ein Koͤrben mit Obſt, welche Fanny ſelbſt bei Grange kaufte.“ „Und das iſt noch nicht Alles,“ ſagte Lady Fanny. „Sondern ich nahm die Großmama in Fr— in Lord Tiptoff's Zimmer und diktirte ihr aus dem Kopf einen Brief in die Feder. Dann packte ich die Wildpretkeule, welche ſeine alte häßliche Haushälterin uns brachte — ich bin ganz eiferſüchtig auf ſie — in eine Nummer des John Bull.“ Ich weiß noch, es ſtand einer von den Ramsbottom⸗ briefen darin; den laſen wir, Auguſt und ich, beim Früh⸗ ſtück und lachten uns faſt zu Tode darüber. Die Damen lachten auch, als ich ihnen das erzählte, und die gut⸗ herzige Lady Johanne ſagte, ſie wolle ihrer Schweſter das verzeihen und hoffe, ich würde es auch thun, was ich heilig und theuer verſprach, und zwar ſo oft es dem gnädigen Fräulein gefallen würde, die Beleidigung zu wiederholen. Ich bekam zwar nie mehr Wildpret von der Familie. 55 Aber ich will dem verehrten Leſer ſagen, was ich bekam. Etwa vier Wochen nachher kam eine Karte von „Lord und Lady Tiptoff“ mit einem großen Stück Rofinkuchen, von dem leider Auguſt viel zu viel aß. Sechstes Rapitel. Von der Weſitdiddle⸗Geſellſchaft und in welcher Weiſe die Diamantnadel auf dieſelbe wirkte. Die Zauberkraft der Nadel war noch nicht zu Ende. Sehr bald nach dem großen Ball bei Mrs. Brough ließ mich unſer Direktor in ſein Zimmer rufen, und nachdem er meine Rechnungen durchgeſehen und eine Weile von Geſchäften geſprochen, fing er an: „Das iſt eine ſehr ſchöne Diamantnadel, junger Herr“ — er ſprach gravi⸗ tätiſch im Tone des Gönners zu mir — „und ich habe Sie rufen laſſen in der Abſicht, mit Ihnen darüber zu ſprechen. Ich habe nichts dagegen, wenn die jungen Leute bei unſerer Anſtalt ſich gut und geſchmackvoll kleiden, aber ich weiß, daß ſie bei ihrem Gehalt ſich keinen Schmuck anſchaffen können, wie dieſer da; und es bekümmert mich nicht wenig, ein ſo koſtbares Juwel an Ihnen zu ſehen. Es iſt bezahlt, Herr? — ich will hoffen, daß es bezahlt iſt; denn vor allen Dingen, lieber, theurer Freund! hüten Sie ſich vor Schulden.“ Ich konnte nicht begreifen, warum Brough mir da vom Schuldenmachen vorpredigte und ſo that, als ob ich die Vorſtecknadel gekauft hätte, weil ich wußte, daß er ſchon darnach gefragt und ſich erkundigt hatte, wie ich 56 dazu gekommen; Abednego hatte es mir geſagt. Ich er⸗ wiederte ihm: „Wie ſo, mein Herr! Herr Abednego ſagte mir, daß er Ihnen geſagt, daß ich ihm geſagt hätte —“ „Ach ja, ſo nebenbet, — jetzt erinnere ich mich, Herr Titmarſh — ganz richtig — Sie werden ſich aber wohl vorſtellen, daß ich an andere, an wichtigere Dinge zu denken habe.“ „Ach natürlich, mein Herr!“ „Es ſagte mir Einer von den Commls von einer Buſennadel, daß einer der Herrn eine habe. Sie ſei Ihnen, glaube ich, geſchenkt worden; war es nicht ſo?“ „Ja, mein Herr, ich habe Sie von meiner Tante, Frau Hoggarty, auf Schloß Hoggarty,“ antwortete ich, die Stimme erhebend, denn ich war ein wenig ſtolz auf Schloß Hoggarty. „Sie muß ſehr reich ſein, daß ſie ſolche Geſchenke gibt, Titmarſh?“ „Je nun, ich danke, mein Herr,“ ſagte ich, „ſie ſteht gut. Vierhundert Pfund jährliches Witthum, ein Hofgut zu Slopperton, drei Häuſer zn Squashtail, und vrei⸗ tauſend zweihundert Pfund Baarſchaft bei den Bankier's — wie ich zufällig weiß, Herr, das iſt Alles.“ Ich wußte dies zufällig, weil während meines letzten Beſuchs in Somerſetſhire der Sachwalter meiner Tante in Irland, Herr Mar Manus, geſchrieben hatte, daß die Pfandſchuldforderung, die ſie auf Lord Brallaghan's Güter hatte, ſo eben abbezahlt worden, und daß das Geld bei Coutts hinterlegt ſei. In Irland ſah es zu jener Zeit ſehr unruhig aus. Und meine Tante entſchloß ſich weis⸗ lich, das Geld nicht wieder in dieſem Land anzulegen, ſondern ſich nach einer guten Sicherheit in England um⸗ zuſehen. Weil ſie aber in Irland ſtets ſechs Procente erhalten, wollte ſie nichts von einem geringeren Zinsfuß wiſſen, und hatte mich als Kaufmann, der in Geldſachen bewandert ſei, beauftragt, bei meiner Rückkunft nach London nach einer Gelegenheit mich umzuthun, wo ſie 57 S mindeſtens zu dem bisherigen Zinsfuß anlegen nnte. „Und wie kommt es, daß Sie der Frau Hoggarty Vermögen ſo genau kennen?“ fragte Herr Brough, wor⸗ auf ich es ihm ſagte. „Gerechter Himmel! wer ſollte es für möglich halten, daß Sie, ein Schreiber bei der Weſtdiddleſer⸗Verſicherungs⸗ Anſtalt, wenn ſich eine achtbare Frau an Sie wendet, um ihr Vermögen irgendwo gut anzulegen, ihr nie von der Geſellſchaft geſagt haben, der Sie zu dienen die Ehre haben? Iſt es möglich, Herr, daß Sie nicht in Frau Hoggarty drangen, mit uns in Verbindung zu treten, da Sie doch wiſſen mußten, daß eine Prämie von fünf Procent für Sie ſelbſt abfällt, ſo viel Sie Aktien ein⸗ bringen?“ „Mein Herr,“ antwortete ich, „ich bin ein Ehren⸗ mann, und möchte nicht profitiren von meinen eigenen Verwandten.“ „Daß Sie ein Ehrenmann ſind, mein Lieber, weiß ich wohl — Ihre Hand her — ich bin auch ein Ehren⸗ mann, und Jeder von unſerer Geſellſchaft iſt es; aber man muß auch klug ſein. Wir haben fünf Millionen Capitalien in unſern Büchern ſtehen, das wiſſen Sie; fünf bona fide Millionen in bona fide Sobereigns baar eingezahlt — daran iſt voch nichts Unehrliches. Allein wir könnten zwanzig, wir könnten hundert Millionen haben. Dieſe Geſellſchaft könnte die groͤßte Geſchäftsverbindung in der ganzen Welt werden und ſie wird es werden, Herr, — ſie wird es werden, ſo wahr ich John Brough heiße, wofern der Himmel meine ehrlichen Bemühungen für die⸗ ſelbe ſegnet! Aber halten Sie das für möglich, wenn nicht ein Jeder von uns allen Kräften aufbietet, das Gedeihen unſerer Anſtalt zu fördern? Niemals — Sir! nie; und was mich betrifft, ich mache nirgends einen Hehl daraus. Ich ſetze eine Ehre in das, was ich thue. Ich trete in kein Haus, ohne daß ich einen Plan des Weſi⸗ kleine Kinder. Er ißt ſelbſt kränklich und ſein Leben hängt 58 diddleſer⸗Unternehmens darin zurücklaſſe. Keinem Gewerbs⸗ mann gebe ich zu thun, der nicht Aktien bis zu einem gewiſſen Belauf darin beſitzt. Meine Dienſtleute, Herr, meine eigenen Domeſtiken ſtehen damit in Verbindung. Und die erſte Frage, die ich thue, wenn Jemand eine Stelle bei mir ſucht, iſt die: ſind Sie verſichert oder Aktieninhaber bei der Weſtdidvleſer⸗Anſtalt? Die zweite: haben Sie ein gutes Lob? Und wenn die erſte Frage verneint wird, ſo ſpreche ich zu der Perſon, die ſich bei mir bewirbt; dann werden Sie zuvor Aktionär, ehe Sie eine Stelle in meinem Hauſe begehren. Haben Sie nicht geſehen, wie ich — ich, John Brough, deſſen Namen gut für Millionen iſt, — aus meinem Wagen ſtieg und in's Comptoir zu Herrn Roundhand trat und vier Pfund, neunzehn Schillinge einzahlte, als den Betrag einer halben Aktie für den Portier an meiner Hausthüre? Haben Sie nicht bemerkt, daß ich demnach von den fünf Pfunden einen Schilling zurückbehielt?“ „Ja, mein Herr! es war der Tag, wo Sie acht⸗ hundert dreiundſiebenzig Pfund, zehn Schillinge, ſechs Pfennige herausnahmen, Donnerſtag vor acht Tagen,“ ſagte ich. „Und warum habe ich dieſen Schilling zurückbehalten, Herr? Weil das meine Proviſion war, John Brough's Proviſion von fünf Procent, von ihm ehrlich verdient und oͤffentlich genommen. War irgend eine Heimlichkeit dabei im Spiel? Nein. That ich es des Schillings wegen? Nein,“ fuhr er fort, die Hand auf's Herz gelegt, „ich that es aus Grundſatz — aus demjenigen Beweggrunde, der mich bei meinem ganzen Thun und Laſſen leitet, wie ich bei Gott verſichern kann. Ich wünſche nur, daß alle meine Leute auf mein Beiſpiel ſehen und es nachahmen; ich wünſche es nicht nur, ich bete darum, daß ſie es thun. Behalten Sie dieſes mein Beiſpiel vor Augen, junger Mann! Mein Thürſteher hat eine kranke Frau und neun 59 an einem ſchwachen Faden. Er hat ſich Etwas erſpart in meinen Dienſten — ſechzig Pfund und darüber; es iſt Alles, was ſeine Kinder einſt zu erwarten haben — Alles, wäre das nicht, ſo würden ſie auf den Fall ſeines Todes obdachloſe Straßenbettler ſein. Und was habe ich für dieſe Familie gethan, Herr? Ich habe dem Mann das Geid aus den Händen gethan und es ſo angelegt, daß es bei ſeinem Abſterben ſeiner Familie zu gut kommt. Jeder Heller iſt bei unſerer Anſtalt angelegt und Robert Gates, mein Portier, iſt Theilhaber mit drei Aktien in der Weſtdivvleſer⸗Geſellſchaft und iſt in dieſer Eigenſchaft Ihr Gebieter wie der meinige. Glauben Sie, daß ich Gates anführen wolle?“ „Oh Herr!“ ſagte ich. „Dieſen armen verlaſſenen Mann und ſeine kleinen unſchuldigen Kinder anführen! — Sie glauben das nicht von mir; ich wäre ſonſt ein Scheuſal vor aller Welt. Allein was hilft alle meine Thätigkeit und Beharrlichkeit? Was hilft's, wenn ich auch das Geld meiner Freunde, meiner Familie, mein eigenes, alle meine Hoffnungen auf dieſes Inſtitut ſetze; wenn alle meine Wünſche, meine eifrigſten Beſtrebungen auf daſſelbe gerichtet ſind? Ihr jungen Leute macht es mir nicht nach. Ihr, die ich voll Liebe und Zutrauen als ein Vater behandle, dankt mir nicht darum. Während ich mich ſchinde, legt Ihr die Hände in den Schvos, während ich mich abmühe, ſeht Ihr ruhig zu. Sagt es frei heraus, Ihr ſetzet Zweifel in mich. O Gott, ſoll das der Lohn für alle meine Sorgfalt und Liebe für Euch ſein!“ Herr Brough gerieth dabei in ſolche Bewegung, daß er weinen mußte, und ich geſtehe, ich erblickte jetzt die Verſäumniß, deren ich mich ſchuldig gemacht, in ihrem wahren Lichte. „Mein Herr,“ ſagte ich, „es thut mir leid — ſehr leid. Es war Zartgefühl und ſonſt nichts, was mich 60 abgehalten hat, daß ich meiner Tante nichts von der Weſtdiddleſer⸗Geſellſchaft ſagte.“ „Zartgefühl, mein Liebſter, Beſter, als ob von Zart⸗ gefühl die Rede ſein könnte, wo Ihrer Tante Glück zu machen iſt! Sagen Sie Gleichgültigkeit gegen mich, ſagen Sie Undank, ſagen Sie Thorheit — aber nennen Sie es nicht Zartgefühl — nein, nein, nicht Zartgefühl. Seien Sie ehrlich, mein Sohn, und nennen Sie die Dinge bei ihrem rechten Namen — thun Sie das immer.“ „Es war Thorheit und Undank von mir, Herr Brough!“ erwiederte ich, „ich ſehe es jetzt wohl ein. Und ich will meiner Tante heute noch ſchreiben.“ „Sie thäten beſſer daran, es zu unterlaſſen,“ ſagte Brough mit Bitterkeit; „die Fonds ſtehen auf neunzig, und Frau Hoggarty kann drei Procent aus ihrem Capital bekommen.“ „Ich werde an ſie ſchreiben, Herr — auf mein Ehrenwort, ich werde ſchreiben.“ „Gut denn, weil Sie Ihr Ehrenwort einmal gegeben haben, ſo müſſen Sie es halten. Brechen Sie niemals Ihr Wort, Titmarſh, auch nicht bei Kleinigkeiten. Schicken Sie mir den Brief herauf, wenn Sie fertig ſind, ich will ihn frei machen — mein Ehrenwort darauf, ich thue das,“ ſagte Herr Brough lachend, indem er mir die Hand gab. Er drückte mir die meinige ſehr freundlich — „Sie können ebenſo gut hier ſich hinſetzen,“ ſagte er, indem er ſie in der ſeinigen hielt, „es iſt Papier genug da.“ Somit ſetzte ich mich, ſchnitt mir eine gute Feder und fing an, „Independent Weſt Didvleſer Aſſociation, — Juni 1822“ und „Liebſte Tante,“ ſo ſchon ich konnte. Alsdann hielt ich ein Bischen inne und beſann mich, was nun kommen ſollte. Denn der Anfang war mir beim Briefſchreiben immer das Schwerſte. Das Datum und „Mein lieber So und So“ iſt gleich hin geſchrieben. Aber was nun weiter, dazu gehört Kopfzerbrechen. Ich 61 kauete an der Feder, lehnte mich zurück auf den Stuhl und wollte mich befinnen. „Bah!“ ſagte Brough, „ich glaube, Sie wollen den ganzen Tag an dem Brief ſchreiben, mein Freund? Geben Sie einmal Acht, ich will Ihnen denſelben diktiren, daß Sie gleich fertig ſind. „Somit fing er an: „Liebſte Tante, — ſeit ich von Somerſet wieder hier bin, bin ich ſo glücklich, Ihnen melden zu können, daß ich die Zufriedenheit des geſchäftsführenden Direktors unſrer Geſellſchaft und des Ausſchuſſes in ſo hohem Grad mir erworben habe, daß dieſelben ſo gütig geweſen find, mich als dritten Buchhalter anzuſtellen —“ „Herr!“ unterbrach ich ihn. „Schreiben Sie, was ich ſage. Herr Roundhand tritt aus dem Comptoir, wie das Direktorium geſtern beſchloſſen hat, und wird Sekretär und Aktuar. Herr Highmore kommt an ſeine Stelle und Herr Abednego an i des Letztern, und Sie ernenne ich zum dritten Buch⸗ alter —“ „Als dritten Buchhalter anzuſtellen (ſchreiben Sie), mit hundert und fünfzig Pfund Jahrgehalt. Dieſe Nach⸗ richt wird, wie ich überzeugt bin, meine liebe Mutter und Sie, die Sie mir mein Leben lang eine zweite Mut⸗ ter geweſen, gewißlich hoch erfreuen. „Bei meiner letzten Anweſenheit zu Hauſe haben Sie mich hinſichtlich der beſtmöglichen Anlegung einer Summe Geldes befragt, das bei Ihren Banquiers nutzlos da liege. Ich habe ſeither keine Gelegenheit verſäumt, mich genau zu erkundigen, und da ich mich hier inmitten der Ge⸗ ſchäfte befinde, glaube ich, trotz meiner Jugend, Ihnen eben ſo gut rathen zu können als mancher Andre, der älter vder auch in einer höheren Stellung iſt, als ich. „Ich habe oft daran gedacht, unſerer Geſellſchaft gegen Sie Erwähnung zu thun. Allein die Delikateſſe hat mich ſtets wieder zurückgehalten. Ich wollte nicht 62 haben, daß ein Menſch auf der Welt ſollte denken können, a irgend Eigennutz die Triebfeder meiner Handlungen eie. „Ich glaube jedoch ohne allen Zweifel, daß die Weſt Diddleſer Geſellſchaft eine Sicherheit für Ihr Capital bietet, wie Sie ſie nicht beſſer verlangen koͤnnen, und daß ſie zugleich die höchſten Zinſe gewährt, die Sie irgendwo erhalten können. „Der Stand der Geſellſchaft iſt, wie ich das aus der ſicherſten Quelle habe (unterſtreichen Sie das), folgender: „Das unterzeichnete und bona fide Capital beträgt fünf Millionen Pfund Sterling. „Der Verwaltungsausſchuß iſt Ihnen nicht unbe⸗ kannt. Ich brauche nichts hinzu zuſetzen, als daß das geſchäftsführende Mitglied deſſelben Herr John Brough, Eſq., vom Handelshauſe Brough und Hoff iſt. Mitglied des Parlaments und ein Mann, deſſen Namen in der Altſtadt von London einen ſo guten Klang hat, als der Herrn Rothſchild's. Sein eigenes Vermoͤgen belauft ſich, wie ich beſtimmt weiß, auf eine halbe Million und der letztmalige Antheil am Gewinn für die Aktionäre des J. W. Diddleſer⸗Vereins betrug 6 ½ Prozent per Jahr.“ Gch wußte, daß dies die von uns bekannt gemachte Dividende war). „Wiewohl die Aktien auf dem Geldmarkt ſehr hoch ſtehen, ſo haben dennoch die vier erſten Commis das Vor⸗ recht, über eine gewiſſe Anzahl derſelben, im Werth von fünftauſend Pfund ein Jeder, al pari zu verfügen, und wenn Sie, theuerſte Tante, für zweitauſend fünfhundert Pfund nehmen wollten, ſo hoffe ich, daß Sie mir erlau⸗ ben werden, unter Benutzung meines neuen Vorrechts, Ihnen das Anerbieten für die genannte Summe zu machen. „Laſſen Sie mich Ihre Willensmeinung in Betreff dieſer Sache unverzüglich wiſſen; denn ich habe bereits 63 ein Anerbieten für den ganzen Betrag meiner Aktien zum Marktpreiſe.“ „Das iſt aber nicht wahr, mein Herr,“ ſprach ich. „Es iſt wahr, Herr, ich will die Aktien nehmen, aber ich brauche Sie. Ich brauche ſo viel achtungs⸗ werthe Leute in den Verein, als ich zuſammenbringen kann. Ich brauche Sie, weil Sie mir gefallen, und ich genire mich nicht, Ihnen zu ſagen, daß ich eben ſo ſehr meine eigenen Abſichten dabei habe; denn ich bin ein ehrlicher Mann und ſage meine Meinung offen und will Ihnen auch ſagen, warum ich Sie brauche. Nach den Statuten des Vereins ſteht mir nur eine gewiſſe Anzahl Stimmen zu. Aber wenn Ihre Tante Aktien nimmt, ſo erwarte ich — ich nehme keinen Anſtand, es zu ſagen — daß ſie mit mir ſtimmen werde. Verſtehen Sie mich jetzt? Mein Plan geht dahin, das Factotum des Ver⸗ eins zu werden, und bin ich es einmal, ſo ſoll unſre An⸗ ſtalt die vornehmſte ſein, die jemals in der Stadt London beſtanden hat.“ n Ich ſchloß alſo den Brief und ließ ihn bei Herrn Brough, um ihn frei zu machen. Am folgenden Tag erhielt ich meinen Platz am Pulte des dritten Büchhalters, wohin mich Herr Brough ein⸗ führte und zugleich an das Perſonal ein Rede hielt, zum Verdruß der Andern, die darüber murrten, in Anbetracht ihrer Dienſtleiſtungen, wiewohl in dieſem Punkt kein großer Unterſchied zwiſchen uns obwaltete. Die Geſellſchaft be⸗ ſtand ja erſt ſeit drei Jahren und der älteſte Schreiber halbes Jahr länger auf dem Comptvir geweſen als „Sehen Sie ſich wohl vor,“ ſagte der mißgünſtige Mac Whirter zu mir. „Haben Sie Vermögen oder iſt irgend ein Verwandter von Ihnen reich, oder im Begriff, ſein Geld in das Geſchäft zu ſtecken?“ Ich hielt es nicht für nöthig, ihm zu antworten, ſondern nahm eine Priſe von ihm und war ſiets artig 64 gegen ihn, und ich kann nicht anders ſagen, als daß er immer ſehr ordentlich gegen mich war. Was Auguſt Hof⸗ kins betrifft, ſo fing der an, mich wie ein höheres Weſen zu betrachten, und ich muß ſagen, daß auch das übrige Perſonal ſich ſehr ſchön bei der Sache benahm. Sie ſag⸗ ten, wenn je Einer vorzugsweiſe über die Andern hätte hinaufrücken müſſen, ſo würden ſie auf keinen Andern als mich geſtimmt haben; denn ich hatte nie Einem Etwas zu Leid gethan, im Gegentheil Mehreren von ihnen kleine Gefälligkeiten erwieſen. „Ich weiß,“ ſagte Abednego, „wie Sie zu der Stelle gekommen ſind. Ich bin es, der Ihnen dazu verholfen hat. Ich erzählte Brough, daß Sie ein Vetter von Pre⸗ ſton, dem Lord der Schatzkammer ſeien, daß Sie von ihm Wildpret bekommen und ſo weiter. Ich ſtehe Ihnen dafür, er erwartet, daß Sie ihm nach dieſer Seite hin irgendwie nützlich ſein können.“ Ich finde das nicht ganz unwahrſcheinlich, was Abed⸗ nego behauptete, weil unſer Alter, wie wir ihn hießen, oft mit mir von meinem Vetter ſprach, und ſagte, ich ſolle für unſer Inſtitut im Weſtend der Hauptſtadt zu wirken ſuchen und machen, daß ſo viel Edelleute als im⸗ mer möglich, ſich bei uns verſichern u. ſ. w. Vergebens ſtellte ich ihm vor, daß ich keinen Einfluß auf Herrn Preſton hätte. „Bah, bah!“ ſagte Brough, „machen Sie mir vas nicht weiß. Man ſchickt Ihnen keine Wildpretſchlegel für Nichts und wieder Nichts.“ Ich bin überzeugt, er hielt mich für einen ſehr klugen und geſcheidten Kerl, weil ich nicht mit meiner vornehmen Familie großthat und meine Verbindung mit ihnen geheim hielt. Freilich hätte er die Wahrheit von Auguſt erfahren können, welcher bei mir wohnte; allein dieſer behauptete ſteif und feſt, daß ich mit dem ganzen Adel auf dem intimſten Fuß ſtünde, und ein Hinſicht meiner noch zehn Mal ärger als „ 65 Bei den Mitgliedern unſers Bureau hieß ich nur der „Weſtender.“ Sieh einmal, dachte ich bei mir ſelber, was Du ſchon Alles davon gehabt haſt, daß Dir Tante Hoggarty die Diamantbroſche gab! Welch ein Glück, daß ſie Dir kein Geld gegeben, wie ich von ihr erwartet hatte. — Hätle ich die Broſche nicht gehabt; — ja, hätte ich ſie zu einem andern Juwelier getragen als zu Polvnius: ſo hätte Lady Drum niemals ſich um mich bekümmert; hätte Lady Drum ſich nicht um mich bekümmert, ſo hätte auch Herr Brough nichts nach mir gefragt, und ich wäre nimmermehr dritter Buchhalter bei der Weßdiddleſex⸗Anſtalt geworden. Voll von dieſem Gedanken ſchrieb ich noch an dem⸗ ſelben Abend, wo ich meine Anſtellung erhalten, an meine liebe, theure Marie Smith, um ihr zu melden, daß ein „gewiſſes Ereigniß,“ auf das eines von uns beiden ſehn⸗ ſüchtig harrte, bälder eintreten könnte, als wir es erwar⸗ tet hätten. Und hatte ich nicht Recht? Fräulein Mariens eigenes Vermögen trug jährlich 70 Pfund, das meinige 150; und es war längſt feſt unter uns beſchloſſen, daß wir uns heirathen würden, ſobald wir 300 Pfund Ein⸗ kommen hätten. Ach! dachte ich, wenn ich nur jetzt nach Somerſetfhire gehen könnte, ich dürfte herzhaft vor des alten Smith's Thüre kommen — Er war ihr Großvater, ein Schiffslieutenant auf halbem Sold — ich dürfte herz⸗ haft ankiopfen und meine liebe Marie in ihrem Hauſe beſuchen, und hätte nicht mehr noöthig, hinter Heuſchobern mich zu verſtecken, um zu warten, bis ſie kam, vder nächtlicher Weile mit Steinen an ihr Fenſter zu werfen. Meine Tante gab mir nach einigen Tagen eine ſehr gnädige Antwort. Sie hätte ſich noch nicht ganz ent⸗ ſchloſſen, auf welche Art ſie ihre 8000 Pfund anlegen wollte; würde aber mein Anerbieten in Erwägung ziehen und bäte mich, meine Aktien noch eine kleine Weile zurück zu behalten, bis ſie ſich entſchieden haben würde. Lhaderay, Samuel Citmarſh. 5 66 Was thut nun Herr Brough? — Ich habe vas erſt ſpäter, im Jahr 1830, nachdem er und der Weſtdiddleſer⸗ Verein mit einander längſt ein ſchlechtes Ende genommen, in Erfahrung gebracht, wie er es gemacht hatte. „Wer ſind die Anwälte in Slopperton?“ fragte er mich ganz unbefangen. . „Herr Ruck,“ war meine Antwort, „iſt der Rechts⸗ anwalt der Tory, die Herren Hodge und Smithers ſind die Liberalen. Ich kannte ſie ſehr gut; denn es verhielt ſich ſo damit: ehe Marie Smith in unſre Gegend kam, war ich für Fräulein Hodge mit ihren langen, goldnen Locken ſehr eingenommen. Aber bald wurde ſie von Marie ganz und gar ausgeſtochen.“ 5 welcher politiſchen Meinung ſeid Ihr zuge⸗ than?“ „Nun, mein Herr, wir find Liberale.“ Ich genirte mich nicht wenig, das zu ſagen, denn Brough war ein eingefleiſchter Tory. Hodge und Smithers iſt jedoch ein ſehr achtungswerther Name. Ich brachte von ihnen ein Paquet mit an Hickſon, Diron, Paxron und Jackſon un⸗ F Rechtsanwälte, die ihre Londoner Correſpondenten nd. Herr Brough ſagte bloß hierauf: „So, wirklich?“ und ſprach nicht weiter von der Sache, ſondern bewun⸗ verte meine Diamantbroſche über die Maßen. . „Lieber, guter Titmarſh,“ fing er an, „ich habe ein junges Fräulein in Fulham, die werth iſt, daß Sie ſie anſehen, ich verſichere Sie; ſie hat von ihrem Vater ſo viel von Ihnen gehoͤrt — ich läugne es nicht, mein Freund, ich mag Sie recht wohl leiden — daß ihr recht ſehr darum zu thun iſt, auch Ihre Bekanntſchaft zu machen. Wie wäre es, wenn Sie einmal auf acht Tage zu uns hinunter kämen? Abednego würde Ihre Geſchäfte in dieſer Zeit verſehen.“ „Sie find wirklich nnendlich gütig, mein Herr,“ ant⸗ wortete ich. 67 „Nun, Sie kommen alſo; ich hoffe mein Claret ſoll Ihnen ſchmecken. Doch hören Siel mein Beſter, ich meine, Sie ſeien nicht elegant — nicht gut genug ge⸗ kleidet. Verſtehen Sie mich“ „Ich habe einen hlauen Frack mit Goldknöpfen.“ „Was! denſelben, wo die Taille faſt zwiſchen den Schultern ſitzt, den Sie neulich auf dem Balle an hatten, welchen meine Frau gab?“ (Er war zwei Jahre zuvor auf dem Lande gemacht worden und der Leib daran war zu hoch.) „Nein, nein, das geht nicht. Laſſen Sie ſich neue Kleider machen — zwei neue Anzüge, Herr!“ „Aufrichtig geſtanden,“ erwiederte ich, „das Geld geht bei mir ſehr knapp zuſammen dieſes Vierteljahr und ich kann mir noch lange nichts Neues anſchaffen.“ „Ah! Pah! laſſen Sie ſich das nicht anfechten. Hier haben Sie eine Zehnpfundnote. Doch es fällt mir ein, Sie könnten ebenſo gut zu meinem Schneider gehen. Ich will mit Ihnen hinfahren und die Rechnung ſoll Ihnen keine Sorge machen, lieber, guter Junge!“ Und richtig fuhr er mit mir in ſeinem großen Wagen mit Vieren zu Herrn von Stiltz in der Cüffordſtraße. Dieſer nahm mir das Maaß und ſchickte mir zwei der ſchönſten Röcke, die man ſehen kann, einen Staatsfrack und einen Ueberrock, Sammetweſte, ſeidene ditto; drei Paar Bein⸗ kleider, Alles ganz vorzüglich gemacht. Brough hieß mich auch Stiefel (ſtatt meiner Blücher's) und Tanzſchuhe nebſt ſeidenen Strümpfen für die Abendgeſellſchaften mir anſchaffen. Und wie die Zeit herbeikam, wo ich nach Fulham gehen ſollte, da hatte ich wirklich das elegante Aeußere eines jungen Lords und Auguſt ſagte, der feinſte Modeherr brauche ſich meiner nicht zu ſchämen. Mittlerweile war folgender Brief an Hobge und Smithers gekommen: 68 Ram Alley, Cornhill, London Geehrte Herren! Juli 1822. Da dieſer Theil Privatangelegenheiten, bezüglich auf die Rechtsfälle von Dixon contra Haggerſtony, Snodgras contra Rubbidge und Conſorten, betrifft, ſo muß ich ihn weglaſſen. „Ferner erhalten Sie noch eine Anzahl Exemplare von dem gedruckten Plan der J. Weſt⸗Divdleſer Feuer⸗ und Lebens⸗Verſicherungs⸗Geſellſchaft, deren Sachwalter wir in London zu ſein die Ehre haben. Wir haben Ihnen voriges Jahr geſchrieben und Sie erſucht, die Agentur in Slopperton und Sommerſet für dieſelbe anzunehmen und lebten ſeither der Hoffnung, daß durch Ihre gefällige Vermittelung entweder Aktien genommen werden oder Verſicherungen bei uns zu Stande kommen würden. „Das Geſellſchafts⸗Kapital beträgt, wie Sie wiſſen, fünf Millionen Pfund Sterling (ſage 5,000,000 Pfund). Auch find wir in der Lage, unſern Agenten vom Stande der Rechtsanwälte mehr als die gewöhnliche Commiſſions⸗ gebühr anbieten zu können. Mit Vergnügen bewilligen wir eine Prämie von 6 Procent von Aktien im Belauf von 1000 Pfund und 6 ½ Procent über 1000 Pfund, welche augenblicklich, ſobald die Aktien genommen ſind, ausbezahlt wird. „Ich verbleibe, geehrte Herrn, in meinem und meiner Genoſſen Namen „Ihr ganz ergebenſter „Samuel Jackſon.“ Dieſer Brief kam, wie geſagt erſt nach einiger Zeit mir zu Handen. Im Jahr 1822 wußte ich nichts da⸗ von, als ich in meinen neuen Kleidern mich auf den Weg machte, um acht Tage in der Rookery zu Fulham, dem Wohnſitz von John Brough, Eſg. M. P. zu verleben. 69 Siebentes Rapitel. Samuel Titmarſh erſteigt den höchſten Gipfel des Glücks. Wenn ich George Robin's Feder hätte, vermöchte ich eine gehörige Beſchreibung der Rookerh zu geben. So muß ich mich aber begnügen zu ſagen, daß es ein ſehr ſchöner Landſitz iſt, mit ſanft an den Fluß hinab ſich ſenkenden Geländen, hübſchem Buſchwerk, Gewächshäuſern, guten Stallungen, Nebengebäuden, Küchengarten und Allem, was zu einem Rus in urbe erſter Claſſe gehört, wie der genannte Auctionär dieſelbe nannte, als er einige Jahre ſpäter ſie im Aufſtreich verkaufte. Ich kam an einem Sonnabend, eine halbe Stunde vor dem Eſſen an. Ein ernſthaft ausſehender Mann ohne Livree wies mich auf mein Zimmer. Ein Diener in cho⸗ koladefarbigem Rock mit goldnen Borden und Brough's Wappen auf den Knöpfen, brachte mir eine ſilberne Kanne mit warmem Waſſer zum Raſiren in einer Schüſſel und um ſechs Uhr war große Tafel, bei welcher ich die Ehre hatte in dem neuen Staatsfrack und meinen neuen Schu⸗ hen und ſeidenen Strümpfen zu erſcheinen. Als ich eintrat, nahm mich Brough bei der Hand und ſtellte mich ſeiner Frau, einer ſtattlichen Figur mit blonden Haaren in hellblauem Atlaskleid, hierauf ſeiner Tochter vor, einem Mädchen von etwa achtzehn Jahren, von malitiöſem Ausſehen, ſchwarzen Augen und buſchigen Augbraunen, einem langen, mageren Gewächſe. „Meine liebe Belinda,“ ſprach ihr Vater, „dieſer junge Herr iſt auf meinem Comptoir und war neulich auf unſerm Ball.“ „So, wirklich?“ erwiederte Belinda, den Kopf vor⸗ nehm in die Höhe hebend. 70 „Aber kein gemeiner Commis, Fräulein Belinda, Du wirſt daher ſo gut ſein und Dein Vornehmthun gegen ihn bleiben laſſen. Es iſt ein Neffe der Gräfin Hrum und ich hoffe, daß er hald eine hohe Stellung in unſerem Geſchäft, wie in der Cith von London, einnehmen werde.“ Beim Namen der Gräfin Drum — ſchon zwanzig Mal hatte ich den Irrthum wegen unſrer Verwandtſchaft berichtigen müſſen — machte Belinda eine tiefe Verbeu⸗ gung, ſah mich ſtarr an und ſagte, ſie werde allem auf⸗ bieten, daß es einem Freunde ihres Vaters bei ihnen in der Rookery gefalle. „Wir haben heute nicht viel Monde,“ fuhr ſie fort, „und find bloß in petit comité; ich hoffe aber, Sie werden, ſo lange Sie hier ſind, einige Sociéts ſehen, die Ihnen Ihren Sejour angenehm machen wird.“ Ich ſah auf einmal, daß es ein Mädchen nach der großen Welt war, weil ſie ſolche franzöſiſche Brocken im Mund führte. „Iſt ſie nicht ein artiges Mädchen?“ flüſterte Brough mir zu, und man ſah es ihm deutlich an, daß er ſo ſtolz auf ſie war, als nur möglich. „Iſt es nicht ein nettes Mädchen — he, Sie Teufelskerl!? Finden Sie auch ſolche Bildung in Somerſetſhire?2“ „Nein, mein Herr, auf mein Wort!“ antwortete ich pfiffig; denn ich hatte die ganze Zeit daran gedacht, daß eine gewiſſe Perſon tauſendmal ſchöner, einfacher, wahr⸗ haft vornehmer ſei. „Und wie hat meine liebe Tochter ihren Tag zuge⸗ bracht?“ fragte ihr Papa. . „Oh, Papa, ich habe die Harfe ein wenig pincé u Fitzgig's Flötenſpiel. Nicht wahr, Kapitän Der ehrenwerthe Kapitän Fitzgig ſagte: „Ja, Brough, Ihre ſchöne Tochter hat die Harfe pincirt, und das Piano touchirt, und auf der Guitarre egratignirt, und ein Paar Lieder ecorchirt; und wir haben uns das Ver⸗ ⸗ 71 gnügen einer promenade à l'eau — einer Waſſerpro⸗ menade gemacht.“ „Was, Kapitän!“ rief Frau Brough, „eine Pro⸗ menade zu Waſſer?“ „Stille, Mama, Sie verſtehen nicht Franzöſiſch,“ ſagte Fräulein Belinda ſpöttiſch. „Es iſt ein arger Uebelſtand, Madam,“ ſagte Fitz⸗ gig vollen Ernſtes; „und ich empfehle Ihnen und unſerm Brough da, die Sie in der großen Welt leben, Stunden darin zu nehmen oder zum wenigſten einige Dutzend Phra⸗ ſen einzulernen, die Sie dann im Sprechen hie und da anbringen. Ich denke, Sir, man ſpricht es gewöhnlich auf Ihrem Bureau, oder wie Sie es heißen?“ und Fitz⸗ gig nahm ſeine Lorgnette vor und begaffte mich. „Wir ſprechen Engliſch, Herr,“ ſagte ich, „das wir beſſer können als Franzöſiſch.“ „Es hat nicht Jedermann ſo gute Gelegenheit ge⸗ habt wie Sie, Fräulein Brough,“ fuhr der Kapitän fort. „Es iſt nicht Jedermann voyagé gleichwie nous autres, müſſen Sie wiſſen. Mais que voulez vous, mein lie⸗ ber Herr, Sie müſſen über Ihren verwünſchten Rech⸗ nungsbüchern und all dem Zeugs ſitzen; was heißt „Rechnungsbuch“ auf franzoſiſch, Fräulein Belinda?“ „Wie können Sie mich ſo Etwas fragen? Ich weiß es nicht, verſteht ſich.“ „Du ſollteſt es aber lernen, Belinda,“ ſagte ihr Vater. „Die Tochter eines brittiſchen Kaufmanns braucht ſich nicht an der Weiſe zu ſchämen, wie ihr Vater ſein Brod erwirbt. Ich ſchäme mich deſſen nicht, ich bin nicht hochmüthig. Wer Brough kennt, weiß, daß er noch vor zehn Jahren ein geringer Commis war, wie hier unſer Freund Titmarſh, und daß er jetzt eine halbe Million be⸗ ſitzt. Iſt einer im Parlament, auf den man beſſer hört, als auf John Brough? Gibt es einen Herzog im Land, der ein flotteres Eſſen geben kann als John Brough, oder der ſeiner Tochter mehr mitgeben kann als ich? Ja, 72 Sir, der geringe Mann, den Sie hier vor ſich haben, könnte wohl manchen deutſchen Fürſten auskaufen. Aber ich bin nicht ſtolz, nein, gewiß nicht. Da ſitzt meine Tochter, ſehen Sie ſie an — wenn ich heute ſterbe, erbt ſie mein ganzes Vermögen. Aber bin ich darum ſtolz 2 Nein. Wer ihr gefällt, der kann ſie heirathen, das ſag' ich. Sind Sie's, Herr Fitzgig, der Sohn eines Pairs von England, oder Sie, Wilhelm Tidd. Sei es ein erz oder ein Schuhputzer, mir iſt alles eins — all eines.“ „Oh! Oh!“ ſeußzte ein junger Mann von ſehr blaſſem Ausſehen, mit ſchwarzem Halsband ſtatt eines Tuches und umgebogenem Hemdekragen à 13 Lord Byron. Er ſtand mit dem Rücken an den Kaminſims gelehnt und ward nicht müde, aus ſeinen großen, grünen Augen zärtliche Blicke nach Fräulein Belinda zu werfen. Es war niemand anders, als der kaum genannte Wilhelm Tidd. „Oh, John, mein lieber John!“ rief Frau Brough, indem ſie ihrem Gemahl die Hand küßte, „Du biſt ein Engel, das biſt Du.“ „Iſabella, ſchmeichle mir nicht ſo; ich bin ein ehr⸗ licher, einfacher, ſchlichter Bürgersmann und bin kein bischen ſtolz, außer auf Dich und meine Tochter hier — meine beiden Bellen, wie ich Euch nenne. So iſt unſer Leben zuſammen, lieber Freund Titmarſh. Unſer Haus iſt ein glückliches, beſcheidenes, und das iſt Alles. Iſa⸗ belle, laß meine Hand los.“ „Mama, Sie müſſen das nicht vor den Leuten thun;z es iſt abſcheulich,“ kreiſchte Fräulein Belinda und Mama ließ ruhig ſeine Hand fahren und aus ihrer gro⸗ ßen Bruſt machte ſich ein ſchwerer, tiefer Seufzer Luft. An dieſem einfachen Weib empfand ich das größte Wohlgefallen und nicht geringere Achtung vor Brough. Ein Mann, der von ſeiner Frau ſo geliebt wurde, konnte nicht ſchlecht ſein. 73 Das Eſſen wurde aufgetragen und ich hatte die Ehre, Fräulein Belinda ins Speiſezimmer zu führen; ziemlich böſe, wie mir ſchien, ſah ſie ſich nach Kapitän Fitzgig um, weil dieſer ihrer Mutter den Arm gereicht hatte. Er ſaß der Frau Brough zur rechten Hand und das Fräulein ließ ſich geräuſchvoll auf den Sitz neben ihm nieder. Ich und Tidd durften gegenüber unſre Plätze einnehmen. Das erſte Gericht war Steinbutte und Suppe, das zweite natürlich ein geſottener welſcher Hahn. — Ich möchte nur wiſſen, für was der geſortene welſche Hahn immer und ewig bei allen großen Diners? — Es war wirkliche Schildkrötenſuppe und die erſte, die ich in mei⸗ nem Leben koſtete. Auch bemerkte ich, wie Frau Brough, die ſichs nicht nehmen ließ, ſolche vorzulegen, alle grünen Fettklümpchen ihrem Manne gab und verſchiedene Stücke von der Bruſt des Truthahns mit Fleiß zu unterſt hin⸗ legte, bis an ihn die Reihe käme. „Ich bin ein ſchlichter, einfacher Mann,“ ſagte John „und ſo iſt auch mein Tiſch. Ich mag Euer närriſches künſtliches Gemengſel nicht, ob ich gleich einen franzöſiſchen Koch halte um Derentwillen, die nicht meinen Geſchmack haben. Ich bin kein Egoiſt, ſehen Sie; habe auch keine Vorurtheile und das Fräulein hier bekommt ihre Becha⸗ mels und dergleichen Zeugs wie ſie ſie mag. Kapitän, verſuchen Sie einmal den Volly Vong.“ Wir hatten Champagner die Fülle und alten Ma⸗ deira, und große ſilberne Kannen Porterbier, für die, welche Liebhaber waren. Brough namentlich that groß damit, daß er Bier trank und ſagte nach Entfernung der Damen: „Ihr Herren, Tiggins wird Ihnen Wein geben, ſo viel Sie noch trinken moͤgen. Sie brauchen ſich nicht zu geniren.“ Damit ſetzte er ſich in ſeinen Sorgenſeſſel, und ſchlief ein. „Das iſt ſo ſeine Gewohnheit,“ flüſterte Tidd mir zu. „Tiggins, holen Sie uns ein Paar von den gelbge⸗ 74 ſiegelten Flaſchen,“ ſprach der Kapitän. „Der andere Claret, den wir geſtern hatten, iſt ſchwer geworden und bekommt mir hoͤlliſch übel.“ Ich muß ſagen, mir ſchmeckte der Gelbgeſiegelte viel beſſer als meiner Tante Hoggarty Roſolio. Ich fand bald, was an dem Herrn Tidd war und wornach ſich ſein Herz ſehnte. „Iſt es nicht ein herrliches Geſchoͤpf?“ ſagte er zu mir. „Wer, mein Herr?“ fragte ich. „Fräulein Belinda, wer ſonſt?“ rief Tidd aus. Hat je ein Sterblicher in Augen geblickt, wie die ihrigen oder eine ſylphenhaftere Geſtalt geſchaut?“ „Sie dürfte etwas beleibter ſein, Herr Tidd,“ ſagte der Kapitän, „auch ſind ihre Augenbraunen etwas zu groß. Es ſieht nicht gut aus an einem Mädchen, ſo fin⸗ ſtere Augenbraunen. Qu'en dites vous, Herr Titmarſh? wie Fräulein Brough ſagen würde.“ „Ich meine, es iſt ganz vortrefflicher Claret,“ ant⸗ wortete ich. „Bei Gott! Sie ſind einmal Einer vom rechten Schlag,“ ſagte der Kapitän. Volto sciolto, he? Sie geniren ſich vor unſerm ſchlafenden Wirth dort?“ „Das thu' ich freilich. Er iſt der erſte Mann in der City und mein Vorgeſetzter.“ „Auch ich reſpektire ihn,“ ſagte Tidd, „und von heute über vierzehn Tage, wenn ich volljährig bin, werde ich auch mein Zutrauen zu ihm beweiſen.“ „Wie ſo?“ fragte ich. „Nun, Herr, Sie müſſen wiſſen, daß ich auf den 14. Juli in den Beſitz eines nicht unbeträchtlichen Vermögens gelange, das mein Vater erworben hat — durch ſein Geſchäft.“ „Tidd, ſagen Sie lieber gleich, daß er ein Schneider „Er war ein Schneider. Aber was thut das 2 36h —,.— war —.— 75 habe ſtudirt und denke wie ein Gentleman, eben ſo gut oder vielleicht noch mehr, als manches Mitglied einer ver⸗ rotteten Adelsklaſſe.“ „Tidd, ſein Sie nicht ſo ſtreng,“ ſagte der Kapitän, indem er ſein zehntes Glas zum Mund führte. „Ja, Herr Titmarſh, ſobald ich volljährig bin, trete ich ein nicht unbedeutendes Vermögen an und Herr Brough iſt ſo gütig geweſen und hat geſagt, er könne mir von meinen zwanzigtauſend Pfunden jährlich zwölfhundert Pfund verſchaffen und da habe ich verſprochen, ſie bei ihm anzulegen.“ „In der Weſididdleſer Anſtalt, Herr?“ fragte ich — „bei unſerem Verein?“ „Nein, hei einer anvern Geſellſchaft, deren Vorſtand ebenfalls Herr Brough iſt und die gerade ebenſo gut iſt. Brough iſt ein alter Freund unſeres Hauſes, Herr! und ich bin bei ihm ſehr gut angeſchrieben; er ſagt, mit meinen Talenten müſſe ich in's Parlament und dann — und dann! wenn ich mein Vermögen angelegt habe, könnte ich mich nach einer Frau umſehen. Verſtehen Sie mich?“ „Oh! Sie Exzſchelm!“ ſagte der Kapitän. „Wenn ich Sie allemal in der Schule durchprügelte, wer hätte ſichs da einfallen laſſen, daß ich auf einen künftigen Staatsmann losdräſche?“ „Schwatzt nur zu, Kinder!“ ſagte Brough von ſei⸗ nem Schläfchen erwachend. „Ich ſchlafe doch nicht recht und hore Alles. Ja, Sie müſſen ins Parlament, Tidd, Sie find der Mann dazu, oder ich will nicht Brough heißen! Sie müſſen ſechs Procent von Ihrem Geld er⸗ halten oder Sie ſollen mich einen Lügner heißen. Was aber meine Tochter betrifft, ſo fragen Sie die und nicht mich. Sie voder der Kapitän oder Titmarſh kann ſie haben, wenn Ihr ſie kriegen könnt. Was ich von mei⸗ nem Schwiegerſohn verlange, iſt bloß, daß er ein ehren⸗ hafter, verſtändiger Mann ſei, wie Ihr alle Drei es ſeid.“ Tidd machte hiezu ein ſehr pfiffiges Geſicht. Als 76 unſer Wirth ſich wiederum auf die Seite legte, um ſeln Schläfchen fortzuſetzen, deutete er ſchelmiſch auf ſeine Augenbraunen und ſchüttelte den Kopf gegen den Kapitän. „Bah!“ ſagte dieſer, „ich ſpreche wie ich denke. Sie können es dem Fräulein wieder ſagen, wenn Sie wollen.“ Hiemit endigte dieſe Unterhaltung, da wir zum Kaffee gerufen wurden. Als dieſer eingenommen war, ſang der Kapitän und Fräulein Brough Einiges miteinander, Tidd liehäugelte bloß mit ihr und ſprach kein Wort, während ich die Kupferſtiche an der Wand betrachtete und Frau Brough daſaß und für die Armen Strümpfe ſtrickte. Der Kapitän verſpottete das Fräulein frei heraus wegen ihres affektirten Weſens und Redens. Allein ſeines rück⸗ ſichtloſen Benehmens und ſeines herriſchen Schreiens un⸗ geachtet ſchien das Fräulein große Achtung vor ihm zu haben und ſeinen Hohn mit vieler Sanftmuth hinzunehmen. Um zwölf Uhr ritt er fort nach ſeiner Kaſerne in Knightbridge und Tidd und ich begaben uns auf unſre Zimmer. Der folgende Tag war ein Sonntag, an wel⸗ chem uns eine große Glocke um acht Uhr weckte. Um neun Uhr verſammelte ſich Alles im Frühſtückzimmer. Brough las hier Gebete und ein Kapitel aus der Bibel vor und knüpfte daran eine Ermahnung an uns und ſämmtliche Hausgenoſſen, Monſieur Nongtongpaw, den franzöſiſchen Koch ausgenommen, den ich von meinem Platze aus in ſeiner weißen Mütze, mit einer Cigarre im Mund, in den Gartenanlagen umherſpazieren ſah. An den Wochentagen fand derſelbe Akt pünktlich um acht Uhr Statt. Jeden Morgen verſammelte Brough ſo die Seinigen zum Gebet. Allein trotzdem daß dieſer Mann ein Scheinheiliger war, wie ich in der Folge erfuhr, möchte ich den Hausgottesdienſt keineswegs verwerfen oder Brough deßhalb für ſcheinheilig erklären, weil er ihn hielt. Es gibt viele gute und boſe Menſchen, die über⸗ haupt keiner häuslichen Andacht pflegen; ich bins aber gewiß, daß die Guten dadurch nur um ſo beſſer würden 77 und fühle keinen Beruf dazu, die Frage in Bezug auf die Schlechten zu entſcheiden. Deßhalb habe ich auch die religiöſe Seite in Broughs Bezeugen großtentheils unbe⸗ rührt gelaſſen. Nur ſo viel will ich ſagen; er hatte die Religion ſtets auf den Lippen, ging jeden Sonntag drei⸗ mal zur Kirche, wenn er keinen Beſuch hatte, und ob er auch mit uns nichts von Religion ſprach, wenn wir allein waren, ſo hatte er doch bei gewiſſen Gelegenheiten viel davon zu reden. Ich war einmal deſſen Zeuge, als einige Quäcker und andere Diſſenters bei uns ſpeisten, wo Herr Brough ſo ſalbungsvoll als irgend einer der anweſenden Geiſtlichen ſprechen konnte. Tidd war damals nicht an⸗ weſend — denn er ließ ſich durch nichts bewegen, ſeiner Cravatte à la Byron oder ſeinem umgebogenen Hemd⸗ kragen zu entſagen. Man ſchickte ihn daher in ſeinem Aufzug in Aſtley's Theater. „Und hören Sie, lieber Freund Titmarſh,“ ſagte er, „laſſen Sie Ihre Diamant⸗ broſche heute droben. Unſre Freunde lieben ſolchen Flit⸗ terſtaat nicht und wenn ich ſchon für meinen Theil kein Feind unſchuldiger Zierrath bin, möchte ich doch das Ge⸗ fühl derjenigen nicht verletzen, welche ſtrengere Grund⸗ ſätze haben. Sie werden ſehen, auch meine Frau und Tochter werden ſich nach meinen Wünſchen in dieſer Be⸗ ziehung richten.“ Und wirklich war es ſo — beide kamen zum Eſſen in ſchwarzen Ueberröcken und in Halskrägen, während das Fräulein ſonſt gewöhnlich die Schultern halb entblößt trug. Der Kapitän ritt öfters zum Beſuche herüber und Belinda ſchien jedesmal über ſeine Ankunft hocherfreut. Einmal begegnete ich ihm, da ich allein am Fluſſe ſpa⸗ zieren ging und es begann eine lange Unterhaltung zwi⸗ ſchen uns. „Herr Titmarſh,“ ſing er an, „ich kenne Sie zwar erſt ſeit Kurzem, aber ich halte Sie für einen ehrenhaften, rechtlichen jungen Mann, und möchte gern einigen Auf⸗ ſchluß erhalten, den Sie mir geben können. Vor allem 78 ſagen Sie mir gefälligſt — mein Ehrenwort darauf, daß es unter uns bleiben ſoll! — wie es mit Ihrer Verſiche⸗ rungsgeſellſchaft ſteht? Sie ſind in der Altſtadt und ſehen, wie die Geſchäfte gehen. Iſt Ihr Geſchäft ein ſolides?“ „Mein Herr,“ antwortete ich, „aufrichtig geſprochen, auf meine Ehre ich glaube ſo. Es beſteht zwar erſt ſeit vier Jahren, allein Herr Brough hatte bei deſſen Grün⸗ dung einen großen Namen und ausgebreitete Verbindun⸗ gen. Jeder auf dem Comptoir Angeſtellte hat allerdings gewiſſermaßen ſeinen Platz bezahlt, indem er entweder ſelbſt oder deſſen Verwandte Aktien genommen haben. Ich erhielt meine Stelle dadurch, daß meine Mutter, die eine arme Frau iſt, eine geringe Summe Geldes, das uns zufiel, zum Ankauf einer Leibrente für ſich ſelbſt, und um mich verſorgt zu wiſſen, verwendet hat. Die Sache iſt in unſrer ganzen Familie und von den Herrn Hodge und Smithers unſern Rechtsanwälten, die von der vortheil⸗ hafteſten Seite in unſrer Gegend bekannt ſind, berathen worden und man iſt einmüthig zur Ueberzeugung gelangt, daß meine Mutter mit ihrem Geld Nichts Beſſeres für uns Alle thun könne, als daſſelbe auf dieſe Art anzulegen. Brough allein beſitzt eine halbe Million im Vermögen und ſein Name iſt an ſich ſchon ein Heer. Ja noch mehr, ich habe erſt vor ein Paar Tagen einer Tante von mir, die ein anſehnliches Kapital baar daliegen hat und mich wegen der Anlegung deſſelben befragte, geſchrieben, daß ſie es unſrer Anſtalt geben ſolle. Das iſt doch wohl ein hinreichender Beweis, daß ich keinen Zweifel in ihre Zah⸗ lungsfähigkeit ſetze.“ Brough Sie auf irgend eine Art zu überreden geſucht?“ „Es iſt wahr, er hat mit mir geſprochen, allein ſeine Gründe mir ehrlich geſagt und ſagt ſie uns allen ohne Rückhalt. „Er ſagt: Ihr Herrn, mein Zweck iſt, unſerm Inſtitut die größt mögliche Ausdehnung und Blüthe zu verſchaffen, und glle ähnliche Anſtalten in London zu er⸗ 79 vrücken. Unſre Bedingungen ſind günſtiger als die jeder andern Geſellſchaft und wir koͤnnen es aushalten, wenn ſie auch günſtiger ſind — und werden auf dieſe Art unſer Geſchäft vergrößern können. Allein wir ſelbſt müſſen auch dafür wirken. Jeder einzelne Theilhaber und Beamte des Vereins muß ſich regen und immer mehr Leute für uns werben — es thut nichts, wenn ſie auch mit noch ſo Wenigem betheiligt ſind — daß ſie überhaupt beitreten, vas iſt die Hauptſache. — Demgemäß müſſen alle Freunde und Domeſtiken unſers Direktors Aktien nehmen, ſogar ſein Portier dort iſt Aktionär; und wer mit ihm in Be⸗ rührung kommt, dem läßt er keine Ruhe, bis er ihn hat. Ich z. B. bin erſt kürzlich über meine Collegen hinauf in eine viel beſſere Stelle gerückt als die ich zuvor hatte, habe eine Einladung hieher empfangen und werde fürſtlich gehalten, und warum? Weil meine Tante dreitauſend Pfund beſitzt, welche ſie bei uns anlegen ſoll.“ „Das ſieht verdächtig aus, Herr Litmarſh.“ „Nicht im Mindeſten, Herr; er macht gar keine Heimiichkeit aus der Sache. Wenn die Frage auf die eine vder die andre Weiſe ihre Erledigung erhalten hat, wird Brough ſchwerlich noch weiter Notiz von mir neh⸗ men. Allein jetzt braucht er mich. Dieſe Stelle hat ſich rein zufällig gerade in einem Augenblick dargeboten, wo er mich brauchte, weil er hofft, durch mich meine Familie zu bekommen. So viel hat er mir geſagt, als wir mit⸗ einander herfuhren. „Sie ſind ein Mann von Welt, Tit⸗ marſh,“ waren ſeine Worte; „Sie wiſſen, daß ich Ihnen die Stelle nicht darum gab, weil Sie ein braver Menſch ſind und eine ſchöne Handſchrift haben. Hätte ich in dem Augenblick Ihnen Etwas geringeres anzubieten gehabt, ſo würde ich Ihnen nur das gegeben haben; allein ich heit keine Wahl und gab Ihnen daher, was ich gerade onnte.“ „Das iſt ehrlich genug. Doch was mag wohl die 80 Urſache ſein, daß Brough ſo gierig nach einer ſo geringen Summe, wie dreitauſend Pfund, haſcht?“ „Wären es zehn Pfund geweſen, er wäre um kein Haar weniger gierig darnach geweſen. Sie kennen die Altſtadt nicht und vie Leidenſchaft, mit welcher unſre gro⸗ ßen Männer auf dem Aktienmarkt varnach trachten, ihre Verbindungen zu erweitern. Glauben Sie ſicherlich, Brough würde einem Schornſteinfeger hofiren und ſchweifwe⸗ deln, wo es ſich um Geſchäfte handelt. Sie ſehen hier den armen Tidd mit ſeinen zwanzigtauſend Pfunden. Gerade auf dieſelbe Weiſe hat ihn unſer Direktor in Be⸗ ſchlag genommen. Er will alles Kapital haben, das er in ſeine Hände bekommen kann.“ „Ja, und nehmen Sie an, daß er mit dem Kapital durchgeht?“ „Herr Brough, vom Hauſe Brough und Hoff, Herr? Nehmen Sie an, daß die Bank von England durchgeht! Doch wir ſind beim Portier angekommen, und wollen Gates fragen, ein anderes Opfer von Brough.“ Wir traten ein und ſprachen mit dem Alten. „Nun, Mr. Gates,“ fing ich an und wollte nicht gleich mit der Thüre ins Haus fallen, „Sie werden wiſſen daß Sie einer von meinen Herrn bei der Weſididvleſer⸗ Anſtalt drinnen find?“ „Ja wohl,“ ſagte ſchmunzelnd der alte Gates, der in ſeinem Alter noch eine ſtarke Familie erzielt hatte. „Darf ich fragen, wie hoch ihre Gage ſich belauft, Herr Gates, daß Sie ſo viel aufſtecken und bei unſrer Geſellſchaft ſich einkaufen können?“ Er ſagte uns, wie piel er Lohn hätte und auf unſte Frage, ob er ihn immer richtig erhalte, ſchwur er hoch und theuer, ſein Gebieter ſei der gütigſte Herr von der Welt, habe zwei ſeiner Töchter in Dienſte gebracht, zwei ſeiner Knaben in Freiſchulen, laſſe einen ein Handwerk erlernen, und erzählte uns hundert andere Wohlthaten, die er von der Familie Brough genoſſen. Lady Brough 1 81 erhalte ſeine Kinder faſt ganz in Kleibern, der Herr gebe ihnen Winters warme Decken und Ueberroͤcke. So lange die Welt ſtehe, habe es keine beſſere und gutthätigere Leute gegeben, als ſie. „Nun, Herr Kapitän,“ frägte ich; „iſt Ihnen das noch nicht genug? Herr Brough ſchenkt dieſen Lenten fünfzig mal ſo viel als er von ihnen hat; und dennoch muß ſich Gates bei unſerem Verein betheiligen.“ „Herr Titmarſh,“ antwortete der Kapitän, „Sie ſind ein ehrlicher Menſch, und ich geſtehe, Ihre Gründe laſſen ſich hören. Jetzt ſagen Sie mir aber auch, wiſſen Sie über Fräulein Belinda und ihr Ver⸗ mögen?“ „Brough hinterläßt ihr einmal Alles miteinander — oder ſagt es wenigſtens.“ Der Kapitän muß jedoch bei dieſen Worten einen beſondern Ausdruck in meinem Geſicht bemerkt haben, denn lachend verſetzte er: „Ich glaube, mein Beſter, in Ihren Augen iſt ſie ſelbſt um dieſen Preis zu theuer. Gut, ich wüßte nicht, daß Sie ihr ſehr unrecht thäten.“ „Aber, Kapitän, — nehmen Sie mir nicht übel — warum ſtecken Sie alsdann immer bei ihr?“ „Herr Titmarſh,“ verſetzte der Gefragte, „ich habe zwanzigtauſend Pfund Schulden;“ damit ging er gerade⸗ wegs wieder ins Haus zurück und hielt um ſie an. Ich fand ein ſolches Betragen von ſeiner Seite ab⸗ ſcheulich und charakterlos. Er war durch Tidd, ſeinen ehemaligen Schulgenoſſen, bei der Familie Brough ein⸗ geführt worden, dafür wußte er den armen Tidd bei der reichen Erbin Lvöllig aus dem Sattel zu heben. Der Vater war wüthend und fluchte wirklich ſeiner Tochter — wie mir der Kapitän ſpäter erzählte — als er vernahm, daß dieſe ihm das Jawort gegeben. Endlich als er den Ka⸗ pitän ſah, nahm er ihm ſein Ehrenwort ab, daß die Brautſchaft noch einige Monate geheim gehalten werden Thackeray, Samuel Litmarſh. 6 82 müſſe. Der Kapitän vertraute es blos mir und ſeinen Tiſchlameraden an, wie er ſagte. Doch dieß war, nach⸗ dem Tidd ſeine zwanzigtauſend Pfund unſerm Prinzipal ausgehändigt, was er puͤnktlich that, ſobald er das Alter hatte. Auch hielt er noch am nämlichen Tage um das Fräulein an, bekam aber natürlich einen Korb. Jetzt begann man von der Verlobung des Kapitäns zu flüſtern, und alle ſeine hohen Verwandten, der Herzog von Don⸗ raſter, der Graf von Cinqbars, der Graf von Crabs u. ſ. w. beſuchten die Familie Brough; der ehrenwerthe Heinrich Ringwvod ward Aktionär der Geſellſchaft und der Graf von Crabs trug ſich an. Unſre Aktien ſtiegen weit über pari; unſer Direktor, ſeine Frau und Tochter wurden bei Hof vorgeſtellt und der große Weſtdiddleſex⸗ Verein hatte die ſchönſte Hoffnung, die erſte Verſicherungs⸗ Anſtalt im Lande zu werden. Sehr bald nach meinem Beſuche zu Fulham ſchrieb mir meine liebe Tante, daß ſie mit ihren Sachwaltern den Herren Hodge und Smithers ſich berathen und daß dieſe ihr dringend empfohlen hätten, ſie ſollte das fragliche Kapital meinem Rathe gemäß anlegen. Dieß war auch wirklich auf meinen Namen geſchehen, wobei ſie mir viele Komplimente wegen meiner Rechtſchaffenheit und Brauch⸗ barkeit machte, worüber ſie von Herrn Brough, wie ſie ſagte, die günſtigſten Nachrichten erhalten hatte. Zugleich meldete ſie mir, daß auf den Fall ihres Ablebens die Aktien mein eigen werden ſollten. Dieß gab mir ein großes Gewicht in der Geſellſchaft, wie man ſich denken kann. Bei unſrer nächſten Jahresverſammlung war ich als Aktieninhaber zugegen und hörte mit großem Ver⸗ gnügen eine vortreffliche Rede an, welche Brough hielt, der eine Dividende von ſechs Procent ankündigte, die uns allen baar ausbezahlt wurde. „Sie Schelm, Sie, was Sie doch für ein Glücks⸗ kind find!“ ſagte Brough zu mir; wiſſen Sie auch, war⸗ um ich Ihnen Ihre jetzige Stelle gegeben habe?“ 83 „Freilich, wegen des Geldes meiner Tante,“ war meine Antwort. „Keineswegs. Meinen Sie, es ſei mir um die lum⸗ pigen dreitauſend Pfund geweſen? Man ſagte mir, daß Sie der Neffe der Gräfin Drum ſeien, und Lady Drum iſt die Großmutter der Lady Johanne Preſton; und Herr Preſton iſt ein Mann, der uns unendlich viel nützen kann. Ich erfuhr, daß ſie Ihnen Wildpret, und der Teufel weiß was ſonſt noch, geſchickt hätten, und als ich ſah, wie Lady Johanne auf unſerm Ball Ihnen die Hand gab, und ſo freundlich mit Ihnen that, da glaubte ich Alles, was Abednego ſagte, wie ein Evangelium. Dieſes war der Grund, weshalb Sie die Stelle erhielten, müſſen Sie wiſſen, und nicht Ihre erbärmlichen dreitauſend Pfund. Ja, Herr, vierzehn Tage nachher, als Sie bei uns in Fulham geweſen, traf ich Preſton im Unterhauſe und that mir Etwas drauf zu gut, daß ich ſeinem Vetter die Stelle gegeben hätte. „Seien Sie mir ſtill von dem verfluchten Kerl,“ verſetzte er, „Er mein Vetter! — Ich glaube, Sie nehmen alles Geſchwätz der alten Drum für baare Münze? Sie hat einmal dieſe Manie. Bei jeder neuen Bekanntſchaft, die ſie macht, will ſie eine Verwandtſchaft heraushringen und natürlich geſchah das auch bei dem ſchuftigen Titmarſh!“ „Nun,“ ſagte ich lachend, „dieſer ſchuftige Titmarſh hat dadurch eine gute Stelle bekommen und der Fehler läßt ſich nicht mehr gut machen. Sie ſehen alſo,“ fuhr unſer Direktor fort, „daß Sie nicht dem Geld Ihrer Tante die Stelle verdanken, ſondern —“ „Sondern der Diamantbroſche meiner Tante!“ „Sie Teufelskerl können von Glück ſagen,“ erwiederte Brough, indem er mich in die Seite ſtieß und ging da⸗ mit ſeines Weges. 6 von Glück konnte ich wirklich ſagen, wie mich ünkte. ———— Achtes Kapitel. Der glücklichſte Tag im Leben Samuel Titmarſh's. Ich weiß nicht, wie es zuging, daß im Laufe des nächſten Halbjahrs Herr Roundhand, der Aktuar, wel⸗ cher ein ſo großer Bewunderer des Herrn Brough und der Weſtdiddleſer⸗Geſellſchaft geweſen war, auf einmal Streit mit beiden bekam, ſein Vermögen aus dem Ge⸗ ſchäft nahm — er gab ſeine fünftauſend Pfund Aktien mit einem ganz hübſchen Gewinn her — und ſich gänz⸗ lich trennte, wobei er der Compagnie und dem Direktor alles mögliche Schlimme nachſagte. Herr Highmore wurde jetzt Sekretär und Aktuar, Herr Abednego ward erſter Buchhalter bei der Anſtalt und meine Wenigkeit der zweite mit einem Jahrgehalt von zweihundert Pfunden. Wie ungegründet Round⸗ hands Ausſtreuungen über die Geſellſchaft waren, zeigte ſich deutlich bei unſerer Verſammlung im Januar 1823, in welcher unſer Bureau⸗Vorſtand in einer der glän⸗ zendſten Reden, die man nur hören kann, erklärte, daß die halbjährliche Dividende 4 Procent betrage von jähr⸗ lichen 8 Procenten; und ich ſchickte meiner Tante 120 Pfund Sterling als den Betrag der Zinſen ihres auf meinen Namen ausgeſtellten Kapitals. Meine vortreffliche Tante Hoggerty über die Maßen erfreut, ſchickte mir davon 10 Pfund als Taſchengeld für mich zurück und fragte mich, ob ſie nicht beſſer thäte, wenn ſie Slopperton und Squaſhtail verkaufte und ihr ganzes Vermögen in dieſem herrlichen Geſchäfte anlegen würde. Ich konnte ſicherlich nichts beſſeres thun, als über dieſen Punkt die Meinung Herrn Brough's zu hören. Dieſer ſagte mir, daß keine Aktien zu haben wären, außer gegen ein Aufgeld. Als ich ihm aber vorſtellte, daß ich ſolche im Belauf von fünftauſend Pfund al pari auf der Börſe erhalten könne, erwiderte er: — Nun in dieſem Fall wolle er mit einem geringen Preis für die ſeinen vorlieb nehmen und es käme ihm nicht auf die fünftauſend Pfund an, da er ſo ziemlich mit Weſtdiddleſer⸗Aktien im Ueberfluß verſehen wäre und ſeine andern Geſchäfte mit baarem Geld betrieben werden müßten. Am Schluß unſerer Unterredung, deren Inhalt ich Frau Hoggarth zu berichten verſprach, wurde der Direktor ſo artig, daß er mir ſagte, er habe eine Privatſekretärſtelle bei dem geſchäftsführenden Di⸗ rektor zu errichten beſchloſſen und dieſe ſollte ich mit einer Gehaltszulage von fünfzig Pfund erhalten. Ich hatte ſomit jährliche 250 Pfund, Fräulein Smith's Vermögen trug 70 Pfund ein. Was hatte ich geſagt, daß ich thun wolle, ſobald ich mein Jahres⸗ einkommen auf 300 Pfund bringen könne? — Natürlich wußte Auguſt und von ihm das ganze Perſonal des Comptvirs, daß ich mit Marie Smith ver⸗ ſprochen war. Ihr Vater war Schiffskapitän in der königl. Marine und ein ausgezeichneter Offizier gewe⸗ ſen. Sie brachte mir, wie geſagt, nur ein Einkommen von jährlichen 70 Pfund zu, und nach allgemeinem Ur⸗ theil hätte ich in meiner neuen Stellung bei der An⸗ ſtalt und in der City von London mit Recht nach einem Mädchen mit größerem Vermögen mich umſehen können. Dennoch waren alle meine Freunde darüber einig, daß die Verbindung mit Marie eine ſehr anſtändige ſei und ich war zufrieden. Wer hätte es auch nicht ſein ſollen mit einem ſolchen Schatz? Ich für meinen Theil hätte Marie nicht um des Lordmajors eigene Tochter mit ihren hunderttauſend Pfunden vertauſcht; das iſt mein völliger Ernſt. 86 Herr Brough ward natürlich meine bevorſtehende Heirath gleichfalls inne, wie ſonſt Alles, was irgend ein Mitglied des Bureau anging. Ich glaube Abednego ſagte ihm ſogar, was täglich bei uns auf den Tiſch kam. Seine Kenntniß von unſern Angelegenheiten war wirklich außerordentlich. Er fragte mich, wie Mariens Vermögen angelegt ſei. Es war in dreiprocentigen Conſols und betrug 2333 Pf. 6 Shill. 8 Pf. „Bedenken Sie, Freund,“ ſagte er, „Ihre künftige Frau kann zum wenigſten ſieben Procente für ihr Geld erhalten und auf beſſere Sicherheit als die Bank von England. Denn iſt nicht eine Geſellſchaft, an deren Spitze Brough ſteht, beſſer als jede andere Geſellſchaft im Land? Und ich dachte alles Ernſtes, daß er nicht ſo ganz Unrecht hätte und verſprach, mit Mariens Vor⸗ mündern noch vor unſerer Hochzeit über die Sache reden zu wollen. Ihr Großvater Lieutenant Smith war an⸗ fänglich ſehr gegen unſere Verbindung geweſen. (Ich muß ſagen, eines Tags, wo er mich bei ihr antraf, — wie ich eben, glaub' ich, ihr die niedlichen Fingerchen küßte, — hatte er mich beim Kragen genommen und mich zur Thüre hinausgeſchoben). Aber Samuel Tit⸗ marſh, mit einem Gehalt von 250 Pfund, einem zu hoffenden Einkommen von weitern 150 Pfund und die rechte Hand von John Brough in London — war ein ganz anderer, als der arme Commis Samuel Titmarſh, der Sohn der armen Pfarrerswittwe. Der alte Herr ſchrieb mir einen ſehr artigen Brief, worin er unter anderem mich bat, ihm ſechs Paar Strümpfe von Läm⸗ merwolle und vier ditto Unterwämſer von Romani zu kaufen. Er nahm ſie auch als Geſchenk von mir an, als ich im Juni, — im wonnigen Juni 1823 hinkam und meine theure Marie abholte. Herr Brough war gleichfalls gütigſt beſorgt um ——— 87 die Güter meiner Tante, um Slopperton und Squaſh⸗ tail, die noch nicht verkauft waren, wozu ſie doch ſich geneigt erklärt hatte. Er behauptete immer, es ſei eine Sünde und eine Schande, daß eine Frau, an der er ſo großen Antheil nehme, wie an allen Anverwand⸗ ten ſeines jungen Freundes, blos drei Procent aus ihrem Kapital bekommen ſolle, während ſie doch ander⸗ wärts achte haben könnte. Er nannte mich jetzt ſtets Sam, ſtellte mich den andern Commis, die es mir jedes⸗ mal wieder ſagten, als Beiſpiel vor; eröffnete mir, daß immer ein Gedeck für mich in Fulham parat ſei und nahm mich mehrmals mit ſich dahin. Es waren aber nur wenig Leute da, wenn ich kam und Mae Whirter behauptete, er lade mich nur an ſolchen Tagen ein, wo ſeine gewöhnlichen Bekannten kämen. Mir war es übrigens gar nicht um die große Welt zu thun, da ich nicht in ihr geboren war. Ueberhaupt machte ich mir nichts daraus, daß ich ſein Haus beſuchen durfte. Fräu⸗ lein Belinda war eben ganz und gar nicht nach meinem Geſchmack. Nach der Verlobung mit Kapitän Fitzgig und nachdem Herr Tidd ſeine zwanzigtauſend Pfund eingezahlt und die vornehmen Verwandten des erſteren in einigen von den Geſellſchaften unſeres Direktors ge⸗ weſen waren — erklärte Brongh, er halte die Abſichten des Kapitäns für geldſüchtig und ſtelite ihn mit einem Male auf die Probe, dadurch, daß er erklärte, er müſſe Belinda ohne einen Heller nehmen oder bekomme ſie gar nicht. Auf dieſes hin bekam der Kapitän eine Stelle in den Colonien und Fräulein Brough ward noch übler gelaunt als je. Ich mußte aber glauben, daß ſie noch ganz gut bei der Sache weggekommen und mich dauerte nur der arme Tidd, welcher von Neuem um ſie warb, und liebekrank wie nie zuvor, aber aufs unbarm⸗ herzigſte abgewieſen wurde. Ihr Vater mußte ihm ſogar rund weg erklären, daß ſeine Beſuche Fräulein Belinda unangenehm wären und ſo ſehr er auch ihn 88 immerdar lieben und achten werde, müſſe er ihn doch bitten, in der Rookery nicht wieder vorzuſprechen. Ar⸗ mer Narr! Er hatte ſeine zwanzigtauſend Pfund für Nichts hergegeben! Denn was waren ihm ſechs Pro⸗ cente gegen ſechs Procente mit Fräulein Belinda's Hand? Herr Brough hatte Mitleid mit dem ſchmachtenden Schäfer, wie er mich nannte, und fühlte ſo warme Theilnahme für mein Wohlergehen, daß er in mich drang, auf ein Paar Monate Urlaub zu nehmen, und nach Somerſetſhire zu gehen. Frei und froh wie der Vogel in der Luft flog ich aus; ich hatte ein Paar nagelneue An⸗ züge von von Stiltz im Koffer — die ich in der Ausſicht auf ein gewiſſes Ereigniß zum Voraus hatte machen laſſen — nebſt den Wämſern und Strümpfen für Lieu⸗ tenant Smith; in einer Partie Exemplare von unſerm Proſpekt, und zwei Briefen von Brough Eſq. an meine Mutter, unſre würdige Rentenbeſitzerin und an Frau Hoggarty, unſere vortreffliche Theilhaberin beſtand das übrige Gepäcke. Brough ſchrieb, ich entſpreche allen Wünſchen, die nur der zärtlichſte Vater hegen könne, er betrachte mich wie ſeinen Sohn, und bitte meine Tante auf das Angelegenſte, daß ſie doch den Verkauf ihres Grundeigenthums nicht länger im Anſtande laſſen ſolle, indem die Güterpreiſe jetzt ſehr hoch ſtünden und fal⸗ len müſſen, die Weſtdiddleſex⸗Actien hingegen ver⸗ hältnißmäßig niedrig ſtünden, aber im Lauf eines oder der zwei nächſten Jahre unfehlbar auf das Doppelte, ja Drei⸗ und Vierfache ihres jetzigen Werthes ſteigen müßten. Nachdem ich ſo meine Reiſeanſtalten getroffen, nahm ich von meinem lieben Auguſt Abſchied. Auch der Familie meiner Hauswirthin machte ich zum Abſchied kleine Geſchenke: denn es war mir als würde ich nie mehr nach Salisbury Square wiederkehren. Sie ſagte, ich ſei der reſpektabeiſte Herr, den ſie je im Hauſe ge⸗ 89 habt, was gerade nicht viel heißen will; denn Bell Lane iſt im Bereich von Fleetſtreet, und ihre Mieths⸗ leute waren gemeiniglich ſolche, die in der Nähe dieſer Straße zu wohnen ſich genöthigt ſahen. Was Auguſt betrifft, ſo ſchluchzte der arme Tropf dermaßen, daß er keinen Biſſen von den Semmeln und geröſteten Schinken eſſen konnte, womit ich ihn zum Frühſtück in dem Kaffee⸗ haus zum Bolzen in der Tanne, Flottenſtraße, bewir⸗ thete. Nachdem ich aufgeſtiegen, ſchwenkte er ſeinen Hut und Taſchentuch in Einem fort unter dem Thorweg des Poſtamts, und als wir abfuhren hörte ich ihn laut jammern und ſchreien, daß ich glaubte, die Räder der blauen Stagecvach ſeien ihm über die Zehen gegangen. Ach! wie ganz andere Gefühle bewegten meine Bruſt jetzt, da ich ſtolz auf dem Bocke hoch oben ſaß neben Jochem Ward, dem Kutſcher — als das letzte Mal, wo ich in dieſe Kutſche geſtiegen, um mit meiner Bruſtna⸗ del nach London zu reiſen, von dem Schmerze der Tren⸗ nung von meiner theuern Marie erfüllt. Als ich nicht mehr weit entfernt von der Heimat war — zu Grumpley, drei Meilen von unſerm Dorfe, wo der Wagen gewöhnlich vor Poppleton's Schildwirths⸗ haus hält, daß man ein Glas Bier trinken kann — ſo war es, als wenn unſer Abgeordneter, Herr Poppleton, ſelbſt angekommen wäre; ſo groß war die Menge Men⸗ ſchen, die ſich um das Wirthshaus geſammelt hatten⸗ Der Beſitzer des Gaſthofs ſelbſt und das ganze Dorf, ſodann Thomas Wheeler, der Poſtknecht der Frau Rincer in unſerm Flecken mit ſeinen alten Braunen, und — Gott verzeih mir's! — der gelben Chaiſe mei⸗ ner Tante, worin dieſe nur drei Mal im Jahre aus⸗ fuhr, und ſie ſelbſt leibhaftig darin mit ihrem prächti⸗ gen Kaſchemirſhawl und einem neuen Federhut. Sie winkte mit einem weißen Taſchentuch, das ſie flattern ließ und Thomas ſchrie Hurrah, wobei ihm ein Haufen Straßenjungen von Grumpley tüchtig accompagnirte, die natürlich bei ſolchen Gelegenheiten nie fehlen. Auch bei ihm war es jetzt andere Zeit als vormals. Vor ei⸗ nigen Jahren hatte noch er von ſeinem Bock aus mit der Peitſche nach mit gehauen, wenn ich hinten hinauf ſprang, um ein Stück weit mitzufahren. Nach der Chaiſe meiner Tante kam die Kaleſche des Lieutenant Smith mit ſeinem alten ſchweren Klep⸗ per; er fuhr ſelbſt und hatte ſeine Frau bei ſich. Als ich ſie näher beangenſcheinigte, wollte ich mich ein bis⸗ chen ärgern, daß eine gewiße Perſon nicht darin ſaß. Aber wie dumm war ich! die Perſon ſaß in der gelben Chaiſe bei meiner Tante, verflärten Angeſichts und glü⸗ hend wie eine Päonie. O wie ſchön war ſie! wie freudeſtrahlend ihr Auge! Sie trug ein weißes Kleid und eine hellblau und gelbe Schärpe, den Farben der Hoggarty wie meine Tante meinte. Ich weiß jedoch bis auf den heutigen Tag nicht, woher die Hoggarty'⸗ ſchen die hellblau und gelbe Farbe haben ſollen. Der Führer des Eilwagens ließ aus Leibeskräften ſein Horn erſchallen, und das Viergeſpann ſetzte ſich in Trott unter dem gellenden Jubelruf der Jungen; ich nahm zwiſchen Frau Hoggarty und Marie Platz auf dem Mittelſitz. Thomas hieb auf ſeine Braunen; der Lieutenant — der mir aufs herzlichſte die Hand gedrückt und deſſen großer Hund dießmal nicht die mindeſte Miene machte mich beißen zu wollen — peitſchte ſeinen Klepper, bis wieder der helle Schweiß auf ihm ſtand. In dieſer Proceſſion, die, man darf wohl ſagen, einzig in ihrer Art war, hielt ich meinen Einzug in unſer Dorf. Meine Mutter und Schweſtern — Gott ſegne ſie! — es waren ihrer neun, alle in Nankin⸗Spencern (ich hatte für eine jede etwas Schönes mitgebracht), hatten ſich auf der Straße vor dem Dorf aufgeſtellt, da ſie kein Gefährt nehmen konnten, und winkten uns unabläſſig mit Händen und Taſchentüchern zu. Zwar nahm meine Tante wenig davon Notiz außer durch ein erhabenes 9¹ Kopfnicken, was jedoch einer Frau von ihrem Vermö⸗ gen zu verzeihen iſt — deſto mehr wurden ihre Grüße von Marie Smith erwiedert, die mit ihren Händen ſo viel ſich zu ſchaffen machte, als die Neune zuſammen, und ſogar noch feuriger als von mir ſelbſt. Achl wie meine Mutter vor Freude und Rührung weinke und mich ſegnete, als ich nun in ihren Armen lag, mich den Troſt ihres Herzens und ihren lieben, theuren Sohn nannte, mich für einen Ausbund von Rechtſchaffenheit und Geſchicklichkeit anſah — während ich blos ein junger Kerl war, der's Glück hatte, und mit Hülfe guter Freunde ſchnell in gute Umſtände ge⸗ kommen war. Ich ſollte das Abſteigquartier nicht bei meiner Mutter nehmen — das war ſchon vorher ausgemacht worden — denn, obſchon ſie mit meiner Tante nicht beſonders gut ſtand, meinte meine Mutter doch, es ſei beſſer für mich, wenn ich bei der Tante logire, und ver⸗ zichtete alſo auf die Freude, mich bei ſich zu haben. Obgleich das Haus meiner Mutter das geringere war, ſo wäre ich doch, wie man mir ohne Verſicherung glau⸗ ben wird, weit lieber hier geweſen, als bei der Tante Hoggarty, wo es weit flotter zuging — wenn ich nur an den abſcheulichen Roſolio denke, den ich jetzt maaß⸗ weiſe trinken mußte. Nun ging es nach dem Hauſe der Tante, die ein großes Nachteſſen bereiten laſſen, und einen Aufwärter heſtellt hatte. Dem Thomas gab ſie beim Ausſteigen ein Sechspfennigſtück, und ſagte, das ſei für ihn, ſie würde ſchon ein andermal mit Frau Rincer wegen der Pferde fertig werden. Thomas warf aber das Geld⸗ ſtück auf den Boden, und fluchte wie ein Türke, ward aber dafür von der Tante verdientermaßen „ein unver⸗ ſchämter Kerl“ geſcholten. Sie hatte mich in ſo hohem Grade liebgewonnen, daß ſie mich faſt gar nicht aus den Augen ließ. Wir ſchlagten ſtundenlang mit einander, wie man das Gut Slopperton am beſten verkaufen möchte — es war aber noch zu keinem Vertrag darüber gekommen, weil ſie mehr dafür verlangte, als Hodge und Smithers bekommen konn⸗ ten. Ferner gab ſie mir das feierliche Verſprechen, daß ich nach ihrem Hintritt ihr ganzes Vermögen bis auf den Pfennig erben ſollte. Auch Hodge und Smithers gaben mir zu Ehren große Geſellſchaft und bezeugten mir ungemeine Hoch⸗ achtung, ſowie auch alle übrigen Leute im Dorf. Wer kein Eſſen geben konnte, gab wenigſtens einen Thee, wo Alles auf die Geſundheit des jungen Brautpaars trank und manchmal, nachdem das Eſſen zu Ende war, wurde meine Marie roth, wenn man auf die bevorſtehende Veränderung ihres Standes ſcherzhaft anſpielte. Der Tag der Hochzeit ward jetzt feſtgeſetzt und der 24. Juli 1823 ſah mich als den glücklichſten Gatten des liebenswürdigſten Mädchens in Somerſetſhire. Der Kirchgang geſchah von meiner Mutter Hauſe aus, welche ſich dieſes in keinem Falle hätte nehmen laſſen, und meine Schweſtern fungirten ſämmtlich als die Braut⸗ jungfern; Auguſt Hoſkins war von London gekommen, um Brautführer zu werden, und wohnte in meinem eh⸗ maligen Zimmer bei meiner Mutter; er blieb acht Tage da und verlor ſein Herz an die vierte von meinen lie⸗ ben Schweſtern, Fräulein Winny Titmarſh; was ich erſt ſpäterhin erfuhr. Meine Tante bezeugte ſich aus Veranlaſſung unſrer Hochzeitfeier überaus gütig. Sie hatte einige Wochen zuvor mir den Auftrag gegeben, bei der berühmten Madame Mantalini zu London drei prächtige Kleider für Marie zu beſtellen, deßgleichen einigen Schmuck von neueſtem Geſchmack und geſtickte Taſchentücher bei Ho⸗ well und James. Dieſe wurden mir jetzt zugeſchickt und ſollten mein ſaßen jeden Morgen an ihren Rechnungen und berath⸗ . 93 Brautgeſchenke für Marie ſein. Tante Hoggarty gab mir aber zu verſtehen, daß ich mir wegen der Bezah⸗ lung der Rechnung keine Sorgen machen dürfe, und ich fand ihre Handlungsweiſe ſehr edelmüthig. Auch lieh ſie uns ihre Chaiſe zur Reiſe nach der Trauung und verfertigte meiner Frau eigenhändig einen ſchönen car⸗ moiſinrothen Schaffbeutel von Atlas. Darin befand ſich ein vollſtändiges Rähzeug, mit Nadeln u. ſ. w.; denn ſie erwartete, daß Frau Titmarſh, ihre liebe Nichte, niemals ihre Näherei vernachläßigen werde; und einen Geldbeutel mit einigen Silberthalern, und einem ſehr merkwürdigen Goldſtück. „So lange Sie das behalten, meine Liebe,“ ſagte Frau Hoggarty zu ihr, „wird Ihnen das Geld nie ausgehen und ich bitte recht ernſtlich und dringend, daß Sie ſie ſtets behalten mö⸗ gen.“ — In der Kutſchentaſche fanden wir ein Papier mit Zwieback und eine Flaſche Roſolio, worüber wir lachen mußten. Wir übermachten das dem Kutſcher Thomas Wheeler, dem jedoch daſſelbe nicht viel beſſer zu behagen ſchien als uns. Daß ich in einem Fracke von Herrn von Stiltz — der dritte oder vierte Rock, Gott ſteh' uns beil in Ei⸗ nem Jahr — mich trauen ließ, verſteht ſich von ſelbſt, wie auch, daß dabei der große Hoggarty'ſche Diamant nicht fehlte. Meuntes Rapitel. Samuel iſt nebſt Frau, Tante und Vorſtecknadel wieder in London. Während der Flitterwochen gefielen wir uns darin, Pläne für unſer künftiges Leben in London zu ſchmie⸗ den und erbauten uns ein wahres Paradies! Nun wir waren alle Beide mit einander erſt vierzig Jahre alt und was mich betrifft, fand ich nie etwas gefährliches darin, Luftſchlöſſer zu erbauen, im Gegentheil deuchte mir dies ein unſchuldiges Vergnügen. Bevor ich London verließ, hatte ich ſchon mich nach einem geeigneten Plätzchen umgeſehen, das zu unſrem geringen Einkommen paßte. Auguſt Hoſkins und ich, die wir nach den Arbeitsſtunden miteinander nach Woh⸗ nungen jagten, hatten ein ſehr nettes Häuschen in Camden Town ausfindig gemacht, mit einem Garten, wo gewiſſe kleine Leute, wenn ſolche kamen, hätten ſpielen können, einer Stallung und Remiſe, auf den Fall, daß wir Equipage hielten — und warum hätte das in ein paar Jahren nicht ſein können? — mit guter geſunder Luft, auch von der Börſe nicht zu weit ent⸗ fernt, Alles zuſammen für jährlich dreißig Pfund. Von dieſem Sitz hatte ich meiner Marie eine ſo begeiſterte Schilderung gemacht, wie ſie Sancho dem Gilblas von Lizias macht, ſo daß ſich meine liebe Frau im Voraus darauf freute, dorten Haus zu halten, und mir verſprach, alles ſelbſt zu kochen, was ich am liebſten eſſe (nament⸗ lich meine Leibſpeiſe, — was ich nicht läugne — Pud⸗ ding von Eingemachtem), und haben wollte, daß Auguſt Sonntags immer bei uns eſſen ſollte, nur müſſe er ſeine abſcheulichen Cigarren weglaſſen. Dieſer vermaß ſich hoch und theuer, er müſſe auch ein Zimmer in unſrer Nähe bekommen, denn es ſei ihm nicht möglich, 95 — wieder nach Bell Lane zurückzugehen, wo es uns bei⸗ den mit einander ſo wohl geweſen. Die gutmüthige Marie ſagte ſogar, ſie wolle meine Schweſter Winefrid bitten, daß ſie komme und ihr Ge⸗ ſellſchaft leiſte. Worauf derſelbe roth wurde und ſagte: „Bah! Unſinn!“ Jedoch alle unſre Hoffnungen auf den lieblichen behaglichen Wohnſitz in Clematis Bower wurden ver⸗ nichtet, da wir bei der Heimkehr von unſter kleinen Reiſe von Tante Hoggarty hören mußten, daß ſie des Landlebens überdrüſſig und entſchloſſen ſei, mit ihrem lieben Neffen und Nichte nach London zu ziehen, ihnen Haus zu halten und ſie mit ihren Freunden in der Hauptſtadt bekannt zu machen. Was konnten wir machen? Wir wünſchten ſie nach — Bath wahrhaftig, nicht nach London. Allein da war nicht zu helfen, wir mußten ſie mitnehmen; denn meine Mutter behauptete, wenn wir ſie vor den Kopf ſtoßen, würde gewiß ihr Vermögen einmal unſter Fa⸗ milie entgehen; und war es nicht glaublich, daß wir jungen Eheleute es dereinſt ſehr bedürfen würden? So reisten wir denn nach London elendiglich in der Chaiſe und fuhren den ganzen Weg mit Poſtpfer⸗ den; denn ihre Chaiſe mußte es ſein, eine Frau von ihrem Rang konnte nicht mit dem Poſtwagen reiſen. ch nußte vierzehn Pfund Poſtgeld bezahlen, was meine Baarſchaft ſo ziemlich erſchöpfte. Zuerſt nahmen wir eine meublirte Wohnung und zogen in den erſten drei Wochen dreimal aus. Mit der erſten Wirthin bekamen wir Händel, weil meine Tante behauptete, ſie hätte von der Hammelskeule, die uns zu Mittag aufgetragen wurde, ein Stück abge⸗ ſchnitten. Die zweite Wohnung verließen wir, weil die Tante behauptete, die Magd ſtehle die Lichter; die dritte, weil Tante Hoggarty den Morgen nach unſrem Einzug zum Frühſtück herab kam mit ſchrecklich ge⸗ — — —ů ů ů·——— 96 ſchwollenem und von — ich weiß nicht mehr was — zerſtochenem Geſicht. Um es kurz zu machen, ich wurde halb toll von den ewigen Aenderungen und Wortwech⸗ ſeln, von dem langen Schwatzen und Keifen meiner Tante. Was ihre vornehme Bekannten betrifft, ſo befand ſich Niemand von ihnen in London. Auch ſieng ſie aus der Urſache mit mir Streit an, daß ich ſie nicht bei John Brough, Esquire und bei Lord und Lady Tiptoff, ihren Verwandten, vorgeſtellt hatte. Herr Brough befand ſich zu Brighton, als wir in London ankamen. Und bei ſeiner Rückkunft war es nicht meine erſte Sorge, unſrem Direktor zu ſagen, daß ich meine Tante mitgebracht, oder meine Geldverlegen⸗ heit ihm zu entdecken. Er machte ein ſehr ernhaftes Geſicht, als ich nothgedrungen ihm von der letzteren ſagte und einen Vorſchuß haben wollte. Als er aber hörte, daß meine Geldklemme daher rühre, weil ich meine Tante nach London mitgebracht hätte, änderte er auf einmal ſeinen Ton. „Das, mein Sohn, gibt der Sache eine andere Wendung. Frau Hoggarih iſt in einem Alter, wo man ihr Alles willfahren muß. Hier ſind hundert Pfund, ſeien Sie nur ſo gut und ziehen Sie auf mich, ſo oft Sie im mindeſten in Geldverlegenheit ſind.“ Hiedurch bekam ich Luft, bis ſie mir ihren Antheil an den Koſten der Haushaltung bezahlte. Gleich den andern Tag machte Herr John Brough nebſt Frau in ihrem Staatswagen mit Vieren der Tante Hoggarty und meiner Frau ihren Beſuch in unſrer Wohnung in Lamb's Conduitſtreet. Gerade derſelbe Tag war es, wo die arme Frau mit ihrem übel zugerichteten Geſicht erſchien, und ſie ermangelte nicht, die Frau Brough von der Urſache deſſelben in Kenntniß zu ſetzen, mit der Verſicherung, daß ſie weder auf Schloß Hoggarty noch auf ihrem Dorfe in Somerſetſhire jemals an eiwas ſo Abſcheu⸗ liches gedacht oder davon gehört hätte. „Gütiger Gott!“ rief John Brongh, Eſq. aus, „einer Frau Ihres Standes ſoll ſo Etwas paſſiren! der würdigen Tante meines lieben, guten Titmarſh! Nie, Madame, nie ſoll es heißen, Mrs. Hoggarty von Schloß Hoggarty ſoll ſolchen entſetzlichen Demüthigun⸗ gen ausgeſetzt ſein, während John Brough ihr ein Heimweſen anbieten kann — ein beſcheidenes, behagli⸗ ches, chriſtliches Heimweſen, wenn es vielleicht auch nicht dem Glanze entſpricht, an den Sie, Madame, auf Ih⸗ rer ehrenvollen Lebensbahn gewöhnt geweſen. Iſabella, mein Schatz! — Belinda, redet doch Frau Hoggarty zu. Sagt ihr, daß ſie John Broughs Haus vom Boden bis zum Keller wie ihr eigenes anſehen ſoll — ja, Madame, vom Boden bis zum Keller. Ich wünſche, ich will haben — ich befehle es, daß augenblicklich die Effekten der Frau Hoggarty von Schloß Hoggarty in meinen Wagen gebracht werden! Haben Sie die Güte, Frau Titmarſh, und ſehen Sie ſelbſt darnach, und ſor⸗ gen Sie dafür, daß Ihre liebe Tante inskünftig ihre Bequemlichkeit beſſer hat, als bisher. Marie entfernte ſich voll Erſtaunen über dieſe Zu⸗ muthung. Doch Brough war ein ſehr angeſehener Mann und der Wohlthäter ihres Samuel; und wenn auch das alberne Kind zu weinen anfing über dem Packen der ungeheuren Schachteln und Säcke und Koffer der Tante, ſo brachte ſie es doch mit unſäglicher Mühe zu Stand, und kam mit freundlichem Geſicht herab, als gerade Frau Hoggarty Herrn und Frau Brough ein Langes und Breites von den Bällen auf dem Schloſſe in Dublin zu Lord Charlesville Zeit vorſchwatzte. „Tante, ich habe Alles eingepackt, aber ich kann es nicht heruntertragen, es iſt zu ſchwer,“ ſagte Marie. „Bei Leibe nicht, bei Leibe nicht,“ verſetzte John Brough, der ſich vielleicht ein wenig ſchämte. „He dal Thackerap, Samuel Titmarſh. 7 98 Georg, Friedrich, Auguſt kommt ſogleich herauf und tragt die Koffer der Frau Hoggarty von Schloß Hog⸗ garty hinunter. Dieſe Frau wird ſie Euch weiſen.“ Ja ſo groß war ſeine Herablaſſung, daß, als einer ſeiner flottgekleiveten Bedienten mit der Bagage ſich nicht befaſſen wollte, er ſelber zwei Stücke, in jede Hand eines, nahm, und in den Wagen trug, wobei er ſo entſetzlich ſchrie, daß es die ganze Nachbarſchaft und alle Vorübergehenden hören konnten: „John Brough iſt nicht zu ſtolz, nein, o nein! und wenn ſeine Bedienten zu hoch oder zu vornehm ſind, muß er ihnen eine Lek⸗ tion in der Demuth geben.“ Auch Frau Brough wollte die Treppe hinab, und ihrem Gemahl die Laſt abnehmen. Sie war aber zu ſchwer für ſie. Sie begnügte ſich daher damit, daß ſie ſich auf einen der Koffer ſetzte, und, wer an ihr vor⸗ bei kam, fragte, ob John Brough nicht ein wahrer En⸗ gel von einem Manne ſei? Auf dieſe Art geſchah es, daß die Tante uns ver⸗ ließ. Ich wußte davon nichts, da ich zu jener Zeit auf dem Comptoir war; als ich um fünf Uhr mit Au⸗ guſt heimwärts ſchlenderte, ſah ich Marie lächelnd am Fenſter, und ſich gar luſtig geberdend und uns beiden zu⸗ winkend, daß wir hinauf kommen ſollten. Dieß ſiel mir ſehr auf, weil die Frau Tante Hoskins nicht leiden konnte, und mir ſogar zu wiederholten Malen geſagt hatte, entweder ſie, oder er müſſe aus dem Hauſe. Nun, wir gingen hinauf und fanden Marie, die ihre Thränen getrocknet hatte und uns mit der heiterſten Miene em⸗ pfing, lachte und in die Hände klatſchte, und herum⸗ tanzte, und Auguſten die Hand ſchüttelte. Und was denkt man, daß der kleine Schelm uns vorſchlug? Ich will verdammt ſein, wenn ſie nicht ſagte, ſie möchte gar zu gerne nach Vauxhall gehen! Der Tiſch war nur für drei Perſonen gedeckt, und Anguſt nahm Platz mit Furcht und Zittern. Nun er⸗ — 99 zählte Marie ausführlich, was ſich zugetragen, und wie Frau Hoggarty in Broughs Staatswagen mit Vieren nach Fulham ſich habe entführen laſſen. „Sie iſt wohl fort,“ ſagte ich; verzeih mirs Gott! Und wirklich ſchmeck⸗ ten uns unſre Kalbskoteletten und Pudding von Ein⸗ gemachtem weit beſſer, als der Frau Tante ihr Diner auf Silbergeſchirr in der Rookery ſchmecken mochte. In Vauphall waren wir ausnehmend luſtig, wobei Auguſt es ſich nicht nehmen ließ, uns frei zu halten. Man darf mir's glauben, es war uns von Herzen lieb, daß Frau Hoggarty, welche drei Wochen in Fulham verlebte, ſo lange fort blieb; wir waren ohne ſie viel vergnügter und hatten weniger Scheererei. Mein Ma⸗ riechen machte mir alle Morgen das Frühſtück, bevor ich auf das Bureau ging. Sonntags, wo wir frei hatten, gingen wir nach dem Findelhaus, um die lieben Kleinen ihr geſotten Rindfleiſch mit Kartoffeln eſſen zu ſehen und die ſchöne Muſik zu hören. So ſchön dieſe auch iſt, ſo meine ich doch, der Anblick der Kinder war noch viel ſchöner, und ihre unſchuldigen, vergnügten Geſichter zu ſchauen, war beſſer, als die beſte Predigt zu hören. An den Werktagen pflegte meine Frau Abends um fünf Uhr einen Spaziergang zu machen auf der linken Seite der Straße Lamb's Conduite (wo es nach Holborn geht) — manchmal ſetzte ſie ihren Weg fort gar bis nach Snowhill, wo ihr dann zwei junge Leute von der J. W. D. Feuer⸗ und Lebensverſicherung ge⸗ wiß begegnen mußten. Und wie glücklich und vergnügt zogen wir dann allemal unſers Weges weiter zum Eſſen! Eines Tages, da wir zu ihr kamen, war ein abſcheu⸗ licher Kerl bei ihr, mit hohen Stiefelabſätzen, einem Rohr mit goldenem Knopf, und das ganze Geſicht voll Haare; der lauter Freundlichkeit ihr unter den Hut hinunter ſchwatzte — es war gerade bei Day und Mar⸗ tin's Schwärze⸗Fabrik (die damals noch kein ſo hübſches Gebäude war, wie jetzt) — wer mußte daher kommen, als das Ungethüm aus Leibeskräften an ſie hinplapperte 100 und ſie mit den Augen verſchlang? — wer ſonſt als Auguſt und ich? Dieß ſehen, und den Gentleman beim Rockkragen faſſen, daß er unter einen Fiaker⸗Stand purzelte, wo alle Kutſcher ihn auslachten, war Eins. Das Schönſte dabei war, daß ſeine Perücke und ſein falſcher Bart mir in der Hand blieb. Marie aber ſagte: „Samuel, mach's ihm nicht zu arg; es iſt bloß ein Franzoſe.“ Somit gaben wir ihm ſeine Atzel wieder, die einer der lachenden Kutſchersknechte aufſetzte und ihm, der ſich auf der Streue wälzte, hinbrachte. Er ſprudelte Etwas heraus, von „Arretiren“ und „Fran⸗ zoſen“ und „Feld der Ehre.“ Allein wir gingen un⸗ ſers Wegs; Auguſt aber wandte ſich um, ſetzte den Daumen an die Naſe und ſtrekte die Finger gegen den Franzmann aus, daß Jedermann laut lachen mußte. So endete dieſes Abenteuer. Etwa zehn Tage nach meiner Tante Abzug kam ein Brief von ihr, den ich hier, jedoch ohne die Schreib⸗ fehler, mittheilen will. „Lieber Neffe! „Es war mein ſehnlicher Wunſch, früher nach Lon⸗ don zurückzukehren, wo Du und die liebe Nichte gewiß mich ſehr vermiſſen werden, und wo ſie, das arme Kind, noch ganz unbekannt mit der Lebensweiſe in der großen Hauptſtadt, unerfahren in der Haushaltung und in allen Stücken, die man von einer rechtſchaffenen Hausfrau ver⸗ langt, ohne mich ſicherlich nicht zurecht kommen kann. „Sag' ihr, daß ſie auf keinen Fall mehr als 6 ½ Pfennige für die beſten Stucke Rindfleiſch, und 4 ½ Pfennige für die geringeren bezahle, und daß man die allerbeſte Butter in London für S ½ Pfennige bekommt. Natürlich zu Puddings und überhaupt zum Kochen nimmt man geringeren. „Meine Sachen hat Deine Frau ſehr ſchlecht ein⸗ gepackt; der Haken an dem Schloſſe des Portmanteau iſt durch mein gelbes Atlaskleid gegangen. Ich habe 101 es ſtoppen müſſen und trug es ſchon zwei Mal bei einer ſehr glänzenden, wenn auch nicht geräuſchvollen Abend⸗ geſellſchaft, welche mein gaſifreundlicher Wirth gab — und mein hellgrünes Sammtkleid letzten Samſtag bei einem großen Diner, wo mich Lord Scaramvuche zur Tafel führte, und wobei es auf das Flotteſte herging. Zweierlei Suppe (weiße und braune), darauf Steinbutte und Salmen mit ungeheuren Schüſſeln Hummerſauce. Die Hummer allein koſſeten fünfzehn Shillinge, die Stein⸗ butte drei Guineen. Der Salmen wog gewiß ſeine fünfzehn Pfund undiſt nicht wieder auf den Tiſch gekommen; nicht ein Biſſen eingeſalzener die ganze Woche drauf. Eine ſolche Verſchwendung würde der Frau Titmarſh gerade recht anſtehen, die, was ich immer ſage, das Licht an beiden Enden zumal anzündet. Nun, ihr jungen Leutchen, es iſt ein Glück, daß Ihr eine alte Tante habt, die es beſſer verſteht, und einen vollen Beutel hat, ohne welchen gewiſſe Leute froh wären, wenn ſie ihrer wie⸗ der los ſein würden —. Ich meine nicht Dich, Samuel, der Du Dich immer als pflichttreuer Neffe gegen mich erwieſen haſt. Freilich ich ſollte nicht mehr lange leben, und gewiſſe Leute würden viel darum geben, wenn ſie mich im Grabe wüßten. „Letzten Sonntag war ich wirklich ſehr leidend, im Magen, und meinte, es könnte die Hummerſauce Schuld geweſen ſein. Allein Doktor Blogg, der geru⸗ fen ward, ſagte, er fürchte ſehr, es möchte ein Anfang einer Zehrkrankheit ſein. Er gab mir Pillen und verordnete ein Zugpflaſter, worauf es mir wieder beſſer wurde. Sei ſo gut und beſuche ihn; er wohnt in Pim⸗ liko, und Du kannſt nach Deinen Arbeitsſtunden hin⸗ gehen — und gib ihm eine Guinee, nebſt meiner Em⸗ pfehlung. Ich habe kein Geld hier außer eine Zehn⸗ pfundnote, das andre hab' ich Alles in meiner Chatoulle in der Lamb's Conduitſtraße. „Wenn gleich das Fleiſch in Herrn Brough's koſt⸗ barer Haushaltung nicht zu kurz kommt, kann ich Euch voch verſichern, daß der Geiſt in gleicher Weiſe ſein Genüge findet. Hr. Brough liest jeden Morgen Etwas vor, und legt es aus. Und wie trefſlich erquickt dieſe Andachtsübung vor dem Frühſtück die hungernde Seele! „Alles iſt hier auf's Schönſte und Prächtigſte ein⸗ gerichtet. Auf Silber und Gold wird gefrühſtückt, zu Mittag und Abend geſpeist. Sein Wappen und Motto, ein Bienenkorb mit dem lateiniſchen Wort „Industria,“ das „Fleiß und Thätigkeit“ bedeutet, befindet ſich allent⸗ halben, ſogar auf den Porcellaingeſchirren und andern Sachen in meinem Schlafzimmer. Am Sonntag wurden wir aus einer beſondern Veranlaſſung erfreut durch ei⸗ nen Herzenserguß des wohlehrwürdigen Grimes Wapſhot, von der Baptiſten⸗Congregation dahier, der uns drei Stunden lang Nachmittags in der Privatkapelle des Hrn. Brough ermahnte. Als die Wittwe eines Hoggarty bin ich zwar ſtets eine treue Anhängerin der Hochkirche von England und Irland geweſen, ich muß aber ſagen, daß die rührende Beredſamkeit jenes Mannes weit hö⸗ her ſteht, als die Predigtweiſe des wohlehrwürdigen Blend Benkinſop von unſerer Kirche, der Nachmittags zu einem furzen Vortrag, der zwei Stunden währte, ſeinen Mund aufthat. „Frau Brough iſt, unter uns geſagt, ein geiſtesarmes Ding und hat keinen eigenen Willen. Was ihre Toch⸗ ter betrifft, ſo iſt dieſe dergeſtalt naſeweis und unver⸗ ſchämt, daß ich ihr einmal Ohrfeigen offerirte, und das Haus verlaſſen hätte, wo nicht Hr. Brough ſich meiner angenommen und das Jüngferchen mich um Verzeihung gebeten hätte. „Ich weiß noch nicht, wann ich in die Stadt zu⸗ rückkomme, da es mir wirklich ſehr gut hier gefällt. Doktor Blogg ſagt, die Luft von Fulham ſei die beſte von der Welt für meine Umſtände. Und wann die Frauenzimmer im Hauſe nicht mit mir ausgehen moch⸗ ten, iſt der Wohlehrwürdige Herr Grimes Wapſhot ſo gut geweſen, mir ſeine Begleitung anzubieten. Es gibt —,— 103 nichts Angenehmeres, als mit ſolch einem Führer nach Putnei oder Wandsworth zu wallen, und die Wunder ves Schöpfers daſelbſt zu betrachten. Ich habe mit ihm auch von meinem Gute zu Slopperton geſprochen, er iſt aber nicht der Meinung John Broughs, daß ich es verfaufen ſolle. In dieſem Punkte jedoch werde ich meinem eigenen Kopfe folgen. „Unterdeſſen ſollteſt Du eine bequemere Wohnung nehmen, auch mein Bett alle Nacht wärmen, und an Regentagen Feuer anmachen laſſen. Deine Frau ſoll nach meinem blauſeidenen Kleid ſehen und es umwen⸗ den bis ich komme. Auch iſt mein purpurrother Spencer dabei, den kann ſie ſelber tragen, und ich will hoffen, daß ſie die drei koſtbaren Kleider, die ſie von Dir hat, nicht tragen, ſondern auf beſſere Zeiten aufſparen werde. Ich werde ſie nächſtens bei meinem Freund Brough und andern Bekannten einführen, und verbleibe ſtets Deine Dich liebende Tante.“ „NS. Ich habe auch eine Kiſte von meinem Roſolio beſtellt, daß man ſie mir von Somerſetſhire hie⸗ her ſchicke. Wenn ſie fommt, ſei ſo gut, und ſende mir die Hälfte davon hieher — und legſt für mich natürlich das Porto aus. Ich denke es wird meinem gaſtfreundlichen Wirth, Herrn Brough, kein unwillkommenes Geſchenk ſein.“ Dieſen Brief brachte mir Brough ſelbſt aufs Comp⸗ toir, wobei er ſich entſchuldigte, daß er ihn aus Unacht⸗ ſamkeit erbrochen habe. Derſelbe ſei unter mehrere an ihn addreſſirte hineingerathen, und er habe ihn aufgemacht ohne auf die Ueberſchrift zu ſehen. Natür⸗ lich hatte er denſelben nicht geleſen, und ich war deſſen froh, denn ich hätte nicht haben mögen, daß er das Urtheil meiner Tante über ſeine Frau und Tochter ge⸗ leſen hätte. Am andern Tag ließ mir ein Herr aus Tom's — Kaffeehaus, in Cornhill, in das Bureau ſagen, er müſſe mich unter vier Augen ſprechen. Ich begab mich alſo dahin, und traf meinen alten Freund Smithers von Hauſe Hodge und Smithers, der ſo eben mit der Land⸗ kutſche angekommen war, und die Reiſetaſche noch zwi⸗ ſchen den Beinen hatte. „Lieber guter Freund,“ fieng er an, „Sie erben einmal Ihre Tante und ich habe eine Neuigkeit für Sie, die Ihr Vermögen betrifft, und die Sie wiſſen müſſen. Sie hat uns aus Londen geſchrieben, und eine Kiſte ihres ſelbſtfabrieirten Weins beſtellt, den ſie Roſolio benamſt, und der in unſerm Magazin nebſt ihrem Haus⸗ rath liegt.“ Lächelnd erwiederte ich: „Nun, meinetwegen mag ſie von ihrem Roſolio austheilen ſoviel ſie will; ich trete meine Rechte darauf ab.“ „Ha, ha! das iſt's nicht,“ ſagte Smithers, „obgleich uns Ihre Meubels verteufelt geniren — ich verſichere Sie — meine ich doch das nicht, ſondern in der Nach⸗ ſchrift zu ihrem Briefe beauftragt Sie uns, die Liegen⸗ ſchaften zu Slopperton und Squaſhtail zum alsbaldigen Verkauf auszubieten, da ſie im Sinne hätte, ihr Kapi⸗ tal anderweitig anzulegen.“ Ich wußte, daß die Güter zu Slopperton und Squaſhtail eine hübſche Einkommensquelle für die Hrn. Hodge und Smithers geweſen waren; denn die Tante lag mit ihren Pächtern immer vor Gericht und mußte ihre Proceßſucht theuer bezahlen. Daher ſchien mir Herr Smithers Sorgſamkeit wegen des Verkaufs der⸗ ſelben nicht ganz uneigennützig zu ſein. „Und kommen Sie ausdrücklich deswegen nach London, um mich mit dieſen Umſtänden bekannt zu ma⸗ chen? Mir ſcheint, Sie hätten viel beſſer gethan, wenn Sie ſogleich den Weiſungen meiner Tante nachgekom⸗ men wären, oder zu ihr nach Fulham gingen um mit ihr über dieſe Sache ſich zu benehmen.“ „Um Gotteswillen, ſehen Sie denn nicht, daß, wenn 105 ſie ihr Grundeigenthum verkaufen läßt, ſie den Erlos Brough überantworten wird, und wenn Brough das Geld bekommt, ſo —“ „Gibt er ihr ſieben Procent daraus, anſtatt drei — das iſt kein Fehler.“ „Aber Sie müſſen doch auch auf Sicherheit ſehen. Er ſteht allerdings gut, ſehr gut — iſt ſolid, ganz ſo⸗ lid, das iſt keine Frage. Aber wer weiß? Laſſen Sie eine Kriſis eintreten, dann können ihn die fünfhundert Geſellſchaften, bei denen er betheiligt iſt, zu Grund richten. Da iſt die Ingwer⸗Bier⸗Geſellſchaft, von der er Direktor iſt; es gehen ſchlimme Gerüchte über ſie. Die conſolidirte Baffinsbai Muff⸗ und Pelzkragen⸗ Geſellſchaft — ihre Actien ſtehen ſehr niedrig, und Brough iſt ebenfalls Direktor dabei. Die Patent⸗ Tanzſchuh⸗Geſellſchaft, deren Actien auf 65 ſtehen, mit einer neuen Einlage, die Niemand zahlen will.“ „Lauter dummes Zeug, Herr Smithers! Hat nicht Brough für fünfmalhunderttauſend Pfund Actien in der Indepedent Weſtdiddleſer, und geht hier Etwas ver⸗ loren 2 Wer hat meiner Tante ſo dringend gerathen ihr Geld in dieſes Unternehmen zu ſtecken, ich möchte Sie doch das fragen?“ Hier hatte ich ihn. „Freilich, freilich, es iſt eine ganz gute Speculation und hat Ihnen dreihundert Pfund jährlich eingetragen, mein guter Samuel. Und Sie dürfen uns dankbar ſein für das, was wir für Sie thaten (gewiß wir liebten Sie wie den eigenen Sohn, und Fräulein Hodge denkt noch immer mit Schmerzen an eine gewiſſe Heirath). Sie werden uns doch nicht Vorwürfe machen wollen, daß wir Ihr Glück begründeten?“ „Nein, beim Teufel nicht,“ verſetzte ich und drückte ihm die Hand und nahm ein Glas Keres mit Biscuit an, das er ſofort kommen ließ. * Doch Smithers ſing nochmals an. „Samuel,“ ſprach er, „merken Sie wohl, was ich ſage, laſſen Sie Ihre Tante nicht in der Rookery, ſie hat an meine Frau 106 ein langes und breites über einen geiſtlichen Herrn ge⸗ ſchrieben, mit dem ſie dort oft ſpazieren geht; das iſt der wohlehrwürdige Grimes Wapſhot. Dieſer Mann hat ein Auge auf ſie. Er iſt im Jahr 1814 in Lan⸗ caſter wegen Fälſchung vor Gericht geſtanden und mit knapper Noth dem Arm der Gerechtigkeit entſchlupft. Geben Sie auf ihn Acht; er hat es auf ihr Geld ab⸗ geſehen.“ „Freilich,“ erwiderte ich und zog der Frau Hog⸗ garty Brief heraus; „leſen Sie ſelbſt.“ Er durchlas ihn ſehr aufmerkſam, ſchien durch den Inhalt deſſelben ſehr erheitert und ſagte, indem er ihn mir zurückgab: „Nun, Samuel, ich wollte Sie nur um zwei Dinge bitten. Erſtens, ſagen Sie keiner ſterblichen Seele, daß ich in London bin, und zweitens, laden Sie mich ein⸗ mal zum Eſſen in Lambs Conduitſtreet bei Ihrem lieben Weibchen ein.“ „Sehr gerne verſpreche ich Ihnen das,“ antwortete ich mit Lachen. „Allein wenn Sie bei uns ſpeiſen, muß es herauskommen, daß Sie hier ſind; denn mein Freund Auguſt Hoſtins ſpeist auch mit, und das faſt alle Tage, ſeit die Tante fort iſt.“ Auch er mußte lachen und ſagte: „Auguſt muß uns bei der Flaſche Verſchwiegenheit geloben.“ Und ſo ſchie⸗ den wir von einander bis zur Eſſenszeit. Der unermüdliche Rechtsfreund ſetzte ſeinen Angriff nach dem Eſſen fort, wobei ihm nicht nur Auguſt ſecon⸗ dirte, ſondern auch meine Frau, die gewiß dabei ganz uneigennützig, ja mehr als uneigennützig war; denn ſie hätte viel darum gegeben, wenn ſie der Geſellſchaft der Tante los geworden wäre. Sie ſagte aber, ſie ſehe nur zu gut ein, daß Herr Smithers Recht habe, und ſeuf⸗ zend ließ ich ſeinen Gründen Gerechtigkeit widerfahren. Uebrigens ſetzte ich mich aufs hohe Pferd und erklärte, meine Tante könne mit ihrem Geld thun, was ſie wolle, ich ſei weit entfernt, irgend einen Einfluß auf ſie üben 107 zu wollen in Hinſicht der Verfügung über ihr Ver⸗ mögen. Nach dem Thee gingen die beiden Herrn zuſammen fort. Auguſt ſagte mir nachgehends, Smithers habe hundert Fragen an ihn gethan, nach unſerer Anſtalt, nach Brough, nach mir und meiner Frau und jeder un⸗ ſerer Angelegenheiten. „Sie ſind ein Glückskind, Herr Hoſkins, und ſcheinen ein intimer Freund dieſes hübſchen jungen Pärchens zu ſein,“ habe Smithers geſagt, was Auguſt bejaht und beigefügt habe, daß er in ſechs Wo⸗ chen gewiß fünfzehn Mal bei uns geſpeist habe, und daß es auf der Welt keinen beſſern, und gaſtfreund⸗ licheren Menſchen gebe, als mich. Ich ſage das nicht, um mein eigenes Loblied zu ſingen — oh, nein! ſondern weil dieſe Fragen Smithers meiſtentheils Be⸗ zug haben auf die nachfolgenden Begebenheiten, wovon in dieſer Erzählung die Rede ſein wird. Als wir den folgenden Tag am Eſſen ſaßen und uns die kalte Hammelskeule ſchmecken ließen, welcher Smithers den Abend zuvor ſo wacker zugeſprochen, und Auguſt, wie gewöhnlich unſer Gaſt war, fuhr eine Fiakerkutſche am Hauſe an, worauf wir aber nicht weiter achteten. Auf der Hausflur ließen ſich Tritte verneh⸗ men und wir dachten, es könnte Jemand ſein, der in den obern Stock wolle. Wer trat aber auf einmal in unſer Zimmer, wie aus den Wolken gefallen? Niemand als Frau Hoggarty ſelbſt. Auguſt, der eben den Schaum von einer Kanne Porter blies, um einen kräftigen Zug zu thun, und der uns die Tage her durch ſeine Geſchicht⸗ chen und Schnurren viel Spaß gemacht hatte, ſetzte bei ihrem Eintritt die Kanne nieder und erblaßte. Auch uns ward hei ihrer Erſcheinung nicht ganz wohl zu Muthe. Meine Tante ſah Marien ſtolz ins Geſicht, warf alsbann einen wüthenden Blick auf Auguſt und ſagte: „Es iſt nur zu wahr — mein armer Samuel — jetzt ſchon!“ ſiel dann krampfhaft mir in die Arme und ſchwur mit halberſtickter Stimme, daß ſie mich nie, nie mehr verlaſſen wolle. Weder ich, noch irgend eines von uns konnte ſich den Grund dieſer außerordentlichen Bewegung, worin ſich Frau Hoggarty befand, enträthſeln. Als die arme Marie mit Wärme ihr die Hand bot, verſagte ſie die ihrige, und als Auguſt ſchüchtern ſagte: „Ich glaube, Samuel, ich bin hier im Wege, und vielleicht — wäre es beſſer, ich gienge,“ da ſah ihn Frau Hoggarty mit großen Augen an, wies mit dem Zeigeſinger gebie⸗ teriſch nach der Thüre und ſprach: „Ich glaube auch, Herr, es iſt beſſer, Sie gehen.“ „Ich hoffe, Herr Hoſtins wird bleiben, ſo lang' es ihm gefällt,“ ſagte meine Frau muthig. „Natürlich hoffen Sie es, Madam „ verſetzte Frau Hoggarty höhniſch. Doch Mariens Worte, ſowie die der Tante wurden von ihm gänzlich überhört, denn er hatte urplötzlich nach ſeinem Hut gegriffen, und ich hörte ihn die Treppe hinunter ſtolpern. Der Streit endigte, wie gewöhnlich damit, daß Marie in ein Weinen verftel und meine Tante wieder⸗ holt verſicherte, daß es noch nicht zu ſpät ſei, wie ſie zuverſichtlich hoffe, und daß ſie von nun an mich nie, mehr verlaſſen wolle. „Was mochte die Urſache ſein, daß die Tante ſchon wieder kam und ſo böſe?“ fragte ich Marie am Abend, als wir allein in unſerem Zimmer waren. Dieſe aber betheuerte, ſie wiſſe es nicht, und erſt einige Zeit var⸗ auf erfuhr ich die Urſache dieſes Streits und des ſo plötzlichen Wiedererſcheinens der Frau Hoggarty. Der kleine, dicke Smithers, der abſcheuliche, grobe Menſch, erzählte mir die Sache vor Jahren als einen vortrefflichen Witz, da er mir den Brief von Hixon, Diron, Paxon und Jackſon zeigte, der oben angeführt iſt. „Beſter Samuel,“ ſagte er, „Sie waren entſchloſ⸗ ſen, Frau Hoggarty in der Rookery in Broughs Klauen zu laſſen, und ich war entſchloſſen, ſie wegzunehmen. Ich 109 wollte zwei Ihrer Todfeinde, ſo zu ſagen, mit einem Streich treffen; es war mir vollfommen klar, daß der wohlehrwürdige Grimes Wapſhot es auf das Vermögen Ihrer Tante abgeſehen hatte, und Herr Brough ähn⸗ liche, beuteſüchtige Plane in Betreff derſelben hegte. „Beuteſüchtig iſt ein noch zu milder Ausdruck, Samuel! Hätte ich gleich geſagt, „räuberiſch,“ ſo würde ich meine Meinung deutlicher ausgedrückt haben. „Ich nahm alſo einen Platz auf dem Wagen nach Fulham und ſuchte nach meiner Ankunft geradenwegs den wohlehrwürdigen Herrn in ſeiner Wohnung auf. „Herr,“ ſagte ich, als ich den Würdigen fand — er trank gerade Grog, — „denken Sie, ſchon um zwei Uhr“ — oder es roch wenigſtens das Zimmer ſehr ſtark darnach — „Herr,“ ſagte ich, „Sie ſind im Jahr 1814 zu Lan⸗ caſter vor dem Schwurgericht geſtanden.“ „Und bin freigeſprochen worden. Die Vorſehung hat meine Unſchuld an den Tag gebracht,“ verſetzte Wapſhot. „Aber Sie ſind nicht freigeſprochen worden wegen Unterſchlagung im Jahr 16,“ erwiderte ich, „und ſind in Folge deſſen zwei Jahre zu York im Gefängniß geſeſſen.“ Ich kannte die ganze Geſchichte des Burſchen; denn ich hatte eine Klageſchrift wider ihn verfaßt, als er Pre⸗ diger zu Clifton war. „Herr Wapſhot,“ ſagte ich, „Sie machen einer trefflichen Dame den Hof, die gegenwärtig im Hauſe des Herrn Brough ſich befindet. Wofern Sie nicht verſprechen, Ihre Bewerbungen um Sie einzuſtel⸗ len, ſo werde ich Sie proſtituiren.“ „Ich habe es verſprochen,“ antwortete Wapſhot ganz verwundert, und man ſah, daß es ihm viel leichter ums Herz wurde. „Ich habe es Herrn Brough feier⸗ lich verſprechen müſſen, der heute Morgen bei mir war und tobte und ſchalt und fluchte. O Herr, es wäre Ihnen Angſt und bange geworden, einen Chriſtenmen⸗ ſchen, wie er ſein will, ſo fluchen zu hören.“ — 110 „Herr Brough hier geweſen?“ fragte ich ganz er⸗ ſtaunt. „Ja, ich meine, Sie ſind beide auf derſelben Spur,“ verſetzte Wapſhot. „Sie wollen die Wittwe heirathen mit den Gütern Slopperton und Saquaſhtail, nicht wahr? Immerhin, das können Sie. Ich habe verſpro⸗ chen, daß ich nichts mehr mit ihr wolle zu ſchaffen haben, und einem Wapſhot iſt ſein Ehrenwort heilig.“ „Ich glaube, Herr,“ ſagte ich, „Herr Brough hat gedroht, Sie zur Thüre hinauszuwerfen, wenn ſie noch einmal kämen.“ „Ich ſehe wohl, Sie ſind bei ihm geweſen,“ erwi⸗ derte der wohlehrwürdige Herr, die Achſeln zuckend. „Da ſiel mir ein, daß Sie mir von dem erbrochenen Siegel des Briefs an Sie erzählt hatten, und ich zweifle nicht im Mindeſten, daß Brough ihn wiſſentlich aufge⸗ macht und ganz geleſen hat. „Nun der erſte Vogel war kalt gemacht. Ich und Brough hatten nach ihm geſchoſſen. Jetzt hatte ich in — das Krähenneſt, die Rookery, zu feuern, und hin ging ich, that Pulver auf die Pfanne und lud, Herr. „Es war acht Uhr vorbei, als ich ankam, und nach⸗ dem ich eingetreten, ſah ich eine mir bekannte Geſtalt in den Gartenanlagen herumſpazieren; es war die Ihrer verehrten Tante. Ich wollte aber zuvor die liebenswür⸗ digen Damen des Hauſes ſprechen, bevor ich erſtere auf⸗ ſuchte, weil ich — ſehen Sie, Freund Titmarſh — aus der Frau Hoggarty Brief entnommen, daß ſie und jene ſchlagfertig ſich gegenüberſtehen und ich hoffte, ſie miteinem Male mittelſt eines Zanks mit ihnen aus dem Hauſe zu bringen.“ Ich mußte lachen und geſtehen, daß Herr Smithers doch ein rechter Schlaukopf ſei. „Glücklicher Weiſe,“ fuhr er fort, „war Fräulein Brough im Geſellſchaftszimmer und klimperte auf der Guitarreund ſang, wobei ſie abſcheulich aus dem Ton ſiel. Indem ich aber in die Thüre trat, rief ich „Pſt Pſt“ —— 11¹¹ dem Bedienten ſo laut als möglich zu und blieb ſtehen; dann ſchritt ich leiſe auf den Zehen weiter vor. Fräu⸗ lein Brough konnte das alles im Spiegel ſehen; ſie that aber nicht, als ob ſie es ſähe und endigte mit einem kunſigerechten Triller. „Gütiger Gott!“ ſagte ich, „Madam, verzeihen Sie, daß ich dieſe himmliſche Muſik geſtört, daß ich ſo unerwartet dazu gekommen, daß ich ganz unberufener Weiſe Ihren Tönen zu lauſchen wagte.“ „Wollen Sie zu Mama, mein Herr?“ fragte das Fräulein mit ſo viel Huld und Freundlichkeit, als ihre Phyſtognomie es zulaſſen wollte. „Ich bin die Tochter vom Hauſe, mein Herr!“ „Sie erlauben, Madam, daß ich nicht eher den Ge⸗ genſtand berühre, der mich hieher führt, bis ich Ihre melodiſchen Töne noch einmal vernehmen durfte.“ Sie ſang zwar nicht weiter, ſah aber freundlich ſagte: „Nun, mein Herr, was wünſchen ie?“ „Ich ſuche eine Dame, Ihres werthen Herrn Va⸗ ters Gaſt allhier.“ „Ah, Frau Hoggarty!“ erwiderte das Fräulein und lief nach der Klingel und ſchellte. „John, holt Frau Hoggarty aus dem Garten; hier iſt ein Herr, der ſie zu ſprechen wünſcht.“ „Ich kenne,“ fuhr ich fort, „die Eigenheiten dieſer Frau ſo gut als Einer, mein Fräulein, und begreife, daß dieſe und ihre Erziehung nicht von der Art ſind, um ſie zu einer paſſenden Geſellſchafterin für Sie zu machen. Ich weiß wohl, Sie mögen ſie nicht; ſie hat uns nach Somerſetſhire geſchrieben, daß Sie ſie nicht mögen.“ „Was! ſie hat bei ihren Freunden über uns ge⸗ ſchimpft? Das hat ſie?“ ſchrie Fräulein Brough (das war gerade das, was ich ihr zu wiſſen thun wollte). „Wenn ſie uns nicht mag, warum geht ſie nicht fort?“ „Ihr Beſuch dauert allerdings ſchon lange,“ ſagte ich, „und ich bins gewiß, daß ihr Neffe und ſeine Frau ſich nach ihrer Rückkunft ſehnen. — Ich bitte, mein Fräulein, gehen Sie nicht. Sie können mir ſehr för⸗ derlich ſein zu dem Zweck, zu dem ich gekommen bin.“ Der Zweck, zu dem ich kam, Herr, war der, eine förmliche Schlacht einzuleiten zwiſchen den Frauenzim⸗ mern, worauf ich Frau Hoggarty auffordern und er⸗ klären wollte, daß ſie wahrhaftig nicht länger in ei⸗ nem Hauſe bleiben dürfe, mit deſſen Genoſſen ſie in ſo üblem Vernehmen ſtehe. Nun die Schlacht ward ge⸗ ſchlagen. Das Fräulein eröffnete das Feuer mit der Behauptung, ſie wiſſe, daß Frau Hoggarty bei ihren Freunden ſie verleumde. Allein ohngeachtet am Ende das Fräulein wüthend aus dem Zimmer ſtürzte und ſich betheuerte, daß ſie aus dem Haus gehe, wenn das ver⸗ haßte Weib nicht fortkomme, ſagte doch Ihre Tante: „Ha! Ha! ich kenne die elende Kriegsliſt dieſes Zier⸗ affens wohl; aber Gott ſei Dank, ich bin gutherzig und als Chriſtin kann ich ihr vergeben. Ich werde das Haus ihres vortrefflichen Vaters nicht verlaſſen und dieſen würdigen, unvergleichlichen Mann nicht durch meine Entfernung betrüben.“ Jetzt verſuchte ich Frau Hoggarty an ihrer mitlei⸗ digen Seite zu faſſen. Ihre Nichte, ſagte ich, die Frau Titmarſh, Madam, iſt in der letzten Zeit, wie mir Sa⸗ muel ſagt, ſehr leidend geweſen. Uebelkeiten des Mor⸗ gens, Madam — kleine Nervenzufälle und Niederge⸗ ſchlagenheit, — lauter Erſcheinungen, die bei einer jungen Frau kaum zu verkennen ſind. Frau Hoggarty erwiderte, ſie beſitze eine vortreff⸗ liche Herzſtärkung, die ſie derſelben ſchicken wolle, und ſie ſei vollkommen überzeugt, daß dieſe ihr gut thun würde. Mit dem größten Widerwillen ſah ich mich jetzt genöthigt, meine letzte Reſerve in den Kampf zu führen, und ich kann Ihnen jetzt wohl ſagen, was das war, lieber Samuel, jetzt, da die Geſchichte ſchon ſo lange 1¹³3 vorbei iſt. Madam, fing ich wieder an, es iſt ein Um⸗ ſtand, über den ich mit Ihnen ſprechen muß, obſchon ich kaum das Herz dazu habe. Ich ſpeiste geſtern bei Ihrem Neffen und traf an ſeinem Tiſch einen jungen Mann, — einen jungen Mann ohne alle Bildung, der offenbar Ihrem Neffen die Augen verblendet hat. Auch fürchte ich ſehr, daß es ihm gelungen iſt, auf Ihre Nichte Eindruck zu machen. Hoſtins iſt ſein Name, Ma⸗ dam; und wenn ich verſichern kann, daß Er, der wäh⸗ rend Ihrer Anweſenheit nie ins Haus gekommen iſt, ſechszehnmal innerhalb drei Wochen bei Ihrem nur zu argloſen Neffen geſpeist hat: ſo überlaſſe ich Ihnen ſelbſt, einen Schluß daraus zu ziehen, den ich mir zu ziehen nicht erlaube.“ * Der Schuß traf. Ihre Tante fuhr plötzlich auf und ſaß zehn Minuten ſpäter in meinem Wagen, um nach London zurückzukehren. Herr, war das nicht ein Meiſterſtück? „Und Sie haben dieſen Streich auf Koſten meiner Frau geſpielt, Herr Smithers,“ verſetzte ich. „Auf Koſten Ihrer Frau, allerdings; jedoch zu Gurem beiderſeitigen Beſten.“ „Es iſt gut, Herr, daß Sie ein alter Mann ſind,“ erwiderte ich, „und daß die Sache ſich ſchon vor zehn Jahren begeben hat, ſonſt hätte ich, bei Gott, Herr Smithers, Ihnen die Reitpeitſche gegeben, daß Sie ſich würden verwundert haben.“ Auf ſolche Art kam es, daß Frau Hoggarty wieder zu ihren Verwandten zurückkehrte, und das war der Grund, warum wir das Haus in Bernhardſtreet mie⸗ theten. Unſere Erlebniſſe in demſelben wird das fol⸗ gende Kapitel ſchildern. ———— Thacker ay, Samuel Titmarſh⸗ 8 Zehntes Rapitel. Von Samuels Privatangelegenheiten und der Firma Brough und Hoff. Wir bezogen ein nettes Haus in der Bernhard⸗ ſtraße, Ruſſell Square. Meine Tante ließ ihren ganzen Hausrath vom Land kommen, von dem zwei ſolcher Häuſer voll geworden wären, der aber in unſerer neuen Haushaltung uns ſehr zu gut kam, zumal wir nur die Fracht von Briſtol aus bezahlen durften. Als ich der Frau Hoggarty ihre dritte Halbjahrs⸗ dividende brachte, — ich hatte für vier volle Monate noch keinen Shilling von ihr geſehen — gab ſie mir fünfzig Pfund von den achtzig, mit dem Bemerken, daß dies ein ſchönes Geld ſei für Koſt und Logis von einer Frau, wie ſie, die nicht mehr als ein Sperling eſſe. Ich ſelbſt habe ſie auf dem Lande einmal neun Sperlinge in einem Pudding eſſen ſehen. Aber ſie war reich und ich durfte mich nicht beklagen. Wenn ſie ſechshundert Pfund mindeſtens jährlich erſparte dadurch, daß ſie bei uns war, ſo mußte mir alles, was ſie auf⸗ ſteckte, dereinſt zu Theil werden und ſo tröſteten wir uns damit und verſuchten ſo gut auszukommen, als es ging. Es war keine Kleinigkeit, eine Wohnung in Manſion zu beſtreiten und von den vierhundertſiebenzig Pfunden, was mein jährliches Einkommen betrug, noch aufzuſtecken. Dennoch wie glücklich war ich, daß ich dieſes Einkommen hatte! Als Frau Hoggarty in Smithers Wagen die Roo⸗ keiy verließ, fuhr gerade Brough mit ſeinen vier Grau⸗ ſchimmeln zum Thore herein. Ich wöchte die Geſichter 1¹⁵ dieſer beiden Herrn geſehen haben, wie einer dem an⸗ dern ſeine Beute aus deſſen eigener Höhle und ihm vor der Naſe weg entführte. Er beſuchte ſie den andern Tag und erklärte, daß er unſer Haus nicht mehr verlaſſe, bis ſie mit ihm gehe; daß er von dem ſchändlichen Betragen ſeiner Tochter gehört und ſie in Thränen gefunden habe, — „in Thränen, Madam, und auf den Knien, um ſich vom Himmel Vergebung zu erflehen!“ Herr Brough mußte jedoch ohne meine Tante das Haus verlaſſen, weil dieſe einen triftigern Grund hatte, da zu bleiben. Sie ließ die arme Marie faſt nie aus den Augen, — erbrach alle Briefe, die an ſie kamen und ſchöpfte Verdacht bei allen, die ſie ſchrieb. Marie ſagte mir nie Etwas von all dieſen Unbilden, als erſt viele, viele Jahre ſpäter und hatte für ihren Gatten, wenn er von der Arbeit nach Hauſe kam, ſtets ein heiteres Geſicht. Was den armen Auguſt betrifft, ſo hatte ihn meine Tante der⸗ maßen erſchreckt, daß er ſich nie mehr blicken ließ, ſo lange wir dort wohnten. Er war zufrieden, wenn ich ihm nur von Marie Nachricht gab, die er ſo zärtlich wie mich ſelbſt liebte. Herr Brough ließ mich ſeine üble Laune im höch⸗ ſten Grad empfinden, daß die Tante ihn verlaſſen hatte. Zehnmal des Tags fand er an mir zu tadeln und that das ungeſcheut vor dem ganzen Perſonal. Aber ich ſagte ihm einmal derb darüber die Meinung, daß ich nicht blos als Diener der Geſellſchaft mich betrachte, ſondern ſelbſt Mitglied mit bedeutendem Einlagekapital ſei; daß er nicht im Stande ſei, mir in meiner Arbeit oder Auf⸗ führung etwas Unrechtes nachzuweiſen und daß ich mir von ihm oder ſonſt Jemand keine Grobheiten machen laſſe. Er verſetzte, ſo ſei es immer geweſen; noch jeder junge Mann, den er in ſeinem Herzen getragen, habe den Undankbaren an ihm gemacht, er ſei Liebloſigkeit und Kränkungen von ſeinen Kindern ſchon gewöhnt und wolle beten, daß ihnen ihre Sünde vergeben werde. 116 Kaum eine Minute zuvor noch hatte er über mich hin⸗ eingeflucht und gedonnert, wie wenn ich ſein Schuh⸗ putzer geweſen wäre. Aber ich war nicht geſonnen, die hochmükhige Begegnung von Seiten der Madam Brough oder von ihm ferner zu ertragen. Gegen mich konnten ſie ſich benehmen wie ſie mochten, ich wollte aber nicht haben, daß meine Frau von ihnen übergangen würde, wie dieß bei Gelegenheit des Beſuchs in Fulham der Fall geweſen war. Brough ſchloß damit, daß er mich vor Hodge und Smithers warnte. „Nehmen Sie ſich in Acht vor dieſen Leuten,“ ſagte erz „wäre ich nicht ſo rechtlich, ſo wären die Güter Ihrer Tante dieſen Blutſaugern geopfert worden. Als ich zu ihrem Beſten — was Sie, eigen⸗ ſinniger Menſch, nicht begreifen wollen — ihre Liegen⸗ ſchaften verkauft haben wollte, da hatten wahrhaftig ihre Rechtsfreunde die Keckheit — die unchriſtliche Hab⸗ ſucht möchte ich ſagen — zehn Procent Beſorgungs⸗ gebühr von dem Verkaufspreiſe zu verlangen. Ich dachte, es könnte daran viel Wahres ſein. In jedem Fall, wenn Schufte uneins werden, kommen ehr⸗ liche Leute zu dem Ihrigen; und ich fing jetzt an zu argwöhnen — es thut mir leid, das ſagen zu müſſen — daß beide, der Anwalt ſo gut wie unſer Direktor, einen ſpitzbübiſchen Zug in ihrem Charakter hätten. Nament⸗ lich in Hinſicht des Vermögens meiner Frau ließ Brough den Pferdefuß gar zu merklich hervorſehen;z denn als er mir einmal wieder vorſchlug, ich ſollte damit Aktien in unſerer Geſellſchaft kaufen, wendete ich ihm ein, daß meine Frau noch minderjährig ſei und ich daher über ihr geringes Vermögen ganz und gar keine Macht hätte. Auf dies entfernte er ſich voller Wuth und ich merkte bald an Abednego's Benehmen gegen mich, daß er mich nicht mehr leiden könne. Keine Geldvorſchüſſe, keinen Urlaub bekam ich mehr. Im Gegentheil, ſogar die Privatſekretäͤrſtelle mit fünfzig Pfunden wurde aufge⸗ hoben und ich ſah mich wieder auf meinen Jahrgehalt — — 117 von zweihundertfünfzig Pfund beſchränkt. Doch, was lag daran ? es war immer noch ein ſchönes Einkommen; ich that meine Schuldigkeit und lachte den Direktor aus. Um dieſe Zeit ungefähr im Anfang des Jahrs 1824 machte die Ingwer⸗Bier⸗Geſellſchaft Bankerott — ſie verknallte, wie Auguſt ſagte, mit Glanz! Die Pa⸗ tent⸗Tanzſchuh⸗Aktien ſtanden auf 15 Pfund bei einem eingezahlten Kapital von 65 Pfund. Die Unſtigen ſtan⸗ den immer noch weit über pari und die Independent⸗ Weſt⸗Diddleſex trug thren Kopf ſo hoch, als nur irgend eine Anſtalt in London. Roundhands Schmähungen hatten freilich eine für den Direktor ungünſtige Wirkung gethan; denn jener ſpielte auf Unterſchleife an, die mit den Aktien vorgingen. Allein die Geſellſchaft hielt noch zuſammen wie Ein Mann und ſtand felſenfeſt da. Um wieder auf den Stand der Angelegenheiten in der Bernhardſtraße, Ruſſell Square, zu kommen, ſo verſtellten die alten Menbles meiner Tante unfre kleine Zimmer; und ihr ungeheures altes, ſchetterndes Forte⸗ piano mit geſchlängelten Füßen und zur Hälfte geſprunge⸗ nen Saiten nahm drei Viertheile unſres kleinen Beſuch⸗ zimmers ein. Hier ſaß oft Frau Hoggarty ſtundenlang und ſpielte uns Sonaten vor, die zu Lord Charleville's Zeit neu geweſen waren, und ſang dazu mit ihrer ver⸗ fallenen Stimme, daß wir nur zu thun hatten, um uns des Lachens zu erwehren. — Es war auch merkwürdig, die Veränderung wahr⸗ zunehmen, die auf einmal in ihrem Weſen vorgegangen war. Während ſie auf dem Land, wo ſie zu den vorneh⸗ men Leuten im Dorf gehörte, um ſechs Uhr ihre Thee⸗ eſellſchaft hatte und nachher ein Spielchen zu zwei fennigen machte; wollte ſie in London nie vor ſieben Uhr ſpeiſen; wollte ein modiſches Cabriolet haben, um in der Woche zweimal in den Park zu fahren. Den lieben langen Tag ward zugeſchnitten und zertrennt und verändert und geſchneidert an ihren alten Fahnen und Hauben und Falbeln und Bändern, und meine arme Marie mußte vom Morgen bis in die ſpäte Nacht ihr helfen, ſolche nach der neueſten Mode zurecht machen. Nicht genug, auch eine neue Perrücke mußte her, und leider habe ich beizufügen, daß ſie mit ſolch rothen Wangen erſchien, wie ſie ihr niemals natürlich geweſen, daß alle Leute in der Bernhardſtraße, wo man an ſolche Moden noch nicht gewöhnt iſt, ihr nachſahen. Noch mehr, ſie ließ nicht nach, bis wir einen Livreebedienten annahmen — d. h. ein junges Bürſchchen von ſechszehn Jahren, der eine der alten Livreen anziehen mußte, die ſie von Somerſetſhire mitgebracht hatte, nur mit neuen Aufſchlägen, Kragen und Knöpfen. Auf letztern war das vereinte Wappen der Titmarſh und Hoggarty zu ſchauen, nämlich eine aufgerichtete Blaumeiſe und ein wilder Eber im Schild. Dieſe Livree mit den Wappen⸗ fnöpfen hielt ich für eine große Narrheit, wenn gleich meine Familie eine ſehr alte iſt. Lieber Gott! was gab es für ein Gelächter auf unſerm Bureau, als ein⸗ mal das Bedientchen in ſeiner großen Livree mit dem mächtigen Stock hereinkam und mir von Frau Hoggarty auf Schloß Hoggarty Etwas auszurichten hatte. Noch nicht genug. Alle Briefe, die kamen, mußten auf einem ſilbernen Teller präſentirt werden. Hätten wir ein Kleines bekommen, ich glaube, meine Tante würde es auch auf dem Teller herumgetragen haben. Doch es war zur Zeit noch kein Grund vorhanden zu Smithers Anſpielung in dieſer Beziehung, ebenſo wenig als zu jener weiteren heilloſen Erfindung von Mariens Ein⸗ verſtändniſſe mit Hoſtins. Tante und Marie ſpazierten in der Regel die neue Straße gravitätiſch auf und ab, gefolgt von dem Lackei mit ſeinem großen Stock mit goldenem Knopf. Aber all dieſes Ceremoniells und Parademachens ungeachtet und trotz des Redens meiner Tante von ihren vornehmen Bekanntſchaften, ſahen wir dennoch keinen 1¹9 Menſchen von einem Ende der Woche zum andern und in der ganzen Stadt fonnte es kein Haus geben, ſo öde und trübſelig als das unſrige. Sonntags pflegte Frau Hoggarty in die St. Pan⸗ krazkirche zu gehen, die damals neu erbaut und ſo hübſch wie das Coventgarden Theater war, und des Abends eine Verſammlung der Anabaptiſten zu beſuchen. Die⸗ ſen Tag wenigſtens hatte Marie und ich für uns allein; wir ſuchten lieber in der Kirche des Findelhauſes Platz zu finden und hörten die herrliche Muſik daſelbſt und meine Frau ſaß nachdenklich da und verwandte kein Auge von den hübſchen Kindern, und was mich betrifft — nun ich machte es ebenſo. Es war jedoch erſt ein ganzes Jahr nach unſrer Verheirathung der Fall, daß ſie auf eine Weiſe ſprach, die ich hier nicht weiter be⸗ rühre, die uns aber beide mit unausſprechlicher Freude erfüllte. Ich erinnere mich, daß ſie mir es offenbarte an dem nämlichen Tag, wo die Muff⸗ und Pelzkragen⸗Ge⸗ ſellſchaft ihre Zahlungen einſtellte, nachdem ſie ein Ka⸗ pital von 300,000 Pf., wie Etliche wiſſen wollten, ver⸗ ſchlungen und nichts dafür aufzuweiſen hatte, als einen Vertrag mit Tomahawks Indianern, die ſpäterhin den Agenten der Geſellſchaft getödtet hatten. Manche Leute wollten jedoch gar nichts von dieſen Indianern und einem Agenten, der getödtet worden, wiſſen, ſondern meinten, daß das Ganze in einem Hauſe der Crutched⸗ friarsſtraße erfunden ſei. Mich dauerte nur der arme Tidd, deſſen 20,000 Pf. in Einem Jahr draufgegangen waren und den ich mit todtenbleichem Geſicht an dem⸗ ſelben Tag in der City traf. Er beſaß tauſend Pfund Schulden, wie er ſagte, und ſprach vom Todtſchießen; er wurde aber blos verhaftet und mußte eine lange Zeit im Fleetgefängniß ſchmachten. Ueber der Neuigkeit, mit der Marie mich entzückt hatte, vergaß ich aber bald wiederum Tidd und die Muff⸗ und Pelzkragen⸗Geſellſchaft, wie man ſich wohl vorſtellen kann. Jetzt ereigneten ſich noch andere Umſtände in der City, die mich auf die Vermuthung führten, daß es mit unſerm Direktor windig ausſehe. Drei ſeiner Geſell⸗ ſchaften hatten fallirt; vier weitere waren notoriſch zahlungsunfähig und ſelbſt in den Sitzungen des Aus⸗ ſchuſſes der Weſtdidvleſer kam es zu ſtürmiſchen Debat⸗ ten, die den Austritt mehrerer Mitglieder des Comite's zur Folge hatten. An ihre Stelle traten Freunde von Herrn Brough: Herr Puppert (Herr Drahtpuppe), Herr Straw (Herr Stroh), Herr Query (Herr Zweifler) und andere Ehrenleute, die vorwärts kamen und ihr Geld in unſer Geſchäft ſteckten. Brough und Hoff trennten ſich wieder und erſterer ſagte, er hätte mit der Verwal⸗ tung der J. W. D. gerade genug zu thun und habe im Sinne, ſich nach und nach von den andern Geſchäf⸗ ten zurückzuziehen. In der That gab auch ein Verein, wie der unſrige, einem Manne vollauf zu thun, abge⸗ ſehen von ſeinem Beruf als Parlamentsglied, den Brough zu erfüllen hatte und von den zweiundſiebenzig Proceſ⸗ ſen, die ihm als Vorſtand der ſchlafen gegangenen Ver⸗ eine über den Hals kamen. Vielleicht ſoll ich hier auch die verzweifelten Ver⸗ ſuche ſchildern, welche Frau Hoggarty machte, um ſich in die vornehme Welt einzuführen. Es iſt unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit ſie dabei blieb, daß ſie mit Lady Drum nahe verwandt ſei, trotz dem daß mich Lord Tiptoff vom Gegentheil verſichert hatte. Sie hatte nicht ſo bald in der „Morgenpoſt“ geleſen, daß Ihre Herr⸗ lichkeit nebſt Enkelinnen wieder in London ſei, als ſie den vorerwähnten Wagen beſtellte und in deren Häuſern Karten abgab. Sie hatte ſolche hiezu beſon⸗ ders ſtechen laſſen. Auf der ihrigen ſtand in gothiſchen Buchſtaben mit prächtigen Verzierungen: „Mrs. Hoggarth, von Schloß Hoggarty;“ auf den unſrigen: „Herr und Madam S. Titmarſh.“ — — 121 Alles Widerſtands meiner Frau ungeachtet hätte ſie der Lady Johanne Preſton das Haus geſtürmt und ſich die Treppen hinauf Bahn gebrochen, wenn der La⸗ kei, der ihr die Karte abnahm, ſie im mindeſten dazu ermuthigt hätte. Allein dieſem Bedienten mußte ihre ganze Erſcheinung etwas ungeheuerlich vorgekommen ſein: er vertrat ihr den Weg und erklärte, daß er den beſtimmteſten Befehl habe, Niemand zur gnädigen Frau zu laſſen. Auf dieſes machte ihm Frau Hoggarty eine Fauſt aus dem Wagenfenſter und drohte, daß er ihr ganz gewiß weggejagt werden müſſe. Die Erwiderung des Bedrohten beſtand in einem lauten Gelächter; worauf die Tante einen fulminanten Brief an Herrn Edward Preſton ſchrieb und ſich über die Unverſchämtheit der Domeſtiken des ſehr ehrenwer⸗ then Herrn beklagte. Allein dieſer nahm keine weitere Notiz von ihrem Schreiben, als daß er es zurück ſchickte mit dem Wunſch, mit ſolchen zudringlichen Beſuchen ins Künftige nicht mehr behelligt zu werden. Wir hatten einen ſchlechten Tag, als dieſe Erwiderung des Staats⸗ ſekretärs anlangte, um der Täuſchung meiner Tante willen, die in Wuth gerieth, als ſie ſein Schreiben er⸗ brochen hatte. Denn als Salomo wie gewöhnlich das Billet auf einem ſilbernen Teller heraufbrachte und ſie Herrn Preſtons Petſchaft und den Namen in der linken Ecke des Briefs — wie es Brauch iſt bei den Briefen ſolcher amtlichen Perſonen — erblickte, rief ſie triumphi⸗ rend: „Marie, wer hat jetzt Recht?“ und wettete mit meiner Frau ein Sechspfennigſtück, daß eine Einladung zum Eſſen darin ſtehe. Sie verlor zwar⸗ bezahlte aber die ſechs Pfennige niemals, ſondern machte blos alle Tage Marien das Leben ſauer und ſchalt mich einen feigen Wicht, daß ich nicht im Augenblick Herrn Pre⸗ ſton die Reitpeitſche geben wollte. Ein hübſcher Spaß, fürwahr! man hätte mich dafür in damaliger Zeit ge⸗ hängt, ſo gut wie den Mann, der Perceval erſchoß. Nun würde es mir Vergnügen machen, mich über meine Erfahrungen in der vornehmen Welt zu ver⸗ breiten, welche ich der Beharrlichkeit meiner Tante zu verdanken hatte. Ich muß aber geſtehen, daß ſich mir nur wenig Gelegenheit dazu darbot, und nur während der kurzen Zeit eines halben Jahres. Auch iſt die vor⸗ nehme Geſellſchaft ſchon zur Genüge durch verſchiedene Romanſchreiber beſchrieben, die ich hier nicht zu nennen brauche; die aber, ſofern ſie mit dem hohen Adel ent⸗ weder als Verwandte oder als deſſen Bediente oder Schmarotzer in Verbindung ſtehen, natürlicherweiſe jener Aufgabe viel beſſer gewachſen ſind als ein ehmaliger geringer Schreiber bei einer Feuerverſicherung. Ein auch in weiteren Kreiſen bekannt gewordenes Abenteuer hatten wir im Opernhauſe zu beſtehen, wo⸗ hin uns Frau Hoggarty mit ihr zu gehen nöthigte. In einem Saal dieſes Gebäudes, der von dem fürchterli⸗ chen Gedränge darin den Namen hat, und wo die vor⸗ nehmen Herrn und Damen nach dem Ende des Stücks auf ihre Wagen warten — eine gute Figur machte, beiläufig geſagt, unſer kleiner Salomo mit ſeinem mäch⸗ tigen Stock, unter den Rittern von der Achſelſchnur, die auf dem Vorplatz ſtanden! — in dieſem Saal alſo hatte ich der Frau Tante kaum die alte Gräfin Drum gezeigt, als dieſelbe keck zu dieſer hintrat und abſolut ihre Verwandtſchaft mit der gnädigen Frau geltend machen wollte. Meine Lady Drum aber hatte blos dann ein Gedächtniß, ſo zu ſagen, wenn es ihr convenirte, und es convenirte ihr bei dieſer Gelegenheit, von einer Ver⸗ wandtſchaft mit den Titmarſh's und Hoggarty's nichts wiſſen zu wollen. Weit entfernt uns wieder zu erken⸗ nen, ſchalt ſie ſogar Frau Hoggarty eine höchſt zudring⸗ liche Perſon und drohte ihr mit der Polizei, ſo laut, daß es Jedermann hören konnte. Dieſe und ähnliche Abweiſungen lehrten die Tante endlich das eitle Weſen dieſer argen Welt, wie ſie ſagte, erkennen und machten, daß ſie mehr und mehr wahrhaft 123 ernſte Geſellſchaften ſuchte. Sie machte verſchiedene ſchätzbare Bekanntſchaften, wie ſie ſagte, in der Inde⸗ pendentenkapelle; unter andern fand ſie hier ganz un⸗ erwartet ihren Freund von der Rookery her, Herrn Grimes Wapſhot wieder. Wir wußten damals nichts davon, daß Smithers bei ihm geweſen und Grimes hielt es nicht für geeignet, uns mit den näheren Umſtänden be⸗ kannt zu machen, unter welchen jenes Wiederſehen ſtatt⸗ gefunden. Allein als ich der Frau Hoggarty die Ge⸗ ſchichte mittheilte, daß ihr Lieblingsprediger wegen Fäl⸗ ſchung vor Gericht geſtanden, wendete ſie mir ein, daß ſie dieſe Geſchichte für eine abſcheuliche Verleumdung halte. Er aber erwiderte darauf, daß ich und Marie zu beklagen ſeien, daß wir ſo in Finſterniß wandeln und unaufhaltſam einem bodenloſen Abgrund zueilen, von welchem freilich er ſelber, wie es ſchien, am meiſten zu ſagen wußte. Von dieſem ehrwürdigen Manne geleitet und berathen, hielt ſie ſich nach einiger Zeit gar nicht mehr zur Pankraziuskirche, ſondern ſaß wöchentlich drei⸗ mal zu ſeinen Füßen, wie die Schrift ſagt, und fing an, an der Bekehrung der Proletarier von Blomsbury und St. Giles zu arbeiten; machte auch eine Menge Kindszeug zur Vertheilung unter dieſe Unglücklichen. Sie machte aber keinen für ihre liebe Nichte Titmarſh, der man jetzt anſah, daß ſie deſſen in Bälde benöthigt ſein würde, ſondern ließ Marie (und meine Mutter und Schweſtern in Somerſetſhire) für das ſorgen, was das bevorſtehende Ereigniß erforderte. Ich weiß in der That nicht, ob ſie nicht ſagte, es ſei unrecht von uns, daß wir ſolche Vorkehrungen treffen und wir ſollten den morgenden Tag für das Seine ſorgen laſſen. Dabei trank der ehrwürdige Grimes Wapſhot faſt täglich ſei⸗ nen Grog bei uns und ſpeiste ſogar noch öfter mit, als der arme Auguſt gedurft hatte. Ich hatte zu wenig Zeit, um auf ſein Thun und Treiben Acht zu geben. Ich muß ſagen, ich gerieth von einer Verlegenheit in die andere und gerade damals waren nicht blos meine häuslichen Umſtände, ſondern auch die Angelegenheiten meines Berufs von der Art, daß ich faſt nicht zu mir ſelber kam. Was das erſte betrifft, ſo hatte ich allerdings von Frau Hoggarty fünfzig Pfund erhalten. Allein davon hatte ich die Reiſe mit Extrapoſt von Somerſetſhire und die ganze Fracht für ihre Habſeligkeiten vom Lande her, beſtritten, wie auch das Malen, Tapeziren und die Fuß⸗ teppiche in unſrer Wohnung, ferner den Branntwein und andere geiſtige Getränke, welche der Wohlehrwürdige Herr Grimes Wapſhot mit ſeinen Freunden conſumirte — denn der geiſtliche Herr ſagte, der Roſolio bekomme ihm nicht gut —; endlich tauſenderlei kleine Rechnun⸗ gen und Ausgaben, die in jeder Haushaltung in der Hauptſtadt vorkommen. Hiezu kam noch, daß ich gerade zu der Zeit, wo ich am wenigſten bei Caſſe war, die Rechnung der Ma⸗ dame Mantalini, die von Howell und James, und des Baron von Stiltz Schneiderconto, wie auch den von Polonius für das Faſſen der Bruſtnadel erhielt. Und zwar mußten all dieſe in Einer Woche kommen, wie das ſo zu gehen pflegt. Man denke ſich aber erſt mein Erſiaunen, als ich ſie der Frau Hoggarty vorlegte und dieſe ſagte: Nun, mein Lieber, Du genießeſt ja ein ſehr hübſches Einkommen. Wenn Du Kleider und Juwelen aus den vornehmſten Läden haben willſt, mußt Du auch dafür bezahlen. Du darfſt nicht erwarten, daß ich Dir zu ſolchen übertriebenen Sachen behülflich ſein ſoll oder Dir einen Schilling mehr geben, als das ſchöne Geld, das Du von meiner Generoſität für Koſt und Logis erhältſt!“ Wie konnte ich Marien von dieſem Betragen der Tante etwas ſagen, zumal ihr Zuſtand die größte Scho⸗ nung erheiſchte? Und ſo ſchlimm es bei mir zu Hauſe ſtund, ſo ſah es doch leider mit unſter Anſtalt nachge⸗ rade noch viel mißlicher aus. Roundhand blieb nicht der einzige, der uns verließ. Auch Highmore ging fort, und Abednego wurde erſter 125⁵ Gommis. Eines Tags kam der alte Abednego und ward in des Direktors Privatzimmer gewieſen. Als er es wieder verlaſſen, kam er zitternd und fort ſchwatzend und fluchend die Treppe herunter und hatte eben an⸗ gefangen: „Meine Herrn“ — nämlich zu den Leuten des Bureau gewendet; als Herr Brough mit flehenden Blicken und dem Rufe „warten Sie bis Samſtag“ demſelben nachgerannt fam und ihn endlich zur Thüre hinaus ſpedirte. An dieſem Samſtag verließ der junge Abednego das Comptoir für immer und ich ward erſter Commis mit einem Jahrgehalt von vierhundert Pfund. Dieſelbe Woche war eine verhängnißvolle für unſre Anſtalt. Als ich am Montag darauf hinkam und meinen neuen Platz am Pulte des oberſten Commis einnahm, las ich zuerſt die Zeitung, wozu ich das Recht hatte. Die er⸗ ſten Worte, auf die ich hinſah, waren: Große Feuers⸗ brunſt in Houndsditch! Gänzliche Einäſcherung der Sie⸗ gellakfabrik von Herrn Meſach; und des daran ſtoßenden Kleidermagazins von Herrn Sadrach. In der erſtern befand ſich feinſtes holländiſches Petſchierwachs im Werth von 20,000 Pfund, welches das gefräßige Element im Augenblick ergriffen und verzehrt hatte. Der zweite achtbare Herr hatte gerade 40,000 Monturen für die Reiterei Sr. Hoheit des Kaziken von Poyais fertig! Dieſe jüdiſche Häuſer, mit denen Abednego in Ver⸗ bindung ſtand, waren alle beide zum vollen Betrag ihres Verluſtes bei unſrer Anſtalt verſichert. Das Un⸗ glück ward verſchuldet durch die Betrunkenheit eines heilloſen Wächters, eines Irländers, der in dem Gebäude aufgeſtellt geweſen war und eine Flaſche Malzbrannt⸗ wein im Waarenlager des Herrn Sadrach umwarf, und dann unvorſichtig mit dem brennenden Licht der Flüſſig⸗ keit zu nahe kam. Der Kerl ward von ſeinen Princi⸗ palen in unſer Comptoir gebracht und ſelbſt dann noch im Zuſtand völliger Betrunkenheit, wie wir alle bezeu⸗ gen konnten. Als wenn es an dieſem noch nicht genug geweſen wäre, meldete auch die Todtenliſte den Hintritt des Alderman Paſh — Aldermany Cally⸗Poſh hießen wir ihn oft zum Scherz wegen ſeiner Vorliebe für Schildkrötenſuppe: aber jetzt war es keine Zeit mehr zum Spaſſen! Er war bei unſerm Haus für 5000 Pfund verſichert, und ich überzeugte mich nun von der Richtigkeit einer Be⸗ merkung Auguſt Hoſkins — daß Lebensverſicherungen allerdings im erſten und zweiten Jahr ihres Beſtehens gute Geſchäfte machen, daß es aber ſchwer fällt, aus ihnen Gewinnſt zu ziehen, wenn einmal die Verſicher⸗ ten anfangen zu ſterben. Der härteſte Schlag jedoch, der uns traf, war die beſagte Feuersbrunſt. Denn obgleich im Jahr 1822 die Baumwollenſpinnerei von Waddingly abgebrannt war, mit einem Verluſte von 80,000 Pf für die Geſellſchaft, und obgleich im nämlichen Jahr die Patent⸗Eroſtratus⸗ Zündhölzchenfabrik mit einem Schaden von 14,000 Pf. in die Luft geflogen war: ſo gab es doch Leute, welche ſagten, daß die Verluſte weit nicht ſo groß geweſen ſeien, als man damals glaubte — ja daß die Geſell⸗ ſchaft die erwähnten Etabliſſements ſelbſt angezündet habe, um ſich bekannt und berühmt zu machen. Ich kann zwar hierüber nichts Beſtimmtes ſagen, weil ich die früheren Rechnungsbücher niemals eingeſehen habe. Gegen unſer aller Erwartung kam aber, während wir ſtill und betreten an unſern Plätzen ſaßen, Herr Brough mit ſeinem Viergeſpann angefahren, lachte und ſcherzte außen mit einem Bekannten, indem er der Thüre zuſchritt. „Meine Herrn!“ fing er an, „Sie haben die Zei⸗ tung geleſen? Sie enthält eine Nachricht, die ich höch⸗ lich beklage. Ich meine den tödtlichen Hintritt eines unſrer Committenten, des Aldermann Paſh. Doch wenn mich irgend Etwas über den Verluſt dieſes wackern Mannes tröſten kann, ſo iſt es der Gedanke, daß ſeine Wittwe und Kinder 5000 Pfund erhalten, welche ihnen 127 Freund Titmarſh, der jetzt erſter Commis hier iſt, nächſten Samſtag um 11 Uhr auszuzahlen hat. Was das Unglück anbelangt, das die Herrn Meſach und Savrach betroffen, — ſo liegt wenigſtens hierin Nichts, was irgend jemand Kummer machen dürfte. Näch⸗ ſten Samſtag, oder ſobald die näheren Umſtände und die Größe des geſammten Schadens auf ge⸗ nügende Weiſe ermittelt ſind, wird Freund Titmarſh ihnen die Summe von vierzig, fünfzig, achtzig, hundert⸗ tauſend Pfunden — ſo hoch ſich eben ihr Verluſt be⸗ lauft, baar ausbezahlen. Sie wenigſtens, werden ent⸗ ſchädigt werden, und wenn auch für unſere Vereins⸗ Mitglieder die Auslage ohne Zweifel empfindlich iſt, ſo können wir ſie doch noch erſchwingen, meine Herrn. John Brough allein kann ſie erſchwingen, wenn es ſein muß, ohne gerade ſehr in Verlegenheit zu fommen. Wir müſſen uns eben in das Unglück ſchicken lernen, wie wir ſeither uns in das Glück geſchickt haben und ſtets beweiſen, daß wir Männer find!“ Herr Brough ſchloß ſeine Anrede mit Anſpielungen, welche ich, ich geſteh' es, nicht gerne wiedergebe; denn Gottes Namen zu nennen bei alltäglichen weltlichen Sachen iſt mir immer als eine Sünde gegen das zweite Gebot erſchienen. Ihn aber vollends zum Zeugen zu nehmen bei einer offenbaren Lüge, die man im Munde führt, wie es die Frömmler und Heuchler machen, das iſt ein ſo entſetzlicher Frevel, daß man ſich hüten ſollte, es auch nur nachzuſagen. Herrn Broughs Worte waren noch an demſelben Abend in der Zeitung zu leſen, ohne daß ich begreifen kann, wer ſie dahin ſollte berichtet haben; denn keiner von uns allen hatte an demſelben Tag das Bureau verlaſſen, bevor die Abendblätter erſchienen waren. Aber die Worte ſtanden einmal darin — ja und am Ende der Woche, wenn ſchon Roundhand an dieſem Tag auf der Börſe verſichert hatte, er wolle fünf gegen Eins wetten, daß Alderman Paſh's Familie nie zu ihrem Geld kom⸗ 128 men würde — am Ende der Woche zahlte ich daſſelbe baar aus an deren Anwalt, und Roundhand hatte ohne alle Frage ſeine Wette verloren. Soll ich ſagen, woher das Geld kam? Jetzt nach Verfluß von zwanzig Jahren hat es nichts zu ſagen, wenn es bekannt wird. Ja es gereicht überdieß zwei Perſonen zur höchſten Ehre, die aber nicht mehr am Leben ſind. Als ich oberſter Commis wurde, war ich veranlaßt häufig zu Brough auf ſein Zimmer zu gehen, und er ſchien jetzt von Neuem geneigt, mich in ſein Vertrauen zu ziehen. „Liebes Kind,“ ſagte er einſtens zu mir, nachdem er mir feſt ins Geſicht geblickt, „haben Sie nie von dem Schickſal des großen Herrn Silberſchmidt in Lon⸗ von gehoͤrt?“ Natürlich hatte ich das. Herr Silber⸗ ſchmidt, der Rothſchild ſeiner Zeit — ich habe wirklich gehört, daß der letztere berühmte Mann zuerſt Commis bei Silberſchmidt geweſen — nahm ſich das Leben, weil er ſeinen Verbindlichkeiten nicht nachzukommen vermeinte; hätte er nur vier Stunden länger gelebt, ſo hätte er erfahren, daß er 400,000 Pfund beſitze. „Ihnen frei herausgeſagt,“ fuhr Herr Brough fort, „ich bin in Silberſchmidts Falle. Mein vormaliger Aſſocié Hoff hat Wechſel im Namen der Firma zu ungeheurem Be⸗ trag ausgeſtellt, und ich habe dafür einſtehen müſſen. Ich bin in vierzehn Klagfällen, die von den Gläubigern der hölliſchen Ingwerbier⸗Compagnie anhängig gemacht wurden, verurtheilt worden, und alle Schulden hat man um meines bekannten Wohlſtands willen mir aufgebür⸗ det. Wenn man mir jetzt nicht Zeit läßt, ſo kann ich nicht bezahlen, und der langen Rede kurzer Sinn iſt der, daß unſer Geſchäft ruinirt iſt, wenn ich nicht bis Sonnabend 5000 Pfund anſchaffen kann.“ „Was! die Weſtviddleſer ruinirt?“ ſagte ich, indem ich an die Jahresrente meiner armen Mutter dachte⸗ —— — 129 „Es iſt nicht möglich! unſer Geſchäft iſt ein ſehr glän⸗ zendes.“ Wir brauchen bis Samstag 5000 Pfund, und wir ſind gerettet; und wenn Sie ſie mir anſchaffen, wie Sie es im Stande ſind, ſo ſollen Sie 10,000 Pfund dafür haben!“ Brough zeigte mir jetzt einen genauen Rechnungs⸗ abſchluß des Geſchäfts wie auch einen Ueberſchlag, über ſein Privatvermögen, und bewies mir ſonnen⸗ klar, daß unſte Anſtalt mit den fünftauſend Pfun⸗ den im Gange erhalten werden könne, und daß ſonſt das Geſchäft ſtille ſtehen müſſe. Es thut nichts zur Sache, wie er es bewies. Aber man denke an das bekannte Wort jenes Staatsmannes, daß er Alles beweiſen wolle, wenn man ihm nur erlaube, es in Zahlen zu thun. Ich verſprach noch einmal Frau Hoggarty um das Geld anzugehen, und ſie ſchien nicht abgeneigt zu ſein⸗ Ich ſagte ihm das und denſelben Tag machte nicht nur er, ſondern auch ſeine Frau und Tochter Beſuche bei ihr, und nochmals fuhr der Staatswagen mit Vieren bei uns vor. Allein Frau Brough war eine ſchlechte Geſchäfts⸗ trägerin, und ſlatt die Sache wie eine Kleinigkeit zu behandeln, und ſich gehörig zu verſtellen, brach ſie vor Frau Hoggarty in eine Thränenfluth aus, und flehte ſie fußfällig an, ihren John zu retten Dieß war nun gleich meiner Tante verdächtig, und ſtatt das Geld her⸗ zugeben ſchrieb ſie an Herrn Smithers, augenblicklich zu ihr nach London zu kommen, und von mir verlangte ſie, daß ich ihr die Verſchreibungen über die 3000 Pfund Aktien, die ich beſaß, übergeben ſolle; hieß mich einen gräulichen Betrüger und herzloſen Schwindler und ſchwur, daß ich Schuld an ihrem Verderben ſei. Wie ſollte aber Herr Brough das Geld erhalten? Ich will es erzählen. Als er eines Tags auf ſeinem Thackeray, Samuel Litmarſh. 9 130 Zimmer war, kam der alte Gates, ſein Portier zu Ful⸗ ham, und brachte ihm 1200 Pfund von dem Pfandleiher Herrn Balls. Die Madame hatte ihn, wie er ſagte, das Silberzeug Herrn Balls bringen heißen; und nach⸗ dem er das Geld hingezählt, ſuchte er noch lange in ſeinen Taſchen umher und brachte endlich eine Fünf⸗ pfundnote zum Vorſchein, die ihm ſeine Tochter Johanne, als Erſpartes von ihrem Dienſtlohn, ſo eben geſchickt, und bat Herrn Brough, er möchte ihm noch eine Actie von der Geſellſchaft geben. Er ſei feſt über⸗ zeugt, daß noch Alles recht werden würde. Als er ſei⸗ nen Herrn habe ſchreien und fluchen hören, während er mit Madame im Boſket ſpazieren ging, daß wegen einiger weniger Pfunde — wegen ein Paar Shillinge — das ſchönſte Vermögen in ganz Europa ſollte zu Grunde gehen: da habe Gates und ſein Weib gedacht, ſie müßten dazwiſchen treten mit Allem, was ſie hätten, um der beſten, gütigſten Herrſchaft, die es auf der Welt gebe, damit auszuhelfen. Dies war der weſentliche Inhalt deſſen, was Gates ſagte. Brough drückte ihm die Hand und — nahm die fünf Pfund mit den Worten: „Gates, dieſe Fünfpfund⸗ note wird das beſte Anlehen ſein, das Ihr in Eurem Leben jemals gemacht habt!“ Ich zweifle nicht, daß dieß wirklich der Fall geweſen; aber im Himmel erſt ſollte dieſer ärmſte alte Mann die Zinſen ſeines Schärf⸗ leins genieße Dieß war jedoch nicht der einzige Fall der Art. Eine Schweſter der Frau Brough, Fräulein Dough, welche mit dem Direktor faſt die ganze Zeit her in ſchlechtem Vernehmen geſtanden, ſeit er ein großer Herr geworden war, kam mit einer Rechtsvollmacht auf das Comptoir und ſagte: „John, Iſabella iſt heute Morgen bei mir geweſen und ſagte, Ihr brauchet Geld; ich habe Euch meine 4000 Pfund mitgebracht; es iſt Alles, was ich habe, John, Gott gebe, daß es Euch gut thun möge, Euch und meiner lieben Schweſter, die mir ſtets 131 die beſte Schweſter von der Welt geweſen — bis — bis vor kurzer Zeit.“ Sie legte das Papier hin, und ich ward hinauf gerufen, um es auch zu unterſchreiben. Brough ſtanden die Thränen in den Augen, als er mir erzählte, wie ſich ſeine Schwägerin geäußert; denn er könne mir wohl trauen, ſagte er. So kam es, daß ich Zeuge ward der erwähnten Unterredung zwiſchen Gates und ſeinem Herrn, die nur eine Stunde nachher ſtattfand. Gute Frau Brough! Wie ſie für ihren Mann thätig war! Treffliches Weib, liebevolle Seele! Du hatteſt ein treues Herz und verdienteſt ein beſſeres Schickſal! Doch wozu dieſe Worte? Die Frau hält noch bis auf dieſen Tag ihren Gatten für einen Engel, und liebt ihn ſeines Unglücks wegen noch tauſendmal inniger. Am Sonnabend ward richtig der Familie des Al⸗ derman das Geld baar durch mich ausbezahlt. „Es liegt nichts an dem Gelde ihrer Tante, lieber Titmarſh — es hat nichts zu ſagen, daß ſie ihre Einlage zurückge⸗ zogen hat. Sie find eine ehrliche, treue Seele — Sie haben nie über mich geſchimpft, wie das verfluchte Pack da unten und Sie werden gewiß noch Ihr Glück bei mir machen.“ * 3 2 Am darauffolgenden Sonnaben ich mit meiner Frau, Herrn Smikhers und Tante Hoggarty ganz be⸗ haglich beim Thee, als an die Hausthür geklopft ward und ein Herr mich allein zu ſprechen wünſchte. Es war Herr Aminadab von Chancery Lane, der mich als Aktio⸗ när des J. Weſtdiddleſer⸗Vereins verhaftete auf Anſu⸗ chen des Von Stilz, Kleidermacher und Tuchhändler in der Conduitſtraße. Ich rief Smithers herunter, und bat ihn um Got⸗ teswillen meiner Frau nichts davon zu ſagen. 132 „Wo iſt Brough?“ fragte Herr Smithers. „Bei dem heißt es jetzt wieder Brough und Off (fort),“ antwortete Aminadab; „er hat heute zu Calais gefrühſtüͤckt!“ Eilktes Rapitel. Worin vorgeſtellt wird, daß man im Beſitz einer Diamant⸗ 1 —broſche ſein kann und doch um ein Nachteſſen ſehr Vieles ₰ ausſtehen muß. 3 An jenem Unglücksabende ward ich in einer Fiaker⸗ kutſche, die man vom Findelhausplatze holte, aus meinen . vier Wänden und meinem lieben Weibchen entführt, wel⸗ che nun Herr Smithers ſo gut als möglich tröſten ſollte. Er ſagte ihr, ich ſei veranlaßt worden, in Geſchäften in Angelegenheiten der Anſtalt ſchnell zu verreiſen. Meine arme Marie machte ein Päckchen Kleidungsſtücke zuſammen, knüpfte mir einen wärmenden Shawl um den Hals, und bat meinen Begleiter, beſonders die Kutſchenfenſter zulaſſen, welchem Verlangen der grinſende Scherge Folge zu leiſten verſprach. Unſere Reiſe vauerte nicht lange, ſie ging nur ſoweit, als man für einen Schilling fährt nach der Straße Curſitor, Chancery Lane, wo ich abgeſetzt ward. Das Haus, vor welchem die Kutſche hielt, war dem Anſehen nach nicht verſchieden von einem halben Dutzend anderer in derſelben Straße, die zu demſelben Zwecke benutzt wurden. Ich glaube, kein Menſch, wenn er auch noch ſo reich iſt, kann ohne Schauder an dieſen unheimlich ausſehenden Häuſern vorübergehen. Die 133 Fenſter in der Fronte find vergittert, und neben der ſchmutzigen Hausthüre befand ſich eine glaͤnzende Platte von Meſſing, welche beſagte, daß hier „Aminadab, Officiant des Scheriff von Midvleſer“ wohne. Ein kleiner rothhaariger Iſraelite öffnete die Hausflur, als zti Kutſche hielt, und empfing mich und mein Ge⸗ päcke. Sobald wir eingetreten waren, ward ſie wieber verriegelt und ich befand mich vor einer zweiten groß⸗ mächtigen Thüre mit ſchweren Schlöſſern; durch dieſe mußten wir und betraten endlich die Hausflur. Das Innere brauche ich nicht näher zu beſchreiben. Es iſt gerade wie bei zehentauſend andern Häuſern in unſrer finſtern Altſtadt. Ein ſchmutziger Gang, eine ſchmutzige Treppe, und von dem Gang gingen zwei ſchmutzige Thüren in zwei Zimmer voll Schmutz, vor deren Fenſtern ſich ſtarke Gitter befanden. Dabei waren ſie dennoch ſchauerlichen Prunkes voll, daß mir jetzt noch übel wird, wenn ich daran denke. An den Wänden hingen miſerable Gemälde aller Art in huntſcheckigen Rahmen — die weit unter den Mei⸗ ſterſtücken meines Namensvetters Michael Angelo blie⸗ benz auf dem Kamingeſims ſtanden große franzöſiſche Uhren, Vaſen und Leuchter, und auf den Nebentiſchen coloſſale Theebretter mit Silbergeſchirren von Birming⸗ ham; denn Herr Aminadab verhaftete nicht nur die, welche kein Geld hatten, um zu zahlen, ſondern lieh auch welches denen, die noch zahlen konnten, und hatte gewerbsmäßig dieſe Gegenſtände bereits mehrere Male verkauft und wieder angekauft. Ich nahm mit der hintern Stube für die Nacht vorlieb. Während ein Judenmädchen ein kleines ärm⸗ liches Bett auf dem Sopha zurecht machte, — wehe dem, der darin ſchlafen mußte! — wurde ich in das vordere Zimmer zu gehen erſucht, wo Herr Aminadab mir Muth einſprach, und ſagte, ich würde ein Diner umſonſt bekommen in einer Geſellſchaft, die ſoeben an⸗ 134 gekommen ſei. Ich hatte durchaus keine Luſt zum Eſſen, aber es war mir lieb, wenn ich nicht allein bleiben durfte — nur ſo lange, bis Auguſt käme, zu dem ich ſogleich geſchickt hatte, und der ganz in der Nähe wohnte. Ich traf dort im vordern Zimmer um acht Uhr des Abends vier Herren, eben im Begriff, ſich zum Diner niederzulaſſen. Zu meinem größten Erſtaunen befand ſich darunter ein Herr B., der erſt ſeit einer halben Stunde mit ſeinem Begleiter, Herrn Lock, einem Offi⸗ cianten des Gefängniſſes zu Horſham, angekommen war. Er war vornehmen Standes, und mit ſeiner Verhaft⸗ nahme verhielt es ſich alſo: Als ein ſorgloſer, gutmü⸗ thiger Menſch hatte er Wechſel zu einem hohen Betrag für einen Freund endoffirt, der ſelbſt von guter Familie und unzweifelhafter Ehrenhaftigkeit mit hundert feier⸗ lichen Schwüren ſeine Ehre verpfändet hatte, daß er die fraglichen Wechſel bezahlen würde. Nachdem der Herr B. die Wechſelbriefe endoſſirt hatte, vergaß er mit der ihm eigenen Gedankenloſigkeit die ganze Sache, und daſſelbe paſſirte zufällig auch dem Freund, dem er den Gefallen gethan. Anſtatt mit dem Geld in Lon⸗ don zu ſein, und ſeine Verbindlichkeiten zu erfüllen, reiste der Letztere in der Welt herum, und gab dem Herrn B. nie auch nur mit Einem Wort zu verſtehen, daß die Wechſel ihm zur Laſt fallen würden. Der junge Mann lag in Brighton am Fieber krank darnieder, ward von einem Gerichtsvogt aus dem Bette geholt, und bei dem abſcheulichſten Wetter in das Gefängniß zu Hor⸗ ſham geſchleppt. Sein Uebel hatte ſich verſchlimmert und als er nothdürftig hergeſtellt war, ward er nach London in das Haus des Herrn Aminadab gebracht, wo ich ihn traf — bleich, abgemagert, dabei immer hei⸗ ter und guter Laune, ein Candidat des Todes. Er lag auf einem Sopha und hatte das Eſſen beſtellt, zu dem ich geladen war. Der arme Tropf danerte einen in der — — 135 Seele; wenn man ihn nur anſah, konnte man ſich's unmöglich verbergen, daß ſeine Tage gezählt ſeien. Eiigentlich hat Herr B. nichts mit der Geſchichte meiner Wenigkeit gemein. Aber ich kann nicht umhin, ſeiner zu erwähnen, wie ich ihn ſah. Er ließ ſeinen Sachwalter und Arzt kommen. Jener machte ſchnell ſeine Rechnungen mit dem Beamten ab; dieſer brachte alle ſeine Rechnungen mit dieſer Welt in Richtigkeit. Denn nachdem er aus der Schuldhaft entlaſſen war, erholte er ſich nicht wieder von dem Stoß, den ihm der Arreſt gegeben, und wenige Wochen darauf war er eine Leiche. Obwohl dieſe Begebenheit ſich vor vielen Jahren zu⸗ getragen, werde ich ſie dennoch Zeit meines Lebens nicht vergeſſen. Oft ſehe ich den Mörder von B. einen flot⸗ ten Herrn in allen Ehren und in den beſten Umſtän⸗ den, auf einem ſuperben Pferd im Park ſpazieren reiten, oder bei einem Häufchen guter Freunde am Fenſter eines Flubb's müßig ſtehen. Ich möchte wiſſen, ob derſelbe auch ruhig ſchlafen kann, und ob ihm das Eſſen ſchmeckt? Ich möchte wiſſen, ob er den Erben von Herrn B. die Summen erſetzt hat, welcher dieſe bezahlte, und um deren willen er ſo früh ſterben mußte? Wenn ſchon Herrn B's Geſchichte nicht mit der meinigen verflochten iſt, und ich dieſelbe blos um der darin enthaltenen Moral willen hier eingeſchoben habe, ſo brauchte ich noch weniger von der Mahlzeit zu er⸗ zählen, mit der ich von jenem Herrn im Arreſthauſe der Straße Curſitor bewirthet worden. Allein auch hierin liegt viel Moral, und deßhalb muß das Publikum ehrlich und redlich berichtet werden, wie es dabei zu⸗ ging. Gäſte waren es fünf, und der Schüſſeln mit Suppe drei, nämlich: blinde Schildkrötenſuppe, Gänſe⸗ pfefferſuppe und Wurzelſuppe. Die Terrinen waren von Silber. Hierauf kam ein großes Stück Salmen, gleich⸗ falls auf ſilberner Platte, eine gebratene Gans, Ham⸗ melsbraten vom Rippenſtück, Wildpret und alle Arten 136 Zugehör. Auf dieſe Art kann man ſchon leben in einem Arreſthauſe ſofern man Luſt dazu hat. Bei dieſem Mahle — von dem ich bei Gott nichts anrühren konnte, denn mein Herz war viel zu bekümmert, wenn ich auch nicht ſchon vorher geſpeist gehabt hätte — bei dieſem Mahl nun ſaß ich gerade, als mein Freund Hoſkins kam, nachdem er das Briefchen erhalten, das ich ihm ge⸗ ſchrieben hatte. Auguſt, der nie zuvor in einem Gefängniſſe gewe⸗ ſen und den Muth hatte ſinken laſſen, als der rothhaarige junge Moſes die vielen eiſenbeſchlagenen Thüren vor ihm auf⸗ und wieder hinter ihm zugeſchloſſen, wußte nicht wie ihm geſchah, als er mich hinter einer Flaſche Claret in einem von goldenen Lampen ſtrahlenden Zim⸗ mer fand. Auch waren die Vorhänge herabgelaſſen, und man konnte die Gitter vor den Fenſtern nicht ſehen. Herr B., Herr Lock, der Polizeiofficiant von Brighton, Herr Aminadab und noch ein reicher Herr ſeines Glau⸗ bens und Gewerbes waren ſo fidel und ſahen ſo ehren⸗ werth aus, als irgend Leute von Rang und Anſehen in der Welt. „Er ſoll nur hereinkommen,“ ſagte Herr B., „wenn es ein Freund von Herrn Titmarſh iſt; denn beim Teu⸗ fel, ich mag die Spitzbuben wohl leiden. Titmarſh, meinen Kopf zum Pfand, daß ich Sie für einen der größten in London halte. Sie ſtechen noch Brough aus, ja, das iſt wahr, beim Zeus! denn dieſem ſieht man doch den Spitzbuben an — Jeder, der ihn ſieht, würde darauf ſchwören; aber Sie! beim Zeus, Sie ſehen aus wie die Ehrlichkeit ſelbſt.“ „Ein Teufelskerl,“ ſagte Aminadab, indem er ſei⸗ nem Freund Joſaphat winkte und auf mich deutete. „Ja wohl redlich,“ ſagte Joſaphat. „Wegen dreimalhunderttauſend Pfund,“ fuhr jener fort; „Brough's rechte Hand und erſt drei und zwan⸗ ja 4 zig.“ „Herr Titmarſh, Ihr Wohlſein,“ ſagte Lock, hin⸗ ———— 0 ——— 137 geriſſen von Bewunderung. „Ihr werthes Wohlſein, und beſſers Glück auf ein andermal 1 „Ho, ho! er hat ganz Recht!“ ſagte Aminadab; „laßt ihn nur machen.“ „Wegen was hier?“ fuhr ich auf ganz erſtaunt. „Haben Sie mich nicht wegen neunzig Pfund verhaftet, Herr?“ „Ja, aber Sie wiſſen wohl, daß es ſich um eine halbe Million handelt. Solche Schulden rechne ich gar nichtz dieſe lumpigen Conto's von Profeſſioniſten. Ich meine Broughs Geſchichte. Es iſt ein ſchlimmer Han⸗ del. Aber Sie werden gut wegkommen. Wir kennen Sie alle, und ich laſſe mein Leben, daß, wenn die Sache vor dem Fallitengericht zu Ende iſt, Frau Titmarſh ein hübſches Sümmchen beſitzt, das man auf die Seite ge⸗ than hat.“ „Meine Frau beſitzt ein geringes Vermögen, Herr,“ ſagte ich, „was weiter Die drei Herren brachen in ein lautes Gelächter aus, und meinten ich ſei doch ein hölliſcher Duckmäuſer, ein Erzgalgenſtrick, und machten noch andere Bemerkun⸗ gen, die ich damals nicht verſtand, deren Sinn ich aber ſpäter begriffen habe; denn ſie hielten mich, leider! daß ich es ſagen muß, für einen Hauptſpitzbuben, und nah⸗ men für gewiß an, daß ich die J. W. D. Geſellſchaft beſtohlen, und um den Raub zu ſichern, das Geld mei⸗ ner Frau verſchrieben habe. Mitten in dieſer angenehmen Unterhaltung kam, wie geſagt, Auguſt Hoſtins herbei. Als er ſah, was da vorging, brachte er vor Erſtaunen jenen eigenthüm⸗ lich gedehnten Blaſelaut hervor, der ſich am Beſten mit einem leiſen Pfiff vergleichen läßt. „Herr von Joel, beim Gukuk!“ ſagte Adminadab, worüber wir alle lachen mußten. „Setzen Sie ſich,“ ſagte Herr B., — „ſetzen Sie ſich und netzen Sie Ihren Schnabel ein wenig, Herr Pfeifer! Sie könnens wahrhaftig noch beſſer als Moſes. 138 — Holla, wo iſt unſer Galopin? — Du, Hexenmeiſter, hol noch eine Flaſche Burgunder für Herrn Hoſtins.“ Und ehe er noch recht wußte, wo er ſich befand, bekam Auguſt zum erſten Male in ſeinem Leben Clot⸗Vougeot zu trinken. Er ſagte, er habe noch nie zuvor Bergamy gefoſtet, worüber der Polizeiofficiant die Naſe rümpfte und ihm den rechten Namen des Weines ſagte. „Was? Old⸗clo! *)“ ſagte Auguſt; wir mußten lachen, aber die Hebräer lachten dießmal nicht mit. „Nu, nu, Herr,“ ſagte Aminadabs Freund. „Mer ſain hier lauter Schentelmens, und Schentelmens thun fich nicht erlaben Anmerkungen über den Glauben von andre Gentelmens ze machen.“ Nachdem das Mahl vorbei war, begab ich mich mit Auguſt auf mein Zimmer, um uns über meine Angelegenheit zu beſprechen. Was die Verantwortung anbelangt, die mich als Aktionär von der Weſtdiddleſer⸗ Geſellſchaft hätte treffen können, war ich ohne Sorge; denn, wenn mich auch die Geſchichte anfänglich ein we⸗ nig beunruhigen mochte, ſo wußte ich, daß ich nicht wirklicher Theilhaber geweſen; da ich nur die Talons beſeſſen hatte, wodurch die Dividende erhoben werden konnte. Meine Tante hatte ihre Aktien zurückverlangt, und ich war demnach frei. Allein es war mir ſchon höchſt unangenehm, daß ich faſt hundert Pfund an Handwerksleute ſchuldete, beſonders in Folge der Em⸗ pfehlung von Frau Hoggarty. Da ſie verſprochen hatte, die Rechnung zu bezahlen, ſo nahm ich mir vor, an ſie zu ſchreiben und ſie an ihr Verſprechen zu erinnern, und zugleich zu bitten, daß ſie die Schuld bei Herrn von Stilz tilgen möchte, wegen welcher ich eingeſperrtwar; die allerdings nicht ſie ſondern Herr Brough mich hatte heißen machen, die ich auch nie gemacht haben würde, *) D. h. Alte Kleider! womit die Schacher⸗Juden handeln. Das Wortſpiel mit jener Weinſorte iſt unüberſetzbar. 139 wenn dieſer Herr es nicht abſolut hätte ſo haben wollen. Ich ſchrieb ihr deshalb, und bat ſie, alle dieſe Schulden zu bezahlen und ſchmeichelte mir, am Montag früh wieder bei meinem lieben Weibchen zu ſein. Au⸗ guſt nahm den Brief mit und verſprach mir, ihn nach der Kirche in der Bernhardſtraße abzugeben und beſorgt zu ſein, daß Marie nichts von der peinvollen Lage, in welcher ich mich befand, erfahren ſollte. Es war faſt Mitternacht, als wir uns trennten, und ich ſuchte, ſo gut ichs in dem kleinen ſchmutzigen Sophabett in Aminadabs Hinterſtube konnte, zu ſchlafen. Der andere Morgen war ſchön und heller Sonnen⸗ ſchein. Die Glocken riefen ſo lieblich und feierlich zur Kirche, und ich wäre ſo gerne am Arme meiner lieben Gattin zur Findelhauskirche gewallt. Aber drei Eiſen⸗ thüren trennten mich von der Freiheit, und ich konnte ſtatt deſſen nichts thun, als in meinem Gebetbuche auf meinem Zimmer zu leſen und nachher in dem Hofe hin⸗ ter dem Hauſe auf⸗ und abgehen. Wer ſollte es glau⸗ ben! Selbſt dieſer Hof glich einem Käfige und war mit großen eiſernen Staketen von einem Ende zum andern eingeſchloſſen. Hier durften die eingeſperrten Vögel Aminadabs friſche Luft ſchöpfen. Sie hatten mich an einem Fenſter der hintern Stube im Gebetbuch leſen ſehen, und als ich nun hin⸗ unter kam, um in jenem Käfig herumzuſpazieren, da brachen alle in ein gellendes Gelächter aus. Einer von ihnen rief „Amen!“ als ich unter ſie trat. Ein ande⸗ rer hieß mich einen Muff — in der Gaunerſprache ſo⸗ viel als: Dummer Hund! — Ein dritter wunderte ſich, daß ich jetzt ſchon das Gebetbuch zur Hand nehme. „Wann ſoll ich's denn?“ erwiderte ich dem Kame⸗ raden, einem Roßkamm ſeines Zeichens. „Wann? — wann Sie zum Galgen geführt werden; Sie ſcheinheiliger Menſch, Sie!“ antwortete der ungeſchlachte Kerl. „Aber ſo machen es die Leute 140 Broughs immer,“ fuhr er fort. „Ich hatte einmal vier Grauſchimmel für ihn, ſo ſchön und billig man ſie nur haben kann; er wollte ſie aber nicht einmal anſehen, noch mit mir handeln, weil es Sonntag war.“ „Weil es ſcheinheilige Leute gibt,“ wendete ich ihm ein, „muß man darum noch nicht die Religion ſelbſt verwerfen. Und wenn Brough am Sonntag nicht mit Ihnen markten wollte, ſo hat er nur gethan, was er ſchuldig war.“ Ueber dieſe Zurechtweiſung von meiner Seite muß⸗ ten die Leute nur deſto mehr lachen; ſie betrachteten mich offenbar als den größten Miſſethäter. Ich war froh, daß ich bald von ihrer Geſellſchaft erlöst wurde, indem Auguſt mit Smithers mich zu beſuchen kam. Beide machten aber lange Geſichter. Sie wurden in mein Zimmer geführt, und ohne daß ich etwas beſtellt hatte, brachte Aminadab eine Flaſche Wein und Biſeuit herein, was ich wirklich ſehr artig von ihm fand. „Trinken Sie erſt ein Glas Wein, Herr Titmarſh,“ fing Smithers an, und leſen ſie dann dieſen Brief. Das iſt eine ſchöne Bittſchrift, welche Sie heute Mor⸗ gen Ihrer Tante zugeſchickt haben. Hier haben Sie die Antwort darauf.“ Ich trank den Wein, und dann laß ich zitternd und bebend was folgt: „Herr Titmarſh! „Wenn Sie in der Gewißheit, daß ich Willens war, Ihnen dereinſt mein Vermögen zu hinterlaſſen, mich umbringen wollten, um dann deſto früher daſſelbe anzutreten, ſo haben Sie ſich gewaltig getäuſcht. Ihre Schlechtigkeit und Undankbarkeit würden mich freilich getödtet haben, wäre ich nicht — Gott ſei Lob und Dank! — in den Stand geſetzt worden, daß ich anders⸗ woher Troſt empfangen konnte. „Seit bald einem Jahr habe ich unſäglich gelitten — Ihnen zu lieb. Ich habe Ihnen alles aufgeopfert 14¹ — meinen friedlichen Aufenthalt auf dem Lande, wo Jedermann vor dem Namen Hoggarty Achtung hatte; meine koſtbaren Meubles und Weine, mein Silberzeug, Glaswerk und übrigen Hausrath; Alles habe ich Ihnen zugebracht — nur um Ihrem Hauſe Ehre zu machen, und damit Sie gute Tage hätten. Ich habe mir die Unverſchämtheiten und die hochmüthige Begegnung Ihrer Frau gefallen laſſen, habe Sie und Ihre Frau mit Geſchenken und Wohlthaten überhäuft. Ich habe mich ganz aufgeopfert, habe der beſten Geſellſchaft auf dem Lande entſagt, an die ich gewöhnt geweſen, um Euch Geſellſchaft zu leiſten und Euer Haus zu hüten, um wo möglich Eurer wahnſinnigen Verſchwendung Ein⸗ halt zu thun, von der ich vorausſah, daß ſie Euer Ver⸗ derben ſein werde. In meinem ganzen Leben habe ich eine ſolche Verſchwendung und ſchlechte Wirthſchaft nicht geſehen. Mit der Butter umgegangen, wie wenn es Koth wäre; mit den Kohlen gehaust, daß es eine Sünde warz die Kerzen an beiden Enden angezündet; mit dem Thee und Fleiſch war es eben ſ. Sechs Haus⸗ haltungen hätte man beſtreiten können mit dem, was in dieſem Haus nur der Metzger koſtete. Und jetzt haben Sie die Frechheit, da Sie für Ihre Uebelthaten verdientermaßen im Gefängniß ſitzen, dafür, daß Sie mich um dreitauſend Pfund betrogen, daß Sie Ihre Mutter um eine Summe gebracht, die, wenn auch an ſich unbedeutend, ihr, der armen Frau, Ein und Alles war, wiewohl ſie ihren Verluſt nicht ſo ſchmerzlich empfinden wird, als ich, da ſie ihr Lebenlang ſich des Bettelns hat kaum erwehren können; dafür, daß Sie ſich in Schulden geſiürzt, die Sie nicht bezahlen können, während Sie doch wußten, daß Ihr miſerables Einfommen ganz und gar nicht hinreichte zu ſolchen übertriebenen Ausgaben — jetzt kommen Sie zu mir und wollen, daß ich Ihre Schulden bezahlen ſoll! Nein, Herr, es iſt genug, daß Ihre Mutter dem Kirchſpiel zur Laſt fallen, und daß Ihre Frau die Straßen wird kehren müſſen, wozu Sie allein ſie gebracht haben. Wenn auch um eine bedeutende Summe durch Sie be⸗ trogen und genöthigt, meine Tage in vergleichungs⸗ weiſe ſchlechten Umſtänden zu verbringen, habe ich doch zu leben und brauche nicht auf alle Genüſſe zu ver⸗ zichten, zu denen mein Stand mich berechtigt. Die Mo⸗ biliarſchaft in Ihrem Hauſe iſt mein Eigenthum und da ich vorausſetze, daß Sie Ihre Gemah lin auf den Straßen ſchlafen laſſen wollen, ſo benachrichtige ich Sie hiemit, daß ich morgenden Tags Alles mit einan⸗ der fortnehme. Herr Smithers wird Ihnen ſagen, daß ich Ihnen mein ganzes Vermögen vermacht gehabt hatte. Ich habe aber heute Morgen in ſeiner Gegenwart meine letzte Willensmeinung feierlich vernichtet und ſage mich demnach los von aller Verbindung mit Ihnen und Ihrer Bettlerfamilie. Suſanna Hoggarty.“ N. S. „Ich habe eine Schlange in meinem Buſen genährt und bin von ihr geſtochen worden.“ Ich muß geſtehen, beim erſten Leſen des Briefs ge⸗ rieth ich in eine ſolche Wuth, daß ich faſt die peinvolle Lage vergaß, in die er mich verſetzte, und das Verder⸗ ben, das über meinem Haupte ſchwebte. „Was für ein Thor waren Sie, Titmarſh, daß Sie dieſen Brief geſchrieben haben!“ ſagte Herr Smi⸗ thers. „Sie haben ſich ſelbſt das Meſſer ins Herz ge⸗ ſtoßen, Herr — eine ſchöne Erbſchaft eingebüßt, ſich ſelbſt um jährliche fünfhundert Pfund gebracht. Frau Hoggarty, meine Clientin, brachte ihren letzten Willen, wie ſie ſpricht, herunter, und warf ihn vor unſern Au⸗ gen ins Feuer.“ „Es iſt ein wahres Glück, daß Ihre Frau nicht zu Hauſe war,“ ſetzte Auguſt hinzu. „Sie ging dieſen Morgen mit Pr. Salts' zur Kirche und ließ ſagen, daß ſie den Tag über bei dieſen bleiben würde. Sie wiſſen 143 ja, ſie war froh, wenn ſie nur nicht um die Tante ſein mußte.“ „Sie hat ſich niemals auf ihren eigenen Vortheil verſtanden,“ fagte Herr Smithers. „Sie hätten die Frau dran kriegen ſollen, wenn ſie bei guter Laune war und einſtweilen das Geld anderswo borgen ſollen. Was meinen Sie, ich hatte ſie mit ihrem Verluſt bei dieſer verfluchten Geſellſchaft faſt ſchon ausgeſöhnt; ich ſtellte ihr vor, wie ich wenigſtens ihr ganzes übriges Ver⸗ mögen aus Broughs Klauen gerettet hatte, das dieſer in Einem Tag verſchlungen haben würde, der Erz⸗ ſchurke! Und hätten Sie die Sache mir überlaſſen, Herr Titmarſh, ich hätte Sie völlig mit der Frau wieder ausgeſöhnt, ich hätte alle Schwierigkeiten und Anſtände gehoben; ich hätte Ihnen dieſe Kleinigkeit ſelber geliehen.“ „Wollen Sie das?“ hob Auguſt an; „das heiß' ich einen Freund in der Noth!“ Er nahm Smithers bei der Hand und drückte ſie dermaßen, daß dem An⸗ walte Thränen in die Augen traten. „Edle Seele!“ ſagte ich; „mir Geld leihen, da Sie wiſſen, in welcher Lage ich bin und außer Stands, zu bezahlen!“ „Ja, mein guter Herr, da ſteckt eben der Knoten,“ erwiderte Smithers. „Ich ſagte, ich hätte Ihnen das Geld geliehen; und das würde ich dem anerkannten dereinſtigen Erben der Frau Hoggarty — noch jetzt thun; denn nichts macht Robert Smithers größeres Vergnügen, als wenn er jemand gefällig ſein kann. Es hätte mich herzlich gefrent, wenn ich es hätte thun dürfen und es hätte vollkommen genügt an einer ein⸗ fachen Erklärung von dieſer achtungswerthen Dame; allein jetzt, Herr, iſt der Fall ein ganz anderer. Sie können mir keine Sicherheit bieten, wie Sie ſelbſt rich⸗ tig bemerken.“ „Freilich, nicht die mindeſte.“ 144 „Und ohne Sicherheit, Herr, können Sie natürlich nicht erwarten, daß ich es Ihnen gebe — natürlich nicht. Sie kennen die Welt ſelbſi, Herr Titmarſh, und ich ſehe, daß hierin unſere Anſichten genau zuſammen⸗ treffen.“ „Seine Frau hat ja Vermögen,“ wendete Auguſt ein. „Seine Frau Vermögen? Bah! Frau Se. Tit⸗ matſh iſt noch minderjährig und darf keinen Schilling davon anrühren. Nein, nein, mit Minderjährigen kann ich mich nicht einlaſſen. Doch, halt! — Ihre Mutter beſitzt ein Haus mit Zubehör in unſerm Dorf. Verſchaffen Sie mir eine Pfandverſchreibung auf dieſes —“ „Das werd' ich nimmermehr thun, Herr,“ gab ich zur Antwort. „Meine Mutter hat ohnedieß um meinet⸗ willen ſchon genug gelitten und hat für meine Schwe⸗ ſtern zu ſorgen. Ich werde es Ihnen ſogar Dank wiſſen, Herr Smithers, wenn Sie ihr kein Wort von meiner gegenwärtigen Lage ſagen.“ „Sie ſprechen wie ein Mann von Ehre, Herr,“ erwiderte mir Smithers, „und ich werde buchſtäblich Ihrem Verlangen Folge leiſten. Ich will noch ein Weiteres thun und Sie einem achtbaren Hauſe dahier, den Herrn Giggs, Biggs und Blatherwick, meinen wür⸗ digen Freunden, empfehlen, die Alles thun werden, was in ihren Kräften ſteht, um Ihnen zu dienen. Und hie⸗ mit wünſche ich Ihnen einen guten Tag.“ Herr Smithers nahm ſeinen Hut und ging. Nach einer nochmaligen Beſprechung mit meiner Tante, was ich nachgehends erfuhr, reiſte er noch an demſelben Abend mit der Briefpoſt ab. Ich ſchickte meinen treuen Auguſt nochmals fort, damit er meiner Frau die Sache auf die ſchonendſte Weiſe beibringen ſollte, weil ich fürchtete, Frau Hog⸗ garty könnte bei ihr auf ſchroffe Weiſe davon anfan⸗ gen, — wie ich wußte, daß ſie in ihrem Zorn thun 14⁵ würde. Er kam aber in einer Stunde athemlos zurück, um mir zu melden, daß Frau Hoggarty ihre Koffer und Kiſten gepackt und verſchloſſen habe und in einer Miethkutſche fort gefahren ſei. Weil wir nun wußten, daß meine arme Marie vor Nacht nicht nach Hauſe kommen würde, blieb Hoskins ſo lange bei mir und nach einem traurigen Tag verließ er mich abermals um 9 Uhr, ihr die traurige Botſchaft zu hinterbringen. Es war Nachts zehn Uhr geworden, da vernahm ich ein gewaltiges Poltern und Läuten an der Haus⸗ thüre und einen Augenblick nachher lag mein armes Weib in meinen Armen. Auguſt ſetzte ſich ſchluchzend in eine Ecke, während ich mein Beſtes that, um ſie zu tröſten. * 4 Am folgenden Morgen war Herr Blatherwick ſo gut, mich zu beſuchen. Als ich ihm ſagte, vaß ich blos drei Guineen bei mir habe, gab er ziemlich unverblümt mir zu verſtehen, daß Advokaten von ihren Gebühren leben müſſen. Er empfahl mir, Curſitor Street zu verlaſſen, indem es hier ſehr theuer zu leben ſei. Wäh⸗ rend ich ſo bekümmert und betrübt da ſaß, kam meine Frau wieder — es hatte große Mühe gekoſtet, ſie da⸗ hin zu vermögen, daß ſie die Nacht zuvor ſich entfernt hatte. „Heute früh um vier Uhr ſind die ſchrecklichen Männer gekommen,“ fing ſie an, „ſchon um vier Uhr, bevor es recht Tag war.“ „Was für Männer ?“ fragte ich. „Die Leute, welche den Hausrath Deiner Tante fortſchaffen ſollten,“ antwortete ſie. „Sie hatten ſchon alles gepackt, wie ich wegging. Ich ließ ſie Alles mit einander fortnehmen,“ fuhr ſie fort; „ich war viel zu betrübt, als daß ich nachſehen konnte, was uns gehoͤrte und was nicht. Der unausſtehliche Wapſhot kam mit Thackeray, Samuel Titmarſh. 10 146 ihnen; und ich verließ ihn, da er eben den letzten Wa⸗ gen laden ließ unter dem Hauſe. Nichts als Deine Kleider habe ich weg gethan,“ ſetzte ſie hinzu, „und ein Paar von meinen eigenen; auch einige Bücher, in denen Du immer ſo gerne laſeſt, und Etwas — etwas weniges, das ich angeſchafft habe für — das Kleine. Die Domeſtiken hatten ihren Lohn bis Weihnachten ſchon empfangen und ich habe ſie vollends uusgezahlt. Und denk' nur, gerade wollte ich gehen, als der Brief⸗ träger von der Poſt mir meine halbjährlichen Zinſen — fünfunddreißig Pfund brachte, liebſter, beſter Samuel! Iſt das nicht das größte Glück?“ „Wollen Sie nicht Ihre Rechnung bezahlen, Herr Wieheißenſiedochgleich?“ rief Herr Aminadab, in⸗ dem er die Thüre aufriß — er hatte ſich vermuthlich bei Herrn Blatherwick näher erkundigt — „ich brauche das Zimmer für einen Herrn. Es wird, denk' ich, zu theuer ſein für Leute wie Sie.“ Mit dieſen Worten (ſollte man es für moglich halten 2) übergab mir der Menſch eine Rechnung von drei Guineen für zwei Tage Koſt und Logis in dieſem fürchterlichen Hauſe. Als ich aus dem Hauſe trat, ſtand ein Haufen Müſſiggänger und Gaffer vor der Thüre. Wäre ich allein geweſen, ich hätte mich vor ihnen zu Tode ge⸗ ſchämt. So aber hatte ich keine andre Gedanken, als für mein geliebtes, theures Weib, das voll guter Zu⸗ verſicht mir am Arm hing und mit himmliſcher Heiter⸗ keit mich anlächelte — ja ich nahm den Himmel ſelbſt mit mir in das Fleetgefängniß — oder doch einen En⸗ gel vom Himmel. Ach! ich hatte ſie zuvor ſchon innigſt geliebt und es iſt ſchon ſo ſüß, ſich zu lieben beim Sonnenſchein des Glücks, umgaukelt von den Jugend⸗ träumen einer lachenden Zukunft. Aber wird man ein⸗ mal unglücklich — dann empfindet man erſt, was es heißt, ſich geliebt zu wiſſen von einem braven Weib⸗ So wahr ein Gott im Himmel iſt, von all den ſeligen Stunden und Augenblicken, die er mir beſchert hat, war 147 das der wonnevollſte — dieſe kurze Fahrt Holborn hinunter bis an das Gefängniß, an der Seite meines treuen Weibes, die ihre Wange an meine Schulter lehnte! Glaubt man, ich hätte mich vor dem Beamten ge⸗ nirt, der uns gegenüber ſaß? O nein, bei Gott nicht! ich küßte ſie und herzte ſie — ja, und weinte auch mit ihr. Doch ehe unſere kurze Fahrt zu Ende war, waren ihre Thränen ſchon getrocknet und glücklich und ſtolz ſtieg ſie aus dem Wagen vor der Thüre des Kerkers, als wäre ſie eine Fürſtin und ginge zum Lever der Königin. Zwülftes Kapitel. Die Tuchnadel unſers Helden geht den Weg alles Fleiſches. Der Bankerott des großen Diddleſex⸗Vereins bil⸗ dete in kurzer Zeit das Thema aller Zeitungen und Jedermann, der zu demſelben gehörte, ward Gegenſtand des allgemeinen Abſcheus und als Schwindler oder Schurke angeſehen. Man behauptete, Brough ſei mit einer Million durchgegangen, und deutete ſogar darauf hin, als wenn ich Aermſter hunderttauſend Pfund nach Amerika geſchickt hätte und nur wartete, bis das ge⸗ richtliche Verfahren überſtanden wäre, um dann meiner Lebtage vollends geborgen zu ſein. Dieſe Meinung hatte ihre Vertreter auch unter den Schuldgefangenen, bei denen ſie mir merkwürdiger Weiſe großes Anſehen verſchaffte, das ich aber, wie man ſich vorſtellen kann, mir zu Nutze zu machen wenig Luſt verſpürte. nebri⸗ 148 gens beſtand Aminadab, der häuſig in das Fleetgefäng⸗ niß kam, auf ſeiner Behauptung, daß ich eben ein dum⸗ mer Geſelle und bloßes Werkzeug in Broughs Händen geweſen und nicht einen Schilling mir zu Nutzen ge⸗ macht habe. Indeß waren die Meinungen getheilt und bei den Schließern war es, glaube ich, ausgemachte Sache, daß ich ein Kerl ſei, der ſich ausgezeichnet ver⸗ ſtellen könne und nur darum den Schein eines armen Teufels angenommen habe, um die Leute deſto trefflicher irre zu führen. Die Herrn Abednego und Sohn wurden gleicher⸗ maßen ein Gegenſtand allgemeinen Abſcheus; und ich habe wirklich nie genau erfahren können, wie ſich's eigentlich mit den Beziehungen dieſer Herrn zu Brough vethielt. Aus den Büchern konnte nachgewieſen werden, daß die Geſellſchaft große Summen an Abednego be⸗ zahlt hatte. Allein dieſer legte Urkunden vor, die von Brough unterzeichnet waren, wornach der Letztere und der Weſtdivdleſer⸗Verein ihm noch viel weiter ſchuldeten. An dem Tag, wo ich vor dem Fallitengericht verhört wurde, waren auch Abednego und die zwei Herren von Houndsditch anweſend, um ihre Forderungen zu be⸗ ſchwören. Sie machten einen gewaltigen Lärm und be⸗ theuerten ihren Schaden mit einer Unzahl Schwüre. Aber die Herren Jackſon und Paron ſtellten ihnen den⸗ ſelben Wächter, den Irländer gegenüber, der die Feuers⸗ hrunſt verſchuldet haben ſollte und deuteten, wie man mir ſagte, darauf hin, daß ſie im Beſitz von That⸗ ſachen ſeien, welche die beiden Juden an den Galgen brächten, wofern ſie auf ihren Anſprüchen beſtünden. Auf dieſes machten ſich alle beide mit einander unſicht⸗ bar und man hörte nie wieder Etwas von ihren Brand⸗ ſchäden. Ich bin geneigt, zu glauben, daß unſer Direk⸗ tor von Abednego Geld erhalten und ihm dafür Aktien als Sicherheit und Prämie gegeben habe, daß er als⸗ dann auf einmal ſich genöthigt geſehen, dieſe Aktien mit baarem Geld einzulöſen und dadurch ſowohl ſein 149 eigenes Verderben, als das der Geſellſchaft beſchleunigt habe. Ich brauche hier nicht zu erwähnen, in was für eine Menge von Geſellſchaften Brough ſich eingelaſſen hatte. Diejenige, bei welcher der arme Tidd ſein Ver⸗ mögen angelegt hatte, bezahlte nicht einmal zwei Pfen⸗ nig aufs Pfund und das war noch die größte Dividende, die irgend eine derſelben zahlte. Was die unſrige betrifft — ach! was war das für ein Spektakel, als ich von dem Fleetgefängniß vor das Fallitengericht geführt ward, um als oberſter Commis und Rechnungsführer des Weſtdiddleſer⸗Vereins Zeug⸗ niß abzulegen. Meine arme Frau, die doch ihrer Entbindung ſehr nahe war, wollte mich durchaus nach der Bafinghall⸗ ſtraße begleiten und mein lieber Freund Auguſt Hos⸗ kins, dieſe treue, redliche Seele, ebenfalls. Man hätte nur die Menſchenmenge ſehen ſollen, die der Saal kaum faſſen konnte und die Bewegung, welche entſtand, als ich vorgeführt wurde! „Herr Titmarſh,“ fing der Beamte an, als ich an den Tiſch trat, indem er die erſte Silbe meines Namens *) beſonders höhniſch betonte. „Herr Titmarſh, Sie wa⸗ ren Broughs Vertrauter und erſter Buchhalter, auch Inhaber bedeutender Aktien bei der Geſellſchaft?“ „Blos dem Namen nach, Herr,“ antwortete ich. „Verſteht ſich, nur dem Namen nach,“ fuhr der Beamte fort, indem er ſich grinſend an ſeinen Collegen wandte „und es muß Ihnen eine große Beruhigung ſein, Herr, daß Sie einen Antheil an der ganzen Beu— dem Gewinnſt von dieſer Spekulation — hatten und dennoch jetzt bei dem Verluſt frei ausgehen zu können glauben, dadurch, daß Sie nur nomineller Ak⸗ tionär geweſen ſein ſollen.“ „Der hölliſche Schuft!“ brüllte hier eine Stimme *) Dit bezeichnet verächtlicher Weiſe ein ſchlechtes Pferd, (wie Märe), auch ein ſolches Weibsbild u. ſ. w. 150 aus der Maſſe der Zuhörer. Es war die des Kapitäns auf halbem Sold und bisherigen Aktionärs, des wuth⸗ ſchnaubenden Sparr. „Stille bei der Gerichtsverhandlung!“ rief der Beamte, während Marie todtenblaß zuerſt ihn und dann mich anblickte, Auguſt hingegen flammroth im Geſicht wurde. „Herr Titmarſh, ich war ſo glücklich, ein Ver⸗ zeichniß Ihrer Paſſiva zu ſehen, das bei dem Gericht liegt, und ich finde, daß Sie eine artige Summe an den vornehmen Schneider, Herrn Stiltz, ſchulden; des⸗ gleichen an den berühmten Bijoutier Polonius, außer⸗ dem Vieles Modiſtinnen und Frauenſchneidern erſter Claſſe — und das bei einem Einkommen von jährlichen zweihundert Pfunden. Ich muß ſagen, für einen ſo jungen Mann haben Sie Ihre Zeit ſehr gut ange⸗ wendet.“ „Hat dies wohl Etwas mit der vorliegenden Sache zu ſchaffen?“ ſagte ich. „Mein Herr, bin ich hier, um wegen meiner Schulden Red' und Antwort zu geben oder wegen deſſen, was ich von den Angelegenheiten der Geſellſchaft zu ſagen weiß? Was meinen Antheil an derſelben betrifft, Herr, ſo habe ich eine Mutter und mehrere Schweſtern.“ „Der verfl— Spitzbube!“ ſchrie wieder der Ka⸗ pitän. „Der Kerl dort ſoll ſtill ſein,“ fuhr Auguſt auf, mit einer Keckheit ohne Grenzen; worauf das Gericht in ein Gelächter ausbrach. Dies machte mir Muth, weiter zu ſprechen. „Meine Mutter, Herr, erbte vor vier Jahren vier⸗ hundert Pfund, über deren Verwendung ſie mit ihrem Rechtsfreund, Herrn Smithers, zu Rathe ging. Da die Indep. Weſt⸗Diddleſex gerade zu ſelbiger Zeit gegrün⸗ det wurde, ſo ward das Geld zu einer Jahresrente bei dieſer Anſtalt angelegt, bei der ich zugleich eine Stelle als Commis erhielt. Sie mögen mich für einen ſehr verhärteten Verbrecher halten, weil ich bei Herrn von — ——— — — ——— — 151 Stiltz Kleider machen ließ, aber Sie werden ſchwerlich im Ernſt ſich einbilden, daß ich als ein junger Menſch von neunzehn Jahren Etwas von den Geſchäften der Geſellſchaft wußte, in deren Dienſt ich als zwanzigſter Comptoiriſt trat, indem meine Mutter mit ihrem eige⸗ nen Geld, ſo zu ſagen, eine Stelle für mich kaufte. So⸗ vann waren die Zinſen, welche die Geſellſchaft bot, ſo verführeriſch, daß eine reiche Verwandte von mir ſich veranlaßt ſah, eine Anzahl Aktien zu erwerben.“ „Wer hat Ihre Anverwandtin veranlaßt, wenn ich ſo frei ſein darf zu fragen?“ „Ich muß allerdings bekennen,“ antwortete ich, „daß ich ſelbſt an ſie geſchrieben habe. Aber bedenken Sie: meine Tante war ſechzig Jahr alt und ich erſt einundzwanzig. Sie brauchte mehrere Monate zur neberlegung und fragte ihre Anwälte, ehe ſie auf meinen Vorſchlag einging, den ich ihr auf Broughs Antrieb machen mußte. Dieſer hat mir den Brief an meine Tante in die Feder diktirt und ich hielt ihn da⸗ mals wirklich für ſo reich als Herrn Rothſchild ſelber.“ „Ihre Verwandte hat das Geld auf Ihren Namen angelegt und wenn ich recht gehört habe, ſo ſind Sie, Herr Titmarſh, auf einmal über zwölf Ihrer Collegen hinauf befördert worden, zur Belohnung für den Dienſt, den Sie durch jene Einzahlung geleiſtet.“ „Es iſt ganz richtig, mein Herr,“ — und als ich das zugab, ſing die arme Marie an, ſich die Augen zu wiſchen und Auguſts Ohren — ich konnte ihm nicht in's Geſicht ſehen — wurden wie zwei rothglühende Eiſen — „es iſt ganz richtig, mein Herr; und es iſt mir herzlich leid, daß ich es gethan, da die Sachen ſolch eine Wendung genommen. Damalen aber ver⸗ meinte ich damit meiner Tante ſo gut wie mir ſelbſt einen Dienſt zu leiſten, auch werden Sie ſich erinnern, daß unſere Aktien damals ſehr hoch ſtanden.“ „Nachdem Sie aber dieſe Summe Gelds ange⸗ ſchafft, Herr, machte Sie Brough ſogleich zum Ver⸗ 15² trauten; Sie bekamen in ſeinem Hauſe Zutritt und wurden vom dritten Buchhalter gar ſchnell zum erſten befördert; dieſen Poſten bekleideten Sie, als Ihr wür⸗ diger Patron verſchwand.“ „Mein Herr, ſicherlich ſind Sie nicht berechtigt, mich ſo in's Verhör zu nehmen. Doch da vielleicht Hunderte von unſern Aktionären hier zugegen ſind, bin ich nicht abgeneigt, frei von der Leber weg zu ſprechen,“ erwiderte ich, indem ich Marien die Hand drückte. „Freilich war ich erſter Buchhalter. Und warum? weil die Andern aus dem Comptoir ausgetreten waren. Freilich hatte ich Zutritt in Brough's Familie. Wa⸗ rum? weil meine Tante noch mehr Geld aus⸗ zu leihen hatte. Ich ſehe jetzt Alles klar und deut⸗ lich, damals aber konnte ich nicht in die Sache hinein⸗ ſehen; und der klarſte Beweis, daß es Brough nicht um mich, ſondern um das Geld meiner Tante zu thun war, liegt darin, daß unſer Direktor nach ihrer Ueber⸗ ſiedelung nach London ſie par force aus meinem Hauſe nach Fulham entführte und ſeither nie wieder dran ge⸗ dacht hat, mich oder meine Frau dahin einzuladen. Ja mein Herr, er hätte auch noch ihr ganzes übriges Ver⸗ mögen bekommen, wenn ihr Rechtsfreund auf dem Lande ſie hätte ſchalten und walten laſſen. Sobald ſie hörte, daß es zweifelhaft ausſehe, bevor noch der Ban⸗ kerott der Weſtviddleſer-Geſellſchaft entſchieden war, nahm ſie ihre Aktien zurück — es waren Aktien au porteur wie Sie wiſſen, mein Herr, — und hat ſeit⸗ dem darüber verfügt, wie es ihr gut däuchte. Jetzt, meine Herren, wiſſen Sie die ganze Geſchichte in ſo weit ſie mich berührt. Um ihren einzigen Sohn ver⸗ ſorgt zu ſehen, hat meine Mutter ihr geringes Kapital⸗ vermögen bei der Geſellſchaft angelegt — es iſt ver⸗ loren. Meine Tante hatte noch größere Summen bei derſelben angelegt, welche dereinſt mir zugefallen ſein würden, und auch dieſe ſind verloren; und hier ſtehe ich nach einer vierjährigen Laufbahn verarmt und 153 ſchmachbeladen vor Ihnen. Iſt hier jemand zugegen, und hätte er auch noch ſo viel durch das Falliment der Geſellſchaft eingebüßt, der unglücklicher geworden wäre, als ich?“ „Herr Titmarſh,“ nahm der Beamte in weit freund⸗ licherem Ton wieder das Wort und warf zugleich einen bedeutenden Blick auf den in ſeiner Nähe ſitzenden Be⸗ richterſtatter für die Zeitungen, „Ihre Geſchichte gehört im Grund nicht in die öffentlichen Blätter, denn es iſt, wie Sie ſagen, eine Privatangelegenheit, von der Sie nicht zu ſprechen nöthig gehabt hätten, wenn Sie es nicht ſelbſt für paſſend erachteten — ſie wird viel⸗ mehr als vertrauliche Eröffnung unter uns zu betrach⸗ ten ſein. Dürfte ſie aber veröffentlicht werden, ſo möchte ſie manches Gute ſtiften und den Leuten zur Warnung dienen, wenn ſie ſich warnen laſſen wollen, ſich nicht in ſo thörichte Spekulationen einzulaſſen, wie diejenige, in welche Sie hineingezogen worden ſind. Ans Ihrer Geſchichte geht ſonnenklar hervor, daß Sie betrogen wurden und zwar ſo gröblich, als nur irgend Jemand von den Anweſenden. Allein bedenken Sie, Herr, wenn Sie nicht ſo gewinnſüchtig geweſen wären, hätten Sie ſich nicht ſo leicht betrügen laſſen und hät⸗ ten das Geld Ihrer Anverwandtin erhalten und es Ihrer Erzählung zufolge früher oder ſpäter geerbt. So wie die Leute ſich auf einen großen Gewinn Rech⸗ nung machen, iſt es als wenn alle Beurtheilungskraft ſie verließe. Weil ſie zu profitiren wünſchen, meinen ſie, es könne ihnen gar nicht fehlen und ſchlagen alle Warnungen und alle Vorſicht in den Wind. Außer den hunderten rechtſchaffener Familien, welche blos das Opfer ihres Vertrauens zu dieſem Ihrem Verein ge⸗ worden ſind und welche das innigſte Mitleiden verdie⸗ nen, gibt es viele hundert andere, die aus Spekulation ſich in denſelben eingelaſſen haben, wie Sie ſelbſt, nicht aber um ihr Geld auf ſichere Weiſe anzulegen; und dieſen geſchieht es auf Ehre Recht, wie's ihnen nun 154 geht. So lange man die Dividenden zahlt, fragt man weiter nicht nach und Brough hätte das Geld fuͤr ſeine Aktionäre ſtehlen dürfen; ſie hätten es getroſt eingeſteckt und nicht darnach gefragt, wie er es bekomme. Doch was hilft alles Reden?“ fuhr der Beamte im Affekte fort; „wir ſehen hier einen Spitzbuben entlarvt und Tauſende, die er angeführt hat. Wenn aber morgen ein anderer Schwindler aufſteht: ſo ſtehen über's Jahr wieder tauſend ſeiner Opfer um dieſen Tiſch herum und ſo wird es fortgehen bis zu Ende. Jetzt aber an unſer Geſchäft, meine Herren, und nehmen Sie's nicht übel, was ich geſagt habe.“ Nachdem ich über Alles, was ich wußte, was je⸗ doch ſehr wenig war, Auskunft gegeben, wurden noch Andere vernommen, die bei unſerer Anſtalt angeſtellt geweſen; und ich ging am Arme meines Weibchens in's Gefängniß zurück. Wir mußten durch die Leute hin⸗ durch, die in den Räumen des Gerichtshofs dicht ge⸗ drängt ſtunden, und mir blutete das Herz, als ich un⸗ ter einem Haufen den Thürſteher Brough's, den armen Gates, erblickte, der ſeinem Herrn jeden Schilling zu⸗ getragen hatte und jetzt mit ſeinen zehn Kindern in ſeinen alten Tagen ohne Obdach und ohne einen Heller im Vermögen war. Nicht weit von ihm befand ſich der Kapitän Sparr, keineswegs ſo freundlich geſtimmt; denn während erſterer an ſeinen Hut griff, als wenn ich ein vornehmer Herr wäre, kam der kleine Kapitän auf mich zu, drohte mir mit ſeinem Bambusſtock, und verſchwur ſich hoch und theuer, daß ich Brough's Mit⸗ ſchuldiger ſei. „Sie verfluchter Spitzbube mit Ihrem glatten Geſicht!“ ſagte er. „Was haben Sie nöthig, einen engliſchen Gentleman unglücklich zu machen, wie mich?“ Und abermals wollte er mit ſeinem Stock auf mich los. Jetzt packte ihn aber Auguſt, wenn es gleich ein Offizier war, beim Kragen, ſchob ihn zurück und ſagte: „Sie Brutum, ſehen Sie die Frau an und halten Sie Ihr Maul!“ Als der Kapitän ſah, in wel⸗ — 155⁵ chen Umſtänden meine Frau ſich befinde, ward er vor Scham noch röther, als ihn zuvor der Zorn gemacht hatte. „Sie dauert mich, daß ſie einen ſolchen Tauge⸗ nichts zum Manne hat,“ brummte er und trat zurück. Ich verließ den Gerichtshof mit meinem armen Weibe und kehrte in unſer düſteres Gefängnißzimmer zurück. Es war keine Kleinigkeit für ein ſo zartes Geſchöpf wie ſie, ſich an einem ſolchen Orte mit mir einſperren zu laſſen. Auch wünſchte ich ſehnlich, daß eines oder das andere von meinen Verwandten bei ihr ſein möchte, wenn ihre Zeit kommen ſollte. Allein ihre Großmutter konnte von dem alten Lieutenant nicht weg und meine Mutter hatte geſchrieben, daß, weil ja Tante Hoggarty bei uns ſei, es gut wäre, wenn ſie zu Hauſe bei ihren Kindern bleiben könnte. „Was für ein Glück iſt es bei all eurem Mißgeſchick,“ fuhr die gute Seele fort, „daß Ihr Euch an den Beutel Eurer edelmüthigen Tante halten könnt!“ Wahrhaftig an den Beutel der edelmü⸗ thigen Tante? Wo ſie nur hingekommen ſein mochte? — Auf das Land war ſie alſo nicht gegangen, wie ſie uns gedroht, eben ſo wenig hatte ſie an einen ihrer Freunde daſelbſt geſchrieben. Weil aber meine Mutter ſchon ſo viel von ihrem Vermögen durch mein Unglück eingebüßt hatte und jetzt bei ihrem bischen Einkommen mit meinen Schweſtern, die ſie alle bei ſich hatte, kaum beſtehen konnte; ſie auch gewiß die Kleider vom Leibe verkauft hätte, um mir aus der Noth zu helfen, wenn ſie von meiner Lage Rachricht erhielte: ſo war ich und Marie einverſtanden, daß ſie durch uns nicht erfahren ſollte, wie es in der Wirklichkeit um uns ſtünde — ſo freudenlos, ſo ſchlimm, ſo elend auch dieſe Wirklichkeit war. Der alte Lieute⸗ nant Smith hatte ebenfalls nichts als ſeinen Halbſold und ſeinen Rheumatismus; ſomit waren wir in der That ganz verlaſſen. Dieſe Periode meines Lebens und dieſes ſchauer⸗ 156 liche Gefängniß kommen mir jetzt vor wie Erinnerun⸗ gen aus Fieberträumen. Welch' ein furchtbarer Auf⸗ enthalt, nicht wegen des Ernſtes und der Traurigkeit, wie man denken ſollte, ſondern wegen der Luſtigkeit, die daſelbſt herrſchte. Die langen Gänge des Gebäudes waren, wie ich mich recht wohl erinnern kann, voll Leben und rühriger Geſchäftigkeit. Tag und Nacht ſchlugen die Thüren auf und zu; hörte man laut ſpre⸗ chen, fluchen, hin⸗ und hergehen und Gelächter. Unſerm Zimmer zunächſt war eines, in dem Jemand Wachhol⸗ derbranntwein feil hatte. Hier wurde vom Morgen bis in die Nacht geſchwärmt, gezecht und geſungen, zum Theil Schelmenlieder und Zotenz doch mein liebes Weibchen war, Gott ſei Dank! nicht im Stand, den größeren Theil ihrer Gemeinheiten zu verſtehen. Nie ging ſie aus vor Einbruch der Nacht; den ganzen Tag ſaß ſie da und arbeitete an den nöthigen Häubchen und dem übrigen Anzug für den erwarteten Fremdling und fühlte ſich dabei nicht unglücklich, wie ſie noch heute verſichert. Allein das Leben im Kerker machte ſie krank, da ſie von jeher an die geſunde Landluft gewöhnt ge⸗ weſen und ſie ward von Tag zu Tag bläſſer. Unſerem Fenſter gegenüber befand ſich der Spiel⸗ platz und hier pflegte ich mir täglich ein Paar Stun⸗ den die Zeit zu vertreiben, was ich anfänglich ſehr ungerne gethan, in der Folge aber, ich wili es nur geſtehen, nicht mehr laſſen konnte. Ach! es ging wun⸗ derlich zu an dieſem Orte. Es gab da eine Ariſtokratie ſo gut wie anderwärts; unter Andern befand ſich hier ein Sohn des Lord Dausaß. Manche von den Schuld⸗ gefangenen drängten ſich ſehr eifrig zu ihm hin und thaten wie gute Bekannte von ſeiner Familie; nicht anders als gehörten ſie zu den Pflaſtertretern der Bondſtraße. Einer war namentlich der arme Tidd der⸗ ſelben. Von ſeinem ganzen Vermögen war ihm nichts geblieben als ein geblümter Schlafrock und ein Toilet⸗ tenkäſtchen. Zu dieſen Beſitzthümern kam noch ein 157 ſchöner Backenbart, mit dem der arme Teufel Parade machte. Obſchon er ſeinen Unſtern verfluchte, war er voch, glaube ich, wenn ihm ſeine Freunde eine Guinee brachten, ſo glücklich, als er während ſeiner kurzen Laufbahn als Gentleman in der Freiheit geweſen war. Ich habe in Bädern Dandy's geſehen, wie ſie die Frauen⸗ welt mit ihren Blicken verfolgten, habe geſehen, wie ſie den Landungsplatz eines Dampfboots oder ein Eil⸗ wagen⸗Burean belagerten, als wenn Lehen und Sterben davon abhinge; habe ſie Tagelang in ihren kurzen Jacken auf den Promenaden auf und ab ſtolziren ſehen. Ich weiß aber nun, daß es eben ſolche Leute auch in den Gefängniſſen gibt, ganz dieſelben Modenarren und Gecken, nur ein wenig ärmlicher, — Dandy's mit un⸗ raſirten Bärten und Löchern im Ellbogen. Ich ging nicht nach der ſogenannten Armenſeite des Gefängniſſes — ich hatte wirklich nicht das Herz dazu. Jedoch unſere geringe Baarſchaft ging auf die Neige und das Herz im Leibe that mir weh, wenn ich gedachte, wie es meinem lieben Weib ergehen und auf was für einem Lager möglicher Weiſe unſer Kind zur Welt kommen konnte. Aber der Him⸗ mel verſchonte mich gnädig mit dieſem Jammer — der und mein liebſter, beſter Freund Auguſt Hos⸗ ins. Die Advokaten, denen ich von Herrn Smithers em⸗ pfohlen worden, ſagten mir, daß ich Erlaubniß erhalten könnte, in dem Bereiche des Fleetgefängniſſes zu woh⸗ nen, wenn ich dem Intendanten deſſelben für die Summe Sicherheit leiſten könne, wegen welcher ich in Schuld⸗ haft mich befinde. Ich blickte dem Herrn Blatherwick ſcharf ins Geſicht; es fiel ihm aber nicht ein, ſich mir anzubieten, daß er die Bürgſchaft leiſten wolle und ich fannte keinen Hausherrn in London, der es hätte thun können. Doch es gab einen, den ich nicht kannte, — das war der alte Hoskins, der Lederhändler in der Kürſchnerſtraße, ein guter dicker Herr, der ſeine dicke 158 Frau mitbrachte, um nach Marie zu ſehen. Obgleich dieſe Fran eine ziemlich hohe Gönnermiene annahm — ihr Mann war Meiſter in der löblichen Kürſchnerzunft und hatte Ausſicht Alderman, ja dereinſt vielleicht Lord⸗ mayor der erſten Stadt in der Welt zu werden — ſchien ſie dennoch herzliche Theilnahme für uns zu empfinden und ihr Gatte ſtieß alle Thüren und Thore auf, bis die erbetene Erlaubniß ertheilt wurde und ich vergleich⸗ ungsweiſe die Freiheit erhielt. Eine Wohnung war bald gefunden. Meine alte Hauswirthin, Frau Stokes, ſchickte ihre Jemima und ließ mir ſagen, daß uns ihr erſter Stock zu Dienſten ſtehe. Als wir denſelben bezogen hatten und ich am Ende der Woche ihr den Miethzins bezahlen wollte, ſagte mir die gute Seele mit weinenden Augen, ſie brauche für jetzt gerade kein Geld und wiſſe wohl, daß ich dasjenige ſelber höchſt nöthig hätte, was ich beſaß. Ihre Güte war mir ganz erwünſcht, denn wirklich hatte ich nur noch fünf Guineen übrig. Auch hätte mir's von Rechtswegen nicht einfallen ſollen, in ein ſo theures Logis zu ziehen. Allein die Zeit der Entbindung Ma⸗ riens kam immer näher und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ſie in ihrem Wochenbette irgend n Annehmlichkeit oder Gemächlichkeit hätte entbehren müſſen. Dieſes herrliche Weib — Auguſt's Schweſtern, ſehr brave ordentliche Mädchen, kamen täglich, ihr Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten — erholte ſich jetzt ſchnell, da ſie nicht mehr in dem abſcheulichen Gefängniſſe eingeſperrt und im Stande war, ſich mehr Bewegung zu machen. Wie heiter und ſeelenvergnügt wandelten wir mit ein⸗ ander die Bridgeſtraße und den Chatamplatz auf und ab! Wahrhaftig! und dennoch war ich im Grund ein Bettler und machte mir öfters Vorwürfe darüber, daß 33 ich ſo fröhlich ſein konnte. Was meine Beziehungen zu der Weſtdiddleſer⸗Ge⸗ 1 ſellſchaft betrifft, ſo durfte ich jetzt ganz ruhig deshalb 159 ſein. Die Gläubiger konnten ſich lediglich an unſere Direktoren halten, und dieſe waren nicht leicht zu fin⸗ den. Herr Brough befand ſich auf dem Feſtland und ich muß zu ſeiner Ehre doch das ſagen, daß er, während Jedermann glaubte, er ſei mit hunderttauſend Pfunden durchgebrannt, zu Boulogne in einem Dachſtübchen lebte und kaum einen Schilling in der Taſche hatte, und er von vorne wieder anfangen mußte. Seine Gattin, ein wackeres liebes Weib, blieb ihm treu und verließ Ful⸗ ham mit Nichts, als was ſie auf dem Leib trug und Fräulein Belinda, wenn auch zürnend und ſehr übel gelaunt, ging es kein Haar beſſer. Mit den andern Direktoren verhielt es ſich alſo: da man zu Edinburgh nach Herrn Mull forſchte, ergab es ſich, daß ein Herr dieſes Namens vorhanden war, der bis ins Jahr 1800 daſelbſt mit gutem Erfolg practicirt, ſich aber ſeitdem auf die Inſel Sky zurückgezogen habe. Als man ſich aber an ihn wandte, wußte er von der Weſtdiddleſer eben ſo viel als die Königin Anna. *) Der General Dionyſius O'Halloran hatte Dublin eiligſt verlaſſen und war nach Guatemala zurückgekehrt. Herr Shirk wurde in der Zeitung ausgeſchrieben, d. h. er fallirte. Herr Macraw, Parlamentsglied und Rechtsconſulent, beſaß keine Guinee im Vermögen, als was er für ſeine Bemühungen bei unſerer Anſtalt verdiente. Der Einzige, an den man ſich halten konnte, war Herr Manſtraw, ein wohlhaben⸗ der Marinelieferant zu Chatam. Es fand ſich aber, daß er einen unbedeutenden Handel mit Schiffsartikeln führte und Alles, was er in ſeinem Geſchäft ſtecken hatte, keine zehn Pfund werth war. Der letzte der Direktoren war Abednego und was aus dieſem geworden, haben wir bereits geleſen. „Nun, da wegen der Weſtdiddleſer keine Gefahr mehr vorhanden,“ meinte der alte Herr Hoſkins, „ſollten Sie nicht ſuchen, mit Ihren Gläubigern ein Abkommen *) Die vor hundert Jahren gelebt hatte. 160 zu treffen? Und wer könnte beſſere Unterhandlung mit dieſen pflegen, als die hübſche Frau Titmarſh hier? Mit dieſem Paar Augen würde ſie gewiß den harther⸗ zigſten Kleidermacher und die unbarmherzigſte Putz⸗ waarenhändlerin, die unter der Sonne lebt, erweichen. In Folge deſſen nahm an einem ſchönen Februar⸗ tag mein liebes Weibchen von mir Abſchied, hieß mich gutes Muths ſein und ſetzte ſich mit Auguſt in einen Wagen, um die genannten Leute zu beſuchen. Freilich dachte ich ein Jahr zuvor an alles andere eher, als daß die Tochter des tapfern Smith je in den Fall kommen würde, als Supplicantin bei Schneidern und Putzmacher⸗ innen herum zu gehen. Doch, der Himmel ſegne ſie dafür, ſie empfand Nichts von der Scham, die mich zu Boden drückte, oder ſie ſagte wenigſtens ſo und begab ſich in der beſten Hoffnung auf ihre Rundreiſe. Als ſie Abends heimkehrte, klopfte mir das Herz, bis ich erfuhr, wie es gegangen. Daß es ſchlecht ge⸗ gangen, konnte ich ihr anſehen. Denn ſie ſprach eine gute Weile kein Wort, ſah todtenblaß aus und weinte, indem ſie mich küßte. „Sprechen Sie, Auguſt,“ ſchluchzte ſie endlich und nun erzählte mir Hoſkins die Ereigniſſe dieſes Unglücks⸗ tages. „Denken Sie nur, Samuel,“ ſprach er, „Ihre Tante, dieſes hölliſche Weib, auf deren Geheiß Sie die Sachen haben machen laſſeu, hat an die Geſchäftsleute geſchrie⸗ ben, daß Sie ein Schwindler und Betrüger ſeien; daß Sie vorgeben, ſie hätte die Waare beſtellt; daß ſie darauf leben und ſterben wolle, daß ſie es auf das Bi⸗ belbuch beſchwören könne, daß ihr ſo Etwas nie ein⸗ gefallen und die Leute ſich wegen der Bezahlung ganz allein an Sie halten müßten. Nicht ein einziger von ihnen wollte ſich dazu verſtehen, Sie heraus zu laſſen, und der Schuft von Mantalini gar war ſo unverſchämt, daß ich ihm eine Ohrfeige gab und ihn würde halbtodt geſchlagen haben, wenn nicht die arme Marie — Frau 161 Titmarſh, wollte ich ſagen — geſchrieen hätte und einer Ohnmacht nahe geweſen wäre; daß ich alle Mühe hatte, ſie wegzubringen. Hier iſt ſie nun wieder, na⸗ türlich ſehr angegriffen.“ Die Nacht darauf mußte der unermüdliche Auguſt in aller Eile den Doktor Salts holen und am folgenden Morgen kam ein Knäblein zur Welt. Ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder betrüben ſollte, als man mir das kleine ſchwächliche Geſchöpf zeigte; aber Marie ſagte, ſie ſei das glücklichſte Weib unter der Sonne und vergaß allen Kummer über der Pflege und Wartung des armen Säuglings. Sie hielt ſich in ihrem Wochen⸗ bette meiſterhaft und behauptete alles Ernſtes, es gäbe kein lieberes und ſchöneres Kind auf der Welt; und wenn auch Lady Tiptoff, deren Niederkunft an demſel⸗ ben Tag ſtattgefunden, wie wir laſen, einen Palaſt in Grosvenor⸗Square bewohnte und ein Lager aus ſeidenen Stoffen haben mochte, konnte ſie doch, wie Marie meinte, unmöglich ein ſo wunderſchönes Kind haben, wie unſer kleiner Auguſt; denn wie hätten wir das Kind anders heißen ſollen als nach unſrem lieben guten Freund Hoſtins? An der Taufe hielten wir einen kleinen Schmaus und waren in der That bei unſerm Thee ſehr luſtig und vergnügt. Die Mutter war, Gott ſei Dank, ſehr wohl auf und es that einem in der Seele wohl, wenn man ſie in dieſer Stellung ſah, in welcher, glaube ich, jede Frau ſchön iſt, wäre ſie auch noch ſo gewöhnlich — mit ihrem Säugling an der Bruſt. Das Kind war kränklich, allein ſie ſah es nicht. Wir waren ſehr arm, aber was kümmerte ſie das? Sie hatte keine Zeit, ſich Sorgen zu machen, wie ich. Ich hatte die letzte Guinee in der Taſche, und wenn dieſe fort war — ach! das Herz wollte mir zerſpringen, wenn ich daran dachte, was kommen würde. Ich betete um Kraft und Beiſtand von Oben und war inmitten aller Bedrängniß dennoch dank⸗ Thackeray, Samuel Litmarſh. 11 162 bar dafür, vaß die Gefahr des Wochenbettes glücklich überſtanden, und mein theures Weib wenigſtens mit neuer Kraft und Geſundheit ausgerüſtet war, um dem Ungemach zu trotzen, das uns noch bevorſtand. Ich ſagte der Frau Stokes, ſie müſſe uns ein wohlfei⸗ leres Gelaß geben — unter dem Dache, das nur ein Paar Schillinge koſten würde. Die gute Frau hieß mich zwar in den Zimmern bleiben, die wir hatten; doch jetzt, wo meine Frau wieder wohl und geſund war, hätte ich es für eine Sünde gehalten, meine gütige Hauswirthin im Schaden zu laſſen, da ſie von ihrer Hausmiethe leben mußte. Zuletzt verſprach ſie mir eine Dachſtube, wie ich verlangte, zu geben, und ſie ſo behaglich als mög⸗ lich einzurichten. Und ihre kleine Jemima bezeigte ſich überaus zufrieden, daß ſie meine Frau und das Kleine bedienen durfte. Nun ward das Gelaß in Bereitſchaft geſetzt; und ich ſuchte Marie auf die nöthig gewordene Aenderung allmählig vorzubereiten. Allein es wäre nicht nöthig geweſen, es ihr lange zu verheimlichen; denn als ich es ihr endlich unverhohlen ſagte, erwiederte ſie: „Iſt's weiter Nichts als das?“ — gab mir mit himmliſcher Freundlichkeit die Hand und verſicherte mich, daß ſie mit Jemima das Zimmer ſo nett und reinlich als mög⸗ lich halten würde. „Ich will Dir auch Deine Leibſpeiſen kochen,“ ſetzte ſie hinzu; „denn Du weißt, Du haſt ge⸗ ſagt, ich mache die beſten Eierkuchen von der Welt.“ Gott ſegne ſie dafür! Ich glaube, es gibt Frauen, die faſt die Armuth liebgewinnen. Aber ich ſagte Marien nicht, wie arm ich ſei; auch machte ſie ſich keinen Be⸗ griff davon, wie ſehr durch die Advokaten⸗ und Arreſt⸗ und Doctors⸗Gebühren die Summe geſchmolzen war, die ſie mir gebracht, als wir in das Fleetgefängniß kamen. Indeß war es nicht des Herrn Wille, daß ſie mit ihrem Kinde die kleine Dachſtube bewohnen ſollte. Am Montag Morgen hätten wir ausziehen ſollenz am 163 Samſtag Abend jedoch wurde das Kind krank und be⸗ kam Gichter; den ganzen Sonntag über wachte und betete ihm die Mutter. Aber Gott hatte es gefallen, das unſchuldige Kind wieder von uns zu nehmen und um Mitternacht hielt die Mutter eine Leiche in ihren Armen. Amen. Wir haben andre Kinder, fröhlich und geſund, die uns viele Freude machen; und aus des Vaters Herzen iſt das Andenken an jenes kleine Geſchöpf faſt ganz geſchwunden. Aber die Mutter denkt, glaube ich jeden Tag, den ihr Gott ſchenkt, an den Erſtgebornen, der ſo kurze Zeit bei ihr bleiben durfte; und oft und viel⸗ mals hat ſie ſchon ihre Mädchen mitgenommen an ſein Grab auf dem St. Bride⸗Kirchhofund trägt noch eine Hals⸗ ſchnur von dem goldenen Haar, das ſie dem Kinde abſchnitt, wie es im Sarge lag und noch ſo lieblich zu lächeln ſchien. Ich habe mitunter den Geburtstag des Kindes ver⸗ geſſen, ſie niemals; und oft wenn von den alltäg⸗ lichſten Dingen die Rede iſt, kann ſie ein Wörtchen fallen laſſen, daß man ſieht, ſie denkt noch immer an daſſelbe — eine leiſe Andeutung, die für mich unausſprechlich rührend iſt. Ich will es nicht verſuchen, ihren Schmerz um daſſelbe zu ſchildern. Solche Gefühle ſind heilige Ge⸗ heimniſſe des Herzens und ein Mann braucht ſie nicht zu Papier zu bringen, damit es Jedermann leſen kann. Ich hätte auch den Tod des Kindes gar nicht erwähnt, wäre nicht eben deſſen Verluſt das Mittel zu einem großen leiblichen Segen für uns geworden, was meine Frau noch heute unter Thränen der Rührung und Dankbarkeit erkennt. Während dieſe um ihr Kind weinte, waren es noch andere Gefühle, außer dem Gram über deſſen Verluſt, die mich den letztern — wie ich zu meiner Schande bekennen muß — weniger ſchmerzlich empfinden ließen. Oft habe ich ſeither daran gedacht, was für eine mäch⸗ tige Gebieterin — ja, ich ſage, Zerſtörerin der Em⸗ 164 pfindungen unſers Herzens die Noth iſt und habe es aus eigner Erfahrung gelernt dankbar zu ſein für das täg⸗ liche Brod. Dieſes Eingeſtändniß unſrer Schwachheit und Hülfloſigkeit, das in der Bitte um Bewahrung vor Hunger und Verſuchung liegt, iſt gewiß aus weiſen Gründen in unſer tägliches Gebet aufgenommen wor⸗ den. Denke daran Du, der Du reich hiſt und nimm Dich wohl in Acht, eh' Du einen Bettler von Dir weiſeſt. Da lag das Kind in ſeiner Korbwiege, ſüßes Lä⸗ cheln auf ſeinen ſtarren Zügen — ich glaube die Engel im Himmel mußten ihre Freude haben an dieſem freund⸗ lichen Lächeln der kleinen Unſchuld — und erſt den fol⸗ genden Tag, als ſich meine Frau niedergelegt hatte und ich daſaß und bei der Leiche wachte, fiel mir der Ge⸗ danke an unſre Lage doppelt ſchwer aufs Herz. Ich dachte daran, (mit welch' qualvollen Empſfindungen, vermag ich nicht zu ſagen) daß ich kein Geld mehr hatte, um das arme Geſchöpf begraben zu laſſen, und weinte bittre Thränen der Verzweiflung. Jetzt endlich fiel mir ein, daß ich mich an meine gute Mutter wen⸗ den müſſe; denn dieſes war eine heilige Nothdurft. Ich nahm Papier und ſchrieb an der Seite des Kindes einen Brief, worin ich ihr unſte ganze Lage ſchilderte. Doch, Gott ſei Dank! ich habe den Brief nicht fortge⸗ ſchickt; denn als ich an das Pult ging, um Siegellack zu nehmen, um den kläglichen Brief zu petſchiren, da ſiel mir die Tuchnadel mit dem Diamant in die Augen, an die ich gar nicht mehr vachte, und welche in der Schublade des Pultes lag. Ich ſah in das Schlafzimmer hinein — meine arme Frau ſchlief noch. Drei Nächte und drei Tage lang hatte ſie gewacht und war endlich vor Müdigkeit eingeſchlafen. Ich rannte mit dem Diamant fort zu einem Pfandleiher, der mir ſieben Guineen darauf gab. Bei meiner Rück⸗ kunft übergab ich das Geld meiner Wirthin und hieß ſie anſchaffen und beſorgen was noͤthig ſei. Meine Frau 165 ſchlief noch, als ich heim kam, und als ſie endlich auf⸗ ſtund, redeten wir ihr zu, daß ſie in das Zimmer unſrer Wirthin hinunterginge. Mittlerweile wurden die nöthi⸗ gen Anſtalten zur Beerdigung getroffen und das Kind in den Sarg gelegt. Den andern Tag, nachdem Alles vorbei war, gab mir Frau Stokes drei von den Guineen zurück; und jetzt konnte ich mich nicht enthalten, ihr meine Beſorg⸗ niſſe und mein Elend unter Stöhnen und Schluchzen zu geſtehen und ihr zu ſagen, duß dieß das letzte Geld ſei, das ich beſäße, und wenn dieſes zu Ende ſei, ich nicht wiſſe, was aus dem beſten Weib werden ſolle, das je einen Mann beglückte. Meine Frau befand ſich unten bei der Hauswirthin. Der arme Auguſt, der bei mir geblieben und eben ſo angegriffen war als unſereins, nahm mich am Arm und führte mich die Treppe hinunter. Wir dachten nicht mehr an die Schuldhaft und die Linien, die ich nicht uͤberſchreiten ſollte und machten einen weiten, weiten Spaziergang über die Blackfriarsbrücke hinaus, und der gute Kerl that ſein Möglichſtes, um mich zu tröſten. Es war Abend geworden, bis wir zurückkamen. Die erſte Perſon, die uns im Hauſe begegnete, war meine gute Mutter, die mir um den Hals fiel und viele Thrä⸗ nen vergoß, und mir zärtliche Vorwürfe machte, daß ich ihr nichts von meiner Noth geſchrieben. Sie ſagte, ſie würde nie Etwas davon erfahren haben; weil ich aber nichts mehr von mir hätte hören laſſen, ſeit ich ihr die Geburt des Kindes kund gethan, ſei ſie unruhig gewor⸗ den, und da ſie einmal Herrn Smithers auf der Straße begegnete, habe ſie ihn gefragt, was er von mir wiſſe. Da ſei dieſer Herr ein wenig in Verlegenheit gekommen und habe ihr geſagt, er glaube, daß ihre Schwieger⸗ tochter ihr Wochenbett an einem Ort halten müſſe, der nicht ſehr behaglich ſei; daß die Frau Hoggarty nicht mehr bei uns wohne; endlich, daß ich im Schuldgefäng⸗ niß ſei. Dieſe Nachricht habe ſie beſtimmt, unverzüg⸗ 166 lich hieher zu reiſen, und ſie komme gerade vom Ge⸗ fängniß her, wo ſie erfahren habe, daß ich hier wohne. Ich fragte ſie, ob ſie meine Frau ſchon geſprochen und wie ſie dieſelbe gefunden habe. Zu meiner großen Verwunderung aber erhielt ich die Antwort, Marie ſei mit der Hausfrau ausgegangen geweſen bei ihrer An⸗ kunft. Es wurde acht — neun Uhr, und ſie war noch nicht da. Um zehn Uhr endlich kam — nicht meine Frau, ſondern nur Frau Stokes nach Hauſe mit einem Herrn, der mir die Hand gab, wie er in's Zimmer trat und ſagte: „Herr Titmarſh, ich weiß nicht, ob Sie ſich mei⸗ ner noch erinnern werden; ich heiße Tiptoff. Ich bringe Ihnen ein Billet von Frau Titmarſh und einen Gruß von meiner Frau, die Ihren Verluſt aufrichtig bedauert und Sie bitten läßt, daß Sie nicht ungehalten werden möchten, daß Ihre Frau ſo lange ausbleibt. Sie iſt ſo gut geweſen und hat verſprochen, heute Nacht bei Lady Tiptoff zu bleiben, und Sie werden gewiß nichts dagegen haben, daß ſie nicht heim kommt, indem ſie damit einer kranken Mutter und einem kranken Kind die größte Liebe erweist.“ Nachdem wir noch ein Paar Worte gewechſelt, entfernte ſich der Lord wieder. In dem Billet von meiner Frau ſtand hlos, daß Frau Stokes mir Alles ſagen würde. 167 Dreizehntes Rapitel. Worin gezeigt wird, daß ein braves Weib der beſte Diamant iſt, den ein Mann an ſeinem Herzen tragen kann. „Madame Titmarſh,“ fing Frau Stokes an, „bevor ich Ihre Neugierde befriedige, erlauben Sie mir, Ih⸗ nen zu ſagen, daß der Engel auf Erden wenige ſind, und iſt Einer ſchon ſelten in einer Familie, ſo ſind deren zwei zugleich noch viel ungewöhnlicher. Hievon macht aber Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter eine Aus⸗ nahme. Das find in Wahrheit zwei Engel, Madame.“ Meine Mutter ſagte auf dies, ſie danke Gott, daß ſie uns habez und Frau Stokes fuhr alſo fort: — „Als die Beerdigung heute Morgen vorüber war, da war es ihrer armen Schwiegertochter recht lieb, daß ſie bei uns in unſrer geringen Stube Troſt ſuchen konnte. Sie weinte da und erzählte uns tauſenderlei von dem kleinen Engel, der dahingeſchieden. Gott verzeih mirs, es hätte niemand geglaubt, daß das Kind in den vier Wochen, die es hienieden ſein durfte, ſchon ſo Vieles ge⸗ than hätte. Aber eine Mutter hat gute Augen, Ma⸗ dame. Ich hatte auch einmal ſolch einen Engel, mei⸗ nen lieben kleinen Anton; der vor Jemima kamz der wäre jetzt dreiundzwanzig geworden, wenn er noch auf dieſer argen Welt wäre. Doch ich will jetzt nicht davon reden, Madam, ſondern erzählen, was ſich zugetragen hat. „Sie müſſen wiſſen, daß Madame Titmarſh unten blieb, während Herr Samuel mit ſeinem Freund, Herrn Hoſkins, ſich unterhielt. Die arme Frau rührte das Eſſen nicht an, obſchon wir etwas gutes gekocht hatten. Nach Tiſche konnte ich ſie nur mit großer Mühe dazu bringen, daß ſie ein wenig Wein mit Waſſer trank und 168 eine geröſtete Brodſchnitte darein tunkte. Das war der erſte Biſſen, den ſie ſeit langer Zeit wieder über den Mund brachte, Madam. „Reden mochte ſie nicht und ich hielt es für das beſte, ſie nicht zu ſtören; ſie ſaß eben da und ſah in Einem fort meinen zwei Kleinſten zu, die auf der Fuß⸗ decke vor dem Kamin ſpielten. Gerade als Herr Tit⸗ marſh mit ſeinem Freund ausging, brachte der Knabe die Zeitung — ſie kommt jedesmal zwiſchen drei und vier Uhr — und ich fing an darin zu leſen. Ich konnte 3 aber nicht viel leſen, weil ich immer an den armen 3 Herr Titmarſh denken mußte, der ſo ſchrecklich ausge⸗ ſehen, wie er mit Hoſkins fortging und an den ſchlim⸗ men Umſtand, daß ſein Geld nächſtens zu Ende war, wie er mir geſagt hatte. Ich mußte alle Augenblicke inne halten und auch Frau Titmarſh zuſprechen, daß ſie ſich doch nicht allzu ſehr grämen ſolke, und erzählte ihr dann ein und andres von meinem lieben kleinen Anton. „Ach!“ ſprach ſie ſchluchzend und ſah die Kleinen anz „Sie haben noch andre Kinber, Frau Stokes; aber dieſes — dieſes war mein einziges;“ und ſank wieder auf den Stuhl zurück und weinte, als wenn ihr das Herz brechen wollte. Ich wußte, daß es ihr gut thun würde, wenn ſie ſich ausweinen durfte und ſah alſo wieder in meine Zeitung hinein — die „Morgenpoſt“, Madam; ich halte ſie von jeher, weil ich gerne wiſſen moͤchte, was im Weſtend paſſirt. „Die erſten Worte, die mir in die Augen fielen, waren folgende: „Man ſucht ſogleich eine anſtändige Perſon als Säugamme. Zu erfragen in Nr. — — Grosvenor⸗Square. „Weiß der Herr!“ ſagte ich, „das iſt niemand als Lady Tiptoff; die muß übel auf ſein;“ denn ich wußte, wo die gnädige Frau wohnt und daß ſie an demſelben Tag niedergekommen war, wo Mrs. Titmarſh; und die gnädige Frau weiß ſoweit auch, 3 wo ich zu finden bin; ſie iſt ſchon einmal hier geweſen⸗ 169 Jetzt kam mir auf einmal ein Gedanke. „Liebe Madame Titmarſh,“ ſagte ich, „Sie wiſſen wie brav, wie arm dabei aber auch Ihr Mann iſt.“ „Ja,“ antwortete ſie, etwas verwundert. „Nun, meine Liebe,“ fuhr ich fort und ſah ihr ſcharf ins Geſicht. „Lady Tiptoff, die ihn wohl kennt, braucht eine Amme für ihr Kind, den jungen Lord Poynings. Wollen Sie eine rechtſchaffene Frau ſein und ſich um die Stelle umthun; wo Ihnen vielleicht — wird für das Kleine, das Gott Ihnen genommen hat?“ „Sie fing an zu zittern und wurde roth. Dann erzählte ich ihr, was Sie, Herr Samuel, kurz zuvor mir von Ihren Geldverhältniſſen gefagt hatten. Sie ließ mich aber kaum recht ausreden, lief nach ihrem Hut und ſagte: kommen Sie, kommen Sie! Fünf Mi⸗ nuten nachher hatte ſie mich ſchon am Arm und wir wandelten mit einander Grosvenor-Square zu. Die friſche Luft that ihr recht gut, Herr Samuel, und auf dem ganzen Weg weinte ſie nicht wieder, außer Ein⸗ mal, da ſie im Square ein Mädchen mit Kindern ſah. Ein himmellanger Bedienter öffnete die Hausthüre und ſprach: „Sie find die fünfundvierzigſte, die wegen dieſer Stelle kommt. Erſt laſſen Sie mich aber eine Frage an Sie thun. Sind Sie eine Irländerin?“ „Nein,“ antwortete Mrs. Titmarſh. „Gut, Madame,“ fuhr der Herr mit den Plüſch⸗ hoſen fort, „ich ſehe das ſchon an Ihrem Accent. Sein Sie ſo gut und gehen Sie hier die Treppe hinauf. Sie werden oben noch andere Bewerberinnen treffen. Ich habe aber ſchon vierundvierzig, die ſich um die Stelle meldeten, fortgeſchickt, weil ſie Irländerinnen waren.“ Die Treppe, über welche wir hinauf mußten, war ganz mit weichen Teppichen belegt; wir wurden dann in ein Zimmer geführt, wo ſich eine ältliche Frau be⸗ fand, die uns ſagte, daß wir nicht laut ſprechen ſollten, 170 denn die gnädige Frau ſei nur zwei Zimmer davon. Als ich frug, wie das Kleine und Ihre Herrlichkeit ſich be⸗ finde, antwortete die Frau, daß alle beide wohl auf ſeien; nur habe der Arzt geſagt, Lady Tiptoff ſeie zu ſchwächlich, um das Kind noch länger zu ſtillen; und ſomit habe man für nöthig erachtet, eine Säugamme anzunehmen. „In dem Zimmer befand ſich noch ein junges Frauenzimmer — eine ſchöne, große Perſon, wie man nur eine ſehen kann — dieſe ſchaute Madame Titmarſh und mich ganz böſe und verächtlich an und ſagte: „Ich habe ein Schreiben von der Herzogin, deren Tochter ich geſäugt habe, mitgebracht; und ich glaube, Mrs. Blenkinſop, die gnädige Frau wird lang ſuchen können, bis ſie eine zweite Amme findet, wie mich. Fünf Fuß, ſechs Zoll groß; habe die Kinderblattern gehabt; bin verheirathet an einen Korporal in der Leibgarde, voll⸗ kommen geſund, im Beſitz der beſten Zeugniſſe, trinke nichts als Waſſer. Und was das Kind betrifft, Madame, ſo habe ich Milch genug für ſechſe, wenn die gnädige Frau ſo viele hätte.“ 5 Indem die Frau dieſe Rede hielt, kam ein kleiner, ſchwarz gekleideter Herr aus dem anſtoßenden Zimmer, welcher auftrat, als wenn er auf lauter Sammt ginge. Die Frau ſtund auf und machte vor ihm eine tiefe Ver⸗ beugung, legte die Arme in einander unter ihrer großen, breiten Bruſt und wiederholte die Rede, welche ſie zu⸗ vor gehalten hatte. Madame Titmarſh ſtund nicht auf vom Stuhl, ſondern verneigte ſich blos ein klein wenig, was ich allerdings für nicht ſchicklich hielt, da dieſer Herr offenbar der Hausarzt war. Er ſah ſie ſcharf an und ſagte: „Nun, meine liebe Frau, find Sie auch gekom⸗ men wegen der Stelle?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete ſie erröthend⸗ „Sie ſcheinen etwas ſchwächlich zu ſein. Wie alt iſt Ihr Kind? Wie viel haben Sie ſchon gehabt? Was für ein Zeugniß hahen Sie?“ 171 Ihre Frau erwiderte hierauf keine Sylbe. Ich nahm alſo das Wort und ſprach: „Mein Herr, dieſer Frau iſt kaum vor ein paar Tagen ihr erſtes Kind ge⸗ ſtorben. Sie iſt nicht gewohnt, ſich nach einem Dienſt umzuſehen; ſie iſt die Tochter eines Schiffskapitäns von der königl. Marine. Sie werden alſo entſchuldigen, daß ſie nicht aufgeſtanden iſt, als Sie hereintraten.“ Auf dieſes ſetzte ſich der Doktor zu ihr hin und ſprach recht artig mit ihr. Er ſagte, er fürchte nur, daß ihre Meldung erfolglos ſein würde, indem Frau Horner von der Herzogin von Doncaſter ſehr dringend empfohlen ſei, deren Verwandtin Lady Tiptoff wäre. In demſelben Augenblick erſchien Letztere ſelbſt in einem eleganten Spitzenhäubchen und einer hübſchen robe de sham von Muſſelin, worin ſie allerliebſt ausſah. Mit ihr kam eine Wärterin aus dem Zimmer der gnädigen Frau, und ging im anſtoßenden Zimmer auf und ab mit Etwas, das ſie auf den Armen trug, wäh⸗ renddem die Lady mit uns ſprach. Dieſe redete zuerſt mit Frau Horner und dann mit Madame Titmarſh. Aber ſo lange die Lady mit ihr ſprach, blickte Madame Titmarſh, ſtatt dieſe anzuſehen — was mich ſehr unhöflich däuchte — in das Neben⸗ zimmer; ſah — und ſah in Einem fort nach dem Kinde hin, das dort auf⸗ und abgetragen wurde. Die Lady fragte ſie, wie ſie heiße und ob ſie ein Zeugniß habe; und als ſie ihr keine Antwort gab, nahm ich ſtatt ihrer das Wort und ſagte, ſie ſei die Frau eines der bravſten Maäͤnner von der Welt, und daß Ihre Herrlichkeit auch den Herrn kenne und ihm einmal eine Wildbretkeule verehrt habe. Da ſah Lady Tiptoff auf und ſtaunte über die Maaßen, und ich erzählte ihr die ganze Geſchichte, daß Sie er⸗ ſter Buchhalter geweſen und der Schurke von Brough Sie ins Verderben geſtürzt habe. „Arme Frau „ ver⸗ ſetzte die Lady hierauf. Madame Titmarſh ſprach aber noch immer nicht, ſondern blickte unaufhörlich nach bem 172 Kinde hin; und der große, ſtarke Grenadier, die Frau Horner nämlich, machte ein grimmiges Geſicht gegen ſie. „Armes Geſchöpf!“ ſprach Mylady abermals und nahm Madame Titmarſh ſehr freundlich bei der Hand; „ſie ſcheint noch jung zu ſein. Wie alt ſind Sie denn, meine Liebe?“ „Fünf Wochen und zwei Tage,“ antwortete ſchluch⸗ zend ihre Frau. Frau Horner brach in ein Lachen aus. Meiner Lady aber trat eine Thräne in die Augen; denn ſie wußte wohl, woran das arme Geſchöpf dachte. „Seien Sie ſtill!“ rief ſie zornig dem großen Gre⸗ nadier zu, und in demſelben Augenblick fing das Kind im Nebenzimmer zu ſchreien an. Sobald ihre Frau das Geſchrei hoͤrte, ſprang ſie auf vom Stuhl und trat einige Schritte vor, legte ihre Hände an ihre Bruſt und ſagte: „Das Kind — das Kind — ohl gebt es mir!“ und fing dann wieder an zu weinen. Die gnädige Frau ſchaute ſie einen Augenblick an, lief dann in das Nebenzimmer und brachte ihr das Kleine, und das Kleine ſchmiegte ſich an ſie, als wenn es ſie kennete. Es war eine Luſt, dieſe liebe Frau mit dem Kind auf ihren Armen anzuſehen. Als das meine Lady ſah, was glaubt man wohl, daß ſie that? — Nachdem ſie dem Ding eine Minute lang zugeſchaut, ſchloß ſie Ihre Frau voll Rührung in ihre Arme und küßte ſie. „Meine Liebe!“ ſprach ſie, „ich bins gewiß, daß Sie eben ſo brav ſind, als Sie hübſch ſind, und Sie ſollen das Kind behalten; und ich danke Gott, daß er mir Sie geſchickt hat.“ Das waren buchſtäblich ihre Worte, Dr. Bland, welcher vaneben ſtand, ſagte: „Das iſt ein zweites Ur⸗ theil Salomo's.“ „Gnädige Frau! ich glaube, Sie brauchen mich 173 rtt⸗ fragte der weibliche Grenavier mit abermaligem nixe. „O nein, ganz und gar nicht!“ antwortete vor⸗ nehm die gnädige Frau, worauf der Grenadier abzog. Alsdann erzählte ich Ihre ganze Geſchichte vom A bis zum Z; und Frau Blenkinſop behielt mich da zum Thee, und ich ſah das ſchöne Zimmer, welches Mrs. Titmarſh bekommt neben Lady Tiptoff. Als der Lord nach Hauſe kam, that er es durchaus nicht anders, als daß er mit mir in einem Fiacre hieher fuhr; er ſagte, er müſſe ſich bei Ihnen entſchuldigen, daß Ihre Frau nicht kommen könne. Wenn ich' das Alles ſo bei mir überlegte, konnte ich nicht umhin, dieſes wundervolle Ereigniß, das uns mitten in unſerem Jammer einen Troſt gewährte und uns Brod verſchaffte bei unſerer Armuth — wie geſagt, ich konnte nicht umhin, daſſelbe mit der Demant⸗ nadel in Verbindung zu bringen. Ich mußte denken, daß das Verſchwinden dieſes Schmuckſtückes Glück und Segen anderer und beſſerer Art in meine Familie ge⸗ bracht habe. Mancher zwar von meinen Leſern wird mich viel⸗ leicht niederträchtiger Geſinnung zeihen, weil ich meine Frau, die eine ſtandesmäßige Erziehung genoſſen, und ſelber Dienſtboten hätte haben können, ins Dienen gehen ließ. Dennoch geſtehe ich frei, daß ich keinen Augen⸗ blick mir deßhalb ein Gewiſſen machte oder mich er⸗ niedrigt fühlte. Wenn man einen Menſchen von Herzen liebt, iſt es dann nicht ein wohlthuendes Gefühl, ſich ihm ver⸗ pflichtet zu wiſſen? Und dieſes Gefühl war im vorlie⸗ genden Fall das meinige. Ich war froh und ſtolz, daß ich denken konnte, mein theures Weib würde im Stande ſein, für mich zu arbeiten und Brod zu verdienen, wo das Mißgeſchick mich der Möglichkeit beraubt hatte, ſie und mich zu ernähren. Ich will hier keine weitere Be⸗ wachtungen anſtellen über meine eigenen Erfahrungen 174 und Studien vom Gefängnißweſen, ſondern blos den Leſer auf das merkwürdige und vortreffliche Kapitel im Leben Pickwick's verweiſen, worin derſelbe Gegenſtand abgehandelt und nachgewieſen wird, wie unvernünftig es iſt, rechtſchaffenen Leuten das Arbeiten unmöglich zu machen, gerade wenn ſie ſolches am meiſten nöthig ha⸗ ben. Was konnte ich anfangen? Blos einer oder zwei waren in der Schuldhaft, die Etwas arbeiten konnten (Literaten — der eine ſchrieb ſeine „Reiſen in Meſopo⸗ tamien,“ der andere ſeine „Skizzen von Aſſembléen“ im Gefängniß); alle Beſchäftigung aber, die ich finden konnte, beſtand darin, die Bridgeſtraße hinunter und dann wieder heraufzugehen, in Alderman Waithman's Fenſter zu gaffen, dann wieder dem Neger zuzuſehen, der die Kreuzwege kehrte. Nie hab' ich ihm Etwas ge⸗ geben, ſondern ihn um ſein Geſchäft, und ſeinen Beſen und das Geld beneidet, das fortwährend in ſeinen alten Hut fiel. Mir war nicht einmal vergoͤnnt, einen Beſen zu führen. Zwei⸗ bis dreimal — denn Lady Tiptoff wollte nicht haben, daß ihr Knabe die dumpfe Luft eines Or⸗ tes, wie Salisbury Square, öfters einathme — kam meine liebe Marie in dem donnernden Wagen, mich zu beſuchen. Ach, was für eine Freude war das, wenn wir uns wiederſahen! Und wenn ich alles ehrlich ſagen ſoll — zweimal, als Niemand vabei war, ſprang ich ihr in den Wagen nach und fuhr mit; und wenn ich ſie heim begleitet hatte, ſtieg ich wieder in eine Fiacre⸗ kutſche und fuhr zuruͤck. Aber es geſchah nur zweimal. Das Ding war gefährlich und hätte mich können in Verlegenheit bringen; auch koſtete es drei Schillinge von Grosvenor Square nach Ludgate Hill. Hier leiſtete mir indeſſen meine gute Mutter Ge⸗ ſellſchaft. Da laſen wir eines Tags in der Zeitung die Anzeige von der Heirath der Frau Hoggarty und des Wohlehrwürdigen Grimes Wapſhot! Meine Mutter hatte meine Tante nie gemocht und ſagte jetzt, ſie würde 4— 175 es ihr Lebenlang bereuen, daß ſie mich einen ſo großen Theil meiner Zeit dieſem unausſtehlichen, undankbaren Weibe habe widmen laſſen und fügte hinzu, daß ſie und auch ich jetzt recht geſtraft würden für die Anbe⸗ tung des ungerechten Mammon, und für die Verleugnung unſerer natürlichen Gefühle um des miſerablen Geldes dieſer Frau willen. „Amen!“ ſprach ich; „nun haben alle unſere ſchönen Plane ein Ende! Meiner Tante Geld und ihre Diamantnadel waren ſchuld an mei⸗ nem Unglück, und nun iſt, Gott ſei Dank, beides da⸗ hin! Ich gratulire der alten Frau von Herzen und muß ſagen, daß ich den Wohlehrwürdigen Grimes Wapſhot keineswegs beneide.“ Somit ſchlugen wir uns Frau Hoggarth aus dem Sinne und ſuchten uns, ſo gut wir konnten, zu tröſten. Reiche und vornehme Leute eilen nicht ſo ſehr, ihre Kinder zu Chriſten zu machen, wie wir Arme und Ge⸗ ringere; und der kleine Lord Poynings wurde erſt im Juni darauf getauft. Die Taufpathen waren ein Her⸗ zog, Herr Edward Preſton, der Staatsſekretär, und die gute Lady Johanne Preſton, von der wir oben gehört haben, Tante des Kindes. Sie hatte ſich die Geſchichte meiner Frau ausführlich erzählen laſſen und gewann dieſelbe ſo herzlich lieb, wie ihre Schweſter, und war überaus gütig gegen ſie. Im ganzen Haus war über⸗ haupt kein Menſch, Groß oder Klein, der nicht dieſe gute liebe Seele von Herzen gern gehabt hätte. So⸗ gar die Lakaien bewieſen ſich ſo dienſtfertig gegen ſie, wie gegen ihre Herrin ſelbſt. „Ich will Ihnen Etwas ſagen, Freund Titmarſh,“ fing einmal einer von ihnen an, „ſehen Sie, ich bin ſonſt nicht ſo blöde und weiß mit den Frauenzimmern fertig zu werden. Und wenn man eine vornehme Dame ſehen fann, ſo iſt's Ihre Frau. Bei dieſer kann ich nicht ankommen; — ich hab's ſchon verſucht —“ „So, Sie haben's ſchon verſucht?“ fragte ich. „Machen Sie kein ſo fürchterliches Geſicht. Ich 176 ſage ja, mit ihr kann ich nicht ſo bekannt thun, wie mit Ihnen. Sie hat Etwas an ſich, das ich nicht ſa⸗ gen kann, Herr! und das mich ſchüchtern macht. Selbſt der Kammerdiener des gnädigen Herrn, der doch ſchon ſo viel Glück bei Frauenzimmern gehabt hat, als je ein vornehmer Herr in der Welt — der ſagt, Gott ſoll ihn ſtrafen —“ „Charles, ſagen Sie dem Kammerdiener Ihres Lords,“ fiel ich ihm in die Rede, „wenn er ſeine Stelle und ſeinen geſunden Leib behalten wolle, ſo ſoll er an dieſe Frau nie ein anderes Wort richten, als wie es der Diener in Gegenwart ſeiner Gebieterin darf hören laſſen. Wiſſen Sie, daß ich ein Gentleman bin, wenn ich auch nichts habe und daß ich dem Erſten den Hals breche, der ihr was zu Leid thut!“ Charles ſagte nichts darüber als: „ach! ſeien Sie geſcheidt!“ Doch indem ich mich ſo meines Eifers und Muths rühme, hätte ich faſt vergeſſen zu erzählen, welches unſchätzbare Glück ich dem Benehmen meines braven Weibs zu danken hatte. Am Tage der Taufe wollte ihr Herr Preſton zuerſt eine Fünf⸗, dann eine Zwanzigpfundnote verehren, die ſie aber nicht annahm. Dafür nahm ſie ein Geſchenk an, das ihr die beiden Edeldamen zuſammen machten, und das in nichts geringerem beſtand, als in meiner Befreiung aus dem Schuldarreſt der Fleet. Der Rechtsanwalt Lord Tiptoffs bezahlte alle die Rech⸗ nungen, die ich ſchuldig war und der feierliche Tag der Taufe machte mich wieder zu einem freien Menſchen. Ach! wie ſeelenvergnügt waren wir miteinander an je⸗ nem Tag, wo wir auf Mariens Zimmer in Lord Tip⸗ toffs Hauſe unſer Mahl hielten und der Lord mit ſeiner Gemahlin zu uns herauf kam und mich auf's herzlichſte bewillkommte. „Ich habe ſchon mit Herrn Preſton geſprochen,“ ſagte der Lord, „dem Herrn, mit dem Sie den merk⸗ wurdigen Streit hatten. Er hat Ihnen verziehen, wie⸗ „ — 7 177 wohl er ſelber Unrecht hatte und hat verſprochen, für Sie zu ſorgen. Wir gehen jetzt auf einige Zeit nach Richmond hinunter auf ſein Landgut. Seien Sie aber verſichert, Herr Titmarſh, daß ich nicht verfehlen werde, Sie bei ihm im Andenken zu erhalten.“ „Frau Titmarſh wird das ſchon thun,“ nahm Lady Tiptoff das Wort, „Edmund iſt entſetzlich in ſie verſchoſ⸗ ſen!“ Marie wurde roth und ich mußte lachen; kurz wir waren alle glückſelig. Auch kam bald darauf, weiß der Herr, ein Schrei⸗ ben an mich von Richmond; darin ſtund, daß ich als vierter Buchhalter bei dem Schnur⸗ und Siegellackamt mit einem Jahrgehalt von achtzig Pfunden angeſtellt ſei. Hier ſollte vielleicht meine Geſchichte zu Ende ſein, denn ich war jetzt wieder in guten Umſtänden und habe ſeither, Gott ſei Dank! nie wieder Mangel gelitten. Auguſt aber will durchaus haben, ich ſolle noch beifü⸗ gen, daß ich die Stelle im Schnur⸗ und Siegellackamt wieder aufgegeben habe und aus welchem Grunde. Die vortreffliche Dame Johanne Preſton iſt längſt nicht mehr hienieden und auch der Staatsſekretär Preſton weilt nicht mehr unter den Lebenden — der Schlag hat ihn ge⸗ troffen. Es kann alſo Niemanden etwas ſchaden, wenn ich die Geſchichte erzähle. Die Sache war nämlich dieſe: Herr Preſton hatte ſich in Marie viel ernſtlicher verliebt, als irgend Je⸗ mand von uns ſich einbildete. Am Ende hatte er gar ſeinen Schwager in keiner andern Abſicht nach Rich⸗ mond eingeladen, als um der Amme von deſſen Sohne den Hof zu machen. Eines Tags kam ich in aller Eile dahin, um ihm für die Stelle zu danken, die er mir verſchafft hatte. Ich ward von Charles in das Boſket gewieſen, das ſich gegen das Ufer des Fluſſes hinzog — hier traf ich, Gott ſteh mir bei, mitten auf dem Kies⸗ weg Herrn Preſton, und zwar auf den Knieen liegend vor Marie, die den kleinen Lord auf dem Arme hatte. Thackeray, Samuer Litmarſh. 12 178 „Theuerſtes Weſen!“ rief Preſton; „ſchenken Sie mir nur Gehör und ich will Ihren Mann zum Conſul in Timbuftu machen! Er ſoll es nie erfahren, ich ſage es Ihnen; er kann es nie erfahren. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf als Kabinetsminiſter! Oh! ſehen Sie mich nicht ſo ſchalkhaft an! Bei Gott, Sie tödten mich mit Ihren Augen.“ Als Marie mich erblickte, ſing ſie an überlaut zu lachen und lief davon der Lichtung zu. Der kleine Lord war erſchrocken und fieng entſetzlich zu krähen an. Mein Staatsſekretär aber, der ein dicker, ſchwerfälliger Herr war, ſuchte langſam wieder auf die Beine zu kommen; wie er aber mich erblickte, zornentbrannt wie der Krater des Aetna, — da fuhr er zurück, als hätte er einen Geiſt geſehen, glitſchte aus, überſchlug ſich und kugelte in das Waſſer hinab, das den Park beſpülte, daß es über ihm zuſammen ſpritzte. Es war aber nicht tief, und blaſend und ſchnaubend erhob er ſich wieder in einer Wuth, welche ſo groß war als ſein Schrecken. „Sie verd— undankbarer Schuft!“ ſagte er, „was ſtehen Sie da hin und lachen 2“ „Ich warte auf Ihre Befehle nach Timbuktu, mein Herr,“ erwiederte ich und mußte mich faſt zu Tode la⸗ chen; desgleichen auch Lord Tiptoff und ſeine Beglei⸗ tung, die auf dem Raſenplatz zu uns kamen. James, der Bediente, ſprang hinzu und half Herrn Preſton wie⸗ der aus dem Waſſer. „O Du alter Sünder!“ rief Lord Tiptoff, indem ſein Schwager über den Abhang heraufkletterte. „Wann wirſt Du einmal aufhören, der verliebte Schwärmer zu ſein. Das war voch recht häßlich von Dir — und noch dazu ein ſolcher Schlagflüſſiger 1“ Herr Preſton machte ſich aus dem Staub, knir⸗ ſchend vor Wuth und mißhandelte dafür ſeine Frau volle vier Wochen lang. „Auf jeden Fall „ fuhr der Lord fort, „hat Tit⸗ marſh hier durch die unglückliche Neigung unſeres 179 Freundes eine Anſtellung erhalten und Mrs. Titmarſh hat ihn nur ausgelacht; ſomit hat es gerade nicht ſo viel zu bedeuten. Ein ſchlechter Wind, der Niemand Etwas Gutes bringt, heißt's im Sprüchwort.“ „Ein Wind ſolcher Art — mit ſchuldigem Reſpekt vor Ihnen, Mylord, — ſoll mir nie was Gutes bringen. Ich habe in den letzten paar Jahren wohl erfahren, was es heißt, ſich Freunde machen mit dem ungerechten Mammon, und daß aus einer ſolchen Freundſchaft am Ende für ehrliche Leute nichts Gutes entſteht. Es ſoll nie heißen, Samuel Titmarſh habe eine Stelle erhalten, weil ein Großer deſſen Frau gerne geſehen. Und wäre auch die Anſtellung noch zehnmal ſo vortheilhaft: ich müßte mich jeden Tag, wenn ich mein Bureau be⸗ träte, vor mir ſelber ſchämen, wenn ich an die nieder⸗ trächtige Weiſe dächte, wie ich mein Glück gemacht hätte. Sie haben mir die Freiheit verſchafft, mein Lord, und Gott ſei Dank, ich will ja gerne arbeiten. Mit Hülfe meiner Freunde kann ich leicht auf einem Comp⸗ toir eine Stelle erhalten, welche nebſt dem Einkommen aus dem Vermögen meiner Frau ſo viel gewährt, daß wir mit Ehren in der Welt daſtehen können.“ Ueber dieſer ziemlich langen Rede war ich ein we⸗ nig hitzig geworden; denn man darf mir glauben, es wollte mir nicht recht hinunter, daß Seine Herrlichkeit mich ſollte für fähig halten, auf irgend eine Weiſe mit der Schönheit meiner Frau zu ſpekuliren. Mein Lord wurde erſt feuerroth und ſah recht un⸗ wirſch aus; zuletzt aber reichte er mir die Hand und ſagte: „Sie haben Recht, Titmarſh, und ich habe Un⸗ recht, und ich wihl Ihnen im Vertrauen ſagen, ich halte Sie für einen Ehrenmann durch und durch. Und Sie ſollen nicht in Schaden kommen mit Ihrer Ehren⸗ haftigkeit; ich verſpreche es Ihnen.“ Ich kam auch nicht in Schaden; denn ich bin im Augenblick, wo dieſes gedruckt wird, Lord Tiptoffs Rent⸗ meiſter und ſeine rechte Hand, bin ein glücklicher Vater, 180⁰ und meine Frau iſt in der ganzen Gegend geliebt und ge⸗ ehrt. Auguſt Hoſkins iſt mein Schwager und Compag⸗ non ſeines trefflichen Vaters in deſſen Ledergeſchäft und der Liebling aller ſeiner Neffen und Nichten um ſeiner Streiche und Späſſe willen. Um noch einmal auf Herrn Brough zu kommen — ſo würde die Geſchichte dieſes Mannes allein ſchon einen Band füllen. Seit ſeinem Verſchwinden aus der Londoner Welt hat er auf dem Feſtland viel von ſich reden gemacht. Er hat daſelbſt tauſend Rollen geſpielt und Schickſalswechſel aller Art, böſe und gute, erfahren. Eines dürfte mindeſtens an dieſem Manne zu bewun⸗ dern ſein und das iſt ſein ungebeugter Muth; auch kann ich nicht umhin auf das zurückzukommen, was ich ſchon oben angedeutet, daß Etwas Gutes an ihm gewe⸗ ſen ſein mußte, wenn ich bedenke, mit welcher Treue die Seinigen an ihm hängen. Was Roundhand betrifft, ſo wird es ebenfalls am beſten ſein, aus theilnehmender Rückſicht für ihn nicht weiter über ſeine Geſchichte mich auszulaſſen. Der Prozeß Roundhand's gegen Tidd iſt noch friſch im Gedächtniſſe des Publikums. Nimmer⸗ mehr aber kann ich begreifen, wie ein ſo ſentimentaler Menſch, wie Wilhelm Tidd, ſich an ein ſo dickhauchiges, gemeines, widerwärtiges Weib, wie Frau Roundhand, machen konnte, welche altershalber recht gut ſeine Mutter hätte ſein können. Sobald wir wieder dem Glück im Schvoß ſaßen, thaten Herr und Frau Grimes Wapſhot Schritte, ſich mit uns auszuſöhnen. Wapſhot enthüllte mir die ganze Schlechtigkeit, mit der ſich Herr Smithers in dem Brough'ſchen Handel benommen. Derſelbige hatte mir auch einmal bei meinem Beſuch in Somerſetfhire den Hof machen wollen. Allein ich habe ihn ſehr kurz ab⸗ gefertigt, wie oben gezeigt wurde. „Er iſt es geweſen,“ ſagte Herr Wapſhot, der meine Frau — ſie war damals noch Wittwe Hoggarty — zu dem Ankauf der Weſtdiddleſer⸗Aktien vermocht ———— — —.— — 181 hat; wobei natürlicher Weiſe ein Hübſches als Prämie für ihn ſelbſt abſtel. Allein wie er ſah, daß Frau Hoggarty in Brough's Hände gerathen war, und er die Einnahmen verlieren würde, welche er durch die Rechtsſtreitigkeiten mit den Pächtern und von der Be⸗ aufſichtigung ihrer liegenden Güter gehabt, ſo nahm er ſich vor, ſie dem ſchlechten Kerl, dem Brough, wie⸗ der abzujagen und kam zu dieſem Ende nach London. Er hat auch,“ fuhr Wapſhot fort, „gegen mich die bos⸗ hafteſten Verleumdungen ausgeſprengt. Doch dem Himmel hat es gefallen, ſeine nichtswürdigen Abſichten zu vereiteln. Bei dem gerichtlichen Verfahren, das in Folge des Brough'ſchen Falliments ſtattgefunden, konnte er nicht erſcheinen; ſonſt wäre ſeine eigene Betheiligung an den Geſchäften der Compagnie aufis Klarſte darge⸗ legt worden. „Während ſeiner Abweſenheit von London wurde ich der Gatte — der glückliche Gatte Ihrer Tante. Doch, mein lieber Herr, wenn ich gleich das Mittel ge⸗ weſen bin, ſie zur Gnade zu führen, kann ich Ihnen doch nicht bergen, daß Mrs. Wapſhot Fehler an ſich hat, die ich mit allen meinen ſeelſorgerlichen Bemühungen nicht im Stande geweſen bin, auszurotten. Sie iſt zähe mit ihrem Geld, Herr — ſehr zähe und ich kann nicht den chriſilich mildthätigen Gebrauch von ihrem Vermögen machen, wie ich als Geiſtlicher ſollte. Sie behält jeden Schilling davon unter den Händen und gibt mir blos wöchentlich eine halbe Krone als Taſchen⸗ geld. Auch beſitzt ſie ein ſehr heftiges Temperament. In den erſten Jahren unſerer Verbindung ſtritt ich mich mit ihr herum; ja ich züchtigte ſie; aber ich geſtehe es, ihre Hartnäckigkeit hat über mich geſiegt. Ich mache ihr keine Einwendungen oder Vorſtellungen mehr; ſondern bin wie ein Lamm in ihren Händen und laſſe mich führen, wohin es ihr gefällt.“ Herr Wapſhot ſchloß ſeine Mittheilungen damit, daß er eine halbe Krone von mir borgte — es war im 182 Somerſet⸗Kaffeehaus am Strand, wo er im Jahr 1832 hinkam, um mir unter den Weg zu ſtehen — und ich ſah ihn von hier aus in einen Schnapsladen gegenüber treten, aus dem er nach einer halben Stunde völlig berauſcht herauskam, ſo daß ihm die Straße nicht breit genug war. Das Jahr darauf ſtarb er und ſeine Wittwe, die ſich nunmehr Mrs. Hoggarty⸗Grimes⸗Wapſhot von Schloß Hoggarty ſchrieb, ſagte, daß über dem Grab ihres ſelig Vollendeten aller irdiſche Groll vergeſſen ſei und that uns den Antrag, daß ſie wieder zu uns ziehen wolle, wobei ſie uns, verſteht ſich, ein ſchönes Koſtgeld bezahlen würde. Wir wieſen aber dieſen Vorſchlag ſo beſtimmt als ehrerbietig zurück; da änderte ſie ihr Te⸗ ſtament wieder, welches ſie abermals zu unſern Gunſten gemacht hatte, hieß uns ſchlechte, undankbare Leute und gemäſtete Bedientenſeelen, und vermachte den Hoggar⸗ tyſchen in Irland ihr ganzes Vermögen. Da ſie aber einmal meine Frau bei Lady Tiptoff im Wagen ſitzen ſah und vernahm, daß wir auf dem großen Balle im Schloſſe Tiptoff geweſen und daß ich ein reicher und an⸗ geſehener Mann geworden ſei, änderte ſie nochmals ihren Sinn, ſchickte auf ihrem Todtenbette nach mir und ver⸗ machte mir die Pachtgüter Slopperton und Squaſhtail, nebſt allem, was ſie in fünzehn Jahren erſpart hatte. Friede ſei mit ihrer Aſche; denn ich verdanke ihr immer⸗ hin einen ſchönen Theil meines Vermögens. Ich bin zwar ſelbſt kein Schriftſteller, allein mein Vetter Michael (der gewöhnlich, wenn das Geld bei ihm rar iſt, hieher kommt und ein paar Monate bei uns ver⸗ lebt) ſagte, meine Memoiren könnten dem Publikum — vermuthlich meint er damit ſich ſelbſt — von einigem Nutzen ſein. Wenn dem alſo iſt, ſo freut es mich, wenn ich dem einen wie dem andern damit dienen kann. Somit nehme ich Ab⸗ ſchied vom geneigten Leſer und rathe Jedermann, dem dieſe Zeilen zu Geſichte kommen, mit ſeinem Geld vor⸗ — * — 183 ſichtig zu ſein, wenn er welches hat, noch weit vorſichti⸗ ger aber mit dem Geld ſeiner Freunde und ja nicht zu vergeſſen, daß großer Gewinn und großes Riſiko meiſten⸗ theils Hand in Hand mit einander geht; und daß die geſcheidten großen Kapitaliſten in unſerem Land ſich nicht mit vier Procent von ihrem Geld begnügen wür⸗ den, wenn ſie mehr bekommen könnten bei gehöriger Sicherheit. Vor Allem aber will ich bitten, ſich in keine Spekulation einzulaſſen, wobei die Geſchäftsführer nicht vollkommen offen und ſtreng rechtlich zu Werke gehen und man in die Verwaltung nicht ganz klar und deutlich hineinſehen kann. Ende. —— , — — 2 L 78 e1 vnendue⸗