Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Heſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von F iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: — f 1M. 50 Pf 2 M Pf. 7 „ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deſecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 — = . „ 3 a u5 Fanny Tarnow's Schriften. G Vierzehnter Band. Leipzig, 1 83 0. Verlag von Carl Focke. ———— 8— — Novellen Fanny Tarnow. P 3 weiter Band. Leipzig, 1830. Verlag von Cark Focke. Miranda oder die Folgen eines Fehltritts. Die Stimme des Herzens. M 3 d o der die Folgen eines Fehltritts. Aus den Papieren des Lords Montroſe. ———— — Einmal verſcherzt und aufgegeben, Verlaͤßt ſie Dich fuͤr's ganze Leben und keine Reu' bringt ſie zuruͤck. Di Stunde, die mir und meinem Bruder Harriot das Leben gab, war die Todesſtunde unſter Mutter, und die Trauer und die Beſtuͤrzung, in die dies Ungluͤck alle Anweſende verſenkte, war Schuld, daß man die Zwillingsbruͤder verwechſelte und nicht mehr anzugeben wußte, welcher von uns Beiden der Erſt⸗ geborne ſei. Eine Tante, die bei der Entbindung gegenwaͤrtig geweſen war, hielt meinen Bruder dafuͤr, und wenn ſie gleich keinen guͤltigen Grund fuͤr dieſe Vermuthung anzugeben vermochte, ſo erzeugte ſie doch, da Keiner ſie widerlegen konnte, die Vor⸗ ausſetzung, daß Harriot es ſei. Auf mich machte ſpäterhin dieſe Vermuthung Eindruck, auf meinen Bruder nie, und wenn ich ſie als gegruͤndet annahm, ſo war er dagegen feſt entſchloſſen, das Vermogen, was ihm dereinſt zu Theil werden mußte, mit mir — 5 gemeinſchaftlich zu beſitzen und nie heirathen zu wollen, wenn ich mich verheirathe. Ich verſprach ihm ein Gleiches und wir waren feſt entſchloſſen, ſtets nur Eine Familie auszumachen, und nie den Fall ein⸗ treten zu laſſen, wo das Geſetz in Anſpruch genom⸗ men werden mußte, um unſere Rechte und unſere Anſprüche zu ſondern. An Geſtalt und an Sinnesweiſe waren wir uns durchaus ähnlich; alle unſere Neigungen, unſere Spiele und Liebhabereien waren dieſelben; wir lieb⸗ ten uns nicht aus Wahl, ſondern aus einer Natur⸗ nothwendigkeit, wie man ſich ſelbſt liebt, und wir wären uns dieſer Liebe zu einander vielleicht nicht bewußt geworden, wenn uns nicht Andere davon vorgeredet hatten. Erſt dann, als wir uns trennen ſollten, erkannten wir, was wir uns waren. Mein Bruder ſollte zur Vollendung ſeiner Studien nach Oyford gehen, und ich, den mein Vater zum Sol⸗ daten beſtimmt hatte, ſollte bei einem beruͤhmten Ingenieur in die Koſt gethan werden; doch als der Augenblick der Trennung kam, war unſer Schmerz ſo leidenſchaftlich, daß er meinen Vater bewog, mich mit nach Orford zu ſenden. Hier ſtudirte ich mit Harriot Rechtswiſſenſchaft, Geſchichte und Philoſo⸗ — — — ———— aii —— — phie, er mit mir Mathematik und Geometrie. Die claſſiſche Literatur, die ſchoͤnen Wiſſenſchaften und Fuͤnſte liebten wir Beide mit Jugendfeuer, und jetzt erſt lernten wir das Gefuͤhl wuͤrdigen, das uns an einander band; wir begeiſterten uns fuͤr daſſelbe, und wenn dies die Zaͤrtlichkeit und Innigkeit unſerer Liebe nicht zu erhoͤhen vermochte, ſo erzeugte es doch in uns Geſinnungen, die uns die Buͤrgſchaft gewährten, daß wir dem Guten und Schoͤnen ewig ergeben blei⸗ ben wuͤrden⸗ Drei Jahre ſchwanden ſchnell dahin; der Krieg in Amerika brach aus und das Regiment, in dem ich ſchon lange eingeſchrieben war, erhielt Befehl zum Aufbruch. Mein Bruder brachte mir dieſe Nachricht und ſprach zugleich von der Nothwendigkeit unſerer ſchnellen Abreiſe. Ueberraſcht ſah ich ihn an — „Du haſt doch nicht geglaubt, daß ich Dich allein reiſen laſſen wuͤrde?“ fragte er. — Stumm warf ich mich in ſeine Arme; ich fuͤhlte, wie jede Einwendung ihn betruͤbt haben wuͤrde. Vergeb⸗ lich bot mein Vater, unterſtuͤtzt von unſerer gan⸗ zen Familie, Alles auf, um ihn zu einer Aenderung ſeines Vorſatzes zu bewegen — Harriot beharrte un⸗ erſchuͤtterlich darauf — wir ſchifften uns ein. Unſer erſter Feldzug war fuͤr uns eben ſo ehren⸗ voll, als angenehm. Im Anfang des zweiten — doch wozu die Erzählung eines Vorfalls, der mich namenlos unglůcklich machte! „Armer Fergus,“ ſagte Harriot, als wir ihn vom Schlachtfelde hinwegtru⸗ gen, „was wird aus Dir werden?“ — Drei Tage lang ſchwebte ich zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung, am Abend des dritten konnte ich es mir nicht länger verhehlen, daß ſein Zuſtand rettungslos war. Ich lag auf meinen Knien und flehte zu Gott, er ſolle ein Wunder thun und ihn mir erhalten. „Troͤſte ihn, o mein Gott!“ flehte mein Bruder mit bre⸗ chender Stimme. Es waren ſeine letzten Worte: er druckte mir matt die Hand und verſchied. Ich weiß nicht, was nach ſeinem Tode mit mir vorgegangen iſt. Man brachte mich nach England zuruͤck, man fuͤhrte mich nach Bath, nach Briſtol. Die arme unnuͤtze Hälfte meines Daſeins, die mir geblieben war, wandelte wie ein ſtummer, bleicher Schatten umher, und zog allenthalben die Blicke des Mitleids auf ſich. Eines Tages ſaß ich in einer wenig beſuchten Gegend auf einer Bank und hielt ein Buch in der Hand, das ich, ohne zu wiſſen, was ich that, bald oöffnete, bald wieder zuſchlug, als ſich ein Frauenzimmer auf das andere Ende der Bank ſetzte. Wir ſaßen lange ſchweigend neben ein⸗ ander, ich bemerkte ſie kaum, bis ſie ſich, mit lei⸗ ſer, ſanfter Stimme, mit einer Frage an mich wandte, die ich beantwortete. Sie kam am folgen⸗ den Tage wieder und ihre Unterhaltung, ihre ſchmei⸗ chelnde Achtſamkeit machten mir ihre Gegenwart bald lieber, als meine einſamen Träumereien es mir bis dahin geweſen waren. Miranda — dieſer Name war ihr von der Rolle in Shakſpeare's Sturm geblieben, in der ſie zum erſten und zum einzigen Mal die Buͤhne betreten hatte — war von guter Familie; es fehlte ihr auch nicht an reichen Verwandten, aber ihre unwuͤrdige, durch Leichtſinn tief in Armuth verſunkene Mutter wollte von ihrer Schoͤnheit und dem Wohllaut der ſußeſten Stimme, die je das Ohr eines gefuhlvollen Menſchen entzuͤckt hat, Nutzen ziehen, und ließ ſie in ihrem vierzehnten Jahr in jener Rolle debuͤtiren. Noch an dem Abend dieſer Vorſtellung kaufte ſie Lord Wellesley ihrer Mutter ab und nahm ſie mit nach Paris, wo er ſie in einem der angeſehenſten Klöſter in Penſion gab, in dem ſie fuͤr die natuͤrliche Toch⸗ ter eines ſehr vornehmen Mannes galt, deren Fami⸗ lienname aus wichtigen Urſachen ein Geheimniß blei⸗ ben muͤſſe. In Miranda's Ton und Anſtand lag ſo viel adeliges Weſen, daß ihr die Nonnen und die Koſt⸗ gaͤngerinnen, von denen ſie angebetet wurde, unwill⸗ kuͤrlich immer den erſten Platz einraͤumten, ſo weit ſie auch davon entfernt war, ihn zu fordern. Sie erwarb ſich hier in kurzer Zeit eine ausgezeichnete Geſchicklichkeit in allen weiblichen Handarbeiten und erhielt auch im Zeichnen, Malen, Tanzen, Geſang und Muſik Unterricht von den beſten Meiſtern. Nie ſchmuͤckte der Zauber der Talente ein weibliches We⸗ ſen mit mehr Grazie und Anmuth, als ſie; doch bildete ſie dieſe Talente zu der ihr eigenen hohen Vollkommenheit erſt in Italien aus, wohin ihr Geliebter ſie fuͤhrte und wo er zwei Jahre mit ihr, unausſprechlich begluͤckt durch ihren Beſitz, zubrachte. In ihrem achtzehnten Jahre kam ſie mit ihm nach England zuruͤck, wo er abwechſelnd mit ihr auf ſei⸗ nen Guͤtern oder in London bei ſeinem Onkel, dem General Moclere lebte. Vier Jahre des Gluͤckes und der Liebe waren ihm noch vom Schickſal beſchieden — — 6 — dann raffte ihn der Tod unerbittlich dahin. „Ich hinterlaſſe ihr nichts,“ ſagte er, noch wenig Augen⸗ blicke vor ſeinem Tode, zu dem General, „weil ich nichts mehr beſitze; aber Sie leben, Sie ſind reich, und was ſie von Ihnen erhaͤlt, iſt fur ſie ein eh⸗ renbollerer Beſitz, als das, was ſie von mir bekom⸗ men könnte. Ich ſterbe völlig beruhigt uͤber ihr Schick⸗ ſal.“ Der General ſicherte ihr nach dem Tode ſeines Neffen ein jährliches Einkommen von 400 Pfund zu, und ſchenkte ihr ein Haus in Bath, wo ich ſie kennen lernte. Alle Jahre brachte er hier einige Wo⸗ chen bei ihr zu, und wenn ſein Podagra ihm dies zu thun verwehrte, ließ er ſie zu ſich nach London kommen. In Miranda's Ideen und Empfindungen lag etwas, das ſie uͤber alle kleinliche Ruͤckſichten erhob und die vollkommenſte Harmonie zwiſchen ihrer Seele und ihren Worten, ihrem Ton und ihren Geſinnungen hervorbrachte. Alles, was nur klug, nur ſinnreich war, intereſſirte ſie nicht; ſie handelte nie aus Berechnung, nie aus bloßer Ueberlegung; aber ſie wurde ſinnreich, ſobald es darauf ankam, Andere zu ver⸗ binden, klug, ſobald es galt, Andern Verdruß zu erſpa⸗ ren, beſonnen, ſobald es galt, unangenehme Eindruͤcke zu — 6 mildern und Betruͤbten zu helfen. Frei, und doch abhaͤngig; verachtet von Einigen und angebetet von Andern, empfand ſie dieſen Widerſpruch mit einer ſtillen Traurigkeit, der eben ſo viel Stolz als Bangigkeit zum Grunde lag, und wäre ſie weniger liebebeduͤrftig, weni⸗ ger liebevoll geweſen, ſo wuͤrde ſie ſich ungeſellig und abweiſend gezeigt haben. Ich ſah ſie oft Menſchen ausweichen, die ſich ihr mit unverkennbarer Bewun⸗ derung zu naähern ſuchten, und fragte ſie eines Ta⸗ ges nach der Urſache dieſes Betragens. „Ich weiß ja,“ antwortete ſie mir, „wie dieſe Menſchen, ſo⸗ bald ſie erfragt haben, wer ich bin, auf mich herab⸗ ſehen werden.“ Sie hatte Recht, und eine Thrane ſchimmerte in dem Blick und begleitete das Lächeln, mit dem ſie es mir bemerkbar machte. Ein ander⸗ mal ſchlug ſie die Einladung einer Frau aus, die ich als klug und gut kannte, und von der es be⸗ kannt war, daß ſie einen angenehmen und geiſtreichen Kreis um ſich zu verſammeln wußte. „Ach,“ ant⸗ wortete ſie mir, „was ich am meiſten furchte, iſt nicht die Geringſchaͤtzung, die ſich offen ausſpricht; in meiner Seele lebt ein Gefuͤhl, das mich uͤber die erhebt, die mich verwerfen, ohne mich zu kennen; aber was ich nicht zu ertragen vermag, iſt die Sorg⸗ — — ſamkeit der Beſten, in meiner Gegenwart von nichts zu ſprechen, das mich verletzen könnte. So lange Mylord lebte, machte mich die Dankbarkeit geſellig; ich gab mir Muͤhe, die Herzen der Menſchen zu gewinnen, damit das ſeinige nicht durch ihr Betra⸗ gen gegen mich betruͤbt werde. Diejenigen aber, die zu ihm kamen, waren ſo an mich gewoͤhnt, daß ſie oft, ohne daran zu denken, in meiner Gegenwart die allerbeleidigendſten Sachen fuͤr mich ſagten. Ich winkte dann Mylord lächelnd zu, ſie ungeſtoͤrt reden zu laſſen, weil es mir wohlthat, daß man ver⸗ gaß, wer ich war, oder mich als eine Ausnahme von der Regel betrachtete, und nie habe ich mich auch durch irgend etwas, das man von der Frech⸗ heit, der Habſucht und dem Leichtſinn anderer Maͤd⸗ chen meines Standes erzählte, verletzt oder getroffen gefuͤhlt.“ „Warum gab er Ihnen aber nicht ſeine Hand?“ fragte ich. — „Nur einmal,“ antwortete ſie, „hat er mit mir uͤber dieſen Punkt geſprochen, und da ſagte er mir, die Trauung wuͤrde fuͤr uns nur eine leere Foͤrmlichkeit ſein, und ſo wenig ſeine Hochachtung als ſeine Liebe fuͤr mich vermehren. „Koͤnnte ich Dir indeſſen,“ fuhr er fort, „den Beſitz eines großen — 18 — Vermoͤgens dadurch ſichern, ſo wuͤrde ich keinen Augenblick anſtehen, Dir meine Hand zu geben; aber ich bin faſt ganz ruinirt, Du biſt viel juͤnger als ich, und es könnte Dir zu nichts helfen, eine arme Witwe mit einem vornehmen Titel zu werden. Meiner Ueberzeugung nach wird das Maͤdchen, die als meine Geliebte nichts erworben hat, als das Bewußtſein, den Mann, der ſie anbetete, zum Gluͤcklichſten von allen Sterblichen gemacht zu haben, in der Meinung der Welt ſtets viel hoͤher ſtehen, als wenn ich ihr meinen Rang und meinen Namen ohne das Vermoͤgen, ihm gemaͤß leben zu koͤnnen, hinterließe.“ Von Miranda gepflegt und erheitert, hoͤrte das Leben auf, fuͤr mich eine unertragliche, ſchwere Buͤrde zu ſein. Ich erhielt meine Geſundheit wie⸗ der, ich konnte um meinen Bruder weinen, konnte von ihm reden. Miranda weinte mit mir. „Ich begreife es jetzt,“ ſagte ſie mir eines Tages, „wie Sie ſo männlich feſt und doch zugleich ſo mild ſind. Den Männern, die nur mit Maͤnnern Umgang haben, fehlt es gemeinhin an Liebenswuͤrdigkeit und Zartſinn, und die, die viel mit Frauen verkehren, 5 — erſcheinen freilich anmuthiger und gefallender denn jene, aber ſie ſind dagegen auch gemeinhin kleinlich, anmaßend, eitel und ſelbſtſuͤchtig. Ihre Feldzuͤge haben Sie muthig und feſt gemacht, und in dem ſchoͤnen, innigen Zuſammenleben mit ihrem Bruder hat ſich der ganze Reichthum Ihres von Natur gefuͤhlvollen und liebebeduͤrftigen Herzens entwickelt.“ „Wie gluͤcklich war er!“ rief ſie, als ich einſt mit ihr lange aus voller Seele von meinem Bruder geredet hatte; — „wie gluͤcklich wird das Weſen ſein, das der Himmel beſtimmt hat, Ihnen ſeinen Verluſt zu erſetzen!“ — „ach,“ fuͤgte ich hinzu, „dann muͤßte es mich lieben, wie er mich geliebt hat!“ — „Das wuͤrde vielleicht nicht ſchwer ſein,“ antwortete ſie erröthend, „aber Sie werden nie ein anderes ſterbliches Weſen lieben, wie Sie ihn geliebt haben. Doch wenn Sie nur liebten, wie Sie ge⸗ wiß noch lieben können, wenn man glauben duͤrfte, Ihnen nach dem Verluſt Ihres Bruders das Liebſte auf dieſer Welt zu ſein.“ — — Ich ſah ſie an; ihre Augen waren voll Thraͤnen — ich ſank zu ihren Fuͤßen und kußte ihre Hände. — „Haben Sie es denn nicht ſchon lange gewußt, daß ich Sie „ welcher Benennung und unter welcher Bedingung, — 5 — liebe?“ fragte ſie. — „Nein,“ antwortete ich, „und Sie ſind das erſte weibliche Weſen, von dem ich dieſe fuͤßen, entzuͤckenden Worte hore.“ — „Dieſer Augenblick,“ ſagte ſie, „haäͤlt mich fuͤr langen Zwang und fuͤr den Kummer, nicht von Ihnen errathen zu werden, ſchadlos. Ich habe Sie ſeit dem erſten Augenblick, wo ich Sie ſah, geliebt; was ich fruͤher empfunden habe, war nur Dankbar⸗ keit, und jetzt erſt, ach zu ſpät fuͤr mein Gluͤck, lerne ich fuͤhlen, was Liebe iſt. Je weniger ich auf Achtung Anſpruch machen darf, je mehr iſt es mir Beduͤrfniß, mich geachtet zu fuͤhlen. Was andere Frauen als einen Beweis der Liebe anſehen koͤnnen, wuͤrde fuͤr mich die allerbeſchämendſte Demuͤthigung ſein, und mich mit Abſcheu an das erinnern, was geweſen zu ſein mich in meinen Augen, und unſtrei⸗ tig auch in den Ihrigen, entwuͤrdigt, und was ich nie wieder werden will, nie wieder werden muß. Ach, erſt ſeitdem ich Sie kenne, habe ich den Werth eines makelfreien Rufes und Lebens kennen gelernt! Welche Thraͤnen habe ich oft bei dem Anblick eines ganz armen, aber noch unſchuldigen Mädchens ver⸗ goſſen! Als ſolches wuͤrde ich Ihnen, gleichviel, unter — mein Leben weihen; ich wuͤrde in Ihre Dienſte treten; ich wuͤrde, wenn Sie ſich verheiratheten, Ihre Frau und Ihre Kinder bedienen, und nur von Ihnen allein gekannt, ſtolz darauf ſein, Ihre Magd zu heißen und Alles fuͤr Sie zu thun, Alles fuͤr Sie zu leiden, was Liebe und Treue fur Sie zu leiſten vermögen. Aber jett — was kann ich fuͤr Sie thun? was habe ich Ihnen anzubieten? Erniedrigt und beruͤchtigt, wie ich es bin, kann ich nie Ihres Gleichen und eben ſo we⸗ nig darf ich Ihre Magd werden. Ich habe das Alles oft bedacht und tauſendmal den Vorſatz gefaßt, mich all dem Weh, all den Schmerzen entziehen zu wollen, die meiner unausbleiblich warten — aber wer kann ſeinem Schickſal entfliehen? — Bin ich doch nun wenigſtens, indem ich Ihnen ſage, daß ich Sie liebe, einen Augenblick unausſprechlich gluck⸗ lich geweſen!“ — „Laſſen Sie uns,“ bat ich, „die Seligkeit der Gegenwart nicht durch den Gedanken an die Mog⸗ lichkeit kuͤnftigen Unheils truͤben. Ich vermag nichts zu fuͤhlen, als daß ich Sie ſehe und daß Sie mich lieben.“ — Ich wollte ſie bei dieſen Worten in meine Arme ſchließen, abet ſie entwand ſich mir. — — 8 — 22 — „Wenn Sie es wuͤnſchen,“ ſagte ſie, „ſo werde ich nie wieder von der Zukunft reden, da ich nicht zu betruben vermag, was ich liebe. Jetzt aber verlaſſen Sie mich; ich bedarf der Sammlung und Sie auch. Vielleicht werden Sie bei ernſterem Nachdenken kein Band knüpfen wollen, das ſo wenig Gluck verheißt. Glauben Sie nicht, ſich von mir wieder losreißen zu koͤnnen, ſobald ſie es wollen; jetzt freilich ſteht es noch in Ihrer Gewalt, mich zu verlaſſen, ohne dadurch ſelbſt ungluͤcklich zu werden und ohne grau⸗ ſam gegen mich zu ſein; ich wuͤrde mich nie über Ihren Verluſt zu troſten vermoͤgen, aber ich wurde zu keinem Vorwurf gegen Sie berechtigt ſein. Ihre Geſundheit vergoͤnnt Ihnen, Bath zu verlaſſen; kommen Sie aber morgen wieder zu mir, ſo bedeutet dies, daß Sie mein Herz angenommen haben und dann können Sie mich nicht mehr, ohne Gewiſſensbiſſe zu empfinden, ganz ungluͤcklich machen. Bedenken Sie das,“ wiederholte ſie noch einmal, indem ſie mir die Hand zum Abſchied reichte. Ich ging. In mir war kein Kampf, ich ſchwankte nicht, ich fand nichts zu bedenken und doch war es ſchon Abend, als ich am folgenden Tage vor ihrer Thuͤre ſtand, ohne mir des Entſchluſſes zu ihr . gehen zu wollen, deutlich bewußt worden zu ſein. Gott! welche Freude ſtrahlte mir aus ihren Augen entgegen! „Sie kommen wieder!“ rief ſie, „Sie ſind da!“ „Haben Sie es denn fuͤr moglich gehalten,“ fragte ich, „daß ich ſolcher Gluͤckſeligkeit freiwillig zu entſagen vermochte? Ihnen allein verdanke ich die Erhaltung meines Lebens, die Ruͤckkehr meiner Geſundheit, und nun, da ſich mir nach einer lan⸗ gen Nacht des Kummers die Morgenroͤthe eines nie geahnten Gluckes zeigt, ſollte ich vor ihr in die Oede meiner Trauer zuruͤckkehren?“ Sie ſah mich an und hob zugleich laͤchelnd und weinend, mit gefalteten Haͤnden, die Augen mit einem ſo ſeligen Ausdruck zum Himmel empor, daß ich kein Wort zur Bezeichnung deſſelben kenne. „Er iſt wieder da!“ rief ſie, „ich darf nicht hoffen, ihn gluͤcklich zu machen, aber das Ungluͤck iſt fern und ich ſterbe vielleicht, ehe es uns erreicht. Ver⸗ ſprechen Sie mir nichts, Fergus, aber empfangen Sie das Geluͤbde, daß ich Sie bis zum letzten Athem⸗ zuge meiner Bruſt lieben werde, ſelbſt dann, wenn Sie aufhoͤren ſollten, mich zu lieben. Der Augen⸗ blick, wo Sie je das Recht zu haben glauben, ſich — — — — uͤber mein Herz zu beklagen, ſoll der letzte meines Lebens ſein.“ Warum habe ich keine Worte, den lichen Reiz und die ſanfte Liebenswuͤrdigkeit dieſes un⸗ vergleichlichen Weſens zu ſchildern! Warum vermag ich nicht darzuſtellen, wie ſie mit der ſuͤßeſten Hold⸗ ſeligkeit, Liebe durch Liebe zu beherrſchen und meine gluͤhenden Sinne dem Herzen unterthan zu machen wußte! Wie es ihr gelang, mich die Macht ihrer Schonheit uͤber die Bewunderung ihrer Talente und die Anbetung ihrer Guͤte vergeſſen zu machen! Oft beſchwichtigte ſie meine Sehnſucht, meinen Ungeſtuͤm und meine Klagen mit der Hoffnung, daß mein Va⸗ ter mir erlauben werde, ihr meine Hand zu rei⸗ chen, doch ſo oft ich zu ihm reiſen wollte, ihn um ſeine Einwilligung zu bitten, hielt ſie mich zuruͤck. „So lange Sie dieſe noch nicht von ihm erbeten haben,“ ſagte ſie mir, „haben wir das Gluͤck, die Gewaͤhrung derſelben hoffen zu duͤrfen.“ Beſeligt durch ihre Nähe, ihre Liebe, war ich ſo gluͤcklich, als man es nur in der Unfriedlichkeit gluhender Leidenſchaft zu ſein vermag. Das Regi⸗ ment, bei dem ich ſtand, war in Saratoga gefangen worden, man haätte mich, ich nach Amerika ——— 2 —— zuruͤckgegangen wäre, bei einem andern Regiment anſtellen muͤſſen; doch mein Vater, um ſo troſt⸗ loſer, in dieſem Krieg einen Sohn verloren zu ha⸗ ben, da er ihn nach ſeinen politiſchen Grundſätzen nicht billigte, war entſchloſſen, mich micht nach Amerika zuruͤckkehren zu laſſen, und ſtutzte ſich dar⸗ auf, daß ich, da ich blos wegen meiner Krankheit das Regiment verlaſſen habe, als zu demſelben ge⸗ hörig, durch die Capitulation von Saratoga ver⸗ pflichtet ſei, nicht mehr gegen Amerika zu dienen. Ich mußte mich alſo, obgleich mein Abſchied noch nicht gefordert war, fuͤr entlaſſen anſehen und ſuchte mich nun durch das Studium der Geſetze und der Geſchichte meines Vaterlandes auf den Eintritt in das Parlament, zu dem mich meine Geburt be⸗ rechtigte, vorzubereiten. Wir ſetzten die Eintheilung meines Tages feſt, und Miranda erlaubte mir nicht, davon abzuwei⸗ chen. Zwei Stunden des Vormittags waren dazu beſtimmt, mit ihr ſpatzieren zu gehen. Dieſe gluck⸗ lichen Stunden, in denen die ganze Natur ſich fuͤr iwei Hetzen beſeelte und verſchoͤnerte, die zugleich ſtil und entzuckt waren, verflogen ſtets zu ſchnell. Der uͤbrige Theil des Vormittags war meinen 3. Tarnow, Novelei K. 2 — — Studien gewidmet. Ich aß zu Hauſe, aber nach Tiſch ging ich zu ihr, um mit ihr Thee zu trinken und ihr zu zeigen, was ich am Morgen geſchrieben und gearbeitet hatte; dann laſen wir zuſammen, welches fuͤr uns eine eben ſo reiche als unerſchoͤpf⸗ liche Quelle des Vergnuͤgens und des Zeitvertreibes war. Später ging ich an irgend einen oͤffentlichen Ort, damit man nicht, wie ſie laͤchelnd ſagte, glauben ſolle, ſie habe mich, um mich deſto ſicherer zu huͤten, eingeſchloſſen. Nach Verlauf einiger Stunden war es mir erlaubt, zu ihr zuruͤckzukom⸗ men. Dann plauderten oder muſicirten wir zuſam⸗ men, bis zum Abendbrod, zwei Tage in der Woche ausgenommen, wo ſie ein Concert in ihrem Hauſe gab, welches mir Gelegenheit verſchaffte, die vor⸗ trefflichſten fremden und einheimiſchen Kuͤnſtler zu hoͤren. Sie lud Niemand dazu ein, aber einige der angeſehenſten Maͤnner erhielten zuweilen die Er⸗ laubniß, daran Theil zu nehmen. Frauen, die um gleiche Vergunſtigung nachſuchten, verſagte ſie dieſe ſtets. Nach dem Concert gaben wir den Anweſen⸗ den ein Abendbrod; ſie erlaubte mir die Koſten deſ⸗ ſelben zu beſtreiten, und dies blieb die einzige Er⸗ taubniß dieſer Art, Bie ich je von ihr erhielt. Ihr — — — Haus war geſchmackvoll eingerichtet, aber ſie fuͤhrte ihre Wirthſchaft mit großer Sparſamkeit und ver⸗ wandte Alles, was ſie von ihren Einkuͤnften erubri⸗ gen konnte, auf die Erziehung armer Kinder. Nie gab es angenehmere Abenbgeſellſchaften, als dieſe; vielleicht wären ſie in dem Hauſe einer andern Frau ausgeartet, doch unter Miranda's PVorſitz blieben ſie eben ſo anſtaͤndig, als ſie heiter und reizend waren. Sie fand, daß in unſerm einſamen Zuſammen⸗ ſein die Stunde nach dem Abendeſſen am ſchwierig⸗ ſten auszufuͤllen war und ließ daher, wenn wir nichts vorzuglich Intereſſantes zu leſen hatten, einen kleinen, bucklichten, aber ſehr geſchickten Violoncelli⸗ ſten kommen. Ein unmerklicher Wink an ihren Diener zauberte dieſen Gnomen herbei. In dem Augenblick, wo er zu uns eintrat, verwuͤnſchte ich jedes Mal ſeine Erſcheinung und ſtand oft unmuthig auf, um mich zu entfernen; aber ein Blick, ein Lächeln von Miranda hielt mich feſt und mehr denn ein⸗ mal blieb ich, mit dem Hut in der Hand, Stun⸗ den lang an die Thuͤre gelehnt ſtehen, um den Har⸗ monien zu lauſchen, mit denen ihre Stimme, be⸗ gleitet von ihrem Piano und dem Cello des Gno⸗ men, Seele und Ohr fuͤuten. Oſt griff ich auch 2 — nach meiner Violine oder Flöte, und ſpielte, bis Miranda ihn und mich nach Hauſe ſandte. So reiheten ſich Tage und Monate an einan⸗ der, als ich nach Jahresfriſt einen Brief von mei⸗ nem Vater erhielt, durch den er mich, da die Wiederherſtellung meiner Geſundheit einen längern Aufenthalt in Bath unnoͤthig mache, einlud, zu ihm zu kommen, und mir zugleich ein junges Frauen⸗ zimmer zur Gemahlin vorſchlug, deren Schoͤnheit, Geburt und Reichthum nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laſſe. In meiner Antwort entwarf ich ihm ein Bild von Miranda, der ich allein die Erhal⸗ tung meines Lebens zu verdanken habe, und indem ich ſie, ohne alle Einkleidung, die Geliebte des ver⸗ ſtorbenen Lord Wellesley nannte, ſchrieb ich ihm, daß ich, wenn er mir die Erlaubniß verſage, ihr meine Hand reichen zu duͤrfen, nie der Gemahl ei⸗ ner andern Frau werden wuͤrde; ich bat ihn, dem Vorurtheil, das ſich der Gewahrung meiner Bitte entgegenſtelle, kein Gehoͤr zu geben, und beſchwor ihn, ſich in London, in Bath, oder wo er ſonſt wolle, nach ihrem Charakter und nach ihrer Auf⸗ fuhrung zu erkundigen. „Wenn Sie,“ ſetzte ich hinzu, „erfahren, daß ſie, vor dem Tode ihres Ge⸗ — 20 — ebten je eine Regel der Sitte oder des Anſtandes verletzt, oder nach ſeinem Verluſt je zu der kleinſten Verleumdung Anlaß gegeben hat; wenn Sie von irgend einer Lippe etwas Anderes als Lob und Se⸗ gen uͤber ſie ausſprechen hoͤren: ſo entſage ich frei⸗ willig jeder Hoffnung auf ihren Beſitz und mit die⸗ ſet dem einzigen Gluͤck, welches mir das Leben werth zu machen vermag.“ Ich erhielt von meinem Vater folgende Ant⸗ wort: „Du biſt muͤndig, mein Sohn, und kannſt Dich alſo ohne meine Einwilligung verheirathen, doch nie wirſt Du dieſe zu der von Dir gewuͤnſch⸗ ten Verbindung erhalten; und wenn Du ſie ein⸗ gehſt, werde ich Dich nie wieder ſehen⸗ Meine Seele iſt von der Begierde nach Glanz und Reich⸗ thum frei, aber die Ehre geht mir uͤber Alles, und nie werde ich etwas erlauben, was dieſe gefährdet. Ich ſchaudre vor dem Gedanken an eine Schwie⸗ gertochter, in deren Gegenwart ich nicht von Ehre und Unſchuld reden und deren Kinder ich nicht zur Tugend ermahnen duͤrfte, ohne ihre Mutter zum Errothen zu zwingen. Und Du, Fergus, muͤßteſt nicht auch Du errothen, wenn ich Deine Soͤhne ermahnte, der Pflicht und der Ehre ihre Leiden⸗ ſchaften willig zu opfern und ſich nie durch dieſe beſiegen und unterjochen zu laſſen? Nein, nein! ich werde nie den Platz einer Gattin, die ich verehrte und liebte, einer ſolchen Schwiegertochter einräumen! Es ſteht in Deiner Macht, ihr den Namen zu ge⸗ ben, den Deine edle Mutter trug; ich werde wahr⸗ ſcheinlich vor Gram ſterben, wenn es geſchieht, doch ſo lange ich noch lebe, ſoll ſie nie den Platz derſelben in meinem Hauſe einnehmen. Du weißt, daß die Geburt meiner Soͤhne mir das Leben der Mutter koſtete, und daß Harriot das Opfer ſeiner bruͤderlichen Liebe wurde; entſcheide nun, ob eine thoͤrichte Leidenſchaft mir jetzt auch noch den einzigen mir uͤbrig gebliebenen, ſchmerzlich geliebten Sohn rauben ſoll. Denn ſobald Du eine ſolche Gattin zu waͤhlen vermagſt, bin ich ein kinderloſer Va⸗ . Als Miranda mich am Abend des Tages, wo ich dieſen Brief erhielt, ſpaͤter als gewoͤhnlich, und blaß und entſtellt zu ſich eintreten ſah, errieth ſie augenblicklich den Inhalt deſſelben. Sie zwang mich, ihn ihr zu leſen zu geben; ich ſah, daß jedes ſeiner Worte wie ein Dolch in ihr Herz drang, und — — doch bemuͤhte ſie ſich noch, mich zu tröſten. „Laſ⸗ ſen Sie uns noch nicht ganz verzweifeln,“ bat ſie; „erlauben Sie mir, morgen an Ihren Vater zu ſchreiben.“ Sie ſetzte ſich neben mir auf den So⸗ pha und weinte, den Kopf an meine Bruſt gelehnt, ſo aus tiefſter Seele, wie ich noch nie Jemand hatte weinen ſehen. Nie war ſie ſo zaͤrtlich, ſo hinge⸗ bend gegen mich geweſen, als an dieſem Abend; ſie wußte wohl, daß ich zu betruͤbt war, um dieſe Hingebung zu mißbrauchen. Am folgenden Mor⸗ gen ſandte ſie mir nachſtehenden Brief an meinen Vater: „Erlauben Sie es einer Ungluͤcklichen, Mr⸗ lord, ſich Ihnen nähern und bei Ihnen ſelbſt gegen Ihr Urtheil uͤber ſie einkommen zu duͤrfen. Nur zu lebhaft fuͤhle ich das Gewicht Ihrer Gruͤnde; wuͤrdigen Sie mich aber, in Erwägung zu ziehen, ob ſich nicht auch welche auffinden laſſen, die fuͤr mich reden. Entſcheiden Sie zuvorderſt, ob nicht die allerunbedingteſte Hingebung, die zärtlichſte Lie⸗ ve, die tiefempfundenſte Dankbarkeit mit in die Wagſchale gelegt zu werden verdienen, und ob Ihr Sohn dieſe Geſinnungen und Empfindungen von irgend einer andern Frau in dem Grade erwarten 32 kann, wie ſie fuͤr ihn meinem Herzen eingegraben ſind und es ewig bleiben werden — malen Sie ſich dann aus, was dieſe mich fahig machen werden, zu thun und zu dulden — werfen Sie dann einen Blick auf ſo viel andre Verbindungen, die nach allen Ruͤckſichten der Schicklichkeit und des Vor⸗ theils geſchloſſen ſind, und wenn Sie dann faſt in jeder derſelben Unannehmlichkeiten finden, die noch empfindlicher und verdrießlicher ſind, als die, die Sie von der Verbindung Ihres Sohnes mit mir furchten, ſo laſſen Sie ſich dadurch erweichen, den Gedanken an dieſe mit mehr Nachſicht zu ertragen und eine andre Verbindung fuͤr ihn weniger lebhaft zu wuͤnſchen. Ach, wenn Schoͤnheit, vornehme Ge⸗ burt und ein makelloſer Ruf hinreichten, ihn gluͤck⸗ lich zu machen; wenn nicht Liebe, die allerinnigſte unausſprechlichſte, treueſte Liebe die unumgaͤngliche Bedingung ſeines Gluͤckes wäre; ſo wuͤrde ich, glauben Sie es mir, großmuͤthig genug ſein, ihm zu entſagen. Ich liebe ihn ſo innig daß vor dem Wunſch ſeines Gluͤckes der einzige Wunſch, der einzige Ehrgeiz meines Herzens voͤllig verſtummen wuͤrde. — Sie finden mich vorzuͤglich unwerth, die Mutter ihrer Enkel zu ſein. — Dieſem Aus⸗ ſpruch, der ſich ohne Zweifel auf das Urtheil der Welt gruͤndet, muß ich mich ſeufzend. unterwerfen; wenn Sie aber nur Ihr eigenes Urtheil zu Rathe zögen, wenn Sie es der Muͤhe werth achteten, mich kennen lernen zu wollen, ſo wuͤrden Sie vielleicht weniger ſtrenge ſein. Sie wuͤrden ſich dann von meiner Gelehrigkeit uͤberzeugen, ihnen Ihre Lehren zu wiederholen, und geſetzt, daß dieſe, von mir ausgeſprochen, an Kraft verlieren ſollten, ſo wuͤrden Sie wenigſtens ſehen, daß mein Betragen ihnen ſtets das Beiſpiel der ſtrengſten Sittlichkeit darbie⸗ ten wuͤrde. Mag ich Ihnen, Mylord, gleich tief geſunken erſcheinen, ſo koͤnnen Sie doch glauben, daß keine Frau, ſei ſie von welchem Stande ſie wolle, mehr als ich davor geſchuͤtzt worden iſt, ir⸗ gend eine Art von Sittenloſigkeit zu ſehen und zu horen. — Ach, kann es Ihnen denn ſo ſchwer werden, ſich von dem Weſen, das Ihrem Sohn eine ſo reine, edle Liebe eingefloͤßt hat, einen etwas vortheilhaften Begriff zu machen?“ „Ich ſchließe mit dem Gelubde, nie in irgend einen von Ihnen gemißbilligten Schritt willigen zu wollen, ſolbſt dann nicht, wenn es der Wunſch Ihres Sohnes ſein ſollte. Doch ſeiner Seels iſt „ — — auch jeder Gedanke dieſer Art fern, und er wird nie die Ehrfurcht vergeſſen, die er Ihnen ſchuldig iſt. Wuͤrdigen Sie mich der Erlaubniß, dies Gefuhl mit ihm theilen zu duͤrfen, und genehmigen Sie die aufrichtigſte Verſicherung deſſelben.“ Nach acht Tagen erhielt ſie folgende Antwort von meinem Vater: „Es thut mir weh, einer Perſon Ihres Ge⸗ ſchlechts, und ich ſetze hinzu, von Ihren Verdien⸗ ſten, unangenehme Dinge ſagen zu muͤſſen, aber ich kann der Nothwendigkeit, es zu thun, nicht ent⸗ weichen. Es waͤre unnuͤtz geweſen, Erkundigungen von Ihnen einzuziehen, da Alles, was ich erfahren konnte, keinen Einfluß auf meinen Entſchluß er⸗ halten durfte; aber ich habe doch viel Gutes von Ihnen gehoͤrt, und kann daher nur wiederholen, daß es mir wahrlich leid thut, Ihnen unangenehme Dinge ſagen zu muͤſſen. Es würde aber noch un⸗ verbindlicher erſcheinen, wen ich Ihren Brief un⸗ beantwortet ließe, ſtatt ihn zu widerlegen, und ich ſehe mich daher gezwungen, dies zu thun. Ich könnte Ihnen ſagen, daß ich keinen andern Beweis Ihrer Liebe fuͤr meinen Sohn habe, als das, was Sie ſelbſt mir davon ſagen, und ein Verhältniß — zwiſchen Ihnen, das nicht immer ein Beweis von Liebe iſt; aber ich geſtehe Ihnen, daß ich geneigt bin, an die Wahrheit dieſer Liebe zu glauben; nur kann ich es nicht fuͤr unmoͤglich halten, daß auch eine andre Frau meinen Sohn lieben koͤnne, wie Sie ihn lieben, und geſetzt den Fall, ſeine kuͤnf⸗ tige Gemahlin liebe ihn auch nicht ſo unbedingt, ſo wuͤrde ich dies auch keineswegs fuͤr ein Hinderniß halten, mit ihr glucklich zu werden. Schwerlich wuͤrde ſie in den Fall kommen, ihm große Opfer bringen zu muͤſſen; und wenn denn auch eine Liebe, die jedes Opfer bringt, weil es Wonne fuͤr ſie iſt, es bringen zu konnen, ein Gluck, ein großes Gluck gewährt, ſo muß ein Mann doch noch ſtets ein höheres Gluͤck kennen, als dieſes, und ſein Beſtre⸗ ben darauf gerichtet ſein, es zu erlangen. — Sie berufen ſich auf die Unvollkommenheit des haͤuslichen Gluͤckes in den meiſten Ehen — wuͤrde es aber weiſe gehandelt ſein, eine ſchlechte Wahl zu treffen weil eine mittelmäßige moͤglich iſt, und ſich gewiſſen Unannehmlichkeiten auszuſetzen, um moglichen zu entgehen? — Sie fragen auch, ob es mir denn ſo ſchwer wuͤrde, Gutes von einer Frau zu denken, die mein Sohn liebt, und von der er, hätten Sie — 6 — hinzuſetzen konnen, geliebt wird — ich habe von Ihnen eine ſo gute Meinung, daß ich wirklich glaube, Sie wuͤrden ihren Kindern ein gutes Beiſpiel geben und ihnen die guten Lehren, die dieſe erhalten wuͤr⸗ den, mit mehr Ernſt und angelegentlicher, als manche andere Mutter, einprägen — müßte ich Sie aber deßhalb weniger bei tauſend Gelegenheiten durch das verletzt glauben, was man Ihren Kindern ſagen, oder was ſich auf unzählige andre Gegen⸗ ſtände beziehen wuͤrde? Fuͤhlen Sie nicht, daß ich, je theurer Ihre Guͤte und Ihre Liebenswuͤrdigkeit Sie mir machen wuͤrden, nur deſto ſchmerzlicher durch den Gedanken leiden mußte, Sie nicht ſo geachtet, — — nicht ſo gluͤcklich zu wiſſen, als Sie es in vieler Hinſicht zu ſein verdienten? Wahrlich, ich muͤßte mir ſelbſt zuͤrnen, wenn ich nicht fuͤr Sie alle er⸗ ſinnliche Achtung und Zärtlichkeit empfaͤnde, und doch wuͤrde es mir unmöglich ſein, dieſe zu em⸗ pfinden, außer in den Augenblicken, wo ich nicht daran dächte, daß dieſe gute, ſchoͤne und liebens⸗ wuͤrdige Frau meine Schwiegertochter ſei, ſobald ich Sie aber mit dem Namen nennen hoͤrte, mit dem man meine Frau und meine Mutter nannte, wuͤrde ſich — verzeihen Sie mir meine Aufrichtig⸗ —— — — keit — mein ganzes Herz gegen Sie empoͤren. Ich wuͤrde Sie vielleicht haſſen, weil Sie ſo liebens⸗ wuͤrdig waren, daß mein Sohn nur Sie zu ſeiner Gattin wählen wollte, und wenn ich gewahrte, daß Jemand von Fergus oder von ſeinen Kindern redete, wuͤrde ich immer vorausſetzen, daß man ſagte, es iſt der Gemahl von der und der — es ſind die Kin⸗ der von der und der! — Dies wuͤrde mir durch⸗ aus unerträglich ſein, denn ſchon jetzt, bei dem bloßen Gedanken daran, empoͤrt ſich mein ganzes Herz. Glauben ſie aber deßhalb nicht, daß ich ge⸗ ringſchätzig von Ihnen denke — ſo ungerecht bin ich nicht; ich fuͤhle mich im Gegentheil zu einer ganz entgegengeſetzten Wuͤrdigung Ihres Werthes geneigt und bekenne mich Ihnen fuͤr das Verſpre⸗ chen, welches Sie mir am Schluß Ihres Briefes gegeben haben, wahrhaft verpflichtet. Ohne mir ſelbſt ſagen zu koͤnnen, warum, vertraue ich Ihnen doch unbedingt. Zum Dank fuͤr die Ehrfurcht, welche Sie fuͤr das Band zeigen, welches einen Sohn an ſeinen Vater bindet, verſpreche ich Ihnen und meinem Sohn, nichts zu unternehmen, um ihn von Ihnen zu trennen, und ihm, unter der Bedingung, daß er nie wieder mit mir von einer — 38 — Verbindung mit Ihnen redet, nie eine Andre zur Gemahlin vorzuſchlagen. Ich fuͤhle, daß ich, ließe ich mich erbitten, ſeinem Wunſche nachzugeben, der allerbitterſten Reue nicht entgehen könnte, und wi⸗ derſtände ich, wie ich doch ganz gewiß thun wuͤrde, ſeinen dringenden Bitten, ſo duͤrfte ich mir, außer dem Mißvergnuͤgen, einen innig geliebten Sohn zu betruͤben, auch noch vielleicht fuͤr die Zukunft Reue bereiten; denn ein zaͤrtlicher Vater macht es ſich oft F trotz aller Vernunft zum Vorwurf, den unvernuͤnf⸗ tigen Bitten ſeines Kindes nicht nachgegeben zu ha⸗ ben. Glauben Sie mir ſicherlich, daß es mir ſchon jetzt viel koſtet, Sie und ihn betruͤben zu muͤſſen.“ Ich fand Miranda auf der Erde liegend, den Kopf an den Marmor ihres Kamins gelehnt. Sie zeigte auf den Brief meines Vaters, der geoffnet auf dem Sopha lag. Ich ſetzte mich neben ſie, und während ich ihn las, barg ſie ihr Haupt auf meine Knie. Ganz verſunken in meine Gedanken, die entflohene Vergangenheit beklagend, die Zukunft furchtend, und ungewiß, wie ich die Gegenwart ge⸗ ſtalten ſollte, empfand ich, während einiger Minu⸗ ten, nicht ihre Nähe. Endlich hob ich ſie auf, ich — — ſchloß ſie in meine Arme, unſce Thränen vermiſch⸗ ten ſich. „Sei wenigſtens mein, wie Du es ſein kannſt,“ ſagte ich ihr ſo leiſe, als fuͤrchtete ich von ihr verſtanden zu werden; ſie antwortete mir nicht. „Wandle dieſe Stunde des Schmerzes in eine Stunde des Gluͤckes um!“ fliſterte ich ihr zu. — „Ach,“ antwortete ſie, indem ſie mich mit einem Blick voll unausſprechlicher Angſt anſah, „muß ich denn wieder werden, was ich war!“ — „Nein,“ ſagte ich nach dem Schweigen einiger Augenblicke, „hier darf von keinem Muß die Rede ſein, aber ich glaubte mich von Dir geliebt!“ — „Und Du konn⸗ teſt zweifeln, daß ich Dich liebe!“ rief ſie, indem ſie ihre Arme um mich ſchlang und heiß weinend an meine Bruſt ſank. Ich ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder, und bat ſie, mir meinen leidenſchaftlichen Ungeſtuͤm zu vergeben, „Ich weiß, das Du mich liebſt,“ ſagte ich ihr, „ich verehre Dich, ich bete Dich an, und Du ſollſt mir ſtets nur das ſein, was Du ſelbſt mir ſein willſt.“ — „Ach,“ antwortete ſie, „ich ſehe es nur zu gut ein, das Schickſal laͤßt mir keine andre Wahl; ich muß wieder werden, was zu ſein entſetzlich fuͤr mich ſein wird, oder ich muß Dich verlieren!“ — — 40 — „Du täuſcheſt Dich,“ erwiederte ich, „und belei⸗ digſt mich. Nie kannſt Du mich verlieren, und ich werde Dich, wie Du auch handelſt, ewig lieben.“ — „Du wirſt nicht aufhoren, mich zu lieben,“ rief ſie, „aber doch werde ich Dich verlieren! Weich ein Recht durfte ich mir auch anmaßen, um Dich halten zu wollen?“ — Ihre Thränen droheten ſie hier zu erſticken, doch aus Furcht, daß ich Jemand zur Huͤlfe rufen und ſie dann nicht mehr mit mir allein ſein wuͤrde, bot ſie Alles auf, um ſich zu faſſen. Von dieſem Tage an war ſie aber ſich ſelbſt nicht mehr gleich; ungluͤcklich, wenn ſie mich nicht ſah, zagend, wenn ich ſie verließ, als furchte ſie mich nie wieder zu ſehen, entzůckt, wenn ich erſchien, ſchwebte ſie ſtets in Sorgen, mir zu mißfallen, und konnte bis zu Thrä⸗ nen geruͤhrt werden, wenn mir irgend etwas von dem, was ſie that und ſagte, beſonders gefiel. Sie war ruͤhrender, liebenswuͤrdiger, bezaubernder als vorher, aber ſie verlor jene Heiterkeit, jene Klar⸗ heit und Sicherheit, die ſie fruher nie verließen und ſie vor allen andern Frauen auszeichneten. Vergeb⸗ lich bemuhte ſie ſich zu ſein, wie ſie fruͤher geweſen war; ſie war abwechſelnd zu leidenſchaftlich bewegt — — und zu zerſtreut, um auf ſich und Andre die gleiche Wirkung hervorbringen zu können. Ach, von wel⸗ chen Schmerzen, welchen Qualen dieſes Herzens bin ich Zeuge geweſen! Aus Furcht, daß ich mich losreißen moͤchte, zog ſie mich an, und dann ſtieß ſie mich, indem ſie ſich vorwarf, mich angezogen zu haben, ſanft zuruͤck, um einen Augenblick ſpäter wieder mit ſich zu zuͤrnen, daß ſie mich zuruͤckge⸗ ſtoßen hatte. Stets gegen ſich ſelbſt mißtrauiſch und auf der Hut, wechſelte in ihrem Betragen Angſt und Zaͤrtlichkeit, Leidenſchaft und Zuruͤckhaltung ſo, ſchnell auf einander, daß man ſie zugleich in ihren Blicken zu leſen glaubte. — Und ich? bald gluͤhend bald erkaltet, erzuͤrnt, bezaubert, geruͤhrt, wechſels⸗ weiſe von Unmuth, Bewunderung, Mitleid und Anbetung durchdrungen, fuͤhlte ich mich oft ſo unaus⸗ ſprechlich erſchuͤttert, daß ich dieſen Zuſtand nicht länger ertragen zu können glaubte. Ein Blick, ein Wort reichten ſtets noch hin, die Emporung meiner Leidenſchaft und meines Zornes zu ſtillen — ich ſchloß ſie dann in meine Arme und bat ſie, ihre Hände unter Thränen an meine Lippen druͤckend, tauſendmal um Verzeihung und ſie dankte mit dann auf eine Art, die mir bewies, daß ſie mich in die⸗ ſen Augenblicken wirklich nur gefuͤrchtet hatte und 4 doch liebte ſie mich unausſprechlich. Aber nicht im⸗ mer waren wir ungluͤcklich; unſre Lage hatte Reize, 1 die aus ihr ſelbſt hervorgingen, und die ſelbſt Leiden wonnevoll machten. Nach einigen Wochen erhielt Miranda einen Brief von dem Onkel ihres Geliebten, in welchem er ſie dringend bat, unverzuglich zu ihm nach Lon⸗ don zu kommen, und ich beſchloß, die Zeit ihrer Abweſenheit bei meinem Vater zuzubringen und mit ihr an einem Tage von Bath abzureiſen. „Werde ich Sie auch gewiß, ganz gewiß wie⸗ derſehen?“ fragte ſie mich. — „Gewiß,“ antwor⸗ tete ich, „und ſo bald, als Sie es wuͤnſchen; der Tod allein koͤnnte mich daran verhindern, zu Ihnen zuruͤckzueilen.“ Wir verſprachen uns täglich zu ſchreiben und nie iſt ein Verſprechen puͤnktlicher er⸗ fuͤllt worden, da Jeder von uns Beiden nichts ſah und hoͤrte, nichts dachte und empfand, was er nicht dem Andern mitzutheilen gewuͤnſcht und es als eine Luͤcke in ſeinem Leben angeſehen haben wuͤrde, wenn er einen Tag haͤtte verſtreichen laſſen muͤſſen, ohne dem Andern zu ſchreiben. Vielleicht hätte mich mein Vater nicht ſo freund⸗ lich empfangen, wenn er mit der Art, wie ich in Bath meine Muße zur Vermehrung meiner Kennt⸗ niſſe angewandt hatte, weniger zufrieden geweſen wäre. Er hatte daruͤber ſchon Manches mir Guͤn⸗ ſtige gehoͤrt, und gluͤcklicher Weiſe fand ich ihn von einigen Maͤnnern umgeben, deren Urtheil er ver⸗ traute und deren Beifall ich erhielt. Jetzt erſt wurde ich im Vaterhauſe einheimiſch, das ich ſeit dem Zeitpunkt meiner Abreiſe nach Amerika nicht wieder betreten hatte; ich lernte die Freunde und Nachbarn meines Vaters kennen und hatte das Vergnuͤgen, ihnen zu gefallen. Die Frauen zeigten ſich ſehr gutig gegen mich. Wie viel leichter wäre es mir geworden, einige von denen, die mein Vater als tadelsfrei verehrte, mein zu nennen, als jenes unvergleichliche Weſen, das er ſeine Tochter zu nen⸗ nen verſchmaͤhete! — Meine Seele war durch die leidenſchaftlichen Erſchuͤtterungen der letzten Zeit der Ruhe ſo beduͤrftig geworden, daß Augenblicke kamen, in denen jede Art und Weiſe, mir dieſe zu ver⸗ ſchaffen, mir gleich gut erſchien, und Miranda hatte mir ſtets ſo wenig Hang zur Eiferſucht gezeigt, daß der Gedanke, ich könne ſie betruͤben, mir ganz fremd blieb. Ich fuͤhlte nicht, daß fuͤr ein lieben⸗ — — des Herz jede Zerſtreuung eine Untreue iſt, und da ich kein Weſen ſah, das auch nur entfernt mit ihr verglichen werden konnte, fiel mir auch nicht die Moͤglichkeit einer wirklichen Untreue ein; mir er⸗ ſchien nur von allen Arten von Zerſtreuungen die, die ich im Umgang mit Frauen fand, als die ange⸗ nehmſte. Lebhaft ſehnte ich mich darnach, von meiner Zeit und von meinen Faͤhigkeiten einen edle⸗ ren und nuͤtzlicheren Gebrauch zu machen, als bis⸗ her — ich wußte noch nicht, daß der Gedanke, zum Wohl des Ganzen beizutragen, auch nur ein Trug⸗ bild iſt, und das Gluͤck, Verhaͤltniſſe und Begeben⸗ heiten, die Niemand vorausſehen und Niemand len⸗ ken kann, doch nie der Geiſt und das Thun des Einzelnen, das Schickſal der Voͤlker ändern, ohne es zu verbeſſern; ich hatte es noch nicht erfahren, daß es viel kleinlicher und beaͤngſtigender iſt, der Sklave des Ehrgeizes, als der Sklave der Liebe zu ſein. Mein Vater verlangte, daß ich mich um eine Stelle im Parlament bewerben ſolle, und begluckt, mich ihm gehorſam und gefaͤllig bezeigen zu koͤnnen, willigte ich mit Freuden in ſeinen Plan. Miranda ſchrieb mir: „Wenn ich, wie ich es zu hoffen wage, mit in — 45 — den Plan Ihres kuͤnftigen Lebens gehoͤre, ſo hindert Sie dies nicht mehr, Verhaͤltniſſe anzuknuͤpfen, die einen langen Aufenthalt in London nothwendig machen. Ein Onkel meines Vaters hat es der Muͤhe werth geachtet, mich aufzuſuchen, und da, wie er behauptet, der Umgang mit mir ihm in acht Tagen mehr Vergnuͤgen gemacht hat als der mit ſeinen uͤbrigen Verwandten in zwanzig Jahren, ſo will er mich zum Dank dafuͤr zur Erbin ſeines Vermoͤgens einſetzen. Tadeln Sie es nicht, wenn ich mir dieſen Plan gefallen laſſe; ich habe ſo viel Recht wie ſonſt irgend Jemand an dieſe Erb⸗ ſchaft, und alle ſeine uͤbrigen Neffen und Nichten ſind ſehr wohlhabende Leute. Mein Onkel iſt reich und ſehr alt. Sein Haus, das er mir auch ver⸗ machen will, liegt nahe bei Whitehall und hat eine ſehr angenehme und bequeme Lage. Der Gedanke, Ihnen kuͤnftig eine Wohnung darin anbieten zu koͤnnen, begluͤckt mich ſehr. — — Waͤhrend ich mich, fern von Ihnen, nur langweile und Alles, was ich thue und treibe, fade und langweilig finde, ſobald ich es nicht auf Sie beziehen kann, ſehe ich aus Ihren Briefen, daß Sie ſich, getrennt von mir, gewiſſermaßen ausruhen und erholen! Welcher — —— — — Unterſchied! Doch klage ich nicht daruͤber und wuͤrde, wenn er mich auch betruͤbte, dies doch nie einge⸗ ſtehen. Wie viel ſchmerzlicher wuͤrde es mir ſein, wenn ſich eine Frau zwiſchen Sie und mich dräng⸗ te, und doch duͤrfte und muͤßte ich auch dies nie geſtehen und mich nicht daruͤber beklagen.“ In einem andern Brief ſchrieb Sie mir: „Ich glaube, Ihren Vater geſehen zu haben. Die Aehn⸗ lichkeit ſeiner Geſichtszuͤge mit den Ihrigen ergriff mich ſo, daß ich unbeweglich ſtehen blieb, um ihn zu betrachten. Er war es gewiß. Er ſah auch mich ſehr aufmerkſam an.“ Sie hatte Recht. Mein Vater hatte ſie, wie er mir ſpaͤterhin ſagte, zufällig auf einem Ausflug, den er nach London machte, geſehen. Ich weiß nicht, wo er ihr begegnete, aber er fragte einen Be⸗ kannten, wer dieſe wunderſchoͤne Dame ſei. „Wie,“ antwortete dieſer, „Sie kennen die Geliebte Ihres Sohnes, des verſtorbenen Lord Wellesley's beruͤhmte Mitanda, nicht!“ — „Ohne die Erwähnung von Wellesley's Namen,“ ſagte er, „wuͤrde ich ſie an⸗ geredet haben.“ — O warum mußte er in dieſem über Gluͤck und Leben entſcheidenden Augenblick ſein Ohr treffen! — — — Es machte mich verlegen, einen Votwand zu meiner Ruͤckkehr nach Bath zu finden, da meine Geſundheit ihn mit nicht mehr gab. Mitanda fuͤhlte dies ſelbſt und in dem Briefe, in dem ſie mir ihre Ruͤckkehr von London dorthin meldete, ſprach ſie ihre Unruhe daruͤber aus. Sie erwaͤhnte zugleich einiget neuen Bekanntſchaften, die ſie im Hauſe des Generals gemacht hatte und die alle Willens waren, nach Bath zu kommen. „Wie grauſam wäre es,“ ſetzte ſie hinzu, „alle dieſe Menſchen wieder zu ſehen, die mir gleichguͤltig ſind, und den Einzigen nicht, den ich zu ſehen wuͤnſche!“ — Zum Gluͤck, wenigſtens hielt ich es damals dafuͤr, kuͤn⸗ digte mir mein Vater ſeinen Vorſatz an, auf einige Monate nach Bath gehen zu wollen. Vielleicht war er doch im Grunde neugierig, Miranda kennen zu lernen; vielleicht wuͤnſchte er auch nur mit mir ver⸗ eint zu bleiben, ohne daß es mir ein Opfer koſte, oder er wollte auch meinen Aufenthalt in Bath we⸗ niger auffallend machen, genug, ich konnte mein Entzuͤcken uͤber ſeinen Entſchluß nicht verbergen. Ich hoffte, es werde mir nun doch gelingen, mein Gluͤck mit meiner Pflicht gegen meinen Vater zu vereinigen. Kaum aber war der Vorſatz meines Vaters bekannt geworden, als ihm eine unſrer Cou⸗ ſinen, eine junge Witwe, ſchrieb, daß ſie mit ihrem Sohn, einem Knaben von acht Jahren, nach Bath zu gehen wuͤnſche, und ihn bitte, ein Haus zu miethen, in dem ſie zuſammen wohnen koͤnnten. Dieſes Geſuch ſchien die Plane meines Vaters zu durchkreuzen, ohne daß ich zu erkennen vermochte, ob es ihm angenehm oder unangenehm war; er konnte indeſſen nur willfahren, und ich wurde nach Bath geſchickt, um fuͤr ihn, fuͤr mich, und fur dieſe mir unbekannte Couſine eine Wohnung ein⸗ zurichten. Miranda, die ich ſchon dort vorfand, war entzuͤckt, etwas mit mir gemeinſchaftlich betreiben zu koͤnnen, und bewies bei der Wahl und der Ein⸗ richtung dieſer Wohnung einen Eifer und eine Sorgfalt, die eines andern Zweckes wuͤrdig geweſen wären. Auch bewunderten mein Vater und Lady Emmy bei ihrer Ankunft die Zierlichkeit und die Bequemlichkeit von Allem, was ſie vorfanden, und bezeugten mir eine Dankbarkeit, die ich nicht ver⸗ diente. Miranda hatte hierbei gegen ihren eignen Vortheil gehandelt, denn von dieſem Augenblick an ſetzte Lady Emmy Abſichten bei mir voraus, die ihre Reize und ihr Vermögen bei jedem andern jun⸗ — — gen Mann ſehr wahrſcheinlich gemacht haben wuͤrden. Ich kann ihr ſo wenig aus dieſer Deutung, als aus dem Betragen, welches aus dieſer entſprang, einen Vorwurf machen; was mich jetzt in Erſtau⸗ nen ſetzt, iſt der Eindruck, den daſſelbe auf mich machte; ich fand mich gerade nicht beſonders dadurch geſchmeichelt, aber ich empfand den Werth von Mi⸗ randa's Liebe weniger lebhaft; ich hielt dieſe nicht mehr fuͤr ein eben ſo ſeltenes als unſchaͤtzbares Gluͤck, ſondern ich begann zu glauben, die Liebe ſei ein allen Frauen eigenes Talent, und der Zufall leite ſie mehr als irgend etwas Anderes bei der Wahl des Gegenſtandes einer Leidenſchaft, zu der Alle gleich geſtimmt und deren Alle gleich fähig wären. Miranda ward bald gewahr, daß ich veraͤndert ſei — doch nein! verändert warich nicht. Dies Wort ſagt zu viel, und nichts von dem Allen, was ich eben geſagt habe, ſchwebte mei⸗ nem Geiſte klar vor. Der Menſch ſollte es nie unternehmen, von dem Gange ſeiner Empfindungen Rechenſchaft ablegen zu wollen. Ich fuͤhlte es da⸗ mals ſelbſt nicht, daß ich verändert war und heute nehme ich, um mein Betragen zu entſchuldigen, Zuflucht zu einer Urſache, deren ich mir in jener Zeit nie klar bewußt worden bin. S. Tarnow, Novellen. I. 3 — James, Lady Emmy's Sohn, war ein ſehr liebenswuͤrdiges Kind. Er glich meinem verſtor⸗ benen Bruder, und rief mir das Andenken an dieſen und an die Spiele unſerer Kindheit oft ſo lebhaft zu⸗ rück, daß meine Augen ſich mit Thränen fullten. Er wurde mein Zogling, mein unzertrennlicher Ge⸗ fährte, der mich auf allen meinen Spatziergaͤngen begleitete, und den ich faſt täglich mit zu Miranda nahm. Eines Tages, wo ich allein zu ihr ging, fand ich ſie in Geſellſchaft eines fremden, ſehr anſtaͤndig ausſehenden Mannes, den ſie mir als Sir E. vor⸗ ſtellte. Vergeblich ſuchte ich meine Ueberraſchung und mein Mißvergnugen uͤber dieſe fremde, neue Erſcheinung zu verbergen. Auf den erſten Blick erkannte ich in ihm einen Nebenbuhler. Der Name ſeiner Fa⸗ milie war mir nicht unbekannt; Keiner, der ihn trug, hatte ihn je beruͤhmt gemacht, aber die Familie war von altem Adel, geachtet und ſeit langen Jahren in Norfolkſhire anſäͤſſig. Er hatte Miranda bei ihrem letzten Aufenthalte in London in der Oper geſehen, und da er den Onkel des Lords Wellesley, den Ge⸗ neral Moclere, kannte, wandte er ſich an dieſen, um ihr vorgeſtellt zu werden. Nach zwei bis drei Be⸗ — — ſuchen glaubte er, alle Grazien und Muſen, die er bis jetzt nur aus ſeinen Claſſikern gekannt hatte, in Einer Perſon vereint vor ſich zu ſehen, und zog bei dem General Erkundigungen uͤber ihr Ver⸗ moͤgen und ihre Familie ein. Die Antwort, die er erhielt, war der ſtrengſten Wahrheit gemaß. „Sie ſind ein Mann von Ehre,“ ſagte er zu dem General, „rathen Sie mir, ſie zu heirathen?“ — „Ich werde Ihnen in jeder Hinſicht Gluck wuͤnſchen,“ antwortete dieſer, „wenn Sie ihr Jawort erhalten. Ich wuͤrde meinem eigenen Sohne oder dem Sohne meines beſten Freundes nur denſelben Rath geben. Es gibt einen Dummkopf, der ſie ſeit lange liebt, allein nicht zu heirathen wagt, weil ſein Vater nicht in dieſe Verbindung willigen will; aber wie ſchmerzlich werden es Beide lebenslaͤnglich bereuen, dieſen Schas nicht nach ſeinem wahren Werthe gewuͤrdigt zu ha⸗ ben! Was Sie aber thun wollen, muͤſſen Sie bald thun, denn Jene moͤchten ſonſt andern Sinnes werden.“ Dies war der Mann, den ich bei Miranda traf. Zum erſten Mal fand ich in ihrer Gegenwart die Stunden lang, und mein Vorſatz, länger als er dazubleiben, ſcheiterte an ſeiner Beharrlichkeit. Am folgenden Tage ging ich fruh zu ihr, um ihr das 3* — 5 — Mißbehagen, das ich am vorigen Abend empfunden hatte, zu geſtehen. „Dies Geſtändniß uͤberraſcht mich,“ antwortete ſie mir; „ich weiß wohl, daß es Ihnen fruͤher unausſtehlich war, Jemand bei mir zu finden, und wenn es auch nur meine Putz⸗ macherin war; doch ſeit einiger Zeit bringen Sie ja ſelbſt immer den kleinen James mit und ich glaubte, es geſchehe ausdruͤcklich, um nicht mit mir allein zu ſein.“ — „Das iſt ja noch ein Kind!“ erwiederte ich. — „Aber er hat ſo gut Augen und Ohren, wie jeder Erwachſene,“ fiel ſie ein. — „Er ſoll mich nie wieder begleiten,“ ſagte ich; „verſprechen Sie mir aber auch, die Beſuche dieſes widerwaͤrti⸗ gen Menſchen nicht mehr anzunehmen?“ — „Ich kann ihm meine Thuͤre nicht verſchließen, ſo lange nicht ein Anderer groͤßere Rechte uͤber mich yat, als mein Wohlthäͤter, der mich mit ihm be⸗ kannt gemacht und mich gebeten hat, ihn gut auf⸗ zunehmen.“ — „Er liebt Sie,“ rief ich heftig, „er hat keinen Vater, er wird“ — ich konnte nicht vollenden. Miranda ſeufzte, aber ſie antwor⸗ tete mir nicht. Man meldete den Mann, der meine Qual war, und ich verließ ſie. Doch ſchon nach einigen Minuten kam ich wieder, entſchloſſen, lieber — 53 — ſeine Gegenwart zu ertragen, als mich durch ihn aus meinem Hauſe verbannen zu laſſen, denn nur bei Miranda fuhlte ich mich zu Hauſe. Von dieſem Tage an ging ich noch haͤufiger als ſonſt zu ihr, aber ich blieb nicht ſo lange als gewoͤhnlich. Zuwei⸗ len fand ich ſie allein, und das war denn ein Gluͤck, deſſen meine ganze Seele ſich innigſt erfreute. Ja⸗ mes nahm ich aber nicht mehr mit, woruͤber er ſich nach einigen Tagen bitterlich beklagte. Er wandte ſich in Lady Emmy's Gegenwart an meinen Vater und bat dieſen, ihn zu Miranda zu fuͤhren, da ich es nicht mehr thun wolle. Miranda's Name und die Art und Weiſe, wie er ihn hoͤrte, brachten meinen Vater, in einer Miſchung von Wohlwollen und Verlegenheit, zum Lächeln. „Ich kann Dich nicht hinbringen,“ antwortete er, „da ich ſelbſt auch nicht zu ihr gehe.“ — „Will Ihr Sohn Sie auch nicht mitnehmen?“ fragte James; „ach, wenn Sie nur erſt einmal da geweſen waͤren, wuͤrden Sie eben ſo gut wie er alle Tage hingehen!“ — Ich ſah meinen Vater bewegt und würde mich ihm zu Füßen geworfen haben, wenn Lady Emmy's Ge⸗ genwart mich nicht davon abgehalten hätte. Wie viel muthiger als ich wuͤrde ſich Miranda in ſolch — — einem Augenblicke gezeigt haben! Waͤhrend ich ihn ſchwankend und unentſchloſſen unbenutzt entfliehen ließ, ſandte ſie, und ließ den kleinen James, deſſen Kla⸗ gen ich ihr erzaͤhlt hatte, zum Mittag bitten. Er wartete die Einwilligung dazu nicht ab, ſondern warf ſich dem Bedienten um den Hals und bat, ihn gleich hinzubringen. Am Abend, am Morgen und an all' den folgenden Tagen ſprach er ſo viel von meiner Geliebten, daß Lady Emmy ungeduldig daruͤber wurde und mein Vater ernſtlichen Antheil an ſeinem Geſchwätz zu nehmen begann. Wer weiß, von wel⸗ chem Erfolge dieſe Fuͤrſprache ganz eigener Art viel⸗ leicht geweſen wäre, allein mein Vater mußte wegen dringender Geſchaͤfte auf einige Tage verreiſen und dieſe Aufwallung der Theilnahme verflog in der Zer⸗ ſtreuung dieſer Reiſe, und kehrte dann nicht wieder. James wurde bei Miranda allmaͤhlig ſo einhei⸗ miſch, daß ich ſie nie mit ihrem neuen Anbeter allein fand, und gewiß war ihm das Kind eben ſo uͤberläſtig, als er mir. Sie entwickelte in dem gemeinſchaftli⸗ chen Zuſammenſein mit mir und ihm einen Reich⸗ thum von geiſtiger Anmuth, Talent und Liebens⸗ wuͤrdigkeit, der Alles ubertraf, was ich fruͤher von ihr kannte und bewundert hatte. Ich war grauſam — 55 — genug, ſie eines Tages zu fragen, ob dieſer ver⸗ mehrte Aufwand den Zweck habe, dem Norfolker ihr Haus nach angenehmer zu machen? — „Un⸗ dankbarer!“ rief ſie mit einem Blick, der tief in meine Seele drang. — „Ja,“ ſagte ich, „ich bin es, aber ich kann mich des Unmuthes nicht entweh⸗ ren, wenn Ihre Talente ſich täglich glänzender ent⸗ falten und ich nicht mehr der Einzige bin, den Sie dadurch erfreuen.“ — „Es iſt mein Schwanenge⸗ fang,“ antwortete ſie, mit einem ſchwermuthsvollen Lächeln. Man klopfte, es war mein Nebenbuhler. Dieſe Lebensweiſe dauerte noch einige Tage, doch Sir E, fand keinen Gefallen daran, die Freude des Umgangs mit ihr ſtets mit mir und einem Kinde zu theilen. Er trug ihr foͤrmlich ſeine Hand an. „Ich werde,“ ſagte er ihr, „Ihrem Freunde und Beſchuͤtzer, dem General Moclere, eine vollſtän⸗ dige Ueberſicht meines Vermoͤgens und meiner Ver⸗ hältniſſe geben, damit er gemeinſchaftlich mit Ihnen zu entſcheiden vermag, ob mein Antrag von Ihnen angenommen zu werden verdient. Doch wenn Sie dies genau gepruͤft haben, ſind Sie auch gewiß zu edelmuͤthig geſinnt, um mich lange auf eine entſchei⸗ dende Antwort warten zu laſſen.“ ——— —— — — „Ich wuͤnſchte Ihrer wurdiger zu ſein, als ich es bin,“ ſagte ihm Miranda eben ſo bewegt, als wenn ihr dieſer Antrag unerwartet gekommen waͤre, „und bitte Sie, zu glauben, daß ich es eben ſo tief als lebhaft empfinde, welche Ehre Sie mir er⸗ zeigen. Sobald ich mich gepruͤft habe, ob ich ſie annehmen darf, werde ich Ihnen gleich nach Ihrer Ruͤckkehr meinen Entſchluß beſtimmt erklaͤren.“ Als ich eine Stunde ſpäter mit James zu ihr kam, fand ich ſie ſo blaß und entſtellt, daß ich er⸗ ſchrak. Sie erzaͤhlte mir, was vorgegangen war. Es iſt mir unbegreiflich, daß mich dies zu keinem Entſchluß bewog; gewiß brauchte ich nur ein Wort zu ſagen, aber ich brachte drei Tage vom Morgen bis zum Abend bei ihr zu, ſie anzuſehen, zu traͤu⸗ men und zu zoͤgern, ohne ihr auch nur ein Wort in Bezug auf den ihr gemachten Antrag zu ſagen. Am Nachmittag des vierten Tages, wo Sir E. zu⸗ ruͤckkommen ſollte, ging ich allein zu ihr. Sie ſaß, als ich eintrat, vor einem Tiſchchen, auf dem ihr Schmuckkäͤſtchen geöffnet ſtand, in dem ſie, außer ihren Juwelen, auch geſchnittene Steine, Medaillen und dergleichen Sachen mehr verwahrte; ſie zeigte mir Alles und beachtete, was mir am beſten gefiel. — — Einen Ring, den Lord Wellesley bis zu ſeinem Tode getragen hatte, ſteckte ſie mir auf den Finger, und bat mich, ihn zu behalten. Uebrigens ſprach ſie faſt gar nicht; ſie erſchien mir durch und durch veraͤn⸗ dert; zaͤrtlicher, furchtſamer, hingebender denn je, war ſie dabei doch traurig und reſignirt. „Sie haben dieſem Manne doch noch nichts verſprochen?“ fragte ich. — „Nichts,“ antwortete ſie, und dies ſind die einzigen Worte, die wir in dieſen vier Ta⸗ gen uͤber dieſe Angelegenheit mit einander ſprachen. Ewig unvergeßlich bleibt mir der Augenblick unſerer Trennung. Um zehn Uhr ſtand ich auf, um fort⸗ zugehen — ſichtlich erſchuͤttert flog Miranda auf, und ſich mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in meine Arme werfend, bat ſie mich zu bleiben. — Nie hatte ich ſie ſo reizend geſehen — aber ich hatte verſpro⸗ chen, mit Lady Emmy und mit meinem Vater zu Abend zu eſſen, und wand mich daher, indem ich ſie umarmte, aus ihren Armen. „Du gehſt?“ rief ſie, indem ich die Thuͤre oͤffnete — ſie ſah mir nach und ich hoͤrte ſie mit unausſprechlichem Ton mir nachrufen: „auf ewig!“ — Dieſe Worte machten einen erſchuͤtternden Ein⸗ druck auf mich; ich hoͤre ſie noch immer fort, ob — ich gleich Miranda ſeitdem nicht wieder geſehen habe. Als ich am andern Morgen ſehr fruͤh zu ihr ging, eine Erklaͤrung derſelben von ihr zu fordern, war ſie abgereiſt. Man uͤbergab mir das Käſtchen, das ich am vorigen Abend bei ihr geſehen hatte, mit folgendem Brief: „Ich reiſe, um es Ihnen zu erſparen, lnger auf eine Art grauſam gegen mich zu ſein, deren Anden⸗ ken dereinſt Ihr Leben vergiften mußte, wenn Ihnen je die ganze Unmenſchlichkeit derſelben klar wuͤrde. Mir ſelbſt erſpare ich durch meine Entfernung die Qual, mir tropfenweiſe einen Kelch einfloͤßen zu laſ⸗ ſen, deſſen Bitterkeit um ſo herber fuͤr mich iſt, da ich nicht das Recht habe, irgend Jemand einen Vor⸗ wurf zu machen. Behalten Sie mir zu Liebe die Kleinigkeiten, die geſtern Ihren Beifall erhielten. Sie konnen dies um ſo unbeſorgter thun, da ich feſt ent⸗ ſchloſſen bin, Alles, was ich von Mylord und ſeinem Onkel beſitze, ausſchließend als mein Eigenthum zu behalten.“ Ich vermag nicht von der Vernichtung Rechen⸗ ſchaft abzulegen, in die ich nach Leſung dieſer Zeilen verſank. Jedes vernuͤnftigen Gedankens, jeder klaren Anſicht durchaus unfaͤhig, ſchwebten mir nur ein⸗ zelne kleinliche, undeutliche Ideen vor. Sie war ja kaum eine halbe Stunde fort — was hielt mich ab, ihr nachzueilen? ſtatt deſſen blieb ich in ihrer Wohnung, ich ſetzte mich auf den Stuhl, auf dem ſie ihre Abſchiedszeilen geſchrieben hatte, ich nahm die Feder, ich kußte ſie, ich weinte. Dunkel ſchwebte es mir vor, daß ich ſchreiben wollte, doch beläſtigt durch den Laͤrm der Leute um mich her, die die Zimmer auszuraͤumen begannen, verließ ich das Haus und irrte lange im Freien umher; dann ſchloß ich mich in mein Zimmer ein. Um ein Uhr nach Mitternacht warf ich mich angekleidet auf mein Bett; Miranda und mein Bruder ſchwebten mir in furchtbaren Träumen vor, entſetzt fuhr ich aus dem Schlafe auf, und mein erſter Gedanke war, zu Miranda zu gehen und ihr zu erzählen, was ich am vorigen Tage gelitten hatte und wie ich durch dieſe Träume geängſtigt worden war. Da ſiel mit der Gedanke auf's Herz: ſie iſt fort! ihre Abreiſe iſt es ja, die dich in dieſen ſchrecklichen Zuſtand verfetzt hat — ſie iſt nicht mehr dein, deine Arme konnen ſie nicht mehr erreichen, ſie iſt das Eigenthum eines Andern! — Doch nein! noch iſt ſie es nicht! — Dieſer Gedanke durchblitte mich plotzlich, ich klingelte, — 5 — ich eilte ſelbſt in den Hof hinab, ich rief nach Pferden und während man dieſe vor den Wagen ſpannte, eilte ich nach Miranda's Wohnung und befragte ihre Leute, ob ſie nichts von dem Edelmann aus Norfolk gehoͤrt haͤtten; ſie ſagten mir, er ſei am vorigen Abend um acht Uhr gekommen und ſchon um zehn Uhr wieder nach London abgereiſt. Hier verlor ich die Beſinnung; ich erkannte die Menſchen nicht mehr, die mich umgaben; mir war, als ſei Miranda geſtorben und ich verſuchte, mir das Leben zu nehmen, um ihr zu folgen. Mein Zuſtand war ein Ruͤckfall in die Geiſtes⸗ zerruͤttung, in die mich der Tod meines Bru⸗ ders geſtuͤrzt hatte; als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fand ich mich in den Armen meines Vaters, der mit der allerzaͤrtlichſten Sorgfalt fuͤr meine Geſund⸗ heit auch die verband, den Zuſtand zu verheimlichen, in dem ich geweſen war. Dies Letztere gelang ihm zu meinem Ungluͤck. Waͤre er bekannt geworden, ſo wuͤrde er Schrecken eingefloͤßt und den Wunſch, ſich mit mir zu verbinden, in jeder weiblichen Bruſt erſtickt haben. — Auf meinem Krankenlager erhielt ich folgenden Brief von Miranda. Mein Vater, der mich Tag — 61 — und Nacht nicht verließ, bat mich, ihm die Eroff⸗ nung deſſelben zu uͤbertragen. „Laß mich,“ ſagte er, „wenn gleich zu ſpät, doch erfahren, welch ein Weſen ſie war.“ — „Leſen Sie,“ antwortete ich ihm; „Sie werden kein Wort darin finden, das ihr nicht zur Ehre gereichen muͤßte.“ „Jetzt iſt es entſchieden,“ ſchrieb ſie, „daß Sie mir nicht gefolgt ſind. Bis vor drei Stunden hoffte ich noch; jetzt thut mir der Gedanke wohl, daß Sie nicht mehr kommen koͤnnen, da Ihre Ge⸗ genwart jetzt nur furchtbare Folgen nach ſich ziehen wuͤrde. Vielleicht aber bekomme ich noch einen Brief von Ihnen — die Moͤglichkeit dazu iſt vor⸗ handen, und auf Augenblicke ſchmeichle ich mir mit der Hoffnung, daß ich einen erhalten werde. Es iſt ja doch unmoͤglich, daß Sie mich haſſen, oder je an mich, wie an eine gleichguͤltige Perſon denken koͤnnen. Die Gewohnheit allein iſt ja ſchon ſo maͤch⸗ tig. — Noch bin ich frei, fur eine Stunde noch frei; Alles iſt bereit, aber noch kann ich mich losſagen; erhalte ich aber keine Nachricht von Ihnen, ſo werde ich es nicht thun. Sie ſetzten keinen Werth mehr auf meine Liebe; unſer Verhaͤltniß war Ihnen zu einför⸗ mig geworden und Sie ſeiner ſeit lange muͤde. Ich wagte aber noch einen letzten Verſuch, ich beſchloß, Bath zu verlaſſen; mir war, als muͤßten Sie mich zuruͤckhalten, oder mir auch nacheilen. Beides haben Sie nicht gethan. Die andern Gruͤnde, die ich ge⸗ habt haben kann, ſo zu handeln, wie ich gehandelt habe, will ich mir nicht zur Ehre anrechnen; ſie ſind mir ſelbſt nicht klar, aber ich bin feſt entſchloſ⸗ ſen, in meinen kuͤnftigen Verhältniſſen nur fur frem⸗ des Gluͤck und fremden Frieden zu leben, und mich ſo zu betragen, daß Sie nie ſollen errothen duͤrfen, mich geliebt zu haben. Leben Sie wohl — die Stunde verſtreicht — nur noch einige Minuten und man wird mich benachrichtigen, daß ſie verſtrichen iſt. Leben Sie denn wohl! Sie, fuͤr den ich keinen Namen mehr habe — Fergus, es iſt Miranda's letztes Lebewohl!“ — Der Brief war von ihren Thränen halb ver⸗ löſcht — mein Vater weinte als er ihn las — und ich? — ich weiß den Brief auswendig, aber ich ver⸗ mag noch nicht ihn zu leſen. Zwei Tage ſpaͤter las Lady Emmy beim Fruͤhſtuͤck aus den Zeitungen die Anzeige von der Heirath des Sir E. aus Nor⸗ — 63 — folk mit Miranda laut vor — ſie las ſie und ich mußte ſie anhoͤren! Ich kann ſie desfalls nicht der Unempfindlichkeit anklagen; ſie hielt Miranda fuͤr eine anſtändige, von mir unterhaltene Perſon, die mich noch liebte, die mir aber gleichguͤltig geworden war, und die, da ſie dies einſah und ſich uͤberzeu⸗ gen mußte, da ich ſie nie heirathen werde, ſich nicht ohne Kampf, nicht ohne Betruͤbniß entſchloſſen habe, ihrem Verhaͤltniß zu mir auf eine fuͤr ſie hoͤchſt ehrenvolle Weiſe ein Ende zu machen. Meine Traurigkeit hielt ſie nur fuͤr Mitleid, und weit ent⸗ fernt, ſie mir zu veruͤbeln, erhohete dieſe noch ihre gute Meinung von meiner Herzensguͤte; dieſe Anſicht der Dinge war natuͤrlich und wich von der Wahrheit nur in Nuͤancen ab, die Lady Emmy nicht zu er⸗ rathen und nicht zu erblicken vermochte. Acht Tage vergingen, in denen mir fortdauernd zu Sinne war, als lebe ich nicht; verſtort irrte ich raſtlos umher, als ſuchte ich etwas — ich fand nichts, ich ſuchte auch nichts; ich wollte nur mir ſelbſt und Allem, was ich ſah, entfliehen. Welch ein ungluͤckſeliger Zu⸗ ſtand, und doch ſollte ich noch elender werden! Mein Vater war unendlich gut und zärtlich ge⸗ gen mich. „Strafe mich nicht,“ bat er, „daß — 64 —* ich Deiner Liebe nicht aufzuopfern vermochte, was ich hoher als Gluͤck und Leben achten zu muͤſſen glaubte; ich kann blind geweſen ſein, aber ich wollte nie hart ſein. Nichts auf der Welt iſt mir ſo lieb, wie Du es mir biſt; zeige Dich ganz meiner Zärt⸗ lichkeit werth. Ich wuͤnſchte das Opfer, das Du mir gebracht haſt, nicht von Dir gefordert zu ha⸗ ben; da es nun aber einmal gebracht iſt, ſo veredle es jetzt; mache es begluͤckend fuͤr Deinen Vater und verdienſtlich fuͤr Dich ſelbſt; zeige Dich ganz als einen großmuͤthigen und edlen Sohn, indem Du Lady Emmy Deine Hand gibſt und mit ihr eine Verbindung ſchließeſt, die in jeder Hinſicht vortheil⸗ haft genannt zu werden verdient. Gib mir Enkel, die die Freude meines Alters werden und mich fuͤr den Verluſt Deines Bruders und Deiner Mutter, ja fuͤr Deinen eigenen ſchadlos halten koͤnnen, denn bis jetzt, mein Sohn, haſt Du nur fuͤr Andere und nie fuͤr mich gelebt!“ Ich wurde Lady Emmy's Gatte! Mit welcher ungluͤcklichen Eile wurde ich zu dieſer Verbindung fortgeriſſen! Ich kannte ſie ſeit fuͤnf Monaten, aber unſere Heirath wurde in Zeit von einer Stunde vor⸗ geſchlagen und beſchloſſen. Wenig Tage nach unſe⸗ —————— rer Hochzeit verließ ich, wie ich es mir im Voraus ausbedungen hatte, England, und durchirrte, von James begleitet, in Zeit von vier Monaten die Hauptſtaͤdte von Flandern, Holland und Brabant; von Frankreich ſah ich nur Paris und einen Theil der Normandie und der Bretagne. Ich reiſte, um meines kleinen Reiſegefaährten willen, nicht ſchnell, aber ich weilte an keinem Orte lange und bedauerte es nirgends, daß ich nicht länger bleiben konnte. Alle Geſellſchaften vermied ich, ſie ſagten mir nicht zu, und unter allen weiblichen Weſen, die ich ſah, war keins, das in mir die Hoffnung zu erwecken vermochte, je von dem Gefuͤhle meines Verluſtes abgezogen werden zu koͤnnen. Ich beſuchte daher nur Kunſtſammlungen, Kuͤnſtler und das Schauſpiel. So oft ich irgend etwas Schoͤnes hoͤrte oder ſah, flog mein Gedanke unaufhoͤrlich zu Miranda, mit der ich ſo viel Schoͤnes gemeinſchaftlich empfunden hatte und mit der allein ich alles Schoͤne haͤtte ſehen und horen moͤgen, um es mit ihr doppelt zu em⸗ pfinden. Tauſendmal ergriff ich die Feder, um ihr zu ſchreiben, aber ich wagte es nicht, und dann, wie ſollte ich einen Brief, wie ihn mir mein Herz eingab, ungefaͤhrdet in ihre Haͤnde bringen? 6 — Ohne James wuͤrde ich in den volkreichſten Staͤdten ganz allein geweſen ſein; mit ihm war ich nur ein⸗ ſam, doch nicht vereinzelt. Er liebte mich, ſeine Naͤhe wurde mir nie laͤſtig und ich fand immer neue Mittel, ihn dahin zu bringen, daß er von Miranda ſprach, ohne daß ich ſelbſt von ihr anzufangen brauchte. Wir kehrten nach England zuruͤck, erſtlich zu meinem Vater, bei dem Lady Emmy geblieben war, und dann, als die ietzt erſt erfolgende Bekanntmachung unſerer Vermaͤh⸗ lung es fuͤr Lady Emmy nothwendig machte, ſich bei Hofe vorſtellen zu laſſen, nach London. Man hatte fruͤher bei Hofe und in der Stadt von mir und meinem Bruder als von einem Wunder bruͤderlicher Liebe geredet und von mir beſonders, als von einem jungen Manne, den die Leidenſchaft, die eine der anerkannt liebenswuͤrdigſten Frauen fuͤr ihn empfand, hoͤchſt intereſſant machte; die Freunde meines Vaters hatten das Geruͤcht verbreitet, daß ich mich durch Kenntniſſe und Talente auszeichnete, die Kuͤnſtler hatten meinen Geſchmack und meine Liebe zu den ſchoͤnen Kuͤnſten geruͤhmt, und Lady Emmy, deren Gunſt mir dieſe Urtheile vor ihrer perſoͤnlichen Bekanntſchaft mit mir erworben hatte, vepſprach ſich wahrſcheinlich eine Art von Triumph e — — davon, mich als ihren Gatten in der großen Welt auffuhren zu koͤnnen. Doch, da ich nun erſchien, fand man nichts als einen traurigen, ſchweigſamen jungen Mann, der Allen, die ihn ſahen, unbedeu⸗ tend vorkommen mußte. Man begriff Miranda's Leidenſchaft nicht und wunderte ſich uͤber Lady Em⸗ my's Wahl. Mir war die Meinung und das Ur⸗ theil der Welt ſehr gleichguͤltig, doch Lady Emmy ging allmählig in das Urtheil des Publicums ein, das ihr nicht verborgen blieb, und da ſie ſich auch von mir nicht ſo geliebt fand, wie ſie es zu ver⸗ dienen glaubte, ſuchte ſie, nachdem ſie ſich eine Zeit lang ſehr ungeſtuͤm und heftig uͤber die erlittenen Täuſchungen beklagt hatte, ihren Troſt in einer Art von gleichgultiger Geringſchaͤtzung, die ſie gefliſſent⸗ lich nährte und in der ſie ſich mehr und mehr gefiel. Ich fand ſie nicht ungerecht genug, um mich durch ihr Betragen beleidigt zu fuͤhlen, und eben ſo wenig glaubte ich den Verſuch wagen zu duͤrfen, ihre Mei⸗ nung von mir zu beſtreiten. Auch haͤtte ich nicht gewußt, wie dies anzufangen ſei, und ich geſtehe, daß mein Intereſſe fuͤr eine Aenderung ihrer Anſich⸗ ten nicht lebhaft genug war, um mich in dieſem Punkte hellſehend und ſcharfſichtig, oder auch nur — — 68 — verbrießlich uͤber ihr Betragen zu machen. Ich ließ ihr durchaus die Freiheit, Alles zu thun, was ihr beliebte; nun wuͤnſchte ſie aber zu gefallen und in der Welt zu glaͤnzen und dies gelang ihr leicht, da ſie jung und artig war und jene Redefertigkeit hatte, die huͤbſche Frauen ſo gut kleidet und ihnen ſtets den Beifall der Maänner gewinnt. Ihre Ge⸗ fallſucht, die anfaͤnglich alle Maͤnner umfaßte, ging bald auf Einzelne uͤber, denn gewiß nur ihre Ge⸗ fallſucht konnte ſie bewegen, ſich einen Liebhaber zu wählen, der unſtreitig in allen drei Königreichen der Mann war, deſſen Huldigung der Eitelkeit einer Frau am meiſten ſchmeicheln konnte, aber auch ge⸗ wiß derjenige, der ſich am wenigſten dazu eignete, Liebe zu empfinden und ſie einzufloßen. Ich that, als ob ich blind ſei und widerſetzte mich ihr in nichts, und ſie uͤberließ ſich, nachdem ſie mir im erſten Jahre eine Tochter geboren hatte, unbedingt allen Zerſtreuungen, die ſich ihr darboten. Der einzige wahre Kummer, den ſie mir machte; war, daß ſie James von mir trennte, da ſie hartnaͤckig darauf beſtand, ihn in einer Koſtſchule erziehen zu laſſen. Mein Vater glaubte ſich endlich verpflichtet, mit mir uͤber ihr Betragen reden zu muͤſſen und fragte, ———— —— —— ——8— ———— — ob ich mich nicht verbunden erachte, ihrem Leicht⸗ ſinn Schranken zu ziehen. Ich antwortete ihm, daß ich zu all meinem Kummer nicht noch den hinzufü⸗ gen könne, eine Perſon zu quälen, die mir, bei ihrer Verbindung mit mir, groͤßeres Vermogen zu⸗ gebracht habe, als ich ihr, und die im Grunde be⸗ rechtigt ſei, ſich uͤber mich zu beklagen. „Es gibt kein menſchliches Weſen,“ ſagte ich ihm, „das nicht fuͤr ſeine Thaͤtigkeit, fuͤr ſeine Eigenliebe und fuͤr ſein Herz einiger Nahrung bedarf; in den untern Ständen muͤſſen ſich die Frauen nothgedrun⸗ gen viel mit den haͤuslichen Sorgen und mit ihren Kindern beſchäftigen; die vornehmen Frauen nehmen, wenn ſie nicht gluͤcklich verheirathet ſind, ihre Zu⸗ flucht zum Spiel, zur Galanterie, zur Schöngeiſte⸗ rei oder zur Andächtelei. Lady Emmy liebt das Spiel nicht, auch iſt ſie noch zu jung, um ihre Zeit am Spieltiſch hinzubringen; zur Schoͤngeiſterei hat ſie kein Talent, zur Andächtelei kein Geſchick — ſie iſt nichts als huͤbſch und angenehm; ihr Betra⸗ gen iſt daher zu natuͤrlich, um ſich daruͤber beklagen zu duͤrfen, und ruͤhrt mich auch nicht ſo tief, daß ich mich daruͤber beklagen moͤchte. Ich will mir nicht den laͤcherlichen Anſchein eines eiferſüchtigen, — — uͤbellaunigen Mannes gebenz waͤre ſie gefuͤhlvoll und ebelgeſinnt, waͤre ſie fähig, mich zu verſtehen und mir zu glauben; gaͤbe es zwiſchen uns irgend eine Uebereinſtimmung des Gemuͤths und der Sinnes⸗ weiſe, ſo wuͤrde ich die Rolle ihres Freundes uͤbernehmen; ich wuͤrde ſie ermahnen, den Schein zu meiden und nicht die oͤffentliche Meinung gegen ſich aufzureizen; da ſie mich aber nicht verſtehen und mir nicht glauben wuͤrde, ſo halte ich es fur gezie⸗ mender, meine Wuͤrde zu behaupten und es nicht zu verrathen, daß meine Nachſicht wohl berechnet und uͤberlegt iſt. So lange ſie noch glaubt, mich taͤuſchen zu koͤnnen, wird ſie dies vor mancher Ver⸗ irrung ſchuͤtzen. Ich weiß Alles, was man uͤber das Unrecht, ſolche Verhältniſſe wie die ihrigen zu dulden, ſagen kann; allein ich wuͤrde dieſe nur dann verhindern koͤnnen, wenn ich mir den Zwang auf⸗ erlegte, meine Frau nie aus den Augen zu verlieren, und welcher Moraliſt koͤnnte ſo ſtreng ſein, mir dies zur Pflicht machen zu wollen? Thäte er es, ſo wuͤrde ich mich ſeinem Ausſpruche doch nicht un⸗ terwerfen, ſondern mich ruhig von ihm verdammen laſſen, und den Mann, der ſich ruͤhmen darf, kei⸗ nen Mißbrauch zu dulden, ſo wenig in ſeinen Ge⸗ —— — — ——.— — ſchaftsverhältniſſen, als in ſeinem Hauſe, oder in dem Betragen ſeiner Frau, ſeiner Kinder, ſeiner Unterge⸗ benen, oder in ſeiner eigenen Auffuͤhrung, allein fuͤr berechtigt halten, den erſten Stein auf mich zu werfen.“ Mein Vater ging, da er mich ſo feſt entſchoſſen ſah, in meine Abſichten ein; er vertrug ſich ſtets gut mit Lady Emmy, ſo wie auch in der ganzen Zeit, die ich mit ihm verlebte, kein Tag verging, an dem er mir nicht irgend einen Beweis ſeiner un⸗ beſchreiblichen Zärtlichkeit fuͤr mich gab. Wir brachten einige Monate auf dem Lande zu. Gegen Ende des Septembers ging ich nach London zuruͤck, um James zu beſuchen. Auch hoffte ich, daß ich zu dieſer Zeit, wo die Stadt verödet iſt und ich keinen von meiner Familie bei mir hatte, deſto unbeachteter allenthalben hingehen und irgend Jemand aufſuchen koͤnne, der mir von Miranda Nachricht zu geben vermöge. Wäre mir dieſe Hoff⸗ nung fehlgeſchlagen, ſo waͤre ich geradezu zu dem General Moclere gegangen, denn ich konnte nicht länger leben, ohne zu wiſſen, wie es ihr gehe. Je⸗ den Tag empfand ich die Luͤcke, die ihr Verluſt in meinem Leben gemacht hatte, grauſamer und ſchmerz⸗ licher. Man hat Unrecht, zu glauben, daß ein Verluſt ſolcher Art in der erſten Zeit am tieſſten und bitterſten empfunden wird, es iſt dann noch immer, als ſei man ſeines Ungluͤckes nicht ganz gewiß; man hat noch keine Erfahrung davon, wie unwiederbringlich und unerſetzlich er iſt — die aller⸗ ſchmerzlichſte Trennung gleicht doch im Anfange nur einer Abweſenheit des geliebten Gegenſtandes — aber wenn ſich nun die Tage allmaͤhlig an einander reihen und keiner uns das Weſen zurückfuͤhrt, das uns durchaus unentbehrlich iſt, dann erſt erkennen und fuͤhlen wir die ganze Groͤße unſers Ungluͤcks, und die Hoffnungsloſigkeit unſers Geſchickes umnach⸗ tet Herz und Leben immer duͤſterer. — Den Tag nach meiner Ankunft in London be⸗ ſuchte ich das Theater, weil ich glaubte, dort un⸗ geſtorter als ſonſt irgendwo meinen Traumereien nach⸗ haͤngen zu können. Das Haus war, ſelbſt fuͤr dieſe Jahreszeit, leer, weil es ein druckend heißer Tag war und ein ſchweres Gewitter am Himmel hing. Ich trat in eine Loge und glaubte in meiner Zerſtreuung lange, daß ich darin allein ſeiz erſt nach geraumer Zeit erblickte ich ein Frauenzimmer, das tief in Gedanken verſunken da ſaß und ſich auch bei 3 meinem Eintritt nicht umgewandt hatte. Ein gro⸗ ßer Hut verſchattete ihr Geſicht, doch lag in ihrer Haltung etwas, das mir Miranda's Geſtalt zuruck⸗ rief; dieſe aber, die ihr Mann gleich nach der Hoch⸗ zeit auf ſeine Guͤter nach Norfolkſhire gefuhrt hatte und von der bis zur Mitte des Sommers, wo ich London verließ, Keiner mir Nachricht zu geben ver⸗ mochte, war ſo fern, daß mich dieſe Aehnlichkeit nur einen Augenblick fluͤchtig beſchäftigte. Der Vor⸗ hang ging auf; man gab den Sturm ich hatte mich vorher nicht erkundigt, welches Stuͤck gegeben wurde und die erſten Worte, die auf der Buͤhne geſprochen wurden, koſteten mich einen Seufzer — die Geſtalt ſah ſich nach mir um — es war Miranda. — Unſere Freude, unſer Erſtaunen, unſere Bewe⸗ gung war unausſprechlich. In dieſem Augenblicke verſtummte jedes andere Gefuͤhl vor dem namenloſen Gluck, uns wieder zu ſehen. Ich hatte mir kein Un⸗ recht gegen ſie mehr vorzuwerfen, ich fuͤhlte keinen Schmerz mehr — ich hatte keine Frau, ſie keinen Mann — wir fanden uns wieder und konnten nichts empfinden, nichts denken, als daß wir uns wieder hatten. Sie ſah blaß und angegriffen aus, aber ich fand ſie ſchöner, als ich ſie je geſehen hatte. F. Tarnow, Novellen. II. 4 „Welcher Zufall! welches Gluͤck!“ ſagte ſie mir. „Ich kam, um dies Stuͤck zu ſehen, das einſt auf dieſer Buͤhne uͤber mein Schickſal entſchied; zum erſten Male ſeit jenem Tage betrete ich dies Haus wieder und finde Sie hier, Sie, den ich auf Erden wieder zu ſehen nicht mehr zu hoffen wagte!“ — Lange vermochte ich nicht, ihr zu antworten. Ich konnte ſie nur anſehen, ſie nur mich, es war, als wenn ſich Jeder von uns mehr und mehr vergewiſſern wolle, daß es der Andere wirklich ſei. — „Sind Sie es denn wirklich?“ fragte ich enblich, „ich wurde mich ſchon glücklich geſchätzt haben, wenn es mir nach tauſend Nachforſchungen, zu denen ich ent⸗ ſchloſſen war, nur gelungen wäre, Nachricht von Ihnen zu erhalten, und nun finde ich Sie ſelbſt und allein und wir konnen wenigſtens einige Stun⸗ den lang ein Gluck genießen, deſſen wir uns ehe⸗ mals täglich ungeſtoͤrt erfreuen durften!“ Ich begann ihr zu erzählen, was mir ſeit unſerer Trennung begegnet ſei. Sie hoͤrte mich an, ohne mich zu unterbrechen; nur dann, wenn ich mich ſelbſt anklagte, entſchuldigte ſie mich, wenn ich von mei⸗ ner Liebe fur ſie ſprach, lächelte ſie mir dankbar und geruͤhrt zu, und wenn ich von meinem Ungluͤck — — redete, blickte ſie mich mitleidsvoll und traurig an. Es ſchien ſie nicht zu freuen, daß zwiſchen Lady Emmy und mir ſo gar keine Uebereinſtimmung Statt fand, aber ſie zeigte auch keinen Kummer daruͤber. „Ich ſehe jetzt,“ ſagte ſie, „daß ich nie ganz verſchmaͤht, nie ganz vergeſſen worden bin, und das iſt Alles, was ich fordern konnte. Ich danke Ih⸗ nen dafuͤr und danke auch dem Himmel, der mir den Troſt vergönnt, es zu erfahren. Nun will ich Ihnen auch erzaͤhlen, wie es mir ſeit den traurigen anderthalb Jahren unſerer Trennung ergangen i.ſt Laſſen Sie mich von dem ſchweigen, was ich auf dem Wege von Bath nach London empfand. Bei jedem Pferdetrab, jedem Wagengeraſſel, das ich hinter mir horte, erbebte ich und wagte doch nicht mich umzuſehen, aus Furcht zu entdecken, daß Sie es nicht waren — Sie waren es auch nicht und ſo ſchmerzlich mir auch die Täuſchung war, ſobald ich ſie erkannte, ſo drang ſich mir doch immer wieder neue Hoffnung auf und immer wieder neue Tau⸗ ſchung! doch genug davon! Wenn Sie nicht auch ungeſagt Alles empfinden, was ich Ihnen davon ſagen könnte, ſo wuͤrden meine Worte es Ihnen auch nie begreiflich machen. Als ich in London 4 * — 76 — ankam, erfuhr ich, daß mein Onkel am vorigen Abende geſtorben war, und daß er mir, einige Legate aus⸗ 3 genommen, ſein ganzes Vermoͤgen vermacht hatte, welches ſich, das Haus in London ungerechnet, auf 30,000 Pfund belief. Dieſe Nachricht traf mich ſchmerzlich; mein Onkel war ein zu alter Mann, als daß ſein Tod mich zu befremden und zu uͤber⸗ raſchen vermochte, allein dieſer Todesfall legte mir, wie ich bald fuͤhlte, eine Verbindlichkeit mehr auf, meine Heirath nicht mehr ruͤckgängig zu machen. Nachdem ich Sir Es. Antrag fruͤher nicht zuruͤckge⸗ . wieſen hatte, ſchien es mir unmoͤglich, dies jetzt zu thun, wo ich ihm fuͤr einen geachteten Namen und den ehrenvollen Stand ſeiner Frau auch etwas anzu⸗ bieten vermochte; eine ſolche Handlungsweiſe wuͤrde mich dem Verdachte einer Unwuͤrdigkeit preis gegeben haben, deren ich bis jetzt nie beſchuldigt worden war. Am folgenden Morgen brachte mir Sir E. eine Ueberſicht ſeines Vermogens und zugleich eine Ehe⸗ ſtiftung, in der er mir ein jaͤhrliches Nadelgeld von 300 Pfund und ein Witthum von 5000 Pfund „ ausſetzte. Er wußte noch nichts von meiner Erb⸗ ſchaft, ich machte ihn damit bekannt und ſchlug das mir beſtimmte Nadelgeld aus, aber ich beſtand darauf, daß ich mir, im Fall einer Verheira⸗ thung — und dieſen zweifelhaften Ausdruck wieder⸗ holte ich unzaͤhlige Mal — den Genuß und das Ei⸗ genthum von Allem, was ich dem Oheim des Lords Wellesley zu verdanken habe, vorbehalten, und daß ich mich durchaus als frei und ungebunden bis zu dem Augenblick anſehen duͤrfe, wo ich vor dem Al⸗ tar das bindende Wort ausgeſprochen habe. „Sie ſehen ſelbſt,“ ſagte ich ihm, „wie unruhig und bewegt ich bin; ich mache daher dieſe Bedingung und fordere von Ihnen Ihr Ehrenwort, mich mit Vorwuͤrfen verſchonen zu wollen, ſollte ich auch noch im Augenblick der Einſegnung zuruͤcktreten.“ — Er verſprach dies, in ſofern ich aus eigenem Antrieb meinen Entſchluß aͤndern wuͤrde ; „beredet Sie aber ein Anderer dazu,“ fuhr er fort, „ſo koſtet es ſein oder mein Leben, denn ein Mann, der Sie ſeit ſo lange kennt und liebt und ſich doch nicht entſchließen kann, fuͤr ſie zu thun, was ich thue, verdient nicht, mir vorgezogen zu werden.“ Nach dieſer Erklärung furchtete ich nichts mehr, als die Erfullung deſſen, was bis dahin mein ſehnlichſter Wunſch geweſen war. Sir E. kam bald mit der nach meinem Wun⸗ ſche abgeäͤnderten Eheſtiftung zuruͤck, allein er gab — ₰— — mir darin noch 5000 Guineen zu Schmuck und Silberzeug, welches mir als Eigenthum verbleiben ſollte. Der Prediger war benachrichtigt, der Trau⸗ ſchein beſorgt, die Zeugen ſtellten ſich ein — ich bat nur noch um eine Stunde Aufſchub und Ein⸗ ſamkeit; in dieſer Stunde ſchrieb ich an Sie, und gab das Blatt meinem treuen George zur Beſtellung. MNoch hoffte ich auf einen Brief von Ihnen — es kam keiner — — als die Stunde verfloſſen war, fuhren wir in die Kirche und wurden getraut.“ — Sie hielt hier inne und wandte ſich ab, um mir die Thranen zu verbergen, die ſie vergoß. Nach einigen Minuten fuhr ſie fort: „Sobald die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit meines Onkels in Ordnung ge⸗ bracht war, fuͤhrte mich mein Mann auf ſein Gut; doch mußte er zuvor dem General verſprechen, daß ich zu ihm kommen ſolle, ſo oft er darum bitten werde. Ich fand an meinem neuen Wohnort die allerwohlwollendſte Aufnahme! Dienſtboten, Nach⸗ barn, Freunde, Alle beeiferten ſich, mir freundlich entgegenzukommen, und es ſtand mir gänzlich frei, zu glauben, daß ich ihnen durch den Ruf nur auf eine mir vortheilhafte Art bekannt geweſen ſei. Zum erſten Male erwachte nun in mir der Zweifel, ob ————. — ——— — Ihr Vater ſich nicht in ſeiner Meinung, daß un⸗ ausloͤſchlicher Makel auf mir ruhe, geirrt habe. Von meiner Seite vernachlaͤſſigte ich nichts, was meinem Manne angenehm ſein konnte; meine viel⸗ jaͤhrige Gewohnheit, meine Worte, mein Thun, ja ſelbſt den Ausdruck meiner Geſichtszuͤge nach frem⸗ den Wuͤnſchen zu berechnen, kam mir zu Statten, und ich machte ſo guten Gebrauch von ihr, daß ich verbuͤrgen zu koͤnnen glaube, Sir E, habe in vier Monaten auch nicht einen unangenehmen oder lang⸗ weiligen Augenblick verlebt. Nie nannte ich Ihren Namen — ich trug kein Kleid, das ich in Bath getragen hatte, ich ſang kein Lied, das Sie mich fruͤher hatten ſingen hören; mein Ich war in zwei ganz verſchiedene Weſen getheilt, von denen das eine nur beſchaͤftigt war, das andere zum Schweigen zu brin⸗ gen und es zu verſtecken. Die wahre und leiden⸗ ſchaftliche Liebe meines Mannes kam meinen Be⸗ muͤhungen durch ihre Taͤuſchungen zu Huͤlfe, er ſchien zu glauben, daß mir nie Jemand ſo theuer geweſen ſei, als er. Auch verdiente er Alles, was ich fur ihn that, und Alles, was ich nur irgend waͤhrend eines langen Lebens fuͤr ſein Gluͤck zu thun vermocht hätte, aber dies Gluͤck dauerte nur vier Monate. Wir — 80 — wurden zu einem unſerer Nachbarn eingeladen, wo wir eine zahlreiche Geſellſchaft vorfanden; bei Tiſche erzahlte Jemand, der kuͤrzlich in London geweſen war, von einer Heirath, die ſchon vor Monaten geſchloſſen, jetzt erſt bekannt gemacht worden ſei — lange konnte er ſich nicht auf Ihren Namen beſinnen, endlich nannte er ihn. Ich ſagte nichts, aber ich ſank in Ohnmacht und erhielt erſt nach zwei Stun⸗ den meine Beſinnung wieder.“ „Mehrere Tage lang litt ich an hoͤchſt gefäͤhrlichen Zufaͤllen, die Sir E, die Hoffnung auf Vaterfreu⸗ den raubten und mich bis an den Rand des Grabes brachten. Meinen Mann ſah ich in dieſer Zeit faſt gar nicht. Eine edle Frau, die meine Geſchichte erfahren hatte, und mich beklagte, ohne mich zu verdammen, hielt ihn von mir entfernt, damit ich nicht ſeinen Gram ſehen und ſeine Vorwuͤrfe horen ſollte. Sie that Alles, um ihn zu beſäͤnftigen und mir das Leben zu retten. Ich hielt mich uͤberzeugt, daß Sie ſchon, ehe ich Bath verließ, heimlich ver⸗ heirathet geweſen waͤren, ja daß Sie ſich ſchon ver⸗ lobt hatten, ehe ich dorthin zuruͤckkam, und daß Sie mich taͤuſchten, als Sie mir ſagten, Lady Emmy ſei Ihnen noch nicht perſoͤnlich bekannt; ich „ — glaubte alſo, daß Sie ſich meiner bedient hätten, um fuͤr meine Nebenbuhlerin eine Wohnung einzu⸗ richten und zu ſchmuͤcken, und daß Sie, als Sie ſich mir ſo uͤbellaunig zeigten, weil Sie Sir E. bei mir fanden, ſelbſt ſchon mit Lady Emmy ver⸗ lobt, ja vielleicht ſchon verheirathet waren. Da meine Freundin mich unaufhoͤrlich mit dieſen herz⸗ zerreißenden Vermuthungen beſchäftigt ſah, ſo erkun⸗ digte ſie ſich, ohne mich vorher davon zu benachrichtigen, welchen Eindruck meine Abreiſe von Bath auf Sie gemacht habe, und wußte ſich ſichere Nachrichten von dem Betragen Ihres Vaters, von dem Zeitpunkte Ihrer Heirath und von Ihrer Abreiſe nach dem feſten Lande zu verſchaffen. Dieſe Nachrichten ſtimm⸗ ten im Weſentlichen mit dem uͤberein, was Sie mir eben erzählt haben. Ich fuͤhlte mein Herz dadurch erleichtert, und dankte ihr tauſendmal dafuͤr, indem ich ihre Haͤnde mit heißen Thränen an meine Lippen und an meine Bruſt druͤckte. Konnte ich mir doch nun in der ſtillen Einſamkeit der Nacht tro⸗ ſtend ſagen: Gott ſei Dank! ich bin nicht gezwun⸗ gen, ihn zu haſſen und zu verachten! ich bin nicht das Opfer eines uͤberlegten Verraths geworden! er hat kein unedles Spiel mit meiner Liebe und mit — meiner Zuverſicht zu ihm getrieben! Ach, und welche Erleichterung, welche unſchätzbare Wohlthat lag fuͤr mich in dieſem Troſt!“ — „Bald war ich nun ſo weit geneſen, daß ich meine gewohnte Lebensweiſe wieder mit der Hoffnung beginnen konnte, meinen Mann durch meine Zärt⸗ lichkeit und durch meine zuvorkommende Aufmerkſam⸗ keit den finſtern Eindruck vergeſſen zu machen, den meine Krankheit auf ihn gemacht hatte, doch dies gelang mir nicht; ſeine Liebe ſchien ſich in Abnei⸗ gung, vielleicht gar in Haß verwandelt zu haben. Er bewies mir indeſſen noch Theilnahme, ſo oft die Wiederkehr meiner Krankheitszufälle mein Leben zu bedrohen ſchien; befand ich mich aber beſſer, ſo ver⸗ ließ er das Haus, und ich ſah ihn, wenn er mich, die es ihm noch vor Kurzem zu einem Paradieſe machte, bei ſeiner Ruͤckkehr erblickte, ſchaudernd er⸗ beben. Ein Vierteljahr lang bot ich, mehr um ſei⸗ net⸗ als um meinetwillen, alles nur Erſinnliche auf, um dieſe ungluͤckliche Stimmung zu beſiegen. Im⸗ mer allein, nur mit ſeinem Hausweſen, oder ſonſt auf irgend eine andere fur ihn nutzliche Weiſe be⸗ ſchaͤftigt, machte und erhielt ich keinen Beſuch; ich — 8 — ſchrieb keinen Brief, und erhielt keinen, und hoffte, mein Kummer und meine Demuͤthigung — denn ſeine Freunde hatten ſich Alle von mir gewandt — muͤßten ihn endlich ruͤhren, doch ſeine Erbitterung gegen mich blieb unuͤberwindlich. Nie entſchluͤpfte ſeinen Lippen ein Wort der Klage oder des Vorwurfs, und ich fand daher nie eine Gelegenheit, mich zu entſchuldigen oder zu rechtfertigen. Ein oder zwei⸗ mal wollte ich doch verſuchen, dies zu thun, aber ich konnte nicht; das Wort erſtarb auf meinen Lip⸗ pen. Endlich erhielt ich einen Brief vom General, in welchem er mich erſuchte, entweder allein, oder von Sir E. begleitet, zu ihm zu kommen, da er krank ſei und meiner Pflege bedurfe; ich gab dies meinem Manne zu leſen: „Sie koͤnnen reiſen,“ ſagte er mir. Am andern Morgen verließ ich ſein Haus, und befahl meiner Sophie, meinen Schreibtiſch und alle meine Commoden unverſchloſſen zu laſſen, damit Sir E. ſie frei durchſuchen koͤnne, aber ich glaube nicht, daß man es der Muͤhe werth gefunden hat, dies zu thun, oder irgend eine Erkundigung von mir einzuziehen, und ſo bin ich, einſt ſo geliebt, jetzt viel verlaſſener und ungluͤcklicher nach London — — zuruckgekommen, als ich es war, da ich zuerſt dieſe Buͤhne betrat und Niemandem angehoͤrte, als einer Mutter, die mich fuͤr Geld hinopferte.“ Miranda weinte nicht bei Endigung ihrer Ge⸗ ſchichte — ſie ſchien ihr Schickſal mit mehr Schre⸗ cken als Betruͤbniß anzuſtarren; aber mich erfuͤllte ihre Erzählung mit der allerſchmerzlichſten Traurig⸗ keit. „Betruͤben Sie ſich nicht ſo ſehr,“ ſagte ſie, ſanft lächelnd, „ich bin deſſen nicht werth. Ich wußte wohl, daß unſere Liebe mich nicht begluͤcken werde, aber ich verdanke ihr doch unausſprechlich ſelige Augenblicke. Allein das Gluͤck, Sie heut wie⸗ der gefunden zu haben, wiegt lange Pein und viele harte Qualen auf. Was bin ich denn am Ende mehr, als ein armes, gefallenes, ungluͤckliches Mädchen, dem Sie durch Ihre Liebe Ehre erzeigt haben?“ — Sie fragte mich jetzt theilnehmend, aber mit ruhi⸗ gem Blick und Ton, nach James und ob er ſeine eleine Schweſter auch recht lieb habe? — Ich redete von ihrem Befinden. „Ich bin nicht wohl,“ ant⸗ wortete ſie mir, „und ich fuͤhle, daß ich nie wieder ganz geſund werden werde, aber ich fuͤhle auch, daß es noch lange dauern kann, ehe mich der Gram tödtet.“ — Auch von der Zukunft redeten wir. * Sollte ſie nach Norfolkſhire zuruͤckkehren, wozu allein ihre Pflicht, ohne irgend einen andern Antrieb, ohne irgend eine Hoffnung auf Gluͤck, ſie bewegen konntee Sollte ſie den General bewegen, den Winter mit ihr im ſuͤdlichen Frankreich zuzubringen? Konnten ſie und ich, wenn wir Beide den Winter in London zubrachten, uns zuweilen ſehen? War es uns lich, dieſem Gluͤck zu entſagen? — Das Stuͤck war aus und wir verließen das Theater, ohne uͤber irgend etwas einig geworden zu ſein, ohne zu wiſſen, wo wir hingingen und ohne daß es uns eingefallen waͤre, uns trennen oder uns bereden zu wollen, wo wir uns wieder finden, oder wo wir zuſammen bleiben koͤnnten. Der Anblick ihres treuen Dieners, des guten George, riß mich aus dieſer gaͤnzlichen Vergeſſenheit aller Verhaͤltniſſe und Umgebungen. Er war ſehr erfreut, mich wie⸗ der zu ſehen und holte ſtatt eines Tragſeſſels fur ſeine Herrſchaft, einen Wagen fuͤr uns Beide her⸗ bei. „Wo ſoll der Kutſcher hinfahren?“ fragte er, als wir einſtiegen. — „Nach St. James Park,“ vntwortete Miranda, indem ſie mich anſah: „laſſen Sie uns unſer Zuſammenſein noch um einige Au⸗ genblicke verlaͤngern, Niemand wird es erfahren. Es iſt das erſte Geheimniß, das George je fuͤr mich zu bewahren gehabt hat, und ich bin ſicher, daß er es nicht verrathen wird. Damit aber die, die uns im Theater geſehen haben koͤnnen, unſerm Zuſammen⸗ treffen keine Wichtigkeit beilegen, wird es gut ſein, wenn Sie Igleich morgen auf's Land zuruͤckgehen; Ihre Gemahlin wird dann denken, daß es Ihnen gleichguͤltig geweſen iſt, mich wieder gefunden zu ha⸗ ben, weil Sie mich gleich wieder verlaſſen haben.“ So weckte ein Schatten von Gluͤck in dieſer edlen, großmuͤthigen Seele gleich wieder die zarte Sorge fuͤr fremde Ruhe und fremden Frieden. „Schreiben Sie mir aber,“ fuhr ſie fort, „theilen Sie mir alle Ihre Plane, alle Ihre Entwuͤrfe mit; ich kann jetzt, ohne uͤble Folgen davon befurchten zu muͤſſen und ohne Ungeziemlichkeit, von Zeit zu Zeit einen Brief von Ihnen annehmen.“ Ich billigte Alles, was ſie ſagte, und verſprach abzureiſen und ihr zu ſchreiben. Wir ſtiegen am Eingang des Parkes aus, es war ſchon dunkel und donnerte heftig. — „Fürchten Sie ſich auch nicht vor dem Gewitter?“ fragte ich. — „Ach,“ ant⸗ wortete ſie, „wenn der Blitz nur mich allein trafe, waͤre er ja Wohlthat! — Doch es iſt rathſam, — uns nicht von dem Wagen und dem Eingang zu entfernen, laſſen Sie uns hier auf dieſer Bank Platz nehmen.“ Wir ſaßen einige Minuten ſchweigend neben einander. Gewiß, daß Niemand uns ſah, Nie⸗ mand uns hoͤrte, ſchnitt ſie mir eine meiner Haar⸗ locken ab, und ſie an ihrem Buſen verbergend, um⸗ faßte ſie mich und brach in einen Strom heißer Thraͤnen aus. „Wie ſollen wir es lernen,“ fragte ſie, „Einer ohne den Andern zu leben? Wenig Au⸗ genblicke noch, und Alles iſt wieder, wie es vor einem Jahr, vor einigen Monaten und Wochen, wie es heut Morgen war! Wie ſoll ich mein Daſein er⸗ tragen, wenn es mir beſtimmt iſt, noch laͤnger als heute leben zu ſollen? Wollen wir zuſammen fliehen, mein Geliebter? Haſt Du dem Gehorſam gegen Deinen Vater nicht genug Opfer gebracht? Sein Wille hat Dir Weib und Kind gegeben — laß uns jetzt in unſre natuͤrlichen Verhaͤltniſſe zuruͤcktreten. Wem werden wir durch unſer Gluͤck Leid zufuͤgen⸗ Mein Mann haßt mich, Deine Frau liebt Dich nicht mehr.“ „O ſchweige! ſchweige!“ rief ſie, als ich ſie unterbrechen wollte, und druͤckte ihre Hand auf meinen Mund, „Du darfſt nicht Nein ſagen und eben ſo wenig darfſt Du einwilligen. Bis jetzt war ich nur ungluͤcklich, ich darf nicht ſtrafbar werden! Meine eigenen Vergehungen wuͤrde ich ertragen kön⸗ nen, aber nie wuͤrde ich es mir verzeihen koͤnnen, Dein Leben durch meine Liebe entwuͤrdigt zu haben. Lieber tauſendmal ſterben. O Fergus, Fergus, wie grenzenlos liebe ich Dich und wie grenzenlos iſt mein Ungluͤck.“ In Thränen zerfließend hielt ſie mich feſt um⸗ ſchlungen. Das Gewitter war furchtbar heraufge⸗ zogen, der ganze Himmel flammte, ſie ſchien es nicht zu ſehen, nicht zu beachten. „Ich bin un⸗ dankbar,“ ſagte ſie, „hoͤchſt undankbar, wenn ich mich ungluͤckich nenne. Fuͤr eine Welt gaͤbe ich die Seligkeit dieſes Wiederſehens, dieſes Wiederfin⸗ dens nicht hin!“ — George kam, ſie daran zu er⸗ innern, wie krank ſie erſt kuͤrzlich geweſen ſei — ein Platzregen begann niederzuſtroͤmen — er trug ſie in den Wagen. Ich blieb allein in der Dun⸗ kelheit zuruͤck. — Nie habe ich ſie wieder geſehen. — Fruͤh am folgenden Morgen ging ich auf's Land zuruͤck. Meine baldige Ruͤckkehr und die Bewegung, in der er mich ſah, beunruhigte meinen Vater, ich — erzählte ihm Alles. „An Deiner Stelle weiß ich nicht, was ich thun wuͤrde,“ antwortete er, „doch es verſteht ſich, daß ich hier nicht als Vater rede. Solltet Ihr Beide vielleicht wirklich das Recht haben, in Eure natuͤrlichen Verhaltniſſe zuruͤckzukehren? — Doch ſie ſelbſt wurde es nicht wollen, ihre Aeuße⸗ rung war nur die augenblickliche Verirrung einer edlen Seele.“ . Ich ging in dem Saal, in dem wir waren, mit großen Schritten auf und ab. Mein Vater ſaß an einem Tiſch, das Haupt auf beide Arme geſtutzt; ſo blieben wir lange ſchweigend beiſammen, bis der Eintritt Mylady's, die von einem Spatzier⸗ ritt zu Hauſe kam, dieſem ſtummen Auftritt ein Ende machte. Wahrſcheinlich ließ meine ſchnelle Ruͤckkehr ſie Boſes argwohnen; ſie wechſelte die Farbe, als ſie mich erblickte, und ihr ganzes Beneh⸗ men verrieth, daß ſie ſich in meiner Abweſenheit glucklicher fuͤhlte und daß ihr die unerwartete ſchnelle Ruͤckkehr ihres Gatten in keiner Art lieb war. Meinem Vater fiel dies ſo auf, daß er mir, als wir vom Mittags⸗ tiſch aufſtanden, die Hand druckte und mir mit einer Mi⸗ ſchung von Bitterkeit und Theilnahme ſagte: „Warum aber habe ich Dich ihr entriſſen! Warum haſt Du mich nicht fruͤher mit ihr bekannt gemacht! Wer konnte aber auch wiſſen, wer konnte glauben, daß eine Frau ſo ganz verſchieden von der andern in ihrer Neigung fuͤr denſelben Mann ſich zeigen könne, und daß Jene Dich ſo treu, ſo wahrhaft liebte!“ Er begleitete mich nach meinem Zimmer, wo wir lange noch von Miranda und der Hoffnungs⸗ loſigkeit ihrer und meiner Lage ſprachen, als uns der Graf von Lemor gemeldet wurde. Mit einer diplomatiſchen Sendung nach dem feſten Lande be⸗ auftragt, kam er, als ein naher Verwandter meines Vaters, um von uns Abſchied zu nehmen. Halb im Ernſt, halb im Scherz, ſchlug er mir vor, ihn zu begleiten. Ich ſah meinen Vater an — er zog mich bei Seite. „Sieh dieſen Vorſchlag,“ ſagte er mir, „als einen Wink des Himmels an, der Dich gegen die Schwäche Deines Herzens, und vielleicht auch gegen die des meinigen ſchuͤtzen will. Miranda kann, wenn Du Dich entfernſt, ungeſtört bei dem General in London bleiben, den es beglückt, ſie um ſich zu haben. Ich allein verliere durch dieſe Trennung von Dir, aber ich habe ſie zu leiden ver⸗ ſchuldet, und der Gedanke, daß dieſe Reiſe Dir wohlthun wird, muß mich troͤſten.“ In derſelben Nacht noch ſchrieb ich an Miranda Alles, was vorgefallen war, und drang in ſie, uns den einzigen Troſt, der uns geblieben war, unſern Briefwechſel, nicht zu rauben und ihn uns durch nichts verkuͤmmern zu laſſen. Wenig Augenblicke vor meiner Einſchiffung in Plymouth erhielt ich ihre Antwort. Sie beklagte meine Entfernung, aber ſie billigte meinen Ent⸗ ſchluß und wuͤnſchte mir auf das Allerinnigſte Gluͤck zu meiner Reiſe. Sie ſchrieb auch an meinen Va⸗ ter, um ihm fuͤr ſein Mitleid zu danken und ihn um Verzeihung fuͤr den Kummer zu bitten, zu dem ſie die Urſache geworden war. Da der General beim Eintritt des Winters noch nicht ganz wieder⸗ hergeſtellt war, ſo entſchloß ſie ſich, in London zu bleiben; auch wurde er bald von Neuem ernſtlich krank und ſie widmete ſich Tag und Nacht ſeiner Pflege. Als er ſich wieder beſſer befand, wollte er ſie und ſich erheitern, und lud zu dieſem Zweck nicht nur viele Geſellſchaft ein, ſondern er nothigte Miranda, auch außerhalb ſeines Hauſes oft in Ge⸗ ſellſchaft zu erſcheinen, weil, wie er meinte, eine gänzliche Zuruͤckgezogenheit von der Welt ihr das Anſehen geben wuͤrde, ſich das Mißfallen ihres = 52 — Mannes zugezogen zu haben und dieſer ſelbſt guͤn⸗ ſtiger von ihr urtheilen werde, wenn er erfuͤhre, daß ſie ſich in guter Geſellſchaft zeige und in dieſer eine freundliche Aufnahme finde. Der Zwang aller dieſer Anſtrengungen war aber zu peinlich und zu erſchoͤpfend fur ein Weſen, deſſen ſo ſchon gewalt⸗ ſam erſchuͤtterte Goſundheit unaufhörlich durch den hoffnungsloſen Gram untergraben war, ohne mich leben zu ſollen und doch nicht ohne mich leben zu können. Ihre Briefe athmeten die allerinnigſte Liebe und die Unwandelbarkeit der zaͤrtlichſten Treue. Im Fruͤhling empfing ich einen von ihr, den ich mit eben ſo viel Schmerz als Freude las. „Ich war geſtern im Schauſpiel,“ ſchrieb ſie mir, „und zwar in derſelben Loge, in der wir im September waren und in der ich mir einen Platz beſtellt hatte. Es ſcheint, als wenn mein guter Engel auf dieſer Stätte weilt; kaum hatte ich mich geſetzt, als ich mich von einer jugendlichen Stimme bei Namen nennen hoͤrte: „Das iſt meine liebe Miſtreß Miranda,“ rief ſie, „aber wie krank ſieht ſie aus! Nun koͤnnen Sie ſie auch ſehen, lieber Großvater!“ — Ihr Vater gruͤßte mich mit einem Blick und mit einem Aus⸗ druck, den ich nicht verſuchen muß, Ihnen malen — 93 — zu wollen, wenn meine Thränen mir erlauben ſollen, fortzufahren — auch wuͤrde es ſchwer ſein, Ihnen die Betruͤbniß und das zaͤrtliche Wohlwollen auszudruͤcken, das vereint aus ſeinen Augen und ſeinen Zuͤgen ſprach. „Was hat Ihnen aber gefehlt,“ fragte James, „daß Sie ſo mager geworden ſind?“ 3 — „Vielerlei, mein kleiner Freund, aber Du biſt groͤßer geworden und mich duͤnkt, ich kann es Dir 6. anſehen, daß Du fleißig lerneſt und recht artig und vergnugt biſt.“ — „Es geht mir aber doch ſehr nahe,“ antwortete er, „daß mein Vater weggereiſet iſt; er haͤtte mich gern mitgenommen, aber die Mutter wollte es nicht, ob er ſich gleich erbot, mir alle meine Lehrſtunden ſelbſt geben zu wollen; wie oft wuͤrden wir nicht von Ihnen geredet haben, wenn ich bei ihm wäͤre! Ich habe Sie ſo lange nicht ge⸗ ſehen und habe Sie doch ſo lieb — ich darf aber nicht viel von Ihnen ſprechen. Sehen Sie, meine Mutter ſitzt uns gegenuͤber in der Loge, und die mag es nicht, daß ich Sie ſo lieb habe.“ — — Sie fuͤhlen gewiß, welchen Eindruck jedes ſeiner Worte auf mich machte. Aus Furcht vor Lady Emmy's Blick wagte ich nicht, zu meinem Riech⸗ fläſchchen meine Zuflucht zu nehmen und doch ver⸗ 9 — mochte ich kaum noch zu athmen. — „ Blaß ſind Sie aber nicht,“ fing James wieder an,“ und doch kommen Sie mir krank vor.“ — „Ich habe Roth aufgelegt.“ — „Das thaten Sie ja aber ſonſt nicht.“ — Mir traten Thraͤnen in die Augen. Ihr Vater fragte mich, ob ich kuͤrzlich Nachricht von Ihnen habe und erzählte mir den Inhalt Ihres letzten Briefes. Ich konnte nur bis zum Ende des erſten Aufzugs bleiben; die Blicke Ihrer Gemahlin und derer, die bei ihr waren, zwangen mich, die Loge zu verlaſſen, und Ihr Vater war . guͤtig, mich hinauszufuͤhren.“ Im Juni verordnete ihr dei Arzt den Gebrauch der Eſelsmilch. Der General beſtand darauf, daß ſie dieſe auf dem Gut ihres Mannes trinken ſolle und war uͤberzeugt, daß dieſer, der ſie ſo leiden⸗ ſchaftlich geliebt hatte, ſie nur wieder zu ſehen brauche, um eine Liebe, deren ſie ſo werth war, wiedet neu in ſich erwachen zu fuͤhlen. „Ich habe Sie ge⸗ wiſſermaßen mit ihm verheirathet,“ ſagte er ihr, „ich will Sie jetzt in ſein Haus zuruͤckfuͤhren und ſehen, ob er es wagt, Sie unfreundlich aufzu⸗ nehmen.“ Miranda ſchrieb an ihren Mann, um — ihn von ihrer Ruͤckkehr zu benachrichtigen und er⸗ hielt folgende Antwort: „Der Herr General hat vollkommen Recht, wenn er Ihnen raͤth, hierher zu gehen. Sehen Sie ſich als die unbeſchraͤnkte Gebieterin meines Hauſes an, und thun Sie alles Moͤgliche zur Wie⸗ derherſtellung Ihrer Geſundheit. Meine Leute haben die beſtimmteſten Befehle, Ihnen auf das Puͤnktlichſte zu gehorchen, allein es bedurfte derſel⸗ ben nicht, denn es ſind auch die Ihrigen und ihrer Gebieterin ſehr ergeben. Ich habe Sie zu unaus⸗ ſprechlich geliebt, ich achte Sie noch zu wahr und zu innig, um der Hoffnung entſagen zu können, einſt noch wieder mit Ihnen vereint und gluͤcklich zu leben; jetzt aber iſt der ſchmerzliche Eindruck, den ich erhalten habe, noch zu neu, und gegen meinen Wil⸗ len wuͤrde er immer wieder von Neuem ſichtbar werden. Ich will daher, um ihn wo moͤglich zu beſiegen, eine Reiſe unternehmen, von der ich um ſo mehr Nutzen hoffe, da ich mein Vaterland noch nie verlaſſen habe. Sie koͤnnen mir nicht ſchreiben, da Sie nicht wiſſen werden, nach welchem Ort Sie die Briefe zu richten haben, allein Sie werden war ſo ſanft, ſo lieb, ſo edelgeſinnt, daß ſie ſich — 96 — von mir Nachricht erhalten und man wird daraus ſehen, daß wir nicht mit einander zerfallen ſind. — Leben Sie wohl. Von ganzem Herzen wuͤnſche ich Ihnen die Herſtellung Ihrer Geſundheit. Ich bin mit mir ſelbſt unzufrieden, mich ſo hoͤchſt ſchmerz⸗ lich und unmuthig durch ein unwillkuͤrliches Gefuͤhl verletzt zu fuͤhlen, das Sie mir auf ſo mannigfache Weiſe zu verguͤten verſucht haben, aber mein Kum⸗ mer iſt mir zu tief in's Herz gedrungen, um ihn verhehlen zu koͤnnen. Lange ſchien es mir unglaub⸗ lich, daß zwiſchen Ihnen und dem gluͤcklichen Mann, der allein ihr Herz beſitzt, kein geheimer Briefwech⸗ ſel, keine fortdauernde Verbindung beſtanden haben ſollte; ich verblendete mich gegen den Beweis, den ihre Ueberraſchung, deren Folgen ſo furchtbar waren, vom Gegentheil gab; ich war ungerecht, aber ich bin es nicht mehr.“ Sir Es. Betragen machte aber mehr Ein⸗ druck als ſeine zuruͤckgelaſſenen Befehle, und Mi⸗ randa fand bei ihrer Ruͤckkunft nach dem Gute die ganze Nachbarſchaft unguͤnſtig gegen ſich geſtimmt; doch der General, der ſie begleitete, ſprach als Ihr Beſchuͤtzer in einem ſo hohen Ton, und ſie ſelbſt — 97 — * bald wieder allgemeine Liebe und Achtung erwarb. Die Stille des Landlebens that ihr wohl; ſie ſchrieb mir, daß ſie ſich beſſer befinde und anfange ſich zu erholen; doch mitten im Gebrauch der ihr vorge⸗ ſchriebenen Cur wurde der General krank, ſie mußte mit ihm nach London zuruͤckkehren, wo er nach einigen Wochen ſtarb. Der Gram um ihn und die Folgen der an ſeinem Schmerzenslager verwachten Näͤchte zerſtoͤrten ihre Geſundheit vollends. Ihr treuer Freund und Wohlthäter hatte ihr in ſeinem Teſtamente die letzten Beweiſe ſeiner unwandelbaren Achtung und Liebe gegeben — doch keine Vermeh⸗ rung ihres Vermoͤgens konnte fuͤr die Herzenswun⸗ den, an denen ſie verblutete, Balſam ſein. Gleich nach ſeinem Tode bezog ſie ihr eigenes Haus in Whitehall, das ſie ſchon im Laufe des vorigen Winters ganz eingerichtet hatte. Sie fuhr fort, die Freunde des Generals bei ſich zu ſehen und gab auch wieder woͤchentlich an einem beſtimmten Tage in ihrem Hauſe ein Concert. Seit ihrer Verheirathung hatte ſie die Zahl der Waiſen, die ſie ſchon vor der⸗ ſelben erziehen und in irgend einem Gewerbe, das ihnen durch Fleiß und Geſchicklichkeit einen ſelbſt⸗ ſtaͤndigen Lebenserwerb ſicherte, vermehrt; jetzt nahm F. Tarnow, Novellen. II. 5 ſie dieſe jungen Mädchen alle zu ſich in ihr Haus und fuͤhrte ſelbſt die Aufſicht uͤber ſie. Alles, was ich von ihrer Lebensweiſe und ihrer Einrichtung erfuhr, eignete ſich nicht, mich auf folgenden Brief vorzu⸗ bereiten, den ich im Lauf des Winters von ihr erhielt: „Jetzt erſt, mein Freund, athme ich frei und darf Dir ohne allen Zwang aus der Fuͤlle meines Herzens und ſeiner unendlichen Liebe ein letztes Lebewohl ſagen. Frage mich nicht, worauf ſich dies Vorgefuͤhl meines nahen Todes gruͤndet, genug, ich fuhle, daß es mich nicht täuſcht. Dein Vater kam geſtern, um mich zu beſuchen, und dieſer Beweis ſeiner Güte und Theilnahme hat mich unausſprech⸗ lich geruͤhrt. Er ſagte mir: Im naͤchſten Fruͤhling, wenn Sie dann — er vermochte nicht hinzuzuſetzen, wenn Sie dann noch leben — will ich Sie nach dem ſuͤdlichen Frankreich begleiten. Mein Sohn iſt jetzt in der Schweiz, ich werde ihm ſchreiben, daß er uns entgegenkommt. — Es iſt zu ſpät, My⸗ ord, antwortete ich ihm; aber ich fuͤhle deßhalb den Werth Ihrer Guͤte nicht weniger lebhaft. — Er ſchwieg, aber nur um mich zu ſchonen, denn ich — — ſah, daß er Vieles empfand, was er gern aus⸗ geſprochen haͤtte. Ich fragte nach Deiner Tochter; ſie ſei wohl, ſagte er, und er wuͤrde ſie ſchon langſt einmal zu mir geſandt haben, wenn ſie Dir auch nur in einem Zuge aͤhnlich waͤre; aber ſie ſei ein getreues Ebenbild der Mutter. Ich bat ihn, James zu mir zu ſchicken und fuͤgte hinzu, daß ich ihm durch dieſen ein Geſchenk ſenden wuͤrde, was ich ihm ſelbſt zu uberreichen nicht wage. Er ſagte mir, daß er mit dankbarer Freude aus meiner Hand Alles anneh⸗ men wuͤrde, was ich ihm geben wolle — hierauf gab ich ihm Dein Bild, welches Du mir dieſen Som⸗ mer aus Italien geſandt haſt; James ſoll die Copie erhalten, die ich davon gemacht habe, aber das erſte, welches ich vor Jahren von Dir erhielt, ſoll auf meinem Herzen ruhen, bis es nicht mehr ſchlagt und Dir dann zuruͤckgeſandt werden.“ „Ich habe Dich nicht glücklich gemacht, ich laſſe Dich unglucklich zuruͤck, ich ſterbe und doch kann ich nicht wuͤnſchen, Dich nicht geliebt, nicht gekannt zu haben. Vielleicht ſollte ich mir Vorwuͤrfe machen, aber ich kann es nicht. Mein Fergus, mein Einzi⸗ ger, Du, mein erſter und mein letzter Gedanke im 5 * — 100 — Leben und im Tode, lebe wohl. Schreibe mir, daß Du dieſen Brief erhalten haſt. Ich glaube nicht, daß mich Deine Antwort noch lebend finden wird — trifft ſie mich aber, ſo wird es meine letzte Erden⸗ freude ſein, mit brechendem Auge noch einmal die Zuͤge Deiner Handſchrift zu ſehen.“ Selbſt nach Leſung dieſes Briefes gab es noch Augenblicke, in denen ich zu hoffen wagte, wenn mich gleich die Troſtloſigkeit der Hoffnungsloſigkeit keinen Augenblick mehr ganz verließ. Aber ich hatte mich an den Gedanken, ſie krank zu wiſſen, ge⸗ wohnt, und es blieb mir undenkbar, daß ſie ſterben eönne, bis daß ihr Verluſt unwiederbringlich ent⸗ ſchieden war. So ging es mir bei ihrer Heirath, ſo jetzt bei ihrem Tode. Zu ſpät, zu ſpaͤt erkannte ich, daß ich nie etwas von dem gethan hatte, was ich fur ſie, fuͤr mich, fuͤr ihr Leben, fuͤr unſer Gluͤck hätte thun muͤſſen. Ich hätte ſie auch ohne die Einwilligung meines Vaters heirathen ſollen; ich haͤtte nicht zugeben muͤſſen, daß ſie verſprach, mir nie ohne dieſe Einwilligung die Hand zu reichen. Ich haͤtte mir, wenn mein Vater unerbittlich blieb, daran genuͤgen laſſen ſollen, ſie vor den Au⸗ — 101 — gen Gottes durch Ehrenwort und feierliches Geluͤbde zu meiner Gattin zu weihen, und nie, nie haͤtte ich einer Anderen meine Hand reichen, nie den kum⸗ mervollen Argwohn in ihr erwecken muͤſſen, daß ſie von mir verrathen oder vergeſſen ſei. Und als der Himmel ſelbſt ſie mir in London wiedergab, da häͤtte ich ſie wenigſtens nicht wieder verlaſſen ſollen — und dann noch den letzten Herbſt, dieſen Winter ſelbſt, warum eilte ich, da ich ſie von ihrem Manne verlaſſen wußte, nicht nach England zuruͤck? Warum theilte ich nicht ihre Sorge um ihren Beſchutzer, ihre Nachtwachen, ihren Kummer? Warum zwang ich ſie nicht, zu leben? Warum gewährte ich ihr we⸗ nigſtens fur ſo viel Liebe, ſo viel Treue, nicht den Troſt, mich auf ihrem Sterbelager um ſich zu ſehen, und zu empfinden, daß ich, wenn ich ſie lebend nicht zu lieben verſtand, wie ſie werth war, geliebt zu werden, ſie doch zu beweinen wußte, wie ſie be⸗ weint zu werden verdiente? Ach, zu ſpaͤt, zu ſpät erkannte ich, wie ſehr ich gegen ſie gefehlt hatte. Ich war allein auf der Welt! Das Herz, das mich ſo einzig liebte, ſchlug in keiner Bruſt mehr! Viele Jahre ſind ſeit jenem — 102 — Ungluͤckstage verſchwunden, doch ſie alle brachten mir keine Stunde, in der ich mich getröſtet gefuhlt hatte. — In unſäglicher Angſt erwartete ich die nächſten Nachrichten aus England — ſie brachten mir den folgenden Brief von Sir E. und mit ihm endete ſich mein Leben in Beziehung auf Alles, was nicht Gram, nicht Reue, nicht Schmerz war. — „Das Herz, welches Sie ſo unausſprechlich liebte, hat der Tod erſtarrt, ſeit vorgeſtern Abend ſchlagt es nicht mehr. Ich lege in dieſe Erwaͤhnung ihrer Liebe keinen Vorwurf fuͤr die Verewigte; ſeit lange hatte ich ihr vergeben und eigentlich hat ſi ſie mich nie beleidigt. Es iſt freilich wahr, daß ſie mir aus der Stärke dieſer Liebe zu Ihnen ſtets ein Geheimniß gemacht hatte, aber ich weiß nicht, ob ſie verpflichtet war, ſie mir zu entdecken, und ob ich ſie doch vielleicht nicht trotz dem geheirathet häͤtte; denn ich liebte ſie unbeſchreiblich und ſie war meine erſte wahre Liebe. Sie war nicht blos die liebenswuͤrdigſte, ſondern ich kann auch hinzuſetzen, fuͤr mein Herz und fuͤr meine Augen die einzige liebenswuͤrdige Frau, die ich je gekannt habe. Sie war nicht offen gegen mich, aber ſie hat mich nie betrogen; ich * — 103 — betrog mich ſelbſt. Es ſchien mir unglaublich, daß ſie, wenn ſie Sie liebte, nicht Mittel ſollte gefun⸗ den haben, Sie zu bewegen, ihr die Hand zu rei⸗ chen. — Unſtreitig wiſſen Sie, wie ich enttauſcht wurde, und ob ich gleich jetzt bereue, nicht mehr Selbſtbeherrſchung gezeigt zu haben, finde ich es doch noch heut naturlich, daß ich, da ich mit der Ueber⸗ zeugung, von ihr geliebt zu ſein, auch zugleich die Hoffnung verlor, Vater zu werden, meinen Kum⸗ mer und meinen Unmuth nicht zu verbergen ver⸗ mochte. Zu meinem Troſt iſt es entſchieden, daß ſie der Eindruck, den mein Betragen auf ſie machte, nicht getödtet hat; ich bin überzeugt, daß ich nicht die Veranlaſſung zu ihrem Tode gegeben habe, und ſo eiferſuchtig ich auch fruͤher auf Sie geweſen bin, ſo halte ich es doch jetzt fur ein Gluͤck, an meiner Stelle und nicht an der Ihrigen zu ſein. Daraus folgt abet nicht, daß Sie ſich Vorwurfe zu machen haben, und ich bitte Sie, meinen Worten keine ſolche Deutung zu geben, Sie wuͤrden ſonſt das Recht haben, mich ungerecht und grauſam zu nen⸗ nen, da ich Sie mir nicht anders als tiefbetruͤbt denken kann.“ — 104 — „Denſelben Tag, wo ſie Ihnen zum letzten Male geſchrieben hat, ſchrieb ſie auch an mich, und bat mich, ſie zu beſuchen. Ich eilte unverzuͤglich zu ihr und fand in ihrem Hauſe Alles ſo, als ſei keine Kranke darin befindlich, und ſie ſelbſt auch, ihre Magerkeit ausgenommen, ſo ſchoͤn wie je. Es freute mich ſehr, ihr ſagen zu können „ daß ſie mir nicht ſo krank zu ſein ſcheine, als ſie es zu ſein glaube; ſanft laͤchelnd bat ſie mich, mich nicht durch den Schein taͤuſchen zu laſſen. Sie gab mir ihr Teſtament zu leſen und erſuchte mich, ihr offen zu geſtehen, wenn ich irgend einen Artikel deſſelben abgeändert zu ſehen wuͤnſche; allein ich fand nichts darin, dem ich nicht gern meine Zuſtimmung gege⸗ ben haͤtte. Ihr aus ihren fruͤheren Verhaͤltniſſen ſtammendes Vermögen hat ſie den Armen vermacht, und zwar ſo, daß der Ertrag von der einen Hälfte deſſelben dem Lordmayor zur Verwaltung uͤbergeben wird, um jaͤhrlich drei Knaben, die aus dem Fin⸗ delhaus genommen werden ſollen, ein Handwerk ler⸗ nen zu laſſen; der Ertrag von der andern Hälfte ſoll von dem Biſchof von London dazu verwandt werden, jaͤhrlich zwei Mädchen aus dem Magdalenen⸗ — 403 — ſpital zu nehmen und ſie einer rechtſchaffenen Kraͤ⸗ mersfrau zu Gehuͤlfinnen zu geben, in deren Handel ſie jede 150 Pfund legen können, um ſich die Theilnahme daran zu ſichern. Von den 5000 Gui⸗ neen, die ich ihr bei unſerer Heirath ſchenkte, hat ſie ihrem treuen Mädchen und ihrem Bedienten George Jedem 1000 Pfund vermacht; ihre Kleider und ihren Schmuck erhält die Freundin in Norfolk⸗ ſhire, die ſie während ihrer erſten lebensgefaͤhrlichen Krankheit pflegte; ihr Haus in Bath, mit Allem, was darin iſt, iſt fuͤr den kleinen Sir James be⸗ ſtimmt. Die Einkuͤnfte des laufenden Jahres ſollen, nach Abzug der Begraͤbnißkoſten, zu gleichen Theilen unter ihre Waiſen und ihre uͤbrigen Dienſtboten ge⸗ theilt werden. Das von ihrem Onkel geerbte Ver⸗ mogen, das ſie mir als Heirathsgut zugebracht hat, beträͤgt uͤber 35,000 Pfund und verbleibt mir nach ihrem letzten Willen.“ „Von dem Augenblick an, wo ſie von mir die Zuſicherung erhalten hatte, daß ihr Teſtament treu vollzogen werden ſollte, lebte ſie, ſo viel ihre ſchwin⸗ denden Kräfte es erlaubten, auf dieſelbe Weiſe, wie in fruͤheren glucklichen Tagen, und wir haben in — — dieſer Zeit mehr fuͤr einander gelebt, denn je vor⸗ her. — Alles in der Welt haͤtte ich freudig auf⸗ geopfert, um ihr Leben friſten, oder auch nur in dem Zuſtand, in dem ſie jetzt war, das meine mit ihr zubringen zu koͤnnen. Von allen Seiten erhielt ſie die ſchmeichelhafteſten Beweiſe der innigſten Theil⸗ nahme. Ich außerte eines Tages, daß es ihr doch viel Vergnügen machen muͤſſe, ſich ſo allgemein ge⸗ liebt und geachtet zu ſehen. Vielleicht, antwortete ſie mir, war ich ehemals fuͤr den Tadel der Welt zu empfindlich, doch nie habe ich auf den Beifall der Menge Werth legen können. Die einzigen Lob⸗ ſpruͤche, die mir je Vergnuͤgen gemacht haben, waren die des Generals. Er liebte mich wie ein Weſen, das ganz ſo war, wie man nach ſeiner Meinung ſein ſollte; er glaubte mich keiner Nachſicht, keiner Verzeihung beduͤrftig, und es wuͤrde ihm ſehr läſtig geworden ſein, dieſe gute Meinung von mir aufzu⸗ geben, ja es wuͤrde ihn eben ſo betruͤbt haben, als wenn ich fruͤher als er geſtorben waͤre. Mein Da⸗ ſein war ihm nothwendig geworden, und eben ſo nothwendig war es fuͤr ihn, mich zu achten.“ „Vorgeſtern wollte ſie, obgleich noch leidender — 107 — und beklemmter als gewoͤhnlich, doch noch Muſik hoͤren. Sie ließ Mehreres aus dem Meſſias von Händel, und das Stabat⸗Mater von Pergoleſe ſingen. In einer der Pauſen zog ſie einen Ring vom Finger und gab ihn mir; dann ließ ſie George rufen und gab ihm ein Medaillon, das ſie aus dem Buſen zog. „Bringe es ihm ſelbſt,“ ſagte ſie, „und wenn es ſein kann, ſo bleibe in ſeinem Dienſt. Das iſt ein Loos, welches ich mir ſelbſt ſo oft ge⸗ wuͤnſcht; ſage es ihm und auch, daß es mir zu meinem Gluͤck genuͤgt haben wuͤrde.“ — Sie faltete hier die Hände und lehnte ſich, die Augen gen Him⸗ mel erhebend, in ihren Stuhl zuruͤck. Ich fragte ſie, ob die Muſik aufhoͤren ſolle, ſie winkte mir, und hatte noch Kraft genug, mir fuͤr das zu dan⸗ ken, was ſie meine Guͤte nannte. — Dann ſchloß ſie die Augen, und als die Toͤne verhallten, ſchlich Alles leiſe aus dem Zimmer, weil man glaubte, ſie ſchlummre. Sie war todt.“ „Die Troſtloſigkeit ihrer Leute, die Klagen der Armen, die Thraͤnen Aller, die ſie kannten, und der Schmerz eines Gatten, der Urſache zu haben glaubt, ſich beklagen zu beduͤrfen, daß er nie ge⸗ . — 198 — liebt wurde, ſprachen es mehr als alle Worte aus, was ſie war.“ „Ich glaube ihr noch gehorſam und gefäallig zu ſein, indem ich mir die ſchmerzliche Pflicht auferlege, Ihnen dieſen trauervollen Bericht abzuſtatten, und aus derſelben zaͤrtlichen Ehrfurcht fuͤr Miranda's Andenken habe ich an ihrem Grabe jedes Gefuͤhl des Haſſes und des Unwillens gegen Sie abgeſchwo⸗ ren. Ich beklage Sie — die Welt hat keinen Erſatz fuͤr das, was Sie mit ihr verloren haben.!“ 25 —= — 3 S a S — 8 9 2 & — — ceeicleiec In dem nahe am Ardenner Walde gelegenen Dorfe Aulnay le Vicomte waren alle Einwohner voll ge⸗ ſpannter Erwartung, in unruhiger Bewegung. Das Gelaͤut der Kirchenglocken machte den kraͤftigen Ar⸗ men des Gloͤckners Ehre; die Männer ſtanden vor den Thuͤren ihrer Huͤtten, die Blicke nach der Land⸗ ſtraße gerichtet, die zum Dorfe fuͤhrte, indeß die Frauen, welche aus den Fenſtern mit einander ſchwatzten, ſich uͤber die Straße hin von dem Ge⸗ genſtande unterhielten „deſſen bevorſtehende Ankunft allen Bewohnern des Dorfes ſo wichtig war. Alle harrten, ſonntaglich geputzt, der Stunde, die ſie in die Kirche rief, um der Einweihung des jungen Vi⸗ cars beizuwohnen, den der Biſchof von A. zu ihrem kuͤnftigen Seelſorger ernannt hatte. — 112 — Aulnay le Vicomte liegt, obgleich der Haupt⸗ ort des Cantons, doch von den benachbarten Städ⸗ ten mehrere Meilen weit entfernt; der wuͤrdige Pfarrer dieſer Gemeinde war 70 Jahre alt, und hatte ſchon mehrere Male um einen Gehulfen ge⸗ beten; nichts ſchien alſo natuͤrlicher zu ſein, als die endliche Erfuͤllung dieſer Bitte, und doch vereinten ſich mehrere Umſtaͤnde, der Sendung des neuen Vicars in den Augen der einfachen Landleute einen Anſtrich von Ungewoͤhnlichkeit zu geben. Dem Pfarrer Gauſſe war von Seiten des Biſchofs in einem kurzen Briefe angezeigt worden, daß Herr Victor, ein junger, kuͤrzlich erſt ordinirter Semina⸗ riſt, am 4. Mai bei ihm eintreffen wuͤrde, um ihm als Vicar in der Ausuͤbung ſeiner geiſtlichen Ge⸗ ſchfte beizuſtehen, und daß die Einfuͤhrung deſſel⸗ ben mit Wuͤrde und Feierlichkeit Statt finden ſolle. Der Biſchof bedauerte, daß eine Krankheit ihn ver⸗ hindere, dieſer Ceremonie ſelbſt beizuwohnen, hatte jedoch drei Prieſter der Umgegend ernannt, die ſeine Stelle dabei vertreten ſollten. Die Haushaͤlterin des Pfarrers, Margarethe, war nun ſeit dem Empfang dieſes Briefes beſchäf⸗ tigt, das Pfarrhaus von unten bis oben zu ſcheuern, ——————————— — 3 — und jedes Geräth auf das Sorgfältigſte zu reini⸗ gen. Kuͤche und Keller wurden gleichfalls reich⸗ lich verſorgt, und ſo ſaß nun am Morgen des 4. Mai der alte Pfarrer in ſeinem Sorgenſtuhl, und uberdachte die Veränderungen, welche die Ankunft des Vicars in ſeinen bisherigen Verhältniſſen herbeifuh⸗ ren könne. Sein Geſicht war ein treuer Spiegel ſeines Herzens; trotz ſeines Alters lag auf ſeinen Wangen noch eine ſanfte Roͤthe — ſeine blauen Augen hatten einen Ausdruck himmliſcher Guͤte, und in ſeinem klaren Blicke las man, daß er es nie noͤthig gefunden hatte, einen Gedanken ſeiner ſchuld⸗ loſen Seele zu verhehlen. — Heiterkeit und der Frieden eines reinen Gewiſſens ſtrahlten von ſeiner Stirn, und ſchon ſein Aeußeres zeigte, daß er wahrhaft ein Mann nach dem Herzen Gottes war. „Gewiß,“ ſagte er jetzt zu ſich ſelbſt, „wird mir Gott in meinem Vicar einen lieben, freundlichen jungen Mann zufuͤhren; denn wenn er meine Pfarr⸗ kinder in ihren unſchuldigen Freuden, in ihrem Sonntagstanz ſtorte, oder ihre von der menſchlichen Natur unzertrennlichen Schwachheiten zu ſtrenge ruͤgte, ſo wuͤrde dies mich ſcr verlegen machen und betruͤben.“ — 114 — Hier klingelte es an der Hausthuͤr; die zum Empfang des Vicars von dem Pfarrer eingeladenen Honoratioren des Dorfes traten ein; bald darauf kamen auch die drei von dem Biſchofe zu ſeinen Stellvertretern ernannten Prieſter, nur die Haupt⸗ perſon des Tages fehlte noch immer. Schon ſchlug es zehn Uhr, und man fing an uͤber ſein Außen⸗ ßenbleiben unruhig zu werden, als Margarethe ganz verſtort eintrat, und ihrem Herrn zufliſterte: der Vicar ſei angekommen. Er ging in's Vorzimmer, ihn zu empfangen, doch bei ſeiner Erſcheinung erbebte er, und eine Art von Furcht band die freundlichen wohlwollenden Worte, mit denen er ihn hatte willkommen heißen wollen. Dem jungen Mann entging der Eindruck nicht, den ſein Anblick auf den Pfarrer machte. „Ich bin,“ ſagte er mit ernſtem Tone, „der Vicar Victor, von deſſen An⸗ kunft Sie der Biſchof von A. vor wenigen Tagen benachrichtigt hat, und komme jetzt, ſeinem Befehle zu gehorchen und Sie meiner Ehrfurcht zu verſichern.“ Er beſtrebte ſich bei dieſen Worten ſichtlich, ſeinen Zuͤgen einen freundlichen Ausdruck zu geben, allein es mißlang, und der Zwang, den er ſich anthat, brachte eine ganz entgegengeſetzte Wirkung hervor. —— ——— — 115 — Der Pfarrer vermochte nicht zu antworten; der Anblick des jungen Mannes hatte ihn zu gewaltig ergriffen. Auf Vietors Geſicht, deſſen bräunliche Farbe einem fremden Himmelsſtrich anzugehören ſchien, lag eine Todtenblaͤſſe, ſeine Zuge, wie ſeine Haltung, ſchienen die Befolgung der allerſtrengſten Vorſchriften des aſtetiſchen Lebens zu verrathen, und ſein dunkles, geſcheiteltes, in reichen Locken auf ſeine Schultern niederwallendes Haar gab ihm, ver⸗ bunden mit dem duͤſtern Feuer ſeines ſchwarzen, durchdringend ſcharfen Auges, den Ausdruck ſchwär⸗ meriſcher Begeiſterung und eines finſtern Ernſtes. „Ich ſtelle Ihnen hier, meine Herren,“ ſagte der Pfarrer bei ſeiner Ruͤckkehr in das Zimmer, „in Herrn Victor den Vicar vor, den Monſeigneur, der Biſchof von A., mir guͤtig geſandt hat, um mich in den Verrichtungen meines prieſterlichen Amts zu un⸗ terſtutzen.“ lle ſtanden auf, und Victor begruͤßte ſie mit einem Anſtand und einer Wuͤrde, die man freilich von einem armen Land-Vicar nicht erwartet hatte; aber er machte auf Alle denſelben Eindruck wie auf den Pfarrer, als ihre Augen ſeinem duͤſtern Blick — — 116 — begegneten, deſſen gewaltiger Ausdruck zu verkuͤnden ſchien, der junge Mann trage entweder den Tod im Buſen, oder auch eine Schuld, von der ein ſtrenges Leben der Buße und Reue ihn reinigen ſolle. Der Vicar ſetzte ſich; das Geſpräch ſtockte, Jeder ſchwieg, und der Neuangekommene that nichts, dies Schweigen zu unterbrechen. Seine Erſcheinung uͤbte eine ſo magiſche Gewalt, wie einſt der Kopf der Meduſa, und doch war das Gefuͤhl, das er einfloßte, nicht ſowohl Furcht oder gar Widerwillen, als vielmehr die Scheu, die ein ungeheurer Schmerz, eine erhabene Tugend, oder auch ein großes Ver⸗ brechen in unſerer Seele erwecken. Betrachtete man ihn genauer, ſo lag in ſeiner Geſtalt etwas ſehr Anmuthiges und Vornehm⸗Ebdles, aber eine gewal⸗ tige Leidenſchaft oder furchtbare Erinnerungen ſchie⸗ nen dieſen ihm von Natur eigenen Reiz verwiſcht zu haben, und ſo wie es Menſchen gibt, deren liebenswuͤrdige Freimuthigkeit und Herzlichkeit uns beim erſten Blicke mit ihnen vertraut macht, ſo ge⸗ hoͤrte er zu denen, die mit Einem Wort, Einer Miene ſo viel Adel, Wuͤrde und Strenge entfalten, daß man ſich gezwungen fuͤhlt, ſie nur aus der — 117 — Ferne anzuſtaunen, und ſie ſchweigend zu bewun⸗ dern, oder vor ihnen zu zittern. Endlich wagte es der Maire, den Ankömmling anzureden, und ihn ſtotternd zu fragen, ob ihm nicht die Lage des Dorfes gefalle? „O ja,“ antwortete dieſer ernſt. „Gewiß,“ fiel hier der alte Pfarrer mit einer Gutmuͤthigkeit ein, die von dem Vicar nicht unbe⸗ achtet bleiben konnte, „unſte Gegend iſt ſchön und wird Ihnen ſicher gefallen, wenn Sie ſie erſt ge⸗ nauer kennen lernen. Der Ardenner Wald kroͤnt von allen Seiten die Berge, die unſer reizendes Thal begrenzen; der kleine Fluß, der es durchſchlaͤngelt, ſcheint ſich ſelbſt in ſeinen Kruͤmmungen zu gefallen; die zerſtreut liegenden Bauerhäuſer, unſte Kirche mit ihrem gothiſchen Thurm, das ſchone Schloß am Ende des Thales, die Ruine am See — Alles dies vereint bildet das lieblichſte Gemaͤlde. Die Menſchen, welche hier wohnen, ſind ein gutmuͤthi⸗ ges Völkchen, und gewiß, lieber Herr Vicar, wer⸗ den Sie, wenn Sie nur erſt bei uns heimiſch ge⸗ worden ſind, wünſchen, hier Ihr Leben zu beſchlie⸗ ßen; denn was kann man ſich Beſſeres wuͤnſchen, — 1 — als ein reizendes Thal zum Wohnſitz, einen Freund, und gute Pfarrkinder, die ſich des Lebens unſchul⸗ dig erfteuen. Ich wenigſtens wuͤrde troſtlos ſein, wenn ich nicht mein Grab neben ihren Graͤbern fände.“ „Auch mein Grab hoffe ich hier zu finden,“ ſagte mit ſchwermuthsvollem Tone der Vicar. Man ſchwieg wieder einige Augenblicke, dann fuͤhrten die drei fremden Pfarrer ihren jungen Amts⸗ bruder in ein Fenſter, um ihn zu fragen, wie es mit der Rede ſtehe, die er bei ſeiner Einfuͤhrung zu halten habe? „Ich wufte nicht, daß der Gebrauch dieſe er⸗ fordere,“ antwortete er. „Wenn Sie es wuͤnſchen,“ ſagte einer von ihnen, der in des Vicars Zuͤgen Verlegenheit zu leſen glaubte, „kann ich Ihnen mit einer von mei⸗ nen Reden aushelfen, die ich den Nothfall zu mir geſteckt habe.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte er, „allein einige aus dem Herzen kommende Worte werden hoffentlich heute hinreichen und den Zuhoͤrern mehr gelten, als die Gedanken eines Fremden, den die Lage, in der ich mich befinde, nicht bewegte, als er ſie niederſchrieb.“ — 119 — Der feierliche Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, fiel den Pfarrern auf, und da in dieſem Au⸗ genblick die Glocken zur Kirche laͤuteten, traten Alle ſchweigend den Weg dahin an. Die Kirche zu Aulnay iſt ein altes gothiſches Gebaͤude, das vor Jahrhunderten zu einer Abtei gehoͤrt hat, von der man keine Spur mehr ſieht. Das altergraue Gemaͤuer derſelben floͤßt jene Schwer⸗ muth ein, welche ſich unſrer beim Anblick der lang⸗ ſamen, unausbleiblichen Zerſtoͤrung bemaͤchtigt, der kein Menſchenwerk entgehen kann. Keine fremde Zierrath entſtellte das Gebaͤude, die Kanzel war einfach, der Hochaltar von weißem Marmor, ohne andern Schmuck, als den eines großen Crucifires. Durch die kleinen gemalten, in Blei gefaßten Fenſter⸗ ſcheiben drang nur ein daͤmmerndes Licht, das die Seelen zu ſtiller, andächtiger Sammlung einzuladen ſchien. Die ganze Gemeinde war verſammelt, und Jeder harrte voll Erwartung auf die Erſcheinung des Vicars. Ein leiſes Murmeln ging durch die Verſammlung, als er an den Altar trat, um die Meſſe zu leſen, allein die fromme Begeiſterung, die ihn zu beſeelen ſchien, vereinte bald alle Anweſende in einem Ge⸗ fuͤhl. Sie ſahen jetzt in ihm nur den Vermittler — 120 — zwiſchen den Menſchen und der Gottheit, zwiſchen Erde und Himmel, der vom Schoͤpfer Erbarmen mit den Schuldigen, Kraft fuͤr die Trauernden, und Gnade fuͤr Alle erflehte. Nach der Meſſe kam nun bald fuͤr den Vicar der Augenblick, den der gute Pfarrer Gauſſe fuͤr ihn als eine ſchwere Aufgabe fuͤrchtete — der, wo er unvorbereitet zu der Gemeinde ſprechen ſollte. Der Greis begriff ſo wenig, als die andern anwe⸗ ſenden Pfarrer, die Moͤglichkeit einer unvorberei⸗ teten Rede; uͤberdies mußte dieſe gewiſſermaßen das Glaubensbekenntniß des jungen Mannes enthalten, in deſſen wuͤrdevollem Anſtande und ſchwermuͤthigem Blicke der alte Pfarrer die Verkunder einer geiſt⸗ lichen Strenge zu ſehen glaubte, die er fur ſeine Pfarrkinder um ſo mehr fuͤrchtete, da ſie dieſelbe nie durch ihn hatten kennen lernen. Er ſelbſt innig froh, in Zukunft nicht mehr predigen zu duͤrfen, was ihm von allen ſeinen Amtsverrichtungen ſtets die ſchwerſte und ermuͤdendſte geweſen war, beſtieg jetzt die Kanzel, um ihnen in ſeiner letzten Predigt die Hoffnung auszuſprechen, daß der Vicar ihnen ein noch beſſerer Seelſorger ſein werde, als er es bisher geweſen, und die Zuverſicht, daß ſie ihren ————————————— — — —————— — 121 — alten Pfarrer doch lieb behalten und ihn nicht ver⸗ geſſen wuͤrden. Kaum hatte er die Fanzel verlaſſen, als der junge Vicar ſie betrat. Mit ſchoͤner tiefer Stimme begruͤßte er die Verſammelten als ſeine Kinder, denen er Tröſter und Freund zu werden verſprach, und von denen nur der Tod ihn trennen ſolle. „Ich werde Euch Glaube, Hoffnung und Liebe predigen,“ ſagte er, „mein Beruf iſt, mit dem Ungluͤcklichen zu weinen, den Armen zu erquicken, dem Sterbenden die Gnade und das Erbarmen des ewigen Vaters troſtend zu verkuͤndigen, und Euch ein treuer Hirte zu ſein.“ Dann ſprach er von der himmliſchen Hei⸗ math, wo ſie Alle nach den Leiden des irdiſchen Lebens ſich einſt in den Armen der ewigen Liebe wieder finden wuͤrden, um nicht mehr zu weinen, mit ſo tiefer, inniger Begeiſterung, mit ſo wahr⸗ haft frommer Andacht, daß man fuͤhlte, wie ſehr er ſelbſt einen guten Kampf zu kaͤmpfen ſtrebe. Seine einfachen Worte drangen in die Herzen der Zuhoͤrer; Alle waren geruͤhrt. Als er in die Sacriſtei zuruͤckkam, faßte der alte Pfarrer mit einem Ausdruck von Dank und Mitleid ſeine Hand; F. Tarnow, Novellen. II. 6 — 122 — denn er hatte es errathen, daß ſein Vicar ungluck⸗ lich ſei, und ſeine Augen waren feucht geworden, als der junge Mann von ſeinem Tode wie von einer ſchönen Hoffnung ſprach. Vorzuͤglich hatten des Vicars Worte Ein Herz bewegt; dies Herz ſchlug in der Bruſt Louiſons, der Tochter der alten Beſchließerin im Schloſſe Aul⸗ nay. Die Atme beweinte den Geliebten, der auf Rußlands Eisfeldern den Tod gefunden hatte, und der Schmerz uͤber ſeinen Verluſt fuͤhrte ſie unauf⸗ haltſam dem Grabe zu. Noch vor dem Ende des Gottesdienſtes ward ſie ſo krank, daß ihr Bruder Michel ſie auf ſeinen Armen aus der Kirche tragen und nach Hauſe bringen mußte. Der gute alte Pfarrer kehrte, von ſeinen Amts⸗ bruͤdern begleitet, nach ſeiner Wohnung zuruͤck, wo man ſchon die Gäſte vorfand, die er aus der Ge⸗ meinde zu der Feier dieſes Tages eingeladen hatte. Er ſelbſt war aber nicht ſo heiter und redſelig, als gewohnlich. Die Niedergeſchlagenheit und Schweig⸗ ſamkeit ſeines Vicars betruͤbten ihn; er nahm ſchon den herzlichſten, aufrichtigſten Antheil an einem Ungluͤck, deſſen Grund und Veranlaſſung ihm noch ganz unbekannt war, und legte in — — ſein Betragen gegen ſeinen jungen Gehuͤlfen jenes zuvorkommende, herzgewinnende Wohlwollen, das kein guter Menſch zuruͤckzuweiſen vermag. Als die Gaͤſte ſich entfernt hatten, reichte er ihm die Hand. „Mein junger Freund,“ ſagte er, „Sie muͤſſen bei mir wohnen, ich habe Ihnen ſchon ein Zimmer ſo gut und bequem als moͤglich einrichten laſſen.“ Die freimuͤthige Herzlichkeit, die ſich in dem Betragen des Greiſes ausſprach, verwiſchte den Un⸗ terſchied des Alters und der Verhaͤltniſſe zwiſchen Beiden. Der Pfarrer war ſchon Victors Freund, und dieſer fand ſich, trotz ſeiner Menſchenſcheu, zu dem liebenswuͤrdigen Alten hingezogen; er nahm da⸗ her ſein Anerbieten an, druͤckte ihm die Hand und dankte mit Worten, die es verriethen, daß die Eis⸗ rinde ſeines Aeußeren einen Schatz tiefen Gefuhls bedeckte. Am andern Morgen las der Vicar die Meſſe, kam dann zum Fruͤhſtuͤck, wuͤnſchte dem Pfarrer einen guten Morgen und wurde von dieſem zu einem Spatziergange eingeladen. Der Anblick des reizenden Thals, das in vollem Fruͤhlingsſchmuck ſich vor ſeinen Augen ausbreitete, ergriff ihn ge⸗ waltig. Ihm war, als habe er dieſe Gegend ſchon — 14 — im Traume geſehen, oder als habe er hier die erſten Tage ſeiner Kindheit verlebt. „Ja,“ ſagte er, nach⸗ dem er lange ſchweigend neben ſeinem Begleiter her⸗ gegangen war, „hier könnte man glucklich ſein!“ — dann verſank er aber ſeufzend wieder in ſeine finſtern Traͤumereien, und aus ſeinen Zuͤgen ſprachen wech⸗ ſelnd tiefer Schmerz, oder bittere Entſagung. — Er hoͤrte wenig von des Pfarrers Unterhaltung, bis dieſer, als ſie ſchon wieder vor der Thuͤr des Pfart⸗ hauſes ſtanden, ſeine Ermahnungen mit den Worten ſchloß: „Leben Sie fuͤr Andere, wenn Sie nicht fuͤr ſich ſelbſt leben können, und machen Sie es nicht, wie unſere kleine Louiſon, die vor Gram ſtirbt. Das arme Kind ſcheint die Nachricht von dem Tode ihres Geliebten nicht uͤberleben zu koͤnnen.“ „Ja wohl!“ ſagte Margarethe, die ihnen hier entgegen kam, „ſeitdem ſie geſtern in der Kirche ſo krank wurde, ſteht es doch viel ſchlimmer mit ihr. Sie iſt dem Tode nah.“ „Wer iſt ſie, wo wohnt ſie?“ fragte der Vicar, „ich muß zu ihr gehen, um ſie zu troͤſten. Die Ungluͤckliche! wie bedaure ich ſie, wieviel mag ſie leiden!“ Er ließ ſich den Weg nach dem Schloſſe und — 125 — die Wohnung der Beſchließerin bezeichnen. Als er dieſe betrat, ſiel ſein erſter Blick auf Louiſon, die bleich und mit halbgeſchloſſenen Augen auf ihrem Lager ruhte. Er ſetzte ſich neben ſie, faßte ihre kalte Hand, wollte reden — allein das Wort er⸗ ſtarb auf ſeinen Lippen, und ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thränen. — Die alte Mutter, der Bru⸗ der und die Frau des Gärtners, die ſich in dem Zimmer befanden, wurden durch dieſen Auftritt ſo uͤberraſcht, daß ſie nicht zu reden vermochten. „Armes Kind!“ ſagte endlich der Vicar mit wei⸗ cher, bebender Stimme, „was ſollſt Du auf der Welt, wenn Dein Herz gebrochen iſt!“ Er ſtrebte ſich zu faſſen, betete mit der Kran⸗ ken, die Troſtgruͤnde der Religion floſſen von ſeinen beredten Lippen, und als er nach einer Stunde mit der Verheißung baldiger Wiederkehr ſchied, ließ er Alle in ſrommer Ergebung zuruͤck. Keinem war es entgangen, daß der Vicar einen ungewoͤhnlich tiefen Antheil an dem Schickſal des jungen Mädchens nahm, und Alle, die ihn an dieſem Sterbelager ſahen, wurden von dem ſtummen Ausdruck des bit⸗ terſten Schmerzes in ſeinen Zuͤgen geruͤhrt. Nach einigen Tagen, in denen der Pfarrer den — 126 — jungen Mann, trotz ſeines Truͤbfinns, immer lieber gewann, knuͤpfte er eines Abends mit ihm ein Ge⸗ ſpräch uͤber die Art und Weiſe an „ wie ſie ihre Berufsgeſchaͤfte unter ſich theilen wollten. „Ich wuͤnſchte,“ ſagte er ihm, „daß Sie mir, da mir das Gehen oft ſauer wird, die Gänge in das Dorf abnehmen, und ſtatt meiner die Kranken und Ster⸗ benden beſuchen moͤchten, um ihnen Troſt und Bei⸗ ſtand zu bringen.“ „Dieſe Beſuche,“ antwortete der Vicar, „ſind das ſchoͤnſte Vorrecht eines Prieſters, und ich werde Ihnen ſehr dankbar ſein, wenn Sie mir dieſelben uͤbertragen wollen.“ Erfreut uber dieſe Bereitwilligkeit, fuhr Gauſſe fort: „Ihre Predigt aus dem Stegreif hat mich ſo geruhrt, und Sie ſind mit einem ſo ſchöͤnen Red⸗ nertalent begabt, daß es Ihnen gewiß nicht ſchwer fallen wird, auch fuͤr mich zu predigen.“ Er ſah hier den Vicar mit einer Beſorg⸗ niß an. „Ihre pfarrkinder,“ verſetzte dieſer, „werden es bedauern, Sie nicht mehr zu hoͤren; aber ich darf Ihnen die Verſicherung geben, daß ich Alles aufbieten werde, um ſie durch meine Reden und — — 127 — Ermahnungen vor dem Ungluͤck zu bewahren, das ſtets im Gefolge des Laſters und der Verirrun⸗ gen iſt.“ „Mein junger Freund,“ ſagte der Pfarrer zö⸗ und ſichtlich befangen, „ich habe noch einen Wunſch auf dem Herzen. Ich werde alt, und — ſei es nun Schwäche, oder Betrubniß, die alten Leute ſterben zu ſehen, die ich Alle liebe und mit denen ich ſo lange gelebt habe — genug, es thut mir weh, bei ihren Begräbniſſen gegenwärtig ſein zu muͤſſen. Glauben Sie deßhalb nicht etwa, daß ich den Tod fuͤrchte — Gott iſt mein Zeuge, daß ich ihm mit ruhiger Ergebung entgegen ſehe — aber die Taufen und Hochzeiten bekommen mir beſſer, ſie ſtören meinen Schlaf nicht, ſie verderben mir nicht den Appetit, und da Sie juͤnger, mui ſind, als ich, und hier noch Niemand kennen — „Ja,“ ſprach der Vicar, „die Begräbniſſe ſe gen mir zu, der Tod iſt mir lieber, als das Leben — eine Taufe, eine Hochzeit betruͤbt mich, nur das Grab lächelt mich an. Leben heißt leiden —“ „Nein, das Leben iſt ſchön,“ unterbrach ihn der Pfarrer, der dem finſtern Gange ſeiner Ideen nicht Raum gönnen wollte, — „verſuchen Sie es — 128 — nur, mein Freund, mit einem alten Manne glůͤck⸗ lich ſein zu wollen, der Sie liebt, und vergeſſen Sie nicht, daß die Zeit jeden Schmerz beſiegt.“ Die Herzlichkeit, mit der dieſe Worte geſagt wurden, ruͤhrte den Vicar; er ſprach ſeine Dank⸗ barkeit fuͤr den Antheil, den der Pfarrer an ihm nahm, mit großer Innigkeit aus, und dieſe Unter⸗ haltung endete ſich zu ihrer beiderſeitigen Zufrieden⸗ heit, da Victor die ihm aufgetragenen geiſtlichen Verrichtungen eben ſo gern übernahm, als der Greis ſie ihm uͤberließ. Den naͤchſten Tag kamen mehrere Wagen mit Meubles fuͤr den Vicar an, deren einfache und ge⸗ ſchmackvolle Zierlichkeit von Margarethen ſehr bewun⸗ dert ward, die unter den angekommenen Sachen manches ihr bisher unbekannt gebliebene Geräth ent⸗ deckte, wodurch ihre Muthmaßungen ein weites Feld erhielten. Noch mehr aber ſtieg ihr Erſtaunen, als der Vicar ſie, nachdem ſein Zimmer und die beiden daran ſtoßenden Cabinette ganz in Ordnung gebracht und nach ſeinem Wunſche eingerichtet waren, zu ſich rief. „Ich ſehe es ein, Margarethe,“ ſagte er, „daß es mir ſehr ſchwer fallen wuͤrde, mich mit dem Herrn Pfarrer uͤber gewiſſe Dinge zu verſtäͤn⸗ — 129 — digen, die wir daher unter uns abmachen muͤſſen. Ich glaube, daß 2000 Franken jährlich hinreichen werden, ihm die Koſten meines Aufenthaltes in ſei⸗ nem Hauſe zu verguͤten. Hier ſind ſie, Margare⸗ the, ich gebe ſie Ihnen, denn der Herr wuͤrde da⸗ von nicht gern reden hören; doch fuge ich noch eine Bitte hinzu, und zwar die, nie ungerufen in mein Zimmer zu kommen, und mich ſo wenig als moͤglich in meinen Studien zu ſtören. Ich weiß jetzt ſchon, zu welcher Stunde gefruhſtuͤckt und gegeſſen wird, und werde nie auf mich warten laſſen; allein jede Stsrung meiner Einſamkeit, iede Unterbrechung meiner Beſchaͤftigungen iſt mir peinlich, und ich bitte Sie daher, ſie mir ſo viel möglich zu erſparen.“ Es war naturlich, daß dieſe Forderung und die ganze Erſcheinung des Vicars Margarethens Neu⸗ gier reizten, und ſie faſt leidenſchaftlich wuͤnſchte, etwas Näheres uͤber ſein fruheres Leben und ſeine Verhältniſſe zu erfahren. Allein er blieb ſo ver⸗ ſchloſſen, wie er es am erſten Tage ſeiner Ankunft geweſen war. Mit der Puͤnktlichkeit, mit weicher der Zeiger einer Uhr auf dem Zifferblatt die Stun⸗ den bezeichnet, erfuͤllte er alle ſeine prieſterlichen Pflichten, und der alte Pfarrer gewohnte ſich an — 130 — ſein Schweigen und ſeinen Hang zur Einſamkeit um ſo leichter, da er durch ihn auf keine Weiſe in ſei⸗ ner gewohnten Lebensart geſtoͤrt wurde, und nur die Annehmlichkeit empfand, ihm alle für ihn läſti⸗ gen Berufsgeſchaͤfte uͤbertragen zu koͤnnen. Seinem der Gemeinde bei ſeiner Einfuͤhrung gege⸗ benen Verſprechen getreu, beſuchte Victor alleHuͤtten, um die Unglůͤcklichen und Betruͤbten zu troſten, und ging auch oft zu Louiſon, die ſich dem Grabe mit ſchnellen Schritten naͤherte. Bald wurde er von der Ge⸗ meinde als der Schutzengel aller Duͤrftigen und Trauern⸗ den verehrt. Er aß alle Tage mit dem Pfarrer, und brachte auch zuweilen die Abende bei ihm zu; allein aus allem ſeinen Thun leuchtete die vollkommenſte Gleichgultigkeit gegen das Leben hervor; nie ſpielte ein Lächeln um ſeine Lippen, ſein Blick blieb ſchwer⸗ muthsvoll, ſeine Stimme dumpf — ein Wort, ein unbedeutendes Wort konnte ihn oft ſichtlich erſchut⸗ tern, allein nie entfuhr ihm eine Klage, und dieſe ſtumme, hoffnungsloſe Reſignation des jungen Man⸗ nes that dem Pfarrer um ſo weher, da ſie ihn zum Schweigen zwang, wo er ſo gern den Verſuch gemacht haͤtte, zu troſten. 2 Ein neuer Vorfall erhoͤhte noch die Neugier, 1 — 131 — welche der Vicar einfloßte, und gab wieder Stoff zu mancherlei Geſchwaͤtz uber ihn. Margarethe ent⸗ deckte, daß er, ob er gleich ganze Tage in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen zubrachte, doch auch noch einen großen Theil der Naͤchte durchwachte, und konnte der Begierde nicht widerſtehen, zu erforſchen, womit er ſich denn eigentlich in dieſer Einſamkeit beſchaͤftige. Sie ſetzte daher eines Abends eine Leiter an ſein Fenſter, um ihn zu belauſchen. Er ſaß in einem Lehnſtuhl, das Auge unverruͤckt auf einen Gegen⸗ ſtand geheftet, den ſie leider von ihrem Standpunkte aus nicht erblicken konnte. — Voll Erſtaunen uͤber die Unbeweglichkeit ſeiner Stellung, ſtieg ſie, der ihrigen uͤberdrußig, von der Leiter herab, allein von Viertelſtunde zu Viertelſtunde ging ſie wieder auf ihren Poſten. Endlich, nach Verlauf einiger Stunden, ſah ſie ihn Hände und Augen gen Himmel erheben, aufſtehen, und ſich ſeinem Schreibtiſch nähern, wo er, mit ihr unbegreiflicher Geſchwindigkeit etwas nie⸗ derſchrieb — ſie ſah ihn mit ſich ſelbſt reden, allein die Mauer war zu dick, das Fenſter zu feſt ver⸗ ſchloſſen, als daß ſie hätte verſtehen koͤnnen, was er ſprach. Er ſchien tief bewegt — er weinte — dann ſtand er auf, er verſuchte zu leſen, zu beten — — 132 — allein ein unwiderſtehlicher Zauber ſchien ihn immer zur Betrachtung des Gegenſtandes zuruͤckzufuhren, den Margarethe leider nicht zu erblicken vermochte. Endlich gegen zwei Uhr des Morgens gab ſie es auf, ihn ferner zu beobachten, da er noch nicht Willens zu ſein ſchien, ſich niederzulegen, und trug die Lei⸗ ter wieder bei Seite. Sie verfehlte nicht, am Morgen dem Pfarrer ihre Beobachtungen mitzutheilen „ und als ſie mit dieſem den ganzen Kreis der Moglichkeiten und ihrer Vermuthungen durchgeſprochen hatte, ſetzte ſie auch ihre Freundinnen im Dorfe davon in Kenntniß, und da kein anderer Vorfall Stoff zum Gerede gab, blieb der Vicar lange der Gegenſtand der allgemeinen Neu⸗ gierde. Sein ſchoͤn gelocktes Haar, ſeine ſchwarzen Augen, deren Glanz von Wehmuth und Schmerz gemildert wurde; ſein vornehmer Anſtand, ſein edler Gang und die Wuͤrde ſeines Benehmens waren Vor⸗ zuͤge, die auch in einem Dorfe nicht unbemerkt blei⸗ ben konnten. Dazu kam, daß er den Armen viel Gutes that, und reich ſein mußte, um dies in der Art zu koͤnnen, wie es geſchah. Kein Wun⸗ der alſo, daß man ſich, ſo oft er erſchien, von Thuͤre zu Thuͤre zufliſterte: „Da iſt der Vicar! da iſte — 133 — err“ und Alle ſtuͤrzten herbei, und Alle wollten den ſchonen, ſchwermuͤthigen, jungen Mann voruͤber⸗ gehen ſehen. In dieſer Zeit kam die Beſiterin des Schloſſes Aulnay, die Marquiſe Roſann, daſelbſt an. Sie war eine Frau von 38 Jahren, die aber viel junger zu ſein ſchien, und noch immer fuͤr ſchoͤn gelten konnte⸗ Selbſt in der Zeit ihrer herrlichſten Jugendbluͤthe vergaß man indeß oft ihre Schoͤnheit uͤber ihren Geiſt und ihre Herzensgute. Der Ausdruck ihres Geſichts war ſanft und geiſtvoll, ihr Lächeln lieb⸗ lich, und aus ihren Augen ſprach jene Tiefe des Gefuͤhls, die ſo oft hienieden die Quelle der aller⸗ bitterſten Schmerzen wird. Ohne leidenſchaftlich und leichtſinnig zu ſein, fuhlte ſie ſich doch ſchnell zu Menſchen hingezogen, die ſich durch glaͤnzende Ei⸗ genſchaften auszeichneten, und gab ſich der Begei⸗ ſterung hin, die ſie ihr einfloßten. Jener unwider⸗ ſtehliche, den Frauen vom Himmel verliehene Hang zu gefallen und Alles zu begluͤcken, was in ihren Kreis tritt — jene zarte, tiefe Empfindung, die das Mitgefuͤhl zur Bedingung des Daſeins macht, und ſchoner in Andern, als in dem eigenen kleinen Ich zebt, war der Grundton ihres Weſens. — Seit — 134 — ihrer Verheirathung hatte ſie dieſe Stimmung oft in ſich bekaͤmpft, weil ſie unter den Menſchen, mit denen ſie lebte, das Ideal ihres Herzens und ihrer Träume nie verwirklicht fand. So blieb ihr Herz jung, ob ſie ſich gleich dem vierzigſten Jahre, das heißt, dem Zeitpunkte naͤherte, der fuͤr das Gluͤck und den Frieden des weiblichen Herzens der aller⸗ gefährlichſte iſt. Sie war gern und viel einſam, und eine leiſe Wehmuth uͤberſchleierte alle ihre Empfin⸗ dungen und Gedanken. Ihre Jugend war nicht glucklich geweſen; ihr Vater ſtarb vor ihrer Geburt, ihre Mutter wenig Wochen nach derſelben; ſie wurde von einer Tante, deren herzloſer, boshafter, kleinli⸗ cher Charakter zu der Seele und zu den Naturan⸗ lagen der Nichte den ſchreiendſten Gegenſatz bildete, mit ſtrenger Härte erzogen. Zu noch größerem Un⸗ gluͤck fuͤr Victorine war die Tante ſehr bigott und legte mit der ihr angeborenen Herzloſigkeit auch noch den ganzen Druck moͤnchiſcher Bigotterie auf die Kleine. Unter dieſem Zwange wurde Victorine ſanft und geduldig wie ein Engel; in der Abgeſchiedenheit und Unwiſſenheit, in der ſie aufwuchs, da die Tante alle weltlichen Kenntniſſe fuͤr ſuͤndhaft hielt, ent⸗ — ——— —————— — ——— — — falteten ſich aber mit ihren ſchönen Eigenſchaften auch ihre Fehler, und dieſe gluͤhende Seele blieb ohne alle Anleitung zur Selbſtkenntniß und Selbſtbeherr⸗ ſchung. Von Niemand gekannt, wurde das ver⸗ ſchuchterte, furchtſam ſchweigende Kind von der Tante und ihren Geſellſchaftern lange fuͤr unbedeutend und einfältig gehalten. — Victorine mußte ſich daher eben ſo uͤberraſcht als begluͤckt fuͤhlen, als ein liebenswuͤr⸗ diges Weſen, das ihren Werth zu errathen verſtand, ihr dieſen ſelbſt offenbarte; aber dies Gluͤck wurde fur ſie zu einer Quelle des Ungluͤcks. — Sie hatte die erſten Jahre ihres Lebens in Aul⸗ nay bei Marien, ihrer Amme, verlebt, von der ſie mutterlich geliebt und gepflegt worden war. Victo⸗ rine blieb ihr dafuͤr ſtets in zärtlicher Dankbarkeit ergeben, und es waren ihre gluͤcklichſten Tage, wenn die Tante, die im Umgange mit ihren geiſtlichen Freunden die Gegenwart der Nichte zuweilen läſtig fand, ihr erlaubte, einige Wochen bei dieſer Amme zuzubringen — eine Erlaubniß, die Victorine, ſo wie ſie älter wurde, immer leichter und haͤufiger erhielt. Alle frohen Jugenderinnerungen der Marquiſe waren daher an das Dorf Aulnay gebunden, und 1 1¹ 1 — 136 — machten es ihr theuer. Als ſie nach dem Tode ihrer Tante dem Marquis von Roſann die Hand gab, begluckte es ſie nicht wenig, durch dieſe Verbindung die Gebieterin deſſelben zu werden, indem es zu den Beſitzungen ihres Gemahls gehoͤrte. Der Marquis von Roſann war in ſeiner Jugend ein Welt⸗ und Lebemann; er ſpielte, hielt Maitreſſen, machte Schulden, pruͤgelte ſeine Glaͤubiger, jagte ſeine Pferde zu Tode, und war in zahlloſe Intri⸗ guen verwickelt; aber in allen dieſen Verirrungen bewahrte er Muth, Ehrgefuͤhl und jenen ritterlichen Sinn, der ein vorherrſchender Zug des alten fran⸗ öoſiſchen Adels war. Dem Gebot der Mode fol⸗ gend, emigrirté er, kam in ſeinem vierzigſten Jahre mit helleren Begriffen vom Weſen des wahren Le⸗ bensglucks zuruͤck, und erhielt, durch eine beſondere Beguͤnſtigung des Geſchicks, die Ruͤckgabe ſeiner Guͤter. Victorine hatte nach dem Tode ihrer Tante die Verwaltung ihres Vermoögens einem erprobten Ge⸗ ſchaͤftsmanne uͤbertragen, und ſich nach Aulnay zu⸗ ruͤckgezogen, wo ſie bei ihrer Amme lebte. Der Marquis lernte die junge Waiſe kennen; er ſehnte ſich nach haͤuslichem Gluͤck, nach einer Gattin, deren — Sanftmuth und Liebenswuͤrdigkeit den Frieden der letzten Haͤlfte ſeines Lebens zu ſichern vermoͤge, und glaubte dieſe in Victorinen von Vancelle gefunden zu haben. Die Geſchichte ihrer fruͤheren Jugend blieb ihm unbekannt. Niemand wußte darum als Marie, und Keiner, der ſie ſah, konnte auf den Verdacht gerathen, ſie habe in ihrem funfzehnten Jahre zu lieben geglaubt, und ſei das Opfer dieſer Leidenſchaft geworden. Die Bewerbungen des Marquis wurden von Victorinen anfäͤnglich mit Gleichgültigkeit, dann mit freundlichem Wohlwollen aufgenommen. Seine Herzensgute erwarb ihm ihre Achtung, ſie ſah in ihm einen zuverlaͤſſigen Freund, ihr verwaiſtes Herz bedurfte der Sorge fuͤr fremdes Gluͤck, um eine fruͤhere ſchmerzliche Tauſchung zu vergeſſen, und ſo entſchloß ſie ſich endlich, dem Marquis ihre Hand zu geben. Sie weinte ſehr bei ihrer Trauung, bot aber ſeit ihrer Vermaͤhlung Alles auf, den Marquis, der ſie leidenſchaftlich liebte, gluͤcklich zu machen, und er wuͤrde es ganz geweſen ſein, wenn es ihn nicht unausſprechlich betruͤbt hatte, daß ihre Ehe einderlos blieb. Er war der Letzte ſeiner Familie, ohne alle Seitenverwandte, und der Gedanke, daß ſeine Guͤter und ſein Vermögen nach ſeinem Tode — 138 — in ganz fremde Hände uͤbergehen ſollten, ihm hoͤchſt, peinlich. Marie erhielt nach der Vermaͤhlung ihres Frau⸗ leins die Stelle einer Beſchließerin im Schloſſe Aul⸗ nay, das nur etwa zehn Minuten weit von dem Dorfe gleiches Namens entfernt lag. Eine vierfache Allee hoher Ulmen fuͤhrte zu dem eiſernen Gitterthore des Schloßhofes, und auf jeder Seite deſſelben lag ein kleines, zierliches Gebaͤude, wovon das eine die Wohnung Mariens, das andere die des Gärtners war. Ein ſchoͤner Raſenplatz breitete ſich von die⸗ ſem Gitterthor bis zum Schloſſe aus, das, auf einer Anhoͤhe gelegen, das ganze Thal uͤberragte und an einen großen, geſchmackvoll angelegten engliſchen Garten grenzte. Das Schloß ſelbſt war erſt von dem Vater des jetzigen Beſitzers erbaut worden. Groß genug, um zahlreiche Gäſte aufnehmen zu können, war es doch nicht ſo weitläͤufig, um bei kleinerer Geſellſchaft oͤde zu erſcheinen. Dieſe Gegend war der Marquiſe durch die an ſie geknuͤpften Erinnerungen zu theuer, um nicht jährlich die Sommermonate hier zuzubringen. Der Marquis kam, ſo oft ſeine Geſchafte und der Po⸗ — 139 — ſten, den er jetzt bekleidete, es ihm erlaubten, um ſeine Gemahlin zu beſuchen. Es war Nachmittags fuͤnf Uhr, Marie ſaß an Louiſons Lager; der Gram hatte mehr noch als die Jahre ihre Zuge gealtert, ihre Haare gebleicht und ihr Geſicht mit Runzeln bedeckt. Sie glaubte an einem Strumpfe zu ſtricken, den ſie in der Hand hielt, aber ihre Blicke glitten von der Arbeit weg auf ihre Tochter; ſie ſeufzte, und ſchwere Thraͤnen rollten uͤber ihre Wangen. Luiſons Fieberphantaſien zeigten ihr den Geliebten — neues Leben glaͤnzte in ihren erloſchenen Blicken — „Robert!“ rief ſie, „hier bin ich — komm, laß uns zuſammen Blumen fur meine Mutter pfluͤcken.“ — Dann ſchwieg ſie, bald aber wandte ſie ſich zu Marien: „Siehſt Du,“ ſagte ſie, und zeigte mit ihrer Hand nach dem Fen⸗ ſter, „ſiehſt Du, er geht — er winkt mir ſein letz⸗ tes Lebewohl zu — ſeine Augen verſichern mir, daß er mich liebt, daß er mich nie vergeſſen wird — armer Robert, wann, o wann werden wir uns wiederſehen?“ — „Robert — und immer nur Robert!“ fliſterte Marie leiſe vor ſich hin. — 140 — „Nicht wahr, Mutter, er lebt noch, er iſt noch nicht todt?“ rief Louiſon mit herzzerreißendem Tone. „Iſt er aber geſtorben, ſo will ich zu ihm in's Grab.“ Die alte Mutter ſah erblaſſend um ſich her. „Michel kommt immer noch nicht vom Schloſſe zu⸗ ruͤck,“ ſagte ſie in einem Tone, der es verrieth, wie ſehr ſie es ſcheute, am Sterbebette der Tochter einſam zu ſein. Louiſon ſank zuruͤck und ſchien zu ſchlummern, als man ploͤtzlich Pferdegetrappel und Wagengeraſſel hoͤrte. Marie erkannte die Equipage der Marquiſe, und eilte nach der Gitterpforte, die ſie nur mit muͤhſamer Anſtrengung zu oͤffnen vermochte. Die Marquiſe las ihre Betruͤbniß in ihren Zu⸗ gen. „Wie geht es Deiner Tochter, gute Amme?“ fragte ſie, indem ſie halten ließ. Thränen waren Mariens Antwort. Bewegt wagte die Marquiſe keine zweite Frage, ſondern blickte nur Michel, ihren Milchbruder, an, der auf das Geräuſch ihres Wagens herbeigeeilt war. Dieſer verſtand ihren Blick und beantwortete ihn mit einer Pantomime, die zu verſtehen gab, daß — 141 — alle Hoffnung zur Rettung ſeiner Schweſter verlo⸗ ren ſei. „Komm mit mir, gute Amme, klage mir Dein Leid, liebe Marie,“ ſagte die Marquiſe. „Ach, ich kann nicht, liebe gnadige Frau,“ rief Marie, „meine arme Tochter ſtirbt, und ich muß doch in ihrer letzten Stunde bei ihr ſein und ihr die Augen zudruͤcken. Im zwantzisſten Jahre zu ſterben, vor Liebe und Gram zu ſterben — o es iſt hart, ſehr hart!“ ſetzte ſie, in Thränen ausbtechend und das Geſicht in ihre Schuͤrze verhuͤllend, hinzu, in⸗ dem ſie ſich umwandte und in ihr Haus zuruͤckging. „Wie ſchmerzt es, eine Mutter um ihr Kind weinen zu ſehen!“ ſagte die Marquiſe. „Komm heut Abend noch zu mir, Michel, und bringe mir Nachricht von Deiner Schweſter.“ Sie fuhr nach dem Schloſſe und fuͤhlte ſich be⸗ wegt, als ſie beim Eintritt in ihre Zimmer dieſe mit ihren ſchoͤnſten Lieblingsblumen geſchmuckt fand, was — wie ſie wußte — unter Mariens Anleitung Michels Werk war. „Ach,“ ſeufzte ſie, „ſelbſt in ihrem Schmerze vergißt ſie nicht, mir Freude zu bereiten — wie muͤtterlich liebt ſie mich!“ Die Luft war ſo ſtill, daß kein Blättchen ſich regte; — 142 — der ſchwindende Tag, das Abenbgelaͤut der Dorf⸗ glocke, das Bild der ſterbenden Louiſon — Alles vereinte ſich, die Marquiſe wehmuͤthig zu ſtimmen, und ſie gab ſich dieſer Stimmung hin, als Michel eintrat, und ihr ausfuͤhrlich Alles erzählte, was zu⸗ ſammengetroffen war, um Louiſon ſo ſchnell dem Tode entgegenzufuͤhren. „Ach, gnädige Frau,“ ſetzte er hinzu; „wie oft mag ſich Robert in jenem abſcheulichen Siberien nach unſern bluͤhenden Fluren zuruͤckgeſehnt haben!“ „Und wißt Ihr gewiß, daß er todt fragte die Marquiſe. „Ach, nur zu gewiß, gnädige gun. Roberts Mutter erhielt einen Brief aus der Kriegskanzlei, und eilte, in dem Glauben, er muͤſſe eine gluͤckliche Nachricht enthalten, ihn Louiſon zum Leſen zu brin⸗ gen. Es war gerade den Tag vor der Ankunft un⸗ ſers Vicars, als jene Trauerpoſt meiner Schweſter den Todesſtoß gab.“ „So ſichert denn kein Stand vor Ungluͤck, und Liebe und Schmerz brechen das Herz des Landmäd⸗ chens, wie der Fuͤrſtin,“ fliſterte die Marquiſe ſanft weinend vor ſich hin, und ihre Thraͤnen ſchienen nicht Louiſons Schickſal allein zu fließen. „Aber, — 143 — Michel,“ ſetzte ſie hinzu, „iſt denn der alte wur⸗ dige Pfarrer krank, weil Du von einem Vicar ſprichſt?“ — S „Nein, gnädige Frau, aber —“ Hier hoͤrte Michel ſich uͤber den Hof heruͤber cufen, und da er fuͤrchtete, ſeine Mutter möge ſei⸗ ner beduͤrfen, machte er ſeinen Kratzfuß und eilte, ohne ſich in weitere Erklärungen einzulaſſen, davon. Frau von Roſann war Louiſons Pathe, ſie hatte ſie aufwachſen ſehen und ſich theilnehmend der Ent⸗ wickelung ihrer Jugendreize und ihrer Liebenswuͤrdig⸗ keit gefreut. Louiſons Verlobung mit Robert war ihr Werk, ſie hatte ſich erboten, ſie auszuſteuern, die Hochzeit ſollte im Schloſſe auf ihre Koſten ge⸗ feiert werden, und ſie hatte, als das Loos der Conſcription auf Robert fiel, Alles aufgeboten, ihn frei zu machen — allein er war jung, geſund und wohlgeſtaltet, und ſo galt keine Ausflucht, er mußte matſchiren. Seitdem hatte die Marquiſe alles Mög⸗ liche gethan, Louiſon uͤber die Trennung von dem Geliebten zu troͤſten, und Hoffnungen in ihr genahrt, deren Vereitelung die Arme jetzt nicht zu ertragen vermochte. Alles dies bewegte Frau von Roſann in dieſer Stunde; ſie wollte ſich nicht zur Ruhe — 144 — legen, ohne Louiſon noch geſehen zu haben, und ſo ging ſie noch ſpaͤt im Mondſchein nach Mariens Wohnung. Alles war darin ſtill — ſie ſtieg langſam die drei Stufen hinauf, die in das Haus fuͤhrten, und trat unbemerkt in das Zimmer. — Marie ſaß an der Tochter Bett, das Geſicht in ihre Hände ver⸗ borgen; Michel weinte, die Sterbende lag ſchwer athmend auf ihrem Lager — aber neben der troſt⸗ loſen Mutter und dem weinenden Bruder ſah die Marquiſe eine hohe Geſtalt, deren ſchwarzes, faltiges Gewand die Erſcheinung noch wuͤrdevoller und erha⸗ bener machte. Es war der Vicar, aus deſſen Zuͤgen ſanftes NMitleid mit der Klage irdiſchen Schmerzes und der Troſt göttlicher Verheißung ſtrahlten. Loui⸗ ſons brechende Augen konnten kein helles Licht mehr ertragen, und ſo war das Zimmer nur matt von einer halb verſteckten Lampe erleuchtet; allein durch das Fenſter fiel der volle Schein des Mondes auf Victor, der in der Mitte dieſer Leidenden wie ein Abgeſandter des Himmels daſtand, voll Mitgefuͤhl, und doch Hoffnung und Sieg verkuͤndend. Bei dem erſten Blick auf dieſe edle, hohe Ge⸗ ſtalt, auf dies Geſicht voll Andacht, Milde und — 15 — Schwermuth, fuͤhlte ſich die Marquiſe innig bewegt. — Marie, Louiſon, der Tod mit ſeinen Schrecken — Alles verſchwand vor ihren Augen — ſie dachte, ſie ſah nur die Erſcheinung, deren Anblick ſie na⸗ menlos erſchuͤtterte. Unbeweglich lauſchte ſie dem ſanften Ton ſeiner Worte. „Ja,“ ſagte er, „ſchon öffnet ſich der Him⸗ mel, Dich zu empfangen, und ſeine Engel ſchweben herab, Dich an das Vaterherz der ewigen Liebe zu tragen. Schwinge Dich auf von der Erde, Erbin ewiger Seligkeit! Reines, jungfräuliches Herz, hoͤre auf unter dem Druck des irdiſchen Schmerzes zu ſchlagen! Das vergaͤngliche Gluͤck der ſterblichen Menſchen war Dir nicht beſchieden — dort erwar⸗ tet Dich Dein Geliebter — dort iſt Dir mit ihm Deine Wohnung bereitet.“ Dieſe Sprache ſetzte Frau von Roſann noch mehr in Erſtaunen, und ungeachtet der Feierlichkeit dieſes Augenblicks, ungeachtet ihres Beſtrebens, nur an Louiſon denken zu wollen, fuͤhlte ſie ſich doch zu dem Vicar hingezogen und unwiderſtehlich gezwungen, nur ihn anzuſchauen, nur ihn zu betrachten. „Fuͤhlſt Du noch Schmerz, meine Tochter?“ fragte er. F. Tarnow, Novellen. II. 7 — — „Ich füͤhle, daß ich ſterbe,“ ſagte Louiſon leiſe und ſtreckte die Hand nach ihrer Mutter aus⸗ Vergebens aber ſuchte ſie das Auge noch einmal zu erheben — das Herz ſtand ſtill — das Blut er⸗ ſtarrte — noch ein Athemzug und ſie war nicht mehr. — Welche Stille! — ein himmliſcher Frieden uͤber⸗ ſtrahlte Louiſons Zuge — es war, als druͤcke der Tod, entkleidet von allen ſeinen Schrecken, dieſer reinen Stirn nur das Siegel der Unſterblichkeit auf. „Schoöne Seele,“ rief der Vicar tief bewegt, „Du vluhteſt, und biſt gefallen, wie eine vom Sturm ge⸗ prochne Lilie.“ Er kniete nieder, um zu beten. Marie jammerte laut: „Mein Kind! mein liebes Kind!“ — Der Vicar ſprach ihr Troſt zu: „Faſ⸗ ſet Euch, meine Mutter, ſie iſt Euch nicht verloren — ſie betet am Throne Gottes fuͤr Euch. Morgen fruͤh ſehe ich Euch wieder — indeß —“ Hier fiel ſein Auge auf die Marquiſe, die bis jetzt von Allen unbeachtet geblieben war. Von ihrer Ankunft, wie von dem Verhältniſſe unterrich⸗ tet, in welchem Marie zu ihr ſtand, ahnete er in der Unbekannten, welche ſo theilnehmend bei dieſer ernſten Scene weilte, ſogleich die Herrin des Schloſ⸗ — 147 — ſes. Er zeigte ſchweigend auf die Mutter — dieſer Blick ſagte Alles, und die Marquiſe gehorchte ihm wie einem Gebieter; ſie faßte die Hand Mariens, deren Auge trocken war, und die nichts zu ſehen, noch zu hoͤren ſchien, um ſie mit ſich hinwegzu⸗ fuͤhren. — Am andern Morgen verbreitete ſich die Nachricht von Loviſons Tode im Dorfe. Sie wurde von Allen beweint. Doch vorzuglich ſchien ihr Tod den Vicar tief ergriffen zu haben. Frau von Roſann behielt Marien bei ſich, Michel blieb bei der Leiche, und der Vicar, der die Gebete bei derſelben ſprach⸗ kam oft in das Schloß, die ungluͤckliche Mutter zu troͤſten. Der Eindruck, den ſein erſter Anblick auf die Marquiſe gemacht hatte, wurde immer maͤchti⸗ ger; ſie konnte ihn nicht ſehen, nicht den Laut ſei⸗ ner Stimme hören, ohne ſich tief bewegt zu fuͤhlen. Dieſe unausſprechliche Erſchuͤtterung, die ſie nicht zu unterdruͤcken vermochte, glich in ihrer Heftigkeit und ihrem Bangen gewiſſermaßen der Furcht. So oft ſie ſeinen Gang von fern erkannte, erneuerte ſich dieſer Eindruck, und wurde bei jeder Wieder⸗ holung deſſelben ſtäͤrker. Sie zitterte, wenn ſie ihn anſah, aber dies Erbeben war ihr ein angenehmes 7 — 148 — Gefuͤhl; ſaß er an Mariens Krankenbette, ſo machte es ſie gluͤcklich, das Auge aus einem fernen Winkel des Zimmers auf ihm ruhen zu laſſen, und ſie ver⸗ gaß die Leiden ihrer Amme uͤber die räthſelhaften Empfindungen der eignen Bruſt. Dem Vicar ent⸗ ging dies Alles; er war nur fuͤr Marie da, die er mit einer ſo rührenden, liebevollen Frömmigkeit trö⸗ ſtete, daß die Marquiſe ihn nicht ohne Thraͤnen anzuhören vermochte. In ſeiner Abweſenheit war er der Inbegriff aller ihrer Gedanken — ſeine Ge⸗ ſtalt, ſein Blick, der Ausdruck des tiefen Schmerzes, den alle ſeine Zuͤge trugen, ſchwebten ihr unwillkuͤr⸗ lich vor, und ihr Herz ſchlug bei dem Andenken an ihn eben ſo unruhig, als in ſeiner Gegenwart. Marie erſtund von dem Krankenlager, auf das der Schmerz uͤber Louiſons Tod ſie geworfen hatte, und ſehnte ſich nach ihrem Hauschen zuruͤck. Der Vicar ſollte ſie heute zum letzten Mal auf dem Schloſſe beſuchen; die Marquiſe ſaß, ihn erwartend, in Träumereien verſenkt neben ihrer Amme, und ſchien es nicht zu wiſſen, daß Thranen uͤber ihre Wangen rollten. „Was fehlt Ihnen denn, liebe gnadige Frau?“ fragte die treue Alte. — — „Was mir fehlt? — ach, Du weißt es ja!“ — Bei dieſen Worten wurden auch Mariens Au⸗ gen naß. „Ach!“ ſeufzte ſie, „ehemals fuhlte ich Ihren Schmerz nur halb, aber jetzt begreife ich in der eignen Bruſt die ganze Gewalt deſſelben. — Ihr armes Kind!“ ſetzte ſie leiſer hinzu, „es muͤßte jetzt ſo alt wie unſer Vicar ſein. — Doch danken Sie Gott, daß er Ihnen den Jammer er⸗ ſpart hat, Ihr Kind ſterben zu ſehen — der eigne Tod bedeutet dagegen nichts.“ — „Iſt es nicht natuͤrlich, Marie, daß mich dieſer junge Mann ſo lebhaft intoroſſirt — er erinnert mich an meinen Sohn.“ „Er heißt auch Victor,“ erwiederte die Amme mit geheimnißvoller Bedeutſamkeit. Die Marquiſe erblaßte, ſie ſah Marie erſchrocken an, und legte den Finger auf den Mund. „Laß Deine Lippen ſo ſtumm ſein wie den Marmor eines Grabes, in dem dieſer Name und dies Geheimniß verſchloſſen wäre, und vergiß nie, daß an die Be⸗ wahrung deſſelben die Ehre, ja das Leben dreier WMenſchen gebunden iſt.“ Hier trat der Vicar ein. Viectorinens Wangen — 150 — färbten ſich mit dem dunkelſten Roſenroth, und ihr Herz erbangte vor ſeinem kalten, ſtrengen Blick. Er gruͤßte die Marquiſe ehrerbietig und wandte ſich dann zu Marien, der er zu ihrer Geneſung Gluͤck wuͤnſchte. Sie haben nicht wenig zur Erhaltung ihres Lebens beigetragen,“ ſagte die Marquiſe innig. „Ich that nur meine Pflicht,“ antwortete er. „Sie wiſſen, Herr Vicar,“ hob ſie ſuͤß lächelnd an, „daß die Neugier ein Erbfehler meines Ge⸗ ſchlechts iſt, und werden es mir daher verzeihen, wenn ich der Verſuchung nicht widerſtehe, Ihnen einen Beweis der meinigen zu geben, und Sie zu fragen, wie alt Sie ſind?“ „Zwei und zwanzig Jahr, gnädige Frau.“ Hier wechſelten die Marquiſe und die Amme einige bedeutungsvolle Blicke. „Und aus welcher Gegend ſind Sie gebuͤrtig?“ fragte Marie raſch. „Martinique iſt mein Vaterland,“ antwortete der Vicar mit einer Art, die es verrieth, daß ihm dieſe Fragen unlieb waren. Der Glanz der Freude und der Hoffnung, der aus Victorinens ſchoͤnen Augen ſtrahlte, erloſch bei dieſen Worten. Sie ſah Marien traurig an, als wollte ſie ſagen er iſt es nicht. — 151 — „Haben Sie denn vergeſſen,“ fliſterte ihr die Amme leiſe zu, „daß er Ihnen ſagte, Ihr Victor ſei todt?“ Thränen fullten Victorinens Augen; ſie ſchwieg und ſetzte ſich in einen Winkel, wo ſie, ohne von dem jungen Manne beachtet zu werden, ihn nach Herzensluſt betrachten konnte. Nach einem kurzen Geſpräch mit Marien ent⸗ fernte ſich der Vicar, und kaum war er verſchwun⸗ den, als das Gemach der Marguiſe vorödet zu ſein dunkte. Ihr war, als nähme er einen Theil ihres Selbſt mit ſich fort. Vor ſeiner Ankunft hatten Mariens Worte in ihr eine Fluth von Erinnerun⸗ gen erweckt, die ihre ganze Seele durchſtroͤmten; ſeine Gegenwart hatte die Gewalt derſelben uͤber ſie noch erhoht, und Alles vereinte ſich, dieſem kurzen Auftritte einen magiſchen Reiz zu geben; — ſie glaubte getraͤumt zu haben, und der Augenblick ſei⸗ ner Entfernung duͤnkte ſie der des Erwachens ge⸗ weſen zu ſein. Noch war ſie nicht auf den Punkt gekommen, wo ſie ſich ſelbſt uͤber die Natur ihrer Gefuhle befragt, und ſich durch dieſe beunruhigt ge⸗ fühlt hätte. Sie empfand blos in ſich eine reichere Fuhhe des Lebens, als ſie bis jetzt gekannt hatte — — 152 — ihr inneres Daſein ſchwamm auf einem Strome unbeſtimmter Gedanken und dunkler Gefuͤhle hin, der ihr Herz in die zauberiſche Wonne der Weh⸗ muth einwiegte. Ihr Zuſtand ſtimmte nicht zu ihren Jahren, nur zu der Jugend ihrer Seele. Stunden lang ſaß ſie in ihrem Cabinet unbeweglich dem Bilde eines Geiſtlichen gegenuͤber, das über ihrem Schreibtiſch hing; Tage lang irrte ſie ſanft weinend und in Träumereien verloren in ihren ſchattigen, bluͤhenden Gärten umher, und ihre Bläſſe und Zerſtreuung wurde von bemerkt, die ſie umgaben. Seit acht Tagen hatte ſie nun den Vicar nicht geſehen, da er ſeit Mariens Geneſung nicht mehr nach dem Schloſſe kam. Dieſe Woche hatte fuͤr ſie die Dauer eines Jahrhunderts; ſie beſchloß, den alten Pfarrer zu beſuchen, und warf ſich ſogar vor, dies nicht fruͤher gethan zu haben. Dieſer fuͤhlte ſich durch ihren Beſuch erfteut und geehrt, als ſie unerwartet in ſein Zimmer trat; der Vicar erröthete, als er ſie begrußte. Dies Erröthen durchzuckte die Marquiſe mit einem Gefuhl, das ſo wenig erklaͤrt als ausgeſpro⸗ chen werden kann. Sie wandte ſich freundlich zu — 153 — dem Pfarrer: „Ich komme, mein ehrwuͤrdiger Freund, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und Ihnen die kleine Summe zu uͤberbringen, die Sie jaͤhrlich fuͤr unſce Armen von mir erhalten.“ „Wir haben keine Nothleidenden mehr in unſerm Dorfe, gnädige Frau. Mein junger Freund hier hat uns die Sorge fuͤr ſie abgenommen.“ „Dann werde ich den Herrn Vicar bitten, meinen kleinen Beitrag zu empfangen und mich an den Werken ſeiner Mildthätigkeit Theil nehmen zu laſſen“ — und ohne eine Antwort abzuwarten, zog ſie eine Geldboͤrſe hervor, um ſie ihm zu uͤber⸗ reichen. Indem Victor ſie nahm, beruͤhrten ſich fluͤchtig ihre Finger — dieſe Secunde machte auf Frau von Roſann ſo viel Eindruck, daß das Ge⸗ fuhl deſſelben dem Schmerz glich. Victor ſah ſie voll Erſtaunen an — ſie ſchlug die Augen nieder, und erröthete, als hätte ſie ein Verbrechen be⸗ gangen. Die kalte Ruhe, die ſtrenge Haltung des jun⸗ gen Prieſters verletzten die Marquiſe, und ſie uber⸗ zeugte ſich, daß ſie ſich vergeblich um ſeine Freund⸗ ſchaft bewerben werde, indem religiöſe Schwärmerei ihn jedem rein menſchlichen Gefuͤhl unzugänglich — 154 — 5 mache. Seufzend beſchloß ſie, ſich an dem Gluͤcke, ihn zu ſehen und zu hoͤren, genuͤgen zu laſſen, ſich aber auch dies Gluͤck ſo oft zu verſchaffen, als ſie koͤnne. Haͤtte ſie dies in einem Augenblick geborene ſympathetiſche Gefuͤht, das ſie zu ihm zog, fuͤr Liebe gehalten, ſo wuͤrde ſie voll Schauder entflohen ſein, und Schloß Aulnay und ihn nie wiedergeſehen haben: allein ihr Leben war ſeit den vier Wochen, daß ſie ihn kannte, ein ſuͤßer Traum, eine entzu⸗ ckungsvolle Bezauberung. Sie war nicht mehr ſie ſelbſt — ſie war wieder jung geworden, und fand in ihrer Seele den Reichthum eines neuen, von ihr noch nie geahneten Gefuͤhls. Endlich und zum er⸗ ſten Male in ihrem Leben hatte ſie den Mann ge⸗ funden, der die Ideale ihres Herzens verwirk⸗ lichte! — Sie ließ in den naͤchſten Tagen den Pfarrer und den Vicar zu Tiſche einladen, und ſaß ſchon eine Stunde vor ihrer Ankunft in einem Zimmer, aus dem ſie den Hof uͤberſehen konnte, um ſie zu er⸗ warten. Endlich hoͤrte ſie die Glocke am Gitter⸗ chor laͤuten, und erblickte Victor, der dem ehrwuͤr⸗ digen Pfarrer den Arm gab. Sie bewunderte die ſorgſame Aufmerkſamkeit, mit welcher er den Greis — 155 — behandelte, und mußte ſich, ſo oft ſie ihn betrach⸗ tete, immer von Neuem ſagen, daß ſein Anſtand, ſeine Geſtalt und der Adel ſeines wuͤrdevollen Be⸗ tragens mit ſeinen Verhaͤltniſſen als Vicar eines Dorfpfarrers in einem Widerſpruche ſtanden, der ihm den Reiz des Geheimnißvollen gab. Nie war ſie gegen den alten Pfarrer ſo freund⸗ lich, ſo achtungsvoll traulich geweſen, als heute. „Ich hoffe,“ ſagte ſie ihm, „daß wir unſern alten Gewohnheiten auch in dieſem Jahre treu bleiben werden. Sie haben jetzt einen Fuͤhrer und Beglei⸗ ter, und duͤrfen ſich durch Ihre Gicht nicht mehr abhalten laſſen, wöchentlich wenigſtens einmal bei mir zu eſſen.“ „Ich nehme dieſe Einladung um ſo dankbarer an,“ antwortete er, „da es meinem jungen Freunde ſo ſehr an Aufheiterung gebricht, und ſein Truͤb⸗ ſinn mich mehr und mehr bekuͤmmert, je lieber er mir wird.“ „Haben Sie Kummer?“ fragte die Marquiſe mit bebender Stimme — „truͤbt vielleicht Ehrgeiz und die augenblickliche Ihrer Lage Ihre Stirn?“ . — 156 — „Mein Amt genuͤgt meinem Ehrgeize, gnaͤdige Frau,“ antwortete Victor, ohne ſie anzuſehen, „und ich bin reicher, als ich es je zu ſin gewuͤnſcht habe.“ Der Stolz, mit dem der Vicar dieſe Wort⸗ ſprach, überraſchte den Pfarrer, und that dem Her⸗ zen der Marquiſe weh. „Sollten Sie denn keinen Wunſch fuͤr Ihre Zukunft haben?“ fragte Gauſſe. „Ja,“ rief Victor, indem er das Auge zum Himmel empor hob, „ich wuͤnſche mir Ruhe im Grabe!“ ( : „In Ihrem Alter!“ erwiederte die Margquiſ⸗ „was bewegt Sie dazu?“ Zwei Thraͤnen rollten uͤber Victors bleiche Wan⸗ gen, und vor dieſer Antwort verſtummte die Mar⸗ quiſe. „Wohl denen, gnädige Frau,“ ſagte er be⸗ wegt, „deren reine Seele in ihren Erinnerungen keinen Quell des Schmerzes bewahrt, und die ohne Furcht und ohne Erröthen auf ihre Vergangenheit zuruͤckblicken können.“ Dieſe Worte ſtanden in zu inniger Beziehung mit den Gefuͤhlen der Frau von Roſann, um ſie — 157 — nicht tief zu ergreifen. „Wollen Sie denn nicht,“ fragte ſie mit dem Accent der waͤrmſten Theilnahme, „der Freundſchaft vergönnen, Sie zu troͤſten?“ „Es gibt Leiden, fuͤr die dies Erdenleben keinen Troſt und keinen Heilbalſam hat.“ „Die Zeit vermag viel,“ ſagte der Pfarrer. „Ja,“ erwiederte Victor, „ſie fuͤhrt uns zu unſerm Grabe.“ „Der Chriſt darf ſich nicht den Tod wuͤnſchen,“ rief die Marquiſe. „Auch ſuche ich ihn nicht,“ entgegnete Victor, „ich hoffe nur auf ihn.“ — Alle ſchwiegen, und dieſer Tag, von dem die Marquiſe ſo viel gehofft, ſo viel erwartet hatte, brachte ihr nur Schmerzen. Dennoch, als ſie ihre Gäſte nun bis an das Gitterthor begleitet und ihnen mit Mund und Herzen Lebewohl geſagt hatte, be⸗ nutzte ſie nicht die ſchlummerloſen Stunden der Nacht, welche dieſem Abend folgte, um ihre Em⸗ pfindung fuͤr den Vicar zu pruͤfen — nein ſie weinte nur und beklagte die Leiden, deren Druck ſeine Seele ſichtlich erlag. Wenige Tage nachher kehrte der Schulmeiſter des Orts von einer Reiſe n0 1 zuruͤck, und aͤu⸗ — 158 — ßerte gegen Margarethe, daß er ganz ſeltſame Dinge von dem Herrn Vicar erfahren habe. Neugier war, wie wir ſchon wiſſen, Margarethens ſchwache Seite, und ſelbſt der alte Pfarrer war nicht frei davon. Es lag ihm uͤberdem am Herzen, nähere Auskunft uͤber das Schickſal ſeines ſchwermuͤthigen jungen Freundes zu erhalten, und er beſchied, ſobald ihm Margarethe jene Aeußerungen mitgetheilt hatte, den Schulmeiſter zu ſich, um ſich von ihm erzahlen zu laſſen, was er von Herrn Victors feuͤherem Leben erfahren habe. „Bei meiner Durchreiſe durch Vannay,“ be⸗ gann der Schulmeiſter, „kehrte ich im dortigen Gaſthofe ein, um meine Baſe, die Wirthin, zu be⸗ ſuchen; und da mir einfiel, daß Herr Victor auf ſeiner Herreiſe durch Vannay gekommen ſein mußte, fragte ich ſie, ob er damals bei ihr eingekehrt ſei? „Nein,“ ſagte ſie, „er fuhr in dem Wagen des Biſchofs und von deſſen Secretair begleitet, blos durch Vannay, und ließ ſich erſt eine Viertelſtunde vor Aulnay ausſetzen, um zu Fuß bei Euch anzu⸗ kommen.“ „Wie,“ rief hier der Pfarrer, und ſchlug vor Erſtaunen die Sin Mnn, „der Biſchof hat — 159 — ihn in ſeinem Wagen herfahren laſſen, und der Secretair war bei ihm? — da muß mein Vicar durchaus ſelbſt ein vornehmer Herr ſein!“ „Auch ich wunderte mich gewaltig uͤber dieſe Nachricht, und wurde, als ich nähere Erkundigun⸗ gen einziehen wollte, von meiner Baſe an ihren Hausfreund, den Abbé Frelu, gewieſen, der auch noch an demſelben Abende im Gaſthofe einſprach. Ich fragte ihn, ob er unſern Vicar, Herrn Victor, kenne? „Ja wohl,“ verſetzte er, „iſt es nicht ein großer, ſchoͤner Mann, braun, wie ein Afrikaner, mit Augen, die wie Blitze leuchten, und einem vorzuͤglich ſchöͤnen Sprachton — dabei traurig, einſylbig?“ — „Richtig,“ ſagte ich, „das iſt er.“ „Nun der wird gewiß, wenn gleich jetzt nur noch Vicar, bald Biſchof werden. In A. war lange nur von ihm die Rede, und ich kann Euch wunderſame Dinge von ihm erzählen. Vor un⸗ gefäͤhr achtzehn Monaten kam dieſer Herr Victor in einer Poſtchaiſe in A. an, und ſtieg an der Pforte des dortigen Seminariums aus. Er war in einem ſchwer zu beſchreibenden Gemüthszuſtande, wie mir der Director des Se Aubry, ſelbſt erzählt hat. Man fuͤl em Director, — — den er, ohne ſeinen Taufſchein vorzuzeigen oder einen andern Namen als den Vornamen Victor anzugeben, um die Aufnahme in das Seminarium bat, und gleich auf ein Jahr das Koſtgeld fur ſich vorausbezahlte. Er wählte die finſterſte und abgelegenſte Zelle zu ſeiner Wohnung, und man kannte im Hauſe kein Bei⸗ ſpiel einer ſtrengeren Befolgung aller Regeln. Da⸗ durch ward er ein Gegenſtand allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit. Der Director uͤberraſchte ihn in ſeiner Zelle vor einem ſehr weltlichen Bilde in die duͤſter⸗ ſten Träumereien verſunken, blaß, niedergeſchlagen, mit Thraͤnen in den Augen. Er lobte ſeinen Fleiß, ſeine Gelehrſamkeit, ſeine Froͤmmigkeit, ta⸗ delte aber ſeine Menſchenſcheu, und ermahnte ihn, im Umgang mit ſeinen Gefährten“ Erholung zu ſuchen. Victor gehorchte dieſer Aufforderung nicht, und empoͤrte durch ſeine Ueberlegenheit und religioſe Ueberſpannung bald Alle gegen ſich, ſo daß Pater Aubry ſich verbunden glaubte, mit Strenge auf die Demuͤthigung ſeines Stolzes denken zu muͤſſen. Mit dem Anſchein groͤßter Gleichgultigkeit unterwarf ſich Victor den Strafen, und ſchien ſie nicht zu empfinden. zu noch haͤrtern Maßre⸗ geln, da gi uperior und ſagte ihm — — er ſei muͤndig und durchaus ſein eigner Herr, wolle man ihn quälen, ſo gehe er, denn er habe nichts Strafwurdiges begangen, und ſei ſich eines tugend⸗ haften Wandels bewußt: er trete Niemand zu nah, werde ſich aber gegen willkurliche Unterdruͤckung Recht zu verſchaffen wiſſen⸗ Das Mittel dazu ſei in ſeiner Gewalt.“ „Erſtaunt, ihn eine ſolche Sprache fuͤhren zu horen, meldete der Superior die Sache dem Biſchof, der — ſchon ſeit Monaten kraͤnkelnd — ſeinen Be⸗ richt nicht beantwortete, ſondern dem Pater Aubry blos mundlich ſagte: der junge Mann moge wahr⸗ ſcheinlich aus einem vornehmen Hauſe ſtammen, und vielleicht aus Troſtloſigkeit uͤber den Verluſt £ einer geliebten Perſon, oder in Folge eines aus Leidenſchaft begangenen Fehltritts den geiſtlichen Stand erwaͤhlt haben. Er wolle, wenn er ihn zum Unter⸗Diakonus weihe, ſelbſt mit ih rede „Das ganze Seminarium war äberzeugt, Bein Betragen keinen andern Zweck a friedigung ſeines Ehrgeizes habe, und bald deutlicher hervortreten wuͤrden, gelungen ſei, Aufſehen z reits in der Stadt von phyten, und beſonders intereſſirten ſich die Frauen fur ihn.“ 3 „Der Tag der Weihe zum Diakonat kam, und der Saal im biſchoflichen Pallaſte war gedraͤngt voller Menſchen, als Herr Victor das Cabinet des Biſchofs betrat, um die Fragen deſſelben zu beant⸗ worten, und ihm ſeinen Familiennamen zu ent⸗ decken. Von dem Secretair, welcher in einer ent⸗ fernten Ecke des Cabinets gegenwärtig war, habe ich mehrere Umſtände dieſer Zuſammenkunft et⸗ fahren. Als der junge Neophyt ſich dem Biſchof naäherte und ihm mit leiſer Stimme ſeinen Namen nannte, ſchrie dieſer laut auf; doch gewohnt, ſich zu 5 beherrſchen und ſeine Geheimniſſe mit einem un⸗ durchdringlichen Schleier zu bedecken, faßte er ſich ₰ ſchnell und fragte mit ungewöhnlicher Milde und * eundlichkeit, welche Plane der junge Mann fuͤr iges Leben entworfen habe? — „Ich ſobald als möglich Prieſter zu werden, Sie, gnädiger Herr, meine Probezeit ab⸗ anen und wollen, wuͤrden Sie mich un⸗ pflichten.“ — Der Biſchof blickte ihn . n, ernſten Zuͤge wurden „Und dann?“ fragte * wohnlichen, ja man kann ſagen, väterlichen Zunei⸗ ung, und das Auffauendſte vabei iſt, daß man vertraut, als der Biſchof ihn mit den Grunden b kannt gemacht, welche ihn bewogen, Hertn Vi mit ſoicher Liebe und Auseichnung zu beh — 163 — er vite „Dam wuͤnſche ich in irgend einem Dorfe eine Pfarre zu erhalten, und dort ruhig zu ſterben.“ — „Wie alt ſind Sie?“ „Zwei und zwanzig Jahr.“ — Hier ſandte der Biſchof ſeinen Sectetair fort, und man hat nie erfahren, was weiter zwiſchen ihnen vorgegangen iſt. Herr Victor — in dem Ordinationsſaal im Gefolge des fs, der ihn zum Sub⸗Diakonus weihte, und s dem Seminarid wegnahm. Er wohnte von . Tage an im biſchoͤflichen Pallaſt, wo aber eben ſo ſtreng und eingezogen lebte, als vorl Der Biſchof behandelte ihn mit einer ganz unge⸗ Urſache hat, zu glauben, der junge Mann habe ihm ſeine fruͤheren Lebensverhältniſſe eben ſo weni Man verbteitete die ſeltſamſten Geruͤchte Studt ſprach von dieſer Angelegenheit u ſcheſten Frauen beſuchten haͤufig den um Victor zu ſehen, doch dieſer erſchien nie, wenn der Biſchof Geſellſchaft gab * ihn — 164 — fällig bei demſelben, ſo wies ſeine Kälte und ſeine finſtre Laune alle Verſuche, ſeine ſtrenge Tugend zu zaͤhmen, zuruͤck.“ „Endlich ſchrieb der Biſchof nach Rom, um fur ihn die nothwendige Dispenſation zu erhalten, worauf der junge Mann zum Prieſter geweiht wurde. Als er um die erſte erledigte Stelle bat, ließ ſich der Biſchof das Vetzeichniß derſelben bringen. Es war gerade keine vacant, allein der Secretair erin⸗ nerte ihn daran, daß der Pfarrer zu Aulnay le Vi⸗ comte ſchon wiederholt um einen Vicar angeſucht habe, und der junge Mann bat nun dringend, ihm dieſe Stelle zu geben.“ „Der Biſchof ſchien, als er den Namen des Dorfes hoͤrte, lange nachzuſinnen. „unglücklicher 14. ief er, „es gibt Schickſale, die im Buche des Himmels eingeſchrieben ſind, und denen keine Er⸗ denweisheit zu entgehen vermag. — Zieh' denn ſchleichendes Fieber reibt ihn auf. Doch dem Wunſche ſeines geliebten Viectors ehen, er gab ihm ſeine Equipage, ſeine venn, — um ihn nach Aulnay it dieſem Tage iſt aber der Biſchof ſehr — — zu bringen. Seit ſeiner Abreiſe hat er auch den Namen des jungen Mannes nicht wieder genannt; nur ſeine Blicke ſcheinen ihn zuweilen zu ſuchen, vorzuglich wenn er ſehr krank iſt.“ „Der Abbé plauderte noch mancherlei, und verſicherte mir, der junge Heuchler — wie er ihn nannte — werde gewiß noch vor Verlauf von ſieben Jahren Cardinal und Miniſter werden. Als ich nun ſelbſt nach A. kam, horte ich des Abbé's Er⸗ zählung von mehreten glaubwurdigen Männern be⸗ ſtätigen, und erfuhr auch, daß unſer Vicar an dem Tage, wo der Biſchof ihn ordinirte, ſo bleich und roſtlos ausſah, ſo ſichtlich mit ſich ſelbſt kämpfte, daß er allen Anweſenden Mitleid einflößte. Die Er⸗ ſchutterung ſeiner Seele raubte ſeinem Betragen die ihm ſonſt eigne Hoheit und Wuͤrde. Indem er vor dem Biſchof niederkniete, ſtuͤrzten Thraͤnen aus ſeinen Augen, und er rief ſchluchzend: „Mein Gott! ſo ſei denn das Opfer gebracht!“ Er weinte wahrend der ganzen Ceremonie, und war nach Beendigung derſelben einer Ohnmacht nah, doch die Urſache ſeines Schmerzes blieb fuͤr Alle ein Geheimniß.“ — Man kann leicht denken, daß dieſer Bericht des Schulmeiſters die Neugierde des Pfarrers und — 165 — Margarethens nur noch mehr reizte, ſtatt ſie zu be⸗ friedigen, und ſie gingen aus einander, ohne zu ahnen, daß die Entdeckung dieſes Geheimniſſes Margarethen aufbehalten ſei, und zwar noch fuͤr den Abend deſſelben Tages. Der Pfarrer war in ſeinem Studirzimmer, und ſie ſaß allein im Saal, als ſie Pferdegetrappel und gleich darauf die Klingel der Hausthuͤr ziehen hoͤrte. Es war ein junger Bauer, deſſen ſterbende Mutter die letzte Delung und den Beiſtand der Kirche zu erhalten wuͤnſchte. Mar⸗ garethe benachrichtigte den Vicar von dieſem Anlie⸗ gen; er eilte ſchnell hinunter, und warf ſich auf das Pferd, das der troſtloſe Sohn fuͤr ihn mit⸗ gebracht hatte. Margarethe ward roth vor Freude, als ſie das Cabinet unverſchloſſen ſah, das, ſo lange er im Hauſe war, noch kein fremder Fuß betreten hatte. Sie oͤffnete die Thuͤr, blickte um ſich her, und blieb unbeweglich, als ſie auf einer Staffelei das Bild des ſchoͤnſten Weſens, das je ein ſterbliches Auge ſchaute, vor ſich ſah. Dies Gemälde war das Werk des jungen Prieſters, deſſen gluͤhende Begeiſterung alle von der Natur dem weiblichen — 167 — Geſchlechte einzeln verlichene Reize in dem Ibeal det hochſten Schönheit vereint zu haben ſchien. Lange ſtand ſie vor dem Zauberbilde — dann näherte ſie ſich dem Schreibtiſche — ſih ein ge⸗ ſchriebenes Heft darauf liegen, mit der Ueberſchrift: Geſchichte meines Ungluͤcks — und flog damit ſchnell wie ein Pfeit zu ihrem Herrn hinunter. Er befahl ihr anfänglich, das Manuſcript wie⸗ der hinaufzutragen, konnte aber am Ende ihren Bitten und der Verſuchung nicht widerſtehen. Sie eilte hinaus, ſtellte einen kleinen Bauerjungen auf die Lauer, der ihr die Ruͤckkehr des Vicars melden ſollte, ſetzte ſich dann ihrem Herrn gegenuͤber, und las ihm folgende Blaͤtter vor „Nur fuͤr mich ſelbſt ſchreibe ich dieſe Blätter, nur um mich mit Melanie zu beſchäftigen, da jede meiner Erinnerungen auch eine Erinnerung an ſie iſt, in deren Andenken ich allein zu leben vermag.“ „Ich bin in Frankreich geboren, weiß aber weder wo? noch von wem? Meine Geburt wurde mit einem geheimnißvollen Schleier verhuͤllt, ſelbſt jetzt habe ich noch keinen, vor dem Geſet guͤltigen Beweis meiner Abſtammung in Händen.“ — 168 — „Eine dunkle Erinnerung ſagt mir, daß ich meine erſten Kinderjahre auf dem Lande verlebte. Noch ſchwebt mir die Geſtalt meiner Amme, einer großen, ſtarken Bauerfrau, vor, noch ſeh' ich den Birnbaum, unter den ſie mich niederzulegen pflegte, wenn ſie auf dem nahen Acker arbeitete; ich ent⸗ ſinne mich der ärmlichen Huͤtte, die wir bewohnten, und eines Geiſtlichen, der uns oft beſuchte, mich auf den Schooß nahm, mich herzte, und mich zum Lachen, zum Reden zu bringen ſuchte. Eines Ta⸗ ges — ich mochte ungefaͤhr drei Jahr alt ſein — war meine Amme ausgegangen, und ich ſpielte allein im Hauſe, als jener Geiſtliche mit einem andern Manne, der eine Uniform trug, zu mir kam. Nach einer langen lebhaften Unterredung, die aber nichts Feindſeliges verrieth, denn Beide ſchienen ſehr gute Freunde zu ſein, nahm mich der Officier auf den Arm, und trug mich, in ſeinen Mantel gehuͤllt, in einen Wagen. Ich erinnere mich nur dunkel, daß er mich nach einer großen Stadt am Meeresufer, und von dort nach einem Schiffe brachte.“ „Dieſer Mann war mein Vater, der Marquis — 60 — von St. Andre — meine Mutter habe ich nie ge⸗ ſehen, nie hat Mutterliebe mich begluͤckt. Mein Vater beantwortete keine meiner Fragen nach ihr, und nie erfuhr ich, warum ſie ihren Sohn bei ſeiner Geburt in ein fernes Dorf verbannte, und ihn der Sorgfalt einer fremden Frau anvertraute, ohne ihn je zu beſuchen oder ihn zu ſich bringen zu laſſen. Mein Vater befehligte als Capitain das Schiff, auf welches er mich gefuͤhrt hatte. Er war ein ſtrenger, leidenſchaftlicher, zu⸗ weilen ſelbſt harter Mann, der mich aber ſtets mit vaterlicher Guͤte behandelte, vorzuͤglich in ſpäteren Jahren, wo die Entwickelung meiner geiſtigen Eigen⸗ ſchaften ihn hoffen ließ, ich wuͤrde ihm einſt Ehre machen. Offen, großmuͤthig, bis zur Verwegenheit tapfer, gebildet, kenntnißvoll, mit Allem ausgeru⸗ ſtet, was gefallen kann, gewann er ſich doch die Herzen nicht. Vielleicht ſprach ſich das Gefuͤhl ſei⸗ ner Ueberlegenheit zu ſichtlich in ſeinem Anſtand und Betragen aus, und die Gewohnheit, am Bord ſeines Schiffes als unumſchraͤnkter Herr zu gebieten, hatte die Keime des Stolzes und der Herrſchſucht, die in ſeiner Seele lagen, zu guͤnſtig entwickelt. Wer aber die Eigenliebe Anderer ſchon durch ſeine F. Tarnow, Novellen. II. 8 — 170 — Art, unter ihnen aufzutreten, verletzt, kann wohl geachtet, gefuͤrchtet, ja ſelbſt bewundert werden, aber lieben wird man ihn nicht.“ „Mein Vater brachte mich nach Martinique, und auf dieſer Inſel habe ich den größten Theil meiner Jugendjahre verlebt. Er kaufte hier eine kleine, abgelegene Beſitzung, und uͤbergab mich der Witwe ſeines Proviantmeiſters, die er zu dieſem Zwecke aus Frankreich mitgenommen hatte. Madame Simon vertrat bei mir Mutterſtelle; ſie war die Sanftmuth und Guͤte ſelbſt, ſie lehrte mich Gott fuͤrchten und ſeine Gebote lieben.“ „Herr von St. André blieb nicht lange bei uns; ich ſah ihn nur nach langen Zwiſchenräumen, und auch dann blos auf kurze Zeit wieder. So ver⸗ lebte ich meine Kinderjahre fern von den Städten, in gaͤnzlicher Unbekanntſchaft mit den Menſchen und ihren Laſtern; die Natur allein wurde meine Lehrerin, und ich kann mich ihren Zogling nen⸗ nen. Madame Simon legte mir keine Art von Zwang auf, und vergoͤnnte allen Neigungen meiner Seele freie Entwickelung. Alle ihre Ermahnungen waren ſanft und leicht: „Thue das Gute nur um des Guten willen,“ wiederholte ſie mir oft, — 171 — „fuͤge keinem Weſen ein Leid zu, ziehe fremdes Gluͤck dem eignen vor, und habe Dein Leben lang Gott vor Augen und im Herzen.“ „Ihr Beiſpiel war die beſte Lehre. Sie wuͤrde es fuͤr ein Verbrechen gehalten haben, den Marron⸗ Neger zu verrathen, der ſich in unſere Berge fluch⸗ tete; und oft brachten uns dieſe Ungluͤcklichen Fruͤchte, und beſchuͤtzten mich auf meinen Wanderungen. Auch unſere eignen Neger beteten dieſe Frau an. Unter ihrem Schutz wurde ich neun Jahr alt. Die Natur hatte mir einen heftigen, leidenſchaftlichen Charakter gegeben, und jene furchtbare Energie, die Tochter eines gluͤhenden Klima's und des vulcaniſchen Bodens, den ich bewohnte. Dieſe entfaltete ſich aber nur in zwei Lei⸗ denſchaften, denn in allen andern Vorfällen und Verhaͤltniſſen meines Lebens habe ich mich wegen meiner Sanftmuth und Geduld ruͤhmen horen. Die erſte dieſer Leidenſchaften war eine gluͤhende Begei⸗ ſterung fuͤr die chriſtliche Religion. Meine tiefin⸗ nerlichſte, eigenthuͤmlichſte Sinnesweiſe hat mich zum Chriſten gemacht. Der Anblick der Natur in ihrer unermeßlichen Größe, wie ich ſie in Amerika's Ge⸗ filden kennen lernte, machte meine Seele fuͤr eine Erhabenheit der Geſinnung empfaͤnglich, die ich nur 8 * — 172 — in der Verkuͤndigung des Evangeliums wiederfand. Das neue Teſtament iſt einfach, groß und erhaben, wie die Natur. Die Waͤlder, die Gebirge ſtimmten mich zum religisſen Myſticismus — lange habe ich die Welt nur von dieſer ihrer ſchoͤnſten Seite gekannt.“ k „Oft kam ich auf meinen Wanderungen zu der Wohnung eines Marron⸗Negers; der arme Fluͤcht⸗ ling erkannte in mir das Kind, das ihm ſeine Ca⸗ meraden als den Sohn der Madame Simon bezeich⸗ net hatten; er lud mich ein, in ſeiner Huͤtte zu ruhen, und erzählte mir die harte Behandlung und die Leiden, die er hatte erdulden muͤſſen. Ich weinte mit ihm und er kuͤßte ehrerbietig meine Haͤnde, weil ich ein Weißer war.“ „O freundliche Erinnerungen aus meiner Kind⸗ heit, wie theuer ſeid ihr mir! Jene Zeit glich der Morgenröthe eines ſchönen Tages. Mitten im Ge⸗ nuß dieſer Freuden begann ich aber eine Leere in meinem Herzen zu empfinden; es fehlte mir ein gleichgeſtimmtes Gemuͤth. Zuweilen vertraute ich meinem alten Neger den Eindruck an, den die Er⸗ ſcheinungen dieſer großartigen Natur auf mich mach⸗ ten. Ich wollte, daß er mich verſtehen und mit — — mir gleich empfinden ſollte, und zog mich unbefrie⸗ digt zuruͤck. Meine gute Pflegemutter war eben ſo unfaͤhig, meine Begeiſterung zu theilen, und unver⸗ ſtanden von den Menſchen, die mich umgaben, kehrte ich zu der Natur zuruͤck, und durchſtreifte Tage lang einſam die Wälder und Gebirge.“ „Ich war neun Jahr alt, und hatte ſeit drei Jahren meinen Vater nicht geſehen, als ich einſt, ſpät am Abend heimkehrend, unſer Haus ungewoͤhn⸗ lich erleuchtet, und vor der Thur viele Soldaten fand. Mein Vater war angekommen — ich warf mich in ſeine Arme; wie ſehr erſtaunte ich aber, als ich neben Madame Simon ein kleines, ungefähr fuͤnf Jahr altes Madchen ſtehen ſah, die ihre freund⸗ lichen Blicke auf mich richtete. Auf ihrem kleinen Geſicht bluͤhten alle Reize kindlicher Schoͤnheit, und jede ihrer Bewegungen war holbſelige Grazie.“ „Da bringe ich Dir Deine Schweſter, mein Sohn,“ ſagte mein Vater, „liebe ſie, ſie iſt das lebende Bild meiner Gattin, und Alles, was mir von ihr ubrig blieb. — Sie iſt todt,“ fetzte er mit naſſen Augen hinzu.“ „Ich hoͤrte die Rachricht von dem Tode meiner Mutter mit einer Gleichguͤltigkeit an, die ich mir — 174 — noch vorwerfe. Nur der Kummer meines Vaters betrůbte mich, und doch hatte ich noch am Morgen dieſes Tages bitterlich den Tod eines jungen Vogels beweint — was machte mein Herz nun ſo gefuͤhllos bei dieſer Nachricht? — Ich umarmte meine kleine, ſuͤße Schweſter. Mein Vater wendete ſich nun zu Ma⸗ dame Simon: „Ich bringe Ihnen Melanie,“ ſagte er, „weil ich in Frankreich Niemand kenne, dem ich ſie in der jetzigen Zeit — es war die blutige Graͤuelzeit der Revolution — anvertrauen moͤchte. Sobald es in unſerm Vaterlande ruhig geworden iſt, komme ich, um Sie und die Kinder nach Europa abzuholen. Jetzt zwingt mich meine Pflicht, Sie augenblicklich zu verlaſſen.“ Er um⸗ armte mich und Melanie und ſchied.“ „Dieſer Abend entſchied uͤber mein Leben. Un⸗ beſchreiblich war das Vergnügen „ das ich bei Mela⸗ niens Anblick empfand, und zu meiner Freude ſah ich, daß ſie es mit mir theilte. Wir waren unzer⸗ trennlich, ich fuͤhlte keinen Mangel mehr. Mein ganzes Herz gehörte ihr, und Alles, was ich that und ſann und dachte, geſchah fuͤr ſie und in Bezug auf ſie. Ich nahm ſie auf alle meine Spatzier⸗ gänge mit; jede ſchoͤne Blume, jede Frucht, jedes — — 15 — Vogelneſt, das ich fand, gehorte ihr. Wir kannten keinen Wunſch, und kein Geſchaͤft, als einander gefaͤllig zu ſein und uns Freude zu machen. Stolz auf mein Alter und meine Kräfte, fuͤhlte ich mich zu ihrem Beſchutzer beſtimmt, und keine Anſtrengung, keine Arbeit ward mir ſchwer, wenn es ihr Vergnuͤgen galt.“ „Auf unſern Wanderungen laſen wir zuſammen in dem großen Buche der Natur, und fanden den Namen des Ewigen in der Sternenſchrift des Him⸗ mels, wie in den Blumen der Erde und den Wellen des Meeres ausgeſprochen. Alle Lehren des Evan⸗ geliums ſtanden in Melaniens Herzen, und wenn wir im neuen Teſtament das Gebot der Nächſtenliebe und Beiſpiele von der göttlichen Menſchenfreundlich⸗ keit des Erlöſers laſen, war es, als brauche ſie ſich ihrer nur zu erinnern, als wären ſie alle ſchon in ihre Seele eingeſchrieben. Eine gute That, ein edler Gedanke war ihr, trotz ihrer Jugend, ſo natuͤrlich, daß man unwiderſprechlich erkannte, das Schoͤne und Erhabene ſei der wahre Lebensathem ihres Daſeins. Eines Tages gingen wir nach der Grotte des alten Fino, jenes Marron⸗Negers, den ich oft beſuchte. Die ſinkende Sonne vergoldete die — 176 — Spitzen der Berge und ſchmuͤckte ſie mit der ſchön⸗ ſten Purpurgluch; die Luſt war ſtil, noch ſtiler war es, als wir eintraten in Fino's Huͤtte; er hatte die Sonne zum letzten Male geſehen, und lag auf ſeinem Lager todt hingeſtreckt. Das Sterbebett des Naturmenſchen iſt einſam, weil der Naturmenſch ſich vor dem Tode fuͤrchtet, und ſich ſcheut, dabei zu ſein, wenn er das Herz des Freundes beruͤhrt. Melanie druͤckte ihm die Augen zu, nahm ihren Schleier ab, deckte ihn uͤber das Geſicht des armen Negers, und ſagte, auf ihre Knie ſinkend: „laß uns fuͤr ihn beten!“ „O, noch jenſeits des Grabes wird der Laut dieſer ruͤhrenden Worte, dieſer Stimme mich um⸗ ſchweben! Und ihr Blick, ihre Stellung! — Meine Seele empfand in jener Stunde die volle Erhaben⸗ heit der Religion und der Schwermuth — nie habe ich ein ergreifenderes Gebet an einem Sterbebette ge⸗ hoͤrt, als jene einfachen Worte Melaniens: laß uns beten! Gewiß, die Religion iſt das erſte Beduͤrfniß des Menſchenherzens.“ „Ich ſah in der Ferne zwei Neger und winkte ihnen herbeizukommen, um Fino zu begraben. Als ſie ihn in das Grab ſenkten, an dem Melanie und — 177 — ich, Hand in Hand geſchlungen, ſtanden, fiel der letzte Sonnenſtrahl auf die Gruft. — „Er iſt bei Gott!“ rief Melanie und blickte wie ein Engel zum Himmel auf.“ — „So verlebten wir unſere Kindheit! Die rüh⸗ rendſten, ſuͤßeſten Empfindungen, die einfachſten Freuden verſchoͤnerten unſer Daſein; einer ungetruͤb⸗ ten ſilberhellen Quelle gleich floß unſer Leben dahin. Melanie war dreizehn und ich ſechzehn Jahre alt, als mein Vater uns beſuchte. Er bewunderte Me⸗ laniens unvergleichliche Schoͤnheit, und ſchien mit mir zufrieden zu ſein. Der Zweck ſeines Beſuchs war, uns nach Frankreich abzuholen. „Ihr ſout,“ ſagte er uns, „Euer Vaterland wieder ſehen und die Reize des geſelligen Lebens kennen lernen. Melanie bedarf der Ausbildung ihres Geiſtes für die Welt, und Du, Victor, wirſt ebenfalls das Verſaͤumte nachholen, und Dich wuͤrdig machen, Deinem Va⸗ terlande zu dienen.“ „Drei Tage ſpäter waren wir ſchon am Bord der Fregatte, die uns nach Frankreich bringen ſollte. Ich habe bereits erwaͤhnt, daß mein Vater rauh und ſtrenge gegen ſeine Untergebenen war; auch am Bord des Schiffes ließ er den kleinſten Fehler, das — 178 — unbedeutendſte Verſehen nicht unbeſtraft, und ward daher auch weit mehr gefuͤrchtet als geliebt.“ „Nach einer vierzehntägigen Fahrt geſchah es, daß einer der Matroſen einen Fehler beging, der um ſo haͤrter beſtraft wurde, da mein Vater eine ent⸗ ſchiedene Abneigung gegen den Menſchen zu haben ſchien. Argon, ſo hieß der Matroſe, litt ſeine Strafe, ohne ſich ein Wort zu ſeiner Vertheidigung zu erlauben, und zeigte ſich ſo ruhig und geduldig, daß die ganze Manſchaft daruͤber erſtaunte; allein in ſeinem Innern gluͤhten Wuth und Rache um ſo ver⸗ derblicher. Er ſchwor ſich ſelbſt zu, den Contre⸗ Admiral — dieſen Rang bekleidete mein Vater — in's Verderben ſtürzen zu wollen, und ließ ſich durch die Schwierigkeiten dieſes Unternehmens keineswegs abſchrecken. Er hatte ſich ein gewiſſes Uebergewicht uͤber ſeine Cameraden erworben, und ließ es ſie nach und nach errathen, daß er mit einem kuͤhnen Plane umgehe. Es war der, ſich des Schiffes zu bemäch⸗ tigen, die Officiere bei Seite zu ſchaffen, und dann Seerauberei zu treiben. Die Ausfuhrung deſſelben gelang; die Aufruͤhrer beſchloſſen, die Officiere, die man entwaffnet und ſie gefangen genommen hatte, auf einer wuͤſten Inſel auszuſetzen. Man hatte Melanie, Madame Simon und mich in die Kaite eingeſperrt — vergebens wuͤthete ich wie ein junger Löwe — ich wurde uͤberwaͤltigt und von der Seite meines Vaters weggeriſſen, der mir in dem Augen⸗ blick, wo ich ihn zu Boden werfen ſah, noch einige Worte zurief, von denen ich nur Melaniens Namen und die Worte: „mein Sohn,“ verſtand.“ „Die Auftuͤhrer berathſchlagten nun uͤber unſer Schickſal. Man ließ Madame Simon, Melanie und mich in die Schalupe ſteigen, und in einer Anwandlung von Zartgefuhl haͤndigte mir Argon die Caſſette meines Vaters ein; dann gab man uns Lebensmittel für die beiden nächſten Tage und ſtieß 2 uns in's weite Meer hinaus. In den erſten Augen⸗ blicken ſturzte uns das Bewufßtſein unſerer Huͤlflo⸗ ſigkeit in Verzweiflung, aber ſo groß iſt die Allmacht der Liebe, daß ſie ſelbſt in der troſtloſeſten Lage und am Rande des Grabes noch Gluͤck zu ſpenden vermag!“ „Ich zittere nicht mehr, nun ich mit Dir allein bin,“ ſagte Melanie, „ich fuͤrchte den Tod nicht, weil ich Arm in Arm mit Dir ſterben kann.“ — Ma⸗ dame Simon war ſtill ergeben, ſie weinte nicht, ſie klagte nicht, und ſuchte nur Melanie gegen die — 180 — Gluth der Sonnenſtrahlen zu ſchuͤtzen und ihr mit ihrem Shawl eine Art Obdach zu bereiten. Ich allein war troſtios, weil ich fuͤr Melanie bangte. „Was qualſt Du Dich denn?“ fragte ſie, mich ſuͤß anlaͤchelnd, „laß den Tod kommen — warum ſollten wir ihn fuͤrchten? Wir werden auch im Him⸗ mel beiſammen ſein!“ — „So ſparſam wir auch mit unſern Lebensmit⸗ teln umgingen, waren ſie doch am dritten Tage auf⸗ gezehrt. Der vierte und fuͤnfte verging ohne Nah⸗ rung, ohne Ausſicht auf Huͤlfe; mit unendlicher Angſt ſah ich Melanie mehr und mehr erbleichen — da zeigte ſich tief unten am Horizont ein Segel, es war ein däniſches, nach Kopenhagen gehendes Schiff. Man nahm uns an Bord deſſelben auf, und wir langten ohne weitern Unfall in Dänemarks Haupt⸗ ſtadt an, wo wir das Gluͤck hatten, mit einer fran⸗ zöfiſchen Familie bekannt zu werden, die ſich unſerer edelmuͤthig annahm, und uns die Mittel verſchaffte, nach Paris zu reiſen. Hier war es meine erſte Sorge, eine Wohnung zu ſuchen, deren Abgeſchie⸗ denheit und Umgebung uns zur Erinnerung an un⸗ ſere geliebte, ſchattenreiche Inſel werden konnte. An Geld fehlte es uns nicht; ich fand in der Schatuhe —— ————— — 181 — meines Vaters, die Argon mir mitgegeben hatte, fuͤr 200,000 Franken Wechſel, und trotz der Koſtſpie⸗ ligkeit unſerer Reiſe von Kopenhagen nach Paris, hatte ich doch noch an 200 Louisd'or baares Geld. Mit dieſen Mitteln ausgeruſtet, gelang es mir, in einer der einſamſten Gegenden von Paris ein Haus zu miethen, deſſen Garten und ganze Lage das Rei⸗ zendſte ſind, was ich in dieſer Art in der Hauptſtadt geſehen habe. Sobald wir uns hier häuslich einge⸗ richtet hatten, erbluͤhete auch unſer Gluͤck auf's Neue. Ich war beinahe ſiebzehn, Melanie gegen vierzehn Jahre alt. O welche himmliſch ſuͤßen Er⸗ innerungen umſchweben mich bei dem Andenken jener Tage! — Wir wußten es nicht, daß wir ſchoͤn waren, aber als ich zum erſten Mal mit ihr in der großen Allee der Tuilerien erſchien, hoͤrte ich, wie man ſich von allen Seiten zufliſterte: ſie iſt ein Engel! ein wahres Wunderbild von Reiz und Anmuth! Dieſe allgemeine Bewunderung, die Melanie ein⸗ flößte, berauſchte meine Seele, wie die ſußeſte Schmei⸗ chelei. Sie hatte nur gehoͤrt, daß man mich lobte, daß die Frauen mich geprieſen hatten. O Gott, wie gluͤcklich waren wir damals in unſerer S und unſchuld!“ — — 182 — „Ich ſah bald die Nothwendigkeit ein, etwas zu lernen, um in der buͤrgerlichen Geſellſchaft etwas ſein und gelten zu können. Vier Jahre brachte ich nun abwechſelnd in der Bibliothek des Pantheons und bei mir zu Hauſe zu, ohne irgend eine Zer⸗ ſtreuung zu ſuchen. Ich lernte Alles, was man heut zu Tag wiſſen muß, um gebildet zu heißen, und lernte es fuͤr mich allein, ohne andere Huͤlfe als die mei⸗ ner Einbildungskraft und der maͤchtigen Energie eines ſtil in ſich gluͤhenden Charakters. Auch uͤbernahm ich es, Melanie zu unterrichten.“ „Doch bald ſtand ich an der Grenze meines Gluͤcks. Ich war ein und zwanzig Jahre alt; alle meine Empfindungen waren gluͤhend wie der Himmel, unter dem ich meine Kindheit verlebt hatte; ich konnte es mir nicht laͤnger verbergen, daß ich Melanie nicht wie meine Schweſter liebte, ſondern ſie als das einzige Weib, das es fuͤr mich auf der ganzen Erde gab, mit unendlicher Leidenſchaft anbetete.“ „Gluͤck, Freude, Wonne, Welt und Leben ver⸗ ſank vor mir — der Hauch des Verbrechens hatte ſie vernichtet — ich ſah mich am Rande des Ab⸗ grundes und in der Tiefe v die de mit allen ihren Qualen!“ — — —————— — „Der Augenblick, wo ich dies erkannte, war graͤßlich, zerſtorend, vernichtend. Nach einer Nacht voll unausſprechlicher Qual war ich am Morgen matt und niedergeſchlagen. Melanie laͤchelte mir zu — ich wandte das Auge weg; ſie redete mit mir, und ich bemuͤhte mich taub zu ſein gegen den ſußen Wohllaut ihrer Stimme — welche Marter fuͤr mein Herz!“ „Von dieſem Tage an bemächtigte ſich die finſterſte Schwermuth meiner Seele; ſie laſtet noch auf mir, und wird mich nie verlaſſen. Ich beſchloß, meine Liebe muthig zu bekäͤmpfen, und ſie in meiner Bruſt, in der alle Flammen der gluͤhendſten Leidenſchaft loderten, wie in einem Grabe zu verſchließen. Ich machte die ganze Energie meines Weſens dieſem Kampfe dienſtbar. Ich ſchlug die Augen nieder, wenn Melanie mich mit jenem Blick der innigſten Zartlichkeit anſah, in dem ihr ganzes Herz, ihre ganze Seele lag; ich floh ihre Naͤhe, aber ſie mußte fuͤhlen, daß ich ſie mehr als je liebte. Alles, was ich ihr ſagte, ging ihr um ſo mehr zu Herzen, da mein tiefer, hoff⸗ nungsloſer Gram aus jedem Laute wiederklang. Es war im Herbſt, ich brachte ganze Tage einſam im Freien zu, und gab mich der Schwermuth hin, welche * — 184 — die erſterbende Natur mit mir zu empfinden ſchien; und doch fand ich in meinem Gram noch eine ge⸗ heime Suͤßigkeit und meine Seele war nicht ohne Wonne. — Ich, der zaͤrtlichſte Freund, der Bruder Melaniens, zagte mit ihr zu reden und ſie zu ſehen, meine Hand bebte, wenn ich ihr etwas reichte; mein Blick war zur Erde niedergeſchlagen, und die Thrä⸗ nen, die ich meiner Schweſter verbarg, floſſen im Dunkel meiner ſchlafloſen Naͤchte. Melanie verdop⸗ pelte ihre Zaͤrtlichkeit; ſie fuͤhlte, daß ein geheimer Gram an meinem Herzen nage, aber ihre reine Seele vermochte die Urſache deſſelben nicht zu er⸗ rathen, ſie glaubte mich durch ihre Liebe troſten zu muͤſſen.“ — „Und o Gott, wie liebte ſie mich! wie horchte ſie auf jedes meiner Worte, wie verlor ſie ſich im ſtillen Anſchauen des Weſens, dem ihr ganzes Herz gehoͤrte! — Eines Tages, als ich ploͤtzlich von dem Buche, in dem ich las, aufſah, fand ich ihr Auge feſt auf mich geheftet, und ſie vermochte mir die Thranen, in denen es ſchimmerte, nicht zu verbergen. Dieſe Thränen fielen gluͤhend auf mein Herz; ſie las meine Bewegung auf meinem Geſicht, warf ihre Arbeit weg, und flog zu mir hin. Sie ſetzte ſich — — 185 — auf meinen Schooß und ihre Arme um meinen Hals ſchlingend, rief ſie mit dem Zauberton der Liebe meinen Namen.“ „Wuͤthend ſtieß ich ſie zuruck. Fort, rief ich, Du ſollſt mich nicht umarmen! — Errothend und veſchämt, ging ſie mit einer ſo ſanft weiblichen Er⸗ gebung, mit einer ſo ſtillen Unterwuͤrfigkeit nach ihrem Stuhl zuruͤck, daß es ſeibſt einen Tiger ge⸗ rührt haben wuͤrde. Sie ſah mich nicht an, ſie weinte und ſuchte es mir zu verbergen; ſie vermochte nicht, ſich jenen rauhen, gebieteriſchen Ausruf zu erklaͤren, der ſo ſchwer auf ihrem weichen Herzen laſtete.“ „Meine Kraft verließ mich, ich flog zu ihr hin, ich druͤckte ſie an meine Bruſt, ich zerfloß in Thrä⸗ nen, aber wir ſprachen Beide nicht. Ach! ich fuhlte, ich durfte nicht laͤnger ſchweigen. Sollte ſie nicht eben ſo ungluͤcklich werden, als ich, ſo mußte ich ihr den Abgrund zeigen, an deſſen Rande wir wandelten. Aber woher den Muth nehmen, ihr zu ſagen: unſere Liebe iſt ſtrafbar, wir muͤſſen uns trennen. — Vergeblich machte ich in den nächſten Tagen mehrere Male den Verſuch zu reden; ich 186 fuͤhlte, daß ich es nie vermogen wuͤrde, und ſchrieb ihr endlich ungefaͤhr Folgendes:“ „O meine Schweſter, die Hand des Mannes, der Dich gluͤhender liebt, als je irgend ein Mann ge⸗ liebt hat, muß Dir den Dolch in die Bruſt ſtoßen — Dein Bruder muß Dir ſagen: ſtirb, Melanie! Unſer Leben war bis jetzt ein ſchoͤner Traum, aber der furchtbare Augenblick des Erwachens iſt da!“ „Melanie, wir beten uns an, nur Eine Seele belebt uns, nur Ein Herz ſchlaͤgt in unſere Bruſt. — Wir ſind durch jede nur erſinnliche Regung der Liebe mit einander verbunden, wir koͤnnen nicht ohne ein⸗ ander leben — aber jenſeits der Blumengefilde un⸗ ſers gegenwaͤrtigen Glucks liegt eine furchtbare Uner⸗ meßlichkeit — ſie heißt Tod und Ewigkeit, Fluch und Hoͤlle!“ „Ja, Melanie, ſeit zwei Monaten erdulde ich alle Qualen der Verdammten, ſeit zwei Monaten weiß ich, daß ich Dich mit ſträflicher, ach unausſprech⸗ lich heißer Leidenſchaft liebe. Die Religion, alle himm⸗ liſchen und irdiſchen Geſetze ſtehen trennend zwiſchen uns — wir muͤſſen gehorchen, wollen wir der ewi⸗ gen Verdammniß entgehen. Du darfſt mich nicht mehr anſehen — verhuͤlle Deine Zuͤge, Deine Geſtalt, — 187 — alle Deine Reize — ſprich nicht mehr zu mir mit jener ſuͤßen Stimme, die alle Fibern meines Herzens bewegt — ich will Dich meiden, ſo viel ich kann. — Das furchtbare Gebot, uns zu fliehen, uns nicht mehr zu ſehen, vermag ich nicht zu denken, nicht zu faſſen. Ich hoffe, daß wir unter der Obhut un⸗ ſers Gewiſſens bei einander bleiben koͤnnen bis zum Grabe, wo uns die Krone der Martyrer entgegen⸗ ſtrahlt.“ 6 „Uns bleibt kuͤnftig nichts, als das traurige Gluͤck, uns zu ſehen und ſtumm neben einander fortzuleben. Du ſchläfſt ruhig in dieſer mitternächt⸗ lichen Stunde, wo ich Dir das letzte Lebewohl der Liebe ſage! Von morgen an werde ich Dich wie den Schatten einer geliebten Perſon anſehen, jede Erin⸗ nerung an das, was wir uns bis heute waren, wird nun die Inſchrift eines Grabmales fuͤr uns ſein, und nie, Melanie, nie werden wieder Stunden des Gluͤcks fuͤr uns kommen! — O moͤchte der Tod uns bald von der ſchweren Laſt des Lebens befreien! Er iſt unſere einzige Hoffnung. Mir iſt beim Nieder⸗ ſchreiben dieſer Worte, als fuͤhlte ich Seele und Leben ſchon entſchwinden — meine Thraͤnen fließen — ach, warum verbietet uns die Religion, Arm in — 188 — Arm im Grabe eine Zuflucht gegen dieſen unenbli⸗ chen, unuͤberwindlichen Schmerz zu ſuchen!“ — „Als ich dieſen Brief vollendet hatte, trug ich ihn ſelbſt in Melaniens Schlafzimmer, um ihn auf ihren Nachttiſch zu legen. Sie ſchlief den ſanften Schlaf der Unſchuld. Ich trat an ihr Lager, da fliſterten ihre Lippen im Traume ſo zärtlich meinen Namen, daß jeder Blutstropfen in meinen Adern ergluͤhte. Ich floh, ohne einen zweiten Blick auf das himmliſche Geſchoͤpf zu werfen.“ „Die Angſt, mit der ich am andern Morgen in das Fruͤhſtuͤckszimmer trat, wo ich ſie wieder ſehen ſollte, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Ich ſollte nun dem Schmerze Trotz bieten, den ich ſelbſt in ihrem Herzen erweckt hatte. Bleich und verweint trat ſie ein, ſie wagte es nicht, einen Blick auf mich zu werfen, ſtumm ſetzte ſie ſich an den Tiſch. Plötz⸗ lich brach ihr das Herz, laut weinend warf ſie ſich Madame Simon in die Arme und rief mit dem Tone der ſchmerzlichſten Verzweiflung: „Verſprich mir wenigſtens, Victor, daß wir uns nie trennen wollen!“ — „Sie ſank hier ohnmaͤchtig zuſammen; als ſie erwachte, blieb ſie ſtumm und innerlich erſtarrt. Sie — — — klagte nicht, ſie bewegte ſich kaum. Ihre Wangen wurden taͤglich bläſſer, aber ihre Augen glaͤnzten ungewöhnlich. Des Nachts hoͤrte ich ſie weinen, aber am Tage ſuchte ſie mir ihre Thränen zu verbergen. Jetzt laſtete nicht blos mein Elend, ſondern auch ihr tiefer, leidenſchaftlicher Gram auf meinem Herzen. Gluck und Heiterkeit waren unwiederbringlich für uns entflohen und die äußerſte Schwermuth druͤckte un⸗ ſern Tagen, unſern Augenblicken, allen unſern Hand⸗ lungen, Worten und Gedanken ihr Siegel auf. Madame Simon war eben ſo traurig als wir — und doch, was hatten wir denn verbrochen?“ — „Unſer Leben wurde zu einem ununterbroche⸗ nen Kampfe. Ungeachtet ihres Vorſatzes, jeden ihrer Blicke zu bewachen, lag doch in Melaniens Auge oft der Ausdruck der allerinnigſten Zaͤrtlichkeit. Die Muſik wurde fuͤr ſie zur Dolmetſcherin ihrer innerſten Herzensempfindung; ich horte ſie in dieſer Zeit nie ſpielen, nie ſingen, ohne daß der Ausdruck, den ſie in ihr Spiel und in ihren Geſang legte, meine ganze Seele erſchutterte.“ „Oft ſtrebte ich ſie und mich zu ermuthigen⸗ Beſitzen wir nicht Alles, meine Schweſter, ſagte ich zu ihr, was hienieden zu begluͤcken vetmag? Wir . — — lieben uns von ganzer Seele, wir ſehen uns täglich, wir ſind unſerer gegenſeitigen Treue gewiß, und Je⸗ des von uns braucht nur in ſeinem eigenen Herzen zu leſen, um mit den Gefuͤhlen und Gedanken des Andern vertraut zu ſein. Alles, was die Seele der Seele zu geben vermag, iſt unſer — warum wollten wir denn troſtlos verzagen?“ „Ach, mein Bruder,“ antwortete ſie mir, „wie⸗ viel glucklicher waͤren wir, duͤrften wir ſterben! — Sie hatte Recht, ich fuͤhlte es, wie ſie; allein da ich einſah, daß die tiefe Einſamkeit, in der wir lebten, unſerer Leidenſchaft mehr und mehr Gewalt verlieh, beſchloß ich, meine Schweſter in die Welt zu fuͤhren. Ich muß hier erwaͤhnen, daß das Gluͤck Gefallen daran gefunden hatte, uns mit ſeinen gold⸗ nen Gaben zu uͤberſchuͤtten. Bei unſerer Ankunft in Paris hatte ich unſere 200,000 Franken einem Banquier uͤbergeben, der mir vorſchlug, an einer ſei⸗ ner Speculationen Antheil zu nehmen; ich that es, und ſah binnen vier Jahren unſer Capital verdrei⸗ facht. Bisher hatten wir jährlich nur einen Theil unſerer Zinſen verbraucht, da Madame Simon un⸗ ſere Wirthſchaft mit eben ſo viel Sparſamkeit als Ein⸗ ſicht fuͤhrte. Jetzt aber ſchaffte ich eine Equipage — 1 — an, ich nöthigte meine Schweſter, eine koſtbare Toi⸗ lette zu machen, und fuͤhrte ſie zuerſt bei unſerem Banquier ein, in deſſen Salon wir eine Menge Be⸗ kanntſchaften machten, und uns bald mit Einladun⸗ gen uͤberhaͤuft ſahen. Wir beſuchten Balle und Schauſpiele; Melaniens wundervolle Schoͤnheit ſam⸗ melte einen Kreis von Bewunderern um ſie her, aber ſie beachtete alle ihr dargebrachten Huldigungen nicht, ſie blieb gleich ſchwermuthig und ſah in den glän⸗ zendſten Saͤlen, wo ſie Aller Blicke auf ſich zog⸗ nur mich, der ich finſter und träumend in einem Winkel ſtand, und das Auge nicht von ihr zu wen⸗ den vermochte. Die Welt war fuͤr uns eine große Wuͤſte — unſere Leidenſchaft allein fullte ſie fuͤr uns aus, und wir hatten die beſeelte Einſamkeit unſeres Aſyls nur verlaſſen, um uns unter der Menſchen⸗ menge einſam zu fuͤhlen und uns nach jener zurück⸗ zuſehnen. — Nie werde ich das letzte Feſt vergeſſen, bei dem wir gegenwaͤrtig waren. Wie ſchon war Melanie an dieſem Tage! ſie flößte allen Maͤnnern Bewunderung ein, und frei von Eitelkeit und Ge⸗ fallſucht, zog ſie ſelbſt die Frauen an. Nach Ver⸗ lauf einiger Stunden kam ſie zu mit, der ich in ihren Anblick vertieft in einer Ecke ſaß; laß uns — 192 — nach Hauſe fahren, bat ſie, eine Viertelſtunde dort mit Dir verlebt, iſt tauſendmal mehr werth, als dies glanzvolle Gewuͤhl.“ „Ich war leibenſchaftlicher bewegt als je, und vermochte mich kaum zu faſſen, als ſie im Wagen neben mir ſaß, und den Kopf an meine Schulter lehnend, mir zufliſterte: Ach Victor, warum duͤr⸗ fen wir nicht ſterben!“ — „Ich fuͤhlte, daß ich keinen Augenblick länger zogern durfte, mich von ihr zu trennen, und ging am naͤchſten Morgen zu einem wuͤrdigen, mir be⸗ kannten Geiſtlichen, dem ich mein Herz eroffnete und ihn um Rath fragte. Er rieth mir, zwiſchen Me⸗ lanie und mir eine unuͤberſteigliche Scheidewand zu ziehen und mich dem geiſtlichen Stande zu widmen. Ich faßte dieſe Idee auf — die Kirche erſchien mir als eine ſichere und geheiligte Freiſtaͤtte gegen Ver⸗ brechen und Leidenſchaft. Ja, ſagte ich zu mir ſelbſt, ich werde den Muth haben, Melanien zu fliehen; ich will mir irgend einen abgelegenen Ort ſuchen, wo ich als Prieſter meine Tage beſchließen kann. Was bedarf ich noch hienieden? Welt und Leben ſind fuͤr mich verarmt, wenn ich Melanie verliere!“ — 193 — „Der Entſchluß, mich von ihr zu trennen, ver⸗ mehrte meine Schwermuth. Ich ſchloß mich in mein Zimmer ein, um mir vom Himmel Kraft zur Ausfuͤhrung deſſelben zu erflehen. Ich ſah Melanien faſt gar nicht mehr, und wenn ſie vor der Thuͤr meines Cabinets weinend um Einlaß bat, verſagte ich ihr dieſen. So ſehr dieſe Barbarei mein Herz zerriß, ſuchte ich mich doch — einmal entſchloſſen, das Grauſamſte zu thun — almählig zu verhaͤrten; ich bereitete mich darauf vor, ihr und mir den Todesſtoß zu geben. Undenklich war es mir, wie ich von ihr Abſchied nehmen, ihr fuͤr immer Lebewohl ſagen ſollte; ich beſchloß, ihr mei⸗ nen Entſchluß und den Ort meines kuͤnftigen Auf⸗ enthalts zu verbergen. Erſt als ich mein Schickſal unwiderruflich entſchieden hatte, verließ ich mein Zimmer wieder, doch mein Geſicht verrieth Mela⸗ nien, daß ich troſtloſer und ungluͤcklicher war als je. Mit jener himmliſchen Sanftmuth, die der Grund⸗ zug ihres Charakters iſt, litt ſie ſchweigend; aber ſie zeigte mir, daß ſie meinen neuen Gram theile, ohne ihn zu kennen, ihr Blick ſchien meine Seele ergruͤnden zu wollen, er bat ſo innig, ihr das Geheimniß zu entdecken, das ich in F. Tarnow, Novellen. II. 9 — 194 — meiner Bruſt verſchloß — allein ich blieb uner⸗ ſchutterlich.“ „Als ich die Liſte der biſchoͤflichen Sprengel durchlief, ſah ich, daß der Biſchof von A. meinen Familiennamen fuͤhrte. Dies bewog mich, das Seminarium zu A. allen andern vorzuziehen. Ich ließ mir von meinem Banquier 50,000 Franken aus⸗ zahlen, die ich einem unbekannten Notarius in Ver⸗ wahrung gab, ordnete alle unſre Angelegenheiten, brachte unſer Vermoͤgen auf Melaniens Namen ſicher unter, und bereitete Alles zu meiner Abreiſe auf eine Art, die es Melanien unmoͤglich machen mußte, meine Spur aufzufinden. Nur zu bald war Alles beſorgt, und mir blieb nichts uͤbrig, als den Tag meiner Abreiſe zu beſtimmen.“ „Meine ungewoͤhnliche Geſchaͤftigkeit hatte Me⸗ lanien beunruhigt; ſo oft ich das Haus verließ, oder es wieder betrat, ſah ſie mich mit dem for⸗ ſchenden Blick ſorgſamer Liebe an. Endlich kam der entſcheidende Tag; ich hatte am Morgen deſſel⸗ ben heftiges Fieber. „Du biſt krank?“ fragte ſie, „was fehlt Dir?“ „Du wirſt es nur zu fruͤh erfahren, liebſte Schweſter; laß uns noch dieſen Morgen ungeſtört — 195 — mit einander verleben, wer weiß, was der Abend bringt.“ „Kann uns noch ein neues Ungluͤck bedrohen?“ fragte ſie erſchrocken.“ „Der Liebe, meine Melanie, iſt es eigen, daß die groͤßten Opfer ihr nichts koſten, wenn ſie ſie dem geliebten Weſen bringt. Sie macht die ſchwerſte Laſt leicht, ſie verſuͤßt den bitterſten Kelch. Gott iſt mein Zeuge, daß ich tauſendmal lieber ſter⸗ ben als Dir den kleinſten Kummer verurſachen moͤchte.“ — „Du biſt nicht mehr wie ſonſt gegen mich,“ ſagte ſie mit einem Blicke voll Schmerz und Liebe. „Was bedeuten dieſe Worte? Ehemals ſannſt Du nie auf eine Einleitung, wenn Du mir etwas zu vertrauen hatteſt.“ „O Melanie, wie ſchoͤn war jene Zeit des Frie⸗ dens und des Gluͤckes! — Doch Du haſt Recht. Wiſſe denn, daß ich entſchloſſen bin, Deiner Ruhe ein Opfer zu bringen —“ „Du willſt Dich todten!“ rief ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck des Entſetzens.“ „Nein, Melanie, nein!“ ſagte ich, indem ich ſie in meine Arme ſchloß. Sie brach in Thränen aus, 9* — 196 — die ihr Herz erleichterten; auch ich weinte. „Schwöre mir, theure Schweſter,“ fuhr ich fort, „daß auch Du das Leben ertragen willſt, magſt Du Dich auch noch ſo ungluͤcklich fuͤhlen.“ „Ich gelobe es,“ ſagte ſie mit himmliſchem Lächeln, „ſo lange Du auf der Erde weilſt, will ich den Tod nicht ſuchen.“ „Der Tod des Einen von uns, meine Melanie, wird ſtets fuͤr den Andern ein Todesurtheil ſein. — Aber jetzt komm zu Deinem Piano, ſinge mir Dein ſchoͤnſtes Lied, hauche noch einmal in dieſe Toͤne die Liebe, die Dich zu einer Sterblichen, die Reinheit, die Dich zu einem Engel macht. Ver⸗ banne jeden truͤben Gedanken, laß uns noch einmal gluͤcklich ſein.“ „Sie ſah mich voll Erſtaunen an, erfuͤllte je⸗ 3 doch meine Bitte. Es war fuͤr mich ein Schwa⸗ nengeſang — meine Thränen floſſen; nie war mir der Gedanke an unſte Trennung ſo furchtbar er⸗ ſchienen. Als ſie aufſtand, warf ich mich auf ihren Sitz und kuͤßte die Taſten, welche ihre Finger ſo eben beruͤhrt hatten, mit unausſprechlicher Leiden⸗ ſchaft. „Victor,“ rief ſie, „ich kann dieſe Unge⸗ wißheit nicht laͤnger ertragen. Was haſt Du vor?“ — 197 — „Ein Wort nur, Melanie, und Du wirſt Alles begreifen; aber Du haſt nicht Kraft genug, es zu hoͤren.“ „Du willſt mich verlaſſen!“ ſchrie ſie, und ſtürzte ohnmaͤchtig nieder. Ich hob ſie auf, und als ſie die Augen wieder aufſchlug, rief ſie mit dem Wahnwitz der Verzweiflung immerfort: „ich will ſterben! ich will ſterben!“ — Ich warf mich zu ihren Fuͤßen, ich druͤckte ſie an mein Herz, ich tröſtete ſie mit den zartlichſten Worten der Liebe; allein ſtatt aller Antwort wiederholte ſie nur immer: „ich will ſterben!“ — Endlich ſah ich ſie mit er⸗ kuͤnſtelter Strenge an: „Du liebſt mich nicht, Me⸗ lanie,“ ſagte ich. — Sie umarmte mich ſchwei⸗ gend. Gott! o Gott! wer vermag auszuſprechen, was in dieſer Umarmung das Herz dem Herzen ſabte „Nach einer Stunde ward ſie ruhiger aus Er⸗ mattung und Niedergeſchlagenheit; ſobald ich aber aufſtand oder mich der Thuͤre näherte, ſchrie ſie laut auf. Endlich ſank ſie mir zu Fuͤßen. „Mein Bruder,“ flehete ſie mit gefalteten Händen, „er⸗ barme Dich meiner, reiſe nicht weg — Du nimmſt mein Leben, meine Seele mit Dir. Trenne uns, — 198 — . wenn Du willſt, durch eiſerne Mauern, aber laß mich nur Eine Luft mit Dir athmen! Raube mir nicht den Troſt, Dich in meiner Naͤhe zu wiſſen und in Deinen Armen meinen letzten Seufzer aus⸗ hauchen zu koͤnnen. Ich unterwerfe mich Allem, was Du uͤber uns verfügen willſt, bleibe nur, bleibe nur bei mir, mein Bruder, mein einziger Freund Du biſt ja mein Alles auf der Welt!“ — „Ungluͤckliche“ rief ich, „fuͤhlſt Du denn nicht, wie ewiges Verderben uns bedroht? Kannſt Du Dich nicht zu einem großen Entſchluſſe erheben, der Dich und mich zu retten vermag?“ „Nein, ich kann es nicht,“ ſeufzte ſie, und ihr Blick warf mir meine Haͤrte vor. — „Gott, wenn meine Seligkeit allein auf dem Spiel ſtände! — Doch, ach, wenn Dich Verderben bedroht, mußt Du fort!“ — „So lebe den wohl, Melanie, meine Seel⸗ bleibt bei Dir,“ rief ich, und eilte nach der Thuͤr; aber ſie flog mir nach und umſchlang mich, in einen Strom von Thränen ausbrechend. Gewaltſam riß ich mich aus ihren Armen — ich horte ſie rufen: „Ohne Lebewohl? — Laß mich nur Abſchied von Dir nehmen, Barbar!“ — — 199 — „Sie wird ſterben,“ ſagte ich mir, die Treppe — „wohl ihr! wohl ihr! wollte Gott, ſie wäre nur erſt todt!“ — Wie ich nach dem Poſt⸗ hauſe und in den Wogen gekommen bin, weiß ich nicht. Ich langte in A. an, ſtieg vor dem Semi⸗ nario aus, und ließ mich unter dem Vorwande, daß ich alle meine Familienpapiere verloren habe, blos unter dem Namen Vietor aufnehmen. Als ich allein in meiner Zelle war, empfand ich erſt den ganzen Umfang meines ungluͤcks. Die ſtrengſten uebungen der Religion ertodteten nicht die brennende Sehnſucht meiner Bruſt; das Leben laſtete wie eine unerträgliche Buͤrde auf mir, die Hoffnung zu ſter⸗ ben war mein einziger Troſt. Alle meine Gedanken wandten ſich zu Melanien hin, ich malte ihr Bild — es ward ſprechend aͤhnlich; ich ſchrieb ihr auch, weil ich fuͤhlte, ſie vermoge nicht zu leben, wenn ſie keine Nachricht von mir erhalte.“ „Ich lebe, meine Schweſter,“ ſchrieb ich ihr, „und dies eine Wort reicht hin, Dir den ganzen umfang meines Unglücks, meiner Ergebung und meines Muthes zu ſchildern. Ich ſchreibe Dir, um Dich zu ermahnen, Dein Leben zu ertragen. Er⸗ reichen wir einſt das Alter, wo die Leidenſchaften im — 200 — Herzen der Menſchen erſterben, und Du nur noch ein Engel, nicht mehr das ſchonſte, verfuhreriſchſte, hinreißendſte aller ſterblichen Weſen ſein wirſt, dann werden und duͤrfen wir uns wieder ſehen. Erhalte Dich fuͤr dieſen Zeitpunkt; die Sehnſucht, ihn er⸗ ſcheinen zu ſehen, iſt meine Lebensflamme geworden. Lebe wohl, Seele meiner Seele, Gedanke meiner Gedanken! — Denke, daß Du mich noch einſt glücklich machen kannſt, und Du wirſt um meinet⸗ willen leben, wie ich nur fuͤr Dich lebe. Faſſe Muth! Hoffe! Du biſt und bleibſt mein Alles.“ „Als ich das Seminarium verließ, ſah ich mei⸗ nen Onkel, den Biſchof, zum erſten Mal. Er konnte mir keine Auskunft uͤber das Schickſal meines Vaters geben, und als ich ihn nach meiner Mutter fragte, wurden ſeine Augen feucht, und er ſah mich mit unausſprechlicher Liebe an, was mich um ſo mehr befremdete, da er ganz den Charakter meines Vaters zu beſitzen ſcheint, und der geiſtliche Stand ſeinem Benehmen eine auffallende Strenge gibt. Der Ruf ſeiner Heiligkeit hatte ihn ſchon, ehe ich ihn ſah, zu einem Gegenſtande meiner Verehrung gemacht, ſeine Guͤte gegen mich erregte meine Dankbarkeit.“ „Doch Alles im Leben verſchwindet fur mich — 201 — vor Melaniens Bilde, das noch immer unumſchräͤnkt in meinem Herzen thront. Dieſe unüberwindliche Leidenſchaft zehrt mein Leben auf, und ich ſegne den Tag, wo der wuͤrdige Greis, zu dem mich das Schickſal gefuͤhrt hat, mir die Augen zudrucken wird. Ich werde ihn bitten, der Ungluͤcklichen meine letzten Gruͤße zu bringen — ach! ſie wird mein letzter Gedanke ſein, wie das Andenken an ſie mich bei allem meinem Thun begleitet; im Traume wie im Wachen ſeh ich ſie ſtets vor mir, in jedem Augenblick des Tages ſage ich mir: Melanie denkt an mich. Die Flamme der Liebe, die mich verzehrt, iſt zum furchtbar verheerenden Brande geworden. Ich habe keinen Freund, der mich troͤſtet, oder mit mir weint — ich kann keinen haben, denn das Ge⸗ heimniß meines Ungluͤcks muß in meinem Herzen verſchloſſen bleiben, ſo lange es ſchläͤgt. — Als ich meinen Onkel bat, mich als Vicar nach Auinay ke Vicomte zu ſenden —“ Hier wurde Margarethe durch die kleine, von ihr ausgeſtellte Schildwache unterbrochen, die ihr die Ruͤckkehr des Vicars meldete. Erſchrocken flog ſie nach ſeinem Cabinet hinauf, das Manuſcript wieder auf den Schreibtiſch zu legen, und harte — 202 — kaum noch Zeit, auf Melaniens Bild einen Blick der Bewunderung und Theilnahme zu werfen, als ſie Herrn Victor ſchon an der Hausthur klingeln hoͤrte. Er ſchien unruhig zu ſein, und ſein erſtes Wort war die Frage: ob er nicht an ſeinem Cabi⸗ net den Schluͤſſel habe ſtecken laſſen? „Ich kann es nicht ſagen,“ antwortete ſie ſcheinbar ganz unbe⸗ fangen, „denn ich bin in Ihrer Abweſenheit nicht wieder oben geweſen. Unſer alter Herr,“ fuhr ſie mit erhoͤhter Stimme fort, damit der Pfarrer ſie hoͤren ſollte, „hat ſich, ſeit Sie weg waren „unwohl befunden, doch jetzt geht es ſchon wieder beſſer.“ Der junge Mann trat in das Zimmer. „Sie ſind nicht wohl, Sie leiden?“ fragte er theilnehmend. „Ja,“ antwortete Gauſſe, den Victors Schick⸗ fal tief erſchuͤttert hatte, „mir thut das Herz un⸗ endlich weh.“ — Der Vicar blieb noch einige Zeit und die Blicke des Pfarrers und Margarethens weilten mit verdoppeltem Intereſſe auf ſeinen edlen, bleichen Zuͤgen, in denen man die Geſchichte ſeines Zebrochnen Herzens las; und als er ſie verließ, be⸗ wunderte Margarethe mehr als je den Adel ſeiner Haltung und ſeine ſchlanke, jugendlich ſchoͤne und dech Ehrfurcht gebietende Geſtalt. Der Pfarrer — 203 — nahm ihr einen Eid ab, das Geheimniß des jungen Marquis von St. André nie zu entdecken, und zu ihrer Ehre ſei es geſagt, ſie leiſtete nicht blos dieſen Schwur, ſondern ſie hielt ihn auch. Wer ſich aber am meiſten mit dem Vicar be⸗ ſchäftigte, war und blieb die Marquiſe von Roſann. Sie fuͤhlte, ohne dies Gefuͤhl begreifen und ſich er⸗ klären zu können, daß er ihr zu ihrer Zufrieden⸗ heit unentbehrlich geworden war. Eine namenloſe, maͤchtige Empfidung zog ſie zu ihm hin; ſie er⸗ bebte vor der Gewalt derſelben, und doch konnte ſie ſie nicht füͤr ſtrafbar halten. Das Andenken an ihren Gatten, an den Mann, deſſen Gluͤck ſie war, vertrug ſich in ihrer Seele wunderbar mit der Entfaltung eines ihr bis zu dieſem Moment ganz fremd gebliebenen Gefuͤhls, das einen unend⸗ lichen Reichthum in ſich zu verſchließen ſchien. Einige Tage nach jenem Abend, wo Margarethe das Manuſcript des Vicars geleſen hatte, ging dieſer in dem Park des Schloſſes ſpatzieren, wo er oft und gern verweilte. Vorzuͤglich zog ihn eine Stelle am ufer des See's an, deren kuhle Schatten ihn an ſein geliebtes Amerika erinnerten. Hier ſaß er unter einem großen Platanenbaum, in ſchwer⸗ — 204 — muthsvole Träume verſentt, als ihn der leichte Schtitt eines weiblichen Ganges daraus erweckte. Er ſah auf — Frau von Roſann ſtand vor ihm. Seine Seele war gerade mehr als gewoͤhnlich ſanften Regungen offen⸗ Er erhob ſich, nicht um ſich zu entfernen, ſondern nur um ſie zu gruͤßen. Sie ſetzte ſich und winkte ihm mit der Hand, neben ihr Platz zu nehmen. „Ich werde auf meinen Park eiferſuͤchtig werden,“ egann ſie mit einem unwiderſtehlich einnehmenden Lächeln; „ſeit acht Tagen haben Sie mich nicht be⸗ ſucht, ob Sie gleich mehrere Male hier waren.“ „Dieſe Baͤume ſind ſtumm, gnadige Frau,“ antwortete er, „und koͤnnen ſich nicht beklagen, wenn ich zu oft komme. Sie aber wuͤrden, wenn ich Ihnen ſo oft meine Aufwartung machte, berech⸗ tigt ſein, dies zu thun, da es ſo leicht keinen ſchlechtern Geſellſchafter geben kann, als ich es bin.“ „Sie ſind zu beſcheiden, Herr Victor.“ — Der Ton, mit dem ſie zum erſten Mal den Namen des Vicars ausſprach, laßt ſich nicht beſchreiben. „Gewiß, Sie ſind zu guͤtig,“ erwiederte der junge Mann lebhaft. „Nein, mein Freunb — ich hoffe, daß Sie — 205 — mir dies ſein werden, wenn Sie mein Ungluͤck und mein Schickſal kennen gelernt haben — nein, bei dieſem Urtheil iſt keine Guͤte im Spiel, wohl aber ein wenig Egoismus.“ „Wie, gnaͤdige Frau,“ rief der Vicar theil⸗ nehmend, „Sie ſind unglucklich?“ „Ja, Herr Victor ich waͤhle Sie zum Richter uͤber mein Geſchick, und will Ihnen ein Geheimniß vertrauen, um das, außer mir, jetzt nur zwei Men⸗ ſchen wiſſen, weil ich in Ihnen einen Gewiſſens⸗ rath zu finden wuͤnſche, und auch durch mein Ver⸗ trauen Anſpruch auf das Ihrige zu erhalten hoffe. Ihre Schwermuth, mein junger Freund, beweiſet mir, daß Sie eines Herzens beduͤrfen, dem das Ihrige klagen kann, was es belaſtet, und mit der offnen Freimuͤthigkeit der guten alten Zeit reiche ich Ihnen die Hand, und bitte Sie; laſſen Sie uns Freunde ſein.“ Tief bewegt druͤckte Victor die ihm dargebotene Hand. Frau von Roſann verſtand dies ſtumme und doch beredte Zeichen. „Ich wurde,“ begann ſie ihre Erzaͤhlung, „bei meiner Geburt zur Waiſe, und habe meine Mutter nie gekannt —“ — — 206 — „Ach,“ unterbrach ſie der Vicar, „dieſen Schmerz habe ich wie Sie empfunden!“ „Sie haben Ihre Mutter nie gekannt!“ rief die Marquiſe, indem ſie ſichtlich erſchuͤttert auf⸗ ſtand. — „Großer Gott! — und Sie ſind zwei und zwanzig Jahr alt — Sie heißen Victor! — Barmherziger Himmel! ſollte es moͤglich ſein?“ — Thraͤnen fuͤllten ihr Auge, doch ſich faſſend, ſetzte ſie ſich wieder, und fuhr folgendermaßen fort: „Bei allem Anſchein von Ruhe und Sanftmuth bin ich eigentlich von Natur heftig und teidenſchaft⸗ lich. Von Kindheit an war ich dies aber mehr innerlich, als daß es ſich in meinem außern Betra⸗ gen gezeigt hätte; mein Charakter verrieth ſich allein in der Staͤrke meiner Empfindungen und der Treue, mit der ich das einmal Ergriffene feſthielt. Sie wiſſen aber gewiß aus eigner Erfahrung und Selbſt⸗ beobachtung, daß jedes verſchloßne leidenſchaftliche Gefuͤhl einen Hang zur Träumerei und ſtillem Sinnen in uns erweckt, und dies täuſchte die, welche, ohne mich genau zu beobachten, mit mir lebten, uͤber meine Anlagen und Empfindungen.“ „Eine Tante, deren Froͤmmelei die ſtrengſte Beobachtung leerer Gebraͤuche fuͤr das Weſen der — 207 — Religion hielt, uͤbernahm meine Erziehung, deren Art und Weiſe Sie zu wuͤrdigen vermögen, wenn ich Ihnen ſage, daß mir aus meinen Kinderjahren, dieſer Bluͤthenzeit unſchuldiger Freuden, auch nicht eine liebe, angenehme Erinnerung geblieben iſt. — Meine Tante duldete mich ſelten in dem Kreiſe von Geiſtlichen und Betſchweſtern, der ſie umgab, und als ich größer wurde, unterſagte ſie mir gänzlich den Einteitt in ihre Zimmer, wenn ihre Freunde bei ihr waren. Die Einſamkeit und Abgeſchieden⸗ heit, in der ich ohne Geſpielen, faſt ohne allen umgang aufwuchs, vermehrte das Uebergewicht, das meine Phantaſie ſchon von Natur uͤber meine übrigen geiſtigen Fähigkeiten hatte; ich erträumte mir eine Welt und Menſchen darin, die wie ich fuͤhlten und liebten — denn Liebe war der Grund⸗ ton meines Weſens, ja mein Weſen ſelbſt, ehe ich noch wußte, was Liebe ſei.“ „Das Verbot, den Geſellſchaften meiner Tante beizuwohnen, gab ihnen einen Reiz, den ſie ſonſt nie fuͤr mich gehabt haben wuͤrden, und mit der allen jungen Madchen eigenen Neugierde verſteckte ich mich oft, um die Geiſtlichen, die bei meiner Tante ein⸗ und ausgingen, ankommen oder weg⸗ — 2 — gehen zu ſehen. Es waren lauter ziemlich bejahrte Maͤnner, mit Ausnahme eines jungen Abbé's, der nur einige und zwanzig Jahr alt zu ſein ſchien. Sobald ich dieſen erblickt hatte, wuͤnſchte ich ihn oͤfterer zu ſehen; ich gab genau Acht auf die Tage, wo er zu kommen pflegte, und verfehlte nicht, ihn dann aus meinem Verſteck zu beobachten.“ „Eines Tages gewahrte er mich — ich zog den Kopf ſchnell zuruͤck, aber als ich nach einigen Minuten lauſchend wieder hinſah, ſtund er noch un⸗ beweglich, das Auge auf das kleine Fenſter geheftet, hinter dem er mich bemerkt hatte. Sein Erſtaunen, ſeine Ueberraſchung, der Blick, mit dem er mich an⸗ ſah — das Alles machte mir ſehr viel Vergnuͤgen. Es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich etwas erlebte, und der Eindruck davon bleibend und tief. Ich dachte nur an den jungen Mann, und meine Phantaſie ſchmuͤckte ihn mit allen nur erſinn⸗ lichen Vollkommenheiten aus. Eine geraume Zeit genuͤgte es mir, an ihn zu denken; dann erwachte aber der Wunſch, ihn auch einmal wieder zu ſehen, und nicht blos ſo fluͤchtig; ich ſehnte mich, ihn reden zu hoͤren, und mich zu uͤberzeugen, daß er — 209 — wirklich dem Bilde entſpreche, welches ich mir von ihm entworfen hatte.“ „Ich war damals vierzehn Jahr alt, und ohne die Anſpruͤche zu kennen, zu denen uns Frauen Schönheit berechtigt, ohne auf mein Aeußeres einen Werth zu legen, war ich doch in geiſtiger Hinſicht Mädchen genug, um mir eine Liſt zu erſinnen, die mir den Zuttitt zu den Geſellſchaften meiner Tante eröffnen ſollte. Ich zog mich eines Tages, nachdem ich den jungen Abbé hatte kommen ſehen, ſorgfäl⸗ tiger als gewohnlich an, und trat unerwartet in den Saal, wo ich, nach einer tiefen Verbeugung am Eingang, auf meine Tante zuging, und hinter ihrem Stuhle Platz nahm. Ich bebte wie ein Espenlaub — meine Tante ſah mich voll Erſtaunen an; die Unterredung, welche, als ich die Thuͤr offnete, ſehr lebhaft war, ſtockte, Aller Augen wandten ſich auf mich, und meine Tante ſprach kein Wort. Als ich es endlich wagte, auf die Anweſenden einen ver⸗ ſtohlenen Blick zu werfen, bemerkte ich, daß mein Abbe der Einzige war, der meine Gegenwart gar nicht zu beachten ſchien, und dagegen meine Tante auf eine Art anſah, die mir entſchieden mißfiel; — 210 — aber ich errieth auch, wie ſie entzuckt war, daß der jungſte und liebenswürdigſte aller anweſenden Maͤnner nur fuͤr ſie Augen zu haben ſchien, während ihre Nichte die Blicke aller Andern auf ſich zog, und begriff es, warum ich keine Schelte bekam, und nicht den Befehl erhielt, mich zu entfernen.“ „Wie lebhaft erinnere ich mich noch jedes Augen⸗ blicks dieſes Abends! Mit wie friſchen Farben ſchwebt mir noch das Bild des Mannes vor, von dem ich eben ſprach! Er war groß, ſchlank, ernſt, ja faſt finſter in Haltung und Anſtand. Seine dunkeln Haare fielen in reichen Locken auf ſeine Schultern nieder, ſeine Blaͤſſe erhoͤhte noch den Ausdruck ſeiner glaͤnzenden ſchwarzen Feueraugen, und ein ihm eigenthuͤmlicher Zauber waltete uͤber ieder ſeiner Bewegungen.“ „Endlich brachte einer der Anweſenden das Ge⸗ ſpräͤch wieder durch eine Frage in Gang, als ſei es gar nicht unterbrochen worden, und ich hoͤrte meinen Abbé nun auch reden; allein vergeblich wartete ich auf einen Blick von ihm — er war nur fuͤr meine Tante da, und ich viel zu unerfahren, um zu er⸗ rathen, welch eine Abſicht dieſem Betragen zum Grunde lag. Der Stolz, einen jungen Mann ge⸗ — 211 — feſſelt zu haben, deſſen Auffuͤhrung fuͤr muſierhaft galt, und deſſen ſtrenge Grundſätze, ſo wie ſeine Frömmigkeit beruͤhmt waren, gab meiner Tante eine Zuverſicht zu ſich ſelbſt, die ihr meine Gegen⸗ wart in der Geſellſchaft gleichgultig machte, und von dieſem Tage an geſtattete ſie mir ſchweigend und ohne weitere Erklaͤrung den Zutritt. Die Kälte und wenige Aufmerkſamkeit, die mir Adolf — ſo hieß der Abbs — bewies, betruͤbten mich; ich ward ſtill und ſchwermuͤthig. Eines traf ich ihn beim Weggehen allein im Porſaal — ich ſah ihn an, und in dem Ton, mit dem ih ihm Lebewohl ſaste, mußte wohl ein Anklang meiner Empfindung liegen, denn er näherte ſich mir, faßte meine Hand, die ich ihm willig ließ, und ſagte mir, indem er ſie ſanft drückte, nichts, als: „Leben Sie wohl, mein Fräulein!“ — aber dieſe Worte ergriffen mich wunderbar. Ich blieb, auf das Ge⸗ länder geſtuͤtzt, an der Treppe ſtehen, die er, zu mir aufſehend, hinunter ſtieg, und als ich ihn nicht mehr ſah, lauſchte ich noch auf ſeine Tritte, bis das Geräuſch derſelben verhallte. — Die Nacht und den ganzen folgenden Tag hörte ich noch immer den ſußen Schmeichelton der Zärtlichkeit, mit dem — 212 — er mir dies Lebewohl geſagt hatte, und die Erin⸗ nerung daran fullte mein Herz mit einer noch nie empfundenen Wonne.“ „Wie unbedeutend dieſe Vorfälle auch an und fuͤr ſich ſind, waren ſie doch der Liebe wichtig, weil es fuͤr dieſe keine gleichgultigen Begebenheiten gibt, und ein Blick, ein Wort fuͤr ſie oft unend⸗ lichen Reichthum in ſich ſchließt. Seit jenem Au⸗ genblick erbluͤhte in meinem Herzen eine ſtille Hoff⸗ nung, aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht wußte, was ich hoffte. Nichts iſt ſchwerer, als dieſe erſten Regungen des erwachenden Herzens zu er⸗ klären; ſie werden nur von dem begriffen, der ſie empfunden hat. Auch in den Erſcheinungen der Natur liegt ein Zauber, der nur gefuhlt werden kann. — Der Eindruck, den der geſtirnte Himmel, das Rauſchen in den Wipfeln eines Waldes, oder das Brauſen des Meeres auf uns macht, läßt ſich nicht mit Worten erklaͤren; — die Seele wird von einem Gefuͤhl ergriffen, fuͤr das die Sprache keinen Erwachen unſers Herzens.“ „Als Adolf und ich uns wieder ſahen, verrieth uns das Einverſtändniß unſter Blicke, daß wir uns Ausdruck hat, und dies gilt auch von dem erſten S — 213 — auch abweſend mit einander beſchäftigt hatten. Das waren meine glucklichſten Tage! — Noch jetzt, wo jene ſelige Zeit mit ihren Illuſionen ſo weit hinter mir liegt, und ihr Zauberſpiegel zerbrochen iſt, ge⸗ ſtehe ich doch, daß es im Erdenleben kein reineres, ſuͤßeres, berauſchenderes Gluͤck gibt, als die Wonne dieſet erſten Liebe, die durchaus hienieden nur ein⸗ mal empfunden werden kann.“ „Nur ſehr allmaͤhlig fand eine großere Ann⸗ herung zwiſchen uns Statt. Beide gleich furchtſam, fromm und rein, reichte ein Blick hin, uns auf lange zu begluͤcken. Meine Tante blieb ohne Ahnung unſers Einverſtaͤndniſſes. In dieſer Zeit begann die grauſame Verfolgung der Prieſter und der Adeligen. Ich ſaß eines Nachmittags neben meiner Tante, und las ihr aus einem Erbauungs⸗ buche vor, bis ſie daruͤber einſchlummerte, als ſich die Thuͤr oͤffnete und Adolf leiſe hereintrat. Er naͤherte ſich mir: „Ich werde verfolgt,“ fliſterte er, „und bin nur durch einen glucklichen Zufall der Gefahr entronnen, die mein Leben bedrohte. Wer⸗ den Sie mir die Freiſtätte verſagen, die n in Ihrem Hauſe zu finden hoffe?“ „Gewiß wird meine Tante Sie gern aufneh⸗ — 214 — men,“ ſagte ich, „ſie wird ſich gluͤcklich ſchatzen, Ihnen dieſen Dienſt erzeigen zu koͤnnen, und ich —“ hier verſtummte ich, aber mein Blick ergaͤnzte, wie ich glaube, dieſe abgebrochnen Worte.“ „Meine Tante ſchlug jetzt die Augen auf, und eerſtaunte nicht wenig, Adolf zu erblicken. Als er ſie von ſeiner gefahrvollen Lage unterrichtete, ſchien ſie erſt lange nachzubenken, ehe ſie ihm Antwort ertheilte; wahrſcheinlich berechnete ſie die Gefahr, der ſie ſich ausſetzte, wenn ſie einen Prieſter ver⸗ barg, und den Vortheil, den ihr dagegen die Er⸗ fullung ſeiner Bitte in dieſem und jenem Leben ver⸗ heißen konnte. Ich zitterte vor Angſt, als ſie ſo lange ſchwieg; enblich erklaͤrte ſie aber, wenn gleich mit ſichtlichem Wiberwillen, daß ſie Adolf in ihrem Hauſe aufnehmen wolle, doch nur auf kurze Zeit.“ „Mit beſeligender Freude traf ich alle Anſtalten, die erforderlich waren, um ſeine Anweſenheit zu ver⸗ bergen. Er war nun unſer Hausgenoſſe, wir ſahen uns täglich mehrere Stunden, und unſte Neigung bildete ſich zu jenem Alles beſiegenden, begeiſternden Gefuͤhl aus, deſſen geheimnißvolles Gluͤck von der Vorſehung beſtimmt zu ſein ſcheint, uns durch Ahnungen der Seligkeit zu Himmelserben zu weihen. — 215 — Mein Herz ſchlug leicht und ſelig — Adolf hingegen ſchien zu leiden und zu kämpfen, er wurde bleich und ſah krank und angegriffen aus. Ven einer ſehr frommen Mutter erzogen, die ſeit ſeinen fruͤ⸗ heſten Kinderjahren die Scheu vor Gott, dem ſtra⸗ fenden, allwiſſenden Richter, und die tiefſte Ehr⸗ furcht vor den Satzungen der Kirche in ſeine Seele prägte, haßte er eine Liebe, die das Heil ſeiner Seele und den Ruf ſeiner Frömmigkeit zu gefährden drohte, und doch vermochte er in dieſem Kampfe gegen Herz, Liebe, Jugend und Natur nicht zu ſiegen.“ — „Kommen Sie,“ unterbrach ſich Frau von Roſann hier ſelbſt, „laſſen Sie uns zu den Ruinen der alten Capelle gehen, dort will ich Ihnen das einzige ſchriftliche Denkmal zeigen, das ich von dieſer Liebe aufbewahrt habe.“ — Der Bicar folgte ihr ſchweigend — ſie traten in die alte, faſt zer⸗ ſtörte Capelle. Frau von Roſann hob einen Stein auf, der eine kleine Hoͤhlung vor dem Altar be⸗ deckte, in welcher eine Rolle Papier lag, die ſie aufnahm, und dann, ſich auf eine Bank am Ein⸗ gang niederlaſſend, folgendermaßen in ihrer Erzäͤh⸗ lung fortfuhr: — 216 — „Als Adolf nach Verlauf einiger Wochen ſeiner Liebe nicht laͤnger zu widerſtehen vermochte, ſchrieb er mir dieſen Brief.“ Sie faltete hier das Blatt aus einander und las es, ſichtlich bewegt, dem Vicar vor: „So groß auch die Gefahren ſein mogen, die mich bedrohen, wenn ich das Haus Ihrer Tante verlaſſe, ſo iſt doch der Tod nicht ſo furchtbar, als das Loos, welches mich bedroht, wenn ich laͤnger in Ihrer Naͤhe weile, mein Fräulein. Dieſe Zeilen ſchreibe ich nur, damit es Sie nicht befremdet, wenn ich, ohne eine dem Schein nach guͤltige Ur⸗ ſache, mein Aſyl verlaſſe; Sie moͤchten meine Ent⸗ fernung dann einem Grunde zuſchreiben, der Ihnen weh thäte, und dies moͤchte ich um keinen Preis der Welt! — Vielleicht darf ich mir jetzt, wo ich Sie auf immer fliehe, erlauben, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe. Mein Herz vermag dies un⸗ gluͤckliche Geheimniß nicht laͤnger in ſich zu ver⸗ ſchließen. Ich weiß es, Victorine, daß die Leiden⸗ ſchaft, die mich verzehrt, Ihrer Bruſt fremd iſt, Sie ahnen nicht die Gluth meiner Empfindung fuͤr Sie; laſſen Sie mich nur einmal, nur ſcheidend ausſprechen, was meine ganze Seele fuͤllt. Sie — 217 — ſind ſchon, ſehr ſchoͤn — aber um wie viel ſchöner iſt nicht noch Ihr Gemuͤth! welch ein reines Engel⸗ herz malt ſich in Ihren Blicken! welche Wahrheit! welche Offenheit und himmliſche Guͤte! — Ihre Tugenden haben mich mehr noch als Ihre Reize hingeriſſen, und ich liebe Sie ſeit lange, nicht ſeit heut' oder geſtern. Der letzte Schlag meines Her⸗ zens wird noch Liebe fuͤr Sie ſein. Ich werde die Gluth dieſes Gefuͤhls unter dem Anſchein von Kälte zu verbergen ſuchen, aber mein ganzes Leben gehoͤrt Ihnen allein. Ich verlange nicht zu wiſſen, ob Sie mich lieben, ich wuͤnſche kein Geſtaͤndniß, keine Er⸗ wiederung — wohin ſollte das uns fuͤhren? — Es genuͤgt mir, Sie von fern wie eine Heilige anzube⸗ ten, aber ich moͤchte gern, daß Sie ſich zuweilen ſagten: es lebt auf dieſer Erde ein Ungluͤcklicher, der mich ohne Hoffnung, aber unausſprechlich liebt, der, indem er mich verlaſſen mußte, von allen Freuden des Daſeins ſchied.“ „Ach, Victorine, wenn Sie mir die Verſicherung ertheilten, Ihr ruͤhrendes Mitleid mit dem Geaͤchteten verbergen, mich kuͤnftig nur kalt und ſtrenge anbli⸗ cken zu wollen, dann duͤrfte ich bleiben, dann koͤnnte ich noch laͤnger fuͤr mich einſtehen, und mir vergoͤnnen, F. Tarnow, Novellen. II. 10 — 218 — noch einige gluͤckliche Stunden zu leben; denn Sie zu ſehen, iſt ja mein einziges, mein hoͤchſtes Erden⸗ gluͤck! und ſollte der Himmel es ſo gefuͤgt haben, daß Sie fuͤr mich etwas mehr als Mitleiden empfaͤn⸗ den — ſollten unſere Herzen ſich verſtehen — Gott! welche Wonne könnte uns dann beſeligen! Ich wuͤrde von der Seligkeit des Paradieſes nie mehr fordern, als die Gewißheit dieſes Einklangs unſerer Gemuͤther. Doch wohin fuͤhrt mich meine Einbildungskraft! Ich muß fliehen, denn dieſe Wonne iſt nur Traum. Leben Sie denn wohl, Victorine, ſchoͤnes, geliebtes Maͤdchen! Falle ich unter dem Mordbeile der Guil⸗ lotine, ſo werde ich leichter vom Leben ſcheiden, als ich mich jetzt von Ihnen losreiße.“ „Dieſer Brief,“ fuhr die Marquiſe fort, „ver⸗ ſetzte mich in einen Zuſtand, den ich nicht zu beſchrei⸗ ben vermag. Als ich Adolf am andern Morgen ſah, druͤckte ich ihm die Hand, und fliſterte ihm mit be⸗ wegter Stimme zu: „Verlaſſen Sie mich nicht!“ „In dieſer Bitte lag das Geſtaͤndniß meiner Liebe. Er erbebte vor Wonne, und ſein Blick ſagte mir, was in ſeiner Seele vorging. Meine Tante ließ uns nie allein, wir konnten uns nie ſagen, was wit empfanden, ſelbſt unſere Blicke mußten wir — 219 — bewachen; und dieſer immerwährende peinliche Zwang brachte mich endlich dahin, daß ich ihn eines Nach⸗ mittags auf ſein Zimmer begleitete, und ihm unter heißen Thraͤnen der Scham und der Liebe geſtand, wie theuer er mir war. Er ſank voll Dank und Entzuͤcken zu meinen Fuͤßen. „Welches Schickſal be⸗ reitet uns aber dieſe Liebe, fragte ich, welche Hoff⸗ nung iſt uns vergoͤnnt?“ — „Fuͤhlſt Du nicht,“ antwortete er, „daß die Wonne dieſes Augenblicks ſchon mehr iſt, als der Staubgeborne vom Leben fordern darf? Sie muß uns genuͤgen, und der ſchöne Einklang unſerer Seelen kann und wird unſer Da⸗ ſein begluͤcken, ohne durch Schmerz und Reue ge⸗ truͤbt zu werden. Laß uns ſchuldlos wie Engel und bis zum letzten Hauche unſers Lebens lieben. Der Wille des Menſchen vermag, der Leidenſchaft Geſetze zu geben, und der unſerige ſoll uns vor jedem Ge⸗ fuͤhle bewahren, das nicht der reinſten Seelenliebe gehoͤrt.“ „Jetzt kamen Augenblicke wahrhaft himmliſcher Wonne fuͤr uns — wir empfanden den ganzen Zau⸗ ber unentweihter Jugendliebe — ihrer erſten ſtam⸗ melnden Bekenntniſſe, ihres Entzuͤckens, ihrer ver⸗ klärten Blicke, ihrer geiſtigen Trunkenheit, und aller 10* — 220 — jener unerklaͤrlichen Regungen und Ahnungen, die man nicht verſteht, nicht begreift und doch ſo gern em⸗ pfindet. Das Andenken an den Zauber dieſer Stun⸗ den iſt meinem Gedächtniſſe ſo unvergaͤnglich einge⸗ graben, daß ich im ganzen Laufe meines Lebens mich ihrer nie ohne Thraͤnen, ohne Beben, ohne Wonneſchauer habe erinnern koͤnnen, obgleich Zeit und Ferne ihre gluͤhenden Farben mit dem Duft ſtiller Wehmuth und Ruͤhrung uͤberhuͤllt haben.“ „Wir blieben unſern Vorſätzen und Gelübden lange treu, aber — ich darf es ſagen — die Rein⸗ heit unſerer Herzen, unſere Unerfahrenheit verrieth uns —“ Hier barg die Marquiſe ihr Geſicht in ihre Hände und weinte lange ſtill vor ſich hin. Als ſie endlich aufzublicken wagte, las ſie in den Zuͤgen des Vicars nichts von jener Verwerfung, jenem uner⸗ bittlich ſtrengen Ernſt, den ſie darin ausgedruͤckt zu finden furchtete. Todtenblaß ſah er zur Erde nieder, und einzelne Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen. Leiſe begann die Marquiſe wieder: „Die Strafe folgte unſerm Vergehen auf dem Fuße; meine Tante ertieth unſere Liebe. Sie ſagte mir eines Abends, wo auch Adolf gegenwaͤrtig war, daß ſie durch ihre — 221 — Verbindungen am öſtreichiſchen Hofe fuͤr mich eine Stelle im Stift zu L. erhalten habe und ich mich gefaßt halten moge, bald dahin abzureiſen.“ „Offen geſtand ich ihr, daß ich durchaus keine Neigung zum Kloſterleben in mir ſpuͤre, und uͤber⸗ zeugt ſei, Gott laſſe jedem Menſchen die Freiheit, ſich ſeinen Beruf nach Neigung und Faͤhigkeit zu wäͤhlen.“ „Kleine Heuchlerin!“ rief ſie mit zornentflamm⸗ ten Blicken, „glaubſt Du, mich täuſchen zu können? Die Blicke, die Du dieſem Flüͤchtling zuwirfſt, ſind mir nicht entgangen, und morgen des Tages ſoll er mein Haus verlaſſen.“ „In der damaligen Zeit war dies Wort fuͤr Adolf ein Todesurtheil. Die Gefahr des Geliebten gab mir Muth und Geiſtesgegenwart. „Nein,“ rief ich, „um meinetwillen ſollen Sie ſich nicht dem Vor⸗ wurf ausſetzen, Schuld an dem Tode eines jungen Mannes zu ſein, der einem von Frankreichs erſten Geſchlechtern angehoͤrt, und der Kirche in dieſer be⸗ drangten Zeit eine Stutze zu werden verheißt. Ich will Ihnen den ſtärkſten Beweis von der Grundlo⸗ ſigkeit Ihres Verdachts geben, indem ich Sie um die Erlaubniß bitte, nach Aulnay le Vicomte zu = — — meiner Amme, meiner guten Marie, zu gehen, und bei ihr zu bleiben, ſo lange er in Ihrem Hauſe verborgen lebt. Sind Sie damit zufrieden?“ „Dieſer Vorſchlag ſchien meine Tante zu beſaͤnf⸗ tigen, und in Adolfs Blicken las ich, wie tief er das Opfer fuͤhlte, das ich ihm durch dieſe Entfer⸗ nung brachte. Meine Tante entſchied, ich ſolle am nachſten Morgen ſchon abreiſen; Adolf und ich fanden indeß doch noch die Gelegenheit, uns zum Abſchied umarmen, uns Lebewohl ſagen zu können.“ „Welch eine Trennung war dies! — Nein,“ rief er, „ich kann Dich nicht verlaſſen, vorzuglich in Deinem gegenwärtigen Zuſtande —“ „Ich beſchwor ihn, ſeinen jetigen Zufluchtsort nicht zu verlaſſen; ich fuhlte, die Angſt, ihn in Gefahr zu wiſſen, wuͤrde mich tödten, wenn ich ſie erdulden muͤßte. — Als ich hier ankam, vertraute ich meiner guten Amme mein ganzes Schickſal, und empfand um erſten Mal, wie es das kummerſchwere Herz erleichtert, wenn wir das Geheimniß unſers Grams vertrauend ausſprechen duͤrfen. Nach einigen Wochen erfuhr ich zufallig, ein junger Prieſter, den meine Tante in ihrem Hauſe verſteckt gehalten habe, ſei entdeckt und in's Gefaͤngniß gefuͤhrt worden. Ich — 223 — ſank ohnmachtig nieder, ein hitziges Fieber bedrohte mein Leben, und in meinen Phantaſien ſprach ich nur von Adolf und dem Kinde, das ich unter mei⸗ nem Herzen trug. In dem Augenblicke, wo Ma⸗ rie mich dem Tode nahe glaubte und hoffnungslos verzagend an meinem Lager ſaß, ſprengte ein Reiter vor die Thuͤr ihres Hauſes — es war ein junger Soidat; er trat ein, ich erkannte Adolf! — Er kniete an meinem Lager nieder, und die Freude dieſes Wiederſehens raubte mir, wie fruͤher jene Todesnachricht, das Bewußtſein. In ſeinem Arm erwachte ich zum Leben, und ſobald ich ihn zu hoͤ⸗ ren vermochte, erzählte er mir, daß es ihm unmog⸗ lich geweſen ſei, meine Abweſenheit und den Mangek jeder Nachricht von mir laͤnger zu ertragen, und er daher die Liſt erſonnen hatte, die mir ſo todtenden Schmerz bereitete.“ „Ueberzeugt, daß meine Tante, wenn er aus eigenem Antrieb ihr Haus verließe, ſogleich auf die Idee gerathen wuͤrde, daß er mir gefolgt ſei, fing er damit an, ſie durch ſeine Aufmerkſamkeit und die Huldigung, die er ihr bewies, einzuſchläͤfern. Es gelang ihm, jede Spur des Argwohns in ihr zu verlöſchen, und als er ſie von Neuem ganz ſo — 224 — gunſtig wie fruͤher fur ſich geſtimmt ſah, ſchrieb er an ſeinen Bruder, der zugleich ſein vertrauteſter Freund war, und verabredete mit dieſem, daß er mit einigen zuverläſſigen jungen Maͤnnern als Gen⸗ darmes verkleidet in der Nacht zur Tante kommen, und ihn, dem Schein nach, gefangen wegfuͤhren ſollte. Der Plan gelang; die Tante glaubte vor Schrecken zu ſterben, als man um Mitternacht kam, eine Hausſuchung bei ihr anzuſtellen, und Adolfs Bruder, dem er das Geheimniß ſeines Ver⸗ ſtecks mitgetheilt hatte, mit ſeinem Säbel die Mauer viſitirte, in der die Thuͤr, die zu jenem fuͤhrte, ver⸗ borgen war. Adolf zeigte ſich in ſein Schickſal erge⸗ ben; er troſtete die Tante, und verließ ſie heimlich erfreut, um zu mir zu eilen.“ „Mein Freund,“ fuhr die Marquiſe fort, indem ſie mit der Hand auf den Park zeigte, der vor ihnen lag, „dieſe Bäume waren Zeugen meines Gluͤcks! In ihrem Schatten habe ich drei ſelige Monate ver⸗ lebt; geliebt, angebetet von dem Manne meines Her⸗ iens, unbewacht, frei — war ich Gottes gluͤcklichſtes und dankbarſtes Kind.“ „Doch Adolf ſelbſt bereitete mir die erſte Strafe, die mich uͤr mein Vergehen traf. Als er ſah, daß —.—— — 225 — bald ein lebender Zeuge unſerer Liebe das Licht erblicken werde, ward er nachdenkend und truͤbe ſinnend. Ich ſah, daß er an die Zukunft dachte, und von mei⸗ ner Zaͤrtlichkeit fuͤr unſer Kind dit Entdeckung unſers Geheimniſſes furchtete. Auch beſtand er darauf, daß ich Aulnay verlaſſen und an einem andern Orte meine Entbindung erwarten ſollte.“ „Mein Zuſtand war, Marien ausgenommen, fuͤr Jedermann ein Geheimniß geblieben ; die Furcht, uͤber das Verbergen eines Prieſters zur Rechenſchaft gezogen zu werden, hatte meine Tante bewogen, ihren bisherigen Wohnort zu verlaſſen und ſich zu einer Verwandtin zu fluͤchten. Es war ihr bequem, mich in Aulnay zu laſſen, und ſie ſchrieb mir, nicht eher zu ihr zuruͤckzukehren, bis ſie mich ſelbſt dazu auf⸗ fordern wuͤrde. So vereinte ſich Alles, unſere Wuͤn⸗ ſche zu beguͤnſtigen. Adolf brachte mich darauf von Aulnay weg; ſeine Liebe hatte fuͤr Alles geſorgt — aber ach! der Barbar raubte mir mein Kind — ich habe es nie wieder geſehen!“ — Die Marquiſe weinte hier bitterlich. „Ich weiß nichts von meinem Kinde,“ fuhr ſie dann fort, „als daß Adolf es in der Taufe nach mir Victor genannt hat.“ — — „Victor!“ rief der Vicar uͤberraſcht aus, und ein gluͤhendes Errothen uͤberflog ſeine Wangen. Frau von Roſann ſah ihn liebevoll und freudig an. „Sie heißen auch Victor?“ fragte ſie. „Und wo wurde Ihr Kind geboren?“ ſagte er, ihre Hand faſſend und ſie voll unruhiger Spannung anblickend. „Weit von hier,“ antwortete ſie, „in Vans⸗ la⸗Pavée.“ „O,“ rief er, „wie konnte ich mir auch eine ſolche Hoffnung erlauben! Ich kenne ja meinen Va⸗ ter — und doch — ein Geiſtlicher!“ — Er ver⸗ fank hier in eine Träumerei, aus der er erſt erwachte, als Frau von Roſann nach einem ziemlich langen Schweigen wieder das Wert nahm: „Adolf brachte mir zwar die Nachricht, mein Kind ſei todt; doch trotz aller Vorſicht und Scho⸗ nung, die er anwandte, mich auf dieſes Ungluͤck vorzubereiten, habe ich mich nie davon uͤberzeugen können. Eine geheime Ahnung ruft mir zu, mein Kind lebe, und Sie werden jetzt den Eindruck be⸗ greifen, den der Anblick jedes jungen Mannes auf mich macht, in dem ich moͤglicherweiſe meinen Sohn — 227 — zu ſehen glauben kann. — Mit dieſem Zeitpunkte endete mein Gluͤck. Adolf brachte mich zu Marien zuruͤck, und ſah ſich bald darauf zur Emigration genothigt, da ihm ſelbſt die Abgeſchiedenheit dieſes Gebirgsdorfs nicht länger Sicherheit zu gewähren vermochte. Meine Tante forderte jeßt meine Ruͤck⸗ kehr zu ihr, und ich verweinte meine Jugend in ſtilem Grame uͤber den Verluſt meines Kindes und meines Geliebten. Anfäͤnglich erhielt ich mehrere Male Nachricht von ihm; ſeine Briefe verſicherten mich ſeines Andenkens, und doch ſprach aus ihnen eine geheime Bitterkeit; ich fuͤhlte, daß er unſere Liebe als eine Verirrung bereuete, die er ſich ſelbſt nicht zu verzeihen vermochte. — Ach, wenn die Re⸗ ligion einen Anſtrich von Fanatismus erhaͤlt, kann ſie zu manchen Grauſamkeiten und zur Verlaͤugnung aller Naturgefuhle verleiten! — Um mein Elend zu vollenden, mußte ich mich auch noch von dem Manne verachtet fuͤhlen, dem ich Alles aufgeopfert, den ich ſo unausſprechlich geliebt hatte, als wohl auf Erden nur ſelten ein Mann geliebt worden iſt.“ „Nach dem Tode meiner Tante kehrte ich nach Aulnay zuruͤck, das mir ſo theure, ſchmerzliche Er⸗ innerungen bewahrte. Herr von Roſann lernte mich ken⸗ — 228 — nenz ich gab ihm meine Hand — er fuͤhlt ſich glcklich. Um meinen Fehltritt weiß er nicht, und ich kann mir keinen Vorwurf daraus machen, ihm denſelben verſchwiegen zu haben.“ „Als Napoleon der Kirche ihre Altäre wieder gab, kam auch Adolf in ſein Vaterland zuruͤck. Ich erfuhr, daß er lebe und eine glaͤnzende Beförderung erhalten habe. Voll Entzuͤcken klopfte mein Herz unſerm Wiederſehen entgegen. Ich fuhr zu ihm, ich trat ein — er erkannte mich nicht! — Der Be⸗ diente mußte ihm meinen Namen nennen!“ — „Zehn Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, aber dieſer Augenblick iſt mir in ſeiner vollen Bitterkeit noch immer gleich gegenwärtig.“ „Wie?“ rief ich, indem ich auf ihn zutrat, „Adolf kennt Victorinen nicht mehr?“ „Sind Sie es, gnädige Frau?“ fragte er kalt hoͤflich. Ich erſtarrte. „Grauſamer!“ rief ich, „wodurch habe ich einen ſolchen Empfang verſchuldet?“ „Du biſt mir noch theuer, Victorine,“ ſagte er ernſt, „aber Du haſt einen Gatten —“ „Glauben Sie denn,“ fragte ich lebhaft, „daß ich zu Ihnen komme, um meine Pflicht gegen ihn — 220 — zu verletzen? — Ungeachtet meines Stolzes zerfloß ich hier in Thranen.“ „Die Religion — begann er —“ „Ich haſſe ſie, wenn ſie Ihnen ſolche Härte zur Pflicht macht!“ „Hier warf er mir einen ſo ſtrengen, ſo ab⸗ ſchreckenden Blick zu, daß ich, ohne ein Wort zu erwiedern, das Zimmer verließ, und mir ſelbſt ge⸗ lobte, ſeine Wohnung nie wieder zu betreten. Die Kälte ſeines Tones, ſeine duͤſtere Haltung, ſeine Reue hatte mich vernichtet. Ihm gebuͤhrte es, mich durch den Stolz auf ihn und ſeine Liebe uͤber mein Vergehen und das Ungluͤck meiner Jugend zu troͤſten, und mich in meinem eigenen Bewußt⸗ ſein wieder zu heben; ſtatt deſſen druͤckte er mich ganz zu Boden. Nichts hat mich uͤber ſein Be⸗ nehmen zu beruhigen vermocht; der Pfeil ſteckt noch immer in der Wunde, ich trage ihn mit mir bis in's Grab.“ „Bei der Kinderloſigkeit meiner Ehe mit dem Marguis empfinde ich mit doppeltem Schmerze den Verluſt meines Sohnes. Sie iſt das Einzige, was das Gluͤck unſerer Verbindung truͤbt, ja es vielleicht bei der Heftigkeit, mit welcher mein Mann ſich einen — 230 — Erben ſeines Namens und ſeiner Beſitzungen wuͤnſcht, ganz zerſtören wuͤrde, wenn er mich nicht ſo innig liebte, um in meinem Beſitz Erſatz fur jedes andere ihm verſagte Gluͤck zu finden.“ In dieſem Augenblick läutete man im Schloß zum Fruͤhſtuͤck. Die Marquiſe lud den Vicar ein, das ihrige mit ihr zu theilen, und er folgte ihr ſchwei⸗ gend. Es war, als feßle ihn ein geheimer Zauber gegen ſeinen Willen an ſie. Als er ihr gegenuͤber an dem Tiſche ſaß, und zufällig aufſah, fiel ihm der lächelnd verſchmitzte Aus⸗ druck im Geſicht des aufwartenden Bedienten auf. Dieſer Menſch hieß Jonio, und brannte vor Begierde, ſich aus der Dunkelheit ſeines gegenwaͤrtigen Stan⸗ des hervorzuarbeiten. Die Mittel zur Erreichung dieſes Zwecks galten ihm gleich; er ſchien dem Mar⸗ quis von Roſann treu ergeben zu ſein, aber nur, weil der Einfluß, den dieſer ſeit der Ruͤckkehr der Bourbons hatte, Jonio die Hoffnung einfloͤßte, durch ihn ſein Gluͤck machen zu koͤnnen. Ohne zu wiſſen warum, machte der Anblick die⸗ ſes Menſchen einen widrigen Eindruck auf den Vi⸗ car, und ihm war wohler, als Jonio das Zimmer verließ und er ſich mit der Margquiſe wieder allein — 231 — befand. Sein Herz ſchlug voll zärtlicher Theilnahme fuͤr jedes Opfer einer ungluͤcklichen Liebe, und ſo fand ihn auch Frau von Roſann jetzt weich und mit⸗ leidig gegen ſie geſtimmt. „Ich hoffe, mein Freund,“ ſagte ſie mit innigem Tone, „daß auch Sie mich einſt Ihres Vertrauens wuͤrdig achten werden.“ „Dies wuͤrde ſchon jetzt der Fall ſein,“ antwor⸗ tete er, „wenn die Freundſchaft mir Troſt zu ge⸗ wahren vermöchte: allein fuͤr mein Ungluͤck gibt es keinen, und es wäre ſelbſtſuͤchtig, Sie durch die Mit⸗ theilung deſſelben betruͤben zu wollen.“ „Es wuͤrde mir wohl thun, Ihren Kummer zu cheilen. Zwei Ungluckliche ertragen leichter ihr Schick⸗ ſal, wenn ſie es vereint beweinen.“ „Sie ſind nicht hoffnungslos ungluͤcklich, gnädige Frau. Sie werden Ihren Sohn wiederfinden — aber ich! — mir iſt jede Hoffnung unterſagt, und keine Macht des Himmels und der Erde vermag den Schickſalsſpruch zu ändern, der mich zum Elend verdammt.“ — „Mein armer, theurer Freund!“ ſeufzte die Marquiſe mit einem Tone, der ihr alle Rechte, alle Gewalt der Freundſchaft uͤber ſein Herz gab.“ Sie ſetzte ſich an das Piano — bei den erſten — — Tönen, die ſie anſchlug, näherte ſich ihr der Vicar. Ihm war, als öffne ſich ſeine Seele, um dieſe Klaͤnge und mit ihnen eine unvergeßliche Erinnerung in ſich aufzunehmen. Der Ungluckliche waͤhnte, indem er Melaniens Lieblingsſonate vernahm, ſie ſelbſt zu hoͤren. Er verbarg das Geſicht in ſeinen Händen; und als er, da Frau von Roſann vom Piano auf⸗ ſtand, Abſchied von ihr nahm, verbuͤrgten ihr die Thraͤnen in ſeinen Augen, daß ſie aufgehort hatte, eine Fremde fuͤr ihn zu ſein. Der Vicar dachte, ſobald er ſich allein fand, uͤber die Zuneigung nach, die Frau von Roſann ihm bewies; aber ſein Herz erfreute ſich ihrer, ohne irgend einen Einwurf ſeines Gewiſſens oder ſeiner Liebe. Das Andenken an Melanie vertrug ſich mit dieſer in ihm erweckten Regung der innigſten Theilnahme, und er machte ſich kein Bedenken daraus, die Marquiſe von dieſem Tage an oft zu ſehen. Ihr umgang gewann, als er ſie näher kennen lernte, einen Reiz fuͤr ihn, dem er doch nach einiger Zeit entſagen zu muͤſſen glaubte, nicht aus Mißtrauen gegen ſich oder Frau von Roſann, ſondern weil er gegen Me⸗ lanien ſtrafbar zu werden fuͤrchtete, wenn er Gefallen an dem Umgange mit einer andern Frau faͤnde. Er — — beſchloß daher, ſeltner zu ihr zu gehen. Seine Ab⸗ weſenheit betruͤbte die Marquiſe, der ſeine Geſell⸗ ſchaft unentbehrlich geworden war, und ſie ſchrieb ihm folgende Zeilen: „Seit drei Tagen habe ich Sie nicht geſehen, mein theurer Freund, und das iſt hart, da ich mir wirklich einige Anſpruͤche auf die Rechte einer Freun⸗ din erworben zu haben glaube. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir Troſt ſchuldig — daß Sie der Einzige ſind, von dem ich dieſen hoffen darf. Ihr Umgang iſt mir nothwendig geworden — ich ſehne mich ſchmerzlich nach einem Beſuche von Ihnen, und dies muß hinreichen, Sie zu mir zu fuͤhren.“ Sie gab dieſes Billet Jonio'n, mit bem Auf⸗ trag, es dem Vicar ſelbſt einzuhaͤndigen; doch kaum hatte der Bediente das Zimmer verlaſſen, als ſie die Equipage ihres Gemahls auf das Schloß zufahren ſah. Ein unerklaͤrliches Gefuͤhl bemaͤchtigte ſich ihrer Seele: — ſtatt ihm wie ſonſt mit liebevoller Herzlichkeit entgegenzueilen, hemmte eine Art von Befangenheit ihre Schritte — ſie empfand, daß er ihr ungelegen kam. Herr von Roſann liebte ſeine Frau zu teiden⸗ ſchaftlich, um nicht die Verſtimmung zu bemerken, ——— — 234 — deren ſie vergeblich Herr zu werden ſtrebte. Er hatte mit liebender Ungeduld alle Geſchäfte beeilt, die ihn in Paris zuruͤckhielten, und fand nun nicht den Em⸗ pfang, durch den er ſich dafuͤr belohnt zu ſehen hoffte. Doch war er zu feiner Weltmann, um Victorinen mit Fragen laͤſtig zu werden. Er unterhielt ſie von Manchem, was in Paris vorgefallen war, und erkundigte ſich dann, wie ſie bisher ihre Zeit in Aulnay zugebracht habe. Sie erzählte ihm nun Louiſons Tod; dabei mußte ſie natuͤrlich auch des Vicars erwaͤhnen, und allmaͤhlig durch das Vergnuͤgen fortgeriſſen, welches ſie daran fand, von ihm zu ſprechen, ward ſie ſo beredt und zugleich ſo bewegt, daß es dem Marquis auffiel. „Er iſt wohl oft auf's gekommen?“ fragte er. „Recht oft,“ antwortete ſie unbefangen. — Doch in dieſem Augenblick ſah Herr von Roſann Jonio an, der ihm ein Glas Waſſer brachte. Daſſelbe verſchmitzte Laͤcheln, das dem Vicar ſo widerlich ge⸗ weſen war, ſpielte auch jetzt um ſeinen Mund, und weckte in der Seele des Marquis einen Verdacht, dem er bis jetzt unzugaͤnglich geblieben war. „Der junge Vicar ſcheint Ihren Beifall ge⸗ . — 5 — wonnen zu haben?“ fragte er mit einem Tone, der Frau von Roſann aufmerkſam machte. „Errathen,“ antwortete ſie laͤchelnd; „und er wuͤrde mir noch beſſer gefallen, wenn Sie ſich ver⸗ ſucht fuͤhlen ſollten, auf ihn eiferſuͤchtig zu werden, weil uns das in die ſchöne Jugendzeit unſerer Liebe zuruͤckverſetzen wuͤrde.“ Der leichte Spott und die graziöſe Coquetterie, welche Frau von Roſann in dieſe Worte legte, min⸗ derten den Argwohn ihres Gatten; allein er fuͤhlte ſich doch ſchon gegen den Vicar eingenommen, und es gehörte wenig dazu, dieſe Abneigung in Haß zu verwandeln. Der Vicar hatte zwar das Billet der Marquiſe nicht echalten, erſchien aber am andern Morgen auf dem Schloſſe, um ſich dem Gutsherrn vorzu⸗ ſtellen, und Frau von Roſann, die ihn nur in Ge⸗ genwart ihtes Gemahls ſah, wurde durch nichts in dem Glauben geſtoͤrt, daß dieſer Beſuch die Ant⸗ wort auf ihr Billet ſei. Der Marquis war uͤber⸗ raſcht, in dem jungen Geiſtlichen einen Mann zu finden, deſſen Anſtand und Betragen durchaus von vornehmer Abkunft zeugten, und die Liebenswuͤrdig⸗ keit, die er ihm zugeſtehen mußte, verſtärkte in — 236 — ſeiner Seele den Verdacht, daß der Vicar der Lieb⸗ haber ſeiner Frau ſei. Um ſich Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, Beide genauer beobachten zu koͤnnen, lud er den jungen Mann oft zu ſich ein, und fand bei jedem dieſer Beſuche ſeinen Argwohn mehr und mehr gerechtfertigt, da er ſowohl ihn als die Marquiſe mit dem Auge der Eiferſucht beobachtete, und daher Alles in falſchem Lichte ſah. Er betete ſeine Frau an, und war in den Jahren, wo man der Zuver⸗ ſicht inniger Hochachtung bedarf, um im Beſitz des geliebten Weſens gluͤcklich zu ſein. Sein Frieden ſchien ihm fuͤr immer zerſtort, wenn er ſeinen Arg⸗ wohn gegruͤndet fand, und dennoch peinigte ihn der Wunſch, da Gewißheit zu erlangen, wo er, wie er fuͤhlte, der Qual des Verdachts erliegen mußte. Die Marquiſe und der Vicar trafen ſich eines Abends in der Huͤtte einer armen Familie, zu der Beide der Wunſch, fremde Leiden zu mildern, ge⸗ fuͤhrt hatte. Von den Segenswuͤnſchen der Armen begleitet, traten ſie in die Wunderpracht der Be⸗ leuchtung eines herrlichen Sonnenuntergangs hinaus. Nur der ferne Ton der Abendglocke ſtörte das feier⸗ liche Schweigen um ſie her; die Stille der Natur wiegte ſie in jene ſanfte Wehmuth, die das Herz F —— — 237 — jedem zarteren Gefuͤhl oͤffnet. „Welch ein herrlicher Anblick!“ rief endlich die Marquiſe — „wie ſchoͤn löſet er die Seele von allen irdiſchen Banden! wie frei entfaltet er ihre Fittiche zum Aufſchwung in ein höheres Daſein! — Die Natur allein theilt dieſe Macht mit der Liebe, dieſem erhabenſten und ſchoͤnſten Gefuͤhle der menſchlichen Seele.“ „O,“ ſagte der Vicar und faßte ihre Hand, „wie ſtimmen Ihre Worte ſo ganz zu meinen Em⸗ pfindungen! Welcher Einklang unſerer Gemuͤther offenbart ſich mir in jeder Ihrer Aeußerungen!“ „Ich habe Sie fruͤher errathen, als erkannt,“ erwiederte Frau von Roſann. „Gleich als ich Sie zum erſten Male ſah, ahnete ich in Ihnen, trotz der kalten Außenſeite, dieſe gluͤhende, der edelſten Be⸗ geiſterung faͤhige Seele, die in Liebe und Heroismus das Element ihres Daſeins findet, und Kraft be⸗ ſitzt, in Einem Gegenſtand das All zu umfaſſen. Ja,“ fuhr ſie fort, „Sie vermoͤgen die Geheimniſſe des Herzens zu deuten, und jedes wahre, innige Gefuͤhl hat gewiß, ſo ſeltſam und unergruͤndlich es auch in ſeiner Tiefe ſein mag, Anſpruch auf Ihre Theilnahme.“ — 6 — „Und wer könnte einem gefuͤhlvollen, leidenden Herzen dieſe verſagen?“ fragte der Vicar. „Erinnern Sie ſich wohl, daß die Athenienſer einen Knaben zum Tode verdammten, der einen Vogel toͤdtete, welcher an ſeinem Herzen eine Frei⸗ ſtaͤtte geſucht hatte? — Einem verſchuchterten Vogel gleich, ſuche ich bei Ihnen Schutz. Mein Herz iſt rein, meine Pflicht mir heilig, ich liebe meinen Gatten, ich habe ſeit unſerer Verbindung nur für ſein Gluͤck gelebt, und doch kann ich mir nicht ver⸗ hehlen, daß er nicht mehr den erſten Platz in mei⸗ nem Herzen einnimmt, und dieſes von einem Gefuͤhl durchdrungen iſt, das Allem uͤbermächtig, was ich fruͤher empfunden habe, mich mir ſelbſt zum Räth⸗ ſel macht, weil es eben ſo ſtark und tief, als ſtill und friedlich iſt. Ich bin Gattin — und doch gehoͤrt meine innerſte Seele, mein ganzes Daſein einem andern Weſen an, ohne daß mein Gewiſſen mir daruͤber Vorwuͤrfe macht, denn meine Liebe zu dieſem Manne, den ich nur mein ſichtbar gewordenes Schickſal nen⸗ nen kann, iſt ſo ohne alle Anſpruͤche, daß ich mich innig freuen wuͤrde, koͤnnte ich ihn in den Armen einer Andern gluͤcklich ſehen — es iſt die Liebe, mit der wir uns in einer beſſern Welt lieben werden — ——— he — 239 — die Liebe, fuͤr die es kein Opfer, kein Zuͤrnen, kein Verſchmaͤhen gibt, weil ſie, wie die Gottheit das All, das Menſchenherz traͤgt und hält. Sagen Sie mir jetzt, ob es mich ſtrafbar machen kann, mich dieſem Gefuͤhl hinzugeben — ob die Macht, die mir ge⸗ bietet, ohne Ruͤckſicht auf Tod und Leben und jedes irdiſche Verhaͤltniß, nur fuͤr das geliebte Weſen, nur in ihm zu leben, nicht hoͤher ſteht, als jede Men⸗ ſchenſatzung?“ — 6 „Weiß Ihr Gemahl um dieſe Liebe?“ „Nein, und nie wuͤrde er ſie begreifen.“ „Dann iſt es Ihre Pflicht, den Mann, der dem Gatten in Ihrem Herzen den erſten Platz nach Gott geraubt hat, nie wieder zu ſehen.“ „Das iſt mein Todesurtheil!“ rief die Mar⸗ quiſe, und wuͤrde umgeſunken ſein, hätte der Vicar ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen. In dieſem Augenblick rollte ein Wagen vorbei — es war Herr von Roſann, der, von einer Spatzierfahrt heimkeh⸗ rend, nicht wenig erſchrak, ſeine Frau ohnmächtig in des Vicars Armen zu ſehen. Er ließ halten und trug ſie in den Wagen. „Vergeſſen Sie nicht,“ rief et beim Scheiden Victor zornig zu, „daß ich berech⸗ — 240 — tigt bin, von Ihnen eine Erxklarung dieſes Auftritts zu fordern.“ 67 Man brachte Frau von Roſann bei ihrer Heim⸗ kehr zu Bett, wo ſie aus ihrer langen Ohnmacht nur erwachte, um der Raub eines hitzigen Fiebers zu werden. In finſterer Verzweiflung ſaß ihr Ge⸗ mahl neben ihrem Lager, das er Tag und Nacht nicht verließ, bis der Arzt, dem er einen Eilboten geſandt hatte, ankam. Dieſer erklärte, nachdem er die Kranke einige Tage ſorgſam beobachtet hatte: der Grund ihres Uebels liege in einem geheimen Kum⸗ mer, und all' ſeine Kunſt wuͤrde vergeblich ſein, fände man nicht das Mittel, dieſen zu heben. Die⸗ ſer Ausſpruch verſetzte den Marquis in die groͤßte Beſtuͤrzung; der Zuſtand ſeiner Gemahlin und das Urtheil des Arztes blieb fuͤr die Dienerſchaft kein Geheimniß, und Jonio fand den Zeitpunkt gunſtig, mit ſeinen Beobachtungen und Entdeckungen hervor⸗ zutreten. Er erbat ſich ein geheimes Gehor von ſeinem Herrn, in welchem er ihm ſeine Vermuthun⸗ gen hinſichtlich eines zwiſchen der Marquiſe und dem Vicar Statt findenden Verhältniſſes mittheilte, und ihm das Billet uͤbergab, das er am Tage der Ankunft ſeines Gebieters unterſchlagen hatte. . — 241 — Der Marquis zweifelte jetzt nicht länger, daß eine ungluͤckliche Leidenſchaft ſeine Gemahlin dem Grabe zufuͤhre, doch war er auch uͤberzeugt, daß nur ihr Herz, nicht ihr Betragen ihm Grund zu Klagen gegeben habe; und wenn er ſie nun ſo bleich, ſo todesmatt, mit geſchloßnen Augen vor ſich liegen ſah, loͤſete ſich ſein Zorn in Mitleid auf, und er hatte nicht blos Thränen fuͤr ſein Ungluͤck, ſondern auch fuͤr das ihrige. — Tief erſchuͤttert trat er wieder in ihr Zimmer — ſie ſchlug die Augen auf, bot ihm die Hand, und ſagte ihm, daß ſie ſich beſſer fuͤhle, und nichts inniger wuͤnſche, als daß man ihr erlauben moͤge, aufzuſtehen und in den Garten zu gehen. „Wie kommen Sie auf dieſen Gedanken, den Ihre Mattigkeit unausfuͤhrbar macht?“ fragte er. „Ich moͤchte dort ſterben — ich fuͤhle, daß meine Kraͤfte ſchwinden.“ „Sagten Sie nicht eben, Sie fuͤhlten ſich beſſer?“ „Darf man, wenn man nicht zu leben vermag, es nicht Beſſerung nennen, wenn man die Annaä⸗ herung des Todes empfindet? — O mein Gemahl,“ fuhr ſie fort und zog ſeine Hand an ihre Lippen, F. Tarnow, Novellen. II. 11 — 242 — „werden Sie nicht irre an meinem Herzen! Ich liebe Sie innig und wahr — aber ehe ich ſterbe, muß ich den Vicar noch einmal ſehen.“ — „Ich eile, ihn zu holen,“ rief der Marquis mit drohendem Blick, „aber wenn Sie ihn ſehen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß es zum letzten Mal iſt.“ „Was bedeuten dieſe Worte? — Mein Ge⸗ mahl! — Hoͤren Sie mich! — O Gott, er wird ihn umbringen!“ — Der Marquis war ſchon zu fern, um ſie zu hören, allein die Bewegung, in der ſie ihn geſehen, hatte ſie zu maͤchtig erſchuttert; ſie bekam Kraͤmpfe, und fuͤhlte ſich, als dieſe ſie verließen, ſo matt, daß ſie ſich dem Tode nahe“ glaubte. — „Ach, Marie,“ ſagte ſie zu ihrer Amme, die waͤhrend ihrer Krankheit ſtets um ſie geweſen war, „wie gluͤcklich wollte ich mich preiſen, wenn das Schickſal mir vergönnt hätte, mein Kind nur einmal zu ſehen! — Ach! ich ſterbe jetzt, ohne den Gegenſtand aller meiner Thranen, den einzigen ſchmerzlichen Ge⸗ danken vieler Jahre je erblickt zu haben — und ge⸗ wiß, er lebt, mein Herz ſagt es mir! Wie gluͤcklich wäre ich, koͤnnte ich meinen letzten Seufzer in ſeinen Armen aushauchen!“ — — 243 — Hier öffnete ſich die Thuͤr und der Vicar trat ein. „Der Herr Marquis ſendet mich zu Ihnen, gnädige Frau,“ ſagte er mit wehmuthsvoller Theil⸗ nahme in Blick und Ton. „Dieſe Guͤte,“ erwiederte ſie, indem ſie ihm die Hand reichte, „macht mir meinen Gemahl theurer als je.“ „Er iſt verreiſet, und bat mich, während ſeiner Abweſenheit zu Ihnen zu gehen.“ „Edles, großmuͤthiges Herz!“ rief Frau von Roſann — „aber eben dieſe Liebe, die mein Leben vegluckte, erleichtert mir jetzt den Tod. Ich kann nicht leben, ohne undankbar gegen ihn zu werden, darum ſterbe ich gern.“ Der Vicar ſprach ihr Troſt ein; der Ton dieſer geliebten Stimme und ſeine Gegenwart reichten hin, ihre Schmerzen zu beſänftigen und in die Wunden ihres Hetzens lindernden Balſam zu gießen. Er verließ ſie nach einer Stunde um Vieles ruhiger, und ein ſanfter Schlaf wiegte ſie leiſe in holde Traͤume ein. Herr von Roſann war während dieſer Zeit nach A. geeilt, um von dem dortigen Biſchof einen Be⸗ fehl zu erbitten, der den Vicar nöthige, Aulnay 11* — 244 — augenblicklich zu verlaſſen; dann wollte er die Mar⸗ quiſe nach Paris fuͤhren, und dort Alles aufbieten, ſie von ihrer Liebe fuͤr den jungen Geiſtlichen zu heilen. „Muͤßte ich nicht ein Barbar ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „wenn ich ihr zuͤrnte? — Ihre Krankheit beweiſ't ja, wie ernſtlich ſie gegen dieſe Leidenſchaft gekaͤmpft hat — ich kann ſie nur be⸗ klagen, nur ihr Schickſal und das meine beſeufzen. Ihr Tod wuͤrde mich unausſprechlich elend machen, ich darf alſo kein Opfer ſcheuen, um ihre Geneſung zu befoͤrdern.“ Er fand den Lichef krank, wurde aber ange⸗ nommen, als er ſich bei ihm melden ließ. Der Prälat lag in einem großen Lehnſtuhl, und lud den Marquis, nachdem er ihn willkommen geheißen hatte, ein, ſich neben ihn zu ſetzen. Ehe dieſer noch zu reden begann, fragte der Biſchof, indem er zu⸗ traulich die Hand auf ſeinen Arm legte, wie ſich Frau von Roſann befaͤnde? „Ach,“ antwortete der Marquis ſeufzend, „ſie iſt ſehr krank, vielleicht dem Tode nahe.“ „Dem Tode nah!“ — rief der Bicht ſichtlich bewegt. „Dieſe Krankheit fuͤhrt mich zu Ihnen —“ — 245 — Der Biſchof wechſelte hier die Farbe, und ſah den Marquis mit unverkennbarer Angſt an. „Zu mir?“ ſagte er, „erklaͤren Sie ſich deutlicher.“ „Vor wenigen Wochen noch war ich der gluͤck⸗ lichſte Mann in ganz Frankreich — mehr als die Gunſt des Monarchen, mehr als alle Vortheile meiner buͤrgerlichen Lage, galt mir der Beſitz einer Frau, die ich gleich einem Engel verehrte —“ Hier uͤberflog ein Schimmer von Heiterkeit des Biſchofs bleiches Geſicht, er hob den Blick zum Himmel. — „Ja,“ ſagte er, „ſie iſt ein Engel, und ein Jahr ihres edlen Lebens wuͤrde hinreichen, tauſend Verirrungen zu verguͤten.“ „Und nun,“ fuhr Herr von Roſann er⸗ ſchuͤttert fort, „liegt all mein Gluͤck in Truͤm⸗ mern — und der Zerſtorer deſſelben iſt ein Mann — der Vicar in Aulnay —“ „Wie? Victor?“ rief der Biſchof voll Entſetzen. „Ja, Monſeigneur, meine Frau ſtirbt aus Liebe zu ihm.“ Der Biſchof ſtand auf, und ging, furchtbar erſchuͤttert, im Zimmer auf und nieder, dann ſtand, er vor dem Crucifir, das an der Wand hing, ſtill, und die Haͤnde feſt in einander haltend, betete er — 246 — laut: „Gott — o mein Gott! verleihe mir Kraft!“ — Endlich wandte er ſich zu dem erſtaunten Marquis. „Wer hat Sie zu mir geſandt?“ fragte er. — „Warum waͤhlen Sie mich zum Vertrauten Ihres Kummers? — Was wollen Sie von mir?“ „Sie bitten, dem Vicar eine andere Stelle zu geben, damit Frau von Roſann ihn vergeſſen lernt.“ „Es gibt Verhaͤngniſſe,“ ſagte der Prälat lang⸗ ſam, „denen der Menſch nicht entfliehen kann. Wollen Sie ſich dem Rathſchluſſe des Himmels wiberſetzen?“ — „Erfuͤllen Sie meinen Wunſch — befreien Sie mich je eher, je lieber von dieſem Menſchen — und ich werde Alles thun, Ihnen den Cardinalshut zu verſchaffen.“ „Ich ſtehe an meinem Grabe, Herr Marquis, mich reizt keine irdiſche Ehre mehr. Welt und Leben liegen hinter mir — Alles, was ich noch wuͤnſche, iſt die Verzeihung des Himmels fuͤr meine Fehler.“ „Sie verſagen mir alſo meine Bitte?“ fragte der Marquis gereizt. „Kehren Sie zu Ihrer Gemahlin zuruͤck, und melden Sie ihr meinen Beſuch,“ antwortete der — 247 — Biſchof ſanft. „Meine Gegenwart in Ihrem Schloſſe wird Ihren Frieden und Ihr Gluͤck wieder herſtellen.“ „Dann muͤſſen Sie vor allen Dingen zuerſt den Vicar fortſchicken.“ „Davon, wenn wir uns wiederſehen,“ ſagte der Prälat, ertheilte ihm ſeinen Segen und entließ ihn. Der Marquis eilte mit einer Ungeduld, welche die Staͤtke ſeiner Liebe verrieth, zu ſeiner Gemahlin zuruͤck. — Er fand ſie außer dem Bett, auf ihrem Sopha ruhend. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und drückte ihn an ihre Bruſt. Er meldete ihr den Beſuch des Biſchofs. — „Es freut mich,“ ſagte ſie, und ihre Augen fullten ſich mit Thraͤnen, „er gehoͤrt zu denen, die ich noch vor meinem Tode zu ſprechen wuͤnſchte.“ Am andern Morgen ſchon kam der Biſchof. Der Marquis fuͤhrte ihn nach dem Cabinet ſeiner Frau, die, in tiefe Träumerei verſunken, dem Bilde eines jungen Geiſtlichen gegenuͤber ſaß, deſſen wir ſchon fruͤher erwähnt haben, als ſich plöblich die Thuͤr öffnete und ſie den Biſchof, von ihrem Ge⸗ mahl begleitet, erblickte. Frau von Roſann ſchlus die Augen nieder, und auch der Prälat wagte nicht, ſie anzuſehen. „Ich habe erfahren, gnädige Frau“ — 248 — ſagte er mit einer Bewegung, die er trotz der langen Gewohnheit, ſeine Gefuhle fremden Blicken zu ent⸗ ziehen, nicht zu verbergen vermochte, „daß Sie krank ſind, und meine Theilnahme an Ihrem Lei⸗ den fuͤhrt mich zu Ihnen.“ „Es gibt Leiden,“ antwortete ſie, „fuͤr die ich wohl ſchon ſeit lange von Ihnen haͤtte Troſt erwar⸗ ten koͤnnen. — Mein Freund,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie den Marquis ſuß bittend anſah, „darf ich Dich bitten, uns allein zu laſſen?“ Der Marquis ging. Welcher Augenblick! — Nach zehn Jahren ſah die Marquiſe jetzt den Mann ihrer Liebe wieder, und trotz der Staͤrke, welche die Religion ſeiner Seele gegeben hatte, konnte ſich der Biſchof doch einer ſuͤßen Ruͤhrung nicht erwehren, als ſie ihm jetzt einen Blick zuwarf, aus dem aller Zauber der Erinnerung ſtrahlte; er trat ihr, unwi⸗ derſtehlich angezogen „näher, und druͤckte ihre Hand an ſein Herz. „Victorine!“ — mehr vermochte er nicht zu ſagen. Statt aller Antwort zeigte die Marquiſe auf das Bild, und der Biſchof fuhlte ſein Herz ſtaͤrker ſchlagen, als er bei einem fluͤchtigen Blick darauf — 249 — das Gemalde erkannte, welches er einſt der Gelieb⸗ ten ſeiner Jugend gegeben hatte. Seine ſtrenge Frömmigkeit rechnete ihm die Bewegung ſeiner Seele als Verbrechen an. Er wandte den feuchten Blick von dem Bilde zum Himmel. „Wie kann ich,“ rief er, „dem Grabe ſo nahe, noch ſo ſchwach ſein! Verzeih' es mir, allmächtiger Gott!“ „In meinem jetzigen Zuſtande duͤrfen Sie mich ohne alles Bedenken ſehen,“ ſagte die Marquiſe leiſe. „Fuhlſt Du nicht, daß ich Dich noch liebe?“ „Wie koͤnnte ich dies glauben, da Sie mich vor zehn Jahren, als ich Sie nach Ihrer Ruͤckkehr zum erſten Male ſah, ſo hart behandelten, ſo rauh von ſich ſtießen.“ — „Verzeih mir dieſe Härte, Victorine! Damals konnte die kleinſte Unbeſonnenheit mir die Achtung und das Anſehen rauben, deſſen ich genoß, und dann — ich geſtehe es — fuͤrchtete ich meine eigene Schwaͤche; ich fuͤhlte nur zu tief, daß ich Dich noch wie ehemals liebte, und die Strenge, die ich gegen Dich zeigte, galt eigentlich nur mir ſelbſt. — Doch Du haſt freilich mein Andenken nicht ſo treu bewahrt!“ „Undankbarer!“ rief die Marquiſe. „Wenn — 250 — mir auch die Pflicht gebot, den Geliebten zu ver⸗ geſſen, konnte der Vater meines Kindes mir wohl je gleichgultig werden? O Adolf! wie wuͤrde ich Dich geliebt haben, hätteſt Du mir nicht meinen Sohn geraubt.“ „Und wenn ich Dir ihn wiedergabe?“ — „Meinen Sohn! meinen Sohn!“ rief ſie trunken vor Entzuͤcken — „ſo lebt er wirklich? — O Adolf!“ fuhr ſie fort und ſturzte zu ſeinen Fůßen, „ſei barmherzig, ſei gnädig — ſage mir Alles — gib mir meinen Sohn wieder!“ „Bedenken Sie, daß man uns hoͤren kann,“ ſagte der Biſchof leiſe, indem er ſie aufhob, „und daß ein Wort hinreichend iſt, uns ungluͤcklich zu machen — Sie — mich — unſer Kind — uns Alle.“ „Er iſt alſo nicht geſtorben?“ fragte ſie kaum athmend. „Er lebt,“ antwortete er bedeutungsvoll lächelnd. „Mächte des Himmels, mein Herz bricht!“ rief die Marquiſe, und ſank halb ohnmächtig auf den Sopha nieder. — „Adolf, Du folterſt mich — ich beſchwöre Dich bei Gott, laß mich nicht — 24 — länger ſchmachten! Sage mir, haſt Du ihn ſeit ſeiner Geburt geſehen?“ „Ja „Und haſt Du ihn Deinen Sohn genannt“ Haſt Du ihn als Vater an Dein Herz gedruͤckt?“ „Nein,“ antwortete er mit feſt entſcheidendem Tone. — „MNiemand darf unſern Fehltritt ahnen, auch Er nicht.“ „O,“ ſagte ſie, „an dieſer Haͤrte erkenne ich den Mann, deſſen Herz der Fanatismus allen ſchönen, menſchlichen Empfindungen unzugaͤnglich gemacht hat, der mich ſo lange durch die Nachricht von dem Tode meines Kindes zu taͤuſchen vermochte. Aber, Bar⸗ bar, es iſt mein Kind — ich will wiſſen, wo mein Sohn lebt, und muͤßte ich vor der ganzen Welt Deine Schande und die meinige bekennen.“ „Das Geheimniß bleibt in meiner Bruſt ver⸗ graben, wenn Du mir nicht ſchwoͤrſt, genau zu be⸗ folgen, was ich Dir vorſchreiben werde.“ „Wie war es dem Vater moͤglich, ſeinen Sohn zu verläugnen, das natuͤrlichſte, heiligſte Gefuͤhl zu unterdruͤcken! O mein Gott! fuͤr einen Kuß, fuͤr eine Umarmung meines Kindes gaͤbe ich mit Freu⸗ den mein Leben hin! — Geh, mit all Deiner — 252 — Scheinheiligkeit wirſt Du nicht zu dem Gott kom⸗ men, der ſich uns nicht ſchoͤner zu offenbaren wußte, als wenn er ſich unſern Vater, uns ſeine Kinder nannte. — Zwei und zwanzig Jahre lang konnteſt Du dem Mutterherzen den Sohn vorenthalten!“ — „Der Himmel gibt Dir ihn zuruͤck; denn trotz Allem, was ich gethan habe, ſein Daſein und ſeine Herkunft in undurchdringliches Dunkel zu hůllen, hat Gott ſelbſt ihn Dir zugefuͤhrt. Hoͤre mich aber, Victorine — ſieh meine kranke, hinfaͤllige Geſtalt — noch wenig Monden oder Wochen, und das Herz, deſſen einzige Liebe Du warſt, wird im Grabe ruhen. Laß dies Haupt ſich mit Ehren in das Leichentuch huͤllen, gib mich nicht dem Hohne preis. Ich will den Schleier luͤften, der Dir Deinen Sohn verbirgt, wenn Du mir ſchwoͤrſt, ihm — ſo lange ich lebe — das Geheimniß ſeiner Geburt zu verſchweigen. Sei ſtark, wie ich es ge⸗ weſen bin, begnuͤge Dich mit dem ſtummen Erbeben Deines Herzens bei ſeinem Anblick; verſchließ Dein Gluͤck und Deine Liebe in Deine Bruſt; gib Dich ihm erſt nach meinem Tode als ſeine Mutter zu erkennen. Bis dahin bewahre das Geheimniß auf das Sorgfaältigſte, auch um unſers Kindes willen. — 253 — — Es iſt ja moͤglich, daß Du ihn einſt adoptiren kannſt — darum kein Wort, das ſeinem Gluͤcke ſchaͤdlich zu werden vermoͤchte. — Um dieſen Preis ſollſt Du Deinen Sohn kennen lernen.“ „Ich ſchwoͤre, Alles zu thun, was Du gebieteſt.“ „Schwoͤre es auf das Evangelium!“ „Ich ſchwoͤre es bei dem Leben meines Kin⸗ des —“ „Dein Sohn —“ „Nun?“ ſagte ſie erblaſſend, errothend, bebend und kaum athmend — „Sammle alle Deine Kraft, Victorine — ſei gefaßt —“ „Sprich es aus, oder ich ſterde —“ „Victor, der Vicar, iſt es!“ Hier ſank Frau von Roſann ohnmaͤchtig nieder. Den Biſchof verließ ſeine Geiſtesgegenwart, als er ſie in todtenähnlichem Zuſtande ſah; er klingelte. — Der Margquis oͤffnete die Thuͤr, erblickte ſeine Ge⸗ mahlin leblos, und ſtuͤrzte fort, um Beiſtand her⸗ beizurufen. In dieſem Augenblicke kam die Mar⸗ quiſe wieder zu ſich laut jauchzend rief ſie: „Mein Sohn, mein Victor! — o mein weiſſagendes Herz!“ — „Gedenke Deines Eides!“ fliſterte ihr der — 254 — Biſchof zu. Sie konnte ihm nur mit einem Blicke antworten, da eben ihr Gemahl eintrat. Sie flog auf ihn zu und druͤckte ihn mit Entzuͤcken an ihr Herz. „Ich bin geneſen!“ rief ſie ihm zu, und das glanzvolle Leben ihres ſtrahlenden Blickes, die bluͤhende Farbe ihrer Wangen ſchienen dieſe Worte zu beſtätigen. „Ich verſprach Ihnen,“ ſagte der Biſchof zu dem Marquis, „Ihren Frieden und Ihr Gluͤck wieder herzuſtellen — mein Wort iſt gelöſet — leben Sie wohl!“ — So ſelig Frau von Roſann ſich auch in den erſten Stunden nach dieſer Entdeckung fuͤhlte, fand ſie doch am andern Morgen Grund zu neuem Schmerz darin. Wie? ſagte ſie ſich ſelbſt, ich ſoll meinen Sohn ſehen, ohne ihm ſagen zu duͤrfen, daß ich ſeine Mutter bin? Ich ſoll meine Liebe zu ihm verbergen, als ſei ſie ein ſtrafbares Gefuhl! Schoͤnheit, Tugend, Talente, Geiſt und Herz — Alles, was ein Muttetherz mit Stolz und Entzuͤcken zu erfuͤllen vermag, finde ich in Victor vereint — und ich ſoll ihn nicht meinen Sohn nennen? — Sein Vater verlaͤugnet ihn — o wenn Roſann ihn lieb gewaͤnne, wenn ich meinem Gemahl das un⸗ — 5 — ausſprechliche Gluͤck verdankte, ihn laut vor der Welt meinen Sohn nennen zu koͤnnen! — Ungluͤck⸗ liche Mutter — darfſt du dir dieſe Hoffnung erlauben? — Herr von Roſann erſchien, um ſie zu fragen, wie ſie ſich befinde? „Vortrefflich,“ antwortete ſie, und bot ihm mit einer Zaͤrtlichkeit die Hand, wie er ſie nie hinreißender in ihren Blicken geleſen hatte.— „Biſt Du wirklich geneſen, an Seel und Leib geneſen, mein holdes, geliebtes Weib?“ fragte er. „Ja, mein Gemahl, ich fuͤhle mich ſo wohl und leicht, ſo heiter, wie ich es lange nicht war; aber wenn Du mich ſtets ſo wohl, ſo gluͤcklich ſehen willſt, mußt Du mich hier in Aulnay laſſen und nicht wieder von unſter Ruͤckkehr nach Paris reden.“ Er ſah ſie hier voll Beſorgniß an. „Du weißt, wie ich Dich liebe,“ erwiederte er, „und wie ich, wenn es Dein Gluͤck gilt, gewiß kein Opfer ſcheuen wuͤrde — aber taͤuſche Dich nicht uͤber Dich ſelbſt — gib Dein und mein Gluͤck keiner neuen Gefahr preis. Laß uns dieſe Gegend je eher je lieber ver⸗ laſſen.“ . Sie ſchlang ihre ſchoͤnen Arme um ihn, und das Geſicht an ſeine Bruſt lehnend, bat ſie mit — 256 — unendlich fuͤßer Stimme: „Vertraue mir, mein Freund, ſei meines Herzens gewiß, ich bin Deiner Liebe nicht unwerth.“ „Niemand verdient ſie mehr als Du,“ ant⸗ wortete der Marquis geruͤhrt. „Nun denn, mein Freund, ſo beweiſe mir dies Vertrauen, das zum Gluͤck meines Lebens unent⸗ behrlich iſt. Verlange nicht, daß ich den Umgang mit dem Vicar meide, ſei nicht ungerecht gegen ihn, lerne ihn kennen — es waͤre mir ſo ſüß, mein guͤnſtiges Urtheil uͤber den jungen Mann von Dir beſtäͤtigt zu wiſſen — ich darf es erwarten, ſobald Du ihn ohne Vorurtheil ſiehſt.“ Der Marquis vermochte den ſuͤßen Bitten der geliebten, ihm neu geſchenkten Frau nicht zu wider⸗ ſtehen. Der Vicar ward faſt täglich auf's Schloß eingeladen, und die Marquiſe bot Alles auf, ihren Gemahl guͤnſtig fuͤr ihn zu ſtimmen. Ihre erfinde⸗ riſche Zaͤrtlichkeit wußte ihm tauſend Gelegenheiten zu verſchaffen, den Reichthum ſeines Geiſtes im Geſpraͤch mit dem Marguis zu entfalten. Dabei war ſie ſo herzlich, ſo weich und hingebend, ſo un⸗ endlich liebenswuͤrdig gegen dieſen, daß er ſich ge⸗ ſtand, ein Frauenherz ſei das unergruͤndlichſte Ge⸗ — 257 — heimniß auf Erden; denn bei dieſer Wahrheit und Innigkeit der Liebe fuͤr den Gatten, von der ſie mehr denn je beſeelt ſchien, leuchtete doch ihre Neigung fuͤr Victor — dem Blicke des Argwohns unverkennbar — aus ihrem Betragen hervor. Die Anerkennung ſeiner Kenntniſſe und Talente, welche der Marquis dem jungen Mann nicht verſagen konnte, ſteigerte den Werth ihres Sohnes in den Augen der Mutter; aber die freudeglänzenden Blicke, mit denen ſie jedes beifällige Wort aufnahm, das ihr Gemahl zuweilen uͤber Victor aͤußerte, weckten nur zu bald die ſchlummernde Eiferſucht in dem Herzen des Marquis. Immer mächtiger ward die Mutterliebe in ihrer Seele, ſie verlor mehr und mehr die Kraft zu verbergen, was ſie empfand. Des Vicars Kummer laſtete ſchwer auf ihr, mit unausſprech⸗ licher Theilnahme haͤtte ſie nach der Urſache ſeines Grames forſchen, ſein Geheimniß in ihre verſchwie⸗ gene Bruſt aufnehmen, ihn troͤſten mögen. Aber wo die Gelegenheit finden, ihn allein zu ſprechen, ihn zum Vertrauen aufzufordern, da Herr von Ro⸗ ſann ſie in den Stunden, wo Victor zu ihr kam, faſt nie verließ. — Eines Tages indeß, wo ſie zu⸗ ſammen im Garten waren, wurde der Marguis — — abgerufen, und Frau von Roſann beſchloß, dieſen Augenblick zu benutzen. „Ich fuͤhle,“ begann ſie mit ihrer ſchonen, tiefbewegten Stimme, „daß ich Sie wahrhaft muͤt⸗ terlich liebe. — Sie haben Ihre Mutter — ich meinen Sohn nie gekannt; dieſer wuͤrde jetzt in Ihrem Alter ſein. Vergonnen Sie mir, Sie Sohn zu nennen, und wenn Sie einige Freundſchaft fuͤr mich empfinden, wird dieſe Illuſion fuͤr mein Herz allen Reiz der Wahrheit haben.“ „Es wuͤrde mir ſehr leicht werden, Sie gleich einer Mutter zu ehren und zu lieben, gnaͤdige Frau; aber ich fuͤrchte das Gluͤck, das mir dieſes Verhält⸗ niß gewaͤhren könnte. Mein Schickſal gebietet mir, mich nur den Trauernden und Leidenden zuzugeſellen, und mich durch kein Band an dies irdiſche Leben zu knuͤpfen.“ „Soll denn Ihre Mutter nie die Urſache dieſes tiefen, hoffnungsloſen Grames erfahren?“ „Nein, das Geheimniß deſſelben muß ich un⸗ ausgeſprochen mit mir ins Grab nehmen.“ „Sie ahnen nicht, mein Freund, wie gluͤcklich es mich machen wuͤrde, Sie troͤſten zu koönnen. — Glauben Sie mir, wir Frauen allein verſtehen die * — 259 — Kunſt, Wunden der Seele zu heilen, und woͤßten Sie, wie theuer Sie mir ſind, Sie wuͤrden mir Ihr Vertrauen nicht verſagen. — Laſſen Sie ſich auch die Innigkeit meiner Theilnahme nicht befrem⸗ den. Ihr Herz begreift gewiß das Daſein einer reinen, heiligen Liebe, der nicht der Schatten irdi⸗ ſcher Mißdeutung ſich nahen darf; — eine ſolche Liebe iſt es, die mich zu Ihrer muͤtterlichen Freun⸗ din weiht.“ „Sie ſprechen die Empfindungen meines eignen Herzens aus, gnädige Frau. Ich fuͤhle mich auf eine mir ſelbſt unerkläͤrliche Art zu Ihnen hingezo⸗ gen — in Ihrer Naͤhe athme ich leichter und ver⸗ mag mein Ungluͤck zu vergeſſen, ſo lange ich Sie ſehe, Sie hoͤre —“ „So laſſen Sie mich denn erfahren, was Sie ungluͤcklich macht,“ bat ſie mit unwiderſtehlicher Innigkeit. „Gewiß iſt auch Ihr Schickſal nicht ſo hoffnungslos, als es Ihnen erſcheint, und ein gluͤcklicher Wechſel deſſelben nicht unmoglich. Ver⸗ trauen Sie Ihrer Mutter, öffnen Sie mir Ihr Herz — es kann, es wird Sie nie gereuen.“ „O,“ rief er, und barg ſeine naſſen Augen in — 260 — ſeine Hände, „wenn ich Ihr Sohn waͤre, wie unausſprechlich gluͤcklich waͤre ich dann!“ — „Victor,“ ſagte ſie innig bewegt, „moͤchten Sie wirklich mein Sohn ſein, da Sie doch wiſſen, daß Ihr Daſein dann die Frucht einer von dem Geſetz nie anerkannten Verbindung ſein wuͤrde?“ „Wie,“ rief er, „Sie konnten zweifeln, daß ich mich mit Entzuͤcken in Ihre Arme werfen, daß ich ſtolz darauf ſein wuͤrde, Sie vor Gott und Menſchen meine Mutter zu nennen?“ „O Gott! Gott!“ ſeufzte die Marquiſe, und ihre Arme oͤffneten ſich unwillkuͤrlich — doch ſchnell ſich faſſend, ſetzte ſie hinzu: „ich kann jetzt nicht länger mit Ihnen ſprechen, Victor. Kommen Sie morgen zu mir — gehen Sie durch den Park, Marie ſoll Sie erwarten und Sie die kleine Treppe hinauf in mein Cabinet fuͤhren, damit wir unge⸗ ſtort bleiben.“ Das alſo — dachte hrt von Roſann, der, vom Gebuͤſch verborgen, die letzten Worte ſeiner Gemahlin gehoͤrt hatte — das alſo iſt ihre Liebe, ihre Treue gegen mich? Ha, dieſer ſchaͤndliche Ver⸗ rath ſoll nicht ungeſtraft bleiben! Waͤhrend die Marquiſe mit der Sehnſucht der — 261 — Mutterliebe dem Augenblick entgegenſah, der ihr das Herz ihres Sohnes offnen, ſie zur Theilneh⸗ merin ſeines Grams weihen ſollte, brachte ihr Ge⸗ mahl den Abend unter Folterqualen zu. Am Morgen verließ er das Schloß unter dem Vor⸗ wande eines Beſuchs in der Nachbarſchaft, kehrte aber heimlich zuruͤck, ſah den Vicar durch den Park gehen, und eilte, ſobald er ihn im Cabinet der Marquiſe angelangt glaubte, die Treppe hinauf. Marie, die er im Vorzimmer fand, erſchrak vor ſeinem verſtorten Blick — ſie rief ihrer Gebieterin zu, daß er komme. In dem Schrecken der Ueber⸗ raſchung ſchob Frau von Roſann den Riegel vor; der furchtbare Gedanke, daß ſie, um ihren Gemahl nicht ungluͤcklich zu machen, genoͤthigt ſein wuͤrde, ihm uͤber ihr wahres Verhältniß zu dem jungen Manne Aufſchluß zu geben, raubte ihr alle Faſſung. „Oeffnen Sie die Thuͤr!“ rief der Marquis mit drohender Stimme. „Ich weiß, wer bei Ihnen iſt, und der Ungluͤckliche ſoll es mit ſeinem Leben buͤßen!“ „So toͤdten Sie mich denn!“ ſagte der Vicar mit ruhiger Gelaſſenheit und öffnete die Thuͤr. Die Wuͤrde und Kaltbluͤtigkeit, mit der er dem Marquis gegenuͤber ſtand, entwaffnete dieſen. „Entfernen Sie ſich,“ rief die Marquiſe dem Vicar zu, „und wenn Sie, Herr Marquis, mich nicht todt zu Ihren Fuͤßen ſehen wollen, ſo huͤten Sie ſich, ein Haar ſeines Hauptes zu verletzen.“ Langſam und mit edelm Anſtand entfernte ſich der Vicar. Der Marquis ſah ihm erſtarrt nach. — „Treten Sie jetzt herein, mein Herr,“ ſagte die Marquiſe. Sie fuͤhlte, daß der Schein gegen ſie war und ihr zu ihrer Rechtfertigung nichts uͤbrig blieb, als ein Geſtändniß, deſſen Folgen ſie nicht zu berechnen vermochte. Stumm ertrug ſie daher die Fluth von Vorwürfen und Schmähungen, in die der Zorn des Marquis ſich ergoß. Sie brach in Thränen aus, und mit dem ruͤhrenden Blick der Liebe und des Schmerzes ſagte ſie ihm endlich: „Ich kann Ihnen nur verſichern, daß ich Sie liebe und daß ich ſchuldlos bin. Finde ich in Ihrem Herzen keinen Anwald, erhebt ſich in Ihrer Bruſt keine Stimme, die fuͤr die Reinheit meiner Seele und meines Wandels burgt, ſo bleibt mir nichts übrig, als Ihnen auf ewig Lebewohl zu ſagen und auf Nimmerwiederſehn von Ihnen zu ſcheiden.“ — 263 — „Sprich nur ein Wort, Victorine,“ rief er, indem er ihr zu Fuͤßen ſank, „nur ein einziges Wort. Mein Herz bedarf deſſen — ich kann nicht leben, wenn ich an Dir irre bleibe.“ „Ja, ich bin es Ihnen ſchuldig — ich muß dies Wort ausſprechen. Stehen Sie auf, mein Gemahl, und laſſen Sie mich zu Ihren Fuͤßen den Platz einnehmen, der meiner Schuld und meiner Reue gebuͤhrt. — Erinnern Sie ſich noch der Schwermuth, die mich niederdruͤckte, als ich Sie kennen lernte?“ — Der Marquis neigte bejahend das Haupt. — „Sie wiſſen, daß ich mich lange weigerte, Ihre Hand anzunehmen?“ „Ja.“ — „Und daß dieſe Traurigkeit, die der Grund⸗ ton meines Weſens war, ſich erſt verlor, als mein Herz die Ueberzeugung gewann, daß Sie ſich gluͤck⸗ lich fuͤhlten und mit mir zufrieden waren.“ „Gewiß,“ ſagte der Marquis bewegt, „ich kann nicht vergeſſen, daß Sie mich funfzehn Jahre lang zum gluͤcklichſten Manne gemacht haben, und jeder Tag Ihres Lebens Ihnen ein Recht gab, für das Vorbild der edelſten Frau, der muſterhafteſten Gattin zu gelten.“ — — „Ich danke Ihnen fuͤr dies Zeugniß, bas mir allein in dieſer ſchweren Stunde Muth zu geben vermag. — Der Grund jener Bchwermuth war das Bewußtſein eines Fehltritts — einer Jugend⸗ verirrung, die ich jetzt auf das Allerbitterſte bereue, Ihnen verſchwiegen zu haben. — Ich wurde in meinem ſechzehnten Jahre Mutter eines Sohnes —“ „Wie?“ rief der Marquis im Ton freudiger Ueberraſchung — „Du biſt Mutter? Du haſt einen Sohn?“ „Carl!“ ſprach Frau von Roſann, und ſank vor ihm nieder — „Carl, Du verwirfſt mich nicht?“ — „Ich Dich verwerfen?“ ſagte er, indem er ſie aufhob und auf ſeinen Schooß niederzog, „ich mein Weib, meine Victorine verwerfen, weil ſie mit funfzehn Jahren ſich eines jugendlichen Fehltritts ſchuldig machte, der der Welt verborgen blieb, und den ſie durch ein Leben voll reiner Tugend und himmliſcher Guͤte laͤngſt im Schuldbuche menſch⸗ licher Schwaͤche verloͤſcht hat?“ „Dieſer Sohn — der Vicar iſt es! — Man raubte ihn mir und that Aues, mich in dem Wahne zu erhalten, er ſei todt. Er ward als — 265 — Kind nach Weſtindien geſandt — das Schickſal oder vielmehr die Vorſehung fuͤhrte ihn nach Europa, in meine Naͤhe zuruͤck — das Mutterherz erkannte — das Mutterherz errieth ihn.“ „Und der Biſchof von A. iſt ſein Vater?“ „Ich habe geſchworen, den Namen ſeines Va⸗ ters nie zu entdecken.“ „Victorine,“ ſagte der Marquis nach langem Schweigen, während deſſen ſie mit unausſprechlicher Mutterangſt in ſeinen Zuͤgen den Ausſpruch uͤber das Schickſal ihres Sohnes zu leſen ſtrebte, „Du weißt, wie mich die Kinderloſigkeit unſerer Ehe be⸗ truͤbte, wie leidenſchaftlich ich mir ſtets einen Erben meines Namens und meiner Reichthuͤmer gewuͤnſcht habe. Ich ſehe dieſen Wunſch jetzt als erfuͤllt an. Dein Sohn iſt einer der ausgezeichnetſten jungen Maͤnner — ich werde ſtolz darauf ſein, ihn als den meinigen anzuerkennen; und die Gunſt des Königs wird mir die Bitte nicht verſagen, meinen Namen und meine Pairswuͤrde auf ihn uͤbertragen zu duͤrfen.“ Frau von Roſann erlag faſt der Macht ihrer Empfindung. Nie iſt ein Mann ſchoͤner geliebt wor⸗ den, als ſie ſeit dieſer Stunde den Marquis bis zum letzten Schlage ihres Herzens in der reinſten F. Tarnow, Novellen. II. 12 — 266 — Begeiſterung, in der vollſten Anerkennung ſeines Werthes liebte. Doch waͤhrend beide Gatten ſich vereint mit Entwuͤrfen zu Victors Gluͤck beſchaͤf⸗ tigten, beſchloß dieſer, dem Frieden ihrer Ehe und der Eiferſucht des Marquis das Opfer zu bringen, Aulnay baldmoͤglichſt und fuͤr immer zu verlaſſen. Er vertraute die Urſache ſeiner Entfernung dem alten nuͤrdigen Pfarrer, der — ſo ſchwer ihm auch die Trennung von ſeinem Vicar ward — den Entſchluß deſſelben nur billigen konnte. Victors Plan war, nach Paris zuruͤckzugehen, dort, Melanien unbe⸗ wußt, in ihrer Nähe zu leben, und unſichtbar uber ſie zu wachen. Vorher aber wollte er erſt nach A., um von ſeinem Onkel, dem Biſchof, die Erlaubniß zu erbitten, ſeinen Sprengel verlaſſen zu duͤrfen. Bei ſeiner Ankunft erfuhr er, der Biſchof ſei ausgefah⸗ ren, doch da man ihn bald zuruͤck erwartete, und Victor als ſein Liebling — nicht als ſein Neffe, denn weder er, noch der Biſchof hatten des Vicars Familiennamen genannt — von allen Hausgenoſſen gekannt war, weigerte man ihm den Eintritt in des Prälaten Zimmer nicht. Er warf ſich in einen Lehnſtuhl, der zwiſchen dem Fenſter und dem Bett des Biſchofs, von den Vorhaͤngen deſſelben halb ——— — 267 — verhuͤllt ſtand, und bemerkte, in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken, die Flucht der Stunden nicht. Es dam⸗ merte ſchon, als zwei Männer geraͤuſchlos in das Zimmer traten. „Nein, mein Bruder,“ ſagte der Eine, „da Victor noch lebt, ſo muß er erfahren, daß er nicht mein Sohn iſt. Morgen fruͤh eile ich zu ihm, um auch den Aufenthalt meiner Tochter von ihm zu erfragen.“ Victor blieb, von dieſen Worten uͤberwältigt, unbeweglich auf ſeinem Platze. Welche Entdeckung! „Ich bitte Dich innigſt,“ hob jetzt der Biſchof an, „verſchiebe dies Geſtaͤndniß bis nach meinem Tode, der — ich fuͤhle es — nicht mehr fern iſt.“ „Und was kann es Dir ſchaden, wenn ich ihm das Geheimniß ſeiner Geburt jetzt ſchon entdecke? Victor iſt im Kirchenbuche nur mit dieſem Taufna⸗ men als eine in Vans⸗la⸗Pavée geborene Waiſe eingezeichnet, und Du ſowohl als Frau von Roſann ſeid Beide vor jeder Entdeckung geſichert.“ „Erklaͤre mir nur zuerſt, welchem Wunder ich das Gluͤck verdanke, Dich, den ich ſeit Jahren als todt beweinte, lebend wieder in meine Arme zu ſchließen?“ Irs mine „Wohl gleicht meine Rettung einem Wunder, und ich bin der Einzige von meinen Gefaͤhrten, der das Elend unſers langjahrigen Aufenthalts auf einer wuͤſten, beinahe unfruchtbaren Inſel uͤberlebt hat. Schon ſeit Monaten hatte ich dem Letzten unter ihnen ſein Grab gegraben, als die Vorſehung ein Schiff herbeifuͤhrte, das mich aufnahm und in Frankreich an's Land ſetzte. Statt nach Paris zu gehen, eilte ich gleich zu Dir, wo ich Nachricht von unſern Kindern zu erhalten hoffte. Erzaͤhle Du mir nun, welcher Zufall Dir Deinen Sohn zugefuͤhrt hat.“* „Ich habe ihn nie um die Begebenheiten ſeines fruͤheren Lebens beftagt, aus Furcht, meine Theil⸗ nahme moͤchte mich verrathen; aber er ſcheint großes Ungluͤck erlebt zu haben. Vor anderthalb Jahren kam er hierher, um ſich in das Seminarium auf⸗ nehmen zu laſſen; ich habe fuͤr ihn um die Dispen⸗ ſation nachgeſucht, deren er bei ſeiner Jugend be⸗ durfte, und er iſt jetzt Prieſter.“ „Wie? Victor iſt ein Pfaff geworden?“ rief Herr von St. André mit zornigem Erſchrecken. „Warum mißbilligſt Du dies?“ „Ach, ich errathe ſein Ungluͤck, und kann es Dir nicht verzeihen, daß Du Dich ihm nicht als Vater zu erkennen gegeben haſt. Dein Sohn liebre — 269 — Melanie — er hat ſie fuͤr ſeine Schweſter gehalten und iſt aus Verzweiflung Prieſter geworden. Mein Plan war, ſie mit einander zu verheirathen. — Jetzt bitte ich Dich ſelbſt, Victor in ſeiner bisheri⸗ gen Unwiſſenheit uͤber ſein Geſchick zu laſſen und von ihm nur Kunde uͤber Melaniens Aufenthalt ein⸗ zuziehen. Er kann ja nicht mehr ihr Gatte werden und darf ſie nicht wiederſehen. Der Ungluͤckliche! — Wie ſchoͤn muß meine Melanie nicht geworden ſein! Wie ruͤhrend war die Liebe der beiden Kinder zu einander — wie unendlich muͤſſen ſie bei ihrer Tren⸗ nung gelitten haben!“ Dieſe Worte gaben dem Biſchof iber den See⸗ lenzuſtand ſeines Sohnes den Aufſchluß, den er nicht gewagt hatte, von ihm ſelbſt zu fordern. Er uͤberſann die Mittel und Wege, die ihm zu Gebote ſtanden, um von dem Papſte füͤr Victor die Los⸗ ſprechung von ſeinen Geluͤbden zu erhalten, und blieb daher ſeinem Bruder die Antwort ſchuldig. Indem meldete man, das Abendeſſen ſei aufgetragen, und Beide verließen das Zimmer, ohne den Zeugen zu entdecken, den ihre Unterredung gehabt hatte. Erſt bei Tiſche erfuhr der Biſchof, daß der Vicar von Aulnay da geweſen ſei, um ihn zu ſprechen, — 270 — und nähere Nachforſchungen brachten beide Bruͤder auf die Vermuthung, er habe ihr Geſpraͤch ange⸗ hort. Jetzt, wo er ſeinem Sohne nichts mehr zu verbergen hatte, theilte der Biſchof ſeinem Bruder die Plaͤne mit, die er fuͤr Victors Gluͤck entwarf, und Beide verabredeten noch in dieſer Nacht die Maß⸗ regeln, die den jungen Mann am ſchnellſten zu dem Ziele ſeiner Wuͤnſche, zur Losſprechung von ſeinen Ge⸗ luͤbden und zum Beſitz ſeiner Melanie fuͤhren konnten. Victor hatte das Zimmer des Biſchofs gleich nach ihnen verlaſſen. Er war wie trunken, wie betaͤubt von dieſer uͤberraſchenden Entdeckung. Er wußte zwar jeßt, Melanie ſei nicht ſeine Schweſter, Frau von Roſann ſeine Mutter, der Biſchof ſein Vater — aber er hatte auch gehort, daß man ihm dies ferner verſchweigen, ihn von Melanien entfernt halten wolle — und doch war es kein Verbrechen mehr fuͤr ihn, ſie zu lieben! Er flog nach dem Poſt⸗ hauſe und beſtellte Pferde, um nach Paris zu ihr zu eilen. Eine Fluth von tauſend neuen Gedanken und Gefuhlen ſtuͤrmte auf ihn ein — er war in einem ſolchen Taumel, daß er kaum zu reden ver⸗ mochte. Er zog Melaniens Bild hervor und bedeckte es mit gluͤhenden Kuͤſſen; aber — zu ſeiner Ehre — 271 — ſei es geſagt — auch noch ein anderes holdes Bild trat im Schleier ſanfter Wehmuth und linder Thraͤnen vor ihn — das Bild ſeiner Mutter. Er ließ ſich Papier und Schreibzeug geben und ſchrieb ihr folgende Zeilen: „O meine Mutter! mit welcher Wonne fuͤllt das Gefuͤhl der kindlichen Liebe meine Bruſt! Auf meinen Knien und mit Thränen ſchreibe ich dies hei⸗ lige Wort hin, und danke Gott, daß ich Sie mit dieſem ſchönſten, ehrwuͤrdigſten aller Namen gruͤßen, daß ich Sie Mutter nennen darf. Bald, ja bald komme ich nach Aulnay zuruͤck, um Sie an mein Herz zu druͤcken, das von Ruͤhrung und Freude uberwallt, wenn ich an Sie denke, wenn ich mir ſage, daß ich Ihnen durch die heiligſten Bande an⸗ gehoͤre. Nach Einem Wunſche, der unwillkuͤrlich den erſten Platz in meiner Seele behauptet, habe ich keinen theurern, als den, Sie zu umarmen; und zoge mich nicht eine Nothwendigkeit, die zugleich mein Schickſal iſt, nach Paris, ſo wuͤrde ich in dem Augenblicke, wo mir das Geheimniß meiner Geburt kund ward, zu Ihnen geflogen ſein, um Ihnen muͤndlich zu ſagen, daß ich Sie inniger liebe, als jeder andere Sohn liebt, weil ich Ihnen Verguͤ⸗ — 272 — tung fuͤr lange Leiden und vieljährigen Gram ſchul⸗ dig bin. Oeffnen Sie, wenn ſie dieſe Zeilen leſen, Ihr Herz der Stimme Ihres Sohnes. Ich druͤcke dieſem Blatte den ehrfurchtsvollſten, den zaͤrtlichſten aller Kuͤſſe auf. — O meine Mutter! wie unend⸗ lich reich iſt das Menſchenherz! welche neue Welt ſchließt mir dies Wort auf! — FJetzt erſt, da ich eine Mutter habe, begreife ich die Vaterliebe Got⸗ tes!“ — Victor kam in Paris an, er flog nach Mela⸗ niens Hauſe, die Treppe hinauf, oͤffnete die Thuͤr — Melanie ſah bei ſeinem Eintritt auf — ein Blick, ein Schrei — und ſie lag leblos in ſeinen Armen. Seine Kuͤſſe, ſeine Thränen weckten ſie — ſie ſchlug das Auge auf — „Du biſt es?“ rief ſie. „Melanie,“ fragte er zitternd, „liebſt Du mich noch?“ „Ich lebe ja noch!“ antwortete ſie mit jenem ſuͤßen Ton, der die Seele ohne Schmerz mit Weh⸗ muth fuͤllt, und barg das ſchoͤne Haupt auf ſeine Schulter. „Grauſamer, wie konnteſt Du mich ver⸗ laſſen! und kommſt Du jetzt nur, um von Neuem zu ſcheiden?“ „Nein, mein!“ rief er, ſie leidenſchaftlich an — 273 — ſein Herz druͤckend, aber unſicher, wie er ihr ſein Geheimniß mittheilen ſolle, ohne ihr durch die Ge⸗ walt der Ueberraſchung zu ſchaden. „Dieſes Wort gibt mir das Leben wieder. Ja, mein Bruder, laß uns vereint leben, wir können dann nimmer ſo furchtbar leiden, ſo ungluͤcklich ſein, als wir es von einander getrennt ſind.“ „Meine Melanie, meine geliebte, meine ange⸗ betete Melanie!“ „Warum nennſt Du mich nicht Deine Schwe⸗ ſter?“ fliſterte ſie. — „Doch warum will ich mir dieſen Augenblick des Gluckes truͤben! Biſt Du doch da! ſehe ich Dich doch endlich wieder! — O mein Bruder, mein Freund — wie iſt es nur moͤglich, daß ich unſere Trennung habe uͤberleben koͤnnen!“ „Jetzt ſiehſt Du mich wieder — ich komme zu Dir zuruͤck — ungerufen, unerwartet, freiwillig — glucklicher, als ich es je zu werden hoffte.“ „Victor,“ rief ſie bewegt, „was ſoll ich glau⸗ ben, was denken?“ „Als ich Dich verließ, Melanie, ſchwor ich Dir und mir, Dich nicht eher wieder zu ſehen, bis jede Gefahr, mit der unſere Liebe uns bedrohte, ver⸗ — — ſchwunden waͤre. — Melanie, ich bin nicht Dein Bruder.“ — „Du nicht mein Bruder!“ rief ſie erbleichend — ihr Haupt ſank an ſeine Bruſt — ſie erlag der Fuͤlle ihres Gluͤcks. Victors heiße riefen ſie in's Leben zuruͤck. Augenblicke der reinſten Seligkeit jetzt den Liebenden voruͤber; doch bald erwachte in Victor das Bewußtſein der Scheidewand, die er ſelbſt zwi⸗ ſchen ſich und der Geliebten aufgefuͤhrt hatte, und er ward von Neuem eine Beute des Grams. Sein Geluͤbde, ſein Glaube, die Stimme ſeines Gewiſ⸗ ſens erhoben ſich mächtig gegen die gluͤhende, un⸗ überwindliche Leidenſchaft, die mit ſeinem Leben durch und durch Eins geworden war. In ſeinen jetzigen Verhaͤltniſſen laſtete die Verſchuldung auf ihm allein, wenn er Melaniens Gatte wurde. Sie wußte nicht, daß er die Prieſterweihe erhalten habe, ſie blieb engelrein, wenn ſie ſein Weib wurde. — Durfte er die Unſchuldige taͤuſchen? — Konnte er von ihr laſſen, der alle Schlaͤge ſeines Herzens ge⸗ hoͤrten? — So von Pflicht und Leidenſchaft hin⸗ und hergeriſſen, war er in den Stunden, wo die lezte ſiegte, innig, zärtlich, gluͤcklich — behielt aber — — die Pflicht die Oberhand, ſo ward er duͤſter, einſylbig, verzweiflungsvoll, und Melanie weinte dann heiße Thränen uͤber ein Ungluͤck, daß ſie nicht zu errathen vermochte; allein da ſie ihn mit jener Ehrfurcht, jener unbedingten Hingebung liebte, die dem reinen weiblichen Herzen eigen iſt, wagte ſie nicht, ihm eine Erklärung ſeines Betragens abzudringen. Sie fuhlte ſeinen Mangel an Vertrauen tief und ſchmerz⸗ iich, aber ſie weinte ſtill und verbarg dem Geliebten ihr Leid. Indeß wachte die Mutterliebe, einem Schutz⸗ engel gleich, uͤber des Sohnes Gluͤck. Victors Entfernung von Aulnay hatte die Marquiſe er⸗ ſchreckt, ſein Brief ſie entzuͤckt, weil die Entde⸗ ckung ſeiner Geburt ihr mit dem Rechte auch die Macht gab, fuͤr ihn thätig zu ſein, und vereint mit ihrem Gemahl, dem Biſchof und dem Contre⸗ Admiral St. André die Schwierigkeiten aus dem Wege zu raͤumen, die zwiſchen ihm und ſeinem Gluͤck ſtanden. Welch eine Stunde fuͤr das Mutterherz, fur dieſe nur in Liebe athmende Seele, als ſie, nachdem es ihr gelungen war, Victors und Melaniens Wohnung ausfin⸗ dig zu machen, zu ihm fuhr, aus dem Wagen, die Treppe hinauf — in des Sohnes Arme flog, und ihm das Breve des Papſtes, das ihn ſeiner Geluͤbde entband. und zugleich eine Ordonnanz des Koͤnigs überreichte, die ihn unter dem Namen St. André de Roſann zum Grafen ernannte, und ihm das Recht ertheilte, dem Marquis de Roſann in ſeiner Wuͤrde als Pair des Reichs nachzufolgen! — Doch, was war Ehre, Glanz und der Reichthum, mit dem das Erbe ſei⸗ nes Vaters, der nach wenig Wochen ſtarb, ihn uberhaufte, gegen Melaniens Beſitz! — Er ward ihr Gemahl; ganz Paris pries Victor und Melanie als das ſchoönſte, das glucklichſte Paar, und Beide zeigten ſich ihres Gluͤckes werth. ———————————— — 4 3 2 — „— . 87˙8 i vnence