— — — 2 Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Jurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Der Lorbeerzweig, nach dem ſie glühend rang, Flicht ſich zur Todtenkron' für ihren Sarg⸗ —— — Wichtige aber hoͤchſt unangenehme Geſchaͤfte zwangen mich mitten im Winter zu einer Reiſe nach Perpignan, doch meine Hoffnung, mit dem Anbruche des Fruͤhlings nach Paris zu⸗ ruͤckkehren zu koͤnnen, wurde vereitelt, und ich ſah ein, daß ich, wenn ich nicht meine Kin⸗ der, zu deren Beſten ich dieſe Reiſe unter⸗ nommen hatte, um die Fruchte derſelben brin⸗ gen wolle, mich entſchließen muͤſſe, noch einen Theil des Sommers in jener Gegend zu ver⸗ weilen. Meine Anweſenheit in Perpignan war aber nicht unausgeſetzt nothwendig und ich wuͤnſchte daher in der Naͤhe der Stadt eine laͤndliche Wohnung zu miethen. Man ſchlug mir das Dorf Falonnier vor; ich fuhr hin, mir die Gegend zu beſehen, und wurde von der reizenden Lage deſſelben ſo bezaubert, daß mein Entſchluß, mich dort anzuſiedeln, gleich gefaßt war; nur wuͤnſchte ich, als eine ein⸗ 1* zelne Dame, mit meinem Maͤdchen nicht in dem Wirthshauſe zu wohnen, wo es, bei der Naͤhe der Stadt, vorzuͤglich an Sonn⸗ und Feſttagen, von Gaͤſten und Beſuchen wimmelte. Ich erfuhr, am andern Ende des Dorfes wohne eine Witwe, die einige Zimmer zu ver⸗ miethen habe; ein ſchmaler, auf beiden Sei⸗ ten mit Roſenhecken eingefaßter Fußſteig fuhrte zu dem kleinen Haͤuschen, das einige hundert Schritte von dem Fahrweg entfernt, in einem Baumgarten, am Abhang eines Huͤgels lag; die Zimmer waren niedrig, es fehlte an man⸗ cher mir durch lange Gewohnheit faſt zum Beduͤrfniß gewordenen Bequemlichkeit und doch entſchloß ich mich augenblicklich ſie zu miethen, ſo ſehr entzuͤckte mich die iMiſche Lage des Hauſes und die Ausſicht, i man aus dem Fenſter deſſelben hatte. Ich zog ſchon am naͤchſten Tage hinaus und wuͤnſchte mir an jedem folgenden Gluͤck zu der Wahl dieſer Wohnung, die mir wie ein Wohnſitz des Friedens und der Heiterkeit erſchien. Es war in den erſten Tagen des Aprilsz jede Morgenſonne erſchloß neue Bluͤ⸗ 6 — . „„ then; jedes Abendluͤftchen fuͤllte die Gegend mit ſuͤßerem Blumenduft und wiegte mich in eine Stille des Gemuͤths ein, die mir unend⸗ lich wohl that. Doch nur zu bald ſollte ich daran erinnert werden, daß es auf der Erde keine, dem Schmerz und dem Ungluͤck unzu⸗ gaͤngliche Freiſtaͤtte gibt. Von meiner Wirthin erfuhr ich, daß in den Zimmern des Erdgeſchoſſes eine ſehr kranke, engelſchoͤne, junge Dame wohne. Die Frau konnte nicht muͤde werden von ihrer Sanft⸗ muth und ihrem Liebreiz zu erzaͤhlen, und verſicherte mir oft, daß ſie ſich, wenn das Fraͤulein nicht bald wieder beſſer werde, um ſie wie um ihr eignes Kind graͤmen muͤſſe. Die einfache Wahrheit ihrer Empfindung ge⸗ wann ihr mein Zutrauen und floͤßte mir fuͤr die Unbekannte eine Theilnahme ein, die noch um vieles waͤrmer wurde, als ich am folgen⸗ den Abend Harfentoͤne hoͤrte, die den Geſang einer ſilberreinen, aber ſchwachen Stimme be⸗ gleiteten. Nie hat irgend eine Muſik mein Herz mit ſo ſanfter, ſuͤß⸗ſchmerzender Weh⸗ muth ergriffen, als dieſes Lied, das wie der letzte Seufzer eines fromm und ſtill brechenden Herzens klang! Es war mein ſehnlicher Wunſch, die Un⸗ bekannte kennen zu lernen, aber der Verein⸗ zelung und der Abgeſchiedenheit, in der ein ſo junges, und der Ausſage der Wirthin nach, bildſchoͤnes Maͤdchen lebte, mußte ein Geheim⸗ niß zum Grunde liegen, und ſelbſt erlebtes ungluͤck hatte mich ſchon fruh gelehrt, fremden Schmerz zu ehren, und die Einſamkeit, in der er ſich gern verbirgt, als eine heilige Frei⸗ ſtatte zu achten. In einer Nacht hoͤrte ich aber die Thuͤre ihres Zimmers mehrere Mal auf⸗ und zu⸗ gehen; ich wußte, daß ſie kein Maͤdchen zu ihrer Pflege und Aufwartung bei ſich hatte, und da ich ſie wimmern zu hoͤren glaubte, zoͤgerte ich nicht, ſondern eilte nach einem augenblicklichen Beſinnen zu ihr. Ich fand unſte Wirthin aͤngſtlich um die lilienbleiche Geſtalt beſchaͤftigt, der ein heftiger Bruſtkrampf Syrache und Luft raubte; ich ſandte ſie nach dem Arzte und blieb nun allein mit der Kran⸗ ken, ſie begann wieder zu athmen, doch ſo * beklommen und ſchwer, daß ich, um ſie zu erleichtern, die Schleifen ihres Nachtcorſettes loͤſen wollte, ſie ſtieß aber meine Hand mit dem Ausdruck eines gewaltigen Entſetzens zu⸗ ruͤck und faltete die ſchoͤnen Haͤnde krampfhaft feſt auf der Bruſt zuſammen. Endlich kam der Arzt; er verordnete ihr einige leichte, ſchmerz⸗ ſtillende Mittel, und der Antheil, den ich in ſeinen Zuͤgen las, bewog mich, ihm bei ſeinem Weggehen zu folgen und ihn um ſein Urtheil uͤber den Zuſtand der Kranken zu befragen⸗ „Sie wird nicht lange mehr leiden,“ ſagte er mir, „und es waͤre zu wuͤnſchen, daß man ihre Freunde oder Verwandte davon benach⸗ richtigte.“ „Kennen Sie dieſe?“ fragte ich ihn. „Nein,“ antwortete er, „ich weiß nur, daß ſie aus Spanien kommt und auf der Ruͤckreiſe nach ihrem Vaterlande, nach Italien, durch ihre Krankheit gezwungen wurde, in Perpignan zu verweilen, wo man ihr die Land⸗ luft als fuͤr ihren Zuſtand heilſam, anempfahl. Sie ſcheint aber auf die Erhaltung ihres Le⸗ bens durchaus keinen Werth zu ſetzen, und es hat der Wirthin viele Muͤhe gekoſtet, ehe ſie ſie bereden konnte, mich zu Rath zu ziehen. Ich fand ſie jedoch ſchon bei meinem erſten Beſuch rettungslos ſchwindſuͤchtig, und muß mich darauf beſchraͤnken, ihre Leiden zu mil⸗ dern, da ich ihr Uebel nicht zu heilen vermag.“ „Sie iſt aber noch ſo jung,“ erwiederte ich ihm bewegt, „und das Leben hat oft eine an das Wunderbare grenzende Kraft, ſich zu ergaͤnzen, und den Feind, der es gefaͤhrdet, zu beſiegen.“ „Ach! eben ihre Jugend macht ihren Zu⸗ ſtand ſo gefaͤhrlich,“ ſagte er, „und dann iſt ſie auch, wie es mir ſcheint, die Beute eines hoffnungsloſen und unendlich tiefen Grames. Man kennt ſie hier nur unter dem Namen Coͤleſtine, und ſeit den vier Monaten, daß ſie hier iſt, hat ſie keinen Brief keinen Beſuch erhal⸗ ten, ſie ſcheint auf Erden durchaus Niemanden anzugehören und nur noch wie ein abgeſchiedener Geiſt auf ihr zu verweilen. Gewiß iſt ſie aber der liebevollen Theilnahme edler Menſchen werth, und Sie, gnaͤdige Frau, wuͤrden ſich ein großes Verdienſt um die Ungluckliche er⸗ werben, wenn ſie ihr Vertrauen zu gewinnen und von ihr zu erfahren ſuchten, ob ſie nicht noch Jemand von ihren Freunden zu ſehen, oder fuͤr den Fall ihres Todes irgend eine Verfuͤgung zu treffen wuͤnſcht.“ Der Ausſpruch des Arztes betrubte mich, als gehoͤre die Unbekannte meinem Herzen ſchon ſeit Jahren in Liebe an. Nie ſah ich aber auch eine vollendetere Schoͤnheit; die Krankheit hatte ihr den Reiz bluͤhender Ju⸗ gend geraubt, doch nie ſah ich regelmaͤßigere Zuͤge, nie mehr Ausdruck des reinſten Seelen⸗ adels und einer rührenden, durchaus unwider⸗ ſtehlichen Anmuth. Ihre dunkelblauen, von langen ſchwarzen Wimpern beſchatteten Au⸗ gen ſtrahlten von himmliſchem Glanz und der Blick derſelben mußte ihr alle Herzen gewin⸗ nen. Sie dankte mir, als ich zu ihr zuruͤck⸗ kehrte, ſo holdſelig fuͤr meinen Beiſtand, daß ich fuͤhlte, meine Naͤhe thue ihr wohl, und von dieſer Stunde an wurde es mein ange⸗ legentlichſtes Geſchaͤft, ſie zu pflegen und alles aufzubieten, um ſie zu erheitern und ſie dem Leben zu erhalten. Ich gab mich der Taͤu⸗ — 40 — ſchung hin, ſie koͤnne doch noch, trotz des Ausſpruches des Arztes, gerettet werden und das unaus ſprechlich ruͤhrende Lächeln, mit dem ſie mich anſah, ſo oft ich dieſe Hoffnung aus⸗ ſprach, vermochte nicht mir dieſe zu rauben, ſo deutlich ſich auch darin ihre eigene Ueber⸗ zeugung ausſprach, daß ſie unwiederbringlich dem Tode geweiht ſey. Mit jedem Tage ge⸗ wann ich dieſe fromme, ſanfte Seele lieber, fuͤr die das Grab nur der leuchtende Fußtritt eines Engels war, der zu ihr trat, um die Dornenkrone von ihrem Haupte zu nehmen, und das Bluten ihres Herzens zu ſtillen. Nie aber ſprach ſie mit mir von der Vergan⸗ genheit und mir war ſie fuͤr jede Frage zu heilig; allein meine Naͤhe ſchien ihr wohl zu thun, und unausſprechlich war der Zauber, den ſie in die dankbare Zaͤrtlichkeit legte, mit der ſie meine Liebe vergalt. So waren einige Wochen vergangen, als ich mich genoͤthigt ſah, ſie auf einen Tag zu verlaſſen, um in Perpignan dringende Ge⸗ ſchaͤfte zu beſorgen. Bei meiner Heimkehr am Abend fand ich ſie ſehr krank und den Arzt — bei ihr. „Ach,“ ſagte ſie zu mir, indem ſie mir die Hand entgegenreichte, „wie ſehr habe ich gefuͤrchtet, noch vor Ihrer Wiederkehr zu ſterben!“ Sie ſank von der Bewegung, mit der ſie dieſe Worte ausſprach, erſchoͤpft, mit geſchloſſenen Augen auf ihr Kiſſen zuruͤck; ich drang in den Arzt ihr noch etwas zu ver⸗ ſchreiben. „Hier vermag keine Arzney mehr etwas,“ antwortete er mir kopfſchuͤttelnd, „ſie wird den morgenden Abend nicht mehr erleben.“ „Gewiß?“ fragte ſie freudig, indem ſie ſich plotzlich aufrichtete, „iſt meine Erloͤſungs⸗ ſtunde mir ſo nahe? Gott ſegne Sie, mein Herr, fuͤr dieſe troſtvolle Verheißung. Laſſen Sie mich Ihnen noch einmal fuͤr Ihre men⸗ ſchenfreundliche Theilnahme, und fuͤr alle Ihre Bemuͤhungen danken. Sie haben mir dadurch die letzten Tage meines Lebens verſuͤßt. Moͤge es Ihnen in der truͤbſten Stunde des Ih⸗ rigen nie an Troſt und an dem Segen goͤtt⸗ licher Liebe und goͤttlichen Erbarmens fehlen.“ Er verließ ſie mit naſſen Augen und ich blieb die Nacht allein bei ihr. Sie bat mich, ihr ein Kaͤſtchen zu geben, daß ich in einem Fach ihres Schreibtiſches finden wuͤrde. „Es enthaͤlt den Reſt meines baaren Vermoͤgens,“ ſagte ſie mir; „nehmen Sie ihn zu ſich; der Mann, aus deſſen Haͤnden ich dieſes Geld empfing, lebt nicht mehr und hat keine andren Verwandten, als mich allein hinterlaſſen. Ver⸗ theilen Sie es, nach Abzug der Koſten meiner Krankheit und meines Begraͤbniſſes, nach Ih⸗ rem Gutbefinden unter die Armen.“ Ich verſicherte ſie der treuen Erfullung die⸗ ſes Auftrages und bat ſie, zu ihrer Stärkung noch einige Tropfen zu nehmen. Sie verwei⸗ gerte es. „Warum ſoll ich,“ ſagte ſie, „den Augenblick noch zu verzoͤgern ſuchen, der mich wieder mit dem vereinigen wird, was ich hie⸗ nieden ſo unendlich geliebt und mit ſo unend⸗ lichem Schmerz beweint habe? Jenſeits finde ich einen gnädigen Richter, einen Vater, der die ewige Liebe ſelbſt iſt; doch der Friede mei⸗ ner Todesſtunde, die Schmerzloſigkeit des letz⸗ ten Todeskampfes iſt noch an irdiſche Beding⸗ niſſe geknuͤpft. — Sie ſind der troͤſtende Le⸗ bensengel meiner letzten Tage geworden, Sie 1 — — haben unendlich viel fuͤr mich gethan, aber noch habe ich eine Wohlthat von Ihnen zu er⸗ bitten, an deren Gewährung mir alles liegt, ein Geluͤbde von Ihnen zu fordern, daß ich von einem alltäglichen Weſen nie zu begehren wagen wurde, — wollen Sie mir geloben, es zu erfuͤllen?“ Ich ſchwur ihr die Gewaͤhrung ihrer Bitte zu. Sie zog meine Hand an ihre Lippen. „Auf dieſer Erde,“ fuhr ſie nach einigen Mi⸗ nuten fort, „lebt mir außer Ihnen kein be⸗ freundetes Weſen mehr, kein Auge wird mir eine Thraͤne nachweinen, kein Seufzer mein Andenken feyern, Sie allein muͤſſen mich in mein Grabgewand huͤllen und mich in meinen Sarg betten, verſprechen Sie mir das?“ Mich uͤberflog ein Schauder. Nur wer den Eindruck kennt, den die eiſige Kaͤlte des erſtarrten Leichnams auf uns macht, wenn wir ihn mit lebenswarmer Hand beruͤhren, wird mir vielleicht verzeihen, daß ich mit meiner Antwort zoͤgerte. — 5 Sie verſagen mir dieſe Bitte?“ fragte ſie mit brechender Stimme, „Sie laſſen mich troſtlos ſterben?“ „Nein“ antwortete ich, „mein Geluͤbde iſt mir heilig, Sie koͤnnen auf die treueſte Erfullung deſſelben rechnen.“ Ein Strahl der Freude verklaͤrte hier ihr Geſicht. „Hinter jenem Vorhang,“ ſagte ſie, „finden ſie meinen Sarg und mein Grabge⸗ wand, und jenſeits ſpreche ich ihnen meinen Dank aus.“ Ich wiederholte ihr mein Verſprechen, und als loͤſe es ihre Seele von allen irdiſchen Ban⸗ den, ſank ihr Haupt zuruͤck, ſie druckte das Crucifir an ihre Bruſt, ſtammelte den Na⸗ men Adolar, und der Tod hatte ihr Herz be⸗ ruhrt. Ihrem Wunſch zu Folge bettete ich ſie allein und ohne Zeugen in ihren Sarg. Es war eine unvergeßliche Trauerſtunde meines Lebens, mein Blick hob ſich von der entſeelten Geſtalt hinauf zu dem Nachthimmel, deſſen Sterne mir zu dem duͤſtern Geſchaͤft leuchteten. „Schlafe ſanft, Ungluckliche!“ fluͤſterte ich, in⸗ — 15 — dem ich den Deckel des Sarges ſchloß, „nur im Schooß der Erde konnteſt du den Frieden ſuchen, den du auf ihr nicht wiederzufinden vermochteſt.“ Ein furchtbares Geheimniß hatte ſich mir in dieſer mitternaͤchtlichen Stunde enthuͤllt; doch Coͤleſtinens Bild und mein Herz ver⸗ buͤrgten mir, noch ehe ich das Heft geleſen. hatte, welches ich von ihrer Hand geſchrieben und zu einem Vermaͤchtniß fur mich beſtimmt, in dem mir uͤbergebenen Käſichen fand, daß nur Ungluͤck und nicht Verbrechen den furcht⸗ barſten Erdenfluch, den Fluch unvertilgbarer Schande auf ihr Daſein gelegt hatte. „Wer als Waiſe netzt die blaſſen Wangen, von der Welt verlaſſen; Wer mit allen Saitenſchlägen Herzen ſuchte zu bewegen, Die ihn fühllos, ach! und ſchnöde Stießen in des Lebens Oede; Wer dem Gift geheimer Lügen Schuld⸗ und wehrlos muß erliegen; Wem ein Hochverrath der Liebe Brach das treue Herz, was bliebe Für ein Troſt dem Armen, hübe Sich ſein Blick nicht nach den Fernen, Wo ein zahllos Chor von Sternen, — Die den Einklang nie verlernen, Ewig klar und heiter ſchwebet, Weil die Hand ſie trägt und hebet, Welche der zerknickten Vehre Schont und trocknet jede Zähre, Aber auch mit Donnerſchwere Schlägt, wer greift mit kaltem Hohne Nach der Unſchuld reiner Krone.“ ℳ 4 * Coͤleſtinens Geſchichte von ihr ſelbſt geſchrieben. Mein Vater, Henry von Lormeuil, war der Abkoͤmmling einer altadeligen, franzoſi⸗ ſchen Familie, deren Vermoͤgen ein Raub der Revolution geworden war. Sein Vater fluͤch⸗ tete mit ihm nach Spanien; bei dem Tode deſſelben nahm ein reicher Kaufmann in Bar⸗ celona den verwaiſeten Knaben zu ſich; er lernte bei ihm die Handlung und erhielt in ſeinem vier und zwanzigſten Jahre von ſeinem großmüthigen Pflegevater die Mittel, ein eig⸗ nes Handlungshaus errichten zu koͤnnen. Das Glüͤck belohnte ſeine Thaͤtigkeit und ſeine Klugheit, und noch vor ſeinem dreißigſten Jahre ſah er ſich im Beſitz eines anſehnlichen Vermoͤgens. Einer der hervorſtechendſten Zuge in ſeinem Charakter war eine leidenſchaftliche Liebe zu den ſchoͤnen Kuͤnſten, die auch ſeit ſeinen fruͤh⸗ ſten Jugendjahren eine Reiſe nach Italien zum Ziel ſeiner ſehnlichſten Wuͤnſche gemacht hatte. Jetzt erlaubten ihm ſeine Verhaͤltniſſe die Er⸗ fuͤllung derſelben, und er eilte in das ſchoͤne Land, zu dem ihn eine geheimnißvolle Ahnung ſo maͤchtig zog. Er hatte noch nie geliebt; in ſeiner Seele lebte ein Ideal von Frauenhuld und Frauen⸗ ſchoͤne, das ihm im Leben noch nicht begegnet war; aber eben die Sehnſucht es zu finden, fuͤllte ſein Herz mehr und mehr mit der Ah⸗ nung eines Gluͤckes, vor deſſen Himmelsglanz der Zauber jeder andern irdiſchen Wonne ver⸗ bleichen muͤſſe. In Florenz hoͤrte er ſehr viel von der wundervollen, ganz unvergleichlichen Schoͤn⸗ heit eines Maͤdchens reden. Thereſe Strozzi, ſo hieß ſie, war nur die Tochter eines armen Tuchſcherers, allein ſie hatte die Geſtalt einer Goͤttin, den Anſtand einer Koͤnigin, und die Zuruͤckgezogenheit, in der ſie lebte, die Wuͤrde, . — mit der ſie jeder ungeziemenden Annaͤherung auszuweichen wußte, und allgemein fuͤr eben ſo tugendhaft als ſchoͤn geprieſen, verſtaͤrkten den Eindruck, den die Schilderung ihrer Reize auf meinen Vater gemacht hatte. Ihm war, als koͤnne er Florenz nicht verlaſſen ohne ſie geſehen zu haben; viele Tage und Wochen blieben aber alle ſeine Bemuͤhungen vergeblich, ſeine Phantaſie zauberte ihm ihr Bild in im⸗ mer hellerem Glanze vor, und dieß gewann bald eine Macht uͤber ihn, gegen die er ſeine Vernunft zu ſpaͤt aufbot, als daß dieſe ſie noch zu beſiegen vermochte. Der Zufall gewaͤhrte ihm endlich, was er mit allen ſeinen Bemuͤhnngen nicht hatte erhalten koͤnnen; er ſah Thereſen und fand ſein Ideal noch uͤbertroffen. Sie erſchien ihm wie eine Goͤttin, und allen Farbenglanz eines Correggio, alle Grazie eines Albano, hatte die Natur bei der Bildung dieſer ihrer Lieblings⸗ tochter uͤbertroffen. Alles was er je von der Macht der Schoͤnheit und der Liebe gedacht und empfunden hatte, kam ihm nun wie Traum und Schatten vorz jetzt erſt enthuͤllten 1 — ihm das Leben und die geiſtige unſichtbare Welt ihre Geheimniſſe, ſeine Liebe zauberte ein Paradies der Unſchuld, eine Inſel der Seligen um ihn her, und das Gluͤck, das er empfand, ſchien ihm ein Lichtſtrahl himmliſcher, unver⸗ gaͤnglicher Wonne zu ſeyn. Sie wurde ſeine Gattin, und wunderbar ſchnell entfalteten ſich nun ihre geiſtigen An⸗ lagen. Er machte mit ihr eine Reiſe durch Italien und fuͤhlte ſich durch die Huldigungen geſchmeichelt, die man ihr allenthalben dar⸗ brachte und die ſie, wie einen ihr gebuͤhren⸗ den Tribut, mit einer Hoheit und einem An⸗ ſtand empfing, die es Jedem, der ſie ſah, ſchwer machen mußte, in der Gattin des Herrn von Lormeuil die Tochter eines armen Handwerkers zu erkennen. Gerne brachte ihr mein Vater das Opfer, ſich in Italien anzu⸗ ſiedeln, da ſie den Gedanken nicht ertragen konnte, ihr ſchoͤnes Vaterland verlaſſen zu ſollen; er kaufte die nahe bei Neapel gelegene Villa Amalfi und ſchmuͤckte ſie fuͤr die Ge⸗ liebte mit allen Zierlichkeiten und Bequem⸗ lichkeiten aus. 2* — Hier wurde ich geboren. Die zaͤrtlichſte Liebe wurde die Begluͤckerin und der Schutz⸗ engel meiner Kindheit. Es beſeligte meine Mutter, in meinem Geſicht die Zuͤge eines angebeteten Gatten wiederzufinden, und meine Zukunft bildete ſich in ihren Traͤumen ſo reich und glaͤnzend wie möglich aus. Meine Er⸗ ziehung begann ſchon in dem Alter, wo andere Kinder erſt die Wiege verlaſſen und die faſt abgoͤttiſche Zaͤrtlichkeit meiner Aeltern trug nicht wenig zu der vorzeitigen Entwickelung meines Verſtandes und meines Gefuͤhls bei; ich war den Jahren nach noch Kind, als meine Mutter mich ſchon wie ihre Freundin anſah und behandelte. In ihrer Seele nahmen alle Gefuͤhle den Charakter einer großartigen Leidenſchaft an, ſie konnte nur gluͤhend lieben und haͤtte eben ſo gluͤhend haſſen koͤnnen, wenn das Leben ihr Anlaß gegeben haͤtte, ihre Energie auch in die⸗ ſem Gefuͤhl zu entwickeln. So unausſprechlich ſie mich aber auch liebte, ſo vermochte ſie doch in mir keinen Troſt fuͤr die haͤufige Abweſen⸗ heit meines Vaters zu finden, den die Ge⸗ — ſchaͤfte ſeines Handlungshauſes zu mehreren Reiſen nach Spanien zwangen. Eiferſuͤchtig und heftig wie alle Italienerinnen, durch ſeine Anbetung und Bewunderung, die man ihr allgemein zollte, eigenwillig und herrſchſuͤchtig geworden, fehlte ihr die Kraft, ihren Schmerz beherrſchen zu koͤnnen, und er fand ſie jedes Mal bei ſeiner Ruͤckkehr krank und entſiellt. Sie bewog durch dieß Betragen meinen Vater, einen jungen Mann, der ſchon ſeit einigen Jahren auf ſeinem Comptoir arbeitete und ſich ſein unbedingtes Vertrauen zu erwerben gewußt hatte, zu ſeinem Aſſocie anzunehmen und ihm die Fuͤhrung der Geſchaͤfte zu uͤbertragen. Es war ein Piemonteſer, Namens Riezi, und einer jener Menſchen, deren Geiſt zwar von der Natur wenig Kraft nnd Stäͤrke erhalten hat, aber im Leben glatt und ſchlau wie eine Schlange geworden iſt, und die jedem Men⸗ ſchen den Augenblick abzulauren wiſſen, wo ſie ihn bei ſeiner Schwaͤche zu faſſen vermo⸗ gen. Dieſe Maßregel, die fuͤr die Zukunft die Entfernung meines Baters unnoͤthig zu machen verſprach, hatte den ganzen Beyfall meiner Mutter; ſie hatte ſich nie um den Zuſtand des Vermoͤgens ihres Gatten bekum⸗ mert und nie die Summen berechnet, die ſie auszugeben Luſt hatte und die ihr mein Vater nie verweigerte. Sie war gewohnt, ſich in allen ihren Neigungen, in allem ihren Thun und Walten unbefangen gehen zu laſſen, und alles Eigennutzes unfaͤhig, hielt ſie es nicht einmal fuͤr ein Opfer, das mein Vater ihr brachte, und freute ſich, ihn kuͤnftig nur fuͤr ſie und mich ausſchließlich und ungetheilt leben zu ſehen. So ward ich dreyzehn Jahr alt. An mei⸗ nem Geburtstag, den die Liebe meiner Eltern zum Feſttag machte, erhielt mein Vater von Riezi, der nun ſchon ſeit zwey Jahren in Barcelona ſeinem Handlungshauſe vorſtand, einen Brief, in dem er ihn dringend auffor⸗ derte, je eher je lieber zu ihm zu eilen, weil umſtaͤnde eingetreten waͤren, die durchaus ſeine Gegenwart forderten. Bie Trennung wurde uns allen ſchmerzlicher denn je. Auf der Hin⸗ reiſe ſchrieb er uns mehrere Male und auch noch am Abend ſeiner Ankunft in Barcelona, — 23 — dann aber blieben plötzlich alle Briefe aus, und Wochen vergingen, in denen wir vergeblich von Tag zu Tag mit einer ſich bis zur Ver⸗ zweiflung ſteigernden Angſt auf Kunde von ihm warteten, und alle Moͤglichkeiten erſchoͤpf⸗ ten, um uns das Außenbleiben ſeiner Briefe zu erklären. Meine Mutter wurde krank und dieß allein hielt ſie ab, ihm zu folgen. Eines Tages, wo ich eben alles aufbot, meines Grames Herr zu werden, um ſie zu troͤſten und zu beruhigen, ſahen wir einen Wagen die Allee, die nach unſter Villa fuhrte, herunterfahren, und wer beſchreibt unſer Ent⸗ zucken, als wir im Näherkommen den Reiſe⸗ wagen meines Vaters erkannten! Meine Mut⸗ ter wollte ihm entgegeneilen, doch zu heftig bewegt, ſank ſie kraftlos in meine Arme und nur ihr Herz — nur ihre Blicke flogen dem Geliebten entgegen. Welch ein Augenblick, als ſtatt ſeiner, Riezi zu uns eintrat! Ehe er noch redete, hatte meine Mutter unſer Ungluͤck ſchon errathen, ſeine erſten Worte beſtaͤtigten es, mein Vater war nicht mehr! — — Meine Mutter ſank, als ſie die Todes⸗ bothſchaft vernahm, in Zuckungen nieder, die auch ihr Leben zu gefaͤhrden ſchienen. Auch dauerte es lange, ehe Mutterliebe und Jugend⸗ kraft ihr mit dem Willen auch den Muth wiedergaben, dieſen Verluſt zu uͤberleben. Von Riezi erfuhren wir, daß mein Vater an einem Schlagfluß geſtorben ſey, und zu noch groͤßerem Ungluͤck muͤſſe dieſer als Folge des Schreckens betrachtet werden, da er ohne Riezi's Mitwiſſen ſein Vermoͤgen, das er in dem letzten Jahre aus der Handlung gezogen, an eine Speculation in Staatspapieren gewagt habe, durch deren Erfolg er zum Bettler ge⸗ worden ſey. Von Handlungsfreunden auf⸗ merkſam gemacht, habe Riezi auf ſeine Ankunft in Barcelona gedrungen, um ihn zu warnen und ihm die Gefahr vorzuſtellen, der er ſeinen ganzen Wohlſtand preis gebe; doch der Schlag ſey ſchon gefallen, und ſein ungluͤcklicher Freund ein Opfer dieſes Unfalls geworden, der nun ſeine Witwe und ſein Kind allen Schreckniſſen der vemmn preis gebe. — 25 — Meine Mutter unterbrach ihn hier, ſie hielt es fuͤr unmoͤglich, daß mein Vater, deſ⸗ ſen unendliche Liebe fuͤr Frau und Kind ſie kannte, ſo habe handeln koͤnnen. Ein Achſel⸗ zucken war alles, womit er dieſe leidenſchaft⸗ lich geaͤußerten Zweifel beantwortete, und am folgenden Tage erhielt ſie einen Brief von ihm, indem er ihr geſtand, daß er ſie ſeit Jahren gluhend geliebt habe und ſich glucklich preiſen werde, wenn ſie ſeine Hand annehmen und dadurch ſich und mir die Fortdauer des bishe⸗ rigen Wohlſtandes ſichern wolle. Dieſer Antrag empoͤrte meine Mutter. Sie hatte von jeher einen entſchiedenen Wider⸗ willen gegen ihn empfunden, und nur ſeine fruͤhete untergeordnete Stellung gegen ſie, die Herrin, und die Unbedeutenheit, die ihm dieſe in ihren Augen gab, hatten ſie verhindert, ihn dieſen empfinden zu laſſen. „Welche Frech⸗ heit,“ ſagte ſie mir, „uber dem noch unbe⸗ graſeten Grabhugel ſein 3 Wohlthäters hin, der Witwe deſſelben die Hand zu biet darf er hoffen, daß die Gattin des liebeßs — — digſten und trefflichſten Mannes ſich entſchlie⸗ ßen werde, die Seinige zu werden!“ „Aber waͤre er auch eben ſo liebenswuͤrdig, als er mir unausſtehlich erſcheint, ſo wuͤrde er mir doch nie den Mann meiner Liebe zu er⸗ ſetzen und ihn aus meinem Herzen zu verdraͤn⸗ gen vermoͤgen! Bei der Heftigkeit ihres Cha⸗ rikters und dem Stolz, der ein Grundzug deſſelben war, legte ſie in ihre abſchlaͤgige Ant⸗ wort eine Geringſchaͤtzung, die Riezi tödtlich beleidigte und ſeine Liebe in Haß umwandelte. Er brachte jetzt eine Berechnung zum Vorſchein, nach der mein Vater ihm eine ſo bedeutende Summe ſchuldig war, daß ſie durch den Verkauf unſerer Villa und unſerer ſämmt⸗ lichen Habe kaum gedeckt werden konnte. Meine Mutter war von der Falſchheit derſelben feſt uͤberzeugt; ſie hielt die Unterſchrift meines Vaters fuͤr nachgemacht und fing einen Pro⸗ zeß mit ihm an, den ſie verlor. Die Freunde unſerer glücklichern Tage hatten ſich almälich von ung entfernt, und der Stolz meiner Mut⸗ ter erlaubte ihr auch nicht, ſich ihren bisheri⸗ gen Bekannten in unſerer jetzigen beſchrankten — N — Lage zu zeigen und von ihnen Beiſtand zu erbitten. Unſre Villa wurde Riezi zugeſprochen, und alles was wir beſaßen, oͤffentlich verſtei⸗ gert. Meine Mutter fluͤchtete ſich mit mir in die duͤrftige Huͤtte einer armen Bäaͤuerin, die ſie fruͤher durch ihre Wohlthaten aus großem Elend errettet hatte. Hier lebten wir einige Monate in der tiefſten Einſamkeit, verlaſſen und vergeſſen von der ganzen Welt, von dem Verkauf unſter Kleider und der wenigen Koſtbarkeiten, die wir aus dem Schiffbruch unſers Gluckes gerettet hatten. Noth und Mangel naͤherten ſich uns mit eilenden Schritten, und der bittere Schmerz, ihr Kind, ihr einziges Kind ſo huͤlflos zu ſehen, brachte meine Mutter zur Verzweiflung. Durch nichts von dem Bruͤten uͤber ihr Ungluͤck abgezogen, uͤber⸗ zeugte ſie ſich immer mehr, daß Riezi ſich durch einen ungeheuern Betrug des Vermoͤ⸗ gens meines Vaters bemaͤchtigt habe, und ihre feurige Einbildungskraft ſann nun Tag und Nacht auf Nittel, daſſelbe wieder zu erhalten. In Italien war jeder Verſuch dazu eine Unmoglichkeit, und ſie beſchloß, mit mir nach Spanien zu gehen, wo ſie ſich Aufklärung uͤber das räthſelhafte Schickſal zu verſchaffen hoffte, das uns aus dem Schooße des Reich⸗ thums ſo plotzlich in Noth und Armuth ge⸗ ſturzt hatte. Wir verkauften bis auf die un⸗ entbehrlichſten Kleidungsſtuͤcke alles was wir noch beſaßen, und es gelang uns, eine Summe zuſammen zu bringen, die ſie zur Deckung unſter Reiſekoſten hinläͤnglich glaubte. Nach mancher ausgeſtandenen Faͤhrlichkeit kamen wir in Barcelona an. Hier waren wir ohne Freunde, ohne Schutz, ohne Ver⸗ moͤgen, und was unſre Lage noch ſchwieriger machte, war unſre unvollkommene Kenntniß der Landesſprache. Meine Mutter kannte, bei vielem Verſtande, doch die Welt und das Leben nicht; mein Vater hatte ſie durch das Leben wie durch einen Blumengarten gefuͤhrt, die rauhe Wirklichkeit der Dinge enthullte ſich ihr erſt jetzt und ſie begann zu fuͤhlen, wie trgeriſch die Hoffnungen waren, mit denen ſie dieſe Reiſe angetreten hatte. . Eine leichte, durch die Ermattung der Reiſe herbeigefuͤhrte Unpaͤßlichkeit verhinderte meine Mutter in den erſten Tagen nach unſ⸗ rer Ankunft am Ausgehen, und doch gebot uns die Nothwendigkeit, uns ſo ſchnell als moͤglich nach einer kleinen, wohlfeilen Woh⸗ nung umzuſehen. Wir machten uns dazu auf den Weg; die noch immer unvergleich⸗ liche Schoͤnheit meiner Mutter, die Jugend⸗ lichkeit meiner Erſcheinung und unſte aus⸗ laͤndiſche Tracht, unſre großen italieniſchen Sttohhuͤte, machten uns zum Gegenſtande einer allgemeinen, fuͤr uns peinlichen Auf⸗ merkſamkeit. Wir ſuchten die abgelegenſten Straßen und fanden auch bald in einer der⸗ ſelben ein Haus, in dem, wie der Anſchlag⸗ zettel verkundigte, einzelne Zimmer zu ver⸗ miethen waren. Wir gingen in daſſelbe; ein reichgekleideter, aber gemein ausſehender Mann, der uns auf der Straße mit ſeinen Blicken geangſtigt hatte, folgte uns, und als ich im Vorzimmer die Klingel ziehen wollte, naͤherte er ſich mir und faßte meine Hand. Ich ſchrie vor Schrecken laut auf; in demſelben Augen⸗ blicke oͤffnete ſich die Thuͤre eines Nebenzim⸗ mers, ein junger Mann trat heraus, ſein ernſter, ſtrafender Blick entfernte den Zu⸗ dringlichen, der murrend von dannen ging, und er fragte nun ſo ehrerbietig und wohl⸗ wollend nach unſerm Anliegen, daß mir die wenigen Worte, mit denen er es that, ein unbeſchreibliches Vertrauen zu ihm gaben. Er fuͤhrte uns darauf zu der Hauswirthin, mit der wir ſehr leicht uͤher den Preis eines Zimmers einig wurden, das wir gleich bezogen. Der junge Mann ſchien auf den uns geleiſteten Dienſt keinen Anſpruch zu einer naͤhern Bekanntſchaft gruͤnden zu wollen. Ein geheimnißvolles Dunkel ruhte, wie wir bald inne wurden, auf ſeinem Leben und auf allen ſeinen Verhaͤltniſſen; ſchon ſeit zwei Jahren wohnte er in dieſem Hauſe und war unſrer Wirthin nur unter dem Namen Don Henrico bekannt; nie erhielt er einen Beſuch, ging auch nur ſelten aus, aber von Zeit zu Zeit war er Tage, Wochen, oft Monate ab⸗ weſend, ohne Jemand von ſeiner Entfernung, oder von ſeiner Ruͤckkehr vorher zu benach⸗ richtigen. Seine Auffuͤhrung war aber ſo tadel⸗ los, ſein Anſtand ſo edel, ſein Betragen ſo freundlich, daß man ihn liebte und ſchaͤtzte, ohne mehr von ihm und ſeinen Verhaͤltniſſen wiſſen zu wollen. Er war regelmaͤßig ſchoͤn und in ſeinem Geſichte lag bei dem Ausdruck von Geiſt und Guͤte ein Zug von Trauer und Milde, der ihm jedes Herz gewann. Ich fand, daß er meiner Mutter ſehr aͤhnlich ſah, und dies rechtfertigte in meinen Augen das Intereſſe, das er mir bei dem erſten Blick eingefloͤßt hatte. Uebrigens beſuchte er uns ſelten und kam nur, wenn er uns eine jener kleinen Gefaͤlligkeiten erzeigen konnte, die den Gluͤck⸗ lichen dieſer Welt unbedeutend erſcheinen, aber fuͤr den Heimathloſen und Verwaiſeten eben ſo wichtig als erfreuend find. Bald brachte er uns Blumen, bald ein Buch, bald eine neue Romanze, die ich ihm zu der Guitarre, die er mir geliehen hatte, ſingen mußte. Seine Aufmerkſamkeit, ſeine Theilnahme war der einzige lichte Strahl, der unſte duͤſtre Einſamkeit erhellte. Unſte Lage wurde immer wauriger und huͤlfloſer, meine Mutter wußte durchaus nicht, welche Schritte ſie zu thun habe, um den Zweck ihres Aufenthaltes zu erreichen. Sie hatte es ſich ſo leicht gedacht, yier irgend einen Handlungsfreund meines Vaters, oder den Aufenthalt des alten Dieners, der ihn nach Spanien auf ſeiner letzten Reiſe begleitet hatte, zu erfragen, aber alle Ver⸗ ſuche, Kunde hiervon einzuziehen, waren fruchtlos. 5 Sie entſchloß ſich endlich, Henrico zum Vertrauten unſers Schickſals zu machen; er hoͤrte ſie mit der groͤßten Theilnahme an und brachte uns ſchon am andern Tage die Nach⸗ richt, daß Riezi nach dem Fall des Handlungs⸗ hauſes, dem er unter der Firma meines Va⸗ ters vorgeſtanden hatte, ſich von den Geſchaͤften zuruͤckgezogen und mit einer reichen Spanierin verheirathet, in glaͤnzenden Verhaͤltniſſen lebez ſein Ruf ſey aber hoͤchſt zweideutig und der Verdacht allgemein, daß er Mittel und Wege gefunden habe, ſich auf hoͤchſt unrechtmaͤßige Weiſe das Vermögen meines Vaters zuzueig⸗ nen. Man habe bei dem ſchnellen Tode — 33 — deſſelben von einer Verfälſchung der Böcher und vom Unterſchlagen bedeutender Summen mancherlei geredet; doch jetzt verdecke ſein Auf⸗ wand und der Reichthum, den ihm ſeine Frau zugebracht habe, die Makel, die ihm jener Ver⸗ dacht damals in der offentlichen Meinung auf⸗ gedruͤckt habe. Er bat uns, einen Rechtsgelehrten zu Rathe zu ziehen, deſſen Adreſſe er meiner Mutter gab, und der fuͤr den geſchickteſten Advocaten in ganz Barcelona galt. „Erwaͤhnen Sie aber meiner nicht gegen ihn,“ bat er, „ein grauſames Verhaͤngniß beraubt mich des Gluͤckes, oͤffentlich als ihr Freund und Be⸗ ſchuͤtzer auftreten zu duͤrfen, und nur unter der Huͤlle der tiefſten Verborgenheit darf ich mich ihrem Dienſte weihen.“ 1ni Er ſank nach dieſen Worten in eine ſchwermuthvolle Traͤumerei, die auch meine Seele verduͤſterte, ſo wie dem Läaͤcheln, das freilich nur ſelten ſeine Zuͤge anmuthvoll er⸗ hellte, die Macht eigen war, meine truͤbſte Stimmung aufzuheitern. Aber meine Jugend, ſein zartes Schweigen, und die Unbekanntſchaft 3 mit der Leidenſchaft, die das Menſchenherz zu beſeligen und zu brechen vermag, erhielten mich laͤnger, als es bei vielen andern Maͤdchen der Fall geweſen ſeyn wuͤrde, in Unwiſſenheit uͤber die Natur meiner Empfindungen. Wir gingen zu dem uns von ihm em⸗ pfohlenen Advokaten. Die Pracht, von der wir ihn umgeben fanden, vermehrte die Schuͤch⸗ ternheit, mit der wir dem Unbekannten nahe⸗ ten, und die Art, wie er uns empfing und meine Mutter anhoͤrte, war ganz dazu geeig⸗ net, unſre Verlegenheit zu verdoppeln. „Einen ſo reichen und angeſehenen Mann,“ antwortete er meiner Mutter, nachdem ſie ihre Darſtellung unſers Schickſals beendet hatte, „als den Riezi, verklagt man nicht, ohne hinreichende Beweiſe gegen ihn in Haͤnden zu haben, und es ſcheint mir uͤberdem,“ ſetzte er hinzu, indem er uns mit ſeinen Blicken von oben bis unten maß, „daß Sie wohl nicht in der Lage ſind, die Koſten eines ſolchen Prozeſſes beſtreiten zu koͤnnen.“ Meine Mutter antwortete ihm nur mit einem Blick voll Unmuth und Betruͤbniß; wir entfernten uns ſchweigend und ſanken uns, — 35 als wir wieder in unſerm Zimmer waren, weinend in die Arme. Mehr denn je bedurften wir jetzt des Mu⸗ thes; meine Mutter benachrichtigte unſern jungen Freund von der Vergeblichkeit unſers Schrittes, und bat ihn, ob er uns nicht einigen ihm be⸗ kannten Damen zur Verfertigung von Sticke⸗ reien und andern Putzarbeiten empfehlen koͤnne. Tief bewegt ſchwieg er einige Augenblicke und verſprach dann, fuͤr die Erfuͤllung dieſes Wunſches ſorgen zu wollen. Auch brachte er uns ſchon am folgenden Morgen einige Ar⸗ beiten dieſer Art, die er auch, als ſie vollendet waren, ſelbſt wieder abholte und bezahlte, um uns, wie er ſagte, Zeit und Muͤhe zu erſpa⸗ ren. Wir bekamen durch ſeine Vermittelung unſre Arbeiten ſo gut bezahlt, daß der Ertrag unſers Fleißes zur Befriedigung unſter ein⸗ fachen Beduͤrfniſſe hinreichte. Meine Mutter wurde ruhiger, und ich haͤtte uns nur in Beziehung auf ſie beſſre Tage wuͤnſchen koͤn⸗ nen, da ich mich gluͤcklicher denn je fuͤhlte; der Fleiß, der mir unter andern Verhaͤltniſſen vielleicht laͤſtig geworden waͤre, da ich an keine 3* — — ſo anhaltende Beſchaͤftigung gewohnt war, wurde mir jetzt zur ſuͤßen Gewohnheit, da ich dieſe als ein Band zwiſchen Henrico und mir anſehen mußte. Henrico kam nun faſt alle Abende zu uns, um uns Spaniſch zu lehren, und bei der Arbeit vorzuleſen. Er ſprach das Italie⸗ niſche eben ſo fertig als ſeine Mutterſprache und dieß trug viel zur Annehmlichkeit unſrer Unterhaltungen bei. Zuweilen ſangen wir auch zuſammen einige jener ſpaniſchen Romanzen, de⸗ ren ſanft klingende Melodien jeden Erdenſchmerz zu verlieblichen vermoͤgen. Wie ſchoͤn ſprach, wenn ſich unſere Blicke waͤhrend des Geſan⸗ ges begegneten, Seele zu Seele! Aber gerade dieſe Augenblicke eines hoͤhern wonnevollen Daſeyns, das in ſich jede reine Seligkeit faßt, die hienieden ein Menſchenherz zu fuͤhlen ver⸗ mag, waren es, in denen Henrico durch eine unſichtbare Macht von mir hinweggeriſſen zu werden ſchien. Er entfernte ſich dann eilig und blieb oft mehrere Tage aus, aber er kam doch immer wieder, und dieſer Wechſel von Schmerz und Gluͤck, von Angſt und Hoff⸗ — nung, fur deſſen Kampf ich meine Bruſt oft zu enge fuͤhlte, machte mich endlich mit der Natur meiner Empfindungen fuͤr ihn bekannt. Meine Mutter hatte mich ſchon fruͤher erra⸗ then; ſie ſprach nicht mit mir daruͤber, allein ich fuͤhlte, daß meine Zukunft ihr bange Sor⸗ ge machte, und daß ſie mit ſich uneinig war, ob ſie dieſe Liebe fuͤr ein Gluͤck oder fuͤr ein Ungluͤck halten ſollte. So vergingen einige Monate, da wurde meine Mutter krank. Ach, was waͤre damals aus uns geworden, ohne ihn! Er allein hielt meinen Muth aufrecht, und theilte mit mir die Sorge um ſie und ihre Pflege. Er war es, der mir einen Arzt brachte, welcher, wie er ſagte, die Arzneyen, die er ſeinen Kranken gab, alle ſelbſt verfertigte, was mir die Aus⸗ gabe fuͤr die Apotheke erſparte, und deſſen Edelmuth die bange Sorge hob, mit der ich, nach der Geneſung meiner Mutter, vor der Bezahlung ſeiner Rechnung zagte, denn er er⸗ bat ſich ſtatt dieſer eine Stickerey, die ich zwi⸗ ſchenher an ihrem Krankenbette verfertigt hatte, und die ihm ſehr gefiel. Henrico ſorgte, ohne — 38 — daß ich eigentlich ſagen konnte: wie!? fuͤr alle unſere Beduͤrfniſſe, auf eine Art, die uns durchaus keine Verpflichtung aufzulegen ſchien, und es begluͤckte mich unendlich, zu ſehen wie er waͤhrend dieſer Krankheit ſich jeden Tag in Liebe und Vertrauen maͤchtiger zu mir hingezogen fuhlte. Ich kannte die furchtbare, geheimnißvolle Macht nicht, die in ſeinem Herzen ſeine Liebe fuͤr mich ſichtlich zu be⸗ kaͤmpfen ſtrebte, ich fuͤhlte nur, daß es mir gelingen werde, ſie zu beſiegen. Ich war jetzt fleißiger denn je, und meine Mutter ſchon wieder ſo weit hergeſtellt, daß ſie mir, trotz meines Widerſtandes, bei der Arbeit zu helfen begann. Henrico war noch immer das einzige Weſen auf der weiten Erde, das ſich mit uns beſchaͤftigte, fuͤr uns ſorgte, und liebend an uns Theil nahm; ſeine Be⸗ ſuche waren unſre einzige Freude, unſer einzi⸗ ger Troſt; ach! er wurde uns nur zu bald geraubt! Eeines Abends klopfte es wie gewohnlich, in der Stunde wo er zu kommen pflegte, an unſte Thuͤre, doch meine truͤbe Ahnung ſagte — 39 — mir, daß er es nicht ſey⸗ Auch ſtand, als ich oͤffnete, ein fremder Menſch vor mir, der mir ein großes, an meine Mutter uͤberſchriebenes Packet uͤbergab. Sie erbrach den Brief, der es begleitete, ich ſah ſie bei Leſung deſſelben und in ihrem Auge eine Thraͤne, als ſie ihn mir ſchweigend hinreichte. Er war von Henrico, und das Packet enthielt eine Menge Arbeit fuͤr uns, die wir, wenn ſie vollendet ſey, an unſte Hauswirthin abgeben ſollten, und zugleich den dafuͤr be⸗ dungenen Preis im voraus. „Ich verreiſe,“ ſchrieb er, „mein grauſames Schickſal zwingt mich, Sie, die ich wie eine Mutter liebe und ehre, zu verlaſſen; ich bin dies Ihnen, ich bin es Cöleſtinen ſchuldig. Ach! muß ich Sie denn auch bitten, mich zu vergeſſen, deſſen ganzes Daſeyn nur Ein Gedanke an Sie ſeyn wird?“ . Der Brief entſank meiner bebenden Hand. Wie konnte, wie ſollte ich mir dieſe grauſame Trennung erklären? Wie ſie ertragen? Ich warf mich in die Arme meiner Mutter und zerfloß in Thräͤnen. „Mein armes Kind!“ — — 40 — rief ſie, „foll mich denn der Schmerz tödten, dich nicht troͤſten zu konnen!“ 8 Bei dieſen ruͤhrenden Worten druͤckte ich ſie an mein Herz; ich fuͤhlte, die Sonne mei⸗ nes Lebens ſey fuͤr immer verſunken, mein Gluͤck unwiederbringlich zerſtort, aber ich muͤſſe Gott um die Kraft bitten, fuͤr meine Mutter leben zu können. Von dieſem Augenblick an kam Henrico's Name nicht mehr uͤber meine Lippen; tief in mein Herz verſchloß ich meine Liebe und meinen Schmerz, aber wie grau war nun mein Leben geworden! In welcher duͤſtern Einfoͤrmigkeit ſchlichen nun meine Tage hin! Meine Hand zog maſchinenmaͤßig die Naͤhnadel auf und nieder, und nur wenn meine Mutter mich nicht ſah, vergoͤnnte ich mir zu weinen. Und doch war meine Arbeit mir noch theuer; er hatte ſie uns geſandt. Als ſie beendigt war, brachte ich ſie, der erhaltenen Anweiſung zu Folge, an unſte Wirthin, und bat ſie, uns andre zu verſchaffen; ſie gab mir die von Henrico erhaltene Adreſſe des Modenmagazins, fuͤr das ſie beſtellt war; ich ehielt dort auch — — 41 — neue Arbeit, aber der Preis, den man mir dafur bezahlte, betrug kaum die Haͤlfte deſſen, was wir bis jetzt dafuͤr von Henrico erhalten hatten, deſſen Zartgefuͤhl dieſen Weg aufge⸗ funden hatte, uns ſeine Unterſtuͤtzung zukom⸗ men zu laſſen. Wir fanden nun, daß wir, bei dem anſtrengendſten Fleiß, doch nicht wie bisher von dem Ertrag unſter Arbeit zu leben vermochten, und meine Mutter fand ſich ge⸗ nothigt, unſte bisherige Wohnung zu verlaſſen und eine wohlfeilere zu nehmen. Wir mußten uns nun darauf vorbereiten, alle Entbehrungen des Mangels, alle Demuͤthigungen des Elends kennen zu lernen. Wir fanden in einem faſt ganz verfallenen Hauſe in der Vorſtadt ein Dachſtubchen, das uns eine alte Frau, die einzige Bewohnerin deſſelben, überließ. Der Boden des Hauſes diente zum Speicher fuͤr allerlei Waaren, und die Gemaͤcher des erſten Stockes waren ſo baufällig, daß ſie nicht mehr ohne Gefahr bewohnt werden konnten. Die⸗ ſer Verfall war die Folge eines vieljaͤhrigen, noch nicht entſchiedenen Prozeſſes uͤber den Be⸗ ſitz deſſelben, waͤhrend deſſen Dauer keine der 4 — Parteien ſich zu den Koſten der Ausbeſſerung verſtehen wollte. Ich muß dieſe Umſtaͤnde anfuͤhren, weil ſie die graͤßliche Begebenheit herbeifuͤhrten, die fuͤn uns die Quelle namen⸗ loſen Elendes und verzweiflungsvollen S ne geworden iſt. Als wir das Haus verließen, daß mir das Andenken an Henrico ſo theuer machte, konnte meine Mutter ſich nicht entſchließen, der Hauswirthin unſre kunftige Wohnung zu entdecken und ſie dadurch zur Veu unſrer huͤlfloſen Lage zu machen. Ihr Stolz ließ dies nicht zu, und ſie raubte mir dadurch jede Hoffnung, den Mann wiederzuſehen, deſſen Andenken mein innres Leben ganz er⸗ fuͤllte. Die Armſeligkeit unſrer neuen Woh⸗ nung, die Abgelegenheit und unſte durftige Kleidung erſchwerten uns ſehr, Arbeit zu finden. Niemand wollte uns ſeine Putzarbei⸗ ten, ſaubere Naͤthereien anvertrauen, und wir wuͤrden ganz huͤlflos geblieben ſeyn, wenn nicht unſte jetzige Wirthin, die mit uns Wand an Wand wohnte, ſich unſrer Noth erbarmt und uns einige grobe Arbeit verſchafft haͤtte. Mein Herz blutete mir, wenn ich ſah, wie wund die lilienweißen Haͤnde meiner Mutter von dieſem groben Zwirn, dieſer harten Lein⸗ wand wurden, die wir jetzt zu verarbeiten hatten. Ich litt daſſelbe, aber ich empfand nur ihren Schmerz, und das ſo tief, daß vor dem Gefuͤhl ihres ungluͤcks ſelbſt Henrico's Bild in meiner Seele verblich, aber der Gram um ihn blieb doch desfalls nicht minder eine immer friſch blutende Wunde meines Herzens. Da ich ſeiner nie erwaͤhnte, glaubte meine utter mir in dieſem Schweigen nachahmen zu muͤſſen; aber oft druͤckte ſie krampfhaft meine Haͤnde, und in ihren Blicken las ich ihre an Verzweiflung grenzende Troſtioſigkeit, mich, die ſie faſt abgoͤttiſch liebte, ſo ungluͤck⸗ lich zu ſehen. Unſte Wirthin war eine eben ſo brave als gutherzige Frau; ſie errieth den Mangel der uns druͤckte, ob wir ihn gleich vor ihr zu verbergen ſuchten, und zwang uns oft, ihr aͤrmliches Mahl mit ihr zu theilen. Sie ſelbſt lebte von der Unterſtutzung eines Bruders, der in einem vornehmen Hauſe als Kellermeiſter diente und ihr auch oſt Lebens⸗ — 44 — mittel ſundte. Ihre Mildthaͤtigkeit rettete uns vielleicht allein vom Hungertode, aber ich kann dem Schickſal unmoͤglich dafuͤr danken, da es uns zu einem noch ſchrecklichern ver⸗ dammte. Wir erhielten bald Gelegenheit, ihr einen Beweis der Dankbarkeit geben zu konnen, die wir ihr ſchuldig waren. Sie wurde krank, wir pflegten ſie, ſo gut wir es vermochten, und wachten wechſelweiſe die Nacht an ihrem Lager; es gelang ihr, ihren Bruder dav benachrichtigen zu laſſen, und eines Nachmit⸗ tags, da wir mit unſerer Arbeit vor ihrem Bette ſaßen, ſahen wir dieſen zu ihr eintre⸗ ten. Er war ein ſchon bejahrter Mann, der ſich, nachdein er die Kranke herzlich begrußt hatte, zu uns wandte, aber kaum hatte er einen Blick auf uns geworfen, als er beſtuͤrzt zuruͤcktrat. „Frau von Lormeuil!“ rief er mit einem Ton des allerſchmerzlichſten Erſtau⸗ nens. „Wie, Ambroſius,“ ſagte meine Nutter, indem ſie ihm die Hand reichte, „Ihr erkennt mich trotz der Verwuͤſtung, die Kummer und Elend an mir geuͤbt haben?“ „O gnaͤdige Frau,“ antwortete der Greis, der meinen Vater ſeit ſeiner Geburt gedient hatte, und auch bei ſeiner Hochzeit gegenwaͤrtig geweſen war, „es giebt ſo wenig Ihnen aͤhnliche Geſtalten, daß ich Sie, ſo veraͤndert Sie auch ſeyn moͤgen, doch noch unter Tauſenden gleich beim erſten Blick er⸗ kannt haben wuͤrde. Wie ſoll ich es mir aber erklären, Sie in Spanien, und o Gott! un⸗ ter welchen Umſtaͤnden zu finden?“ Meine Mutter erzaͤhlte ihm unſte Ge⸗ ſchichte, und erfuhr von ihm ſo manchen Um⸗ ſtand, der ihren ſchon fruͤher gehegten Ver⸗ dacht, daß dem plotzlichen Tode meines Vaters und dem Verluſt ſeines Vermoͤgens ein Ge⸗ heimniß ſchwarzer Bosheit zum Grunde liege, zur Gewißheit erhoͤhte. Von dieſem Augen⸗ blicke an verſank ſie in ein finſtres Sinnen, deſſen Gegenſtand ich nur aus einzelnen ab⸗ gebrochenen Worten errathen konnte. „Wie!“ ſagte ſie zuweilen vor ſich hin, „er der Dieb, vielleicht gar der Möoͤrder, ſoll in ſeinem Raube ungeſtraft ſchwelgen und mein Kind in mei⸗ nen Armen huͤlflos Hungers ſterben! das kann, das darf nicht ſeyn!“ Nach einigen Tagen ſchien ſie mit ſich aufs Reine zu ſein. Sie ſagte mir, ſie wolle noch einen Verſuch machen, Riezi auf dem Wege gutlicher Uuterhandluug zu einem Scha⸗ denerſatz zu bewegen und hoffe, daß er ſich dazu verſtehen werde, da einige der von Am⸗ broſius erfahrnen Umſtande und ſchon unſer Aufenthalt in Barcelona in ihm Furcht vor Entdeckung ſeines Bubenſtuͤckes erwecken muͤß⸗ ten. Ich ſchauderte vor dem Wiederſehen des Mannes, von dem auch mir eine furchtbare Ahnung ſagte, er ſey der Moͤrder meines Vaters, aber ich konnte den Gruͤnden meiner Mutter keinen gultigen Widerſpruch entgegen ſetzen. Sie bat Ambroſius, der uns täglich beſuchte, die Beſorgung eines Briefes an Riezi zu uͤbernehmen, und er brachte ihr den Beſcheid, daß dieſer bei dem Empfang deſſel⸗ ben ſichtlich beſtürzt geweſen ſey, ſich doch ſchnell gefaßt und verſprochen habe, noch am — —— Abend dieſes Tages die Antwort perſoͤnlich uberbringen zu wollen. Meine Mutter war bis zum Abend in fieberhafter Spannung und erblaßte, als ſie ihn die ſchmale, ſteile Treppe, die zu un⸗ ſerm Zimmer fuͤhrte, heraufſteigen hoͤrte, ſo ſichtlich, daß es mich erſchreckte; aber ſie druckte mir krampfhaft die Hand, und nach einem um Staͤrke flehenden Blick zum Himmel, trat ſie ihm mit einer ſo ehrfurchtgebietenden Ho⸗ heit entgegen, daß er wie geblendet vor ihr ſtand und ſich nur ſtumm und unterwuͤrfig zu verneigen vermochte. Sie nahm das Wort und ſchilderte ihm das Ungluͤck, in das er uns geſturzt habe, und ihre Leiden, oder vielmehr die meinigen, mit aller Energie der Mutterliebe. „Ich mache keinen Anſpruch auf eine Lage, die mich auch nur entfernt an meinen vorigen Wohl⸗ ſtand erinnern könnte,“ ſetzte ſie hinzu, „ich will nur mein Kind und mich vor Noth und Mangel geſichert wiſſen. Gewiß wuͤrde es Ihnen nicht angenehm ſeyn, wenn ich die Gerichte zu Hülfe riefe; ich glaube, es wurde Ihnen in jeder Hinſicht angenehmer ſeyn muͤſ⸗ ſen, meine Forderung im Stillen zu befrie⸗ digen.“ „Noch immer,“ ſagte er mit einem lei⸗ denſchaftlich glühenden Blick auf meine Mutter, „ſo gottlich ſchon und ſo ſtolz! Aber mir důͤr⸗ fen Sie nicht die Schuld geben, wenn Sie in eine Ihrer ſo unwuͤrdige Lage gerathen ſind; warum verwarfen Sie die Anerbietungen, die ich Ihnen machte und die ich leider nun nicht zu erneuern —, Aber doch ſieht es noch bei Ihnen „ Er naͤherte ſich ihr bei vieſen Worten und ſprach ſo leiſe, daß ich ihn nicht verſtehen konnte, aber ich ſah meine Mutter die Farbe wechſeln und das Beben ihrer Lippen verrieth mir, wie gewaltig ſie ſich erſchuttert fuhlte. Sie barg das Geſicht in ihre Haͤnde, als ent⸗ ſetze ſie ſich vor dem, was ſie hoͤre, aber ſie faßte ſich und ſetzte das Geſpräͤch mit ihm leiſe fort. Er ſchien ſie ſehr angelegentlich zur Annahme eines ihr gemachten Vorſchlags be⸗ reden zu wollen, und verabſchiedete ſich von ihr mit den Worten, daß er ſie morgen, wo er wieder kommen wolle, zu einer guͤnſtigen Antwort geneigt zu finden hoffe. Lange blieb ſie nach ſeiner Entfernung wie erſtarrt unbeweglich ſitzen. Sie bat mich, ſie allein zu laſſen, und als ſie nach einer Stunde zu unſrer alten Nachbarin kam, der ich ſo lange Geſellſchaft geleiſtet hatte, erſchien ſie mir zwar ruhig, aber es war eine furcht⸗ bare, mich aͤngſtigende Ruhe. Riezi kam am folgenden Tage wieder; er ſprach meine Mutter nur in meiner Gegen⸗ wart, aber ſie redeten ſo leiſe mit einander, daß ich nichts von ihrer Unterredung verſtand und nur ſah, daß er jetzt Einwendungen zu machen ſchien. Doch meine Mutter ſchien feſt auf ihrem, ihm einmal erklaͤrten Entſchluß zu beharren und er endlich nachzugeben. Ich las in ſeinen Zuͤgen eine triumphirende Freude, er kuͤßte ihr die Hand und ließ, als er ſich ent⸗ fernte, auf dem Tiſche eine reichgefullte S boͤrſe zuruͤck. Am nachſten Morgen ging meine Mutter ohne mich aus, was ſonſt nie geſchah. Mir war angſtbeklommen zu Sinne und ſie fand 4 — mich bei ihrer Zuhauſekunft in Thraͤnen; aber ſie war in einem ſo aufgeregten, ſo leiden⸗ ſchaftlich bewegten Zuſtande, daß ſie meine Stimmung nicht zu beachten vermochte. Ver⸗ gebens bat ich ſie um Auskunft uͤber Riezi's Anerbietungen und Geſinnungen; ſie umarmte mich zärtlich. „Du ſollſt bald nicht mehr wei⸗ nen,“ ſagte ſie mir, „wir werden unſer ſchoͤnes Italien wiederſehen und das Andenken an deine Leiden wird vor deiner jugendlichen Seele wie ein Traum in das Meer der Ve gangenheit verſinken.“ Beim Anbruch der Nacht ſchickte ſie ſich an, mich zu verlaſſen. Sie nahm unſte Lampe mit ſich und ich mußte, da wir kein Licht hatten, allein im Dunkeln zuruͤckbleiben. Eine Stunde, die laͤngſte und qualvollſte, die ich noch verlebt hatte, war vergangen und ſie noch nicht wieder da. Der Regen ſchlug an unſer kleines Fenſter, der Donner rollte und das Leuchten der Blitze machte mir die Fin⸗ ſterniß, die ihnen folgte, noch ſchreckensvoller. Mich befiel eine unausſprechliche Angſt, ich ging die Treppe hinunter, auf jeder Stufe — lauſchend, ob ich nicht meine Mutter heim⸗ kommen hoͤre; ſo kam ich bis auf den Flur des erſten ganz unbewohnten Stockwerkes unſers Hauſes. Zu meinem Erſtaunen ſah ich durch die verfallnen Thuͤren der oͤden Zim⸗ mer ein ſchwaches Licht ſchimmern, mich duͤnkte auch die Laute menſchlicher Stimmen zu ver⸗ nehmen; die Angſt hatte mir ſchon alle Be⸗ ſonnenheit geraubt, mir war, als fluͤſtre mir Jemand zu, meine Mutter ſey da und in großer Gefahr; ich flog auf die Thüre zu und riß ſie mit der Kraft der Verzweiflung auf, aber welch ein unerwarteter Schreckensanblick bot ſich mir dar! Todtenbleich und unbeweglich ſtand meine Mutter, wie eine unerbittliche Rachegöttin, eine auf Riezi gezielte Piſtole in der Hand, vor dieſem, der vor einem Stein knieend zu ſchreiben ſchien und doch immer wieder mit angſtvollem Entſetzen auf das toͤdtliche Ge⸗ wehr blickte, das ſie mit feſter Hand und un⸗ verwandten Blickes auf ihn gerichtet. hielt. Ich ſchrie laut auf. Meine Mutter ſchien bei dem Laute meiner Stimme ihre Entſchloſſen⸗ 4 * heit zu verlieren, ſie ließ den aufgehobenen Arm ſinken, ich ſah ſie ſchwanken, und in dieſem Augenblicke Riezi, der ſie nicht aus den Augen gelaſſen hatte, mit gezucktem Dolche auf ſie zuſturzen. Pfeilſchnell flog ich herbei, mich zwiſchen ſie zu werfen, und meine Mutter, die mich durch ihn gefaͤhrdet glaubte, hob den geſunkenen Arm eben ſo ſchnell und druͤckte, um mich zu vertheidigen, die Piſtole auf Riezi ab. Die Kugel hatte ſeine Schul⸗ ter geſtreift, erſchrocken griff er nach dem Ge⸗ wehr, das gleich nach erfolgtem Schuſſe der Hand meiner Mutter entfallen war, und entfloh. b. „Laß uns fliehen,“ rief meine Mutter, ſobald ſie ihre Beſinnung wieder erhalten hatte; „wir ſind keinen Augenblick vor ſeiner Wie⸗ derkehr ſicher und muͤſſen Barcelona augen⸗ blicklich verlaſſen.“ Kaum ließen wir uns Zeit einige unſrer nothwendigſten Kleidungs⸗ ſtuͤcke zuſammenzuraffen; die Dunkelheit der ſturmiſchen Gewitternacht beguͤnſtigte unſte Flucht; bald lag die Stadt hinter uns, aber unſte Krafte waren auch Frſchoͤpft und wir ————————— 1 — —— —————— ſahen uns genoͤthigt, an dem erſten Hauſe, das wir fanden, anzuklopfen und um Einlaß zu bitten; es war eine Herberge, in der die Mauleſeltreiber gewoͤhnlich einkehrten. Man wich zuruck, als man bei Eroͤffnung der Thuͤre zwei durchnäͤßte Frauenzimmer ohne alle wei⸗ tere Begleitung erblickte, von denen es auf⸗ fallen mußte, ſie in ſo ſpäͤter Nachtzeit auf der Landſtraße wandern zu ſehen, und ſchien uns den Einlaß verſagen zu wollen; allein meine Mutter bat mit ſo ruͤhrender Stimme um ein Obdach fuͤr ihr Kind, daß der Wirth nicht zu widerſtehen vermochte. Er trug mich, die ich vor Angſt bebte und halb ohn⸗ maͤchtig war, auf ſeinen Armen an das Feuer, ſuchte mir einen bequemen Sitz zu bereiten, und holte uns auch etwas zu eſſen herbei. Seine Frau murrte daruͤber und ſchalt uns Landſtreicherinnen; um ſie zu beruhigen, zog meine Mutter die von Riezi ſchon fruͤher er⸗ haltene Börſe und warf ihr eine Doublone hin; allein dieſe Freigebigkeit vermehrte noch den Argwohn „ mit dem ſie uns betrachtete, da ſie ſo wenig zu der Duͤrftigkeit unſers Anzugs und unſrer Fußwanderung paßte. Die Stunden, die wir in dieſem Haufe verweilten, dienten nur dazu, uns die Er⸗ ſchutterung der vorhergegangenen Auftritte recht fuͤhlbar zu machen, und als der Tag anbrach, waren wir ſo matt, ſo erſchoͤpft, daß wir unſre Wanderung kaum fortzuſetzen ver⸗ mochten, und doch konnten wir hier kein Fuhrwerk, keine Mauleſel bekommen. Meine Mutter glaubte ſich vor Gott und ihrem Ge⸗ wiſſen nicht ſtrafbar; die Gewaltthatigkeit, durch die ſie Riezi einen Wechſel abgezwungen hatte, deſſen Betrag uns vor Mangel zu ſchuͤtzen vermochte, erſchien ihr als gerechte Selbſthulfe, um von ihm die Wiedererſtattung eines unbedeutenden Theils des großen Ver⸗ moͤgens zu erhalten, das er uns geraubt hatte, und der Schuß, der freilich ihr Gewiſſen mit Blutſchuld haͤtte beladen koͤnnen, als Noth⸗ wehr; aber bei aller ihrer Unkenntniß der burgerlichen Geſetze fuͤhlte ſie doch auch, daß dieſe ihre That vielleicht nach einem ganz an⸗ dern Maßſtab richten wurden. —— Sie gab mir jetzt auch uͤber ihr Betragen Aufklärung. Riezi war, wie ſie feſt glaubte, der Moͤrder ihres Gatten, der Raͤuber ſeines Vermoͤgens; „ich wuͤrde,“ ſagte ſie mir, „den Tod der Schmach vrrgezogen haben, ihm meinen Haß, meinen unendlichen Abſcheu vor ihm, den entſetzlichen Boͤſewicht, auch nur einen Augenblick verbergen zu muͤſſen, allein die Mutterliebe gab mir Kraft. Dich aus dem Abgrund unſers huͤlfloſen Elends zu erretten, vermochte ich alles. Ich verweigerte ihn außer unſerm Hauſe unter vier Augen zu ſehen und mit ihm uͤber die Forderungen zu ſprechen, die er mir bewilligen muͤſſe, ehe ich den ſchndlichen Antragen Gehoͤr geben könne, die ſeine Frechheit gewagt hatte, mir zu thun. Von Leidenſchaft verblendet, willigte er nach einigen Vorſtellungen ein, ſich in den untern unbewohnten Zimmern unſers Hauſes einzuſtellen. Der Elende zeigte ſich hier eben ſo feig als verächtlich, und flehte auf den Knien um ſein Leben, als er mich bewaffnet ſahz ich hatte ſchon vorher Schreibzeug und Papier hinuntergeſchafft. Gelingt es uns jetzt die franzoͤſiſche Grenze zu erreichen, ſo darf ich fuͤr dich einer heitern Zukunft entgegen⸗ ſehen.“ Der Gedanke, daß man uns verfolgen und meine Mutter von einer Gefahr bedroht ſeyn koͤnne, war mir ſo ſchrecklich, daß ich ſie flehenklich bat, uns unſre Reiſe fortſetzen zu laſſen. Sie gab meinen Bitten nach und wir machten uns wieder auf den Weg. Gegen Mittag waren wir eben im Begriff in einem Dorfe einzukehren, als wir in der Ferne ei⸗ nige Haͤſcher zu Pferde erblickten; eine angſt⸗ volle Ahnung durchzuckte uns, und ohne un⸗ ſere Furcht auszuſprechen, ſuchten wir uns in einem naheliegenden Gebuͤſch vor ihnen zu verſtecken, ohne zu bedenken, daß wir ihnen durch dieſe Flucht verdaͤchtig werden mußten. Bald ſahen wir uns auch von ihnen eingeholt und umgeben. Eine rauhe Stimme fragte, wohin wir gehen wollten, und ver⸗ langte unſern Paß zu ſehen. „Ich glaube nicht,“ antwortete ihm meine Mutter ziemlich gefaßt, „daß zwei Frauenzimmer deſſen bedürften; ich bin mit ——— —— 8 7 — J meiner Tochter auf dem Wege, in unſre Hei⸗ math zuruckzukehren, wohin wir zu Fuß wan⸗ dern, da unſte Armuth uns keine andere Art zu reiſen erlaubt.“ So?“ fragte der, welcher der Anfuhrer zu ſeyn ſchien, und zog zugleich einen Steck⸗ brief hervor; „Thereſe von Lormeuil, las er laut, „34 Jahr alt, und Cöleſtine von Lor⸗ meuil, ihre Tochter, 16 Jahre alt. Nehmen Sie Ihren Hut ab,“ gebot er meiner Mut⸗ ter, und da ſie zogerte, ſtieß er ihn ihr mit der Spitze ſeines Saͤbels vom Kopfe. „Die Mutter hatte große ſchwarze Augen und,“ ſie winkte ihm hier einzuhalten und warfſich in meine Arme. „O meine Cöleſtine,“ rief ſie mit heiß⸗ zerreißendem Ton, „ich habe dich mit in mein Verderben gezogen und dich vielleicht auf immer ungluͤcklich gemacht!“ „Kein Zweifel mehr,“ riefen die Haͤ⸗ ſcher, „ſie ſind es.“ Man bemächtigte ſich unſers kleinen Reiſebuͤndels, in dem man Rie⸗ zi's Boͤrſe und ſeine Wechſel fand, und band uns nun, ohne auf unſte Thraͤnen und un⸗ — 58 — ſer Geſchlecht Ruͤckſicht zu nehmen, die Hände mit Stricken zuſammen. Man fuͤhrte uns nach der Herberge zuruͤck, wo wir uͤbernachtet hatten. Zum erſten Male empfanden wir hier nun die Qual der Schande und der Beſchimpfung. Die Wirthin triumphirte, uns gleich beim erſten Anblick ſo richtig beurtheilt zu haben, und verhoͤhnte ihren Mann mit der uns be⸗ wieſenen Theilnahme. Dieſer dagegen wandte ſchonend ſeine Augen von uns ah und beeilte ſich, den Haͤſchern eine Kammer anzuweiſen, wo ſie uns aufbewahren konnten und die man feſt hinter uns verſchloß, nachdem man uns ein Bund Stroh, ein Stuͤck Brot und einen Krug mit Waſſer gegeben hatte. Trotz meiner eigenen unausſprechlichen Betruͤbniß verſuchte ich es doch, meiner Mut⸗ ter Troſt einzuſprechen. Sie, die bis jetzt ſo viel Seelenſtarke bewieſen hatte, erlag nun dem Gedanken, mich mit gefangen zu ſehen, und weder meine Bitten, noch meine Thraͤnen vermochten ihre Verzweiflung zu ſtillen. Mit bebender Hand hob ſie den Waſſerkrug an ihre Lippen. „Warum iſt es nicht Gift?“ S ——— SS, rief ſie, „was bleibt mir uͤbrig, als zu ſter⸗ ben?“ „ Ich warf mich zu ihren Fuͤßen und be⸗ ſchwor ſie, an Gott zu denken und dem ſuͤnd⸗ lichen Gedanken des Selbſtmordes zu entfagen. In dieſer ſchrecklichen Lage war wohl eine Stunde vergangen, als ſich ein kleines Schie⸗ befenſter in der Wand oͤffnete und ich unſern gutherzigen Wirth erblickte, der mir durch daſſelbe einen Topf mit warmer Suppe, und ein Stäcſchen Papier reichte; in das ein Pia⸗ ſter gewickelt war, und welches die Weiſung enthielt, am andern Morgen von den Haͤſchern dafuͤr einen Wagen zu unſter Fortſchaffung zu begehren. „Faſſen Sie Muth, wenn Sie un⸗ ſchuldig ſind“ hatte er hinzugeſetzt, „und ſollten Sie, was ich jedoch nicht glauben kann, ſtrafbar ſeyn, ſo verzweifeln Sie nicht, gehen Sie in ſich und bereuen Sie Ihr Verbrechen.“ Wir fanden keine Gelegenheit, dem edlen Manne fur dieſe Wohlthat danken zu koͤnnen, aber ſie war fuͤr uns unſchaͤtzbar, ſie erhielt uns den Glauben an die Menſchheit. Seiner Verwendung verdankten wir auch ohne Zwei⸗ — 60 — fel die Milde, mit der uns die Haͤſcher am folgenden Tage behandelten. Man bewilligte unſer Geſuch um einen Wagen; wir uͤber⸗ ſchritten, bei unſrer Ruͤckkehr nach Barcelona, die Schwelle eines Kerkers, und wurden, des Raubes und des Mordes angeklagt, in das Regiſter ſeiner Bewohner eingeſchrieben. Ungeachtet unſter Thraͤnen und unſter flehenden Bitten trennte man mich von mei⸗ ner Mutter. Bedarf es noch einer Schilde⸗ rung des feuchten, dumpfen Kerkers, in den man mich ſtieß? Der ungeſunden Nahrung, die man mir reichte? Der ſchmutzigen Decke und des halbverfaulten Strohlagers, auf dem ich ſchlafen ſollte? Ach! und doch was bedeu⸗ tete dies alles gegen den Schmerz, mich von meiner Mutter getrennt zu ſehen! Mit jeder Stunde ſtieg meine Angſt um ſie, nur nach unendlichen Bitten, nach Stroͤmen von Thraͤ⸗ nen, die ich zu den Fuͤßen des Kerkermeiſters vergoß, gab er mir die Nachricht, ſie ſey nicht krank und fange an ſich zu faſſen. Sie hoffte noch auf Gerechtigkeit; ſie wußte nicht, wie — ſelten dieſe dem Armen und Verlaſſenen gegen den Reichen und Maͤchtigen zu Theil wird! Ein halbes Jahr mußten wir in dieſer harten und ſchmaͤhlichen Haft zubringen, ehe man uns verhoͤrte. Es gab ja auf der gan⸗ zen Welt keinen Menſchen, der ſich um uns bekuͤmmerte und an unſerm Schickſal Antheil nahm, und, wird man es glauben, daß ich in dieſer ſchrecklichen Lage doch Augenblicke hatte, in denen mich Jugend, Liebe, und die treue Gefaͤhrtin beider, Hoffnung, in goldne Traume wiegten? In meinen Kerker drangen nur ein⸗ zelne Lichtſtrahlen; es fehlte mir an jeder Zer⸗ ſtreuung, jeder Beſchäftigung; nichts zog mich daher von dem Andenken an Henrico ab; hundert und hundertmal malte ich es mir mit immer neuer Wonne und Ruͤhrung aus, daß ich ihn wiederfinden, und ſeine Liebe mir Er⸗ ſatz fuͤr allen erlittenen Kummer gewaͤhren werde. Mit welchen ſuͤßen Trugbildern ſchmuͤckte meine Phantaſie oft die ſchwarzen Waͤnde meines Kerkers aus! Die Eiſengitter meines Fenſterchens wandelten ſich dann zu einer bluͤhenden Laube um, in der ich mit Henrico und meiner Mutter im Vollgenuß des ſuͤßeſten irdiſchen Gluͤckes ſaß. Endlich erſchien eines Tages der Kerker⸗ meiſter und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich fand in dem Gerichtszimmer meine Mut⸗ ter und flog in ihre Arme. In dieſem Augen⸗ blick ſah ich nur ſie und fuͤhlte nichts als das Gluͤck, ſie wiederzuſehen. Doch bald riß man mich aus ihren Armen, um uns vor unſte Richter zu fuͤhren, auf deren Geſichtern ich eine, meinen Muth voͤllig niederſchlagende Strenge, oder auch eine kalte Gleichgültigkeit las. Riezi kannte das Herz, dem er den! To⸗ desſtoß beibringen wollte, und ſeine Anklage eines Mordanſchlags auf ſein Leben galt eben ſo gut mir, wie meiner unglucklichen Mutter, die es vergebens verſuchte, mich durch eine klare und wahrhafte Darſtellung der ganzen Begebenheit zu rechtfertigen. Man umſtrickte uns mit allen Schlingen der Chicane; unſer Gegner war reich und maͤchtig; der Advocat, den man uns von Gerichtswegen zum Ver⸗ theidiger gab, uͤbernahm nur ungern eine Sache, die ihm ſo wenig Ehre als Vortheil — 63 — einzubringen verſprach; er konnte oder wollte die Unſchuld nicht beſchuͤtzen. Ich erſpare mir die umſtaͤndlichere Erzaͤhlung von dem Verlauf eines Prozeſſes, deſſen Ausgang Niemand be⸗ fremden wird, der den Lauf der Welt kennt: unſer Loos war gefallen. Kaum habe ich aber noch jetzt die Kraft, es auszuſprechen. Wir wurden verurtheilt, meine Mutter zu lebenslaͤnglicher, ich zu fuͤnfjaͤhriger Zuchthaus⸗ ſtrafe, wir Beide zur Ausſtellung an den Pranger und zur Brandmarkung.! Ich hoͤrte das Urtheil nicht ganz, ich ſank bei der Vorleſung deſſelben, mit dem Tode ringend, zu Boden. Als ich wieder zu mir ſelbſt kam, ſagte man mir, es ſollte nach Verlauf von drei Tagen vollzogen werden. Mein einziger Gedanke war meine Mutter; ich fuͤhlte, ſie koͤnne das Elend, das ſie mir zugezogen hatte, nicht uͤberleben. Vergebens bat ich, zu ihr gelaſſen zu werden; die Geſetze erlaubten es nicht; wir ſollten uns erſt in dem Augenblicke wiederſe⸗ hen, wo das Brandmal einer unausloͤſchlichen Schande uns auf ewig aus der menſchlichen Geſellſchaft verbannte und uns in der Mei⸗ nung der Welt den Vrtnchen zugeſellte. Und doch troſtete mich der Kerkermeiſter und meinte, ich muͤſſe es fuͤr ein Gluͤck hal⸗ ten, daß meiner Mutter nicht die Todesſtrafe zuerkannt worden ſey. Mit barbariſcher Ge⸗ nauigkeit beſchrieb er mir das Verfahren, das bei der Vollziehung unſter Strafe ſtatt finden werde; ich vermochte es ihn anzuhoͤren; es lag mir viel daran, auf alles vorbereitet, auf alles gefaßt zu ſeyn, denn nur dann durfte ich mir die Kraft zutraueu, es ertragen, es uͤberleben zu koͤnnen. 7 Und ertragen wollte ich es; ich wallte, ich mußte fuͤr meine Mutter leben. Zwiſchen Henrico und mir grub dies Urtheil eine ſo tiefe und unermeßliche Kluft, daß ich mir, ſobald es vollzogen war, meinem Gefuhl nach, nie wieder erlauben durfte, ſeinen Namen zu nennen; mir war, als muͤſſe dieſer dadurch entweiht werden. Vor Gott allein blieb mir der Muth zu erſcheinen; vor ihm war ich rein und makellos von der Schande, die auf mein — — junges ſchuldloſes Leben als der furchtbarſte Fluch gelegt wurde, der, eine Ausgeburt der Hoͤlle, hienieden dem Menſchen von dem Men⸗ ſchen zu tragen auferlegt werden kann. Am Abend vor dem furchtbaren Tage öff⸗ neten ſich die Thuͤren meines bisherigen Ker⸗ kers, um mich, wie es in Spanien uͤblich iſt, in einen andern, dem Richtplatz naͤher gelege⸗ nen zu fuͤhren. Meine Mutter ſaß ſchon auf dem dazu beſtimmten Karren. Ein Gerichts⸗ diener ſaß zwiſchen uns, ſie konnte mir nur ihre todtkalte Hand reichen; ich druͤckte dieſe an meine Lippen und ſchrie vor Entſetzen laut auf, die glaͤnzend ſchwarzen Haare meiner Mutter waren in dieſen drei Tagen ſchneeweiß ge⸗ worden! . Vor dieſem Anblick ſchwand der Muth, den ich vor meiner Mutter erkuͤnſteln wollte, und als ich mich von ihr auf's Neue getrennt wieder allein in meinem Kerker verſchloſſen ſah, ergriff mich eine Verzweiflung, vor der mich bis zu dieſem Augenblick Gottes Barmherzig⸗ keit bewahrt hatte. Mit meinen Haͤnden ver⸗ ſuchte ich den Kalk von den Waͤnden meines 5 — 66 — Kerkers abzukratzen und mir einen Stein los⸗ zubrechen, den ich zum Werkzeug meines To⸗ des zu machen vermoge. Dieſe Emporung gegen meinen Schöpfer war von allem, was ich gelitten habe, die entſetzlichſte Qual; ſie fuhrte mich zu einer ſolchen Erſchoͤpfung aller meiner Kraͤfte, daß ich, in ohnmachtaͤhnliches Hinbruͤten verſunken, meine Leiden nicht mehr fuhlte. Erſt bei dem Anbruch des Tages kehr⸗ te mir das Bewußtſeyn derſelben wieder, aber mein ganzes Innere war wie umgewandelt; ich murrte nicht mehr, ich war in mein Schickſal ergeben und ſagte mir, daß Gottes Liebe und Allmacht einſt, ſo dunkel mir auch ſeine Fuͤh⸗ rung erſchien, jeden meiner Seufzer in den Wohlklang des Dankes aufloͤſen werde. Von der Erde abgeſchieden, ſah ich den Tod vor mir, doch nicht in ſchreckender Geſtalt, er wehte mit der Palme eines Friedensengels Troſt und Kuͤhlung zu, und ich ging der Schreckens⸗ ſtunde mit einer Faſſung und einer Ergebung entgegen, die ich nur fͤr Wirkungen der gott⸗ lichen Gnade halten konnte. und ſie kam. Man huͤllte mich in ein weites, dunkles Gewand und fuͤhrte mich nach dem Platze, wo das Schaffot errichtet war; maſchinenmäͤßig betrat ich die Leiter, die zu ihm hinauffuͤhrte, man legte mir das eiſerne Halsband um und ſchloß mich an. Dunkel und formlos wogte eine Menſchenmaſſe vor meinen Augen, die Worte: Raub und Meu⸗ chelmord, ſchlugen an mein Ohr. Bald fing man an, uns zu bedauern. „Dieſe armen Geſchoͤpfe,“ ſagte man, „ſehen nicht wie Meu⸗ chelmoͤrderinnen aus.“ Man bewunderte die noch immer auffallende Schoͤnheit meiner Mutter. „Sie ſieht wie eine ſchöne Leiche aus,⸗ ſagten Einige, „vielleicht iſt ſie auch ſchon todt, es waͤre ein Gluͤck fur ſie; aber die Toch⸗ ter, es iſt ein ſo blutjunges Geſchoͤpf, was kann die denn ſchon verbrochen haben!“ Vierzig Minuten dieſer entſetzlichen Stun⸗ de waren nun verlaufen. „Brennt das Feu⸗ er?“ fragte eine tiefe Maͤnnerſtimme, deren Laut wie ein Todesurtheil „legt das Eiſen ein.“ 5½ Zum erſten Male dachte ich hier an den koͤrperlichen Schmerz, der mir bevorſtand. furchtbarer Schrei meiner Mutter verkuͤndete mir, daß er ſie ſchon getroffen habe und daß ſie noch lebe. Der Henker nahte ſich mir, und unwillkuhrlich verſuchte ich, ihn von mir ab⸗ zuwehren, aber eine eiſerne Fauſt packte mich, man entbloͤßte meine Schulter; bei der An⸗ ſtrengung, mit der ich das Band, das meine Arme gefeſſelt hielt, zerſprengt hatte, war der Kamm aus meinen Haaren gefallen, ſie hin⸗ derten den Henker und er warf ſie mit ſeiner Hand zuruͤck. Mein Ungluͤck wollte, daß ich in dieſem Augenblick meine volle Beſinnung wieder erhielt, ich ſchlug die Augen auf, mein Blick fiel auf dieſe Hand, die im Begriff war, mir das Zeichen unausloͤſchlicher Schande auf⸗ zudruͤcken, und haftete auf einem durch ſeine Faſſung und ſeine Form ausgezeichneten hell⸗ funkelnden Ring, der dieſe Hand ſchmuͤckte; in dieſem Augenblick traf mich das gluͤhende Eiſen, ich wurde ohnmachtig. Als ich erwachte, warich in einem Kran⸗ kenſaal der Strafanſtalt, wo wir kuͤnftig leben ſollten. Wenige Schritte von mir lag meine Mutter, in gluͤhender Fieberhitze, ihre Phanta⸗ ſien waren ſchrecklich. Mit einem Ton, der mich noch jetzt zuweilen aus meinen Traͤumen aufſchreckt, rief ſie meinen und meines Vaters Namen und glaubte noch immer auf dem Schaffot zu ſtehen und mit dem Henker zu ringen, der mir das Brandmal aufdrücken ſollte. Auch erhielt ſie ihr Bewußtſeyn nicht wieder, ſie ſtarb, ohne noch mit einem Blick, einem Wort von mir Abſchied nehmen zu Von ihrem Sterbebette weg mußte ich an die Arbeit gehen, zu der ich verurtheilt war. Stumm verrichtete ich punktlich, was mir auf⸗ getragen wurde, und bewies den frommen Schweſtern, die die Vorſteherinnen dieſer Zucht⸗ und Strafanſtalt waren, den unbeding⸗ teſten Gehorſam. Was hatte ich aber von meinen Mitgefangenen zu leiden, die faſt ohne Ausnahme zu dem Auswurf des weiblichen Geſchlechts gehoͤrten! Man denke ſich die Lage dieſer Weſen, die mit Verbrechen belaſtet zu der Strafe einer immerwaͤhrenden oder doch vieljaͤhrigen Gefangenſchaft verurtheilt worden ſind. Die Zeit wandelt mit langſamem eiſer⸗ nem Schritt an ihnen voruͤber, und wenn ei⸗ nige dieſer Ungluͤcklichen ihre Freiheit wieder erhalten, ſo ſind gemeinhin alle Bande zwi⸗ ſchen ihnen und der menſchlichen Geſellſchaft geloͤſt, und der groͤßte Theil wuͤrde es vorzie⸗ hen, gefangen zu bleiben. Fuͤr die zum lebens⸗ laͤnglichen Gefaͤngniß Verurtheilten iſt dieſe Anſct ein Grab, das ſie noch lebend em⸗ pfaͤngt; jede Hoffnung bleibt fur ſie jenſeits der Pforte zuruͤck, die ſich einſt nur wieder fuͤr ihre Leiche oͤffnet, die kein befreundetes Herz zum Grabe begleiten, um die kein Auge eine Thraͤne vergießen wird. Wie wenige unter ihnen waren faͤhig in der Religion Muth zu finden und es fuͤhlen zu lernen, daß es fuͤr ein gottergebenes Herz keinen Schmerz ohne Troſt, keine Reue ohne Verſoͤhnung giebt! Nur mit meinen Obliegenheiten beſchaͤftigt, entfloh meinen Lippen nie eine Klage; meine Geduld, meine Jugend und die Sanftmuth, mit der ich die Anfeindungen meiner Gefaͤhr⸗ tinnen ertrug, gewannen mir das Wohlwollen meiner Vorſteherinnen; ſie uͤbertugen mir die Ausbeſſerung der Waͤſche, was mich abſonderte und mir von Außen Friede und Ruhe ſicherte. Ich fuͤhlte, wie meine Geſundheit von Tag zu Tag hinſchwand und mein Zuſtand mich zu der Hoffnung berechtigte, bald am Ziele meiner Leiden zu ſeyn. Doch ach! es wird dem Gram nicht leicht, ein junges, bluͤhendes Leben zu zerſtoͤren, und die Quelle der Geſundheit, die als Erbtheil meiner Eltern ſo rein und kräͤftig in meinen Adern floß, widerſtand lange dem zerſtörenden Einfluß tie⸗ fer Seelenleiden auf meinen Koͤrper. Der Verluſt meiner Mutter und ihr Schickſal war ein Ungluͤck, das ich nie wieder zu verſchmerzen vermochte. Waͤre ſelbſt das ſcheußliche Mahl, das ich trug, verloſchen; haͤtte ich Henrico wiedergefunden und mich von ihm geliebt gefuͤhlt, ihr Bild wuͤrde ewig einen dunklen Schatten auf mein irdiſches Gluͤck ge⸗ worfen haben. Ich konnte mich meiner Krank⸗ heit nur erfreuen; man drang mir keine Arz⸗ neien auf, ſo viel Theilnahme mir die guten Schweſtern auch ſonſt bewieſen, aber der Glanz meiner Augen und die lebhafteſte Roͤthe, die meine, im Anfang ſo bleichen Wangen faͤrbte, taͤuſchten ſie uͤber meinen Zuſtand und ſie hielten meine Magerkeit nur fuͤr eine natuͤr⸗ liche Folge meines ſtummen Grames und der ſtrengen Lebensweiſe, an die ich, wie ſie glau⸗ ten, nicht gewoͤhnt ſey. Eine von ihnen, Schweſter Agneſe, die ſich beſonders freundlich und gutig gegen mich bezeigte; ſuchte mir oft Muth einzuſprechen und mich durch die Aus⸗ ſicht zu troͤſten, daß meine Strafzeit bei mei⸗ ner Jugend und meiner guten Auffuͤhrung vielleicht verkuͤrzt werden koͤnne. Ich dankte ihr dann mit meinem Blick; haͤtte ſie gewußt, daß ich, heimathlos auf der weiten Erde, außer⸗ halb des Gefaͤngniſſes keinen Ort kannte, wo ich mein muͤdes Haupt ruhen laſſen durfte, ſo wurde es ſie weniger befremdet haben, mich für dieſen Troſt ſo wenig empfaͤnglich zu ſehen. In einer Nacht, wo ich ſchlaflos auf meinem Lager ruhete, hoͤrte ich ploͤtzlich Feuer! rufen. Man oͤffnete die Thuͤre des Kaͤmmer⸗ chens, in dem ich alle Abende eingeſchloſſen wurde, um mich den andern Zuͤchtlingen zu⸗ — 73 — zugeſellen, die nach einem entfernten Fluͤgel des großen Gebaͤudes gebracht werden ſollten, doch Schweſter Agneſe, die mir auf dem Wege dorthin begegnete, nahm mich mit ſich fort, um ihr bei der Rettung der, ihrer Aufſicht uͤbergebenen Gegenſtaͤnde zu helfen. Dieß Ge⸗ ſchaͤft fuͤhrte uns mehrere Male nach dem Hofe des Gebaͤudes, die Thore waren geoffnet, es waͤre mir leicht geworden, mich in dem Menſchengewuͤhl von ihrer Seite zu entfernen und mein Heil in der Flucht zu ſuchen, aber mir fiel kein Gedanke an dieſe ein. Die gute Schweſter, feſt uͤberzeugt, meine Befreiung erſcheine mir als ein Gluͤck, glaubte, ich ließe dieſe guͤnſtige Gelegenheit nur aus Pflichtge⸗ fuͤhl gegen ſie unbenutzt, und dies erhoͤhte noch ihre Theilnahme an meinem Geſchick. Sie fuͤhrte mich zu einer kleinen Nebenpforte des weitlaͤufigen, mit mehreren Hoͤfen verſehe⸗ nen Gebaͤudes, hing mir einen Mantel um, warf mir einen Schleier uͤber, und draͤngte mich ſanft auf die Straße hinaus. „Gott vergebe mir,“ ſagte ſie, „wenn ich Unrecht thue, aber wenn ich fruͤher noch einen Augen⸗ blick an deiner Unſchuld gezweifelt haͤtte, wurde ich dich jetzt deshalb um Verzeihung bitten, ich kann nicht anders, ich muß dieſe Gelegen⸗ heit benutzen, dich aus der Gefangenſchaft zu befreien, in der du ſonſt noch Jahre ſchmach⸗ ten muͤßteſt. Geh mit Gott! Er moͤge ſchuͤtzen!“ Betaͤubt ſtand ich uf der Straße und wußte nicht, wohin ich gehen ſollte. Es war fruh um 7 Uhr Morgens, und die Straßen fingen ſchon an ſich zu beleben. Alle Men⸗ ſchen, die bei mir voruͤbergingen, hatten ein Ziel, das ſie erreichen wollten, ich allein nicht. Meine groͤßte Sorge war, mich ihren Blicken zu entziehen; es ſchien mir, als koͤnne Jeder⸗ mann mein Schickſal auf meiner Stirne leſen. Ich trat in eine Kirche, wo gerade Meſſe geleſen wurde und betete, auf meine Kniee niedergeſunken, inbruͤnſtig zur Mutter aller Gnaden. Wunderbar geftaͤrkt verließ ich die heilige Staͤtte, und mich ergriff nun erſt das Gefuͤhl frei athmen zu koͤnnen. In Barcelona konnte und wollte ich nicht bleiben, und ging aufs Gerathewohl dem — nächſten Thore zu. Bald hatte ich es erreicht; der Weg fuͤhrte an einem Kirchhof vorbei, durch deſſen Pforten gerade ein Leichenzug zog, ich folgte ihm; ich ſah hier den Grabhuͤgel des Armen, das Mauſoleum des Reichen gleich einſam, gleich verlaſſen; da fiel mir eine Säule von ſchwarzem Marmor in die Augen, ich eilte darauf zu, mir war, als habe ich eine Zu⸗ flucht, eine Heimath, einen Beſchuͤtzer gefun⸗ den, ich ſtand am Grabe meines Vaters. Lange weilte ich hier in Thraͤnen zer⸗ fließend; als ich endlich der Nothwendigkeit nachgab, ſcheiden zu muͤſſen, fiel mir in der Entfernung weniger Schritte ein Leichenſtein auf mit der einfachen Inſchrift: „Hier ruht Henrico's Mutter.“ Wer je geliebt hat, weiß auch, wie der Name des Geliebten im ganzen Gebiet der Sprache der einzige Laut iſt, deſſen Klang uns mit dem vollſten, tiefſten Gefuͤhl des Da⸗ ſeyns zu durchdringen vermag. „Vielleicht iſt dieſer Henrico,“ ſagte ich mir, „der Mann meiner Liebe, vielleicht ſchlagen unſte Herzen jetzt denſelben Schlag des Grams um ein ge⸗ — 76 — liebtes ins Grab verſunkenes Weſen, wie einſt den Schlag der Liebe.“ „Coͤleſtine! ſind ſie es, Eöleſtine?“ hoͤrte ich hier freudebebend eine Stimme fragen, die ich beim erſten Laut erkannte; Henrico ſtand vor mir, er hatte meine Haͤnde ergriffen und druckte ſie an ſein Herz und an ſeine Lippen, aber er erblaßte, als er mich genauer anſah. „Gott! wie viel muͤſſen Sie gelitten haben!“ rief er vewegt, „was macht ihre Mutter? „Sie ruht,“ fluſterte ich mit naſſen Augen. „Arme Coͤleſtine!“ ſagte er. „Aber er⸗ zaͤhlen Sie mir, vertrauen Sie mir, wie es Ihnen ergangen iſt.“ „Fragen Sie mich nicht, Henrico,“ unter⸗ brach ich ihn traurig, „ich darf nicht antworten.“ „O,“ antwortete er mir bitter, „ich er⸗ rathe alles; Sie ſind verheirathet; ein Andrer iſt im Beſitz Ihrer Liebe, die ich mit meinem waͤrm⸗ ſten Herzblut erkauft haͤtte; aber ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, Sie hatten mir nichts verſprochen, waren mir durch kein Gelübde zur Treue verpflichtet. Was bedeutet denn auf der Wagſchale weiblicher Verſprechungen ein Blick, ein Laͤcheln, von dem der Mann thoricht waͤhnt, es verbuͤrge ihm das innigſte Einverſtaͤndniß der Seelen und der Herzen! Sie waren ja nicht verpflichtet zu wiſſen, daß die Ehre mir zu ſchweigen befahl, wo ich an⸗ bete. Sie durften mich vergeſſen, da Sie es konnten. Leben Sie denn auf ewig wohl!“ „Nein, Henrico,“ rief ich ihm mit faſt erloſchener Stimme nach, da er ſich abwandte, um mich zu verlaſſen, „ich habe den Muth verloren, mein Ungluck allein zu tragen und Ihnen zu verſchweigen, daß ich nur ſie allein geliebt habe und noch liebe.“ Er zog mich hier an ſein Herz. „Ver⸗ gieb, o vergieb mir, meine Mutter,“ rief er, „wenn ſich hier an deinem Grabe meine Seele der Wonne des hoͤchſten Gluckes offnet. Fuͤhlſt du, meine Cöleſtine, welchen Himmel du mir geſchenkt haſt? weißt du, daß ich dir das Ein⸗ zige, ganz reine und ungetruͤbte Gefuͤhl der Freude und des Gluckes verdanke, das ich je im Le⸗ ben empfunden habe? Komm, o komm, laß uns fern von den Menſchen in die Einſamkeit fliehen, ſie nur allein kann unſer Gluͤck beſchuͤtzen.“ — — 8 — Hier wich der freudige Glanz, der ſeine ſchoͤnen edlen Zuͤge auf einige Augenblicke ver⸗ klaͤrt hatte, von neuem dem Ausdrucke tiefen Schmerzes. Ach, ich hatte mich nicht einmal der ſeligen Taͤuſchung, die ihn bethoͤrte, auf einen Augenblick hingeben koͤnnen! „Nein,“ ſagte ich, indem ich meine Hand aus der ſei⸗ nigen zog, „ein unuͤberwindliches Hinderniß, das keine Menſchenmacht zu beſiegen vermag, trennt uns fuͤr dießſeits, ich darf nie Ihre Gattin werden und darf Ihnen das dunkle Geheimniß, das uns ſcheidet, auch nie enthuͤl⸗ len; aber ohne Obdach, ohne Schutz, verwaiſet und von der ganzen Welt verlaſſen, bittet dich eine Ungluͤckliche, ihr Bruder, ihr Beſchutzer zu werden, wirſt du die Erfuͤllung dieſer Bitte verſagen?“ „Nein,“ antwortete er dumpf, „ ℳ weiß, daß nicht die Schuld allein, ſondern auch das Ungluͤck ſeine Geheimniſſe hat, deren Schleier nicht weggezogen werden darf, ſelbſt von der Hand der Liebe nicht. Ach, ich fuͤhle es, der Druck unſers Schickſals wird nicht lange mehr auf uns laſten!“ — — 6 — Wir verließen den Kirchhof und Henrico fuͤhrte mich nach dem Hauſe, in dem er ſeit einem Jahre wohnte, und deſſen Beſitzerin, eine Putzmacherin, gerade, wie er wußte, ei⸗ ner Gehuͤlfin bedurfte. Er ſorgte mit der ihm eigenen Zartheit fuͤr alles, was ich bedurſte, um fur eine, eben erſt aus der Provinz an⸗ gekommene, ihm nah verwandte Waiſe zu gel⸗ ten, und erhielt auch fuͤr mich ein Stubchen, in dem ich einſam und von allen uͤbrigen Be⸗ wohnern des Hauſes ungeſehen, arbeiten konnte. Das Andenken meines Ungluͤcks, das Bewußtſeyn, ehrlos und auf immer beſchimpft zu ſeyn, blieb mir gegenwaͤrtig, aber der Zau⸗ ber der Liebe iſt ſo allmaͤchtig, daß ich mich trotz dem doch oft unausſprechlich glueklich fuͤhlte. Ich lernte Henrico mit jedem Tage inniger ehren und lieben, und konnte ihn nicht anſehen, ohne mir zu ſagen, er gehoͤre einer beſſern Welt an, die ſeine wahre Heimath ſey, und mein ſchuldlos erduldetes Ungluͤck berech⸗ tige mich zu der Hoffnung, dort einſt mit ihm vereinigt zu werden. — — Schon war ſeit unſerm Wiederfinden ein halbes Jahr verfloſſen; ich hatte auf Henrico's Bitten vieles fuͤr die Herſtellung meiner Ge⸗ ſundheit gethan; aber alle Arzneien blieben ohne Wirkung und ich wurde immer matter und abgezehrter. Er drang in mich, einen wegen ſeiner Behandlung von Bruſtkrankhei⸗ ten beruhmten Arzt um Rath zu fragen, und er brachte ihn zu mir. Dieſer ſprach lange mit mir unter vier Augen und befragte mich ſehr ausfuͤhrlich uber den Gang meiner Krank⸗ heit und meinen jetzigen Zuſtand; dann druͤckte er mir theilnehmend die Hand, und bat mich, mich nur ruhig zu verhalten; meine Jugend werde vielleicht mehr fuͤr mich thun, als ſeine Arzneien vermoͤchten, die er fuͤr uͤberfluͤſſig halte, da ich keine Schmerzen hatte. Als ich Henrico am Abend dieſes Tages wiederſoh, fand ich ihn ſehr veraͤndert; er ſah todtenbleich aus und ſeine Sorge fuͤr mich trug ein ganz neues Gepräge; er ſuchte mich vor jeder Gemuͤthsbewegung, auch der ſanfteſten, zu huͤten, ſprach nicht mehr von Arzneien und andern Huͤlfsmitteln mit mir,“ ſondern nur — von unſrer Liebe, ohne doch je der Zukunft mit einer Sylbe zu erwaͤhnen. Der Ausdruck von Schwermuth, ja man kann ſagen von duͤſtrer Hofnungsloſigkeit, der gemeinhin aus ſeinen Zuͤgen ſprach, hatte einer ſtillen Erge⸗ bung Platz gemacht. Man fuͤhlte, daß er vom Schickſal nichts mehr hoffte, nichts mehr fuͤrchtete, und klar vor ſich ſah, was es ihm beſtimmt haben konnte, noch erleben zu ſollen. Dieſe Stimmung machte unſer Verhaͤltniß noch ſchoͤner. Ohne mir ſelbſt Rechenſchaft von meinen Gefuͤhlen abzulegen, wurde ich zaͤrtli⸗ cher gegen ihn, mein Leben wurde mir zum holden Traum; ein ſuͤßer, melancholiſcher Reiz verſchoͤnerte mir jede Minute deſſelben, und ich empfand, daß ein weibliches Herz alles zu ertragen vermag, ſo lange es der Gewißheit gegenſeitiger Liebe und Achtung vertrauen darf. Mich wenigſtens hielt meines Freundes Herz ſiegreich uͤber alle irdiſche Schmerzen empor. Zu ſchnell ſchwanden dieſe unvergeßlichen Tage des Gluͤckes dahin. Als ich, nach einer, im ermattenden Fieber durchwachten Nacht eines Morgens kaum aufzuſtehen vermochte, 6 ———— —— — — trat Henrico zur ungewoͤhnlichen Stunde bei mir ein. Er kam um Abſchied zu nehmen; eine Nothwendigkeit, die keinen Widerſpruch erlaubte, zwang ihn, wie er ſagte, mich auf unbeſtimmte Zeit zu verlaſſen. Ich fuͤhlte, daß er mir ſeine Seele, ſein ganzes Herz zuruͤck⸗ ließ, und doch war ich troſtlos. Was ſollte ich von dieſer Entfernung denken? ſeine Mut⸗ ter lebte nicht mehr, welche Bande verknuͤpften ihn dann noch mit der Welt? weſſen Wille hat die Gewalt uͤber ihn, ihn von mir zu trennen? Verſunken in einen Schmerz, deſſen Tiefe ich nicht auszuſprechen vermag, verlebte ich vier ewig lange Tage; ſchon zweifelte ich, ihn je wieder zu ſehen und freute mich der ungleichen Schnelle meiner Pulsſchlaͤge und der immer ſichtlicher werdenden Fortſchritte mei⸗ ner Krankheit, als er in mein Zimmer trat. Freudetrunken flog ich ihm entgegen, aber wie erſchrak ich, als ich von ſeiner Bruſt den Blick zu ihm erhob! Der ſanfte Gram, die ſtille Troſtloſigkeit, die mich fruͤher ſo ruͤhrend aus ſeinen Zuͤgen, ſeinen lieben dunkeln Augen angeſprochen hatte, hatte jetzt einer leidenſchaft⸗ ee lichen Heftigkeit Platz gemacht, die mich todt⸗ lich erſchreckte. „Was fehlt dir?“ fragte ich erbleichend, „was haſt du mir zu verkuͤnden?“ „Unſre unvermeidliche, ewige Trennung. Ich komme, dir mein letztes Lebewohl zu bringen.“ „ Koͤnnen wir denn noch getrennt wer⸗ den?“ fragte ich. „Haſt du mir nicht oft geſagt, nur der Tod vermoͤge dieß?“ „Rede ich denn auch vom Leben? Giebt es irgend eine menſchliche Macht, irgend ein Ereigniß, das mich zu einer freiwilligen Tren⸗ nung von dir bewegen koͤnnte? aber ich muß ſterben, Coleſtine, und das konnte ich nicht, ohne dich noch einmal an mein Herz gedruckt zu haben. Ehre den letzten Willen, die letzte Bitte deines ungluͤcklichen Freundes. Hier iſt ein Paß fuͤr dich, hier eine ziemlich bedeutende Summe, die ich von meiner Mutter geerbt habe, geh gleich nach Italien zuruͤck; ich will nicht, daß du hier bleiben ſollſt. Erfuͤlle mei⸗ nen letzten Wunſch und bewahre mein Anden⸗ ken in deinem Herzen. Beruhige dich,“ ſetzte 6* — — er hinzu, als er meine Verzweiflung ſah, „du wirſt nicht lange mehr um mich weinen.“ „Hoͤre mich,“ ſagte ich, indem ich ſeine Hand ergriff, „ich habe, ſo jung ich auch noch bin, doch zu viel gelitten, um den Tod zu ſcheuen, und du weißt es gewiß ſo gut als ich, daß du, indem du mir deinen Tod ankuͤndigſt, zugleich mein Schickſal ausgeſpro⸗ chen haſt; laß mich daher alles erfahren.“ Hier ſiel mein Blick auf ſeine Hand, die ich an mein Herz gedruͤckt hielt. „Woher haſt du dieſen Ring?“ ſchrie ich voll Entſe⸗ tzen auf, „ich muß es wiſſen. „Und wo haſt du ihn fruͤher geſehen?“ antwortete er mir, „rede, der Tod 5 alle Geheimniſſe.“ „Dieſen Ring,“ ſtammelte c, „ſeh ich an der Hand des Henkers, der mir das Brandmal unausloſchlicher Schande aufdruckte und mich dadurch fur dießſeits von dir trennte.“ „Das war ein thoͤrigter Wahn,“ erwie⸗ derte er bitter laͤchelnd, „den Sohn deines Henkers haͤtteſt du immer heirathen können. —zz ——— Es war die Hand meines Vaters, der dieſen Ring trug.“ Faſt ſterbend ſank ich zu ſeinen Fuͤßen nieder, er hob mich nicht auf; ſeine ſtarren Blicke irrten wild umher, ſeine Zaͤhne ſchlugen wie im Fieberfroſte an einander, er wollte reden, aber er vermochte nur unverſtaͤndliche Laute zu lallen. Endlich brachten ihn meine Thraͤnen wieder zur Beſinnung. „Arme Un⸗ gluͤckliche,“ ſagte er, „ſo jung und doch ſo elend! Siehſt du nun ein, daß uns nichts uͤbrig bleibt, als zu ſterben?“ „Laß uns fliehen,“ bat ich, „jenſeits der Meere giebt es eine einſame Freiſtaͤtte, wo uns der Fluch unverdienter Schande nicht mehr trifft.“ „Wollteſt du mich zu dem furchtbaren Schickſal verdammen,“ fragte er, „dich uͤber⸗ leben und ein verzweiflungsvolles Daſeyn in oͤder Wildniß allein fortſchleppen zu ſollen? Du wirſt keinen Fruͤhling mehr erleben, meine Geliebte, du kannſt nicht mehr fliehen, und wenn ich hier bleibe, verdammen mich die Geſetze, das blutige Handwerk meines Vaters — 2 — ——————— 86 — zu üben oder Henkersknecht zu werden; wilſſt du das?“ „Nein, nein!“ rief ich, indem ich meine Arme um ihn ſchlang, „erklaͤre mir aber das furchtbare Geheimniß deines Schickſals.“ „Du mußt jetzt auch alles wiſſen,“ er⸗ wiederte er, „ich habe nichts mehr zu ver⸗ hehlen, der Tod macht frei. Meine Mutter war die Tochter eines Tuchſcherers aus Flo⸗ renz, mit Namen Strozzi —“ „Das war mein Großvater,“ rief ich, „und deine eine Schweſter der mei⸗ nigen.“ 1 „Dieſe Entdeckung befremdet nich nicht,“ ſagte er bitter, „ſie macht die Genoſſenſchaft unſers Ungluͤcks vollkommen. Meine Mutter war eben ſo ſchoͤn, wie die deine; du weißt es wahrſcheinlich, daß dieſe Schoͤnheit ihr als Kind die Gunſt einer vornehmen Reiſenden gewann, die ſie mit ſich nach Spanien nahm und ſie ſehr ſorgfoltig erziehen ließ. In ih⸗ rem zwanzigſten Jahre raubte ihr der Tod dieſe mutterliche Beſchutzerin, die ihr aber ein Vermoͤgen hinterließ, welches ſie auf Lebens⸗ zeit vor Mangel und Abhaͤngigkeit zu ſchutzen vermochte. Ihr Vorſatz war, nach Italien zu⸗ ruͤckzugehen, als ſie einen Mann kennen lern⸗ te, der unter der liebenswuͤrdigſten Außenſeite die niedrigſte Gemeinheit des Sinnes verbarg, und der ſelbſiſuͤchtig genug war, an ſein ehr⸗ loſes Daſeyn das Schickſal eines Engels zu knüpfen. Zu ſpaͤt erfuhr ſeine ungluͤckliche Gattin den Stand des Vaters ihres Kindes; ſie naͤhrte mich; die furchtbare Erſchuͤtterung dieſer Entdeckung verwandelte ihre Milch in Gift, und wenn ihr gleich die Kunſt des Arztes das Leben erhielt, ſo verlor ſie doch ihre Schoͤnheit, und dieſer Umſtand erleichterte ihr die Trennung von einem Manne, der ſie nur um ihrer Schoͤnheit willen geliebt hatte und von dem ſie ein grauſendes Entſetzen entfernt hielt, ſeitdem ſie ſeine blutige Hand⸗ thierung kannte. So bewilligte er, daß ſie ſich in der Nähe von Barcelona einen Au⸗ fenthalt waͤhlte, der ihr die tiefſte Einſam⸗ keit vergönnte; allein nichts, ſelbſt nicht das Opfer ihres ganzen Vermoͤgens konnte ihn dazu bewegen, ſeinem PVaterrecht ͤber mich — 88 — zu entſagen und ihr die Vergunſtigung zu verſchaffen, mit mir außer Landes gehen zu duͤrfen. Bis zu meinem zwoͤlften Jahre blieb mir das ungluckliche Geheimniß meines Schickſals verborgen, doch zu dem Zeitpunkt meiner er⸗ ſten Communion entdeckte es mir meine Mut⸗ ter, und von dieſem Augenblick an vergoͤnnte mir das Bewußtſeyn, ſchon bei meiner Ge⸗ burt aus der buͤrgerlichen Geſellſchaft ausge⸗ ſtoßen zu ſeyn und das Licht der Welt nur als ein gleichſam von der Meinung und dem Geſetz geaͤchtetes Weſen erblickt zu haben, kei⸗ nen freien Athemzug mehr. Es druͤckte mich wie eine Felſenlaſt und laͤhmte jede geiſtige Kraft meines Weſens. Meine Mutter unter⸗ richtete mich größtentheils ſelbſt; ich beſuchte keine Schule, ich war ja ein zur freudenloſe⸗ ſten Vereinzelung beſtimmtes Weſen, ich durfte ja nie die Hand eines Freundes faſſen, nie der Lebensgefährte eines edlen weiblichen We⸗ ſens werden. Nur die Geſchaͤfte meiner Mut⸗ ter zwangen mich, unſre Einſamkeit zu ver⸗ 3 laſſen und mit andern Menſchen zu verkehren; — 89 — mein Vater ſchien mein Daſeyn vergeſſen zu haben, und auf das ſorgfältigſte vermieden wir alles, was ihn an uns erinnern konnte. Ich hatte mir in Barcelona eine Wohnung gemiethet, und hier war es, wo ſch dich ken⸗ nen lernte. Ich kann dir die unbedingte Ge⸗ walt, die dir die Liebe mit dem erſten Blick uͤber mein Daſeyn gab, nicht beſſer ſchildern, als wenn ich geſtehe, daß ſie mich in Ver⸗ geſſenheit des unuͤberſteiglichen Hinderniſſes einwiegte, das trennend zwiſchen uns ſtand. Ein Brief meiner Mutter erinnerte mich da⸗ ran und gab mir die Kraft, dich zu fliehen. Nach Verlauf einiger Monate verlor ich meine Mutter, um die ich allein das Leben geliebt hatte. Der Mann, den mein Herz nie Va⸗ ter zu nennen vermochte, erfuhr es und be⸗ fahl mir, zu ihm zu kommen und kuͤnftig bei ihm zu leben. Es gelang mir, mich ſeinen Nachforſchungen bis vor wenig Tagen zu ent⸗ ziehen, wo mir einer der nach mir ausge⸗ ſandten Spaͤher die Nachricht brachte, er liege auf dem Todtbett und beſchwoͤre mich, zu ihm zu kommen. Ich verließ dich, um meiner — — Pflicht zu gehorchen. Laß mich verſchweigen, was ich an ſeinem Sterbelager gelitten habe. Er gab mir zum Andenken dieſen Ring, den er einſt von meiner Mutter erhalten hatte. Gott, Cöleſtine, wenn ich denke, daß dieſe Hand, die er ſegnend auf mein Haupt tegte⸗ dieſelbe war, die dich — “ „Wir ſind Beide,“ unterbrach ich ihn, „gleich ſchuldlos an unſerm Geſchick und koͤn⸗ nen mit reinem Herzen und Gewiſſen zum Himmel aufblicken, warum willſt du dich denn mit einem Verbrechen belaſten? warum durch Selbſtmord Gottes vorgreifen.“ „Der Sohn des Henters 4 untnortet er duͤſter, „iſt durch das Geſetz dieſes Landes verpflichtet, das blutige Handwerk des Vaters fortzuſetzen und ich bin von Gerichtswegen ſchon aufgefordert, morgen mein Probeſtuͤck abzulegen; ſo bleibt mir denn nichts uͤbrig, als zu ſterben. Bald, meine Geliebte, bald wer⸗ den wir dort wieder vereinigt werden, wo es keine Trennung mehr giebt.“ ———— — 91 — „Grauſamer,“ ſagte ich, an ſein Herz ſinkend, „waͤhnſt du denn, daß ich dich uber⸗ leben werde?“ „Wohlan denn,“ antwortete er mir nach einer Pauſe, in der er ſichtlich mit ſich ge⸗ kämpft zu haben ſchien, ſich hoch und edel auf⸗ richtend, „ſo will ich denn dem ſuͤndlichen Irrthum entſagen, zu welchem mich nur meine verzweiflungsvolle Lage verleiten konnte. Doch ſehen duͤrfen wir uns auf dieſer Erde nicht wieder. Gelobe mir feierlich die Trennung zu ertragen und nicht ſelbſt, von Schmerz uͤberwaͤltigt, zu einem Vergehen dich verleiten zu laſſen, von welchem du mich gerettet haſt. Gelobe mir, nie nach meinem Aufenthaltsorte zu forſchen, und dein Leiden zu bekämpfen. Alle Rechte, die die Liebe zu geben vermag, mache ich in dieſem Augenblicke geltend. Ge⸗ lobe mir die Erfuͤllung dieſer meiner letzten Bitte.“ Ich legte meine Hand in die ſeinige, er kußte ſie, druckte ſie an ſein Herz, noch einen Blick —. Es dunkelte vor meinen Augen, ich hoͤrte den Schall ſeiner ſich entfernenden Tritte, und fuͤhlte, daß ich noch lebte, aber ich ver⸗ mochte mich nicht zu regen; meine Seele wurde von unendlicher Qual gefoltert, aber mein Koͤrper war zur Bildſaͤule erſtarrt. Ploͤtz⸗ lich riß ich mich auf aus dieſer Erſtarrung, ich wollte Henrico nachſtuͤrzen, es war zu ſpaͤt. Schon war er meinen Augen entſchwunden. Nie habe ich wieder etwas von ihm gehort. Sein Name war verſchollen auf dieſer Erde, und nur der Ewige weiß, was aus ihm ge⸗ worden. Fanny Tarnow. S wrn U T Es war an einem ſtuͤrmiſchen November⸗Abend, als Lorenzo Pinſel und Pallette aus der Hand legte, froh, eine ihm unangenehme Arbeit, das Bild eines Mannes, der in ſeinem funf⸗ zigſten Jahre noch fuͤr jung und den Frauen gefaͤhrlich gelten wollte, vollendet zu haben. Eilig griff er nach Hut und Stock, um, trotz des rauhen Wetters, noch einen Spaziergang zu machen, ehe er das Theater beſuchte, wo Spontini's Veſtalin ihn fuͤr die Langeweile des Tages entſchädigen ſollte. Bald nach ſeinem Eintritte in die Loge erſchien in ihr ein Frauenzimmer in Beglei⸗ tung eines Officiers, deren beiderſeitiger, aben⸗ teuerlicher Anzug ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Der Mann trug eine Zopfperuͤcke, der Schnitt ſeiner Uniform ſchien einem fruͤheren Jahr⸗ hundert anzugehoͤren, und die kleine goldene Schnalle, die die duͤnne, ſchmale, weiße Hals⸗ — 96 — binde befeſtigte, harmonirte mit dieſem. Ob die Dame, die ihn begleitete, jung und ſchoͤn war, konnte Lorenzo nicht entſcheiden, da ſie uͤber den ſchwarzen breitgeraͤnderten und reich⸗ befederten Filzhut, den ſie trug, einen Schleier geworfen hatte, allein das purpurfarbige Ama⸗ zonenkleid, mit goldnen Epauletts und mit glaͤnzenden Stahlknoͤpfen beſetzt, vermochte doch, trotz ſeiner unguͤnſtigen Form, nicht die zart⸗ ſchlanke Geſtalt zu entſtellen, und als ſie jetzt den Schleier zuruͤckwarf, ſah er ein jugendlich bluhendes Geſicht, aus dem ihm mit dem Kinderblicke unſchuldsvoller Froͤhlichkeit ein paar herrliche blaue Augen entgegenleuchteten. Kaum hatten ſie Platz genommen, als ihr Begleiter Lorenzo eine Prieſe Tabak anbot und dadurch eine Unterhaltung anknuͤpfte, die dieſen bald mit dem Namen und dem Stande des Fremden, ſo wie mit der Veranlaſſung ſeiner Anweſenheit in der Reſidenz bekannt machte. Lorenzo erfuhr, daß er Thorwald heiße, und als penſionirter Major auf ſeinem 15 Meilen von der Hauptſtadt gelegenen Gute wohne, das er nur verlaſſen habe, um durch — — muͤndliche Beſprechungen mit ſeinem Gegner einen Prozeß zu beendigen, den er ſchon von ſeinem Vater geerbt habe. Die Tochter, Luiſe, habe er mitgenommen, um ſie die Welt ken⸗ nen zu lehren, da ſie bis jetzt noch nie von dem Gute weggekommen ſey. Lorenzo redete das Fraͤulein an, und freute ſich uͤber die Natuͤrlichkeit ihrer Aeußerungen, ſo wie uͤber die ganze friſche Empfaͤnglichkeit, mit der ſie die neue Welt, die ihr auf den Bretern vor⸗ uͤberzog, auffaßte. In dem letzten Zwiſchen⸗ akte gewahrte der Major plötzich ſeinen Ad⸗ vocaten, den er, erſt gegen Abend in der Stadt angekommen, noch nicht geſprochen hatte; ſogleich griff er nach Hut und Stock, und, ſeine Tochter Lorenzo empfehlend, ent⸗ fernte er ſich mit dem Verſprechen, bald wie⸗ der kommen zu wollen. Lorenzo war ſehr mit dem Auftrage zufrieden, dem Fraͤulein Geſellſchaft leiſten zu ſollen, allein die Oper war geendet und der Major noch nicht zuruͤck gekommen. Logen und Parterre leerten ſich, die Lichter erloſchen allmaͤhlig und er kam nicht; endlich ſollten die Thuͤren des Hauſes 7 geſchloſſen werden, und es blieb dem Frau⸗ lein nichts uͤbrig, als Lorenzo's Anerbieten, ſie nach ihrer Wohnung fuͤhren zu wollen, anzunehmen. Zitternd gab ſie ihm den Arm, allein als ſie jetzt vor der Thuͤre des Schau⸗ ſpielhauſes ſtanden, ſtieg ihre Verlegenheit, da ſie den Namen des Gaſthofes, in dem ſie abgetreten waren, nicht wußte, und nur die Weite des Weges, den ſie von dem Gaſt⸗ hofe bis zum Schauſpielhauſe gemacht zu haben verſicherte, konnte Lorenzd zum Finger⸗ zeig werden. Vergeblich aber fragten ſie in zwei bis drei Gaſthoͤfen an; keine Spur des Majors war aufzufinden, Luiſe weinte bitter⸗ lich, und auch Lorenzo war verlegen, endlich beſchloß er, ſie in einem Gaſthofe zu laſſen, wo er ein Zimmer fuͤr ſie forderte, um den Major allein aufzuſuchen; allein es bedurfte aller Macht ſeiner Ueberredungsgabe, von Luiſen die Einwilligung in dieſen Vorſchlag zu erhalten, es ſchien ihr fuͤrchterlich, in ei⸗ nem fremden Hauſe allein bleiben zu ſollen; ihn kannte ſie, er war ihr nicht fremd mehr, wie ſie ſagte, ihm vertraute ſie, da ihr war, —————— als kenne ſie ihn ſchon ſeit Jahren; ohne ihn ſchreckte ſie alles, was ſie umgab. Nur Lorenzo's Anerbieten, ſie bis zu ſeiner Ruͤckkehr in dem Zimmer einſchließen zu wollen, beſiegte endlich ihren Widerſtand. Waͤhrend ſie nun in toͤdtlicher Angſt einſam auf jeden Laut, jeden Fußtritt horchte, der ihr die Annaͤherung ih⸗ res Vaters verkuͤndigen konnte, war dieſer außer ſich vor Beſorgniß um das geliebte Kind. Er hatte mit dem Advocaten das Schauſpiel verlaſſen, um in einem nahen Kaffeehauſe ungeſtoͤrter mit ihm reden zu koͤnnen, ſich aber ſo in das Geſpraͤch vertieft, daß er die Stunde nicht beachtete, in der die Oper endigt, und als er endlich ſich daran erinnerte, ſchlug er einen unrechten Weg ein, verirrte ſich und kam erſt dann bei Thaliens Tempel an, als dieſer ſchon verſchloſſen im Dunkeln lag. Nun eilte er nach ſeinem Gaſt⸗ hofe, und erſt als er auch dort die Tochter nicht fand, ſiel ihm die Unvorſichtigkeit auf das Herz, ſie in den Haͤnden eines Unbe⸗ kannten gelaſſen zu haben. Er eilte fort, ſie aufzuſuchen, und traf auf Lorenzo, der 7* — 100 — ihn beim Schein der Laterne erkannte und ihn zu der Tochter fuͤhrte, die ihm mit gren⸗ zenloſer Freude in die Arme flog. Der Alte fand den ganzen Vorfall ſehr ſpaßhaft; er ließ einen Wagen kommen, und beſtand dar⸗ auf, daß Lorenzo mit ihnen fuhr, um bei ihm zu eſſen und auf naͤhere Bekanntſchaft manches Glas mit ihm zu leeren. Man trennte ſich erſt ſpaͤt, und am fruͤhen Mor⸗ gen erſchien der Major ſchon vor Lorenzo's Thur, um ihn, an dem er beſonderes Be⸗ hagen fand, zu beſuchen. Ich komme Ihnen doch nicht zu fruͤhe? redete er ihn an, aber wir Landleute ſind nun einmal nicht ſolche Langſchlaͤfer, wie ihr Staͤdter, und obendrein giebts heute gar viel zu thun. Luiſe muß nun anfangen, ſich nach der Mode zu klei⸗ den; bis jetzt trug ſie ſich, mir zu Liebe, ſo wie ihre ſelige Mutter zu gehen pflegte, da es mir wohl that, das Kind ſo gekleidet zu ſehen, um mir einbilden zu koͤnnen, die liebe Selige ſey noch um mich. PHier geht das aber nicht; die Leute wuͤrden wohl gar glauben, der alte Thorwald ſey geizig und wolle bei ſeinem einzigen lieben Kinde knau⸗ ſern mit dem, was jungen Maͤdchen gebuͤhrt, weils ihnen Freude macht. Nein, meine Tochter ſoll alles vollauf bekommen, allein wo kauft man ſolchen Plunder? Sie muͤſſen ſich ihrer nun ſchon dabei annehmen und ihr ausſuchen helfen; bezahlen will ich alles gern, und als Maler verſtehen Sie ſich gewiß darauf, was huͤbſch und kleidlich iſt. Lorenzo meinte, mit ſeiner eignen Einſicht werde er freilich bei dieſer wichtigen Angelegenheit nicht weit reichen, allein er wolle den Major zu einer Putzmacherin fuͤhren, die ihm alles lie⸗ fern koͤnne, was er brauche. Nun ſo ziehen Sie ſich an, ſprach dieſer, ich will mir waͤhrend deſſen Ihre Bilder beſehen. Lorenzo kam bald angekleidet zuruͤck und fand den alten Herrn ganz entzuͤckt von ſeinen Gemaͤl⸗ den. Herr, ſagte er, Sie muͤſſen mir meine Luiſe malen! Es iſt ja wahrhaftig, als ob die huͤbſchen Frauenbilder da lebten und mich alten Ketl ſo freündlich anlachten. Lorenzo verſprach es ihm, und ſie eilten zu Madame Petinet, die, als ſie das Anliegen des Majors erfuhr, * ſich anheiſchig machte, dem Fraͤulein in Zeit von 24 Stunden alles zu liefern, was eine modiſche junge Dame zum Putz und zur Klei⸗ dung beduͤrfe. Lorenzo begleitete von dort den Major nach einem Reſtaurateur, wo ſie fruͤh⸗ ſtuͤckten, und als ſie dann nach des Majors Wohnung zuruͤck kamen, fanden ſie Madame Petinet ſchon in voller Thaͤtigkeit um das Fraͤulein beſchaͤftigt, die viel zu ſchuͤchtern um unter den ihr vorgelegten Herrlichkeiten zu waͤhlen, alles der Entſcheidung dieſer Mode⸗ prieſterin uͤberließ, und von ihr ſchon in ein feines, weißgeſticktes Morgengewand gekleidet worden war, ſo wie ihre Haare auch ſchon in reichen, modiſchen Flechten um die Scheitel des lieblichen Koͤpfchens geſchlungen waren. Die Schoͤnheit des Maͤdchens traf Lorenzo mit wunderbarer Gewalt; ſie wollte bei ſeinem Eintritte erroͤthend entfliehen, weil ſie ſich zu leicht gekleidet glaubte, allein als Madame Petinet und Lorenzo ihr einſtimmig verſicherten, ſie ſey eben ſo reizend als anſtaͤndig gekleidet, blieb ſie gern, und fing nun erſtlich an, ſich in der ihr ungewohnten Tracht zu gefallen. „ ——— —— — 103 — Lorenzö war von dieſem Tage an der tägliche Geſellſchafter des Majors und der Begleiter ſeiner liebreizenden Tochter. Luiſe hatte keine wiſſenſchaftliche Bildung erhalten, aber ihr Geiſt war dabei nicht ungebildet, ihr Gefuhl lauter, ihr Sinn unverſchroben, und die Na⸗ tur hatte ihr die koͤſtlichſte Gabe geſpendet, die ſie einem weiblichen Weſen zu geben ver⸗ mag, Grazie des Anſtandes und des Betra⸗ gens. Ohne je einen Tanzmeiſter gehabt zu haben, war ihr Gang ſchoͤn und ungezwungen und alle ihre Bewegungen leicht und gewandt, da der Vater ſie im Laufen und Ballſchlagen und Ringewerfen ſeit ihrer Kindheit geuͤbt hatte. Ihre Stimme war rein und angenehm, ſie ſang fertig nach Noten, da der Kantor des Dorfes ein gruͤndlicher Muſikverſtaͤndiger war; ſchreiben und rechnen hatte ſie auch von dieſem gelernt. Der Pfarrer hatte ſie in der deutſchen Sprache, in der Geſchichte und Geographie unterrichtet, und der Mangel an Zerſtreuungen und andern Beſchaͤftigungen hatte ihr die hauswirthliche Thaͤtigkeit, zu der ſie angeleitet wurde, zum angenehmen Zeit⸗ vertreib gemacht. Der Vergleich, den der Major mit ſeinem Gegner abzuſchließen wunſch⸗ te, ſchien zu Stande kommen zu wollen, und er bat jetzt Lorenzo, Luiſens Gemaͤlde zu be⸗ ginnen, damit es vor ſeiner Ruͤckreiſe fertig werde. Wer weiß, fuͤgte er hinzu, wie bald ich ſie miſſen muß, und dann wird dies Bild⸗ niß mir ein Troſt ſeyn. Wie, fragte Lorenzo raſch, Sie wollen ſich von Luiſen trennen? — Ich muß wohl, brummte der Major, ſie wird ſich verheirathen, und dann muß ſie ja dem Manne folgen, und der alte Vater bleibt allein. — Luiſe liebt alſo? — Das glaube ich nun eben nicht, erwiederte der Alte, denn bis jetzt hat ſie noch keinen von ihren Braͤu⸗ tigamen geſehen. — Ihre Braͤutigame? wie⸗ derholte Lorenzo, iſt es denn nicht genug an Einen? Hat ſie deren gleich mehrere? — Es waͤre wohl genug an Einem, ſagte der Major ruhig, allein ſie hat die Wahl unter dreien. Jeder, den ſie von dieſen waͤhlt, iſt mir recht; es ſind die Söhne meines liebſten Jugend⸗ freundes; gleich nach meiner Zuhauſekunft werden ſie mich beſuchen, und Luiſe hat dann die Wahl unter ihnen. — Wenn ſie ihr aber mißfallen, fiel Lorenzo haſtig ein, wenn ſie keinen von ihnen ihrer Liebe wurdig fände? — Iſt nicht zu befuͤrchten, antwortete der Major, gefallen werden ſie ihr wohl. Ich kenne ſie freilich ſelbſt nicht, da ich den Vater ſfeit 25 Jahren nicht geſehen habe, allein er war da⸗ mals ein recht huͤbſcher Mann, dabei gut und brav, und ich halte es mit dem Sprichwort: der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme. Auch wuͤrde Luiſe ohne meine Zuſtimmung keinen andern lieben; ich habe es ihr verboten, ſich zu vergaffen, bis ſie die Soöhne meines Freundes geſehen hat, und ſie iſt ein gehor⸗ ſames Kind. Lorenzo ſchwieg, aber jetzt erſt fühlte er, was Luiſe ihm galt, und der Gedanke, daß ſie beſtimmt war, das Eigenthum eines andern zu werden, klͤrte ihn uber ſeine Empfindungen auf. Es war ihm in dieſer Stimmung un⸗ moͤglich, Luiſen zu ſehen; er verließ das Haus, nachdem er dem Major hatte verſprechen muͤſ⸗ ſen, am andern Morgen Luiſens Bild anzu⸗ fangen, und brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Taufend Ideen, tauſend Plane durchkreuzten ſich in ſeinem Kopfe. Als er am Morgen zu Luiſen kam, fand er ſie allein; ihr Vater war ſchon ausgegangen, und ſie empfing ihn mit der Herzlichkeit, die ihrem Betragen gegen ihn einen ſo ſuͤßen, verfuͤhreriſchen Reiz gab. Die Art, wie ſie ſich am erſten Abend ihres Zu⸗ ſammentreffens hatten kennen lernen, war ge⸗ eignet, Luiſen die Scheu zu nehmen, in der ſie ſich von jedem andern jungen Mann fremd und fern gehalten haben wuͤrde. Es war ihr zur ſuͤßen Gewohnheit geworden, Lorenzo taͤg⸗ lich zu ſehen, und in ungetruͤbter Unbefangen⸗ heit, ſorgloſer Unſchuld mit ihm zu Rlaudern, als ſey er der Gefaͤhrte ihrer Kindheit und von jeher der Vertraute ihrer Seele geweſen. Waͤhrend, daß Lorenzo die Staffelei aufſtellte und ſeine Farben ordnete, ſagte ſie ihm laͤ⸗ chelnd: Es iſt eine wunderliche Idee von dem Vater, daß er mich abkonterfeien laſſen will, da ich ja immer lebend bei ihm bin. Er wird Sie aber verlieren, antwortete ihr Lorenzo mit Herzklopfen, ſie werden ſich verheirathen. — Hat der Vater auch mit Ihnen davon geſpro⸗ 107 chen? fragte ſie — das iſt eine Grille von ihm, die mich ganz traurig macht. Er ſagt: ich muͤſſe heirathen, weil ich ſonſt nach ſeinem Tode einſam und verlaſſen in der Welt daſte⸗ hen wuͤrde; allein er iſt ja ſo geſund und wird noch lange leben, und ſollte ich ſo ungluͤcklich ſeyn, ihn zu verlieren, ſo wird Gott mich nicht verlaſſen und ſie auch nicht, lieber Freund, fuhr ſie fort, Lorenzo die Hand reichend; ſeit dem Abend, wo ſie ſich meiner ſo freundlich annahmen, iſt mir, als wuͤrden ſie mich in keiner Noth verlaſſen, als muͤſſen mir von Ihnen Troſt und Rath kommen, ſobald ich deſſen beduͤrfe. Lorenzo druckte ihre Hand mit leidenſchaftlicher Innigkeit an ſeine Lippen, al⸗ lein der Eintritt des Majors kam ſeiner Ant⸗ wort zuvor. Lorenzo begann ſeine Arbeit, die gleich in den erſten Umriſſen eine große Aehn⸗ lichkeit verrieth, und ſich in den folgenden Sitzungen zu einem hoͤchſt gelungenen Kunſt⸗ werke entfaltete. Die oft ſo langweiligen Stun⸗ den der Sitzungen flogen Luiſen und ihm flugelſchnell dahin, und jemehr er die Reinheit ihres Hetzens, die kindliche Frömmigkeit ihres — 108 — Gemuͤthes und die geſunde Klarheit ihres Ver⸗ ſtandes erkannte, deſto tiefer empfand er auch, wie an den Beſitz des holden Maͤdchens das Gluͤck ſeines Lebens gebunden ſey, und doch wagte er nicht zu hoffen, weil er den Major hinlaͤnglich kannte, um zu wiſſen, daß er ein Sklave ſeines einmal gegebenen Wortes ſey. In einer ſeiner Unterhaltungen fragte er nach dem Namen ihres Zukuͤnftigen. Ich weiß ihn ſelbſt nicht, antwortete ſie finſter, das iſt ja eben des Vaters Geheimniß, allein Gott weiß, wie es zugeht, der Gedanke an dieſe Heirath wird mir von Tag zu Tag verhaßter, und mir iſt, als werde ich ungluͤcklich ſeyn, wenn es dazu kommt. Ich habe es auch ſchon dem Vater geſagt, allein dieſer vertröſtet mich da⸗ rauf, daß ich andern Sinnes werden wuͤrde, wenn ich nur erſt die drei jungen Herren haͤtte kennen lernen. Mein Troſt iſt, daß ich ihnen ſicher nicht gefallen werde; ſie kommen aus der großen Welt, wo es ſo viele Mädchen giebt, die weit hubſcher und kluͤger ſind, als ich. Da werden ſie mich denn wohl nicht heirathen wollen, wie ich hoffe! Lorenzo ſeufzte, denn — 109 — dieſe Hoffnung erſchien ihm als die grundlo⸗ ſeſte von allen. Mit Entzuͤcken bemerkte er Luiſens ſtille Neigung fur ihn, allein unwuͤr⸗ dig erſchien es ihm, das Vertrauen des Va⸗ ters in ſeiner Rechtlichkeit, mit der er ihm die Tochter vertraute, zu mißbrauchen, um von dieſer das Geſtändniß einer Liebe zu erhalten, für die ſie nie auf den Segen der väterlichen Einwilligung rechnen durften. Das Bild naͤherte ſich ſeiner Vollendung, und der Major begann ſchon den Tag ſeiner Abreiſe zu beſtimmen. Der Gedanke an dieſe traf Lorenzo und Luiſe gleich ſchmerzlich, und an die Stelle der heitern Vertraulichkeit, mit der ſie ſonſt Stunden wie Minuten verplau⸗ derten, trat jetzt der Ernſt eines wehmuthsvollen Schweigens. Ach, ſagte Lorenzo einſt, bald iſt nun Ihr Bild vollendet, Sie ſcheiden dann, und mir bleibt nichts als der Schmerz einer unvergeßlichen Erinnerung und die Qual des Einſamſeyns im Leben. — Sagen Sie das nicht, antwortete Luiſe, indem ihre ſchoͤnen Augen ſich mit Thränen fullten, Ihnen wird es nicht an Zerſtreuung und Erheiterung feh⸗ len, aber was bleibt mir? ich liebe meinen Vater von ganzem Herzen, aber ich wollte doch, Sie waren bei uns, Sie waͤren mein Bruder! Wie gluͤcklich wuͤrde ich dann ſeyn! — Der Gemahl wird Ihnen bald den fehlen⸗ den Bruder erſetzen, unterbrach Lorenzo ſie düſter. — Nie, mein Freund, antwortete ſie ernſter, als Lorenzo ſie je geſehen hatte, ich werde keinem der drei Broͤder meine Hand rei⸗ chen; ich werde nie heirathen, und wenn ich nun keinen andern waͤhle, liebt mein Vater mich gewiß zu ſehr, um mich zu einer mir verhaßten Verbindung zu zwingen. Ihr Herr Vater, ſagte Lorenzo, wuͤnſcht Sie vermaͤhlt zu ſehen, und unter drei jungen Maͤnnern wird es Ihnen auch nicht ſchwer werden zu waͤhlen. Nicht blos ſchwer, fiel ſie lebhaft ein, ſondern unmöglich. Lorenzo, zu Ihnen hat mein Va⸗ ter ſo viel Vertrauen, werden Sie mein Fuͤr⸗ ſprecher bei ihm, reden Sie ihm zu, mich nicht zu qualen. — Luiſe, rief Lorenzo, hol⸗ des, ſeelenvolles Weſen, warum bin ich nicht an der Stelle eines dieſer wrei gluͤcklichen Bruͤ⸗ der! — Luiſe verhuͤllte ihr Geſicht und ihre — — Thraͤnen — o Luiſe, fuhr er endlich, alles vergeſſend, fort, köͤnnen Sie mich lieben? — Ach, ſeufzte ſie leiſe, ich konnte wohl, aber ich darf ja nicht. — Luiſe, ſagte er, Gott iſt mein Zeuge, ich habe redlich gekaͤmpft um mein Gluͤck dem Willen Ihres Vaters zu un⸗ terwerfen, abet duͤrfen wir von der ſchoͤnſten Hoffnung des Lebens, von der Seligkeit des hoͤchſten Lebensgluckes ſcheiden, ohne wenigſtens einen Verſuch gemacht zu haben, es mit unſ⸗ rer Pflicht in Harmonie zu bringen. Ihr Vater iſt ſo gut, er liebt Sie, er iſt mir ge⸗ wogen, meine Verhaͤltniſſe und mein Stand erlauben mir, um Ihre Hand zu werben, laſ⸗ ſen Sie uns ihm zu Fuͤßen werfen und ihm unſre Liebe entdecken. — Tauſchen Sie ſich mit keiner eitlen Hoffnung, unterbrach ihn Luiſe, mein Vater iſt der Sclave ſeines Wortes, ich muß einen der Soͤhne ſeines Freundes heira⸗ then oder unvermäͤhlt bleiben. — In Lorenzo's Herzen war aber mit Luiſens Geſtaͤndniß ihrer Liebe eine Freudigkeit aufgegangen, deren heller Schein die duͤſtre Hoffnungsloſigkeit ihrer Lage erheiterte. Er ſuchte nach einer Gelegenheit ſich dem Major zu entdecken, allein dieſer war mit den Anſtalten zur Abreiſe zu beſchaͤftigt, als daß es ihm leicht werden konnte, einen gunſtigen Augenblick fuͤr ein Geſtaͤndniß zu finden, das, unguͤtig aufgenommen, ihm viel⸗ leicht das Gluͤck rauben konnte, dieſe letzten Tage des Zuſammenſeyns noch ungeſtoͤrt an Luiſens Seite verleben zu koͤnnen. So kam der Tag der Abreiſe immer naher; am Vor⸗ abend deſſelben ſaßen die drei liebenden Men⸗ ſchen ſchweigend zuſammen, denn auch der Major, der Lorenzo wie ſeinen Sohn liebge⸗ wonnen hatte, empfand das Weh der ihnen bevorſtehenden Trennung. Luiſe vermochte der tiefen, ſchmerzlichen Bewegung ihres Her⸗ zens nicht laͤnger Herr zu bleiben, unwillkuhr⸗ lich btachen ihre Thraͤnen hervor, und ſie floh aus dem Zimmer. Ja, ja, ſagte der alte Major, ihr ernſt nachſehend, Sie werden uns ſehr fehlen, lieber Lorenzo, wenn wir kuͤnftig uns allein gegenuͤber ſitzen, ich hoffe aber, daß eine Entfernung von 15 Meilen Ihnen kein Hinderniß ſeyn wird, oft, recht oft zu uns zu kommen. Ach, Herr Major, hub Lorenzo an, es haͤngt nur von Ihnen ab, mich auf immer in Ihre Naͤhe zu feſſeln. Ich liebe Ihre Tochter, geben Sie mir das Recht, Sie auch als meinen Vater kindlich lieben und ehren zu duͤrfen. Alle Wetter, Herr! fluchte der Major, indem er zornig ſeine Pfeife zu Boden warf, wofuͤr halten Sie mich? Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß mein gegebenes Wort mich bindet? Wer heißt Ihnen, ſich in die Braut eines Andern verlieben. Es thut mir leid um Sie, ich habe Sie lieb, und wer weiß, was ich thaͤte, wenn Warnberg mein Wort nicht haͤtte. — Warnberg heißt Ihr Freund? fiel hier Lorenzo ein, o ich Gluͤck⸗ licher! Lieber, beſter Vater, ich bin Warnbergs Sohn! — Junger Herr! antwortete der Ma⸗ jor ernſt, vergeſſen Sie nicht, was Sie mir ſchuldig ſind. — Die innigſte Verehrung und Liebe, unterbrach ihn Lorenzo, ich heiße wahr⸗ lich Warnberg und bin der juͤngſte Sohn des Oberſten dieſes Namens. Lorenzo nenne ich mich nach einem Verwandten meiner Mutter, bei dem ich mehrere Jahre in Italien verlebt habe, und der von mir die Annahme ſeines 8 — Namens in ſeinem Teſtamente gefordert hatte. Mein Vater lud mich in ſeinem letzten Briefe dringend ein, nach Hauſe zu kommen, wobei er mich aber die nahere Veranlaſſung zu die⸗ ſem Wunſche, eine Verbindung mit Luiſen, kaum ahnen ließ. Ich fand es unterhaltend, als Kuͤnſtler zu reiſen, und mich dadurch in einer Unabhaͤngigkeit von allen burgerlichen Verhaͤltniſſen zu erhalten, die meinem heitern Jugendſinn wohlthat. Wie konnte ich mir aber das Gluͤck traͤumen laſſen, das mir be⸗ ſtimmt war. — Herzensjunge! rief der Major frohlich aus, Du ſollſt mein Schwiegerſohn werden, aber den Spaß, Luiſen ein wenig zu necken, darfſt du mir nicht verderben. Geh in das Nebenzimmer, und komme nicht eher zum Vorſchein, bis ich Dich rufe; Lorenzo ge⸗ horchte. Der Major rief nach Luiſen. Wo iſt Lorenzo? fragte ſie bebend, als ſie ihn beim Eintritt vermißte. Fort, mein Kind, antwortete der Vater froͤhlich; einer Deiner drei Freier iſt angekommen, und zwar der jungſte Sohn meines Freundes. Aus unſter Abreiſe kann nun morgen nichts werden, und — 115 — hoffentlich feiern wir ſtatt deſſen Deine Ver⸗ lobung. So angenehm Luiſen auch der Auf⸗ ſchub der Reiſe war, ſo ſchmerzhaft war ihr die Urſache deſſelben. Der Vater las dies auf ihrem Geſicht, fuhr aber lächelnd fort: ja, ja, mein Töchterchen, mache Dich nur darauf ge⸗ faßt, die Stadt als Braut zu verlaſſen, es wird nun wohl nicht anders werden; Lorenzo iſt ſchon fort, Deinen Braͤutigam zu holen. Nein, lieber Vater, rief ſie aus, das kann, das darf nicht ſeyn. Der Major ſahe ſie er⸗ ſtaunt an. Sie warf ſich in ſeine Arme: guter, lieber Vater, ſtammelte ſie, das Geſicht an ſeine Bruſt verbergend, ich liebe Lorenzo, ich weiß, daß ich ihn nicht lieben darf, aber laſſen Sie mich bei Ihnen bleiben, zwingen Sie mich nicht, einen Gemahl zu nehmen, den ich nie werde lieben koͤnnen. — Iſt es denn aber auch Dein feſter Vorſatz, fragte er ernſt, daß du Lorenzo entſagen willſt? — Und wie koͤnnte es mir einfallen, ihm je ohne Ihre Einwilligung, ohne Ihren Segen meine Hand geben zu wollen? Verdiente ich denn das Gluͤck, einen ſo guten und geliebten Voter 8* — 116 — zu haben? — Nun wohl, mein Kind, ſo be⸗ gnuͤge ich mich damit, Dir den jungen Warn⸗ berg vorzuſtellen, und Dir allein die Ent⸗ ſcheidung Deines Schickſals zu uͤberlaſſen. Hier ſturzte Lorenzo auf den Ruf des Vaters aus dem Nebenzimmer, und ſchloß ſie mit innigem Entzuͤcken an ſein Herz. Der Major trat hinzu und legte ihre Hand in die ſeine. Biſt Du nun glͤcklich, Luiſe? fragte er die geliebte Tochter mit naſſem Auge. — Luiſe vermochte kaum, ihr Gluͤck zu faſſen. Lorenzo war ihr von Vaterhand gegeben, ihre Liebe vom Vaterſegen geheiligt, und uͤberſelig ſank ſie mit dem Geliebten zu des Majors Fuͤßen, der weihend ſeine Haͤnde auf Beider Haupt legte, und den Abend ſeines Lebens ungetrubt, ein Zeuge des Gluͤckes der geliebten Kinder, in ihrer Mitte, von bluͤhenden Enkeln umge⸗ ben, beſchloß. Karoline. Adelin r Erzaͤhlung von Fanny Tarnow. Ich war das einzige Kind einer edlen, unaus⸗ ſprechlich liebevollen Mutter, die, nachdem ſie im dritten Jahr einer glucklichen Ehe, ihren Gatten verloren hatte, mir allein den ganzen Reichthum ihres Herzens zuwandte. Ihr Ein⸗ kommen war auf eine kleine Penſion beſchraͤnkt, die nur duͤrftig zu unſerm Lebensunterhalte und zur Bezahlung der Lehrer hinreichte, die ſie mir hielt und deren Unterricht ich ſo gut benutzte, daß meine Mutter in meinem funf⸗ zehnten Jahr meine Erziehung fur vollendet hielt. Vorzuglich hatte ich ſeit meiner Kind⸗ heit ein ausgezeichnetes Talent fuͤr Malerei gezeigt und mir alle erſinnliche Muͤhe gegeben, dieß Talent auszubilden, da ich darin das Nittel ſah, meiner Mutter kuͤnftig manche Sorge zu erſpaten und fuͤr ihre Bequemlichkeit und die Annehmlichkeit ihrer ſpaͤtern Lebenstage ſorgen zu koͤnnen. Alle Wuͤnſche meines Ehr⸗ — 120 — geizes, alle meine Traͤume von Gluͤck, waren nur der Erreichung dieſes Ziels geweiht, ich konnte mir keine hoͤhere und ſuͤßere Wonne denken, als das Bewußtſeyn, ſie durch mich uber ihre und meine Zukunft beruhigt zu wiſ⸗ ſen. Oft ſah ich, wie ihr Auge, wenn es auf mir ruhte, ſich mit Thränen fuͤllte; ſie war ſehr kraͤnklich und der Gedanke, mich nach ih⸗ rem Tode ganz huͤlflos, ganz verlaſſen zu wiſ⸗ ſen, verduͤſterte ihr Leben. — Doch ich war noch zu jung, um meine Hoffnungen ſchon verwirklicht ſehen zu koͤnnen. Meine Mutter beſaß einige Freunde, die ihr, trotz ihrer Armuth, treu geblieben waren, und die oft den Abend bei uns zubrachten. All⸗ maͤhlig fingen ſie an, mich nicht mehr wie ein Kind zu behandeln, ſie lobten meine Schön⸗ heit, meine Talente, meinen Anſtand und freu⸗ dig ſah ich dann das Auge meiner Mutter ſtrahlen; ſie noͤthigte mich, ihnen meine Zeich⸗ nungen, meine Gemaͤlde vorzulegen; ſie bewun⸗ derten die Schnelligkeit meiner Fortſchritte, ſie prophezeiheten mir den glaͤnzendſten Erfolg und mein Herz ſchlug dann raſcher und die Freude, — — — — die meine Wange roͤthete, war keine Aufwal⸗ lung der Eitelkeit, ſie war Liebe, leidenſchaft⸗ liche Liebe zu der beſten, zaͤrtlichſten Mutter. Ich hatte eben meinen ſechzehnten Geburts⸗ tag gefeiert, als ich meine Mutter eines Ta⸗ ges, da ich in ihr Zimmer trat, ſehr bewegt und in Thraͤnen fand. „Um Gotteswillen, was fehlt Dir, mein Muͤtterchen?“ rief ich, in⸗ dem ich mich in ihre Arme warf. — Ich darf es Dir nicht ſagen, mein liebes, theures Kind, antwortete ſie, indem ſie mich feſt an ihr Herz druͤckte, und, mir die Locken aus dem Geſicht ſtreichend, mich mit einem ſo zaͤrtlich⸗traurigen Blick anſah, daß ich weinen mußte, ohne zu wiſſen warum. Wie koͤnnte ich, fuhr ſie fort, ein ſolches Opfer von Dir fordern! wie mich entſchließen, es von Dir anzunehmen. „Von welchem Opfer redeſt Du,“ fragte ich laͤchelnd, waͤhrend noch die Thraͤnen uͤber meine Wangen rollten, „es giebt keins, was ich Dir nicht mit Freuden bringen wuͤrde.“ — „Ich weiß es,“ ſetzte ſie hinzu, aber die Sache iſt ernſter als Du glaubſt und meine Thranen haben Dir ſchon den tiefen, ſchmerz⸗ — lichen Eindruck verrathen, den ſie auf mich macht. Herr von Solm hat eben bei mir ſchriftlich um Dich angehalten. Du kennſt ihn, da er in dieſen letzten Wochen einige Mal bei uns geweſen iſt — er iſt ſchon ein bejahrter Mann, der noch dazu um Bieles aͤlter aus⸗ ſieht, als er wirklich iſt; und Du biſt noch ſo jung, ſo bluͤhend jung. Sie hielt hier inne und ſah mich mit einem unausſprechlichen Blick an. Ich war vor Erſtaunen und Ueberraſchung unbeweglich. Noch nie war mir ein Gedanke an Brautſtand und Heirath eingefallen; mit andern jungen Maͤdchen meines Alters hatte ich keinen Umgang, Romane hatte ich nie ge⸗ leſen, in dem Kreiſe unſrer Hausfreunde ka⸗ men keine Herzensangelegenheiten zur Sprache, und ſo war mir der Gedanke, mich verhei⸗ rathen zu ſollen, ſo neu, daß ich ihn nicht zu faſſen vermochte. Meine Mutter fuhr fort: „Herr von Solm iſt unermeßlich veich, und in dieſer Hinſicht iſt dieſer An⸗ trag viel glaͤnzender als ich ihn je erwarten konnte; ich glaube ſelbſt, daß er Dich glucklich — — — machen wuͤrde, denn wer, meine Adeline, koͤnnte Dich kennen und Dir Liebe verſagen? Aber „Wie kannſt Du Dich da nur bedenken, liebſte Mutter,“ fiel ich hier raſch ein, „r iſt reich und das genuͤgt mir. Laß ihn nur kommen, ich will gleich ja ſagen, gleich im Augenblick! Herzensmutter, welch ein Gluͤck muß es ſeyn, reich, recht reich zu ſeyn! Wie will ich Dich pflegen! Lieben kann ich Dich freilich nicht mehr als jetzt, aber Du ſollſt dann einmal gute, herrliche Tage haben. Und wie ausgelaſſen ſprang ich im Zim⸗ mer umher und ſang hell und laut: „ich be⸗ komme einen reichen Mann, ich werde eine reiche Frau!“ „Komm, liebe Adeline,“ rief meine Mut⸗ ter, „ſetze Dich neben mir nieder und hoͤre mich aufmerkſam an. Herr von Solm iſt freilich reich, ſehr reich, aber liebes Kind, dieſe Verbindung entſcheidet uͤber Dein ganzes Le⸗ ben. Wirſt Du Seelenſtarke genug beſitzen, Dich in die Launen, in die Eigenheiten eines Mannes zu fuͤgen, den Du bei der Verſchie⸗ heit eures Alters, nur als Freund wirſt lieben und achten koͤnnen?“ „Hat er auch Kutſche und Pferde, liebſte Mutter?“ 3 „Ja, mein Kind, aber es kommt jetzt darauf an —“ „Wenn ich eine Equipage bekomme, und viel Geld, und wenn Du, liebſte Mutter, bei mir bleibſt, ſo iſt Herr von Solm ganz ein Mann nach meinem Wunſch. Ich bin ihm ſchon herzlich gut, weil er auf den huͤbſchen Einfall gekommen iſt, mich heirathen zu wol⸗ len. Sein Reichthum ſichert mir die Mittel, Dein Alter zu erheitern und Dir meine dank⸗ bare Liebe beweiſen zu koͤnnen und glaube mir, ich werde nie in einer Lage ungluͤcklich ſeyn, der ich die Erfullung dieſes meines liebſten, meines einzigen Wunſches verdanke.“ Der ganze Tag verging uns in Geſpraͤ⸗ chen uͤber dieſe wichtige Angelegenheit; meine Mutter gab endlich auf mein vieles Bitten ihre Einwilligung und Herr von Solm erhielt das Jawort. Meine Mutter konnte mich nicht ohne Bangigkeit die Gattin eines 50 jahrigen Mannes werden ſehen, deſſen Charakter ſie nicht genau kannte, und deſſen Liebe zu mir vielleicht nicht geeignet war, das Gluͤck eines jungen, bluͤhenden, talentvollen Maͤdchens zu begruͤnden; wenn ſie aber unſre Duͤrftigkeit erwog, und die Beſorgniſſe, die ihre Kraͤnk⸗ lichkeit in ihr erweckte, ſo glaubte ſie auch wieder keinen Anſtand nehmen zu duͤrfen, mir eine eben ſo anſtaͤndige als glaͤnzende Ver⸗ ſorgung zu ſichern. Auch war es eine Be⸗ dingung meiner Einwilligung, daß ſie bei mir wohnen und mich nicht verlaſſen ſollte. Herr von Solm war einer der reichſten Banquiers in Wien; er fuͤhrte mich als ſeine Gattin in den von ihm bewohnten Pallaſt ein und uͤberhaͤufte mich mit den glaͤnzendſten Gaben des Lurus und der Pracht. Bald galt ich nun fuͤr ein Muſter der Eleganz und der Grazie; ich wurde die geprieſenſte Schoͤn⸗ heit, die gefeierteſte aller Frauen im Umkreis der großen Kaiſerſtadt, und meine Tage ent⸗ flohen in einem Rauſch des Vergnuͤgens, der es mir unmoͤglich machte, meine Lage nach ihrem wahren Gehalt zu wuͤrdigen. Mein — — Mann liebte mich, aber ich ſah ihn nur ſelten, da ihn ſeine Geſchäfte den großten Theil des Tages von mir entfernt hielten; auch war ich ſo mit Freuden umgeben, daß ich nie das Beduͤrfniß empfand, ihn zu ſehen. Doch ver⸗ nachlaſſigte ich, trotz aller Zerſtreuungen, die ſich mir boten, die Ausbildung meiner Talente nicht. Ich brachte die Morgenſtunden jedes Tages in dem Zimmer meiner Mutter zu und erzaͤhlte ihr da, waͤhrend des Malens, von dem Beifall und den Auszeichnungen, die mir zu Theil wurden. Sie war glucklich — war ich es aber auch? — Ich glaubte es we⸗ nigſtens zu ſeyn und das genuͤgte mir. Auf jedem meiner Schritte ſah ich mich von Men⸗ ſchen umgeben, die alles an mir bewunderten, ſelbſt meine Fehler. Ein heitres Laͤcheln ſchwebte ſtets um meine Lippen, meine Au⸗ gen ſtrahlten Frohſinn und Freude, ich war wie berauſcht von Gluͤck und Wonne. Die Zukunft lag in dem reizendſten Roſenlicht vor mir — ich ahnete keinen Schmerz, ich begriff nicht, wie er ſich mir nahen koͤnne. — So ungetrubt entflohen vier Jahre. Meine einzige Freundin, meine erſte, einzige Liebe blieb ausſchließend meine Mutter. Ihre Ge⸗ ſundheit hatte ſich mehr und mehr gebeſſert, ich glaubte ſie von der Krankheit befreit, die fruͤher ihrem Leben Gefahr gedroht hatte, aber die Stimmung meines Mannes wurde erſt ungleich, dann truͤbe, ja finſter. Er, den ich in der erſten Zeit meiner Verheirathung faſt nur bei Tiſche geſehen hatte, brachte jetzt ganze Tage in meinem Zimmer zu; ſeine Ge⸗ genwart wurde mir bei allem was ich that, hinderlich und ich fuͤhlte nun, daß ich vielleicht ſehr ungluͤcklich werden konne. Eines Abends hatte ich mich eben ſehr ſchoͤn zu einem großen Feſte angeputzt, zu dem ich geladen war, und wollte mir nach dem letzten Blick in den Spiegel, meine Hand⸗ ſchuhe anziehen, als mein Mann in das Zim⸗ mer trat. Er ſahe ſo finſter, ſo verſtoͤrt aus, daß er mich erſchreckte; ſchweigend warf er ſich in einen Lehnſeſſel und ſah mich mit einem ſo traurigen Blick an, daß ich mich davon tief ergriffen fuͤhlte, doch wagte ich es nicht, ihn anzureden — er verſank in duͤſtres Sin⸗ nen; plotzlich ſprang er auf und ging in ſicht⸗ licher Erſchuͤtterung mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. „Ich bin fertig, mein Lieber,“ ſagte ich ihm endlich leiſe und zagend, „wollen wir fahren?“ Er blieb vor mir ſtehen und ſah mich an, als habe er nicht verſtanden, was ich ſagte. „Haſt du vergeſſen,“ fuhr ich fort, „daß wir zu dieſem Abend beim Grafen R. verſprochen ſind, der heut ſeinen großen, lang beſprochenen Vall giebt?“ „Ein Ball?“ wiederholte er; „ich zu einem Feſte gehen? Mich ſchaudert vor dem Gedanken daran!“ Mich ergriff die Ahnung irgend eines ungluͤcks; ich wollte es ergrunden und doch verbloͤdete ich vor der Bewegung, in der ich meinen Mann ſah, und wagte es nicht mit ihm zu reden. Zitternd lehnte ich mich an den Ofen und erwartete mit niedergeſchlagenen Augen, daß er wieder das Wort nehmen wuͤrde. „Du willſt alſo zum Ball gehen?“ ſagte er endlich, „aber Du mußt allein fah⸗ ren, ich kann Dich nicht begleiten; Du be⸗ greiſſt, daß ich Dich nicht begleiten kann,“ 6 — 129 — ſetzte er hinzu und faßte meinen Arm mit ei⸗ nem ſo gewaltigen Druck, daß es mich ſchmerzte. Seine Blicke hatten etwas ſo Un⸗ ſtaͤtes, er war leichenblaß — er maß mich von oben bis unten mit einem furchtbaren Blick. „Fort mit dieſen Juwelen,“ rief er gebietend, „fort mit ihnen, ich mag ſie nicht ſehen! Und welch ein prachtvoller Anzug! Biſt Du übermuͤthig geworden, Adeline, daß Du es Fuͤrſtinnen gleich thun willſt?“ „Ach nein!“ fluſterte ich leiſe. „Zieh Dich gleich um, ich will durchaus nicht, daß Du in dieſem reichen Anzuge er⸗ ſcheinen ſollſt.“ Seine Bewegung wurde immer ſichtlicher und der Schrecken daruͤber gab mir eine Art von Muth, ich warf mich in ſeine Arme, und ihn zaͤrtlich umfaſſend, bat ich ihn, mir ſein Herz zu oͤffnen. „Rede, mein Freund,“ ſagte ich ihm, „was fehlt Dir? Was beaͤngſtigt Dich ſo? Bin ich etwa die Urſache Deines Kummers? Sprich nur, gewiß, ich will alles thun, was Du wuͤnſcheſt, das ich thun ſoll, nur befreie mich von dieſer Angſt um Dich.“ 9 — 130 — Weinend barg ich hier mein Geſicht auf ſeiner Schulter, er druckte mich innig an ſeine Bruſt. „Weine nicht, meine Adeline,“ ſagte er mir, „alle meine Kraft, alle meine Faſ⸗ ſung verlaͤßt mich bei dem Anblick Deiner Thraͤnen. Nie haſt Du mir Kummer, nie Verdruß gem cht erſt ſeit dem Tage, wo Du mein wurdeſt, habe ich das Gluͤck kennen gelernt. Sage mir, mein ſuͤßes, holdes Kind, daß auch ich Dich nicht ungluͤcklich gemacht habe, und mein Herz wird leichter ſchlagen.“ Ich konnte vor Schluchzen nicht ant⸗ worten, aber ich umfaßte ihn feſter. „Dank Dir, meine Adeline, fur dieſe Verſicherung; Dank auch fuͤr alles, was du mir geweſen biſt. Nie, nie werde ich die gluͤcklichen Tage vergeſſen, die ich mit Dir verlebt habe — ihr Andenken wird mir noch in meiner Todes⸗ ſtunde heilig ſeyn.“ — Hier fullten ſich ſeine Augen mit Thraͤnen. „Großer Gott!“ rief ich, indem ich in ſeinen Blicken die Antwort zu leſen ſtrebte, „was bedeuten dieſe Worte! Was iſt vorge⸗ gangen? Was ſteht mir bevor?“ Hier nahmen ſeine Zuͤge den gewohnten, kalten, ſtrengen Ausdruck wieder an; er ſtieß mich von ſich: „Frage nicht,“ ſagte er, 5. habe vielen Ver⸗ druß, vielen Kummer —“ Soll ich ihn denn nicht mit Dir theilen?“ „Du? — Vergiß nicht, daß Dein ſchuld⸗ loſer Frohſinn mir allein den Muth erhaͤlt, das Leben zu ertragen. Ich wuͤrde erliegen, wenn ich Dich betruͤbt und ungluͤcklich ſehen muͤßte. Doch nichts mehr uͤber dieſen Punct. Laß mich, Liebe, ich will allein ſeyn und be⸗ ſtehe darauf, daß Du zu Graf R. fahren ſollſt.“ Ich mußte gehorchen; aber ich zog mich um und erſchien nun in einem hoͤchſt einfachen Anzuge vor meinem Manne, um von ihm Abſchied zu nehmen. Er umarmte mich ſehr zartlich und eilte mir, als ich wegging, nach, um mich noch einmal an ſein Herz zu druͤcken. Dieß alles war ſo ungewoͤhnlich, daß ich mich unbeſchreiblich dadurch ergriffen fuͤhlte. Nie war irgend ein Weſen weniger dazu geſtimmt, an dem Glanze eines Feſtes Freude zu finden, als ich an dieſem Abend; ich konnte nur an meinen Mann denken, aber ich vermochte mit 9* — durchaus ſeine Worte und ſein Betragen nicht zu deuten. Ich ſah mich, wie gewohnich gleich bei meinem Eintritt von einem großen Kreis meiner Bewunderer umgeben; die Einfachheit meines Anzuges wurde bemerkt und von den anweſenden Frauen der eitlen Begierde zuge⸗ ſchrieben, mich dadurch vor allen Andern aus⸗ zuzeichnen. Ich war blaß, bewegt, ich ſprach viel, ich lachte, doch ploͤtzlich verſtummte ich und fuͤhlte mich von unuͤberwindlicher Trau⸗ rigkeit befangen. Alle meine Bekannten be⸗ merkten dieſe Ungleichheit in meinem Betra⸗ gen und ich hoͤrte eine Dame in meiner Naͤhe einem jungen Manne zufluͤſtern: „Schade um ſie! ſie faͤngt an coquett zu werden!“ — „Ja,“ antwortete er; „aber eben das macht ſie hinreiſſender, denn je.“ — So galt ich gerade in dem Augenblick fuͤr eitel und er⸗ oberungsſuͤchtig, wo mein armes Herz faſt unter dem ihm neuen Druck der Angſt und der Sorge brach. um Mitternacht konnte ich nicht mehr in der Geſellſchaft ausdauern, ich fuhr zu Hauſe 6 — 133 — und mein erſtes Wort, als ich dort ankam, war eine Frage nach meinem Mann. — Er „ſt noch nicht zu Hauſe, gnaͤdige Frau,“ war die Antwort. Ich zog mich aus, aber ich beſchloß auf zu bleiben und ihn zu erwarlen. Zu meiner Mutter wollte ich nicht gehen, es wuͤrde ſie beunruhigt haben und wozu konnte es mir nuͤtzen? Ich beſaß den Muth, meinen Kummer allein tragen zu wollen. Bis um 2 Uhr wartete ich auf meinen Mann; da hoͤrte ich klingeln und eilte auf den Gang hinaus, der zu ſeinem Zimmer fuͤhrte. „Biſt du endlich wieder da, mein Lieber!“ rief ich. — „Wie, gnaͤdige Frau, Sie ſind noch nicht zu Bette?“ antwortete mir eine Stimme, die nicht die Stimme meines Mannes, ſondern die ſeines erſten Buchhalters war. An allen Gliedern zitternd ergriff ich ſeine Hand und fuͤhrte ihn in mein Zimmer. Hier drang ich in ihn, mir zu ſa⸗ gen, was im Hauſe vorgehe, da ich uͤberzeugt ſey, daß man irgend ein Ungluͤck vor mir zu verbergen ſuche. — Der brave Mann wollte antworten, aber er konnte nicht — mehrere ℳ — 134 — Nale offnete er den Mund, doch das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen. Endlich zog er einen Brief meines Mannes aus der Taſche, er war an mich uͤberſchrieben und folgende Worte: „Das Ungluck hat mich verfolgt — mein gan⸗ zes Vermoͤgen iſt verloren; mein Name entehrt — ich muß mich entfernen und nie wird mir wieder das Gluͤck werden, Dich zu ſehen. Wie ſchrecklich es fuͤr mich iſt, Dich dem Elend, dem Mangel preis gege⸗ ben zu wiſſen, ſpricht kein Wort aus; Dein Herz erraͤth alles, was ich leide. Bitte deine Mutter, mir nicht zu fluchen — ich bin nur ungluͤcklich, aber nicht ſtrafbar! — Gott rette, Gott ſchuͤtze Dich!“ Ich glaubte zu ſterben, nachdem ich die⸗ ſen unglͤcklichen Brief geleſen hatte. Was wird aus meiner Mutter werden! war mein erſter Gedanke. Meine Lage kam mir ſo ſchrecklich, ſo entſetzlich vor, daß ich die ganze Nacht wie außer mir weinte und ſſchluchzte. Der gute Fuchs verließ mich nicht, er ver⸗ es, mich zu troſten, aber welchen Troſt — — 135 — kann man da gewaͤhreu, wo es keine Ret⸗ tungsmittel giebt? Von ihm erfuhr ich, daß der Fall einiger großen Handlungshaͤuſer in England meinen Mann ins Verderben ge⸗ ſtuͤrzt habe. Einige Zeit hoffte er noch, ſich retten zu können; doch als er ſeinen Sturz für unvermeidlich hielt, verlor er den Muth und entſchloß ſich zur Flucht. — Ich fuhlte, wie ſchwer es ihm geworden ſeyn wuͤrde, ſein graues Haupt unter der Schmach des Ban⸗ kerottes zu beugen und vor denen zu erro⸗ then, die bis jetzt die Zeugen ſeines Glanzes geweſen waren, aber was ſollte aus mir nun werden? Gegen Morgen bot ich alles auf, um mich zu faſſen, da mir das ſchwere Geſchaͤft oblag, meine Mutter von unſerm Ungluͤck zu unterrichten. Ich haͤndigte Fuchs alles ein, was ich an Koſtbarkeiten beſaß, da ich feſt entſchloſſen war, mir auf Koſten der Glaͤu⸗ biger meines Mannes, nichts von ſeinen ſchenken zuzueignen und trug ihm auf, i einer entlegenen Vorſtadt eine kleine fur uns zu miethen. Dann ging ich zu mei⸗ „ ner Mutter, ich fand ſie matter und leiden⸗ der als gewoͤhnlich und ließ mir lange von ihrem Unwohlſeyn erzaͤhlen. „Welch eine Laſt wuͤrde das Leben fur mich ſeyn,“ ſagte ſie, „wenn Du, meine Adeline, es mir nicht ſo theuer machteſt. Ohne Dich moͤchte ich keinen Augenblick leben, aber wenn ich Dich ſo froͤh⸗ lich, ſo gluͤcklich ſehe, danke ich Gott fuͤr jeden Tag, den er mir ſchenket, um Zeuge Deines Gluͤcks zu ſeyn.“ — Ich umarmte ſie ſchweigend, es war mir unmoͤglich, ein Wort hervorzubringen. — „Du ſiehſt heut angegriffen aus, mein Kind,“ fuhr ſie fort, „wenn Dir nur das viele Tanzen nicht ſcha⸗ det. Wahrhaftig man koͤnnte usen daß du geweint haͤtteſt.“ 3 Sie ſah mich zaͤrtlich befragt an. „Lie⸗ be Mutter,“ ſagte ich, denn ich fuͤhlte, daß ich meine Thraͤnen nicht laͤnger zuruckzu⸗ drängen vermochte, „ich habe auch dieſe Nacht viel Kummer empfunden und ſie ſchlaflos durchweint.“ — „Du weinſt ja noch,“ ſag⸗ te ſie lebhaft bewegt, „was fehlt Dir, mein Herzenskind? Was haſt Du fuͤr Kummer?“ „Ach, wo ſoll ich Worte finden, Dir zu ſagen, was Du doch hoͤren mußt? Mein Mann iſt entflohen, und wir ſind — rui⸗ nijt. hie Ich zerfloß in Thraͤnen, allein meine Mutter erlaubte ſich keine Klages ſie ſah nur mich, ſie empfand nur meine Betrübniß, und mich in die Arme nehmend, fuͤhlte ich mein Geſicht von ihren Thraͤnen naß werden. Das Gefuͤhl, von ihr ſo einzig, ſo unausſprechlich geliebt zu ſeyn, erhob meinen Muth, und ich beſchloß, mein Ungluͤck wurdiger noch zu tra⸗ gen, als ich vielleicht das Gluͤck ertragen hatte. Wir beſprachen uns nun uͤber den Plan zu unſerm kuͤnftigen Leben. Fuchs verſchaffte uns in der Vorſtadt, in dem Hauſe einer reichen, verwittweten Dame, eine kleine, aber bequeme und heitre Wohnung. Wir waren ihre einzigen Miethsleute, und jetzt gerade wie⸗ der ſo reich oder ſo arm, als vor meiner Ver⸗ heirathung; aber ich hatte im Malen ſolche Fortſchritte gemacht, daß ich mein Talent zu Verbeſſerung unſrer Lage benutzen zu können hoffen durfte; allein man gewoͤhnt ſich ſo * — —————— — 138 — ſchnell an den Beſitz und Genuß des Reich⸗ thums, daß man bald im Beſitz all der Be⸗ quemlichkeiten, die er gewaͤhrt, geboren zu ſeyn glaubt; wird man dann wieder arm, ſo empfindet man allenthalben Mangel und Ent⸗ behrung, und vermißt das als Nothdurft, was man fruͤher Ueberfluß genannt haben wuͤrde. Fuͤr mich perſoͤnlich leiſtete ich willig auf Vieles Verzicht, aber ich konnte es nicht ertragen, daß meiner betagten, kranken Mutter die Veraͤnderung unſter Lage fuͤhlbar wer⸗ den ſollte. Mit ſchwerem Herzen verließ ich den Pallaſt, in dem ich ſo gluͤckliche Tage verlebt hatte, doch als ich nun in unſter neuen Woh⸗ nung meine Mutter weich gebettet hatte, und mich dann auf einen einfachen Strohſtuhl nie⸗ derſetzte, athmete ich viel freier, als ich es zu hoffen gewagt hatte. Mein Bett ſtand in einem kleinen, an das Zimmer meiner Mutter ſtoßenden Kabinet, und das eigentliche Wohn⸗ zimmer richtete ich fuͤr mich zum Attelier ein. Nach einigen Wochen waren wir ziemlich eingewohnt; ich hatte angefangen einige Da⸗ — — menportraits zu malen und war mit dieſer Beſchaftigung und den Ausſichten, die ſie mir eroffnete, recht zufrieden, als man eines Mor⸗ gens, zu einer ungewoͤhnlich fruͤhen Stunde klingelte. Ich oͤffnete, und vor mir ſtand ein junger Mann, den meine Mutter mit Freuden⸗ thraͤnen als ihren Bruder Waldemar umarmte. Ich habe dieſen Onkel noch nicht erwaͤhnt. Er war zwolf Jahr juͤnger als ſie, und ſchon in ſeinem 15ten Jahre nach Amerika gegan⸗ gen, um dort, wie er und ſeine Eltern hofften, ſein Gluͤck zu machen. Er ſchrieb ſelten, vielleicht alle 1 — 2 Jahre einmal, aber aus allen ſeinen Briefen ſprach die innig⸗ ſte, treueſte Liebe fuͤr meine Mutter, die ſeine einzige Schweſter und von ſeinen nahen Ver⸗ wandten nur noch allein am Leben war. Sie rechnete nicht darauf, ihn noch auf die⸗ ſer Welt wieder zu ſehen, ſo oft er ihr auch ſeine Ruͤckkehr nach Europa verheißen hatte, und ſagte mir oft, daß ihrem Gluck nichts mehr fehlen wuͤrde, wenn es ihr beſchieden waͤre, ihn noch einmal zu umarmen, und — — 140 — ſich in ihrer letzten Stunde von und Tochter umgeben zu ſehen. 5 Seine Ankunft uͤberraſchte uns viher auf das Freudigſte. Meine Mutter war un⸗ ausſprechlich geruhrt; ſie fuhlte ſich dem Tode nahe und ſah in ihm die Stuͤtze und den Verſorger ihrer Tochter, ich in ihm einen zu⸗ verlaͤſfigen, treuen Freund und Berather. Aber doch konnte ich meine Freude nur em⸗ finden, nicht ausſprechen; er war mein Onkel, aber es machte mich verlegen, mich von ei⸗ nem freinden jungen Mann ſo zärtlich und traulich umarmt zu ſehen. Ich hatte mir den Onkel immer alt gedacht, war es nun meine Schuld, daß er ſo ganz anders aus⸗ ſah, wie ich ihn mir gedacht hatte? Unſete Wohnung war zu klein, um ihn zu beherbergen, allein zum Gluͤck fand ſich noch in unſerm Hauſe ein fuͤr ihn paßliches Zimmer. Einige Tage vergingen nun ſchnell unter Erzahlung ſeiner Reiſen und ſeiner Lebensbegegniſſe, und ich begann mich an den Onkel zu gewoͤhnen. Ich wurde von Tag zu Tag heiterer, und wuͤnſchte mir zu dieſer . — — Veraͤnderung meiner Stimmung, deren ſich meine Mutter herzlich freuete, Gluͤck. Jetzt erfuhr er auch unſere Schickſale und die trau⸗ rige Lage, in der wir uns befanden; mit niedergeſchlagenen Augen und düſtrer Miene hörte er dieſe Erzaͤhlung an; ich ſah, daß er unſern Schmerz mitempfand, unſte Leiden theilte, und fuͤhlte mich getroſtet. Einige Tage ſpaͤter forderte er von mir Fuchſens Adreſſe; „ich kann es nicht ertragen,“ ſagte er mir, indem er mich umarmte, „Deine Au⸗ gen in Thraͤnen zu ſehen und ich hoffe, Dir bald beweiſen zu können, daß meine Liebe und meine Sorge fuͤr Euer Gluͤck mehr als Worte ſind. Nun ſahen wir ihn eine Zeitlang nur ſelten; er brachte ganze Tage außer dem Hauſe zu und wir waren wieder eben ſo ein⸗ ſam und allein, als vor ſeiner Ankunft. Es ſchmerzte mich; man gewöhnt ſich ſo leicht an den ſtillen Reiz eines traulichen Zuſam⸗ menlebens mit theuren Menſchen, daß einem bald wird, als haͤtte man ſein ganzes Leben = — mit ihnen verlebt und daß jede Entbehrung ihres Umgangs hoͤchſt peinlich empfunden wird. Eines Tages kam er aber ungewoͤhnlich heiter zum Nittagseſſen nach Hauſe. Er um⸗ armte meine Mutter und mich, er ſang, er tanzte im Zimmer umher und ich, die ich nie jemand lachen ſehen konnte, ohne mit zu la⸗ chen, wurde bald eben ſo luſtig als er. Mei⸗ ne Mutter ſchalt uns beide thoͤrigt und doch mußte auch ſie laͤcheln. Nach Tiſche ſchloß uns mein Onkel in ſeine Armez „ich habe Dir, liebſte Schweſter,“ ſagte er, „und auch Dir, kleine Nichte, eine gute Nachricht mit⸗ zutheilen; es iſt mir gelungen, mit Solm's Glaubigern einen Akkord abzuſchließen; jetzt 1 ſteht der Ruͤckkehr Deines Mannes nichts im Wege, er hat ſein Vermoͤgen verloren, aber 1 ſeine Ehre und ſein guter Name ſind gerettet. 1 Ich weinte ſehr heftig, daß ich ihm nicht zu danken vermochte, „Du weinſt, Adeline?“ ftagte er — „dieſe Thraͤnen ſchmerzen nicht,“ antwortete ich und barg mein Geſicht auf ſeine Schulter. Von Fuchs erfuhr ich, daß mein groß⸗ muͤthiger Onkel einen nicht unbetraͤchtlichen Theil ſeines Vermoͤgens aufgeopfert hatte, um den guten Namen meines Mannes zu retten und ihm die zu ſeiner Ruͤckkehr erforderliche Sicherheit von ſeinen Glaͤubigern zu erkaufen. Als ich hoͤrte, wie viel ich ihm zu verdanken hatte, als ich die Seelengröße und den Edel⸗ muth des ſeltenen Mannes ganz begreifen lern⸗ te, empfand ich fur ihn eine grenzenloſe Ver⸗ ehrung und Bewunderung. Er wurde der Inhalt aller meiner Gedanken; ich fuhlte mich von einem nie empfundenen Eifer beſeelt, mich ſeiner wuͤrdig zeigen zu wollen und es war auch, als ob alle meine Talente, alle Faͤhig⸗ keiten meiner Seele und meines Geiſtes ſich unter einem hoͤheren Einfluß entwickelten; ich war ihm mit ſolcher Begeiſterung, ſolcher in⸗ nigen Zaͤrtlichkeit ergeben, daß es mich ſchon begluͤckte, wenn ich ihn nur ſehen konnte. Sprach er, ſo lauſchte meine ganze Seele ſei⸗ nen Worten; mein Gedaͤchtniß bewahrte jeden Ton, jeden Blick, jede Miene, und mich duͤnkte immer, das Leben reiche nicht hin, um mir — 144 — den Zauber ſeiner Naͤhe und ſeiner Unterhal⸗ tung ganz anzueignen. Wir lebten ſehr einſam und nur die Be⸗ ſitzerin des Hauſes, in dem wir wohnten, Frau von Loͤwenberg, beſuchte uns zuweilen mit ihrer Tochter, wir erwiederten dieſe Be⸗ ſuche, aber unſer Umgang mit ihr blieb im⸗ mer in den Grenzen einer oberflaͤchlichen Be⸗ kanntſchaft. Auch empfand ich nie das Be⸗ duͤrfniß in Geſellſchaft zu gehen; das Zu⸗ ſammenleben mit meiner Mutter und meinem Onkel ließ mir nichts zu wuͤnſchen uͤbrig; ich haͤtte allein mit ihnen und fuͤr ſie leben moͤgen. Unſere Tage floſſen ruhig und hei⸗ ter, ſtill dahin — ſie glichen einem Traum wonnevollen Friedens! — Mein Onkel ver⸗ ließ uns beinah nicht; er ſaß bei mir, wenn ich arbeitete, er mochte ſo gern mit mir re⸗ den — meine ganze Seele lag offen vor ihm da; ich hatte ihm durchaus nichts zu ver⸗ hehlen, keinen Gedanken, keine Empfindung! — War er aber einmal einen Tag abwe⸗ ſend, ſo war ich wie umgewandelt; alles war mir langweilig, keine Arbeit gelang mir, ich „ ſah alles im truben Licht und konnte mich dann kaum des Weinens enthalten. Doch ſo wie er zuruͤckkam, lachte mich alles wieder an; ich erzaͤhlte ihm alles, was ich in ſeiner Abweſen⸗ heit gethan hatte und wie lang mir die Zeit geworden war. Seine Augen blickten mich dann ſo innig, ſo zartlich an; er druͤckte mich geruͤhrt an ſeine Bruſt, doch oft lachte er mich auch aus und bewieß mir, daß er nur zwei oder drei Stunden entfernt geweſen ſey. Es wurde mir ſchwer, dieß zu glauben, aber ge⸗ nug, er war wieder da und ich begluckt ihn wieder zu ſehen. Bald wurde ich gewahr, daß ich durchaus an nichts mehr, als an ihn denken konnte, und daß ſeine Gegenwart nie empfundene Gefuhle in meiner Bruſt weckte. Ich mußte mir ge⸗ ſtehen, daß ich ihn liebte und daß dieſe Liebe eben ſo hoffnungslos, als fuͤr mich, die Gat⸗ tin eines Andern, ſtrafbar war. Nichts war mir auch wichtiger, als das Geheimniß dieſer Liebe vor jedem menſchlichen Auge, und vor⸗ zuglich vor Waldemar ſelbſt, zu verbergen, ich fuhlte, die Entdeckung meiner Schwaͤche werde — 146 — mir ſeine Achtung rauben, ich fuͤhlte, ich durfe ihn nicht lieben, aber ich liebte und konnte nicht anders, ich mußte lieben. — Die Ver⸗ anderung meiner Stimmung entging ihm und meiner Mutter nicht; ich war noch immer ſanft und gefaͤllig, aber ich war nicht mehr heiter und verſank oft ſtundenlang in wehmuͤ⸗ thige Traͤumereien und in Gruͤbeleien uͤber meine Empfindungen und mein Schickſal. Mein Onkel blieb ſich in ſeinem Betragen gegen mich gleich, immer gleich freundlich, gleich nachſich⸗ tig, aber ſo oft mein Blick dem ſeinigen be⸗ gegnete, erroͤthete ich; ich furchtete den Ein⸗ druck ſeiner Blicke auf mich und verurtheilte mich dazu, ihn nicht mehr anzuſehen, um nicht mehr jenes Erbeben in meinem Herzen zu em⸗ pfinden, daß ich, ſo oft er mich anſah, em⸗ pfand und das eben ſo ſuͤße war, als es mir ſtrafbar erſchien. Ich mied ihn dann, ich ſprach nicht mit ihm, und er, voll Erſtaunen uͤber eine ihm unbegreifliche Umwandlung meiner Stimmung und meines Betragens, beſtuͤrmte mich mit Fragen und warf es mir lͤchelnd vor, daß ich —- — gar nicht mehr ſo gegen ihn ſey, wie ehemals, und daher auch gar nicht mehr ſo liebenswuͤr⸗ dig. Er hatte Recht; aber wie grauſam war dieſer Vorwurf aus ſeinem Munde! In andern Augenblicken kam mir ſein Betragen, ſein Blick zu zärtlich, zu liebevoll, fuͤr bloße Freund⸗ ſchaft vor, ich berauſchte mich dann in dem Wonnegefuͤhl der Ahnung geliebt zu ſeyn. Dann erhielt alles um mich her einen feſtlichen Anſtrich, ich liebte alles, was ich ſah, ein ein⸗ ziges Wort von ihm reichte zu dem Zauber dieſer Umwandlung hin, und oft, wenn ich am Morgen bittre Thraͤnen weinte, ſchwamm ich am Abend im Entzuͤcken. Dieſer unauf⸗ hoͤrliche Wechſel ſtreitender Empfindungen zer⸗ ſtoͤrte meine Geſundheit; ich fuͤhlte ſie hin⸗ ſchwinden und nie war mir der Gedanke ſie⸗ ber, als in den Augenblicken, wo die reinſte, die innigſte Liebe meine ganze Seele erfullte. Ich waͤre damals gern, ſehr gern geſtorben. Mein Onkel ſagte eines Morgens, wo ich noch matter und trauriger als gewoͤhnlich war, daß Frau von Lowenberg ihn eingeladen habe, einige Tage auf dem Landgute zuzubringen, 10 * — 148 — das ſie in der Entfernung einiger Meilen von Wien beſaß und daß er dieſe Einladung ange⸗ nommen habe. Er ſah mich bei dieſen Worten an; mein Herz war beklemmt, ich fuhlte, daß mir die Thraͤnen in die Augen ſtiegen; aber ich wollte mich muthig zeigen und bot alles auf, meinen Kummer zu verbergen. „Du wrillſt uns alſo verlaſſen, Waldemar?“ fragte meine Mutter. „Ja, auf einige Tage, antwortete er läͤchelnd, indem er meine Hand ergriff, „und wenn Du, liebe Adeline, es mir erlaubſt.“ „Und wer koͤnnte Ihnen verwehren, ganz nach Ihrer Neigung zu verreiſen, ſo lange und ſo oft es Ihnen beliebt?“ ſagte ich ſehr trocken, indem ich ihm raſch meine Hand ent⸗ zog; „ich doch wahrlich nicht. Zu welcher Stunde fahren Sie?“ S 46 „Heute noch, gleich;“ antwortete er und ſtand auf, „ich ſehe, daß meine Abweſenheit hier eben nicht ſehr bedauert werden wird und das troſtet mich.“ Er griff hier nach ſeinem Hut, umarmte meine Mutter zum Abſchied, und ſagte mir im Weggehen ein gleichguͤltiges: „Adieu, Adeline.“ — 149 — „Werden Sie an uns ſchreiben?“ fragte ich ſo leiſe, daß ich noch nicht begreife, wie er es hoͤren und verſtehen konnte. „Vielleicht!“ antwortete er und fort war er. Mir war, als ſcheide mit ihm Muth, Hoff⸗ nung und Leben — ich fuͤhlte mich allein, von ihm verlaſſen — alles ſchien mir geſagt, alles entſchieden zu ſeyn. Haͤtte er, wenn er mich liebte, ſo von mir ſcheiden koͤnnen? Nein, er liebte mich als Freund, als Verwandter; aber nie hatte er mehr als Freundſchaft fuͤr mich empfunden, und meine Liebe ahnete er nicht, wollte er nicht. — Dieſer Gedanke brach mein Herz. — Richts vermochte mich der finſtern Schwer⸗ muth zu entreißen, in die ich nach ſeiner Ab⸗ reiſe verſank. Meine Mutter, in deren be⸗ truͤbten Blicken ich las, was ſie von meinem Zuſtand dachte, unternahm es auch nicht, mich troͤſten zu wollen; alles war mir zuwider, alles reizte mich zum Unmuth und zur Unge⸗ duld auf; mir war nur in der Einſamkeit meines Zimmers wohl; da konnte ich unge⸗ ſtoͤrt weinen und die ganze Bitterkeit meines — 150 — Schickſals, die ganze Unendlichkeit meiner Liebe durchempfinden, mich ihr hingeben, mich ganz in ſie verſenken. Das Fieber, das heimlich in meinen Adern gluhete, erhielt mich aufrecht, aber ich hatte ſchon ſeit zu lange und zu tief gelitten, um nicht endlich zu erliegen. — WMeine Mutter begann ſehr ernſtlich be⸗ ſorgt zu werden; ſie verließ mich nicht, ich ſah ihre Thraͤnen, aber ſie ruͤhrten mich nicht mehr, Waldemars Name allein haͤtte mich neu zu beleben vermocht, doch ſie nannte ihn nicht. Wir erhielten keinen Brief, allein meine Mut⸗ ter ſchrieb an ihn und hatte ihn wahrſcheinlich ihre Beſorgniß um mich anvertraut, denn kaum war ihr Brief in ſeinen Haͤnden, als er ſich in den Wagen warf, und nach Ver⸗ lauf weniger Stunden ſah ich ihn bei uns eintreten. Er mußte mich ſehr veraͤndert finden; denn ich ſah ihn erblaſſen, als er ſich mir nahte, ſeine Hand zitterte, als er mit ſanftem Druck die meine faßte, unſte Blicke begegne⸗ ten ſich, ſeine ganze Seele lag in ſeinem Auge. Ich fuͤhlte, wie ſich alles Leben in —— — 151 — mir zu meinem Herzen draͤngte — ach, in dieſem Augenblicke begriff ich das Daſeyn des Gluͤcks! Waldemars Sorgfalt fuͤr mich, ſeine zartliche Pflege erhielt mein Leben. Die Ge⸗ wißheit, geliebt zu ſeyn, war fuͤr mein Herz ein ſchmerzſtillender Balſam und bald konnte ich mich meinen gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen wieder hingeben. Eines Abends ſaßen wir ſehr traulich beiſammen; ich zeichnete, mein Onkel las uns vor, als ich ihn mit bewegter Stimme bat, das Buch wegzulegen. Er ſah mich feſt an. „Ich moͤchte gern mit Fuchs ſprechen,“ ſagte ich ihm, „und bitte Sie, ihm morgen zu ſa⸗ gen, daß er zu mir komme. — „Was ſoll er?“ fragte er. — „Das Ausbleiben allor Nachrichten von meinem Mann beunruhigt mich; Sie haben ihm geſchrieben, daß alle Gefahr fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit beſeitigt iſt; auch ich habe ihn ſchon einigemal ſchrift⸗ lich gebeten, zu uns zuruͤckzukommen, aber wir haben noch keine Antwort erhalten; ich wuͤnſchte deshalb mit Fuchs zu ſprechen.“ — 152 — „Nun, und wenn Du nun Nachricht von ihm erhielteſt,“ fuhr mein Onkel auf, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, und er koͤnnte ſich nicht zur Ruckkehr entſchließen, ſo wurde es Dir doch wohl nicht einfallen, Deine Mutter verlaſſen zu wollen, um zu ihm zu reiſen?“ „Meine Mutter wuͤrde ich nicht vernſen,“ fagte ich leiſe und furchtſam, „aber zu ihm reiſen muß ich, ſobald er es wuͤnſcht.“ „Wirklich,“ antwortete er mit einem Ton, der die Anſtrengung verrieth, mit der er ſei⸗ nen Unmuth bekaͤmpfte, „Du wuͤrdeſt alſo unverzuglich bereit ſeyn, alles zu verlaſſen, um wieder mit einem Menſchen vereinigt zu leben, der Dir nur Kummer und Verdruß gemacht hat? Ich finde eben nicht, daß er ein ſolches Opfer um Dich verdient hat — oder empſindeſt Du es gar nicht, was er Dir geraubt hat? Mit Glanz und Prunk hat er Dich umgeben, er hat mit Deiner Schoͤnheit, Deinem Liebreiz, Deiner Tugend geprahlt, aber er hat Dir das Gluͤck geraubt, das Weib eines von Dir geliebten Mannes werden zu — 153 — können, und doch willſt Du ihm alles opfern, Dein Vaterland, Deine Freunde, alles? — Adeline, bin ich Dir denn gar nichts? Wuͤrde es Dir ſo leicht werden, Dich von mir los⸗ zureißen? Ich waͤre dazu nicht faͤhig, Adeline, keine Macht in der Welt koͤnnte mich bewegen, mich freiwillig von Dir zu trennen. Er warf ſich in die Ecke des Sophas und verbarg das Geſicht mit ſeinen Haͤnden; plotzlich ſprang er auf, und mit einem Ton, der nie wieder in meinem Herzen verhallt iſt, ſagte er mir gute Nacht und ging. Wie glücklich war ich dieſen Abend! Mir war, als koͤnne ſich mir nie ein Schmerz, ein Ungluͤck nahen! Ich fand ihn am andern Morgen ſtiller als gewoͤhnlich, aber unbeſchreiblich zaͤrtlich; er ſagte, Fuchs ſey auf dem Lande und er wolle am Abend zu ihm hinausfahren, um ihn von meinem Wunſche zu benachrichtigen, doch hoffe er nur einen Tag wegzubleiben. Diesmal ſah ich ihn ohne Thraͤnen ſcheiden. Ich fuͤhlte mich von neuem Muthe beſeelt; ich arbeitete wieder mit Luſt und Freude, ich — 154 — war heitern Sinnes, ich ſang vor meiner Staffelei und meine Mutter konnte nicht muͤde werden, mich zu loben und zu liebkoſen. Ein junger Offizier, Herr von Leiſt, ein weitlaͤuftiger Verwandter der Frau von Löwen⸗ berg, ließ ſich an dieſem Tage durch ſie, bei uns einfuͤhrenʒ er wuͤnſchte von mir gemalt zu werden. In jedem andern Augenblicke wuͤrde ich gefuchtet haben, meinem Onkel dadurch zu mißfallen, daß ich das Portrait eines jun⸗ gen Mannes, vorzuglich das eines Offiziers, zu malen uͤbernahm, aber an dieſem Tage war ich ſo hoffnungstrunken, ſo glucklich berauſcht, daß ich hieran gar nicht dachte. Ich fand den jungen Mann ſehr hoͤflich, ſehr wohlgeſittet und nahm mit ihm die Abrede, daß er mir am folgenden Morgen zum erſtenmale ſitzen ſolle. Seit lange war ich nicht ſo heiter, ſo liebenswurdig geweſen, Herr von Leiſt ſchien von mir bezaubert zu ſeyn und verfehlte nicht, ſich zur beſtimmten Stunde einzuſtellen. Doch er fand nicht das Weſen wieder, das er am vorigen Tage verlaſſen hatte; meine Frohlichkeit war entflohen, der Onkel war noch nicht wie⸗ der zu Hauſe, ich konnte mir ſein Ausbleiben nicht erklaͤren und wartete von Augenblick zu Augenblick mit immer ſchmerzlicherer Span⸗ nung auf ihn. Meine Bewegung, meine Unruhe mußten wohl ſehr ſichtlich ſeyn, denn meine Mutter verließ mich nicht und der junge Offizier ſah mich mit Augen an, in denen ich nur zu deutlich Antheil und Neugierde las. Ich mußte mich aber doch zuſammennehmen, und das Bild anfangen; allein, ich begreife noch nicht, wie ich in dieſer dreiſtündigen Sitzung auch nur einen Zug zu entwerfen vermochte; meine Gedanken waren abweſend, mein Herz ſchlug bei dem kleinſten Geraͤuſch; unzaͤhligemal glaubte ich, es klingle draußen, und doch, trotz aller dieſer Stoͤrungen, wurde das Bild zum Sprechen aͤhnlich, zur großen Freude des jungen Mannes, dem viel daran gelegen zu ſein ſchien. Aber von welcher Laſt fuhlte ich mich erleichtert, als er endlich ging. Doch ach, Waldemar kam noch immer nicht! Auch meine Mutter ſing an, durch ſein Ausbleiben beſorgt zu werden und wir brach⸗ ten einen ſehr traurigen Abend mit einander zu. Die Nacht war fuͤr mich ſchlaflos. Ich dachte uͤber meine Lage nach und fand, daß ſie furchtbar war. Ich glaubte mich von mei⸗ nem Onkel verrathen, glaubte mich verachtet, und daß er, um mich zu ſchonen, mich auf immer verlaſſen habe, und daß ich ihn nie wieder ſehen werde. Gott! wie unausſprechlich leidet man, wenn man liebt und ſich nicht geliebt weiß, wenn die ganze Schwere unſers Vergehens auf uns laſtet und man doch eben ſo wenig den Muth hat, ſeine Liebe bekäm⸗ pfen zu wollen, als den, auf Gluͤck zu hoffen. Als ich am Morgen erwachte, hoͤrte ich in meinem Attelier laut und heftig ſprechen; ich ſtand ſchnell auf, denn an den ſchnellen Schlägen meines Hetzens verrieth ich, daß mein Onkel zuruͤckgekommen war, und daß er mit meiner Mutter redete. Leiſe naͤherte ich mich der Thuͤre und hoͤrte nun, daß er ihr ſehr heftige Vorwuͤrfe machte. „Es iſt un⸗ glaublich,“ ſagte er, „ich bin kaum zwei Tage abweſend geweſen, und auch ſchon lange ge⸗ nug, um Euch zu ſo unverzeihlichen Unbeſon⸗ nenheiten verleitet zu finden. Schickt es ſich — 157 — denn, daß Adeline junge Maͤnner malt? Iſt es nicht Deine Pflicht, ſie vor allen Gelegen⸗ heiten zu huͤten, die in ihrem Herzen Gefuhle erwecken vermoͤgen, die ſie nur ungluͤcklich machen koͤnnen! Hier trat ich ein und trotz aller meiner in dieſer Nacht gefaßten Entſchlie⸗ ßungen, warf ich mich in ſeine Arme und auch er druͤckte mich mit inniger Zaͤrtlichkeit an ſeine Bruſt. Nach dieſer erſten Aufwallung der Freude, ihn, den ich fuͤr immer entfernt waͤhnte, wieder zu ſehen, fragte ich nach der Urſache ſeiner verlaͤngerten Abweſenheit. Meine Mutter verließ uns, um das Fruͤhſtuͤck zu be⸗ reiten, und er fragte mich, ohne mir zu ant⸗ worten, mit ſtrenger Miene, was das fur ein junger Mann ſey, deſſen Bild ich angefangen habe. — „Ich kenne ihn gar nicht,“ antwor⸗ tete ich mit einem leichten Anflug von Ver⸗ legenheit, „aber Frau von Lowenberg hat ihn mir empfohlen, und da er mir feingeſittet er⸗ ſchien, glaubte ich ihm ſein Geſuch nicht ab⸗ ſchlagen zu duͤrfen.“ „Ich habe Dir nie verboten Maͤnner zu malen, fing er wieder an, „weil ich glaubte Dein eignes Zartgefuͤhl werde Dich davon ab⸗ halten; ich habe mich aber geirrt, und muß Dir nun ſagen, daß ſich eine Frau, und ſey ſie noch ſo edel, noch ſo fleckenlos, doch nie dem Tadel der Welt ausſetzen darf, die nur zu geneigt iſt, den Schein fuͤr Wirklichkeit zu nehmen. Ich glaube gerne, daß dieſer junge Mann ſo iſt, als Du ihn ſchilderſt — empfin⸗ deſt Du aber doch nicht eine gewiſſe Scheu, ganze Stunden lang die Zuge ſeines Geſichts zu ſtudiren? Werden dieſe Sitzungen nicht unausbleiblich eine Art von gefaͤhrlicher Ver⸗ traulichkeit zwiſchen Euch herbeifuͤhren? Wird er es bei Vorzeigung des Bildes unterlaſſen, die Kuͤnſtlerin zu ruͤhmen, die es gemalt hat? Dann werden die Maͤnner haufenweiſe in Dein Attelier ſtroͤmen und Deine Beſcheidenheit wird Dich ſo wenig als Deine Sittſamkeit vor den nachtheiligen Folgen dieſer erſten Unbedacht⸗ ſamkeit ſchutzen. Ich ſage dieß alles nur um Deinetwillen, meine Adeline,“ fuhr er fort, indem er mich ſanft mit einem Arm umſchlang, ich wuͤrde troſtlos ſeyn, wenn der leiſeſte Hauch der Verlumdung Deinen Ruf befleckte. Ich — 159 — liebe Dich wie der zärtlichſte Vater, wie der treueſte, innigſte Freund — mein Mund darf nicht ausſprechen, was ich empfinde, aber mei⸗ ne ganze Seele iſt Dein. — Laß mich nie wieder den Schmerz empfinden, meine Adeline, der mein Herz verwundete, als ich dies erblickte.“ Ich wagte es hier, meine Augen zu ihm zu erheben und fand die Seinen mit einer le'⸗ denſchaftlichen Zaͤrtlichkeit auf mich geheftet, daß ich mich unwillkuͤhrlich aus ſeinen Armen wand und weinend auf einen Stuhl fank. „Du biſt boͤſe, Adeline,“ ſagte er laͤchelnd, „Du willſt mir das Bild. des ſchoͤnen jungen Mannes nicht aufopfern? — Statt der Ant⸗ wort ergriff ich einen Pinſel und uͤbetſtrich das Bild des huͤbſchen Officiers mit ſo dicken ſchwarzen Pinſelſtrichen, daß bald kein Zug deſſelben ſichtbar blieb. Meine Mutter erhielt den Auftrag, Herrn von Leiſt zu verabſchie⸗ den, welches dieſer ſehr unmuthig aufnahm. Frau von Loͤwenberg machte meine Mutter nach einiger Zeit darauf aufmerkſam, daß ich mich hierbei leichtſinnig gezeigt habe. — 160 — „Wer weiß,“ ſagte ſie, „was dies Betragen noch fuͤr Folgen nach ſich ziehen kann. Frau von Solm hat die Eitelkeit dieſes jungen Mannes hart verletzt, indem ſie ihn ohne alle Schonung und Ruͤckſicht verabſchiedete; er wird ſich vielleicht raͤchen wollen und ſie kann dieſen unuͤberlegten Schritt irgend ein⸗ mal ſchwer buͤßen muͤſſen. Ich lachte uͤber ihre Warnung und that Unrecht daran, denn gewiß, ich hätte ſein Bild nie anfangen muͤſſen, oder ich haͤtte es, einmal angefan⸗ gen, auch beenden muͤſſen. Doch wie ſchwer bin ich auch dafuͤr ſpäterhin beſtraft worden. Mein Onkel machte mich nun auch mit dem Erfolg ſeines Beſuchs bei Fuchs be⸗ kannt. Dieſer hatte kuͤrzlich einen Brief von dem Correſpondenten bekommen, bei dem mein Mann in Hamburg gewohnt hatte, denn nach dieſer Stadt hatte er ſich bege⸗ ben, als er Wien verließ. Dieſer ſchrieb ihm aber, daß Herr von Solm ſchleunig abge⸗ reiſt ſey, ohne ihm zu entdecken, wohin er gehe. Mein Mann hatte unſere Briefe alſo nicht mehr erhalten und der Correſpondent — 161 — ſchickte ſie uns uneroͤffnet zurück. Ich weinte ſehr, als ich dieſe neue Flucht erfuhr. Mein Onkel ſah meine Thraͤnen fließen, doch ſtatt mir ein Wort des Troſtes zu ſagen, ſah ich, daß ihn mein Kummer unmuthig machte. „Fuchs,“ ſagte er mir, „wird auf meine Veran⸗ ſtaltung ſelbſt nach Hamburg gehen, um dort Solms Spur aufzuſuchen und iſt entſchloſſen, nicht eher wieder zuruͤckzukommen, bis er ihn gefunden hat.“ — Er ſprach dieſe Worte ſo hart, ſo rauh, daß ich verſtummte; aber ohne ſelbſt zu wiſſen: warum, that mir ſein Unmuth wohl. Ich druͤckte ihm die Hand. „Sie ſind doch immer derſelbe,“ ſagte ich ihm, „immer gleich gut, gleich zartſinnig und großmuthig.“ — „Ja,“ antwortete er bewegt, „aber Du haſt geweint.“ Er verließ hier ſchnell des Amnet Es war ungerecht von ihm, meine Thraͤnen zu tadeln; meine Theilnahme an Solms Schick⸗ ſal, meine Angſt um ihn, war Pflicht, aber mein Herz errieth das Gefuͤhl, was Wal⸗ demar ungerecht und wußte es Dank. 11 — 162 — Mein Onkel ſchlug mir vor, ihn zu ma⸗ lenz dies war ſeit lange mein Wunſch, aber doch weigerte ich mich und erinnerte ihn la⸗ chend an die Gefahren, mit denen er mich bedroht habe, wenn ich einen jungen huͤbſchen Mann malen wuͤrde — er verhieß aber ſcher⸗ zend, daß er bei ſich ſelber die Burgſchaft fur jede Gefahr ubernehmen wolle, und ſo gab ich ſeinen Bitten nach. — Bedarf es noch geſagt zu werden, daß mir dieß Bild uͤber alle meine Erwartung gelang und alles uͤbertraf, was ich bis jetzt als Kuͤnſtlerin geleiſtet hatte? Dies Bild entſchied das Schickſal meines Lebens, denn waͤhrend der dazu erforderlichen Sitzun⸗ gen erhielt ich die Gewißheit, geliebt zu ſeyn. Mein Onkel geſtand es mir nicht, aber ohne alle Worte begrundete ſich ein Einverſtaͤndniß unſrer Herzen, das mich unnennbar beſeligte. Jede Furcht vor der Zukunft, jede Beſorgniß, jede Angſt ſchwand aus meiner Seele und ich glaube, daß nur wenig Menſchen Tage voll ſo reiner, ungetruͤbter Wonne verleben, als ich damals. Waldemar war ſo zaͤrtlich gegen mich, ich fuͤhlte es ſo unwiderſprechlich, daß — 163 — ich geliebt wurde und dieſe Liebe fuͤllte mein ganzes Daſeyn ſo aus, daß kein Gedanke an meine ungluͤcklichen Berhältniſe in mir auf⸗ kommen konnte. Dieſe Wortloſigkeit unſerer Liebe war der gefaͤhrliche Schleier, der ihre Strafbarkeit und ihre Hoffnungsloſigkeit ver⸗ huͤllte. In der Fuͤlle dieſer Seligkeit machte der Schmerz ſein Recht auf jedes Menſchenleben furchtbar geltend. Meine Mutter wurde krank, gefaͤhrlich krank. Lange verhehlte ſie uns ihren Zuſtand; ſie ſah uns ſo heiter, ſo glůcklich, daß ſie alle Kraft aufbot, die Todesmattig⸗ keit zu verhehlen, die von Tag zu Tag ſchwe⸗ rer auf ihr laſtete. Ein auszehrendes Uebel hatte ſeit lange langſam ihre Kraft erſchoͤpft und jetzt blieb uns bald keine Hoffnung mehr, 3 ſie zu retten. Sie ſchmachtete langſam unter grauſamen Schmerzen dahin, keine Arznei vermochte ihr Linderung zu gewaͤhren; dieſe fand ſie allein in meiner und Waldemars Gegenwart und Pflege. Nie entſchluͤpfte ihr ein Laut der Klage uͤber ihre Leiden; ſie beklagte nur uns 11* und wir vergaßen fuͤr den Augenblick unſere Liebe und empfanden nur die Groͤße des uns drohenden Verluſtes. Waren wir einen Au⸗ genblick allein, ſo war es nur, um mit ein⸗ ander zu weinen. Schluchzend warf ich mich in ſeine Arme und ſeine Thraͤnen zeugten mehr als Worte es zu thun vermocht haͤtten, von ſeiner Verzweiflung. Dann eilten wir zu unſter geliebten Kranken zuruͤck, unſte Lippen bemuͤhten ſich zu laͤcheln, unſre Faſſung be⸗ ruhigte ſie, und nur wenn ſie ſchlief gaben wir uns den Ausbruͤchen des Schmerzes hin, den wir in ihrer Gegenwart, mit der pein⸗ lichſten Anſtrengung, zu unterdruͤcken ſuchten. Ich bot alles nur Erſinnliche auf, um meine NMutter zu zerſtreuen; bis zu dieſem Zeitpunkt hatten wir Frau v. Löwenberg nur ſelten ge⸗ ſehen, doch jetzt nahm ſie ſich unſter ſehr freundlich an. Agathe, ihre einzige Tochter, kam täglich zu uns, und ich benutzte ihre Anweſenheit, um einige Augenblicke zu ruhen, was mir noth that, da ich jede Nacht bei meiner Mutter wachte. Dieſe gewann Agathe lieb, und das junge Maͤdchen pflegte ſie mit einer Zärtlichkeit, die ſie bald zu einem Mit⸗ glied unſter Familie machte. Ach, das Un⸗ gluͤck macht uns das Beduͤrfniß ſo fühlbar, einen Anhalt zu haben und Freunde zu be⸗ ſitzen, die ſich unſrer annehmen! Wir alle liebten Agathe von ganzem Her⸗ zen und bald brachte ſie faſt den ganzen Tag bei uns zu. Ihre Mutter uberhaͤufte uns mit Gefaͤlligkeiten, die wir dankbar erkannten; aber der Zuſtand meiner Mutter verſchlimmerte ſich von Tag zu Tag, alles Irdiſche verlor fuͤr ſie ſeinen Reiz, nur ihre Liebe fur mich blieb bis zum letzten Athemzuge gleich innig, gleich ſeelenvoll. Sie lachelte mir zu, ſo oft ich an ihr Bett trat, ſie verleugnete mir ihre Schmerzen, aber ich errieth ſie, und es brach mein Herz, ſie leidend und ſterbend zu ſehen. Sie wich in unſern Geſpraͤchen jeder Hin⸗ deutung auf unſere baldige Trennung aus, ſie lobte mich, ſie ermunterte mich zur Aus⸗ bildung meiner Talente, aber ſie konnte es nicht ertragen, mich weinen zu ſehen. Sie lebte nur noch, um mich anzublicken, mich zu lieben, und mir zu beweiſen, daß der Beſitz einer ſolchen Mutter das Hochſte aller Erden⸗ guͤter iſt, und daß nichts, durchaus nichts unſerm Herzen ihren Verluſt zu erſetzen ver⸗ mag. Nein, kein Schmerz iſt dem Gefiht zu vergleichen, mit dem wir ein ſo unausſprech⸗ lich geliebtes Weſen unter unſern Augen von Tag zu Tag hinſterben ſehen! Jede Lieb⸗ koſung ſcheint uns die letzte zu ſeyn, die wir erhalten werden — wir laͤcheln ihnen zu, waͤh⸗ rend Thraͤnen des Jammers und der Ver⸗ zweifluug unſer Auge verdunkeln und unbe⸗ greiflich iſt die Kraft, mit der wir es vermoͤ⸗ gen, ihm den tiefen Gram, die herzzerreißende Angſt unſrer Seele zu verbergen. Die Liebe allein vermag dieſe Kraft zu ſie allein ſie zu geben. Schon ſeit einigen Tagen und Nichten hatte ich kein Auge mehr geſchloſſen, ich war blaß und zum Umſinken erſchoͤpft, mein Onkel trug mich nach dem Sopha in meinem Kabi⸗ net und beſtand darauf, daß ich mich aus⸗ ruhen ſolle, da er und die gute Agathe beide da wären, um bei meiner Mutter zu wachen. — 167 — Unwillkuhrlich ſchloſſen ſich meine Augen, furchtbare Traume aͤngſtigten mich, ich fuhr aus ihnen auf — Waldemar kniete vor mir und hielt mich umſchlungen, Agathe druckte weinend meine Haͤnde, ich ahnete meinen Ver⸗ luſt und ſank ohnmaͤchtig zuruͤck. Mein Jammer war unausſprechlich; er drohete meinem Leben Gefahr, doch die Liebe hielt mich am Rande des Grabes zuruͤck, um mich in den Abgrund eines noch herbern Un⸗ gluͤckes, eines noch hoffnungsloſern Wehes zu ſtoßen. Waldemar beſchwor mich zu leben, er theilte meinen Schmerz, er weinte mit mir und machte es mir dadurch möglich, ohne meine Mutter leben zu koͤnnen. Ein Viertel Jahr verfloß „ohne daß i5 es uͤber mich zu gewinnen vermochte, an ir⸗ gend etwas Theil zu nehmen, was um mich vorging. Meine Heiterkeit, die Jugendlichkeit meines Sinnes und meines Weſens war da⸗ hin; meine tiefe Schwermuth vermehrte den Antheil, den meine Freunde an mir nahmen. Waldemar betete mich an, und Frau v. Lo⸗ wenberg und ihre Tochter boten alles auf, — 168 — mich zu erheitern; ich wurde wie das Kind des Hauſes behandelt, man entriß mich mei⸗ ner geliebten Einſamkeit und zwang mich, in dem geſelligen Kreiſe meiner beiden Freun⸗ dinnen zu erſcheinen. Doch fuͤhlte ich mich eigentlich nie zu Frau v. Löwenberg hingezo⸗ gen, ſie war mir zu kalt, zu abgemeſſen, ihr fehlte jene Freimuͤthigkeit, jene Offenheit, die Vertrauen einfloͤßt, ohne es zu fordern. Sie war eine Frau von ungefaͤhr 50 Jah⸗ ren, deren ſtolze Haltung und ſehr geſuchter Anzug von den Anſpruͤchen zeugte, die ſie machte. Agathe war gut und ſchoͤn; ſie war 21 Jahr alt, doch ſchien ihre Mutter noch keineswegs geneigt, ſie verheirathen zu wollen. Auch war Agathens Erziehung, in Hinſicht auf Talente und geiſtige Bildung etwas ver⸗ nachlaͤſſigt; ein guter Engel hatte ſie aber vor allem Einfluß bewahrt, der ihrer Herzensgute und ihrer Einfachheit haͤtte nachtheilig werden koͤnnen. Mein Onkel zwang mich oft, bei Frau von Loͤwenberg zu erſcheinen, und vor⸗ zuͤglich am Dienſtag, welcher ihr beſtimmter Geſellſchaftstag war. Mir machten die Ge⸗ — — fellſchaften kein Vergnugen; ich war dann noch trauriger als gewoͤhnlich, und weit entfernt, an dem Antheil zu nehmen, was um mich vorging, fand ich die Unterhaltung ſo nichtig, ſo fade, daß ich mich in dieſem Kreiſe, wie zu mir fremden Weſen verbannt, einſam fuͤhlte. Bei meiner erſten Erſcheinung erregte ich ollgemeines Aufſehen; man fand mich ſchon, meine Traurigkeit erweckte Theilnahme, man beklagte mein Ungloͤck, aber man begann ſehr bald, ſich uͤber die Liebe zu meinem Onkel luſtig zu machen; denn dieſe Liebe, die ich ſo ſorg⸗ fältig zu verbergen bemuͤhte, wurde doch vor iedem verrathen, der mich mit ihm zuſammen⸗ ſah. Es entging mit nicht, daß man darüber ßprach und ſcherzte, und in dieſen Verſamm⸗ lungen zwang Waldemar mich, zu erſcheinen und vor dieſer Liebe erroͤthen zu muͤſſen, die mit meinem Daſeyn Eins geworden war! Konnte ich die Qual verhehlen, die ich empfand, wenn ich ihn mit huͤbſchen Mädchen und Frauen ſchwatzen hoͤrte, und in ihren Augen das Pergnůgen las, mit dem ſie ihm zuhör⸗ ten! — Sprach er zufällig leife mit einer von — — ihnen, ſo glaubte ich, er liebe ſie, mir traten dann die Thränen in die Augen, und es be⸗ durfte nur eines Blickes auf mich, um das Gefuͤhl zu errathen, das mich peinigte, aber man bedauerte mich nicht, man beſpoͤttelte meine Eiferſucht. Nahete Waldemar ſich mir in folchen Augenblicken, ſo ſah ich ihn nicht an, ich antwortete ihm kaum — dann wandte er ſich gereizt und verletzt von mir ab, und ich weinte oft ganze Naͤchte durch und ſchwur, nicht wieder in einer Welt zu erſcheinen, die ich verabſcheute. Weniger denn je durften Waldemar ui ich es wagen, uns zn geſtehen, daß wir uns liebten. Als mein Onkel, als mein einziger und naͤchſter Verwandter, konnte man es na⸗ tuͤrlich finden, daß er mit mir in einem Hauſe wohnte, und wir ſelbſt konnten uns zu inniger Zaͤrtlichkeit berechtigt glauben. War aber daß entſcheidende Wort einmal ausge⸗ ſprochen „ſo war Trennung Pflicht und un⸗ vermeidlich; Solms Gattin durfte unter dem Schutze ihres Onkels leben; doch nie durfte ſie den Geliebten in ihrer Naͤhe dulden. — 171 — Dies fuͤhlten, dies erkannten wir beide; doch eben dieſe Daͤmmerung, die unſer Ver⸗ hältniß einhuͤllte, machte es in ſeiner Unbe⸗ ſtimmtheit aͤngſtigend und zerreißend fuͤr mein Herz. Wenn Waldemar mit nach einem ſol⸗ chen Abend Vorwuͤrfe uͤber mein Betragen machte, konnte ich nur weinen, aber ich durfte ihm nicht antworten. Zuweilen wechſelten wir auch die Rollen; ſprach ich laͤnger als einige Minuten mit irgend einem Manne, ſo wurde Waldemar wuͤthend und unglucklich. Dieſe ſich immer erneuernden Auftritte brachten mich endlich dahin, daß ich beſtimmt erklarte, nicht mehr in dieſen Geſellſchaften erſcheinen zu wollen. Waldemar hoͤrte auf, ſich dem Ent⸗ ſchluſſe zu widerſetzen, aber er ging nach wie vor zu Frau von Loͤwenberg und dies kränkte mich tief. Doch kam er viel fruͤher als ſonſt nach Hauſe und ſeine Freude mich wiederzu⸗ ſehen, war dann ſtets ſo herzlich, ſo unver⸗ ſtellt, daß ſie mich beruhigte und troſtete. Doch auch er war nicht mehr ſo heiter als ſonſt; unſtät und unruhig, ſchien ihm nur wohl zu ſeyn, wenn er mit mir allein war. — 172 — Ein namenloſer Zauber waltete uͤber unſerm Zuſammenſeyn, wir ſaßen oft halbe Stunden lang ſchweigend neben einander und empfan⸗ den doch nie Langeweile, ſondern glaubten uns ſehr gut unterhalten zu haben. Agathe kam noch oft zu mir; Waldemar ehrte ihre Kind⸗ lichkeit, ihre Herzensguͤte; doch nie wollte er mir zugeſtehen, daß ſie ſchoͤn war. „Ich bitte Dich,“ ſagte er mir eines Abends, wo wir uns von Neuem daruber ſtritten, „ſieh Dich ſelbſt nur einmal in dem Spiegel und entſcheide dann, ob jemand, der Dich kennt, Agathe ſchon finden kann. Welch' ein Unterſchied zwiſchen ihren duͤnnen, ſchwar⸗ zen Haaren und der Fuͤlle Deiner ſeidnen blonden Locken, meine Adeline; vergleiche Dei⸗ nen Wuchs, Deine Zuͤge mit den ihrigen und wenn das Alles nicht wäre; ſo brauchte man nur Deinen unnachahmlich ſchoͤnen Mund zu ſehen, um Dir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Nie habe ich etwas ſo Bezauberndes geſehen, als dieſe ſchneeweißen Perlenzaͤhne, dieß ſuͤße Lächeln, dieſe wuͤrzigen rothen Lip⸗ pen.“ Er umſchlang mich hier und druͤckte mir einen ſo glühenden, leidenſchaftlichen Kuß auf den Mund, daß ich mich bebend losriß und in Thränen zerfließend mich im entgegen⸗ geſetzten Winkel des Zimmers auf einen Stuhl warf. Er warf ſich zu meinen Fußen. „Ver⸗ zeihung,“ rief er, meine Haͤnde kuͤſſend. „Onkel,“ ſagte ich ihm, „Sie ſind mein einziger Schutz, mein einziger Anhalt auf Er⸗ den; meine Mutter iſt todt, und der Friede ihrer Todesſtunde grundete ſich auf ihr Ver⸗ trauen zu Ihnen“ — „Und nie, nie werde ich es taͤuſchen!“ rief er und ſturzte aus dem Zimmer. — Dieſer Auftritt machte einen tiefen Eindruck auf mich, er oͤffnete mir die Augen und zeigte mir den Abgrund zu meinen Fuͤßen. Wer verbuͤrgte mir, daß er ſich nicht wiederholte? wer, daß mir immer gleiche Kraft bleiben werde, der Verfuͤhrung gluͤhender Liebe zu widerſtehen! Nach langem ſchmerzlichem Kampf beſchloß ich, die Gefahr zu fliehen. Sehnli⸗ cher als je verlangte mich nach Nachricht von meinem Manne, doch bis jetzt waren alle Nachforſchungen des treuen Fuchs fruchtlos — — geweſen und ſein Aufenthalt noch immer un⸗ bekannt. Wohl fuͤhlte ich, daß keine Gewalt auf Erden maͤchtig genug ſey, um Walde⸗ mars Bild aus meiner Seele zu reißen; ich war ſein fuͤr das Leben, aber doch beſaß ich noch ſo viel Tugend und ſo viel Kraft, um den Verſuch zu machen, ihn und ſeine Liebe zu fliehen. Wir ſahen uns am folgenden Tage wie⸗ der, aber wir fuͤhlten uns beklommen und verlegen; ſeine tiefe Traurigkeit zerriß mir das Herz, ich wollte ihn zerſtreuen, erheitern und rief Agathe zu meinem Beiſtand herbei, deren jugendlicher Frohſinn ihm wohl zuweilen ein Lächeln zu entlocken vermochte. Ich ließ ſie ſo wenig wie moͤglich von mir, doch Waldemar, der in meinem Bettagen nur meine Scheu ſah, mit ihm allein zu ſeyn, verließ augen⸗ blicklich das Zimmer, ſo wie ſie eintrat, oder griff auch nach einem Buche und ſaß ſtunden⸗ lang bei uns, ohne ein Wort zu reden. Die Kunſtausſtellung wurde eroffnet; Frau von Loͤwenberg beſtand darauf, daß ich ein⸗ ge meiner Gemaͤlde ausſtellen ſollte, Waldemar wuͤnſchte es auch, und ſandte ſein und auch Agathens Bild dorthin, die zufaͤllig neben ein⸗ ander aufgehangen wurden. Frau von Loöwen⸗ berg machte mich darauf aufmerkſam; es ſey ihr nicht lieb, ſagte ſie, „es ſehe aus, als ob ſie mit einander verlobt waͤren.“ Dieſe Worte ergriffen mich; es war, als deuteten ſie mir eine Pflicht an, deren Erfullung meine Seele noch nicht zu faſſen vermochte. Wir gingen eines Tages zuſammen hin, die Ausſtellung zu beſuchen. Frau von Lowen⸗ berg wollte ſehen, welchen Eindruck das Bild ihrer Tochter machte und wenn mich die Liebe nicht gegen alles Andere gleichgultig gemacht hätte, ſo wuͤrde ich es bei unſern Eintritt nicht ohne Vergnuͤgen geſehen haben, wie alles ſich zu meinen Gemaͤlden draͤngte und ſie lobte und bewunderte. Das Gedraͤnge war ſo groß, daß wir uns nicht zu naͤhern vermochten. Wal⸗ demar allein draͤngte ſich hinzu, weil er, wie er ſagte, die Bemerkungen hoͤren wollte, die man uͤber ſein Bild machte. Wir gingen in die andern Zimmer und trafen erſt am Aus⸗ gange wieder mit ihm zuſammen. Er ſah ſo — 176 — blaß aus, daß ich, ohne Ftau von Loͤwen⸗ berg und ihre Tochter zu brachten, ſeinen Arm faßte und ihn ſchnell aus dem Saal fuͤhrte. „Was fehlt Ihnen?“ fragte ich, „ich weiß nicht, welches Ungluͤck uns bedroht, aber ich ſe⸗ he Ihnen an, daß Ihnen etwas Außerordent⸗ liches begegnet iſt.“ Er druͤckte meine Hand an ſein Herz und verſicherte mir, es ſey nichts; „ich habe nur,“ ſprach er, „das Ta⸗ lent meiner Adeline ruͤhmen, dabei bewundern hoͤren, und wie kann ich Deinen Namen ver⸗ nehmen, ohne mich tief bewegt zu fuͤhlen.“ — Sein Ton war ſo ſeelenvoll, aus ſeinem Blick leuchtete mir ſo viel Liebe entgegen, daß mir beim Anblick der Frau von Lowenberg, die in dieſem Augenblick zu uns trat, zu Mu⸗ the wurde, als erwache ich aus einem ſeligen Traume. 5 Auf unſerm Ruͤckwege hoͤrte ich ihn, der Frau von Loͤwenberg fuͤhrte, die Schoͤnheit ihrer Tochter gegen ſie ruͤhmenz er ſchilderte ihr den Eindruck, den Agathens Schoͤnheit im Bilde auf Alle gemacht hatte, die es erblick⸗ ten und da mich duͤnkte, daß er dieß ganz be⸗ — 177 — ſonders angelegentlich und warm erzaͤhlte, em⸗ pfand ich eine geheime Unruhe daruͤber. Wie wandelbar und vielfach ſind die Regungen un⸗ ſeres Herzens! Seit einigen Tagen hatte ich mir alle moͤgliche Muͤhe gegeben, Waldemar zu einer lebhafteren Anerkennung von Aga⸗ thens Schoͤnheit und Liebenswuͤrdigkeit zu be⸗ wegen, ich hatte ſelbſt gewuͤnſcht, er ſolle ſie heirathen und mich ermuthigt, ihn zu dieſer Verbindung zu uͤberreden und nun ſchauderte ich vor dieſem Gedanken zuruͤck, und alle mei⸗ ne großmuͤthigen Entſchluͤſſe verſchwanden bei den Lobſpruͤchen, die er Agathen ertheilte. Frau von Löwenberg bat uns zum Mit⸗ tagseſſen; ich wollte es abſchlagen, doch Wal⸗ demar kam mir zuvor und nahm ihre Einla⸗ dung augenblicklich an. Er war ſehr munter und trieb viel Scherz und Poſſen; er ruͤhmte Frau von Loͤwenberg uͤber ihren Geſchmack und ihre Haushaltungskunſt; er lobte Agathens Kleid und ihren Kopfputz und nur mir allein ſagte er kein Wort. Vielleicht geſchah dies, weil ich traurig und gelangweilt ausſah, was mir den Schein geben konnte, als mißbillige — 178 — ich ſeine Poſſen und eine Luſtigkeit, die ich nicht begriff und die mir eben deshalb wehe thaten. Mein Trübſinn machte mich gewiß haͤßlich; ich fuͤrchtete es wenigſtens und dachte daran, daß er nur eben Agathens ia ſo lebhaft geprieſen hatte. Als wir am Abend wieder allein in un⸗ ſerm Zimmer waren, kam er mir aber wieder t.aurig und bewegt vor. Er verließ mich fruͤher als gewoͤhnlich. „Ich habe in der Kunſtausſtellung,“ ſagte er mir beim Weg⸗ gehen, „einen meiner Freunde getroffen, der morgen aufs Land geht; ich werde ihn be⸗ gleiten und vielleicht einige Tage ausbleiben, da mir Bewegung und friſche Luft noth thun. um 5 Uhr reiſen wir. Adieu alſo, meine Aede⸗ line, Adieu!“ — Seine Stimme duͤnkte mich beben, ich naͤherte mich ihm, er druckte mich an ſeine Bruſt und umarmte mich zärtlich. Er ſchien ſich nicht von mir trennen zu koͤnnen und auch ich, ich konnte ihn nicht laſſen, 6 faßte ſeine Hand, ſie war kalt. — Er ging endlich. Ich ſtand am andern Morgen ſehr ſpät aufz der Tag kam mir ſo —— lang vor, däß ich alle Mittel aufbot, um ihn abzukuͤrzen. Und ach, in einigen Tagen ſollte ich ihn nicht ſehen! Er amuͤſitte ſich, er fand gewiß viel hubſche Frauen dort vor und dachte nicht daran, wie einſam ich ohne ihn war. Er wußte, daß ich nicht ohne ihn leben konnte und doch entfernte ihn die Luſt, Landluft zu athmen, von mir! Tief verletzt, traurig und muthlos, vermochte ich kaum, Frau von Loͤ⸗ wenberg, als ſie zu einer ganz ungewoͤhn⸗ lichen Stunde bei mir eintrat, freundlich zu empfangen. „Wie ſehen Sie denn heute aus, mein Kind?“ fragte ſie, „ſind Sie krank? — Es freuete mich, daß ſie mir ſelbſt einen Vor⸗ wand an die Hand gab, meine uͤble Laune zu entſchuldigen und ich wandte nur einen heftigen Kopſfſchmerz vor, der mir das Reden erſchwere. — „Und wo iſt denn der zärtliche Onkel?“ fuhr ſie fort, „es iſt nicht hubſch von ihm, daß er ſeine kranke vichte ſo alein laͤßt.“ In ihrem Tone lag eine Jroönie, die 3 erbitterte. „Er iſt auf dem Lande,“ ſagte ich kalt. — „So, ſo,“ erwiederte ſie, und ein 12 * — 460 — Laͤcheln, daß mir bs in den Tod zuwider war, ſchwebte um ihre Lippen. — „Auch mir iſt nicht wohl, ich bin in todtlicher Angſt und Sorge. Einer meiner Freunde hat heute Morgen einen Zweikampf gehabt; ich weiß den Ausgang deſſelben noch nicht, aber ich komme eben von der Mutter des jungen Man⸗ nes, die vor Verzweiflung außer ſich iſt. Ihr Sohn iſt geſtern in dem Saale der Kunſt⸗ ausſtellung mit ſeinem Gegner in Streit ge⸗ rathen und hat ſich dieſen Morgen um 5 mit ihm geſchlagen.“ Dieſe Nachricht, die mich, wie es ſchien, gar nichts anging, erſchutterte mich dochz ich wurde ſehr blaß. „Die arme Mutter!“ rief ich, „wie ſchmerzlich muß ihre Angſt ſeyn! Kennt ſie den Gegner ihres Sohnes?“ „Nein, ſo viel man von ſeinem Bedien⸗ ten hat erfahren koͤnnen, war es ein junger, großer, blonder Mann, und er hat den Ritt⸗ meiſter Leiſt heute Morgen ſelbſt abgeholt.“ „Den Rittmeiſter Leiſt?“ rief ich, „den⸗ ſelben, deſſen Bildniß ich nicht vollendet habe? Gott, welch ein furchtbares Licht geht mir auf! — ————— — — 181 — Um 5 Uhr haben ſie ſich geſchlagen! Walde⸗ mar! Waldemar! Hier ſank ich ohnmaͤchtig nieder. Als ich wieder zur Beſinnung erwachte, ſah ich Frau von Lowenberg und auch Agathen um mich be⸗ ſchaͤftigt. Die Letztere mußte uns auf Befehl ihrer Mutter verlaſſen. Meine Thraͤnen floſſen, aber ich wagte keine Frage, ich war meines Ungluͤcks gewiß, Waldemar war todt. „Be⸗ ruhigen ſie ſich, Liebe,“ ſagte Frau von Lo⸗ wenberg, indem ſie mir die Haͤnde druckte, „er iſt nur verwundet.“ Ich beſtand darauf, gleich zu ihm zu ei⸗ ien, doch ſie hielt mich zuruͤck und ſo ſehr ich ſie auch in dieſem Augenblicke verabſcheuete, ſo gelang es ihrer ruhigen Vernunft doch, mich zu beſaͤnftigen. Die Hoffnung, von ihr die naͤheren Umſtaͤnde dieſer unglucklichen Be⸗ gebenheit zu erfahren, bewog mich, mich ne⸗ ben ſie zu ſetzen, um ſie anzuhoͤren. „Sie fuͤhlen wohl, mein Kind,“ ſagte ſie mir ſehr gelaſſen, daß eine Frau von meinem Alter, die immer in der Welt gelebt hat und die Liebe und die Gewalt der Leidenſchaft kennt“ — Hier fahe ich ſie unwillkuhrlich an — „nicht langer Zeit bedarf, um die Menſchen zu er⸗ rathen, mit denen ſie lebt; von dem erſten Augenblick an, wo ich ſie kennen lernte, ent⸗ deckte ich auch bei Ihnen alle Anzeichen einer leidenſchaftlichen und ſtrafbaren Liebe“ — Hier ſchrak ich zuſammen, aber ſie druͤckte mich auf meinen Sitz zuruͤck und fuhr fort: „unterbre⸗ chen Sie mich nicht, Adeline, ich laſſe der Reinheit Ihres Herzens und Ihres Lebens Gerechtigkeit widerfahren, aber Sie ſind ver⸗ heirathet und Sie lieben Ihren Onkel — die⸗ ſe Liebe iſt ſtrafbar und es iſt meine Pflicht, Ihnen dieſes zu ſagen und Ihnen die Augen zu öffnen. Geſtern miſchte ſich Ihr Onkel mit unter den Haufen, der ſich um Ihre Gemaͤlde draͤngte; Ihr Talent wurde von allen bewun⸗ dert und man erſtaunte, daß eine ſo junge Frau wie Sie, etwas ſo Vollkommenes zu liefern vermocht habe. Eduard von Leiſt war auch anweſend; er hatte ihre Unart noch nicht vergeſſen und ſeine gekraͤnkte Eigenliebe bewog ihn, einen ſeiner anweſenden Freunde „laut genug, daß alie Umſtehenden es hoͤrten, zu — 183 — ſagen: „Kein Wunder, daß dies Portrait ſo gelungen iſt; die Liebe hat den Pinſel gefuͤhrt, denn die huͤbſche Frau von Solm iſt ſchon ſeit einiger Zeit die Geliebte des Mannes, den es vorſtellt.“ Ihr Onkel hoͤrte dieſe Worte; alle Ruͤckſichten vergeſſend, ſturzte er auf Leiſt zu und forderte von ihm Rechenſchaft uͤber dieſe Worte; die Stunde des Zweikampfes wur⸗ de beſtimmt; ſie haben ſich heute Morgen ge⸗ ſchlagen, beide ſind verwundet und Ihr On⸗ kel wird bald herbeigebracht werden, doch iſt er durchaus nicht lebensgefaͤhrlich verwundet. Dieſer Vorfall verpflichtet mich aber, mit Ih⸗ nen ernſtlich uͤber Ihre Lage zu reden. Ich weiß Alles, was ſich zu Ihrer Entſchuldigung ſagen laßt. Ihre Vereinzelung, die Abweſen⸗ heit eines hochbejahrten Mannes, Ihre Jugend, die Liebenswuͤrdigkeit Ihres Onkels, alles ent⸗ ſchuldigt Sie. Sie werden geliebt wie Sie lieben, und wahrlich gehoͤrt ungewoͤhnliche See⸗ lenſtaͤrke dazu, um ſich den Gefahren zu ent⸗ reißen, von denen ſie bedroht werden; aber welche Hoffnung duͤrfen Sie nahren? Welches Gluck duͤrfen Sie von der Zukunft erwarten?“ — 184 — Nit tief geſenktem Haupte ſaß ich wei⸗ nend und verſtummte neben ihr, ich hoͤrte die lauten, heftigen Schlaͤge meines Herzens und ſie forderte, ich ſollte ihr von meinen Erwar⸗ tungen und Hoffnungen Bericht ertheilen! — „Ich wußte es wohl,“ fuhr ſie endlich fort, „daß Sie meines Rathes hoͤchſt beduͤrftig ſeyn wuͤrden und daß Sie, trotz Ihres tiefen, lei⸗ denſchaftlichen Gefuͤhls, doch nicht fahig ſind, der Stimme der Vernunft und der Pflicht Ihr Ohr zu verſchließen. Sie muͤſſen entſagen.“ — „Doch nicht ihm?“ fiel ich hier ein, „daß iſt mir nicht moͤglich, ich kann ſterben, aber nicht ohne ihn leben. Koͤnnten ſie mir anſinnen wollen, ihn nicht mehr zu lieben? Nein, gnaͤdige Frau,“ fuhr ich fort und be⸗ deckte Ihre Haͤnde mit Kuͤſſen und Thränen, „Sie koͤnnen, Sie werden das nicht von mir begehren! Es iſt mir unmoͤglich!“ Ach, ich vermochte ſie nicht zu ruͤhren und doch war mein Zuſtand ſchmerzvoller als es der lange Todeskampf der letzten Stunde iſt! — „Ihre Mutter, Adeline,“ ſagte ſie, „hat Sie mir auf ihrem Sterbebette anvertraut; ich habe ihr verſprochen, ihre Stelle bei Ih⸗ nen zu vertreten, und dieſem Verſprechen treu, muß ich Sie jetzt ermahnen, zwiſchen Schande und Entſagung zu waͤhlen. Morgen wird ganz Wien von dieſem Zweikampf ſprechen; aller Lippen werden Ihren Namen nennen, ich allein kann dieſen Vorfall auf eine fuͤr Sie vortheilhafte Weiſe erklaͤren, ohne meinen Schutz, ohne meine Vermittelung ſind Sie entehrt, und doch weigern Sie ſich, meinem Rath zu folgen.“ Sie ſtand hier auf, um ſich zu entfernen, doch ich warf mich ihr zu Fuͤßen, und indem ich eingeſtand, ſie habe in allem Recht, was ſie mir geſagt habe, bat ich ſie um ihren Schutz und verſprach, Walde⸗ mar'n zu entſagen — In dieſem Augenblick wurde mein Onkel hereingefuͤhrt. Er ſah bleich und leidend aus, und ſelbſt die Gegenwart der Frau von Loͤ⸗ wenberg konnte mich nicht erhalten, mich in ſeine Arme zu werfen. Ich vergaß alles, was ſie mir geſagt hatte, und konnte nur an ihn denken und empfinden, wie unausſprechlich ich ihn liebte. Durfte ich ihn jetzt verlaſſen, wo er ſein Leben fuͤr mich gewagt hatte, wo er um meinetwillen litt? Die Moͤglichkeit einer ſolchen Handlungsweiſe kam nicht in meinen Sinn und drei Wochen lang wich ich nicht von ſeinem Lager. Doch nach Verlauf dieſer Zeit fing er an ſich zu beſſern und der Kalt⸗ ſinn, mit dem Frau von Loͤwenberg mich be⸗ handelte, die kalte Geringſchaͤtzung, die ſich oft in ihren Worten ausſprach, erinnerten mich daran, was ich ihr verſprochen hatte. Auch drang ſie von neuem in mich, mich zur Entſagung zu bewegen. Sie hatte Recht; ihre kalte Vernunft berechnete es klug, daß mir aus meiner Liebe kein Gluͤck erbluͤhen konnte, allein mit welcher Faͤlte floßte ſie mir das Gift dieſer Erkenntniß tropfenweiſe ein! Von ihr erfuhr ich, wie man meinen Ruf anfein⸗ dete und wie die Sorge fuͤr meine Ehre durch⸗ aus die Trennung von meinem Onkel for⸗ derte. Sie zwang mich, vor meiner Liebe zu erroͤthen. „Und wenn nun ihr Mann zuruͤck kommt,“ fragte ſie, „wie dann?“ „O Gott,“ rief ich, „in dieſen Gedanken liegt fuͤr mich der Tod! Aber doch wuͤrde ich ihm nichts ver⸗ —— — 187 — heimlichen, nichts verhehlen; er wuͤrde ſich uͤberzeugen, daß meine Liebe zu Waldemar ſo rein wie mein Leben iſt. Befoͤhle er mir, ihn zu fliehen, ſo wuͤrde mich der Gram bald tödten, und dieſer Wunſch, bald am Ziele meiner Leiden zu ſeyn, iſt auch der einzige, den ich mir erlaube. Dieſe immer ſich erneuernden Unterredun⸗ gen verſenkten mich in eine zu duͤſtre Schwer⸗ muth, als daß ſie von Waldemar unbemerkt bleiben konnte; er errieth die Urſache meiner Thraͤnen, aber nur in ſeinem Auge las ich, wie erſchuͤttert, wie bewegt auch er war, denn nie fragte er nach der Veranlaſſung des Kum⸗ mers, den man in meinen Zuͤgen las. Er ſchien jede Erklarung zwiſchen uns zu fuͤrchten, und den Plan zu unſerer Trennung, mit dem ich mich beſchaͤftigte, zu wiſſen und zu billigen. Er fuͤhlte wie ſehr ich litt, er empfand den⸗ ſelben Schmerz, aber er troͤſtete mich nicht. Es ſchien mir, als ſolle mir ſein Schweigen den Muth geben, ihn zu verlaſſen. Er war noch immer zu matt, um das Zimmer verlaſſen zu koͤnnen. Agathe und ihre Mutter verließen uns faſt nicht; die erſtere brachte ganze Tage an ſeinem Lager zu; Frau von Loͤwenberg erlaubte dies nicht nur, ſie litt es ſogar, daß ſie ſeine Pflege mit mir theilte. Seine Blicke ruheten oft auf dieſer jugendlich bluͤhenden, von Heiterkeit beſeelten Geſtalt; ein ſanftes Laͤcheln dankte ihr fuͤr die kleinſte Handreichung, ſeine Stimme klang ſo ſuͤß, wenn er mit ihr redete. Bleich, entſtellt, in Thraͤnen zerfließend, ein Raub des Grams und der Eiferſucht, warf ich mich dann Frau von Loͤwenberg in die Arme und beſchwur ſie, mir gegen mich ſelbſt beizuſtehen. „Folgen Sie meinem Rath,“ ſagte ſie mir eines Ta⸗ ges, bringen ſie einen Monat fern von ihm, auf meinem Landgute zuz nach und nach werden ſie der Gewohnheit entſagen lernen, ihn taͤglich zu ſehen, die Bande, die Sie an ihn, ihn an Sie binden, werden ſich allmäh⸗ lig loͤſen, und Sie es einſehen lernen, daß die Liebe nicht verdient, der ausſchließliche In⸗ halt unſeres Lebens zu ſeyn.“ „Wie, einen ganzen Monat ſoll ich fern von ihm zubringen?“ rief ich, „daß iſt un⸗ — 160 ₰ möglich! Acht Tage, ja dazu will ich mich verſtehen.“ „Nun wohl, bleiben Sie ſo lange dort, als ſie können. Man taͤuſcht ſich in der Ju⸗ gend auf ine unglaubliche Art uͤber ſeine Em⸗ pfindungen „und viel ſchneller, als Sie es fuͤr moͤglich halten, wird es ihnen unbegreiflich werden, wie Sie ihnen eine ſolche Gewalt uber ſich haben einraͤumen koͤnnen.“ „Ach gewiß, Sie haben nie geliebt! aber ich bin entſchloſſen, ich will mich entfernen, will den Verſuch machen, ob ich fern von ihm zu leben vermag.“ Frau von Loͤwenberg umarmte mich hier, ſie lobte meine Vernunft, ſie bewunderte mei⸗ nen Muth, aber das Gefoͤhl, dieſe Lobſpruͤche durchaus nicht zu verdienen, macht ſie mir peinlich, denn nie, nie hatte ich Waldemar ſo leidenſchaftlich geliebt, als gerade in dieſem Augenblick! — „Wo ſoll ich aber den Muth hernehmen, meinem Onkel dieſe Trennung anzukuͤndigen?“ fragte ich. „Dieſe Sorge uͤberlaſſen Sie mir, liebſte Adeline,“ antwor⸗ tete ſie, „ich ſehe Sie als meine zweite Toch⸗ — 5 ter an und glaube mich verflichtet, als Mut⸗ ter gegen Sie handeln zu muͤſſen. Ich habe es Ihrer ſeligen Mutter auf ihrem Sterbe⸗ bette gelobt, Sie nie verlaſſen zu wollen, und will dieß Geluͤbde halten. Morgen reiſen ſie alſo ab? „Ja, gnaͤdige Frau,“ ſagte ich feſt, denn das Andenken an meine Mutter, wel⸗ ches ſie zu Huͤlfe nahm, hatte ſeine Wirkung auf mein Herz nicht verfehlt; ich glaubte der Unvergeßlichen zu gehorchen, wenn ich mich den Befehlen dieſer grauſamen Frau unter⸗ warf. Doch ſchon nach einigen Augenblicken machte ich mir meine Einwilligung zum Vor⸗ wunrf; ich ſtellte mir die Verzweiflung mei⸗ Onkels vor und zerfloß in Thraͤnen. „Wer wird ihn pflegen, wer wird ihm Geſellſchaft leiſten?“ rief ich haͤnderingend aus. — „Aga⸗ the, o ja, Agathe!“ wiederholte ich einige⸗ male. Bei Nennung dieſes Namens erwachte meine Eiferſucht von neuem und mein Schmerz wurde brennender und giftiger.. Als wir am Abend in dem Zimmer mei⸗ nes Onkels verſammelt waren, erwaͤhnte Frau von Loͤwenberg meiner morgenden Abreiſe, wie einer ganz beſchloſſenen Sache. „Wohin rei⸗ ſeſt Du?“ fragte er lebhaft und ſprang von dem Sopha auf, auf dem er lag. — „Sie wird einen Monat auf meinem Gute zubrin⸗ gen,“ antwortete ſie, ohne ſich durch ſeine wuͤthende Miene aus der Faſſung bringen zu laſſen, „ſie ſieht blaß und angegriffen aus, ich fuͤrchte fuͤr ihre Geſundheit und habe ſie daher zu dieſem kleinen Ausflug beredet.“ Waldemar ſah mich betruͤbt und wie fragend an; ich wurde bald blaß, bald roth, ich zit⸗ terte, aber ich hatte doch den Muth zu ſa⸗ gen, daß ich reiſen wuͤrde. Er ſank auf dem Sopha zuruͤck und blieb den ganzen Abend ſtumm. Wir gingen zeitiger als gewoͤhnlich auseinanderz ich ſollte fräh fahren und naherte mich ihm, um Abſchied zu nehmen — ich faßte ſeine Hand, ich ſah ziemlich gefaßt aus, ich weinte nicht und er! Er ſtieß mich zuruͤck und befahl mir, mich zu entfernen! Allein in meinem Zimmer begriff ich weniger als je die Moͤglichkeit, ihn verlaſſen zu können. Sch fiel auf meine Kniee nieder und betete zu Gott, mir den Muth zu geben, der Gewalt des Pflicht und Ehre gehorchen zu köͤnnen. Ver⸗ gebens, eine unendliche Verzweiflung bemäch⸗ tigte ſich meiner — ich dräckte die geballten Huͤnde gegen meine Stirn, es ſchien mir un⸗ moͤglich, leben zu können — plotzlich ſtand Waldemar vor mir, bleich, entſtellt, ſchwan⸗ kend. — „Iſt es denn wirklich war,“ ſagte er kaum verſtaͤndlich, „Du willſt fort, Du willſt mich verlaſſen, willſt alle Bande zerrei⸗ ſen, die uns an einander knuͤpfen?“ — Gewiß umſchwebte mich in dieſem Au⸗ genblick der Geiſt meiner Mutter — woher wäre mir ſonſt der Muth gekommen, ihm zu ſagen, daß ich ſcheiden wolle, ſcheiden muͤſſe? „Wir duͤrfen nicht mehr unter einem Dache wohnen,“ ſagte ich, „ich bin dies meinem Gatten und meiner eignen Ehre ſchuldig, mich von jedem Verdachte ftei zu erhalten und Gott und meiner Pflicht das ſchwere, das entſetz⸗ liche Opfer zu bringen, Sie zu verlaſſen.“ — Ich ſah ihn ſchwanken, Todesblaſſe uͤberzog ſeine Zuge, er lehnte ſich an die Wan „um nicht zu ſinken⸗ Schmerzes widerſtehen und dem Gebote zur — 193 — „Der Augenblick iſt alſo da,“ ſagte er dumpf, „den ich ſo lange gefuͤrchtet habe. Du willſt Dich von mir trennen, Du willſt mich vergeſſen! Gieb mir lieber den Tod, Adeline!“ fuhr er mit unbeſchreiblicher Leidenſchaft fort, „von Deiner Hand wird er mir ſuͤß duͤnken, Deine Thraͤnen wuͤrden um mich fließen, mein letzter Blick wuͤrde Dich noch ſuchen — ich wuͤrde in Deinen Armen ſterben, aber keine Trennung, Adeline, keine Trennung, ich ver⸗ mag ſie nicht zu ertragen!“ „Du zerreißt mein Herz — aber ſprich, Waldemar, darf ich je Dein werden? Wuͤrdeſt Du es ertragen können, mich entehrt zu wiſſen? Ich bleibe, wenn du es gebieteſt, aber dies Gebot iſt unausbleiblich mein Todesurtheil. Laß mich lieber ſcheiden, laß mich verſuchen, ob ich mir meinen verlornen Frieden wieder erkaͤmpfen kann, laß uns als Freunde ſcheiden.“ Ich bot ihm hier die Hand, aber er ſtieß ſie zuruͤck. „Sie iſt gefaßt,“ rief er, „ſie ver⸗ gießt keine Thräne, ſie liebt mich nicht! Man hat mich alſo nicht getauſcht, als man mir 13 — 194 — ſagte, ich ſey nicht geliebt — ich wollte es nicht glauben, aber jetzt ſehe ich es!“ — Der Schmerz raubte mir hier das Be⸗ wußtſeyn; ich vermochte kein Wort zu ant⸗ worten — ich rang nach Kraft, ich wollte ihm ſagen, daß ich nicht reiſen, daß ich bei ihm bleiben wolle, aber er ftuͤrzte aus dem Zimmer und rief mir in der Thuͤre nur noch ein Lebewohl zu, das wie ein Todesurtheil in meiner Seele wiederklang. Sinnlos ſturzte ich zu Boden. Ich ſah ihn nicht wieder; als ich am Morgen wegfuhr, ſtand ſein Fenſter offen, aber ich ſah ihn nicht. So war ich denn nun in der Einſamkeit, die man mir als einen Zufluchtsort gegen Liebe und Schmerz angewieſen hatte — aber ach, ich muß geſtehen, ohne die Hoffnung, Waldemar wieder zu ſehen und durch ihn dieſer Einoͤde entriſſen zu werden, waͤre ich vielleicht am erſten Tage ſchon nach der Stadt zuruͤck gekehrt. Freilich geſtand ich mir ſelbſt dieſe Hoffnung nicht, aber ich lebte doch nur durch ſie und in ihr, Ich erwartete ihn am Mor⸗ gen, am Abend, den ganzen Tag, aber er kam nicht. Acht Tage lang blieb ich ohne alle Nachricht von ihm. Nach Verlauf dieſer Zeit kam Frau von Löwenberg, mich zu beſuchen. Sie fand mich leidender uud ungluͤcklicher, denn je, meine Liebe hatte in der Einſamkeit an Staͤrke zu⸗ genommen und meine Geſundheit begann die⸗ ſer heftigen Gemuthsbewegung zu unterliegen. Von ihr erfuhr ich, daß mein Onkel es ſeit meiner Abreiſe verſagt habe, ſie zu ſehen, und daß er jede Zerſtreuung meide „allein ſie ſetzte auch hinzu, daß ſie dieſen hartnaͤckigen Eigenſinn bald zu beſiegen hoffe. Dieſe Nachricht erleichterte mein armes ge⸗ preßtes Herz ſo wohlthuend, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihr dafuͤr zu danken. „Ja,“ ſagte ich ihr, „ſuchen ſie ihn zu zerſtreuen, zu erheitern; er muß Sie, muß Agathe, wie⸗ derſehen; Ihre Tochter iſt eben ſo gut, als ſchoͤn, der Umgang mit ihr muß ihm wohl thun.“ — Ich hielt hier inne, voll Erſtau⸗ nen uͤber meine eigenen Worte — auch Frau von Loͤwenberg wurde durch dieſe Aeußerung 13 * uͤberraſcht — ſie ſah mich an, als wollte ſie in meinen Blicken leſen, welchen Sinn ich damit verbaͤnde. — „Ja,“ fuhr ich mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen fort, „ich wuͤnſche es innig, Waldemar mit Agathen verheirathet zu ſehen; ſie wuͤrde ihn gewiß gluͤcklich machen!“ Frau von Loͤwenberg kußte erroͤthend mei⸗ ne Stirne. „Die erſte Bedingung dieſer Ver⸗ bindung wuͤrde immer ſeyn,“ antwortete ſie, „daß Sie, liebſte Adeline, ſich von Ihrer Lei⸗ denſchaft geheilt fuͤhlten, denn was ihn be⸗ trifft, ſo werde die ſeinige, ſobald er ſich uber⸗ zeugte, von Ihnen nicht mehr geliebt zu ſeyn, von ſelbſt verloͤſchen; den Maͤnern iſt nun einmal die Treue nicht eigen, deren unſere Herzen faͤhig ſind und Ihre Liebe werde hier gewiß das einzige Hinderniß ſein. Doch mit der Zeit laͤßt ſich vielleicht davon reden.“ Sie verließ mich und all mein Denken war nun darauf gerichtet, mich auf Walde⸗ mar's Verbindung mit Agathen vorzubereiten; auf eine mir ſelbſt unerklaͤrliche Weiſe erſchien ſie mir von dieſer Stunde an, als unwider⸗ ruflich entſchieden. Nach einigen Tagen kam — — Agathe zu mir; ich glaubte im Anfang, ich freue mich, ſie zu ſehen, aber ich erkannte bald meinen Irrthum. Sie ſprach viel von Waldemar und jedes ihrer Worte zerriß mein Perz, denn jedes verrieth mir, daß ſie ihn liebte. Der Ton ihrer Stimme klang ganz anders, wenn ſie von ihm ſprach — ſo ſeelen⸗ voll, ſo begeiſtert, ſo innig und ruͤhrend! Von ihr erfuhr ich, er ſey ganz hergeſtellt, und ha⸗ be ſich nun in einen Wirbel von Zerſtreuungen geſtuͤrzt. „Wie erfreut es Mutter und mich,“ ſagte ſie und ſchlug die ſchonen Augen gen Himmel, „enn er den Abend bei uns zu⸗ bringt! Er iſt ſo liebenswuͤrdig, ſo ganz an⸗ ders wie alle andere junge Herren. Dir, meine Adeline, kann ich es wohl geſtehen, wenn ich ihn nicht mehr ſaͤhe, wenn er auch wegreiſete, wie Du weggereiſet biſt, ſo muͤßte ich mich un⸗ beſchreiblich betruben; mir iſt, als konnte ich dann nicht wieder vergnuͤgt ſeyn. Wenn er mich anſieht, fuhle ich mich ſo tief, ſo ſonder⸗ bar bewegt; ich fuͤhle, daß ich erroͤthe und wage es dann nicht, ihn anzuſehen; ſeine Blicke machen mich ſehr verlegen.“ * Ach, ich kannte dieſe Blicke! „Redet er zuweilen von mir, liebe Agathe?“ fragte ich. „Nur ſelten. Nur einmal, als ich recht huͤbſch angezogen war, und mein Haar gerade ſo gelockt und geflochten trug, wie Du Deines tragſt, ſah ich, daß ich ihm geſiel und er ſagte mir auch etwas recht Huͤbſches uͤber mei⸗ nen Anzug und uͤber mein Haar. — Ihre Nichte hat mich eigentlich erſt gelehrt, mich recht huͤbſch anzuziehen, antwortete ich ihm; im Anfang unſerer Bekanntſchaft hat ſie mich oft uͤber meine Geſchmackloſigkeit geſcholten, und es machte mir viel Freude, mich anzu⸗ putzen. Ach! ſie iſt uͤberhaupt ſo gut, ſo ſchönz ich ſehne mich recht nach ihrer Zuhauſekunft. — Du haͤtteſt aber einmal ſehen ſollen, was er mir für ein Geſicht machte! Er wurde ganz blaß und ſah ſo ſtreng und doch auch wieder ſo traurig aus, daß mir die Augen naß wur⸗ den. Auch ſprach er kein Wort weiter mit mir, ſondern ging aus dem Zimmer und ließ ſich den ganzen Tag nicht wiederſehen.“ — Jedes ihrer Worte ging mir zu Herzen; ich nahm alle meine Kraft zuſammen, ich — 199 — wollte ihn, ich wollte ſie gluͤcklich ſehen; ich ſprach von ihrer Vermaͤhlung mit meinem On⸗ kel, ich ſchilderte ihr ſeine Tugenden, ſeine kleinen Eigenheiten, ich gab ihr Anweiſung, ihm zu gefallen. Erroͤthend lag ſie an mei⸗ nem Herzen; ſie weinte, ſie laͤchelte, ſie war ſchoͤner denn je und verließ mich, um von meinen Rathſchlaͤgen Gebrauch zu machen und mein Bild in ſeinem Herzen auszuloſchen. Ja, mit Stolz darf ich an dieſe Stunde zu⸗ ruͤck denken, ſie war die tugendhafteſte meines Lebens. Drei Wochen vergingen mir ſo in mei⸗ nem Hinbruten, das nur ein langſames, herz⸗ zerreißendes Hinſterben war. Da erhielt ich folgenden Brief von Frau von Lowenberg: „Von meiner Tochter habe ich erfahren, daß Sie, liebſte Adeline, vollkommen wohl und heiter ſind, ich wuͤnſche Ihnen von ganzem Herzen Gluͤck dazu, und bin ſtolz auf dieſen Erfolg meiner Rathſchlaͤge. Dieſe ungluͤckliche Leidenſchaft verhieß Ihnen ja auch nichts als Qual und Kummer. Ihr Muth, Ihre Tugend haben ſie beſiegt, und — 200 — ich erkenne darin meine edle, tugendhafte Adeline, deren Seele ſo innig mit allen befreundet iſt, was ſchon und groß und gut genannt zu werden verdient. Ihr Onkel traͤgt mir auf, Ihnen zu der Herſtellung Ihrer Geſundheit Gluͤck zu wuͤnſchen. Er fuͤhrt hier ein eben ſo heitres als ange⸗ nehmes Leben und iſt die Seele unſtes geſell⸗ ſchaftlichen Lebens geworden. Agathe wird von Tag zu Tag ſchoͤner und muntrer, ſie erinnert mich oft an Sie und auch bei Ihrem Onkel iſt dies haͤufig der Fall. Sie hat ſich viel von Ihrem Anſtande und Ihrem We⸗ ſen angeeignet. Ihr Herz iſt viel gefuͤhlvoller als ih glaubte; ich furchte fuͤr das arme Kind, wenn die Entdeckung, die ich gemacht zu haben glaube, ſich beſtaͤtigen ſollte, doch hoffe ich auch wieder mehr denn je, daß unſre Wuͤnſche, liebſte Er⸗ fuͤllung nahe ſind.“ 9 Keine Worte vermogen was ich bei Leſung dieſer Zeilen empfand, ſie raubten mir den letzten Schimmer von Hoff⸗ — nung, den letzten bleichen Schatten meines verlornen Gluͤckes; ich war vergeſſen, unſre Trennung verſchmerzt, er liebte eine Andere! Zorn und Verzweiflung gaben mir Kraͤfte, — ich wollte mich ihnen ſo ruhig, ſo gefaßt zei⸗ gen, wie ſie mich zu ſeyn glaubten, und ſchrieb an Frau von Loͤwenberg, daß ich, entſchloſſen von der Welt entfernt zu bleiben und durch die erfahrne Vernachlaͤſſigung und Vergeſſen⸗ heit, faſt ganz von meiner Liebe geheilt, nur noch den Wunſch empfaͤnde, Agathe mit mei⸗ nem Onkel vermaͤhlt zu ſehen und mich ganz gluͤcklich fuͤhlen werde, ſobald ich ihn erreicht ſaͤhe. Ich ſandte den Brief ab, aber ich haͤtte ihn in den Thranen baden koͤnnen, die ich Tag und Nacht vergoß. Der Schmerz hat unaus ſprechliche Geheimniſſe — ich habe ſie ergruͤndet, und unter namenloſem Gram bin ich in die Tiefen der Hoffnungsloſigkeit einge⸗ weiht worden. Einige Tage ſpater ſah ich einen Reiter auf den Hof ſprengen. Konnten ſich meine Augen, mein Herz, meine Seele taͤuſchen? — 202 — er war es — ich wollte auf, wollte ihm ent⸗ gegen, aber das Herz klopfte mir ſo maͤchtig, daß ich auf meinen Stuhl zuruͤckſank — es klopfte, die Thuͤr ging auf und vor mir ſah ich — den Rittmeiſter Leiſt! — Gott, wie ſurchtbar erſchuͤtterte mich ſein Anblick! Blaß und bewegt ſtand er vor mir — ich ſah, daß er ſichtlich nach Faſſung rang. „Ich erwartete nicht das Gluͤck, Sie hier zu finden, gnaͤdige Frau,“ ſagte er endlich leiſe und furchtſam, „ich hoͤrte, Frau von Lo⸗ wenberg ſey hier, und kam, ihr meine Auf⸗ wartung zu machen.“ „Sie iſt in Wien,“ antwortete kalt, „und wird hier auch nicht erwartet.“ „Dann kann ich Sie nur um Verzeihung bitten, und mich Ihnen ehrfurchtsvoll em⸗ pfehlen.“ Ich neigte mich ſchweigend, doch er blieb, ſtatt zu gehen, vor mir ſtehen; ich ſah, daß er mir etwas ſagen wollte und keine Worte finden konnte. „Erlauben Sie mir, gnaͤdige Frau,“ rief er, „Sie knieend um Verzeihung zu bitten. Seit dem abſcheulichen Zweikampf, — ——— — 203 — der Sie ſo ungluͤcklich gemacht hat, habe ich keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt. Schwer verwundet habe ich lange mit dem Tode kaͤm⸗ pfen muͤſſen und erſt jetzt bin ich ſo weit her⸗ geſtellt, daß ich es habe wagen duͤrfen, zu Ih⸗ nen zu eilen, um Ihre Verzeihung anzuflehen. Iſt es denn wahr, daß ich Sie gezwungen ha⸗ be, Wien zu verlaſſen? Glauben Sie ſich wirk⸗ lich an Ihrer Ehre gekraͤnkt? Sprechen Sie es aus, laſſen Sie es mich erfahren, daß ich Sie fuͤr immer ungluͤcklich gemacht habe! Ach, wie veraͤndert finde ich Sie wieder! Welcher tiefer Gram ſpricht aus dieſen Zugen, dieſen Blicken, wie foll ich es tragen, Sie ſo elend gemacht zu haben!“ Er faßte hier mein Gewand und verhuͤllte ſein Geſicht damit. In dieſem Augenblicke ſah ich auf — Waldemar ſtand in der Thuͤr. Leiſt erblickte ihn, er ſprang auf, gruͤßte mich ehrerbietig und eilte zum Zimmer hinaus. Wir waren allein. Waldemar ſchien ſich vernichtet zu fuͤh⸗ len; ſeine Augen funkelten vor Zorn und ſeine drohende Miene gab mir den Muth wie⸗ — 203 — der, den ſein Anblick mir geraubt hatte. Plöt⸗ lich zog er ein Paket Briefe aus der Taſche und warf ſie auf den Tiſch. „Sie enthalten Nachrichten von Herrn von Solm,“ ſagte er, „und ich habe mir das Vergnuͤgen nicht ent⸗ ſagen wollen, ſie Ihnen ſelbſt zu bringen. Sie werden Ihren Herrn Gemahl bald wieder ſehen, gnaͤdige Frau, recht bald; ich ſelbſt wer⸗ de ihn in Ihre Arme fuͤhren, in die Arme ſeiner falſchen, leichtſinnigen Frau, die —“ „Waldemar!“ rief ich. Dies eine Wort reichte hin, ſeinen Zorn zu entwaffnen. Ich ſah ihn beſchaͤmt und er⸗ rothend den Blick zu Boden ſenken. „Herr von Leiſt,“ fuhr ich fort, „iſt ohne mein Wiſſen, ohne meinen Willen hier erſchienen, weil er ſich meiner Verzeihung be⸗ durftig fuhlte; mein Mann wird ſeine Frau eben ſo rein wiederfinden, wie er ſie verlaſſen hat und ich ſtelle es Ihnen ganz frei, mich bei ihm zu verklagen, aber bitte Sie, jetzt mich zu verlaſſen, damit ich mich mit dem Anden⸗ ken an ihn beſchaͤftigen kann.“ = 253 — Ich mußte mich hier niederſetzen, denn ich fuͤhlte mich einer Ohnmacht nahe. Walde⸗ mar ſtand noch immer unbeweglich mit in ein⸗ ander geſchlagenen Armen vor mir. „Weißt Du, Adeline,“ hob er endlich mit weicher, un⸗ endlich ruͤhrender Stimme an, das man mich bereden will, Agathe zu heirathen, daß man vorgiebt, es ſey Dein Wunſch?“ „Ja, “ ſagte ich erroͤthend, „ich habe es gewuͤnſcht, ich wuͤnſche es noch, ſie iſt werth, Ihre Gattin zu werden.“ „Du willſt es alſo, willſt es wirklich! wuͤnſcheſt, forderſt, daß ich das Eigenthum ei⸗ ner Anderen werden ſoll! „Solm kommt zuruͤck,“ ſagte ich traurig, „ich darf nur an ihn denken und kann nur wiederholen, was ich eben geſagt habe.“ „Nun denn Lebewohl, ſoll ich Dich an ſeiner Seite ſehen, ſollſt Du mich nur verhei⸗ rathet wiederſehen.“ Er verſchwand bei dieſen Worten. Ich ſchwankte einige Tage zwiſchen Tod und Le⸗ ben; als ich mein Bewußtſeyn wieder erhielt, war Waldemar ſchon verheirathet. Das Da⸗ ſeyn laſtete wie eine unerträgliche Burde auf mir, aber der Brief meines Mannes erin⸗ nerte mich an den Beruf, fuͤr ihn zu leben. Fuchs ſchrieb mir, daß es ihm endlich gelun⸗ gen ſey, ſeinen Aufenthalt zu erforſchen; er habe ihn ſehr kraͤnklich und niedergeſchlagen gefunden, doch haͤtte die Nachricht, ſeine Ehre und ſeinen guten Ruf gerettet zu wiſſen, ſehr vortheilhaft auf ſein Befinden und auf ſeine Stimmung gewirkt. Der Brief ſchloß mit den Worten: „Haͤtten Sie es doch geſehen, gnaͤ⸗ dige Frau, wie der Bericht von Ihrem groß⸗ ſinnigen, uneigennuͤtzigen Betragen, das Lob Ihrer Tugend, Ihren Gemahl begluͤckte! Je⸗ den Tag muß ich von Neuem beginnen, Sie ihm zu ſchildern, wie Sie ſind und wer, der Sie kennt, koͤnnte mich der Uebertreibung be⸗ ſchuldigen? Die Anerkennung Ihres Werthes, die Ausſicht, wieder mit — Ihnen vereinigt zu werden, macht ihm allein das Leben ange⸗ nehm.“ Solms Brief war innig und liebevoll, und das Verlangen, mich wieder zu ſehen, ſprach aus jeder Zeile deſſelben. — — 207 — Ich bemuͤhte mich jetzt, nur an meinen Gatten zu denken und mich in mein Schickſal zu ergeben, indem ich mir fuͤr mein zukunfti⸗ ges Betragen einen feſten Plan entwarf. Ich gab mir Muͤhe, Waldemars Namen wie jeden andern Namen ausſprechen zu lernen, zu laͤ⸗ cheln, wenn mir das Herz blutete und mich an den Gedanken zu gewoͤhnen, ihn mir ver⸗ heirathet, gluͤcklich, berauſcht durch Agathens Beſitz zu denken. Dann ging ich nach Wien zuruͤck, wo ich ſicher war, jeden Tag den Pfeil des Todes tiefer in mein Herz zu druͤcken, aber auch feſt entſchloſſen, zu verhehlen, daß ich lei⸗ de, und ihm den Triumph nicht zu goͤnnen, mich durch ſeinen Verluſt ungluͤcklich gemacht zu haben. Ich kam ſo zeitig an, daß ich die Fami⸗ lie noch beim Fruͤhſtuͤck fand: ich war ſorgſam angekleidet, die tiefe Bewegung, in der ich war, hatte meine Wangen geroͤthet, ich lächelte, meine Augen ſtrahlten „ich umarmte Agathen und ihre Mutter mit großer Freundlichteit. Sie ſaßen gemuͤthlich beim Fruhſtuͤck und ich hatte ſeit zwei Tagen durchaus nichts eſſen kön⸗ ₰ 206 — nen! Waldemar war kalt und ernſt gegen mich, die gluͤckliche Agathe uͤberhaͤufte mich mit Lieb⸗ koſungen, ihre Mutter wußte ſich meine Faſ⸗ ſung, meine Ruhe nicht zu erklären. Ich ſprach viel und ſehr ſchnell und faſt nur von dem Gluͤck, bald wieder mit meinem Manne vereinigt zu werden. — Waldemar ſollte mich hoͤren, er ſollte ſich daruͤber aͤrgern, aber er barg ſein Geſicht auf ihre Schulter und redete, ohne mich zu beachten, leiſe mit ihr. Am Abend bezog ich Agathens bisheriges Zimmer, meine ehemalige Wohnung war dem jungen Ehepaar eingeraͤumt worden. Walde⸗ mar hatte darauf beſtanden; er bewohnte jetzt mein Zimmer, bewohnte es mit Agathen! Ich redete am andern Tage davon, fuͤr mich und meinen Mann eine andere Wohnung zu ſuchen. Waldemar war nicht gegenwaͤrtig. „Nein, Adeline,“ ſagte Agathe, „Du mußt bei uns im Hauſe bleiben, Du weißt ja, daß Du mir nach meinem Manne das Liebſte auf der Welt biſt, und ich weiß nicht, wie es zu⸗ geht,“ fuhr ſie zoͤgernd fort, „aber er iſt auch nie ſo zärtlich gegen mich, als wenn du ge⸗ ————— — — S — 209 — genwaͤrtig biſt. Du ſiehſt wie ſchmeichelnd und zaͤrtlich er dann iſt, aber wenn wir allein ſind, iſt er immer niedergeſchlagen und ſpricht faſt gar nicht. Gewiß, Du mußt bei uns bleiben?“ Sie ahnete nicht, wie wohl mir dieſe Wor⸗ te thaten, aber ſie beſtärkte mich in meinem Entſchluß. Da trat er ein. „Denke Dir, Wal⸗ demar,“ rief ihm Agathe zu, „Adeline will ausziehen und ſich eine andere Wohnung neh⸗ men! — Und warum?“ fragte er kalt. Der Grauſame! Er konnte fragen warum? — ich beſchloß zu bleiben und ihn zu uͤberfuͤhren, daß er mir ganz gleichguͤltig geworden ſey. — Ein zweiter Brief von Fuchs benachrich⸗ tigte mich, daß der Arzt meinem Manne die weite Reiſe noch auf unbeſtimmte Zeit unterſagt habe, daß er mir aber doch bald den Zeitpunkt derſelben beſtimmen zu koͤnnen hoffe. Dieſe Verlaͤngerung meines Aufenthaltes in ihrem Hauſe ſchien Frau von Loͤwenberg zu beunru⸗ higen, doch ſeit Waldemars Verheirathung war alles Vertrauen zu ihr in meiner Bruſt erſtor⸗ ben; ich mied jede einſame Unterhaltung mit ihr und ſie ſuchte ſie auch nicht. War ich denn . 14 — aber geheilt? Hatte ich meine Liebe beſiegt? Nein, mein Herz ſchlug noch eben ſo unge⸗ ſtum als ſonſt, wenn Waldemar eintrat, und wenn ich den Ton ſeiner Stimme hoͤrte; aber ich verlaͤugnete es mir, ich erlaubte mir nie, meine Empfindungen zu pruͤfen, ich wollte mich uͤberreden, daß ich ihn nicht liebte. Ich las es in ſeinen Blicken, ich fuͤhlte es in der Schwermuth, die ſeine Zuge täglich mehr um⸗ duͤſterte, daß ich noch geliebt wurde — aber ich verhaͤrtete mich auch dagegen⸗ Ich konnte es nicht vermeiden, bei einigen Feſten zu erſcheinen, mit denen in der Fami⸗ lie die Verbindung des jungen Paares gefeiert wurde. In den Gedanken, an der Seite ſeiner Gattin erſcheinen zu ſollen, lag fuͤr mich ein Reiz zur Gefallſucht und zum Erſtenmal in meinem Leben bot ich alle Kunſt des Putzti⸗ ſches auf, um mich ſo vortheilhaft wie moglich zu kleiden. Ich las in Waldemars Blicken, daß es mir gelungen war, reizender denn je zu erſcheinen. Ich wurde mehr gefeiert, ſchmei⸗ chelhafter ausgezeichnet, als die junge Frau ſelbſt, beim Tiſche ſaß ich zwiſchen zwey vor⸗ — 211 — nehmen und geiſtreichen Mäͤnnern, die ſich ſichtlich beeiferten, mir gefallen zu wollen. Nie war ich ſo munter, ſo geiſtreich geweſen; Wal⸗ demar, der mir mit ſeiner Frau gegenuͤber ſaß, ſah blaß und uͤbellaunig aus; er warf mir von Zeit zu Zeit einen ſo wuͤthenden Blick zu, daß ich mich dadurch nur noch mehr angeregt fuͤhl⸗ te und alles aufbot, mich ſo liebenswuͤrdig als moͤglich zu zeigen. Man ſtand vom Tiſche auf; ich ſang, ich tanzte, Alles draͤngte ſich um mich, alles uͤber⸗ haͤufte mich mit Lobſpruͤchen, Waldemar aber wurde immer trauriger. Nach einem raſchen Tanze ging ich in mein Nebenzimmer, um dort einige Minuten auszuruhen, er folgte mir und ſich auf meinen Stuhl lehnend, fluſterte er mir zu: Du bringſt mich um, Adeline, wenn Du nicht aufhoͤrſt, mich zu quaͤlen. Ich beſchwoͤre Dich bei meiner Liebe“ — — Raſch kehrte ich mich um — „Vergeſſen Sie nicht Ihre Frau,“ ſagte ich. — Seine Augen full⸗ ten ſich mit Thraͤnen: „ich erliege,“ antwor⸗ tete er, „der Schmerz todtet mich, ſage mir wenigſtens, daß mein Tod Dich verſoͤhnen 14 * — 212 — wird, daß Du mich beweinen wirſt.“ — Wir waren allein, ich ſah ihn blaß, dem Umſinken nahe, ſich aufrichten um mich zu verlaſſen; ich reichte ihm unwillkuͤhrlich die Hand, ich ſank an ſeine Bruſt, das nie ausgeſprochne Wort entfloh meinen Lippen, ich ſagte ihm, daß ich ihn liebe, ihn ewig lieben werde, ich hoͤrte ihn betheuern, daß er nur mich einzig, mich im Leben geliebt habe, nur mich lieben koͤnne. — Von dieſem Augenblicke an war er wie neugeboren. Er erzaͤhlte mir, wie die Nach⸗ richt von der Ruͤckkehr meines Mannes, mein Brief an Frau von Loͤwenberg und Leiſt's Beſuch bei mir, ihn zu einer Heirath fortge⸗ riſſen haͤtten, vor der er in jedem beſonnenen Augenblicke zuruͤckgeſchaudert waͤre; ich erfuhr nun, wie tief, wie ſchmerzvoller er meine an⸗ ſcheinende Vergeſſenheit ſeiner, meine Abrei⸗ ſung, meine Undankbarkeit empfunden hatte und trotz meiner Verſicherung, daß ich nie aufgehoͤrt hatte, ihn zu lieben, glaubte er es nicht und wollte es immer wieder von mir hoͤren. — Ach dieſer Augenblick machte mich ſehr ſtrafbar! doch bald erwachte ich aus meinem Rauſche und erkannte den Abgrund, an deſſen Rand ich wandelte! Agathe trauerte im Stil⸗ len, aber ich ſah ihre Thraͤnen; Frau von Löwenberg mied mit einer Art von Abſchen meine Naͤhe, Waldemar ſelbſt zeigte ſich an⸗ maßend und eiferſuͤchtig, mein Entſchluß war gefaßt — ich verließ heimlich das Haus, und benachrichtigte ſie Alle ſchriftlich, daß ich zu meinem Manne reiſe und ihnen und mir den Schmerz des Abſchiedes habe erſparen wollen. Solm war in Petersburg; ich legte den weiten, beſchwerlichen Weg gluͤcklich zuruͤck und Fuchs, der ihn nicht hatte verlaſſen wol⸗ len, kehrte jetzt nach Wien zuruͤck. Die Huͤlfs⸗ mittel zu unſerem Unterhalt waren durch die Kraͤnklichkeit meines Mannes erſchoͤpft; ich nahm zu meinem Talent meine Zuflucht und es gelang mir, mit dem Ertrag meines Flei⸗ ßes, die letzten Lebenstage meines Mannes zu verſuͤßen und ihn vor Mangel und Entbeh⸗ rung zu ſchuͤtzen. Ich fuͤhlte mich von faſt uͤbernaturlicher Kraft aufrecht gehalten und es — 214 — gelang meiner zaͤrtlichen und ſorgfaltigen Pfle⸗ ge, ſein Leben zu verlaͤngern, doch nur um wenige Jahre. Er ſtarb! Ich war in Ruß⸗ land, Waldemar war verheirathet! Hoffnungs⸗ los, ungluͤcklich, von allem verlaſſen, was ich liebte, erlag ich doch nicht meinem Schickſale, aber ich bedurfte einer langen Zeit, um mich zu erholen. Eine ſanfte Schwermuth blieb der Grundſtein meines Weſens. Auf Erden bluͤhte mir kein Gluͤck, keine Hoffnung mehr! Nie⸗ mand gedachte meiner! Niemand kuͤmmerte ſich um mein Daſeyn! Keine Nachfrage, keine Er⸗ kundigung nach mir! Ein Schweigen, viel grau⸗ ſiger als das Schweigen der Graͤber, herrſchte in ſeiner furchtbaren Oede um mich her! Ich ſchrieb an Fuchs, um ihm den Tod meines Mannes zu melden, da ich bei meiner Abreiſe aus Deutſchland mir ſelbſt gelobt hat⸗ te, nie an Waldemar und an ſeine Frau wie⸗ der ſchreiben zu wollen, um nicht Wunden, von denen ich ſo fuͤhlte, daß ſie hienieden nie vernarben wuͤrden, von neuem wieder aufzu⸗ reißen; vber jetzt ſchrieb ich ſehr ausfuͤhrlich an Fuchs, und wartete mit der ungeduldigſten — — Sehnſucht auf ſeine Antwort, da ich von ihm zu erfahren hoffte, wie man in Wien ohne mich lebte. Ich ſchilderte ihm in meinem Brief das Ungluͤck und meine Vereinzelung, aber ich zeigte zugleich einen Muth, den ich nicht beſaß, und verhehlte es ganz, wie ich mich dem Erliegen unter dem Druck meiner Leiden nahe fuͤhlte. So wie ich das Blatt abgeſandt hatte, begann ich die Stunden und Tage bis zu ſeiner Ankunft in Wien zu zaͤhlen; ich dachte es mir, wie Fuchs Waldemar'n den Brief mittheilen werde, aber ich wagte es nie, mir den Eindruck zu malen, den die Nachricht, daß ich Wittwe, daß ich frei ſey, auf ihn machen muͤſſe; ich verſagte mir alles, was mein armes Herz zu erquicken vermochte, und that gut daran, denn er war ja immer gleichgebunden, immer der Gatte ei⸗ ner Andern! Es dauerte lange, ehe ich von Fuchs Ant⸗ wort erhielt. In ſeinem Briefe ſprach ſich wahre, innige Theilnahme aus, und auf ſehr zarte Weiſe bot er mir Unterſtuͤtzung, alle Huͤlfe an, deren meine Lage mich wahrſchein⸗ lich beduͤrftig machen muͤſſe, aber Waldemars 6 Name war in dem Briefe nicht genannt. Ich ſchlug alle ſeine Anerbietungen aus, ich wollte nur mir ſelbſt das Gluͤck oder das Ungluͤck meiner Lebenstage zu verdanken haben. Von neuem begann ich zu arbeiten und das ohne Raſt, ohne Erholung mit dem anſtrengendſten Fleiß. Mein Ruf als Kuͤnſtlerin breitete ſich mehr und mehr aus, ich wurde beruͤhmt, ich wurde wohlhabend, und daß allein durch mei⸗ nen Fleiß, mein Talent. Jahre flogen mir wie geſtaltloſe Traͤume voruͤber, aber doch ward ich allmaͤhlich ruhiger, ich glaubte nicht mehr zu lieben, da zerſtoͤrte ein Brief in einem Augenblick das Werk meh⸗ rerer Jahre und erweckte mein Herz aus ſei⸗ nem Winterſchlafe zu einem neuen Fruͤhling des Lebens, der Liebe und des Gluͤcks! Wal⸗ demar ſchrieb mir: „Ich bin frei, Adeline, und darf Dich fragen: liebſt Du mich noch oder haben die Jahre unſerer Trennung mein Bild in Dei⸗ nem Herzen verloͤſcht? Doch nein, ich kenne Dich zu gut, um dieß zu furchten, ich weiß, Du biſt noch immer meine einzige, meine — 217 — liebende und unausſprechlich geliebte Adeline. Morgen verlaſſe ich Wien, um zu Dir zu eilen, und Dich an mein Herz zu drucken, das nur durch Dich ſich begluͤckt zu fuͤhlen vermochte. Noch vermag ich die Seligkeit⸗ Dich mein zu nennen, nicht zu faſſen — in Deinen Armen erſt werde ich an die Wirklichkeit meines Gluͤckes glauben koͤn⸗ nen.“ Dieſer Brief war in einem andern von Fuchs eingeſchloſſen, der mir meldete, daß Waldemar vor drei Monaten ſeine Frau ver⸗ loren habe. Sie war todt, dieſe holde, zier⸗ liche Agathe; der mit dem Gluͤck, das Weib des Mannes ihrer Liebe zu ſeyn, auch das Ungluͤck beſchieden war, nie von ihrem Man⸗ ne geliebt zu werden! Doch ihre Mutter al⸗ lein durchſchaute dieß, ſie ſelbſt hat ihr Schick⸗ ſal nie begriffen, nie erkannt! Ich weinte Ihrem Verluſte Thraͤnen aufrichtiger Theil⸗ nahme, aber Waldemar war frei, ich ſollte ihn wiederſehen, er liebte mich noch, ich durfte, ich ſollte fuͤr ihn leben. — O nur aus der Nacht der Hoffnungsloſigkeit und des Gra⸗ 1 1 * . — mes kann die Morgenrothe des ſchoͤnſten Gluͤ⸗ ckes, ſo himmliſch hervorbrechen. Was kann ich noch von mir und dem Leben, das mir als ſeine Gattin in Liebe, Vertrauen und heitrer Haͤuslichkeit erbluͤhte, weiter ſagen! — Die Vergangenheit flog wie ein duͤſtrer Traum hinter mir — Entſagung und Schmerz hatten meine Seele gereinigt, Liebe und Friede wurden die Schutzengel mei⸗ nes Daſeyns und meines Gluͤcks an Walde⸗ Herzen — ſie ſind es noch. eei * — — —,— — 5 * — = * 1— — 70 — Eine Novelle von Sophie A. ——— — Wenn unterrichteten Botanikern die Roſe von Jericho unter dem Namen: Anastatica Hierochantia wohl bekannt, und ihre wun⸗ derbare Eigenthuͤmlichkeit nicht fremd iſt, ſo . duͤrften dagegen im groͤßern Publikum wohl nur Wenige ſeyn, die dieſe ſeltne Blume nicht blos als ein Produckt grauer Vorzeit kennen, und ihre Eigenſchaft, nach langem Verwelken wieder zu erbluͤhen, nicht fuͤr eine fabelhafte Sage halten. Es iſt daher vielleicht nicht unintereſſant zu wiſſen, daß ein Exemplar dieſer beruͤhmten Roſe von Jericho noch jetzt im Beſitz einer angeſehnen Buͤrgerfamilie Preu⸗ ßens erxiſtirt. Der Großvater dieſer Familie hat ſie einſt auf ſeiner Wanderſchaft von ei⸗ nem Moͤnch des Berges Libanon erhalten, und mit nach Hauſe gebracht; ſie iſt jetzt be⸗ reits 80 Jahr, und obgleich unanſehnlich und — 222 — ganz braun, giebt ſie doch noch jetzt das merk⸗ wuͤrdige Schauſpiel wieder zu erbleichen, ſo⸗ bald ſie einige Zeit im friſchen Waſſer geſtan⸗ den. Die Gluͤck und Segen bringende Kraft, die ihr die Sage beilegt, wird von den Be⸗ ſitzern anerkannt, und ſie betrachten ihren bluͤ⸗ henden Wohlſtand gern als eine Wirkung der⸗ ſelben. Motto: Das Heil entſpringt aus heißen Todeswundenz Und aus dem Dunkel wird das Licht geboren. Die alten Nußbaͤume eines kleinen, reizen⸗ den Thales, unfern des Main, beſchatteten das Dach einer, in gluͤcklicher Eintracht leben⸗ den Familie. Der Vater, ein beguͤterter Wein⸗ bergsbeſitzer, dankte ſeine Wohlhabenheit elter⸗ lichem und eignem Fleiße, und die Bildung, die ihn vor Andern ſeines Standes auszeich⸗ nete, dem Unterricht eines geiſtlichen Herrn, der ihn als vaterloſe Waiſe einige Jahre er⸗ zogen hatte. Seine Frau, eine ehrſame Buͤr⸗ gerstochter aus Mainz, fand ſich durch dieſe beiden Eigenſchaften bewogen, die Stadt mit N 4 . — 223 — dem Lande zu vertauſchen, und ſanft und mild, wußte ſie eben ſo leicht in die Entbeh⸗ rungen des beſchraͤnkten Landlebens ſich zu finden, als in die kleinen Eigenheiten ihres rechtſchaff⸗ nen Mannes. Nicht ſo ihre Mutter, eine et⸗ was ſtolze Mainzerin, die als Wittwe ihr hierher gefolgt war, und ſo ſehr an ſtaͤdtiſcher Zierlichkeit und Glanz hing, daß ſie nur un⸗ gern jene Entbehrungen trug, und ihr klei⸗ nes Stuͤbchen wenigſtens den Nachklang ver⸗ laſſner Herrlichkeit ſein ließ, indem ſie mit langerhaltnem, glaͤnzendem Geraͤth zu einem wahren Putzkaͤſtchen es umſchuf. Sie hatte eben ſo ungern die Verheirathung ihrer Toch⸗ ter mit einem Landwirth zugegeben, und troͤ⸗ ſtete ſich jetzt durch die Hoffnung, in einem ihrer vier Enkel das fruͤhere Anſehn ihrer Fa⸗ milie wieder aufbluͤhen zu ſehen. Margarethe, die Aelteſte, ein ſtilles, ein⸗ faches Maͤdchen von 12 Jahren, ſchien dieſen Erwartungen nicht entſprechen zu wollen, denn Gemuͤße und Blumen ziehen, feines Garn ſpin⸗ nen und der Mutter in der Kuͤche geſchickt zu helfen wußte ſie wohl, aber in der Schule — 224 — war ſie kein Licht, und nimmer wollten die Unterweiſungen der Großmutter zu zierlichen Redensarten und feinen Manieren viel Fruͤch⸗ te bei ihr tragen, ſie blieb ſchlicht und laͤnd⸗ lich. Auch bei Anton, ihrem zehnjahrigen Bru⸗ der, waren jene Belehrungen nicht erfolgrei⸗ cher, aber ſein kraͤftiger Geiſt, der kuͤhne Sinn und frohe Muth, der ihn bei jeder Un⸗ ternehmung beſeelte, machten ihn zum Lieb⸗ ling des Vaters. Die Lieblinge der hochſinni⸗ gen Großmutter indeß waren die juͤngſten Zwillingstoͤchter, Anna und Babet, zarte, liebliche Kinder, im ſechſten Jahre, die mit den braͤunlichen, ſchwarzaͤugigen Geſchwiſtern einen ſeltſamen Contraſt bildeten. Blaue Augen voll Lebensluſt, eine Fuͤlle blonder Locken und ei⸗ ne Farbe der Haut, wie Lilien und Roſen, zeichneten Babet vor allen aus; Annas groͤß⸗ ter Reiz beſtand in großen, dunkeln, ſeelen⸗ vollen Augen, deren Aufſchlag jene unnenn⸗ bare Anziehungskraft hatte, die uns, wie vom Himmel geſendet, zu ihm hinaufzieht; obgleich ihrer Schweſter Babet ſehr aͤhnlich, waren doch ihre Zuͤge weniger regelmaͤßig, ihr Teint we⸗ niger blendend, und der ſanfte Ernſt, der wie ein leichter Anflug uͤber ihr Geſicht ſich verbreitete, das reiche hellbraune Haar, das die Großmutter in kunſtvolle Flechten ſchlang, gaben ihr immer das Anſehn, ein Jahr aͤlter zu ſeyn, als ihre Schweſter. Geiſt und Herz ſchien die Natur Beiden gleich reich begabt zu haben, nur zeigte Babet mehr aͤußre Lebendig⸗ keit und leichten Frohſinn, Anna dagegen mehr Tiefe und Innigkeit. u Geliebt und gepflegt von Allen, als die juͤngſten und zarteſten Sproßlinge des Kreiſes, hatte die Großmutter jedoch das beſondere Recht ſich genommen, ihrer Erziehung vorzu⸗ ſtehen, und mit groͤßerm Vergnuͤgen als ir⸗ gendwo, weilten die kleinen Maͤdchen im Großmuͤtterlichen Heiligthum, das ihrer kin⸗ diſchen Schauluſt hundert zierliche und glaͤn⸗ zende Gegenſtaͤnde darbot, die der einfachen Wohnſtube ihrer Eltern mangelte. Schau⸗ und Hoͤrluſt, dieſe ſtärkſten Regungen in der Kinderſeele wußte die Großmutter auf gleiche Weiſe zu befriedigen, denn waren alle Feier⸗ lichkeiten ihrer Umgebung hinlänglich beſehen 15 und gemuſtert, dann erzaͤhlte ſie den lebhaß⸗ ten Kleinen gar ſchoͤne und ruͤhrende Geſchich⸗ ten, denen ſie mit nimmer ermuͤdender Auf⸗ merkſamkeit zuhorchten, und wenn die leicht zu bewegende Babet heiße Thraͤnen vergoß, wenn ſie zum zwanzigſten Mal hoͤrte, daß Joſeph von ſeinen Bruͤdern in die tiefe Grube geworfen ward, ſo fuͤllten ſich dagegen Anna's Augen ſtets mit hellem Waſſer bei der Wie⸗ dererkennungsſcene mit den Bruͤdern, die die gute Großmutter gar lebendig darzuſtellen wußte. 95 n Ihr ſelbſt unbewußt, entwickelte ſie durch dieſen Geſchichten⸗Cyklus, der von Zeit zu Zeit einigen Zuwachs bekam, eine Menge Be⸗ griffe in den kleinen Koͤpfen, und ohne alle paͤdagogiſche Kunſtgriffe war mit dem ſechſten Jahre ein Bildungsgrund in die zarten Herzen gelegt, der ſich erfreulich in den lieblichen Ge⸗ ſichtchen ausdruͤckte. Allen dieſen Unterhal⸗ tungen durften ſie ſich fruͤher unbedingt uber⸗ laſſen, aber ſeit laͤnger als einem Jahre ſchon hatte die verſtändige Matrone ſie nur zur Be⸗ lohnung irgend einer nuͤtzichen Thaͤtigkeit ge⸗ — — macht. Die Ueberreſte urgroßmůtterlichet Feſi⸗ kleider zupfen, Garn wickeln, Erbſen und Boh⸗ nen leſen, das waren die erſten Beſchaͤftigun⸗ gen der gelehrigen Kleinen; auch Buchſtaben lernen wurde im ſechſten Jahre darin aufge⸗ nommen, und hatte Babet das ABC in und außer der Reihe wohl zu ſagen, und die ſchnellet faſſende Anna ihr ba, be, bi, bo, bu richtig zu buchſtabiren wiſſen, dann ſchloß die gern belohnende Großmutter gewiß ihren ſchoͤ⸗ nen, nußbaumnen Schrein auf, um alle die buntgemalten Taſſen, die niedlichen Porcelan⸗ figuren, zierlichen Kaͤſtchen, ſchoͤn verzierten Spruchbildchen, und was er ſonſt noch an Raritaͤten enthielt, den gluͤcklichen Kindern zu zeigen. Ein ſilberbeſchlagenes Kaͤſtchen von Ebenholz, ganz in der Ecke des Schreins ſtehend, reizte einſt ganz beſonders die Neu⸗ gier der kleinen Anna, und ſchmeichelnd bat ſie die Großmutter, auch dies . zu oͤffnen. „Noch nicht jetzt,“ w die Antwort pe guten Alten, „das ſollt ihr ſehen, wenn ihr dem Vater die erſte Geſchichte vorgeleſen 15 * 3 — 228 — habt, dann ſeyd ihr nicht mehr kleine Kinder, wir rechnen euch zu den Verſtändigen, und nur Verſtaͤndige duͤrfen ſehen, was in dem Kaͤſtchen iſt.“ Neugier und Ehrbegierde, zum duhne der Verſtaͤndigkeit zu gelangen, ſpornten gleich ſtark die beiden kleinen Schuͤlerinnen von die⸗ ſem Tage an. Die innige Liebe, die ſie an⸗ einander kettete, ließ die ſchneller forteilende Anna oft wieder umkehren, um der ſelten be⸗ harrlichen Babet nachzuhelfen; kein's der Buͤ⸗ cher ihres Vaters war ſicher vor ihrer Unter⸗ ſuchung der Woͤrter, und oft genug ver⸗ tauſchte Anna die Puppe mit Geſangbuch und Bibel der Großmutter, um zu verſuchen, ob ſie wohl darin zu leſen vermoͤchte. Die Groß⸗ mutter, mit Freude und Stolz den Eifer ihrer Pfleglinge betrachtend, half treulich nach, und ſo begruͤßte endlich der freundliche Sonnen⸗ ſchein des erſten Mai den ſiebenten Ge⸗ burtstag der Zwillinge, als den, wo ſie im Stande waren, chre Eltern mit dem erſten zuſunmenhuͤngenden Leſen zu erfreuen. Es iſt ein Feſttag fuͤr Alle; mit Ruͤhrung betrachten — 229 — die treuen Eltern beide liebliche Kinder, die die Geſchwiſter mit freundlicher Theilnahme, mit freudigem Stolz ſieht die Großmutter auf ſie herab; aber gluͤcklicher als Alle leuch⸗ ten die Augen der fleißigen Kinder, als der Vater jedem ein ſilbernes Schauſtuͤck umhaͤngt, die Mutter einen ſchoͤn angeputzten Kuchen bringt, die Großmutter zwei neue Leſebuͤcher daneben legt, und ſelbſt Margarethe und An⸗ ton mit Kraͤnzen und Baͤndern die kleinen Schweſtern ſchmuͤcken! Beide duͤnken ſich unendlich reich und ge⸗ ehrt, denn noch nie hatten ſie vor dieſem Tage aͤhnliche Spenden erhalten, und die ganz befriedigte Babet, die ſich ſechsjaͤhrigem Froh⸗ ſinn im vollen Maaße uͤberlaͤßt, haͤtte wohl kaum des Verſprechens der Großmutter ge⸗ dacht, wenn nicht Anna, die ſinnige Anna, ſie daran erinnert haͤtte. Bewegt durch der Großmutter eindrucksvolle Worte ſchien ſie eine Art Weihe zur Verſtaͤndigkeit im Oeffnen des Kaͤſtchens zu ahnen, und kaum iſt ein Stuͤck des ſchoͤnen Kuchens verzehrt, ſo mah⸗ nen beide an die Erfullung des Großmuͤtter⸗ 1 — 30 — lichen Verſprechens. Nun wohl, beginnt die gute Matrone, indem ſie mit beiden Kindern die Treppe hinauf ſteigt, ihr ſollet es ſehen, das Beſte meiner Habſeligkeiten, das theure Vermaͤchtniß meines ſeligen Vaters, was er vor allen mir, ſeiner Lieblingstochter zuge⸗ theilt hat; ihr werdet nun verſtaͤndige Kinder und lernet gewiß bald den Werth eines ſolchen Schatzes begreifen. Obgleich die guten Kinder nur halb verſtanden, was die Großmutter damit ſagen wollte, ſpannt doch der feierliche Ton ihrer Worte ihre Neugier aufs Hoͤchſte. Der Schrein wird geoffnet, das Kaͤſtchen aus der Ecke genommen, und mit leuchtenden Augen verfolgen die Kinder jede Bewegung des Schluͤſſels, in voller Erwartung, irgend ein nie geſehenes, glänzendes Kleinod werde er ihnen enthuͤllen. Doch wie groß iſt ihr Er⸗ ſtaunen, ihre Beſtuͤrzung, als der Deckel ſich aufthut, und nichts weiter, als eine unſchein⸗ bare verwelkte Blume darin liegt, deren dun⸗ kelbraune Farbe von hohem Alter zeigt. Die getäͤuſchte Erwartung mahlt ſich auf ihren Geſichtern, und macht ſie faſt ſprachlos, doch Babet ermannt ſich bald, und ruft aus: nein, Großmutter, das macht mir keinen Spas, wenn Du nichts Beſſtes in dem Kaͤſichen haſt! Ach! lächelt Anna die Großmutter zweifelnd an, gewiß iſt's nur ein Scherz von Dir, un⸗ ter der alten Blume liegt wohl noch etwas Schoͤnes. Einfältige Kinder, erwiedert ernſt die Matrone, ihr verſteht noch nichts; dieſe alte Blume iſt mehr werth, als Gold und Edelſteine, denn wo ſie iſt, kommt Gluͤck und Segen, und Friede und Freude in das Haus; alles Gute, was mir widerfahren, und wahr⸗ lich es iſt viel, ſetzt ſie mit feuchtem Blick hinzu, danke ich naͤchſt Gott ihrem Segen, denn meinen Schweſtern iſt's nicht ſo wohl gegangen. Seyd fromm und gut, und macht mir Freude, ſo koͤnnt ihr wohl einſt das Kleinod von mir erben; es iſt die Roſe von Jerichv. Staunend hoͤrten die Kinder der feierli⸗ chen Rede zu und begriffen wenigſtens ſo viel davon, daß die Blume ein ſehr ernſter, ja faſt heiliger Gegenſtand fuͤr die Großmutter ſey, den deßwegen auch ſie ehren muͤſſen, und mit ſtiller Ehrfurcht betrachten ſie jetzt die braͤunliche Roſe. Anna bemerkt bald, daß ihre Blatter doch ein wenig glaͤnzend ſind, und daher gefiel ſie ihr nun ſchon beſſer, auch Babet lobt, daß ſie noch nicht ganz verdorrt iſt, und waͤhrend die Großmutter ſinnend den Deckel noch geoͤffnet haͤlt, fluͤſtern ſie leiſe: Roſe von Jericho, um den ſeltſamen Na⸗ men zu behalten. Das Käſichen wird geſchloſ⸗ ſen und an der alten Stelle aufbewahrt. Die Kinder waren zwar getaͤuſcht, aber dennoch ergriffen von der geheimnißvollen Fei⸗ erlichkeit, mit der man es ihnen gezeigt, und mehrere Tage noch ſprechen ſie von der Roſe von Jericho. Verwiſchte ſich auch ſpaͤterhin bei der luſtigen Babet dieſer Eindruck, ſo ſchien er wenigſtens fur Anna eine Weihe zur Ver⸗ ſtandigkeit geweſen zu ſeyn, denn ſtiller und ernſthafter ſaß ſie jetzt oft ſinnend mit ihrer Puppe, die ſeltſamen Worte der Großmutter ſich wiederholend, die ſie wohl behalten hatte, ohne jedoch ihren Sinn vollkommen verſtehen zu konnen. Der nußbaumne Schrein war ein hoheres Heiligthum noch als zuvor bei ihr ge⸗ — — — worden, und ſo oft die Großmutter wegen ungewoͤhnlichen Fleißes ſie lobte, erbat ſie ſich ſchmeichelnd die Gunſt, die Roſe von Jericho ſchauen zu duͤrfen. Beide Kinder machten mehr und mehr Fortſchritte in ihren kleinen Kenntniſſen und hielten darum ziemlich glei⸗ chen Schritt, nur zeigte ſich ſchon hierbei die Verſchiedenheit ihrer Anlagen recht ſichtbar, denn wenn es Annas größtes Vergnuͤgen war, die Geſchichten des neuen Buchs von guten und großmuͤthigen Handlungen zu leſen, ſo mochte dagegen die fröhliche Babet gar gern die ganze Proſa uͤberſchlagen, um zu irgend einem huͤbſchen Verschen und Liedchen zu ei⸗ len, was ſie ſehr bald ihren Geſchwiſtern mit kindiſchen Pathos vordeklamirte oder auch ab⸗ ſang. In ihren Spielſtunden wußte Babet mit vieler Geſchicklichkeit tauſend neue Putzſaͤchelchen fuͤr ihre Puppe zu fertigen und war darin un⸗ gemein erfinderiſch; Anna hingegen liebte mehr mit Tafeln und Schieferſtift ſich zu vergnu⸗ gen, und die Blumen, Baͤume und Häaͤuſer, — 234 — die ſie hervorbrachte, zeigten unverkennbar von naturlichem Talent. Der verſtaͤndige Vater war bisher mit dem Unterricht der Großmutter wohl zufrieden geweſen, doch da die Kinder fertig leſen, auch ein wenig ſchreiben konnten, glaubte er ſie den großmuͤtterlichen Kenntniſſen entwachſen, und hielt es fuͤr hohe Zeit, ſie dem Schullehrer des Dorf's, wie ſeine aͤlteſten Kinder, zu ubergeben. Allein die Großmutter, die in der Schönheit und den feinern Talenten der kleinen Maͤd⸗ chen ſchon laͤngſt eine Beſtimmung zu hoͤherem Stande erblickte, war der Gedanke ſchrecklich, ihre Lieblinge mit Bauerkindern in die Dorf⸗ ſchule gehen zu ſehen; unter allerlei Vorwand wußte ſie noch immer den gefuͤrchteten Zeit⸗ punkt hinaus zu ſchieben, und da endlich der ſorgliche Vater keinen Scheingrund mehr gel⸗ ten ließ, brach ſie unverholen mit der Aeuße⸗ rung hervor: daß es jammer ſchade ſey, ein paar ſo huͤbſche, feine Kinder, die offenbar zu etwas Hoͤherem beſtimmt ſeyen, in das Bau⸗ ervolk hineingeben zu wollen. Es entſtand ein langer Kampf zwiſchen Beiden, indem der ho⸗ — 235 — he Sinn der ſtolzen Mainzerin mit ihren An⸗ fichten vom Gluͤck einer feinern Erziehung, ver⸗ geblich wie es ſchien, gegen die einfachen Le⸗ bensprincipien des geraden Landwirthes ſtritt, der ſeine Kinder nur gut und brau, aber nicht vornehmer, als ſich ſelbſt, haben woll . Die gute Grohmukter war k e te wohl, daß 6 men ſey, ſchwieg da n nicht, ohne beim Fortgehen noch die Bemer⸗ kung hinzuwerfen: man muͤſſe ſich doch wun⸗ dern, wie ein ſo wohl unterrichteter Vater die Bildung ſeiner Kinder ſo gering achten könne. Dieſe Bemerkung verfehlte ihre ſchmeichelnde Wirkung nicht, uͤberdies konnten die Vorzuͤ⸗ ge der lieblichen Zwillinge, die Jedermann an⸗ erkannte, dem liebenden Vaterherzen nicht un⸗ bemerkt bleiben; auch die Mutter, die ſonſt ſelten dem Willen ihres Mannes ſich zu wi⸗ derſetzen wagte, trat hier auf die Seite der Großmutter, und dies vereint, bewirkte we⸗ nigſtens unbeſtimmten Aufſchub, es wurde vor der Hand der Schule nicht wieder gedacht, und die Kinder blieben unter der Leitung der Groß⸗ — 246 — mutter. Doch dieſe, wohl voraus ſehend, daß uͤber kurz oder lang der Kampf ſich erneuern muͤſſe, entwarf im Stillen ihren Plan zu ei⸗ nem Auswege. Ihrem großten Wunſche, die Kinder in der Stadt erziehen zu laſſen, ſtan⸗ den des Vaters Grundſaͤtze ſo entſchieden ent⸗ gegen, daß ſie daran nicht weiter denken durf⸗ tez das Einzige, was demnach ubrig blieb, war der Beiſtand des hnn und auf dieſen bau⸗ te ſie alle ihre Hoffnungen. Sein Haus war fruher ſchon oft von ihr beſucht worden, jetzt aber fing ſie an, dieſe Beſuche zu verdoppeln, und verſaͤumte nie, ihre kleinen Lieblinge mit⸗ zunehmen; dieſe verloren unter den muntern Knaben des Pfarrers bald alle Schuchternheit, die ſie anfaͤnglich ſtill und betroffen dort ſeyn üeß, ſie wurden die liebſten Geſpielen Jener, die ſie ſtets mit Sehnſucht erwarteten, bald auch die Lieblinge des Pfarrers und ſeiner Frau, die das Entbehren eigener Toͤchter in ihrer Gegenwart weniger fuͤhlten, und ſo ſah die Großmutter in kurzer Zeit den Weg zu ihrem Ziele gebahnt, nehmlich zu dem, ihre cheuern Enkel von dem Pfarrer unterrichtet zu — 237 — ſehen, welches ſie —. noch zu hoffte. Die froͤhliche 86 vet Weinleſe nahte ſich ihrem Ende, gelber und gelber faͤrbten ſich taͤg⸗ lich die Blätter, rauſchend trieb die friſche Herbſt⸗ luft ſie die Berge hinunter und mahnten an den nahenden Winter, die Großmutter an die Zeit der nahenden Arbeitsſtille, die den Vater ſtets naͤher den Sorgen fuͤr ſeinen haͤuslichen Kreis zufuͤhrten, und noch hatte ſie die guͤn⸗ ſtige Stunde, den Pfarrer fuͤr ihre Wünſche zu gewinnen, nicht finden koͤnnen; da ſehen wir ſie an einem ſonnigen Nachmittage ſin⸗ nend unter den Nußbaͤumen ſitzen; Anton klet⸗ tert auf ihren Aeſten herum und pfluͤckt Nuͤſſe, und wirft ſie der ſammelnden Babet hinunter; die wirthſchaftliche Margarethe haͤlt Nachleſe im nahen Weingarten, Anna hilft ihr. Vater und Mutter ſind im gegenuͤberliegenden Weinberge bei den Arbeitsleuten, zwiſchen Garten und Berg führte die Landſtraße hindurch. Auf die⸗ ſer kommt jetzt ein Wanderet daher geſchritten; es iſt ein Mann im braunen Pilgergewande, grauwerdende Logen wohl an heranna⸗ 5 tige Geſtalt, die feſte, edle Haltung, mit der er einherging, das milde Feuer ſeiner Augen, die maͤnnlich ſchoͤnen Zuͤge nicht Beweiſes genug geweſen, das er nur dem reifern Mannesal⸗ 3 ter zugehoͤrte. Er nähert ſich dem Weingar⸗ ten, grußt mit einem: Gott ſey bei euch, ihr lieben Maͤgdlein, und ſetzt hinzu: wolltet ihr wohl einen muͤden, durſtigen Wanderer mit einigen Trauben erquicken! „gar gern“, iſt Margarethens Antwort, und ſchnell eilt Anna mit ihrem eben gefullten Koͤrbchen an die He⸗ cke, dem Durſtigen es zu reichen, ihre ſeelen⸗ vollen Augen ruhen dabei mit ſo viel Wohl⸗ wollen auf dem Wandrer, daß er ergriffen von ihrem Anblick, wie es ſcheint, ſie einige Mi⸗ nuten betrachtet, ehe er den Korb ihr abnimmt. Wie alt biſt du, mein Kind? fragte erz den nachſten erſten Mai werde ich 7 Jahr antwor⸗ tete Anna, und haſt du der Geſchwiſter mehr noch? fahrt er fort. Einen Bruder noch, und eine Schweſter⸗ will ſie eben hinzuſetzen, da kommt Babet, deren leiſem Gehoͤr das ferne Geſpraͤch nicht entgangen iſt, ſchon herbeige⸗ hendes Alter gemahnt hätten, ware ſeine kraͤſ⸗ 4 — 239 — ſprungen, um zu ſchauen, mit wem die Schwe⸗ ſter ſpreche, denn ſie war neugierig. Der frem⸗ e Mann erſchreckt ſie, und ſchuͤchtern nach ihm hinuͤberblickend, ſteht ſie plötzlich ſtille. „Das iſt ja ſchon, mein Kind, daß du gleich ſelbſt kommſt, redet der Wandrer ſie freund⸗ lich an, denn du mußt die andre Schweſter ſeyn, ihr ſeht euch aͤhnlich wie ein Ei dem andern, gewiß ſeid ihr Zwillinge, nun ſo wer⸗ det ihr mir gewiß auch Beide etwas Gutes erzeigen, deine Schweſter hat mir Trauben gereicht, ſo zeige du kleiner Lockenkopf mir ei⸗ nen Ruheſitz an, wo ich ſie verzehren und mich erholen kann von weiter Reiſe.“ Ja, das will ich gleich, ruft die ſchnell ſich faſſende Babet, 3 kommt nur dahin auf die Bank unter den Nußbaͤumen, wo die Großmutter ſitzt, da koͤnnt ihr ruhen, ſo lange ihr wollt, und mun⸗ ter ſpringt ſie voraus, den Wanderer anzu⸗ melden. Unwillluͤhrlich erhebt ſich die Matro⸗ ne beim beſcheidenen Gruß des Wandrers, deſ⸗ ſen edle Geſtalt Ehrfurcht erweckt und freund⸗ lich ladet ſie ihn ein, ſich neben ſie zu ſetzen. Er thut es, preiſt die Anmuth der kleinen — 40 — Enkel und ihre Mildthaͤtigkeit, und iſt bald im traulichen Geſpraͤch mit der Großmutter, die auf ihre Fragen hoͤrt, daß er aus dem Lande der Unglaͤubigen komme, viel Ungemach ausgeſtanden, viel erfahren, und jetzt im Be⸗ griff ſey, in der Schweiz ſich ein bleibendes Aſyl zu ſuchen. Eine Stunde iſt dabei ſchnell verflogen, die Sonne neigt ſich, und eben will der Wandrer ſeinen Stab weiter ſetzen, da nahert Vater und Mutter ſich dem Hauſe, und mit eigenthuͤmlicher Biederkeit forſchen ſie nach dem Begehren des fremden Gaſtes, deſſen Aeußeres ſie einnehmend anſpricht. Die Groß⸗ mutter will ſie belehren, da nimmt der Wand⸗ rer ſelbſt das Wort und erwiedert: „Die freund⸗ liche Mildthaͤtigkeit Eurer lieblichen Kinder, hat mich auf eine Stunde zu Euerm Gaſte gemacht, doch laͤnger will ich Euch nicht be⸗ ſchweren; nehmt meinen Dank, ſeyd glͤcklich und geſegnet und weiht auch mir einen guten Wunſch auf die Reiſe;“ dies ſprechend reicht er dem Vater die Hand und bereitet ſich zum Gehen, doch der gaſtfreie Landwirth, dem das wuͤrdevolle Weſen des Wandrers gar wohl — 241 — behagt, bittet ihn, zu bleiben, und da der Abend ſchon eingebrochen ſey, mit einem Stroh⸗ lager unter ſeinem Dache vorlieb zu nehmen. So freundlichem Entgegenkommen kann der Pilger nicht widerſtreben; er nimmt dankend an, was ihm geboten wird, und iſt umringt von dem traulichen Familienkreiſe, bewirthet und gepflegt mit aͤcht deutſcher Gaſtfreund⸗ ſchaft, in wenig Stunden kein Fremder mehr unter ihnen. Er unterhaͤlt ſich wie ein alter Freund mit dem Vater, beantwortet gefaͤllig und belehrend alle Fragen der Großmutter, vergißt nicht das ſtille Walten der Hausfrau mit manch' freundlichem Wort zu beachten, und erzaͤhlt den horchenden Kindern gar ſchoͤne und ſeltſame Dinge von ſeinen Reiſen. Dieſe ſchließen ſich mit ſeltnem Zutrauen an den leutſeligen Gaſt an, und unter allen ſind die Zwillinge ſeine unzertrennlichen Nachbarn am großen Familientiſche; ſie wiſſen durch eine Menge kleiner Dienſte ihr liebendes Vertrauen an den Tag zu legen, und ſtreiten ſich mit den aͤltern Geſchwiſtern um die Ehre, den neuen Freund zu bedienen. Auch dieſer zeich⸗ 16 — — 242 — net die kleinen Maͤdchen aus, und ergoͤtzt ſich mit ſichtbarem Wohlgefallen an der Munter⸗ keit und Anmuth, mit der ſie ihm von ihren kindiſchen Intereſſen erzaͤhlen. Die Herrlich⸗ keiten der Großmuͤtterlichen Stube konnen da⸗ bei nicht unberuͤhrt beiben; mit gelaͤufiger Zunge nennt Babet jedes einzelne Stuͤck vom reichen Inhalt des Nußbaumſchreins, und Anna vergißt nicht, mit leuchtenden Augen endlich auch das ſchwarze Kaͤſtchen mit der Roſe von Jericho zu erwaͤhnen. Eine Roſe von Jericho beſitzt ihr? fragt mit bedeuten⸗ dem Ton der Wandrer; das iſt ein ſeltner Schatz, den ihr werth halten moͤgt; darf ich fragen, wie er in eure Haͤnde kommt? Mein Vater, beginnt die Großmutter wohlgefaͤllig, ein angeſehner Handelsherr in Mainz, der in jungen Jahren manch' weite Reiſe gemacht, hat ſie einſt aus dem Morgen⸗ lande mitgebracht, und als Gluͤck und Segen bringenden Talisman gar hoch und werth ge⸗ halten; mir, ſeiner Lieblingstochter, gab er ſie am Hochzeitmorgen zur Mitgift, und ich kann wohl ſagen, ihr Segen hat ſich reichlich an — 243 — mir bewaͤhrt, denn ich hatte einen braven Mann, lauter gute Kinder, und unſer zeitlich Gut mehrte ſich von Jahr zu Jahr. Sieben⸗ zig Weinleſen hat die Roſe von Jericho in unſter Familie geſehen, und ich hoffe, ſie ſoll noch das Gluͤck meiner Enkel und Urenkel bauen, denn man ſagt ja, ſie ſey unſterblich. Man ſagt ſo, erwiedert der Wandrer, und ohne Zweifel habt ihr dieſe Kraft gepruͤft, und ſie ſchon einmal aufbluͤhen laſſen. Aufbluͤhen? rufen Alle zugleich, die welke Roſe von Jericho aufbluͤhen laſſen? wie iſt das moglich? davon haben wir noch nie etwas ge⸗ wußt! So kennt ihr die merkwuͤrdigſte Ei⸗ genſchaft eures Schatzes noch nicht, faͤhrt der Wandrer fort, und habt nie ihr geheimniß⸗ volles Leben geſchaut. Holt mir die Blume, und ich will euch zeigen, wie ſie ſich wunder⸗ bar erſchließen kann. Mit ſtummem Erſtaunen lauſchen Eltern und Kinder dieſen ſeltſamen Worten; der Vater ſchuttelt unglaͤubig den Kopf, doch die Großmutter ſaͤumt nicht, das Kaͤſichen herbei zu holen. Magarethe bringt auf Geheiß des Wandrers ein Glas mit 16 * — friſchem Waſſer, Anton einige duͤnne Hoͤlzchen, und Alle ſehen mit erwartungsvoller Stille auf den Gaſt, der alsbald die braune Roſe behutſam aus dem Kaͤſtchen nimmt, ſie in das Glas ſtellt, mit den uͤber das Glas ge⸗ legten Hoͤlzchen ſo einſchließt, daß ſie gerade ſtehen bleiben muß, und das Glas in die Mitte des Tiſches ſchiebt. In einer Stunde, hub er jetzt an, werden wir die Blatter ſich erſchließen ſehen, und dann erſt beginnt ihr wunderbares Leben, ihre Sprache, denn wißt: ſobald ſie erbluͤhet iſt, neigt ſie ſich feierlich zu irgend einer der ſie um⸗ gebenden Perſonen, und weiht ſie dadurch fuͤr's ganze Leben zu ihrem Liebling, der ganz beſonders ihre ſegenbringende Kraft erfaͤhrt. Laſſen wir ſie jetzt unbeachtet ihr verborgenes Leben entwickeln, und unterhalten uns während der Stunde von etwas anderm; es iſt jetzt 9 Uhr, das Licht kann indeß auf jenem Tiſche ſtehen. Ohne auf die erſtaunten Geſichter, und halb⸗ erſtickten Ausrufungen zu achten, faͤngt er nun an, von einigen Reiſeabentheuern zu erzaͤhlen, —,—.— ——— — —— — — und feſſelt durch ſeltne Darſtellungskunſt gar bald ſeine Zuhoͤrer ſo ſehr, daß Aller Augen vom Glaſe zum wohlberedten Erzaͤhler ſich wenden. Nur verſtohlen ſchluͤpften zuweilen die Blicke der Kinder zur Blume, die unge⸗ wiſſe Daͤmmerung umgiebt, und von da zur Uhr. Der nahe Ablauf der entſcheidenden Stunde erfullt ſie mit nie empfundnem Schauer, und enger druͤcken die kleinen Maͤdchen, die beiſammen ſitzen, ſich an einander, als wenige Minuten nur noch dazu fehlen, und der Gaſt plotzlich aufſteht, das Licht wieder zu holen. Aller Blicke fliegen zur Roſe von Jericho, die im vollen Strahle des Lichtes jetzt ihren geoff⸗ neten Kelch zeigt, und glaͤnzend braun, großer und voller, wie verwandeit ſcheint; noch aber bewegt ſie ſich nicht, und in erwartungsvoller Stille harrt Jedermann des erſehnten Augen⸗ blicks — da hebt die Uhr an zu ſchlagen, und mit dem zehnten Schlage neigt die Roſe ſich langſam und feierlich — den Zwillingen zu! — Staunen, Freude und jene Schauer, die die Wirkung alles ubernaturlich Scheinen⸗ den ſind, unterdrucken fuͤr's Erſte jeden Laut, — 246 — ſprachlos blickt Alles auf die geweihten Lieb⸗ linge hin, die durch das unerwartete Gluͤck, die feierliche Stille, und die auf ſie gerichteten ſeltſamen Blicke ſo beaͤngſtigt werden, daß ſie weinend einander in die Arme ſinken und ſich feſt umſchloſſen halten. Der Wandrer iſt der Erſte, der ſeine Stimme erhebt, und indem er ſegnend ſeine Hand auf die Haͤupter der Kinder legt, mit geruͤhrtem Ton ſpricht: Der Himmel wolle die Weihe zum Gluͤck beſtaͤtigen, euch fuͤhren, daß ihr ihn nimmer vergeſſet, und euch ſeinen Frieden ſ chenken. — Mit Freudenthraͤnen umarmte ſodann die Großmutter ihre Lieblinge, nach ihr die geruͤhrte Mutter, und alle ſammelten ſich bewegt um die Kleinen, die, in Thraͤnen lͤchelnd, wie ein paar Engel erſcheinen; ſelbſt der kaͤltere Vater, der allem Uebernatuͤrlichen ruhige Vernunft entgegen zu ſetzen gewohnt iſt, wird von der Macht des Augenblicks er⸗ griffen, und kann nicht ohne Ruͤhrung auf ſeine holden Kinder blicken, deren ausgezeich⸗ nete Anmuth ihm erſt jetzt recht bemerkbar geworden iſt. Die Roſe von Jericho wird ihrem Hei⸗ ligthume wieder ubergeben und die einbrechende Nacht fuhrt endlich alle aufgeregten Gemuͤther zur Ruhe. Mit dem daͤmmernden Morgen war unſer Wandrer ſchon reiſefertig, Alles ſchlief noch, nur der Hausherr empfing die Dankſagungen des Fremdlings, der mit pa⸗ triarchaliſcher Wuͤrde und Herzlichkeit die freund⸗ lichſten Wuͤnſche fuͤr die ihm theuer gewordene Familie zuruͤck ließ und kräftig ſeinen Stab weiter ſetzte. Allgemeine Klagen aber ließen ſich horen, als der Vater den ſpaͤter Erwachen⸗ den verkuͤndete, daß ihr Gaſt ſchon das Haus verlaſſen habe, und beſonders konnte die Groß⸗ mutter und ihre Pfleglinge ſich lange nicht daruber troͤſten, daß ſie verſaͤumt hatten, ihn noch einmal zu ſehen und zu ſprechen. Sein Bild hatte ſich indeß tief den Herzen der Kin⸗ der eingeprägt und oft war er noch der Ge⸗ genſtand ihrer Unterhaltungen. Tage und Wochen vergingen; ihre wech⸗ ſeluden Sorgen und Genüſſe, der einbrechende — Winter mit ſeinen Beſchaͤftigungen ſchwächten allmaͤhlig bei Eltern und Kindern die Erinne⸗ rung an jenen merkwuͤrdigen Abend; nur die Großmutter in ihrem ſtillen Stuͤbchen bewegte ſie noch immer mit gleicher Lebendigkeit, und die hoͤhere Beſtimmung, die ſie ſchon immer in ihren Lieblingen geahndet, ſchien ihr durch das Neigen der Roſe von Jericho ſo unum⸗ ſtößlich gewiß, daß ſie die baldigſte Ausfuh⸗ rung ihres Planes mit dem Pfarrer jetzt fuͤr eine Gewiſſensſache anſah. Sie hatten nicht verfehlt den Beſuch des Wandrers und das merkwuͤrdige Ereigniß mit der Roſe im Pfarr⸗ hauſe mitzutheilen, und dadurch, wie ſie glaubte, den ſichern Grund zur Erfullung ihres Wunſches gelegt, den ſie im Verlauf der naͤchſten Wochen dem Herrn Pfarrer vortrug. Dieſer hatte die holden Kinder ſchon längſt gleich ſeinen eignen liebgewonnen; er ſchaͤtzte uͤberdies die Familie des Weinbergsbeſitzers, und ſo bedurfte es nicht einmal jenes ſchein⸗ baren Wunders, einer Weihe zu Gluͤck und hoͤherer Beſtimmung, die er am Meiſten in ihren ſeltnen Anlagen erkannte, um ihn willig — zur Erfuͤllung der großmuͤtterlichen Bitte zu ſtimmen. Er verſprach der erfreuten Matrone, dem Vater ſelbſt das Anerbieten zum Unter⸗ richt der Kinder zu machen, und fuͤhrte es auch bald auf eine Weiſe aus, die den ge⸗ wuͤnſchten Erfolg hatte. Denn ſo ſehr es auch fruͤher wider des Vaters Grundſaͤtze war, ſeinen Toͤchtern eine hoͤhere Bildung geben zu laſſen, ſo half doch vaͤterliche Liebe und Eitel⸗ keit, die ſich nicht verbergen konnte, daß die anmuthigen Kinder große Vorzuͤge vor ihren Geſchwiſtern hatten, der Eindruck jenes Abends, der ſich wieder erneuerte, und die verſtaͤndigen Erklaͤrungen des Pfarrers uͤber den Werth wahrer Bildung, den Sieg uͤber jene Grundſaͤtze erlangen. WMit inniger Freude ſahen Großmutter und Mutter mit dem Anfange des Winters den neuen Unterricht beginnen, und nicht min⸗ der vergnuͤgt waren Anna und Babet, nun die taglichen Geſellſchafter ihrer kleinen Freun⸗ de im Pfarrhauſe ſein, und mit ihnen ſelbſt die Lehrſtunden theilen zu koͤnnen. Der Pfar⸗ rer und ſeine gebildete Frau fanden bald die — 250 — groͤßte Freude in dieſem Unterricht, denn ſelt⸗ ne Empfänglichkeit fuͤr alles Gute und Schoͤ⸗ ne kam ihren Bemuͤhungen uͤberall zu Huͤl⸗ fe. Sie gehoͤrten nicht zu Jenen, die mit Ausfuͤllung des Gedaͤchtniſſes genug gethan zu haben glauben, ihr Bildungsprincip war: Anregung der eignen Kraft des Kindes, Ent⸗ wickelung der natuͤrlichen Faͤhigkeiten, Einfach⸗ heit und Klarheit der-Ideen, und ſie erblick⸗ ten ſchon im zweiten Jahre die ſchönſten Fruͤchte dieſes gluͤcklichen Syſtems an ihren kleinen Schuͤlerinnen, durch die erfreulichſten Fortſchritte in allem Guten und Nuͤtzlichen, und wenn die freundliche Harmonie in die⸗ ſer natuͤrlichen Entwickelung den feinen Ge⸗ ſichtchen der kleinen Mädchen einen geiſtigen Ausdruck gab, der ſie wunderbar verſchonte, ſo verlieh ihnen dagegen die unſchuldsvolle Be⸗ wußtloſigkeit, die ſich damit verband, einen äußern Liebreiz, der Niemand ungeruhrt ließ. Bei aller Verſchiedenheit ihrer Gemuͤthsart, liebten ſich uͤbrigens die Schweſtern doch zärt⸗ lich, und waren unzertrennliche Gefaͤhrten in Freud und Leid. —— — 251 — Eines Tages befiel Beiden eine leichte Unpaͤßlichkeit, und die Großmutter, die darin die Vorboten einer graßirenden Kinderkrank⸗ heit furchtete, und ſie nicht aus der Stube gehen zu laſſen wagte, uͤbernahm es ſelbſt, ih⸗ re Enkel wegen des Außenbleibens im Pfarr⸗ hauſe zu entſchuldigen. Nicht lange dort an⸗ gekommen, und noch im traulichen Geſpräch mit der Frau Pfarrerin begriffen, werden die Frauen durch das Rollen eines nahenden Wa⸗ gens aufmerkſam gemacht; die Hausfrau eilt an das Fenſter und wir erblicken mit ihr ei⸗ ne glaͤnzende Equipage, die nicht fern von ihrem Hauſe haͤlt. Es erhebt ſich daraus ei⸗ ne Dame von hohem, majeſtaͤtiſchem Wuchs; ihr blaſſes, leidendes Geſicht ſchien nur von tiefem Kummer fruͤh gealtert zu ſeyn, denn die feinen Zuͤge trugen immer noch Spuren ehemaliger Schoͤnheit. Ihr folgt ein junger Mann, deſſen edler Anſtand die vornehme Abkunft verrieth, ſeine einnehmenden Zuͤge aber wurden vom Ausdruck tiefer Schwer⸗ muth ſo ſehr verduͤſtert, ſeine großen, dun⸗ keln Augen blickten ſo ſtarr vor ſich hin, — — daß er beinahe Furcht und Mitleid zugleich erweckte. Beide ſchreiten auf das Pfarrhaus zu, der junge Mann aber bleibt auf einer Bank vor demſelben, die, von Linden beſchat⸗ tet, die ſchoͤnſte Ausſicht ins kleine Thal dar⸗ bot. Der Pfarrer eilt der eintretenden Dame entgegen. „Sie ſehen hier eine Reiſende vor ſich, redet ſie dieſen mit gewinnender Artigkeit an, der das herrliche Thal und vor allem die reizende Lage ihrer Wohnung den Wunſch erregt hat, ein wenig hier verweilen zu können und es naͤher zu beſchauen, Sie werden mich verbin⸗ den, wenn ſie mir dies erlauben, und ſich dadurch auf keine Weiſe in ihren Geſchaͤften ſtören laſſen, ſetzt ſie hinzu, indem ſie freund⸗ lich an die Frauen ſich wendet. Auf des Pfarrers artige Erwiederung, daß er ſich gluͤck⸗ lich ſchaͤtze, durch die Reize ſeiner Umgebungen einen Beſuch dieſer Art zu erhalten, eilt ſie an das Fenſter und ſpricht mit Waͤrme uͤber die einzelnen Punkte der ſchoͤnen Ausſicht, die ſich hier zeigte, thut mancherlei Fragen an den Pfarver uͤber ſeinen Wirkungskreis, und entfaltet darin alle Gewandheit der feinen Weltſitte; kaum aber hat die Hausfrau das Zimmer verlaſſen, um ein Fruͤhſtuͤck zu be⸗ reiten und die Großmutter mit ihr, als ſie die Hand des Pfarrers ergreift, und mit be⸗ wegtem Ton zu ihm ſpricht: Sie ſehen in mir eine Freundin ſchoͤner Natur, aber eine ſehr ungluckliche Mutter! — Vergoͤnnen Sie dieſer, mit kurzen Worten ihre Schickſale ihnen mittheilen zu duͤrfen, und eine Bitte daran zu knuͤpfen, von der das Heil eines einzigen, ungluͤcklichen Sohnes abzuhaͤngen ſcheint. Ich bin die Baronin von P. und wur⸗ de in Frankreich geboren, kam aber als Waiſe ſehr fruh ſchon zu einer Tante nach Deutſch⸗ land, die mich erzog. Bei ihr lernte ich den Baron P. kennen und lieben, wurde ſeine Gattin und folgte ihm auf eins ſeiner Guͤter im Neckarthale. Unſer eheliches Gluͤck erhoͤhete im Verlauf der Zeit die Geburt zweier Toͤchter und eines Sohnes, und das erfreuliche Aufbluͤhen meiner Kinder machte mich zur beneidenswerthen Mutter; kurze Zeit aber nur ſollte ich das Gluͤck genießen, zwei ausgezeichnet liebenswuͤrdige Töchter zu beſitzen, denn ſchon in ihrem zehnten Jahre entriſſen bosartige Maſern beide mir in wenig Tagen. — Mein Schmerz war grenzenlos, aber Re⸗ ligion, dieſe milde Troͤſterin, ließ mich nach Jahr und Tag Ruhe und Ergebung finden. Nicht ſo war es bei meinem Gemahl. Schon fruher litt er zuweilen an einem periodiſchen Truͤbſinn, der, weil es ein Erbuͤbel ſeiner Familie war, nur ſelten meinen freundlichen Bemuͤhungen und mannichfachen Zerſtreuungen gaͤnzlich wich; der Verluſt unſrer Toͤchter er⸗ neute dieſe periodiſchen Leiden, und zwar in einem Grade und einer Dauer wie noch nie. Reiſen und alle Erheiterungsmittel, die unſer Vermoͤgen erlaubte, wurden vergeblich ange⸗ wendet, die Kunſt der geſchickteſten Aerzte be⸗ wirkte nur kurze Erleichterung, und da endlich koͤrperliche Uebel ſich dazu geſellten, war auch dieſe Kunſt nicht mehr im Stande ihn dem fruͤhen Grabe zu entreißen. Er ſtarb in der Bluͤthe ſeiner Jahre, und hinterließ mir den einzigen Sohn, deſſen Erziehung nun meine einzige Sorge und mein ganzes Gluͤck war. —— — 255 — Der Himmel ſchien mir in ihm Erſatz fur Verlornes geben zu wollen, denn er machte in allem Guten und Wiſſenswerthen ausge⸗ zeichnete Fortſchritte, ſeine Lehrer ertheilten ihm ſtets das vorzuͤglichſte Lob, und als er einige Jahre in Heidelberg ſtudirt, und auch da durch Fleiß und Sittlichkeit ſich bewaͤhrt, und mit den beſten Zeugniſſen verſehen, end⸗ lich in meine Arme zuruͤckkehrte, druckte ich ihn mit Wonne an mein Herz, als einen an Geiſt und Herz gleich reich gebildeten Juͤng⸗ ling von 19 Jahren. Er ſollte ein paar Jahre bei mir bleiben, die Finanzen meiner Güter ordnen, wollte dabei fleißig fortſtudiren, vor⸗ zuglich in der Kunſt, die er uͤber alles liebte, bedeutendere Fortſchritte machen, und dann auf Reiſen gehen, nach deren Beendigung er eine An⸗ ſtellung zu ſuchen gedachte. Unſer Beiſammen⸗ ſeyn war eine Zeit lang nur freudenreich. Das Excentriſche in Alfreds Weſen, ſein Hang zur Schwarmerei, und die damit verbundene Un⸗ gleichheit der Stimmung, machten mir zwar oft bange fuͤr das Gluͤck ſeiner Zukunft, doch ſie gaben auch unſerm einfoͤrmigen Leben Reiz und Pikanterie, und ich ließ ihn gewaͤhren. Bald indeß bemerkte ich mit Sorgen, daß er zuweilen viel ſtiller als fruͤher, ſich Tage lang in ſeine Zimmer einſchloß, ohne mir mehr als die Stunden des Eſſens von ſei⸗ ner Zeit zu goͤnnen; ich forſchte behutſam nach der Urſach, erfuhr wenig, ſah ihn aber immer ſtiller und bleicher, und im Verlauf einiger Monate endlich ſo trubſinnig werden, daß ich mit der zaͤrtlichſten Mutterſorge in ihn drang, mir zu ſagen, was ihn bekuͤm⸗ mere, und was ich thun koͤnne, dieſen Kummer zu heben. Er hatte nur tiefe Seufzer, einige ſchwere Thraͤnentropfen zur Antwort, erwiederte meine theilnehmenden Umarmungen nur mit ſtummem Haͤnde⸗ druck, und da ſich alle Vermuthungen uͤber die moͤglichen Urſachen dieſes Truͤbſinnes als grundlos erwieſen in der Folge, ſo mußte ich mit tiefer Betruͤbniß endlich zu der Ue⸗ berzeugung gelangen, daß auch auf ihn das furchtbare Erbbel der Schwermuth uͤberge⸗ gangen ſey. Ich zog die erfahrendſten Aerzte zu Rathe und dieſe gaben mir die Hoffnung, — 257 — daß der Gebrauch eines Bades und Zer⸗ ſtreuung durch Reiſen gewiß das Uebel all⸗ maͤhlig heben wuͤrden, da in ſo jungen Jah⸗ ren noch alles leichter heilbar ſey. Leicht war der Kranke aus Liebe fuͤr mich zu je⸗ nen Unternehmungen zu bewegen, doch ſie entſprachen nicht den allgemeinen Hoffnun⸗ gen. Wir beſuchten mehrere Baͤder, ich bin einen Theil der ſchoͤnſten Gegenden Deutſch⸗ lands und Frankreichs mit ihm durchzogen, wir haben Natur⸗ und Kunſtwerke geſehen und genoſſen, die ihn fruͤher in Begeiſte⸗ rung verſetzt haben wuͤrden, das freundliche Entgegenkommen ausgezeichneter Menſchen hat dieſe Genuͤſſe erhoͤht, und doch vermoch⸗ te dies alles nur auf Stunden meinen un⸗ gluͤcklichen Sohn zu erheitern. Kalt und gleichguͤltig betrachtete er meiſtens Alles, was ihn umgab, und truͤber und ſchwermuͤthiger als je war er in der letzten Zeit, ja, zu⸗ weilen brennt ein ſo duͤſteres Feuer in ſei⸗ nen Augen, daß ich fuͤrchten muß, dieſe Schwermuth nimmt endlich den Charakter der Geiſteszerruttung an. — WVillenlos iſt 17 — 258 — er mir bisher uͤberall hin gefolgt, ohne den Wunſch des laͤngern oder kuͤrzern Verwei⸗ lens an einem Orte; heute zum erſten Mal, als dies kleine Thal ſich vor uns ausbreitete, und wir ihrem reizenden Doͤrſchen uns naͤ⸗ herten, rief er ploͤtzlich: hier moͤcht' ich bleiben, hier wird mir wohl werden! Urtheilen ſie ſelbſt, ob die Erfullung dieſes Wunſches, der erſte, den er ſeit zwei Jahren ausſpricht, mir nicht heilige Pflicht duͤnken mußte? — An einem netten Hauſe da unten, von Nußbaͤumen umgeben, ließ ich halten, ging hinein und erkundigte mich beim Beſitzer, ob ein Prediger hier ſey. Der Mann ſchien eine Art Bildung zu haben, und gab mir daruͤber und uͤber Andres noch ſo genuͤgende Auskunft, daß ich ohne laͤngeres Bedenken ihrem Hauſe zueilte und jetzt mit vollem Vertrauen die Bitte an ſie thue: ob ſie ſich wohl entſchließen koͤnnen, meinen un⸗ gluͤcklichen Sohn fur einige Zeit in ihrem Hauſe aufzunehmen, und dadurch ſeiner noch un⸗ gluͤcklichern Mutter den einzigen Troſt, die einzige Hoffnung, die ſie noch faſſen kann, zu gewaͤhren? — Frau von P. ſieht den Pfarrer dabei mit einem Blicke an, der bit⸗ tender noch iſt, als ihre Worte. Dieſer hat ihr mit der regſten Theilnahme zugehoͤrt, iſt tief ergriffen von ihrer Erzaͤhlung, verſichert, daß er gern thuen werde, was in ſeinen Kraͤften ſtehe, und nach kurzer Berathung mit ſeiner Frau erhaͤlt Frau von P. die be⸗ ſtimmte Gewaͤhrung ihrer Bitte. Voll Dank und Freude beginnt ſie nun uͤber die Details ihres neuen Verhaͤltniſſes zu ſprechen und den Pfarter zu bitten, ih⸗ ren Sohn fuͤr's Erſte mit ſcheinbarer Sorg⸗ loſigkeit zu behandeln. Sehen wir erſt, ſagt ſie, was er mit ſeiner Zeit machen will, wie er ſich hier einrichtet; leider iſt er in der letz⸗ ten Zeit ziemlich unthaͤtig geweſen, nur mit der Kunſt hat er ſich zuweilen beſchaͤftigt; ge⸗ winnt er erſt Zutrauen zu Ihnen, dann regen ſie ſeine Kraft an zu mehrerer Beſchaͤftigung; ſorgen Sie fuͤr Abwechſelung, er iſt wiſſen⸗ ſchaftlich gebildet und fand ſonſt Freude daran, doch trieb er die Kunſt immer mit beſondrer Vorliebe, er zeichnet und mahlt recht gut, 17 * — 260 — ſpielt mehrere Inſtrumente; ich werde Buͤcher und allen Kunſtapparat ſenden, und lege ſo⸗ mit das ganze Gewicht meiner muͤtterlichen Sorgen in Ihre Haͤnde, mit der gewiſſen Hoffnung, daß es Ihnen gelingen wird, dieſe druͤckende Laſt wenigſtens zu erleichtern, denn der eigne Wunſch des Kranken, hier zu wei⸗ len, wird ihnen maͤchtig helfen, und vielleicht iſt's dunkles Ahnen eines rettenden Engels, was ihn hier feſthaͤlt. Geben ſie mir ſo oft als moͤglich Nachricht vom Erfolge ihrer Be⸗ muͤhungen, ich ſelbſt werde mein theures Kind eine Zeit lang nur ſehen, wenn er darnach verlangt, weil mir Entfernung alles Bis⸗ herigen nothwendig ſcheint. Der Pfarrer und ſeine Gattin erwiedern das Zutrauen der Frau v. P. durch Verſicherungen der treueſten Pflege und Sorgfalt fuͤr den Kranken, und dieſe geht jetzt hinaus ihren Sohn zu holen. Um weniges lebendiger, als wir ihn fruͤher erblickten, erwiedert er die Begruͤßungen der Familie, ſtumm hoͤrt er ihrem Geſpraͤch zu, aber die Ausſicht ins liebliche Thal zieht ihn bald an's Fenſter, wo er lange unbeweglich — 261 — yinausſieht und endlich mit einem ſeufzenden ſchoͤn, auf dem naͤchſten Stuhle Platz nimmt. Laſſen wir jetzt Frau v. P. Abſchied neh⸗ men und den jungen Mann die erſten Tage im Pfarrhauſe unbeachtet zubringen, und kehren wir zuruͤck zu unſern Zwillingen die zwar mehrere Tage unpaͤßlich waren, jedoch nach Verlauf dieſer Zeit ſich wieder munter genug fuͤhlten, um die lebhafteſte Sehnſucht nach ihren Lehr⸗ ſtunden zu haben. Die beſorgte Großmutter will ſie noch nicht gehen laſſen, aber Anna iſt ſo betruͤbt daruͤber und Babet bittet ſo ſchoͤn, daß ſie endlich die fleißigen Kinder nicht laͤnger hindert. Sie nehmen ihre Koͤrb⸗ chen mit Büchern und Naͤhzeug befrachtet, und eilen mit freudiger Ungeduld, die theuren Lehrer und Geſpielen wieder zu ſehen, die kleine Anhoͤhe hinan, die durch den Garten des Pfarrers zu ſeinem Hauſe fuͤhrt; um die Ecke zum wohibekannten Gange zwiſchen den Ro⸗ ſenhecken wollen ſie jetzt einbiegen, als plotz⸗ lich der neue Genoß des Pfarrhauſes, der junge Mann, ihnen den Weg vertritt. Er⸗ ſchrocken blicken ſie an dem Fremden in die — 262 — Hoͤhe; der nie gehabte Anblick dieſes ſchwer⸗ muͤthigen, verſtoͤrten Geſichts, die duͤſter flammenden Augen, die ſtarr auf ſie geheftet bleiben, die unbewegliche Steiluñg der hohen Figur, die ihnen drohend das Weitergehen zu verbieten ſcheint, uͤberwältigt die kleinen Maͤd⸗ chen mit ſolchen Schrecken, daß ſie gleichfalls ſprachlos vor ihm ſtehen bleiben, und bei längerem Beſinnen gewiß einem andern Wege zugeflohen waͤren, wenn es einen andern zu ihrem erſehnten Ziele gegeben haͤtte; aber ſie mußten hier hindurch, und voll Angſt, was der furchtbare Fremde mit ihnen machen wird, werfen ſich beide, von gleichem Inſtinkt ge⸗ trieben, vor ihm nieder, und Anna, indem ſie ihre kleinen Haͤnde flehend emporhebt und den ausdrucksvollſten Blick ihrer ſeelenvollen Augen zu ihm hinauf ſendet, ruft zitternd: ach! lieber Herr, ich bitte Dich, thue uns nur nichts, und laß uns zum Herrn Pfarrer gehen, ich will Dich gern recht lieb haben! — und ich, fuͤgt Babet hinzu, der der Morgenwind die blonden Locken ins friſche Geſichtchen hineinweht, ich will Dir auch mein ſchoͤnſtes Liedchen ſingen, wenn Du uns gehen laͤßt! — unbeweglich heftet noch immer der Schwermuͤthi⸗ ge ſeine Blicke auf die beiden lieblichen Kinder, aber nicht mehr mit jenem duͤſtern, furchter⸗ weckenden Ausdruck, ſeine Zuͤge werden immer milder, mit einem ſanften Laͤcheln macht er ihnen ſogar endlich Platz, und ſeine Augen folgen den holden Geſtalten, bis ſie in der Hausthuͤr verſchwinden. Nach der erſten Freude des Wiederſehens, koͤnnen dieſe nicht unterlaſſen, von ihrem Abentheuer zu erzaͤhlen und zu fragen, wer der fremde, boͤſe Herr denn ſey, und als der Pfarrer ihnen erklaͤrt, daß es ein guter, aber kranker und deswegen immer ſehr betruͤbter Menſch ſey, der hier gern wieder geſund und froh werden wolle, fuͤllen ſich ihre kleinen Herzen mit großem Mitleid; ſie meinen, daß ſie gern auch dabei helfen moͤchten, und Anna ſagt: ich werde immer recht freundlich zu ihm ſeyn, ihm Blumen und Obſt zuweilen bringen, das macht ihn gewiß froh, — und ich, unterbricht ſie Babet, ich ſage ihm, wenn er nicht allzuboſe iſt, meine — 264 — beſten Fabeln und Gedichte vor, und ſinge ihm das ſchoͤne Liedchen: „komm, lieber Mai und mache die Baͤume wieder grun,“ es wird ihm wohl gefallen, denn ſchon vorhin, als ich's ihm verſprach zu ſingen, wurde er gleich ein wenig freundlicher. Indem die Kinder ſo plaudern, tritt Alfred v. P. ins Zimmner, und nimmt ſeinen Platz dem Tiſch gegenuͤber, um den ſie gereiht ſind, und jetzt ihre Lehr⸗ ſtunden empfangen. Er betrachtet unverwandt die kleinen Maͤdchen, die nun im ſichern Schutz ganz unbefangen ihn anblicken, und es iſt unverkennbar, daß ihre Anmuth und Lieblich⸗ keit einen tiefen Eindruck auf ihn macht. Wenige Tage, in denen er nie verſaͤumte aus ſeinem Zimmer in die Wohnſtube herab zu kommen, ſobald die kleinen Schuͤlerinnen eintraten, reichten hin, alle Scheu gegen den betrubten Fremden vollends aus ihren Ge⸗ muͤthern zu verbannen. Gewohnheit, die am ſtärkſten bei Kindern wirkt, machte ihn ſogar bald zu einem lieben Hausgenoſſen fuͤr ſie, denn ſchon fing er an, ſie gar freundlich an⸗ zuſehen, ja zuweilen mit ihnen zu ſprechen, — —— ————— — — und als er einſt Babet ſelbſt erinnert hatte, ihm nun das verſprochene ſchone Liedchen zu ſingen, ſie mit aller ihr eignen, reizenden Naivitaͤt es gethan und er dafuͤr mit Thra⸗ nen im Auge ihr einen Kuß auf die Stirn gedruͤckt, kam dieſe freudejauchzend zur Frau Pfarrerin geſprungen, ihr das Wunder zu erzaͤhlen, und dieſes Ereigniß bewirkte große Fortſchritte in der gegenſeitigen Annaͤherung. Beide Gatten bemerkten taͤglich mehr mit Freu⸗ de, welch einen wohlthatigen Einfluß die Ge⸗ genwart der holden Zwillinge auf den Truͤb⸗ ſinn ihres Pflegebefohlnen uͤbte; was noch kein freundliches Bemuͤhen von ihrer Seite hatte bewirken koͤnnen, gelang der anmuthigen Un⸗ ſchuld dieſer Kinder, und es ſchien in ihrem Anblick eine neue Sonne fuͤr den Kranken aufzugehen, deren Strahlen die duͤſtern Tiefen ſeines Innern erleuchteten. Freundlich lächelnd hoͤrte er zu, wenn Babet ſang, oder aus dem Vorrath ihrer gelernten Fabeln mit komiſchem Pathos ihm deklamirte und tauſend Poſſen trieb, die ihr gar alleriiebſt ſtanden; aber heller noch ſtrahlten ſeine Blicke und innig ſchien er jedesmal bewegt zu ſeyn, wenn Anna mit dem frommen Aufſchlag ihrer ſchoͤnen Augen ihm einen Blumenſtrauß oder ein Koͤrbchen mit Fruͤchten darbot, und dazu mit holdſeliger Freundlichkeit verſicherte, daß ſie immer an ihn denke. Der ſchwermuͤthige Ausdruck ſeiner Zuͤge wich immer mehr einem freundlichen, ſinn⸗ vollen Ernſt; er ſuchte und liebte vor allem die Geſellſchaft der Kinder, er ging mit ihnen ſpaziren, pfluͤckte Blumen und Beeren ihre Koͤrbchen zu fuͤllen, grub und bepflanzte mit ihnen die kleinen Gaͤrtchen, und verſchmaͤhte ſelbſt nicht des Sonntags im Großmuͤtterlichen Heiligthum alle Raritaͤten zu beſehen und zu bewundern, auch die Roſe von Jericho mit derſelben Ehrfurcht zu beſchauen, die ihr die Kinder zu weihen gewohnt waren. Ihr Un⸗ terricht wurde der erſte Gegenſtand eines waͤr⸗ meren Intereſſes fuͤr ihn; er wohnte ihm ſtets bei, ſah oft ihre Arbeiten an, und bat endlich den Pfarrer, einigen Antheil daran nehmen zu duͤyfen, eine Bitte, die ihm der Pfarrer mit wahrer Freude gewaͤhrte, weil er uͤber⸗ — 267 — zeugt war, daß es kein beſſres Mittel fuͤr die Heilung des Truͤbſinns giebt, als lehrende Beſchaͤftigung mit faͤhigen Kindern. Bald leitete er Anna's Zeichnen und gab ihr gere⸗ gelten Unterricht darin, bei Babet ſuchte er das muſikaliſche Talent vorzuglich auszubilden, ſaͤmmtlichen Kindern fing er endlich an, die franzoͤſiſche Sprache noch zu lehren. Dieſer Unterricht ermunterte ihn bald auch zu eigner Beſchaͤftigung, und ſo befand er ſich binnen einem Jahre in einer Thaͤtigkeit, die die Ne⸗ bel des Truͤbſinns immer mehr von ſeiner Stirn verſcheuchten. Zuweilen kehrten ſie wohl zuruͤck, da uͤberdies öftrer Wechſel der Stim⸗ mung ein Hauptzug ſeines Charakters war; aber auch dann blieb Babets anmuthige Froͤhlichkeit, die ihn mit immer neuen Scher⸗ zen und Liebkofungen unterhielt, mehr aber noch Anna's gemuͤthvolle Freundlichkeit, mit der ſie ihm hundert kleine Aufmerkſamkeiten zu erzeigen wußte, das erfolgreichſte Mittel, ihn zu erheitern. Sein ganzes inneres Le⸗ ben war mit dieſen Kindern verbunden, und mit wahrer Vaterzärtlichkeit weidete er ſich an ihrem täglich ſchoͤnern Entfalten und den Fortſchritten, die ſie unter ſeiner Anweiſung in der Kunſt machten. Seine Mutter hatte er erſt nach einem Jahre wiederzuſehen begehrt; welch' ein Wie⸗ derſehen aber war es, als er, zwar noch nicht bluͤhend wie fruͤher, aber doch mit dem Ausdruck innerer Zufriedenheit und Heiterkeit ihr entgegeneilte und mit all der zaͤrtlichen Lebhaftigkeit fruͤherer Jahre ſie in ſeine Arme ſchloß! — Die zärtliche Mutter fand nicht Worte genug, Dank und Freude, wie ſie bei⸗ des erfullte, vor dem Pfarrer und ſeiner Gattin auszuſprechen; heiße Freudenthraͤnen druͤckten beredter aus, was in ihren Herzen vorging. — Sie umarmte ſodann mit wahrer Mutterzaͤrtlichkeit die beiden Kinder, die ihr der Pfarrer als die eigentlich helfenden Engel ihres Sohnes vorſtellte, und wenn ſie ſchon dadurch die groͤßten Anſpruͤche an ihre Liebe erhielten, ſo trug doch ihr Liebreiz, die An⸗ muth und Unſchuld ihres Weſens viel dazu bei, dieſe Liebe zur hochſten Innigkeit zu ſtei⸗ gern. Sie ſchienen ihr die wieder zur Erde — 269 — herabgeſtigenen Geſtalten ihrer eigenen Toch⸗ ter zu ſeyn, und die reichſten Geſchenke muß⸗ ten beweiſen, welchen Werth die holden Kin⸗ der fuͤr ſie hatten. Es iſt kaum nöthig zu ſagen „ daß die Großmutter die fortſchreitende Bildung und alles, was damit in Verbindung ſtand, mit der innigſten Freude betrachtete, und jetzt be⸗ gluͤckter wie je war, als ſie ihre Lieblinge von einer ſo vornehmen Dame, wie Frau v. P., in ſolchem Grade geliebt und geehrt ſah. Der biedre Vater ſchuͤttelte zwar zuweilen bedenk⸗ lich den Kopf, wenn er ſeine kleinen Toͤchter ſo gar fein und vornehm werden ſah, auch der guten Mutter wollte es zuweilen allzuviel duͤnken, allein elterliche Liebe und Eitelkeit konnten doch nicht umhin, ſich geſchmeichelt zu fuͤhlen, daß ihre Kinder zur Heilung des ſchwermuͤthigen Herrn ſo viel beigetragen ha⸗ ben ſollten, und dafuͤr von Frau v. P. ſo ſehr geliebt und beſchenkt wurden; ſelbſt Mar⸗ garethe und Anton, die neidloſen Geſchwiſter, freuten ſich der feinen Schweſtern, und ſo blieb alles im alten Gange. — — Wir uͤbergehen einen Zeitraum von zwei Jahren, in denen Alfred v. P. fortdauernd im Pfarrhauſe blieb, und ſich ausſchließender als je der Kunſt und ſeinen kleinen Freundin⸗ nen widmete, und finden ihn am Ende der⸗ ſelben voͤllig geheilt, kraͤftig und bluͤhend, aber auch ſchwaͤrmeriſch wie fruͤher, und be⸗ ſchaͤftigt mit dem Vorſatz, einige Jahre nach Italien zu gehen, um dort die bildende Kunſt zu ſeinem Hauptſtudium zu machen, und als Maler kuͤnftig zu leben. So weh es auch dem Herzen der Mutter that, durch Erwaͤh⸗ lung dieſer Bahn die Hoffnung vernichtet zu ſehen, daß er einſt die Sorge der Bewirth⸗ ſchaftung ihrer Guͤter mit ihr theilen wuͤrde, ſo brachte ſie ſeinem Gluͤck, was er darin zu finden meinte, doch willig dies Opfer, und es beſchleunigte den Plan, den ſie ſchon fruͤher gehabt, ihre Guͤter am Neckar zu verkaufen und jenes kleine, von der Tante vererbte am Rhein zu beziehen, das ihr durch die Erinne⸗ rung einer frohen Jugend doppelt theuer war. Bei allen dieſen Plaͤnen waren die Zwillinge nicht vergeſſen. Die holden Maͤdchen, die jetzt — 1 — im zwoͤlften Fruͤhling ihres Lebens gleich den Veilchen ihres kleinen Thals nur um ſo ſchoͤ⸗ ner erbluͤhten, je unbemerkter von der Welt ſie hier ſich bildeten und entwickelten, waren noch immer die theuerſten Weſen fuͤr Alfred und ſeine liebſte Geſellſchaft, doch leuchtete ihm die Unmoͤglichkeit ein, bei ſeinen ubrigen Wuͤn⸗ ſchen immer in ihrer Naͤhe bleiben zu koͤnnen, auch wollte eine ſtille Ahnung ihm ſagen, daß die Trennung von ihnen jetzt vielleicht weni⸗ ger ſchwer, als kuͤnftig ſeyn moͤchte. Sie aber ihrem Schickſale uͤberlaſſen, die Engel ſeines Lebens der beengten Sphaͤre hingeben, die ſie einſt im Hauſe ihrer Eltern erwartete, das war ſeinem Herzen unmoglich. Gluͤck⸗ licherweiſe hatte ſeine Mutter ſich fruher ſchon mit demſelben Gedanken beſchaͤftigt, und ſo vereinigten ſich denn zu ſeiner Freude ihre beiderſeitigen Wuͤnſche in dem Plan, die theu⸗ ern Kinder mit ins kleine Rheinſchloß zu neh⸗ men, wo Frau v. P. mit Huͤlfe einer wuͤr⸗ digen Lehrerin ihre Erziehung vollenden und in ihnen die eignen, verlornen Tochter lieben und pflegen wollte. 23 Es war ein harter Kampf fur die treuen Elternherzen unſter Zwillinge, uͤber das Ver⸗ weigern oder Annehmen dieſes wohlwollenden Anerbietens zu entſcheiden. Der verſtaͤndige Vater ſah durch das Letztere fuͤr immer ſeine geliebten Kinder ſich entzogen, wenigſtens gei⸗ ſtig entfremdet, durch das Erſte in den unbe⸗ haglichſten Zuſtand ſie verſetzt, wenn ſie mit der erhaltnen Bildung in die beſchräͤnkten Ver⸗ haͤltniſſe des aͤlterlichen Hauſes zuruͤckkehren ſollten. Er beſeufzte jetzt oft im Stillen den erſten Schritt gethan zu haben und ließ es gelegentlich wohl auch der Mutter horen, doch ſo weh auch dieſer die Trennung von den Kindern that, die im Stillen auch ihre Lieb⸗ ¹ linge waren, uͤberwog doch mutterliche Eitel⸗ keit, die in ihren reizenden Tochtern ſchon ein paar gnaͤdige Frauen erblickte, jenen Schmerz. Die Großmutter erkannte in dem Erbieten der Frau v. P. einen Fingerzeig der Vorſehung, ½ das ſegnende Walten der Roſe von Jericho, . und war bei ihrem Hochſinn bereit, dieſer ueberzeugung alles zu opfern, und vereint mit der Mutter, beſtimmte ſie endlich den bekuͤmmerten Vater darein zu willigen, um ſo mehr, als auch der Pfarrer ihr Beiſtand war. Gluͤcklcherweiſe gab die Bewerbung eines jungen Gutsbeſitzers um Margarethens Hand, die in dieſe Zeit ſiel, den truͤben Gedanken der Familie eine wohlthaͤtige Zerſtreuung. Margarethe war jetzt eine ſtattliche Jung⸗ frau von 18 Jahren, die alle Geſchicklichkei⸗ ten einer guten Hausfrau mit dem beſten Herzen und ſanftmuͤthigſten Sinne vereinig⸗ te. Der junge Bewerber und ſein Gut ward annehmbar gefunden, und ſo vergaßen die Eltern unter den Zuruͤſtungen zur Hochzeit leichter das Trennungsweh, als wohl ſonſt geſchehen waͤre, da uͤberdies die Nähe von WMargarethens kuͤnftigem Wohnort das Gluͤck oͤftern Beiſammenſeyns auch 6. Folge ſicherte. Anna und Babet ſehen wir in einem aͤhnlichen Kampfe zwiſchen der liebevollen An⸗ haͤnglichkeit an ihren Familienkreis, die die hoͤhere Erziehung nicht geſchwacht hatte, und der lockenden Ausſicht, bei der fteundlichen Mutter ihres Freundes Alfted, in einem 18 ſchoͤnen Schloſſe alle die Dinge fortzuſetzen, die ſie bisher erfreuten, und eine Menge neue zu genießen, die ſie bis jetzt nur den Namen nach kannten. Ohnerachtet der rei⸗ zenden Vorſtellung, die ſie ſich von ihrem kuͤnftigen Leben machten, wurde ihnen doch die Trennung von ihrem kleinen Thale und all' den Theuern, die es umſchloß, unendlich ſchwer, ja, beim Abſchiede vom theuren Pfarr⸗ hauſe fullten ſich die dankbaren Herzen der liebenden Kinder zum erſten Male mit einem Schmerz, der bis dahin ihrem ungetruͤbten Leben fremd geblieben war, und dem ſie um ſo mehr ſich hingaben, als ihr Freund Al⸗ fred ihn theilte, und mit Thraͤnen der in⸗ nigſten Ruͤhrung den Armen der ihm ſo theuer gewordenen Familie ſich entriß, in de⸗ ren Hauſe er das hoͤchſte Gut des Lebens wiedergefunden hatte. Selbſt Frau von P. theilte dieſe Ruͤhrung, und obwohl ſie durch die großmuͤthigſten Belohnungen den Gatten ihre Dankbarkeit bewieſen, glaubte ihr glůͤc⸗ iiches Mutterherz doch immer noch, eine un⸗ bezahlbare Schuld in dieſem Hauſe zuruͤck⸗ zulaſſen. Die ſchnell wechſelnden Gegenſtände auf der Reiſe gaben der muntern Babet gar bald ihren vollen Frohſinn zuruͤck, nur die tief⸗ fuͤhlende Anna konnte noch lange Zeit keinen Antheil an ihrer Frohlichkeit nehmen; weh⸗ muͤthigen Blick's ſchaute ſie noch immer nach der Gegend hin, wo ihre Lieben weil⸗ ten, ſtill ſinnend ſaß ſie im Reiſewagen, und es war ihrem Herzen wohlthuend, daß auch Alfred dieſe Stimmung zu theilen ſchien. Der Reiz der Neuheit verfehlte endlich nicht, ſeine zerſtreuende Wirkung auch an ihr zu uͤben. Wir ſehen ſie, gluͤcklich angekommen im ritterlichen Schloß, ſtaunend mit ihrer Schweſter aus einem Zimmer ins andre wan⸗ dern und Beide die naivſten Bemerkungen uͤber all' die niegeſehenen und wunderbaren Dinge ſich zurufen; Alfred, als ihr treuer Begleiter, der ſich mit ſtillem Entzuͤcken an ihrer liebenswuͤrdigen Natürlichkeit weidet und daruͤber oft vergißt, daß er den erklaͤrenden Mentor machen will. Einige Wochen noch 18 * N * verweilte er mit ihnen bei ſeiner Mutter, oft mit ſich kaͤmpfend, ob er von ſeinen Schutz⸗ engeln ſich trennen koͤnne, ob er muͤſſe. — Endlich riß er ſich los mit großem Schmerz und ließ ſeine kleinen Freundinnen in hei⸗ ßen Thraͤnen zuruͤck. — Frau v. P. fand fuͤr dieſes zweite Trennungsweh ihrer Pfle⸗ getoͤchter das beſte Zerſtreuungsmittel durch die neue Regulirung ihrer Beſchaͤftigungen und Stunden, die nun mit friſchem Eifer betrie⸗ ben wurden. Der erwartete Beiſtand zum Unterrichtsgeſchaͤft, eine erfahrene Lehrerin von reifen Jahren, Madame Lenz, war an⸗ gekommen, und ſie wußte ſich bald die Zu⸗ neigung ihrer Schuͤlerinnen zu erwerben. Zwiſchen dieſer und dem Pfarrer des Orts, einem alten Freunde, theilte Frau v. P. die Unterrichtsgegenſtaͤnde, die jetzt noch mit ei⸗ nnigen, fruͤher nicht gehabten vermehrt wur⸗ den. Erziehung und die feinere Ausbildung, die nur durch Umgang, nuͤtzliches Geſpraͤch und jene geiſtreiche Sorgfalt gewonnen wird, die alles Theoretiſche fuͤr's praktiſche Leben zu verarbeiten weiß, behielt ſich Frau v. P. ſelbſt vor und fand darin ihre ſuͤßeſte Be⸗ ſchaͤftigung. Die gute Erziehung, die ſie ſelbſt genoſſen, Erfahrungen und das Leben in der Welt hatten ſie auf eine Stufe gei⸗ ſtiger Ausbildung geſtellt, die es ihr jetzt möglich machte, jener Forderung vollkommen zu genuͤgen. Anna und Babet bewegten ſich in dieſem neuen Kreiſe von ſo vielfach wech⸗ ſelnden Beſchaͤftigungen, der durch den muͤt⸗ terlich liebenden Umgang der Frau v. P. fri⸗ ſchen Reiz erhielt, bald mit gewohntem Froh⸗ ſinn. Ihre empfaͤnglichen Herzen lohnten ihr durch die kindlichſte Liebe und Zaͤrtlichkeits taͤglich mehr etfreuten ſie die theuere Mut⸗ ter durch die glüͤcklichſte Entwickelung ihrer ſchoͤnen Anlagen, und Frau v. P. genoß durch die holden Kinder ein Gluͤck, was ſie fuͤr immer verloren geglaubt hatte; es fehlte zu ſeiner Vollkommenheit nur, daß ſie, die ihrem Herzen ſchon laͤngſt eigne Töchter wa⸗ ren, auch durch das Geſetz dazu gemacht ſah, und dies blieb ihr ſehnlicher Wunſch. Von Alfred kamen haͤufige Nachrichten, die zwar immer Zuſriedenheit mit ſeiner La⸗ ge, ſeinen Beſchoftigungen und Genäſſen ausſprachen, die er in Italien fand, aber eben ſo oft die innigſte Sehnſucht nach dem Vaterlande und allen Theuern, die er dort zuruͤckgelaſſen; er mahnte jedes Mal ſeine Mutter um ausfuͤhrliche Berichte uͤber ſeine geliebten Schweſtern, wie er ſie nannte, und war, wenn er ſie auch erhielt, doch nur be⸗ friedigt, wenn Anna und Babet ſelbſt einen ſchriftlichen Beweis ihres Andenkens beige⸗ fuͤgt hatten. Vier Jahre ſogel n in gücicher Ein⸗ förmigkeit dahin; es war der Zeitraum, den ſich Alfred ſelbſt fuͤr ſeine Abweſenheit geſetzt, und wir erblicken ihn am Ende derſelben mit frendiger Ungeduld dem heimathlichen Schloſſe zueilen; Anna und Babet aber, als eein Paar holdſelige Jungfrauen von 16 Jah⸗ ren, die ſich koͤrperlich und geiſtig mit ſelt⸗ nem Liebreiz entwickelt hatten, und wenn Babet mit ihrem friſchbluͤhenden, von blon⸗ den Locken umwallten Geſichtchen, den blauen, freundlichen Augen voll Lebensluſt, den roſi⸗ gen Lippen, auf welchen Scherz und Anmuth — 279 — thronte, einer ſich eben oͤffnenden Centifolie gleich, ſo erſchien dagegen Anna mit der zar⸗ ten Roͤthe ihrer Wangen, den dunkeln, ſee⸗ lenvollen Augen, den braunen, zierlich ge⸗ flochtenen Haaren und dem Ausdruck von ſinnvoller Freundlichkeit, der über ihr ganzes Weſen verbreitet war, der weißen Roſe, die vom fluͤchtigen Beſchauer der blendenden Cen⸗ tifolie zwar nachgeſetzt wird, fuͤr den tieferge⸗ henden aber ihrer Wuͤrdigung gewiß iſt. Ihre Unbekanntſchaft mit allen conventionellen Ver⸗ hältniſſen, die liebenswuͤrdige Unbefangenheit und Naivität, die daraus hervor ging, erhoͤh⸗ te dieſe Reize ungemein, der Reichthum ihres Geiſtes und Herzens gab ihnen den wahren Werth, und mit Stolz und Freude ſehen wir Eitern und Großmutter die holden Kinder betrachten, waͤhrend es oft den Blick der Frau v. P. trubt, ſie noch immer nicht ganz die ihrigen nennen zu duͤrfen. Doch in dieſem Augenblick iſt ſie in der freudigſten Spannung, denn Alfted liegt in ihren Armen und zeigt mit aller ihm eig⸗ nen Lebhaftigkeit, wie gluͤcklich er ſich fuͤhlt, der geliebten Mutter wieder nahe zu ſeyn. Anna und Babet eilen mit kindlichem Un⸗ geſtum herbei; auch ſie uͤberlaſſen ſich der Freude des Wiederſehens in vollem Maaße und draͤngen ſich in die Umarmungen, alles befindet ſich im gluͤcklichen Freudentaumel, aber Alfred erwacht zuerſt daraus; durch den Anblick ſeiner kleinen Schweſtern, die nun mit einemmal ſo jungftaͤulich ſchoͤn vor ihm ſtehen, daß er faſt verlegen iſt, wie er mit ihnen thun ſoll, und eine Befangenheit an⸗ nimmt, die der ſcharſſichtigen Mutter nicht entgeht, von den freudeerfullten Schweſtern aber nicht bemerkt wird, denn ſie haben ih⸗ rem Bruder Alfred tauſend Dinge zu erzaͤh⸗ len, tauſend zu fragen und entfalten dabei ſo unbefangen den ganzen Zauber ihrer Lie⸗ benswuͤrdigkeit, daß er, ganz beſtrickt davon, nur durch eine excentriſche Lebhaftigkeit ver⸗ bergen kann, was in ihm vorgeht. Anna und Babet machen blos die Bemerkung, daß Alfted recht braun geworden ſey und recht wie ein Mann ausſehe, die Mutter aber findet im Stillen, daß ihm die maͤnnliche, ſichre Haltung fehle, die ſeinem Alter nun eigen feyn ſolle, und ſeine fruͤhere Epcentri⸗ tat beim Kuͤnſtlerleben zugenommen zu ha⸗ ben ſcheine. Tage und Wochen vergingen im Wech⸗ ſel mannichfacher Freuden und Genuͤſſe; Al⸗ freds in Italien vollkommen ausgebildetes Talent gab ihrem Beiſammenſeyn täglich neue Reize; kein Tag verging ohne eine kleine Wandrung in die romantiſchen Umgebungen, bei denen die Spaziergaͤnger nie ohne Mappe und Bleiſtift ſich ſehen ließen und Alfred ſeine Schweſtern lehrte, die ſchoͤnſten Punkte in leichten Skizzen aufzunehmen. Wenn Regentage an's Zimmer frſſelten, wurde ge⸗ leſen, erzahlt, muſicirt, und die kleinen Con⸗ zerte, die ſie mit Clavier, Guitarre und Floͤte auszufuͤhren ſuchten, bereiteten den Spielenden eben ſo viel Freude als den Zuhoͤrenden. Nichts haͤtte das Vergnuͤgen des lang erſehnten Bei⸗ ſammenſeyns geſtoͤrt, wenn Alfted im Stande geweſen waͤre, ſeine Gefuͤhle fur die reizenden Schweſtern im ruhigen Takt des aͤltern beleh⸗ renden Bruders zu erhalten, wie fruͤher, allein bei ſeiner excentriſchen Erregbarkeit wurde ihm dies mit jedem Tage unmoͤglicher. So kind⸗ lich ſie auch waren, konnten doch ſeine Augen die Kinder fruͤherer Zeit nicht wieder finden; der Anblick ihrer jungftaͤulichen Schoͤnheit er⸗ regte jedesmal Gefuhle in ſeinem Herzen, die ſich mit dem geſchwiſterlichen Verhaͤltniß nicht recht vereinigen wollten; kuͤnſtleriſch ausgebil⸗ deter Schoͤnheitsſinn, die ihm eigne lebhafte Phantaſie, ſteigerten dieſe Gefuͤhle, und trotz des eignen innern Tadels und der mißbilligen⸗ den Blicke der Mutter, wurde ſein Benehmen gegen die holden Kinder mit jedem Tage un⸗ gleicher, befangener, leidenſchaftlicher. Die Wirkung davon auf Beide war verſchieden. Anna fuͤhlte ſich gedruckt und beaͤngſtet, Ba⸗ bet hingegen aͤußerte ihre ere Mißfallen ganz unverholen. Ich weiß nicht, Alfred, wie du mir nar⸗ riſch vorkommſt, ſprach ſie eines Tages mit der ihr eignen Freimuͤthigkeit, Du biſt in Italien ganz anders geworden, Du biſt nicht mehr ſo ſtreng wie ſonſt zuweilen, aber auch nicht mehr ſo gut, ich werde am Ende ganz den Reſpekt vor Dir verlieren, und Dich auch nicht mehr ſo lieb haben. Solche Bemerkun⸗ gen brachten ihn am erſten wieder in eine ruhigere Haltung, aber der unnachahmliche Reiz, mit dem Babet ſie vorbrachte und ihn auf das anmuthigſte neckte, wenn er zerſtreut und ſinnend war, zog ihn dann auch wieder aufs Neue in den Zauberkreis der Gefuͤhle, die er fliehen wollte. Wechſelsweiſe von der Liebenswuͤrdig⸗ keit Beider auf gleiche Weiſe angezogen, neigte ſich ſein Herz von Einer zur Andern, ohne zu wiſſen, welche dies liebebedurftige Herz ausſchließend feſſeln wuͤrde. Endlich doch ent⸗ ſchied Anna's Tiefe und Innigkeit, die reine Harmonie, die gleichmaͤßige Heiterkeit, die uͤber ihr ganzes Weſen ſich verbreitete und auf ihre Umgebungen ſo wohlthaͤtig wirkte. Sie wurde das Ideal ſeiner Wuͤnſche, zu dem er mit der ganzen Innigkeit ſeines Gemuͤths ſich neigte, aber nun auch gleiche Gefuͤhle in ihr zu erre⸗ gen wuͤnſchte. Indeß hatten ſeine Bemuͤhun⸗ gen, ſie naͤher an ſich zu feſſeln, gerade die entgegengeſetzte Wirkung. Ihre reine Kind⸗ lichkeit, die in ihm nur den liebenden aͤltern Bruder ſah, ohne die neue Geſtaltung ſeiner Empfindungen zu ahnen, fuͤhlte ſich unbehag⸗ lich bewegt durch ſein ſeltſames Thun, wie ſie es im Herzen nannte, ſie wurde ſchuͤchtern, zuruͤckhaltend in ſeiner Naͤhe, verlor das ſchoͤne Vertrauen, mit dem ſie fruͤher ſich ihm hin⸗ gab, und entfernte ſich auf dieſe Weiſe immer mehr von ſeinem Herzen, je naͤher er ſie dem⸗ ſelben zu bringen ſuchte. Die unvermeidliche Folge davon bei Alfred war immer groͤßere ungleichheit ſeiner Stimmung, tagelange Ver⸗ ſtimmung, die der ſorgenden Mutter nicht ent⸗ ging und um derentwillen ſie einen kleinen Ausflug in der Schweſtern heimathliches Thal vorſchlug, die Eltern und das theure Pfarr⸗ haus zu beſuchen, welchem Alfred noch immer mit treuer Anhoͤnglichkeit ergeben war. Wir erblicken ſie auf dem Wege dahin alle ziemlich ernſt und ſinnend im Reiſewagen ſitzen, Babet ausgenommen, die mit aller ihr eignen Frohlichkeit den Vorſtellungen eines frohen Wiederſehens ſich hingiebt, und in die⸗ ſer Stimmung tauſend Gegenſtaͤnde des Ver⸗ gnugens in ihren Umgebungen ſindet, ſie weiß gar allerliebſt daruͤber zu plaudern und erhei⸗ tert bald alle Sinnenden, beſondets Anna, die beim Erblicken ihres kleinen Thals ſich wieder der ungetrübten Freude uͤberlaͤßt und mit einer Innigkeit in die Arme der treuen Eltern und Geſchwiſter, der geliebten Großmut⸗ ter eilt, die ſich in heißen Thraͤnen ausſpricht. Unendlich froh fliegen Beide von Einem zum Andern, beſuchen alles, beſehen alles, was ihnen einſt Freude machte, und ſind ganz wieder die glucklichen Kinder, wie ſie einſt im kleinen Stuͤbchen der Großmutter ſich herum⸗ tummelten. Wir ſehen ſie jetzt in Alfred's und ſeiner Mutter Begleitung im Pfarrhauſe weilen, und auch dort die Freuden eines Wie⸗ derſehens genießen, das allein fuͤr Alfred durch manche ſchmerzliche Erinnerung getruͤbt wird. Er iſt unendlich wehmuͤthig geſtimmt und eilt hinaus in den Garten, ſeinen Gedanken ſich dort ungeſtoͤrt zu uͤberlaſſen, wahrend die Mutter mit dem Pfarrer und ſeiner Frau im traulichen Geſpraͤch ſitzt. Babet ſucht mit ihren ehemaligen Geſpielen, den Soͤhnen des Pfarrers, einige alte Lieblingsplätze auf; aber Anna, die theilnehmende Anna, die Alfred's wehmuͤthige Blieke in aͤhnliche Stimmung ver⸗ ſetzt haben, mochte ihnen nicht folgen, ſie be⸗ tritt ebenfalls den Garten, um allein die wohlbekannten Gaͤnge zu durchſtreifen und den gemiſchten Gefuͤhlen ſich zu uͤberlaſſen, die ſie heut erfuͤllen, und erblickt gar bald Alfred, geſenkten Hauptes an der Roſenhecke ſtehend und mit ſchwermuͤthigen Augen vor ſich hin⸗ ſehend. Das liebende Schweſterherz treibt ſie hin zu ihm, ergreift ſeine Hand, ſendet einen ihrer ausdrucksvollſten Blicke zu ihm hinauf und fragt mit unendlich weichem Ton: ſo traurig, lieber Alfred? — Alfred druͤckt mit Heftigkeit ihre Hand an ſein Herz und erwie⸗ dert ſeufzend: ach, Anna! ich gedenke der Zeit, wo du einſt an dieſer Hecke vor mir kniceteſt und mir zuriefſt: ich will dich auch recht lieb haben! Damals warſt du beſſer, jetzt liebſt du mich nicht mehr ſo! — Nicht mehr ſo? ruft Anna, ſchmerzlich getroffen von der Bitterkeit dieſes Vorwurfes, ach! Alfred, du thuſt mir wohl großes Unrecht, ſetzt ſie hinzu, und zwei große Thraͤnen verdunkeln ihre ſchoͤnen Augen, ich liebe dich wie meinen Bruder — mehr noch als Anton — ich moͤchte gern mein Leben fur dich laſſen, endigt ſie mit heißen Thraͤnen, und ergriffen von der Macht des Augenblicks ſchlingt ſie ihren Arm um ihn und druͤckt einen innigen Kuß auf ſeine Lippen. — Alfred, der gluckliche Alfred zieht ſie an ſein Herz, aber ihr reiner, jung⸗ frͤulicher Kuß hat ihn mit einem eben ſo reinen Feuer erfullt, es laͤutert in einem Augenblick alle ſeine Empfindungen, und es iſt ihm in dieſem Augenblick unmoͤglich, der unſchuldigen Seele etwas zu verrathen, was ihren reinen Himmel truͤben koͤnnte; er drangt alles in ſich zuruck, läßt ſie los, und begnuͤgt ſich, ihre Hand an ſein Herz druͤckend, ihr zu ſagen: Anna, behalte mich lieb, nur wenn du mich recht lieb haſt, kann ich gluͤcklich ſeyn! — Hand in Hand, den Himmel der reinſten Liebe im Herzen, kehren ſie jett zum Hauſe zuruͤck, und die fernern Tage im heimathlichen Thale ſehen nur frohe Geſichter, nur gluͤckliche Herzen. — Ange⸗ kommen lindeß wieder im Schloſſe, im alten Gleiſe voriger Beſchäftigungen und Unterhal⸗ — 268 — tungen, finden ſich bei Alfred auch wieder die fruhern Wuͤnſche, das Sehnen nach Erwiede⸗ rung ſeiner Gefuͤhle, die Anna's kindlich reines Gemuͤth doch durchaus nicht verſtehen lernt⸗ Seiner immer bewegten Seele war es unmoͤg⸗ lich, mit Ruhe lange Zeit einem Zuſtande ſich hinzugeben, ſie verlangte Wechſel und Stoff zu ſchwaͤrmeriſchem Aufſchwunge. Er hielt es innerlich fur ein Vergehen, Anna jetzt mit der Art ſeiner Gefuhle fuͤr ſie bekannt zu machen und konnte doch dem Unmuth uͤber ihre kindliche Bewußtloſigkeit nicht wehren. Im täglichen Kampf mit ſich ſelbſt und einer ungluͤcklichen Stimmung, vertraute er endlich der liebenden Mutter das Geheimniß ſeines Herzens, und klagte laut über die Kaͤlte und Ruhe ſeines holden Schutzengels. Frau v. P., deren ſcharfſichtiges Auge ſchon längſt den Zuſtand ihres Sohnes durchſchaut und die innigſt wuͤnſchte, dieſe beiden theuern Kinder vereinigt zu ſehen, verwies mit Liebe Alfred zur Ge⸗ duld. Anna, ſprach ſie, iſt in ihrem geiſtigen Weſen, wie eine der zarteſten Knospen, die ich je geſehen, wir muſſen ihr Erſchließen abwarten, — 289 — und gewiß, es erfreut uns einſt mit der ſchoͤnſten Bluͤthe; ſie unzeitig beſchleunigen zu wollen, hieße ihren hoͤchſten Reiz vernich⸗ ten, und koͤnnte ſie vielleicht gar deinem Her⸗ zen abwendig machen. Wahre Liebe vertraͤgt keinen Zwang, wenn ſie aber einſt unge⸗ zwungen in Anna's Herzen aufkeimt, iſt ſie gewiß das begluͤckendſte Gut, was einem Manne zu Theil werden kann, denn in der Tiefe ihres Herzens gluͤht eine Waͤrme und Innigkeit, die du einſt mit Wonne empfinden wirſt. Ueberlaſſe mir und der Zeit die Pflege deiner Wuͤnſche und ſie werden gewiß gekroͤnt. Jetzt aber muß ich dich bitten, mein Sohn, daß du uns auf einige Zeit wieder verlaͤßt, deine Gegenwart thut nicht mehr gut, du ſelbſt bedarfſt der Zerſtreuung; mache einen Ausflug in Deutſchlands reichhaltige Gauen, ſuche dort neue Eroberungen fuͤr deine Kunſt und kehre dann froher zu uns zuruͤck. Dieſer Vorſchlag ſtimmte mit Alfreds Wuͤnſchen uͤberein; er ſehnte ſich, dem Streite ſeines Innern zu entfliehen, und ſo gluͤcklich er ſich auch in der Naͤhe der liebenswuͤrdigen 19 — Schweſtern fuͤhlte, hatte ſein unruhiges Ge⸗ muͤth doch zuweilen das Verlangen beſchlichen, mehr kuͤnſtleriſche Thaͤtigkeit, neue Anregung dazu zu haben. Er beſchloß, das noͤrdliche Deutſchland, was er noch nicht geſehen, die Kuͤſten der Oſtſee zu dieſem Ausfluge zu waͤhlen und dort die Natur im Gegenſatz zur ſuͤdlichen zu ſtudiren. Gegen Anna und Babet ſprach er von dieſer Reiſe, wie von der kurzen Abweſenheit einiger Monate, und ſo troͤſtete man ſich, als er wenig Tage darauf abreiſte, gegen⸗ ſeitig mit der Hoffnung des baldigen Wieder⸗ ſehens; Alfred mit der Erfuͤllung ſeines heißeſten Wunſches. Frau v. P. war es waͤhrend Afteds Anweſenheit einleuchtender als je geworden, daß es nun Zeit ſey, die aufbluͤhenden Jung⸗ frauen ein wenig mit der Welt und ihren conventionellen Formen bekannt zu machen; ſie ſuchte in dieſer Ruͤckſicht die fruͤher ganz vernachlaͤſſigte Geſellſchaft auf, knuͤpfte Be⸗ kanntſchaften in der Nachbarſchaft an, ſah Beſuche bei ſich und erwiederte ſie. Dieſe — W — ihnen ganz neue Weiſe zu leben und erworbene Fertigkeiten zu uͤben, unterhielt Anna und Babet auf's Angenehmſte und trug viel dazu bei, ſie beſtimmter auszubilden; beſonders er⸗ gotzt durch das geſellige Leben fand ſich Babet; es eroͤffnete ſich dort neuer Spielraum fuͤr ihre leichte Frohlichkeit, Scherz und Witz, dem ſie ſo gern huldigte, und ſie füͤhlte ſich ganz in ihrem Element. Frau v. P. hatte bald Gelegenheit, zu dieſer Maßregel ſich Gluͤck zu wuͤnſchen, indem die Truppendurchmaͤrſche des franzoͤſiſchen Heeres, welches auf dem Zuge nach Rußland begriffen war, haͤufige Gaͤſte herbeifuͤhrte, von deren Beſuchen ſie ihre Töchter nicht immer entfernen konnte und deshalb manchen Nach⸗ theil hatte furchten muͤſſen, wenn die holden Kinder ſo unbekannt noch, wie ftuͤher, mit allen conventionellen Brhältniſſen geweſen waͤren. Bisher hatten ihr kleines Dörſchen nur fluͤchtige Truppendurchzuge getroffen, jetzt aber wurde die Gegend mit einem cantonirenden Reſervecorps belegt, welches auf unbeſtimmte 19 * — Zeit dort weilen ſollte und auch Frau v. P. erhielt einige ſolche Gaͤſte; einen General mit mehreren Stabsofficieren. Die friedlichen Hallen des altritterlichen Hauſes, ſonſt nur der Sitz ſtiller Haͤuslichkeit und weiblicher Geſchaͤftigkeit, ertoͤnten jetzt vom Waffengeraͤuſch, vom laͤr⸗ menden Verkehr der Soldaten, von der lauten Froͤhlichkeit ihrer Geſellſchaften. Frau v. P. iſt genothigt, dieſe öͤfter in ihrem Zimmer ſich verſammeln zu laſſen, als ihr angenehm iſt, um ſo mehr, als ſich unter dem Corps meh⸗ rere entfernte Verwandte von ihr finden, die ihr verwandtliches Recht durch haͤufige Beſuche geltend machen, der General ein Geſelligkeit liebender Mann iſt, und die ſchoͤnen Toͤchter des Hauſes große Magneten fuͤr die junge Welt ſind. Ein Blick in das Beſuchzimmer des Schloſſes zeigt uns Frau v. P. mit Anna und Babet, wie ſie umringt von glaͤnzenden Uniformen in zierlichem Franzoſiſch bald die feinſten Schmeicheleien uͤber die ſeltne Lie⸗ benswuͤrdigkeit ihrer Pflegetoͤchter, bald die offnen Huldigungen hoͤrt, die dieſen ſelbſt dar⸗ — 293 — gebracht werden. Ihre Talente, ſo oft die erbetne Unterhaltung muͤßiger Stunden, ſind der Gegenſtand allgemeiner Bewundrung; man feiert laut die blendenden Reize Babet's und betet im Stillen die intereſſante Anna an. Die holden Kinder befinden ſich in einem ganz neuen ungewohnten Kreiſe, in denen ſie je⸗ doch ihr richtig gebildeter Verſtand, ihr ange⸗ borner Takt bald mit einiger Sicherheit be⸗ wegen laͤßt. Anna findet ſich wenig befriedigt durch den leeren Schimmer dieſer Unterhal⸗ tungen, ſie haben bald den Reiz fuͤr ſie ver⸗ loren. Babet indeß, deren groͤßere Eitelkeit die glaͤnzenden Triumpfe nicht verſchmaͤht, fuͤhlt ſich heimiſch, bewegt ſich mit immer gleicher Munterkeit und Grazie darin und feſſelt dadurch ſehr bald ausſchließend den groͤßten Theil der Bewundrer um ſich. Aus den Bewundrern werden im Verlauf kurzer Zeit offne Anbeter, und wir ſehen Babet jetzt taͤglich von einer Menge junger Ofſiciere um⸗ ringt, die mit franzoͤſiſcher Leichtigkeit und Kuͤhnheit wetteifernd um den koſtbaren Preis ihres Herzens ringen und ſich alle Mittel zu dieſem Zweck erlauben, die der Anſtand und die imponirende Naͤhe der Mutter geſtattet. Doch dieſes Herz, ſcheinbar ſo leicht ſich hin⸗ gebend, iſt ſchwerer zu erobern, als irgend Jemand glaubt. Mit leichtem Witz, mit un⸗ nachahmlicher Anmuth, die ſelbſt von Wuͤrde begleitet iſt, weiß ſie alle Pfeile zuruͤck zu ſen⸗ den, ohne im geringſten davon verwundet zu ſeynz ſie lohnt alles Schmachten mit gleichem pikantem Scherz, mit gleicher Ruhe, Keiner kann ſich ruͤhmen eine auszeichnende Beguͤn⸗ ſtigung von ihr zu erhalten, Keiner einen Schritt vorwaͤrts gekommen zu ſeyn, und wenn Einige, den Zeitvertreib muͤßiger Stun⸗ den darin findend, ihre Bemuͤhungen nur um ſo eifriger fortſetzen, verzagen dagegen Andere in hoffnungsloſem Schmachten. Nur Einer iſt unter ihnen, den eine wahre innige Nei⸗ gung an Babet's Triumpfwagen feſſelt, Con⸗ ſtant von Arnaut, ein junger, ſchoͤner Mann, kuͤhn und muthig wie der Kriegsgott, gut, brav und edel, wie ein aͤcht franzoſiſcher Ritter, aus guter Familie und Adjutant des commandirenden Generals. Er wohnte mit — 295 — dieſem in dem Schloſſe, war deshalb öfter als Andere in der Familie und wurde von Frau v. P. ausgezeichnet, wegen ſeines feinern, gehaltvollern Weſens, das gegen die Seichtig⸗ keit und Arroganz mancher Andern vortheil⸗ haft abſtach. Er trat bald mit den uͤbrigen Anbetern Babets in die Schranken und ſuchte gleich ihnen, auf dem Wege zarter Huldigung ihr Herz zu gewinnen, doch ſo oft auch Frau von P. zu bemerken glaubte, daß ein waͤrmeres Gefuhl fuͤr dieſen Einzigen in Babets Innern aufkeimte, ſo gluͤcklich auch zuweilen Conſtant ſelbſt ſich dieſer Hoffnung hingab, ſo wieß ſie ihn doch gleich jenen Uebrigen mit ſcher⸗ zender Gleichgultigkeit ab, und der arme Juͤng⸗ ling, in deſſen Herzen die Liebe mit jedem Tage maͤchtiger wurde, ſah ſich traurig zum allgemeinen Schickſale jener Flattergeiſter ver⸗ dammt. Seinem kuͤhnen, kraͤftigen Weſen war es unmoͤglich, thatenlos wie dieſe zu ſchmach⸗ ten, er pflegte nicht, ein einmal aufgeſtelltes Ziel ſo leicht unerreicht zu laſſen, und, wohl unterrichtet in kriegeriſcher Taktik, verſucht er ihre Regeln auch auf die Eroberung eines Her⸗ S * zens anzuwenden, und was mit Sturm nicht zu gewinnen iſt, durch Liſt zu erlangen. Er nimmt, dieſem Vorſatz gemaͤß, plotzlich ein zu⸗ ruͤckhaltendes, gemeſſneres Benehmen gegen Babet an, wird in der Folge einiger Tage immer kaͤlter und gleichguͤltiger und iſt endlich der Einzige von Allen, der ihr nichts weiter als die hoͤfliche Aufmerkſamkeit zukommen laͤßt, die der Tochter vom Hauſe gebuͤhrt. Auch ei⸗ nem weniger ſcharfſichtigen Auge, als dem eines Liebenden, konnte es nicht entgehen, daß dieſe ſcheinbare Zuruckſetzung eine merkliche Veraͤn⸗ derung in Babets Laune hervorbrachte; ſie ſtrebt zwar anfangs achtlos ſcheinend es zu uͤberſehen, und will gewohnter Munterkeit mit den Uebrigen ſich unterhalten, kann aber bald ſich nicht enthalten einen Blick an Conſtant voruͤber ſtreifen zu laſſen, um zu erſpaͤhen, ob ſeine Augen allein, wirklich nicht mehr mit ihr ſich beſchaͤftigen. Conſtants feſtes Beharren in der angenommenen Rolle, ſeine augenſchein⸗ liche Gleichguͤltigkeit faͤngt an ſie immer mehr zu ſtören, ihr Scherz und Fröhlichkeit immer ſchwerer zu machen, und ihr ſelbſt unerklärbar, — 297 — erfullt ein Gefuͤhl von Trauer und Trubſinn ihr Herz, welches ſie noch nie in ihrem Leben empfunden und das ſie nun mit der groͤßten Muͤhe zu verſchleiern weiß. Doch, Conſtant's Liebesauge durchdringt dieſen Schleier, er ſieht mit Entzuͤcken, was im Herzen der reizenden Jungfrau vorgeht, und kann von freudigem Ungeſtuͤm des eignen kaum erhalten, mit Klug⸗ heit die guͤnſtige Stunde zu einer offnen Er⸗ klaͤrung abzuwarten. Da fuͤhrt ihm plotzlich der glůͤckliche Zufall dieſe Stunde fruͤher noch zu, als er hofft. Eine Ordre ſeines Generals befiehlt ihm, Depeſchen an einen entfernten Contonirungspo⸗ ſten zu bringen und auf ihre Erwiederung einige Tage dort zu warten. Er iſt reiſefertig, hat ſich vom General beurlaubt und ſchreitet nun dem Wohnzimmer der Frau von P. zu, um auch von der Familie ſich zu verabſchie⸗ den. Eingetreten, erblickt er Babet ganz al⸗ lein mit einer Arbeit am Fenſter beſchaftigtz ſie iſt betroffen von ſeinem Anblick, errothet ſogar. Conſtant ſucht ſogleich ſeine kalteſte Miene hervor, naͤhert ſich ihr und beginnt im — 298 — Tone gemeßner Höoͤflichkeit: ich komme, mein Fraͤulein, mich von ihnen zu beurlauben, in⸗ dem Auftraͤge meines Generals mich auf eini⸗ ge Tage aus ihrer Naͤhe verbannen, und — ſetzt er, an ihrer ſichtbaren Verlegenheit ſich weidend, etwas ſtockend hinzu: da ich nicht weiß, ob die Ordre zum Aufbruch unſers Corps nicht vielleicht vor meiner Ruͤckkehr noch ein⸗ treffen koͤnnte, und ich mithin auf das Gluͤck verzichten muͤßte, ſie wiederzuſehen, ſo erlauben ſie mir, jetzt ihnen ein Lebewohl zu ſagen; er kuͤßt bei dieſen Worten mit leichtem Anſtand ihre Hand und will ſich gemeſſen zuruͤckziehen, aber — ein merkliches Beben dieſer Hand, ein Blick in ihre ſchoͤnen Augen, die vergebens Thraͤ⸗ nen zuruck zu draͤngen ſtreben, bannt ihn mit uͤberraſchender Gewalt feſt; er haͤlt noch immer ihre zitternde Hand in der ſeinen, ihr leiſer Druck laͤßt die volle Kraft der Liebe in ſeinem Herzen auflodern, er wirft einen jener durch⸗ dringenden Blicke auf ſie, die ihren Weg in die Seele nicht verfehlten, begegnet ihrem, in Thraͤnen ſchwimmenden Auge und kann ſich nun nicht laͤnger halten, den Empfindungen — 299 — des ſtuͤrmenden Herzens Worte zu leihen. Ba⸗ bet hoͤrt ihn mit ſuͤßem Erroͤthen; ſie unterbricht ihn nicht, ſie vermag nicht ihm zu antworten, aber ihre liebeerfuͤllten Augen, die ſie zu ihm aufſchlaͤgt, das ſuͤße Laͤcheln ihres holden Mundes, ihr inniger Haͤndedruck ſagen ihm alles, was er zu ſeinem Gluͤck bedarf, und wir ſehen in wenig Minuten zwei kalt ge⸗ trennte Weſen zum gluͤcklichſten Paare ver⸗ wandelt. — Der Eintritt der Frau v. P. laͤßt die Liebenden erwachen! Babet fliegt an die Bruſt der geliebten Mutter und erklaͤrt durch einen Thraͤnenſtrom, was ſie mit Worten nicht zu ſagen vermag; Conſtant fleht, das ſchwer eroberte Herz durch Verweigerung des muͤtterlichen Segens ihm nicht wieder abwen⸗ dig zu machen und ſchildert mit liebenswür⸗ diger Offenheit ſeine Leiden und ſein Gluͤck. Geruͤhrt hoͤrt ihn Frau v. P. an, ſie iſt uͤber⸗ raſcht, aber nicht erſtaunt, denn ſie hat die Liebe in Beider Herzen aufkeimen, ſich ent⸗ wickeln ſehen und die erfolgte Kataſtrophe geahnet, wenn auch nicht ſo bald, und da ihr Conſtants naͤhere Bekanntſchaft, die einge⸗ gezogenen Erkundigungen uͤber ihn, die ſeinen Werth verbuͤrgt, ihr die Ueberzeugung gege⸗ ben haben, daß er Babet's wuͤrdig iſt, ſo haͤlt ſie nichts mehr ab, die Liebenden ſegnend an ihr Herz zu druͤcken und des geknuͤpften Bundes ſich innig zu freuen. Auch Anna kommt hinzu, mit ihrer fteudigen Ueberraſchung mit der herzlichſten Theilnahme das Gluͤck des kleinen Kreiſes zu vermehren, und nur die Furcht, durch den laͤngern Genuß dieſes Gluͤckes zum erſtenmale ſeine Dienſtpflicht zu verſaͤumen, kann den ſeligen Conſtant aus den ihn umſchlingenden Armen reißen. Sein armes Roß aber muß den Schmerz dieſer Tren⸗ nung faſt blutend mit ihm theilen; denn es iſt kaum ſtark genug den Wettlauf mit ſeinen ſtuͤr⸗ menden Gefuͤhlen auszuhalten. Nach wenig Ta⸗ gen indeß traͤgt es ihn wieder zuruck in den ver⸗ laſſenen Kreis und wir ſehen noch eine ganze Woche lang die Vereinigten das Gluck der erſten, innigen Liebe im vollen Maaße genießen. Ba⸗ bet iſt wie verwandelt, ſtiller und ernſter als je in ihrem Leben, hat ſie nur Sinn und Au⸗ ge fuͤr ihren Conſtant, und mit ihm weiß ſie — 301 — noch zu ſcherzen, nur in ihm lebt ſie noch mit der vorigen Munterkeit, und tauſend freund⸗ liche Bilder einer gluͤcklichen Zukunft ſind die Gegenſtaͤnde ihrer Unterhaltung, an denen die treue Anna den ſchweſterlichſten Antheil nimmt. Endlich aber ſchlaͤgt die laͤngſt gefurchtete Stun⸗ de der Trennung, das Corps muß zum wei⸗ tern Marſch aufbrechen, und Babet weint heiße Thraͤnen uͤber das ſchnelle Scheiden ihres neuen Gluͤcks und die Gefahren, die dem Ge⸗ liebten nun drohen. Doch dieſer weiß ſie mit der Vorſtellung zu troͤſten, daß ſein Corps als Reſerve Rußlands Eisfelder wahrſcheinlich gar nicht ſehe, daß der Friede ihm dald zuruck⸗ fuͤhren koͤnne und mahlt am Ende das rei⸗ zende Bild des freudigſten Wiederſehens. Selbſt blutenden Herzens, zeigt er doch aͤußerlich die Faſſung eines Helden, feurig druckt er noch einmal die holde Braut an ſein Herz und entſchwindet ihren Augen. — Wir uͤbergehen die Schilderung der Tren⸗ nungswehen, die Klagen und Thraͤnen einer zartlichen Braut, die liebevollen Troͤſtungen ihrer Mutter und Schweſter, und eilen zu — 302 — den Tagen, da die alles lindernde Zeit und gute Nachrichten von Conſtant jene Schmerzen geheilt haben, auch von Alfred erwuͤnſchte Nach⸗ richten eingegangen ſind, Heiterkeit und Freu⸗ de wieder einziehen im haͤuslichen Kreiſe und Babet im Begriff ſteht, den elterlichen und großmuͤtterlichen Segen ſich zu holen. Frau v. Y. hat erwogen, daß jetzt die guͤnſtigſte Zeit ſey, ihren Wunſch, die geliebten Pflegetoͤchter zu adoptiren, geltend zu machen, denn obgleich Conſtant, bekannt mit ihrem Verhaͤltniß, nie die geringſte Bedenklichkeit in dieſer Ruͤckſicht gezeigt hatte, kannte ſie doch zu gut die Standesvorurtheile einer alt⸗ adelichen franzoͤſiſchen Familie, um nicht vor⸗ auszuſehen, daß Babet als Fraulein v. P. ihnen willkommener ſeyn werde. Sie legte den Eltern ihre Gruͤnde, deren ftaͤrkſter ihre Liebe zu den Kindern war, vor, und die dankbaren Eltern konnten dem gutgemeinten Begehren nicht widerſtreben. Die Ausſicht, ihr Kind in eine ſo gluͤckliche und glänzende Lage verſetzt zu ſehen, erfuͤllte ſie mit großer Freude, zwar verband ſich bei dem Vater dieſe Freude mit — 303 — dem wehmuͤthigen Gefuͤhl, ſich von ſeinem Kinde durch die Kluft des Standes gewiſſer⸗ maßen nun gettennt zu ſehen, aber eben dieſe unausweichliche Nothwendigkeit ließ ihn um ſo leichter die Einwilligung zu einer Adoption geben, die auf dieſe Art keine groͤßre Tren⸗ nung war. Die gute Großmutter, als ſie die beiden neuen Ereigniſſe erfuhr, feierte den ſchon⸗ ſten Tag ihres Lebens. Sie ſtand auf dem hochſten Gipfel ihrer Wuͤnſche, ſegnete mit Freudenthraͤnen die geliebte Babet und rief mit gefalteten Haͤnden: das „ der Sepen der Roſe von Jericho! — Beklagenswerthes Loos des Sterblichen, das Gluͤck und Leid, hoͤchſte Freude und hoͤch⸗ ſten Schmerz ſo nahe an einander grenzen laͤßt! — Auch unſte Gluͤcklichen erfahren dies Loos. Es macht ihnen ein freundlicher Wech⸗ ſel ſtiller Haͤuslichkeit der denkwurdige Winter des Jahres 1812. Babet hat noch vor Kur⸗ zem troͤſtliche Nachrichten von Conſtant erhal⸗ ten und uͤberlaͤßt ſich mit beruhigtem Herzen der Hoffnung eines frohen Wiederſehens; da — erkrankt plotzlich das bluhende Maͤdchen. — Ein boͤsartiges Scharlachfieber zeigt ſeine ſchreck⸗ lichen Symptone und widerſtrebt nach wenig Tagen, allen angewandten Mitteln. — Nicht die Kunſt der geſchickteſten Aerzte, die herbei⸗ geholt werden, nicht die ſorgfaͤltigſte Pflege der liebenden Mutter und Schweſter ſind im Stan⸗ de das theure Leben zu erhalten — ſanft und ſchmerzlos mit dem ſeligen Lächeln eines En⸗ gels, haucht ſie es in ihren Armen aus. — Einen Schmerz dieſer Art beſchreibt keine Fe⸗ der, darum ſagen wir nichts von dem herz⸗ zerreißenden Weh der Mutter und Schweſter, nichts von dem Jammer der Liebe im kleinen Thale. — Wir uͤberlaſſen ſie ungeſtoͤrt ihren gerechten Thranen und erblicken ſie nach eini⸗ gen Wochen in jener dumpfen Stille, die ſtets einem großen langgewaͤhrten Schmerz folgt. Frau v. P., durch fruhere Erfahrungen an tiefen Kummer und Leiden gewoͤhnt, fin⸗ det endlich Ergebung durch die Troͤſtungen der Religion, aber Anna's tieffühlendes Herz, das den erſten Schmerz erfaͤhrt, kann aus der tiefſten Traurigkeit noch immer nicht den Weg zum alles heilenden Balſam des Himmels — 305 — finden. In der geliebten Schweſter hat ſie den andern Theil ihres Selbſt verloren und nirgends findet ſie Erſatz fuͤr dieſen Verluſtz nichts will ihr mehr Freude machen, da die liebende Theilnehmerin ihrer Genuͤſſe ihr fehlt, und hat endlich die Vorſtellung des hohern Glucks, was die Geſchiedene jetzt genießt, ihr einigen Troſt gegeben, ſo erneuert ſich ihr Schmerz, wenn ſie des armen Conſtant ge⸗ denkt, der noch nichts von ſeinem Ungluͤck weiß. So oft wiederholtes Weh mußte end⸗ lich nachtheiligen Einfluß auf Anna's Ge⸗ ſundheit haben, und Frau v. P. uͤberlegt mit bekuͤmmertem Gemuͤth, wie ſie ihre ein⸗ zige, theure Anna dieſem ſchmerzlichen Kreis⸗ lauf der Ideen entziehen koͤnne. Alfreds Gegenwart muͤßte jetzt der groͤßte Troſt fur Beide ſeyn, auch hat Anna oft ſchon ſehn⸗ ſuͤchtig ſeiner gedacht, und Frau v. P. ſaͤumt nicht laͤnger, in einem Briefe den Wunſch ſeiner baldigſten Ruͤckkehr auszuſpre⸗ chen. Sie hat lange keine Nachricht von ihm erhalten, ſelbſt auf die letzte traurige Nach⸗ richt noch keine Erwiederung. Da kommt 20 — 306 — an demſelben Tage, wo ſie ihr Schreiben abſendete, ein dickes Briefpacket von ihm, von Hamburg aus datirt und mehrere Wo⸗ chen ſchon alt. Es enthaͤlt eine lange Schil⸗ derung genußreich verlebter Zeit mit einer engliſchen Familie, die er auf ſeinen Streif⸗ zuͤgen in Holſtein kennen und lieben gelernt hat, und endlich die Mittheilung des Ent⸗ ſchluſſes, mit dieſer Familie auf einige Mo⸗ nate nach England zu gehen, um dort auf ihrem Landſitz die Ausſchmuͤckung eines Gar⸗ tenſaales zu uͤbernehmen, zu der er ſich an⸗ heiſchig gemacht. Er verſpricht ſich großen Genuß, viel nuͤtzliche Erfahrungen von die⸗ ſem Aufenthalt im beruͤhmten Albion und glaubt deswegen, daß ſeine Mutter dieſer laͤngern Abweſenheit nicht entgegen ſeyn wird, um ſo weniger, als ſie noch nicht den Wunſch baldiger Ruͤckkehr geaͤußert hat. Durch Nach⸗ laſſigkeit ſeines Geſchaͤftstragers wahrſcheinlich war dieſer Brief ſo ſpaͤt in ihre Haͤnde ge⸗ kommen. Jetzt ſegelte Alfred bereits dem Ziel ſeiner Reiſe zu und jede Ausſicht einer Ruͤckkehr war dadurch verſchwunden. — 307 — Frau v. P. uͤberließ ſich mit Anna zu⸗ gleich dem truͤben Eindruck dieſer getaͤuſchten Hoffnung, um ſo mehr, als ſie uͤberzeugt war, daß jetzt der guͤnſtigſte Zeitpunkt ſey, Alfreds Wuͤnſche und Annas Liebe zur Ge⸗ währung zu bringen, jetzt, wo ihr Herz ſo ſchmerzlich vereinzelt ſich fuͤhlte und gewiß mit jener Innigkeit, die er wuͤnſchte, zum liebenden Herzen Alfreds ſich geneigt haͤtte. Ergebung in hoͤhere Fuͤgung konnte auch hier nur helfen; die traurige Einſamkeit aber wußte Frau v. P. durch nichts anderes zu erheitern, als durch die Gegenwart der ach⸗ tungswerthen Lehrerin ihrer Toͤchter, Madame Lenz, die ſeit zwei Jahren in einem benach⸗ barten Stäͤdtchen lebte, doch immer noch im freundlichen Rapport mit der Familie geblie⸗ ben und jetzt auf den erſten Ruf bereit war, wieder zu ihnen zuruͤckzukehren. Unterſtuͤtzt durch ihre warme Theilnahme, zerſtreut durch nuͤtzliche Thaͤtigkeit, lebten ſie ſtill dahin. Alfreds Briefe voll tiefen Schmer⸗ zes, voll inniger Liebe fuͤr die Trauernden, waren die Lichtpunkte ihrer einformigen Tage. 20 * 1 — 308 — Von Conſtant waren Monate lang keine Nachrichten eingegangen, und die traurigen Berichte uͤber den Untergang des franzoͤſi⸗ ſchen Heeres in Rußland ließen auch da nur Schlimmes fuͤrchten. Mit dem Fruͤh⸗ linge erreichten die wenigen Zuruckkehrenden auch die Ufer des Rheins, und durch ſie er⸗ hielten unſte einſamen Frauen die ſchmerz⸗ liche Beſtaͤtigung ihrer Befuͤrchtungen. Con⸗ ſtant hatte zu Anfang des Winters den eh⸗ renvollen Tod in einem moͤrderiſchen Gefecht gefunden und das tieſſte Bedauern ſeiner Kameraden war ihm zur einfachen Ruheſtaͤtte gefolgt! — Heiße Thraͤnen fließen aufs Neue dem Andenken des theuern jungen Mannes, aber troͤſtend erfuͤllt ſie der Gedanke, daß beide Liebende faſt zu gleicher Zeit in eine ſchoͤnere Welt übergegangen ſind, daß keines durch den Verluſt des andern iſt betruͤbt wor⸗ den und ſie nun vereint vom kurzen, frohen Jugendtraum erwachen, die ſeligen Freuden eines nie getrennten Beiſammenſeyns zu ge⸗ mnießen! — . Die ſchmerzlichen Erinnerungen, die ſich jetzt an ihre Umgebungen knuͤpfen, und die Nachricht von Alfred, daß die ausgezeichnete Guͤte jener liebenswuͤrdigen Familie neue Beſchaͤftigungen, die ſeinem kuͤnſtleriſchen Streben die erwuͤnſchteſte Befriedigung ge⸗ waäͤhren, ihm noch immer nicht erlauben, ſich von Englands Kuͤſten zu trennen, erregen in Frau v. P. im Verlauf des Sommers den Wunſch, ihren jetzigen Wohnort mit einer kleinen Beſitzung in Frankreich zu ver⸗ tauſchen, die ſie als ein Vermaͤchtniß ihrer Eltern noch immer behalten hatte. Die Ereig⸗ niſſe dieſes Sommers, die alle Untertichtete muthmaßen laſſen, daß ſie mit baldigem Ruckzug der franzoſiſchen Armee und der Verfolgung ihrer Feinde enden könnte, be⸗ ſchleunigte den Entſchluß, dort ein Aſyl zu ſuchen, und wir ſehen ſie ſchon in den erſten Tagen mit Reiſeanſtalten beſchaͤftigt, Anna aber noch einmal auf wenige Tage im hei⸗ mathlichen Thale weilen. Noch einmal freut ſie ſich des Gluͤckes ihrer Schweſter Marga⸗ rethe, die als ſorgſame Mutter von drei — 310 — bluͤhenden Kindern ſie begruͤßt, des kraͤftigen Bruders Anton, der als wackrer Juͤngling von zweiundzwanzig Jahren des Vaters treue Stuͤtze iſt. Mit den wehmuͤthigſten Gefuͤhlen ſcheidet ſie endlich von ihnen, den geliebten Eltern, der guten Großmutter, deren erhoͤhte Altersſchwaͤche nur zu ſehr furchten laͤßt, daß ſie die theure Pflegerin ihrer Kindheit nicht wiederſehen wird. Das liebe Pfarrhaus, jedes Plätzchen gluͤcklicher Erinnerungen empfaͤngt noch ein trauriges Lebewohl, und nur noch die hoͤchſten Baumſpitzen des kleinen Thals erblickend, iſt ihr Auge doch immer noch ſehn⸗ fuͤchtig dahin gerichtet, indem tiefes Weh in ihrem Innern ihr ahnden laͤßt, daß ſie es nicht mit denſelben Empfindungen wieder be⸗ treten wird. — Wir finden am Schluß des Jahres die drei Frauen im kleinen, huͤgelbekraͤnzten Land⸗ ſitz in der Naͤhe von Brienne, ſchon laͤngſt ganz heimiſch in den wieder freundlich einge⸗ richteten Mauern und jenes ſtille Gluͤck ge⸗ nießen, was geregelte Thätigkeit, Wohlthaͤtig⸗ keitspflege und die Kuͤnſte mit ihrem immer neu ſchaffenden Leben uns zu gewaͤhren ver⸗ moͤgen, auch wenn von ſchmerzlichen Erinne⸗ rungen das Herz erfuͤllt iſt. Nichts ſtoͤrte ſie in dieſem Gluͤck, als die beunruhigende Be⸗ fuͤchtung kriegeriſcher Ereigniſſe in ihrer Naͤhe, indem die verbuͤndeten Heere immer weiter auf franzoſiſchem Boden vordrangen. Anna betruͤbte ohnedies noch das gaͤnzliche Außen⸗ bleiben einiger Nachrichten von den Ihrigen, die allerdings durch den unterbrochnen Poſten⸗ lauf zuruͤckgehalten werden konnten. Näher und immer naͤher ruͤckte das Blü⸗ cherſche Corps, beguͤnſtigt durch die Mitwir⸗ kung der oſterreichiſchen Armee unter Fuͤrſt Schwarzenberg. Das franzoſiſche Heer erwar⸗ tete ſie in den Ebenen von Brienne und es begann in den letzten Tagen des Januar jene denkwuͤrdige Schlacht, in denen die tapfern Preußen abermals Sieger waren. Tage der Angſt und des Schreckens bra⸗ chen fuͤr die Bewohner des kleinen Landſitzes an. Obgleich eine Meile vom Kampfplatz entfernt, laͤßt ſie doch der alles durchdrohnende Kanonendonner das wechſelnde Nähern und — 312 — Entfernen der Schlacht genau beurtheilen; die hohen Rauchſaͤulen verkuͤnden die Menge der brennenden Ortſchaften, ein Sternenkranz von hochlodernden Wachtfeuern zeigt ihnen am Abend in graußiger Erleuchtung den Umfang des Leichenfeldes. Preußiſche Krieger in groͤ⸗ ßern und kleinern Trupps, die Lebensmittel und Fourrage holen, kommen und gehen fort⸗ waͤhrend; es langen endlich ganze Wagen voll Verwundete an, fur die ein ſchuͤtzendes Ob⸗ dach in dem abgelegnen Doͤrfchen geſucht wird. Auch an das Landhaus der Frau v. P. macht man dieſe Anſpruche und ſie oͤffnet mit freund⸗ licher Bereitwilligkeit alle entbehrlichen Gemaͤ⸗ cher den Ungluͤcklichen, die von Blutverluſt und erſtarrender Kaͤlte zum Theil ſchon halb todt ſind, ein Aſyl zu gewaͤhren. Mit uner⸗ muͤdlicher Sorge ſchafft ſie alle Beduͤrfniſſe herbei, hilft ſelbſt leichte Wunden verbinden und die Verbundnen pflegen. Anna unter⸗ ſtutzt ſie dabei mit dem ganzen Eifer ihres innigen Gemuͤths, und findet ſich durch dieſe, Menſchenelend lindernde Thaͤtigkeit freudig erhoben, wie ſie denn uͤberhaupt bei allen — 313 — außern Schreckniſſen in jenen reizvollen, eral⸗ tirten Zuſtand ſich verſetzt ſieht, der bei jun⸗ gen, lebhaften Gemuͤthern die Wirkung alles Ungewoͤhnlichen iſt. Allzu große Anſtrengung und Ertätung hat indeß Frau v. P. ſchon am zweiten Tage ſo unpaͤßlich gemacht, daß ſie die Stube nicht mehr verlaſſen kann; Anna muß allein mit Madame Lenz ſich allen Sorgen unterziehen, die mit jeder Stunde ſich erwiedern, da am letzten moͤrdriſchen Schlachttage der Zudrang der Verwundeten immer groͤßer wird. Spaͤt Abend langt noch ein preußiſcher Offizier in einer kleinen Caravane an und verlangt die Frau vom Hauſe zu ſprechen. Anna erſcheint an ihrer Statt und der Offizier redet ſie an: ich komme mit der Bitte zu ihnen, gnaͤdiges Fraͤulein, in ihrem Hauſe, wo ſo viele noch Lebende menſchenfreundliche Aufnahme finden, auch einem Todten ein Plätzchen zu gonnen, einen meiner theuerſten Freunde, der nur durch den ſtarken Druck der Luft, welcher durch das nahe Vorbeifliegen einer Granate verurſacht ward, einen ſchnellen Tod gefunden hat, wie es ſcheint. Die ſchwache Conſtitution ſeiner Bruſt machte dies moglich, doch da er außer⸗ dem keine bedeutende Verwundung hat, ſo iſt es nicht unmoͤglich, daß er noch wieder zum Leben erwachen kann, wenn Waͤrme die Er⸗ ſtarrung der Winterkaͤlte hebt; der Chirurg ver⸗ ſichert zwar, er ſey wirklich todt, doch kann ich mir die Beruhigung nicht verſagen, fur die Rettung meines Freundes alles gethan zu ha⸗ ben. Ich bitte ſie jetzt um die Gnade, mir ein Gemach anweiſen zu laſſen, wo der Todte hingelegt werden kann, muß aber dann allein ihrer Menſchenfreundlichkeit die Sorge fur ihn uͤberlaſſen, indem meine Dienſtpflicht mich un⸗ abaͤnderlich weiter ruft. — Anna hat mit der behendeſten Theilnahme zugehoͤrt und iſt ſo ergriffen davon, daß ſie nur mit ſtockenden Worten die Verſicherung geben kann, gern thun zu wollen, was in ih⸗ ren Kräften ſtehe; doch begleitet mit einem Aus⸗ druck ihrer Augen, der den Bittenden die Ge⸗ wißheit giebt, daß ſeine Sorgen in den beſten Haͤnden ſind. Sie eilt hinaus Befehle zu ge⸗ ben, es iſt im Hauſe kein Gemach mehr leer, — 315 — aber ſie weiß eins im Wirthſchaftsgebäude zu raͤumen, laͤßt es heizen und betreibt ihre An⸗ ſtalten mit einer Schnelligkeit und einem Eifer, der alles in Bewegung ſetzt. Bald hat der Todte eine bequeme Freiſtatt, mit Huͤlfe ihrer Bitten auch einige Waͤchter, und Anna bringt eine ſchlafloſe Nacht zu, voll Unruhe und ban⸗ ger Erwartung, welchen Erfolg der Morgen bringen werde. Er kommt endlich mit ge⸗ taͤuſchter Hoffnung, denn der Tode liegt noch immer ohne ein Zeichen des Lebens, und Je⸗ dermann zweifelt an der Möglichkeit ſeines Er⸗ wachens — nur Anna nicht. Mit unermuͤd⸗ lichem Eifer laͤßt ſie einen Feldarzt auftreiben und fleht ihn, alle moͤgliche Mittel zur Erwe⸗ ckung zu verſuchen, iſt geſchaͤftig alles dazu her⸗ beizuſchaffen. Der Feldarzt giebt ihren Bitten Gehoͤr, doch ohne einen Erfolg ſich zu verſpre⸗ chen, er beſchaͤftigt ſich zwei Stunden lang mit dem Todten, die Anna mit ihrer Mutter und Mad. Lenz indeß in der aͤngſtlichſten Spannung zubringt. — Endlich erfreut er ſie mit der gluͤcklichen Nachricht, daß er Lebenszeichen von ſich giebt, und bald iſt er im Stande ihnen — — zu fagen, daß er dem Tode entriſſen ſcheint. Alle ſind von der innigſten Freude erfullt; Frau v. P. vergißt faſt ihr Uebelbefinden, ſie laͤßt ſogleich eins ihrer eignen Zimmer für den Ge⸗ retteten einrichten und noch an demſelben Tage wird er auf einer Tragbahre hineingeſchafft. Die Schwaͤche des jungen Mannes iſt indeß ſo groß, daß der Arzt verſichert, nur die voll⸗ kommenſte Ruhe und Schonung einer langen Zeit wuͤrde im Stande ſeyn, ihn zu erhalten, denn ſeine uͤberdieß ſchwache Bruſt ſey durch dieſen gewaltſamen Druck in einem Grade mehr geſchwaͤcht worden, der alles Sprechen, jede Bewegung, die geringſte Aufregung gefaͤhrlich mache, um ſo mehr, als einige fruͤhere, ſchlecht geheilte Wunden durch die Kaͤlte aufgebrochen ſeyen; er bitte daher die Damen, ſetzt er hin⸗ zu, ſich vor der Hand nicht ſelbſt ſeiner Pfle⸗ ge zu unterziehen, da ihre Gegenwart jene ſchaͤdlichen Dinge leicht veranlaſſen konne, ſon⸗ dern nur durch den eben angekommnen Bedien⸗ ten ſie zu leiten, den er ſelbſt gehoͤrig inſtru⸗ iren wuͤrde. Man beſorgte dieſe Anordnungen punktlich; doch, ohne daß Eine der Frauen ſich — 317 — dem Kranken nahte, wußten ſie dennoch mit der zarteſten Sorge uͤber ſeine Pflege zu wa⸗ chen und jede kleine Bequemlichkeit ihm zu verſchaffen. Der Bediente mußte jeden Mor⸗ gen Bericht uͤber das Befinden ſeines Herrn abſtatten, auch der Feldarzt kam noch haͤufig, und von ihm hoͤrten ſie, daß ihr Schuͤtzling ein Rittmeiſter, Namens Seebach ſey, der als Freiwilliger durch ſeltne Entſchloſſenheit und umſicht das ſchnellſte Avancement gemacht ha⸗ be. Von ſeiner Perſoͤnlichkeit hatten ſie nur wenig geſehen und dies Wenige war nicht da⸗ zu geeignet, ein vorzugliches Bild von ſeinem uͤbrigen Weſen zu geben. Ein bleiches, un⸗ bedeutendes Geſicht, matte, blaue Augen, wo⸗ von das eine wegen leichter Verletzung noch mit einer Binde bedeckt war, eine tonloſe Stim⸗ me, die Gleichguͤltigkeit, mit der er in den er⸗ ſten Stunden nach ſeiner Rettung auf die Um⸗ ſtehenden blickte, ſchienen nur einen gewoͤhnli⸗ chen Menſchen zu bezeichnen, und die Entfer⸗ nung, in der die Frauen ſich von ihm halten mußten, konnte bei ihnen, ſelbſt bei Anna kein waͤrmeres Intereſſe fuͤr den Geretteten erwe⸗ — 318 — cken, als was ſein Geſchick, als Huͤlfsbedurf⸗ tiger, im Allgemeinen einfloͤßte. Der Pflege der uͤbrigen Verwundeten hatten ſie ſich nur noch kurze Zeit zu unterziehen, da ſie ſehr bald in ein benachbartes Lazareth abgefuͤhrt wurden. Die preußiſche Armee ging ſiegreich vorwaͤrts und ſo war in wenig Wochen Ru⸗ he und Ordnung in ihren Umgebungen wieder hergeſtellt. Auch der Rittmeiſter ſollte in jenes Lazareth gebracht werden, doch der Arzt, der dies zu beſorgen kam, fand ſeinen Zuſtand von der Art, daß er die Erſchuͤtterung des Fahrens fuͤr todtlich werdend erklarte und Frau v. P. verkuͤndete, daß ſie dieſen Kranken wohl lange noch wuͤrden behalten muͤſſen. In der dritten Woche ſeines Aufenthaltes brachte indeß der Diener ſchon beßre Nachrichten von ſeinem Be⸗ finden, und die Verſicherung, daß ſein Herr nun bald ein wenig außer dem Bett werde ſeyn koͤnnen; dieſe Berichte wurden mehrere⸗ mal von einigen erkenntlichen Worten des Kran⸗ ken begleitet, doch nie von dem Wunſche, ſei⸗ ne freundlichen Wirthinnen zu ſehen. Ueber⸗ raſcht ſind dieſe daher, als er eines Tages — — plotzlich um die Erlaubniß bitten laͤßt, den Damen einen kleinen Beſuch machen zu duͤr⸗ fen, und noch mehr werden ſie es, als er jetzt eintritt, und eine hohe Geſtalt vor ihnen er⸗ ſcheint, in der ſie den Leidenden auf ſeinem Lager mit dem unbedeutenden Geſicht kaum wieder erkennen. Noch ſchwach zwar und ge⸗ ſtutzt auf ſeinen Diener, iſt doch ſein Anſtand ungemein edel und ſicher, in ſeiner Haltung ſpricht ſich mit ſeltner Beſtimmtheit, Geiſt, Klarheit und Wuͤrde aus, er iſt nichts weni⸗ ger als ſchoͤn und große Blaſſe entſtellt ihn noch, aber aus ſeinen hellblauen Augen ſtrahlt ein Fond von Geiſt und Seele, von Milde und Feſtigkeit, der ihrem Blick durchdringende Kraft giebt. „Vergoͤnnen ſie, gnaͤdige Frau, mein Fraͤulein, beginnt er beim Eintritt, ihrem Schuͤtzling, der ſchon Wochen lang ihre unend⸗ liche Guͤte genießt, ſein dankerfulltes Herz ein⸗ mal vor ihnen zu zeigen; ich weiß, daß ich es ihrem menſchenfreundlichen Eiſer, mein Fraͤu⸗ lein, vorzuͤglich zu danken habe, wieder unter den Lebenden zu wandeln, und wuͤrde vergeb⸗ lich verſuchen ihnen die Empfindungen aus⸗ — 320 — zudruͤcken, die dies Herz dafur erfuͤllen. Sie haben, vereint mit der zarteſten Sorge, das ſchwa⸗ che Leben mir zu erhalten geſucht, und koͤnn⸗ te ich je vergeſſen, was ſie fuͤr mich thaten, ſo wird die freundliche, wohlthuende Weiſe, mit der ſie es thaten, meiner Seele doch un⸗ vergeßlich bleiben. Gefuhle, wenn ſie wahr und tief ſind, wie die meinen, faͤhrt er nach einer kleinen Pauſe fort, laſſen ſich nicht in Wor⸗ ten ausſprechen, aber erlauben ſie mir wenig⸗ ſtens daran zu erinnern, daß das dankbarſte Herz unter ihrem Dache ſchlaͤgt.“ — Er hat dieſe Worte mit ſchwacher, aber uͤberraus wohl⸗ thuender Stimme geſprochen, und Frau v. P. erwiedert ſie auf's Freundlichſte, indem die unerwartete Darſtellung einer Perſoͤnlichkeit, die ihre Vorſtellung weit uͤbertrifft, den ange⸗ nehmſten Eindruck auf ſie macht. Dieſer er⸗ ſte Beſuch waͤhrt indeß nur ſehr kurze Zeit, auf den ausgeſprochenen Wunſch der Frau v⸗ P. aber, ihn bald wiederzuſehen, als ſeine Kraͤfte es erlauben, wiederholt er ihn ſchon nach einigen Tagen, und bei immer mehr zu⸗ nehmender Kraft, bringt er bald täglich einige Stunden in ihrem Kreiſe zu. Was ſich an⸗ faͤnglich nur durch ſeine aͤußere Erſcheinung ausſprach, entwickelt er in dieſem täglichen Umgange mehr und mehr; einen klaren, reich gebildeten Geiſt, tiefes Gefuͤhl, ungemeine Sicherheit, Kraft und Feſtigkeit, und wenn Frau v. P. und Mad. Lenz neben dieſen Eiigenſchaften den ſeltnen Takt vorzuͤglich ruͤhmen, mit dem er, immer gleich artig und zuvorkommend gegen die Frauen, doch ſtets die feinſte Zuruͤckhaltung beobachtet, ſo fin⸗ det Anna dagegen von der ſtillen Wuͤrde und Klarheit ſeines Weſens ſich wunderbar ange⸗ zogen; ſeine Unterhaltung erfuͤllt ſie jedes⸗ mal mit jener Ruhe und Harmonie, die der inneren Zufriedenheit und Heiterkeit ſo ſehr foͤrderlich iſt, und taͤglich mehr werden die Stunden ſeiner Gegenwart die die ſie je verlebt. Anna's Namenstag, der Z6 franzoͤſi⸗ ſcher Sitte gefeiert wird, iſt die erſte Ab⸗ wechslung in der angenehmen Gleichfoͤrmigkeit dieſer Wochen. Eben hat das holde Mad⸗ chen von der liebenden Mutter und Freundin 21 — 322 — einige huͤbſche Geſchenke, eine Menge ſchoͤner Blumen des nahenden Fruͤhlings erhalten und freut ſich der freundlichen Gaben, da tritt auch der geneſene Seebach ein und naͤhert ſich beſcheiden der frohen Gruppe. Anna zeigt ihm mit aller ihr eignen Munterkeit, was ſie eben erfreut, und er bewundert mit ihr die herrlichen Blumen; erlauben ſie, mein Fraͤulein, hebt er jetzt an, daß auch ich die⸗ ſen reichen Gaben eine Kleinigkeit hinzufuͤge, gleichfalls eine Blume, aber eine verwelkte, unſcheinbare, die nur durch den Sinn, den ihr frommer Glaube gegeben hat, einigen Werth erhalten kann. Es iſt die beruͤhmte Roſe von Jericho, jenes ſeltne Produkt des Berges Libanon, die eine Gluͤck und Segen bringende Kraft in ihrer dunkeln Tiefe verſchließen ſoll; mit dieſen Worten zieht er ein ſchwarzes, ſilberbeſchlagnes Kaͤſtchen her⸗ vor, und es ihr uͤberreichend ſetzt er mit einem durchdringenden Blick hinzu: moͤchte ſich dieſe Kraft auch an ihrem Leben erwei⸗ ſen, deſſen Gluͤck mein hoͤchſter Wunſch iſt! Anna empfängt es — aber wer beſchreibt — 323 — ihr Erſtaunen, als ſie in dieſem Kuaͤſichen den großmuͤtterlichen Schatz, den Talisman ihres Lebens erkennt! — Staunen und Be⸗ ſtuͤrzung machen ſie ſprachlos; unbewußt druͤckt ſie das Kaͤſtchen an ihr Herz und ihre Augen verklären ſich durch zwei große Thränen! Frau v. P. iſt nicht weniger er⸗ griffen von dieſem unerklaͤrlichen Zufall und ſaͤumt nicht, den Rittmeiſter zu fragen, wie er zu dieſem Käſtchen gekommen ſey? Be⸗ fremdet uͤber den wunderbaren Eindruck ſeiner Gabe erwiedert er: Das Geſchick des Krie⸗ ges, ein ähnliches von dem, was mich in dieſe gluͤcklichen Mauern gefuͤhrt, hat mich im Spaͤtherbſt des vorigen Jahres auch die⸗ ſen kleinen Schatz finden laſſen. Ich ward bei der Schlacht von Hanau, und zwar in einem Patrouillengefecht, am Eingange eines kleinen Thals verwundet, zwar nicht gefaͤhr⸗ lich, aber doch ſo, daß ſtarker Blutverluſt mich waͤhrend einiger Stunden bewußtlos machte. In dieſem Zuſtande hatten mich meine Leute in die ſtehenden Ueberreſte eines Hauſes geſchafft, welches nebſt dem ganzen Doͤrſchen ein Raub der Flammen geworden war. Ich erwachte und fand mich dort allein, der nagende Hunger ſpornte meine wenigen Kraͤfte zur Durchſuchung des verfallnen Ge⸗ machs an; ich fand nicht Lebensmittel, wohl aber jenes Kaͤſtchen in einer Nauereriefung die ein Wandſchrank geweſen zu ſeyn ſchien, deſſen Inhalt mir jedoch in dieſem Augenblick ſo werthlos vorkam, daß ich es unbeachtet wieder an ſeine Stelle ſetzte. Zuruͤckkehrende Soldaten ſtillten bald meinen Hunger mit ihren Vorraͤthen und verbanden meine Wun⸗ den, ich blieb mit ihnen noch einige Tage dort, und da ich endlich in das Spital trans⸗ portirt wurde, unterließ ich doch nicht, das Käͤſtchen mitzunehmen und dort ſeinen ſonder⸗ baren Inhalt genauer zu betrachten. Die braune Blume war mir fremd, die Art ihrer Aufbewahrung aber ſchien auf etwas Bedeut⸗ ſames, auf eine Art Talisman hinzuweiſen, und bei laͤngerem Nachdenken fiel mir ein, daß es wohl die beruͤhmte Roſe von Jericho ſeyn koͤnne, von der ich ſonſt zuweilen gehoͤrt; ein unterrichteter Freund, der mehr davon wußte, beſtatigte dieſe Vermuthung, und von nun an ward mir das Käſtchen mit ſeinem Inhalt ein theurer Schatz, indem ich eine gluͤckliche Vorbedeutung fuͤr meine Zukunft ſah, und — ſetzte et hinzu — dieſer Glaube iſt nicht getauſcht worden, wenn ich mein Ge⸗ ſchick der jungſten Vergangenheit, die Gegen⸗ wart, dieſe Augenblicke betrachte; — in ihre Haͤnde, mein Fraulein, ſoll er jetzt uͤbergehen, — doch, was bewegt ſie alle ſo ſehr? wen⸗ det er ſich mit beftemdendem Blick an Frau v. P., da er bemerkt, daß Alle ergriffen ſind und Anna tief erſchuͤttert von ſeiner Er⸗ zählung. Anna kann ihr gepreßtes Herz nicht länger verbergen, ſie eilt aus dem Zimmer, durch heiße Thränen ihm Luft zu machen, und Frau v. P. uͤbernimmt jetzt, dem erſtaunten Seebach durch eine Mittheilung von Anna's fruherem Leben alle Raͤthſel zu loͤſen. Lange währt dieſe Unterhaltung, Frau v. P. ſcheint ihm ſelbſt Einiges geſagt zu haben, was wir noch nicht wiſſen, denn tief bewegt, ernſt und ſinnend verläßt er das Zimmer. Frau v. P. eilt nun zu ihrem theuern Kinde und ———— findet es in Thraͤnen des Schmerzes und der Freude, bald mit Innigkeit den ſo wunderbar in ihre Haͤnde gekommenen Schatz an ihr Herz druͤckend, bald mit der tiefſten Betrub⸗ niß den Vorſtellungen des Schickſals ihrer Eltern ſich hingebend und allen Befürchtun⸗ gen, die Seebach's Erzaͤhlung in ihr erwecken mußte. Sie ſieht ihre Eltern dem Mangel, der Armuth preisgegeben, vielleicht krank oder wohl gar todt, und verſenkt ſich immer mehr in die truͤbſten Ideen. Die liebende Mutter ſucht ſie fuͤr den erſten Augenblick zu beruhi⸗ gen, geht aber bei der Erneuerung diefer Ideen auch auf die Moͤglichkeit eines ſolchen Falles ein, ermahnt Anna, mit Faſſung auf ſolche Moͤglichkeit ſich vorzubereiten, und da ſie end⸗ lich ihr leidendes Kind ſchmerzlich vertraut mit dieſer Vorſtellung ſieht, eroffnet ſie ihr ſo ſchonend als moͤglich, daß ſie ſchon vor einigen Tagen die Beſtaͤtigung dieſer Befuͤrch⸗ tungen erhalten hat durch einen Brief ihres Bruders Anton: daß die Großmutter bald nach ihrer Abreiſe an Altersſchwaͤche ſanft ent⸗ ſchlafen iſt, Vater und Mutter aber nach — 327 — dem Verluſt ihres Eigenthumes bei Schweſter Margarethen im Verlauf des Winters erkrankt ſind an einem bosartigen Fieber und nur ge⸗ neſen zu einem beſſern Leben. — Aller Vor⸗ bereitung ungeachtet iſt Anna's Schmerz gren⸗ zenlos; — laut weinend wirft ſie ſich in die Arme der geliebten Mutter und weiß nur an ihrem Herzen einigen Troſt für ſo vielfachen Verluſt zu finden. Erſt jetzt fuͤhlt ſie das Gluck, eine zweite liebende Mutter zu beſitzen, in ſeinem ganzen umfange, ſie iſt von einem Grade der Dankbarkeit gegen ſie erfuͤllt, die ſie mit neuer Innigkeit zu ihr hinzieht. Die tröſtende Mutter ſchließt ſie zaͤrtlich in ihre Arme und ſpricht mit dem Ton inniger Liebe: Geſetz, Leben und Tod haben dich nun ein⸗ zig zu meinem Kinde gemacht, ſey es mir ganz, meine geliebte Tochter! Du biſt das Gluͤck meines Lebens, ich werde ſtreben dir das deinige zu bauen, damit die ſegnende Weihe der Roſe von Jericho in meinem Hauſe reich ſich erfuͤlle! Ein Blick, mit ihrer ganzen Seele befrachtet, und ein langes, zartliches Anſchmiegen iſt Anna's ausdrucksvolle Er⸗ — — ————— — — wiedrung — und — wir breiten den Schleier uͤber eine Stene, die beſſer gefuͤhlt als be⸗ ſchrieben wird, und die Anna mit neuen ſtaͤrkern Banden an die geliebte Mutter knuͤpft. Ein Schmerz, der nur durch die Idee ge⸗ geben wird, iſt hei dem jungen Gemuͤth weni⸗ ger dauernd, als einer, deſſen ſinnlicher Ge⸗ genſtand vor ſeinen Augen war, und die Ue⸗ bung des erſten Schmerzes läßt den zweiten leichter ertragen. Dieſe Erſcheinungen beſtaͤti⸗ gen ſich auch bei Anna. Die Erinnerung des dreifachen Verluſt's ergriff ſie in einzelnen Stun⸗ den noch mit großer Gewalt, aber im Ganzen ließ ſie ſich durch die Zerſtreuungen, die ihr im theilnehmenden Kreiſe geboten wurden, fru⸗ her wieder etheitern als es bei Babets Ver⸗ luſt der Fall war. Ueberdieß ſah ſie ſich durch den Beſitz der Roſe von Jericho von einem liebenden Schutz gewiß umgeben, der ihr als das einzige Vermaͤchtniß der theuern Geſchied⸗ nen ſeine ſegenbringende Kraft nun verdop⸗ pelt zu haben duͤnkte; er erſchien ihr dadurch mehr wie je als der groͤßte Schatz, und ihr 320 — unbewußt erhöhte ſelbſt der Zuſammenhang ſei⸗ nen Werth, den er jetzt mit Seebach hatte. Durch den Zufall, der ihn in ſeine Haͤn⸗ de und durch dieſe in die ihrigen gefuhrt, fühl⸗ te ſie ſich mit einem geheimnißvollen Bande an ihn gezogen. Daß ihr dies Band ſuß war, daß ſie ſich dahin neigte, in dieſem Zufall eine hoͤhere Fuͤgung zu finden, wollte ſie ſich ſelbſt kaum geſtehen, aber unvermerkt nahmen von dieſem Tage ihre Empfindungen fuͤr Seebach einen waͤrmeren Charakter an, und jener Blick, mit dem er das Kaͤſtchen als ſeinen beſten Schatz in ihre Hände legte, war tief in ihr Herz gedrungen; unverkennbar, fuͤr Anna un⸗ verkennbar war es, daß auch auf Seebach die Entdeckung des Zuſammenhangs mit der Roſe einen tiefen Eindruck gemacht, doch verräth kein Wort, keine Handlung, was in ſeinem Herzen vorgehen mochte, nur ſein Blick begeg⸗ nete zuweilen Annas Augen mit einem Aus⸗ druck, deſſen Kraft unwiderſtehlich ihrer Seele ſich bemachtigte. Er blieb ſich ubrigens ſo gleich in ſeinem Betragen, ſeine Aufmerkſamkeit mit eben ſo ſeiner Zuruckhaltung zu verbinden, daß —— ——————— — 330 — in einem Dritten nicht leicht der Verdacht wär⸗ merer Gefuhle aufſteigen konnte. Frau v. P. fand ſich durch Seebach's geiſtreichen Umgang täglich angenehmer unter⸗ halten. Die wiſſenſchaftliche Bildung, die er durch fruͤhere Studien erhalten, die ſeltne Klar⸗ heit und Gediegenheit ſeiner Anſichten und Ur⸗ theile, womit er den Genuß ihrer gemeinſchaft⸗ lichen Lektuͤre erhoͤhte, machte ihr ihn zum ſtets willkommnen Geſellſchafter, und deßhalb ward er immer mehr auch der ſtete Theilneh⸗ muſikaliſch, ſpielte er täglich einige Stunden mit ihr die vierhaͤndigen Meiſterwerke eines Heydn, Mozart, Bethoven, und die gemein⸗ ſchaftliche Uebung war fuͤr Anna eben ſo er⸗ freulich als bildend. Exr zeichnete zwar nicht ſelbſt, aber ſein ſcharfes Auge, ſein richtiges Urtheil, das Intreſſe, was er an Kunſtgegen⸗ ſtaͤnde nahm, ward fuͤr Anna's Kunſtfleiß ein neuer Sporn, ſie benutzte es fuͤr weitres Fort⸗ ſchreiten und vollendete nicht leicht ein Bild ohne Seebachs Rath. Auf dieſe Weiſe knupf⸗ ten ſich tauſend Pfäden durch das tägliche Bei⸗ mer von Anna's Beſchaͤftigungen. Selbſt ſehr ſammenfeyn zwiſchen ihnen, die Anna unbe⸗ wußt immer ſtaͤrker ihr Herz umſchloſſen. See⸗ bach indeß blieb in dem angenommenen Takt und dies gab auch ihr eine aͤußere Haltung, die nur ſelten vervieth, was in ihrem Innern vorging. Blicke hatten bisher nur ſie ahnden laſſen, daß auch in ſeinem Herzen waͤrmere Gefuhle fuͤr ſie lebten, ein unbedeutender Ge⸗ genſtand gab ihr eines Tages zum erſtenmale ſtaͤrkere Beweiſe davon. Sie iſt in einem klei⸗ nen Kabinet neben dem Wohnzimmer beſchaͤf⸗ tigt, ihre Blumen zu begießen und zu ord⸗ nen, als auch Seebach durch die angelehnte Thuͤr hineintritt und helfend Antheil daran nimmt. Sehen ſie nur, ſagt Anna, wie un⸗ beſcheiden dieſer große, ſchwankende Aronsſtab uberall ſich vordrängt! Täglich ſuche ich ihn zu entſernen und täglich neigt er ſich wieder uͤber meine einzige, ſchoͤne Monatsroſe und will ihr den Sonnenſchein nehmen, den ich ihr ſo ſorg⸗ fäͤltig zu verſchaffen ſuche! Wider ſeine Ge⸗ wohnheit zögert Seebach einige Augenbicke mit der Antwort und blickt ſinnend auf die Blu⸗ men, endlich beginnt er mit einem Ton, deſſen ₰ dieſer weißen, reinen Bluthe das Gluͤck rau⸗ ben, ſich der holden Roſe zu naͤhern und ihres Duftes ſich zu erfreuen? — ſie will ihr ja nicht den Sonnenſchein rauben, nur ihn thei⸗ len mit ihr, daß der belebende Strahl zugleich ſie erfaſſe und ein geheimnißvolles Band zwi⸗ ſchen ihnen knuͤpfe! — Er begleitet dieſe letzten Worte mit einem Blick auf Anna, deſſen ſee⸗ lenvolle Sprache ihr den tiefen Sinn dieſer Worte deutlich enthullt und die innige Erwie⸗ derung in ihrem Herzen findet; ſie ſenkt die Au⸗ gen und erröthet tief — ſie iſt nicht im Stan⸗ de eine Silbe hervorzubringen und ſteht unbe⸗ weglich vor ihren Blumen, aber endlich erhebt ſie ſchuͤchtern die Augen wieder und ihr auf Seebach gerichteter Aufſchlag mit ſeiner ganzen Himmelskraft iſt die Verſicherung, daß ſie ihn verſtanden habe. — Der Aronsſtab bleibt ge⸗ ſenkt uͤber der Roſe ſtehen und Beide befinden ſich von dieſem Tage an in einer Stimmung, die bei aller äußern Haltung Seebach's dem ſcharfſichtigen Auge der Mutter nicht entgeht, Weichheit Anna wunderbar ergreift: wollen ſie Nit unruhe erfullt ſie der Gedanke, daß Alfred's Hoffnung hier vernichtet werden koͤn⸗ ne, ſie wuͤnſcht jetzt Anna ſchon fruͤher mit ſei⸗ nen Wuͤnſchen bekannt gemacht zu haben, aber konnte ſie deßwegen, da Alfred ſeit langer Zeit über dieſen Gegenſtand geſchwiegen und ſie nicht weiß, wie es mit ſeinem Herzen ſteht? ſie wuͤnſcht, daß es beſtaͤndig geblieben ſey und hofft es, aber buͤrgt Alfreds ungleiches Gemuͤth fuͤr die Dauer der fruͤhern Gefuͤhle, und durfte ſie die geliebte Tochter der Gefahr einer Täu⸗ ſchung ausſetzen? — Anna hing mit unveraͤn⸗ dert treuer Schweſterliebe an Alfred, und auf dieſem Grunde glaubte ſie, könne nur er ſelbſt innigere Empfindungen ſich bauen, aber Seebachs baldige Entfernung faͤngt an ihr ſehr wuͤn⸗ ſchenswerth zu ſeyn. Er ſelbſt ſcheint ſich mit der Ausfuͤhrung zu beſchäftigen, denn ſchon mehreremal hat er gegen Frau v. P. ausfuͤhr⸗ lich von ſeinem ſehr verbeſſerten Geſundheitszu⸗ ſtande geſprochen, der ihm nun bald kein Hin⸗ derniß mehr zur Ruͤckkehr in's Vaterland ſeyn werde, und als der Arzt gegenwaͤrtig iſt, aͤu⸗ ßert et im Beiſeyn Aller, daß er glaube, im — 334 — Monat Aptil ſeine Ruͤckreiſe antreten zu kön⸗ nen; doch der Arzt verſichert ihm, daß eine ſo weite Reiſe in der jetzigen, ſcharfen Fruͤhlings⸗ luft alle erworbene Kraft ſeiner Bruſt wieder vernichten wurde, und wolle er dies nicht, durch⸗ aus bis zu den ſpaͤtern Tagen des Mais da⸗ mit warten muͤſſe. Dieſe Erklaͤrung, die Frau v. P. noch vor einigen Wochen mit Vergnuͤgen gehoͤrt haben wuͤrde, verſetzt ſie jetzt in nicht geringe Unruhe, auf Seebach wirkt ſie ſichtbar ſehr angenehm, und Anna erfuͤllt ſie mit ei⸗ ner Freude, die ſie ſchwer zu verbergen weiß. Der erſte Mai, Anna's neunzehnter Ge⸗ burtstag iſt erſchienen, und die Freude uͤber die reichen Gaben ihrer Lieben, eine Menge der ſchoͤnſten Blumen von Seebach, erneut ſich, als jetzt, nach langem Schweigen, auch ein Briefpaket von Alfted ankommt nebſt einer großen Kiſte. Schnell wird das erſte geoͤff⸗ net, und es zeigt ſich, daß einem Briefe voll zaͤrtlicher Bruderliebe, wie Anna angab, ein Bild fuͤr ſie beigefuͤgt iſt. Seebach bemuͤht ſich eifrig, der Kiſte ſchnell den Deckel zu rau⸗ ben, ſtellt das Bild auf und Anna erblickt: — 335 — Alfted ſelbſt ſprechend aͤhnlich, wie er ſchwer⸗ muͤthig an der Roſenhecke im Pfarrgarten ſteht, Anna und Babet kniend mit bittenden Augen zu ihm hinaufblicken! Sie iſt eben ſo erfreut uͤber das ſchoͤne Bild voll Leben und Wahrheit, als maͤchtig ergriffen von der Erin⸗ nerung an jene glͤckliche Kinderzeit, an die geliebte Babet, den fernen Alfred, von dem lebendigen Ausdruck der dargeſtellten Scene, und Alle theilen Bewundrung und Freude mit ihr. Doch Frau v. P. entfernt ſich bald mit dem uͤbrigen Inhalt des Packets, auf ihrem Zimmer ungeſtoͤrt zu leſen, auch Mad. Lenz folgt ihr, nur Anna ſteht noch immer betrach⸗ tend und ſinnend vor dem Bilde und bemerkt kaum, daß auch Seebach ſich noch in ihrer Nahe befindet, als er blotzlich ſeufzend aus⸗ ruft: wie gluͤcklich der, der ſo die ſchoͤnen Momente des fluchtigen Lebens zu feſſeln weiß, ſo die Geſtalten, die ſeiner Seele vorſchweben! — aber glauben ſie mir, Anna, ſetzt er nach einer Pauſe mit erhoͤhter Lebhaftigkeit hinzu: glauben ſie mir, auch die Seele hat eine malen⸗ lende Kraft, die im Stande iſt, die Bilder, die ſie erfullen, feſter zu zaubern, als je der Pinſel auf einer Leinwand vermag! — Nit dieſen Worten verlaͤßt er ſchnell das Zimmer und Anna in einem Drange der gemiſchteſten Empfindungen. Alfred's Brief, ſein ſchoͤnes Bild haben das liebende Andenken an ihn aufs Lebhafteſte in ihrem Herzen erneuert; er ſteht jetzt unmittelbar neben Seebach, un⸗ willkuͤhrlich vergleicht ſie beide ihr theure Maͤn⸗ ner, ihre Empfindungen fuͤr ſie, und wird jetzt erſt gewahr, daß dieſe Empfindungen ſehr verſchieden ſind, daß ſie Alfred als Bruder herzlich liebt, daß aber nur Seebach das be⸗ ſeligende Gefuhl in ihrer Seele geweckt, wel⸗ ches ihr das hochſte Gluck des Lebens dunkt, daß nur er die Eigenſchaften beſitzt, die ihr die vorzuglichſten an einem Manne ſcheinen. Sie geſteht ſich zum erſtenmal deutlich und ohne Ruͤckhalt, daß innige Liebe fuͤr Seebach ihr ganzes Herz erfuͤlle, und ach! da ſie nicht ahnet, daß in dieſem ihr ſo natuͤrlich ſcheinen⸗ den Gefuͤhl Jemand etwas Unrechtes finden, daß dieſe Liebe ihrem Bruder Alfred Eintrag thun koͤnne, da ſie ſieht, daß ihre Mutter — 337 — ſelbſt den theuern Mann achtet und ehrt, da ſie die Ueberzeugung hat, wieder geliebt zu ſeyn, ſie uͤberlaͤßt ſich der Sußigkeit dieſer Be⸗ trachtungen im vollen Maaße 5 — gen Herzens. — Frau v. P. hat indeß gihut ihrer Briefe geleſen und weilt noch ſinnend auf ih⸗ rem Zimmer. Alfred ſchreibt, daß er in eini⸗ gen Wochen Frankreichs Kuͤſten zu begruͤßen gedenkt und zwar in Begleitung der ihm be⸗ freundeten Familie, die einen Monat in Pa⸗ ris bleiben will. Er wird ohne Verweilen in die muͤtterlichen Arme eilen und waͤhrend die⸗ ſer Zeit des frohſten Wiederſehens leben; dann aber mit jener Familie den Reſt des Som⸗ mers in Italien zubringen, ein Verſprechen, ei⸗ ne Verpflichtung, die ihm ſo viele empfangene Guͤte auflegt und die man als einen Beweis ſeiner Erkenntlichkeit erwartet. Doch er macht dieſen letzten Ausflug nur, um dann auf im⸗ mer zu ſeinen Lieben zuruͤckzukehren und ſich nie wieder von ihnen zu trennen. Aber noch vorher will er die Gewißheit ſeines Lebens⸗ gluͤcks erhalten, um ſie als Troſt fuͤr neue 2 — 338 — Frennung mit ſich zu nehmen. Er ſchildert ſeine Gefuͤhle fuͤr Anna als dieſelben noch, die vor drei Jahren den Wunſch ihres Beſitzes in ihm entflammte, er verſichert, daß ſie zwar getruͤbet, aber nur um ſo inniger und unaus⸗ loſchlicher ſeyen, als er in dieſer Zeit viele lie⸗ benswuͤrdige, weibliche Weſen geſehen, und keine den Wunſch eines naͤhern Verhaͤltniſſes in ihm erregt; Anna ſey das einzige Weſen, das ihm das Gluͤck gewaͤhren koͤnne, nachdem er ſich ſehne, dieß habe ihr erſter ſeelenvoller Blick, als ſie flehend an ihm aufſah, ihn ah⸗ nen laſſen, und dieſe Ahnung gehe jetzt in Erfuͤllung, ſie ſey als Kind der Schutzgeiſt ſeines Lebens geworden und wuͤrde es ewig bleiben. Er bittet endlich ſeine Mutter, An⸗ na's Herz ihm zu bereiten, daß er eine begluͤ⸗ ckende Aufnahme findet. — Alle dieſe Mitthei⸗ lungen erfullen Frau v. P. mit Freude und Troſt, indem ſie glaubt, daß Alfreds Ruͤckkehr eben zu rechter Zeit erfolge, Anna's Herz ſich noch zu verſichern, ehe das erwachende Gefuhl fuͤr einen andern Gegenſtand den Charakter ernſter Neigung annehine, ſie hofft, daß Ent⸗ — 339 — fernung, Zeit und die feurige Liebe Alfreds Seebachs Andenken bei Anna bald in das Gleis ruhiger Freundſchaft zuruͤckfuͤhren werden, und nimmt ſich nun vor, ſogleich mit Anng zu ſprechen. Waͤhrend ſie dies auszufuͤhren eilt, erhaͤlt aber Mad. Lenz den Auſtrag, im Geſpraͤch mit dem Rittmeiſter auf eine unbe⸗ fangene Art ihn hoͤren zu laſſen, daß Anna fuͤr Alfred beſtimmt ſey. Die Unterredung mit Anna beginnt ſie durch die Mittheilung von Alfreds Plaͤnen und ſeiner baldigen Ruͤck⸗ kehr, die Anna herzlich erfreut; ſie faͤhrt fort, ihr zu ſagen, daß er nach ſeiner Ruͤckkehr von Italien wieder in ihre Mitte eintreten wurde, um auf immer darin zu bleiben, und ſetzt hinzu: von dir, meine Anna, erwartet er dann das Gluck ſeines Lebens! — Vor einem Vier⸗ teljahre noch waͤre Anna vielleicht in Zweifel geweſen, was die Mutter damit meinez jetzt, wo ſie ſelbſt ſchon gefuhlt, was zum Gluͤck des Lebens eigentlich gehoͤre, bleibt ihr der Sinn dieſer Worte nicht dunkel und ſie antwortet nur mit einem tiefen Seufßzer. — 340 — Du weißt ſelbſt, liebe Anna, mit wie warmer Liebe Alfted vom erſten Augenblick eurer Bekanntſchaft ſich zu dir neigte. Du, dein Anblick, deine Gegenwart war es vor⸗ zuglich, die ihn der Schwermuth zu entreißen vermochte, du warſt ſein kleiner Schutzgeiſt, und mein Herz ſegnet dich noch jetzt dafuͤr! Dein Weſen hat von Anbeginn eine Gewalt uͤber ihn geuͤbt, die mit deiner Entwickelung nur zunahm. Schon bei ſeinem letzten Ver⸗ weilen unter uns gehoͤrte dir ſein Herz mit einer Liebe, die du damals nicht verſtandeſt, und es that ihm ſchmerzlich weh, ſie nicht in der Art etwiedert zu ſehen; doch blieb ein nuͤheres Band, ein näheres als das geſchwi⸗ ſterliche, ſein heißer Wunſch, und er verließ uns mit der Hoffnung, daß die Zeit ihm helfen wurde, gleiche Gefuͤhle in deinem Her⸗ zen zu erregen. Das ſeinige hat er dir in dieſen drei Jahren treu bewaͤhrt; von allen weiblichen Weſen, die er ſah, bliebſt du allein das Ideal ſeiner Wuͤnſche, und er kommt nun, den Lohn fuͤr ſein treues Ausharren von dei⸗ nem Herzen zu etwarten. Kann ich hoffen, * — 341 — meine Anna, daß du ihm dieſen gewaͤhren wirſt, daß kein Gefuhl deſſelben ſeinen Wun⸗ ſchen widerſpricht? ſetzt ſie freundlich hinzu, und da Anna immer noch unbeweglich beibt: beweiſe mir jetzt, mein Kind, daß du wirklich meine Tochter biſt, ſage mir offen, wie es mit dir ſteht, meine Liebe wird dir in Falle helfen. Anna haͤlt ſich nicht ſnn nit einem Thraͤnenſtrom ſinkt ſie an die Bruſt der ge⸗ liebten Mutter, und dieſe heißen Thraͤnen muͤſſen eine lange Zeit die Stelle der Worte vertreten, doch endlich findet ſie auch dieſe und enthuͤllt ihr mit der ganzen Offenheit ihres reinen Gemuͤths, die Beſchaffenheit ihrer Gefuhle fuͤr Alfred und fur Secbach, wie ſie ihr ſeibſt vor Kurzem erſt klar geworden ſind⸗ und zwar die letztern mit einer Wahrheit, einer Waͤrme, die Frau v. P. nur zu deutlich ſagen, welche Kraft die Liebe fuͤr Seebach in Annas Herzen ſchon gewonnen hat. Anna iſt zu ſehr erſchuͤttert von dieſem Bekenntniß, als daß ihr die liebende Mutter jetzt noch et⸗ was zu ſagen vermochte, ſie verlßt ſie mit — 342 — einer ſtummen Umarmung, aber mit dem tiefſten Kummer in der Seele. Eine ſchreck⸗ liche Alternative ſtellt ſich dem mütterlichen Herzen dar, entweder das Gluck des geliebten Sohnes, oder das der nicht minder geliebten Tochter opfern zu ſehen, und beides erfuͤllt dies Herz mit demſelben unendlichen Weh. Sie ſieht hier bei Alfreds excentriſcher Gemuͤthsart Verzweiflung und Schwermuth, dort, bei Annas Tiefe und Innigkeit, ein ſtill gebroche⸗ nes Herz; wie ſoll das enden? — Sie macht ſich jetzt die lebhafteſten Vorwuͤrfe, Anna nicht ſchon fruͤher der Gefahr einer Neigung ent⸗ zogen zu haben, die Alfreds Gluͤck gänzliche Zerſtoͤrung droht. Wie haͤtte ſie aber das be⸗ werkſtelligen ſollen, wie Anna entfernen, wie ſich von Seebachs Gegenwart befreien? — Und war ſein Betragen nicht das zuruͤckhal⸗ tendſte, das tadelloſeſte; hat er je Anna's Ge⸗ fuͤhle zu wecken geſucht? Konnte ſie das vor⸗ ausſehen? Hatte endlich Alfred durch ſein gaͤnzliches Schweigen uͤber ſeine Wuͤnſche nicht gerechten Zweifel uͤber die Dauer derſelben erregt! — Mit ſolchen Fragen und eignen — 343 — Beantwortungen ſucht Frau v. P. ſich ſelbſt zu rechtfertigen, dennoch aber uͤberläßt ſie ſich den ſchmerzlichſten Betrachtungen, ohne einen Answeg finden zu koͤnnen. Anna, die arme Anna befindet un⸗ terdeß in ähnlichem ſchwerem Kampfe, auch ihr ſtellt ſich die traurige Alternative zwiſchen Alfreds Gluͤck und ihrem eignen dar, und wenn in jedem andern Falle ihr edel⸗ muͤthiger Sinn keine Wahl gekannt und nur das Gluͤck des geliebten Bruders beruckſic⸗ tigt haͤtte, ſo ſtraͤuben ſich hier die ſußeſten, die beſeligendſten Regungen gegen ein ſolches Opfer; und jetzt erſt bei der Gefahr, dieſe be⸗ gluͤckenden Gefuhle fur den theuern Seebach opfern zu muͤſſen, gewinnt die Liebe eine Macht in ihrem Herzen, vor der ſie ſelbſt er⸗ ſchrickt. Sie glaubt mit dieſer Liebe ihr beßres Sclbſt vernichten zu muͤſſen, es ſcheint ihr unmoͤglich, ohne ſie irgend ein Gluͤck finden zu können. Aber jetzt ſieht ſie auf Alfred, auf ſeine treue Liebe, die ſie erſt in dieſem Augenblick mit uͤberraſchender Klarheit verſtehen lernt; unwillkuhrlich treten die Bilder langſt — 344 — vergeßner Scenen vor ihre Seele; ſie erblickt Afted, wie er mit träbem Sinnen an der Roſenhecke ſteht, wie er ihr klagend vorwirft, daß ſie ihn nicht mehr liebe, wie er zuletzt noch ſagt: nur wenn du mich recht lieb haſt, Anna, kann ich gluͤcklich ſeyn! — ach! dieſe Worte, ſie tönen un⸗ aufhoͤrlich in ihrem Junern wieder, ſie zei⸗ gen ihr Alfred im Zuſtande der fruͤhern Schwermuth, die ſchon in ihrer kindlichen Seele das innigſte Bedauern weckte — ihre geliebte Mutter, ihre Wohlthaͤterin, die ihr allein noch auf der Welt geblieben iſt, im tiefſten Schmerz ihr den Undank vorwerfen — und wenn dort ihre Seele vor dem Opfer ihrer Liebe erbebt, ſo erbebt ſie hier vor die⸗ ſen ſchwarzen Bildern des Unrechts. Tage, Tage der ſchrecklichſten Pein ver⸗ gehen in dieſem Kampfe. Anna wuͤnſcht, daß die Mutter ihr Vorwuͤrfe machen moͤchte, daß ſie gedraͤngt werde ſich zu opfern, daß ſie ihr empfinden laſſe, was die Dankbarkeit von ihr fordert — aber ach! die gute Mutter blieb ſtill und guͤtig, nur Worte der Liebe, der herzl⸗ 3 ½45 — chen Theilnahme hoͤrt ſie aus ihrem Munde, und dieſe Guͤte, dieſer Edelmuth ergreift An⸗ na's Seele mit unendlicher Gewalt. Sie fuͤhlt eine Kraft in ſich erwachen, die kein Opfer ſcheut, das Rechte zu vollbringen. Das Herz blutet, aber ſie weiß, es wird nicht brechen, der Glaube, daß, wer eine ſchwere Pflicht er⸗ fulle, des hoͤhern Beiſtandes gewiß ſeyn kann, ſtarkt ſie mit wunderbarer Macht, und es ent⸗ wickeln ſich in wenig Tagen Empfindungen und Kraͤfte in ihrer Seele, die ſie ſelbſt noch nicht gekannt und die der heißen Liebe fuͤr Seebach gleiche Gewalt entgegen zu ſetzen wiſ⸗ ſen. Ihr Entſchluß iſt gefaßt, er iſt unwider⸗ ruflich; ſie bringt das Opfer, zwar mit blu⸗ tendem Herzen, aber mit der Ueberzeugung, daß es ihr gelingen wird, die Wunde zu heilen, und die uͤberraſchte, gluͤckliche Mutter empfaͤngt die Verſicherung, daß ſie mit ungetheiltem Her⸗ zen Alfred angehoͤren werde! — Ach! es iſt der Mutter nicht entgangen, welche Kaͤmpfe, welche Schmerzen dieſen Entſchluß vorangegan⸗ gen ſind, und ihr liebendes Herz hat mit An⸗ na gelitten und leitet noch mit ihr; aber ſie kannte dieß reiche, kraͤftige Gemuͤth, ſie durfte von dem Gebrauch ſeiner Kraͤfte mehr Helden⸗ muth erwarten, als von Alfreds leidenſchaftli⸗ cher Seele, und die Gewißheit, daß ſie ſich nicht getaͤuſcht, daß Anna's reines, herrliches Gemuͤth in dieſem Kampfe ſich ſiegreich be⸗ waͤhrt, erfullt ſie mit eben ſo unendlicher Freu⸗ de, als die Ausſicht, Alfreds Wuͤnſche gekroͤnt zu ſehen. Anna iſt jetzt das theuerſte Kind ihrer Seele geworden, und mit Freudethraͤnen und dankbaren Blick zum Himmel ſchließt ſie die geliebte Tochter in ihre Arme, in der ſie heut, mehr als je, den Schutzgeiſt ihres ig⸗ nen Lebens erkennt. — Doch wir werfen jetzt auch einen Büc auf Seebach, der durch den Schleier, den man uͤber Kampf, Schmerz und Entſagung zu de⸗ cken bemuͤht war, nur zu deutlich hindurch blick⸗ te und durch die Sympathie des eignen Ge⸗ muͤth's vollkommen errieth, was in Anna's Herzen vorging. Ihm blieb nicht einmal die Erhebung, die freiwilliges Opfern in ſtar⸗ ken Seelen bewirkt, er mußte das Opfer einer innigen Liebe gezwungen bringen, und be⸗ durfte ſeiner ganzen Manneskraft dazu. — Aber die hochſte Achtung, wahre Verehrung ver⸗ einigte ſich mit ſeiner Liebe und ſeinem Schmerz, als er in Anna's veraͤndertem Weſen ihre hel⸗ denmuͤthige Entſagung erkannte, und haͤtte er auch weniger eigne moraliſche Kraft gehabt, ſo wuͤrde das Beiſpiel des geliebten Mädchens ſie geſtaͤrkt haben. Er ſchien mit ihr zu wett⸗ eifern in aͤußrer Faſſung und Haltung, aber ſeinen Augen konnte er dennoch nicht gebieten, mit dem ganzen Schmerz, der ſeine Seele er⸗ fuͤllte, den ihrigen zuweilen zu begegnen, und dieſe nur ihnen verſtaͤndliche Sprache drohte Beiden nur zu ſehr eine Erſchuͤtterung ihrer Vorſaͤtze, als daß nicht Beide widerſtrebend wuͤnſchen mußten, durch baldige Trennung dieſer ſußen Pein entronnen zu ſeyn. — Seebach bereitete ſich zur Abreiſe, ohne je⸗ doch den Tag des Scheidens zu nennen, Anna ſah es und ihr Herz erbebte in unendlichem Weh! aber Seebach's ſcheinbare Ruhe, die Wuͤrde und Haltung, die er mit aller ihm eignen Kraft zu behaupten ſuchte, ermu⸗ thigte auch ſie wieder ſtark zu ſeyn; ach! es — 346 — waren dieſelben Eigenſchaften, die ſie zuerſt wunderbar an ihn gezogen, ſie mußten jetzt dazu dienen, dieſelben Gefuͤhle zu unterdru⸗ cken! Wir ſehen Anna's Herz noch einmal alle Leiden der ſchmerzlichſten Kaͤmpfe beſtehen und in dieſer Stimmung eines Abends dem Gar⸗ ten zueilen, um dort ungeſtort im Heilig⸗ thum der Natur Ruhe und Ergebung zu ſu⸗ chen. Es iſt einer jener ſchoͤnen Maiabende, deren Milde und Weichheit die Seele unwill⸗ kuͤhrlich zu wehmuͤthigen Träumereien hinnei⸗ gen, und auch Anna uͤberlaͤßt ſich eine Zeit⸗ lang dieſem Zuge; aber ein Blick zur leuch⸗ tenden Sternenpracht des Himmels ſtarkt ſie wunderbar und laͤßt ſie alle die Ideen wiever finden und feſthalten, die ſie zum Proſt be⸗ durfte. Still und beruhigt weilt ſie bei ihren Hiazinthen, da kommt auch Seebach den Gang hinunter und tritt zu ihr. Sie wech⸗ ſeln einige gleichgultige Worte uͤber die Schoͤn⸗ heit des Abends, endlich beginnt Seebach mit einem Tone, deſſen Bewegung tief in Anna's Seele dringt: Sie, theure Anna, ha⸗ ben mich dem Leben wieder gegeben, dem — n — Leben, das mir in ihrer Nähe drei Monate lang das hoͤchſte Gluͤck gewaͤhrt hatl mein Herz ſollte nur dankbare Empfindungen ken⸗ nen — zuͤrnen ſie mir aber nicht, wenn es jetzt nur von dem Schmerz erfullt iſt, dies Leben ihnen nicht weihen zu duͤrfen! — Ge⸗ faßter, faͤhrt er nach einer Pauſe fort: Anna, meine theure Anna! unſere Seelen verſtanden ſich oft, moͤchten ſie auch jetzt den Glauben mit mir theilen, daß es ein unſichtbares Band giebt, was Gleichgeſtimmte verbindet, auch wenn ſie fern von einander ſind, und eine Gemeinſchaft der Seelen, die uͤber dies ſchmerz⸗ volle Leben hinausreicht! die Pflicht verbietet mir, ihnen zu nahen, aber meine heißen Wuͤn⸗ ſche, mein Gebet wird uͤberall ſie begleiten — mit dieſen Worten druͤckte er ſtuͤrmiſch An⸗ na's Hand an ſeine Lippen, an ſein Herz — ſie erwiedert dieſen Druck mit der ganzen In⸗ nigkeit ihrer Empfindungen, begleitet ihn mit einem Blick, der ihre ganze Seele zu ihm ſendet, und — Seebach verſchwindet in der Hausthuͤr. — Es war der Abſchied, dies fuͤhlte Anna an dem ſchneidenden Weh, was — 350 — ihr Herz durchzuckte, brennende Thraͤnen ſturz⸗ ten aus ihren Augen, aber ſie hielt ſich auf⸗ recht, ein inbruͤnſtiges Gebet zum Himmel erhob ſie wieder; Den Troſt der Religion im Herzen, weilte ſie noch lange im Garten, ſie ſah Licht im Zimmer ihrer Mutter, ſah Schat⸗ ten ſich bewegen und hoͤrte ſprechen. Als ſie am andern Morgen erwachte, war Seebach fort. — Wir uͤberlaſſen Anna unbeachtet einige Wochen dem Bemuͤhen, Ruhe und Heiterkeit wieder zu gewinnen, — ſehen ſie wohlthaͤtig zerſtreut durch mancherlei Vorbereitungen fuͤr Alfreds Ankunft, erſtarkt durch feſten Willen und die lohnende Liebe der Muter, und fin⸗ den endlich Alfred in dem kleinen Kreiſe, froh und gluͤcklich im Wiederverrein mit ſeinen Lie⸗ ben, reicher an Erfahrungen und Kenntniſſen, aber immer noch mit leidenſchaftlicher Erreg⸗ barkeit und Ungleichheit, die das bleibende Eigenthum ſeines Weſens zu ſeyn ſchien⸗ Anna gewährte ſeinen Wuͤnſchen, was ſie begehrten, ohne daß er ahnete, um welchen Preis ſie ihm ihr Herz weihete, denn See⸗ — 351 — bach's ward nur ſelten und gleichgultig erwähnt. Sie hatte ja kein neues Gefuͤhl hervorzu⸗ rufen, Alfted war immer ihr herzlich geliebter Bruder, und ſie gab jetzt dieſer Liebe nur den Namen, den er wuͤnſchte, indem ſie durch die zarteſte Aufmerkſamkeit fuͤr ihn, die in⸗ nigere Waͤrme zu erſetzen ſuchte, die ihr wahres Gemuͤth nicht immer zu erzwingen wußte. Bei der Anerkennung von Alfreds vorzuglichen Eigenſchaften, die ſie bemuͤht war in helles Licht ſich zu ſtellen, gelang es indeß ihrem eifrigen Streben mehr und mehr, die Waͤrme ihrer Gefuͤhle zu ſteigern und ſie in Einklang mit ihren Pflichten zu bringen; allein, ſo wenig auch Alfred Grund hatte, zu vermuthen, was in Anna's Seele vorgegangen war, truͤbte doch ſein Gluͤck zuweilen die Bemerkung, daß Anna's Liebe nicht den feurigen, zaͤrtlichen Charakter der ſeinigen hatte; er uͤberredete ſich wohl, daß dies ihrem Weſen uͤberhaupt nicht eigen ſeyn moͤchte, aber er fuͤhlte doch dadurch eine Luͤcke in ſeinem Gemuͤth entſtehen, die er nur mit der Hoffnung auszufuͤllen wußte, — 352 — die ihm ſeine Mutter machte, daß die Zeit und das engere Band, was ſie bald umſchließen wuͤr⸗ de, gewiß auch in Annas tiefem Gemuͤth noch leb⸗ haftere Gefuͤhle weckte. Und in der That war dies kein leerer Troſt, denn Anna hoffte es ſelbſt, ihr treues, uneigennuͤtziges Herz ſehnte ſich darnach, dem kuͤnftigen Gefaͤhrten ihres Le⸗ bens das Gluͤck einer vollen, ungetheilten Gegenliebe zu gewaͤhren; aber ſie fand, daß ihr dies nur bei langem, nahem Beiſammen⸗ ſeyn moͤglich werden wuͤrde, und trauerte daher mit aufrichtigem Herzen uͤber die bal⸗ dige Trennung von Alfted, die ſie auf's Neue den Erinnerungen einer Vergangenheit uͤberließ, welche ſie zu fliehen wuͤnſchte. Mit einer Bangigkeit, einer Wehmuth entriß ſie ſich zuletzt ſeinen Armen, die ſich ſo wahr und beredt in ihren Augen ausdruͤckte, daß Alfred in dieſer Scheideſtunde die glůͤcklichſte ſeines Lebens fand. Bang und wehmuthig blieb Anna's Stimmung, und ach! es war eine Ahnung, die nicht täuſchte. — Alfred berichtete aus Rom, daß er mit ſeinen engliſchen Freunden — in die angenehmſten Verbindungen gekommen ſey, und noch Florenz und Neapel mit ihnen beſuchen wuͤrde, und deßhalb wahrſcheinlich erſt mit dem Ende des Herbſtes wieder in ihrer Mitte eintreffen. Der Herbſt verging, der Winter nahte, Alfred erſchien noch immer nicht. Aber die theure Mutter erkrankte ge⸗ gen das Ende des Jahres und zwar an ei⸗ nem unheilbaren Bruſtuͤbel, was ihr ſchon fruͤher gedroht und jetzt zum voͤlligen Aus⸗ bruch kam. Anna that vereint mit Madame Lenz alles, was die innigſte Liebe, die zarte⸗ ſte Sorgfalt nur erſinnen kann, ihren leidens⸗ vollen Zuſtand zu erleichtern; mehr als Ek⸗ leichterung konnten ihr ſelbſt geſchickte Aerzte nicht verſchaffen, ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich taͤglich mehr und Alfred zoͤgerte noch im⸗ mer mit ſeiner Ankunft, die von der Kran⸗ ken ſo ſehnlich gewuͤnſcht wird. Ein Brief meldete endlich, daß er abgereiſt ſey und ei⸗ ne kurze Raſt in Lyon halten werde. Dahin ſendete Anna ſogleich eine Stafette, um ihn zur hoͤchſten Eile aufzufordern, doch es war zu ſpät. — Die theure Mutter ſchlief ſanft in 23 — 354 — Anna's Armen ein, ohne den geliebten Sohn geſehen zu haben. Mit vollem Bewußtſeyn. ſah ſie ihr Ende herannahen, ſchuͤttete noch einmal die ganze Fuͤlle ihrer Liebe uͤber An⸗ na aus, ſegnete ſie — und verſchied. — Anna's Schmerz uͤbertraf alles, was ſie bei fruhern Verluſten empfunden, ſie hatte nun ihre letzte, mutterliche Stutze, ihre treuſte, beſte Freundin, ihre zweite ſo geliebte Mutter ver⸗ loren, und das Gefuͤhl des Verlaſſenſeyns be⸗ maͤchtigte ſich ihrer mit einer Gewalt, die ſie in den erſten Monaten ſelbſt Alfteds Daſeyn vergeſſen ließ — ohne das Mitgefuͤhl und den Beiſtand der treuen Lenz ware ſie dem Schmerz erlegen — doch die Erinnerung an Alfred kehr⸗ te bald zuruͤck und mit ihr die groͤßte Sehn⸗ ſucht nach dem Einzigen, der nun ihrem ver⸗ waiſten Herzen noch blieb. Wenige Tage nach dem Verſcheiden der geliebten Mutter wurde dieſe Sehnſucht geſtillt, Alfred kam an — und es genuͤgt dies zu ſagen, um oh⸗ ne Schilderung die Scenen dieſes Wiederſe⸗ hens ſich denken zu können. — Anna vergaß ihren eigenen Schmerz beim Anblick der See⸗ — 355 — lenleiden ihres armen Alfred, der bittern Vor⸗ wuͤrfe, die er ſich machte, nicht fruͤher gekom⸗ men zu ſeyn, und das gemeinſchaftliche, tiefe Leid zog Anna in kurzer Zeit um ſo viel waͤr⸗ mer und inniger zu ihm hin, daß aus der tiefen Betruͤbniß taglich mehr Gewinn fuͤr die Zufriedenheit ihres Herzens hervorging. Die⸗ ſe Wirkung verſetzte ſie bald in jene ergebene, milde Stimmung, die wohl durchs Leiden noch getrubt iſt, aber nichts mehr von der Bitter⸗ keit der erſten Eindruͤcke weiß, und ſie war mit ihr im Stande, dem gebeugten Ulfred Troſt und Aufrichtung zu bieten. Doch, was ſie auch that, wie erfinderiſch auch ihre Liebe war, ſeinem ſchwermuͤthigen Sinnen ihn zu entreißen, es gelang ihr auch nach Monaten nur auf kurze Zeit; er blieb trubſinnig, duͤſter, ungleich, ſelbſt ungleich in den Aeußerungen ſeiner Liebe fuͤr Anna. Oft hing er mit lei⸗ denſchaftlicher Zaͤrtlichkeit an ihr und nannte ſie den Schutzgeiſt ſeines Lebens, ſeinen En⸗ gel, dann verharrte er wieder mehrere Tage in einer Gleichguͤltigkeit und Entfernung, die Anna ſchmerzlich betruͤbte. Oft ſprach er mit 28 — 356 — der groͤßten Sehnſucht von dem Tage, der ſie auf immer vereinigen wuͤrde und wuͤnſchte ihn zu beſchleunigen, dann vermied er wieder ſorg⸗ faltig alle Beziehungen darauf. Anna konnte nicht ohne tiefen Kummer dieſe ungluckliche Stimmung wahrnehmen, jeder Tag beſtaͤtigte ihr mehr die Vermuthung, daß ſie eine andere Quelle noch haben muͤſſe, als der unerwartete Verluſt der geliebten Mutter, und tauſend Ge⸗ danken und Befuͤrchtungen regten ſich in ihrer Bruſt, die ſie bald feſthielt, bald wieder ver⸗ warf. Doch ſie verdoppelte die Beweiſe ihrer treuen Liebe und ſein Geburtstag, der in die erſten Tage des Fruͤhlings fiel, war ihr eine willkommene Gelegenheit, ihn auf's Neue da⸗ von zu uͤberzeugen. Er hatte auf Anna's Zureden einige Tage vorher einen kleinen Ausflug zu einem Freunde unternommen, und kam durch ihre Veranſtaltung erſt den Morgen ſeines Geburts⸗ tags zuruͤck. Anna war indeß bemuͤht, nebſt mehreren andern feſtlichen Vorbereitungen, ſein gimmer in einen Blumentempel zn verwan⸗ deln, da er Blumen uͤber alles liebte, und will beſonders auch einige vorzugliche Gemaͤlde, ſeine Lieblingskinder, bekränzen. Dieſe waren aber wegen des Staubes mit einem großen Vorhang bedeckt, und als ſie dieſen abnimmt, erblickt ſie unter den ihr wohlbekannten Bil⸗ dern, auch eines, was noch beſonders verſchleiert und mit einem Kranz behangen iſt. Sie ent⸗ huͤllt es und erblickt die Geſtalt einer wunder⸗ ſchönen Romerin, in deren ſchönen Augen alles Feuer der ſuͤdlichen Natur mit dem ſeltenſten Liebreiz vereint iſt! — Eine bange Ahnung zuckt durch ihr Herz, ſie faßt das Bild naͤher ins Auge und bemerkt jetzt am Rande von Alfreds Hand die Worte geſchrieben: Sind wir geſchieden fuͤr des Lebens kurzen Traum, ewig theuer bleibſt du meinem Herzen! Einſt, in jenes Himmels ſternbeſä'tem Raum tauſchen Wonne wir fuͤr Trennungs⸗ ſchmerzen! Konnte ſie noch zweifeln, daß dieſes Bild, dieſe ſchoͤne Roͤmerin, der Gegenſtand ſeiner Leiden, ſeines Truͤbſinns iſt? — Erſtarrt lͤßt — — ſie den Voͤrhang ſinken und eilt betaͤubt auf ihr Zimmer. Ein Weh, ſo ſchneidend wie ſie es ſelbſt bei Seebachs letztem Lebewohl nicht emfunden, zerriß ihr Herz. — Darum mußte ich das Opfer meiner Liebe bringen, darum die ſchwerſten Kaͤmpfe beſtehen, um ihn durch das Geſchenk meines Herzens ungluck⸗ lich zu ſehen! ruft ſie bitter klagend aus — ach! es iſt zu viel fuͤr das arme gepruͤfte Herz, ſie kann dieſe Laſt nicht allein tragen und eilt zur treuen Freundin Lenz, an ihrer Bruſt ſich auszuweinen. Die gute Lenz erfaͤhrt leider nichts Neues, ihre ſchaͤrfere Beobachtung, einige Nachforſchungen haben dieſe Befurchtun⸗ gen ſchon lange beſtatigt, und lange ſchon lei⸗ det ſie im Stillen mit der armen Anna und kaͤmpft mit ſich, was ſie thun, was ſie laſſen ſoll. Anna will alles wiſſen, ſie verſichert, daß ſie auf alles gefaßt ſey und hort denn, was Madame Lenz durch eine Freundin, die als Geſellſchafterin einer Dame mit dieſer ſich in Rom aufhaͤlt, erfahren hat: daß Alfted die Bekanntſchaft der ſchoͤnen Roͤmerin bei ſeinem letzten Aufenthalte dort gemacht, täglich im . Hauſe ihrer Eltern geweſen, von dieſen ſehr ausgezeichnet worden iſt und von dem reizen⸗ den Maͤdchen eben ſo geliebt, als ſie der Ge⸗ genſtand feiner feurigen Leidenſchaft war, daß aber jetzt keine Verbindung mehr unter ihnen beſtehe. Wie es ſtarken Seelen eigen iſt, ſo wurde Anna nach der Gewißheit ihres Geſchicks ruhiger, ſo ruhig, daß ſie beſonnen die feſt⸗ lichen Arbeiten vollenden, ja ſelbſt am fol⸗ genden Morgen Alfred mit liebevoller Freund⸗ lichkeit empfangen konnte. Er war ſichtbar geruͤhrt von den zarten Beweiſen ihrer Liebe und druͤckte Anna feuriger als ſeit lange an ſein Herz, und wenn ihr dieſer Druck einen geiſtigen Schmerz verurſachte, den ſie kaum verbergen konnte, ſo wurde ſie auf der andern Seite tief bewegt von dem augenblicklichen Siege ſeiner Treue uͤber die Leidenſchaft. Doch ihr Entſchluß war gefaßt, ſie kannte Alfred's ſchwankendes Gemuͤth und die Schmerzen der Entſagung waren ihr noch zu neu, als daß ſie den geliebten Bruder, den ihr theuer ge⸗ wordnen Freund ähnlichen Leiden Preis geben, — 360 — ihr Gluͤck einem ſolchen Opfer danken wollte. Konnte ſie nicht ſelbſt ſein Lebensgluͤck befor⸗ dern, ſo wollte ſie ihre treue Liebe wenigſtens dadurch beweiſen, ihm nicht hinderlich zu ſeyn. Anna hatte ſchon fruͤher beſchloſſen, zum Fruͤhling zu entfernten Verwandten der Frau v. P. zu gehen, die ſie auf ihrer Herreiſe hatte kennen lernen und deren Wohnſitz naͤher der deutſchen Grenze lag, um in dieſer Fami⸗ lie bis zur Zeit ihrer Verbindung mit Alfted zu bleiben; dieſer Plan diente ihr jetzt zur willkommnen Gelegenheit, ſich von ihm zu ent⸗ fernen, und ſie betrieb die Reiſeanſtalten ſo raſch wie moͤglich. In ſofern der Anſtand dieſe Trennung erforderte, konnte Alfred keine Einwendungen dagegen machen, aber dennoch ſchien ihm Anna's Entfernung zu beunruhigen, er war ſo weich, ſo mild, ſo liebend um ſie beſchaͤftigt in den letzten Tagen, daß Anna die ganze Kraft ihrer Seele anwenden mußte, ihrem Entſchluſſe, der Ueberzeugung von ſei⸗ ner Nothwendigkeit, treu zu bleiben. Ach! ſie war ja im Begriff, von dem letzten ihr theuern Gegenſtande zu ſcheiden, von allem was ihr — 361 — Leben begluͤckt, von dem Grabe der geliebten Mutter! — Bittrer war nie ein Schmerz ge⸗ weſen, als der am letzten Abend in allen Ge⸗ ſtalten ihr zerrißnes Herz durchzuckte, nur der Glaube an hoͤhere Fuͤrſorge hielt ſie aufrecht. Halb ohnmaͤchtig kam ſie beim Abſchied aus Alfreds Armen, der, ganz betroffen von dieſer an Anna ungewoͤhnlichen Heftigkeit, mehrmals einen Verſuch machte, ſie zuruͤck zu halten, in den Wagen, doch vergeblich, ſie blieb ſtark. — Nach einer Reiſe von wenig Tagen er⸗ reichte ſie in der troͤſtlichen Begleitung der gu⸗ ten Lenz ihr Ziel, und eine ihrer erſten Be⸗ ſchaͤftigungen war, folgenden Brief an Alfred zu ſchreiben: „ „Du haſt mir zuweilen geſagt, mein theurer Alfred, daß ich dein Schutzgeiſt ge⸗ weſen und es noch ſey, laß mich jetzt die Rechte dieſes Namens geltend machen und als dein liebender Schutzgeiſt dein Lebens⸗ gluͤck foͤrdern helfen. — Ach! es war ein ſuͤßer Wahn, als ich noch glaubte, ich ſelbſt könne dir dies Gluͤck bereiten! Dein fort⸗ dauernder Trubſinn, der weder der Zeit S — 02 — noch meinen Bemuͤhungen weichen wollte, floßte mir ſchon laͤngſt einige Zweifel dar⸗ uͤber ein und bekuͤmmerte mich tief, weil ich die Urſache nicht errathen konnte. Der Zu⸗ fall nur, kein Forſchen von meiner Seite, ließ mich vor Kurzem den wahren Grund deiner Verſtimmung entdecken — und — nein, Alfred, ich zurnte dir nicht! ich er⸗ kannte den ſchmerzlichen Kampf zwiſchen Pflicht und der heißen Neigung fuͤr ein Weſen, das deinem Herzen mehr gewaͤhrt als ich vermag, und beklagte dich innig, beklagte, daß du nicht fruͤher erkannteſt, daß dich meine Liebe nicht befriedigen wuͤrde, damals, als ein ſolches Begegniß deines Lebens mich nur mit Freude erfullt haͤtte.— Du warſt nicht immer ſiegreich in deinem Kampfe, aber der edle Wille, glaube mir, iſt meinem Herzen ſehr wohlthuend gewe⸗ ſen — doch laͤnger dich dieſer Qual Preis geben, hieße das: wahrhaft lieben? — Mein Gluͤck wird nur durch das deine bedingt, und koͤnnte ich's finden, wenn dein Herz im Geheim blutete? — Dies Auge, deſſen — 363 — ſchwermuͤthiger Blick ſchon als Kind mich ruͤhrte, ſoll nicht durch mich ſich wieder truben; nur wenn ich es im Glanz der Freude waͤhnen darf, werde auch ich das Gluek des innern Friedens finden. Du biſt frei, Alfted! ich kehre zum Na⸗ men der liebenden Schweſter zuruͤck, und werde dir auch fern das Schweſterherz wah⸗ ren; erhalte mir etwas von dem bruder⸗ lichen Wohlwollen, was du einſt der kleinen Anna ſchenkteſt, und laß mich wiſſen, daß du gluͤcklich biſt, damit mein Leben nicht freudenleer ſey. Wir werden uns eine lange Zeit nicht ſehen, aber vergeſſen wird dich nimmer 5 deine treue Schweſter Anna. Der erſchuͤtternde Eindruck, den dieſer Brief auf Alfred machte, braucht nicht geſchil⸗ dert zu werden. — Sein edler Sinn, die leichte Erregbarkeit ſeines Gefuͤhls ließen ihn ſelbſt als den groͤßten Verbrecher ſich erſcheinen, und im erſten Momente war er feſt entſchloſſen, ſo⸗ gleich Anna nachzueilen, Vergebung von ihr zu erflehen, ſie zu beſchwoͤren, daß ſie als die Seinige zuruͤckkehre, und laut gelobte er ſich ſelbſt, ſolch edelmuͤthige Liebe mit der unver⸗ bruͤchlichſten Treue zu lohnen. Aber excentri⸗ ſche Gemuͤther ſind nicht im Stande die Dau⸗ er ihrer Gefuͤhle zu verbergen. Auf die gewalt⸗ ſame Anſpannung aller Empfindungen folgte Abſpannung, und in dieſer bemaͤchtigte ſich auch wieder die Erinnerung an Rom ſeines Herzens mit einer Gewalt, vor der er ſelbſt erſchrak. Doch, er wollte ſiegen. Anna's Edel⸗ muth, die Kraft, die unendliche Guͤte, die aus jeder Zeile ihres Brieſes ſprach, hatte ſeine ſeine Seele zu tief geruͤhrt, er konnte dem Maͤdchen, dem er einſt Lehrer und Mentor geweſen, nicht nachſtehen, und wir ſehen ihn ein Schreiben an Anna entwerfen, in welchem alles ausgeſprochen, was er wechſelsweiſe ſo eben empfunden und gelitten, und der die ruh⸗ rendſten Bitten, die heiligſten Verſprechungen enthielt. Der beſte, reinſte Wille leuchtete da⸗ raus hervor, aber Annas hellſehenden Augen ent⸗ ging nicht der Mangel der Feſtigkeit und Kraft⸗ die Gewalt der Leidenſchaft, die dennoch hin⸗ durchſchimmerte, und dieſes Schreiben konnte — ſie nicht wankend machen. Sie wiedecholte mit wenig Worten die Nothwendigkeit ihres Entſchluſſes, erhielt noch einen Brief voll bittrer Klage und endlich einen, worin er bat, als Schweſter wenigſtens ein Andenken von dem ſie innig liebenden Bruder anzunehmen, und das kleine Rheinſchloß als ein ſolches zu betrachten. Anna wollte das neue geſchwiſter⸗ liche Verhaͤltniß nicht mit einer Weigerung beginnen und ſo nahm ſie ein Geſchenk an, was ihrem Gefuͤhl ſehr ſchmerzlich dünkte. Welche Feder aber moͤchte unternehmen wollen, das tauſendfache Weh zu ſchildern, was jetzt Anna's Seele erfullte! den Schmerz, mit dem Seebach's Andenken ſich erneuerte in ihrem Herzen! — Das Gefuͤhl des Allein⸗ ſtehens fuͤhrte ſie nach kurzem Verweilen in jener Familie, nach Deutſchland zu ihren Ge⸗ ſchwiſtern, wohin auch Madame Lenz, die einſtweilen zu Alfred zuruͤckkehrte, beauftragt war, ihre zuruͤckgelaſſenen Habſeligkeiten ihr zu ſenden. Wir uͤberlaſſen gleichfalls die Sce⸗ nen dieſes bitterſuͤßen Wiederſehens zu be⸗ ſchreiben, Anna's Empfindungen an den Grä⸗ 4 bern ihrer Eltern. — Sie fand Margarethen und Anton im bluͤhenden Wohlſtande. Der Letztere hatte das zerſtoͤrte vaͤterliche Grund⸗ ſtuͤck verkauft, eins in der Naͤhe des Schwa⸗ gers ſich dagegen erſtanden und mit dieſem gemeinſchaftlich trieb er jetzt einige Zweige der Landwirthſchaft ganz fabrikmaͤßig; ſeine Thaͤtigkeit und Umſicht wußte den Vertrieb zu erweitern, ſeine Spekulationen gluckten und erhoben taͤglich ſeinen Wohlſtand. Die aͤußere Ruhe, die Anna nach ſo vie⸗ len zerſtörenden Kaͤmpfen im Kreiſe der zärtlichen Geſchwiſter genoß, wirkte anfaͤnglich ſehr wohlthaͤtig auf ihr Gemuͤth, und ließen ſie auch einige innere Ruhe genießen. Im Verlauf einiger gleichfoͤrmig verlebten Monate aber kehrte das ſchmerzliche Gefühl der Leere und des Alleinſeyns ihres Herzens mit erneu⸗ ter Gewalt zurück. Margarethe war ihr ſtets eine gute, liebende Schweſter, ihre Kin⸗ der hingen mit Zaͤrtlichkeit an der Tante, die Bruͤder verſaͤumten keine Gelegenheit ihr bru⸗ derliche Aufmerkſamkeit zu erweiſen, aber ach! unter Allen, die ſie umgaben, verſtand Nie⸗ — mand ihre Seele, wie ſie verſtunden zu wer⸗ den ſich ſehnte. Die Art ihrer Bildung war zu verſchieden von der ihrer Geſchwiſter, als daß ein wohlthuender Zuſammenklang haͤtte Statt finden koͤnnen. Anna war an dem Austauſch der Ideen, an die Genuͤſſe der Kunſt, an Unterhaltung uͤber die hoͤhern In⸗ treſſen des Lebens gewöhnt, und dieſer nur rein praktiſche Sinn, der ſtets das Nothwen⸗ dige, das Wirthſchaftliche, das taͤgliche Be⸗ duͤrfen nur umfaßte, bildete oft einen ſchnei⸗ denden Contraſt mit der Stimmung ihrer Seele, die den Troſt, deſſen ſie bedurſte, nur in den hoͤhern Regionen finden konnte, die jenem Sinne fremd war. — Zur Ver⸗ mehrung ihrer Schmerzen hatte ſie bei der Ankunft ihrer nachgeſendeten Sachen ihren theuern Schatz, das Kaͤſtchen mit der Roſe von Jericho, vermißt, was ſie in einer ruhigen Verfaſſung wohl ſelbſt mitgenommen haben wuͤrde, in jenem Tumult des verſchiedenartig⸗ ſten Weh aber vergeſſen hatte. Madame Lenz meldete ihr, daß ſie es auch mit der ſorgfäͤltigſten Durchſuchung nicht habe finden — 368 — koͤnnen, das Verſchwinden ſey ihr ſelbſt un⸗ begreiflich; aber die Kammerfrau, die beim Einpacken geholfen, habe verſichert, daß ſie es ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr an dem gewoͤhnlichen Platze geſehen und deshalb ge⸗ glaubt, das Fraͤulein haͤtte es mitgenommen. Dieſer Verluſt machte auf Anna den traurigſten Eindruck. Den Werth abgerechnet, den die Roſe von Jericho als das Vermaͤcht⸗ niß der geliebten Großmutter, als ein ſuͤßes Andenken von Seebach fuͤr ſie hatte, erblickte ſie in dem Verſchwinden ihres Talismans die truͤbſte Vorbedeutung fuͤr ihre Zukunft; es ſchien ihr mit ihm ihr letztes Gut, der einzige noch uͤbrige Schutzgeiſt ihres Lebens von ihr gewichen zu ſeyn, und ſie uͤberließ ſich den ſchmerzlichſten Betrachtungen. Er⸗ fuͤllt von ihnen lenkte ſie eines Tages ihren Spaziergang mit den Kindern in das kleine Thal ihrer gluͤcklichen Kindheit. Sie hatte noch nicht uͤber ſich gewinnen koͤnnen, es wieder zu betreten und mit welchen Empfin⸗ dungen betrat ſie es jetzt! Kein freundlicher Empfang erfreute ſie mehr, kein liebendes — 360 — Auge begegnete dem ihrigen, denn auch der Pfarrer hatte indeß eine andete Stelle bekom⸗ men, und nur fremde, kalte Geſichter ſah ſie in den Raͤumen, in denen ſie ſonſt mit dem frohſten Herzen weilte. Alle Bilder der gluck⸗ lichen Vergangenheit erwachten mit Lebendigkeit in dieſen Umgebungen, ſie erinnerte ſich des merkwuͤrdigen Tages, da durch den Beſuch des Wandrers das geheimnißvolle Leben der Roſe von Jericho ſich vor ihnen erſchloß, mit bitterm Weh ſtellte ſich Anna die kindlich frohen Hoff⸗ nungen dieſer Beit zu den Taͤuſchungen, die ſie in der Wirklichkeit erfahren, und ihre Augen füͤll⸗ ten ſich mit heißen Thraͤnen! Ach! tief ſie klagend aus, iſt das deine Weihe zu Gluͤck und Se⸗ gen, Roſe von Jericho! erfullſt du ſo die Hoff⸗ nungen, die das glaͤubige Herz der guten Groß⸗ mutter auf dich baute, die ſuͤßen Traͤume, die ich bei dir niedergelegt? — Um wie viel glůͤck⸗ licher koͤnnte ich ſeyn, haͤtte deine ſcheinbare Gunſt mich nimmer den hoͤhern Weg gefuͤhrt! Ein Loos wie Margarethens wuͤrde mich jetzt begluͤcken, vollkommen befriedigen, dachte ſie klagend im Innern weiter und die trubſten 24 — 370 — Beobachtungen beſchaͤftigten ſie auf dem Ruͤck⸗ wege uͤber den geringen Einfluß einer hoͤhern Bildung auf Lebensgluͤck und Genuß, ſie ſchien ihr in dieſem Augenblick ſo werthlos, daß ſie ihre Geſchwiſter beneiden konnte, weniger zu beduͤrfen und mehr zu haben, und in ihrem eignen Looſe das traurigſte Geſchick erblickte. Den ſchwermuͤthigen Traͤumereien, in die ſolche Betrachtungen die arme Anna verſetzten, entriß ſie nach einiger Zeit die Aufforderung einer Freundin von Frau v. P., Frau v. K., ihr auf einer Reiſe in die Schweitz und einen längern Aufenthalt dort, der eine hartnaͤckige Krankheit heben ſollte, Geſellſchaft zu leiſten. Jede Veraͤnderung ihres jetzigen Zuſtandes war Anna erwuͤnſcht, und ſo ſehen wir ſie mit Ver⸗ gnuͤgen dieſem Rufe folgen und nach kurzer Zeit ſchon heimiſch eingerichtet mit Frau v. K. in einem friedlichen Thale der Schweiz, ſtille und ruhige Tage verleben. Der Genuß einer geiſtreichen Unterhaltung, wie der Umgang der neuen, muͤtterlichen Freundin ihr gewaͤhrte, die Sorge fuͤr die Wiederherſtellung ihrer Geſund⸗ heit, die Umgebung einer großen, reichen Na⸗ tur und die Gelegenheit zum Wohlthun, die ſich hier darbot, wurden die wohlthaͤtigen Zer⸗ ſtreuungsmittel, die, vereint mit dem Blick nach oben, ihre Schmerzen milderten und mit de⸗ ren Huͤlfe ſie mehr und mehr jenen ſtillen Frie⸗ den fand, welcher der nie ausbleibende Lohn des Rechtthuns und ſchwer errungener Siege iſt. Unterbrochen wurde er fteilich oft noch durch die Vorſtellung des Gluͤcks, was ſie jetzt an Seebach's Seite genießen koͤnnte, was ihr grauſam verloren war. — Von Alfred er⸗ fuhr ſie blos, daß er in Italien ſey, und konnte ſich denken, was ihn dort feſthalte. Die Hoff⸗ nung, daß er gluͤcklich ſey, durch ihr Opfer glucklich ſey, war der Lichtpunkt ihres einſamen Lebens, den ſie feſtzuhalten ſtrebte, wenn in einzelnen Stunden die Wolken ſchmerzlicher Erinnerungen alles zu verduͤſtern drohten. — Die befriedigendſte ihrer Beſchaͤftigungen war fuͤr Anna die Sorge fuͤr eine Anzahl be⸗ duͤrftiger Bewohner ihres kleinen Aſyls, die Frau v. K. mit großer Freigebigkeit unter⸗ ſtuͤtzte. Anna hatte die Vollmacht erhalten, ihre reichen Spenden nach eigenem Ermeſſen 24* zu verwenden 2 und wanderte deßhalb täͤglich in den Huͤtten der Armen und Kranken herum, zu erſpaͤhen, wo Huͤlfe am Noͤthigſten ſey, und der Unterſtuͤtzung den Troſt freundlicher Zuſprache beizufuͤgen. Ein kaltes, naſſes Fruͤhjahr vermehrte die Anzahl ihrer Kranken gar ſehr, und vorzuglich hatte die Noth bei einer armen Tageloͤhner⸗ familie dergeſtalt ihren Sitz aufgeſchlagen, daß von Vater, Mutter und ſechs Kindern nur die aͤlteſte Tochter geſund geblieben. Anna war der taͤgliche Troſt, die taͤgliche Huͤlfe der armen Leute und endlich die einzige Stuͤtze der ungluͤcklichen Frau, als ihr Mann ſtarb und ſie mit den Kindern in der druͤckendſten Armuth zuruͤckließ. Ihre haͤufigen Beſuche wandten ihr gar bald die Herzen der Kinder in einem hohen Grade zu, und die kleine achtjaͤhrige Katharine beſonders ſchloß ſich mit ſeltner Waͤrine an ſie an, aber auch Anna liebte Ka⸗ tharinen vor allen, weil ſie ungemeine Aehn⸗ lichkeit mit ihrer theuern Babet hatte, und das kleine Ding, das am laͤngſten das Bett huͤten mußte, bekam vorzugsweiſe gar haͤuſig etwas — 373 — Eingemachtes, ein Stuͤckchen Bisquit oder ein Spielwerkz dafuͤr war aber auch des Kindes erſter Ausgang zum lieben, gnaͤdigen Fraͤulein, wie man Anna nannte, ſie brachte ihr die er⸗ ſten Veilchen aus ihrem Gaͤrtchen, alle Tage ein Straͤuschen oder Kraͤnzchen von Feldblu⸗ men und mochte gern Stundenlang bei ihr weilen. Sie hatte im Hauſe von des Fraͤu⸗ leins Geburtstag ſprechen hoͤren, und als der erſte Mai erſchien, tritt Katharine ſchon in der fruͤhſten Morgenſtunde in Anna's Zimmer, gar freundlich und geheimnißvoll die Hand unter dem Schuͤrtzchen haltend. Ich wollte euch doch auch gern etwas zum Geburtstag bringen, be⸗ ginnt ſie in ihrem treuherzigen Schweizerdia⸗ lekt, etwas recht Schoͤnes, und da hab ich mein beſtes genommen, das Kaͤſtchen von der Frau Baſe, was Gluͤck und Segen bringen ſoll, mit dieſen Worten zieht ſie die Hand her⸗ vor und — wer malt Anna's Erſtaunen, ihre Freude, als ſie in dieſem Kaͤſichen ihr theures verlornes Kleinod erkennt! — Mit Empfin⸗ dungen, wie ſie lange nicht ihr Herz bewegt, druͤckt ſie die Kleine an ihr Herz, die ihr in — 374 — dieſem Augenblick wie ein vom Himmel ge⸗ ſendeter Engel erſcheint, zum neuen Lebens⸗ jahre ihr Troſt und Hoffnung zu verkuͤnden! Aber ſie dringt fragend in das Kind, wer ihm das Kaͤſichen gegeben habe, und dieſe erzaͤhlt ganz unbefangen: daß eine Frau Baſe die Kammerfrau bei einer vornehmen Herrſchaft in Frankreich ſey, ſie vorigen Sommer be⸗ ſucht und es ihr mitgebracht habe. Es iſt eine gar rare Blume in dem Kaͤſichen, faͤhrt Katharine erzaͤhlend fort, und die Baſe ſagte, daß dieſe Blume Gluͤck und Segen bringe, wer ſie habe, es ſey ein großer Schatz, den mir die Mutter ja bewahren ſolle, ich koͤnne einmal eine reiche, vornehme Frau damit wer⸗ den, aber ich wollte doch lieber euch das Gluͤck bringen, was darin ſteckt, und ſagte der Mutter geſtern, ſie folle mir das Kaͤſichen geben, ſie wollte aber nicht, und da hab ich's heute heimlich genommen, denn es iſt doch einmal mein, und da kann ich's ſchenken wem ich will. Anna war eben ſo ſehr ergriffen von des Kindes ruͤhrender Liebe, als von dem wunder⸗ — 375 — baren Zufall, der das theure Käͤſtchen jetzt wieder und gerade heute in ihre Hände fuͤhren mußte. Aber nein! es war ihr nicht mehr Zufall, ſie erkannte geruͤhrt eine hoͤhere Fuͤgung darin und druͤckte mit Thraͤnen den wiederer⸗ worbenen Schatz an ihre Bruſt. Es war keinem Zweifel unterworfen, daß jene Frau Baſe die Kammerfrau der Frau v. P. war, daß ſie von der Bedeutung der Roſe von Jericho hatte ſprechen hoͤren und die Ab⸗ weſenheit ihrer Herrſchaft benutzt, dieſen Schatz ſich ſelbſt fuͤr die Ihrigen zuzueignen. Schmerzlich ſuͤße Erinnerungen erwachten heut in Anna, die ganze Vergangenheit tauchte in ihrer Seele auf — ſie war zwar mild und ergeben aber ernſt und wehmuͤthig geſtimmt, und ſehnte ſich hinaus ins Freie, die troͤſtende Sprache der großen Natur zu hoͤren. Katha⸗ rine mußte ſie begleiten, und das Kind an der Hand, wandelte fie einem kaum belaub⸗ ten Eichwalde zu, wo nach Katharinens Ver⸗ ſicherung die ſchonſten Maiglocken zu finden waren; ſie hilft ihr pfluͤcken, folgt gedanken⸗ voll dem immer weiter voreilenden Kinde und iſt am Ende ſo tief in den Wald hineinge⸗ rathen, daß ihr bange um den Ruͤckweg wird. Seyd nur ruhig, ſagt Katharine, wir finden ſchon den Weg, und es iſt nun auch nicht mehr weit zum Vater Paul, der hier im Walde wohnt, da koͤnnen wir lieber vollends hingehen und uns den naͤchſten Fußſteig von ihm zeigen laſſen. Wer iſt Vater Paul? fragt Anna. Je nun, das iſt der alte Einſiedler, erwiedert Katharine, der ſchon lange hier ſeine Huͤtte hat, es iſt gewiß ein guter Mann, denn er hat alle Kinder lieb und ich bin ſchon oft bei ihm geweſen. Waͤhrend dieſes Ge⸗ ſpraͤchs erblickt Anna ſchon die Huͤtte; Katha⸗ rine eilt voraus und kommt ihr entgegen mit einem Greiſe von hoher Geſtalt und ehrwuͤr⸗ digem weißem Hauptes ſie naͤhert ſich ihm und bleibt betroffen ſtehen, denn in dem Geſicht des Einſiedlers daͤmmern ploͤtzlich Erinnerun⸗ gen in ihr auf, die ſie nicht gleich zu deuten weiß — auch er ſcheint ſie befremdet zu be⸗ trachten, doch begruͤßt er ſie freundlich, mit der Einladung, ein wenig bei ihm zu raſten, aber bei dieſen Worten, dieſer Stimme erhellt — 377 — plotzlich ein Lichtſtrahl Anna's dunkle Ahnun⸗ gen, bewegt ruft ſie aus: taͤuſcht mich die lebhafte Erinnerung an ein Exreigniß meiner glüͤcklichen Kindheit nicht, ſo begruͤße ich in euch den Wandrer, der einſt uͤber Nacht bei uns weilte und die Roſe von Jericho erbluͤhen ließ! — Und, ruft faſt zu gleicher Zeit der uͤberraſchte Greis, truͤgen mich meine alten Augen nicht, ſo erblicke ich in euch, ſchoͤne Jungfrau, die kleine Anna, die damals ſo be⸗ reitwillig war, mit Trauben mich zu erquicken! Eine freudige Erkennungsſcene folgt! Es ſchei⸗ nen Anna alle Geſtalten einer glucklichen Vergan⸗ genheit heut aufzuleben, ſie kann die ſchmerzlich ſuͤße Wehmuth ihres Herzens nicht verbergen und ſetzt ſich vertrauensvoll an die Seite des ehrwuͤrdigen Alten, den ſie in dieſem Augenblick wie einen alten, theuern Freund betrachtet. Ihr gepreßtes Herz, von tauſend Erinnerun⸗ gen und Gefuͤhlen beſturmt, ſehnt ſich, es zu ergießen, und es bedarf kaum der theilneh⸗ menden Frage des Greiſes: welches Geſchick ſie hierher fuͤhre, um ſie zu Mittheilungen zu veranlaſſen, die, mit der ganzen Wahrheit und * — 378 — Waͤrme ihres Gemuͤths gegeben, ihm eine deutliche Ueberſicht aller ihrer Freuden, Leiden und Schmerzen verſchaffen. Ihr ſehet, mein Vater, ſchließt Anna klagend ihre Erzählung, wie wenig die Weiſſagung der Roſe von Je⸗ richo an uns in Erfuͤllung gegangen iſt, ihre Weihe hat nach kurzer Freude der armen Babet den Tod und mir, mit einem ſchein⸗ baren Gluͤck, nur bittre Schmerzen, herbes Leid gebracht! . Der Greis hat mit der regſten Theilnah⸗ me zugehoͤrt, tief bewegt und ſinnend ſieht er vor ſich nieder, und als Anna geendet, beginnt er mit mildem Ton: die erſten Begegniſſe Eures Lebens ſind mir zufaͤllig durch einen Reiſenden, der in deinem Thale geweilt hatte, ſchon fruͤher bekannt worden: du haſt viel ſchon in deinem kurzen Leben erfahren, meine Toch⸗ ter, und ich beklage, daß du ſo fruh ſchon den Kelch bittrer Leiden koſten mußteſt — aber dennoch ſehe ich die ſegnende Weihe der Roſe von Jericho in einem hohen Sinn an euch er⸗ füllt. — Wiſſe, mein Kind, nicht gluͤcklich ſeyn iſt der Zweck des Lebens, aber gut werden und gluͤcklich machen iſt beſeligender, als es ſelbſt ſeyn. Iſt dir aber nicht auf vielfache Weiſe ſchon ver⸗ goͤnnt worden zu begluͤcken? Du haſt ei⸗ ne Seele und ein Leben gerettet! Schon eurer reich begabten Kindlichkeit war die wunderbare Kraft gegeben, einen Schwer⸗ muͤthigen zu heilen und ihn und ſeiner Mut⸗ ter Freuden wieder zu ſchenken, die ſie begra⸗ ben zu haben glaubte, du warſt der Troſt, die Stuͤtze der guten Mutter bis zu ihren letzten Augenblicken, haſt mit dem ſchwerſten Opfer deines Herzens ihre und ihres Sohnes Wuͤn⸗ ſche und ſein vermeintliches Gluͤck zu erfuͤllen geſtrebt, das zweite Opfer nicht geſcheut es zu begruͤnden und befindeſt dich durch dieß Verhaͤngniß abermals in Verhaͤltniſſen, wo ein ſegenbringender Wirkungskreis dich umgiebt. — Wohl, meine Tochter, muß dich dies Bewußtſeyn mit Freudigkeit erfullen und mit Dank gegen die hoͤchſte Guͤte, die deinem jungen Leben ſo reiche Kraͤnze ſchon erwerben ließ. — Und glaubſt du nicht, daß der hoͤch⸗ ſte Zweck deines Lebens, gut und immer voll⸗ — 380 — kommen, gelaͤutert und vorbereitet zu werden zu einem hoͤhern Daſeyn, beſſer iſt erreicht worden an dir durch jene truͤben Erfahrungen, als es durch irdiſches Gluͤck und Genuß ge⸗ ſchehen wäre? Fuͤhlſt du nicht die Kraft zur Selbſtbeſiegung, den Muth in Leiden auszu⸗ halten, das freudige Vertrauen zu Gott und den inneren Frieden als die begluckenden Fruͤchte der ſchweten Kaͤmpfe! Ol glaube mir, mein Kind, ſolcher Gewinn iſt der reichſte Segen, das hoͤchſte Gluͤck, was uns in dieſem Leben zu Theil werden kann! — Und die entſchlaf⸗ ne Babet, iſt ihr nicht das beneidenswertheſte Lvos gefallen? noch unberaͤhrt von des Lebens Bitterkeiten, im roſenbekraͤnzten Jugendtraume, beſeligt von den Freuden einer unſchuldigen Liebe hat ſie ein ſanfter Hauch hinweg getra⸗ gen in das Land eines höhern Gluͤcks, zu den Seligkeiten ungetruͤbten Wiederſehns! — Ja! erkenne, meine Tochter, daß nur die Nebel des Trubſinns, die den Sinn der ſeg⸗ nenden Weihe der Roſe von Jericho verhuͤllen konnten, dieſen hohen Sinn, der mit wunder⸗ barem Licht meine Seele erfullt! In deinem — 381 — reinen Gemuͤth wohnt die Kraft, ihn zu er⸗ faſſen, jeder Fortſchritt im Guten wird dir ihn mit groͤßrer Klarheit erblicken laſſen. Wahre die Roſe ferner als den Talismann deines Lebens, und geh getroſt dem Geſchick deiner Zukunft entgegen, haſt du Frieden im Herzen, ſo kann es nur ein gutes ſeyn — mit dieſen Worten legt der Greis ſegnend ſei⸗ ne Hand auf Anna's Haupt und ſchweigt. — Anna iſt ergriffen, tief ergriffen von der uͤber⸗ raſchenden Wahrheit ſeiner Worte — tief im Innern geht ihr ein Licht auf, deſſen helle Strahlen mit freudigem Muth, mit ſeliger Ruhe ihre Seele erfuͤllen; — ſie bleibt einige Minuten in ſtillem Sinnen, dann ergreift ſie mit inniger Bewegung die Hand des Ein⸗ ſiedlers; ach! mein Vater, ruft ſie aus, ich erkenne, was mir eure Weisheit und Froͤm⸗ migkeit enthuͤllt, bittet, daß dies Licht nie meiner Seele wieder entſchwinde! — Auch ihr ſeyd mir ein Beweis des Segens meiner Roſe, ein Bote des Himmels, auf meinen duſtern Lebensweg herabgeſandt, die Leuchte mir zu bringen! Leitet mich ferner mit eurem Rath, und ſagt mir, wie ich meine kuͤnftigen Lebenstage wuͤrdig anwenden koͤnne! — Soll ich dir rathen, verſetzt der Greis nach kurzem Bedenken, ſo betrachte auch die heutige Ueberbringerin der Roſe von Jericho, die kleine Katharine, als ein vom Himmel ge⸗ ſendetes Weſen, nimm das liebe, faͤhige Kind zu dir, beziehe mit ihr dein kleines Beſitz⸗ thum und verſchaffe dir durch ihre Erziehung ein Wirken, deſſen Segen nicht ausbleiben kann. Ja, das will ich thun! ruft Anna, freudig uberraſcht von einer Ausſicht, die ſo freundlich mit ihren Wuͤnſchen uͤbereinſtimmt, ich werde euch folgen, mein Vater, und eu⸗ rer Lehren wurdig, ein Leben beginnen, was nicht ohne Fruchte bleiben ſoll. Katharine hat indeß einen großen Hau⸗ fen Blumen gepfluͤckt und mahnt ermuͤdet ihr liebes Fräulein an das Zuhauſegehen; die Sonne beginnt ſchon zu ſinken. Anna ſchei⸗ det mit inniger Ruͤhrung, mit unendlicher Dankbarkeit von dem ehrwuͤrdigen Greiſe und eilt tiefbewegten Sen ihrer Woh⸗ nung zu. — 383 — Die Ruͤckkehr der geneſenen Frau v. K. in den Schoos ihrer Familie zu Ende des Som⸗ mers vergoͤnnte Anna, ihren neuen Lebensplan auszufuͤhren. Die beduͤrftige Mutter Kathari⸗ nens gewaͤhrte ihr gern das Kind als Eigen⸗ thum, Katharine ſelbſt folgte mit Freuden ih⸗ rer geliebten Beſchuͤtzerin, und wir ſehen ſie nach kurzer Zeit auf dem Schauplatz fruher, glucklicher Jahre, im kleinen Rheinſchloß ange⸗ kommen und in Geſellſchaft der treuen Lenz, die ſie zu ſich berief, ein Leben beginnen, deſ⸗ ſen freundlicher Wechſel von befriedigender Thaͤ⸗ tigkeit und Erholung, treuer Pflichterfuͤllung und Vergnuͤgen uͤber das Gedeihen ihres Pfleg⸗ lings nur durch die Vermuthung getruͤbt ward, daß Alfred nicht das erſehnte Gluͤck gefunden habe, denn noch immer war kein Zeichen ſei⸗ nes Lebens in Anng's Haͤnde gekommen. End⸗ lich, fuͤnf Jahre nach ihrer Trennung erhielt ſie eines Tages folgenden Brief von ihm: „Du zuͤrnteſt mir nicht, meine theure Schweſter, als ich ſchuldig war, dein edles 25 * . Herz beklagte nur den Gefallenen, — wie könnte ich zweifeln, daß du dem unglcklichen, getaͤuſchten, verlaſſenen Bruder nicht deine Theilnahme ſchenken wirſt? ich bedarf ihrer — und welcher Troſt! wenn ich dieſe Theil⸗ nahme im Blick deiner ſeelenvollen Augen leſen koͤnnte! — Aber nein, ich begehre ſol⸗ chen Troſt nicht, ich bin ſeiner nicht wuͤrbig, und mein ſchuldiges Hetz verdammt mich ſelbſt zu der Buͤßung, fern von dir zu blei⸗ ben. — Doch, Anna, geliebte Schweſter! gewähre mir einen andörn Troſt, erfulle das Maaß deines Edelmuths; ilaube meiner Tochter, dir zu nahen! Das arme, kleine, mutterloſe Weſen be⸗ darf eines Schutzes, einer Pflege, die ich ihm nicht gewaͤhren kann, welche Beruhigung, welches Glůͤck in meinem ungluͤck, ſie in deinen Händen, im Sonnenſchein deiner Liebe zu wiſſen! Ach! Anna, ſey der Schutz⸗ geiſt meines armen Kindes, wie du einſt der meinige warſt, du biſt es noch, du wirſt es bleiben, und das Werk meines Wohls ſeg⸗ 3