S =— 2 — Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Ceih- und Seſebedingungen. 8 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet K wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und † beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. — Pf. 1 Mr 50 B f 5 5 S 5. Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern .) muß der K Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 7 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Il der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ — Auswahl 5 Fanny Tarnow's 3 Schriften. F Zwoͤlfter Band. —— Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. 5 Glaubensanſichten. (Erſtes Fragment.) Glaubensanſichten. (Zweites Fragment.) Das Ideal. Durch einen unangenehmen Zufall * ſind beide Fragmente der Glaubensanſich⸗ ten verwechſelt worden; man bittet daher, das zweite vor dem erſten zu leſen. Slaubensanſichten. (Erſtes Fragment.) Tarnow's Schriften. KlI. 1 Renatus an Steinfeld. — ſehr Dein Andenken mich auch freuet, ſo ſehr ſcheue ich mich doch vor der Beantwortung Dei⸗ nes Briefes; denn wie werde ich es vermögen, Dir durch Worte verſinnlichen zu koͤnnen, was nur als ein Seufzer der Sehnſucht und der Inbrunſt in meinem Herzen lebt? wie Dir Wahrheiten darſtellen können, deren Größe der Verſtand nur in dämmern⸗ der Ferne zu erkennen vermag, weil er umnachtet iſt von dem Endlichen? Und doch treibt es mich, Dir Worte zu ſchreiben, die mächtigen Wiederklang in Deinem Geiſte faͤnden, ſo oft dieſer den Stand⸗ punkt fur ſeine Erkenntniſſe verkennt, indem er wähnt, den Gipfel erreichen zu können, der ewig außer ſei⸗ nem Geſichtskreiſe liegen bleiben wird; verdeutlichen mochte ich es Dir als Wahn, wenn Du glaubſt, daß der Menſch zum Hööchſterreichbaren in ſelbſteig⸗ 1 * ner Kraft emporſtreben koͤnne, da ſich Jeder durch dieſe doch nur in dem Kreiſe zu bewegen vermag, in welchen er geſtellt und von welchem er be⸗ ſchränkt wird, auch dann noch, wenn er Bande zer⸗ ſprengt zu haben waͤhnt, die ihn allein auf die Erde zu bannen ſcheinen. Ich moͤchte Dir Geheimniſſe erklaren, die ſelbſt die Engel nicht in ihrer vollen Groͤße faſſen können, geſchweige denn hienieden der Menſch; venn es ſind die unergrundlichen Wunder der gottlichen Lisbe. Von der innern Weſenheit unſers geiſtigen Denkvermoͤgens, unſerm eigentlichen Ich, wiſſen wir alles Forſchens ungeachtet nichts, als daß es unbe⸗ greiflich iſt; erſt in den Modificationen und in der Aeußerung unſerer Willenskraft erkennen wir das Individuelle unſers Daſeins. Die unendliche Be⸗ wegung unſerer Gedanken, die wir ſelbſt und An⸗ dere in uns hervorbringen, gleicht unzahligen Radien, welche von dem NMittelpunkt ausgehen; doch den Mittelpunkt ſelbſt begreifen wir nicht; er iſt das un⸗ zugaͤngliche Geheimniß der Schoͤpfung. Alle Körper ſind durchaus nur Bild und Aus⸗ druck intellectueller Ideen, daher ſind die unmate⸗ zellen Grundkeime der Natur auch unzerſtörbar, „ „ — und nur die äußere Huͤlle ihrer Erſcheinung kann ſich auflöͤſen. Es bleibt bei der Zerſetzung der Ma⸗ terie kein Urſtoff uͤbrig, den man als Truͤmmer zer⸗ ſtoͤrter Korper betrachten und aus dem ſich neue Koͤrper bilden koͤnnten; was uͤbrig bleibt bei dem chemiſchen Naturproceß der Zerſetzung und Verwe⸗ ſung, iſt das Princip der Materie, was als ſchöpfe⸗ riſche intellectuelle Urkraft feiner Natur nach einfach und unzerſtörbar ſein muß. In der Materie ſelbſt können wir dieſen Urſtoff der Materie nicht ſuchen, da das Nichtmaterielle nicht im Materiellen, ſondern nur umgekehrt dieſes in jenem ſein kann. Wie die Schnecke ſich ihr Haus bildet, ſo bildet ſich das gei⸗ ſtige Princip ſeinen Koͤrper durch das Wirken nach allen Richtungen, aus dem Mittelpunkt der Einheit. Dieſe Principien muͤſſen den Lauf durch die Er⸗ ſcheinungen der Sinnenwelt machen; wenn ſie aber dieſen vollendet haben, ſo kehren ſie zu ihrem Ur⸗ ſprung zurück; ſie ſind die Agenten, durch die Gott das Vergängliche wirkt, ſo lange die Zeit dauert. Das ganze Weltſyſtem beruht auf der drei⸗ fachen Eintheilung in das Göttliche, Intellectuelle und das Sinnliche. Die Thiere denken nicht, aus Mangel eines intellertuellen Keims; all' ihr Thun — iſt nur das Reſultat ſinnlicher Triebe und bezweckt nur koͤrperliches Wohlſein. Die denkenden Weſen aller Elaſſen muͤſſen aber eine weſentliche Affinität mit einander haben, weil ihr Denken nur ein Aus⸗ ſtrahlen und Zuruͤckwerfen des hoͤchſten — aller Denkkraft ſein kann. Aus dieſer Affinitäͤt, die zugleich das Centrum unſers Selbſts iſt, entwickelt ſich Gotteserkenntniß und Liebe, als die reinſte und eigenſte Lebens⸗ ͤußerung unſeres Geiſtes. Reine Liebe zu Gott iſt die Sonne unſeres edelſten und innerſten Lebens, aber ſie ſtrahlt da nicht, wo unſere kalte, irdiſch beſchränkte Vernunft die Nebel ihrer Spitzfindigkeiten verduſternd um ſie herzieht. Unſere Vernunft, wie ſie ſich in der Sin⸗ nenwelt aͤußert und ſich in ihr aͤußern kann, iſt wie dieſe Sinnenwelt ſelbſt, nur eine unvollſtändige Of⸗ fenbarung des Innern; ſie iſt nur eine Eigen⸗ ſchaft unſeres Geiſtes, und kann ſich das innerſte Weſen deſſelben nicht klar verdeutlichen, da ſie nur eine Radie aus ſeinem Mittelpunkt iſt. Nur end⸗ liche Begriffe vermag die Vernunft faßlich und deut⸗ lich in ſinnliche Woͤrter zu huͤllen, und dieſe Be⸗ griffe, ſo wie die Geſetze und Anforderungen des 0 „ „ — — —— — e — Lebens weislich zu ordnen, iſt ihre Aufgabe; doch die Urſprache des Geiſtes, ſowohl des Elohim, als des in ſterblicher Huͤlle gebannten, vermag ſie weder aufzufaſſen, noch zu verſtehen, noch mitzutheilen. Von der Vernunft allein geleitet, wird jede Regung des höhern, gottlichen Lebens in uns erſtickt. Der kluͤgelnde und gruͤbelnde und pruͤfende Ver⸗ nunftmenſch iſt fuͤr die Empfänglichkeit eines rei⸗ nern, geiſtigen Einfluſſes erſtorben; er erkennt keine hoͤhere Wahrheit, als die duͤrftigen Reſultate ſeiner Forſchungen, und weit entfernt, jene zu lieben, ver⸗ ſpottet er ſie, ohne ſie zu verſtehen und weicht ih⸗ nen aus, wo er ſie ahnet. Alles, was wir von Gott und von unſerm Verhäͤltniß zu ihm wiſſen, glauben und empfinden, können wir nur durch mittelbare oder unmittelbare Offenbarung Gottes erfahren, die uns auf verſchie⸗ dene Weiſe, nach der Art und dem Grade unſerer Empfänglichkeit dafuͤr, zu Theil wird. Ein erſchaffener Geiſt wird ſich ſelbſt nur in ſeinen Eigenſchaften erkennbar, und allein mit die⸗ ſen, als Offenbarungen ſeiner eigenen Weſenheit, ver⸗ mag er den ſich ihm offenbarenden Gott zu erken⸗ nen. Gott offenbart ebenfalls nicht ſeine innere Weſenheit, die wuͤrde kein Geſchöpf, auch der nächſte Seraph an ſeinem Throne nicht, zu faſſen und zu ertragen vermoͤgen, ſondern der erhabenſte aller ge⸗ ſchaffenen Geiſter erkennt ihn doch nur in ſeinen Eigenſchaften und ſeinen Werken. In Beziehung auf die Menſchen hat er ſich ihnen ſichtbar in ſei⸗ ner Schoͤpfungskraft offenbart, als das ewig ſpre⸗ chende Wort und in der Selbſtſtandigkeit ſeines in⸗ nern Weſens und in der Beziehung zu ſich ſelbſt, als der ewige Vater, der vom Geſchoͤpf im Sohn, als dem Erkennbaren im ewig Unbegreif⸗ lichen, erkannt wird. Die Dreieinigkeit gehoͤrt zum Weſen der Gott⸗ heit als Fuͤlle ihres unmittelbaren Ausdrucks, nicht als Drei in Eins, ſondern als Eins in Drei. In der Dreieinigkeit allein liegt die unendliche Selig⸗ keit, die das goͤttliche Weſen in ſeinem eigenen Da⸗ fein hat. 3 . Nur die Ewigkeit kann und wird uns das Er⸗ kennbare ſeiner Eigenſchaften ſtufenweiſe enthuͤllen. Wir werden ihn erkennen in allen den Vollkommen⸗ heiten, die ein Verhaͤltniß zum Geſchaffenen habenz er wird uns als Beſeliger ſeiner Werke offenbar werden, in dem Organ und Motiv ſeiner Schoͤ⸗ — —— pfungskraft, in dem Sohn, dem ſich uns offenba⸗ renden Gott, in dem Worte, dem Anfang alles Erſchaffenen. Nur die ſchaffende Kraft, die hervorbringende und ſich mittheilende Liebe des Ewigen und Einen, vermag das Geſchoͤpf mehr oder minder zu erken⸗ nen, und durch ſie allein iſt Annäherung und Ver⸗ einigung mit dem Unendlichen moͤglich. Sie iſt die ewige Offenbarung des göttlichen Weſens, der Grund im Ungrund, an welchem das Erſchaffene haftet, und dem das Geſchoͤpf, welches Seligkeit ſucht, ſich durch Reinheit möglichſt zu verähnlichen ſtreben ſoll. Dieſes ewige Wort iſt ewig eins mit dem Va⸗ ter und blieb es auch da, als es ſich in eine menſch⸗ liche Form huͤllte, um das Goͤttliche mit dem Ir⸗ diſchen auf's Innigſte wieder zu vereinen, und die in Finſterniß und Kaͤlte verſunkenen Weſen, das vom Tode verſchlungene Leben, zu erleuchten, zu er⸗ wärmen und ihm den Weg zu ſeiner urſpruͤnglichen Beſtimmung wieder zu öffnen. Im Hain Mamre erſchien dem Abraham dies ſchaffende Wort; es offenbarte ſich als Jehovah dem Moſes im flammenden Buſch; es wandelte und lehrte auf Erden in der Geſtalt des verkannten und gekreuzigten Propheten von Nazareth, und wird uns wieder erſcheinen als verklaͤrter Richter der Lebendi⸗ 3 gen und der Todten. Dieſe als Schopfer ſich offenbarende Kraft Gottes, dieſe uns einzig faßliche Aeußerung ſeiner ewig geheimnißvollen Weſenheit, dies fuͤr uns einzig Erkennbare in Gott, Jeſus Chriſtus, er, in dem, wie die Schrift ſagt, leibhaftig wohnet die ganze Fuͤlle der Gottheit, ſagt uns ſelbſt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer mich ſieht, ſicht den Vater. Nie⸗ 3 ——— mand kommt zum Vater, als durch mich. Wer an mich glaubet, der wird leben, auch wenn er ſturbe. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht ver⸗ gehen.“ Mit ihm innigſt vereint zu ſein, das allein kann alſo ewiges Leben und ewige Seligkeit ſein, denn er iſt, in der Allheit der göttlichen Majeſtät, die auf das Geſchöpf wirkende und ſich allein offen⸗ barende Weſenheit Gottes. —— — 11 — Wenden wir nun unſern Blick zuruͤck auf die äußere Natur und die Welt ihrer Erſcheinungen, ſo finden wir in ihrer herrlichen Große und Ordnung dennoch auch den hoͤchſten Grad der Verganglichkeit und der Gaͤhrung, und unter den lebenden Weſen Tod und Zerſtörung, Krieg und Untergang als Na⸗ turgeſetz, da die Erhaltung des Einen den Unter⸗ gang des Andern heiſcht. Betrachten wir den Men⸗ ſchen ſelbſt, das vollendetſte ſinnliche Geſchöpf, wie er mit ſich in ſtetem Widerſpruch und Streit lebt; wie in ihm, bei aller Hoheit ſeines Weſens, das Thieriſche doch nach Herrſchaft ſtrebt und ſie nur zu oft erringt; wie abhaͤngig er ſelbſt in ſeiner geiſtigen Entwickelung von aͤußern, zufälligen Verhältniſſen iſt: ſo muͤſſen wir in ihm ein Geſchoͤpf erkennen, deſ⸗ ſen edelſte Anlagen nicht blos hienieden unentwickelt bleiben, ſondern uns auch raͤthſelhaft erſcheinen. Die Vernunft, ſeine Zierde und ſein Stolz, durch welche er das Gebiet der ſichtlichen Erſcheinungen und die Geſetze derſelben zu erſpähen und zu er⸗ forſchen vermag, muß es ſich eingeſtehen, daß ſie von dem innern Weſen und dem Gehalt der Dinge, von der Urſache ihres Daſeins, von der Weſenheit. die im Scheine liegt, und von dem Zweck des — menſchlichen Daſeins nichts weiß und nichts wiſſen kann. Die Vernunft ſieht ſich auf dem Gipfel der irdiſchen Stufenfolge und uͤber ihr iſt das Un⸗ endliche, vor dem der Begriff ſchwindelt, ihr leer, weil ſie keine Bruͤcke, die zu ihm fuͤhrt, zu ſchlagen vermag. In dieſer ſcheinbaren Iſolirung folgt der Menſch zunaͤchſt den Geſetzen der äußern Natur, welche ihn durch ſeine Leidenſchaften und Triebe zur Selbſter⸗ haltung und zum Genuß auffordert; doch unver⸗ kennbar liegt in ihm die Ahnung von etwas Hoͤhe⸗ rem und Beſſerem, das dieſer Beſchränkung auf Sinnengenuß widerſpricht. Die Phantaſie des Menſchen ſucht ſich dieſe Ahnungen deutlich zu ma⸗ chen und kleidet ſie in Bilder und Formen, die nichts Anderes ſind, als Aberglaube und Wahn. Wo dieſe den Menſchen nun nicht mehr zu beftiedigen vermogen, da ſinkt er zuruͤck in das entgegengeſetzte Extrem des Ungluubens, und in beiden Fällen ſind Täuſchung und Irrthum ſein trauriges Loos! Wie in der ſichtbaren Natur, ſo iſt auch in dem geiſtigen Verhältniß unſers Weſens eine Mi⸗ ſchung von Wahrheit und Schein, von Licht und Nacht, von Ordnung und Verwirrung, von Gut —— — — — ————— — ——— — — — und Boſe; dieſe letztern Gegenſaͤtze bilden die Nacht⸗ ſeite des hoͤhern Lebens und haben leider, ſowohl in dem Gemuͤth der Menſchen, als auch in ihren Verhältniſſen zu einander, im Ammn ein herr⸗ ſchendes Uebergewicht. Aus Gott, dem Inbegriff aller Vollkommen⸗ heit und Guͤte, dem reinſten, ewig unveraͤnderlichen und ſeligſten Weſen, konnte in den Schopfungsmo⸗ menten nur Reines, Gleichfoͤrmiges und Seliges hervorgehen, das, frei von jedem Ver⸗ derben, im harmoniſchen Vechaltniß zu Gott und zu der Natur ſtand. Gott konnte nur Weſen ſchaf⸗ fen, deren Daſein ein Nachhall war von der ewi⸗ gen, nur durch ſich ſelbſt beſtehenden Harmonie. Jede Disharmonie, wo ſie ſich auch findet, kann in ſofern ſie Unwahrheit, Streit, Leiden und Ver⸗ derben erzeugt, nicht aus Gott hervorgegangen ſein, ſondern ſie iſt ein, aus dem Mißbrauch des freien Willens hervorgehendes Erzeugniß geſchaffener Weſen. Der Augenblick, in dem die Suͤnde und das Boͤſe entſtand, entfernte die Erſchaffenen von Gott; denn jeder Geiſt, der nach Unabhaͤngigkeit von Gott ſtrebt, oder dieſe möglich glaubt, verſinkt in Eigen⸗ duͤnkel und ſtolze Blindheit, und der wohlthätige — — Einfluß ſeines Gottes kann in ihm nicht mehr als Licht und Segen, ſondern nur noch erhellend wirken. Die Sonne beſtrahlt ſolche Gletſcher, aber ſie erwaͤrmt ſie nicht. Im Brennpunkte der Selbſt⸗ heit wird das gottliche Licht zum Feuer des Zornes, den der Gefallene, ſo weit ſein Einfluß reicht, in boͤſem Willen und boſen Werken offenbart. Durch ſich ſelbſt kann der Geblendete nicht wieder ſehend werden, der ſtolze Suͤnder kann die Demuth nicht lieben, die Selbſtſucht ſich nicht ent⸗ kleiden von ihrer Eigenmacht, die Luge nicht nach Wahrheit ſtreben, es bedarf dazu einer Einwirkung von oben, eines hellen Lichtes, um das Nichtige des eigenen Seins zu erkennen, um das Selbſtſuchtige haſſen und das Göͤttliche lieben zu lernen; es be⸗ darf einer Erlöſung, auf daß die Schwachheit ſich in Kraft verwandeln koͤnne. Die erſte wieder ſichtbar verſtaͤndliche Offenba⸗ rung der ewig ſich gleichen Liebe Gottes, in den Tiefen der Nacht und Verwirrung geſchah durch das Wort, das mit unendlicher Weisheit das Chaos ordnete, damit das Geſchaffene ſich wieder ſtufen⸗ weiſe dem goͤttlichen Lichte naͤhern und ſeine ver⸗ ſchloſſene Empfaͤnglichkeit dafuͤr wieder entwickeln — 6 — könne. Das ſinnliche Weltall wurde dadurch zur ſichtbaren Ofſenbarung der Allmacht, Weisheit und Guͤte Gottes. Damit aber der Geiſt ſein Verhältniß zum Schöpfer erkennen und die Bedeutung des Daſeins begreifen lerne, ſo offenbarte ſich das ewige Wort unmittelbar einigen Lichtfaͤhigen und Auserwaͤhlten, und weihete dieſe dadurch zu Prieſtern und Lehrern des unkundigen Menſchengeſchlechts. Endlich nach langen Vorbereitungen kam der Zeitpunkt, in welchem auf die einfachſte und deut⸗ lichſte Weiſe dem Menſchengeſchlecht die vollſtaͤndige Offenbarung uͤber die Weſenheit ſeines gegenwärtigen Zuſtandes und ſeine ewige Beſtimmung werden ſollte. Die ewige Liebe Gottes, als Weſenheit, ſenkte ſich in die reinſte, ſinnliche Hulle, um dadurch die gefal⸗ lene Natur fur eine einſtige Vergeiſtigung und voll⸗ kommenere Herrlichkeit, ihrer urſpruͤnglichen Beſtim⸗ mung gemaͤß, wieder empfaͤnglich zu machen und den durch ſelbſtverſchuldete Thierheit erniedrigten Stand des Menſchen wieder zu heiligen und in Harmonie zu bringen, und mit ſeiner wahren und unendlichen Beſtimmung, die er einſt wieder finden wird in Gott, dem Beſeliger alles Lebens. Die ewige Liebe erſchien uns hienieden in der reinſten und vollendetſten menſchlichen Natur; ſie unterwarf ſich der Beſchraͤnktheit geſchaffener Weſen und allen Leiden der ſinnlichen Materie, ſo wie den vielfältigen Einfluͤſſen der dem Guten wider⸗ ſtrebenden Mächte. In Jeſus Chriſtus offen⸗ barte ſich eine Groͤße, welche wir nicht zu faſſen vermogen. Er zeigte die Kraft des Glaubens an Gott, und die Erhabenheit des Geiſtes uͤber jeden irdiſchen Reiz, jede irdiſche Luſt, jede Verſuchung des irdiſchen Lebens; er lehrte uns durch Wort und That, wie es uns nur durch freie Aufopferung unſerer Selbſtheit moͤglich werden kann, das Göoͤttliche zu gewinnen und daß uns nichts ſo theuer ſein darf, daß wir es nicht freiwillig dem zu opfern bereit ſein muͤſſen, durch welchen wir ſind. Er zeigte uns während ſeines Wandelns auf Erden den Weg der Reinigung, auf daß mehr und mehr beſeligend das Göttliche ſich ewig in uns ſpie⸗ geln könne, und mit unſerer Schwäche bekannt, ver⸗ ſprach er den Glaͤubigen, ihnen auch nach ſeinem ſichtbaren Scheiden gegenwaͤrtig zu bleiben bis an's Ende der Zeit, und Alle, die ihn lieben, durch die Kraft und den Beiſtand des heiligen Geiſtes, des Geiſtes vom Vater und vom Sohn, hin zu ſich zu ziehen in das ewige Vaterland. * In Jeſus nahete und vereinigte ſich die Gottheit mit dem menſchlichen, durch ſeine Erniedri⸗ gung allein auf die Sinnenwelt beſchraͤnkten Geiſt, und verband ſich zugleich auch weſentlich mit der phyſiſchen Natur, um die in ihrem Innern ſchlum⸗ mernde Moͤglichkeit der Wieder⸗Vergöttlichung zu wecken und von Neuem zu beleben. Als Held und Sieger ging er durch die Irr- und Truͤbſale des Lebens, und die Racht des Todes zur Auferſtehung uns voran und ſchwang ſich dann verklaͤrt empor zu jener Herrlichkeit, die ihm eigen war, ehe die Welt geſchaffen wurde. Durch ſeine Geburt, ſein Leiden, Sterben und Auferſtehen vollendete Jeſus auf Erden das große Werk der Erloͤſung, und vernichtete dadurch, als Erſtling der Erſtandenen, die Macht des Todes und des Teufels. t Der erſte Urheber der Selbſtſucht, dieſer Mut⸗ ter des Neides, des Stolzes, der Zwietracht und des Haſſes, ſo wie alle ſpaͤtern Theilnehmer des Boͤſen, wurden Stoͤrer der gottlichen Schoͤpfungs⸗Harmo⸗ nie, ſie wurden Widerſacher Gottes. Wer ſich aber — 18 — von dem Licht trennt, verſinkt in Finſterniß und verblindet fuͤr den Glanz der Wahrheit: er kann das Goͤttliche nicht mehr ſchauen. Jede geiſtige Fä⸗ higkeit und Thätigkeit eines ſo in Irrthum verſunkenen Weſens kann das Uebel nur vermehren, da jede nicht von oben, nicht aus dem Licht ſtammende Er⸗ kenntniß vom Uebel iſt. Allein die Moͤglichkeit der Erkenntniß im Licht und aus dem Licht hat Jeſus den Menſchen wieder gegeben; in fruͤhern Zeiten mittelbar durch die Pro⸗ pheten und ſpäterhin, bei ſeiner Erſcheinung auf Er⸗ den, unmittelbar durch ſeine Lehre und ſein Beiſpiel. Wir kennen nun den Weg, den er ſelbſt wieder auf⸗ waͤrts ging, nachdem er als reines, goͤttliches Weſen ſich aus unendlicher Liebe zum Geſchoͤpf, allen Wir⸗ kungen der Suͤnde unterworfen hatte. Fuͤr uns ward dadurch die Moͤglichkeit begruͤndet, daß wir durch freien Willen und mit ſeiner Kraft, ihm nun folgen koͤnnen bis zu dem Licht, in dem er thront. Ein freies Weſen kann keine ſeiner Handlun⸗ gen ungeſchehen machen, und eben ſo wenig die ewi⸗ gen und unausbleiblichen Folgen derſelben fuͤr ſich und Andere verhindern, da im Univerſum Alles durch Action und Reaction verkettet iſt. Als durch den Mißbrauch des nothwendig freien Willens die Moglichkeit des Böſen wirklich wurde, da wurden die urſpruͤnglich rein und ſchuldlos erſchaffe⸗ nen Weſen nun eine Miſchung aus Guͤte und Suͤnde, und da ihr Wille in Zwieſpalt mit ſich ſelbſt gerathen iſt, wuͤrden ſie ohne goͤttliche Einwir⸗ kung ewig in der Widerwärtigkeit dieſes Zwieſpalts bleiben, da ſelbſt dann, wenn ihrem Willen noch eine Wiederannaͤherung an Gott moglich waͤre, ſie in dieſer doch nur den unertraͤglichen Schmerz der Suͤnde und ihre Nichtigkeit zu empfinden vermoͤ⸗ gend ſein wuͤrden. Der durch die Suͤnde fur das Goͤttliche verblindete und auf ſich und ſeines Glei⸗ chen beſchraͤnkte Geiſt kann ſich nicht durch ſich ſelbſt wieder zur Reinheit und zur Empfaͤnglichkeit fuͤr göttliche Einwirkung erheben; er kann nicht die Fortpflanzung des Uebels bis in's Unendliche hinein, verhindern, nicht ſich ſelbſt vor kuͤnftigen Vergehun⸗ gen ſichern; Selbſthuͤlfe iſt und bleibt fuͤr ihn unmoͤglich. Gott aber, der Alles beſeligen und als die Cen⸗ tralſonne der geiſtigen Welt alles Entfernte wieder mit ſich vereinen und an ſich ziehen will, hat ſich — — der Suͤnder erbarmt; er offenbarte ſich als der Sohn Gottes ſichtbar unter uns und lehrte uns den Weg zum goͤttlichen Leben, indem er ſelbſt erbar⸗ mend ſich bis in den Mittelpunkt der Nacht und des boͤſen Princips ſenkte. Nachdem der Sohn Gottes ſich in Verſuchun⸗ gen und Leid als Held und Dulder bewaͤhrt hatte; nachdem er ſein Lehramt vollendet und auf Golgatha den Tod und die Holle uͤberwunden hatte, war das anbetungswuͤrdige Werk der Erlöſung vollbracht, und als Sieger kehrte er zuruͤck in die Regionen des Lichts, doch ohne uns ſeine Gegenwart zu entziehen. Die Menſchwerdung Gottes war das geheim⸗ nißvolle und einzige Mittel, wodurch wir aus den ſelbſtverſchuldeten Banden erloͤſet und fuͤr Wahrheit und Heiligung wieder empfaͤnglich werden konnten. Nur durch die herablaſſende, innigſte Annaͤherung des Unendlich⸗Reinen zu der geſunkenen menſch⸗ lichen und phyſiſchen Natur; nur durch das Leben und Leiden des Gottesſohnes in den Thäalern des Todes wurde es moͤglich, die zahlloſen Folgen der Suͤnde, die ſich ja auch noch jetzt täglich mehren und ſich in's Unendliche vervielfaltigen, fuͤr die Ewig⸗ keit zu tilgen und die druͤckende Schuld fuͤr die — — Suͤnden in Segen zu verwandeln, ba ohne ein ſolche Tilgung fuͤr uns keine Seligkeit gedacht wer⸗ den kann. Den Weg in das Reich ſeines Vaters ging uns Jeſus auf menſchliche Weiſe ſegnend und leh⸗ rend voran, und erwarb uns dadurch die Moglich⸗ keit unſerer Ruͤckkehr zu dem Erbe der himmliſchen Gluͤckſeligkeit. Unſere Pflicht iſt es jett „ganz allein und aus⸗ ſchließend nur ihm zu folgen auf der Bahn des Lichtes und des Lebens. Ihn zu lieben und durch ganz unbedingte, freie Hingabe an ihn das Gott⸗ lich⸗Menſchliche von ihm zu empfangen und in uns aufzunehmen, auf daß er in uns und wir in ihm leben. Er wandelte die Gerechtigkeit Gottes um in Gnade; er hat uns frei gemacht fuͤr die Ewigkeit und hat uns von allen Folgen und Wirkungen un⸗ ſerer Suͤnde befreit. Wer an ihn glaubet, wird ſe⸗ lig werden. Dies, mein theurer Steinfeld, iſt das Faß⸗ lichſte, was ich Dir uͤber meinen Glauben an Je⸗ ſus, als an den wahrhaftigen Sohn Gottes und unſern Erloſer, zu ſagen vermag. Keinem, der auf⸗ wärts ſtrebt, kann, darf und wird dies heilige Ge⸗ heimniß gleichgultig laſſen, wie Du ſelbſt es auch, vielleicht ohne es zu wollen und zu wiſſen, durch Deinen Brief beweiſeſt. Wahrheit in Gott iſt ge⸗ wiß fuͤr den Suchenden zu finden, doch wird ſie auf verſchiedene Weiſe gegeben, nach dem Grade un⸗ ſerer Empfaͤnglichkeit und nach der Verſchiedenheit unſeres Auffaſſungsvermögens. Moͤge der Geiſt, der vom Vater und vom Sohn ausgeht, auch in Deiner Seele Licht und Klarheit verbreiten, und Du Dich von dem weltlichen Jrrweg der Vernunfter⸗ kenntniß hinweg zur Gnadenſonne des Glaubens wen⸗ den. Mit dieſem herzlichen Wunſch ſchließe ich Dich in mein Gebet als Dein wahrer Freund Renatus. Steinfeld an Emma. Unſer geſtriges Geſpräch, meine theure Freun⸗ din, hat einen ernſten Nachklang in mir zuruͤckge⸗ laſſen, und ich achte Ihr Streben nach Harmonie der Vernunft und des Gefuͤhls, in Hinſicht auf die — — wichtigſte Angelegenheit fur den denkenden Menſchen, in Hinſicht auf ſeinen religisſen Glauben, zu ſehr, um es nicht zu verſuchen, Ihrer Aufforderung Ge⸗ nuͤge zu leiſten und Ihnen den Weg, auf dem mich Zweifeln und Forſchen zu jener Harmonie gefuͤhrt haben, anzudeuten. Der einfache, ſtarke, kindliche Gefuͤhlsglaube Ihrer reinen Seele ſicherte bis jetzt den Frieden derſelben in unbedingter Liebe und Ver⸗ trauen zu dem Schoͤpfer Ihres Daſeins; allein die Briefe Ihrer Freundin Adelheid haben Sie zuerſt darauf aufmerkſam gemacht, daß Sie Ihren religiöſen Glauben nie der Pruͤfung Ihrer Vernunft unterworfen haben, und Sie beben jetzt vor dieſer Pruͤfung zu⸗ ruͤck, weil Ihre Freundin es fuͤr entſchieden haͤlt, daß die Vernunft zu einer ſolchen Prufung ſo wenig fähig als berufen iſt, da der Menſch ſich ſeinem geiſtigen Vermogen nach durchaus nur leidend ver⸗ halten muß, wenn das Licht des chriſtlichen Glau⸗ bens, als des allein ſeligmachenden, in ihm aufgehen ſoll. Dieſe Anſicht Ihrer Freundin wuͤrde nie Ge⸗ walt uͤber den ſchoͤnen Frieden Ihrer frommen Gottgläubigkeit gewonnen haben, wenn nicht eben Ihrem Glauben die Baſis der Vernunfterkennmniß gefehlt hätte. Hat der Offenbarungsglaube im Ge⸗ — — muͤth des Menſchen keine andere Baſis, als ben Inſtinct ſeines Gefuͤhlsglaubens, den der Anblick der Natur in ihren ſichtbaren Erſcheinungen in ihm weckt, ſo erheben wir freilich dadurch den Glauben an die Geheimniſſe der geoffenbarten Religion zu einem Wunder, das ſich in dem Gemuͤth jedes die⸗ ſelbe bekennenden Individuums immer meu wieder⸗ holt; allein dieſe Anſicht iſt nicht die meinige, da ich nicht zu begreifen vermag, wie der Menſch eine Offenbarung anerkennen und annehmen kann, wenn er nicht ſchon einen Begriff von dem Weſen hat, das ſich ihm offenbart. Eben ſo wenig kann ich die Nothwendigkeit eines uͤbernatuͤrlichen und durch Tradition fortgepflanzten Urſprungs des Begriffs und des Glaubens an einen Gott annehmen, da der Menſch faͤhig iſt, dieſen Begriff aus ſeinem eigenen Vermoͤgen zu entwickeln. In unſerer Zeit konnen die Ahnungen des Ge⸗ fuͤhlsglaubens als Grundlage unſerer religiöſen Ueber⸗ zeugung keinem gebildeten Menſchen mehr genuͤgen. Es gab eine Zeit, wo der großte Theil des männ⸗ lichen Geſchlechts und das weibtiche ohne Ausnahme mit dem in ihrem Gemuͤth auf den Gefuͤhlsglauben geimpften Offenbarungsglauben ausreichen konnte; Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. 1 Zwölfter B an d⸗ Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in Leipzig iſt und in allen Buchhandlungen zu haben: Mariamne. Eine hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus Palaͤſtina. Aus dem Engl. von *r. 3 Theile. Preis 3 ½ Rthlr. oder 6 Gulden 36 Kr. rhein. Dieſes Werk gehoͤrt unſtreitig zu den intereſſan⸗ teſten Erſcheinungen in der neueſten unterhaltungs⸗ Literatur. — Wenn das Geſchick vovn Anna Bou⸗ len, ſo oft es erzaͤhlt wird, immer Theilnahme er⸗ regt; wie ſollte es das ſo gleichartige der ſchoͤnen Ma⸗ riäamne nicht? und die Erzaͤhlung von den Schick⸗ ſalen dieſer hat noch einen Nebenreiz. Der Schau⸗ platz iſt in Paläſtina, im gelobten Lande; zu einer Zeit, wo dieſes halb den Roͤmern zinsbar und halb von den Maccabaͤern gerettet, noch ſeine Frei⸗ heit genießt; zu einer Zeit, wo Antonius, Kleo⸗ patra und Octavianus glaͤnzen, die alle in die⸗ ſelbe auf das innigſte verflochten ſind; ſie hat endlich ein juͤdiſch-morgenländiſches Gewand, das den Reiz der Neuheit fuͤr die Leſewelt beſitzt. allein dieſe Zeit iſt nicht mehr. So wie der Menſch in Hinſicht auf Farbe und Geſtaltung ſeiner Koͤrper⸗ bildung dem Einfluß des Klima's und der Zonen unterworfen iſt, ſo iſt er es auch, im Bezug auf ſein geiſtiges Leben, dem Einfluß des Zeitgeiſtes, und dieſer im offenen Kampf mit dem blinden Offenba⸗ rungsglauben, der, wenn er ſich nicht auf Vernunft⸗ erkenntniß gruͤndet, nur zu leicht in blinden Unglau⸗ ben ſich wandelt. Die Nichtachtung der Vernunft, das Schmaͤhen ihrer Ausſpruche, das jetzt bei vielen Gelehrten und Laien an der Tagesordnung iſt, thut der Sache, die ſie verfechten wollen, großen Scha⸗ den; die Menge gibt ſich freilich unter der Maske der Fröͤmmelei nur zu gern und zu leicht dem gefähr⸗ lichſten Feind der Religion, dem indolenten Indiffe⸗ rentismus hin, der nach keinen Gruͤnden fragt, weil er kein Beduͤrfniß empfindet, das ihn reizen könnte, ſich mit ſich ſelbſt uͤber ſeine religiöſen Meinungen verſtändigen zu wollen; allein jeder denkende Menſch empfindet in unſern Tagen gewiß lebhaft das Be⸗ duͤrfniß der Uebereinſtimmung zwiſchen den Aus ſpruͤ⸗ chen der Vernunft und den Lehren, die wir als eine übernatuͤrliche Offenbarung Gottes annehmen ſollen, wenn gleich nur wenige von den Gebildeten Zeit Tarnow's Schriften. XI. und Neigung haben, auf dem Wege eigener For⸗ ſchung zu erkunden, was uns die Vernunft von Gott zu offenbaren vermag. Widerſpruch zwiſchen Ver⸗ nunfterkenntniß und Offenbarungsglauben kann und darf nicht Statt finden, da es nur Eine Wahrheit und Einen Gott gibt, und wenn die Erkenntniſſe der Vernunft den denkenden, ſittlich guten Menſchen nicht zum Glauben an die Göottlichkeit der Offen⸗ barung zu fuͤhren vermögen, ſo bleibt dieſer Glaube ewig in ſeinem Gemuͤth ein Gebaͤude ohne feſtes Fundament. Die allerunterſte Stufe der Gotteserkenntniß iſt der Gefuͤhlsglaube, der beim Anblick der Er⸗ ſcheinungen der ſinnlichen Natur im Menſchen er⸗ wacht, und der als ein reines, unverfalſchtes Er⸗ zeugniß unſeres Menſchſeins um ſo hoͤher zu achten iſt, da es fuͤr Individuen, wie fuͤr Voͤlker, einen Standpunkt der Entwickelung gibt, wo es ihnen noch völlig unmoglich iſt, die Gruͤnde fuͤr das Da⸗ ſein Gottes methodiſch zu entwickeln, zu begreifen und zu prufen. Dieſer Gefuͤhlsglaube an Gott be⸗ darf keiner Beweiſe; er iſt ein angeborner Seelen⸗ inſtinct und ſchon als ſolcher ein Buͤrge fuͤr den Adel unſerer ſittlichen Natur; allein die Erſcheinungen der ſinnlichen Natur konnen uns nur zur Idee eines Weltenbaumeiſters, zur Bewunderung ſeines Kunſt⸗ verſtandes und ſeines unerſchöpflichen Bildungsver⸗ mögens fortreißen; ſie vermogen nicht, uns irgend einen Aufſchluß uͤber den Zweck des Ganzen, ſo wie uͤber den Zweck unſers eignen Daſeins zu geben, und doch muß der Menſch uͤber beide ganz und fuͤr immer mit ſich einig ſein, wenn er ſich ſeines Menſchſeins zu erfreuen fähig und wuͤrdig ſein ſoll. Der Begriff Gott bleibt ewig außer allem Verhältniß zu unſerer Ideen bildenden Kraft, und daher bedarf es keiner Schlußreihe, uns zu ihm zu fuͤhren, ſondern unſere Seele findet ihn, noch ehe ſie ihn geſucht hat. Unwiderſprechlich iſt es, daß ſich der Glaube an das Daſein eines hochſten Weſens in uns entwickelt, ohne daß wir uns eines Grundes fur die Wirklichkeit deſſelben bewußt zu werden brauchen⸗ Es liegt freilich im Grunde unſerer Seele dieſem Glauben immer eine Verbindung von Begriffen zum Grunde, allein wir brauchen uns ihrer nicht als Vorſtellungen bewußt zu ſein, ja viele derſelben koͤnnen wir gar nicht zum Range deutlicher Vor⸗ ſtellungen erheben, da die meiſten derſelben dem ſchaͤrfſten Denker eben ſo unbegreiflich bleiben, als dem einfachen Menſchenverſtande, nur mit dem Unterſchied, daß dieſer, weit entfernt, ihre Unbe⸗ greiflichkeit anzuerkennen, ſie völlig zu verſtehen und zu begreifen glaubt, da hingegen der Denker mit ehrfurchtsvollem Schauer in die geheimnißvolle ihm unvergaͤngliche Tiefe alles urſpruͤnglichen Seins blickt. Wie nun aber der Menſch dazu gelangt, feſt an ein Unbegreifliches und Unbegriffenes zu glauben, läßt ſich in der Geſchichte des Einzelnen fuͤr die Geſchichte der Menſchheit nachweiſen. Wir glauben an unſer eigenes Daſein, wir glauben an das Daſein der Außenwelt, unabhängig von dem Erkennen aller Gruͤnde fuͤr die Wirklichkeit deſſelben, aus unmittel⸗ barer, uns angeborner Zuverſicht zu dieſer ihrer Wirklichkeit. Alle Nachforſchungen daruber fuhren uns auf Triebfedern zurück, die wir aus keinem reflectirenden Vermoͤgen unſerer geiſtigen Natur zu erklären vermogen, und denen wir alſo einen von dieſen unabhaͤngigen Urſprung zuerkennen muͤſſen. Welchen Weg auch die Vernunft zur Pruͤfung und zur Erklärung unſers Naturglaubens an die Wirk⸗ lichkeit der Dinge einſchlägt, ſo kommt ſie doch im⸗ mer auf ein Urgeſet zuruͤck, von dem ſich nichts er⸗ klären, ſondern von dem blos als von einer reinen — 6 — Thatſache ganz einfach geſagt werden kann, daß es da iſt und daß in ihm gewiſſe Begriffe und Vor⸗ ſtellungen, als von der Natur der menſchlichen Seele unzertrennlich, nothwendig begruͤndet ſind. Dieſe Nothwendigkeit, gewiſſe, uns mechaniſch inwohnende Triebfedern einer Ueberzeugung ohne weitere Begrun⸗ dung derſelben im Denkvermögen, in uns wirkſam zu fuͤhlen, muß jeder Menſch anerkennen. So wie nun aber der Geiſt des Menſchen ſich entwickelt, er⸗ wacht in ihm das Beduͤrfniß, ſeinen dunkeln und bewußtloſen Gefuͤhlsglauben an die Wirklichkeit der Dinge, zu Begriffen aufzukläͤren und ſich von ihm Rechenſchaft zu geben, und es kommt dann in der Entwickelungsgeſchichte des Individuums wie der Menſchheit der Punkt, wo uns die Erſcheinungen der Sinnenwelt auf Fragen hinleiten, die nicht von ihnen beantwortet werden konnen, und wo Beduͤrf⸗ niſſe in uns erwachen, die uns aus der Sphäre der⸗ ſelben hinaus in ein Reich der Ideen und der ſittli⸗ chen Gefuͤhle hinuberziehen. Die Erſcheinungen der äußern Natur wuͤrden ewig fuͤr uns eine unver⸗ ſtaͤndliche Bilderſchrift bleiben, wenn nicht in unſerer Seele das Ideal einer geiſtigen Welt ruhete, auf die wir die Erſcheinungen der aͤußern beziehen, indem — 30 — wir ſie aus ihr ableiten. In der Welt der äußern Erſcheinungen iſt Alles Kampf, Alles Zwieſpalt, Alles Räthſel ohne Aufloͤſung. Tod und Leben, Mordluſt und Liebe, Verweſung und Wiedererneue⸗ rung kämpfen mit einander, und die Natur reißt den Menſchen unaufhaltſam mit in dieſen Kreislauf ihrer Geſetze, und weckt in ſeiner Seele, gerade durch die Widerſpruͤche und Räthſel, die ſie ihm vorfuͤhrt, die Ahnungen einer unſichtbaren, nach an⸗ dern Geſetzen geregelten Welt, in der alle Diſſo⸗ nanzen der Sinnenwelt ſich in Harmonie auflöſen. Der Menſch ſelbſt iſt eine Welt im Kleinen, und als ſinnliche Erſcheinung iſt in ihm ein Kampf zwi⸗ ſchen Nothwendigkeit und Bedürfniß, Begierde und Neigung, deſſen Ermattung das Sehnen nach Frie⸗ den weckt. Wir erkennen uns ſelbſt als ein Doppel⸗ weſen, das als ein ſolches zwiefache Beduͤrfniſſe hat: phyſiſche, die uns mit der Welt der ſinnlichen Erſcheinungen verbinden, und deren Grund und Zweck wir klar zu erkennen vermögen, da ſie in un⸗ ſerm phyſiſchen Daſein begruͤndet ſind, und geiſtige, deren Zweck und Grund durch dieſes nicht erklaͤrt werden können. Mogen Leidenſchaften und Begier⸗ den noch ſo gewaltſam im Innern des Menſchen gaͤhren, er iſt Menſch und als ſolcher iſt in ihm das unvertilgbare Beduͤrfniß, allen Streit in ſich durch den Gehorſam gegen ein allguͤltiges Geſetz aus⸗ zugleichen. Wo ſich ungehemmt von aͤußern Zu⸗ fälligkeiten der Charakter der Menſchheit naturgemäß in einem Individuum entwickeln kann, da wird es ſich auch der Vernunft und zwar im Gewiſſen be⸗ wußt, und dieſe durchbricht nun nach den Geſetzen ihrer urſpruͤnglichen Organiſation die Schranken der Sinnlichkeit, und entwickelt aus ſich und in ſich den Begriff eines Weſens, durch deſſen Daſein alle Raͤthſel der ſichtbaren, wie der unſichtbaren Welt zu ihrer eignen, hoͤchſten Befriedigung geloͤſet werden. Die Nothwendigkeit, dieſen Begriff aus ſich entwickeln zu muͤſſen, iſt in dem Raͤderwerk ihres innern Mechanismus als naturgemaͤß verflochten, und ganz ohne ihr Zuthun erwacht in ihr die Kraft, dem Menſchengeiſt den Begriff der Gottheit zuzufuͤhren, den dieſer nun im Inſtinct ſeines Beduͤrfniſſes er⸗ greiſt, wie das Kind die Mutterbruſt. Das erſte Morgenroth der geiſtigen Welt bricht im Innern des Menſchen mit dem erwachenden Bewußtſein des eignen Daſeins an, und ihre Sonne geht ihm auf in der Idee eines Schoͤpfers und Regierers der Welt. — 3 — Nun erſt, von dieſer Sonne echellt, vermag der Menſch den Zweck ſeines Daſeins und den Weg zum Ziel deſſelben zu erkennen und ſich das Räthſel aller ſeiner der Sinnenwelt nicht angehorenden Fä⸗ higkeiten und Beduͤrfniſſe zu loͤſen; nun erſt erwacht in ihm die Liebe fuͤr ein Sittengeſetz, deſſen ihm von ſeinem Gewiſſen offenbarte Verpflichtungen er ſonſt nur als Geſetz einer ihm unerklaͤrlichen Noth⸗ wendigkeit anerkannte. Denn nach der unwandel⸗ baren Natur ihres eigenen Weſens kann die Ver⸗ nunft ſich den Begriff Gott nur nach den Geſetzen conſtruiren, nach denen er die Eigenſchaften beſitzt und durch ſein Daſein die Forderungen befriedigt, die ſie von ihm als dem Urgrund ihres Daſeins zu for⸗ dern und an ihn zu machen berechtigt iſt. Dieſe moraliſchen Begriffe von Gott muͤſſen durchaus in unſerer Seele erwachen, ſobald unſere Vernunft zu der Stufe der Entwickelung und Aus⸗ bildung gelangt iſt, wo ſie uͤber die Sinnenwelt und uͤber ſich ſelbſt zu reflectiren beginnt. Die phyſiſche Natur kann uns den Zweck der Welt nicht ent⸗ huͤllen; dies kann nur die Vernunft, indem ſie einen moraliſchen Weltplan anerkennt, deſſen Zwecken alle ſinnliche Kraͤfte und Erſcheinungen nur als Mittel dienen. Die Natur offenbart uns, wie ſchon geſagt, den Schoͤpfer nur als Weltenbaumeiſter, doch die Vernunft kann ſein Daſein nicht anerkennen, ohne ihn als einen Erhalter und Regierer nach dem Plan und dem Endzweck der vollkommenſten Sittlichkeit anzuerkennen. Sie fordert einen moraliſchen Gott und ſie bezeugt und verbuͤrgt ſein Daſein, indem ſie ihn fordert. Die Vernunft kann ihrem Weſen nach nicht als ein Glied der Sinnenwelt betrachtet wer⸗ den, ſie ſteht nicht unter den Geſetzen derſelben, ſon⸗ dern ſie iſt die Prophetin und zugleich die Buͤrgerin einer Welt, in der andere Geſetze als die, fuͤr alle ſinnliche Erſcheinungen geltenden Naturgeſetze herr⸗ ſchen, und der Menſch muß, im Bewußtſein ſeiner Vernunft, ein Geiſterreich anerkennen, in welchem er durch ſie das Buͤrgerrecht erhaͤlt. Einigkeit mit ſich ſelbſt iſt eine Bedingung des Daſeins fuͤr die Ver⸗ nunft, nach deren Erreichung ſie durch ihre eigne Natur zu ſtreben gezwungen iſt, durch das Beduͤrf⸗ niß derſelben fuͤhlt ſie ſich aber auch an ein Geſetz gebunden, von deſſen Verbindlichkeit ſie, ohne ſich weiter Gruͤnde dafuͤr abzufordern, uͤberzeugt iſt, wie von ihrem eignen Daſein. Das Geſetz kann ſeinen Urſprung nicht in der Sinnenwelt haben, und ſie iſt daher durch daſſelbe genoͤthigt, Ein Ueberſinnli⸗ ches anzunehmen, in dem es ſeinen Urſprung hat, und das den Forderungen entſpricht, die die Ver⸗ nunft an den letzten Grund des Sittengeſetzes zu machen vermag. Der Menſch kann ſich alſo ſeiner Vernunft, er kann ſich ſeines Verhältniſſes zur Welt nicht bewußt werden, ohne durch einen geiſtigen Na⸗ turtrieb vom Bewußtwerden ſeines Gewiſſens zum Glauben an Gott uͤberzugehen, und zwar nicht als an einen todten Begriff, ſondern als an einen leben⸗ digen, ſich ſeinen Eigenſchaften nach, in dieſem Zwang der unwillkuͤrlichen Anerkennung ſeines Da⸗ ſeins, durch die Vernunft uns offenbarenden Gott. Die Idee eines ſolchen Gottes iſt ein unaus⸗ bleiblich aus ihrer eigenen Natur und den Prin⸗ eipien ihres Daſeins hervorgehendes Erzeugniß der Vernunft. Sie vermag das Weſen Gottes nicht zu begreifen; allein ſie vermag das lebendige, unſere ganze Seele in den ſchoͤnſten Stunden unſers Erden⸗ lebens durchbebende Gefuͤhl des Daſeins eines gott⸗ lichen Urhebers und Regierers der Welt, durch die ſchaͤrfſte Pruͤfung ſo zu bewaͤhren, daß es in ſeiner Sicherheit jedem Zweifel unzugaͤnglich wird. Dieſe Gruͤnde — laſſen Sie es mich noch einmal wieder⸗ holen, meine Freundin — liegen theils in dem Me⸗ chanismus ihres eignen Denk⸗ und Erkenntnißver⸗ moͤgens, dem zu Folge ſie den Begriff vom Daſein Gottes nothwendig aus ſich ſelbſt entwickeln muß, und theils in der Harmonie, die durch dieſen Glau⸗ ben die ganze geiſtige Natur des Menſchen erhaͤlt, da er uns auf den Standpunkt fuͤhrt, von dem aus wir dieſe allein nach ihren einzelnen Faͤhigkeiten und nach ihren Zwecken zu begreifen vermogen. Freilich muß der Glaube noch, ſeiner Natur nach, ein Reſultat des Gefuͤhls bleiben; er kann nicht zergliedert, nicht in Ideen und Schluͤſſe aufge⸗ loͤſet werden; allein die Vernunft iſt die erhabene Dolmetſcherin, die von Gott ſelbſt das heilige Prieſteramt erhalten hat, durch ihr Daſein das ſeine zu verkuͤnden, und dieſem hohen Beruf zu Folge kann und ſoll ſie die Weiſe aufhellen, auf die der Glaube im Menſchengemuͤth erwacht, und uns zei⸗ gen, wie er mit den Geſetzen und den Reſultaten der Erkenntnißkraft ihres eignen Weſens uͤberein⸗ ſtimmt. Bei der Ungleichheit der Geiſtesgaben, die nun einmal mit zum Plan der Welt gehoͤrte, durfte die Ueberzeugung von dem Daſein Gottes nicht blos dem Geiſt des Denkers erreichbar ſein, ſondern ſie mußte in der menſchlichen Seele auf eine von aller Speculation unabhaͤngige Weiſe begruͤndet werden, die mit gleicher Kraft auf den unverdorbenen Sohn der Natur, wie auf den geuͤbteſten Denker, auf das Weib, wie auf den Mann, zu wirken vermochte. Dies wurde dadurch erreicht, daß Gott die Vernunft ſo organiſirte, daß ſich auch ohne Selbſtbewußtſein ihrer Thäͤtigkeit der Begriff ſeines Daſeins in ihr entwickelte, ohne alle Anſchauung der Gruͤnde fuͤr die Annahme deſſelben, ganz als heilige, unerklaͤr⸗ bare Naturnothwendigkeit der geiſtigen Welt. Der Grund aber, auf den ſich in dem zum freien, ſelbſtbewußten Wirken der Vernunft gelangten Men⸗ ſchengemuͤth der Glaube an Gott unumſtoßlich be⸗ grundet, iſt das Anerkennen des Sittengeſetzes, das allen vernuͤnftigen Weſen als urſpruͤngliche Eigen⸗ ſchaft ihres Daſeins angeboren iſt. Wir vermoͤgen uns keine Vernunft zu denken ohne Gewiſſen. Wie das Auge fuͤr den Körper das Organ der Sehkraft iſt, ſo iſt das Gewiſſen fuͤr die Vernunft das Or⸗ gan der Gotteserkenntniß. Das Geſetz, das die Vernunft ſich ſelbſt als allgemeingultig und verbin⸗ * dend im Gewiſſen gibt, iſt unabhaͤngig von den Trieben unſerer empfindenden Natur, die alle auf Wohlſein gerichtet ſind; in unſerm innerſten und tiefſten Bewußtſein lebt aber eben ſo unvertilgbar, wie jene Triebe, der Begriff der Pflicht, und in ihm iſt uns zugleich ein Ideal der Sittlichkeit gege⸗ ben. Was wir ſind, genuͤgt uns nicht; wir fuͤhlen, daß wir noch Etwas werden koͤnnen, Etwas ſein ſollen, was wir noch nicht ſind, und dies Gefuͤhl leitet uns zu Fragen und Schluͤſſen, die uns auf den Begriff eines moraliſch vollkommenen Urhebers der Welt hinfuͤhren. Das Ideal der Sittlichkeit in uns iſt es, was uns den Glauben an Gott zu einem von unſerm eignen Daſein unzertrennlichen Begriff macht; denn ſo wie die Vernunft nur den Zweck der Welt als voͤllig befriedigend anerkennen kann, der mit den Idealen der Sittlichkeit, deren Prototypen ihr urſpruͤnglich eigen ſind, völlig uber⸗ einſtimmt, ſo kann ſie ſich auch in dieſer ihrer ſitt⸗ lichen Geſetzgebung nicht begreifen, ohne das Daſein eines Urquells aller ſittlichen Geſetzgebung vorauszu⸗ ſetzen. Der Begriff eines ſolchen in ſich vollendet guten Urquells iſt alſo eine in dem Weſen der Ver⸗ nunft gegruͤndete Folgerung ihrer Entwickelung. — Die Vernunft kann aber kein Sittengeſetz an⸗ erkennen, ohne Bewußtſein der Freiheit. Der Wille iſt ſowohl der Wuͤrde als der Macht nach das gei⸗ ſtige Koͤnigsvermoͤgen im Menſchen; er kann ſich von allen Reizungen des Triebes unabhäͤngig erhal⸗ ten; er vermag ſich uͤber alle Erſcheinungen der ſinn⸗ lichen Natur empor zu fluͤgeln, ja ſich zur Idee eines mit dem Sinnenleben gar nicht verbundenen Daſeins zu erheben, das aus eigener Kraft fortzu⸗ dauern vermag, wenn jenes von den Elementen ge⸗ ſtoͤrt wird. Es bedarf zwiſchen uns, meine Freundin, keiner Unterſuchung uͤber die Natur und die Be⸗ ſchaffenheit dieſes Seelenvermoͤgens; es genuͤgt uns, daß das unverkuͤnſtelte Gefuͤhl, der einfache, geſunde Menſchenverſtand keinen Zweifel an dem Beſitz der Willensfreiheit kennt und ſich derſelben in einer ur⸗ ſpruͤnglichen und unvertilgbaren Zuverſicht bewußt iſt. Alles Daſein bleibt ewig fuͤr uns ein Begriff, den wir verſtehen, ohne ihn ergruͤnden und zerglie⸗ dern zu köͤnnen. Die Hauptmerkmale ſeiner Menſch⸗ heit vermag der Menſch nur in ſeinem Bewußtſein zu faſſen, und ſobald er ſie ſich in ihren Beſtand⸗ theilen zu definiren ſucht, werden ſie ihm ein Räth⸗ ſel. So iſt auch das Bewufßtſein unſerer Freiheit eine Naturgabe und wie jede Naturgabe, zugleich ein Naturgeheimniß. Wir koͤnnen es nie fuͤr eine Aufgabe der Vernunft halten, das Unbegreifliche be⸗ greiflich machen zu ſollen, ſondern es muß uns ge⸗ nuͤgen, wenn ſie genoͤthigt iſt, die Freiheit unſers Willens als eine nothwendige Bedingung der Sitt⸗ lichkeit anzuerkennen und daraus die Ueberzeugung ſchoͤpft, daß dem Bewußtſein derſelben keine Täu⸗ ſchung zum Grunde liegen kann, ſondern daß es im Gegentheil als eine heilige Offenbarung aus einer hoͤhern Welt zu achten iſt. Wie von dem Begriff der Sittlichkeit der Be⸗ griff von Freiheit unzertrennlich iſt, ſo iſt es auch wieder von dieſer die Moͤglichkeit des Boͤſen, und der Menſch mußte mit einem Syſtem von Kraͤften in Verbindung geſetzt werden, die mit den Geſetzen der ſittlichen Welt nicht harmoniren. Der von der Ver⸗ nunft anerkannte Zweck unſeres Daſeins iſt ſittliche Vervollkommnung, Entwickelung und Pruͤfung unſe⸗ rer geiſtigen Kraͤfte; ſie kann alſo das Erdenleben nicht anders als eine Erziehungsanſtalt zur Sittlich⸗ keit betrachten, und die Bildung, die wir in dieſer erhalten, wuͤrde keinen Werth haben, wenn wir nicht durch Kampf zum Sieg gefuͤhrt wuͤrden. Der Stoff zu den Hinderniſſen, die ſich uns darbieten, konnte nicht aus der moraliſchen Welt genommen werden, und ſo wurde der Menſch materiellen Ein⸗ fluͤſſen und Kräften unterworfen, damit ſein Wille der ſittlichen Freiheit den Sieg erkämpfen koͤnne. Es gibt keinen rein geiſtigen Reiz zur Suͤnde, ſon⸗ dern jeder ſolcher Reiz geht aus einem irdiſchen Trieb hervor. Die Vereinigung und die Wechſelwirkung von Geiſt und Koͤrper, die wir unter der Idee des Menſchſeins zuſammenfaſſen, wird ewig ein Räthſel fuͤr uns bleiben, aber unſer Bewußtſein verbuͤrgt uns das Daſein dieſer Doppelnatur in uns, die das geiſtige Weſen dem Reiz der Suͤnde preis gibt, in⸗ dem ſie dieſen in die Natur des materiellen Lebens und der daraus reſultirenden Kraͤfte verwebte. So entdeckt die Vernunft in der Disharmonie zwiſchen den Wirkungen ſinnlicher Erſcheinungen und Beding⸗ niſſe unſeres Daſeins und dem moraliſchen Welt⸗ plan zu einer moraliſchen Weltordnung, nur eine Anſtalt zur Pruͤfung und Lauterung der ſittlichen Staͤrke geiſtiger Kraͤfte, und in dem anſcheinenden Streit des guten Princips mit dem boͤſen, ein Mittel, das zur Erreichung des Zweckes fuͤhrt, den ſie als den Zweck alles geiſtigen Daſeins aner⸗ kannt hat. Freiheit und Sittlichkeit ſchließen den Begriff der Pflicht in ſich, d. i. die durch ein allgemein gultiges Vernunftgeſetz beſtimmte Nothwendigkeit ei⸗ ner Handlung. Die Vernunft enthaͤlt in ſich eine ſolche unbedingte, von allen Verhältniſſen der Hand⸗ lungen zu ihren Folgen ganz unabhaͤngige Norm fur jene, durch die ſie alle einzelne und zufällige Zwecke einem letzten und hoͤchſten Zweck unterordnet. Ein ſolches Gebot des Sollens in der Menſchen⸗ ſeele ſetzt die Möglichkeit des Könnens voraus; denn die Vernunft kann nichts Widerſinniges und Unmogliches gebieten. Als ein auch der Sinnenwelt angehoͤrendes Weſen kann aber der Menſch hienieden nie zur vollendeten Harmonie ſeines Willens mit dem moraliſchen Geſetz gelangen; er fuͤhlt die Frei⸗ heit deſſelben vom Triebe gebunden, und das Joch dieſer Dienſtbarkeit vermag der Geiſt nicht zu zer⸗ brechen, ſo lange die Feſſeln des Erdenlebens ſeine Kraft binden. Da er nun aber ſeine Anſpruͤche auf jene Harmonie nicht aufgeben kann und darf, ſo muß er von dem Weltenſchoͤpfer eine Fortdauer ſei⸗ — nes Daſeins, mit dem Bewußtſein der Perſoͤnlichkeit fordern, als die unnachlaßliche Bedingung zur Aus⸗ fuͤhrung des von der Vernunft anerkannten Planes ſeiner ſittlichen Weltordnung. Das Gefuͤhl ahnet unſere Unſterblichkeit, die Lehren der geoffenbarten Religion verheißen ſie; allein auch hier behauptet die Vernunft ihr vom Himmel ſtammendes Recht der Vermittelung zwiſchen Gefuͤhl und Offenbarung. Wie ſie, nach den Bedingungen ihres eigenen Da⸗ ſeins in ſeiner heiligen Urſpruͤnglichkeit, eine geiſtige Welt dadurch beweiſt, daß ſie ſie erkennt, und wie dieſe geiſtige Welt wiederum von ihr nicht gedacht werden kann, ohne daß man fuͤr die vernuͤnftigen, freien Weſen in ihr ein unendliches Fortſchreiten zur hoͤchſten Sittlichkeit fordert, ſo muß ſie auch fuͤr dieſe Weſen von der Gottheit die Glͤckſeligkeit for⸗ dern, die von der Harmonie des Willens mit dem Sittengeſetz unzertrennlich iſt. So wie uns die Natur in den Erſcheinungen der Koͤrperwelt nicht das Daſein Gottes als eines Regierers des Weltganzen nach der Idee der Ver⸗ nunft zu verkuͤnden vermag, ſo wenig vermag ſie uns auch den Glauben an Unſterblichkeit als Fort⸗ — 43 — dauer mit Bewußtſein der Perſoͤnlichkeit zu erweiſen. Wohl laͤßt ſich aus ihr beweiſen, daß nichts vernichtet wird, nichts untergeht, und Tod und Verweſung nur Uebergang und Umwandlung zu einem neuen Leben ſind; allein wie wenig genugt dieſe bewußtloſe Unvergänglichkeit des Daſeins der Sehnſucht unſeres Herzens! Die Vernunft dagegen verbuͤrgt uns die Erfuͤllung aller Wuͤnſche und Ah⸗ nungen deſſelben, indem ſie uns beweiſet, daß die Unſterblichkeit, als Bewußtſein der Perſonlichkeit in Erinnerung fortſchreitender Vervollkommnung und im richtigen Verhaͤltniß dieſer Vervollkommnung zu unſerer Gluͤckſeligkeit, durchaus zur Ausfuͤhrung ei⸗ nes moraliſchen Weltplans gehoͤrt. Jeder Grund fuͤr das Daſein Gottes iſt auch ein Glaubensgrund fur die Unſterblichkeit der Seele, da ohne dieſe der Plan zu einer Welt nach dem Endzweck der hoch⸗ ſten Vernunft zwar angelegt, aber nicht ausgefuhrt wäre. Es bedarf fuͤr Sie, meine Freundin, nach dem Zweck dieſes Briefes, keines andern Beweiſes fuͤr die Unſterblichkeit, als die Verknuͤpfung dieſes Glaubens mit der Anerkennung des Sittengeſetzes, da beide unzertrennlich verbundene Reſultate jedes aus der Vernunft hergeleiteten ſittlichen Glaubens⸗ — — 44 — grundes an das Daſein Gottes ſind. Alles Fuͤr⸗ wahrhalten kann ja uͤbrigens nur im Glauben Statt finden, und das Hoͤchſte, was ich von meiner Ver⸗ nunft, zur Begruͤndung einer Ueberzeugung fordern kann, iſt, mich zu uͤberfuͤhren, daß mein Glaube auf Gruͤnden ruhe, deren Anerkennung ein weſentliches Bedingniß meines Menſchſeins iſt, das ohne die An⸗ nahme jenes Glaubens von mir guf keine Weiſe begriffen werden kann. Sobald die Vernunft ohne Ruͤckſicht auf die Erſcheinungen der ſinnlichen Welt allein aus ſich den Begriff der Gottheit entwickelt, ſo iſt unaus⸗ bleiblich in dieſem Begriff auch der der Weltregie⸗ rung, die wir Vorſehung nennen, enthalten. Alle vernuͤnftige Weſen ſind dem Willen dieſer Weltre⸗ gierung unterworfen, und muͤſſen in Gott den Ge⸗ ſetzgeber fuͤr ihre freien Handlungen, den Richter derſelben und den Spender ihrer Gluͤckſeligkeit aner⸗ kennen. Wenn aber gleich die Vernunft die Idee des Weltplans im Ganzen aufzufaſſen vermag, ſo vermag ſie doch nicht im Einzelnen die Ausfuͤhrung deſſelben zu ergruͤnden. Sie ſieht die Nothwendig⸗ keit des Uebels ein, allein ſie vermag die Verkettung dieſer Nothwendigkeit mit den Schickſalen der Men⸗ = 35 = ſchen ſelten zu ergruͤnden; ſie begnuͤgt ſich aber mit der moraliſchen Gewißheit, daß die Gerechtigkeit der Vorſehung einſt alle Räthſel dieſer Art voͤllig befrie⸗ digend fuͤr Empfindung und Idee löſen muß. Von dem Daſein eines weiſen, gerechten und guͤtigen Schoͤpfers und Regierers der Welt uͤberzeugt, erfaßt das Herz den Glauben an ihn mit der Zuverſicht ſeiner tiefſten, ſeiner heiligſten Liebe, und es kann kein Zweifel in ihm aufkommen, daß nicht Alles hienieden mit dem Endzweck der Welt harmoniren und jedes Leiden nur ein Mittel zum Gedeihen des Guten ſein muß. Wie koͤnnte ich fordern wollen, jett ſchon den Zuſammenhang der einzelnen Perioden meines Daſeins mit dem Weltganzen, die Harmonie meines Schickſals mit dem Weltplan einſehen zu wollen? Genug fuͤr mich, daß von meinem ſittlichen Bewußtſein, von meiner Vernunft, Zuverſicht, Glau⸗ ben und Hoffnung auf meinen Schopfer unzertrenn⸗ lich ſind. Alle Leiden, die mich treffen, ſind da, entweder zur Pruͤfung meiner ſittlichen Kraft, oder zur Läuterung meines ſinnlichen Begehrungsvermoͤ⸗ gens, und kein Leiden kann mich treffen, deſſen Er⸗ tragung ich nicht zur Tugend, zur Seee zu erheben vermag. Laſſen Sie uns jetzt, meine Freundin, noch ei⸗ nen Blick auf den Gang unſerer Forſchungen zu⸗ ruͤckwerfen und die Reſultate derſelben zuſammen⸗ fa ſſen. Im Menſchen iſt ein urſpruͤngliches, unvertilg⸗ bares Seelenvermoͤgen, das wir Gewiſſen nennen, und das uns zum Sieg der Idee uͤber den Trieb, zur Pflichterfuͤllung nach dem von uns erkannten und uns erkennbaren Umfang des Sittengeſetzes ver⸗ bindet. Sobald die Vernunft des Menſchen aus dem dumpfen Schlaf ſeines thieriſchen Daſeins er⸗ wacht, kann ſie ſich das Bewufßtſein einer ſolchen ſittlichen Verbindlichkeit nicht ablaͤugnen, und aus dieſem Bewußtſein entwickelt ſich nun das edelſte Vermogen der Seele, das Geiſterſiegel auf der Men⸗ ſchenſtirn: Gotteserkenntniß aus natur⸗ nothwendigem Wirken unſerer Vernunft, nach den urſpruͤnglichen Geſetzen ihres ihr anerſchaffenen Erkenntnißvermo⸗ gens. Jedes Vermoͤgen unſerer geiſtigen Natur zeugt fuͤr das Daſein Gottes; der Glaube an ihn iſt die Bluͤthe der Humanität, und der Menſch nur in ſo weit Menſch im vollen, wahren Sinne dieſes — 47 — Wortes, als er das Vermogen dieſer Gotteserkennt⸗ niß in ſich entwickelt hat. Die Fähigkeit dazu iſt in jedem Individuum des menſchlichen Geſchlechts. Denn die Natur des Menſchſeins iſt in dieſem Ver⸗ mögen der Gotteserkenntniß begruͤndet. Was der Sonnenaufgang in der ſichtbaren Welt iſt, das iſt in der geiſtigen unſere Erkenntniß Gottes durch freies Wirken der Vernunft. Eine ſolche Vernunft⸗ erkenntniß Gottes aus ihrem eigenen Vermoͤgen iſt unſtreitig die unmittelbarſte Offenbarung Gottes an die Menſchheit, und der religisſe Glaube, der ſich auf ſie gruͤndet, ermangelt keines Reſultats, deſſen der Menſch zur Kräftigung ſeines Pflichtgefuͤhls und zur Rechtfertigung ſeines Anſpruches auf Gluͤckſelig⸗ keit bedarf. Kein Mißtrauen, keine Furcht verduſtert ſein Verhaͤltniß zu ſeinem Schoͤpfer, und das heilige Intereſſe, welches die Vernunft an der Ausuͤbung der Tugend nimmt. Wir erblicken im Univerſum ein nach den Geſetzen der hoͤchſten Vernunft ent⸗ worfenes Syſtem freigeſchaffener Geiſter und mate⸗ rieller Kraͤfte, in welchem jedes vernuͤnftige Weſen in der ganzen Folgereihe ſeines Daſeins, nach dem⸗ ſelben heiligen Geſetz behandelt wird, dem gehorſam zu ſein es unbedingt ſich verpflichtet fuͤhlt; ein Sy⸗ — — ſtem, als deſſen Zweck die Vernunft vollige Harmo⸗ nie der Tugend mit der Gluͤckſeligkeit erkennt, und deſſen Erreichung ihr durch die Allmacht des Schoͤ⸗ pfers verbuͤrgt wird. So ſichert alſo die Vernunft dem Menſchen die Befriedigung der Hoffnungen ſeines Herzens, der Forderungen ſeines Geiſtes, der Beſtrebungen ſeines Willens, auf eine Weiſe, die der Menſchheit Wuͤrde und Freiheit gibt, und den Anſpruch unſerer em⸗ pfindenden Natur auf Gluͤck, mit dem Anſpruch un⸗ ſerer denkenden Natur auf Tugend in reine Harmo⸗ nie bringt. Hier ſtehen wir aber an der Grenze der Vernunfterkenntniß, und nun laſſen Sie, meine Freundin, uns zu einem noch unerwähnten Vermoͤ⸗ gen unſerer Seele wenden, edel und gottlich, wie das Gewiſſen es iſt: auf die Fähigkeit zur Got⸗ tesliebe in uns, und auf die erhabene Gemein⸗ ſchaft, in der Liebe und Vernunft uns die ſitt⸗ liche Welt und das Daſein ihres Urhebers offen⸗ baren. Welcher rein und wahrfuͤhlende Menſch hat nicht im ſeligſten Wonnegefuͤhl, wer nicht im tief⸗ — — ſten Schmerz Minuten erlebt, wo der Glaube an Gott, das Gefuͤhl ſeines Daſeins, unſere Seele in der Empfindung ſeiner Gewißheit mit einer ſo himm⸗ liſchen Klarheit durchblitzte, daß jeder Gedanke vor ihr zum kalten Schattenbilde wurde? — Welches Herz hat je ein zweites Herz wahrhaft geliebt, ohne ſich dadurch zu Gott, dem Urquell aller Liebe, hinge⸗ zogen zu fuhlen? — Wer vermag, gels et von der Feſſel des Triebes, das moraliſche Geſetz anzuſchauen, ohne die Seligkeit des unzerreißbaren Bandes zu empfinden, welches uns in Liebe und aus Liebe den Gehorſam gegen daſſolbe zur ſchoͤnſten Freiheit umwandelt? Unvertilgbar, wie im Geiſte der Gedanke, iſt in unſerm Herzen die Liebe, und wie die Vernunft die Ahnungen des dunkeln Gefuͤhlsglaubens zum Erkennen der Geſetze einer geiſtigen Welt läutert, ſo veredelt das Herz aus urſprunglicher ihm inwoh⸗ nender, anerſchaffener Kraft Menſchenliebe zur Gottesliebe. Und hier, meine Freundin, auf dieſe heilige Urkraft unſeres Weſens gruͤndet ſich der Glaube an die Offenbarung Gottes durch Jeſus Chriſtus. Die Tarnow's Schriften. XKII. 8 — Liehe und nicht die Vernunft iſt der Fels, auf den er ſeine Kirche gruͤndete. — Bedarf aber des Wei⸗ bes Herz, daß ihm die Geheimniſſe der göttlichen Liebe gedeutet werden? — Und darf der Mann es wagen, ſie ihm deuten zu wollen“ 3 * (Zweites Fragment.) 8 „ — 8 — — — — * „ — * 8 — S Erſter Brief. Emmaan Adelheid. Vie Monate ſind verfloſſen, meine einzige, ge⸗ liebte Freundin, ſeit ich in gänzlicher Abgeſchiedenheit von Dir lebe; das Andenken an mich weilt vielleicht nur noch in Deiner Seele, wie die Erinnerung an einen fteundlichen Morgentraum und Du wähnſt meine Liebe, meine Freundſchaft verſchwunden, wie die leichten, luftigen Gebilde des Schlummers. — Aber ich dachte Deiner, meine Adelheid, ſtets ſo in⸗ nig wie in jenen ſchoͤnen Tagen, wo wir vereint durch das heitre Leben tändelten und es uns ſo freundlich, ſo roſig erſchien. — Adelheid, noch er⸗ weicht ſich mein Herz, wenn ich jener Zeit gedenke, und eine heiße Sehnſucht, ein inniges Verlangen — nach ber laͤngſt entſchwundenen bewegt mich eben ſo ſuͤß als ſchmerzlich. Doch ich wollte Dir ja ſtill, ruhig und beſonnen ſchreiben, und da darf ich mich nicht zu ſehr den Erinnerungen uͤberlaſſen, die ſich mir ſo leicht aufdrängen. Du weißt es, meine Freundin, welch ein Schreckensruf mich aus dem Kreiſe riß, in dem ich mit Dir erzogen wurde, und in deſſen Umſchicmung nur Heiterkeit und Frohſinn mich beſeelte; Du warſt Zeugin von meiner Angſt, von meinem Schmerze; Du weißt es, daß ich nur in das elterliche Haus zuruͤckkam, um von meiner herrlichen Mutter die letzten Segensworte zu horen und von ihren bleichen Lippen den letzten Lebenshauch zu kuͤſſen. — Es war ein entetzlicher Schmerz, liebe Adelheid, der an ihrem Grabe durch meine Seele ſchnitt, und ich be⸗ greife es noch nicht, daß er nicht mein Leben endete. Vater und Mutter mir ſo plötzlich, ſo unerwartet entriſſen, ich einſam, verlaſſen, ach, gräßlich verlaſſen! Nie habe ich es gewagt, genau und ausfuͤhrlich nach dem Schickſal meines Vaters zu forſchen und zu er⸗ fragen, welche Todesart er erlitt. Finſtere Hin⸗ deutungen, dunkle Worte, ſchauerliche Ahnungen derſelben reichten ſchon hin, das Blut in meinen N 5 — Adern erſtarren zu machen, und mit grenzenloſer Scheu bangte ich vor jeder naͤhern Aufklärung. Was ich ſah, was ich hoͤrte, reichte hin, mich zu zerſchmettern und das ſechzehnjahrige Mädchen erlag unter der Laſt auf ſie gehaͤufter Leiden. Ich fand ſchon bei meiner Ankunft Alles in dem ſchönen Hauſe meiner Eltern verſiegelt und mußte nun nach dem Tode meiner Mutter Alles oͤffentlich verkaufen ſehen, was ich nur als ihr Eigenthum gekannt hatte. Mit großer Härte ſchlug man mir den Be⸗ ſitz einiger Kleinigkeiten ab, um die ich mit Thraͤ⸗ nen flehete, weil ich fuͤhlte, daß ſie nur fuͤr mich Werth haben konnten. Das Bild meiner verklrten Mutter war das einzige, was ich rettete. Mein Schmerz war zu einer ſtarren Bewuftloſigkeit ge⸗ worden, als der Schwager meiner Mutter, der Pa⸗ ſtor Raimar, zu mir eintrat und mich freundlich aufforderte, mich reiſefertig zu machen, um ihn zu ſeiner Frau, meiner Tante, zu begleiten. Seine Milde, ſeine Liebe gaben mir die Fähigkeit zuruͤck, Thraͤnen vergießen zu koͤnnen und heißweinend warf ich mich in ſeine Arme. Schnell waren die gerin⸗ gen mir gebliebenen Habſeligkeiten eingepackt und wrir verließen meine Geburtsſtadt. Der unbequeme — — Wagen, die abſcheulichen Wege, das ſchlechte Wet⸗ ter, nichts machte Eindruck auf mich; ich fuhlte nur die Erleichterung, einen Ort verlaſſen zu haben, wo Alles mir meinen grauſamen Verluſt fuͤhlbar machte. 5 Nach Verlauf einiger Tage kamen wir gegen Abend in dem kleinen Dörfchen an, wo mein Oheim wohnte; das Haus war klein, aber es ſah freund⸗ lich und reinlich aus, und meine Tante, die ich ſeit meinem fuͤnften Jahr nicht geſehen hatte, ſah mei⸗ ner lieben ſeligen Mutter ſo ähnlich, daß meine ganze Seele namenlos durch ihren Anblick bewegt wurde. Sie empfing die verarmte und verwaiſete Nichte mit Thraͤnen der Liebe und des Schmerzes. Von ihr gefuͤhrt trat ich in das kleine, enge, nie⸗ drige Wohnzimmer mit den duͤrftigen, weißen Kalk⸗ waͤnden; aber es war in mir noch zu ſtuͤrmiſch, als daß irgend etwas Aeußeres mir hätte auffallen kön⸗ nen. Die Reiſe und das viele Weinen hatten mich ermudet und ermattet, und meine Tante wies mir bald mein Schlafkämmerchen an. Ach, liebe Adelheid, gewiß ich hätte am andern Morgen, nach der er⸗ ſten, ſanften Nacht, die mir wieder wurde, Gott mit ganzer Seele danken ſollen, daß er mir ſo liebe, — — treue Verwandte und bei ihnen einen ruhigen Auf⸗ enthalt geſchenkt hatte; aber meine Augen fielen auf meine neuen Umgebungen und mit unendlicher Schwere legte ſich nun zum erſten Mal der Ge⸗ danke auf mein Herz, daß ich auch mein außeres Gluͤck gaͤnzlich verloren habe. Ich war, wie Du, im Ueberfluß erzogen; ſchoͤne, zierlich geſchmuͤckte Zimmer, eine aufmerkſame Bedienung, geſchmackvolle Kleidung, an Alles dies war ich ſeit fruͤheſter Kind⸗ heit ſo gewoͤhnt, daß es mir nie eingefallen war zu denken, daß es anders ſein könne. Wie aͤrm⸗ lich aber ſah nun Alles in der Wohnung mei⸗ nes Oheims aus und trotz der großen Reinlich⸗ keit, die dieſer Aermlichkeit einen Anſtrich laͤndlicher Zierlichkeit gab, erſchien es mir doch als eine Un⸗ moͤglichkeit, daß ich mich je in dieſer Umgebung wieder heiter und froh wuͤrde fuͤhlen koͤnnen! Ich kleidete mich an und ging nach dem Wohnzim⸗ mer, es war leer; ich fragte nach meiner Tante, ſie war im Kuhſtall. Es fiel mir nicht ein, ſie dort aufzuſuchen und ſo mußte ich lange warten, ehe ſie kam. „Du haſt lange geſchlafen,“ ſagte ſie mir freundlich, „und das hat Dich wohl recht erquickt?“ Jeder Zug ihres Geſichts, der Ton, der Ausdruck — ihrer Stimme riefen mir meine Mutter zuruͤck, und mein Herz wallte auf in inniger Liebe zu ihr; allein meine Mutter hatte ich nie anders als mit vorneh⸗ mer Zierlichkeit gekleidet geſehen und meine Tante trug einen Anzug von ſelbſtgewebtem Zeuge mit ei⸗ ner weiß leinenen Schuͤrze, der ihr in meinen Augen etwas Fremdartiges gab, was mich ſtoͤrte, in ihr meine Mutter wiederzufinden. Ich erfuhr jetzt, ſie ſei ſchon ſeit 5 Uhr auf und dies ſei die gewohn⸗ liche Stunde ihres Erwachens. „Mein Gott,“ rief ich ganz erſtaunt, „was machen Sie denn ſchon ſo fruh am Tage?“ — „Eine tuͤchtige Hausfrau,“ ant⸗ wortete ſie mir laͤchelnd, „muß in meiner Lage allent⸗ halben nachſehen und uͤberall ſelbſt mit Hand an⸗ legen. Eine ſolche Thaͤtigkeit gibt Geſundheit, fro⸗ hen Muth und begruͤndet das Gluͤck der Ehe.“ Dieſe Aeußerung war mir ſo neu, daß ich keinen lebendi⸗ gen Sinn hinein zu legen vermochte, und eben ſo wenig kann ich die Verkehrtheit beſchreiben, die mich viele Wochen lang immer niedergeſchlagener und gegen die Liebe meiner Verwandten verſteckter machte. Tauſend Dinge, auf die ich, ſo lange ſie mir zu Gebote ſtanden, gar keinen Werth gelegt hatte, ſchie⸗ nen mir nun zum Gluͤck meines Lebens unentbehr⸗ — 69 — lich. In meiner Lebensweiſe hing ich noch immer dem vornehmen Muͤßiggang nach, der bis zu dieſem Zeitpunkt mein Leben ausgefuͤllt hatte; ich ſtickte, zeichnete, las, ging ſpatzieren und fuͤhlte es in mir immer hohler und hohler werden, da ich mich nicht zum Eingehen in meine neuen Verhältniſſe zu erhe⸗ ben vermochte. Jetzt erhielt ich den erſten Brief von Dir; er rief alle Bilder der Vergangenheit in mir wach und ich fuͤhlte mich ungluͤcklicher denn je. In dieſer Stimmung ſchrieb ich Dir eine Antwort voll der bitterſten, faſt verzweiflungsvollen Klagen uͤber meine Lage und mein Schickſal. Eben hatte ich ſie beendet, als meine Tante zu mir eintrat; unwillkuͤrlich verbarg ich meinen Brief und mein heißes Erröthen weckte in mir zuerſt das Gefuͤhl meiner Undankbarkeit gegen ſie. Muͤtterlich ſchloß ſie mich in ihre Arme. „Du haſt viel gelitten, Emma,“ ſagte ſie mir, „allein denke daran, daß je⸗ des Erdenleiden uns von Gott entweder zu unſerer Zucht oder zu unſerer Pruͤfung zugeſandt wird. Richte Dich an dem Beiſpiel Deiner vortrefflichen Mutter auf; ſie war viel ungluͤcklicher, als Du jetzt noch zu faſſen vermagſt, daß man es ſein kann, und doch löſete ſich ihr jeder Zwieſpalt des Lebens — 60 — in dem Glauben auf, mit dem ſie ſich in Gehorſam und Liebe den Willen Gottes zur einzigen Richt⸗ ſchnur ihres Lebens und zum Ziel aller ihrer Wuͤn⸗ ſche erwaͤhlt hatte.“ Sie verließ mich bei dieſen Worten, die mir eine Reihe neuer Gedanken und Bilder zufuͤhrten. Meine Mutter alſo war bei all' ihrem Reichthum ungluͤcklich geweſen! Ich blickte auf zu ihrem Bilde, und fuͤhlte nun, warum ihr Lächeln ſo himmliſch ruͤhrend, ihr Ton ſo ſanft war; ich verſtand nun die wehmuͤthige Zärtlichkeit ihrer Liebe und den himmliſch frommen Blick ihres ſeelenvollen Auges. Ich glaubte zu fuͤhlen, wie ſie mich umſchwebte und in meinem Herzen zu mir ſprach: „Wie, um den Ver⸗ luſt äußerer Guͤter trauerſt du ſo tief, ohne Dich noch befragt zu haben, welche Pflichten Dir Deine jetzi⸗ gen Verhaͤltniſſe auflegen? Kein wahres Gluͤck iſt Dir verloren, denn dieſes iſt in jeder Lage des Le⸗ bens eine Frucht der Zufriedenheit, die Dir Fleiß und Froͤmmigkeit ſichern, wenn Du ſie uͤbſt. Ver⸗ traue auf Gott, der die nie verlaͤßt, die auf ihn hoffen.“ — Liebſte Adelheid, es war, als ob in dieſer unvergeßlichen Stunde ein neuer Sinn in mir er⸗ wacht ſei. Ich erkannte plotzich die ganze Schwäche meiner bisherigen Zaghaftigkeit, und Scham und Reue ergriffen mich. Weinend ſank ich auf meine Kniee nieder und bat Gott, mir gnaͤdig zu ſein, und meinem ſchwachen Herzen die Kraft zu ſchenken, ihn treu im Herzen und vor Augen zu haben und das erkannte Gute und Rechte auch auszuuͤben. — Da kam ein ſtiller frommer Friede in meine Seele. Meh⸗ rere Male wollte ich Dir ſchreiben; allein das An⸗ denken der Vergangenheit erweichte mich dann zu ſehr, und ich beſchloß es nicht eher zu thun, bis daß ich es ohne Störung fuͤr meine Ruhe zu thun ver⸗ moͤge. Ich fing nun an, meiner Tante in ihren haͤuslichen Beſchaͤftigungen zur Hand zu gehen; frei⸗ lich ſchmerzten mich Anfangs zuweilen meine der Arbeit ungewohnten Haͤnde; Manches erſchien mir langweilig und kleinlich, und Thränen fuͤllten noch mitunter mein Auge, wenn ich der Vergangenheit gedachte: aber ich fuͤhlte auch, daß ich von Tag zu Tag kraftiger in mir ſelbſt wurde und des Abends mit einer fruͤher nie empfundenen Heiterkeit zu beten vermochte. In dieſer Einſamkeit und Stille, in dieſer friedlichen, ganz ungeſtorten Einfoͤrmigkeit lernte ich die Heiligkeit unſers Glaubens und ſeine Kraft uͤber das ſchwache Menſchenherz empfinden. Alles, was mir fruͤher davon geſagt worden war, bekam nun fuͤr mich die —— Wahrheit des Selbſterlebten. Erſt ward ich ruhig, dann heiter, und bald fuhlte ich mich als Tochter einheimiſch in den Her⸗ zen und in dem Hauſe meiner theueren Pflegeeltern, womit denn auch fuͤr mich im äußern Leben der Punkt gefunden war, der mir meine Pflichten deu⸗ tete. Oft forſchte ich nach dem Schickſal meiner Eltern. „Frage nicht, mein Kind,“ ſagte dann mein ehrwuͤrdiger Pflegevater; „begnuͤge Dich fuͤr Deinen Vater zu beten; er iſt in der Hand Gottes, der al⸗ lein gerecht der Menſchen Thun und Herzen richtet.“ Von meiner Mutter erfuhr ich, ſie habe einen Brief fuͤr mich hinterlaſſen, den ich aber erſt an meinem zwanzigſten Geburtstage erhalten ſolle. Um mir zu verbergen, was und wodurch ſie litt, ließ ſie mich ſo fern von ihrem Wohnort erziehen. Keine unzei⸗ tige Neugierde ſoll mich auch je verleiten, den Schleier, der fuͤr mich uͤber ihrem Schickſal liegt, fruͤher heben zu wollen, als ſie es verordnet hat, daß er gehoben werden ſoll. — Ein Jahr war nun verfloſſen und mein Bewußtſein ſagte mir, daß ich Dir ſchreiben durfe, da erkrankte mein Oheim. Erlaß mir die — 63 — Beſchreibung der drei kummervollen Monde, die nun folgten; an ſeinem Sterbebette habe ich erfahren, welche Macht der Liebe und dem Glauben uͤber Tod und Leben gegeben ſind. Soanft und ſtill, wie die Sonne an einem milden Herbſtabend, ſchied der edle Mann von uns hinweg; der Friede ſeiner Sterbe⸗ ſtunde, unſere Thraͤnen und die Klagen ſeiner Ge⸗ meinde bezeugten, welch ein echter Diener ſeines Herrn er hienieden geweſen war. — Tante und ich mußten nun das Witwenhaus beziehen, welches noch viel kleiner, ſo wie unſere ganze Lebensweiſe noch um Vieles beſchrankter iſt, als vorher; aber Gottlob! es ſtoͤrt und truͤbt uns nicht. Das Gefuͤhl, ſich ſein Brod ſelbſt zu verdienen, gibt eine Selbſtſtaͤn⸗ digkeit, die fur unſere Sittlichkeit unendlich viel be⸗ deutender iſt, als man gemeinhin glaubt. Ohne Scheu darf ich Dir jetzt ſchreiben, meine Freundin. Ich bin zufrieden durch mich ſelbſt und glücklich, weil meine theure Tante mich den Troſt ihres ein⸗ ſamen Lebens nennt und ich mir die Hoffnung ver⸗ gonnen darf, ihr nuͤtzlich zu ſein. Ich halte den Verluſt meines Vermogens und der Anſpruͤche an das Leben, zu denen es mich reizte, füͤr kein Ungluͤck mehr, ſeitdem Gott mir den Segen des Fleißes und — die unausſprechliche Freudigkeit der Pflichttreue da⸗ fuͤr gegeben hat, und mein jetziges Leben hat ſeine ſtillen Freuden, ſeine ſtillen Reize, die ich nicht wie⸗ der gegen jene fruͤhere Lebensanſicht und Lebens⸗ wuͤrdigung umtauſchen moͤchte. Doch genug fuͤr diesmal. Mein langer Brief wird Dich wieder mit einer Freundin bekannt machen, die nie aufhoͤrte, Deiner mit unausſprechlicher Liebe zu gedenken. Auch Du, meine Adelheid, haſt eine lange Luͤcke auszufuͤllen in Deinem nachſten Briefe, den ich wie Dich ſelbſt begruͤßen und empfangen werde. Lebe wohl, Freundin meiner Seele, ich liebe Dich unverandert, wie in den glucklichſten Tagen un⸗ ſerer Vergangenheit. Zweiter Brief. Adelheid an Emma. So hat mich denn die Zuverſicht zu der Treue Deines Herzens nicht getaͤuſcht, meine geliebte Emma, und ſtill und liebend haſt Du das Andenken der Freundin Deiner Kindheit unter allem Wechſel des Schickſals, allem Einfluß der Trennung bewahrt. — 6 — Recht ſchmerzlich habe ich fruͤher Dein Verſtum⸗ men empfunden und meine Sehnſucht nach Kunde von Dir ward mit jedem Monat lebendiger und wehmuthsvoller, doch ungetruͤbt blieb mir in dem Bewußtſein der eigenen Treue die Ueberzeugung, Dein Schweigen ſei nicht Leichtſinn, nicht Vergeſſen⸗ heit und wie herrlich haſt Du dieſen meinen Glau⸗ ben gerechtfertigt! Dein Brief ſtellt mir klarer und freundlicher denn je Dein holdes Bild in der mil⸗ den Wuͤrde des Siegs uͤber ein hartes Schickſal dar; jung, ſchön, verweichlicht, an alle Zierlichkeit des Lebens, wie an ein einfaches, unumgänglich nothwendiges Bedürfniß gewoͤhnt, haſt Du den Um⸗ ſturz Deiner Hoffnungen, die Verdunkelung Deiner Lebensausſichten, die Verzichtleiſtung auf alle Freuden der Welt, die dieſe der Jugendluſt bietet, den Tod Deiner Mutter, die dunkle Ungewißheit uͤber das Schickſal Deines Vaters, Alles, Alles dies haſt Du durch die Kraft des Glaubens beſiegt und ſtehſt im Frieden eines mit ſich und ſeinem Schickſal einigen Gemuͤthes freudig da. Emma, brauche ich es Dir noch zu ſagen, wie ich Deinen Werth fuͤhle und ihn in ehrender Anerkennung Deiner Seelenſtaͤrke liebe? Fuͤhle es, Schweſter meiner Seele, wie ich mehr = — denn je Dein bin und laß uns nun fuͤr immer ver⸗ eint bleiben, da wir es feſter und ſchoner denn je durch die uns auf ſehr verſchiedenen Wegen gewor⸗ dene Anerkennung der Nichtigkeit aller irdiſchen Dinge geworden ſind. Ja, meine Emma, auch Deine Adelheid iſt nicht mehr das an eitlem Erdentand klebende und in irdiſchen Duͤnkel verſunkene Geſchöpf, das ſie fruͤher war. Auch mir hat ſich der Ernſt des Le⸗ bens in der Heiligkeit des Glaubens offenbart, und wenn gleich der Kampf in mir noch nicht ganz ge⸗ ſchlichtet iſt, wenn mich gleich in einzelnen Stunden die Freuden dieſer Welt und die eitle Kluͤgelei des Verſtandes noch verlocken von dem Wege des Heils und ich es noch nicht ganz bis zur Ertodtung des alten Sinnes zu bringen vermag, ſo ſtrebe ich doch, des Heils der Wiedergeburt theilhaftig zu werden und hoffe um ſo eher, daß mir das Gluͤck eines ſolchen neuen geiſtigen Lebens werden wird, da mich die Gnade Gottes mit einem Mann verbunden hat, der mir auf dem Wege zur Seligkeit Fuͤhrer, Vor⸗ bild und Gewiſſensrath iſt. Deiner Theilnahme und Deinem Vertrauen bin ich eine Erzaͤhlung meines Schickſals ſchuldig, die Dir zugleich zu einem Bilde — 67 — meines innern Lebens und des Ganges meiner Ueber⸗ zeugungen werden wird. Du kennſt mich ſeit meiner Kindheit, theure Emma, Du kennſt die große Weichheit meines Her⸗ zens und die Liebebedurftigkeit deſſelben, die von mei⸗ nen Eltern und Erziehern als Hang zur Schwaͤr⸗ merei geſcholten, und dadurch, ſtatt ſie zu benutzen, mich von der Welt ab, dem Unſichtbaren zuzuwen⸗ den, ungeleitet in mein Inneres zuruͤckgedraͤngt wurde. Ich war huͤbſch; in meiner Eltern Hauſe war ein ſehr heiteres, luſtiges Leben; ich ſah, daß ich gefiel und es war natuͤrlich, daß ich mich dem Geiſte dieſer Verhaltniſſe hingab und es nicht zu erkennen vermochte, wie dieſe irdiſchen Freuden nur dazu da ſind, daß wir ihnen entſagen lernen und den Hang zu ihnen Gott opfern ſollen. Was mich noch welt⸗ licher und irdiſcher in meinem Sein und Streben machte, war eine Jugendneigung zu dem Lieutenant Kettenburg. Sie hatte ſich auf einem Ball ange⸗ ſponnen und entfaltete ſich im Geraͤuſche des geſelli⸗ gen Lebens; kein Wunder daher, daß ſie, nur dem Aeußerlichen angehörend, auch nur ein äußerliches Gefuhl blieb. Kettenburg war ein huͤbſcher⸗ geiſt⸗ reicher Mann, aber ohne alle Tiefe des Charakters, — 6 — ohne allen Ernſt der Empfindung. Unſerer Verbin⸗ dung ſtanden Schwierigkeiten im Wege; den Schmerz dieſer Hinderniſſe fuhlte ich allein, er trug ihn leicht und nach zwei Jahren, in denen ich Manches um ihn gelitten und die Hand von zwei andern braven Maͤnnern ausgeſchlagen hatte, ſchrieb er mir, die Vernunft fordere von uns, bei der Unſicherheit ſeiner Ausſichten, die Loſung unſers Verhältniſſes; er gebe mir mein Wort zuruͤck und ich ſei frei. Sein Leicht⸗ ſinn erweckte zuerſt in mir Ueberdruß an der Welt. Meine Liebe zu Kettenburg war die Seele aller mei⸗ ner geſelligen Freuden geweſen; was mich lange er⸗ gotzt und beſchaͤftigt hatte, war nun einmal ſchal und todt fuͤr mich. Ich lieh mich den Außendin⸗ gen noch, ich tanzte, lachte, ſchwatzte noch wie ſonſt; aber tief im Herzen trug ich einen ſtillen Schmerz, und eine geheime Wehmuth, die dieſem eitlen Leben ſeinen Farbenſchmelz entſtreiften und in mir die Ah⸗ nung eines andern, feſter und edler begruͤndeten Seins weckten. In dieſer Zeit hoͤrte ich ſehr oft eines jun⸗ gen Kaufmanns erwaͤhnen, der von Einigen als ein tiefer Denker geprieſen, von Andern als ein theoſo⸗ phiſcher Schwaͤrmer verlacht wurde. Er war kuͤrz⸗ lich als Schriftſteller aufgetreten und das Syſtem, — welches er in ſeinem Werk aufgeſtellt hatte, war fuͤr die Theologen und Metaphyſiker zum Zankapfel ge⸗ worden. Allgemein ließ man ſeinem Scharfſinn und dem wuͤrdigen Ernſt ſeiner Geſinnung Gerechtigkeit widerfahren; allein Du kennſt die Erbitterung, mit der in unſerer Zeit viele der ſich aufgeklaͤrt nennen⸗ den Vernunftglaͤubigen, den Glauben und die Zuver⸗ ſicht an eine unmittelbare goͤttliche Offenbarung an⸗ feinden, und kannſt es Dir alſo leicht denken, wie lächerlich man es fand, einen reichen, jungen, gebil⸗ deten Mann, mit Verlaͤugnung aller Anſpruͤche, die er an die Welt und die Welt an ihn zu machen hatte, als Verfechter einer ſtreng dogmatiſchen Glau⸗ benslehre auftreten zu ſehen, und ihn die Ertod⸗ tung aller Neigungen, die Verachtung aller irdiſchen Luſt predigen zu hoͤren. Vor zwanzig bis dreißig Jahren kaͤmpften die Theologen und die Neologen gewiſſermaßen nur um einzelne Punkte mit einander; jetzt ſcheint es aber im Geiſte unſerer Zeit zu lie⸗ gen, daß ſie ſich gegenſeitig in keiner Art neben ein⸗ ander dulden wollen und koͤnnen. Ich hoͤrte viel hieruͤber reden und wenn ich mich gleich damals noch keinesweges fuͤr die Lehre des Renatus (ſo hieß der junge Mann) intereſſirte, ſo intereſſirte ich — — mich doch fuͤr den Mann ſelbſt, der in ſeinem ganz vorzugsweiſe nur den irdiſchen Erwerb beabſichti⸗ genden Stande ein ſolches Intereſſe fuͤr Gegen⸗ ſtände der Speculation und des Glaubens zeigte, und mir darin eine ganz neue Erſcheinung war. Renatus kam zuweilen in das Haus einer meiner Freundinnen, bei der ich ihn unerwartet eines Mor⸗ gens traf. Ich hatte den Abend vorher die Nach⸗ richt von Kettenburg's Verlobung mit einem ſehr reichen Madchen erhalten; alle Wunden meines Her⸗ zens bluteten wie neu aufgeriſſen, und der trube Ernſt, der auf meinem Geſicht lag, und die ſchwei⸗ gende Stille, in die ich verſenkt war, zogen Renatus Aufmerkſamkeit auf mich, da ich ſonſt wahrſchein⸗ lich von ihm unbeachtet geblieben ſein wuͤrde. Mir gefiel ſein Ernſt, der gerade zu Kettenburg's Beweg⸗ lichkeit einen entſchiedenen Gegenſatz bildete; auch ſchmeichelte es mir, von einem ſo geiſtvollen Manne bemerkt zu werden, und ich hielt mich aus Dank⸗ barkeit dafuͤr verpflichtet, dem, was er mir ſagte, meine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchenken, was mir um ſo leichter wurde, da ich ohne Ausnahme nie Jemand ſo ſchoͤn habe reden hoͤren, wie Renatus redet. Wir ſahen uns nun oͤfter; er ſuchte und fand Zutritt in dem Hauſe meiner Eltern, und bald ward es ihm ein eben ſo angelegentliches als liebes Geſchaͤft, mich zu bekehren. Er machte mich mit einem kleinen Kreiſe erleuchteter Seelen bekannt, und in kurzer Zeit war mir mein ganzes voriges Leben verleidet; ich kam zur Erkenntniß, wie ich bis jetzt nicht Gott, ſondern in ſtrafwuͤrdiger Verkehrt⸗ heit nur dem Götzen dieſer Welt gedient hatte, und da die Empfaͤnglichkeit fuͤr den Glauben in unſerer Seele durch den Entſchluß des Willens bedingt wird, ſich ohne Zuthun der Vernunft willenlos der Belehrung hingeben zu wollen, ſo uͤbergab ich auch, in volliger Verläugnung aller irdiſchen Bande, Seele und Gewiſſen, wie es von mir gefordert wurde, ganz der geiſtlichen Fuͤhrung meines Freundes. Aber ich hatte hierbei einen ſchweren Kampf zu beſtehen. Meine ſonſt ſo guten, frommen, rechtſchaffenen El⸗ tern mißbilligten durchaus meine neue Lebens⸗ und Sinnesweiſe, die mich freilich den Gewohnheiten und der Weiſe des elterlichen Hauſes entfremdete, und boten Alles auf, mich von Renatus zu trennen, und dadurch von der Gemeinſchaft unſerer kleinen auserwählten Gemeinde loszureißen. Die Lebensweiſe zmeiner Eltern ſchloß nichts in ſich, was man gera⸗ dezu Suͤnde nennen konnte; allein ſie ſtimmte in Allem mit meinen Neigungen uͤberein, und jede Neigung in uns iſt der Befehl zu einem Opfer, das Gott von uns fordert, da ohne Selbſtuͤber⸗ windung und Verlaͤugnung nichts Verdienſtliches ge⸗ dacht werden kann. Unſte Neigungen gehoͤren aus⸗ ſchließlich dem alten Menſchen in uns an, und dieſer iſt durch den Suͤndenfall durch und durch verderbt, und muß mit Macht getoͤdtet und todt erhalten wer⸗ den, wenn das große Geheimniß der Erlöſung und der Wiedergeburt ſich in uns vollenden ſoll. Eine ſolche Ertödtung ſchalt nun aber mein Vater unver⸗ nuͤnftige Mönchszucht, meine Froͤmmigkeit Kopfhän⸗ gerei, unſre geiſtlichen Uebungen Muͤßiggang, unſte Abſonderung von den Weltmenſchen Phariſaer⸗Duͤnkel. Ach, Emma, in jener Zeit habe ich viel gelitten, und oft war ich nahe daran, der Verſuchung zum Abfall zu unterliegen. Allein Gottes Gnade, das Gebet der Unſcigen und die Liebe zu Renatus ſtaͤrk⸗ ten meine wankende Seele, und ich faßte Muth, dem Heil meiner Seele Alles aufzuopfern. Je mehr man ſtrebte, mich abtruͤnnig machen zu wollen, je feſter ergriff mich Renatus und je lieber ward ich ihm. Er uͤberzeugte mich, daß in allen Glaubens⸗ — 73 — angelegenheiten die Pflichten, die uns durch Ver⸗ haͤltniſſe zu andern Menſchen aufgelegt ſind, ſo we⸗ nig, wie die Vernunft eine Stimme haben duͤrfen. Die uͤberſinnliche Welt des Glaubens kann ja nur mit dem innern Auge der Erleuchtung durch den heiligen Geiſt erblickt werden, und der Unglaͤubige kann ſich daher ſo wenig ein Urtheil uͤber ihre Ver⸗ hältniſſe anmaßen, wie der Blinde uͤber die Farbe. So wenig wie nun aber der phyſiſch Blinde behaup⸗ ten darf, der Sehende, der die Farben zu erblicken verſichere, ſei ein Luͤgner oder ein Phantaſt, ſo we⸗ nig darf ſich auch der geiſtig Blinde ein Urtheil uͤber Gegenſtände anmaßen, die fuͤr ihn freilich ſo gut, wie gar nicht da ſind, weil ihm das Organ fehlt, ſie erkennen zu konnen. Alle Erdenweisheit, alles Einreden der Vernunft, der Erfahrung und der Philoſophie iſt nur eine Pruͤfung unſers Glau⸗ bens, und je unbegreiflicher und der Vernunft unauf⸗ löslicher die Geheimniſſe deſſelben erſcheinen, je mehr tragen ſie gerade in dieſer Unbegreiflichkeit die Buͤrg⸗ ſchaft ihrer Goͤttlichkeit in ſich. Von der Wahrheit dieſes Satzes uͤberzeugte mich Renatus und gab mir dadurch den Muth, meinen Eltern zu widerſtehen. Schwäche war es, daß die Liebe mich hierbei unter⸗ Tarnow's Schriften. XII. 4 ſtuͤtzen mußte, allein dem noch unſicher gehenden Kinde vergönnt man ja gern die Hand des leiten⸗ den Fuͤhrers. Nach manchem Kampf, mancher ſchweren Pruͤfung erhielten wir endlich die Einwilli⸗ gung meiner Eltern zu unſerer Verbindung. Ach, Emma, es war keine freudige Einwilligung, und dieſe Ueberzeugung laſtet noch in mancher einſamen Minute kummervoll auf meinem Herzen; doch be⸗ ruhigt mich immer wieder die Ueberzeugung, daß ich meine Hand nie einem ftoͤmmern Manne haͤtte ge⸗ ben konnen, und ich daher des Beifalls Gottes ge⸗ wiß ſein kann. Seit ſechs Monaten bin ich nun verheirathet, und wenn gleich meine Lebensweiſe ſehr von der abweicht, die ich mir in fruͤhern Jahren als die mir am beſten zuſagende Form eines glucklichen Lebens dachte, ſo entſchaͤdigt mich doch die Liebe meines Mannes und die Gottſeligkeit unſers Wan⸗ dels fuͤr Alles, was hinter mir verſunken iſt. Wir leben ſehr einſam, abgeſondert von der Welt, von meiner Familie und meinen Jugendfreundinnen, nur im Umgang mit einigen gleichgeſinnten Seelen. Das Einzige, was uns ſtört und uns aus dem ſtillen Frieden eines beſchaulichen Lebens, voll frommer Einkehr in ſich ſelbſt und Abgeſchiedenheit von welt⸗ lichen Dingen, zur Erde gewaltſam herabzieht, ſind die Berufsgeſchaͤfte meines Mannes. Er entzieht ſich ihnen ſo viel als möglich und moͤchte ſie gern ganz aufgeben; allein bis jetzt erlauben ihm ſeine Verhaͤltniſſe dies noch nicht. Hier, meine Emma, haſt Du nun einen fluͤch⸗ tigen Abriß meines Lebens; moͤge er Dir das Bild der fernen Freundin lebhaft vergegenwärtigen und in Dir den Wunſch wecken, mir recht bald wieder zu ſchreiben. Lebe wohl, theure Seele! der Himmel erhalte Dir den Frieden Deines Lebens und Deines Herzens. Das Andenken an Dich iſt eine meiner beſten Lebensfreuden und mit der innigſten Liebe ſehe ich bald wieder einem Briefe von Dir entgegen. Dritter Brief. Emma an Adelheid. Könnte ich Dir, meine liebſte, beſte Adelheid, doch die Freude beſchreiben, die mir durch Deinen Brief zu Theil geworden iſt! Ich lachte und weinte und konnte vor lauter Verlangen, zu erfahren, was P* Du mir ſchriebſt, lange nicht zum Leſen kommen, denn die Buchſtaben tanzten vor meinen Augen herum. Als ich aber endlich zu leſen und zu ver⸗ ſtehen vermochte, o wie entzuͤckte mich da die Ge⸗ wißheit, daß Du mich noch liebſt, daß ich noch mit zu Deinem Leben gehoͤre, wie Du zu dem meinigen! Laß es mich nur geſtehen, daß ich anfänglich nichts Anderes als nur dies aus Deinem Briefe herauszu⸗ leſen vermochte. Endlich aber begriff ich auch, daß Du verheirathet biſt, wozu ich Dir meinen innigſten Gluͤckwunſch ſende, doch ſtrebte ich bis jetzt verge⸗ bens, mir von meiner Adelheid ein Bild als junge Frau zu entwerfen, da Alles, was Du mir von Deinem jetzigen Sein und Thun ſchreibſt, mir ſo fremd und unverſtändlich klingt, daß ich es nicht zu verſtehen vermag. Laß Dich dies nicht befremden, meine Freundin; Du weißt, daß ich ſeit einigen Jah⸗ ren in einer tiefen Einſamkeit und Abgeſchiedenheit lebe, und da kann es ja leicht an die Tagesordnung gekommen ſein, Ideen und Wahrheiten, mit denen mein Herz und mein Geiſt befreundet iſt, ein neues Wortkleid anzuziehen, in welchem ſie mir fremd und unkenntlich erſcheinen. Auch iſt mir alles Gruͤbeln uber Religion fremd. Vor Gott reinen Herzens zu ſein, allen Menſchen wohlzuwollen und in kindlicher Demuth und heiterer Freudigkeit das zu thun, was er durch den Standpunkt, auf den mich meine Ver⸗ hältniſſe ſtellen, mir als Pflicht angewieſen hat, iſt Alles, wonach ich ſtrebe. Du ſcheinſt Dir fuͤr Dein Sein und Leben jetzt noch ein anderes, mir geheim⸗ nißvoll erſcheinendes Ideal ſittlicher Vollkommenheit gebildet zu haben und auf eine neue Art fromm ſein zu wollen. Daß Du aber Dein fruͤheres Le⸗ ben als ſuͤndlich und verderbt ſchmäheſt, kann ich nicht billigen. Es iſt wahr, Du warſt ehemals die Frohlichſte und Lebensluſtigſte von uns Allen, aber Deine Fröhlichkeit war gewiß eben ſo ſchuldlos als ſie anmuthig war, und Du warſt dabei ſo ſanft, ſo gut, ſo fromm, daß es mich oft ruͤhrte und ich nichts inniger wuͤnſchte, als Dir zu gleichen. Gewiß, meine Adelheid, in Deiner damaligen Frohlichkeit und Dei⸗ nem Sinn fuͤr Lebensfreude war nichts Suͤndliches; wir dachten uns ja immer reine Engel als Schutz⸗ geiſter und unſichtbare Zeugen unſeres Lebens, und freueten uns ihrer Aufſicht und Gegenwart. Jetzt aber glaubſt Du, alle Erdenfreuden Gott opfern und abgeſondert von den Menſchen, Dich ihnen entfrem⸗ den zu muͤſſen: — Wohl weiß ich, daß wir Alles, — was die Welt bietet, Alles, was wir in ihr lieben, freudig und willig hingeben muͤſſen, ſobald irgend eine Pflicht uns Entſagung gebietet; aber ſanfte Heiterkeit, ſchuldloſen Genuß der Lebensfreuden habe ich immer fuͤr Bluͤthen der wahren Gottesverehrung gehalten und geglaubt, die Religion dulde keinen Truͤbſinn, keine finſtere Anſicht des Schickſals, weil ſie in Liebe und durch Liebe Alles leicht mache und mit Allem verſoͤhne, da ſie fuͤr jede Klage Troſt, fur jedes Räthſel eine beruhigende Antwort habe. Wer ſich bis zu ſeinem Tode der Erde und ihrer Freuden unſchuldig erfteuet hat, geht gewiß als ein liebes und ftommes Kind zum Vater heim. Auch wurde ich, meine liebſte Adelheid, im Lehrbegriff der proteſtantiſchen Kirche erzogen, nie, wie Du es ge⸗ than zu haben meinſt, meine Seele und mein Ge⸗ wiſſen willenlos der geiſtlichen Fuͤhrung irgend eines Sterblichen uͤberlaſſen. „Pruͤfet Alles und das Beſte behaltet,“ ſagt die Schrift, und fur eine ſolche Pruͤ⸗ fung ward, nach meiner Ueberzeugung, der menſch⸗ lichen Seele von Gott ein eigner Sinn anerſchaffen, ein Inſtinct der Wahrheit, der uns die Gegenſtände unſerer Sehnſucht weiſſagt. Adelheid, die Religion iſt mir das Höchſte und Heiligſte meines Seins, wie meines Daſeins; ſie iſt mir Alles, die Seele, der Urguell, der Inbegriff und Zweck meines Seins und Daſeins, ſie iſt mir aber auch bis zur vollkom⸗ menſten Einheit die Vermittlerin zwiſchen dem in⸗ nern und dem aͤußern Leben, da ſie mir das letztere zu einem Abdruck, einem Spiegelbild des erſtern heiligt. Dein Glaube hingegen ſcheint mir eine feindliche Spaltung beider nicht allein gut zu heißen, ſondern ſelbſt zu bezwecken, da Dein Mann, wie Du mir ſchreibſt, es fur heilſam und nuͤtzlich haͤlt, ſich ſeinen Berufsgeſchäften ſo viel als moͤglich zu entziehen, ja, da er ſie ganz aufzugeben wuͤnſcht. Erkläre mir dies Alles, geliebte Adelheid, und vor⸗ zuglich nenne mir die Quelle, aus der Ihr Eure Meinungen und Anſichten ſchöpft, da ich dieſe in der Bibel nicht aufzufinden vermag. Du haſt einen edlen und geliebten Mann ge⸗ heirathet, und ich freue mich herzlich dieſes Gluͤckes fuͤr Dich, meine Adelheid, aber Du haſt ihn mit Mißbilligung Deiner Eltern geheirathet, und ſcheinſt es Dir fur ein chriſtliches Verdienſt, ein verdienſt⸗ liches Opfer anzurechnen, daß Du es gethan haſt. Adelheid, an welche Offenbarung von Gottes heili⸗ gem Willen darf der Menſch noch glauben, wenn er dieſe nicht mehr in dem Willen geliebter, wuͤrdi⸗ ger Eltern anerkennt? — Ich weiß, daß Dein Herz unfaͤhig iſt, in etwas zu willigen, was Dir nicht als recht⸗ und pflichtmaͤßig erſcheint, und eben darum bitte ich Dich innigſt, mir alle dieſe Räthſel zu loſen. Belehre mich, wo ich irre und die Wahrheit nicht zu erkennen vermag. Auch wirſt Du begreifen, wie dunkel mir viele Deiner Aeußerungen ſein muͤſſen, da Du, der ein frommer, geliebter und gelehrter Mann zur Seite ſteht, mir doch noch nicht in voller Klarheit feſt und ſicher zu ſtehen ſcheinſt. Faſt ſcheue ich mich, nach ſo ernſten Dingen nun noch mit Dir von meinem kleinen Leben zu ſprechen, und doch kann ich Dir nicht verſchweigen, daß es ſeit einigen Wochen ganz beſonders freundlich und lieblich geworden iſt. Als ich Dir meinen er⸗ ſten Brief ſchrieb, erwartete hier Jung und Alt mit großer Neuzierde den neuen Gutsherrn dieſes Doͤrf⸗ chens, der fruͤher nur als Knabe einige Mal mit ſeinem Oheim, von dem er das Gut geerbt hat, zum Beſuch hier geweſen war. Er kam an und wir hoͤrten gleich in den erſten Tagen ſo viel Gutes von ihm, daß Tante und ich uns auch wohl darauf freuen mußten, ihn kennen zu lernen. Wir trafen — — ihn bald zufallig bei dem Prediger, dem wir einen Beſuch machten und zu dem er auch kam. Es machte einen tiefen Eindruck auf mich, zum erſten Mal nach langer Zeit in ihm wieder einen Mann zu ſehen, der mit angeborner Wuͤrde die feinſte Weltbildung vereinigte. Herr von Steinfels, ſo heißt er, iſt noch ein junger, und, wie mich duͤnkt, ſehr ſchöner Mann, von königlich hohem Wuchſe, edlem Anſtande und einem Geſicht, deſſen dunkle Augen faſt zu ernſt blicken wuͤrden, wenn ihr Ausdruck nicht durch eine ganz eigene freundliche Anmuth, die vorzuglich im Sprechen ſeine Zuͤge erhellt, gemildert wuͤrde. Er begruͤßte uns Frauen hoͤflich, knuͤpfte aber, ohne uns weiter zu beachten, gleich mit dem Prediger ein Geſpraͤch an, und es freuete mich, zu hören, wie er ſich in den Ton dieſer Menſchen zu ſtimmen und in die Einfachheit ihrer Denkart und Sinnesweiſe einzugehen verſtand. Ich fuͤhlte, es war nicht Glätte, ſondern Guͤte, die ihm, ohne daß er ſelbſt darum wußte, gleich das Benehmen eingab, welches ihm hier Zutrauen und Liebe erwer⸗ ben mußte. Die Paſtorin, eine kleine, huͤbſche, freundliche Frau, der ich herzlich gut bin, lud mich ein, mit ihr nach ihrem Garten zu gehen, um die — 82 — friſch aufgekeimten Erbſen zu ſehen, da ein großer Wetteifer zwiſchen uns herrſcht, die fruͤheſten und ſchönſten Gemuͤſe zu ziehen. Ich ſah es nicht, aber ich fuͤhlte es, daß des Herrn von Steinfels Blick auf mich fiel, als ich aufſtand, um dieſer Einladung zu folgen. Er ſchlug dem Prediger vor, uns zu be⸗ gleiten, und redete nun auch uns Frauen an. Ich war Anfangs ſchuͤchtern und einſylbig; doch verlor ſich dies bald und wir verplauderten den Nachmittag ſehr angenehm. Als wir nach Hauſe gingen, be⸗ gleitete er uns, und bat beim Abſchied meine Tante um die Erlaubniß, uns beſuchen zu duͤrfen, die ihm, wie Du wohl denken kannſt, gern gegeben wurde. Er kam auch ſchon am folgenden Tage, und wir haben ihn ſeitdem faſt täglich geſehen, theils bei uns, theils bei dem Prediger, theils auf unſern Spatzier⸗ gängen. Dieſer Umgang iſt fuͤr mich eine edle Freude und es thut mir innig wohl, Steinfels uͤber Gegenſtände ſprechen zu hören, die, indem ſie mein Herz intereſſiren, zugleich meinen Verſtand aufhel⸗ len und mich in meinen Anſichten des Lebens und meiner Wuͤrdigung deſſelben kräftigen und mich be⸗ lehren. Er lieſt uns zuweilen vor, er bringt uns Buͤcher und ſeitdem er zufällig erfahren hat, daß ich ———— — — — — Guitarre ſpiele und ſinge, auch neue Muſikalien. Liebe Adelheid, Du haſt dergleichen nie entbehrt und kannſt es Dir daher vielleicht nicht einmal denken, wie mich dieſe Gute ruhrt, und welchen ganz unaus⸗ ſprechlichen Genuß ich in dieſen Freuden finde. — Mit Thränen danke ich oft Gott fur die väterliche Liebe, mit der er mir dieſe Verſchoͤnerung meines Lebens gewaͤhrt, und ich fuͤhle, daß ich eins ſeiner dankbarſten, wie ſeiner glůcklichſten Kinder bin. Nimm meinen Brief freundlich auf, liebſte Adelheid, und wenn Dein Geiſt ſich auch jetzt lieber mit ernſtern und wichtigern Gegenſtaͤnden beſchäftigt, ſo nimmt doch gewiß Dein Herz noch an Allem, was mich betrifft, zaͤrtlichen Antheil, und ohne dieſe Ueberzeugung Deiner Theilnahme wuͤrden mir auch meine ſchönſten Freuden weniger ſchön ſein. Koͤnnte ich doch ſtatt dieſes Briefes ſelbſt zu Dir hinfliegen und Dir Alles erzählen, wovon mein Herz ſo voll iſt! Könnte ich doch aus Deinem Munde die Beant⸗ wortung aller der Fragen hören, welche die erſte Hälſte meines Briefes enthält! Lebe wohl und er⸗ halte mir Deine Liebe. Mit Herz und Seele Deine Emma. — — Vierter Brief. 5 e Nein, Emma, das iſt kein Brief, den ich von Dir erhalten habe, kein ſchattenartiger Abdruck Deines Gei⸗ ſtes, Deines Herzens; das biſt Du ſelbſt, Du meine theure, meine innig geliebte Emma und mit einer mir unerklaͤrlichen Wehmuth druͤcke ich das theure Blatt an meine Lippen, und tief in mein Herz druckt ſich je⸗ des Wort, jeder Zug ein, der Dich, Freundin mei⸗ ner Jugend, Schweſter meiner Seele, mir ſo lebhaft vergegenwärtigt. Ach, Du biſt noch ſo ganz Du ſelbſt und mit einem leiſen Schmerze, den ich wie ein Unrecht ſtrafen muß, fuͤhle ich, daß ich nicht mehr die Adelheid bin, die Du ehemals kannteſt, ehemals liebteſt. Ein truͤber Schatten liegt auf meinem Leben und auf der Welt, die mich umgibtz in mir trage ich den heitern Frieden nicht mehr, der mich ehemals begluckte, ohne daß ich mich doch ſelbſt in meinen Zweifeln, meiner Wehmuth, meinem ban⸗ gen Verſtummen klar zu verſtehen vermag. Ich bin von der Wahrheit und der Goͤttlichkeit der Glau⸗ benslehren, die die Richtſchnur meines Lebens ſind, — ſo feſt, wie nur irgend von meinem Daſein uͤber⸗ zeugt; aber in ihrer Anwendung auf das Leben ver⸗ mag ich nicht zur Klarheit zu kommen, und fuͤhle mich dadurch bange und verworren. Dieſe Ver⸗ worrenheit, dieſer Zwieſpalt wird mir nun als das Werk des Verſuchers, als die Wirkung des boͤſen Princips, welches in und mit der Erbſuͤnde Beſitz von dem Menſchen genommen hat, geſchildert, und alles Pruͤfen mir wie eitler, irdiſcher Duͤnkel unter⸗ ſagt. Dagegen ſtraͤubt ſich nun Etwas in mir, was ich nicht zu benennen weiß, was ich aber als ein mir angebornes vermittelndes geiſtiges Organ zwiſchen Glaube und Vernunft empfinde. Und bei dieſem Zwieſpalt in meinem Innern forderſt Du, reine, ſtarke Seele, von mir Belehrung? O, zeihe mich nicht des eiteln Duͤnkels, zu waͤhnen, dieſe konne Dir von mir kommen! — aber gern und willig ſpreche ich Dir meine religioſe Ueberzeugung aus. Vieles wird ſelbſt dadurch klarer werden, als es mir bisher bei einſamem Gruͤbeln zu werden vermochte, und gewiß gibt es auch hienieden keinen zuverläſſigern Richter uber himmliſche und irdiſche Dinge, als ein ſo ſchuldloſes und reines Herz, wie das Deinige. Sagt er, der Göttliche, nicht ſelbſt „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Himmelreich nicht erwerben!“ — und was iſt frömmer, als die Kindlichkeit einer unſchuldigen Weiberſeele, bei klar gebildetem Geiſte? Du weißt, meine Emma, wie bei dem Reli⸗ gionsunterricht, den wir erhielten, die Verſoͤhnungs⸗ lehre und das Mittleramt Jeſu gedeutet, und uns ſeine Erſcheinung auf Erden blos als eine mora⸗ liſche Anſtalt zur reinern Gotteserkenntniß unter den Menſchen dargeſtellt wurde. Ich fuͤhlte mich in jener Zeit auch nie eines Verſoͤhners, oder eines Mittlers zwiſchen Gott und mir beduͤrftig; ich fuhlte, daß ich Gott liebte; er war mir kein ſtrafender, un⸗ erbittlicher Richter; ich empfand und dachte ihn mir nur als Vater; ich war eine Gottglaͤubige, aber keine Chriſtin, da ich die Lehren von der Menſch⸗ werdung des Gottesſohnes und von der Verſöhnung mit Gott durch ſeinen Opfertod nur fuͤr eine, fuͤr die Kinderjahre des menſchlichen Geſchlechts beſtimmte bildliche Einkleidung der reinen Vernunftreligion hielt. Die Lehre von der Dreieinigkeit kannte ich nur als Symbol, und obgleich Jahre lang von einem recht⸗ ſchaffenen Prediger unterrichtet, hatte ich doch von den wichtigſten Wahrheiten unſrer Religion, von der — — Gnadenwahl und der Wiedergeburt, nie reden hoͤren. Renatus war mir daher als Chriſt eine gans neue Erſcheinung, und er machte einen tiefen Eindruck auf mich, daß er, einer der ſcharfſinnigſten Denker unſers Zeitalters, die dogmatiſchen Lehren unſers Glaubens, die ich von den Gebildeten und den Den⸗ kern lange als füͤr Unmuͤndige beſtimmt geweſene Sinnbilder bei Seite gebracht glaubte, als das Er⸗ habenſte und Hoͤchſte pries, was der menſchliche Geiſt im kuͤhnſten Fluge ſeines Denkens zu erahnen vermoge. Du weißt, wie Renatus mich lieb ge⸗ wann, und wie es ihm ein angelegentliches Geſchäft wurde, mich von der Welt loszureißen und zum wahren, allein ſeligmachenden Glauben an Chriſtus zu bekehren. Durch das Herz allein konnte nicht auf mich gewirkt werden; ich hatte dazu zu viel geleſen, war mit Allem, was unſte Philoſophen und Neo⸗ logen gegen den evangeliſchen Lehrbegriff geſchrieben haben, zu bekannt, als daß dieſer bei unſerm Ge⸗ ſchlecht in der Regel ſo leicht gebahnte Weg der meinige werden konnte. Renatus ſchlug auch mit mir einen ganz andern Weg ein; er ging mit mir die Religionsgeſchichte aller Völker durch und bewies mir, daß ſowohl bei den Chaldäern, Perſern, Aegyptiern, — Indiern, als auch bei den alten nordiſchen Volkern, allen religiöſen Ideen und Gebraͤuchen, ſo wie allen ihren Myſterien, die Idee eines Falls des Menſchen zum Grunde liegt, durch den die Moͤglichkeit des Boſen in ihm Wirklichkeit gewann, und zugleich die Hoffnung auf eine Wiederherſtellung deſſelben in ſeinen urſpruͤnglichen Zuſtand. Aus dieſer Ueber⸗ einſtimmung aller Religionen und Traditionen ging mir der Glaube an eine unmittelbarere Offenbarung Gottes an die Menſchen, als durch Natur, Ver⸗ nunft und Gewiſſen auf, und ich konnte nun der Bibel und ihren Verheißungen nicht ihre göttliche Autoritat abläugnen. Zugleich fand ich ſchon die graueſte Vorwelt mit der Idee eines Menſch gewor⸗ denen Gottes vertraut, der, als Menſch geboren, alle Schmerzen der menſchlichen Beſchraͤnktheit er⸗ leiden mußte, nicht als Läuterung fuͤr ſich, ſondern als Lauterung der menſchlichen Natur. Bei den Indiern iſt dies der Schiwa⸗Dionichi, bei den Per⸗ ſern Mithras, bei den Nordländern Baldur u. ſ. w. Alle Myſterien der alten Welt waren nur bildliche Darſtellungen dieſer geheimnißvollen Lehre, und in ihnen allen wurde Entſohnung durch Blut verkun digt. Woher nun unter ſo verſchiedenen Himmels — — — 80 — ſtrichen und unter ſo verſchiedener Verhuͤllung dieſe prophetiſche Uebereinſtimmung mit den geheimniß⸗ vollen Lehren unſerer Offenbarung, wenn ſie nicht aus einer gemeinſchaftlichen Urquelle kommen? Wenn Geſchichte und Wiſſenſchaft auf dieſe Weiſe den Glauben an die Göttlichkeit der Offenbarung be⸗ gruͤnden, ſo beſtätigt ihn die moraliſche Natur des Menſchen nicht minder, indem wir tief in unſerm Innern, wenn wir nur die Seufzer unſerer Sehn⸗ ſucht zu deuten vermoͤgen, das Beduͤrfniß eines Ver⸗ ſöhners unſerer Suͤnden fuͤhlen. Wir treten keines⸗ weges als Geſunde in dies Leben, ſondern als Solche, die hier erſt geneſen und ſich aus einem krankhaften Zuſtand zu einem reinern Sein wieder⸗ herſtellen ſollen. Aus eigener Macht vermag der Menſch dies nicht zu thun; Moral und Pflicht rei⸗ chen hier nicht aus; die göttliche Kraft des Glaubens allein vermag dem Tode den Stachel, der Hoͤlle den Sieg zu entreißen, und dieſe Kraft des Glaubens, dieſen Geiſt der Wahrheit und des Lichtes, den Gott uns zum Beiſtand zu ſenden verheißen hat, konnen wir nur im Namen Jeſu Chriſti erflehen und durch das göttliche Verdienſt unſers Heilandes erhalten. Dies iſt die unerſchuͤtterliche Grundwahrheit der — — chriſtlichen Religion, der Pfeiler, worauf Chriſtus ſeine Kitche gebauet hat, und der Inbegriff ſeiner Lehre. Wer das nicht anerkennt, und der gottlichen Gerechtigkeit ohne das Verdienſt Jeſu genugthun zu können glaubt, mag immerhin ein rechtſchaffener Heide ſein, aber ein Chriſt iſt er nicht. Da aber der Chriſt zugleich in jedem Sinne das hoͤchſte mo⸗ raliſche Ideal iſt, das ſich nach dem Vorbilde Chriſti der menſchliche Geiſt zu bilden vermag; ſo iſt es ſtrafwuͤrdige, ja gottloſe Verblendung, wenn wir, als Mitglieder der chriſtlichen Gemeinde und auf den heiligen Namen Jeſu getauft, irgend etwas Andres ſind und bleiben wollen, als eben Chriſten. Freilich kann kein Menſch aus eigner Kraft ſeinem Willen das Geſetz geben, an Jeſus Chriſtus glauben zu wollen. Glaube und Liebe ſind Himmelsbluthen, die dem menſchlichen Gemuͤth aus einer geheimniß⸗ vollen Tiefe erbluͤhen, zu der kein Blick des For⸗ ſchers zu dringen und das Wie? und Warum? ihres Daſeins zu ergruͤnden vermag, da alles wahre Da⸗ ſein unerforſchlich und heilig ſt, wie die Gottheit, der es entquillt. Allein der Menſch hat in ſeiner Seele, wenn er ſich nur nicht durch den Genuß irdiſcher Freuden betaͤubt, eine unvergängliche Sehnſucht, die die 6 — anziehende Kraft eines fernen Gegenſtandes verbuͤrgt; dieſe Sehnſucht wird Gebet, ja ſie iſt Gebet, und ein ſolches Gebet erweckt in uns die Kraft, die den Glauben erzeugt. Wir ſind Alle fähig zur Gottes⸗ empfindung geboren; ſoll aber die Fähigkeit dazu ſich in uns entwickeln, ſo muͤſſen wir dem Sinnlichen abſterben; dies iſt das Samenkorn, welches vergehen muß, wenn die himmliſche Pflanze emporkeimen und wachſen ſoll. In dem ſundhaften Zuſtand, in dem wir geboren werden, können wir uns nicht mit der Gottheit ſo vereinigen, daß unſer Wille und unſer ganzes Weſen untergeht in dem göttlichen Willen und mit ihm Eins wird, wie der Tropfen mit dem Weltmeer. Wie aber der Menſch durch den Willen gefallen iſt, ſo kann er ſich auch durch den Willen wieder erheben, und hier iſt es nun, wo Jeſus mir ſeine Kraft leiht, wo ſein Verdienſt das meinige wird, und ich, im Glauben an ihn, ſchon hienieden wieder geboren werde zu einem neuen, geiſtigen Le⸗ ben, das von keiner Suͤnde mehr weiß, ſondern nur Leben des Friedens und der Gerechtigkeit iſt. O Emma, was iſt die Erde, was iſt ihr herbſter Schmerz, ihre haͤrteſte Verlaͤugnung, wenn wir uns das Kleinod eines ſolchen, ganz in Gott ver⸗ — 3 — ſenkten Lebens als das Ziel unſers Strebens denken! — Dieſe Wiedergeburt iſt aber ein Phönix, der nur aus der Flammenlaͤuterung des tiefſten Leids und einer bei Vielen faſt bis zur Verzweiflung gehenden Verzagtheit geboren wird. Wie der Menſch durch ſie plötzlich ein neuer Menſch zu werden vermag, wie neue, nie geahnte Kraͤfte in ihm erwachen, er dann nur in Gott und mit Gott lebt, und nichts, gar nichts zu wollen vermag, als was Gott will; wie nun aller Streit in ihm geſchlichtet, alle Mog⸗ lichkeit der Verſuchung von ihm gebannt iſt, und er hienieden ſchon unausſprechlich ſelig iſt und unter allen irdiſchen Martern ſelig bleiben wuͤrde: das, meine Emma, vermag ich nicht auszuſprechen, kaum zu ahnen, da ich noch weit, ſehr weit von dieſem Ziele bin; aber alle die Unſrigen, die des Heils der Wiedergeburt wuͤrdig erfunden ſind, preiſen das, was ſie mit ihr und durch ſie erlebt haben, in ſo einfaͤltiglich erhabenen Worten, daß oft hohe, himm⸗ liſche Vorgefuhle dieſer Seligkeit durch mein Herz ziehen, und mir dann iſt, als haͤtte ich ſchon aus dieſem Vorhof der Ewigkeit einen Blick in den Himmel geworfen. Ja, Emma, ich kann eine Ahnung dieſer — 93 — ploͤtzlichen Umwandlung des ganzen Menſchen und ſeiner Erhebung aus dem Erdenſchmutze zu einem ſo himmliſch ſeligen Daſein haben, weil ich geliebt habe und noch liebe; denn wie es fuͤr die erha⸗ benſten, göttlichen Ideen ein irdiſches Abbild gibt, und das ganze Univerſum nur ein ſichtbar geworde⸗ ner Gedanke Gottes iſt: ſo muͤſſen wir auch in der reinſten Liebe des Menſchenherzens den Urtypus der Liebe des Allerhoͤchſten zu uns erkennen koͤnnen. Wie viele Beiſpiele haben wir nicht, daß eine edle, wahre Liebe zu einem edeln Menſchen wie neu ge⸗ ſtaltend auf unſer ganzes Sein einwirkt; wie ſollte es uns alſo nicht faßlich und begreiflich werden, daß ein Menſch durch die Liebe zu Gott plotzlich umgewandelt, und von allem Irdiſchen, was er fruher zu lieben wähnte, abgewendet, ſich mit allen Kräͤften, Trieben und Neigungen ſeiner Seele, und ſeines Gemuͤths, ungetheilt zu Gott hin⸗ wendet? — und nicht nur unſee Liebe zu ihm, ſondern viel mehr noch die ſeine zu uns iſt es ja, durch die wir wieder geboren werden, und wo die ſchwache, vergaͤngliche Erdenliebe ſchon den Geſun⸗ kenen zu erheben vermag, da muß ja die ewige, an Gewalt und Kraft gottliche Liebe unſers Schoͤpfers — den Menſchen auch zu etwas ungleich Hoͤherm, als zur ſchwachen, gebrechlichen Menſchentugend zu er⸗ heben vermoͤgen. Dieſe heiligen Ahnungen der Verklärung der gottlichen Liebe in der Menſchenbruſt ſind es, vor denen meine ganze Seele in den Staub geworfen anbetet. Welche Stimme möchteſt du, meine Em⸗ ma, nun bei dieſen innern Seelenzuſtaͤnden der Ver⸗ nunft einräumen? welches Heil von ihrer Pruͤfung, ihrer Einwirkung erwarten? — Das Göttliche und Heilige liegt ganz und unwiderleglich weit uͤber den Kreis ihrer Erkenntniſſe und Erfahrungen hinaus; ſie ſelbſt muß erſt durch das Licht des Glaubens erhellt, durch ſeine Macht aus der Gewalt des boͤſen Princips geriſſen werden, das ſich ja im kluͤgelnden Verſtande zuerſt dem Menſchen offenbarte, um ihn zu unterjochen, wenn ſie faͤhig werden ſoll, das Goͤttliche zu ſchauen. In der äußern Welt herrſcht und gebietet die Vernunft, und je mehr der Menſch in dieſer lebt, je ohnmaͤchtiger wird der innere Menſch, und die edelſten Producte der Vernunft, Kunſt und Wiſſenſchaft, ſind daher auch zu fuͤrchten, weil man beinahe glauben muß, daß ſie die Seele vor dem Göttlichen verſchließen und nur in dem Maße, als der Menſch allem dieſem abſtirbt, lebt er auf fuͤr die hohere Welt des Glaubens. Nicht aus irdiſchem Thun und Treiben, nein, nur aus einem ſtil beſchaulichen, ganz ſich ſelbſt behorchenden Le⸗ ben, nur aus der Einkehr in ſich ſelbſt, die ein un⸗ aufhorliches Ringen nach andachtsvoller Erhebung und ununterbrochenes innerliches Gebet fordert, kann dem ſuͤndlichen Menſchen das Heil der Wiedergeburt aufgehen. Mir, meine Emma, hat ſich Gott nur in der Liebe offenbaret, und ich vermag alles hoͤhere Er⸗ kennen auch nur als hoͤhere Liebe zu denken und zu faſſen. Dieſe meine Liebe zu Gott weckt in mir die allerinnigſte Sehnſucht, mein Gemuͤth zu einem rei⸗ nen Tempel Gottes zu weihen, aber auf das Heil der Wiedergeburt darf ich vielleicht noch lange nicht hoffen, da die Trauer, die Verzagtheit, das die ganze Seele durchdringende Gefuͤhl der ſuͤndlichen Nichtig⸗ keit, aus dem ſie hervorgeht, durchaus nicht in mir haften will. Ich haͤnge noch zu ſehr am Irdiſchen, und die Empfindung, daß Gott mir deßhalb ſein Angeſicht verhullt und mich der hoͤhern geiſtlichen Gaben, in deren Beſitze ſich viele der Unſrigen fuh⸗ len, wegen dieſer Befreundung mit der Erde, un⸗ — — wuͤrdig findet, durchdringt mich nie, als etwas Selbſterlebtes, Selbſtempfundenes. In meiner Seele iſt im Gegentheil oft dann, wenn ich, ſtatt den Tag in frommer, ſtiller Beſchaulichkeit hinzubringen, recht irdiſch geſchäftig geweſen bin, nicht aus Ver⸗ laͤugnung, ſondern mit Luſt und Freude an ſolchem Thun, Abends, wenn ich dann vor Schlafengehn bete, eine ſolche Freudigkeit, eine ſolche Gewißheit und Zuverſicht der Liebe Gottes, daß ich keineswegs glauben kann, ſie ſei das Werk und die Eingebung des Verſuchers. Doch, Emma, es iſt nicht der Mangel an eigner Erfahrung von dem, was wir als unum⸗ gangliche Bedingung der Gottſeligkeit achten, was mich zuweilen irre macht; es iſt etwas Anderes, was ich mir ſelbſt kaum zu geſtehen wage; allein Du, meine Freundin, ſollſt Alles wiſſen, Du ſollſt mich leiten und tröſten. Irre ich und macht dieſer Irr⸗ thum mich ſtrafwuͤrdig, ſo hoffe ich doch von Gott, um der Wahrheit meiner Liebe willen, Verzeihung. Ich ſagte Dir ſchon in meinem vorigen Briefe, daß wir, von dem⸗Kreiſe meiner ehemaligen Bkmn ten abgeſondert, nur mit den Mitgliedern unſ kleinen Gemeinde zuſammen kommen, die ſich hier ohne beſtimmte kirchliche Form gebildet hat und all⸗ — — mählig immer weiter ausbreitet. Der geiſtliche Vor⸗ ſteher dieſer Gemeinde iſt der Doctor Keßler, ein Mann, der, nachdem er faſt alle Staͤnde des Lebens durchgegangen iſt, ſich jetzt ausſchließlich dem Beruf, Irrglaͤubige zu bekehren, gewidmet hat. Er iſt der vertrauteſte Freund meines Mannes und faſt tag⸗ licher Gaſt in unſerm Hauſe. Emma, ich kann es Dir nicht ſtark genug ſagen, wie mich eine in⸗ nere Stimme vor ihm warnt, wie mich ſeine Nähe aͤngſtigt, und ich in ihm ein meinem Gluͤck und meinem Frieden feindliches Weſen ahne. Von all den Unſtigen wird er als ein Heiliger verehrt, und ſie glauben Alle von ihm, daß er, als Wiedergebor⸗ ner, durch die Kraft ſeines Glaubens Herr der Na⸗ tur geworden iſt, ihre geheimſten Kräfte kennt und bald das große Werk, die Hervorbringung des Steins der Weiſen, vollendet haben wird. Ich weiß nicht, in wie fern der Menſch Herr uͤber einen fremden Willen, Herr uͤber die Natur und ihre organiſchen Kraͤfte zu werden vermag; aber das weiß ich ſo ge⸗ wiß, als ich lebe, daß der, welcher von der Religion noch irgend etwas Anderes will, als geiſtliche Guͤter, daß der, welcher ſie als Mittel zu einem irdiſchen Zweck betrachtet, gewiß nicht im Geiſt und in der Wahr⸗ Tarnow's Schriften. KII. 5 — — heit Gott erkennt und auf ſeinem Wege wandelt. Gott will nur um ſeiner ſelbſt willen geliebt ſein, und das Streben nach einer ſolchen Herrſchergewalt uͤber die Natur, nach ſolchem geheimen Wiſſen im Na⸗ men Gottes, iſt, nach meinem Gefuͤhl, die ſchaͤnd⸗ lchſte Abgötterei, deren ſich der menſchliche Geiſt ſchuldig zu machen vermag. Ich begreife es, wie mein Mann ſich durch Keßler's Verheißungen ange⸗ zogen fühlen kann; aber es betruͤbt mich unbe⸗ ſchreiblich, daß ſeine ehemals ſo reine, innige Froͤm⸗ migkeit jetzt beinahe zu einer wiſſenſchaftlichen Spe⸗ culation wird und nicht mehr aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht. Keßler hat verſprochen, ihn in ſeine Geheimniſſe einzuweihen, und Renatus wendet nun alle ſeine Zeit an die ſich darauf bezie⸗ henden Studien und Vorbereitungen. Seine Hand⸗ lung iſt ganz der Fuͤhrung des Buchhalters uber⸗ laſſen, der freilich auch zu unſerer Gemeinde gehoͤrt, zu dem ich aber doch, trotz ſeines vielen Betens und ſeiner frommen Reden, kein Zutrauen faſſen kann. Gewiß geht auch in den Geſchaͤften meines Mannes nicht Alles, wie es ſollte. Wuͤßte Renatus, daß mich dies ängſtigt und daß ich mich um die Zu⸗ kunft kuͤmmere, ſo wuͤrde er ſchmaͤlen, daß ich dem Irdiſchen ſo anhinge, bange und beſorgt an des Lei⸗ bes Nahrung und Nothdurft zu denken; aber ich werde Mutter werden, und welche Pflicht hat Gott näher an das Herz des Menſchen gelegt, als die der Eltern gegen das Kind? Träfe uns der Verluſt unſers Vermoͤgens ohne unſre Schuld, ſo wuͤrde ich ihn als eine Fuͤgung Gottes mit klagloſer, ja, ich wage es zu hoffen, ſelbſt mit heitrer Ergebung tra⸗ gen; doch als eine Folge von Nachläſſigkeit und Un⸗ ordnung iſt er ja Strafe und nicht Zucht. Und dann — darf ich es Dir geſtehen? — Keßler ge⸗ faͤllt mir nicht in ſeinem Betragen gegen mich und in ſeiner Einwirkung auf unſer eheliches Verhältniß. Waͤre er der Heilige, der wahrhaft Fromme, der Auserwaͤhlte Gottes, fuͤr den er ſich ausgeben will, ſo muͤßte ſeine Bruderliebe zu mir ſich an⸗ ders zeigen. Ich kann Dir daruͤber gerade keine beſtimmte Thatſache anfuͤhren; allein Du kennſt das ſichre, untruͤgliche Gefuͤhl, das uns in ſolchen Faͤllen warnt. Hierin, meine Emma, liegt denn auch der Grund meines tief verborgenen, geheimen Wehes und die Quelle aller meiner Zweifel. Von denen, die ſich ſelbſt fuͤr die Heiligen dieſer Welt halten, und ſich 5 * — 100 — einer innigern Gemeinſchaft mit Gott in Chriſtus und einer lebendigern Erkenntniß ruͤhmen, als an⸗ dre Menſchen, muͤßte doch wohl auch vor Allem der Ausſpruch gelten: „an ihren Fruͤchten ſollt ihr ſie erkennen.“ Dieſe Frommen ſollten ſich doch nun auch als die Vorzuglichern erweiſen, kraͤftiger zu allem Guten, demuͤthiger vor Gott und Menſchen, berufstreuer, milder, wahrhaftiger, ein Vorbild alles Schönen und Edeln — und ach, Emma, wenn ich um mich blicke, wie wenig Erfreuliches ſehe ich in dieſer Hinſicht im Kreiſe unſter Gemeinde! — Nicht als ob es nicht in ihr neben einigen, die dies nur ſcheinen wollen, auch viele gute, wahrhaft edle und fromme Menſchen gäbe; allein ſelbſt bei dieſen iſt unter ihren demuͤthigen Worten ein geiſtlicher Hoch⸗ muth verborgen, der mir mit der Liebe unvereinbar erſcheint, und das rein menſchliche Wohlwollen zu den Menſchen nur als Menſchen fehlt ihnen Allen. Sie ſind gegen Alle, die nicht zu uns gehören, ſchroff und unzugänglich — ach! oft bis zur Lieb⸗ loſigkeit, und ſie rechnen es ſich ſogar zum Ver⸗ dienſt an, daß ſie es ſind. Gegen offenbare, große Suͤnder, gegen Verbrecher ſelbſt ſind ſie barmherzig, ſie anerkennend als Bruder und Miterlöſete; wehe — 101 — aber Jedem, der Anſpruch macht auf eine andere Weiſe, als nun gerade die unſrige, gut und tugend⸗ haft ſein zu wollen! — Dies betruͤbt mich oft, und doch haben ſie auch wieder Recht, wenn es anders nur Eine Wahrheit, nur Einen Weg zur Seligkeit gibt, nämlich den Glauben an Jeſus Chriſtus, als den Sohn Gottes. — Die Geringſchätzung aller Kunſt und Wiſſenſchaft, und der vortrefflichſten Maͤnner, z. B. Herder, Jakobi, Fichte u. a. me, die nun freilich in unſerm Sinn keine Chriſten wa⸗ ren und ſind, verwirrt mich auch noch oft. Auf der einen Seite fuhle ich tief in mir die Verdienſtlichkeit und die Wahrhaftigkeit unſers Strebens, ſo wie die Richtigkeit unſrer religisſen Ueberzeugungen, und auf der andern fuhle ich mich wieder dadurch mit Allem entzweiet, was ich ſonſt liebte und achtete, und von dem ich beſtimmt weiß, daß es doch auch in einer wahren Liebe zu dem Sittlichſchoͤnen ſein Leben hat. Kannſt Du, liebes, ſeelenvolles Weſen, mir irgend einen Ausweg aus dieſem Labyrinth er⸗ öffnen, ſo thue es. Noch ward ja nie in einem unſter Herzen eine Saite angeſchlagen, die nicht in dem Herzen der Andern mittonte. Ich habe Dir ſo viel von mir geſagt, daß mir — 102 — zur Beantwortung der zweiten mich ſo lebhaft inter⸗ eſſirenden Haͤlfte Deines Briefes wenig Zeit bleibt, und doch habe ich bei Leſung derſelben ſo viel ge⸗ wuͤnſcht, gedacht und empfunden, daß ich Bogen damit anfuͤllen koͤnnte. Eine ſehr liebliche Ahnung iſt in mein Herz gekommen. Moͤge die Zukunft ſie fuͤr Dich, die Du des edelſten Gluͤckes wuͤrdig biſt, erfuͤllen! Ich wuͤnſche dies um ſo mehr, da ich Steinfels als einen Jugendfreund meines Gatten kenne und ihn allgemein als einen der vortrefflichſten jungen Maͤnner ruͤhmen hore. Er bringt gewoͤhnlich den Winter hier in unſerer Stadt zu, was Du vielleicht noch nicht weißt, und ich ſehe ihm im naͤchſten Herbſte erwartungsvoll entgegen, um mir viel von Dir erzählen zu laſſen. Schreibe mir nur bald wieder, ich ſehne mich unbeſchreiblich nach Kunde von Dir, und Deine Muße vergoͤnnt es Dir ja wohl, den Wunſch der fernen Freundin bald zu erfuͤllen. Der Engel des Friedens und der ſtillen Herzensfreude ſei mit Dir, Du Geliebte. — 103 — Fuͤnfter Prief. Emmaan Adelheid⸗ Ich habe Deinen Brief, meine Adelheid, mit einem ſonderbaren Gefuhl geleſen. Bis jetzt iſt mir nie ein Zweifel gekommen, daß ich eine Chriſtin ſei, und mich ſo nennen duͤrfe; allein wenn die ſelbſter⸗ lebten Wirkungen, ſelbſtgemachten Erfahrungen der hochſt geheimnißvollen Gnadenwirkungen, von denen Du redeſt, wirklich und wahrhaftig der Geiſt des einzig wahren Chriſtenthums ſind: dann freilich bin ich keine Chriſtin; denn mein bisheriges Leben iſt in ſeiner Unſchuld ſo kindlich einfach geweſen, daß es wirklich ein Wunder wäre, wenn ich mich ſo außer⸗ ordentlicher Wirkungen je haͤtte bedurftig fuͤhlen ſollen. Mich duͤnkt, nur ein Verbrechen koͤnne meiner Seele die freudige Gewißheit von Gottes Liebe, und meine kindliche, meine felſenfeſte, uner⸗ ſchutterliche Zuverſicht zu dieſer rauben, und davor behuͤte mich der All⸗Erbarmer! Liebſte Adelheid! was ſoll ich, das junge, un⸗ erfahrne Maͤdchen, Dir auf manchen Punkt Deines — 104 — Briefes antworten? Dir ſind Quellen der Erkennt⸗ niß aufgethan, aus denen ich mich nie verſucht ge⸗ fuhlt habe, ſchöpfen zu wollen; ich würde alſo ganz ſchweigen, wenn ich nicht auf den Ausſpruch Jeſu vertraute, daß der Vater es nicht den Klugen dieſer Welt, ſondern den Kindern und Einfaͤltigen offenbart habe; ich kann Dir nur ſagen, wie ich Gott empfinde, wie er ſich mir offenbart, und ich geſtehe es, ich wuͤrde mit keinem Andern, als nur mit Dir, daruͤber reden koͤnnen — aus ehrfurchtsvoller Scheu, das innerſte, heiligſte Gefuͤhl meines Her⸗ zens, den Urgrund meines Daſeins, die Seele mei⸗ ner Seele in Worte kleiden zu muͤſſen. Wenn ich mich ſelbſt darüber befrage, ſo dünkt mich, mir iſt nie Etwas von Gott gelehrt worden. Ich lebe, ich denke, ich empfinde; und eben das Le⸗ ben, Denken und Empfinden iſt mein Gefuͤhl von Gottes Daſein. Das Kind weiß ja auch nicht, warum es die Mutter liebt. Dieſe Liebe iſt der Zug ſeines Daſeins, ſein Daſein ſelbſt; und ſo liebe ich Gott. Nicht aus Dankbarkeit, nicht aus Ahnung ſeiner goͤttlichen Erhabenheit — alle dieſe aus Begriffen und Reflex'on entſtandenen Regungen ſind ſpaͤter entſtanden, und die Liebe zu Gott war — 105 — n mir, ehe ich ihrer fähig wurde. Sie war der innere Kern meines Lebens, aus deſſen verborgener Kraft ſich das geiſtige Erkenntnißvermogen entwickelte⸗ Gott ſchuf mich; er iſt die Wahrheit, iſt die Liebe, alle ſeine Erſchaffnen können alſo nur in ſofern Da⸗ ſein haben, als ſie der Liebe und der Erkenntniß faͤ⸗ hig ſind. In meinem Herzen offenbarte ſich mir mein Gott, und das ſo ganz als Vater, ſo ganz als überſchwengliche Fulle der Liebe, daß mein ganzes Empfinden Seligkeit — und die unausſprechlichſte, ſich ihm ganz hingebende Liebe iſt, wenn ich ihn denke. Dieſe Offenbarung iſt mir die heiligſte, wie ſie die unmittelbarſte iſt, die ich von ihm habe; ich kann ihn nur in ſofern, und in ſeiner Unbegreiflichkeit nur in ſo weit begreifen, als er ſich mir ſelbſt offenbart⸗ Daß ich alſo in mir durchaus kein Beduͤnfniß finde, von ihm zu erkennen, was meine Seele mir in den heiligſten Momenten meines Lebens nicht als Ahnung verkuͤndet, kann keine Wahrheit ſein, die erkennen zu muͤſſen, fuͤr den Zweck meines Lebens nothwendig waͤre; und nie, meine Adelheid, nie habe ich einen Augenblick erlebt, in dem ich mich der Verſoͤhnung zwiſchen Gott, dem All⸗Erhabnen, und mir, ſeiner armen Ereatur, eines Mittlers zwiſchen dem, der die Liebe — 106 — ſelbſt iſt, und ſeinem ſtrauchelnden Kinde beduͤrftig gefuͤhlt haͤtte; wo ſollte ich auf Erden das Abbild von der Liebe meines Gottes ſuchen, wenn ich es nicht in dem Herzen meiner Mutter gefunden haͤtte; und welche Mutter koͤnnte den Gedanken an einen Vermittler zwiſchen ſich und ihrem Kinde denken; und was iſt Mutterliebe, was iſt Mutterſorge, Muttertreue gegen Gottes Liebe, Gottes Treue? — Wenn ich an Gott glaube, ſo muß ich auch an einen ſittlichen Zweck alles Menſchendaſeins, an eine Erziehung und Veredlung des Menſchenge⸗ ſchlechts durch das Erdenleben glauben. Dieſer Zweck und die hohe Bedeutung der moraliſchen Frei⸗ heit liegt dem gebildeten Menſchen jetzt in klarer Vernunfterkenntniß vor Augen; allein das Menſchen⸗ geſchlecht hatte auch einſt ſeine Kinderjahre, und Gott gab ihm daher eine Offenbarung als Mittel zu ſeiner Erkenntniß, wie wir jetzt dem Kinde noch eine Fibel geben, damit es leſen lerne. Ich erkenne und ehre die Bibel als eine gottliche Offenbarung, allein ich glaube, daß ſie zum Theil nur fuͤr jene Kinderzeit des menſchlichen Geſchlechts berechnet iſt, wo die einfachſten Vernunftwahrheiten noch fuͤr den kindiſchen Verſtand einer ſolchen göttlichen Autorität — 107 — bedurften; die Lehren von der Einheit Gottes und von der Unſterblichkeit können uns hier zum Beiſpiel dienen. Jahrtauſende ſind vergangen, in denen dieſe erhabenen Lehren nur als göttliche Ahnungen in der Seele ſich regten, wie ſich der Keim regt, wenn Fruͤhling und Sonne, und die innere durch beide geweckte Kraft ihn ſprengen wollen, damit er Stamm und Blaͤtter, Bluͤthe und Frucht treibe. Welcher denkende Menſch bedarf aber jetzt noch der Autorität der Bibel, um ſich von dieſen Wahrheiten zu uͤber⸗ zeugen? Bibel und Vernunft ſind Offenbarungen eines und deſſelben Gottes, und muͤſſen darum in der genaueſten Beziehung und Uebereinſtimmung mit einander ſtehen. Die Bibel erzog die Vernunft des Menſchen, indem ſie ihr zum Lehrbuch dientez da aber ihre Veſtimmung war, die Vernunft zu erleuch⸗ ten, ſo muß ſie dieſen Zweck erreicht haben, eben weil ſie von Gott ſtammt und daher ihre Beſtimmung nicht verfehlen kann, wie etwas menſchlich Gewolltes. Auf wie viele Jahrtauſende, fuͤr wie viele Stufen unſerer Erkenntniß ſie uns ein ſolches Lehrbuch blei⸗ ben ſoll, das weiß ich nicht. Es iſt moglich, daß eine Zeit kommt, wo das, was uns jetzt unerforſch⸗ liches Geheimniß zu ſein duͤnkt, dem Geiſte des — 108 — Menſchen eben ſo klar und faßlich ſein wird, wie die Lehren von der Unſterblichkeit und der Vergeltung in jenem Leben es jetzt ſchon dem bloßen Vernunft⸗ gläubigen ſind. Ja, wenn die Bibel wirklich ſolche geheimnißvolle Lehren und Aufſchluͤſſe enthält, ſo muͤſſen dieſe der Vernunft einſt eben ſo begreiflich werden, da es ein ſchlechter Unterricht ſein wuͤrde, wenn der A B C⸗Schuͤler alle Schuljahre durch nur beim Buchſtabiren bliebe, und nicht lefen lernte. Es iſt auch moͤglich, daß es Menſchen gibt, die fer⸗ tiger buchſtabiren können als andere, aber ich be⸗ ſcheide mich, keine Geheimniſſe begreifen zu wollen, von denen ich fuͤhle, daß meine Vernunft ihrer Er⸗ kenntniß jetzt noch nicht gewachſen iſt, Gott kennt mich; ich weiß, daß mein ganzes Daſein nur in ſofern Daſein iſt, als meine Fähigkeit, ihn zu er⸗ kennen, in und durch daſſelbe geuͤbt und entwickelt wird. Findet er mich fuͤr eine hohere Stufe der Erkenntniß reif, ſo verſetzt er mich gewiß auf die⸗ ſelbe; aber voreilen kann und darf ich ihm nicht wollen. Chriſtus iſt mir wahrhaft ein göttlicher Ge⸗ ſandter, ja, als der vollkommenſte Menſch, als das ethabenſte, je auf Erden ſichtbar gewordene Bild — — — 109 — einer göttlichen Idee, Gottes Sohn, wie von Allen, die da Kinder Gottes ſind, es nie einer war. Seine Lehre war die einer Gerechtigkeit und Liebe, wie ſie vis dahin noch kein Volk als Religions⸗ und Sit⸗ tenvorſchrift anerkannt hatte. Er iſt mir heilig, als ein von Gott ſelbſt erwaͤhlter und geſandter Erzieher des Menſchengeſchlechts, aber Gott bleibt mir Gott und Vater, und neben ihm kann ich keinen Andern als Gott lieben. Es geht mir mit dieſen dogmati⸗ ſchen Glaubensgeheimniſſen wie mit den Spetulatio⸗ nen der Metaphyſik; und ſo wenig ich je darauf ausgehen werde, ein philoſophiſches Syſtem zu ſtudiren, ſo wenig werde ich mich auch je in die Gruͤbeleien dieſes Glaubens⸗Labyrinths vertiefen . Ich laſſe das Alles auf ſich beruhen. Beduͤrfte ich der Erkennt⸗ niß dieſer geheimnißvollen Lehren wahrhaft und noth⸗ wendig zu meiner Seligkeit, ſo haͤtte mir Gott ge⸗ wiß den Sinn dafuͤr gegeben, der mwir jetzt fehlt. Ich glaube, daß Gott uns durch Chriſtus mehr von ſich offenbart hat, als die menſchliche Vernunft aus ſich ſelbſt zu erkennen vermochte; allein, was ehemals nur Eigenthum der Auserwaͤhlten war, wiſt jetzt ein Eigenthum der denkenden Menſchen aller Laͤnder ge⸗ worden, da unſere Vernunft die innere moraliſche — 110 — Welt ſo zu erkennen vermag, daß ſich aus dieſer Erkenntniß die Verpflichtung und die Fähigkeit, die Tugend nur um ihrer ſelbſt willen zu lieben und zu uͤben, entwickelt. Wie der Menſch durch den rei⸗ nen, natuͤrlichen Menſchenverſtand ſchon auf jede wichtige, fuͤr das Leben (praktiſch) brauchbare Wahr⸗ heit geleitet wird, die die Philoſophie methodiſch entdeckt und begruͤndet; ſo hat Gott auch eine Fä⸗ higkeit zur Gotteserkenntniß in uns gelegt, die ohne alles Kirchenthum uns in unſerm Herzen jede zu unſerer Seligkeit erforderliche Wahrheit der Religion offenbarte, und dieſer Offenbarung vertraue ich un⸗ bedingt. Ich glaube mir und meinem mir von Gott gegebenen Wahrheitsſinn mehr als allen Menſchen⸗ ſatzungen, und kann daher nur das Selbſterlebte und Selvſterfahrne anerkennen. Jede Belehrung, die mir von andern Menſchen kommt, jede Deutung der Bibel, die in dieſer oder jener Gemeinde angenom⸗ men wird, iſt entweder Wiſſen oder Meinung; allein das Gefuͤhl des Heiligen liegt weit uͤber der Sphaͤre von Meinung und Wiſſen erhaben; Gott allein iſt die Quelle deſſelben, und Heil und Selige keit kann mir nur die Ueberzeugung geben, die mir ohne alle aͤußere Vermittlung von ihm ſelbſt kommt. — 111 — Es kann daher nach meiner Anſicht auch keine feindliche Polarität zwiſchen dem innern und äußern Leben Statt finden, ſondern beide ſtehen in inniger Beziehung auf einander, und ſo wie ich fuͤr mein inneres Leben mit Klarheit und Sicherheit gewinne, ſo löſen ſich mir auch alle Räthſel des aͤußern. Liebe ich Gott uͤber Alles, habe ich keinen innigern, keinen ernſtlichern Wunſch, als ihm zu gefallenz ſo habe ich auf alle Räthſelfragen des Daſeins eine be⸗ ruhigende Antwort und füͤr jede meiner Klagen Troſt. Dies iſt üͤberhaupt die Stelle Deines Brie⸗ fes, die ich am wenigſten verſtehe. Nur in ein⸗ ſamer Abgezogenheit von der äußern Welt glaubſt Du fuͤr das Heil Deiner Seele ſorgen zu koͤnnen? Einer ſolchen Zuruͤckziehung vom Erdenleben, einer ſolchen Entſagung auf Handeln, auf lebendige Thaͤ⸗ tigkeit und Fleiß kann nur ein Mißverſtand zum Grunde liegen, wenn Ihr ſie Euch als ein Gebot des religiöſen Ernſtes und der geiſtigen Wuͤrdigung irdiſcher Angelegenheiten zur Pflicht macht. Unſer zeitliches Leben ſoll ein tuͤchtiges, ſelbſtſtändiges Le⸗ ven ſein. Gott wies einem jeden Menſchen durch ſeine Verhältniſſe einen Beruf an; dieſer Be⸗ ruf iſt das uns anvertraute Pfand, mit dem wir — 112 — wuchern ſollen, und eben die Berufstreue iſt es ja, der in jenem herrlichen Evangelium ſo reicher Lohn verheißen iſt. Wir ſind Gottes Kinder und nicht ſeine Zuͤchtlinge. Er hat alles Nuͤtzliche mit Schoͤn⸗ heit geſchmuͤckt; er gab mir Sinn fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft, er bildete mein Herz ſo, daß es alle Menſchen mit freundlichem Wohlwollen umfaßt; er ſchuf meine Seele ſo, daß heiterer Friede, ſtille ſanfte Freude ihr natuͤrliches Lebenselement ſind, und ich ſollte nun alle dieſe herrlichen Gaben ſeiner Liebe ungenoſſen von mir weiſen? ſein eigenes Werk in mir verſtuͤmmeln? — Nein, Adelheid, ſo ſoll es gewiß nicht ſein. Das irdiſche Leben ſoll ſicherlich ſchon an und fuͤr ſich wahrhaftiges Leben ſein; wir ſollen uns ſeiner erfreuen und ſeine Annehmlichkeicen dankbar genießen, es froh anerkennen, daß wir, die Kinder im Vaterhauſe, gewuͤrdigt wurden, all' un⸗ ſern Beſitz, all“ unſere Freude, all' unſer Wollen und Streben durch Liebe heiligen, und ſo das Kleinſte mit dem Erhabenſten verbinden zu koͤnnen. O glaube mir, ein ſchuldlos frohes Herz iſt gewiß ein Altar Gottes! — Die ganze Natur iſt ja nur Sinnbild ſeines Weſens; in ihr begegnet uns das Licht als das vollkommenſte Bild des gottlichen Wir⸗ — 113 — kens, und was iſt heiterer, was freudiger und bele⸗ bender, als das Element des Lichts? Auch koͤnnen wir ja nur durch unſer Handeln fuͤr das Zeitliche und in ihm, das Unvergängliche in uns fur ein hoͤ⸗ heres Sein bilden und erziehen⸗ Liebe Adelheid, ich war ſehr traurig, als ich mich zu dieſem Briefe niederſetzte, weil mir das Gefuͤhl wehe that, daß Ihr in Eurem Sinn uns Gottgläͤubige ausſtoßt aus der Gemeinſchaft der Chriſten; aber nun bin ich wieder ſo voll heiterer Zuverſicht unter dem Schreiben geworden. Reini⸗ gung meines Herzens, Veredlung und Beherrſchung aller Triebe meiner Seele, Wachsthum an Liebe zu Gott und Menſchen, das iſt mir die Aufgabe, die ich hienieden zu erfullen habe. Von meinem Ge⸗ wiſſen erhalte ich ſie und durch mein Gewiſſen of⸗ fenbart ſich mir Gott, und je ſtiller, reiner und ge⸗ läuterter ich mich in meinem Innern ſammle und ausbilde, deſto vernehmlicher und verſtändlicher wird mir auch die Stimme Gottes in meinem Innern. Mein Geiſt iſt aus ihm geboren, mein Herz von ihm bereitet und das kleine Fuͤnkchen meiner Liebe nur ein ſchwacher Abglanz der Unendlichkeit ſeiner Liebe, mit der er das Univerſum trägt und hält, — 114 — und in ihm auch das einzelne beſeelte Wuͤrmchen aus Staub, das wir Menſch nennen. Ich bin mir keines Daſeins bewußt, als nur in ſeinem Daſein, keiner Liebe, als nur in ſeiner Liebe. Meine Adelheid, ich vermag nicht mehr zu ſchreiben; das Wort verſagt ſich der tief bewegten Seele; aber ſollte ſich je eine Meinung trennend zwiſchen Herzen ſtellen durfen, die in der allerinnig⸗ ſten, kindlichen Liebe zu Gott Eins ſind? Schreibe mir bald wieder. Nie hat ſich meine Seele mehr nach Dir geſehnt, als jetzt. Ewig und unveraͤnderlich Deine Emma. ———— — Julius an Ferdinand. Mein letzter Brief, klagſt Du, ſei Dir unver⸗ ſtändlich, und unbegreiflich die Leidenſchaft, mit der ich mich nach Deutſchland zuruͤckſehne; lieber Fer⸗ dinand, ſie iſt mir ſelbſt ein Raͤthſel, aber ein heili⸗ ges, an deſſen Löſung das ganze Gluͤck meines Le⸗ bens gebunden iſt. Ich habe in den letztverfloſſenen Monaten manches neue Blatt in der Geſchichte mei⸗ nes Herzens durchblättert und es iſt mir klar ge⸗ worden, was ich vom Leben fordern, was ich von ihm erwarten muß, um mit mir ſelbſt einig zu werden. Von deutſchen Eltern in Moskau geboren und erzogen, kam ich mir, vom Wirbel des Ge⸗ wuͤhls dieſer Rieſenſtadt früͤh ergriffen, immer nur wie ein an den Flugeln gelähmter, am Boden hin⸗ flatternder Vogel vor, den es verdrießt, mit dem — 118 — Wurme zu ſchleichen, waͤhrend ihm doch die Kraft gegeben iſt, ſich in die Luͤfte zu erheben. In mei⸗ nem zwanzigſten Jahre ſandte mich mein Vater nach Deutſchland. O nie kann, nie werde ich dieſe mit Dir in Jena verlebten Jahre vergeſſen! Wie ſehne ich mich noch oft in dieſe friſche, kraftige Jugend⸗ luſt, in dieſe ſchön begeiſternden Jugendträume zu⸗ ruͤck und kann bis zur Wehmuth weich werden vor ihrer Erinnerung! Aber auch in jenem Zeitpunkte wurde mir kein Zweck des Lebens klar, den ich als Beruf hätte feſthalten mogen, auch in jenen Stun⸗ den lag die befriedigende Fulle des Daſeins, die ich als einen feſten Halt fur Herz und Geiſt, fuͤr Sehn⸗ ſucht und Thätigkeit zu finden begehrte. Ich füͤhlt⸗ mich durch den Unwerth der Menſchen, durch den Widerſpruch der buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe mit mei⸗ nen Idealen, und durch die Nichtigkeit und Ver⸗ gänglichkeit der Lebensfreuden in meinen zarteſten Empfindungen verletzt, den ftiſchen Jugendſchlag mei⸗ ner Herzenskraft gehemmt, und Einſamkeit und der Friede ſtiller Natureinfalt ſchienen mir damals allein Gluͤck gewaͤhren und ſichern zu können. Ich kam in das Vaterhaus zuruͤck; unzufrieden mit mir ſelbſt, unzufrieden mit Allem, was mich umgab, — 119 — mußte ich dem klaren, ruhigen Weltverſtande mei⸗ nes Vaters mißfallen; er ſandte mich mit einer ihm gehorenden Handelskaravane nach Odeſſa und auf dieſer Reiſe durch die Steppen Aſiens lernte ich nun den Menſchen in jenem Naturzuſtande kennen, wo ihn keine Sorge belebt, als die, ſich die noth⸗ wendigſten Lebensbedurfniſſe zu verſchaffen, und wo in ſeiner Seele keiner jener Wuͤnſche wohnt, die in der unſtigen die Welt unſerer Ideen mit einem Strahle des ewigen, geiſtigen Lichtes erhellen und uns zum Buͤrger des Geiſterreichs, zum Beherrſcher der Welt ſichtbarer Naturerſcheinungen machen. Ich ſchau⸗ derte vor dem Gedanken, in dieſen Steppen geboren und nie aus dieſem Sitz der Unwiſſenheit wegge⸗ kommen zu ſein, nie ein Beduͤrfniß kennen gelernt zu haben, das uͤber die Befriedigung des koͤrpev⸗ lichen Wohlſeins hinausreicht und von der Welt nichts geſehen zu haben, als das, was man in die⸗ ſen Steppen davon ſieht; mein Geiſt, mein Herz, die ganze unermeßliche Welt der Ideen und Ahnun⸗ gen, der Wuͤnſche und Hoffnungen, der Schmer⸗ zen und Freuden, die ich in mir trage, wuͤrde dann ein unbeſchriebenes Blatt geblieben ſein⸗ Aber wo wohnt denn die Gluckſeligkeit, nach der mein Herz — 120 — ſich ſehnt? Wenn ich ſie nicht im Schooße gedan⸗ kenloſer Einfalt zu finden vermag, werde ich ſie denn als eine Frucht der Bildung und des geiſtig verfei⸗ nerten Lebensgenuſſes kennen lernen? So fragte ich mich ſelbſt. Iſt es Fluch oder Wohlthat, daß bei Volkern, wie bei Individuen, der Fortſchritt der Cul⸗ tur die Beduͤrfniſſe ſo vervielfacht hat, daß wir mit dem Gluͤck harmloſer Einfalt nicht mehr fuͤr unſere Wuͤnſche auszureichen vermogen? Fluch? wie koͤnnte denn die Bildung der Staaten in der Menſchheit als Naturbeſtimmung begruͤndet erſcheinen! und Wohlthat? — o mein Freund, um das zu ſein, muͤßten nicht Laſter und Gebrechen ſo tief und un⸗ vertilgbar im Boden der Cultur, als eigenthuͤmliche Erzeugniſſe deſſelben, wurzeln und uͤppig empor ſchießen! — Die Thorheiten und Laſter der Men⸗ ſchen hatten mich gequält, ſo lange ſie mir vor Au⸗ gen waren, jetzt erſt in der Einſamkeit lernte ich er⸗ kennen, welche Quellen von Tugend und Weisheit ſie ſind, und daß, wie in der phyſiſchen Welt aus Verweſung neues Leben hervorkeimt, die ſittliche Kraft in ihrer ſtolzeſten und erhabenſten Bluthe, gleichfalls nur aus der Nacht des Verderbens auf⸗ geht. Doch je länger meine Reiſe dauerte, je mehr verlor ſich in mir der Hang zu dieſen Gruͤbeleien; ich fing an, weniger zu denken und mehr zu empfin⸗ den. Ich weiß nicht, ob ein volles oder ein einſames Herz fuͤr den Zauber der Natur am empfaͤnglichſten iſt, aber ich fuͤhlte, daß es das Erwachen neuer, tiefer, bis jetzt in mir ſtumm gebliebener Empfin⸗ dungen war, welches im Fortgange meiner Wande⸗ rung dieſe ſo reich fuͤr die Träume meiner Phanta⸗ ſie, fuͤr die Ahnungen meines Herzens machte. Du haſt mich oft vor der tiefen Fuͤhlbarkeit meiner Seele gewarnt, die bei mir nicht blos jugendliche Lebhaftigkeit der Empfindung, nicht blos ein ver⸗ gängliches Colorit des Daſeins, ſondern das hei⸗ ligſte meines innerſten Weſens ſelbſt ſei, und ich lernte nun begreifen, daß Du Recht hatteſt, wenn Du mir oft verkundeteſt, mein Schickſal werde ſich an das Erwachen der Liebe in meinem Herzen knü⸗ pfen. Gewiß, um mich je gluͤcklich zu fuͤhlen, muß ich mit aller Kraft des Herzens in mir lieben, und, wenn es ſein muß, leiden. Eine unendliche Sehn⸗ ſucht durchbebte ploͤtzlich meine Seele; mir war, als ſchwebe die verhullte Geliebte auf jedem Strahle des Mondes, auf jedem Silberblicke der Sterne mir entgegen; ich fuͤhlte, ich empfand ihre Geiſternähe Tarnow's Schriften. KlI. 6 oft ſo innig, ſo lebendig, und in dieſen Ahnungen der Liebe loͤſeten ſich mir die bisherigen Räthſel meines Daſeins. Ihr, der im Voraus Geliebten, der in mir Lebenden, brauchte ich nur zu begegnen, um ſie zu erkennen; mit dem erſten Blicke Seele in Seele, Auge in Auge getaucht, dahin gegeben im Wechſeltauſch Herz und Leben und es gab dann fuͤr mich keinen Wandel des Geſchickes mehr, das unwiderrufliche Urtheil uͤber Gluͤck und Daſein war dann geſprochen. Ich fuhlte aber auch, daß ich dieſe Geliebte nicht unter den ungebildeten Toͤchtern der Natur und der Einfalt ſuchen durfte, nur im Kreiſe gebildeter Frauen, nur im feinern, vergeiſtig⸗ ten Leben derſelben entfaltet ſich jene Zartheit der Gefühle, ohne die ich mir mein Ideal von Frauen⸗ reiz und Liebeszauber nicht verwirklicht denken kann und nur an der Seite einer hochgebildeten, talent⸗ vollen Frau kann das Leben den ſüßen friſchen Reiz behalten, den ihm in der Jugend die Neuheit der Erſcheinungen leiht, und den in ſpätern Jahren nur die Poeſie der Einbildungskraft feſtzuhalten vermag. Bei bloßer Herzensgute und einfaͤltiger Unſchuld, bei geiſtloſem haͤuslichem Glucke und hausväterlicher Thätkeit wird das Leben grau und die Seele matt. — 123 — Wie die Zeit in unſerem Koͤrper die feineren, leich⸗ teren Elemente des jugendlichen Aufbluͤhens allmaͤh⸗ lig durch Eiſen und Erde verdraͤngt, ſo bringt auch das Alter in das geiſtige Leben eine dumpfe Schwer⸗ fäligkeit, die nur durch die höchſte Freiheit und Liebe beſiegt werden kann, und beide können in uns nur durch Geiſtesbildung entfaltet werden. Je mehr der Menſch denkt, deſto mehr verfeinern ſich auch ſeine Gefuhle und der ſinnliche Trieb in ihm zur ſittlich ſchoͤnen Empfindung. Was iſt die Liebe des rohen Naturkindes? Und zu welchem Goͤtterglucke veredelt ſie ſich nicht in der Seele des gebildeten Menſchen? In Odeſſa traf ich Meiners, der ſich dort an⸗ geſiedelt und ſich aus Deutſchland eine wackere, huͤbſche Frau mitgebracht hatte. Es that mir ſo wohl, mit ihm von vergangenen Zeiten ſchwatzen zu konnen und in ſeiner Haushaltung und Lebensweiſe deutſche Sitte, deutſche Art wiederzufinden, daß ich alle meine Mußeſtunden bei ihm zubrachte. Er und ſeine Frau hatten ſich aus Liebe geheirathet, ſie fuhl⸗ ten ſich ſo glucklich, ſie werden es nach ihrer Weiſe und nach ihrem Sinne wahrſcheinlich auch bleiben, und doch, Ferdinand, könnte mich ein aͤhnliches Ver⸗ hältniß, ein gleiches Gluͤck nie befriedigen. Amalie, 6 * weißt um die entſchiedene Vorliebe, die ich von jeher — 124 — Meiners Gattin, iſt munter, verſtaͤndig, fleißig, or⸗ dentlich, ſie hat ein gutes, treues, deutſches Herz, aber ihr fehlt jene Tiefe des Gefuͤhls, die ich das Talent der Empfindung, das Genie des Herzens nennen moͤchte. Wem der Himmel eine Gattin zu⸗ fuͤhrt wie ſie, der darf ſich uͤder ſein Schickſal nie beklagen, allein ich wuͤrde, mit ihr verbunden, das Leben verlaſſen, ohne je einen Augenblick, nach dem ganzen Umfange meiner Faͤhigkeit, Gluͤck zu empfin⸗ den, gluͤcklich geweſen zu ſein! Und doch war Meiners Gattin vom Schickſal beſtimmt, mir den Traum meiner Sehnſucht zu deuten und mir die bluͤhende Braut meines Her⸗ zens in allem Glanz ihrer Geiſteshoheit zuzufuͤhren. Als ich am letzten Tage meines Aufenthaltes in Odeſſa bei ihr war und uͤber die langweilige Ein⸗ förmigkeit des Ruͤckweges nach Moskau klagte, holte ſie mir aus ihrer Buͤcherſammlung einige neuere deutſche Dichterwerke und bat mich, ſie, zum An⸗ denken an ſie, als ein Huͤlfsmittel gegen die Lange⸗ weile mitzunehmen. Unter dieſen Buͤchern war auch ein Roman aus der Feder Sidoniens, dieſer ſo gefeierten und beruͤhmten deutſchen Dichterin. Du — 125 — fuͤr die Erzeugniſſe weiblicher Schriftſtellerei gehabt habe; allein wie werde ich Dir die Wahrheit und Schoͤnheit begreiflich machen konnen, mit der aus Sidoniens Dichtungen ihr eigenes Bild vor mir aufſtieg? Mit all der Gewißheit, die nur immer das Bewußtſein des eigenen Daſeins in der Men⸗ ſchenbruſt geben kann, empfand ich es, Sidonie hatte, wahrſcheinlich ohne es gewollt zu haben, in der Hel⸗ din des Romans, in der edelſtolzen, hochbegeiſterten, gluͤhend liebenden, ſchwaͤrmeriſchen, kuͤhnen Diona ſich ſelbſt gezeichnet. Alle Zuͤge meines Ideals fand ich in ihr wieder und jeder Tag meiner einſamen Wanderung befreundete mich inniger mit dem herr⸗ lichen Weſen. All mein Denken wurde zum Ge⸗ ſpräche mit ihr und bald wurde ſie ausſchließlich mein Gedanke bei Tage, mein Traum in der Nacht. Ich kenne ſie, wie ich mich ſelbſt kenne, die geheime Geſchichte ihres Herzens, ihre verſchwiegene Klage, ihre milde Trauer, ihre unendliche Liebe, der erha⸗ bene Aufſchwung ihrer Seele zu Gott, ihre ſtolze Erhebung uͤber das kleine Erdenleben, ich habe das Alles mit ihr empfunden, mit ihr erlebt; nicht nur ihr Bild, nicht nur die heiße Liebe zu ihr, nein, ſie ſelbſt, ihr eigenſtes wahres Sein ruht tief in meinem — 126 — Herzen und iſt ein Theil meines eigenen Selbſts geworden. Ueber Laͤnder und Meere, durch die Un⸗ ſichtbarkeit hin, fand und erkannte ich die Seele fuͤr mich geſchaffen und daß kein leeres Spiel der Phantaſie mich täuſcht, verbuͤrgt mir die Aehnlich⸗ keit, die in Sidoniens Werke Diona's Geliebter mit mir hat. Wenn Du das Buch noch nicht geleſen haſt, ſo nimm es gleich zur Hand, und Du wirſt erſtaunen, wie ich oft, in tiefer Ruͤhrung uͤber dieſe Sympathie des Erkennens und der Sehnſucht zwi⸗ ſchen ihr und mir, erſtaunt bin. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß Sidonie in dieſem Man⸗ fred das ſtille Ideal ihrer Liebe und ihrer Träume gezeichnet hat, und iſt es nicht unverkennbar der Wink des Verhaͤngniſſes, das uns fuͤr einander be⸗ ſtimmte, daß dieſes Gebilde ihrer Ahnungen mir nicht blos in den äußern Zugen, ſondern auch in den tiefern Regungen des Gemuͤths, in den inner⸗ ſten Eigenthuͤmlichkeiten des Sinnes und des Cha⸗ rakters gleicht, und das eben ſo, wie mir im fernen Welttheil aus dem Zauberſpiegel dieſer Dichtung das Bild der Geliebten aufging und den himmliſchen Funken jener unvergänglichen Liebe in mein Herz ſenkte, der das ganze Daſein beſeelt? O mein Freund, — 17 — nur ihr allein werde ich es einſt ausſprechen können, wie vom erſten Augenblick an, wo ſie als Diona mich mit dieſen ſtillen dunkeln Augen ſo innig an⸗ blickte, ich ſie geliebt habe! wie mein ganzes We⸗ ſen, von dieſem Blicke durchgluͤht, ſich umwandelte und aller Zwieſpalt meines Innern in Einer Sehn⸗ ſucht, in Einem Wunſche, in Einer Hoffnung ſich aufloͤſte! Mein Vorſatz war, gleich bei meiner Nach⸗ hauſekunft meinen Vater um die Verguͤnſtigung ei⸗ ner Reiſe nach Deutſchland zu bitten, wo Sidonie, jung und unvermählt, am Hofe der Herzogin von D. als ihre Vorleſerin lebt. Er wuͤnſcht ſo ſehn⸗ lich mich verheirathet zu ſehen; er hat mich ſo oft heiter ſcherzend geſcholten, daß ich während meines Aufenthaltes in Deutſchland nicht darauf gedacht habe, ihm eine huͤbſche Schwiegertochter zuzufuͤhren, daß ich ſeiner Einwilligung gewiß ſein konnte, wenn ich ihn den Zweck meiner Reiſe ahnen ließ, und ſo war es auch. Nur bat er mich, vorher nach Nor⸗ wegen zu gehen, um mit einem der erſten Hand⸗ lungshaͤuſer in Drontheim eine Angelegenheit zu be⸗ richtigen und einen Vertrag abzuſchließen, der fur unſer Haus ſehr wichtig iſt, und der durch muͤnd⸗ — 128 — liche Unterhandlungen erleichtert und burch ſie allein ſchnell abgeſchloſſen werden konnte. Wie hätte ich ihm die Gewaͤhrung dieſes Wunſches in dem Augen⸗ blicke verſagen koͤnnen, wo er mir ſo liebevoll ge⸗ währte, was ich bat? Freilich komme ich nun um einige Monate ſpäter zu Dir, und dieſer Zeitraum dehnt ſich meiner Sehnſucht zu Jahren aus; allein ohne dies Sehnſuchtsfieber wurde mir die Gelegen⸗ heit willkommen ſein, ein Land kennen zu lernen, das in dem ſchaurigen Dunkel ſeiner Felſen und Waͤlder, in dem Grofartigen ſeiner wunderreichen Sagen mich oft wie mit Zaubermacht zu ſich ge⸗ lockt hat. Lebe wohl, von Drontheim aus ſchreibe ich Dir wieder. S wei Dieſe Reiſe hat mir mehr gewaͤhrt, als ich von ihr zu hoffen wagte. Der Anblick der norwe⸗ giſchen Kuͤſten iſt groß und ſchoͤn, und ich erinnere mich nicht, je auf meinen Reiſen einen maleriſchern Punkt geſehen zu haben, als den, wo wir landeten. Die Sonnenſtrahlen verzitterten ſpielend in den Wel⸗ len des ſanft bewegten Meeres, waͤhrend die Felſen — 129 — der Kuͤſte, hoch und ſchwarz wie roher Stoff des Chaos, hervorragten, und dem Meere mit der Stimme der Allmacht kzuzurufen ſchienen: Bis hierher und nicht weiter! Der Boden iſt an der Kuͤſte unfrucht⸗ bar; nur einzelne Eidſchollen ſieht man mit dem reizendſten, friſcheſten Gruͤn bedeckt und hart an grauſen Kluͤften bluͤht das Jelängerjelieber und ver⸗ haucht ungeſehen, ungebrochen ſeine ſüßen Duͤfte. Der Charakter dieſer Gegenden iſt groß, ſtill und ernſt, aber unmerklich verſchmilzt oft das Erhabene in das Schoͤne, und eben durch dieſen Uebergang er⸗ öffnen dieſe nordiſchen Gegenden unſerer Phantaſie einen ſo unbegrenzten Spielraum, und der Geiſt hebt ſich wie auf Flügeln empor, während das Herz ſich zu lebensvolleren Schlägen aufgeregt fuͤhlt. Und dann findeſt Du in dieſen abgelegenen Felſenthälern noch die Sitteneinfalt des goldenen Zeitalters, das Wohlwollen reiner Menſchlichkeit bei ihren Bewoh⸗ nern, und alle wahre, ſchone Naturgefuͤhle kräftigen ſich in dieſen Umgebungen. Die Normaͤnner waren unter der däniſchen Regierung das freieſte Volk in Europa; ſie ſind es vielleicht noch und eben daher ein herrlicher Menſchenſchlag. Auch die Töchter die⸗ ſes Landes ſind ſchoͤn, mit Roſenwangen, hellen — 130 — Augen und lichtbraunen oder goldenen Locken, aber ihre Schönheit verbluͤht ſchnell, wie die Blumen des nordiſchen Sommers, da ihnen der lebendige, geiſtige Ausdruck der Zuͤge und mit dieſen der Seelenreiz fehlt, der Frauenſchonheit erhalt und bewahrt. Als ich in Drontheim ankam, war mein erſter Gang zu dem Chef des Handlungshauſes, mit dem ich das Geſchaͤft abzumachen hatte, das mich her⸗ fuͤhrte. Er wohnt fur die kurze Zeit des hieſigen Sommers außerhalb der Stadt, in einem nur klei⸗ nen, aber zierlichen Hauſe, das in die Felſen hinein gebaut, und von Bäumen beſchattet, mir alle Träume holder Abgeſchiedenheit im Arm der Liebe und des häuslichen Gluͤckes zuruͤckrief, die ich je in früheren Juͤnglingsjahren ſehnſuchtsvoll geträumt habe. Als ich in die Hausthuͤre trat, etblickte ich durch die offenſtehende Thuͤre des Gartenzimmers ein reizendes Gemaͤlde. Auf einem niedrigen Seſſel ſaß ein jun⸗ ges Frauenzimmer in dunklem Kleide, mit weißer Schuͤrze und Pelerine; ein Korb mit Salat ſtand neben ihr, den ſie zu leſen beſchäftigt war; zu ihren Fuͤßen lag auf einem Teppich ein Kind, das mit den Haͤnden zu ihr hinauflangte und das ſie durch Lächeln, Singen und Plaudern ſtill zu erhalten ſuchte, — 131 — bis ihre Arbeit vollendet ſei. Ich blieb unwillkuͤr⸗ lich ſtehen, das Maͤdchen war nicht ſchoͤn, aber ſie ſah allerliebſt aus, ſo heiter, ſo froͤhlich, ſo liebevoll niederblickend zu dem Kinde und ihm zulaͤchelnd, und als ſie nun, da das Kind zu weinen begann, aufſprang und zu ihm niederkniete, um es zu be⸗ ſchwichtigen und es zu liebkoſen, ſah ich eine zarte, ſchlanke Geſtalt, mit einer Anmuth der Bewegung, die in dieſem Lande eine ſeltene Erſcheinung iſt. Jetzt fiel ihr Blick auf mich, das Kind auf dem Arme, das ſeine Händchen feſt um ihren Nacken ſchlang und das Köpfchen ſchelmiſch und blöde vor dem fremden Manne verbarg, trat ſie mir entgegen, und fragte freundlich nach meinem Begehren. Ich hatte ſie mit dem Kinde deutſch plaudern hoͤren, und antwortete ihr daher in dieſer Sprache, daß ich Herrn Paulmann zu ſprechen wuͤnſche. „Sie ſind ein Deutſcher, ein Landsmann?“ fragte ſie, mich freudig und hold anblickend. „Halb und halb,“ antwortete ich, „von deutſchen Eltern in Moskau geboren, iſt mir wenigſtens die deutſche Sprache va⸗ terlaͤndiſcher Laut geblieben.“ Mit gutherziger Freund⸗ lichkeit bat ſie mich, Platz zu nehmen; der Schwa⸗ ger ſei nur mit ſeiner Frau ſpatzieren gegangen, und — 132 — werde gewiß bald zuruͤcktommen. Sie trug nun Alles, was das Haus vermochte, herbei, um den fremden Wanderer zu laben, und dieſe hausliche Geſchaftigkeit und die Art, mit der ſie ihre Acht⸗ ſamkeit zwiſchen mir und dem Kinde theilte, ſtand ihr ſehr reizend. Paulmann kam nach einer halben Stunde, ſeine Frau am Arm; das Mädchen eilte ihnen mit dem Kinde entgegen, und man bedurfte nur eines Blickes auf dieſe Gruppe, um zu fuhlen, daß dieſe guten Menſchen in und durch ihre Liebe ſich gegenſeitig begluͤckend lebten. Der Mann em⸗ pfing mich traulich, und mit der treuherzigen Gaſt⸗ freundlichkeit, die hier heimiſch iſt, lud er mich ein, fuͤr die Zeit meines hieſigen Aufenthalts bei ihm zu wohnen. Ich nahm das an und wurde nun von dieſem Abend an als Glied der Familie be⸗ trachtet. Paulmann iſt ein ernſt heiterer Mann, der ſich auf vieljährigen Reiſen einen Schatz von Kenntniſ⸗ ſen erworben hat, der aber auch mit der entſchieden⸗ ſten Feſtigkeit des Charakters eigenſinnig an dem feſt⸗ haͤlt, was er einmal als gut und wahr anerkannt hat, und dem es ſehr ſchwer werden wuͤrde, einen Irrthum einzuſehen und einem Vorurtheile zu ent⸗ — 133 — ſagen. Er iſt redlich und in allen Lebensverhaltniſ⸗ ſen zuverläſſig; an Frau und Kind haͤngt er mit großer Herzlichkeit, ob er gleich auch zu den Mäͤn⸗ nern gehoͤrt, deren Liebe in haͤuslichen Verhältniſſen immer nur wie eine Verguͤnſtigung, ſie lieben zu duͤrfen, ausſieht. Er iſt brav und glͤcklich, das weiß, das fuͤhlt er, allein er duldet es nun auch nicht, wenn Jemand dies auf eine andere Weiſe, als die ſeinige, ſein will. Was außer dem Kreiſe ſeiner Ideen, ſeiner Empfindungen liegt, erſcheint ihm meiſt wie geſtaltloſe Phantaſterei, und ich ge⸗ ſtehe, daß ich mich oft durch ſeine ſcharf abſpre⸗ chenden Urtheile verletzt fuͤhle. Ein ſich inniger an den Mann anſchmiegendes, nur fuͤr ihn lebendes Weib, als ſeine Maria, kann es gar nicht geben. Alles Andere in der Welt iſt ihr nur in ſofern werth, als er Freude daran hat; ſein Wille iſt ihr Geſetz, ſein Wunſch Befehl, ſeine Meinung unfehl⸗ barer Urtheilsſpruch. Sie iſt eine Deutſche, die Paulmann auf einer Reiſe kennen lernte, und die der Liebe zu ihm Vaterland, Familie, alle freund⸗ liche, theure Gewohnheiten des Jugendlebens auf⸗ opferte, die aber keinesweges glaubt, daß ſie einen Anſpruch auf Dank, auf Anerkennung und Vergel⸗ — 134 — tung dieſes Opfers zu machen hat. Denke dabei an keine Leidenſchaft fuͤr ihren Mann; deren iſt ſie, wie ich glaube, ganz unfähig. Dies Untergehen al⸗ ler Perſoͤnlichkeit in der Hingebung an den Gatten iſt bei ihr die einfachſte Natur, ohne allen Wider⸗ ſchein hoheren Gehalts und tieferer, romantiſcher Empfindung. Sie iſt gut, hold, lieblich, ich muß das anerkennen, aber dieſe Einſeitigkeit der Rich⸗ tung iſt in ihr mit jener Beſchraͤnktheit des Geiſtes verbunden und wahrſcheinlich von ihr erzeugt, die mir bei reizenden Frauen immer ſo wehe thut, und ich fuͤhle lebendiger denn je, daß ohne ein ſelbſtkraͤf⸗ tiges, geiſtiges Leben eine weibliche Natur nie jenen Gegenſatz des männlichen Charakters in ſich bewah⸗ ren kann, der allein durch ſeinen tieferen Reiz ein eheliches Verhältniß vor dem Fluche der alltäglichen Gewoͤhnung und vor Ueberſättigung ſchuͤtzen kann. Alle Tugend und Herzensguͤte, die dieſe geiſtig ge⸗ ſtaltloſen Frauen beſitzen, ſichert einen Mann, der mit ihnen für das ganze Leben verbunden iſt, doch nicht gegen eine höchſt langweilige Epiſtenz. Maria z. B. iſt nun ſchon Alles geworden, was ſie werden kann; geſcheidter, tuͤchtiger fuͤr das Leben kann das Leben ſie noch bilden, allein die innere Jugend, die — — das wahre Weib bis in's ſpäteſte Alter hinein ſich in der Poeſie ſeiner Empfindung zu erhalten ver⸗ mag, wird bei ihr mit der Bluͤthe des äußern Rei⸗ zes welken. Als ein noch nicht gelöſetes Raͤthſel ſteht dagegen ihre Schweſter Dorothea neben ihr. Wenn man ſie in ihrer haͤuslichen Thätigkeit ſo hei⸗ ter und unermuͤdet geſchäftig ſieht, ſollte man dar⸗ auf wetten, keiner ihrer Wuͤnſche, keiner ihrer Gedanken reiche uͤber den engen Kreis ihres Le⸗ bens hinaus, und doch, ſiehſt Du ſie in einzelnen Augenblicken, wo ſie ſich einſam, unbeachtet glaubt, ſo hat ihr Auge einen Blick, ihre Zuͤge einen Aus⸗ druck, die wahrlich dieſem geſchaͤftig wirthlichen Thun und Treiben in ihrem heiligen Ernſt, ihrer ſinnigen Schwaͤrmerei nicht angebören. Sie ſowohl als Maria haben immer, abgeſchieden von der Welr, in einfach buͤrgerlicher Haͤuslichkeit gelebt, und dee Kreis ihrer Kenntniſſe erſtreckt ſich auch, wie es ſcheint, nicht uͤber die Elementarkenntniſſe des ge⸗ woͤhnlichen weiblichen Schulunterrichts. Daher auch ihr Verſtummen, ſobald das Geſpräch zwiſchen Paul⸗ mann und mir eine Richtung nimmt, die es in das Gebiet der Idee, der Kunſt, der Literatur, oder ir⸗ gend einer umfaſſendern Lebens⸗ und Weltanſicht — 136 — hinuberzieht. Es iſt Schade um dieſe Dorothea! Was hätte nicht aus ihr, die in dieſes eng beſchränkte Leben ſo viel herzgewinnende Guͤte, ſo viel Zauber holder Anmuth, ſtill erbluͤhter Zartheit und Jung⸗ fräulichkeit zu legen weiß, werden muͤſſen, wenn ihr Geiſt gebildet, ihr Sinn füͤr Kunſt und Wiſſenſchaft entfaltet und dadurch die Fähigkeit ihrer Seele, ſtark und wahr zu empfinden, entwickelt worden waͤre, Du glaubſt nicht, wie reizend dies Weſen jetzt ſchon bei allem Mangel hoͤherer Bildung iſt! Alles im Hauſe liebt ſie unbeſchreiblich, und ohne daß man es ahnet, ohne daß man es weiß, wie und warum, wird man ihr unausſprechlich gut. An eine Ge⸗ liebte, an eine Gattin wuͤrde ich hohere Anforderun⸗ gen machen, aber ſo eine Schweſter, wie dieſe Do⸗ rothea, waͤre mir als wahre Gottesgabe, als ein ſchoͤner Himmelsſegen willkommen. r Der Himmel kann nicht reiner, die Luft nicht milder, ſanfter ſein, als hier in dieſen Sommerta⸗ gen. Die Gegend iſt romantiſch ſchoͤn, uͤberall ſind — 137 — die Thäler von Felſen eingeſchloſſen, deren graue Waͤnde das Gruͤn erheben, das den Boden deckt. Von den Hohen herab erſcheinen die Buchten des Meeres wie ſtille, klare Seen; Waldbaͤche und Berg⸗ quellen ſtroͤmen aus allen ihren Spalten und Schluchten hervor, und rieſeln zwiſchen Kieſeln und in ſie hinabgerollte, zerträmmerte Steinmaſſen hin, und bilden einen phantaſiereichen Contraſt des fri⸗ ſchen, jugendlichen Lebens mit den dunklen Fichten, die wie die Vaͤter des Waldes ſo ſchweigſam ernſt daſtehen. Stunden lang ſtreife ich oft in dieſen Thaͤlern umher, in denen ich ſelten einem menſch⸗ lichen Weſen begegne. Was mich umgibt, iſt ſtill und feierlich und meine Seele, wie mit neuen Sin⸗ nen begabt, lauſcht zu verſtehen, was dieſe Wellen, dieſe Waͤlder ihr zurauſchen. Oft ſtehe ich an dem donnernden Sturz eines Bergſtromes, der meinen Geiſt aufſtuͤrmt, ſich von der Erde aufzureißen, und ich vermag dann den Flug meiner Gedanken ſo we⸗ nig aufzuhalten, als den Sturz der herabbrauſenden Fluthen vor mir, aber unwilkkuͤrlich zieht es mich immer wieder zuruͤck in die lieblichen, von klaren Quellen ſanft durchrauſchten Thäler, deren Melodien in meiner Seele tauſend dichteriſche Bilder wecken. — 138 — Alle Träume meiner Sehnſucht werden dann zu zaubervollen, mich himmliſch anlächelnden Geſtalten, und dieſe Augenblicke find ſo beſeligend, daß ich mich ihrer gewiß noch einſt als Greis mit wonnevoller Ruͤhrung erinnern werde. Einzig ſchön ſind auch die Naͤchte dieſes Landes, wenn man anders das eine Nacht nennen kann, wo zum Tage nichts fehlt, als der ſtrahlende, ſo oft druͤckende und blendende Sonnenglanz. Ich ſchreibe Dir dieſe Zeilen ohne Licht um Mitternacht, aber trotz dieſer milden Helle hat Alles um mich her in der Natur ſich zur Ruhe geneigt und die ſchwarzen Haͤupter der Felſenmaſſen ſelbſt ſcheinen ſich wehmuthsvoll und ſchweigend ge⸗ gen ihre Grundfeſten zu neigen. Mein Freund, woher die Macht, die meinen Geiſt und meine Phan⸗ taſie zwingt, außer mir umherzuſchweifen und jen⸗ ſeits der mir bekannten Gegenſtände ein Gluͤck auf⸗ zuſuchen, das meine Sehnſucht ſchon dem Leben ab⸗ forderte, ehe ich noch um die Wirklichteit ſeines Daſeins wußte? Eine ſtille, ſuͤße Naturnothwendigkeit ſcheint den Menſchen darauf hinzufuͤhren, ſich in enge Schranken zuruͤckzuziehen und doch ſtrebt wieder ein Etwas in ſeiner Seele ſo maͤchtig nach dem Unge⸗ — 139 — kannten, Namenloſen, vom Duft der Ferne Ver⸗ ſchleierten hin, daß er dem Drange, es aufzuſuchen, nicht zu widerſtehen vermag. Auf eine mir ſelbſt unbegreiftiche Weiſe uͤber⸗ ſchleicht mich, unter dieſen Menſchen lebend, oft der Wunſch, den Traum meines Daſeins fortzutraͤumen wie ſie, die ſie alle Wuͤnſche in Einem befriedigt fuͤhlen. Sie ſind gluͤcklich, ſo wahrhaft, ſo rein menſchlich glucklich, und ich fuͤhle es, wenn ich aus dieſem Kreiſe ſcheide, werde ich oft ſchmerzlch den Frieden ſuchen, den ich hier gefunden habe, und meine Sehnſucht wird dann bei der Erinnerung an dieſen friedlichen Sitz der Ruhe, der Treue und der ſtillen innigen Empfindung weilen. Ach, Ferdinand, warum iſt es ſo ſchwer, ſich ſelbſt und das, was uns zu begluͤcken vermag, erkennen zu lernen? Ich bin heute tief und ſeltſam bewegt. Ohne es gewollt zu haben, fortgeriſſen von dem Vertrauen, das Dorothea Jedem einfloͤßt, der ſich ihr naht, habe ich ihr das Geheimniß meiner Liebe zu Sido⸗ — 140 — nien und den Vorſatz, von hier nach Deutſchland zu gehen und um ihre Hand zu werben, geſtanden, und mir iſt jetzt, als ſei die Bluͤthe meiner Leiden⸗ ſchaft fuͤr die Herrliche in dem Augenblicke verwelkt, wo ich ſie durch das ausgeſprochene Wort aus dem ſtill verſchloſſenen Heiligthume meines Herzens hin⸗ aus in die Außenwelt verſetzt habe. Nein, dies Ge⸗ heimniß mußte nicht ausgeſprochen werden, wenn es nicht ſeinen ſchonſten Reiz verlieren ſollte; ſein Zauber lag in der geſtaltloſen magiſchen Ueberhul⸗ lung, in der es ruhete, und doch lag auch wieder in dem Ausſprechen deſſelben ein namenloſer Reiz, und die heilige Wunderkraft der fremden Liebe vermochte ſelbſt die Zuͤge der Freundin mit einem Reiz zu be⸗ ſeelen, den ich die Verklarung aller Huld, aller Weiblichkeit und Schoͤnheit nennen mochte. Wie eine neue Morgenrothe, heimlich ſuͤß und entzuͤckend ging mir in Dorotheens Erröthen, in ihrem Blicke, in dem leiſen Beben ihrer Stimme das Bild der fernen unſichtbaren Geliebten in namenloſem, fruher nie von mir empfundenem Zauber auf. Wie vor ihr, haͤtte ich vor Dorotheen knieen und ihr mit Thränen, mit Zittern, mit aller Seligkeit des Ent⸗ zůckens ſagen moͤgen: Seh ich Dich endlich? Du, — 141 — die Du nur in meinem Herzen wohnteſt, nur in mei⸗ nen Traumen den Schleier wegzogſt, der mir Deine himmliſche Geſtalt barg, und mir Gluth und Schmerz, Liebe und Wonne in die Seele blickteſt, Du er⸗ ſcheinſt mir und ich darf Deine Hand faſſen, darf Dich an mein Herz ziehen und ſagen: Nun bleiben wir ewig bei einander, ich habe Dich gefunden, um mich nie wieder von Dir zu trennen! Oft war es mir aufgefallen, was ich auch ſchon gegen Dich erwaͤhnt habe, daß Dorothea ſo⸗ wohl als Maria verſtummten, ſobald das Geſpraͤch zwiſchen Paulmann und mir irgend eine ernſtere, ideenreiche Wendung nahm. Bei laͤngerem Bei⸗ ſammenſein konnte es mir nicht entgehen, daß dies Verſtummen ein erzwungenes war, und daß es Do⸗ rotheen oft Muͤhe koſtete, das Intereſſe zu ver⸗ bergen „ mit dem ſie dieſen Unterredungen lauſchte. Mich empoͤrte die rohe Gewalt, mit der Paulmann dieſen ſich nach Licht und Freiheit ſehnenden Geiſt in die Schranken der Handwerksprofeſſion ſeelen⸗ loſer Hauswirthlichkeit gebannt hielt, und eifrig er⸗ griff ich in ſeiner Abweſenheit jede Gelegenheit, den Frauen vorzuleſen oder ihnen zu erzaͤhlen, und fand dadurch Veranlaſſung, die Tiefe und Wahrheit zu bewundern, mit der ſie das Schoͤne auffaßten, und das Vortreffliche von dem Guten, dieſes von dem Verfehlten zu ſondern vermochten. Auch entfaltete ſich mir die Liebenswuͤrdigkeit der beiden Frauen immer anmuthsvoller; in dieſer Anſpruchloſigkeit, dieſer klaren Einfachheit, dieſer Stille ihres Gemuͤ⸗ thes lag Etwas, das alle Unruhe meines Weſens be⸗ ſchwichtigte, alle Verworrenheit meines Innern löſete, und wie Nachtigallgeſang im Abenddunkel und im Waldesſchatten auf mich wirkte. — Sie waren Feldblumen, einfach an Farbe und an Duft, aber lieblich und eine Zierde des ſtillen Thales, wo ſie bluͤheten. Heute nun, als Paulmann aus der Stadt von ſeinem Comptoir nach Hauſe kam, brachte er ein Packet neu angekommener Buͤcher mit, denn er ſelbſt lieſet viel, und iſt mit den beſten Erzeugniſſen der neu⸗europäiſchen Literatur bekannt. Ich fand unter dieſen Buͤchern mehrere Werke weiblicher Fe⸗ dern, und nahm daher Gelegenheit während der Mahlzeit das Geſpraͤch darauf zu leiten und den Einfluß zu preiſen, den die Frauen ſeit Ludwigs des Vierzehnten Zeit auf die Literatur gewonnen haben, und wie jetzt das weibliche Geſchlecht ſo viel höher — 143 — in geiſtiger Bildung ſtehe, als in fruͤheren Jahr⸗ hunderten, und ſo manche Kette des Vorurtheils und des engherzigen Wahnes geſprengt ſei, durch die das Weib zur Sklavin des Mannes erniedrigt werde, ſtatt in der Freiheit edler Selbſiſtandigkeit durch die Liebe ſeine Lebensgefährtin in voller Gleichheit bei⸗ derſeitiger Rechte zu ſein. — Paulmann ſah mich hier ſpöttiſch an, und ohne eine Sylbe zu erwiedern, pries er, ſich zu ſeiner Frau wendend, das vor ihm ſtehende Gericht als ganz vorzuͤglich gelungen, und wie ſie doch die beſte Koͤchin ſei, die er kenne. Ich fuͤhlte durch die Geringſchaͤtzung weiblicher Bildung, die in ſeinem Laͤcheln und dem Tone ſeiner Worte ſich ausſprach, mich unmuthig aufgeregt, und for⸗ derte ihn auf, mir daruͤber Rede zu ſtehen. „Wie kann ich dies,“ ſagte er mir ruhig ernſt, „uͤber ei⸗ nen Gegenſtand, den Sie ſelbſt nicht in einem nur einigermaßen klaren Begriff anzuſchauen vermoͤgen? Die eitle Geiſtigkeit der neu⸗europaͤiſchen Bildung hat die Verhältniſſe beider Geſchlechter zu einander ſo erſchuͤttert, daß ſie ſchwanken, und wir alle mehr oder minder die Sicherheit des Naturverhaͤltniſſes verloren haben, und doch iſt es dieſe, nach der ſich jeder edle Mann, jedes reine unverſchrobene Weib — unt — zuruckſehnt, eben weil die Naturnothwendigkeit mach⸗ tiger iſt, als alles Erkunſtelte. Man hat die Frauen im geſelligen Leben hoch geſtellt, um ſie deſto leichter erniedrigen zu koͤnnen; die Idealität der ritterlichen Galanterie fruͤherer Jahrhunderte iſt verſchwunden; eine neue Anſicht und eine neue Wuͤrdigung der Frauen hätte in der Anerkennung ihrer Zartheit und Milde als eine Bluͤthe unſerer Religion in das Le⸗ ben uͤbergehen ſollen; ſtatt deſſen hat die Verkehrt⸗ heit der Maͤnner dem weiblichen Sinn und Weſen den tiefen heiligen Lebensreiz geraubt, deſſen Prieſte⸗ rinnen ſie nur in Einfalt und Unſchuld ſein koͤnnen. Selbſt der geſellige Umgang mit ihnen iſt in der großen Welt mätt und ſchal geworden, und hat ganz den feinern Reiz der geſchlechtlichen Wechſel⸗ wirkung auf einander verloren. Man will jetzt die Weiber vielſeitig gebildet haben und verleitet ſie da⸗ durch, ihrer Natur untreu zu werden. Ich geſtehe es Ihnen, mir ſind alle dieſe hochgebildeten, kunſt⸗ und talentvollen Frauen wie Mißgeburten verhaßt, und ich danke Gott, daß er mir ein einfaches, bra⸗ ves, haͤusliches Weib gegeben hat, das nicht durch Modeleſereien und Modetand ihr richtiges Gefuͤhl verdrehet und die einfache Stäͤrke ihres Gefuͤhls — 145 — nicht burch ne Albernheiten und weinerliche Empfindeleien abgeſtumpft hat.“ Maria reichte ihm hier lächelnd die e Dorothea erroͤthete und warf einen ernſten, forſchen⸗ den Blick auf mich. „Warum,“ fragte ich, „wollen Sie keinen Unterſchied zwiſchen Bildung und Ver⸗ bildung geſtatten? Auch ich will das Weib nicht aus dem Kreiſe ſeiner Weiblichkeit hinaustreiben und ſeine ſchoͤne Blumennatur in ihm zerſtoͤren; allein ich will das Streben nach Allem, was es im Reiche der Kunſt und der Idee an Talent und Wiſſenſchaft ſich anzueignen vermag, ihm frei gelaſſen wiſſen, ſtatt es auf die Handwerks⸗Profeſſion der Haus⸗ haltung beſchraͤnken zu wollen, und ich will dies, damit es ſeinen Beruf, durch Liebe zu begluͤcken, freudig und herrlich erfuͤllen könne. Wo der Geiſt nicht gebildet wird, wo ſeine Faͤhigkeiten unent⸗ wickelt bleiben, da entfaltet auch das Gefuhl ſeine ſchoͤnſten und zarteſten Bluͤthen nicht.“ „O,“ unterbrach er mich hier zuͤrnend, „wenn Sie wuͤßten, wie mich die verwirrende Miſchung von Wahrheit und Falſchheit aͤrgert, die dieſen Be⸗ griffen zum Grunde liegt, und die es dahin gebracht hat, daß auch die ſchoͤnſte weibliche Seele heut zu Tarnow's Schriften. Rll. 5 — 146 — Tage nicht mehr im Welt⸗ und Menſchenverkehr die Reinheit und Harmonie ihres Weſens ungetruͤbt und ungeſtoͤrt zu bewahren vermag! Es iſt ein Zeichen von der ſchmaͤhlichen Entartung unſers Geſchlechts, daß wir die Frauen in dieſe Verwirrung der Be⸗ griffe, in dieſe Unnatur der Bildung hineingeriſſen haben und ihnen die Ruͤckkehr unmoͤglich machen; denn nur durch die Liebe können ſie ſich wieder zu⸗ rechtfinden, und wie ſelten iſt jetzt ein Mann, an dem ein weibliches Weſen zu einem ſtillen, fröhlichen, geſunden Leben und Wirken ſich hinaufranken kann? Ich habe faſt alle Laͤnder Europa's durchreiſet, und da ich von fruͤheſter Jugend an mich durch Neigung und Charakter mit meinen Hoffnungen auf Gluͤck an das haͤusliche Leben, auf Gatten⸗ und Vater⸗ liebe, angewieſen fand, habe ich die Verhaͤltniſſe beider Geſchlechter zu einander zum Hauptgegenſtande meiner Beobachtungen gemacht und mich durch dieſe feſt uͤberzeugt, daß die Grundgeſetze der Natur, und nicht Sitte und Herkommen, das Weib zur Ab⸗ haͤngigkeit und zu der einfachen Beſchränkung des haͤuslichen Lebens beſtimmen. In Euren Städten, in Euren geſelligen Kreiſen verſteht Ihr Euch nicht mehr darauf, den Reiz des Umgangs mit Frauen zu ——— — * — 147 — empfinden; Ihr treibt Euch mit ihnen umher, wie Ihr Euch mit einander auf Euren Klubbs und Kaffeehaͤuſern umhertreibt, und daran geht mit der Schonheit zarter Sitte auch jedes Herzensgluͤck ver⸗ loren, und leere Empfindelei, Schwaͤchlichkeit des Gefuͤhls iſt an die Stelle der Liebe getreten. Nur unter dem Schutze des Mannes darf das Weib in das Leben hinaustreten, und nur durch die Liebe ſoll ihr Geiſt gebildet werden. Der Mann kann und muß ſich durch den Kampf mit dem Leben ſtaͤh⸗ len und kräftigen; das Weib ſoll nicht werden, es iſt, und wo ein Weib, ſei es auch im reinſten Adel, durch Kampf und Geiſtesbildung ſich zum klaren Selbſtbewußtſein, zur Sicherheit der Lebens⸗ klugheit erhebt, empfinde ich eine druͤckende, un⸗ heimliche Beklommenheit; ſie ängſtigt mich und ich wende mich erkältet von einem Weſen ab, das in den zarteſten Beziehungen aufgehoͤrt hat, ein Weib zu ſein, und doch nicht meines Gleichen geworden iſt. Ein Weib iſt rein durch ſich ſelbſt, als Weib das Hoͤchſte, was es werden kann; alle Talente alle Geiſtesbildung ſind fur daſſelbe verderblicher Ueberfluß; im beſten Falle kann ihr Beſitz eine Zierde, ein huͤbſcher Putz ſein, aber nie können ſie den Werth 5 7 * — 148 — eines Weibes erhoͤhen, und ſo wie die Verhältniſſe der Geſchlechter und des geſelligen Lebens ſich nun einmal geſtaltet haben, wird man ſchwerlich ein weibliches Weſen treffen, das nicht von ſeinem Gluͤck und ſeinem Werth eingebuͤßt hat, um ſich jene Re⸗ chenpfennige glaͤnzenden Scheines dafuͤr einzutauſchen. Tugendhafte Weiber gibt es unter Euch — aber die Schoͤnheit lautrer Weiblichkeit, die Sicherheit und Haltung des Lebens, die ſchoͤne Bewußtloſigkeit des heiligen Naturdaſeins, die Froͤmmigkeit der Liebe und der unerſchutterlichen Treue — dieſe findet man bei keinem nach dem heutigen Modezuſchnitt gebilde⸗ ten Weibe mehr.“ Vieles in mir ſprach laut gegen Paulmann's Anſicht; vorzuͤglich empoͤrte ſich dagegen in mir das Gefuͤhl, mit dem der Mann, dem ſchwaͤcheren Ge⸗ ſchlechte gegenuͤber, es ſtets als einen Mangel der Großmuth empfinden muß, wenn dieſe zarten Weſen durch das Herrſchergeſetz roher Stärke zur Abhaͤngig⸗ keit und immerwaͤhrenden Unmuͤndigkeit verdammt werden. Ich machte Paulmann dieſes bemerklich. „Will ich denn das?“ fragte er mit weichem Ernſte, „liebe ich mein Weib etwa nur, weil ſie die Mutter meiner Kinder iſt und mir meinen Haushalt gut —— —— — 149 — fuͤhrt? Druͤcke ich ſie nicht mit dem innigen dan⸗ kenden Gefuͤhle, daß ſie mir zum Vollgefuͤhl des Daſeins, zum Gluͤck meines Lebens unentbehrlich iſt, an mein Herz? Der Mann iſt ſeiner Natur nach oft roh, das Weib iſt es ohne gaͤnzliche Ent⸗ artung nie — aber eben um dieſer Schoͤnheit ihrer Natur willen braucht ſie nichts zu lernen, um ge⸗ bildet zu heißen. Alle Sprachkenntniſſe, alle Vir⸗ tuoſitaͤt in Kuͤnſten, aller Glanz der Weltbildung, aller Reichthum witziger Unterhaltungsgabe entſtellen nur in ihr die angeborne Schoͤnheit. Ich hoͤre z. B. meine Maria, ich hoͤre Dorothea ſo gern ihre ein⸗ fachen Lieder ſingen; allein ſähe ich ſie je in Geſell⸗ ſchaften oder in Concerten mit ihren wirklich ſchoͤnen Stimmen prunken, ſo waͤre mir meine Freude an ihrem Geſang auf immer verleidet. Beide ſprechen ihre Mutterſprache rein und richtig; Beide ſind faͤ⸗ hig, die Schoͤnheit eines Kunſtwerkes, einer Dich⸗ tung im Gefuͤhl, nicht im Begriff, alſo nicht als Kunſtleiſtung, ſondern als etwas wirklich Lebendes und Erlebtes, zu empfinden; aber ich wiederhole es Ihnen, die Bildung der Frauen muß ſo in Einfalt und Liebe begruͤndet ſein, daß ſich ihr Weſen durch⸗ aus nicht in Worte darſtellen läßt. Die ſogenann⸗ — 150 — ten gebildeten Frauen, dieſe Vielwiſſerinnen, dieſe äſthetiſchen Kunſtkennerinnen, Virtuoſinnen und Schriftſtellerinnen ſind mir als eine Peſt des Lebens und der Geſellſchaft verhaßt.“ Hier fiel mein Blick auf Dorothea — ein ſchmerzlicher Zug flog uͤber ihr ſonſt ſtets heiteres Geſicht und ihr Auge fultte ſich mit Thranen — ſie erroͤthete, als ſie ſah, daß mein Blick mit theilneh⸗ mendem Beftemden auf ihr weilte, und ſtand auf, ſich zu entfernen. Paulmann bemerkte dies nicht, und fuhr fort: „Thatenmuth und Gedankenfulle ſoll der Mann nicht erſt durch die Liebe erhalten; ſein Da⸗ ſein iſt nicht ausſchließlich in dieſer bedingt; allein weihen ſoll ihn das Weib zu beiden durch ihre Liebe, und durch ihren Reiz und ihre Grazie ihm und ſeinem Leben Milde und Klarheit geben.“ Er ſchloß hier Maria in ſeine Arme, und geruͤhrt ſagte er, ſie leiſe auf die Stirne kuͤſſend: „Muß nicht das geliebte Weib es tief und innig in ihrem Herzen fuͤhlen, daß ſie ein den Mann veredelndes Weſen, die Schöpferin und Pflegerin ſeines Gluckes iſt, und daß, von ihr in den unſichtbaren Banden der An⸗ muth und der Liebe gehalten, ſeine Staͤrke ſich ſo gern vor ihrer Milde beugt?“ — WMit unendlicher — — — 151 — Liebe in Blick und Ton neigte ſich Maria zu ihm nieder und ſeine Hand zu ihren Lippen emporhebend, fliſterte ſie: „Sie wird fuͤhlen, daß es nicht die Hertſchſucht des Mannes iſt, die von ihr Gehorſam fordert, ſondern daß das Beduͤrfniß ihrer Natur, einem hoheren Weſen ſich anzuſchmiegen, ſie dem Manne unterthaͤnig macht, den ſie mit ganzer Seele als ihren Beſchuͤtzer, ihren Gatten, als ihr ſichtbar gewordenes Schickſal ehrt und liebt.“ Tief ergriffen ſtand ich auf und Beider Haͤnde faſſend und ſie vereint an mein Herz druͤckend, pries ich ihr Gluck und eilte ſchnell hinweg, weil ich mich bewegter fuͤhlte, als ich mir ſelbſt zu deuten ver⸗ mochte. Mir war, als zerfließe vor mir Sidoniens hohes, herrliches Bild in Nebel, als verſchwinde die Sicherheit der Wahrheit meiner Empfindung fuͤr ſie und mache der Angſt Platz, in ihr nur einem Trug⸗ bilde nachzuſtreben. Maria und Dorothea, wie ftemd war ihnen der Glanz, der Schimmer, mit dem mich jene in der Hoheit ihres Geiſtes, in der Kuͤhnheit ihrer Lebensanſichten, in der Genialität ihres Talen⸗ tes bezaubert hatte, und doch fuͤhlte ich, daß beiden Frauen, bei der frommen Einfalt, die ihnen ihr ein⸗ ſames Leben und ihre einfache Bildung gegeben und — 152 — bewahrt hatte, auch jener namenloſe Zauber der Seelenſchoͤnheit und der Weiblichkeit eigen war, der ſo viele Macht uͤber das Gemuͤth des Mannes hat, und durch den allein die Neigung ſich zu Liebe aus⸗ bilden kann, weil er allein fuͤr die Vergaͤnglichkeit und Fluͤchtigkeit der Schonheit und der Jugend den Erſatz ſichert, den der Mann zu finden begehrt, um nicht im Wechſel das Bleibende ſuchen zu muͤſſen. Ich blieb den Nachmittag allein auf meinem Zim⸗ merz die Unruhe, die ich empfand, that mir quälend wehe; ich war mir ſelbſt nicht klar und ſtrebte ver⸗ gebens nach Verſtaͤndniß des Streites in mir. Schon mehrere Male hatte ich empfunden, daß Dorotheens Nähe mir in ſoſchen Stimmungen wohl that. Sie iſt ſo klar, ſo milde freundlich, nie aufreizend, ſtets befaͤnftigend; heute bei Tiſche hatte ich ſie zum erſten Male bewegt, ſchmerzlich bewegt geſehen. Wer hatte ſie verletzt? ich, durch den Werth, den ich einer ihr verſagten Ausbildung der Fähigkeiten des weib⸗ lichen Geiſtes beilegte, oder Paulmann, deſſen Grund⸗ ſäte fur ſie vielleicht zur druckenden Beſchraͤnkung geworden waren? — Sie war mir überhaupt oft eine räthſelhafte Erſcheinung geweſen; in der Ein⸗ fachheit ihres Weſens glaubt man ſie in der erſten — — 153 — Stunde, wo man ſie ſieht, durchſchaut zu haben; es iſt Dir, als habeſt Du ſchon Jahre lang mit ihr gelebt, und je laͤnger Du ſie ſiehſt, je mehr ſich ihr Weſen vor Dir entfaltet, deſto reicher an innerem, geheimnißvollem Reichthum erſcheint ſie, und durch die Heiterkeit ihres Weſens leuchtet zuweilen ein Strahl tiefen Ernſtes und einer ſanften Weh⸗ muth. Ach, waͤre es ihr vom Schickſale ver⸗ gönnt worden, in Wiſſenſchaft und Kunſt Organe fuͤr die Kraft ihrer Seele und ihres Geiſtes aufſuchen zu duͤrfen, ſie wuͤrde neben den Herrlichſten ihres Geſchlechts glaͤnzen, ſtatt daß jetzt ihr ſchoͤnes Leben ſpurlos dahingleitet, ohne je die wahre Wuͤrdigung ſeines Reichthums zu erhalten. Ich ſtrebte gewalt⸗ ſam, Sidoniens Bild feſtzuhalten, aber immer brach in mir der Vorwurf wieder durch, in Dorotheens Gegenwart Meinungen ausgeſprochen zu haben, die ihr vielleicht wehe gethan hatten⸗ Ich ging endlich, Dorothea aufzuſuchen, um mich mit ihr zu verſtaͤndigen. Entſchuldigen durfte ich mich freilich nicht, aber es ihr doch ausſprechen, daß ich ihren ſtillen Werth anerkenne und daß gerade bei ihr nichts vermißt werden kann, weil die Natur dieſer Nordlands⸗Lilie mit der tiefblauen, wunder⸗ — 154 — voll ſchoͤnen Augen ſo Vieles gegeben hat, was bei einem von ihr minder reich ausgeſtatteten Weſen die Bildung erſt hervorbringen muß. Sie war nicht im Hauſe zu finden, ſondern ſpatzieren gegangen, und das Madchen, das mir dieſe Nachricht gab, bezeich⸗ nete mir auch den Weg, den ſie genommen hatte. Dieſer fuͤhrte mich einen Felſenpfad abwaͤrts in ein einſames Thal, durch deſſen Kluͤfte ein Bergſtrom maͤchtig hinabſtuͤrzte, waͤhrend der Abendwind durch die Fichtenwipfel ſaͤuſelte, als wolle er ſich ſelbſt beim Verſinken der Sonne in den Schlaf lullen. Ich ſah Dorothea auf einem Felſenvorſprunge ſitzen; den Kopf auf den aufgeſtuͤtzten Arm niedergeſenkt, ſchauete ſie ernſt und ſinnend weit in die Gegend hinaus, und mir war, als ſehe ich ſie von den Geiſtern dieſer Felſenklippen umſchwebt. „So ernſt, Dorothea?“ fragte ich, mich zu ihr ſetzend. Sie wandte, ohne die Stellung zu verändern, das Auge zu mir; ich ſah, ſie hatte geweint; aber auf ihren reinen, klaren Zuͤgen lag eine ſo himmliſche Ruhe, daß ich den Schmerz nicht zu nennen vermocht hätte, der ihnen den ruͤhrenden Zauber dieſer milden ver⸗ liehen hatte. „Hir“ antwortete ſe mir, „in dieſen Gegen⸗ — 0 — — — 155 — den, wo der Fleiß des Menſchen die Natur noch nicht umgeſtaltet hat, erinnert uns Alles an die Ur⸗ krafte einer geheimnißvollen Schopfermacht und die Betrachtung wird unwillkuͤrlich ernſt und andaͤchtig. Ein reich und bluͤhend angebautes, mit Doͤrfern und Staͤdten uͤberſaͤetes Land bietet der Phantaſie keinen Spielraum; uns duͤnkt, es muͤſſe von jeher ſo ge⸗ ſtaltet geweſen ſein; eben ſo wiegen auch die Auf⸗ tritte des geſelligen Lebens in eine gewiſſe geiſtige Abſpannung ein, und nur in der Einſamkeit leitet die Wirklichkeit der Dinge auf erhabene Ideen hin. Dieſe nordiſchen Naturbilder ſind ſo ernſt ſchoͤn. Der Duft dieſer Fichtenwaͤlder iſt freilich nicht ſuͤß und berauſchend, wie der Duft von Italiens Blü⸗ thenbaͤumen; aber er iſt kräftigend und erfriſchend, und ſie ſind, wie ſie da vor uns ſiehen, bis zu den ſenkrechten Gipfeln hinauf mit ihren dunkelpurpur⸗ farbigen Aepfeln behangen, ihre Zweige von der ſin⸗ kenden Sonne lichtgrun durchſtrahlt, vielleicht ſchoͤner noch als unſte deutſchen Laubwälder, deren fallende Blätter jeden Herbſt das Bild eines ſchmerzlichen Kampfes zwiſchen Tod und Leben geben. Die lichte, ſpinnwebgraue Farbe der abſterbenden Fichtenzweige vietet dagegen ein viel ſanfteres Bild der Vergäng⸗ — 156 — lichkeit, und das Leben ſcheint aus ihnen ſo langſam wegzuſchwinden, daß man den Tod nur als das, was er wirklich iſt, als ein ſich frei machendes Leben, zu empfinden vermag. Ein Vorgefuhl der Ewigkeit durchbebt mich in dieſer Einſamkeit; alle Sorgen und Schmerzen des Lebens loſen ſich in Träume und Ahnungen auf, heilig wie die Erinnerung und das Vorgefuhl geweihter Lebensſtunden.“ „Und wer, Dorothea,“ fragte ich, „ lehrte Sie in dieſer Einſamkeit ſo empfinden, ſo denken?“ Sie laͤchelte ſanft. „Welches andern Lehr⸗ meiſters,“ antwortete ſie, „bedarf denn ein weibliches Perz, als des einfachen uns angebornen Sinnes fuͤr die Schoͤnheit der Natur, wenn wir ihn uns un⸗ verkuͤnſtelt erhalten? Sollte denn aus der äſtheti⸗ ſchen und wiſſenſchaftlichen Bildung, die Sie fuͤr uns Frauen begehren, allein der Sinn ſich zu ent⸗ wickeln vermögen, deſſen wir beduͤrfen, um uns in den Lebenskreis gebildeter Menſchen frei und be⸗ gluͤckend mit eingeſchloſſen zu fuͤhlen? Wer ein fuͤr die Schoͤnheit der Natur kaltes Herz an dem Zaube der Kunſt und der Wiſſenſchaft erwärmen wilt, auf den wird dieſer doch nur wie gemaltes Feuer wirken, und wo Genie, Talent und Kraft zur Liebe in — 157 — einer Weiberſeele ſind, da entfalten ſie ſich, von Natur und Einſamkeit beſchuͤtzt und gepflegt, beſſer, als wenn die Kunſt es zu thun uͤbernimmt.“ „Sie ſind ein Beweis davon, liebe Dorothea; allein nur als Ausnahme moͤchte ich dieſen gelten laſſen und doch behaupten, daß im Allgemeinen auch die Frauen im Leben fuͤr das Leben gebildet werden muͤſſen. Was kann man denn in der Abgeſchieden⸗ heit des häuslichen Lebens, fern vom vielfachen Menſchenverkehr, von den Menſchen, von uns ſelbſt, von dem ſtark bewegten Strom des wechſelnden Le⸗ bens kennen lernen? Nur am Geiſt entfaltet ſich der Geiſt, nur an der Seele die Seele. Die Kuͤn⸗ ſte, die Wiſſenſchaften, das Intereſſe fuͤr die Lite⸗ ratur, fur die fortſchreitende Entwickelung der Menſch⸗ heit in allen ihren politiſchen und geiſtigen Erſchei⸗ nungen uͤbt und entwickelt eine Menge von Fähig⸗ keiten in uns, deren Daſein in Frauenſeelen bewei⸗ ſet, daß ſie nicht ungeweckt ſchlummern ſollen. Warum ſind die Frauen oft ſo engherzig und kleingeiſtig? warum die Mehrzahl nach dem dreißigſten Jahre ſo matt und ſeelenlos? — doch nur, weil ihre Geiſtes⸗ thätigkeit nicht mit ihrer äußerlichen Lebensthätigkeit in harmoniſchem Verhaͤltniſſe ſteht, und daher das — 158 — Niedere bei ihnen uͤber alles Schöne und Freie der Jugendzeit den Sieg davon trägt.“ „Und ich mochte dagegen behaupten, daß man gerade in der Welt die Menſchen nur einſeitig kennen und beurtheilen lernt. Im gewohnlichen Weltver⸗ kehr haben die Menſchen alle eine aͤhnliche Phy⸗ ſiognomie, und wie oft ſind ſie nicht ſchon mit Muͤnzen verglichen worden, deren Geprage ſich im Umlaufe verwiſcht hat! Wer die wahre Mannig⸗ faltigkeit des Menſchencharakters kennen lernen will, muß den Menſchen in ſo einfachen Verhältniſſen aufſuchen, daß ſie die hervorragenden Zuͤge ſeiner Individualität nicht abgeſchliffen, ſondern entwickelt haben. Nur druͤckt ſich die Eigenthuͤmlichkeit ein⸗ facher Menſchen der Phantaſie mehr ein, als ſie das Gedächtniß durch Thatſachen beſchaͤftigt. Und jene Stimmung unſrer Seele, die wie ein Gottes⸗ ſegen unſer Herz reinigt und die Seele für Gluͤck und Schmerz kräftigt, und jene Treue und Wahr⸗ heit der Empfindung, die in einem beſchraͤnkten, haͤuslichen Leben auch das Kleinſte adelt, weil es mit Liebe und aus Liebe gethan wird, Julius, erbluͤht dieſe auch in dem Weltleben, das Sie ſo preiſen?“ — 159 — Ich vermochte nicht zu antworten und beugte mein Geſicht ſchweigend auf Dorotheens Hand nieder; ſie fuhr fort, und, o konnte ich Dir beſchreiben, wie ſchoͤn ſie unter dem Reden wurde! — „Ich habe heute Mittag es tief empfunden, daß Sie Paul⸗ mann's Aeußerungen mißverſtanden und es nicht ahnen, wie viel hoher der edle Mann uns in der Anerken⸗ nung unſeres wahren Werthes und unſers wahren Berufes ſtellt, als ſo viele Männer der jetzigen Zeit, die unſer Geſchlecht nur ſo hoch erheben, um ſich deſto eitler in der phantaſtiſchen Huldigung beſpiegeln zu können, die ſie ihm darbringen. Nur in der Verborgenheit, nur in der Umſchirmung frommer, haͤuslicher Sitte gedeihen wir, und finden in den einfachen Lebensverhaͤltniſſen dieſer hinreichend Gele⸗ genheit, die ſchoͤnſten und zarteſten Bluͤthen der Ge⸗ fuͤhle zu entfalten und das Leben mit den dichteri⸗ ſchen Bildern unſerer Phantaſie zu ſchmuͤcken. Tre⸗ ten wir in die Welt hinaus, verflechten ſich unſte Verhaͤltniſſe zu den Menſchen mannigfaltig, ſo ſchleift ſich in uns die Eigenthoͤmlichkeit der weibli⸗ chen Geſtaltung ab, und die geiſtigere Bildung, die die Roſe unſers Reizes blendender färbt, ſchärft auch zugleich den Dorn, an dem unſer Gluͤck und nur zu — 160 — oft auch unſer Werth verblutet. Freilich muß der Mann hoch ſtehen, der ſich in unſrer Zeit die Faͤhig⸗ keit erhalten will, den Reiz der wahren, ſchönen Weiblichkeit wuͤrdigen und anerkennen zu können. Dieſe glaͤnzt nie; allein ein edler Mann wird durch die klare Wahrheit ihrer Empfindung, durch die Lauterkeit ihrer Guͤte und durch die kunſtloſe Einfalt ihrer Gedanken ſich tiefer ergriffen und begluͤckender beftiedigt fuhlen, als durch allen Schimmer hochgebildeter Geiſtig⸗ keit. Julius,“ fuhr ſie fort, „Sie ſind ſo gut, Sie ſcheinen mir fuͤr die Wahrheit des Daſeins und der Empfindung ſo empfaͤnglich; wie kommen Sie nur dazu, ſich ein ſo phantaſtiſches Bild von Frauenwerth und Frauenbeſtimmung entworfen zu haben?“. So wie ſie, hatte noch nie Jemand zu mei⸗ nem Herzen geſprochen, ich noch nie ſo lebhaft das Beduͤrfniß empfunden, Jemandem unbedingt zu ver⸗ trauen, mein ganzes Herz, meine geheimſten Ge⸗ danken und Wuͤnſche in ſeine Seele niederzulegen. Du ſollteſt dieſe Dorothea nur einmal ſehen, Ferdi⸗ nand; ſie iſt keineswegs blendend ſchoͤn, aber alle ihre Zuge, und vorzuglich ihr reines, mildes Auge ſind ein Spiegel des edelſten und gefuͤhlvollſten Herzens, das Gott je fur ſanfte Liebe, fuͤr Troſt und Mit⸗ — — 161 — — leiden, fur alle ftomme, ſchone Regungen der Seele ſchuf, und die Tugend ſelbſt ſcheint ihrer Stirne und ihrem Blicke das Siegel unbefleckter Reinheit und Wahrheit aufgedruͤckt zu haben. Man kann ihr nichts verheimlichen wollen, und auch mir flog unwillkuͤrlich das Geheimniß meiner Liebe uͤber die Lippen. „Nein,“ ſagte ich ihr, „das hohe Bild, das in meiner Seele von Frauenwerth und Frauen⸗ bildung lebt, iſt keine trugeriſche Traumgeſtalt; die tiefe, mächtige Sehnſucht meines Herzens, ihr im Leben zu begegnen, wuͤrde mir ſchon das wirkliche Daſein deſſelben durch dieſe geheimnißvolle Anziehungs⸗ kraft beweiſen; auch war ſie meinem Geiſte ſchon lange in der Ahnung gegenwärtig, eh' ich ſie im Leben fand. Ich liebe, Dorothea, liebe eine der Edelſten und Vortrefflichſten Ihres Geſchlechts, aus⸗ gezeichnet vor Tauſenden ihrer Mitſchweſtern durch Ruhm, durch Geiſt, durch Talent, und doch liegt die ſtärkſte Macht des Zaubers, der mich an ſie bindet, nicht in dieſem Glanze, ſondern in dem, was ihn erzeugt, in jener Seelenkraft der Begeiſterung, welche die Liebe zum Grundtone des Daſeins macht, und, dieſes in ſie begrenzend, es unendlich reich macht in dieſer Begrenzung.“ — 162 — Dorotheens Auge ſchimmerte, als fuͤlle es der Glanz einer Thräne, und zaghaft ſchlug ſie den Blick zu Boden. „Ich kann mir nicht an dem ge⸗ nuͤgen laſſen,“ fuhr ſie fort, „was ſich aͤußerlich im Leben erſtreben läßt; es iſt in mir eine Ueber⸗ fule des Lebens und der Empfindung, die mich zer⸗ ſtören wuͤrde, ohne die heilige Offenbarung einer Liebe, der man allein ein ganzes Daſein ohne Ver⸗ kämmerung, ohne Zwieſpalt, ohne Erniedrigung hin⸗ geben kann. Ich begehre von Allem, was das Le⸗ ben bieten kann, nichts als ein zweites Herz, faͤhig, in der unendlichen Kraft der Empfindung, in jedem Pulsſchlage des Gefuͤhls, in jeder Regung der Seele, mir zu bogegnen. Unter Menſchen habe ich gelebt allein mit meiner Sehnſucht; Wuͤſten habe ich durch⸗ zogen und die Natur hatte keinen Troſt fuͤr mich, da erſchien ſie mir, und mein unbedeutendes Leben war am Ende; ich erkannte ſie, um ſie zu lieben; ich liebe ſie, um ſie ewig zu halten; ich kann nicht von ihr laſſen, konnte ſie nicht aufgeben, ohne mich aufzugeben in dem, was das Beſſere in mir iſt, weil es in ſeiner Sehnſucht nicht den vergänglichen Erſcheinungen dieſes Lebens, ſondern dem Ewigen in mir angehoͤrt.“ — 163 — „Und wo,“ fragte Dorothea weich und ernſt, „fanden Sie, wie erkannten Sie die Geliebte?“ Die Frage traf mich wunderbar. Sidoniens Bild war mir ſo lebendig aufgegangen, meine Liebe fur ſie ſo hell auſgeflammt, daß ich, Alles vergeſſend, mich von der Täuſchung umfangen fuhlte, ſie ſei gegenwartig und ich ſpreche ihr ſelbſt aus, wie ich ſie liebe. — Dorotheens Frage loͤſete dieſen Zauber; ich bedurfte einiger Minuten, um mich wieder zur klaren Beſonnenheit zu ſammeln. „ Sie iſt,“ fing ich endlich tiefathmend an, „Ihre Landsmaͤnnin, eine Deutſche wie Sie, liebe Dorothea, was mich innig freut, und ihr gefeierter Name Ihnen vielleicht nicht unbekannt, Sidonie S.,“ „Sidonie S.!“ rief Dorothea mit einem Er⸗ ſtaunen aus, das mich uͤberraſchte; ein gluͤhendes Erröthen färbte ihre Wangen; ſie ſah mich lunge und forſchend an — „Sidonie S.,“ wiederholte ſie langſamer wie vor ſich hin, „die Dichterin, die Ver⸗ faſſerin von Olga, unmöglich, unmoͤglich!“ „Dieſelbe,“ antwortete ich; „kennen Sie ſie; haben Sie ſie vielleicht in Deutſchland geſehen?“ — 164 — „Ich habe viel von ihr reden hoͤren, aber ſo viel ich weiß, waren Sie nie in der Gegend Deutſch⸗ lands, wo ſie lebt.“ „Auch habe ich ſie nie geſehen.“ „O Don Quixote, Don Quirote der Zweite,“ rief ſie hier lächelnd aus; „welch einem Wolkenbilde haben Sie ſich da ergeben! Sollte man einen ſo vernünftigen Mann, wie Sie, einer ſolchen Thor⸗ heit fähig glauben! — Aber,“ fuhr ſie muthwillig und doch herzgewinnend traulich fort, „machen Sie mich nun vollends zur Vertrauten; erzaͤhlen Sie mir den Roman Ihres Herzens, und wer weiß, ob ich Ihnen zur Vergeltung nicht noch manchen neuen Zug zum Bilde Ihter Dulcinea liefern kann.“ Ihr Scherz haͤtte mich geaͤrgert, wenn ſi nicht ſo geruͤhrt, ſo wunderlieblich läͤchelnd und errothend dazu ausgeſehen hätte; auch that es mir ſo wohl, mit ihr zu reden; ich fuͤhlte, daß ſie mich verſtand, daß ich ihr klar war, daß ſie mich achtete in der Sehnſucht meines Herzens; und daß ſie dieſe Heitis⸗ keit der Liebe zu begreifen und zu ehren vermochte, bewies mir auf's Neue den angebornen Adel dieſes wunderſamen Weſens. Ich erzaͤhlte ihr, wie ich zum Beſitz von Sidoniens Schriſten gekommen war, . — 165 — wie ich aus ihnen den Geiſt, das Herz, die Welt⸗ und Lebensanſichten der Verfaſſerin kennen lernte und mir nun aus dieſen Sidoniens eignes Bild in allem Zauber meiner Jugendideale aufſtieg und ich es er⸗ kannte, wie ich ſie und nur ſie im Leben geſucht und geliebt habe, ſeit dem Augenblicke, wo ich mir zuerſt meines Herzens bewußt geworden ſei. Doro⸗ thea hoͤrte mir mit ſtillſinnender Theilnahme zu. — „Und Sidonie,“ fragte ſie endlich, „haben Sie ihr geſchrieben? Haben Sie Hoffnung, von ihr — zu werden, wie Sie lieben?“ „Sobald meine Geſchaͤfte hier beendigt ſind, eile ich zu ihr. Iſt ihr Herz noch frei, und eine innere Stimme verkuͤndet mir, daß ich dies hoffen darf, ſo werbe ich um ſie, ermuthigt durch das Bewußtſein, ihr ein reines Herz und die Treue un⸗ vergaͤnglicher Liebe bieten zu können. Wer ein an⸗ deres Weſen ſo in ſeiner tiefſten Eigenthuͤmlichkeit zu erkennen, ſo in ſeinen Empfindungen zu errathen, ſo in ſeiner Liebe, ſeinem Glauben und ſeinem Schmerz zu verſtehen vermag, wie ich Sidonien, der hat ein heiliges, unveräußerliches Recht auf die Geliebte.“ „Mein lieber, ebler Freund,“ ſhn hier Doro⸗ — 166 — thea bewegt, „ſchelten Sie mich nicht kalt, halten Sie es fuͤr keinen Mangel an Seele bei mir, wenn ich Ihre Liebe zu Sidonien fuͤr nichts mehr und nichts minder, als fuͤr eine Selbſttäuſchung halte. Sie lieben und ſuchen die Liebe ſelbſt; das Leben fuͤhrte Ihnen keine Erſcheinung vor, in der ſich dieſe Ihnen zu offenbaren vermochte, und ſo bildeten Sie ſich ein Ideal und glauben dieſes nun in Sidonien gefunden zu haben. Wie ſehr wahrſcheinlich iſt es aber, daß, wenn Sie perſoͤnlich ſie kennen lernen, Sie dem Gebilde Ihrer Phantaſie ſie ſehr unaͤhnlich finden werden! Im Zauberglanze von Olga's Schoͤn⸗ heit ſteht ſie vor Ihnen, allein die Natur verſagte ihr dieſe: ſie iſt, wie man ſagt, nicht haͤßlich, aber nicht einmal huͤbſch zu nennen — und dann, ge⸗ wohnt, ſich bewundert zu ſehen, gewohnt, in der Welt zu leben, gewohnt, ihre Gefuͤhle in Dichtun⸗ gen niederzulegen und auszuſprechen, und ſie ſo, ienſeits der Grenze der Wahrheit, mit dem Glanze der Poeſie zu ſchmuͤcken — Julius, durfen Sie da hoffen, daß Sie die Kraft des Herzens bewahrt hat, die dazu gehört, zu lieben, wie Sie geliebt ſein wollen? — Der Dichter gehoͤrt keinem einzelnen, ſterblichen Weibe an, und wenn man in das Innere — 167 — ſeiner Verhältniſſe zu Frauen blickt, ſo wird man immer finden, daß auch die geliebteſte fuͤr ihn nur eine voruͤbergehende Erſcheinung ſeines Urbildes war — ſollte es nun bei den Dichterinnen anders ſein? — Der Glanz des Kuͤnſtlerlebens iſt mit einem rein weiblichen Daſein unvereinbar; nicht die Poeſie, de⸗ ren ſanfter, milder Bluͤthenſtaub unſer ganzes Sein und Leben durchhauchen muß, wohl aber alles ſelbſt⸗ ſchoͤpferiſche Bilden, weil uns dieſes dem Wirkungs⸗ kreis entfremdet, den die Natur uns zur ſichernden Lebensſchranke angewieſen hat. Liebten Sie Sidonie nur um der Erkenntniß ihres Charakters willen, die Sie aus ihren Schriften gezogen haben, ſo wuͤrde ich weniger fuͤr Sie fuͤrchten, allein ſo haben Sie ſich durch den Putz blenden laſſen, den ihre Be⸗ ruͤhmtheit ihr anlegt, und das kann Sie und Si⸗ donien nie zum Gluͤcke fuͤhren.“ „Und wo, Dorothea,“ fragte ich erſtaunt, „ha⸗ ben Sie Ihr Geſchlecht und die Verhaͤltniſſe geſelli⸗ gen Lebens ſo klar beurtheilen lernen? wo fanden Sie die Veranlaſſung, ſie aus dieſem Geſichtspunkte in's Auge zu faſſen und daruͤber nachzudenken?“ „In einem Leben der Liebe und des haͤuslichen Gluͤckes,“ antwortete ſie, „wie die Vorſehung es mir — 168 — als Tochter, Freundin und Schweſter ſchenkte, wird mit dem Herzen auch der Geiſt gebildet, und wir Maͤdchen leben oft im Kreiſe der allereinfachſten Haͤuslichkeit ein fuͤr Sinn und Gemuͤth ſehr reiches, dichteriſches Leben. Indeſſen,“ fuhr ſie ernſt wer⸗ dend fort, „weiß ich auch, wie mannigfach ſich das geſtaltet, was der Menſch ſein Gluͤck nennt; man kann auch in der großen Welt gluͤcklich ſein, gluͤcklich in der Verbindung mit einer glänzenden Frau, die außer ihrem Manne und ihren Kindern auch noch viel und mancherlei von draußen zu ihrem Glucke bedarf — die einzige weſentliche, ganz unumgaͤngliche Bedin⸗ gung zum Gluͤck iſt und bleibt fuͤr uns Menſchen: Einheit des innern und des außern Lebens. Sie ſtehen jett an einem Scheidewege, und daher wuͤnſche ich, daß Sie ſich ernſt befragen und ernſt pruͤfen, ehe Sie einen fuͤr das Gluͤck Ihres Lebens ent⸗ ſcheidenden Schritt thun. Meine Begriffe von Gluͤck und Tugend ſind einfach, wie ich ſelbſt es bin; es waͤre thöricht, ſie Ihnen als Maßſtab aufdringen zu wollen; allein, ſo wie ich Sie kenne, fuͤrchte ich, Julius, daß Sie Ihr Gluck nicht auf dem Wege finden werden, wo Sie es zu ſuchen geneigt ſind.“ Dorotheens Worte bewegten mich wunderbar; 4 5 — 169 — wie reich und ſchon entfaltete ſich in dieſem Ge⸗ ſpräche ihr einfach milder und doch ſo klarer Geiſt, der mit ihrem Herzen voll Kinderunſchuld und De⸗ muth in ſo ungeſtörter Liebe lebt, daß man nie zu ſondern vermag, was bei ihr Gedanke, was Empfin⸗ dung iſt. Und doch hat dieſe milde Klarheit alle Bilder meiner Phantaſie, alle meine bisherigen Wuͤnſche und Hoffnungen getruͤbt. Sidoniens Ne⸗ belgeſtalt ſchwimmt nur noch in farbloſem Duft vor mir, und will ich ſie feſter faſſen, ſo blickt ſie mich mit Dorotheens Auge an, und nach und nach tritt aus dem Nebel auch Dorotheens Geſtalt her⸗ vor, und ich vermag keine von beiden mehr geſon⸗ dert von der andern zu denken. Ich bin noch hier, obgleich meine Geſchäfte ſchon ſeit Wochen beendigt ſind, aber es iſt, als ob mich ein Zauber an dieſe lieben, freundlichen Men⸗ ſchen gefeſſelt haͤlt, die man lieben muß, um ſie in ihrer ganzen Trefflichkeit zu erkennen. Wie unver⸗ ſtändig bin ich in meinem fruͤheren Urtheil üͤber ſie und ihre Verhältniſſe zu einander geweſen! Hier, hier wohnt das Gluck, das erſehnte, das aufzuſuchen Tarnow's Schriften. XlI. 8 170 ich ausziehen wollte! O könnte ich Dir dieſe Doro⸗ thea ſchildern in all ihrer Anmuth, in all der Tiefe ihres Weſens, wie ſie, zu weiblich, um auf ſich ſelbſt ruhen zu koͤnnen, doch ſo erhaben iſt uͤber alle Beduͤrftigkeit der Schwaͤche! — ſo zart und doch ſo maͤchtig in ihrer Liebe, ſo muthig und doch ſo ſanft, und ihre Milde, ihre Weiblichkeit ſo durch⸗ leuchtet von einer Geiſteshelle, die die erhabene Kraft und die hohe Zuverſicht einer reinen, feſten, frommen Seele ahnen laͤßt! Wie oft erſchließt ſich mir vor ihrem Blicke eine Welt neuer Gefuͤhle! Wie lebe ich mich an ihrer Seite mit hinein in das Leben einfacher, durch Liebe veredelter Haͤuslichkeit! Wie lerne ich das begreifen, daß der Menſch der Natur die Kraft wieder abzugewinnen vermag, die die Welt ihm entzogen hat! Ja, es iſt wahr, was ich fruͤher nie erkannt habe, das geſellige Leben unſerer großen Städte verwäſſert langſam, aber unausbleiblich un⸗ ſere Empfindung und an die Stelle der einfachen Staͤrke und Wahrheit unſerer Naturgefuͤhle tritt eine Sentimentalität und Leidenſchaftlichkeit, die aus Irdiſchem geboren, auch irdiſch ſich verzehren muß. Die wahre Liebe iſt Einklang aller ſchönen und ho⸗ hen Kraͤfte des Gemuͤths, und gibt uns den Muth, die Muͤhen und Sorgen des Lebens zu uͤberwinden, bec — — 171 — ſtut daß wir in jenem erkuͤnſtelt exaltirten Zuſtande des Gemuͤths ihren Druck doppelt hart empfinden. Ich wuͤnſche mir keine Abgeſchiedenheit von der Welt, kein Einſiedlerleben; ich will wirken und handeln, will mit Freunden frohlich leben und mich in Kunſt und Wiſſenſchaft alles Schonen meiner Zeit, und vorzuglich meines Volkes erfreuen; aber vor allen Dingen will ich Gatte, Vater, Hausherr ſein und werden, und in der großen Welt nur fuͤr die kleine Welt meines Herzens und ſeines Gluͤckes leben. O Ferdinand, wenn Dorothea mich liebte, wie unaus⸗ ſprechlich glůͤcklich wuͤrde es mich machen, ſie als Tochter in das Haus meines ehrwuͤrdigen Vaters einzufuͤhren! Wie reich iſt ſie an allen Tugenden, durch die das Weib dauernd begluͤcken kann! Ich vergoͤttere ſie nicht mit blinder Leidenſchaft, kein Sturm erſchottert meine Seele, keine verzehrende Gluth lodert in meinem Herzen, aber wie ein ſtiller Friedensengel beſeligt mich ihre Naͤhe, ihr Blick, ich möchte immer um ſie ſein, ſie ſehen, ſie hören, an ihrer ſtill waltenden Liebe, mit der ſie fuͤr Alles ſorgt, was ſie umgibt, an ihrer heitern Geſchäftigkeit, ihrem Ernſt, ihrem Scherz mich erfreuen, ihr meine ganze Seele aufſchließen, ihr jeden Gedanken meines Her⸗ 8* — 1472 — ʒens vertrauen und ewig bei ihr allein Troſt fuͤr ieden Kummer ſuchen. Ich wuͤrde, wenn ich mich von ihr trennen muͤßte, das Leben in ſeinen edelſten Hoff⸗ nungen nicht aufgeben, aber mit unvergänglicher, wehmuthsvoller Sehnſucht wuͤrde ich ihrer ewig, ewig als des beſten und theuerſten Weſens gedenken, was ich je gekannt habe, und Alles, was das Gluͤck mir dann noch geben koͤnnte, waͤre genußloſe Ruhe. Oft beſeligen wonnevolle Ahnungen mein Herz, eine eigene Ruͤhrung und Innigkeit ſchimmert zuweilen durch ihre friedliche Ruhe, und einzelne ihrer Worte, ein⸗ zelne ihrer Blicke ſind voll unendlichen Zaubers ſußer, tiefer Empfindung, aber dann iſt ſie auch wieder ganz Heiterkeit, ganz Muthwille. Sie muß es fuͤhlen, daß ihr lebensreiches, warmes Bild längſt in meinem Herzen die Truggeſtalt verloͤſcht hat, die ich zu lieben waͤhnte; doch ſie macht ſich ein Vergnügen daraus, mich mit der Erinnerung an Si⸗ donie zu plagen, und je mehr ihr Bild in meiner Phantaſie verbleicht, in deſto gluͤhendern Farben ſucht ſie es wieder aufzufriſchen. Wie dem aber auch ſei, mein Schickſal muß ſich bald entſcheiden; ich darf meine Abreiſe nicht lange mehr verzoͤgern, und kann Norwegen nicht verlaſſen, ohne Dorotheens Herz uͤber den Gehalt meiner Zukunft beftagt zu n — 173 — haben. Gott ſchenke mir die Erfuͤllung meiner Wuͤnſche. Ach, Bruder, wie unausſprechlich gluck⸗ lich wurde ich ſein, durfte — das herrliche wdon mein nennen! Sechster Brief. Wie wirſt Du, iſt mein letzter Brief in Deine Haͤnde gekommen, erſtaunen, wenn Du erfaͤhrſt, daß ich ſeit vorgeſtern mit Sidonien, dieſem Ideale meiner Ingendtraͤume, verlobt und unendlich glucklich bin. Sie war ja doch meine erſte Liebe, und da man in der zweiten Geliebten eigentlich immer nur die erſte fortliebt, ſo wirſt Du dieſen Dir gewiß unerwarteten Wandel meines Herzens in ſeiner Wahl Dir als Menſchenkenner leicht erklaͤren koͤnnen. Wer hätte ſich auch träumen laſſen, daß der Him⸗ mel mir in dieſen Felſenthalern die Hochgefeierte, die Dichterfurſtin unſerer Zeit, entgegenfuͤhren werde! Wenn ich das nicht als einen Wink des Schickſals, ihr Heiz und Leben zu weihen, zu ehren verſtanden hätte, ſo wäre ich gewiß nicht werth, daß mich das Schickſal eines ſolchen Winkes gewuͤrdigt haͤtte. Doch Du wirſt wiſſen wollen, wie ſich das Alles begeben hat, und ſo erfahre denn die wunder⸗ ſame Geſchichte Deines gluͤcklichen Freundes. — 174 — Wir waren von einem tief im Gebirge woh⸗ nenden Freunde Paulmann's zu einem Beſuch auf ſein Landgut eingeladen, deſſen ſchoͤne, romantiſche Lage mir Dorothea oft mit Begeiſterung geruͤhmt hatte. Die kleinen zweiräderigen Fuhrwerke, deren man ſich hier allgemein bedient, ſind ohne Ruͤckſit, und ſo fuhr Paulmann mit ſeiner Frau, ich mit Dorothea. Nur eine kurze Strecke waren wir ge⸗ fahren, als die Gegend allmählig wilder und wilder wurde. Die aͤußern Felſenmaſſen begannen gen Himmel aufzuſtarren, wie das Gerippe einer Welt, das erſt des Augenblickes harrte, der es mit Leben und Schonheit bekleiden ſolle; allein dieſe Wildheit hatte eine Größe der Erhabenheit, von der die Seele mächtig ergriffen wurde. Hier ſang kein Vogel, hier bluͤhte keine Blume, der Adler umkreiſete dieſe duͤſtere, furchtbare Einsde. Unſer Geſpräch ſtockte, ich druͤckte ſchweigend Dorotheens Hand an mein Herz. Plötzlich ſpaltete ſich die Felſenwand vor uns, Fichten und Tannen dunkelten jenſeits auf aus den Spalten und Kluften bis hinauf zum Gipfel der Felſen, und erhoben das friſche, unbeſchreiblich glän⸗ zende Gruͤn der dazwiſchen liegenden Thaͤler und Wieſen, deren klare Seen die Schoͤnheit dieſes An⸗ blicks erhöheten. Wir waren erſt gegen Abend aus⸗ — 175 — gefahren, um die Schoͤnheit der Nacht zu genießen. Die Sonne ſank jetzt und die Felſen, hinter denen ſie verſchwand, ergluͤhten purpurfarbig, waͤhrend der Mond ſein goldenes, taghelles Licht auf die Gegend goß. Unvergleichlich ſchoͤn, ein himmliſch leichtes Aethermeer iſt dieſer blaue Nachthimmel des Nord⸗ lands, und die Silberſtrahlen ſeiner Sterne wiegen uns in jene ſanfte Melancholie ein, die die Phan⸗ taſie befluͤgelt und die Seele erhebt. Eine ſolche, Frieden und Liebe athmende, alle Sinne bezaubernde Nacht hatte ich noch nie erlebt, und wie nun als Sonnenbote der erſte, friſche Morgenhauch durch ſie hin ſaͤuſelte, die hochſten Gipfel der Fichten ſich leiſe wie erwachend regten, und die Voͤgel, die in ihnen ſchlummerten, zu wecken ſchienen, da hob ſich mein uͤberſeliges Herz empor zu dem großen Urheber der Natur, der uns fuͤr dies fluͤchtige Leben den ver⸗ ganglichen Schmerz und die ewige Liebe gegeben hat. — Leichte ſilberne Duftwölkchen ſchwamimen vor dem Purpur des gluͤhenden Morgenrothes her; ich lauſchte der kommenden Sonne mit jedem Seelen⸗ ſinn entgegen und wagte, Dorotheens Hand druckend, kaum zu athmen; ſie kam endlich, und die ſchönſte Feier ihres Erſcheinens war die Thräne andachts⸗ voller Wonne in Dorotheens Auge, und wie ich ſie — nun an mein Herz zog und dieſe Thraͤne ihrem Auge entkuͤſſend, ſie vor der Sonne, dem Auge des allſehenden Gottes, fragte, ob ſie mein ſein wolle fuͤr Zeit und Ewigkeit, und wie ſie nun, das Haupt an mein Herz legend, in Thränen ausbrach, ſo ſchoͤn, daß Engel ſie weinen koͤnnten, und die Hand gen Himmel emporhebend, fliſterte: „hier und dort!“ — o Ferdinand, da verſtummte Dein Freund vor Se⸗ ligkeit und nur ſeine Thraͤne war ſein Geluͤbde und ſein Gebet. Frage mich nicht, wie vieler Zeit ich bedurſte, ehe ich zum klaren Bewußtſein der Sicherheit meines luͤckes kam; Dorothea an meinem Herzen und in meinen Armen, gab es fuͤr mich kein irdiſches Zeitmaß mehr. Sie aber richtete ſich aus dieſer Umarmung auf, und mich ſuͤßlächelnd und errothend anblickend, nannte ſie mir fragend und zweifelnd Sidoniens Namen. Ich ſagte ihr nun, wie ich mir der Liebe zu dieſer ſchon lange als eines taͤuſchenden Jugend⸗ traumes bewußt geworden ſei, und wie ich in ihr nun in vollſter Wahrheit der Empfindung all das Herrliche und Beſeligende liebe, was mein Herz in ſeinen Liebesahnungen und in ſeiner Sehnſucht früͤ⸗ her in Sidonie zu finden gehofft habe; wie mir in ihr ein viel reineres Bild von Frauenhuld und Frauen⸗ — 177 — werth ſichtbar geworden ſei⸗ und wie nur ſie, ſie, meine geliebte, meine angebetete Dorothea auf dem ganzen Erdenrunde die Einzige ſei, von der mir wahres, tiefempfundenes Eidengluͤck kommen könne. Dorotheens Augen fullten ſich mit Thraͤnen; „ſo iſt denn,“ ſagte ſie, „der erſte und theuerſte Wunſch meines Herzens erfuͤlt, es iſt mir gelungen, den Mann meiner Seele mir ſelbſt untreu zu machen⸗ und ich verdanke den Beſitz ſeines Herzens keiner äußern Zufälligkeit, keinem Irtglanze der Beruͤhmt⸗ heit und des Geiſtes, ſondern nur dem, was ich in unverfälſchter Wahrheit meines eigenſten und inner⸗ ſten Seins bin und ihm ewig zu bleiben hoffen darf. Ich ſelbſt bin es, Julius, die unter dem als Schriftſtellerin angenommenen Namen Sidonie einen Eindruck auf Deine Phantaſie machte, der wahr⸗ ſcheinlich dem Gluͤck unſerer Herzen ſeine Wahrheit und Reinheit getruͤbt haben wuͤrde, wenn Du mich als Sidonie aufgeſucht, als Schriftſtellerin kennen gelernt und um mich geworben hätteſt.“ Ueberraſchter, als ich es Dir zu ſchildern ver⸗ mag, ſtaunte ich ſie an. „Um Dir das Raäͤthſet zu löſen,“ fuhr ſie fort, „wie Du mich, die Du in Deutſchland glaubteſt, hier in den Felſenthälern Nor⸗ wgeüs findeſt, muß ich Dir einen fluͤchtigen Abriß meines Lebens entwerfen. Ich bin nicht Mariens Schweſter, aber unſere Väter waren Bruͤder, unſere Muͤtter Schweſtern und wir Beide ſind an einem Tage geboren. Inniger kann keine Familie vereint ſein, als die unſtige es war, und da wir in einer kleinen Stadt in Hinſicht des Umgangs faſt ganz auf uns beſchrankt waren, ſo befeſtigte die Gewohnheit des ungeſtörten Zuſammenlebens das Band unſerer Herzen von Jahr zu Jahr inniger. Von Jugend auf zeigte ich Talent zur Dichtkunſt; meine Lieben erfreuten ſich daran, ohne es aufzumuntern, und meine Mutter bemuͤhete ſich, mir Grundſätze einzu⸗ flößen und Gewohnheiten anzubilden, die mich auch in reiferen Jahren davor ſchutzen konnten, auf mein Talent eitel zu werden. Kaum funfzehn Jahr alt verlor ich meine Eltern; ſie hinterließen mir kein Vermogen, aber von Mariens Eltern aufgenommen, war mir das Gluͤck treuer Elternliebe noch nicht ver⸗ loren. Marie und ich hatten gemeinſchaftlich eine ſchone Kindheit verlebt; auch unſere erſten Jugend⸗ jahre waren ſchön;z die Trauer um den Verluſt mei⸗ ner Eltern veredelte uns und lehrte uns tiefer em⸗ pfinden und das Leben ernſter wuͤrdigen. Einſam von außen entfaltete ſich unſer inneres Leben im umgange mit Gott, mit der Natur, in der Liebe, — — 179 — die uns an einander und an unſete Eltern band. Im neunzehnten Jahre wurden wir Waiſen. Eine Tante von uns, die in Königsberg lebte, erbot ſich, eine von uns an Kindes Statt anzunehmen, da ihre Lage es ihr nicht verſtattete, bei uns Beiden Mutter⸗ ſtelle vertreten zu konnen, und das Schickſal ſolbſt entſchied, daß Marie zu der Tante gehen ſolle, in⸗ dem es mir eine andere Verſorgung anwies. Ich hatte mich in den beiden letten Jahren an eine großere Dichtung gewagt und Olga vollendet; der Prediger unſers Wohnortes hatte ſie ohne mein Wiſ⸗ ſen drucken laſſen, und mir dadurch die Gunſt der Herzogin von K. erworben. Dieſe vortreffliche Frau erkundigte ſich bei dem Verleger nach der Verfaſſe⸗ rin; dieſer, der meinen wahren Namen nicht wußte, wandte ſich an den Prediger, von dem er das Ma⸗ nuſcript erhalten hatte, und durch dieſen von mei⸗ nen Verhältniſſen unterrichtet, berief mich die Her⸗ zogin als Vorleſerin zu ſich⸗ Ich ſage Dir nichts von dem Schmerz der Trennung, den Marie und ich empfanden; allein ſo tief er auch war, ſo blieb doch der Gedanke, daß wir nun die Welt ſehen und kennen lernen ſollten, nicht ohne Einfluß auf unſern Sinn. Mit großen Erwartungen von ihr kam ich in der Reſidenz an. Olga hatte mir eine Beruͤhmtheit — 180 — erworben, von der ich in meiner bisherigen einſamen Verborgenheit keine Ahnung gehabt hatte. Die Her⸗ zogin nahm mich mit ehrender Guͤte auf; Alles draͤngte ſich zu mir, in jeder Zeitſchrift fand ich mein Lob, jeder Poſttag brachte mir von irgend einem Buchhäͤndler eine Aufforderung, ihn zum Verleger zu waͤhlen, oder von irgend einem beruͤhmten Schrift⸗ ſteller, einer beruͤhmten Frau eine ſchmeichelhafte Einladung, an dieſem oder jenem literariſchen Unter⸗ nehmen Theil zu nehmen. Meine Jugend, meine Anſpruchloſigkeit bewahrte mich vor dem Ungluͤcke, beneidet zu werden; edle Menſchen traten mir freund⸗ lich entgegen, Gebildete ſuchten mich auf, und in den drei Jahren, die ich am Hofe der Herzogin ver⸗ lebt habe, hat mich keiner der Dornen verletzt, die ſo oft auf der ſchriftſtelleriſchen Laufbahn Eitelkeit und Herz verwunden. Deſto nachtheiliger war aber der Einfluß dieſer Verhaͤltniſſe auf mein inneres Leben. Ich konnte es mir nicht verhehlen, daß dieſe neue Lebensweiſe von aller rein weiblichen Beſtim⸗ mung mich abfuͤhrte; ich ſchrieb viel und mit ſtei⸗ gendem Beifall; alle Schaͤtze der Literatur ſtanden mir zu Gebote, die in der Reſidenz aufgehäuften Kunſtſchätze eroffneten mir eine neue, herrliche Welt, ich lebte geiſtig ein ſehr reiches Leben, allein meine — 181 — Freude an haͤuslicher Thätigkeit, an Fleiß und Hand⸗ arbeit, an ſtiller Einſamkeit verlor ſich allmaͤhlig, und mit ihr die Friſche der geiſtigen und körperlichen Geſundheit. Ein hochgeiſtiges Leben iſt fuͤr uns Frauen immer ein kraͤnkelndes, und meine eigene Erfahrung, ſo wie die Beobachtungen, die ich zu machen Gelegenheit gehabt habe, haben mich uͤberzeugt, daß das Leben einer Schriftſtellerin oder Kuͤnſtlerin faſt ohne Ausnahme zu einem unnatuͤrlichen wird. Vor der Göttlichkeit des echten Dichterberufes muß freilich die Anforderung jedes irdiſchen Verhaͤltniſſes verſchwinden; allein die Natur macht oft in einem Jahrtauſend nur eine Ausnahme im weiblichen Ge⸗ ſchlecht, und dieſe mag dann freilich, wie es z. B. bei der Frau v. Stasl der Fall war, als Ausnahme gelten. Der Mann varf die Liebe, er darf Gatten⸗ und Vaterfreude, den Frieden ſchoöͤner Haͤuslichkeit der Kunſt opfern, und doch wird das Verhältniß, welches ihm dieſe Opfer als nothwendig abfordert, immer nur ein ſeltenes und ungewoͤhnliches ſein; allein den Frauen gibt die Natur hoͤchſtens leichte Tanlente, doch nie jene ſolbſtſchpferiſche Geniuskraft, die dieſe zur genialiſchen Einheit verbindet, und da⸗ mit iſt auch dem verkuͤnſtelten Kuͤnſtlerleben, dem jetzt ſo viele Frauen nachſtreben, das Urtheil geſpro⸗ — — chen. Ein Anderes iſt es, wo das Schickſal eine Frau mit allen Anſpruchen ihres Herzens auf Gluͤck zur Reſignation beſtimmt hat, wo das Grab viel⸗ leicht ihre Liebe deckt und die heilige Treue ihres Herzens ſie ohne ein aͤußeres, kirchliches Geluͤbde zur Nonne weihete, oder wo ſie ihres Talentes be⸗ darf, ſich ſelbſt und ihrer Familie einen anſtaͤndigen Lebensunterhalt zu erwerben; da laßt uns ſchonend urtheilen und theilnehmend wuͤnſchen, daß es der Poeſie gelingen möge, dem Dornenkranz, den ſie traͤgt, die ſcharfen Spitzen zu nehmen, und in den Gebilden ihrer Phantaſie Troſt fuͤr die Leiden einer rauhen Wirklichkeit zu finden. — Aber ſelbſt in ſol⸗ cher Lage iſt die Kunſt nur ein Nothbehelf, und jeder Standpunkt im Leben, der ihr häusliche Thaͤ⸗ tigkeit, Regſamkeit fuͤr Andere, Fleiß, Verborgenheit, Beſchraͤnkung auf einen kleinen Kreis ſichert, wird dem Frieden ihres Herzens, ihrer Ruhe und ihrem Gluͤck heilſamer ſein, als es irgend eine Art von literariſcher oder kunſtleriſcher Beruͤhmtheit zu wer⸗ den vermag. Eine Erfahrung, die ich machte, war mir vorzuglich ſchmerzlich, in dem, was ich ſchrieb, piegelte ſich, vielleicht aus Mangel an Talent, das Selbſtempfundene, Selbſterlebte treu ab, und dieſe Wahrheit der Empfindung und der Darſtellung ——— — 183 — war, wie ich glaube, das einzige Verdienſt, auf das ich als Schriftſtellerin Anſpruch machen konnte; allein es iſt unglaublich, wie ſich das, was ich ſo darſtellte, gewiſſermaßen von meinem Leben ablöſete und zu Etwas außer mir Exiſtirendem wurde. — Der tieſſte Schmerz, den ich empfunden hatte, war der uͤber den Verluſt meiner Eltern; ich ſprach ihn einſt in einer mir heiligen Stunde unter tauſend heißen Thranen in einem Gedichte aus, das man fur mein gelungenſtes haͤlt; aber mir war und iſt es noch eine Entweihung; ich habe das Gedicht nie, ſeitdem es gedruckt iſt, wieder leſen koͤnnen; ich fuhlte durch ſein Daſein das Heiligthum meines Grams entweiht. — Ausgeſprochen, der Menge ausgeſprochen hatte ich, was ich nur vor Gott hätte hinweinen ſollen. Vielleicht verſtehſt Du mich nicht in dem unſäglichen Schmerz, mit dem ich das em⸗ pfand; doch jede Schriftſtellerin hat vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht, und ſollte dieſe, als der tief⸗ ſten Wahrheit ihres Seins gefaͤhrlich, fuͤrchten. — Anders als das meine hatte ſich das Leben meiner Marie geſtaltet. In ſtiller Demuth bluͤhte ſie im Hauſe der Tante, in all der Lieblichkeit und An⸗ ſpruchloſigkeit zarter Jungfraͤulichkeit fortz Paulmann, den Handlungsgeſchafte nach Konigsberg gefuͤhrt — 184 — hatten, lernte ſie kennen, liebte ſie, und warb um ihre Hand. Er fuͤhlte, welch ein Opfer ſie ihm bringe, wenn ſie ihr Vatetland verlaſſe, und uͤber⸗ zeugt, daß wir Frauen in den Jugenderinnerun⸗ gen die zarteſten Herzensbluͤthen bewahren, ſchlug er ihr vor, eine ihrer Jugendfreundinnen zu bere⸗ den, ſie nach Norwegen zu begleiten, damit dieſe durch ihre Nahe jene friſchbluͤhend erhalte. Marie liebte nur mich; ſie hatte mit Paulmann oft von mir geredet; da ſie aber ſein bis zur Abneigung ge⸗ hendes Vorurtheil gegen ſchriftſtelleriſche Frauen kannte, die er ſich ohne Ausnahme als verſchroben und uͤberbildet dachte, ſo hatte ſie nie den Muth gehabt, ihm zu ſagen, daß ihre Dorothea mit der Schriftſtellerin Sidonia Eine und Dieſelbe ſei. Der Brief, in welchem ſie mir ihre Verlobung und Paul⸗ mann's Wunſch, daß ich ſie begleiten ſolle, um als ihre Schweſter in ſeinem Hauſe zu leben, bekannt machte, galt mir fuͤr einen Wink des Himmels. Ich erbat von der Herzogin meine Entlaſſung und eilte zu ihr und dann mit ihr und ihrem Gatten hierher, wo ich Tage des reinſten Herzensfriedens gelebt habe, von denen ich dankbar erkenne, daß ich ihnen eine Kräftigung des innern Lebens verdanke, wie ſie mir mein voriges, den eigentlichen Kern im — 185 — Menſchen angreifendes Leben nicht zu geben ver⸗ mochte. — Jetzt erſchienſt Du, und ich kann nicht läugnen, daß ich im Anfange einige Mal die Ver⸗ ſuchung empfand, mich vor Dir ein Bißchen mit mei⸗ nem Geiſte aufzuputzen, da es mir nicht entging, daß Du die geiſtige Bildung der Frauen eben ſo uͤber⸗ ſchaͤtzteſt, als Paulmann ſie in Deinem Sinne zu tief herabwuͤrdigte. Allein bald führte mich die Un⸗ befangenheit, mit der Du Dich mir naheteſt, weil Du in mir nur ein gutes, heiteres, fleißiges Ge⸗ ſchoͤpf ſaheſt, von dieſer Verſuchung zuruͤck. Dieſe Att der Annäherung war mir fremd und ſie that mir unendlich wohl. In meiner Vaterſtadt hatte ich nie Gelegenheit gehabt, mit jungen Maͤnnern umzugehen; bei Hofe trat ich ſchon mit meiner Schriftſtellerei geputzt auf; die Auszeichnung, die man mir erwies, galt vorzugsweiſe immer mehr der Dichterin als dem Maͤdchen, und meine Eitelkeit empfing viele Huldigungen, waͤhrend mein Herz un⸗ beachtet und unbefriedigt blieb. Von Dir fuͤhlte ich mich nun zum erſten Mal, entkleidet von allem Geiſtesſchimmer, in der Liebenswuͤrdigkeit meines Maädchenweſens anerkannt, und das machte mich zu gluͤckich, als daß ich mich noch verſucht fuͤhlen konnte, unſer Verhaͤltniß durch einen mir werthloſen — Triumph der Eitelkeit anders zu geſtalten. Ur⸗ theile nun aber uͤber den Eindruck, den das Ge⸗ ſtaͤndniß Deiner Liebe zu Sidonien auf mich machte. Schon damals, mein Freund, beſaß indeſſen Doro⸗ thea und nicht Sidonie Dein Herz, was Dich an dieſe band, war nur Trug der Phantaſie. O wie danke ich der Vorſehung jetzt dafuͤr, daß ſie mich Dir als Dorothea entgegen gefuͤhrt hat! Glaube mir, als Sidonie hätteſt Du mich nie wahrhaft lieb ge⸗ wonnen, Du hätteſt in ihr vorzugsweiſe die Dichte⸗ rin aufgeſucht, und das iſt eben das Ungluͤck, den Schriftſtellerinnen und Fuͤnſtlerinnen in ihrem Ver⸗ hältniſſe zur Außenwelt ſelten zu entgehen vermoͤgen, daß man im Umgange mit ihnen vorzugsweiſe ihren Geiſt in Anſpruch nimmt, und daß die Bande, die geiſtiges Wohlgefallen und der Zauber der Phan⸗ taſie knuͤpfen, das Herz nicht daurend beglucken können, ja, daß dieſes oft kalt bleibt, wo die Phantaſie gluht. Ich glaubte nur der Stimme der Pflicht zu folgen, als ich nach Norwegen ging, um fuͤr Glanz und Beruͤhmtheit den ſtillen Frieden frommen Fleißes und treuer Freundſchaft einzu⸗ tauſchen, und ſieh, es war der Pfad, auf dem die Vorſehung mich meinem Gluͤcke entgegen lei⸗ tete.“ — Hier ſank Dorothea an meine Bruſt, und wel⸗ ches Zuſatzes bedürfte es noch, Dir zu ſchildern, wie gluͤcklich ich bin? Druckfehler im Subſcribenten-Verzeichniß. Ihro Koͤnigliche Hoheit Prinzeſſin Carl von Preußen, geborne Herzogin von Weimar, ſtatt geb. Prin⸗ zeſſin von Heſſen-Homburg. Berlin. Graͤfin Reden ſtatt Rende. Frau von Roeder geb. Graͤfin Chazot ſtatt Frau von Ronder. Geheimeraͤthin Endell ſtatt Endall. Dresden. Frau Henriette von Bardeleben ſtatt Bordeleben, wohnt jetzt in Berlin. Frau von Loqueyſſie ſtatt Poqueyſſie. Elberfeld. Frau Paſtorin Harriot Groſſe ſtatt Narriat. Ludwigsluſt. Kammerjunker, Baron Stenglin ſtatt Stenzlin. Luͤneburg. W. Jochmus ſtatt Gräfin Jochmus. Parchim. Präſidentin v. O. geb. Graͤfin Moltke ſtatt Noltka. Oberappellationsrath Roͤnnberg ſtatt Ronnberg. — 8 — — — S S — — S — — — —= — 8 5 — — — — — S & — — S — — S Senatorin Haevernick ſtatt Hanvernick. —,—— S5 g14 once