— ——S— — — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 4 1 Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Heſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von F iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ * den angenommen. 3 . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — —— — — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . für wöchentlich 2 Bücher 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 — Pf. E — * „ 5 „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der I Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſti Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen i jenigen, welche die⸗ ſF ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Die 3 —— ——— Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. Eilfter Band. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in Leipzig iſt erſchienen, und in allen Buchhandlungen zu haben: Hiſtoriſche Erzählungen, aus den Pariſer Salons, von Muſſet⸗ Pathay. Deutſch bearbeitet von Friedrich Gleich. 2 Baͤnde, Preis 2 Thlr. oder 3 Fl. 36 Kr. rhnl. Das Literaturblatt Nr. 80 zum Morgenblatt 1826 ſpricht ſich daruͤber folgendermaßen aus: „Dieſes Buch haͤlt mehr als es verſpricht, denn ſtatt willkuͤrlich mit der Zeitgeſchichte durchflochtener Roman⸗ chen, gibt es uns einzelne Gemaͤlde von Gegenſtänden aus der Zeitgeſchichte, in einen aͤhnlichen Rahmen gefaßt, wie der, deſſen ſich Goͤthe bei ſeinen „Auswanderern!“ bediente. — In verſchiedenen Abſchnitten werden als Vorwuͤrfe geſellſchaftlicher unterhaltung folgende Gegen⸗ ſtände eroͤrtert: Familienleben der heutigen eit, in einigen, verſchiedene Ueberſchriften tragenden apiteln; uͤber die Sittenloſigkeit der Wei⸗ ber unter den beiden letzten Ludwigen vor der Revolution; und uͤber die literariſchen geſellſchaftlichen Zirkel, eine ſehr anziehende Zuſammenſtellung, welche es begreiflich macht, wie aus dieſen zahlreichen Feuerherden lebendiger, kuͤhner und auch ruckſichtsloſer oder ſchlecht gereifter Ideen ſich die Funken durch ganz Frankreich verbreiten mußten; ein ſehr aufregender Abſchnitt uͤber die Jeſuiten, unter der Aufſchrift: La rotonde et le coupé (zwei verſchiedene Plaͤtze der franzoͤſiſchen Poſtwagen); und eine bittere Kritik der Amtsfuͤhrung der heu⸗ tigen Miniſter.“ — . Fanny TDarnow's Schriften. P Eilfter Band. ———————————————— Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. Marie. Auguſtens Tagebuch. Fuͤrſt Hlaf und Frauotte. Frauenliebe und Frauenfreundſchaft. Dalinde von Linſingen. ₰ ₰ —.— Moͤllenhagen. Mu ſuͤßer Wehmuth habe ich dieſen Ort wieder geſehen, wo ich an der Hand und dem Herzen mei⸗ ner edlen, unvergeßlichen Tante meine Kinderjahre verlebt habe. Ich war eilf Jahre alt, als ihre Heirath mich in das elterliche Haus zuruͤck fuhrte, da meine Mutter ſich nicht entſchließen konnte, mich ihr in das fremde Land, wohin ſie ihrem Gemahl folgte, mitzugeben; allein ich erinnere mich noch lebhaft des Schmerzes, mit dem ſie mich von ſich ließ, und der Gewalt, die man anwenden mußte, mich von ihr zu reißen. Monate lang konnte kein Spiel, keine Zer⸗ ſtreuung mich erheitern; nur langſam gelang es dem frohlichen Leben unter meinen Geſchwiſtern, mich mit edieſer Trennung zu verſöhnen, und Du weißt es, liebe Caroline, wie oft ich der Verlornen gedachte, wie ich an ihr Andenken alles Schoͤne und Gute band, und wie dem reifenden Maͤdchen ſich ihr Bild zum Ideal edler Weiblichkeit immer heller verklaͤrte. wilbert; doch erkannte ich noch jeden Gang, jede Laube, —— Du weißt auch, wie ich in dem Hauſe meiner Eltern immer gewiſſermaßen eine Fremde blieb, und wie mein Großvater, deſſen Liebe mich ſeit meiner Ge⸗ burt vor allen ſeinen Kindeskindern auszeichnete, mich in meinem vierzehnten Jahre zur Pflege und Er⸗ heiterung ſeines Alters zu ſich nahm. Seit den vier Jahren nun, daß ich bei ihm lebe, war es mein ſehnlichſter Wunſch, dieſe Gegend wieder zu ſehen, und da er mich uͤber die Trennung von Dir, Freun⸗ din meiner Seele, ſo gern aufheitern wollte, ſo ſchlug er mir vor, ihn auf ſeiner diesjährigen Revi⸗ ſionsreiſe, die ihn in dieſe Gegend fuͤhrte, zu be⸗ gleiten. Ach, Caroline, es geht doch kein Zauber uͤber den ſolcher aufdämmernden Erinnerungen der ſeligen Zeit, wo ganz ungetruͤbter Friede uns be⸗ gluͤckte. Was grenzt näher an Elyſium, als die frohe Kindheit? und warum iſt die Sehnſucht ſpäte⸗ rer Jahre nach ihren Blumen und Traͤumen ſo nahe mit dem Schmerz verwandt? — Das Gut iſt jetzt verpachtet; mein aͤlteſter Oheim bringt indeſſen alle Sommer ein Paar Wochen hier zu, und daher iſt das Schloß mit dem erforderlichen Hausgeräth verſehen. Der Garten iſt etwas ver⸗ — 1 — fand auch das Plaͤtzchen wieder, das ich damals mein nannte, und deſſen Beſitz mich froher als ein Koͤnigreich machte; und auf dieſem Plaͤtzchen ſtand noch der Roſenſtock, den mein damaliger Geſpiele, Adolph Röper, mir ſchenkte, und deſſen erſte Roſe ein Geburtstagsgeſchenk fuͤr die gute Tahte Minna wurde. Im Schloſſe fand ich noch die alte Eintheilung der Zimmer wieder; doch der Geiſt, der hier ehemals Segen und Leben verbreitete, war entflohen, und alle die Anſtalten, die meine Tante fuͤr das Gluͤck der Unter⸗ thanen geſchaffen und gebildet hatte, ſind zerſtort. Das machte mich ſehr traurig. Mein Großvater, deſſen verſtorbene Gattin in dieſen Zimmern geboren, erzogen und ihm angetraut worden war, war eben ſo ſtill und bewegt, als ich. Wir wollten nur einen Tag hier verweilen, und dann nach Mirow, dem Sommeraufenthalt des Herzogs, fahren, der uns dorthin eingeladen hatte; allein ich erbat es von meinem Großvater, bis zu ſeiner Ruͤckkunft von dort hier bleiben zu duͤrfen, wo ich mich in den Erinne⸗ rungen einer unvergeßlichen ſchoͤnen Zeit ſehr gluͤcklich fuhle. Lebe wohl! Ich muß dieſe Bauernhaͤuſer wieder beſuchen, wo ich ſo oft mit der Tante war, wenn — ſie Kranke zu heilen, Betruͤbte zu erquicken hatte. Liebe Caroline, wer ihr gleichen koͤnnte! Ich bin nicht reich genug, um, wie ſie, Schulen anlegen, Arbeit herbeiſchaffen, ganze Doͤrfer begluͤcken zu koͤn⸗ nen; aber keinem Menſchen, auch nicht in der be⸗ ſchraͤnkteſten Lage, verſagt ſich die Gelegenheit, Gutes zu thun; er findet immer wunde Herzen, die den Verband zarter Sorge, Blicke, die ein naſſes Auge, Seelen, die eine Bruſt voll treuer Liebe beduͤrfen. Und gewiß, Caroline, ich liebe die Menſchen recht herzlich, ſo ſchwer ich es auch empfinde, daß mir etwas, was ich nicht zu nennen weiß, abgeht, um mich mit ihnen u befreunden. Ich bin ſeit der Trennung von iner Tante verſchuͤchtert worden, und das gibt mir einen Mangel an Sicherheit und eine Unbeholfenheit fuͤr die Verhaͤltniſſe des Lebens, die mich druͤcken, ohne daß ich ihnen abzuhelfen weiß. Es ſcheint, als ob der Schauplatz meiner Kin⸗ derjahre vom Schickſal auserſehen iſt, mich reich an theuren Erinnerungen zu machen. In den Veil⸗ chenkranz meiner bisherigen hat der Zufall noch eine S *— F———— ——— —. ———————— — — — 23 — Roſe eingeflochten, deren Duft mich lange erfreuen wird. Ich beſuchte die Dorfwohnungen. Nur in eini⸗ gen erinnerte man ſich noch meiner, und auch nicht mehr in allen meiner Tante. Aber wo man ihren Namen ausſprach, wurde er mit dankbarer Ruͤhrung genannt. „Ja,“ ſagte mir ein Greis,“ das waren noch Zeiten, wie der alte gnädige Herr noch lebte, und die jungen Herren Barone und das gnädige Fräulein noch ſo zuſammen auf dem Schloſſe waren! Wer da ein Anliegen hatte, ging mit leichtem Herzen hinauf; ihm ward gewiß geholfen. Jetzt — ei nun, der Verwalter iſt auch gut, aber ein Stiefvater iſt doch ein Stiefvater.“ Indem trat ein junges, reinlich gekleidetes Weib in die Stube; ſchuchtern blieb ſie, als ſie mich erblickte, an der Thuͤre ſtehen. „Rur näher, Grete,“ ſagte der Alte, „Du brauchſt Dich nicht zu furchten; das iſt Fraͤulein Marie, die ſonſt oben bei Fraͤulein Minchen auf dem Schloſſe war. Du haſt ja damals oft genug mit ihr geſpielt und weißt noch immer ſo viel davon zu erzaͤhlen“ Freu⸗ dig uͤberraſcht trat das junge Weib auf mich zu, und indem ſie herzlich meine Hand kuͤßte, fragte ſie: „Und kennen Sie Weber's Grete nicht mehr?“ — — Ich erinnerte mich ihrer ſehr gut; ſie war damals bei meinen Gartenarbeiten meine treue Gehuͤlfin, und mir ſehr zugethan. Es freute mich, ſie wieder zu ſehen und ich fragte nach ihrer gegenwärtigen Lage. Sie war an einen Tageloͤhner verheirathet und ſeit wenig Wochen Mutter eines kleinen, rothbaͤckigen Jungen. Ich ging mit ihr nach ihrem Hauſe, um das Kind zu ſehen. Auf dem Wege plauderten wir von vergangenen Zeiten. „Und was macht denn,“ fragte ſie mich, „der Junker Adolph, der damals mit ſeinem Hofmeiſter ſo oft bei Ihnen auf dem Schloſſe war?“ Koͤnnte ich doch die Lebhaftigkeit begreifen, mit der bei dieſer einfachen Frage aus dem magiſch verhuͤllten Hintergrunde der Kindheit Adolphs Bild vor mich trat! Wir waren in dem Zirkel des nach⸗ barlichen Umganges unſerer Familien die einzigen Kinder gleichen Alters, und als ſolche unzertrennliche Spielgefaͤhrten; ein Band, das durch gemeinſchaftlich ertheilten Unterricht in der Muſik und im Zeichnen noch feſter gezogen wurde. Unſere Trennung koſtete uns viel, und wir ſchieden mit dem ernſtlich ge⸗ meinten Verſprechen, uns nie zu vergeſſen. Er wurde aber bald darauf nach einer Schule, dann — —— — — 5 — auf eine Univerſität geſandt, und von da ging er auf Reiſen. So hoͤrte ich ſeit Jahren nichts von ihm und erinnerte mich ſeiner nur noch ſelten, wie einer freundlichen Traumgeſtalt. Jetzt aber ſchwand ploͤtzlich der Nebel, den Zeit und Ferne uͤber ſein Bild gezogen hatten; wunderbar ergriff mich ſein Andenken, und lebhaft erwachte in mir der Wunſch, ihn wiederzuſehen. Eine ſtille Traumerei ſchlich ſich in meine Seele, und mich duͤnkte, die Furcht vor der Zukunft und dem Leben, die ich oft beklemmend empfinde, muͤſſe ſchwinden, wenn der Jugendfreund wieder, wie damals, neben mir ſtaͤnde. Am zweiten Tage meiner Einſamkeit war ich noch ſpät Abends im Garten. Eine laue Wärme ſenkte ſich aus dem bewoͤlkten Himmel duftend auf die Erde, und alle Bluͤthen, alle Knospen ſchienen ſich ihr liebend entgegen zu neigen. Es war eine Stille in der Natur, als gehe ein Engel durch ſie hin. Ich war ſehr gluͤcklich und doch ſo bewegt, daß ich ſanft weinen mußte, ohne zu wiſſen, warum? Da hoͤrte ich in dem nahen Bogengange die Stimme meines Großvaters und eilte ihm entgegen. „Hier,“ ſagte er, und ſtrich mir läͤchelnd die Locken von der Liebe und Pflege zu erheitern, und Deine Freund⸗ Stirne, „bringe ich Dir noch einen Gaſt, von dem Du aber rathen mußt, wer es iſt.“ Ich blickte auf und vor mir ſtand eine edle maͤnnliche Geſtalt mit einem Geſicht, deſſen Colorit der Jugend, deſſen Ernſt dem Mann angehoͤrte. Schoͤne, dunkle Augen ruhten mit dem Ausdruck des Intereſſes und der Ueberraſchung auf mir, und uns gegenſeitig begrü⸗ ßend, ſtanden wir einige Secunden ſtumm einander gegenuͤber. „Nun?“ fragte mein Großvater ſcher⸗ zend. „Wenn ich meiner Ahnung trauen duͤrfte,“ ſagte ich, „ſo wuͤrde ich den Gelpielen meiner Kindheit in Ihnen begruͤßen.“ — „Gerathen!“ rief mein Großvater, und Adolph faßte traulich meine Hand. „Liebe, ſanfte Marie,“ ſagte er, „wie finde ich Sie in dieſem Wiedererkennen doch ganz ſo wieder, wie ich es mir immer getraͤumt und ge⸗ wuͤnſcht habe, Sie wiederzufinden!“ Warum, Caroline, erroͤthete ich hier? warum war in mir eine ſo aͤngſtigende und doch nicht un⸗ liebliche Verwirrung? Du weißt, wie fremd ich bis⸗ her gegen alle Männer war, und nur immer von ihnen unbemerkt zu bleiben wuͤnſchte. Die ſuͤße Sorge, das Alter meines vortrefflichen Großvaters durch ſchaft fuͤllten mein Herz ſo aus, daß ich nie die leiſeſte Sehnſucht empfunden habe, dieſen Kreis mei⸗ ner Liebe und meines Gluͤcks zu erweitern. Die ſogenannten Freuden der Welt kenne ich nicht, da ich von jeher einſam und einfach lebte. In der erſten Zeit, wie ich zu meinem Großvater kam, that ich es, um mir das harte Urtheil zu erſparen, ich laſſe mir durch Glanz und Schimmer meine Liebe von ihm bezahlen; bald aber ergriff mein Gemuͤth dieſe Lebensweiſe mit inniger Liebe, und ich kann richtiger ſagen, daß meine Natur ſich in ihr ausſpricht, als daß ſie mir zur Natur geworden iſt. Daß man auch in meiner Einfachheit Kunſt ſieht und meine ganze Lebensweiſe fur ſchlaue Berechnung des Zweckes hält, die Erbſchaft meines Großvaters deſto ſicherer zu erſchleichen; daß man mich deßfalls haßt und an⸗ feindet, all mein herzliches, ofſenes Entgegenkommen mit Kälte vergilt: o Caroline, Du weißt, wie dies nach und nach meinem Charakter dieſe verſchwiegene Wehmuth und die bange Furchtſamkeit beigemiſcht hat, die oft in Dir Sorge fuͤr meine Zukunft er⸗ weckte, weil Du fuͤrchteteſt, ſie mache mein Herz zu krankhaft empfindlich fuͤr den Schmerz, und raube mir die Kraft, ſelbſtſtändig zu ſein. Dieſe Gefahr —= 13 — kann ich nicht fürchten, weil ich ſie nicht kenne; dagegen fuhle ich aber in mir eine gewiſſe Unbeholfen⸗ heit, mit den Menſchen umzugehen, weil ich von der Welt nichts, ols meine Buͤcher und meinen Groß⸗ vater kenne. Muͤßte ich je in einen lebendigeren Kreis treten, muͤßte ich je mit Menſchen leben, die meine Lieblingsneigungen nicht theilten: ach, Caroline, ich könnte ſehr ungluͤcklich werden, und darum iſt mir auch der Beruf, unverheirathet zu bleiben, ſo willkommen. Mein Großvater wuͤrde mich freilich nicht halten wollen; ſeine Liebe wuͤrde mit allem Schein der Freudigkeit ſagen: Zieh mit dieſem Manne, wenn es Dich gluͤcklich macht! Aber meine Pflicht heiſcht es, daß er dies Wort der Trennung nie zu ſagen braucht. Er liebt mich, wie er keine ſeiner Enkelinnen liebt; ich weiß auch keine unter ihnen, der ich mein Herz fuͤr den vortrefflichen Vater zu⸗ traue, und der ich daher gönnen könnte, meine Stelle bei ihm zu erſeten. Und wer wuͤrde mich auch ſo lieben, wie er mich liebt? — Doch ich wollte ia nur Dir und mir die Ver⸗ wirtung erklaͤren, die mir am erſten Abend Adolphs Naͤhe gab! Jene Verlegenheit wußte er bald durch die Unbefangenheit zu vertreiben, mit der er die Ver⸗ —— 0 traulichkeit unſter Kinderjahre wieder herbeifuͤhrte. Eben das, was mich zuerſt verlegen machte, ſeine trauliche Anrede, ſein Nennen meines Namens, machte mich bald getroſt. Es war ja keine neue Bekannt⸗ ſchaft, die ich machte, ſondern nur die Erneuung eines aus der Vergangenheit aufbluͤhenden Verhaͤlt⸗ niſſes, das aus ihr entſproßte, wie der Same, den man der Erde anvertraut, ihr als duftende Blume entbluͤht. Adolph, den mein Großvater in R. getroffen hatte, und der, als er erfuhr, ich ſei hier, den Wunſch, mich wieder zu ſehen, empfand, wird uns auf unſter fernern Reiſe begleiten, was mein Groß⸗ vater ſehr gern ſieht, da er ihn wegen ſeiner man⸗ nigfaltigen Kenntniſſe ſchätzt und ſeine Unterhaltung liebt. Er iſt Kammerherr am — ſchen Hofe und arbeitet mit im Cabinet. Nur auf Urlaub iſt er jetzt im Vaterlande, das er bald wieder verlaſſen muß. Liegt aber nicht in dieſem Zuſammentreffen, wodurch allein unſer Wiederſehen herbeigefuͤhrt wer⸗ den konnte, etwas Wunderbares? vorzuglich fur mich, die ich, hätten wir uns in einer Geſellſchaft getroffen, nie in ihm meinen Spielgefährten erkannt, nie das Herz gehabt haͤtte, dieſen in ihm zu begruͤßen. Du glaubſt nicht, wie ſehr gebildet, wie glänzend und gewandt er in Geſellſchaften iſt. Er erſcheint mir dann wie ein ganz andres Weſen, ſehr liebens⸗ wuͤrdig, mir aber fremd, und eben ſolchen Eindruck der Fremdheit ſcheine ich in groͤßern Zirkeln auf ihn zu machen; allein im einſamen Umgang mit meinem Großvater und mir, da iſt er wieder ſo ganz er ſelbſt, ſo einfach, ſo herzlich, und alle Zierlichkeit ſeiner hoöfiſchen Bildung erſcheint dann nur wie eine erborgte, fremde Tracht, die ſein tiefes, reiches Ge⸗ muͤth, ſeine mit allem Schoͤnen befreundete Natur als einen koͤſtlichen Schmuck angelegt hat. Seit einigen Wochen ſind wir wieder zu Hauſe, und ich, nach ſechswöchentlicher Abweſenheit, bin wieder in meinem haͤuslichen Wirken und Treiben ganz eingewohnt. Ach, Caroline! ſechs Wochen, welch ein kurzer Zeitraum, und doch iſt mir, als ſei mein ganzes Leben durch ihn umgeſtaltet! Mein Groß⸗ vater glaubt, daß Adolph mich liebt. Ich ſelbſt habe es in einzelnen Augenblicken geahnt; allein, trotz des tiefen Eindrucks dieſer Augenblicke auf mein Herz, verflog die Täͤuſchung gleich wieder. Ach, ich — M — muͤßte ja ganz anders ſein, als ich bin, um Adolph zu gefallen. Woher ſollte er den Muth nehmen, mich mit meiner bloͤden Einſylbigkeit in die Welt einzufuͤhren? Nein; er iſt mir wohl gut, aber er achtet mich nicht genug, um ſich mich als ſeine Gattin denken zu können und zu mogen. Er hat auch recht; ich fuͤhle es genug, daß ich eigentlich nur ein unbeholfenes, einfältiges Ding bin, und nichts weiter. Das iſt ein ſchmerzlich demuͤthigendes Gefuͤhl, das ich nur uͤbertäuben kann, wenn ich ganz einſam lebe und mich dem Urtheil der Men⸗ ſchen gar nicht blosſtelle. Adolph war ſehr gut und zärtlich gegen mich, weil ich ſeine ehemalige Spielgefährtin bin; aber die andern Menſchen, die mich nicht kennen, mit denen ich nicht geſpielt habe, Caroline, die wuͤrden mich verſpotten, wenn ich unter ihnen leben muͤßte. — Ich breche ab; denn ach, Caroline, ich bin nicht heiter! Gewiß, Liebe, hat mein Zuſammentreffen mit Adolph nicht den Einfluß auf meine Anſicht des Lebens und meines Berufs gehabt, den Du zu furchten ſcheinſt. Ich wuͤrde auch nie irgend einem — — Gefuͤhl in mir einen Einfluß auf etwas, was ich fruͤher als wahr und gut erkannt habe, vergoͤnnen. Wir jungen Leute horen ſo oft von erfahrnen Men⸗ ſchen, das Herz ſei der feinſte und gefaͤhrlichſte aller Sophiſten, daß wir wohl nicht zu mißtrauiſch gegen unſre Schwäche ſein koͤnnen, und uns vorzüglich huten muͤſſen, den Zeitpunkt erwachter Neigung zur Pruͤfung unſrer Pflichten und der Gruͤnde unſers Verhaltens benutzen zu wollen. Ich kann mich hierin keines Fehlers zeihen; auch ſcheint mir mein Herz, ſo weit ich es zu ergruͤnden vermag, wohl einer tiefen und unvergaͤnglichen, aber keiner ſo leidenſchaftlich heftigen Empfindung fähig zu ſein, daß das Gleichgewicht meiner Pflichten und Wuͤnſche dauernd dadurch geſtört werden koönnte. Wenn man Gott wahrhaft liebt, ſo ruht ja auch dies Gleich⸗ gewicht auf einer unerſchuͤtterlichen Grundlage. So iſt auch in mir, wenn ich an Adolph denke, kein Kampf, kein Streit und alſo auch kein Verdienſt des Sieges, ſondern nur ein ſtilles, wehmuͤthiges Gefuͤhl, von dem mir iſt, als gebe es meinem Leben einen hohern Gehalt, und mir eine Muͤndigkeit, die ich nur durch durch daſſelbe gewinnen konnte. — — In der erſten Zeit nach unſrer Ruͤckkunft war ich ſehr niedergeſchlagen. Mein Großvater bemerkte es, und mit all der Milde, die Du an ihm kennſt, forſchte er nach der Urſache dieſer Stimmung. Ich wußte ihm eigentlich nichts zu antworten; und o wie zart, wie liebevoll kam er auf Adolph, und bat mich, ihm offen zu ſagen, ob ich dieſen liebe und mit ihm gluͤcklich zu werden glaube. „Scheue Dich nicht vor dieſem Geſtändniß, liebe Marie,“ bat er mich freundlich; „ſieh, mein Haar iſt weiß, und uͤberdies ſagt mir ein inneres Gefuͤhl, daß mein Weg bald zu Ende iſt. Dein Leben beginnt erſt, und was koͤnnte ich inniger wuͤnſchen, als Dein Gluͤck noch vor meinem Tode geſichert zu ſehen? Du haſt Deinem alten Vater einen Theil Deiner ſchönſten Jugendjahre geopfert: was Du als Tochter an mir gethan haſt, wird Gott Dir einſt als Gattin und Mutter lohnen. Wenn Du alſo Adolph liebſt, ſo nimmſt Du meinen ganzen Segen mit, und das iſt eine Ausſteuer, die dem lieben Gott wohlgefallt, und Friede und Freude in's neue Haus bringt.“ Ich warf mich in ſeine Arme und betheuerte ihm, daß der Gedanke, ihn verlaſſen zu ſollen, mir ſo ab⸗ ſchreckend ſei, daß mich nichts in der Welt damit — — auszuſoͤhnen vermoͤge. Adolph ſei mir ſehr werth; allein, abgerechnet, daß ich durchaus keinen Grund habe, mich von ihm geliebt zu glauben, koͤnne ich auch mit voller Wahrheit verſichern, daß mir eine Verbindung mit ihm nie als Erſatz fuͤr die Tren⸗ nung von einem ſo geliebten Vater erſcheinen konne. Er druͤckte mich an ſeine Bruſt. „Gott lohne Dir Deine Kindestreue! Es wuͤrde mir auch unbeſchreib⸗ lich wehe gethan haben, Dich zu verlieren, da ich den Gedanken ſo lieb gewonnen habe, in Deinen Armen zu ſterben.“ Ich war ſehr geruͤhrt; er trock⸗ nete mir die Thraͤnen ab und ſtand auf, mir ein Papier aus ſeinem Schreibtiſch zu geben. Es war eine geſetzmaͤßige Erklärung, in der ich als muͤndig anerkannt, und mir die Verwaltung des Vermoͤgens, bas ich kuͤnftig mein nennen koͤnnte, ohne alle Ein⸗ miſchung meiner Familie allein ubertragen wurde. Der Herzog hat meinem Großvater dieſe Bitte ge⸗ waͤhrt, ſo ungewoͤhnlich ihm auch, wie er aͤußerte, dies Vertrauen in eine achtzehnjaͤhrige Klugheit er⸗ ſchien. „Nimm dieſe Zuſicherung einer Unabhängig⸗ keit,“ ſagte mir mein Großvater, „von der ich weiß, daß Du ſie verdienſt und ihrer zum Gluͤck Deines Herzens bedarfſt. Sie iſt der letzte Beweis meiner — — Liebe, den es mir vergoͤnnt iſt, Dir zu geben.“ Ich druͤckte ſeine Hand an mein Herz, und hoffe, daß mein theurer Vater mich in meinem Dank fuͤr dies Geſchenb errieth, ob wir gleich uber alle ſich auf dieſen Punkt beziehende Verhaͤltniſſe nie ein Wort gewechſelt haben. Er iſt nicht mehr! der edelſte, zartlichſte Vater iſt nicht mehr, und ich bin verwaiſt! Caroline, das Gefuͤhl, mit dem man am Sarge eines geliebten Menſchen ſteht, iſt ernſt und ſchaurig, hehr und heilig, wie der Tod ſelbſt. Zu dieſem Gerechten trat der Tod wie ein ſtiller Genius, der den Ster⸗ benden in ein lichteres Friedenseiland fuͤhrt und den Schmerz der Zuruͤckbleibenden heiligt. Ich bin tief, aber ſtill betruͤbt. Das Andenken ſeiner Liebe und ſeiner Tugenden iſt mir ein bleibender Segen des unvergaͤnglichen Glaubens an Menſchenwuͤrde und reine, uneigennuͤtzige Guͤte. Ich habe ihn leben ſehen, und die Erinnerung ſeiner Todesſtunde wird mich auch ſterben lehren. Er war in dieſen letzten Monaten kränkelnd und hinfaͤllig, aber nie bettläͤgerig, und in ſeinem Weſen Tarnow's Schriften. Kl. 2 — — nur ſtiller, ſinnender, und voll Vorgefuͤhl ſeines nahen Endes, das er mir auch nicht zu verbergen fuchte, ſondern ſich bemuͤhte, mich in allen unſern Unterredungen mit dem Tod in ſeiner freundlichſten Geſtalt bekannt zu machen. Den letten Abend waren wir in dem weißen Zimmer, aus deſſen Fen⸗ ſtern Du und ich ſo oft die Soline ſinken ſahen. Er ließ ſeinen Stuhl an das offne Fenſter ruͤcken und ſein Auge hing feſt an ihrer reinen Feuergluth. „Hole Deine Harfe,“ ſagte er mir, und ſinge ihr ein Abſchiedslied.“ Ich ſang: Sonne, du ſinkſt! Sonne, du ſinkſt Sink' in Frieden, o Sonne! Still und ruhig iſt deines Scheidens Gang. Ruͤhrend und hehr deines Scheidens Schweigen. Wehmuth lächelt dein freunblicher Blick; Thraͤnen enttraͤufeln den goldenen Wimpern. Segnungen ſtroͤmſt du der thauenden Flur⸗ Immer tiefer, Immer leiſer, Immer ernſter und hehrer Sinkſt du, Sonne, die Luͤfte hinab! Sonne, du ſinkſt! Sonne, du ſinkſt! Sink' in Frieden, o Sonne! Schlumm're hin in Wonne! Rachtigall flötet dir Schlummergeſang. Schoͤn ſinkt ſich's nach der Muͤhe des Tags⸗ Schoͤn in harrender Ruhe Arm, Nach wohlbeſtandenem Tagewerk. Schlumm're ſanft Nach dem Kreislauf des Tags! Wache froh Nach verjuͤngendem Schlummer auf! Erwach', ein junger, freudiger Held! Erwach' zu neuen Thaten!, Sink' in Frieden! Schlummr' in Ruhe! Wach' in Entzuͤckungen, Sonne, auf! „Sink' in Frieden!“ ſagte er leiſe, nahm ſein Muͤtzchen ab, und ſah mit gefalteten Haͤnden an⸗ daͤchtig in das offene Feuergrab. Nie werde ich dieſen Augenblick vergeſſen, nie den Vater, wie er, von ſinkenden Strahlen erleuchtet, mit verklaͤrtem Auge dem Quell eines Lichts nachſah, dem er bald naäher zu kommen fuͤhlte. Plotzlich ſchoß die Sonne wie mit einem Blitz hinab und hellere Gluth flammte am Abendhimmel auf. „Sie iſt hinab,“ ſagte er auſſtehend; „ich will auch ſchla⸗ 2* — — fen gehen. Gute Nacht, Marie!“ Er hielt mich eine Minute ſchweigend an ſein Herz gedruͤckt, und noch eine ſah er mich an mit einem Abſchiedsblick, der ewig, ewig in meiner Seele bleibt. Dann hob er die Hand: „Der Herr ſegne Dich und behuͤte Dich! der Herr laſſe Dir ſein Angeſicht leuchten ewiglich und gebe Dir Frieden!“ — Mich durchfuhr eine Ahnung unſter nahen Trennung; ich ſank vor ihm nieder und druͤckte mit heißen Thränen meine Lippen auf ſeine lieben Haͤnde, und dieſe an mein Herz. Ach des Schmerzes ſolcher unwiderruflichen Tren⸗ nung! — Sobald ich mich zu faſſen vermochte, ging ich nach ſeinem Zimmer und fand ihn ſanft ſchlafend. Ich konnte mich nicht entſchließen, ihn zu verlaſſen, und warf mich auf's Sopha. Ein, zwei Stunden vergingen; ſein Schlaf blieb ſtill und ruhig. Ein leichter Schlummer uͤberhuͤllte nach Mitternacht mein Auge: da war mir, als fuͤhlte ich an meiner Wange einen ſanften Hauch vorüber gleiten, und als horte ich meinen Namen nennen. Erſchrocken ſprang ich auf und eilte zu ihm; er war nicht mehr! Der Redliche, Gute, Fromme ſchlief den Todesſchlaf. Mein Muth brach; wie vernichtet ſank ich an ſein Lager nieder und kuͤßte ſeine bleichen Lippen und die kalten Haͤnde, die mich ſo treu geleitet hatten. Aber der ſanfte Geiſt frommen Friedens, der ſein Leben bezeichnete, ſprach noch aus ſeinen Zuͤgen zu meinem wunden Herzen, und ich konnte aus inner⸗ ſter Seelenfulle beten und weinen. Ich ſandte dann zu meinen beiden Tanten. Du kennſt ſie; weißt, wie um uns Alle das ſchoͤne Band der Familienliebe ſich ſchlang, bis die Vorliebe mei⸗ nes Großvaters für mich es löſte. Von jeher ſahen ſie dieſe Auszeichnung mit Unwillen, und ihr Un⸗ muth daruͤber wurde laut gegen mich, als mein Großvater mich von meinen Eltern fort zu ſich nahm und ſie in mir ſeine kuͤnftige Erbin muth⸗ maßten. Was ich Alles that, um ſie mit mir zu verſoͤhnen, weißt Du; aber mein Beſtreben ward Heuchelei geſcholten, und ſie ſuchten Alles hervor, mich zu kraͤnken, was ihnen ſehr leicht wurde, da ich ſie liebte und gegen Unfreundlichkeit und Kalte nur zu empfindlich bin. Jetzt ward ihnen recht Freiheit, mich zu betruͤben, und hart genug benutz⸗ ten ſie ſie. Meine älteſte Tante fand mich noch weinend. Auch ſie vergoß Thraͤnen, und doch ſagte ſie mir: fuͤr das Abtrocknen meiner Thränen werde — ich wohl geſorgt haben. Ich ſah ſie an und meine Thraͤnen ſtockten. Gefaßt trat ich der juͤngern Tante entgegen. Sie warf ſich laut ausrufend uͤber die Leiche hin; ich ſtand neben ihr, und wer von uns den Werth des Todten und ſeinen Verluſt am tief⸗ ſten fuͤhlte, richte Gott! Aber bitter warf ſie mir meine Faſſung vor: nun ſei der Vater todt und ich finde es nicht einmal der Muͤhe werth, ein paar Thranen um ihn zu vergießen! Schweigend kußte ich die Hände des theuren Todten und wollte mich entfernen. Mein Schweigen war gewiß nicht Trotz; und doch riefen ſie mich zuruͤck und forderten mir die Schluͤſſel ab; mein Reich ſei hier zu Ende und es muͤſſe ſich erſt zeigen, ob ein Teſtament da ſei, welches mir den Lohn fuͤr meine Uneigennuͤtzigkeit fichere. Ich gab die Schluͤſſel augenblicklich hin, da mir der Todte viel zu heilig war, um ſein An⸗ denken durch irgend ein Wort des Unftiedens ent⸗ weihen zu moͤgen; dann floh ich auf mein Zimmer, wo ich zum erſten Mal die Schrecken des Allein⸗ und Verlaſſenſeins in der Welt recht tief empfand⸗ O welch ein Mitleiden werde ich, ſo lange ich lebe, mit der Huͤlfloſigkeit eines Weſens haben, das nach einem Wort der Theilnahme und des Troſtes — ſchmachtet! — Nach einigen Stunden kam der älteſte Freund meines Großvaters, der Präſident H., zu mir. Er bat mich, ihn zu der Leiche zu fuͤhren. Ruhig faßte er die Freundeshand: „Fahr wohl; wir ſehen uns bald wieder!“ — Nur Eine Thräne fiel auf die Hand; wuͤrdiger wird keine an dieſem Sarge geweint werden. Freundlich bat er mich, bis zur Ankunft meiner Eltern bei ihm zu wohnen, und ſo ging ich an ſeinem Arm aus dem Vaterhauſe in ein fremdes uͤber. Man weiß bis jetzt von keinem Leſtamente. Bei allen hieſigen Gerichten iſt keins niedergelegt. Und nun ſollteſt Du ihre Schadenfreude ſehen! Keiner von ihnen ahnt, wie ich zu handeln entſchloſſen war! Es thut mir ſehr weh, daß ſie ihren Eigennutz ſo zur Schau tragen. Selbſt die Beſſern, ſelbſt der Praͤſident und ſeine Frau, ſcheinen mich zu bedauern und eine fehlgeſchlagene Hoffnung bei mir vorauszuſetzen. Sie irren ſich, und ihre Meinung ſchmerzt mich um ſo empfindlicher, weil ſie mich zwingt, den Schmerz meines Verluſtes zu verbergen, um ihn vor Miß⸗ deutung zu ſichern. Ach, wenn auf ſeinem Grabe keine Thraͤnen uneigennuͤtziger Liebe vergoſſen werden ſollten, wer duͤrfte denn hoffen, ſie zu verdienen! — — Caroline, mir ſinkt mit ihm viel in die Gruft, und mir iſt, als gehe alle Freude, alle Hoffnung meines Lebens mit ihm hinab. Ach, ich habe an dieſem Sarge ſchon viel gelernt! Jetzt ſind auch meine Eltern hier und bedauern mich! Freundin meiner Seele! auch ſie zurnen dem Todten, weil er mir nur ſein Herz und nicht ſein Gold gab! Auch gegen mich ſind ſie ſehr kalt. Ach, ſolche Erfahrungen an den geliebteſten Men⸗ ſchen machen recht ſtill und beklommen. Meine Zukunft, mein Leben im elterlichen Hauſe wird nicht heiter ſein. O waͤre Adolph hier! er wuͤrde mich troͤſten, und ſein fuͤr den Eigennutz zu großes Herz wuͤrde das meine verſtehen! Mir iſt, ſeitdem ich ſo betruͤbt bin, ſein Andenken wieder lebendiger, als jemals gegenwaͤrtig, und ich frage ſein Bild oft leiſe: „Kommſt Du denn nicht, mich zu troſten? weißt Du nicht, daß ich weine?“ — Wider unſer Aller Erwarten hat ſich nun doch ein Teſtament gefunden. Mein Großvater hatte es dem Herzog ſelbſt uͤbergeben, und der Ueberbringer deſſelben war — Adolph! Noch iſt es nicht eroff“ net, aber Keiner zweifelt am Inhalt deſſelben. Ich ſehe es voraus, daß ſich der Ausfuͤhrung meines Entſchluſſes von Seiten meiner Eltern Schwierig⸗ keiten entgegenſetzen werden; allein ſie duͤrfen mich nicht irren, ſo hoͤchſt betruͤbend auch der Gedanke fuͤr mich iſt, irgend etwas zu thun, was ihnen miß⸗ fäͤllt. Mein Gefuͤhl macht es fuͤr mich zur ent⸗ ſchiedenen Unmoͤglichkeit, mich auf Koſten meiner Geſchwiſter und Verwandten bereichern zu wollen. Unſte Herzen hatten alle gleiches Recht an des Ent⸗ ſchlafenen Liebe. Keins ſeiner Kinder hat ihn je durch Ungehorſam beleidigt, oder ihm ſonſt Anlaß zum Mißvergnuͤgen gegeben; mit welcher Stirn ſollte ich mich nun mit ihrem rechtmaͤßigen Erbtheil bereichern? Waͤren meine Tanten reich, wuͤrde ihnen mein Antheil nur von ihrem Ueberfluß entzogen, und unterſchrieben ihre Herzen den Ausſpruch meines Großvaters; dann wuͤrde ich mit dankbarer Ruͤh⸗ rung das Gluͤck der Unabhaͤngigkeit und des Wohl⸗ ſtandes aus ihren Händen annehmen und mich ihrer Guͤte durch den Gebrauch deſſelben werth zu zeigen ſtreben. Jetzt aber, wo von den drei Schwieger⸗ ſoͤhnen meines Großvaters mein Vater der einzige Wohlhabende iſt, da die beiden Andern das Schick⸗ ſal ihrer Familie nach ihrem Tode auf keine Art zu ſichern vermogen, jetzt wurde ich mich ihres Haſ⸗ ſes und ihrer Geringſchaͤtzung werth fuͤhlen, wenn ich anders handelte. Was meinem Großvater ziemte, mir anzubieten, darf ich nicht entſcheiden; er kannte mein Herz; heilig iſt mir ſein Andenken und jede ſeiner Handlungen; auch ſein Vermächtniß wird es mir als Zeichen ſeiner Liebe und eines Vertrauens ſein, deſſen ich mich nur durch einen ſolchen Gebrauch wuͤrdig zeigen kann. Endlich nach Jahre lang unver⸗ dient erlittenen Krankungen wird fuͤr mich der Au⸗ genblick der Rechtfertigung kommen! Caroline, wie klopft mir das Herz vor Freude, wenn ich mir den Augenblick denke, wo ich mit all der Liebe, die ich jetzt nicht zeigen darf, vor meine Tanten treten und ihnen ſagen werde: die Erbſchaft unſers Vaters laſſe ich Euch; ich will nichts, als Liebe; dieſe ſchenkt mir, und laßt mich ſtill und gluͤcklich wieder in Eurer Mitte leben! — Seit Adolphs Ankunft weiß ich es, daß er mich — — liebt, und ein Gluͤck, daß ich nicht zu traͤumen wagte, iſt nun wirklich mein geworden. Am Grabe meines Großvaters empfing ich das Geluͤbde ſeiner Liebe und er das Geſtändniß der meinigen. Ich fuͤhlte in jener heiligen Minute, daß der Geiſt meines Verſtorbenen um uns ſchwebte, und mein Gluͤck waͤre jetzt nicht ſo vollkommen, hätte er Adolph nicht geliebt. Ich kann Dir die Seligkeit nicht malen, meine Caroline, die meine Seele durchdringt, wenn ich auf mein kuͤnftiges Leben blicke. Selbſt das Gefuhl, wie Vieles mir abgeht, um ganz eine Frau nach Adolphs Sinn zu ſein, ſtoͤrt mich nicht. Ich bin noch ſo jung, er wird mich bilden, bilden fuͤr ſich, bilden fuͤr die Welt; und wird er mich dann als ſein Ge⸗ ſchöpf, als ſein Werk, nicht noch inniger lieben, als er es ſonſt zu thun vermoͤchte? — Wer bedarf mehr eines Lehrers, eines Fuͤhrers, eines Anhalts im Leben, als ich, die ich das unſichere meiner Uner⸗ fahrenheit und meiner Unbehuͤlflichkeit oft ſchon recht peinlich empfunden habe? Nun aber ſteht er mir zur Seite, mit aller Klarheit ſeines Geiſtes, allem Reichthum ſeiner Welterfahrenheit, allem Schimmer ſeiner Talente, und meine innerliche Angſt iſt wie — verſchwunden. Ich hole freier Athem und begruͤße das freundlich laͤchelnde Leben mit inniger Luſt und Liebe. Wenn meine Tanten verſoͤhnt ſind und mich wieder lieben, ſo weiß ich keinen Menſchen, von dem ich Herbes zu furchten hätte, und ich habe ſie Alle ſo herzlich lieb, moͤchte Allen abgeben von meiner Liebe, von meinem Gluͤcke! Meine Eltern konnen mir nicht ernſtlich zuͤrnen, da ja meine Geſchwiſter eben ſo gut durch meine Entſagung gewinnen, als die Kinder der Tanten! Und dann, Caroline — ach es iſt wohl Unrecht, aber es liegt fuͤr mich un⸗ ausſprechliche Freude in dem Gedanken, daß Adolph mit ſeiner großen, uneigennuͤtigen Seele mich noch inniger lieben, ja, daß er mich achten wird, um mei⸗ ner Handlungsweiſe willen. — Wenn ich an ihn denke, ſo moͤchte ich nicht blos pflichtmäßig handeln: ich möchte alles Große, alles Schöne uͤben, um meine Rechte auf ſein Herz feſter zu begruͤnden, und durch innern Werth zu erſetzen, was mir an Bildung fuͤr die große Welt fehlt. Nimm mich auf, Caroline! druͤcke mich an Dein Herz, erhalte mir durch Deine Treue, Deine Liebe den Glauben an das Gute, damit er mir nicht ent⸗ ſchwinde, wie ein kindiſcher Wahn; damit ich nicht an der Kaͤlte, der Einſamkeit, die mich umgibt, zu Eis erſtarre! Nur in meinem Schmerz iſt noch Leben; alles Andre um mich, in mir iſt todt. Ich glaubte Gutes zu wollen, glaubte das Rechte zu uͤben, und dafur ſtraft mich das Schickſal, dafuͤr ſtrafen mich die Menſchen, als habe ich ein Ver⸗ brechen begangen. Meine Tanten fuͤhlen ſich ge⸗ demuͤthigt, und ach, das macht nicht liebevoll! Meine Eltern ſchelten meine Erklaͤrung, der Erbſchaft ent⸗ ſagen zu wollen, einen lächerlichen Romanenſtreich, und um mich dafuͤr zu ſtrafen, hat mir mein Vater erklaͤrt, daß ich, ſtatt kuͤnftig in ſeinem Hauſe zu leben, mich entſchließen muͤſſe, Hofdame am — ſchen Hofe zu werden; eine Lebensweiſe, von der er weiß, wie ſie zu allen meinen Neigungen und Wuͤn⸗ ſchen, zu allem meinen Sein und Thun, den fuͤr mich allerpeinlichſten Gegenſatz bildet. Und doch, wie leicht ließe ſich das Alles noch ertragen, wenn nicht Er — Er — mich tiefer verletzt haͤtte, als die ganze uͤbrige Welt es zu thun vermochte. Das, das iſt der Todespfeil fuͤr mein Herz. Mit leuch⸗ tender Freude brachte er mir nach Eroͤffnung des Teſtaments die Nachticht, ich ſei alleinige Erbin und alle Andere mit dem Pflichttheil abgefunden. Ohne die Ahnung der entfernteſten Moͤglichkeit einer Mißbilligung von ſeiner Seite, ſagte ich ihm nun meinen Entſchluß und zeigte ihm die Acte, die mich fuͤr muͤndig erklaͤrte, und mir dadurch volle Freiheit gab, ihn auszufuͤhren. Er ſtutzte, und bekaͤmpfte das, was mir ganz einfach als recht und pflicht⸗ maͤßig erſchien, erſt mit den Waffen der Bitte, der Schmeichelei, dann mit all den glaͤnzenden Sophiſte⸗ reien der Weltklugheit, mit unmuthigen Erinnerungen an meine gänzliche Unkunde des Lebens. Er zerriß mein Herz; aber wie konnte ich aufgeben, was ich fuͤr wahr, fuͤr gut erkannte? ich, die ich von jeher ſo entſchieden war, nie den Augenblick der Verſuchung zum Augenblick der Pruͤfung meiner Grundſätze waͤh⸗ len zu wollen? — Ich konnte ihm nicht viel ant⸗ worten; er verſchuͤchterte mich, und dann griff mich auch dieſe Verſchiedenheit unſerer Denk⸗ und Em⸗ pfindungsweiſe zu ſchmerzlich an. Er verließ mich endlich, und am andern Morgen erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mir ſchrieb, er muͤſſe um ſo dringender und beſtimmter das Opfer meines Ent⸗ ſchluſſes erbitten, da dieſer nur das Werk einer Schwaͤrmerei ſei, die ich, wie ſchoͤn ſie mir auch jetzt erſcheinen moͤge, doch bei reiferer Bildung ſelbſt als unſtatthaft und mit den Anſpruͤchen der Welt und der Lebensklugheit durchaus unverträglich er⸗ kennen wurde. Meine Liebe habe ihm Rechte uͤber mich gegeben, die er behaupten muͤſſe und behaupten werde, zumal da ſeine Lage ihm leider nicht erlaube, einem Maͤdchen ohne Vermoͤgen ſeine Hand zu rei⸗ chen. Er fordre daher als einen Beweis, ich wolle ſein Gluͤck, daß ich ihm dieſe Angelegenheit zu ord⸗ nen überlaſſe. Er hatte das in ſehr ſchoͤne Worte eingekleidet; aber mein Herz fuͤhlte die Falſchheit ſeiner Worte und die Wahrheit meiner Thränen. Ich ſuchte Troſt in der Ecklärung meines Ent⸗ ſchluſſes an unſere Familie; aber ſtatt Heilung fand ich Gift. Vereinzelt, losgeriſſen von Allen, ſtehe ich ſchwankend, bebend da, und in mir iſt auch nicht die Haltung der Zuverſicht, die Sicherheit des Dir Dein Brief neue Rechte auf mein Herz gewon⸗ innern Friedens, auf die ich hoffte, und die mir buͤrgen wuͤrde, daß ich recht gehandelt habe. Es iſt, als ob die Wurzel meines Glaubens ausgeriſſen ſei; als habe ich bisher nur getraͤumt, und erwache nun in einer ganz andern Welt. All mein Denken und Empfinden iſt wirre. Ich fuͤhle, daß ich nicht mehr bin, wie ich war, und daß mir mit der Kraft auch der Wunſch fehlt, mich ſelbſtſtaͤndig zu geſtalten. Dumpfheit, gedankenloſes Hinſchlendern, gefuͤhlloſe Abſtumpfung gegen fremde Haͤrte und fremden Un⸗ werth erſcheinen mir allein noch wuͤnſchenswerth. Ach, bin ich denn bis jetzt ſo ganz Kind, und nur Kind geweſen? iſt das nun wirklich erſt die wahre Welt, die ich mit dieſem furchtbar erkältenden Schauer erblicke? O Caroline, wie widrig iſt ſie, die mir bis jetzt als ein bluͤhender Garten Gottes erſchien! Könnte ich Dich noch inniger lieben, als ich Dich liebe, meine treue, edle Caroline, ſo wuͤrde — 41 — nen haben. Er war Balſam fuͤr alle meine Wunden und hat vollendet, was ein guter Engel in mir begonnen hatte, ehe ich ihn erhielt. O wem Gott den Troſt vergönnt, fuͤr alles Schone und Große des Menſchenherzens einen Tempel in der Bruſt eines geliebten Menſchen zu kennen, der kann ja nicht verzagen, den koͤnnen ja die Räthſel des däm⸗ mernden Erdenlebens nur betruͤben, nicht entſeelen! — Es war Nacht, recht finſtere Nacht um mich her. Ich wagte nicht, zu Gott zu beten, weil ich fuhlte, daß ich es nicht mit ganzer Seele vermochte, und das Wort allein mir viel zu unwuͤrdig iſt, um es zum Vater hinauf zu ſenden. Ich fuͤhlte, daß mir die Kraft fehlte, mich, ſo niedergedruͤckt wie ich war, zu einer ruhigen, klaren Anſicht meines Schick⸗ ſals zu erheben; mir graute unausſprechlich vor dem langen und ſchweren Kampf, der mir bevorſtand: allein Gott verläßt die Seinen nicht. Jedes Leid hat ſeinen eigenen troͤſtenden Engel; und welchen ſchoneren gibt es, als die Liebe eines edlen Men⸗ ſchen? Unerwartet erſchien meine Tante Minna. Sie hatte endlich den lange gehegten Wunſch, ihr Vaterland wieder zu ſehen, befriedigen können, und da ſie ihre Marie noch nicht vergeſſen hatte, kam ſie zuerſt hierher. Und zu welcher Stunde haͤtte fie mir ein geſegneterer Schutzgeiſt werden können? O wenn wir Menſchen doch ſolche Fuͤgungen der Vorſehung nicht unbeachtet laſſen wollten, die ſich faſt in dem Leben jedes Einzelnen wiederholen, wo uns in der hoffnungsloſen Nacht des bitterſten Leids ganz unerwartet Troſt, Huͤlfe, Erquickung wird, und wir es fuhlen, es iſt die Vorſehung, die uͤber uns wacht und uns beſchuͤtzt! Es gibt keinen wohlthuendern Troſt, als dieſe Zuverſicht, mit der man in den Ar⸗ men des Schickſals ſo ruhig einſchlafen kann, wie ein Kind an der Mutterbruſt. Der Anblick meiner vortrefflichen Tante war fuͤr mich die Morgenroͤthe eines neuen Tages; und das unſchätzbare Gluͤck, meine eigenſte Denk⸗ und Empfindungsweiſe von ihr gebilligt zu ſehen, gab mir mit dem Selbſtge⸗ fuhl des Rechts auch meinen innern Frieden zuruͤck. Gluͤcklich werde ich wohl nie werden; aber ich hoffe auf Ruhe, und willige Verläugnung deſſen, was mir der Unwerth eines nur allzu geliebten Mannes fuͤr immer geraubt hat. Meine Tante hat die Ein⸗ willigung meiner Eltern erhalten, mich auf einige ₰ i geit zu ſich zu nehmen, und Du kannſt denken, wie gern ich ſie begleite. Mir iſt, als muͤſſe ich, um ſie lebend, Theil an ihrem Geiſt, ihrer Denk⸗ und Empfindungsweiſe gewinnen, und meine Freude an ihrem Daſein wird und muß das Gute in mir beleben und kräftigen. Nach breijühriger Abweſenheit ſehe ich jett Kein Vaterland wieder, um den Segen meiner Eltern zu einer Verbindung zu erhalten, von der mein Herz und meine Vernunft im reinſten Einklang hoffen, daß ſie das Gluck meines Lebens begränden wird. Du weißt es, meine Caroline, wie ich St. ken⸗ nen lernte, wie mir ſeine Liebe ward, und mit welcher dankbaren und begluͤckenden Zuverſicht ich mein Herz und mein Leben dem Manne anvertraue, den ich eben ſo innig verehre als liebe. Mit ernſter Ruͤhrung uͤberblicke ich aber an dieſem Scheidepunkte des Lebens die Vergangenheit, und lege mir Rechen⸗ ſchaft ab, wie ihre Erfahrungen auf mich gewirkt haben. Ich verdanke meiner edlen, meiner unſchatz⸗ baren Tante mehr, als ich auszuſprechen vermag. Mit unendlicher Liebe und Milde wußte ſie mein wundes Herz zu ſtillen, und es von der Bitterkeit, die ſich ihm aufgedraͤngt hatte, zu reinigen. Ihr eignes Schickſal uͤberzeugte mich, daß in der morali⸗ ſchen Willenskraft des Menſchen und in ſeinem kind⸗ lichen Vertrauen zu Gott die Macht liegt, auch das herbſte Erdenſchickſal nicht nur zu ertragen, ſondern zu beſiegen, und daß wir in dem in uns unvertilgba⸗ ren Gefuͤhl die Wahrheit unſrer Liebe, unſrer Treue, unſers Willens uns den unzerſtörbaren Keim der Zu⸗ verſicht zu dem Leben und den Menſchen zu bewahren vermoͤgen, deren wir beduͤrfen, um die Erde zu lieben. Ihr tiefes, herrliches Gemuͤth voll Kraft und Liebe offenbarte ſich mir immer mehr, je lebendiger in mir die Sehnſucht und das Beſtreben wurden, ihr nach⸗ zueifern und mich ihrer Sorge fuͤr mich werth zu zeigen. Ihre milde Weisheit, ihre frohe Thätigkeit, ihr liebevolles Ertragen der Menſchen, und, mehr wie alles Andere, ihr religioͤſer Sinn, ihr unbedingtes Vertrauen zu Gott, ihre freudige Ergebung in jede Pruͤfung des Lebens wurden mir zum Vorbilde, und bald lernte ich nun mein Schickſal aus einem — 45 — ganz andern Geſichtspunkt anſehen. Ich fand da Liebe, wo ich fruͤher Zucht und Haͤrte zu empfinden geglaubt hatte. Je bitterer die Erfahrungen ſind, die wir im Leben machen, je nothwendiger und nuͤtz⸗ licher ſind ſie auch fuͤr unſer inneres Sein; und was wäre wohl aus mir geworden, wenn die Vorſehung mich nicht vor dem Ungluͤck der Verbindung mit einem Manne geſchuͤtzt hätte, dem meine jugendliche Unerfahrenheit, mein Mangel an Selbſtſtaͤndigkeit, kneine verworrene Anſicht des Lebens, bei ſeiner Lie⸗ benswuͤrdigkeit und meiner Neigung fuͤr ihn, nicht blos uͤber mein Gluͤck, ſondern hoͤchſt wahrſcheinlich auch uͤber meine auf keiner feſten Baſis ruhenden Grundſätze eine nur zu gefaͤhrliche Gewalt gegeben haben wuͤrden? Was mir damals Zerruͤttung meines Lebensgluͤcks ſchien, war nur Uebergang zur Entfal⸗ tung und Entwicklung meines Seins, und als ſolchen muͤſſen wir jeden Schickſalswechſel betrachten. Jeder erweckt in uns Kräfte, die ohne ihn nicht wach geworden wären, und nur aus einer ſolchen Erwe⸗ ckung und Uebung unſerer Kraft erbluͤht jene innere, geiſtige Lebensfulle, durch die der Menſch uͤber die zufaͤllige Geſtaltung des aͤußeren Lebens hinaus ein freies Weſen zu bleiben vermag, indem er durch Glaube, Vertrauen und Liebe die hohe Macht ehrt, die ſtill verborgen und doch allwaltend durch das Leben geht. S * — — — * 22 Auguſtens Mein Vater iſt todt! — Ach, er war gut, trotz der kalten Außenſeite, die ihm das glänzende, ge⸗ räuſchvolle Leben, das er uber Alles liebte, gegeben hatte. Hätte er nur länger gelebt, ſo wuͤrde der Werth meiner trefflichen Mutter, ihre duldende und unuͤberwindliche Liebe zu ihm doch gewiß noch Alles beſiegt und entfernt haben, was zwiſchen ihm und ihr ſtund. Jetzt hat er die Erde verlaſſen, ohne gluͤcklich geweſen zu ſein, ohne gluͤcklich gemacht zu haben — o wie ſchmerzt dies! — Unſere Vermögensumſtände ſind nicht ſo gn. zend, wie man wohl geglaubt hat, daß ſie es waͤren. Meine Mutter wird ſich einſchraͤnken muͤſſen und ich freue mich dazu. Ich finde es ſo unbequem, ein großes Haus auszumachen und ſo viele Menſchen bei ſich zu ſehen, die man doch eigentlich nicht lieb hat. Wenn ich mir zuweilen eine Zukunft traͤume, ſo wohne ich immer in einem kleinen niedlichen Land⸗ Tarnow's Schriften. Kl. 3 hauſe, mit gruͤnen Jalouſien, und darin geht es ſo ſtill, ſo friedlich und haͤuslich zu. Oft lache ich ſelbſt daruͤber, aber ich fuͤhle es doch, ich könnte in einem ſolchen Hauſe gluͤcklich, ach, ſo ſehr glucklich ſein, und nie, nie in einem Pallaſt! Sonderbar, daß man ſo lange leben kann, ohne eigentlich zu erfahren, was das Leben bedeutet und was es von uns fordert. Wenn ich das Wort bis⸗ her ausſprach, ſo lag immer eine Ferne, eine Zu⸗ kunft vor mir, und doch wurde ich ſchon vor zwei Jahren confirmirt und bin alſo ſchon ſo lange ein erwachſenes Maͤdchen, wenn ich gleich noch immer wie ein Kind, ohne Vor⸗ und Ruͤckblick, am Her⸗ zen meiner Mutter und unter ihrem ſegnenden, er⸗ freuenden Auge, nur im Moment der Gegenwart lebte und ſie fuͤr meine Zukunft denken und ſorgen ließ. Heute hat ſie mich muͤndig geſprochen; ich fuͤhle mich dadurch gehoben; aber mir iſt auch eine ernſte Ahnung von der Bedeutung des Lebens ge⸗ worden, die mich fuͤhlen laßt, daß ich kein ſorgen⸗ loſes Kind mehr ſein dar Meine Mutter kam heite Morgen zu mir. Sie * — — war ſehr bewegt. „Liebſte Auguſte,“ ſagte ſie mir mit ihrer ſanften, weichen Stimme, die, ſo lange ich denken kann, nur Worte der Liebe und der Zärtlichkeit zu mir ſprach, „Du weißt, wie ich von ieher Dein Vertrauen zu mir als den ſuͤßeſten Lohn meiner Liebe fuͤr Dich angeſehen habe, und nichts inniger wuͤnſche, als von Dir fuͤr Deine treueſte Freundin angeſehen zu werden. Du biſt die einzige Erwachſene unter Deinen Geſchwiſtern, und es iſt mir Erſatz fuͤr viele truͤbe Stunden, daß ich heute zu Dir als zu meiner Freundin kommen und Deinem reinen Herzen die Entſcheidung uͤber Deine und Deiner Schweſtern Zukunft uͤbertragen darf. Die Schulden Deines Vaters ſind viel beträchtlicher als man glaubte; die Hingabe ſeines ganzen Nachlaſſes vermag nicht ſie zu tilgen, viele Gläubiger werden unbefriedigt bleiben, und dies wird vorzuglich die Handwerker treffen, die er bei ſeinem letzten großen Bau gebraucht hat. Ihre Rechnungen muͤſſen nach den Geſetzen aͤlteren Schuldforderungen nachſtehen, und meiner harrt der Schmerz, das Grab meines Gatten, das Grab des Vaters meiner Kinder mit den Thränen und den Verwuͤnſchungen dieſer um den Lohn ihrer harten Arbeit und ihres kargen Ver⸗ 3. dienſtes betrogenen Familienvaͤter belaſtet zu ſehen. Es gibt nur Ein Mittel, dieſem Ungluͤck abzuhelfen; mein Vermogen iſt unangegriffen; als Witwe weiß ich, was die Ehre des Verſtorbenen von mir heiſcht, als Mutter fuhle ich die Verpflichtung, meinen Kin⸗ dern den Namen ihres Vaters unentwuͤrdigt zu er⸗ halten; aber dieſe Hingabe meines Vermoͤgens laͤßt Euch, meine Toͤchter, in Zukunft ganz huͤlflos. Ich habe keinen Sohn, dem ich nach meinem Tode die Sorge fuͤr ſeine verwaiſeten Schweſtern vermachen konnte; arm, wie Ihr ſein werdet, und ohne An⸗ ſpruͤche auf Schoͤnheit, geht Euch dann Alles ab, was in unſern Zeiten die Augen der Männer auf ſich zieht, und die Verborgenheit, die unſer Loos wird, wird Euch uͤberdies alle Gelegenheit rauben, jungen Männern bekannt zu werden. Unbemerkt werdet Ihr verbluͤhen und wahrſcheinlich zeitlebens in der druͤckendſten Abhängigkeit leben muͤſſen. Au⸗ guſte, mein Herz blutet bei dieſem Gedanken, es erſtarrt vor der Moͤglichkeit, daß Ihr einſt, von Kum⸗ mer und Mangel, von Hintanſetzung und Vernach⸗ läſſigung jeder Art gebeugt, erbittert an mein Grab treten und fragen könntet, ob Ihr mir nicht näher waret, als die Familien, denen ich mein Vermögen N — 53 — opferte, und mit dem großen Haufen dieſe Handlung dann eine üͤberſpannte, unnaturliche Thorheit ſchelten werdet. Deine Schweſtern ſind noch Kinder, meine Auguſte; Du aber biſt fähig, für Dich und ſie zu entſcheiden. Pruͤfe Dich, ob Dir bei der mehr als wahrſcheinlichen Ausſicht auf ein freudenloſes, ungeliebt verbluͤhendes Leben und auf verfehlte Be⸗ ſtimmung das Gebot der Pflicht und des unbedingten Rechtthuns ſo viel gilt, daß es Dir Kraft, fuͤr Dein ganzes Leben ausdauernde Kraft zu dieſem Opfer zu geben vermag. Blick in Dein Herz, ob Du Gott ſo kindlich vertrauend liebſt, daß Du mit Heiterkeit Dein Schickſal in ſeine Haͤnde zu legen vermagſt, ohne daß Dein Herz einſt an getauſchter irdiſcher Hoffnung und ungeſtillter Sehnſucht bricht.“ Sie verſtummte hier, ihrer Bewegung nicht laͤn⸗ ger Herr. Weinend ſtuͤrzte ich in ihre Arme, ſie legte mir die Hand auf den Mund: „Deine Entſcheidung muß nicht das Werk einer Wallung ſein. Bedenke, daß Du nicht allein fuͤr Dich, ſondern auch fuͤr Deine beiden Schweſtern waͤhlſt und nach Deiner Entſcheidung meine Verantwortlichkeit fuͤr Ihr Schick⸗ ſal theiſt. Ich laſſe Dich allein, damit Du da — — Rath und Entſchluß faſſen kannſt, wo ſie das be⸗ wegte Herz allein ſuchen muß, wenn es ſich bei der Ungewißheit der Zukunft den Frieden — will, der das hoͤchſte aller — iſt. 07 as ich allein war und den Worten meiner Mutter nachdachte, ſtand das Leben plotzlich in einer ernſten finſtern Geſtalt vor mir da. Die Zukunft hatte mich immer ſo freundlich angelaͤchelt; mich duͤnkte von jeher, es muͤſſe nichts leichter ſein, als gluͤcklich zu bleiben, wenn man, ohne alle Plane des Ehrgeizes und der Eitelkeit, nichts wuͤnſche und nichts wolle, als von den Menſchen, mit denen man lebe, geliebt ſein, wie man ſie liebe. Ich fuhlte auch noch in dieſer Stunde lebendiger denn je vorher, daß Alles, was uns von Außen kommt und ſelbſt das Gluͤck, was uns die Liebe zu gewaͤh⸗ ren vermag, doch nur in dem Grade Gluͤck iſt, als man die Empfäͤnglichkeit beſitzt, dadurch begluͤckt werden zu koͤnnenz und dieſe Empfaͤnglichkeit fordert bei mir eine Herzensſtille, die unwiederbringlich geſtört waͤre, wenn ich dem Golde meinen Sinn des Rechts aufopfern muͤßte. Meinem Gofuͤhle nach werde ich nie des Reichthums bedürfen, um glückich zu ſein; — — ſoll ich fuͤr meine Schweſtern entſcheiden, ſo kann ich gleichfalls fuͤr ſie doch nur das wählen, was mir als das Beſſere, Edlere erſcheint. Kurz, ſo gern ich, weil meine Mutter es wuͤnſchte, ernſt uͤber die Moͤglichkeit einer verſchiedenen Anſicht ihres Opfers nachdenken wollte, ſo vermochte ich es doch nicht; meine Seele war ſchon bei dem erſten Wort daruͤber entſchloſſen, und ich begreife gar nicht, wie ein ent⸗ gegengeſetztes Handeln moglich ſein könne. Ich flog am andern Morgen zu meiner Mutter und ſtuͤrzte mich in ihre Arme: „Laß uns arm ſein, liebe Mutter; Amalie und Betty werden, von Dir gebildet, erwachſen eben ſo denken, als ich, und es immer fuͤr das hoͤchſte Gluͤck achten, daß Gott uns in Dir eine Mutter gab, deren Andenken und deren Liebe uns fuͤr das Verfehlen jedes andern Gluͤcks Troſt zu werden vermag.“ — „O mein Kind,“ ſagte meine Mutter mit einem unausſprechlichen Blick zum Himmel, „wie viel kummervolle Jahre verſuͤßt mir der Augenblick, der mir in meiner Toch⸗ ter eine Freundin gibt!“ Meine Mutter hat in einer weit von D. entfern⸗ ten Gegend eine kleine Meierei, Amaliensruh, gepachtet, wo wir ſeit vierzehn Tagen wohnen und ſchon ganz eingerichtet ſind. Koch, Ausgeberin, Bedienter, Kam⸗ merjungfer, Alles iſt zuruͤckgeblieben. Unſer ganzer Hausſtand beſchraͤnkt ſich auf zwei Knechte und zwei Maͤdchen; aber mich duͤnkt, ich könne nie in einen mir liebern Wirkungskreis verſetzt werden, als in den dieſer einfachen Haͤuslichkeit. Um fuͤnf Uhr des Morgens ſtehe ich auf und ſpinne bis um ſechs, dann gebe ich das Fruͤhſtuͤck fur die Leute aus und beſtelle zugleich die Kuͤche fuͤr den Tag. Um ſieben Uhr bringe ich meiner Mutter den von mir gekochten Kaffee, helfe ihr bei ihrem Anzuge, wecke die Schwe⸗ ſtern, ziehe ſie an, und hole mir dann von der Mutter die Verhaltungsregeln fuͤr die haͤuslichen Geſchaͤfte des Tages, die in ihrer Einfachheit doch faſt täglich Abwechſelung darbieten. Um zwoͤlf Uhr wird gegeſſen und um fuͤnf Uhr kommt die liebe erfreuliche Theeſtunde. Dann ſind die Unterrichts⸗ ſtunden meiner Schweſtern, denen meine Mutter den ganzen Tag widmet, geendet, und beim traulichen Schein des Windofenfeuers wird bis um ſechs Uhr gelacht und geſchwatzt. Ich habe einmal geleſen, daß Veſta, die Göttin des lodernden Herdes, auch die Schutzgottin des haͤuslichen Gluͤcks war, und ver⸗ P E — — ——— ſtehe wohl, wie das gemeint iſt. Ich wuͤßte keinen Platz, keine Gelegenheit, wo ſich ſo lieb, ſo herzlich plaudern laͤßt, als beim Wiederſchein des Feuers an einem langen Winterabend. Sobald das Licht kommt, wird auch die Arbeit zur Hand genommen, wobei eine von uns abwechſelnd vorlieſet. Von der Er⸗ fahrung, der Menſchenkenntniß der beſten aller Muͤtter erlaͤutert und erklaͤrt, wird uns Alles, was wir leſen, zu lebendigen Worten. Des Abends nach Tiſche ſinge und ſpiele ich noch eine Stunde Clavier, und um zehn Uhr gehen wir Alle mit der Gewißheit ſchlafen, morgen zu einem eben ſo ſtillen glucklichen Tage zu erwachen. Nur der Sonntag macht eine Ausnahme. Dann fahren wir zur Kirche, wo wir die uͤbrigen Eingepfarrten treffen und es mit ihnen verabreden, ob wir den Nachmittag bei uns oder bei Einem von ihnen zubringen wollen. Die Alten ſetzen ſich nach dem Kaffee zu ihrer Partie nieder, und wir jungen Leute plaudern, ſingen, oder, wenn wir ein eigenes Zimmer erhaſchen koͤnnen, tanzen wir auch nach einem Clavier, einer Violine, und ich wenigſtens mit weit mehr Froͤhlichkeit, als ehedem auf jenen großen Baͤllen, die mir immer fuͤr den folgenden Tag den Kopf wuſt machten. Des Abends — 358 — wird nur kalte Kuͤche gegeben; um zehn Uhr faͤhrt Jeder zu Hauſe und man hat dann die ganze Woche Zeit, ſich auf den nächſten Sonntag iu wo man ſich wieder ſieht. Nie bin ich ſo ruhig, ſo heiter, ſo in mir ſelbſt zufrieden geweſen, als ich es jetzt unter dem Ein⸗ fluß des Fleißes und der wirthſchaſtlichen Thätigkeit bin; aber auch nur in der Beſchraͤnkung des Mit⸗ telſtandes kann man des Segens, der darin liegt, theilhaftig werden. In den reichern Haͤuſern, vor⸗ zuglich in den Städten, beſchränkt ſich der Wirkungs⸗ kreis der Frau nur auf das Anordnen und Befehlen⸗ welches aber nur Augenblicke ausfuͤllt und die Frau daher in die Nothwendigkeit ſetzt, ſich nach andern Quellen der Beſchäftigung umſehen zu muͤſſen. Die Freude des Vorwaͤrtskommens in der Welt, der kleinen Erſparungen, der allmaͤhligen Anfuͤllung von Kuͤche und Keller, Kiſten und Schränken, die Hoff⸗ nung, durch dieſe Thäͤtigkeit von Jahr zu Jahr mehr Bequemlichkeit, mehr Wohlſtand in ſeiner Lebens⸗ weiſe zu erlangen, bleibt ihr fremd. Die Haushal⸗ tungsgeſchaͤfte haben nicht das Einengende der Klein⸗ lichkeit, was ihnen die weiblichen ſchönen Geiſter ſo gern zuſchreiben, und die feinen Handarbeiten, die in den hoͤhern Staͤnden ihre Stelle vertreten, koͤn⸗ nen ihnen nie an Einfluß auf heitern Sinn und ſtillen innern Frieden gleichkommen, wenn ſie gleich als Beſchäftigung nicht ohne Werth ſind. Dieſe Handarbeiten ſind ſelten etwas Anderes, als Producte und Befoͤrderungsmittel des Luxus, und die meiſten jungen Damen, die mit ihren Stickereien u. ſ. w. in Geſellſchaften prangen, wuͤrden ſehr verlegen ſein, wenn ſie die Wäſche fuͤr Mann und Kind in Ord⸗ nung halten ſollten. Auch iſt die Vergaͤnglichkeit dieſer Arbeiten, die ja alle, als Modeartikel, mit dem Bewußtſein gearbeitet werden, daß ſie nur Augen⸗ blicke dauern ſollen, gewiß von einem tiefern Einfluß auf unſer Geſchlecht, als es die Meiſten ahnen. Wie anders in jenen Zeiten, wo den Toͤchtern noch die Arbeiten der Muͤtter als Zeugen ihres Fleißes, als theure Denkmaͤler ihrer ſorgenden Liebe, werth blieben und ihres Namens Gedächtniß auf viele Jahrzehende in der Familie ſicherten. Dieſe Art des Nachruhms erſcheint gewiß jetzt vielen jungen Mädchen laͤcherlich, und doch iſt ſie mir ſo anziehend, wenn ich bei mei⸗ nem Spinnrade ſitze und mir denke, daß das Gedeck, zu dem der Faden beſtimmt iſt, mir noch am Abend — meines Lebens die glucklichen Jugendmorgen zuruͤck⸗ rufen wird, wo ich ihn ſpann. Ach, ich werde Amaliensruh verlaſſen! fern von meiner Mutter, meinen Schweſtern, werde ich kuͤnf⸗ tig in einem fremden Lande unter Menſchen wohnen, von denen ich nichts weiß, als ihre Namen! Ich bin recht betruͤbt und dieſer Entſchluß koſtet mich unbeſchreiblich viel, aber meine Mutter wuͤnſcht es, und was waͤre mein Vertrauen zu ihr, wenn ihr Wille mir nicht auch da Geſetz wäre, wo meine Wuͤnſche und meine Neigung ihm widerſprechen? Aber wie erſchreckt mich dieſe Ferne! — Wie ein junger Vogel kenne ich nur das Neſt, wo mich bis jetzt die Fluͤgel der mutterlichen Liebe vor jeder rauhen Luft des Lobens ſchuͤtzten. Das Gluͤck, das ſtille, friedliche Gluck, das ich unter dieſem Strohdache genieße, kenne ich „nie wuͤnſche ich mir ein anderes, aber den Schmerz, der in der Ferne vielleicht auf mich wartet, vermag ich mit meiner Unerfahrenheit nicht einmal zu ermeſſen. Doch ſie will es, und Gott behuͤte mich, ihr die Freude an meiner Folgſamkeit durch den Anblick meines Kummers zu vergellen. Ich gehe nach der Inſel Ruͤgen, in das Haus eines dortigen Gutsbe⸗ ſitzers als Erzieherin ſeiner einzigen vierjaͤhrigen Toch⸗ ter. Der Profeſſor Ziegler, ein vieljähriger Freund meiner Mutter, hat an ſie geſchrieben, um ihr dieſe Stelle fuͤr mich vorzuſchlagen. Als meine Mutter den Brief erbrach, ward ſie waͤhrend des Leſens todtenblaß. Ich erſchrak und eilte beſorgt zu ihr, nach dem Inhalt zu forſchen. Sie beruhigte mich, ohne mir etwas zu ſagen; aber ſie blieb einige Tage, ſo ſehr ſie es auch zu verbergen ſtrebte, ernſt und traurig. Oft ging ſie von uns weg und ſchloß ſich Stunden lang ein, und wenn ſie dann wieder kam, ſah ſie, ſo ſehr ſie ſich auch zu laͤcheln bemuͤhte, doch ſo blaß und verweint aus. Aber wozu fände dieſe Seele nicht Kraft und Muth in ſich? — Nach drei Tagen hatte ſie ihre ganze Faſſung, ihren Gleich⸗ muth, ihren ſchoͤnen freundlichen Ernſt wieder, und mit der Guͤte und der Milde eines Engels theilte ſie mir den ihr gemachten Antrag mit. „Großer Gott!“ rief ich erſchrocken aus, „ich ſoll doch nicht fort, liebe Mutter, das wäre mein Tod!“ „Meine gute Auguſte,“ antwortete ſie mir mit Thränen in den Augen, „ich verliere in Dir die — — beſte Freude meines Lebens; aber ich muͤßte nicht Deine Mutter ſein, wenn mir Dein Wohl nicht uͤber Alles ginge. Wir leben jetzt ruhig und gluͤck⸗ lich; aber ach, mein Kind, es wird nicht immer ſo bleiben. Meine Geſundheit iſt ſchwankend, und nach meinem Tode laſſe ich Dich und Deine Schwe⸗ ſtern ganz huͤlflos zuruͤck. Wie wichtig muß es mir daher nicht ſein, Dir die Selbſtſtaͤndigkeit des Be⸗ wußtſeins zu verſchaffen, daß Du Dir ſelbſt Deinen Unterhalt zu erwerben, ſelbſt fuͤr Dein Fortkommen zu ſorgen fähig biſt, und dies kannſt Du bei Deinen Talenten und Kenntniſſen auf die anſtändigſte, vei Deinem Herzen auf die edelſte Weiſe, als Erzieherin. Dein Loos werde kuͤnftig wie es wolle, ſo können doch einige dieſem Wirkungskreis gewidmete Jahre nur vortheilhaft auf Dich wirken, da nichts ſo ſehr die Bildung des eigenen Charakters fordert, als die Bilbung eines zweiten. Einige Jahre älter würde es Dir ſchon ſchwerer werden, Dich in die Lebens⸗ weiſe eines fremden Hauſes und in die Dir neuen Verhaͤltniſſe ſo leicht zu fuͤgen, wie Deine Jugend es Dir jetzt vergönnen wird. Ueberdies verburgt mir Ziegler den ſittlichen Werth der Menſchen, zu denen Du gehſt; ihre Lebensweiſe iſt einfach; ihre — — Lage noöthigt ſie einſam zu leben und ihr einziges Kind ſteht gerade in dem Verhältniß des Alters zu Dir, in dem jeder Zoͤgling zu ſeinem Erzieher ſtehen ſollte, was ich bei Deiner Jugend nicht ſo leicht in einem andern Hauſe wieder finden wuͤrde. Auch muß es fuͤr mich, da eine ſolche Lage doch fruͤher oder ſpaͤter, aller Wahrſcheinlichkeit nach, Deine Beſtimmung werden wuͤrde, von der hoͤchſten Wichtigkeit ſein, Dich in dieſelbe zu einer Zeit ein⸗ treten zu ſehen, wo ich Dich noch durch meinen Rath leiten kann, und wo Du an dem Herzen und in den Armen Deiner Mutter eine Zuflucht haſt, die Dich gegen den Druck der Willkuͤr, gegen die Ab⸗ haͤngigkeit der Huͤlfloſigkeit ſchuͤtzt.“ Ach ſie war unerſchopflich an Gruͤnden, und wie ſollte ich es gelernt haben, wie ſollte ich es vermoͤgen, etwas nicht zu thun, von dem ſie wuͤnſcht, daß ich es thun ſolle? — Iſt ſie nicht meine ſich'⸗ bare Gottheit auf Erden? — Bin ich nicht ihr Geſchoͤpf, von ihr geboren, erzogen, gebildet, ihr Alles verdankend? Kann ich einen andern Willen haben, als den ihrigen? Wird mir nicht der Ge⸗ danke: ich gehorche ihr, Muth zu Allem geben? Iſt — — nicht fuͤr jedes Kind der Wille der Eltern gewiß Wink der Vorſehung? — Muth alſo, Muth und Vertrauen, Auguſte, ach ich folge willig, aber dieſe Thranen, guter Vater im Himmel, iſt es unrecht, daß ich ſie weine? — Meine Abreiſe iſt bis zum Monat Auguſt aus⸗ geſetzt und ich genieße alſo des Gluͤcks, vier Mo⸗ nate laͤnger, als ich glaubte, mit meiner einzig geliebten Mutter vereint zu leben. Sie bereitet mich jetzt auf meine kuͤnftige Lage vor und ſucht die Pflichten, die ſie mir auflegen wird, meinem Verſtande klar, meinem Herzen theuer zu machen. Ach! kann ich je fuͤr irgend ein Verhältniß des Lebens einer andern Vorſchrift meines Betragens beduͤrfen, als die Erinnerung des Beiſpiels, das ſie mir in jedem Augenblick gibt? Gleichen werde ich ihr nie, aber bis zum letzten Schlage meines Herzens ihr nachſtreben, um mich dadurch des Gluͤcks werth zu machen, ſie Mutter zu nennen! ————————— —— — — Leichter waͤre mir dieſe Trennung geworden, wenn ſie zu Oſtern geſchehen waͤre. Ich hätte dann nur den Winter hier verlebt, wuͤrde nur ſeine Freu⸗ den kennen; wie viel herrlicher, wie viel ſchoͤner iſt nun nicht Alles im Fruͤhling! — Unſer Garten grünt und bluht, und das Alles iſt mit mein Werk; ich habe jede Erbſe, jede Bohne gelegt, jedes Beet beſaͤet, und jeden Morgen iſt mir die Freude ihres Gedeihens neu. Und ſchon dieſe Jahreszeit ſelbſt — man iſt doch im Fruͤhling ganz anders — nicht ſo ruhig, ſo ſtill, heiter, wie im Winter, ſondern froh⸗ licher und doch auch wieder ſinniger. Meine haͤuslichen Geſchaͤfte haͤufen ſich jetzt ſehr, da unſre Maͤdchen wegen der Feldarbeit oft aus dem Hauſe entfernt ſind; aber nach einem ſolchen arbeitſamen Tag genießt man dann auch mit ganzer Seele den Abend — und noch dazu Abende, von denen man nicht weiß, ob ſie je wiederkehren werden! Heute habe ich ein kleines Abenteuer gehabt, das mich noch in der Erinnerung lebhaft beſchäftigt. Amalie und ich baten die Mutter um Erlaubniß, eine arme alte Frau beſuchen zu duͤrfen, die eine — — kleine Viertelmeile von uns in dem zu dem Gute Tenſe gehoͤrigen Dorfe wohnt. Die gute Alte hatte vor einigen Wochen das Ungluͤck, beide Fuͤße zu verbrennen, und da ſie keine Kinder hat, ſondern bei fremden Leuten einwohnt, kam ſie in eine hochſt traurige Lage, die dadurch noch huͤlfloſer wurde, daß die Gutsherrſchaft abweſend iſt, und ſie alſo von ihr keine Unterſtutzung erhalten konnte. Sobald meine Mutter dies erfuhr, ging ſie mit uns hin, ſie zu beſuchen und zu ihrer Verpflegung die noͤthigen Anſtalten zu treffen. Seitdem ſind meine Schweſtern und ich oft da geweſen, uns nach ihrem Befinden zu erkundigen, und auch heute ging ich, wie geſagt, mit Amalien hin. Wir fanden ſie ziemlich wohl; nur klagte ſie uͤber die Schmerzen des jedesmaligen Verbandes, den die Frau, die ihn beſorge, nicht ſanft anzulegen wiſſe. Ich erbot mich, es dieſer zu zeigen; — ſo, vor ihr kniend und mit dem Verbande beſchaͤftigt, hoͤre ich, daß ſich hinter mir die Thuͤre oͤffnet. Ein Ach! der Ueberraſchung aus Amaliens Munde macht, daß ich mich umſehe, — mein Blick trifft auf einen fremden jungen Mann, der eben ſo uͤberraſcht ſchien als wir — doch trat er uns naͤher. — — Aufſtehen konnte ich nicht; jede ſchnelle Bewe⸗ gung haͤtte der alten Frau weh gethan — ich er⸗ röthete — zum Ungluͤck fiel beim Wenden des Kopfes der Kamm aus meinen Haaren; der Kno⸗ ten loͤſete ſich, ſie rollten nieder, und das machte mich noch viel, viel verlegener, als ich es ſchon war. Der Unbekannte hob den Kamm ſchneller auf, als ich es zu thun vermochte, und uͤberreichte ihn mir mit einigen Worten, von denen ich in der Angſt kein einziges verſtand und alſo nur mit einer ſtumm dankenden Neigung des Kopfes antwortete. Schweigend blieb er mir nun gegenuͤber ſtehen — ich fuͤhlte, wie ich immer heißer und heißer erroͤthete — zum Gluͤck war mein Geſchaͤft bald vollendet; ich ſtand auf, gab der alten Frau mit einem leiſe geſagten Adieu die Hand und wollte, nachdem ich ihm eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, mich ſchnell entfernen, als er auf mich zutrat und mich in einem ehrerbietig freundlichen Ton bat, ihm den Namen meiner Eltern zu ſagen, der ihn um ſo mehr in⸗ tereſſire, da er, heute erſt auf ſeinem Gute ange⸗ langt, hoffen duͤrfe, unſer Nachbar zu ſein. — — „Meine Mutter heißt Liebach,“ antwortete ich ihm, „und iſt die Pächterin der Meierei, deren rothes Dach hinter jenen Baͤumen hervorſieht.“ „Dann darf ich von der Guͤte ihrer Frau Mut⸗ ter wohl die Erlaubniß hoffen, ihr meine — machen zu duͤrfen?“ Ich erwiederte ihm, was auf ein ſolches Com⸗ pliment erwiedert werden muß, und eilte nur fort⸗ zukommen; denn ſo artig und ſo beſcheiden er auch war, ſo ſchlug mir doch das Herz recht aͤngſt⸗ lich. Amalie konnte auf unſerm Ruͤckweg gar nicht aufhoͤren, von ihm zu reden; ſie hatte ſo Vieles be⸗ merkt, was mir entgangen war, da ich die edle Geſtalt des Fremden nur auf einen fluͤchtigen Blick in's Auge gefaßt hatte. Wir erzaͤhlten zu Hauſe unſer Abenteuer, und die Mutter erinnerte ſich ge⸗ hoͤrt zu haben, daß der neue Gutsherr in dieſen Tagen von ſeinen Leuten erwartet worden ſei. Auch ich hatte das gewußt; es war mir aber nie eingefallen zu denken, der neue Nachbar koͤnne ſo ausſehen. Ich erwartete einen alten Mann mit einer Perruͤcke, wie ſie unſere andern Nachbarn tra⸗ gen, und dieſer hat ſo ſchoͤnes braunes Haar. Wie brav iſt es, daß er es gleich bei ſeiner Ankunft zu — h — ſeinem erſten Geſchaͤft machte, in die Huͤtte der Ar⸗ muth Troſt und Huͤlfe zu bringen! Er hat aber auch eins von jenen Geſichtern, denen man eine ſolche Sinnesweiſe gleich zutraut. Heute Nachmittags kam ein Bedienter und mel⸗ dete unſern neuen Nachbar, den Herrn von Fels. „Von Fels?“ wiederholte meine Mutterz „vor zwei Jahren lernte ich in Carlsbad einen jungen Holſteiner dieſes Namens kennen, ſollte es derſelbe ſein? — ja wahrlich,“ fuhr ſie fort, als er jetzt auf den Hof ge⸗ ſprengt kam, „das iſt mir lieb; es war ein treff⸗ licher junger Mann.“ e Auch er erkannte meine Mutter gleich, wie er in's Zimmer trat; uͤberraſcht warf er einen Blick auf ſie und dann auf die kleine, von den Linden vor der Hausthuͤre faſt ganz beſchattete Stube mit ihrem einfachen Hausgeraͤth und fragte bewegt: „Hier find' ich Sie wieder?“ aber eh noch meine Mutter zu antworten vermochte, neigte er ſich auf ihre Hand und kuͤßte ſie mit einer Ehrfurcht, wie man ſie immer nur einer Koͤnigin hätte erzeigen koͤnnen. O gewiß, er kannte meine Mutter und den edlen Ge⸗ — 70 — brauch, den ſie fruͤher von ihrem Reichthum machte! Sie ſcherzte uͤber den Zufall, der ſie hier ſo unver⸗ muthet wieder zuſammenfuͤhre, und er erzählte ihr, daß er vor einigen Wochen in G., unſerm ehemaligen Wohnorte, geweſen ſei und dort den Tod meines Vaters erfahren habe, ohne den Ort ihres jetzigen Aufenthalts erfahren zu können. Er habe daher gar nicht um das Gluck dieſer Nachbarſchaft gewußt, und ſelbſt, als ſein vorgeſtriges Zuſammentreffen mit uns in ihm den Wunſch erweckt habe, die Mutter vieſer Töchter kennen zu lernen, ſei ihm um ſo weniger eine Ahnung geworden, in Madame Liebach die Praͤſidentin von H. wieder zu finden, da man ihm in G. allgemein verſichert habe, meine Mutter ſei mit ihren Toͤchtern nach Baiern, wo ſie die erſten Jahre mit meinem Vater lebte, zuruͤckgegangen. Meine Mutter unterrichtete ihn von den Gruͤnden dieſer Namensveraͤnderung, die vorzuglich darin liegen, daß ihr wirklicher ſie allen ihren jetzigen Nachbarn und ihre Töchter den Lebensverhaͤltniſſen entfremden wuͤrde, fur deren ſtilles einfaches Gluͤck ſie n vilden wuͤnſche. Das Geſpraͤch wandte ſich nun auf ſeine Keſen; 5 ic hörte ihm mit Vergnuͤgen zu; aber wie ſtieg — 4 — erſt mein Intereſſe, als er auf ſeine Lage kam, und von ſeinen Planen und Erwartungen vom Landleben ſprach. Gerade dieſe Anſicht davon hatte mir oft vorgeſchwebt; es war, als ob er die Worte zu meinen Gedanken hergaͤbe, und doch klangen auch dieſe, von ihm ausgeſprochen, ſchoͤner und reicher, als meine Seele bisher zu entwickeln vermochte. — Ich weiß noch nicht, wie ich gleich nur ſo vertrau⸗ lich mit ihm reden konnte — aber es war, als könne der Stoff ſich gar nicht erſchoͤpfen und blieben wir Tage zuſammen. Die paar Stunden verrannen ſchnell, ſehr ſchnell; ich wunderte mich, die Sonne ſinken zu ſehen, als ich ihn beim Abſchied vor die Hausthuͤre begleitete und ihm nachſah, wie ſein wildes Pferd ſich baͤumte, hob, und er es ſo leicht regierte. Es waͤre wahrlich beſſer, wenn ich Oſtern ge⸗ reiſet waͤre. Mir iſt, als habe mich ſeitdem jeder Tag mit neuen Banden an die geliebte Heimath gefeſſelt, und ich fuͤhl' es, mein Herz wird ſtärker bluten, wenn ich ſie jetzt zerreißen ſoll. Wir Alle ſind gluͤcklicher; die Menſchen gewinnen uns lie⸗ ber, mit denen wir leben; der Sommer ſchmuͤckt — Garten, Feld und Flur mit immer neuen Reizen, ſchoͤner wie es der Fruͤhling zu thun vermochte; meine Mutter, meine unendlich geliebte Mutter ſcheint ihr dankbares Kind noch inniger als ſonſt zu lieben, und Er — ach, er iſt ſo gut, ſo unausſprechlich gut! Faſt taͤglich kommt er, wenn auch nur auf einige Augenblicke, zu uns, und des Sonntags holt er uns zur Kirche ab und bringt dann den Tag entweder bei uns, oder doch mit uns in irgend einem Hauſe der Nachbarſchaft zu. Am ſchonſten iſt es aber doch, wenn er hier bei uns allein iſt. Meine Mut⸗ ter achtet ihn ſehr — er verehrt ſie wie eine Hei⸗ lige — die Kleinen hängen mit ganzer Seele an ihm, und ich? — Ach, wenn der Himmel mir einen ſolchen Bruder gegeben haͤtte! — Oft nennt er mich ſeine theure Schweſter, und ich fuͤhl' es, er iſt mir herzlich gut. Aber er iſt nicht mehr ſo heiter, als er es anfaͤnglich war. Ach, wenn ich uͤber dieſe Entfernung von meiner Mutter je hätte getröſtet werden ſollen, ſo haͤtte ich ihn nie kennen lernen muͤſſen! Heut uͤber vierzehn Tage reiſe ich. Der Ge⸗ danke iſt finſter wie der Tod. Des Tages zwinge ich mich heiter zu ſein, aber meine Naͤchte ſind ſchlaflos und kummervoll. Auch meine theure Mut⸗ ter leidet, ſo ſehr ſie es mir auch zu verbergen ſucht. Oft wenn ich neben ihr arbeite und unvermuthet aufblicke, finde ich ihr Auge mit inniger Wehmuth auf mich geheftet. Sie laͤchelt mich dann mit einer ſo ſuͤßen Freundlichkeit, ſo troͤſtend, ſo beruhigend an; aber mich duͤnkt, ſo wuͤrde ſie den Tod anlächeln. Oft ſucht ſie einen Vorwand, mich des Abends, wenn ich ihr gute Nacht ſage, noch einmal zuruͤck⸗ zurufen, und an der Innigkeit, mit der ſie mich dann an ihr Herz druͤckt, fuͤhle ich wohl, daß ſie mich noch lieber als ſonſt hat. Auch er wird täglich ſtiller und verſchloſſener. Ach, er wird mich nicht vermiſſen, aber er fuͤhlt den Schmerz meiner Mutter bei dieſer Trennung. Oſt kommt er jetzt an einem Tage zwei⸗, dreimal zu uns — und das zuweilen mit einer ſolchen Eile, daß ſein Pferd dampft — und doch weilt er dann nicht. Eine geheime Unruhe ſcheint ihn zu druͤcken. Er iſt nicht gluͤcklich! und doch, wer verdient mehr es zu ſein, als er? Schon hat er ſich in der kurzen Zeit ſeines hieſigen Aufenthalts die Liebe ſeiner Un⸗ terthanen, die Achtung aller unſrer Nachbarn ge⸗ Tarnow's Schriften. Rl. 4 — 1 — wonnen. Er iſt ſehr gebildet, voller Kenntniſſe und Talente; aber ich fuͤhle, daß es nicht dies, ſondern die Wahrheit und Einfachheit ſeines Charakters iſt, was mich ſo tief ergreift. Jede Aeußerung ſeines Gefuͤhls geht daher auch mit einer Innigkeit zu Herzen, die ihm allein angehoͤrt. Geſtern noch — gewiß werde ich dieſes Moments nie vergeſſen. Wir waren in Prosnitz. Die Pa⸗ ſtorin ſprach von ihrem vor einem Jahr verſtorbenen Kinde. Ihr Schmerz ruͤhrte uns Alle. „Ach,“ ſagte ſie zu meiner Mutter, „als ich meinen älteſten Sohn verlor, glaubte ich nie tiefer betruͤbt werden zu kön⸗ nen. Es war ein trefflicher Juͤngling — aber er war ſchon ſeit vier Jahren abweſend. Dieſer Kleine nun iſt mir noch in der Wiege geſtorben; doch in meinem Schmerz um ihn habe ich's recht gefuͤhlt, daß die Abweſenden nicht die Liebſten bleiben und das Kind in unſern Armen auch immer unſerm Herzen das nachſte iſt.“ So tief, wie dieſe Worte, hatte mich nie etwas verletzt. Ich fuͤhlte, daß ich erblaßte — es war, als wenn ich einen Dolch in meinen Buſen ſich um⸗ kehren fuͤhlte — ich ſah auf; ſein Auge ruhte mit zärtlicher Beſorgniß auf mir — alle ſeine Zuͤge — — druͤckten Angſt, Theilnahme, Troſt aus. Das er⸗ weichte mich ſo, daß ich fuhlte, ich könne meine Thraͤnen nicht laͤnger zuruͤckdrͤngen, und aufſtand, hinauszugehen. Er eilte auf mich zu. „Auguſte!“ rief meine Mutter — mit dieſem Ton wuͤrde ein Engel blutende Herzen ſtillen — ich ſah mich um — ſie ſtreckte mir ihre Arme entgegen — laut weinend, ſchluchzend ſtuͤrzte ich hinein und umklammerte ſie, als ſollte ich in dieſem Augenblicke ſchon von ihr geriſſen werden. Meine Liebe war ganz anders als ſonſt — aͤngſtlich, ſchmerzlich, aber heftiger, ſie druͤckte mich feſt an ihr Herz — „meine Auguſte, mein liebſtes, theuerſtes Kind!“ rief ſie, und ich fuͤhlte ihre Thranen auf meinem Geſichte. Er ſtand neben uns — er hatte eine meiner Haͤnde gefaßt — er druckte ſie — meine Mutter fuͤhlte, daß die Andern, die im Zimmer waren, uns anſtaunten, ohne uns zu verſtehen. — „Gehe hin⸗ aus, mein Kind,“ ſagte ſie mir, „die Luft wird Dir gut thun. Begleiten Sie ſie, lieber Fels.“ — Er fuͤhrte mich in den Garten. Ich erholte mich bald; es that mir wehe, meiner Mutter Unruhe gemacht zu haben — ich ſagte ihm das — mir war, als habe mich dieſer Moment auch mit ihm näher ver⸗ 4 * — bunden: — ich hatte in ſeinen Augen Thränen ge⸗ ſehen — Thraͤnen, meiner Mutter und mir geweint — o dieſe Thraͤne — mir iſt oft, als könne ich mit ihr in eine tiefe Einſamkeit gehen und ſie werde mein ganzes Leben auszufüͤllen vermögen. — Ich war ſo weich, ſo dankbar gegen ihn; er hatte noch immer meine Hand gefaßt; er war ſo theilnehmend; er nannte mich ſeine theure, ſeine geliebte Auguſte. „Sie ſind ſo gut,“ ſagte ich ihm, „Sie lieben meine Mutter — ſie iſt Ihnen ſo gut — verſprechen Sie mir, ſie, wenn ich reiſe, troͤſten zu wollen! Sein Sie ihr Sohn, wenn ich ſie verlaſſen muß!“ Er ward ſehr bewegt. „O wollte Gott⸗ Au⸗ guſte!“ rief er, „o Du Seele voll Unſchuld und Liebe!“ — Er wandte ſich ab. — „Verſprechen Sie mir's?“ fragte ich noch einmal; „es iſt der einzige Troſt, den ich beim Gedanken an dieſe Trennung fuͤr mein Herz habe.“ — „Alles, Alles, was Sie wollen, theures, geliebtes Mädchen! O koͤnnte ich Ihre treffliche Mutter auch meine Mutter nennen, ich wäre der glůcklichſte Menſch, wie ich jetzt einer der ungluͤcklichſten bin!“ — Ich blickte ihn fragend an — ein tiefer gewaltiger Schmerz kaͤmpfte in ſeinen Zuͤgen — er wandte ſich ab. — „Keine Frage, — Auguſte, um Gottes willen keine Frage; ich muͤßte und wuͤrde antworten, und wuͤrde mich, wenn ich es gethan haͤtte, ſelbſt nicht mehr achten koͤnnen.“ Das Räthſelhafte dieſer Worte mußte mich wohl bange ergreifen — mir war, als habe ich mein Todesurtheil gehoͤrt — ich ſchwankte, erblaßte und mußte mich ſetzen. Er eilte fort, mir ein Glas Waſſer zu holen. Ein Thränenſtrom erleichterte mein Herz, mir war, als koͤnne ich nun Alles tragen, als ſei eine unuͤberwindliche Geduld in mein Herz ge⸗ kommen. Ich war ergeben und gefaßt, als er wie⸗ der kam und mit der aͤngſtlichſten Sorgfalt, mehr durch Blick und Miene als durch Worte, forſchte, wie mir ſei. Wir gingen zur Geſellſchaft zuruͤck. Ich ſetzte mich freundlich neben meine Mutter hinz er blieb ſtumm und traurig. Dieſe Traurigkeit be⸗ klemmte mein armes Herz. Mich duͤnkte, um mich und mein Schickſal zu weinen, lohne ſich nicht mehr der Muͤhe; aber ſein Kummer lag mir unbeſchreiblich am Herzen. Ich hätte mit allen meinen Gedanken, allen meinen Gefuͤhlen weinen moͤgen, wenn ich ihn ſo blaß, ſo tief in ſich ſelbſt verſunken ſah, oder dieſen Augen begegnete, die nie, nie mit ſo ſeelenvollen, ſo innigen, bekuͤmmerten Blicken die meinigen ge⸗ ſucht hatten. z 3 Welche Tage! Nie, nie kann im Herbſt mei⸗ nes Lebens irgend ein Zeitpunkt der Vergangenheit ſo hell, ſo unvergänglich in meiner Erinnerung ſchimmern, als dieſe Tage des Vorgefuͤhls meines Abſchieds von Mutter, Schweſtern, Freunden. — O dieſe fluͤchtigen, wonnevollen, wehmuͤthigen Tage, wie gern erkaufte ich ihre Stunden lange Verlängerung mit Tagen jener Zukunft, die, fern von hier, mir nicht das Bild irgend einer Freude darzubieten vermag! — Mir iſt, als muͤſſe ich mein Herz mit aller dieſer Liebe und den unvergeßlichen Erinnerungen dieſer Zeiten fuͤllen, um nachher in der Fremde ausdauern und mein inneres Leben, meine Seele mit ihnen nähren zu koͤnnen. Am Montag reiſe ich ab. Morgen ſind wir zu ihm eingeladen; Sonntag kommen noch alle meine jungen Freundinnen zum Abſchied zu mir — und dann — ach dann werde ich lange keinen frohen Tag wieder haben! — ——— — 79 — O wie oft wird die Erinnerung den geſtrigen unvergeßlichen Tag mir noch wieder im ſanften Abglanz ſeines Schimmers vorfuͤhren! Er hat mir Ruhe gegeben und den Frieden meiner Zukunft ge⸗ ſichert. — Wir waren eingeladen, den Tag bei ihm zuzubringen, und als die Geſellſchaft verſammelt war, ſchlug er uns vor, nach der kleinen Inſel im T—r See zu fahren. Freudig wurde dieſer Vorſchlag genehmigt. Wir ſprachen auf der Hinfahrt wenig zuſammen, doch die Naͤhe der bevorſtehenden Tren⸗ nung gab ſeinem freundſchaftlichen Antheil einen innigern Ausdruck, der mich wehmuͤthig, aber ſuͤß, ſehr ſuß bewegte. Nach einer halben Stunde ſahen wir das kleine ſtille Eiland in der wunder⸗ lieblichen Friſche ſeines Gruͤns, aus den ſpiegelhellen Fluthen des See's ſich erheben. Die Kähne zu unſrer Ueberfahrt lagen ſchon bereit. Vielleicht waren wir die Erſten, die die ſonſt ganz einſame Inſel je beſuchten, und dieſer Gedanke gab ihr fuͤr mich einen eignen romantiſchen Reiz. Mir war, als be⸗ trete ich in ihr das goldne Wunderland, deſſen Ahnung in uns Allen liegt, und wo wir, frei von Allem, was ſich im Leben zwiſchen uns und unſer Gluck ſtellt, nur Liebe, Wahrheit und Treue be⸗ — 85 — duͤrfen, um gluͤcklich zu ſein und —— zu machen. Fels hatte in dem Gehoͤlz eine Stelle ſir u uns bereiten laſſen. Die Baͤume bildeten hier einen großen Halbzirkel; duftende Blumengewinde ſchlangen ſich von einem zum andern, als wollten ſie die fernen liebend mit einander verbinden. Ich kann nicht be⸗ ſchreiben, wie mir war: ich war glucklich, ja ſelbſt froh, und doch war mein Herz ſo ſchwer, daß meine Augen unwillkuͤrlich gläͤnzten. — Jede Blume war mir lieb; fuͤr mich hatte er dieſen Ort damit ge⸗ ſchmuͤckt und oft war mir, als ſeien er und ich die einzigen Bewohner des Eilandes. Ohne alle Worte verſtanden wir uns Beide in der Deutung jedes Augenblickes, und fuͤhlten, daß wir in Einem Schmerz vereint waren. Das Einzige, was ich vermißte, war Nuß ich hatte eine wahre Sehnſucht nach Tönen, und auch dieſer Wunſch ſollte erfuͤllt werden. Als wir uns am Abend zum Mahl gelagert hatten, als er das Glas hoch empor hob zum Lebehoch fuͤr die Scheidende, da erklangen die ſanften Tone ferner Blasinſtrumente, und meine beiden Schweſtern und Adolphine und Hedwig, meine liebſten Geſpielinnen, umringten mich und ſangen ein Lied, das er zu einer meiner Lieblingsmelodien „Am Seegeſtad in lauen Vollmondsnächten“ als Abſchiedsgeſang gedich⸗ tet hatte und in deſſen Schluß, voll ſchoͤner Wuͤnſche fuͤr mich, Alle mit einſtimmten. Ach ich ſah in dieſem ewig unvergeßlichen Mo⸗ ment ſo manches Auge naß! — Eh' ich nachdenken konnte, uͤberreichten mir die lieben, lieben Maͤdchen ein Koͤrbchen, mit den ſchoͤnſten Blumen bedeckt; es enthielt die Gaben frommer Liebe, ſuͤßer Jugend⸗ freundſchaft, herzlicher Theilnahme. Theure Ange⸗ denken, an die ſich fuͤr immer die wohlthätigſten und erquickendſten Erinnerungen meines Lebens knuͤ⸗ pfen werden. — Jede meiner Geſpielinnen, jede der Muͤtter hatte ihren Beitrag dazu liefern wollen — wie groß war aber mein Entzuͤcken, als ich unten im Köoͤrbchen die Reichardſchen Compoſitionen der Götheſchen Lieder und ein Medaillon mit dem Gemaͤlde meiner Mutter fand! Inniger haͤtte mich nichts auf der Welt erfreuen koͤnnen, und nur eine Mutter konnte dieſen Wunſch errathen und erfuͤllen. Ich flog in die Arme meiner Mutter, ich dankte Allen, Allen mit uͤberfließendem Herzen — nur ihm⸗ der abwaͤrts ſtand und meiner Freude, meines Ent⸗ — 82 — zuͤckens ſo ſichtlich genoß, konnte ich nur ſtumm die Hand reichen, und doch war mir, nach dem Ge⸗ maͤlde meiner Mutter, ſeine Gabe bei weitem die liebſte. Er beſitzt dieſe Goͤtheſchen Lieder; ich habe ihm oft daraus vorſingen muͤſſen — aber dieſe ge⸗ druckten Compoſitionen hat er mir nicht gegeben — die konnte mir jeder Andre auch geben; nein, dieſe hat er alle ſelbſt abgeſchrieben und wie feſt hat er dadurch ſein Andenken an dieſe ſeelenvollen Geſaͤnge gebunden! is Die Geſellſchaft vertheilte ſich nach Tiſche bei dem herrlichen Mondſchein und dem lauen Sommer⸗ abend zum Spatzerengehen. Ohne daß er und ich es gewollt hatten, fanden wir uns am Ufer des See's allein gelaſſen. „Bedarf denn der Menſch,“ fragte ich ihn, „zum Gluͤck eines ſo kurzen Lebens, wie das unſtige, noch mehr als Eines ſolchen Abends und, iſt er vergangen, die Erinnerung an ihn?“ — „Ja,“ antwortete er mir, „er bedarf noch des Muths, dem ſchoͤnſten Gluͤck zu entſagen, und der Kraft, dieſe Entſagung zu tragen.“ — Die tiefe Wehmuth ſeines Tons bewegte mich ſo, daß ich ihn nur mit naſſem Auge anzublicken vermochte. „Hören Sie mich, meine Freundin, meine Auguſte, meine einzig 8 — 83 — geliebte Schweſter,“ fuhr er fort, „und laſſen Sie mich, ehe Sie ſcheiden, Ihnen noch dies Herz und den ſchmerzlichen Kampf deſſelben enthuͤllen. Wer weiß, wann und wie wir uns wiederſehen — 0 wenn es dann geſchieden ſein muß, ſo bleibe es doch klar und frei zwiſchen Ihnen und mir, und die Trennung werfe nur ihren Schmerz, aber keinen Nebel zwiſchen das ſchoͤnſte, reinſte Herz und den Mann, der dieſes am innigſten verehrt.“ Seine Stimme bebte, und dieſe Ruͤhrung und ſein Kampf gegen dieſe Erweichung erhielten, wie ich fuͤhlte, meinen Muth und meine Faſſung. Er ſchwieg einige Minuten, dann fuhr er geſammelter fort: „Ich habe Ihnen eher von meinem Oheim ge⸗ redet, dem ich Alles verdanke, was ich bin, da er nach dem Tode meiner Eltern, der mich fruͤh zur huͤlfloſen Waiſe machte, Vaterſtelle bei mir vertrat und mir ſo viel Guͤte und Liebe zeigte, daß ich nie dankbar genug dafuͤr ſein kann. Nur in einem Punkt durchkreuzten ſich ſeit Jahren unſre Neigun⸗ gen und Wuͤnſche; ich hatte ſeit lange entſchiedene Vorliebe fuͤr das Landleben. Der Stand eines wohl⸗ habenden Gutsbeſitzers, ſein Wirkungskreis, ſein Ein⸗ — 6 — fluß auf ſeine Umgebungen und die Freiheit, ſich dieſe waͤhlen und bilden zu können, ſchienen mir das wuͤnſchenswuͤrdigſte Loos. Ich war uͤberzeugt, daß ein ſo aus unſerm innerſten Gemuͤth hervorgehender Wunſch ſicherer und beſſer, als alle Klugheit uͤber das Leben entſcheidet. Alles, wornach das Streben in uns geweckt wird, iſt entbehrlich; die Lebensweiſe aber, die unſre Natur unmittelbar fordert, iſt gewiß das Element, in welchem allein der Menſch eines geſunden frohlichen Lebens zu genießen vermag, und wehe dem, den eigne Thorheit, fremde Uebermacht, oder auch das Schickſal von dieſem Reſultat ſeiner eigenſten Natur ablenkt! Nie wird er zur Einigkeit mit ſich ſelbſt gelangen, und ewig bleibt ſein Daſein ein zerſtuͤckeltes. — Mein Oheim dagegen wuͤnſchte ſehnlichſt in mir ſeinen Nachfolger zu ſehen. Er hat als Staatsdiener viel Gutes gewirkt, und hoffte, daß ich das angefangene in gleichem Sinne fortzu⸗ fuͤhren wiſſen wuͤrde. Ich verhehlte ihm meine Wuͤnſche und Anſichten nicht; aber ich zeigte ihm auch meine Bereitwilligkeit, beide aufzuopfern und in ſeine Plaͤne einzugehen. — Liebe Auguſte, wie ruhtte es mich nun, als er mich an meinem vor⸗ jährigen Geburtstage mit dem Kaufbrief von Tenſe — 85 — uͤberraſchte, das er heimlich fuͤr mich erſtanden hatte. Ich umarmte ihn innig bewegt. Auch er war es. „Gern, mein Theodor,“ ſagte er mir, „habe ich dem, was Du Dein Gluͤck nannteſt, einen Wunſch ge⸗ opfert, an den die Hoffnungen meines Alters ge⸗ knuͤpft waren, da ich es fuͤr eben ſo billig als ver⸗ nuͤnftig hielt, Dich in der Wahl Deines Berufs frei zu laſſen — aber ich habe noch einen Wunſch im Herzen, durch deſſen Erfullung Du den Abend meines Lebens ſchoͤner begluͤcken wuͤrdeſt, als es der Morgen deſſelben war.“ — „Reden Sie, o reden Sie, mein theurer Onkel,“ unterbrach ich ihn hier, „Sie wiſſen nicht, wie glucklich ich mich fuͤhlen werde, wenn Sie mir die Gelegenheit geben, Ihnen meinen Dank, meinen freudigen Gehorſam zu zeigen.“ — „Nun wohl,“ hob er an, „ich vertraue Deinem Hetzen, es wird mir auch hier wahr bleiben. Ich liebte in meiner Jugend ein edles Maͤdchen — ach ſie war ein Engel! — Die Haͤrte unſrer Verwandten trennte uns. Sie mußte das Weib eines Mannes werden, der ihrer durchaus nicht werth war, und bewies ſich in der Verbindung mit ihm als eine Heldin im Tragen, Dulden, in unermuͤdlicher Liebe und uner⸗ ſchöpflicher Geduld. — Ich konnte ſie nie vergeſſen, — — konnte nach ihr kein anderes Weib mehr lieben. Du wurdeſt meine ganze Freude, Deine Erziehung das Geſchäft und die Hoffnung meines Lebens. Jett erfahre ich, daß jene edle Dulderin mit ihren Kin⸗ dern in Duͤrftigkeit und Elend ſchmachtet; ſie hat eine Tochter, deren Erziehung, Liebreiz und Herzens⸗ guͤte allgemein gelobt wird; eine Verbindung zwiſchen Dir und dieſem Mädchen wuͤrde aus der ſchmerz⸗ lichſten Erinnerung meines Lebens die reinſte Freude deſſelben machen — doch nur dann darf davon die Rede ſein, wenn Dein Herz noch frei, Deine Hand unverſagt iſt.“ — Mein Herz war damals wirklich frei; ich hatte noch nie geliebt, und ſo gab ich mei⸗ nem Oheim mit großer Freudigkeit ein Wort, von dem ich nicht ahnete, wie ernſt und ungluͤckbedeutend es fuͤr mich werden wuͤrde. Ich aͤußerte den Wunſch⸗ die mir beſtimmte Gattin kennen zu lernen. Doch mein Onkel verſicherte mir, ihren jetzigen Aufenthalt nicht zu wiſſen, ſobald er ihn aber erforſcht, zu mir kommen zu wollen, um mich zu ihr zu begleiten.— Auguſte, ich kam hierher; ich ſah Sie! Der erſte Augenblick, in dem ich Sie erblickte, hätte hingereicht, Sie mir ewig unvergeßlich zu machen.— Was darf ich noch weiter ſagen? — Gewiß haben Sie dies — — Herz ſchon lange errathen — mein Truͤbſinn, mein Kampf koͤnnen Ihnen nicht entgangen ſein, und nun, Auguſte, nun, da der Augenblick, der Sie von mir trennt, wirklich da iſt, duͤnkt mich, ich könne und duͤrfe ein Verſprechen nicht halten, das, auch ohne alle Ruͤckſicht auf mich, ſelbſt das arme mir beſtimmte Maädchen nicht begluͤcken wird, da ich ſie nie, nie werde lieben können.“ Er bog hier ſein Angeſicht meine beiden Haͤnde nieder. Ich war ſehr bewegt; aber ich litt nicht. Er liebte mich; er war das Eigenthum einer Andern. Ein ſtiller Schmerz, doch mit ihm auch ein wahrhaft ſeliger Friede war in mein Herz ge⸗ zogen. „Und warum,“ fragte ich ſanft, „ſollte mein edler Freund nicht in der Verbindung mit einem Madchen gluͤcklich werden und auch ſie beglücken, mit dem ihn die theuerſte Pflicht eines edlen Herzens, die Dankbarkeit und das Heiligthum der Ehre, die Treue eines freiwillig gegebenen Maͤnnerworts ver⸗ bindet? Welche Hoffnung des Gluͤcks iſt hienieden uͤber Täuſchung erhaben? Es gibt ja auf Erden durchaus nichts Sicheres, nichts Unvergaͤngliches, als das Bewufßtſein, daß keine Neigung, kein Schmerz, keine Freude uns dem erkannten Guten untreu ge⸗ — — macht habe. Ja, mein Freund,“ fuhr ich fort, und legte meine Hand in ſeine, „auch der Schmerz dieſes Abends und dieſer Trennungsſtunde iſt vergaͤnglich; aber ewig wird uns der Troſt und der Friede des Bewußtſeins bleiben, daß das Pflichtgefuͤhl unſter Herzen ihn zu beſiegen wußte.“ „So legen Sie denn,“ ſagte er und druͤckte meine Hand auf ſein Herz, „den Segen Ihrer rei⸗ nen Seele auf mich und mein Leben, und wenn es Engel gibt, ſo werde der ſchoͤnſte derſelben Ihr Begleiter, und nie, nie fehle es Ihnen an Freuden, edel und unvergeßlich, wie Sie ſelbſt.“ Hier traten einige aus der Geſellſchaft wieder zu uns, und man begann ſich zur Zuhauſefahrt zu ruͤſten. Ich ſchlief die Nacht wenig; aber gewiß meine Thraͤnen gehorten zu jenen, die ſtill vor Gott fließen duͤrfen, und mein Herz war voll Friedens. Heute Morgen, als ich mit meiner Mutter zur Kirche fuhr, erzaͤhlte ich ihr meine geſtrige Unterhal⸗ tung mit Fels. O wie wohl thut der Beifall einer Mutter! wie ſtaͤrkt und kraͤftigt er das Herz! — „Fuͤhlſt Du nun, meine Auguſte,“ ſagte ſie mir, „wie vaͤterlich Dich Gott durch Deinen Ge⸗ horſam geleitet hat? — Es koſtete Dir viel, Dich „ zu der Trennung von mir zu entſchließen; Deine Einwilligung war ein Opfer, daß Du mir mit einer Willigkeit und Freudigkeit gebracht haſt, die Dir nicht unbelohnt bleiben werden, und nun entruͤckt Dich dieſe Trennung einem Kampfe, der Dir und dem Herzen Deines Freundes leicht zu ſchwer ge⸗ worden ſein moͤchte, wenn ihn Nähe und Umgang immer erneuert hätten.“ „Auch jetzt,“ mein Kind, „wird ſich der Ein⸗ druck, den Fels auf Dein Herz gemacht hat, nie ganz verlieren; er wird Dir ſtets eine ſchoͤne freund⸗ liche Jugenderinnerung bleiben; aber ich darf auch von einer ſo geſunden, von keiner Art der Empfin⸗ delei verweichlichten Seele, wie die Deinige es iſt, ſo wie von Deiner Thätigkeit und Deinem frommen, gottergebenen Sinn mit ruhiger Sicherheit erwarten, daß dieſer Eindruck nie fuͤr das Gluͤck Deiner Zu⸗ kunft ſtoͤrend werden wird. Wo eine ernſte Pflicht zwiſchen zwei Herzen tritt, da hat Gott geſprochen, und ſo lange ihm der Menſch gehorcht, bleibt er auch in ſeiner Hand, die dann doch wohl weiſer, ſicherer und liebevoller fuͤhrt, als unſer ſchwaches, der Täuſchung ſo oft hingegebenes Herz es zu thun vermag. Alle Erwartungen auf Gluͤck ſind unſicher, S — alle Hoffnungen truͤgeriſch; es gibt durchaus, wie Du es ja auch in der entſcheidenden Minute fuͤhlteſt, nur einen ſichern Fuͤhrer durch's Leben: ſtrenges, von der Neigung unabhaͤngiges Rechtthun. Die Kraft, es zu uͤben, kann uns Frauen nur Liebe geben; aber nicht die Liebe des Einzelnen, ſondern die herz⸗ liche, uͤber Alles vertrauende, kindliche Liebe zu dem Vater droben, der das Wuͤrmchen und den Son⸗ nenball mit gleicher Liebe tragt und wärmt.“ O meine Mutter, meine heilige, fromme Mutter, wie könnte es Deinem Kinde je an Vertrauen und Liebe zu dem Gott fehlen, der ſich ihm ſo herrlich in einem ſolchen Mutterherzen offenbart. Seit vierzehn Tagen bin ich nun hier und mit meinen neuen Verhaͤltniſſen ſchon ganz vertraut. Die Trennung von Amaliensruh hat mir wehe, ſehr wehe gethan. Die Thraͤne, die auf meine Hand fiel, als er ſie zum Abſchied an ſeine Lippen druͤckte, iſt in mein Herz gedrungen und wird dieſem ein un⸗ vergeßliches Andenken an ſchoͤne Jugendſtunden blei⸗ ben und an einen edlen Mann, den ich, ſo lange ich lebe, als den Freund meiner Mutter und den — 91 — meinen ehren werde. O Gott, mache ihn nur glucklich, recht gluͤcklich! dann werde ich es auch Doch ich will mir dieſen Schmerz, mit dem ich mich von ihm trennte, und mich aus den Umar⸗ mungen meiner Schweſtern, der lieben, ſuͤßen Kinder, losriß, nicht zu lebhaft zuruͤckrufen. Es liegt eine gefaͤhrliche Suͤßigkeit in ihm, vor der mich meine Mutter in dieſen Briefen warnt, und von der ich auch ſelbſt fuͤhle, daß ſie meine Thätigkeit zu läͤhmen vermoͤchte. Meine Mutter begleitete mich bis Stral⸗ ſund, und die herrlichen Worte, mit denen ſie mich auf dieſer Reiſe zu troͤſten und zu erheitern wußte, konnten ihre Wirkung auf mich nicht verfehlen. Ich ward immer geſammelter und gefaßter und blieb es auch, als wir in Stralſund Herrn und Frau von der Lanken antrafen, die ſelbſt gekommen waren, mich abzuholen. Frau von der Lanken empfing mich mit einer freundlichen Guͤte, die ihr mein Herz ſchnell ge⸗ wann, und die Theilnahme, die ſie mir am Morgen der Trennung von meiner Mutter zeigte, hat meinen Gefuͤhlen fuͤr ſie eine kindliche Herzlichkeit gegeben. Ihr einziges Kind, Maola, iſt ein aller⸗ = —= liebſtes kleines Maͤdchen, vier Jahre alt, ſanft und freundlich wie ein kleiner Engel, deren Erziehung mir eben ſo viele Freude macht, als ſie ſchon An⸗ hänglichkeit an mich zeigt. Das Gut, auf dem wir wohnen, hat eine wunderſchoͤne Lagez die Men⸗ ſchen, mit denen wir umgehen, ſind gut und gebildet, ohne Küuͤnſtlichkeit. Kurz, ich habe alle mogliche Urſache, mit meiner Lage zuftieden zu ſein, und erkenne ihre Vorzuͤge mit einem dankbaren Herzen, das ſich gern ſo vieler Guͤte werth zeigen — Es wird wieder Fruͤhling. Schon ſingen die Lerchen und die Baͤume knospen. Der Winter iſt mir ſtill, einfach und ſchnell verfloſſen, und nur jetzt, bei der Ruͤckkehr des Fruͤhlings, wird die Sehn⸗ ſucht nach meiner Mutter und meinen Schweſtern oft zu einer Wehmuth, die meinen Sinn auf Mi⸗ nuten umwoͤlkt. Und dann meine Traͤume, ach, warum iſt man nicht auch daruͤber Herr! warum darf oft ein Traum das ernſte, angeſtrengte Wollen vieler Wochen vergeblich machen und uns Thränen wieder bringen, die wir uns ſo feſt gelobt hatten, nicht mehr zu weinen? und warum darf er uns — Bilder einer Seligkeit vorfuͤhren, die wir uns wa⸗ chend nie zu denken erkuͤhnt haben? und welch ein Erwachen, wenn die Himmelsbilder nun vor dem Tage wieder in das innerſte, geheimnißvollſte Heilig⸗ thum des Herzens zuruͤckſinken, aus dem ſie als Traͤume hervorgingen, uns zu umſchweben, und wir ſchlagen das Auge auf und Alles um uns her iſt ſtumm, in unſrer Bruſt nur der Seufzer unvergäng⸗ licher Sehnſucht und der Schmerz, daß ſo ein Gluͤck nur Traum war! — O liebſte, beſte Frau von der Lanken, wie gütig, o wie unbeſchreiblich gutig ſind Sie! — Gott gebe Ihrem Kinde dafuͤr einſt eine Freudenſtunde, wie die, die Sie mir heute gegeben haben. Ich ſoll meine Mutter wiederſehen, zu ihr reiſen, vierzehn Tage, drei Wochen bei ihr bleiben! Nein, ich bin auch gar zu gluͤcklich! — Wir ſind zur Hochzeit einer Couſine der Frau von der Lanken geladen, deren Eltern in P., hart an der Grenze und alſo nur zwoͤlf Meilen von Amaliensruh wohnen. Frau von der Lanken ſagte mir das heute und fragte, ob es mir denn nicht lieb ſein wuͤrde, von dort aus meine Mutter zu beſuchen. Ich fiel ihr mit heißen Freudenthraͤnen um den Hals; Wiederſehen, Wieder⸗ ſehen, ein wahres Vorgefuͤhl des Auferſtehungsfeſtes, und ich kann, ich darf es; denn meine Mutter ſchreibt mir, daß der Onkel endlich ſeine Ankunft in den erſten Tagen des kuͤnftigen Monats beſtimmt hat, um Fels zu der ſo lange im Werk geweſenen Reiſe abzuholen. Dieſer wird alſo dann abweſend ſein. Ach, an meiner jetzigen, ganz unausſprechli⸗ chen Freude fuͤhle ich erſt, wie mich dieſe Trennung geſchmerzt hat. Welch eine Ueberraſchung wartete meiner hier, und wie danke ich Gott, der dieſem Herzen, das ich oft, ach, wie ſchwach gefunden habe, in dieſer Stunde der Pruͤfung Kraft gibt, ſeiner Herr zu bleiben. Wir fanden bei unſrer Ankunft hier ſchon einen großen Theil der eingeladenen Hochzeitgaͤſte vor, und ich mußte der Braut gleich verſprechen, meine Abreiſe bis nach dem Kirchgangstage auszuſetzen, worein ich aber doch nur willigte, weil ich die Schwierigkeit einſah, hier ftüher Pferde zu be⸗ kommen. W — 55 — Unter den Anweſenden fiel mir gleich am erſten Abend ein ſchoͤner alter Mann mit ſilberweißem Haar auf, in deſſen Zuͤgen ein Etwas lag, das meinen Blick immer auf ihn zuruckfuͤhrte. Ich fragte und erfuhr, es ſei der Geheimerath Freiſtaͤdt, ein mir ganz unbekannter Name. Er hatte mich ſehr natuͤrlich gar nicht bemerkt, bis mir der Zufall am Abend bei Tiſche den Platz ihm gerade gegen⸗ uͤber anwies. Mein Anblick ergriff ihn ſonderbar. Er ſah mich lange mit unverkennbarer Ruͤhrung und ſichtbar werdendem Wohlwollen an. Ich hoͤrte, daß er nach meinem Namen fragte, und bald darauf redete er mich ſelbſt an. „Laſſen Sie es ſich nicht befremden, mein liebes Kind,“ ſagte er mir nachher, als wir aufgeſtanden waren, „wenn ich Sie heute Abend oͤfter und laͤnger angeſehen habe, als ein junger Mann wagen duͤrfte, es ungeſtraft zu thun. Ihr Anblick hat mir lebhaft das Bild einer Jugendfreundin zuruͤckgerufen, der Sie auffallend aͤhnlich ſehen. Ihr ganzes Weſen buͤrgt mir dafuͤr, daß Sie ihr auch an Reinheit und Her⸗ zensguͤte gleichen, o moͤge Ihnen das Schickſal freund⸗ licher blicken, als es jenem Engel geweſen iſt!“ Er gab mir hier mit einem ſo herzlichen Wohl⸗ — wollen die Hand, daß ich mich kaum enthalten konnte, ſie zu kuͤſſen; doch ſagte ihm gewiß mein Auge meine Ehrfurcht und meinen Dank. Auch bewegte es mich, daß mein Anblick dem Greis eine Erinnerung zuruͤckrief, der ähnlich, die mich ergriffen hatte, als ich ihn ſah: denn ich hatte nun entdeckt, daß jenes Etwas, das mich zu dem wuͤrdigen Mann ſo hinzog, eine Aehnlichkeit mit Fels war, der in der Form des Geſichts und im Auge viel Gleiches mit ihm hat. Seit dieſem Abend hatte der Geheimerath un⸗ beſchreibliche Guͤte fur mich. Ich mußte ſtets bei Tiſche bei ihm ſitzen, und er ſchien an meiner Un⸗ terhaltung mehr und mehr Gefallen zu finden. Geſtern Abend nun fällt das Geſpräch auf meine Reiſe, er hoͤrt es, fragt, erfährt, daß die Rede von einem Beſuche meiner Mutter iſt und erkundigt ſich, wo denn dieſe wohne? — Frau von der Lanken ſagte ihm, „zwölf Meilen von hier, nahe bei G.“ „Ei, wiſſen Sie was, liebes Kind, fahren Sie mit mir. Ich habe da in der Gegend einen Neffen wohnen, den ich zu beſuchen willens bin; der Um⸗ weg kann nicht weit ſein, und wenn er auch eine Tagereiſe betrüge, die Freude, mit Ihnen zu reiſen und Sie Ihrer Mutter zu uͤberliefern, laſſe ich mir gar nicht nehmen.“ Ich verſtummte, ach, es bedurfte fur mich ſo wenig der Frage der Frau von der Lanken: „wo wohnt denn Ihr Herr Neffe, lieber Herr Geheimerath? Das wäre ia ganz herrlich, wenn meine Liebach die Reiſe in ſo guter Geſellſchaft machen könnte,“ als ſeiner Antwort: „in Tenſe, gnädige Frau!“ ich hatte ſchon Alles errathen. 1 Der Eindruck dieſer Ueberraſchung brachte mein Herz in eine ſo gewaltige Bewegung, daß mich duͤnkte, zwiſchen dem Moment meiner Trennung von Fels und dieſer Stunde liege nur eine Minute. Es dunkelte mir vor den Augen; mein Herz ſchlug ſo aͤngſtlich, daß ich glaubte, es werde mit die Bruſt zerſprengen, aber der Segen meiner Mutter war mit mir; es gelang mir ziemlich gefaßt ſagen zu koͤnnen: „Tenſe liegt nur eine Viertelmeile von Amaliens⸗ ruh entfernt und der Weg zu dem Gute des Herrn von Fels fuͤhrt gerade vor unſrer Wohnung vorbei.“ „Das iſt ja eine ganz erfreuliche Entdeckung, liebe Auguſte,“ ſagte mir der Geheimerath, „denn nicht wahr, Sie verſagen mir alten Mann die Bitte um Ihre Geſellſchaft nicht, und geben mir dadurch Tarnow's Schriften. XI. 5 — die Gelegenheit, die Mutter eines mir ſo lieb ge⸗ wordenen Mädchens kennen zu lernen?“ — Unter welchem Vorwand hätte ich ſein Anerbieten ausſchlagen ſollen? — und ſo reiſe ich morgen fruͤh mit ihm ab. O Gott! wer hätte ſich das träumen laſſen, als ich Amaliensruh verließ, daß dieſer Mann es ſein wuͤrde, der mich in die Arme meiner Mutter zuruͤckbräͤchte! Er liebt mich! er will mir wohl! er nennt mich ſein Kind, ſeine Auguſte! ach, wie glucklich hätte es mich gemacht, ihn als Vater zu ehren und zu lieben! — Gott, Gott! laß mich doch keinen Augenblick vergeſſen, daß die Ruhe und das Gluͤck meiner Mutter meiner Herrſchaft uͤber mich und mein Herz anvertraut ſind; denn ſie, die ihr eigenes Schickſal mit Heldenmuth trug, wuͤrde doch, ich weiß es, der Gewißheit erliegen, mich ungluͤcklich zu wiſſen? „Kennen Sie denn meinen Neffen?“ fragte mich der Geheimerath. — „Ja,“ ſagte ich, „und wenn ich nicht dem verehrten und geliebten Onkel, den er uns oft nannte, fuͤr einen Bruder ſeines verſtorbenen Vaters gehalten und ſo durch den Namen Freiſtaͤdt irre gefuͤhrt worden waͤre, wuͤrde ich dieſen ihm ſo theuren Verwandten wohl ſchon fruͤher an der Aehn⸗ — 9 — lichkeit entdeckt haben, die ich zwiſchen Ihnen Beiden bemerkte.“ „Und doch,“ erwiederte er mir, „fuͤrchte ich diesmal nicht gern von ihm geſehen zu werden, und hätte gar nicht uͤbel Luſt, Sie, liebe Auguſte, zu meiner Fuͤrſprecherin zu waͤhlen, was ſagen Sie dazu?“ Ich erroͤthete hier, und meine Verlegenheit wurde ſo ſichtlich, daß ſie dem Onkel auffiel. Er ſah mich ſehr aufmerkſam an, wurde dann ernſt und gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Doch blieb er freundlich gegen mich; ja, es ſchien mir ſogar, als ſei ſeine Freundlichkeit noch herzlicher als ſonſt. Ja, dem Segen der Tugend entſpringt das reinſte Gluͤck, und Himmelsfreude iſt es füͤr mich, das meine der edelſten, vortrefflichſten und geliebteſten aller Muͤtter zu verdanken. Nicht nur der hoͤchſte Schmerz, auch das hoͤchſte Entzucken iſt ſtumm, und ſo vermag ich die Entwicklung meines Schickſals auch nur anzudeuten. Ich bin ſeit drei Tagen Braut meines Theodors, ſein edler Onkel erkannte in meiner Mutter die ſo 5 * — — lange vergeblich aufgeſuchte Geliebte ſeiner Jugend wieder, und mit den Thraͤnen hoher Ruͤhrung und begeiſterter Freude legte er, noch an dem Abend unſe⸗ rer Ankunft, meine Hand in die ſeines Neffen. Vereint mit Allem, was ich liebe, und uͤber allen Ausdruck hinaus begluͤckt, habe ich nur noch eine Bitte an das Schickſal, die: mich meines Gluͤcks werth zeigen zu können. Fuͤrſt Olaf und Frau Lotte⸗ De edelgeſinnte, edelgeſtaltete Fuͤrſt Olaf W., der letzte Zweig einer betuͤhmten Familie, war aus dem Feldzug zuruͤckgekehrt, der ſein ſchönes, jugendlich bluͤ⸗ hendes Lockenhaupt mit dem Lorbeerkranz des gefeierten Feldherrn geſchmuͤckt hatte. Mit wohlwollender Ach⸗ tung war er von ſeinem Kaiſer, mit Freude von ſeinen Freunden und Bekannten, mit inniger Liebe von ſeiner einzigen Schweſter, der Gräfin R., em⸗ pfangen worden. Ihr Pallaſt brannte im Flammen⸗ ſchein der zahlloſen Wachskerzen, die alle Säle, alle Gemächer erhellten; die glaͤnzendſte Geſellſchaft der großen Kaiſerſtadt war zur Feier ſeines Empfangs verſammelt. Muſik ertönte, und es war ſchon gegen Mitternacht, als Fuͤrſt Olaf, von der Reiſe, vom Tanz und der bunten Mamnigfaltigkeit der Auftritte dieſes Tages ermuͤdet, in ein einſames Nebenzimmer trat, und, ſich ſtill an's Fenſter leh⸗ — 104 — nend, in die ſterndurchfunkelte Nacht hinausblickte deren erhabene Feier ſo deutungsvoll mit dem Ge⸗ räuſch der lauten Freude in den angrenzenden Saͤlen im Widerſpruch ſtand. Die Fenſter des Ca⸗ binets gingen auf die Newa. Der breite, helle Strom floß ſo ruhig hin; vom jenſeitigen Ufer her⸗ uͤber ſtieg von der grauen Felſenmaſſe der Feſtung aus den Muͤnzgebäuden ein gluthrother, gewaltiger Feuerſtrom in den dunkeln Nachthimmel und erhellte die ungeheure goldne Kaiſerkrone, die dort die Kup⸗ pel der Grabſtätte ruſſiſcher Herrſcher ſchmuͤckt. Wie viele Träume ſeiner Juͤnglingsjahre erwachten bei dieſem Anblick in Fuͤrſt Olafs Bruſt! Wie oft hatte er in naͤchtlicher Stille an dieſem Fenſter ge⸗ ſtanden und in das räthſelhafte Leben hinausgeblickt, von dem er ſo viele unvergeßliche Freuden, ſo friſche herrliche Thatenluſt, ſo hoch aufſprudelnde Fuͤlle der Begeiſterunz erwartet hatte: und ach, wer vermag ohne Wehmuth ſeine entflohenen Jugendträume und Jugendhoffnungen anzuſchauen! — Auch in Olafs Seele ward es immer ſtiller vor dieſen Erinnerungen; er gedachte des Abſchieds, den er vor einigen Jah⸗ ren auf dieſer Stelle nahm, der Thraͤnen der gelieb⸗ ten, jetzt von der Herrlichkeit des Wiederſehens faſt — 105 — freudetrunknen Schweſter, und da trat auch, wie ernſt mahnend, das Bild ihres verſtorbenen Gatten, ſeines Freundes, vor ihn, der ihn ſterbend zum Vater ſeiner Kinder geweiht hatte, und er zuͤrnte ſich ſelbſt und zurnte der Schweſter, daß er dieſe noch nicht geſehen, und ihrer bei der Feier ſeines Empfangs gar nicht gedacht worden war. Leiſe oͤffnete er die Tapetenthuͤr des Cabinets, und in Erinnerung des ihm noch wohlbekannten Weges, der durch den lan⸗ gen Gang nach dem Flugel fuͤhrte, wo die Kinder wohnten, ging er nach ihrem Zimmer. In dem Theil des Schloſſes, den er nun betrat, war Alles ruhig; das Geraͤuſch und die laute Tanzmuſik ver⸗ hallten allmählig, bald aber unterſchied er die Toͤne einer reinen, ſchönen Frauenſtimme, die mit innigem Ausdruck ein frommes, deutſches Abendlied ſang. Der Fuͤrſt hatte während ſeines Aufenthalts in Deutſchland unſre Sprache und unſte Sitte lieb ge⸗ wonnen, und ſtand jetzt unwillkuͤrlich vor der Thuͤr ſtill, ohne ſie zu öffnen. Die Melodie des Geſanges war einfach; die Stimme verrieth keinen großen umfang, aber ſie war gebildet, jeder Ton perlenrein voll Empfindung und Seele. Jetzt verhallte der lette Laut des Geſanges und er offnete die Thuͤr. Ein reich niederwallender, gruͤnſeidener Vorhang verbarg den Hintergrund des Zimmers; ungehoͤrt trat er auf dem weichen Fußteppich naͤher, ſchlug den Vorhang zuruͤck und uͤberſah jetzt das Schlafgemach der Klei⸗ nen. Die drei Aelteſten ſchliefen ſanft in ihren an die Wand geruͤckten Bettchen; in der Mitte des Zimmers ſaß auf einem Seſſel eine weibliche Ge⸗ ſtalt, die in ihren Armen ein himmliſch ſchoͤnes Kind wiegte, auf deſſen dunkellockiges Koͤpfchen in dem daͤmmernden Zimmer der volle Schein der ſil⸗ bernen Ampel fiel, die ſeitwaͤrts vor dem Bilde der Schutzheiligen des Hauſes brannte. Die Lieblichkeit dieſes Anblicks ruhrte den Fuͤrſten. Er eilte auf das erſt waͤhrend ſeiner Abweſenheit geborne Kind zu, und als es, ſchon im Einſchlummern, vor dieſem Geraͤuſch die Augen wieder öffnete, und, ihn mit Engelsholdſeligkeit anblickend, die kleinen Arme nach ihm ausſtreckte und ſtammelte: „Onkel, Onkel Olaf!“ nahm er mit Thraͤnen im Auge das kleine Weſen von den Armen der Unbekannten und drckte es unter zaͤrtlichen Kuͤſſen an ſein Herz, und das ſuͤße Kind erwiederte, ohne vor dem fremden Mann zu erſchrecken, ſeine Liebkoſungen. Jetzt aber wandte er ſich zu der Aufſeherin der Kinder, die bei ſeinem — 107 — Anblick aufgeſtunden war, und in geziemender Ehrer⸗ bietung gegen den Gebieter des Hauſes ſeitwärts ſtand. Es war eine lange, ſonderbar verhuͤllte Ge⸗ ſtalt. Sie trug einen grauſeidenen Mantel mit weiten, bis auf die Fingerſpitzen reichenden Aermeln, der ihren Wuchs ganz in's Unbeſtimmte zeichnete; dazu eine hohe, den Untertheil des Geſichts verber⸗ gende Halskrauſe und eine tief in's Geſicht gehende Haube mit einem zuruͤckfallenden ſchwarzen Schleier, wie ihn einige norddeutſche adelige Kloſterfrauen tra⸗ gen, und eine gruͤne, mit einem gleichfalls gruͤnen, aufgeſchlagenen Schirm verſehene Brille, deren Wie⸗ derſchein ihr Geſicht bleichgruͤnlich faͤrbte. Fürſt Olaf, ein großer Kenner und Bewunderer weiblicher Reize, wandte mißfällig ſein Auge von der ſeltſamen Erſcheinung ab; doch lag in ihrer Haltung und in ihrem Anſtande ein Ausdruck feiner, vornehmer Sitte, der ihm unwillkuͤrlich ein paar recht artige Worte abnöthigte, die einer Entſchuldigung uͤber ſeine ſpäte, unerwartete Erſcheinung glichen. Sie neigte ſich ehrfurchtsvoll und anmuthig, allein die Worte ihrer Antwort ſaͤuſelten ſo leiſe und bebend uͤber ihre Lippen⸗ daß er ſie nicht zu verſtehen vermochte. In dem Gefuͤhl, er ſei ihrer blöden Schuͤchternheit freundliche — 108 — Ermunterung ſchuldig, fragte er ſanft und gefällig, ob es die Kinder im Schlafe ſtoͤren werde, wenn er ihrem Lager naͤher träte, ſie zu ſehen. Statt der Antwort kettete ſie die Ampel los und fuͤhrte ihn von Bett zu Bett. Es war ruͤhrend, wie die Kleinen, wenn der Lichtſchimmer erweckend uͤber ſie hinſtrahlte, die Haͤndchen ausſtreckten, die Hand der Frau zu ſuchen und dazu ſtammelten: „Lotte, liebe Lotte!“ und wie ſie ſich dann niederbeugte, und, das Zei⸗ chen des Kreuzes uͤber ſie hin machend, einen Kuß auf ihre Stirn hauchte. Frau Lottens Kleidung, ihre Geſtalt und ihr Benehmen hatten fuͤr Fuͤrſt Olaf etwas ſo Fremdartiges, daß ſein Blick unwill⸗ kuͤrlich mit Verwunderung jeder ihrer Bewegungen folgte. Er wuͤnſchte ſie reden zu hören „ und ſich erinnernd, daß Klara ihn bei ſeinem Eintritt gleich erkannt und genannt habe, fragte er ſie, wie dies der Kleinen, die ihn noch nie geſehen, moͤglich ge⸗ weſen ſei. Frau Lotte trat an die Wand, druͤckte eine Feder, und ſein eignes, lebensgroßes Bild wurde ſichtbar. „Ich habe es fuͤr Pflicht gehalten,“ ſagte ſie leiſe, doch ſehr ernſt, „die mir anvertrauten Kin⸗ der, naͤchſt dem himmliſchen Vater, auch den Mann kennen zu lehren, den, mehr noch, als die Bande — 109 — des Bluts, Freundestreue zu ihrem zweiten irdiſchen Vater geweiht hat.“ Ihr Ton war ſanft und doch ſchlugen dieſe Worte, wie ein Vorwurf, ſtrenge an des Fuͤrſten Herz. „Nehmen Sie,“ ſagte er ihr, „meinen Dank dafuͤr, mit der Verſicherung, daß es mein feſter Vorſatz iſt, dieſen Kindern Vater zu ſein.“ Er reichte ihr bei dieſen Worten das Kind hin, das er bis jetzt auf den Armen gehabt, und ſie neigte ſich faſt demuͤthig vor ihm, als er ſie Ab⸗ ſchied nehmend gruͤßte; doch als er ſich, nahe der Thuͤr, noch einmal umwandte und ihr in franzoſiſcher Sprache (worin, nach der in vornehmen ruſſiſchen Haͤuſern faſt allgemeinen Sitte, ihr Geſprach gefuͤhrt worden war) befahl, die Kinder morgen fruͤh, ſo⸗ bald er erwacht ſei, zu ihm zu bringen, richtete ſie ſich mit dem edelſten Anſtande vor ihm auf, und wiederholte in deutſcher Sprache das Wort „brin⸗ gen“ ſo ernſt betont, daß er, ſonderbar befangen, ihr erwiederte: „Es iſt auch wohl beſſer, daß ich zu den Kindern komme.“ Da neigte ſie ſich wieder tief, und Fuͤrſt Olaf ging ſinnend nach dem hellen Tanz⸗ ſaal zuruͤck, deſſen rauſchende Muſik wie ein Miß⸗ klang durch die ſtille Friedenswelt zog, die vor der ſchlafenden Kinderunſchuld in ihm aufgegangen war. — 110 — Seine Schweſter hatte ihn vermißt und trat ihm jetzt mit der Frage entgegen, wo er ſo lange ge⸗ weilt habe? „Bei Deinen Kindern,“ antwortete er, „die ich noch nicht geſehen hatte und die mich doch eigentlich haͤtten mitempfangen ſollen.“ — „Daran habe ich nicht gedacht,“ ſagte ſie freundlich; „die kleinen Dinger ſind bei ihrer Aufſeherin ſo gut auf⸗ gehoben, und Frau Lotte ſieht es ſo ungern, wenn ich ſie in Geſellſchaften zu mir kommen laſſe, daß ich daran gewöhnt bin, ſie bei ſolchen Gelegenheiten ſtill und ungeſtört in ihren Zimmern zu laſſen.“ — „Wer iſt die Frau Lotte?“ fragte er geſpannt. — „Eine herrliche Frau, in der ich einen wahren Schatz beſitze. Aber davon will ich Dir ein ander⸗ mal erzaͤhlen; nun muß ich einen Cotillon tanzen;“ und ihm einen Kuß zuwerfend, flatterte die kleine huͤbſche Frau hinweg. Fuͤrſt Olaf liebte die Schweſter; ſie war das einzige Weſen auf Erden, mit dem er durch Bande der Familienliebe verbunden war, da ſie Beide, die letzten Sproßlinge ihrer Familie, fruͤh zu Waiſen geworden waren. Die Gräfin war allerliebſt, heiter, gutmuͤthig, ein Herz ohne Arg, ohne Falſch, und — 111 — beſaß gerade ſo viel Verſtand, als dazu gehört, ſich in der großen Welt zu amuͤſiren, und, ſo lange man jung und huͤbſch iſt, fuͤr unterhaltend zu gelten. In ihrem ſechzehnten Jahre ward ſie die Gattin des Grafen R., den ſie ſo herzlich liebte, wie ſie einen Mann zu lieben fähig war. Beide Gatten waren jung und lebensluſtig, Beide kannten keinen andern Lebenszweck, als des Daſeins froh zu werden, und ſo fiel es ihnen, als die Graͤfin Mutter wurde, auch nicht ein, daß die Mutterpflichten eine andere Lebensweiſe und andere Lebensanſichten von ihr hei⸗ ſchen könnten; die Kinder wurden den Ammen, Waͤr⸗ terinnen und Aufſeherinnen uͤbergeben, und damit war die Sorge für ſie beſeitigt, bis auf dem Ster⸗ bebette in des Grafen Seele ein Ernſt erwachte, der ihm im Gewuͤhl der Welt unbekannt geblieben war, und nun als Sorge fuͤr das Schickſal ſeiner Gattin und Kinder ſchwer auf ihm laſtete. Die letzte Kraft des entfliehenden Lebens bot er auf, ſei⸗ nen Schwager, den er bruͤderlich liebte und deſſen Charakter er ehrte, zum Vormund der Gattin und Kinder zu ernennen, und ihm in einem Abſchiedsbrief den heiligen Ernſt der uͤbertragenen Pflicht an's Herz zu legen. — In dem grauſigen Spiel um — 112 — das Leben von Hunderttauſenden, das auf den Lei⸗ chenfeldern des Kriegs geſpielt wird, kann der Tod des Einzelnen die Seele des Kriegers nicht ſo er⸗ ſchuͤttern, als wenn in der einſamen Stille des Krankenzimmers ein geliebtes Leben an unſerm Herzen, in unſern Armen erliſcht. Doch fuͤhlte Olaf tief den Tod des Schwagers, das Vereinzeltſein der unmuͤndi⸗ gen Schweſter, und er ſchwor, das Vermächtniß des Verewigten durch treue Sorge zu ehren. Er bat die Gräfin, ihr bisheriges Haus zu verlaſſen und das ſeinige zu beziehen, damit er ſie bei ſeiner Ruͤckkehr nach St. Petersburg dort vorfinde und ſie unter ſeinem Schutze neu geſichert in der Welt daſtehe. Nach den Kindern erkundigte er ſich in allen ſeinen Briefen, erhielt aber immer nur die fluͤchtig hinge⸗ worfene Nachricht ihres Wohlſeins. Auch erkannte er wohl, daß ſie bei ihrer gutmuͤthigen Charakterlo⸗ ſigkeit durchaus unfäͤhig war, die Erziehung ihrer Kinder zu leiten, und bangte ſchon, ſie verwildert und verzogen zu finden. Deſto angenehmer fuͤhlte er ſich jetzt durch Frau Lottens Sorge fur ſie uͤber⸗ raſcht. So wenig er auch von ihrem Walten ge⸗ ſehen hatte, weckte es doch in ihm die Ahnung, ſie„ unter ihrer Obhut gut aufgehoben zu wiſſen. — — ——— — — 113 — Bald aber verlor ſich der Nachklang dieſer Empfin⸗ dungen wieder in der Theilnahme am Feſte. Man ging zur Tafel. Fuͤrſt Olaf fuͤhrte eine der ſchon⸗ ſten und geiſtreichſten Frauen zu Tiſche, die ihn durch heitern Scherz und freundliche Blicke bald ganz in den Zauberkreis einer frohen Gegenwart zu feſſeln wußte. Er blieb nach aufgehobener Tafel ihr Taͤn⸗ zer und die Stetne funkelten ſchon matter, als er in ſein Schlafgemach trat und ſich ermüdet auf ſein Lager warf. 4 Als er am andern Morgen in der ihm durch Jahre lange Entfernung entfremdeten Umgebung erwachte, ſchwebten ihm die Erinnerungen des ge⸗ ſtrigen Tages wie ein Traumbild vor, und zu ſeinem lebhaften Verdruß fand er in ſich wieder das ihm wohlbekannte Gefuͤhl einer wuͤſten Leere, das ihm von jeher als Nachklang aller rauſchenden Freude dieſe verleidete, und die Sehnſucht nach einem blei⸗ bendern friedlichern Gluͤck in ihm weckte. Von Reichthum; Geburt und Unabhaͤngigkeit begunſtigt, hatte er dieſer maͤchtigen Sehnſucht ſeit fruheſter Jugend mannigfaltige Namen gegeben, ohne ſich am Ziel ſeines Strebens je durch daſſelbe befriedigt zu fuhlen. Sehr fiuͤh nannte er das Gluck, das dieſe Sehnſucht forderte, Jugendluſt und Lebensgenuß. Was ſich im Leben erkaufen laͤßt, was ſich in ſei⸗ nem vergaͤnglichen Reize mit vergänglicher Jugend⸗ neigung gewinnen und erſtreben laͤßt, war ſein ge⸗ weſen; aber die Sehnſucht ſeiner Seele blieb unge⸗ ſtiht, und in den einſamen Minuten der Nachtſtille ward ſie oft zur Wehmuth und fliſterte ihm zu: Verkenne mich nicht; das Gluͤck, das ich dir ver⸗ heiße, wohnt nicht, wo du es ſuchſt! — Da wandte er ſich zur Kunſt und Wiſſenſchaft. Wer aber Beide nicht mit reinem Herzen einzig um ihrer ſelbſt willen ſucht, hofft von ihnen vergebens wahre Er⸗ quickung und Entfaltung ſeines geiſtigen Lebens. Er glaubte ſich Beide durch Gold dienſtbar machen zu koͤnnen, und zuͤrnend gaben ſie ihm das Flittergold des leeren Scheines dafuͤr zuruͤck. Da fragte er wie⸗ der: wo werden mir die Schleier ſinken, die mir das erſehnte Gluͤck verhuͤllen? aber ſeiner Frage tönte keine Antwort, und nur als Ruhm⸗ und Ehrliebe ihn auf den Schauplatz des Kriegs riefen, die Glorie tapferer Thaten ihm entgegen ſtrahlte, und er ſich und ſein Leben dem Vaterlande weihte, ward es hell in ſeinem Geiſte, und friſcher und freudekräftiger ſchlug das Herz in ſeiner Bruſt. Wohl ward ihm auch — 115 — auf ſeinem Heldenwege der Reichthum mancher hohen Erinnerung, mancher erhebenden, Leben und Menſch⸗ heit adelnden Idee, manches tiefen, unvergeßlichen Gefuhls; ſein Geiſt entfaltete den angebornen Adler⸗ ſinn und Adlerblick, ſein Charakter begruͤndete ſich feſt auf ſtrenges Ehrgefuͤhl und entſchiedenes Verwer⸗ fen alles kleinlich ſelbſtſuͤchtigen Strebens, er fuhlte ſich ſo frei, ſo muthig im Vollgenuß aller Herrſcher⸗ kräfte des kuͤhnen Geiſtes uͤber das kleine Leben, daß er ſich oft uͤbermuͤthig als einen der auserwaͤhl⸗ teſten Lieblinge des Gluͤcks pries; aber es kamen doch auch immer wieder Minuten, wo ihn die eitle Nichtigkeit aller Erdenfreuden umfing, und ſein Herz in die Ferne blickte und den Sternenhimmel und die bluͤhende Erde fragte: wo wohnt das Gluͤck, das ich nicht zu nennen weiß? — Einen Tag nur hatte ſein Leben, an dem ſich in dieſem Herzen Himmel und Erde, Leben und Ewigkeit zu finden ſchien, um ſich unſterblich zu vermählen; aber er konnte ſich des Zaubers dieſes Tages nur wie einer Jugendthorheit erinnern, von der es ihn freuen mußte, ſie ſpurlos voruͤbergegangen zu ſehen. Und doch konnte im traͤumenden Nachgefuͤhl jenes Zaubers ſeine Wange ſich noch zuweilen freudiger röthen, dann aber zuͤrnte — 116 — er ſich ſelbſt, daß ein Trugbild ſolche Gewalt über ihn zu uͤben und ſeine friſche Lebensthätigkeit wie in einen ermattenden Nebel zu huͤllen vermöge. Bei der Ruͤckkehr aus dem Feldzuge ſtand er nun an einem entſcheidenden Wendepunkte ſeines Schickſals. Der Uebergang von lebendigem Wechſelſpiel des Kriegerlebens zu der einfachen Ruhe des buͤrgerlichen Daſeins iſt fuͤr ein vollkräftiges, junges Männerherz gewiß nicht leicht. In jeder Lage des Lebens iſt es ſchwer, einer Kraftubung zu entſagen; und welche Lebensweiſe vergönnt denn dem Mann ein ſtolzeres, helleres Bewußtſein ſeiner Kraft, als eben das Kriegerleben? Der Stand des Solda⸗ ten in Friedenszeit hatte fuͤr Fuͤrſt Olaf nichts Lockendes; der Gedanke an irgend eine andere Wirkſamkeit als Staatsdiener war ihm fremd, und ſo lag die Muße und die Unabhaͤngigkeit, die ſeine Verhältniſſe ihm ſicherten, als eine An⸗ wartſchaft auf ein höchſt langweiliges Lebens⸗Aller⸗ lei vor ihm da. Ihn fror, wenn er an die Freu⸗ den, Genuͤſſe und Erfahrungen dachte, mit denen er nun ausreichen ſollte, und nur, wenn er ſich ſeiner Schweſter und ihrer Kinder erinnerte, fuͤhlte er Lebenswärme in ſeinem Herzen, deſſen hochſte — 117 — Beduͤrftigkeit, Liebe, er noch nicht zu deuten ge⸗ lernt hatte. Es war ſchon hoch am Tage, als er ſeinen Dienern klingelte, ihm das Fruͤhſtuͤck zu bringen; ſeine Schweſter war aber noch nicht wach, und ſo ging er zuerſt zu den Kindern. Frau Lotte ſaß, von ihnen umgeben, am Fruͤhſtuͤckstiſche, als er die Thuͤr oͤffnete. Sie ſprangen dem Onkel freudig entgegen, alle vier bluͤhend geſund, ganz un⸗ entſtellt, in reiner, holdſeliger, liebevoller Kindlichkeit. Der Fuͤrſt fuͤhlte ſich ſonderbar bewegt. Er hatte ſich nie viel mit Kindern beſchäftigt und ſie bis jetzt wenig beachtet; und was lernt man denn auch von Kindernatur und Kinderlieblichkeit kennen, wenn man ſie in den Geſellſchaftszimmern ihrer Eltern ſieht? Hier, in dieſer ſtillen Umgebung, an dieſem Morgen, erklang zum erſten Mal in ſeinem Herzen die Saite des mächtigſten und reinſten Naturgefuͤhls. Er gruͤßte Frau Lotte achtungsvoll und nahm mit an dem Tiſche Platz, um ſich von den Kindern erzaͤhlen zu laſſen. Ihr liebliches Geplauder, die Reinheit ihrer Sprache, ihre Liebe zu einander, und die unaus⸗ ſprechliche Zaͤrtlichkeit, mit der ſie an Frau Lotte — 118 — hingen, gewannen dieſer gerechte Anſpruche auf ſeine Achtung, und zugleich ruͤhrte es ihn, daß ſie ſein Andenken in dem Herzen der Kinder ſo lebendig er⸗ halten hatte. Er ſagte ihr das, und mit einer Stimme, deren Zauber er ſchon geſtern Abend em⸗ pfunden hatte, antwortete ſie ihm einige ſo zart ge⸗ fuhlte, ſo ſchön gewählte Worte, daß er unwillkuͤrlich mit großer Aufmerkſamkeit den Blick auf ſie wandte. Allein ihr Anzug, die Haube, die Brille, Alles machte es unmoͤglich, mehr als einen Schatten ihrer Zuge aufzufaſſen, und das Einzige, was Einem von ihr deutlich im Gedächtniſſe blieb, war der ſeelenvolle Klang der ſchoͤnſten Stimme. In ihrem Anſtand war eine ſtille Wuͤrde, die Achtung gebot, und der ernſte Gehalt ihrer Worte klang ſo einfach, daß mon ihre ganze Bedeutung oft erſt fuhlte, wenn ein An⸗ laß, eine Unterhaltung oder eine Begebenheit die Erinnerung daran wieder aufftiſchte. Fuͤrſt Olaf hatte den Kindern nur guten Morgen ſagen wollen, und es uͤberraſchte ihn, als der Schlag der Wand⸗ uhr ihm verkuͤndigte, er habe ſchon eine Stunde hier zugebracht. Er ging von ihnen zu ſeiner Schwe⸗ ſter und erfragte von ihr, wie Frau Lotte in ihr Haus gekommen ſei. Die Graͤfin erzählte ihm, ſie — 119 — ſei mit Empfehlungen von mehrern der geachtetſten Familien ihres Vaterlandes nach Petersburg gekom⸗ men und habe ſich ihr als Aufſeherin fuͤr ihre Kinder antragen laſſen. „Da ich,“ fuhr die Graͤfin fort, „aus Deinen Briefen erfuhr, wie lieb Du die Deut⸗ ſchen und die deutſche Sprache gewonnen hatteſt, gereichte es ihr bei mir zur Empfehlung, daß ſie eine Deutſche war und die Kinder die Sprache von ihr lernen konnten. Ich ließ ſie zu mir kommen; ihre ſeltſame Kleidung und ihre Kurzſichtigkeit ſchreck⸗ ten mich ab, weil ich fuͤrchtete, die Kinder wuͤrden ſich nicht an ſie gewoͤhnen; allein ſie bat mich drin⸗ gend, einen Verſuch zu machen, und kaum war ſie vierzehn Tage hier, als die Kleinen ſie ſo lieb ge⸗ wonnen hatten, daß ich nicht daran denken durfte, ſie entfernen zu wollen. Sie lebt blos fuͤr die Kin⸗ der und ich weiß dieſe ſo gut bei ihr aufgehoben, daß ich mich, Gott ſei Dank! um nichts zu bekuͤm⸗ mern brauche, was ſie angeht.“ — Der Fuͤrſt be⸗ laͤchelte dieſe Aeußerung ſeiner Schweſter und ſtimmte ihr darin bei, daß Frau Lotte mehr Talent zur Er⸗ ziehung zu haben ſcheine, als ſie ſelbſt. Auch freute es ihn ſehr, daß ſie eine Deutſche war. Alles aber, was er von ihr ſah und hoͤrte, beſtaͤrkte ihn in dem — 120 — Glauben, baß ſie nicht fuͤr ihre jetzige Lage geboren, ſondern nur durch irgend einen herben Schickſals⸗ wechſel in dieſelbe verſetzt worden ſei, was ihm und ſeiner Schweſter doppelt die Verpflichtung auflege, ihr ihre Lage ſo angenehm als moͤglich zu machen. Der Gedanke an ſie wich aber bald vor dem Ge⸗ ſpräch zuruͤck, das ſich zwiſchen ihm und der Gräfin entſpann. Sie war in dem Kreiſe geblieben, aus dem ihn der Ruf der Ehre gefuͤhrt hatte; alle Be⸗ gebenheiten, ſo wie die geſelligen Verhältniſſe deſſel⸗ ben, waren fuͤr ſie eine Welt, außer deren Umfang eigentlich nichts ſie intereſſirte, und ſo gab es auch jetzt nichts Wichtigeres fuͤr ſie, als den Bruder mit allen Vorfällen während ſeiner Abweſenheit bekannt zu machen. Sie rief dadurch in ihm die Bilder froher Jugendſtunden zuruͤck, aber er erſchrak zu⸗ gleich vor der Kluft, die in ſeiner Seele zwiſchen den Freuden jener Tage und ſeiner jetzigen Stim⸗ mung lag; und doch hatte er von der Zukunft nichts, gar nichts zu fordern und zu erwarten, als eben eine Wiederholung jener Freuden! — Freilich war er mit dem Leben noch nicht ganz abgefunden, und daran mahnte ihn auch jetzt die Gräfin, als ſie ihm das Bild manches ſchoͤnen Maͤdchens vorfuͤhrte und von — 121 — ſeiner baldigen Vermählung, als von einer Sache ſprach, die ſich von ſelbſt verſtehe. Dem Fuͤrſten war auch ſo zu Muth, aber dabei nicht wohl um's Herz. — 5 Das rauſchende Petersburger Leben zog ihn nun raſch in ſeine Wirbel hinein, aber je lauter es um ihn wurde, je ſtiller verſchattete ſich ſein inneres Leben. Bei einem ſo heldenkräftigen Gemuͤthe, als das ſeinige, konnte das zu keiner truͤbſinnigen Traͤu⸗ merei, zu keiner kraͤnkelnden Empfindelei fuͤhren, wohl aber zu einer gewiſſen bittern Nichtachtung des Lebens und der Menſchen, bei der man ſehr ſchnell und faſt unausbleiblich verwildert; allein da⸗ vor behuͤteten ihn die ſtillen Morgenſtunden in dem Kinderzimmer, die ſein Herz immer ruͤhrender und erwaͤrmender anſprachen, je öfter und laͤnger ſie ihm zu Theil wurden. Frau Lotte ſtrahlte ihm ſtets in einer ſo lichten Heiterkeit entgegen, ihr ganzes Sein war ſo reiner Friede, ihr ganzes Thun ſo lauter Lebe, daß er ſich, ſo wie er zu ihr eintrat, wie verwandelt fuͤhlte. Die Kinder gewannen den guten, freundlichen Onkel innig lieb, und welch ein unaus⸗ ſprechlich hoher Segen in der reinen Lauterkeit der Kinderliebe liegt, kann nur der faſſen, der dieſes Tarnow's Schriften. Xl. 6 — 122 — Segens theilhaftig geworden iſt. Doch blieb die Unterhaltung in dieſen Morgenſtunden zwiſchen Fuͤrſt Olaf und Frau Lotte auf einen kleinen Kreis be⸗ ſchräͤnkt, da die Kinder ſtets daran Theil nahmen; oft aber hoͤrte er doch Worte herrlichen Sinnes aus Frau Lottens Munde, und ehrte auch, was er an ihr nicht verſtand, weil ihm beſonders der fromme Sinn, mit dem ſie die Kinder den himmliſchen Vater lieben und bei allen ihren kleinen Freuden und Leiden zu ihm aufblicken lehrte, fremd war. Außer dieſen Fruͤhſtunden ſah er aber Frau Lotte nie, da ſie es ſich ausdruͤcklich ausbedungen hatte, nicht bei der Grafin erſcheinen zu duͤrfen, wenn dieſe Geſellſchaft hatte, was bei ihr täglich der Fall war. Eines Abends aber, wo er unluſtiger denn je aus einer großen Mittagsgeſellſchaft nach Hauſe kam, ſich zu einem Ball umzukleiden, empfand er ein ſolches Mißbehagen, daß er beſchloß, zu Hauſe zu bleiben. Allein wenn wir einmal durch das Geräuſch des Weltgewuͤhls gewöhnt ſind, uns nur mit den Gegenſtänden außer uns zu beſchäftigen, ſo iſt die Seele auch nicht gleich daheim, wenn ſie es ſein ſoll, und Fuͤrſt Olaf fand in der ſchweigenden Ein⸗ ſamkeit ſeines Zimmers an ſich ſelbſt einen ſo wenig 7 ² — 123 — unterhaltenden Geſellſchafter, daß er trotz ſeiner Un⸗ luſt ſchon im Begriff war, nach dem Wagen zu klingeln, als ihm einfiel, Frau Lotte beſuchen zu wollen. Er fand, da die Kinder ſchon ſchliefen, dieſe ganz allein am Kamine ſitzen und leſen. Es war ſo ſtill, ſo traulich in dem kleinen, ſaubern Zimmer, daß er gleich freier athmete, und herzlicher, als er ſich ihr je gezeigt hatte, geſtand er ihr, daß ihn Verdrießlichkeiten und Langeweile hergefuͤhrt hat⸗ ten, und ſie ſich ein Verdienſt um ihn erwerbe, wenn ſie ihm erlaube, mit ihr Thee zu trinken. Sie lächelte ſanft, bot ihm einen Stuhl, und nun ent⸗ ſpann ſich zwiſchen ihnen eine Unterhaltung, wie Fuͤrſt Olaf ſie nie gefuͤhrt hatte. Mit einer großen Lebendigkeit und Schoͤnheit des Ausdrucks verband Frau Lotte eine Welt⸗ und Menſchenkenntniß, vor der er erſtaunte, und zugleich ein begeiſtertes Gefuͤhl fuͤr alles Große und Edle der menſchlichen Natur. Wenn es die edelſte Beſtimmung der Frauen iſt, Geiſt und Herz des Mannes mit Liebe zum Reinen und Schoͤnen zu erfuͤllen, ſo hatte Frau Lotte die heiligſte Weihe zu dieſem Beruf empfangen. Vor ihren ſanften, milden Worten ſchienen ſich die Raͤthſel ſeines Lebens zu löſenz er ſah ſich wie in 3 6* — 124 — einem Spiegel, und ſprach ihr, was er nie gegen irgend einen Menſchen gethan hatte, ſeine Klagen, ſeine Wuͤnſche aus; und wie wußte ſie ihm nun ſeine unverſtandene Sehnſucht zu deuten! wie ver⸗ ſtand ſie die Nichtigkeit ſeines Thuns und Treibens, die Leere ſeines Herzens, ſein Mißfallen an der Gegenwart, ſein Grauen vor der Zukunft! Alle Ahnungen eines hoͤhern Seins erwachten in ſeinem Buſen, und als er ſie um Mitternacht verließ, war ihm, als beginne ſein Leben neu aufzugruͤnen. Seit dieſem Abend kam er anfaͤnglich öfter, dann täglich, und dieſe einſamen, ernſten Unterredungen begruͤnde⸗ ten zwiſchen Beiden die reinſte und innigſte Freund⸗ ſchaft, die je Mann und Weib mit einander ver⸗ bunden hat. Sie erhielt ſein Vertrauen, ſeine un⸗ begrenzte Achtung und eine Gewalt uͤber ihn, die ſich täglich ſchöner bewährte, weil ſie allen Mißmuth in ihm zu ſtillen und ihn immer inniger mit dem Leben zu ſtimmen vermochte. Es liegt aber in der Natur jeder — Ne⸗ gung, daß ſie das Gemuͤth zum Urguell der Liebe hinzieht; und eine Neigung, die ſich einer ſolchen Richtung auf das Ewige nicht bewußt wird, gehoͤrt auch nur der Vergänglichkeit an, der ſie entſproſſen — 125 — iſt. Fürſt Olaf war ſich bisher des Beduͤrfniſſes, das kleine Erdenleben durch den Gedanken an Gott und die Erhebung des Gemuͤths zu ihm zu heiligen, nie bewußt geworden, und daher hatte er die Klar⸗ heit und den heitern Frieden nicht zu gewinnen vermocht, die auf keinem irdiſchen Boden ge⸗ zogen werden. Er ſah in der Religion nur ein Mittel der Staatskunſt, und wenn er gleich einen Weltenſchöpfer anerkannte, ſo war dies in ihm doch nur ein todter Gedanke; alles Kirchenthum galt ihm fur Geiſteszwang, der den edelſten Aufſchwung lahme; eigenmächtige Geſtaltung des Charakters war ihm der hochſte Zweck aller Menſchenbildung. Der ange⸗ borne Adel des menſchlichen Gemuͤths erſchien ihm, zum ſtrengen Ehrgefuhl ausgebildet, viel höher und herrlicher, als chriſtliche Tugend, die Alles zur Pflicht macht. Er hatte aber bis jetzt auch nie in einem Verhältniß der Freundſchaft oder der Liebe gelebt, innig genug, um ſein Herz der Mittheilung tieferer Gefuhle, zar⸗ terer Anklänge zu öffnen. Er kannte daher den Reichthum nicht, den ihm die eigene Seele barg; denn ſo wie ſich durch Belehrung und Geſpräch die Fähigkeit, zu denken, in uns entwickelt, und Ideen Ideen erzeugen, ſo gibt es auch eine Atmoſphäre — 126 — des Wohlwollens und der Empfindung, in der man nicht leben kann, ohne daß das Herz reicher wird an Gefuͤhl, und jene Liebe in ihm aufgeht, die alles Schoͤne, Hohe und Zarte der Menſchenſeele belebt. Frau Lottens Umgang gewaͤhrte ihm nun jede Freude, die die Freundſchaft einer ſeelenvollen, hoch gebildeten Frau zu gewähren vermag. Fuͤrſt Olaf kannte allen Zauber weiblicher Schonheit und Grazie, wenn dieſe in dem Weltglanze des Witzes, des Anſtandes, des feinen Tons erſcheint; allein die eigentliche Stille des weiblichen Gemuͤths, den heiligen Frieden einer frommen, vor Gott wandelnden Unſchuld kannte er nicht. Vor Frau Lottens Sein, vor der heiligen, ganz unbefleckten Wahrheit ihres Sinnes, vor ihrer frommen Demuth ward ihm aller Glanz irdiſcher Geiſiesgröße zur Nichtigkeit. Er lernte fuͤhlen, was es heißt, reines Herzens ſein, und nichts wollen, nichts begehren, als das Eine, was noth iſt. Unter dem ſegensreichen Einfluß einer ſo wahren Freundſchaft ward Fuͤrſt Olaf ein Mann, der fuͤr ſein Sein und ſein Leben unerſchuͤtterliche Sicherheit gewann. Auch fuͤhlte er tief, was er Frau Lotten verdanke, ohne je mit ihr daruͤber zu reden. Sein Grefuhl fuͤr ſie war ſehr eigen. Er achtete ſie ganz — 127 — anders, als er einen Freund geachtet haben wuͤrde, und doch fiel es ihm nie ein, das Weib in ihr zu beachten. Er hatte nicht einmal ein beſtimmtes Bild ihres Aeußern, ohne um dieſe Geſtaltloſigkeit zu „ wiſſen; ehrte aber doch in ihr zugleich das Geſchlecht, und genoß in ruhiger Vertraulichkeit ihres Umgangs ohne irgend eine Spannung der Neugierde. Gegen Ende des Winters ward die Gräfin un⸗ paͤßlich. Der Arzt forderte Ruhe, und ſo wurden beiden Geſchwiſtern einige einſame Abende, an denen auch Frau Lotte bei der Gräfin erſchien, wenn die Kinder eingeſchlafen waren. Die Grafin neckte in einer dieſer Stunden ihren Bruder mit einigen Er⸗ oberungen, die er gemacht hätte und zugleich mit der Aufmerkſamkeit, durch die er die ſchoͤne Fuͤrſtin Se. auszeichne, die fuͤr eine der reichſten Erbinnen Rußlands galt, und als er ſehr lebhaft in dem Preis ihrer Reize und Anmuth einſtimmte, ſo bat ſie ihn innig und zärtlich, ſeinem Herumſchwärmen ein Ende zu machen und ernſtlich an eine Vermaͤhlung zu denken, die fuͤr ihn, den letzten Zweig ſeiner Familie, doppelt Pflicht ſei. Fuͤrſt Olaf ward ernſt. Sein Blick fiel auf Frau Lotte. Sie hatte das Geſicht tief auf ihre Arbeit niedergebeugt, aber ihre Haltung — 128 — verrieth Unruhe und Befangenheit. Bei der klaren ſtets ungetruͤbten Friedlichkeit ihres Weſens fiel ihm dieſe Bemerkung ſo auf, daß er, um ſich ihrer zu vergewiſſern, ſie fragte, ob ſie ihm auch rathe, ſich eine Gattin zu wählen? „Wenn Ihr Herz dieſe Frage nicht beantwortet,“ ſagte ſie zögernd, „ſo wurde es zu bedauern ſein, wenn Sie irgend einer andern Stimme folgten.“ Ruͤhrender denn je klang ihm der Laut ihrer Stimme und eine Erinnerung, die nur noch zu viel Gewalt uͤber ihn uͤbte, wurde ge⸗ rade in dieſer Minute dadurch ſo lebendig in ihm, daß er ſein Herz ſchneller ſchlagen fuͤhlte. Die Gräfin lachte und meinte, Frau Lotte thue nicht wohl, ihren Bruder in ſeinen romanhaften Grillen zu beſtaͤrken. Die Fuͤrſtin S. ſei ſchoͤn, reich, ge⸗ bildet, von tadelsfreier Sitte, und zeichne ihn ſichtlich aus; was er denn mehr fordern könne, um ſie zu waͤhlen? Frau Lotte ſchwieg; als die Gräfin aber wiederholt in ſie drang, ihre Meinung zu ſagen, und ſie das Intereſſe bemerkte, mit dem der Fuͤrſt ihre Antwort erwartete, erwiederte ſie, wie ſie die Liebe ſo hoch und heilig achte, daß es ihr Grauſamkeit zu ſein beduͤnke, dem Fuͤrſten ſeine Anſpruͤche auf das wahrſte Gluck des Lebens verkümmern zu wollen, — indem man ihm zu einer Verbindung rathe, die freilich alle aͤußere Vortheile verheiße, aber nicht durch den tiefen, unverganglichen Zug von Seele zu Seele geſchloſſen werde. — „Und ſehen Sie mit Ihrem hellen Geiſt, Ihrer ſtarken Seele denn in der Liebe mehr, als einen fluͤchtigen Jugendtraum?“ fragte Olaf bewegt. Frau Lotte erroͤthete. „Die Liebe,“ antwortete ſie, „iſt im Frauenherzen ein ſo heiliges Geheimniß, daß kein Wort zart genug iſt, es auszuſprechen, und wir gewiß die Scheu ehren ſollten, vor Maͤnnern ſie zu nennen. Allein in der ernſten Stunde, die vielleicht das Loos uͤber ein theures Leben wirft, darf die Freundſchaft nicht verſtummen. Ja, Fuͤrſt Olaf, ich glaube an Liebe und Treue; und wo ſoll das Herz in der jugend⸗ lichen Menſchenbruſt ſich mit ſeinen Hoffnungen auf Gläck, die zugleich vor dem Thron der ewigen Liebe ſeine Rechte auf Gluͤck begruͤnden, hinwenden, wenn ſie ihm dieſen Glauben rauben wollen?“ — S antwortete er hart, „warum ſollte der Jugend, die ſo reich an glaͤnzenden Trugbildern iſt, nicht auch dieſer Wahn vergönnt ſein! Auch ich habe einſt ge⸗ liebt, mit aller Gluth der erſten, heiß entflammten Jugendkraft geliebt; nur der Zufall hat mich vor — 130 — der Thorheit geſchutzt, dieſer Aufwallung Alles zu opfern, was man ſonſt im Leben hoch und theuer hält; und doch war es nichts, als ein Wahn, der mich ſo mächtig bethoͤrte.“ — „Hätten Sie geliebt, wahrhaftig geliebt,“ ſagte Frau Lotte ſehr ernſt, „ſo könnten Sie dies heilige Gefuͤhl edler Seelen nicht ſo entwuͤrdigend ſchmaͤhen. Wer weiß, welche fluͤch⸗ tige Wallung, welches Erwachen Ihres Herzens Sie fur Liebe genommen haben, eben weil Sie dieſe nicht kannten. Der Geiſt des Menſchen und ſeine Wil⸗ lenskraft vermag ſelbſtthätig in ſein Leben einzugrei⸗ fen; aber nicht, es frei zu bilden. Jede Vereinzelung iſt Tod, und da das Leben nur auf dem Leben zu ruhen vermag, ſo gab uns die Natur zum Schutz⸗ engel dieſe unvergaͤngliche Sehnſucht nach Liebe, die in jedem reinen Herzen flammt. Die Liebe allein fuhrt zur Liebe, und wie der Menſch liebt, ſo ge⸗ ſtaltet ſich ſein Sein und ſein Leben.“ — Und nun hob ſie an in der ſeelenvollſten, rührendſten Sprache zu preiſen, wie ſich in der Liebe jeder Zwieſpalt des Lebens loͤſe, und in ihr die wahre, das Leben ver⸗ mittelnde und einigende Kraft wohne, und wie ge⸗ rade in der Ehe, ſtatt beengender Beſchränkung, die pochſte Freiheit im Genuß des reinmenſchlichen und — 7 — 131 — eben darum ſo einfachen, als wahren Gluͤckes er⸗ bluhe, deſſen beſeelenden Einfluß kein Mann entbeh⸗ ren koͤnne, ohne der Natur in ihrem heiligſten Geſetz ungetreu zu werden. Tief bewegt hoͤrte ihr der Fuͤrſt zu. Wie ein Lichtſtrahl des Himmels enthuͤllte ſich ihm die Schoͤnheit ihrer Seele heller denn je, und wie eine Morgenroͤthe ging in ſeinem Herzen ſuͤß und entzuͤckend die Ahnung aller Seligkeit der Liebe auf. „Mir iſt, meine edle, theure Freundin,“ ſagte er, „als gebe dieſe Stunde unſrer Freundſchaft eine hoͤhere Weihe, da ich tief und ernſt Ihren entſchei⸗ denden Einfluß auf mein Leben fuͤhle; und ſo wie mein inneres Leben ſich durch das Erkennen Ihres Werthes kraftigte, ſo geben Sie mir auch fuͤr das Gluͤck meines Daſeins Hoffnungen zuruͤck, die ich nur in ſchwerem, bitterm Kampfe aufzugeben ver⸗ mochte.“ Er hatte bei dieſen letzten Worten Frau Lottens Hand gefaßt und fuͤhlte dieſe jetzt in der ſeinigen zittern. Aufmerkſam dadurch gemacht, em⸗ pfand er nun auch, wie weich, zart und lebenswarm ſie in der ſeinigen ruhte, und da, als ſie dieſelbe zuruͤckzuziehen ſtrebte, der weite, ſie ſonſt bis auf die Fingerſpitzen verhuͤllende Aermel auf einen Augenblick zuruͤckfiel, ſah er auch zum erſten Mal die ſchönſte — 132 — Frauenhand, die je an Maͤnnerlippen gedruckt worden iſt. — Traͤumend und zerſtreut ging er nach ſeinem Zimmer. Frau Lotte hatte mit Begeiſterung, mit unverkennbarer innerer Bewegung geſprochen. Zum erſten Mal fiel es ihm ein, daß er nichts, gar nichts von ihrer Vergangenheit wiſſe. Liebte ſie vielleicht? Die Vechuͤllung ihrer Geſtalt ſchwebte ihm nun in ihrer ganzen Seltſamkeit vor; er fragte ſich, ob ſie jung oder alt ſei, und fand, daß ſie, nach dem Sil⸗ berklang ihrer Stimme und der Leichtigkeit ihres Ganges, vielleicht noch ſehr jung ſein koͤnne. Dazu fuͤhlte er mit ungewoͤhnlicher Lebhaftigkeit, daß er nichts kenne, was ihm den Verluſt ihrer Freund⸗ ſchaft zu verguͤten vermoͤchte. Viele Bilder der Ver⸗ gangenheit zogen an ihm vorbei; aber von allen Frauen, die er kannte, war er keiner ſo in treuer Neigung ergeben, als ihr, deren Umgang, deren Billigung, deren Freundſchaft er zur Freude ſeines Lebens durchaus nicht entbehren konnte. Und zwiſchen dieſe Freundin und ſich ſollte er nun ein drittes Weſen ſtellen? Welchen Einfluß mußte das auf ſein Leben gewinnen, und nicht auch auf das ihrige? — Hier blieb er betroffen ſtehen. Ihr Erroͤthen, ihr Beben. der hewegte Klang ihrer Stimme, ihre jugendlich — 133 — ſchone, begeiſternde Anſicht der Liebe —; er empfand iett, welch ein zarter Jugendduft um ſie ſchwebe; er empfand mit inniger Ruͤhrung die Gewalt, die die Wahrheit der Empfindung eines uns ganz er⸗ gebenen Herzens unfehlbar uͤber das Gemuͤth eines edeln Menſchen hat, indem es uns das fremde Gluͤck theurer macht, als unſer eigenes. Mit einer from⸗ men Empfindung gedachte er ihres Werthes und ihrer Trefflichkeit, und ſo ruhig, ſo rein freund⸗ ſchaftlich ſeine Neigung auch gegen ſie war, erkannte er doch auch, daß er nur mit einer Gattin, die ihr an Herz und Geiſt gleiche, gluͤcklich zu werden ver⸗ moͤge. Er war aus dem Feldzug mit dem Gedanken zuruͤckgekehrt, ſich verheirathen zu wollen, und hätte damals ohne Zaudern und Bedenken ſich mit dieſer oder jener vermaͤhlt, wenn nicht eben die Willkuͤr der Wahl ihn unſchluͤſſig gemacht hätte; nun war das anders. Frau Lottens Umgang hatte die höhern Anſpruche ſeines Geiſtes und Herzens erweckt; er hatte den veredelnden Einfluß des Umgangs mit einem trefflichen Weibe empfunden; er kannte und wollte dieſen nun in dem heiligſten und in⸗ nigſten aller Verhaͤltniſſe nicht entbehren und lie⸗ ber unverheirathet bleiben, als eine Ehe ſchließen, ohne in Sinn und Herzen mit ſeiner Gattin Eins zu ſein. Dieſe Klarheit ſeiner Anſicht und die Feſtig⸗ keit dieſes Entſchluſſes verdankte er Frau Lotten, und er entſchied, ihr ſein ganzes Herz öffnen zu wollen. Als er am Morgen erwachte, ſtrahlte die Sonne an dem wolkenfteien Himmel und ein linder Fruh⸗ üngsregen ging durch die noch winterlich eingehuͤllte Natur. Er ließ Frau Lotte bitten, mit ihm und den Kindern nach dem Wintergarten des Tauriſchen Pallaſtes zu fahren, und waͤhrend die Kleinen dort unter den Lorbeer⸗ und Orangenbaͤumen umherliefen und ſich am Geylatſcher der Springbrunnen ergoͤtz⸗ ten, ging er in dem hohen Säͤulengang mit Frau Lotte auf und nieder. Sie erſchien ihm heute jugendlicher als ſonſt, beinahe ſchuͤchtern; er ihr milder und inniger. Beide fuͤhlten in ſich das alte volle Vertrauen zu einander, aber zum erſten Mal ging wie ein zarter Klang durch ihr Geſpräch das Bewußtſein hin, daß der Freund mit der Freundin und nicht blos Seele mit Seele rede. „Unſre geſtrige Unterhaltung, meine Freundin,“ ſagte er ihr, „wuͤrde mir ſchon deßhalb unvergeßlich ſein, weil ſie mich zu einer klarern Erkenntniß deſſen gebracht hat, — — —— — 135 — was Sie mir ſind. Wenn es ein dauerndes Ge⸗ fuͤhl in der Seele gibt, wenn die frommen Regungen der Achtung, des Vertrauens, der treuen, herzlichen Zuneigung wirklich einer ewigen Welt angehoͤren, ſo gehöre ich Ihnen auch mit aller Wahrheit der ſicher⸗ ſten Unveraͤnderlichkeit an, und das Leben und kein Verhaͤltniß deſſelben darf je ſtorend zwiſchen uns treten. Ich habe mich ſehr ernſt gepruͤft; ich kann, ich werde nie heirathen.“ Frau Lotte erbebte ſichtlich bei dieſen Worten. Er fuhr lebhafter fort: „Ihnen will ich vertrauen, was ich bis jetzt Jedem verſchwieg. Ich bin keines⸗ wegs unempfindlich gegen den Zauber weiblicher Schoͤnheit; aber tief in meinem Herzen ruht ein Bild von Frauenreiz und Frauenhuld, das dieſem Zauber die Macht raubt, mich noch uberwältigen zu können. Fruͤher beſchaͤftigten mich die Frauen nur zu lebhaft; ich verliebte mich oft, meiſtentheils aus Muße, ſogar aus Langeweile, und glaubte in meiner Unbeſtaͤndigkeit nur meiner Natur zu folgen, die mich zum Wechſel unwiderſtehlich hinziehe. Mitten in all' dem jugendlich brauſenden und ſchaͤumenden Uebermuth eines ſolchen Lebens fuͤhlte ich aber doch oft, wie ich nur mit der Huͤlſe des Gluͤckes ſpiele, — 136 — ohne ſeinen Kern ergruͤnden zu koͤnnen. Mir war oft traurig und ſehnſuchtsvoll zu Muth. Da brach der Krieg aus. Die Gewalt und Herrlichkeit der Zeit erſchutterte ſelbſt Feiglinge, und wo irgend eine Kraft in Maͤnnerſeelen ſchlummerte, trug ſie dieſe auf Adierſchwingen empor. Eine ernſte Bedeutung des Lebens ward mir offenbar, aber die Begeiſterung fuͤr Ruhm und Vaterland weckte auch in meinem Herzen das Beduͤrfniß, ſich durch eine edlere Em⸗ pfindung, als alle meine Liebestandeleien erregt hat⸗ ten, ausgefuͤllt zu fuͤhlen. Das Kriegsgluͤck fuͤhrte uns nach Deutſchland, wo mir die Eroberung von M. aufgetragen ward. Dieſe Feſtung ward mir nach blutiger Beſtuͤrmung durch eine Uebereinkunft von dem franzoͤſiſchen Commandanten uͤbergeben. Alt und Jung ſtroͤmte aus den Thoren, uns wie Retter und Rächer zu bewillkommnen. Ich ſah ehrenwerthe Maͤnner Thraͤnen vergießen, ſah Muͤtter den Tag ſegnen, der ihren Kindern ein freies Va⸗ terland gab. Es war ein herrlicher Tag, der ſchoͤnſte meines Lebens. Geruͤhrt und gluͤcklich naͤherte ich mich an der Spitze meiner Truppen dem Thore, als aus dieſem eine Schar feſtlich geſchmuͤckter Jung⸗ frauen zog, deren Anfuͤhrerin ſich näherte, mir einen ——— ——— ——— — S — 137 — Lorbeerkranz zu uͤberreichen. Was ſie ſprach, hoͤrte ich nicht, nur der Klang ihrer Stimme hallte in meinem Herzen wieder. Ich ſah ſie und hätte ewig nur ſie ſehen moͤgen. Sie war die Schönheit, die Anmuth ſelbſt. Ich weiß nicht, was ich ihr ant⸗ wortete; ich weiß uͤberhaupt nur wenig von dieſem Tage. Man hatte uns ein feierliches Mahl bereitet, dem ein Ball folgte, wo ich ſie wieder ſah. Ich ſprach nur mit ihr, ich tanzte nur mit ihr. Sie war ſittig, ſcheu und zuruͤckhaltend gegen den frem⸗ den, ungeſtuͤmen Krieger. Erfragt hatte ich indeſſen ſchon, daß ſie die Tochter eines Malers ſei, der erſt ſeit wenig Monden in der Stadt wohnez, ſich aber durch ihre Anmuth und Schoͤnheit ſo allgemein⸗ Liebe erworben habe, daß ſie von den Jungfrauen einſtimmig zur Anfuͤhrerin ihres Zuges ernannt ſei. Am andern Morgen mußte ich die Stadt verlaſſen. Erhitzt von Tanz, Liebe, Wein, durchgluͤht von einer mir neuen Leidenſchaft, von der ich mich unterjocht fuhlte, ohne zu wiſſen, wie? ſagte ich ihr, daß ich ſie liebe, daß ich ſtumm und verſchwiegen ſei, wie das Grab. Ein einziger Blick aus ihren Augen machte mich ſtocken und ſchamroth. Sie wandte ſich von mir ab; da riß es mich hin, und Alles ver⸗ — 138 — geſſend, bot ich ihr meine Hand, meinen Namen. Groß, ernſt, aber ſtrafend, und doch Liebeswaͤrme, Liebesſchmerz im Auge, blickte ſie mich an. „Ich muͤßte Sie und mich verachten,“ ſagte ſie, „wenn ich in ſolcher Stunde Antwort auf ſolche Werbung geben könnte.“ Und ohne daß ich ſie zuruͤck zu halten ver⸗ mochte, war ſie entſchwunden. Ich habe ſie nie wieder geſehen. Als ich bei der Ruͤckkehr nach Ruß⸗ land durch M. kam und mich mit Herzklopfen nach ihr erkundigte, erfuhr ich, ſie ſei bald nach meiner erſten Anweſenheit mit einem reichen Engünder weg⸗ gereiſet.“ — Fuͤrſt Olaf hielt hier erſchuͤttert ein. Frau Lotte weinte ſtill vor ſich hin. Er fuhr nach einigen Mi⸗ nuten geſammelt fort: „Das Andenken dieſer Thor⸗ heit iſt mir laͤſtig, und doch vermag ich's nicht zu verbannen. Entweder ich habe nie geliebt und kann nicht lieben, oder ich habe jene Zauberin geliebt, von der ich nichts weiß, als ihren Namen, und der ich es noch danken muß, mich vor der Thorheit bewahrt zu haben, einem ganz unbekannten Maͤdchen ihres Standes meine Hand gegeben zu haben, was, als der hochſte Leichtſinn, ein zweideutiges Licht auf mei⸗ nen Charakter und meine Ehre geworfen haben wuͤrde. Der Eindruck aber, den ihre Schoͤnheit auf mich machte, wird ſich nicht wiederholen; mein Herz iſt gegen jeden aͤhnlichen ſeitdem wie gepanzert. Doch,“ ſihr er innig fort, „eine ſo große Gewalt, wie auch — 139 — jenes von meinem Willen und meiner Vernunft ganz unabhaͤngige Gefuͤhl uͤber mich gewonnen hatte, war mir doch der beſte Reichthum meines Herzens in ſeiner Treue und ſeinen reinſten Empfindungen unbekannt geblieben, bis ich Sie kennen lernte. Ihnen gehoͤrt meine Seele an, und ſo, das Herz bewahrt durch jene Erinnerung, und gluͤcklich durch Ihre Freundſchaft, iſt in mir nichts, was mir die Verbindung mit einem andern weiblichen Weſen wuͤnſchenswerth machen koͤnnte. Wo iſt die Luͤcke meines Lebens, die ausgefuͤllt zu werden beduͤrfte? Meine Schweſter ſichert mir durch ihr Wohnen in meinem Hauſe alle Annehmlichkeiten der Haͤuslichkeit, auf die man in meinem Stande Anſpruch machen darf; die Sorge fuͤr ihre Kinder, in der ich mich mit Allem vereint fuͤhle, was ich liebe, iſt fuͤr mich ein Quell edler Freuden. Wo ich einer Anregung zum Wirken fuͤr die Welt, wo ich Vertrauen, Troſt, Ermunterung bedarf, ſtehen Sie neben mir, und nie, das fuͤhle ich, koͤnnte ein anderes weibliches Weſen Sie aus meinem Herzen verdraͤngen, oder mir wer⸗ den, was Sie mir ſind. Laſſen Sie uns alſo den Bund ſchließen, uns nie zu trennen, und Freunde bleiben zu wollen, bis uns einſt der Tod ſcheidet.“ „Ich nehme das Getuͤbde Ihrer Freundſchaft an, edler Mann,“ ſagte Frau Lotte ſanft geruͤhrt, „und vielleicht iſt nie ein weibliches Herz ſchoͤner begluckt worden, als Sie das meinige dadurch begluͤcken, — 140 — Doch uͤber Ihre Zukunft darf es ſich keinen Einfluß anmaßen; denn, wenn nun,“ fuhr ſie wie heiter ſcherzend fort, „Ihnen, der Sie Tugend, Seelen⸗ werth und Freundſchaft dem bunten Zauberglanz der ſchoͤnen Erſcheinung vorgezogen haben, zu der Freun⸗ din, die Sie gewaͤhlt haben, auch noch die Zugabe einer jugendlich bluͤhenden Geliebten von der Vor⸗ ſehung beſchieden wäre, ſo wuͤrden Sie dieſe doch nicht verſchmaͤhen?“ — Ihr Ton war ſo lieblich, ſo heiter, daß er ſeines Wiederhalles in des Fuͤrſten Seele nicht verfehlen konnte. Ihm war, als haͤtten ſie ſich jetzt erſt recht eigentlich gefunden, und wohl war es auch ein neues Daſein, daß ihnen Beiden in der Gewißheit ſolcher Freundſchaft und ihrer Macht uͤber das Menſchenherz aufgegangen war. Mit hei⸗ terer, klarer Zuverſicht blickte Fuͤrſt Olaf auf die Zukunft hin, und ahnete nicht, wie nahe ihm die Stunde war, in der alle ſeine Entſchluͤſſe und Wuͤnſche ſtreng gepruͤft werden ſollten. Am ruſſiſchen Hofe lebte ſeit einigen Monaten der Lord Arundel, ein Mann, deſſen Charakter eben ſo achtungswerth, als ſein Sinn bieder und ſein Geiſt gebildet war. Edle Menſchen ziehen ſich ge⸗ genſeitig an, und ſo hatten auch er und Fuͤrſt Hlaf ſich ʒfuchtn und ſich ihr Verhaltniß zur herrlichen Traulichkeit ausgebildet. Der Lord hatte vor einigen Jahren eine geliebte Gattin verloren, und von meh⸗ reren Kindern war ihm nur eine Tochter geblieben, — 141 — von der er mit der innigſten Zärtlichkeit ſprach, wie ſich auch in dem Wunſche, ſie gluͤcklich zu ſehen, alle ſeine irdiſchen Hoffnungen vereinten. Die junge Lady war, wegen der Unpäßlichkeit einer Tante, die Lord Arundel und ſeine Tochter auf ihren Reiſen begleitete, in Königsberg zuruͤckgeblieben, da diplo⸗ matiſche Auftraͤge der engliſchen Regierung den Lord nöthigten, ſeine Reiſe nach Petersburg zu beſchleuni⸗ gen. Mit großer Ungeduld hatte er der Wiederver⸗ einigung mit ſeiner Tochter entgegen geſehen: jetzt erhielt Fuͤrſt Olaf ein Billet von ihm, worin er ihm ihre Ankunft meldete. Er eilte zu ihm, der jungen Lady ſeine Aufwartung zu machen, allein ſie war noch zu ermuͤdet von der Reiſe, um ſeinen Beſuch annehmen zu koͤnnen. Der Lord bat ihn fuͤr den folgenden Tag, wo er ſeine Tochter am Hofe vorſtellen wollte, zum Mittag. Fuͤrſt Olaf hatte von der Schoͤnheit der Lady ſo viel und oft reden hoͤren, da alle mit dem Kaiſer in London ge⸗ weſene Ruſſen ſie einſtimmig als die bluͤhendſte Schoͤnheit Britanniens prieſen, daß er ſich freuete, ſie zu ſehen. Wie ward ihm aber, als er ſie am andern Tage bei der ſonntäglichen Morgencour bei Hofe erblickte und ſie ſeiner unbekannten Jugendge⸗ liebten ſprechend aͤhnlich fand. Es war ihr Wuchs, ihr blondes Haar, ihr herrliches Auge, dies unnach⸗ ahmlich ſanft gerundete Oval ihres Geſichts, dieſe holdſelige Anmuth ihres ſanften Lächelns; nur er⸗ — 142 — ſchien ihm Lady Arundel in der Pracht ihres Anzu⸗ ges und dem Juwelenglanz ihres reichen Schmuckes vlendender ſchoͤn, als er ſich ſeine Unbekannte zu denken vermochte. Er erſchrak vor ihrem Anblick; er fuhlte, welch eine erſchuͤtternde Gewalt die Erin⸗ nerung der Liebe auch dann noch uͤber uns zu uͤben vermag, wenn gleich ihre Sonne ſelbſt lange ver⸗ ſunken iſt, und eine Ahnung, der er nicht die Deut⸗ lichkeit des Gedankens zu geben wagte, zog entzu⸗ ckend und doch ſchmerzlich durch ſein Herz. Er hatte ſo ſicher geglaubt, ſich die friedliche Ruhe ſanfter Gefuͤhle erhalten zu können, auf die er den Plan ſeines Lebens gegrundet hatte, allein an dieſe Geſtalt war, wie er wohl fuhlte, die Entſcheidung uͤber ſein Gluͤck gebunden, und vor ihrem Zauber ward das Gluͤck der Freundſchaft zum bleichen Traum. Lord Arundel entfernte ſich mit ſeiner Tochter, ehe Furſt Olaf Gelegenheit finden konnte, ſich ihnen zu nähern. In innerer, tiefer Bewegung fuhr er zu ihm. Durch welchen ſonderbaren Zauber hatte die Natur hier den Reiz doppelt abgeſpiegelt, der über ſein Herz ſo magiſche Gewalt übter Und war es ihm zum Gluͤck, war es ihm zum Schmerz, daß jene Empfindung von Neuem in ihm geweckt wurde? Ach, nicht ſein Schickſal allein ſtand auf dem Spiel, das fuͤhlte er wohl! Wie ein leiſer Seufzer zog Frau Lottens Name durch ſeine Seele, und er empfand, ſein Gluck oder ſein Ungluͤck entſcheide zugleich uͤber — 143 — das Gluͤck und Ungluͤck dieſes ſanften, gewiß bis zum Tode treuen Herzens. Der Lord empfing ihn mit traulicher Herzlichkeit, und erbot ſich, ihn noch vor Tiſche zu ſeiner Tochter fuͤhren zu wollen. Als ſie ſich ihrem Zimmer naͤher⸗ ten, toͤnte ihnen der Silberklang eines deutſchen Geſanges daraus entgegen. Es war Frau Lottens Stimme; und wie traf ſie in dieſem Augenblick das Herz ihres Freundes! Er mußte ſtill ſtehen, und druͤckte ſichtlich bewegt Arundel's Hand, als wolle er ihn zum Verweilen mahnen; allein dieſer oͤffnete die Thuͤr. Frau Lotte ſaß einſam am Fluͤgel. Das war noch ihr graues Gewand, allein kein geſtaltloſer Faltenwurf verhuͤllte mehr die hohe, herrliche Geſtalt; der Schleier war zuruͤckgeworfen, die Haube abgelegt, und unter ihm wallten die blonden Locken in ſchwel⸗ geriſcher Fuͤlle hervor; ätherblaue Augen hoben ſich im klaren Perlenſchimmer zu dem Freunde empor, als ſie ſich bei ſeinem Eintritt erhob, und nun ſanft erroͤthend und in den Thränen der Liebe ſuͤß lächelnd vor ihm ſtand. „O mein Gott!“ rief Olaf, „traͤume ich denn?“ — „Nein,“ ſagte Lord Arun⸗ del, „Sie ſehen hier in Lady Charlotte Arundel die Freundin, die ſich, unabhängig von aͤußerm Reiz und vergaͤnglicher Jugendliebe, Ihr Herz zu gewin⸗ nen und ſo fuͤr Sie Beide das Gluͤck Ihres Lebens zu ſichern vermochte. Ich war bei dem Ausbruche des Krieges auf dem feſten Lande, und zwar, um — 144 — den franzöſiſchen Späherblicken und der Gefangen⸗ nehmung zu entgehen, unter dem Namen eines deutſchen Malers. Als die Tochter eines ſolchen lernten Sie Charlotten in Deutſchland kennen, wel⸗ ches ſie, als das Vaterland ihrer verſtorbenen Mutter, innig liebt, und deſſen Sprache ihr von jeher eine zweite Mutterſprache war. Charlottens Herz em⸗ pfand die Wahrheit der Leidenſchaft, die ſie Ihnen eingeflößt hatte, um ſo inniger, da es Ihnen gelun⸗ gen war, ihr eine aͤhnliche Neigung einzuflößen; aber ſie bedurfte einer edlern Zuverſicht, als der fluͤchtige Augenblick Ihrer Bekanntſchaft zu geben und zu rechtfertigen vermochte, um Ihnen das Gluͤck Ihres Lebens anzuvertrauen. Der Vater ward der Ver⸗ traute der Tochter. Es ward mir leicht, Ihnen zu folgen und nähere Kunde von Ihnen einzuziehen. Ich lernte Sie achten und billigte Charlottens Plan, ſich Ihnen als Frau Lotte unerkannt zu nahen und Sie zu pruͤfen. Beides iſt ihr gelungen, und der glucklichſte Vater hat jetzt nur ſeinen Segen fuͤr zwei geliebte Kinder.“ Lady Arundel und Fuͤrſt Olaf ſind ietzt das — und edelſte Paar der großen Kaiſerſtadt. O Ihr Gluͤcklichen! moͤge das Leben Euch ſo ſchoͤn vleiben, wie Eure Liebe es iſt! friedlich, wie Eure Seelen, und rein, wie Eure Herzen! Frauenliebe und Frauenfreundſchaft. Tarnow's Schriften. XI. 7 ra von Albedyl und Eugenie von Wenſe waren ſeit ihrem achten Jahre in einem Kloſter zu Wien gemeinſchaftlich erzogen worden, und durch das Band der innigſten Liebe mit einander vereint. Klara war ſanft, ernſt und gefuͤhlvoll, Eugenie heiter und muthwillig, Beide aber ſchoͤn und geiſtvoll. Von ihren Geſpielinnen und Lehrerinnen im Kloſter gleich geliebt, waren ihnen ihre Kinderjahre ungetruͤbt im Genuſſe jenes ſanften Friedens verfloſſen, deſſen Gluͤck wir erſt dann erkennen, wenn er uns geraubt wor⸗ den iſt. Eugenie war eine arme Waiſe, die auf Koſten kaltherziger Verwandten im Kloſter erzogen wurde. Hier ſah ſie der Freiherr von Reuß, ſie gefiel ihm. und da ſein Reichthum ihm die Einwilligung ihrer Familie gewann, ſo reichte ihm die kaum ſechzehn⸗ jaͤhrige Eugenie ohne Widerſtreben, wie ohne Neigung, ihre Hand. Schon ſeit lange beſchaͤftigte er ſich — — 148 — mit dem Plane, ſeine noch uͤbrigen Lebenstage in laͤndlicher Abgeſchiedenheit zuzubringen, und ſeine Heirath beſchleunigte die Ausfuͤhrung deſſelben. Eu⸗ genie betrauerte nur die Trennung von ihrer Klara, mit der ſie einen Briefwechſel verabredete, der es den beiden Freundinnen moͤglich machen ſollte, in der Gemeinſchaft der Liebe und des innigſten Ver⸗ trauens mit einander fortzuleben, und folgte ihrem Gemahl auf ſeine in Böhmen liegenden Güter, feſt entſchloſſen, ſich durch treue Pflichterfullung den Frir⸗ den ihrer Seele ungetruͤbt zu erhalten. Ihrer Freundin Klara ſchien das Gluͤck ein rei⸗ cheres und ſchöneres Loos beſtimmt zu haben. Früh hatte ſie ihre Mutter verloren, und ihr Vater, deſ⸗ ſen einziges Kind ſie war, nahm ſie jetzt, gleich nach Eugeniens Verheirathung, aus dem Kloſter, um ſie in ſein Haus als Gebieterin deſſelben einzufuͤhren. Sein vertrauteſter Freund und zugleich der Grenznach⸗ bar des Gutes, auf dem Graf Albedyl die Sommer⸗ monate verlebte, war der Graf Luͤckner, und auch fuͤr dieſen war der Tag, der Klara in die Arme ihres Vaters zuruͤckfuͤhrte, ein Feſttag, da an ihm auch ſein juͤngſter Sohn Arthur nach einer Abweſenheit von zwei Jahren wiederkehren ſollte. Ein Feſt feierte — 149 — Beider Ankunft, und ſo erblickten Arthur und Klara ſich zum erſten Male gegenfeitig im Verklarungsglanze der Liebe und der Freude. Der Eindruck dieſes Tages auf ihr Herz war tief, und fuͤr Beider Gluck entſchieden. Arthur war ein durch Geiſt und Sitte gleich ausgezeichneter Juͤngling, deſſen edle Geſichtszuge, ſo wie der klare Blick ſeines herrlichen Auges, den Adel ſeiner Seele und den Freimuth ſeines Charakters verkuͤndeten. Hingeriſſen von der Macht des Ein⸗ druckes, den Klara auf ihn machte, verrieth er ihr, in den erſten Tagen und Wochen oft unwillkurlich durch Blicke und halbe Worte, welche Herrſchaft ſie uͤber ſein Herz und ſeine Seele gewonnen habe, doch bald brachte ihn das Erwägen ſeiner Lige und ſeiner Verhaͤltniſſe zu dem Entſchluß, das Geheimniß ſeiner Liebe tief in ſeiner Bruſt zu verſchließen. Klara war die Erbtochter eines eben ſo reichen als vornehmen Hauſes, und ihrem Vater ſtand die Wahl unter den ausgezeichnetſten jungen Maͤnnern des Landes frei; durfte er, der juͤngſte Sohn eines Hauſes, deſſen Beſitzthum ausſchließend ſeinem aͤltern Bruder, als dem kuͤnftigen Majoratsherrn, zufiel, darnach ſtreben, Klara's Herz zu gewinnen und ſie dem Un⸗ — 150 — gluͤcke einer hoffnungsloſen Liebe preis geben zu wol⸗ len? Er kannte die ſtrenge unbeſtechliche Ehrliebe ſeines Vaters, die es dem Sohn nicht vergeben ha⸗ ben wuͤrde, die Tochter des Freundes, deſſen Billi⸗ gung nicht zu erwarten war, in ein heimliches Lie⸗ besverſtaͤndniß verſtrickt zu haben, und ach! mehr noch als alle Ruͤckſichten, galt ihm Klara's Frieden, Klara's Ruhe! So gelobte er ſich dann nach lan⸗ gem, ſchwerem Kampfe, ihr nie zu verrathen, daß er ſie liebe, und ſie, die unausſprechlich Geliebte, zu ſchuͤtzen, daß ſie nie den Schmerz theilen muͤſſe, mit dem er das Ungluͤck hoffnungsloſer Liebe empfand. Weit ſchoͤnere Traumbilder, weit ſuͤßere Hoff⸗ nungen umgaukelten dagegen Klara's Phantaſie und oͤffneten ihr Herz mehr und mehr einem Eindruck, den ſie nicht bekaͤmpfen zu duͤrfen wähnte, und der es mit alt den wonnevollen Regungen der erſten Liebe und ihrer ahnungsvollen Seligkeit fullte. Sie wußte, daß ihr Vater ſie aus dem Kloſter genom⸗ men hatte, um ſie zu vermählen, und es ſchien ihr unwiderſprechlich erwieſen, daß ſie und Arthur fuͤr einander beſtimmt waren. Die Aufnahme, die er im Hauſe ihres Vaters fand, die Freiheit, die man ihm ließ, ſie taglich zu ſehen und zu unterhalten, die — 11 — Freundſchaft, die beide Familien mit einander verband, Arthurs perſoͤnliche Eigenſchaften, Alles dies vereinte ſich, ſie in ihrem gefäͤhrlichen Irrthume zu beſtär⸗ ken. Sie wußte noch nicht, von welchen Ruͤckſichten ſich Eltern gemeinhin bei der Wahl eines Lebensge⸗ fährten fur ihre Kinder leiten laſſen, und alles An⸗ dere ehet erwägen, als den Charakter und den ſittli⸗ chen Werth des Mannes, in deſſen Arme ſie eine bluͤhende, geliebte und unverdorbene Tochter legen⸗ Ihr Vater hatte ſchon gewaͤhlt und Klara's Hand dem Oberſten, Grafen Bilow, dem Neffen des erſten Miniſters und zugleich Liebling deſſelben, zu⸗ geſagt. Sechs Monate nach ihrer Ruͤckkehr in das vaͤterliche Haus benachrichtigte ſie ihr Vater von die⸗ ſer Entſcheidung und zugleich von der nahen An⸗ kunft des Grafen. Die Eheſtiftung war ſchon ſchrift⸗ lich zwiſchen dem Vater der Braut und dem Onkel des Bräutigams beredet und aufgeſetzt worden, und die beiden Perſonen, deren Gluͤck von dieſer Verbin⸗ dung abhing, ſahen ſich zum erſten Mal am Mor⸗ gen des Tages, an deſſen Abend man ihre Unter⸗ ſchrift verlangte, um dieſe Acte rechtskraͤftig zu machen. Klara's Schrecken war ſo groß, wie ihr Schmerz, als ſie dieſe ihrem Gluͤcke ſo feindliche Nachricht erfuhr; allein der Charakter ihres Vaters und ihre eigene jugendliche Schuͤchternheit und Unerfahrenheit machten jede Weigerung unmoglich. Was konnte ſie auch ſagen? was geſtehen? Sie ahnete ja nur, daß ſie geliebt werde, und unmoͤglich dunkte es ſie, dem Vater eine geheime, vielleicht unerwiederte Neigung zu bekennen. Sie hatte, wie faſt alle Frauen, den Muth, das Ungluͤck zu ertragen, aber nicht den Muth, das Gluͤck zu erringen, und ſo fuhlte ſie ſich, viel zu furchtſam, um einem entſchieden aus⸗ geſprochenen Befehl des ſtrengen, hochverehrten Va⸗ ters zu widerſtehen, in die Nothwendigkeit verſetzt, ſtumm gehorchen zu muͤſſen, und alle Traume des Gluͤckes und der Liebe einer Pflicht zum Opfer zu bringen, von deren Erfullung ſie durch nichts ent⸗ bunden werden zu können glaubte. Fruͤher als Klara ſelbſt von dem Plane dieſer Verbindung un⸗ terrichtet, ſuchte Arthur einen Vorwand, die Ge⸗ gend noch vor der Ankunft des Grafen Bilow ver⸗ laſſen zu können. Er fand bei ſeinem Abſchiedsbe⸗ ſuch Klara in dem Zimmer ihres Vaters. Die Nachticht ſeiner Abreiſe traf ſie ganz unvorbereitet. Ihr war, als ſei ihr Herz von dem Pfeil des — 153 — Todes getroffen, an dem es nun leiſe und lang⸗ ſam verbluten muͤſſe. Unfähig, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, ſaß ſie am Stickrahmen, das Haupt tief auf ihre Arbeit niedergebeugt. Bleich und erſchoͤttert naͤherte ſich Arthur, um Abſchied zu nehmen. Sie hob das Auge zu ihm empor, ihre Blicke begegneten ſich, Beider Augen fullten ſich zu⸗ gleich mit Thraͤnen, die ihnen zum Geſtändniß ihrer Liebe wurden, und die einzige Sprache blieben, in der ſie ſich dieſe zu geſtehen wagten. — Sie ſahen ſich nicht wieder, und wenige Wochen darauf wurde Flara mit dem Grafen vermaͤhlt, Der Glanz, der Klara bei ihrer Erſcheinung in der Welt umgab, wurde ihr kein Erſatz fuͤr das verlorne Gluͤck ihres Herzens. Verpflichtet, ihre Liebe einem andern Manne, ihrem Gatten, zuzuwenden, ſuchte ſie Arthurs Bild in ihrer Seele zu verloͤſchen: doch je ernſtlicher ſie käͤmpfte, je anſtrengender ſie ſtrebte, ihn zu vergeſſen, je mächtiger rief ihr ein trauriger Vergleich, der ſich ihr immer von Neuem aufdrang, die achtungswerthen und liebenswuͤrdigen Eigenſchaften zuruͤck, die ihm ihr Herz gewonnen hatten, und je mehr ihr Geiſt ſich entfaltete, ihr — 154 — Urtheil ſich bildete, je herber empfand ſie es, die Gattin eines Mannes geworden zu ſein, deſſen ein⸗ ziges Verdienſt ſein Rang und ſein Reichthum waren. Ihr Gemahl war kein laſterhafter, kein boſer Mann. Seine herrſchende Neigung war eine Pracht⸗ liebe, die ihn zum Verſchwender machte, um ſeinen Geſchmack ruͤhmen zu hoͤren. In hohem Grade beſaß er das Talent, Feſte anzuordnen, ihre Feier zu vervielfaͤltigen und durch Abwechſelung zu ver⸗ ſchönern; allein er war auch unſaͤglich eitel auf den Beſitz dieſes Talents, das ihn in allem ſeinen Stre⸗ ben, ſeinen Wuͤnſchen und ſeinem Thun ſo kleinlich machte, daß es ihm an Zeit und Fähigkeit fehlte, ſich mit ernſtern und wichtigern Dingen beſchaftigen zu können und zu mögen. Unempfaͤnglich fuͤr den Reiz der Freundſchaft und der Liebe, war er es auch für die Regungen des Mitleids, doch half er, wenn ihm zu oft wiederholte zudringliche Bitten lä⸗ ſtig wurden. In dieſem Falle erhielt das Ungluͤck zuweilen Unterſtuͤtzung von ihm; allein nie erweckte es in ſeiner Bruſt Theilnahme, nie regte es ihn zu ernſten Betrachtungen uͤber Menſchenleben und Men⸗ ſchenſchickſal an. — 155 — Klara's Schoͤnheit ſchien in den erſten Wochen ihrer Verbindung Eindruck auf ihn zu machen. Es ſchmeichelte ihm, eine Frau in die Welt einfuͤhren zu koͤnnen, deren Schoͤnheit, wo ſie auch erſchien, Aller Blicke auf ſie und ihren Begleiter zog, und er fand daher großes Gefallen daran, ſich mit ihr dem Publicum zu zeigen. Wenn er aber ihren Rei⸗ zen dieſe Art von Huldigung erzeigte, ſo verſagte er ihr vagegen alle Wuͤrdigung und Anerkennung ihres Charakters und ihres Geiſtes. Klara vermißte bei ihm jede Tugend, jede Eigenſchaft, die ſie in dem Freunde, dem Gatten zu finden gehofft hatte, und es war ihr eben ſo unmoͤglich, ihn zu ehren, als ihn zu lieben. Er beachtete ihre Kälte ſo wenig, wie ihren Werth; Hoͤflichkeit ohne Traulichkeit, Gleich⸗ guͤltigkeit ohne Abneigung blieb der Grundton ihres lauen, aber friedlichen Verhaͤltniſſes. Ein Viertel⸗ jahr nach ihrer Vermaͤhlung fingen ſie an, in ge⸗ ſonderten Geſellſchaftszirkeln zu leben. Sie ſuchten ſich gegenſeitig nicht auf, ohne ſich doch auch zu vermeiden; ſie begegneten ſich ohne Widerwillen, wie ohne Freude, und im Laufe mehrerer Jahre gaben ſie ſich, trotz der Verſchiedenheit ihres Sinnes und — 156 — ihres Charakters, keinen Anlaß, ſich Einer uͤber den Andern beklagen zu koͤnnen. Zwei Jahre lang blieb Schwermuth der Grund⸗ ton in Klara's Weſen. Ein Herz, wie das ihrige, weint ſich mit allen ſeinen Thränen den Schmerz nur tiefer in die Seele hinein, obwohl leichtere Ge⸗ muͤther leichteren Schmerz auszuweinen vermoͤgen; doch Zeit und Zerſtreuungen blieben nicht ganz ohne Einfluß auf ſie. Von keinem unruhigen Hang nach äußerer Wirkſamkeit getrieben, ſuchte ſie Alles, was ſie kraͤnkte, auf irgend eine Weiſe durch angemeſſene Thaͤtigkeit zu uberwältigen, und es gelang ihr, weil ſie ihr Schickſal in ihrer Liebe zu Arthur unwider⸗ ruflich entſchieden fuͤhlte. Sie erkannte es, wie ge⸗ fährlich ihr in ihrer Lage und in ihren Verhaͤltniſſen die tiefe Fuͤhlbarkeit ihrer Seele, die bei ihr nicht blos jugendliche Lebhaftigkeit der Empfindung, nicht blos ein fluͤchtiges Colorit des Daſeins, ſondern die Urquelle ihres Seins ſelbſt war, geworden ſein wuͤrbe, wenn ſich nicht alle Strahlen ihrer Liebe fruͤh in einem edlen Mann geſammelt hätten, deſſen Anden⸗ ken nun der Schutzheilige ihres Friedens und ihres Lebens blieb. Maͤnner haben in der Regel fuͤr ver⸗ lornes Gluͤck der Liebe nur Gedächtniß, Frauen — 157 — dagegen Erinnerung, daher begreifen ſie auch nicht, wie treu ein reines Frauenherz ſeine Empfin⸗ dungen und Erinnerungen zu bewahren vermag. Wir können im Leben keinen neuen Reichthum von Em⸗ pfindungen einſammeln, ohne daß wir von unſerm Beſitz etwas als Kaufpreis des Erwerbs hingeben muͤſſen, und das macht die Treue, die himmliſche Treue hienieden zu einer ſo ſeltenen Erſcheinung. Der Natur treuer, als die Maͤnner, bewahren Frauen oft das Andenken eines Blickes, der ihr Herz be⸗ wegte, mit derſelben Stärke der Empfindung, die er weckte, bis zum letzten Schlage ihres Herzens. Das kann kein Mann, das begreift kein Mann, und eben deßhalb bleiben ihnen die Frauen ewig ein Räthſel. Klara fand in der Welt keines der Ideale ihrer jugendlichen Sehnſucht verwirklicht, aber ſie ſelbſt blieben als heiliges Pfand einer hoͤheren Welt in ihrer Bruſt. Mitten in all' den Zerſtreuungen und Feſten, an denen ihr Alter und ihre Verhaͤltniſſe ſie Theil zu nehmen noͤthigten, wich Arthurs Bild nur zuruck, ohne je zu verbleichen und je von dem Bilde eines andern Mannes verdrängt zu werden. Jede ihrer einſamen Stunden blieb der innigen, ſanften Erinnerung an ihn geweiht, und fullte ihr Herz mit — 158 — jener Wehmuth, deren Thraͤnen gefuͤhlvolle Seelen zu ihren ſchoͤnſten Freuden zaͤhlen. Fuͤnf Jahre verfloſſen ſo, ohne in Klara's Stim⸗ mung und Verhaltniſſen eine Aenderung herbeizu⸗ fuͤhren. Ihr Briefwechſel mit Eugenie wurde ſehr regelmaͤßig fortgefuͤhrt, und dieſe innige, herzvolle Mittheilung aller Erlebniſſe erhielt beide Freundin⸗ nen feſt mit einander verbunden, und fuͤllte vorzuͤg⸗ lich bei Eugenie die Luͤcke aus, die ihr ganz ein⸗ ſames, freudenleeres Leben ſonſt fuͤr ein ſo heiteres, der Geſelligkeit beduͤrfendes Weſen gehabt haben wurde. Eugenie war ein Beweis, wie unabhängig von äußeren Verhaͤltniſſen eine ſchone Natur ſich zu entwickeln vermag, wenn ſie ihr Denken und Em⸗ pfinden im Kreiſe ihrer Pflichten feſtzuhalten weiß. Ihr heiteres Gemuͤth blieb ſtets auf die Gegenwart beſchränkt, und mit kindlichem, faſt naivem Ver⸗ trauen ſich hingebend an das Leben, deſſen Verhaͤlt⸗ niſſe ſie heiter aufzufaſſen verſtund, bewährte ſie ſich in ernſten Pruͤfungen doch eben ſo freudig muthig, als treu ausharrend. Drei Jahre lang mußte ſie dem muͤrriſchen alten Gemahl Krankenwäͤrterin ſein, ohne ſein Lager Tag und Nacht verlaſſen zu duͤrfen, da er ihr nur ſelten die Echolung eines Spatzer⸗ — 159 — ganges vergönnte — mit wahrhafter Staͤrke des Gemuͤths wußte ſie ihr Inneres, frei von jeder nach⸗ theiligen Einwirkung dieſes Verhaͤltniſſes zu erhalten und ſtand nach fuͤnf Jahren an dem Grabe ihres Gemahls mit dem erhabenen Bewußtſein, ihre Pflicht gegen ihn mit eben ſo viel Treue und Milde ganz erfuͤllt zu haben. Klara erhielt Eugeniens Brief mit der Nachricht dieſes Todesfalles an demſelben Tage, wo das Re⸗ giment, deſſen Oberſt ihr Gemahl war, Befehl zum Marſch bekam. War es Vorgefuͤhl, das den Gra⸗ fen bei dieſer Trennung ergriff, oder empfand er vielleicht, indem er ſie verließ, tiefer denn ſonſt ihren Werth; genug, er zeigte eine ihm ſonſt fremdartige Weichheit, als er Abſchied von ihr nahm. Seine Traurigkeit und der Gedanke an die Gefahren, denen er entgegen ging, ruͤhrten Klara. Sie umarmte ihn herzlich und erbat ſeine Einwilligung, während ihrer Trennung, fern von der Hauptſtadt, auf Eugeniens Gute zubringen zu duͤrfen, was er ihr gern zuge⸗ ſtand, und zwei Tage nach ſeiner Abreiſe war auch ſie ſchon auf dem Wege. Klara machte ſich eine Freude daraus, Eugenie durch ihre Ankunft zu uͤberraſchen und ihr dadurch — 160 — einen Beweis zu geben, wie innig ſie ſich nach dieſem Wiederſehen geſehnt habe. Beide Frauen empfanden jene reine, beſeligende Freude, welche man bei der Wiedererhaltung eines Gluͤckes empfindet, deſſen Verluſt uns lange immer gleich ſchmerzlich geblieben iſt. Beide fanden ſich ſchoͤner, liebenswuͤrdiger, gebildeter, als ſie es bei der Trennung geweſen waren. Jede wuͤnſchte der Andern zu den neu gewonnenen Vorzuͤgen Gluͤck und Beide bemerkten mit gleicher Freude, wie das Leben durch ſeine Schmerzen und ſeine Freuden den Geiſt der Freundin entwickelt und ſeinen Ideen⸗ reichthum vermehrt hatte, ohne das Herz an irgend einem ſchoͤnen, wahren Gefuͤhl zu verarmen. Wäh⸗ rend Klara das Gluͤck der Freundſchaft empfand, ſich der Schoͤnheit der vom Fruͤhling neubelebten Natur erfreute und ſich dem Reiz hingab, den die Stille und die Einfalt des Landlebens, fur jedes unverdor⸗ bene Herz haben, erſparte ihr dieſer Aufenthalt bei Eugenien die Pruͤfung einer Ueberraſchung, die viel⸗ leicht zu maͤchtig auf ſie gewirkt haben wuͤrde. An demſelben Tage, wo ſie die Hauptſtadt ver⸗ ließ, war Arthur dort eingetroffen. Von den fuͤnf ſeit ihrer Trennung verfloſſenen Jahren hatte er die beiden erſten auf Reiſen zugebracht und die ubrige — — 161 — Zeit als Freiwilliger in Spanien fuͤr die Freiheit der pyrenaͤiſchen Halbinſel gekaͤmpft, und das mit Ruhm und Auszeichnung. Jetzt, wo ſein Vaterland in dem großen Kampf mit auftrat, kehrte er in daſſelbe zuruͤck, um in der Hauptſtadt eine Anſtellung im Heere fuͤr ſich zu erbitten. Seine Ankunft und der Bewegungsgrund der⸗ ſelben waren in einem Briefe erwaͤhnt, den Klara von einer Bekannten erhielt; ſie las ihn laut vor und Eugenien entging das Beben ihrer Stimme nicht, mit dem ſie Arthurs Namen ausſprach. Eugenie hatte nie geliebt und ſah daher in Klara's Liebe nur den Quell eines Kummers, der ihr Leben truͤbe; es war ihr zugleich unbegreiflich, wie nach Jahren der Trennung das Andenken eines Mannes noch ſolche Macht üben könne, und ſie ſprach ihr Erſtaunen daruͤber aus. „Ich weiß nicht,“ antwortete Klara, „ob es moglich iſt zu vergeſſen, was man einmal wahrhaft geliebt hat — wenigſtens habe ich dies vergeblich zu erſtreben geſucht. Erſt nach langem, ermattendem Kampfe, nach vielen erfolgloſen Anſtrengungen habe ich aufgehoͤrt, mir eine Liebe zum Vorwurf zu machen; die ich nicht zu beſiegen vermochte, und jetzt bin ich — 162 — uͤberzeugt, daß ich dieſer Treue meiner Empfindung einzig und allein alles Gute verdanke, was in mir iſt. Der Liebe allein verdanke ich die Leichtigkeit, mit der ich die Pflichten erfuͤlle, die mir der Cha⸗ rakter meines Mannes, ſein Mangel an Bildung und das Beiſpiel einer großen Anzahl von Frauen meines Standes entweder druͤckend, oder doch we⸗ niger ehrwuͤrdig gemacht haben wuͤrden. Meine Liebe zu Arthur iſt meine Schutzwehr gegen ſein Geſchlecht geworden; ſie hat mich vor allen Fallſtricken der Verfuͤhrung und der Eitelkeit und vor den gefaͤhr⸗ licheren Taͤuſchungen des eigenen Herzens bewahrt. In jedem Augenblicke meines Lebens hat mich der Wunſch, ſeiner Achtung werth zu bleiben, beſeelt und ſelbſt vor Unbeſonnenheiten ſchuͤtzte mich das Streben, die oͤffentliche Achtung zu gewinnen und mich dadurch der ſeinigen zu verſichern. Es iſt mir zur unerlaͤßlichen Gewohnheit meines Daſeins ge⸗ worden, ihn als den unſichtbaren Richter und Zeu⸗ gen meiner Empfindungen und meines Thuns an⸗ zuſehen und mein Leben unter ſeinen Augen zu leben. Auch könnte ich eher Alles ertragen, nur nicht die Scham, irgend etwas gethan zu haben, deſſen Zeuge er nicht ſein duͤrfe und bei dem ich mich nicht ſeiner Billigung, ſeines Beifalls verſichert halten koͤnnte.“ — 163 — „Ich geſtehe es,“ ſagte Eugenie laͤchelnd, „daß Du Dich herrlich darauf verſtehſt, Deine Neigungen Deinen Grundſaͤtzen dienſtbar zu machen; allein wenn die Trennung von dem Geliebten dieſer Schwaͤrme⸗ rei Adel und Wuͤrde gab, ſo wuͤrde ſeine Ruͤckkehr und die Nothwendigkeit, ihn zu ſehen, ſie doch ge⸗ wiß gefahrvoll fuͤr Deinen Frieden machen. Ich kenne freilich ſo wenig die Liebe als ihre Gefahren, doch wenn ich der Erzählungen und der Warnungen meines ſeligen Herrn gedenke; ſo muß ich uns Frauen fuͤr ſchwache Geſchoͤpfe halten, die nur ein ſicheres Vertheidigungsmittel in ihrer Gewalt haben und das iſt, ihr Herz ganz dem Gefuͤhl zu verſchließen, dem Du das Deine mit ſo großem Vertrauen hingibſt.“ „Ich glaube mein Herz zu kennen,“ erwiederte Klara, „und fuͤrchte die Gewalt dieſer Liebe nicht, doch werde ich Arthurs Anblick vermeiden, ſo lange ich ihm auszuweichen vermag. Wer weiß auch,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu, „ob ihm nicht in dieſem blutigen Kampf das Todesloos fällt.“ — Dieſes war indeſſen ſchon gefallen und eine heiße Schlacht ge⸗ fochten, ohne daß ſie es ahnete. Zwei Poſttage blieb Klara ohne Nachricht von ihrem Gatten; dann ſandte ihr Vater die fuͤr ſie — 164 — beſtimmten Briefe an Eugenie und uͤberließ ihr die Wahl des Augenblicks, in dem ſie ſie an Klara uͤbergeben wolle. Dieſe Briefe enthielten den Bericht des ungluͤcklichen Tages; Arthur war unter den leicht Verwundeten, Klara's Gemahl unter den Getödteten. Keine Herzensneigung, kein perſoͤnlicher Verluſt konnte Klara bewegen, den Tod des Grafen zu be⸗ weinen, aber Mitleid, Theilnahme und jenes Wohl⸗ wollen, welches die Gewohnheit, mit einander zu leben, erzeugt; die Ehrfurcht fuͤr ein Band, deſſen Staͤrke in gutgearteten Seelen ſelbſt die Gleichgultig⸗ keit nicht zerſtört, ließen ſie den Tod eines Mannes beweinen, der in der Bluͤthe ſeiner Jahre und ſeines Gluͤckes gefallen war. Sie beſchloß, ihr Trauerjahr auf Eugeniens Gut zu verleben, wogegen dieſe ge⸗ lobte, ſie nach Verlauf deſſelben in die Hauptſtadt zuruͤck zu begleiten, um ſich nie wieder von ihr zu trennen. Eugenie ehrte die Thränen, die Klara ihrem Ge⸗ mahl weinte, doch unerklätlich blieb ihr der ſtille Ernſt, die ſanfte Wehmuth, die Klara's liebliche Zuͤge ſeit dieſer Trauernachricht uͤberſchatteten. Der Sommer verging, der Herbſt kam, und Klara wurde nicht heiterer, ſondern immer ernſter, immer ſinnen⸗ der. Sie erhielt von ihrem Vater die Nachricht, — 165 — daß Arthur jetzt, nach geſchloſſenem Frieden, den Winter in der Hauptſtadt zubringen werde, wie auch Graf Albedyl ſeit der Vermaͤhlung ſeiner Tochter es zu thun gewohnt war. In jedem ſeiner Briefe er⸗ waͤhnte er Arthurs, dieſes Sohnes ſeines älteſten und liebſten Freundes, mit großem Lobe. Klara ließ Eugenie dieſe Briefe leſen, allein nie nannte ſie ihr Arthurs Namen und ſichtlich ſtrebte ſie darnach, jedem Geſpräch uͤber ihn auszuweichen. „Du biſt doch ein raͤthſelhaftes Weſen,“ ſagte ihr Eugenie eines Tages. „Seit dem Tode Deines Mannes ſehe ich Dich ernſt und innerlich betruͤbt, und doch hat ſein Verluſt Dich nur ruͤhren, aber gewiß nicht ungluͤcklich machen koͤnnen. Alles be⸗ rechtigt Dich jetzt zu den ſchmeichelndſten Poffnungen auf erſehntes, bisher ſchmerzlich entbehrtes Gluͤck.— Du biſt frei, biſt unabhaͤngig, kannſt Dich des Ge⸗ dankens erfreuen, dem Geliebten mit Deiner Hand den Beſitz eines großen Vermögens zuſichern zu koͤn⸗ nen, allein es ſcheint faſt, als wenn Deine Treue und Deine Liebe bisher mehr das Erzeugniß des Eigenſinns Deiner Einbildungskraft, als das eines maͤchtigen, unuͤberwindlichen Gefuhls geweſen ſein muͤſſe.“ — 166 — „Ich bin immer dieſelbe,“ antwortete ihr Klara wehmuͤthig laͤchelnd, „aber in mir iſt keine Zuverſicht des Gluͤcks, deſſen Hoffnungen Du mir ſo ſchmei⸗ chelnd vorfuͤhrſt. Ohne Wunſch, ohne Hoffnung habe ich Jahre lang nur fuͤr Arthur gelebt und nie verband ſich mit dem Gedanken an ihn in meiner Seele irgend ein Traum des Gluͤckes. Hinaus aus dem Kreiſe der verganglichen Erſcheinungen des Er⸗ denlebens war meine Liebe geſchieden, um in einer ewigen unwandelbaren Welt einheimiſch zu werden, und mir iſt, als ſolle ich einen abgeſchiedenen Geiſt gewaltſam zuruͤck bannen auf die Erde, wenn ich meine Liebe an irdiſche Bande zu knuͤpfen verſuchen will.“ . „Wuͤnſcheſt Du denn aber nicht, Arthur wieder zu ſehen, und zu erfahren, ob er Dich noch liebt?“ fragte Eugenie. „Weiß ich denn,“ erwiederte Klara, „ob er mich je geliebt hat? Ich war damals ſo jung, ſogar nicht fäͤhig, den Eindruck zu verhehlen, den er auf mein Herz machte, und ſo hat ſich vielleicht nur ſeine Eitelkeit geſchmeichelt gefuͤhlt, wo ich mich geliebt glaubte. Wahr iſt es, daß ſeine Blicke mir Liebe geſtanden, aber nie ſprach ſein Mund aus, was ſeine — 167 — Augen mir zu ſagen ſchienen. Vielleicht habe ich ihre Sprache mißverſtanden — doch auch angenom⸗ men, ich ſei ihm damals theuer geweſen, ſo iſt es doch mehr als wahrſcheinlich, daß Abweſenheit und eine andere Liebe mein Bild längſt in ſeiner Erinne⸗ rung verlöſcht haben.“ „Du findeſt Gefallen daran,“ ſagte Eugenie lächelnd, „Dich ſelbſt zu quälen und den Wuͤnſchen Deines Herzens entgegen zu ſein. In Deiner Lage würde ich mich überzeugt halten, daß der Mann meiner Liebe meine Empfindung theile, und meine eigene Beſtandigkeit wuͤrde mir als Buͤrge für die ſeinige gelten.“ „Dieſer Burge iſt nicht annehmbar,“ ſeufzte Klara, „da ich mehr als einen Grund habe, Arthurs Charakter nicht nach dem meinigen zu beurtheilen. Er iſt allgemein geachtet, allein ich hoͤrte auch oft der Leichtigkeit erwaͤhnen, mit der er ſich dem Ein⸗ druck, den Frauenreiz auf ihn macht, hingibt. Jede gefaͤllt ihm, aber Keine feſſelt ihn.“ „Und ſpricht das nicht fuͤr ihn?“ fragte Eu⸗ genie. „Konnte er mit Deinem Bilde im Herzen eine Andere lieben? Oder ſaͤheſt Du es etwa lieber, wenn er ſich hätte feſſeln laſſen?“ — 168 — Eugeniens Neckereien blieben nicht ohne Einfluß auf Klara's Stimmung, doch vergeblich blieb ihr Bemuͤhen, Klara zur Ruͤckkehr in die Hauptſtadt zu bewegen. Eine zarte Scheu machte es ihr un⸗ moͤglich, dem Gluͤck entgegen zu gehen, weil es ihr ſchien, als ſuche ſie es dadurch auf. Nur die Pflicht konnte ihr Widerſtreben beſiegen, denn als ſie im Anfang des Novembers von ihrem Vater die Nachricht erhielt, er ſei krank und ſehne ſich nach ihr und ihrer Pflege, verſtummte jede Bedenklichkeit und ſie befahl ihren Leuten, Alles auf's Schnellſte zu ihrer Abreiſe in den Stand zu bringen. Nothwendige häusliche Anordnungen hielten Eugenie noch fuͤr einige Wochen auf ihrem Gute feſt, allein ſie erneuerte ihr Ver⸗ ſprechen, gleich nach Beendigung derſelben nach der Stadt zu kommen und bei Klara zu wohnen, um ſich nie wieder von ihr zu trennen. Klara fand bei ihrer Ankunft ihren Vater außer Gfahr, aber doch noch genöthigt, das Bette zu huͤten. Arthur war abweſend, um ſeine Familie zu beſuchen, doch nach einigen Tagen kam er zuruck, und ſein erſter Gang war zu Klara's Vater, den er kindlich ehrte und liebte. Sie ſaß, als er eintrat, neben dem Lager ihres Vaters „ beſchaͤftigt, ihm vor⸗ — 169 — zuleſen. So oft ſie ſich auch dieſen Augenblick gedacht und ſich auf ihn vorbereitet hatte, ſo ergriff ſie Arthurs Anblick doch ſo tief, ſo gewaltig, als erſcheine er ihr ganz unerwartet. Der Augenblick ihrer Tren⸗ nung, wo ſie Beide Thränen weinten, Beide Einen Schmerz, Eine Liebe empfanden — ach, dachte ſie, bewahrt er noch das Andenken dieſes Augenblicke? erinnert er ſich ſeiner mit einem dem deinen aͤhn⸗ lichen Gefuͤhl, oder nur wie eines Vorfalls, deſſen man zur noch gelegentlich gedenkt, weil er ſchon lange aufgehoͤrt hat, fuͤr uns intereſſant zu ſein? Arthur, der um Klara's Ankunft wußte, konnte nicht uͤberraſcht ſein, ſie bei ihrem Vater zu finden, allein ihre Gegenwart ſchien ihn ſo wenig zu er⸗ ſchuͤttern, als in Verlegenheit zu ſetzen und er be⸗ gruͤßte ſie, wie er jede andere Dame in dieſem Falle begruͤßt haben wuͤrde, mit der feinſten Sittigkeit, und der huldigenden Achtſamkeit, die der Schoͤnheit und dem Verdienſt gebuͤhrt; aber kein Erröthen, kein Blick, keine Bebung ſeiner Stimme verrieth, daß es die Geliebte ſeiner Jugend war, die er nach fuͤnfjähriger Trennung hier wieder ſah. Klara wagle es nicht, die Augen zu ihm aufzuheben, und ihre Tarnow's Schriften. KI. 8 — 170 — Erſchuͤtterung zwang ſie, ſich in ihrer Antwort auf die alleralltäglichſten Redensarten zu beſchranken. Von dieſem Tage an ſah er ſie täglich am Krankenbette ihres Vaters und ſpäterhin in ihrem eigenen Hauſe, allein obgleich Alles ihn zu berechtigen ſchien, gegen ſie den traulichen Ton eines Jugend⸗ freundes anzunehmen, ſo ſchien er doch weit ent⸗ fernt, aus ihrem ehemaligen Verhältniß dieſen Vor⸗ theil ziehen zu wollen. Er erwaͤhnte deſſelben nie und betrug ſich gegen Klara ganz wie ein neuer Bekannter, deſſen Huldigungen mehr den Wunſch verriethen, ihre Gunſt zu erwerben, als die Erinne⸗ rung, ſie ehemals beſeſſen zu haben. Dies Betragen erhob Klara's Zweifel, ob ſie je geliebt worden ſei, zur Gewißheit des Gegentheils. „Welch ein Gluͤck,“ ſchrieb ſie an Eugenie, „Haß ich mich von meinem Herzen zu keinem Glauben an die Trugbilder meiner fruͤheren Ahnungen und Wuͤn⸗ ſche verlocken ließ! Ich hatte Unrecht, das Wieder⸗ ſehen des Mannes zu fuͤrchten, deſſen Gegenwart immer weniger gefahrvoll gegen mich geweſen ſein wuͤrde, als der Irrthum, zu dem mich ſeine Ent⸗ fernung und meine Liebe verleiteten. Nie iſt Arthurs — 171 — Herz mein geweſen, nie hat er meinen Verluſt be⸗ weint, nie hat es ſein Leben getruͤbt, daß ich die Gattin eines Andern wurde! Jene Thränen, die er damals weinte, und die ſo unvergaͤnglich in mein Herz fielen, entfloſſen keinem Gefuhl, dem ähnich, was meine Seele fuͤllte, wie hätte es ſonſt ſo ſpur⸗ los aus ſeinem Herzen wieder verſchwinden konnen?“ Klara deutete Arthurs Betragen falſch. Er hatte ſie wahrhaft geliebt und ſich ungluͤcklich ge⸗ fuͤhlt, ſie das Eigenthum eines Andern werden zu ſehen; die Trennung von ihr fuͤllte damals ſeine ganze Seele mit Gram und Schmerz, allein weit entfernt, dieſe hoffnungsloſe Leidenſchaft nähren zu wollen, hielt er es fuͤr Pflicht, ſich den geſtörten Frieden wieder zu erringen, und jedes ihn betruͤbende Andenken gewaltſam von ſich zu bannen. Die Ver⸗ ſchiedenheit der Lebensweiſe, und jene Freiheit der Sitte, deren ſich ſein Geſchlecht anmaßt, und deren Benutzung es ſo weite Grenzen zieht, boten ihm Mittel dar, ſich zu zerſtreuen. Es gelang ihm bald, mit Huͤlfe einiger anmuthiger Frauen, die ihm ge⸗ fielen, ohne gerade auf ſein Herz einen tiefen Ein⸗ druck zu machen, ſich aus den Banden ſeiner Liebe zu Klara zu löſen, ohne ſich in neue Liebesbande zu — 172 — verſtricken. Dieſe leichten, wandelbaren Verhaͤltniſſe zu den Frauen, in denen ſich die meiſten Maͤnner ſo wohlgefallen, rauben aber dem Herzen die Kraft, wahr zu lieben, und jeder Reiz, mit dem das Ver⸗ gnugen ſie ſchmuͤckt, wird dem Gluͤck entzogen. Als Arthur Klara wieder ſah, lebte in ihm kaum noch eine leichte Erinnerung ſeiner Jugendliebe, doch konnte er ſie nicht oft ſehen, ohne ſich von Neuem zu ihr hingezogen zu fuͤhlen. Aus dem reizenden, liebenswuͤrdigen Kinde, deſſen Bild ihm zuweilen noch wie eine Traumerſcheinung vorſchwebte, war eine anbetungswuͤrdige Frau geworden. Tauſend neu gewonnene, neu entfaltete Reize ſchmuͤckten Klara, allein eine milde Hoheit bewachte jetzt das Herz, das ehemals unbefangen keine ſeiner Regungen zu ver⸗ hehlen ſuchte. Ihre Blicke, ihre Worte, ihr Be⸗ tragen gegen Arthur waren freundlich und verbind⸗ lich, aber ein edler Stolz verbarg den Wunſch, ihm zu gefallen, und Arthur mußte ſo gut wie ſie zwei⸗ felhaft werden, ob nicht die Zeit, da er ihrem Her⸗ zen theuer zu ſein ſchien, ganz aus ihrer Erinnerung verſchwunden ſei. Mit jedem Tage ward indeſſen das Andenken an dieſe Zeit lebendiger in ihm, er fand Freude — 3 — daran, ſich damit zu beſchaͤftigen, verblichene Bilder wieder aufzufriſchen, und ſich den Ausdruck zu ma⸗ len, mit dem ihm ehemals Klara's Augen entgegen ſtrahlten, wenn er erſchien. Er erinnerte ſich jetzt jedes kleinen Beweiſes ihrer unſchuldsvollen Zärtlich⸗ keit, den ſie ihm fruͤher gegeben hatte; er fand es hart, grauſam, unerträglich, von ihr nur mit Ach⸗ tung behandelt zu werden, und bald wuͤnſchte er mit leidenſchaftlicher Inbrunſt ſeine Rechte auf ein Herz, deſſen erſte Liebe er geweſen war, wieder geltend ma⸗ chen zu koͤnnen. Beleidigte Eitelkeit weckt oft in Maͤnnerherzen Regungen, die von ihnen mit den Empfindungen wahrer Zärtlichkeit vetwechſelt werden, und dieſen ſo täuſchend ähnlich ſind, daß die Frauen nur zu leicht dadurch irregefuhrt werden. Arthur wagte es zu reden, ſich zu beklagen, eine Gunſt in Anſpruch zu nehmen, die zu ſeinem Gluͤck nothwendig ſei, und von Klara den Lohn fur eine Liebe zu fordern, von der er jetzt ſelbſt glaubte, daß ſie nie aus ſeinem Herzen verdraͤngt, immer das Grundgefuͤhl deſſelben geblieben ſei. Erſtaunen, Ruͤhrung und Freude beſeelten Kla⸗ ra's holde Zuge bei dieſem Geſtändniß, und die edle — 174 — Ofſenheit ihres Charakters vergoͤnnte ihr nicht, Ar⸗ thur uͤber ihre Empfindung in Ungewißheit zu erhal⸗ ten. Er erfuhr, daß er geliebt werde, und mit welcher Seligkeit die Gewißheit, von ihm geliebt zu werden, ihr Herz fuͤlle. Gegenſeitige Verſicherungen, ſich ewig zu lieben, und Klara's Verſprechen, ihm nach Verlauf des Trauerjahres ihre Hand geben zu wollen, beſchloſſen dieſe Unterhandlung. Bis zu die⸗ ſem Zeitpunkte ſollte aber ihre Verbindung ein Ge⸗ heimniß, und Eugenie die einzige Vertraute ihres Gluͤckes ſein. Der Brief, in dem Klara es ihrer Freundin mittheilte, mahnte dieſe zugleich an ihr Verſprechen, künftig als ihre Hausgenoſſin bei ihr leben zu wollen. Eugenie kam ſelbſt, um ihrer geliebten Klara ihren Gluͤckwunſch zu bringen, und ihre Ankunft vollendete das Gluͤck dieſes Herzens, deſſen innerſtes Sein Liebe, ganz Liebe war. Eugenie fand Arthur werth, von Klara geliebt zu werden, wie er ſie, die theuerſte und erſte Freundin dieſes Engels zu ſein, und Beide kannten kein ſchoͤ⸗ neres Lob, als das, was in dieſer Anerkennung lag. Ein höchſt begluͤckendes, herzliches Verhaͤltniß bildete — 175 — ſich unter dieſen drei befteundeten Gemuͤthern. Ar⸗ thurs kräftiger Sinn zog ihn von jeher mehr zum Umgang mit Frauen, als mit Maͤnnern hin, da die Kraft gern die Milde aufſucht, und er bei ihnen mehr Begeiſterung und weniger Widerſpruch fand, als es im Maͤnnerkreis der Fall ſein konnte. Durch Klara's Gemuͤth und ihr tief bewegtes Herz zogen jetzt oft ſanfte Wellen himmliſcher Wehmuth und unausſprechlicher Seligkeit, die ſie mehr zum ſtillen Verſinken in ſich und den Geliebten hinneigten, als zur beredten Mittheilung, dann ſtand aber Eugenie mit ihrer Heiterkeit, ihrem geiſtreichen Geplauder und der Friſche ihrer Lebensanſichten und ihrer Le⸗ bensluſt ſo ſchon vermittelnd zwiſchen der milden, ern⸗ ſten, unausſprechlich liebenden Freundin und dem ra⸗ ſchen, feurigen Manne, daß Beide fuͤhlten, ſie gehoͤre mit in den Kreis ihrer Liebe und ihres Gluͤckes. Zwei Monate lang truͤbte nichts die reine Wonne dieſer Tage, dann aber aͤnderte Eugenie unmerklich und nach und nach Manches in ihrer Lebensweiſe: ſie ging oft aus, kam ſpät nach Hauſe, ſchien gegen Arthur fremder und kälter zu werden, und mied jedes einſame Zuſammenſein mit ihm. — 176 — Klara bemerkte dieſe Aenderung in dem Betragen ihrer Freundin, und glaubte auch die Urſache derſel⸗ ben zu errathen. Die Baronin Holbach, eine Schwe⸗ ſter ihrer verſtorbenen Mutter, liebte Klarg, wie herzloſe Menſchen lieben koͤnnen, das heißt, ſie hielt in ihr ein Weſen werth, von dem ſie glaubte, es ſei verbunden und auch fahig, zu der Annehmlichkeit ihres Lebens beizutragen. Ihr Gemahl war zum Geſandten an einem italieniſchen Hofe ernannt wor⸗ den, und beſtand darauf, daß die Baronin ihn be⸗ gleiten ſolle; dieſe wuͤnſchte und forderte nun eben ſo hartnaͤckig als eigenſinnig, Klara, die fruͤher oft den Wunſch geaͤußert hatte, Italien zu ſehen, ſolle ſie begleiten. Klara verweigerte dies, und ihre Tante, unbekannt mit ihrem Verhaͤltniß zu Arthur, hielt nun Eugenie fuͤr das Hinderniß, das ſich der Er⸗ fullung ihres Wunſches entgegen ſtelle; ſie beklagte ſich laut daruͤber, aͤußerte ſich bitter gegen ſie und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihr zu zeigen, daß ſie ſie nicht liebe. Gekraͤnkt durch dies Betragen ihrer Tante, ſuchte Klara unaufhoͤrlich Eugenie damit zu verſoͤhnen, und dieſe, der Klara's Irrthum, als ſei das Betragen der Baronin an der Veraͤnderung ihrer Stimmung Schuld, wilkommen war, ließ ſie in — 177 — demſelben; doch wurde ſie von Tag zu Tage ernſter und ſtiller. Eines Morgens, an dem ſie wußte, daß Klara mit ihrem Advocaten mancherlei zu bereden hatte, kam ſie zu ihr, ſie zu fragen, ob ſie mit ihr nach dem Kloſter fahren wolle, in dem Beide erzogen waren, und wo ſie ihre ehemaligen Lehrerinnen und Freundinnen zu beſuchen wuͤnſche. Klara mußte dies ausſchlagen und Eugenie fuhr allein. Am Mittag kam ihr Wagen leer zuruͤck, und ihr Diener brachte die Nachricht, man ſolle nicht mit dem Eſſen auf ſie warten; am Abend ſandte ſie ihrer Kammerjungfer den Befehl, zu ihr zu kommen, und zugleich an Klara einen Brief, in welchem ſie heiter ſcherzend uͤber die Gewalt klagte, die man ihr im Kloſter anthue, indem man ſie zwinge, einige Tage dort zu bleiben; ſie ſehe ſich aber in die Nothwendigkeit verſetzt, den Bitten der Aebtiſſin und mehrerer Damen nachzugeben, deren alte Liebe und neue Zaͤrtlichkeit dies kleine Opfer wohl verdiene, das man von ihrer Dankbarkeit fordere. Klara konnte nichts Befremdendes in einem Be⸗ ſuche finden, den ſie ſelbſt zuweilen abſtattete; als aber Tage zu Wochen wurden und Eugenie noch immer unter mancherlei Vorwand im Kloſter weilte, — 178 — begann ſie ſchmerzlich ihre Entfernung zu fuͤhlen, und wuͤrde ſie noch tiefer empfunden haben, wenn nicht ein anderer Gegenſtand ihre ganze Seele mit dem tiefſten Kummer der herzzerreißendſten Sorge erfuͤllt haͤtte. Eugenie war erſt zehn Tage im Kloſter, als Arthur ſo ernſtlich krank wurde, daß man fur ſein Loben furchtete, und erſt am zwoͤlften Tage zeigte ſich Hoffnung zu ſeiner Geneſung. Klara litt un⸗ endlich; bei der erſten Nachricht dieſes Ungluͤcks eilte Eugenie zu ihr, und ohne das Kloſter wieder zu verlaſſen, brachte ſie doch jede Stunde, in der Klara nicht bei ihm weilen durfte, bei ihr zu. Nie hatte ſich Klara inniger von ihr verſtanden, nie ſich zart⸗ licher von ihr geliebt gefuͤhlt, als in dieſen Tagen des tiefſten Schmerzes und der bangſten Furcht. Kaum aber war Arthurs Leben geſichert, als Eu⸗ genie in das Kloſter zuruckkehrte, und diesmal fehlte es ihr nicht an einem Vorwand, da Klara jetzt faſt den ganzen Tag in Arthurs Krankenzimmer zu⸗ brachte, um den Geneſenden zu pflegen und zu un⸗ terhalten, und was fuͤr ſie, die Verlobte und die Geliebte, Beruf war, durfte Eugenie als nicht ge⸗ ziemend von ſich ablehnen. — 179 — Arthur genas, aber ihm blieb von der ſchweren Krankheit eine Mattigkeit und ein Trubſinn zuruck, der die Freude uͤber ſeine Geneſung bei allen ſeinen Lieben milderte. Sein inneres Leben belebte ſich nicht wieder, und eine an Schwermuth grenzende Wehmuth verleidete ihm Alles, was ihm bisher Er⸗ heiterung und Zeitvertreib gewaͤhrt hatte. Tief in ſich verſunken und ſchweigſam, ſprachen es ſeine Zuͤge und ſeine Blicke aus, daß er dem Druck eines maͤch⸗ tigen, tief verborgenen Leidens erliege. Klara litt mit ihm; allein da er ſich in ſeiner Zärtlichkeit gegen ſie unverandert zeigte, ſo glaubte ſie ihn auch in ſeiner Geſinnung unverändert. Ihre Gegenwart allein ſchien ihm wohl zu thun, und eif⸗ riger denn je ſprach er oft die Sehnſucht nach dem Zeitpunkte ihrer Vermählung aus, und ſchien von dieſer allein die Ruͤckkehr ſeiner Heiterkeit zu hoffen. Doch fuͤhlte ſie, trotz ſeiner Zärtlichkeit, ihre Zuver⸗ ſicht auf das Gluͤck ihrer Zukunft erſchuͤttert. Ihre Hoffnungen welkten allmählig und eine namenloſe Beſorgniß, eine unbeſtimmte Furcht nahm Beſitz von ihrer Seele. Wie ſehnte ſie ſich jetzt nach ihrer Eugenie; wie vermißte ſie den Troſt, die Theilnahme, den klaren — 180 — Lebensverſtand, den ſie noch immer in jeder truͤben Stunde bei ihr gefunden hatte. Doch vergeblich er⸗ bat ſie von ihr die Ruͤckkehr zu ihr. — Eugenie verweigerte dieſe nicht, aber es fand ſich immer ein neuer Vorwand, ihren Beſuch im Kloſter noch um einige Tage, eine Woche noch zu verlaͤngern. Eines Tages, als Klara ſehr verſtimmt von einem Beſuch bei Eugenien zuruͤckkam, weil ihre Hoffnung, von ihr bei der Ruͤckkehr begleitet zu werden, wieder vereitelt worden war, verklagte ſie ſie bei Arthur, und drang in ihn, ihr die Urſache dieſes ihr ganz unerklärlichen Betragens ergruͤnden zu helfen. Arthur erblaßte und ſchlug die Augen verſtummend nieder. „Konnen Sie denn nicht jetzt,“ fragte er endlich ſtockend und verlegen, „ohne Eugenie gluͤcklich leben, da Sie doch fruͤher Jahre lang von ihr getrennt lebten? Haͤngt die Freude Ihres Da⸗ ſeins davon ab, mit ihr vereint zu ſein? Und darf ich mich nicht berechtigt glauben, auf einen Vorzug Anſpruch zu machen, den die Liebe auch vor der zärtlichſten Freundſchaft zu behaupten das Recht hat?“ Dieſe Worte verriethen eine ſo phantaſtiſche, dem Charakter Arthurs ſo ganz fremdartige Eifer⸗ — 181 — ſucht, daß Klara erſtaunt ihn um eine Erklaͤrung des Vorwurfs bat, der in ihnen zu liegen ſchien. „Zuͤrnen Sie nicht,“ bat er, „wenn der Wunſch, das Gluͤck unſter Herzen vor jeder Stoͤrung zu ſichern, mir in dieſem Augenblicke eine Bitte ent⸗ lockt, deren Gewaͤhrung zu meinem Frieden und zu unſrer beiderſeitigen Ruhe durchaus nothwendig iſt. Oft hat ſie ſchon auf meinen Lippen geſchwebt, aber ich habe nie den Muth gehabt, ſie auszuſprechen weil ich Ihnen zu mißfallen, ja Sie zu emporen fuͤrchtete, wenn ich unſer Gluͤck von irgend etwas Anderm, als von unſrer Liebe abhaͤngig zu machen ſchien — aber gewiß, ich muß Ihnen endlich ge⸗ ſtehen, was mich ſchon ſeit lange beunruhigt und quälend aͤngſtiget; ich muß ein Opfer von Ihnen 2 fordern, ohne welches ich durch Ihren Beſitz nicht vollkommen gluͤcklich zu werden vermag, und das ich um Ihretwillen, um meinetwillen, um aller Hoff⸗ nungen unſrer Zukunft willen, gezwungen bin, von Ihnen zu erbitten.“ Unausſprechlich bewegt hob Klara den Blick zu ihm auf und fragte bebend, ob dies Opfer, das er fordre, das Opfer ihrer Freundſchaft fuͤr Eugenie ſei? „Nein,“ ſagte er, „ich kann nicht wuͤnſchen, daß — 182 — Sie aufhören, ſie zu lieben, aber ich beſchwoͤre Sie, nicht von mir zu begehren, mit ihr in einem freund⸗ ſchaftlich traulichen Verhaͤltniß leben zu ſollen. Eu⸗ geniens Gegenwart aͤngſtigt mich; ihre Naͤhe iſt mir druͤckend, peinlich, ſie truͤbt mir das Gluͤck, das ich empfinde, mit Ihnen zu leben. Ich kann und will ſie nicht wiederſehen, und beſchwoͤre Sie daher, drin⸗ gen Sie nicht ferner darauf, daß ſie zu Ihnen zu⸗ ruͤckkommen ſoll, geben Sie den Plan auf, daß ſie kuͤnftig bei uns wohnen und als unſte Schweſter mit uns leben ſoll. Ihr Aufenthalt in unſerm Hauſe wuͤrde die Schwermuth noch verduſtern, die ſich meiner bemaͤchtigt hat; ich wuͤrde es gegen ſie an der Hoͤflichkeit und den Ruͤckſichten fehlen laſſen, die ſie ein Recht hätte, von mir zu fordern, und aus deren Unterlaſſung meine Klara mit einen Vorwurf machen wuͤrde, und ſo muͤßte ſi zwiſchen uns un⸗ fehlbar ein Gegenſtand des Zwieſpalts und ewig ein Anlaß zu Mißverſtaͤndniſſen werden.“ „Sie haſſen Eugenie?“ fragte Klara erblaſſend. Arthur verſtummte. Eine leichte Roͤthe uͤberflog ſeine Wangen, und ſeine Augen fullten ſich mit Thränen. „Ungluͤcklicher,“ rief Klara, „wozu dieſe Ver⸗ — 183 — ſtellung? glauben Sie mich tauſchen zu konnen? Arthur kann Eugeniens Naͤhe nur fuͤrchten, weil er ſie liebt.“ „Um Gottes willen, Klara,“ unterbrach ſie Ar⸗ thur leidenſchaftlich, „geben Sie meinen Worten keine ſo grauſame Deutung! Ergruͤnden Sie nicht die Tiefe meines Herzens, das bei einer nur augenblick⸗ lichen Verirrung in Ihrer Liebe, Ihrem Edelmuthe die Schutzwehr gegen ſeine eigne Schwäche zu finden hofft. Wenn ich in meiner gegenwärtigen Stimmung Ihrer großmuͤthigen Nachſicht bedarf, ſo werden Sie mir dieſe nicht verſagen. Gewähren Sie mir nur die eben erflehete Gunſt und treu meiner Pflicht —“ „Von dieſem Augenblicke an,“ fiel Klara ein, „kann zwiſchen uns von keiner Pflicht, keiner Treue mehr die Rede ſein. Sie ſind frei.“ „Nein, ich bin⸗ es nicht,“ rief Arthur tief er⸗ ſchuttert, „ich wuͤrde unausſprechlich ungluͤcklich ſein, wenn ich es waͤre. Klara,“ fuhr er fort, indem er ihre Hand an Herz und Lippen druͤckte, „ann mir ein ungluͤcklicher Augenblick Deine Liebe, Dein Ver⸗ trauen auf immer geraubt haben? Haſt Du auf⸗ gehört, mich zu achten? Bei Allem, was Dir theuer iſt, beſchwoͤre ich Dich, verzeihe mir, wenn Du mich — 184 — ſtrafbar findeſt — vertraue Dich meiner Ehre, mei⸗ ner Treue, meinem Herzen an. Vor Gott gelobe ich es Dir feierlich, nie wird Dein Gatte ſeine Eide brechen! Du wirſt fuͤhlen, daß Du geliebt biſt, Du wirſt gluͤcklich ſein und mein Gluck ſich mir täglich in der Zuverſicht erneuern, Dich gluͤcklich zu machen.“ „Ach,“ ſagte Klara, indem ſie ſich ſanft ſeinen ſie umſchlingenden Armen entwand, „der Schleier der Täuſchung iſt zerriſſen und nie wieder kann er mein Auge verhuͤllen. Ich mochte Sie nicht betrüben; ich habe nicht aufgehoͤrt, Sie zu achten; allein wenn ich gleich nicht weiß, welche Empfindungen in meinem Herzen die Stelle derjenigen einnehmen werden, die es ſo lange erfuͤllt haben, ſo iſt doch das unwider⸗ ruflich in meiner Seele entſchieden, daß das Band fuͤr immer geloſet iſt, das mich an Sie band. Sie haben die Macht verloren, mich gluͤcklich zu machen, und nie koͤnnen Sie ſie wieder erhalten.“ Arthur fuhr fort, ſie mit Bitten zu beſtuͤrmen, doch ſie forderte, daß er ſie verlaſſen ſolle. Seine Gegenwart beklemmte ſie auf eine grauſame Weiſe, indem ſie ſich zwingen mußte, die Thraͤnen zuruͤck⸗ zudraͤngen, die in jedem Augenblick hervorzubrechen droheten. Mit unbegreiflicher Kraft hielt es ſie in — 46 — ſeiner Gegenwart aufrecht, doch kaum war er ge⸗ ſchieden, als ſie ſich von dem ungeheuren Schmerz wie vernichtet uͤberwältigt fuͤhlte, mit dem ſie Liebe und Gluͤck gleich einem luͤgenden Traum aus ihrem Leben entfliehen fuͤhlte. In der Bitterkeit dieſer erſten Aufwallungen glaubte Klara den Treuloſen zu haſſen. Eugeniens Betragen bewies, daß ſie, wenn ſie auch um ſeine Liebe wußte, dieſe doch nicht billigte, und ſie gefiel ſich in dem Gedanken, daß Eugeniens Verſchmaͤhung ſeines Herzens ſie rächen, den Ungetreuen ſtrafen und ihn eben ſo ungluͤcklich machen wuͤrde, als er ſchuldig war. Doch der Adel ihres Gemuͤthes fuhrte ſie bald zu edleren Gefinnungen zuruͤck, die uͤber⸗ einſtimmender mit der Gerechtigkeit und der Groß⸗ muth ihres Sinnes waren und der reinen und wah⸗ ren Liebe entſprachen, die ſie fuͤr Arthur empfunden hatte. Sie brachte einen Theil der Nacht in Thränen zu und den andern Theil derſelben wendete ſie an, ſich zu dem Entſchluß zu kräftigen, den ihre gegen⸗ wärtige Lage von ihr forderte. Feſt entſchieden, dieſen unter keinen Umſtanden zu ändern, ſchrieb ſie — 186 — an ihre Tante, die Baronin Holbach, und — dann nach dem Kloſter zu Eugenien. Klara's Blaͤſſe und der Ausbruck von Kampf und Schmerz in ihren Blicken und Zuͤgen erſchreck⸗ ten Eugenie: und zärtlich beſorgt forſchte ſie nach der Urſache ihres Kummers, und erfuhr nun von Klara die Unterredung, die ſie am vorigen Tage mit Arthur gehabt hatte. Eugenie erblaßte. Heiß weinend warf ſie ſich in Klara's Arme. „Gewiß,“ ſagte ſie, „Du beſchul⸗ digſt mich keiner Verſtellung, keines Mangels an Vertrauen, weil ich mich verbunden glaubte, Dich nicht in der Sicherheit des unbedingten Vertrauens zu dem Geliebten durch die Mittheilung meines Verdachts zu ſtoren?“ „Hat er Dir denn ſeine Liebe nicht geſtanden?“ fragte Klara. „Nein,“ antwortete Eugenie, „ich hielt es aber auf einen leiſen, durchaus durch kein Wort begruͤn⸗ deten Verdacht hin fuͤr meine Pflicht, ihn zu mei⸗ den und dem Gluͤck, mit Dir vereint zu leben, zu entſagen. Mein Plan war, bis zu Deiner Ver⸗ mählung hier im Kloſter zu bleiben, und dann unter — 187 — irgend einem Vorwand nach meinem Gut zuruͤck⸗ zukehren.“ „Wie wohl thut es mir, meine Eugenie, daß der Pfeil, der mein Herz verwundete, meinen Glauben an Dich auch nicht einen Augenblick erſchuͤttert hat und daß mir der Troſt unentwuͤrdigt geblieben iſt, zu Dir eilen und an Deiner Bruſt meinen Schmerz ausweinen zu koͤnnen.“ „Wie werde ich mir aber je verzeihen konnen, Schuld an Deinem Ungluͤck zu ſein?“ fragte Eu⸗ genie, ſo tief, ſo wahr betruͤbt, daß es Klara un⸗ endlich ruͤhrte. Sie beugte ſich zaͤrtlich zu ihr hin und liebevoll, ihre Thränen abtrocknend, bat ſie: „Hoͤre auf, Dich uͤber mein Schickſal zu betruͤben, liebſte Eugenie. Meine Liebe war und iſt kein Irr⸗ thum meines Herzens, wohl aber das Gluͤck, das mir ſo ſchmeichelnd freundlich entgegentrat — ich werde auch das beſiegen und verſchmerzen lernen, vorzuglich dann, wenn Du mir dazu behuͤlflich ſein willſt.“ „O, wenn Gott mir den Troſt vergoͤnnen wollte, dies zu koͤnnen, nichts wuͤrde mir zu ſchwer ſein! Rede nur, liebſte Klara. Wie verachte, wie haſſe ich dieſen Treuloſen —“ — — „Nein, Eugenie, nein,“ fiel hier Klara ein, „Du darfſt ihn nicht haſſen. Ich wuͤrde mich ſelbſt ver⸗ achten, wenn mein Schickſal mich verleiten könnte, das Ungluͤck eines Mannes zu wuͤnſchen, den ich ſeit ſo vielen Jahren zärtlich geliebt habe. Da unſere Verlobung noch fuͤr die Welt und ſelbſt fuͤr unſere Familien ein Geheimniß iſt, ſo findet die Loͤſung unſers Buͤndniſſes keine Schwierigkeit. Und wenn ich Arthurn entſagen muß, warum ſollte er denn nicht hoffen duͤrfen, durch Dich gluͤckiich zu werden?“ „Wie,“ fragte Eugenie empoͤrt, „Du koͤnnteſt auch nur einen Augenblick es fuͤr möglich halten, daß ich die Gattin des Mannes werden könnte, um den Du Thraͤnen geweint haſt?“ „Was ich Dir ſage, iſt der Wunſch meines Herzens. Ich kann ihm nie meine Hand rei⸗ chen; ich habe die Kraft, ihn frei zu geben und ihn zu fliehen, aber die Kraft habe ich nicht, den Gedanken zu ertragen, daß er leidet und daß er hoff⸗ nungslos ungluͤcklich iſt. Ich leſe in Deinen Blicken, wie ſehr dieſe Sorge um ihn Dich befremdet; viel⸗ leicht iſt ſie Schwachheit, verzeihe ſie mir dann und laß mich zu meiner Beruhigung nicht vergebens fuͤr — 189 — den Mann bitten, deſſen Schickſal die Liebe Dir anvertraut.“ „Nur bei Dir, meine Klara, erſcheint mir dieſe verzeihende Milde, dieſes Uebermaß von Großmuth nicht unglaublich; allein ich fuͤhle beſtimmt, daß Deine ſchoͤne Seele ſich ſelber taͤuſcht, und daß Du mich verachten muͤßteſt, wenn ich Deinen Wunſch erfuͤllte.“ „Mein Herz kann mich nicht taͤuſchen,“ erwie⸗ derte Klara, „da keine leidenſchaftliche Aufwallung meine Vernunft betaͤubt. Ich bin ſehr traurig, ſehr betruͤbt, das iſt wahr, aber mein Schmerz macht mich nicht ungerecht gegen Arthur. Sein Wankel⸗ muth iſt ein Ungluͤck fuͤr mich, aber er iſt kein Ver⸗ brechen. In voller Klarheit des Gedankens, in vol⸗ ler Wahrheit der Empfindung betheure ich es Dir, die einzige Linderung fuͤr den Verluſt aller meiner ſchmeichleriſchen Trugbilder von Lebensgluͤck wuͤrde fuͤr mich die Gewißheit ſein, Dich zur Billigung von Arthurs Liebe zu bewegen und mir ſagen zu koͤnnen: die Entſcheidung uͤber ſein Gluͤck lag noch einmal in meiner Hand; ich habe gewollt, daß er gluͤcklich ſein ſolle und im Begriff, ihn und mein Vaterland zu verlaſſen, kann ich mit dem Bewußtſein ſcheiden, — 190 — ihm den Frieden geſichert zu haben, den er mir ge⸗ raubt hat.“ 2 „Von welcher Entfernung, von welcher Trennung redeſt Du denn?“ fragte Eugenie erſchrocken. „Wel⸗ cher Plan beſchaͤftigt Dich?“ „Ich habe in dieſer Nacht,“ antwortete Klara, „einen Entſchluß gefaßt, und mir auch gleich die Moͤglichkeit genommen, ihn unausgefuͤhrt zu laſſen, da meine Tante jetzt ſchon den Brief in Haͤnden hat, der mein Verſprechen enthält, ſie uͤbermorgen auf ihrer Reiſe nach Italien begleiten zu wollen.“ „Mit welcher grauſamen Voreiligkeit haſt Du dieſen Schritt gethan!“ rief Eugenie weinend aus. „Durfteſt Du Dich dazu entſchließen, ehe Du mich geſehen hatteſt: Warum, wenn Du nicht hier blei⸗ ben wollteſt, konnten wir nicht zuſammen reiſen? Ich hätte Dich ja allenthalben hin begleitet, und wer theilt mit Dir Deinen Kummer, wie ich ihn theile? weſſen Auge wird mit Dir weinen? welche Hand wird Deine Thränen trocknen, wenn es die meine nicht thun ſoll?“ „Nicht in Deiner Naͤhe, meine Eugenie, wurde ich jetzt den verlornen Frieden wiederfinden. Die ſuße Gewohnheit, Dir mein Herz zu oͤffnen, wuͤrde — 191 — mich auch der Gewohnheit treu erhalten, mich nur mit Einem Gegenſtand zu beſchäftigen, und die Zeit iſt dahin, wo ich darin mein Gluͤck finden durfte. Jetzt bedarf ich des Zwanges, und aufgedrungene Zerſtreuungen thun mir Noth, um mich von einem langen Irrthum entwoͤhnen zu lernen.“ „Verwuͤnſcht ſei der Undankbare!“ fiel hier Eu⸗ genie ein, „der, indem er Dich ungluͤcklich macht, zugleich auch das Gluͤck meines Lebens zerſtört und mir nicht allein meine Freundin entreißt, ſondern mich vielleicht gar zu einem Gegenſtand ihrer Gleich⸗ guͤltigkeit, ja ihres Haſſes macht.“ Es wurde Klara nicht ſchwer, dieſe Furcht zu beſiegen, und ſie von der unveraͤnderten Innigkeit und Herzlichkeit ihrer Liebe zu uͤberzeugen; doch nichts vermochte Eugenie mit dem Schmerz und der Noth⸗ wendigkeit ihrer Trennung zu verſoͤhnen. Arthurn traf die Nachricht von ihrer bevorſtehenden Abreiſe wie ein Blitz. Von all den Selbſtvorwuͤrfen, mit denen die Reue ihn guaͤlte, war keiner peinlicher, als das Gefuͤhl, Klara's reine, himmliſch ſanfte Seele mit Bitterkeit erfuͤllt und ſich den ewig nagenden Ge⸗ — 192 — wiſſensbiß des Undanks zugezogen zu haben. Er konnte es nicht bereuen, wahr gegen ſie geweſen zu ſein; allein er fuͤhlte, daß er nie an ſie denken koͤnne, ohne ſchamvoll zu erroͤthen und den Werth des Herzens anzuerkennen, das er von ſich geſtoßen hatte. In dieſer Stimmung erhielt er folgenden Brief von Klara: „So lange ich meine Liebe zu Ihnen tief im Herzen verborgen trug, habe ich mich nie ver⸗ pflichtet geglaubt, ein Gefuhl bekaͤmpfen zu muͤſſen, deſſen ſchoͤnſter Reiz ſeine Unſchuld und ſein Ge⸗ heimniß waren. Sie entriſſen mir das Geſtänd⸗ niß derſelben zu einer Zeit, wo Alles mich zu berechtigen ſchien, es Ihnen zu vertrauen. Ferne bleibe von mir jeder Vorwurf daruͤber! Ich klage Sie nicht an, ich beſchuldige Sie keines will⸗ kurlichen uͤberlegt begangenen Fehlers; die Eigen⸗ ſchaften, die Ihnen meine Achtung gewannen, erhalten ſie Ihnen auch und ſichern Ihnen noch jetzt Rechte auf meine Freundſchaft. Es iſt mir nicht mehr moglich, Ihnen meine Hand zu geben, allein ich hoͤre deßhalb nicht auf, Ihnen Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, und aufrichtig an — 193 — Ihrem Gluͤck Theil z men Sie ſinb fuiz ich entbinde Sie Ihres Wolv, Ihrer Geluͤbde. Eugenie iſt gleichfalls frei — ſie weiß durch mich um Ihre Liebe und mein Wunſch iſt, Sie Beide mit einander vereinigt zu ſehen. — Ich reiſe morgen nach Italien ab. Wenn Sie ſich nicht uͤber die Veranlaſſung zu dieſer Reiſe taͤuſchen können, ſo bitte ich Sie doch, die Bewegungs⸗ gruͤnde derſelben nicht falſch zu deuten. Ich fliehe Ihre Nähe, aber ich haſſe Sie nicht, und kein Zorn, kein Unmuth treibt mich an, Sie zu mei⸗ den. Eben ſo wenig mache ich aber auf den eit⸗ len Ruhm Anſpruch, gleichmuͤthig bei einer Wen⸗ dung meines Geſchickes zu ſein, auf die ich durch nichts vorbereitet war. Sie haben mein Herz mit einem ſcharfen Pfeil getroffen — er ſchmerzt, aber ich nehme, um die Wunde zu ſchließen, ſo wenig Zorn als Stolz zu Huͤlfe. — Leben Sie wohl. Schreiben Sie mir nicht, und ſuchen Sie noch weniger die Gelegenheit, mich zu ſprechen. Sie haben Alles geſagt, ich habe Alles gehoͤrt, je⸗ des Wort mehr wuͤrde eine Beleidigung und eine neue Kraͤnkung fuͤr mich ſein. Klara.“ Tarnow's Schriften. XI. 9 — 194 — So viel San „ viel wahre Guͤte ruͤhr⸗ ten Arthur tief. Seine Thraͤnen fielen auf die Zeile, in der ſie ihm die Verheißung ihrer Freundſchaft zu geben wuͤrdigte. Zu dem Schmerz ihres Verluſtes geſellte ſich noch die Demuͤthigung, ſie einen ſo edlen Sieg uͤber dieſelbe Leidenſchaft erringen zu ſehen, die ihn ſo ſchwach und ſtrafbar gemacht hatte. Am andern Morgen verließ Klara die Hauptſtadt. Der Augenblick ihrer Trennung von Eugenien war fuͤr beide Freundinnen gleich ſchmerzlich. Der erſte Brief, den Eugenie von ihr erhielt, verſtärkte ihren Gram, indem er ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr eine der edelſten weib⸗ lichen Seelen noch vermehrte. Hier iſt er: „Welch ein weiter Raum trennt uns ſchon, meine Eugenie, und wie beklemmt der Gedanke mein Herz, daß bald Länder, Stroͤme, Berge zwiſchen uns liegen werden. Aber gewiß, ich wuͤrde nicht halb ſo traurig ſein, wenn ich die Gewißheit hätte, daß Du meine letzte Bitte erfullen wirſt, und ich Arthurs Gluͤck durch Dich geſichert wuͤßte.“ „Fern bleibe Dir gegenuͤber von Deiner Klara — 195 — jede Verſtellung; ich muͤßte heucheln, wenn ich Dir verbergen wollte, daß der Verluſt von Ar⸗ thurs Liebe mir nicht einen unendlichen, mich tief beugenden Schmerz verurſachte; ſie hat den aller⸗ grauſamſten Eindruck auf mich gemacht; meine Thraͤnen fließen noch, mein Herz iſt tief verwun⸗ det, und ich halte ſeinen Wankelmuth fuͤr das groͤßte Ungluͤck, das mich zu treffen vermochte; — aber der Zufall, daß Du es biſt, der ſeine Liebe ſich zuwandte, iſt dem eigentlichen Ereigniß fremdartig; es vermehrt meinen Schmerz nicht, es lindert ihn, daß Du es biſt, die er liebt“ „Gewiß, ich habe dies Herz nie beſeſſen — ich kenne die Liebe, ich habe ſie empfunden „ich weiß, daß der wahren Liebe ein ſolcher Wandel durchaus unmoͤglich iſt. Fruͤh oder ſpaͤt wuͤrde die Täuſchung ſich nur enthuͤllt haben, und ganz hoffnungslos elend waͤre ich geworden, wenn ich als ſeine Gattin das Gefuͤhl hätte kennen lernen, ich ſein, ganz ſein, und er — nicht mein! Glaube mir, Du ſollteſt, ſtatt Dich anzuklagen und Dich zu betruͤben, Dir vielmehr Gluͤck wuͤnſchen, Deine S 9* — 196 — Klara dieſem ſchrecklichen Schickſal W zu haben.“ „Meine Eugenie, meine Schweſter, meine Freundin, mein zweites beſſeres Ich, laß mich Dir noch einmal unſere letzten Unterhaltungen zuruͤckrufen. Den einzigen Troſt, den es fuͤr mich gibt, kann ich nur durch Dich erhalten. Ich frage Dich auf Dein Gewiſſen, wuͤrdeſt Du, wenn Arthur Dir, frei von jeder Verpflichtung gegen mich, ſeine Hand antruͤge, dieſe ausſchla⸗ gen? — Nun wohl, er iſt ja frei — er liebt Dich unausſprechlich und ſo leidenſchaftlich, daß der Kampf gegen ſein Herz ihn dem Grabe zufuͤhrt. — Du kannſt ihn ganz ſo gluͤcklich machen, wie ich ihn gluͤcklich zu ſehn gewuͤnſcht habe. — Eugenie, erfuͤlle meine innige, meine flehentliche Bitte, laß ihn nicht glauben, daß ich es Dir aufgetragen habe, mich zu raͤchen. Liebe ihn, vermähle Dich mit ihm und moͤge dann Eugeniens Gemahl ſich in den gluͤcklichſten Augenblicken ſeines Lebens mit Ruͤhrung einer Freundin erinnern, die noch einſt die Kraft zu erringen hofft, eine Zeugin deſſelben — ſein zu können, da ſie Dich zu innig liebt, um nicht in Deinem Gluͤcke das ihrige zu finden.“ Die Wirkung dieſes Briefes war derjenigen ganz entgegen geſetzt, die Klara ſich davon verſprochen hatte. Mit tiefer Ruͤhrung las Eugenie dies Blatt; ſie fand in jeder Zeile deſſelben die Wahrheit und die Liebe wieder, die Klara's innerſtes Weſen waren. Ihre Augen ruhten lange auf dem Schluß des Brie⸗ fes — ſie las ihn noch einmal laut — „Eugeniens Gatte!“ wiederholte ſie leiſe, „Gott, welchen Namen gibt ſie ihm! darf ich ihm je vergoͤnnen, es zu werden?“ — Der Brief entfiel hier ihren Haͤnden — Thränen uͤberſtroͤmten ihr Geſicht. Sie geſtand ſich, daß ſie Arthur liebe, — ſie wagte, es ſelbſt zu pruͤfen, ob ſie, ohne ſtrafbar zu werden, Klara's Bitten nach⸗ geben und ſich ein Gluck zueignen durfte, dem Jene entſage. Allein bald verwarf ſie jeden Gedanken an die Moglichkeit dazu; ſie errothete vor den Thränen, die ſie eben vergoſſen hatte, und Klara's Brief an ihre Lippen druͤckend, fuͤhlte ſie es, der Mann, der das Engelherz ihrer Freundin gebrochen habe, duͤrfe nie Eugeniens Gatte werden. „Nie,“ ſagte ſie ſich 2 ſelbſt, „ſollen ſich in mein Andenken an Klara Gewiſſensbiſſ⸗ miſchen; nie ſoll mich eine ſtrafbare Nachſicht gegen die Schwäche meines Herzens Klara's Achtung unwerth machen; nie der Mann mich be⸗ gluͤcken, der ſie ungluͤcklich gemacht hat.“ Ihre Antwort überzeugte Klara von der Unwan⸗ delbarkeit ihres Entſchluſſes, Arthurn nie ihre Hand zu geben. Nach zwei Monaten, die dieſer einſam auf dem Landgute ſeines Vaters zugebracht hatte, ſchrieb er an Eugenie. Sie ſandte ihm ſeinen Brief uneroͤffnet zuruͤck, und ſchrieb ihm, der Mann, der das Gluͤck eines weiblichen Weſens, wie Klara, zer⸗ ſtört habe, muͤſſe, ihrem Gefuͤhl nach, eignem Gluͤck entſagen — ſie wenigſtens werde Klara's Thränen nie als Weihe ihres Lebensgluͤckes anſehen lernen können. Mit großer Staͤrke des Gemuͤths lernte ſie ihr Herz beſiegen und ihren Schmerz durch angemeſſene Thaͤtigkeit uͤberwaͤltigen. Sie ging auf ihr Gut zuruͤck, hier fand ſie ihre Ruhe wieder, allein Arthurs Bild blieb der Gefaͤhrte ihrer Einſamkeit, ſo wie es Klara'n unter dem fremden Himmel, unter dem „ 96 — ſie es zu entfernen gehofft hatte, treu zur Seite blieb⸗ Der Briefwechſel der beiden Freundinnen blieb eben ſo offne Mittheilung ihrer Gedanken und Em⸗ pfindungen, als er es fruͤher geweſen war, und ſie in Liebe und Vertrauen innigſt verbunden. Nach drei Jahren kam Klara zuruͤck und eilte zu Euge⸗ nien, um ſich nie wieder von ihr zu trennen. Allein es war ihr Loos, den Kelch des Schmerzes einer eben ſo zärtlichen als ungluͤcklichen Liebe ganz leeren zu ſollen. Wenige Monate nach ihrer Wiederver⸗ einigung mit Eugenien brach der Krieg wieder aus, und in dem erſten Gefechte dieſes Feldzugs fiel Arthur. Eugeniens Schmerz verrieth Klara das Geheimniß ihrer Liebe, und dieſe Gemeinſchaft der Trauer zog das Band, das Beider Herzen vereinte, noch feſter zu⸗ ſammen, das irdiſche Gluͤck hatte ſich ihnen ent⸗ fremdet und der Schmerz leitete ihnen die Strahlen einer höheren, unvergänglichen Freude zu. Beide waͤhlten das Land zu ihrem immerwaͤhrenden Auf⸗ enthalte; Alles, was ſie umgab, war glucklich durch — 200 — ſie, allein die ſtille Wehmuth, die der Grundton ihres Gemuͤths geworden war, hielt ſie von der Welt fern. Beide blieben unvermählt, und Arthurs Andenken ſchuͤtzte ſie auf immer gegen eine Leiden⸗ ſchaft, deren Gluck oft Tauſchung und deren Schmerz allein volle Wahcheit iſt. Dalinde von Linſingen⸗ Auf einem reizenden Huͤgel, nahe bei Kiel, liegt das Schloß des Freiherrn von Linſingen, umgeben von einem Parke, deſſen gruͤne Schatten und klare Waſſerſpiegel die freundliche Anmuth der Gegend um Vieles erhöhen. Allein die Schoͤpferin dieſer Anlagen, die Gemahlin des Freiherrn, war nicht mehr, und einſam, im abgelegenſten, dunkelſten Zimmer des Schloſſes, ſaß er mit ſeinem aͤlteſten Sohn Gottfried, der durch ſeine Aehnlichkeit mit der verſtorbenen Mutter der Liebling des Vaters ge⸗ worden war, und deſſen phlegmatiſche Schwerfälligkeit ihm um ſo mehr fuͤr Wohlgezogenheit und ſtille Sittigkeit galt, da er von der Natur mit einem gleichen Temperamente begabt war. So lange die Baronin lebte, gelang es ihrem Geiſte und ihrer Liebe, den Lebensſtrom des Freiherrn friſch zu erhalten; allein nach ihrem Tode trat dieſer wieder trübe und träge in ſein altes Bett zuruͤck und ſein Daſein — 204 — wurde zu einem Lebensſchlendrian, deſſen ermattende Einförmigkeit Gottfrieds Geiſt völlig einſchlaͤferte, da er, als Liebling des Vaters, immer um dieſen ſein mußte. Deſto friſcher und froͤhlicher wuchs der juͤngſte Sohn, Emil, heran. Ungehindert durfte dieſer Feld und Wald durchſtreifen, mit dem Jäger auf die Jagd gehen, ſich mit den Knaben des Dorfes wild herum tummeln und allen Unterricht, den der Prediger des Gutes beauftragt war, den beiden Bruͤdern zu ertheilen, nach Herzensluſt verſäumen. Als Emil aber 14 Jahre alt war, fing er an, die Leere ſeines Kopfes zu empfinden, und in ihm er⸗ wachte ein Trieb nach Thaätigkeit, der in allen ſeinen Vergnuͤgungen und Beſchaͤftigungen keine volle Be⸗ friedigung fand. Keiner beobachtete, Keiner verſtand den wilden, aber kräftigen Knaben, als Maier, ein benachbarter Gutsbeſitzer, der den Freiherrn oft be⸗ ſuchte und Emil liebgewonnen hatte. Er nahm ſich auch jetzt ſeiner väterlich an, lehrte ihn, ſich ſelbſt verſtehen, gab ihm Buͤcher, ordnete ſeine Unterrichts⸗ ſtunden, ja, er ließ ihn ſogar wochentlich einige Mal zu ſich kommen, um ihn in den neuern Sprachen zu unterrichten, die er ſehr fertig ſptach, da er frü⸗ her mehrere Jahre ſich in England, Frankreich und — 205 — Italien aufgehalten hatte. Emil lernte in dieſem Verhaͤltniſſe gehorſam ſein aus Liebe und ſich da⸗ durch Freiheit und ſittliche Wuͤrde ſichern; nur in einem Punkte vermochte Maier nichts uͤber ihn, und zwar in der Wahl ſeines kuͤnftigen Berufes, denn des Juͤnglings ganzer Sinn war auf Waffenglanz und Kriegerruhm gerichtet. Dem alten Freiherrn war Emils Wunſch, Soldat zu werden, ſehr will⸗ kommen. Er brachte ihn nach Kaſſel, wo er leicht fur ihn eine Anſtellung in der Garde als Lieutenant erhielt, da Emil ein bluͤhend ſchöner Juͤngling von alter Familie war und man ſeinen Vater als einen reichen Mann kannte. Ohne Erfahrung, ohne Menſchenkenntniß und Rathgeber, aller Macht lockender Verſuchung preis gege⸗ ben, ſah ſich Emil hier bald von einem Strudel er⸗ griffen, in dem er Geſundheit, Vermoͤgen, Her⸗ zens⸗ und Sittenreinheit einzubuͤßen wagte. Noch hatte ihn der abſchuͤſſige Pfad nur von Zeit⸗ und Geldverſchwendung zum Spiel und zum Gefallen an frohlichen Trinkgelagen gefuͤhrt, als ihn die Nach⸗ richt von dem Tode ſeines Vaters aus einem Tau⸗ mel weckte, der ſeine Grundſätze ſinnverwirrend und herzverderbend immer duͤſterer zu umnebeln begann, — 206 — Er bat um Urlaub, und eilte Tag und Nacht in das Vaterhaus zuruͤck, wo er auch noch fruͤh genug ankam, um die kalte Hand der zur Parade ausge⸗ ſtellten Leiche noch einmal an Herz und Lippe zu druͤcken, ehe ſie in die Gruft verſenkt wurde. Das Teſtament des alten Freiherrn ſprach dem älteſten Sohne den Beſitz des väterlichen Gutes zu, und verpflichtete dieſen nur, ſeinem Bruder ein Ca⸗ pital von 5000 Thlrn. und einen lebenslaͤnglichen Jahrgehalt von 200 Thlrn. zu zahlen. Emil ehrte das Andenken ſeines Vaters zu kindlich, um mit ſeinem Schatten uͤber die ungerechte Vertheilung ſeines Vermögens zu rechten, obgleich die ihm aus⸗ geſetzte Summe kaum, wie er wußte, zur Bezahlung ſeiner Schulden hinreichte, und ſein ſtolzer Geiſt ihm nicht erlaubte, fuͤr ſein kunftiges Fortkommen die Freigebigkeit ſeines Bruders in Anſpruch zu neh⸗ men. Dieſer erklaͤrte ihm wenig Wochen nach dem Tode ſeines Vaters, daß er geſonnen ſei, ſich mit ſeiner Haushälterin, einem rothwangigen, gutmuͤthi⸗ gen, uͤbrigens aber ganz unbedeutenden Maͤdchen zu verheirathen, und die Unziemlichkeit dieſer Verbin⸗ dung ward fuͤr Emil Veranlaſſung, das väterliche — 207 — Haus noch vor Ablauf ſeines Urlaubes und vor Vollziehung derſelben zu verlaſſen. Der einzige Freund, den er auf der Welt hatte, Maier, war zum Beſuch ſeiner Anverwandten nach Mecklenburg gereiſet. Er ſchrieb ihm, und geſtand ihm offenher⸗ zig ſeine Verirrungen und ſeine Reue. Maier ant⸗ wortete dem Juͤnglinge liebevoll und väterlich und bat ihn, zu ihm nach Mecklenburg zu kommen, um dort in dem Hauſe ſeines Schwagers, bei dem er zum Beſuche war, und der ihm den Auftrag gege⸗ ben hatte, Emil einzuladen, einige Wochen zuzubrin⸗ gen. Mit ungebeugtem Jugendmuthe richtete ſich Emil an der Liebe ſeines edlen Freundes zu feſten Entſchluſſen und wuͤrdigen Vorſäͤtzen auf; er ſandte Anweiſungen auf ſein Erbtheil zur Bezahlung aller ſeiner Schulden nach Kaſſel und eilte dann nach Guͤlzow, dem von Maiers Schwager bewohnten Gute. Hier wurde er mit der herzlichſten Gaſtfreundlichkeit aufgenommen, und ſchnell erloſch in ſeiner Seele das Andenken an alle die bunten, laͤrmenden Ver⸗ gnugungen, die er in Kaſſel unter ſeinen Camera⸗ den und in den Zirkeln der vornehmen Welt hatte kennen lernen, vor dem Zauber der Familienliebe und der Haͤuslichkeit, der hier eine bisher von Emil — 208 — nicht gekannte Macht über ihn uͤbte. Der einzige Sohn des Hauſes war kurzlich nach Indien gegan⸗ gen, wohin ihn eine ſeit ſeinen Knabenjahren ihn veherrſchende Reiſeſehnſucht zog, und die älteſte Tochter an einen reichen, adeligen Gutsbeſitzer, den Domainenrath von Grell, verheirathet. Eine deſto bluͤhendere Zierde des elterlichen Hauſes war die juͤngſte Tochter dieſer Familie, Emilie, die in Emils Augen Alles in ſich vereinigte, was ſeiner Phantaſie bisher als Ideal von Frauenanmuth und Frauenreize vorgeſchwebt hatte; der Umgang mit ihr ſchloß ihm eine neue Welt tiefer Empfindungen, ſußer Ahnungen und zagender Wuͤnſche auf; mit der un⸗ getheilten Macht der erſten, unentweihten Jugend⸗ ſiebe wandten ſich ihr alle Regungen ſeines Herzens zu, und auch Emilie fuͤhlte die Gewalt des Zaubers, der uͤber Beider Herz und Leben entſchied. Ihre Familie war ſehr gegen die Verbindung mit einem armen Officier, allein Maier trat als der Schutz⸗ engel ihres Gluͤckes vermittelnd zwiſchen die Eltern und die Liebenden, und ſein Anerbieten, dem jungen Paare jährlich eine Zulage geben zu wollen, die ihnen, wenn auch nur ein einfaches, doch ſorgen⸗ freies Auskommen ſicherte, räͤumte vollends alle — 209 — Schwierigkeiten aus dem Wege, und die bluͤhende, geiſt⸗ und ſeelenvolle 18jährige Emilie wurde die Gattin des gluͤcklichen 23jährigen Emil. Er fuͤhrte ſie bald nach ihrer Vermaͤhlung nach Kaſſel, wo ſie in ſeiner Liebe vollen Erſatz fuͤr die Trennung von ihrer Familie und auch dann noch Troſt fand, als ihr der Tod in dem Zeitraume weniger Jahre ihre Eltern, ihren Onkel Maier und auch ihren Erſtge⸗ bornen raubte. Emils Betragen war in jeder Hin⸗ ſicht muſterhaft; die Liebe hatte den hoffnungsvollen Juͤngling zum wackern, zuverlaͤſſigen Manne gebildet und gereift. Unausſprechlich gluͤcklich als Gatte, ward er auch als Officier von dem ganzen Regi⸗ ment geliebt unb geachtet, und, vom Gluͤck begun⸗ ſtigt, ſchon Hauptmann, als der Befehl kam, das Regiment ſolle, im engliſchen Sold, nach Amerika gehen. Vergebens bat Emil, der fuͤr ſeine Gattin die Gefahr der Reiſe um ſo mehr fuͤrchtete, da ihnen ſeit einigen Monaten die Hoffnung neuer Elternfreuden laͤchelte, ſie im Vaterlande zuruckzu⸗ bleiben und die Zeit ihrer Trennung in Mecklenburg bei ihrer Familie zuzubringen; nichts konnte ſie be⸗ wegen, den Mann zu verlaſſen, der ihr Alles, ihr einziges und hochſtes Lebensgluͤck war, und muthvoll — 210 — ſchiffte ſie ſich mit dem Geliebten ein. Die Be⸗ ſchwerden der Seereiſe, die rauhe Jahreszeit, deren Strenge ſie in dem ftemden Himmelsſtrich doppelt empfand, und dann nach der Landung die unaus⸗ ſprechliche Seelenangſt, mit der ſie während des Feldzugs fuͤr Emils Leben bangte, griffen ihre Ge⸗ ſundheit ſo an, daß ſie dem Gedanken nicht entflie⸗ hen konnte, ſie werde dem Kinde, das ſie unter ihrem Herzen trage, das Leben mit dem eigenen Tode erkaufen muͤſſen. Doch ſtatt Zerſtoͤrung ihres Gluͤckes, ward ihr Vollendung deſſelben. Unaus⸗ ſprechlich war ihre und ihres Gatten Seligkeit, als eine Tochter, das Ebenbild der Mutter, an ihrem Herzen ruhte, und Mutter und Kind Beide gleich wohl waren. Doch, ach! ſind es nicht faſt immer die Minuten der reinſten, wie Himmelsboten in das arme Erdenleben herab gruͤßenden Freudenblicke, die das Schickſal waͤhlt, die verletzendſten Schmer⸗ zenspfeile auf das im Gluͤck ſo offene Herz abzu⸗ druͤcken? Emit mußte nach kurzer Winterraſt Gattin und Kind verlaſſen, um in's Feld zu ziehen. Dunkle Ahnungen verſchatteten die Trennung der beiden Glücklichen diesmal mit banger Trauer; Emil war ein zu tapferer Mann⸗ um den des Ruhmes — 211 — durch Schlachten und Gefahr hin zu ſcheuen; allein die wackere Kampfesluſt des Kriegers ward in der Scheideſtunde von der Liebe beſiegt, und mit einer Thräne im Auge, die den Menſchen ehrte, ohne den Krieger zu entadeln, druͤckte er den Abſchiedskuß auf die Lippen ſeiner Gattin, und ſein ſuͤßes Kind, deſſen erſtes Lächeln dieſe dunkle Stunde mildernd erhellte, an ſein Herz. Bald kam die Nachricht eines ſiegreichen Gefechtes, doch Emil war gefallen⸗ Mit einer vom ganzen Heer gefeierten Unerſchrocken⸗ heit hatte er die weichenden Truppen wieder geſam⸗ melt, ſich auf den Feind geworfen und den Sieg, den dieſer ſchon erkämpft zu haben glaubte, in eine Niederlage verwandelt. Sein letzter Blick fiel auf fliehende Feinde, der letzte Erdenlaut, den er hoͤrte, war der Siegesdonner der Seinigen. Tage verſtrichen, ehe Emilie aus der dumpfen Bewufßtloſigkeit erwachte, in die die Natur, muͤtter⸗ lich ſchonend, ſie bei der erſten Nachricht von ihrem Verluſt eingehuͤllt hatte, Wochen, ehe der ſtumme, hoffnungsloſe Gram ihres gebrochenen Herzens ſich in Thränen aufloͤſte und ſie ſich zum Anerkennen der Pflicht, ihr Leben fuͤr ihr Kind ſchonen und er⸗ halten zu muͤſſen, ermuthigen konnte. Ein wuͤrdi⸗ — 2 — ger Geiſtlicher, ein Verkuͤndiger des Wortes alles Erbarmens, alles Troſtes, ſtand ihr treu zur Seite, und ihr Herz war zu fromm, als daß ſie unem⸗ pfindlich gegen die Theilnahme zu bleiben vermochte, die man ihr allgemein bewies. Der Feldherr, der ſie und ihren Gatten ſtets durch Beweiſe ſeiner Hoch⸗ achtung ausgezeichnet hatte, ſorgte auch jetzt fuͤr eine bequeme Gelegenheit, mit der Emilie nach Deutſchland zuruckgehen konnte, und gern verließ ſie einen Aufenthalt, der ihr die ſchmerzlichſten Erinne⸗ rungen immer neu vergegenwärtigte. Das Schiff, in dem ſie nach Europa zuruͤckging, war nach Ko⸗ penhagen beſtimmt, und dies beſtimmte ihren Ent⸗ ſchluß, Holſtein, das Land, wo ihr Emil geboren war, das er ſo innig liebte, deſſen freundliche, idylli⸗ ſche Naturſchoͤnheiten er ihr ſo oft mit Entzuͤcken geprieſen hatte, zu ihrem Aufenthalt zu waͤhlen. Sie ſchrieb an ihren Schwager, den Baron Gott⸗ fried Linſingen, ſobald ſie in Kiel angekommen war, und dieſer kam ſelbſt, um die nie geſehene Witwe ſeines Bruders mit gutmuͤthiger Freundlichkeit ein⸗ zuladen, einige Wochen auf ſeinem Gute zuzubringen und ſich von der Seereiſe zu erholen und mit gehö⸗ riger Sorgſamkeit einen Wohnort unter den holſteini⸗ — 213 — ſchen kleinen Städten zu waͤhlen. Er war jetzt Witwer; das als Haushälterin ſo willige und ge⸗ horſame Mädchen, dem er ſeine Hand gegeben hatte, war eine hoͤchſt herrſchſuͤchtige, launiſche, unangenehme Frau geworden, und er fuͤhlte ſich nun begluͤckt durch die Freiheit, die ihr Tod ihm zuruͤckgegeben hatte. Ein einziger Sohn, gutmuͤthig und einfaͤltig wie der Vater, roh und ungeſchliffen wie ſeine ſelige Frau Mama, war die Frucht dieſer Ehe. Emilie nahm die Einladung ihres Schwagers an, da ſie ſich des Genuſſes der Landluft und der Ruhe beduͤrftig fuͤhlte, und Wunſch und Pflicht ſie noͤthigte, fuͤr ihre Geſundheit zu ſorgen, um ihrer kleinen Dalinde die Mutter zu erhalten. Gegen den Winter zog Emilie nach Pretz. Hier in dieſem kleinen Städtchen „unter den Augen einer edlen, zaͤrtlichen Mutter, in der Umgebung einer romantiſch lieblichen Natur, in ſtiller, durch den Umgang einiger gewählten Freunde verſchoͤnerter Haͤuslichkeit erbluhete Dalinde zur reizenden Jung⸗ frau. Ohne alle Huͤlfe der Kunſt ringelte ſich ihr blondes Haar in reiche Locken; tiefblaue Augen, von langen, ſchwarzen Wimpern beſchattet, waren der Spiegel ihrer reinen Seele, waͤhrend das ſuße Lä⸗ — 214 — cheln, das um ihren Mund ſchwebte, die Liebe und Milde ihres Herzens, die ausdrucksvolle Beweglichkeit ihrer Zuge, die Lebendigkeit ihres hellen Geiſtes ver⸗ rieth. Es fehlte ihr nicht an Geſpielinnen, doch nur mit einer derſelben verband ſie jener tief geheim⸗ nißvolle Zauber, der Herz mit Herz, Geiſt mit Geiſt zum unauflöslichen Liebesbund verſchwiſtert. Caroline von Eben war die Tochter eines oͤſtreichi⸗ ſchen Generals, der fruh ſeine Gattin verloren und die Erziehung ſeines einzigen Kindes keinem edlern Weſen anzuvertrauen wußte, als ſeiner in dem adeligen Fraͤuleinkloſter zu Pretz lebenden Schweſter. Caroline fand in dieſer eine Mutter, in Dalinde eine Schweſter, allein in ihrem 15ten Jahre raubte ihr der Tod dieſe Tante, und ihr Vater kam nun, ſie nach Wien abzuholen, wo er lebte und wo ſein Reichthum Carolinen alle Annehmlichkeiten eines glänzend geſelligen, jugendlich ſicherte. Die Trennung der Freundinnen war fuͤr Caro⸗ line und Dalinde gleich ſchmerzlich⸗ Mit jugendli⸗ cher Schwarmerei ſicherten ſich Beide durch ein feier⸗ liches Geluͤbde unwandelbare Liebe und ewige Treue zu. Armes Menſchenherz, das das Freieſte und — 215 — Hoͤchſte durch ausgeſprochene Worte, wie Meeres⸗ wellen durch Zauberſpruch, feſt bannen zu koͤnnen wähnt, und es dann mit zu tiefem Schmerz und zu ſpaͤt fuͤr ſeinen Frieden erkennen lernen muß, daß die geiſtigen Elemente des Menſchendaſeins, wie die Elemente der Koͤrperwelt, aller Beſchraͤnkung ſpot⸗ tend trotzen und in ihren gewaltigen Ausbruͤchen alle Menſchenmacht als Ohnmacht offenbaren! Ein ausfuͤhrlicher Briefwechſel erhielt indeſſen beiden Freundinnen eine Gemeinſchaft des Daſeins, die ihre Liebe lebendig erhielt. Dalindens Leben blieb ſanft und ungetruͤbt im einfoͤrmigen Wechſel von Fleiß und Erholung, und Carolinens Briefe ſchil⸗ derten ihr in all dem Glanze jugendlicher Lebensfriſche den Kreis von Feſten und Ergoͤtzlichkeiten, der ihr Leben einſchloß, ohne die Sehnſucht nach aͤhnlichen Freuden in ihr zu wecken. In dieſem Zeitpunkte ward Emilie durch einen Beſuch ihres Schwe⸗ ſterſohnes, des Herrn von Grell, uͤberraſcht. Seit ſo vielen Jahren hatte ſie die Heimath verlaſſen, die ihr den ſchoͤnſten Schatz des Menſchenher⸗ zens, die Erinnerung an eine ſchuldloſe, frohe Kind⸗ heit, bewahrte; der junge Mann rief durch ſeine Er⸗ — 216 — zählungen, durch die Gruͤße, die er ihr brachte, alle dieſe ſchoͤnen Jugendbilder in ihr wach, und ihre Freude uͤber ſeinen Beſuch war ſo ruͤhrend, ſo liebe⸗ voll, daß der Vetter dadurch allein ſchon Dalindens Wohlwollen gewonnen haben wuͤrde. Allein der junge Mann war auch noch geiſtreich, unterhaltend und talentvoll; Dalinde erkannte alle ſeine Vorzuͤge mit ſchweſterlichem Wohlwollen und freundlicher, aber durchaus unbefangener Zuneigung. Einen deſto tie⸗ fern Eindruck machten ihre Reize auf den jungen Mann; er fuͤhlte, wie gluͤcklich ihn ihr Beſitz als Gattin machen werde, allein er kannte ſeine Eltern, für die es nur Einen Maßſtab zur Wurdigung aller Verdienſte gab: Geld und nur Geld. Beſonnen genug, um ſeine Neigung fur Dalinde zu bekäm⸗ pfen, ehe ſie Leidenſchaft wurde, war er doch in den Briefen an ſeine Eltern ein ſo warmer Lobredner ihrer Liebenswuͤrdigkeit, daß dieſe, dadurch beunru⸗ higt, ihm einen Auftrag gaben, der ſeine Abreiſe von Pretz beſchleunigte. Er gehorchte, und bald verblich in ſeiner fuͤr neue Eindrucke ſehr empfaäng⸗ lichen Phantaſie das Bild ſeines holden Muͤhmchens, doch blieb ſeine Gegenwart in Pretz nicht ohne Ein⸗ fluß auf ihr Schickſal; denn das Gerede, zu dem — 217 — in einem ſo kleinen Städtchen die Anweſenheit eines jungen Mannes, und ſeine ſichtliche Befliſſenheit, Dalindens Gunſt zu erwerben, Anlaß gab, brachte den alten Baron Linſingen auf den Gedanken, daß Dalinde eine recht gute Frau fuͤr ſein Soͤhnchen ſein wuͤrde. Er ſchätzte Emilie, er liebte Dalinde, vielleicht nur aus Gewohnheit, da ſie faſt die einzi⸗ gen weiblichen Weſen waren, die ihn zuweilen be⸗ ſuchten, und die Verträglichkeit, die immer zwiſchen Dalinde und dem jungen Linſingen geherrſcht hatte, weil ſich dieſer Letztere ſehr wohl befand, wenn ſie ihm die Muͤhe abnahm, ein Spiel zu erſinnen, oder einen Entſchluß zu faſſen, galt ihm fuͤr Beweis ih⸗ rer gegenſeitigen Neigung. Des Schwagers Wer⸗ bung um Dalinde uͤberraſchte Emilien, allein ſie glaubte, ſie beachten zu muͤſſen. Ein inneres, un⸗ trugliches Gefuͤhl des leiſen Verſchwindens ihrer Lebenskraft hatte ſie ſeit einem Jahre auf die Tren⸗ nung von dem geliebten Kinde vorbereitet, und herz⸗ zerreißend war ihre Sorge fuͤr Dalindens Zukunft, da ſie das 17jährige Mädchen ohne Vermogen, ohne Schutz, ohne irgend eine Ausſicht auf Verſorgung zurücklaſſen mußte. Freilich entſprach der junge Lin⸗ ſingen in keiner Art den Forderungen, die ſie an den Tarnow's Schriften. Kl. 10 — 248 — Charakter, den Geiſt und das Herz des kuͤnftigen Gatten ihrer Tochter bei einer größeren Freiheit der Wahl gemacht haben wuͤrde, allein er war gutmuͤ⸗ thig und wohlhabend, Dalindens Herz frei, ſie glaubte ſich wenigſtens verpflichtet, dieſe auf die Moͤglichkeit ihrer baldigen Trennung und auf den ſtrengen Ernſt, mit dem das Schickſal das Leben eines armen Mädchens gebunden haͤlt, aufmerkſam zu machen. Der weiche, liebevolle Ton, mit dem ſie Dalinden eine wichtige Unterredung ankuͤndigte, hatte dieſe geruͤhrt; doch mußte ſie, trotz der Thraͤ⸗ nen in ihren Augen, lachen, als ſie erfuhr, der Oheim wolle ſie mit ſeinem flachshaarigen, bengel⸗ haften, hoͤchſt unwiſſenden Sohne verheirathen. „Ich bitte Dich, liebſte Dalinde,“ nahm ihre Mutter wie⸗ der das Wort, „uberlege Dir die Sache ernſt;z ſie iſt zu wichtig, um gleich im erſten Augenblicke ſo ver⸗ werfend entſchieden zu werden. Denke an das Loos, das Dir bevorſteht, wenn Du nach meinem Tode von der Gnade Deiner Verwandten leben ſollſt. Auf die Unterſtützung Deines Onkels darfſt Du nicht hoffen, ſobald Du ihn in ſeinem Herzblatte, dem Sohne, durch eine abſchlägige Antwort kränkeſt. Meine Schweſter hat mir zwar fruͤher oft in ihren — 219 — Briefen gelobt, nach meinem Tode Mutterſtelle bei Dir vertreten zu wollen; ſo wie aber jetzt der Augen⸗ blick zur Erfuͤllung ihres Verſprechens näher zu kommen ſcheint, wird der Ton ihrer Briefe lauer, und ihre Anerbietungen und Verheißungen zweideuti⸗ ger. Wirſt Du die Kaͤlte Deiner Verwandten, wirſt Du ihre Herzloſigkeit ertragen koͤnnen, mein Kind? Und ſichert Dich irgend etwas vor der Noth⸗ wendigkeit, nach meinem Tode in einem fremden Hauſe das Brod verdienen zu muͤſſen, das Deine Verwandten Dir vielleicht zu reichen verweigern wer⸗ den?“ — Heißweinend warf ſich hier Dalinde in ihre Arme, doch war es nicht der Gedanke an ihre Zu⸗ kunft, der ſie ſo unausſprechlich betruͤbte, ſondern einzig das herzzerreißende Vorgefuͤhl der Trennung von der geliebten Mutter. Sobald Beide ſich wie⸗ der zu ruhiger Faſſung geſammelt hatten, erklärte Dalinde, ſie ſei feſt uͤberzeugt, daß Gottes Vater⸗ liebe ihr in der Zukunft nicht die Mittel verſagen werde, ihr Daſein fuͤr Andere ſo nuͤtzlich zu machen, daß das Gefuͤhl dieſer Thätigkeit ſie auch in der abhaͤngigſten Lage ſchutzen werde, ihren Geiſt durch dieſe niedergedruͤckt und ihre Seele durch ſie entadelt zu fuͤhlen. Dagegen erſcheine es ihr als unaus⸗ 10 * — 220 — weichlicher geiſtiger Selbſtmord, ſich mit einem Manne zu verbinden, den ſie ſo wenig lieben als achten koͤnne, und an deſſen Hand ſie ſich ein ta⸗ delfreies Daſein nur durch die gewaltſamſte Bekäm⸗ pfung aller zarten Weiblichkeit, die ſich ja auf das Beduͤrfniß einer Stuͤtze gruͤnde, erhalten koͤnne. „Gott iſt ja ſtets,“ ſchloß ſie, „ein ſo guͤtiger, lie⸗ bevoller Vater gegen mich geweſen; vielleicht pruͤft er mich in der Zukunft, doch verlaſſen wird er mich gewiß nicht, wenn ich fromm und gut bleibe, und der Segen meiner frommen Herzensmutter mich durch's Leben begleitet.“ — Emilie ehrte dieſe Sin⸗ nesweiſe ihrer Tochter; ſie ſchrieb noch an demſelben Tage an ihren Schwager und kleidete Dalindens Nein ſo freundlich und ſchonend ein, als ſich ein ſolches Woͤrtchen nur immer einkleiden läßt; allein der alte Herr wurde nichts deſto weniger empfinblich, und maulte ſo ernſtlich mit Mutter und Tochter, daß ſelbſt die Nachricht, ſeine Schwaͤgerin ſei bett⸗ lägerig krank, ihn nicht dahin brachte, ſie zu be⸗ ſuchen. Emiliens Todesahnung hatte ſie nicht getäuſcht; eine ſchnelle Verzehrung fuͤhrte ſie mit raſchen Schrit⸗ ten dem Grabe zu. Dalindens erſte Pruͤfung war — 221 — eine herbe, ach! die ſchmerzenreichſte, die es fuͤr ein weibliches, liebendes Herz hienieden gibt. Mag gleich der Sohn die Mutter noch ſo zärtlich lieben, ſein Daſein gewinnt doch gleich beim erſten Eintritt in die Welt eine eigne Wurzel, aber das Daſein einer noch im Elternhauſe lebenden Tochter iſt mit dem Daſein ihrer Mutter nur ein Daſein. Ein ruhig, frohes Jugendleben, wie Dalinde es bis jetzt gelebt hatte, bietet keine Gelegenheit, die Kraft der Seele zu entfalten; allein jetzt, am Krankenbette der Mutter, zerſprengte der Schmerz die Huͤlle, in der Dalindens Tugenden wie Blumen in der Knospe geruht hatte, und ſie entwickelten bei einer ſeltenen Innigkeit der Liebe und einer noch ſeltnern Tiefe des Gefuͤhls eine hohe Kraft des ſtillen Duldens und der frommen, klagloſen Ergebung in die Fuͤ⸗ gungen der Vorſehung. Emilie ſtarb in den Armen ihrer Tochter; — ihr letzter Lebenshauch war Segen und Gebet fuͤr ſie. Jetzt erſt erſchien der Onkel, um fuͤr die Beer⸗ digung ſeiner Schwägerin zu ſorgen und Dalinden ſein Haus zum kuͤnftigen Aufenthalt anzubieten; allein ſie glaubte das Anerbieten des wuͤrdigen Pre⸗ digers vorziehen zu muͤſſen, der in ſeiner Wohnung 1 1 —— fuͤr ſie ein Stuͤbchen hatte bereiten laſſen. Gleich nach dem Tode ihrer Mutter hatte ſie an ihre Tante Grell geſchrieben, und die Antwort derſelben wollte ſie abwarten, ehe ſie einen Plan fur ihr kuͤnftiges Leben entwarf. Frau von Grell zögerte mit ihrer Antwort; dafuͤr aber erhielt Dalinde einen Brief von Carolinen, mit einer Einlage des Generals, worin Beide ſie auf das Herzlichſte und Dringendſte einluden, nach Wien zu kommen und dort als Ca⸗ rolinens Schweſter bei ihnen zu leben. Dalinde fuͤhlte tief den Werth dieſes Anerbietens, allein ſie hatte an dem Sterbebette der geliebten Mutter eine zu ernſte Wuͤrdigung des Lebens gewonnen, um ſich jetzt nicht die Frage vorzulegen, ob die Theilnahme an allen Freuden und Vorzuͤgen von Carolinens Lage ſie nicht verleiten werde, die Anſpruͤche, zu denen dieſe berechtigt ſei, gleichfalls zu theilen und ſich dadurch vielleicht bei einem Wechſel des Schick⸗ ſals die Kraft zu rauben, in deren Beſitze ſie ſich jetzt fuͤhlte und die ſie, durch ihren tiefen Schmerz von allen eitten Ruͤckſichten geläutert, mit dem Ge⸗ danken verſohnt hatte, dienen und von Andern ab⸗ hängig ſein zu müſſen. Schon jetzt, in einem Zir⸗ kel von Menſchen lebend, auf deren Wohlwollen ihr die vieljährigen Bande eines freundſchaftlich geſelligen umganges Rechte gaben, empfand ſie doch ſchon den Wechſel ihrer Lage, da faſt Alle ihr, ſtatt wahrer Theilnahme, ein Mitleiden zeigten, das nur demuͤ⸗ thigen, nicht tröſten konnte. Jetzt erhielt ſie auch von ihrer Tante Antwort. Sie ſchrieb der verwai⸗ ſeten Nichte, daß ſie ihr der Mutter gegebenes Wort, ſie zu ſich nehmen zu wollen, nicht erfullen könne, weil ihr Sohn eine Neigung fur ſie gefaßt habe, die bei ihrem Anblick leicht wieder erwachen könne und die zu nichts Gutem fuͤhren wuͤrde, da er ſchon mit einem andern, ſehr reichen Maͤdchen verlobt ſei; dagegen ermahnte ſie Dalinde, Alles aufzubieten, um den Vetter Linſingen zur Erneue⸗ rung ſeines Antrages zu bewegen; es ſei ihr unbe⸗ greiflich, wie ihre ſelige Schweſter, die doch ſonſt eine ganz vernuͤnftige Frau geweſen ſei, nicht mit beiden Haͤnden zugegriſſen habe, um eine ſo reiche und ſchoͤne Verſorgung fuͤr Dalinde feſt zu halten. Sollte ſich dieſe Thorheit nicht wieder gut machen iaſſen, ſo rathe ſie Dalinden, ſich in Holſtein, wo ſie doch nun einmal bekannt ſei, nach einer Stelle als Geſell⸗ ſchafterin umzuſehen, weil es, ſo lange man jung und geſund ſei, nicht ziemlich ſei, von der Unterſtuͤzung — 224 — ſeiner Verwandten allein leben zu wollen. Die bittere Empfindung, die dieſer liebloſe Brief in Dalindens Seele goß, und der Rath ihres väterlichen Freundes, des wuͤrdigen Pfarrherrn, entſchieden ihr Schickſal: ſie nahm Carolinens Anerbieten an, und der General ſandte ſeinen alten zuverlaͤſſigen Kammerdiener, ſie auf der Reiſe nach Wien zu begleiten. Es war eine ernſte, eine ſchwere Stunde, in der Dalinde von dem Grabe ihrer Mutter ſchied, und dem Schatten der Verſtorbenen das Geluͤbde, reines Herzens, fromm und wahr bleiben zu wollen, erneuerte. Heiß weinend riß ſie ſich aus den Armen ihrer Geſpielinnen, aus dem Kreiſe, der bis jetzt ihre Welt geweſen war, los, um den Schauplatz ihrer unſchuldsfrohen Jugend wahrſcheinlich auf im⸗ mer zu verlaſſen. Allein die Reiſe, die Neuheit der Gegenſtaͤnde, die bluͤhend ſchonen Laͤnder, durch die ſie ihr Weg fuhrte, und die Zaubergewalt der Fruͤh⸗ lingsnatur üͤbten eine ſtill erheiternde Macht uͤber ſie aus, und die Liebe, mit der ſie von Carolinen, das väterliche Wohlwollen, mit dem ſie von dem alten General empfangen wurde, hellte vollends friſch und frohlich alle Lebenshoffnungen des jugendlichen Ge⸗ muͤthes auf. — 225 — Dalindens Schoͤnheit, ihre Anmuth und einfache Beſcheidenheit, erwarben ihr in dem neuen Lebens⸗ kreiſe, in den ſie eintrat, Liebe und Beifall. Das Verhaͤltniß zwiſchen Caroline und ihr erhielt ſich ungetruͤbt in geſchwiſterlicher Gleichheit und im Reize unbedingten Vertrauens. Caroline war die ſchoͤne und einzige Tochter eines ſehr reichen Vaters, und als ſolche von einer Schar von Anbetern und Be⸗ werbern umgeben. Ihr Vater wuͤnſchte ſie verhei⸗ rathet zu ſehen, allein ſie trieb mit allen ihren Lieb⸗ habern harmloſen, heitern Maͤdchenſcherz, bis ſie auf einem Feſte, das der ruſſiſche Geſandte gab, den Grafen Freeſe, einen Kurlaͤnder, ſah. Freeſe war ein ſchoͤner Mann, weltgewandt und weltverdorben, aus einer angeſehenen Familie, allein ohne Vermoͤgen. Dalinde machte einen hoͤchſt leben⸗ digen Eindruck auf ihn; er tanzte, er ſprach vor⸗ zugsweiſe mit ihr und ließ ſich in der Abſicht, in dem Hauſe, wo ſie lebte, Zutritt zu gewinnen, dem General und Carolinen vorſtellen. Er fand bei Beiden eine verbindliche Aufnahme und ward bald ein gern geſehener, täͤglicher Gaſt im Ebenſchen Hauſe. Dem ſieggewohnten Weiberkenner entging die Neigung nicht, die ſtill, aber mächtig in Caro⸗ — 226 — linens Herzen von Tag zu Tag heller fuͤr ihn er⸗ gluhete; in ſeinem Gemuͤth und in ſeinen Grund⸗ ſatzen war nichts, was einen Kampf zwiſchen ſeiner Leidenſchaft fuͤr Dalinde und ſeinem Eigennutze hätte veranlaſſen können. Reichthum und ſinnlicher Le⸗ bensgenuß waren die Idole ſeines Lebenszweckes, und Carolinens Beſitz ſicherte ihm dieſe. Fein und allmaͤhlig zog rr ſich von Dalinden zuruͤck, um ihrer Freundin zu huldigen, und das Entzuͤcken, mit dem Caroline ſich unbedingt der ſeligen Täu⸗ ſchung hingab, von ihm geliebt zu ſein, fuͤhrte ihn ſchnell zum Ziel. Sie ward ſeine Braut, eine heiß⸗ liebende und ſehr gluͤckliche Braut. Dalinde nahm mit ganzer Seele Theil an ihrem Gluͤcke, und Freeſe war ihr jetzt als der Verlobte ihrer Freundin zehnmal theurer, als er ihr ſonſt je in irgend einer perſoͤnlichen Beziehung auf ſie hätte werden können. Der alte General war ganz Wonne und Gluͤck, daß ſeine Caroline, die ſo viele Bewerbungen achtungs⸗ werther Maͤnner zuruͤckgewieſen, nun endlich gewählt hatte, und verſicherte allen Menſchen, die er ſprach, daß er nie einen ihm liebern Schwiegerſohn hätte erhalten können. Des Grafen Betragen gegen ſeine Braut war voll feiner Schmeichelei und Achtſamkeit, — 227 — allein fuͤr den abgeglaͤtteten Weltmann war doch die Aufgabe zu ſchwer, täglich, ja faſt ſtuͤndlich, ein Maͤdchen vor ſich zu ſehen, die alle Macht der Leidenſchaft in ihm entflammt hatte, und dieſe Gluth vor dem Auge der ſpaͤhenden Liebe ſo zu verhuͤllen, daß kein Argwohn in ihr erwache. Dalinde ſelbſt blieb unbefangen und ihr reines Herz ohne Argwohn, daß der Verlobte der Freundin ihres Herzens fuͤr ſie von ſtrafbarer Leidenſchaft entflammt ſei, allein Carolinens Laune wurde nach einigen Wochen unge⸗ truͤbten Gluͤckes ungleich. Dalinde fand ſie einige Mal mit roth geweinten Augen, und ſo ſorgſam ſie auch in ihres Vaters und in des Grafen Gegenwart ihre ehemalige Heiterkeit zu behaupten ſuchte, ſo konnte es dieſer doch nicht entgehen, daß ihr Froh⸗ ſinn nur erzwungen war und daß ſie alles Alleinſein mit ihr zu vermeiden begann. Vergeblich drang Dalinde in ſie, ſich ihr zu entdecken, vergeblich flehete ſie mit Thränen der innigſten Theilnahme um ihr Vertrauen; ſie entfloh dann ſchweigend Dalindens Bitten und ſchloß ſich Stunden lang in ihrem Zim⸗ mer ein. In dieſem Zeitpunkte ſtarb ein Verwandter des Grafen, deſſen Jugend und Geſundheit dieſem nie — 228 — die Hoffnung verheißen hatte, ſein Erbe werden zu koͤnnen, und die Verlaſſenſchaft deſſelben machte ihn jetzt unerwartet ſo reich, daß das Band, mit dem der Eigennutz ihn an Carolinen gebunden hatte, ſehr dadurch gelockert wurde. Er hoöͤrte auf, ſeine Blicke zu bewachen, und auf einem Balle, wo er mit bei⸗ den Freundinnen erſchien, zeichnete er Dalinde eben ſo ſichtlich aus, als er Caroline vernachläſſigte, die er, nachdem er den erſten Tanz pflichtmaͤßig mit ihr getanzt hatte, ſich ſelbſt uͤberließ, nur Sinn und Auge an Dalindens Schoͤnheit zu weiden, deren Grazie und Tanzfertigkeit ſie zur Koͤnigin des Bal⸗ les machte. Ein giftiger Schmerz legte ſeine Nat⸗ tern an Carolinens Herz, ihre blinde Leidenſchaft fuͤr Freeſe verleitete ſie, ihn auf Koſten Dalindens zu rechtfertigen, und mit einer Empfindung, deren ſcharfe, ſchneidende Kaͤlte ſie ſelbſt Haß der ehemals ſo geliebten Freundin nennen mußte, ſchuͤtzte ſie ein Uebelbefinden vor und forderte ihren Wagen. Aengſt⸗ lich um ſie beſorgt, folgte ihr Dalinde, als ſie nach Hauſe kamen, auf ihr Zimmer, doch mit beleidigender Haͤrte wies Caroline jede ihrer Dienſtleiſtungen zu⸗ ruck, und als Dalinde ihr mit der innigſten Zärtlichkeit um den Hals fiel und ſie mit den ſuͤßeſten Worten — 229 — beſchwor, ihr ihr Herz zu oͤffnen, da gebot ſie ihr im Ton einer Gebieterin, ſie zu verlaſſen und nicht wieder ungerufen bei ihr zu erſcheinen. In Dalindens Herzen wallte bei dieſem Tone, bei dieſen Worten ein Gefuͤhl auf, das ſie fruͤher nie gekannt hatte; es war nicht allein die Kränkung der verſchmaͤheten, zuruͤckgewieſenen Liebe, ſondern auch eine Regung des empoͤrten Stolzes, vermiſcht mit dem Schrecken uͤber eine eben ſo unerwartete als unverdiente Haͤrte. Sie kämpfte ſchnell dieſe Aufwallung nieder, denn lebhaft trat es vor ihre Seele, was Caroline ihr bis zu dieſer finſtern Stunde geweſen ſei und welche unbegrenzte Dankbarkeit ſie ihr ſchuldig war; aber ſie vermochte nichts zur Be⸗ ſänftigung Carolinens zu ſagen. Betruͤbt wuͤnſchte ſie ihr eine gute Nacht und verließ ſie; doch der Schlaf floh Beider Lager, und ſchwer wuͤrde es zu entſcheiden ſein, welche von Beiden die Ungluͤcklichſte im Laufe dieſer ſchlafloſen Nacht war. Dalinde vermochte ſich Carolinens Betragen nicht zu erklaͤren, nicht zu erſinnen, wodurch ſie dieſelbe erzuͤrnt haben könne, da ihr Bewußtſein rein, wie der Friede ihrer Seele, war. Sie beſchloß, Carolinens Laune — denn — 230 — dafuͤr mußte ſie ihre Verſtimmung halten — mit unuͤberwindlicher Geduld und Liebe zu ertragen, und ſo in ſanfter Ergebung den Zeitpunkt abzuwarten, wo ſich ihr das Herz und das Vertrauen der Freun⸗ din wieder zuwenden werde. Doch nur zu bald ſollte Dalinde die Erfahrung machen, daß ihr das herbe Loos gefallen ſei, un⸗ verſchuldet die Schuld tragen zu muͤſſen, daß das Gluͤck der Freundin ein Raub des Wankelmuthes und des ſittlichen Unwerthes zu werden drohe. Als ſie am Morgen des nächſten Tages im Fruͤhſtuͤcks⸗ zimmer war, trat der Graf ein, und da er ſie allein ſah, zog er einen Brief hervor, den er ſie mit be⸗ wegter Stimme anzunehmen bat. Ehe ſie ihm zu antworten vermochte, war er verſchwunden; ſie glaubte, der Inhalt deſſelben werde einen Bezug auf Carolinen habenz allein zu ihrem Schrecken fand ſie folgende Zeilen: 1 „Zagend und in dem vernichtenden Gefuhl, gegen die Macht der Liebe gefrevelt zu haben, nahe ich mich Ihnen, gnädiges Fräulein, deren Ach⸗ tung mir theurer iſt, als das Leben, und deren Tadel ich wie das härteſte Ungluͤck furchte. Abe — 231 — ich vermag dieſen ſchmerzlichen Kampf meines Herzens nicht länger zu verbergen, und wie vor einer, mir ſichtbar gewordenen Gottheit erſcheine ich vor Ihnen, mein Schickſal ihrem Ausſpruch zu unterwerfen. Wo ſoll ich aber Worte finden, Ihnen die Schmach zu bekennen, daß ich nicht allein eine Liebe, die ich als einen Schutzgeiſt meines Gluͤckes hätte verehren ſollen, als eine leichte Verirrung meines Herzens bekaͤmpfen zu konnen geglaubt habe, ſondern in dieſer unſeligen Verblendung ſo weit gegangen bin, um die Hand eines Maͤdchens zu werben, deſſen Verdienſte ich keineswegs verkenne, deſſen Reize aber nie Ein⸗ druck auf mein Herz gemacht haben.“ „Ich liebe Sie, Sie allein, holdſelige Da⸗ linde, von dem Augenblicke an, wo ich Sie zuerſt erblickte; allein, ein Sklave der Welt und der in ihr geltenden Anſichten, ſah ich in der Ehe nur eine Feſſel, die wenigſtens vergoldet werden mußte, wenn ſie mir erträglich ſcheinen ſollte. Fraͤulein von Eben war die Erbin eines großen Vermoͤ⸗ gens, viele Maͤnner hatten um ihre Hand ge⸗ worben, keiner ihr Herz zu ruͤhren vermocht; mir kam ihr Herz entgegen, meine Eitelkeit gefiel ſich — 232 — in dem Eindrucke, den ich auf ſie machte; wir wurden verlobt. Aber nun ſah ich Sie täglich in all der Traulichkeit eines haͤuslichen Verhält⸗ niſſes, und der Zauber Ihrer Schoͤnheit, Ihre holdſelige Anmuth und alle die unnennbaren Reize, die nur Ihnen, anbetungswuͤrdiges Maͤdchen, eigen ſind, fachten eine Leidenſchaft, mit der ich ver⸗ meſſen ſpielen zu koͤnnen gewähnt hatte, zur un⸗ widerſtehlich mäͤchtigen Flamme an. Die Liebe zu dem edelſten Maͤdchen mußte meine Seele von allen un⸗ wuͤrdigen Trieben laͤutern und ich es einſehen lernen, wie unedelmuͤthig es ſei, Carolinen Freiheit und Ver⸗ moͤgen zu rauben, da ich ihr kein Herz zur Ver⸗ geltung anzubieten hatte. Entſchloſſen, das Band, das mich an ſie feſſelte, zu zerreißen, ehe es un⸗ auflöslich geknuͤpft war, ſuchte ich durch Kälte ſie zu erkälten, aber in eitler Verblendung glaubte ſie durch deſto innigere Zärtlichkeit ein Herz gewinnen zu können, das ich nicht mehr mein nannte. Ich verſuchte nun den General durch ein falſches Ge⸗ ſtandniß von dem Verluſt meines Vermögens ge⸗ gen unſere Verbindung einzunehmen; allein er er⸗ *glärte mir, daß er nur das Gluͤck ſeiner Tochter wuͤnſche; ihr Herz habe mich gewaͤhlt und er ſei — 233 — reich genug, um auf das Vermogen des Mannes ihrer Wahl keine Ruͤckſicht nehmen zu duͤrfen.“ „Jetzt kann mir, jetzt kann Carolinen nur von Ihnen Rettung kommen. Sie liebt mich mit ſo blinder Leidenſchaft, daß es leicht iſt, ſie zu taͤuſchen, und daß ſie ſich als meine Gemahlin noch immer gluͤcklich traͤumen wird, wenn gleich mein Herz nur fuͤr Sie, goͤttliche Dalinde, ſchlaͤgt, ewig nur fuͤr Sie ſchlagen wird und keine Feſſel der Convenienz mich je abhalten kann, nur fuͤr Sie zu leben und mein ganzes Streben darauf zu richten, Sie mit ihrem Looſe zufrieden zu ſehen. Dalinde! nur einen Schimmer der Hoff⸗ nung gönnen Sie mir, Ihnen nicht ganz gleich⸗ guͤltig zu ſein, und ich will die ſchweren Feſſeln dieſer Heuchelei um Ihretwillen mit Anſtand tra⸗ gen, oder ſie auch gewaltſam zerreißen, um von Ihnen allein die Entſcheidung meines kuͤnftigen Schickſals zu erwarten. Zuͤrnen Sie mir nicht, verſtoßen Sie mich nicht, und denken Sie daran, ehe Sie entſcheiden, daß nicht allein das Gluͤck und das Ungluͤck meines Lebens unwiderruflich an Ihre Entſcheidung geknuͤpft iſt, ſondern das Gluͤck — 234 — und Ungluͤck der ganzen Familie, in der Sie le⸗ ben; denn nur Hoffnung allein vermag mich zu bewegen, Carolinens Illuſionen zu ehren.“ Dieſer unheilvolle Brief brach Dalindens Herz in Scham und Unmuth, in Demuͤthigung und Be⸗ truͤbniß. Gerechtfertigt ſtand jetzt Caroline vor ihr. Sie, die ſie mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatte, die ſie, als ſie verlaſſen und verwaiſet war, wie eine Schwe⸗ ſter bei ſich aufgenommen hatte, vergiftete zum Lohn, wie eine im Buſen erwärmte Schlange, ihr ganzes Lebenegluͤck; ſie raubte ihr das Herz des Mannes, den Caroline ſo unausſprechlich liebte! — Unwiſſent⸗ lich freilich hatte Dalinde, wie die ſtrengſte Nach⸗ forſchung im eigenen Buſen ſie deſſen verſicherte, dies Unglüͤck veranlaßt; nie war in ihrer Seele nur eine Ahnung der frevelhaften Leidenſchaft geweſen, die der Graf ihr in ſeinem Briefe bekannte, und doch haßte ſie ſich ſelbſt, doch hätte ſie ſich ſtrafen moͤgen. und was ſollte ſie jetzt thun, wozu ſich entſchließen? Gewiß verdiente der Mann, der einen ſolchen Brief ſchreiben konnte, nicht Carolinens Gatte zu werden, und ſie war ſchon im Begriff, zu dieſer zu eilen, um ihn ihr mitzutheilen und ihr die Beantwortung — 235 — deſſelben zu uͤberlaſſen; allein wenn ſie dann wieder bedachte, wie innig dieſe den Treuloſen liebte, was ſein Verluſt ſie koſten wuͤrde, und wie es ihr bei ſo viel Schoͤnheit, Geiſt und Guͤte doch noch gelingen könne, ja gelingen muͤſſe, ſein Herz zu ruͤhren, ſobald nur ſeiner Leidenſchaft fuͤr eine Andere jede Hoffnung geraubt werde, ſo erſchien es ihr vortheil⸗ hafter fuͤr Carolinens Gluͤck, ſie in ihrer Unwiſſenheit zu erhalten. Bleiben durfte ſie aber nicht in ihrer Maͤhe; Caroline hatte ſo viel fur ſie gethan, kein Opfer fur ihre Ruhe, ihren Frieden konnte Dalinden zu groß erſcheinen. Sie ſchrieb an Graf Freeſe wenige, aber erſchuͤt⸗ ternde Worte des Unmuths und der Trauer uͤber eine Verirrung, die auf Carolinens Zukunft einen dunklen Schatten werfe, wie ſie ihr eignes Geſchick finſter umnachte, und dann, mit heißen Thraͤnen und ſchwerem Herzen, an Carolinen, um dieſer ein hochſt ſchmerzliches Lebewohl zu ſagen. Die Kälte, die ſie in der letzten Zeit gegen Dalinde gezeigt hatte, diente ihr zum Vorwand ihrer Entfernung. Aus innigſter Seelenfulle dankte ſie ihr und ihrem Vater fur alle ihr bewieſene Großmuth und Liebe, und verſicherte ihr, — — daß keine Zeit und keine Entfernung je das Bild der unerſetzlichen Freundin ihrer ſchoͤnſten Lebensjahre in ihrem Herzen verbleichen werde, und beſchwor Carolinen, gegen ſie gerecht zu bleiben, wie ſie ſtets treu gegen ſie geweſen ſei und bis zum letzten Athem⸗ zuge ſein werde. Dann packte ſie ſchnell ihre Kleider zuſammen, ließ einen Miethwagen kommen, warf ſich hinein und befahl dem Kutſcher, nach der Vorſtadt zu fah⸗ ren und dort vor dem erſten Hauſe, in dem Zim⸗ mer zur Miethe ausgeboten waren, zu halten. Sie fand gleich was ſie ſuchte, und das zu ihrem Gluͤck, in dem Hauſe einer rechtlichen, kinderloſen Kaufmannswitwe, die einen kleinen Handel mit Band und Stickereien trieb. Ihr erſtes Geſchäft war nun, an ihre Tante und an ihren Onkel zu ſchrei⸗ benz allein ſie fuhlte ſelbſt, daß die Dunkelheit, in die ſie die Urſache ihrer Trennung von Carolinen huͤllen mußte, ihren Briefen an Beide etwas Ge⸗ zwungenes gab, das wahrſcheinlich einen fur ſie unguͤnſtigen Eindruck machen wuͤrde. Doch ſie wollte ja von ihnen keine Unterſtuͤtzung, ſie bat nur, ihr in irgend einer achtungswerthen Familie Norddeutſchlands — 237 — eine Stelle als Erzieherin oder Geſellſchafterin zu verſchaffen, da ſie nicht in Wien und ſeiner Umge⸗ gend bleiben konnte, ohne ſich der Gefahr, von dem Grafen entdeckt zu werden, auszuſetzen. Carolinens ehemals ſo ſanftes und reines Herz war jetzt von dem Natterbiß der Eiferſucht ſo ver⸗ giftet, daß ſie ſich uͤber Dalindens Entfernung zu freuen und die Freundin ihrer Jugend unbekuͤmmert einem Schickſal zu uͤberlaſſen vermochte, deſſen ge⸗ fahrvolle Unſicherheit ihr doch nicht verborgen bleiben konnte. Sie uͤbergab ihrem Vater Dalindens Brief, und behauptete gegen ihn, ſich keiner Veraͤnderung ihres Betragens gegen ſie bewußt zu ſein, obgleich dieſe Verſicherung auf Dalindens heimliche Entfer⸗ nung ein ſehr zweideutiges Licht werfen mußte. Wie peinvoll wurde aber ihre innere Herzensqual, als die Stunde, in der der Graf täglich zu ihr kam, ver⸗ ſtrich, ohne daß er erſchien! Der Argwohn eines Zuſammenhanges ſeines Außenbleibens mit Dalindens Verſchwinden lag ihr zu nahe, um ihn nicht zu faſſen; allein die himmliſche Gewalt der Unſchuld und der Wahrheit fiel, wie ein Sonnenſtrahl durch Nebelgewoͤlk, in ihr Gemuͤth und ſie mußte ſich geſtehen, daß die Unbefangenheit in Dalindens Be⸗ — 238 — tragen gegen den Grafen ihr nie Anlaß gegeben habe, ſie eines Einverſtändniſſes mit dem Grafen ſchuldig zu halten; die Bilder ihrer gemeinſchaftlich verlebten Kinderjahre zogen in anmuthigen Reihen bei ihr voruͤber; wie ſanft, wie fromm, wie wahr war ihr Dalinde ſtets erſchienen, und wie hatte ſie ſich von ihr ſo treu, ſo innig geliebt gefuͤhlt! — Carolinens Augen wurden naß, ihr beſſeres Selbſt erwachte, ſie fuͤhlte, wie hart, wie unedel ſie Dalinde be⸗ handelt habe, und wie grauſam es ſei, ſie jetzt ſo ſorglos dem Zufall zu uͤberlaſſen. Sie beſchloß, den Miethkutſcher holen zu laſſen, der Dalinde ge⸗ fahren hatte, um von ihm zu erfragen⸗ wohin er ſie gefuͤhrt habe, und ſie dann an dem gewaͤhlten Zufluchtsorte aufzuſuchen. In dieſem Augenblicke trat aber ihre Kammerjungfer herein. Liſtig und verſchlagen, wie es Mädchen dieſes Standes oft ſind, war ſie neugierig, die Urſach von Dalindens plötzlicher Entfernung und von den Thränen ihres Fraͤuleins, die ſie oft, wenn dieſe ſich unbemerkt glaubte, hatte fließen ſehen, zu erfahren, und warf nun die Aeußerung hin, wie ſehr ſie es bedaure, daß Fräulein Linſingen ſo ſchlechtes Wetter zu der Reiſe habe, die ſie ſo ſchleunig und unerwartet — 239 — mache; indeſſen, der Herr Graf begleite ſie ja wohl, und der werde es gewiß an der noͤthigen Sorge fuͤr ihre Geſundheit und ihre Bequemlichkeit nicht fehlen laſſen. Dieſe Worte waren ein Dolchſtoß fuͤr Caro⸗ linens Herz; ſie ſank halb ohnmächtig in's Sopha zuruͤck, und verrieth der Zofe vollens das von dieſer ſchon halb errathene Geheimniß ihrer Eiferſucht. Dieſe erzaͤhlte ihr dagegen, wie ſie, als ſie geſtern durch das Fruͤhſtuͤckszimmer gegangen ſei, geſehen habe, daß der Graf Dalinden einen Brief gegeben habe, der hoͤchſt wahrſcheinlich die Verabredung zu ihrer Flucht enthalten habe, denn eine Stunde vor ihrer Abreiſe habe ſie durch Johann dem Grafen auch noch wieder ein Billet geſandt. Caroline durchweinte eine ſchlafloſe Nacht, und als ſie am Morgen einen Brief von dem Grafen erhielt, in dem er ihr in ſehr kuͤhl hoöͤflichen Ausdruͤcken meldete, daß ein un⸗ erwarteter Vorfall ihn nöthige, auf einige Tage zu verreiſen, ſchien ihr ihr Ungluͤck entſchieden, und ſie trauerte eben ſo tief als hoffnungslos uͤber den Ver⸗ luſt eines Mannes, den ſie mit eben ſo blinder als grenzenloſer Leidenſchaft liebte. Dalindens Brief hatte den Grafen fuͤr den Au⸗ genblick wirklich erſchuͤttert; er fuͤrchtete, ſie ſei ihm — 240 — verloren, und unfaͤhig, in dieſen Stunden des Kam⸗ pfes und der aufbrauſenden Leidenſchaftlichkeit vor Carolinen zu erſcheinen, waͤhlte er den Ausweg, eine Reiſe vorzuſchuͤtzen, um ihr auszuweichen. Er bot Alles auf, Dalindens Spur aufzufinden; es war in der erſten Aufwallung ſein Vorſatz, ihr, wenn er ſie finde, ſeine Hand zu geben; allein als er einige Tage bei ſchlechtem, naßkaltem Wetter umhergeritten und gefahren war, ohne ſie zu finden, ward er wie⸗ der kuͤhler und beſonnener, und fing an einzuſehen, daß es fuͤr einen Mann, wie er, doch eigentlich nur eine recht romanhafte Thorheit ſein wuͤrde, die Erbin einer Million aufzugeben, um einem ganz armen Geſellſchaftsfraͤulein ſeine Hand zu reichen. Er fand Caroline krank, als er nach ſeiner Zu⸗ hauſekunft zu ihr ging, allein die Freude uͤber ſeine Ruͤckkehr wurde fuͤr ſie zur herzſtärkenden Arznei, und es gelang ihm nur zu leicht, ihre Zweifel an ſeiner Treue und ſeiner Liebe durch die erdichtete Etzählung von einem unglͤcklichen Freund, deſſen Rettung aus einer dringenden Gefahr ſeine eilige Reiſe nothwendig gemacht hatte, zu beſiegen. Mit anſcheinender Verwunderung hoͤrte er die Nachricht von Dalindens Verſchwinden, die ihm der General — 241 — in ſeiner gutmuͤthigen Argloſigkeit gleich als die wichtigſte Neuigkeit mittheilte; durch dieſe erheuchelte Gleichguͤltigkeit vollig beruhigt, willigte Caroline lie⸗ bevoll in ſeine dringenden Bitten um die Beſchleuni⸗ gung ihrer Vermaäͤhlung, und nach drei W war ſie ſeine Gemahlin. Dalindens Schickſal war deſto truͤber und freu⸗ denloſer. Ihre Tante hatte an Carolinen geſchrieben, um von ihr die Veranlaſſung zu Dalindens Entfer⸗ nung aus ihrem Hauſe zu erfragen, und dieſe hatte, ohne ſie gerade anzuklagen, doch um ſich zu rechtfer⸗ tigen, in einem Tone geantwortet, der auf Dalindens Betragen und Charakter ein zweideutiges Licht bei der zu werfen vermochte, die nur nach einem Vor⸗ wand haſchte, ſich mit einigem Schein des Rechts von aller Pflicht gegen ſie frei ſprechen zu können. Dalinde empfing, als Folge von Carolinens Aeuße⸗ rung uͤber ſie, einen Brief von ihrer Tante, in dem ſie ihr unter den harteſten Vorwuͤrfen allen Bei⸗ ſtand verſagte, und es ihr verbot, ſich kuͤnftig an ſie zu wenden. Der Brief an ihren Onkel hatte, wie ihr der Vetter meldete, dieſen nicht mehr unter den Lebenden gefunden. Das huͤlfloſe, ganz ver⸗ laſſene Mädchen ſah ſich nun allen Schreckniſſen Tarnow's Schriften. RI. 11 — 242 — der Armuth preis gegeben; doch die Vorſehung hatte ſie in das Haus einer ſehr braven Frau gefuͤhrt, deren Zuneigung ſie bald durch ihre Eingezogenheit, ihre ſtille Trauer und ihre Freundlichkeit gewann. Dalinde erhielt durch ihre Vermittelung mehrere Beſtellungen auf feine Handarbeiten und Stickereien, und verlebte ſo in ſtrenger Arbeitſamkeit und tiefer Eingezogenheit Tage, deren Schuldloſigkeit, bei der frommen Ergebung, mit der ſie dieſen Wechſel ihrer ehemals an Freuden und Bequemlichkeit ſo reichen Lage ertrug, ihr Engel in Has Buch ſchimmerloſer, nur von Gott gekannter Tugenden eintrug. Ihre Seele kraͤftigte ſich in dieſer Schule der Entbehrung und der Pruͤfung, allein ihre Hauswirthin, Frau Selby, bemerkte zu ihrem Leidweſen, daß ſie ihre bluͤhende Farbe verliere, und wie eine dem Licht entzogene Roſe kränkelnd zu verbleichen beginne. Der ſtille Herzenskummer, der namenloſe Schmerz, ſich bei innerm Reichthum der Liebe, bei dem tiefgefuhl⸗ teſten Beduͤrfniſſe, ſich anzuſchließen, ganz vereinzelt zu fuͤhlen, der Mangel an Bewegung und friſcher Luft, die ſitzende Lebensweiſe bei der Entbehrung der Stärkung, die der trauliche Umgang mit gleichgeſinn⸗ ten, gleichgebildeten Menſchen zu gewähren vermag; — 243 — Mangel, Sorge, Alles dieſes vereinte ſich, Dalin⸗ dens Geſundheit ſo zerſtörend anzugreifen, daß die Kraft ihrer Seele vergeblich dagegen ankämpfte, und nach einigen Monaten war ſie ſo matt und ange⸗ griffen, daß ſie faſt täglich einige Stunden, unfaͤhig zu jeder Beſchaͤftigung, auf dem Bette ruhend, zu⸗ bringen mußte. Leiſe, wie eine der Nahrung er⸗ mangelnde Flamme, begann ihr Daſein zu verloͤ⸗ ſchen, und mit klagloſer wehmuthsvoller Ergebung fuhlte ſie, um deren Verluſt Keiner trauern und die Keiner vermiſſen wuͤrde, ſich dem Tode geweiht. In dieſer Zeit erhielt Frau Selby einen Beſuch von dem Baron Stein, deſſen Amme ſie geweſen war, und der, wenn er von ſeinen Guͤtern, wo er lbte, nach Wien kam, ſtets ſelbſt zu ihr ging, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ſie durch ſeinen Anblick zu erfreuen. Diesmal fand er die gute alte Frau ſo betrubt, daß er mit wahrer Theil⸗ nahme nach der Urſache forſchte. Sie etzählte ihm nun von dem jungen, engelſchönen Fraͤulein, das, von Gott und der ganzen Welt verlaſſen, ſeit bei⸗ nahe einem Jahre in ihrem Hauſe lebe, und wie es Tag und Nacht arbeite, ſich ſein Bißchen Brod zu erwerben, und nun ſo ſtill und langſam dahin 11 — 244 — welke und gewiß ſterben muͤſſe, wenn es nicht bald andere Pflege, als ſie ihr zu verſchaffen vermoͤge, und einen Arzt erhalte. Der Baron ſprach den Wunſch aus, Dalinde ſelbſt zu ſehen und was ſie jedem andern jungen Manne verſagt haben wuͤrde, konnte ſie ihm, der als Kind ihr Herzblättchen ge⸗ weſen und es ſtets geblieben war, nicht abſchlagen. Sie ging zu Dalinden hinauf, ihr ihn als einen Herrn anzumelden, der bei ihr die Stickerei zu einem Hofkleide zu beſtellen wuͤnſche, und da dieſe ſie be⸗ fremdet uͤber einen ſo ungewoͤhnlichen Antrag miß⸗ villigend anſah, verſicherte ſie ihr hurtig, der Baron ſei ein ſo guter, ſo lieber Herr, daß ſie es gar nicht verweigern duͤrfe, ihn zu ſehen, und ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte ſie hinunter, ihn zu ho⸗ len. Sie oͤffnete ihm die Thuͤr; hocherröthend und mit einem Anflug von Unwillen erhob ſich Dalinde von ihrem Sitze und ſtand nun ſo ſtolz und edel ernſt vor dem Eintretenden, daß er uͤberraſcht ehr⸗ furchtsvoll ſein Eintreten entſchuldigte. Ohne auf dieſe Entſchuldigung Ruͤckſicht zu nehmen, fragte Dalinde nach dem Auftrage, den er ihr in Bezug auf ihre Stickerei zu geben habe; er aber druͤckte ihr, ſtatt ihre Frage zu beantworten, mit eben ſo viel — 245 — Feinheit als Anſtand ſein Erſtaunen aus, ein junges Fräulein, wie ſie, in einer Lage, wie die ihrige, zu ſehen, und bat ſie, ihm das Gluͤck zu goͤnnen, ihr ſeine ehrfurchtsvolle Theilnahme an ihrem Ge⸗ ſchick beweiſen zu durfen. Wuͤrdevoll dankte ſie ihm mit wenig Worten fuͤr eine Gute, von der ihre Lage ihr nicht Gebrauch zu machen vergöͤnne, und fuͤhrte das Geſpräch augenblicklich auf die Stickerei zuruͤck. Er erbat ſich, das Muſter zu derſelben morgen ſelbſt bringen zu duͤrfen, allein Dalinde un⸗ terſagte dies, weil er als Mann von Ehre gewiß ſelbſt fühle, daß ihm ſo wenig dieſe Bitte als ihr die Gewaͤhrung derſelben gezieme. Ehrerbietig ſich vor ihr neigend, nahm er Abſchied, mit der Verſi⸗ cherung, das Muſter morgen durch Frau Selby ſenden zu wollen⸗ Sinnend blieb Dalinde zuräck. Das edle, zart⸗ finnige Benehmen des Barons hatte einen wohlthu⸗ enden Eindruck auf ſie gemacht und es ſchmerzte ſie, vem Anſtande das Opfer bringen zu muͤſſen, ihn nicht wieder zu ſehen. Frau Selby unterhielt ſie den ganzen Abend von der Jugendgeſchichte des Barons und wie guͤtig, wie milde er gegen ſeine Unterthanen — 246 — ſei, und wie großmuͤthig gegen Arme, und nie war ihr ein Abend ſchneller und angenehmer verſtrichen. Der Baron war in jeder Hinſicht einer der aus⸗ gezeichnetſten Maͤnner. Hoch⸗ und edelgeſinnt, eben ſo liebenswuͤrdig an Geſtalt als an Sitte, hatte er auf Univerſitäten und Reiſen ſeinen Geiſt gebildet, ſein Herz unentweiht bewahrt und ſeinen Charakter gereift. Sein Wunſch, Dalinde zu ſehen, entſprang aus rein menſchenfreundlichem Wohlwollen fuͤr eine verlaſſene Ungluͤckliche; allein ihre Schoͤnheit, die Wuͤrde ihres Benehmens, ihr feingebildeter Anſtand und der unverkennbare Ausdruck wehmuthsvoller Trauer in ihren ſeelenvollen Blicken machten den tiefſten Eindruck auf ſein Herz. Er konnte nichts denken als ſie, und durchwachte die Nacht, die die⸗ ſem Tage folgte, unter Entwerfung von Planen, dieſem ſo anziehenden, durch ſeine Vereinzelung man⸗ nigfachen Gefahren ausgeſetzten Weſen Schutz und Huͤlfe zu verſchaffen. Er gedachte ſeiner Tante, der Baronin Holſtein, deren Menſchenliebe und Gute er kannte, und eilte fruͤh am Morgen zu ihr, ihr ſein geſtriges Zuſammentreffen mit! Dalinden zu erzählen und fuͤr ſie den Schutz der wuͤrdigen Frau zu erbitten. Sie verſprach ihm, ſie noch — 247 — im Verlauf des Tages beſuchen zu wollen, und wenn ſie finde, daß ihre Schönheit ihn zu keiner blinden Parteilichkeit verleitet habe, ſich ihrer anzu⸗ nehmen und fur eine angemeſſene Verbeſſerung ihrer Lage zu ſorgen. Die Baronin hielt Wort, die huld⸗ volle Guͤte, mit der ſie ſich Dalinden nahte, ge⸗ wann ihr ſchnell Dalindens Vertrauen, und gewonnen durch die Liebenswuͤrdigkeit ihres Weſens, geruͤhrt durch die Sanftmuth und den Frieden, den ihr, in der ungetruͤbten Schuldloſigkeit ihres Bewußtſeins, der kindlich fromme Aufblick zu Gott erhielt, bot ſie Dalinden ihr Haus und ihren muͤtterlichen Schutz an. Die Empfindung, mit der Dalinde dies Aner⸗ bieten annahm, laͤßt ſich nicht beſchreiben; doch ge⸗ wiß ſpiegelt ſich der Strahl der Freude ſo himmelrein nur auf dem dunklen Grunde eines kummervoll ver⸗ ſchatteten Lebens ab. Ruͤhrend war Dalindens Abſchied von ihrer gu⸗ ten Wirthin, und ſo herzlichen Antheil dieſe auch an dem frohen Schickſalswechſel ihres holden Pfleg⸗ lings nahm, ſo aufeichtig betruͤbte ſie doch die Tren⸗ nung von Dalinden, und nur das Verſprechen, das ſie ihr gab, ſie jedes Mal zu beſuchen, wenn ſie mit der Baronin, die nahe bei Wien auf dem Lande — — lebte, nach der Stadt komme, vermochte ſie zu troͤſten. Wunderbar ſchnell erbluͤhete Dalinde in ihrer neuen Lage wieder zu Heiterkeit und Geſundheit. Die Baronin ſuchte und fand gleich in den erſten Tagen ihres Zuſammenſeins Gelegenheit, mit ihr uͤber ihre Erziehung, ihre Lectuͤre zu reden, und ihre Anſichten von Welt und Menſchen, ihre Ideen von Gluͤck und Tugend zu erforſchen, und ſie war mit Dalindens Grundſaͤtzen, Anſichten und Empfindungen ſo zufrieden, daß ſie dieſelbe ganz wie eine Tochter behandelte. Dalindens Betragen gewann ihr alle Perzen. Eben ſo beſcheiden als reizend, eben ſo edel als gefaͤllig, wurde ſie bald durch ihren Geiſt, ihre Talente und ihre Guͤte die Seele des geſelli⸗ gen Zirkels, in dem die Baronin lebte, und ihr fruͤheres ſchönes, von Mutterliebe beſchirmtes Jugendleben erbluͤhte ihr wieder, verklaͤrt durch den von ihr empfundenen, doch nicht gekannten Zauber der erſten Jugendliebe. Baron Stein war beinahe ein täglicher Gaſt im Hauſe ſeiner Tante; er war der Schoͤpfer ihres Gluͤckes, er war der edelſte, der gebildetſte, der liebenswuͤrdigſte Mann, den ſie kannte; wie hätte ſie mißtrauiſch gegen die durch Dankbar — 249 — keit geheiligte Lebhaftigkeit ihrer Hochachtung fuͤr ihn ſein konnen! — Und dann ſeine zarte Achtſamkeit fuͤr ſie, dieſe ſeelenvolle Bebung ſeiner Stimme, wenn er mit ihr ſprach, feine Blicke, ſein Kommen und ſein Scheiden. O welches reine Herz hat ihn nicht ſelbſt empfunden, dieſen namenloſen, himm⸗ liſch fußen Zauber der erſten, bebenden Liebesahnung und Liebesſchwärmerei? und wo iſt auf Erden die Aegide zu finden, die gegen ſeine ſuͤße, beſeligende Bethoͤrung zu ſchuͤtzen vermag? Doch, ach! nur wiederfinden kann der Menſch das Paradies des erſten Menſchendaſeins, nicht mehr es bewohnen, um in ihm zu weilen. Zu ſpät fuͤr ihren Frieden geſtand ſich Dalinde, daß ſie den Baron liebe, da ſie, mit den Wuͤnſchen ſeiner Fa⸗ milie bekannt geworden, die ihn mit einer der reich⸗ ſten Erbinnen der oͤſtreichiſchen Monarchie, mit der ſchoͤnen, allgefeierten Erbgräfin von P., vermaͤhlt zu ſehen wuͤnſchte, ſich keine Hoffnung erlauben durfte, je die Seine werden zu koͤnnen. Oder ſollte ſie die Großmuth, mit der die Baronin ſie aufge⸗ nommen hatte, durch ſo ſchwarzen Undank vergelten, daß ſie den Lieblingswunſch der theuren Frau verei⸗ telte? Und der Baron ſelbſt, wuͤrde je in ſeiner — 250 — Seele der Entſchluß aufblitzen, der armen, verwai⸗ ſeten Dalinde Linſingen ſeine Hand zu reichen? — Wie unſicher war ſie nicht, ob ſeine Theilnahme ſeine Neigung Liebe ſei — unter guͤnſtigen Verhält⸗ niſſen — vielleicht — ja, ihr Herz ſagte es ihr, er könnte ſie lieben; aber nun war ſtumme, hoffnungs⸗ loſe Liebe ihr Loos, und in all dem edlen Stolze reiner Jungfraͤulichkeit gelobte ſie ſich, Keinem die Schwaͤche ihres Herzens errathen zu laſſen. Sie faßte den Entſchluß, den Baron zu vermeiden, ſo viel ihre Verhaͤltniſſe ihr dies thun zu koͤnnen ver⸗ goͤnnten; allein wie hätte ihm, deſſen erſte, wahre Liebe ſie war, auch nur die ſchattenartigſte Nuͤance von Kaltſinn in ihrem Betragen entgehen kön⸗ nen? Er trauerte, wenn ſein Blick vergeblich den ihren ſuchte, wenn ſie vermied, ihm zu begegnen, aber unwillkuͤrlich bot er in ſolchen Augenblicken Alles auf, ſie durch verdoppelte Achtſamkeit und ſchweigende, nur ihr allein wahrnehmbare Zärtlichkeit wieder zu der freundlichen Anmuth gegen ihn zuruͤck⸗ zufuͤhren, an deren Erſcheinung die theuerſte Hoff⸗ nung ſeiner Seele geknuͤpft war, und die Liebe ſelbſt ſicherte den Erfolg ſeiner Bemuͤhungen. Die Ba⸗ ronin Holſtein war zu welterfahrne Menſchen⸗ und —— — 251 — Herzenskennerin, als daß ihr das Geheimniß der beiden jungen Leute ein Geheimniß hätte bleiben konnen; allein ſie hielt des Barons Betragen nur fur Folge eines naturlichen, doch fluͤchtigen Wohlge⸗ fallens, mit dem er Dalindens Jugend und Schoͤn⸗ heit huldige, wie ſich dies fuͤr jeden jungen Mann zu thun gezieme, und tadelte nur, daß er ganz außer Acht laſſe, welche ernſte Folgen ein ſolches Betragen fuͤr das Lebensgluͤck eines jungen, unerfahrenen Maädchens haben konne. Die Baronin war eine edle Frau; doch das Leben in der großen Welt raubt uns faſt immer den Glauben an den heiligen Ernſt der Liebe und das Vertrauen zu ihrer Treue. Sie wuͤrde es ihrem Neffen nicht vergeben haben, wenn er wiſſentlich ein Spiel mit Dalindens Herzen ge⸗ trieben hätte; allein ſie hielt ihn auch fuͤr zu klug, zu beſonnen, als daß ſie ihn der romanhaſten Thorheit fähig gehalten hätte, die Hand der Erb⸗ gräfin von P. auszuſchlagen, um einer jugendlichen Neigung nachzuhaͤngen, und ſo glaubte ſie, die ganze Sache dadurch beendigen zu können, daß ſie ihn auf ſeine zu große Befliſſenheit, ſein zu ſichtliches Courmachen bei Dalinden aufmerkſam machte. Wie ſehr wurde ſie aber uͤberraſcht, als er ihr feſt und „ offen erklärte, er ſei entſchloſſen, Dalinden ſeine Hand anzubieten, ſobalb er ſich nur von ihrer Liebe uͤber⸗ zeugt halten duͤrfe. Sie allein entſpreche von allen Weibern, die er kenne, den Forderungen, die ſeine Seele an eine kuͤnftige Gattin mache; ihr Liebreiz und ihre Tugend gelte ihm mehr, als alle Schätze, und in Hinſicht auf die Graͤfin von P. habe er nach den ſtrengſten Forderungen der Ehre noch das Recht, ſich als vollig frei und ungebunden anſehen zu können. Die Baronin ſah ein, daß offner Widerſpruch nur einen Schritt beſchleunigen wuͤrde, der einen von ihr ſeit Jahren mit Liebe entworfenen Plan unwie⸗ derbringlich zu zerſtören drohte, und ſo zaͤrtlich ſie auch Dalinden liebte, konnte ſie ſich doch nicht mit dem Gedanken befreunden, das ganz arme Maͤdchen als die Braut ihres Neffen zu ſehen. Ihr Vater hatte bei ſeinem Tode einen fuͤrſtlichen Reichthum hinterlaſſen; das Bild dieſes Familienglanzes war ihr lieb, und es ſchmerzte ſie, als ihr einziger Bru⸗ der, der Vater des Barons, durch unſinnige Ver⸗ ſchwendung das Vermogen durchbrachte, und ſeinem Sohn nur ein Erbtheil hinterließ, das ihm kaum mehr Anſpruch auf den Namen und die Lebensweiſe — —— — 253 — eines bemittelten Edelmannes gab. Die Verbindung des Barons mit der Erbgraäfin P. verhieß ihr die Nuͤckkehr dieſes nie von ihr verſchmerzten Glanzes, und daher jetzt ihr Widerwille, ihn mit Dalinden verbunden zu ſehen. Sie begnuͤgte ſich, indeſſen ihren Neffen um Bedenkzeit zur Prufung ſeines Entſchluſ⸗ es zu bitten, und beſchloß, von Dalinden zu er⸗ langen, was ihr die Feſtigkeit des Barons zu ge⸗ waͤhren weigere. Die Guͤte, mit ber ſie redete, und die uͤberlegene Klugheit und Welterfahrung der Baronin ſicherte ihr uͤber Dalindens Herz einen Sieg, dem dieſe das Gluͤck ihres Lebens zum Opfer bringen mußte. Ohne eine buchſtaͤbliche Unwahrheit zu ſagen, ſtellte ſie Dalin⸗ den doch das Verhaͤltniß des Barons zur Erbgräfin anders dar, als es im Lichte reiner Wahrheit er⸗ ſchienen ſein wuͤrde, und die Beſchränkung ſeiner Vermogensumſtände, als unvermeidliche gaͤnzliche Ver⸗ armung, ſobald er ein mittelloſes Maͤdchen zur Gat⸗ tin wähle. Dalinde wußte ſich nicht geliebt, wenn ſie gleich ahnete, es zu ſein, und der Gedanke, daß ſie durch eine Trennung von dem Baron wohl nur ihr eignes Gluͤck opfre, gab ihr Kraft, in dieſe zu willigen, die ihr die Baronin als das ſicherſte — 254 — Mittel zur Löſung ihres Verhaͤltniſſes vorſchlug. Tief im Gebirge wohnte auf einem alten einſamen Schloſſe eine Couſine der Baronin; zu dieſer rieth ſie Dalinden zu gehen und dort von ihr angelegent⸗ lich empfohlen, der freundlichſten Aufnahme gewiß, bis zur Vermaͤhlung des Barons zu bleiben, um dann zu der Baronin zuruͤckzukehren, die ihr in ihrem Herzen, wie in ihrem Hauſe, den Platz einer Toch⸗ ter aufzubewahren verſprach. Dalinde willigte be⸗ taͤubt in alle Vorſchlaͤge der Baronin; willenlos, durch den gewaltigen Schmerz der Vorempfindung ewiger Trennung von dem Geliebten, verſtand ſie ſich ſogar dazu, ein ihr von derſelben vorgeſagtes Billet niederzuſchreiben, in dem ſie Abſchied von ihr nahm, da wichtige und geheime Gruͤnde ſie nöthigten, — Haus zu verlaſſen. Noch am Abend dieſes verhaͤngnißvollen Tages fuhr ſie, unter der Huͤlle des Geheimniſſes, von einem alten vertrauten Diener der Baronin begleitet, nach dem Ort ihres kuͤnftigen Aufenthalts ab. Eine duͤſtere Einſamkeit erwartete ſie dort, und die Geſell⸗ ſchaft der alten grämlichen Gebieterin des Schloſſes und ihrer Frauen eignete ſich auch nicht, Dalindens Trauer zu mildern. So ungluͤcklich hatte ſie ſich noch nie — — 255 — gefuͤhlt — ſo verletzt, ſo ſchuld⸗ und hoffnungslos, und ſelbſt die Stuͤtze ihres reinen Selbſtbewußtſeins war gebrochen; ihre Vernunft billigte ſtrenge und grauſam ihre Trennung von dem Baron, aber ſie konnte den Betrug nicht billigen, zu dem Dalinde ſich, um ihn zu täuſchen, geliehen hatte. Sie ſelbſt trug nun die Schuld, wenn der edle Mann ſie ver⸗ kannte, und das Andenken an ſie aus ſeinem Herzen riß, weil er ſie ſeiner Achtung unwuͤrdig glaubte. Sie fuͤhlte, die Baronin habe ſie grauſam behandelt, und ach, es iſt ein ſo giftiger Pfeil, von Menſchen, die man geliebt und verehrt hat, ſich grauſam be⸗ handilt zu fuͤhlen! Nicht weniger ungluͤcklich fuͤhlte ſich aber der Baron, als er bei ſeinem nächſten Beſuche Dalinde nicht mehr im Hauſe ſeiner Tante fand. Die von ihr zuruckgelaſſenen Zeilen konnten ihn nicht täuſchen und den Argwohn in ihm erſticken, daß die Schlau⸗ heit einer herzloſen Weltklugheit ſie entfernt habe. Er erklaͤrte ſeiner Tante, daß er ihr Haus nicht wie⸗ der betreten werde, ehe er Dalinde wieder gefunden habe, und daß ſein Entſchluß, dieſe zu ſeiner Gattin zu waͤhlen, unerſchutterlich ſei. Sie glaubte indeſſen die Macht der Zeit und der Trennung an ſeinem — 256 — Herzen erproben zu muͤſſen, ehe ſie durch die Wie⸗ dervereinigung mit der Geliebten ihr eignes Werk zerſtöre, das ſie im Kampfe mit dem eignen Herzen, dem der Baron und Dalinde wahrhaft theuer waren, erbaut hatte. 2 Waͤhrend Dalinde in ihrer ſchmerzlichen Verlaſ⸗ ſenheit in Leid und Liebe lebte und kämpfte, war Caroline, umgeben von allem Glanze und Schim⸗ mer der Welt, um nichts gluͤcklicher. Der Wonne⸗ rauſch der erſten Flitterwochen war ſchnel verflogen; der Graf war zu flatterhaft und, im Beſitz eignen Reichthums, zu nachläſſig in der Sorge, ſie zu taͤuſchen, als daß ihr ſeine Herzloſigkeit ein Geheim⸗ niß hätte bleiben koͤnnen. Er huldigte bald dieſer, bald jener Schonheit, und Caroline, zu wenig an Selbſtbeherrſchung gewöhnt, um ihm ihre Verſtim⸗ mung und ihren Unmuth verbergen zu koͤnnen, em⸗ pfand den Schmerz, ihn dadurch vollig von ſich zu entfernen. Ihre Ehe ſtimmte ſich vollig auf den Ton einer Ehe in der großen Welt, wo Mann und Frau ſich haͤufiger außer ihrem Hauſe als in demſelben ſehen. Doch noch immer liebte Caroline den treu⸗ loſen Gatten mit heißer Leidenſchaft und fuͤhlte, ſie könne nur verzeihen, nicht ihm zuͤrnen. Der Schmerz fuͤhrt gute Menſchen zur Selbſterkenntniß, und ſo erwachte auch in Carolinen lebhaft das Bewußtſein, Dalinde gekraͤnkt und ungerecht behandelt zu haben. Wie oft ſehnte ſie ſich nun nach dem treuen, von ———— S — 257 — ihr verſtoßenen Herzen, deſſen zarte Theilnahme ihr jetzt Troſt zu gewähren vermocht hätte! Sie bot jetzt Alles auf, Dalindens Aufenthalt zu erforſchen⸗ Es gelang ihr, zu erkunden, daß ſie bei Frau Selby gewohnt habe; ſie fuhr nun ſelbſt zu dieſer, und der Bericht der guten Alten, wie Dalinde bei ihr ſo traurig, einſam und ſorgenvoll, und doch ſo freund⸗ lich, ſo fleißig gelebt habe, uͤberzeugte ſie vollends von dem Unrecht, das ſie gegen ſie verſchuldet hatte, und in aller Innigkeit der reuevollen Liebe ſchrieb ſie an Dalinde, ihre Verzeihung zu erflehen. Sie adreſ⸗ ſirte den Brief nach dem Gute der Baronin Holſtein, bei der, wie ſie glaubte, Dalinde noch iebte, und dieſe beforderte ihn richtig. Mit Thränen der Ruͤh⸗ rung und der Freude las Dalinde die oft erſehnten, nie gehofften Zeilen; nun war ſie nicht mehr allein in der Welt, nicht mehr fteudenlos und die Gegen⸗ wart fuͤr ſie kein einzelner, von allem Zuſammen⸗ hange mit der Vergangenheit losgeriſſener Punkt ihres Daſeins. Mit der Jugendfreundin fand ſich Hoffnung, Muth, Vertrauen wieder⸗ Caroline ſollte in einigen Monaten zum erſten Male Mutter werden, und in ihrer Seele lebte die Hoffnung, daß ihr Kind im Vater ihr den Gemahl zuruckgeben werde; doch ihrer Liebe war vom Schick⸗ ſal eine herbere Pruͤfung zugedacht. Der Graf hatte ſich mit einem Officier wegen einer Schauſpie⸗ lerin erzuͤrnt, ein Zweikampf war unvermeidlich, und in dieſem fiel ihrem Gemahl das Todesloos. Schwer — 258 — 6 verwundet ward er nach ſeiner Wohnung zuruͤckge⸗ bracht. Dieſer Anblick verlöͤſchte in Carolinens Her⸗ zen jedes Andenken ſeiner Verirrungen; ganz Liebe und Schmerz eilte ſie an ſein Lager und ward Tag und Nacht die treueſte Pflegerin des langſam dahin ſterbenden Gatten. Die Annaͤherung des Todes weckte in des Grafen Seele eine zu ſpäte Reue über eine an Irrthuͤmer und Laſter vergeudete Jugend, er glaubte in dem Bekenntniſſe derſelben Erleichterung fuͤr die Angſt ſeiner Seele zu finden und legte in Carolinens Herzen Geſtaͤndniſſe nieder, die ſie nie empfangen zu muͤſſen gewuͤnſcht haͤtte. Auch Da⸗ lindens Name wurde in dieſen Unterhaltungen ge⸗ nannt; er bewahrte unter ſeinen Papieren noch den Brief auf, den dieſe, ehe ſie Carolinen verließ, an ihn geſchrieben hatte und in dem ſich die Reinheit ihrer ſchoͤnen Seele, und ihre treue, unausſprechliche Liebe zu Carolinen mit all der Macht der vollſten Wahrheit ausſprach. Er ſtarb in Carolinens Armen, voll Schmerz, das Gluͤck verkannt zu haben, das ihr Beſitz ihm zu ſichern vermochte, und das Erſte, was Cwroline aus der dumpfen Troſtloſigkeit ihres Grames um ihn erweckte, war die Pflicht, Dalinde in den Augen ihres Vaters zu rechtfertigen, indem ſie ihm vollen Aufſchluß uͤber ihr Betragen gab und ihm Da⸗ lindens Abſchiedsbrief an den verſtorbenen Grafen mittheilte. Der alte General kam ihrem Wunſche einer Wiedervereinigung mit der geliebten Jugend⸗ ———— — — — — — freundin durch das Anerbieten entgegen, ſelbſt nach dem Gute der alten Dame zu reiſen, bei der Da⸗ linde, wie Caroline aus ihrer Antwort wußte, jetzt lebte. Dalinde empfing den General, wie ſie ihren Vater empfangen haben wuͤrde, und Beide eilten nach der Hauptſtadt zu Carolinen ſo ſchnell als mog⸗ lich zuruͤck, da dieſe mehr denn je des Troſtes bedurfte, den Liebe und Freundſchaft einem kummervollen Her⸗ zen zu gewaͤhren vermag. Dalindens erſtes Geſchaͤft war, an die Baronin Holſtein zu ſchreiben, um ſie von der Veraͤnderung ihres Aufenthalts zu benachrichtigen und ſie zugleich daruͤber durch die Verſicherung zu beruhigen, daß die Einſamkeit, in der die Graͤfin Freeſe ihr Trauer⸗ jahr zu verleben entſchloſſen ſei, ſie eben ſo ſicher vor dem Baron Stein verborgen halten werde, als die Einſamkeit des duͤſtern, von ihr jetzt verlaſſenen Schloſſes. Nach Abſendung dieſes Briefes widmete ſie ſich ungetheilt der Sorge, Crrolinens Gemuͤth zu erheitern, und ſie koͤrperlich, wie geiſtig, zu pfl'gen. Beide Freundinnen fanden ſich ernſter und gelaͤuterter wieder, als ſie ſich verlaſſen hatten; das leichte Spiel des fruͤhern, harmloſen Jugendlebens war dem Ernſte des Lebens gewichen und dieſer gab dem Bunde ihrer verſchwiſterten Seelen eine neue, hoͤhere Weihe. Nach drei Monaten wurde Caroline Mutter eines Knaben, deſſen Geburt den alten General zum gluͤcklichſten Großvater machte, und in der Mutter — 260 — Herz Frieden und Heiterkeit goß. Sie ſtillte ihn ſelbſt, und ein Jahr verfloß, in dem beide Freun⸗ dinnen das Haus nur verließen, um friſche Luft zu ſchoͤpfen, und ihr Umgang ſich auf die naͤchſten Ver⸗ wandten der Familie beſchraͤnkte. Dieſe Lebensweiſe entſprach ihren Neigungen und dem ſanften Ernſt, der der Grundton ihres Gemuͤths geworden war; allein der General liebte heitere Geſelligkeit, und forderte von beiden Freundinnen die Ruͤckkehr zu den Kreiſen, deren Zierde ſie ehemals waren. Die Verlobung einer Couſine, bei der die ganze Familie erſchien und Caroline es nicht vermeiden konnte, gleichfalls zu erſcheinen, beſiegte als Nothwendigkeit das Widerſtreben, das Beide empfanden, ihre ſtille Lebensweiſe ändern zu ſollen. Dalinde war wunderbar bewegt, als ſie ſich zum erſten Mal, nach beinahe drei Jahren, wieder reich geſchmuͤckt ſah; denn der General hatte durchaus darauf beſtanden, daß ſie und Caroline es ſein ſoll⸗ ten, und mit ſchwerem Herzen ſtieg ſie in den Wa⸗ gen. Sie glaubte Baron Stein längſt vermaͤhlt, und mit ſtiller Wehmuth hoͤrte ſie die Lobpreiſungen ihrer Schoͤnheit, die bei ihrem Eintritt in den Saal die Maͤnner ſich zufliſterten. Entſchloſſen, nicht zu tanzen, nahm ſie an Carolinens Seite auf den fuͤr die zuſchauenden Damen erhoheten Sitzen Platz, und ſah mit einer Miſchung von wehmuthsvoller Erinnerung, und unwillkuͤrlich wieder in ihr erwa⸗ chender heitrer Jugendluſt im Saal umher, als ſie — 261 — plötzlich den Baron Stein erblickte, der eine ſchone, ſehr reich gekleidete Dame in die Reihe der Tanzen⸗ den fuͤhrte. Er war es, Er! noch eben ſo ſchoͤn, eben ſo edel von Geſtalt und Anſtand als ſonſt, nur mit ernſterm Ausdruck in dem ſchoͤnen Auge und den ſanften, geiſtvollen Zuͤgen. Dalinde vermochte die Erſchuͤtterung ihres Weſens kaum zu verbergen⸗ Laut, durch den Saal hin, hätte ſie ihn rufen mö⸗ gen, mit dem Tone der innigſten Liebe, der fuͤr ſei⸗ nen Namen in ihrer Bruſt ſchlummerte, allein ohne ſie zu bemerken, ging er nah an ihr voruͤber, nur mit ſeiner Tänzerin, wie es ſchien, beſchaftigt. Sie vermochte es nicht, den Blick von ihm zu wendenz nie hatte ſie es ſo maͤchtig empfunden, wie ſie ihn liebe, wie ein Blick, ein Wort von ihm Gewalt uͤber ihr Leben und ihr Schickſal habe, als in dieſer reich bewegten Stunde, in der ſich alle Kraft ihrer Sele hundertfach zu verdoppeln ſchien, um den Zauber der Nähe des Geliebten zu empfinden. Als der Tanz geendet war, trat er zu einigen jungen Männern, die in einer leiſen, aber höchſt lebendigen Unterhaltung begriffen waren. Es war unter ihnen die Rede von Catoline und Dalinde, die Beide zu neuen Erſcheinungen geworden waren, und dadurch Auer Blicke auf ſich zogen, vorzüglich Dalinde, die in dem weißen, mit ſilbernen Roſenguirlanden be⸗ ſetzten Florkleide und dem einfach prachtvollen Per⸗ lenſchmuck, den ihr der alte General verehrt hatte, ddealiſch ſchoͤn erſchien. Stein blickte auf, dieſe ge⸗ — 262 — feierte Schoͤnheit im Damenkreiſe aufzuſuchen — er erkannte Dalinde, ſie, die er noch immer einzig liebte und ſchmerzlich betrauerte. Vermag das Wort die Feier dieſes Wiederfin⸗ dens, dieſes Augengrußes von Herz zu Herz, von Seele zu Seele da zuſtellen? Dalindens Herz und Charakter hatten ſich in Schmerz und Dulden bewaͤhrt; jetzt ward ihr vom Schickſal die viel gefährlichere Pruͤfung durch Glanz und Gluͤck beſchieden. Der einzige Bruder ihrer Mutter war, wie wir im Anfang unſerer Erzählung erwäͤhnten, als Juͤngling nach Indien gegangen, und ſein Andenken ſchon lange verſchollen. Jetzt aber erſchien in den engliſchen Zeitungen eine Auffor⸗ derung an ſeine Erben, ſich zu melden; Dalindens Vetter, Herr von Grell, meldete dies Carolinen, da er Dalindens Aufenthalt nicht wußte, und mit der freudigſten Theilnahme theilte dieſe der geliebten Freundin eine Nachricht mit, die ihr den Beſitz eines nach europäiſchem Maßſtab ungeheuren Vermoͤgens ſicherte, welches ſie und Grell als einzige Erben des Verſtorbenen unter ſich theilen mußten. Dalinde war nicht unempfindlich gegen einen Reichthum, der ihr die Freude gewährte, die Welt und die Familie ihres Geliebten von der Uneigen⸗ nutzigkeit ihrer Wahl zu uͤberzeugen. Der alte Ge⸗ neral ließ ſich die Freude nicht nehmen, Dalindens Verbindung auf das Glaͤnzendſte zu feiern, und Liebe, Freundſchaft, Geiſt und Guͤte umwanden das edle Paar mit den Bluͤthenkränzen eines eben ſo reinen als dauerhaften Gluͤckes. n