Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und ceſebedingungen. 1. OHensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Emn⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages i den angenommen. 2 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: uches wird von ſt zu 24 Stun⸗ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . 2 — — a 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 M 5 Pf. 2 Mr. — f. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurü kſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kup ß eil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Fi Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht flattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. . v ——— ücher i ni fern ꝛc.) muß der K. Ladenpreis erſeßt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ ſF lorene oder defecte Buch ein Th Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. —— Reunter Band⸗ Anzeige fuͤr Gebildete. Neue Schriften von Ludwig Halirſch, welche im Verlage des Unterzeichneten ſo eben erſchienen ſind: Der Morgen auf Capri. Dramatiſches Gedicht in drei Aufzügen. Preis 18 Gr. oder 1 Fl. 21 Kr. rheinl. Balladen und lyhriſche Gedichte. Preis 1 Thlr. 6 Gr. oder 2 Fl. 15 Kr. rheinl. Dramaturgiſche Skizzen. Zwei Bde. Preis 2 Thlr. 18 Gr. oder 4 Fl. 57 Kr. rheinl. Saͤmmtlich ſehr elegant gedruckt und broſchirt. Leipzig im November 1829. Carl Focke. —)— A uswahl a u 8 Fanny Tarnow's Schriften. G Neunter Band⸗ — Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. — Paulinens Jugendjahre. 3wei Jahre aus Melaniens Leben. Erinnerungen aus dem Leben des Grafen Silverſkisld. — ——— — Paulinens Jugendjahre. „— Wo biſt du, ſuͤßes Ahnen Der erſten Jugendliebe? Was ſchau'n ſo feucht die Blicke Nach dir, nach dir hinaus? Du gingſt auf Bluͤthenbahnen, Doch mit verſtoͤrtem Triebe Griff uns ein rauh Geſchicke, und ach, mit dir iſt's aus! Fouqus. Ja, es ſind anziehende Menſchen, mit denen ich hier lebe, und ich vermag es, mir dieſe neuen Ver⸗ hältniſſe mit Luſt und Liebe freudig anzueignen. Die Baronin iſt eine liebenswuͤrdige, reizende Frau, froh, gluͤcklich, unverbildet, ohne ernſtern Anklang, aber gut und durch die heitere Jugendlichkeit ihres Weſens eine lieblich wohlthuende Erſcheinung. Sie iſt mir wie eine geliebte Schweſter, nur daß ich, ungeachtet meiner achtzehn Jahre, zuweilen als die ältere und ernſtere erſcheine. Ihr Mann, der Ba⸗ ron Ehrenfels, iſt eben ſo verſtaͤndig als rechtſchaffen und angenehm. Ich ehre ihn wie einen Vater und liebe ihn wie einen Bruder. Die alte Frau, in ihrer altväteriſchen Kleidung, mit der ſchwarzen Kloſterhaube und dem Schleier daruber, iſt eine ehr⸗ furchtgebietende Erſcheinung, die aber, ſobald man ſie und ihre einfache Guͤte näher kennen lernt, ſchnell das Herz gewinnt. Der Einzige von der Familie, uͤber den ich mit meinem Urtheil noch nicht ganz auf's Reine bin, iſt der Bruder der Baronin, Aloys von Walden, ein junger, kaum vier und zwanzigjaͤhriger Mann, der, da ſein erſt ſeit einem Jahre von ihm bewohntes Gut an das unſte grenzt, täglich hier iſt, und ge⸗ wohnlich den Abend bei uns zubringt. Man fuhlt ſich verſucht, Hoͤheres in ihm zu ahnen, als er zeigt. In Geſellſchaften und im Anfang einer Be⸗ kanntſchaft erſcheint er unbedeutend. Was aber ſehr fur ihn ſpricht, iſt die ſittige, faſt ehrerbietige Hoͤf⸗ lichkeit, mit der er mich ſeit der Minute meines Eintritts in dieſe Familie behandelt; denn gewiß der Mann, der unſer Geſchlecht wahrhaft ehrt, iſt gut und unverdorben. Sein Weſen iſt zuweilen ₰ — — — 11 — herbe, und doch hat er tiefes und feines Gefiht fuͤr alles ſittlich Schoͤne. Des Tages gehoͤre ich den Kindern, die, bis jetzt ganz vernachlͤſſigt und ausſchließlich der Aufſicht der Dienſtboten uͤberlaſſen, viele Sorge und noch mehr Liebe fordern, und von denen die ſechs älteſten immer, die juͤngſten nur in den Freiſtunden um mich ſind, aber auch außer dieſen doch ſtets in einem an das meine grenzenden Zimmer, das ich mir ausdruͤcklich zur Kinderſtube erbeten habe. Der Abend verſammelt uns erſt Alle an den lieben, trau⸗ lichen Theetiſch. Bei dieſer angenehmen Lebens⸗ weiſe bin ich aber doch nicht ganz mit mir zufrieden. Der Baron ſowohl als die Baronin ſind ſo guͤtig gegen mich, daß ſie mich mehr und mehr in ihr geſelliges Leben, wohin ich bei dem von mir er⸗ wählten Beruf eigentlich doch nicht gehöre, hinein⸗ ziehen, ſo daß ich nicht nur an allen Geſellſchaften im Hauſe, ſondern auch an vielen außer demſelben Theil nehme. Die Kinder ſind dann freilich wäh⸗ rend meiner Abweſenheit bei der herrlichen alten Großmutter ſo gut aufgehoben, als ich es nur wün⸗ ſchen kannz aber ich lebe doch nicht einzig fuͤr den Zweck, der mir der erſte ſein und bleiben muß, und finde — zu viel Behagen an dieſem geſelligen Leben. Ach, daß es im achtzehnten Jahre ſo ſchwer iſt, nur fuͤr ſeine Pflicht zu leben! Die vorige Woche iſt uns wieder recht geräuſch⸗ voll verfloſſen, und wir haben daher die Lucke wenig bemerkt, die eine Unpäflichkeit Walden's in unſerm Zirkel machte, da er ſonſt täglich hier iſt und uns in alle Geſellſchaften begleitet. Bei dem Mangel an Pflege und Unterhaltung in ſeinem Hauſe iſt er ſeit Sonntag bei uns eingezogen, und unſre wegen ſeiner Krankheit häuslichern Abende ſind mir viel angeneh⸗ mer, als der Schwarm, der uns ſo oft umgibt. Es ſcheint mir auch, daß Ehrenfels Recht hat, wenn er behauptet, daß dieſen Winter in ſeinem Familien⸗ kreis ein neues, ſonſt von ihnen nicht gekanntes Le⸗ ben aufblͤhe. Wir hiben des Tages uͤber Jeder ſeine Geſchaͤfte und daher immer Luſt, uns auf den Abend zu freuen, der uns zuſammenfuhrt. Ge⸗ wohnlich leſe ich nach dem Thee eine Stunde vor; wir ſprechen dann uͤber das Geleſene, wir erzaͤhlen, plaudern, ſpielen mit den Kindern, oder ſetzen uns auch zuweilen an den Boſtontiſch, wo es der Maͤnner — ———— —— — ——— — — groͤßte Freude iſt, wenn ſie der Baronin und mir das Geld abgewinnen und uns obendrein auslachen können. Wie ſoll ich es mir aber ecklaͤren, daß ich nicht mehr ſo ungetruͤb! und ruhig heiter bin, als im Anfang meines Hierſeins? Iſt es die Sehnſucht nach der fernen Heimath, das Andenken an meine Verwandten, Erinnerung fruͤher erlittenen Wehs, was mir jetzt in meinen ſtillen Stunden ſo oft einen Trauerflor uͤber meine frohe Jugend und meine gluͤckliche Gegenwart zieht? — Meine einſamen Au⸗ genblicke ſind ſeit einiger Zeit faſt immer wehmuthig, und oft moͤchte ich, meiner innerſten Neigung nach, allen dieſen Scherz, dieſen Frohſinn, dieſe jugendliche Freudigkeit, fuͤr Thränen eintauſchen, wie ich ſie zuweilen, zwar ohne bittern Schmerz, aber auch ohne Erleichterung des durch ſie erweichten Herzens, weine. Wir waren einige Tage in Kiel, um einer Vorſtellung des dortigen Liebhabertheaters beizuwoh⸗ nen. Ich wurde viel gebeten, eine Rolle zu uͤber⸗ nehmen. Ehrenfels und ſeine Frau uͤberließen die Gewaͤhrung dieſer Bitte ganz meiner Entſcheidung; allein ich merke doch, daß ſie mit meiner abſchlägigen Antwort und den Gruͤnden, warum ich ſie gab — Zeitaufwand und faſt unwiderſtehliche Reizung der in jedem weiblichen Herzen ſchlummernden Eitelkeit und Gefallſucht — ſehr zufrieden ſind. Es iſt mir aber in dieſen Tagen in einem Zirkel mir faſt ganz unbekannter Menſchen merkbar geworden, daß man Walden's Betragen gegen mich beachtet und mißdeutet. Vom erſten Augenblicke unſrer Bekanntſchaft an iſt es ihm zur Gewohnheit geworden, mich in Geſellſchaft zu Tiſche zu führen, und mein Nachbar zu bleiben. Im Anfang geſchah das aus Artigkeit, weil er mich, als Hausgenoſſin ſeiner Schweſter und allen andern Herren fremd, keiner Vernachläſſigung ausſetzen wollte, die die Ab⸗ hängigkeit meiner Lage, von der er weiß, wie wenig ſie zu meinen fruͤhern Ausſichten und Anſprüchen ſtimmt, doppelt druckend machen mußte. Jetzt iſt es uns Beiden, als könne es gar nicht mehr anders ſein, als verſtehe es ſich von ſelbſt, daß wir, täglich bei einander, auch in Geſellſchaft zu einander gehoren, und eben dieſe Gewohnheit des täglichen Umgangs macht es ihm unmerklich, was — — 153 — auch ich, von Andern dazu angeregt, jetzt zum erſten Mal beobachtete, daß er nämlich in jeder Geſellſchaft ausſchließlich nur mit mir und nie mit einem an⸗ dern Frauenzimmer redet. Die Winke daruͤber, die ich im neckenden Ton von mehreren Seiten erhielt, haben mich in meiner Unbefangenheit gegen ihn ge⸗ ſtört, und doch mochte ich dieſe ſo ungern verlieren, da es mein angelegentliches ernſtes Beſtreben bleiben ſoll, ſeiner wohlwollenden Achtung fuͤr mich keine Bedeutung zu leihen, an die in unſern Verhält⸗ niſſen nie gedacht werden darf. Gott wird mich ja vor der romanhaften Lächerlichkeit behuͤten, mir ein freundſchaftlich angenehmes Verhaltniß zu einem ach⸗ tungswerthen Mann durch thorichte, ungereimte Ein⸗ bildung zu verleiden. So ſehr ich auch die Baronin liebe, ſo rein ſchweſterlich und traulich auch unſer Verhaͤltniß iſt, ſo iſt doch noch in meinem Herzen ein Platz offen, den dieſe Freundſchaft nicht ausfuͤllt. Ihr Leben war ſtets heiter und ungetruͤbt; im reinen Sinn des Wortes noch ganz Kind, ward ſie an ihrem vier⸗ zehnten Geburtstag die Gattin des mit ihr an dem⸗ — — ſelben Tage gebornen, damals ein und zwanzigjähri⸗ gen Ehrenfels, und in der heitern Einförmigkeit ihres laͤndlichen Lebens, umgeben von lauter Nachbarn und Nachbarinnen, deren Eltern ſie gekannt, und mit denen ſie aufgewachſen iſt, blieb ſie, was ſie war. Sie kennt keine Sorge, keinen Schmerz, keine Lei⸗ denſchaft, und eben daher iſt ihr auch keine ernſtere Seite des Lebens intereſſant; ſorglos und kindlich gleitet ſie uͤber die glatte Flache deſſelben und ahnet nicht die Tiefe, die dieſe verbirgt. Ganz das Gegentheil davon iſt ihre Schweſter, die Baronin Eliſe Clare. Zart und tiefempfindend ward ihr das Leben fruͤh zu einem Kampfe, aus dem ihr noch kein Friede erbluͤht iſt, weil ſie, an der Seite eines redlichen, aber durchaus ſchlichten und ungebildeten Mannes, dem ſie, vom Unwerth des Geliebten ihrer Jugend ſchmerzlich verletzt, in weh⸗ muͤthig bittrer Reſignation ihre Hand reichte, ſich mit ihren Verhaͤltniſſen nicht in Einigkeit zu ſtimmen vermag. Mich zog ſie gleich beim erſten Anblick durch die Grazie ihres Wuchſes, die Eleganz ihres Anſtandes und durch den wunderherrlichen Blick ihrer dunkelblauen, himmliſch ſeelenvollen Augen an; ſie ſah in mir anfaͤnglich nur die Demoiſelle ihrer Schwe⸗ — — ſter, und man weiß ja, was ſo eine Demoiſelle fuͤr ein unbeachtetes, gleichgultig uͤberſehenes Weſen in der Regel iſt, und meine Jugend, meine Heiterkeit und ſelbſt mein herzliches Einverſtaͤndniß mit Ehren⸗ fels und ſeiner Frau, ſo ungewoͤhnlich dies auch in einem Verhaͤltniß, wie das meinige zu ihnen, iſt, fuͤhr⸗ ten ſie mir um ſo weniger näher, da ſie ſich von ihnen nie verſtanden gefuͤhlt hat, und ihre eigene Stimmung ernſt und wehmuͤthig iſt. Doch ſchon nach einigen Wochen ward ſie erſt artig, dann trau⸗ lich und achtungsvoll gegen mich, und geſtern, da ich ſie, weil ſie verreiſet geweſen war, nach vier Wochen zum erſten Mal wieder ſah, kam ſie mir mit einem Ausdruck von Freude und Herzlichkeit ent⸗ gegen, der mir unausſprechlich wohl that. Warum iſt dieſe Frau durch Rang und Verhaͤltniſſe ſo weit von mir geſchieden? Ich fuͤhle es, ich könnte ſie von ganzem Herzen und mit der innerſten Seele lieb gewinnen. Wenn hier im Hauſe Geſellſchaft iſt, nehme ich ſelten eine Karte, weil mich der Theetiſch zu lange beſchäftigt. Seit einiger Zeit hat Walden an⸗ gefangen, das Spiel dann auch zu verbitten und ſich ſtatt deſſen zu mir zu ſetzen. Manchen Abend vek⸗ — 18 — plaudern wir ſo ganz ungeſtoͤrt mit einander von ſechs bis zehn Uhr, und nie erſchoͤpft ſich der Stoff zu dieſen Geſpraͤchen. Er iſt auch gar zu lieb und gut, ſo redlich und bieder in allen ſeinen Anſichten, und was ihm meine Achtung und mein Vertrauen, mehr und mehr gewinnt, iſt die zarte Feinheit, mit der er mich behandelt. Die achtungsvolle, nie zur Vertraulichkeit werdende Traulichkeit, mit der er in unſerm haͤuslichen Zirkel mit mir umgeht, wird, ohne ſich zu verlaͤugnen, doch, ſobald Fremde gegen⸗ wäͤrtig ſind, zu einer Ehrerbietung, die mich vor jeder Mißdeutung ſeines Betragens ſchuͤtzen muß. Er weiß mir jede Verlegenheit zu erſparen, und nie kann der Zartſinn des Mannes ein Maͤdchen zu einer ſchonern Sicherheit, einem reinern Vertrauen berechtigen, als ich ihm verdanke. Ich fuͤhle, daß er mich achtet, daß er mir wohl will, daß er mich huͤbſch und liebenswuͤrdig findet, aber nie hoͤre ich eine Schmeichelei von ihm, nie ähnelt ſein Betragen dem, was man Cour⸗ machen nennt, und was mich in dem Verhältniß, worin wir zu einander ſtehen, auch auf das Aller⸗ ſchmerzlichſte verletzen wuͤrde. Ich muͤßte daher auch das undankbarſte, gefuͤhlloſeſte Geſchoͤpf von der — Welt ſein, wenn ich ihm meine dankbarſte Achtung verſagen wollte. Wie mancher junge Mann in ſei⸗ ner Lage wuͤrde unſern Umgang nicht als einen an⸗ genehmen Zeitvertreib anſehen, und wenn mich gleich mein Selbſtgefuͤhl vor einer ſolchen Geſtaltung dieſes Verhältniſſes ſchuͤtzen wuͤrde, ſo fuͤhle ich doch, welchen giftigen Schmerz ich bei dem kleinſten Ver⸗ ſuch von ſeiner Seite, es ſo zu behandeln, empfin⸗ den muͤßte. Es läge eine unbeſchreibliche Demuͤthigung fuͤr mich darin, die ich, wenn meine jetzige Lage mir nicht durch die Liebe, die mich an meine Hausge⸗ noſſen und dieſe an mich bindet, geadelt und ver⸗ ſchönert wuͤrde, das Joch einer dienſtbaren Abhaͤngig⸗ keit gewiß nicht zu ertragen vermoͤchte, ohne an Geiſt und Herz zu verwelken. Walden's perſonlicher Werth macht dagegen meinen Umgang mit ihm zur edelſten Freude meines Lebens, wenn es anders wahr iſt, was er mir geſtern mit unverkennbarer Herzlich⸗ keit ſagte: „Mein Schutzgeiſt hat Sie in dieſes Haus gefuͤhrt, und der Umgang mit Ihnen macht mich zu einem ganz andern und beſſern Menſchen!“ — — Ich bin unruhig, bewegt, verſtimmt, und weiß doch ſelbſt eigentlich nicht, warum mir das Herz ſo ſchwer iſt. Dieſe Menſchen thun mir mit ihren ſpöttiſchen Blicken und bittern Bemerkungen ſo weh! Muß meine Schutzloſigkeit mich dem ausſetzen? — Wie hart muß man ſein, um ein Weſen, das uns nie kraͤnkte, ſo rauh zu verletzen, wie ich mich ver⸗ lett fuhle, auf die bis jetzt nur Blicke des Wohl⸗ wollens und der Liebe, nie das Auge der Bosheit und des Neides fielen! Ehrenfels war ſchon ſeit einigen Tagen in Kiel und hatte beſtimmt, daß Ulrike und ich ihm am Sonntag nachkommen und den Montag zum Ball dort bleiben ſollten. Walden hatte ſich erboten, ſo lange bei uns zu Hauße zu bleiben und uns auf dieſer Reiſe zu begleiten. Am Sonnabend erhielten wir aber von Ehrenfels einen Boten mit der Nach⸗ richt, das Eis ſei ſchon ſo duͤnn, die Ueberfahrt ſo gefaͤhrlich, daß er uns bitten muͤſſe, zu Hauſe zu bleiben. Walden, der doch wegen ſeiner Geſchaͤfte durchaus hin mußte, blieb nun, trotz der ſtuͤndlich wachſenden Schwierigkeit der Ueberfahrt, den Sonn⸗ tag noch bei uns und ſchlug uns vor, Eliſen zu — Schlitten abzuholen, deren Mann gleichfalls zur Stadt und ſie daher allein war. Dieſe Fahrt machte bei dem herrlichen Wetter und dem hellen Gelaͤut einen ſehr angenehmen Ein⸗ druck auf mich. Ich ſchloß die Augen und träumte, + ein Zugvogel zu ſein und als Schwan durch die heohe, dunkle Luft weit, weit uͤber die Erde hin zu iehen. Eliſe war bei unſrer Ankunſt ſchnell geru⸗ ſtet, ſie ließ ihren Schlitten anſpannen, ulrike ſetzte ſich zu ihr und warf ihrem Bruder, als er mich zu dem ſeinigen fuͤhrte, ſchaͤkernd einen Kuß zu: „Dein Schlittenrecht fur die Herfahrt,“ rief ſie, „die Ruͤck⸗ fahrt muß Pauline allein bezahlen.“ Ich fuͤhlte es an meinem Erroͤthen, daß er einen verſtohlnen Blick auf mich warf, und wußte es ihm Dank, daß er, ohne dieſen Scherz weiter zu beachten, ein gleich⸗ guͤltiges Geſpraͤch mit mir anfing. Als wir aber hier ankamen und er mir die Hand bot, mir aus dem Schlitten zu helfen, ſah ich, daß er ſich an Ulrikens Aufforderung und an ſein Recht erinnerte. Wie gleichgultig haͤtte ich jedem andern Mann die Wange gereicht, aber ihm gegenüber war ich ſo peinlich verlegen, erroͤthete ſo aͤngſtlich, daß es ihn gewiß dauerte, auch er errs⸗ —— — thete und begnuͤgte ſich, meine Hand mit einem lei⸗ ſen Drucke an ſeine Lippen zu ziehen. Auch das war bisher nie geſchehen, ich eilte pfeilſchnell in's Haus, und es dauerte lange, ehe ich ihn wieder anzuſehen und ohne Verlegenheit mit ihm zu ſpre⸗ chen vermochte. Wir fanden uns indeſſen wieder zurecht, und dankbar werde ich die Erinnerung dieſes ſchönen Abends bis in mein ſpäteſtes Lebensalter bewahren. e Es geht doch nichts in der Welt uber ſolch ein häusliches, trauliches Beieinanderſein von gleichge⸗ ſinnten Menſchen, deren Geſpräch ſich in ſolchen ſtil⸗ len Stunden in reinem Vertrauen aus dem Herzen ergießt! Die drei Geſchwiſter waren nie ſo innig mit einander geweſen, und Eliſens Auge ruhte mit dem Ausdruck einer wahrhaft ruͤhrenden Freude oft auf dem Bruder, den ſie, wie ich wußte, bis jetzt fuͤr rauh und unzart gehalten hatte, und der an dieſem Abend den Schatz edler Gefuͤhle und reinen Zartſinnes, den er unter der unpolirten Außenſeite verbirgt, ſchöner verrieth, als er ihn zu zeigen ver⸗ mocht hätte. Es war der gluͤcklichſte Abend meines bisherigen Lebens, und eine ganz neue Liebe fuͤr alle dieſe trefflichen Menſchen ging an ihm in meinem — Herzen auf. Auch fuͤhlten und geſtanden es, als wir uns trennten, Alle, um wie viel einiger und verbundener wir von einander ſchieden. Am andern Morgen weckte mich Ulrike unge⸗ woͤhnlich fruͤh. Bruder Aloys ſei da, und ich ſolle ſchnell aufſtehen und mich ruͤſten; es habe die Nacht gefroren, die Ueberfahrt ſei noch moglich, und er da, uns abzuholen. O, wie freute ich mich! In zwei Jahren hatte ich nicht getanzt und tanze doch ſo herzlich gern. Auch waren wir in einer Viertel⸗ ſtunde fertig, als wir aber an die Fähre kamen, ſah es um die Ueberfahrt mißlich aus; das eigentliche Fahrwaſſer war ſchon offen, und das Ufereis an ſeinem Rande ſo ſchwach, daß man ſich dem Boot nur auf kleinen Zugſchlitten naͤhern konnte, die die Fäͤhrleute, in weiten Entfernungen von einander, an langen Stricken zogen, weil das Eis nicht mehr zwei derſelben zu tragen vermochte. Walden ward ſehr beſorgt und bereuete es, uns zu dieſer Fahrt verleitet zu haben, wir verweigerten aber die Ruͤckkehr und beſtiegen muthig unſte Schlit⸗ ten. „Auf Wiederſehen in jener Welt!“ ſagte ich ihm lächelnd. Aber aus dem Scherz waͤre bald Ernſt geworden, da meinem Fuͤhrer das Seil zur Lenkung — des Schlittens riß, und dieſer, von der Erſchoͤtte⸗ rung des Schwunges fortgeriſſen, yfeilſchnell auf das nahe Fahrwaſſer zuflog⸗ und mir ſo wenig Be⸗ ſinnung als Zeit blieb, mich herauszuwerfen, da die Umhuͤllung meines Pelzes die Freiheit meiner Be⸗ wegungen hemmte. Kaum vier Schritte vom Strom entfernt, ſtand der Schlitten erſt wieder, und ich blickte mit einem fonderbaren Gefuͤhl auf die kalte, ſtile Tiefe, die dies warme Herz bald auf ewig be⸗ graben hätte. In demſelben Augenblick erblickte ich Walden neben mir, der, ſo kraͤftig ihm auch die Fährleute zuriefen, zuruͤck zu bleiben, weil dem er⸗ ſchuͤtterten Eiſe nicht zu trauen ſei, doch auf ſeinen Schlittſchuhen blitzesſchnell meinem Schlitten gefolgt war; geiſterbleich ſah ich ihn jetzt neben mir ſtehen und ſeine Hand ausſtrecken, mich zu faſſen. „Pau⸗ line, o mein Gott, Pauline!“ rief er mit einem ſo erſchuͤtterten, ſo verzweiflungsvoll aufſchreienden Ton, daß er mich, hätte ich ihn verſinkend noch gehoͤrt, mit dem Tode verſöhnt haben wuͤrde, ſo wie er mir jetzt das Leben doppelt lieb und theuer machte; denn was verbindet uns wuͤrdiger und erfreuender mit dieſem, als die Gewißheit der Theilnahme ge⸗ achteter Menſchen an uns und unſerm Schickſal? „ — Und konnte ich nach dieſer Minute noch an der Wahrheit und Innigkeit der ſeinigen zweifeln? Ungefährdet ſetzten wir nach dieſer Störung unſern Weg fort, und kamen wohlbehalten in un⸗ ſerm Quartier an, wo uns Ehrenfels wegen der Tollkuhnheit dieſer Fahrt erſt tuͤchtig ſchalt, aber dann auch hinterher geſtand, da Alles ſo glucklich abgelaufen ſei, freue er ſich herzlich, uns dort zu haben. Zum erſten Male ſah ich am Abend Walden auf dem Ball in Uniform, die ihm ſehr gut ſteht. Ich tanzte die erſte Ecoſſaiſe mit ihm; er tanzt ſehr gut, ich, wie man ſagt, nicht ubel, und ſo machte es ſich denn, ich weiß ſelbſt nicht wie, daß wir, ohne eigentliche Verabredung daruͤber, doch regelmäßig einen Tanz um den andern zuſammen tanzten, nur mit dem Unterſchied, daß er die Zwiſchentaͤnze pau⸗ ſirte, ich ſie aber mit einigen andern Bekannten tanzte. 5 Es war nach Mitternacht, als ich von der Reiſe und, nach mehrjaͤhriger Entwohnung, vom Lanze ſelbſt mich ſo ermüdet fühlte, daß ich nicht mehr tanzen zu wollen erklärte. Ulrike tanzte aber noch, und ſo ſaß ich mit Walden bis gegen 3 Uhr Tarnow's Schriften. IX. 2 — — im Saal im freundlich heitern Geſpraͤch, zu dem ſich während der letzten Stunde auch noch Ehren⸗ fels geſellte, der, ausgelaſſen froh, uns Beide zu herzlichem Geläͤchter und tauſend Narrenspoſſen mit ſich fort riß. Ich ſah wohl, daß unſer angelegent⸗ liches Geſpraͤch und unſere Munterkeit bemerkt wurden, aber in Ehrenfels Nähe fuͤhlte ich mich ſo väterlich beſchirmt, daß ſich mir keine Furcht vor Mißdeutung nahen kann. Wir blieben noch den Dienſtag in der Stadt, weil wir bei dem Geheimenrath T. zu einer großen Abendgeſellſchaft geladen waren. Die Tochter des Hauſes, eine regelmaͤßige Schoͤnheit, aber kalt und coquett, war mir am vorigen Abend ſchon aufgefal⸗ len, da ſie mich mehrere Male mit einer ſpottiſchen, faſt höhnenden Neugier muſterte, und dann mit den Nebenſtehenden fliſterte. Auch jetzt in ihrem Hauſe hatte ſie mich kalt, ja bis zur Unart vor⸗ nehm empfangen, und als ſie mir und Walden, der neben mir ſtand, die Karte bot, ſagte ſie dieſem ſehr ſchneidend: „Sie ſpielen mit der Mamſell an einem Liſche, da ich es fur grauſam halten wuͤrde, ein Paar ſo treu verbundene Seelen trennen zu wollen.“ — Ehe er ihr zu antworten vermochte, wandte ſie ſich raſch zu Andern und ließ mich ſo verſtort, ſo unangenehm verſtimmt zuruck, daß ich, ohne es ndern zu können, den ganzen Abend kalt und fremd gegen Walden blieb, der zwar Anfangs in ſeinem gewoͤhn⸗ lichen Ton zu bleiben verſuchte, dann aber, als ich nicht in dieſen einzuſtimmen vermochte, ſehr einſyl⸗ big und ernſt ward. Er bot mir freilich, als wir zu Tiſche gingen, den Arm, und blieb, wie gewöhn⸗ lich, mein Nachbar; aber der Zufall hatte dem Frau⸗ lein v. T. uns gerade gegenuͤber ihren Platz ange⸗ wieſen, und vor ihren ſtechenden Blicken ſtockte un⸗ ſere Unterhaltung. Je ſtummer ich ward, je leben⸗ diger erſchien ſie; doch Walden vereitelte jedes Be⸗ muͤhen, ihn in ihre Unterhaltung zu ziehen, durch die Trockenheit und Kuͤrze ſeiner Antworten, deren Schaͤrfe ſie zu fuͤrchten ſchien. Ich dankte Gott, als der Abend überſtanden war; doch Ulrike hatte meine Verſtimmung be⸗ merkt, und da wir kein Geheimniß vor einander ha⸗ ben, klagte ich ihr, als ſie mich darum befragte, die Unart des Fräuleins. „Laſſen Sie ſich das nicht kümmern,“ ſagte ſie mir; „ſie hatte fruher Abſichten auf meinen Bruder, dem ſie aber entſchieden miß⸗ 2 * — 28 — fiel, und da ärgert es ſie nun, daß er Ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt und Sie vor allen an⸗ dern Madchen ſo ſichtlich auszeichnet.“ — Darauf ließ ſich nun gar nichts erwiedern; aber ich konnte den Abend lange nicht einſchlafen. Ich fuͤhlte es, mich gegen Walden ſehr albern genommen zu ha⸗ ben, und auch, wie ſchwer es mir werden wuͤrde, wieder gehoͤrig einzulenken, und dabei war doch eine Scheu gegen ihn in mir, die ich gewiß nur mit ernſter Anſtrengung zu beſiegen hoffen konnte. Der Morgen kam, Walden mit ihm, ich fand ihn kuhl, ſehr kuhl, und viel fremder als ſonſt; ach, ſollte dies Betragen vielleicht nur Warnung ſein, mich durch den Vorgang des geſtrigen Tages und durch ſeine mir fruͤher bewieſene Artigkeit zu keiner eiteln Miß⸗ deutung derſelben verleiten zu laſſen? — Ahnete er vielleicht zum erſten Mal, daß dieſe moͤglich ſei? — O wie wenig kennt er dann meine Sinnesweiſe, und die Grundſaͤte, die, von meiner Seite mit ſo ſtren⸗ gem Ernſt, trennend zwiſchen uns ſtehen! — In dieſer Spannung ſind wir noch, und ich bin dabei ſo innerlich traurig, ſo betruͤbt! — — 20 — Er iſt verreiſet und Keiner vermißt ihn; Alles geht denſelben Gang ungeſtort fort, als wenn er da iſt. So geht es in der Welt! So lange man mit den Menſchen lebt, erſcheint man in ihr Leben ſo innig verflochten, daß man ſich ihnen unentbehrlich glauben ſollte, und fehlt man, ſo wird man nicht einmal vermißt. Ich ſuche mich ſo viel als moglich zu zerſtreuen und bringe faſt alle meine Freiſtunden mit Ehrenfels bei dem Schachſpiel hin, das er mich lehrt, und welches mich ſehr anzieht. So geht denn auch ein Tag nach dem andern hin, ohne daß mir einer wahre Freude brächte. Ich bin dieſem Truͤbſinn, der mich druͤckt, gram, und reiße mich, wenn ich unter Menſchen bin, ge⸗ waltſam heraus. Jeder freuet ſich meiner Munter⸗ keit, lobt und preiſet ſie als echtes Kennzeichen einer geſunden, jugendlich heitern Seele, und Niemand ahnet, was ſie mich koſtet, und wie ſie nur noch er⸗ kuͤnſtelter Wiederſchein der ehemaligen Geſtaltung meines innern Lebens iſt! Geſtern Nachmittag fuhren wir zum Concert nach Kiel und trafen dort Walden, der acht Tage fruͤher, als wir glaubten, von ſeiner Reiſe zuruͤck⸗ gekommen war. Ich erſchrak recht freudig, als ich ihn, den ich gar nicht zu ſehen erwartete, plotzich im Saal gewahr ward. Er eilte, ſobald er unſer anſichtig ward, zu uns und ſchien ſo herzlich, ſo recht innig froh, uns wieder zu ſehen. Ich fragte, wie es ihm auf ſeiner Reiſe ergangen ſei, und ob er ſich nach Wunſch vergnuͤgt habe. „Wo ich auch bin,“ antwortete er mir, „es gefällt mir doch nir⸗ gends ſo gut, als in dem freundlichen Edelsburg, wenn wir ſo ganz unter uns ſind.“ Dies Begegnen unſerer innigſten Neigungen that mir wohl; denn auch ich fuͤhle mich nur da recht ungetruͤbt zufrieden. Ueberhaupt war es ge⸗ ſtern ſehr ſchoͤn, und ich vor der Muſik beinahe zu gluͤcklich; ſie heiligt, wie ein Echo aus höhern Wel⸗ ten, die Thränen, die Liebe und die Wuͤnſche des Menſchenherzens, und hebt mich zu der reinſten An⸗ dacht, die meine Seele zu empfinden vermag, empor. Spät erſt ſegelten wir im Sternenſchimmer, mit raſchem halben Wind uͤber. — Es war ein unver⸗ geßlicher, ein ganz wunderherrlicher Abend! —— — 36 — Ulrike und ich ſchließen uns immer inniger an einander, und doch befriedigt dieſe Liebe mein Herz nicht, ſo ſtrenge ich auch dieſe Ungenuͤgſamkeit an mir ſelber ruͤge. Sie iſt mir eine geliebte Theilneh⸗ merin froher Stunden, aber nie koͤnnte ich vor ihr Thränen vergießen, nie ihr vertrauen, daß ich leide und Schmerz fuͤhle. — Aus ihren Erzählungen und Unterredungen lerne ich Aloys von manchen Seiten kennen, die mir ſonſt, da ſie zu zart ſind, um in meinen Geſpraͤchen mit ihm beruͤhrt zu werden, un⸗ bekannt bleiben wuͤrden. Sie liebt den Bruder ſehr und iſt unerſchoͤpflich, ſobald ſich das Geſpräch auf ihn wendet, und ich erfahre durch ſie manchen Zug ſeiner Guͤte und ſeiner Charakterfeſtigkeit, der meine Achtung fur ihn erhoͤht. Auch die Miſchung von Rauheit und Zart⸗ ſinn in ihm iſt mir klar geworden. Im Cadetten⸗ haus erzogen, kam er fruͤh in preußiſche Dienſte und ward im Lauf des Rheinfeldzugs Officier. Nach dem Frieden erhielt das Dragoner-Regiment, bei dem er ſtand, elende, kleine Staͤdte zum Stand⸗ quartier, ſo daß er mit ſeinem Umgang ganz auf ſeine Cameraden beſchränkt war. Vor zwei Jahren loſete er mit ſeinem juͤngern Bruder um das vom — 38 — Vater hinterlaſſene Gut, und nahm, als es auf ſei⸗ nen Antheil fiel, den Abſchied. Wie reich muß die Natur ihn ausgeſtattet haben, da er in ſolchem Leben ſich den Sinn fuͤr Frauenwerth und fuͤr einfaches hausliches Gluͤck, der ihn beſeelt, zu erhalten vermochte, und wie hart wäre es, wenn die Zukunft ihm die Mittel verſagte, ſo ſchoͤne und wuͤrdige Anlagen harmoniſch zu ent⸗ wickeln! Ein tiefer Schmerz iſt in dieſen Tagen durch mein Herz gezogen. Ich habe die Freundin meiner Jugend, meine M., verloren. Sie ſtarb von ihren Kindern umgeben, und doch war mein Name ihr letzter Laut. Lange, lange wird in meinem Herzen die Wunde dieſes Verluſtes bluten, aber lindernder Balſam dafuͤr iſt die Theilnahme der herrlichen Menſchen, mit denen ich hier lebe. Ehrenfols iſt verreiſet, aber Walden hat uns ſeit dem Abend, wo ich dieſe Nachricht erfuhr, wenig verlaſſen, und wir haben in dieſer ernſten Stimmung viel Liebes und Intereſſantes uͤber Menſchenſchichſal, Beſtimmung, Tod und Wiederſehen mit einander geſprochen. Er hat bis jetzt wenig geleſen, uͤber manchen Gegen⸗ ſtand auch wohl nur wenig nachgedacht, aber mti welcher innigen Liebe, mit welchem heiligen Ernſt beſeelt er jede ihm neue Anſicht, jede große, den Menſchen uͤber die Gewalt des Vergänglichen erhe⸗ bende Idee! Wie fuhle ich mich von ihm uͤberall verſtan⸗ den! Wie begegnen wir uns in unſern Anſichten, Wuͤnſchen und Hoffnungen, und wie unaufloͤslich verbindet eine ſolche religiöſe und ernſte Ueberein⸗ ſtimmung, eine ſolche Entſchleierung des vom Le⸗ ben ſonſt ſo dicht verhuͤllten Gemuths! — Ich lerne ihn mit jedem zuſammen verlebten Tage inni⸗ ger achten, und doch iſt und bleibt das Verhaltniß zwiſchen uns ſo viel fremder, ſo ganz und durchaus anders, als das zwiſchen Ehrenfels und mir, da ich, gegen Walden doch immer gewiſſermaßen ſcheu, mich in den Augenblicken des reinſten Vertrauens und der tiefgefuhlteſten Achtung unwillkuͤrlich verſchließe, und dagegen gegen Ehrenfels, wie gegen einen alte⸗ ren Bruder, offen, zutraulich und herzlich bin. 34 — Geſtern kam Eliſe. Die Andern waren alle nach N. gefahren, und ſo wurde uns ein einſamer Nachmittag und Abend zu Theil. Sie bat mich um meine Freundſchaft, wenn ich ſie derſelben wuůr⸗ dig achte; ſie hat meine Achtung, meine herzliche Liebe, aber ich geſtand ihr offen, daß ſie mir nach meinen Grundſätzen, bei der Verſchiedenheit unſers Standes, nie Freundin werden könne. Wir ſprachen und ſtritten viel daruͤber, doch beſtaͤrkte ſie mich, ohne es zu wollen, in meinen Anſichten, da ſie mir im Lauf dieſes Geſprächs verrieth, daß man Ulrikens Betragen gegen mich allgemein tadle, weil ſie au⸗ genſcheinlich nur fur mich lebe, nur meine Unter⸗ haltung liebe, und, alle andern Perſonen vernachlaͤſ⸗ ſigend, in jeder Geſellſchaft mit Walden und mir einen Staat im Staate bilde. Freilich wollte mir Eliſe nicht einräumen, daß es eigentlich nur die Freundſchaft der Baronin Eh⸗ renfels fuͤr das buͤrgerliche Maäͤdchen ſei, die ſo ſchar⸗ fen Tadel erweckte, aber gewiß iſt es ſo; und welche Warnung liegt fur mich darin, wenn ich je der Warnung beduͤrfen ſollte! Nein, Eliſe, nein, Walden, nie werde ich eine Kluft uberſpringen, die nun einmal, nach der Meinung eures Standes, — 3 — durch keine Tugend, keinen Adel der Geſinnung, keine Treue, kein Verdienſt ausgefuͤllt werden kann! Der Beſuch der Frau von O. mit ihren Toͤch⸗ tern hat uns ſeit acht Tagen ſehr zerſtreuet, da wir in dieſer Zeit taͤglich entweder Gäſte gehabt, oder auch auswaͤrts gebeten geweſen ſind. Ich habe bei dieſem Anlaß meine Freude an Walden gehabt. Dieſe Fraͤulein O. ſind huͤbſch, angenehm, geiſtreich, doch, wie er mir vorher ſagte, ohne jungfräuliche Zartheit und moraliſche Grazie! Auch habe ich ihn nicht einmal mit ihnen ſprechen hoͤren. Selten trifft man bei einem Mann ſolche Feinheit des ſittlichen Tacts, ſolche Zartheit der Wuͤrdigung an! Und wie ganz anders wuͤrden wir Frauen doch ſein, wenn ein ſolches Betragen den edleren Maͤnnern Norm wuͤrde. Geſtern ſchickte G. uns eine Einladung, Franz Koch zu hoͤren, den er auf einige Tage zu ſich ein⸗ geladen hatte. Die zarten Tone ſeiner Mundhar⸗ monika gewinnen einen eignen Zauber durch den Gedanken, daß ſie mit dem Tode des Kuͤnſtlers auf immer verhallen, da alle Verſuche, die Behandlung dieſes Inſtruments von ihm zu erlernen, bis jetzt ohne Erfolg geblieven ſind. Auch ſind die Himmels⸗ laute deſſelben ſo zart, daß man ſie, wie mich duͤnkt, mehr mit dem geiſtigen als mit dem koͤrper⸗ lichen Ohr hört, und ich ſie eine Entkoͤrperung des Tones nennen moͤchte. Er ſpielte im ganz verfin⸗ ſterten Zimmer wohl eine Stunde lang, und ich hätte vergehen mögen an der Ahnung eines großen, wortloſen Schmerzes, die dieſe Toͤne in mir weckten, und die in meinem Herzen zugleich mit einem na⸗ menloſen, dieſer Erde vielleicht nicht angehoͤrenden Wunſch erwachte. — Ich ſaß am Abend bei Tiſch zwiſchen Walden und Franz Koch. unſer Geſpräch war anziehend, und da der Kuͤnſtler unſere Begeiſterung fuͤr die himmliſche Seele ſeiner Kunſt entdeckte, erbot er ſich, uns zum Abſchied noch einen Choral ſpielen zu wollen, und zwar denſelben, den er in Leipzig einem jungen Herrn Breitkopf in ſeiner Todesſtunde hatte ſpielen muͤſſen. Dieſer junge Mann litt an der Auszehrung, urd da er ſeinen Tod mit Gewiß⸗ heit voraus ſah, ſchrieb er an Franz Koch und lud dieſen ein, zu ihm zu kommen und ihn nicht nur „ bis zu ſeinem Tode täglich, ſondern vorzuͤglich auch in ſeiner Sterbeſtunde mit den Toͤnen ſeiner Mund⸗ harmonika zu erquicken. — Dies geſchah, und ſanft entſchwebte ſeine Seele auf ihren Engelsfittichen zum Urquell aller Harmonie. — Mich bewegte die Erzaͤhlung dieſes Todes tiefer, als ich es zu erklären vermochte, und als wir nach Tiſch uns in einem kleinen Zimmer verſammelten, that mir das Verloͤſchen der Lichter wohl, weil ich meine Bewegung in der Dunkelheit nicht mehr zu verhehlen brauchte. Aloys ſtand im Finſtern neben mir; Eliſe lag an meiner Bruſt, ich hoͤrte ihr ſtil⸗ les Weinen, und auch meine Thränen floſſen ſanft und hoffnungslos. Ich fuͤhlte recht, wie mein Le⸗ ben ſich geſpalten hat; das äußere iſt ſorgenlos und froh, das innere hat, wenn auch nicht ſeinen Frie⸗ den, doch ſeine Heiterkeit verloren, und ich ſtatt ih⸗ rer nur die Fähigkeit erhalten, den Schmerz, an dem ich vergehe, unendlich zu lieben. Welch ein unvergeßlicher Tag, der heutige! Wir waren in Liſſow, wo eine ſehr zahlreiche Ge⸗ — — N ſellſchaft eingeladen warz Eliſe bat mich, nicht zu ſpielen, und winkte mir, ſie, als die Spieltiſche alle geordnet waren, nach ihrem Zimmer zu begleiten. Bleich wie eine geknickte Lilie, mit dem unverkenn⸗ baren Ausdruck ſchmerzlicher Ermattung in allen Zuͤ⸗ gen und in dem ruͤhrenden, kranken Ton der ſanf⸗ ten Stimme, ergriff mich ihr Anblick mit unend⸗ licher Liebe und Wehmuth. Unſer Geſpraͤch ward ernſt und feierlich; wir wogen Tod und Leben, Ver⸗ gaͤnglichkeit und Ewigkeit gegen einander, und hoch flog die Schale des irdiſchen Lebens empor, und tief erſchuͤttert, innig begeiſtert zog ich ſie an mein Herz und gelobte, ſie ziehen zu laſſen in die ſchönere Heimath und nicht, wie bisher die Sehnſucht mit der Pſyche das Band ihrer himmliſchen Fittiche zu löſen ſtrebt, ſtrenge und ernſt zu bekämpfen. Ich haͤtte ſie in dieſer Stunde ſterben ſehen können, ohne eine Thräne zu vergießen. Aber als ſie nun in dieſer Stimmung mein Herz mit bem ganzen Zauber ihrer Liebe, ihrer Bitten, ihrer Thrä⸗ nen umwand, da vergaß ich alle irdiſchen Ruͤckſich⸗ ten, und gelobte, ihr Schweſter, Freundin, Alles zu ſein, was ihr Herz begehre, und das meinige zu gewaͤhren vermoͤge. Eine Stunde reiner Seligkeit — — ſchwebte ſo zur Ewigkeit hinauf, und mich duͤnkte, die Näͤhe unſerer Schutzgeiſter zu fuͤhlen, die ſich des geſchloſſenen Bundes freueten. Alle Unvollkommenheit, alle Störung wie vor meinen entzuͤckten Blicken, und mit ganzer Seele begruͤßte ich das himmliſche Vaterland der Liebe, als die wahre Heimath des ſehnenden Herzens. Wir ſchwuren einander, nur das Beſte zu wollen, uns gegenſeitig zu immer reinerer Liebe, immer klarerer Erkenntniß deſſelben zu kräftigen, uns nie von Welt⸗ anſicht und Weltklugheit Maß und Regel fur dieſe Liebe und fuͤr das Gute ſelbſt aufdringen zu laſſen, ſondern uns Eine der Andern zum zweiten zartern und ſtrengern Gewiſſen zu werden. Mein Geluͤbde war ernſt und fromm, wie das, was ich Gott am Tage meiner Einſegnung ablegte, und bis jetzt, durch ſeine Gnade, treu vor Augen und im Herzen behielt. — Ich ſagte Eliſen Man⸗ ches uͤber ihr Verhaͤltniß zu ihrem Gatten und dem, was mir ihre Lage von ihr zu fordern ſcheint, da, meiner Ueberzeugung nach, die erſte Pflicht einer Gattin in dem Beruf liegt, ihren Gatten gluͤcklich zu machen, und will er es nicht in unſerm Sinne ſein, dafuͤr zu ſorgen, daß er es in ſeinem Sinne — — werde, ſobald dieſer nur kein moraliſches Geſetz ver⸗ rett; denn die Liebe und die Furcht Gottes iſt das Höchſte, und wir duͤrfen keinen Menſchen, auch den geliebteſten nicht, zu unſerm Goͤtzen machen. Sie dankte mir fuͤr das, was ich ihr ſagte, „und nun, Liebe,“ fuhr ſie mit ihrer ſanften Stimme fort, „laß mich Dir auch eine Sorge ſagen, die mich um Dich bekuͤmmert: ſei vorſichtig gegen meinen Bruder.“ Ich ſchrak auf und fragte: „wie ſo?“ Da ſagte ſie mir, daß unter den Menſchen viel Redens von ihm und mir ſei, weil man ihm allgemein Ab⸗ ſichten auf meine Hand zutraue. „Und Du?“ fragte ich mit ängſtlichem Herzklopfen. — „Ich glaube, daß er Dich liebt, da er nie ein Frauenzimmer ſo ehrfurchtsvoll und bedeutend auszeichnete, wie Dich, und er mir ſelbſt geſtanden hat, daß er den Mann Deiner Wahl als den gluͤcklichſten aller Maͤnner preiſen wuͤrde. Auch iſt er durch den Umgang mit Dir und ſein Erkennen Deines Werthes ganz ver⸗ ändert, ein neues Daſein iſt ihm aufgegangen; doch fuhle ich, daß dies Alles Dich nicht verleiten darf, Dich der Mißdeutung der Menge preis zu geben, die Euer Verhaͤltniß nur gemein aufzufaſſen vermag.“ Ich geſtand ihr offen, daß ich Aloys innig — — * achte, und daß mich der Gedanke, zu ſeiner Bildung beizutragen, beglucke; ich habe aber ſtets in ſeinem Betragen nur Achtung, und nie ein waͤrmeres In⸗ tereſſe fuͤr mich bemerkt. Auch konne es ihr ja nicht entgehen, wie er trotz unſerm täglichen Umgange gegen mich noch fremde ſei, wie am erſten Tage, und im Gegentheil eine ſonderbare, gekuͤnſtelte Span⸗ nung immer deutlicher und mich von ihm entfernen⸗ der an ihm ſichtbar werde. „Verkenne ihn nicht,“ unterbrach ſie mich hier, „gewiß er liebt Dich, aber er kaͤmpft gegen ſein Herz, weil er fuͤhlt, ſich nicht auf Deinen Standpunkt erheben zu können, und Deine geiſtige und moraliſche Ueberlegenheit ihn, ſo ſehr er ſie auch ehrt, doch druͤckt. Das Innere Deines Weſens, die Tiefe Deines Gemuͤths, den Umfang Deiner Kenntniſſe „ den Reichthum Deines Herzens vermag er auch nicht zu faſſen; Du wür⸗ deſt an ſeiner Seite meinem traurigen Looſe nicht entgehen, denn er iſt in Folge ſeines frühern Lebens doch eigentlich roh, und die Folie, die er jetzt von Dir erborgt, könnte leicht verbleichen, daher darf ich mir auch keinen Wunſch erlauben und halte mich verpflichtet, Dich zu warnen, um ſeinetwillen nicht mit der Meinung, dieſer tyranniſchen Gebieterin über unſer Gluͤck und unſern Ruf, zu zerfallen.“ Wir wurden hier hinunter gerufen, aber ich konnte meine vollen Augen und mein noch volleres Herz nicht be⸗ zwingen und entwich in den Garten, und hier, vor der ſinkenden Sonne und der Abendfeier der Natur lebte ich eine Stunde, wie ſie reiner und erhebender meine Seele noch nie vor Gott geheiligt hat. Am Donnerstage waren Alle nach D., und ich noch allein bis nach Mitternacht im Garten, wo Nachtigallgeſang und die herzruͤhrende Melodie des fernen Wellenſchlags mich in liebliche Traäume wieg⸗ ten, daͤmmernd und geſtaltlos, aber voll leiſer Ahnun⸗ gen himmliſch erbluͤhender Wonne. Geſtern war Aloys hier, Abſchied zu nehmen, da er auf einige Wochen zur Heeresſchau nach St. geht. Es iſt gut, daß er jetzt verreiſet. Meine Unterredung mit Eliſen und die mir durch ſie ge⸗ wordene Gewißheit ſeiner hohen Achtung haben mein Herz in eine Bewegung gebracht, die in ſeiner Nähe leicht gefährliche Gewalt uͤter mich erhalten könnte. Doch dieſe verſtaͤrkte Reizbarkeit und das innere — — Bewußtſein einer zu großen Weichheit, haben mich aber geſtern zu einem Benehmen verleitet, deſſen Unzartheit ich heute ſchmerzlich empfinde, und durch das Bewußtſein, Walden gegen mich verſtimmt zu wiſſen, buͤße. Doch wird, wie ich hoffe, dieſe Reiſe Alles wieder ausgleichen, und gewiß, er muß es bei einigem Nachſinnen fuͤhlen, wie fern von meiner Seele der Vorſatz war, ihm wehe thun zu wollen. Es wurde geſtern viel von einer neuen Erzah⸗ lung Lafontaine's: „Liebe und Tugend,“ geſprochen, die Mehrere in der Geſellſchaft kuͤrzlich geleſen hat⸗ ten. Walden tadelte Hannchen, daß ſie, da Guſtav uͤber die Armſeligkeit einer Scheidung zweier durch Liebe und Tugend verbundenen Herzen um Rang und Reichthum willen erhaben geweſen ſei, ihm doch ihre Hand verſagt habe. Er nannte das Härte. Man ſprach daruͤber viel hin und her, und der Streit, der ſich nun auf Mißheirathen uͤberhaupt gewandt hatte, ward ſchon mit vieler Waͤrme ge⸗ fuͤhrt, als die Landräthin G. mir meine Meinung abforderte, und da ich auszuweichen ſuchte, mich nicht ohne abſichtliche Gefliſſenheit in das Geſprach verflocht. Ich merkte die Bosheit dieſes Beſtrebens; ge⸗ reizt dadurch, ließ ich mich in den Streit ein, und mein mit der Muttermilch eingeſogener und durch die traurigſte aller Erfahrungen feſt in mir gewur⸗ zelter Grundſatz, daß eine Meſalliance faſt immer zum Hinderniß einer gluͤcklichen Ehe wird, gab mir eine Sicherheit der Behauptung und einen entſchie⸗ denern Ton, als ich ihn ſonſt habe, und wie er ſich uͤberhaupt fuͤr ein junges Frauenzimmer geziemt. Aber mich aͤngſtigte die Moͤglichkeit einer Beziehung auf meine eignen Verhaͤltniſſe, und die aufmerkſame Neugier, mit der alle Anweſende auf meine Ant⸗ wort horchten, ließ mich eine Genugthuung darin finden, meine innere und wirklich wahre Ueberzeu⸗ gung vor ihnen auszuſprechen⸗ Aloys brach, nachdem er ſehr lebhaft gegen meine Meinung geſtritten hatte, plötzlich ab; deſto wärmer nahmen Ehrenfels und Ulrike das Geſpräch auf; Beiden ſchien der Anlaß, ihre, der meinen ent⸗ gegen gefetzte, Anſicht einer ſolchen Verbindung oͤffent⸗ lich auszu prechen, eben ſo willkommen, als auch ich ihn unwillkurlich und ohne klar zu wiſſen, was ich damit bezwecken wolle, gern ergriffen hatte. Aber dieſe Menſchen trauen mir alle einen Plan auf Wal⸗ den zu; es ſcheint ihnen, ohne alle Ruͤckſicht auf den perſoͤnlichen Werth des Mannes, fuͤr ein armes, burgerliches, in abhaͤngiger Lage lebendes Mädchen ein ſo entſchiedenes Gluͤck, ihn zu heirathen, daß ich, wenn ich mir es lebhaft denke, noch nicht bereuen kann, den Stolz, der in meinen Aeußerungen über dieſen Punkt lag, und das Ausſprechen meines ent⸗ ſchiedenen Widerwillens, das Ueberſpringen dieſer Ungleichheit als Opfer anerkennen und dafuͤr dank⸗ bar ſein zu ſollen, gezeigt zu haben, ſo wehe es mir auch thut, daß Walden ſich, von uns unbemerkt, waͤhrend dieſes Streites entfernte, und ohne Abſchied zu nehmen, ohne wie gewoͤhnlich zum Abendeſſen zu bleiben, im furchterlichſten Platzregen davon gerit⸗ ten war. Es legte ſich, als ich es erfuhr, eine Centner⸗ laſt auf mein Herz, und ſie druͤckt es noch. Was mich beruhigt, iſt, daß dies Geſpräch auf Ehrenfels und ſeine Frau keinen tiefern Eindruck, wie jede an⸗ dere Unterhaltung gemacht zu haben ſcheint, und wie ich glaube, von Beiden ſchon vergeſſen iſt. Moͤge auch Walden es vergeſſen und mir in der Erinnerung davon nur die Warnung bleiben, mich, ſo oft ich mich durch irgend etwas geſpannt und gereizt fuͤhle, mit doppelter Aufmerkſamkeit zu — beobachten, und jeden Anlaß zu meiden, auf den ſich dieſe Reizbarkeit dann hinlenken und ausſprechen kann. Seit ſeiner Zuhauſekunft iſt Walden verlegen hoflich gegen mich; ich kann und darf ja nichts thun, ihn mir wieder näher zu fuͤhren, und ſo ſpre⸗ chen wir nur das Allernothwendigſte mit einander, und er faͤngt an, ſich von uns zuruͤck zu ziehen, ſo vaß oft zwei und drei Tage hingehen, ohne daß wir ihn ſehen. An Zerſtreuung fehlt es ihm nicht, da er einige ſeiner ehemaligen Regiments⸗ Cameraden zu ſich eingeladen hat; wuͤſte, wilde Geſellen nach Eh⸗ renfels Bericht, der geſtern bei ihm war, und die, wie ich hoͤre, einige Wochen bei ihm bleiben wer⸗ den. Doch iſt er ſeit ſeiner Ruͤckkehr auffallend ſtill, und als ulrike vor einigen Tagen, wo wir ihn in D. trafen, in ihn drang, ihr zu ſagen, was ihm fehle, bat er ſie ſanft: „laß es nur gut ſein, ich werde nicht davon ſterben.“ Ich ſtand mehrere Schritte von ihnen entfernt und ſprach mit dem Major S.; aber ich hörte doch jene Worte, und mir traten bei ihrem kummervollen — 4 — Klang Thraͤnen in die Augen. Ehemals wanbte er das Geſpraͤch faſt immer an mich, und wenn er auch mit Jemand anders ſprach, richtete er das, was er ſagte, doch durch ſeine Blicke an mich. Jetzt iſt das Alles anders. Er ſieht mich nicht, er beobachtet mich nicht. — Habe ich das um ihn ver⸗ dient? — Muß mir nun nicht dieſe Aenderung ſei⸗ nes Betragens zur Vorſchrift werden, auch ihn nie anzureden, ſeine Unterhaltung durchaus nicht zu ſu⸗ chen und ſeine Nähe ſo viel wie moͤglich zu mei⸗ den? — Ich muͤßte mich ja zu Tode ſchaͤmen, wenn irgend Jemand merkte, wie wehe ſie mir thut! Ich habe jetzt Walden's Freunde kennen lernen, und wenn ich eines Panzers um mein Herz be⸗ duͤrfte, ſo wurde mir dieſe Bekanntſchaft und der Ton, der zwiſchen ihm und dieſen Herren herrſcht, dazu werden. Am unausſtehlichſten iſt mir ſein Buſenfreund, ein Herr von R., ein hoͤchſt unwiſſen⸗ der, eitler, aufgeblaſener Menſch, der höchſtens für einen Schmetterlingsbalg Seele genug haͤtte, und — 48 — der ſich dabei einfallen läßt, den ſchoͤnen Geiſt und den Gelehrten ſpielen zu wollen. Von ſeiner Anmaßung und Albernheit nur zwei Proben. Walden fand hier neulich beim Blättern in einem Buch ein Gedicht mit der Aufſchrift: „Theodicee,“ und fragte nach der Bedeutung des Worts. In duͤnkelhaft belehrendem Ton antwortete ihm R., es ſei eine gewiſſe Dichtungsart in Jam⸗ ben, die man ſo nenne!! Ich ſagte ihm lächelnd: mich duͤnke eher gehört zu haben, daß Leibnitz eine Theodicee in Proſa geſchrieben habe.— „Nein, nein,“ ſagte er abſprechend, „darin irren Sie, das kann nicht ſein; dieſe Art Gedicht muß in Jamben abge⸗ faßt ſein.“ Ich ſchwieg, und dies um ſo eher, da Keiner in der Geſellſchaft die faſt unergrundliche Al⸗ bernheit dieſer Antwort begriff. Bei Liſche ſprach er nachher von St. Jean d'Acre und der Landenge von Suez, und da er da⸗ bei einige Mal die Perſer ſtatt der Aegypter nannte und ich zweifelnd wiederholte: „die Perſer!“ war er ſo gutig, mich zu belehren, Aegypten grenze an Perſien, ſo daß beide Länder eigentlich nur verſchie⸗ dene Provinzen deſſelben Reichs, beide Völker eigent⸗ lich nur Ein Volk ſeien! Und dabei nun Walden, — 49 — der Alles glaubt, was R. ſagt, und es als Apoſtel⸗ worte auffaßt, und auch das Albernſte als Witz be⸗ lacht! Nie iſt mir ein Menſch ſo unausſtehlich ge⸗ weſen, wie dieſer R., und nie hat mich Einer ſo bitter unluſtig gemacht, als er. Und uͤber dieſen Menſchen vernachlaſſigt er uns! Er bedarf unſter nicht mehr, da er ihn hat! Morgen machen wir eine Reiſe nach Eutin und Ploͤn. Ich habe ſo lange gewuͤnſcht, die dor⸗ tige Gegend zu ſehen; doch welche Freude kann ich nun, in dieſer Geſellſchaft, daran haben, und uͤber⸗ haupt, wo iſt fur mich noch Freude! Auf dieſer ganzen Reiſe war Walden nicht unhöflich gegen mich; das iſt aber auch Alles, was ich von ſeinem Betragen zu ruͤhmen wuͤßte. Nicht ein freundliches Wort! nicht einen freundlichen Blick! und das von ihm, fuͤr den ſonſt nur meine Worte, meine Blicke Werth zu haben ſchienen! Natuͤrlich ſcheine ich dieſen Unterſchied zwiſchen ehe⸗ mals und jetzt gar nicht zu bemerken, und bemuͤhe mich nur, recht heiter und froh zu erſcheinen. Aber Tarnow's Schriften. 13. 3 — 50 — nicht blos gegen mich, auch gegen Ehrenfels und utriken iſt er kalt und herzlos. In Eutin war ein Ball; ich aͤußerte, ehe wir hingingen, daß ich nicht tanzen wuͤrde; mir war auch wahrlich, trotz meiner äußern Froͤhlichkeit, im Herzen gar nicht darnach zu Muthe; nun warf er es geſprächsweiſe hin, er wolle auch nicht tanzen. Bei meinem Eintritt in den Saal wurde ich aber, ohne daß er es ſah, viel gebeten, meinen Entſchluß zu aͤndern. Ulrike beredete mich, und da ich außer ihr keine Dame in der Geſellſchaft kannte, mußte meine Rolle als Zuſchauerin ſo langweilig werden, daß ich, dies bedenkend, mich zum erſten Tanz in die Reihe fuͤhren ließ. Mein Tanzer war der Hauptmann Moritz, von dem die Leute vorigen Winter auf den Kieler Bällen behaupteten, vaß er großes Gefallen an mir faͤnde, und der es ſich denn auch dieſen Abend möglichſt an⸗ gelegen ſein ließ, mir uberlaͤſtig und langweilig zu werden. Ich fuhlte es, es werde Walden mißfallen, daß ich gerade mit dieſem, und als habe ich aus Gefälligkeit fur ihn meinen Entſchluß geändert, zu⸗ erſt tanzte; aber es that mir auch in dem Augen⸗ blick ordentlich wohl, Walden zu ärgern; ich ſprach, — — da ich mich, als ich hinunter getanzt hatte, von ihm bemerkt ſah, recht freundlich mit meinem Taͤnzer, doch dieſe Unart ward mir ſchnell verleidet. Walden fing auch an zu tanzen, ununterbrochen die ganze Nacht durch, mit wirklich leidenſchaftlicher Heftigkeit, und das, ohne mich ein⸗, auch nur ein einziges Mal aufzufordern; da er ſonſt faſt nie mit einer andern Dame als mit mir zu tanzen pflegte. Es kränkte mich ſehr; aber ich ſtellte mich recht ver⸗ gnügt und verſicherte mehrmal, ſo daß er es horen mußte, ich habe mich ſeit Jahren auf keinem Ball ſo gut amüſirt. Wie froh war ich aber, als wir nach Hauſe kamen und ich mich nun im Bette ſtill aus⸗ weinen konnte! Aber leichter weine ich mir das Herz doch nicht, es wird von Tag zu Tag ſchwerer. Geſtern war Eliſe hier. Iſt denn dieſe fanfte, geliebte Geſtalt vom Schickſal dazu auserſehen, meine Ruhe gaͤnzlich zu untergraben? Ich hatte mir im peinlich ſtrengen Kampf gegen Walden eine Gleichgültigkeit anerkünſtelt, die mir wohl that, aber nun durch ſie wieder zerſtört iſt. 8 * — — Sie fragte mich geſtern: „Wie iſt jetzt Dein Verhältniß zu meinem Bruder?“ „Wir ſehen uns ſelten, und ſind wir zuſam⸗ men, geht es bedeutungslos voruͤber. Er hat ſich ja auch faſt ganz von unſerm Umgang zuruͤckgezogen.“ „Folge Deines Betragens, das ich in ſofern biligen muß, als Dir von ihm wohl kein Deiner würdiges Gluͤck hätte kommen könnenz aber, glaube mir, er hat Dich gewiß geliebt und gibt Dich mit unendlichem Schmerz auf.“ „Nein, Eliſe,“ ſagte ich ihr tief erſchuttert, „er hat nie etwas Anderes als kalte Achtung fuͤr mich empfunden, ſonſt könnte er jetzt meine Freund⸗ ſchaft nicht ſo leicht hinopfern.“ „Er hat ſich Dir nie offen gezeigt, weil er ſich zu tief unter Dir fuͤhlt; aber, wenn es mwoͤglich ge⸗ weſen waͤre, noch moglich wäre! Wie ſehnlich habe ich es gewunſcht, Dich als ſeine Gattin zu ſehen! Im Grunde iſt er doch ſo gut, ſo herzensgut; wer kann beſtimmen, wie hoch Du ihn zu heben ver⸗ moͤchteſt!“ „Glaubſt Du,“ fragte ich, leidenſchaftlich auf⸗ geregt, raſch und heftig, „daß ich meinen Stolz je ſo weit hätte beſiegen können, ihm Alles verdanken zu — 5 — wollen, und das Urtheil der Welt, ich waͤhle ihn aus veraͤchtlichen Ruͤckſichten, verkaufe ihm Herz, Seele, Leben fuͤr ſein Geld und ſein Von, nicht zu achten?“ „Wenn ſein Gluͤck daran hinge, da wir Alle Dir mit ſo herzlicher Liebe entgegen kommen, ja.“ Heiß weinend ſank ich in ihre Arme; „traueſt Du ihm denn Seelengroße genug zu?“ ich wollte hinzuſetzen, „ es nie zu bereuen, daß er ein armes ahnenloſes Maͤdchen wählte;“ aber ſie unterbrach mich. „Nein, Du haſt Recht, er iſt zu ungebilder fuͤr Dich, Du kannſt ihn nicht lieben, kannſt nicht gluͤcklich mit ihm ſein. Laß uns nicht mehr davon ſprechen.“ Tiefer bewegt, denn je in meinem Leben, kam ich zur Geſellſchaft zuruͤck, und es koſtete mich un⸗ glaubliche Anſtrengungen, bis ich das, was ich um meines Friedens willen nie, nie hätte hoͤren ſollen, tief in mein Herz zuruͤckzudrängen vermochte. Nein geachtet hat er mich, ſich durch mich angezogen, be⸗ ſchäftigt, zerſtreut gefuͤhlt; aber nie hat er mich ge⸗ liebt. Er hat mich aus Ruͤckſichten, die, wenn ich reich und vornehm waͤre, nie Gewalt uber mein Herz haben wuͤrden, aufgegeben, und die Zerſtreuungen — ſeiner Reiſe, das Zuſammenleben mit ſeinen ehe⸗ maligen Cameraden hat die Macht uͤber ihn, ihn jetzt fuͤr meinen Umgang, meine Freundſchaft ſchadlos zu halten. Nein, er hat mich nie geliebt! Aber, daß es Eliſe gar nicht ahnet, wie verletlich ſie mich macht und wie mein Herz blutet! Ach, er war mir einſt ſo werth! Und nun erſt, da er ſich von mir wen⸗ det, da ich den Zeitpunkt vor Augen ſehe, wo er mich ganz vergeſſen und in todter Gleichgultigkeit ganz vernachläſſigen wird, erfahre ich, was ich ihm gegolten habe. Arme Pauline! Ich hoffe zu Gott, daß ich ihn nicht liebez ich habe zu ſtrenge uͤber mich gewacht, zu ernſt ge⸗ kämpft, als daß dieſe Neigung hätte unbedingte Ge⸗ walt uͤber mein Leben erhalten konnen; aber er war mir um Vieles theurer, iſt es noch, wie je irgend ein andrer Mann. Fruͤher war aber ein ſo leben⸗ diges Gefuͤhl der Ungleichheit unſers Standes in mir, daß ich es fuͤr unmöglich hielt, Liebe zwiſchen uns erbluhen zu ſehens das iſt jetzt anders; wäre ich z. B. ſo reich, daß ich durch Geld die Ungleich⸗ heit unſers Standes auszugleichen vermoͤchte, ſo zoge ich, von ihm geliebt, in ſchoͤner Sicherheit, be⸗ gluͤckt zu werden, ihn allen andern Männern vor, ſo viel deren der Erdkreis in ſich faßt. Aber das ſind nur Traͤume; die Wirklichkeit ſpricht es ernſt gebietend aus, daß wir nicht fur ein⸗ ander beſtimmt ſind, und ſo muß ich mich ja fteuen, daß ich mir nur ſeine hoͤchſte Achtung und nichts weiter zu gewinnen vermochte. Gern will ich es ihm auch verzeihen, daß er; ohne Ruͤckſicht auf mei⸗ nen Frieden, dieſe Achtung ſo zweidentig ausſprach, daß nicht nur die Welt, ſondern auch ſeine nächſten Verwandten, ſie in ihrer Aeußerung verkennend, Liebe zu mir darin zu entdecken glaubten, da er wohl nicht ahnete, welch ein neues, ganz unerfahrnes Herz in meinem Buſen ſchlug. Eine ungluͤckliche, hoffnungsloſe Liebe iſt gewiß der bitterſte Kelch, der einem weiblichen Herzen zu leeren geboten werden kann, und wer haͤtte mich davor geſchuͤtzt, wenn Gott mir nicht Kraft gegeben haͤtte, mein Schickſal zu beſiegen? Nur einen Wunſch darf ich mir in Bezug auf ihn erlauben und mir vergoͤnnen, ihn mit unbe⸗ kämpfter Waͤrme zu umfaſſen; es iſt der, ſeine edeln Anlagen ſich ſo entwickeln zu ſehen, daß ich ihn bis an's Ende meines Lebens wahr und innig hochachten — kann. Alles perſoͤnliche Weh für mich will ich mu⸗ thig, ſtill und ohne Klage erdulden, wenn ich nur jenen Wunſch erfuͤllt ſehe. Unſer Haus iſt ſeit einigen Tagen mit einem Schwarm junger Maͤnner angefullt, die Walden ſich bemuͤht, mehr und mehr in unſern Umgang zu ver⸗ flechten. Ich nehme ſelten an dieſen Geſellſchaften Theil und laſſe mich, in der Regel, nur bei Tiſch und in der Theeſtunde ſehen. Walden zeigt ſich in dieſer Umgebung ſo grell als das Gegentheil von dem, was ich fruͤher in ihm zu ſehen glaubte, daß es mich taͤglich ſchmerzender verletzt. Es iſt beinahe, als wenn er ſich und mich mit dieſer Entſtellung ſeines fruͤhern Bildes hoͤhnen wolle; ſobald ich nur nahe genug bin, ihn ſprechen zu hoͤ⸗ ren, befleißigt er ſich einer Gemeinheit des Aus⸗ drucks und einer Unmanierlichkeit im Betragen, ge⸗ gen die ich, wie er weiß, nur zu verletzlich bin. Alles, was er ehemals als Heiligthum des Le⸗ bens und des Herzens pries, wird nun von ihm als Schwaͤrmerei verlacht. So reißt er das Beſte in ſich, woran ich mich allein in Achtung fuͤr ihn zu halten vermöchte, fre⸗ velnd nieder, und verwirrt mich, wie ich auch da⸗ gegen ankaͤmpfe, täglich unheilbringender. Gott ſchenkt mir die Kraft, Vieles tragen zu können, nur Eines, weiß ich, wird mir zu maͤchtig werden, nämlich wenn es ihm gelaͤnge, meine Theilnahme an ſeinem Geſchick zu einer meiner unwuͤrdigen Schwäche zu erniedrigen. Ich fuͤhle es jett immer mehr, wie tief die Schwaͤrmerei, mit der ich hätte ſterben moͤgen, um ihn gluͤcklich zu machen, um ihn umauflöslich mit dem Guten zu verbinden, in meinem Herzen liegt. Pätte er mich geliebt, ich hätte ſein Herz gerettet und ſein Gemuͤth vor dieſer ſittlichen Verwilderung geſchuͤtzt; er waͤre edel geblieben und wohl auch gluͤcklich geworden. Geiſt und Sinn erbluͤheten in ihm ſo herrlich, eine ganz neue Welt ſchloß ſich vor ihm auf; o mein Gott, warum mußte das Alles an einen ſo verganglichen Faden geknuͤpft ſein? Wäre er nicht viel gluͤcklicher, wenn er mich nie gekannt haͤtte, da er ſich dann nicht wie jetzt gegen ſo Manches, das er fruͤher aus Unkenntniß nicht liebte, zu verhärten brauchte? uUnd können — die Thraͤnen, die mich das koſtet, je auf Erden ge⸗ trocknet werden? — Da ſaß ich geſtern, während im Vorzimmer Bank aufgelegt wurde, wo er mit anſcheinender Leidenſchaft ſpielte, mit Ehrenfels im Nebenzimmer, und unſer Geſpraͤch wandte ſich auf ihn. Ich außerte die Furcht, daß dieſer Hang zum Spiel, den er jetzt zeigt, herrſchende Neigung in ihm werden moͤchte. „Hm!“ antwortete mir Ehren⸗ fels, „bei der Waͤrme im Kopf und Herzen, die er jetzt fuͤhlt, kann ihm der Wein leicht noch gefährli⸗ cher werden, als das Spiel.“ Fuͤr den Schmerz, mit dem ſolche Aeußerung, ſolche Furcht mein Herz durchſchneidet, vermag ich kein Bild aufzufinden; aber meine Jugend und alle heitre Bilder des Lebens erbleichen davor. Der Strudel, in den er ſich geſtuͤrzt hat, reißt ihn immer tiefer in ſeine Wirbel. Die Großmutter kann ihn nicht mehr vor Augen ſehen, Eliſe ver⸗ achtet ihn, Ulrike ſcheint gleichguͤltig, Ehrenfels kuhl gegen ihn. Ich allein halte das Band dieſer Ver⸗ haͤltniſſe noch mit meinen Bitten und der Buͤrg⸗ ſchaft, die ich fuͤr ihn uͤbernehme, zuſammen; ich allein empfinde dies tiefe ſchmerzliche Mitleiden mit ihm. Er hat mich gekraͤnkt; aber eben dies Gefuͤhl — 60 — perſoͤnlich erlittenen Wehes muß mir ja zum lebhaf⸗ teſten Antrieb werden, unſichtbar und von ihm un⸗ geahnet, das fuͤr ihn zu thun, was mir einzig zu thun vergoͤnnt iſt, indem ich Alles zu mildern und die Liebe ſeiner Familie und ſeiner Freunde fuͤr ihn zu erhalten und zu beleben ſuche. Und wahr iſt es auch, ich habe noch Glauben an ihn; mag jetzt gleich manche Verirrung ſeine Jugend und ein unſtates Sehnen, ein irre geleitetes Wollen anklagen, er iſt doch gut, und der ange⸗ borne Sinn wird ſich aus den unreinen Elementen ſeines jetzigen Lebens ſiegend erheben. Ich darf mich ihm nicht naͤhern, ſeine Rohheit wuͤrde mich ver⸗ letzen; aber nahe ſoll ihm die treue Freundin bleiben, und dies Herz, dies von ihm verkannte, vielleicht verhöhnte Herz ſoll ihn ſegnend und unerrathen fortlieben, ſo lange es ſchlagt. Geſtern war das große Kirchgangsfeſt in D. Ich war ſehr huͤbſch gekleidet, tanzte viel, wurde ausgezeichnet, vorgezogen, gefeiert, und ich hätte den furchterlichen Schmerz in meiner Bruſt in einen — Schrei, ein Geſtaͤndniß zuſammen preſſen und damit entſeelt niederſinken mogen. Keiner ahnet die ent⸗ ſetzliche Anſtrengung, die es mich koſtet, ruhig zu ſcheinen; Keiner weiß um mein zerriſſenes Daſein. Ach, ich habe dieſen Aloys viel, viel inniger und heißer geliebt, als ich ſelbſt wußte und ahnete! Nach alter Sitte wurde geſtern jedem Mann von ſeiner Tiſchnachbarin ein Kuß; da aber mehr Herren als Damen zugegen waren, beſchwerten ſich die Leerausgegangenen und forderten nach Tiſch von den Frauen ihr ihnen durch den Mangel einer Nach⸗ barin verkämmertes Recht ein. Walden war unter ihnen; wir haben in den letzten drei Wochen kaum drei Worte mit einander geſprochen, und ich verlor daher faſt alle Faſſung, als er mit ſeiner Bitte um Schadloshaltung jetzt zu mir kam. Im ſchnellſten Wechſel ergluͤhend und erbleichend, bot ich ihm, im innerſten Herzen erbebend, die Wange; aber ſich vergeſſend, druͤckte er mich mit unendlicher Leiden⸗ ſchaft an ſein Herz und ſeine Lippen auf die meini⸗ gen. Ich ſah zu ihm auf, ein finſterer, wilder Schmerz zuckte uͤber ſein Geſicht, und doch traf mein Auge auf einen Blick gluͤhender Liebe; aber in dem⸗ ſelben Augenblick riß er ſich von mir los und blieb — — mir den ganzen Reſt des Tages in eiſiger Kaͤlte und gänzlicher Nichtachtung wieder fern. Nach Mitternacht erſt, da er ſchon mit allen andern Damen getanzt hatte, forderte er mich zum Walzer auf. Ich wollte es nicht abſchlagen, um nicht durch dieſe fruͤhere Vernachlaͤſſigung ge⸗ kränkt zu erſcheinen; ſeine Hand zitterte, als ich ihm die meinige reichte; ich bebte, und als ich mich von ihm umfaßt und wie unwillkuͤrlich an ſeine Bruſt gedruckt fuhlte, hoͤrte ich keine Muſik mehr, ſondern nur ein Gewitr ſinnlos in einander verſchlungener Tone, ſo daß ich nach einigen Schritten unver⸗ mögend, mich laͤnger auftecht zu erhalten, mit einer ſtummen Verbeugung enden mußte. Gott im Himmel, wodurch habe ich dies grau⸗ ſame Spiel mit meinem Herzen verſchuldet! Ich konnte Gift trinken, mich in einen Abgrund ſtuͤrzen, um nur den furchtbaren Schrei dieſes Schmerzes in meiner Bruſt ſtumm zu machen. Ich weiß nun, was mich fruͤher wohl ſchon als fluͤchtige Ahnung erſchreckte, er glaubt ſich von mir beleidigt, fuͤhlt ſich von mir verſpottet, verworfen; Golt, und ich ſterbe fuͤr ihn! — — Wochen ſtillen Kampfes und herben Schmerzes ſind hingegangen, in deren Verlauf ich oft an mei⸗ nem eignen Herzen irre geworden bin; doch Alles beſiegend, iſt mir aus ihnen das Gefuͤhl hervorge⸗ gangen, daß ich ihm in mir die geachtete Freundin erhalten muß, wenn nicht Alles in ihm untergehen ſoll, was als ſchoͤne Bluͤthe ſo herrliche Frucht zu werden verhieß. Mag ich auch das Opfer werden? kann ich es denn je fuͤr einen ſchoͤnern, einen ge⸗ liebtern Zweck werden? Er fuͤhlt es jetzt, daß das wuͤſte Schwaͤrmen, dem er ſich ergeben hatte, ihm kein Erſatz fuͤr die reinen einfachen Freuden unſers haͤuslichen Umgangs zu werden vermag, und zu dieſem Gefuͤhl mußte er kommen, wenn er der Mann war, fuͤr den ich ihn achtete. Jener Vorfall in D. ſchien ihn eben ſo er⸗ ſchuͤttert zu haben, als mich, und die Wirkung deſ⸗ ſelben auf ihn war zu ſichtlich, als daß ſie unbemerkt bleiben konnte. Er lebt ſeit jenem Tage ganz einſam. Ernſt, mißmuthig, faſt rauh gegen alle Andre, iſt er, wenn er hierher kommt, auch gegen mich einſylbig und ſcheu; aber ſein Blick ruht oft, vorzuglich wenn er ſich unbemerkt glaubt, mit einem Ausdruck auf mir, der, wie eine ſanfte Melodie, all mein Weh in Schlummer wiegt, und dann iſt er auf Minuten ſo in ſich verloren, ſo tief bekuͤmmert, daß ich mein Auge nicht wegwenden kann von ihm. Wie Schade, wenn das Schickſal dieſen Charakter herbe, hart, wohl gar ſtoͤrriſch machen ſollte! In ihm ſchlum⸗ mert ſo viel Zartes, Edles, Feſtes und Schoͤnes; aber ohne Einfluß von außen wird es ſich nicht in ihm entwickeln, weil ſeine Erziehung und der fruͤhere Gang ſeiner Bildung es zu lange feindlich unter⸗ bruͤckten, als daß es jetzt aus eigner Kraft frei und freudig zu gedeihen vermoͤchte. Sein Umgang mit mir hat nach ſeinem eignen Urtheil und dem Ausſpruch aller ſeiner Freunde fruͤ⸗ her vortheilhaft auf ihn gewirkt, und kann es, mit Gottes Huͤlfe, auch noch ferner. Ich habe mich freilich, ſeit ſeiner Verſtimmung gegen mich, oft recht bitter gekränkt, recht tief ſchmerzend vernachläͤſſigt gefuͤhlt; aber ich darf um ſo weniger mit ihm dar⸗ uͤber rechten, da ich eben ſo viele Urſache habe, mit mir und meinem Betragen unzufrieden zu ſein. Es war, als ob alle Milde meines Charakters von ihm entlehnt war und mich mit ihm verließ. Unruhig, bewegt, aufgeregt in einer mir bisher ganz verborg⸗ nen Tiefe meiner Seele, hielt es mich ganze Naͤchte wach, ohne daß ich einen klaren Gedanken zu denken vermochte. Mißtrauiſch gegen mein zu weiches Gefuhl, voll Furcht, errathen und doch nicht begriffen zu wer⸗ den, verbarg ich meine Thraͤnen und meinen Schmerz unter kaltem Spott und erkuͤnſteltem Scherz. Ich furchtete mich ſelbſt mehr als alles Andre, und wohl fuhlend, es ſei ein Geheimniß in mir, das, einmal ausgeſprochen, unbedingte Gewalt uͤber mein Leben erlangen werde, gab ich mich der Geſellſchaft und der Unterhaltung in banger Angſt unbedingter hin als ſonſt, und jede ernſtre Wendung des Geſprächs ſcheuend, entwickelte ſich in mir ein neuer Sinn, das Lächerliche und Alberne aufzufaſſen und zu ge⸗ ſtalten; aber ich wollte dieſem Sinn nicht wohl, denn er entfremdete mir eine gewiſſe weibliche Zart⸗ heit und Schonung, von der mein Herz mir ſagte, ich duͤrfe ſie nicht — ohne mir ſelbſt — zu werden. Walden's Betragen in D. erleuchtete mir wie ein Blitz die Verworrenheit meines Innern; ich geſtand mir, daß ich ihn liebe, und in der Sicherheit und Wahrheit der eignen Empfindung ward mir auch — — wieder neue Zuverſicht zu ihm. Ich war ihm nicht gleichgultig, ich ubte noch Gewalt uͤber ihn; aber bis zur klaren Anſchauung ward meine Ahnung ſeines Zuſtandes nicht, und das Erröthen eines ſol⸗ chen Selbſtgeſtaͤndniſſes, die Scham eines ſolchen, durch keine Erklärung des Mannes gerechtfertigten Bewußtſeins, gab mir eine ganz neue, furchtſame Scheu gegen Aloys. In dieſer Stimmung wurden bange Tage zu truͤben Wochen; da ſprach Ehren⸗ fels mit mir, und das Vertrauen des edeln Mannes zu meinem Charakter ſtaͤrkte mein Herz mit einer Kraft, die ich ihm fruͤher — zutrauen zu glaubte. „Wähnen Sie nicht,“ nin er mir, „Walden gleichguͤltig geworden zu ſein; er hat ſich einſt, ich weiß ſelbſt eigentlich nicht wodurch, von Ihnen be⸗ leidigt und geſchmaͤht gefuͤhlt; das war die Urſache ſeiner Verſtimmung, und jetzt quält ihn die Furcht, durch die Art, wie er dieſe aͤußerte, Ihre Achtung und Ihre Theilnahme verſcherzt zu haben. Es iſt mir nicht entgangen, durch welche Winke und An⸗ ſpielungen man Sie fruͤher aus Ihrer ſchoͤnen Unbe⸗ fangenheit gegen ihn herausgetrieben hat; mich duͤnkt aber doch, dieſe hätten nie ſo viel Gewalt über Sie erhalten muͤſſen, ihm ſo wehe zu thun. Vergeſſen Sie ſie jetzt wenigſtens, halten Sie ſich nur daran, daß Aloys Sie wahr und innig achtet, wie er nie ein Frauenzimmer geachtet hat, und daß Ihnen dieſe Achtung die Macht ſichert, hoͤchſt vortheilhaft auf ihn zu wirken und ihm ſeine vorige Heiterkeit und Ruhe wiederzugeben.“ n „Gewiß, Mauline,“ fuhr er — und reichte mir die Hand, „ich erkenne Ihren ſeltnen Werth und weiß wohl, wie hoch der Mann eigentlich ſtehen muß, der ſich eines Anſpruchs auf Ihr Herz wuͤrdig fuͤhlen kann; aber doch werden Sie die Hoffnungen nicht vereiteln, die ich auf Ihre Gewalt uͤber Walden gruͤnde. Bei vielen edeln Anlagen, bei ausgezeich⸗ neter Bravheit und Herzensguͤte, iſt in ihm eine Rauheit und Harte, die leicht zu ſittlicher Rohheit werden kann, die ſich aber in Ihrem Umgange ſicht⸗ lich mindert und ſich in der Folge ganz verlieren wird. Sie duͤrfen das angefangene Werk nicht un⸗ vollendet laſſen, und keine Ruͤckſicht darf Sie be⸗ wegen, ihm kuͤnftig noch ſo kalt und abſchreckend zu begegnen, wie Sie es jetzt thun. Er hat gefehlt, doch viel zu ſtrenge laſſen Sie ihm das empfinden und bßen „ Konnte ich mich gegen dieſen Vorwurf, von einem Manne ausgeſprochen, genugthuend vertheidi⸗ gen? Eine unuͤberwindliche Scheu band mir die Zunge und zwang mich, Dinge zu ſagen, die ich ſo leer und gleichguͤltig nie gedacht habe. Doch gab ich Ehrenfels das Verſprechen, die Herſtellung eines freundlichern Verhaͤltniſſes zwiſchen Walden und mir verſuchen zu wollen, und wahrlich, wenn Ehrenfels Recht hat, wenn meine Freundſchaft ihm ſo viel gilt, ſo viel uͤber ihn vermag, ſo muß davor jede andre Ruͤckſicht ſchweigen, jede Furcht vor Mißdeu⸗ tung ſchwinden. Wie findet doch ein liebendes Herz in der treuen Sorge fuͤr Andre den beſten Troſt fuͤr ſich ſelbſt! Ehrenfels wurde recht krank, Angſt und Sorgen machten auch ſeine Frau bettlägerig. Die Pflege der beiden trefflichen, von mir ſo innig geliebten Menſchen riß mich aus der truͤben Traumerei und dem wehmuͤthigen Sinnen, das ſo viel Gewalt uber meine einſamen Stunden gewonnen hatte. Ich habe die Kinder nicht vernachlaſſigt, mich aber dabei der Wirthſchaft angenommen, die Kranken gepflegt, jede Nacht bei ihnen gewacht und fuͤhle mich dabei nicht ermattet, ſondern körperlich viel wohler und heiterer, als vorher. Was ich gethan habe, iſt ſo natuͤrlich und an ſich ſo unbedeutend, daß ich es als mich betruͤbende Haͤrte empfunden haben wuͤrde, wenn man mir verſagt hätte, es thun zu duͤrfen, und doch wiſſen Ehrenfels und ſeine Frau mit ihrer unbeſchreiblichen Guͤte es mir Dank, als wenn es mehr wie meine Schuldigkeit geweſen wäre. Mein ganzes Herz gehoͤrt ihnen ja, und nie kann ich ihnen ihre Liebe fuͤr mich genug verdanken, nie es hinlänglich zeigen, wie tief ich ihren Werth fuͤhle und wie ihnen in inniger Zärtlichkeit und Achtung mein Leben ganz geweiht iſt. An dieſem Krankenbette habe ich auch mein fruͤher an Ehrenfels gegebenes Verſprechen geloͤſet und mich mit Walden verſoͤhnt. Nur dem Aeußern nach waren wir uns fremd geworden, und in derſelben Sorge, derſelben Liebe fuͤr die theuern Freunde fan⸗ den wir uns jetzt ſtill und innig begluͤckt ohne Er⸗ kläͤrung, wenn gleich in tiefer Ruͤhrung, zuſammen. Ich weiß nicht, ob ich geliebt bin, und eine innere Stimme wiederholt mir immer, daß wir nicht „ für einander beſtimmt ſind; aber ich ſehe ihn wieder heiter, ſanft, freundlich, gluͤcklich, und das genügt mir. Ein friſches, ſuͤßes Leben erbluht wieder in unſerm haͤuslichen Zirkel, und wir Alle ſind einiger und heiterer denn je. Ich leſe die Hoffnungen und Erwartungen unſrer Freunde in ihren Blicken; aber eben, weil ich kein Vertrauen zu der Zukunft habe, hute ich mich, mir durch den Blick in ihre Ferne dieſe Gegenwart zu verkuͤmmern, und bemuͤhe mich nur, die Bilder dieſer ſchoͤnen Stunden fromm und ſtill in meinem Herzen zu ſammeln, damit ſie es einſt in truͤbern erquicken. Ich habe in dieſen letzten Monaten viel gelitten, und in der Jugend ſtraͤubt man ſich noch mit der vollen ungeſchwaͤchten Lebenskraft gegen den Schmerz, den man erſt ſpäter ſtill hinnehmen und geduldig tragen lernt; daher thut es mir jetzt ſo unendlich wohl, mich von dem Gluͤck durchgluͤhen und durch⸗ ſtrahlen zu laſſen. Rund um mich her iſt ja auch Fruͤhling und Freude, und mit dem innigſten Dank gegen Gott offne ich meine Seele den leiſen namen⸗ loſen Ahnungen, die mich durchbeben, gefaßt darauf, daß ihre Bluͤthen ſich vielleicht nie in voller Pracht erſchließen werden. = 70 — Aloys erſcheint mir jetzt ernſter und mannhafter als vorher, aber eben in dieſem Ernſt auch gehalt⸗ voller und lieber denn je. Unſer Zuſammenſein iſt ſtill, ahnungsvoll und bedeutend. Ein zartes, nicht ausgeſprochenes Geheimniß umwebt uns mit dem magiſchen Schleier eines namenloſen und doch von mir in reinſter Andacht bis zur frohen Wehmuth und ftommen Ruͤhrung tief empfundnen Gluͤckes. O, wie viel Edles und Treffliches ruht in dieſem Mann! Welchen herrlichen Ton entlockt jetzt die Sonne der Liebe dieſer Memnonsſaͤule, und welche Seligkeit iſt es, ſich das Alles von Tag zu Tag reicher entfalten zu ſehen und ſich dann in tiefer Demuth zu geſtehen: Gott hat dich des Berufs gewuͤrdigt, dieſen Mann durch dich mit allem Scho⸗ nen und Guten innig zu verbinden und es ihm durch deine Liebe theuer und heilig zu machen. Goldne Träume meines Herzens! Roſiger und ſchöner wie ihr hat ſie nie der Fittich eines Engels vom Himmel hernieder gebracht, um das Erdenleben mit dem reinſten Abglanz des Paradieſes zu verkläͤren! 1 Ja, mein Schickſal iſt entſchieden, und die reinſte und ſchoͤnſte Empfindung des menſchlichen Herzens fuͤhrt mich dem hochſten Gluck entgegen, das hienieden einer weiblichen Se zu Theil werden kann. Es war geſtern nach — Ta⸗ gen ſehr ſchoöͤn. Ich war ſchon um ſechs Uhr fruͤh mit meinen Kleinen im Garten, und nach Tiſche wieder, und um fuͤnf Uhr gingen Ulrike und ich mit ihnen nach dem Acacienholz, wo wir uns la⸗ gerten und auf die Erfuͤllung unſrer Wuͤnſche Kraͤnze banden. Da kam Ehrenfels und lud uns ein, mit ihm vom Pr. Berge die Sonne untergehen zu ſehen. Unter bluͤhenden Geſträͤuchen gingen wir den Bach entlang auf der ſchonen Wieſe bis beinahe an den Fuß des Huͤgels, aus deſſen Gebüſch uns ein Chor von Nachtigallen entgegen ſang, und als wir ihn erſtiegen hatten, ſah ich weit und breit dies ſchone Land in ſeiner reichen Herrlichkeit vor mir liegen und fuͤhlte es mit allen Gedanken meiner Seele, wie wunderſchoͤn Gott dieſe Erde fuͤr ſeine Kinder ausgeſchmuͤckt hat. Welch eine Gegend! Welche magiſche Erleuch⸗ tung der ſinkenden Sonne! Welches goldige Grun! Welche Roſentinten auf der fernen offenbaren See und dem blaulichen Ufer N.! Ich haͤtte noch ein Herz haben moͤgen, um den ganzen Zauber dieſes Abends recht tief, recht unvergaͤnglich zu empfinden; aber in dieſem Augen⸗ blick faßte Ehrenfels meine Hand, und auf das rothe von Blumen halb verſteckte Dach von Waldens Wohnhaus zeigend, fragte er mich ſanft, aber doch ernſt: „Hat Ihr Herz denn keinen Blick fuͤr das Eigenthum des Van der Sie ſo treu, ſo herzlich liebt?“ So ganz unvorbereitet, wie ich auf dieſe Frage war, erſchrak ich und meine Augen fuͤllten ſich mit Thränen. Ulrike umfaßte mich und, mich innig an ihre Bruſt druͤckend, ſagte ſie mir, wie innig auch ſie wuͤnſche, in mir die liebſte Schweſter zu erhalten, die ſie ſich von Gott zu erbitten wuͤßte. Ich druͤckte ihres und ihres trefflichen Gatten Hand vereint an mein dankbares Herz. „Warum,“ ſagte ich, ſobald meine tiefe Bewegung mir Worte erlaubte, „ſollte ich Ihnen, verehrte Beide, nicht geſtehen, daß ich Walden innig hochachte und mich durch ſeine Liebe geehrt fuͤhlen wuͤrde? — Wie darf ich aber glau⸗ ben, dieſe in der Art zu beſitzen, daß die Anſprüche — meines Herzens daburch befriedigt werden können, da er ſich vor noch nicht langer Zeit noch ſo ent⸗ ſchieden von mir gewandt zu haben ſchien?“ „Ich fuͤhle,“ antwortete mir Ehrenfels, „daß ich Ihnen eine Erklärung, ſowohl uͤber Walden's Be⸗ tragen als auch mein bisheriges Schweigen ſchuldig bin. Als Sie in unſer Haus kamen, glaubte ich Aloys anfänglich nicht fuͤr den Eindruck empfaͤnglich, den das Zuſammenleben mit einem reizenden, lie⸗ benswuͤrdigen Madchen ſonſt ſo leicht und natuͤrlich auf einen jungen Mann hervorbringen kann. Die Art, mit der er aber Ihren Werth auffaßte und anerkannte, konnte mich nur freuen, da ſie Sinn fuͤr Geiſtesbildung und edle Guͤte zeigte. Ihr Ein⸗ fluß auf ihn war der reinſte und wohlthuendſte, den ſich ein weibliches Weſen zu gewinnen vermag. Er verehrte Sie unbeſchreiblich; Ihre Achtung, Ihre Bil⸗ ligung wurden das Ziel ſeines Strebens, aber eben dies Anerkennen Ihrer Ueberlegenheit, in ſo freund⸗ liche Demuth Sie auch dieſe zu verhullen ſtrebten, verhinderte ihn, ſein Gefuhl fuͤr Sie Liebe zu nen⸗ nen. Ulrike, Eliſe und ich vereinigten uns bald in dem Gedanken, daß Walden's Gluͤck nicht ſchöner begruͤndet zu werden vermoͤge, als durch eine Ver⸗ Tarnow's Schriften. IX. 4 — bindung mit Ihnen; aber ich hatte auch den Stolz kennen gelernt, der Ihnen den Gedanken an dieſe entfremdete, und ſah es ein, daß dieſer nur durch die Macht der Liebe in Ihnen beſiegt werden koͤnne. Ob Sie dieſe fuͤr Aloys fuͤhlten, blieb mir ſtets ein Räthſel, iſt es noch, und die Unſicherheit dieſes Dun⸗ kels hielt mich ab, Aloys mit ſich ſelbſt zu verſtän⸗ digen und ſeine Hoffnung aufzumuntern. Das Pu⸗ blicum beſchäftigte ſich mit der Deutung dieſes Ver⸗ haͤltniſſes, das machte Sie ſcheu, ihn blöde und auf⸗ merkſam.“ „In dieſer Stimmung ſprachen Sie einſt in ei⸗ ner Geſellſchaft in unſerm Hauſe Ihre Anſicht von den ſogenannten Meſalliancen ſo bitter und ent⸗ ſcheidend aus, daß es ihn auf's Empfindlichſte belei⸗ digte; er glaubte eine Abweiſung darin finden zu ſollen, und in dem Schmerz, mit dem er Ihre Aeu⸗ ßerung als ſolche deutete, fuͤhlte er zugleich Ihre Gewalt uͤber ihn. Sie wiſſen, auf welche Abwege ihn das zog; ich ſprach ernſt mit ihm; aber er läugnete mir, vieüeicht auch ſich ſelber, eine Liebe, die er vergebens zu betäuben ſtrebte. Sie, Pau⸗ line, wurden hier mit Ihrem ſtets bewahrten Glau⸗ ben an ihn und mit der milden Sanftmuth Ihres — 5 — Weſens ſeine Retterin; er fand ſich ſelbſt in dem Gefuͤhl wieder, daß Sie Theil an ihm nah⸗ men, daß ſeine Verirrung Sie ſchmerzte, und ich getraue mir die Buͤrgſchaft fuͤr ſeine Zukunft zu uͤbernehmen, da das Selbſtbewußtſein, mit dem er ſich wieder gefunden hat, ihm eine Freiheit und Si⸗ cherheit gibt, die der Mann, einmal gewonnen, nicht leicht wieder verliert. Sie vereinen in ſich Al⸗ les, was er in der Stele eines Maͤdchens hoch⸗ ſchatzt und in ſeiner Gattin zu finden wuͤnſcht; er wuͤrde ſich in Ihrem Beſitz fuͤr den glucklichſten aller Männer achten; aber den Muth, um Ihre Liebe zu werben, raubt ihm der Zweifel, ob Sie ſich an der Seite eines Mannes, deſſen geiſtige und wiſſenſchaftliche Bildung die Ihrige bei weitem nicht erreicht, glucklich zu fuͤhlen vermoͤgen, und dies iſt auch mein Zweifel, Pauline, den ich Sie ernſt zu pruͤfen und mit der ſchönen Freimuͤthigkeit Ihres Charakters zu beantworten bitte.“ „Und iſt dieſer Zweifel mehr als eine Ungerech⸗ tigkeit gegen mich? Als Verbildung wäre jede Geiſtesbildung haſſenswerth, die mir die Fähigkeit raubte, den Werth eines einfachen, geraden Sinnes und eines Herzens voll Adel und Liebe gerecht zu 4 * — — wuͤrdigen. Walden hat in ſeiner Feſtigkeit und der Kraft ſeines Charakters ein Uebergewicht uͤber mich, das ich ehrend anerkenne und welches ihm immer bleiben wird.“ „Und darf ich ihm das als Antwort „Warum,“ fuhr ich ſtockend und erroͤthend fort, „ſollte ich es zwei ſo theuren Freunden nicht geſte⸗ hen, daß ich mich durch ſeine Wahl eben ſo begluͤckt als geehrt fuͤhle, und daß ich, bei ſo hohem Edel⸗ muth von ſeiner und ſeiner liebſten Angehoͤrigen Seite, keinen andern Zweifel habe, als das zu leb⸗ hafte Gefuͤhl einer Verpflichtung, die ich nie lebhaft genug zu erkennen vermag.“ „Dann,“ ſagte Ehrenfels und kußte mir die a „ſegne der Himmel Ihre ſanfte, fromme Seele auf immer und laſſe dieſe Hand unſern in Friede und Liebe durch's Leben geleiten.“ Ulrike und ich umarmten uns hier mit ganz neuer Liebe, und als wir uns erhoben, weiter zu gehen, kam er uns in dem Gebüſch entgegen. Eh⸗ renfels eilte auf ihn zu und fuͤhrte ihn nach einigen Worten zu mir. Erroͤthend, aber doch freimuͤthiger als ich es fruͤher fuͤr moͤglich gehalten haͤtte, in ſol⸗ cher Stunde ſein zu koͤnnen, empfing ich das Ge⸗ luͤbde des von mir ſo lange und ſchmerzlich gelieb⸗ ten Mannes, und nie hat ein weibliches Herz unbe⸗ dingter und in dankbarerer Ruͤhrung vor Gott Liebe fur Liebe, Leben fuͤr Leben, Treue fuͤr Treue gelobt, als mein ſtill beſeligtes. Mag gleich der Mann den Ruhm und die Glo⸗ rie vor uns voraus haben; mag gleich unſer Thun klein und beſchraͤnkt, unſer Wirkungskreis in Bezie⸗ hung auf das Ganze nur unbedeutend erſcheinen, ein weibliches Herz, das eine ſolche Stunde rein und unentweiht lebt, muß es erkennen, daß Gott uns die köſtlichſte aller Lebensfreuden nicht verſagt hat. Ein heitres und edles Gluͤch erbluͤht mir von Tag zu Tag reicher in Walden's Liebe und der ſich ſelbſt immer mehr ſichernden Hoffnung, die Begluͤ⸗ ckerin ſeines theuren Lebens zu werden. Sein Miß⸗ trauen in feinen eignen Werth iſt, ſo weh es mir auch thut, noch nicht ganz verſchwunden; aber mein ganzes Thun, mein Denken, Fuͤhlen, Empfinden muß es ihm, je genauer er mich kennen lernt, je mehr beweiſen, daß ich ihn von ganzer Seele liebe, und daß es in ſeiner Macht iſt, mich ſo gluͤcklich zu machen, wie es nur immer eine Frau zu werden wuͤnſchen kann. Unſte Verbindung ſoll noch geheim bleiben bis zur Einwilligung meines Onkels, da es ihm, der ſeit Jahren Vaterſtelle bei mir vertrat, wehe thun wuͤrde, wenn ich ſo ganz eigenmaͤchtig verfuͤhre. Auch mochte ich, verwaiſet wie ich bin, ſeinen Segen und ſeine Wuͤnſche nicht entbehren. Aloys hat gleich⸗ falls einen Onkel, deſſen Zuſtimmung ihm, wie ich jetzt erſt erfahre, wichtig iſt, da er in dem väterlichen Gut ein betrachtliches Capital ſtehen hat, deſſen nie⸗ driger Zinsfuß fuͤr Walden's Vermögen ſehr be⸗ deutend iſt. ueberhaupt iſt dieſer keineswegs ſo reich, wie man wohl glaubte. Er hat in dem zu 50,000 Rthlr. taxirten Gut kaum 20,000 Rthlr. frei, und ſein ganzes Einkommen beträgt alſo, ohne die Unterſtuͤtzung des Oheims, nur 1000 Rthlr. Es wuͤrde mich daher um ſeinetwillen ſehr betruͤben, wenn dieſer unſte Verbindung mißbilligte; indeſſen ſcheint Ehrenfels ſo wenig als Aloys dies zu fuͤrchten. Da er die Geſchwiſter ſeit ihren Kinderjahren nicht geſehen hat, ſo iſt beſchloſſen, daß die beiden Schweſtern mit ihren Männern Aloys nach Kopen⸗ hagen begleiten ſollen, wo der Oheim wohnt. Sie — 79 — wuͤnſchten, daß ich dieſe Reiſe mitmachen ſollte; allein ſie können es gar nicht vermeiden, dort bei Hofe zu erſcheinen, und welche Rolle ſollte ich dann ſpielen! Wir lachen freilich daruͤber; aber angenehm ſind ſolche Fälle doch nicht, wenn ich gleich in der Liebe und dem Werth der trefflichen Menſchen, in deren Familie ich eintrete, reichlichen Erſatz fur die kleinen Unannehmlichkeiten finde, von denen ich wohl fuhle, daß ich, die Buͤrgerliche, ihnen bei der Auf⸗ nahme und dem Eintritt in einen adeligen Kreis nicht werde entgehen koͤnnen. Je ſtolzer ich vielleicht bin, deſto tiefer und le⸗ bendiger erkenne ich auch die Zartheit und den Edel⸗ muth der Liebe, mit der ich mich ſo achtungsvoll und liebreich als Schweſter von den theuerſten und verehrteſten Freunden, die ich mir vom Schickſal zu er⸗ bitten vermochte, aufgenommen ſehe. Eliſe bluͤht wie neu auf in dieſer Sicherheit meines und ſeines Gluͤcks, und eine Freude, die mich recht innig ruͤhrte, war die der alten, trofflichen Großmutter, da Walden mich ihr als ſeine Braut vorſtellte. „Nun,“ ſagte ſie, „das iſt noch mal vernünftig, daß Du Dir eine gute, brave Frau nimmſt. Habe ich es Dir nicht oft geſagt, Du ſolleſt um — 80 — Paulnn werben, ſie ſei hubſch, gut, klug und wirth⸗ ſchaftlich?“ — Ich kußte ihr lächelnd die Hand: „Sie ſehen nun, liebſte Großmutter, was ihr Rath gefruch⸗ tet hat; wenn er nun aber nicht gut mit mir fährt, wird er ſich an Sie halten.“ — „Gewiß, mein Kind,“ ſagte ſie ernſthaft, „die Buͤrgſchaft fur Sie will ich gern uͤbernehmen; auch er iſt gut, und ſo moͤge Euch dann der Segen einer alten, rechtſchaffenen Frau eine Verheißung des Friedens und des Troſtes werden; denn dieſes letztern bedarf doch auch ber glucklichſte Menſch mitunter; liebt Euch aber nur immer recht herzlich und er wird Euch dann in der trubſten Stunde auch nicht fehlen!“ Ehrwuͤrdige Frau! Moͤge der Gott, der mein Herz bis in ſeine verborgenſte Tiefe kennt, die Ge⸗ fühle meiner Seele doch immer ſo leiten, daß ſie mich in jedem Augenblick meines Lebens Deines S wuͤrdig erhalten! — Sie ſind abgereiſt, und Einſamkeit und Abwe⸗ fenheit verlebendigen mir ſein Bild und das Gefuͤhl meines Glucks und die Hoffnungen einer frohen Zu⸗ kunft von Tag zu Tag in immer ſchönerer Färbung. — 8 — Die Großmutter und ich werden viel ausgebeten, und ich faſt öffentlich als ſeine Braut begruͤßt, mit An⸗ ſpielungen und Neckereien gequält, wie man Braͤute ſo gern quält, bin oft verlegen, die Aeußerungen un⸗ ſerer nähern Bekannten zu beantworten, da ich unſre Verlobung nicht eingeſtehen mag und ſie doch auch nicht, da ſie in drei Wochen allgemein bekannt wer⸗ den wird, mit entſchiedenem Ernſt abzulaͤugnen vermag. Die Art, wie man mich jetzt in dieſen Geſell⸗ ſchaften aufnimmt, zeigt mir auch das Uebertriebene meiner Furcht vor den Folgen der Ungleichheit unſers Standes. Allgemein ſcheint man Walden's Wahl zu billigen, und oft erhalte ich gerade von den Menſchen, deren Adelſtolz ich am meiſten furchtete, die ſchmei⸗ chelhafteſten und ausgezeichnetſten Beweiſe achtungs⸗ voller Guͤte. Geſtern z. B. waren wir in P. in einer großen Geſellſchaft. Der Liebling des Koͤnigs, der alte, we⸗ gen ſeines Stolzes ſo verrufene General D. bot mir, als wir zu Tiſche gingen, den Arm und ſagte mir ſehr verbindlich: „Ich höre, daß Sie noch keinen Glück⸗ wunſch zu Ihrer Verlobung annehmen, auch wuͤrde ich dieſen immer vorzugsweiſe an Herrn von Walden und ſeine Familie wenden, die gewiß, wie eine jede = — im ähnlichen Fall, ſich geehrt fuͤhlen muß, ein ſo liebenswuͤrdiges und allgemein geachtetes junges Frauenzimmer kuͤnftig zu ihren Mitgliedern rechnen zu duͤrfen.“ Wenn mich mein Gluͤck nur nicht eitel macht! Ich aͤngſtige mich oft davor, denn gewiß iſt es, daß mir jetzt jedes Lob eine Freude macht, wie ich ſie fruͤher bei ſolcher Veranlaſſung nie empfunden habe. Aber ich moͤchte ſo gern Walden's Wahl in mir ge⸗ ehrt ſehen, mich ſo gern uͤberzeugen, daß unſere Ver⸗ bindung, von den Beſſern gebilligt, kein nachtheiliges Licht auf ſeinen und auch nicht auf meinen Charakter wirft; denn war mir bis jetzt ſchon die Meinung der Welt und ihr Urtheil ein furchtbarer Richterſtuhl, den ich zu ſchonen und mir guͤnſtig geſtimmt zu erhalten ſuchte, ſo wird er mir dieſes noch weit mehr kuͤnf⸗ tig werden, wenn ich Walden's Namen trage und mein Gluͤck, mein Herz, alle meine Wuͤnſche und Hoffnungen, alle meine Träume, meine Gedanken, meine Gebete, mein ganzes Sein und Weſen ſich in den Beruf verſenkt, ſeine Gattin, ſeine treue, fromme, liebende und geliebte Frau zu ſein. Ja, ich bin unaus ſprechlich glůͤcküchz ſollte es mir aber je an Fähigkeit und Kraft fehlen, dieſen hei⸗ — — ligen Beruf zu ehren und ihn wuͤrdig zu erfuͤllen, ſo, o mein Gott, brich jetzt lieber dies Herz im ahnen⸗ den Vorgenuß ſeiner Wonne, als daß es ſpäter ſei⸗ nem Gluͤck und ſeinem Werth abſterbe! Ja, es iſt gebrochen! Ich klage nicht, ich murre nicht; ich beuge mich ſtill vor des Allmaͤchti⸗ gen Hand, die es in ſo gewaltigem, unuͤberwindli⸗ chem Schmerz traf. Ich fuͤhle es, ich muß das Opfer ſein, muß das Opfer bringen — aber bis zur Klarheit des Gedankens vermag ſich dies Gefuhl noch nicht zu erheben. Es war brieflich verabredet, daß ich Aloys und ſeinen Geſchwiſtern bis Kiel entgegen kommen ſollte. Heiter, froh, wie der unbewoͤlkte Himmel uͤber mir, fuhr ich hier fort und der Zufall beguͤnſtigte uns ſo, daß ſich unſere Fahrzeuge auf dem Waſſer begegne⸗ ten. O wie herzlich, wie freudig und ſchön war un⸗ ſer Wiederſehen! Wie gluͤcktich erſchien mir Aloys, und wie gluͤcklich war ich! — Es wurde beſchloſſen, in Kiel bei der Tante ein⸗ zuſprechen und, da an dieſem Abend Maria Stuart gegeben wurde, in der Stadt zu bleiben und das — — Schauſpielhaus zu beſuchen. Als wir bei der Tante ankamen und die Andern ſchon in's Zimmer getreten waren, hielt mich Aloys noch von der halbgeoffneten Thuͤr zuruͤck, mir ein Paar heimliche Worte trau⸗ lichen Koſens zu ſagen; aber in demſelben Augenblick ſah ich ihn nach einem Blick in die Zimmerthuͤr er⸗ bleichen, mit dem Schreckenslaut: „großer Gott!“ die Haͤnde vor das Geſicht ſchlagen und wie verzweifelnd aus der Hausthuͤr ſtuͤrzen. Verſtort eilte ich in das geoffnete Zimmer. Ulrike eilte mir entgegen und fli⸗ ſterte in ſichtlicher Beſtuͤrzung mir zu: „wo iſt Aloys? Franzisca iſt hier!“ — Jetzt erſt bemerkte ich neben der Tante ein frem⸗ des Frauenzimmer, das groß, bleich, in tiefe Trauer gekleidet, ſichtlich mit einer innern Bewegung gewalt⸗ ſam kaͤmpfte. Sie ſchwankte, als ich mich gegen ſie neigte, ſo, daß ſie ſich an das Fenſter, an dem ſie lehnte, zu halten genöthigt war. Der Name, Fran⸗ zisca von D. war mir nicht fremd. Ich hatte ſie oft als eines der liebenswuͤrdigſten und trefflichſten jungen Frauenzimmer dieſes Landes preiſen hoͤren, ſelbſt von Ehrenfels und ſeiner Frau, aber nie eine nähere Beziehung zwiſchen ihr und Walden geahnet. Ich ſah auch jetzt dieſe Beziehung nicht — — ſie mir gleich wie ein Schwert durch die Seele drangz doch behielt ich in der allgemeinen Verſtorung Faſ⸗ ſung und Anſtand genug, um, da die Tante mich ihr vorſtellte, ein Geſpräch anzuknuͤpfen, das bei der Spannung, in der wir uns befanden, Wohlthat fuͤr Alle wurde. Ich fand ſie nicht ſchoͤn, vielleicht nicht einmal huͤbſch; aber ihre Zuge ſind edel, ihr Auge wehmuthsvoll und ernſt und ſinnvoll blickend, ihr Anſtand einfach, ihr Wuchs hoch und wuͤrdevoll. Sie erſchien mir gegenuͤber wunderbar befangen; ihr Blick verließ mich faſt nicht und hatte, auf mich ge⸗ richtet, einen ſo traurigen, in ſchweres Leiden ſtill er⸗ gebenen Ausdruck, daß er mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt in mein Herz drang. Auch entging mir die wirklich zartliche Bebung ihrer Stimme nicht, ſobald ſie mit mir ſprach. Ehrenfels hatte ſich gleich bei meinem Eintritt entfernt und trat, nach einer Viertelſtunde ungefaͤhr, mit Aloys in's Zimmer, deſſen Blick jetzt aber nur mich ſuchte, und das mit einem ſolchen Ausdruck von Unruhe, Sorge und Bekuͤmmerniß, daß es mich unbeſchreiblich bewegte, und dies um ſo mehr, da ſeine Blaͤſſe und die Zerſtörung ſeiner Zuͤge mir be⸗ wieſen, welche Gewalt das mir unbekannte Geheim⸗ — — niß von Franzisca's Anblick uber ihn geuͤbt hatte. Dieſe endete jetzt ihren Beſuch; ſie wollte mir, da ich neben ihr im Fenſter ſtand, zum Abſchied einige Worte ſagen, allein ihre Augen fuͤllten ſich mit Thrä⸗ nenz ſie ergriff mit unverkennbarer Herzlichkeit meine Hand, druͤckte ſie innig und eilte dann, ſich fluͤchtig gegen Alle verneigend, ſtumm aus dem Zimmer. Walden war ſo erſchuͤttert, daß es mir wohl zur finſtern Verdunkelung meines Glucks werden mußte. Ich bedurfte Einſamkeit und entfernte mich unter dem Vorwand, eine kranke Bekannte beſuchen zu wol⸗ len. Jetzt erſt, da ich einſam auf der Straße ging, ohne zu wiſſen, wohin, fuͤhlte ich den Zuſammen⸗ hang; er hatte ſie geliebt und das ſchon, ehe er mich kennen lernte, da er ſie, wie ich beſtimmt wußte, in der ganzen Zeit meines Aufenthalts in Holſtein nicht geſehen hatte; er war auf irgend eine mir unbekannte Art von ihr getrennt, und, o Gott! er liebt ſie noch! Wie haͤtte ihn ſonſt ihr Anblick ſo blitzſtrahlartig in ſo gewaltiger Erſchuͤtterung zu treffen vermocht! — Der Augenblick dieſer Entdeckung entſtreifte mei⸗ ner Jugend auf immer ihre Bluͤthe und ihr Gluͤck! Daher fehlte unſerm Buͤndniß auch immer jene zwang⸗ — — loſe Herzlichkeit, jenes reine unbedingte Vertrauen, das ich mir wohl eher zwiſchen zwei liebenden Her⸗ zen ſo ſuͤß getraͤumt hatte. Ich war nicht geliebt! Seine Achtung, ſein Vertrauen, ſeine Neigung, Al⸗ les, was die Vernunft zu erzeugen, die Freund⸗ ſchaft zu geben vermag, war mein;z aber ich war nicht geliebt! In hoͤchſter Seelenangſt, in unaus⸗ ſprechlicher Traurigkeit flehte ich zu Gott, mir fuͤr dieſe ſchwere Pruͤfung Kraft, Muth und Beſonnen⸗ heit zu geben. Daß mir die Liebe, die ſich ſelbſt opfernde, ſich ſelbſt gar nicht bedenkende Liebe nicht fehlen wuͤrde, ſagte mir mein Herz, das ihn nie ge⸗ liebt hatte, wie in dieſer Stunde. Erſchopft, aber gefaßt kam ich zuruͤck. Es war Zeit in's Schauſpielhaus zu fahren. Franzisca war in der nächſten Loge meine Nachbarin; Aloys war, da es ſehr voll war und die Damen kaum in den Logen Platz fanden, mit Ehrenfels unten im Par⸗ terre. Ich konnte ihn, er aber nicht mich ſehen, da ich mich in den Hintergrund der Loge geſetzt hatte, und ſo entging es mir nicht, wie ernſt Ehrenfels und er mit einander ſprachen und wie in ſich verlo⸗ ren, er in immer truͤberm Sinnen zu verfinken ſchien. Einige Mal ſuchten ſie ſeine Blicke; jeder derſelben — — war fuͤr mein Herz ein Todespfeil. — Sie ſprach viel mit mir, und die wechſelnde Farbe ihres Ge⸗ ſichts und der ſchwankende leiſe Ton ihrer Stimme verrieth mir ihre innere Unruhe. Ich blickte tief in ihr Herz; vergeblich bemuͤhete ſie ſich, mit der Vor⸗ ſtellung beſchäftigt zu erſcheinen; wie von Zauberge⸗ walt gezwungen, kehrte ihr Blick immer zu ihm zu⸗ ruck, der ſie, jene wenigen verſtohlnen Blicke abge⸗ rechnet, gar nicht zu beachten ſchien, und dieſer Blick — o es war der Blick einer hoffnungsloſen Liebe, eines gebrochenen Herzens! Ich habe es wohl ge⸗ lernt, dieſen Blick zu deuten! — Gegen mich war ſie im enuigien Ent⸗ gegenkommen ſanft und liebevoll, wie die trauernde Geduld; ich ſah, daß ſie von meinem Verhaͤltniß zu Aloys unterrichtet war, und ihr ſeelenvolles Auge ſchien mich zu befragen, ob ich ihn liebe, wie ſie ihn liebe, aber mir entging auch die Thräne nicht, in der es oft ſchimmerte und die mein Herz ſo er⸗ weichte, daß vielleicht nie zwei Seelen ſich ſchneller verſtanden haben, als die unſtigen. Nach Endi⸗ gung des Stucks kam Aloys in unſere Loge, mich Sim zu fuͤhren. * Er erſchien mir ernſt, gefaßt, und nur mit — — mir beſchäftigt. Als wir zu Hauſe kamen, druͤckte er mich an ſein Herz — „Ulrike wird Ihnen, theure Pauline, jede Frage in Bezug auf die Vorfälle des heutigen Tages beantworten,“ ſagte er mir, „nur ſtrafe mich die edelſte weibliche Seele durch keinen Zweifel an ein Herz, das in Liebe und Treue unbe⸗ dingt ihr Eigenthum iſt!“ Ich konnte ihm nur ſtumm und vertrauend die Hand reichen, und die ſeine an mein Herz druͤcken; aber es war mir Wohlthat, als ich mich mit Ulriken allein ſah, die ihre Erzaͤhlung ſo ausfuͤhrlich, als ich nur wuͤnſchen konnte, begann und in einfacher Wahrheit alle meine Fragen beantwortete. Er hat ſie geliebt! Sie war ſeine erſte Liebe, und wie heiß, wie innig, wie treu hat er ſie ge⸗ liebt! Vor vier Jahren lernte er ſie bei einem Be⸗ ſuch in ſeinem Vaterlande kennen, und in ihr das erſte Frauenzimmer, zu dem ihn ſein Herz in rei⸗ ner Achtung und Liebe zog. Ehrenfels und ſeiner beiden Schweſtern günſtiges Urtheit über ſie, feine Freundſchaft zu ihren beiden Bruͤdern, von denen Franzisca angebetet wird, vereinten ſich, dieſen Ein⸗ druck zu verſtaͤrken. Nach einem Jahre kam er wie⸗ der, und ſie erſchien ihm noch liebenswuͤrdiger, die — 90 — Gewalt dieſer Liebe uͤber ihn und ſein Leben unwi⸗ dertuflich entſchieden; er war mit Herz und Seele Soldat, aber als Lieutenant konnte er ihr kein ange⸗ ieſſenes Einkommen bieten, und der Gedanke, man könne ihm, da ſie reich iſt, eine Nebenabſicht zu⸗ trauen, hielt ihn von jeder Annaherung zuruͤck, bis das Loos zwiſchen ihm und ſeinem Bruder uͤber den Beſitz des väterlichen Gutes entſchieden hatte. Das Gluͤck beguͤnſtigte den Wunſch ſeiner Liebe; er nahm ſeinen Abſchied, was fuͤr ihn, den damals drei und zwanzigjährigen Mann, ein großes Opfer war, und warb nun um Franzisca's Hand. Sie hatte ihn im geſelligen Leben und als Freund ihter Bruͤder immer auszuzeichnen geſchienen, und alle ihre beiderſeitigen Freunde waren in der Ueber⸗ zeugung einig, daß dieſer Verbindung keine Schwie⸗ rigkeit irgend einer Art entgegen ſtände. Franzisca zogerte aber lange mit der Antwort und ſchlug dann, gegen Aller Erwartung, entſchieden ſeine Hand aus. Dies war ein halbes Jahr vor meiner Ankunft ge⸗ ſchehen, und er hatte ſie j tt, und zwar ſo uner⸗ wartet und unvorbereitet, zum erſten Mal wieder geſehen. utrike wollte den tofen Eindruck dieſes Anblicks — auf ihn bei mir entſchuldigen. Dies war uͤberfluſſig, und ich forſchte dagegen nach den Urſachen, warum ihn, wie man glaube, Franzisca abgewieſen habe. Man wiſſe ſie nicht; ihr aͤlteſter Bruder habe ge⸗ äußert, ſie habe ſich von Walden nicht geliebt, ſon⸗ dern nur aus Ruͤckſicht auf die Wuͤnſche ſeiner Fa⸗ milie gewaͤhlt geglaubt, und dieſen Wahn konne er wohl bei ihr veranlaßt haben, da es, wie ich ja auch erfahren habe, von jeher ſein Grundſatz geweſen ſei, in ſeinem Betragen gegen ein Mädchen, das er wahrhaft liebe und achte, jeden Schein leichter und zärtlicher Galanterie meiden zu wollen, weil er die Liebe zu hoch und zu heilig achte, um auf einem ſo allgemein betretenen Wege ein Herz gewinnen zu wollen. Er hat Ulriken aufgetragen, mir dies Alles zu erzaͤhlen und mir zu ſagen, daß er oft im Be⸗ griff geweſen ſei, mir dieſen früͤhern Irrthum ſeines Herzens zu entdecken; Ehrenfels habe ihm aber ſtets davon abgerathen, und er ſelbſt in banger Furcht ein ſolches Geſtändniß auch geſcheut. ₰ Auch ich war ſo bewegt, daß ich aus Beſorg⸗ niß, etwas Unziemliches zu ſagen, Ulriken nur we⸗ nige nichtsbedeutende Worte erwiederte, und um nicht ſprechen zu muͤſſen, ſie zu immer weitlaͤuftigerer Aus⸗ — 92 — einanderſetzung dieſes Vorfalls reizte. O Franzisca wie konnteſt Du ein ſolches Herz verſchmahen, und das unerſetzliche Gluͤck, die erſte Liebe deſſelben zu ſein, ungewuͤrdigt von Dir ſtoßen! — Und doch liebt ſie ihn! Ich weiß es, ich habe es geſehen, errathen, gefuͤhlt in jedem Zucken meines Herzens, dies bisher jedem Auge verborgene Geheim⸗ niß, ſie liebt ihn, und mein Gefuͤhl bei ihrem An⸗ blick, ſie, und nicht ich, ſei eigentlich von Gott fuͤr ihn beſtimmt, ſie ſei fuͤr ihn, er fuͤr ſie geſchaffen, truͤgt nicht, iſt gewiß ein hoherer Ausſpruch, ein Gottesurtheil, das ich, koſte es was es wolle, ehren muß. Ich ſagte dies auch Ulriken und ſprach mit ihr von der Moͤglichkeit einer Wiederanknuͤpfung des wohl nur ſcheinbar zerriſſenen Fadens; aber ſie ver⸗ warf dieſen Gedanken mit ſehr entſchiedenem Unwil⸗ len, und meinte, dazu werde ſich Walden, ſelbſt wenn er noch frei ſei, und mich nicht liebe, nie verſtehen. Sie wolle es mir nicht läͤugnen, daß ſie und Ehrenfels fruͤher dieſe Verbindung innigſt ge⸗ wuͤnſcht haͤtten, weil Franzisca Alles in ſich vereint habe, was ihnen in Walden's Gattin wuͤnſchens⸗ werth erſchienen ſei: Familie, Reichthum, Bildung und Herzensgute; aber nie wuͤrde ſie aus ihm ge⸗ — — bildet haben, was er durch meine Liebe geworden ſei; nie habe ſie ein aͤhnliches Streben nach ſittlicher Veredlung in ihm erweckt, und er ſei daher auch mehr mein, wie er je ihr geweſen ſei. Dies habe er ihr heute noch verſichert, und daran ſolle ich mich halten, um das unangenehme Gefuͤhl, das mir die Bekanntſchaft mit einer fruͤhern Geliebten geben muͤſſe, zu beſiegen. Auch vermuthe man allgemein, Franzisca ſei entſchloſſen, nie zu heirathen, da ſie mehrere ſehr eh⸗ renwerthe Anträge abgewieſen habe. Gleich nach jener uͤber Walden ausgeſprochenen Entſcheidung ſei ſie ſchwermuͤthig und ihre Mutter ſehr krank gewor⸗ den; dieſe habe ſie mit der ſorgſamſten Liebe und Treue gepflegt; nach ihrem vor einigen Monaten erfolgten Tode ſei ſie aber ſelbſt von einer gefähr⸗ lichen Krankheit ergriffen, und der Verluſt ihrer Ge⸗ ſundheit, den ihr vorzeitiges und ſchnelles Verbluͤhen bezeuge, entfremde ſie auch wohl mehr denn je dem Gedanken an eine eheliche Verbindung. Unſer Geſpräch war noch nicht zu Ende „als Ehrenfels, der mit Aloys im Club gegeſſen hatte, zu Hauſe kam. Er wiederholte mir das Bedeu⸗ tendſte von Ulrikens Erzählung, nur daß er, als — Mann, härter uͤber Franzisca urtheilte, und ſchloß damit, daß er meine beiden Hände faſſend, mich herzlich bat, vernuͤnftig zu ſein. Es ſei wahr, Wal⸗ den habe Franzisca geliebt, und ſehr naturlich mache dieſe Entdeckung durch die Art, wie ſie mir gewor⸗ den ſei, einen unangenehmen Eindruck auf mich. Kein Frauenzimmer in der Welt ſei aber zu der Forderung berechtigt, die erſte Liebe eines Mannes ſein zu wollen; und daß Walden Franzisca nicht mehr liebe, ſie ſeit lange nicht mehr liebe, ja ſeit ſeiner Verbindung mit mir jene Empfindung nur fur einen Irrthum ſeines Herzens halte, könne ich feſt glauben. Nur das Unerwartete ihres Anblicks und keineswegs dieſer ſelbſt habe ihn ſo erſchuttert durch die Wirkung deſſelben auf mich. Ich weinte ſanft und ſtill und bat Ehrenfels, meine Thranen nicht falſch zu deuten. Morgen wolle ich mit ihm daruͤber ſprechen; jetzt bedurfe ich Einſamkeit und Ruhe. Er ſchuͤttelte ernſt mit dem Kopfe, und nahm mich, als ich gehen wollte, in ſeine Arme: „Pauline,“ ſagte er mir herzlich, „wel⸗ ches Weib in der Welt durfte hoffen, den Mann ſeiner Wahl gluͤcklich zu machen, wenn Sie an Ih⸗ rer Macht, es zu koͤnnen, irre werden wollten? Das — — 1 Menſchenherz iſt freilich ein ſchwaches und verzagtes Ding; aber es gibt fuͤr ſeine Empfindungen eine Grundlage, die allein die Dauer der ſchoͤnſten und begluͤckendſten deſſelben verbuͤrgen kann; dieſe heißt Achtung, und bei Gott! nie hat ein Mann ein Weib hoͤher geehrt, wie Walden Sie mit jedem Ge⸗ danken ſeiner Seele, jeder Regung ſeines Herzens ehrt. Lernen Sie Ihren eigenen Werth kennen und ihm vertrauen. Mißtrauen in denſelben iſt Suͤnde gegen Sie ſelbſt, und wahrlich auch gegen ihn, den die Furcht, Sie verletzt und betruͤbt zu haben, auf's Schmerzlichſte peinigt.“ Ich ging nach meinem Zimmer, aber ich konnte noch lange nicht zur Ruhe kommen. Ich weinte und betete viel; darauf wurde es mir ſtill, ich ſchlief ſanft und fromm ein. Walden war am andern WMorgen unbeſchreiblich zärtlich gegen mich. Ich mochte wohl etwas blaſſer und ernſter ſein als ge⸗ woͤhnlich, doch gewiß dankbar und voll Liebe gegen ihn. Ach eben, weil ich ihn ſo von ganzem Her⸗ zen, ſo uͤber Alles liebe, kann ich ja nur das wol⸗ len, was ihn zum Gluͤcklichſten macht. Er ſchien mit mir uͤber Franzisca ſprechen zu wollen; aber ich wich ſchon in weiter Ferne Allem aus, was das Geſpräch darauf hinlenken konnte. Ich muß erſt in mir ge⸗ ſammelter, feſter und klarer ſein, ehe ich es mir zu⸗ teauen darf, ihren Namen von ihm ausgeſprochen zu hoͤren. Walden's Onkel hat unter der Bedingung ſeine Einwilligung gegeben, daß er mich vor unſerer Ver⸗ bindung erſt perſoͤnlich kennen lernen will, und dieſe daher bis zum Herbſt ausgeſetzt bleiben ſolle, wo er hierher kommen und Zeuge derſelben ſein wolle. Aloys drang darauf, dieſe Verzögerung eines Tages, der ihm ſein hochſtes Lebensgluck ſichern ſolle, nicht zu achten, an den Onkel zu ſchreiben und unſere Verbindung in den naͤchſten Wochen ſchon zu feiern. Ich erklärte aber ihm und unſern anweſenden Freun⸗ den, daß ich den Wunſch des Onkels als einen Wink der Vorſehung achte und ihn als ſolchen er⸗ fuͤllen wuͤrde, da die Ruhe und der Friede meiner Zukunft darauf beruhe, Franzisca genauer kennen zu lernen, ehe ich Walden's Gattin wuͤrde. Alle wurden ſehr ernſt bei meiner Erklärung. Aloys rief ſchmerzlich aus: „ſo ſoll ſie denn zum — — zweiten Mal die Klippe meines Gluͤcks werben!“ — „Nein, Walden,“ antwortete ich, ihm meine Hand reichend, „jedes Gluck, das Ihnen von mir kommen kann, bleibt Ihnen; denn mein Herz wankt nicht, und mein Leben gehoͤrt Ihnen in Treue und un⸗ wandelbarer Neigung. Hören Sie mich aber und auch Sie, lieber Ehrenfels, und auch Ihr, meine theuern Schweſtern und entſcheidet dann. Fran⸗ ziscta war Ihre erſte Liebe, Aloys, und dieſe iſt maͤchtig und unvertilgbar; doch würde mir dieſe Ent⸗ deckung, haͤtte ich ſie vor der perſonlichen Bekannt⸗ ſchaft mit Franzisca gemacht, nie als Hinderniß erſchienen ſein, Ihnen mein Leben anzuvertrauen.“ „Ein Herz wie das Ihrige, Aloys, iſt ſo reich an den Regungen der Neigung, der Achtung, des Vertrauens; die Macht der wahren Liebe uͤber das Gemuͤth des edlen Mannes ſo groß, das haͤusliche Leben in ſeiner Einfachheit ſo reich an herzgewinnen⸗ den, ſeelerhebenden Freuden, daß die Wahrheit mei⸗ ner Empfindung mir unfehlbar den Muth und das Vertrauen gegeben haben wuͤrde, Sie begluͤcken zu können; aber in dem Augenblick, wo ich Franzisca geſehen habe, hat mich ein ganz unendliches, meine Seele im heftigen Kampf mit ihrer innerſten Nei⸗ Tarnow's Schriften. IX. 5 — gung immer unwiderſtehlicher erfuͤllendes Mitleiden ergriffen, das ich nach meiner Anſicht und nach der Bewahrung derſelben, die mir in ernſter Pruͤfung und heißem Gebet zu Gott geworden iſt, als einen Wink der Vorſehung ehren muß. Mein Gefuhl ſagt mir, Franzisca liebt Sie, wie ich Sie liebe, und wenn hier, Opfer gegen Opfer gerechnet, Selbſt⸗ ſucht fur mich zu entſcheiden ſtrebte, ſo gibt mir doch die Liebe Kraft, Franzisca's Gluͤck dem meini⸗ gen vorzuziehen, weil ſie Sie gluͤcklicher machen wird, als ich es zu thun vermag, da ſie den unver⸗ geßlichen, den unerſetzlichen Zauber der erſten Liebe und als Zugabe auch noch Stand und Reichthum vor mir voraus hat.“ „Keiner von Ihnen, meine Freunde, hat den Muth gehabt, mit mir von dem Ankauf des Gutes D. zu reden, der Franzisca's Vater in wenig Wo⸗ chen zu unſerm Nachbar macht und ſie ſelbſt in unſere Nähe fuͤhrt, und doch liegt es uns ſo nahe, die Verkettung dieſer Umſtände als eine höhere Fuͤ⸗ gung zu ehren. Freilich bedarf Franzisca's Betra⸗ gen einer Erklaͤrung, und mein Glaube an ihre Liebe fur Aloys Beſtätigung; wenig Wochen naherer Be⸗ kanntſchaft mit mir und einige Zuſammenkuͤnfte zwi⸗ ſchen Ihnen werden daruͤber entſcheiden. Betrachten Sie ſich alſo bis dahin durchaus als frei, mich nur als Ihre Schweſter, Ihre Freundin. Zur Ruhe unſers kuͤnftigen Lebens iſt dieſe Probe unumgaͤng⸗ lich erforderlich, denn, Aloys, ich frage Sie auf Ihre Ehre, wuͤrde Ihnen ein Gluͤck noch Glück ſein, das Franzisca uns mit den Thränen einer ungluͤck⸗ lichen Liebe, wohl gar mit ihrem Tode erkaufen muͤßte?“ — Ich hatte nicht ohne Anſtrengung, aber doch mit ruhiger Faſſung geſprochen. Walden hatte ſein Geſicht auf meine Hände niedergebeugt; ich fuͤhlte ſie naß von ſeinen Thränen; er zog mich, als ich geendet hatte, an ſein Herz; ich fuͤhlte, wie er be⸗ wegt warz ſanft weinend ruhte ich in ſeinen Armen und nie hatten unſere Seelen ſich mehr verſtanden, als in dieſer wortloſen Umarmung. Er eilte dann, ſchnell abgewendet, hinaus. Eliſe und Ulrike umarmten mich⸗ Auch Ehrenfels war geruͤhrt, und wir fuͤhlten Alle, wie unſere Her⸗ zen keiner Form unſers Verhältniſſes beduͤrfen, um in Liebe und Treue mnguflslich verbunden zu ſein. Sfeit dieſem Tage bin ich uchigen Gott ſchenkt 5 * — 100 — mir Kraft, und ich weiß es, er wird mich auch fer⸗ ner leiten; das Wie uͤberlaſſe ich ihm im kindlichen Vertrauen. Unſer tägliches Leben iſt wie ſonſt; mein Verhältniß zu Walden in ſtiller, ernſter Zärt⸗ lichkeit ſchön, und mein Entſchluß hat in der Form deſſelben wenig geaͤndert, da ich in der zarten Ach⸗ tung, die es von jeher geſtaltete, ſtets mein liebſtes Gluͤck ehrte. ueber die Zukunſt ſprechen wir nicht; wohl aber, wenn wir allein ſind, viel und oft von Fran⸗ zisca. Er fuͤhlt es gewiß, daß er ſie noch liebt, und daß ihr Anblick die nur unterdruckte, nicht ge⸗ löſchte Flamme wieder angefacht hat, und wie ach⸗ tungswerth erſcheint er mir in der ſtrengen Wahr⸗ haftigkeit aller ſeiner Aeußerungen uͤber ſie! — Er glaubt, daß er mit ihr gluͤcklich geworden ſein wuͤrde; er geſteht, daß um ihr Andenken und ſeine ehema⸗ ligen, noch nicht vergeßnen Traͤume ein ganz eigner“ ihn ſuß bethorender Zauber ſchwebt; aber er ver⸗ ſichert, eine hohere Gewißheit ſeines Gluͤcks mit mir in ſich zu tragen, wie er je ihr gegenuͤber em⸗ pfunden habe. Ich ſei ihm theurer wie ſie; er wiſſe ja um die Möglichkeit, gleichguͤtig gegen Franzisca werden — — — zu konnenz allein er ſei ſeines eigenen Daſeins nicht gewiſſer, als meiner Unentbehrlichkeit zu ſeinem Gluck, und nur auf wenige, einzelne Augenblicke ſei er in den Nachwehen ihres unerwarteten Anblicks irre an ſich geworden. Daher unterwerfe er ſich auch aus Ehrfurcht fuͤr mein Gluͤck und meinen Willen dieſer Probe, und fordere von mir nur das Verſprechen, ſie als beendet anzuſehen, wenn er mir nach einigen Zuſammenkuͤnften mit Franzisca auf Ehre verſichern koͤnne, daß es nur die Macht der Erinnerung ſei, welche ihn ſo ergriffen habe, und daß ihr Umgang und ihr ofterer Anblick ihn ruhig laſſe. — Seit drei Wochen wohnt Franzisca nun in unſerer Nähe; ich habe ſie oft, Walden ſie einige Mal geſehen. Bei ihrem erſten Beſuch war er auf meine Bitte nicht hier. Ich fand ſie viel blaſſer und matter als vor zwei Monaten in Kielz aber unwiderſtehlich anziehend in dieſem Ausdruck ſtillen Verſchmachtens. Man muͤßte gar kein Herz haben, wenn man nicht in ihren Zuͤgen den Kummer einer hoffnungsloſen Liebe zu leſen vermöchte. Nein, che — 102 — ich mein Gluͤck mit dem Untergang dieſes holden, ſanften Weſens erkaufen wollte, lieber geſtorben. Ich war bei ihrer Ankunft nicht im Zimmerz ſie er⸗ röthete bei meinem Eintritt, und der Ausdruck ach⸗ tungsvoller Herzlichkeit, mit dem ſie mir entgegen trat, erhellte ihre anmuthsvollen Zuͤge mit dem Schim⸗ mer einer herzgewinnenden Freundlichkeit. Da ſie mich zum zweiten Mal ſah, da ich ihr ohne Beziehung auf Walden nur eine Fremde bin, ſo kann die Liebe, die ſie mir zeigt, nur in der 4 für ihn — Grund haben. Ich ſah, daß ſie ihn zu wen trti wie ſie bei jedem Geräuſch, jeder Bewegung der Thuͤre ergluͤhte und im Geſpräch ſtockte, und fragte daher, um ſie von dieſer Angſt zu befreien, Ulriken, ob ſie ihren Herrn Bruder noch zum Abend von ſeiner kleinen Reiſe wieder erwarte? — Die vernei⸗ nende Antwort wurde ihr zur Erleichterung; ſie ward ſichtbar ruhiger und unbefangener in ihrem Geſpräch. Auch entging es mir nicht, daß die ab⸗ ſichtliche Förmlichkeit meiner Frage ihr auffiel; ſie warf verſtohlen einen Blick det Verwunderung auf mich, ich vermied es aber, den übrigen des Tages ſeinen Namen zu nennen. — 103 — Einige Tage nachher ſah auch Walden ſie, und was ich vorher ahnete, was der Schmerz mei⸗ ner ſchlafloſen Mitternäͤchte, der verheerende Wurm meiner Jugend war, iſt eingetroffen; ihr Anblick hat ſeiner Liebe fuͤr ſie ihre alte Gewalt zuruͤckgegeben, und wie er auch dagegen kämpft, wie er auch ſtrebt, er muß es ſich doch bekennen, daß ſie ſeinem Herzen unerſetzlich iſt. Ich leide mehr, als je ein Wort ausſprechen wird; aber Gott ſendet mir Kraft, es zu verbergen, und Franzisca's täglich zunehmende Er⸗ mattung und der tiefe Gram, der ſo ſichtlich an ihrem Leben zehrt, geben mir täglich neue Stärke. Mein armes, wundes Herz iſt noch nicht verblutet; es hat noch die Fähigkeit, ſie lieben zu koͤnnen. Als ſie ihn das erſte Mol wieder ſah, den Ton ſeiner Stimme hoͤrte; o wie konnte er verkennen, daß er geliebt wird, und dies Herz, zu ſpät fuͤr ſein Gluͤck, in der ſchmerzlichſten Reue vielleicht erſt das Geheimniß dieſer Liebe erkannte! Es war in P.z ſie ſaß, twas abgeſondert von der uͤbrigen Geſellſchaft, in einer Fenſtervertiefung neben mir, als er in das Zimmer trat. Ihr Er⸗ blaſſen, ihr Erzittern vor ſeiner Nähe ruͤhrte mich, aber ich fühlte mich in dieſem Augenblick eben ſo — 104 — mitleidswerth als ſie. In der edlen Haltung, die ihm das letzte Jahr gegeben hat, begrußte er die Ge⸗ ſellſchaft; ich ſah, daß er nach der Begruͤßung zö⸗ gerte, ob er ſich mir in dieſer Nachbarſchaft nähern ſolle; aber darauf vorbereitet, ſie an dieſem Tage zu ſehen, trat er auf mich zu. Die Augen der ganzen Geſellſchaft folgten ihm; ernſt und fremd verbeugte er ſich vor Franzisca und redete mich mit der trau⸗ lichen Zaͤrtlichkeit an, zu der ihn unſer Verhaͤltniß berechtigte, und die er nie offener ausgeſprochen hatte. 5h ſah, daß ſie ſich nicht getraute aufzuſtehen, um ſeinen Gruß zu erwiedern; mit niedergeſchlagenen Augen, aͤngſtlich athmend, vergeblich nach Faſſung ringend, ſaß ſie neben mir. Ich furchtete, ſie ohn⸗ mächtig werden zu ſehen, und litt mit ihr; Wal⸗ den's Ton war ruhig und heiter, da er es noch nicht gewagt hatte ſie anzuſehen; wie groß war aber nicht die Gewalt ſeines erſten Blicks auf ſie über ihn! — Welch ein Wiederſchein ihrer tiefen Bewe⸗ gung verdunkelte alle ſeine Zuͤge! Ich hatte Geiſtes⸗ gegenwart genug, dieſe uns Allen peinliche Minute zu endigen, indem ich ihn unter dem Vorwand, Ehrenfels habe ihm etwas zu ſagen, fortſchickte, und dann Franzisca einen Sptiergang im Garten vor⸗ ſchlug. Ihre ſchonen ſeelenvollen Augen druͤckten mir ihren Dank aus. Ich ſprach zu ihr von der Sorge, die ihre Geſundheit mir zu erfordern ſchien, und von der Verpflichtung, dieſe wieder herzuſtellen. Errs⸗ thend ſagte ſie mir, ſie glaube, es ſei dazu zu ſpät. Der Gram um den Verluſt ihrer Mutter und die Entſagung auf Lebensgluͤck, die ihr Schickſal ihr zur Pflicht gemacht habe, habe ihr Herz vom Leben abgeloͤſet; ſie fuͤhle ſich nicht krank, nur ermattet, und der Arzt konne daher auch nur wenig fur ſie thun. Einen Wunſch habe ſie ſeit lange gehabt, es ſei der, meine Liebe mit in's Grab zu nehmen; werde ihr dieſer erfullt, ſo habe ſie vom Schickſal nichts mehr zu erbitten. Ich ſagte ihr aus voller Seele, wie innig ich ſie liebe und achte, aber auch an der Hoffnung halte, ſie i in Furzem zu einem recht freudigen Leben neu rlüht zu ſehen. Sie ſank heiß weinend an mein Hetz aber jeder Verſuch, mir dieſes in vollerem Vetrauen zu eroffnen, blieb furchtlos. Aus Al⸗ ie ſpricht und thut, leuchtet das Stutben — 106 — hervor, mich, die ſie durch Walden's Liebe gluͤcklich glaubt, zu verſöhnen mit ihrer Liebe fuͤr ihn. Die reine ſchoͤne Guͤte dieſes Strebens ruͤhrt mich oft bis zu Thränen, die dann lindernd und erquickend dies tief verborgene Weh meines blutenden Herzens ſtillen. Aloys leidet viel; ich ehre den ed⸗ len Ernſt ſeines Kampfes; er fuͤhlt es, daß er von ihr geliebt wird; er fuͤhlt es, wie wenig Franzisca dies jetzt eingeſtehen kann, eingeſtehen darf; er fuͤhlt in inniger unwandelbarer Neigung zu mir, welche Verantwortlichkeit meines Schickſals ſein mir gege⸗ benes Wort der Treue ihm auferlegt, und es wird und ſoll der Troſt und der Stolz meines Herzens bleiben, daß er in dieſer ängſtigenden Verwirrung ſeiner Gefuͤhle, Wuͤnſche und Pflichten nur in mei⸗ ner Naͤhe und meiner Unterhaltung Ruhe ſucht und findet. Er vertrauet in mir der Freundin ſo Vieles, was puuine, der S Anſicht nicht — 107 — dieſer Verhaͤltniſſe von mir fordere, ſo bin ich ent⸗ ſchieden, jedes mit der Freudigkeit reiner Liebe zu bringen. Wenn er nur gluͤcklich wird, ganz gluͤcklich; dies iſt, ſo wahr als ich mich im ſtrengen Ernſt gegen die Schwaͤche meines Herzens ſelbſt zu erken⸗ nen vermag, mein eigenſtes und heißeſtes Streben und mir weit angelegentlicher als Alles, was ſich auf mein eigenes Gluͤck bezieht. Darum bete ich jetzt auch in jeder ſtillen Stunde zu Gott um Kraft, ihm verbergen zu koͤnnen, was mich meine Entſa⸗ gung koſtet; denn ich weiß es, der Gedanke an mei⸗ nen einſamen Schmerz und meine ungetrockneten Thränen wuͤrde dieſem edlen, treuen Menſchen jedes Gluͤck, auch das himmliſche erkannter und — Liebe truͤben. Wer es nicht ſelbſt erfahren hat, begreift es auch nicht wohl, welcher Friede ſich jetzt oft, trotz des bittern Schmerzes, in mein Herz ſenkt; aber ich weiß es nun auf alle Zukunft hinaus, daß das, was uns in unſern ſchwerſten Prüfungsſtunden, mit bimmliſchem Troſt und Muth auftecht erhält, nicht eig ne Kraft genannt werden muß. Aber ſolchen Erfahrungen des fromm und ergeben zu Gott auf⸗ — 108 — ſchauenden Herzens verſagt ſich die Sprache, und ich ſcheue es als Frevel, ihr Worte dafuͤr abzwingen zu wollen. Sie hat geredet! Der Tod beruͤhrte dieſe ver⸗ ſchloſſenen Lippen, dies verhuͤllte Herz, das in ſo ſtiller Ergebenheit, bis zum Tode geduldig, liebte und litt und erſt, von ihm eroͤffnet, ſein Geheim⸗ niß ausſprach! Franzisca hatte im Umgang mit Walden's Fa⸗ milie ihre alten Rechte auf die Herzen derſelben wieder gewonnen, und Alle erwarteten mit ſtillem wehmuͤthigen Antheil die Entſcheidung, die uns die nächſte Stunde bringen konnte, da Walden, ſich im⸗ mer mächtiger zu ihr hingezogen fuͤhlend, und dann ſo bitterlich betruͤbt zu mir, der Alles mit Liebe be⸗ ſiegenden, troſtenden, erheiternden Freundin zuruͤck⸗ kehrend, wohl fuͤhlte, dieſer Zuſtand reibe uns Alle 2 auf, und er konne nur, meinen Verzicht auf ſeine Hand annehmend, und dieſe noch einmal Franzisca bietend, ihn freundlich loͤſen und zu ſeinem Gluͤck entwickeln. Wir Alle ſahen, was geſchehen mußte; 3₰ — 109 — aber Jeder zagte, die Entſcheidung auszuſprechen, und Keiner ahnete, an wie zartem Faden mit Fran⸗ zisca's Leben unſer Aller Friede hing. In dieſer Stimmung traf uns eines Tages der Beſuch unſers Arztes. Von ihm erfuhren wir, Franzisca ſei ſehr krank und er komme eben von ihr. „Doch nicht gefaͤhrlich?“ fragte Ulrike. „Ich fuͤrchte Alles und hoffe wenig. Schon vor dem Tode ihrer Mutter ſchien ein ſtiller Gram an ihrem Leben zu zehren, und dieſer hat in dem letzten Jahre eine Ge⸗ walt uͤber ſie gewonnen, gegen die, wie ich fuͤrchte, meine Kunſt wenig vermoͤgen wird.“ „Und ſie iſt allein,“ rief ich händeringend aus, „ohne Pflege, ohne Wartung, blos von ihrer Jung⸗ fer umgeben! Ich bitte Sie, theure Ulrike, laſſen Sie uns zu ihr eilen.“ — Der Arzt ſah mich in ernſter Ruͤhrung an: „Sie erfullen dadurch den Wunſch des Fraͤuleins, Sie bei ſich zu ſehen; aber ich bitte Sie, huͤten Sie ſie vor jeder ſtarken Er⸗ ſchuͤtterung. Der Hauch, der dies Leben beſeelt, iſt ſo zart, daß er ſich in einem Seufzer aufzuloſen vermag.“ . Aloys war aufgeſtanden und verließ das Zim⸗ mer. Ich ſuchte ihn, während angeſpannt wurde, — 110 — und traf ihn in Ulrikens Cabinet, wo er, das Ge⸗ ſicht auf ſeine Haͤnde gelehnt, ſich niedergeworfen hatte. Er breitete mir bei meinem Eintritt die Arme entgegen; ich erſchrak von ſeiner Blaſſe, und ihn zaͤrtlich an mein Herz druͤckend, ſagte ich ihm: „mein Freund, laß uns in dieſer Stunde, wo wir ſo innig in einem Schmerz, einer Liebe, einer Pflicht vereint ſind, nicht getrennt bleiben. Meine Thränen um das herrliche Weſen ſollen nur an Deinem Herzen fließen, nur meine Hand darf die Deinen trocknen. Ich habe den Arzt genauer befragt; er hofft Alles, wenn ihr Gemuͤth, zu neuem Frieden erbluͤht, dem Körper zu Huͤlfe kommt, und dieſen Frieden, mein Freund, hoffe ich zu Gott, daß es mir vergoönnt ſein wird, ihn ihr zu bringen. Eine ernſte Minute ſteht vor uns, Walden, laß unſere Herzen ſie in ihrer Wuͤrde unentweiht empfinden. Mit dieſem Kuß ſcheidet die Liebende von Dir; die Freundin ſiehſt Du erſt, durch Franzisca's Ja und Liebe begluͤckt, wieder, und gewiß, Du fuͤhlſt, wie treu und unver⸗ lierbar ſie Dir bleibt.“ „Und welches Gluͤck, Pauline, kann dem Mann, der es mit Deinem Verluſt erkauft, noch Gluck ſein? — Doch haſt Du unbedingt uͤber mich und mein — 111 — Leben zu gebieten; entſcheide daruͤber, wie Dein Herz es Dir gebietet; ich darf nur bewundern und gehorchen.“ on Wie edel und anziehend erſchien er mir in die⸗ ſem Augenblick, dem letzten, wo ich mir in ihm mei⸗ nen Geliebten, mein Eigenthum, mein Gluͤck, mein Alles zu betrachten vergoͤnnen durfte! Zu welcher Verklärung echter Wuͤrde wurde in dieſen Zuͤgen ſein tief und wahr gefuͤhlter Schmerz! — Mein Blick ruhte, wie von unwiderſtehlichem Zauber be⸗ fangen, auf der theueren Geſtalt, und nur als meine Thraͤnen ihn zu verdunkeln drohten, riß ich mich los. Noch ein Lebewohl aus heißer Herzensfulle und die Thuͤr war hinter mir geſchloſſen, das Opfer ge⸗ bracht, ich fuͤr immer allein und verwaiſet in der Welt; denn welchen Erſatz hat ſelbſt die Tugend fuͤr geopferte Liebe? Keinen, ſeufzte in jener Stunde mein Herz; keinen wiederhole ich nochz keinen, werde ich in meiner Todesſtunde noch ſtammeln. Unterwegs ſagte ich Ulriken meinen Entſchluß, in D. zu bleiben, bis Franzisca's Geneſung ent⸗ ſchieden ſei. Wir fanden dieſe ſehr krank, aber doch erhellte ein Strahl der Freude ihr mattes Auge, als ſie mich ſah, und mit innigem Dank nahm ſie mein — 142 — Anerbieten, zu ihrer Wartung und Pflege bei ihr bleiben zu wollen, an. Ulrike verließ uns am Abend, und ich ließ mir auf dem Sopha in Franzisca's Zim⸗ mer mein Lager bereiten⸗ Sie hatte heftiges Fieber, doch ohne Phantaſien. „Ich werde ſterben,“ ſagte ſie mir, „und wenn ich jenſeits noch inniger lieben kann als jetzt, ſo werde ich dort Paulinen ſo lieben.“ „Nein,“ antwortete ich, „moch hienieden iſt uns ein ſchoͤn vereintes Leben der Liebe beſchieden; moge meine Franzisca es nur wiſſen, welches Leben und welche Hoffnungen an ihre Geneſung gebunden ſind, und wie ihr Grab mit dem Gluͤck eines edlen Mannes auch meinen Frieden, als unwiederbringlich verloren, zum Raub empfangen wuͤrde.“ — „Weißt Du denn nicht, wie mein Leben dieſen Frieden ſtö⸗ ren wurde?“ fragte ſie mich, ſo wild erſchuttert, daß ich ſie mit den ſuͤßeſten Worten nur zu beruhigen, und von jedem weitern Geſpräch abzuhalten ſuchte. Doch ſie zog unter ihrem Kopfkiſſen eine Brieftaſche hervor und reichte mir daraus einen verſiegelten an mich uͤberſchriebenen Brief. „Leſen Sie ihn,“ bat ſie, „Hoch erſt nach meinem Tode, und vergeben Sie dann einem Herzen, deſſen Wundfieber nur durch den Scunme des Todes gekühlt werden kann“ — 113 — Ich kuͤßte ſtillweinend die Hand, die mir das verhaͤngnißvolle Blatt reichte, deſſen Uebergabe an mich ſie ruhiger zu machen ſchien. Sie fing an zu ſchlummern, und der Arzt fand ſie am Morgen wohler, als er es erwartete. Ich brachte die Nacht unter Gebet und im ernſten Erwagen zu, ob ich mir erlauben duͤrfe, den Brief zu öffnen; mein Ge⸗ wiſſen ſagte ja, und o! mit welchen heißen Thra⸗ nen benetzte ich die Geſtaͤndniſſe dieſer ſchoͤnen, bis zum Tod geduldigen Seele. Mir, der Gluͤcklichen, der geglaubten Braut des Mannes, deſſen Verluſt ihre bluͤhende Jugend ins Grab zog, geſtand ſie darin, wie ſie ihn vom erſten Blick an geliebt habe mit ſtiller, ihres Lebens mäch⸗ tiger Gewalt. Allein die Geſundheit ihrer Mutter habe ihr damals keine Verbindung mit ihm erlaubt. Dieſe litt an einem Bruſtuͤbet, das mit der ſorg⸗ ſamſten Pflege auch den ſorgſamſten Verband erfor⸗ derte, und deſſen Daſein ſie mit großer Angſt ver⸗ hehlte, da ſie den unuͤberwindlichen Widerwillen des von ihr geliebten Gatten gegen Kranke dieſer Art kannte. Nur der zarten Tochterhand wagte ſie ſich anzuvertrauen, und dieſe, treu ſich dem ernſten Be⸗ rufe weihend, entſagte dem Gluͤck der Liebe, woh — — wiſſend, ihre Mutter ſei unerſchuͤtterlich entſchloſſen, keinem Andern dies Geheimniß ihrer Krankheit zu entdecken, ſondern, ſobald ſie die Pflege der Tochter verliere, die Wunde zuheilen zu laſſen, was nach dem Ausſpruch des Arztes zum Todesurtheil wer⸗ den mußte. — Einfach ruͤhrend ſchildert Franzisca die Willig⸗ keit, mit der ſie ihre Liebe zu Walden der Mutter verbarg und ſeine Hand ausſchlug, welches ihr aber die Ueberzeugung, er waͤhle ſie, ohne eigentliche Liebe fuͤr ſie zu empfinden, nur auf Anrathen ſeiner Fa⸗ milie, um ſo mehr erleichterte, da manches Anhäng⸗ ſel aus ſeinem fruͤhern Stande ſie, wenn auch nicht an ſeinem motaliſchen Werth, doch aber an ſeinem Sinn fur haͤusliches Gluͤck und edle Liebe irre machte. Als ſie aber nach ausgeſprochener Ent⸗ ſcheidung von ihren Bruͤdern, die in der Zeit ſeiner Bewerbung abweſend waren, erfuhr, daß ſie wirk⸗ lich von ihm geliebt ſei, und daß er in unendlichem Schmerz um die verlorne Hoffnung ſeines Lebens traure, ward ihr ſein Verluſt zu ſchwer zu ertragen. Bald darauf hoͤrte ſie meinen Namen nennen, erſt einzeln, von Ausſpruͤchen der Hochachtung edler, fein bideter Menſchen, wie ſie ſchreibt, begleitet, dann ——— * — 115 — mit dem ſeinen vergeſellſchaftet. Sie erfuhr auch, wie einfach und haͤuslich Walden unter uns lebe, wie ſich ſein Charakter immer ſchoͤner entwickele, wie Jedermann preiſend dies ruͤhme, wie gut er gegen ſeine Unterthanen ſei, und jeder dieſer Zuͤge grub ſein Bild tiefer in ihr Herz, das die Einſamkeit am Krankenlager der Mutter und dann die Trauer um ihren Tod nur zu ſehr erweichten. Immer ſchmerz⸗ licher empfand ſie es bei ſo erhoͤhter Achtung, wie gluͤcklich ſie als ſeine Gattin geworden ſein wurde, ſie war jetzt frei, das jetzt erlaubte Geſtaͤndniß der urſachen ihrer fruͤhern Weigerung mußte ihn mit dieſer verſöhnen; aber allgemein ſagte man ihn mit mir verlobt, und ſie ſelbſt mußte nach Allem, was ſie von mir hoͤrte, dieſe Wahl preiſen; doch eben dies fur ſchoͤne Seelen ſo gefährliche Gefuͤhl, ihm fruͤher wehe und wohl auch unrecht gethan zu haben, fachte ihre Neigung fur ihn in dieſer Soffnusdiſ⸗ keit zur lebenangreifenden Flamme an. und als ſie ihn nun ſo unerwartet in Kiel wieder ſah, als er ihr in ſeinem Weſen viel bedeu⸗ tender, edler und ernſter erſchien, und ſeine Erſchut⸗ terung bei ihrem Anblick ihr verburgte, daß ſie ge⸗ liebt worden war, und er noch nicht mit Gleich⸗ — 116 — muth ihrer zu gedenken vermoge, verlor ſie gaͤnzlich den Willen und die Kraft, ihre Liebe zu ihm be⸗ kämpfen zu wollen. Das Schickſal fuͤhrte ſie in unſere Nahe, ſie konnte nicht widerſtreben, ſich ihm nur hingeben; ſie gewann mich unbeſchreiblich lieb, ſie erkannte, was Walden mir zu verdanken hatte, und daß ich wuͤrdiger war, ihn zu begluͤcken, als ſie; aber auch zugleich mit Schauder und Entſeben, daß ſie eine Stoͤrung in unſerm Gluͤck war, und daß der heitere, ihr von Andern vielgeprieſene Glanz deſſelben in ihrer Naͤhe verblich. Sie ſah nur einen Ausweg, ihren Tod, und freute ſich ihrer täglich mehr ſchwindenden Geſundheit; denn nur als Ster⸗ bende durfte ſie es ſich vergönnen, den Verlobten ei⸗ ner Andern zu lieben. Wenn ihr Herz brach, ihr Leben ſtill ſtund, war ja Alles verſöhnt. — Und mun die herzzerteißendſten Bitten an mich, ihr zu vergeben, mich durch ihren Tod verſoͤhnen zu laſſen, mit dem von ihm entſiegelten Geſtaͤndniß ihrer Liebe und ihrer Schwache, und dann ein Lobewohl für ihn, ſanft klagend und doch voll ſo e Leiden⸗ ſchaft, ſo unendlicher Trauer! — . WMein Herz hat bei Leſung dieſes Breſs viel gelitten, und noch mehr in den Stunden und Tagen, — 117 — die darauf folgten. Auch noch jetzt darf ich ohne zu tiefe Erſchuͤtterung es mir nicht erlauben, ihm ſeinen Schmerz und ſeinen Troſt und ſeinen Lohn in ihren einzelnen Minuten wieder vorzufuͤhren. Nur andeuten darf ich, wie Franzisca's Herz ſich, gleich einer dem Verwelken nahen Blume dem er⸗ friſchenden, ſie neu belebenden Regen, der Gewiß⸗ heit oͤffnete, daß Walden nur ſie im vollen Sinn des Worts geliebt habe und noch liebe; mir, nach verſchwundener Hoffnung auf ihren Beſitz, in Nei⸗ gung und Achtung freilich ſeine Hand geboten, doch ſtets ihr Bild im Herzen getragen habe, und wie ihr erſter Anblick gleich auf mich einen Eindruck ge⸗ macht habe, den ich ſchon vor ihrer naͤhern Bekannt⸗ ſchaft als einen Wink der Vorſehung zu ehren ent⸗ ſchloſſen geweſen ſei. Walden's Hand ſei frei, ſein Herz immer das ihre geweſen, und er und ſeine ganze Familie einſtimmiger denn je in dem Wunſch, mit ihr verbunden zu werden. Auch ich, die ich nichts inniger wuͤnſche, als Walden's Gluͤck, werde in ſeiner Vereinigung mit ihr ein dauernderes Gluͤck finden, als mir die Verbindung mit einem Manne, deſſen Herz nicht ganz mein ſei, zu gewähren ver⸗ moͤge. 3 — u8 — Wie ſchnell erbluͤhte unter dieſen Unterhaltun⸗ gen neue Lebensluſt in Franzisca's Buſen! — Nach vierzehn an ihrem Krankenbette zugebrachten Ta⸗ gen, nach vierzehn bei ihr verwachten Naͤchten er⸗ klärte ſie der Arzt fuͤr gerettet. Ich hatte es in dieſer Zeit ſtandhaft ausgeſchlagen, Walden zu ſe⸗ hen, dem ich durch Ehrenfels Franzisca's Brief an mich mit einigen begleitenden Worten ſandte. Ul⸗ rike und Eliſe waren häufig hier und an Franzisca's Lager Walden's Botſchafterinnen an die vom Tode erſtehende Geliebte. Noch eine Woche blieb ich in D., dann kehrte 1 ich hierher zuruͤck, Walden bitten laſſend, er moͤge ſich meiner fruͤhern Erklärung, ihn nur als Fran⸗ zisca's öffentlich erklärten Verlobten wieder ſehen zu wollen, erinnern. Vor acht Tagen endlich ſah ich Beide hiet, und Gott gab mir die Kraft, ſie in ruhiger, dem Schein nach faſt heiterer Faſſung empfangen zu koͤnnen. Franzisca war tief geruhrt, doch unge⸗ trubt und unbeſchreiblich gluͤcklich; Walden, den ich wie mich ſelbſt kenne, in deſſen Herzen mir keine Regung, in deſſen Seele mir kein Gedanke entgeht, in ernſter, faſt gewaltiger Bewegung. Franzisca's Zuſtand fordert indeſſen noch eine Schonung⸗ die —— — 119 — uns Allen eine fuͤr mich hoͤchſt wohlthätige Zuruͤck⸗ haltung zur Pflicht macht. Man ſpricht von einer nahen und ſtillen Hoch⸗ zeit. Gott ſegne die theuren, edlen Menſchen! ich kann meiner eignen Seele nicht inniger Gutes wuͤn⸗ ſchen, als ihnen aus lebendiger Herzensfulle, und mir, ach mir bleibe und werde nur die Kraft, jedem menſchlichen Auge verbergen zu konnen, mit welcher Jugendkraft ſich dies Herz gegen den Verluſt aller ſeiner Lebensfreude und ſeines ganzen Lebensgluͤcks ſtraͤubt! — Koͤnnte ich doch mit dem falſchen Roth, das das Erbleichen meiner Wangen vor dieſem ſtil⸗ len, furchtbaren Gram verdeckt, auch mein Leben mit erborgtem Jugendſchein faͤrben! — Nichts iſt uns zur Selbſterkenntniß ſo nuͤtzlich, als wenn wir nach Vereitlung unſers Lieblingswun⸗ ſches, nach Vernichtung unſter Lieblingshoffnung, klar in's Auge zu faſſen ſtreben, was wir nun noch vom Leben wollen, fuͤrchten und wuͤnſchen. Aber es gehoͤrt Muth dazu, ſich dies mit der Aufrichtig⸗ — 120 — keit zu geſtehen, beren ein Herz, das vor Gott wan⸗ delt, doch nicht ermangeln darf. „ Ehrenfels fand mich geſtern im abgelegenſten Theil des Gartens, wo ſich, außer mir, ſelten Je⸗ mand hin verirrt, ſo tief in Trauer verſenkt, ſo bitterlich weinend, daß ich ſeine Gegenwart nicht eher inne ward, bis er mit dem Ausdruck theilnehmenden Schmerzes meinen Namen nannte. „Woher, Pau⸗ line,“ ftagte er mich, „kommt Ihrem we chen Her⸗ zen die Kraft, ſeinen Schmerz ſo zu beherrſchen, daß nur der Zufall mich zum Vertrauten deſſelben zu machen vermochte?“ — „Gott gibt ſie mir, lieber Ehrenfels. Denn gewiß, Walden darf ſo wenig als Franzisca je er⸗ fahren, daß mein Herz Stunden hat, in denen es ſich als das Opfer ihres Gluͤcks fuͤhlt. Auch trägt ſich ein Schmerz, wie dieſer, nicht nur wuͤrdiger, ſondern gewiß auch leichter, wenn er nicht ausge⸗ ſprochen, nicht durch die Gewalt des Wortes geſtal⸗ tet wird, und Sie ſind zu weiſe und zu guͤtig, um mir nicht das Geheimniß meiner Schwaͤche zu be⸗ wahren.“ Er gelobte es und geſtand mir dann in all der Wahrheit, Theilnahme und Guͤte, die ich ſo innig an ihm verehre, daß ihn mein Schickſal be⸗ — 121 — kuͤmmere, wie ihn nie etwas bekuͤmmert habe, da er es ſich durchaus nicht zu beantworten vermoge, wie es ſich geſtalten muͤſſe, um meinen Frie⸗ den zu ſichern⸗ Wir ſprachen viel ucihen an c ſpruch gegen ihn, in der vollen Sicherheit meines Vertrauens zu Gott, die Ueberzeugung aus: die Vorſehung werde dafuͤr ohne mein Zuthun ſorgen. Ich bin daruͤber auch ganz ruhig; ich errathe, ja ich ahne freilich nicht einmal die Art, wie es geſchehen wird; aber ich fuͤhle es tief im Herzen, ein Vaterauge wacht uͤber mich, eine Vaterhand wird mich leiten, und ich brauche mich nur in der Willigkeit des⸗ Gehor⸗ ſams zu ſtaͤrken und zu erhalten, um uͤber meine Zukunft ſicher zu ſein. im Wenn aber auch gleich manche meiner jetzt ern⸗ ſten und truͤben Lebensanſichten ſich kuͤnftig viel⸗ leicht wieder erheitern moͤgen, ſo fühle ich doch, daß ich mich nie zu der Verbindung mit einem andern Manne werde entſchließen können, und bies Gefuͤhl verdient wohl eine ernſte Pruͤfung und Beruckſichti⸗ gung, da es mir nicht an der Vorempfindung eines einſamen Herzens fehlt und ich die Oede einer ſol⸗ chen Zukunft wohl im Geiſt voraus erblicke. Tarnow's Schriften. IX. 6 — 122 — Seit der fruͤheſten Entwickelung meiner Denk⸗ kraft hielt ich es fuͤr meine Beſtimmung, einſt Gattin zu werdenz mit Ernſt, mit Frömmigkeit und mit Liebe habe ich in mir gepflegt und mir anzueig⸗ nen gefucht, was bieſe Beſtimmung von mir for⸗ derte, und hoffentlich wäre kein rechtſchaffener Mann mit mir ungluͤcklich geworden. ZJetzt aber; da ich in meinem innerſten Herzen ein nnvergängliches Ge⸗ fuͤhl kennen gelernt habe, das in gleicher Reinheit in gleicher Stätke und Neuheit, nie zum zweiten Mal empfunden werden kann, und das mir auf eine durchaus unerſetzliche Weiſe den Morgen meines Lebens verſchoͤnert, jede Luͤcke deſſelben ſo ausgefüllt, jede Forderung ſo befriedigt und mich in unnennba⸗ rem Zauber mit ſich ſelbſt und der ſchonſten Wirk⸗ lichkeit ſo befreundet hat, daß die Erinnerung daran fuͤr glle Zukunft hinaus mir jedes andere Gluͤck, e andere Verhältniß zu einem Manne, verblei⸗ chen und trüben muͤßte, jetzt darf ich keinem An⸗ dern mehr meine Hand reichen. Fuͤr immer bin ich von all den Wuͤnſchen, Hoffnungen und Ahnungen getrennt, die ſonſt ein Mädchenherz ſo ſanft be⸗ gluͤcken, und mein ganzes Streben muß alſo nur darauf gerichtet ſein, meinen Charakter bei dem Loos — 123 — einer ſolchen Vereinzelung unentwuͤrdigt, mein Ge⸗ muͤth unverbittert zu erhalten. Wie ſoll ich mich aber, kaum zwanzig Jahre alt und mit einem ſo weichen, ſo heißen und ſo wunden Herzen, als das meinige, im Leben halten, wie ſeinen Sturm beſtehen, ſeine Duͤrftigkeit ertra⸗ gen, wenn mir mit der frommen Schranke einer geſicherten, bürgerlichen Epiſtenz fur das dußere Leben, auch zugleich die Zuverſicht der Liebe fuͤr das innere fehlt? Wird irgend ein anderes Lebensverhältniß mir das Gluͤck des Bewußtſeins erſetzen können, die hochſte, beſte Lebensfreude eines geachteten Man⸗ nes zu ſein? Iſt unſer Geſchlecht von der Vorſehung denn wirklich ſo ausſchließlich fuͤr den Mann und das eheliche Leben gebildet und beſtimmt, daß nicht Eltern⸗, nicht Geſchwiſterliebe, nicht Freundſchaft, nicht Geiſtesbildung, nicht Freude an Kunſt und Wiſſen, nicht Thätigkeit fuͤr fremdes Gluck, uns i9 frommer Stille Friede zu ſichern und zu gewähten vermag? — Ich kann dies nicht glauben, denn alle irdiſchen Verhältniſſe, ſelbſt in ihrer heiligſten und reinſten Geſtaltung, ſind doch nur ein irdiſches Mittel zu unſerer Entwickelung und Veredlung. Es muß da⸗ 6 * 7 her auch unverheirathet moͤglich ſein, in der Ketten⸗ reihe des Daſeins, auf dieſelbe Stufe der geiſtigen und ſittlichen Bildung zu gelangen, die der Wir⸗ kungskreis der Gattin und der Mutter herbei⸗ fuͤhrt. Mag ich es denn gleich fuͤhlen, daß es fuͤr mehrere der edelſten Anlagen in mir nur dieſen einen Kreis gibt, in dem ſie ſich ganz frei, ganz harmoniſch zu entfalten vermoͤchten, und daß dieſer lebendige Trieb der innigſten Sehnſucht in mir, Al⸗ les um mich her gluͤcklich zu ſehen und meines eige⸗ nen Gluͤcks nur in dem Gluͤck geliebter Weſen inne zu werden, ſchwerlich im aͤußern Leben einen andern ihm ganz genuͤgenden Wirkungskreis finden wird: ſo iſt es doch auch nicht weniger gewiß, daß alle Er⸗ ſcheinungen des Erdendaſeins nur wegen ihrer Be⸗ ziehungen auf die geiſtige Welt, nur als Abglanz höherer unvergäͤnglicher Himmelsgebilde wichtig ſind⸗ Die Liebe, als Erſcheinung in der von uns Ehe genannten Form, iſt das Heiligſte, Hoͤchſte und Reinſte, was das irdiſche Leben darzuſtellen vermag; aber ſie iſt doch nur der irdiſch gebrochne — 125 — Strahl eines ewigen Lichts, deſſen Urquell um ſo viel erhabener und herrlicher iſt, denn ſie, wie alles Unvergaͤngliche erhabener iſt, als deſſen irdiſcher Ab⸗ glanz. Und dies Ewige, Hohe und Heilige muß, von einem reinen, glaubigen Herzen erſchaut, ſchon hienieden dies Leben in allen ſeinen Räthſeln, Kla⸗ gen, Zweifeln und Verworrenheiten zu beſiegen und zu läutern vermögen, ſo wahr es heilig und ewig iſt. Wie die Blume zur Sonne, ſo richte nur das Herz alle ſeine Neigungen und Wuͤnſche zu Gott empor, und ihm wird dann die Kraft nicht erman⸗ geln, das Leben und ſeine Klage in ſtiller Heiterkeit und Gott wohlgefälliger Thätigkeit zu beſtehen. Wir ſind ja Alle mannigfaltig berufen, und der Mann kann nicht und das Weib ſoll nicht wählen, wel⸗ cher Weg zu wandeln iſt; aber ſammeln ſoll ſich ein Jeder, damit ihm die leiſe Stimme nicht ungehoͤrt bleibe, die ihm in ſeinem Innern auf einen dieſer Wege ruft, und hat er ſie vernommen, ſo folge er ihr mit unbedingter Hingebung. Wie konnte Er, der Ewige, der Unnennbare, Er, der Vater aller ſeiner Geſchoͤpfe, Er, in dem — 126 — ich lebe, athme und bin, wie konnte Er die Sehn⸗ ſucht nach Veredlung, ſie, die die Menſchheit adelt, in des Weibes Herz gelegt haben, wenn ihre Be⸗ friedigung an ein vom Zufall abhaͤngiges, aͤußeres Verhaͤltniß gebunden und ſie alſo Gift ſtatt Heil fur daſſelbe werden muͤßte? Rein, ein Gott wahr⸗ haft liebendes weibliches Gemuͤth braucht auf Erden keinen andern Anhalt als Ihn, und das Menſchen⸗ herz, auch das geliebteſte und am ſchmerzlichſten ent⸗ behrte, iſt dann nur ein einzelner Accord in der großen Harmonie, fuͤr die uns rein zu ſtimmen dies Leben die Aufgabe und das Miltel iſt. Meine Zuverſicht iſt erfuͤllt; der Vater hat ſein Kind gerufen, und freudig folge ich dem Beruf, der mich zu ſo ernſt ſchoner Pflicht weiht. Meine Tante iſt geſtorben; mein Onkel hat von dem Koͤnig von Preußen einen Ruf nach Breslau erhalten und for⸗ dert mich auf, die Erziehung ſeiner verwaiſeten Kin⸗ der und die Fuͤhrung ſeines Haushalts zu uͤber⸗ nehmen. n — 127 — Ich fuͤhle es, es iſt die Vorſehung, die mich ruft, da die Spaunung meiner hieſigen Verhaͤltniſſe nur durch Trennung geloͤſet werden konnte, ſo viel Muth auch dazu gehoͤrte, mir dies auszuſprechen. Ehrenfels allein weiß um meinen Entſchluß: ich habe nicht die Kraft, von den Andern Abſchied zu neh⸗ men; ihre Wehmuth koͤnnte mein Herz brechen. Er trauert tief uͤber dieſe Trennung, aber er fuͤhlt es, daß ſie um Walden's und Franzisca's, daß ſie um meines Friedens willen nothwendig geworden iſt. Schon fruͤher war meine Stelle als Erzieherin dieſer theuren, hoffnungsvollen Kinder, die mir nur Freu⸗ de, nie Sorge gemacht haben, erſetzt, da ich, freilich auf andre Weiſe, dies Haus verlaſſen ſollte, und ſo ſteht meiner Abreiſe keine Schwierigkeit entgegen. Wunderbar fuͤhle ich mich ſeit dieſer Entſcheidung gekraͤftigt. Ein ſtiller Ernſt iſt in mich gekommen und wird auch wohl herrſchender Zug in meinem Charakter bleiben; doch wenn mir, wie ich hoffe, der Segen und die Liebe dieſer unvergeßlichen Menſchen folgt, ſo nehme ich reichen Gewinn mit miv, da ich die Willenskraft des Menſchen und das Leben ſelbſt in den hier verlebten Jahren ganz anders denn ſonſt habe erkennen und wuͤrdigen gelernt. — — Es iſt in jeder Pruͤfung viel belohnender, die Kraft des Herzens gegen den Schmerz kaͤmpfen, als ſie fur ihn wuchern zu laſſenz nicht ertragen, nicht blos geduldig hinnehmen ſollen wir ihn, ſondern auch beſiegen, denn dazu legte Gott den unuͤberwindlichen Glauben in unſer Herz. Was heißt es denn auch eigentlich mit den Leiden dieſes Lebens? Wird nicht jedes durch die Zeit gemildert, und ſoll denn dieſe ſtäͤrker ſein, als mein Wille? Und wenn der Menſch recht feſt, recht ernſt ſich gelobt hat: ich will dieſem Gram nicht meine beſten, mir von Gott zu hoherm Gebrauch verliehenen Kräfte aufopfern, mußn er ſ9h da nicht Wort halten? Wohl wird eine leiſe Klage ſtill durch mein Le⸗ ben forttoͤnen, und ich werde ſie in ihrer Wehmuth und ihrem Ernſt ehren; ſie klagt um gefallene Lebens⸗ bluthen, aber auch gewelkt erfriſcht ihr Duft noch das Herz, dem ſie entſproßten, und das ſich reicher geworden fuhlt durch ſeinen Schmerz, ſeine Liebe und den Sieg, den es in Gott zu erringen hofft. — 129 — Morgen iſt Walden's Hochzeitstag und zugleich der Tag meiner außer Ehrenfels von Allen nicht ge⸗ ahnten Abreiſe. Eben habe ich Franzisca's Braut⸗ kranz gewunden, den ſie morgen mit meinem ſchrift⸗ lichen Gluͤckwunſch und mit meinem Lebewohl er⸗ haͤlt. Einſt am Abend meines Lebens wird es mir vielleicht vergoͤnnt, ihn wieder zu ſehen, und bis dahin bleibe ſein Leben hell und ungetruͤbt, ſeine und Franzisca's Liebe ſtark und freudig. Einſam wende ich mich von ihm ab; aber nur aus meinen Augen, nie, nie kann ich ihn aus meinem Herzen verlieren, nie den Schatz begluͤckender Lebensbilder vergeſſen, der einſt ſo beſeligend mein war! Stille Ewigkeit, du, die du alle hier verwehte Bluͤthen des Schonen ſammelſt und entfalteſt, nimm auch dieſe Liebe, dies heilige maͤchtige Gefuͤhl eines reinen Herzens, troͤſtend auf. Und ihr, verſunkene Hoffnungen meines Lebens, du ſchnell verronnene Seligkeit meiner Jugend, und ihr Wuͤnſche, die ihr nun ſtumm und unerfuͤllt in meiner Bruſt bleibt, ihr heißen Gebete, ihr frommen Ahnungen des hei⸗ — 130 — ligſten Gluͤcks, ſcheidet ihr denn nun alle von mir? Ihr waret ſo ſchoͤn, und doch muß ich euch laſſen! Nimm ſie denn auf, ernſte Ewigkeit! Dir vertraue ich ſie an; laß ſie mir nicht verloren ſein, kaß ſie mich jenſeits, zu reinerm Gluͤck vergeiſtigt, wieder⸗ finden. Dann iſt ja der tiefe Schmerz vergangen, das wunde Herz geheilt, und Friede, Himmelsfriede lohnt den treu beſtandenen Kampf des armen Erden⸗ lebens! Es war im December des Jahres 1718, als in Paris die Verſchwörung des Prinzen von Cellemare entdeckt wurde, und eine Menge, theils wirklicher, theils angeblicher Theilnehmer derſelben verhaftet und großtentheils in die Baſtille gebracht wurde. Unter dieſen waren auch zwei junge Damen, die Fraulein von Montauban und von Launoy. Herr von Maiſon⸗ rouge, der erſt ſeit wenig Wochen als Lieutenant des Koͤnigs in der Baſtille eine Anſtellung erhalten hatte, die ihm wichtigen Einfluß auf das Schickſal der Gefangenen gab, glaubte ſi ich durch ſeine Pflicht ver⸗ bunden, beiden Damen den Tag nach ihrer Ankunft einen Beſuch machen zu muͤſſen, ob er ſich gleich ſcheute, ſie zu ſehen, da er im Voraus zu wiſſen glaubte, wie er von ihnen mit Klagen, Thraͤnen und unerfullten Bitten beſturmt werden wuͤrde. Auch fund er Fräulein von Montauban ganz ſo ungeſtuͤm und verzweiflungsvoll betruͤbt, wie er ſie ſich gedacht hatte. Man glaubte ſie im Herzensverſtaͤndniß mit einem der Haupturheber der Verſchwoͤrung, und hatte ſie daher, als der Mitwiſſenſchaft um dieſelbe ver⸗ daͤchtig, gefangen genommen, Jung, ſchon, an die Huldigungen ihrer Anbeter, an alle Zerſtreuungen des Weltlebens gewöhnt, hatte die Einſamkeit des Gefaͤngniſſes fur ſie die Schrecken des Grabes⸗ Herr von Maiſonrouge verſicherte ſie tröſtend ſeiner Be⸗ reitwilligkeit, ihr ihre Haft durch jede Milderung derſelben zu erleichtern, die ſeine Pflicht ihm zu ge⸗ ſtatten vergoͤnne; allein ſie hatte nicht Faſſung ge⸗ nug, ſeinen guten Willen benutzen zu können, und er verließ ſie mit jenem Mitleiden, das die Schwaͤche unmuͤndiger Huͤlfloſigkeit ſtarken Seelen einflößt. Auf eine Wiederholung dieſes Auftrittes gefaßt, ließ er ſich die Thuͤre offnen, die zu dem Zimmer des Fräu⸗ leins von Launoy führte. Fruher hatte er nie ihren Namen nennen hoͤren, und wußte nichts von ihr, als daß ſie, die Kammerftau und zugleich die Ber⸗ traute der Herzogin du Maine, verhaftet worden war, weil man ſie mit allen Fäden der Intrigue, angeſponnen, um zu Gunſten der kegitimirten Prinzen die ſpaniſche Regierung zur thätigen Theilnahme an — 135 — dem Sturz des Regenten, den die Verſchworer be⸗ abſichtigten, zu vereinigen, genau bekannt glaubte. Melanie — ſo hieß das Fräulein — war keines⸗ wegs ſchoͤn, vielleicht nicht einmal huͤbſch zu nen⸗ nen. Tauſende ihres Geſchlechts waͤren mit ihrer Geſtalt und ihren Zuͤgen ganz unbemerkt geblieben, allein der Ausdruck von Witz und Geiſt, der ihr Geſicht beſeelte, feſſelte den Blick, der zufällig auf ſie traf; unwillkuͤrlich kehrte er zu ihr zuruͤck, und je öfter und je laͤnger man ſie anſah, je mehr fand man Vergnugen daran, ſie zu ſehen. Im Augen⸗ blick ihrer Gefangennehmung hatte ſie nur an die Rettung wichtiger Papiere gedacht, die in ihren Haͤnden waren, und es daruͤber vernachläſſigt, ſich fuͤr ihren neuen Aufenthalt mit der nothwendigen Wäſche und Kleidung zu verſehen. Herr von Maiſon⸗ rouge fand ſie daher, als er zu ihr eintrat, in einem für die damalige Zeit ſehr ungewöhnlichen Anzugz ihr ſchoͤnes, ſchwarzes, natuͤrlich gelocktes Haar hing, unentſtellt von Puder und Pomade, frei um ihre Schultern; nachläſſig hatte ſie ein kleines weißes Halstuch uͤber den Kopf geworfen und unter dem Halſe zugebunden, waͤhrend ihre Kammerjungfer be⸗ ſchaͤftigt war, das einzige Kopfzeug, was ſie bei ſich — 136 — hatte, und was ihr zur Nachthaube hatte dienen muͤſſen, in dem Waſchbecken auszuwaſchen. In einer Zeit, wo der Kopfputz der Frauen uͤber eine Elle hoch und ſchwerer als der Kuͤraſſierhelm eines Helden unſerer Zeit, die geſchmackloſeſte Zuſammen⸗ ſetzung von Draht, Flor, Band, Federn, Blumen, Klunkern war, und wenigſtens einige Loth Pomade und ein halbes Pfund Puder dazu gehoͤrten, das Haar uͤber den Wulſt von Pferdehaaren und Werg emporzukrauſeln, der zur Unterlage der Friſur diente, konnte wohl die einfache Natuͤrlichkeit, in der Me⸗ lanie vor Herrn von Maiſonrouge erſchien, ihr in ſeinen Augen einen eigenthuͤmlichen, anziehenden Reiz leihen. Da ſeine Uniform ihr ſeinen Rang und ſeinen Poſten verkundete, ſo erhob ſie ſich bei ſeinem Eintritte von ihrem Sitz, um ihn achtungs⸗ voll zu begrußen, und die Scheu, in dieſem Auf⸗ zuge vielleicht einen ungunſtigen Eindruck zu machen, flog mit dem Ausdruck einer leichten Verlegenheit uber ihr Geſicht; doch in demſelben Augenblicke mußte ſie auch ſchon uber ſich und ihre Verlegenheit lächeln. „Sie finden mich,“ ſagte ſie ihm, „wie eine entfuͤhrte Romanheldin, ohne Wäſche, ohne Kleidung, leider aber auch noch dazu ohne das Schmuckkaͤſtchen und —— — 137 — die reich gefuͤllte Boͤrſe, die dieſe Prinzeſſinnen bei ſich zu fuͤhren pflegen, und daher gezwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen, und dem Mangel durch meine und meines Maͤdchens Erfindungsgabe abzuhelfen.“ Herr von Maiſonrouge war zu uͤberraſcht, um — mit ſeiner gewoͤhnlichen Geiſtesgegenwart ant⸗ worten zu koͤnnen; er glaubte auch, ihr vor Allem etwas Beruhigendes uͤber ihre Lage ſagen zu muͤſſen und verſicherte ſie daher, daß man bei der Unter⸗ ſuchung gewiß, wenn auch die Herzogin ſtrafbar be⸗ funden wuͤrde, Ruͤckſicht auf den Gehorſam nehmen wuͤrde, zu dem das Fraͤulein durch ihre Verhältniſſe verpflichtet geweſen ſei. Stolz und ſcharf blickte ſie ihn hier mit ihren hellen, klugen Augen an. „Meine Ruhe,“ antwortete ſie ihm beſonnen, „gruͤndet ſich keineswegs auf meine perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe, ſon⸗ dern einzig auf meine Ueberzeugung von der Unſchuld der Herzogin. Hätte ſie gefehlt und ich irgend Theil an ihrem Vetgehen, ſo wuͤrde ich lieber die Strafe dafur dulden, als mich mit dem Gehorſam gegen Befehle entſchuldigen wollen, die es, wenn ihre Be⸗ folgung mich ſtrafbar machen koͤnnte, unnißpisn ge⸗ weſen ſein wuͤrde, zu vollziehen. — 138 — Der edle Stolz, den dieſe Antwort verrieth, gewann ihr Anſpruch auf ſeine Achtung, und die Ruhe, die ſie zeigte, bildete zu der thoͤrichten Ver⸗ zweiflung und dem kindiſchen Jammer des Fraͤuleins von Montauban einen ſo vortheilhaften Gegenſat, daß Herr v. Maiſonrouge uͤberzeugt wurde, Melanie muͤſſe ſich durch Geiſt und Charakter unter ihrem Geſchlecht auszeichnen. Er holte ſich einen Stuhl, um die Unterhaltung mit ihr zu verlängern, und ſie ſprach nun auf eine anmuthige, faſt ſcherzende Weiſe von dem Eindruck, den der Eintritt in die Baſtille auf ſie gemacht habe. „Es war ſchon nach ſieben Uhr Abends und ganz ſtockſinſter,“ erzählte ſie, „als ich von dem Officier, der mich hierher brachte, dem Gouvernaur uͤbergeben wurde, und das Geraſſel der Ketten an den Zugbruͤcken, uͤber die mich dieſer führte, war mir ſehr unangenehm. Man brachte mich nach vielen Kreuz⸗ und Querzugen endlich in ein großes, ſchmutziges Gemach, in dem ich nichts als zwei Steine ſah, auf denen man einiges Reiſig anzundete, ein Stuͤckchen Licht an die Wand klebte, und dann, nachdem man mich ſo haͤuslich be⸗ quem darin eingerichtet hatte, mir die Freiheit ließ, mich neben dem Feuer auf dem Boden niederzu⸗ — 139 — hocken, fuͤnf bis ſechs Schloͤſſer, und ich weiß nicht, wie viel Riegel, hinter mir zuſchloß. Die Stunde, die ich in dieſer Einſamkeit zubrachte, war etwas lang, allein ich fand doch, welch eine Ausgleichung fuͤr Ungluck die Vorſehung in die Uebung der Denkkraft gelegt hat, zu der uns eine neue Lage, und ſei ſie noch ſo traurig, den Stoff bietet. Ich belauſchte gewiſſermaßen meinen Geiſt in dieſer Stunde, und ertappte ihn auf manchem Gedanken, den ich dem drolligen Dinge nie zugetraut hatte, und der mich zu der Hoffnung ermuthigte, daß ich in der Ein⸗ ſamkeit vielleicht ganz gut Freund mit ihm werden könne, wozu mir bis jetzt immer Zeit und Gelegen⸗ heit gefehlt hat. Endlich kam auch der Gouverneur wieder und brachte mir mein Kammermaͤdchen, das aus treuer Anhaͤnglichkeit darauf beſtanden hatte, mit mir eingeſperrt zu werden; wir mußten nun in ein anderes Zimmer gehen, und ich hätte fuͤr mein Le⸗ ben gern gewußt, warum? aber es ſchien mir in der Baſtille nicht Sitte zu ſein, den Leuten das Warum von Dieſem oder Jenem zu erklären, und uͤberdies,“ fuhr ſie mit einem faſt muthwilligen Seitenblick auf Herrn von Maiſonrouge fort, „hatte ich damals auch in dieſen Mauern noch kein Geſicht — geſehen, dem ich irgend eine Frage hätte vorlegen mogen. Wir wurden in dieſem zweiten Gemach eben ſo ſorgfaͤltig eingeſchloſſen als in dem erſten, und kaum waren die Riegel vorgeſchoben, als mich ein furchtbares Schnarren und Rollen und Raſſeln un⸗ terirdiſcher Ketten und Räder erſchreckte; ich hatte wohl eher von eiſernen, kuͤſſenden Jungfrauen in alten Schloſſern und Gefaͤngniſſen geleſen, die, plötz⸗ lich aus dem Boden aufſteigend, den Nahenden mit langen, ſchneidenden Armen umfaſſen, und dann mit ihm in eine dunkle Tiefe verſinken, die ſein Grab wird. Das Geraſſel, das ich unter meinen Fuͤßen hörte, ſchien mir das Schickſal zu verkuͤnden, welches mich erwartete; mich duͤnkte den Boden unter mei⸗ nen Fuͤßen zittern zu fuͤhlen, und ich wagte keinen Schritt vorwärts, ungewiß, ob mir nicht der nächſte den Tod bringen könne. Der Scharfſinn meiner Marie loͤſete endlich das mir ſo furchtbare Räthſelz dieſe raſſelnde, ſchnarrende Maſchine, die ich beſtimmt waͤhnte, mich zu Staub zu zermalmen, war — der Bratenwender, und das Zimmer, in dem wir uns befanden, gerade uͤber der Kuͤche. Meine Furcht verſchwand und machte nun dem Gefuͤhl Raum, daß mich erſchrecklich hungerte, da ich ſeit beinahe — 141 — vier und zwanzig Stunden nichts gegeſſen hatte; es war aber ſchon zehn Uhr Abends, und ich fuͤrchtete daher, daß es in der Baſtille nicht Sitte ſei, den Leuten ein Abendbrod und ein Bette zum Schlafen zu geben; doch um eilf Uhr holte man uns ab und brachte mich in dies Zimmer, wo ich, wie Sie ſe⸗ hen, nicht blos ein Bette und einen Tiſch, ſondern auch drei Stuͤhle und einen Spiegel fand, und oben⸗ drein Etwas zu eſſen bekam. Ich war gluͤcklich, oder auch, wenn Sie es ſo nennen wollen, einfältig genug, mich daruͤber freuen zu konnen, weil ich mir ſagte, daß ich mich auch darein haͤtte finden muͤſſen, wenn man mir die Erde zum Lager angewieſen häͤtte, und weil ich uͤberhaupt einige Charakterähnlichkeit mit den Deutſchen habe, von denen man behauptet, daß ſie, wenn ſie Arm oder Bein brechen, doch noch ſtets ihr Gluͤck ruͤhmen, nur dieſe und nicht den Hals gebrochen zu haben.“ Herr von Maiſonrouge hatte ihrem Geplauder mit vielem Vergnuͤgen zugehoͤrt, die geiſteshelle Be⸗ ſonnenheit, mit der ſie ihre Lage in's Auge faßte, und das Unangenehme derſelben ſcherzhaft nahm, um es leichter tragen zu konnen, floͤßte ihm ein ach⸗ tungsvolles Intereſſe ein, und er fragte, als er Ab⸗ — 142 — ſchied nahm, mit dem Ausdruck aufrichtigen Wohl⸗ wollens, ob ſie irgend einen Wunſch habe, den er ihr zu gewaͤhren vermöge? Sie bat um Buͤcher und um Schreibzeug; das letztere war ihm verboten worden, ihr zu geben, allein die erſtern verſprach er ihr am folgenden Tage zu bringen. Am Abend erhielt er einen Coffer voller Klei⸗ dungsſtuͤcke und eine Börſe mit Gold, um ſie dem Fraͤulein zuſtellen zu laſſen. Dieſe Gabe kam von einem ihrer aͤlteſten Freunde, dem Herrn von Valin⸗ court, deſſen Jahre und deſſen Charakter jeden Zweifel uͤber die Bewegungsgruͤnde ſeiner Theilnahme nieder⸗ ſchlugen. Zugleich erhielt er Briefe von dem drei und achtzigjaͤhrigen Abbé Cheaulieu, von dem Herrn von Fontenelle und von der Marquiſe von Lambert, die das Fräulein in fur dieſe hochſt ehrenvollen Aus⸗ druͤcken auf das Angelegentlichſte ſeinem Schutz em⸗ pfahlen. Es that ihm wohl, ſie durch die Achtung ſo beruͤhmter Mäͤnner und Frauen ausgezeichnet zu ſehen, allein er empfand doch auch ein gewiſſes Miß⸗ behagen, daß ein Anderer ihm zuvorgekommen war, da er ſchon beſchloſſen hatte, ſie mit Allem zu ver⸗ ſehen, deſſen ſie bedurfte, und ſeine Dienſtwiligkeie — — ſich jetzt darauf beſchraͤnken mußte, ihr die ge⸗ wuͤnſchten Buͤcher zu bringen. Er fand Melanie bei dieſem zweiten — eben ſo geiſtvoll, und, wie ihn duͤnkte, noch weit liebenswuͤrdiger als das erſte Mal. Die Buͤcher, die er ihr brachte, veranlaßten unter Beiden ein Ge⸗ ſpräch, in dem ſie, ohne Anmaßung und Ziererei, ihren Geiſt und ihre Kenntniſſe in dem ſo ſeltenen Reiz der Natuͤrlichkeit und einer edlen Einfalt ent⸗ falten konnte. Die Lage, in der ſie ſich befand, gab ihr die im Leben immer nur ſeltene Gelegenheit, die achtungswuͤrdigſten Seiten ihres Charakters zu zeigen, und die beſten Eigenſchaften ihrer Seele gel⸗ tend zu machen. Bis zu dieſem Zeitpunkte hatte ſie ſeit ihrer fruͤheſten Kindheit in Vechaͤltniſſen ge⸗ lebt, wo ſie zu allen Kuͤnſten des Scheins ihre Zu⸗ flucht nehmen mußte, wenn ſie nicht in Armuth, Dunkelheit und Vergeſſenheit verſinken wollte. Ehr⸗ geiz war die maͤchtige Triebfeder aller ihrer Hand⸗ lungen, aber er war bei ihr mehr ein Beſtreben, auf den Platz zu gelangen, fur den ſie ſich geſchaffen fuͤhlte, als eine kleinliche Begierde, ſich uͤber Andere zu erheben. Nicht reich, nicht ſchoͤn, nicht vor⸗ nehm, war der Pfad, den ſie bis jetzt gewandelt — 144 — war, fuͤr ſie mit Dornen ſchmachvoller Selbſtver⸗ läugnung beſaͤet geweſen; ſie hatte zu ihr ſelbſt ver⸗ aͤchtlichen Schmeichelkuͤnſten ihre Zuflucht nehmen muͤſſen, um ſich ihrer Gebieterin nur erſt bemerklich, dann nuͤtzlich, zuletzt nothwendig zu machen. Jett, im Gefaͤngniß, athmete ſie zum erſten Male frei! Das Schickſal gewaͤhrte ihr, was ſie kaum mehr zu hoffen gewagt hatte, eine Gelegenheit, wo ſie ſich nur ſtandhaft, klug und großherzig zu zeigen brauchte, um ſich Achtung zu gewinnen und in der öffentlichen Meinung eine Stutze zu erhalten, die ihr Rechte auf eine Verſorgung von Seiten ihrer Gebieterin ſicherte. Je mehr ſie fuͤr dieſe litt, je glänzender konnte ſich ihr Charakter bewaͤhren, und es war fuͤr ſie eine unſchätzbare Gunſt des Geſchicks, daß ſie jetzt auf dem Wege der Pflichttreue und der Groß⸗ herzigkeit das Ziel zu erreichen hoffen durfte, das ſie unverruͤckt im Auge behalten hatte. Von dieſem Tage an wurde es Herrn von Maiſonrouge zur beglückenden Gewohnheit, das Fraͤulein täglich zu ſehen, und bald brachte er alle Freiſtunden, die ſein Amt ihm ließ, bei ihr zu. In ihr glaubte er zu finden, was er bisher vergeblich geſucht hatte weibliche Zartheit und tiefe Empfindung — 145 — mit Charakterfeſtigkeit und Geiſtesbildung verbunden. Melanie fand an ſeinem Umgang viel Vergnuͤgen. Die Unterhaltung mit ihm bot ihr vielfache Ver⸗ anlaſſung, ihren Geiſt mit neuen Kenntniſſen zu be⸗ reichern, und ihn und ſich durch die Leichtigkeit zu er⸗ freuen, mit der ſie tiefſinnige Ideen und erhabenen Gedankenflug zu faſſen und zu verſtehen vermochte. Erſt vier und dreißig Jahre alt war Herr von Maiſonrouge viel ernſter, als es die Franzoſen dieſes Alters zu ſein pflegen; man achtete ihn allgemein, allein nur Wenige fuͤhlten ſich verſucht, ihn näher kennen lernen zu wollen, da ſeine anſcheinende Ver⸗ ſchloſſenheit und ſein Ernſt dies ſchwer machten. Er liebte die Einſamkeit, las viel und erſchien ſelten in geſelligen Kreiſen. Sprach er aber, ſo ſprach er ſchoͤn, und die edle Einfalt ſeines Sinnes, die Groͤße ſeines Charakters, die lautere Wahrheit ſeiner Em⸗ pfindung gab Allem, was er ſagte, das Gepräge ſeines Seelenadels. Die Frauen hatten ihn in jun⸗ gern Jahren viel beſchäftigt, allein er hatte nie ge⸗ liebt. In ſeinem Herzen war von jeher Sehnſucht nach einer Liebe, wie ſie ihm hienieden nie ſichtbar geworden war, und die Ahnung eines Gluͤckes, vor deſſen Zauberfulle Alles verſchwinden muͤſſe, was die Tarnow's Schriften. IX. 7 — 146 — Sterblichen in ihrer Täuſchung ſonſt Gluͤck nennen; doch dieſe Ahnungen galten ihm ſchon ſeit vielen Jahren fuͤr das vorzeitig erwachte Sehnen nach einer Seligkeit, die nur jenſeits erreicht werden konne, und auch das, was er fuͤr Melanie empfand, ſchien ihm nur ein Tribut zu ſein, den er ihrer Trefflich⸗ keit in achtungsvoller Anerkennung derſelben zolle. Er zeigte ihr zu dem zaͤrtlichſten Antheil an Allem, was ſie betraf, die zarteſte und ſchmeichelhafteſte Hochachtung, durch die je ein edler Mann ein weib⸗ liches Weſen geehrt hat. Was er fuͤr ſeine Freundin — ſo nannte er Melanie — am meiſten fuͤrchtete, war die Lange⸗ weile, da ſie, von allem Verkehr mit Menſchen ab⸗ geſchieden, nur ihre Kammerjungfer um ſich hatte, und außer dieſer nur ihn alle Nachmittage ſprach. Allein zu ſeiner Freude und zu ſeiner Ueberraſchung horte er ſie nie daruͤber klagen, da ſie ſich davor zu bewahren verſtand. Sie las viel und zwar großten⸗ theils ernſte, wiſſenſchaftliche Buͤcher, und zur Er⸗ holung beſchaͤftigte ſie ſich mit Handarbeit. Die Unterſuchung uͤber die Verſchwörung ſchien ſich ſehr in die Laͤnge ziehen zu wollen. Es mußte dem Regenten daran liegen, in den Augen von — 147 — Frankreich und dem uͤbrigen Europa die Strenge zu rechtfertigen, mit der er die muthmaßlichen Theilnehmer derſelben, vorzuͤglich die Herzogin du Maine, behandelt hatte, und doch ließen ſich keine hinlanglichen Beweiſe zur Rechtfertigung derſelben auffinden. Fraͤulein de Launoy bewies in ihrem Verhör eben ſo viel Klugheit als Geiſtesgegenwart, man konnte ſie von nichts uͤberfuͤhren; allein man war entſchloſſen, ſie nicht freizulaſſen, weil man noch immer wichtigere Entdeckungen zu machen, und ſie durch die Länge ihrer Einſperrung zum Geſtänd⸗ niß zu bringen hoffte. Doch trotz dieſer Ausſicht auf die längere Dauer dieſer Haft blieb ſie heiter, und Herr von Maiſonrouge konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihr ſein freudiges Erſtaunen daruͤber auszu⸗ druͤcken. „Suchen Sie nur darin,“ ſagte ſie ihm laͤchelnd, „keinen Beweis von Seelenſtaͤrke; ich finde den Aufenthalt in der Baſtille ganz angenehm, da er mir mehr Freiheit vergoͤnnt, als er mir geraubt hat. Ich bin freilich nicht freiwillig hier, allein ich bin hier auch durch nichts verpflichtet, einen fremden Willen zur Richtſchnur meines Thuns zu machen, und dabei iſt mehr Gewinn als Verluſt. Auch empfinde ich jetzt, daß ſich an der Unmoͤglichkeit, ſie 7 * — 148 — zu erreichen, die Gewalt der Sehnſucht nach vielen Dingen bricht. In der Welt reizt und gefällt und lockt, und verſucht uns ſo Vieles, daß das Herz nie frei von der Qual unerreichter, hoffnungsloſer Wuͤnſche wird, und der Beſitz, deſſen wir uns er⸗ freuen ſollten, bei uns im Preiſe faͤllt. Dazu nun noch, wenn man nicht reich und unabhaͤngig iſt, die⸗ ſer erdruͤckende Wuſt von geſellſchaftlichen Verhaͤlt⸗ niſſen und Ruͤckſichten, der uns faſt nie vergonnt, uns ſo zu zeigen, wie wir wirklich ſind, und zu thun, was wir gern thun. Ich habe am Pofe gelebt, und den ganzen verfuͤhreriſchen Zauber der Gunſt der Großen gekoſtet, wenn ich aber meine Lage am Hofe mit meiner jetzigen vergleiche, ſo muß ich geſtehen, daß ich hier in der Baſtille zum erſten Mal das Gluͤck der Freiheit empfinde und ge⸗ nieße.“ Solche Aeußerungen gewannen ihr mehr und mehr die Achtung des Herrn v. Maiſonrouge. Es gelang ihm endlich, die Erlaubniß zu erhalten, ihr auch Dinte und Papier geben zu durfen, doch nur unter der Bedingung, daß die Blätter numerirt und von ihr alle in ſeine Haͤnde zuruͤckgegeben werden ſollten. Dies noͤthigte Melanie, ſich auf Abhandlun⸗ N gen und kleine Aufſätze zu beſchraͤnken, die ſie zu ihrem Zeitvertreib niederſchrieb, und die Herrn v. Maiſonrouge neue Gelegenheit gaben, ihren Geiſt und ihre Grundſaͤtze kennen zu lernen. Seine Em⸗ pfindung fuͤr ſie wurde jetzt Liebe, und zwar die edelſte und reinſte Liebe, die vielleicht je das Herz eines Mannes durchflammt hat. Ihre Lage und ſeine Verhaͤltniſſe legten ihm die Pflicht auf, dieſe Liebe zu verbergen; allein Melanie wußte fruͤher als er ſelbſt um das Geheimniß derſelben. Er war ſo ausſchließend mit ihr beſchaͤftigt, der Gedanke an ſie fullte ſo ſeine ganze Seele aus, daß er unwillkuͤrlich von ihr redete, wenn er die andern Gefangenen be⸗ ſuchte, und doch zuverſichtlich glaubte, daß nicht er mit ihnen, ſondern ſie mit ihm von ihr geſprochen hatten. Entzuͤckt uͤber die Theilnahme und die Hoch⸗ achtung, die, wie er fand, Jene allgemein fuͤr ſie empfanden, kam er zu ihr zuruͤck. „Nie, meine Freundin,“ ſagte er ihr oft, „haben Seelengroße und Herzensadel eine ruͤhrendere Huldigung empfangen, als die Ihnen in der Verehrung und Bewunderung dargebracht wird, mit der Jeder ohne Ausnahme den innigſten Antheil an Ihrem Schickſal nimmt. Man redet mit mir nur von Ihnen, und wohin ich nur — komme, hoͤre ich nur Ihr Lob.“ — Dieſes war auch wirklich der Fall; denn da Keinem der Gefangenen das Intereſſe verborgen blieb, mit dem Herr v. Maiſonrouge von dem Fraͤulein reden hörte, und ſel⸗ ber von ihr ſprach, ſo ſuchte Jeder dieſe Entdeckung zu benutzen, um ſich ihm angenehm zu machen⸗ Abhäͤngigkeit erzeugt faſt immer Schmeichelei, der Gefangene ſucht durch ſie ſeinen Aufſeher wie der Hoͤfling ſeinen Fuͤrſten zu gewinnen. Einige der Gefangenen baten Herrn v. Maiſonrouge um Erlaub⸗ niß, dem Fräulein Erfriſchungen, Andere, ihr Bu⸗ cher ſenden zu duͤrfen; kurz Jeder ſtrebte, ihr eine Huldigung darzubringen, die nur ihm galt, der, wenn gleich Jeder ihm perſoͤnlich geltenden Beſte⸗ chung unzugänglich, doch dieſe den Darbringern hoch anrechnete. Unter den Gefangenen war auch der Ritter du Menil. Er war ein Bekannter des Abbé Bri⸗ gand, der als Vertrauter des Prinzen von Cellemare ſich, als dieſer von der Entdeckung der Verſchwoͤrung Nachricht echielt, durch die Flucht zu retten ſuchte. Vor ſeiner Abreiſe ging er zu dem Ritter, und bat ihn, ein Kaͤſichen zu ſich zu nehmen, das ſein Teſta⸗ ment, und einige ihm wichtige Familienpapiere ent⸗ — 151 — hielt, die er auf einer Reiſe, zu der er ſich genothigt fände, nicht mitzunehmen wuͤnſche. Der Ritter wußte, daß der Abbé, ehemals mit dem Prätendenten innig verbunden, von dieſem ungluͤcklichen Prinzen wichtige Papiere in Haͤnden hatte und glaubte daher nicht weiter nach dem Inhalt der ihm anzuvertrauen⸗ den Schriften ftagen zu duͤrfen. Am folgenden WMorgen ſandte ihm der Abbé nicht nur das Käſt⸗ chen, ſondern auch noch ein großes Packet verſiegelter Papiere. Am Nachmittag des nämlichen Tages ließ der Regent das Hotel des ſpaniſchen Geſandten, des Prinzen Cellemare, von Truppen umzingeln und ihn ſelbſt, ſo wie Alle die verhaften, die nur der leiſeſte Verdacht der Theilnahme und des Wiſſens um ſeine Plane traf. Sobald der Ritter du Menil erfuhr, daß der Prinz v. Cellemare verhaftet ſei, errieth er auch, daß der Abbé Brigand in dieſe Verſchwoͤrung ver⸗ wickelt ſei, und zugleich die Gefahr, Bewahrer der ihm anvertrauten Papiere zu ſein. Er kannte die Strenge des Geſetzes, dem er durch die Geheimhal⸗ tung derſelben verfiel; allein er wollte ſich dieſer lieber preis geben, als das Vertrauen eines Mannes täu⸗ ſchen, der, wenn er gleich nicht zu ſeinen Freunden — 152 — gehoͤrte, doch gewagt hatte, ſich ihm anzuvertrauen, Er entſiegelte das Käſtchen und die Papiere; in dem erſten fand er wi klich nur das Teſtament des Abbés und einige Familienbriefe, in dem letztern aber alle Ent⸗ wuͤrfe und Denkſchriften, die ſich auf den Plan der Verſchwörung bezogen, und von denen er bis zu die⸗ ſem Augenblick nicht die mindeſte Kenntniß hatte. Allein er fand auch, daß ſie nichts enthielten, was gegen den Koͤnig und den Staat Verbrechen geweſen waͤre, und ſo hielt er es fur das Zweckmaͤßigſte und Wuͤrdigſte, dieſe Papiere den Flammen zu opfern. Der Abbé Dubois, dieſer laſtergebrandmarkte Guͤnſtling des Regenten, ließ den Ritter, da er er⸗ ſpäht hatte, daß Brigand am Tage ſeiner Flucht noch bei ihm geweſen war, zu ſich rufen, um ihn ſelbſt uͤber Alles zu befragen, was er von ihm zu er⸗ fahren wuͤnſchte. Der Ritter geſtand, von dem Abbe ein Käſtchen zur Aufbewahrung erhalten zu haben, und zeigte ſich bereitwillig, dies auszuliefern. Da man nichts Verfaͤngliches darin fand, ſo entging der Ritter einer ſtrengern Unterſuchung. Brigand ſelbſt aber wurde auf ſeiner Flucht eingeholt und in die Baſtille gebracht. Die Herren Argenſon und le Blanc, denen die Unterſuchung aufgetragen war, ſag⸗ — 153 — ten ihm in ſeinem erſten Verhoͤr, daß der Ritter du Menil die Papiere ausgeliefert habe, die er ihm an⸗ vertraut habe. „Nun,“ antwortete er, „dann bedarf es keines weitern Geſtaͤndniſſes, und Sie wiſſen Al⸗ les.“ Dieſe Worte wurden zu einer Anklage des Ritters; er wurde verhaftet, blieb aber, als man ihn verhoͤrte, bei der Verſicherung, daß er durchaus keine andern Papiere von dem Abbé in Häͤnden habe, als die von ihm ausgelieferten. Als er ſich aber nach geendigtem Verhoͤr mit Herrn le Blane allein ſah, ſagte er ihm: „Nicht dem Miniſter, nicht meinem Richter, aber dem Mann von Ehre will ich geſtehen, was ich mich zu thun verpflichtet ge⸗ glaubt habe.“ Er erzaͤhlte ihm darauf, was er ge⸗ than hatte. Herr le Blanc durfte als Staatsdiener dies Geſtändniß nicht verſchweigen; allein er fuͤhlte den Werth dieſes Betragens, da der Ritter gewiß ſein konnte, daß der Regent dieſe Papiere um jeden Preis, den es ihm beliebt haͤtte, dafuͤr zu fordern, eingeloſet haben wuͤrde, und verſprach dem Ritter ſich fuͤr ihn verwenden und ſein Betragen bei dem Regenten rechtfertigen zu wollen. Dubois aber, der ſich von dem Ritter getäuſcht glaubte, wollte Rache dafuͤr, und bewirkte, daß der Ritter nach der Ba⸗ — 154 — ſtille gebracht wurde. Ganz Frankreich achtete die Großmuth, die dieſer bewieſen hatte, der Regent ſelbſt erkannte ſie billigend an, und als ein Mar⸗ quis du Menil, der gleichfalls am franzoͤſiſchen Hofe lebte, ſich beeiferte, ihm die Verſicherung zu geben, daß er mit dem Ritter ſo wenig durch Bande des Blutes als der Freundſchaft verbunden ſei, antwor⸗ tete ihm der Regent, er bedauere ihn deßfalls, da der Ritter ein Mann von Ehre ſei, der die Achtung jedes braven Mannes verdiene. Der Ritter war ſchon einige Tage fruͤher als Melanie verhaftet worden, und ſie hatte daher ſeiner bei dieſer Gefangennehmung oft auf eine Art er⸗ waͤhnen hoͤren, die ihn ihr intereſſant machte, und den Wunſch erweckte, ihn kennen zu lernen. Er hatte ſie dagegen ſchon fruͤher als eine der geiſtreich⸗ ſten Frauen ihrer Zeit ruͤhmen hoͤren, und da er von dem Herrn v. Maiſonrouge ihre Anweſenheit in der Baſtille erfuhr, war nichts natuͤrlicher als der Gedanke, wie ſehr der Umgang mit ihr die traurige Einſamkeit ſeines Gefaͤngniſſes zu verſchoͤnern ver⸗ mogen wuͤrde. Mit dieſer Idee beſchäftigt, erzählte er eines Tages dem Herrn v. Maiſonrouge: ihm habe getraͤumt, daß ſein Urtheil geſprochen und — 155 — er durch daſſelbe zu lebenslaͤnglicher Gefangen⸗ ſchaft in der Baſtille verurtheilt worden ſei; doch ſei ihm verſtattet worden, in der Geſellſchaft des Fraͤuleins v. Launoy zu leben, und dieſe Verguͤnſtigung habe ihn völlig mit der Strenge ſei⸗ nes Urtheils ausgeſohnt. Herr v. Maiſonrouge wußte, daß der Ritter das Fräulein nie geſehen hatte; die feine Schmeichelei, die für ſie in dieſem Traume lag, erſchien ihm alſo ganz unverfäͤnglich, und er erzaͤhlte ihr denſelben, ſobald er zu ihr kam. Melanie fuhlte ſich dem Ritter, den ſie als einen höchſt liebenswuͤrdigen, geiſtreichen Mann hatte ruͤh⸗ men hören, fuͤr das Vertrauen verbunden, mit dem er ihr Geiſt und Seele genug zutraute, ihm durch ihren Umgang ſelbſt einen Kerker auf Lebenszeit verſchönern zu können. Sie ſcherzte mit Herrn v. Maiſonrouge daruͤber; dieſer theilte ihre Aeußerung dem Ritter mit, der es lebhaft bedauerte, ſie nicht ſchriftlich beantworten zu duͤrfen. „Dieſe Freude ſol⸗ len Sie haben,“ ſagte ihm Maiſonrouge, indem er ein Blatt aus ſeiner Schreibtafel riß, und es ihm nebſt einem Bleiſtift uͤberreichte. Der Ritter ſchrieb ſchnell einige Verſe nieder, und bat ihn, ſie dem Fraͤulein zu uͤberbringen. — 156 — In der Einſemkeit eines Gefängniſſes wird jede Kleinigkeit, die die Einfoͤrmigkeit der Lebens⸗ weiſe unterbricht, zu einer intereſſanten Begebenheit. Melanie war von mehreren der ausgezeichnetſten Dichter ihrer Zeit oft beſungen worden, doch nie hatte ſie ein Beweis der Achtung und der Zunei⸗ gung dieſer Maͤnner ſo geruͤhrt, ſo erfreut, wie dieſe artigen, uͤbrigens aber unbedeutenden Verſe, die Maiſonrouge ihr von dem Ritter uͤberbrachte. Sie erroͤthete und wußte es ihrem Freunde heimlich, aber innig Dank, daß er ihre Bedenklichkeiten wi⸗ derlegte, und darauf beſtand, ſie müſſe dem Ritter antworten. Sie that dies gleichfalls in Verſen, der Ritter antwortete am folgenden Tage, und da Herr v. Maiſonrouge dieſen Briefwechſel, der offen durch ſeine Haͤnde ging, fur den König und für den Staat gleich gefahrlos fand, ſo glaubte er es mit der Pflicht ſeines Amtes durchaus vereinbar, ſeiner reizenden Ge⸗ fangenen dieſen Zeitvertreib zu verſchaffen. Aus den kleinen Billetchen, die im Anfange hin und her flo⸗ gen, wurden bald lange und immer laͤngere Briefe, die in dem Ritter den Wunſch, ſeine geiſtvolle, witzige, aber unſichtbare Correſpondentin perſoͤnlich ken⸗ nen zu lernen, allmaͤhlig bis zur Leidenſchaft ſteigerten. — 157 — Das geſellſchaftliche Leben loͤſcht von uns ſelbſt unbemerkt manchen Eindruck aus, der in der Ein⸗ ſamkeit uͤber den Gehalt unſeres Lebens entſchieden haben wuͤrde, und es verflacht die Empfindung, der es die Kraft raubt, unſere Seele zu fullen, und ſie durch und durch zu erfaſſen. Man fuͤhlt das eigene Herz im Strudel des Weltlebens oft vorzeitig ver⸗ altet und glaubt es dann den tieferen Regungen des Schmerzes und der Freude abgeſtorben; aber es bleibt unter dem Druck der Jahre, unter dem Eis der Weltklugheit doch das ewig junge Herz, das ſich aus ſich ſelber zu verjuͤngen vermag, ſobald ſich ſeine Kraft wieder in Liebe ſammelt. Melanie kannte die Liebe, aber ſie war, ob es ihr gleich nicht an Anbe⸗ tern gefehlt hatte, nie geliebt worden. In ihrem vierzehnten Jahre hatten die Romane, die ſie ge⸗ leſen, den Wunſch in ihr erweckt, Liebe einzufloͤßen und zu empfinden, weil ſie dadurch in ihren eigenen, wie in fremden Augen bedeutender zu werden glaubte; allein ihr Geiſt war auch damals ſchon zu hell und zu klar, um ſich lange uͤber die Gehaltloſigkeit des Mannes täuſchen zu koͤnnen, den ihre Phantaſie zum Gegenſtande ihrer Träume und ihrer Spiele⸗ reien erkoren hatte, und das rettete ſie vor der Ge⸗ — 158 — fahr, ihren Frieden und ihren Werth an dieſem Irr⸗ thum zu verlieren. Spoaͤterhin lernte ſie einen lie⸗ benswuͤrdigen und edlen Mann kennen, ſie gewann ſeine Freundſchaft, und ſein Vertrauen, doch ſein Herz gehoͤrte ſchon einer Andern, und ſie liebte ihn ungeliebt viele Jahre lang, ohne dadurch ungluͤcklich zu ſein. Ein weibliches Herz findet oft in ſeiner eigenen Liebe ein Gluͤck, deſſen Frieden und deſſen Reinheit ſo leicht von keinem Manne begriffen wird; ohne ein leiſes Zagen kann ſich eine Frau nie geliebt fuͤhlen; ſie gehoͤrt ſich ſelbſt dann gewiſſer⸗ maßen nicht mehr an, ſie iſt nicht mehr Herr ihres Geſchickes und ihres Gluͤckes, ja oft ſogar nicht ein⸗ mal mehr ihres Willens. So lange eine Frau aber Liebe ſtumm wie ihre Andacht in der Seele ver⸗ ſchloſſen traͤgt, bleibt ihr Friede ungeſtoͤrt, weil ſie ohne Kampf und Furcht, geſichert gegen eigene Schwäͤche und fremden Leichtſinn, frei in Liebe, wie die Blume im Sonnenlicht, ihr inneres, hoͤheres Le⸗ ben ſich entfalten fuͤhlt. Unabhaͤngig von allem Gluͤck, daß ſie zu ſpenden vermag, iſt wahre, reine Liebe ein ſo hohes, das Leben veredelndes, die Seele heiligendes Gefuͤhl, daß man es auch im tiefſten Leid der Gottheit nicht genug danken kann, ——— — — wenn uns ihre Flammenlaͤuterung gewaͤhrt wird. Kein anderes Gluͤck kann das Bewußtſein aufwiegen, hienieden Augenblicke gelebt zu haben, in denen die Seele das Vollgefuͤhl ihres goͤttlichen Urſprungs in der reinſten Begeiſterung fuͤr Tugend und Wahrheit empfunden hat, und ſolche Augenblicke dankt man nur der Liebe. — Mit dem Bilde des geliebten Mannes im Her⸗ zen war Melanie in die Welt getreten, und hatte in Paris, an einem ſittenloſen Hofe lebend, die Ma⸗ kelloſigkeit ihres Wandels und ihres Rufes bewahrt; allein die kleinlichen Hofintriguen, das Bewerben um Menſchengunſt, das ihre Lage nothwendig machte, hatte ihre Seele abgemattet. — Die Energie ihrer Empfindungen war indeſſen nur entſchlummert, nicht erſchoͤpft; in der Einſamkeit des Kerkers wurde ihre Seele wieder fuͤr manche tiefere Regung neu em⸗ pfänglich, und an der Grenze des jugendlichen Le⸗ bens erwachte noch einmal ihr Herz zu dem Glau⸗ ben an Gluͤck. Sie ehrte Maiſonrouge, wie ſie noch nie einen Mann geehrt hatte, und zufrieden mit der Gegenwart, glaubte ſie auf ſeine Liebe auch fuͤr ihre Zukunft heitere Hoffnungen gruͤnden zu duͤrfen. — — Du Menil gehoͤrte zu den Maͤnnern, die, voll Ehre und Muth, fur ihre Freunde der edelſten Auf⸗ opferung faͤhig ſind, und nur gegen Frauen ſich eine Gewiſſenloſigkeit erlauben, deren Folgen ſie der menſchlichen Geſellſchaft durch alle ihre andern Tu⸗ genden nicht zu verguͤten vermoͤgen. Er glaubte in allen den Verbindungen, in die ihn bis zu dem Zeit⸗ punkt ſeiner Verhaftung Eitelkeit und Sinnenreiz verflochten hatten, ſeiner Verpflichtung genug gethan zu haben, wenn er ſeine Gewalt uͤber den geliebten Gegenſtand nicht ohne eine gewiſſe Großmuth geltend zu machen ſuchte, und ſich discret, klug und ver⸗ ſchwiegen bewies. Ein ſolches Betragen befriedigt die Anſpruͤche einer Coquette, allein es bricht das Herz eines gefuͤhlvollen Weibes. Die Briefe des Fräuleins von Launoy weckten in ihm den Wunſch, ihren Geiſt und ihr Herz fuͤr ſich zu intereſſiren, und die Muße, die er hatte, ſich mit ihr zu be⸗ ſchaͤftigen, die Lebhaftigkeit des Eindrucks, den der Gedanke an ſie auf ihn machte, die Schwierigkeit, ſie zu ſehen, vereinigten ſich, ſein Intereſſe fur ſie ſo zu erhöhen, baß er ſelbſt ſie zu lieben waͤhnte. Er wuͤnſchte ſehnlichſt ſie zu ſehen, und beſtüͤrmte Herrn v. Maiſonrouge ſo wieberholt mit den inſtän⸗ ——— — 161 — digſten Bitten, daß dieſer endlich darein willigte, ſie ihm zu zeigen, doch nur unter der Bedingung, daß er nicht mit ihr ſprechen duͤrfe. Das Zimmer des Ritters lag dem des Fräuleins gerade gegenuͤber, und nur ein ſchmaler Gang trennte Beide; Herr v. Maiſonrouge ſtellte den Ritter in die Thuͤre ſeines Zimmers, und öffnete nun Melaniens Thuͤre; der Ritter ſah ſie an einem kleinen Tiſchchen ſitzen; ſie war nicht ſchoͤn, aber er hatte ſeit Monaten keine weibliche Geſtalt erblickt, und ſo ſchien ſie ihm, als ſie aufſtand und lächelnd und erroͤthend mit nieder⸗ geſchlagenen Augen ſeinen Gruß erwiederte, eine Goͤttin zu ſein. — Die Thuͤre ſchloß ſich wieder, doch auf den Fittichen dieſes fluͤchtigen Augenblicks ruhete der Gehalt langer Jahre. Melanie hatte es unbeſcheiden von dem Ritter gefunden, daß er trotz des ernſten Widerſtrebens, das ſie in ihren Briefen ausgeſprochen hatte, darauf beſtand, ſie ſehen zu wollen, und war entſchloſſen, ihm dies empfinden zu laſſen, allein der erſte Blick auf ihn aͤnderte ihren Entſchluß, und entſchied uͤber ihr Schickſal. Nur der, der je einen äͤhnlichen Zau⸗ ber empfunden hat, kann die Macht deſſelben beur⸗ theilen. Nie hatte Melanie den wundervollen Reiz — — gekannt, mit dem ſich jetzt fuͤr ſie in den öden Waͤnden eines Kerkers das Leben ſchmuͤckte. Ein Bild fuͤllte von dieſer Stunde an ihr Herz ganz aus. Ein Gedanke reichte hin, ſie fuͤr ihre ganze Lebenszeit zu beſchäftigen, und alle Kraͤfte ihres Gei⸗ ſtes zu beleben. Sie war zu ſehr daran gewoͤhnt, ſich ſelbſt zu beobachten, und ihr Herz in ſeinen Empfindungen und Wuͤnſchen zu ergruͤnden, als daß ſie jetzt in ſorgloſer Sicherheit die Gefahr, die ihrer Ruhe drohete, haͤtte unbeachtet laſſen konnen. Sie fuͤhlte, daß dem Ritter vom Schickſal unbe⸗ dingte Macht uͤber ihr Gluͤck gegeben ſeiz allein ſie wußte auch, daß ſie nicht ſchoͤn, nicht reich, nicht vornehm war, und ſie wuͤrde ſich lächerlich gefunden haben, wenn ſie an die Moͤglichkeit geglaubt haͤtte, daß ein Mann, der wie der Ritter gewohnt war, mit den liebenswuͤrdigſten, geiſtreichſten Frauen um⸗ zugehen und von ihnen geliebt zu werden, ſie, die Arme und Reizloſe, lieben koͤnne. Sie beſchloß da⸗ her, ihn zu meiden, ſo ſchwer ihr auch dies Opfer wurde. Der Ritter ſchrieb an ſie, und ſein Brief verrieth den Eindruck, den ſie auf ihn gemacht hatte. — Melanie nahm dies als eine Galanterie auf, die ſte bei jedem andern Mann unbedeutend gefunden —— — — 163 — und mit leichtem Scherz beantwortet haben wuͤrde, allein ihm gegenuͤber mußte ſie gegen ſich ſelbſt ſtrenge ſein. Ihre Briefe an ihn wurden kurz und gezwungen, und der Ritter war zu ſehr Herzens⸗ kenner, um nicht zu fuͤhlen, was in dieſer Veraͤn⸗ derung des heitern, zwangloſen Tons, in dem ſie fruͤher an ihn geſchrieben hatte, fuͤr ihn Vortheil⸗ haftes lagz ſein Verhältniß zu ihr war der einzige geitvertreib, die einzige angenehme Zerſtreuung, die er in ſeinem Gefängniß hatte, und die Leidenſchaft⸗ lichkeit des Wunſches, ſie zu ſehen und ſich ihres umgangs etfreuen zu duͤrfen, nahm er ſelbſt fuͤr Leidenſchaft der Empfindung, und uͤberredete ſich, daß er ſie lebhafter, wie je ein anderes Weib, liebe. Die Liebe des Herrn v. Maiſonrouge fuͤr Melanie war ihm ſeit lange kein Geheimniß mehr, verrieth er daher dieſem die Urſache ſeines Wunſches, ſie zu ſehen und zu ſprechen, ſo mußte er darauf gefaßt ſein, dieſen Wunſch nie erfuͤllt zu ſe⸗ hen, da er nur von ihm die Gewährung deſſelben erbitten konnte. Maiſonrouge, zu edel, um in ir⸗ gend einer perſoͤnlichen Ruͤckſicht eitel zu ſein, war es doch auf den Geiſt des Frauenzimmers, das er liebte. Du Menil gewann ihm das Verſprechen — 1 — einer Unterhaltung mit Melanie dadurch ab, daß er Zweifel äußerte, ob Fräulein v. Launoy ſo geiſtreich zu reden als zu ſchreiben verſtehe. Er meinte, ihr Anblick verheiße dies nicht, ihre Geſtalt ſei zu all⸗ täglich, der Ausdruck ihrer Zuge nicht beſerlt genug; und Maiſonrouge, der in ihr das Idsal weiblicher Trefflichkeit und Liebenswuͤrdigkeit ſah, konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ihren Geiſt und den Zauber ihrer Unterhaltung von einem ſo feinen Ken⸗ ner, als es der Ritter war, anerkannt zu ſehen. Ohne Melanie im Voraus davon zu benachrichtigen, fuͤhrte er ihn eines Abends in der Dämmerung zu ihr. Sie war nicht wohl, und hatte ſich auf ihr Bett geworfen, vielleicht nur um deſto ungeſtoͤrter an den zu denken, deſſen Andenken ſie vergebens zu verbannen ſtrebte, als ſie ihn unvermuthet vor ſich ſah. So ſehr ſie auch daran gewoöhnt war, ſich zu beherrſchen, ſo verrieth doch jetzt ihr Erroͤthen ihre Verlegenheit, der unſichere Ton ihrer Stimme ihre Bewegung. Auch der Ritter vermochte nicht unbe⸗ fangen zu erſcheinen. Herr v. Maiſonrouge durfte durchaus nicht errathen, was er fuͤr Melanie em⸗ pfand, und doch durfte dieſe ihn nicht gleichguͤltig wähnen, doch ſollte ſie ſich uͤber ſeine Empfindung — 6 — fuͤr ſie nicht taͤuſchen. Die Unterhaltung war an⸗ fänglich ſtockend und einſylbig, und es bedurfte aller der Liebenswuͤrdigkeit, die Herrn v. Maiſonrouge eigen war, um ſie zu beleben, und ſeiner Freundin Gelegenheit zu geben, ihren Geiſt in der ihm eigen⸗ thuͤmlichen heitern Anmuth zu entfalten. Der Ritter verließ ſie entzuckt, und ſeine Blicke ſagten ihr, was er nicht auszuſprechen wagen durfte. Wer hat den himmliſchen, unnennbaren Zauber des Blickes eines geliebten Weſens nicht irgend einmal empfunden, und in ihm geleſen, was nur das Herz verſtehen, aber nie das Wort zu deuten vermag? Melanie empfand tiefer denn je die Nothwendigkeit, den gefährlichen Mann meiden zu muͤſſen, und nach einer ſchlafloſen Nacht und nach langem, ſchmerz⸗ lich wonnevollem Kampf ſchrieb ſie ihm, daß ſie, um ſich zu der Feier des Oſterfeſtes wuͤrdig vorzu⸗ bereiten, der Sammlung beduͤrfe, und der Brief⸗ wechſel mit ihm fuͤr eine Gefangene eine zu große Zerſtreuung ſei; ſie fuhle ſich daher verpflichtet, die⸗ ſem Vergnuͤgen zu entſagen, und bitte ihn, ihr nicht mehr zu ſchreiben. Das Opfer war gebracht, allein wie oͤde und — 166 — traurig, wie leer und gehaltlos ſchlichen nun Stun⸗ den voruͤber, die ſonſt von Wunſch und Erwartung, von allen Ahnungen und Raͤthſeln der erwachenden jungen Liebe beflugelt, ſo raſch entſchwunden waren, daß das Herz wuͤnſchte, ſie immer weilen heißen zu können. — Jetzt erſt empfand Melanie, was der Ritter ihr galt, und wie der Gedanke an ihn der Inhalt ihres Lebens geworden war. Ihrem Gefuhl nach hätte er ihren Vorſatz, den Briefwechſel mit ihm außzugeben, ernſt bekaͤmpfen, ſchmerzlich empfin⸗ den ſollen, ſtatt ſich ihrem Befehl, wie er es gethan hatte, ſchweigend zu unterwerfen; ſie ſah in ſeinem Gehorſum einen Beweis ſeiner Gleichgultigkeit, und fand darin einen neuen, mäͤchtigen Antrieb, ihre Liebe zu ihm zu bekaͤmpfen. Wer aber hat noch je im Kampf mit einer wahren, tief empfundenen Leidenſchaft geſiegt? — Das Herz kann brechen in dieſem Kampfe, aber nie wird es vergeſſen lernen, was es einmal mit Liebe umfaßt hat. 5 Melaniens Liebe trug ihre Rechtfertigung in ſich, da ſie die Heiligkeit eines unvermeidlichen Schick⸗ ſals hatte. Es iſt ein dunkles Räthſel unſers Er⸗ denlebens, daß uns da, wo es unſer Gluͤck und um⸗ ſern Werth gilt, das Geheimniß einer unerklarlichen — 167 — Nothwendigkeit faßt, und man nur liebt, wo man lieben muß, und nicht, wo man will. Melanie fuͤhlte ſich von Maiſonrouge ſo innig, ſo rein und zaͤrtlich geliebt, daß jeder Anſpruch ihrer Seele ſich dadurch befriedigt finden mußte. Ohne alle Ruͤck⸗ ſicht auf ſich ſelbſt wuͤnſchte er nur ſie gluͤcklich zu ſehen, und war ihr ſo unbedingt ergeben, daß er mehr ihr, als ſich ſelbſt anzugehoͤren ſchien. Die Natur hatte ſeine Seele mit allen Tugenden, ſein Herz mit allen Empfindungen begabt, die den Mann zu adeln vermoͤgen; ſie fuͤhlte ſeinen Werth und nie hatte ſie einen Mann geachtet, wie ſie ihn ach⸗ tete, nie fruͤher geglaubt, daß man einem menſch⸗ lichen Weſen in ſo unbedingter Zuverſicht zu ſeinem Werth und ſeiner Treue vertrauen konne, wie ſie ihm vertraute; — und doch bedurfte es nur eines Blickes von dem Ritter, um in ihrem Herzen ein Gefuͤhl zu wecken, das ſie nie fuͤr den edelſten, be⸗ ſten, liebenswuͤrdigſten Mann, den ſie kannte, em⸗ pfunden hatte! — Armes, armes Menſchenherz, wer erklaͤrt, wer begreift den Zauber, deſſen unwider⸗ ſtehlicher Gewalt dein Friede unterworfen iſt! — Die Feiertage gingen voruͤber, und Herr v. Maiſonrouge brachte, um ſeine Freundin fuͤr die Einſamkeit und Abgezogenheit ſchadlos zu halten, in der ſie freiwillig dieſe Zeit verlebt hatte, den Ritter mit zu ihr, um bei ihr Thee zu trinken. Die Langeweile, die dieſer, waͤhrend der Unterbrechung ihres Briefwechſels, doppelt druͤckend empfunden hatte, machte ihm dieſe Zuſammenkunft um ſo wichtiger und intereſſanter. Er zeigte ſich ſehr liebenswuͤrdig, und alle Vorſätze des Fräuleins wichen dem Zau⸗ ber, der ſie in ſeiner Nähe ſuͤß bethoͤrend umfing. Als beide Maͤnner ſich entfernten, ließ der Ritter einen Brief fallen; Melanie ſah es, allein ſie konnte ihm denſelben nicht zuruͤckgeben, ohne Herrn v. Mai⸗ ſonrouge aufmerkſam darauf zu machen, und es ſchien ihr unedelmuͤthig, einen Mitgefangenen an ih⸗ ren gemeinſchaftlichen Aufſeher zu verrathen. Sie fand in dem Briefe die zärtlichſten Klagen uͤber die Unterbrechung ihres Briefwechſels, dieſer war ſein einziger Troſt, maͤchtig genug, ihm ſein Gefaͤngniß lieb zu machen. — Was hatte er denn verbrochen, was geſuͤndigt, daß ſie, die Großmuth, die Milde, die Anmuth ſelbſt, ihm dieſen Troſt entzog? — Durfte er nicht die Zuruͤcknahme dieſes ſtrengen Ge⸗ bots erbitten und hoffen? Die geheimnißvolle Art, mit der er ihr das . — 169 — Blatt zugeſpielt hatte, machte es ihr wichtiger als alle Briefe, die ſie bis jetzt von ihm erhalten hatte. Dieſe waren alle offen durch Maiſonrouge's Haͤnde gegangen, und von ihm geleſen worden. — Die ſchriftliche Unterhaltung in ihnen glich daher einer Unterhaltung, wie man ſie in Geſellſchaften fuͤhrt; dies Blatt aber war, mit ihnen verglichen, ein erſtes téte-à-téte. Sie glaubte ſich verpflichtet, ihm zu antworten, und da der Inhalt ihrer Antwort Herrn von Maiſonrouge verrathen mußte, daß ſie, ohne ſein Wiſſen, von dem Ritter einen Brief erhalten hatte, ſo ſetzte ſie dies in die Nothwendigkeit, ihm ihr Blaͤttchen gleichfalls heimlich in die Haͤnde zu ſpielen. Der Ritter, dadurch ermuntert, ſann jetzt nur auf Mittel, ſie ohne Wiſſen des Herrn von Maiſonrouge zu ſprechen, und fand ſie. Die Zim⸗ mer, die dieſer bewohnte, waren gerade uͤber dem Zimmer des Fräuleins, und da ſeine Stelle ihm das Recht gab, zu allen Stunden des Tages zu ihr zu gehen, ſo ließ er ihre Thuͤre gewoͤhnlich bis ſpaät Abends unverſchloſſen. Der Ritter wußte ſich durch Beſtechung Mittel zu verſchaffen, das Schloß ſeiner Thuͤre oͤffnen zu koͤnnen, und wählte zu ſei⸗ nem Beſuch bei Melanie die Stunde, in der, wie Tarnow's Schriften 1X. 8 — 170 — er wußte, Herr von Maiſonrouge bei dem Gouver⸗ neur der Baſtille, der in einem durch zwei Hoͤfe von den Gefängniſſen abgeſonderten Theil derſelben wohnte, zu Abend aß. Aus dem Fenſter in Me⸗ laniens Zimmer konnte man den einen dieſer Fluͤgel uͤberſehen, was ſie vor der unerwarteten Erſcheinung des Herrn von Maiſonrouge ſchuͤtzte, und ihn aus⸗ genommen, hatte Keiner das Recht, ihr Zimmer zu betreten. Melanie glaubte zu traͤumen, als ſie die Thuͤre ihres Zimmers leiſe oͤffnen und den Ritter eintreten ſah; das wonnevolle Beben des Gedankens, wie viel er wage, um ſie zu ſehen, kämpfte in ihr mit Furcht und Angſt, allein das Gefuͤhl des unaus⸗ ſprechlichen Gluckes, das der Anblick und die Nähe des geliebten Mannes ihr gab, beſiegten bald in ihr jede andere Regung. Welche Sprache hat aber Worte fuͤr den Sturm der Empfindung, der ſie faßte, als er ihr jetzt geſtand, daß es Liebe, heiße, unwider⸗ ſtehliche Liebe zu ihr ſei, die ihn zu dieſem Wagniß verleitet habe. Sie, die reizloſe, ſie, der Spielball aller Launen des Zufalls und der Fuͤrſtengunſt, ohne Vermoͤgen, ohne Einfluß, ſie, geliebt von einem der ſchonſten und liebenswuͤrdigſten Maͤnner des franzs⸗ — 171 — ſiſchen Hofes, den ſein Werth zu jeder Wahl be⸗ rechtigte, die, mit außern Vorzuͤgen verbunden, ihm zugleich den Weg zu Reichthum und Ehren⸗ ſtellen bahnte; — unmoͤglich, unmoglich! Der Ritter wollte ſie täuſchen, oder taͤuſchte ſich ſelbſt, und die Abgeſchiedenheit des Kerkers lieh ihr in ſei⸗ nen Augen Reize, die ſie nicht beſaß, und deren Eindruck auf ihn wie ein leichter Traum verſchwin⸗ den mußte, ſobald ſeine Befreiung ihn in die Welt zuruͤckfuhrte. Der Ritter fuͤhlte ſich durch dieſe Zweifel an die Wahrheit ſeiner Liebe beleidigt, er fragte, ob ſie ihn denn ſo geiſt⸗ und ſeelenlos glaubte, daß er Tugend, Verſtand, Guͤte, Grazie nicht dem eiteln Schimmer des Ranges und des Reichthums vorzuziehen vermoͤge, und ob ſie, die geiſtreiche, all⸗ gemein gefeierte Melanie, ihm die Fähigkeit abſpre⸗ chen wolle, ſo ſeltenen Werth wuͤrdigen und aner⸗ kennen zu können? Melanie durfte ſich der Liebe eines edeln, gebildeten Mannes wuͤrdig glauben, und ſo brauchte ſie nicht ſehr eitel zu ſein, um die Schlußfolge des Ritters von ihrem Werth auf den Ernſt ſeiner Geſinnungen wahrſcheinlich zu finden. Nur mit dem beſchaͤftigt, was er ihr ſagte, beachtete ſie aber ihre eigenen Antworten nicht, und dachte 8* weniger darauf, ihm ihre Liebe zu verhehlen, als ſich von der Wahrheit der ſeinigen zu uͤberzeugen. Wer weiß es aber auch nicht, wie ſchnell ſich in einem liebenden Herzen die Knospe des Vertrauens zu dem Wort des Geliebten zur Bluthe erſchließt! Marie, die am Fenſter Wache hielt, benach⸗ richtigte di⸗ Liebenden jetzt von der Zuruͤckkunft des Herrn von Maiſonrouge, die den Ritter zwang, das Fräulein ſchnell zu verlaſſen. Dieſer kam noch, um, wie er es gewohnt war, dem Fräulein gute Nacht zu ſagen, ehe er ihr Zimmer verſchloß, und man mußte ſo arglos ſein, wie er, um die Spannung nicht zu bemerken, in der ſie war, und die jedem Andern die ungewohnliche Bewegung ihrer Seele verrathen haben wuͤrde. Kaum aber ſah ſie ſich allein, als ſie ſich mit jedem Gefuhl ihrer Seele, mit jedem Gedanken in die Erinnerung an den Ritter verſenkte, und ſich jedes ſeiner Worte, jeden ſeiner Blicke zuruͤckrief. Das arme Erdenleben hat doch Augenblicke, in denen eine ſolche Fülle der Seligkeit ruht, daß ihre Dar⸗ ſtellung ſich der unvollkommenen Fäͤhigkeit des Men⸗ ſchen, ſeine Empfindungen auszudruͤcken, entzieht. Das Gluck, ſich von ihm geliebt zu fühlen, war zu — 173 — groß, als daß ſie den Muth gehabt hätte, es ſich kuͤhn anzueignen. Sie bebte unwillkuͤrlich vor der Gewalt ihrer eigenen Leidenſchaft zuruͤck. Der Ge⸗ danke einer Verbindung mit dem Ritter lag zu fern, um ſich mit der Wahrſcheinlichkeit ſeiner Verwirk⸗ lichung ſchmeicheln zu duͤrfen, und ſie war zu welt⸗ erfahren, um nicht zu wiſſen, daß der Werth und das Gluͤck eines weiblichen Weſens faſt immer un⸗ vermeidlich das Opfer einer vom Geſetz und der Meinung nicht anerkannten Herzverbindung werden. Gluͤck und Ungluͤck haͤngen vom Schickſal ab, dem wir unterthan ſind, aber vor Entwuͤrdigung kann ſich iede Seele ſchuͤtzen, die ihre Neigungen zu be⸗ herrſchen weiß. Feſt entſchloſſen, das ſuͤße, verfuͤh⸗ reriſche Gluͤck dieſer Liebe dem zu opfern, was ſie als Pflicht ehrte, ſchrieb ſie am Morgen dem Ritter und geſtund ihm, daß ſie es ihrer Ehre und ihrem Herzens⸗ frieden ſchuldig zu ſein fühle, ein Verhältniß zu löſen, das Beiden gleich gefährlich zu werden drohe. Sie beſchwor ihn, ſie nicht wieder aufzuſuchen, und nicht das Ungluck zu vergrößern, deſſen Beute ſie ſeit frü⸗ heſter Jugend geweſen ſei, und daß ſie nur zu er⸗ tragen und zu beſiegen vermoge, ſo lange ſie ſich von jeder Verſchuldung und von jeder Unbeſonnenheit — 174 — frei fuhle. Am Nachmittag erhielt ſie eine Antwort voll Gluth und ſuͤßer Schmeichelrede, und am Abend erſchien der Ritter wieder ſelbſt. Allein je verfuͤhre⸗ riſcher und je hinreißender er ihr erſchien, je mehr fuͤhlte ſie, wie gefaͤhrlich er ihr zu werden drohe, und mit einem Ernſt, der ſeine Achtung fuͤr ſie ver⸗ mehrte und durch Widerſtand ſeine Neigung vollends zur Leidenſchaſt ſteigerte, wiederholte ſie ihre Bitte und beharrte auf dem Entſchluß, ihr Herz ihrer Ver⸗ nunft unterwuͤrfig erhalten zu wollen. Der naͤchſte Tag verging, ohne daß ſie ihn ſah, oder etwas von ihm hoͤrte. Es war der kum⸗ mervollſte ihres Lebens, und doch iſt eine Betruͤbniß, wie ſie ſie empfand, hoͤheres Gluͤck, als der Friede der Gleichguͤltigkeit je einer gluͤhenden Seele zu ge⸗ währen vermag. Als ſie nach einer bang vertraͤumten und durchweinten Nacht die Augen aufſchlug, uber⸗ reichte ihr Marie einen Brief, den der Ritter ihr ſchon fuͤr das Fraäͤulein hatte zuſtecken laſſen. Er ſchrieb ihr, daß er ſterben, aber nicht ihr entſagen konne, und nichts von ihr erbitte, als die Gunſt, ihm noch eine Zuſammenkunft zu geſtatten; er ſchmeichle ſich mit der Hoffnung, daß ſie die Ent⸗ wuͤrfe billigen werde, die er fuͤr ſeine Zukunft ge⸗ — 175 — macht habe, und verſpreche, ſich ihrer Entſcheidung uͤber ſein Gluͤck und ſeine Hoffnungen unbedingt zu unterwerfen, nur ſehen muͤſſe er ſie noch einmal. Wie haͤtte Melanie dem Mann, den ſie ſo innig, ſo unausſprechlich liebte, dieſe Bitte verſagen können! — Er kam und geſtand ihr, daß er ſchon ſeit Monaten den Wunſch in ſeinem Herzen trage, n ihr ſeine kuͤnftige Gattin zu ſehen. Ehe er ſie meh perſonlich gekannt habe, habe ſie ihn ſchon leb⸗ hat intereſſirt, und der Traum, den er Herrn von Miſonrouge erzählt, ſei wachend von ihm geträͤumt woren, da er ſich oft das Gluͤck ausgemalt habe, mit inem Frauenzimmer von ihrem Geiſt und ihrem Charater ſein Leben, abgeſchieden von aller uͤbrigen menſchichen Geſellſchaft, zuzubringen. Aus ihren Briefen an ihn habe er ihre Grundſaͤtze, ihre An⸗ ſichten vn Welt und Leben kennen lernen, und dieſe tiefer Erkenntniß ihres Werthes habe in ihm, trotz der iſichtbarkeit, die ihm damals noch ihre Liebenswurdzkeit verſchleiert habe, den Begriff des Gluͤckes erhot, das eine Verbindung mit ihr jedem Manne gewähen muͤſſe, dem es nicht an Sinn für Frauenwert, und echten Frauenreiz ſehle. Es gebe vielleicht ſchnere Frauen, allein er fuͤhle, daß — 176 — fie die erſte und einzige ſei, fuͤr die er wahre Liebe empfinde, und daß nie wieder eine Andere Eindruck auf ſein Herz zu machen vermoͤgen werde, da ihr allein der ruͤhrende, der unausſprechliche Reiz eigen fei, der ſie fuͤr ihn zum anbetungswuͤrdigſten Weſen auf der ganzen Welt mache. Nie wuͤrde er es auch gewagt haben, ihr ſeine Liebe zu geſtehen, wenn e ſich nicht der reinſten Abſichten bewußt geweſen waͤr, aber er habe nicht gewagt, dieſe gleich auszuſprecha, ſondern gewuͤnſcht, ſich erſt ihrer Liebe zu verſichen, ehe er ſein Gluͤck und feine Zukunft ihrem Jus⸗ ſpruch unterwerfe. Die Strenge aber, mit de ſie ihn behandelt, habe ſeinen Vorſatz geändert, a er es durchaus ohne Verzweifelung nicht zu etragen vermöge, ihres Anblickes und ihrer Briefe beraubt zu ſein. Tief geruͤhrt, verbarg ihm Melanie nicht, wie ganz ſie den Werth des Anerbietens ſeine Hand er⸗ kenne, und wie gluͤcklich ſie ſich in anden Verhält⸗ niſſen fuͤhlen wuͤrde, eine ſo uneigemuͤtzige Liebe lohnen zu koͤnnen; allein ſie glaubte, auch ihn dar⸗ auf aufmerkſam machen zu muͤſſen, velche Kluft in der Meinung der Welt zwiſchen ihn und ihr befe⸗ — — 177 — ſtigt ſei, und wie ſie, eben weil ſein Gluͤck ihr theurer als das eigene ſei, nicht wagen duͤrfe, dieſe durch Liebe ausfuͤllen zu wollen. Der Ritter zog hier ihre Hand an ſeine Lippen und verſicherte ihr mit Thraͤnen im Auge, daß ihn nichts kuͤmmere, als daß er ihr kein glaͤnzenderes, ihrer wuͤrdigeres Loos anzubieten habe, da er recht gut wiſſe, welche WVortheile ihr eine Vermaͤhlung mit Herrn von Maiſonrouge gewaͤhren wuͤrde, und daß er es nie dankbar genug wuͤrde erkennen koͤnnen, wenn ihr Herz ihm vor einem ſo ausgezeichneten Manne den Vorzug zugeſtaͤnde. Das Urtheil der Menge kuͤm⸗ mere ihn durchaus nicht, er ſei des Beifalls aller achtungswerthen Menſchen gewiß, wenn es ihm ge⸗ linge, ihren Beſitz zu erringen, und ſie konne ſeiner Beſtaͤndigkeit und Treue um ſo unbedingter ver⸗ trauen, weil er, ehe er ſie noch geliebt habe, in ihr ſchon alle die Eigenſchaften gefunden habe, die er von ſeiner kuͤnftigen Gattin fordere, um mit ihr gluͤcklich ſein zu können. Unausſprechlich ungluͤcklich würde es ihn aber machen, wenn ſie ihm nicht bis zu dem Zeitpunkte, wo er, aus dem Gefängniſſe entlaſſen, ihr ſeine Hand reichen konne, verſtatten wolle, ſie ſo oft als moͤglich zu ſehen, da ſeine — 178 — Ehrfurcht ihr ſtets ein Zeugniß fuͤr die Reinheit ſeiner Liebe bleiben werde. Melanie forderte von ihm, daß er ſich noch längere Zeit nehmen ſolle, ſeine Liebe und ſeinen Entſchluß zu pruͤfen, allein ſie willigte ein, ſeine Beſuche fernerhin anzunehmen, und die Freude des Ritters uͤber die Hoffnung, zu der er ſich dadurch berechtigt fuͤhlte, fullte ihre Seele mit einer der ſüßeſten Wonnen des Erdenlebens, mit dem Gefuͤhl, den Geliebten durch uns begluͤckt zu wiſſen. Als er ſich entfernt hatte, vermochte ſie lange nicht, ſich eines Gedankens, einer Empfindung klar bewußt zu werden. Herz und Seele waren ſo uͤberfuͤllt, daß alle Regungen des Lebens ſtockend gehemmt zu ſein ſchienen; aber welch ein Sonnenſtrahl der hoͤchſten Seligkeit brach nun mächtig durch das Nebelgewölk ihrer Empfindung, als nach und nach das Gefuͤhl, geliebt zu ſein, ſiegend jedes andere verdrängte, und Herz, Seele, Geiſt erfuͤllend ſich in Thränen der reinſten Wonne und des ſuͤßeſten Entzuckens loͤſete! Sie glaubte nun das vollkommene Glůck erreicht zu haben, nach dem die Sehnſucht des Menſchen unaufhoͤrlich ſtrebt, ohne ſich je ganz beftiedigt füͤhlen zu konnen, und wohl uns, daß wit uns im himm⸗ * . — 179 — liſchen Wahn unvergänglicher Treue und Begeiſte⸗ rung auf Augenblicke uͤber die Fluͤchtigkeit des irdi⸗ ſchen Gluckes, und die Unzuverläſſigkeit des menſch⸗ lichen Herzens zu täuſchen vermögen! Nie vielleicht hat auch ein weibliches Herz mehr Kraft beſeſſen, unbedingt dem Geliebten vertrauen zu können, als Melanie. Der Charakter des Ritters, ſein Ruf⸗ das Zartgefuͤhl, mit dem er ſie behandelte, ſein Al⸗ ter, in dem man nicht mehr jugendlich genug iſt, um ohne Vor⸗ und Ruͤckblick, ohne die Billigung der zu Rathe gezogenen Vernunft, eine lebensläng⸗ liche Verbindung zu knupfen, hätten ihr ehrenwerthe Buͤrgen fuͤr die Auftichtigkeit ſeiner Geſinnung und die Treue ſeines Herzens werden koͤnnen; doch ſie bedurfte ihrer nicht. Durch alle Trugbilder, allen Zauber der wahrſten, von ihr eben ſo rein als gluͤhend empfundenen Liebe bethört, wuͤrde ſie es fuͤr Frevel gchalten haben, die Geſinnung des Geliebten noch pruͤfen, oder ihrer eigenen Empfindung ferner Schranken ziehen zu wollen. Die Stärke und die Leidenſchaft derſelben ſchien ihr der Maßſtab ihres Gluͤckes wer⸗ den zu muͤſſen, und ſie uͤbergab ſich unbedingt dem eigenen Herzen. Den Tag nach dieſer Unterredung erhielt ſie — 180 — einen Brief von dem Ritter, deſſen Gluth und Innigkeit ſeine Gewalt uͤber ſie noch vermehrten. Herr von Maiſonrouge war unpäßlich, und der Ritter bat ſie, ihn am Nachmittage zu beſuchen, wo er ſie dann wie von ungefähr zu treffen hoffe. Maiſon⸗ rouge, der keine Ahnung von dem Verſtändniſſe der Liebenden hatte, freuete ſich dieſer Begegnung, und noch mehr des ganz eigenen, neuen Reizes, in dem Melanie aufgebluͤht zu ſein ſchien, und der ihrem Geiſt und ihrer Anmuth einen Zauber lieh, deſſen Macht er tiefer denn je empfand. Die Liebenden fanden nun Mittel und Wege, ſich oft zu ſehen. Die Innigkeit und Zartheit der Empfindung, die Melanie dem Ritter zeigte, waren ihm eine neue Erſcheinung; er geſtand ſich, die Liebe noch nicht gekannt zu haben, glaubte zum erſten Mal ſelbſt zu lieben, und es nun erſt zu be⸗ greifen, wie man, fern von der großen Welt lebend, in dem Gluͤck durch Geiſt und Liebe veredelter Häus⸗ lichkeit, Erſatz fuͤr ihren falſchen Schimmer finden könne. Doch nur reine Seelen koͤnnen durch ein reines Gluck dauernd ſich befriedigt fühlen, und der Ritter hatte ſeine Anſpruͤche darauf fruͤher zu leichtſinnig verſcherzt, um ohne ernſten Kampf, ohne — — 181 — ſchwere Prufung, ſie wieder erwerben zu können. Er brachte dem Fräulein bei einer ihrer erſten Zu⸗ ſammenkuͤnfte ein ſchriftliches Eheverſprechen, das ſio aber anzunehmen ſich weigerte. „So lange Sie mich lieben,“ ſagte ſie ihm, „bedarf ich keiner Buͤrgſchaft fuͤr Ihre Treue, und wenn Sie aufhoren, mich zu lieben, wuͤrde die Erfuͤllung dieſes Verſpre⸗ chens aufhoren, fuͤr mich ein Gluͤck zu ſein.“ Die Gelegenheiten, die Beide ausgemittelt hat⸗ ten, ſich zu ſehen, wurden ihnen auf eine uner⸗ wartete Weiſe dadurch verkuͤmmert, daß man den Herzog von Richelieu, der auch um dieſe Zeit in die Baſtille geſetzt wurde, in ihrer Nähe einquartirte. Herr von Maiſonrouge fand es jetzt unpaſſend, das Zimmer des Fräuleins unverſchloſſen zu laſſen, da der Herzog, wenn er ſpatzieren gefuͤhrt wurde, ſtets vor ihrer Thuͤre vorbeiging. Keine Gewohnheit wur⸗ zelt ſchneller und mächtiger in das Leben hinein, als die, den Geliebten täglich zu ſehen, und keine Ent⸗ behrung wird ſo ſchmerzlich gefühlt, als die ſeines umgangs. Melanie lernte jett mihr denn eine Qual der Liebe kennen, da ſie zu gleicher Zeit bei dem Ritter einen Hang zur Eiferſucht entdeckte, der ihr jede Annehmlichkeit, jede Erleichterung ihres Ge⸗ — 182 — fängniſſes, die ſie Herrn von Maiſonrouge zu dan⸗ ken hatte, mißgoͤnnte und ſie ihr verbitterte. Sie war dieſem edlen Manne in herzlicher Achtung und Freundſchaft ergeben, ſie konnte ihm die Dankbarkeit nicht verſagen, auf die ihm ſeine großmuͤthige Sorge und Liebe fur ſie ein Recht gaben, und mußte die edelſten Regungen ihres eigenen Gemuͤthes gewaltſam unter⸗ bruͤcken, um ſich kalt von ihm zuruͤckziehen zu koͤn⸗ nen. Eine ſolche Verlaͤugnung iſt ein Opfer, das der Liebende von der Geliebten nie ohne grauſame Selbſtſucht fordern kann, und das Melanie zur An⸗ deutung uͤber den Grund ſeines Charakters hätte werden können; allein ſie liebte ihn zu innig, um ihn nicht in ſeiner Schwaͤche und ſelbſt in ſeinen Fehlern zu ſchonen. Herr von Maiſonrouge war gewohnt, nach dem Abendeſſen zu ihr zu kommen und noch ein Stuͤndchen mit ihr zu verplaudern; unter dem Vorwand, daß ſie um ihrer Geſundheit willen zeitiger ſchlafen gehen wolle, entzog ſie ihm dieſe Verguͤnſtigung. Du Menil, hiermit noch nicht zufrieden, beſtand darauf, daß ſie ſich mit ihm ent⸗ zweien, und allen Umgang mit ihm aufheben ſolle, und nur die Wahrſcheinlichkeit, daß dieſer Bruch mit ihrer Haft auch die ſeinige erſchweren werde, — — bewog ihn, von dieſer Forderung abzuſtehen, und ſich darauf zu beſchraͤnken, Melanie in jedem ſeiner Briefe durch ſeine Klagen und Vorwuͤrfe zu quälen. Nach einigen Wochen wurde dem Herzog von Richelieu in der Baſtille eine andere Wohnung an⸗ gewieſen, die Thuͤre zu Melaniens Zimmer blieb nun wieder unverſchloſſen, und beide Liebende ſahen ſich nach dieſer Trennung mit verdoppeltem Entzuͤcken wieder. Allein je länger und ofter dieſe Zuſammen⸗ kuͤnfte Statt fanden, je unbeſonnener wurden ſie auch, und der Ritter ſetzte ſich, bei der zunehmenden Laͤnge ſeiner Beſuche, immer ſorgloſer der Gefahr aus, uͤberraſcht zu werden. Seitdem Maiſonrouge ſeine Freundin des Abends nicht mehr ſprechen durfte, verſchloß auch nicht mehr er, ſondern der Schließer, ihr Zimmer, deſſen Schlüͤſſet er dann an ihn ab⸗ lieferte, und der Ritter verſpätete ſich eines Abends ſo ſehr, daß er mit in Melaniens Zimmer ver⸗ ſchloſſen wurde. Sie erſchrak ſo heftig, daß ſie in Thränen dausbrach. Vergeblich bot der Ritter alle Macht ſei⸗ ner Liebe und ſeiner Beredſamkeit auf, um ſie zu batuhigen, um von ihr die Vergunſtigung zu erhal⸗ ten, die Nacht in ihrem Zimmer bleiben zu duͤrfen, — — da die Gegenwart ihres Kammermäbchens dieſes ja ganz unverfaͤnglich mache, und er am Morgen ohne Sweifel Gelegenheit finden wurde, unentdeckt in ſein Zimmer zu kommen. „Ich will lieber, wenn es ein muß, vor der ganzen Welt errothen,“ antworkete ſie ihm, „als vor mir ſelbſt. Daß Sie um dieſe Zeit in meinem Zimmer ſind, iſt blos eine Ueber⸗ tretung der in der Baſtille geltenden Geſetze; Ihr Bleiben hier wurde aber Allen, die es erfuͤhren, ein Aergerniß ſein, und nie werde ich mich entſchließen, es zu geben.“ Das einzige Auskunftsmittel, das hier zu erſinnen war, beſtand darin, ſich der Großmuth des Herrn von Maiſonrouge anzuvertrauen. Melanie bedurfte Muth, um ſich in einer Lage an ihn zu wenden, von der ſie wußte, wie ſchmerzlich ihn die Entdeckung derſelben verletzen wuͤrde; doch die Ehre gebot hier als das hoͤchſte Geſetz, und ſie wartete mit aͤngſtlichem Herzklopfen an ihrem Fenſter auf ſeine Zuruͤckkunft vom Gouverneur, bei dem er, wie immer, zu Abend aß. Sobald ſi ſie ihn erblickte, rief ſie ihm aus dem Fenſter einen guten Abend zu und bat ihn, noch auf ein Viertelſtuͤndchen zu ihr zu kommen. Er hatte es ſo ſchmerzlich empfunden, daß ſie ihm dieſe Abendbeſuche ſeit einiger Zeit un⸗ terſagt hatte, daß er, voll Freude uͤber dieſe uner⸗ wartete Gunſt, den Schluſſel holte und voll dank⸗ barer Ruͤhrung zu ihr eintrat. Der Ritter ſtand hinter der Thuͤre, ſo daß er ihn nicht gleich beim Eintritt erblicken konnte. Schmerzlich erroͤthend, ging ihm Melanie entgegen. „Sie haben,“ ſagte ſie ihm mit Thraͤnen in den Angen, dem Ritter den Weg zu meinem Zimmer gezeigt, und er hat ihn heute ohne Sie zu finden gewußt; ich beſchwoͤre Sie bei Allem, was Ihnen theuer iſt, fuͤhren Sie ihn unentdeckt nach ſeinem Zimmer zuruͤck.“ Maiſonrouge wurde todtenbleich und warf einen Blick auf das Fraulein, in dem ſie Alles las, was er empfand; ohne eine Sylbe zu erwiedern, verließ er dann das Zimmer; bald aber kam er mit dem Schluͤſſel zu dem Gefäͤngniſſe des Ritters zuruͤck, winkte dieſem, ihm zu folgen, und ſich ſtumm vor Melanie neigend, fuͤhrte er ihn hinweg. Der Ritter fand in dem Triumph uͤber ſeinen Nebenbuhler Troſt, allein Melanie durchweinte ſchlaflos die Nacht, und ihre Thraͤnen floſſen nicht allein der Furcht, von dem Geliebten durch dieſe Entdeckung ihrer Zuſammenkuͤnfte getrennt zu werden, fondern auch der Schmach, den Unwillen des edeln — 186 — Mannes verdient zu haben, dem ſie, wie ſie ſelbſt fuͤhlte, ſeine Liebe und ſein Vertrauen ſo ſchlecht gelohnt hatte. Maiſonrouge konnte Alles fuͤr ſie thun, und ein Herz, wie das ſeinige, ſcheut fuͤr das Gluͤck der Geliebten kein Opfer, auch nicht das der ſchwerſten Selbſtverlaͤugnung; doch ſeine Pflicht verletzen, das konnte er nicht. Dieſe zwang ihn fuͤr die ſorgfäl⸗ tigere Einſchließung des Ritters zu ſorgen, und die Liebenden wurden durch dieſe wieder auf ihren Brief⸗ wechſel beſchräͤnkt. Was Maiſonrouge in der Tiefe ſeines Herzens litt, verrieth kein Wort, keine Miene. Nur ernſter, nicht kälter, erſchien er Melanien, mit der er nie von dieſem Vorfalk redete. Sie fuͤhlte, wie großmuͤthig das Schweigen war, allein ſie konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, es ihm durch Vertrauen zu lohnen, um ihm die Schwermuth zu verbergen, die ſeit ihrer Trennung von dem Ritter ihre Heiter⸗ keit umduͤſterte, und ihr jede andre Geſellſchaft laͤ⸗ ſtig machte. Es kamen ſogar Augenblicke, in denen ſie in ihm nur den Kerkermeiſter des Geliebten ſah, und dies in ihrem Betragen gegen ihn verrieth. Doch nie erlaubte er ſich eine Klage, nie einen Vor⸗ wurf; unermuͤdlicher und erfindungsreicher denn je, — 187 — bot er Alles auf, ihr Schickſal zu erkeichtern, und ihr jede Erheiterung deſfelben zu verſchaffen, die nur irgend mit ſeiner Pflicht vereinbar war. Der Ritter fand die Trennung von Melanien unertraͤglich, und die Einſamkeit ſeines Gefängniſſes trieb ihn faſt zur Verzweiflung. Er fand Mittel, den Schließer der ihm ſein Eſſen brachte und zu⸗ gleich den Auftrag hatte, ihn zu bedienen, zu be⸗ ſtechen, und dieſen zu bewegen, die Thuͤren, die zu ſeinem und Melaniens Zimmer fuͤhrten, offen zu laſ⸗ ſen, da Herr von Maiſonrouge dieſe nicht ſelbſt mehr verſchloß. Unausſprechlich begluͤckend waren fuͤr Beide dieſe Minuten des Wiederſehens; doch waren die Liebenden behutſamer geworden und trafen alle erforderlichen Maßregeln, um unentdeckt zu bleiben. Aber an einem Tage, wo ſie ſich vor jeder Ent⸗ deckung geſichert glaubten, weil Herr von Maiſon⸗ rouge nach Vincennes zu einem ſeiner Freunde ein⸗ geladen war, kam Herr le Blanc in die Baſtille, und trug dem Gouverneur auf, den Ritter vorfor⸗ dern zu laſſen, den er ſprechen wolle. Dieſer ging ſelbſt ihn zu holen; du Menil, der eben bei Melanie war, ſah ihn uͤber den Hof kommen und verließ ſie, um in ſein Zimmer zu gehen; allein der Gouver⸗ — 188 — neur war ſo ſchnell gegangen, daß ſie Beide auf dem Gang vor den Zimmern zuſammen trafen, und er den Ritter noch die Thuͤre von Melaniens Gemach hinter ſich zuziehen ſah. Sein Zorn und ſeine Ueber⸗ raſchung waren groß, und wenn er gleich um ſeiner ſelbſt willen Herrn le Blane dieſen Vorfall verſchwieg, ſo ließ er doch, ſobald dieſer ſich entfernt hatte, den Ritter zur Strafe nach einem andern Thurm brin⸗ gen und ihn dort in einem dumpfen und dunkeln Kerker einſperren. Die Feſtigkeit, mit der Melanie bisher alle fie perſoͤnlich treffende Leiden und Unannehmlichkeiten ihrer Lage ertragen hatte, verließ ſie jetzt, und ſie lernte nun erſt, wie ſie empfand, die wahre Bitter⸗ keit des Schmerzes kennen. Nur Ein Weſen gab es auf der Welt, von dem ſie Troſt und Huͤlfe er⸗ warten durfte, Herrn von Maiſonrouge, und trotz alles deſſen, was vorgefallen war, taͤuſchte ſie ſich doch nur darin, daß er mehr fuͤr ſie that, als ſie von ihm erbitten zu wagen, von ihm hoffen zu duͤrfen glaubte. Sobald er bei ſeiner Zuruͤckkunft von Vincennes erfuhr, was waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit vorgefallen war, eilte er zu ihr, und der An⸗ theil, den er an ihrem Schmerze nahm, war ſo — 189 — innig, ſo wahr, daß ſie tief bewegt das Unrecht ihrer bisherigen Zuruͤckhaltung und ihres Mangels an Zu⸗ verſicht zu ihm empfand, und ihm ihre Liebe und das Verhältniß zu dem Ritter bekannte, weil ſie fuhlte, wie dies Geſtändniß als ein Beweis ihrer Hochachtung und ihres Vertrauens der einzige lin⸗ dernde Balſam ſei, den es fuͤr die Wunde gebe, die ſie ſeinem Herzen geſchlagen. Wenn aber gleich Maiſonrouge ihre Liebe zu dem Ritter geahnet und errathen hatte, ſo konnte er ſie doch nicht ohne die ſchmerzlichſte Erſchuͤtterung das Geheimniß derſelben aus ſprechen hoͤren. Die edeln Zuge ſeines ausdrucks⸗ vollen Geſichts verriethen die Ruͤhrung und den Kampf in ſeiner Seele, und er mußte einige Minu⸗ ten lang ſchweigen, um ſeiner Stimme Herr zu werden; dann zog er Melaniens Hand an ſeine Lip⸗ pen, und mit einem unausſprechlichen Blick der Liebe und der Wehmuth ſagte er ihr: „Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, wie Sie in meiner Seele und in meinem Her⸗ zen herrſchen, und wie gluͤcklich es mich macht, Ih⸗ nen die uneigennutigſten Beweiſe meiner Liebe geben zu können, da Ihr Gluck mir unendlich theurer iſt, als mein eigenes; der Ritter kann Ihnen ein viel glänzenderes Loos anbieten, als meine Lage es mir fur mich kein Opfer mehr, das ich nicht bereit ſein wuͤrde, ſeinem Gluͤcke darzubringen; doch fragen moͤchte ich, warum Sie mir, Ihrem treueſten Freunde, ein Geheimniß aus Ihrem Buͤndniß mit ihm ge⸗ macht haben? Haben Sie nie geahnet, was mir dieſe Ungewißheit, die ja immer Hoffnungsſchimmer blieb, koſten könne? Doch jetzt iſt Alles ausgeſpro⸗ chen, Alles entſchieden, und es darf nur noch von dem die Rede ſein, 6. ich fuͤr ihn, fuͤr Sie zu thun vermag.“ Melanie fuͤrchtete bei der Oeffentlichkeit, die der Gouverneur dieſem Vorfall gegeben hatte, ſich dem zweideutigen Urtheil preis gegeben zu ſehen, und Maiſonrouge verſprach ihr, den Gouverneur von ſeinem Unrecht zu uͤberzeugen, und ihn dahin zu bringen, ihr einen Beſuch abzuſtatten, um ſich bei ihr zu entſchuldigen. Auch erbot er ſich, von ihr unaufgefordert, den Ritter beſuchen und ihr von Allem, was ihn betreffe, Nachricht bringen zu wollen. Er hielt Wort, allein der Ritter, aufgebracht uͤber die ihm widerfahrne Behandlung, hatte ſich mit dem Gouverneur erzurnt, und dieſen durch den Aus⸗ bruch ſeines Unmuths perſoͤnlich ſehr gegen ſich gereizt. zu thun verſtattet; Sie lieben ihn, und ſo gibt es „ — ——— — — 191 — Herr le Blanc hatte den Ritter nur ſprechen wollen, um ihm die Verguͤnſtigung anzukuͤndigen, der Geſell⸗ ſchafter des Herzogs von Richelieu waͤhrend ſeines Aufenthalts in der Baſtille zu werden, und mit dieſem, ſo wie mit zwei andern Gefangenen, dem Marquis von Pompadour und dem Herrn von Boisdavis, alle Mittage bei dem Gouverneur ſpeiſen zu duͤrfen; doch dieſer war jetzt weit entfernt, dem Ritter dieſe Gunſt zu erzeigen, und Herr von Mai⸗ ſonrouge mußte ſich fuͤr den Augenblick darauf be⸗ ſchraͤnken, dem Fraͤulein und ihm zum Dolmetſcher ihrer Empfindungen und ihrer Betruͤbniß zu dienen. Gluͤcklicher war er in ſeiner Bemuͤhung, den Gou⸗ verneur mit Melanie auszuſohnen, und ihn ſogar dahin zu bringen, daß er ſie beſuchte, und ſich ge⸗ wiſſermaßen bei ihr entſchuldigte, ſeine Pflicht ge⸗ than zu haben. Wie ſinnreich erfindſam zeigte ſich aber Mai⸗ ſonrouge, um ihr die Trennung von dem Geliebten zu erleichtern, und ihr ihre Einſamkeit ertraͤglicher zu machen. Er liebte ſie unbeſchreiblich, liebte ſie gluͤ⸗ hend, und doch vermochte er es, Alles zu Gunſten eines gluͤcklichen Nebenbuhlers zu thun, was er nur fur ſich ſelbſt zu thun hätte wuͤnſchen koͤnnen. Wohl — 10 — erkennend, daß ein Wort des Ritters mehr Gewalt uͤber ſie uͤbe, als Alles, was er ihr zu ſagen ver⸗ möge, wurde er der Dolmetſcher ſeiner Liebesſchwüre und Empfindungen bei ihr; nie waren die Aeußerun⸗ gen des Ritters ſeelenvoller und zarter geweſen, nie hatten ſie Melaniens eigenen Empfindungen ſo ſehr entſprochen, als jetzt, wo Maiſonrouge des Ritters Worte mit der Flamme ſeiner Liebe beſeelte, und Alles, was er ſich gelobt hatte, ihr nie ſelbſt zu ſa⸗ gen, nun im Namen des Ritters ausſprach. Welche Pruͤfung aber, wenn ſie nun vor ihm ſtand, die Hand auf ſeinen Arm gelegt, ihm in den Herzens⸗ lauten der innigſten Empfindung ihre Gruͤße an du Menil auftrug, mit ihm redete, als rede ſie mit dem Geliebten, und ihr Auge liebeſtrahlend auf ihm ruhete, als könne er den Abglanz ihrer Blicke zu dem Entfernten hintragen! Maiſonrouge beſtand in dieſem Kampf, wo dem Sieger nur der Dornen⸗ kranz hoffnungsloſer Verlaͤugnung zum Lohn wer⸗ den konnte. Unermuͤdet arbeitete er dabei an der Ausſoͤhnung des Gouverneurs mit dem Ritter, und die Hoffnung, die er Melanien geben konnte, das Schickſal ihres Geliebten binnen Kurzem vortheilhaft veraͤndert zu ſehen, minderte den Truͤbſinn, mit dem — 193 — die Trennung von ihm ſie umduͤſterte. Auch den Briefwechſel zwiſchen Beiden machte Maiſonrouge moͤglich, indem er den Ritter mit den Erforderniſſen dazu verſah, und der Ueberbringer der Briefe wurde. Du Menil ſowohl, als Melanie fullten den groͤßten Theil ihrer Zeit mit der ihnen theuren Beſchaͤftigung aus, in der der Ritter aber doch mehr eine geiſtige Zerſtreuung, und einen ihm nothwendigen Zeitver⸗ treib ſuchte und fand, als Melanie, die einzig aus jener reinen, tiefen Herzensfulle ſchrieb, die Einen Gedanken, Eine Liebe zum Inhalt des ganzen Le⸗ bens macht. Endlich gelang es den unermuͤdlichen Bemu⸗ hungen des Herrn v. Maiſonrouge, dem Ritter die Verzeihung des Gouverneurs und mit dieſer den Genuß der ihm vom Hofe zugeſtandenen Verguͤnſti⸗ gungen zu verſchaffen. Es wurde ihm geſtattet, den größten Theil des Tages in dem Zimmer des Herzogs v. Richelieu zubringen und mit dieſem bei dem Gouverneur eſſen zu duͤrfen. Es wuͤrde zu viel geſagt ſein, wenn man dieſer Veränderung ſei⸗ ner Lebensweiſe einen augenblicklich entſcheidenden Einfluß auf ſeine Liebe fuͤr Melanie zuſchreiben wollte; allein, daß ſie ſeine Empfindung fuͤr ſie Tarnow's Schriften. IX. 9 — 194 — anders nuͤancirte, iſt gewiß. Seit Monaten war ſie ſein einziger Umgang, und ihre Geſellſchaft, ihre Untethaltung ihm daher unſchaͤtzbar geweſen; doch die Bande, die ihn an die Welt und den Hof knuͤpf⸗ ten, waren nicht zerriſſen, nicht geloͤſet, ſie waren nur ſchlaffer geworden in der einſamen Abgeſchieden⸗ heit des Kerkers; der Zauber, den die Liebe eines reinen, gefuhlvollen Weibes von der ſeltenſten Geiſtes⸗ bildung in der Einſamkeit uͤber ihn zu uͤben ver⸗ mochte, mußte machtlos werden, ſobald die Eitelkeit der Welt ihre Anſpruͤche an ihn wieder geltend machte. Der Herzog v. Richelien war eine der glänzendſten Erſcheinungen des franzöſiſchen Hofes, und allgemein als der liebenswuͤrdigſte, verfuͤhreriſchſte und verderbteſte Wuſtling deſſelben anerkannt. Seine Unterhaltung und ſeine Geſellſchaft berauſchten ge⸗ wiſſermaßen du Menil, und in ſo vertraulichen Ge⸗ ſprächen, wie ihre beiderſeitige Lage zwiſchen ihnen herbeifuͤhrte, blieben auch die Grundſätze des Her⸗ zogs nicht ohne Einfluß auf ihn. Es wurde ihm nun bald langweilig, einformig, ſeine Briefe an Me⸗ lanie durch Herrn v. Maiſonrouge auf einem eben ſo ſichern, als einfachen Wege befoͤrdern zu laſ⸗ ſen; es bedurfte fur ihn jest. ſchon der pikanten — 195 — Wuͤrze des Geheimniſſes; und da er, wenn er zu dem Herzog ging, jedesmal bei der Thute ihres Zimmers vorbeikam, fand er bald die Gelegenheit, ihr heimlich ein Billet ohne Wiſſen des Herrn v. Maiſonrouge zuzuſpielen. Melanie konnte ſich nicht verhehlen, wie unwuͤrdig es ſei, das Vertrauen eines Freundes, wie Maiſonrouge, zu taͤuſchen; allein du Menil hatte zu viel Gewalt uͤber ſie, als daß ſie ihm hier ernſten Widerſtand entgegen zu ſetzen ver⸗ mocht haͤtte, und wenn ſie gleich anfaͤnglich nur ſel⸗ ten von dieſem neuentdeckten Wege Gebrauch machte, ſo gewoͤhnte ſie ſich doch bald daran. Herr v. Maiſonrouge mittelte jetzt auch fuͤr ſie eine Gele⸗ genheit aus, den Geliebten zu ſehen, da er ihr um die Stunde, in der du Menil zum Herzog ging, in dem Gang vor ihrem Zimmer auf und ab zu wan⸗ deln verſtattete, wo ſie ihn dann ſehen, und auch, von ihren Waͤchtern umgeben, einige Worte mit ihm wechſeln konnte. Man fing uͤberhaupt an, den Gefangenen groͤ⸗ ßere Freiheit zuzugeſtehen, und erlaubte ihnen, unter ſich kleine Geſellſchaften zu bilden, die gemeinſchaft⸗ lich eſſen und einen Theil des Tages bei einander zubringen durften. Auch dem Fräulein wurde an⸗ 9 * * — 195 — geboten, woͤchentlich einige Mal bei dem Gouverneur in Geſellſchaft einiger Gefangenen zu eſſen, und an den Tagen, wo dies nicht der Fall war, dieſe dann in ihrem Zimmer bei ſich ſpeiſen zu laſſen. Der Herzog v. Richelieu wurde in dieſem Zeitpunkt aus der Baſtille entlaſſen; allein Herr v. Maiſonrouge konnte es von dem Gouverneur nicht erlangen, daß er dem Ritter den Eintritt in die Geſellſchaft ver⸗ goͤnnt haͤtte, die Melanie bei ſich empfangen durfte, ſondern nur die Erlaubniß, daß er mit dem Mar⸗ quis von St. Genies und dem Exminiſter Daviſard zuſammen leben durfte. Du Menil fand in der Abwechſelung, die dieſe Einrichtung in die Einfor⸗ migkeit ſeines Lebens brachte, Entſchaͤdigung fur die Trennung von ſeiner Geliebten. Ihr hingegen, die als das einzige Frauenzimmer, das allen dieſen Männern ſeit Monaten ſichtbar geworden war, ihnen Allen als eine Göͤttin erſchien, der Jeder bemuͤht war, ſeine Huldigung darzubringen, war jede Zerſtreuung, jede Beſchäftigung peinlich; ſie fand mehr Wonne darin, einſam an den Ritter zu denken, als ihr die Unter⸗ haltung irgend eines andern Mannes zu gewaͤhren vermochte. Du Menil ſprach, wie alle eitlen Selbſt⸗ ſuͤchtler, in ſeinen Briefen an ſie faſt nur von ſich, — 197 — und es war ihm zur Gewohnheit geworden, ihr Al⸗ les mitzutheilen, was ſich auf ſein geliebtes Ich be⸗ zog. In dieſem Zeitpunkte erbte er von einem al⸗ ten Onkel ein ziemlich betraͤchtliches Capital. Er ſchrieb ihr dieſe Neuigkeit, und ſprach zugleich von feinem Plan, es auf Leibrenten zu geben. Dieſer Gedanke paßte ſo wenig zu dem Vorſatz, ihr ſeine Hand zu reichen, daß es, bei aller Argloſigkeit ihres Herzens, doch von ihrem klaren Lebensverſtand nicht unbeachtet bleiben konnte. Dieſe Qual des erſten Zweifels, des erſten Aufſchreckens aus der ſeligen Ruhe unbedingter Hingebung in Vertrauen und Zuverſicht, iſt eine jener Qualen, die die Quellen des geiſtigen Daſeins ſelbſt vergiften, und von denen man, hat man ſie einmal empfunden, nie wieder geneſen kann. Das Leben beſchraͤnkt uns unentfliehbar in unſern Anſpruͤchen an Menſchenherz und Menſchenwerth, aber was man Allen entziehen zu muͤſſen ſich ge⸗ zwungen fuͤhlt, vertraut man dafuͤr in deſto tieferer Sehnſucht Einem an. Das Herz des Geliebten wird uns dann das Heiligthum, in das wir unſern Glauben an Tugend, Treue, Wahrheit und an ſitt⸗ liche Willenskraft niederlegen. Die zarteſten Bluͤ⸗ then unſerer Empfindung, die erhabenſten Ideen un⸗ ſerer Seele, ſein ſind ſie, und wer nicht noch am Spaͤtabend ſeines Lebens, in jedem Augenblick von Himmelsweihe der Begeiſterung fuͤr das Schoͤne und Gute, des Geliebten ſeiner Jugend gedenkt, hat nie geliebt. Das iſt ja das unausſprechliche, das hohe Geheimniß der wahren Liebe, daß ſie uns zu einer ſo herrlichen Offenbarung des Goͤttlichen wird. Wer koͤnnte Gott ganz ſo innig lieben, wie er uns die Kraft gegeben hat, ihn lieben zu konnen, wenn man nicht irgend einmal ein menſchliches Weſen mit al⸗ len Empfindungen, allen Gedanken ſeiner Seele ge⸗ liebt hätte! — Melanie verbarg dem Ritter ihren Schmerz nicht, allein noch ſchreckte ihn der Gedanke ihres Verluſtes, noch war er ſich des Vorſatzes, oder des Wunſches, das Band loͤſen zu wollen, das ihn an ſie band, nicht klar bewußt, und ſo gelang es ihm, ſie durch wiederholte Verſicherungen ſeiner Treue und der Lauterkeit ſeiner Abſichten zu beruhigen. Er gab den ihr mitgetheilten Plan zum Ankauf von Leibrenten fuͤr einen fluͤchtig und ganz unuͤberlegt hingeworfenen Gedanken aus, und wandte das er⸗ erbte Capital auch wirklich zum Ankauf eines klei⸗ nen Landgutes an. — 199 — Sie bedurfte zu ſehr des Vertrauens zu ihm, um feindlich gegen ſich ſelbſt handelnd, es ihm zu verſagen, wo er es forderte; doch von Woche zu Woche empfand ſie jetzt tiefer den Schmerz der Tren⸗ nung, und klagte oft gegen Maiſonrouge bitter dar⸗ uͤber, daß ſie gezwungen werde, den Beſuch anderer Maͤnner anzunehmen, da man ihr doch das Gluͤck verſage, den Ritter zu ſehen. Dieſer wandte ſich nun, da er den Gouverneur unbeweglich fand, an die Frau v. Pompadour, deren Mann zu der Tiſch⸗ geſellſchaft des Fräuleins gehorte, damit ſie fuͤr dieſen von dem Miniſter die Vergunſtigung erbitte, beide Geſellſchaften vereinen zu duͤrfen, und es wurde be⸗ willigt, daß der Ritter mit dem Herrn v. St. Ge⸗ nies und Daviſard gleichfalls des Mittags bei dem Gouverneur eſſen, und den Abend mit den andern Verhafteten nach ihrem eigenen Wunſch zubringen duͤrfe. Melanie ahnete hiervon nichts, und ganz uner⸗ wartet ward ihr das Gluck, den Ritter eines Tages bei ſich eintreten zu ſehen. — Ihm folgte Herr v. St. Genies, um ſich von ihr die Erlaubniß zu er⸗ bitten, kuͤnftig des Abends gleich den Herren v. — 200 — Pompadour und Boisdavis 66 ihr Thee tM zu duͤrfen. Das Gluͤck —— Melanie. Nie hatte ihr Auge heller geſtrahlt, nie war der Ausdruck ihrer geiſtreichen Zuge beſeelter, nie ihr Witz glänzender, nie der Ton ihrer Stimme einſchmeichelnder gewe⸗ ſen, als an dieſem Abend, wo das Wiederſehen des Geliebten ſie in ein reineres, hoheres Lebensele⸗ ment empor zu tragen ſchien. Herr v. Maiſon⸗ rouge war dieſen Tag abweſend, und trat erſt ſpat am Abend in das Zimmer des Fräuleins, ohne zu wiſſen, daß den Gefangenen die Gunſt ſchon gewaͤhrt war, die er fuͤr ſie zu erwirken ſich bemuͤht hatte. Der Anblick des Ritters traf ihn wie ein ſengen⸗ der Blitzſtrahl; ſo ſchmerzenreich auch die Rolle des Vertrauten fuͤr ihn geweſen ſein mochte, ſo verdankte er ihr doch den Troſt, Melanien taͤglich neue Be⸗ weiſe ſeiner Treue und ſeiner Liebe geben zu können; aus ſeiner Hand empfing ſie gewiſſermaßen jede Freude, jede Wonne dieſer Liebe, und das ſtille Selbſtbewußtſein der uneigennuͤtzigſten Aufopferung fuͤr die Geliebte kräftigte ſeine Seele. Nun aber bedurfte ſie ſeiner nicht mehr, und er hatte nichts mehr von ihr zu hoffen, als den Dank fuͤr ehemals — 201 — geleiſtete, jetzt unnuͤtz gewordene Dienſte. Freilich war es ſein Werk, daß Frau v. Pompadour den Gefangenen dieſe Gunſt erbeten hatte; allein eine ſo ſchnelle Gewaͤhrung ihrer Bitte hatte er nicht erwar⸗ tet, und ſie traf ihn unvorbereitet. Unbeweglich blieb er am Eingange des Zimmers ſtehen, als er Mela⸗ nie ſtrahlend von Liebe und Gluͤck erblickte, mit der der Ritter eben leiſe und zärtlich ſprach. — Ihm war, als löſe ſich ſein Daſein von dem ihrigen ab, um in eine öde, hoffnungsloſe Tiefe zu verſinken. Sie ſtand auf und eilte ihm froh und dankbar ent⸗ gegen; allein trotz der eiſernen Kraft, mit der er die Schlaͤge ſeines Herzens zu zuͤgeln wußte, vermochte er doch fuͤr dieſe Pruͤfungsſtunde keine ruhige Hal⸗ tung zu erzwingen, und nur durch peinvolle Anſtren⸗ gung gelang es ihm, einige Worte zu finden, mit denen er ihr und den Herren Gluͤck wuͤnſchte. Der heitere Frohſinn, der die Anweſenden beſeelte, verletzte ihn wie der bitterſte Hohn, mit dem man ſein tod⸗ wundes Herz vollends zu vergiften ſuche⸗ Eine Viertelſtunde lang ſuchte er die Verzweif⸗ lung niederzukaͤmpfen, die ſich ſeiner bemaͤchtigt hatte, doch er fuͤhlte immer tiefer, daß er an der Grenze ſeiner Kraft ſtehe, und verließ unter einem Vor⸗ — 202 — wand die Geſellſchaft. Jetzt erſt, in der Einſamkeit ſeines Zimmers, im Kampfe mit der furchtbar auf⸗ gereizten Macht der Leidenſchaft, erkannte er, wie ſein Herz, ſein Gluͤck und ſein Leben hoffnungslos an die Allmacht ſeiner Liebe verfallen waren, doch war er edel und groß genug, um ſeine Seele in der Herrſchaft uͤber That und Willen bewahrt zu finden. Am Morgen ging er zu Melanie. Sie erſchrak, als ſie ihn ſah, vor ſeiner Blaͤſſe und vor der ſchmerzlichen Ergebung, die ſich in ſeinem Blick und in ſeinen Zuͤgen ausſprach, und von der man es ah⸗ nete, ſie könne nur da erkaͤmpft werden, wo der Menſch jeder Hoffnung auf irdiſches Gluͤck entſagt habe. „Sie ſind jetzt gluͤcklich, meine Freundin,“ ſagte er ihr; „der Mann Ihrer Liebe und Ihrer Wahl iſt Ihnen wieder gegeben; bald werden ſich dieſe Pforten fuͤr Sie oͤffnen, und Sie Beide, in die Welt zuruckkehrend, jedes Hinderniß Ihrer Ver⸗ bindung beſeitigt ſehen. Gott iſt mein Zeuge, daß ich willig geweſen bin, Ihnen dies Gluͤck um jeden Preis zu erkaufen, und noch kein Opfer zu groß und zu ſchwer finden wuͤrde, um es Ihnen nicht freudig zu bringen; allein ein Zeuge deſſelben vermag ich — 203 — nicht zu ſein. Bis jetzt ſah ich in dem Ritter nur Ihr zweites Ich, und Alles, was ich fur ihn that, that ich auch fuͤr Sie. — Jetzt aber iſt es Pflicht, ſtil in mich zuruͤckzukehren, und mich Ihnen nur dann zu nahen, wenn ich Ihnen nuͤtzlich zu werden vermag.“ Melaniens Thränen floſſen, allein ſie fuͤhlte, wie grauſam es ſein wuͤrde, ihre Macht uͤber ihn zur Bekaͤmpfung ſeines Entſchluſſes anzuwenden, und ſuchte nur ihn zu uͤberzeugen, mit welcher Ver⸗ ehrung und welcher Zuneigung ſie dem ſcheidenden Freund nachſehen und ſeiner ewig, ewig eingedenk bleiben werde. Von dieſem Tage an ſahen ſie ſich nur, wenn er ihr irgend eine ſie betreffende Nach⸗ richt mitzutheilen hatte; allein wie ein unſichtbarer Schutzgeiſt fuhr er fort, fuͤr ſie und fuͤr die Ver⸗ ſchoͤnerung ihres Lebens zu ſorgen. Das geſellſchaftliche Leben der Gefangenen ge⸗ ſtaltete ſich jetzt ſo angenehm, wie dies nur irgend in einem Gefaͤngniſſe der Fall ſein kann. Des Morgens beſchäftigte ſich Jeder von ihnen in ſei⸗ nem Zimmer, wo ihnen Buͤcher und Schreibzeug zu Gebote ſtanden; zum Mittag verſammelte man ſich bei dem Gouverneur, um bei ihm zu eſſen, und — 204 — nach Tiſche Lhombre oder Schach zu ſpielen. um 6 uhr verließ Melanie die Geſellſchaft, der Ritter fuhrte ſie nach ihrem Zimmer zuruͤck und blieb bei ihr, wo ſich dann nach und nach die Uebrigen ein⸗ fanden, und wo bis zur Abendtafel bei dem Gou⸗ verneur die Zeit verplaudert wurde. Dazu durften ſie ſämmtlich hoffen, binnen Kurzem ftei zu werden, und dieſe Hoffnung gab ihnen heitern Sinn. Me⸗ lanie allein empfand keinen Wunſch, keine Sehn⸗ ſucht nach Freiheit. Der Kerker war ihre Welt ge⸗ worden, und nichts von Allem, was jenſeits ſeiner Begrenzung lag, hatte noch Macht ſie zu reizen. Fruͤher war ſie nie gluͤcklich geweſen; in der Baſtille erſt hatte ſie Gluͤck empfinden, Gluͤck begreifen ge⸗ lernt. Sie liebte, ſie war geliebt! Ungezwungen durfte ſie ſich der Unterhaltung und des Anblicks des Geliebten erfreuen, und nie verließ ſie die Furcht, daß die Welt ſtörend zwiſchen ihn und ſie treten und ihr Gluͤck mindern werde, eben weil ſie dieſes nicht zu erhohen vermochte. Der Regent wuͤnſchte ſich in den Augen der Nation von dem Verdacht zu reinigen, daß er ſo viele, und unter dieſen ſo anſehnliche Perſonen, als den Herzog und die Herzogin du Maine, ohne hin⸗ — 205 — reichenden Grund mit ſo vieler Strenge behandelt habe. Alle bisher gemachten Entdeckungen mußten ihn uͤberzeugen, daß die ſogenannten Verſchwoͤrer nichts Strafwuͤrdiges gegen den Koͤnig und den Staat, ja eigentlich nicht einmal gegen ihn, den Regenten, bezweckt hatten, da alle Unterſuchungen ergaben, daß es nur darauf abgeſehen geweſen war, den legitimirten Prinzen die Rechte wieder zu gewin⸗ nen, die ihnen Ludwig XIV. in ſeinem Teſtament zugeſprochen und der Regent entzogen hatte. Es wurden unter der Hand Unterhandlungen mit der Herzogin du Maine angeknuͤpft, und ihr fuͤr ſich und alle ihre Anhaͤnger Freiheit zugeſichert, wenn ſie nur bekennen wolle, was etwa zu bekennen war, naͤmlich die Verbindungen, die ſie mit der Krone Spanien, zur Erreichung jenes Endzwecks, anzuknuͤ⸗ yfen verſucht hatte. Man wollte ſich, wo man kein Recht zu ſtrafen auszumitteln vermocht, doch gern den Schein der Begnadigung geben. Allein die Herzogin benahm ſich mit eben ſo viel Wuͤrde als Edelmuth; trotz Alles deſſen, was ſie gelitten hatte, trotz der glänzendſten Verſprechungen entſchloß ſie ſich erſt dann zu dem von ihr geforderten Geſtändniß, als man ſie zu uͤberzeugen gewußt hatte, daß ſie al⸗ — 206 — len ihren Anhaͤngern dadurch nuͤtzen, und keinem von ihnen ſchaden werde. So auftrichtig aber auch das Geſtaͤndniß der Herzogin war, ſo zweifelte man doch an der Voll⸗ ſtaͤndigkeit deſſelben, eben weil es ſo wenig Schuld offenbarte; und da Melanie ihre Vertraute geweſen war, aus deren Hand ſie alle aus Spanien gekom⸗ mene Briefe erhalten hatte, glaubte man von dieſer noch genauere Auskunft erpreſſen zu koͤnnen, und ließ ihr die Wahl, Alles zu geſtehen, was man zu erfahren wuͤnſchte, oder zeitlebens in der Baſtille zu bleiben. Es war ihr unbekannt, was die Herzogin geſtanden, was ſie verſchwiegen haben koͤnne, und um ihre Gebieterin keiner etwanigen Gefahr auszu⸗ ſetzen, beharrte ſie in der Treue, mit der ſie bis jetzt jedes Wiſſen um die Plane derſelben abgeläugnet hatte, und beantwortete jene Drohung ſcherzend mit der Aeußerung, daß eine lebenslängliche Gefangen⸗ ſchaft in der Baſtille noch eben keine ganz uͤble Ver⸗ ſorgung fuͤr ein armes Maͤdchen, wie ſie, ſei. Die Zuverſicht zu der Feſtigkeit ihres Charak⸗ rakters war aber bei ihren Richtern ſo groß, daß dieſe es fur unnöthig hielten, ſie öfter zu verhören, weil man uͤberzeugt war, daß ſie doch nichts geſtehen werde. Einige Tage ſpäter wurde die Herzogin ihrer Haft entlaſſen, und faſt Alle wegen dieſer Sache Verhafteten erhielten ihre Freiheit wieder. Unter ihnen war auch der Ritter. Melanie konnte es mit Recht hart finden, daß ſie allein verurtheilt wurde, in der Baſtille zuruckzubleiben; allein jede Ruͤckſicht auf ihr perſonliches Schickſal ging ihr in dem Gefuhl der Trennung von dem Ritter unter. Dieſer empfand nur Freude bei dem Gedanken, die Baſtille verlaſſen zu ſollen, und vermochte es kaum, ſo viel Betrüͤb⸗ niß, als der Anſtand forderte, bei dieſer Trennung von ihr zu zeigen. Der Schleier der ſeligen Täu⸗ ſchung, den bis zu dieſem Pruͤfungsaugenblicke Liebe und Vertrauen um Melanie gewebt hatte, zerriß. Sie fuͤhlte, es war nicht Trennung, was ihr be⸗ vorſtand, es war Verluſt, Verluſt des Mannes, deſ⸗ ſen Liebe ihr zu ihrem Gluͤcke ſo unentbehrlich wie die Luft zum Athmen geworden war, und der nun zeigte, daß ſie ihm nichts, durchaus nichts galt, ſo⸗ bald es darauf ankam, fuͤr ſie eitle Freude einzu⸗ tauſchen. 6. Er war ſo mit ſich beſchaftigt, ſo ungetruͤbt glůͤck — 208 — lich, daß er, ohne ihre Stimmung zu beachten, nur von ſich mit ihr redete, und ſie allein zuruͤckließ, ohne ein Wort des Troſtes und der Theilnahme fuͤr ſie zu haben. Wie vernichtet blieb ſie zuruͤck, es war ihr unmoͤglich, Thraͤnen zu vergießen, eine dumpfe Bewußtloſigkeit, durch die nur zuweilen zu⸗ ckende Blitze herzzerreißenden Schmerzgefuͤhls fuhren, druͤckte ſie beklommen nieder. Ihr war, als ver⸗ möge ihr Auge, gewohnt ihn zu ſehen, nun nichts mehr zu ſehen, als koͤnne ſie nicht mehr reden, da er ſie nicht mehr anhoͤre, als habe ſie ſelbſt die Fä⸗ higkeit zu denken verloren. — Mechaniſch folgte ſie, als man kam, ſie zum Mittagsoſſen abzuholen; der Gouverneur ſpeiſete an dieſem Tage auswaͤrts; ſie war allein mit Maiſon⸗ rouge und mit St. Genie, den man auch noch ge⸗ fangen zurüͤckbehalten hatte. Mit der allerinnigſten Theilnahme ruhten Maiſonrouge's Blicke auf ſeiner Freundin. — Er litt mit ihr, ohne doch den eigent⸗ lichen Grund ihrer Verzweiflung zu ahnen, und rang mit ſich, um den Muth zu finden, ihr zu ſa⸗ gen, was er genoöthigt war, ihr ankuͤndigen zu muͤſ⸗ ſen. Nach Tiſche begleitete er ſie nach ihrem Zim⸗ mer, um ſie auf die Nachricht vorzubereiten, daß der ——— — 209 — Befehl gegeben worden ſei, ſie ſtrenger denn je ein⸗ zuſchließen, und ihr durchaus keinen Umgang zu ver⸗ ſtatten. Ihr galt aber dieſe Verfuͤgung fuͤr eine Wohlthat, da ſie ſich der qualvollen Nothwendigkeit entbunden fand, Menſchen zu ſehen, die nicht Er waren, und ihnen ihren Gram zu verhehlen, damit man nicht im Wahn uͤber ſeinen Grund, ihn irrig einem Mangel an Seelenſtärte zur Ertragung ihres äußern Schickſals zuſchreibe. Sie fuͤrchtete, wie faſt alle Menſchen, weit mehr in Verdacht von Schwaͤchen und Fehlern zu kommen, die ſie nicht beſaß, als die zu verrathen, die ihr wirklich eigen waren. Auch der Gouverneur bewies ihr ſeine Theilnahme an der Erſchwerung ihrer Haft, und die kalte Gleichgultigkeit, die ſie bei dieſem Wechſel ih⸗ rer Lage bewies, gewann ihr ſeine Bewunderung, da er ſie fur einen Beweis ſeltener Charakterfeſtigkeit hielt. Ach, weſſen Herz gebrochen iſt, wie Mela⸗ niens Herz, uͤber den haben die Ereigniſſe des aͤußern Schickſals jede Gewalt verloren. Die Liebe kennt nur Ein Ungluͤck, wie Ein Gluͤck. Maiſonrouge brachte jetzt, da er ſeine Freundin jedes andern Umgangs beraubt ſah, wieder alle Stunden, die er ſeinen Geſchaͤften abmuͤßigen konn⸗ — 210 — te, bei ihr zu. Nur zu bald entdeckte er, daß ihre anſcheinende Ruhe Kaͤlte der Verzweiftung war, und wie ſanft und liebend ſuchte er nun dieſem zer⸗ riſſenen Herzen Troſt zu bereiten! Wie wußte er Al⸗ les zu errathen, was ihrer Seele wohlzuthun, ihre Trauer zu mildern vermochte! Jedes ſeiner Worte, jeder Blick, jeder Gedanke war Liebe, ſorgende, troͤ⸗ ſtende Liebe, und dabei nie eine Frage, nie eine Aeußerung, die verletzen konnte, nie eine Hindeutung auf ſein Schickſal, nie ein Anſpruch auf Anerken⸗ nung und Vergeltung! — Der Ritter dagegen ließ mehrere Tage vergehen, ehe er ihr ſchrieb, und der Ton, in dem dies dann geſchah, aͤtzte ihrem Herzen alle ſeine Schmerzen noch tiefer und giftiger ein⸗ Dies Herz war noch leichtgläubig, aber ihr Geiſt konnte es nicht mehr ſein; ſie fuhlte ſich gezwun⸗ gen, uͤber das Betragen des Ritters nachzudenken, und ach! nicht blos die Hoffnungen der Zukunft, auch das Gluͤck der Vergangenheit loͤſete ſich fuͤr ſie in nichtige Taͤuſchung auf. Konnte der Mann ſie je wahrhaft geliebt haben, deſſen Liebe bei dem er⸗ ſten Athemzuge in freier Luft veiflatterte? Feſter aber noch, als an das irdiſche Daſein iſt das Herz durch eine heilige, dunkele Naturkraft an den Glau⸗ — 211 — ben an Treue gebunden, und wie wir uns unwill⸗ kuͤrlich ſtraͤuben, vom Leben zu ſcheiden, ſo bietet das Herz auch alle ſeine Kraft auf, ſich den Glauben an den Geliebten zu erhalten. Auch Melanie konnte, trotz der Kälte, trotz der Herzloſigkeit des Ritters, ſich nicht von ihm losreißen, ſie litt unſaͤglich, aber ſie empfand noch immer, daß ſie ganz ſein, und ihr Daſein ſo verwebt in dieſe Liebe war, daß Seele, Geiſt, Herz, Alles, Alles in ihr Eins geworden war mit ihr. Der Ritter wurde auf unbeſtimmte Zeit aus Paris verbannt, und dies war ein neues Un⸗ gluck für Melanie, da es den Briefwechſel zwiſchen ihnen unmoglich machte, der der Poſt nicht anver⸗ traut werden konnte. Maiſonrouge fuͤhlte, wie ſchmerzlich ſie das Außenbleiben aller Nachrichten von dem Geliebten treffen muͤſſe, und erbot ſich daher, wochentlich an den Ritter ſchreiben, und ihr ſowohl ſeine Briefe, als die Antworten, die er erhalten wuͤrde, mittheilen zu wollen. Dies Erbieten ver⸗ diente um ſo mehr Dank, weil der Schein eini⸗ ger Verbindung mit dem Ritter, den es ihm geben mußte, hinreichte, ihn dem Hofe verdaͤchtig zu ma⸗ chen. — Doch, was galt ihm Gluͤck und Hofgunſt, wenn es darauf ankam, Melanie troſtend zu erfreuen — 212 — Dieſe Verbannung des Ritters dauerte vier Monate, in welchem Zeitraume die Herzogin du Maine ſich immer noch vergeblich bemuͤhte, Mela⸗ niens Befreiung zu bewirken. Die Scheu vor ei⸗ nem Mann wie Maiſonrouge wortbruͤchig und un⸗ wuͤrdig zu erſcheinen, hatte den Ritter vermocht, in den Aus drucken feiner Briefe an ihn die Form des zwiſchen Melanie und ihm beſtehenden Verhältniſſes zu ehren, und es ihm auch wiederum erleichtert mit Worten und hohlen Redensarten ausreichen zu können, da Melanie die Abgemeſſenheit ſeiner Ausdruͤcke theils fuͤr Klugheit, theils fuͤr Folge eines Zartgefuͤhls neh⸗ men konnte, das ſich ſcheuete, Maiſonrouge zum Vertrauten ſeiner Empfindungen zu waͤhlen. Jetzt aber nach ſeiner Ruͤckkehr kam er zu Herrn v. Maiſonrouge, und brachte ihm einen Brief fur Melanie, der ſie von Neuem qualvollem Schmerz preis gab. Maiſonrouge liebte ſelbſt zu wahr, als daß ihm in dieſer Unterredung der Kaltſinn des Rit⸗ ters haͤtte entgehen könnenz er litt fuͤr Melanie und mit ihr, doch noch immer kannte ſie das Herz des edlen Mannes ſo wenig, daß ſie ſogar in ſeiner Trauer, in dem verhaltenen Unmuth, mit dem er von dem Ritter ſprach, nur eine Buͤrgſchaft fur die⸗ — 213 — ſen ſah. Der Brief des Ritters war nicht kalt, nicht unfreundlich; kein Wort deſſelben berechtigte ſie, ihn eines Treubruchs, einer Zuruͤcknahme ſeines Verſprechens anzuklagen, keins konnte ihr den Muth geben, den Todespfeil ſelbſt in ihr Herz zu druͤcken, indem ſie das Wort der Trennung ausſprach; allein ſie fand in dieſem Briefe, dem erſten, den ſie nach vier Monaten von ihm erhielt, auch nicht eines jener Worte, die vom Herzen zum Herzen gehen, und die Liebe des geliebten Weſens ſo himmliſch begluͤckend verbuͤrgen. Sie mußte es fuͤhlen, ſie war nicht mehr geliebt, allein ſie ſtraͤubte ſich mit aller Kraft ihres Herzens und ihres Lebens gegen dieſe furcht⸗ bare Ueberzeugung, und fand, wie ſchon geſagt, in der ernſten Trauer ihres edlen Freundes die Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr den Geliebten. Wie konnte er ſo ernſt, ſo truͤbe ſein, fragte ſie ſich ſelbſt, wenn er ſeinen Nebenbuhler untreu glaubte? Wuͤrde ihn dies nicht zu neuen Hoffnungen beſeelen? Muß ihm der Rit⸗ ter nicht mehr Liebe fuͤr mich gezeigt haben, als die⸗ ſer Brief verraͤth? Zu ſtolz und zu zärtlich, um dem Ritter ihre Trauer und ihre Beſorgniß zu verrathen, beantwor⸗ tete ſie ſeinen Brief, und ihr Briefwechſel ging wie⸗ — 214 — der regelmaͤßig fort, allein er wurde mehr und mehr fuͤr ſie eine Quelle der ſchmerzlichſten Herzensqual. Endlich ſchlug auch fuͤr Melanie die Befreiungs⸗ ſtunde. Sie hatte ihrer Fuͤrſtin die großſinnigſten Beweiſe von Treue und Anhäͤnglichkeit gegeben, und in ihrer Gefangenſchaft und in ihren Verhoͤren eine ſeltene Wuͤrde des Charakters bewaͤhrt; ſie konnte gewiß ſein, daß die öffentliche Meinung ſie in den Anſpruͤchen unterſtuͤtzen werde, die ſie ſich an die Dankbarkeit der Herzogin erworben hatte. — Von ihren Freunden war ſie, wie ſie wußte, nicht vergeſ⸗ ſen, da ſie von ihnen waͤhrend ihrer Gefangenſchaft unausgeſetzt jeden nur moͤglichen Beweis ihrer Theil⸗ nahme erhalten hatte; die Welt, in die ſie wieder eintreten ſollte, war die Heimath ihres Geliebten; und doch als Herr v. Maiſonrouge zu ihr eintrat, und ihr, mit einer ruͤhrenden Miſchung von Freude und Trauer in Blick und Zuͤgen, den Siegelbrief uͤberreichte, der ihre Freilaſſung enthielt, war keines⸗ wegs Freude die vorherrſchende Empfindung ihrer Seele. „Sie ſind frei,“ ſagte er ihr, „ich habe die⸗ ſen Augenblick fuͤr Sie ſehnlichſt herbeigewuͤnſcht, und Alles, was ich vermochte, gethan, um ihn zu beſchleunigen; allein ich verliere mit Ihnen Alles, — 215 — was meinem Daſein Reiz zu geben vermochte, und vermag jetzt nicht zu begreifen, wie ich werde leben können, ohne Sie zu ſehen.“ Weinend ſank ſie an ſeine Bruſt; zum erſten Mal druͤchte er ſie an ſein Herz und ſeine Lippen auf die ihrigen. Jetzt erſt, im Augenblick der Tren⸗ nung, erkannte ſie ganz, was ſie ihm galt, und was er fuͤr ſie gethan hatte. Er allein, mußte ſie ſich geſtehen, verſtand zu lieben, wie ihr Herz ſich geliebt zu fuͤhlen wuͤnſchte; er allein, und mit Verzweif⸗ lung fuͤhlte ſie, wie wenig der Ritter ihm gleiche. Zugleich mit ihrer Freiheit erhielt ſie den Be⸗ fehl, nach Sceaur zu gehen, wohin die Herzogin verwieſen war. Sie wurde von dieſer gnädig auf⸗ genommen, allein ſchwerer denn je laſteten jetzt die Feſſeln der Fuͤrſtengunſt bei ihr auf Geiſt und Herz, und mit ſchmerzlicher Wehmuth ſehnte ſie ſich oft nach der Freiheit der Baſtille zuruͤck. Gleich am zweiten Tage, nachdem ſie dieſe verlaſſen hatte, er⸗ hielt ſie einen Brief von Maiſonrouge. Er hatte ihre Freiheit gewuͤnſcht und haͤtte ohne Schwanken ſeine eigne hingeopfert, um ſie ihr zu erkaufen; er hatte die Kraft beſeſſen, alle Qualen hoffnungsloſer Liebe ſchweigend zu ertragen, er konnte fuͤr ſie Alles dulden, Alles thun, doch den Schmerz der Trennung von ihr vermochte er nicht zu beſiegen. Es war, als ob ſein ganzes Leben ſich in der Erinnerung an Melanie gewaltſam zuſammendraͤnge, als ob dieſe alle ſeine Gedanken in ſich verſchlinge und jede an⸗ dere Empfindung des Daſeins in ihm hemme. Sein Amt rief ihn zur Thätigkeit auf; allein trotz aller Herrſchaft uͤber ſich, die er in einem reinen Leben voll makelloſer Pflichttreue erworben hatte, fuͤhlte er ſich, ſobald er durch gewaltſame Sammlung ſich an⸗ dern Gedanken zuzuwenden ſtrebte, durch ihr Bild zerſtreut, und ein Hauch, ein Nichts reichte dann hin, ihn gegen die lebenzerſtoͤrende Gewalt ſeiner Lei⸗ denſchaft widerſtandlos zu machen. Eine Liebe wie die ſeinige trägt ihre Rechtfer⸗ tigung in ſich, wenn ihre Macht dem irdiſchen Le⸗ ben Gefahr bringt; ſie iſt die Flamme, in die Pſyche ſich liebend ſturzt, und die irdiſch Buba himmliſch verklaͤrt, Die ſtille, klagloſe, aber unůbernindiche — muth, die ſich in ſeinen Briefen ausſprach, dieſe bis zum Grabe ſtumme Treue, konnte Melaniens Herz nicht ungeruhrt laſſen; doch vor Einem Gefuͤhl in ihrer Seele verbleichte jedes andere, und das war — — ihre Liebe zu dem Ritter. Sie erbat ſich von ihrer Gebieterin die Erlaubniß, auf einige Tage nach Paris gehen zu duͤrfen, und kaum war ſie dort angekommen, als ſie durch ein Billet den Ritter zu ſich beſchied. In der Baſtille, wo er viele Monate lang kein anderes Frauenzimmer geſehen hatte, als ſie, hatte er ſie rei⸗ zend, huͤbſch, ja zuletzt ſogar ſchoͤn gefunden; jetzt aber, wo ſie ernſt, duͤſter, mit vor Gram erbleichten Wangen, des erſten, friſchen Jugendglanzes beraubt, vor ihm ſtand, fand er es unbegreiflich, wie er ſie je habe huͤbſch finden können „und da die kalte Ver⸗ legenheit, mit der er ſie gruͤßte, ihren Geiſt lähmte Es iſt unmoͤglich, ſich liebenswuͤrdig zu zeigen, wenn man ſich nicht mehr geliebt, nicht mehr mit guͤnſti⸗ gen Augen betrachtet glaubt) und ſie zu betrubt war, um in dieſer Stunde geiſtreich ſein zu können, ſo glaubte er, ſich auch über ihren Wit, ihre glän⸗ zende Unterhaltungsgabe, ihre Kenntniſſe, und uͤber alle edle Eigenſchaften ihrer Seele eben ſo ge⸗ täuſcht zu haben, wie üͤber ihre Reize. Er redete mit ihr von der Zerruͤttung ſeiner Vermoͤgensum⸗ ſtände, die ihn noͤthige, ſeine Guͤter zu verkaufen, und die ihm nach Befriedigung ſeiner Glaͤubiger uͤbrig bleibende Summe auf Leibrenten zu geben, um Tarnow's Schriften. IX. 10 — 218 — nur einigermaßen mit Anſtand in der Welt leben zu können. Der Schleier der Taͤuſchung, den ſein bis⸗ heriges Betragen allmahlig immer duͤnner gelichtet hatte, ſank jetzt völlig; den Tod im Herzen ftagte ſie ihn: ob und wie er denn noch ihr Schickſal in die Berechnung ſeiner Zukunft mit aufnehme? „Ge⸗ wiß,“ antwortete er ihr, „ſei es noch ſein Wunſch, ſie fuͤr immer die ſeine zu nennenz allein ehe er an eine Verbindung denken koͤnne, muͤſſe er erſt mit ſeinen Glaͤubigern auf's Reine ſein, und uberdies ſehe er ſich auch gezwungen, eine Reiſe in die Schweiz zu machen, um eine ſeiner aͤlteſten und vertrauteſten Freundinnen, die Gemahlin des dortigen franzöſiſchen Geſandten, die Marquiſe d'Avaray, zu beſuchen.“ — „Genug,“ unterbrach ihn Melanie auf⸗ ſtehendz „wir ſind geſchieden,“ wollte ſie noch hinzu⸗ ſezen, allein das Wort verſagte ſich dem brechenden Herzen; ſie warf einen unausſprechlichen Blick auf ihn; es ſchien ihr mehr als Tod, ihn nie wieder ſehen zu ſollen. „Ich erwarte Sie morgen Abend,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, „um klar auszu⸗ ſprechen, was zwiſchen uns ausgeſprochen werden muß.“ Er gab ſein Wort darauf, daß er kommen werde, und ſie entfernte ſich eilig, weit ſie ihm — 219 — nicht verrathen wollte, wie elend er ſie gemacht hatte. Alle ihre Pariſer Freunde nahmen ſie mit Ent⸗ zucken auf; allein der Schmerz hatte ſich ihrer Seele ſo bemaͤchtigt, daß ſie nur mechaniſch zu reden und ſich zu bewegen vermochte, und durchaus unfähig war, noch irgend einen Eindruck, der nicht Schmerz war, in ſich aufzunehmen. Am Abend dieſes Tages fuhr ſie in die Baſtille, um Herrn von Maiſonrouge zu beſuchen. Sie fand ihn krank, allein ſtatt das edelſte, treueſte Herz troͤſtend zu ermuthigen, ſprach ſie ihm ohne alle Ruͤckſicht auf ihn aus, wie grenzen⸗ los ungluͤcktich ſie war, und vertieth ihm den ganzen ungeheuern Schmerz, von dem ſie ſich regungslos wie eiſern eingeklemmt fuͤhlte. Sein eigenes Un⸗ gluͤck hatte den edeln Mann gebeugt; das ihrige war der Sturm, der ihn umwarf. Sie brachte die Nacht, die dieſem Tage folgte, in furchtbarem Kampfe hin; es duͤnkte ſie, als werde ſie nicht bis zu der Erſcheinung des Ritters leben koͤnnen. Bald war ſie entſchloſſen, ſich mit ruhiger Wuͤrde von ihm zu trennen, aber dann ſiegte wieder das dem Herzen ſo unausloſchlich tief eingedruͤckte Beduͤrfniß des Gluͤckes; ſie wollt⸗ ihm 10 * — 220 — ihre Liebe, ihren Schmerz noch einmal unverholen zeigen. Ihr war, als muͤſſe ihr die Stärke dieſer Empfindungen eine Gewalt der Ueberredung geben, die ihr jedes menſchliche Herz zu gewinnen vermo⸗ gen muͤſſe. Die Freundin, bei der ſie in Paris wohnte, Frau von Real, fuhr am Abend in die Oper; ſie blieb allein zuruͤck, um den Ritter zu er⸗ warten. Man muß ſolche Stunden der Erwartung verlebt haben, wie Melanie an dieſem Tage erlebte, um die Seelenfolter beurtheilen zu koͤnnen, zu der ſie uns verdammen. Jede Minute eine Ewig⸗ keit, und doch ſo furchtbar ſchnell verſchwin⸗ dend, und mit jeder entflohenen Minderung der Ge⸗ wißheit, den Erwarteten in der nächſten eintreten zu ſehen. Bis tief in die Nacht hinein harrte ſie des Ritters vergeblich. Seine Untreue war jetzt ent⸗ ſchieden; ja ſelbſt die Schonung, die Menſchlichkeit ihm zur Pflicht machte, hatte er nicht einmal beob⸗ achtet, und was ihre Verzweifelung vollends ſtei⸗ gerte, war, daß dieſe Ueberzeugung nicht hinreichte, in ihrem Herzen die Liebe fuͤr ihn zu entwurzeln. Der Eindruck dieſer grauſamen Stunden ver⸗ löſchte in ihrem Gedaͤchtniſſe Alles, was ſie vor chrer Bekanntſchaft mit dem Ritter erlebt hatte, und — — nicht blos die Vergangenheit, ſelbſt die Zukunft wurde durch ſie vernichtet, da ſie ihr auf immer die Em⸗ pfänglichkeit fur Freude, das Vertrauen auf Men⸗ ſchenherz, die Hoffnung ſchoner Tage raubten. Sie ſchrieb noch einmal an ihn, um ihm ein offenes Geſtändniß ſeiner veränderten Geſinnungen abzufordern; er wich in ſeiner Antwort dieſem aus, allein er ſandte ihr eine Entſagung aller ſeiner An⸗ ſpruͤche an ſie, die noch mehr ſagte, als ſie geſagt haben wollte. Nur einen Menſchen gab es fuͤr ſie auf der Welt, dem ſie ihren Kummer vertrauen und es ihm ausſprechen konnte, wie unausſprechlich ſie geliebt hatte, und wie ungluͤcklich ſie ſich fuhlte; und dieſer Vertraute war Maiſonrouge. Sie ahnete nicht die Grauſamkeit der Selbſtſucht, mit der ſie Erleichterung darin ſuchte, ihm jede Regung des leidenſchaftlich emporten und käͤmpfenden Herzens zu vertrauen und ihn in jedem Geſpräche, ſo wie in allen ihren Briefen, nur von dem Ritter zu unterhalten, und ihm in Flammenworten die verzehrende Gewalt ihrer Liebe und ihres Grams, uͤber Herz, Seele und Leben auszuſprechen. Keiner verſtand ſie, wie er ſi e ver⸗ ſtand, er, der ſie mit aller Kraft ſeiner edeln Seele — — ſo innig liebte, daß ihr Schickſal das ſeinige gewor⸗ den war. Vielleicht hätte ihn die Gewißheit ihres Gluͤckes mit ihrem Verluſt verſöhnt; vielleicht haͤtte er die unbeſiegbare Qual des eigenen Herzens mu⸗ thig zu dulden vermocht, allein ihr Gram, ihre Verzweifelung wurden ihm zu maͤchtig, und ſein Le⸗ ben wurde der Kaufpreis der Verlaugnung, die er uͤbte, um ihr Troͤſter ſein zu koͤnnen. Erſt als ſie erfuhr, daß er krank und dem Tode nahe ſei, erkannte ſie, daß er als das Opfer ſeiner Liebe fuͤr ſie falle. Sie eilte zu ihm, ſie bot ihm ihre Hand an, ſie beſchwor ihn, fuͤr ſie zu leben; allein nur auf ſeine Sterbeſtunde fiel dieſer Strahl der Anerkennung und Wuͤrdigung ſeiner Liebe. Und wohl ihm, daß es ihm vergoͤnnt ward, im Vollge⸗ fuͤhl der eigenen Liebe hinweg zu ſcheiden aus dem Lande der Vergaͤnglichkeit. Der Traum der Liebe, den wir auf der Erde träumen, iſt doch nur die hie⸗ nieden unerfullbare Ahnung einer Seligkeit, die uns erſt jenſeits zu Theil werden kann. Welches Gluͤck darf denn das Herz von ſeiner tieſſten, heiligſten Empfindung hoffen, da dieſe durch nichts vor dem Schickſal geſchuͤtzt werden kann, durch Zufall und Beſitz entwuͤrdigt, durch die Zeit abgemattet zu wer⸗ — 223 — den? Was bedeutet im Lande der Sterblichkeit und der Täuſchung das Geluͤbde ewiger Liebe? Nur die Empfindung des gegenwaͤrtigen Augenblicks, und nie die des nächſten laßt ſich verbuͤrgen, und welche Liebenden wuͤrden in den Augenblicken ihres ſchoͤnſten Gluͤckes nicht vor ſich ſelbſt erroͤthen und ſich ſelbſt fuͤrchten, koͤnnten ſie errathen, wie ſie nach Stun⸗ den, Tagen, Jahren gegen einander geſinnt ſein werden? Die Liebe hat auf Erden keine Heimath, da es fuͤr ſie hienieden in der Wonne zu lieben und geliebt zu werden keine Sicherheit des Beſitzes fuͤr die Ewig⸗ keit gibt. Ein Bund, den die Abweſenheit lockern, der Tod loſen, die Untreue entweihen kann, darf nicht Liebe genannt werden; ahnen koͤnnen wir hie⸗ nieden, was Liebe iſt, was Liebe bedeutet; doch die Erfuͤllung ihrer Ahnungen wird uns nur jenſeits zu Theil. Wohl ihm, daß er hinweg ſchied. Melanie trauerte um ihren Freund wahrer und tiefer, als ſie waͤhrend ſeines Lebens ſeinen Werth und ſeine Liebe zu erkennen vermocht hatte. Aller Gegenſtaͤnde ihrer Zuneigung beraubt, ſank ſie in eine Art von Vernichtung, aͤrger als der Tod ſelbſtz das Leben blieb ihr eine Buͤrde, die Welt ein Kerker. — 224 — Gluͤck, Freiheit, Liebe, in den düſtern Mauern der Baſtille, hatte ſie ſie nur kennen und empfinden ler⸗ nen, um ganz zu empfinden, wie arm das Leben ohne ſie iſt, und welch ein trauriges Räthſel es fuͤr die Aufgabe unſeres Erdenlebens iſt, daß wir an Geiſt und Gemuͤth erſtorben, doch nach dem Mechanismus des äußern Lebensgetriebes Jahre, lange Jahre hin⸗ durch verfallen und ihm unterthan bleiben muͤſſen. —. — Erinnerung aus dem Leben des ſchwediſchen Grafen Silverſkioͤld. E⸗ war gegen Abend, als wir uns dem duͤſtern Fahlun naͤherten. Dies Städtchen liegt an einem kleinen, ſich in den Runn ergießenden Strom, in einer oͤden Gegend, umgeben von ungeheuern Truͤm⸗ merhaufen ausgebrannter Schlacken und eingehuͤllt von dunkeln Dampfwolken, in denen die Abendlichter und die Abendroͤthe wunderbar gefaͤrbte Geſtalten bildeten. Der Kupferrauch, der das Holz, aus dem die Haͤuſer des Staͤdtchens erbaut ſind, unverweslich und eiſen⸗ hart macht, färbt es aber auch dunkel, macht das Eiſen roſtig und das Fenſterglas truͤbe. Bei ſtillem Wetter, oder wenn der Wind von den Gruben her uͤber die Stadt weht, liegt ſie in ihren finſtern, uͤbelriechenden Dampfwolken ſo verhuͤllt da, daß man nicht zehn Schritte vor ſich ſehen kann. Ueber Kohlen⸗ huͤgel, durch glimmende Haufen Erz und zwiſchen knirrenden und knarrenden Maſchinen hin fuhren wir — 228 — in die Stadt ein und erhielten nur mit Muͤhe in dem ſchmutzigen Gaͤſtgifvaragärd ein Nachtlager und ein äͤrmliches Abendeſſen. Ich durchreiſete Schweden, um durch den Wechſel der Gegenſtände die finſtere Schwermuth zu zerſtreuen, die auf mir laſtete und die friſche Jugendkraft meiner Seele laͤhmte. Seit meiner Kindheit war mir die Tochter meines Oheims, des Grafen L—d, zur Gattin beſtimmt. Yaminta war das lieblichſte Kind, das ich je geſehen habe; ein wahres Engels⸗ köpfchen, umwallt von einer reichen Fuͤlle der ſchoͤn⸗ ſten blonden Locken, und ſo reizend in Muthwillen und Schalkheit, ſo unwiderſtehlich in Bitte und Schmeichelei, ſo herzgewinnend in Guͤte und Liebe⸗ beduͤrftigkeit, daß ſie der Abgott der ganzen Familie war. Ich war achtzehn, ſie zwoͤlf Jahre alt, als ich Schweden verließ, um in Straßburg zu ſtudiren und dann eine Reiſe durch Frankreich, England und Italien zu machen; dieſe Trennung betruͤbte uns tief; wir waren uns ſo herzlich gut, wir hatten eine ſo unſchuldsfrohe, ſelige Kindheit mit einander ver⸗ lebt, die Hoffnung, ſie nach meiner Ruͤckkehr mein zu nennen, war mir ſo theuer! Die ſtille ſanfte Neigung meines in fuͤr Yaminta bildete ſich, — — trotz der Trennung, im Laufe dieſer Jahre zur hell⸗ flammenden Liebe aus. So wie ſich in mir das Ideal von Frauenhuld und Frauenreiz entfaltete, ſo wie mein Herz mit ſuͤßerer und bangerer Sehnſucht Liebesgluͤck und Liebeszauber als das hochſte Kleinod des irdiſchen Lebens, als den ſchoͤnſten Lohn fuͤr Maͤnnerthat und Maͤnnerreinheit begreifen lernte, ward auch in mir Yaminta's Bild helle und heller, bis es mein ganzes Sein wie die Sonne meines Lebens durchſtrahlte. Jeder Brief aus der Heimath erwaͤhnte preiſend der wundervollen Entfaltung ihrer Schoͤnheit und Anmuth; jeder Landsmann, den ich ſprach, nannte feiernd ihren Namen, und ungetheilt, in immer ſteigender Fuͤlle der Begeiſterung, wandten ſich alle Regungen des Juͤnglingsherzens der fernen wunderholden Geliebten zu. Meine Studien waren beendet, Frankreich und England durchreiſet und ich ſchon in Italien, als plötzlich alle Briefe meines Oheims ausblieben; ver⸗ geblich harrte ich von Woche zu Woche, dieſe wur⸗ den unvermerkt zu Monaten, und der wuͤrbige, ver⸗ ehrte Freund meiner Jugend, der Erzieher des fruͤh verwaiſeten Knaben, der Fuͤhrer des Juͤnglings und ietzt ſein Begleiter, vermochte nicht mehr meine angſt⸗ — 230 — volle Unruhe zu zugeln; ich beſchloß ſo ſchleunig als moͤglich nach Schweden zuruͤckzueilen, und ſchon war der Reiſewagen bepackt und die Pferde beſtellt, als ich einen Brief von meinem Oheim erhielt: Yaminta ſei todt! Ich ſchweige von meiner Trauer ob ihres Ver⸗ luſtes. Die ſchoͤnſte Hoffnung meines Lebens, die erſte fromme, heilige Liebe des Juͤnglingsherzens war mit ihr in die Gruft verſenkt! That und Pflicht mußten der Gehalt meines Lebens bleiben, doch Gluͤck und Liebe waren mir erbleicht fur immer. Nach einem halben Jahre riefen mich die Briefe meines Oheims, der mir zugleich Vormund war, nach Schweden zuruͤck; ſie waren ſeit dem Tode ſeiner Tochter finſter, ſchwermuͤthig und voll Ahnun⸗ gen, daß auch er nicht mehr lange leben werde, und nur zu bald wurden dieſe erfuͤllt; ich fand ihn nicht mehr unter den Lebenden. In ſeinem Teſtament hatte er mich zum einzigen Erben ſeines großen Vermogens ernannt. 06 6 Es gab fuͤr mich auf Erden eine heilige Stelle der wehmuthsvollſten Weihe, nach der mein Herz ſich oft unausſprechlich geſehnt hatte: Yaminta's Grab! Doch vergeblich ſuchte ich es unter den Graͤbern — —— ——— —— —— — — meiner Vorfahren; ich erfuhr auf meine Nachfrage, was ich nie geahnt hatte, daß Schmerz und Gram, Vaterzorn und Vaterfluch ihr Herz gebrochen hatten. Stolz auf ſeine Tochter, hatte ſie der alte Graf in ihrem ſechzehnten Jahr nach Stockholm gefuͤhrt, wo ſich ihr bei ihrem Erſcheinen die edelſten und liebenswuͤrdigſten Maͤnner huldigend nahten. Ein Fremdling, ausgezeichnet durch Schonheit der Ge⸗ ſtalt und Anmuth der Sitten, war unter ihnen, Yaminta liebte ihn. Ihr Vater zuͤrnte, drohte — ſie floh. Hier verlor ſich jede zuverlaͤſſige Spur ihres Schickſals; das Geruͤcht ſagte, der Vater habe ſie eingeholt und ſeinen Fluch auf ihre Verbindung mit dem Geliebten gelegt; da habe der Gram der Hoffnungsloſigkeit ſie getsdtet. Ihr Tod ward der Familie von ihrem Vater angezeigt und auch von ihm in den öffentlichen Blättern bekannt gemacht, allein der Ort, wo ſie ihn fand und wo ſie ruhete, blieb ein Geheimniß, das er mit in die Gruft nahm. Jeder kraftloſen Empfindelei, jedem unthatigen Hindämmern in laͤhmender Schwermuth entſchieden abhold, fuͤhlte ich die Verpflichtung, den Eindruck, den Yaminta's Verluſt und ihr Schickſat auf mich gemacht hatte, bekaͤmpfen zu muͤſſen. Die ſchönſten — 232 — Länder Europa's hatte ich beſucht, mein Vaterland kannte ich nicht und beſchloß alſo, es zu durchreiſen. Vorzuglich zog mich Dalekarlien mit ſeiner wilden, hetrlichen Natur, mit ſeinen kraftvollen Menſchen, mit ſeinen großen Erinnerungen an. Auf dieſer Reiſe kam ich nach Fahlun, um das dortige Kupfer⸗ bergwerk zu beſehen. Machte dieſe Gegend ſchon am Abend meiner Ankunft einen duͤſtern Eindruck auf mich, ſo wurde dieſer, als ich ſie am Morgen im vollen Sonnenlichte ſah, vollends grauſig, da ſchwerlich ein gräͤßlicheres Bild der phlegräiſchen Fel⸗ der gedacht werden kann, als ihn hier die Wirklich⸗ keit darbietet. Bis an die Gipfel ſind die Huͤgel, die ſich auf der ſchwarzen Fläche erheben, kahl und zerbröckelt; eingeſchloſſen von dieſem öden Steinge⸗ kluͤft liegt hier und da ein dunkler See; kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm zeigt ſich bem Auge des Wanderers, der nur Berge von Schlacken, ſchwefeldampfende Haufen von gluͤhendem Erz und tiefklaffende Abgruͤnde erblickt, nur chaotiſche Zer⸗ ſtörung und nirgends ein Bild der lebendigen Natur und ihrer ewig jungen Schoͤpfungskraft. Da ich die Grube befahren wollte, brachte man mir die ſchwere, bunkelfarbige, wollene Bergmannstracht und ————— — 233 — die eiſenbeſchlagenen Schuhe, und fuͤhrte mich dann zur Storgrufva, wohinab ich meine Höllenfahrt be⸗ ginnen ſollte, und wahrlich wie ein Höllenſchlund ſah der Spalt der Grube in den Rauchwolken aus, die um ihn her dampften. Wir ſetzten uns mit dem Steiger und ſechs Bergleuten in die Tonne und fuh⸗ ren in den ſchwarzen, dampfenden Schlund hinab. Sobald wir im Dunkeln der Grube waren, ſtimm⸗ ten die Bergleute einen geiſtlichen Geſang an, deſſen einfache, klagende Melodie in dieſer dunkeln Halle, abwaͤrts vom freudigen Lichte, mich tief ergriff. Sie halten dieſe Weiſe, weil die Fahrt durch Unfall leicht eine Todesfahrt zu werden vermag. In der Tiefe von hundert und neunzig Klafter ſtiegen wir aus; nun wurden Fackeln angezuͤndet, und wir klet⸗ terten auf hölzernen und eiſernen Leitern noch ſieben und ſiebenzig Klafter tiefer hinab. Die Luft war hier unten ſchwuͤl, voll Dampf, oft bis zum Erſticken beklemmend und dann an einigen Stellen wieder ſo eiſig, ſchneidend und kalt, daß unſere Fackeln zu wehen anfingen. Die Arbeiter ſahen alle bleich und gelb aus, auch erreichen ſie nie ein hohes Alter und ſterben faſt alle zwiſchen dem vierzigſten und funf⸗ zigſten Jahre. Die Mehrzahl von ihnen beſteht aus — 234 — Verbrechern, die man zur Strafe in dieſe ewig licht⸗ loſe Tiefe hinabgeſtoßen hat; doch iſt auch unter ih⸗ nen manch treues, redliches Herz, mancher wuͤrdige Familienvater, der, von Kummer und Schickſal ge⸗ druͤckt, Arbeit und Unterhalt in dieſem weiten Grabe ſucht. Ich irrte in der dunkeln Tiefe von Schacht zu Schacht umher, bis die Zeit herbeikam, die die Arbeiter zum Mittagsbrodr und zum Ausruhen rief. Unter ihnen fiel mir ein hoch und ſtolz geſtalteter Mann auf; nie ſah vich hoͤhern Adel der Haltung und der Geſtalt, nie ſchoͤnere Zuͤge, nie ein ſo dunkles Feuerauge voll Schwaͤrmerei, Liebe und na⸗ menloſer Trauer. Blick und Seele konnten, wie durch Zauber gefeſſelt, ſich nicht losreißen von dieſer Erſcheinung, und wie ein dunkles Schickſalsraͤthſel traf mich die Nachricht, dieſer Mann ſei ein auf Lebenszeit zum Bergbau verurtheilter ſchwerer Miſſe⸗ thäter. Ich wollte mich ihm naͤhern und ihn an⸗ reden, da eilte ihm aus einem der Seitengaͤnge mit dem unverkennbaren Ausdruck der innigſten Liebe ein zartes weibliches Weſen entgegen, vor dem ſich alle ſeine Gefaͤhrten ehrfurchtsvoll neigten und das er in ſtummer Umarmung feſt an ſein Herz druͤckte. Dieſe zarte Sylphidengeſtalt, dieſe herrlichen blonden * ——— — — — 235 — Locken, dies ätherblaue Auge — ſie waren mir nicht fremd — ihr Blick, der jetzt zufaͤllig dem meinen begegnete, ſtrahlte mir wie milder Mondesglanz tief in's Herz und erhellte die heiligſten, die unvergeß⸗ lichſten Erinnerungen meiner Jugend, und als ich nun den Ton ihrer Stimme hoͤrte — es war Yaminta! Ich ſchweige von meinen Empfindungen bei dieſem Wiederfinden und Wiedererkennen. Solche Minuten koͤnnen nur erlebt, aber nicht dargeſtellt werden. Yaminta erkannte mit tiefer Bewegung in mir ihren Geſpielen, ihren Freund; ſie fuͤhrte mich in die unterirdiſche von ihr bewohnte Huͤtte, die mir die Erzählung ihres Schickſals zum Tempel des He⸗ roismus weiblicher Treue weihete. Unter der Menge von Anbetern und Bewun⸗ derern, die ſich um Yaminta verſammelten, als ſie mit ihrem Vater zuerſt in Stockholm in den Zirkeln des Hofes und der großen Welt erſchien, zeichnete ihr Herz, ſobald ſie ihn erblickte, den Baron P. aus, einen Fremdling, dem ſeine Schoͤnheit, ſeine feine Sitte und der glaͤnzende Aufwand, den er machte, den Zutritt zu den erſten Haͤuſern der Re⸗ ſidenz geoffnet hatte, wenn er gleich an keinen der — — fremden Geſandten empfohlen und ſeine Familien⸗ verhältniſſe keinem derſelben naͤher bekannt waren. Er war Yaminta's erſte Liebe, und ſie lernte erſt dann ihr Gefuhl fuͤr ihn Liebe nennen, als es ſich ſchon eine unbedingte Herrſchaft uͤber ihr Herz und ihr Leben gewonnen hatte; bekannt indeſſen mit dem Willen ihres Vaters und dem Familienvertrag, der ſie mir zur Gattin beſtimmte, kampfte ſie gegen ihre Liebe und gegen den Geliebten, bis dieſer einſt Gelegenheit fand, ihr und ihrem Vater, als ihre wild gewordenen Pferde ihnen augenſcheinliche Todes⸗ gefahr droheten, mit kuͤhnem Muth und ſchneller Entſchloſſenheit das Leben zu retten; von dieſem Augenblick an erſchien es ihr als Pflicht, ihm ein Leben zu weihen, deſſen Erhaltung ſie ihm zu ver⸗ danken hatte. Die Liebenden entdeckten ſich dem alten Grafen und baten um ſeine Einwilligung und ſeinen Segen allein ſein Zorn flammte bei dieſem Geſtaͤndniſſe hoch auf; er verbot dem Baron das Haus, und ſeine Tochter erhielt den Befehl, nicht wieder vor ſeinen Augen zu erſcheinen, bis ſie jedem Gedanken an dieſe Liebe entſagt habe. Nach man⸗ chem ſchmerzlichen Kampf, nach manchem frucht⸗ loſen Verſuch, das harte Vaterherz zu etweichen, ließ — 237 — Baminta ſich zu einer Entfuͤhrung bereden; ſie wurde heimlich mit P. getraut, und Beide verbargen ſich dann in einem kleinen, von dunkeln Waldungen umgebenen, einſam und abgelegen liegenden Haͤus⸗ chen, das, nur einige Meilen von der Hauptſtadt entfernt, Yaminta's Wunſch, in der Naͤhe ihres Vaters zu bleiben, um einen guͤnſtigen Zeitpunkt zur Verſohnung mit ihm augenblicklich benutzen zu koͤn⸗ nen, zu erfuͤllen verhieß. Hier, in ſtiller Abgeſchie⸗ denheit, im Arm der Liebe, verlebte Yaminta einige gluͤckliche Monate, in denen ſie nur von Zeit zu Zeit durch die Erſcheinung finſterer unheimlicher Ge⸗ ſtalten geſtört wurde, die um ihr Häuschen umher⸗ ſchlichen und ihrem Gatten aufzulauern ſchienen, mit dem ſie im geheimnißvollen Verkehr ſtehen mußten, da Yaminta manches Zeichen eines Verſtaͤndniſſes zwiſchen P. und ihnen nicht entging. Es aͤngſtigte ſte, aber es weckte in dieſer reinen Bruſt kein Miß⸗ trauen gegen den Mann, den ſie ſo unausſprechlich liebte, daß ihre Seele keines Gedankens, ihr Herz keiner Regung faͤhig war, die nicht ihm gehoͤrte. Doch alle Wonne der Liebe vermochte nicht die Schwermuth zu erhellen, die von Woche zu Woche P's. Seele duͤſterer umnachtete. Finſtere — 238 — Traume ſtorten ſeinen Schlaf, und oft, in den Au⸗ genblicken der ſeligſten Trunkenheit, ſchreckte es ihn auf aus ihren Armen, trieb ihn fort von ihrem Herzen, hinaus in den dunkeln Wald, hinaus in die finſtere Nacht. Vergebens bot Yaminta allen Zauber, alle Macht der Liebe auf, den boſen Geiſt, der zwiſchen ſie und den Geliebten mit ſolchem Grauſen und immer fuͤhlbarer und mächtiger trat, zu bannen; ſie konnte nur P. das ſchreckliche Ge⸗ heimniß entreißen, das ſeine Seele belaſtete. In namenſoſer Angſt, mit Thränen der tiefſten Reue geſtand er ihr die Verirrungen ſeiner fruͤhern Ju⸗ gend, wie er von adligen, aber armen Eltern ge⸗ boren, hochſt nachlaͤſſig erzogen, in ſeinem vierzehnten Jahre ſchon Officier geworden ſeiz wie ihn Hang zum Spiel und die habſuͤchtigen Raͤnke eines verächtlichen Weibes bei ſeiner Jugend und Unerfahrenheit in Schul⸗ den und Haͤndel verwickelt haͤtten, deren beſchimpfenden Folgen er ſich nur durch die Flucht entziehen konnte; wie er dann, geaͤngſtigt durch Noth und Elend, tiefer und tiefer geſunken auf der abſchuͤſſigen Bahn ſeiner Verirrungen, endlich in eine Geſellſchaft von Gaunern gerathen ſei, die in den mannigfaltigſten Geſtalten Betrug, Liſt und Spitzbuͤberei zu ihrem * f — — 239 — Erwerbszweig gewaͤhlt hatten. P. war beſtimmt, in Stockholm als Spieler aufzutreten, allein er ſah Yaminta; ihr erſter Blick enthuͤllte ihm den Ab⸗ grund, an deſſen aͤußerſtem Rand er ſchwindelnd ſtand; ſein beſſeres Selbſt erwachte; er fuͤhlte in ſich die Kraft, noch umkehren zu koͤnnen, und betete Yaminta als einen ihm von Gott ſelbſt geſandten Rettungsengel an. Sie wurde ſein, und das Ja, das ſie vor dem Altar ausſprach, zerſprengte vollends die maͤchtigen Feſſeln, die das Laſter um ihn geſchlungen hatte; ſeine Seele war gerettet, aber mit tauſend Banden hielten die Verbuͤndeten ſeiner fruͤhern Suͤnden ſein aͤußeres Leben umſtrickt, und alle Verſuche, ſich von dieſen zu loͤſen, ſcheiterten an der boͤsartigen Ver⸗ ſtockung ihrer Hartherzigkeit. Wohin ſollte er ihnen entfliehen? wodurch ſich vor dem Verrath ſchuͤtzen, mit dem ſie drohten, und der nun auch ſein Weib, ſein angebetetes, heilig frommes Weib mit in ſeine Schande verwickeln mußte? Yaminta liebte zu innig, zu wahr, um P. nach dieſem reuevollen Bekenntniſſe ſeiner Schuld zu ver⸗ ſtoßen; ſie erneuerte den Schwur, nie von ihm zu laſſen, ſo wenig im Tode als im Leben, und tren = — mit ihm jedes Ungluͤck zu theilen. Sie drang in ihren Gatten, die Genoſſen ſeiner Verbrechen zu ſich einzuladen, und in aller Wuͤrde und Anmuth ihres Weſens trat ſie unter die Böſewichter und be⸗ ſchwor ſie, ihr den Gatten, den Geliebten freizu⸗ laſſen und ihm zu vergoͤnnen, mit ihr in irgend einem verborgenen Winkel Schwedens oder des Aus⸗ landes, fern von aller Gemeinſchaft mit ihnen, zu leben. Ihre Thränen, ihre Bitten erweichten dieſe ſonſt ſo verhärteten Unmenſchen; ſie gelobten P. Verſchwiegenheit und ſprachen ihn von allen Ver⸗ pflichtungen gegen ihre Bande frei, doch nur unter der Bedingung, daß es ihnen in den nächſten Wo⸗ chen vergoͤnnt bleibe, ſich einige Mal in ſeinem Hauſe zur naächtlichen gemeinſchaftlichen Berathung einzufinden, weil ſie einen Hauptſtreich im Sinne hätten, nach deſſen Ausfuͤhrung ſie ſo geſonnen wa⸗ ren, ſich fuͤr einige Zeit zu zerſtreuen. Die Noth⸗ wendigkeit ließ hier Yaminta und P. keine Wahl, ſie mußten dieſen Vorſchlag eingehen. In der dritten dieſer naͤchtlichen Verſammlungen, die zugleich die letzte ſein ſollte, wurde das Haus plötzlich von Sol⸗ daten umringt, und trotz der tapfern Gegenwehr der Boͤſewichter, die vielen von ihnen das Leben koſtete, — 241 — wurden funf derſelben gefangen, mit ihnen P. und Yaminta. Der Richter, dem die Unterſuchung auf⸗ getragen war, erkannte dieſe, und der Koͤnig, den er davon benachrichtigte, befahl, ſie ohne Verhoͤr dem alten Grafen in's Geheim auszuliefern, da er die Ehre und den Namen der Familie ſchonen wollte. Des Vaters Schmerz laͤßt ſich nicht ſchildern, als er auf dieſe Weiſe Nachricht von ſeiner Tochter be⸗ kam; ſein Stolz hatte dem Publicum ihre Flucht verhehlt, und er das Geruͤcht verbreitet, ſie ſei zu einer Tante gereiſet, die in einer der nordlichſten Provinzen Schwedens lebte, und nur unter der Hand forſchte er ſorgfältig nach ihrem Aufenthalt und ihrem Schickſal. Auf mehrere falſche Anzeigen hin, glaubte er, P. habe mit ihr das Land verlaſſen und ahnete nicht, daß die Verlorne, ſchmerzlich Beweinte ihm ſo nahe war! — Aber ſo weich und zaͤrtlich auch die Sehnſucht des Vaterherzens nach der einzigen Tochter war, haͤtte er ihr doch lieber den Dolch mit eigner Hand in die Bruſt geſenkt, als ſie jetzt als die Gattin eines Verbrechers wiedergeſehen. Er warf ſich dem Koͤnig zu Fuͤßen und erhielt von ihm die Zuſicherung, daß das tiefſte Geheimniß Yaminta's Verbindung mit der Gaunerbande verhuͤllen ſolle und Tarnow's Schriften IX. 11 — — er gnädig jede Maßregel genehmigen wolle, die der Graf ergreifen werde, ſie unerreicht vom Verdacht wieder in die Welt einzufuͤhren. P. mußte aber auf jeden Fall das Opfer fuͤr Yaminta's Ehre wer⸗ den und aus dem Reiche der Lebenden verſchwinden. Jetzt erſt konnte ſich der Graf entſchließen, ſeine Tochter wieder zu ſehen, und das nicht als zuͤrnen⸗ der Richter, ſondern als verzeihender Vater. Seine Liebe und Milde brach Yaminta's Herz in Reue, ihn betruͤbt und verlaſſen zu haben; aber ſie war jetzt Gattin; ein heiliger Eid hatte ſie andern, eben ſo ernſten, eben ſo frommen Pflichten geweiht, als es ihre Tochterpflicht war; der Preis, um den ſie jetzt die Verzeihung des Vaters, ſeinen Segen und zugleich mit dieſem allen Glanz des Reichthums und des Adels, alle Freuden, die die Welt der Jugend zu verheißen vermag, erkaufen ſollte, war ihr Gatte! war der Mann, den ihre Liebe der Hoͤlle abgewonnen hatte, um ihn mit Gott zu verſoͤhnen! Für ſolchen Preis hätte ihr Herz ſelbſt die Seligkeit nicht er⸗ kaufen moͤgen. Sie ſuchte und fand Gelegenheit, ſich dem Konig zu Fuͤßen zu werfen; er gewährte ihrem Flehen P's. Leben, deſſen Todesurtheil er in ewige Verbannung in Fahluns lichtloſe Unterwelt umaͤnderte; allein er legte zu dem Willen ihres Va⸗ ters auch noch das volle Gewicht der Koͤnigsgewalt, und gebot ihr Scheidung und vor der Welt gaͤnzliche Verlaͤugnung des Verbrechers, dem ſie vor Gott — 243 — unverbruͤchliche Treue gelobt hatte! — Sie konnte nicht gehorchen. Noch einmal entfloh ſie dem Vaterhauſe und folgte auf abgelegenen Wegen dem Karren, der die Verbrecher an den Ort ihrer Beſtimmung fuͤhrte. Sie kam bei Storgrufva in dem Augenblicke an, als die letzten dieſer Ungluͤcklichen hinabgeſenkt wurden. Vergebens flehte ſie, auch ſie einzunehmen, man wies ſie zuruͤck; da faßte ſie in verzweiflungsvoller Hoffnungsloſigkeit das Seil der niederfahrenden Tonne und trotzte der augenſcheinlichen Gefahr, an dem ſpitigen Geſtein zerſchmettert zu werden, oder wenn ihre Kraft ſie verließ, rettungslos in den Abgrund zu ſtuͤrzen. Mit blutgefaͤrbten Haͤnden kam ſie halb todt in der Tiefe an, ihres Gatten Stimme rief ſie in's Leben zuruͤck. Keiner der Aufſeher kannte das bleiche, wunderholde Frauenbild, das ſich in die dunkle Tiefe geſtuͤrzt hatte, um den Mann ihrer Liebe aufzuſuchen, ſein hartes Schickſal mit ihm zu theilen und die Nacht ſeines Daſeins durch das hohe Sternenlicht unerſchuͤtterlicher Treue zu erhellen; aber keiner war grauſam genug, ſie von P. trennen zu wollen. Ihr Name und ihr Schickſal blieb ein, Geheimniß, man vergönnte ihr unten zu bleiben und raͤumte ihr eine eigne kleine Huͤtte ein, die ſie mit P. bewohnte, und während auf der Oberwelt ihr Vater die Entflohene fuͤr todt ausgab und ſie als todt beweinte, ſchmuͤckte ſie die Unterwelt, in — 244 — die ſie hinabgeſtiegen war, mit den Bluthen frommer Liebe und Treue, und reinigte und veredelte das Herz ihres Gatten bis zum freudigen Erdulden der Buße, die ihm ſuͤhnend auferlegt worden war. Erſchuͤttert und mit tiefverletztem Herzen kehrte ich zur Oberwelt zuruͤck. Wenig nur hatte ich thun koͤnnen, um Yaminta's Schickſal zu erleichtern und noch weniger durfte ich hoffen, ſie dem Grabe, in dem ich ſie zuruͤcklaſſen mußte, entreißen zu können, wenn es mir nicht gelang, Gnade fuͤr P. zu erhal⸗ ten. Ich flog nach Stockholm; ein edler junger Fuͤrſt, in deſſen reinem Herzen Liebe und Treue noch den vollen Anklang unentweihter Jugendbegeiſte⸗ rung finden, ward Yaminta's Fuͤrſprecher bei ſeinem königlichen Vater. P. erhielt die Erlaubniß, das Licht wieder zu ſchauen und aus der dunkeln Tiefe zuruͤckzukehren auf die Oberwelt. Fern von der Welt lebt er unter fremdem Namen mit Yaminta in Her⸗ jedalen auf einem der ihr von mir zuruͤckgegebenen Guͤter ihres Vaters, ein Leben, zu ernſt fuͤr die Freude, zu ſchoͤn fuͤr den Gram, aber einer unſterblichen Hoffnung! ——