Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Otimann in Gießen, pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ. 3 beträgt: Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: f ——— ——— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 W. — Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. * 7 reet Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. Siebenter Band⸗ Vei Carl Focke in Leipzig ſind erſchienen, und durch alle gute Buchhandlungen zu beziehen: Ausgewählte kleine Original⸗Romane der beliebteſten deutſchen Erzaͤhler und Erzaͤhlerinnen. Sieben Theile Snthalten ur Das Maͤhrchen, von L. Kruſe. — Albert, von C. Herloßſohn. 2r d'Aubigné, von G. Sellen. — Vergißmeinnicht, von C. Herloßſohn. — Baſe Schlick aus Glo⸗ gau, von Fr. Lohmann. zr Die Graͤfin Puttlitz, von Fr. Lohmann. — Der Frauerritter, von Derſekben. — Der Freiſchuͤtz im Rieſengebirge, von C. Herloßſohn. 4r Mutter Cary's Kuͤchlein, von H. Smidt. — Ge⸗ heim und Oeffentlich, von Demſelben. — Der Rubin, von Charlotte Birch⸗Pfeiffer. 5r Herr Auguſt Grund. Ein Bild aus der wirklichen Welt, nach Thatſachen bearbeitet von H. Smidt. — Eine Skizze aus dem Leben Catharina's d. Zweiten, von Charl. Birch⸗Pfeiffer. 6r Der pommerſche Neffe, von Freimund Ohne⸗ ſorgen. — Die Ehre des Herzens, von Fr. Laun. — Thekla von der Aue, von Fr. Lohmann. 7r Der Reiſehofrath, von Fr. Laun. — Gluͤck aus Ungluͤck, von H. Smidt. — Die weiße Roſe, von S. May. — Die beiden Bilder, von L. Halirſch. — Die Verlobungen, von H. Smidt. A uswahl a us Fanny Tarnow's Schriften. P Siebenter Band. Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. IJnhale. — Erinnerungen aus Franzisca's Leben. Eudoria Feodorowna, Kaiſerin von Ruß⸗ land. Cäcilie. Eine Eheſtandsgeſchichte. Erinn r 9en aus ranzisca's Leben, ihren jungen Freundinnen gewidmet. —— ——— — — — De Glocken der Pfarrkirche läuteten zur Beichte ein, welche wir Kinder, die wir am kuͤnftigen Tage öffentlich vor der Gemeinde eingeſegnet, und zum erſten Mal das Abendmahl empfangen ſollten, un⸗ ſerm wuͤrdigen Lehrer, als ein Zeugniß unſorer Ueberzeugungen, Empfindungen und Vorſätze, am Sonnabend Abend in der Kirche ablegen ſollten. Er hatte uns am Morgen in der letten Lehrſtunde mit Liebe und kuhrung zu der Herzenspruͤfung ein⸗ geſegnet, die dieſe feierliche Handlung von uns for⸗ derte, und uns vorzuglich darauf aufmerkſäm gemacht, wie oft wir wohl nicht unſere Eltern und Geſchwiſter durch Ungehorſam, Haſtigkeit, Leichtſinn und Lieb⸗ loſigkeit betruͤbt hätten, und wie wir der heiligen Feier des Bundesmahles unwuͤrdig ſein würden, wenn wir uns nicht mit Allen durch Bitte um Vet⸗ zeihung, und durch den ernſtlichen Entſchluß und das Geluͤbde, aͤhnliche Vergehungen auf das Sorg⸗ ſamſte meiden zu wollen, verſöhnt haͤtten. Tiefer —— bewegt, denn je vorher in meinem Leben, ſtand ich, als die Glocken mich riefen, von dem Gebet auf, in welchem ich Gott Seele, Herz und Leben uͤber⸗ geben hatte, und trat in das Zimmer meiner guten Mutter. Ich warf mich in ihre Arme, ſtammelte ihr weinend meinen Dank fur die unaus ſprechliche Liebe, mit der ſie mich von dem erſten Hauch meines Lebens bis zu dieſem Tage geleitet und begluͤckt hatte, und bat ſie, mir alle meine begangenen Fehler zu vergeben, und fuͤr mich zu Gott zu beten, daß er mir Kraft ſchenke, recht gut und fromm zu werden, um ihr meinen Dank fuͤr ihre Muttertreue und Zaͤrtlichkeit beweiſen zu können. Sie druͤckte mich feſt an ihr Herz, kuͤßte mich, und nannte mich mit Thraänen ihr gutes, liebes Kind, von dem ſie hoffe, daß es ſtets das Gluͤck ihres Lebens bleiben werde. Schwei⸗ gend ruhten wir einige Minuten in inniger Umar⸗ mung an einander, dann ſank ich vor ihr nieder und bat ſie um ihren Segen. Sie legte ihre theure, fromme Hand auf mein Haupt und ſprach die Worte aus, die mir die Richtſchnur meines Lebens geblieben ſind: „Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen, und huͤte Dich, daß Du in keine Suͤnde willigſt.“ Nun fuͤhrte ſie mich zu meinem Vater. Der ernſte, gegen Frau und Kind ſtets einſylbige Mann bog ſich, als ich ſeine Hand an meine Lippen druͤckte, zu mir nieder, mich auf die Stirn zu kuͤſſen: „Du haſt eine brave Mut⸗ ter, „ſagte er,“ gib Dir Muͤhe, ihr aͤhnlich zu wer⸗ den; Beſſeres weiß ich Dir nicht zu wuͤnſchen.“ Dies Lob meiner Mutter, das ich zum erſten Mal von dem Vater hoͤrte, begluͤckte mich ſo, daß ich, der gewohnten ehrfurchtsvollen Scheu vergeſſend, mich um ſeinen Hals warf; er druͤckte mich liebevoll an ſein Herz, und umſchloß mit dem andern Arm meine Mutter, die wie verklaͤrt auf uns hinblickte. Nie habe ich dieſes Auftrittes vergeſſen; er iſt mir zeitlebens eins der theuerſten Heiligthuͤmer mei⸗ ner Erinnerung geblieben. Meine Mutter war wohl eine der ſchoͤnſten, froͤmmſten und liebevollſten Seelen, die je hienieden vor Gott in Demuth und Treue gewandelt haben. Ich war ihr einziges Kind, und Alles was Gutes an mir iſt, habe ich ihr allein zu danken. Noch jetzt bin ich mir keines Gefuͤhls, keines Gedankens als meines ausſchließlichen Eigenthums bewußt; mir iſt noch jetzt, viele Jahre nach ihrem Verluſt, als wenn ſie in mir fortlebe, und je reiner und ſtiller S = 4 — ich in mir ſelbſt zuruͤckgezogen lebe, je lebendiger und begluͤckender wird in mir das Gefuhl dieſer noch fortdauernden Verbindung, und die Sehnſucht der unausſprechlichen Liebe, die mir meine Wiedervereini⸗ gung mit ihr im Himmel verbuͤrgt. Ach, ſo wie fie mich liebte, wird man auch nicht zweimal im Leben geliebt! ſo feſt, ſo unzertrennlich, ſo unwan⸗ delbar treu iſt nur ein Mutterherz mit unſerm Her⸗ zen Eins! — Gern moͤchte ich Euch, meine lieben jungen Freundinnen, viel von der herrlichen Frau erzaͤhlen, allein ich kann Euch nur darſtellen, wie ſie mich erzog, und Euch darin den Geiſt und den Sinn andeuten, in dem ſie handelte und lebte. Nicht alle Tochter haben das Gluͤck, erzogen zu werden, wie ich es wurde; allein in dem Alter, worin Ihr, meine Lieben, ſeid, könnt Ihr unter dem Schutz und Beiſtand des himmliſchen Vaters Euch ſelbſt erziehen, und Euch dadurch faͤhig und wuͤrdig bilden, Andere zu erziehen, und da denke ich, was wirklich aus der tief empfundenen Wahrheit Eines weiblichen Gemuͤths und Lebens hervorging, ſpricht gewiß meh⸗ rere weibliche Herzen an. Doch nur die Richtung, die meine Mutter meiner Erziehung gab, nur den Sinn, in dem ſie mich leitete, kann ich Euch in — — einigen Umriſſen andeuten, nicht Euch ein Gemalde davon geben. Den Zweck aller Menſchenbildung und Erziehung fand meine Mutter in dem Beſtreben, meinem Blick eine Richtung uͤber das Iidiſche hinaus, auf das Ideal eines ſittlich⸗religiöſen Sinnes und Wandels zu geben. Sie legte in mein Leben den ewigen, unausſprechlichen Segen, daß ſie fuͤr meine ganze Denk⸗ und Empfindungskraft den Gedanken an Gott zur Gewohnheit, zur Wurzel meines Daſeins machte, und das nicht durch Lehre, ſondern durch das Beiſpiel ihrer eignen Froͤmmigkeit und der Hei⸗ ligkeit ihrer Geſinnung. Nie war in ihrem Betra⸗ gen etwas, das meinen kindiſchen Verſtand auf den Gedanken hinzulenken vermochte, mein Thun und Wollen ſolle ſich nach der Willkuͤr ihres Sin⸗ nes richten; jedes ihrer Gebote — von Verboten hielt ſie nicht viel — war immer Hinweiſung auf ein hoͤheres Geſetz, dem auch ſie ſich in Ehrfurcht, Freudigkeit und Gehorſam unterworfen zeigte. Sie glaubte, daß es, je juͤnger ein Kind, auch je leichter ſei, ſein Herz Gott zuzuwenden, und in ihm eine, in ſpätern Lebenszeiten jeder irdiſchen Neigung über⸗ mächtige Liebe zu religiöſer Sittlichkeit zu erwocken — 14 — Nur dachte ſie dabei an keinen eigentlichen Unterricht, ſie glaubte, der Einzelne muͤſſe erzogen werden, wie Gott das Menſchengeſchlecht erzogen hat, und die Gotteserkenntniß des Kindes muͤſſe an Erzählung, nicht an Lehre geknuͤpft werden. Sie wollte nicht die Religion auf die Moral, ſondern umgekehrt dieſe auf jene gruͤnden, und durch Glauben, Gehorſam und Liebe den Verſtand zu einer Zeit „ wo er noch nicht nach Grunden forſcht, fuͤr die Religionswahrheiten empfaͤnglich machen, deren Begruͤndung durch die Beſtaͤ⸗ tigung der Vernunft er ſich ſelbſt erſt viel ſpaͤter abfor⸗ dert. Die Natur des Kindes begehrt lebendige Darſtel⸗ lung Bild, Geſchichte, nur das Wunderbare und dann das ganz Einfache, Rein⸗Menſchliche macht Eindruck auf Kinder und ergreift ihre Phantaſie. Meine Mutter fand für meine Kinderjahre nichts, was ihren Forderungen an den Bildungsſtoff fur dieſelben ſo entſprach, als eine zweckmäßige Auswahl bibliſcher Erzählungen, wobei ſie auch den Werth der Liebe in Anſchlag brachte, die wir Alle zeitlebens für die Buͤ⸗ cher behalten, die wir als Kinder mit Luſt und Liebe geleſen haben. Man ſollte Kinder auf das Sorg⸗ fältigſte vor jedem raſchen Wechſel der Eindrucke wahren, und ſich daher auch huͤten, ſie viel und — 2½ — mancherlei leſen zu laſſen. Es iſt mit den vielen Kinderbuͤchern, die jetzt geſchrieben werden, und die man in bunter Miſchung den Kleinen in die Hände gibt, wie mit den vielen und koſtbaren Spielſachen, die ihnen heut zu Tage das Spielen verkuͤmmern, weil ſie die reiche Phantaſie der Kinder einengen, und ihr die Fluͤgel beſchneiden. Wenn ein Kind viel und mancherlei lieſet, ſo verdrängt eine Ge⸗ ſchichte die andere, ohne daß eine aus dem Leſen geſchöpfte Idee in der Seele feſtwurzelt, und die Folge davon iſt, daß der Buchſtabe den Geiſt tödtet. Was man Kindern zu leſen gibt, laſſe man ſie oft, ſo oft leſen, daß der Geiſt des Geleſenen in en ihren uͤbergehe, und unverlierbar ihr Eigenthum werde; denn entbehren kann und ſoll das Kind dieſe Nahrung durch fremde Gedanken ſo wenig, als ſein Körper der Speiſe. Man glaubt, die lieben Kleinen durch Buͤcher klug machen zu koͤnnen; aber gerade dadurch werden ſie dumm; ſie ſollen lernen und nicht wiſſen. Von unſchatzbarem Werth iſt es auch ſir mich daß meine Mutter bei meiner Erziehung einen alten, aus der Mode gekommenen Brauch in Ehren hielt, und mich viele ſchoͤne geiſtliche Lieder — 16 — und Spruͤche, unter andern auch die Geſaͤnge des frommen Gellert's auswendig lernen ließ. Das Ge⸗ daͤchtniß iſt die Vorrathskammer, aus der die Seele in reiferen Jahren die Ideen ſchoͤpft, aus denen ſie ſich ihre Lebensanſichten und Grundſätze bildet; wird dieſe Seelenkraft nun nicht in der Kindheit ſorgfäͤltig geuͤbt und entwickelt, ſo ethaͤlt ſie nie die Macht, das Erlernte feſt zu halten, und es ſich in dem Augenblick zu vergegenwaͤrtigen, wo der Geiſt deſſel⸗ ben bedarf, und wer dies nicht kann, fuͤr den iſt Alles, was er weiß und was er gelernt hat, nur ein todtes Capital. Man beruͤckſichtigt in der Er⸗ ziehung das Gedaͤchtniß gewohnlich nur als eine geiſtige Kraft, und beachtet nicht genug, wie unaus⸗ bleiblich die Schwaͤche deſſelben eine Quelle morali⸗ ſcher Vergehungen werden muß, da dann die Kraft mangelt, fromme Entſchluͤſſe und Gefuͤhle in der Seele feſt zu halten, und ihrer eingedenk zu bleiben⸗ Und woran wollt Ihr das Gedaͤchtniß der Kinder beſſer uͤben, als an dem Auswendiglernen frommer Lehren, die, in ihm bewahrt, faſt unausbleiblich fuͤr eine ſpaͤtere Zeit edle Vorſätze in ihnen erzeugen, und ſie mit den erhabenſten Ideen der Selbſtver⸗ läugnung und der Hingebung, der Tugend und Got⸗ tesfurcht vertraut machen? — Man wendet gewoͤhn⸗ lich dagegen ein, daß den Kleinen der Sinn des Gelernten nicht immer klar iſt; allein ich halte es auch nicht fuͤr nothwendig, daß Alles, was ſie aus⸗ wendig lernen, bei ihnen gleich zum klaren Begriff werde; Vieles davon kann ohne Nachtheil in ihrem Gedaͤchtniß aufbewahrt werden, bis ein Vorfall, ein äußerer Anlaß es ihnen deutlich macht. Es kommen Augenblicke im Leben, wo jene frommen, fruͤh in das Gedaͤchtniß niedergelegten Gedanken erwachen und uns dann zu einer ſittlichen Kraftäußerung ſtaͤr⸗ ken und ermuntern, deren wir vielleicht nicht faͤhig ſein wuͤrden, wenn der Keim, dem ſie entſprießt, nicht in fruͤheren Zeiten in uns gepflanzt worden waͤre. Und ſelbſt dann, wenn der Buchſtabe des Gelernten in uns wieder verloſchen ſollte, was doch gerade bei dem, was wir als Kinder auswendig lernen, ſelten der Fall iſt, bleibt doch gewiß Vieles von dem, was er bezeichnete, in der Seele zuruck. In wie mancher truben Lebensſtunde hat mich nicht ein Troſtſpruch gekraftigt, an den ich feit Jahren nicht gedacht hatte, und der mir nun, gerade wo er mir Noth that, wieder beifiel! Ich danke es meiner Mutter noch im Grabe, daß ſie mich als Kind viel auswendig lernen ließ, doch, wie — 18 — es ſich von ſelbſt verſteht, mit weiſer, zweckmäßiger Auswahl und keineswegs mit einer Anſtrengung, die uber meine Jahre ging, und meine Kraft verzehrt hätte, ſtatt ſie zu uͤben und zu entwickeln. Ueberhaupt mißbilligte es meine Mutter, wenn meine Lehrer mir den Unterricht zu leicht zu machen ſuchten, und nie litt ſie es, daß ich das Lernen wie ein Spiel betreiben durfte. Sie meinte, was Kin⸗ der auf ſolche Weiſe lernten, habe keinen Werth fur ſie; ſie achten bei dem Unterricht nur das, was ſie mit dem Gefuhl eines mit Anſtrengung erworbe⸗ nen Schatzes lohne. Es komme ja bei dem Unter⸗ richt, wie bei der ganzen Erziehung, doch zuerſt un⸗ verzuglich auf die Entfaltung und Uebung der See⸗ lenkrafte, auf den Gewinn an, den der hoͤhere Reich⸗ thum der Idee dem innern geiſtigen Leben ſichre, und aus dieſem Geſichtspunkt betrachtet, ſei es vor⸗ zuglich ſchaͤdlich, Kindern Alles ſpielend beibrinzen zu wollen. Man duͤrfe manche Arbeit, manchen Unterricht mit ihnen als Spiel treiben; aber mit der Arbeit und dem Unterricht ſelbſt durfe nie geſpielt werden, ſondern das Lernen ſoll ihnen eine Voruͤbung zu dem Ernſt und der Tuͤchtigkeit und der Berufstreue ſein, die das Leben von jedem Ein⸗ — — zelnen fordere. Alle Tugend ſei auf Selbſtbeherr⸗ ſchung gegruͤndet, und dieſe wieder nur auf Gehorſam und Fleiß. Kindern den Ernſt und die Muͤhe des Lernens erſparen zu wollen, heiße ſie verziehen, ſtatt ſie zu erziehen; faßlich muͤſſe man ihnen Alles machen, nicht leicht. „Was kann aus einem Kinde werden,“ fragte ſie oft, „wenn man ihm die Arbeit zum Spiel zu machen ſucht, und jedem ſeiner Wuͤn⸗ ſche und Geluͤſte auf halbem Wege entgegen kommt? Muß ihm da nicht der Fleiß als Buͤrde, Gehorſam als Laſt erſcheinen? muͤſſen nicht dadurch Widerſetz⸗ lichkeit, Flatterhaftigkeit, Leichtſinn und eine entſchie⸗ dene Abneigung gegen Alles, was Muͤhe und Opfer koſtet, einem ſolchen Weſen zur zweiten Natur werden?“ Gegen Mädchen, glaubte meim Mutter, muͤſſ man in dieſer Hinſicht noch ſtrenger ſein, als gegen Knaben. Gehorſam, Selbſtverlaͤugnung, freudiges, williges Fuͤgen in abhaͤngige Verhaͤltniſſe ſeien nun einmal die unausweichlichen Bedingniſſe des weiblichen Gluͤckes, wie dieſes durch unſre burgerlichen Verhältniſſe modificirt werde, und Maͤdchenerziehung muͤſſe daher ſchon in fruͤheſter Kindheit eine ſo ununterbrochene Uebung in dieſen Tugenden ſein, daß ſie nicht als Pflichtuͤbung, ſondern als Gewohnheit des Daſeins — 20 — ihnen zur Natur werde. Was ich lernte, mußte ich gruͤnd⸗ lich lernen, aber ich ward nicht in Vielem unterrichtet, und vorzuglich war meine Mutter dem, was man in un⸗ ſern Zeiten eine äſthetiſche Bildung nennt, unguͤnſtig ge⸗ finnt; ſie meinte, dieſe rege meiſiens nur ein phantaſti⸗ ſches Schönheitsgefuͤhl im Menſchen auf, und ſpiele ihm täuſchend und vorübergehend eine ſittliche Kraft vor, die nicht im Charakter durch ſie begruͤndet werde, und daher ſich auch nicht im Drang der Wirklichkeit vewähre. Sie wollte mich durchaus zu nichts, als zu einem fleißigen gottesfuͤrchtigen Maͤdchen bilden⸗ Liebes junges Mädchen, das du hier die Be⸗ ſchraͤnktheit, in der und fuͤr die ich erzogen wurde, belaͤchelſt, haſt du, das du vielleicht ſchoͤn ſingen, tanzen, malen, Clavier ſpielen kannſt, das du viel⸗ leicht fertig franzöſiſch, italieniſch und engliſch ſprichſt, und Gott weiß, was ſonſt noch Alles füͤr modiſche Fertigkeiten und Kenntniſſe beſitzeſt: haſt du dich ſchon irgend einmal ernſtlich befragt, ob du denn auch gelernt haſt, was dich in Stunden des Leidens zu erheitern, Geduld in dein Herz zu bringen ver⸗ mag, und Freudigkeit des Gehorſams und der Liebe zu Gott? Präfe dich einmal, ob du weißt, was Gottesfurcht und Gottesliebe iſt. Wahrſcheinlich — — — haſt auch du, wie ſo viele Maͤdchen unſerer Zeit, ohne der Froͤmmigkeit zu ſpotten und ohne ihrer zu achten, die Belebung und die Stärkung deines reli⸗ giöſen Sinnes bis jetzt ganz außer Acht gelaſſen, weil du zu der Sammlung und der Pruͤfung, die ſie fordert, ſo wenig Luſt und Antrieb, als den dazu erforderlichen Ernſt in dir gefunden haſt; du hältſt dich dabei fuͤr gut und unverdorben — aber woher nimmſt du die Sicherheit, es zu bleiben? — Hoffent⸗ lich iſt dein Herz, wie dein Leben, rein, aber biſt du frei von Leichtſinn? frei von Muͤßiggang, Eitel⸗ keit, Putzſucht, Gefallſucht, frei von Neid, Falſch⸗ heit und Hochmuth? Weißt du um den furchtbaren Zuſammenhang, in dem die fehlerhaften Neigungen unſers Herzens mit den laſterhaften ſtehen? — und wenn du nicht jetzt, in der Furcht und der Liebe Gottes dich uͤbſt, deine kleinen Fehler zu bekämpfen, woher willſt du dann die Sicherheit nehmen, einſt keine pflichtvergeſſene Gattin, keine thorichte Haus⸗ frau, keine ſtrafbare Mutter zu werden? — Wähne nur nicht, mit der angebornen Gutmuͤthigkeit deiner Natur die Verſuchungen des Lebens beſtehen zu können; dieſer Wahn iſt eben ſo ſchädlich als allge⸗ mein; nur auf den erhabenſten Hohen der Menſch⸗ — — heit, nur bei den Helden der Sittlichkeit wohnt die Freiheit, die keines Geſetzes mehr bedarf, weil die geläuterte Seele in einem Elemente des Sittlich⸗ Schoͤnen lebt, das auch den Gedanken, der da ver⸗ ſucht, ſchon von ihr fern haͤlt; fuͤr uns Andere Alle iſt und bleibt das Leben ein Kampf und Ge⸗ brechlichkeit unſer Loos. Ehre daher den reinen Sinn meiner frommen Mutter und ihre Ueberzeu⸗ gung, daß Gottesfurcht das einzige haltbare Funda⸗ ment fuͤr jedes Menſchendaſein, der kraͤftigſte, ja der allein in der Seele mächtige Verpflichtungsgrund zur Tugend ſei. Wo die Liebe und der Gehorſam Gottes nicht dem Willen eine gleiche, ganz unver⸗ änderliche Richtung geben, und alle unſere Kraͤfte in Einem Beſtreben vereinen, da reicht auch die glänzendſte geiſtige Bildung nicht hin, uns dem Joch der ſinnlichen Triebe zu entziehen. Die Furcht und die Liebe Gottes wehrt bei Frauen — und bei Maͤn⸗ nern auch — dem Unrecht beſſer, als Verſtand, Gewiſſen und Grundſaͤtze es zu thun vermoͤgen. Meine Mutter hielt es fuͤr gefährlich, den Reli⸗ gionsunterticht fuͤr die ſpäteren Jahre aufſparen zu wollen; ſie meinte, man muͤſſe den Leidenſchaften einen Damm entgegen werfen, noch ehe ſie anfluthen — 2½5 — und wer ſich in der Jugend zum vertrauten Umgang mit Gott gewoͤhne, gewinne dadurch die Kraft, ſich von den ſchweren Erdenfeſſeln der Sinnlichkeit und der Eitelkeit zu befreien, und den Beiſtand zu erhal⸗ ten, deſſen wir beduͤrfen, um die Verſuchung zu be⸗ ſiegen, die vielgeſtaltet ſich dem Herzen naht, ſo lange es noch in einer irdiſchen Bruſt ſchlägt. Habe der gedankenloſe, ungezuͤgelte Trieb der irdiſchen Luſt ſchon die Macht der Gewohnheit uͤber uns gewonnen, dann finde das Himmliſche keinen Eingang mehr in unſer Gemuͤth und ihm ſei dann keine Stelle mehr offen, wo es Wurzeln ſchlagen könne. Sie glaubte, keine Aufſicht koͤnne mir das leiſten, was mir der Glaube an Gottes Allgegenwart leiſten werde, wenn ſie dieſen in mir erwecke und mich fruͤh daran ge⸗ wohne, ihn mir als den unſichtbaren Zeugen meiner Handlungen, als den Wiſſer aller meiner Gedanken immer gegenwaͤrtig zu denken. Mit inniger Rüh⸗ rung, mit Thraͤnen rufe ich es mir noch heut zuruͤck, wie bei dem erſten Aufdämmern meines Bewufßtſeins, dem erſten Erwachen meines Herzens die Liebe zu meiner unvergeßlichen und unerſetzlichen Mutter der Liebe zu Gott in meiner Seele die Stätte bereitete, und wie ich durch Mutter- und Kindesliebe fähig — 28 — ward, Gott zu lieben. Wie leicht ward es mir, als Tochter, Unterordnung meines Willens unter einen höheren, Gehorſam aus Liebe, unbedingtes Ver⸗ trauen zu begreifen und zu lernen! Wie fand der edelſte Trieb der menſchlichen Seele, der Trieb, das Beſſere zu lieben und nicht ſich, in meiner kind⸗ lichen Seele ſchon Entwickelung und Befriedigung! — Wie haͤtte ich, die ich meine Mutter leben und beten, handeln und empfinden ſah, nicht lernen ſol⸗ len, Gott zu lieben und ſeine Gebote zu ehren, da all ihr Thun ein reiner Gottesdienſt demuͤthiger Liebe war! Wie furchtbar, wie ſeelverderbend muß es aber fuͤr junge Gemuͤther ſein, wenn Menſchen, denen es ſelbſt mit ihrer religisſen Geſinnung kein Ernſt iſt, Kinder zur Gottesfurcht abrichten wollen! — Nie kann und wird die Heuchelei der Wahrheit ihre Einfalt und ihre goͤttliche Kraft, ſich Eingang in unverdorbene Seelen zu verſchaffen, abzuborgen ver⸗ mogen und die Luͤge der Geſinnung vergiftet dann unausbleiblich das Schoͤnſte, was es hienieden gibt, eine Kinderſeele voll Unſchuld und Vertrauen. um mich vor dieſer Gefahr zu ſchützen, ließ meine Mut⸗ ter, die den Beichtvater unſers Hauſes nicht achtete, — mich an den Religionsunterricht, den er zur Vor⸗ bereitung auf die Confirmation gab, keinen Antheil nehmen. Sie glaubte uͤberhaupt, die Wahrheit und die Freudigkeit der chriſtichen Religion ſei an keine beſtimmte Confeſſion gebunden, und Alles, was zu den Dogmen unſter Kirche gehoͤrt, blieb mir in meinen Kinderjahren ganz fremd. Das Beſtreben meiner Mutter war vorzuglich darauf gerichtet, mein Herz mit der Liebe zu Gott zu erfullen und es da⸗ durch fuͤr das Gute zu gewinnen. Ausrotten, glaubte ſie, muͤſſe man keinen Trieb, der in der Seele des Kindes ſich zeige, ſondern nur darnach ſtreben, ihn dem ſittlichen Geſetze unterthan zu machen. Die Affecten, Neigungen und Leidenſchaften der menſch⸗ lichen Seele galten ihr fuͤr den Stoff, an dem unſte Kraft ſich üben ſoll, fuͤr den rohen Marmorblock, aus dem ſie ein Gottesbild bilden kann und ſoll. Wovor mich meine Mutter aber auf das Angelegent⸗ lichſte zu ſchuͤtzen ſuchte, waren die Fe hler, die man den Frauen in der Regel Schuld gibt: Leichtſinn, Eiteikeit, Abhängigkeit von dem Wechſel außerer Ein⸗ druͤcke und Charakterloſigkeit; Fleiß und Selbſtbeherr⸗ ſchung waren die Seelenarznei, die ſie mir dagegen anpries. Ich durfte nie muͤßig ſein und kein Tag Tarnow's Schriften. VI. 2 — 26 — verging, an dem ich mich nicht freiwillig in der Ent⸗ ſagung irgend eines kleinen Vergnuͤgens, irgend eines kleinen Genuſſes geuͤbt haͤtte. Als vorzuͤglich heil⸗ ſam habe ich beſonders dieſen letzten Theil meiner Etzithung bewährt gefunden, und jede von Euch, meine jungen Freundinnen, die ſich an dieſe kleinen Entſagungen und Entbehrungen zu gewoͤhnen ſucht, wird die große Nutbarkeit davon ebenfalls bewäͤhrt finden. wuchs ich heran in ſtiller Haͤuslichkeit, am Herzen meiner Mutter, bis in mein ſechzehntes Jahr, wo meine gute Mutter mich einem wuͤr⸗ digen Geiſtlichen uͤbergab, dem ſie es zur Pflicht machte, die Lehren der Religion jetzt eben ſo feſt in meinem Verſtande zu begrunden, als ſie ſie von Kind⸗ heit auf meinem Herzen einzuprägen bemuͤht geweſen war. Sie war uͤberzeugt, daß die göttliche Lehre der Chriſten von der Gottesgabe, Vernunft, gepruͤft werden muͤſſe, damit dieſe zur klaren Erkenntniß der ihr in Glaubensſachen gezogenen Grenzen gelange. Das Daſein Gottes ſoll nicht bewieſen werden, wohl aber, daß die Vernunft um ihrer ſelbſt willen ſein Daſein anerkennen muß, da ſie ſich nicht fuͤr die Ideale des ſittlichen Lebens entſcheiden kann, ohne — 27 — durch ſie den Glauben an Gott zu gewinnen. Die Vergleichung unſeres chriſtlichen Lehrbegriffes mit andern Glaubensſyſtemen und mit den Reſultaten der ſpeculativen Forſchungen der Weiſen alter und neuer Zeit, wie mein Lehrer ſie mir voruͤberfuhrte, bewaͤhrte mir die Göttlichkeit deſſelben und uͤberzeugte mich, daß die Lehre Jeſu, auch als bloßes Moral⸗ ſyſtem betrachtet, uͤber alle Reſultate der Speculation ſo weit erhaben iſt, daß wir die Göttlichkeit ihres Urſprungs ſchon allein dadurch beweiſen können; ich trat nun mit der allerlebendigſten Ueberzeugung in die Gemeinſchaft der chriſtlichen Gemeinde ein, daß der unbedingte Gehorſam gegen Gott allein die ſitt⸗ liche Freiheit zu erzeugen und zu ſichern vermöge, und mit der ſeligen Zuverſicht, daß eine viel hohere und innigere göttliche Liebe, als das Herz in der irdiſchen Bruſt ſie zu faſſen vermag, mein Schickſal regieren und beſtimmen werde. Dieſe Gewißheit einer Alles umfaſſenden Regierung Gottes iſt eine der großten Wohlthaten unſerer Religion und vermag das ſchwerſte Erdenleid mit dem Lichte himmliſcher Freudigkeit zu erhellen, da Liebe, Gehorſam, Vertrauen und Er⸗ gebung in den Willen Gottes es nie dahin kommen 2* — 238 — mſſen, daß die Stacheln des Erdenleids bis in's inneresLeben eindringen. So dachte, ſo empfand ich am Morgen meines Confirmationstages, und es iſt das reinſte Gluͤck meiner Seele, der erhebendſte Troſt meines Herzens, daß ich Euch, meine lieben jungen Freundinnen, jett am Abend eines viel und ſchwer gepruͤften Lebens mit der Heiterkeit der froheſten Zuverſicht und Dank⸗ barkeit ſagen kann, mein Glaube an Gott, mein Vertrauen zu ſeiner Liebe hat mich nie ſinken, nie verzagen laſſen. Sobald man wahrhaft, mit Herz und Seele Gott liebt und ihm vertraut, ſo vermag durchaus nichts auf der Welt uns ungluͤcklich zu machen. Das Chriſtenthum macht uns nicht gleich⸗ gültig gegen die Leiden und Begebenheiten des Lebens, aber es gibt uns die Kraft, ſie alle nur aus dem Geſichtspunkt unſter Beſtimmung und Erziehung fuͤr die Ewigkeit zu betrachten. Es iſt denen, die es nicht erfahren haben, unglaublich, wie ungefaͤhrdet die freudige Ruhe unſter Seele auch im tiefſten Schmerz bleibt, wenn wir zur unbedingten Hingebung in die Fuͤgungen der Vorſehung gelangt ſind. Auch Ihr, meine lieben jungen Freundinnen, werdet den Wechſel der Erdenſchickſale, die Nichtig⸗ — — keit aller irdiſchen Freude, die Unſicherheit alles ir⸗ diſchen Beſitzes erfahren, und muͤßt darauf bereit ſein, daß Vieles in Eurem kuͤnftigen Leben anders kommen und anders ſich geſtalten wird, als Ihr es wuͤnſchet. Möge Euch denn Allen in den Stunden der Truͤbſal der Troſt nicht fremd und nicht fern ſein, daß uͤber unſer Schickſal keine blinde Nothwendigkeit waltet, ſondern die unendliche Weisheit und Liebe eines Vaters, der uns geliebt hat, ehe wir uns noch von ihm geliebt zu fuͤhlen vermochten. Allein vertraut muß das Herz mit dieſer Ueberzeugung ſein, wenn Ihr ihre himmliſche, Troſt und Muth in die Seele bringende Kraft erfahren wollt. Wer Liebe nicht zu empfinden, nicht zu wuͤrdigen, nicht zu erwiedern vermag, der iſt auch fuͤr ihren Einfluß nicht em⸗ pfaͤnglich, der kann durch ſie nicht beſeligt, nicht ge⸗ bildet, nicht gelaͤutert werden. — 8 „ Am Abend meines Confirmationstages bezog ich ein eignes kleines Zimmer, das meine Mutter fuͤr mich eingerichtet hatte und erhielt zugleich die Schluſ⸗ ſel zu den Schränken, in denen Waͤſche, Glas, Por⸗ zellan und unſer Silberzeug aufbewahrt wurden, die ſie mir nun zur Aufſicht uͤbergab und von dieſem — — — Zeitpunkte an nur alle Vierteljahre nachſah, ob ich mich auch der erforderlichen Ordnung befleißigte. Auch ein zu meiner Kleidung hinreichendes Taſchengeld ſezte ſie mir aus, das ſie mir vierteljährlich aus⸗ zahlte, damit ich ein beſtimmtes Einkommen ein⸗ theilen und das Nuͤtzliche und Nothwendige vor dem Angenehmen beruͤckſichtigen lernte. In Küche und Speiſekammer hatte ich ſchon oft geholfen; jetzt aber machte meine Mutter es mir merklich, daß ich nicht blos mehr ihre Befehle auszurichten, ſondern mich ſelbſt an einen Ueberblick und eine Anordnung des Ganzen, wie des Einzelnen eines Haushalts zu ge⸗ wöhnen habe. Dies Alles bildet und findet ſich ge⸗ woͤhnlich im elterlichen Hauſe nach und nach von ſelbſt, wenn die Mutter es verſteht, ihre Töchter zu Hauswirthinnen zu erziehen; allein ich glaube, daß mir die feſtere Geſtaltung meiner haͤuslichen Thätigkeit, die meine Mutter entſchieden an den Zeitpunkt meiner Confirmation geknuͤpft hatte, ſehr nuͤtzlich geworden iſt; ich fuͤhlte mich dadurch wie mündig geſprochen und nahm alle meine Krafte zu⸗ ſammen, um mich des in mich geſetten Vertrauens wuͤrdig zu zeigen. — Zu meiner moraliſchen Erziehung trug jetzt das Verhältniß zu unſern Dienſtboten bei, das ſich auch bei dieſem Uebergang vom Kinde zur Jungfrau än⸗ derte, weil ſie gewiſſermaßen unter meine Aufſicht und meinen Befehl geſtellt wurden. Gewiß iſt das Benehmen gegen ſie in unſrer Zeit einer der ſchwie⸗ rigſten Punkte der Haushaltungskunſt; doch fur dieſe Bläͤtter kann ich Euch, meine Lieben, nur den Ein⸗ fluß darſtellen, den das Verhaͤltniß zu ihnen auf meine eigne ſittliche Bildung gehabt hat. Ich war von Natur ſehr reizbar und auffahrend; ohne Ge⸗ ſchwiſter aufgewachſeu, hatte dieſer Fehler, meiner Mutter und meinen Geſpielinnen gegenuͤber, keinen rechten Schauplatz zu ſeiner Entwickelung gefunden und ich lernte ihn ſelbſt erſt recht erkennen, als ich nun mit unſern Dienerinnen in alle die kleinen Be⸗ ruͤhrungen kam, die in einer Haushaltung unver⸗ meidlich ſind. Meine Reizbarkeit brachte mich da⸗ hin, daß ich, wenn ich einen kleinen Verdruß in der Wirthſchaft gehabt hatte, beinahe etwas darin ſuchte, ihn Allen merkbar werden zu laſſen, die mich um⸗ gaben. Mir ſelbſt entging meine Verſtimmung nicht; doch anſtatt mich zu bemuͤhen, ihrer Herr zu wer⸗ den, ſtellte ich mich oft noch verdrießlicher, als ich war, um Andere glauben zu machen, daß ich einen wichtigen Anlaß zu meiner boſen Laune habe. Dieſer in meinem Charakter verborgene Fehler trat nun erſt an's Licht und machte mir viel zu ſchaffen, ehe ich ihn zu beſiegen, und mir fuͤr alle die kleinen Ver⸗ drießlichkeiten des hauslichen Lebens Gleichmuth zu erringen vermochte. Meine Mutter bat mich, bei allen ſolchen Anlaſſen ganz vorzuͤglich aufmerkſam auf meinen Sprachton zu ſein, und ſobald dieſer entſtellt, polternd, haſtig, ungeſtuͤm wurde, machte ſie es mir zum Geſetz, zu ſchweigen, und auch bei der triftigſten Veranlaſſung dazu, durchaus dann mit keinem Maͤdchen zu ſchelten. Man laͤuft nie mehr Gefahr, die Achtung ſeiner Untergebenen zu verlieren, als wenn man gegen ſie aufgebracht iſt, und wir haben mehr verloren, als wir je wieder gewinnen konnen, wenn wir uns vom Aerger und Zorn zu einem gemeinen Ausdruck, einer gemeinen Geberde, einer gemeinen Heftigkeit haben hinreißen laſſen. Die Herrſchaft uͤber mich ſelbſt und uͤber die Aufwallun⸗ gen der Reizbarkeit, die ich mir in dem Verhältniß zu unſern Dienſtboten gewann, hat mir ſpäter in allen Verhältniſſen des Lebens die nuͤtzlichſten Dienſte geleiſtet, und ſo konnen uns die einfachen Ver⸗ — 56 — haͤltniſſe des Mädchenlebens im eiterlichen Haufe Voruͤbungen zu allen Tugenden werden, die ſelbſt⸗ ſtändigere Lebensverhaͤltniſſe ſpäter von uns fordern, wenn wir gluͤcklich ſein, und was noch ſchoͤner iſt, gluͤcklich machen wollen. Auch in das geſellige Leben meiner Vaterſtadt fuͤhrte meine Mutter mich erſt jett ein. Es ſchmerzte ſie, von der Behutſamkeit im Umgange, der zarten Verſchämtheit, dem Ernſte der Jungfräulichkeit, der in der Fruͤhlingszeit ihres Lebens ihr und ihren Geſpie⸗ linnen Ehrfurcht gewann und ſicherte, jetzt in dem Um⸗ gange beider Geſchlechter keine Spur mehr zu finden. Den vorzuͤglichſten Grund dieſer Veranderung des Tons fand ſie, nächſt der Aufreizung der Einbildungskraft durch Schauſpiele, Romane und Muſik, darin, daß man die Kinder ſchon an Ge⸗ ſellſchaften und Vergnuͤgungen Theil nehmen laͤßt, die ſich fuͤr ihr Alter nicht eignen und dadurch ihrs Empfindungen in der Art verftuͤhet, daß die Em⸗ pfaͤnglichkeit fuͤr irgend ein wahres, tiefes und reines Gefühl bei ihnen im Rauſche der Vergnuͤgungsſucht verfliegt, ehe ſie ſich ihrer noch bewußt werden können. Davor hatte ſie mich bewahren wollen, und ich hatte daher bis in mein ſechzehntes Jahr keinen Ball, kein — — Schauſpiel, keine große Geſellſchaft und kein öffent⸗ liches Concert beſucht. Zu dem friſchen Reiz der Neuheit, den alle dieſe Vergnuͤgungen fuͤr mich hat⸗ ten, kam nun noch der der Beobachtung und der unſchätzbare Vortheil, meiner Mutter dieſe Beobach⸗ tungen mittheilen und ſie von ihr berichtigen laſſen zu können; auch gewann ich mir, als eine ganz neue Erſcheinung, in den größeren geſelligen Kreiſen eine Aufmerkſamkeit, die man mir ſchwerlich bezeigt haben wuͤrde, wenn ich dies nicht geweſen wäre und wenn mir nicht die Seltenheit der Theilnahme an oͤffent⸗ lichen Vergnuͤgungen lange den Reiz der Neuheit erhalten haͤtte. Schoͤn war ich nicht; ſtreng genom⸗ men, wohl nicht einmal huͤbſch; aber ich verdankte der Sorgfalt meiner Mutter alle die Reize, die Acht⸗ ſamkeit, Reinlichkeit und Schoͤnheitsgefuͤhl jedem jungen, von der Natur nicht durchaus verwahrloſeten Maͤdchen zu erwerben und zu erhalten vermoͤgen und die mir in meiner Jugend den Ruf eines huͤb⸗ ſchen Maͤdchens nicht blos erwarben, ſondern ihn mir auch lange erhielten. Ich hatte ſchoͤnes Haar, eine ſchoͤne Hand, einen ſchoͤnen Fuß, einen leichten an⸗ muthsvollen Gang und einen edlen Anſtand; die Gewohnheit des Fruͤhaufſtehens und die höchſte Rein⸗ — — lichkeit, die mir von Jugend auf zur Natur geworden war, gaben mir eine friſche, bluͤhende Farbe, eine reine Haut und erhielten mir den Reiz der Jugend⸗ bluͤthe, der bei der heutigen Lebensweiſe junger Maädchen ſo oft ſchon vor dem 24 ſten Jahre welkt, bis tief in meine ſpaͤteren Jahre hinein. Freilich trank ich aber auch des Morgens nur Eine Taſſe Kaffee und nie Thee, nie Wein, ſo wie ich auch nie ſtark gewuͤrzte Speiſen aß; ich blieb auf keinem Ball länger als bis 12 Uhr, tanzte nie, ohne nach dem dritten Tanz jedesmal auszuruhen, und vor allen Dingen war ich ſehr fleißig und arbeitſam. Von den feineren Handarbeiten war meine Mutter keine große Freundin; die Modearbeiten dieſer Art, be⸗ hauptete ſie, ſchadeten durch die zu große Anſtrengung den Augen und durch die Stellung, die ſie fordern, der Geſundheit, weil, vorzuͤglich in den Jahren der Entwickelung, vieles Sitzen bei gebuͤcktem Oberleib unausbleiblich den Bau des weiblichen Körpers ver⸗ dirbt, und uͤberdies froͤhnen ſie nur dem Putz, der Eitelkeit und dem Luxus, und verleiden dem jungen Maͤdchen die fuͤr das Haus viel nothwendigern und nuͤtzlichern Arbeiten der gewoͤhnlichen Weißnäherei. Wie kann man von einem jungen Mädchen buͤrger⸗ . 5 — S. — 53 lichen Standes, das ſich faſt ausſchließlich mit feiner Sticketei, Blumenmalerei, kunſtreicher Perlenſtrickerei n. dergl. mehr beſchaͤftigt, fordern und erwarten, daß ſie in ihrem kuͤnftigen Hausſtande auf das Vormachen und Mithelfen haͤuslicher Geſchäfte gefaßt ſein ſoll, durch das allein der Wohlſtand einer Familie des Mittelſtandes von Seiten der Hausfrau geſichert werden kann? Sie wird in den Geſchaften, die ihr als Wirkungskreis froher lebendiger Thätigkeit lieb und ehrenwerth ſein ſollten, nur die Nothwendigkeit einer hoͤchſt proſaiſchen, läſtigen Pflichterfuͤllung ſehen und damit reichen wir Frauen in unſern Verhaͤlt⸗ niſſen wahrlich nicht aus. Ich mußte daher täglich in der Kuͤche helfen, im Sommer die Gemuͤſe zu⸗ richten, im Herbſt alle Wintervorraͤthe einmachen, alle feineren Schuͤſſeln, die auf unſern Tiſch kamen, ſelbſt bereiten und alle in der Kuͤche und im Haus⸗ ſtande vorkommenden Arbeiten verrichten lernen, wenn mich gleich meine Mutter nicht dazu anhielt, ſie täglich verrichten zu muͤſſen. So mußte ich auch alle unſere Hauben, Kragen, Spitzen u. ſ. w. ſelbſt waſchen und platten, und daß nicht daran ge⸗ dacht wurde, in unſrer Haushaltung irgend et⸗ was fuͤr Geld nähen oder ſchneidern zu laſſen, ver⸗ — 37 — ſteht ſich von ſelbſt. Auch gewoͤhnte mich meine Mutter daran, mir taͤglich ein beſtimmtes Tagewerk aufzugeben; alle Sonnabend Nachmittag wurde die in der Woche verfertigte Handarbeit nachgeſehen und die fuͤr die folgende Woche zugeſchnitten, eingerichtet und in eine beſondere Schieblade gelegt; war dieſe leer, ſo durfte ich die dabei eruͤbrigte Zeit zu einer feinern Handarbeit, zum Leſen, Schreiben, Zeich⸗ nen u. ſ. w. anwenden, wie ich wollte; doch ver⸗ dient mußte dieſe Muße immer ſein und nur als Erholung von der Arbeit wurden mir Beſchäftigun⸗ gen dieſer Art vergonnt. Ich verlebte ſo zwei gluͤckliche Jahre, in deren Verlauf ich Welt und Leben nur im ſchoͤnſten Mor⸗ genlicht jugendlicher Heiterkeit ſah, und Seele und Herz nur Friede und Wonne empfanden; allein jetzt in meinem achtzehnten Jahre aͤnderte ſich, ohne irgend eine äußere Veranlaſſung, ohne irgend eine individuelle Beziehung auf einen Gegenſtand, meine Stimmung und wurde eben ſo wehmuͤthig, als ſie bis dahin heiter und klar geweſen war. Ich möchte ſagen, alle meine Gedanken wurden in jenem Zeitpunkt zu Empfindungen ſuͤßer Ahnun⸗ gen und namenloſer Sehnſucht, und mein Herz — — begann ſich eines Gluͤckes bedurftig zu fuͤhlen, das ich nicht kannte, nicht zu nennen wußte, von dem ich aber empfand, daß mir ohne daſſelbe mein Leben einfarbig und freudenlos werden wuͤrde. Um dieſe Zeit erſchien in unſerm Familienkreis ein Vetter, deſſen Schickſal ihm ſchon vor ſeiner Ankunft meine Theilnahme und mein Mitleiden ge⸗ wonnen hatte. Friedrich von Burg war der aͤlteſte Sohn einer verarmten, ſehr zahlreichen Familie. Die Duͤrftigkeit ſeiner Eltern machte es ihnen unmoͤglich, ihren Kindern den Beſuch einer guten Schulanſtalt zu verſchaffen; Friedrich lernte nothduͤrftig leſen und ſchreiben, und kam nun in ſeinem vierzehnten Jahre als Junker zu einem Regiment. Hier wuchs er ſchnell zu einem der ſchönſten Juͤnglinge ſeiner Zeit heran; ſeine ungewohnliche Groͤße und ſeine Schoͤn⸗ heit machten ihn zum Liebling ſeines Generals; er wurde bald Officier und dann ſein Adjutant. Bei einer Revue hatte er das Ungluͤck, mit dem Pferde zu ſtuͤrzen und den Fuß zu brechen; der Wundarzt, der ihn heilte, gehorte nicht zu den geſchickteſten; der Fuß blieb ein wenig kuͤrzer als der andere; doch war dies ſo unbedeutend, daß es fuͤr Burg kein Hinderniß zu werden vermochte, wenn er den In⸗ —— fanteriedienſt mit dem Dienſte in der Cavallerie ver⸗ tauſchte. Sein General wollte aber den bildſchoͤnen jungen Officier, den größten Mann ſeines Regiments, nicht gern miſſen; er wandte Bitten, Verſprechun⸗ gen, Drohungen an, ihn zu bewegen, ſich den ge⸗ heilten Fuß von Neuem brechen und gerader heilen zu laſſen. — Burg wankte — da legte man es darauf an, ihn bei einem Gelage zu berauſchen, ließ ihn dann halten und den Fuß brechen. Das Lebens⸗ gluͤck des Juͤnglings wurde das Opfer dieſer That. Der Fuß wurde jetzt ſo ſchlecht geheilt und ſo kurz, daß er nicht im Dienſt bleiben konnte, und in ſeinem Aſten Jahre mit 90 Thaler Penſion und dem Verſprechen, eine Poſtmeiſterſtelle erhalten zu ſollen, verabſchiedet wurde. Die Theilnahme an ſeinem Geſchick war allgemein, vorzuͤglich in unſrer Familie; mit der Penſion war die Bedingung verknuͤpft, in dem Lande, dem er gedient hatte, wohnhaft zu bleiben; da er aber von ſeiner Penſion nicht leben konnte und nichts, durchaus nichts gelernt hatte, was ihm jetzt zum Erwerbmittel zu dienen vermochte, hielten es ſeine Verwandten und Freunde fuͤr Pflicht, ihn fuͤr die Zeit, wo er aus jenem Lande abweſend ſein durfte, zu ſich einzuladen und auf dieſe Weiſe ſein Schickſal zu erleichtern. So kam er auch nach unſerm Wohnorte, in das Haus eines Onkels, den wir oft beſuchten. Der wunderſchoͤne junge Mann mit ſeiner ſtillen Traurigkeit flößte mir eine innige Theilnahme an ſeinem Schickſale ein; ich hätte ihm dieſe zeigen mögen, allein ich war zu blöde, um ihn anzureden, und er war gegen mich, wie gegen alle Andere, wortkarg und einſhlbig. Es vergingen meh⸗ rere Wochen, in deren Lauf wir uns oft geſehen, aber kaum die alleralltäglichſten Redensarten zur Be⸗ willkommung und zum Abſchiede mit einander ge⸗ wechſelt hatten, als eines Abends, da ich mit meinen Eltern bei dem Onkel war, Sophie, die alteſte Toch⸗ ter deſfelben, Burg und mich aufforderte, einer Pup⸗ penkomödie zuzuhoren, die die Kinder der Familie im Eßſaal auffuͤhren wollten. Um die Kleinen nicht zu ſtören, die ſich unbemerkt und unbelauſcht glaubten, blieben wir in dem ſchmalen, unerleuchteten Gang vor dem Saal ſtehen. Mitten in dem leiſen, aber herzlichen Gelaͤchter uͤber das köſtlich dumme Zeug, was die Kleinen drinnen vorbrachten, fuͤhlte ich meine Hand ergriffen und zärtlich gedruͤckt — ich glaubte, Sophie ſtehe neben mir und war im Begriff, dieſen Haͤndedruck in aller Unbefangenheit zu erwiedern, — — allein in demſelben Augenblick fühlte ich mich um⸗ faßt, ſanft an ein mächtig ſchlagendes Herz gedruckt und ein leiſer Kuß brannte innig auf meinen Lippen — der erſte Kuß, den ich je von einem Manne empfing. Bebend und erroͤthend wand ich mich aus Burg's Armen. Sophie, die von dieſem Vorfall nichts ahnte, ſtieß voll Muthwillen die Thuͤre auf, um die Kinder zu erſchrecken, die nun auf uns einſtuͤrm⸗ ten und uns zwangen, uns zu entfernen. Wir kehrten zu unſern Eltern zuruͤck, aber ich war die⸗ ſelbe nicht mehr. Der Mann, der mir noch vor wenig Minuten nichts als ein Gegenſtand der unbe⸗ fangenſten Theilnahme geweſen war, war mir jetzt in einem Augenblick der intereſſanteſte Menſch auf der Welt geworden. Ich haͤtte um keinen Preis der Welt mein Auge zu ihm erheben koͤnnenz mit aller Furchtſamkeit und Schuͤchternheit der voll⸗ kommenſten Herzensneuheit vermied ich ſeine Naͤhe, allein ich ſah, ich hoͤrte nur ihn. Er vermied mich eben ſo ſorgfältig, als ich ihn, und war eben ſo roth, eben ſo verlegen, eben ſo abweſend, eben ſo traͤumeriſch als ich. Als wir am Abend wegfuhren, fuͤhrte er meine Mutter zum Wagen, ich folgte, er mußte mir die Hand reichen, mir einſteigen — 4— zu helfen, wir erbebten Beide, aber er benutzte dieſen Augenblick, unbemerkt einen Kuß auf dieſe Hand zu drucken. Meine Eltern redeten mit einander, ich ſaß in der Ecke des Wagens, ſchloß die Augen und fuͤhlte Burg's Haͤndekuß tief im Herzen. Ich konnte meine Lippen nicht auf der Stelle meiner Hand ruhen laſ⸗ ſen, die er gekußt hatte, ohne daß ſich meine Augen mit Thränen fullten und das noch Tage lang nach⸗ her. Alle Lehren meiner Mutter, alle meine Vor⸗ ſätze und Grundſaͤtze, die ich mir aus ihnen und aus den von mir geleſenen Buͤchern abgezogen hatte, wurden von der Gewalt dieſes Eindruckes uberwältigt. Ich glaubte mich geliebt, ich geſtand mir, daß ich liebte und die Suͤßigkeit meiner Empfindungen, der Reichthum ganz neuer Eindruͤcke, den ich ihnen verdankte, ſchien mir eine ſichere Buͤrgſchaft der Wahrheit dieſer Liebe und eine Berechtigung zu dem Entſchluß, ihr die Entſcheidung über mein Leben anzuvertrauen. Ich bebte in Angſt und Wonne dem Augenblick entgegen, wo ich Burg wieder ſehen ſollte — er kam, allein er änderte nichts an der bisherigen aͤußeren Geſtaltung unſers Verhältniſſes, da Burg ſich mir nicht zu nähern wagte und es auf — das Aengſtlichſte vermied, mich vor meinen Couſinen auf irgend eine Weiſe auszuzeichnen. Wir waren ſeit jenem Abend viel ſcheuer gegen einander; wir konnten uns nicht begrußen, ohne zu erroͤthen, nicht das Allergleichguͤltigſte ohne gewaltiges Herzpochen mit einander reden, und doch verſicherten uns tau⸗ ſend Kleinigkeiten, ſo unerheblich, daß ſie durch Worte gar nicht darzuſtellen ſind, der Neigung, die wir gegenſeitig fuͤr einander empfanden. Sophiens Geburtstag kam; wir jungen Leute aus der Familie wurden Alle zur Feier deſſelben eingeladen und am Abend wurde getanzt. Burg war ehemals ein ſehr guter Taͤnzer geweſen, er liebte den Tanz noch leidenſchaftlich; es hätte ihn ſo gluͤcklich gemacht, mit mir zu tanzen und nun war er von dieſem Vergnuͤgen, wie von ſo vielen andern Freuden, Hoffnungen und Anſpruͤchen der Jugend geſchieden; er ſah Alle froh, Alle heiter, er allein war ausgeſchloſſen aus unſerm Kreiſe. Im Anfange ſah er unſerm Tanzen zu; als dies aber Alle beſchaͤftigte, Keiner ſeiner zu geden⸗ ken, Keiner ihn zu beachten ſchien, ſchlich er betruͤbt von dannen und warf ſich in einem entlegenen Ca⸗ binet einſam auf das Sopha nieder. Ach, ich hatte —— mich ja nur fur ihn an dieſem Tage ſorgfultiger als gewoͤhnlich gekleidet; ich gab mir ja nur fuͤr ihn Muͤhe, beſonders gut zu tanzen; ich ſah ja unter all den jungen Leuten nur allein ihn, mit dem ich freilich nicht zu reden, nicht ihn anzuſehen den Muth hatte! Ich vermißte ihn natuͤrlich gleich, ſo wie er ſich entfernt hatte; ich ahnete auch ſeine Stim⸗ mung, allein lange kämpften Liebe und Mitleiden in mir mit Scheu und Bloͤdigkeit, ehe ich mich in den Nebenzimmern nach ihm umzuſehen wagte, und ſo gern ich gleich den naͤchſten Tanz ausgeſchlagen hätte, um dies zu thun, ſo war mir doch, als muͤſſe Jeder gleich augenblicklich errathen, warum ich es thue. Endlich, endlich ward mir das Gluͤck, zu einem Tanze nicht aufgefordert zu werden, ich ging in das Mehenzimmer, wo geſpielt wurde, er war nicht da und mir wurde immer banger, immer weh⸗ muthsvoller zu Sinne — zuketzt trat ich in das Cabinet, wo er war. Er hoͤrte mich nicht eintreten und lag, das Geſicht auf ſeine Arme niedergebeugt, in der Ecke des Sopha's; ich fuͤhlte, er ſei betrubt, verletzt, gekraͤnkt, und das zerriß mein Herz. Ohne zu wiſſen wie, ſtund ich nahe vor ihm. Lieber Vet⸗ ter, fing ich leiſe an — er fuhr auf, ſeine Augen — 45 — waren noch voll Thranen, er hatte geweint. „Mein Gott!“ rief ich aus, und meine Thraͤnen fingen gleich⸗ falls an zu fließen, „was iſt Ihnen?“ — „NRichts, nichts, es geht mir nur ſo nah, daß ich nicht mit Ihnen tanzen kann,“ ſagte er mit einer Zaͤrtlichkeit in Blick und Ton, die meinem bewegten Herzen zu maͤchtig wurde. Unwillkuͤrlich neigte ich mich zu ihm nieder, unſere Lippen begegneten ſich „Meine liebe, liebe Franzisca!“ fliſterte er mir zu, allein wie ein geſcheuchtes Reh riß ich mich aus ſeinen Armen und floh pfeilſchnell in den Tanzſaal zuruck. Eben ſo unbeſonnen als leichtſinnig wuͤrde ich mich wahrſcheinlich ſeit dieſem Abend einem Eindruck hingegeben haben, der mich hochſt ungluͤcklich ge⸗ macht haben wuͤrde, wenn meine theure, unvergeß⸗ liche Mutter nicht der Schutzgeiſt meines Seelenfrie⸗ dens geworden wäre. Die Vrränderung meines Stimmung konnte ihrem Scharfblick nicht entgehen und ſie redete mit mir daruͤber, wie nur eine Mut⸗ ter in dieſem entſcheidenden Zeitpunkt fuͤr das Leben eines Mädchens daruͤber mit einer Tochter reden kannz ſie forderts von mir Vertrauen und mir that es unbe⸗ ſchreiblich wohl, mein uͤbervolles Herz in das ihre zu er⸗ gießen. Sie ſchmaͤlte nicht, ſie zurnte nicht, ſie gab mir —46— nur Anleitung zur Pruͤfung meiner Empſindungen, und machte mich aufmerkſam auf ihre Quelle und ihre nachtheilige Einwirkung auf mein inneres Leben, die mir ſchon fuͤhlbar zu werden anfing. „Ich ſchweige davon,“ liebe Franzisca, ſagte ſie mir, „daß Burg's Hoffnungen auf eine Verſorgung ſo weit ausſehend ſind, daß leicht acht bis zehn Jahre daruͤber vergehen koͤnnen, ehe er ſie erhaͤlt; wie aber die Unſicherheit einer ſolchen Erwartung, das Hinhalten oft getäuſch⸗ ter Hoffnung „die lange Gewohnheit des Braut⸗ ſtandes, die Furcht vor der Unzuverlaͤſſigkeit des Herzens und der Ereigniſſe den ganzen innern Menſchen ermat⸗ ten, die feinſte Seelenkraft und jede ſchonere Lebens⸗ freude wegzehren, kannſt Du in tauſend Beiſpielen ſehen. Es kann einem Maͤdchen, naͤchſt dem Laſter, faſt nichts Traurigeres begegnen, als eine ſolche ſo⸗ genannte Verplaͤmperung mit einem Manne, der keine gewiſſe Ausſicht auf eine Verſorgung hat, und unter hundert Beiſpielen ſolcher Verbindungen findet man hoͤchſtens eine, wo nicht eine ſolche Unbeſonnen⸗ heit bei Knuͤpfung dieſes Verhältniſſes Reue erzeugt hätte. Auch davon will ich nicht reden, daß die Verſorgung, auf die Burg ſich Rechnung machen darf, Euch nie vor Duͤrftigkeit ſchutzen wuͤrde; allein — 1 — 7 — fragen muß ich Dich, auf welche Eigenſchaft ſeines Herzens und ſeines Charakters Du die Hoffnung Deines Gluͤckes, als ſeine Frau, gruͤnden willſt? Er iſt gutmuͤthig, aber roh, ungebildet, unwiſſend, unge⸗ waffnet gegen jede Verſuchung, die in ſein Leben tritt, und Alles kann ein Weib von dem Geliebten ertragen, nur nicht Mangel an Geiſteskraft und Charakterſtärke; wo wir dieſen bei dem Manne entdecken, da erſtirbt unſere Liebe, und nur noch Sinnlichkeit, Gewohnheit und Mitleiden können uns dann an ihn binden. Alles können wir auf⸗ opfern, Alles dulden und viel verzeihen; doch Schwaͤche des Geiſtes und des Charakters macht unſere Liebe zur Unnatur, und raubt dem Buͤndniß zweier Her⸗ zen die Wahrheit des Naturverhaͤltniſſes, die es allein dauernd zu machen vermag. Vor Allem aber, meine Franzisca, will ich Dich bitten, beobachte Dich ſelbſt und halte feſter denn je an Fleiß und an Gebet. Vermeide auf's Sorgfältigſte jede muͤßige Träumerei, jedes Bruͤten uͤber einer Deiner Dir ſelbſt dunklen Em⸗ pfindungen. Unlaͤugbar iſt es Deine Beſtimmung, einen Mann gluͤcklich zu machen und ſein Gluͤck mit ihm zu theilen; unlaugbar iſt die reine Sehnſucht nach Liebe in einem unentweihten Maͤdchenherzen — — ein lichter Strahl der Ewigkeit, der in das dunkle Erdenleben faͤllt; allein die unbedingteſte Hingebung in die Fuͤgung der Vorſehung, die Furcht vor jeder eigenwilligen Geſtaltung unſers Schickſals ſind uns Frauen nie nothwendiger, als bei dieſer Entſcheidung uͤber unſer Gluͤck und unſern Werth. Die Aufgabe, die Gott jedem Mädchen gegeben hat, iſt, ſich fähig zu bilden, einen rechtſchaffenen Mann als Frau gluͤck⸗ lich zu machen, d. h. tuͤchtig, fleißig, ſittſam, ſanft⸗ muͤthig, hauslich zu ſein und danm in reiner Freudig⸗ keit Gott die weitere Lenkung ihres Schickſals zu uͤbergeben. Jede voreilige Liebe iſt ein Eingriff in die Fuͤhrungen der Vorſehung und ſtraft ſich als ſolcher. Du biſt von den jetzt allgemein verbreiteten, thörichten und romanhaften Anſichten der Unwider⸗ ſtehlichkeit der Liebe frei, und ich danke Gott dafuͤr, da es eine ſehr ſchwere Aufgabe iſt, ſich das Kleinod des inneren Lebens, heitern Frieden und Seelenruhe, zu bewahren und wieder zu erkämpfen, wenn wir es einmal verſcherzt haben; ſo lange ſich ein Mädchen vor Müßiggang, Langſchlafen, Schmeichelei und Auf⸗ reizung der Einbildungskraft bewahrt, ſo lange ſie ſich vorzuglich vor dem Erwachen der Sinnlichkeit, und werde dieſe auch nur auf die allerfeinſte, ja ich — 49 — mochte beinahe ſagen, geiſtige Art gewecket, huͤtet, ſo lange wird ſie nie, nie in Gefahr kommen, der Liebe zu einem Manne, ehe ſie weiß, daß ſie geliebt wird und Hoffnung hat, die Gattin des geliebten Mannes zu werden, eine Gewalt uͤber ſich einzuräu⸗ men, die ihrem Herzensfrieden gefäͤhrlich zu werden vermoͤchte. Du biſt nicht frei von der Schuld, lieb⸗ ſtes Kind, Dein Herz vernachläſſigt zu haben, indem Du Dich ſorglos einem Eindrucke hingegeben haſt, deſ⸗ ſen Natur Du Dir gewiß nicht abzulaͤugnen vermagſt, ſobald Du Dich in ernſter, ſtrenger Selbſtpruͤfung darum befragſt. Glaube es mir, mein theures, ge⸗ liebtes Kind, jede Neigung, die durch die Sinne in das Herz kommt, iſt gefaͤhrlicher Art und fuͤhlſt Du etwa gar, daß die Liebe Dich lau und unfähig macht zum Gebet, wird das Bild des Geliebten der Götze jeder Deiner einſamen Stunden; ſo kannſt Du feſt uͤberzeugt ſein, daß Deine Liebe das Ungluͤck Deines Lebens gruͤnden wird, wenn Du ihrer nicht Herr zu werden ſuchſt; denn ſie wird Dir dann unfehlbar den Ernſt der Tugend, die Heiligkeit der Pflicht, die heitere Ergebung der Froͤmmigkeit erſt läſtig, dann fremd machen, und das, was der Segen Deines Her⸗ zens und Deines Lebens zu werden beſtimmt war, Tarnow's Schriſten. VII. 3 — 6 — wird Dir dann zur Straße eines eigenwilligen, Lvon der Macht der Sinnlichkeit beherrſchten Herzens werden.“ Ach! nur zu ſchmerzlich fuͤhlte ich, daß meine Mutter mich und meine Seolenſtimmung richtig beur⸗ theilte! Vieles könnte ich von dem Kampfe erzählen, der nun fuͤr mich begannz er war fuͤr mein inneres Loben entſcheidend; zum erſten Mal empfand ich mich wie ein Doppelweſen, getheilt in Wuͤnſchen und Wollen, und fühlte, der Verluſt meines kindli⸗ chen Frohſinns und der reinen, friſchen, ganz unge⸗ truͤbten Jugendbluͤthe, die bis dahin mein geweſen war, ſei allein meine eigene Schuld, und es ſei ver⸗ diente Zucht und Strafe, daß es mir ſo ſchwer wurde, den Frieden wieder zu erringen, den ich ſo leichtſinnig verſcherzt hatte. Alle jugendlichen Regun⸗ gen meines Gemuͤths und meines ganztn Weſens wandten ſich Burg zu, und das Glück, ihm anzu⸗ gehoren, erſchien mir dann als das einzige Lebens⸗ gluͤck, was der Sehnſucht und der Thraͤnen werth wat; allein die Gewohnheit, alle meine Neigungen in Zucht zu erhalten, verhalf mir auch jetzt zu einer Klarheit des Blickes, die mir die Gehaltloſigkeit von Vurg's Chsrakter bald enthuͤllte. Ewihe Einſamkeit „ — — des Geiſtes und des Herzens wäre unausbleiblich als ſeine Gattin mein trauriges Loos geworden. Ich em⸗ pfinde es noch jetzt, daß er eine Gewalt uber mich haͤtte erhalten koͤnnen, die mich gegen die Armuth ſeines Geiſtes, die Rohheit ſeines Sinnes, die Duͤrre ſeiner Empfindung auf eine kurze Zeit zu verblenden vermocht haͤtte; allein welch ein grenzenloſes, durch⸗ aus ſelbſt verſchuldetes Ungluͤck wäre mein Loos geworden, wenn ich mich von dieſer jugenblichen Nei⸗ gung hätte hinreißen, mich von dieſem lieblichen Ein⸗ druck haͤtte berauſchen laſſen? — Die Folge bewies mir dies. Burg's Neigung fuͤr mich ließ keine Spur ernſterer Empfindung in ihm zuruͤck, als er uns bald darauf verließ; Jahre gingen hin, in deren Lauf er noch immer keine Verſorgung erhielt; er fand Gelegenheit zum Spiel, das Gluͤck beguͤnſtigte und der Reiz des Gewinnes verfuͤhrte ihn; er wurde Spieler, hielt erſt in kleinen Städten Bank, beſuchte dann Bäder, ſpielte eine glänzende Rolle, vergeudete Geſundheit und beſſere Lebenskraft, und ſtarb, ein Opfer ſeiner Lebensweiſe und ſeiner Ausſchweifungen, im 28ſten Jahre an der Schwindſucht. Ihn vor dieſem Schickſal zu ſchutzen, wuͤrde nie in meiner Macht geſtanben haben; er war nicht ℳ 3 * — ſchlecht, allein die Gutartigkeit, die in ihm war, iſt ohne die höhere Kraftigung des Glaubens und der Grundſätze nie eine hinreichende Schutzwehr gegen die Verſuchung zum Boͤſen, und in ihm war kein höherer Trieb, kein Anklang, der der Macht des Sinnenreizes zum Gegengewicht zu werden ver⸗ mochte. Gelitten habe ich aber viel um ihn, und es wurde mir ſehr ſchwer, mein Herz von ihm los⸗ zureißen und die Luͤcke in mir auszufuͤllen, die da⸗ durch entſtand. Die erſte friſche Geſundheit des Körpers, wie der Seele, wurde der Raub dieſes Schmerzes, und welkte vor ihm hin, wie eine von der Sonnengluth verſenkte Bluͤthe, und ſelbſt da noch, als ſchon die wieder gewonnene, ja gewiſſer⸗ maßen ſelbſt erhoͤhete, wenn gleich ſtiller gewordene Heiterkeit meines Gemuͤthes zu beweiſen ſchien, daß meine Kraͤfte nicht erſchuͤttert worden waren, behielt meine Stimme etwas Leiſes, mein Blick etwas Weh⸗ muthsvolles das dem Menſchenkenner verrieth, was hier zu errathen war. Nur eine Warnung, meine lieben jungen Freun⸗ dinnen, vergoͤnnt mir hier noch: Huͤtet Euch, in ähnlichen Lagen Menſchen Euer Leid zu klagen und viel daruͤber zu reden. Dadurch reißt man ſeine * — 3 — Wunden auf, ohne ſie verbinden zu koͤnnen und der Schmerz wird gewaltiger, wenn man die Stelle ent⸗ huͤllt, wo er ſitzt. Wie aber ſtille, ohne Klagen, ohne Murren, vor Gott ſanft und fromm geweinte Thränen das Herz erleichtern und zugleich troͤſten und kräftigen, das, meine Lieben, werdet Ihr Alle er⸗ fahren, wenn Euch der Segen zu Theil wird, Euch an Umgang mit Gott und an Gebet gewoͤhnt zu haben. Ueberlaßt es auch nie der Zeit allein, Euren Schmerz zu mildern und zu mindern; ſie thut es freilich, aber ohne Gewinn fuͤr unſere ſittliche Kraft, und dieſe kann es fruͤher und ſchoͤner wie ſie, ſobald wir ſie nur durch ſtreng arbeitſame Thaͤtigkeit unter⸗ ſtutzen. Auch ich empfand es, daß Gott genau nur ſo lange zuͤchtige, als es die Verwoͤhnung unſers Herzens, die Verkehrtheit unſers Sinnes fordert, und ich wurde in jenem Zeitpunkte ſo von ſeiner vaͤterlichen Liebe und Fuͤhrung vergewiſſert, daß ich mit unerſchuͤtterlicher Zuverſicht in jeder folgenden Begebenheit meines Lebens ihr zu vertrauen vermochte. Jetzt kamen einige Jahre, in denen keine dußere Begebenheit bedeutenden Einfluß auf mein Schickſal zeigte; ich gefiel mehreren Maͤnnern, und einige derſelben verſuchten auch, mir ein wärmeres Intereſſe einzuflößens allein ſie waren entweder nicht in der Lage, mir ihre Hand anbieten zu können, oder ich vermißte auch bei ihnen die Eigenſchaften des Herzens und des Charakters, von denen ich allein Gluͤck erwarten konnte. Keiner unter ihnen war ſo bedeutend, oder ſo liebenswurdig, daß es mir einen Kampf gekoſtet hätte, ihm fern zu bleiben. Mein Vater äußerte zuweilen den Wunſch, mich verheirathet zu ſehen, aber meine Mutter und ich waren Beide ſehr heiter, zufrieden und feſt uberzeugt, der Weg, den Gott mich fuͤhre, ſei gewiß der Weg des Gluͤckes, moͤge er mich nun einem wackern Manne entgegen fuͤhren, oder es mir beſtimmt ſein, unverheirathet bleiben zu ſollen. Auch kam bald eine Zeit ernſterer Pruͤfung. Min Vater erkrankte und ſtarb. Sein Verluſt war ein ſehr ſchmerzender Riß durch unſer Leben, allein er erhoͤhte in dem Herzen meiner Mutter, wie in dem meinen, das Gefuͤhl, was wir einander waren. Unſer kleines Vermoͤgen ging in einem Concurs ver⸗ loren und wir behielten nur ein Einkommen von 150 Thalern, die meine Mutter als Witwenpenſion bekam. Der Aufenthalt in unſerm bisherigen Wohnorte wurde uns nun zu koſtbar und wir zogen nach einem kleinen Landſtädtchen, wo wir um Vieles wohlfeiler leben konnten und es mir auch nicht an Gelegenheit fehlte, durch Handarbeit etwas verdienen zu könnn. Ol ksnnte ich doch ſo lebhaft, wie ich es noch heut empfinde, das ſtille, ſchoͤne Gluͤck ſchildern, welches mir in jenen Tagen erbluͤhete und mich noch in der Erinnerung beſeligt! Wir waren arm, ſehr arm. — Es war ein Feſttag fuͤr uns, wenn ich, meiner Mutter einmal eine recht gute Fleiſchſupp⸗ kochen, oder wenn wir etwa des Abends eine Taſſe Thee trinken konnten; doch eben dadurch echielten dieſe kleinen Lebensgenüſſe fuͤr uns Werth und jeder derſelben war noch uͤberdies der Erwerb meines Flei⸗ ßes. Ich mußte fruh mit Tagesanbruch aufſtehen, ich reinigte ſelbſt unſer Zimmer, heizte ein, kochte Kaffee, half meiner Mutter bei ihrem Anzuge; wir lebten einſam, ohne allen Umgang und ſo duͤrftig, daß ich mich Abends vft an einem Stick trocknen Brodes ſatt gegeſſen habe und mir nur Sonn tags eine Feierſtunde und einen Spatziergang zu meiner Erholung vergonnen durfte. Aber wie gluͤck⸗ lich, wie unausſprechlich gluͤcklich war ich in jener Zeit, wo ich faſt nie ohne Thranen der reinſten Freude Gott fuͤr den verlebten Tag am Abend vor dem Einſchlafen zu danken vermochte! — Wie ruhig — 6 — war ich damals wie ſo ganz der Einwirkung aller frommen Regungen der Liebe und der Gottesfurcht uͤbergeben! — Rein „wie ein klarer See das Bild des Mondes, nahm mein Gemuͤth jeden frommen Eindruck auf, und der Friede, der in meiner Seele wohnte, war ſo ſtill, wie das Schweigen der Wal⸗ desnacht beim Geſang der Nachtigall. In meinem Herzen war kein irdiſcher Wunſch, nur das Verlan⸗ gen nach immer ernſterem, immer feſterem Frieden des Gewiſſens, und wie die Bluͤthen alle ſich zur Sonne wenden, ſo hatten alle meine Wuͤnſche und Hoffnungen nur dieſe eine Richtung, und dabei eine ſolche Zuverſicht von Gottes Vaterliebe, eine ſo froͤh⸗ liche, ſo hoffnungsreiche Empfänglichkeit fuͤr alle Segnungen der Froͤmmigkeit. Ja, damals habe ich es empfunden, wie uͤber⸗ ſchwenglich Gott durch den Segen, den er auf treue, fromme Liebe gelegt hat, zu belohnen vermag und noch in meiner Todesſtunde werde ich es beken⸗ nen, daß das Gluͤck, welches ich in jener Zeit, mit Armuth und Mangel, ja ſpäterhin mit den Schrecken des Todes kämpfend, genoß, das reinſte und ſchönſte iſt, das ich auf Erden kennen gelernt habe. Die Glucklichen dieſer Welt können ſich vielſeicht keinen X — — Begriff von der Fülle jener ſtillen, damals von mit empfundenen Seligkeit machen, die von keiner irdi⸗ ſchen Freude erzeugt, auch durch kein irdiſches Leid getruͤbt zu werden vermochte; aber in mir hat es eine ewige, unvergaͤngliche Sehnſucht zuruͤckgelaſſen. Doch das Leben iſt und bleibt ein Kampf, der uns von Geduld zu Geduld, von Liebe zu Liebe, von Kreuz zu Kreuz fuͤhrt, und in dem uns der Schmerz zum Begleiter gegeben iſt, damit wir der himmliſchen Heimath deſto ſehnſuchtsvoller uns bewußt werden ſollen. Ich komme jetzt zu der heiligſten und feier⸗ lichſten Erinnerung meines Lebens — zu einer Er⸗ innerung, deren Weiheſtunden ich Euch nicht ohne viele Thränen im Bilde voruͤber zu fuͤhren vermoͤgen werde, in denen ich mir aber das herrlichſte Kleinod der irdiſchen Wallfahrt, die innigſte und lebendigſte Gewißheit unſerer Unſterblichkeit, und die Freudigkeit reiner Sehnſucht nach dem Tode gewann. Meine Mutter fing an zu kränkeln und das ſo bedeutend, daß mich die ſchmerzlichſte Sorge fur das theure, geliebte Leben ergriff. Ihre Heiterkeit, ihre freudige, klagtoſe Ergebung konnten mich nicht lange täuſchen; ich fühlte ihre Gefahr und nun auch die Bitterkeit der Armuth, die mir nichts fur ihre Pflege, nichts fuͤr die Heilung meiner unausſprechlich geliebten Mutter zu thun erlaubte. In dem Stäaͤdtchen, wo wir lebten, war kein Arzt, nur ein unwiſſender Felbſcherer, den ſie nur zu Rathe zog, weil ſie glaubte, mich dadurch beruhigen zu können. Sie huſtete viel, hatte alle Abende Fieber und wurde von Tag zu Tag matter. Ach, in jenen ſchlafloſen Näͤchten, wo ich ihren kurzen, aͤngſtlichen Athemzug bewachte und das Haupt ſo aͤngſtlich in mein Kopfkiſſen barg, daß ſie mich nicht weinen hoͤren ſollte, habe ich beten gelernt! — So lange man noch nicht fuͤr ein geliebtes Leben gezittert hat, weiß man nicht, wie man liebt! — Allein in jenen Stunden unaus⸗ ſprechlicher Betruͤbniß, in jenen Thranen, die jede liebende Empfindung meiner Seele weinte, habe ich auch erfahren, wie himmliſch wir uns in namenloſem Leid getroſtet und erquickt fuͤhlen können, wenn wir zu beten vermogen. Ich hoffte, meine Mutter werde mir erhalten werden, wenn ich nur einen recht geſchick⸗ ten Arzt zu Rathe ziehen könnte. In dem nur vier Meilen von uns entfernten R. lebte der beruͤhmte Doctor Werner; doch woher ſollte ich das Geld nehmen, ihn kommen zu laſſen, oder mit meiner Mutter zu ihm zu reiſen? — Ich flehete zu Gott, mir die Mittel bazu anzuweiſen und in dem Augen⸗ blicke meines Gebetes fielen ſie mir gleich, augen⸗ vlicklich ein und der Erfolg ſtand vor mir mit aller Sicherheit der Wirklichkeit. In den Zeiten unſeres Wohlſtandes hatte ich mir nach und nach von den Erſparniſſen meines Taſchengeldes eine kleine Buͤcher⸗ ſammlung angelegt, die, durch manches Geſchenk an meinen Geburtstagen und zu Weihnachten vermehrt, bis zu 200 Bänden angewachſen war; ich ſchrieb an einige meiner an unſerm ehemaligen Wohnorte zuruͤckgebliebenen Freundinnen und machte ſie mit meinem Wunſche bekannt, dieſe Buͤcher zu verlooſen. Meine Mutter war ſo allgemein geliebt und geach⸗ tet, ihre Krankheit erregte ſo viel Theilnahme, daß in Zeit von 14 Tagen 200 Looſe in dem Kreiſe unſter Verwandten und Freunde angebracht wurden, und ich mich dadurch im Beſitz von 30 Louisd or ſah. Wer war je auf Erden ſeliger, als ich in dem Augenblicke, wo ich dieſe meiner Mutter brachte? Sie wußte von Nichts und begriff nicht, wie ich zu dem Beſitz einer fuͤr uns ſo großen Summe kam; mußte ihr vhß — ſie fühlte, wie — 60 — gluͤcklich es mich machte, ſie nun nach meines Ber zens Wunſch pflegen zu könnent — Ich ſchrieb nun an den Doctor Werner, und indem ich mir ſeinen Rath und ſeine ärztliche Huͤlfe fur meine Mutter erbat, uͤberließ ich es ſeiner Entſcheidung, ob wir zu ihm, oder er zu uns kommen wolle, um die Kranke zu ſehen. Er antwortete mir, daß er, da eine Geſchäftsreiſe ihn doch im Laufe der Woche in die Nähe unſeres Wohnortes fuͤhre, es vorziehe, zu uns zu kommen und zwei Tage nach Empfang ſeines Briefes hielt ſein Wagen vor unſcer Thür. Sehr bewegt ging ich ihm entgegen; das ganze Gluͤck, die ganze Freude meines Lebens hing an ſeinem Aus⸗ ſpruche und innig wohl that es mir, in ihm einen jener Menſchen zu finden, zu denen man ſich beim erſten Blick in Hochachtung und Vertrauen hinge⸗ zogen fuͤhlt. Die Zuͤge ſeines blaſſen, ſehr ernſten Angeſichts verriethen freilich eine Freudenloſigkeit, eine duͤſtere Ergebung, bei der Einem hätte weh um's Herz werden muſſen, wenn nicht ſeine lieben, freund⸗ lichen Augen Einem ſo milde und troſtend angeblickt hätten. Was dem Mann aber mein Herz vollends gewann, war der Eindruck, den meine Mutter auf ihn — machte. Sie wanbelte auch gewiſſermaßen ſchon im Verklärungsglanze; die ungefaͤrbte Reblichkeit und Wahrhaftigkeit ihres ganzen Lebenslaufes, die Heilig⸗ keit ihrer freudigen Gottergebenheit, die Innigkeit ihrer unausſprechlichen Liebe ſtrahlten aus jedem Zuge ihres ehrwuͤrdigen Geſichts, man konnte ſich ihr nur, mit Liebe und Ehrfurcht nahen⸗ Werner empfand das und mit unverkennbarer Theilnahme fing er an, ſie uͤber ihren Zuſtand zu befragen; ich trat hinter ihren Stuhl, um auf ſeinem Geſicht mein urtheil zu leſen; allein das blieb ein verſchloſſenes Buch, doch ſeine Aeußerungen waren hoffnungsreich; er fand ihren Zuſtand keineswegs gefaͤhrlich und verhieß von der Annäherung des Frühlings viel Gutes. — Ent⸗ zuckt kuͤßte ich die Hand meiner Mutter und flog dann hinaus, meinen Dank ungeſehen zu Gott empor zu ſenden und das Beſte, was unſte kleine Haushaltung aufzubringen vermochte, zur Bewirthung unſeres Guſtes, in dem ich einen mir von Gott ſelbſt geſanbten Rettungsengel ſah, zuzubereiten. Kaum hatte ich das Zimmer verlaſſen, als, wie ich nachher ſpäter erfuhr, meine Mutter ſich zu Wer⸗ nern wandte und ihn bat, ihr jede Täuſchung zu erſparen, da ſie mit der Hoffnungsloſigkeit ihres Zu⸗ — ſtandes bekannt ſei, und nur von ihm zu erfahren wuͤnſche, auf wie viel Zeit ſie noch wohl rechnen duͤrfe, um mich allmählig auf dieſe Trennung vor⸗ bereiten zu können. Sie kenne meine Seelenſtaͤrke und wiſſe, daß ſchon meine Liebe fuͤr ſie maͤchtig genug ſei, mir Herrſchaft uͤber meinen Schmerz zu erwerben und der Aufforderung zu gehorchen, ſie zum Tode zu bereiten; aber eben darum wuͤnſche ſie nicht, daß ich mich einer truͤgeriſchen Hoffnung uͤberlaſſe, ſondern, ſo wie ſie von ihm Wahrheit fordre, ſo uͤbernehme ſie es auch, mir dieſe mitzutheilen, was freilich keinem Andern, als ihr ſelbſt uͤberlaſſen wer⸗ den duͤrfe. Werner empfand es, wie reif dieſe fromme Seele war, den heiligen Sabbath der Ewigkeit zu feiern und geſtand ihr, daß er freilich ihre Geneſung nicht zu verbuͤrgen wage, aber ſich doch uͤberzeugt halte, ihr Leben bis zum Fruhjahre, ja noch auf viel längere Zeit hinaus ftiſten zu können. Fetzt trat ich ein, den Tiſch zu decken. Seit Werner's Erſcheinung glaubte ich meine Mutter ge⸗ rettet, es ſchien mir ganz unmöglich, ſie nun noch verlieren zu können und meine Freude gab mir eine faſt ſieberhafte Spannung. Ich war ſo innig, ſo ſanft gerührt, ſo unausſprechlich froh; ich getrauste mir kaum zu reden, weil ich fuͤrchtete, die Thränen dann vergießen zu muſſen, die ich in meinen Augen ſchimmern fuͤhlte; allein ich konnte den Blick nicht wegwenden von meiner Mutter und aus dem gleich⸗ guͤltigſten Worte, das ich dem Arzte ſagte, klang die fromme Ehrfurcht der Dankbarkeit wieder, die man gegen einen Propheten empfinden würde, der uns den Liebling unſers Herzens von den Pforten des Todes zuruͤckbringt. Meine Mutter ſchien mir heite⸗ rer als gewöhnlich und ich glaubte darin eine neu⸗ Beſtätigung meiner frohen Zuverſicht zu finden. Alles, wovon ich nur glauben konnte, es könne zu ihrer Stärkung und Erhaltung beitragen, ſchlug ich dem Arzte fuͤr ſie vor, damit ich mich auf ſeine Verord⸗ nung ſtutzen könne, es fuͤr ſie anzuſchaffen. Sie lächelte und ſuchte ihn dahin zu ſtimmen, ihr nur die einfachſte und wohlfeilſte Lebensordnung vorzu⸗ ſchreiben, aber in dieſem Lächeln lag ein Schimmer ſo wehmuthsvollen Ernſtes, daß mein Herz plöblich auf das Allerſchmerzlichſte beklemmt wurde und in meiner Seele die Ahnung erwachte, meine Hoffnung gruͤnde ſich nur auf Täuſchung. Ich mochte ſehr blaß geworden ſein denn Werner ſah mich mit inniger Theilnahme an und bemuͤhete ſi dem Geſpraͤch — 64 — eine Wendung zu geben, die mich zwang, mein blu⸗ tendes Herz von dem furchtbaren Gedanken, der es durchbebte, abzuziehen, weil die Anweiſung zur Pflege und Behanblung meiner Mutter, die er mir gab, meine Aufmerkſamkeit ganz in Anſpruch nahm. Er verließ uns gegen Abend, mit dem Verſprechen, bald wieder kommen zu wollen und mit der Aufforderung an mich, ihm poſttäglich von dem Befinden meiner Mutter Bericht abzuſtatten. Als ich ihn beim Weg⸗ gehen begleitete, fand ich den Muth in mir zu der Bitte, mir aufrichtig zu ſagen, ob er meine Mutter in Gefahr glaube. Er ſah mich einen Augenblick ſchweigend und unentſchloſſen an und faßte dann meine Hand: „Gewiß,“ ſagte er mir, „das Herz, das ſich in dieſen reinen und ſtillen Augen ſpiegelt, hat alle Staͤrke, die Liebe und Geduld zu geben ver⸗ moͤgen; ich kann wenig fuͤr Ihre edle Mutter thun, Sie viel, denn ihr Leben hängt von der Ruhe ihres Gemuͤthes ab, und wie ſie mir erſcheint, kann dieſe nur noch durch die Beſorgniß um ihren Schmerz getruͤbt werden. Bieten Sie daher alle Kraft Ihrer Seele auf, Ihres Grames Herr zu werden und glauben Sie, daß ich mit ber Sorgfalt der aller⸗ wahrſten und achtungsvollſten Theilnahme Alles auf⸗ — — bieten werde, was meine Kunſt vermag, um dies theure Leben zu friſten.“ Dieſe Worte enthielten fuͤr mich das Todesurtheil meiner Mutter. Einen Schmerz, wie ich ihn beim Anhoren derſelben empfand, empfindet man nicht zweimal im Leben. — Ich haͤtte ihn nicht zu er⸗ tragen, nicht zu beſiegen vermocht, wenn mir nicht die Pflicht, die Ruhe meiner Mutter zu ſchonen⸗ eine mir jetzt noch oft unbegreifliche Kraft gegeben hätte. Still gefaßt, bleich und ruhig trat ich nach einer halben Stunde, die ich einſam zugebracht hatte, in das Zimmer; meine Mutter hatte geweint; dieſe Thränen waren, wie ich fuͤhlte, meinem Schmerze gefloſſen; ſie waren mir heilig und ich bat Gott inniger denn je, mir den Muth zu geben, deſſen mein gebrochnes Herz bedurfte, um den Verluſt meines theuerſten Erdengluckes zu ertragen, das zugleich das einzige war, das uns, einmal verloren, nie hienieden wieder erſetzt werden kann. Ich wuͤnſchte Euch, meine Freundinnen, viel von den naͤchſten Tagen er⸗ zählen zu können, in denen meine Mutter mich darauf vorbereitete, von ihr die uns bevorſtehende Trennung zu erfahren, allein das Wort verſagt ſich mir zur Schilderung dieſer mir heiligen Erinnerungen. — 6 — Es gelang ihr, mich dahin zu bringen, daß ich mit mehr als Ergebung, daß ich mit Ruhe mich mit dem Gedanken ihres Todes vertraut zu machen vetmochte. Der Gedanke des Todes war uns Beiden nicht fremd; ich hatte den Tod von jeher lieb; er war mir immer als ein ſchoͤner Engel, als ein heiliger Friedensbote erſchienen; meine Mutter dagegen, ſo lieb und theuer ihr auch der Gedanke an die Unſterblichkeit war, ſah in dem Grabe doch immer eine grauſig duͤſtre Kluft zwiſchen dieſſeits und jenſeits, und der Tod war ihr ein Konig der Schrecken fuͤr den irdiſchen Theil ihres Weſens. Auf dieſes mir bekannte Todesgrauen grän⸗ dete ſie nun die Forderung an mich, ſie zum Tode zu bereiten und mit dem Gedanken an ihn zu be⸗ freunden. „Ich habe Dir das Leben gegeben,“ ſagte ſie mir, „und will nun zur Vergeltung von Dir ſterben lernen.“ Sie kannte mich, ſie wußte, daß es fuͤr mich nur eine Quelle der Kraft gab: Liebe, und die Wohlthat, die ſie mir erwies, dieſe Kraft fuͤr ſie aufzufordern, machte mich faͤhig, ihrem Wunſche ent⸗ ſprechen zu konnen. — Von dieſen letzten Monaten unſeres irdiſchen Zuſammenſeins iſt im tieſſten Grunde meiner Seele eine Nachfeier geblieben, als habe ich hienieden ſchon einmal jenſeits gelebt. Jeder irdiſche 5 — — Schmerz, jede Bitterkeit des Grames ſchwand in uns Beiden vor dem Frieden unſter Seelenſtimmung hin, den die Macht des Glaubens in uns durch eine ganz unaus ſprechliche Liebe zu einander vollendete und der uns den Blick frei machte in jene Woh⸗ nungen des Lichts, wo ewiges Leben zugleich ewige Liebe iſt. Wer ſich uns aber in jenen Monaten immer ſchöner als der edelſte und treueſte Freund bewährte, war unſer Arzt. Mit dem feinſten Zartgefuͤhl wies er jede Vergeltung fuͤr ſeine Bemuͤhung auf eine Art zuruͤck, die nur wohlthun, nicht verletzen konnte, und die Scheu, die mir dies hätte einfloßen koͤnnen, ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand in Anſpruch zu nehmen, wußte er durch die zaͤrtliche, faſt kindliche Ehrfurcht zu verbannen, mit der ſich ſeine innige Theilnahme fuͤr meine vortreffliche Mutter ausſprach. Er kam faſt woͤchentlich zu uns; er durchwachte Nächte an ihrem Krankenlager; er brachte uns Fruͤchte, Wein, Buͤcher, Alles, was zu ihrer Erguickung und Erheiterung nur erdacht werden konntes er ſchrieb mir poſitäͤglich, und das nicht blos als Arzt, ſondern als Freund, dem es nach und nach tiefempfundnes Beduͤrfniß wurde, mir von allen ſei⸗ — nen Ideen und Empfindungen Rechenſchaft abzulegen. Werner war verheirathet; ich konnte mich alſo ganz unbeſorgt dem Reize uͤberlaſſen, den die innige Freund⸗ ſchaft eines edlen, hochgebildeten Mannes fuͤr mich hatte und in ſeinem Betragen, wie in allen ſeinen Aeußerungen war auch nie die leiſeſte Nuͤancirung, die mich in der Sicherheit, mit der ein reines Frauen⸗ herz dem Gatten, dem Geliebten einer Andern gegen⸗ uber ſteht, irre zu machen vermocht hätte. Die Innigkeit, mit der wir Frauen den Werth eines edlen Mannes zu empfinden, und ſeine Trefflichkeit rein und ungeſtoͤrt anzuerkennen vermoͤgen, wurde fuͤr mich zur Quelle eines ſehr ſchoͤnen Gluͤckes und die Einſamkeit, in der ich ſeit einigen Jahren lebte, hatte meine Faͤhigkeit, ſo wie meine Empfaͤnglichkeit fuͤr dieſes Gluͤck noch geſteigert. In der Welt und den Beziehungen, in die ſie uns zu andern Menſchen ſetzt, laßt man ſich ſehr leicht zu einer Ueberſchätzung ſeines eignen Werthes verleiten, weil man fuͤhlt, daß man anders iſt, wie viele Menſchen; in der Einſamkeit hingegen wird man mit den Idealen einer Sittlich⸗ keit und einer Reinheit des Herzens vertraut, von der man weit entfernt zu ſein, ſich ſelbſt geſtehen muß, und dies Gefuhl der demuthigen Selbſterkennt⸗ — — niß bei dem Bewußtſein des Strebens nach dem Guten, macht uns, wie ich glaube, erſt faͤhig, einen edlen Menſchen recht wahr, recht frei von aller Selbſt⸗ ſucht zu lieben. Zu Werner's Theilnahme an uns geſellte ſich bald ein noch tieferes Intereſſe. Er war nicht gluͤcklich, warum er es nicht war, verſchloß er wie ein Geheimniß in ſein Herz; allein eben das Geheimniß ſeines Grames machte ihn troſtbeduͤrftig und ſeine Verhaͤltniſſe fuͤhrten ihn darauf hin, dieſen Troſt von keinem irdiſchen Gute, keinem vergänglichen Beſitze zu erwarten, ſondern ihn ſeiner eignen Seele, ſeinem Geiſte und ſeinem Gemuͤthe abzufordern. Wie groß und ſchoͤn ſich aber auch das geſtalte, was aus der Tiefe eines geſchaffnen Geiſtes hervorſtrahlt, und ſich in ſeinem Gemuͤthe als Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft reflectirt, ſo iſt ihm doch nie das urſpruͤng⸗ liche Licht und Leben eigen, welches nur durch die Allmacht der Religion, durch die Idee des Uner⸗ ſchaffnen und Ewigen in unſrer Seele aufgehen kann. Die Ueberzeugung von dem Daſein Gottes war bis dahin fuͤr Werner nichts als eine nothwendige Folge verſtändiger Erkenntniß geweſen; den unausgeſproche⸗ nen Seufzer nach ihm in der Tiefe ſeines Herzens hatte et ſich noch nicht zu deuten vermocht, bis er — — meine Mutter kennen und an ihrem Sterbebette begreifen lernte, daß es eine Anſchauung des Unendlichen und Ewigen, eine Gewißheit ſeines Daſeins, eine Zuver⸗ ſicht zu ſeiner Liebe gibt, die weit uͤber alle Reſul⸗ tate der Denkkraft erhaben iſt. Jetzt erſt lernte er das Beduͤrfniß des Glaubens deutlich fuͤhlen und empfand, wie dieſer im Heiligthume ſeines Gemuthes aus der Kraft einer reinen Liebe in ihm erblühete. Eine Freundſchaft, die auf dem Boden eines ſolchen Beduͤrfniſſes aufgeht, trägt Bluͤthen fuͤr mehr als eine Welt und kann hienieden nicht mehr untergehen. Tage wurden zu Wochen, dieſe zu Monaten, und näher und näher trat mir in der unergruͤndlichen Tiefe ihres Schmerzes und ihres Ernſtes die feier⸗ lichſte Stunde, die Sterbeſtunde meiner Mutter. Ich bin mir meines jetzigen Daſeins nie lebendiger bewußt geworden, als ich mir während ihrer Krank⸗ heit unſter Unſterblichkeit und der Fortdauer unſter Seslen und Herzensverbindung nach ihrem Tode wurde, und ohne dieſe Gewißheit wäre ich auch der Pruͤfung ihres Verluſtes erlegen. Ueber mein kuͤnf⸗ tiges Schickſal zeigte ſie, ob ich gleich ganz arm und dem außern Anſcheine nach huͤlflos zuruͤckblieb, nie die geringſte unruhige Beſorgniß. „Ich weiß es,“ ſagte ſie mit, es wird Dir wohlgehen; Gott wird Deine Kindestreue und Kindesliebe nicht unbelohnt laſſen.“ Und mit Thränen der innigſten Ruͤhrung und Dank⸗ barkeit ſchreibe ich es hier fuͤr Euch, meine lieben, jungen Freundinnen, nieder, das Gott dieſen Segen meiner lieben Mutter auf eine oft wunderbare Weiſe an mir erfuͤllt hat und zwar ſo, daß es mir ſtets hat merkbar bleiben muͤſſen, daß ich keinem Menſchen die Sicherung meiner aͤußeren Lage, ſon⸗ dern einzig Gott allein habe zu verdanken haben ſollen. Meine liebe Mutter litt in den letzten Wochen an Lungenkrämpfen, von denen der Arzt ſelbſt ge⸗ ſtand, daß ſie vielleicht das höchſte Maß irdiſcher Qual erſchöpften. Ihre einzige Linderung war es dann, wenn ich vor ihrem Bette kniete, ihre Hand in meiner, oder ſie in meinen Armen, ihr theures, frommes Haupt an meine Bruſt gelehnt, hielt. Fuͤr jeden lauten Ausbruch meines Schmerzes, füͤr jede ungeſtuͤme Klage war ſie, die mit der undborwind⸗ lichen Geduld eines Engels litt, mir zu heilig, aber mein innerſtes Menſchſein ſtraͤubte ſich oft, den Kelch dieſes Jammers zu leeren und meine Seele war be⸗ truͤbt bis in den Tod. Es kamen aber auch immer — 72 — noch wieder lichtere Stunden und Tage, in denen wir es mit himmliſcher Wonne empfanden, wie uͤber⸗ ſchwenglich gnadenreich Gott in dieſen Pruͤfungsſtun⸗ den ſich uns in ſeiner Huld und in ſeinem Erbarmen offenbarte. Es hat meiner lieben, ſeligen Mutter an keiner Erquickung, an keiner Pflege, keiner Lin⸗ derung gefehlt, die Gottesliebe und Menſchenliebe zu gewaͤhren vermoͤgen. Auf die unerwartetſte Weiſe erhielt ich Alles, was ich fur ſie wünſchte. Unſer ſtilles Leben und die herzgewinnende Freundlichkeit und Guͤte meiner Mutter hatte uns die Liebe aller Einwohner des Städtchens erworben. Mehrere Toͤch⸗ ter rechtlicher Buͤrgerfamilien kamen zu mir und er⸗ baten es ſich, bei meiner Mutter wachen zu duͤrfen und die letzten zwei Monate ihres Lebens wechſelten ſie mit unermuͤdlicher Sorgfalt darin ab. Jeder beei⸗ ferte ſich, ihr eine Erquickung, eine Linderung zu verſchaffen, und wie dankbar empfand ſie das! wie war ſie ſo ganz Liebe, ſo ganz Segen fuͤr jeden Beweis der Theilnahme, fuͤr jedes Labſal, das ihr ward, fuͤr jede ſchmerzensfreie Minute! — Ich hatte noch nie Jemand ſterben geſehen und ſo war es der letzte Wunſch meiner Mutter, daß ihr Tod ſtilles Erloͤſchen, ſanfte Erloſung von allem Erdenſchmerze ſein moge, damit mir ihre Sterbe⸗ ſtunde ein heiliges Friedensbild bleibe. Ihre Sehn⸗ ſucht nach dem Tode wurde in den letzten Wochen ihres Lebens inbruͤnſtig und blieb dabei doch ſo ruhig, ſo ſeelengroß, ſo ohne Ruͤckblick auf irdiſche Qual, als ſei ihr Geiſt ſchon verklaͤrt. Nach Tage langen Todeskämpfen ermattete ihr Leben und dumpfer Schlummer begann es zu uͤberhuͤllen, aber aus ihm brachen noch immer Strahlen ihrer unausſprechlichen Liebe zu mir hervor. Mir war, als verflechte ſich mein Leben von Stunde zu Stunde inniger mit dem ihrigen, als verſänke ſich mein ganzes Daſein ſo in das ihrige, daß ich nicht zu begreifen vermochte, wie ich wurde leben können ohne ſie. So ſaß ich eines Nachmittags einſam vor ihrem Lager. Sie ſchlug das Auge auf und ihr Blick ſchien mich zu ſuchen. „Wo biſt Du, Franzisca?“ fragte ſie und reichte mir die Hand, die ich, vor ihr niederſinkend, kuͤßte; — plötzlich veränderten ſich alle ihre Zuͤge, nicht entſtellend, ſondern ſie veredelnd, — vorzuglich von der Stirn ſtrahlte ein wundervoller Verklärungsglanz. „Mutter,“ rief ich, „meine liebe, liebe Mutter, wie iſt Dir?“ — Sie ſah mich an; — nie — nie vergeß ich dieſen Blick, — und ſo, ihre Hand Tarnow's Schriften. VII. 4 S, in meiner, ohne irgend eine Zuckung, ohne irgend einen Laut verloſch ihr Leben ſo ſanft, als habe ein Engel es von ihrer Lippe weggekuͤßt. — Jahre ſind ſeitdem voruber gegangen, aber das Grab hat keine Gewalt uber die Gemeinſchaft der Liebe zwiſchen ihr und mir geubt; ihr verklaͤrter Geiſt umſchwebt mich; ich weiß und empfinde es, und in⸗ nigſt mit ihm verbunden werde ich mich fuͤhlen, ſo lange ich lebe; denn in meinem Herzen klopft ja nur ihr Leben, wie ſie es mir einſt gab. Nein, das Grab trennt wahrhaft liebende Herzen nicht! Wie könnte ſie, die ich ſo unaus ſprechlich, ſo mit inner⸗ ſter, ganzer Seele ſeit dem erſten Erwachen des Lebens geliebt habe, mir mit der ſichtbaren Erſchei⸗ nung auch fuͤr immer entſchwunden ſein? Ihre Liebe zu mir, wie die meinige zu ihr, ſind ja ein weſent⸗ licher, unzertrennlicher Beſtandtheil meines Seins und meines Weſens, denn ſie iſt und bleibt ja ewig meine Mutter, nächſt Gott der Urauell meines Daſeins, und nicht blos das körperliche Leben in mir empſinde ich als ihr Eigenthum, ſondern auch Vieles in meiner Seele iſt ihr, der ich in meiner ganzen geiſtigen Organiſation, in jeder Eigenthuͤmlichkeit meines We⸗ ſens ſo aͤhnlich bin. — O, meine Mutter, mein Alles, mein unausſprech⸗ lich geliebtes Leben! noch heute frage ich mich, wie iſt es moͤglich, daß ich ohne dich zu leben vermag? — Ich bin, ich lebe, ich rede, ich bewege mich wie ſonſt, ich ſcheine ruhig, ich bin es und du biſt nicht mehr da! — ich kann dir nicht mehr Freude machen, mir fehlt der Beruf, fuͤr dich zu leben, und doch geht das Leben ungeſtort ſeinen Gang fort. Nichts ſtockt, nichts fehlt, und nur in meinem Herzen hat dein Verluſt dieſe nie zu erſetzende Luͤcke geriſſen! — Ach, ich habe dich fruher nicht genug geliebt, nicht genug das Gluͤck erkannt, mit dir und für dich zu leben! Du warſt mir immer, immer das Liebſte auf dieſer Welt, das weißt du jetzt, aber doch habe ich dich nicht genug geliebt! — dein letzter Ge⸗ danke hienieden war ich, dein letzter, brechender, ver⸗ klärter Blick war mein; — o laß den Segen, den er auf mein Herz legte, bis zum letzten Schlage deſſelben, dies mächtige, lebensvolle Gefuͤhl deiner Nähe, deines Schutzes und der Fortdauer deiner Liebe bleiben. Nein, meine Lieben, ich kann heute nicht weiter ſchreiben. 4* — Noch kniete ich einſam am Sterbebette meiner Mutter, ihre Hand in meiner, das Geſicht nieder⸗ gebeugt auf das Herz, das mich ſo unausſprechlich geliebt hatte und nun nicht mehr ſchlug, als — Werner zu'mir eintrat. Stumm kniete er neben mir nieder und ich fuͤhlte, daß ſein Blick auf die Verklaͤrte und ſein Kuß auf ihre Hand ein Ge⸗ lubde waren, mein Freünd und mein Beſchuͤtzer ſein und bleiben zu wollen. Mir erſchien er in dieſem Augenblicke als ein von Gott geſandter Tröſter. Er traf die nöthigen Anſtalten zum Begraͤbniß und verſprach, zu demſelben wieder zu kommen. Mein Schmerz war tief, aber ſehr ſtill und ſanft. Ein herzdurchbohrender Augenblick voll todtlichen Tren⸗ nungsſchmerzes ſtand mir noch bevor; es war der, als der Sarg weggetragen wurde. Auf den furcht⸗ baren Eindruck, den dies auf mich machte, war ich nicht vorbereitet; allein in ſolchen Stunden bewährt ſich uns der Troſt edler Freundſchaft in all' der Himmelskraft, die Gott ihm fuͤr reine Herzen gab. Werner wurde mir hier unvergeßlich, und uͤber Alles lieb und theuer, und meine Seele war durch den Schmerz ſo gereinigt und ſo ſtark geworden, daß es dies Erkennen des trefflichen Mannes ganz rein, — ganz ungeſtort als Freundſchaft, ohne irgend eine Beimiſchung lebhafterer Empfindung in ſich aufzu⸗ nehmen vermochte. Mein äußeres Leben begann nun auch⸗ ſein Recht, einer feſten Geſtaltung deſſelben, geltend zu machen. Werner ſchlug mir vor, die Stadt, in der er lebte, zu meinem Wohnorte zu wählen, und mich dem Unterrichte und der Erziehung junger Mädchen zu widmen; ein Beruf, der eben ſo ſehr meinen Wuͤn⸗ ſchen, als den Beduͤrfniſſen meines Herzens entſprach. Er ſelbſt war Vater von zwei Töchtern, die er mir anzuvertrauen wuͤnſchte und die er entſchloſſen war, mir zu uͤbergeben, wohin ich auch gehe. „Allein mein ganzes Gluͤck, mein einziger Troſt wuͤrde ſich mit den geliebten Kindern und mit Ihnen, meiner Freundin, von mir entfernen,“ ſagte er mir, und dieſe Aeußetung reichte hin, mich in der Wahl mei⸗ nes kuͤnftigen Aufenthalts zu beſtimmen, ſo ungern ich auch das Städtchen verließ, an welches mich die theuerſten Erinnerungen meines Herzens banden. Die innigſte, treueſte und heiligſte Liebe meines Her⸗ zens ruhete mit meiner Mutter im Grabe; was aber in den Empfindungen und Wuͤnſchen meines Lebens noch der Erde angehörte, war an Werner's edles Bild S — gebunden. Je oͤfter ich ihn ſah, je offner und ver⸗ trauter unſre Geſpraͤche wurden, deſto groͤßer wurde meine Ehrfurcht fuͤr ſeine Tugend. Wahr, muthig, ernſt und feſt, wo es Rath und That und Wort im Dienſt des Rechtes und der Pflicht galt, war er eben ſo tief und rein empfindend, als geiſtvoll und ideenreich. Er war mein Vormund im Reich des Gedankens, allein auch in der zarteſten Empfindung meines Herzens, in den leiſeſten Regungen der Weiblichkeit habe ich mich ſtets von ihm errathen, verſtanden und geehrt gefuͤhlt. Ich ehrte ihn wie einen Beſchuͤtzer, ich liebte ihn wie einen Bruder. Kein Gedanke meiner Seele blieb ihm verborgen; ich wußte es aus vielen kleinen Erfahrungen, daß er mich nur anzuſehen brauchte, um in meinem Herzen wie in einem offnen Buche zu leſen, oft ſelbſt das, was nur als Ahnung, nur als dunkles Gefuͤhl mich bewegend, mir ſelber noch nicht in der Klarheit des Bewußtſeins aufgegangen war; und Gott ſei Dank! nie habe ich dieſen Scharfblick zu ſcheuen, nie ihn zu fuͤrchten gebraucht. Fuͤr mein außres Leben ge⸗ waährte mir ſeine Freundſchaft alle die Sicherheit, die nur die treueſte, zuverläſſigſte Bruderliebe geben kann. Im Umgange mit mir wich er mit faſt 5 — weiblicher Feinheit und Zartheit nie von der haar⸗ ſcharfen Linie, die in dem Verhältniß zwiſchen Freund und Freundin Traulichkeit von Vertraulichkeit ſchei⸗ det, und die auch im herzlichſten Geſpraͤch, in der unbelauſchteſten Einſamkeit unſer Geſpraͤch und unſer Betragen doch ſtets vor jeder Mißdeutung ge⸗ ſchuͤtzt haben wuͤrden. Der Beſitz eines ſolchen Freun⸗ des iſt gewiß das allerſeltenſte Gluͤck, deſſen ein weib⸗ liches Weſen ſich zu erfreuen haben kann, wie es das ſchonſte, das reinſte und das treueſte iſt, durch das wir hienieden beſeligt werden konnen. Ich kam in R. an, wo er wohnte und fand, von ihm beſchuͤtzt und empfohlen, in einigen der ausgezeichnetſten Familien eine eben ſo guͤtige als ehrenwolle Aufnahme, da ſein Werth ſo allgemein gnerkannt und verehrt war, daß es fuͤr edle Men⸗ ſchen keinen guͤltigern Empfehlungsbrief geben konnle, als ſeine Freundſchaft. Seine beiden Töchter, Emilie und Oktilie, waren ein paar hubſche, aber in jeder Hinſicht höchſt vernachläſſigte kleine Maͤdchen, von fuͤnf und ſechs Jahren, deren Liebe ich mir indeſſen bald gewann, weil ich ſie zuerſt und zwar von ganzem Herzen liebte. In Zeit von einigen Wochen wurden — mir noch vier junge Mädchen anvertraut, und da ich die Zahl meiner Zoglinge nie uͤber die Groͤße eines Familienkreiſes hinaus zu vergroßen entſchloſſen war, begann ich nun meine Lebensweiſe feſt zu re⸗ geln. Ich fuͤhlte mich ſehr gluͤcklich in meinen neuen Verhältniſſen; geſchutzt vor Nahrungsſorgen, gekräf⸗ tigt durch das Gefuhl einer zweckmaͤßigen Thätigkeit, begluͤckt, weil ich mich von meinen Zöglingen geliebt fuhlte und mehr noch, weil ich ihnen ungehemmt die ganze Fuͤlle meiner Liebe konnte zuſtrömen laſſen, war meine ganze Seele frohe Dankbarkeit gegen Gott und Beſtreben, mich ſo vieler in mein Daſein ge⸗ legten Wohlthaten werth zu machen. Allein auch das ſchoͤnſte Gluͤck hat hienieden ſeinen Erdenſchatten, und dieſen warf auf mein Leben Werner's Gattin und der Schmerz, meinen Freund in der Verbindung mit ihr hochſt ungluͤcklich zu ſehen. Er gehorte zu den Männern, deren Lebensgluͤck das Opfer der Verblendung wird, aus eitlem Sinnenreiz eine Her⸗ zensſache gemacht zu haben. Noch als Student lernte er ſeine nachmalige Gattin, die Tochter des beruͤhmten Profeſſors H., kennen, die als das ſchonſte Maͤdchen ihrer Vaterſtadt bekannt und von allen jungen Maͤnnern als ſolches gefeiert war. Bethoͤrt — — durch Sophiens Reize, warb Werner um ihre Liebe, gewann von ihr die Zuſage ihrer Hand und buͤßte jetzt in einer hoffnungslos ungluͤcklichen Ehe dafuͤr, daß er bei der Wahl ſeiner Lebensgefährtin nur der Macht ſinnlicher Eindruͤcke gehorcht hatte. Auf mich machte dieſe Frau, als ich ſie zum erſten Male ſah, einen erſchreckenden Eindruck. Man ſah noch, wie ſchoͤn ſie geweſen ſein mußte, ehe dieſe ſo regelmaͤßig ge⸗ formten Geſichtszuͤge Falſchheit, Neid, Bosheit, Herz⸗ loſigkeit, Hohn und die Gewohnheit des Maulens verzerrt hatten. Werner hatte mit mir fruͤher nie von ſeiner Gattin und von ſeinen haͤuslichen Verhaͤlt⸗ niſſen geredet, und ich ſein Schweigen daruͤber ge⸗ ehrt, ohne doch die Groͤße ſeines haͤuslichen Ungluͤcks zu ahnen. Als ich aber nun dieſe Frau kennen lernte, als ich ihre Kinder ſittlich und körperlich bis zur Strafbarkeit vernachläſſigt fand, und die Gleich⸗ gultigkeit, mit der ſie mir dieſelben uͤbergab und unverholen ihre Freude ausſprach, von der Laſt, dieſe Creaturen um ſich zu haben, befreit zu werden, mir die Liebloſigkeit ihres Herzens verrieth, empfand ich die innigſte Theilnahme an dem Ungluͤcke des edlen Mannes, der ſo ganz werth war, das edelſte weib⸗ liche Weſen zu begluͤcken, weil in ihm die nur wenig —. Maͤnnern eigene Fahigkeit lag, durch die Liebe deſſelben unausſprechlich begluͤckt werden zu koͤnnen. Bei dem Vertrauen der innigſten Freundſchaft, das zwiſchen uns immer feſter wurzelte und bei den geſelligen Umgangsverhältniſſen, die mich mit ihm und ſeiner Frau oft zuſammen fuͤhrten, konnte mir das Ungluͤck ſeiner Ehe nicht verborgen bleiben und die Stunde kam, in der es ſeinem uͤbervollen, grambelnſteten Herzen Beduͤrfniß wurde, mit mir daruͤber zu reden ⸗ „Ich darf mich nicht beklagen,“ ſagte er mir, „wenn ich den Kelch einer ungluͤcklichen Ehe bis auf die Hefen leeren muß; denn ich habe bei der Wahl mei⸗ ner Gattin jede Pruͤfung ihres Charakters, zu der mir ihr Verhaäͤltniß zu ihren Eltern und ihren Ge⸗ ſchwiſtern, ſo wie ihr Betragen in Geſellſchaften und gegen andre junge Maͤnner Gelegenheit bot, ver⸗ nachlaͤſſigt, weil mich ihre Schoͤnheit blendete. Gleichguͤltig gegen ihre Eltern, unfreundlich gegen ihre Geſchwiſter, herriſch oder auch gemein vertrau⸗ lich gegen Untergebene, gefuͤhllos gegen Leidende, war ſie ſchon damals und ich haͤtte mir vorausſagen kön⸗ nen, daß ihr Herz der Liebe unfaͤhig ſei, deren ein weibliches Herz bedarf, um Mann und Kinder be⸗ glůcken zu können. Allein ich beobachtete dieſe Offen⸗ barungen der Liebloſigkeit ihres Charakters gar nicht und wenn ich dies auch vielleicht noch mit meiner damaligen Jugend und meinem Mangel an Men⸗ ſchenkenntniß entſchuldigen könnte, ſo muß ich mir doch bekennen, zwei ihrer Fehler gekannt zu haben⸗ ohne mich durch ſie warnen zu laſſen, naͤmlich ihren Leichtſinn und ihren Hang zum Muͤfiggang. Dieſer letztre ſah damals zuweilen bei ihr niedlich aus, weil er ſie von einem Geſchaͤfte zum andern umhertrieb, und dadurch mitunter ſogar den Schein der Tbätig⸗ keit erhielt; allein nie ſah ich ſie eine Arbeit vollen⸗ den, nie mit Ausdauer, mit ſtiller Ruhe und Emſig⸗ keit fleißig ſein; nie fand ich in ihrem Arbeitskäſt⸗ chen, nie in dem Schubfach ihres Tiſches jene Ord⸗ nung, die das Nuͤtzliche und Nothwendige mit dem Scheine des Zierlichen zu ſchmuͤcken weiß. Auch ihr Leichtſinn konnte mir nicht verborgen bleiben; ſie fand großes Gefallen daran, ſich den Hof machen zu laſſen, und beſaß die mit der wahren jungfraͤu⸗ lichen Wuͤrde durchaus unvereinbare Gabe, viele Hofmacher um ſich zu ſammeln. Jede ernſte Unter⸗ haltung, jede Anſtrengung, jede Beſchaͤftigung, die Ausdauer forderte, jede Kraft, ſich etwas verſagen und freudig entbehren zu koͤnnen, ſchien ihr verſagt; und ob ich das gleich ſah, uͤberredete ich mich doch, Liebe und Ehe wuͤrden ihr den Ernſt geben, der zu jedem wohl gefuͤhrten Hausſtand und zum haͤuslichen Gluck gehoͤrt. Allein dieſer Wahn ſchwand ſchon in den Flitterwochen unſter Verbindung dahin. Ge⸗ wohnt, ſich als Maͤdchen den Hof machen zu laſſen, hatte ſie die Fähigkeit verloren, ſich als Frau der Wuͤrde einer Gattin bewußt zu werden und zu be⸗ wirken, daß dieſe auch von den Maͤnnern, die ſich ihr naheten, anerkannt und geehrt werde. Ihre Putz⸗ und Vergnuͤgungsſucht machten ihr die Ver⸗ ſuchung gefäͤhrlich, die fuͤr ſie in der Annaͤherung eines reichen Verfuͤhrers lag. Ich bat und warnte, allein durch ihren Hang zum Muͤßiggehen waren ihr ſchon als Maͤdchen Liebeleien als Zeitver⸗ treib zum Beduͤrfniß geworden. Ich fuͤhlte mich ungluͤcklich und ſie verlachte mich damit, erſt aus Leichtſinn, aber bald, ſo wie die Fehler ihres Cha⸗ rakters Spielraum fanden, ſich zu entwickeln, aus Vosheit und dann mit Schadenfreude. Nun ſchoß das Unkraut giftiger Triebe und Laſter wild in ihrer Seele empor; durch die kleinherzigſte Selbſtſucht unfaͤhig zur Liebe, war keine Moͤglichkeit der Beſſe⸗ rung in ihr und nach langer, herzzerreißender Qual — — mußte ich mich darauf beſchräͤnken lernen, zu baͤndi⸗ gen, was ich nicht zu unterdruͤcken, nicht zu beſſern vermochte. Sie hat mein Gluͤck zertreten, mein Vermoͤgen verſchwendet; der Gram um ſie hat vor der Zeit mein Haar grau, mein Herz matt gemacht und eine ſo ungluͤckliche Ehe, wie die meinige, bringt unfehlbar in das Daſein eines Mannes eine Zerriſ⸗ ſenheit, die ſeine edelſten Geiſteskraͤfte lahmt. Vor⸗ zuglich empfinde ich es tief, daß ſie mir das edelſte Gluͤck der Menſchheit, das Gluͤck, Vater zu ſein, zu einem Quell des allerherzzerreißenden Schmerzes gemacht hat. Mein Wirkungskreis als Arzt ver⸗ goͤnnt mir nur einzelne Minuten, die ich mit meinen Kindern verleben kann; die Sorge fuͤr ſie mußte ich ihr uͤberlaſſen, und wie das als Vater ſchmerzt, die Frau, die Mutter gleichguͤltig, ja bis zur Grauſamkeit hart und gefuͤhllos gegen heiß geliebte Kinder zu ſehen; zu ſehen, wie dieſe von Tag zu Tag mehr verwil⸗ dern und an Seele und Leib verderbter erſcheinen, und ſich dann fagen zu muͤſſen: das ſind nicht blos Folgen verkehrter Erziehung, — es iſt, ihnen von der Mutter, die du ihnen gabſt, angeerbtes Gift ſittlichen Verderbens; — nein! das kann nicht durch das Wort ausgeſprochen werden, da dieſes den hoff⸗ — nungsloſen Jammer des tieſſten Seelenleids immer nur hoͤchſt unvollkommen abzuſpiegeln vermag. Mut⸗ terliebe gehoͤrt fuͤr eine weibliche Seele ſo weſentlich zum Gluͤck fuͤr Erde und Himmel, als es zur Se⸗ ligkeit Gottes gehoͤrt, daß er Schoͤpfer iſt, und daher gibt es in der ganzen Natur nichts Empoͤrenderes, als eine liebloſe Mutter. Wie dies Leiden auf mein inneres Leben eingewirkt hat, kann ich Ihnen nicht darſtellen. Ich war geiſtig wie zur Mumie gewor⸗ den, das Getriebe des aͤußeren Thuns und Treibens ging wie eine einmal aufgezogene Uhr fort, allein jeder hoͤhere Lebensreiz war erſtorben und ich könnte ſagen, ich ging mit entſeeltem Gemuͤth durch das Leben, bis ich Sie, theure Franziska, kennen lernte und mir in Ihrem Umgang wieder eine Anerkennung und Einwirkung edler Weiblichkeit wurde, wie ſie der Mann nicht entbehren kann, ohne die nachthei⸗ ligſte Verkuͤmmerung geiſtiger Lebenswuͤrdigung und reinen Herzensgluͤckes, da dieſer Sinn fuͤr Weiblich⸗ keit durchaus das Zarteſte und Feinſte im Manne, die Seele und das Leben aller ſchoͤneren Gefuͤhle ſeines Herzens iſt. Unſchuld und Ruhe, Friede des Herzens und Heiterkeit des Geiſtes, Duldung und Kraft ſtrahlten mir aus Ihren Augen entgegen und — — belebten mein Herz, wie die Morgendämmerung ſtill heraufwallt, die Dunkelheit der Nacht zu vertreiben, und die Erde mit neuem Licht zu ſchmuͤcken. Ich empfinde wieder und wenn ich gleich damit die Fä⸗ higkeit, leiden zu koͤnnen, wieder erhalten habe, weiß ich doch jetzt auch dieſe zu ſchätzen und ſehe das Verhaͤltniß zu meiner Frau als ein heilſames, mora⸗ liſches Beizmittel an; jeden Erſatz, den es fuͤr ver⸗ fehltes haͤusliches Gluͤck geben kann, finde ich in Ihrer Freundſchaft, in Ihrer Liebe zu meinen Kin⸗ dern und in der vortrefflichen Erziehung, die Sie ihnen geben. Meine Aufgabe fuͤr dies Leben ſteht klar und ernſt vor mir und ich hoffe ſie ſo zu loͤſen, daß Sie mich ſtets Ihrer Freundſchaft, Ihrer Ach⸗ tung werth finden ſollen.“ Doch nicht blos Achtung, wahre, tiefe Verehrung empfand ich immer inniger fuͤr ihn, je genauer ich ihn kennen lernte und die Kraft erkannte, mit der er ſich in immer lichtrer Heiterkeit und Klarheit uͤber ſein Schickſal zu erheben wußte. Mit ſtiller Her⸗ zenswonne empfand ich es, wie der edle, theure Freund mehr und mehr eine Ruhe der Seele, eine Freiheit des Sinnes, ein Schweigen des Verſtandes vor den tieferen Anregungen des Gemuͤthes gewann, — 88 — die die untruͤglichen Zeichen ſind, daß der Menſch auf dem Wege iſt, wo ihm alle Wiberſpruͤche der Idee und der Erſcheinung in der Glaubenskraft eines von der ganzen Macht der Vernunft ergriffenen und beſtimmten Willens untergehen, und ſich ihm alle Räͤthſel des Lebens in dem Anerkennen der ewigen Liebe löſen. Wie gluͤcklich ich in der Ahnung war, durch meine Freundſchaft Einfluß auf dieſe Stim⸗ mung des vortrefflichen Mannes zu haben, brauche ich denen nicht zu ſchildern, die es mit mir zu em⸗ pfinden vermogen, und wer dies nicht kann „ wuͤrde mich doch in keiner Schilderung dieſes Gluͤckes ver⸗ ſtehen. Nur das muß ich noch einmal wiederholen, mein Gefuhl für Werner war Freundſchaft, ſeelen⸗ volle, innige und zärtliche Freundſchaft, allein ohne die leiſeſte Miſchung irgend eines Wunſches, irgend eines Anklanges von Sehnſucht, ihm in Liebe noch naͤher angehoren zu koͤnnen, als es der Fall war. Es iſt mir im ganzen Lauf meines Lebens nie be⸗ greiflich geworden, wie fur den Gatten, den Gelieb⸗ ten, das Eigenthum einer Andern, Liebe in unſerm Herzen aufkeimen kann, und ohne eine hoͤchſt ſtraf⸗ bare Vernachläſſigung des Herzens und Verweichli⸗ chung des Willens kann eine ſolche Verblendung, — — die ſtels Schuld, nie Ungluͤck iſt, auch gar nicht Statt finden. Ruhig, frei und unbefangen, wie ich es in allen meinen Gedanken und Empfindungen ihm gegenuͤber war, erſchien auch mir ſtets Werner; allein das vermochte doch ein Verhaltniß, das als das Heiligthum zwei reiner Herzen ſchoͤn und zart wie eine Himmelsbluͤthe empor bluͤhete, nicht vor der Mißdeutung der Menge zu retten. Man begann ſich zuzufliſtern: Werner liebe mich und nur die all⸗ gemein anerkannte moraliſche Wuͤrde ſeines Charak⸗ ters, nur mein eigener, ganz makelloſer Ruf ſchuͤtzte mich vor der entehrenden Mißdeutung unſers Ver⸗ haͤltniſſes und unſers Umganges. Seine Frau ergriff den erſten Anſchein, der ſich ihr im Lauf ihrer Ehe darbot, ihm einen Vorwurf machen, einen Verdacht gegen ihn ausſprechen zu koͤnnen, mit all der hämi⸗ ſchen Bosheit, die ein Grundzug ihres Charakters war. Es konnte ihr nicht entgehen, daß Werner Freude an den ſichtlichen Fortſchritten ſeiner Kinder hatte, daß ſeine finſtere Stimmung lichter, daß mein Umgang ihm Troſt und Erholung war, und ſie wollte die Moͤglichkeit, ihm dieſen Troſt zu verleiden, nicht unverſucht laſſen. Jetzt kam für mich eine herbe Pruͤfungszeit. Werner's Freundſchaft war fuͤr — mich die Quelle eines eben ſo edlen als ſuͤßen Gluͤckes, und Nichts rechtfertigte en Argwohn, als koͤnne ſich die Reinheit der Empfindung, die es beſeelte, je in ſeinem oder in meinem Herzen truͤben. Ihn zu erheitern, ihn mit der Schattenſeite ſeines Lebens zu verſoͤhnen, ihn mit der Innigkeit und dem Ver⸗ trauen einer Schweſter zu lieben, war fuͤr mich zu einem Beruf geworden, der jede Kraft meines Gei⸗ ſtes und meines Herzens erweckte, indem er ſie in Anſpruch nahm. Ich hatte keinen Bruder, keinen Freund, außer ihn; von ihm entfernt, war ich allein, einſam auf der Erde, die ganze Welt mir oͤde und freudenlos — des Beſten in mir war ich mir erſt durch ihn bewußt geworden; ſein war es, und nun trat zwiſchen mich und dieſen Mann, nicht die Tu⸗ gend, nicht die Pflicht, nein, nur Bosheit, nur Verleumdung und gebot Trennung, wenn ſich nicht die Meinung gegen dieſe Freundſchaft empoͤren ſollte! Ich hatte mit meinem Herzen einen ſchweren Kampf zu kaͤmpfen; haͤtte es mich allein getroffen, ein Opfer bringen zu ſollen, ich hätte vielleicht nicht geſchwankt; allein nun ſollte ich den Freund betruͤben und ihn durch meine Entfernung wieder in die finſtere Freu⸗ denloſigkeit des Daſeins zuruͤckſtuͤrzen, aus der ich — — — — ihn gerettet hatte, ach! da konnte mir wohl der Muth, es zu thun, als Grauſamkeit erſcheinen, und ich es bei der Reinheit und Sicherheit meines Be⸗ wußtſeins edel finden, um des Freundes willen der Mißdeutung der Welt und den Pfeilen der Verleum⸗ dung trotzen zu wollen. Doch gewohnt, in ſtrenger Wachſamkeit wahr gegen mich, wie gegen Andere zu ſein, entging ich auch jetzt der Gefahr der Selbſttäuſchung, die mir Schwaͤche als Kraft vorzuſpiegeln drohte. Von meiner Mutter war es mir tief eingepraͤgt worden, nie die Wahrheit und Richtigkeit meiner Grundſätze pruͤfen zu wollen, wenn ich in Gefahr ſtehe, daß mich die Nei⸗ gung meines Herzens, oder irgend ein anderes leb⸗ haftes Intereſſe bei dieſer Pruͤfung parteiiſch mache. „In völliger Herzensruhe und Geiſtesfreiheit,“ ſagte ſie mir oft, „denke uͤber die Grundſatze nach, die Dir zur Richtſchnur Deiner Handlungen dienen ſollen; verſäume keine Gelegenheit, ſie zu prufen, keinen Anlaß, ſie zu berichtigen; allein wenn der Augenblick da iſt, wo ſie Dir einen Entſchluß, eine Handlung abfordern, dann laß Dich nie darauf ein, mit ihnen handeln und uͤber ſie kluͤgeln zu wollen, ſondern be⸗ folge ſie feſt und ohne Wanken, ſonſt zieht Dein = 58 = Pflichtgefuͤhl den Kuͤrzern und die Sophiſtereien der Leidenſchaft tragen den Sieg davon.“ Nun hatte mir aber die ſorgſamſte Ruͤckſicht auf das Urtheil und die Meinung der Welt ſtets fuͤr ein ſtrenges, durchaus unerbittliches Geſetz gegolten, dem jedes Frauenzimmer ſich unterwuͤrfig bezeigen muͤſſe. Sobald ein Frauenzimmer, auch bei gänz⸗ licher Schuldloſigkeit, das Bewußtſein hat, mit der Meinung zerfallen zu ſein, kann ſie ſich nur auf Koſten ihrer Weiblichkeit vor einem entadelten Daſein ſchuͤtzen, das dann im beſten Fall ein unnatuͤrliches, zerriſſenes Daſein wird. Vorzuͤglich bei allen Her⸗ zensverhältniſſen muͤſſen ſich Frauen vor dem ge⸗ fährlichen Irrthum huͤten, daß ſie, weniger weiſe, gluͤcklicher ſein wuͤrden. — Ich vermochte mir es nicht abzuläugnen, daß, hätte eine Freundin in einer der meinen aͤhnlichen Lage meinen Rath begehrt, ich ihr Trennung angerathen haben wuͤrde, und ſo mußte ich mir den Entſchluß zu dieſer abgewinnen. Was ich furchtete, war Werner's Widerſtand gegen die Ausfuͤhrung deſſelben; allein zu meinem großen, und ich geſtehe es, zu meinem ſchwerzlichen Erſtaunen erlaubte er ſich keinen Verſuch, mich zur Aenderung meines Ent⸗ ſchluſſes zu bewegen, ob er ihn gleich tief zu betruͤben ſchien. Wir uͤberlegten nun gemeinſchaftlich, wo ich kuͤnftig zu leben mich entſchließen wolle. Ein Brief, den er von einem ſeiner liebſten Jugendfreunde aus London erhielt, entſchied daruͤber. Dieſer gab Wernern den Auf⸗ trag, eine gebildete, deutſche Frau zu ſuchen, die geneigt ſei, auf ein oder zwei Jahre nach England zu gehen, um dort im Hauſe der Lady Griffith zu leben und dieſer Unterricht in der deutſchen Sprache zu geben. Die Bedingungen waren anſtaͤndig und ſicherten zu gleich der Eingeladenen, mit Ausnahme der zum Unterricht beſtimmten Stunden, voͤllige Unabhaͤngig⸗ keit zu. Dieſer Antrag entſprach in jeder Hinſicht meinen Wuͤnſchen, ſobald Lady Griffith mir erlaubte, Werner's Toͤchter, Emilie und Otilie, mit mir zu nehmen, da ich entſchloſſen war, mich nie von dieſen zu trennen. Der Brief enthielt eine ſo anziehende Schilderung von dem Charakter und der Liebens⸗ wuͤrdigkeit der jungen Lady, daß ich das Vertrauen in mir fand, ihr zu ſchreiben und ſie um die Ver⸗ guͤnſtigung zu bitten, meine Pflegetoͤchter mitbringen zu duͤrfen. Ihre Antwort war bejahend und zugleich ſo freundlich, ſo ſinnvoll, daß es einen tiefen Eindruck auf mich machte und meinem Herzen eine Vorahnung von dem ſeltenen Werth dieſes vortrefflichen Weſens gab. — Je naͤher jetzt der Zeitpunkt unſerer Trennung kam, je duͤſterer ſchien Werner zu werden und die ſichtliche Anſtrengung, mit der er mir die Groͤße ſeines Schmerzes zu verbergen ſuchte, erweckte zum erſten Mal in mir die Ahnung, daß das Opfer, welches ich der Meinung allein zu bringen glaubte, vielleicht dem Herzensfrieden meines edlen Freundes gebracht war. Ich errieth jetzt, daß er ſelbſt die Gefahr gefuhlt habe, die fuͤr ihn aus unſerm Zu⸗ ſammenleben, aus der freundlichen Gewohnheit, uns taglich zu ſehen und zu ſprechen, aufgehen könne, und daß er es ſich darum verſagt habe, meinen Ent⸗ ſchluß, mich von ihm trennen zu wollen, zu bekaͤm⸗ pfen. O, wie pries ich jetzt die Kraft, mit der ich mich entſchloſſen hatte, der Vernunft und der Mei⸗ nung das Opfer eines Gluͤckes zu bringen, deſſen Unerſetzlichkeit mein Herz tief empfand, ohne die Gefaͤhrlichkeit deſſelben zu ahnen. Werner war ſo edel, daß vielleicht der Uebergang ſeiner Empfindung fuͤr mich von Freundſchaft zur Liebe der Reinheit unſers Verhältniſſes keine Gefahr gedroht haben wuͤrde; allein von allen Irrthuͤmern, die unſter Ruhe und unſerm Werthe Gefahr drohen, iſt keiner gefäͤhrlicher, als der, auf die Stärke unſers Herzens — zu rechnen, wenn die Pflicht den Empfindungen deſ⸗ ſelben feindlich gegenuͤber ſteht. Einer ſolchen Ver⸗ ſuchung auszuweichen, iſt weiſer noch und beſſer, als ſich in ihr zu bewaͤhren. Am Abend vor meiner Abreiſe war Werner bei mir, um ſeine Kinder zu ſegnen und von ihnen und von mir Abſchied zu nehmen. Ich litt unbeſchreib⸗ lich, nie hatte ich ſo lebhaft empfunden, wie theuer er mir, nie, wie theuer ich ihm war. Mit unbe⸗ ſchreiblicher Wehmuth und einer Reſignation, deren Ausdruck herzzerreißend fuͤr mich war, ſprach er da⸗ von, wie jeder Troſt, jeder Reiz ſeines Lebens an meinen Umgang, meine Freundſchaft fuͤr ihn ge⸗ bunden ſei und in welche ode Freudenloſigkeit, in welche kalte, ſtrenge Pflichterfuͤllung jetzt, von mir getrennt, ſein ganzes Daſein wieder verſinke. Sein Gram, ſein Schmerz thaten mir unendlich wohl und weh — ich haͤtte mein Leben hinopfern moͤgen, ihn zu tröſten, und als er mir nun mit ſo innig beweg⸗ ter Stimme, mit naſſem Auge fuͤr die Mutterliebe und Muttertreue dankte, die ich an ſeinen Kindern geuͤbt habe und noch uͤben wolle, und dann mit ſichtlicher Anſtrengung der Wahrſcheinlichkeit gedachte, daß ich, in die Welt zuruͤcktretend, bald einem wuͤr⸗ — 96 — digen Mann begegnen und dieſem meine Hand reichen wuͤrde, und wie dann ſeine Kinder — ich ließ ihn nicht ausreden. So gewiß wie meine Freundſchaft fuͤr Werner frei von jeder Sehnſucht, jeder Unruhe, jeder Hoffnung der Liebe war, ſo fuͤhlte ich doch meinen Beruf auf Erden ſo ganz als ſeine Freundin und als Pflegerin und Erzieherin ſeiner Kinder voll⸗ endet, daß ich es fuͤr meine Beſtimmung hielt, unverheirathet bleiben zu ſollen, um den beiden mut⸗ terloſen Waiſen, die die Vorſehung an mein Herz gelegt hatte, ungetheilt mein Leben widmen zu koͤn⸗ nen, und ich ſprach das Geluͤbde aus, dies thun zu wollen. Werner's Auge ruhte mit einem unaus⸗ ſprechlichen Ausdruck auf mir, — ſeine Zuͤge erſchie⸗ nen von einem geiſtigen Freudenſchimmer wie ver⸗ klärt, er druͤckte meine Hand an ſeine Lippen. „Es iſt vielleicht eine grauſame Selbſtſucht,“ ſagte er mir, „daß mich dieſe Anſicht Ihres Berufes auf Erden begluͤckt; allein ſie ſichert meinen Kindern das Gluͤck einer vortrefflichen Erziehung und mir den Beſitz einer Freundin, die allein mein freudenloſes Daſein mit mildem Friedensſchimmer zu erhellen vermag. Vielleicht wuͤrden Sie in andern Lebens⸗ verhältniſſen gluͤcklicher ſein, doch nie koͤnnten Sie — 950 — Ihr Leben hoher in tugendhafter Pflichterfuͤllung ausbringen, und dieſe Ueberzeugung verbuͤrgt mir Ihre Zufriedenheit, meine Freundin, und bernhigt mich uͤber die Zukunft.“ Ich ging nach Hamburg und ſchiffte mich dort mit meinen beiden Pflegetöchtern nach London ein, wo ich im Hauſe der Lady Griffith ihre Mutter, Lady Arundel, vorfand, die in der Stadt zuruͤckge⸗ blieben war, um mich zu empfangen und nach dem Landſitze ihrer Tochter zu begleiten. Lady Arundel war in ihrem 45ſten Jahre noch eine auffallend ſchoͤne Frau, von hoher majeſtätiſcher Geſtalt und einem ſo ſtolzen Anſtand, daß er ihrer Freundlichkeit und Zuvorkommenheit den Schein der Herablaſſung gab. Sie liebte Glanz, Pracht und Aufwand, und war freigebig bis zur Verſchwendung. Seit ihren fruͤheſten Jugendjahren hatte ſie in der großen Welt gelebt und konnte dieſe jetzt nicht entbehren; doch der friſche Reiz, den die ihr ehemals dargebrachten Hul⸗ digungen dieſem Weltgetriebe gaben, war fuͤr ſie mit den Rechten und Anſpruͤchen einer jugendlich ſchoͤnen Frau verſchwunden und ſie fuchte ihn durch eine geiſtige Thaͤtigkeit und Wirkſamkeit zu erſetzen, die bei der Kleinlichkeit der Angelegenheiten, fur die Tarnow's Schriften. VII. 5 P ſie ſich intereſſirte, wie Hang zur Intrigue ausſah Angelegenheiten miſchen, Alles wiſſen, Alles befordern, und auch wohl zuweilen dazu ausartete. Ihre angeborne Gutmuͤthigkeit ſicherte ſie davor, gefährlich werden zu wollen; allein die Sucht, die man bei ſo vielen Frauen dieſes Alters findet, ſich in fremde Alles klug, heimlich und verſchlagen betreiben zu wollen, iſt der Sittlichkeit viel gefährlicher, als man ahnet. Ich rede nicht davon, daß ſie leicht zu Klat⸗ ſchereien verleiten und in Klatſchſucht ausarten kann; dieſer Fehler iſt ſo nahe mit Gemeinheit verwandt, daß eine edle Natur ihn wie Gift verabſcheuen und ausſtoßen wird; allein Hang zur Intrigue, und verhuͤlle er ſich in den beſten Zweck, iſt unvereinbar mit Wahrheit des Charakters und dieſe iſt das Kleinod unſers geiſtigen Lebens, die Grundlage aller ſittlichen Trefflichkeit im Menſchen. Wer nicht wahr iſt, wird fruͤher oder ſpäter, aber gewiß unaus⸗ bleiblich, das Opfer ſeiner eignen Falſchheit. Unwahr⸗ heit fuͤhrt nie zum Gluͤck, und ſelbſt in ſchwierigen Lagen hat die Einfachheit der Wahrheit faſt immer die Sicherheit der Klugheit. Die Richtigkeit dieſes Erfahrungsſatzes bewaͤhrte ſich auch an Lady Arundel. Waos ſie wollte, war ſtets ſo unſträflich, daß ſie — S1 — — nur den geraden Weg gehen durfte, um es zu errei⸗ chen; doch ſie ging immer auf kleinen Nebenpfaden, und das Wiſſen um dieſen Hang raubte ihren Freun⸗ den und Bekannten die Zuverſicht zu ihrem Charakter, die ihr die Achtung derſelben verbuͤrgen konnte. Un⸗ ſicherheit uͤber dieſe macht aber unſicher und verleitet zu Fehlgriffen; man thut dann, um die Menſchen zu gewinnen, mehr als noͤthig iſt und ſchadet ſich dadurch bei ihnen, eben weil es der Freundlichkeit und Zuvorkommenheit, mit der man ihnen entgegen tritt, den Zauber raubt, den die Wahrheit der Empfin⸗ dung unſerm Wohlwollen verleiht. Lady Arundel em⸗ pfing mich mit auszeichnender Artigkeit; ich fand ſie liebenswürdig, geiſtreich, unterhaltend, allein ſie ließ mein Herz kalt und ich fuͤhlte, daß, wenn Lady Mathilde ihrer Mutter gleiche, ich ihr gegenuͤber nie das Gefuͤhl verlieren werde, ihr fremd zu ſein. Es war an einem herrlichen Junitage, als wir nach Aſahall, dem Landſitze des Lord Griffith, fuhren, wo die Familie den Sommer verlebte. Lady Ma⸗ thilde kam uns entgegen gefahren. Nie hat fruͤher oder ſpäter die Erſcheinung eines weiblichen Weſens einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht; nie habe 5 — 100 — ich eine ſo wahre augenblickliche Hinneigung von Herz zu Herz empfunden, als ihr, der Holdſeligen, gegenuͤber. Gewiß, unſre Seele hat bei dem erſten Anblick eines Menſchen oft prophetiſche Vorahnungen von ſeinem Werth und ſeinem Einfluß auf unſer Lebensgluͤck und Lebensweh. Mir war, als ich Lady Mathilde erblickte, als ſei ihr Bild ſtets in meiner Seele geweſen und das Schickſal ziehe jetzt nur den Schleier fort, der mir in ihr das Ideal weiblicher Liebenswuͤrdigkeit bis jetzt verhuͤllt habe. — Sie begruͤßte mich mit herzlicher Innigkeit und mir wurde das Gluͤck, daß auch ſie mich beim erſten Blick liebgewann und mein wurde, wie ich durch ſie den Segen kennen lernte, den die Freundſchaft einer tu⸗ gendhaften und gefuͤhlvollen weiblichen Seele unſerm Herzen zu gewähren vermag. Die Zeit hat den Bund unſrer Herzen bewahrt und gekraͤftigt, allein die Bluͤthe unſrer Liebe erſchloß ſich bei dem erſten Blick. Seele in Seele, Hand in Hand, ſo fand uns der erſte Abend, und ſo wird uns, ich hoffe es zu Gott, auch noch der letzte Abend unſers Lobens finden. Von Neuem erbluͤhten jetzt fuͤr mich Tage eines reinen, ſchoͤnen Gluͤcks. Ich war in Lady Mathil⸗ 3 — —— — 101 — dens Hauſe ein geliebter, gern geſehener Gaſt. An⸗ gebetet von Allen, die ſie kannten, ein Engrl der Huld und der Liebe fuͤr Alle, die ſie umgaben, reichte der Beſitz ihrer Freundſchaft hin, mir das Wohlwollen derer zu erwerben, mit denen ich lebte. Ich lernte hier nun die Lebensweiſe reicher und vor⸗ nehmer Familien, die Vergnuͤgungen der großen Welt, den Ton ihrer Unterhaltungen kennen und zwar, da ich mit gebildeten, edlen Menſchen lebte, dies Alles von ſeiner ſchoͤnſten Seite, und, werdet Ihr es mir glauben, meine lieben jungen Freundinnen, daß aller dieſer Schimmer des Reichthums und des ver⸗ feinerten Lebensgenuſſes in mir nur die dantbare Anerkennung des Gluͤckes bewirkte, im Mittelſtand geboren und fuͤr ein einfaches buͤrgerliches Leben beſtimmt zu ſein? — Durch alle Staͤnde der Ge⸗ ſellſchaft geht jetzt das Beſtreben, ſich aufwärts an⸗ zuſchließen; allein wie viel wuͤrden wir an wahrem Lebensgenuſſe, an heiterer Friude und Frieden ge⸗ winnen, wenn wir das Gluͤck des haͤusliches Fleißes, der ſtillen Zuruͤckgezogenheit, der Beſchränkung auf den Umgang mit wenigen Freunden zu erkennen und zu wuͤrdigen verſtaͤnden! Mag das vornehme geſellige Le⸗ ben ſich gleich eignen, die Annehmlichkeit und die Grazie — 102 — der Weiblichkeit zu entwickeln, ſo entfaltet ſich doch dagegen eben ſo gewiß unſer wahrſtes und edelſtes Sein nur in Demuth und Stille, und wir Frauen gleichen jenen Pflanzen, die in Treibhäuſern gezogen, mit ihrer ganzen Kraft nur eitle Blatterfulle treiben, dagegen ſie ſich im muͤtterlichen Erdboden, von der Natur allein erzeugt, in Bluͤthenpracht erſchließen. Das Beſte, was eine Frau in allen Verhältniſſen des Lebens ſein und werden kann, iſt doch das, was ſie als Gattin, Mutter, Hausfrau und Freundin iſt, und dieſe ſchoͤnen Naturverhaͤltniſſe vermag man ſich in der großen Welt ſelten rein und ungetrubt zu erhalten. Zu unſerm Gluͤck reicht es nicht hin, daß wir geliebt werden; der geliebte Gegenſtand muß auch unſer inneres Weſen, unſte Seele, unſern Charakter zu wuͤrdigen wiſſen, und wo finden wir in der großen Welt die Menſchen, denen wir einen richtigen Maßſtab fuͤr ſittlichen Werth zutrauen koͤn⸗ nen und daher mit ſorgloſem Vertrauen unſre innerſte Seele, jeden Zug unſers Charakters zeigen duͤrfen, ohne uns zu muͤhen, ihnen unſte Anſichten, Grund⸗ ſätze und Empfindungen zu verbergen? Eine ſolche Vereinzelung bei äußerer lebendiger Gemeinſchaft lähmt aber unausbleiblich die edelſten Fäͤhigkeiten unſter ————— — 103 — Seele, die zarteſten Gefuͤhle unſers Herzens. Was mir aber vorzuglich die große Welt und den Geſell⸗ ſchaftsverkehr mit vornehmen Zirkeln verleidete, iſt, daß er uns unausbleiblich das Gluck des Vertrauens auf Menſchenherz und Menſchenwerth raubt. Dem Schmerz der Menſchennichtachtung entgeht kein ge⸗ muthvoller Menſch, der mit vielen Menſchen um⸗ geht, und wir Frauen ſollten nichts ſo ſcheuen, als jene Zergliederungskunſt des menſchlichen Herzens, die uns den ſuͤßen heiligen Glauben an die Vortreff⸗ lichkeit deſſelben raubt. Unbekanntſchaft mit dem Laſter iſt fuͤr uns die ſicherſte Schutzwehr dagegen, und die Toleranz, die wir allen Schwaͤchen des Gei⸗ ſtes und des Herzens ſchuldig ſind, muß nie in To⸗ leranz gegen Schlechtigkeit ausarten. In jedem Ver⸗ gehen liegt, genau zergliedert, etwas Entſchuldigendes, was der Menſch nicht kennen lernen darf, ohne den Abſcheu gegen das Laſter einzubuͤßen und wehe uns, wenn uns dies nicht mehr empoͤrt. — Laßt uns daher den Vorzug nie verkennen, in einem Stande und in Verhaͤltniſſen geboren zu ſein, die es uns ſo ſehr erleichtern, einfach, gut und gluͤcklich zu ſein; laßt uns feſt an dem Gluͤck des Buͤrgerſtandes halten und ſeine Wuͤrde dadurch behaupten, daß wir den — 104 — Schein jedes Strebens, es Vornehmeren, als wir ſind, gleich thun und uns ihnen anſchließen zu wol⸗ len, auf das Sorgfältigſte meiden. — Der Stand, in dem uns Gott hat geboren werden laſſen, iſt zu⸗ gleich eine Anweiſung zu unſerm Beruf auf Erden und es iſt alſo unſere Pflicht, die Tugenden, die er fordert, vorzuglich zu uͤben und uns zur Erfullung der Pflichten, die er auflegs, fähig zu bilden. — Eine Mutter unſers Standes, die ihre Tochter, ſtatt für das Gluck einfacher Häuslichkeit und anſpruchs⸗ loſen, ſich ſelbſt belohnenden Fleißes, dazu bildet, mit ihren Talenten ſchimmern zu können, ſchimmern zu wollen, hat fur ihre Tochter blanke Spielpfennige ſtatt echten Goldes eingehandelt. Lady Mathilde verſtand ſchon meine Mutter⸗ ſprache und bedurfte nur noch der Uebung, um ſih im Sprechen derſelben zu vervollkommnen, worauf ſie hohen Werth ſetzte, weil ſie ihren einzigen gelieb⸗ ten Bruder, Lord Georg Arundel, der ſeit zwei Jahren in Deutſchland lebte und unſere Sitten, un⸗ ſere Sprache und unſere Literatur lieb gewonnen hatte, bei ſeiner Ruͤckkehr mit der neu gewonnenen Fertigkeit uͤberraſchen wollte. Lord Arundel war der —— — 105 — Stolz ſeiner Familie und nach Allem, was ich hörte, verdiente er durch That, Charakter und Grundſätze dies zu ſein. Er fand bei dem Tode ſeines Vaters die Vermoͤgensumſtaͤnde deſſelben ſehr zerruͤttet; um dieſe wieder herzuſtellen, ohne daß es der Prachtliebe ſeiner Mutter zu große Opfer koſtete, verließ er England, um auf dem feſten Lande unter einem fremden Namen einige Jahre ſo einfach und ſo be⸗ ſchränkt zu leben, daß die Einkuͤnfte von ſeinen Guͤtern faſt ganz zur Abzahlung der dringendſten, darauf haftenden Schulden verwandt werden konnten. Der Ehrgeiz ſeiner Mutter und ihre Dankbarkeit fuͤr die ihr gebrachten Opfer hatten für ſein kuͤnfti⸗ ges Leben einen glaͤnzenden Plan entworfen; ſie hoffte ihm nach ſeiner Ruͤckkehr durch die Hand der jungen, ſchoͤnen Lady Cäcilie Seymour den Reich⸗ thum und die Verbindungen ſichern zu koͤnnen, deren er zu ſeinem Eintritt in das Parlament bedurftez, und dieſer mußte ihm bei ſeinen Kenntniſſen und ſeinen Talenten den Weg zu einer glänzenden, ſtaats⸗ burgerlichen Laufbahn eroͤffnen. Lord Arundel wurde noch vor Eintritt des Winters in London erwartet, und Lord Griffith und ſeine Gemahlin begleiteten ſeine Mutter mach der Hauptſtadt, um ihn dort zn — 106 — empfangen. Ungern verließ ich Aſahall; ich hatte von Mathilden das Verſprechen erhalten, in London nur fuͤr ſie, ohne alle Theilnahme an dem glaͤnzend geſelligen Verkehr, zu dem ihre Verhaͤltniſſe ſie nö⸗ thigten, leben zu duͤrfen, aber doch ſchied ich ungern von dem ſchoͤnen Landſitze. Einſamkeit war mir zum Beduͤrfniß geworden und immer entſchiedener ſprach ſich meine innerſte Natur fuͤr den Wunſch eines haͤuslichen, von dem aͤußern Weltverkehr ſo viel als moglich geſchiedenen Lebens aus. Werner's Andenken war lebendiger denn je in meinem Her⸗ zen; in meiner Seele kein Gedanke, der nicht mit fuͤr ihn gedacht war. Auch that mir die Sorge fuͤr ſeine Kinder unendlich wohl; die Liebe zu ihnen heiligte das Band unſter Freundſchaft für mehr als eine Welt und die Freude, in ihnen fuͤr ihn zu leben, war mir der Preis, der Lohn meines Da⸗ ſeins. Das einzige Haus, das ich in London zuweilen beſuchte, war das der Lady Arundel, an den Tagen, die Mathilde allein bei ihr zubrachte, aber auch dann fuhr ich erſt, wenn meine Kleinen zu Bette gebracht waren, zu ihr. Eines Abends, als ich noch etwas ſpäter als gewoͤhnlich kam, fand ich in dem Geſell⸗ — — — 107 — ſchaftsſaale Niemand und ging daher durch die darau ſtoßenden Zimmer nach einem Cabinet, in dem ich Lady Arundel und ihre Tochter zu finden glaubte. Dies Cabinet war zeltartig, mit purpurrother Seide drapirt, eine ſilberne Ampel erleuchtete es mit der Milde des Mondlichtes; — ich ſchlug den Vorhang auf, der, vor dem Eingang niederwallend, die Stelle der Thuͤre vertrat und blieb wie feſt gebannt ſtehen. Lady Mathildens kleiner Georg, ein wunderſchöner, zweijahriger Knabe und ihr einziges Kind, ruhte auf ſeidenen Kiſſen und neben ihm, ſeinen Schlaf mit inniger Liebe belauſchend, verloren in den Anblick der holden Friedlichkeit ſchlummernder Unſchuld, lehnte an einer Saͤule ein Mann, dem die Natur in jedem Zuge das Siegel ſeines Adels aufgedruͤckt hatte. Eine hohe Geſtalt, das ſtolz getragene Haupt von hellbraunen Locken umwallt, ein Paar dunkelblaue Augen voll Geiſt, Feuer und Empfindung, ein braͤunliches, von dem Roth der friſcheſten Geſund⸗ heit durchſtrahltes Colorit, edle Geſichtszuge und um den ſchoͤngeformten Mund ein unwiderſtehlich einnehmendes Lächeln der Guͤte, Freundlichkeit und der ſanften Wehmuth; — ſo erſchien mir Sir Georg Arundel, der, ohne daß ich es wußte, dieſen Abend — 108 — angekommen war und ich geſtehe es, nie hat mir ein Mann beim erſten Anblick eine ſolche faſt ehr⸗ furchtsvolle Hochachtung eingefloͤßt, wie er. Unwill⸗ kuͤrlich blieb ich am Eingang ſtehen, den zuruckge⸗ ſchlagenen Vorhang noch immer mit der einen Hand empor haltend; — jetzt aber ſah er auf und gleich⸗ falls durch meine Erſcheinung in dieſem Augenblick uͤberraſcht, trat er auf mich zu, mich zu begrußen, da er wußte, daß ich erwartet wurde, was es ihm leicht machte, in mir die Freundin ſeiner geliebten Schweſter zu erkennen, die fuͤr ihn keine Fremde, keine Unbekannte war. In ſeiner Anrede lag ſo ein Ausdruck von reiner Hochachtung und zartem Ver⸗ trauen, daß das Gefuͤhl des Fremdeſeins augen⸗ blicklich davor hinweg ſchwand und ich mich — gegenuͤber völlig unbefangen fand. Von dieſem Abend an ſahen wir uns — da Sir Georg es kein Hehl hatte, daß ihn der Um⸗ gang und die Unterhaltung mit mir beſonders anzog, und meine Freude an dem Erkennen ſeines Werthes begruͤndete ſich in immer feſterer Ueberzeugung von demſelben. Alles an ihm zeugte von einem ernſten, das Leben und die Welt in ihren großen Beziehun⸗ gen rein und ſtark auffaſſenden Gemuͤth, und von — — — 109 — einer dem Senkblei der Alltäglichkeit unergrundlichen Tiefe der Empfindung. Im Beſitz gruͤndlicher Kennt⸗ niſſe und gelehrter Wiſſenſchaft, beſaß er auch einen fein gebildeten Kunſtgeſchmack und jenen dichteriſchen Schwung der Einbildungskraft, jenen Sinn fuͤr die Schönheiten der Dichtkunſt, den nur ein edles war⸗ mes Herz zu erzeugen vermag. Was mir ihn aber noch beſonders werth und anziehend machte, war der Sieg, den ſeine ſchoͤne Natur und ſein ſittlicher Adel über alle erkunſtelten Verhältniſſe der großen Welt, in der er erzogen und gebildet war, davon getragen hatte. Die Bluͤthe des feinſten Welttons war ſein, ohne daß ſie der Wahrheit — Empfindung Ein⸗ trag that. Ich hatte ſowohl in meinen fruͤheren Verhältni⸗ ſen, als auch in Lady Mathildens Hauſe manche mir liebenswürdig und glänzend erſcheinende Maͤn⸗ ner kennen gelernt, die fuͤr mich den Neiz poetiſcher Gebilde gehabt hatten, ohne mir dadurch bedeutend zu werdenz allein an Sir Georg konnte ich nur mit Ruͤhrung, nur mit der Wonne der Begeiſterung denken, mit der meine Seele alles Schone und Große der ſittlichen Welt auffaßte. In jeder unſe⸗ rer vertrauteren Unterhaltungen entfaltete er eine ſo — 110 — reiche Fuͤlle der herrlichſten Ideen, die der menſchlche Geiſt zu erzeugen, der edelſten Gefuͤhle, die das Menſchenherz zu empfinden vermag, daß ich es bis zum letzten Hauch meines Lebens fuͤr einen bleiben⸗ den Gewinn meines geiſtigen Daſeins halten muß, mir jede ſeiner Aeußerungen — eingepragt zu haben. Wenn ich jetzt auf jenen — meines Le⸗ bens zuruͤck blicke, ſo erſcheint er mir als ein ganz abgeſonderter Theil deſſelben und ich finde mich nicht wieder, wie ich damals war und doch vermag ich das, was ich jetzt bin, auch keineswegs von dem zu ſondern, was ich in ihm geworden bin. Die Blume vermag keine Rechenſchaft davon abzulegen, welchem Sonnenſtrahl ſie ihre Farbe, welchem Thautropfen ſie ihren Duft verdankt, aber ſie bluͤht aufgerichtet gen Himmel, als wolle ſie uns andeuten, von dort ſtamme der Einfluß, dem ſie Farbe und Duft ver⸗ danke, und ſo moͤchte ich auch nichts weiter von jenem Zeitpunkt ſagen, als Euch nur Sir Georgs Namen nennen. Nicht meine Seele, nicht mein Herz, aber mein Geiſt entfaltete und bereicherte ſich in dieſem Um⸗ gang, in dem zugleich Seele und Herz erhellt und — 111 — erwaͤrmt wurden, auf eine mir jetzt noch oft uner⸗ klärbare Weiſe, und gewann durch ihn eine Klar⸗ heit und Kraft, daß keine zerſtreuende Beſchaͤftigung, keine Erſchuͤtterung und Einwirkung von außen mich aus dem reinen Element des Edlen, Großen und Erhabenen, in dem ich mit ihm lebte, in das Ge⸗ viet des Alltäglichen und Kleinlichen wieder hinab zu ziehen vermochte. Ehemals ſtimmte ich das Idealiſche in mir zu dem Proſaiſchen des häuslichen Lebens und der weiblichen Thätigkeit herab, und erhielt und gewann mir ſo Einheit des Daſeins; jetzt aber lernte ich das Wirkliche ſo an das Idealiſche knuͤpfen, daß durch alle Anſpruͤche, durch die einfachſte Thaͤtigkeit deſſelben, das Himmliſche und Ewige nur ver⸗ elͤrt, nicht herabgeſtimmt und verweltlicht wurde. Das gab mir mit erhöheter Selbſtachtung auch rei⸗ nere Gewiſſenhaftigkeit und deutlichere Erkenntniß von Menſchenwuͤrde und Frauenbeſtimmung. Auch die kummerlichſte, die duͤrftigſte Proſa des Lebens und des Haushalts, meine Freundinnen, ſoll nicht Herr uͤber unſre Stimmung, uͤber unſte Sehnſucht nach dem ewigen, uͤber unſer Beduͤrfnß nach Idea⸗ litäͤt werden, und ſie wird es auch nicht, ſo lange unſer Gemuͤth auf den Fluͤgeln einer reinen und — tiefen Empfindung in das Gebiet des Ewigen und Unendlichen zu Gott empor getragen wird. Ich bin alt geworden, meine Lieben; ich habe viel Schmerz, viel Sorge, viel Arbeit und Entbehrung im Leben kennen gelernt, allein die Morgenroͤthe meiner geiſti⸗ gen Jugend iſt mir noch nicht untergegangen und an Geſundheit des Herzens, wie an Geiſt, Sinn und Denkungsart bin ich geblieben, wie ich war und das verdanke ich jenen unvergeßlichen Tagen — meiner Jugend. Es war der innigſte Wunſch der Lady Arundel, Sir Georg bald mit Lady Cärilie Seymour vermählt zu ſehen, und ich intereſſirte mich ſehr fuͤr die Er⸗ fullung deſſelben, da die Neigung der jungen Dame fuͤr Sir Georg ſichtbar wurde, und ſie durch Geiſt und Liebreiz werth war, ſeine Gemahlin zu werden⸗ In ſeinem Betragen gegen ſie lag eine leichte an⸗ muthige Galanterie, in der ſeine Multer aufkeimende Neigung, ich den Beweis ſah, daß Lady Cäcilie kei⸗ nen tiefern Eindruck auf ſein Herz mache, da er dieſe Galanterie allen liebenswurdigen Frauen bewiesz nur mir, der Freundin gegenuͤber, verſchwand aus ſeinem Betragen jede Spur derſelben, und nur der — 113 — Charakter tiefempfundener Achtung und zarter, auf⸗ morkſamer Sittigkeit blieb dann ſichtlich. So vergingen einige Monate. Sir Georg, der bei ſeiner Ruͤckkehr dem Wunſche ſeiner Mutter, ihn mit Lady Cäcilie vermählt zu ſehen, baldige Gewaͤhrung verheißen und nur Zeit gefordert hatte, ſie kennen zu lernen, weil Reichthum allein ihn nie zu der Wahl einer Gattin beſtimmen werde, obgleich ſeine Umſtände es ihm zur Pflicht machten, darauf Ruͤckſicht nehmen zu muͤſſen, ſchien es ſehr ungern zu ſehen, wenn ſeine Mutter ihn an dies Verſprechen erinnerte. Auch ſtreiften zuweilen kleine Ungleichhei⸗ ten der Laune, wie Wolken uͤber den tiefblauen Himmel ſeines heitern Ernſtes hin; in meine Seele kam aber keine Ahnung, daß in allen dieſem irgend eine Beziehung auf ſein Verhältniß zu mir ſein koͤnne, bis eine Veranlaſſung kam, die mich zwang, einen tiefern Blick in das Herz des Freundes, und einen ſtreng pruͤfenden in das eigene zu werfen. Sir Georg liebte die deutſche Literatur, und hatte vorzuͤglich Gothe mit ganzer Seele und inniger Liebe aufgefaßt. Mathilde theilte mit dem geliebten Bru⸗ der die Freude an den Gebilden deutſcher Dichtkunſt, — 114 — und wir ſetzten für jede Woche zwei Abende feſt, in denen wir uns gegenſeitig deutſche Buͤcher vor⸗ laſen. Unmerklich vergroßerte ſich nach und nach der Kreis theilnehmender Zuhorer und wir begannen einige dramatiſche Werke mit vertheilten Rollen vorzuleſen. Die Wahl traf unter andern auch Göthe's Egmont; Sir Georg las den Egmont, ich Klarchens und auch Ferdinands Rolle. Unſre Seele nimmt oft, ohne daß wir uns gerade eines äußern Anlaſſes dazu bewußt werden, eine Stimmung an, die unſre Em⸗ pfänglichkeit fuͤr dieſen oder jenen Eindruck bis zum Wunderbaren ſteigert; ich hatte den Egmont ſo oft geleſen, auch vorleſen hoͤren und ſelbſt vorgeleſen, allein von der Wirkung, die er an dieſem Abend auf mich machte, vermag ich noch keine Rechenſchaft zu geben. Ich las meine Rollen nicht, ich durchlebte ſie mit einer Tiefe und Gewalt der Leidenſchaft, die fruher noch nie in meiner Seele ftei geworden war und riß dadurch, vorzuͤglich in der Scene zwiſchen Egmont und Ferdinand, alle Zuhoͤrer ſo hin, daß ein junger Englaͤnder, der kein Wort von dem verſtand, was ich las, in Thraͤnen von den Toͤnen der Liebe, des Schmerzes und der Leidenſchaft zerfloß, die mei⸗ nen Lippen unbewußt in einer Begeiſterung entquol⸗ . —— ———— —————— — 15 — len, vor der alles Andte in mir verſank, und nur die tiefſte Innerlichkeit der geheimnißvollſten und mächtigſten Empfindung laut wurde. Jetzt hatten wir geendigt, — tiefathmend ſchwieg Alles um uns her, ich ſah auf. Sir Georg ſaß mir gegenuͤber, bleich und in unverkennbarer, faſt gewaltſamer Be⸗ wegung; mein Blick begegnete dem ſeinen, der mit unausſprechlichem Ausdruck ihn ſuchte; bebend ſtand ich erröthend auf, und um den Lobſpruͤchen auszu⸗ weichen, in die jetzt Alles ausbrach, ging ich in das Nebenzimmer; Sir Georg folgte mir und faßte meine Hand, die er an ſeine naſſen Augen, an ſeine Lippen druͤckte und dann auf ſein mächtig klopfendes Herz legte. „Herrliche!“ fliſterte er mir zu; der Ton, mit dem er ſprach, riß mich aus der gefahr⸗ lichen Sicherheit, in der ich mich bis jetzt ſo ſorg⸗ los dem tiefempfundenen Zauber der Anerkennung ſeines Werthes und ſeiner Liebenswuͤrdigkeit hin⸗ gegeben hatte; — ein ſolcher Seelenlaut der Liebe hatte noch nie den Wiederhall in meinem Herzen zu wecken verſucht. Die Geſellſchaft trennte ſich, und kaum war ich lein in meinem Zimmer, als ſich die Beklemmung meines Herzens in Thränen auflöſte. Die Moͤglich⸗ — 116 — keit, daß Sir Georg mich vielleicht liebe, truͤbte nicht nur den ſtillen Frieden meiner Verhältniſſe, ſondern ſie verdunkelte mir die Wonne, mit der ich bis jetzt ſeinen Edelmuth, ſeine reine, ſittliche und geiſtige Große bewundert hatte. In ihm ſah ich bis jett ein Ideal; die Empfindung, die ihn mir gegenuͤber ergriffen hatte, ſtellte dies Ideal in den Kreis der wirklichen Erſcheinungen, und da drang ſich mir die Vergleichung mit Werner auf, und der Gedanke, Sir Georg in meiner Verehrung, meiner Werthſchätzung vielleicht unwillkuͤrlich höher geſtelit zu haben, als dieſen, legte ſich wie ein Unrecht auf mein Herz. Mit unausſprechlicher Innigkeit ver⸗ lebendigte ſich in mir das Bild des treuen zuver⸗ lͤſſigen Freundes, des frommen, ſchwergepruͤften, edel bewährten Mannes. Sir Georg war eine glänzen⸗ dere Erſcheinung und ich erröthete vor mir ſelbſt, daß dieſer Glanz ſo vielen Einfluß auf mein Urtheil und meine Anſichten geuͤbt hatte. Werner war als Staatsbuͤrger, Gelehrter und Menſch durchaus edel und rein achtungswerth; ſein Geiſt ſo reich, ſein Herz ſo treu und warm, ſein Gemuͤth ſo tief und groß; — er war mein liebſter, treueſter, bewaͤhrteſter Freund, mein Schutz, mein Anhalt auf Erden, der — 117 — Mann, deſſen Namen meine unvergeßliche Mutter ſterbend nannte, wenn ſie ſich uͤber meine Zukunft beruhigen wollte, deſſen Freundſchaft, deſſen Achtung und Vertrauen mir zum Gluͤck meines Lebens un⸗ entbehrlich waren; — worauf konnte ſich dann, wenn meine Empfindung fuͤr Sir Georg wärmer als fuͤr ihn in meinem Herzen ſprach, der Vorzug gruͤnden, den ſie ihm zugeſtand? Es kam fuͤr mich jetzt ein Zeitpunèt ſchmerzlichen, innern Zwieſpalts. Vielleicht liebte mich Sit Georg, aber eine innere Stimme, der ich gehorſam zu ſein gewohnt war, ſagte mir, ich durfe nichts thun, um dies zu ergrunden und er ſelbſt müſſe es edler fin⸗ den, wenn ich ihm ausweiche und mich von ihm zuruͤckziehe, als wenn ich einer Neigung folge, die der Unterſchied des Ranges und des Vermoͤgens zwiſchen uns immer durch den Schein der Selbſt⸗ ſucht in dem urtheil der Welt getruͤbt erſcheinen laſſen mußte. Auf der andern Seite ſtand er aber auch wieder vor mir in all' der ſeltnen Liebenswuͤr⸗ digkeit, all der hohen Trefſlichkeit ſeines Weſens, und wie viele ſeiner Aeußerungen, wie viele ſeiner Blicke berechtigten mich nicht zu der Ueberzeugung, — 118 — daß es in meine Macht gegeben ſei, die Scheidewand wiſchen uns niederzureißen, und daß es für ihn nur der Gewißheit, oder auch nur der Hoffnung, von mir geliebt zu ſein, bedurfe, um ſich berechtigt zu finden, dieſer Liebe die Entſcheidung uͤber ſein Leben anzuvertrauen. Wenn dies aber geſchah, ſo mußte er meine Hand mit dem Opfer ſeiner ſtaats⸗ buͤrgerlichen Wirkſamkeit erkaufen; einem Opfer, welches der Mann vielleicht nie der Liebe bringen darf und welches dem Englaͤnder nie vergeben wird, gebracht zu haben; ſeine Mutter wuͤrde dieſe Ver⸗ bindung als ein Ungluͤck, als eine Schmach ange⸗ ſehen haben und wenn von ſeiner Seite die äußern Verhaͤltniſſe ſo trennend zwiſchen uns traten, ſo hatte ich auch auf Pflichten Ruͤckſicht zu nehmen, die höher als alle Menſ chenſatzungen geehrt zu werden verdienten. Einmal Sir Georgs Gattin, war ich auf immer für Werner verloren und außer Stande, meine freiwillig vor Gott uͤbernommenen Pflichten gegen ſeine Kin⸗ der zu erfuͤllen, und wo ſollte ich die Berechtigung finden, mich von dieſem Geluͤbde frei zu ſprechen? — Welche Hoffnung auf Gluck darf ſich das ſchwache Menſchenherz erlauben, wenn es ſie auf den Treu⸗ bruch ernſter Pflicht zu gruͤnden wagt? — 119 — Was in dieſer Lage meine Seele verwundete und heilte, was mich tief und ſchmerzlich bewegte, und doch auch immer wieder muthig und freudig empor⸗ hob, kann ich nicht deutlich zu Worten geſtalten; allein ich kam in dieſem Kampfe zu der Ueberzeugung, ich duͤrfe Sir Georgs Liebe fuͤr mich nicht gut heißen. Es kam mir bei dieſer Entſcheidung nicht darauf an, glucklich zu werden, ſondern allein das zu thun, was ich als das Beſte und Uneigennuͤtzigſte erkannte, und eben daher hatte ich das ergriffen, was mich am wahrſten zu begluͤcken vermochte. Von dem Augenblick an, wo ich hieruͤber zu einem feſten Ent⸗ ſchluſſe kam, wo ich ganz freiwillig dem Glanze des Reichthums und des Ranges, und dem Beſitze eines der edelſten und vortrefflichſten Maͤnner entſagte, weil ein unbeſtechliches Gefuͤhl in meiner Seele mir ver⸗ kuͤndigte, es ſei ſelbſtſuchtig und unedelmuͤthig von mir gehandelt, wenn ich ſeine Hand annehme, kam eine ſo reine Freudigkeit in mein Herz, daß ſie mich der Zufriedenheit meines himmliſchen Vaters und meiner lieben ſeligen Mutter mit meinem Entſchluſſe vergewiſſerte. Die ſtillen glanzloſen Tugenden from⸗ mer Haͤuslichkeit waren mein Beruf auf Erden, und wohl mir, daß ich ihn zu erkennen und zu ehren — 120 — vermochte. Jedes Verhaltniß, das einen Zwieſpalt zwiſchen dem innern und aͤußern Leben hervorbringt und mit den Grundtrieben unſerer Natur ſtreitet, iſt ein Fehlgriff im Erkennen unſers Berufs auf Erden und raͤcht ſich durch ein krankes Leben. Wohl dem, den das ſtille Geleis der Pflichttreue vor einem ſolchen Irrpfad bewahrt! Sir Georgs Verhaͤltniß zu mir und das meine zu ihm blieb auch jetzt zwiſchen uns ein unaus⸗ geſprochenes, allein ich fuͤhlte, daß er mich verſtand, daß ihn meine Reſignation betrubte, aber daß er ſie ehrte und mir dadurch unwillkuͤrlich das Zeugniß gab, ich habe das Edelſte gewählt. Unbeſchreiblich zart und innig wurde jetzt ſeine Hochachtung fuͤr mich und mein Herz erbebte oft vor dem ſeelenvollen Ausdruck ſeiner Blicke und vor dem Ton der innig⸗ ſten Empfindung, wenn er mit mir ſprach. Geirrt hatte ich mich aber, wenn ich hoffte, eine Handlungs⸗ weiſe und ein Betragen, die ſeine Achtung fuͤr mich echoheten, wuͤrden ihn zu dem Entſchluſſe bringen, ſich um Lady Cäcilie zu bewerben. Ich erfuhr, daß er ſeiner Mutter ſehr ernſt erklärt habe, ſie möge ihn mit dem Anſinnen, ſich zu vermaͤhlen, verſchonen; — — — — 121 — die Stimmung ſeiner Seele mache es ihm unmög⸗ lich, daran zu denken und er ſei Willens, wenigſtens noch einige Jahre unverheirathet zu bleiben. Die Trauer ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter betruͤbten mich, aber in dieſer Betruͤbniß war doch etwas, was— meinem Herzen ſehr wohl that. Ich geſtehe dieſe Empfindung um ſo offner, da ich die Kraft hatte, ihr keinen Einfluß auf mein Betragen einzuräumen. Einige Tage ſpäter kam Lady Mathilde eines Mor⸗ gens zu mir, mich zu einem Spatziergang abzuholen; ihr holdſeliges Geſicht trug den Wiederſchein innerer Bewegung und ihr Ton war liebevoller und ſuͤßer denn je. Kaum waren wir allein, als ſie mir ſagte, ihre Mutter ſei bei ihr geweſen und habe ſie gebeten, mit Sir Georg zu reden und alle Macht ſeiner Liebe zu ihr aufzubieten, um ihm die Verbindung mit Lady Cäcilie annehmlich zu machen; ſie fuhle aber, wie das ganze Lebensgluͤck ihres Bruders an die Wahl einer Gattin geknuͤpft ſei und könne ſich da⸗ her nicht dazu entſchließen, bis ſie auch meine Mei⸗ nung daruͤber wiſſe, und ob auch ich glaube, daß Sir Georg mit Cäcilien gluͤcklich zu werden vermoge. Dieſe Frage hatte ich mir ſelbſt ſchon ſo oft vorge⸗ legt, daß ich ſie ihr jetzt ohne Zoͤgern bejahend be⸗ Tarnow's Schriften. VII. 6 — 122 — antwortete. Cäcilie war edel geſinnt; ſie liebte Sir Georg; ſie war reich, ſchoͤn, geiſtvoll. — Sir Georg achtete ſie; wenn er um ihre Hand warb, ſo geſchah es gewiß mit dem Entſchluſſe, ſie gluͤcklich zu machen, und dies verburgte, daß ſie es werden wuͤrde; das Alles ſagte ich Mathilden in der Lebendigkeit der Theilnahme und der Hochachtung, die ich fuͤr Sir Georg empfand. Sie umarmte mich innig geruhrt. „Dieſer Verbindung, meine Freundin,“ ſagte ſie mir, „ſteht ein Hinderniß entgegen; mein Bruder liebt, und zwar das edelſte und ſchönſte Herz, das je in einer weiblichen Bruſt ſchlug. Der Zufall hat mei⸗ ner Mutter ſein Geheimniß entdeckt und mir erſcheint es als Pflicht, auch Sie damit bekannt zu machen. Leſen Sie.“ — Hier legte ſie ein Blatt in meine Hand, drückte mich noch einmal innig an ihr Herz und ließ mich dann ollein. Ich ſchlug das Blatt aus einander und erkannte Sir Georgs Schriftzuge. Durf ich mittheilen, was ich las? — O gewiß, ich war damals, wie noch jetzt, von der eitlen Verblen⸗ dung frei, mich in den Zugen dieſes Gemaͤldes zu erkennen. Allein wie auf dem Meere der Wieder⸗ ſchein des Himmels bald als lichtes Blau, bald als duͤſtres Grau liegt, ſo ſpiegelt ſich in dem Bilde — 123 — der Geliebten, wie der Liebende die Zuͤge deſſelben auffaßt, ſein Geiſt, ſein Herz ab, und darum gebe ich Euch dies Blatt; — nicht mich, aber ihn findet Ihr in der chigoi⸗ es enthält. 5 anz is 66. 4. (Ein Semälde) „Stil und ſanft bewegt ſchaue ich in dieſer einſamen mitternaͤchtlichen Stunde dein Bild an, theure, edle Seele, wie es tief in meinem Herzen wohnt, und nicht mehr dargus weichen wird, ſo lange es ſchlägt. Mir iſt, als muͤßte ich dich mit einem Worte darſtellen können, wie du biſt und lebeſt, aber die arme Etdenſprache hat dies Wort nicht, und nur in dem unausſprechlichen Steufzer meiner heiligſten und maͤchtigſten Sehn⸗ 8 ſucht ruht es verborgen“ „Wie ein milder Feihlingshauch belebt den Bild, dein Andenken in meiner Seele alles Schoͤne und Zarte des Menſchenlebens und des Menſchen⸗ herzens, und ſelbſt die Klage des Unmuths und der hoffnungsloſen Trauer wird in deiner Nähe zur Melodie teiſer Wehmuthe Ou Kebſt die Blu⸗ men der Erde und pflegſt ſie milde lächelnd fur 6* Andre; allein dein Geiſt wohnt uͤber den Ster⸗ nen, und ruhig und groß blickſt du auf den Wechſel alles Irdiſchen, und tief ergriffen von der heiligen Begeiſterung des Ewigen erreichen dich die kleinen Sorgen, die kleinen Schmerzen der Erde nicht, und nicht der Wunſch, nicht die ſehn⸗ ſuchtsvolle, ahnende Hoffnung irdiſchen Gluͤcks.“ „Und doch, wie demuͤthig biſt du; wie ſo ganz unbewußt des Adels deiner Seele und der Hoheit deines Geiſtes, ganz Einfachheit, ganz Wahrheit in allem deinen Thun und Sein! Der reine Glanz deiner Begeiſterung iſt aus Milde und Liebe geboren, und huͤllt ſich daher auch in den freundlich ſanften Schimmer der Liebe und der Milde. Ach! wir Alle kennen nur wenig von dir; nur einzelne Strahlen deines Weſens und ganz kennt dich nur der Gott, den du ſo innig liebſt und vor dem deine Seele ſich aufrichtet in der Erhabenheit, die vor jedem ſich in Demuth kleidet.“ „Heiliges Weſen, könnte ich dich einmal ſehen wenn dein Auge ſich himmelwarts richtet und deine Seele bei Gott iſt; dann hätte ich den ſchönſten Abglanz der Gottheit in einem Menſchen⸗ — 125 — daſein geſehen, den das ſehnende Herz hienieden zu erblicken wuͤnſchen darf.“ „Nein, du gehorſt dieſer Welt nicht mehr anz der Himmel iſt in deinem Herzen und ſein lichter Friede in deinem Blick. Wie der Abendſtern ſtill und rein über der Erde ſteht und auf ihre Nächte hellſtrahlend herabſieht, ſo ſtehſt auch du uͤber dem irdiſchen Leben und ſiehſt ſanft lächeind hinab auf ſeine Schmerzen und ſeine Freuden, ach! auch auf ſeine Liebe und ſeine Wuͤnſche, die nicht zu erreichen vermoͤgen.“ „Wie duͤrfte ich es wagen, nach dir die Arme auszuſtrecken, um dich an ein Herz zu ziehen, das, wenn gleich von der Sonne deines Himmels durch⸗ gluͤht, doch auch in irdiſcher Flammengluth lodert! Wie duͤrfte ich hoffen, von dir geliebt zu ſein, einzig, innig, unausſprechlich, wie ich dich liebe und ewig nur dein Bild im Hrren tragen werde!“ — „Toͤne dann fort durch ſ. Leben, Kug ein⸗ ſamer, ſtummer, vielleicht ſelbſt unerrathener Liebe! kein Freudenlaut irdiſchen Gluͤckes ſoll dich je in meiner Bruſt uͤbertönen und mein Leben bleibe ein einziger, langer Gedanke von ihr!“ — Mit unausſprechlicher Bewegung, mit heißen wonnevollen Thraͤnen las ich dies Blatt; ich war geliebt, geliebt, wie man in einem reinern Daſein nur geliebt zu werden wuͤnſchen kann; aber der Himmelsnektar dieſer Liebe mußte wie das Gletſcher⸗ waſſer vor der Beruͤhrung der Erde geſchuͤtzt werden, wenn er himmliſches Labſal bleiben und nicht ſtatt dieſes Tod und Schmerz gewähren ſollte. Mein Entſchluß war gefaßt, als Lady Mathilde zuruͤckkam und ich aufſtand, um ihr entgegen zu gehen. „Wir muͤſſen uns trennen, meine theure Freundin,“ ſagte ich ihr. „Sir Georgs edle Seele traͤgt auf mich den Wiederſchein ihrer eignen Groͤße und des Adels ihrer Ideale uber; es waͤre möglich, daß dieſer Reiz der Idealitaͤt, den er mir leiht, ſeine Empfaͤnglichkeit fuͤr Lady Cäciliens Liebenswuͤrdigkeit mindert und meine Pflicht iſt, ihn davor zu ſchuͤtzen. Sie darf es fuͤr ihre Beſtimmung halten, ihn gluͤcklich zu machen, ich nicht. Laſſen Sie mich daher in mein Vaterland zuruͤckgehen, theure Lady, und dort aus der Ferne den Antheil an dem Gluͤck ihrer Familie nehmen, den ich ewig, nächſt der Gewißheit Ihrer Freunbſchaft, als eine der edelſten Wonnen meines Lebens ungetruͤbt zu bewahren wuͤnſche“ — 127 — Lady Mathilde weinte ſchmerzlich bewegt und ſchien unentſchloſſen mit ſich ſelbſt zu kämpfen. „Nein,“ ſagte ſie mir endlich, „Sie und Sir Georg ſind fuͤr ein⸗ ander geſchaffen, und außere Zufälligkeiten duͤrfen nicht uͤber Ihr Schickſal die Macht uͤben, Sie Beide von einander zu trennen. Ich läugne es nicht, daß Ihrer Vermählung mit meinem Bruder große Schwie⸗ rigkeiten im Wege ſtehen; dieſe liegen vorzuͤglich in dem Widerſtreben meiner Mutter, ihren ſo lange gehegten Plan einer Verbindung Sir Georgs mit Lady Cäcilie aufzugeben; allein dieſes Alles läßt ſich beſeitigen und darf nicht zu aͤngſtlich beruͤckſichtigt werden, wenn von dem höchſten Lebensgluͤck zweier edler Menſchen die Rede iſt.“ „Und Lady Cäcilie?“ fragte ich, „verdient auch ſie und ihre Liebe zu Sir Georg keine aͤngſtliche Beruͤckſichtigung? Sie iſt edel und gefuhlvoll; ſie liebte Sir Georg ſchon, ehe er mich kennen lernte und fuhlte ſich damals von ihm vorgezogen und aus⸗ gezeichnet; ſein Beſitz wird ſie gluͤcklich, S. Verluſt ungluͤcklich machen.“ „Und wird denn,“ antwortete mir Mathilde mit dem Ton inniger Liebe, „der Verluſt meines Bru⸗ ders Sie, theure, gefuhlvolle Franzisca, weniger un⸗ — 128 — glͤcklich machen, oder ſoll ich Sie gegen ſeinen Werth und ſeine Liebe unempfinblich glauben?“ „Das bin ich nicht,“ erwiederte ich und meine Augen fuͤllten ſich mit Thränen, „und wenn ich den Beruf, Sir Georgs Gattin zu werden, für den meinigen halten durfte, ſo wuͤrde mein Herz ihn zu ehren wiſſen z allein ich habe meinem Herzen nie die Freiheit verſtattet, Sir Georgs Werth auf eine Art zu empfinden, die den Frieden und das Gluͤck meiner Seele und meiner Zukunft auf irgend eine Weiſe unzertrennlich mit der Hoffnung auf ſeinen Beſitz verbunden haͤtte; ich habe ihn nie fuͤr mich, mich nie fuͤr ihn beſtimmt glauben können, da ſeine Ver⸗ hältniſſe und von meiner Seite andre mir heilige Pflichten uns trennen. Sein Herz wuͤrde mir viel⸗ leicht große Opfer bringen; das meinige legt mir die Verpflichtung auf, ſie nicht anzunehmen. Ich wuͤnſche Ihrer Frau Mutter den Kummer zu erſparen, ihn länger unverheirathet zu ſehen und die Angſt, daß er eine nach ihrer Anſicht unziemliche Wahl treffen moͤge; darum wuͤnſche ich England ſobald als moͤg⸗ lich zu verlaſſen. Ihre Freundſchaft, theure Lady, wird mir bleiben; ſie wird mir meine kuͤnftigen Lebens⸗ tage erheitern und die Freude, Sir Georgs große — 129 — Fähigkeiten und ſeine Tugenden auf einem ihrer wurdigen Schauplatze zum Vortheil ſeines Vater⸗ landes ſich entfalten zu ſehen, wird mir den Schmerz der Trennung lohnen.“ „Wie ſehr,“ ſagte mir Lady Mathilde, indem ſie meine Hände an ihr Herz druͤckte, „verdienen Sie die Anbetung meines Bruders! wie ſoll er es verſchmer⸗ zen lernen, Sie gekannt, geliebt zu haben und Sie zu verlieren; wie ſolien wir Alle uͤber Ihren Verluſt getroͤſtet werden?“ 5 „Durch das Gluͤck, das daraus fuͤr Sie Alle und gewiß auch fuͤr mich erbluͤhen wird. Ich kann es Ihnen, liebſte Lady Mathilde, die Sie reich und vornehm geboren und erzogen ſind, vielleicht nicht anſchaulich machen, wie man ſich fuͤr das Gluͤck des Nittelſtandes und ſeiner arbeitſamen Häuslichkeit, ſeiner einfachen Stille und Verborgenheit beſtimmt fühlen, und es mit allen Trieben des Herzens dem Gluͤck des Glanzes und des Reichthums einer vor⸗ nehmen Lebensweiſe vorziehen kann. Meine Jugend hat die Fähigkeiten zu den Tugenden buͤrgerlicher Hausftäulichkeit in mir geuͤbt und entwickelt, und es wuͤrde eine Verkuͤmmerung meines Daſeins wer⸗ den, wenn ich in Vechältniſſe käme, die ſie mir zu — 130 — uͤben verſagten. Die ſelbſt gewaͤhlten Beſchaͤftigungen einer vornehmen Lebensweiſe geben mir, wie ich nun einmal bin, nicht Halt genug fuͤr mein Leben; ſie ſind eigentlich doch immer nur Liebhabereien, ohne den Ernſt und die edle Treue der Arbeit und der Berufspflicht. Mir laſſen ſie daher eine gewiſſe Leere in der Seele zuruͤck, und wenn Sie den Damenkreis Ihrer Bekanntſchaft durchgehen, ſo werden Sie ſich geſtehen muͤſſen, daß viele Frauen ſo wie ich em⸗ pfinden, wenn ſie ſich gleich in dem Gefuͤhl der Nichtbefriedigung durch ihre Lebensweiſe nicht klar ſind. Wenn ich den Tag uͤber leſe, muſicire, ſchreibe, geiſtreiche Geſellſchaft, oder ein Concert, ein Schau⸗ ſpiel beſucht habe, ſo habe ich freilich Schoͤnes ge⸗ noſſen, allein es gewährt mir nicht den Genuß, nicht die Erfriſchung des Gemuͤths, die ich darin finde, wenn ich es als Erholung von der Arbeit, als Feſt⸗ tagsfreude genieße. Und eben dies klare Ver⸗ ſtändniß meiner Lebenswuͤnſche und deſſen, was mir noth thut, uͤberzeugt mich jetzt, daß die Vorſehung mich nicht zu Sir Georgs Gattin beſtimmt hat.“ Noch viel und lange ſprachen wir über dieſe Anſicht, ehe ich Lady Mathilde bewegen konnte, ſie gut zu heißen und wir uns uͤber das verſtaͤndigten, — 131 — was in Bezug auf meine Abreiſe und die Ankuͤn⸗ digung derſelben nothwendig geworden war. Mein Herz empfand nach dieſer Unterredung mit Lady Mathilde alle die Ruhe, die ein von Vernunft und Tugend eingegebener Entſchluß immer gewaͤhrt. Ich ſchrieb gleich nach derſelben an Werner, ihn damit bekannt zu machen und ihn in unumwundener Wahr⸗ heit Alles darzuſtellen, was ich fuͤr Sir Georg em⸗ pfunden hatte, ſo wie den ganzen Gang meiner Empfindungen und Entſchluſſe. Dieſe unbedingte Offenheit war ein Beduͤrfniß meines Herzens, und welche Gewißheit und Zuverſicht in allen wahren Herzensverhaͤltniſſen aus ihr hervorgeht, muß man empfunden haben, um das Gluͤck derſelben ganz wuͤrdigen zu können. Freilich iſt im Verkehr mit Menſchen nicht jede Verſtellung Falſchheit, allein ſie bleibt doch immer druͤckend und im Umgang mit un⸗ ſern wahrhaft Lieben muͤſſen wir uns ihrer nie be⸗ duͤrftig fuhlen. Bei der Mittagstafel machte Lady Mathilde meine Abreiſe bekannt; nach derſelben kam Lady Arundel zu mir. Sie war ſehr gerührt, allein ihr Lob that mir wehe und die Herzlichkeit, die ſie mir zeigen wollte, ließ mich kalt. Ueberhaupt glaube ich, — 132 — wenn ich nach meiner eignen Empfinbung urtheilen darf, iſt es eben ſo leicht, eitle Menſchen durch Schmeichelei zu befriedigen, als ſchwer, zartfuͤhlende Herzen auf eine ihnen wohlthuende Weiſe zu loben. Mich haben Lobſpruͤche in meinem Leben viel oͤfter verletzt, als ſie mir Freude gemacht haben. Was mich aber erſchuͤtterte, was wirklich zu herber Schmer⸗ zenspruͤfung fuͤr mein Herz wurde, war am Abend Sir Georgs Erſcheinung, der nach einer fruͤher ge⸗ troffenen Verabredung kam, uns zu einer Spatzier⸗ fahrt abzuholen. Er war bleich und hatte ſichtlich gelitten; ich ſah bei dem erſten Blick auf ihn, daß er ſchon um den Vorſatz meiner nahen Abreiſe wußte, und zagte fuͤr ihn und fuͤr mich vor dem Zwiſchen⸗ raum bis zu ſeiner Ausfuͤhrung. So ſehr ich auf der einen Seite die Gefahr ſcheuete, ihm undankbar, unempfindlich gegen ſeinen Werth und ſeine Liebe zu erſcheinen, ſo ſehr mußte ich es auf der andern fuͤrch⸗ ten, ihm eine gefaͤhrliche Weichheit der Empfindung zu verrathen, die den Schmerz, mich ſcheiden zu ſehen, zu ſehr zu ſchaͤrfen vermochte. In ſeinem Blick lag, als er mich begruͤßte, ſo viel Trauer, ſo viel Seele, daß ich gleich augenblicklich zuſſterben gewuͤnſcht haͤtte; allein wie erbebte ich, als ich ſah, daß er, nach einigen — 133 — mit ſeiner Schweſter gewechſelten Worten, die Plaͤtze ſo vertheilte, daß ich allein mit ihm in ſeinem Wa⸗ gen fuhr. Das Gewicht der nächſten Stunde lag als Entſcheidung uͤber mehr als ein Leben ſchwer auf meiner Seele. Wir ſchwiegen Beide ſo lange der Wagen durch die Gaſſen rollte, allein ſo wie wir in's Freie kamen, fing er ohne alle Vorbereitung an, mit mir von ſeiner Lage zu reden, und bei dem erſten Wort war alle meine Bangigkeit verſchwun⸗ den. Mir war, als ſei ich ſchon geſtorben und rede wie ſein Schutzengel mit ihm. Er erwähnte den Wunſch ſeiner Mutter, ihn mit Lady Cäcilie verhei⸗ ralhet zu ſehen, allein er ſchilderte mir auch, wie ihn, ſeinem Sinn und ſeinen Gefuͤhlen nach, eine alltaͤgliche Ehe ſchon ſo unglucklich machen muͤſſe, als ſei es eine ſchlechte; er zeichnete das Bild einer Gattin, wie er ſie ſich wuͤnſche; es war nicht Cäciliens Bild, es war das meinige Zug füͤr Zug, wie ich wußte, daß ich in ſeiner Seele lebte; er ſchilderte die Seligkeit der Vereinigung mit einem ſo geliebten Weſen; er nannte mich ſeine Fran⸗ zisca; er fragte mich, warum ich, fuͤr die er Alles empfinde, was ein Mann dieſſeits der Anbe⸗ tung fuͤr ein ſterbliches Weſen zu empfinden vermoͤge, — 134 — ihn verlaſſen, mich von ihm trennen, ihn leeren Zu⸗ faͤlligkeiten opfern wolle? — Ich fuͤhlte, daß der Schmerz, mit dem ich kämpfte, mir das Recht gab, ganz wahr gegen ihn ſein zu duͤrfen und ihm mein Herz in all der Rein⸗ heit und Tiefe meiner Theilnahme fuͤr ihn zu ent⸗ huͤllen. Ich that es ohne irgend einen Ruͤckhalt; was ich ſagte, hatte die heilige Macht der Wahrheit, der kein edles Menſchenherz ſich zu verſchließen vermag; er mußte fuͤhlen, daß er mir theuer, ſehr theuer war, daß ich nicht glucklich zu ſein vermochte, ohne ihn gluͤcklich zu wiſſen, daß ich aber auch unerſchuͤt⸗ terlich feſt entſchloſſen ſei, nie die Seinige zu wer⸗ den. Ich nannte ihm Lady Cäcilie, ich ſprach von ihrer Liebe, von ihrem Werth und wie bildſam durch Liebe ſie mir erſcheine; ich ſprach von ſeiner Mutter, von ſeiner Pflicht, eine Engländerin zu waͤhlen, von den Opfern, die er einer Verbindung mit mir brin⸗ gen muͤſſe, und die ich nicht annehmen koͤnne, ohne mir und ſeinen Freunden, gewiß auch ihm ſelbſt im Lauf der Zeit, unedelmuͤthig und ſelbſtſuchtig zu erſcheinen. Meine Worte, meine Thraͤnen mußten es ihm fuͤhl⸗ bar machen, welch ein heiliger Ernſt es mir war, — 135 — ihn zuerſt, ihn vor allen Andern glucklich zu wiſſen, und wie unwiderruftich entſchloſſen, ihm zu entſagen, alle Kraft meiner Empfindung und meiner Hoffnung ſich dem Wunſche zuwandte, ihn mit Lady Cäcilie verbunden zu ſehen, faͤhig, mich nicht nur ſchmerz⸗ los, ſondern in der allerinnigſten und lebendigſten Theilnahme des Gluͤckes dieſer Verbindung zu er⸗ freuen. Dieſe Stunde gab mir Rechte auf ſein Herz, wie ich ſie noch nie gehabt hatte; ich benutzte ſie, ihm das Verſprechen abzufordern, Lady Cäcilie ſeine Hand zu geben und erhielt es. Wir nahmen noch an dieſem Abend Abſchied von einander auf lange Zeit, vielleicht auf immer. „ Le⸗ ben Sie denn wohl, Franzisca,“ ſagte er mir, „Ihr Andenken bleibt meine ſchönſte, meine unvergeßlichſte Erinnerung, der Segen meiner Lebensfreuden, die Weihe meiner Tugenden. Sie werden, wo ſie auch leben, alle edle Menſchen an ſich ziehen, Alle werden Sie lieben, Allen werden Sie ein ſegnender, wohl⸗ thuender Friedensengel ſein, aber Keiner wird Ihr Andenken bewahren, wie es in meiner Bruſt bis zum letzten Schlage meines Herzens lebt.“ Er kußte — 136 — mir die Hand, ich gab ihm die andere auch, und ſegnete ihn und ſein edles Leben, und dann ſchieden Acht Tage ſpaͤter betrat ich ſchon wieder den vaterlaͤndiſchen Boden. Ich waͤhlte eine kleine Landſtadt, 15 Meilen von Werner's Wohnort entfernt, zu meinem Auf⸗ enthalt, und hier in meinem ſtillen Leben der Ar⸗ beitſamkeit und der Einſamkeit ward das Bewußtſein heller und heller in mir, daß dieſe haͤusliche Stille das Element ſei, in dem ich athmen muͤſſe, wenn mein Leben ein friſches, geſundes Leben ſein und bleiben ſolle, und ich dankte Gott innig dafuͤr, daß er mir die Kraft gegeben hatte, mir zu bewahren, was mir fuͤr den Frieden meines Herzens noth war. Bei der Einfachheit meiner Verhaͤltniſſe erbluͤhete auch bald wieder in mir jene auf kurze Zeit bei mir verſchattet geweſene Heiterkeit, deren wir Frauen ſo unumgaͤnglich beduͤrfen, um auf die, die uns um“ geben, wohlthuend einwirken zu können und fur ſie und — 137 — 2 fuͤr uns manchen Dorn zu brechen, ehe er verleten kann. Kaum war ich mit meiner neuen haͤuslichen Ein⸗ richtung fertig und in meiner Wohnung einheimiſch geworden, als Werner kam, mich und ſeine Kindet zu beſuchen. Ich fand meinen Freund ernſter, als ich ihn verlaſſen hatte und innerlich bewegter, und konnte mir nicht verhehlen, daß er mit einer Liebe für mich käͤmpfte, deren Gewalt uͤber ihn ſich mir bei dieſem Wiederſehen unwillkurlich in tauſend klei⸗ nen Zuͤgen offenbarte, weil die Trennung und die Furcht, mich zu verlieren, ſie erhoht hatte. Sein Schickſal war wahrlich eine herbe, ſtrenge Pruͤ⸗ fung; das Gluck ſeines ganzen Lebens war der Raub eines jugendlichen Irrthums ſeines Herzens geworden. Die Gattin, die er in leidenſchaftlicher Verblendung wählte, hatte ſeine Liebe zu ihr gemißhandelt, ſein Herz gebrochen, ſeinen Wohlſtand zerruͤttet, ſeinen Geiſt dumpf uͤberhuͤllt, ſeine Seele matt gemacht durch den Ekel, den ihre ſittliche Gemeinheit einem ſo rein und zart fuͤhlenden Mann unausbleiblich zu⸗ letzt einfloͤßen mußte, und nun in ſeinem 40 ſten Jahre, in einem Zeitpunkte, wo in der Seele eines — 138 — gefuhlvollen Mannes das Beduͤrfniß haͤuslichen Gluͤ⸗ ckes, zaͤrtlicher Freundſchaft, ruhiger Bequemlichkeit lebhafter denn je ſich regt, — wo die Täuſchungen der Jugend, die verfuͤhreriſchen Reizungen der Außen⸗ welt und des Vergnuͤgens ihren Zauber verlieren und das Gefuͤhl erwacht, daß man nur von dem, was man ſelbſt iſt und von der treuen Liebe derer, mit denen wir unzertrennlich verbunden ſind, Zu⸗ friedenheit fordern und erwarten darf, ſah ſich Wer⸗ ner dem traurigen Schickſal einer hoffnungsloſen Vereinzelung preis gegeben, und ſelbſt die reinſte Le⸗ bensfreude, die Freude an ſeinen Kindern ward ihm durch die Nothwendigkeit, ſie von ſeiner Frau ent⸗ fernt halten zu muͤſſen, getrubt. Die Schoͤnheit ſeiner Frau hatte ihn fruͤher berauſcht und in einen leidenſchaftlichen Taumel eingewiegt; allein jenes hoͤ⸗ here, jenes heilige Gefuͤhl in unſerer Seele, das uns durch die Liebe mit Gott und der Tugend un⸗ zertrennlich verbindet, und ſich unter allem Wechſel des Geſchickes als unvergänglich bewaͤhrt, hatte er nicht gekannt, bis er mich kennen lernte. Er war aber auch, vielleicht durch dieſe Liebe ſelbſt, fähig ge⸗ worden, die Erziehungsweiſe der Vorſehung in dem Gang ſeines Schickſals zu ehren und zu erkennen, wie heilſam und wie noth es fur ihn, der ſich durch die Hingabe an die leidenſchaftliche Empfaͤnglichkeit ſeiner Seele fuͤr Sinnenreiz einer ſtrengen Zucht beduͤrftig gezeigt hatte, jett ſei, ſie durch die Verläugnung, die ein edleres Gefuͤhl nun von ihm forderte, zu läutern und mit ſich ſelbſt zu ver⸗ ſöhnen. Während meines Aufenthalts in England hatte er viel gelitten; er konnte ſich daruber ſo wenig täuſchen, als ich mich getaͤuſcht hatte, eine Verbin⸗ dung mit einem andern Mann und dazu noch mit einem Ausländer, raubte ihm in mir die Freundin auf dieſelbe Art, wie der Tod ſie ihm geraubt ha⸗ ben wuͤrde; das Band der Freundſchaft wurde nicht zerriſſen, doch die Freundin ſelbſt ihm entruͤckt. Eine Vermählung mit Sir Georg ſchien aber fuͤr mich ein ſo glänzendes Gluͤck zu ſein; — wie konnte er glauben, daß der Beruf, ſeinen verwaiſeten Kindern Mutter zu bleiben, und ihm als Freundin all den Troſt und die Verſoͤhnung mit ſeinem Ungluͤck zu gewaͤhren, auf die er Anſpruch machen durfte, ſo wie auf der andern Seite mein Verluſt alle Gift⸗ pfeile ſeines Schickſals bis zum Verbluten in ſein — 140 — Herz ſtoßen mußte, mir Erſatz fuͤr das Verfehlen eines ſolchen Gluͤckes zu werden vermoͤge? Mein Herz war frei, — das empfand er bei allem Be⸗ wußtſein der Zaͤrtlichkeit meiner Freundſchaft fuͤr ihn, — und ſo genau, wie er mich auch kannte, war ihm doch die eigenthuͤmliche Richtung meines Charakters, die mir eine vornehme Lebensweiſe zur Unnatur, und einfache, arbeitſame Haͤuslichkeit zum einzig wahrhaft mir zuſagenden Lebenselement machte, unbekannt geblieben. Meine Ruͤckkehr nach Deutſch⸗ land und die ganz unbedingte Offenheit und Wahr⸗ heit, mit der ich keine Regung meines Herzens vor ihm zu verhehlen geſucht hatte, erhoͤheten mit ſeiner Achtung auch ſeine Liebe fuͤr mich. Er fuͤhlte es mit der Sicherheit der Wahrheit, daß er, mit mir verbunden, gluͤcklich ſein wuͤrde, fuͤhlte es mit der Gewalt der Liebe. Doch zwiſchen ihm und dieſem Gluͤck ſtand ein unuͤberwindliches Hinderniß, da ſchon, ehe er mich kennen lernte, ſeine Frau durch kein Anerbieten, kein Opfer zu bewegen geweſen war, in eine Scheidung zu willigen und zwar aus dem von ihr eingeſtandenen Grunde, weil ſie ihn mit keiner Andern glucklich verheirathet ſehen wolle. — 141 — Der Muth, mit dem Werner ſein Schickſal ertrug, das ihn nur ſanfter, ernſter, frommer, aber nicht unzuftieden, nicht truͤbſinnig, nicht ungeſtum und muͤrriſch in ſeinen Klagen und Wuͤnſchen machte, machte ihn meinem Herzen theurer denn je. Die ſanfteſten, reinſten und treueſten Empfindungen waren ſein, allein meine Seele blieb frei von dem Schatten irgend einer Unzufriedenheit mit dem Schick⸗ ſal, das uns ſchied. Seit meiner Trennung von Sir Georg ſchienen die Leiden dieſes Lebens und ſeine Schmerzen viel von ihrer Gewalt uͤber mich verloren zu haben; mein Gehorſam gegen Gott war zu einem ſo heitern Vertrauen, meine Liebe zu ihm ſo innig geworden, daß ich i in jedem Erdengluͤck nur eine Verſchoͤnerung des Lebens ſah, die ich zu entbehren vermochte, wenn ich ſie gleich, war ſie mir beſtimmt, mit Dank gegen ihren Spender freudig annahm. Gemurrt hatte ich auch früher nie; aber in allen meinen ſpäteren Lebensſtunden iſt kein Schmerz in mir wie⸗ der zu einer Klage uͤber das Schickſal geworden; in der truͤbſten derſelben blieb meine Seele immer von dem Gefuͤhl durchdrungen: Herr, — mein Wile geſchehe, ſondern der deinige! — 142 — In dieſer einfoͤrmigen Friedlichkeit des Daſeins vergingen einige Jahre. Werner und ich wechſelten fleißig Briefe und zu Weihnachten ſahen wir uns jahrlich auf einige Tage. Emilie und Ottilie wuch⸗ ſen zu ſeiner und meiner Herzensfreude lieblich heran, und berechtigten uns zu den ſchoͤnſten Erwartungen. Mein Herz fand ſelige Genuͤge in der Liebe der bei⸗ den holden Kinder zu mir und in der Freiheit, mit der ich der meinigen fuͤr ſie kein Maß, keine Schranken zu ſetzen brauchte, ſondern mich frei gehen laſſen konnte in all der Tiefe und Staͤrke der Empfindung in mir. In dem Gluͤck dieſer Freiheit ſcheint mir auch die Unerſetzichkeit des Gluͤcks der Mutterliebe fuͤr ein weibliches Weſen zu liegen. In jedem an⸗ dern Verhaͤltniſſe der Liebe und der Freundſchaft ver⸗ ſchwindet aus unſrer Seele nie ganz das wehmuͤthige Bangen vor der Unzuverläſſigkeit des menſchlichen Herzens, das auch in der unbefangenſten jugendlichen Seele als Ahnung liegt, und uns Frauen haͤlt über⸗ dies noch eine zarte, ſittliche Verſchaͤmtheit zuruͤck, je in voller Wahrheit auszuſprechen, wie unaus ſprech⸗ lich und einzig wir lieben. Nicht nur fuͤr unſern Geiſt, nicht nur fuͤr unſte Reize, auch fuͤr unſte — 143 — Liebe beduͤrfen wir des Schleiers; es liegt in unſerm Gefuͤhl ein Ernſt und ein Heiliges, eine Suͤßigkeit und Zartheit, von denen unſre Seele ahnet, daß ſie ein unausgeſprochenes Geheimniß bleiben muͤſſen, wenn unſre Liebe nicht ihren mächtigſten Reiz fuͤr den Gegenſtand derſelben verlieren ſoll. Aber das Kind, das von Gott ſelbſt auf unſte Liebe angewie⸗ ſen iſt, das duͤrfen wir lieben; das reißt kein Schickſal, keine Macht, kein Wandel von unſerm Herzen; — auch hier durfen wir nicht hoffen, nicht erwarten, geliebt zu werden, wie wir lieben, — aber wir dürfen doch lieben unbedingt und ewig; wir duͤrfen unſer Ich ganz verſenken in der Sorge, in dem Gluck des geliebten Weſens; und eine ſolche Liebe ohne alle Anſprüche iſt immer Abglanz der Seligkeit. Nach drei Jahren ſtarb Werner's Gattin. Zu wahr, um ihren Verluſt zu betrauern, empfand er doch an ihrem Grabe den ernſten Schmerz um ein ſo ganz verfehltes Leben, das nie in der Begluckung ſeines Gatten, ſeiner Kinder, ſeiner Freunde und Hausge⸗ noſſen die Wuͤrde des Daſeins empfinden gelernt hatte. Werner hatte mich und unſce Freundſchaft ſtets zu hoch geehrt, um mir je ſeine Liebe verrathen — 144 — zu wollen; allein ich konnte und wollte mir ſelbſt nicht verbergen, welchen Wunſch die Freiheit, mir ſeine Hand anbieten zu koͤnnen, in ihm wecken wuͤrde, und ganz ungetruͤbt erfreute ich mich der zuverſichtlichen Hoffnung, ſeine kuͤnftigen Lebenstage durch das haͤusliche Gluͤck und die Liebe verſchonern zu können, die der Wunſch und das Beduͤrfniß dieſes edlen Herzens waren. Ich wurde Werner's Verlobte und nach ſchs Monaten ſeine Gattin. Koͤnnte ich der Seligkeit Worte geben, mit der ich ihn gleichſam wieder auf⸗ leben ſah und es inne wurde, wie der hoͤhere Geiſt des geliebten Mannes mir zur Stuͤtze fuͤr den edlern Aufſchwung meines Gemuͤths, und die Innigkeit meiner Empfindung und meiner Liebe wieder fuͤr ſei⸗ nen Geiſt zur erwaͤrmenden, laͤuternden Lebensflamme wurden, Ihr wuͤrdet fuͤhlen, wie gluͤcklich ich war. Aber, meine Lieben, auch in meiner ſehr gluͤckli⸗ chen Ehe, auch in der Verbindung mit einem hoöͤchſt achtungswerthen, mich innig liebenden und von mir unausſprechlich geliebten Manne behauptete doch — 145 — auch die Erde ihr Recht, deſſen Zoll ihr jedes irdi⸗ ſche Verhaͤltniß entrichten muß. Mein Gluͤck war ein wirkliches, menſchliches, dauerndes Gluͤck, kein Phantom eitler Phantaſterei, kein Traum kurzer Lie⸗ besſchwärmerei, und daher warf es auch den Schat⸗ ten, der nun einmal da ſein muß, um die Licht⸗ partie des Gluͤckes zu heben. Es kamen Stunden, in denen ich auch in Werner nur den ernſten, trock⸗ nen Eheherrn, den vorzugsweiſe, ja ausſchließlich nur ſeiner Wiſſenſchaft und ſeinem buͤrgerlichen Thun und Lreiben beſchaͤftigten Gelehrten, nur den durch Sorgen und Verdrießlichkeiten verſtimmten Mann und keineswegs den zartfuͤhlenden Geliebten, den aufmerkſamen Freund, den Geweiheten eines ſchoͤne⸗ ren, edleren Lebens fand, und wie Ihr Euch auch in jugendlicher Unerfahrenheit den Geliebten und die Liebe idealiſirt, ſolche Augenblicke kommen auch in dem ſchönſten und ſeelenvollſten Verhältniſſe des Her⸗ zens, und in ihnen gilt es, in aller Sanftmuth und Demuth der Liebe die Wuͤrde Eures Geſchlechts zu bewahren und das Zufliſtern des Genius zu be⸗ achten, der der wahren Weiblichkeit den richtigen Ton der Aeußerung ihres Gefuhls und ihrer Zärtlichkeit Tarnow's Schriften. VII. 7 — 146 — angibt, und ihr auch die Momente andeutet, in denen ſie dem Mann in ſich nur die Freundin, nicht die Geliebte zeigen muß. Doch davon kuͤnftig einmal, wenn Ihr das Mäd⸗ chen Franzisca lieb genug gewonnen habt, um es ihr als Matrone zu vergoͤnnen, Euch die Bilder ihrer ſpätern Lebensjahre vorfuͤhren zu dürfen. Eudoxria Feodorowna, Kaiſerin von Rußland. Auriei Michailowitſch, der Nachfolger des großen Michael Romanow auf dem Throne der ruſſiſchen Zaare, war Vater von drei Söhnen, deren juͤngſter, Peter, ſich ſchon in ſeiner Kindheit durch Geiſtes⸗ eraft und kuͤhnen Muth ſo vortheilhaft auszeichnete, daß ſein Vater ihn den beiden ältern Bruͤdern, Feo⸗ dor Alexjewitſch und Jwan, vorzuziehen und ihn zu ſeinem Thronfolger zu ernennen wuͤnſchte. Allein die Mutter dieſes Sohnes, Natalia Kirillowna Nariſch⸗ ein, wurde von der Prinzeſſin Soyphie, einer Tochter des Zaars Alexiej Michailowitſch aus der erſten Ehe und Schweſter der Prinzen Feodor und Jwan, nicht nur brennend gehaßt, ſondern auch gefurchtet, da Nata⸗ tiens hoher Geiſt der Herrſchaft der Prinzeſſin nicht die Hoffnung vergönnte, mit Peter den Thron zu theilen, wie ſie dies mit ihren rechten Bruͤdern thun zu koͤnnen hoffte. Sophie war eine der ſchoͤnſten und geiſtreichſten Prinzeſſinnen ihrer Zeit. Sie liebte Künſte und Wiſſenſchaften, ſie war ſelbſt Dichterin — 459 — und ihr Wunſch war es, der ihren Vater bewog, ſchon damals eine Geſellſchaft deutſcher Schauſpieler und Muſiker nach Rufland zu berufen; allein der Glanz ihrer Talente und ihrer Geiſtesgaben wurde durch einen ſchrankenloſen Ehrgeiz verdunkelt, der kein Verbrechen ſcheuete, wenn es den Beſitz einer Krone galt. Angebetet von ihrem Vater, der Gegenſtand vergotternder Huldigungen fuͤr Rußlands Juͤnglinge und Maͤnner, gluckte es ihr, Feodor Alexjewitſch zum Nachfolger ihres Vaters ernennen zu — Feodor rechtfertigte als Regent und Feldyerr die Wahl ſeines Vaters. Er iſt es, von dem die Jahr⸗ bucher der ruſſiſchen Geſchichte den ſchönen Zug be⸗ wahren, daß er die Roßroͤdsbuͤcher (Stammbäume) ſeiner Großen, die dieſen bis dahin ein ausſchließ⸗ liches Recht auf die erſten Bedienungen im Reiche gaben, verbrennen ließ, weil, wie er ſagte, eine vor⸗ nehme Geburt ferner keinen Anſpruch auf Stellen und Vorzuge geben ſolle, die nur dem Verdienſt zu erhalten gebuͤhrten. Doch nur ſechs Jahre trug er Rußlands Herrſcherkrone; dann ſank er in's Grab, ohne ſeinen Nachfolger ernannt zu haben. Die Reichsbeamten und die Befehlshaber des Hers verſammelten ſich in dem Kreml, um zur — 151 — Wahl eines neuen Zaars zu ſchreiten. Jwan war ſchwach an Geiſt und Körper, blode, kurzſichtig und ſtammelnd, Peter ein bluͤhender, kräftiger Knabe, deſſen heller Feuerblick die Heldengroße verkuͤndigte, zu der er vom Schickſal die Weihe erhalten hatte. Auch ſiegte er durch ſeine Erſcheinung uber alle von Sophien gegen ihn angeſponnene Intriguen; nicht einſtimmig, aber doch von einer bedeutenden Mehr⸗ zahl ward er zum Zaar ernannt, und die mächtigen Strelitzen, dieſe furchtbare, von ihren Beherrſchern ſelbſt gefuͤrchtete Leibwache ſchwoten ihm den Eid der Treue. Seine Mutter, die verwitwete Kaiſerin Natalia Kirillowna, wurde während ſeiner Minder⸗ jährigkeit zur Regentin des Reichs ernannt. Nataliens große Seele kannte keine Rache und wähnte Sophie durch Edelmuth entwaffnen zu können⸗ Doch dieſe vermochte den verlornen Einfluß nicht zu verſchmerzen, und ihrem Geiſt, ihrer Schoͤnheit und den Schätzen, die ſie freigebig ſpendete, gelang es, die Strelitzen zur Emporung zu bereden. Die bei⸗ den oberſten Befehlshaber derſelben, von Sophie ge⸗ wonnen, verſammelten das ganze Corps der Stre⸗ litzen und wiegelten ſie durch das Vorgeben, die Kaiſerin habe, auf Anſtiften der Nariſchkin, ihrer — 152 — Verwandten, den jungen Zaar Jwan ermorden laſſen, zur Blutrache fur dieſe Frevelthat auf. Die Verſchwor⸗ nen ließen ſich in einer Kirche zu ihrem Unternehmen einſegnen, und zogen dann in voller Kriegsruͤſtung und mit Kanonen, Prieſter und den heiligen Scha⸗ len geweihten Waſſers und einem Marienbilde vor⸗ aus, gegen den Kreml an. Natalia ſandte ihnen den Bojaren Mathwech, einen der angeſehenſten Männer des Reichs, entgegen; doch ohne ihn anzu⸗ hören, wurde er von den Empoͤrern niedergehaue Eben ſo fruchtlos blieb der Verſuch der Kaiſerin, ſich ihnen mit dem Zaarewitſch Jwan, den ſie ge⸗ tödtet glaubten, zu zeigen. Durch Mathwech's Er⸗ mordung zu blinder Wuth entflammt, drangen ſie unaufhaltſam in den Kreml ein, und alle dort an⸗ weſende Glieder der Familie Nariſchkin wurden vor Nataliens Augen ermordet, deren flehentliche Bitten ihnen nicht das Leben zu retten vermochten. Jwan wurde zum Zaar ausgerufen; der gutmuͤthige, von Natalia und Peter ſtets liebevoll behandelte Jungling bat, man ſolle ihm ſeinen Bruder Peter zum Mit⸗ regenten geben, und Sophie mußte geſchehen laſſen, was ſie, da die Strelitzen es billigten, nicht verhin⸗ dern konnte. Herrſchte ſie doch von dieſem Tage an — 153 — unter Jwans Namen unbeſchränkt! Allein es ent⸗ ging ihr nicht, wie gefahrdrohend ihr ſelbſt der durch dieſen Vorfall neu erweckte und genährte Ueber⸗ muth der Strelitzen zu werden vermochte, und ſie veſchloß, dieſen zu däͤmpfen und ſie allmaͤhlig aus der Nähe des Throns zu entfernen. Sie ſchickte einige Regimenter der Strelitzen in die entlegenſten Provinzen des Reichs und ließ dafuͤr anderes Kriegs⸗ volk nach Moskau kommen. Auch fing ſie an, um die beiden jungen Zaare einen Kreis junger Edelleute zu verſammeln, und dieſen die Bewachung derſelben anzuvertrauen. Die Unzufriedenheit der Strelitzen mit dieſen Neuerungen brach bald in Murren und Drohungen aus; Sophie glaubte ſie durch einen Gewaltſchritt einſchuͤchtern zu konnen, und ließ den Oberſten derſelben, ſammt ſeinem Sohn, als An⸗ ſtifter ihrer unruhigen Bewegungen, hinrichten; allein dieſes Mittel brachte die Flamme der Empoͤrung zum vollen Ausbruch, und Sophie ſah ſich gezwungen, mit ihren Brudern nach dem Kloſter Troitzkoi zu fliehen. Kaum aber war den Strelitzen dieſe Flucht bekannt geworden, als ſie ſchon gegen das Kloſter anruͤckten, um es zu erſtuͤrmen. Natalia fluͤchtete ſich mit Petorn in die Kirche; doch auch in dieſo⸗ — 154 — geheiligte Freiſtatt drang ein Haufen der Empoͤrer ein. Die Kaiſerin kniete vor dem Altar, den ge⸗ liebten Sohn mit ihren Armen deckend, aber ſchon ſchwebte der gezuckte Dolch der Morder uͤber ihr, als plötzlich eine mächtige Donnerſtimme rief: „Ehret den Altar und den, dem er Schutz verleiht!“ Die Emporer glaubten die Stimme des Heiligen ſelbſt zu horen; bebend eilten ſie aus der Kirche und der Eindruck ihres Schreckens ging ſo erſchutternd von ihnen auf Alle uͤber, daß ſie die Waffen vied⸗— legten und die Anſtifter des Aufruhrs auslieferten. Auf den ſanften, furchtſamen Jwan machten dieſe ſturmiſchen, blutigen Auftritte einen ſo tiefen Ein⸗ druck, daß er von dieſer Zeit an wiederholt erklärte, er fuͤhle ſich nicht geſchafſen zum Regenten, und wolle daher, ſobald er nur das gehorige Alter erteicht habe, ſeinem Bruder den Thron ganz abtreten. Die Ankuͤndigung dieſes Entſchluſſes erweckte von Neuem den Geiſt der Intrigue. Natalia Kirillowna glaubte ihrem Sohn die Krone ſichern zu muſſen, die er zu tragen beſtimmt war; Sophie dagegen bot alle Huͤlfsmittel ihres Geiſtes und ihrer Macht auf, ſich die Fortdauer einer Herrſchaft zu ſichern, die ſie nur mit ihrem Leben aufzugeben entſchloſſen war. Um die Ruſſen — 155 — daran zu gewohnen, ſie als ihre Monarchin zu ehren, ſetzte ſie in den Ukaſen ihren Namen neben den ihrer Bruder, und ließ auch auf den Muͤnzen ihr Bildniß neben das der beiden Zaare pragen. Fern vom Hofe, in der Einſamkeit des Dorfes Preobraſchenskoe, entfaltete ſich in dieſem Zeitpunkt Peters Herrſchergeiſt. Er bildete ſich aus den edel⸗ ſten Juͤnglingen des Reichs eine Compagnie von 50 Soldaten, bei der, ohne Anſehen der Perſon, nur perſönliches Verdienſt Anſpruch auf Befoͤrderung gab, und in der er ſeine eigene kriegeriſche Laufbahn als Trommelſchläͤger begann. Er trug mit ſeinen Cameraden gleiche Uniform, ſtand mit ihnen, allem Ungemach der Witterung trotzend, Wache, theilte mit ihnen Tiſch und Lager. Sophie freuete ſich dieſer Kriegsubungen, in denen ſie nur ein gefahrloſes Kinderſpiel ſah, geeignet, Peter von der Theilnahme an ernſten Staatsgeſchaͤften abzuhalten. Aber Peter, dieſer gigantiſche Barbar, der in ſeiner erhabenen Rohheit alle Laſter und alle Tugenden eines großen Menſchengemuͤthes in ſich vereinigte, trug ſchon da⸗ mals in ſeiner Seele den Plan, ſeinem halbwilden und in der Wagſchale der europäiſchen Staatskunſt noch ganz unbedeutenden Volke einen Ehrenplatz — 156 — unter den Machten unſers Welttheils zu verſchaffen. Sobald ihm ſein Alter das Recht gab, an den Ge⸗ ſchaftn des geheimen Raths Theil zu nehmen, er⸗ ſchien er unerwartet in demſelben mit ſo ehrfurcht⸗ gebietender Wuͤrde, daß ſich Sophien als unaus⸗ weichbare Nothwendigkeit und als Shickſulsſchluß ſein Beruf zum Solbſtherrſcher offenbarte. Sie fuͤhlte in ſich nicht die Kraft, mit dieſem gewaltigen Ge⸗ nius um die Krone Rußlands kampfen zu koͤnnen, und ihre Schwaͤche ſuchte bei der feigen Hinterſ bei Mord und Verrath, Schutz. Peter verw. gerte es ihr, bei einem öffentlichen Feſte als Mitregentin mit ihm und Jwan zu erſcheinen, und beſtimmte ſie dadurch, den Tag der Feier deſſelben zur Ausfuh⸗ rung ihres Racheplanes zu waͤhlen. Peter, ſeine Schweſter Maria Alexjewna und ſeine Mutter Na⸗ talia ſollten an dieſem Tage ermordet, und Sophie zur Zaarin ausgerufen werben; allein zwei von den Verſchwornen verriethen dieſen Anſchlag. Peter flchtete abermals in das Kloſter Troitzkoi, und dieſe Begebenheit war fur ihn und ſein Reich von den wichtigſten Folgen; denn Lefort, dieſer in der Ge⸗ ſchichte Rußlands unſterblich lebende Freund und Bildner Peters, war es, der mit einer Compagnie —— — 37 — Reiter herbeieilte und den Zaar gegen die Ver⸗ ſchwornen heldenmuͤthig vertheidigte, bis der General Gordon die Petern treu gebliebenen regulären Trup⸗ pen herbeizufuͤhren vermochte, durch welche That Lefort des Zaaren Herz gewann. Peters Sieg uͤber die Verſchworer war von dem Augenblick an entſchieden, wo die regulaͤren Truppen ſich fur ihn erklärten. Sophie wurde in ein Kloſter geſchickt, ihr Guͤnſtling und Rathgeber, Galitſchin, urde nach Puſtuſaro, einem kleinen, nahe am Eis⸗ meere liegenden Flecken, verbannt und nur der Oberſte der Strelitzen bußte mit dem Leben ſeine Empoͤrung. Die in dem jungen Kaiſer bis jetzt unterdruͤckte Kraftfuͤlle brach, nun in der vollen Freiheit unbe⸗ ſchränkter Herrſchaft, in ungeſtuͤme Leidenſchaftlichkeit aus, die ihn, umgeben von Guͤnſtlingen, die dieſer zu ſchmeicheln, nicht ſie zu zuͤgeln ſuchten, zu wilden Ausſchweifungen hinriß. Seine edle Mutter trauerte daruͤber, und glaubte, einer geliebten Gattin werde es am erſten gelingen, ihn von dieſen Ausſchwei⸗ fungen zuruͤck zu fuͤhren, und dem verderblich lodern⸗ den Jugendfeuer eine Richtung auf wuͤrdigere Ge⸗ genſtaͤnde, als niedern Sinnengenuß zu geben. Nach alter ruſſiſcher Sitte erging daher an alle Bojaren — 158 — und Kneſen des Reichs die Aufforderung, die ſchoͤn⸗ ſten und edelſten Jungfrauen des Landes nach Mos⸗ kau zu fuͤhren, damit der junge Zaar ſich aus ihnen eine Gemahlin erwähle. Die Thore des hohen Kreml offneten ſich an dem zur Wahl beſtimmten Tage, und dreihundert bluͤhend ſchone Jungfrauen erſchienen vor dem Thron ihres Kaiſers. Als die Schoͤnſte unter den Schoͤnen trat Eudoria Feodorowna Lapuchnin ein. Ihr Vater, Feodor Abramowitſch, war das Haupt einer Familie, die von jeher unter die erſten und mächtigſten des Reichs gerechnet worden war. Natur und Zu⸗ fall hatten ihm eine ſeinem Zeitalter voreilende Geiſtesbildung gegeben; er war edel genug, in einem Weibe das hoͤchſte Gluͤck ſeines Lebens finden zu können, Liebe und Treue zu verdienen und zu er⸗ wiedern. Doch die Bluthe ſeines ſchoͤnen Gluͤckes war nicht im Lauf der Zeit zur Frucht ſtillen haͤus⸗ lichen Friedens und leidenſchaftloſer Innigkeit ge⸗ reift; ſchon im zweiten Jahr ſeiner Ehe hatte er ſeine angebetete Gattin verloren, und nur ihr Eben⸗ bild blieb ihm in dem einzigen Kinde, welches ſie ihm hinterließ. Auf ſeinen Beſitzungen im Großfuͤrſten⸗ thum Nowgorod, fern vom Hofe, erbluͤhete Eudoria — 0459 — im Element der zärtlichſten Vaterliebe und einer bis zut Anbetung gehenden Vergötterung Aller, die ſie umgaben, zur herrlichen Jungfrau. Eine eben ſo gefuhlvolle als tiefgluͤhende Seele, ein hoher kuͤhner Geiſt war das Erbtheil ihrer Eltern, deſſen Werth durch den Zauber einer ſeltnen Schoͤnheit noch er⸗ höht ward. Sie that Allen wohl, die ſie umgaben, allein ſie war auch ſeit ihrer fruͤheſten Kindheit ſo unbedingt daran gewohnt, uͤber Alle zu herrſchen, daß ihr nie e Möglichkeit erſchienen war, irgend einem andern Bewegungsgrund, als dem ihrer eignen beſſern Ein⸗ ſicht einen Wunſch, einen gefaßten Vorſatz aufzu⸗ opfern. Gehorchen, dulden und ſchweigen erſchien ihr nicht als allgemeine, auf dem Thron wie in der Huͤtte geltende Frauenpflicht, ſondern ſie ſah darin nur Zeichen niedern Sklavenſinns. Die zarte, tiefe Empfindung ihres Herzens, das Beduͤrfniß, ſich von Allen geliebt zu fuhlen, die in ihrer Nähe lebten, bewahrte ſie aber, trotz des vollen, kuͤhnen Bewußt⸗ ſeins ihres Werthes und ihrer Reize, vor Uebermuth. Viele der reichſten und vornehmſten Maͤnner Ruß⸗ lands warben um ihre Handz bei keinem von ihnen fand ſie die Großheit des Sinnes und der That, — 160 — die ſie von ihrem kunftigen Gatten forderte. Noch immer lebte in der Seele ihres Vaters das Bild ihrer verſtorbenen Mutter in vollem Zauberglanz der erſten, nicht durch Zeit und Beſitz entweiheten Ju⸗ gendliebe. Eudopia fuͤhlte es in den Thränen, mit denen er das Andenken der Geliebten feierte, in dem Entzucken; mit dem er ihr ſo oft erzaͤhlte, wie er ſie gefunden, geliebt, gewonnen hatte, daß nur Liebe das hochſte Gluͤck des Lebens ſei; allein ſie erfuhr nichts von der Vergänglichkeit der Liebe, nichts von der Unzuverlaſſigkeit des menſchlichen Herzens und des menſchlichen Glucks. Treue, un⸗ wandelbare, heilige, nie verletzte Treue war ihr Geiſt und Seele der Liebe, unumgaͤngliches Be⸗ dingniß jedes von der Liebe geſchloſſenen Buͤnd⸗ niſſes, und ſie lernte nicht ahnen, wie viel oſt ſelbſt ein geliebtes Weib verzeihen muß, nicht be⸗ greifen, daß es, auch nach verletztem Treueſchwur des Gatten, noch bindende Pflichten fuͤr die Gat⸗ tin gibt. — Wie des Abdlers Blick zur Sonne, ſo flog auch Eudoriens Auge unter den Maͤnnerkreis empor, der ſie umgab, zu der Höhe der Menſchheit, wo der Thron des Helden und des Herrſchers ſich erhebt. — 161 — Alles, was ſie von dem jungen Zaar hoͤrte, begei⸗ ſterte ſie fur ſeinen Ruhm, fur die kunftige Helden⸗ große, die ſolche Jugendthat verbuͤrgte. Sie achtete es fuͤr das hochſte Gluck, was hienieden einem ſterb⸗ lichen Weibe zu Theil werden könne, die Gattin eines ſolchen Herrſchers zu werden, und kuͤhn in den Glanz eines ſolchen Daſeins blickend, verkannte ſie das himmliſch ſchoͤne Gluͤck, das ſich ihr in der reinen, wahren Liebe bot, die ſtaͤrker als Leben und Fod fuͤr ſie in Stephan Gleba's Herzen gluhte. Ceba war keiner der Maäͤchtigen des ruſſiſchen Reichs, doch an Heldenmuth, an Treue, an Adel der Geſtalt und der Sitte uͤbertraf ihn kein anderer Juͤngling ſeines Vaterlandes. Die Mittelmäßigkeit ſeiner Vermoͤgensumſtaͤnde verſagte es ihm, um des maͤchtigen Lapuchnins Tochter werben zu duͤrfenz ſeine Liebe zu Eudoxia erwuchs ohne Hoffnung, aber eben daher war ſie in dem treuen Heldenherzen maͤch⸗ tiger denn Leben und Tod. Eudoria hatte zu viel Sinn fuͤr Seelenhoheit und Maͤnnerwerth, um Stephan Gleba zu uͤberſehen; ſie zeichnete ihn ach⸗ tungsvoll aus, und oft war, wenn ſie mit ihm ſprach, ihr Lächeln ſo ſuͤß, ihr Ton ſo melodienreich, daß die ſeligſte aller Ahnungen durch das Herz des — 162 — liebenden Juͤnglings wie der Engelsgruß einer himm⸗ liſchen Verkuͤndigung zog, wenn er ſie ſo in all der unausſprechlichen Holdſeligkeit ihres Liebreizes vor ſich ſah, und auch Eudoria begann zu ahnen, wie die wahre Liebe keines Glanzes irdiſcher Hoheit be⸗ duͤrfe, um das Herz mit der reinſten Seligkeit zu fullen: da erging des Kaiſers Aufforderung auch an Lapuchnin, ſeine Tochter zur Brautwahl nach Mos⸗ kau zu fuͤhren, und Gleba fuͤhlte von dieſem Augen⸗ blick an ſein Schickſal entſchieden. Einfach gekleidet trat die bluͤhend ſchoͤne 19jährige Eudoria an der Hand ihres Vaters in den Saal, wo Peter auf ſeinem Thron der Jungfrauen harrte, die von ihren Vätern oder Bruͤdern gefuhrt, ſich demſelben näherten und ihre Kniee vor dem Zaar beugend, dem Blick entgegen zitterten, der uͤber eine Krone entſcheiden ſollte. Viele erſchienen verlegen, Alle bewegt, Eudopia allein trat in ruhiger Hoheit vor, und naͤherte ſich in der ihr eigenen majeſtätiſchen Haltung dem Thron; doch als ſie jetzt ihr Auge hob und auf Peters Feuerblick traf, der mit heiß aufflammender Leidenſchaft ihrem Auge begegnete, erröthete ſie ſanft und beugte ehrfurchtsvoll und de⸗ — 163 — muͤthig das Knie, um ihrem Kaiſer und Herrn zu huldigen. Ja, ſo wie dieſer Blick ihn ihr zeigte, war er ihr in ihren Träumen erſchienen — in dieſer kräftigen Jugendfulle, mit dieſem Herrſcherſiegel der Hoheit auf der Stirn, mit dieſem ſtrahlenden Feuerblick, der in des Herzens geheimſte Falte drang, nicht vor dem Fürſten, nein vor dem von der Natur ſelbſt zum Herrſcher uͤber Millionen geweihten Manne ſenkte ſie ſo ehrfurchtsvoll das ſchone Haupt, und fsnlte an den bangen Schlägen ihres Herzens, daß „ter Blick auf ihn ihn auch zum Herrn ihres Geſchicks gemacht habe. Eben ſo maͤchtig war der Eindruck, den ſie auf Peter machte. Seine Wahl war in dem Augenblick entſchieden, wo er ſie er⸗ blickte, und fand bei ſeinem Volk allgemeinen Beifall. Vorzuͤglich gluͤcklich fuhlte ſich die Zaarin Natalie, die durch Eudoriens Geiſt und Bildung alle ihre Forderungen an die Gemahlin ihres Sohnes noch uͤbertroffen fand. Die Vermählung wurde im Jahr 1689 mit großer Pracht gefeiert. Doch als nach vollzogener Trauung Eudoria die Huldigung des verſammelten Adels empfing, trat vor den Thron, auf dem ſie im kaiſerlichen Schmuck an Peters Seite ſaß, auch — 164 — eine bleiche, kummervolle Geſtalt, die ſie vor wenig Monaten noch in voller bluͤhender Jugendſchoͤnheit geſehen hatte, und ein dunkles, erloſchenes Auge hob ſich zu ihr empor, und in dem Auge glänzte eine Thraͤne. Eudoria war ſelig im Vollgenuß des Gluͤckes der erſten, von allem Zauberglanz irdi⸗ ſcher Hoheit verſchoͤnerten Liebe, aber nie konnte ſie Gleba's bleiches Geſicht, nie dieſen Thränenblick ver⸗ geſſen. Zwei Jahre flogen jetzt im Freudenrauſche ſchnell fuͤr Eudoria dahin. Vermißte ſie auch bei ihrem Gemahl jene Innigkeit ſeelenvoller Herzlichkeit, die ſie aus den Erzählungen ihres Vaters als die Bluͤthe des Liebesgluͤckes kennen gelernt hatte, ſo fuͤhlte ſie ſich doch leidenſchaftlich geliebt, und war ſelbſt zu jung und ohne Erfahrung, um es einzuſehen, daß es nur Sinnenzauber war, der Peter ſo gewaltig an das ſchoͤnſte Weib ſeines ungeheuern Reiches feſſelte. Sie gab ſich in der Begeiſterung ihrer Feuerſeele allen Taͤuſchungen der Liebe und des eige⸗ nen Herzens hin, und ſchmuͤckte den geliebten Ge⸗ mahl mit all den Tugenden und Geſinnungen, an die ſie bei ihm glaubte, weil ſie ihr ſelbſt eigen wa⸗ ren. Am Ende des erſten Jahres ihrer Verbindung — 165 — ward ſie Mutter eines Sohnes, der den Namen lexej Petrowitſch erhielt, und dem ſie im folgenden Jahre einen Bruder, Alerander genannt, gab⸗ Jetzt aber begann die Sonne ihres Gluͤckes zu ſinken. Peters Leichtſinn in Hinſicht ſeiner Ver⸗ haͤltniſſe mit dem weiblichen Geſchlecht hätte ſeine Gattin ſchon ſeit den erſten Monaten ihrer Ehe be⸗ trüben können; allein Eudoriens himmliſch reiner Glaube an Treue hielt jeden Verdacht von ihrem Derzen fern. In ihrem Sinn loͤſete Untreue das Band der Ehe ganz unbedingt fuͤr beide Gatten, und ſie fuͤhlte ſich, ſeitdem ſie Mutter war, unauf⸗ löslicher denn je mit ihrem Gemahl verbunden⸗ Peter, der, ohne Ruͤckſicht auf Stand und Geburt, den Umgang mit den Auslaͤndern liebte, die ſich in ſeinem Reich angeſiedelt hatten, kam oft in das Haus eines jungen Franzoſen, Mons de la Croir, deſſen zwei Schweſtern ſich durch Schoͤnheit und Liebens⸗ wuͤrdigkeit auszeichneten. Die ätteſte von Beiden zog zuerſt Peters Blicke auf ſich, und flößte ihm bald eine zu heftige Leidenſchaft ein, als daß ſie Eudorien verborgen bleiben konnte, die in ihr nicht eine Verwirrung der Sinne, ſondern den unwieder⸗ bringlichen Verluſt des Herzens ihres Gemahls ſah. Zu ſtolz, ſich eine Klage oder einen Vorwurf zu erlauben, verſchloß ſie den Gram ihrer Liebe tief in ihre Seele, und zeigte Petern von dem Augen⸗ blick an, wo ſie ſeine Leidenſchaft fuͤr eine Andere entdeckte, eine kalte Gleichguͤltigkeit, die ſich als Geringſchaͤtzung ausſprach, als er Rechte geltend zu machen ſuchte, die Eudoria nur der Liebe allein zu⸗ geſtehen konnte. Noch liebte Peter ſie; noch war er von jeder Verirrung zu ihr zuruͤckgekommen, und ſuchte ſeine Untreue vor ihr zu verbergen; als Eudoria aber ſelbſt den Schleier zerriß, in den er dieſe zu huͤllen ſuchte, und es nun fuͤr ihn nichts mehr zu ſcheuen, nichts mehr zu fuͤrchten gab, fallte ſie ſich ſelbſt ihr Urtheil, und furchtbar raͤchte ihr Geſchick und Peters Charakter dieſen Mangel an Sanftmuth und Klugheit an der edelſtolzen und makellos reinen Frau. Peter wurde erſt empfindlich, dann zornig, endlich gleichgultig gegen ſie. Die Erinnerungen der Liebe konnten uͤber das Herz eines Mannes wie er, der durch die Regelloſigkeit eines unbeſchraͤnkten Des⸗ potismus verhaͤrtet war, keine Gewalt uͤben, und vielleicht wäre ſchon damals Eudoria das Schlacht⸗ opfer ihres Zeitalters und ihres Schickſals geworden, ——————————— — 167 — wenn ihr nicht in der Mutter des Zaars, der edlen, milden, gefuͤhlvollen Natalie Kirillowna, ein Schutz⸗ engel zur Seite geſtanden hätte. Die Scheu vor dieſer erhielt den Zaar, ſo lange ſie lebte, in den Schranken des äußern Anſtandes; allein im fuͤnften Fahr ſeiner Ehe ſtarb Natalie, und in ihrem Grabe verſank Eudoria's Gluͤcksſtern in eine Nacht duͤſterer Hoffnungsloſigkeit. Die bekannte Emporung der Strelitzen, die Peter on ſeiner erſten Reiſe in's Ausland zuruͤckrief, bot ihm den Vorwand zu Eudoria's Verurtheilung, obgleich alle Stimmen ihrer Mitwelt und der Geſchichte ſich vereinen, ſie von jeder Theilnahme daran frei zu ſprechen. Keine Vertheidigung ward ihr erlaubt. Der Mann ihrer Liebe, ihr Gatte, der Vater ihrer Kinder, war ihr Ankläger, ihr Richter und ihr Henker. Lefort's Bitten und Flehen retteten ihr das Leben, allein die blä⸗ hend ſchöne, edle, hochſinnige Eudoxia, die Mutter des Thronfolgers, mußte im 28ſten Jahre ihres Lebens das Diadem niederlegen, und im Prokows⸗ koy⸗Kloſter zu Susdal unter dem Namen Helene den Schleier nehmen. 5 — 168 — Euboxia's Seele konnte ſich über den Verluſt des Throns, uͤber den eitlen Glanz aller irdiſchen Hoheit im Gefuͤhl ihres Adels und ihrer Unſchuld erheben; aber ſie war Mutter, und man entriß ſie ihrem Sohn, ihrem Alexef, und troſtloſer als auf das Grab, das ſeit wenig Monden den Liebling ihres Herzens, ihren jüngſten Sohn Alexander, deckte, ſah ſie auf Alerej, den ſie in den Haͤnden des Haſſes und der ſchreckendſten ſittlichen Verdorbenheit ſchutzlos zurucklaſſen mußte. Die Liebe ihres Volkes, die innigſte Theilnahm⸗ aller Edlen folgte ihr; aber vor Allen ſchlug ein Herz fuͤr ſi e, wie es nie treuer in einer Men⸗ ſchenbruſt geſchlagen hat. Fern an der tuͤrkiſchen Grenze ſtand Stephan Gleba mit dem Heer, deſſen Oberbefehl ihm die bewundernswerthe Tapferkeit, mir der er bei der Erſtuͤrmung Aſows gefochten hatte, erwarb. In jener Stunde, wo er Eudoria in aller Freubentrunkenheit des tiefgefühlteſten Liebesgluͤcks, im ſtrahlendſten Zauberglanze ihrer Schoͤnheit und des reichen Kaiſerſchmucks auf dem Thron der Zaare, an der Seite ihres Gemahls erblickt hatte, verließ er Moskau, und eilte zu dem Heer, das Peter be⸗ ſtimmt hatte, von den krimmiſchen Tataren den — 169 — Ausfluß des Don in das ſchwarze Meer zu erkäm⸗ pfen. Eudoria Lapuchnins Freund mußte fuͤr die Zaarin in den Kreis ihrer Unterthanen zuruͤcktreten, und nur eine große That, nur Heldenruhm und Hel⸗ denglanz konnten ihm das Recht erwerben, daß aus der Menge von Millionen, alle dem Thron gleich fern und gleich nahe, ſein Name zu ihr drang. Und wohl hatte ihn Eudoria gehort! — Jede Siegesnachricht von der Armee nannte lob⸗ preiſend Gleba's Namen, nicht blos die Ebenen Aſiens, auch die Wellen ſeiner Stroͤme und Meere mußten ihn verherxlichen, denn Gleba war es, der unter des Venetianers Lima Oberbefehl den Tuͤrken an der Muͤndung des Don die erſte je von den Ruſſen gekaͤmpfte Seeſchlacht lieferte, ihre Flotte ſchlug, und dadurch den Weg zur Eroberung Aſows bahnte, deſſen Beſitz Petern zur Ausfuͤhrung ſeiner Plane unentbehrlich war. Peter beſaß die fuͤr einen Monarchen unſchätzbare Gabe, das Verdienſt ausge⸗ zeichneter Maͤnner zu erkennen, und in ſeiner eigenen wilden Größe uͤber jede kleinliche Regung eiferſuchtigen „ Neides erhaben, es großſinnig zu belohnen, und dem Genius die Bahn frei zu machen, auf der er kraͤftig Tarnow's Schriften. VII. 8 — 170 — ſeine Fluͤgel zu entfalten vermochte. Auch Gleba ſtieg von Stufe zu Stufe, und kuͤhn durfte er nach jedem Lorbeer ſtreben, den unter einem ſolchen Mo⸗ narchen Heldenſinn und Ehrgeiz zu gewinnen wuͤn⸗ ſchen konnten. Da, auf der Mitte ſeiner glorreichen Bahn, drang die Nachricht von Endopia's Schickſal zu ihm. Ohne Schwanken, ohne Zögern opferte er den Ruhm der Liebe und dem Beruf, der Schutz⸗ engel gekraͤnkter Unſchuld zu ſein; er forderte und erhielt ſeine Entlaſſung vom Heer, und eilte, um ſich in der Nähe von Susdal anzuſiedeln, um ſein ganzes Leben der unuͤberwindlichen Treue zu weihen, mit der er nur fuͤr die Milderung von Eudopia's Schickſal zu leben, Kraft und Willen in ſich fand. Die perſoͤnliche Ehrfurcht fuͤr Eudoria's Tugend, ihr Liebreiz, ihre Guͤte und die Gewalt uber Menſchen⸗ herzen, die die Natur ihr gegeben hatte, beſiegten bei den Nonnen und den geiſtlichen Vorſtehern des Klo⸗ ſters die Furcht vor den ſtrengen Befehlen des Zaars, und Eudoria erfuhr, wie viel ſichrer und gewaltiger es iſt, uͤber Herzen als uͤber Sklaven zu herrſchen. Ihr erhabener Stand ſicherte ihr im Kloſter immer noch einige Freiheit, deßhalb ward es Stephan Gleba — 171 — leicht, ſich Zutritt zu ihr zu verſchaffen. Mit ihm kehrten ihr wehmuthsvoll und doch troͤſtend die Bil⸗ der ihrer ſchoͤnen Jugendtage zuruͤck, und die unbe⸗ dingte Hingebung an den Beruf ſeiner Liebe, nur für ſie zu leben, die die noch immer durch Kirche und Geſet gefeſſelte Gattin eines Andern an einem fremden Mann ſonſt vielleicht nicht hätte gut heißen duͤrfen, konnte die Zaarin ohne Bedenken als Huldigung der Treue von ihrem Unterthan annehmen. In jener geit war die Abgeſchiedenheit eines Kloſters noch zugleich Abgeſchiedenheit von der Welt, und Eudoria bedurfte eines Vermittlers, wie Gleba, um dem Herzen ihres Sohnes, der Theilnahme ihrer Freunde und Verwandten nicht im Lauf der Jahre abzuſterben. Mit der Begeiſterung der Liebe ſorgte Gleba da⸗ fur, daß ihr Andenken gleich dem einer Martyrerin heilig gehalten wurde. Unter mamigfachen Verklei⸗ dungen wußte er ſich Zutritt zu dem Zaarewitſch zu verſchaffen, und einen Briefwechſel zwiſchen ihm und ſeiner Mutter einzuleiten und zu befördern. Jede Milderung, deren Eudoria's Lage fähig war — ſchaffte er ihr, doch hoͤhern Troſt, als ihr irgend eine Erleichterung ihres äußern Schickſals zu gewähren vermochte, ſchöpfte Eudoria's Seele aus der Zuverſicht 8* — 172 — des Glaubens an reinen Menſchenwerth, an wahre Liebe und uneigennutzige Treue, die ihr aus dem Erkennen von Gleba's Sinn und Gemuͤth aufging. O mit welchem Ungluͤck vermoͤchte die Gewißheit der Treue nicht zu verſohnen! — ſie iſt die ſeltenſte, aber auch die ſchoͤnſte Himmelsbluthe, die in dieſem armen Leben aufzuſprießen vermag! — Machtlos uͤber den innern Frieden einer ſchönen Seele waren in der Einſamkeit ihres Kloſters die Jahre an Eudoria voruͤber gegangen, wenn nicht ihrem Herzen immer neue Wunden wären geſchlagen worden. Peters Liebe zu der älteſten Mons de la Croir hatte bald einer noch viel ernſtern Leidenſchaft fur ihre juͤngere Schweſter Platz gemacht, die, nach dem Urtheil aller ihrer Zeitgenoſſen, ein Muſter weiblicher Liebenswurdigkeit war, und mit der Schönheit, die alle Geſchwiſter Mons auszeichnete, einen hellen, ſehr gebildeten Verſtand, vortreffliche Grundſaͤtze und ein edles Herz verband. Es ſtand in ihrer Macht, den Thron Rußlands zu beſteigen; allein ſie zog dem falſchen Schimmer dieſes glänzenden Elends das Gluck einer reinen edlen Liebe vor, und blieb ihrem Geliebten, dem preußiſchen Geſandten Kaiſerling, treu. Der Zaar uͤberließ ſich, als er durch einen — 173 — aufgefangenen, von ihr an Kaiſerling geſchriebenen Brief die Urſache ihres Widerſtandes erfuhr, den . gewaltthätigſten Ausbruͤchen ſeines Zornes, und mißhandelte ſie perſoͤnlich oͤffentlich auf einem Balle. Kaiſerling beſchloß jetzt, ſich unverzuglich mit ihr zu vetmählen, um ſie als ſeine Gemahlin vor ähnlichen empörenden Auftritten zu ſchutzen; allein der bluͤhend geſunde Mann wurde ploßzlich der Raub einer tödt⸗ lichen Krankheit, und die Stunde ſeiner Trauung war zugleich ſeine Sterbeſtunde. Seine troſtloſe Witwe floh in die tieſſte Einſamkeit, und alle Ver⸗ ſuche, ſie an den Hof zuruͤckzufuhren, blieben ver⸗ geblich. Nach wenigen von ihr verweinten Jahren folgte ſie ihrem Geliebten in das Grab. Der Unmuth dieſer verſchmähten Liebe rachte gewiſſermaßen Eudoria's Schickſal an ihrem Gemahl, aber er fuͤhrte ihn nicht zu ihr zuruͤck. Es gelang jetzt Katharinen, Petern nicht blos zu erobern, ſon⸗ dern auch zu feſſeln, und Eudoria erlitt den Schmerz, daß ihr Sohn auf des Vaters Befehl bei Katharinen Pathenſtelle vertreten, und ihr den Namen Alexiewna geben mußte, als ſie zur griechiſchen Kirche uͤbertrat. Bald erfuhr ſie nun auch die ihr nach den Geſetzen der griechiſchen Religion unglaublich duͤnkende Nach⸗ — 174 — richt, Katharine ſei dem Zaar heimlich angetraut, ja ſie mußte die Kränkung erleben, daß dieſe Ver⸗ bindung vier Jahre ſpaͤter erklärt, und das Ver⸗ maͤhlungsfeſt offentlich mit allem Gepraͤnge kaiſer⸗ licher Pracht gefeiert wurde. Dieſer Schritt Peters vermehrte die Unzufrie⸗ denheit der Geiſtlichkeit, die ſchon ſeit Eudoxia's Verbannung heimlich und auch laut das Betragen des Zaars gegen ſeine edle Gemahlin gemißbilligt hatte. Der Erzbiſchof von Raſtow, Doſſifej, ent⸗ warf den Plan zu einer Verſchwoͤrung, die die Ver⸗ ſtoßung Katharinens und die Verſoͤhnung Eudopia's mit dem Kaiſer bewirken ſollte; doch lag der eigent⸗ liche Zweck derſelben tiefer, da die Prieſter, voll Abſcheu gegen Peters Neuerungen und voll Furcht vor den Folgen derſelben, den Zaarewitſch Alepei Petrowitſch, je eher je lieber auf dem Thron ſeines Vaters zu ſehen wuͤnſchten; allein Eudoria's Schickſal bot dem Plan der Geiſtlichkeit einen hochſt willkom⸗ menen Vorwand, die edelſten und mäͤchtigſten Maͤn⸗ ner des Reichs in ihr Intereſſe zu ziehen. Selbſt Peters Schweſter, die Zaarewna Maria, mit Eu⸗ doxia durch das Band der zaͤrtlichſten, unter den Augen und dem Segen Nataliens Kirillowna auf⸗ — 175 — gebluheten Freundſchaft verbunden, ließ ſich von der Hoffnung blenden, ſie der Welt und dem Threne durch eine Verſoͤhnung mit dem Gatten zuruͤck gege⸗ ben zu ſehen. Sie wechſelte durch Gleba's Vermitt⸗ lung Briefe mit ihr, ſandte ihr weltliche Kleider und erhielt es von Eudoria, daß dieſe ihren Kloſternamen und ihre Kloſtertracht ablegte. Eudoria hatte fuͤr ſich alle Hoffnungen auf Gluck aufgegeben, allein ſie war Mutter und konnte in Katharinen nur die Feindin ihres Sohnes ſehen, deſſen Untergang allein Katha⸗ rinens Kindern die Thronfolge zu ſichern vermochte. Am gluͤhendſten ergriff Gleba den Plan des Erzbi⸗ ſchofs, mit dem er ſich bald ganz verſtaͤndigte, da er das Glück der Zaarin nicht durch eine Verſöhnung mit ihrem Gemahl geſichert halten konnte, ſondein nur dann, wenn Alexei den Thron beſtieg und ſeine Mutter aus ihrer Zelle hervorfuͤhrte, um mit ihm zu herrſchen. Und des Zaarewitſch durch das Un⸗ gluͤck ſeiner Mutter tief gekraͤnktes Herz, ſein durch Katharinens Erhebung emporter Geiſt, die Furcht vor ſeiner Zukunft — wer kann den Juͤngling un⸗ bedingt verdammen, wern unter dieſen umſtaͤnden die Beredſamkeit des Erzbiſchofs, wenn Gleba's Gluth der Liebe und des Hoſſes, wenn ſeine eigene gemiß⸗ . — 176 — handelte Jugend in ihm als Flamme der Emporung aufloderte. Ohne um dieſe Verſchworung zu wiſſen, hielt ſich doch Peter uͤberzeugt, daß Alerei nicht der Mann ſei, das von ihm ſelbſt begonnene Werk der Um⸗ ſchaffung ſeines Reichs im Geiſt des Vaters weiter zu foͤrdern, wenn er den Thron beſteige, und dies reichte hin, den Entſchluß in ihm zu erzeugen, Alexei zur Verzichtleiſtung auf die Erbfolge zu zwingen. Der Zaarewitſch füͤhlte, welche Gefahr ihm drohe, wenn er ſich weigere, dem Befehl ſeines Vaters zu gehorchen, er ſah fuͤr ſich nur ein Rettungsmittel: Flucht. Zu dieſer riethen alle ſeine Freunde, zu dieſer ſeine Mutter. Er floh nach Wien und von dort nach Neapel, aber dem Henkerſchwert ſeines Vaters konnte er nicht entgehen; er wurde ausgelie⸗ fert und gefangen nach Rußland zurück gebracht. Es wird dem Gefuhl reiner Menſchlichkeit ſchwer, Peter als Richter ſeines Sohnes unparteiiſch in dem Verhaͤltniſſe aufzufaſſen, in dem er, in ſeiner Bildung und Entwicklung, ſeinem Wollen und ſei⸗ nem Thun, ſeiner Große und ſeiner Barbarei, zu ſeiner Zeit und zu ſeinem Volke ſtand. Alexej wei⸗ — 177 — gerte ſich, den Giftbecher zu leeren, den ihm ſein Vater, begleitet von dem General Weide, in das Gefängniß brachte; da riß man die Dielen des Fuß⸗ bodens auf, um das Blut in die Oeffnung ſtroͤmen zu laſſen, und hieb dann dem durch häufige Ohn⸗ machten und ſtrenges Faſten ermatteten Prinzen den Kopf ab. Der Zaar holte darauf ſelbſt aus dem von ihm bewohnten Pallaſt die erſte Kammerfrau der Kaiſerin Katharina, Anna Kramer, die den Kopk an den Rumpf feſtnaͤhen und den Leichnam des ungluͤcklichen Prinzen ankleiden mußte, der einige Tage in der Feſtungskirche zur Schau ausgeſtellt, und dann in derſelben beigeſetzt wurde. Alle, die je nur in der entfernteſten Verbindung mit dem Zaarewitſch geſtanden hatten, wurden ge⸗ faͤnglich eingezogen, und durch die ſchaudervollſten Folterqualen ſuchte man von ihnen die Geſtändniſſe zu erpreſſen, deren man bedurfte, um ſie ſchul⸗ dig finden zu koͤnnen. Die Zaarewna Maria und Eudoria, der Erzbiſchof Daſſifej, Gleba, alle Verwandte Eudoxia's, ihr Beichtvater und unzählige Andere wurden gefangen nach Moskau geſchleppt. Vorzuglich wuͤnſchte man Eudoria ſchuldig zu finden. Sie ſchrieb an den Kaiſer, um von ihm das Leben — 178 — ihres Sohnes zu erflehen; auch geſtand ſie es, Briefe mit dieſem und mit Maria gewechſelt zu haben; allein wegen aller uͤbrigen gegen ſie erhobenen An⸗ klage berief ſie ſich auf des Kaiſers eigene Ueber⸗ zeugung ihrer Schuldloſigkeit. Und ſie durfte das, denn alle von ihr geſchriebene, zum Theil aufgefan⸗ gene, zum Theil bei den Verſchwornen gefundene Briefe bezeugten ihr Nichtwiſſen um irgend einen Plan zur Empörung, und athmeten den Engelsfrie⸗ den einer reinen Seele, die Milde und Weisheit wahrer Froͤmmigkeit. Nichts deſto weniger wurde ihr der Prozeß gemacht, und da jeder andere Grund zur Anklage wegfiel, beſchuldigte man ſie eines ſtraſbaren Liebesverſtändniſſes mit Gleba. In ihrer Gegenwart legte man dieſen auf die Folter, um das Geſtandniß deſſelben von ihm zu erzwingen, allein trotz der erfinderiſchen Grauſamkeit ſeiner Henker, blieb jedes ſeiner Worte ein Zeugniß fuͤr Eudoria's makelloſe Reinheit. Er, der Held, litt fur ſie, fuͤr die Ge⸗ liebte ſeiner Jugend, ſeine Kaiſerin, fuͤr das Weſen, das er mit ber reinſten, feurigſten Begeiſterung ver⸗ götterte, fur das ſterben zu duͤrfen er ſich in den Weiheſtunden ſeines Lebens oft als das ſchoͤnſte Loos gewünſcht hatte. Er litt in ihrer Gegenwart, und — 179 — jede ſeiner Qualen mußte bei ihr zur Zeugin ſeiner Liebe und ſeiner Treue werden; aber wer vermag Eudoria's Seelenfolter in dieſer furchtbaren Schre⸗ Eensſtunde mitzufühlen, ohne zu erſtarren vor dem Gedanken, daß ſolche Qual fur ein ſchuldloſes Men⸗ ſchenherz nicht blos im Reich der Moͤglichkeit, ſon⸗ dern der Erfahrung und der Wirklichkeit liegt! — Sollte Gleba's Leben nicht das augenblickliche Opfer der gegen ihn verubten Grauſamkeit werden, ſo mußte man ſeine Qualen enden. Bleich und kalt, an allen Gliedern zerſchmettert, hob man ihn von der Folter⸗ bank, ſein brechendes Auge ſuchte Eudoria. Sie eilte zu ihm; ſtumm druckte ſie ſeine Hände an ihr Herz und dann ihre Lippen zu einem langen Kuſſe auf die ſeinigen, die ihren Namen nicht mehr hörbar zu ſtammeln vermochten. Dann erhob ſie ſich ruhig und groß gegen ſeine Richter. „Ihr habt ihn gemordet,“ ſagte ſie dumpf und ernſt, „er iſt ein Märtyrer der Wahrheit und ihr Opfer geworden; jett ſollt Ihr aber mein Geſtändniß hoͤren: ich liebe ihn. Ja, Gleba,“ fuhr ſie fort, „erfahre es in dieſer Stunde hier vor Gott und Deinen Richtern, mein Herz iſt in unausſprechlicher Liebe Dein, und bitter — 18 — nagt die Reue daran, Deinen Werth und Deine Liebe nicht zu der Zeit erkannt zu haben, wo ich durch ſie eben ſo gluͤcklich zu werden vermochte, als mich jetzt die Barbarei meines grauſamen Gatten elend macht. Fuͤr dieſe Welt trennt uns dieſe Stunde, aber nur, um uns fuͤr jene beſſere unauflöslicher zu vereinen. Thut jetzt Eure Pflicht, Richter, ich, die einzige rechtmaͤßige Gemahlin Eures Monarchen, be⸗ kenne hier freiwillig, daß ich dieſen Mann liebe und den Tod für ihn und mit ihm jedem andern Erden⸗ looſe vorziehe.“ Kein weltlicher Richterſtuhl konnte ſich befugt halten, uber ein ſolches Geſtäͤndniß zu richten. Eu⸗ doria ward einem geiſtlichen Gericht uͤbergeben, dem der Kaiſer ausdrücklich befahl, ihr Vergehen nach aller Schaͤrfe des geiſtlichen Geſetzes und der Kir⸗ chenſatzung zu richten. Allein nur Ein Geiſt beſeelte die aus den Erzbiſchofen, Archimandriten und mehre⸗ ren andern der angeſehenſten Geiſtlichen des Reichs zuſammengeſetzte Verſammlung, der des innigſten MWitleidens mit Eudoria und der Bewunderung ihrer Seelengroͤße. „Gott hat uns kein anderes Schwert als das ſeines Wortes anvertraut,“ ſo ſprachen ſie, — 181 — „nicht den Tod des Suͤnders, ſondern ſeine Bekeh⸗ rung wuͤnſchen wir.“ Es gelang ihnen, Eudoria's Leben zu retten, aber, o Gott! welch ein Leben wurde ihr erhalten! Das Haupt ihres Sohnes war von der Hand ſeines Vaters gefallen! — Die Schweſter ihres Herzens, die Zaarewna Maria, verurtheilt, ihre Tage in den Gefängniſſen Schluͤſſelburgs zu ver⸗ trauern — Eudopia's Verwandte und Freunde waren theils zu Tode geknutet, theils gerädert oder auch in's Elend verwieſen — Gleba lebendig geſpießt! Gegen den Seelenſchmerz ſolcher Erlebniſſe er⸗ ſcheint es faſt unbedeutend, daß Eudoria ſelbſt zur Kloſterzuͤchtigung verdammt, und nachdem ſie dieſe, im Beiſein des ganzen Nonnen⸗Convents, von zwei Schweſtern erhalten hatte, nach Neu⸗Ladoga gefuͤhrt, und dort in eine enge, vom Tageslicht nur matt erleuchtete Zelle geſperrt wurde, wo ſie nur Brod, Gemuͤſe und Waſſer zu ihrer Nahrung erhielt. Hier lebte ſie ſechs Jahre, abgeſchieden von aller menſchlichen Geſellſchaſt, in der tiefſten Einſamkeit, allein mit Gott und mit dem eignen blutenden Her⸗ zen, in deſſen Wunden kein irdiſcher Troſt lindern⸗ den Balſam zu träufeln vermocht hätte. Die unerbittliche Nemeſis traf Peter nach Ver⸗ lauf dieſer Zeit. Katharina die Erſte beſtieg den Thron, und ſie benutzte die neugewonnene Macht gleich in den erſten Tagen ihrer Regierung, Eudoria's Schickſal noch zu erſchweren und das Werk ihrer Grauſamkeit zu vollenden, indem ſie die hohe Dul⸗ derin nach Schluͤſſelburg, in einen dunkeln, unter⸗ irdiſchen, von zahlloſen Ratzen und Maͤuſen be⸗ wohnten Kerker ſchleppen ließ. Vor dieſem Gefaͤng⸗ niſſe war ein kleiner Hof von wenigen Schritten Umfang; die hohe Mauer, die ihn einſchloß, wurde mit Soldaten beſetzt, die, ſo oft ſie abgeloͤſt wurden, ſich ganz entkleiden mußten, um die Moglichkeit zu verhuͤten, daß durch ſie ein Brief von Eudoria be⸗ ſorgt werden konnte. Hier in dem engen Umkreiſ⸗ dieſer Mauern allein durfte die Kaiſerin Luft ſchoͤpfen und ſich des Tageslichts erfreuen, von dem kein Strahl in ihren dumpfen Kerker drang. Zu ihrer Bedienung gab man ihr eine mißgeſtaltete, kränkliche alte Zwer⸗ gin, die zur Friſtung ihres Lebens von Eudopia die Pflege und Aufwartung forderte, die ſie eigentlich beſtimmt war, dieſer zu gewähren. Selbſt die Er⸗ laubniß zu beichten ward der Kaiſerin verſagt, kein Prieſter durfte ihren Kerker betreten. Mit glaubens⸗ . — 183 — voller Seelenſtaͤrke ertrug ſie ihr Schickſal — das Leben ſchien keine Gewalt mehr uͤber ſie zu haben; die Ewigkeit lag vor ihr, und vor dem lichten Him⸗ melsglanze der Siegeskrone, die ſie ihr verhieß, wurde aller Jammer des Erdendaſeins zum dunkeln Traum einer Minute, deren Schmerz eine Unſterbliche nicht zu beachten wuͤrdigte. Allein mit zu feſten Banden ſind wir an die Erde gebunden, um uns, ſo lange wir das irdiſche Licht ſchauen, in unbedingter Frei⸗ heit aus ihnen losreißen zu koͤnnen; auch Eudoria's Leben war noch nicht geendet, ihr Pruͤfungslauf nicht vollendet. Zwei Jahre hatte ſie in ihrem grauſigen Schluͤſ⸗ ſelburger Kerker verlebt, da oöffneten ſich unerwartet und zur ungewöhnlichen Stunde die Thuͤren deſſel⸗ ben — ein glaͤnzendes Gefolge erfuͤllt den Gans⸗ der zu ihm fuͤhrt — heller Fackelglanz blendet Eu⸗ doria's, durch die Entziehung des Tageslichts, ge⸗ truͤtte Augen; — aber ſie hört den Laut einer ihr bekannten Stimme, ſie ſieht ſich von reichgekleideten Maͤnnern umgeben, die ihre Knie mit Thränen um⸗ faſſen, ſie erkennt in dem Einen derſelben den lieb⸗ ſten ihrer noch lebenden Verwandten, Alerander Lapuchnin; zu erſchuͤttert, um reden zu können, — 184 — bietet ihr ſeine zitternde Hand einen Brief dar. Katharina war todt, und Eudoria's Enkel, der zwölf⸗ jährige Sohn des Alexef, hatte unter dem Namen Peter II. den Thron beſtiegen; der erſte von ihm ertheilte Befehl betraf Eudoxia's Befreiung. Hof⸗ damen und Ebelleute, Equipagen, Livreediener, Sil⸗ bergeſchirr fuͤr ihre Tafel, 10,000 Rubel baares Geld, Diamanten, koſtbare Kleider, Alles ſandte er ihr nach Schluͤſſelburg, wo der Commandant der Feſtung den Befehl erhielt, ihr ſeine Wohnung einzuraumen, bis ſie uͤber die Wahl ihres Aufenthalts entſchieden habe, und ſich ſtark genug fuͤhle, Schluͤſſelburg verlaſſen zu koͤnnen. Welch ein Wechſel des Schickſals! Ach, es war nicht der Glanz der Hoheit, nicht die wieder erhaltene Freiheit, die Eudoria's Herz mit ſo reinem Wonne⸗ gefuͤhl fuͤllte! Wer, wie ſie, Schmerz, Haß und Verzweiflung zu beſiegen gelernt hat, den beſiegt kein aͤußrer Schickſalswechſel mehr, aber ſie war noch Mutter! Das Band der allermächtigſten und rein⸗ ſten Liebe knuͤpfte ſie noch einmal neu an das Leben. Sie ſollte die Kinder ihres ungluͤcklichen, von ihr mit ſo unverſiegbaren Jammerthraͤnen beweinten Sohnes an ihr Herz druͤcken, ſie ſegnen, ſich ihrer Schone, ihrer Tugenden erfreuen, und dieſen zarten Bluͤthen ſchirmend zur Seite ſtehen! Der Brief des jungen Kaiſers an die geliebte Großmutter zeigte von eben ſo viel Geiſt als Guͤte. „Es ſoll,“ ſchrieb er ihr am Tage der Thronbeſteigung, „meine vornehmſte Sorge ſein, gleich Veſpaſian, Niemand im Lauf meiner Regierung traurig von mir zu laſſen“ und Alles, was Eudoria von ihm hoͤrte, berechtigte ſie zu der Hoffnung, dieſe Verheißung erfuͤllt zu ſehen. Der Kaiſer hatte es ihr zur Entſcheidung uͤber⸗ laſſen, ob ſie gleich zu ihm nach Petersburg kom⸗ men, oder von Schluͤſſelburg nach Moskau gehen wolle, wohin er ſich in kurzer Zeit begeben mußte, um ſich kronen zu laſſen. Eudoria wahlte das Lettre, und reiſete mit all der Pracht, die ihrem Range ge⸗ buͤhrte, nach der Hauptſtadt der alten ruſſiſchen Zaare, wo ſie in einem adeligen Jungfrauenkloſter ihre Woh⸗ nung nahm, und von dem Volk mit laut jubelndem Entzucken, von dem hohen Adel der Stadt und der ganzen Umgegend mit huldigender Ehrfurcht und tiefer Ruͤhrung empfangen wurde. Hier ſammelten ſich auch die geächteten, zerſtreueten Glieder ihrer Familie um ſie, denen Peter der Zweite ihre Guͤter, Beſizungen und Ehrenſtellen zuruckgegeben hatte. — 186 — Eudoxia empfing alle ihre dargebrachten Huldigungen mit Dank und liebevollem Wohlwollen, aber auch mit ſtillem, wehmuthsvollem Ernſte. Sie fuͤhlte ſich wahrhaft geliebt, und von dem Volk, deſſen Kaiſerin ſie einſt war, ſo wenig vergeſſen als verkannt, da die Verleumdung nie Gewalt uͤber das Andenken ihrer Tugend und ihrer Guͤte bei demſelben zu ge⸗ winnen vermocht hatte; allein in ihr konnte keine Zuverſicht irdiſchen Gluͤcks mehr wurzeln. Einige Wochen nach ihrer Ankunft in Moskau kam auch der junge Kaiſer mit ſeiner Schweſter Natalie dorthin. Beide erſchienen in der unaus⸗ ſprechlichen Liebenswuͤrdigkeit reiner ſchoner Jugend⸗ bluthe, voll Geiſt und Anmuth, voll Liebe und Ehr⸗ furcht, tiefbewegt vor der hohen, ernſtgepruͤften Groß⸗ mutter, die Beide mit einem fuͤr das Leben zu maͤchtigen Gefuͤhl an ihr Herz druͤckte. Zum erſten Mal entfloſſen Eudoria's Augen, die ſich blind ge⸗ weint hatten, Thraͤnen der Wonnez doch auch dieſe vermochten nicht die volle Seele zu entladen, und, uͤberwaͤltigt von der Macht ihrer Empfindung, ſank ſie in eine ſo tiefe Ohnmacht, daß man mehrere Stunden lang daran zweifelte, ſie wieder erwachen zu ſehen, und dieſe Heldenſeele, die allen Schrecken — 187 — des Todes, allen Jammer der Hoffnungsloſigkeit und an der Richtſtätte ihres ermordeten Geliebten die Verzweiflung ſelbſt zu beſiegen vermocht hatte, verlor nun an der Freudenwonne dieſes Augenblicks ſo die Sprache, daß ſie nach dem Erwachen aus dieſer Ohnmacht noch mehrere Stunden ſtumm blieb. Jetzt erbluheten fuͤr Eudoria Tage ſtiller Ruhe und ſchoͤner Hoffnungen. Mit unausſprechlicher Liebe hing ſie an ihren holden Enkelkindern, und Beide vergalten und erwiederten dieſe Liebe auf das In⸗ nigſte. Der Kaiſer wunſchte, die geliebte Großmutter, deren Weisheit und Erfahrung er als die Schutz⸗ geiſter ſeiner Jugend achtete, möchte ihn nach Peters⸗ burg zuruͤck begleiten; allein Eudoxia, an mehr als dreißigjährige Einſamkeit gewoͤhnt, und von der Nichtigkeit alles irdiſchen Glanzes tief durchdrungen, ſcheuete den Aufenthalt in Petersburg und wuͤnſchte ihr Leben in dem Kloſter zu beſchließen, das ſie bei ihrer Ankunft in Moskau bezogen hatte, und Peter entſchloß ſich daher, um ſich nicht von ihr trennen zu müſen, dieſe Stadt zu ſeiner beſtändigen Reſidenz zu waͤhlen. Dieſer Entſchluß machte Eudorias Gluͤck vollkommen, und in ungetrubter Heiterkeit wohnte ſie den Krönungsfeierlichkeiten ihres Enkels bei, und legte fuͤr die dazu beſtimmten Tage die Nonnentracht die ſie beibehalten hatte, ab, um in der ſchwarzen, reich mit Zobel verbrämten altruſſiſchen Tracht der Zaarinnen den ihr gebuͤhrenden erſten Platz unter den Prinzeſſinnen des kaiſerlichen Hauſes öffentlich wieder einzunehmen. In ganz Rußland gab es uͤber den jungen Kai⸗ ſer nur Eine Stimme der Liebe und der Bewun⸗ derung; trotz ſeiner Jugend rechtfertigte er ſchon durch jegliche Tugend die Hoffnungen, die man von ihm gefaßt hatte, und noch jetzt nennen die Ruſſen die Zeit ſeiner Regierung eine goldene Zeit. Der Himmel ſchien aber ſein reiches, tiefes Gemuͤth nicht nur durch Glanz und Macht, auch durch Schmerz und Leid prufen und laͤutern zu wollen; ſeine bluͤ⸗ bende, von ihm uber Alles geliebte Schweſter, Na⸗ talie Alexiewna, ſank in ihrem funfzehnten Jahre in das Grab. Als ernſte, unwillkommene Mahnung an ihre Menſchlichkeit tritt der Tod gewoͤhnlich in den Kreis der Herrſcher und Maͤchtigen; doch Peter gewann an Nataliens Grabe, an dem Eudoria in der erhabnen Glaubensfteudigkeit einer in der ſchwer⸗ ſten Pruͤfung bewährt erfundenen chriſtlichen Heldin ſtand, eine viel tiefere und hoͤhere Anſicht des Todes, — 189 — wie ihn jene Mahnung zu geben vermag. Nur noch ein irdiſcher Wunſch wohnte jetzt in Eudoria's Seele⸗ der, ihren Enkel vermaͤhlt zu ſehen, und ſeine Ver⸗ lobung mit der ſanften, geiſtreichen Katharina Dol⸗ gorucki verhieß ihr alle die Sicherheit fuͤr ſein Gluͤck und ſeinen Werth, die irdiſche Verhaͤltniſſe fuͤr Beide zu gewaͤhren vermögen. Doch als am Verlobungs⸗ tage, wo die Braut mit größter Pracht in einem kaiſerlichen Wagen, auf deſſen Imperiale die Zaa⸗ renkrone lag, aus dem Pallaſte ihres Vaters abge⸗ holt wurde, und bei der Einfahrt in den Kreml dieſe Krone, wie von unſichtbarer Hand fortgeſchleudert, weit hinweg flog, und vor der Kirche, die die Grab⸗ ſtaͤtte der Herrſcher in ſich ſchloß, niederfiel, erblaßte Eudoria, S die Vorahnung eines duͤſtern, uͤber dieſe Verbindung waltenden Geſchickes zog in ihr Herz, und verließ es nicht wieder. Auch ward dieſe nur zu bald erfullt, denn acht Wochen nach ſeiner Verlobung ſank der Kaiſer auf ſein Sterbebett, an dem Eudoxia, in Thränen zerfließend, betend auf ihren Knien lag. Der Senat, die Feldmarſchalle und der Erzbiſchof von Nowgorod verſammelten ſich, und trugen Eudoria die Krone an. „Mich hat,“ antwortete ſie ihnen, „Gott vor Tauſenden erleſen, — 190 — Euch zu lehren, gerecht zu wuͤrdigen, was die Welt Glanz und Größe nennt. Wählt Euch eine andre Herrſcherin, mich laßt mit meinem Enkel ſterben!“ Peter athmete ſeinen letzten Seufzer in ihren Armen aus. Ohnmächtig ſank ſie neben ſeiner Leiche nieder, ihr Herz war gebrochen, ihr Leben mit den beiden geliebten Enkeln in die Gruft verſenkt. Sie ſtarb noch in demſelben Jahr; doch unter der gold⸗ nen Kuppel, unter der in Petersburg in der Feſtungs⸗ kirche Rußlands Zaare und Zaarinnen ſchlummern, ſucht man Eudoria's Sarg vergebens. Nur Katha⸗ rina ruht dort an Peters Seite, nicht die edle ſchuld⸗ loſe Eudopia. 8 — — S — — — = — 8 6— — — — 8 — 2 Mu ernſtbewolktem Blick ſtieg Cäcilie in den Wagen, zu dem ſie der Kanzleirath Boyſen fuͤhrte, und der Kuß, den er zum Abſchied ſo bedeutend auf ihre Hand druckte, und der, bei der zum Sprichworte gewordenen Bedächtlichkeit des guten Kanzleiraths, allen Umſtehenden fur eine officielle Erklaͤrung ſeiner Abſichten auf jene Hand gelten mußte, machte ihr Auge noch truͤber, ihr Herz noch ſchwerer. Deſto freundlicher nahm ihre Mutter Abſchied von Boyſen, der ihr in jeder Hinſicht als ein lieber und willkom⸗ mener Schwiegerſohn erſchien. Cäcilie war ſechs und zwanzig Jahre alt, liebenswuͤrdig ohne eigentlich huͤbſch zu ſein, geiſtvoll, haͤuslich und gut; dabei aber arm und ohne Ausſicht fuͤr die Zukunft, weil ſie, ohne eigenes Vermoͤgen, mit ihrer Mutter nur von einer Penſion lebte, die mit dem Tode der Letz⸗ Tarnow's Schriften. VII. 9 — 194 — tern aufhoͤrte. Durch ſich ſelbſt eine zu bedeutende Erſcheinung, um in dem Kreiſe ihrer maͤnnlichen Bekannten unbemerkt bleiben zu koͤnnen, war Cäcilie oft ausgezeichnet worden; doch die äußern Umſtände hatten nie ein ernſteres Verhältniß beguͤnſtigt, und ſie war mit ſeltener Kraft dem Vorſatze treu ge⸗ blieben, nie die Liebe und die Bewerbung eines Mannes gut zu heißen, oder auch nur zu dulden, der nicht in der Lage ſei, ihr ſeine Hand anbieten zu können. Keine Liebelei hatte je die Wahrheit ihres Gefuͤhls entweiht und die Tiefe deſſelben abgeflacht, und ihr Beruhen auf der Wuͤrde ihres ſtillen Selbſt⸗ gefuͤhls war zu edel und zu feſt, als daß ſie je die Gattin eines Mannes zu werden vermocht hätte, deſſen Charakter nicht Achtung gebot. Die Mutter ehrte das Herz der Tochter, und die Freiheit ihrer Wahl; doch war ſie voll banger, ſchmerzlicher Sorge fuͤr Cäciliens kunftiges Schickſal, wenn ſie ſich die⸗ ſelbe nach ihrem Tode unverſorgt und huͤlflos dachte. Natuͤrlich mußte ihr daher die Bekanntſchaft des Kanzleiraths Boyſen angenehm, und die Auszeich⸗ nung, mit der er ihre Tochter behandelte, um ſo willkommener ſein, als er allgemein fuͤr einen recht⸗ lichen, geachteten und dabei wohlhabenden Mann galt. Seit Jahren ſchon war er, wie man wußte, mit der Wahl einer Gattin beſchäftigt; aber der ganze Mann war ſo diplomatiſch, behutſam und foͤrmlich, ſo ängſtlich und mißtrauiſch, daß er, der, das Ganze ſeines Lebens, wie den unbedeutendſten ſtuͤndlich wiederkehrenden Vorfall des Tages, der Be⸗ rechnung und der Vorſchrift ſeiner Vernunft unter⸗ warf, den Umgang mit jedem Hauſe mied, wo ſich erwachſene Toͤchter befanden, aus Furcht, man moͤge ihm eine ſolche Abſicht unterlegen, und er koͤnne, ehe er es wolle, ſich von Schicklichkeit und Decorum ſo um⸗ ſponnen ſehen, daß er nicht, ohne ſich dem Tadel und dem Gerede auszuſetzen, wieder zuruͤckzuſchleichen vermoͤge. Dieſe Furcht hielt ihn immer in den Grenzen einer oberflaͤchlichen Bekanntſchaft, bis ein Zufall ihn mit Cäcilien zuſammenfuͤhrte. Er hatte ſie in ihrem ſechzehnten Jahre gekannt, und damals huͤbſch und ſehr liebenswuͤrdig gefundenz allein er hatte beſchloſſen, nicht eher zu heirathen, als bis er das zu ſeiner haͤuslichen Einrichtung noͤthige Geld von ſeiner Einnahme eruͤbrigt haben wuͤrde, da ſein Vermoͤgen ihm nicht hinreichend ſchien, dieſe ſtan⸗ 9 * desmäßig zu beſorgen, und er es fuͤr vernuͤnftiger hielt, noch einige Jahre unverheirathet zu bleiben, als ſich der Gefahr auszuſetzen, mit ſeiner Frau auf einem andern als auf einem Mahagoniſopha ſitzen zu muͤſſen. Auch zog ihn fuͤr ſeine Grundſätze ſeine Neigung damals zu maͤchtig zu Cäcilien, da er ent⸗ ſchieden hatte, nur ſeine Vernunft duͤrfe ihn, unbe⸗ ſtochen vom Herzen, in der Wahl einer Gattin leiten. Er vermied deßhalb jedes Zuſammentreffen mit ihr, und da Beide in Geſellſchaftszirkeln lebten, die ganz abgeſondert von einander waren, ſo hatten ſie ſich in den letztern Jahren nur ſelten geſehen und noch ſeltener geſprochen. Boyſen wußte — d. h. er hatte es geleſen — daß die Bildung des Mannes ohne Frauenumgang unvollendet bleibe, und da er nun einen großen Werth darauf ſetzte, gebildet zu erſcheinen, und doch, aus dem ſchon angefuͤhrten Grunde ihrer Verfänglichkeit, die Annaͤherung an unverheirathete Frauenzimmer mied, ſo bemuͤhete er ſich um den Platz eines Hausfreundes in einigen töchterloſen Haͤuſern, und erhielt ihn, ohne je die Eiferſucht der Männer zu reizen, weil man es all⸗ gemein anerkannte, daß ſich ſeine Anſpruͤche in ſolcher — 197 — Eigenſchaft auf ein ſehr unverdächtiges Eicisbeat ein ſchraͤnkten. Das Hageſtolzenweſen, das er nach und nach im Laufe der Jahre annahm, war mit ſeiner Selbſtthumlichkeit zu uͤbereinſtimmend, um ihm druͤ⸗ ckend zu werden, und unfaͤhig, in ſeiner vereinzelten Lebensweiſe etwas zu entbehren und ſein Gemuͤth durch ihre Genuͤſſe unbefciedigt zu fuͤhlen, waͤre es ihm vollig recht geweſen, ſein Daſein ſo zu be⸗ ſchließen, wenn er es nicht fuͤr ſtaatsbuͤrgerliche Pflicht gehalten hätte, ſich zu verheirathen. Durch das Zu⸗ ſammentreffen verſchiedener Umſtände ward er belehrt, daß es Zeit werde, mit Ernſt an die Ausfuͤhrung ſeines Entſchluſſes zu denken, als er zufallig in einer Geſellſchaft Cäcilie traf. Sie erſchien ihm an dieſem Tage ganz beſonders verſtaͤndig und beſonnen, und da ihre Bildung, ihre Wirthſchaftlichkeit und ihr unbeſcholtener Ruf ihr, auch nach vergeſſener jugend⸗ licher Zuneigung, ſeine Achtung erhalten hatten, ſo ſuchte er den Zutritt in ihrem Hauſe. Er ward, da er ihn erhalten hatte, bald täglicher Gaſt in dem⸗ ſelben, und war im Verlauf einiger Monate Caciliens Verehrer in einer Sichtlichkeit geworden, die nicht bloß allen ſeinen genauern Bekannten — Freunde — 198 — hatte er nicht — ſondern auch dem Publicum fuͤr einen ſichern und zuverlaſſigen Beweis ſeiner ernſt⸗ lichen Abſichten auf Cäciliens Hand galt. Nie hatte ſich ſein Vorſatz deutlicher offenbart, als gerade an einem Tage, wo ſich eine zahlreiche Geſellſchaft zu einer Landpartie vereinigt hatte. Mit ungeduldiger Sehnſucht erwartete er, da er fruͤher angekommen war, Cäcilie, und eilte ihrem Wagen entgegen. Ihr bot er beim Ausſteigen den Arm, obgleich ſowohl ihre Mutter, als noch andere ver⸗ heirathete Frauen mit ihr gekommen waren; ihr Begleiter blieb er während des Spatzierganges, ihr Nachbar bei Tiſche, und das Alles mit einer ſo be⸗ deutenden, ſich ſelbſt zur Schau ausſtellenden Ge⸗ fliſſentlichkeit, daß es dadurch bei ihm, deſſen Stolz und Streben darauf gerichtet war, ſich nie von einer Wallung des Gefuͤhls zu einer unbedachten Aeußerung, zu einem nicht genau abgewogenen Worte hinreißen zu laſſen, einen nur zu deutlich beſtimm⸗ ten Charakter annahm. Cäcilie ſelbſt fuͤhlte dies mit tiefem, wehmuͤthigem Ernſt; ihr Sinn und Weſen hatten ſich, wie es in ihren Jahren und in ihrer Lage auch nicht anders ſein durfte; allmählig — 199 — einer ſtillen und ſchmerzloſen Reſignation zugewandt, und da ſie ſich beſtimmt glaubte, unverheirathet zu bleiben, war ſie ſich ſelbſt in dem klar, was ſie noch vom Leben fordern duͤrfe und von ihm zu erwarten habe, um mit dem Leben und ſich ſelbſt im from⸗ men Frieden eines ſchuldloſen Gemuͤths einig zu bleiben. Daher uͤberraſchte es ſie nicht wenig, als ihr nun ganz unerwartet das Bild andrer Lebens· verhaͤltniſſe ſo nahe geruͤckt wurde. Sie konnte es nur als eine ehrenvolle Auszeichnung empfinden, daß ein Mann, wie Boyſen, ſie wählte; aber eben dieſe Anerkennung ſeines moraliſchen Werthes machte ihren Zweifel, ob er mit ihr, ſie mit ihm gluͤcklich werden wuͤrde, ſo ſchmerzlich. Ihrer Mutter entging der Kampf in ihrem Gemuͤthe nicht, und wenn ſie es aus Zartgefuͤhl vermieden hatte, mit ihrer Tochter von Boyſen's Betragen gegen ſie zu reden, ſo lange dieſes nur die Moͤglichkeit einer ernſteren Annäherung verrieth: ſo glaubte ſie ſich doch nach den heutigen Ereigniſſen berechtigt, Cäcilie auf den Antrag vor⸗ zubereiten, von dem ſie vorausſah, daß er in den nächſten Tagen erfolgen wuͤrde. Mit dem Ernſt und mit der ruͤhrenden, herzer⸗ — 200 — ſchuͤtternden Innigkeit der Mutterliebe und Mutter⸗ treue beſchwor ſie Cäcilie, der Vernunft jetzt die erſte Stimme, und ihr im Tode die Beruhigung zu gönnen, ſie unter dem Schutze eines achtungswerthen Mannes, geſichert gegen die Schreckniſſe der Verein⸗ zelung und der Duͤrftigkeit, zuruͤckzulaſſen. Mit ſanften Thränen kußte Cäcilie die Hande der ge⸗ liebten Mutter — ach! dieſe ahnete nicht, daß die Sorge um ſie das Herz der Tochter im bitterſten Schmerze beaͤngſtigte, da Cäcilie es ſchon ſeit einigen Tagen wußte, daß die Erſchöpfung aller Staatscaſſen die Auszahlung der Penſionen fuͤr das nächſte Jahr unmoͤglich machte, und die Duͤrftigkeit, deren Bild bei dem Blicke auf Cäciliens Zukunft das Mutter⸗ herz ſo beaͤngſtigte, ſchon jetzt ihr beiderſeitiges, un⸗ vermeihliches Loos war, wenn ihre Verbindung mit Boyſen ſie nicht davor ſchuͤtzte. Vier Wochen ſpä⸗ ter ſchrieb Cäcilie an eine ältere, von ihr verehrte Freundin folgenden Brief: „Dieſes Blatt, theure Henriette, buingt Ihnen eine Nachricht, die Sie befremden wird, wie ſie mich noch oft befremdet, wenn mir gleich ſchon Wochen geworden ſind, mich mit ihr bekannt zu machen. Zihe — 201 — Ich bin verlobt, Theuerſte, und moͤchte Ihnen das gern mit der ernſten Ruhe ſchreiben, mit der ich mich es zu denken bemuͤhe. Dieſe unerwartete Um⸗ änderung meines Schickſals iſt in meinen Jahren ſchon an und fuͤr ſich proſaiſch, und nun auch in diefem Falle ſo proſaiſch herbeigefuͤhrt, daß ſich wenig davon erzaͤhlen laſſen wird. Und doch, Henriette, wuͤnſchte ich dieſen Brief ſchon vollendet zu haben! Nicht ohne Urſache habe ich es geſcheut, ihn zu ſchreiben; ich bin ſonſt ſo feſt und heiter, und nun, da ich mich zu Ihnen wende, wird es mir ſo bange um das Herz und ſo truͤbe vor den Augen. Gegen Sie war ich ſtets ſo offen; meine ganze Seele war immer ohne Ruͤckhalt, ohne Falte, wenn ich mit Ihnen ſprach, und nun iſt es wohl zum letzten Mal, daß ich dies Gluͤck eines unbedingten Vertrauens genieße; ja vielleicht iſt meine Offenheit jetzt ſchon Unrecht. Wenn ich mich kuͤnftig nicht glucklich fuͤhle, iſt es ja meine Pflicht, Allen zu verbergen, daß ich's nicht bin.⸗ „Mein Verlobter iſt der Kanzleirath Boyſen; und in Hinſicht auf Stand und Einkommen das, was man eine gute Partie zu nennen pflegt. Er — 202 — iſt ein gelehrter Juriſt, ein vortrefflicher Staats⸗ buͤrger, ein allgemein wegen ſeines Fleißes, ſeiner Kenntniſſe und ſeiner ſtrengen Rechtlichkeit verehrter Richter. Ernſt, bedächtig und abgemeſſen im Reden, Denken und Thun, wie im Wollen und Empfinden, verletzt er gewiß keine Pflicht; ſeine Tugend, ſeine Moral, ſeine Grundſaͤtze, Alles iſt bei ihm zur po⸗ ſitiven Rechtslehre geworden, und er erſchien mir ſchon vor zehn Jahren, als ich ihn kennen lernte, wie der perſonificirte kategoriſche Imperativ, von dem in jener Zeit unter den Gelehrten viel Redens war. Damals machte er mir den Hof — damals ſtaunte ich ſo willig bewundernd ſeinen Geiſt, ſeinen Ernſt und den Ruf ſeiner Gelehrſamkeit an, die dem ſechs und zwanzigjährigen Mann — Juͤngling iſt er nie geweſen — das Gewicht und das Anſehen eines be⸗ wäͤhrten und geachteten Staatsdieners geben; — da⸗ mals hätte ich mich, ſo jung, ſo biegſam und ſo beſchränkt in meinen Lebensanſichten, durch ſeine Wahl hochgeehrt gefunden und mit recht herzlicher Freudigkeit und Hoffnung auf Gluͤck ihm meine Hand gereicht, und wie Vieles wäre dann auch an⸗ ders als jetzt! Ich hätte ihn geliebt und er vielleicht — 203 — mich auch; aber ſein Widerwille gegen poetiſch geſtimmte Frauenzimmer entfernte ihn wahrſcheinlich in jener Zeit von mir. — Jetzt, nach zehn Jahren, findet er mich verbluͤht und erkältet wieder und bie⸗ tet mir ſeine Hand, nicht weil er mich liebt — das muß ich ja fuͤhlen und wiſſen — ſondern aus wahrer Hochachtung und der in ihm tief begruͤndeten ueberzeugung, daß ich als ſeine Frau meine Pflicht ſtrenge erfuͤllen werde. — Liebe Henriette, welch eine zum Erfrieren vernuͤnftige Ehe wird das wer⸗ den! Weiß ich doch jetzt ſchon als Braut beſtimmt, was mir vom erſten bis zum letzten Tage derſelben vergoͤnnt ſein wird zu thun und von meinen Ge⸗ danken und Empfindungen zu äußern! Iſt doch unſte ganze Lebensweiſe im Voraus ſo feſt geregelt, daß ſie keinen Einfluß von Geiſt und Herz auf den Mechanismus ihres Triebwerkes geſtattet! Ich ver⸗ kenne das Gute einer ſolchen wie von Toͤpferhand abgezirkelten Form des haͤuslichen Lebens nicht, wo der Vorſchrift Alles unterworfen und der Neigung und der Freiheit ſelbſtthuͤmlicher Entwickelung gar kein Spielraum vergoͤnnt iſt; aber ich frage mich doch noch zuweilen mit ſtiller Wehmuth: darf denn ₰ — 204 — nur der Mann ſein Leben zum Kunſtwerke adeln, und muß das Weib ſich durchaus darauf beſchränken, das ſeinige wie ein zunftmaͤßiges Handwerk zu trei⸗ ben? — Schelten Sie mich nicht, Henriette; ich fuhle, wie Ihnen der Ton, in dem ich ſpreche, miß⸗ fallen muß; aber wuͤßten Sie es ganz, wie ich dieſe Verbindung anſehe, Sie waͤren doch mit mir zu⸗ frieden. Boyſen ſoll glucklich werden, ſich gluͤcklich fuͤhlen, und in mir ganz die Frau nach ſeinem Sinne finden; das habe ich mir mit der ganzen Kraft mei⸗ nes Willens gelobt und ich ſetze mein Leben an dies Geluͤbde. Ich kann dabei vergehen, aber gewiß nie dieſem Vorſatz untreu werden, und wie koͤnnte ich mich ſelbſt achten, wenn ich ohne die Sicherheit eines folchen Entſchluſſes die Hand dieſes Mannes ange⸗ nommen haͤtte? Daß ich es aber bei dieſer, zu jeder Selbſtverlaͤugnung entſchloſſenen Reſignation weh⸗ muͤthig empfinde, daß ich, um Boyſen gluͤcklich zu machen, ſo wenig meines Herzens, als der beſten und eigenthuͤmlichſten Eigenſchaften meines Gemuͤths beduͤrfen werde — welche Moral kann mir das ver⸗ bieten?“ „Sie werden fragen, warum ich denn ſeine Hand — 205 — angenommen habe, und ich antworte Ihnen, weil ich mich wahrhaft durch den Beruf geehrt finde, in dem achtungswerthen Staatsbuͤrger den Menſchen zu beglucken, und dadurch in ihm das rein Menſch⸗ liche zu bewahren, weil ich unverheirathet mein Leben wohl höher an Gluͤck, aber nie ſo hoch an treuer, Gott wohlgefälliger Pflichtubung hätte ausbringen können, und weil dieſe Verbindung meiner Mutter ein ſorgenfreies Alter ſichert. Dieſe wird kuͤnftig bei uns wohnen, und Boyſen's Grundſätze gewähren mir die Sicherheit, daß er ein guter Sohn gegen ſie ſein wird. So ruht denn ein ſchoner Segen auf dieſer Entſcheidung meines Schickſals; er wird nicht unerfuͤllt bleiben. Geben Sie mir auch den Ihrigen und die Freundſchaft meiner Henriette ver⸗ huͤlle ſanft und heilend die wunden Stellen meines Herzens. 9 Cäcilie.“ Cäciliens Verbindung verzögerte ſich noch um einige Monate, weil Boyſen im Auftrag ſeiner Regierung eine Reiſe machen mußte. In dieſen Zeitraum traf der Durchmarſch einiger engliſchen Regimenter durch ihren Wohnort, die, in Stralſund — 206 — gelandet, jetzt durch die nördlichen Provinzen Deutſch⸗ lands nach Holland zogen. Auch in Cäciliens Wohnung ward Quartier für einen Major und einen Lieute⸗ nant angeſagt. Es war ein truber, regnichter No⸗ vembertag, als ſpät am Abend die angekuͤndigten Giſte vor das Haus angeſprengt kamen. Cäcilie ging ihnen entgegen und hoͤrte ſich, zu ihrer Freude, mit einigen gebrochenen deutſchen Worten angeredet, welche die Bitte enthielten, den Damen des Hauſes ſeine Aufwartung machen zu duͤrfen, ſobald der Sprecher vom General zuruͤckkomme, der ihn zu ſich beordert hatte. Dieſe Worte wurden fluchtig geſprochen, fluͤchtig beantwortet, und Cäcilie wandte ſich um, ihrem Mädchen zur Aufnahme der Bedienten noch einen Auftrag zu geben, als jetzt, da ſie in das Zimmer zuruͤcktreten wollte, ein dem Anſchein nach zehn⸗ bis eilfiähriger Knabe, in vollem militäri⸗ ſchen Anzug, mit der Grenadiermütze und dem Ge⸗ wehr uͤber der Schulter vor ihr ſtand, und ſittig gruͤßend, in ſehr gelaͤufigem Deutſch fragte: wo er denn bleiben ſolle? „Gehoren Sie auch zu den Die⸗ nern des Majors?“ fragte ſie, „Ich, ich bin Officier,“ antwortete der Kleine erröthend, „und hier iſt mein ———— ——— — 207 — Billet.“ — „O mein Herr Lieutenant,“ fagte Cäcilie lächelnd, „verzeihen Sie meinen Irrthum und treten Sie hier herein.“ Sie offnete das Zimmer und ſtellte den kleinen, bluͤhend huͤbſchen Gaſt ihrer Mutter vor, die bald erfragte, er heiße James Scott, ſei ein Sohn des Majors und mache den Feldzug als Freiwilliger mit. Der Thee wurde gebracht, und James fuͤhlte ſich in der erſten Viertelſtunde ſehr erfreut, wie zu Hauſe. Cäcilie hoͤrte ſeinen Er⸗ zählungen mit Vergnügen zu, da ſie ſein Vaterland (er war ein Schotte, in Argyle geboren) liebte, und der aufblitzende Muth des Knaben und ſein Natio⸗ nalſtolz ihn auch wirklich in einem Alter, das man ſonſt, derb aber wahr, die Bengeljahre zu nennen pflegt, zu einer intereſſanten Erſcheinung machten. Cäcilie ſprach von der engliſchen Armee, die ſich damals in Spanien unſterblichen Ruhm erwarb. „So muͤſſen Sie nicht ſagen, Miß,“ ſagte er ihr, unwillig erroͤthend. „Es gibt ſo wenig eine engliſche Aemes, als eine ſchottiſche, ſondern nur eine britti⸗ ſche, zu deren ausgezeichnetſten Regimentern das unſtige gehoͤrt. „Sie haben doch, „fuhr er, wieder freundlich werdend, fort, „von unſerm großen Feldherrn — 208 — Wellington reden hoͤren?“ „Wer hätte das nicht!“ „Und auch von der Schlacht bei Vittoria2“ „Ja wohl; aber ich hore doch ſehr gern davon reden, erzaͤhlen Sie uns nur recht ausfuhrlich, wie es dabei herging.“ Er begann nun die Taſſen und das Theezeug auf dem Tiſche zu ordnen, um ihr die Stellung der Armeen zu verdeutlichen, und erzählte dann, wie Wellington, der das Regiment, worunter er (James) jetzt diene, beſonders liebe, es auch in jener Schlacht auf den entſcheidenden Punkt zur Unterſtuͤtzung herbeizufuͤhren, beordert habe. Der Ton des Knaben ward immer ernſter, ſein Blick feuriger, ſeine Farbe lebhafter, und wie er nun an das Ende des Kampfes kam, es ſchilderte, wie tapfer ſein Regiment ſich gehalten habe, und mit den Worten ſchloß: „Siebzehn Offi⸗ ciere von unſerm Regiment lagen todt auf dem Wahlplatz, und nur vier blieben unverwundet; aber wir hatten auch Victori!“ da füllten ſich ſeine Augen mit Thränen, und Cäciliens Blick ruhte mit inniger Ruhrung und achtungsvoller Liebe auf ihm, als ſich die Thuͤre öffnete, und ſein Vater, der Major Scott, hereintrat. Der ſeelenvolle Ausdruck ihrer Zůge in dieſem Augenblick, dieſe Verklärung liebevoller — — 209 — Theilnahme, mit der ihr Auge auf ſeinem Sohne ruhte, machten einen tiefen Eindruck auf ihn, den die frohe Kindlichkeit, mit der ſich James, bei der Freundlichkeit beider Frauen, ſchon ganz zwanglos und einheimiſch in ihrer Wohnung fühlte, noch ver⸗ ſtaͤrkte. . Major Scott war in ſeiner äußern Erſcheinung groß und edel geſtaltet, und aus ſeinen dunkelblauen Augen ſtrahlte mit dem Heldenmuth des Kriegers zugleich die Reinheit ſeiner ſchoͤnen Seele in der Klarheit eines ganz unbewölkten, milden Feuerblicks. Ein Hochlaͤnder von Geburt, hatte er auf ſeinen Feld⸗ zugen in Oſtindien, Irland und Holland keine Ge⸗ legenheit verſäumt, ſeine Kenntniſſe zu erweitern. Der Anblick großer Naturſcenen hatte ſeinen ange⸗ bornen poetiſchen Sinn entwickelt und gelaͤutert, und die Entfernung von dem bunt verflochtenen Treiben unſerer Weltklugheit ſeinem Charakter das Gepraͤge einer ganz unbeſchreiblichen Einfachheit und Treuher⸗ zigkeit, ſeinem Herzen eine noch ſeltenere Wahrheit und Guͤte erhalten. Was Cäcilien an ihm beſon⸗ ders anziehend erſchien, war ſeine Leibenſchaft fuͤr des Vaterlandes Ruhm, des Vaterlandes Glorie! Wie funkelte ſein Auge, wie hob ſich ſeine Bruſt, wie raſch ſprach er, wenn es Britanniens Verherrli⸗ chung und den Preis ſeiner Conſtitution galt! Dieſer freie Sohn eines freien Landes wurde fuͤr Cätilien in der Wärme ſeiner Begeiſterung, in der Tiefe und der Poeſie ſeines Gemuͤthes, und dem ſanſt wehmuͤ⸗ thigen und ſtillen Anklang der Liebe und des Kum⸗ mers, der ſo ruͤhrend in ihm anſprach, zu einer ganz neuen Erſcheinung, die mit allen Bildern ihres bisherigen Lebens in keinem Zuſammenhang ſtand. Nie hatte ſie ſich ſo angenehm unterhalten gefuͤhlt, nie war ſie ſelbſt mittheilender und liebenswuͤrdiger geweſen, als an dieſem Abend. Das Regiment hatte in dieſer Stadt einen Raſt⸗ tag, und ſo blieb denn noch der ganze folgende Tag einer Unterhaltung gewidmet, die mit jeder Stunde an Reiz und Gehalt gewann. Man ſah es Scott an, wie gluͤcklich er ſich in dieſer Umgebung fuͤhlte, und eben ſo wenig verhehlte er den Eindruck, den Cäcilie auf ihn machte, und der ſich als ein reines, inniges Wohlwollen und Gefallen an ihrem Sein und Weſen, und eine herzliche Freude an ihrer Un⸗ terhaltung ausſprach. Am Abend dieſes zweiten — 211 — Tages riefen haͤusliche Geſchäfte die Mutter ab⸗ Cäcilie blieb mit Scott allein, und er erzäͤhlte ihr aus ſeinem fruheren Leben, und nannte ihr den Namen ſeiner vor einigen Jahren verſtorbenen, von ihm innig geliebten Frau, welcher der Gram der langen Trennung von ihm das Herz ſchon gebrochen hatte, als er nach vieljähriger Abweſenheit zu ihr zuruckkam. James war ſein älteſter Sohn; die Geburt des zweiten koſtete der von Gram und Kum⸗ mer ermatteten Mutter das Leben. Seit ihrem Tode lebte Scott ganz einſam. Sein Regiment bekam wenig Monate nachher Befehl, ſich von Neuem einzuſchiffen, und da es ihm unmöglich duͤnkte, ſich von dem Schmerzenskinde, dem juͤngſten Sohn, zu trennen, ſo ließ er dieſen entwöhnen und nahm ihn mit. Den Krieger, den Mann, den Vater ſchreckte nicht das Bild der muͤhſamen, unermuͤdeten Sorg⸗ falt, die die Pflege eines ſo kleinen Kindes erforderte, und Gottes Segen lohnte dieſe ſeltene Vatertreue; der kleine Eduard wuchs bluͤhend und kräftig heran, zur Freude Aller, die ihn ſahen. Jetzt aber, da das Regiment den Befehl erhielt, ſich nach Deutſch⸗ land einzuſchiffen, einem Lande, das Scott ganz — 212 — fremd war, und deſſen Sprache er nicht verſtand, drang Alles in ihn, Eduard in England zuruͤckzu⸗ laſſen. Er gehorchte dem Zureden ſeiner Freunde und der Vernunft, und nahm dafuͤr James mit ſich. Ebuard blieb bei ſeiner Großmutter, deren Zärtlich⸗ keit und Sorgſamkeit Scott kannte; allein vier Wochen nach ſeiner Ankunft in Stralſund erhielt er die Nachticht von dem Tode des bluhenden Kindes. Ein Fall von der Treppe hatte es getödtet. Das Weſen, dem man ſolche Schmerzen vertraut, vor dem man ſolche Thraͤnen vergießt, wie Cäcilie ſie waͤhrend dieſer Erzählung in Scott's Augen ſah, hört auf, uns fremd zu ſein, und iſt es eigentlich wohl nie geweſen, da nur der Zug ei⸗ ner geheimen innern Verwandtſchaft ein ſolches Ver⸗ trauen zu erzeugen vermag. Scott und Cäcilie we⸗ nigſtens fuͤhlten es ſeit dieſer Unterredung, daß ſi ſie ſich Beide unvergeßlich geworden waren. Scott ſprach nur wenig deutſch, da er erſt ſeit wenigen Monaten in Deutſchland war, und nicht in ſo ununterbrochenem und vielfachem Verkehr mit den Einwohnern gelebt hatte, als James, der in — 213 — Stralſund die Schule beſucht und ſich die fremde Sprache mit der leichten Faſſungsgabe ſeines Al⸗ ters angeeignet hatte. Eben ſo gebrochen ſprach Cäcilie engliſch; doch eben dieſe Unvollſtändigkeit der wirklichen Mittheilung ward ihrer Unterhaltung zum neuen Reiz, da ja das, was nicht geſagt und doch verſtanden und beantwortet wird, immer das Beſte in jeder Unterhaltung iſt. Am andern Morgen mußte man ſcheiden. Alle waren bewegt. Scott ſprach die Hoffnung aus, in der nächſten Provinz mehrere Wochen mit dem Regiment weilen zu duͤrfen, und bat um Erlaubniß, dann zum Beſuch wieder zu kommen. „Es iſt zu weit, lieber Major,“ antwortete ihm Cäcilie, „und unſere hieſigen Wege im Winter ſo ſchlecht, daß wir es uns wahrlich nicht erlauben dürfen, auf die Erfuͤllung dieſes Verſprechens zu rechnen.“ „Weit, Miß, wenn ich wieder hier kommen ſoll? dreißig Meilen ja nur, und ich die wohl in einem Tag reiten will, um Sie zu ſehen, und bis dahin ich alle Tage deutſch lernen, viel lernen will, um mit Ihnen viel ſprechen zu können; ich Ihnen jetzt nicht ſo ſagen kann, wie ich meine hier!“ — er uegte die Hand auf ſein Herz — aber Cäcilie war — 214 — zu ſehr daran gewöhnt, den Ausdruck des Gefuhls durch Wortformeln entſtellt zu ſehen, als daß er ihr jetzt in ſeiner einfachen Wahrheit, in der Tiefe ſeiner Bedeutung hätte offenbar werden ſollen. Sie entließ ihn mit freundlicher, achtungsvoller Theilnahme, und ſprach nach ſeiner Abreiſe noch oſt und gern von ihm mit ihrer Mutter, die es gleichfalls mit wohl⸗ wollender Ruͤhrung anerkannte, wie einfach gut und unbeſchreiblich wahr und herzlich ſich ihnen der Fremdling gezeigt habe. Nach wenig Tagen kam ein Brief von ihm, den Cäcilie beantwortete, und dem bald mehrere folgten, die ſie durch die Schnelligkeit ſeiner Fortſchritte in Erlernung unſerer Sprache in Erſtaunen ſetzten. Der Inhalt derſelben war aber durch ſeinen geiſtigen Gehalt ſo anziehend, daß, ohne irgend eine geheimere Beziehung, ſich das Intereſſe dieſes Briefwechſels daraus erklären ließ. Scott kannte die Literatur ſeines Vaterlandes ſehr genau und umfaſſendz er ſelbſt war ein von den Britten geſchaͤtzter Dichter, und dabei voll der regſten Werthſchaͤtzung und des lebendigſten Sinnes fuͤr die Nationalität der deutſchen Literatur, mit der — 215 — er ſich zu befteunden ſtrebte, und ſich dazu Cäciliens Rath und Anweiſung erbat. Boyſen, der einige Wochen ſpäter zuruͤckkam, las Scott's Briefe, und da er ſie als eine Sprachuͤbung nuͤtzlich fuͤr Cäcilien hielt, hieß er dieſen Briefwechſel nicht allein gut, ſondern ermunterte ſeine Braut ſelbſt zur Fortſetzung deſſelben. Wenige begreifen es aber vielleicht, wie ſich aus den Schriftzuͤgen dieſer Briefe ein unſicht⸗ bares, geheimnißvolles Band webte, das zwei fuͤr einander geſchaffene Herzen unauflöslich mit einander verband. Im täglichen Leben und der täglichen Unterhaltung ſind die Veranlaſſungen zu ſolchen Ge⸗ ſprächen, in denen ſich die eigenthämliche Richtung des Gemuͤths und des Sinnes offenbart, immer nur ſelten, und man lernt oft in Monaten ſolches Zu⸗ ſammenſeins ſich doch nur oberflächlich kennen. Allein bei der ſchriftlichen Mittheilung ſeiner Ideen und Empfindungen iſt das ganz anders, und die Welt⸗ lichkeit der Bildung reicht wohl fuͤr die Unterhaltung aber gewiß fur keinen Briefwechſel hin, aus deſſen Schriftzeichen ſich oft wie ein feiner Duft die klarſte geiſtige Anſchauung entwickelt. Einige Wochen ſpäter war Cäcilie bei einer Freundin zum Beſuch, als ihre Mutter ihr ſagen ließ, eilig zu Hauſe zu kommen. Es uͤberraſchte ſi⸗ nicht wenig, als ſie bei ihrem Eintritt in das Zimmer Scott erblickte, deſſen Beſuch ſie ſo wenig mehr er⸗ wartet als eigentlich auch gewuͤnſcht hatte; doch jetzt, da ſie es ſah, wie gluͤcklich er ſich fuͤhlte, ſie wieder zu ſehen, that ihr ſeine Freude wohl und ruͤhrte ſie durch die einfache Herzlichkeit ihrer Aeuße⸗ rung. Der Thee wurde gebracht, und mit unver⸗ kennbarem Behagen nahm der Major ſeinen alten Platz neben der lieben, ehrwuͤrdigen Mutter, Cäci⸗ lien gegenuͤber, wieder ein. Boyſen war den Abend in eine Männergeſellſchaft eingeladen, und man war alſo ganz allein. „Sie können es nicht glauben,“ ſagte Scott bewegt, „wie gluͤcklich es mich gemacht hat, wieder zu Ihnen zu kommen! Ich habe vor Freude in den zwei letzten Näͤchten nicht geſchlafen, immer, immer habe ich an Sie gedacht!“ — Cäcilie fuͤhlte ſich durch dieſe Worte wehmuͤthig bewegt. Es vereinte ſich ſo Vieles, ihnen Eingang in ihr Herz zu verſchaffen; ſie waren ſich ſeit ihrer Tren⸗ nung ſo viel bekannter, und wie ſie nun wohl fuͤhlte, auch liebet geworben, und ſie las es nun mit ſo — 217 — himmliſcher Gewißheit in dem herrlichen Blick ſeines ſeelenvollen Auges, wie er ihr nur ſein wahrſtes BGefuͤhl ohne irgend eine Uebertreibung oder irgend einen Zuſatz von Galanterie ausſpreche. Auch hatte ſie nie eine Schmeichelei, nie eine Aeußerung von ihm uͤber ihre Geſtalt gehort; jetzt aber, wo er, ihr gegenuͤber ſitzend, ſie mit ſo frohem Vertrauen, mit ſo vor inniger Freude leuchtenden Blicken anſah, fiel das Geſpraͤch auf eine wegen der Schoͤnheit ihrer Augen in England beruͤhmte Dichterin (Miſtreß Opie). „Liebſte Miß,“ ſagte er, „ſo ſchoͤne Augen, wie Sie, hat ſie doch nicht. Wenn ich noch ſo betruͤbt wäre und Sie mich anſaͤhen, freundlich und gut, wie Sie immer ſind, ich wuͤrde es hier fuͤhlen,“ — er legte die Hand auf ſein Herz, — „und Troſt haben.“ — „Dann wuͤnſchte ich,“ antwortete Cäcilie, „Ihnen ſtets, wenn Sie ein Leiden triſſt, troͤſtend erſcheinen zu können.“ — „Sie ſind auch immer bei mir,“ fiel er ihr bewegt ein, „wo ich auch bin, was ich auch thue, ich denke immer an Sie und ſehe Ihre Augen vor mir.“ Sein Ausdruck war dabei ſo einfach, daß dieſe Aeußerungen Cäcilien nicht verwirren konnten, ſon⸗ dern ſowohl von ihr als von ihrer Mutter eben Tarnow's Schriften. VII. 10 — 218 — ſo unbefangen aufgenommen, als von ihm geſagt wurden. Cäcilie blieb nach Tiſche zufaͤllig mit ihm allein. Sie lobte ihn wegen ſeiner Fortſchritte in der deut⸗ ſchen Sprache, und er holte ſich triumphirend ein Buch, ihr daraus vorzuleſen. Sie mußte, da er ſich neben ſie ſetzte, mit einſehen, um den Worten, die er las, folgen zu konnen, und wer es je verſucht hat, mit Jemanden aus einem Buche zu leſen, der weiß auch um alle die kleinen damit ver⸗ bundenen Umſtaͤnde, die, wie es faͤllt, bald Conve⸗ nienzen, bald Inconvenienzen genannt werden koͤn⸗ nen. Scott las langſam, doch ohne Anſtoß und ſo richtig, daß man fuͤhlte, er verſtehe, was er leſe, und Cäcjlie lobte ihn verdientermaßen; nun kam aber ein langes, ſchweres Wort, zweifelnd und fragend blickte er zu ihr auf; ſie belaͤchelte ſeine augenblickliche Verlegenheit muthwillig; aber dieſem Laͤcheln und dem Augenblick ſelbſt wich ſeine ſonſtige eben ſo zarte als ehrerbietige Scheu, er bog ſich ſchnell zu ihr uͤber und küßte ihre Wange. Cäcilie erröthete, und war trotz ihrer ſechs und zwanzig Jahre ängſt⸗ lich verlegen; doch ſchnell ſich ſammelnd, ſagte ſie — 219 — ihm ernſt gebietend, wenn gleich bange vor ſich nie⸗ derblickend; „Leſen Sie weiter.“ Gehorſam ſah er wieder in's Buch, aber zu leſen vermochte er nicht. Er ſtotterte einige Worte unrichtig her, dann aber ſtieß er das Buch von ſich, und Cäciliens beide Haͤnde faſſend, fragte er haſtig aͤngſtlich: „Um Gott, theuerſte Miß, ſind Sie mir boͤſe? bin ich denn ſehr unartig geweſen? ich ſelbſt nicht weiß, aber ich konnte nicht anders — ach, liebſte Miß, koͤnnte ich Ihnen doch ſagen, wie lieb, wie ſehr und viel lieb ich Sie habe!“ — Er druckte ihre Hände an ſein Herz, und da ſie, zu uͤberraſcht und zu bewegt, nicht zu ant⸗ worten vermochte, fuhr er fort: „viel und anders lieb, als Alles in der Welt, lieber als meinen Sohn, lieber als meine Mutter, lieber als Alles, Alles. Ich nie ein anders Frauenzimmer ſo lieb gehabt, und das gleich, und ach Gott! ſo ſehr, ſo ſehr! Und nun ſind Sie mir boͤſe!“ — Hier begegnete Cäciliens Blick dem ſeinigen, aber ſie ſchlug ihr Auge, leiſe erroͤthend, ſchnell nieder. „Ich bin nicht mehr boſe,“ ſagte ſie ihm. „Ach, liebſte, liebſte Miß“ hob er ſtockend und bewegt an, „wenn ich Sie etwas fragen duͤrfte, aber Sie mir auch vergeben und 10* — 220 — freundlich bleiben wollen?“ — „Fragen Sie, “ antwortete Cäcilie, „ein ſo braver Mann, wie Sie, kann nichts ſagen, was ich nicht beantworten duͤrfte.“ — „O mein Gott!“ ſagte er innig, „warum kann ich nicht ſagen, wie ich wollte; aber gewiß, mein Herz iſt treu und wahr, in meinem Herzen iſt kein Falſch und es wird Sie lieben, bis ich todt bin — Cäcilie, könnten Sie mich wohl lieb gewinnen? Koͤnnen Sie, wollen Sie meine Frau werden?“ Cäcilie erblaßte; ein ſtummer, aber gewaltiger Schmerz bemächtigte ſich ihrer Seele und ihres Lebens, und zwei ſchwere, ſchwere Thraͤnen rollten langſam über ihre Wangen. Mit unbeſchreiblicher Wehmuth hob ſie ihr Auge zu ihm auf. „Ich glaube/⸗ ſagte ſie ihm leiſe und langſam, „daß ich Sie in andern Verhältniſſen ſehr lieb hätte — koͤnnenz aber ich bin Braut.“ Das Wort wand ſich ſchwer und gepreßt aus ihrer Bruſt, und als habe ſich ihre Kraft erſchopft, es auszufprechen, ſenkte ſie ihr bleiches Geſicht auf ihre Hände nieder. Auch ward ihr erſt in dieſem Augenblick die oͤde Freudenloſigkeit ihrer Zukunft recht anſchaulich. Boyſen liebte ſie nicht; das wußte, — 221 — das fuͤhlte ſie, und welches Weib kann ohne die ſchmerzlichſte, ohne die herzzerreißendſte Reſignation auf immer von der Hoffnung, geliebt zu werden, von dem Gluͤck, ſelbſt zu lieben, ſcheiden! — Und Cäciliens Herz war nicht erſchoͤpft, nicht abgeſtorben; Scott's Werth und ſeine Liebe hatten in dieſem Herzen eine Fuͤlle des Lebens, ein Beduͤrfniß des Gluͤckes geweckt, wie ſie es fruͤher nie empfunden hatte. „Braut!“ wiederholte Scott dumpf und ſchmerz⸗ tich, „ach, das iſt ja unwiderrufliche Entſcheidung!“ „Als ſolche ſind wir verpflichtet, ſie zu ehren, mein Freund,“ ſagte Cäcilie, „und darum laſſen Sie uns durch kein Wort mehr unſer Gefuͤhl da noch tiefer ergruͤnden, wo der Wille und das Leben der Pflicht unwiderruftich zu eigen gegeben ſind.“ Scott ſtand tief erſchuͤttert auf. „Sie haben Recht, Miß, aber was mich dies Wort auszuſpre⸗ chen koſtet, errathen Sie nicht. Kein Ausdruck meiner Liebe ſoll Sie je wieder verletzen, doch mein Herz bleibt Ihnen eigen, ſo lange es ſchlägt. Den⸗ ken Sie zuweilen an mich, und Gott mache Sie ſo gluͤcklich, als Sie es zu ſein verdienen.“ — 222 — Er hielt ſich und Cäcilien Wort. Am andern Morgen ſchon ſchied er, und nur die Bläſſe ſeines Geſichts, nur der truͤbe Ernſt ſeines Blickes verrie⸗ then ſeinen Schmerz und ſeinen Kampf. Auch Cä⸗ cilie bewährte in der Minute ihres Abſchieds die Kraft ihres Charakters — allein die Hoffnungsloſig⸗ keit ihrer Zukunft ward von Beiden tief enpfunden, wenn gleich nicht ausgeſprochen. Scott ſchrieb nicht wieder, und nur aus den Zeitungen erfuhr ſie nach einigen Wochen, daß ſein Regiment Befehl erhalten habe, nach den Niederlanden aufzubrechen. Die ſtille Trauer ihres Herzens und ihr Kampf wurden nur von dem treuen Mutterherzen errathen, von ihrem Verlobten durchaus nicht beach⸗ tet, da er, ohne Sinn fuͤr jede innigere, auf Ver⸗ trauen und Wahlverwandtſchaft gegruͤndete Verbin⸗ dung, ſeine Forderung an ſeine kuͤnftige Gattin allein auf die äußere Form ihres Betragens, Ge⸗ fäuigkeit, Nachgiebigkeit und eine gewiſſe, aus dem Gefuhl der Abhängigkeit und Unterwuͤrfigkeit ent⸗ ſpringende Achtſamkeit beſchraͤnkte, ſo wie ſeine Er⸗ wartungen vom hauslichen Gluͤck auf einen Zuſatz — 223 — von Bequemlichkeit in ſeiner Lebensweiſe und eine groͤßere Sparſamkeit in Fuhrung des Haushalts. Cäciliens Hochzeitstag naherte ſich jetzt, und ſie ſah ihm mit demſelben Gefuͤhl entgegen, mit dem ſie als Nonne vielleicht dem Tage ihrer Einkleidung entgegen geſehen haͤtte. Sie blieb freilich in der Welt, aber ein heiliges Geluͤbde und ernſte Pflichten trennten ſie doch nun auch von ihrem bisherigen Leben, von ihrer Jugend und der Fuͤlle des eigenen Herzens. Sie konnte und durfte ſich ja keine An⸗ ſpruͤche auf ein von Boyſen's Neigungen und Ge⸗ wohnheiten unabhängiges Daſein vorbehalten; ſie mußte ja geloben, nur fuͤr den Gatten, nur nach ſeinen Anſichten und Wuͤnſchen leben zu wollen, und feſt war ihr Entſchluß, die uͤbernommene Verpflich⸗ tung treu und mit der ſtrengſten Gewiſſenhaftigkeit zu erfullen. Ach, ſie ahnete nicht, welche ſchmerz⸗ hafte Prüfung das Schickſal ihr noch vorbehalten hatte. Am Morgen ihres Hochzeitstages erhielt ſie die Nachricht, Scott ſei bei dem moͤrderiſchen naͤcht⸗ lichen Ueberfall von Breda gefallen. Geheime Ver⸗ ſtändniſſe in der belagerten Feſtung oͤffneten den Engländern ihre Thore; Verrath ſchloß ſie hinter ihnen. — 224 — In der engen Straße eingekeilt, vor und hinter ſich einen uberlegenen Feind, blieb den beiden ſo einge⸗ ſchloſſenen Regimentern nur die Wahl zwiſchen Ge⸗ fangenſchaft und Tod. Sie wählten den letztern. Scott fiel an der Seite des Generals Gore, der ſein Freund war, und ihn nur um wenig Minuten uͤberlebte. Der preußiſche Geſandte hatte in der Nacht einen Eilboten mit dieſer Nachricht erhalten, und da er oft in Cäciliens Haus kam, und zu den geladenen Hochzeitsgäſten gehorte, brachte er am Mor⸗ gen der Braut einen ſchönen, zum Schmuck dieſes Tages fuͤr ſie beſtimmten Blumenſtrauß, und theilte bei dieſer Veranlaſſung den ausfuͤhrlichen Bericht jenes Vorfalls als die Neuigkeit des Tages mit. Huͤte ſich doch ja Jeder ſorgfältig vor dem Wahn, das Haͤrteſte, was ihn treffen kann, ſchon erlebt, das Herbſte ſchon beſiegt zu haben! Das Schickſal hat eine furchtbare Gewalt, dieſen Wahn zu beſtrafen, und faſt nie bleibt ſi von ihm unge⸗ nutzt. Der Menſch kann entſetzlich viel tragen und Gräͤßliches uͤberſtehen, und höchſt ſelten nur ſind ſolche Pruͤfungsſtunden, in denen wir wahrhaft das Maß unſerer Kraft zu ergruͤnden lernen. Auch Cäcilie — 225 — hatte am Morgen jenes Tages, wo Scott von ihr ſchied, gewähnt, mit dem Leben fertig zu ſein, und ihren ſchwerſten Kampf mit demſelben gekampft zu haben, und ach! der Schmerz jenes Morgens war Wonne gegen den, mit dem ſie jetzt ringen, und ihn vor Aller Augen verbergen mußte. Doch auch ſie bewies, daß das Weib, trotz ſeiner Schwäche, durch ſeine Kraft im Dulden den Heldenmuth des Mannes zu erreichen vermag. Sie vermochte es an dieſem verhaͤngnißvollen Tage, ihre äußere Faſſung zu bewahren, und die tiefe gewaltige Bebung, in der ihr Herz unter dem Drucke ihres nnendlichen Schmerzes aufzuckte, blieb nur von Gott geſehener Jammer. Gräßlich war fuͤr ſie der Augenblick, wo ſie mit Boyſen an den Altar trat, und der geliebte Schatten bleich, blutend, unbeweglich vor ihr ſtand. Die geheimnißvollſte Macht der Liebe und des Her⸗ zens zog ſie vom Leben ab zu ihm in ſein Grab; aber ſie bezwang ſich und ihre Phantaſie, doch litt ſie mehr, als die Erinnerung jener Tage aufzube⸗ wahren vermochte. Boyſen war zu ſehr Freund des Setönnichn und Gebrauchlichen, als daß er nicht hätte wuͤnſchen — 226 — ſollen, ſeine Verbindung durch eine lange Reihe von Familienſchmäuſen gefeiert zu ſehen; und ſo verſtri⸗ chen die erſten vierzehn Tage, ohne daß ſie ihm und Cäeilien eine Stunde häuslicher Einſamkeit gebracht hätten. Der gewaltige Zwang und die peinliche Anſtrengung, womit ſich Cäcilie dieſem Geräuſch hingab, erſchoͤpften ihre Kraft, und ſie fuhlte ſich oft bis zur Ohnmacht ermattet. Sie war in einem immerwaͤhrenden fieberhaften Zuſtande, der ihr, vor⸗ zuͤglich gegen Abend, eine erhoͤhete Lebhaftigkeit der Farbe und der Sprache gab, welche es ihr möglich machte, Alle uber ihre wahre Stimmung zu täuſchen. Eines Morgens war ſie bei einer Freundin, der Frau des Commandanten der Stadt, in der ſie tebte, zum Beſuch, als ſie einen Officier in der Uniform des ſchottiſchen Regiments, in dem Scott gedient hatte, in das Haus treten ſah. Dieſer An⸗ blick erſchuͤtterte ſie namenlos. Sie wuͤnſchte ſehn⸗ lichſt naͤhere Nachrichten von Scott's Tode und von dem Schickſal ſeines Sohnes, und ließ den Officier bitten, nach Beendigung ſeines Geſchäfts hinauf zu kommen, weil eine Dame ihn zu ſprechen wuͤnſche. Sie vermochte es uͤber ſich, ihn, mit dem ſie ſich — — — 27 — allein gelaſſen ſah, mit ruhiger Faſſung zu empfan⸗ gen und durch eine Frage nach dem Schickſal der Generalin Gore, deren Gatte an Scott's Seite ge⸗ fallen war, ein Geſpräch uͤber die näheren Um⸗ ſtaͤnde jenes Gefechts einzuleiten. Der Officier be⸗ antwortete ihre Fragen eben ſo geſittet als umſtaͤndlich, und nannte ihr nicht nur die Zahl, ſondern auch die Namen der gebliebenen Officiere. „Und der Major Scott?“ fragte ſie. „Sein Sohn, ein hoff⸗ nungsvoller Knabe, iſt geblieben; allein er ſelbſt ward ſchwer verwundet gefangen genommen „iſt aber jetzt ſchon außer Gefahr, ausgewechſelt, und wird gleich nach ſeiner Geneſung nach Spanien zu der Armee des Feldmarſchalls Wellington gehen.“ Der Eindruck dieſer Worte auf Cäcilie iſt ein Geheimniß, unaus ſprechlich, wie das Räthſel des Daſeins ſelbſt. All der Muth, all die Kraft, die ſie fur den Schmerz gehabt hatte, verließ ſie in dieſem Augenblicke. Mit hochſchlagendem Herzen, zitternd und fiegend ſant ſie auf ihre Kniee nieder, und ihre Thränen ergoſſen ſich ſo unverſiegbar, als wolle ſich ihr ganzes Leben in ihnen aufloöſen. Mit edler, feinſinniger Zartheit wußte der Fremdling das Vertrauen zu ehren, das er — 228 — der Gewalt dieſes Augenblickes uͤber ſie zu danken hatte. Er war Scott's Freund, und die Schwer⸗ muth, die auf dieſem ſeit einigen Monaten als du⸗ ſterer Ernſt laſtete, ward ihm nun durch Cäciliens leidenſchaftlichen Antheil erklärt. Unaufgefordert theilte er ihr daher jett auch bis in die kleinſten Einzeln⸗ heiten Alles mit, was ſie in Beziehung auf Scott's Schickſal zu intereſſiren vermochte. Alle leidenſchaftlichen Empfindungen der menſchli⸗ chen Seele verlieren ſich in eine Tiefe, die unſer Blick nicht zu ergruͤnden vermag. Welcher Menſch z. B. hat ſich nicht irgend einmal in ſeinem Leben gefreuet, und doch wie Wenige nur haben je an ſich und Andern die aͤngſtigende Macht dieſes Gefuhls uͤber das menſchliche Gemuͤth erfahren, wenn es wie ein vetzehrender Blitz unſer ganzes Weſen durch und durch, bis in ſeine tiefſte Innerlichkeit, durch⸗ dringt! Eine ſolche Freude iſt ein himmliſches Ge⸗ fuͤhl, aber wahrlich kein frohes, und gewiß das Lebenangreifendſte, was es gibt. Man fuͤhlt es, daß ſie ein Fremdling hienieden und unſere körperliche Organiſation keineswegs darauf eingerichtet iſt, ihren Bebungen und Erſchutterungen widerſtchen zu kön⸗ — 229 — nen. Nur im Kummer, nur im hoffnungsloſeſten Gram bewährt ſich die Elaſticität unſers Weſens, die Saiten, die uͤber unſer Gemuͤth geſpannt ſind, erſchlafft der Schmerz nur, aber die Freude ſprengt ſie entzwei. Am Abend dieſes Tages lag Cäcilie an einer Bruſtentzundung gefaͤhrlich krank darnieder. Die ganz unbeſchreibliche Heftigkeit, mit der die Krankheit plötzlich ausbrach, machte ihren Zuſtand faſt hoff⸗ nungslos, und ſie war achtundvierzig Stunden in drohender Gefahr; doch eben ſo ſchnell und dem Arzt unerwartet begann und vollendete ſich ihre Geneſung, ſo daß ſie nach wenigen Tagen ſchon ihre Wirthſchaft ſelbſt uͤbernehmen und ſich mit der Ordnung ihres haͤuslichen Lebens befreunden konnte. Denn Ordnung, Ordnung hieß das Princip, das Boyſen, als die hochſte praktiſche Nutzlichkeit, zum Triebwerk ſeines ganzen Daſeins erwaͤhlt hatte, voll des entſchiedenſten Widerwillens gegen Alles, was die Gleichmäßigkeit und die Einformigkeit eines nach der Uhr abgetheilten Lebens zu unterbrechen vermochte. Die ſchönſte Mondnacht, der laueſte Sommerabend voll Nachtigallgeſang und Blumen⸗ — ei — duft hätten es nicht vermocht, ihn bei ſich ſelbſt zu entſchuldigen, wenn er ihnen zu Liebe zehn Minuten ſpäter, als mit dem ein fuͤr allemal feſtgeſetzten Glockenſchlage zu Bette gegangen ware. Sein Le⸗ ben war daher auch nur ein Skelett des Lebens, da er alles Anmuthige, alles Schöne, alles Freie in demſelben fuͤr unnutz hielt, und fuͤr alle Gefuͤhle, alle Empfindungen, fuͤr den ganzen innern Reichthum des Herzens nur Ein Maß, nämlich das eines ſtrengen Imperativs der Brauchbarkeit fuͤr das thaͤtige Leben, kannte. Was nicht voͤllig in dieſes Maß paßte⸗ war ihm vom Uebel, und wäre es die Frucht der erhabenſten und edelſten Begeiſterung, der liebevollſten Aufopferung geweſen. Alle geiſtigen Faͤhigkeiten, die ihm fehlten, hielt er fuͤr Krankheit, und er erkannte durchaus keine Vernunftmaßigkeit der Anſichten, wenn dieſe von den ſeinigen verſchieden waren. Dabei war er ein arbeitſamer, redlicher, gelehrter Mann, dem kein Zweifel einkam, daß Cäcilie ſich mit ihm glucklich fuͤhlen muͤſſe, da er von den An⸗ ſpruͤchen, die Geiſt und Herz an das Leben machen, keinen Begriff hatte, und von der Gewalt des Man⸗ nes und der Unterwuͤrfigkeit der Frau, als Rechts⸗ — 231 — verhältniß Beider, zu feſt uͤberzeugt war, um nicht Cäciliens Gefuͤgigkeit in ſeinen Willen voraus⸗ zuſetzen. Er ſagte ihr, ohne irgend eine Ruͤckſicht auf ſie ſelbſt zu verrathen, wie er es mit der Ein⸗ richtung ihres Hausſtandes und ihrer Lebensweiſe gehalten wiſſen wolle; welche Summe ſie woͤchentlich zur Führung der Wirthſchaft erhalten werde, und in welcher Art er wuͤnſche, daß ſie ihm von der Ver⸗ wendung derſelben Rechnung ablege, und da er ſich als Hageſtolz in das Eingehen von hundert Kleinig⸗ keiten gewöhnt hatte, die ſonſt dem Manne fremd bleiben, weil ſie nicht nur klein, ſondern auch kleinlich ſind, ſo erſtreckten ſich ſeine Verfuͤgungen ſo in's Einzelne, daß Cäcilie als Frau ſich dadurch in ihrem angewieſenen Wirkungskreiſe peinlich beengt fuͤhlte. Da ſie ſich aber in allen Anordnungen ganz nach ſeinen Wunſchen fugte, und mit der ſtrengſten Punkt⸗ lichkeit uͤber die Erfullung derſelben wachte, pries er ſie als ein Muſter der Frauen, und ohne irgend etwas in ihrem Betragen als Gattin zu vermiſſen, ohne irgend einen unbefriedigten Wunſch von ſeiner Seite, hatte er auch keine Ahnung davon, daß irgend ein Wunſch ihres Heriens, irgend ein Bedurfniß — 232 — ihres Geiſtes über die enge Beſchränkung eines ſol⸗ chen Lebens hinausreichen, und ihr ganzes Daſein auf freudenloſe Reſignation gegruͤndet ſein könne. Und doch war dies der Fall. Sie war zu weib⸗ lich, um nicht mit Herz, Seele und Gemuͤth die Abhaͤngigkeit des Weibes anzuerkennen und als Na⸗ turbeſtimmung zu ehren; aber ihr hatte die rohe Tyrannei, mit der die meiſten Maͤnner das Recht des Stärkern und Gebietenden in der Ehe geltend machen, von jeher eine bange Furcht vor Frauen⸗ ſchickſal und Frauenpflicht eingefloßt. Und welches denkende und gefuͤhlvolle weibliche Weſen muß dieſe nicht auch empfinden? — ſind unſte Reize und ſelbſt unſte Tugenden bei den einmal beſtehenden buͤrgerlichen Verhältniſſen in der Ehe mehr, als Mittel einer Sklavin, um die Haͤrte des Gebieters zu entwaffnen? Wir haben ja vor dem Geſetz und der Meinung keinen Schutz gegen Mißhandlung; unſre ganze Beſtimmung iſt es ja, ſtumm zu dul⸗ den und zu tragen, dagegen der Mann, der ſein Weib mißhandelt, immer noch geachtet und geehrt vor der Welt daſtehen kann, und es auf ſein aͤußeres Leben faſt nie Einfluß hat, ob er ein treues weib⸗ — 233 — liches Herz bricht oder nicht. Darum kuͤmmert ſich ja Keiner, und wahrlich, es wird uns oft ſchwer gemacht, zu glauben, daß wir ſo gut, wie die Män⸗ ner, Kinder Eines Vaters ſind, da dieſer unſer Schickſal und unſer Herz hienieden ſo ſchutzlos ihrem Unwerth preis gegeben hat. Cäcilie haͤtte, wie jede edle Frau, es nicht er⸗ tragen, den Gatten mit ſich unzufrieden und durch ihre Schuld mißvergnuͤgt zu wiſſen, da ſie nur in ſeinem Gluͤcke das ihrige finden konnte und durfte. Es wäre ſo leicht geweſen, ſie zu begluͤcken, und ge⸗ wiß auch belohnend; doch Boyſen war nicht der Mann, mit dem das Schickſal ſie hätte vereinigen muͤſſen. Von allen hoͤheren Beduͤrfniſſen abgeſehen, fehlte ihm auch jene Zartheit, jene Großmuth, die ein weibliches Weſen ſo ſchoͤn und milde mit der Abhaͤngigkeit ſeines Berufs zu verſoͤhnen weiß. So ließ er es z. B. Cäcilien nicht an Putz und Klei⸗ dung fehlen; aber es war ihm natuͤrlich, ſie auch hierin in ſtrenger Abhaͤngigkeit von ſich zu erhalten⸗ Man beachtet es nicht genug, wie wichtig dieſer Punkt fur die häusliche Zufriedenheit iſt, und wie einflußreich auf den Charakter der gewoͤhnlichen Frauen. — 234 — Es iſt nicht mehr als billig, daß die Frau dem Manne von der Verwendung des ihr zur Wirth⸗ ſchaftsfuͤhrung anvertrauten Geldes Rechnung ablegt, und jede verſtaͤndige Frau wird von ſelbſt ſuchen, ihr Haushaltungsbuch in ſolcher Ordnung zu fuͤhren, daß die Ueberſicht ihrer Ausgaben klar und leicht aufgefaßt werden kann; eben ſo wenig iſt es zu for⸗ dern und zu wuͤnſchen, daß der Mann die Frau in Anſehung ihres Taſchengeldes ſo unabhaͤngig mache, daß ihm nicht die Macht bleibe, ſie durch ein Ge⸗ ſchenk zu erfreuen und zu verbinden; aber viele Mäaͤnner des Mittelſtandes haben die Gewohnheit, ſich entweder das Geld zu den taͤglichen Ausgaben einzeln abfordern zu laſſen, was denn die Frau durchaus zur Magd erniedrigt, oder ſie ſetzen auch wohl ein beſtimmtes Wochengeld aus, halten es aber für klug, die Frau in Hinſicht der Ausgaben fur ihre perſoͤnlichen Beduͤrfniſſe ganz von ſich abhaͤngig zu erhalten. Beide Handlungsweiſen ſind eben ſo unwürdig als verderblich, und fuͤhren die Frau auf den Punkt der Nothwendigkeit, den Mann zu uͤber⸗ liſten und daran die Freude zu finden, die der Un⸗ terdruckte immer empfindet, wenn er den Unterdruͤcker — 235 — bevortheilen kann. Seht immerhin das weibliche Geſchlecht als Euch untergeordnet und nur fuͤr Euch geſchaffen an, Ihr hoffärtigen Maͤnner; aber be⸗ weiſet doch wenigſtens in Euren Verhältniſſen zu demſelben, daß Ihr die Menſchenwurde auch in die⸗ ſem Geſchlechte zu erkennen und zu ehren vermoͤgt, und zwingt Eure Frauen zu keiner ſtlaviſchen Er⸗ niedrigung, die dieſe ſchaͤndet! Beſtimmt Eurer Gattin irgend eine Summe zu ihrer Kleidung und zu ihrem Taſchengelde, und zahlt ihr dieſe unaufgefordert und regelmäßig aus, ſei ſie dann auch ſo klein ſie wolle; nur verdammt ſie zu keiner kindiſchen Unmuͤndigkeit, zu keiner Abhängigkeit, die Euch erſt abliſten und abſchmeicheln muß, was ſie zu echalten wuͤnſcht. Entzieht ihr nicht gänzlich die Mittel, dem Hange ihres Herzens folgen und hie und da im Stillen eine Wohlthat ſpenden zu können, die ſie wirklich als von ſich erzeigt und mit Entbehrung erkauft, fuͤhlen kann. Boyſen ſchenkte Cäcilien viel; er ließ es ihr auch eigentlich nicht an Gelde fehlen; allein die Ungewißheit und Unbeſtimmtheit dieſer Einnahme war fuͤr ſie ſehr druͤckend, da ſie ihr keine regel⸗ maͤßige Eintheilung ihrer Ausgaben erlaubte, und ſie — zu ſtolz zum Fordern und auch zu edel war, ſich von dem erhaltenen Wirthſchaftsgelde etwas zuzu⸗ eignen. Eben ſo war es mit den Wohlthaten, die ſie erzeigte. Boyſen hatte jaͤhrlich eine gewiſſe Summe fuͤr Arme beſtimmt, und faſt nie bat ihn Cäcilie vergebens, wo es Milderung fremder Noth galt; aber ſie durfte doch nicht geben, ohne gebeten zu haben; es war in dem Vecrhaͤltniſſe, in dem ſie mit ihrem Gatten ſtand, doch immer nur fremdes Geld, was ſie gab, und Boyſen's Denkweiſe legte auch hier ihr Herz in — die den freien Schlag deſſelben laͤhmten. So verging ein Jahr. Cäciliens Ehe galt für eine der glucklichſten, und wahr iſt es auch, daß in dieſem Zeitraume nie zwiſchen ihr und dem Gatten eine Uneinigkeit, nie ein Mißverſtaͤndniß, nie ein Streit entſtand; aber Keiner wußte es, mit welcher ſchmerzlichen, geiſt- und ſeelentoͤdtenden Verläugnung Cäcilie ihr Gelubde loſte, Boyſen gluͤcklich zu machen. Ihre Mutter ſtarb in dieſem erſten Jahre ihrer Ver⸗ bindung, und ihre Ehe blieb kinderlos. Ganz ungetheilt mußte ſie ſich daher dem Gatten widmen und fuͤr ihn leben. Treu erfullte ſie auch alle Forderungen, — 237 — alle Erwartungen deſſelben; ſie war ihm eine treue Haushälterin, eine gehorſame Dienerin, eine gefällige Genoſſin ſeines geſellſchaftlichen Lebens; aber daß ſie ihm noch mehr ſein und werden könne, daß der edelſte Schatz ihres Herzens, die ſchonſte Eigenthuͤm⸗ lichkeit ihres Weſens, ihr Geiſt, ihre Talente, ihre zarte Weiblichkeit, ihr ſeelenvolles Gemuͤth, die Fuͤlle ihrer Liebe, der Adel und die Treue ihrer Geſinnung jetzt fuͤr ſie und ihn nur ein todtes Capital waren, und jeder Tag ſie dem Vergeſſen der Zeit zufuhrte, wo ſie, ſich und Andern zur Freude, ſich im Beſitz und der Entwickelung jener Himmelsgaben gläcklich gefuͤhlt hatte, das ahnete er nicht. Cäcilie hatte ſich die Ehe nie dealiſirt — ſie wußte, wie viel Fremd⸗ artiges und Ungeziemliches man dieſem edelſten und begluckendſten aller menſchlichen Verhältniſſe aufge⸗ laden hat, um es zu tragen; aber ihr Herz ſagte ihr auch, daß es viel tragen könne und doch noch begluckend und edel zu bleiben vermoͤge. Sie fand ſchon unverheirathet recht heitres Gefallen an der tächtigen Thätigkeit einer wackern Hausfrau, und war in allen Obliegenheiten derſelben wohl erfahren; allein ſie hoffte auch dereinſt, wenn dieſer Beruf der — 238 — ihrige geworden ſein wuͤrde, als Hausfrau der Biene gleichen zu duͤrfen, die ja bei aller Nuͤtzlichkeit und Geſchaͤftigkeit ein beflugeltes mit Blumen befreunde⸗ tes Weſen bleibt; doch Boyſen durfte ſie, um ihm fur eine brave und verſtandige Frau zu gelten, nur als Ameiſe erſcheinen. Und jener Traum ihres Maͤdchenlebens, wie der kunftige Gatte in ihr die zuverläͤſſige Freundin, die heitre, geiſtvolle Geſell⸗ ſchafterin, die innigſte Vertraute ſeines Herzens lieben wuͤrde — und jener noch ſchoͤnere und ge⸗ liebtere Traum gegenſeitiger geiſtiger, auf den gemein⸗ ſchaftlichen Fortgang ſittlicher Veredlung gegruͤndeter Wechſelwirkung — ach, wie ſehr mußte ſie der Er⸗ fuͤllung dieſer Jugendtraͤume entſagen! Ihr Geiſt war gelaͤhmt, ihr Herz erſtarrt, ihr Leben ermattet, und es ſchien ihr unvermeibliches Loos zu ſein, ohne Tod und ſichtbare Wunde, aber an Geiſt und Herz bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, durch das Leben als ein Schatten, als ein Grabmonument deſſen, was ſie einſt war, zu ſchleichen. Nichts entſtellt eine weibliche Seele ſo, nichts beraubt uns ſchneller alles Reizes, aller Anmuth, als ein herz⸗ und geiſtloſes eheliches Verhältniß, und es iſt unglaublich, welche — 239 — Rohheit und Haͤrte ſich auch ſonſt gute Männer gegen ihre Frauen zu uͤben erlauben. Wem iſt je ein Mann vorgekommen, der nicht durch die gnädige Erlaubniß, fuͤr ihn zu leben und ihn zu begluͤcken, in ſo weit ſich dies mit ſeinen andern Neigungen vertraͤgt, ſeine ganze Pflicht gegen die beſte Frau erfuͤllt zu haben glaubt? — Welcher Mann hat je nach den Flitterwochen und in der unausbleiblichen Erkältung des ungeſtörten Beſitzes noch den Wunſch empfunden, fuͤr das Gluͤck und die Zufriedenheit ſeiner Gattin zu leben, wie ſie mit ihrem ganzen Herzen fuͤr ihn lebt? — Unſte Cultur ſpottet des Wilden, der ſeine Frau wie ein zahmes Hausthier erkauft und behandelt; aber wahrlich, unſre Maͤnner ſind nur cultivirt, um uns mit deſto ſinnreicherer Grauſamkeit zu mißhandeln. Im Leben des Man⸗ nes iſt die Ehe nur die Ueberſchrift eines Capitels; bei uns Frauen der fortlauſende Inhalt des ganzen Buches. Des Mannes Gluͤck iſt auf eine Ambe, eine Terne, eine Quaterne geſetzt; Frauengluͤck nur auf einen einfachen Auszug. Der Mann iſt noch immer etwas Anderes als Gatte, er gehoͤrt immer in irgend einer Beziehung dem Staate an; aber die — — Frau iſt nichts als Gattin, als ſein Eigenthum und er ihr ſichtbar gewordenes Schickſal, und je beſſer ſie iſt, je wahrhaft weiblicher in ihrem Thun und Weſen, je weniger wird ſie noch irgend etwas Anderes ſein wollen und ſein koͤnnen. Warum ſind denn die Maͤnner ſo ſelten gerecht und großmuͤthig gegen uns? — Warum dieſe grauſame, ubermuͤthige, herriſche Nichtachtung unſers Werthes und unſter Herzen? Gott allein weiß um die vielen blutigen Thraͤnen, die ſo viel edle weibliche Weſen, nur von ihm geſehen, weinen, da unſte Pflicht uns beſichlt, vor der Welt gluͤcklich und zufrieden zu ſcheinen, wenn auch Gram und ſtummer Jammer unſer Herz brechen. Trotz des truͤben Einfluſſes, den Boyſen's Sinn und Weſen auf Cäcilie äußerte, war doch ihre Ehe nicht ungluͤcklich zu nennen. Die Gewohnheit des Zuſammenlebens und die Gemeinſchaft des Intereſſes in der Ehe vermag uͤber das menſchliche Herz ſo viel, daß ſich in ihr, auch ohne alle ſympathetiſche Verwandtſchaft, ohne alle innere und tiefere Eins⸗ werdung zweier Herzen und zweier Leben, doch zwiſchen zwei nur nicht moraliſch ſchlechten Menſchen haͤufig — 241 — eine Zuneigung entwickelt, die das Leben in allen ſeinen aͤußern Erſcheinungen eben ſo feſt gebunden haͤlt, als ſei ſie durch das Mark des wahren Da⸗ ſeins genährt. Dies war auch bei Cäcilien der Fall. Sie empfand wahre Anhaͤnglichkeit und treues Wohl⸗ wollen fuͤr ihren Gatten; allein wenn dieſe ſie auch allmaͤhlig im Lauf der Zeit mit den Entbehrungen ihres Lebens zu verſoͤhnen vermocht hätten, ſo konnte ſie doch nie dadurch vor jenem feinern Selbſtmord ihrer Verdienſte und Kräfte geſchuͤtzt werden, der das unausweichliche Schickſal jeder nicht gluͤcklich verheiratheten Frau iſt. Wie vielen Beiſpielen ſolcher geheimen ſtillen und langſamen geiſtigen Selbſtver⸗ zehrungen begegnen wir nicht im Leben! O what a noble mind is here o'erthrown! the courtier's, Ischolar's, soldier's, eye, tongue, sword, th' expectancy and rose of the fair state, the glass of fashion, and the mould of form, ch' observ'd of all observers, quite, quite down. — Now see that noble and most sovereign reason, Like sweet bells jangled out of inne, and harsh, that unmatch'd form and stature of Plown youth, Blasted with estasie. — Nach Verlauf dreier Jahre ward Boyſen krank, und trotz Cäciliens treuer und ſorgſamer Pflege ward Tarnow's Schriften. VII. 11 ſein Uebel todtlich. Er ſtarb wie er gelebt hatte, d. h. mit ruhiger Gleichmuͤthigkeit, und ohne daß er das Bedurfniß empfunden hätte, ſich durch die Er⸗ hebung religiöſer Ideen gegen die Schreckniſſe des Todes zu waffnen. Sein letztes Wort war noch Dank an Cäcilien, der er das Zeugniß gab, ſie ſei eine Frau ganz nach ſeinem Herzen und nach ſeinem Willen geweſen, und er habe ſich in ihrem Beſitze ſo gluͤcklich gefuͤhlt, als es nur hienieden dem Men⸗ ſchen irgend vergoͤnnt ſei. An ſeinem Grabe floſſen Cäciliens Thränen ſtill und wehmuͤthig, und wenn ſie ſich gleich fruher ihre Ergebung in ſeinen Willen, und ihr Einfuͤgen in den Bau ſeiner Lebensweiſe nie fuͤr ein Opfer, nie fuͤr ein Verdienſt angerechnet hatte, und es auch nur als eine Pflichtverbindlich⸗ keit anſah, deren Nichterfullung ſie vor Gott, vor dem Verſtorbenen und vor ihrem eigenen Herzen ſtrafbar gemacht hätte, ſo ward ihr doch in dieſer dankvaren Anerkennung des Sterbenden fromme Verſohnung mit ihrem Schickſale. Sie war jezt frei und unabhängig; allein es war fuͤr ſie nicht leicht, ſich der wieder er⸗ haltenen Freiheit bewußt zu werden. Wenn man eine geraume Zeit, eng und zwaͤngend eingepreßt, — 243 — mühſam geathmet hat, ſo erhält man, auch nach gelöſeten Banden, nur almählig das Vermoͤgen zu⸗ ruͤck, ſich frei regen zu können. Auch knuͤpfte keine Hoffnung und kein Wunſch ſie an die Zukunft; ſie war eines ſelbſtſtäͤndigen Daſeins ſo ungewohnt ge⸗ worden, daß ſie ſelbſt in ihrer haͤuslichen Lebensweiſe nicht darauf verfiel, Manches jetzt ihrer Neigung ge⸗ maͤßer einzurichten, und in allen außern Verhaͤltniſſen den Gewohnheiten ihres bisherigen Lebens treu blieb. Boyſen hatte eine Schweſter, die in Hamburg ver⸗ heirathet war, in den erſten Monaten ſeiner Ver⸗ vindung ihn beſucht, einige Wochen in ſeinem Hauſe verlebt und die neue Schweſter ſehr lieb gewonnen hatte. Oft und viel hatte ſie den Bruder um Er⸗ wiederung dieſes Beſuchs gebeten; auch war dieſe mehrere Male verheißen, allein durch Zufälligkeiten immer verhindert worden; jetzt aber, nach bald zu⸗ ruͤckgelegtem Trauerjahr, konnte Cäcilie dieſen, mit der freundſchaftlichſten Herzlichkeit wiederholten Ein⸗ ladungen nicht widerſtehen. Von der Jahreszeit be⸗ gunſtigt, trat ſie die Reiſe an, und der Wechſel det Gegenſtaͤnde, der Reiz der Neuheit und der ange⸗ nehme und gebildete Ton, den ſie in dem Hauſe * — — 244 — ihres Schwagers und in dem Cirkel ſeines Umgangs herrſchend fand, erweckten ſie aus ihrer bisherigen Einſchlaͤferung und ſie erbluͤhete von Neuem recht anmuthig zu ſtiller Heiterkeit und geiſtvoller Mit⸗ theilung. Die Verbindungen des Hauſes, in dem ſie lebte, fuͤhrten viele Fremde in daſſelbe und vorzuglich viele Englaͤnder. Wie ward dadurch Scott's Bild in Cäciliens Herzen wieder lebendig! Sie hatte ihn nie vergeſſen — aber drei Jahre waren verſtrichen, in deren Verlauf ſie nichts von ihm erfahren und ſich auch keine Nachfrage nach ihm erlaubt hatte. Jetzt aber, in der Geſellſchaft ſeiner Landsleute, ge⸗ wann das Andenken an ihn eine Gewalt uͤber ſie, welche die Schuͤchternheit ihres Gefuͤhls beſiegte, und ſie erlaubte es ſich, nach ihm ſich zu erkundigen. Allein die meiſten ſeiner Landsleute, die ſie ſah, waren Kaufleute; es gab mehrere Officiere ſeines Namens in der brittiſchen Armee, und da ſie nicht wußte, in welches Regiment er bei ſeiner Ankunft in Spanien eingetreten war, ſo vermochte ſie auch nicht, ihn näher zu bezeichnen. Sie hatte ſich ihn fruͤher oft als todt gedacht, und dieſe Ahnung ſeines — 245 — Schickſals erwachte jetzt in ihr ſo mächtig, daß die Lebendigkeit derſelben ihr fuͤr eine Buͤrgſchaft der Wahrheit galt. Mit der innigſten Wehmuth ge⸗ dachte ſie ſeiner als des einzigen Mannes, den ſie geliebt hatte, und von dem auch ſie ſich am wahr⸗ ſten und innigſten geliebt gefuͤhlt hatte. In ſtiller einſamer Mitternacht floſſen ſeinem Schickſal und ſeinem Verluſt oft ihre Thraͤnen, und ihr Blick und ihr Geiſt erhoben ſich dann liebend zu jenen Welten, wo die Sehnſucht des armen Menſchenherzens das Gluck zu finden hofft, das ihm die Erde und das Leben verſagen. Eines Mittags ſandte der Herr vom Hauſe kurz vor Tiſche ſeinen Diener hinauf, die Frau zu be⸗ nachrichtigen, daß er einige Gaͤſte mitbringen werde. Wer ſchildert aber Cäciliens Ueberraſchung, als ſie bei ſeinem Eintritt in ſeinen Begleitern Scott, und neben dieſem den Officier erblickte, der ihr einſt die Nachricht ſeines Lebens brachte, und den jener Au⸗ genblick zum Vertrauten ihres Herzens und ihrer Schwäche gemacht hatte! Es bedurfte fuͤr ſie nur eines Blickes, um Scott, trotz der veränderten Uni⸗ form, die er trug, trotz des dunkler gefärbten Colo⸗ — — rits ſeiner edlen Zuge und der tiefen Narbe, die ſeine Stirne ſchmuͤckte, wieder zu erkennen. Sie war aufgeſtanden, um die eintretenden Gäſte zu begruͤßen; aber ſie war ſo uͤberraſcht, daß ſie zitternd ſich an das Fenſter, vor dem ſie ſtand, lehnen mußte, um nicht umzuſinken. In dieſem Augenblick wandte ſich Scott von der Wirthin, die er begruͤßt hatte, zu der fremden Dame — ſein Blick auf ſie war ein Blitz des freudigſten Erkennens. Erroͤthend und mit einem Himmel der Liebe und der Treue in ſeinen Augen wollte er auf ſie zueilen, als der Wirth des Hauſes ſie ihm mit den Worten vorſtellte: „meine Schwägerin, die Kanzleiräthin Boyſen.“ Scott er⸗ bleichte vor dieſen Worten noch ſchneller, als er er⸗ roͤthet war, und unſicher, in wie fern er, ohne ſie in Verlegenheit zu ſetzen, ihres fruheren Verhaͤltnifſes in dieſem Augenblick und in der Gegenwart ihres Gatten, den er auch anweſend glaubte, erwähnen duͤrfe, begrußte er ſie ehrerbietig, aber ſtumm. Cä⸗ cilie wollte ihn willkommen heißen, wollte ihm ſagen, wie ſie ſich ſeines Wiederſehens freue, aber als ſie die Hand hob, ſie ihm zu reichen, fiel ihr Blick auf den Officier, der ihn begleitete und der in dieſem — 247 — Augenblick, auch ſie erkennend und ihre Bewegung bemerkend, laͤchelnd und bedeutend auf ſie und Scott blickte. Sie ward gluͤhend roth, und zog die dar⸗ gebotene Hand ſo raſch zuruͤck, daß Scott in dieſer Bewegung nur eine Bewegung ihrer Furcht, von dem Gatten mißverſtanden zu werden, erblickte, und ſcheu und verduͤſtert ſich abwandte. Sein Begleiter dagegen ſcheuete es nicht, Caͤcilien auf eine ehrer⸗ bietige Art daran zu erinnern, daß ihm, wenn er nicht irre, das Gluͤck werde, eine intereſſante Be⸗ kanntſchaft zu ernevern; aber er ehrte Caciliens Er⸗ roͤthen und die Bitte, die ihr Blick ausſprach, und vermied jede genauere Erwaͤhnung ihres ehemaligen Zuſammentreffens. Indeſſen war der Eindruck, den Cäcilie und Scott gegenſeitig empfanden, als ſie ſich erblickten, zu ſichtlich geweſen, um nicht in allen Anweſenden die Ahnung einer innigern Beziehung zwiſchen ihnen zu erwecken, und zu tief, als daß ſie Beide ſchnell geſammelt und in ruhiger Faſſung zu erſcheinen vermochten. Man ging zu Tiſche; Scott bot Cäcilien ſeinen Arm, und erſt jetzt bemerkte ſie, daß er den linken unbeweglich und gelaͤhmt trug. Ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnenz er ſah es, und umn — —————— —— — 248 — ihre Hand an ſein Herz druͤckend, fragte er leiſe, ob ſie dem treuen Freunde einige Theilnahme an ſeinem Schickſal bewahrt habe? „Gewiß,“ ſagte ſie innig und hob ihr Auge zu ihm auf. Dieſer Eine Blick verſtändigte ihre Herzen und der ſchmerzlichen Unge⸗ wißheit des erſten Augenblicks folgte jetzt in Cäciliens Seele das himmliſche Gefuͤhl eines ganz ungetruͤbten Gluͤckes. Sie war zu ſanft, zu innig bewegt, um froh ſein zu können; aber eine ſelige Heiterkeit ſtrahlte aus ihren Blicken Friede und Freude in jedes Herz. Noch lebhafter vielleicht empfand Scott das Gluͤck, ſie wieder zu ſehen; aber ihm fehlte zum ungetruͤbten Genuß deſſelben die Ahnung, daß ſie ſein ſei, und frei, dies vor Gott und Menſchen, wie in ihrem innerſten Herzen, zu werden. Er ward aber bald inne, daß ihr Gatte nicht anweſend ſei, und dieſe Gewißheit reichte hin, ihn den Zauber der Naͤhe der Geliebten immer inniger und freudiger empfinden zu laſſen. Und als er nun noch am Abend dieſes Tages im Geſprach mit ihrem Schwager erfuhr, ſie ſei Witwe und frei; da verklaͤrten ſich ihm die Erde und das Leben, und ſein reines, treues Herz öffnete „ — 249 — ſich der ſeligſten aller Hoffnungen. Er ſchied von ihr ohne Worte fuͤr ſeine Hoffnung, aber mit einem Blicke, der, wie eine ihre ganze Zukunft umfaſſende Frage, von ihr in ſeiner Bedeutung unausſprechlicher Liebe gefaßt wurde; und als er von ihr ſcheidend, mit dem Freunde, von dem er ſeit beinahe vier Jahren entfernt gelebt, und ihn nun am Morgen dieſes Tages wieder gefunden hatte, unter den Ster⸗ nenhimmel heraustrat, und von ihm erfuhr, wie ſie einſt ſeinen Tod beweint habe, und wie von der Nachricht ſeines Lebens dies reine, feſte, von ihm nur errathene, nie enthuͤllte Herz aufgelöſet worden ſei in Thraͤnen und einem fur die Erdenbruſt zu großen Entzuͤcken, da fuͤhlte er, er ſei geliebt und Gott habe ihm die Macht verliehen, die Geliebte zu begluͤcken, wie er durch ſie begluͤckt werden wuͤrde. Wenige Wochen darauf fuͤhrte der Oberſt Scott ſeine Cäcilie zum Altar, wo der Segen des Predi⸗ gers zwei unaufloslich in einander geſchlungene Haͤnde, zwei durch Liebe Eins gewordene Herzen und Leben * fuͤr Welt und Ewigkeit einſegnete. Der Verluſt des linken Armes hatte Scott gezwungen, ſeinen Ab⸗ ſchied zu nehmen, und Cäcilie folgte ihm auf ſeine „ — 250 — Güter in Argyle. Nur im Heiligthum der Liebe und des Herzens laͤßt ſich das herrliche Daſein be⸗ greifen, welches dieſe beiden edel gebornen und edel gebildeten Menſchen, auf ewig mit einander ver⸗ bunden, ſich erſchufen, und wie ſie in der ſuͤßeſten Harmonie mit allem Edlen und Schonen, das ihr reiner Sinn inniger denn je umfaßte, die Herrlich⸗ keit der Natur, die Seligkeit der Liebe, den Frieden der Tugend im klarſten Verſtaͤndniß des Lebens em⸗ pfanden und genoſſen. Frei von aller Leidenſchaft und unentweiht durch ihre vergaͤnglichen Täuſchungen, war die Liebe, die ſie verband, eine reine, erquickende Flamme, und wird daher unerloſchen flammen, bis ſie einſt die Treuverbundenen ſiegend in das Land einer noch reineren Vereinigung, einer Wih ſchoͤneren Liebe emporhebt. Neue empfehlungswerthe Buͤcher, welche bei Carl Focke in Leipzig erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben ſind: Erzaͤhlungen aus der Gegenwart und Vergangenheit. Ein nuͤtzliches und unterhaltendes Leſebuch fuͤr die Jugend, von Amalie Schoppe, geborne Weiſe; Verfaſſerin der „Abendſtunden,“ „Fa⸗ milie Hold“ u. a. m. Mit ſchoͤnen illum. Kpftn., ſaub. eingeb. Preis 14 Thlr. od. 2 Fl. 42 Kr. rh. Eltern; die ihren Kindern ein ſchoͤnes und zugleich nuͤtzliches Geſchenk machen wollen, koͤnnen in der That kein paſſenderes waͤhlen, wofuͤr ſchon der bekannte und Name der geiſtreichen Verfaſſerin buͤrgt, Die ußere Ausſtattung des Buches läßt, ſelbſt fuͤr die ſtrengſten Forderungen, die man in dieſer Hinſicht ma⸗ chen koͤnnte, nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Daſſelbe Buch, auf geringerem Papier, mit ſchwarzen Kupfern. Zum Schulgebrauche. Broch. Preis 1 Thlr. oder 1 Fl. 48 Kr. rh. Der wuͤrdige Herr Kanzlei⸗ und Sofrath Fidler, Director der Erziehungsanſtalt zu Schiffbeck bei Ham⸗ burg, veranlaßte die Verfaſſerin zur Herausgabe dieſes Schulleſebuches, das, wegen ſeiner Brauchbarkeit und zweckmaͤßigen Einrichtung, gewiß allen Lehrern hoͤchſt willkommen ſein, und ein — trotz der Menge ſolcher Schriften — laͤngſt gefuͤhltes Bedurfniß genuͤ⸗ gend befriedigen wird. Statt aller Anpreiſung ſei es vergoͤnnt, hier eine Stelle aus einem Briefe des bereits erwaͤhuten allge⸗ mein geachteten Erziehers an die Verfaſſerin woͤrtlich anzufuͤhren: „Ihr mir vorgelegter Plan entſpricht meinen Wuͤnſchen, und Ihre der Welt dargelegten Arbeiten beweiſen Ihren Beruf zu einem ſolchen unternehmen. —— Ich freue mich herzlich, dieſe Arbeit in Ihren Hän⸗ den zu wiſſen, und bin uͤberzeugt, daß ſich Lehrer und Schuͤler gut dabei ſtehen. — Ihr Buch wird unterhalten, belehren und auf andere Lehrſtunden vorbereiten. Mit Luſt werden Lehrer und Schuͤler daſſelbe in die Hand nehmen. ueberzeugt von der volligen Brauchbarkeit Ihrer Arbeit, gebe ich Ihnen die Ver⸗ ſicherung, das Buch in unſerer Lehranſtalt einzufuͤhren und hoffe mit Zuverſicht, daß dies auch in vielen andern geſchehen wird!“ Der Mann mit der Zauberlaterne. Ein unterhaltendes und belehrendes Bilderbuch fuͤr die Jugend, mit 42 colorirten Abbildungen fremder Voͤlker und einem Titelkupfer. Ge⸗ ſchmackvoll gebunden, zweite verbeſſerte Auflage. Preis 2 Thlr. oder 54 Kr. rheinl. Mit vollem Rechte kann dieſes Buͤchlein allen denen empfohlen werden, welche Kindern ein nuͤtzliches und angenehmes Geſchenk machen wollen; denn es zeich⸗ net ſich vor vielen andern Buͤchern dieſer Art durch einen lehrreichen und dabei hoͤchſt faßlichen Inhalt, ein elegantes Aeußere und einen ſehr niedrigen Preis aus. Lateiniſch⸗deutſche Sprechuͤbungen. Ein praktiſches Huͤlfsbuch zur Einuͤbung der la⸗ teiniſchen Converſationsſprache, von D. Ferdi⸗ nand Philippi, Großherzogl. Sächſ. Hofrathe. Preis 3 Thlr. oder 1 Fl. 12 Kr. rheinl. Trotz der mannigfachen Bemuͤhungen der Philo⸗ logen, die Erlernung der lateiniſchen Sprache zu er⸗ leichtern, hat es doch laͤngſt ſchon, nach dem Vor⸗ gange eines Erasmus, Barclai, Vives u. A. m. an einer Geſpraͤchſammlung gefehlt, die den Lernenden am meiſten in das Praktiſche einzufuͤhr geeignet iſt, und darum mag dies Werkchen als ſehr zeitgemaͤß an⸗ geſehen werden. Die angehaͤngten, am haͤufigſten ge⸗ braͤuchlichen Sprichwoͤrter ergaͤnzen zugleich des Ver⸗ faſſers Lerikon, da in dieſem mehrere der hier aufge⸗ nommenen fehlen. * 1 . 3 5 * § . S2 3 6 8 578 e1 veqe