deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprehende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher 8 — auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Me. — pf. ſ. 2 — 4 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurück der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefa 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, ſendung hr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der I Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ borene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ) beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. j 4 6 1 3 Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. ——— Sechster Band. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in Leipzig ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Ausgewaͤhlte Erzaͤhlungen aus dem Engliſchen des Thomas Hood; frei uͤberſetzt von Guſtav Sellen. Preis 1 Thlr. oder 1 Fl. 48 Kr. rhein. Das Hriginal iſt ſchon ſo vielfaͤltig und ruͤhmlich er⸗ woͤhnt worden, als daß es noch einer beſondern Anpreiſung der Ueberſetzung, fuͤr deren Guͤte der bekannte Name des Ueberſetzers buͤrgt, beduͤrfte. Aus den zwei Bän⸗ den des Originals liefern wir die acht gehaltreichſten Erzaͤhlungen, und der intereſſantere Auszug aus einem intereſſanten groͤßeren Ganzen wird daher gewiß den Beifall der Leſer erhalten. Entſagung. Ein Roman, nach dem Franzoͤſiſchen bearbeitet. Preis 1 Thlr. oder 1 Fl. 48 Kr. rhein. In dem literariſchen Beiblatte Nr. 1. zur Hebe von 1828 wird unter Anderm daruͤber geſagt: „Unter „der Maſſe von Ueberſetzungen zeichnet ſich dieſe ſehr „guͤnſtig aus. Die Verwickelung iſt zwar nicht ſehr „romantiſch und vielfach verſchlungen, der handelnden „Perſonen ſind wenige, und dennoch wird man ſich „ſchwerlich gelangweilt fuͤhlen ꝛc. ꝛc.“ ——— Auswahl a u5 Fanny Tarnow's Schriften. Sechster Band. —————— Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. 6. 5 Blätter gus Thereſens Tagebuch. Slaubenskraft. S — z eer aus Thereſens Tagebuch⸗ Selig ſind, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen! * e e ch The⸗ war die einzige Tochter des Generals, Frei⸗ herrn von D., auf den von ſeinen Ahnen nur der Glanz dieſes beruͤhmten Namens, aber nicht der Reichthum vererbt war, den dieſe einſt beſeſſen und den eine Reihe von Unfallen dieſem edlen Geſchlechte geraubt hatte. In einer fernen Koſtſchule nach dem Tode ihrer Mutter erzogen, kam ſie in ihrem vier⸗ zehnten Jahre in das Haus ihres Vaters zuruͤck. Dieſer, ein ſonſt treffticher, aber in allen ſeinen Anſichten und Empfindungen von einem grenzenloſen Stolz beherrſchter Mann, freute ſich ihrer aufbluͤhen⸗ den Schoͤnheit, die ihm fuͤr die geliebte Tochter die — Hoffnung einer reichen und glanzenden Verbindung zu verbuͤrgen ſchien. Thereſe war ſeit ihrer Kind⸗ heit mit dieſen Anſichten vertraut, und dem jungen, unbefangenen Gemuͤth hatte es ſich fruͤh als Noth⸗ wendigkeit eingepraͤgt, ſie duͤrfe dereinſt nur einem vom Gluͤck mit ſeinen Gaben reich ausgeſtatteten Mann ihre Hand und, was ihrer Meinung nach ſich dann von ſelbſt verſtand, ihr Herz ſchenken. Kindlich und unbeſorgt gab ſie ſich aber dem angenehmen Eindruck hin, den die Geſtalt und das Betragen des Rittmeiſters von Treuburg, der, als Adjutant ihres Vaters, täglicher Gaſt in ſeinem Hauſe war, auf ſie machten. Faſt immer allein, da der General wenig Geſellſchaften beſuchte, fand ſie es von dem jungen, ſchoͤnen Mann hochſt artig, daß er ihr beinahe alle ſeine Freiſtunden widmete, mit ihr las, Clavier ſpielte, ſang, und ihr alle die kleinen ſchuldloſen Freuden verſchaffte, die ihr Leben verſchönerten und ihre heitere Jugend vor jedem Wunſch bewahrten, der ihr Leben mit dem gefaͤhrlich ſuͤßen Reiz der Sehnſucht zu erfuͤllen vermochte. Dem General fiel es nicht ein, daß ein armer Stabsrittmeiſter toll genug ſein konne, ſeine Tochter heirathen zu wollen; der Gedanke irgend einer an⸗ dern Gefahr konnte bei dem ernſt ſchönen und ſtren⸗ gen Ehrgefuͤhl, das der Leitſtern ſeiner eigenen Ju⸗ gend geweſen war, nicht in ihm aufkommen. Thereſe dachte, weil ſie bei den ihr von ihrer Kindheit an eingepraͤgten Anſichten eben ſo hätte denken muͤſſen, gar nichts, und Treuburg ſelbſt hielt ſich durch ſeine Verhaͤltniſſe gegen jede Gefahr geſichert, die einem, fuͤr Frauenreiz und Liebesgluͤck ſo empfunglichen jun⸗ gen Mann, wie er, ſonſt aus dem täglichen, unge⸗ zwungenen Umgang mit einem hoͤchſt liebenswuͤrdigen, in immer holderer Anmuth und reinerer Guͤte auf⸗ bluͤhenden Maͤdchen haͤtte erwachſen können. Erſt wenige Monate vor Thereſens Ruͤckkunſt in das väterliche Haus war er zu dem Regimente ihres Vaters verſetzt. Fruͤher war M. ſeine Gar⸗ niſon. Hier lernte er Sophie H. kennen; ſie gefiel ihm, und dies Gefallen verlebendigte ſich in ihm durch die Bemerkung, daß einer ſeiner Cameraden mit gleichem Eifer um ihre Gunſt warb. Sophie und ihre Zwillingsſchweſter Johanna waren die Toch⸗ ter eines reichen Kaufmanns, der ihnen in der Wahl ihres kuͤnftigen Gatten voͤllige Freiheit, doch mit dem Vorbehalt, nie einen Officier zu wäͤhlen, zugeſichert hatte. Er haßte dieſen Stand entſchieden, weil ſeine — 1 — Jugendgeliebte das Opfer eines Verfuͤhrers aus dem⸗ ſelben geworden war, der ſie erſt mit ihrem Verlob⸗ ten entzweit, dann verfuͤhrt, dann verlaſſen hatte. Im Beſitz allgemeiner, durch Sittlichkeit, Haͤus⸗ lichkeit und Wohlerzogenheit erworbener Achtung, fehlte es beiden Schweſtern, die noch dazu die einzigen Kin⸗ der eines reichen Vaters waren, nicht an Bewerbun⸗ gen mehrerer vortrefflichen Maͤnner ihres Standes; aber Sophiens Herz entſchied fuͤr den Lieutenant Treuburg, und feſt beſchloß ſie, ihm freilich nie ge⸗ gen den Willen ihres Vaters ihre Hand zu geben, doch dieſe auch beſtimmt keinem Andern zu reichen. Treuburg's Liebe, in ihrem Urſprunge nur eine leichte Jugendneigung, erhielt durch die ſich ihr entgegen⸗ ſtellenden Schwierigkeiten ernſtere Bedeutung und hoͤheren Gehalt. Der alte H. wurde auf das Ver⸗ haͤltniß der beiden jungen Leute aufmerkſam und ent⸗ fernte Treuburgen aus ſeinem Hauſe, in dem er ſich Zutritt zu verſchaffen gewußt hatte, ſo wie er auch ſeiner Tochter die Gelegenheit entzog, ihn außer dem⸗ ſelben, in Schauſpielen, Concerten, Geſellſchaften und auf Bällen zu ſehen. e Man ſah ſich nun heimlich; was aber fuͤr den Mann nur den Reiz eines Jugendabenteuers hatte, —— — „ — — ———— —— — 13 — ward fuͤr das zartempfindende Maͤdchen zum Geſund⸗ heit zerſtoͤrenden Weh. Der Vater ſah das Verbluͤ⸗ hen ſeiner Tochter und wußte Treuburg's Verſetzung zu einem andern Regiment zu bewirken. Dieſer mußte gehorchen, doch mit bitterem Unmuth ſah er durch die Wachſamkeit des Vaters jeden Verſuch, Sophie noch einmal vor ſeiner Abreiſe zu ſprechen, vereitelt; ſelbſt ihr bis jetzt ungeſtort gebliebener Brief⸗ wechſel ward unterbrochen. Entſchloſſen, auch das Aeußerſte zu wagen, ging er am Abend vor ſeiner Abreiſe geradezu in das Haus des alten H., zwiſchen dem und ihm es noch nie zu einer offenen Erklaͤrung und erklaͤrter Feindſeligkeit gekommen war. Er fand die Familie am Theetiſch verſammelt; Sophie ſehr bleich und von ſeinem unvermutheten Anblick gewaltſam erſchuttert; Johanna, die im eigen⸗ ſten Sinne des Wortes nur in ihrer Schweſter lebte, den Schmerz und die Freude ſeines Anblicks mit dieſer theilend; wen alten H. uͤberraſcht, aber ganz hoͤflich, da ihn die auf morgen bevorſtehende Abreiſe verſoͤhnte. Man war indeſſen gegenſeitig ſehr ge⸗ ſpannt und die Unterredung blieb peinlich gezwungen. Sophie, die Treuburgen mit unendlicher Gewalt, mit ſeltener Staͤrke des Herzens liebte, rang ſtill, aber — gewaltſam mit dem Schmerz dieſer ſtummen, vom Auge des Vaters bewachten Abſchiedsminuten. Vergeblich hatte aber Treuburg auf eine Mi⸗ nute gehofft, in der er Sophie nur noch einmal an ſein Herz druͤcken und ihr zum Lebewohl die Ver⸗ ſicherung ſeiner Liebe und Treue wiederholen konnte; der alte H. blieb ſtets gegenwärtig und er mußte am Abend ſcheiden, ohne von Sophien ein Wort der Liebe und der Verheißung gehoͤrt zu haben. Der Vater begleitete ihn beim Weggehen bis zur Thuͤr des Vorzimmers; jetzt ſtand Treuburg auf der dun⸗ len, ſchwach erleuchteten Flur ganz allein; keiner der Dienſtboten war zu ſehen; ohne alle Ueberlegung, nur der Eingebung des Augenblicks gehorchend, ging er, ſtatt aus dem Hauſe, die Treppe hinauf, in das Zimmer der beiden Schweſtern, hoffend, eine von dieſen werde kommen, er dadurch die Gelegen⸗ heit erhalten, Sophie zu ſehen und er ſich dann während des Abendeſſens der Familie wohl Mittel finden, das Haus unbemerkt verlaſſen zu konnen. Allein es war ſchon ſpäter, als er glaubte; gleich nach ſeinem Weggange ward der Tiſch ge⸗ deckt; man aß und Sophie kam erſt zur Schlafens⸗ zeit in ihr Zimmer und zwar allein, da Johanna, — 15 — mit einigen haͤuslichen Anordnungen beſchaftigt, noch unten geblieben war. Sophie hatte den fur weibliche Jugendbluͤthe und Geſundheit ſo feindlich zerſtörenden Kelch einer unglucklichen Liebe in einer von Treuburg nicht geahneten, und uͤberhaupt von Männern nur ſel⸗ ten begriffenen Bitterkeit gekoſtet; ihre Geſundheit hatte ſehr gelitten, ihr Nervenſyſtem war erſchuͤttert und durch den Schmerz dieſer Trennung und der An⸗ ſtrengung, mit der ſie dieſen vor dem Vater zu be⸗ herrſchen geſtrebt hatte, unnatuͤrlich gereizt. Ganz in ſich verloren, tief in die leidenſchaft⸗ lichſte Sehnſucht, Treuburg nur noch einmal zu ſehen, verſenkt, trat ſie in ihr Zimmer, und als ſie, das Licht auf den Spiegeltiſch ſetzend und den Blick zufaͤllig erhebend, im Spiegel die Geſtalt des Freun⸗ des in der dunkelſten Ecke des Zimmers erblickte, ward der Eindruck dieſer geglaubten Geiſtererſcheinung ihrer Phantaſie zu maͤchtig. Mit einem Schrei ent⸗ ſetzlicher Angſt ſtuͤrzte ſie, von convulſiviſchen ſchreck⸗ lichen Kraͤmpfen ergriffen, zu ſeinen Fuͤßen nieder. Johanna hatte den Schrei und den Fall gehoͤrt — ſie flog hinauf und fand Sophie in Treuburg's Armen, der in furchtbarer, ſeelenfolternder Angſt die Geliebte zu erwecken ſuchte; in demſelben Augenblick — 15 — hoͤrte ſie auch ſchon die Thuͤr des Vaters ſich öffnen, und dieſen, von ihrem Maͤdchen begleitet, die Treppe betreten. „Um Gottes willen!“ rief ſie, „fort, wir ſind verloren, wenn er Sie hier trifft!“ — Das Zimmer hatte nur einen Ausweg; kein Cabinet, kein Verſteck, nichts — mit dem Muth der Verzweif⸗ lung riß Treuburg das Fenſter auf, und ehe Jo⸗ hanna einer Ahnung ſeines Beginnens faͤhig gewor⸗ den war, ſprang er hinaus. Der Tollkuͤhne kam unverletzt davon; aber das Schickſal band an ſeine Unbeſonnenheit eine entſetzliche Folge, da Sophie von dieſen epileptiſchen Krämpfen nie wieder ganz befreit ward. . Wer fuͤhlt nicht den Stachel des giſtigen Be⸗ wußtſeins in Treuburg's Seele, das jugendlich bluͤ⸗ hende Leben der Geliebten ſo finſter verſchattet zu haben! In halbem Wahnſinn kam er in ſeinem neuen Aufenthalt an; doch eben dieſer finſtere Ernſt, dieſe Scheu vor allen lauten Gelagen, erwarben ihm, verbunden mit einer großen Puͤnktlichkeit im Dienſt, das Wohlwollen des Generals, der ihn zu ſeinem Adjutanten ernannte. Bald aber behauptete die Jugend ihr Recht; das entſetzliche Bild der in furcht⸗ — — barer Verzerrung entſtellten Geliebten begann um ſo ſchneller zu verbleichen, da Sophie ihm ſchonend die Wiederkehr dieſer Anfälle verſchwieg. Sie ſowohl, als Johanna, ſprachen ihm in ihren Briefen nur von Hoffnungen, daß Sophiens Kraͤnklichkeit den harten Sinn des Vaters erweichen werde, und ſo ward ihm ſein Leben wieder licht und froh. Thereſe entzuͤckte ihn, als er ſie kennen lernte, durch ihre Kindlichkeit, ihren heitern Sinn und die Anlagen, die er in ihr zu entdecken glaubte; aber in ernſterer Beziehung erſchien ſie ihm bedeutungs⸗ los, und bei der Zartheit ihres Wuchſes noch mehr Kind, als ſie es eigentlich in dieſen Jahren des Ueberganges vom Kinde zur Jungfrau noch war. Nach einem Jahre geſtand er ſich auch, ſie habe ſich ſchnell entwickelt und ſei eins der liebenswuͤrdig⸗ ſten Madchen, die er kenne; ja, im dunklen Vor⸗ gefuͤhl, daß er gegen ſo viel Reiz wohl einer Schutz⸗ wehr beduͤrfen koͤnne, entdeckte er ihr und ihrem Vater ſeine Liebe zu Sophien, ohne indeſſen die Schwierigkeiten dieſer Verbindung deutlich auszu⸗ ſprechtn. Dies Geſtaͤndniß ward auch fuͤr Thereſens rei⸗ nes Gemuͤth zur Aegide, doch ihn, den Ungluͤck⸗ — 6 — lichen, ſchuͤtzte es nicht, nach Verlauf von noch nicht voͤllig zwei Jahren fuͤhlte er, daß er ſie liebte, und daß ſie die erſte Liebe ſeines bis dahin durch Tau⸗ ſchung verblendeten Herzens war. Die Kraft, mit der er ſich jeden Blick, jedes Wort der Liebe gegen Thereſen unterſagte, verſöhnte ihn mit dem Be⸗ wußtſein ſeiner Verpflichtung gegen Sophie. Er glaubte ſtolz auf dieſe Selbſtbeherrſchung ſein zu duͤrfen, und bedachte nicht, wie er durch ſeinen in⸗ nern Kampf, ſeinen Unfrieden Thereſens junges Gemuͤth verwirrte; wie er ſie immer enger um⸗ ſpann und leidenſchaftlich darnach ſtrebte, jede Re⸗ gung der Freundſchaft, der Achtung, des Ver⸗ trauens, der Theilnahme, die ihr Herz fuͤhlte, ſelbſt⸗ ſuͤchtig in ſich allein zu vereinen; wie er ihr jeden andern Umgang verleidete, ſie von jeder naͤhern Ver⸗ bindung mit andern jungen Mädchen zuruckhielt, damit nichts ſie hindere, nur fur ihn allein zu leben, deſſen Verhaltniß zu ſich ſie bei ihrer faſt kloſter⸗ lichen Eingezogenheit und Unbekanntſchaft mit dem Leben durchaus nicht klar zu erkennen und noch weniger zu beſtimmen vermochte. Sie wußte ihn verlobt; dies ſicherte ſie vor jedem Wunſch, jeder Unruhe der Liebe; aber es — — 0 — ſicherte ſie nicht, ihm in himmliſch reiner Neigung ihr ganzes Herz hinzugeben. Nur die ſchoͤnſten Seelen meines Geſchlechts werden es begreifen, wie ſie ſein war und welchen Frieden ihr ihr Schutz⸗ engel bewahrte. Treuburg hatte Sophie in dieſer Zeit nur ein⸗ mal wieder geſehen. Ihre Briefe waren vom Geiſte der innigſten Liebe und einer ſanften Trauer beſeelt. Sie fuͤhlte den ruhigern Ton ſeiner Briefe tief im Herzen, und die Furcht, daß eine längere Trennung ihn immer mehr erkaͤlten werde, zehrte an ihrem Leben. Der Vater ſah dies Verwelken ſeiner zar⸗ ten Blume mit einem Kummer, der ihm ſo zu Herzen ging, daß er, aller ſeiner Drohungen und fruͤher gefaßten Entſchluͤſſe vergeſſend, ihr Leben durch ſeine Einwilligung in ihre Verbindung mit Treubur⸗ gen retten zu muͤſſen glaubte. Dieſer konnte, als er den Brief des Vaters erhielt, keinen Zweifel haben; er forderte nach des alten H. Wunſch, der ſich erbot, fuͤr ihn und So⸗ phie ein Gut in der Nähe von M. zu kaufen, ſei⸗ nen Abſchied und trat dann mit der Nachricht von dieſer Entſcheidung vor Thereſen. Es ſchmerzte dieſe, den Freund ſo wehmuͤthig bewegt, ſogar — nicht froh glucklich zu ſehen; ſie hielt ſeine Stim⸗ mung aber nur fuͤr Trauer uͤber die Kraͤnklichkeit ſeiner Braut und troͤſtete ihn und ſich mit der Hoff⸗ nung, dieſe in Heiterkeit und Licbe bald neu erbluͤ⸗ hend und den Freund dann in ungetruͤbter Zuftrie⸗ denheit, des Beſitzes der Geliebten ſich erfreuend, zu wiſſen. Treuburg's Seele war ſtark; er erprobte es in der Stunde ſeines Abſchieds von Thereſen, die fur ihn zur ſchweren, edel beſtandenen Pruͤfungsſtunde ward. Bei ſeiner Ankunft in M. fand er Sophie ſelig begluͤckt; aber matt, kraͤnklich und, als Folge jenes noch nicht ganz gehobenen Uebels, aͤngſtigend reizbar und verletzlich. Es war die Geliebte ſeiner fruhern Jahre, die ſich mit Geſundheit, Jugendbluthe, mit unendlicher Liebe und Treue unverlierbare Rechte auf ihn erworben hatte; aber auf Gluͤck durfte der ſechsundzwanzigjaͤhrige, bluͤhend ſchoͤne Mann, mit der friſcheſten Empfaͤnglichkeit fuͤr Lebensluſt und Lie⸗ besgluͤck, an der Seite des vierundzwanzigjahrigen, kraͤnklich verbluͤheten Maͤdchens nicht hoffen, da auch ihr Geiſt, wie dies bei dem Eintritt in reifere Jahre ſo oft bei dem weiblichen Geſchlechte der Fall iſt, auf eine unerklaͤrliche Weiſe mit der Jugend gewelkt war. ——— Wie ſuͤß bethoͤrend lächelte ihn dagegen das Bild der ſechzehnjaͤhrigen, bluͤhend ſchoͤnen, mit dem Zauber von Geiſt, Herz und Talent verkläͤrten The⸗ reſe an! Stunden, wie er ſie bei dieſer verlebt hatte, hatte er in Sophiens Arm nie kennen ge⸗ lernt, ob er gleich, von Sophien geliebt, ſich, Thereſen gegenuͤber, nicht einmal die Ahnung er⸗ laubt hatte, welchen Himmel ihre Liebe zu verſchen⸗ ken habe. Doch nahm er ſich in edlem Willen ernſt zuſammen und bot Alles auf, um ſeiner Braut die alte Liebe, die alte Herzlichkeit zu zei⸗ gen; wer aber vermag das Herz eines wahrhaft liebenden Weibes zu täuſchen, wenn es ehemals durch Fuͤlle, koſtliche Fuͤlle der Liebe begluͤckt, jetzt durch den vorgeſpiegelten Schein derſelben befriedigt werden ſoll? Sophiens Herz und Leben erlag vor dieſer Ent⸗ deckung. Sie konnte ihm keinen Vorwurf machen; er war treu, ſein jetziges Betragen gegen ſie tadel⸗ frei, voll liebevoller Neigung und zarter Aufmerk⸗ ſamkeit; aber ſie fuͤhlte, daß ſie die Macht ver⸗ loren hatte, ihn zu beglucken, und wo iſt im Him⸗ mel und auf Erden Troſt fuͤr ein weibliches Herz, wenn es ſich dem Geliebten gegenuͤber um dieſe Macht verarmt fuͤhlt? Sophie ward hoffnungslos krank und ihr wun⸗ des Herz umfaßte den Gedanken des Todes mit ſtiller Freudigkeit. Treuburg verließ ſie nicht; un⸗ ermuͤdet in ihrer Wartung, ihrer Pflege, ihrer Er⸗ heiterung, erhellte er ihre letzten Lebenstage mit ei⸗ nem ſo ſanften Schimmer, daß ſie dieſen oft als die Morgenroͤthe ihrer Seligkeit pries. Jetzt erſt erkannte er, wie er geliebt worden war; jetzt erſt enthuͤllte ſie ihm ihr ganzes Herz in der Tiefe ſeines Gefuͤhls und ſeines Grames. Ver⸗ geblich zeigte ſie ſich ihm verſoͤhnt mit ihrem Schick⸗ ſal und ganz Liebe, ganz Dank gegen ihn; nichts ſchuͤtzte ihn vor der Verzweifelung des Bewußtſeins, ſie getödtet zu haben. Es war an einem ſchoͤnen, warmen Maiabenb, als Sophie ihren Vater und ihren Geliebten fruher denn gewoͤhnlich von ſich ließ, weil ſie, wie ſie ſagte, ſich muͤde fuͤhle und ſanft zu ſchlafen hoffe. Johanna blieb allein bei ihr. Johanna, die in den eilf Wochen ihrer Krankheit das Zimmer der gelieb⸗ ten Schweſter nicht verlaſſen, in eilf Wochen keine Nacht geſchlafen, keine Erquickung, keine friſche Luft genoſſen hatte; einzig nur mit ihr beſchäftigt und ihr eignes Leben an den matter werdenden Pulsſchlaͤgen Sophiens abzählend, und das ohne Thraͤne, ohne Seufzer, ohne Klage, ſtumm, in frommer Geduld, ſich der innern Gewißheit freuend, ihr Leben ſei mit dem ihrer Zwillingsſchweſter un⸗ trennbar verknuͤpft. Mit dem Schlage der Mitternacht athmete Sophie ihr Leben ſanft in ihren Armen aus. Bis zum Morgen blieb ſie allein bei der Todten; dann erſt weckte ſie den Vater mit der Trauerbotſchaft. Man ſah ſie zum Marmorbild erblaßt, doch ruhig und ohne Thräͤne. Nur Treuburg's Anblick, ſein Schmerz ſchien ſie zu erſchuͤttern; nur in der Liebe zu ihm ſchien ſie noch der Erde anzugehoͤren. In eben ſo ſtill ernſter Faſſung beſorgte ſie Sophiens Begraͤbniß. Bei der Ruͤckkehr von demſelben fuhr ſie zu ihrem Arzt, einem vieljährigen, treu erpruͤf⸗ ten Freund ihres Vaters. „Ich komme,“ ſagte ſie zu ihm, „Sie um ein Sterbelager zu bitten, da es meinen Vater zu ſchmerzlich erſchuͤttern wuͤrde, auch die zweite Toch⸗ ter als Leiche ſein Haus verlaſſen zu ſehen. Be⸗ reiten Sie ihn auf das vor, was geſchehen wird. Ich weiß, Gott wird es ihm tragen helfen.“ Der Arzt erſchrak; da er ſie aber nicht krank fand, hielt er ihre Worte nur fuͤr Eingebungen einer ubermaͤchtig gewordenen Phantaſie und einer ſchwaͤr⸗ meriſchen Ueberſpannung. Sie lächelte ſanft, als ſie ſeine Meinung errieth und fuͤgte ſich willig in alle ſeine Vorſchriften. Sie ſah ihren Vater, ſie ſah Treuburg, Beide noch ſegnend und ſie troͤſtend ermunternd, in Gottſeligkeit den Schmerz dieſes Le⸗ bens zu tragen. Am Morgen des vierten Tages begrub man ſie neben Sophien. Vor dem Weggange aus dem väterlichen Hauſe hatte ſie Alles geordnet und mit dem Einkauf von Sophiens Leichenbeſtattung zugleich ihre eigne be⸗ ſorgt und verfertigt. In ihren hinterlaſſenen Pa⸗ pieren fand man Aeußerungen, die es verriethen, daß ſie, in allem Ein Herz und Ein Leben mit Sophien, es auch mit ihr in ihrer Liebe fuͤr Treu⸗ burg geweſen war. Der Präſident von S ein Bruder von The⸗ reſens verſtorbener Mutter, war durch Erbſchaft Beſitzer eines nahe bei M. liegenden Gutes gewor⸗ den. Schon ſeit länger mit dem Plane einer Früh⸗ 5 — —— —— — lingsreiſe zu ſeiner Erholung beſchäftigt, beſchloß er, auf dieſer auch das neu erworbene Beſitzthum zu beſuchen, und ſchrieb an ſeinen Schwager, den Ge⸗ neral von D., ihn zu einem Beſuch dorthin einzu⸗ laden, den er um ſo inniger erbat, da er, ſelbſt kinderlos, in Thereſen die Tochter einer ſehr geliebten Schweſter kennen zu lernen wuͤnſchte. Ein Wunſch, der, wenn gleich lange gehegt, doch bei der weiten Entfernung ſeines Wohnorts von dem Aufenthalte des Generals bis jetzt unerfüllt geblieben war. In der Trennung von Treuburgen war There⸗ ſen eine truͤbe Ahnung von dem Ernſt des Lebens geworden. Sie wußte nicht, warum ihr Leben jetzt ſo verödet, ihr Herz ſo ſchwer war; aber ſie fuͤhlte, daß es ſo ſei, und freuete ſich in von ihr ſelbſt un⸗ verſtandener Innigkeit einer Reiſe, die ſie dem Wohnorte des fernen Freundes ſo nahe fuͤhrte, daß ſie mit hochſter Wahrſcheinlichkeit darauf rechnen durfte, ihn wieder zu ſehen. Sie fand auf dem Gute des Praſidenten eine zahlreiche Geſellſchaft vor, die ſich von Tage zu Tage vergroßertes doch fehlte unter den aus der Ge⸗ gend und aus M. geladenen Gaͤſten noch ein alter Tarnow's Schriften VI. 2 26 Univerſitätsfteund des Onkels, deſſen Ankunft er mit liebender Ungeduld erwartete. Endlich, am zweiten Pfingſttag, erſchien der Erwartete; es war der Profeſſor N. Der Praſi⸗ dent fand ihn nach der erſten Freude des Wieder⸗ ſchens um Vieles ernſter und ſtiller, als er ihn nach ſeinen Briefen und fruͤhern Aeußerungen zu finden erwartete und forderte ihm am Abende, wo er, da der größte Theil der Geſellſchaft mit dem Spiele beſchaͤftigt, mit ihm und Thereſen allein war, eine Erklärung daruͤber ab. N. erzaͤhlte, um ſich zu rechtfertigen, das Familienſchickſal ſeines alten Freundes H. Er war der Arzt, in deſſen Hauſe Johanna geſtorben war. Die Theilnahme an Treuburg's Schickſal wurde durch dieſe Erzählung zum herzzerreißendſten und ganz unaus ſprechlichen Schmerz fuͤr Thereſen. Sie brachte die Nacht in Thränen und Gebet hin. Mit der Morgendaͤmmerung weckte ſie ihr Mädchen; ſie wollte das Grab der beiden Schweſtern beſuchen. M. lag nur eine kleine halbe Meile von dem Gute ihres Onkels entfernt und ſie hoffte, zur gewoͤhnlichen Fruhſtuͤckszeit wieder da ſein zu können. An der Kirchhofsmauer winkte ſie ihrem Mid⸗ — — chen, zuruͤckzubleiben. Bald fand ſie das mit ei⸗ nem einfachen Denkmal gezierte Grab der beiden Schweſtern, und ſank weinend daran nieder. Auch Treuburg hatte dieſe Morgenſtunde zur Schmerzensfeier an dem geliebten Grabe beſtimmt. In ſich verloren, ward er Thereſen nicht eher ge⸗ wahr, bis er, an der andern Seite des Huͤgels niederſinkend, ſie erblickte. „Allmächtiger Gott,“ rief er, „iſt es kein Traum! Thereſe hier an dieſem Grabe!“ Sie hörte die Stimme des Freundes, deſſen Schickſal ſo ſchwer auf ihrem Herzen laſtete; ſie ſah ihn blaß, in tiefe Trauer gekleidet, am Grabe der Geliebten knieen, die er, wie ſie glaubte, ein⸗ zig geliebt hatte und mit der ihm jede Hoffnung auf Gluͤck verſunken war. In jener Fuͤlle unend⸗ licher Liebe, zu der nur die Theilnahme am Schmerz geliebter Menſchen die enge Erdenbruſt erweitern kann, hob ſie ihr weinendes Auge zu ihm auf und ihm, uͤber das Grab hin, die Hand reichend, ſagte ſie: „ich weiß ſeit geſtern Abend, wer hier ruht, mein ungluͤcklicher Freund.“ „Und wiſſen Sie auch,“ fuhr er in duͤſtrer 2* Verzweiflung fort, „wie ſie ſtarb? — ich, ich bin ihr Moͤrder und als mein Opfer ruht ſie hier!“ Thereſe hatte von dem Profeſſor N. erfahren, durch welche Unvorſichtigkeit Treuburg fruͤher den Grund zu Sophiens Kraͤnklichkeit gelegt hatte; aber der Gram, der eigentlich ihr Herz gebrochen hatte, war als ein Geheimniß zwiſchen ihr und dem Ge⸗ liebten unverrathen mit ihr in ihr ſtummes Grab verſenkt. Thereſe ſenkte ihr Haupt auf ſeine Hand nie⸗ der, in der die ihre noch ruhte; „ich weiß,“ ſagte ſie ſanft tröſtend, „zu welcher Anklage ein ungluͤcklicher Zufall das Zartgefuͤhl meines Freundes verleitet; aber —“ „Nein, nein,“ ſchrie er furchtbar auf, „Du weißt nichts; aber der Engel ſtrafender Vergeltung fuͤhrt Dich her. Blick auf,“ rief er, und riß ſie empor, „die hier ſchläft, war treu bis zum Tode. Keine Krankheit, nur Gram brach ihr Herz, Gram um mich, deſſen Herz in frevelnder Vergötterung einer Andern gehoͤrte, und dieſe Andere — biſt Du!“ Er ſank hier vor Thereſen nieder und barg ſein Geſicht in ihr Gewand. „Barmherziger Gott!“ rief ſie, die Hände gen Himmel hebend; aber als habe ſie der Pfreil des Todes getroffen, ſah er ſie erbe⸗ ben, ſchwanken und den Aſchenkrug erfaſſen, um ſich vor dem Sinken zu bewahren. „Stirb nur, ſtirb nur,“ murmelte er dumpf und leiſe; „dann ſind der Opfer drei; denn auch dieſe,“ fuhr er, ſich zu Johanna's Grabe wendend, fort, doch als ob dem Huͤgel der Engel ihrer Geduld und ihres ſtillen, kla⸗ geloſen Kummers entſchwebte, brach ſich die finſtre Gewalt ſeines Schmerzes, und ſanfter weinend ſank er an ihm nieder. „Kraft, mein Gott, Kraft fuͤr dieſe Stunde,“ betete Thereſe, „und Troſt fuͤr ihn. Nimm mein junges, ſchuldloſos Leben zum Opfer und gib ihm fromme Geduld und erleichternde Thränen.“ Sie naͤherte ſich ihm, er breitete ihr die Arme entgegen und ſie ſank, ein Engel troſtverheißender Entſuͤndigung, an ſein Herz und weinte Ruhe, Faſ⸗ ſung und Ergebung in daſſelbe. „Wir ſehen uns nie wieder, Thereſe,“ ſagte er, ſie nach dem Schwei⸗ gen einer ſelbſt in ihrem Schmerz ſeligen Minute an ſein Herz druͤckend; „dies Grab ſteht dieſſeits zwiſchen mir und jedem Gluck der Liebe; nur buͤ⸗ ßend kann ich mich mit der Erinnerung verſoͤhnen und Frevel waͤre es, eine ſo reine, ſo ſchuldlos blu⸗ — 60 — hende Jugend, wie die Ihrige, mit dem Schatten meines Schickſals grauſig zu verdunkeln. Sie wa⸗ ren meine erſte Liebe; Sophie ſoll meine letzte ſeinz nehmen Sie denn hier, an ihrem Grabe, Abſchied von dem Manne, der nach der Pruͤfung dieſer Stunde nichts mehr im Leben fuͤrchtet.“ „Muß das ſo ſein? und darf ich den Troſt und den Frieden der Liebe an keine Stunde Ihrer Zukunft binden?“ fragte ſie mit einem Tone, vor deſſen Wehmuth und Zärtlichkeit ſeine Seele zu er⸗ matten drohte. „Engelsſeele,“ rief er, „meine Rech⸗ nung mit dem Gluͤck muß abgeſchloſſen ſein, erbete fuͤr mich den Frieden, den ich Dir laſſe, und lege den Segen Deines reinen Herzens auf dies zerriſ⸗ ſene,“ und im Fluge ihre Stirn kuͤſſend entfloh er. Heiß weinend breitete ſie ihm ihre Arme nach, doch vergebens. Nie ſah ſie ihn wieder. Er ging nach Nordamerika und kaufte ſich in einer der fernſten und menſchenleerſten Provinzen die⸗ ſes Freiſtaates an. Eine wilde, aber große und herr⸗ liche Natur lohnte ihm dankbar die Liebe, mit der er ihr ſein Leben weihte. Die Erinnerungen ſeiner Jugend heiligten das Leben des Mannes, und für — dieſe Eide ſtill in ſich beſchloſſen, vollendete ſich ſein — Daſein in ungetruͤbtem Frieden. Sophiens Grab und ihre Trennung von Treu⸗ burg wandten Thereſens Sinn mehr von dem aͤu⸗ ßern Leben ab, als man es der hoffnungsvollen, zum thaͤtigen Wirken berufenen Jugend gut heißen kann. Sie war ſehr einſam und blieb es im Laufe der nächſtfolgenden Jahre, und obgleich, von ihrer Schönheit angezogen, mehrere Maͤnner ihre naͤhere Bekanntſchaft ſuchten, wußte ſie doch jeder Erkläͤ⸗ rung ihrer Abſichten vorbeugend auszuweichen. Ihr Vater ließ ſich dies gefallen, da ſie in einem welt⸗ lichen Fräuleinſtift einen Platz beſaß, der ihr nach ſeinem Tode ehrenvolle Unabhängigkeit und Wohl⸗ habenheit ſicherte. Nach vier Jahren brach der Krieg aus und ihr Vater erhielt Marſchordre. Waͤhrend ſeiner Abwe⸗ ſenheit bot ihr ihr Stift den anſtaͤndigſten Aufent⸗ halt. Er hatte noch Zeit, ſie dahin zu begleiten und war Zeuge, wie ſie in ihrem neunzehnten Jahre den Schleier empfing. Zwei Jahre ſpäter ward das Stift aufgehoben und ſeine Bewohnerinnen entlaſſen. Thereſens Va⸗ ter kampfte in einem fernen Lande und ſie nahm daher mit Dank das Anerbieten ihres Onkels, des Praͤſidenten H., an, der ſie in ſein Haus einlud. Zum erſten Mal trat ſie jetzt in die große Welt, in der ihren an Stille und Einkehr in ſich ſelbſt ge⸗ woͤhnten Sinn Veles verletzte, und wo ſie alle Neigungen ihres bisherigen Lebens verläugnen mußte, da die Dankbarkeit es ihr zur Pflicht machte, ſich in die Weiſe und den Ton des Hauſes zu fuͤgen. Andeutungen uͤber den Gang ihres innern und äu⸗ ßern Lebens finden wir in den folgenden Bruchſtuͤ⸗ cken ihres Tagebuchs, und das Streben, in Liebe und Wahrheit fromm vor Gott zu wandeln, das ſie ausſprechen, moͤge ihr die Neigung verwandter Herzen gewinnen. Den 1. Januar 180—. Ich lebe hier in einer mir bisher ftemden Welt, deren Gebilde meinen Geiſt beſchäftigen, ohne mein Herz zu intereſſiren, das im Gegentheil den Schmerz empfindet, ſich unter ſo vielen Menſchen verein⸗ zett zu fühlen; ein Gefuhl, welches von dem des Einſamſeins, das ich ja ſeit ſo vielen Jahren habe, weit unterſchieden iſt. Meine Verwandten und die näheren Bekannten des Hauſes Behandeln meine Stimmung und den Ernſt meiner Lebensan⸗ ſichten als eine romanhafte Ueberſpannung, Folge meines Mangels an Welterfahrung und Menſchen⸗ kenntniß, von der ich, bei meinem Verſtande, wie ſie meinen, bald zuruͤckkommen und mich dann Lebens, wie ſie, erfreuen werde. Dieſet Meinung bin ich nun zwar eben nicht; aber mein Verſtand ſagt mir, daß der Menſch das Leben in ſeiner Mannigfaltigkeit erkennen muß, um es gehörig wuͤrdigen zu lernen, und daß es mir, da ſich der Gang der Erfahrungen und Em⸗ pfindungen meines Herzens ſo fruͤhe zu einem in ſich beſchloßnen Zirkel rundete, nur vortheilhaft ſein kann, wenn mein Geiſt jetzt zu demſelben Ge⸗ ſchäft Gelegenheit findet, da er es, mit Gottes Huͤlfe, durch dieſe reichern und klarern Anſchauun⸗ gen des menſchlichen Lebens nicht verlernen wird, mit meinem Herzen in Friede und zu leben. Wie koͤnnte mich auch dies vhtn und Verlachen jeder hoͤhern Wuͤrdigung des Lebens irre machen, da ich es ja täglich ſehe, wie dieſen Men⸗ ſchen, bei allem ihren Streben, ihrer Kunſt und ihrem Wiſſen, doch eigentich nichts gedeiht. Sie ſind ſo vielfach beſchäftigt, ſo zerſtreuet, ſo zerſpal⸗ ten in ihrem Leben, Wollen, Wuͤnſchen, Streben und Wirken, daß ſie die Einheit gar nicht mehr ahnen, in deren ſtillem Frieden das menſchliche Ge⸗ muͤth ſich ſammeln und beglucken ſoll. Vielerlei Wiſſen macht ja nicht den Werth des Menſchen aus, ſo wenig wie Vielerlei Beſitzen ſein Gluck; Beides iſt im Gegentheil unheilbringend und zerſtu⸗ ckelt ſein Daſein, ſobald er in ſeinem Gemuͤth nicht einen feſten, mit inniger Liebe klar erſchauten Mit⸗ telpunkt hat, von dem ſein Wollen und Streben ausgeht und zu dem es jenes zuruͤckfuͤhrt. Jedes menſchliche Weſen, es ſei Mann oder Frau, hat ſeinen eignen, ihm von Gott angewieſe⸗ nen Beruf; wer die auf dieſen ſich beziehenden Ge⸗ genſtaͤnde kennt, iſt aufgeklaͤrt, ſei der Kreis, der ſie umfaßt, vom Schickſal und Verhaͤngniß auch noch ſo enge gezogen; wer dieſe Erkenntniß auf ſeine Gluͤckſeligkeit anwendet, iſt weiſe; wer ſie mit Liebe erfaßt, gluͤcklich. Einen ſolchen Berufskreis des Erkennens und des Wiſſens hat ein jeder Menſch, und das Recht, ihn um ſich zu ziehen, liegt in ſeinem Daſein als Menſch; aber das Goͤttliche, das Schoͤne, nur aus der Sehnſucht nach ſeiner eignen Offenbarung Erbluͤhende im Leben, kann nur in der Liebe zu Gott erfaßt und empfunden werden und iſt freie Gabe von Oben. Vergeblich waͤhnen die Menſchen, ſich eigr ner Geiſtesmacht Gluͤck und Tugend erwerben zu können. Sie gewahren in ihrer thoͤrichten Ver⸗ blendung nicht, wie ein ſo eigenmächtiges Sein ihr Leben unſicher macht und es ſeiner ſchönſten Kräf⸗ tigung beraubt, da ihre Vernunft ſich nur zur Er⸗ kenntniß des Unrechten zu erheben vermag und ihr Dienſt daher immer nur ein negativer Tugenddienſt iſt. Wie reich iſt dagegen die Liebe und welch ein Friede erbluͤht ihrer ſtillen Zuverſicht des Himmli⸗ ſchen und Ewigen! Den 5. Februar. Das Einzige, was mich fuͤr all den Zwang, den mir mein hieſiges Leben auflegt, entſchadigt, iſt — 56 — der Umgang mit dem Referendarius Biel, der ge⸗ wiſſermaßen als Secretair des Oheims in unſerm Hauſe lebt. Er iſt geiſtreich und gebildet, und bei ſeinen Kenntniſſen und ſeiner Beleſenheit bieten ihm Vorwelt und Mitwelt, Kunſt und Natur, Herz und Geiſt in ſchoͤner Mannigfaltigkeit reichen Stoff zur Unterhaltung, den er immer angenehm und im ſtillern Geſpraͤch mit mir auch gemuͤthvoll zu benu⸗ ken weiß. Der Ernſt ſeines Betragens macht mich ihm gegenuͤber offner und mittheilender, als ich es mir ſonſt vergoͤnnen darf zu ſein, und er iſt, in der großen Menge unſter Bekannten, der Einzige, mit dem ich nicht blos plaudre und ſcherze, ſondern an deſſen Unterhaltung ich mich mit Geiſt und Sinn erfreue, gewiß, von ihm immer verſtanden und auch bei einer, von der ſeinigen verſchiedenen Anſicht, doch richtig gewuͤrdigt zu werden. Unſer Umgang wuͤrde mir aber noch angeneh⸗ mer ſein, wenn mich nicht ein bei den jungen Leuten, wie ich glaube, zum guten Ton gehoͤrender Anſtrich von Galanterie in Biel's Betragen ſtoͤrte und mich zuweilen eine dunkle Furcht aͤngſtigte, daß 8 wie ſoll ich es mir geſtehen, ohne mir eitel — 37 — zu erſcheinen? — daß dieſe Galanterie eine fuͤr Biel's Ruhe zu ernſte Bedeutung gewinnen moge. Ein Vorfall des geſtrigen Tages hat dieſe Furcht erneuert. Ich verlor beim Spatzierengehen meinen Schleier; als ich mich darnach umſah, traf mein Blick auf Biel, der ihn aufgehoben hatte und, ſich unbemerkt glaubend, ihn innig an ſeine Lippen druͤckte. Zum Ungluͤck ſah er meinen Blick, und das Erröthen, mit dem er ihn mir uͤberreichte, die Verlegenheit, mit der ich ihn, ohne ihm Dank zu ſagen, empfing, machte mir dieſen Augenblick recht peinlich. Er war aber gleich nachher wieder ſo ruhig, ſo unbefangen in der fremden Ehrerbietung, die mein Stand und meine Verhaͤltniſſe von ihm fordern, daß es wohl Thorheit von mir wäre, je⸗ nem Augenblicke eine ernſtere Bedeutung zu geben, als er in ſeiner eignen Anſicht hat. Den 18. Maͤrz. Gewiß, ich darf es mir nicht laͤnger verhehlen, daß Biel's Betragen von Tage zu Tage mehr die Farbe einer waͤrmern und innigern Empfindung an⸗ nimmt, und doch erſcheine ich mir wieder, wenn ich rund um mich her ſehe, wie leicht Beziehun⸗ gen dieſer Art genommen werden und wie ſie auch, in der Regel ohne ernſtere Bedeutung, den Maͤn⸗ nern nur zur Zeitkuͤrzung und zur verſchonernden Belebung des geſelligen Lebens dienen, einfältig und unerfahren, wenn ich für Biel's Ruhe Gefahr fuͤrchte. 5 00 Es iſt ja gerade, als wenn ich von einem Schmetterling glaubte, er wolle ſich mit Adlerkraft zur Sonne erheben. Fuͤhlte Biel die Moglichkeit, mich lieben zu koͤnnen, ſo muͤßte er mich ja, wenn er edelmuͤthig, oder auch nur verſtändig wäre, ängſt⸗ lich fliehen, da er ſo gut wie ich um die Un⸗ gleichheit unſers Standes weiß, die uns bei der Sinnesweiſe meiner Familie entſchieden trennt. Die Gefliſenheit, mit der er ſich mir naͤhert und mei⸗ nen Umgang ſucht, iſt alſo ein uͤberzeugender Be⸗ weis, daß er die Gefahrloſigkeit dieſes Verhältniſſes fuͤhlt und ſein Betragen nichts iſt als ein Spiel leichter Galanterie. Wenn ich uͤberhaupt das Leben, wie es ſich mir hier darſtellt, mit meinen fruͤheren Anſichten deſſelben vergleiche, ſo ſind es zwei ganz verſchie⸗ dene Welten, in die ich blicke, und nirgends finde ich den Unterſchied beider großer, als in meinen bisherigen Anſichten von Liebe und den zarten Be⸗ ziehungen zwiſchen beiden Geſchlechtern, die ich mir in meiner Einſamkeit und meiner Abgeſchiedenheit von Männerumgang gebildet hatte. Von dem, was ſie hier Courmachen nennen, habe ich nie einen Be⸗ griff gehabt, und begreife auch noch nicht, wie es einem weiblichen Herzen moͤglich iſt, ſich zum Ge⸗ genſtande einer ſo nichtigen Huldigung herzugeben und Gefallen daran zu finden. Der heilige Ernſt, die unuͤberwindliche Tacg. die ſtumme Seligkeit, die feſte Ausdauer, von der ich wohl eher geträumt habe, ſie ſind nicht von dieſer Welt! — Doch gibt es eine Heimath fuͤr ſie, wenn nicht hienieden, ſo jenſeits. Dieſem Glauben ſoll nichts mich untreu machen; auch das nicht, wenn ich ſehe, wie ſelbſt die Beſſern dieſer herzloſen, eitlen Taͤndelei Gewalt uͤber ſich und ihr Leben einraͤumen. Den 30. Maͤrz. Es wurde geſtern Abend viel von einem unga⸗ riſchen Rittmeiſter geſprochen, der vor einigen Ta⸗ gen ſeine wunderſchoͤne, von ihm leidenſchaftlich ge⸗ liebte Frau ermordet hat. Ich ſaß am Clavier; Biel, der eben ein Duett mit mir geſungen hatte, ſtand noch hinter mir, den Arm auf meinen gelehnt. „Wie wenig,“ ſagte er, zu mir ſich — „begreifen doch dieſe bis zur Plattheit glatten Men⸗ ſchen die Energie der Leidenſchaft, die dies tngiſch Ereigniß erzeugte.“ „Sollte nicht auch wahre Bildung ein furcht⸗ bares Aufflammen ſtrafbarer Menſchaft zu verhin⸗ dern vermoͤgen?“ fragte ich. „Nein, denn ſobald ſie dieſe Kraft des Her⸗ zens unterdruͤckt, kann uns keine Große mehr er⸗ ſcheinen.“ Aus ſeinem Ton klang eine ſo tiefe, ſo unru⸗ hig bewegte Empfindung, daß ich mit einigen un⸗ bedeutenden Worten das Geſpräch abzubrechen ſtrebte und aufſtand; aber, indem ich mich erhob, fliſterte er mir zu: „kann mich denn die Hoffnung trugen, — — von Ihnen eine Leidenſchaft begriffen zu ſehen, die mir Wohlthat und Seligkeit iſt, ob ſie gleich ſtumm und unerrathen das Herz verzehrt, daß ſich ihr willig zum Opfer weiht?“ Vergeblich ſuchte ich nach einer Antwort, die in ihrer Unbedeutenheit die ernſtere Beziehung die⸗ ſer Worte von uns entfernte. Wie von einem Blitz getroffen durchzuckte mich ein Gefuhl, deſſen Bebung in räthſelhafter Miſchung von Schmerz und Gluͤck ich nicht darzuſtellen vermag. Er ſah meine Verlegenheit und, in ihr vielleicht erſt die Unziemlichkeit jener Aeußerung erkennend, wandte er ſich raſch ab und vermied es, den übrigen Theil des Abends ſich mir wieder zu nähern. Eine Träumerei, aus der ich mich nicht zu reißen vermochte, bemaͤchtigte ſich meiner, und mir ward erſt wieder leichter, als ich mich am Abende einſam auf meinem Zimmer befragen konnte, wie ich Biel's Aeußerung zu deuten habe. Ich glaube es nicht, daß er mich liebt; aber ſein Herz weiß nicht um die ihn drohende Gefahr, und welche hei⸗ lig ernſte und ſtrenge Pflicht muß es mir ſein, den Frieden eines achtungswerthen Mannes zu ſchonen — 142 — und ihn zur Aufmerkſamkeit auf ſich und unſer Ver⸗ haͤltniß zu erwecken. Den 10. April. In ſchoͤner Heiterkeit und neu begruͤndeter Zu⸗ verſicht zu mir und dem Freunde, bin ich heute ſehr gluͤckich. Biel's Betragen hatte mich in der letzten Zeit ſehr geaͤngſtigt, da ich Liebe darin zu entdecken glaubte. Ich achtete ihn, er war mir werth, und traurend fuͤhlte ich, was ich mit ihm hingab; allein ich glaubte ſeiner Ruhe das Opfer ſchuldig zu ſein, mich von ihm zuruckzuzichen. So leiſe ich aber auch dies Abwenden von ihm zu be⸗ werkſtelligen ſuchte, ſo verſtimmte es ihn doch in ſo truͤben Unmuth, daß ich, von Tage zu Tage unſichrer in mir und irrer an ihm, mir keine Ret⸗ tung wußte, als ihn ganz zu meiden. Er forderte mir daruͤber eine Erklärung ab; der tiefe Schmerz, mit dem er mich fragte, was ihn in meinen Augen ſo entwuͤrdigt habe, daß es mich bewege, ihn mit ſo todtender Kälte, ſo ent⸗ ſchiedener Nichtachtung zu behandeln, raubte mir die Beſonnenheit, ihm ruhig und in ernſter Entſchieden⸗ — 43 — heit zu antworten. Unſer Geſpraͤch ward unterbro⸗ chen, und fuͤhlend, es duͤrfe ſich nicht wieder ſo anknuͤpfen, und mein Errothen vor ſeinen Blicken, mein Beben vor ſeiner Heftigkeit, werde mir, ihm gegenuber, in furchtſamer Scheu ſtets den Muth zum Reden rauben, beſchloß ich, ihm zu ſchreiben. Ernſt und freundlich ſchrieb ich ihm, daß ich, wie er ja auch wiſſe, ihm nur Achtung und Freund⸗ ſchaft zu bieten habe, und daß er, bei einiger Be⸗ ſonnenheit und vernuͤnftigem Nachdenken gewiß ein⸗ ſehe, wie ihm nur in den Grenzen dieſer Empfin⸗ dungen und entſchieden nie in einer andern Bezie⸗ hung, Gluͤck von mir kommen koͤnne. Sein Be⸗ tragen habe aber in mir die Furcht erweckt, daß er ſich auf eine dem Frieden ſeines Herzens gefährliche Art zu mir hingezogen fuͤhle; ſei dies der Fall, ſo beſchwoͤre ich ihn, den Schmerz eines ſolchen Be⸗ wußtſeins nicht auf mein Herz zu legen und lieber meinen Umgang und meine Nähe ganz zu meiden, wozu ſich ja wohl ein ſchicklicher Vorwand finden laſſen werde. Ich ſah ihn hierauf in zwei Tagen nicht. Am dritten ließ er ſich bei mir melden, und da ich ſeinen Beſuch annahm, ſah ich ihn in ſehr ſchoͤner — 4 — ernſter Haltung bei mir eintreten. Er vetſicherte mir, nach ſtrenger Pruͤfung gefunden zu haben, daß er meinen Umgang keiner Ruͤckſicht auf irgend eine Gefahr, die ihm daraus erwachſen könne, auf⸗ opfern duͤrfe. In ſeinen frühern Jugendjahren habe er manche, dem Adel und der Würde des weiblichen Geſchlechts hoͤchſt nachtheilige Erfahrungen gemacht, und dieſe hätten auf ſeine Anſichten und Grundſätze ſchadlich gewirkt. Nur erſt in dem Umgange mit mir ſei ihm ein reinerer, edlerer Sinn aufgegangen, den er als das höchſte Kleinod ſeines Gemuͤths, als den edelſten Gewinn ſeines innern Lebens zu achten ſich verbunden fuͤhle; auch ich ſolle theilnehmend und freundlich auf das blicken, was er durch mich geworden ſei und gewiß noch zu werden hoffe, wenn ich ihm als ein zweites reineres Gewiſſen, als der ſichtbare Schutzgeiſt ſeines Lebens nahe bleibe. Wohl fuͤhle er, daß er ſich keine Hoffnung ver⸗ gönnen duͤrfe, da ihm, wie er wiſſe, jeder An pruch verſagt ſei; aber dieſe Gewißheit, verbunden mit einer ſchon fruher erprobten und, wie er hoffe, täg⸗ lich ſich feſter gruͤndenden Herrſchaft uber ſich ſelbſt, ſichte ihm die Macht, ſeine Empfindungen nie zur Leidenſchaft werden zu laſſen. Auch wiſſe er ſchon aus eigner Erfahrung um die Verganglichkeit der Liebe als Leidenſchaft; dadurch ſei ſeine Ruhe beſchuͤtzt und noch mehr durch die Achtung fuͤr mich, von der er fuͤhle, daß ſie unvergaͤnglich in ſeiner Seele lebe. Seit dieſem Tage hat unſer Umgang eine Ruhe, eine friedliche Klarheit und eine trauliche Sicherheit ge⸗ wonnen, die ich als mein ſchoͤnſtes Gluͤck achte und die fur uns Beide gleich wohlthaͤtig iſt. Ich fuhle, daß er durch unſre Freundſchaft beſſer, ſanfter, gluͤck⸗ licher wird, und mein Daſein erſcheint mir durch dieſen Einfluß auf ihn neu geadelt. Wie ſich mein kuͤnftiges Leben auch geſtalte, wenn ich nur nicht umſonſt gelebt habe, wenn ich nur in irgend eines Menſchen Seele Gutes bewirkt, Gutes befoͤrdert habe. Hoͤheres habe ich ja nie ge⸗ wuͤnſcht und gewollt, und wie danke ich Gott, daß er mich wuͤrdigt, auf das Leben eines ſo theuren, geachteten Mannes begluckend einwirken zu konnen. Die Welt liegt ſeitdem wie verklaͤrt vor meinen Blicken und der Himmel mit ſeiner ſuͤßeſten Befrie⸗ digung iſt in meinem Herzen. Den 20. Mai. Wie ernſt Biel auch ſtrebt, ſeine Gefuhle fuͤr mich im Gleichgewicht einer ſtillen, freundlichen Nei⸗ gung zu erhalten, ſo fühle ich es doch, daß er mich heißer, jugenblicher, flammender liebt, als er ſelbſt es vielleicht ahnet. Seine unbegrenzte Anhänglich⸗ keit, ſein williges Entſagen, ſeine ſtille Dreue ohne alle Anſpruͤche ruͤhren mich innig und wenden ihm in treuer Neigung mehr und mehr mein Gemuͤth zu. Sich ſo rein, ſo wahr geliebt zu wiſſen, iſt eine Seligkeit, die wohl nur von der uͤbertroffen werden koͤnnte, ſolche Liebe durch eben ſo innige Ge⸗ genliebe lohnen zu duͤrfen. Ach! ſchon einmal blutete mein Herz aus allen ſeinen Adern und ward es erſt zu ſpaͤt inne, wie feſt es in jugendlicher Unerfahrenheit und fremder Sorgloſigkeit verſtrickt worden war. Lange blieb ich damals ohne Troſt; doch Gott ſtärkte mich, ich ward ruhig und bewahrte ſtill und rein das Anden⸗ ken einer Erſcheinung, mit der ich ja nie durch irdi⸗ ſchen Wunſch und eitle Sehnſucht verbunden gewe⸗ ſen war. Doch warf mir die Ueberzeugung, mein Leben werde hienieden nie zur Offenbarung der Liebe und des Glückes werden, einen leichten Flor uͤber daſſelbe, da ich wohl fühlte, wie mit der Fähigkeit, mir das irdiſche Leben in der Liebe zu einem Manne innigſt anzueignen, manche Bluͤthe meines ſchönſten Seins unentfaltet blieb. Ich war wie geſchieden von der Erde und ver⸗ waiſet auf ihr; aber ich erſtarkte in der Ueberzeu⸗ gung, daß der Zweck unſers Daſeins an kein zufal⸗ liges irdiſches Gluͤck geknuͤpft ſein koͤnne, ſondern in der Entwickelung unſerer moraliſchen Kraft liegen muͤſſe, und daß dieſe durch Schmerz und Kampf ſich oft am reichſten entwickele. Daher iſt ja fuͤr die geiſtige Welt hienieden ſo Vieles auf Entbehrung und Verläͤugnung gegruͤndet; darum erzieht uns der himmliſche Vater öfter durch verfehlte als durch er⸗ fullte Wuͤnſche. Ja, ich darf es ſagen, ich hatte bei meinem einſamen Herzen Freudiskeit vor Gott und in ihm; aber ich fuͤhle auch, daß es Gabe von oben iſt, und reine, erlaubte Lebensfreude, wenn jetzt, im Be⸗ ſit des Freundes, die Welt und das Leben vor mir ſo friſch, ſo hell und ſo freudig aufgruͤnen. Ich fühle es, daß zur harmoniſchen Ansbildung meines Weſens und zum Verſtaͤndniß der göttlichen Liebe — — ein Verhältniß erforderlich war, das mich in der reinſten Befriedigung durch ſich und in ſich vollendet. Alles Schoͤne, wonach ich fruͤher in dunkler Ahnung ſtrebte, wird mir jetzt in dem Herzen des edlen Freundes lebendig, deſſen Liebe, Wahrheit und Treue mich mit dem Leben ſo ſchön befreundet. Ach, waͤre es mir vergoͤnnt, dieſes Herz in der Willig⸗ keit ſeines Entſagens würdig belohnen zu können! . Moͤge mir nur wenigſtens die Macht bleiben, das Gluͤck dieſer Freundſchaft fromm und ungetrubt zu bewahren, und den Freund, wie bisher, mit jeder Entbehrung zu verſöhnen, die uns die Nothwendig⸗ keit zum Geſetz macht. Den 24. Juni. Schoͤne Tage liegen hinter mir und tief im Herzen trage ich ihr Bild und ihre unvergeßlichen, herrlichen Erinnerungen! Wir waren vierzehn Tage auf dem Gute des Onkels, die Tante, Biel und ich. Vergeblich wuͤrde ich es verſuchen, dem himmliſchen Gluck dieſer Stun⸗ den Worte zu geben; gewiß aber hat die Liebe nie das Ewige und Vergängliche zu ſchoͤnerm Einklang verbunden. Beſiegt von Biel's unendlicher Liebe, von ſeinem Edelmuth, ſeinem ſich jeden Wunſch verſagenden Schweigen, und von dem Gefuͤhl, den Liebenden mit dem leiſen Hauch eines Wortes be⸗ glůcken zu können, ſank ich in einer unvergeßlich ſchoͤnen Lebensſtunde an ſein Herz und geſtand ihm, er ſei geliebt. — Wie reich belohnend und vergeltend war dieſem Manne gegenuͤber dies Geſtändniß! Mit welchem Zartſinn gelobte er, die Nothwendigkeit, die uns trennt, ſtets zu ehren und in der Liebe ſelbſt Erſat fur jedes verſagte Zeichen der Liebe zu finden. Wie unausſprechlich liebe ich dieſen Mann! Wie ahnete ich fruͤher ſogar nicht die Gewalt und Herrlichkeit der Liebe! Wie viel inniger liebe ich Gott, ſeit er mir in dieſer Liebe offenbar geworden iſt! — Den 30. Juni. Mein Onkel verreiſete auf einige Wochen, und fand es nothwendig, mir noch vorher einige Winke uber Biel'n zu geben, deſſen Umgang mich, wie er äußerte, der Mißdeutung des Publicums ausſetzen koͤnne. In dem erſten Augenblick, wo ich dieſe Tarnow's Schriften v 3 6 — Warnung erhielt, war ich eben ſo ſchmerzlich als unangenehm betroffen, und die achtungsvolle Sorg⸗ oſigkeit, das unbedingte Vertrauen, welches mein Onkel mir zeigte, peinigte mich auf die demuͤthi⸗ gendſte Weiſe, weil ich von der Wahrheit abgewichen war, die ſonſt von jeher alle meine Schritte leitete, und ach, wie weh, wie peinlich weh, that mir dies Bewußtſein! Und dann, wenn mein Verhältniß zu ihm wirklich verkannt und ich dadurch aufgefor⸗ dert wuͤrde, ihn der Meinung und dem fremden Urtheil aufzuopfern: wuͤrde ich die Kraft haben, dies zu wollen? wuͤrde ich es duͤrfen, da mein Gewiſſen und mein Herz ruhig ſind, und Gott von dem er⸗ ſten Tage an der Vertraute meiner Liebe war? — gewiß nicht, und Biel iſt mir viel zu theuer, um der Billigung der Menge den Beruf zu opfern, den mir dieſe Liebe gibt, ſein Leben zu verſchoͤnern. Ich kann ihn nicht heirathen, da mein Vater nie in unſere Verbindung willigen wurde, und Gott hat befohlen, daß ich meinen Eltern gehorchen ſoll, was ich auch ohne jenes Gebot ſchon aus Liebe und Dankbarkeit thun wuͤrde; die Nothwendigkeit dieſer Trennung ehre ich; aber ihn nun um einer weltlichen Ruͤckſicht willen betruͤben; den Mann, den — S51 — ich vor Gott liebe, vor der Welt und um der Welt willen verlaͤugnen, nein, das thue ich nicht, das hat Gott nicht befohlen. Ich ſagte auch dem Onkel und der Tante offen und unverholen, daß ich Biel ſchaͤtze und ſeinen Umgang als meine edelſte Freude liebe. Von ihm zuruͤckziehen könne ich mich nicht, ohne ihm wehe zu thun; ich bitte ſie aber, mir zu vertrauen, und gewiß werde ſich mein Betragen die⸗ ſes Vertrauens werth zeigen, und dies um ſo mehr, da er ſo gut wie ich wiſſe, daß er als Buͤrger⸗ licher ſich entſchieden nie einen Anſpruch auf meine Hand erlauben duͤrfe. Beide waren in allen ihren Aeußerungen ſo gut, ſo liebevoll und guͤtig gegen mich, daß es mich ruͤhrte. Wie koͤnnte ich ſo liebe Verwandten je betruͤben wol⸗ len! Ich mußte dem Onkel in Allem, was er mir ſagte, vollig Recht geben und ſah auch die Nuͤtzlich⸗ keit der von ihm empfangenen Warnung ein, da ich die Meinung der Welt, ſo wenig ich auch ge⸗ willigt bin, ihr in einem ſo wichtigen Falle die Stimme meines Herzens und meines Gewiſſens un⸗ terthan zu machen, doch um keinen Preis heraus⸗ fordern oder ihr trotzen moͤchte. 3* Den 20. Auguſt. Welche bange Tage, welche ſchlafloſe Nächte liegen hinter mir! — Der Koͤnig hat meinen Onkel zum Miniſter ernannt und wir verlaſſen in einigen Wochen G. Dieſe ſo ploͤtzlich und unerwartet aus⸗ geſprochene Trennung zerſtoͤrte das Gleichgewicht in Biels Empfindungen und den bisherigen Frieden unſeres Verhaͤltniſſes ſo ſchmerzlich, daß ich, von ſei⸗ nen Klagen, ſeiner Verzweiflung und der aͤngſtigend furchtbaren Energie ſeiner Liebe mehrere Male bis zur Ohnmacht erſchuͤttert, mich rath⸗ und huͤlflos fuhlte. Ich wußte fruͤher um ſeine Leidenſchaft; aber ſo gewaltig, ſo alle ſeine Gedanken, Wuͤnſche, Traͤu⸗ me, ſein ganzes Leben zuſammengedraͤngt in ihrer Kraft, hatte ich ſie mir nicht gedacht. Unverhofft erhielt er die Nachricht ſeiner Befoͤrderung zum Kammerrath. Mit Herzklopfen, mit zitternder Freude brachte er ſie mir; ich wuͤnſchte ihm Gluͤck, ohne zu ahnen, welchen Wunſch ſie in ihm erzeugt hatte, und ſo ward ich wirklich ſchmerzlich betroffen, als er mich dieſen errathen ließ. Wie wird ihn die Fehlſchlagung deſſelben ſchmerzen, und doch liegt das — 16 — burgerliche Leben und die Sinnesweiſe meiner Ver⸗ wandten ſo ſcharf trennend zwiſchen uns! Ich wähnte mich ſo ſicher, dieſer Wunſch werde nie in ihm erwachen, da ich mich fruͤher gegen ihn ſo offen und entſcheidend erklärt hatte. Er ſah meine Thränen und den Schmerz meiner Furchtz aber, hatte ich das Recht, dem Manne, deſſen Liebe ich gut geheißen, mich ihrer erfteuet, ſie erwiedert hatte, die Erlaubniß zu weigern, ſich an meinen Voter zu wenden, da er mir heilig gelobte, ſich ſeinem Aus⸗ ſpruch unterwerfen zu wollen, ſobald er nur die Ge⸗ wißheit habe, daß ſeine Gewalt allein und nicht auch mein Wille ſeinen Wunſch verwerfe? Ach! ich waͤre wohl ſehr gluͤcklich; aber es wird nicht geſchehen. Zu tief iſt ſeit Jahrhunderten der Stolz auf unſer Geſchlecht in die Sinnesweiſe mei⸗ ner Familie eingewurzelt, und ſo ſicher und freude⸗ voll ich auch, wenn es ſein durfte, Biel meine Hand gäbe, ſo kann ich doch dieſe uns trennende Anſicht meiner Familie nicht mit ihm ein leeres Vorurtheil ſchelten. Mit mir verlöſcht unſer Name, und kann ich den Schmerz des Vaters, ihn in glanzloſem Dunkel verſchwinden zu ſehen, tadeln? Nein, ich liebe Biel, Gott allein weiß, wie — — innig; ich wuͤrde mich unausſprechlich gluͤcklich füh⸗ len, ſein zu ſein und der Stolz auf ſeine Liebe und ſeinen Werth mir den Stolz des adeligen Selbſtge⸗ fuhls freudig erſetzenz aber achten muß ich auch die entgegengeſetzte Anſicht meines Vaters. Wenn Biel nur nicht leidet; wenn er ſich nur, wie bisher, an dem Beſitz meines Herzens und der Gewißheit mei⸗ ner Liebe und Treue genuͤgen laſſen will, ſo werde ich fuͤr dies kleine Leben immer, vielleicht — zu ſein. Den 1. September. In ſechs Wochen koͤnnen wir von meinem Va⸗ ter Antwort haben; ich weiß es im Voraus, wie ſie lauten wird, ich habe keine Hoffnung, und daher ſehe ich es mit ſo tiefem, herzzerreißendem Kummer, wie Biel ſich, trotz meiner Vorſtellungen, täglich mehr in den Wunſch und den Traum eines Gluͤckes vertieft, das mir doch gewiß nicht beſtimmt iſt, ihm gewähren zu durfen. Und doch binden ſeine Hoff⸗ nungen und Träume auch mein Herz mit noch un⸗ zerreißbarern Banden und mit den heiligſten Ahnun⸗ gen, den froͤmmſten Vorgefuͤhlen namenloſen Gluͤckes an ihn. Vergeblich kaͤmpfe ich gegen dieſen Zauber; täglich verſtrickt er mich in ſußer Bethörung feſter. Mit jeder Stunde unſers jetzigen Beieinander⸗ ſeins werden unſere Herzen beſeligender Eins, alle ſtoͤrenden Verhaͤltniſſe entweichen ſanft verhuͤllt un⸗ ſerem Blick, der trunken auf der roſigen Ferne weilt. Ich habe angefangen, ſehr einſam zu leben, da es mir unmoͤglich fiel, das herzloſe Spiel eines nicht von dieſer Liebe beſeelten, geſelligen Lebens länger mitzuſpielen. Nur in den Stunden, in denen ich ihn ſehe, oder mich abweſend mit ihm beſchäftige, lebe ich wirklich; alles Andere iſt mir zum Traum geworden. Und all dies reine, hohe Gluͤck verſchwindet vielleicht nach wenig Wochen! — Vater der Liebe, nur von dir kann mir die Kraft kommen, dies zu ertragen; nur von dir kann ich fuͤr ihn Kraft er⸗ flehen. Schutze uns vor dem Schmerz einer Geiſt und Seele laͤhmenden Sehnſucht nach dem Unerreich⸗ baren! Laß uns die Zuverſicht nicht verlieren, mit der wir im heiligen Glauben an Treue unzertrenn⸗ lich Eins ſind, wie auch die Pflicht uͤber das äußere Leben gebiete. Den 4. November. Der Schlag iſt gefallen, furchtbarer und zer⸗ ſchmetternder, als ihn meine bethoͤrte Seele je zu ahnen vermochte. Mein Vater iſt todt; er fiel, ſei⸗ nen Braven ein herrlich leuchtendes Vorbild, auf dem Wege zum glorreichſten Siege in der Schlacht bei V. Sein letztes Geſchäft am Vorabende des entſcheidenden Tages war ein Brief an mich, in dem er mir nicht nur ſeine Einwilligung zur Verbindung mit Biel verſagt, ſondern auch, im Fall ich mich nach ſeinem Tode durch dieſe Verweigerung nicht mehr gebunden achten ſollte, ſeinen Fluch auf ſie legt. O mein Vater! ſo wenig kannteſt Du das Herz Deiner Tochter! Ein ſo grauſames, ſo herzdurch⸗ bohrendes Mittel konnteſt Du erforderlich glauben, mir Deinen Willen, ach, den letzten Willen, heilig zu machen! Und das einer Tochter, der ſtets jeder Deiner Blicke, jedes Deiner Worte Geſetz war! Ich beuge in Demuth und Ergebung mein Haupt; aber ich weiß jetzt, was es heißt, zerſchlage⸗ nen Herzens ſein! Eine Zuflucht, ein Troſt iſt mir bereitet. Un⸗ ſer Stift iſt hergeſtellt; meine Aebtiſſin hat mich — — einberufen, und wie willig folge ich der wohlthaͤ⸗ tigen Ladung. Wie ſehr bedarf mein armes Herz ſtiler Einſamkeit und einſamer Thranen und ein⸗ ſamen Schmerzes! ic t Den 20. December. Die Abgeſchiedenheit meiner jetzigen Lage thut mir ſehr wohl. Weit zerſtreuet, wie wir es waren, ſind, außer mir, nur drei Fräulein wieder hier, die Andern werden erſt mit dem Fruͤhlinge zuruckkehren ⸗ Ich bin mit dem Ordnen und Wiedereinrichten aller unſerer ökonomiſchen Stiftsangelegenheiten auf Bitte der Aebtiſſin ernſt und anhaltend beſchäftigt, und daß dies Wohlthat fuͤr mich iſt, beweiſet mir die tiefe Wehmuth, in die mich jeder unbewachte Augen⸗ blick verſetzt. Bin ich nur einige Minuten mir ſelbſt überlaſſen, ſo vergieße ich unwillkuͤrlich Thränen und vin wieder bei einer der lebenzerſchneidenden Erinne⸗ rungen der Vergangenheit. Oft, oft ringe ich im ſtillen Gebet die Haͤnde und flehe zu Gott um Faſſung und Kraft. Ich fühle es, ich bin vom Leben los. Ich brauchte nur zu wollen, mich nur widerſtandlos der Gewalt die⸗ — 6 — ſes Schmerzes hinzugeben, und ich wuͤrde an ihr ſterben. Aber dann hält es mich auch wieder ſo gewaltig, das Leben, und ich weiß, es iſt die Macht von Biel's Liebe, die mich haͤlt. Solche Erfahrun⸗ gen des innerſten, geheimnißvollen Lebens laſſen ſich nicht beſchreiben. Zuweilen moͤchte ich ihn bitten, mich zu laſſen; aber dann iſt mir auch wieder, als wenn mein Le⸗ ben umkehrt und zu ihm ſagt: ich bleibe gern auf einer Erde, die Du noch bewohnſt. Sein Bild fuͤllt mehr denn je meine Seele; mein ganzes Leben iſt nur ein langer Gebanke an ihn, und den Schmerz, mit dem er ſich von mir trennte und mit dem er mich durch das Verſprechen unſeres Briefwechſels und das Geluͤbde der Fortdauer unſerer Freundſchaft dem Leben erhielt, da ich wohl fuͤhle, daß ich, ohne eigenes Daſein, nur noch in ihm bin und zu leben vermag. Morgens beim Erwachen, Abends beim Einſchlafen, in jedem Augenblick denke ich an ihn, ſehe ich ihn und fuͤhle ſeine Geiſternähe. Freundlich blickt mein Vater von oben herab; er weiß jetzt, daß mein Herz nie den Gehorſam, nie die fromme Ehrfurcht gegen ſeinen Willen verletzte; aber er weiß jetzt auch, daß dies Herz ſich nicht von — 59 — Wilhelm loszureißen vermag/ daß es ſein iſt und ſein bleiben muß, ſo lange es ſchläͤgt. Mein Leben gehoͤrte meinem Vater, und er hatte das Recht, daruͤber zu entſcheiden; mein Herz gab mir Gott und nur ſeinen Geſetzen iſt es unterworfen. Ich habe ja keine irdiſche Hoffnung mehr, auch die leiſeſte waͤre Frevel und Suͤnde; aber lieben darf ich ihn, denn die Liebe kommt von Gott und iſt heilig wie die Ewigkeit. Nur meine Liebe kann ihn mit unſerer Trennung verſohnen; das weiß und fuhle ich, und o wie unendlich will ich ihn lieben, hier, wo durch keinen irdiſchen Tand zerſtreut, mein gan⸗ zes Leben ſich in Liebe zu ſammeln, Liebe zu wer⸗ den vermag. Den 24. Februar 180—. Es liegt ein eigener Segen in dieſer Ruͤckkehr der Ruhe, in dieſem Wiedererbluhen des durch Kampf gewonnenen Friedens, und wie auch meine Zukunft ſich geſtalte, aus dieſer Gegenwart kann mir nur Gutes aufgehen. Schnee und Eis decken noch alle Gefilde; aber ſeit einigen Tagen haben wir doch ſchon heitere Luft, blauen Himmel und freundliche — — . Sonne. Jeder Fruͤhlingshauch bringt mir Erqui⸗ ckung und freudige Verheißung eines erſehnten Gluͤ⸗ ckes mit. Biel kommt zu Pfingſten in dieſe Gegend; er wuͤnſcht die Freundin ſeines Herzens wieder zu ſehen, und in meiner Seele iſt nichts, das mir zur War⸗ nung vor dieſem Wiederſehen werden muͤßte. Ich bin mit meinem Geſchick in ſtillem Frieden, ja oft ſelbſt ſchon mit Freudigkeit verſohnt. Hat mir Biel mit ſeiner Liebe die Macht erhalten, die uns ver⸗ eint vor dieſem ſo ſchoͤn begluckte, ſo hoffe ich, ihm meinen Frieden, wenn er ihn noch nicht errungen hat, mitzutheilen, und welcher Fruͤhling kann ſchoͤ⸗ ner ſein, als dieſe Hoffnung? Den 14. April. Heut iſt der erſte recht warme, erquickende Fruͤhlingstag, und er hat mir ſuͤße Freude mitge⸗ bracht. Bis Mittag dichter Nebel und auch noch, als ich nach Tiſch in den Garten ging, feuchtbe⸗ woͤlkte Luft; aber nach und nach verzog ſich das Gewoͤlk; ein Sonnenſtrahl und noch einer und nun die ganze freundliche Sonne. Der Himmel ſo blau, — 61 — die Vögel ſo lebendig, die Luft warm, mich duͤnkte, ich ſaͤhe das Leben in den Pflanzen, Stauden und Baͤumen ſich regen. Und als ich nun dachte, daß Wilhelm um wenige Wochen hier bei mir ſein wird, daß ſeine Nähe, ſein Dageweſenſein mir dieſen Garten, das Holz, mein Zimmer heiligen wird, da mufßte ich vor ſtiller Freude ſuß weinen und vor Dank gegen Gott, der mein Leben ſo begluͤckt. Den 12. Mai. In einem Monat habe ich nicht an dieſen Blaͤt⸗ tern geſchrieben und kann jetzt nur von dieſen juͤngſt verlebten Wochen ſagen, daß ich ſie gluͤcklich und froh verlebt habe. Wilhelms Bild und der Gedanke unſers Wiederſehens bezeichnen jeden ihrer einzelnen Momente mit Wonne und Zuverſicht. Jeden Tag fuͤhlte ich mich heiterer, beſſer⸗ glůͤcklicherz jeden Abend dankte ich Gott und bat ihn, daß die Tage meines kunftigen Lebens an Schulbloſigkeit und ſuͤ⸗ ßem Frieden den verlebten gleichen moͤchten. Heut über acht Tage kommt Wilhelm, den ich inniger als jemals liebe und der ſich, ſeinen Briefen nach, zu unſerem Wiederſehen eben ſo unaus ſprech⸗ — — lich freuet, als ich. Und alle dieſe Freude mir, die ich vor noch nicht vollig einem Jahre dem Gluͤck abgeſtorben zu ſein wähnte und es zu fuͤhlen ver⸗ lernt hatte, daß Gott ſeine Kinder wohl durch Schmerzen pruͤft, aber ſie nicht troſtlos verzagen läßt. Wie barmherzig hat er ſich nicht in der Un⸗ endlichkeit ſeiner Liebe gegen mich und mein kleines Leben bewieſen! Aus den Dornen jener tiefſten Schmerzen, wo ich bei Menſchen umſonſt nach Rath, Huͤlfe und Troſt ſuchte, ſind mir die Bluͤthen mei⸗ nes Lebengluckes erwachſen. Im Leiden habe ich ge⸗ duldig leiden und mein Herz zu Gott zu wenden gelernt. Da ward mir Selbſterkenntniß meiner Schwaͤche; da ward mir klar, daß es nicht meine Kraft war, die mich hielt, ſondern Gottes Vater⸗ huld; da ward meine fruͤhere Anſicht von Gott zu lebendigem Glauben, zu lebendiger Liebe, und herr⸗ lich ward mir das Untergehen des eigenen Willens in dem ſeinigen gelohnt. *. vu Zett, nach ame Fuune des Widerſchns bemerke ich an Wilhelm eine Veraͤnderung, die mich — betruͤbt und von der ich mir doch keine Rechenſchaft abzulegen vermag, worin ſie beſteht. Er liebt mich von ganzer Seele, wir leben koͤſtliche Stunden mit einander, er iſt jetzt hier, in meiner Naͤhe, friedlich und gluͤcklich, das weiß, das fuͤhle ich; aber doch hat mich eine dumpfe Angſt ergriffen und mehrere ſeiner Aeußerungen beklemmen mein Herz. Sollte es moͤglich ſein, daß unſere Liebe, trotz ihrer Rein⸗ heit, in ihrer Hoffnungsloſigkeit ſeinem Herzen und ſeinem Leben Gefahr drohete? — Ich begreife dies nicht; aber die reine Klarheit ſeines Sinnes iſt ge⸗ truͤbt; ein dunkles Geheimniß ſchwebt uͤber ihm und verwehrt mir den Blick in ein Herz, das ſonſt ſo offen vor meinen Blicken da lag. Den 25. Das Schickſal iſt geloͤſet und ſeine unheilbrin⸗ gende Verworrenheit hat mich mit ergriffen. Ich zurne nicht: aber ich fuͤhle es mit unendlicher Trauer, unſere Liebe hat ihren ſchoͤnſten Glanz verlorenz ihre herrlichſte Bluͤthe iſt gewelkt, der Schleier freund⸗ licher Täuſchung zerriſſen, der mir die . des maͤnnlichen Sinnes verbarg. 0 — ℳ — Es war geſtern, am letzten Tage ſeines Hier⸗ ſeins, wo ich ihm auf einem Spatziergange meine Sorge um ihn und die Beobachtung ſeines unſtäten, zweifelnden, in Unruhe und Kampf wie zerriſſenen Gemuͤths vertraute, die mir bei dem noch bevor⸗ ſtehenden Abſchiede das Herz ſchwer machten. Er ward ſehr ernſt. „Du haſt recht geſehen, Thereſe,“ ſagte er mir geruͤhrt; „aber darf der mit Banden, deren Gewalt Du nicht ahneſt, an die Erde und das Leben gefeſſelte Mann dem zarten Weibe beich⸗ ten? darf ich dem Herzen der Geliebten eine Ent⸗ ſcheidung abfordern, wie ich ſie Deinem Bilde in Schmerz und Unmuth, im empoͤrend gewaltſamen Streit mit mir ſelbſt, in mancher ſchlafloſen Mit⸗ ternachtsſtunde freilich oft abfordere? wirſt Du den mir unauflöslichen Knoten ohne Gefaͤhrdung Deines eigenen Friedens zu löſen vermögen?“ — Ohne Ahnung deſſen, was ich hoͤren wuͤrde, beſchwor ich ihn zu reden. „Ich liebe Dich, The⸗ reſe,“ fuhr er fort, „mein Herz gehoͤrt Dir unge⸗ theilt, und nie werde ich vor Deinem Blick in daſ⸗ ſelbe, nie vor einem ſeiner Gefuͤhle, nie vor einer ſeiner Regungen erroͤthen duͤrfen. Lebte ich in Dei⸗ ner Naͤhe, ſo wuͤrde der himmliſche Friede Deines — ———— Weſens den rohen, viel begehrenden Mann läutern; doch jetzt, von Dir getrennt, jeder Hoffnung Dei⸗ nes Beſitzes beraubt, fuͤhlend, daß mein Herz in unvergaͤnglicher Treue Dein iſt, empoͤrt mich die Ge⸗ walt, mit der Jugend und heißes Blut, Lebens⸗ luſt und Lebensgenuß mich gegen die Entbehrungen aufwiegeln, die in dieſer Fuͤlle des Lebens und der Liebe mein Loos ſind, und deren Unnatur meine Vernunft anerkennt.“ „Thereſe,“ fuhr er ſtockend fort, ſein Geſicht auf meine Haͤnde beugend, „wuͤrdeſt Du es ver⸗ zeihen, wuͤrdeſt Du es Dir erklaͤren koͤnnen, wenn ich in ein Verhaͤltniß träte, das, weit entfernt, Deine Rechte auf mein Herz zu beeinträchtigen, Dir viel⸗ mehr jedes Gefuhl deſſelben in unverletzter Reinheit ſicherte?“ — Ueberraſcht und in einer hoͤchſt ſchmerz⸗ lichen Empfindung, wie erſtarrend, blieb ich ſtumm. — „Thereſe?“ fragte er mit gewaltiger Leidenſchaft, „wirſt Du mich um dieſer Frage, um meines un⸗ bedingten Vertrauens willen verſtoßen?“ — „Nein,“ antwortete ich, ihm ſanft die Hand reichend; „aber ich brauche Zeit, Deine Frage zu beantworten, da ſie mir eben ſo unerwartet, als ſchmerzlich iſt.“ Unſer Geſpräch blieb einſylbig und am Abend hatte der Schmerz unſerer Trennung fur mich eine ſonſt nicht gekannte Herbe, die auch noch in meinem Herzen iſt. Mich duͤnkt, ich koͤnne Biel, wenn je⸗ ner Fall einträte, nicht mehr lieben, und mein Herz wuͤrde ſich unbeſchreiblich gekraͤnkt fuͤhlen, ihn in einem nur von frevler Leichtfertigkeit geſponnenen Verhältniß befangen zu wiſſen. Ich habe freilich ge⸗ nug von der Welt geſehen, um mit dem Verſtande manche in ihr guͤltige Anſichten und Grundſaͤtze zu begreifen; aber dies auf Biel angewendet, fragt mein Herz, ob fuͤr einen feinfuͤhlenden, achtungs⸗ werthen Mann irgend ein Verhaͤltniß zu meinem Geſchlechte moͤglich iſt, das, ohne Liebe, nur von irdiſchen Anforderungen herzlos geſtaltet, nicht im Gemuͤth des Mannes Schoͤnes zerſtoͤrt? — wenn auch nur durch die nothwendig dadurch verminderte Achtung und Ehrfurcht fuͤr unſer Geſchlecht. Ich fuͤhle es, ich koͤnnte Biel'n, von mir ge⸗ trennt, und aller Hoffnung, mich ſein zu nennen, beraubt, jede, an ein anderes edles Weib ſich bin⸗ bende, neu erwachende Sehnſucht ſeines Herzens, aber nie, nie eine ſolche Entwuͤrdigung unſerer Liebe verzeihen. Wenn aber unſere Liebe und die Fortdauer un⸗ —— —— — — ſers jetzigen Verhältniſſes fur die Würde ſeiner Sitt⸗ lichkeit ſo gefahrdrohend wird, muß ich ihn dann nicht laſſen? — und duͤrfte ich in irgend einem Falle von ihm das Opfer annehmen, unverheirathet zu bleiben? Mein Daſein iſt in dieſer Liebe beſchloſſen; nicht ſo das ſeinige, und wie durfte ich da ſtörend zwiſchen ihn und häusliches Gluͤck treten? — ſoll der vierundzwanzigjaͤhrige, bluͤhende Mann mir Gat⸗ ten⸗ und Vaterfreude opfern? darf ich mir eine ſolche Verſtuͤmmelung ſeines Lebens und ſeines Gluͤ⸗ ckes vergönnen? — und nun dazu jetzt, wo er mir ſelbſt den Weg angedeutet hat, auf den es zu fuͤhren vermoͤchte! Den 4. Juni. Mehr und mehr erkenne ich die Pflicht, mich von Wilhelm zu trennen. Ich habe ihm daruͤber viel geſchrieben. Eine auch nur mittelmaͤßige Frau kann ihm ſchon unendlich mehr werden, als ich, trotz meiner heißen Liebe in ſolcher Trennung und Ent⸗ fernung. Ich kann nie ſeine Gattin werden. Dies iſt ja ſo unwiderruflich entſchieden, daß ſelbſt der Wunſch zur Unmoͤglichkeit geworden iſt, und ſo ziemt es mir, das Band unſerer Herzen zu loͤſen. Sein Gluͤck muß mir theurer ſein, denn jede andere Ruͤckſicht. Heirathen muß er, und wird er ſich dazu ent⸗ ſchließen, ſo lange er mich liebt, ſo lange ihn mein Bild, geſchmuͤckt vom Zauber ſeiner Liebe, ein Ideal in's Herz druͤckt, das ihn gegen andern Mädchenreiz und Mädchenwerth verblendet? Nie wird er eine Andere lieben, wie er mich liebt; als der ſchoͤnſte Jugendtraum, als das Anden⸗ ken des reinſten Gluͤckes wird die Erinnerung dieſer Liebe ſtets in ſeiner Seele leben; aber die Geliebte ſelbſt wird er, wenn auch nicht vergeſſen, doch Gr⸗ ſatz fuͤr ſie finden im Beſitz einer Frau, die durch Geiſt und Herz, durch Liebe, Treue und Sorge ſein Leben verſchoͤnert. Alles, was uns trennt, wird ihn an ſie binden; er wird Gatte, Vater werden; ſeine truͤbe Einſamkeit weicht dem Zuſammenleben mit einem holden, geliebten Weſen, das ihn durch tau⸗ ſend neue Bande an das Leben bindet. O wie bald, wie bald wird dieſe Liebe fuͤr mich dann andern Ge⸗ fuhlen weichen! Und dagegen nun das truͤbe Bild ſeines ein⸗ ſamen Lebens, wenn nach einem Jahrzehend ſeine — — Liebe für mich ſich in Freundſchaft, ſei dieſe auch ſo zärtlich ſie wolle, verwandelt hat, und dieſe ihn dann nicht vor dem Gedanken zu bewahren ver⸗ moͤchte: ich waͤre jetzt gluͤcklicher, wenn ich Thereſe nie geliebt und eine Andere geheirathet hätte; das wahrſte Gluͤck des Lebens habe ich an ein Trugbild verſchleudert! — Jede Woche einen Brief, alle Jahre einen zwei⸗ bis dreitaͤgigen Beſuch; das iſt die ganze Hoffnung unſerer Liebe, und wie wenig gehoͤrt da⸗ zu, ihm das zu erſetzen? Bis jetzt kann ich die Rechnung dieſer Liebe vor Gott, vor ihm und meinem eigenen Herzen ver⸗ antworten. Reiner, menſchlicher, beſſer gebe ich ihn der Welt und einer Gluͤcklicheren zuruͤck. Ja einer Gluͤcklicheren, aber lieben wird ihn keine Andere, wie ich ihn liebe, und hätte ich den Gedanken, meine Liebe bekaͤmpfen zu wollen, ſo wuͤrde mir aller Muth zu dieſer Trennung fehlen. Mir wird er ewig theuer, ewig unvergeßlich wie un⸗ erſetzlich bleiben. Ich liebe ihn weit uͤber allen Aus⸗ druck, mit einer mir ſelbſt unbegreiflichen Staͤrke und Innigkeit; aber eben daher kann ich Alles fur ſein Gluͤck opfern. Ueber das Wie dieſer Tren⸗ nung bin ich noch nicht entſchieden; aber zu ihr ſelbſt feſt entſchloſſen. Gottheit, von dir empfing ich dies Herz. Du legteſt in das ſeine wie in das meine jene ge⸗ heimnißvolle Sympathie, die uns durch ſo viele Hinderniſſe und Vorurtheile zu einander fuͤhrte; von dir empfing ich dieſe Liebe und geſegnet bleibe ſie mir, als ein Ring der großen Kette, die in deiner Weltordnung das Irdiſche mit dem Ewigen verbin⸗ det. Du belebſt den Thautropfen; aus der Verwe⸗ ſung ſelbſt fuͤhrt die ewig bluͤhende Natur wieder neues Leben herauf, und nur mit der unedlern Le⸗ benskraft ſollte ſie ſo wuchern und Empfindungen ihr verloren gehen? Die reinſte, edelſte Liebe durch Aufloͤſung des irdiſchen Verhältniſſes zum Traum werden? Nein, in meinen ſchoͤnſten Lebensſtunden, im Sternenſchimmer, im Anſchauen hoher Tugend, im Gefuͤhl deines Daſeins, Gott und Vater der Liebe, habe ich es oft ſchon ſo tief als troͤſtend em⸗ pfunden, daß jedes wahre Gefuͤhl hienieden mehr iſt als Erſcheinung, und daß es, fuͤr dieſe Welt ver⸗ bluͤht, in irgend einer geiſtigen Lebenskraft wieder er⸗ bluͤht, und, wie alle Wahrheit, in einer höhern Welt unverlierbares Buͤrgerrecht hat. Den 20. Auguſt. Biel dringt darauf, mich zu ſehen; nur muͤnd⸗ lich, verſichert er, meine letzten Briefe beantwor⸗ ten zu können, nur muͤndlich von mir die Entſchei⸗ dung ſeines Schickſals vernehmen zu können. Mit einer wehmuͤthigen Freude habe ich ihm die Erful⸗ lung dieſes von ihm ſo oft und dringend ausgeſpro⸗ chenen Wunſches verheißen. Der Gedanke, ihn noch einmal zu ſehen, ehe er das Eigenthum einer An⸗ dern wird, macht mich ſehr gluͤcklich. Hierher darf er nicht kommen; dies wuͤrde Aufſehen erregen, und ſo werde ich ihn in A— m treffen, wohin ich ihm am Sonntag entgegen gehe. Noch zwei gluckliche Tage erwarten mich, dann, fahre wohl, hochſtes Gluͤck des Lebens, Fuͤlle meiner Erdenſeligkeit, ich bin dann dir geſchieden fuͤr immer! — Den 29. Ach, um wie Vieles ernſter und betrubender, als ich waͤhnte, hat dieſe Reiſe uͤber mein Leben entſchieden! — Gott, an welches Abgrunds Rand wandelte ich ſchlaftrunken! wie kann ich es dankbar genug erken⸗ nen, daß ich geleitet wurde, durch ein uneigennuͤtzig gebrachtes Opfer ein Band loͤſen zu wollen, das fruher oder ſpäter dem Zufall und der Schwäche die Macht gegeben haben wuͤrde, mich elend zu machen. — Nie darf Wilhelm mich, nie ich ihn wieder⸗ ſehen. Er hat mich gelehrt, ihn zu fuͤrchten. Nein, es iſt mir von allem Erdengluͤck nichts geblieben, als dieſe Liebe; rein und unentweiht will ich ſie mir bewahren, und dies Herz kehre ſchuldlos, wie ich es von Gott empfing, dereinſt in die Hände ſeines Schoͤpfers zuruͤck. Hart, ja grauſam iſt es, daß Biel ſelbſt mir den erhebenden Glauben an ſeinen Werth und die Freude der Erinnerungen dieſer Liebe ſo verbittert hat. Ich hatte zum Troſt meines ohne ihn ach! wie einſamen Lebens ſo feſt auf Beide ge⸗ rechnet. Doch Gott wird mir Kraft ſchenken; ich hoffe es. Ich ſchrieb ihm nach meiner Zuhauſekunft kurz und ernſt, daß ich unſer Verhaͤltniß nicht nur fuͤr geloſet anzuſehen mich verpflichtet fuͤhle, ſondern daß ich auch keinen Brief mehr von ihm annehmen wuͤrde, — bis mir ſeine Verlobung mit einer Andern in ihm den Freund znruͤckgäbe. Den 10. September. Wunderbar haͤlt es mich auftecht, und ich fuͤhle, daß dieſe Wendung meines Geſchicks, dieſe ſchmerz⸗ liche Erkenntniß der Vergänglichkeit alles Irdiſchen in mir vollendet, was der Ernſt fruͤherer Schickſale begonnen hatte. Hoffentlich iſt es nur Zucht, nicht Strafe, was mich trifft, und kindlich ver⸗ traue ich der Liebe, die dieſe uͤber mich verhängt. Gott, der fuͤr die Nahrung des kleinſten Wurmes ſorgt, wird meine Seele nicht verſchmachten laſſen. Sei denn mein Weg durch's Leben auch noch ſo rauh und einſam, wandle ich ihn doch unter ſei⸗ nen Augen. Mein Leben iſt ja auch nicht hoffnungslos ver⸗ armt; Sanftmuth, Geduld, Hoffnung, Wohlthätig⸗ keit, Naturgenuß, Erweiterung meiner Kenntniſſe, Gefuͤhl ſittlicher Veredlung — wie viel Gluͤck iſt mir nicht noch geblieben und wie eigenſinnig und verſtockt muͤßte ich ſein, wenn ich es zu genießen verſchmaͤhte. Ich habe kein anderes Gebet zu Gott, Tarnow's Schriften. VI. 4 * als daß er mir den Muth erhalte, mich ohne alle außere Huͤlfe aufrecht zu erhalten und meines Her⸗ zens mehr und mehr Herr zu werden. Auch laſſe ich keinen Tag vergehen, wo ich nicht durch Ver⸗ ſagung eines Wunſches, Entbehrung einer gewohnten Bequemlichkeit, Unterdruckung einer ſchmerzlichen Auf⸗ wallung u. ſ. w. mich in der nothwendigen Herr⸗ ſchaft uͤber mich ſelbſt zu befeſtigen ſuche. Den 17. September. Heut, wo ich, trotz meines Verbots, doch viel⸗ leicht noch einen Brief von Wilhelm erhalte, kann ich mich nicht zwingen; ich bin bis zum Sterben betrubt und muß immerfort weinen, ohne es mir wehren zu koͤnnen. Das Bild der vielen gluͤcklichen Stunden unſerer Liebe ſteht ſo lebendig vor mir. Doch Gott wird tragen helfen; als ich heute Mor⸗ gen die Sonne aufgehen ſah, erhob ſich meine Seele in freudiger Zuverſicht zu ihm. Ich gebe ja auch Wilhelm geduldig hin, da er es will. Wahrlich, es iſt ein williges Opfer, doch zu einem freu⸗ digen kann es nur werden, wenn Gott mir die Kraft, es als ſolches darzubringen, ſchenkt. Mein — — armes, zerriſſenes, blutendes, zum Tod betruͤbtes Herz hat ſie aus eigener Macht nicht. Den 24. September. Ich habe keinen Beief erhalten; aber ein ſtiller Ernſt, eine fromme Sammlung meiner Gedanken gewaͤhrt mir eine Ruhe, die ich mir ſo bald zu er⸗ kaͤmpfen nicht zu hoffen erlaubte, und jene Erinne⸗ rungen und Schmerzen, die mein Leben truͤbten, fangen an ſich zu mildern. Doch weiß ich, daß dies nur die erſten Schritte auf dem Wege ſind, den ich zu wandeln habe. Gott ſah die Thräne, mit der ich heut in ſanfter Ruͤhrung der Natur zuſah, wie ſie ſo ſtill und friedlich ihre Blätterzelte ab⸗ bricht, ohne Murren, daß der Winter ſie in Schnee und Eis huͤllt. Sie ſei mir Vorbild. Auch mein Fruͤhling iſt dahin, und wie konnte ich mir das Daſein von Wunden verlaͤugnen, die noch immer ſo unaufhalt⸗ ſam und ſchmerzlich bluten? — aber daß in mir Friede iſt, daß mein Schmerz ſanft, meine Klage geduldig iſt, das danke ich Gott. 6 4 Den 14. Oetober. Vorgeſtern erhielt ich von der Poſt den Titan von Jean Paul zuruͤck, den ich Wilhelm geliehen hatte. Ich glaubte ſicher, er wuͤrde ihn mir nicht ohne eine Zeile zum Lebewohl, zum letzten, langen Lebewohl zuruͤckſenden; aber es war nicht ſo. Der An⸗ blick dieſer Buͤcher bewegte mich unbeſchreiblich; „ach,“ ſagte ich mir ſelbſt, „er hat euch länger lieb ge⸗ habt als mich!“ Ich mußte weinen, und als nun auch ein kleiner Aufſatz: „uͤber den erhabenſten Ge⸗ danken des Menſchen,“ dabei war, den ich dieſen Fruͤhling einſt bei Sonnenaufgang in meiner Laube in der ſuͤßeſten Schwaͤrmerei der Andacht und der Liebe geſchrieben hatte; da ergriff mich das Andenken deſſen, was er mir Jahre lang gegolten hat, zu ſchmerzlich. Der Band, den ich in der Hand hielt, oͤffnete ſich zufällig; mein Auge traf auf folgende friſch un⸗ terzeichnete Stelle: „O haätte er ſie aus ſeinen ſin⸗ kenden Armen entlaſſen muͤſſen unter ſchone Tage, in ein langes, ewiges Paradies, und ſie hätte ihn trunken vergeſſen koͤnnen: das hätte er auch vergeſ⸗ ſen können; aber daß er ſie hingeſtoßen in ein kal⸗ — —— — —— tes Schattenreich und daß ſie ſich ſeiner erinnern muß aus Schmerz — nur des mußte er ſich immer erinnern.“ Die ganze Nacht brauchte ich, um mich zu faſſen, und als ich am Morgen die Augen auf⸗ ſchlug, waren ſie ſo roth und ſchwer, daß ich ſie vor dem Tage verhuͤllen mußte. — Gott, Gott! doch ich ſchweige. Er, der Ewige, lenkte mein Schickſal, und ich ſollte klagen? — Nein, thätig und fromm will ich bleiben, alle Men⸗ ſchen lieben, und Glaube, Liebe und Hoffnung in meinem Herzen bewahren. Meine Thranen ſieht Gott; aber er verbietet ſie nicht, ſie kommen aus einem reinen Herzen. Den 22. October. Heiter bin ich noch nicht wieder geweſen, im⸗ mer ſtill, ernſt und oft wehmuͤthig und geruͤhrt bis zu Thränen. Ich verdopple meinen Fleiß, und wird mir das Herz zu ſchwer, ſo ſchließe ich mich in mein Zimmer ein und weine meine Thränen vor dem, der ihre Quelle kennt. Ich habe ihn ſehr lieb gehabt, viel lieber als ich glaubte; aber un⸗ gluͤcklich mochte ich mich doch nicht nennen. Ich ſehe Ungluͤckliche um mich her, kann rathen, tré⸗ ſten, helfen, und ſo lange man das noch kann, iſt man wohl traurig, doch nicht ungluͤcklich. Ach, wer einmal Weh getragen hat, das aus uns ſelbſt kam und als Folge eigner Verblendung auf uns lag, dem wird nachher leicht zu tragen, was von außen kommt, und nun noch dazu hier, wo ich die Hand liebe und ſegne, die mir das Herz verwundet. Moͤge er nur glucklich werden! moͤge keine Kälte, kein Unwille gegen mich in ſeinem Her⸗ zen wohnen; moͤge er pflegen, was ich liebend in das ſeine pflanzte; mir kann er nie, nie fremd, nie gleichguͤltig, oder auch nur weniger lieb werden. Der Gedanke iſt mir undenkbar, wie Vernichtung. Den 31. October. Heute ſchon wieder einen Monat vollendet! Bald bin ich nun ein Jahr hier und in dieſem Jahr! — Wer mir vor eilf Monaten geſagt hätte, ich ſolle und konne noch mehr verarmen! Doch bin — 00 — ich nicht auch reicher geworden? Einſamkeit, Fleiß, Friede, wahrlich, ich ſchlage meine Augen dankend auf und freue mich der wunderbaren Art, mit der Gott oft in der Ferne und im Voraus den Troſt bereitet, der ein wundes Herz erquickt. So bin ich ſeit einigen Wochen im Beſitz einer Compoſi⸗ tion zu Fouqué's ſo wahr und fromm empfundenem Liede: Herr Gott, dein Wille ſoll geſchehen! und nie ſinge ich es, ohne daß mein ſchmerzbelade⸗ nes Haupt ſich freudig auftichtet und die Verhei⸗ ßung: 1 Dort ſchaut, wer hier geglaubt! mein Herz mit Friede und Troſt erfullt. Segen ſei dafuͤr dem Dichter und der ſchoͤnen Seele, die die Melodie zu dieſen ſanften, frommen Worten fand. Noch vergeht kein Tag, noch keine Stunde, wo ich ſeiner nicht gedenke; oft, wenn ich mit ganz etwas Anderem beſchäftigt bin, treten mir plotzlich Thraͤnen in's Auge und ein ſchneller Schmerz durch⸗ zuckt mich wie ein Blitz und erinnert mich woher und warum? — Aber dieſer Schmerz läßt mich ſo ruhig, ſo unverworren in meinem Innern. Noch hat er mich keine Minute verſtimmt, er macht mich im Gegentheil ſanfter, ſtiller und freundlicher. Ich fuͤhle Kraft und Muth zu allem Guten, bete mit großer Freudigkeit, liebe ihn und vertraue Gott, der uns trennte. — Den 5. November. Wider Willen werde ich von Tage zu Tage ernſter und truͤber; aber ich danke Gott, daß ich dabei freundlich und wahrlich im Frieden bleibe. Auch meine Geſtalt verfällt ſehr; ich ſehe es ſelbſt. Er freute ſich dieſen Sommer in A. ſo meines ge⸗ ſunden, bluͤhenden Ausſehens! — Ich bin beinahe gegen alles Andre gleichguͤltig; doch fortdauernd reicht meine Kraft hin, es zu verbergen, daß mir das Herz wehe thut. Keiner von Allen, die um mich ſind, ahnet nur, daß ich leide. Ich unterlaͤge vielleicht; denn wie ergreift es mich zuweilen, daß er mir ſo lohnen konnte! aber mein Glaube haͤlt mich. Schon als Nothwendigkeit muͤßte ich mein Schickſal ehren, und wie ſanft und geduldig leider es ſich jebt, wo mein Herz es ſo lebendig fuhlt, — daß durch die Welt und das Leben ein Geiſt der Liebe geht und daß Gottes Vaterhuld mir meinen Gehorſam und meine Geduld zur Gerechtigkeit an⸗ rechnen wird. Wie klein und ſchwach ſind wir vor ihm, der in die Tiefen der Gemuͤther ſchauet und das Herz pruͤfet; aber wie erhebt und beſeligt uns das Gefuͤhl der Kindſchaft in ihm! Mag es im Leben auch noch ſo rauh auf mich einſturmen, ſo weiß ich ja doch, daß Seligkeit das Ziel von Allem iſt, was mich trifft, und daß Gott es in ſeiner un⸗ begreiflichen Liebe herrlich mit ſeinem Kinde hinaus⸗ fuͤhren wird. Wie klar wird uns nicht in dieſer Anſchauung des innerſten Gemuths der Faden, an den die göttliche Fuͤhrung unſer Schickſal reihete, und wie wird unſer Glaube zu einer ſo lebendigen Wahr⸗ nehmung Gottes, wenn wir uns unausgeſetzt von ſeinem Auge bewacht, von ſeiner Liebe beſchirmt fühlen, und wie offenbart er ſich uns als Vater und als Herr, wenn wir einer Warnung, einer Er⸗ munterung, Belehrung oder Drohung beduͤrfen! Wahrlich, wenn ich es bedenke, wie ſelten ein durch irdiſche Wuͤnſche und Neigungen gefeſſelter Sinn dieſe Stimme zu vernehmen vermag, ſo moͤchte ich mich im Staube und Demuth vor Gott niederwer⸗ fen und ihn preiſen, daß mein irdiſches Gluͤck ſo vergaͤnglich, der Kelch meiner Jugendfreude ſo bit⸗ ter war. — Ich habe es in der Welt und unter ſo vielen guten Menſchen wohl erkennen gelernt, daß man, auch ohne chriſtlichen Glauben, von Grundſätzen und Pflichtgefuhl geleitet, ein ruhiges, von keinen Gewiſſensbiſſen vergalltes Leben zu fuͤhren vermag; aber den Frieden Gottes, der hoͤher iſt denn alle Vernunft, ſußer denn jedes andre Gluͤck, den lernt man nur durch chriſtliche Religion, nur durch chriſt⸗ lichen Glauben kennen. Die Moral kennt, ihrer ſtrengen und freudeloſen Natur nach, nur Pflich⸗ ten; der Glaube aber hat Liebe, gibt Liebe, fordert Liebe, und wie ſchön und wahr ſagt einer unſter edelſten Schriftſteller: „Wie uͤber dem hoͤchſten Ge⸗ birge doch noch hoch der Adler ſchwebt, ſo uͤber der ſchwer erſteigbaren Pflicht die reiche Liebe.“ — Schon das machte die Religion früh meinem Herzen theuer, daß ſie in allen Verwickelungen und Irrgaͤngen des Lebens unſte Pflichten in unerſchut⸗ terlicher Sicherheit vereinfacht und uns das, was wir zu thun und zu laſſen haben, klar anzuſchauen — 66 — vergönnt, da wir, von ihr geleitet, vom Leben nichts erwarten, nichts erſtreben, nichts hoffen, als eben dieſe Kindſchaft in Gott, die alle Selbſtſucht, allen Trug und Wahn, alle Eitelkeit der Erde und des ſchwachen Herzens ertoͤdtend, nur Gott wohl⸗ gefällig zu werden ſtrebt und aus innerſter Seele betet: „Vater, ſchaff in mir ein reines Herz und ſende mir deinen heiligen Geiſt, daß er mich leite auf deinem Wege zur ewigen Seligkeit!“ — Es iſt mir unbegreiflich, wie ſo viele Frauen ihren Beruf zur Andacht verkennen können. Ge⸗ wiß iſt es doch, daß die Männer uns an Einſicht, Geiſteskraft, Schärfe des Urtheils, Tiefe des Wiſ⸗ ſens und am Werth ihrer in das Ganze eingrei⸗ fenden Thätigkeit weit uͤberlegen ſind, und daß ſelbſt die kluͤgſte und gebildetſte Frau in ihrem von Eitel⸗ keit unverblendeten Bewußtſein die Kluft fuͤhlt, die ihren Geiſt und ihr Wiſſen von dem des Mannes, der mit ihr auf gleicher Stufe der Bildung ſteht, trennt. Wie tief, wie dankbar ſollten wir nun nicht die Goͤttlichkeit des Glaubens preiſen, der unabhaͤn⸗ gig von Talenten, Kenntniſſen und Thaten, ein weibliches Gemuͤth zur hoͤchſten Menſchenwuͤrde em⸗ porzuheben vermag. Jene andern Vorzuͤge bezeich⸗ nen die Maͤnner als Herren der Erde und unſers Schickſals; aber vor Gott ſind wir ihnen gleich, ſind, wie ſie, Kinder des Vaters, und in unſrer frommen Einfalt ſeinem Herzen vielleicht oft die naͤchſten, da es doch das Hoͤchſte aller Vernunfter⸗ kenntniß bleiben muß, den Menſchen fur die Offen⸗ barungen des Glaubens zu erziehen und das Gött⸗ liche nicht gedacht, ſondern nur empfunden werden kann. Das ſcharfſinnigſte Syſtem metaphyſiſcher Speculation, dieſer die Menſchheit adelnde Triumph des maͤnnlichen Geiſtes muß ja doch, von der Re⸗ ligion den Stoff empfangend, in der Idee der Vernunft hoͤchſte Wahrheit anerkennen und der Idee der Gottheit alle Andern unterordnen. Den 16. November. Morgen iſt mein Geburtstag; ich bin tief weh⸗ muͤthig; ach was kann mich je ſo erfreuen, wie dieſe Trennung mich betruͤbt? — Koͤnnte ich ihn nur einmal, von ihm ungeſehen, ſehen, wuͤßte ich nur wie es ihm ginge, kaͤme nur ein Laut von ihm zu mir! Alles Unwuͤrdige an ihm iſt vergeſſen, nur ſeine Liebe lebt in meinem Herzen. — Die Poſttage ſind mir ſo ſchmerzlich. Wenn der Bote kommt, iſt mir immer, als muͤſſe ein Brief von ihm da ſein, das Herz klopft mir dann zuweilen ſo mächtig: die Aebtiſſin offnet das Packet, ſcherzt uͤber meine verminderte Correſpondenz, und ich, ich ſcherze mit. Wilhelm, Wilhelm! — In dieſer Woche ver⸗ läßt er G., wo wir ſo gluͤcklich waren, er tritt in eine neue Welt, wo nichts ihn an mich, an unſte Liebe erinnert, Alles ihn zerſtreuet, und wie bald wird er ſich da bereden, mich vergeſſen zu haben, wie bald werden neue Reize ihn berauſchen! O Gott, auch an dieſem Tage, dem letzten eines Lebens⸗ jahres, in dem ich meine ſeligſten und meine trau⸗ rigſten Stunden lebte, in dem ich verlor, was mei⸗ nem Herzen allein das Leben wuͤnſchenswerth ma⸗ chen konnte, hebe ich meine Haͤnde zu Dir auf und flehe: wenn die ſtille Ergebung, mit der ich mein Schickſal trage, Dir wohlgefallig iſt, o ſo lege die Freude, die mir fehlt, ihm zu, und nie, nie haͤnge ſich an eine ſeiner Lebensfreuden mein Schickſal als Nemeſis. — 3 — Vater, dem ich vertraue, den ich uͤber Alles liebe, blicke auf mich herab, laß mich dies neue Le⸗ bensjahr ſchuldlos durchleben. — — Segne mich mit Frieden und mit Liebe, ſchuͤtze mich vor allem Widerwillen gegen das Leben, kraͤftige mich, Vater, es lieb zu gewinnen. Ach ich kann nicht mehr be⸗ ten, nur verſtummen vor Dir, der Du meine Thraͤnen und mein Herz ſiehſt. Den 2. Januar 180—. Meine Krankheit — ich huſte Blut und habe ſchleichendes, naͤchtliches Fieber — erweicht mich ſtar⸗ ker, als ich es ſeit Jahren geweſen bin. Geſtern war mir ſehr uͤbel, heute hole ich wieder leichter Athem; wenn ſchon etwas Blut das Herz ſo er⸗ leichtern kann, wie ſuß muß es dann nicht ſein, das Loben ſelbſt entgleiten zu fuͤhlen und mit der letzten, ſchwindenden Kraft geliebte Menſchen an das Herz zu ziehen, das in dieſer Umarmung vor Se⸗ ligkeit zu ſchlagen vergeſſen wuͤrde! — Ich fuͤhle es wohl, daß das Leben zwiſchen uns ſteht; aber wenn ich ſtuͤrbe, dann, ja dann duͤrfte ich Alles vergeben und ihm die alte Liebe zei⸗ gen. — Wie unausſprechlich könnte mich der Tod — begluͤcken! Doch verſage ich mir jedes lebhafte Seh⸗ nen nach ihm; ich ſchone meine Bruſt und mein Leben, ich ſorge dafuͤr, als wenn er es noch liebte; aber mit ſtiller Freudigkeit weide ich mich zuweilen an meinem Schmerz und der Leichenfarbe meines Geſichts. Noch iſt er in G. Werden ihm dieſe einſa⸗ men Winterabende denn nicht die vorjahrigen vor⸗ fuͤhren, von denen jeder einzelne ihm mein Bild und ſo viel ſchoͤne Erinnerungen und goldne Hoffnungen mitbrachte? — Und kann ich denn vergeſſen, daß ich damals jeden Tag mit dem Gedanken beſchloß: ſchon wieder um einen Tag unſerm Wiederſehen naͤher! Ach mit allen dieſen Thranen moͤchte ich nur noch einmal an ſeine Bruſt ſinken und ihm ſa⸗ gen: Auch dies gebrochene Herz liebt Dich noch unausſprechlich! — Den 3. Februar. Ein Traum uͤberhuͤllt heute wie ein ſtiller Ne⸗ bel mein Herz, und in dieſen truͤben, ermatteten Augen hängen Thränen, die ſich nicht zuruͤck drän⸗ gen laſſen, ſondern fließen wollen. Ich muß uͤber⸗ haupt viel mehr weinen, als ich ſelbſt merke, da meine Augen mich jetzt immer ſo ſchmerzen. Sicht⸗ — — bar vergehe ich von Woche zu Woche. Ich thue Alles puͤnktlich, was der Arzt mir ſagt; wenn ich ſeine bittern Traͤnke ſo willig hinunterſchlucke, dann ergreift es mich zuweilen, daß eine andere Hand mir noch einen viel ſchwerern und bitterern Lebenskelch reichte; ſtill und geduldig ſchluͤrfe ich ihn bis auf den letzten Tropfen, ob mir gleich keine troͤſtende Hand den Kelch nachhebt. — Einſt wird ſein Auge doch um mich naß. Von jeher habe ich ſelten von ihm getraͤumt, ſeit unſerer Trennung faſt nie. Dieſe Nacht aber ſah ich ihn wieder, ohne zu wiſſen, wo? — ich wollte kalt und ernſt gegen ihn ſein; doch in der erſten einſamen Minute ſank er mit der vollen alten Liebe an mein Herz. Da kam der Fruͤhling wie⸗ der, Nachtigallen ſangen, es bluͤhten wieder Blu⸗ men, die Sonne ſank liebend in ein reines Feuer⸗ grab und eine lichte Bläue lächelte vom wolkenloſen Himmel auf das ſelige Herz herab. O dieſe Sehnſucht, die der Traum in der Seele zuruͤckläßt, wird ſie nicht auf jedem andern Planeten auch noch das verklärte Auge mit ihrer Thraͤne verdunkeln, wenn wir da die ſchimmernde Erde, dies Mutterland, dieſe erſte Wiege der Seele, N am Himmel erblicken und uns von den auf ihr ge⸗ liebten Herzen noch getrennt fuͤhlen? Wenn der Tod mir dieſe Liebe fuͤr die Erde und ihre Bewoh⸗ ner nehmen will, ſo gebe er mir lieber bewußtloſen Schlummer, als das ſchoͤnſte Erwachen ohne ſie! Meine Buͤcher ſind mir jetzt noch einmal ſo lieb als ſonſt; nach meinem Tode kommen ſie in ſeine Haͤnde, wie er es ſich in den Tagen unſers Gluͤcks einſt ſcherzend erbat. Koͤnnte ich doch ſonſt nur noch irgend etwas fuͤr ſein Gluͤck thun, wäre ich doch reich, um ihm ſcheidend die Verſicherung hinterlaſſen zu können, daß mein letzter Erdenwunſch Wunſch ſeines Gluͤckes war. Jahre lang las ich in ſeinem Herzen, ſeiner Seele, wie in einem aufgeſchlagenen Buche; jetzt keine Ahnung, keinen Wink, wie dieſe Trennung auf ihn gewirkt hat, und doch wuͤrde ein Laut von ihm mich ſtillen; aber zwiſchen uns ſteht das Leben, und ich gehe nun einſam mit dieſem Herzen durch daſſelbe, und lege mich einſam hin zum Sterben. Aber dann tritt er noch einmal vor mich, ich werde ihn noch einmal ſehen und an dem Herzen ſterben, das mein groͤßtes Gluͤck, wie mein ſchmerz⸗ lichſtes Weh war. Am Charfreitag, den 12. April. Ich bin recht krank, ohne eigentliche Schmer⸗ zen, ich fuͤhte ein immerwährendes ſchleichendes Fie⸗ ber und eine Mattigkeit, daß ich das Zimmer nicht mehr verlaſſen kann. Dabei bin ich ſo niederge⸗ ſchlagen. Dieſe Fruͤhlingstage erhalten mich noch, ſeit acht Tagen heize ich nicht mehr ein, es iſt wie das ſchoͤnſte Maiwetter. Heute Morgen ließ ich mich nach dem Garten tragen. Ein leichter Nebel lag uber der lieben Gegend, die Sonne zertheilte ihn und fliehend malte er das Meer und die See'n und die Waͤlder und Dörfer mit täuſchendem Gruͤn. Warum aber hatten ſie mich gerade nach der Laube getragen, wo ich voriges Jahr an einem Mor⸗ gen mit ihm ſaß? Dieſe Erinnerung machte mein Herz voll und ſchwer; ich hob mein Auge gen Him⸗ mel und ſeine Thräne war ein Gebet. Ich ſchreibe jetzt ſelten, denn wovon koͤnnte ich ſchreiben, als von ihm und von der unermeßlichen Liebe, mit der ich heißer und feſter denn je an ihm hänge. Suͤnde iſt ſie nicht, dieſe Liebe; aber vielleicht Schwäche. Warum wurde mir aber dies treue Herz? warum bin ich nicht wie Er, wie Alle, ſchnell ergreifend, „ leicht vergeſſend, ſchnell loslaſſend und noch ſchneller getröſtet? — Wo iſt er heut? in F—d, im Ge⸗ wuͤhl einer neuen Lage, im Zirkel neuer, ſchon da⸗ durch anziehender Menſchen, vielleicht ſchon andern Augen gegenüber, als die, deren Thränen um ihn von Tage zu Tage reichlicher fließen. — Mag es ſein, ich habe keinen Wunſch, keine Hoffnung, keinen Anſpruch mehr, aber du, o Gott, der du die Welten und den Wurm an deinem Her⸗ zen trägſt, du wirſt auch mein Gebet fuͤr ihn, fuͤr ſein Gluͤck nicht verwerfen. Neue Lagen, neue Ver⸗ ſuchungen erwarten ihn;z erhalte du ihn dem Guten treu, ſchuͤtze ihn vor allem Böſen, entferne ihn von allen Abwegen — o wie willig wollte ich dafuͤr heut noch Alles, Alles aufopfern. Vater im Himmel, du kennſt mein Herz, du ſiehſt in meine Seele, du weißt, wie ich ihn geliebt habe, wie ich vom erſten Kuß an ſtrebte, mich zu bewahren, um ihn dem Guten und dem verlorenen Glauben an mein Ge⸗ ſchlecht wieder zufüͤhren zu können. Ach, hätteſt du ihn mir gelaſſen, hätteſt du die tauſend heißen Ge⸗ bete, mit denen ich Jahre lang nur um ihn bat, von dieſer großen, weiten Welt nichts wollte, nichts wuͤnſchte als ihn, haͤtteſt du dieſe erhoͤrt! Doch ver⸗ — gib, Vater, vergib, ich wandle im Dunkeln und weiß nicht, was zu meinem Frieden dient. Dein Wille ſei geprieſen, aber laß dieſe Thraͤnen Fruͤchte tragen. Sende mir den Geiſt der Wahrheit und des Friedens, laß mich gelaſſen und fromm vor deinen Augen wandeln, damit dieſer Schmerz mich heilige fuͤr das Land des Wiederfindens. Wirf uns nicht auf ewig, wirf uns nicht zu weit von einander, ohne ihn kann mir dein Himmel ſelbſt doch nie Himmel werden. Erbarme dich meiner, du Heilquell aller wunden Herzen, laß das meine noch lange, lange bluten, ich klage nicht; nur Demuth, Ergebung, Erkenntniß meiner Fehler, Milde fuͤr fremde, ein offenes Auge fuͤr den Himmel und ein reines, dir wohlgefalliges Herz, und meine Thraͤnen ſollen die Erde und das Leben ſegnen, wie ſie nie das Jauch⸗ zen eines Gluͤcklichen geſegnet hat! Den 19. Aprik. Ich kann nichts anders denken als ihn; un⸗ widerſtehlich, unwillkuͤrlich, wie feſt gezaubert ſteht die Vergangenheit vor meinen Blicken, und ich haͤnge daran und verſinke in ihren Thränen, bis Alles um mich her ſchwindet, alles Wirkliche mir zum Traum — wird, nur Er und ich in der Welt und auch in meinem Herzen nichts wie Er und ich. — Hätte ich nur etwas, womit ich mich einlullen konnte; aber der Fruͤhling oͤffnet alle Wunden dieſes Her⸗ zens und es liebt und blutet mehr denn je. Selbſt die Arbeit will mir nicht mehr helfen, und zum ungluͤck widerſteht ſie mir auch jetzt, wo ich ſo matt bin, daß ich nicht mehr gehen kann; ich thue, was ich kann, um mich zuſammen zu nehmen, und jetzt, da es zum Ende geht, noch Manches auszurichten; aber in mir — in mir — o konnte ich ihn nur noch einmal, nur einmal noch an mein Herz druͤcken! Jede kleine Freude unſerer Liebe, unſer erſter Blick, der erſte Kuß, das erſte entflohene Du, und ſpaͤter ſo viel Stunden ſtillen Gluͤckes und holden Ernſtes, ſo viel Stunden heißen Eifers fuͤr das Gute und Rechte, und dann all die truͤbe Melancholie un⸗ ſerer Trennung in G., und wie jeder Monat dieſer Trennung uns nur feſter an einander zog, und dann unſer Wiederſehen hier! — Wie ich den Tag ſeiner Ankunft in meiner Laube ſaß und die Baume und Blumen und den Himmel und die Lerchen ſo lieb hatte und ihnen leiſe fliſterte: „er kommt heut!“ — und wie er * kam! — mit welcher Trunkenheit ruhte ſein Blick auf mir! — wie verrieth jeder gleichguͤltig ſein ſol⸗ lende Laut die innere, tiefe Bewegung; und als er am Abende noch — ach! faſt auf der naͤmlichen Stelle, wo ich dieſes ſchreibe, einen einſamen Augen⸗ blick fand, als ich nach Jahre langer Trennung wie⸗ der an ſein Herz ſank, o dieſe Minute — lieber, himmliſcher Vater, wie könnte ich undankbar wer⸗ den, wie klagen, da du mir einſt ſo gluͤcklich zu ſein vergonnteſt! Den 11. Mai. Ich habe heut wieder einen ſchmerzenvollen Tag verlebt; aber ich komme in meiner Herrſchaft uͤber koͤrperliches Uebelbefinden immer weiter. Es iſt, wie mich duͤnkt, fuͤr einen zur Selbſtbeherrſchung ge⸗ wohnten Geiſt eben nicht ſo ſchwer, ſich jede Klage, jedes Zeichen des koͤrperlichen Schmerzes zu verſagen, und die Kraft, unſern Geiſt unangefochten von ihm zu erhalten, gibt uns Vertrauen zu Gott und Ge⸗ bet. — Ich trug ja wohl eher Vampyren am Her⸗ zen, ohne daß es den Menſchen, die um mich waren, merkbar wurde, daß ich litt. An einen vertrauten Umgang mit Gott gewoͤhnt, erſcheint Einem alles Klagen vor Menſchen als Feig⸗ heit; verſtanden wird man ja doch nicht, und das bloße Lautwerden des Schmerzes vor ihnen ſtimmt zu ſchlecht zu ſeiner Wuͤrde. Dieſe hat der geiſtige immer; der koörperliche nur dann, wenn er ohne Klage mit freiem, unbewoͤlktem Geiſt ertragen wird, und dieſe Klarheit und dieſen Frieden des Gemuͤths ſchenkt mir Gott, zu dem mein Herz ſich, je mehr die Erde von mir losläßt, immer freudiger und in einer ganz unbeſchreiblichen Liebe zu ihm, dem Vater der Barmherzigkeit, erhebt. Welches traurige, ſchmerzensreiche Bild meines Lebens wuͤrde nicht Manchem, der um den himm⸗ liſchen Troſt des Glaubens, der mich erquickt, nicht wuͤßte, vorſchweben, wenn es in den Umriſſen der äußern Begebenheiten deſſelben vor ihm ſtaͤnde! Konnte ich doch um mein Sterbelager die Beſten meines Geſchlechtes ſammeln, damit ſie mit mir in unvergaͤnglicher Lebendigkeit die goͤttliche Verkuͤndi⸗ gung eines Glaubens erkenneten, der uns mit jedem Leiden der Vergangenheit verſoͤhnt, jede Freude der Gegenwart wuͤrdig genießen lehrt und unſere Zu⸗ kunft durch eine himmliſch ſchone Hoffnung an die reinſte Seligkeit knupft! — % — Wie ſchwach, wie unvoakommen iſt alle menſch⸗ liche Tugend ohne die Kraͤftigung der Religion! und nun noch die weibliche Tugend, da unſer Geiſt ſo manchen Anhaltes, ſo mancher Kraft des anders be⸗ gabten Mannes ermangelt! Luſt und Kraft zu al⸗ lem Guten, Friede des Herzens, Reinheit des Sinnes, Demuth im Gluͤck, Freudigkeit im Ungluͤck, Muth im Tode, dies ſind die himmliſchen Gaben, mit de⸗ nen der Geiſt Gottes jedes glaͤubige, Gott in Ernſt und wahrhafter Liebe ſuchende Gemuͤth erfreut, und ihm die Kraft ſchenkt, nicht blos das Boͤſe, das da ſiegt, ſondern auch den irdiſchen Gedanken, der da verſucht, zu verſcheuchen. Dieſe, uns durch Liebe zu Gott gewordene, durch Liebe zu ihm in uns bewirkte Anerkennung ſeiner Offenbarungen beſiegt jeden Schmerz, jedes Unglück und auch den Tod; denn in ihr iſt ein ſo reicher Quell himmliſchen Friedens und reiner Selig⸗ eit, daß ſich ſelbſt der Schrei der entſetzlichſten Er⸗ dennoth, der Seufzer unfäglichen Jammers fuͤr ein zur Kindſchaft in Gott gelangtes Herz, zum Triumph⸗ geſang himmliſcher Freude und Hoffnung wandelt. O wie lebendig fuͤhle ich es in gewiſſeſter Ueberzeu⸗ gung, daß es keinen Schmerz gibt, fuͤr den das — 97 — Chriſtenthum nicht Troſt und Hoffnung hat, keinen Jammer, der durch die göttliche Kraft ſeines Geiſtes nicht in Friede ſich umzuwandeln vermoͤchte! Wie klein wird alles Irdiſche vor Gott und ſeiner Ewig⸗ keit! Wohl habe ich gelitten und fuhle mich zer⸗ ſchlagenen Herzens; aber was bedeutet die Thräne, zu der hienieden mein Leben wurde, im Ocean der Zeit? — Ich bin verkannt, gekränkt, verlaſſen; die Freund⸗ ſchaft hat ſich von mir gewendet, die Liebe mich ge⸗ täuſcht, doch Gott kennt mein Herz in ſeinen ver⸗ borgenſten Regungen und wird ſein Leben und ſein Wollen nicht als zuͤrnender Richter, ſondern als lie⸗ bender Vater richten! Dort, wo jene Sterne fun⸗ keln, iſt meine wahre Heimath; hienieden nur das Land meiner Pruͤfung; dort werde ich erkannt wer⸗ den wie ich bin, dort geliebt werden wie ich liebe, dort iſt Treue kein Verdienſt, keine Pflicht, keine Tugend, ſondern das innerſte, eigenſte Weſen der Liebe ſelbſt. Und kann ich, beſeeltes Wuͤrmchen aus Staub, mich erkuͤhnen, die Unermeflichkeit der Liebe erahnen zu wollen, mit der in allen Leben Ein Herz, Ein Puls ſchlägt? — Kann ich wähnen, daß der erhabenſte Flug meiner innigſten Begeiſterung zu Tarnow's Schriften. VI. 5 — Gott die Liebe zu faſſen vermag, mit der Er mich liebt, mit der Er mich geſchaffen und beſeelt hat? Unendlich wie ſein Weſen, untheilbar und dar⸗ um Eins in Allem iſt auch ſeine Liebe; nur in ihr vermag ich ihn zu ahnen, und in ihr die erhebendſte Fuͤlle, den reinſten Ausfluß ſeiner Gottheit. Ver⸗ ſtumme und bete an und liebe ihn von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit allen deinen Kräften und ſchwinge dich empor, mein Geiſt, uͤber dies kleine Erdenleben, das mir doch in der ganzen Stu⸗ fenfolge meines Daſeins theuer und wuͤrdig bleiben muß, weil in ihm mein Weſen zu dieſer Fuͤlle, zu dieſem Reichthum von Liebe reifte. Alles Andere faͤllt von mir ab; alles Andere ſinkt zuruͤck; aber mit dieſer Liebe gehe ich kuͤhn dem dem irdiſchen Leben ſo furchtbaren Tode entgegen und ſtuͤrze mich zuverſichtlich in ſeine Nacht. Die Fluͤgel meines Glaubens heben mich ſi⸗ gend uͤber ſeine Schrecken, und ſo wahr Gott gott⸗ licher iſt, als der erhabenſte Menſchengeiſt, das gelaͤutertſte Menſchenherz ihn zu denken und zu em⸗ pfinden vermag, ſo wahr wird auch die Seligkeit, die er mir, ſeinem geliebten, von ihm zum Gluͤck geſchaffenen Kinde, beteitet hat, unendlich liebevoller — — und liebereicher ſein, als ſie ſich hienieden das reichſte, in uͤberſchwenglicher Liebe zerfließende Mutterherz fur ihren Liebling zu träumen vermag. „ „ N Den 1ſten Juli. Tief und ernſt, leiſe und feierlich ſinkt jetzt der Stern meines Lebens! — Er ſink' in Frieden, mein Segen folgt ihm nach! Geſtern geſtand mir mein Artzt, daß ich die Dauer meines Lebens nur noch nach Tagen zu be⸗ rechnen habe. Mein Gefuhl iſt das einer Verbann⸗ ten, die in himmliſcher Freude das Land der Hei⸗ math begruͤßt. Das Ende meines Lebens gleicht den jetzigen monderhellten Nächten, ſo fanft ſchimmernd, ſo friedlich und erquicklich leuchtend, und Preis und Dank dem Herrn des Lebens und des Todes, dies Auge wird keine dunkle mehr ſehen. Ich habe an Wilhelm geſchrieben; er wird kom⸗ men und mein Herz wird in der Freude brechen, ihm mit ſeiner letzten Kraft es noch wiederholen, mit ſeinem letzten Schlage es ihm noch betheuern zu konnen, daß ich ihn einzig und unausſprechlich geliebt 5 * — 100 — habe. Aus meinem Tode erbluͤht mir, ich hoffe es, in ſeinem Herzen ein neues unvergaͤngliches Leben! — zwiſchen uns tritt nun fteilich verfinſternd dieſe Erde — aber es iſt nur ihr Schatten, er verſchwindet, und ſonnenhell liegt vor uns die Ewigkeit, die uns wie⸗ der vereinigt. Nur Engel waren an ihrem Sterbelager! Der Mann, den ſie mit der heiligen Kraft ihrer Liebe und ihres erloͤſchenden Lebens gerufen hatte, kam nicht, weil er, wie er ſchrieb, fuͤr ſie eine zu ſchmerz⸗ liche Erſchuͤtterung von dieſem Wiederſehen furchtete. Auch ihr einſames Grab hat er nie beſucht. Der Friede und die Liebe ihres Glaubens und ihres Herzens ſei mit uns Allen! — — * — — — — * — 8 Via Crucis, Via Lucis! Arguſt von Steinfeld wurde von einem Onkel erzo⸗ gen, den die Welt einen Sonderling, ſeine Freunde, Diener und Unterthanen den edelſten und großmů⸗ thigſten der Menſchen nannten. Er ließ dem Kna⸗ ben Freiheit zur Entwickelung ſeiner geiſtigen und koͤr⸗ perlichen Kräfte, nicht in dieſer oder jener vorgeſchrie⸗ benen Form, ſondern in der vollen Eigenthumlichkeit ſeiner Natur; ſo lernte dieſer fruͤh den Stols des Entſagens und den Genuß der Selbſtuberwindung kennen, waͤhrend ſein Herz ſich an dem Beiſpiel von Froͤmmigkeit und Menſchenliebe, das ihm der Oheim gab, zur Liebe kraftigte. An einem ſchonen Fruhlingsabend, wo Auguſt Feld und Wald durchſchweifte, glaubte er in einem von dem Weg, den er eingeſchlagen hatte, ſeitwärts — 104 — liegenden Gehoͤlz Klagetoͤne menſchlicher Stimmen zu vernehmen. Er eilte darauf zu und fand gleich am Eingang deſſelben die ungluͤcklichen Gegenſtaͤnde, die er ſuchte; tief erſchuͤttert von dem Anblick derſelben, flog er pfeilſchnell nach dem Schloſſe zuruͤck und ſtuͤrzte athemlos in das Zimmer, wo ſein Oheim, der Ba⸗ ron, am Schreibtiſche ſaß. „Was gibt's?“ fragte dieſer, „was hat Dich erſchreckt? Du ſiehſt ja ganz blaß aus.“ Auguſt vermochte nicht, ihm zuſammenhaͤngend zu antworten „aber er faßte ſeine Hand und zog ihn nach der Thuͤr. „Kommen Sie, Oheim, kommen Sie nur und ſehen Sie, was ich geſehen habe.“ Der Ba⸗ ron ließ ſich von ihm in das Gehoͤlz fuͤhren; hier erblickte er einen Mann, der, auf der Erde ſitzend, ſich an einen Baum gelehnt hatte — aus kobtenblaſ⸗ ſem, eingefallenem Geſicht hervor ſtierten ſeine hoh⸗ len Augen ein Frauenzimmer an, deſſen Kopf an ſeiner Bruſt ruhete und das ohne Todeskampf ſter⸗ bend zu ſein ſchien, waͤhrend ein kleiner Junge von ungefahr drei Jahren auf ihrem Schooße lag und, ſchon zu matt zum Schreien, nur noch leiſe und ſchmerzlich wimmerte. Der letzte Seufzer, die letzte Thraͤne dieſer Ungluͤcklichen ſchien ſchon erſchöpft, ihr Elend laut⸗ und klaglos geworden zu ſein. — — 2 — 105 — „ungluͤcklicher,“ rief der Baron dem Manne zu, „was macht Ihr hier?“ Der Fremdling, deſſen abgetragene, zerriſſene Kleidung doch noch Spuren ehemaligen Wohlſtandes verrieth, antwortete mit ſchwacher Stimme und ohne die Augen zu dem Fragenden zu erheben: „Wer Sie auch ſind, ſtören Sie nicht die letten Augenblicke einer Familie, die in Ruhe zu ſterben wuͤnſcht.“ „Lauf, Auguſt,“ ſagte der Baron angſtvoll, „hole alle Bedienten her und ſage der Haushaͤlterin, daß ſie eine Flaſche des älteſten Rheinweins und ein Glas Cölniſchen Waſſers mitſendet.“ Schnell wie ein Vogel eilte Auguſt davon, und in einer Viertelſtunde waren die Bedienten und Frau Muller mit dem Wein und dem Cölniſchen Waſſer da. Dieſe knieete ne⸗ ben dem Frauenzimmer nieder, das dem Scheine nach ſchon den lebten Seufzer ausgeathmet hatte, doch nachdem ſie ihr Geſicht und Haͤnde mit dem Cölniſchen Waſſer gewaſchen, gelang es derſel⸗ ben, ihr einige Tropfen Wein einzufloͤßen, wor⸗ auf ſich ihre Bruſt mit einem leiſen Seufzer hob und ſie die Augen öffnete, die ſich aber gleich wie⸗ der ſchloſſen. Der Baron befahl, ſie ſo ſanft als möglich nach dem Schloſſe zu tragen; Auguſt be⸗ — 106 — maͤchtigte ſich des kleinen Jungen, den er ſo ſorg⸗ ſam, wie eine Ameiſe ihre Puppe, forttrug, während der Baron dem Fremden die Stirn rieb und ihn mit dem herzgewinnenden Ton wahrer, menſchenfreund⸗ licher Theilnahme bat, ein Glas Wein zu trinken, das er fuͤr ihn eingeſchenkt hatte. Der Ungluͤckliche hob ſeine dunkeln Augen ausdrucksvoll zum Himmel und rief: „O Gott, ſendeſt du mir dieſen Rettungs⸗ engel!“ allein dieſe Aufwallung war fuͤr ſeine Schwaͤche zu mäͤchtig, und er ſank wieder in tiefe Ohnmacht zuruͤck. Der Baron ließ ihn, ſobald ſeine Diener zuruͤckkamen, gleichfalls nach dem Schloſſe tragen und dort, ſo wie auch ſeine Frau, zu Bette bringen. Der Arzt wurde geholt und erklarte, der Zuſtand dieſer Ungluͤcklichen ſei blos eine durch Gram und Hunger bewirkte Entkraͤftung, man muͤſſe ſie vier⸗ zehn Tage lang ſo ruhig als moglich zu erhalten ſuchen, und ſie vorſichtig nach und nach wieder an den Genuß nahrhafter Speiſen gewöhnen. Es wurde Alles zur Herſtellung ihrer Ge undheit aufgeboten und wirklich waren ſie nach Verlauf der von dem Arzt beſtimmten Zeit ſo weit, daß der Baron, nachdem er ſie mit Waſche und Kleidern hatte verſehen laſſen ſie einladen konnte, mit ihm zu ſpeiſen. Sie erſchie⸗ — — — . =—= — — 107 — nen, allein von Dankgefuͤhl ſo uͤberwaͤltigt, daß es all der Zartſinnigkeit der edelſten Menſchenliebe, mit der der Baron ſie als gerngeſehene, geachtete Gäſte empfing bedurfte, um ſie zu freimuͤthiger Unbefan⸗ genheit zu bringen. Beide verriethen bei dem An⸗ ſtand feiner Weltſitte, der ihnen eigen war⸗ ſo viel wahre Bildung, daß der Baron ſich nicht enthalten konnte, nach Tiſche, als ſie bei dem Kaffee allein waren, dem Herrn Seld — ſo nannte ſich der Fremdling — ſein Erſtaunen zu bezeugen, wie er bei der Erziehung und den Kenntniſſen, die er beſihe⸗ in ſolche Noth habe gerathen koͤnnen, und ihn um die Mittheilung ſeiner Geſchichte zu bitten, wenn er keine beſondern urſachen habe, dieſe geheim zu halten⸗ „Da mein und der Meinigen Leben nächſt Got⸗ tes Geſchenk, jetzt das Ihrige iſt, Herr Baron,“ ſagte ihm Seld mit dem Ausdruck gerührter und ehr⸗ furchtsvoller Dankbarkeit, „ſo kann ich nicht wuͤnſchen, Ihnen irgend etwas zu verhehlen, und ich bin gern ervoͤtig, Ihren Wunſch gleich jetzt zu erfuͤllen.“ Frau Seld bat hier ſanft erroͤthend um die Er⸗ laubniß, ſich entfernen zu duͤrfen, um nach ihrem Kinde zu ſehen, und der Baron lud ihren Mann ein, ihn nach ſeinem Studirzimmer zu begleiten, we — 108 — ſie vor jeder Stoͤrung ſicher ſein wuͤrden. „Ich bitte Sie, Herr Seld,“ ſagte er zu ihm, „mit der Offen⸗ herzigkeit eines Freundes mir Ihre Schickſale und Ihre Erfahrungen in ganz unverhuͤllter Wahrheit mit⸗ zutheilen. Scheuen Sie ſich nicht, mir vielleicht ge⸗ ſtehen zu muͤſſen, daß Sie Wahrheit durch Irrthum, Weisheit durch Schmerz erkaufen mußten; ich habe die Schwäche des Menſchenherzens im eignen Buſen zu tief erkennen gelernt, um es fuͤr ein Verdienſt zu halten, makellos zu ſein. Nicht fallen ſoll und darf nicht der Stolz des Menſchen ſein, aber wohl ſchoͤn und edel iſt es, vom Fall zu erſtehen.“ „Herr Baron,“ antwortete Seld, „mein Leben war freilich ein Irrpfad, und nur die Barmherzigkeit Got⸗ tes hat mich, am Abgrund des Verderbens ſchwe⸗ bend, wunderbar erhalten und es mir vergoͤnnt, den Frieden wieder zu gewinnen, deſſen Verluſt kein irdi⸗ ſches Gut zu verguͤten vermag; doch eben dies innige Gefuͤhl des Erbarmens Gottes mit dem Suͤnder gibt mir auch den Muth, gegen Sie ganz wahr zu ſein. — Mein Vater war in einer ziemlich bedeu⸗ tenden Mittelſtadt eines ſuͤddeutſchen Landes ein Kraͤmer. Von geringer Herkunft und ohne beſondere Geiſtesgaben, hielt er ſich viele Jahre lang in dem — — ſtillen Alltagsgleis eines handwerkmaͤßigen Verkehrs; allein das Gluck begunſtigte ihn und ſchenkte ihm Wohlſtand und Vermögen. Von meiner Mutter, die ich fruͤh verlor, bewahrt mein Gedaͤchtniß keine Erinnerung, als die der Zärtlichkeit, mit der ſie mich oft herzte, und der Thränen, die mein Vater vergoß, wenn das Andenken an ihren Verluſt in ihm erwachte. Ich blieb nach ihrem Tode, als einziges Kind, der einzige Gegenſtand fuͤr die Liebe meines Vaters, deſſen Zaͤrtlichkeit nur mit der Eitelkeit verglichen werden kann, die ihn bewog, Alles aufzubieten, um aus mir einen vornehmen und beruͤhmten Mann zu mache.. Er ſandte mich auf Schulen und dann auf Univerſitäten, und bis in mein 20ſtes Jahr hatte ich den freigebigſten und liebevollſten Vater, den ſich nur je ein Sohn zu wuͤnſchen vermag, da er mit ſeinem Gelde eben ſo verſchwenderiſch als mit ſeinen Lobeserhebungen gegen mich war. Doch ſeine Eitel⸗ keit war fuͤr mich von den nachtheiligſten Folgen; ſie verminderte ſogar meine kindliche Ehrfurcht, da ſein ſchlichter Verſtand mir eine Ueberlegenheit zuge⸗ ſtand, die mir keineswegs zukam, und von der ich fuͤhlte, ſie gezieme dem Sohn nicht. Ich empfand, daß er keinen Maßſtab zur Wuͤrdigung gelehrter Bil⸗ — 110 — dung habe, und meine Kenntniſſe nur auf Treu und Glauben hin, als ungewoͤhnlich achtete. Ich ſelbſt hielt mich aber gleichfalls fuͤr ein Wunder von Ge⸗ lehrſamkeit, da mein Fleiß ſo groß wie mein Ehr⸗ geiz, und ich an die Lobſpruͤche meiner Lehrer ge⸗ woͤhnt war. Was man eigentlich Brodſtudium nennt, hatte ich freilich vernachlaͤſſigt; ich glaubte der Sohn eines ſehr reichen Mannes zu ſein, und daher in meiner Liebe zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften den Be⸗ ruf erkennen zu duͤrfen, mich ihnen ausſchließlich zu widmen, voll Hoffnung, auf dieſem Wege eine Zierde und ein hellglaͤnzender Stern der deutſchen Li⸗ teratur zu werden, wobei denn, wie ich nicht zwei⸗ felte, mir außer dem Ruhm auch noch die ſchmei⸗ chelhafteſten Aufmunterungen und Ehrenſtellen aller Art zu Theil werden wuͤrden. In dieſer hoffäͤrtigen Stimmung erhielt ich die Nachricht vom Tode mei⸗ nes Vaters; der Fall eines auswärtigen Handlungs⸗ hauſes hatte den ſeinigen nach ſich gezogen, und ſein Schrecken uͤber dieſe Nachricht war ſo groß, daß er einen Schlagfluß bekam, der ſein Leben endete. Tief. betrauerte ich ſeinen Tod, allein den Verluſt ſeines Vermoͤgens nahm ich mir nicht zu Herzen, da ich feſt uͤberzeugt war, durch mich ſelbſt mein Gluͤck —— — 111 — gruͤnden und mir den Weg zu Reichthum und Eh⸗ ren bahnen zu können. Ich verkaufte die mir ent⸗ behrlichen Sachen und verließ dann, im Beſitz von einigen hundert Thalern, die Univerſitäͤt, um mich nach der Hauptſtadt zu begeben, in der ich allein einen wuͤrdigen Schauplatz fuͤr meine Talente finden zu koͤnnen glaubte. Ich kannte in der Hauptſtadt keinen Menſchen und war ganz ohne Empfehlungsbriefe; es blieb mir alſo kein andrer Weg uͤbrig, Bekanntſchaften zu machen, als den, die Kaffechaͤuſer und die oͤffent⸗ lichen Wirthstafeln zu beſuchen. Dieſe Lebensweiſe iſt aber koſtſpielig, und wenn es mir gleich bei der Dreiſtigkeit, mit der ich uͤber Alles ſchwatzte, gelang, mir den Ruf eines geiſtreichen und witzigen jungen Mannes zu erwerben, ſo fand ich mich doch in allen meinen eitlen Erwartungen getaͤuſcht und kam bei der ſchnellen Verminderung meines Geldes bald zu der Erkenntniß, daß es nothwendig ſei, eine Stelle zu ſuchen, die mir meinen Lebensunterhalt zu ſichern vermoͤge. Zu welcher Selbſterkenntniß fuͤhrten mich aber auf dem Wege der Beſchämung und der Demuͤthi⸗ gung die Verſuche, eine ſolche Stelle zu erhalten! Nicht — 112 — als ob ſich mir nicht mannigfach Gelegenheiten zur Erreichung meines Wunſches dargeboten haͤtten, aber immer fand ſich, daß ich, der ich mich fuͤr ein klei⸗ nes Wunder von Gelehrſamkeit gehalten hatte, doch gerade das nicht wußte, was als praktiſch nutzlich von mir gefordert wurde. All mein Wiſſen, all meine Gelehrſamkeit war einem Capital gleich, das aus einer im täglichen Leben gar nicht brauchbaren Muͤnzſorte beſteht, und bei dem man alſo, trotz ſei⸗ nes Beſitzes, verhungern kann. Die goldenen Traͤume des Ehrgeizes, welche, wie die bunt gefaͤrbten Wolken eines ſchoͤnen Sommerabends, in feenhafter Geſtalt vor mir geſchwebt hatten, loͤſeten ſich in ihr Nichts auf, und um mich, wie in mir, begann es finſter und truͤbe zu werden. Ein Drittel meiner Baar⸗ ſchaft war ſchon verzehrt, und in meiner Vorſtellung ſah ich den Reſt auch ſchon verſchwunden und mich völlig huͤlflos, da keine Ausſicht, keine Moglichkeit da war, den Abgang zu erſetzen. Ich ſchalt auf meine blinde Eitelkeit, die mich verleitet hatte, jedes eigentliche Brodſtudium zu vernachläͤſſigen und mich nur mit den Bluͤthen der Wiſſenſchaften zu nähren, ohne mich um ihre praktiſche Anwendung und Aus⸗ uͤbung zu bekuͤmmern. Vergeblich war und blieb ———— — ————— — u— — 113 — auch all mein Sinnen und Bemuͤhen, irgend ein mir zu Gebot ſtehendes Erwerbmittel aufzufinden, und meine Stimmung wurde von Tag zu Tag im⸗ mer hoffnungsloſer. Eines Abends war ich lange im Freien umher⸗ geirrt und es dämmerte ſchon, als ich den Ruͤckweg nach der Stadt antrat. Mein Weg fuͤhrte mich bei dem Schauſpielhauſe vorbei; in dieſem Augenblick ſchrien tauſend Stimmen Feuer! Feuer! und der Menſchenſtrom, der mir aus dem brennenden Ge⸗ väude entgegenſturzte, riß mich und ein ältliches, an⸗ ſtandig gekleidetes Frauenzimmer, das vor mir ging, mit in ſeine Wirbel. Das Gedraͤnge war ungeheuer und jenes Frauenzimmer, an deſſen Seite ich mich jetzt gedruͤckt fand, war vor Schreck und Beſtuͤrzung außer Stande, ſich länger aufrecht zu erhalten, oder ſich allein einen Weg durch die Menge zu bahnen. Ich umfaßte ſie mit einem Arm und es gelang mir, ſie unbeſchäͤdigt aus dem Gedraͤnge zu fuͤhren. Wir hatten bis zu ihrer Wohnung, die ſie mir bezeich⸗ nete, nicht weit zu gehen; ein Dienſtmaͤdchen oͤffnete uns, als meine Begleiterin die Klingel zog, die Thuͤr eines kleinen, aber niedlichen Hauſes, und ich konnte und wollte ihre Bitte, bei ihr einzutreten, nicht ab⸗ — 114 — ſchlagen, da ich meinen linken Arm ſchmerzend ver⸗ letzt fuͤhlte und ohnmächtig zu werden fuͤrchtete, wenn ich den weiten Weg bis zu meiner Wohnung unver⸗ bunden zuruͤcklegte. „Um Gottes willen, mein Herr,“ ſagte ſie mir, als wir in das erleuchtete Wohnzim⸗ mer traten, „wie blaß ſehen Sie aus! Sie haben doch nicht Schaden genommen?“ — „Ich empfinde in der linken Schulter Schmerz,“ antwortete ich, „allein es wird auf jeden Fall nur eine unbedeutende Ver⸗ letzung ſein, die ein Umſchlag von kaltem Waſſer heilen wird.“ — Sie noͤthigte mich hier, meinen Oberrock auszuziehen — der ganze Arm war wie zer⸗ quetſcht, blau und mit Blut unterlaufen. Frau Greve verſicherte mir mit Thraͤnen im Auge, daß ſie ſich nicht beruhigen koͤnne, wenn ich ihr nicht erlaube, einen Wundarzt holen zu laſſen, und waͤhrend ihr Maͤdchen forteilte, dieſen zu holen, beſorgte ſie ſelbſt mit muͤtterlicher Sorgfalt warme Weinumſchläge zur Linderung des Schmerzes. Der Wundarzt fand die Verletzung nicht gefährlich, aber doch bedeutend ge⸗ nug, um die Annäherung eines ſtarken Wundfiebers zu verkuͤndigen, welches Ruhe fuͤr mich nothwendig mache. Frau Greve befahl, ſobald ſie dieſes hoͤrte, ihrem Maͤdchen, ein Zimmer und ein Bett fuͤr mich — 115 — beteit zu machen, und aller meiner Weigerungen un⸗ geachtet, mußte ich einwilligen, in ihrem Hauſe zu vleiben. Die Nacht war ſchlaflos; gegen Morgen raubte mir die Macht des Fiebers alle Beſinnung, und erſt nach 8 Tagen erwachte ich, wie aus einem ſchweren, dumpfen Traum wieder zum Bewußtſein. Ich blickte um mich her, die Morgenſonne warf einen Verklärungsglanz auf Alles, was mich umgab, und vor meinem Lager ſtand eine Geſtalt, in der ich einen Engel zu erblicken glaubte, da ich noch nie ein ſo holdſeliges, anmuthsvolles Geſicht geſehen hatte. „Bin ich noch auf Erden, oder ſchon im Himmel?“ fragte ich erſtaunt, aber ſtatt mir zu antworten, eilte der Engel davon und fuͤhrte bald darauf Frau Greve herein, deren Anblick mich belehrte, wo ich war. „Ach, Madam,“ rief ich ihr entgegen, „welch einen beſchwer⸗ lichen Gaſt haben Sie an mie gehabt!“ — doch ohne meine Worte zu beachten, ſank ſie vor meinem La⸗ ger auf die Knie nieder, und meine Hand faſſend, ſagte ſie mit tiefbewegter Stimme: „Gott ſei gedankt, der unſer Gebet erhoͤrt und Ihnen das Leben erhal⸗ ten hat! Jetzt ſind Sie gerettet!“ Von dieſem Augenblick an verließen Frau Greve und der Engel, den ſie mir als ihre Nichte Eliſe — 116 — vorſtellte, mein Zimmer nur ſelten und boten Alles auf, mich zu pflegen und zu erheitern. Ich erzählte ihnen meinen bisherigen Lebenslauf und erfuhr nun auch, daß ſie die Schweſter und die Tochter eines ehrwuͤrdigen Landpredigers waren, der ihnen nur ein Vermoͤgen von 500 Thalern nachgelaſſen hatte, mit dem ſie nach der Hauptſtadt gezogen waren, um ſich durch ihre beiderſeitige Geſchicklichkeit im Weißnähen und im Putzmachen ihr Brod zu verdienen. Bis zu dieſem Zeitpunkt war ich einſam in der Welt ge⸗ weſen; meine Mutter hatte ich kaum gekannt, mei⸗ nen Vater hatte ich verloren und die Empfaͤnglichkeit meines Herzens fuͤr Liebe, Freundſchaft, Dankbarkeit, fuͤr jede fromme heilige Regung der Natur war noch eben ſo unentwickelt als unentweiht. Der Umgang mit Frau Greve und mit Eliſen fuͤhrte mich in eine neue, ſchoͤnere Welt ein, und meine Krankheit wurde fuͤr mich der Uebergang zu einem neuen Daſein, ge⸗ gen deſſen Lebensgefuͤhl und innere Tiefe die Erinne⸗ rung an mein vergangenes Leben zum bleichen Schat⸗ tenbilde wurde. Als ich ſoweit hergeſtellt war, daß ich mein Zimmer verlaſſen und im Hauſe umhergehen konnte, bat ich Frau Greve, mir den Betrag ihrer wäh⸗ — 117 — rend meiner Krankheit fuͤr mich gehabten Auslagen anzugeben, damit ich ſie berichtigen könne. „Ich denke,“ ſagte ſie mir mit ſanft geruͤhrter Stimme, „Sie wer⸗ den zu großmüthig ſein, um mich durch dieſe Forde⸗ rung an das zu mahnen, was ich Ihnen ſchuldig bin. Iſt nicht Ihr Leben beinahe ein Opfer des Edelmuthes geworden, mit der Sie mir, der Unbe⸗ kannten, das meinige gerettet haben? Kann ich hof⸗ fen, Ihnen dies je vergelten zu können, und muß ich mich in dieſem unſerm Verhältniß durch Ihre Forderung nicht eben ſo beſchämt als gedemuͤthigt fuhlen?“ Ich ſah, daß ich, ohne ſie zu kraͤnken, nicht auf meiner Forderung beſtehen durfte, ſo entſchieden auch mein Widerſtreben war, dieſe Unkoſten unver⸗ gutet zu laſſen. Einige Tage ſpäter, da Tante und Nichte Beide ausgegangen und ich zufaͤllig unten auf dem Hausflur war, erſchien ein Gerichtsdiener, um Frau Greve eine Klage zu uberreichen, die ein Kauf⸗ mann, dem ſie hundert Thaler fuͤr Waaren ſchuldig war, welche ſie zum Wiederverkauf im Kleinen von ihm genommen hatte, gegen ſie anhaͤngig machte. So ſehr mich auch die Veranlaſſung dazu betruͤbte, ſo froh war ich doch auch, wieder helfen zu konnen; — 118 — ich bezahlte dem Gerichtsdiener ſowohl die Schuld als die Koſten und vergaß auch nicht, mich durch ein goldenes Siegel der Verſchwiegenheit des Dienſt⸗ maͤdchens, das Zeugin dieſes Auftrittes war, zu ver⸗ ſichern. Mit ſtill frohem Herzen empfing ich meine theuren Freundinnen bei ihrer Ruͤckkehr und ſetzte mich mit ihnen zu unſerm einfachen Abendbrod nie⸗ der, als das Maͤdchen ihrer Frau einen Brief brachte, der eben fur ſie gekommen war. Ich ſah ſie bei dem Anblick der Handſchrift erbleichen; ſie las ihn mit ſichtlichem Erſtaunen, fragte, ob der Bote, der ihn gebracht habe, noch da ſei und eilte zu ihm hin⸗ aus. Sie kam bald zuruͤck; auf ihrem Geſicht las man die maͤchtige Bewegung ihrer Seele, doch ver⸗ geblich verſuchte ſie zu ſprechen, ſie brach in Thrä⸗ nen aus. „Was fehlt Ihnen, liebſte Tante?“ rief Eliſe, in⸗ dem ſie auf ſie zuflog und ſie in ihre Arme ſchloß. „O, mein Kind,“ antwortete ſie ihr, „zum zweiten Mal iſt unſer edler junger Freund unſer Retter geworden. Lies dieſen Brief, den ich eben erhalten habe.“ — Er war von dem Kaufmann, deſſen Schuldnerin ſie geweſen war und der ſie in demſelben um Verzei⸗ hung bat, daß er, ſelbſt in augenblicklicher Zahlungs⸗ — 419 — verlegenheit, ſie wegen det ihm ſchuldigen Summe verklagt habe. Doch ſei es ihm lieb, daß ſie dieſe gleich baar habe entrichten können; er ſende ihr, von dem verbindlichſten Dank fuͤr die richtige Zahlung be⸗ gleitet, die Quittung und hoffe, ſie werde ihn fer⸗ ner mit ihren Aufträgen beehren. „Und warum, theuerſte Frau,“ ſagte ich zu ihr, „wollen Sie es mir mißgoͤnnen, daß die Vorſehung mir ein Mittel zufuͤhrte, Ihnen einen kleinen Theil meiner Schuld abzutragen. O,“ fuhr ich fort, und druͤckte ihre und Eliſens Hand vereint an mein Herz „moͤchte es mir doch vergonnt werden, Sie Beide einſt wuͤrdiger uͤberzeugen zu können, wie ich Sie liebe und ehre und wie meine ganze Seele Ihnen ange⸗ hört! Sie Beide machen meine Welt aus und ich trage in meinem Herzen keinen Wunſch, keine Hoff⸗ nung, ich kenne kein Gluͤck, das außer dem Umkreis dieſer meiner Welt läge!“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Frau Greve mit ſanf⸗ tem Lächeln, „und die muͤtterliche Zuneigung meines Herzens fur Sie, läßt es mich glauben, ſo waͤre es Unrecht, wenn wir uns trennen wollten. Kuͤndigen Sie noch heut am Tage Ihre andere Wohnung auf und bleiben Sie bei uns, mein Sohn. Wir Alle — 120 — können dadurch nur gewinnen, und die treue, herz⸗ liche Freundſchaft, die uns mit einander verbindet, wird unſere Sorgen mindern, S Freuden ver⸗ doppeln.“ Mit unaus ſprechlichem Entzucken nahm ich den Vorſchlag der vortrefflichen Frau an, ohne mir ſelbſt klar zu geſtehen, warum er mich eigentlich ſo ſelig begluͤckte. Gleich am folgenden Morgen ließ ich aus meiner vorigen Wohnung alle meine Sachen holen und nahm von dem kleinen, mir von Frau Greve eingeräumten Zimmer foͤrmlich Beſitz. Tage des hei⸗ terſten, ſußeſten Friedens und der unſchuldvollſten Wonne brachen jetzt fuͤr mich an. Die Vormittage widmete ich meinen wiſſenſchaftlichen Studien, allein den ganzen uͤbrigen Tag brachte ich in dem Wohn⸗ zimmer meiner Freundinnen zu. Unwillkuͤrlich gab ich Allem, was ich las und dachte, eine Beziehung auf ſie; ich las ihnen vor, ich machte fur ſie Aus⸗ zuge aus ernſten, wiſſenſchaftlichen Werken, und in unſern Unterhaltungen daruͤber und in der Mitthei⸗ lung an ſie gewann ich Klarheit der Anſichten und die Fähigkeit, auszuſprechen und darzuſtellen, was ich wußte, dachte und empfand. Angelegentlicher denn je ſehnte ich mich aber — 1241 — nun nach zweckmaͤßiger Thätigkeit, nach Erwerb und ernſter Beſchäftigung. Der Zufall hatte mich mit einem Buchhaͤndler bekannt gemacht, zu dem ich oft ging, um die literariſchen Neuigkeiten des Tages zu durchblaͤttern; ich fand ihn bei einem dieſer Beſuche ſo verſtimmt, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn um die Veranlaſſung dazu zu beftagen, worauf er mir erzaͤhlte, der Redacteur einer in ſeinem Ver⸗ lag erſcheinenden Zeitſchriſt ſei plötzlich geſtorben, und er um ſo mehr in Verlegenheit, wie er gleich fuͤr den Augenblick ſeine Stelle wieder erſetzen ſolle, da der ſcharfe Witz und der geiſtreiche, lebendige Styl des Verſtorbenen dies Journal, das ſonſt nur kuͤm⸗ merlich ſein Daſein zu feiſten vermochte, in dem letzten Jahr zu einem ſehr einträglichen Verlagsarti⸗ kel gemacht habe. Ich bot dem Buchhaͤndler an, die Redaction uͤbernehmen zu wollen; er ſah mich mißtrauiſch; ja ſpottiſch lächelnd an, allein da ich mich zu einem unentgeldlichen Probeverſuch anheiſchig machte, glaubte er dieſen wagen zu muͤſſen. Dieſer gelang uͤber ſeine Erwartung gut und wurde von den Leſern der Zeitſchrift ſo guͤnſtig aufgenommen, daß der Buchhaͤndler ſich dadurch bewogen fand, mir fuͤr die Redaction dieſer Zeitſchrift ein Jahrgehalt anzu⸗ Tarnow's Schriften VI. 6 bieten, das hinreichte, mir einen ſorgenloſen, anſtaͤn⸗ digen Lebensunterhalt zu ſichern. Stolz wie ein Trium⸗ phator verließ ich ihn. Ich war nun muͤndig ge⸗ worden fuͤr das buͤrgerliche Leben und empfand zum erſten Male, wie gluͤcklich es macht, unabhaͤngig von allem ererbten Wehlſtand, ſelbſtſtändig von dem Er⸗ trag ſeines Fleißes zu leben und ſich als den wahren Eigenthuͤmer deſſen zu fuͤhlen, was man erwirbt und wie durch ein ſolches Gefuͤhl der Werth des Beſitzes erhöht, der Genuß deſſelben verdoppelt wird. Ich flog mehr als ich ging, um zu Hauſe den beiden theuren Gegenſtaͤnden meiner innigſten Liebe, mein Gluͤck mitzutheilen. Frau Greve war ausge⸗ gangen und ich fand Eliſe allein. Sie war blaß und ſah verweint aus. „Was iſt vorgefallen, liebſte Eliſe,“ ftagte ich erſchrocken, „was fehlt Ihnen, Beſte, Theuerſte?“ — Sie ſchrak bei dem Ton meiner Stimme zuſammen und kaͤmpfte ſichtlich, mir ruhig erſcheinen zu wollen. „Es waͤre beſſer,“ ſagte ſie mir, „Sie wäͤren jetzt noch nicht gekommen und mein Kummer Ihnen verborgen geblieben. — „Könnten Sie grauſam genug ſein, mir die Theilnahme daran ver⸗ weigern zu wollen?“ fragte ich mit bewegter Stimme. — „O Seld,“ antwortete ſie mir, „Ihre Seele iſt zu groß⸗ — 123 — muthsvoll, als daß ich es nicht ſcheuen muͤßte, Ih⸗ nen zu ſagen, was mich betruͤbt, und doch muͤſſen Sie es wiſſen, da es uns Beide betrifft. Wir muͤſ⸗ ſen uns trennen, und das ohne Zoͤgern je eher, je lieber.“ — Ihre Thranen unterbrachen ſie hier, ſie barg ihr Geſicht in ihr Taſchentuch⸗ Unwillkuͤrlich warf ich mich vor ihr nieder und ihre Haͤnde an meine Lippen druͤckend, beſchwor ich ſie, mir eine Erklaͤrung ihrer ſchreckend raͤthſelhaften Worte zu geben. „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie mir erroͤthend, „und ich will verſuchen, ob ich Ihnen zu erzaͤhlen vermag, was mir begegnet iſt. Ich war heute Morgen bei Sophie Burgmann. Sie wiſſen, welch ein liebes aufrichtiges Mädchen ſie iſt, wie ich ſie liebe und von ihr geliebt werde. Von ihr erfuhr ich, daß man es meiner Tante ſehr veruͤbelt, einen jungen Mann in ihrem Hauſe aufgenommen zu haben und daß —“ hier uͤberflog die reizendſte Roͤthe ihr liebliches Ge⸗ ſicht, das ſie verſchaͤmt wegwendete — „daß man Ihr Verhältniß zu uns auf eine meinem Ruf nachthei⸗ lige Art mißdeutet. Sie kennen mich, Seld, Sie wiſſen, daß ich im Himmel und auf Eiden nichts, als meine Unſchuld und meinen guten Namen be⸗ ſite und fuͤhlen es auch gewiß mit mir, daß da, wo 6* dieſer mir ein Opfer abfordert, von keiner Wahl, keiner Zoͤgerung die Rede ſein darf. Die Welt iſt befugt, nach dem Schein zu richten; ihrer Anſicht muß gehorcht werden und unſere Trennung mag nun fur uns Alle ſo ſchmerzlich ſein als ſie will, ſo muͤſ⸗ ſen wir doch der Nothwendigkeit gehorchen.“ „Gibt es denn aber,“ fragte ich ſchuͤchtern, „kein andetes Mittel, das Urtheil der Welt uͤber uns, meine geliebte Eliſe, zu berichtigen, als eine Tren⸗ nung, die mir furchtbarer als der Tod ſelbſt erſcheint?“ „Nein,“ ſagte ſie ernſt, „es gibt kein anderes NRittel, wenigſtens keins, in das ich einwilligen duͤrfte.“ „Wenn das die Entſcheidung Ihres Herzens iſt, ſo bleibt mir freilich nichts uͤbrig, als Ihnen zu ge⸗ horchen und Sie, ſo ungluͤcklich mich auch Ihr Ausſpruch durch die Vernichtung aller meiner Hoff⸗ nungen und meines ganzen Lebensgluͤckes macht, doch durch meine Klagen nicht zu belaͤſtigen. Leben Sie denn wohl, Eliſe, leben Sie wohl auf immer.“ „Wohin, Seld,“ rief ſie mir mit wahrem gauberton nach, „können Sie mich mißverſtanden haben? Koͤnnen Sie glauben, daß ich den Werth Ihrer Freundſchaft, das Gluͤck Ihres Umgangs nicht zu würdigen weiß? Konnen Sie glauben, — 125 — daß — “ hier ſtockte ſie — „ gewiß,“ fuhr ſie er⸗ röthend und leiſe fort, „nur das Bewußtſein mei⸗ ner Unbedeutenheit — nur die Nothwendigkeit — nur — ich weiß in der That nicht, was ich ſage, was ich meine — aber gewiß, gewiß, ich habe Sie nicht kraͤnken, nicht betruͤben wollen.“ Ich ſah ſie mit Entzuͤcken anz die holdſelige Mädchenhaftigkeit ihres Erröthens und ihres nieder⸗ geſchlagenen Blickes fuͤlte mein Herz mit Hoffnung und unausſprechlicher Liebe. „Heute Morgen noch, meine Eliſe,“ ſagte ich endlich, „haͤtte ich mir nicht vergönnen duͤrfen, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie einzig und innigſt liebe; heut Morgen noch war ich arm und ohne Ausſichten, die mir erlaubten, das Schickſal eines Mädchens, deſſen Gluͤck mir theurer iſt, als meine eigne Seele, an das meinige zu bin⸗ den — ſeit dem erſten Augenblick, wo ich Sie ſah, liebte ich Sie mit ganz unaus prechlicher Zärtlichkeit und Inbrunſt, ohne mir den Wunſch, Sie die Meine zu nennen, je zu erlauben, da ich Ihnen nichts anzubieten hatte, als Noth und Mangel — allein ſeit einer Stunde habe ich die Zuſicherung ei⸗ nes Einkommens von 600 Thalern jährlich erhalten, und wenn Sie ſich entſchließen können, mir Ihr Herz und Ihre Hand zu ſchenken, ſo bin ich ſo voll⸗ kommen gluͤcklich, als es nur irgend ein Menſch auf dieſer Erde zu ſein vermag.“ Sie hob ihr Auge zu mir auf, doch zu bewegt, um reden zu können, ſank ſie ſchweigend an meine Bruſt. Ich verſtand dieſe ſtumme Sprache des ſchoͤnſten Herzens, das je in einer Mädchenbruſt ſchlug, und mit ſeligen Wonnethränen umſchlang ich ſie und druͤckte ſie an mein Herz, als den ſchoͤn⸗ ſten und beſten Segen, den Gottes Allmacht mir zu ſchenken vermochte. Frau Greve fand uns in dieſer Umarmung und errieth das Geheimniß unſers Gluͤckes, das ſie freudig und gern durch ihren muͤtterlichen Segen heiligte. Da meine Einnahme jetzt zur Fuͤhrung eines Hausſtandes hinreichte, ſo konnte mich nichts abhalten, auf die Beſchleunigung unſerer Verbin⸗ dung zu dringen, und ſchon nach wenig Wochen kam der Tag, wo ich die reizendſte, ſittſamſte und ge⸗ liebteſte aller Braͤute als Gattin in meine Arme ſchloß. Vielleicht hat es nie einen gluͤckſeligeren Men⸗ ſchen gegeben, als ich es in den erſten Monaten meiner Ehe war. Meine Seele war von einem ſo — machtigen Strom der reinſten und lauterſten Men⸗ ſchenwonne uberfluthet, daß auch nicht die kleinſte Fähigkeit, Gluͤck zu empfinden, in mir unentfaltet und ungeuͤbt blieb. Ich war uͤberzeugt, es habe nie ein Mann ſein Weib herzinniger und unaus⸗ ſprechlicher geliebt, als ich meine Eliſe liebte, und noch jetzt wuͤrde mir kein, je zur Bezeichnung der Macht und der Reinheit einer Leidenſchaft gebrauch⸗ ter Ausdruck genuͤgen, Ihnen auszudruͤcken, was ich fur ſie empfand. Alle meine Gedanken und Empfindungen er⸗ hielten durch dieſe meine Stimmung einen freiern und hoöhern Flug; ich ſchrieb mit Luſt und Liebe, ſchrieb in der friſchen Jugendbegeiſte ung fuͤr alle heiligen Gefuͤhle des Menſchenherzens und fuͤr alle erhabenen Ideen des Menſchengeiſtes. Auch fand mein Blatt reißenden Abſatz; edle Maͤnner bewieſen mir Theilnahme und Achtung und ſo glaubte ich zuverſichtlich aus einer ſeligen Gegenwart in eine be⸗ glůckende Zukunft blicken zu können, als ich plotzlich eines Abends bei der Ruͤckkehr von einem einſamen Spatziergang angehalten und wegen Mißbrauchs der Preffreiheit verhaftet wurde. Da ich von Natur muthig und beherzt bin 3 — 128 — und mich keines Vergehens ſchuldig wußte, nahm ich den Vorfall ſehr leicht und aͤngſtigte mich nur wegen des Eindrucks, den er auf meine Frau und auf die gute Tante machen wuͤrde. Ich wurde nach dem Gefängniß gefuͤhrt, wo mir ein anſtaͤndiges Simmer angewieſen und auch die Erlaubniß zuge⸗ ſtanden wurde, den Hofrath R., einen der beruͤhm⸗ teſten Rechtsgelehrten des Landes, zu mir holen zu laſſen. Er war, wie ich wußte, einer der eifrigſten Lobredner meiner Zeitſchrift und ſagte mir auch, als ich ihn jetzt um ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand bat: „Lieber Herr Seld, Sie ſind ein eben ſo recht⸗ ſchaffener, als gelehrter und geiſtvoller Mann; aber Sie ſind zu jung, um es einzuſehen, wie wenig viele in der Theorie ganz vortreffliche Ideen über Staatsverhältniſſe und Buͤrgerfteiheit fuͤr unſere Zeit und fuͤr unſere Herrſcher paſſen. Dies hat Sie zu einigen Aeußerungen und Fehlſchluͤſſen verlei⸗ tet, die allerdings Ihren Gegnern Blößen darbieten, Ihnen ſchaden zu können; indeſſen enthalt Ihr Blatt nichts, was Ihnen eine ernſtliche Beſtrafung zuzie⸗ hen koͤnnte. Wollen Sie den Kampf mit der Macht und all' den Verfinſterern wagen, die ſich ſo gern hinter dieſer verſtecken, um meuchlings zu treffen, — 2 — nun wohl, ſo waffnen Sie ſich mit Muth und fuͤh⸗ ren Sie Ihre Sache und Ihre Vertheidigung ge⸗ richtlich. Dann aber, glauben Sie es meiner Er⸗ fahrung, iſt es um den Frieden und die Ruhe Ih⸗ res Lebens geſchehen, und Ihrer wartet das grau⸗ ſame Loos, von Ameiſen muͤde, ja wohl gar todt gehudelt zu werden. Ich bin uͤberzeugt, daß Sie nur verhaftet worden ſind, um Sie zu warnen und einzuſchrecken. Verſprechen Sie daher privatim, daß Sie den Ton ihrer Zeitſchrift ändern und behutſa⸗ mer werden wollen, und wenden Sie ſich mit dieſem Verſprechen an irgend einen Gönner, der ſich für Sie verwenden und jenes Verſprechen unter der Hand an die rechte Behörde bringen kann, und ich bin überzeugt, daß Sie unverzüglich Ihre Freiheit wieder erhalten werden.“ Ich dankte dem wackern Hofrath fuͤr ſeinen Rath, allein es ſchien mir unwuͤrdig, ihn zu befol⸗ gen. Ich war mir der treueſten Unteithanenliebe zu meinem König, ich war mir der nie verletzten Ehr⸗ furcht gegen das Geſetz und der Erfuͤllung meiner Buͤrgerpflicht bewußt; ich hatte ohne alle Nebenab⸗ ſicht Wahrheit und Recht vertheidigt, und fühlte es in mir als entſchiedene Unmöglichkeit, als Schrift⸗ — 130 — ſteller meine Ueberzeugung verlaͤugnen und meine Meinung in Feſſeln legen zu können. So entſchloß ich mich denn, mein Schickſal ruhig zu erwarten und ſagte das dem Hoftath, der mir ſeinen juriſti⸗ ſchen Beiſtand verſprach und mich mit einem herz⸗ lichen Händedruck verließ. Ich ſchrieb nun an Eliſe und benachrichtigte ſie ſo ſchonend als moglich von meiner Verhaftung, wobei ich zugleich auf das Be⸗ ſtimmteſte die Hoffnung ausſprach, in wenigen Ta⸗ gen meine Freiheit wieder zu erhalten und ſie drin⸗ gend beſchwor, dieſen Zeitpunkt ruhig abzuwarten. Aber wie wäre dies ihrer beſorgten Liebe moͤg⸗ lich geweſen! Bei ihrer Unkenntniß der Welt glaubte ſie ſowohl, als unſere Tante, mich in Gefahr, und kein Opfer ſchien ihnen zu groß, um meine Frei⸗ laſſung zu bewirken. Ihre Putzarbeiten hatten ſie mit einigen vornehmen Damen in Bekanntſchaft ge⸗ bracht; ſie eilten zu Allen, ſie baten, ſie fleheten, ſie wandten alle ihnen zu Gebote ſtehende Mittel an, und es gelang ihnen, meine Loslaſſung zu bewirken. Unerwartet öffnete ſich die Thuͤr meines Zim⸗ mers, und ich ſah die beiden geliebten Frauen zu mir eintreten. Ich ſlog ihnen entgegen und um⸗ ſchlang meine Gattin, die in meinen Armen faſt ohnmaͤchtig vor Freude wurde. Sie brachten mir die Nachricht meiner Befreiung und da dieſer kein weiteres Hinderniß mehr im Wege ſtand, eilten wir hinunter und fuhren nach unſerer Wohnung. Allein ohne daß ich mir ihren Urſprung zu erklären wußte, zog eine bange Ahnung durch mein Herz, und auf meinen Lippen ſchwebte eine Frage, die ich mich aus⸗ zuſprechen ſcheuete. Erſt als wir wieder in der ge⸗ wohnten Traulichkeit um den Theetiſch verſammelt ſaßen, begann ich nach der Art und Wiiſe, wie ſie meine Freilaſſung bewirkt haͤtten, zu forſchen, und erfuhr nun, daß ich dieſe dem Baron Prins, dem Guͤnſtling des Miniſters, zu danken hatte. Den Zutritt zu dieſem hatten ſie auf einem langen Umwege, von einer Perſon zur andern, ge⸗ funden und ich errieth mehr als ſie ſagten, namlich die Aufopferung eines beträchtlichen Theils ihres klei⸗ nen Vermögens, den ſie zu meiner Freilaſſung ver⸗ wandt hatten. Es war mir unmoglich, bei dieſer Entdeckung Herr des Schmerzes zu bleiben, daß ich Beiden ein Opfer gekoſtet hatte, von dem ich unge⸗ wiß war, ob ich es ihnen je wieder wuͤrde erſetzen können. Meine Tante bot alle Beredtſamkeit ihrer wirklich muͤtterlichen Liebe zu mir auf mich daruͤber — 1 — zu beruhigen. „Kraͤnken Sie ſich doch nicht, um einer leeren Einbildung willen,“ ſagte mir die herrliche Frau, nd ſuchen Sis doch da kein Unglück, wo wahrlich keins iſt. Wir werden niemals Mangel leiden, ſo lange Gott uns geſund erhält, denn ſelbſt den Fall angenommen, daß Ihr PVerhaft Sie in Ihrem Er⸗ werb ſtörte, ſo können Eliſe und ich doch immer ſo viel durch unſere Handarbeit verdienen, als wir brauchen. Was wir gethan haben, haben wir auch eigentlich nicht fur Sie, ſondern nur fur uns ſelbſt gethan, weil wir fuhlten, daß wir nicht länger ohne Sie leben konnten.“ Aber ach! ſchon nach einigen Tagen verrieth die Bläſſe unſerer Tante und ihr gäͤnzlicher Mangel an Appetit, wie nachtheilig die Angſt und der Kum⸗ mer dieſer Tage auf ihre Geſundheit gewirkt hatte. Ich zog einen Arzt zu Rathe; er fand, ſie habe ſchleichendes, zehrendes Fieber. Wir ſparten bei ih⸗ rer Pflege keinen Aufwand zu ihrer Wiederherſtellung; Eliſe und ich wachten wechſelsweiſe die Nacht bei ihr und boten den Tag uͤber Alles auf, ſie durch Geſpräch und Vorleſen zu erheitern, aber alle Arznei und Pflege, unſer Gebet, unſere Thränen warin — — — ſie ſtarb machnl e Wnk un⸗ —— die in — „— vor — Zeti⸗ — hielt die theure Lriche noch immer feſt an ihr Herz gedruͤckt, als die fromme Seele ſchon entflohen war, Ich bemuͤhete mich, ſie aufzurichten und die Todte ſanft aus ihren Armen auf das Kiſſen zuruͤck⸗ zulegen. Sie ſtand endlich auf, allein ſie blieb mit. gefalteten, feſt auf die Bruſt zuſ ammengedruͤckten Händen vor dem Sterbelaget ſtehen das Auge auf die entſeelte Geſtalt geheftet. „O, meine Mutter,“ rief ſie endlich, „haſt du mich denn wirklich verlaſſen? wird dieſer Mund ſich nie wieder zu einem Worte der Liebe und des Segens fuͤr mich erſchließen? hat mir der Tod wirklich unwiederbringlich zu entreißen vermocht, was ich mehr als mein eignes Loben liebte?“ Sie ſank hier ohnmächtig nieder. Ich nahm ſie in meine Arme und trug ſie in unſer Schlaf⸗ zimmer, wo ich ſie auf ihr Bette legte, das Maͤd⸗ chen zu ihrem Beiſtund herbeirief und ihr auftrug, es zu verhindern, daß Eliſe, wenn ſie erwache, nicht wieder nach dem Sterbezimmer zuruckkehre, da ich ſelbſt zu namenlos erſchuͤttert war, um jetzt bei ihr bleiben zu koͤnnen. Ich ging zu der Leiche zuruͤck 11 1 11 — 134 — und ſchloß das Zimmer hinter mir zu, um mich un⸗ geſtört dem unausſprechlichen Schmerz überlaſſen zu koͤnnen, mit dem der Verluſt meiner Wohlthäterin, meiner Mutter, mein Herz durchdrang. — Ach, wie viele und ernſte Prufungen gehören dazu, ehe wir es lernen, im Schmerz ſtill und geduldig zu ſein! Da⸗ mals fühlte ich es noch als unerträglich, ſo herben Kummer erleiden zu muͤſſen. — Nur die Liebe ver⸗ mochte mir den Muth zu geben, der mir fehlte. Die Angſt fur meine Eliſe zwang mich, ergeben zu ſcheinen; ich fuͤrchtete ihre Verzweiflung, denn ich kannte das Herz dieſes Engels und den Heldenmuth, deſſen ſie ihre fromme Ergebung in den Rathſchluß Gottes faͤhig machte, noch nicht. Der Abſatz der von mir redigirten Zeitſchrift hatte ſich ſeit meiner Verhaftung von Monat zu Monat vermindert. Der Verleger war furchtſam geworden, der Cenſor aͤngſtlich; ich ſelbſt hatte nie den Zweck gehabt, Aufſehen zu erregen und ſtrebte muͤhſelig darnach, als keiner Partei angehörend zu erſcheinen. Die ernſte, truͤbe Stimmung, die mir das Krankenbette der Tante gab, raubte mir die Freiheit des Geiſtes, die ſich im Beginn meiner li⸗ terariſchen Laufbahn als heiteres Spiel des Wites — 135 — gezeigt hatte, und ſo verlor ſich der Beifall des Publicums eben ſo ſchnell, als ich ihn gewonnen hatte. Der Verleger zahlte mir immer weniger, bis er mir endlich, kurz nach dem Tode der Tante, ſei⸗ nen Entſchluß erklärte, die Zeitſchrift ganz aufhoͤren laſſen zu wollen. Als ich den Arzt, die Apotheker⸗ rechnung und die Koſten des Begräbniſſes bezahlt hatte, behielt ich nur noch 50 Thaler im Vermoͤgen. Meine Frau erwartete ihre Entbindung, und fruͤher noch, als wir glaubten, gab ſie dem kleinen Knaben, den ihre Mildthätigkeit gerettet hat, das Leben. So lange ich ſie in Gefahr glaubte, konnte ich mich nicht entſchließen, ihr Zimmer zu verlaſſen; die Ko⸗ ſten ihres Wochenbettes nahmen faſt den ganzen Reſt unſerer Baarſchaft hin, und die bittere Sorge, wovon ich Frau und Kind ferner ernähren ſolle, Hatte ſich meines Herzens bemächtigt, als ſich eines Tages der Baron Prins — jener Guͤnſtling des Mi⸗ niſters, dem ich meine Freilaſſung verdankte — bei mir melden ließ. Eben ſo erſtaunt als uͤberraſcht ging ich hinunter, ihn zu empfangen. „Ich habe mir ſchon lange das Vergnügen Ihrer per ſoͤnlichen Bekanntſchaft gewunſcht,“ ſagte er mir mit jener freundlichen Traulichkeit, durch die es vornehmen Leu⸗ 1 — 136 — ten oft ſo leicht wird, einen vortheithaften Eindruck auf uns zu machen, „allein ich habe von dem Tode Ihrer Tante und von der Entbindung Ihrer lieben Frau gehoͤrt und mich dadurch verpflichtet geglaubt, meinen Beſuch verſchieben zu muͤſſen. Sie ſind ein Schriftſteller voll Geiſt und Witz: Sie haben aber mit den Waffen, die Ihnen dieſe geben, einiges Un⸗ heil geſtiftet, das man auch wieder durch Sie u gemacht zu ſehen wuͤnſcht.“ „Wie ſo, Herr Baron?“ „Noch nie, lieber Herr Seld, iſt ein Schrift⸗ ſteller als Verfechter der Freiheit und als Cenſor der Maßregeln der Regierung aufgetreten, ohne daß nicht der große Haufe in ſeinen Schriften eine Ver⸗ lockung zur Ungebundenheit und zur Verletzung des Geſetzlichen gefunden hätte. Dies iſt auch bei Ih⸗ ren Schriften der Fall geweſen, und uͤberzeugt, daß die ſchädlichen, aus Ihren Aufſaͤtzen gezogenen Fol⸗ gerungen von Ihnen nicht gebilligt werden, wuͤnſcht man, daß Sie ſelbſt dieſe widerlegen, und da Ihre Zeitſchrift aufgehoͤrt hat, die Herausgabe einer neuen uͤbernehmen mochten, die dieſe Tendenz hatte.“ „Gewiß, Herr Baron, wuͤrde ich es mir zur Ehre rechnen, dem Herrn Miniſter oder der Regie⸗ * — „ — rung zur Belehrung und Aufklärung des Volkes meine Feder zu leihen; allein die Grundſaͤtze, die ich bisher als Schriftſteller ausgeſprochen habe, ſind wahrhaft als Mann und als Buͤrger meine Grund⸗ ſätze, und ich wuͤrde mir ſelbſt ehrlos erſcheinen⸗ wollte ich ſie je verlaugnen, geſchweige denn ſie zu widerlegen und zu bekaͤmpfen ſuchen. Auch wuͤrde ich durch die Darlegung einer ſolchen Wetterfahnen⸗ natur alle Achtung in der literariſchen Welt ver⸗ lieren und dadurch unfähig werden, den von Ihnen beabſichtigten Zweck zu erreichen. Welches Mißfallen mir aber meine Grundſaͤtze zugezogen haben, iſt Ih⸗ nen bekannt, da ich nur Ihrer großmuͤthigen Ver⸗ wendung meine baldige Freilaſſung zu verdanken habe.“ „Wie wenig,“ ſagte der Baron lächelnd, „kennen Sie die Welt und das Publicum! allein ich ehre die Rechtlichkeit Ihres Sinnes und bin weit entfernt, von Ihnen zu fordern, daß Sie in einer dem Geiſt Ihrer bisherigen Schriften widerſprechenden Art fuͤr uns ſchreiben ſollen. Koͤnnten Sie aber Bedenken tragen, dies zu thun, wenn es nur darauf ankommt, jene unverſtaͤndigen Seribler zu widerlegen, die das urtheil und die Meinung des großen Haufens mit ihrem Geſchwätz irre fhren, ſtatt es zu berichtigen?“ — 138 — „Gern bin ich dazu erbotig, in ſo fern dies mit meinen Anſichten von dem Beſten unſers Vater⸗ landes uͤbereinſtimmt.“ „Hoffentlich glauben Sie nicht, daß die Anſichten und Wuͤnſche, zu deren Vertreter ich Sie zu gewin⸗ nen wuͤnſche, je dem wahren Beſten des Vaterlandes feindlich ſein köͤnnten. Erklaͤren Sie mir aber doch bei dieſer Gelegenheit, was Sie denn eigentlich unter der Freiheit verſtehen, die Sie in Ihren Schriften ſo begeiſtert, als das Palladium des Nationalwohls ruͤhmen?“ „Mich duͤnkt, Herr Baron, daß es ſehr leicht iſt, ſich ſowohl uͤber den Begriff der moraliſchen als der buͤrgerlichen Freiheit in dem Sinne zu ver⸗ ſtändigen, auf den es hier ankommt. Moraliſch frei iſt der Menſch nur dann, wenn er, unabhangig vom ſinnlichen Triebe, der Pflicht gemäß zu handeln vermag; buͤrgerlich frei, wenn in dem Staat, deſſen Buͤrger er iſt, jedes Mitglied ohne Ausnahme dem Geſetz unterworfen iſt.“ „Nun, Herr Seld, dann ſind wir ja einig⸗ denn dieſe Ehrfurcht fuͤr das Geſetz bekämpft ja das Ungeſetzliche, und eben dies ſoll ja nur bekämpft —— — 139 — werden. Ich ſehe alſo kein Hinderniß weiter, warum Sie nicht, ohne öffentlichen Uebertritt, im Stillen auf unſere Seite treten und fuͤr uns ſein ſollten. Wir ſind nicht undankbar, ſondern im Gegentheil recht gute Bezahler. Schlagen Sie alſo ein und machen Sie mich nur mit — Bedingungen bekannt.“ „Nein, Herr Baron, Beides kann ich nicht, da ich trotz der anſcheinenden Gleichheit unſers Zweckes fͤrchten muß, Ihren Forderungen und Anſpruͤchen nicht Genuge leiſten zu koͤnnen. Ich habe die Staatswiſſenſchaft nicht ſtudirt; ich bin dem Sinn und dem Gemuͤth nach ein einfacher, gerader Menſch, unfähig zum Klugeln und zu allem ſcharf⸗ ſinnigen Deuteln, und alſo auch keineswegs geeig⸗ net, Maßregeln und Einrichtungen zu rechtfertigen, deren innerliche Conſequenz und Nothwendigkeit nur der hoͤhern Behoͤrde allein klar vor Augen liegt. Halten Sie es uͤbrigens nicht fuͤr ſo leicht, bei der Menge als Schriftſteller Eingang zu finden; ſie hat einen Inſtinct fuͤr Recht und Wahrheit, der ſie ge⸗ meinhin in ihrem Urtheil ſicherer leitet, als die Ge⸗ bildeten von allen ihren wiſſenſchaftlichen Einſichten und ihren ſchlauen Verſtandeskunſteleien geleitet wer⸗ — 140 — den, und faſt nie gelingt es, ihr auf die Dauer et⸗ was weiß zu machen.“ „Aber, Freund, dies ſollen Sie ja auch nicht, weil wir weit entfernt ſind, es zu wollen. Man wuͤnſcht blos einen ſo rechtlichen Mann, von ſo un⸗ verdaͤchtiger Popularität wie Sie, zum Freunde zu haben. Sie ſollen nichts ſchreiben, als was Sie ſelbſt ſchreiben wollen, und ich beſchraͤnke mich dar⸗ auf, Ihnen die Materialien zu liefern, deren Sie beduͤrfen werden, um manche Dinge aus dem rechten Geſichtspunkt zu ſehen. Hier ſind vorlaͤufig 20 Louisd'or, und ich werde dafür ſorgen, daß Ihnen monatlich eine beſtimmte Summe ausgezahlt wird, bis ſich kuͤnftig eine fuͤr Sie paßliche Stelle findet. Uebrigens ſehen wir uns in einigen Tagen wieder und dann das Naͤhere uͤber dieſen Punkt.“ „Ich hatte nur noch acht Groſchen im Ver⸗ moͤgen. Im obern Zimmer lag mein über Alles ge⸗ liebtes Weib bleich und matt, der Labung und der Staͤrkung bedurftig, neben mir mein Erſtgeborner: mußte mir da nicht der Baron als ein Schutzengel erſcheinen? Einige Tage nachher kam der Baron mit einer großen Menge Schriften zu mir, großentheils Acten⸗ — — 141 — ſtuͤcke uber einige Vorfälle, die im Volke Murren und unzufriedenheit erregt hatten, aber auch viele handſchriftliche Noten und Bemerkungen waren da⸗ bei. Ich uͤberzeugte mich, daß die Behoͤrde Recht gehabt hatte zu handeln, wie ſie gehandelt hatte, und trat nun mein neues Amt mit froher Luſt und mu⸗ thigem Eifer an. Wie ich fruͤher die Willkur ge⸗ tadelt hatte, die die buͤrgerliche Freiheit als ein feinbliches Eigenthum betrachtet, von dem ſie ſo viel als moͤglich an ſich zu reißen und zu vernichten ſucht, ſo tadelte ich nunmehr eben ſo ſcharf und aus inni⸗ ger Ueberzeugung die Stimmung eines verblendeten und unzufriedenen Haufens, welcher eine Oppoſition gegen die Regierung zu bilden ſtrebte und ſich gegen die Maßregeln der gerechteſten und geſetzmaͤßigſten Gewalt widerſpenſtig zeigen zu maͤſſen glaubte. Ob ich nun gleich bald auf dieſer, bald auf jener Seite zu ſein ſchien, ſo blieb ich doch trotz dieſes anſcheinenden Wechſels nur meiner Ueberzeugung treu und lieh mich nie der Willkuͤr zum willenloſen Werkzeug. Ich wandte auf meine jetzigen Arbeiten zehnmal mehr Fleiß und Muͤhe als auf die fruͤheren und noch jetzt bin ich uͤberzeugt, daß ſie an Gehalt und innerer Gediegenheit dieſe weit uͤbertrafen; allein ſie blieben großtentheils von denen unbeachtet, fur die ſie eigentlich geſchrieben wurden, und nur durch kunſtliche Mittel wurde das Blatt erhalten, in dem ſie erſchienen. Meine Eliſe und ich lebten indeſſen ohne Sor⸗ gen, einfach und haͤuslich und ganz unausſprechlich glucklich mit und durch einander. Der Baron be⸗ ſuchte uns oft; er zeigte mir den freundſchaftlichſten Antheil an unſerm Schickſal und war allmaͤhlig, trotz des Unterſchieds unſers Standes und unſerer Lage, gewiſſermaßen eine Art von Hausfteund ge⸗ worden. Eines Nachmittags trat er mit einem freudeſtrahlenden Geſicht zu uns ein. „Ich bringe Euch, meine lieben Freunde,“ rief er uns entgegen, „ſehr angenehme Nachrichten; der Miniſter hat mir heute Morgen für Sie, lieber Seld, die Zuſicherung eines Jahrgehalts von 600 Thalern gegeben, welches Sie, als einen Beweis ſeiner Zufriedenheit mit Ih⸗ ren bisherigen Arbeiten, vom nächſten Vierteljahr an beziehen ſollen, und das Ihnen ein von der Re⸗ daction und der Dauer Ihres Journals gun1 unab⸗ haͤngiges Einkommen ſichert.“ Wir dankten ihm herzlich fuͤr ſeine ſn Theilnahme an unſerm Schickſal; doch er lehnte — unſere Dankſagungen ab, indem er mich wie aus⸗ weichend, lächelnd im ſcherzhaften Ton fragte: ob ich eiferſuͤchtig ſei? „So wenig, als es nur irgend ein Mann ſein kann,“ antwortete ich ihm mit einem innigen Blick auf mein herrliches Weib. „Deſto beſſer,“ ſagte er, „da ich dann um ſo ſicherer auf die Gewährung einer Bitte rechnen kann, die ich auf dem Herzen habe. Einige meiner Freunde haben zu morgen mit mir eine Fahrt nach meinem Gute verabredet, das zwei Stunden von hier im Ge⸗ birge liegt. Jeder von uns bringt eine Dame mit, und ich wuͤnſchte daher ſehr, daß Frau Seld mir das Vergnuͤgen gönne, ſie in meinem Whiski abholen zu duͤrfen und mir verſpreche, die Honneurs dieſes kleinen Feſtes in meinem Hauſe, dem es an einer Wirthin fehlt, machen zu wollen.“ „Und was wuͤrde Ihre vornehme Geſellſchaft ſagen, wenn Sie ihr in mir die ihnen Allen unbe⸗ kannte Frau eines armen, buͤrgerlichen Mannes vor⸗ ſtellten?“ fragte Eliſe. „Der Schoͤnheit,“ antwortete er ihr, „gebuͤhrt allenthalben, wo ſie erſcheint, der erſte Rang, und — 144 — ſie braucht ſich nur zu zeigen, um der allgemeinen Huldigung gewiß zu ſein.“ „Nicht ſo, Herr Baron,“ erwiederte Eliſe ern⸗ ſter, als ich ihrem Engelsgeſicht zugetraut hätte, aus⸗ ſehen zu können: „wir Buͤrgerfrauen laſſen uns durch ſolche poetiſch ſchoͤne Redensarten nicht bethoͤren. Mein Haus iſt meine Welt, mein Mann und mein Kind die einzige Geſellſchaft, die ich mir wuͤnſchez doch auch in jedem andern Verhaͤltniß des Standes, Herr Baron, wuͤrde ich mich nie dem Schutz eines andern Mannes, als dem meines Gatten anvertrauen und mich in keiner Geſellſchaft, von der er ausge⸗ ſchloſſen waͤre, an meinem Platz glauben.“ Vergebens erſchopfte ſich jetzt der Baron in Entſchuldigungen und Schmeicheleien; vergebens dehnte er ſeine Einladung jetzt auch auf meine Perſon aus; vergebens trat ich auf ſeine Seite, Eliſe blieb unerbittlich, ob ſie gleich ſah, daß der Baron ihre Weigerung ſo tief und unmuthig empfand, daß er uns mit nur ſchlecht verhehltem Kaltſinn verließ⸗ Ich machte ihr, als wir uns allein ſahen, einige Vorwuͤrfe, dem Mann, dem wir unſere ſorgenfreie Lage verdankten, und der uns eben einen ſo ſpre⸗ chenden Beweis ſeiner freundſchaftlichen Furſorge ge⸗ — 166 — geben hatte, ſo unfreundlich eine Bitte abgeſchlagen zu haben, in der ich nur einen Beweis ſeiner Ach⸗ tung fuͤr Eliſe fand; allein ſie ſah mich mit dem ihr eignen, ſeelenvollen Blick der innigſten Liebe an und ſagte mir ſanft: „Traue ihm nicht. Mein Herz warnt mich vor ſeiner gleißneriſchen Freundlich⸗ keit und nennt ihn den böſen Genius unſers Gluͤckes.“ Ach, nur zu bald wurde ihre Ahnung gerecht⸗ fertigt! Einige Wochen nach dieſem Vorfall erhielt ich von dem Miniſter, dem ich ſo hoch verpflichtet war, den Auftrag, mich nach einer im Innern des Landes gelegenen Stadt zu begeben, um dort ein Geſchaͤft zu uͤbernehmen, das er einem redlichen, un⸗ beſtechlichen Manne zu uͤbertragen wuͤnſchte. Die Jahreszeit war ſchon zu rauh, als daß wir es hät⸗ ten wagen duͤrfen, unſer Kind, das gerade an den Zähnen kränkelte, mit uns zu nehmen, und Eliſe mußte ſich entſchließen, mit ihm in der Hauptſtadt zuruͤckzubleiben. Dieſe Trennung, die erſte ſeit unſerer Verbin⸗ dung, wurde uns ſehr ſchwer, wenn wir gleich nicht ahneten, was ſie uns koſten wuͤrde, da ich das mir uͤbertragene Geſchäft in Monatsfriſt ausrichten zu konnen glaubte. Tarnow's Schriften. VI. 7 — 146 — Laſſen Sie mich uͤber dieſen ſchrecklichen Zeit⸗ punkt ſchnell hinwegeilen. Der Baron hatte mich nur entfernt, um Eliſe ſchutzlos gegen ſeine An⸗ ſchläge zu machen; ſeine Leidenſchaft fur ſie ſtieg ſo hoch, daß er kein Verbrechen mehr ſcheuete, um ſie zu befriedigen. Alle Verfuͤhrungskuͤnſte des erfahrnen Wuͤſtlings ſcheiterten an Eliſens Tugend; er erkaufte die Treue unſers Dienſtmadchens; durch deren Bei⸗ ſtand es ihm gelang, ſich des Nachts in Eliſens Schlaßzimmer zu ſchleichen, um durch Gewalt zu erhalten, was ihm keine Verfuͤhrung zu gewinnen vermochte. Vergebens bot Eliſe Alles auf, ihn zu ruͤhren; jedes andern Vertheidigungsmittels beraubt, ergriff ſie ein Meſſer, das zufällig noch vom vorigen Abend her auf dem Tiſch lag; er wollte es ihrer Hand entwinden, und ſtieß es ſich ſelbſt in die Bruſt. Mit einem ſcheußlichen Fluch ſtuͤrzte er roͤ⸗ chelnd nieder — der Stoß hatte das Herz getroffen. In dumpfer Bewußtloſigkeit kleidete ſich Eliſe an, riß ihr Kind aus der Wiege, nahm es auf den Arm, und eilte aus dem Hauſe. In der nächſten Straße traf ſie einen Miethwagen, ſie fuhr in dieſem nach einem Wirthshauſe, von wo aus ſie Gelegenheit ſuchte und fand, zu mir eilen zu konnen. — — 147 — Ich ſaß einſam in meinem Zimmer, verſunken in dem Gedanken an ſie und mein ſuͤßes Kind, als ſie zu mir eintrat. Mit unausſprechlichem Ent⸗ zucken flog ich auf ſie zu, und druͤckte ſie an mein Herz, allein bald gewahrte ich ihre Todtenblaͤſſe und ihren irren Blick. „Liebſte Eliſe,“ rief ich, „was iſt Dir begegnet?“ „Wir muͤſſen fliehen,“ rief ſie wild, „und das gleich, augenblicklich — der Baron liegt in meinem Zimmer ermordet — blutend, röchelnd, zuckend.“— Sie ſchauderte convulſiviſch zuſammen — ich ver⸗ ſtummte vor Grauſen. Was konnte geſchehen ſein, was mufßte dieſer ſanfte, holdſelige Engel gelitten haben, um dahin gebracht zu werden, eine ſo ent⸗ ſetzliche That zu begehen, da, wie ich nach ihrem Betragen glaubte, ihre Hand ihn getödtet hatte! Eliſens Rettung war aber mein einziger Ge⸗ danke. Der Wagen, in dem ſie gekommen war, hielt noch vor der Thuͤr; ich warf mich mit ihr hin⸗ ein und ließ ihn nach einer der abgelegenſten Straßen fahren, wo, wie ich bei einem Spatziergang zufällig bemerkt hatte, Zimmer zu vermiethen waren. Wir bezogen hier ein kleines Hinterſtubchen mit einer Kammer; ich bezahlte den Kutſcher, befahl dem — 6 — 5 — Madchen im Hauſe, ſogleich Feuer anzumachen und Alles zum Thee zu bereiten. Es dämmerte ſchon. Im Wagen hatten Eliſe und ich kein Wort mit einander gewechſelt; ich fuͤrchtete mich, die nahern umſtände einer Begebenheit zu erfragen, deren Schrecken mich verſteinert hatte, und uͤberdies ver⸗ bot mir auch Eliſens Zuſtand jede Frage. So wie wir uns allein ſahen, ging ſie mit ihrem Kinde nach der Kammer, um es zu Bette zu bringen. Sie kniete darauf ſtill vor ſeinem Lager nieder, und brach in einen Strom von Thraͤnen aus; da ich ein⸗ ſah, wie wohlthätig ihr dieſe Erleichterung ſein mußte, ſo ließ ich ſie ungeſtört, bis daß das Maͤd⸗ chen Licht gebracht und den Theetiſch zurecht geſetzt hatte, wo ich ſie dann mit dem Ton der allerinnig⸗ ſten Liebe rief und zu mir zu kommen bat. um Vieles gefaßter und ruhiger trat ſie zu mir ein. „Meine Eliſe,“ ſagte ich ihr, ſie in meine Arme ſchließend, „mein einziges Gluͤck, mein Alles, gib Dich Deiner Betruͤbniß nicht ſo unbedingt hin. Was auch geſchehen iſt, ſo biſt Du doch gewiß mit unentweihter Seele noch immer der fleckenloſe Engel, den ich, ſeit ich Dich kenne, in Dir geliebt und ver⸗ ehrt habe.“ — 149 — „O, mein Eduard,“ antwortete ſie mir, „es iſt nicht ſo ſehr mein eignes Schickſal oder Furcht vor den Folgen dieſer ſchauderhaften Begebenheit, was mich quält, als der Gedanke an das Urtheil, das den unglucklichen Baron jenſeits erwartet, da er ſo plötzlich und unvorbereitet vor dem ewigen Richter erſchienen iſt. Wie elend macht mich der Gedanke, daß meine Rettung vielleicht durch die Verdammung eines unſterblichen Weſens erkauft iſt! Gott iſt mein Zeuge, daß ich nie den Gedanken hatte, das ungluckliche Meſſer gegen eine andre Bruſt als die meine zu wenden, uͤberzeugt, daß die Urſache meines Selbſtmordes bei Gott meine Fuͤrſprecherin um Gnade geweſen ſein wurde.“ Sie erzählte mir jetzt Alles, was wäͤhrend meiner Abweſenheit vorgefallen war, und mehr denn je lernte ich die Kraft ehren, die in eines rei⸗ nen Weibes Herzen ſo maͤchtig iſt, daß ſie den Sieg uͤber die Verſuchung unmoͤglich macht, eben weil es fuͤr ſie gar keine Verſuchung gibt. Nie hatte ich meine Frau ſo geliebt, ſo geehrt, als nach dieſer Erzählung. Selbſt der Tod unter Henkers⸗ hand erſchien ihr als kein zu hoher Preis fuͤr das Bewußtſein, als mein treues, unbeflecktes Weib zu — 150 — ſterben, nur mich, nicht ſie ſchreckten die Folgen, die dieſe Begebenheit nach ſich ziehen konnte. Unſer ganzes Vermoͤgen beſtand nur aus ungefaͤhr 40 — 50 Thalern, da Eliſe bei ihrer Flucht Alles zuruͤckge⸗ laſſen hatte, was wir an Geldeswerth beſaßen. Wir hatten keine andern Kleider, keine Waͤſche als die, welche wir anhatten, und ich durfte mich nicht ge⸗ trauen, nach meiner Wohnung zuruͤckzugehen, um meine dort gebliebenen Sachen zu holen, und noch weniger konnte ich es wagen, mich einem meiner Bekannten zu entdecken. Erſt in der Dunkelheit des folgenden Abends wagte ich mich aus, um fuͤr uns und unſer Kind das nothwendigſte Leinenzeug zu kaufen. Am fuͤnften Tage, den wir in unſerm Verſteck zubrachten, durchlief Eliſe beim Fruͤhſtuͤck eine Zeitung, die ſie von unſerer Wirthin erborgt hatte. Ich ſah ſie bei Leſung derſelben erblaſſen. „O Gott,“ rief ſie aus, „nicht nur des Mordes, ſondern auch des Dieb⸗ ſtahls angeklagt zu werden, das iſt hart! aber ich habe das Vertrauen, mein Ungluͤck wird nicht großer werden, als meine Ergebung.“ Mit einem Blick, den ich den Verklaͤrungsblick einer ftommen Dulderin nennen moͤchte, uͤberreichte ſie mir das Blatt. Es enthielt einen Steckbrief, in dem auf ihre Habhaft⸗ — 151 — werdung ein Preis von 500 Thalern geſetzt war, weil ſie auf das Zeugniß unſers Dienſtmädchens und noch eines andern Zeugen nicht blos des Mordes, ſondern auch der Beraubung des Barons, bei dem man Börſe, Uhr und ſeine juwelne Tuchnadel ver⸗ mißt hatte, angeklagt ſei. „Ich ſehe es ein,“ ſagte Eliſe, „der Schein ver⸗ dammt mich, und die, welche den Ungluͤcklichen nach ſeinem Tode beraubt haben, werden keine falſchen Eide ſcheuen, um ſich durch meine Verurtheilung ihren Raub zu ſichern; allein der Himmel iſt mäch⸗ tiger als die Holle, und Gott wird, wie ich hoffe, meiner Unſchuld den Weg bahnen, ſich zu offen⸗ baren; doch ſeine Wege ſind nicht unſere Wege, und ich habe mich darauf bereitet aus ganzer Seele, wie es auch werde, ſagen zu können: Herr, dein Wille geſchehe! Meine Zuverſicht zu ihm wird mich jedes irdiſche Ungluͤck geduldig ertragen lehren, das mir zu dulden beſtimmt iſt, und ſeine Gnade iſt ein unendlich höheres Gut, als jedes andere, das mir ein irdiſcher Urtheilsſtruch zu rauben vermag.“ Ich mußte nun Alles fuͤr Eliſe, ſowohl von der Bosheit ihrer Ankläger und der falſchen Zeugen⸗ als auch von der Rache des Miniſters und der — 152 — mächtigen Familie des Barons fuͤrchten, und ihr Tod ſchien mir gewiß, ſobald wir entdeckt wurden. Fliehen konnten wir nicht, ohne Geld, ohne Päſſe in einer rauhen Jahreszeit. Unſer einziges Schutz⸗ mittel blieb alſo die tiefſte Verborgenheit: wir ließen uns ſo wenig als moglich, ſelbſt vor unſern Wirths⸗ leuten ſehen, allein dieſe Verborgenheit raubte uns auch jedes Mittel zum Erwerb, und wir lebten meh⸗ rere Wochen lang faſt von nichts als von ſchwachem Kaffee und von Weißbrod, da wir uns nur zwei⸗ mal woͤchentlich aus der Garkuͤche warmes Eſſen holen ließen, und doch war nach Verlauf einiger Monate unſer Geldvorrath bis auf eine unbedeutende Fleinigkeit erſchöpft; ich mußte meine Uhr verkaufen, um der Wirthin die Miethe bezahlen zu können, und jeder Tag fuͤhrte uns der Erſchoͤpfung dieſer unſerer letten Huͤlfsquelle ſichtlicher zu. Ich ſah keine Rettung; ein tiefer Abgrund offnete ſich vor unſern Fuͤßen, eine unentfliehbare Nothwendigkeit trieb uns ihm naäher und näher, und keine Macht des Him⸗ mels und der Erde ſchien uns einen Steg ibe ihn erbauen zu wollen. Mehrere Tage lang lebten wir zletet nur von Brod und einiger Milch, deren wir zur Ernährung — 153 — unſers Kindes bedurften. Nun hatte ich aber auch keinen Groſchen meht im Vermögen. Ich blickte auf zum Himmel, nicht um zu beten, ſondern um zu grollen. „Furchtbare Macht,“ rief ich, „die du die Menſchenkinder wie Gewurme zertrittſt und von der doch ein thörichter Wahn fabelt, daß du Alles, was da lebt, väterlich pflegeſt und erhältſt, was habe ich verbrochen, daß du gegen mich ſo viel grauſamer biſt, als gegen die Thiere des Waldes, denen ihr Mahl bereitet iſt? Warum läſſeſt du mein ſchuld⸗ loſes Kind, mein ſanftes Weib verhungern? warum haſt du jede Handlung meines Lebens, meinen red⸗ lichen Fleiß, meinen Eifer fuͤr Tugend und Recht, meine Liebe zur Wahrheit, meine Ehrlichkeit, zum Fluch fuͤr mich verkehrt? — Ich Ohnmächtiger ver⸗ mag nicht gegen dich zu ringen, der du mich, all⸗ mächtig wie du biſt, in's Elend ſtuͤ'z⸗ſt; ſchuͤtte denn die Schale deines unverdienten Zornes uber mein Haupt aus, aber auch nur uber mein Haupt allein; verſchone, verſchone mein Weib und mein Kind!“ Eine finſtre Nacht; von keinem Stern der Hoffnung erhellt, lag auf meiner verzagenden Seele. Ich wuͤnſchte, die Welt moge untergehen, ich wuͤnſchte, mein Weib, mein Kind todt und ſtarr Lor mir lie⸗ gen zu ſehen, und doch war es nur der Gedanke an dieſe, der mich vom Selbſtmord zuruͤckhielt. Es war Abend. Eliſe hatte ſich mit ihrem Kinde zu Bette gelegts ich ſtand in tiefer Verzweiflung am Fenſter und ſtarrte in die Dunkelheit hinaus, da ergriff mich mit einem Mal der Gedanke, daß ich Huͤlfe ſchaffen muͤſſe, und ſollte ich dieſe auch durch etwas Ent⸗ ſetliches erkaufen, ſo mächtig, daß ich in einer Art von wahnſinniger Entſchloſſenheit zum Hauſe hinaus ſtuͤrzte. Ich war mir keines Vorſatzes deutlich be⸗ wußt, allein ich wollte thun, was die Verzweiflung mir eingeben wuͤrde. Beſinnungslos kam ich vor das Thor, ein hellerleuchtetes einſam liegendes Land⸗ haus fiel mir in die Augen, ich ging darauf zu und trat, ohne bemerkt und angehalten zu werden, in ein Gartenzimmer, wo vier bis ſechs Herren am Tiſche ſaßen. Mein Anblick ſchien ſie zu erſchrecken. „Ich bin kein Raͤuber,“ rief ich ihnen zu, „aber ich ver⸗ hungere, ich ſterbe mit Weib und Kind aus Man⸗ gel, während daß Ihr ſchwelgt. Seid — rettet mich vor Verzweiflung!“ Starr blickten Alle mich an; der bliche Vihn ſinn, der auf meinem eingefallnen Geſichte lag, meiß irrer Blick ſchien ſie zu verſteinern; der, dem ich am Nichſten ſtand, zog ſeinen Geldbeutel und warf ihn mir zu. Wie ein Falke ergriff ich ihn und barg ihn an meine Bruſt. Mir war, als ſei ich nun im Beſitz eines unermeßlichen Schatzes, das Herz drohte mir, mit ſeinem unbaͤndigen Klopfen die Bruſt zu zerſprengen, und unfaͤhig, meinem Wohlthaͤter ein Wort des Dankes ſagen zu konnen, brach ich in Thrä⸗ nen aus und floh aus dem Zimmer. Es war ge⸗ gen Mitternacht, als ich nach Hauſe kam. Eliſe fuhr von ihrem Lager auf, als ich eintrat; meine ungewöhnliche Abweſenheit hatte ſie erſchreckt und geaͤngſtigt, und ein ſchwacher, morgenrothlicher Freu⸗ denſtrahl flog uͤber ihr Geſicht, als ſie mich erblickte. „O meine Eliſe,“ rief ich, „zurne mir nicht, ich bringe Rettung. Hier, Liebe,“ fuhr ich fort, in⸗ dem ich die Börſe in ihre Häͤnde legte, „hier iſt Geld, laß Eſſen holen, koſtliches Eſſen, dich zu ſtärken.“ Sie ſah mich ernſt und forſchend an. „Um Gottes willen, Eduard,“ ſagte ſie mir, „Du haſt doch nichts Böſes gethan? viel lieber wollte ich ſter⸗ ben und mein liebes Kind ſterben ſchen, als daß unſere Noth Deiner Rechtſchaffenyeit gefaͤhrlich wuͤrde.“ „Nein,“ rief ich, „Du Engel, Gott iſt um Dei⸗. netwillen gnaͤdig gegen mich geweſen und hat mich vor Miſſethat behuͤtet; was ich Dir bringe, iſt eine Gabe edler Mildthätigkeit.“ Sie warf ſich mit Thränen in meine Arme, auch die meinigen floſſen, und ruhiger und hoffnungs⸗ froher denn ſeit langer Zeit legten wir uns zur Ruhe nieder. Ein ſchreckliches Erwachen wartete unſer. Mit Anbruch des Tages traten vier Gerichtsdiener bei uns ein, um meine Eliſe, als des Mordes und des Diebſtahls angeklagt, zu verhaften. Einem Ra⸗ ſenden gleich ſtuͤrzte ich auf ſie zu, und trotz ihrer Mehrzahl wuͤrde es mir gelungen ſein, ſie zu uͤber⸗ waͤltigen, allein Eliſe warf ſich vor mir auf die Knie nieder. „Was willſt Du thun, mein Gelieb⸗ ter,“ rief ſie mir flehend zu, „willſt Du uns unaus⸗ weichlich in das Verderben ſturzen, das uns, ſo lange ich nur ſchuldlos angeklagt und nicht verdammt bin, nur droht, vielleicht ohne uns vernichten zu konnen? O, mein Eduard, laß uns von Unrecht uns frei er⸗ halten. Vertraue wie ich der Liebe und dem Er⸗ — 157 — barmen Gottes, ohne deſſen heiligen Willen kein Haar meines Hauptes verletzt werden kann, und hoffe, daß er alle unſere Trubſale zu unſerm Heile wenden wird.“ So wie ſie ſprach, verlor ſich der Ausdruck des Schreckens von ihrem Geſicht, und eine fromme Hei⸗ terkeit beſeelte jeden Zug deſſelben. Sie wandte ſich ſanft und freundlich zu den Gerichtsdienern und bat ſie um Vergunſt, ſich ankleiden und einige Sachen mitnehmen zu duͤrfen, ehe ſie ihnen folge. Wie ge⸗ zahmte Tiger gehorchten ſie dem ſanften Ton ihrer Stimme. Fragen Sie mich nicht, was ich in die⸗ ſem entſetzlichen Augenblick litt, und in dem noch entſetlichern, wo meine Eliſe, ihr Kind auf dem Arm, das Zimmer verließ. Keine Gewalt der Erde hätte mich abhalten können, ihr nach der Hauptſtadt zu folgen, wohin man ſie fuͤhrte, und der Gefäng⸗ nißwärter, dem ſie dort uͤbergeben wurde, war menſch⸗ lich genug, mir eine Kammer in ſeiner Behauſung zu vermiethen. Ich verſchaffte mir nun eine Ab⸗ ſchrift der Anklage und der gegen ſie beigebrachten Zeugniſſe und floh damit zu den beruͤhmteſten Rechts⸗ gelehrten; ich bot alle Beredtſamkeit der Liebe und der Verzweiflung auf, ſie zu ihren Vertheidigern zu — 138 — gewinnen. Umſonſt! umſonſt! ich fand bei einigen Mitleid, aber nirgends Huͤlfe, nirgends Hoffnung, da alle Umſtände ſich vereinten, mein engelreines Weib als Verbrecherin erſcheinen zu laſſen. Nein, der Gram tödtet nicht! Tage lang lag ich im Staube niedergeworfen und erſtickte faſt in mei⸗ nen Thraͤnen; beten konnte ich nicht, nicht meine Haͤnde zu dem Gott erheben, der ſich Eliſens nicht annahm, allein der Entſchluß, ſie nicht uͤberleben zu wollen, ſtand unerſchütterlich in meiner Seele. Ich durfte ſie ſehen und ſprechen; ſtets fand ich ſie ru⸗ his, ſelbſt heiter, nur bemuͤht, mich zu troͤſten und mir Muth einzuflößen. Ihre Augen hatten einen Glanz, den ich früher nicht bemerkt hatte, und auf ihrem Geſicht lag — der —— ihres — ſeligen Friedens. Endlich kam der furchtbare Tag, wo ſie afnn ich vor Gericht erſcheinen ſollte. Ich hatte die Nacht in damenloſer Qual durchwacht; als der erſte Morgenſtrahl in meine Kammer leuchtete, ſank ich un⸗ willkuͤrlich nieder und flehte zu Gott mit der Inbrunſt der höchſten Angſt um Rettung und Huͤlfe. Eliſe kam mir, als ich in ihr Gefaͤngniß trat, mit ruhiger Hoheit entgegen, und nur als ſie, um vor Gericht — 159 — zu erſcheinen, ihr Kind verlaſſen mußte, ſah ich ſie erbleichen. Sie druͤckte es, ehe ſie es der Wärterin üpergab, ſchweigend an ihr Herz, und in ihren zum Himmel erhobenen Augen las ich; daß ſie es ſegnete und fuͤr daſſelbe betete; wie iht Blick ſich wieder zu dem kleinen hulffloſen Weſen niederſenkte, entfloſſen ihren Augen die erſten Thraͤnen, die — in * rem Kerker vergießen fah⸗ 1 4 — Eine Menge von Zuſchauern hatte ſich nefi⸗ melt, um dem Verhör beizuwohnen. Unſer ehema⸗ liges Dienſtmädchen und der Bediente des Barons traten auf, um gegen Eliſe zu zeugen. Ihre Aus⸗ ſagen ſtimmten in jedem Punkt uͤberein, der zur Verurtheilung meiner Frau dienen konnte. Sie ſchien ohne Rettung verloren, als nun der dritte Zeuge, ein feiner, junger Mann von ſittſamem Aus⸗ ſehen, vorgofordert wurde. Er hieß Schmidt und war der Sohn eines Landpredigers. Zum Studi⸗ ren beſtimmt, raubte ihm der fruͤhzeitige Tod ſeines Vaters die Mittel, die Unſverſität beziehen zu kön⸗ nen; er kam nach der Hauptſtabt, dort ein Unter⸗ kommen zu ſuchen, und mußte es fur ein Gluͤck hal⸗ ten, als ihm bei dem Baron eine Stelle halb als Kammerdiener/ halb als Secretair angetragen wurds. — 160 — In dieſem Verhaͤltniß wurde er der Vertraute des Barons bei ſeinen vielen Liebeshaͤndeln und auch der Leidenſchaft, die ihm Eliſe eingeflößt hatte und wie vergeblich Alles war, was er erſann und that, um dieſe von ihr beguͤnſtigt zu ſehen. Er wußte, daß der Baron das Dienſtmädchen beſtochen und mit ihr den Plan zu Eliſens Verderben verabredet hatte. Der Bediente, der mit dieſer als Zeugen gegen Eliſe auftrat, war der Geliebte dieſes Maͤdchens und be⸗ gleitete an jenem Abend den Baron nach unſerer Wohnung. Schmidt, der Eliſens Unſchuld und Seelengroͤße aus des Barons Erzählungen kannte, warf gleich, als das Geruͤcht ſeiner Ermordung und Beraubung laut wurde, Verdacht auf dieſen Bedien⸗ ten, den er als einen ſchlechten Menſchen kannte. Er verlor ihn nicht aus den Augen und erfuhr, daß er und das Maͤdchen ſeit dem Tode des Barons zu⸗ ſammen lebten und viel Geld durchbrachten; ja, als er ihn einſt zufallig in einem Wirthshauſe traf, ſah er in ſeiner Hand den Geldbeutel, von dem er be⸗ ſtimmt wußte, der Baron habe ihn an jenem Abend bei ſich getragen. Das Gerucht von Eliſens Ver⸗ haftung belebte Schmidt's edlen Eifer, und Gott, der ihn zum Retter der Unſchuld auserſehen hatte, — 161 — unterſtützte ſeine Bemuhungen; er fand die Taſchem uhr des Barons bei einem Goldſchmidt, an den jener Bediente ſie verkauft hatte, und mit allen dieſen Beweiſen und Anzeigen trat er jetzt als Eliſens Ver⸗ theidiger und als Ankläger der Zeugen auf. Dieſe wurden uͤberfuͤhrt, den Baron nach ſeinem Tode be⸗ raubt zu haben, und da Eliſe vor dem Richterſtuhl der Ehre, der Menſchlichkeit und der Geſetze an dem Tode des Barons fuͤr unſchuldig gelten mußte, ſo kam der gluckliche Tag, wo meine Gattin unter dem Jubelgeſchrei der Zuſchauer, deren lebendigſte Theil⸗ nahme ihr ihre Schoͤnheit und ihr Schickſal gewon⸗ nen hatte, freigeſprochen wurde. Eliſe neigte ſich, die Hand auf ihr Herz legend, ſtumm vor ihren Richtern, und ihr Blick hob ſich zu Gott empor, der ſie von Schmach und Tod er⸗ rettet hatte, aber ich vermochte mich in meinem Ent⸗ zuͤcken nicht zu maͤßigen; ich zog Eliſe an mein Herz und flog dann auf Schmidt los, dem ich um den Hals fiel, ohne reden zu konnen. Er ſuchte meinen Dank abzulehnen, aber ich empfand es tief, daß ich ihm mehr als mein Leben zu danken hatte. Sein Werk war es ja, daß ich in dieſer Stunde der glücktichſte, ſtatt der elendeſte aller Menſchen war. — 162 — Meine Eliſe war gleichfalls zu tief bewegt, um reden zu koͤnnen; ſie reichte ihm, als ich ihn zu ihr fuͤhrte, die Hand, die er ehrfurchtsvoll mit naſſen Augen kuͤßte und um Erlaubniß bat, uns nach Hauſe be⸗ gleiten zu duͤrfen. Als wir den Saal verlaſſen wollten, machten die Zuſchauer auf beiden Seiten Platz, und die Luft umher ertoͤnte von freudigen Begruͤßungen. Die Tugend gebietet unwillkuͤrlich Ehrfurcht, und der Sieg der Unſchuld uͤber das La⸗ ſter bewegt jedes nicht ganz verwilderte Menſchenherz; erſcheinen Unſchuld und Tugend nun aber mit Ju⸗ gend und Schoͤnheit vereint, ſo gleicht die Huldi⸗ gung, die man ihnen darbringt, faſt der Anbetung. Die Fenſter aller Häuſer, durch deren Reihen unſer Weg uns fuͤhrte, oͤffneten ſich; man warf Eliſen Blumen zu, man pries laut ihre Treue, ihren Muth, ihre Liebe, und wuͤnſchte uns Gluck und Segen. Mit Engelsdemuth, mit Errothen und ſchamhaft ge⸗ ſenktem Blick neigte ſie ſich gegen die Menge, die ſich herbeidraͤngte, ſie zu ſehen, und eilte, als wir vor dem Gefaͤngniß ankamen, ſchnell hinein, die Treppe hinauf zu ihrem Kinde, das bei der Frau des Gefängnißwärters geblieben war. Sie druͤckte es feſt, feſt an ihr Herz, ſanfte Thraͤnen entfloſſen — 463 — ihren Augen, dann ſchloß ſie ſich in ein Nebenzim⸗ mer ein und blieb dort wohl eine Stunde allein mit Gott. 1 Von Schmidt erfuhr ich nun, wie er ſich eif⸗ rig bemuͤht habe, unſern Aufenthalt zu erforſchen, um Eliſe zu bereden, ſich freiwillig vor Gericht zu ſtellen und eine Unterſuchung zu fordern; allein alle ſeine Bemuͤhungen blieben vergeblich, bis er erfuhr, wir ſeien von der Polizei entdeckt und Eliſe gefäͤng⸗ lich eingebracht. Er verſagte es ſich, ſie im Ge⸗ fängniß aufzuſuchen „ weil er fuͤrchtete, daß die Ent⸗ deckung einer Bekanntſchaft mit ihr dem Eindtuck ſeines Zeugniſſes fuͤr ſie nachtheilig werden könne. Wie gingen nun zuſammen nach unſerer ehe⸗ maligen Wohnung, wo wir aber nur wenig von unſerm Hausgeräth und von unſern zuruckgelaſſenen Sechen wieder erhielten. Das Maͤdchen hatte Mit⸗ tel gewußt, gleich in der Nacht von Eliſens Flucht unſer weniges Silberzeug und was wir ſonſt von Werth beſaßen, bei Seite zu bringen; von dem Uebrigen war ein Inventarium aufgenommen und jenes von Gerichts wegen dem Eigenthuͤmmer des Hauſes zur Verwahrung uͤbergeben, der aber nun auf den groͤßten Theil davon, zur Verguͤtung füt — 164 — das zur Aufbewahrung eingeräumte Local, Anſpruch machte. Unſer Schickſal hatte uns indeſſen Theil⸗ nahme gewonnen; wir fanden leicht eine andere, kleinere Wohnung, meine Frau bat um Arbeit und erhielt deren ſo viel, daß ſie genothigt war, ein Maͤdchen zur Wartung des Kindes anzunehmen. Auch ich verdiente wieder mit meiner Feder ziemlich viel, ſo daß wir uns eines fuͤr unſere Beduͤrfniſſe hinlaͤnglichen Einkommens zu erfreuen hatten. Ich wähnte nunmehr in den Hafen der Ruhe und des ſtillen Gluͤcks eingelaufen zu ſein. Die Erinnerung unſerer Noth und unſeres Elendes ver⸗ ſank almählig wie im Traume hinter uns; fanft und heiter floß unſer Leben in Friede und Freude dahin. Selige Stunden, ſelige Tage, waret ihr füͤr dies irdiſche Daſein vielleicht zu ſchön, um dauern zu können? — Ach nie verlange ich euren Zauber wieder zu empfinden, wenn ich ihn mit der furcht⸗ baren Erfahrung von der Unbeſtaͤndigkeit des Gluckes und von dem Wechſel des Schickſals von Neuem bezahlen ſoll die mir zu machen beſtimmt war! — Unſer Retter Schmidt war eben ſo reich an Reiz der Geſtalt, als an Geiſt, Bildung und feiner —— — 165 — Sitte. Er liebte die ſchoͤnen Wiſſenſchaften, er las vortrefflich vor und brachte gewoͤhnlich die Abend⸗ ſtunden bei uns zu. Unſer Verhaͤltniß bildete ſich zu einer Freundſchaft aus, von der ich glaubte, ſie werde der Zeit und dem Schickſal unbeſiegbar ſich bewähren. Von Tag zu Tag fand ich ihn liebens⸗ wuͤrdiger und achtungswerther und freuete mich, daß meine Frau ihn gleichfalls ſo fand. Sie hatte ihm ja ihr Leben und ich ihm Alles zu danken; wie konnte ich ihn je genug dafuͤr lieben, wie haͤtte ich daran denken können, Eliſens Achtung und Freundſchaft fuͤr ihn eine Grenze ziehen zu wollen! Allein nach und nach wurde ich unruhig, ohne mir ſelbſt zu geſtehen, wor⸗ uberz meine Anerkennung von Schmidt's Werth fing an, mich zu demuͤthigen: ich zurnte mir, neben ihm ſo unbedeutend zu ſtehen; jede Stunde unſers Zu⸗ ſammenſeins machte mich kleinmuͤthiger und ver⸗ zugter, und doch zwang ich mich, das Gegentheil von dem ſcheinen zu wollen, was ich im Grunde meiner Seele war. Ich ſchauderte vor mir ſelbſt, ich ergriff, wenn Schmidt kam, ſo oft ich nur konnte, einen Vorwand, mich zu entfernen, um an irgend einem einſamen Orte meinem Truͤbſinn nachzuhän⸗ gen und mir im gewaltſamen Kampfe die Kraft zu — 166 — erringen, mit heiterm Geſicht zu ihm und Eliſen zuruͤckkehron zu können. Die Quelle meiner Schwer⸗ muth blieb mir ſelbſt nicht lange unbekannt, aber von dem Unrecht blieb mein Herz frei, Eines von ihnen anzuklagen; Beide waren eben ſo edel, eben ſo erhaben uber jeden Verdacht der Treuloſigkeit, wie ſie meinen Augen liebenswuͤrdig erſchienen; ich konnte nicht zweifeln, daß Eliſe ſowohl als Schmidt den Tod gewählt haben wuͤrden, ehe ſie ihren Herzen vergoͤnnt hätten, mich wiſſentlich zu betruͤben — aber ſchien Gott ſelbſt nicht, indem er Schmidt, den uns ganz Unbekannten, zum Retter von Eliſens Leben beſtimmte, angedeutet zu haben, daß er die reizendſte und tugendhafteſte aller Frauen fuͤr den edelmuͤthig⸗ ſten der Männer beſtimmt habe? Und konnte, wollte ich ihrem Gluck hinderlich ſein? waren ſie mir nicht Beide theurer, als Welt und Leben? war nicht ihre Gluͤck⸗ ſeligkeit Bedingung der meinigen, und durfte mir irgend ein Opfer zu groß ſein, ſie ihnen zu ſichern? Alles, was ich ſah, beſtaͤrkte mich in meinem unſeligen Irrthum und bildete mehr und mehr den Gedanken in mir zum Vorſatz aus, durch freiwilli⸗ gen Tod mein Weib und meinen Freund nicht nur — — vor dem ſchweren Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe, ſondern auch vor der Moͤglichkeit einer Verſchuldung retten zu wollen. Trotz alles Zwanges aber, den ich mir auferlegte, gelang es mir nicht, Eliſen taͤuſchen zu koͤnnen, die gewohnt war, jeden Schlag meines Herzens mit mir zu empfinden. Sie drang in mich, die Urſache des ſtummen Grames, der ſo ſicht⸗ lich an meinem Leben nagte, zu erfahren, und da ſie in meiner Weigerung, ihn ihr zu vertrauen, eine Abnahme meiner Liebe zu entdecken glaubte, ſo fing auch ihre Heiterkeit an, ſich zu truͤben. Der Friede unſerer Herzen war geſtört, die Freude unſers Le⸗ bens entflohen, und Truͤbſinn, Mißtrauen und dum⸗ pfe Verſchloſſenheit traten an ihre Stelle. Eines Abends, als ich allein war mit Eliſen, und ſie, verloren in ſuͤße Muttertaͤndelei, mit dem Kinde auf dem Schooße, mir in all' dem Zauber ihrer unausſprechlichen Holdſeligkeit gegenuͤber ſaß, wurde das Gefuͤhl, was in ihr mein geweſen war, und was ich in ihr verloren zu haben wähnte, ſo mächtig in mir, daß meine Thränen hervorbrachen und ich die Hände vor das Geſicht ſchlug, um ihr meine leidenſchaftliche Erſchuͤtterung zu verbergen. Sie flog auf mich zu, und mich umſchlingend und — — an ihr Herz druͤckend, nannte ſie mich mit den ſuͤ⸗ ßeſten Namen und flehte ſo unwiderſtehlich, ihr das Geheimniß meines Grames zu entdecken, daß ich ihr meine Ueberzeugung, Schmidt liebe ſie, er ſei ihrer wuͤrdiger und daher auch fähiger, ſie zu begluͤcken, als ich; er ſei der Retter ihrer Ehre, ihres Lebens, und ich entſchloſſen, dem Gluͤck zweier, von mir ſo unaus ſprechlich geliebter Perſonen nicht laͤnger hin⸗ derlich ſein wollen, ſondern das Band der Pflicht, das Eliſe an mich binde, auf irgend eine Art zu löſen, ausſprach. Sie erſtarrte; „wie,“ fragte ſie endlich ſchmerzhaft, „Du haſt an meiner Liebe zwei⸗ feln, Du heaſt glauben koͤnnen, daß mir irgend ein ſterbliches Weſen theurer werden koͤnne, als Du? O Eduard, dann habe ich umſonſt gelebt, dann bin ich unglücklicher, als mich je bis jetzt das Schickſal zu machen vermochte! Keine Gewalt im Himmel und auf Erden kann mich von Dir losreißen! Nur an Deinem Herzen, oder im Grabe iſt mein Platz. Hier unterbrachen ſie ihre Thraͤnen; mit nie em⸗ pfundener Ruͤhrung druͤckte ich ſie an die Bruſt; die Qual der Eiferſucht war fuͤr immer von mir gewichen, jeder Zweifel geſtillt; ich empfand aber tief die Reue des Undanks gegen mein herrliches — 169 — Weib, ihr und mir durch unſeliges Mißtrauen ein Gluck geſtört zu haben, das die Natur nur ihren liebſten Kindern ſo rein zu koſten vergonnt, wie ſie es uns geſpendet hatte. Eliſe offnete mir ihr gan⸗ zes Herz; nie hatte ich mich ſo geliebt gefüͤhlt, nie war ich gluͤcklicher — allein ich erfuhr nun auch, wie unſaͤglich ſie durch mein Betragen gelitten hatte, und die Strafe dieſes Vergehens war mir nahe. Ich fuͤhlte ſie in meinen Armen zuſammenſchaudern und fieberhaft erkalten; erſchreckt bat ich ſie, ſich gleich niederzulegen; ſie that es, doch die ganze Nacht wechſelte Fiebergluth mit Fieberfroſt bei ihr, ſie ſchlief wenig und ſehr unruhig. Sobald der Tag grauete, holte ich einen Arzt; dieſer kuͤndigte, als er ſie ſah, ein Nervenfieber an und wagte nicht, mit Gewißheit uͤber die Gefahr ihres Zuſtandes zu entſcheiden. Eliſe brachte den ganzen Tag in fieber⸗ haften Traͤumen und Phantaſien hin; gegen Abend kam Schmidt. Mein Herz forderte mir gegen ihn, den ich wie meine Eliſe durch Verdacht und Miß⸗ trauen gekränkt und beleidigt hatte, ein offnes Ge⸗ ſtändniß meines Unrechts und der zwiſchen mir und meiner Gattin Statt gefundenen Erklaͤrung ab. Er veräͤnderte während meiner Erzahlung mehrere Male Tarnow's Schriften. VI. 8 — 170 — die Farbe; als ich geendet hatte, warf er ſich in meine Arme; ich ſah Thraͤnen in ſeinem Auge, und mit einem unvergeßlichen Blick der innigſten Liebe und einem Haͤndedruck riß er ſich ſtumm von mir los und eilte hinweg. Ich habe ihn nie wieder ge⸗ ſehen. Am folgenden Morgen erhielt ich dieſen Brief von ihm, den ich ſeitdem immer bei mir ge⸗ tragen habe: „Ich ſcheide von Dir, mein theurer Freund, „auf lange Zeit, um mich vor dem qualvollen „Bewußtſein zu ſchuͤtzen, das Lebensglück von „zwei Menſchen getruͤbt zu haben, deren Friede „mir lieber als meine Seele iſt. Ich muß flie⸗ „hen, denn ich bin ſchuldig; Deine Erzählung „von geſtern Abend hat den Schleier zerriſſen, der „mir bis jetzt meine Gefahr und meinen Frevel „verhullte. Du wollteſt Dein Leben opfern, um „das Weib, das vor Gott und Menſchen recht⸗ „mäßig und unauflöslich Dein iſt, in meinen „Armen gluͤcklicher zu wiſſen, als Du ſie machen „zu koͤnnen wähnteſt, und ich Elender habe nicht „einmal die Kraft, das reinſte Verhältniß von „dem Frevel ſtrafbarer Leidenſchaft unentweiht zu „erhalten. Ja, Seld, ich liebe Eliſe, ich werde — — — 171 — „ſie ewig lieben. Meine Zärtlichkeit fuͤr ſie galt „mir ſelbſt fuͤr eine ſo reine Anbetung wie die, „mit der man eine Heilige verehrt; allein der „Schmerz, der geſtern mein Herz mit den qual⸗ „vollſten Natterbiſſen anfiel, hat mich belehrt, daß „ich ſie mit irdiſch flammender Leidenſchaft liebe. „Nie hat meine Seele einen ſtrafbaren Wunſch „genaͤhrt; das Gluͤck, Eliſe zu ſehen und mich „ihres ſchweſterlichen Wohlwollens erfreuen zu „koͤnnen, befriedigte mich ſo ganz, daß bisher „keine unerfullte Sehnſucht in mir wach werden „konnte. Glaube es mir, der Gedanke, daß ſie „ihrer Treue, ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr Dich untreu „zu werden vermöge, haͤtte ihr mein Herz ge⸗ „raubt; ſie wäre dann nicht mehr der makelloſe „Engel geweſen, den ich in ihr anbete, und deſſen „Vortrefflichkeit meinen Wahn rechtfertigte, daß „ich ſie nie genug lieben könne und meiner Em⸗ „pfindung fuͤr ſie keine Schranken zu ziehen „brauche, weil ich in ihr nur die Tugend ſelbſt „liebe und bewundere. Doch einmal erweckt aus „dieſem Traum, geſtaltet ſich Alles um mich dro⸗ „hend und ſuͤndhaft. In Deiner Seele bin ich „eiferſuͤchtig auf mich und uͤbernehme es, Dich an 8* „Deinem ſtrafbaren, ungluͤcklichen Freund zu „raͤchen. O, daß doch kein Menſchenherz je „auf ſeine Stärke zu trotzen ſich erkuͤhne! ich ſah „Deine Eliſe täglich, ich ging mit ihr um, zwang⸗ „los und traulich, wie ein Bruder mit ſeiner „Schweſter, und weil ich keine Gefahr ahnete, „widerſtand ich auch dem Strome nicht, der mich „in die Tiefe der Leidenſchaft hinabreißen mußte! — „ich beachtete es nicht, daß nicht ihre Tugend allein, „auch die Anmuth ihrer Geſtalt, der Silberklang ihrer „Stimme, die Macht ihrer Schoͤnheit mich ruͤhrte „und meine ganze Seele mit vergiftendem Ent⸗ „zucken fuͤllte, und daß ich in einer Zeit, wo ich „Jedem das Leben genommen haben wurde, der „es verſucht hatte, Dir eines Lufthauches ſchwer „von ihrer Liebe zu rauben, ſelbſt Alles aufbot, „mir ihre Seele zu gewinnen! — O, wie un⸗ „ausſprechlich gluͤcklich war ich in Deiner, in „ihrer Freundſchaft! gluͤckicher als es ein Sterb⸗ „licher zu ſein wagen ſell! Selige, ſelige, Tage! „ihr ſeid nun unwiederbringlich dahin, und Reue, „Eure reine Heiligkeit entweiht zu haben, wird „mir kuͤnftig die Erinnerung an Euch truͤben! — „— Eine Bitte, mein Seld, lege ich beim Ab⸗ —. ——— — 173 — „ſchiede an Dein Herz: laß Deine Eliſe nie er⸗ „fahren, warum ich von Euch ſcheide. Ihrer „frommen Seele bleibe die Kenntniß von der „Verirrung eines Mannes, den ſie Freund nannte, „verborgen, und auch mir bleibe die troͤſtende „Hoffnung, daß ſie, wenn ſie ſich meiner erinnert, „dies mit ungetruͤbtem Wohlwollen thun kann. „Gottes beſter Segen ſei mit Dir. Unwan⸗ „delbar, wie ich mein eigen bin, bleibe ich auch „in Liebe und Treue Dein, fur dieſſeits und „jenſeits.“ Der Eindruck dieſes Briſes auf mich war eben ſo tief als ſchmerzlich; ich fuͤhlte, was Eliſe, was ich verloren hatle, und fuhlte auch den Kampf und den Kummer in der Seele meines Freundes. Eli⸗ ſens Krankheit wurde ſehr gefahrvoll; acht Wochen lang rang ſie mit Tod und Leben; jeder lichte Au⸗ genblick des Bewußtſeins, jeder Fieberwahn und Fie⸗ bertraum ward zum Zeugniß ihrer Liebe fuͤr mich; Tag und Nacht wich ich nicht von ihrem Lager, mein ganzes Daſein war nur Ein Gedanke, Ein Gebet, Ein Seufzer. Gott erhielt ſie mir, aber viele Wochen lang blieb ſie matt und hinfällig und ihre Haͤnde von rheumatiſchen Schmerzen ſo ge⸗ — 174 — lähmt, daß ſie dadurch gänzlich unfähig wurde, ir⸗ gend eine Handarbeit verrichten zu koͤnnen. unſer Wohlſtand ward hierdurch zerſtört; Noth, Elend, Sorge und Mangel kehrten von Neuem bei uns ein; das Ungluͤck verfolgte uns, jedes Mittel zum Erwerb wurde mir entzogen, und ich verſank tiefer denn je in Kleinmuth und hoffnungsloſes Za⸗ gen. Nirgends zeigte ſich mir ein Weg zur Huͤlfe, nirgends ein Ausgang aus dem Labyrinth der na⸗ gendſten aller Sorgen, der Nahrungsſorgen. O wie oft flehete ich in ſchlafloſer Nacht zu Gott, mir das Leben zu nehmen, da er mir die Mittel verſage, das Leben meines Weibes, meines Kindes friſten zu kön⸗ nen! Wie oft rang ich in Todesangſt meine Hände wund und rief zum Himmel hinauf: Brod, Brod, barmherziger Gott! nur ein wenig trocknes Brod fuͤr mein verſchmachtendes Weib, fuͤr mein huͤlfloſes Kind! Rette mich, rette mich von der Qual der Verdammten daß ich ſie vor meinen den Hungertod muß ſterben ſehen. 90 Nur in der Dunkelheit des Abents ſchlich ich mich zuweilen noch hinaus, um ftiſche Luft zu ſchö⸗ pfen. Wohin da auch mein Weg mich fuhrte, in allen Häuſern ſah ich Licht, Wohlleben, heitere ——— — 175 — Freude, und mit unaus prechlicher Bitterkeit, mit wirklich feindſeligem Trotz begann ich dann mit Gott uͤbet die parteiiſche Austheilung ſeiner Gaben zu rechten. Waren Alle dieſe beſſer als ich? was hatte ich denn verbrochen, daß ſich die Schale des gott⸗ lichen Zornes uͤber mein gebeugtes Haupt leerte und der Fluch des Ewigen mich in die Tiefe eines hoff⸗ nungsloſen Elends ſtieß? Schien das Schickſal mich nicht durchaus den Geiern und Tigern zugeſellen zu wollen, die keine andere Wahl haben, als umzukom⸗ men, oder von Raubmord zu leben? Eines Abends, als ich bitterer und verzweif⸗ lungsvoller denn je nach Hauſe kam, fand ich unſern Hauseigenthuͤmer vor, der mir den ruͤckſtändigen Hauszins abforderte, oder mir auf morgen Haus⸗ pfaͤndung ankuͤndigte, da er ſchon ſeit Wochen gegen mich deßhalb klagbar geworden war. Um ihn nur noch fuͤr einige Tage zu beſchwichtigen, gaben wir ihm Alles hin, was wir noch an Geld und Geldes⸗ werth aufzutreiben vermochten, ja ſeine Hartherzigkeit ließ mir auch nicht einen einzigen Groſchen, von dem mein Weib, mein Kind ſich noch einmal haͤtten ſaͤt⸗ tigen können, ehe wir uns zum Sterben nieder⸗ legten. Von aller Hoffnung auf Gott und Menſchen verlaſſen, verlor ſelbſt Eliſens Anblick, die wie eine heilige Dulderin unſer Schickſal ohne Murren, ohne Klage ertrug, und nur bemuͤht blieb, mir Geduld und Troſt zuzulächeln, ſeine Gewalt uͤber mich. Ich ſtuͤrzte aus dem Hauſe hinaus in die wilde duͤſtre Nacht. Wuth, Angſt und Verzweiflung gaben mir Staͤrke und Kraft. Ich war ohne Waffen, aber feſt entſchloſſen, den Erſten, der mir begegnen wuͤrde, mit meinen Haͤnden zu packen und von ihm, wie die Loͤwin fuͤr ihr Junges, Nahrung fuͤr mein Kind zu erpreſſen. Ich wurde einen Mann gewahr, der in einiger Entfernung vor mir herging; raſch eilte ich auf ihn zu, und ſeinen Arm faſſend, rief ich ihm zu, ſtehen zu bleiben. „Was wollen Sie?“ fragte er mich mit einem eben ſo furchtloſen, als wohlwollenden Ton, „kann ich Ihnen worin dienen?“ Wie ein Blitz ſchlugen dieſe freundlichen Worte durch mein ganzes Weſen; ich ſchwankte, ſtammelte: „Geld! Geld!“ und wuͤrde niedergeſtuͤrzt ſein, wenn der Unbekannte mich nicht gehalten hätte. „Sie waren eben, und wie ich glaube, zum erſten Mal auf einem ſehr ſchlimmen Wege,“ ſagte er mir ernſt; ——————— — 177 — „nehmen Sie hier, was ich Ihnen geben kann, aber huͤten Sie ſich, dieſen Weg zum jweiten Mal zu be⸗ treten, es wuͤrde Sie unfehlbar in's zeitliche und ewige Verderben ſtuͤrzen.“ Bei dieſen Worten ſteckte er mir zwei Louisd'or in die Hand und verſchwand, ich weiß nicht wie, aus meinen Augen; denn meine Verwirrung und mein Schrecken waren ſo groß, daß ſie mich des Gebrauchs meiner Sinne beraubten. Erſt nach einigen Minu⸗ ten ward ich mit Entzucken des Beſitzes meines Schatzes mir bewußtz ich eilte zu einer Lampe hin, die in einiger Entfernung hing, und ſah nun, daß es Gold war, was ich in der Hand hatte. Thränen fuͤllten mein Auge, der Grimm, wo⸗ mit mein Herz gegen Gott und Menſchen angefuͤllt geweſen war, verſchwand, und es erwachten wieder in meiner Bruſt Regungen der Reue und der Menſchlichkeit. Ach, ſagte ich mir ſelbſt, dieſe Fin⸗ ſterniß der Nacht iſt kaum dunkel genug, mich vor dem Richterſtuhl der Menſchen zu ſchutzen, und hell angezeichnet iſt und bleibt meine That in dem Rich⸗ terbuch der ewigen Gerechtigkeit. — Nur Gottes Gnade hat mich vor einem Verbrechen bewahrt und mich von dem Abgrund weggeriſſen, in den ich ſtuͤr⸗ — 178 — zen wollte, und ich erkenne nun, daß ſein Macht groͤßer iſt als jede Noth, und daß der Menſch nie an ſeinem Erbarmen verzweifeln darf. So will ich denn nun auch ſtille halten, und nicht mehr murren, und mich nicht mehr ſträuben gegen das, was er uͤber mich vethaͤngt. Weiß ich doch nun uͤberzeugend, daß ein Auge uͤber mich wacht und daß ich ſeiner Barm⸗ herzigkeit, ſeiner Gnade vertrauen darf. Doch nicht nur mein Schickſal uͤbergebe ich von heute an in unbedingtem Vrtrauen in deine Haͤnde, o mein Gott, ſondern auch das Schickſal meines lieben Weibes und meines Kindes. Sie ſind ja mehr dein, als ſie mein ſein können — wie ſollteſt du ſie denn nicht mehr lieben, als ich ſie zu lieben vermag! — ſol⸗ len ſie aber nach deinem unerforſchlichen Willen ein Raub des Elendes und des Todes werden, o ſo gib mir die Kraft, auch darin deinen Willen ehren zu köͤnnen! Warum ſollte der Gott nicht tödten duͤr⸗ fen, der da Macht hat, zu einem Leben zu erwecken, das von keiner irdiſchen Trubſal mehr verduͤſtert werden kann! — 2 Ein Strom von Thraͤnen erleichterte hier mein gepreßtes Herz. Zum erſten Mal hatte ich aus voller Seele, mit unbedingter Ergebung in den un⸗ — —— — 179 — erforſchlichen Rathſchluß Gottes gebetet, und zum er⸗ ſten Mal empfand ich jene namenloſe Gewißheit, daß mein Gebet zu Gott durchgedrungen ſei, die man ſelbſt empfunden haben muß, um ſie begreifen zu können. Worte gibt es fur dieſe allerlebendig⸗ ſten Erlebniſſe des innern Lebens nicht. — Ehe ich nach Hauſe kam, uͤberfiel mich eine ſolche Mattigkeit, daß ich in eine Schenke eintreten mußte, mir ein Butterbrod geben zu laſſen. Ich wechſelte, um es zu bezahlen, einen Louisd'or, und konnte nun auch fuͤr Eliſe und fuͤr m inen Kleinen ein Flaſche Bier und ein Brod mit nach Hauſe nehmen. Ich ſetzte dies, als ich in unſer Zimmer trat, vor Eliſen hin, aber ich hatte nicht den Muth, ſie anzuſehen. Ihr Blick drang tief und forſchend in mein Gewiſſen. „Eduard,“ ſagte ſie mir, „Du haſt etwas Ungewoͤhnliches erlebt, was iſt mit Dir vorgegangen?“ unfähig, ſie zu täuſchen, ſah ich mich in die Nothwendigkeit verſetzt, ihr Alles zu geſtehen, und wie nur durch die Menſchenfreundlichkeit des Unbe⸗ kannten, der mir das Geld gegeben hatte, die Aus⸗ fuͤhrung meines Vorſatzes, ihn berauben zu wollen, verhindert worden ſei; wie mir aber auch dieſes als — 180 — ein Zeichen, daß Gottes Gnade ſich nicht ganz von mir gewandt, und als ein Unterpfand ſeines Erbarmens mit meinem Elend das Herz verwandelt habe, und ich eine Willigkeit zum Dulden und Leiden in mir fuͤhle, wie ich ſie frher nie gekannt. „Lieber Eduard,“ antwortete ſie mir ſanft wei⸗ nend, „es wird mir ſchwer, Dich einer ſuͤndlichen Liebe gegen mich und unſer Kind zu zeihen, und doch muß ich es, da ſie fuͤr Dich Verſuchung zu ei⸗ nem Frevel geworden iſt, deſſen Vorſatz in Deiner Seele mich tiefer bekuͤmmert, als alle andere Proͤ⸗ fungen und Truͤbſale unſers Lebens zuſammengenom⸗ men. Moͤge Dich dieſer Vorfall doch zu der Er⸗ kenntniß, wie wenig wir mit unſerer ſittlichen Staͤrke und der Kraft unſerer Grundſätze auszureichen ver⸗ mogen fuͤr die Stunden ſchwerer, ernſter Pruͤfungen, und Du Dich uͤberzeugen, daß es nur eine Kraft gibt, durch die wir die Verſuchungen des irdiſchen Lebens überwinden und beſiegen können: die Kraft des Glaubens. Ich laͤugne nicht, daß dem Men⸗ ſchen nicht auch Erkenntniß zum Wegweiſer ſitt⸗ licher Vervollkommnung, alſo zur Gottſeligkeit wer⸗ den kann, wenn ſie dahin ſtrebt, uns das Weſen der Gottheit, die Natur des Menſchen, die Bezie⸗ — 181 — hung, in der der Menſch zur Gottheit ſteht, und die daraus folgenden Pflichten des Geſchopfes gegen den Schöpfer kennen zu lernen; allein ich weiß auch um die nie auszufuͤllende Kluft zwiſchen Wiſſen und Glauben. Du ſelbſt, mein Lieber, wirſt allgemein als ein ſcharfſinniger und gruͤndlicher Denker ge⸗ ruͤhmt; allein welche Waffen hat Dir nun Deine Philoſophie zu liefern vermocht, um Dein Schickſal zu bekaͤmpfen und Dein Ungluͤck zu ertragen? — Ein unuͤberwindlicher Muth, eine unbeſiegbare Ge⸗ duld, eine durch kein Erdenleid zu truͤbende Freu⸗ digkeit liegen nicht fuͤr das ſchwache, gebrechliche Menſchenherz außer den Grenzen der Moͤglichkeit; glaube mir, Eduard, es gibt eine Kraft des Glau⸗ bens, eine Zuverſicht des Unſichtbaren, eine Liebe zu Gott, die das furchtbarſte Elend in reiner Heiterkeit zu ertragen, und eben durch das willige, freudige Er⸗ dulden deſſelben es zu beſiegen vermag. Deine Grundſaͤtze und deine philoſophiſchen Erkenntniſſe haben Dich nicht vor Bitterkeit gegen die Vorſehung, vor Unmuth gegen die Gottheit zu ſchuͤtzen ver⸗ mocht, deren Weisheit und Allmacht Du doch in gluͤcklichern Zeiten ſo ſcharfſinnig zu demonſtriren verſtandeſt. Fuͤr alle Menſchenweisheit, fuͤr jede — 182 — Vernunfterkenntniß, für jeden aus einem Moralſyſtem hergeleiteten Grundſatz gibt es eine Verſuchung, in der ſie nicht zu beſtehen vermoͤgen; nur in dem Glauben, nur in der Liebe iſt gottliche Kraft, goͤtt⸗ licher Geiſt, und aus dieſem entſpringt das uner⸗ ſchuͤtterliche, Welt und Tod und Suͤnde beſiegende Vertrauen, mit dem wir in der tiefſten Nacht zu ſagen vermogen, was einſt jene juͤdiſchen Gefangenen zu dem Koͤnig von Aſſyrien ſagten: „Unſer Gott kann uns wohl erretten und wird uns auch zur rech⸗ ten Zeit erretten von allen Truͤbſalen, und wenn er es auch nicht thun ſollte, ſo wollen wir doch unſere Zuverſicht und unſer Vertrauen auf ihn nicht fah⸗ ren laſſen, noch irgend einer Verſuchung nachgeben, die uns in Schuld bringen könnte.“ Noch immer hat die Welt diejenigen getaͤuſcht, die ihr vertrauten und mit der eignen Kraft ausreichen zu können glaubten fur dies Leben, und mein ſehnlichſter Wunſch, mein flehentlichſtes Gebet iſt es, mein Eduard, daß auch in Deiner Seele das troͤſtende unvergaͤngliche Licht des Glaubens und der Liebe aufgehen moge. Gott kann ja keinem Weſen hoͤhere Gluͤckſeligkeit mittheilen, als indem er es in Liebe mit ſich verei⸗ nigt, und es dadurch der goͤttlichen Seligkeit in dem — 3₰ — 183 — Maße theilhaftig werden laͤßt, als ſich ein geſchaffe⸗ nes Weſen dieſelbe anzueignen vermag. Darum ruft er ein verirrtes und doch geliebtes Kind ſo oft durch Kreuz und Leiden zu ſich und läßt dieſe deſto ſchwe⸗ rer auf uns laſten, je lieber er uns hat; darum zerbricht er ſo oft alle irdiſche Stuͤtzen unſerer Hoff⸗ nungen und unſers Vertrauens, und vereitelt die wohlberechnetſten Plane unſerer Klugheit; darum läͤßt er uns ſinken, damit wir gezwungen werden, ſeinen Beiſtand, ſeine Rettung zu erflehen, und zu erken⸗ nen, daß nur bei ihm Huͤlfe, Erbarmen, Troſt, Friede, Treue, Liebe und Zuverſicht iſt. O, mein Eduard, blicke doch einmal von dieſem Geſichtspunkt aus auf den Weg zuruͤck, den die Vorſehung dich bis heute gefuͤhrt hat! Fuͤhle, wie die ewige Liebe es ſich hat angelegen ſein laſſen, dich durch Glück und Kreuz zur Erkenntniß der Nichtigkeit aller irdi⸗ ſchen Guͤter, der Unzuverläſſigkeit aller irdiſchen Hoff⸗ nung zu fuͤhren. Du warſt der Sohn eines reichen Vaters — jung, ſchon, bluͤhend, geſund, untadelhaft von Sitten und Wandel, voll Geiſt und Kenntniſſe ſchien Alles Dich zu den ſchonſten Erwartungen von Lebensgluͤck zu berechtigen. Wie unzuverläſſig wa⸗ ren aber alle dieſe Pfeiler Deines irdiſchen Glüͤckes! — — 184 — ſie alle haſt Du ſtuͤrzen ſehen, und doch blieb Dein Sehnen und Dein Hoffen dem Irdiſchen zugewandt. Vertraue nun die Erhaltung Deines Lebens einzig dem an, der es Dir gegeben hat; uͤbergib Dich mit Weib und Kind in unbedingtem Vertrauen ihm und uͤberzeuge Dich, daß, wenn auch nach ſeinem uner⸗ forſchlichen Rathſchluß dies unſchuldige Kind in mei⸗ nen Armen Hungers ſterben und mein Vertrauen auf ſeine Huͤlfe fuͤr dieſe Welt dem Schein nach nicht gerechtfertigt werden ſollte, ſeine Macht doch unend⸗ lich iſt, den vergaͤnglichen Erdenſchmerz mit einer Himmelsſeligkeit zu lohnen, deren hoͤchſte Wonne eben das vollkommenere Erkennen ſein wird, daß alle ſeine Fuͤhrungen Liebe ſind. — Ich liebe Dich, mein Eduard, ſo innig, ſo unausſprechlich, daß ich kein Wort fuͤr die Staͤrke meiner Liebe habe, aber wahr⸗ lich, ich wollte, ſtände mir die Wahl frei, lieber mit Dir von Stunde zu Stunde, von Minute zu Mi⸗ nute des qualvollſten Hungertodes in gemeinſchaft⸗ licher, frommer Ergebung in den Willen unſers himmliſchen Vaters ſterben, als ohne diefe Gemein⸗ ſchaft der innigſten Zuverſicht Jahrhunderte lang mit Dir alle die Freuden genichen⸗ die die Welt zu ſpenden vermag.“ —— 2 * ————————— — 185 — Noch nie hatte Eliſe ſo ernſt mit mir geſpro⸗ chen, und noch nie war ich ſo empfaͤnglich fuͤr die heldenmuͤthige Standhaftigkeit, die der Glaube dieſem ſanften Herzen in ſo tiefem Elend gab, als in die⸗ ſer Stunde, wo meine ganze Seele auf eine wun⸗ dervolle Weiſe ergriffen und erweicht war. Ich hatte freilich die Welt und ihren Schöpfer bis jetzt nicht in dem Lichte geſehen, in dem die chriſtliche Religion uns beide offenbart; allein nie hatte ich an dem Daſein eines Urweſens, in dem das ganze Univerſum Sein und Fortdauer habe, gezweifelt. Ich war in meinem Verhältniß zur Gottheit bis jetzt in dem Fall einer großen Mehrzahl der Menſchen geweſen, die ſich in ihrer Anſicht von Gott und Vorſehung unwillkuͤrlich nach dem Eindruck richten, den ihr Schickſal und die Begebenheiten des äußern Lebens auf ſie machen; ſind ſie gluͤcklich, ſo erſcheint ihnen dieſe Welt als die beſte Welt, und ſie finden uͤberall Spuren einer eben ſo weiſen als liebevollen Regierung derſelben; verdunkelt ſich aber ihr eignes kleines Schickſal ſo verdunkelt ſich ihnen auch die ganze ſichtbare und unſichtbare Welt, und ihr Unmuth wird zur Anklage und zum Zweifel gegen Gott und Vorſehung. Eben ſo ſchwankend und unſicher erſchei⸗ 4 — 186 — nen die Menſchen in ihrer Wuͤrdigung irdiſcher Guͤ⸗ ter und Freuden; ſie koͤnnen ſich und Andern die Kuͤrze des menſchlichen Lebens und die Unſicherheit ſeiner Dauer nicht abläugnenz ſie fuͤhlen, daß es vie⸗ len Kuͤmmetniſſen und Schmerzen preis gegeben iſt, ſie wiſſen, daß ſeine hoͤchſten Freuden fluͤchtiger Trug ſind und mit Sorgen erkauft werden muͤſſen, die ſtets ihren Werth aufwiegen: aber dies Alles macht ſie in Schätzung irdiſcher Freuden nicht weiſer; ſie klagen uͤber die Duͤrftigkeit des Lebens, wie uͤber eine Krankheit, gegen die ſie die ernſte Anwendung der er⸗ forderlichen Heilmittel ſcheuen, und fahren fort, die Welt und das Leben zu lieben, als ſeien beide die einzigen Quellen menſchlicher Gluͤckſeligkeit; ſie erfahren es täglich, daß der Durſt unſerer Seele aus ſo truͤbem Quell nicht geloͤſcht werden kann, und doch mindert dies nicht ihre Begierde, aus ihm zu ſchopfen. Ich hing nun freilich nicht mit ſo blinder Liebe an Welt und Leben; ich war ſo zerſtoßen und zer⸗ ſchlagen; man war mir mit ſolcher Strenge und Bitter⸗ keit begegnet, daß ich mich unmoͤglich mehr nach ei⸗ nem lebhaften Verkehr mit beiden ſehnen konntez ſchon lange hatte ſich mein Herz von ihnen weg, S — 1 — mit ſeinen Wuͤnſchen und Hoffnungen den Ahnun⸗ gen eines tiefern Lebens zugewandt; allein mein Hoffen war zagend, mein Sehnen ſchmerzvoll, weil mir die beſeligende Zuverſicht des chriſtlichen Glau⸗ bens fehlte. Jetzt aber fing ich, von Eliſen dazu aufgemuntert, an, die Bibel zu leſen, Anfangs nur mit ptuͤfender Aufmerkſamkeit, bald aber mit Liebe und Erbauung, und nun erkannte ich auch bald, daß ich, ob ich mich gleich ſtets fuͤr einen Bekenner der chriſtlichen Religion gehalten hatte, doch mit dem wahren Sinn und Geiſt des Chriſtenthums unbe⸗ eannt, und meine Seele den Strahlen ſeines göttli⸗ chen Einfluſſes verſchloſſen geweſen war. Wie unter dem Schleier der Nacht der Thau des Himmels die Pflanze tränkt, damit ihre Bluthe ſich dem jungen Morgenlicht erſchließe, ſo wurde mir auch das Dunkel meines Schickſals zum Segen. Fe hüͤrfloſer ſich der Menſch hienieden fühlt, je na⸗ her iſt er Gott — ich habe das vfahren — ich W ſchweigen und anbeten gelernt. Meine Frau fing allmaͤhlig an, ſich zu beſſern, und hoffte bald wieder Arbeit ſuchen zu könnenz ich entſchloß mich aber, Alles aufzubieten, um ihr noch darin zuvorzueilen, da es mir bei meiner neuen Sin⸗ — — nesweiſe nicht mehr darauf ankam, wie gering und demuͤthigend eine Arbeit ſein mochte, wenn ſie mir nur Mittel bot, auf eine rechtmaͤßige und ehrliche Art Brod zu verdienen. Als ich eines Tages um⸗ her ging, eine ſolche Arbeit aufzuſuchen, ſah ich vor der Thuͤr eines Wirthshauſes einen Träger ſtehen, der in ſeiner Jacke und ſeinem Gurt um den Leib wartete, bis ihm von inem der Voruͤbergehenden, oder von den Gaͤſten des Wirthshauſes ein Gewerb aufgetragen wurde; ſchnell tauſchte ich mir bei einem Trodler fuͤr meinen ſehr abgetragenen Oberrock einen ähnlichen Anzug ein, in dem ich dann durch mehrere Straßen eilte, bis ich ein Wirthshaus traf, vor welchem kein Traͤger wartete. Ich wandte mich an einen der Aufwärter des Hauſes und verſprach ihm einen Antheil von meinem Verdienſt, wenn er mir etwas zu thun verſchaffen wolle. Er ging den Han⸗ del ein, und brachte mir bald darauf einen Brief, den ich nach einem andern Theil der Stadt hinbe⸗ ſorgen mußte; ich wurde im Laufe des Tages noch zu verſchiedenen andern Botſchaften und Beſtellungen gebraucht, und brachte am Abend, nach Abzug deſ⸗ ſen, was ich dem Aufwärter abzugeben verſprochen hatte, doch einige Groſchen mit nach Hauſe. Mit — 189 — einer lange nicht empfundenen Fröhlichkeit aß ich mit meiner Eliſe und ſchlief, ſo bald ich mich auf mein Lager geworfen hatte, flugs und fröhlich ein. So wahr iſt es, daß die Gluͤckſeligkeit ein von unſern äußern Verhältniſſen durchaus unabhaͤngiger, innerer Zuſtand iſt. Ich war ja nmun bis zu einer der nie⸗ drigſten Hantierungen des buͤrgerlichen Lebens hin⸗ abgeſunken, aber wahrlich, ich war ſo zufrieden mit meinem Schickſal, wie ich es nur je in den Tagen meines größten Wohlſtandes geweſen war. Wie ſollte ſich aber auch nicht aller Zwieſpalt des Lebens in einem Gemuthe löſen, das, frei von der Knecht⸗ ſchaft irdiſcher Begierde, durchaus nichts will, als den Willen Gottes in Gehorſam und Liebe er⸗ fuͤllen! Fuͤnf Tage lang hatte ich dieſe Beſchäftigung fortgeſetzt, da wurde ich, als ich eines Abends nur noch wenig Häuſer von meiner Wohnung entfernt war, im Finſtern von vier Männern angefallen und auf das Jämmerlichſte von ihnen gemißhandelt „Wie,“ ſchrien ſie, „Er iſt ein Studirter, und will ſich wie ein Dieb in unſer Gewerbe einſchleichen, und uns die paar Groſchen wegſchnappen, wodurch wir unſer Brod verdienen? wart' Er, die Luſt wollen — 190 — wir Ihm vertreiben —“ und damit ſchlugen ſie ſo lange auf mich los, bis ich leblos zu Boden fiel. Sie entflohen nun eilig; Voruͤbergehende fanden mich; ihre Menſchlichkeit half mir auf und machte es mir moͤglich, mich, von ihnen unterſtuͤtzt, nach Hauſe zu ſchleppen. — Ausgemergelt, wie ich es vor Hunger und Elend war, erlag mein Koͤrper die⸗ ſer Mißhandlung; ich ward von einem heftigen Fie⸗ ber befallen, und erſt nach vierzehn Tagen vermochte ich mein Lager zu verlaſſen; doch war ich auch dann noch bis zur Ohnmacht ſchwach und entkraͤftet. Welch einen Schmerz empfand ich aber, mein Weib und mein Kind eben ſo blaß und abgefallen zu ſehen, als ich es ſelbſt war! Eliſe war faſt verhungert, um mir nur waͤhrend meiner Krankheit die zu meiner Le⸗ bensfriſtung nothwendigen Mittel reichen zu koͤnnen; doch auch dieſe Pruͤfung ertrug ſie mit freundlicher Geduld, und verwirklichte durch Sinn und That Alles, was ich je von der himmliſchen Kraft der chriſtlichen Glaubensfreudigkeit gehoͤrt hatte. Laſſen Sie mich kurz ſein! Alle unſere Huͤlfs⸗ mittel waren erſchöpft, ohne Betten, ohne Kleidung, ohne Brod, waren wir außer Stande, unſern Mieth⸗ zins zu bezahlen. Eliſe ging, um in dieſer aͤußerſten 4 — —— — — S — — 191 — Noth Huͤlfe fuͤr uns zu erbitten. Als ſie zurück⸗ kam, ſtrahlte ihr Geſicht von einem Himmelsglanz, ben ich fuͤr die Buͤrgſchaft eines gluͤcklichen Erfolgs hielt; ſie blieb aber ſtill und ſah mich mit einem unausſprechlichen Blick anz plotzlich aber ſank ſie an meine Bruſt und brach in Thraͤnen aus. „Ach Eduard,“ ſagte ſie, „ich glaubte mich hel⸗ denmuͤthig ſtark, aber ich empfinde nun, daß mein Herz ein ſchwaches, gebrechliches Herz iſt — ich waͤhnte, ich könne Dich mit Ruhe ſterben ſehen, wenn Dein Tod der Kaufpreis einer ſeligen Un⸗ ſterblichkeit ſei, doch nun, wo der Augenblick det Pruͤfung da iſt, vermag ich ihn nicht gefaßt zu be⸗ ſtehen und zittere, daß die Kraft unſers Glaubens nicht fuͤr ihn ausreichen wird. Unſer Schickſal iſt entſchieden; wir duͤrfen, wie es ſcheint, von dieſer Welt nichts mehr hoffen und erwarten, die Hand des allmaͤchtigen Gottes verſchließt uns alle Herzen: pruͤfe Dich nun, beſter Mann, haſt Du Muth zum letzten, ſchwerſten Kampf? Der Preis deſſelben iſt unaus ſprechlich hertlich und uns ſo nahe, daß wir faſt nur noch die Hand auszuſtrecken brauchen „um ihn zu erreichen. Laß uns daher nicht feige wer⸗ den, mein Eduard, laß uns auch die letzte Trübſa — 192 — muthig durchkaͤmpfen; unſer Widerſtreben wuͤrde nur dazu dienen, es bitterer zu machen; Gebet aber und Liebe werden uns Geduld und Muth geben, und unſere unbedingte Ergebung in den Willen Got⸗ tes wird all' unſer Leid in Wonne verkehren.“ „Ja,“ antwortete ich ihr, „die Verkettung un⸗ ſerer Pruͤfungen zeigt mir augenſcheinlich, daß wir Alles verloren haben, damit Gott unſere einzige Zu⸗ verſicht im Leben und im Tode bleiben ſoll. Ich fuͤhle die Hand des Allmaͤchtigen in Allem, was uns trifft, und unterwerfe mich ohne Murren ſeinem uner⸗ forſchlichen Rathſchluß. Die Angſt, die ich empfinde, Dich als Bettlerin umherirten und aus Noth und Mangel umkommen zu ſehen, iſt gewiß tauſendmal bitterer, als Todesqual; jede Fiber meines Daſeins wird zum namenloſen Schmerz bei dieſem Gedanken, aber ich ergebe mich ohne Murren in unſer Schick⸗ ſal. Fuͤhre Du mich, meine Eliſe, meine Heilige, fuͤhre Du mich den finſtern Weg, den wir zu wan⸗ deln haben, und ich will den letzten Athemzug dieſer Bruſt, den letzten verdaͤmmernden Gedanken noch benutzen, dem Beiſpiel Deiner frommen Ergebung zu folgen, damit mich nichts von Dir trenne, ohne die ich weder hier noch dort glucklich zu ſein vermag.“ Alles, was wir noch an Hausrath beſaßen, blieb in den Haͤnden unſtes Hauswirthes. Duͤrftig bekleidet, mußten wir unſere Wohnung verlaſſen, und da wir in der Stadt kein Obdach zu finden vermochten, verließen wir dieſe, um uns der Willkuͤr der Elemente zu uͤberlaſſen, elender als die Voͤgel des Himmels und die Thiere des Waldes, elender als das Gewürm der Erde, das ſich in ihr zu verkrie⸗ chen vermag. Die große, ſchoͤne, weite Welt lag vor uns, allein wir hatten keinen Theil an ihr, ſie war fuͤr uns das, was dem Schiffer auf ſtuͤrmiſcher See ein Hafen iſt, in den er, im Verdacht, von der Peſt angeſteckt zu ſein, nicht einlaufen darf. Hoffnungs⸗ los, matt und ſchwach wanderten wir, ohne zu wiſſen wohin, ohne eine Heimath, zu der wir un⸗ ſere Schritte lenken, ohne ein Ziel, das wir zu er⸗ reichen hoffen durften. Langſam dahin wankend, zogen Eliſe und ich abwechſelnd unſern Sohn, der nur an den ebenſten Stellen, wenn wir ihn bei der Hand faßten, zu gehen vermochte. Ich wandte mich an alle vorbei Reiſenden mit der Bitte um Almoſen; es war ja fuͤr Weib und Kind; allein meine Stimme war zu ſchwach, ich fand kein Ge⸗ Tarnow's Schriften VI. 9 — 194 — hoͤr und den ganzen erſten Tag unſerer Wander⸗ ſchaft hatten wir nichts zu unſerer Erquickung, als den Trunk aus einer friſchen Quelle, die wir auf unſerm Wege trafen. „Nie,“ ſagte mir Eliſe, „biſt Du mir ſo theuer geweſen, als in dieſer Stunde, wo Dein Herz ſich als ein wahrhaft gottergebenes bewährt. Und iſt nicht auch dieſe Pruͤfung leichter, als wir glauben? Wir ſind auf dem Weg in's Vaterhaus, wir wan⸗ dern, bis daß unſere Kraft ermattet, und ſinken dann nieder, um in demſelben zu erwachen. O wie milde, wie troͤſtend iſt der Tod, wenn er uns die ſchwere Lebensburde abnimmt, und wir ihn mit reinem Herzen erwarten koͤnnen!“ Am Morgen des zweiten Tages traf ich einen armen Bettler mit einer Frau und drei Kindern auf unſerm Wege an; jedes von ihnen hatte ein Stuͤck Brod in der Hand; ich ſah ihnen lange unver⸗ wandt zu und nahte mich dann dem Bettler, ihn um ein kleines Stuͤck Brod aus ſeinem Bettelſack fuͤr mein Kind zu bitten, das vor Hunger herzzer⸗ ſchneidend wimmerte. „Daß ſich Gott erbarme!“ antwortete mir der großmuthige Menſch, „es thut mir innig leid, Jemand zu ſehen, der noch ärmer * . — — 195 — iſt, als ich. Leider haben wir aber Alles aufge⸗ geſſen und ich habe nichts mehr, als noch dieſen einzigen Groſchen. Nehmen Sie ihn hin, Herr, ich wollte, daß es ein Thaler wäre!“ — Muͤhſam ſchlichen wir weiter, um uns in der nächſten Schenke für dieſen Groſchen Brod zu kau⸗ fen. Eine halbe Meile von Ihrem Gute ent⸗ fernt kamen wir an ein Wirthshaus. Während wir uns lagerten, das erkaufte Brod zu eſſen, ſah mich der Wirth mitleidig an. „Ihr ſcheint ſehr bekuͤmmert zu ſein,“ redete er mich an, „wenn Euer Kummer aber von der Art iſt, daß Men⸗ ſchen helfen koͤnnen, ſo geht nur zu dem Baron Steinfeld, der hier in der Nähe wohnt und der kei⸗ nen Traurigen ungetroſtet von ſich läßt.“ Mein Herz lebte bei dieſen Worten von Neuem auf, und wir machten uns auf den Weg zu Ihnen. Die Hoffnung auf Huͤlfe beeilte unſere Schritte uͤber Vermogen; doch nahe bei dem kleinen Geholz hinter Ihrem Garten erblaßte Eliſe plotzlich und ſank kraftlos zu Boden. „Es iſt vorbei, Eduard,“ ſeufzte ſie leiſe, „Gott ſei gelobt, es iſt vollbracht! Ich ſterbe, aber ich moͤchte nicht gern hier auf der Landſtraße, den Blicken der Voruͤbergehen⸗ — 496 — den preis gegeben, ſterben — vermägſt Du es, ſo bringe mich in die Schatten jener Bäume, und laß mich dort in Deinen Armen den letzten Seufzer aushauchen.“ Ich vermochte nicht, ihr zu antworten, allein ich nahm ſie auf meine Arme und trug ſie bis in das Gehölz. Hier warf ich mich nieder, und Eliſe an mein Herz ziehend, ſenkten die Schleier des To⸗ des ſich auch auf mein Auge nieder, als Ihr Auguſt uns fand, und Ihre Menſchenliebe uns in's Leben zuruckrief.“ ei auendue