1 — — — = Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— — — auf 1 Monat: 1 Mf. — Pf. 1 M. 50 Pf 2 . — Pf. „ 5 „ „ ² . „ 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ Und Zurſückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. . . Außleihezaſt. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird elonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— — — —.——— * Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. F nf r Bn Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in Leipzig ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Frauenachtung oder die Zoͤglinge von Amalienhoff. Roman aus dem literariſchen Nachlaſſe von Sophie May. Mit einem Vorworte von Theodor Hell. 2 Baͤnde. Sauber brochirt. Preis 3 Thlr. oder 5 Fl. 24 Kr. rhein. Geſammelte Erzählungen von Derſelben. 1. — 6. Band. Sauber brochirt. Preis 7 ½ Thlr. oder 13 Fl. 30 Kr. rhein. Den zahlreichen Verehrern der 8 fruͤh verewig⸗ ten Dichterin wird dieſe — höchſt geſchmackvoll ausgeſtattete — Ausgabe ihrer Werke gewiß ſehr willkommen ſein. Wuswdh1 a us Fanny Tarnow's Schriften. P 6 Fuͤnfter Band. SE — —— Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. Thorilde von Adlerſtein oder Frauenherz und Frauengluͤck. Eine Erzaͤhlung aus der großen Welt. Für Alles Nichts — fuͤr Leben Sterben, Fuͤr frommes Zutrau'n morſchen Stab, Fuͤr Gluthen Eis, fuͤr Huld Verderben — Das iſt's, was ihr die Liebe gab. La Motte Fouqus. Frunblic ſpielten die erſten Sonnenſtrahlen eines milden Herbſttages durch die reich verhaͤngten Fen⸗ ſter, und weckten die ſchöne, allgemein gefeierte und hochgeehrte Gräfin Thorilde von Adlerſtein. Es war der Morgen ihres achtundzwanzigſten Geburts⸗ tages, und zugleich der Morgen eines hoͤchſt bedeu⸗ tenden Lebenstages. Ernſt und wehmuthig ſinnend, hob ſie das große, dunkle Auge gen Himmel; da ertoͤnten in dem angrenzenden Zimmer ſanfte Har⸗ fen⸗ und Lautentone, und mit ihnen von ſußer Ruͤhrung gedaͤmpfte Stimmen, die die Wuͤnſche der Liebe, des Dankes und der Ehrfurcht für Thoril⸗ dens Gluͤck und Leben zum Thron der Gottheit hin⸗ aufſandten. Eine ſelige Empfindung durchdrang ihr Herz; Friede, Himmelsftiede, umfing ſie; vertrauend warf ſie einen Blick auf die Vergangenheit, ſie ver⸗ burgte ihr die Zukunft. Was konnte die fuͤrchten, deren ganzes Leben Liebe, Treue und Gute war? Noch ehe die letzten Toͤne des Geſanges ver⸗ hallten, trat ſie in den Kreis der gluͤckwunſchenden Freundinnen, der zugleich der Kreis der anerkannt edelſten und liebenswuͤrdigſten Frauen der Reſidenz war. Als Lohn fuͤr manche Entbehrung, die heilige Pflichten ihr fruͤh zum Geſetz machten, als Ver⸗ guͤtung fur verſagte Mutterfreude und verſagtes Lie⸗ besgluͤck, ward Thorilden die Gabe, ſich die Edlen ihres Geſchlechts in treuer, zaͤrtlicher Hingebung ſchnell zu gewinnen. Ihr die Verhaͤltniſſe des ge⸗ ſelligen Lebens klar und vielſeitig umfaſſender Geiſt; ihr Talent, die Menſchen, von ihnen ſelbſt unbe⸗ merkt, zu leiten; ihr an jedem fremden Schmerz ſo zart theilnehmendes, zu Rath und That gleich be⸗ reites Herz, verbunden mit dem Einfluß, den ihr ihre Schoͤnheit, ihr Reichthum, ihr Name, der zu den edelſten des Reichs gehoͤrte, und die Fleckenloſig⸗ keit ihres Rufes bei allgemeiner Anerkennung ihrer Gewalt uͤber Maͤnnerherzen gab, vereinigten ſich, ihre Freundſchaft allen denen wuͤnſchenswerth zu machen, die in der Geſellſchaft einen Platz zu behaupten oder zu erwerben hatten. Allein ſo groß auch die Zahl ihrer Bekanntſchaften, ſo viel umfaſſend auch der Zir⸗ kel ihres Umgangs war, ſo konnten ſich doch nur ausgezeichnete Vorzuͤge des Geiſtes und des Herzens das Recht erwerben, ihr naͤher zu kommen, da ſie in hoher, ſo vielen Frauen mangelnder Selbſtſtaͤndigkeit die Linie zwiſchen Bekanntſchaft und Freundſchaft mit ſtolzer Sicherheit zu ziehen wußte. Von klei⸗ nen Seelen beneidet, von der Menge bewundert, von den Beſſeren geliebt, ſchien Thorilde durch ihr ſchoͤnes, in ſich ſelbſt vollendetes Daſein, durch die Innigkeit ihres Herzens und ihre geiſtige Erhebung uͤber kleinliche Beduͤrftigkeit zum Schutzgeiſt juͤngerer und ſchwaͤcherer Herzen beſtimmt zu ſein, und dieſen Beruf in der treueſten und liebevollſten Sorge fuͤr den Adel derſelben anzuerkennen und zu ehren. — Doch heute, als ſie in den Kreis ihrer verſammelten Freundinnen trat, und mit ihren Wuͤnſchen zugleich die ſinnvollen Gaben ihrer Kunſtfertigkeit und ihres Fleißes zum Angebinde empfing, wölkte ſich, wie zarter Nebel, ſanfte Wehmuth uͤber die ſonſt ſo heitre Klarheit ihrer ſeelenvollen Zuge. „O meine Theuren,“ ſagte ſie, von ihnen um⸗ ringt, „moͤge ein guter Gott Euch in der troſtbe⸗ duͤrftigſten Stunde Eures Lebens den Segen ver⸗ gelten, den Eure Liebe heute auf das meinige legt! Unſre Freundſchaft bleibe, was ſie uns Allen iſt, — — 0 — Verſchwiſterung zum gemeinſchaftlichen Fortgange auf der Bahn des Guten und des Schönen, und da mir das Gluͤck ward, bei den Meiſten von Euch das Band zu knupfen, das Euch an einander bindet, ſo ſei es mir auch vergönnt, Euch zum An⸗ denken dieſes Tages in dieſen Ringen ein Pfand zu reichen, daß Keine von Euch je an der Hand der An⸗ dern erblicken möge, ohne ſich unſers Bundes und meiner Liebe zu erinnern. Wer weiß, wie bald das Schickſal vielleicht trennend zwiſchen uns tritt; doch von ihm unangefochten, beſtehe die ſchone Gemein⸗ ſchaft unſerer Herzen und unſers Strebens, und in ihr der beſte Theil meines Lebens und meines Gluͤckes.“ Hier wurde der ſanfte Schimmer in Thoril⸗ dens Augen zu Thränen, die rein und klar, wie die Thautropfen an einer Roſe, uͤber ihre Wangen floſ⸗ ſen; ſie gewann indeſſen in den Umarmungen ihrer Freundinnen bald ihre heitre Ruhe wieder, wenn gleich die Unterredung während des mit ihnen ein⸗ genommenen Fruͤhſtuͤcks das Gepräge jenes gefuhl⸗ vollen Seelen ſo wohlthuenden Ernſtes behielt, der gemeinhin die meiſten Herzensfteuden, die edelſten Geiſtesgenuͤſſe begleitet. = Gegen Mittag erſt trennte man ſich in der Er⸗ wartung, ſich am Abend bei dem Fuͤrſten R. wie⸗ der zu ſehen, der, ein warmer Verehrer der Gräfin Adlerſtein, die Gelegenheit, ſie am heutigen Tage als die Königin eines ihr zu Ehren gegebenen Fe⸗ ſtes bei ſich zu ſehen, nicht unbenutzt laſſen wollte. Mit unbeſchreiblicher Innigkeit entließ Thorilde ihre Freundinnen. Es war, als lege ſie ihr innerſtes Herz und die tiefſte Fuͤlle ihrer Liebe mit ganz neuer Wärme in den Dank fuͤr den heutigen Morgen, und die wenigen, aber ernſt beziehenden Worte, mit denen ſie jede einzeln umarmte. Sie klingelte, als ſie ſich allein ſah, und befahl, ihr die eingelaufenen Briefe zu bringen. Unter der Menge derſelben wa⸗ ren zwei, die ihre Theilnahme beſonders anregten; der eine enthielt die Zuſicherung einer Verſorgung fuͤr den alten Diener, den ſie ſeit zehn Jahren we⸗ gen ſeiner Treue und Anhaͤnglichkeit werth hielt, und der andre die Nachricht, daß der Verlobte ihrer Kammerjungfer, die ſie als Waiſe zu ſich genommen und ſelbſt erzogen und gebildet hatte, auf einem ehe⸗ maligen Gute ihres verſtorbenen Gemahls zum Pre⸗ diger gewaͤhlt worden war, und das einſtimmig, ſo⸗ bald die Bauern es erfuhren, daß ihre ſo geliebte, — und noch nicht vergeſſene Graäͤfin ihn dem Guts⸗ herrn zur Anſtellung empfohlen habe. „Gott, du gibſt mir viel!“ rief ſie freudig, „ich kann heut noch zwei Gluͤckliche machen — ach, vielleicht die letzten, die es mir vergoͤnnt wird, zu ſehen!“ — Hier fuͤllte ſich ihr Auge mit Thraͤnen, und ſie verſank in ein tiefes, wehmuthvolles Sinnen, welches ihren Zuͤgen allmählig einen bis zur Schwermuth ſich verduͤſtern⸗ den Ausdruck gab, als die Thuͤr ſich oͤffnete, und der Präſident Likolf hereintrat, an jeder Hand eines ſei⸗ ner himmliſch ſchoͤnen Kinder. „Ich bringe Ihnen hier meine Kinber,“ ſagte er mit dem Tone der zaͤrtlichſten Ehrfurcht, „Sie haben ihnen den Vater wieder gegeben, laſſen Sie ſich dafuͤr ihren Dank und ihre Wuͤnſche zum heutigen Tage gefallen.“ Selig wie ein Engel, bog ſich Thorilde zu den Kindern nieder, um ſie an ihr Herz zu druͤcken. Nie war ſie Likolfen ſo uͤberirdiſch ſchon erſchienen! ſeine Kinder in ihren Armen, an ihrem Herzen, beide holde Weſen mit der an Unwiderſtehlichkeit des Zaubers einzigen Lieblichkeit der Kindheit ſie ſchmei⸗ chelnd umfaſſend, und ihr die Worte wiedelholend, die das Herz des Vaters ſie gelehrt hatte, und dieſe edle treffliche Frau, die nur Gluͤck und Friede um — — ſich verbreitete, ſah er heut zum letzten Mal, und ihr, wie die Sonne Freude und Segen ſtrahlendes Daſein verſank mit dieſem Tag, vielleicht fuͤr immer, in die Nacht dunkler Verborgenheit! Er konnte ſich mit dieſem Gedanken nicht verſoͤhnen; ſie ſah ſeine tiefe Bewegung und reichte ihm mit der ſtillen Milde eines Engels ihre Hand. „Wie ſoll ich es Ihnen danken, mein theurer Freund,“ ſagte ſie ihm geruͤhrt, „daß Sie mir den Weg, den ich kunftig zu wan⸗ deln habe, ſo troͤſtend erheitern, indem Sie mir die Gewißheit ſchenken, Sie im Genuß neu erworbenen Gluͤckes, und in der Sicherung inneren Friedens zuruͤckzulaſſen?“ Likolf war einer jener Maͤnner, die in der Ju⸗ gend der irdiſchen Luſt faſt unbegrenzte Gewalt uͤber ihr Gemuͤth einräumen, weil ſie ſich durch ihren Genuß bilden zu koͤnnen glauben. Zu edel jedoch, um aus ihr dauernde Befriedigung ſchoͤpfen zu koͤn⸗ nen, erwachte in ſeiner Seele der Wunſch eines wuͤrdigeren Gluͤckes, und die unbeſtimmte Begehr⸗ lichkeit ſeines Strebens richtete ſich in einem folgen⸗ den Zeitpunkte ausſchließlich auf jene Guͤter, die Kraft und Ehrgeiz zu gewinnen vermoͤgen. Er mußte aber auch hier den Verluſt erleiden, der dem — 1 — Menſchen unvermeidlich droht, wenn er ſeinen Stand⸗ punkt im aͤußern Leben zum Ziel ſeines Strebens macht, und eben dadurch ſein Treiben zum Hand⸗ werk, das heißt, zum Mittel fuͤr den Nutzen ernie⸗ drigt. Der Kampf hatte fuͤr Likolf Reize, die dem Beſitz fehlten. Seine innerliche Sehnſucht nach einem unbekannten Gute, ſein Streben, ſich dieſe zu verdeutlichen, ſpielte ſich mehr und mehr traum⸗ artig in's Unendliche hinein. Ohne Freude an ſei⸗ nem Wirkungskreiſe als Staatsburger, ſeinen Ver⸗ hältniſſen als Gatte und Vater entfremdet, irrte er, uneinig mit ſich ſelbſt, ohne Liebe, ohne Glauben, matt und verdrießlich von Taͤuſchung zu Taͤuſchung, bis er Thorilde fand. Im Anfang zog ihn nur die hubſche, geiſtreiche Frau anz ſo wie er ſie aber ge⸗ nauer kennen lernte, erwachte auch in ihm maͤchtig das Gefuͤhl, daß er ohne ihre Achtung nicht leben koͤnne, nicht leben möge. Voll des regſten Sinnes fur das innere Daſein des Menſchen, und wie alle edle Frauen großer durch das, was ſie zu ſein, als zu thun vermochte, erkannte Thorilde bald den edle⸗ ren Gehalt ſeines Weſens, trotz der dumpfen Ver⸗ worrenheit und truͤben Befangenheit, die ihn einengte. Sie nannte ihn Freund, und dies Wort wurde ihm — — zur Weihe eines neuen Lebens. Sie fuͤhrte ihn zu ſeiner, ſeit Jahren vernachläſſigten und von ihm im wahren Sinne des Wortes nie gekannten Frau zu⸗ ruͤck, und er fand in ihrer Liebe und in ſeinen Kin⸗ dern nun ein ihm ganz neues, friedlich ſchones Gluͤck. Aus dieſer ſichern und verſtaͤndigen Gruͤn⸗ dung und Anerkennung des Menſchlichen in ſei⸗ ner Beſtimmung ging ihm nun auch fuͤr ſeine buͤr⸗ gerlichen Verhaͤltniſſe ein beſſerer Sinn auf. Was ihm aber auch nun im Leben gelang, wie kraͤftig auch ſein Selbſtgefuͤhl und das Bewußtſein zweck⸗ maͤßiger Thaͤtigkeit in ihm erbluͤhten, ſo blieb doch in ſeinem Herzen das Gefuͤhl lebendig, dies Alles ſei und bleibe ein langes Echo des durch Thorilde in ihm geweckten Accordes, und er hing mit eben ſo reiner, als inniger Verehrung an ihr. Daher auch jetzt die tiefe und ſchmerzliche Bewegung, mit der er vor der Ausfuͤhrung ihres, nur von ihm ge⸗ kannten Entſchluſſes bangte, ſich nach dem Verluſt ihres Vermoͤgens, und ehe dieſer noch bekannt werde, in irgend eine einſame Verborgenheit vor dem Mit⸗ leiden der Menge, der Theilnahme ihrer Freunde und dem Gefuͤhl huͤlfloſer Abhaͤngigkeit zu retten. Sie hatte ihm ihre Lage vertraut, weil ſie eines zu⸗ verlaͤſſigen Freundes zum Ordnen ihrer Angelegenhei⸗ ten bedurfte; aber ſeine innigſten, kummervollſten Bitten hatten ihr den Ort ihres kuͤnftigen Aufent⸗ halts, und ihren Plan fuͤr ihr kuͤnftiges Leben nicht entreißen konnen. „Die Witwe des Grafen Adler⸗ ſtein,“ ſagte ſie ihm ernſt, „darf nie in der Welt als huͤlfsbeduͤrftig, nie als ein Gegenſtand des Mit⸗ leids erſcheinenz es liegt mir ob, nach dem Verluſt ſeines Vermoͤgens die Wuͤrde ſeines Namens zu behaupten, und dazu gibt es nur einen einzigen Weg, den der tiefſten Verborgenheit. Bande aber, wie die, die mich an die Welt knuͤpfen, wollen nicht ge⸗ loͤſet, ſie wollen zerriſſen ſein, und darum darf ich mir fuͤr die nächſte Zeit keinen Verkehr mit meinen Freunden erlauben. Wer weiß, welchen freundlichen Wandel des Schickſals die Zeit aber noch einſt wie⸗ der herbeifuͤhrt.“ „Und wie,“ fragte er ſie jetzt, als ſie mit ſo ernſt holder Milde ihn zu beruhigen verſuchte, „ſoll ich Ihren Verluſt und dies grauſame Dunkel, in das Sie Ihre Entſchluſſe und Ihre Zukunft huͤllen, ertragen lernen?“ „Durch den Gedanken, daß mein Schickſal nicht ſo hart iſt, wie es Ihnen erſcheint, und daß nur ————— — Unwuͤrdigkeit und nicht Ungluͤck mir den Frieden meines Gemuͤths zu rauben vermoͤchte. Ich bin keinesweges gleichguͤltig gegen den Verluſt meines Vermogens; wenn ich aber bedenke, wie klein die Zahl der Menſchen iſt, die das Gluͤck zum Wohl⸗ leben und zum Ueberfluß beſtimmt, und wie ich, die Kinderloſe, die Witwe, ſo viel leichter, als viele Andre, den Anſpruch der Gewohnheit daran aufzu⸗ geben vermag, ſo bin ich ruhig ergeben in mein Loos, und voll Freude, daß ich jetzt, wo das Schick⸗ ſal mir die geliehenen Guͤter abfordert, vor ihrer bisherigen Benutzung nicht zu errothen brauche. Bleibt mir doch bei aller kuͤnftigen aͤußern Beſchraͤn⸗ kung der Segen eines reinen Herzens, und das iſt viel, ja Alles, Likolf, für den, der es ſo tief, wie ich empfunden hat, wie wenig oft das, was die Welt Gluͤck nennt, wahres Gluͤck zu gewähren ver⸗ mag, und wie die conventionellen Formen unſerer Lebensweiſe das Innere und Energiſche unſerer Seele in Ketten legen, die mich oft bis zum Ermatten wund gedruͤckt haben. Auch bleibt mir ein unver⸗ tierbarer Schatz ſchoner Lebensbilder und theurer Er⸗ innerungen — zu ihnen gehoͤrt auch Ihr Bild, Likolf. Sie werden mich nie vergeſſen, und — auch ich nie den wuͤrdigſten und theuerſten meiner Freunde.“ Sanft bog ſie ſich hier mit naſſen Augen zu ihm hin, und hauchte einen leiſen Kuß auf ſeine Stirn. Erſchuͤtternd durchfuhr ihn eine bange Ah⸗ nung; doch ehe er ſich noch die Moͤglichkeit einer nahen Trennung klar zu denken vermochte, war ſie ſchon, nach einer innigen Umarmung ſeiner Kinder und einem Blick auf ihn zum Lebewohl in das Nebenzimmer entwichen, und vergoß dort ungeſehen und einſam die ſchmerzlichſten Thräͤnen, die je ein reines, heißes Herz in dem Gefuͤhl geweint hat, daß ſein Daſein nie zur Offenbarung des Gluckes und der Herrlichkeit wurde, zu der ſein Adel und ſeine Treue es berechtigten. Doch nur in verborgener Einſamkeit floſſen dieſe Thraͤnen. Die tief und zart empfindende Tho⸗ rilde, mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhl verfehlten Gluͤ⸗ ckes, mit dem wunden Herzen voll unendlicher Sehn⸗ ſucht und Wehmuth blieb in dem Cabinet zurück, und nur die ſchimmernde, in aller Pracht ihres Standes glaͤnzende, von Geiſt, Witz und Munter⸗ keit beſeelte Gräfin Adlerſtein trat am Abend in den furſtlichen Pallaſt, wo alle Kuͤnſte aufgeboten wa⸗ — — ren, ihr zu huldigen. Von den Gluͤckwuͤnſchen der Geſellſchaft empfangen, trat ſie, von dem Herrn des Hauſes gefuͤhrt, in einen Saal, deſſen Hintergrund ihr, als der verhuͤllende Vorhang aufflog, in täuſchen⸗ der Aehnlichkeit den großen, mit Acacien eingefaßten Grasplatz zeigte, auf dem ſich im Garten des von ihr ehemals mit ihrem Gemahl bewohnten Gutes am Sonntag ihre Bauern zu verſammeln pflegten. Das Geſpraͤch, in welchem dieſe jetzt beim Aufflie⸗ gen des Vorhangs begriffen waren, bezog ſich auf die Vergangenheit. Man ſprach von dem verſtor⸗ benen Grafen, von der herrlichen, allgeliebten Gräfin. Jeder wußte einen Zug ihrer Milde, ihrer Freund⸗ ſichkeit, ihrer Großmuth und der Klugheit, mit der ſie ſo manche nuͤtzliche Neuerung nach und nach ohne Widerſtreben eingefuͤhrt habe. Da wankte ein altes Muͤtterchen herbei, das ſie in einer ſchweren Krankheit einſt ſelbſt gepflegt, und dann ſeit Jahren verſorgt und unterhalten hatte, und erinnerte die verſammelten Ballern daran, daß heut der Geburts⸗ tag ihrer unvergeßlichen Wohlthäterin ſei. Mit Ju⸗ bel ward dieſe Erinnerung aufgenommen und be⸗ ſchloſſen, den ſchoͤnen Tag zu feiern. Die ganze Dorfſchaft verſammelte ſich, Kinder, Greiſe, Männer, — 20 — Frauen, und unter Geſang und Tanz fiel der Vor⸗ hang. Tief erſchuͤttert dankte Thorilde den Freun⸗ den, die durch Herz und Kunſt dem täuſchenden Spiel ſo innigen Reiz und herzbewegende Wahrheit gegeben hatten, ohne auch nur entfernt zu ahnen, welchen Trennungstag dieſe Feier in aller Erinne⸗ rung zu bezeichnen beſtimmt ſei. Aber fuͤr Thorilde ward es zu viel; ihr Muth zerſchmolz in Wehmuth und Trauer bei dem Gedanken, daß ſie alle dieſe ihr wohlwollenden Menſchen zum letzten Mal ſehe, und mit dem heutigen Abend fuͤr immer aus ihrem Kreiſe verſchwinde. Sie konnte ihnen nichts zuruͤcklaſſen, als ihre Wuͤnſche und ihr anmuthiges, von Allen gern be⸗ wahrtes Bild, und das Verlangen, dieſes ſcheidend feſt in ihrer Aller Sinn zu druͤcken, lieh ihrem We⸗ ſen einen ſo ſuͤßen Zauber, daß alle ihre Freunde, alle Anweſenden es ſich eingeſtanden, ſie nie ſchoner und liebenswuͤrdiger, als in dieſer Verklärung des Wiederſcheins innerer Ruͤhrung und liebevoller Hin⸗ gebung geſehen zu haben. Erſt gegen Morgen trennte ſich die Geſellſchaft. Thorilde vertauſchte, ſo⸗ bald ſie nach Hauſe kam, ihre prachtvolle Kleidung mit einem einfachen Reiſeanzuge, und ließ dann — — ihre ſäͤmmtliche Dienerſchaft zuſammenrufen, der ſie ihren Lohn auszahlte und ihr die Verſorgung be⸗ kannt machte, die ſie fuͤr jeden von ihnen ausgemit⸗ telt habe, weil ſie, wie ſie ihnen ſagte, im Begriff, auf mehrere Jahre zu verreiſen, ihrer Dienſte nicht mehr beduͤrfe. Mit Thränen ſchieden Alle von der wohlthätigen, ernſt freundlichen Gebieterin; mit Thrä⸗ nen wurden ſie von ihr entlaſſen. Der beſtellte Wagen kam. Sie ließ den kleinen ſchon fruͤher ge⸗ packten Koffer aufbinden, und, noch ehe der Tag daͤmmerte, lagen die Thore der Reſidenz ſchon ge⸗ ſchloſſen hinter ihr, und als man dort am Morgen ihre Abſchiedskarten erhielt, war ſie ſchon mehrere Meilen weit einer Zukunft entgegen geeilt, fuͤr deren unbekannte Leiden und Freuden ihr die Vergangen⸗ heit keinen Maßſtab zu bieten hatte. Von altadeligen, aber unbemittelten Eltern geboren, ward Thorilde fruh zur Waiſe. Ein ent⸗ fernter Verwandter wurde zum Vormund des Kin⸗ des ernannt, deſſen kleines Erbtheil kaum die Koſten des Unterhalts zu decken vermochte, ſo daß Thorilde es ſich gefallen laſſen mußte, ſich ihren Aufenthalt in ſeinem Hauſe und ihre Theilnahme an dem Un⸗ terrichte, den ſeine Kinder erhielten, als eine Barm⸗ herzigkeit und ein unfreundlich gegebenes Gnadenbrod anrechnen zu laſſen. Nichts laͤhmt in jedem Lebensalter ſo die Kraft und das Vertrauen, als die Gemeinheit derer, mit denen wir im täglichen, unausweichlichen Verkehr mannigfaltig verflochten ſind, und ſind wir nun gar von ſo rohen, dem Schoͤnen feindlichen und es in Haß und Unglauben von ſich weiſenden Naturen abhaͤngig; iſt Gehorſam gegen ſie, Ergebung in ihren Willen, Eingehen in ihre Launen unſre Pflicht, ſo iſt es fur ein weibliches Gemuͤth faſt unmoͤglich, ſich das Gefuͤhl der Menſchenwuͤrde und in dieſem Selbſtſtändigkeit und Adel zu retten. Auch Thorilde konnte dem unvermeidlichen Un⸗ heil eines ſolchen Schickſals nicht ganz entgehen. In einer ſpäteren Lebensperiode wäre ſie daran zu Grunde gegangen; doch in der Jugend, dieſem ro⸗ mantiſchen Lebensgedicht voll Zauber, Liebe, Hoff⸗ nung und Begeiſterung, beſiegt man jedes äußere Schickſal, weil man den Gruß der Natur verſteht, die uns in jeder Ahnung der Sehnſucht Liebe und Gluͤck verheißt, und jeder Fruͤhling, jede Bluͤthe, jeder Stern, jede Nachtigall uns zufliſtert: hoffe und liebe, leide und du wirſt gluͤcklich werden. Vergebens zog daher eine gemeine entſtellende Wirklichkeit ihre Schranken um ſie her; ihr Geiſt entwickelte ſich groͤßer, ihr Herz edler als Alles, was ſie umgab, und die Natur ſelbſt ſchuͤtzte ſie, indem ſie in ihre Seele Empfindungen gelegt hatte, die die Tugend fuͤr ſie zur Idee des hoͤchſten Gluͤ⸗ ckes machten und es ihr zugleich vergönnten, aus dem Gefuͤhl der Schoͤnheit Tugend zu lernen. Ab⸗ hangig, arm, duͤrftig gekleidet, ward ſie bei jeder Gelegenheit zuruͤckgeſetzt und ihre Jugend erbluͤhte unter bittern Thränen und grauſamem Einſamſein; doch in ihrem ſechzehnten Jahre fuͤhlte ſie es ent⸗ ſchieden, daß ſie beſſer war als ihre Verwandten, und daß ſie das Recht habe, ſich ihrer anmaßenden Gewalt uͤber ſie zu widerſetzen; allein mit weiblicher Furcht vor einer Rohheit, deren Pärte ſie oft er⸗ fahren hatte, verbarg ſie dieſe Erkenntniß tief in ihr Herz, da nur das Gefuhl, nicht unbeſtraft beleidigt werden zu koͤnnen, uns Zuverſicht zu unſrer Men⸗ ſchenwuͤrde zu geben vermag. — In dieſem Zeitpunkt kam der Graf Adlerſtein auf ſeine Guͤter zuruͤck. Er hatte die großere Hälfte ſeines Lebens als Geſandter an den glaͤnzendſten Hoͤfen Europa's zugebracht; jetzt, in ſeinem ſechzigſten Jahre, wo ſeine Kränklichkeit ihm den Genuß des Weltlebens verleidete, zog er ſich auf ſeine Guͤter zuruͤck. Von Natur edel geboren, hatte er, ver⸗ flochten in dem Labyrinth einer herrſchſuͤchtigen Po⸗ litik und verworrener Weltverhaͤltniſſe, es fruͤh ein⸗ ſehen lernen, wie viel leichter und ſichrer es in un⸗ ſern Staaten iſt, durch Dienen und Schmeicheln, als durch wahren Werth und Aufopferung fuͤr Andre zu ſteigen, und ſo tödtete die ſtrenge Schule der Welterfahrung in ihm die zarten Bluͤthen der Hu⸗ manitaͤt und lehrte ihn, das Herz in der Berech⸗ nung ſeines Willens und ſeiner Thaten nicht zu achten. Der Wachsthum an Klugheit und Anſehen erſchien dem fein gewandten Weltmann bald aus⸗ ſchließend als der einzige Wachsthum an geiſtiger Kraft, den es im Leben der Muͤhe lohne zu erwerben. Auf dieſem Wege ward er ſehr geiſtreich und gebildet; allein ihm fehlte doch jener Sinn fuͤr Wiſſenſchaft, jene Liebe zu den Muſen, die dem Staatsmanne wie dem Hoͤflinge auf ihrer zerſtreu⸗ enden und ermuͤdenden Laufbahn allein zum Quell geiſtiger Erfriſchung werden können. Ohne dieſen Sinn lebt man aber, bei aller Klugheit und Gei⸗ ſtesbildung, doch nur in einem ſehr eng beſchränkten Kreiſe und ermangelt, trotz aller außern Thätigkeit, des geiſtigen Organs, die Welt anzuſchauen und zu genießen. Graf Adlerſtein ward auf ſeinem Wege maͤchtig, angeſehen und geehrt — ja er blieb ſogar edel genug, ſich laſterrein zu erhalten, was auf ſolchem Standpunkte viel ſagen will, und vor Gott, der das Menſchenherz in ſeiner Bloͤße kennt, noch mehr bedeutet; aber es blieb von ihm unbegriffen, wie jene Sammlung der innerſten Herzens⸗ und Geiſteskraft, die wir Gemuth nennen, einzig und allein wahrhaft das Eine iſt und bleiben muß, für das wir in unwandelbarer Treue zu leben berufen ſind. Gewandtheit und Klugheit ſind wohl als Dinge zu ſchaͤtzen, auf denen der geſellſchaftliche Verkehr be⸗ ruht und fuͤr die der politiſche berechnet iſt; als ſolche haben ſie eine große praktiſche Nuͤtzlichkeit und der Mann muß ſie als Weltverſtand achten und ſich ihre Reſultate aneignen; doch Alles, was die höhere Natur des Menſchen nicht durch die Idee des Ewi⸗ Tarnow's Schriften. V. 2 — — gen, die das Herz unſers geiſtigen Bewußtſeins iſt, in Anſpruch nimmt, muß durchaus von ihm nur als Erkenntniß und Weltlichkeit behandelt und von ſeiner Innerlichkeit fern gehalten werden. Bei einem nachbarlichen Beſuch im Hauſe ihrer Anverwandten ſah Graf Adlerſtein Thorilde, und zugleich, als ein feiner Kenner der weiblichen Schoͤn⸗ heit, zu welcher herrlichen Bluthe dieſe Knospe ſich entfalten konnte, wenn ſie von Anmuth, Zierlich⸗ keit und Reichthum gepflegt wuͤrde. Er war artig und verbindlich gegen ſie und dies machte einen tie⸗ fen Eindruck auf ſie, da er nicht allein der reichſte und vornehmſte Mann war, den ihr bisher das Leben vorgefuͤhrt hatte, ſondern ihr auch in der Wuͤrde ſeines Betragens und dem Gehalt ſeiner Unterhaltung und ſeiner Geiſtesbildung als ein hoͤ⸗ heres, uͤber alle ſie Umgebende erhabenes Weſen erſchien. Graf Adlerſtein ſah ſie oͤfter; der Druck, un⸗ ter dem ſie lebte, gewann ihr ſeine Theilnahme, die Art, wie ſie ſich uͤber dieſen Druck emporhob und im Adel einer hoͤheren Natur ihren Verwandten gegenkber ſtand, ſein achtungsvolles Wohlwollen. Sie blieb im Geſpräch mit ihm einſylbig und doch —,— — 2 — errieth er, daß ſie Geiſt, viel Geiſt hatte. Er ver⸗ ſtand ihre Art zuzuhören, den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts und ihren wunderſchoͤnen Blick voll Geiſt und Seele. Sein Betragen gegen ſie that ihr un⸗ beſchreiblich wohl; er war der erſte Menſch, gegen den ſich ihr ſo lange und gewaltſam bang zuſam⸗ mengepreßtes Herz in Ehrfurcht, Dank und Liebe oͤffnete, und ſie hing in dieſen Empfindungen an ihm mit mehr Seele, als manche heftige Leidenſchaft fordert. Allmaͤhlig fuͤhlte er ſich dadurch zu immer wärmerer Theilnahme an ihr geleitet. Es war ſchon lange ſein Vorſatz, ſich eine junge, bildſame Gattin zu wäͤhlen. Er blickte auf den Schatz von Welt⸗ und Menſchenkenntniß, den er beſaß, als auf einen ge⸗ liebten Schatz hin, von dem es ihn ſchmerzen muͤſſe, wenn er mit ihm unbenutzt in's Grab verſenkt wer⸗ den ſolle. Seine Liebe zu den Frauen, ſeine ge⸗ naue Kenntniß ihrer geiſtigen Eigenthuͤmlichkeit, die ſie gerade zur Annahme einer Bildung, wie er ſie geben konnte und wollte, vorzuͤglich eigneten, hatten ihn mit dem Gedanken vertraut gemacht, am Abend ſeines Lebens eine Gattin zu waͤhlen, die, ganz ſein Geſchopf, ganz ſein Werk, in ihrem Kreiſe das an⸗ 2 — — zuwenden wiſſe, was er geſammelt habe, und ihm durch Geiſt, Talente und Dankbarkeit ſeine noch ubrigen Lebenstage verſchönere. Thorilde entſprach allen ſeinen Forderungen; von Natur edel geboren, wenn gleich im Laufe eines wirr verflochtenen Lebens heidniſch verwildert, waren die Grundzuͤge ſeiner an⸗ gebornen Natur doch nicht ſo verlöſcht, daß nicht die Herzlichkeit ihrer Empfindung, die reine Einfalt der⸗ ſelben und ihr unbedingtes kindliches Vertrauen zu ihm „wenn gleich ſein Verſtand ſie belächelte, einen Reiz fuͤr ihn gewannen, dem er ſich mit ſtiller Neigung zu dem anmuthigen Kinde uͤberließ. Ein Juſtizrath aus einer benachbarten kleinen Stadt, den Geſchäfte oft zu Thorildens Verwandten gefuͤhrt hatten, warb jetzt um ihre Hand. Der Vormund, froh, daß ſich eine, ſeiner Anſicht nach, ſo gute Verſorgung fuͤr ſie fand, kuͤndigte ihr dies als ein Gluͤck an, das ſie mit beiden Händen ſchnell zu ergreifen ſich beeilen muͤſſ. Thorilde erklaͤrte ihm aber kurz und entſchieden, ſie wolle den Juſtizrath nicht heirathen; und alles Schelten, alles Drohen, alles Zuͤrnen und Bereden entlockte ihr keinen an⸗ dern Grund dieſer Weigerung, als die einfache Ant⸗ wort: „ich will ihn nicht.“ Am Nachmittag kam der Graf. Er vermißte Thorilde, die den Befehl erhalten hatte, auf ihrem gimmer zu bleiben, und erfuhr auf ſeine Frage nach ihr den Antrag des Juſtizraths und die eigen⸗ ſinnige Antwort des verſtockten Maͤdchens. Lächelnd bat er um die Verguͤnſtigung, zu ihr gehen zu dur⸗ fen, weil er gewiß hoffe, von ihr die Urſache ihrer Weigerung zu erfahren und die Familie mit ihr zufrieden zu ſtellen. Man erkannte dieſe Herablaſ⸗ ſung gegen das trotzige Ding mit gehoͤriger Unter⸗ thaͤnigkeit und fuhrte ihn zu ihr. Sie empfing ihn mit innigem Dank fuͤr dieſen Beweis ſeiner Theil⸗ nahme und hoörte ihm geruͤhrt zu, als er ſie freund⸗ lich ernſt bat, ihm zu vertrauen, da er entſchloſſen ſei, ſie gegen die Willküͤr ihrer Anverwandten in Beſtimmung ihres Schickſals zu ſchuͤtzen, ſobald er die Gruͤnde ihres Widerſtrebens zu billigen vermoͤge. Er erwartete, daß ſie ihm den Mangel an Liebe zu dem Juſtizrath anfuͤhren werde; allein ſie ſagte ihm mit der Sicherheit eines unerſchuͤtterlichen Entſchluſ⸗ ſes, ſie durfe einem Manne, den ſie nicht achte, ihr Leben nicht anvertrauen, weil ſie bei ihrer Ju⸗ gend furchten muͤſſe, daß ſie, zu ſeiner Sklavin er⸗ — — niedrigt, unter dem Druck eines ſolchen Schickſals zuletzt zum Sklavenſinn herabſinken koͤnne. Die Schilderung von des Juſtizraths Charakter, die ſie ihm zur Erlaͤuterung entwarf, war ſo wahr und treffend, daß er, der den Mann kannte, uber den Scharfſinn und die Feinheit ihrer Beobachtungen erſtaunte. Was ihn aber noch mehr uͤberraſchte, war die ſtill beſonnene, von aller Jugendſchwaͤrmerei freie Anſicht der Ehe, die ſie in dieſer Unterhaltung ausſprach. Dieſe war nur eine Frucht ihrer Jugend⸗ lichkeit, da ſie, die nie elnen Roman geleſen, nie ein paar Liebende geſehen hatte, noch zu jung war, um ſich einſam mit ihrem Herzen verſtaͤndigt zu haben; allein dem Grafen erſchien ſie als eine eigen⸗ thuͤmliche Klarheit des Geiſtes, die die Macht und den Beruf ihres Verſtandes beurkunde, uͤber ihre Empfindung unbedingt zu herrſchen. Dieſe Anſicht und die Kindlichkeit und Naive⸗ tät, mit der ſie ihm ganz unbefangen bekannte, ſie wuͤrde den Juſtizrath, wenn er auch noch einmal ſo alt wäre, mit Freuden heirathen, koͤnne ſie ihn nur halb ſo aufrichtig ehren und werth halten, wie ſie ihn, den Grafen ehre, reiften in ihm einen ſchon fruͤher — — gehegten Gedanken zum Entſchluß, dieſen noch ſchnel⸗ ler zur That, und kaum war eine Stunde verfloſſen, als er Thorilde dem Kreiſe ihrer Verwandten zu⸗ fuͤhrte und ſie ihrem Vormund, unter Vorausſetzung ſeiner Einwilligung, als ſeine Braut vorſtellte. Die kriechende Unterthäͤnigkeit, die grobe Schmei⸗ chelei, zu der jetzt dieſe feilen, der Gluͤcksjaͤgerei, der knechtiſchen Erniedrigung vor Geld und Rang ge⸗ wohnten Seelen gegen ſie, die bis jetzt von ihnen mit ſo rohem Uebermuth Behandelte, uͤbergingen, emporte Thorildens Seele und verkuͤmmerte ihr das Vergnuͤgen, ſich an ihnen durch die Großſinnigkeit ihres Betragens zu rächen. Graf Adlerſtein, der die Lage ſeiner Verlobten im Kreiſe dieſer Familie klar uͤberblickte, beſchleu⸗ nigte ſeine Vermaͤhlung, und ſchon nach vier Wochen fuhrte er die noch nicht ſiebzehnjährige Thorilde als Graͤfin Adlerſtein auf das in einem benachbarten Fuͤrſtenthum liegende Schloß Adlerſtein, welches er, um ſie des ferneren Umgangs mit ihren Verwandten zu uͤberheben, zum Ort ihres kuͤnftigen Aufenthalts beſtimmte. Thorilde fuhlte ſich in ihren neuen Verhältniſſen ſehr gluͤcklich und durch die Wahl des Grafen, den — ſie mit der Begeiſterung eines noch durch keine Tau⸗ ſchung verletzten Jugendgefuͤhls bewunderte, hoch ge⸗ ehrt. Jung, reizend, voll Begierde, den Grafen durch ihre Fortſchritte zu erfteuen, ward ſie im Lauf eines Jahres aller Zierlichkeiten des vornehmen Lebens Herr. Der Graf ſcheuete keine Koſten, die erſten Meiſter in jeder Kunſt fuͤr ſie kommen zu laſſen. Sie tanzte wie eine Grazie, ſie vervollkommte ihr Harfenſpiel bis zur Fertigkeit, ſie ſang, ſie lernte mehrere Sprachen, doch die eigentliche Bildung ihres Geiſtes behielt er ſich ausſchließend vor. Nicht fuͤr die Einſamkeit, nicht fur ein glanz⸗ loſes, haͤuslich gluckliches Leben, nein, fuͤr die Welt wollte er ſie bilden. Sie ſollte gewiſſermaßen ſein Leben fortſetzen, und all der Einfluß, den er ſich zu verſchaffen gewußt hatte, ſollte auf ſie uͤbergehen, vom Zauber der Schoͤnheit und der Jugend verſtaͤrkt und beſeelt. Thorilde war jung, voll Wunſch zu gefallen und dabei ſchwankend in der Anſicht des Lebens, das ſie ja eigentlich noch nicht kannte, da man es nur durch das Leben ſelbſt verſtehen und wuͤrdigen lernt. Ihr Charakter war noch unent⸗ wickelt und ſie bisher durch nichts zur tiefern Ein⸗ kehr in ſich ſelbſt zuruͤckgedrängt. Es iſt aber das Weſentlichſte aller weiblichen Erziehung und Bildung, daß ſie das innere Leben auf den Glauben und die Liebe zu Gott, als Vater, gruͤnde; denn einzig auf dieſem Grunde entwickelt ſich in der weiblichen Seele die Bluͤthe des Sitt⸗ lichſchönen, da dies Geſchlecht nicht die Kraft des Geiſtes, ſondern nur die himmliſche Kraft der Liebe hat. In jeder gutgearteten Seele liegt eine liebevolle Hinneigung zum Guten, die aber, wie jeder andre Jugendreiz, vergänglich iſt, wenn ſie nicht durch religiöſen Sinn entwickelt und gekräftigt wird. Man kann ſehr zart- und tieffuͤhlend ſein, man kann treffliche Eigenſchaften beſitzen, man kann das Sitt⸗ lichgute und Schone ſehr äſthetiſch lieben, ohne deß⸗ halb jenes Uebergewicht moraliſcher Kraft gegen irdi⸗ ſchen Reiz, jene, alles Sichtbare beſiegende Liebe zu dem Unſichtbaren zu haben, die allein unſerer Tu⸗ gend, unſerem Willen, unſern Neigungen, Wuͤn⸗ ſchen und Hoffnungen zur unerſchutterlichen Baſis werden koönnen, wenn die Stuͤrme und Verſuchungen des Lebens ſich uns nahen. Der Graf theilte aber die Gleichguͤltigkeit, ja man kann wohl ſagen die Abneigung ſeines Stan⸗ des und ſeines Zeitalters gegen alle religiöſe Zucht und alle kirchlichen Lehrſätze. Selbſt die Lehren der natuͤrlichen Religion ließ er, ohne irgend ein Inter⸗ eſſe dafuͤr, auf ſich ſelbſt beruhen, und ein Gemuͤth, welches ſelbſt nie das Beduͤrfniß frommer Erweckung und Seelennahrung empfunden hatte, konnte dieſes, wo es ſich in Thorilden als dunkle Sehnſucht regte, nur mißverſtehen. Mit Ernſt und klarer Beſonnenheit ging der Graf planmäßig an das Geſchaͤft, Thorilde gegen die Täuſchungen der Leidenſchaft, die Trugbilder der Jugend, zu waffnen und ihr das Herz, das Leben und die Menſchen ſo zu zeigen, wie er ſie hatte kennen lernen. Um ſie die Letztern kennen zu lehren, erzaͤhlte er ihr ſein Leben und ſein Wirken, und bald kannte ſie den Kreis, in dem er ſich be⸗ wegt hatte und der einen großen Theil der bedeu⸗ tendſten Menſchen Europa's umfaßte, faſt eben ſo genau, als er ſelbſt. Entzuͤckt von ihrer ſich täg⸗ lich reicher entwickelnden Faſſungsgabe, ihrer Grazie und der glaͤnzenden Vielſeitigkeit ihres Geiſtes, fuͤhrte er ſie immer tiefer und tiefer in das Labyrinth Anſichten und Erfahrungen hinein. * — In der Entfernung und in der Einfachheit des Privatlebens idealiſirt man ſich das vornehme Leben und das Thun und Treiben bedeutender Menſchen, und glaubt, daß das Bedeutende in ſeinem Kreiſe auch von bedeutenden Triebfedern gelenkt, das Wich⸗ tige nur aus wichtigen Bewegungsgruͤnden gethan werde. Wohl dem, dem dieſer Glaube und mit ihm eine der reinſten Freuden der Menſchheit, die der Bewunderung, nie getruͤbt wird! Erfahrungen gewiſſer Art ſollen auch durchaus ſelbſt gemacht werden und wer ſie beſonders einem jugendlichen Gemuͤth vorzeitig aufzwingt, verſengt nicht nur die ſchoͤnſte und zarteſte Bluͤthe des Jugendgluͤckes, ſon⸗ dern es entſteht auch aus dieſem unnatuͤrlichen Ue⸗ berſpringen eines wichtigen Lebensabſchnittes faſt immer groͤßeres Unheil, als ſelbſtgewonnene Erfah⸗ rung uns bereitet haben wuͤrde. Der Zauberſchleier unſers Jugendwahnes ward von einer hoheren Hand nicht gewebt, um zerriſſen, ſondern um leiſe und ſchonend allmählig gehoben zu werden. Mit un⸗ wiſſender Härte und Schaͤrfe zerriß ihn aber der Graf gewaltſam und vor Thorildens Blicken lag nun die Duͤrftigkeit des Lebens, die Gehaltloſigkeit der Menſchen unverhuͤllt dal * Zum Gluͤck faſſen wir im Leben Vieles geiſtig begriffen auf, ohne daß es, unſer eigen geworden, mit den Wurzeln unſers innern Daſeins ſich ſo ver⸗ flicht, daß es wirklich ein Theil deſſelben wird. Dies war bei Thorilden um ſo mehr der Fall, da ſie, bei der großen Verſchiedenheit des Alters, in⸗ ſtinctartig eine gewiſſe Schuͤchternheit gegen ihren Gemahl behielt, die ihre innerſte Empfindungsweiſe ſeinen Blicken entzog. So wenig er aber auch ihre noch unentwickelte Eigenthuͤmlichkeit klar zu durch⸗ ſchauen und gerecht zu wuͤrdigen vermochte, ſo ent⸗ ging ihm doch die ſchwärmeriſche Weichheit ihres Gefuͤhls und ihre Anlage, ſich das Leben und die Erſcheinungen um ſie her zu idealiſiren, keinesweges. Ihr als Freund und Aufſeher mit kuͤhler Be⸗ ſonnenheit zur Seite ſtehend, mußte es ihm leicht werden, ihrem Betragen fuͤr das äußere Leben Schranken zu ziehen; aber er ſah es ein, welch einen gefaͤhrlichen Feind fuͤr alle ſeine Plane er an der Liebe haben wuͤrde, wenn ſich dieſe ihres Her⸗ zens bemaächtigte. Bei ſeinen Anſichten und Erfah⸗ rungen wuͤrde er ſich lächerlich erſchienen ſein, wenn er ihrem Verhaͤltniß zu ihm, oder wohl gar ihren Grundſaͤtzen und der Reinheit ihres Herzens die Macht hätte zutrauen wollen, ſie zu ſchuͤtzen; er kannte nur ein Schutzmittel gegen Herzensſchwäche, und dies war, durch eine kalt verſtändige Klarheit der Anſicht ſie gegen ein ſolches Jugendfieber des Herzens zu ſchuͤtzen, ihren Geiſt ſo vielfach zu be⸗ ſchaͤftigen und ihre Eitelkeit ſo anzuregen, daß ihr die Vereinzelung der Liebe nur als Verkuͤmmerung eines ſo reich mannigfaltigen Lebensgenuſſes erſchei⸗ nen koͤnne. Thorilde hatte, wie ſhon erwähnt worden iſt, nie einen Roman geleſen; ihr Herz war ganz neu und ſo hoͤrte ſie jetzt ihren Gatten mit ruhiger zleichgltigkeit von der Liebe als von einem Triebe ſprechen, deſſen Zweck unter den mannigfaltigſten Umhuͤllungen doch immer derſelbe ſei, und den nur eine lächerliche Albernheit, nur die Thorheit oder Dummheit mit Ernſt als eine wichtige heit des Lebens behandle. Alle moraliſch erkäͤltete Menſchen ſind auch er⸗ kältend und das Froſtfieber ihrer Herzloſigkeit iſt oft noch anſteckender und wohl immer gefährlicher, als das hitzige der Schwaͤrmerei und der Begeiſterung⸗ Die Unterredungen des Grafen prägten es tief in Thorildens Seele, daß alle Weichheit des Herzens Krankheit, und daß es Beurkundung der Geiſtes⸗ armuth ſei, der Liebe die Entſcheidung uͤber den Gehalt unſers Lebens anzuvertrauen. Sie war uͤber⸗ zeugt, daß der moraliſche Werth des Menſchen nur in der Herrſchaft des Verſtandes, nur in der Klar⸗ heit der Anſichten, nur in der kalten Beſonnenheit der Handlung ſich begruͤnden koͤnne, und der Cha⸗ rakter ihres Gemahls, ſein an Thaten und Genuͤſſen ſo reiches Leben wurde ihr zum uͤberzeugendſten Be⸗ weis von der Wahrheit ſeiner Behauptungen. Da die Frauen in der Regel die Verhältniſſe des Lebens klarer durchſchauen, das eigenthuͤmliche Daſein des Einzelnen richtiger ergruͤnden und die geſammelten Beobachtungen und Erfahrungen prak⸗ tiſcher anzuwenden wiſſen, als die Maͤnner, ſo faßte auch Thorilde in den Unterhaltungen ihres Gatten die verwickeltſten Verhaͤltniſſe, die ſchwierigſten Lagen und die Darſtellung menſchlicher Schwaͤchen vorzug⸗ üch treffend auf und in ihr entwickelte ſich die Fer⸗ tigkeit, die letztern ſchnell zu entdecken. Sie lernte begreifen, wie viel in ihrer Lage eine junge, ſchoͤne, geiſtreiche Frau zu wirken vermoͤge, und der Graf fand bald Gelegenheit, ihr Herz fuͤr dieſe — keit zu intereſſiren⸗ Thorildens Kammerjungfer war die Braut eines jungen Mannes, deſſen Vater eine kleine, zu den furſtlichen Domainen des Laͤndchens gehoͤrende Meie⸗ rei gepachtet hatte. Die Pachtjahre waren aber jetzt verlaufen und das Gluͤck der ganzen Familie hing an der Verlaͤngerung derſelben, weil, ſobald es zum öffentlichen Verpachtungsaufgebot kam, der Pachter eines daran grenzenden groͤßeren Gutes ent⸗ ſchloſſen war, es zu einem Preiſe hinaufzutreiben, fuͤr den es die Familie, welche von der Pachtung leben ſollte, nicht mehr brauchen konnte. Alle Ver⸗ ſuche, von dem Kammerpraͤſidenten die Erneuerung des bisherigen Pachtcontracts zu erhalten, waren fruchtlos, und ſelbſt die ſchriftliche Verwendung des Grafen ohne Erfolg geblieben. Jetzt kam der Präſident auf einer Reiſe zufaͤllig. ſelbſt in dieſe Gegend und meldete ſich als ein alter Bekannter bei dem Grafen zum Mittagseſſen an. „Nun,“ ſagte dieſer läͤchelnd zu Thorilden, indem er ihr das Billet hinreichte, „iſt doch noch Hoffnung fuͤr unſre jungen Leute. Oſtheim war von jeher ein warmer Verehrer ſchoͤner Frauen und leicht wirkt jetzt ein freundlicher Blick von Dir mehr als alle meine Vorſtellungen. Thorilde erroͤthete; aber ſie — 40 — war am andern Morgen doch vorzuglich ſorgfältig gekleidet und empfing den Gaſt mit einer ſo einneh⸗ menden Artigkeit, unterhielt ihn bei Tiſche ſo ange⸗ legentlich, belächelte ſeine Scherze und Galanterien ſo freundlich, daß der alte Präſident, von ihr be⸗ zaubert, das Gluͤck ſeines Freundes im Beſitz eines ſolchen Engels nicht genug zu ruͤhmen wußte. Und als nun nach Tiſche, beim Kaffee, die junge ſchone Frau den alten Herrn ſo vertraulich fragte, wie er es uͤber ſein Herz bringen könne, gegen die Pachterfamilie ſo hart zu ſein? wie ſie ſo zuverſichtlich äußerte, die Sache muͤſſe ihm nicht recht vorgetragen ſein und es nun uͤbernahm, ſie ihm aus einander zu ſetzen und ihr Blick nun immer bittender, ihr Ton immer ſchmeichelnder wurde: da haͤtte die junge ſchoͤne Frau wahrlich noch ganz andre Sachen von dem Herrn Präſidenten erbitten können, als eine ſolche Kleinigkeit. Der Pachter wurde ge⸗ holt, der Contract auf fuͤnf und zwanzig Jahre verlaͤngert und der Dank und die Freude der recht⸗ ſchaffenen Familie gaben * n einen r ſehr gluͤcklichen Abend. So unbedeutend und alltäglich auch dieſer Vor⸗ fall an ſich ſelbſt war, ſo wichtig wurde doch ſein Einfluß auf die Richtung, die Thorildens geiſtige Thaͤtigkeit nahm. Was ſie bis dahin eigentlich nur als ein Spiel angeſchauet, nur in der Phantaſie als Moͤglichkeit ausgebildet hatte, gewann nun fuͤr ſie Leben und Wahrheit und die unſtaͤte Begehrlich⸗ keit ihres Sinnes einen feſten Halt. Zwei Jahre war ſie ſchon Graf Adlerſtein's Gattin, als dieſer, um ſie in die Welt einzufuͤhren, den Winter mit ihr in der Reſidenz zuzubringen beſchloß. Die achtzehnjahrige, bluͤhend ſchoͤne Gattin eines bejahrten Greiſes ſah ſich hier bald von einem Zirkel junger Maͤnner umgeben, die ſie als ein ihnen zugehoͤrendes Eigenthum betrachteten, auf das Alle gleiche Rechte zu haben wähnten und das unaus⸗ bleiblich Einem von ihnen zu Theil werden muͤſſe; aber mitten unter allen Verfuͤhrungen, ſowohl des Laſters als der Leidenſchaft, bewahrte ſie ihre Ruhe und ihre Unſchuld fleckenlos. Sie verlaͤugnete keineswegs ihren Wunſch zu gefallen und ihre Freude an der Etreichung dieſes Wun⸗ ſches; aber alle ihre Eroberungskuͤnſte waren ſo ohne tieferen Plan, und das Spiel, was ſie mit ihnen trieb, ſo arglos und kindlich, daß man gezwungen war, es eben ſo arglos zu deuten. Keck und kuhn, aber dabei anmuthig und eben ſo entſchieden als freimuͤthig, ſtand ſie den Maͤnnern gegenuͤber; ſie war entſchloſſen, keinen ihrer Anbeter je zu beguͤn⸗ ſtigen; doch ſie wollte ſich mit ihnen die Zeit ver⸗ treiben, und die Gutmuͤthigkeit, mit der ſie ihnen das ſelbſt geſtand, die Offenheit ihres Betragens verſoͤhnte damit. Die leichte, geiſtreiche Galanterie, zu der in ihrem Betragen eine Aufforderung lag und die ſie als einen ihr ſchuldigen Tribut aufnahm, drang den Maͤnnern ihr gegenuͤber einen Ton auf, der ſie ihr gefahrlos machte, denn welches unver⸗ dorbene weibliche Herz iſt je ohne den Schein eines tiefern, maͤchtigen und unwillkuͤrlichen Gefuͤhls ver⸗ ſtrickt worden? welche Unſchuld ward je das Opfer eines Trugbildes, das ſie ſelbſt als Trugbild erkannte? Thorilde theilte uͤberdies, ſowohl aus Grund⸗ ſatz, als aus Gewohnheit Alles, was ſie erlebte, ihrem Gatten mit, der ihr dann in dem Spiegel ſeiner Erfahrung die Menſchen und die Bewegungs⸗ gruͤnde ihrer Handlungen, den Urſprung ihrer Em⸗ pfindungen zeigte — ein Mittel, dem an Wirkſam⸗ keit, ein junges Herz zu erkälten, kein anderes gleich kommt. Indeſſen konnte durch die Bildung, die Graf Adlerſtein ſeiner Gattin gab, die Entwickelung ihres angebornen Sinnes wohl unterdruͤckt, dieſer ſelbſt aber nicht vernichtet werden, und Thorildens Ge⸗ muͤth behielt eine Tiefe, zu der der Blick des Gra⸗ fen nicht zu dringen vermochte. Eine fromme, leiſe Ahnung des Unendlichen erhob ſie in mancher ſtillen Stunde auf Geiſterfittichen zu einer Hoͤhe, von der ſie ein ganz anderes Leben, ein ganz anderes Sein erblickte, als das, zu dem ſie gebildet wurde. Aber, ſtatt dieſe Anklaͤnge, wo ſie durch ihr Geſpraͤch und Weſen zogen, als Knospen des heilig⸗ ſten Vertrauens, zart und liebend zu pflegen, be⸗ handelte ſie der Graf mit ſo feinem Spott, ſo leich⸗ ter Neckerei, daß ſie ſelbſt davor wie vor einer Kin⸗ derei erröthete, und ihr Vertrauen, ihre dankbare Liebe, ihre Achtung fuͤr den Gatten fuͤhrten ſie dann immer zu dem Wahn zuruͤck, jene Ahnungen ſeien nur gehaltloſe Traͤume, leicht verſchwebende Gaukel⸗ bilder einer jugendlichen Phantaſie. Von allen Ge⸗ fuͤhlen unſerer Seele wird ja auch keines ſo leicht verſcheucht, als jenes namenloſe Sehnen der An⸗ dacht, das nicht allein der edelſte, ſondern auch der kuͤhnſte Flug des Herzens und der Idee iſt. Vom — — getingſten ſtörenden Hauch ſinkt es hin und die Erde hat uns wieder. Der innern Einigung der Liebe und des Glau⸗ bens ermangelnd, fehlte Thorilden jene Vermittelung, der der Menſch durchaus zur Entwickelung ſeiner Sittlichkeit, zur Vollendung ſeines Lebens bedarf. Aus der Erkenntniß des Verſtandes, die ihr der Graf aufzwang, konnte ihr dieſe Vermittelung nicht werden, da dieſe zu ihrer Wirkſamkeit durchaus die Anregung und das Ergreifen unſerer innerſten Natur fordert, und mit dieſer Vermittelung fehlte Thorilden naturlich auch die ideelle Anſchauung der Welt, die richtige Erkenntniß der menſchlichen Natur und des Verhältniſſes des Weibes zu dem Manne, die ihrer Reizbarkeit fromme Mäßigung, ihrer Jugendluſt ern⸗ ſtere Lebenswuͤrdigung, ihrer leidenſchaftlichen Reiz⸗ varkeit kluge Scheu zuzugeſellen und ſo die ſtreiten⸗ den Elemente ihres Weſens zu vereinigen und har⸗ moniſch zu verbinden vermocht hätten. Die ſchoͤne Jahreszeit fuͤhrte den Grafen wie⸗ der auf ſeine Guͤter zuruͤck, wohin ihm ſein Neffe, Baron Arthur, folgte. Arthur war einer der fein⸗ gebildetſten Weltmänner, aber zugleich ein ſo ver⸗ worfener Wuͤſtling, daß ſelbſt der Sinn fuͤr Schon⸗ — heit und die Freude an ihrer Erſcheinung ſich in ihm nur noch als Raubgier und Zerſtörungsluſt unter der Maske der Wolluſt zu offenbaren ver⸗ mochte. Reich, ſchoͤn, von der Natur mit Geiſt und Talent ausgeſtattet, ward er ſo fruͤh verdorben, daß ihm keine Ahnung von Schuldloſigkeit, keine Erinnerung von Unſchuld geblieben war. Die Leidenſchaft des Spiels hatte in ihrer nie⸗ drigſten Geſtaltung, als Gewinnſucht, ſein Vermoͤ⸗ gen verzehrt; jetzt erhielt ihn nur die Unterſtuͤtzung ſeines Onkels, deſſen Lehnguͤter ihm eillſt zufielen, wenn dieſer kinderlos ſtarb. Seit lange gewohnt, ſich als den dereinſtigen Eigenthuͤmer dieſes Vermo⸗ gens anzuſehen, hielt er des Grafen Verheirathung fuͤr eine gegen ihn begangene Ungerechtigkeit, die ihm das Recht gab, Thorilde zu haſſen und ſich von allen Pflichten der Dankbarkeit gegen ſeinen Oheim entbunden zu halten. Er ſah Thorilde, er fand ſie ſchoͤn, er ſah ſie umgeben, geſchmeichelt, gehuldigt, und die kuͤhne Sicherheit, mit der ſie ihren gefaͤhrlichen Pfad wandelte, erſchien ihm als Meiſterſchaft der Unwuͤrdigkeit. Waos ihn vorzüglich erbitterte, war das Ver⸗ trauen des Grafen zu der jungen Gattin und die ——m.————————————— Freiheit, die Thorilde genoß, da er ſich den Beſitz derſelben nicht ohne Mißbrauch in der Anwendung zu denken vermochte. Sich ſelbſt glaubte er es da⸗ her ſchuldig zu ſein, die Aufſicht uͤber ſie zu uͤber⸗ nehmen und ſich ſo Maßregeln zu ſichern, die ihm in dem Ehrgefuͤhl des Grafen zum Buͤrgen gegen das Eindringen fremder Sproͤßlinge in der Familie wurden, welches er um ſo mehr fuͤrchtete, da, nach den beſtehenden Familiengeſetzen, die Geburt eines Kindes Thorildens kuͤnftiges Witwengehalt verdoppelte, und ſie dann auch bis zur Volljaͤhrigkeit deſſelben im Mitbeſitz der Guͤter blieb. Er wurde daher Thorildens Schatten und ihr unſichtbarer Aufſeher. Keiner ihrer Schritte ent⸗ ging ihm; er wußte ſich Wege zur Belauſchung ihrer geheimſten Geſpraͤche, zur Eroͤffnung aller ihrer Briefe zu verſchaffen; doch zu ſeinem Erſtaunen fand er ihr Betragen tadellos und alle ihre Verhäͤlt⸗ niſſe klar und offentlich ſich ausſprechend. Begreifen konnte er ſie darin nicht; aber er glaubte ſich nichts deſto weniger verpflichtet, ſie nicht aus den Augen zu laſſen und bat ſeinen Oheim, den Sommer auf Schloß Adlerſtein zubringen zu duͤrfen, was dieſer — — um ſo leichter gewährte, da er den Neffen liebte und ſeine Unterhaltung gern mochte. Der Graf hatte ſich in der Welt daran ge⸗ woͤhnt, die Sittenloſigkeit eines jungen, unverheira⸗ theten Mannes, im Bezug auf das weibliche Ge⸗ ſchlecht, ganz ſo leicht zu nehmen, wie ſie dort in ſtraͤflicher Erſchlaffung des Ehrgefuͤhls und der Zucht faſt allgemein genommen wird, und rechnete Ver⸗ gehungen dieſer Art dem Neffen um ſo weniger an, da dieſer Heuchler genug war, um mit kluger Ge⸗ wandtheit Alles zu verdecken, was zum oͤffentlichen Aergerniß fuͤhren konnte. Deſto unzufriedener war er aber mit Arthurs Spielſucht, die dieſen in jeder beſſern Anwendung ſeiner Kenntniſſe und Geiſtes⸗ kraͤfte lähmte, und Arthur benutzte dies, ihm ſeinen Entſchluß, mit nach Adlerſtein zu gehen, als einen Verſuch darzuſtellen, ſich aus allen auf das Spiel Bezug habenden Verhaͤltniſſen loszureißen und in einem ſtillern, geraͤuſchloſeren Leben den Uebergang zum Geſchaͤftsleben zu ſuchen. Thorilde mochte den Baron eigentlich nicht, eine innere Stimme warnte ſie vor ihm; aber ſie wußte, daß der Verluſt ſeines Vermoͤgens ihn von ihrem Gatten abhaͤngig machte, — — und dies Wiſſen machte ihrem Zartgefuͤhl ſeine freundliche Aufnahme zur Pflicht. Einige Monate dieſer Hausgenoſſenſchaft uͤber⸗ zeugten Arthur vollends, Thorilde habe keinen Lieb⸗ haber; allein in der Ueberzeugung, die ſchoͤne, in ſo reizender Lebensfteudigkeit bluͤhende Frau werde fruͤ⸗ her oder ſpaͤter doch ein ſolches Verhaltniß anknuͤpfen, das ja, ſeiner Anſicht nach, ſelbſt die Klugheit von ihr fordere, fuͤhrten ihn Langeweile, Gewoͤhnung zur Intrigue und durch ihre Schoͤnheit gereizte Begierde allmaͤhlig auf den Gedanken, ſelbſt dieſe Rolle bei ihr uͤbernehmen zu wollen und dadurch alle andern Bewerber von ihr zu entfernen. Mit liſtiger Gewandtheit und ſchlau berechneter Feinheit bereitete er ſich auf den Uebergang zu dieſer Rolle und äußere Zufälligkeiten beguͤnſtigten ihn nur zu ſehr in der Entwickelung ſeines Planes: denn jetzt, mit dem Eintritt des Herbſtes, ſtanden die franzoſiſchen Heere auf deutſchem Grund und Boden, und mit einer den Gedanken an ſolche Moͤglichkeit uͤberfliegenden Schnelligkeit war auch das neutrale Ländchen, in dem Schloß Adlerſtein lag, von Freun⸗ den und Feinden uͤberſchwemmt. Was vom Lande in die Städte fliehen konnte, flohz allein der Graf — — war bettlägerig krank und die furchtbare Erſchuͤtte⸗ rung, mit der er den ſcheinbaren Sturz einer Macht erfuhr, die die Deutſchen als das Palladium ihrer Freiheit und Selbſtſtändigkeit, als die Bewahrerin ihres Ruhms, ihrer Ehre, ihrer Glorie zu lieben und zu ehren gewohnt waren, gab dieſer Krankheit eine Schrecken erregende Gewalt. Thorilde dachte nicht daran, ihren Gatten zu verlaſſen, der ſelbſt zu angefochten war, um mit Ernſt auf ihre Entfernung zu dringen; auch blieben zwiſchen dem Gedanken an Flucht und der gefahrlo⸗ ſen Moͤglichkeit ſeiner Ausfuͤhrung nur wenige Stun⸗ den Zwiſchenzeit. Ein geſchlagener deutſcher Heer⸗ haufen kam an, ein feindlicher folgte ihm; man ſchlug ſich in der Nähe des Schloſſes, das dann von den verhaßten Siegern zum Ruheplatz erwaͤhlt wurde. Thorilde fand jetzt Gelegenheit, die Thätig⸗ keit ihres Geiſtes und die Richtigkeit ihres klaren Geſchäͤftsblickes eben ſo wohlthaͤtig fuͤr Andere, als ehrenvoll fur ſich ſelbſt zu zeigen. Mit heller Gei⸗ ſtesgegenwart und klarer Umſicht wußte ſie nicht allein das Schloß vor Pluͤnderung zu ſchuͤtzen, ſondern auch, ohne ihrer Wuͤrde etwas zu vergeben, fuͤr die ganze Gegend viel und mancherlei Gutes auszuwirken. Tarnow's Schriften. V. 3 — — Der Zauber ihrer Schoͤnheit und Anmuth zů⸗ gelte den frechen Uebermuth und milderte die rauhe Nothwendigkeit; ſie ward bei dem Marſchall, der im Schloſſe hauſ'te, nicht nur die Fuͤrſprecherin der Gegend, ſondern auch des ganzen kleinen Landes, welches, ſeines Fuͤrſten beraubt und der Gewalt der Willkuͤr preis gegeben, unter der Laſt ſeiner Drang⸗ ſale zu erliegen drohte. Das Gefuͤhl dieſer Thätig⸗ keit und die allgemeine dankbare Anerkennung der⸗ ſelben regten Thorildens Geiſt auf eine ihr hoͤchſt ſchmeichelhafte Weiſe wohlthuend anz die erhoͤhete Achtung ihres Gatten, deſſen väterlicher Ton unver⸗ merkt mehr in den des ehrenden Freundes uͤberging, wurde der Stolz ihres Lebens; aber eigentlich machte alle dieſe Thaͤtigkeit, all dies Anerkennen ihres Wer⸗ thes ſie doch um nichts reicher. Sie konnte dadurch doch nur theilweiſe zum Gefuͤhl eines Daſeins gelangen, das ſich nicht in Einem Gefuͤhl zu ſammeln vermochte, und ſo blieb all dieſer Reichthum nur ein fremder Zufluß, der, ohne Erneuerung von außen her, wie der ſchi mernde Strahl eines Springbrunnens ſchnell verſiegt, da hingeger das, was aus der heiligen Quelle d — — Glaubens und der Liebe in unſrer eignen Bruſt entſpringt, die Seele tief und bleibend fuͤllt. Nach einigen Wochen zog der feindliche Heer⸗ haufen weiter; doch die Unruhe des Zeitenlaufs ſtoͤrte fortwaͤhrend die bisherige Friedlichkeit der Le⸗ bensweiſe auf Schloß Adlerſtein. Der Graf genas, wenn gleich langſam, unter Thorildens Pflegez allein ſein Sinn blieb noch lange verduͤſtert; alle geſelligen Zuſammenkuͤnfte hatten aufgehoͤrt; die Nachbarn waren abweſend, man ſah ſich gar nicht; ſelbſt der Poſtenlauf war gehemmt; Briefe kamen ſelten und unordentlich, Zeitungen und Journale gar nicht, und doch war man der Zerſtreuung und Aufmunterung nie beduͤrftiger geweſen. Hier kam die erſte Zwietracht in Thorildens Gemuͤth; Arthur hatte ſich feig gezeigt, nicht nur bei Annäherung der Gefahr, ſondern ſpaͤterhin auch noch auf viel erniedrigendere Weiſe, indem er ſchmeichelnd, ja faſt kriechend ſich vor den Siegern demuͤthigte. Thorildens Gleichguͤltigkeit gegen ihn war da⸗ durch ſehr entſchieden Nichtachtung geworden; ſie glaubte ſich viel gegen ihn erlauben zu koͤnnen und neckte ihn in ſtolzem Uebermuth und jugendlichem Muthwillen oft mit ſeinem Betragen und manchem 3* — — Verhaͤltniß, was ihr im täglichen Beieinanderſein nicht entgehen konnte, mit der offenbarſten Enthuͤl⸗ lung jener Nichtachtung. Er vertheidigte ſich im Scherz und Ernſt, doch ſtets mit Geiſt und Wit. So klein Thorilde aber auch von ihm in jeder ſitt⸗ lichen Hinſicht dachte, ſo konnte ſie dagegen doch auch wieder ſeiner Unterhaltungsgabe, ſeinen Talen⸗ ten und ſeinen Kenntniſſen ihr Gefallen daran nicht verſagen. Die Zeit war ihr nie ſchneller vergangen, als gerade in ihrer jetzigen Abgeſchiedenheit und dem ein⸗ ſamen Umgange mit den zwei geiſtreichen Männern. Den Grafen beluſtigten die Wortgefechte zwiſchen ihr und Arthurn, und er reizte ſie oft dazu durch eine Bemerkung, ein hingeworfenes Wort auf. Arthur ſtahl ſich ihr Wohlwollen, ohne ihre Ach⸗ tung gewinnen zu koͤnnen, und ein ſo gebildetes Verhaͤltniß iſt fuͤr ein Frauenzimmer ſtets ein ge⸗ fährliches, dabei war er unerſchöpflich in kleinen Aufmerkſamkeiten, in Gefaͤlligkeiten gegen ſie; es verging kein Tag, ja beinahe keine Stunde, in der ₰ er nicht etwas Angenehmes fuͤr ſie erſann; ſie mußte ſich ihm dankbar verpflichtet fuͤhlen, und ſelbſt die Geduld, mit der er ihre oft bittern Neck⸗ — reien, ihre ſchonungsloſen Aeußerungen uͤber ihn hin⸗ nahm, zwangen ihrem Herzen Verguͤtung dafuͤr ab. Ein weit groͤßerer Nachtheil dieſes einſamen, traulichen Zuſammenlebens entſprang aber fuͤr ſie aus der Zwangloſigkeit ihrer Unterhaltungen. Mag der Geiſt des Weibes ſich noch ſo reich und wiſſen⸗ ſchaftlich ausbilden, es wird der Grazie der Weib⸗ lichkeit in ihr keinen Eintrag thun, wenn nur dem Herzen ſeine Kindlichkeit bewahrt wird. Der Graf ſprach aber mit Thorilden uͤber manche Punkte wie der Freund zum Freunde, und dies kann nie und in keinem Verhaͤltniß zwiſchen Mann und Frau Statt finden, ohne jene Grazie zu verletzen. Voͤllig un⸗ verzeihlich war es aber von dem Grafen, daß er Arthur in dieſe Unterhaltungen mit hineinzog; allein der Graf hatte viel für Frauen und faſt ununter⸗ brochen mit und unter ihnen gelebt; er kannte die weibliche Natur von Seiten ihrer Schwaͤche und ihrer Gebrechlichkeit ſehr genau und ſeine Eitelkeit gefiel ſich in der Mittheilung ſeiner Beobachtungen, deren Scharfſinn und Muthwillen Arthur mehr zu erkennen und zu wuͤrdigen wußte, als die reine, unbefangene Thorilde. Beide Maͤnner wetteiferten in ſolchen Unterhaltungen an Geiſt, Witz und Fein⸗ heit. Thorilde mußte mit ihren beiderſeitigen An⸗ ſichten vom weiblichen Geſchlecht auf's Innigſte ver⸗ traut und eben dadurch zu nachſichtig gegen die mo⸗ raliſche Verderbtheit und Sittenloſigkeit beider Ge⸗ ſchlechter werden. Das Leben und das Menſchenherz haben eine Tiefe, von der es Wohlthat iſt, wenn ſie das weib⸗ liche Gemuͤth in der ſtillen, begluͤckenden Einfalt, die ihm die Natur zum Schutz anwies, gar nicht ahnet, geſchweige den Verſuch macht, ſie ergruͤnden zu wollen, da vor der finſtern, der furchtbar ernſten Nothwendigkeit, die ſich in manchem Lebens- und Herzensverhaͤltniß als unvermeidliches Schickſal aus⸗ ſpricht, das Ideal verbleicht, dem es nie untreu werden darf. Das Schrecklichſte iſt hier aber nicht ſo gefahrdrohend, als jene ſeelenverderbende Frivo⸗ lität, fuͤr die wir, Gott ſei gedankt! kein deutſches Wort haben und die, wie ein Gifthauch, allen Ge⸗ halt des Lebens tödtet. In Thorildens Seele lag wohl als Ahnung der Glaube an die Heiligkeit der moraliſchen Willenskraft und an die himmliſche Treue, dieſen Schutzengel edler Liebe; aber ihr Geiſt ward durch die Sophi⸗ ſtereien der beiden Männer geblendet, und dies um — — ſo mehr, da ſie an der Wirklichkeit der Thatſachen, von denen ſie ausgingen, nicht zu zweifeln vermochte. Alle fromme Zucht des weiblichen Gemuͤths galt Arthurn nur fuͤr einen vergaͤnglichen Reiz jugend⸗ licher Lebensneuheit und Mangel an Erfahrung, und er pries laut die Klugheit als das hoͤchſte, allein güutige Geſetz fuͤr alle Geſchlechtsverhältniſſe. Der Graf dagegen verrieth bei einem faſt kuͤnſtleriſchen Schönheitsſinn fuͤr die Zartheit reiner Weiblichkeit doch auch den Glauben, daß der Reiz und der Zweck ihrer Bluͤthe im Brechen derſelben begrundet liege. Mit der Berechnung der ſchlaueſten Verfuͤh⸗ rung benutzte Arthur dieſe Unterredungen, Thorilde auf einen Punkt zu fuͤhren, zu dem ſie, wenig. Wochen fruͤher, gewiß nicht geglaubt hätte, ihm ge⸗ genüber kommen zu koͤnnen. Die Schuldloſigkeit ihres Lebens, die Reinheit ihres Herzens erbitterten ihn, dem ſo viel daran gelegen war, ſich nicht in ihr geirrt zu haben. Ihr Stolz beleidigte ihn; ihre ſo oft unverholen ausgeſprochene Nichtachtung ſeiner reizte ihn zur Rache, und ihre Jugend, das Leben ihrer ſchlanken, bluͤhenden Geſtalt entflammte ihn in der Einſamkeit ihrer gegenwäͤrtigen Abgeſchiedenheit immer brennender. Der Plan ihres Verderbens, den er fruͤher nur als ein Gebot der Klugheit ent⸗ warf, beſchränkte ſich jetzt in ihm nicht mehr auf den Wunſch ihres Beſitzes; er wollte ſie auch unter⸗ jochen und beherrſchen, und kannte ſie genug, um die Gewalt beurtheilen zu koͤnnen, die der Mann uͤber ſie gewinnen werde, dem es gelinge, ihre ſtolze Verachtung jeder Verſuchung und die kuͤhne Zuver⸗ ſicht zu der Kraft ihres jeder Unwuͤrdigkeit feind⸗ lichen Willens zu brechen und ſie dadurch zu ſeiner Sklavin zu machen. Thorilde war fuͤr ihr Alter ausgezeichnet welt⸗ klug; aber ihr Herz hatte die ganze Unerfahrenheit und Selbſttaͤuſchung gaͤnzlicher Neuheit; der eitle Weltſinn, die freche Spottluſt, der ſie allenthalben begegnet war, hatten dies Herz mit ihrem Geiſt entzweiet, und es war in dieſem geheimen Streite nicht nur verwundet, ſondern auch ſehnſuchtsvoll ge⸗ worden. Das errieth ihr Gemahl nicht, wohl aber Arthur, der ſie in ſeinen einſamen Unterredungen mit ihr dahin zu bringen wußte, daß ſie ihm dieſen Kampf eingeſtand, weil er viel gewonnen zu haben fuͤhlte, wenn er ihr Herz, war es gleich nicht fuͤr ihn, doch durch ihn in Bewegung brachte. Thorilde erſchrak uͤber ihr Geſtaͤndniß; dem ſeelenloſeſten Menſchen, dem groͤßten Wuͤſtling, den ſie kannte, hatte ſie ein Geheimniß, welches ihr ſelbſt, zum erſten Mal ausgeſprochen, auch zum erſten Mal ganz klar geworden war, verrathen — doch zu ihrem groͤßten Erſtaunen machte es einen Eindruck auf ihn, der ihr von allen Erſcheinungen ihres bisherigen Lebens die unerklaͤrlichſte war. Sie glaubte, er werde laͤcheln und ſpotten; allein er kuͤßte, wunderbar geruͤhrt, mit inniger Ehrfurcht ihre Hand; ſein Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen, und als ob er ſeiner eigenen Bewegung nicht trauen duͤrfe und ihm daran liege, ſie ihren Blicken zu ent⸗ ziehen, verließ er ſie ſtumm und ſchnell. Sonderbar ergriffen blieb ſie zuruͤck. Wie ſollte ſie ſich dies Betragen deuten? hatte ſie ihm bisher Unrecht gethan? lag in der Tiefe ſeiner Seele noch die Ahnung eines edleren Gluͤckes und der Schmerz, es verfehlt zu haben? war die Nichtoffenbarung hö⸗ heren Lebensgehaltes vielleicht nicht ſeine Schuld? Je länger ſie dieſen Fragen nachgruͤbelte, je anzie⸗ hender und wichtiger erſchien ihr die Beantwortung derſelben. Dieſer Augenblick verbuͤrgte ihr die Moͤglichkeit, ihn noch einſt wieder von ſeinem tiefen Fall erſtehen — * zu ſehen, da ſeine Thränen, ſeine Bewegung be⸗ zeugten, daß ſeine Niederlage noch nicht ganz ent⸗ ſchieden, ſondern in ihm noch Kampf ſei. Sie ſah ihn wieder, ſie beobachtete ihn, ſie war auch abwe⸗ ſend mit ihm beſchaͤftigt und plotzlich war er aus ſeiner bisherigen Unbedeutendheit bedeutend fuͤr ſie herausgetreten. Der Winter war indeſſen vergangen; ein Waf⸗ fenſtillſtand beendigte den Feldzug und Graf Adler⸗ ſtein ward von einem auswärtigen großen Hofe, in deſſen Dienſten er fruͤher geweſen war, berufen, dem Friedensabſchluß beizuwohnen, und die Veränderun⸗ gen, die dieſer nothwendig mache, ordnen zu helfen. Nahm er ſeine Gattin mit, ſo nothigte ihn dies, in der Reſidenz ein Haus zu machen und der Krieg hatte ſeine Guͤter ſo belaſtet, daß es ihm die Ruͤck⸗ ſicht auf eine ſo bedeutende Vermehrung ſeiner Aus⸗ gaben zur Pflicht machte. Auch glaubte er nur zwei Monate abweſend zu ſein und es wurde daher be⸗ ſchloſſen, er ſolle allein reiſen, Thorilde auf den Guͤtern bleiben und Arthur ſowohl ihr zur Geſell⸗ ſchaft, als auch zum Rathgeber bei vorkommenden oͤkonomiſchen Vorfällen gleichfalls. 6 In ſchuldloſer Unbefangenheit blieb Thorilde — — zuruck, ohne Ahnung irgend einer Gefahr, die ihr aus dieſer Einſamkeit aufgehen könne. Der Fruͤh⸗ ling und der Friede fuͤhrten ihre verſcheuchten Nach⸗ barn wieder auf ihre Guͤter; ſie lebte, von ihnen Allen werth gehalten, in heiterer Geſelligkeit bei der freundlichen Anerkennung ihres Werthes, im Vollge⸗ nuß aller Freuden, die Jugend, Reichthum, heiterer Sinn und Schuldloſigkeit zu gewaͤhren vermögen. Ihr umgang mit Arthurn ward aber unvermerkt freundſchaftlicher. Er war der erſte Menſch, der ſie errathen und dies Errathen zart zu nehmen gewußt hatte, und das mußte ſie ihm ja wohl Dank wiſſen. Vertraute aller ſeiner Abenteuer und Intriguen, jetzt im ein⸗ ſamen Geſpräͤch wie vormals in Gegenwart ihres Mannes, wußte er ſich leicht und ſchicklich den Uebergang zu dem Geſtaͤndniß zu bahnen, daß nur die Gewohnheit ihn noch in dieſe Lebensweiſe ver⸗ ſtricke, ſeitdem die Fähigkeit zu einem tiefer aus⸗ ſchließlichen Gefuͤhl mit dem Glauben an unuͤber⸗ windliche Leidenſchaft in ihm, wenn gleich freilich nicht zu ſeinem Gluͤcke, erweckt worden ſei. Thorilde ging uͤber ſolche Aeußerungen mit leichtem Spott fluͤchtig hin; aber als er in immer — neuer Geſtalt und anziehender Mannigfaltigkeit dies Geſtändniß oft wiederholte und ihr zugleich mit ſtol⸗ zem Uebermuth ſeine unbedingte Herrſchaft uͤber den empfangenen Eindruck und uͤber ſein neu erwachtes Gefuͤhl, als Kraft des Charakters, als ſeltene Tu⸗ gend und Maͤnnergroße pries, ward ſie gereizt und unmuthig. Sie hatte in ſich jene Sicherheit der Liebenswuͤrdigkeit und der Gabe zu gefallen, die ein reizendes, geiſtvolles Weib gewiſſermaßen dem Feld⸗ herrn gleichſtellt, dem der Ruf ſeiner Tapferkeit den Sieg verburgt; ſie fand daher auch nichts natuͤrlicher, als daß Arthur ſie huͤbſch und liebenswuͤrdig fand und ſich, wie ſo viele andere Maͤnner, in die Rolle ihres Anbeters warf; aber es empoͤrte ſie, daß er ihr die Macht abſprach, ihm den Kopf, wenn es ihr beliebe, vollends zu verdrehen, und mit ſeiner Herrſchaft uͤber ſich und der Abgemeſſenheit ſeines Betragens ſo heuchleriſch prahlte. Sie wußte es ja recht gut, daß die Sinne eines Mannes um ſo weniger anſprechen, je mehr ſein Kopf und ſein Herz beſchaftigt ſind, und Arthur, der im täͤglichen Umgang ihren reichen, von Allen, die in ihrem Kreiſe lebten, bewunderten Geiſt in Ernſt und Scherz, in Witz und Neckerei ſo vielſeitig — — kennen lernte, mußte in ihrem Umgange ſich ja wohl geiſtig angeregt und befriedigt fuhlen, da ſeine uͤbri⸗ gen Verhältniſſe ihm die Rolle des Stoikers, ihr gegenuͤber, ſehr leicht machten. In dem Uebermuth, mit dem er ihr nun ſein Bleiben in den Grenzen einer ehrerbietigen Hoͤflichkeit und Galanterie als Maͤnnerwuͤrde und Charakterkraft pries, fand ſie nun gar eine Andeutung, als wähne er durch ein entgegengeſetztes Betragen ihr gefaͤhrlich werden zu können, ihr, die von ſo vielen andern liebenswuͤrdi⸗ gen und geiſtreichen Männern umgeben, doch ſo ſicher und ungeſtoͤrt blieb. Ohne die empörendſte Niedertraͤchtigkeit konnte er, wie ſie glaubte, doch nicht bei ruhiger Beſon⸗ nenheit darauf denken, ſie, die unbeſcholtene, von der Verleumdung ſelbſt noch nie erreichte Gattin ſeines Wohlthäters, ſeines zweiten Vaters, verfuͤhren zu wollen; nur Leidenſchaft, unwiderſtehlich gewal⸗ tige Leidenſchaft hätte ihn dieſe Scheidewand ver⸗ geſſen machen können, und daß ſein ausgetrocknetes Herz dieſer nicht mehr faͤhig ſei, wollte er ſich nun zum Verdienſt anrechnen! Und wenn dieſe Scheide⸗ wand auch gar nicht war, wenn er, der Freie, ihr, der Freien, im Leben begegnet wäre, durfte er ſich — denn in irgend einem Verhaͤltniß fuͤr den Mann halten, dem ſie ſich ergeben, den ſie vor allen An⸗ dern erwaäͤhlen wuͤrde? — Und welch einen unwuͤr⸗ digen Geſichtspunkt hatte er uͤberhaupt fuͤr die — lichkeit eines ſolchen Verhaltniſſes! Von ſo manchem Manne fuͤhlte ſie ſich aus⸗ gezeichnet, ſo mancher warb um ihre Gunſt; aber keiner hatte je die Frechheit gehabt, ihr den Gedan⸗ ken eines durchgeſpielten Romans zu verrathen, und er, der es nun auch freilich bei ihrer fruͤher erlang⸗ ten Kenntniß ſeiner Anſichten nicht wagen durfte, ſie hieruͤber taͤuſchen zu wollen, zeigte ihr nun da⸗ gegen auch nicht einmal eine Ahnung von der Moͤg⸗ lichkeit eines reineren Verhältniſſes! Sie fuͤhlte ſich im Innerſten empoͤrt; ihre Eitelkeit, ihre Eroberungs⸗ ſucht, ihr Trotz auf die Staͤrke ihres eigentlich doch noch nie verſuchten Herzens waren es; aber wahr⸗ lich auch edlere Gefuͤhle in der Tiefe ihrer Bruſt theilten dieſe Empoͤrung. Die angeborne, bis jetzt ſchlummernde Reiz⸗ barkeit und Leidenſchaftlichkeit ihrer Natur entbrannte hier, wo ſich die Tiefe ihres Weſens zum erſten Mal recht entſchieden mit der ihr aufgezwungenen Gehaltloſigkeit ſtreitend begegnete, hell und verderb⸗ — — lich. Kein Mann ſollte es in ſeiner Gewalt glau⸗ ben, mit dem Eindrucke, den ſie auf ihn machte, ſpielen zu koͤnnen; am allerwenigſten dieſer herzloſe Arthur, den ſie nie ſo gering geſchätzt, ſo bitter herabgewurdigt hatte, als jetzt; gerade als ſollte ihr in inſtinctartiger Ahnung, daß ſie einer Schutzwehr gegen ihn bedurfe, dieſe ſtrenge Härte dazu werden. Sie wollte ihn uͤberzeugen, wie ſogar nicht es in ſeiner Macht ſtehe, ihr gefäͤhrlich werden zu können; dazu war es aber erforderlich, ihm zu beweiſen, nicht in ſeinem Willen, ſondern in dem ihrigen allein ruhe die Kraft, ihr Verhältniß zu geſtalten — und ach! ſie ahnete nicht, daß er ja nur dies, ge⸗ rade dies Streben in ihr hatte wecken wollen! Doch was ſie auch that, dieſem Geier gegen⸗ uͤber blieb ſie eine Taube, und ſo roh und begeh⸗ rend er auch den Reiz des ſchönen Weibes empfin⸗ den mochte, ſo verrieth dies doch nie ein Wort, nie eine Bewegung. Dabei fuͤhrte er ſie von einem Tage zum andern in ganz unmerklichen Uebergaͤngen zu einer Vertraulichkeit, deren Schuldloſigkeit von dem innern Bewußtſein Beider abhing, da ſie, ſo wenig Sitte als Anſtand verletzend, in den Rechten — — einer durch ihre Verwandtſchaft gerechtfertigten Freund⸗ ſchaft blieb. Thorilde verlor jetzt den Frieden ihres Herzens, ohne klar zu erkennen, daß die Unwuͤrdigkeit ihres Betragens ihn verletzte. Sie war oft verſtimmt, truͤbe, ungeduldig, bitter und dann wieder bis zu Thraͤnen weich und ſehnſuͤchtig, und dieſe ſchnell wechſelnden Zuͤge gefahrdrohender Reizbarkeit und erwachender Leidenſchaftlichkeit wurden ihr doch auch wieder zu einer Quelle ihr ganz neuen Genuſſes, indem ſie ihre Phantaſie lebhaft bewegten und ihr in dämmernden Ahnungen die Räthſel und die un⸗ ergruͤndliche Tiefe des Menſchenherzens vorfuͤhrten. Auf eine ihr bisher fremde Weiſe fuͤhlte ſie dadurch ihren Geiſt und ihre Seele angeregt; auch war ſie in Geſellſchaften nie glaͤnzender, nie geiſt⸗ reicher und lebendiger geweſen, als in dieſem Zeit⸗ punkt, wo ſich ihr fuͤr Welt, Leben und Herz tau⸗ ſend neue Beziehungen aufſchloſſen. Zum erſten Mal ergriff ſie jetzt auch das bisher in ihr unter⸗ druͤckte Gefuͤhl, daß die Freuden ihres vergangenen Lebens auf die Dauer nicht ihre Anſpruͤche an Gluͤck und Daſein zu befriedigen vermochten und eine in⸗ nere unvergängliche Sehnſucht in ihrem Herzen eine edlere Liebe, eine hoöhere Wahrheit, eine zuverlaͤſſi⸗ gere Treue als ihr eigenſtes Daſein fordere. Erhebend iſt es, daß, ſo wie unſer Geiſt, von der irdiſchen Befangenheit des Wahnſinns oder der Altersſchwaͤche uberhuͤllt, doch den Trieb nach höherer Entwickelung, als ſein ewiges Eigenthum, unter jener, ihn und dieſe unſerm Auge entziehenden, ma⸗ teriellen Verhuͤllung zu befriedigen vermag, und ihn dadurch als ſeinem Weſen unverlierbar eigen bezeich⸗ net, ſo auch in unſerer innern Bildungsgeſchichte der moraliſche Irrthum oft zum leitenden Organ fuͤr die Oſſenbarung einer hoͤheren Weltordnung und eines durch ſittliche Freiheit geadelten Daſeins wird. Thorilde liebte Arthur nicht; ſie fuͤhlte, daß ſie ihn, ohne eine Thraͤne zu vergießen, fuͤr immer konnte ſcheiden ſehen; allein er wußte den Gedanken in ihr zu nähren, daß er ſie mit muͤhſam bekämpf⸗ ter Leidenſchaft liebe und ſie durch gleichſam verlorne Worte, durch verſtohlne Blicke und heimliche Seuf⸗ zer in ununterbrochener Spannung und Erwartung zu erhalten. Seine Eitelkeit täuſchte ihn mit dem Wahn, er ſei von ihr geliebt; aber es lag in ſeinem Plan, ihr dies Geſtaͤndniß nicht zu entreißen; es ſollte ihm, wie eine reife Frucht, ſelbſt entgegen⸗ fallen. Thorilde errothete oft vor ſich ſelbſt, da ſie es ſich nicht verläugnen konnte, daß ihr Betragen ihn zu der Hoffnung, ihr nicht gleichguͤltig zu ſein, berechtigte, und gar zu gern wäre ſie zuruͤckgetreten und haͤtte ihn ganz aufgegeben; aber einem Weiber⸗ kenner gegenuͤber bleibt ein Betragen, wie ſie es ſich erlaubt hatte, nie unbeſtraft, und faſt immer werden die Frauen in ſolchen von ihnen gelegten Schlingen ſelbſt gefangen. Er wußte ſie, ohne je ihr Zartgefuͤhl zu ver⸗ letzen, von Tag zu Tag feſter in das Gewebe ſeiner Kunſtgriffe zu verſtricken; aber er ſelbſt ward auch immer geſpannter und leidenſchaftlich aufgereizt, und der Zwang, mit dem er dieſe Leidenſchaft in Ketten legen mußte, naͤhrte in ihm den Haß, den er im ſonderbaren Verein mit ihr gegen Thorilde empfand. Um dieſe Zeit kam der Baron Fries zum Be⸗ ſuch eines Freundes in Thorildens Nachbarſchaft. Er kannte ſie und hatte ſie ſchon fruͤher ausgezeich⸗ net, wovon ihr eine angenehme Erinnerung geblie⸗ ben war, da er, einer der bedeutendſten jungen Manner in der Reſidenz, bei ihrer erſten Erſchei⸗ nung daſelbſt durch ſeine Huldigung viel zur Feſt⸗ — — ſtellung ihres glaͤnzenden Standpunktes in den dor⸗ tigen geſelligen Zirkeln beigetragen hatte. Er ſah auch jetzt die ſchoͤne Frau mit vielem Vergnugen wieder; die tiefere Bedeutung ihres We⸗ ſens, die reichere Entfaltung ihres Geiſtes entgingen ihm nicht und gaben in ſeinen Augen ihrem Umgang neuen Reiz. Thorilde fuͤhite ſich durch ihr Verhalt⸗ niß zu Arthurn, das ſie ſo wenig mehr zu loͤſen als zu geſtalten vermochte, geaͤngſtigt; willkommen war ihr daher Alles, was ſie nach außen zog, ſie veſchaͤftigte, zerſtreuete; ja eben dies innere kranke Bewußtſein gab ihr gegen Fries den Schein einer waͤrmeren Freundlichkeit, und die Bemerkung, daß Arthur ſeine eiferſuͤchtige Empfindlichkeit daruͤber ſo wenig zu bemeiſtern als ihr zu verbergen vermochte, ward ihr zur Verſuchung, Fries noch ſichtlicher aus⸗ zuzeichnen. Bei ihrer jugendlichen Unerfahrenheit ſah ſie in der Unvorſichtigkeit, mit der Arthur, gegen ſeine ſonſtige beſonnene Weltklugheit, bei mehreren An⸗ läſſen ſeinen Unmuth und ſeine Bitterkeit gegen Fries verrieth, nur einen ſchmeichelhaften Beweis der Wahrheit ſeiner Leidenſchaft und ihrer Gewalt uͤber ihn. Ein hoͤchſt gefäͤhrlicher Irrthum, der — — eben nur zu viele Frauen verleitet, ein ſie bloßſtel⸗ lendes Betragen des Mannes zu verzeihen und zu rechtfertigen. Arthurs Betragen fuͤhrte einen ſehr leidenſchaftlichen Auftritt zwiſchen ihm und Thoril⸗ den herbei. Dieſer ward jetzt der Triumph, den ſie ſich gewuͤnſcht hatte; er geſtand ſich uͤberwunden, geſtand, daß er ſie anbete und daß dieſe Leidenſchaft Herr ſeines Verſtandes und aller ſeiner Entſchluͤſſe und Vorſätze geworden ſei; aber die Freiheit, die ſie nach einem ſolchen Geſtändniß bewahren zu kön⸗ nen gewaͤhnt hatte, war von ihr mit dem Recht verſcherzt, ihn jetzt mit ſtrengem Ernſt von ſich zu bannen; ſie wußte ſich keine Rettung, als das Ver⸗ haͤltniß mit ihm auf den Ton einer leichten Galan⸗ terie zuruͤckzufuͤhren und die Furchtſamkeit ihres Herzens unter Scherz, Spott, Muthwillen und Neckerei zu verbergen; aber eben darin lag nach einem ſolchen Geſtaͤndniß auch zugleich eine Aner⸗ kennung ſeiner als Liebhaber, und ſie ahnete nicht, welche Rechte ſie ihm dadurch zugeſtand und wie geſchickt er dieſe wie jede andere von ihr gegebene Blöße zu benutzen wiſſen wuͤrde. Bei mehrerer Erfahrung hätte ihr die beſonnene Planmäßigkeit ſeines Betragens nicht entgehen kön⸗ nen, und dann waͤre ihr auch die Ungleichheit des ihrigen, ſo wie die ſchnell wechſelnde, doch ſtets un⸗ ruhige Verſtimmung ihres Innern zur Warnung geworden; aber nun gab ſie ſich widerſtandlos den Eindruͤcken des Augenblickes und den ſtreitenden Empfindungen ihres Innern hin und ward ſo immer feſter von einem Netz umſtrickt, zu deſſen Gewebe die Liebe keinen Faden lieferte. In dem Wechſel aller dieſer Empfindungen und Auftritte blieb ihr aber doch im gewoͤhnlichen Sinne des Worts jede Ahnung der Verſuchung fremd; ſie fuͤrchtete fuͤr ihre Ruhe, allein bis jetzt frei von jeder Schwäche, war ihr Stolz ungebeugt und mit einer, aus ihrer Unbekanntſchaft mit der Gefahr entſtehenden und durch ſie verzeihlichen Kuͤhnheit unterließ ſie jede Vorſicht und wandelte mit der Sicherheit des Nachtwandlers am Rande des Abgrundes die ſteilſten Pfade. Oft brachte ſie mit Arthurn halbe Nächte in den bluͤhenden Gebuͤſchen ihres Gartens zu, wo Nachtigallgeſang und das Murmeln der rauſchenden Quellen jeden raſchern Schlag des Herzens begleite⸗ ten. In ſolchen Stunden ward ſie Arthurn zum — — Rathſel. Den Frieden eines reinen Herzens und die Kindlichkeit ihrer Sorgloſigkeit vermochte er nicht in ihrer Seele zu erkennen; aber auch uͤber das allerverderbteſte Herz hat die Wahrheit der Unſchuld doch noch oft in einzelnen Augenblicken eine Gewalt, die es nicht immer zu laͤſtern und zu verkennen ver⸗ mag und die auch ihn zuweilen in allen ſeinen Schluͤſſen und Beobachtungen irre machte. Bald fuͤhrten aber dieſe Verhaͤltniſſe einen Au⸗ genblick herbei, deſſen entſcheidender Einfluß auf Tho⸗ rildens kuͤnftiges Sein und Leben vielleicht am beſten durch einen Brief Arthurs gedeutet wird, den er an einen ſeiner Vertrauten daruͤber ſchrieb: „Es war eine der herrlichſten monderhellten Naͤchte dieſes in unvergleichlicher Schoͤne bluͤ⸗ henden Fruͤhlings, und Alles um uns her Liebe, Schweigen, Duft und Entzuͤcken. Mit all der Gluth, all der Leidenſchaft, die fuͤr Frauen ihrer Art ſo viel Verfuͤhreriſches hat, deutete ich ihr dieſe Hieroglyphen der Natur, und im raſchen Uebergange vom Allgemeinen zu dem Beſondern, ſprach ich zu ihr von ihren Reizen und meiner Liebe. Ich fuͤhlte ihre Hand, die — 71 — ich an mein Herz gedruͤckt hielt, zittern; ich ſah ſie bewegt und, ſie raſch umſchlingend, druͤckte ich ſie zum erſten Mal heiß und innig an mein Herz. Leiſe wie ein Gedanke glitt mein Name zartlich uͤber ihre Lippen und ihr Auge hob ſich mit ſuͤßer Verwirrung zu mir empor — ihr Kopf ſank auf meine Schulter und ihre Lippen duldeten die Gluth meiner Kuͤſſe — doch unerwartet riß ſie ſich plotzlich und mit großer Gewalt von mir los und ſtieß mich, der ich, vor ihr niedergeſunken, ihr Gewand faßte, zuruͤck. Vergeblich war mein Flehen, vergeblich alle Vetheurungen, alle Schwuͤre — ſelbſt die Leidenſchaft, von der ich in dieſem Augenblicke wahrhaft ergriffen war, vermochte mir nicht bei ihr das Wort zu reden, ſie floh mit Windeseile und vergeblich hätte ich ver⸗ ſucht, ſie einzuholen, wenn nicht, noch ehe ſie aus den eng verſchlungenen Gaͤngen in den hellern Theil des Gartens gelangen konnte, ihre Kraft ſie verlaſſen und ſie zu Boden ge⸗ ſunken ſein wuͤrde, hätte ich ſie nicht in meine Arme aufgefangen. Nie bot mir ein Weib einen intereſſanteren Anblick. Bleich, mit hoch⸗ — fliegender Bruſt lag ſie bebend an meinem Herzen; ſie hatte die Haͤnde in hoͤchſter See⸗ lenangſt wie zum Gebet gefaltet; zum erſten Mal fuͤhlte ſie, die Stolze, Uebermuͤthige, daß ſie ein Weib und ich ihr Herr ſei. Aber welche Energie in dem Weibe! welche Gewalt öber ſich! welcher Heroismus im Augenblick dieſes Gefuͤhls ihrer Huͤlfsloſigkeit! Sie hob die Augen mit einem Ausdruck gen Himmel, der wie ein Grauen durch jede Wallung mei⸗ nes heiß empörten Blutes ſchlich. Ich hätte ſie mir in dieſer Stunde nicht gewinnen duͤrfen, ohne mich ſelbſt zu beſtehlen; ſie konnte nur fallen, nicht ſich ergeben, und an dieſem Be⸗ wufßtſein haͤtte ſie ſich wieder aufgerichtet. Das darf aber nicht ſein; ſie muß, einmal beſiegt, auch fuͤr immer unterjocht werden. Ich ſetzte ſie ſanft auf eine Raſenbank nieder. „Um Got⸗ tes willen,“ bat ich, „beruhigen Sie ſich, dieſer Zuſtand kann Ihnen das Leben koſten.“ Mit unverkennbarem Abſcheu wand ſie ſich aus mei⸗ nem Arm und ſtieß mich zuruͤck. Unwillkurlich hingeriſſen warf ich mich vor ihr nieder: „ver⸗ diene ich denn dieſen Abſcheu? ruheſt Du nicht — — an dem Herzen eines Mannes, der Dich an⸗ betet und der Dir in dieſer Stunde ſelbſt im ſchwerſten Kampfe beweiſet, wie wuͤrdig er Deines Vertrauens iſt? Wie, darf Dich eine Gluth beleidigen, zu der Deine Reize mich ent⸗ flammten?“ — Hier fingen ihre Thraͤnen an zu fließen, als habe ſie mich gar nicht gehoͤrt, als ſei ich gar nicht da, fragte ſie ſich leiſe: „O mein Gott, wie war das moglich?“ In dieſem Augenblicke des Gefuͤhls eingebildeter Schmach erhob ſich ihre Seele aber auch wie⸗ der in der vollen Gewalt ihres Stolzes; ſie ſtand auf und mit einer Verwerfung, die ich, ſo wahr ich lebe! dem tollkuͤhnen Weibe noch einmal durch die tiefſte Erniedrigung wett mache, ſagte ſie mir kalt und entſcheidend: „ich verbiete Ihnen, mir zu folgen.“ Der Blick, den ſie dabei auf mich warf, traf mich, als muͤſſe das ſo ſein, zu ihren Fuͤßen; dies Andenken brennt noch in meiner Seele, und wie gede⸗ muͤthigt muß ich ſie einſt ſehen, um es mir zu vergeben! So wenig das nun auch eigent⸗ lich bideutet, was unter uns vorgefallen iſt, ſo iſt es doch bei ihrer Unerfahrenheit genug, Tarnow's Schriften. V. 4 Auftritt auf Thorilde. — jeden ihrer Gedanken, jede ihrer Empfindungen im lebhaften Affect an mein Bild zu heften. Die gewaltige Leidenſchaftlichkeit in ihr, die ich ſelbſt jetzt erſt kennen gelernt habe, wird, da ſie ſich nun einmal in ihrem Gemuͤth Bahn gebrochen hat, bald meine thaͤtigſte Bundesgenoſſin wer⸗ den. Mag ſie nun gleich dieſe erhoͤhete Leben⸗ digkeit ihrer Empfindungen fuͤr Haß gegen mich nehmen, da ſie bei all ihrer auf Treu und Glauben angenommenen Welt- und Menſchen⸗ kenntniß doch in Herzensangelegenheiten un⸗ ſchuldig und neu iſt wie ein Kind, ſo weiß ich doch, was ich davon zu halten habe. Noch nie hat ein Weib den Mann, der zuerſt das Gefuͤhl der Weiblichkeit in ihr weckte, im Ernſt gehaßt und nun noch dazu ſie mit ihrem fri⸗ ſchen, ſprudelnden Leben und den wie Sonnen blitzenden und ſtrahlenden Feueraugen! — Es wäre ja unverzeihlich, wenn ich dieſe reizende, an ihr entdeckte Faͤhigkeit, ſich ſo uͤber alles Maß tief zu betruͤben, ungeuͤbt und unent⸗ wickelt laſſen wollte.“ — — Anders, als er es erwartete, wirkte aber dieſer Der Stolz ihres reinen — 75 — Bewußtſeins war gebrochen und auf dieſen war die ganze bisherige Geſtaltung ihres Lebens, die Sicher⸗ heit aller ihrer Verhaͤltniſſe gegruͤndet geweſen und verſchwand nun mit ihm. In brennendem Schamerroͤthen fuͤhlte ſie es, einen Augenblick erlebt zu haben, wo ſie, von ſich ſelbſt verlaſſen, einer fremden Gewalt preis gegeben geweſen war, und dies Gefuͤhl war ihr, dem Manne gegenuͤber, den ſie durchaus nicht achtete, ſo entſetz⸗ lich peinlich, ſo furchtbar aͤngſtigend, daß ihr gemar⸗ tertes Herz, ohne eine Selbſttauſchung zu ahnen, die einzige Entſchuldigung ergriff, die es fuͤr einen ſolchen Augenblick geben kann, und ſich das Ge⸗ ſtaͤndniß abzwang, ſie liebe Arthur. Dieſe Selbſt⸗ tuſchung wird uns um ſo erklaͤrlicher, wenn wir bedenken, wie oft und leicht die gereizte Leidenſchaft⸗ lichkeit unſrer Empfindungen von uns und andern mit Leidenſchaft fuͤr die Perſon, die die Veranlaſ⸗ ſung jener Reizung iſt, verwechſelt wird, und daß Thorilde im neunzehnten Jahre und bei einem ganz neuen Herzen es nicht verſtehen konnte, dem Manne, der fur ſie ſo bedeutend aus ſeinem ganzen Geſchlecht hervorgetreten war, ſeinen gehoͤrigen Platz anzu⸗ weiſen. 4 * — — Sie hielt es fuͤr ein Ungluͤck, ihn zu lieben; allein nur durch dieſe Liebe konnte ihr Verſoͤhnung mit ſich ſelbſt werden, und trotz der Miſſethäter⸗ angſt, mit der ſie ſeinem Wiederſehen entgegenſah, endigte ſich ihre nächſte Zuſammenkunft auf eine Arthur uͤberraſchende Weiſe, mit dem Geſtaͤndniß ihrer Liebe fuͤr ihn. Er glaubte ſich jetzt am Ziele, und ſah ſich zu ſeinem Erſtaunen weiter denn je davon entfernt, da ſeinem Sinn und Weſen nichts verhaßter und wider⸗ wäͤrtiger ſein konnte, als ein ſentimental⸗platoniſches Verhältniß, und Thorilde, ſo demuͤthig, ſanft und furchtſam unterwuͤrfig ſie auch ſeit ihrem Geſtand⸗ niß gegen ihn war, wußte ſich doch unerſchoͤtterlich in den Grenzen zu behaupten, die ihr Ehr⸗ und Pflichtgefuͤhl zogen. Was von dem nun folgenden Zeitpunkt ihres Verhaͤltniſſes geſagt werden kann, iſt immer nur wenig gegen das, was Thorilde litt, und nur Wenige vielleicht begreifen die furchtbare Höllenqual, die es ihr bereitete. Sie konnte in dieſem Verhaͤltniß der Macht des Boͤſen um ſo weniger ganz entgehen, da je vom Anfang an Arthurs Streben vorzuͤglich dar⸗ auf gerichtet war, ſie moraliſch verderben zu wollen. Bei ſeinem durch und durch erkälteten Herzen verband er, mit der vollkommenſten Kenntniß aller weiblichen Schwaͤchen, volle Gewalt uͤber ſich, und wandte beide an, Thorilde zu quaͤlen und zu verderben. Mit hoͤlliſcher Kunſt gewann er ſich nach und nach das Recht, Alles zu ſagen und ſie dadurch daran zu gewohnen, Alles zu hoͤren; die Zartheit ihrer Em⸗ pfindung ward von ihm als Ziererei verhoͤhnt, jede Aeußerung des Unwillens von ihm als Affectation behandelt. Unfaͤhig, ein edles Gemuͤth zu erkennen und zu wuͤrdigen, ſah er in den reinſten Erguͤſſen ihres Herzens, in ihren zarteſten Gefuͤhlen nur Heu⸗ chelei und Verſtellung, in ihrer Kraft nur die Ver⸗ ſtockung hartnackigen Eigenſinns. Jeden Einwurf, jede Weigerung, jede Furcht wußte er laͤcherlich zu machen; alle ihre Begriffe zu verwirren, alle namenloſen ſchlummernden Gefuͤhle zu erwecken, und die Empoͤrung, die die ſittliche Haͤßlichkeit ſeines Betragens in Thorildens Gemuͤth erregte, dann wieder durch die blendendſten Sophi⸗ ſtereien der verderbteſten Frechheit, durch allen Schim⸗ mer des Witzes und des Geiſtes, und noch um Vie⸗ les gefaͤhrlicher, durch den Zauber der Leidenſchaft zu ſtillen. Seine Kunſt reichte ſogar hin, ihn ſanft, — — gefuͤhlvoll, zartlich, glucklich erſcheinen zu laſſen, um den Wahn in ihr zu wecken, daß es in ihrer Macht ſtehe, ihn immer ſo zu ſehen; doch nach dem Miß⸗ lingen eines Verſuches dieſer Art rächte er ſich dann auch wieder durch die fuͤr Thorilde kraͤnkendſte Ver⸗ hoͤhnung jeder beſſern Empfindung. Sie ſah ihn dann in mancher Stunde, wu⸗ thend und boshaft wie ein Teufel, ſie und die Stunde auf das Gräͤßlichſte verfluchen, wo er ſie zum erſten Mal geſehen habe; in andern gleichgul⸗ tig, und ſie durch ſein Betragen und ſeine Aeuße⸗ rungen auf das Empfindlichſte demuͤthigend, bis er dann wieder Tage lang alle ſuͤßen Schmeichelworte der Liebe, alle Schwuͤre, alle Betheuerungen der Lei⸗ denſchaft anwandte, ſie zu verſoͤhnen. Thorilde litt entſetzlich; ohne Achtung, ohne Vertrauen zu ihm, fuͤhlte ſie ſich ihm wie verkauft, und mußte ſeine Gewalt uͤber ſie geiſtig, wie die Macht roher Staͤrke buͤßen. Der Gedanke an ihre Pflicht, und die ſitt⸗ liche Reinheit ihrer Seele kämpften in ihr jede un⸗ wuͤrdige Regung nieder; aber die innere, tiefe Em⸗ poͤrung wurde dem jugendlichen Gemuͤth zu mächtig. Sie war oft wie vernichtet; alle Schrecken des Laſters und der verworfenſten Sinnlichkeit um ſiez ihr Herz, ihre Seele rein von ihnen, und ſie doch in ſteter Gefahr, ihr Raub zu werden. Er war ihr ſo furchtbar, ſo aͤngſtigend geworden, daß ſie bebte, wenn ſie in der Entfernung den Ton ſeiner Stimme hoͤrte, ſeinen Fußtritt unterſchied. Todeskampf der Verzweiflung war in ihr, und doch konnte ſie nicht von ihm laſſen; doch war das Schrecken, die Angſt, die Furcht, die Scheu ein unzerreißbares Band, das ſie an ihn feſſelte. Ihre Geſundheit litt aber ſo ſichtlich, ſie war in ihrem Betragen ſo ohne Haltung, ihre innere Emporung brach in mannigfaltiger Erſcheinung mit ſo leidenſchaftlicher, Arthur erſchreckender Gewalt aus, ihre Klagen, ihre Thränen waren ihm ſo läſtig, und der Ernſt, mit dem ſie ihr Verhaͤltniß als eine das ganze Leben umfaſſende und durchdringende Ver⸗ bindung behandelte, ſo unverſtaͤndlich, daß er alle Hoffnung aufgab, daſſelbe, nach ſeinem Sinn, zu einer ſchlau verhehlten und in frecher Sinnenluſt fortgeſponnenen Intrigue zu geſtalten, und viel dar⸗ um gegeben hätte, wenn er ſich mit ihr, die ihm nun nichts als eine alberne Romanheldin war, nie eingelaſſen haͤtte. Er furchtete die Ruͤckkehr des Grafen, und — 80 — fuͤhlte, daß ſein Verhaͤltniß zu Thorilden ſich noch vor derſelben entſchieden geſtalten muͤſſe. Sein Ver⸗ druß forderte die gaͤnzliche Loſung deſſelben, und er ergriff dieſe um ſo eher, da er Thorilde nicht mehr furchtete, und ſie genug in ſeiner Gewalt zu haben glaubte, um ſie in gewiſſer Hinſicht von ſich abhän⸗ gig zu erhalten. um aber den Schein von ſich zu waͤlzen, als habe er unerhört geſeufzt, verleitete ihn ſeine herzloſe, und in dem Gefuhl bitterer Kraͤnkung ſeinen Verſtand uͤberfluͤgelnde Eitelkeit zu Geſtänd⸗ niſſen, wie ſie vielleicht nie ein Mann ſchonungsloſer ausgeſprochen hat. Das Erſtarren des Entſetzens, mit dem Thorilde erfuhr, daß nicht Liebe, nicht Neigung, ja nicht einmal gereizte Sinnlichkeit, ſon⸗ dern nur recht kalt beſonnene Bosheit, nur die Be⸗ gierde, Verſuche mit ihr anzuſtellen, den Plan zu ihrem Verderben entworfen hatte, den er jetzt nur aufgebe, weil ſie ihm die ganze Sache denn doch fur einen Spaß zu tragiſch nehme, ſchien ihren gan⸗ zen Charakter umzuwandeln, und den Geiſt jedes ſanften Gefuͤhls von ihr zu bannen. Sie hatte fruͤher von ihm Vieles ertragen ge⸗ lernt, und er kannte ſie ſo wenig, daß er auch jetzt noch Vorwuͤrfe, Klagen und Thränen von ihr er⸗ — 81 — wartete; allein mit der Kaͤlte der tiefſten Verachtung befahl ſie ihm, ihr Haus augenblicklich zu verlaſſen. Er verweigerte dies laͤchelnd, und als ſie ihm dro⸗ hend den Namen ihres Gemahls nannte, fragte er kalt und ſpottend, ob ſie dieſen etwa zum Vertrau⸗ ten der Guͤte, womit ſie ihn bisher beehrt habe, zu machen gedenke? — Und dann ermahnte er ſie, ih⸗ ren romanhaften Grillen und der Ueberſpannung, mit der ſie alltägliche Dinge als unerhoörte Seltſam⸗ keiten behandle, den Abſchied zu geben, und die Ver⸗ haͤltniſſe in der Welt kuͤnftig ſo zu behandeln und anzuſehen, wie man von einer ſo klugen Frau be⸗ rechtigt ſei, es zu erwarten. Er werde es nie an Ehrerbietung gegen ſie fehlen laſſen; fuͤr ſeine Dis⸗ eretion buͤrge ihr ſeine Ehre, und uͤberdies ſei ja der kleine Roman zwiſchen ihnen zu ſeinem großen Bedauern nicht einmal zum Schluß gekommen, was es vollends zur kindiſchen Albernheit mache, ihm eine ſo ernſte Bedeutung geben zu wollen, und da⸗ mit kußte er ihr die Hand, und ging ſingend zur Thuͤr hinaus. Thorildens Seele erlag nicht unter dem ver⸗ nichtenden Eindruck dieſes Auftrittes; aber die ganze Energie derſelben ſchien fuͤr den Haß erweckt zu ſein. Ertettung aus den Klauen dieſes Teufels war der einzige Gedanke, den ſie deutlich zu denken ver⸗ mochte, und es gab ja fuͤr ſie nur ein einziges We⸗ ſen, von dem ſie Schutz und Rettung bitten und fordern konnte. 8 Sie ſchrieb in all der furchtbar leidenſchaftlichen Empoͤrung ihres Weſens an den Grafen: „Mein Freund, mein Gatte, mein Vater, o mein Vater, in Deine Arme werfe ich mich. Eile zuruͤck, ſchuͤtze mich vor der Gewalt eines Teufels, deſſen Bosheit mein ganzes Weſen finſter umgewandelt, mich mir ſelbſt unkennt⸗ lich gemacht hat. Du findeſt die Thorilde nicht wieder, die Du verließeſt, die Du Deine Freude, Deinen Stolz nannteſt, ich bin nicht mehr zu retten, nur noch zu raͤchen.“ „Meine ganze Seele iſt Haß, gluhender, un⸗ ſterblicher Haß gegen den Verderber, der ſich mit ſo hoͤlliſcher Kunſt den Triumph bereitete, ein reines Herz vergiftet, ein gluͤckliches Weſen elend gemacht zu haben. Und ich, ich hatte ihn nie beleidigt! ich meinte es ſo gut mit ihm, ich liebte ihn, und Er! Er! — O es muß einen Richterſtuhl geben, vor dem meine — 83 — Thränen, mein gluhender Haß zur Anklage gegen ihn werden; vor dieſen fordere ich ihn, und bei der ewigen Gerechtigkeit droben, er wird mir vor demſelben Rede ſtehen muſſen! Fuͤhlſt Du nicht auch wie ich, tief im Her⸗ zen, da wo das Leben wohnt, und die Hoff⸗ nung und das Vertrauen, die kalt verſteinernde gewaltige Macht dieſes eiſigen Schauders, der mich durchdringt? Ich kenne mich ſelbſt nicht mehr; ich habe nie einen Menſchen betruͤbt, nie einem Thiere weh gethan, und ihn könnte ich morden, mit Wonne morden! Wie Schei⸗ dewaſſer brennen dieſe Empfindungen der Hoͤlle in meiner Seele! Eine ungeheure Kraft gluͤht in meinem Herzen, eine Kraft, von der ich fuͤhle, die geheimnißvollſten Kraͤfte der Natur wuͤrden ihr gehorchen, die Elemente ſelbſt ſich ihr beugen, wenn ich ſie aufriefe. Zuweilen iſt Alles Tod, Alles Ohnmacht, Alles Erſtat⸗ rung des Nichtſeins in mir; aber der unge⸗ heure Schmerz, dieſer nagende Geier des Her⸗ zens, reißt mich immer wieder empor aus die⸗ ſer Vernichtung. Ich moͤchte Dir Alles er⸗ zählen, Alles ſagen, aber wer legt das Wort u auf meine Zunge, ihn Dir zu bezeichnen? — nur aus dem tiefſten Abgrund der Hoͤlle koͤnnte es ſich hervorheben, die Menſchenſprache hat es nicht, aber du, o Gott, zu dem dies Herz bis jetzt nur Worte des Segens und der Liebe ſprach, du wirſt den Fluch nicht unerfuͤllt laſ⸗ laſſen, den ich auf das Leben dieſes Menſchen lege! Raͤche mich, Gott, raͤche mich als Vater, dem die Bosheit ſein Kind geraubt hat!“ „Die Worte und die Gedanken verwirren ſich mir, vor meinem Blicke dunkelt Alles, nein, ich will keine Rache! welche Linderung koͤnnte ſie mir fuͤr dieſen reißenden, zerrenden Kampf meiner Seele gewaͤhren! Mein Be⸗ wußtſein, mein ganzes Daſein geht unter in ihm, ich werde wahnwitzig davon werden, und wer weiß, ob ich es nicht ſchon bin.“ „Eile, o eile zuruͤck, laß mich in Deinen Armen ſterben. Verhuͤlle wenigſtens dem bre⸗ chenden Auge das Bild dieſes Teufels, damit dies Herz mit ſeinem letzten Schlage ſich wie⸗ der zu Gott zu erheben vermoͤge, und nicht im Fluch uͤber ihn breche,“ Dieſer Brief traf den Grafen ſchon auf dem — — Wege; er eilte nach Empfang deſſelben Tag und Nacht, und fand Thorilde bei ſeiner Ankunft an den Pforten des Grabes. In heftigen Raſereien erſchoͤpfte ſich die Kraft des jungen vollkraͤftigen Ge⸗ muͤths, und Wochen vergingen, ehe der Arzt die Entſcheidung uͤber Tod und Leben auszuſprechen wagte. An der Gewalt dieſer Krankheit brach ſich die furchtbar leidenſchaftliche Heftigkeit ihrer Empfindung; eindlich, ſanft und weich erſtand ſie von dem Kran⸗ kenlager. Der Schmerz ihres Gemahls, ſeine ſorg⸗ ſame Liebe, ſein zartes Sorgen fuͤr ihre Pflege, ihre Geneſung erfuͤllten ihr Herz auf's Neue mit den wohlthuenden Regungen wahrer Liebe und Dankbar⸗ keit, deren Froͤmmigkeit Balſam fuͤr die ihr geſchla⸗ genen Wunden war. Arthur ſah ſie nicht wieder. Mit der Angſt eines Miſſethäters hatte er fuͤr ihre Geneſung gezittert, und bis zur Ankunft des Gra⸗ fen Tag und Nacht ihr Vorzimmer nicht verlaſſenz doch der erſte Blick auf ihn verrieth dem Grafen den Schuldigen, und in gerechter Strenge gebot er ihm, ſich auf immer zu entfernen. Haß und Rach⸗ ſucht konnten in Thorildens Gemuth aber nur als Krankheit erſcheinen. — 3 Sobald die Wiederkehr ihrer Kraͤfte es ihr ver⸗ gonnte, mit dem Grafen von der Vergangenheit zu reden, ward es ihre erſte Bitte, Arthur nicht durch Entziehung ſeiner Wohlthaten zu ſtrafen, und der Graf ſchickte ihm, von ihr beredet, die erneuerte Zuſicherung des bis jetzt von ihm erhaltenen Jahr⸗ geldes. Koͤrperlich war Thorilde freilich geneſen; doch ihr Herz blieb wund, ihr Selbſtgefuͤhl verletzt, die Staͤrke ihres Charakters gebrochen, und die heitere Lebensluſt, der ſchoͤne, jugendliche Frohſinn fruͤherer Jahre war einem truͤben Ernſt, einer unbezwingli⸗ chen Wehmuth gewichen. Der Graf konnte ſie nur mit der Klugheit eines Weltmannes behandeln, da es ihm, ſeiner Eigenthuͤmlichkeit nach, nicht gegeben war, Thorilde auf den Standpunkt erheben zu kon⸗ nen, wo ſich alle irdiſchen Diſſonanzen in den Frieden eines mit Gott und ſich einigen Gemuͤthes aufloͤſen. ini Er beſtaͤrkte ſie in dem Wahn, es ſei Liebe ge⸗ weſen, was ſie fuͤr Arthur empfunden habe, und ihr — Irrthum beſtehe nur in der Ueberſpannung, mit der ſie ihr Gefuͤhl und ihr Verhältniß idealiſirt habe. Das Innere ihres Herzens, der Quell ihrer Ver⸗ zweiflung blieb ihm dunkel, da es Thorilde, ſo ver⸗ letzt ſie ſich auch in jedem Nerv ihres Lebens fuͤhlte, doch an Klarheit fehlte, ihr Weh ausſprechen zu kön⸗ nen. Nach den Anſichten des Grafen war Arthur nicht ſo ſchuldig, wie er Thorilden erſchien; er ſelbſt hatte, ſo wie er nie wahrhaft geliebt hatte, auch nie die Ehrfurcht, die der Friede eines ſchuldloſen Ge⸗ muͤths, die Reinheit eines Herzens voll Treue und Adel fordert, empfunden; er ſah daher in den fuͤr Thorildens Ruhe und Leben ſo gefaͤhrlichen Folgen dieſes Verhaltniſſes wirklich nur ein Werk ihrer Ue⸗ berſpannung, ohne welche es ihr leicht geworden ſein wuͤrde, dieſem Verhältniß eine ganz alltägliche Ge⸗ fahrloſigkeit fuͤr Beide zu geben. Die Bitterkeit ihrer gemachten Erfahrung gab den Trugſchluͤſſen ſeiner das Herz und die Beſtim⸗ mung des Weibes entadelnden Weltklugheit einen Einfluß auf Thorildens Anſichten, den ſie fruͤher nie ſo entſcheidend erlangen konnten, und ſie gab in fin⸗ ſterer Reſignation das Ideal auf, dem ſie bis jetzt im tiefverborgenſten Heiligthum ihrer Seele mit den — geheimen Traͤumen und Hoffnungen und all der ſo begluͤckenden Sehnſucht des jungen, heißen Herzens gehuldigt hatte. Sie hatte ja nun geliebt und er⸗ fahren, welch ein unheiliges, Frieden zerſtorendes, Reinheit verletzendes Gefuͤhl jene Liebe war, von der ſie fruͤher in ihrer kindiſchen Unerfahrenheit ſich wohl zuweilen Paradieſe und hohe Himmelsgeſtalten darin ertraͤumt hatte. Und nicht einmal trauern durfte ſie um den verlornen Traum, es ſich nicht einmal eingeſtehen, daß mit ihm das Göttliche aus ihrem Herzen, das Schoͤne aus ihrem Leben ſchwinde; aber in ihrem Innern erneuerte ſich die, jedem tiefern menſchlichen Gemuͤth ſo nah verwandte Schickſalsfabel vom Geier des Prometheus. Das Gefuͤhl eines verſtuͤmmelten, nun fuͤr immer unvollendet bleibenden Daſeins ver⸗ zehrte die friſche Bluͤthe ihrer Jugend, und in ihrer kalten, ſchneidenden Bitterkeit gegen alle Huld, alles Gluͤck, allen Freudenglanz verrieth ſich ihr innerer, von ihr ſelbſt nicht verſtandener Kampf um das Heiligthum, das ſie aufgab. Der roſige Glanz ihrer fruͤhern Jugendftiſche und Geſundheit kam nicht wieder, und ſie kränkelte fortdauernd. Die Aerzte ſprachen von der Moͤglich⸗ — — keit einer ſtillen Verzehrung, und da ſie Verände⸗ rung der Luft als ein wirkſames Heilmittel anem⸗ pfahlen, fuhrte der Graf ſeine Gemahlin auf Reiſen. Sie ſah Italien, die Schweiz und Frankreich; Laͤn⸗ der, die ihm, da er fruͤher in ihnen gelebt hatte, durch die heiterſten Erinnerungen ſeiner Jugend theuer waren; aber wenn Thorildens Geiſt ſich hier bildete, wenn ihr Sinn fuͤr die Schoͤnheit der Natur und der Kunſt ſich hier entwickelte und laͤuterte: ſo konnte ſie doch auch hier einer fuͤr ſie gefaͤhrlichen Einſeitig⸗ keit der Lebensanſicht nicht entgehen, da ſie in die⸗ ſen Ländern nicht den Menſchen, ſondern ausſchließ⸗ lich nur die Hoͤfe und die Zirkel der großen Welt kennen lernte. Sie fuͤhlte durch die Macht der Neuheit und der Abwechſelung, durch Jugend und ruͤckkehrende Geſundheit ihren Schmerz beſiegt, und dies machte ſie noch irriger am Menſchenherzen, als alle ihre an⸗ dern Erfahrungen. „So iſt es doch wahr,“ ſagte ſie ſich, „die Zeit beſiegt unfehlbar die Liebe; der Menſch bedarf dazu keiner Kraft, keiner Vernunft, ſondern nur ihres Einfluſſes, uͤber den ſein Wille nichts vermag. Wie thoͤricht iſt es dann nicht, einem ſo vergänglichen Traum Gewalt uͤber unſer — — Leben und unſer Schickſal einzuraͤumen! Nein, frei will ich ſein, und frei will ich bleiben von der klein⸗ lichen Schwaͤche eines Irrwahns, der mit dem Er⸗ kennen ſeiner Trugbilder auch die Macht verloren hat, mich zu taͤuſchen.“ Und frei blieb ſie auch. Jung, ſchon, geiſt⸗ voll, blitzend von Witz, Leben und einer faſt genia⸗ liſch kuͤhnen Lebensanſicht, war ſie der Gegenſtand allgemeiner Huldigungen, und das Gedächtniß der gebildetſten und liebenswuͤrdigſten Menſchen beider Geſchlechter bewahrte an jedem Orte, wo ſie mit ih⸗ rem Gemahl weilte, ihr Bild und ihren Namen mit Bewunderung ihres Liebreizes und der Großſinnig⸗ keit ihres Gemuͤths. Nach drei Jahren kehrte ſie in ihr Vaterland zuruck, wo ſie und der Graf wechſelsweiſe den Win⸗ ter in der Reſidenz, und den Sommer auf ihren Guͤtern zubrachten. Unlaͤugbar iſt es, daß ihr Le⸗ ben in dieſem Zeitpunkte ſehr reich war, reich an Bewunderung und Huldigungen aller Art; reich im wiedergewonnenen Stolze eines kuͤhnen Selbſtgefuͤhls; reich im Genuſſe edlen Intereſſes fuͤr das ganze Gebiet der Kunſt, wie fuͤr Alles, was durch ſie den Menſchen erhebt; reich an großſinniger Wohlthätig⸗ — keit und weiſe beſonnener Guͤte, mit der ſie Unzah⸗ ligen half, und zwar nicht blos durch Geld, nicht blos durch perſoͤnlichen Rath und That, ſondern auch durch ihre weit ausgebreiteten Verbindungen und den bedeutenden Einfluß, den ſie ſich zu verſchaffen wußte, und den ſie nie zur Intrigue, ſondern nur zum ſtil⸗ len, wohlthaͤtigen Wirken fuͤr Andere benutzte. Keine Frau im ganzen Lande war geachteter wie ſie; ihre Unterthanen beteten ſie an, ihre Diener waren ihr mit feſter Treue ergeben, ihr Gemahl durch ſie begluͤckt; wo ſie erſchien, ſtanden die Schoͤnſten, die Edelſten, die Gefeierteſten ihres Ge⸗ ſchlechts neben ihr, uͤber ihr keine⸗ So reich, ſo glänzend war ihr Leben — war es aber auch be⸗ gluͤckt? Nein, denn ihm fehlte die Sicherung des Glaubens, und mit dieſer die Zuverſicht jenes Frie⸗ dens, deſſen Palmen himmliſcher ſich erheben, als all die ſtolzen Prunkgebäude irdiſchen Glanzes. Thorilde war tugendhaft, aber ſie glaubte nicht an Tugend, und ihre mit dem Talent zur Tugend begabte Seele war daher im unaufhoͤrlichen, ſie ſchmerzhaft verwundenden Kampfe mit dem Unglau⸗ ben an die Vergöttlichung des Menſchen durch ſie, den ihr der Gang ihrer Bildung und ein vorzeiti⸗ — — ger tiefer Blick in die Verdorbenheit und Unzuver⸗ laͤſſigkeit des menſchlichen Herzens außzwang, und von dem ſie ſich wie eiſern eingepreßt fuhlte, ſobald ſie ſich einmal ganz frei, ganz natuͤrlich zu bewe⸗ gen ſtrebte. Im Aeußern ruhig, vielleicht ſelbſt kuhl, flammte doch in ihrem Innern eine unendliche Sehnſucht, eine bange Wehmuth. Genährt wurde dieſe durch die herrlichen Dichter und Weiſen unſers Volkes, mit deren unſterblichen Werken Thorildens Geiſt ſich erſt jetzt, in dieſem Zeitpunkte ſeiner freieren, ſelbſt⸗ ſtaͤndigen Entwickelung befreundete, da ſie vor ihrer Reiſe ſich, nach dem Wunſche ihres Gemahls, nur mit der Literatur der Franzoſen bekannt gemacht hatte. Zum erſten Mal trat ſie jetzt aus der Be⸗ ſchraͤnkung der Kuͤnſtelei in die offene, große, herr⸗ liche Natur; zum erſten Mal aus einem erleuchteten Opernſaale in die Heiligkeit einer ſterndurchfunkelten Nacht, und welche heimathliche Lebensluft umfing ſie hier! In unſterblicher Glorie fuͤhrte ihr deut⸗ ſcher Genius jene Himmelsgebilde ihrer fruͤheren Traͤume ihr wieder zu, und die truͤben Nebel ihres Daſeins erhellten ſich im Abglanz derſelben. O wie ging ihr vor dieſen Gebilden, dieſen — 96 — Gedanken das Herz auf! wie weinte ſie ſo oft in heißer Liebe vor ihnen! Der Quell einer gleichen Denk⸗ und Empfindungsweiſe floß durch ihr Weſen; ſie fuͤhlte ſich erquickt, und ihr Daſein groͤßer und edler, indem ſie Theil an dem Geiſte hoͤherer Men⸗ ſchen nahm, mit ihnen dachte, fuͤhlte, empfand, und ſich aus der armen Wirklichkeit zu ihnen wie zu einem heiligen Gericht fluͤchtete, vor dem ſie die Er⸗ ſcheinungen und Entſchluſſe, die Freuden und Wuͤn⸗ ſche des Lebens pruͤfte. Doch ſtrenge behauptete auch hier die Nothwendigkeit, zu der die einmal ge⸗ nommene Richtung unſers Gemuͤths und die Ge⸗ ſtaltung des äußeren Lebens wird, auch bei Thoril⸗ den ihre Rechte, und ſie erroͤthete dann, Thraͤnen vergoſſen zu haben, die zu ihren bisherigen Erfah⸗ rungen ſo wenig paßten. „Sind denn,“ fragte ſie ſich wehmuͤthig, „dieſe Thraͤnen etwas Anderes und Beſſeres, als ein fluͤch⸗ tiger Champagnerſchaum jugendlicher Empfindung? Die Fluͤgel, auf denen mich dieſe Entzuͤckung zu dem Heiligthume idealiſcher Menſchenwuͤrde empor⸗ hebt, nicht von der Phantaſie geborgt, deren Kraft nach unabaͤnderlichen Naturgeſetzen im Laufe der Jahre ermattet? Weiß ich etwa nicht, welche Mo⸗ ſaikarbeit dieſe bewunderte Groͤße iſt? Nichts iſt all⸗ taͤglicher, als eine einzelne gute, nichts leichter, als eine einzelne ſchöne That; denn ſie wird in dem Au⸗ genblick einer unwillkuͤrlichen Aufwallung vom Rauſch und von der Bewußtloſigkeit geboren; aber eben da⸗ her ſehen wir den geprieſenen Halbgott auch bei ei⸗ ner andern Gelegenheit eben ſo kleinlich, ſo ſchwach, ſo wenig Herr ſeiner Kraft und ſeines Willens, als er vorher gtoß und edel und feſt erſchien, und was iſt denn bei ſolcher Ungleichheit ſeine Tugend Anderes, als ein ſeinem innerſten Weſen fremdartiger Anſatz von Außen her, der nie durch die innere lebensge⸗ ſtaltende Kraft ſelbſt zu eigenthuͤmlicher Bluͤthe her⸗ vorgetrieben werden kann?“ In dieſer Zeit begann Thorilde unter ihren weiblichen Bekanntſchaften eine junge, kraͤnkelnd ver⸗ bluͤhende Frau auszuzeichnen, deren ſtilles Verlöſchen ihre warme Theilnahme erregte. Sie war die Gat⸗ tin des Barons Neuenbeck, eines Mannes, deſſen haͤusliche Tyrannei, ſo wie uͤberhaupt die Boͤsartig⸗ keit ſeines Charakters allgemein bekannt war. Lioba war ganz Geduld und Ergebung, und unter dem Druck ihres harten Verhängniſſes erhielten Glaube und Liebe ihrem Gemuͤth ſeinen Frieden. Sie kam Thorilden mit unverkennbarer Herz⸗ lichkeit entgegen, und dieſe, deren Herz ſich noch nie einem gleichgeſtimmten Weſen in Vertrauen und Liebe hingegeben hatte, legte in dies Verhältniß einen Schatz von Treue und Innigkeit nieder, der beiden Frauen zur Buͤrgſchaft ſeines Werthes und ſeiner Dauer werden mufßte. Lioba's Schickſal wurde fuͤr Thorilde ein lehr⸗ reicher, wenn gleich gefaͤhrlicher Spiegel, der ſie den Werth ihres Gatten und ihres reinen, kindlichen Verhaltniſſes zu ihm ganz erkennen lehrte, aber auch zuerſt das Gefuhl lebendig in ihr machte, daß ſie die Annehmlichkeit deſſelben mit einem unerſetzlichen Opfer erkauft habe. Von einer Stiefmutter gequält, und von einem jugendlichen Irrthume zu dem Wahne verfuͤhrt, ſie habe ſchon geliebt, und die Flamme dieſes Gefuͤhls ſei fur immer in ihrem Herzen erlo⸗ ſchen, ward Lioba die Gattin eines alten Mannes, in dem ſie aber nicht, wie Thorilde, einen Freund, einen Beſchuͤtzer und väterlichen Wohlthaͤter, ſondern einen Tyrannen fand, deſſen Charakter ihrem Ver⸗ hältniſſe zu ihm das Gepräge einer verſchuͤchterten, freudeloſen Unterwuͤrfigkeit aufdruͤckte. Sie ward Mutter einer Tochter, und in der — Liebe zu dieſer erhielt ſich die Schoͤnheit und Weich⸗ heit ihres Gemuͤths in tiefverborgener Fuͤlle, wenn gleich in jeder geſelligen Beziehung Alles, was in der Jugend ein heißes Herz fuͤhlt und wuͤnſcht, durch ihr eheliches Verhaͤltniß mit dem Zauber einer unvergeßlichen Erinnerung tief in ihr Inneres zu⸗ ruͤckgedraͤngt war, wo es wie ein Echo verſchwunde⸗ nen Gluckes und der Hoffnung eines beſſern Lebens leiſe forttnte. Lioba glaubte die Kraft, ſich in ei⸗ nem aller Bluͤthen beraubten Leben pflichtmaͤßig und ruhig bewegen zu koͤnnen, nicht blos gewonnen, ſondern auch ſie ſich geſichert zu haben, als ihr das Schickſal den Mann ihres Jugendtraumes wieder zufuͤhrte. Als ſie ihn in ihrem ſechzehnten Jahre kennen lernte, war ſie ein huͤbſches, munteres, gutmuͤthiges, im Uebrigen aber unbedeutendes Mädchen, in das er ſich mit der Treuherzigkeit und Ueberſpannung des unverdorbenen Juͤnglingsalters verliebte. Sie ſpiel⸗ ten in all der ruͤhrenden Einfalt des Jugendlebens eine Art von Geßnerſchem Schaͤferroman mit einan⸗ der, und weinten heiße Thränen, als die Nothwen⸗ digkeit der weitern Ausbildung Thorismund zwang, den Wohnort der Geliebten zu verlaſſen. Ein hal⸗ — 97 — bes Jahr blieb ihr Briefwechſel die beſte Freude Beider; dann ging Thorismund auf Reiſen; die Neuheit und die Mannigfaltigkeit der Gegenſtaͤnde uͤbten auch bei ihm ihr Recht uͤber Maͤnnerſinn und Maͤnnerherz; ſeine Briefe wurden erſt ſparſamer, dann auch kuͤhlerz endlich blieben ſie ganz aus, und die ihrigen unbeantwortet. Lioba trauerte; doch Jugend, Stolz und erwa⸗ chende Vernunft halfen ihr dieſe Erfahrung tragen und uͤberwinden, wenn gleich der Stachel eines ge⸗ heimen und bittern Schmerzes fuͤr immer in ihrem Herzen blieb. Einige Jahre darauf gab ſie dem Baron Neuenbeck ihre Hand. Thorismund hatte ſich auf Reiſen ausgebildet, und war dann, ſeiner fruͤhern Beſtimmung entgegen, in Kriegsdienſte ge⸗ treten. Das Leben im Felde gab ihm, wie jedem edlen Gemuͤth, Ernſt und Charakterfeſtigkeit; allein von einer andern Seite blieb ſeine Bildung unvoll⸗ endet, da ihm das Schickſal keine weibliche Erſchei⸗ nung zuführte, bedeutend genug, um ſich ſein gan⸗ zes Herz zu gewinnen. Im unſtaͤt freien Kriegerleben waren Phantaſie und Sinne auch hinreichend geweſen, ihm das Frauen⸗ geſchlecht mit hellen, anmuthigen Farben auszu⸗ Tarnow's Schriften. V. 5 — — ſchmuͤcken; doch jetzt bei der Ruͤckkehr zur frieblichen Stille, und in der Einförmigkeit des Garniſonlebens fuhlte er die Leere ſeines Herzens, und mit einer leiſen Wehmuth gedachte er des lieblichen Jugend⸗ traums, und Lioba's ſo lange vergeſſenes Bild trat wieder vor ihn, und er hieß es weilen, und koſete mit ihm, wie mit der Erinnerung eines geliebten Kinderſpiels. Nach einigen Monaten ward er zu einem andern Regiment verſetzt, und dadurch ein Bewohner der Stadt, in der Lioba mit ihrem Gat⸗ ten lebte. Er erkannte in der edlen, ſchlanken, mit ſo grazienvoller Anmuth ſich bewegenden Geſtalt ſeine der Kindheit kaum entwachſene Lioba nicht wieder, und nur der Ton ihrer Stimme und das leiſe Be⸗ ven derſelben, als er ſich ihr vorſtellen ließ, ſprachen mit einem Zauber zu ſeinem Herzen, den er ſich nicht zu erklaren wußte, bis er in ihm die Magie der Erinnerung entdeckte, und nun bald erfragte, daß er in der Baronin Neuenbeck Lioba vor ſich ſehe. Dieſe waͤhnte ſich ruhig und kalt; den Ein⸗ druck, den die Nennung ſeines Namens auf ſie ge⸗ macht hatte, ſchrieb ſie auf Rechnung eines noch bewahrten, von ihr ſelbſt kindiſch geſcholtenen Un⸗ muthes uͤber ſeine Vergeſſenheit ihrer, den ſie unter⸗ 99 — druͤcken und bekaͤmpfen zu muͤſſen glaubte, um ihm in ſich nur die neue, der Erinnerung an jene Ver⸗ gangenheit ganz entfremdete Bekannte zu zeigen. Auch Thorismund faßte unwillkuͤrlich dieſen Ge⸗ ſichtspunkt eines ſcheinbaren Vergeſſens der Vergan⸗ genheit aufz allein Beide hatten ſich noch nie durch eine Bekanntſchaft ſo angezogen, ſo feſtgehalten ge⸗ fuͤhlt, als durch die, die ſie an einander zu machen hatten. Als Sohn eines Jugendfreundes des alten Barons ward Thorismund bald ein täglicher, gern⸗ geſehener Gaſt in ſeinem Hauſe, und im Lauf we⸗ niger Monate von einer Leidenſchaft fuͤr Lioba er⸗ griffen, der die Erinnerung der Vergangenheit und das erwachende Gefuͤhl ſeines ehemaligen Unrechts gegen ſie jetzt eine deſto bedeutendere Gewalt uͤber ihn gab. Mit aller Schwaͤrmerei der aufbrauſenden Kraft eines noch neuen Herzens entwarf er den Plan, ſie ohne alle Anſpruͤche zu lieben, und mit der Ruhe ihres Herzens auch jede, ihrer Pflichten zu ehren, und ſetzte ihn mit ſeltener Feſtigkeit des Charakters durch. Er fuͤhlte es, daß Lioba ungluͤcklich war, und be⸗ ſchloß, ihr die Vergangenheit zu verguͤten, indem er, ohne ſie zu verſtricken, ohne den Frieden ihrer reinen 5 * — 100 — Seele zu truͤben, Alles aufbot, ihr Leben zu er⸗ heitern. . Wie ein milder, wohlthuender Schutzgeiſt verklärte er, indem er mehr fuͤr ihren Gatten als fuͤr ſie zu leben ſchien, die dunkle Einfoͤr⸗ migkeit ihres bisherigen Lebens. Jeden Ausbruch der uͤbeln Laune des Barons wandte er ab; jedes Mittel zur Unterhaltung bot er mit unerſchoͤpf⸗ licher Gefaͤlligkeit auf, ihn zu beſchaͤftigen und zu erheitern; er gab ſich ihm zum Sohn, um Lioba's Bruder ſein zu duͤrfen. Lioba fuͤhlte ſich geliebt, ſie war gluͤcklich, ohne daß eine ihrer Pflichten ver⸗ letzt wurde, ohne daß je ein Wort, ein Blick von Thorismund ſie ſcheu und furchtſam machten. Zum erſten Mal ſeit ihrer Ehe hoͤrte ihr Le⸗ ben auf, ein Frohndienſt zu ſein; frei, leicht und ſelig bewegte ſie ſich in der ſchoͤnen Zauberwelt, die der Edelmuth des Geliebten fuͤr ſie bildete; aber ihr Gefuͤhl fuͤr ihn entwuchs auch jeder Begrenzung, ihre ganze Seele ward reine Anbetung des Geliebten. Woher haͤtte aber der Menge, der kalten, herz⸗ loſen Menge die Ahnung von der Natur und der Moͤglichkeit einer ſo reinen Verbindung kommen ſollen? Die ſchoͤne Schoͤpfung waͤre an der grau⸗ — W — ſamen Nothwendigkeit, die hienieden auch das Schoͤnſte irdiſch ſo ſtrenge gebunden hält, in ſich ſelbſt untergegangen und der Friede zweier edler WMenſchen dann wahrſcheinlich ihr Opfer geworden; doch der Baron, aufgereizt durch Spottereien und hingeworfene Winke, gereizt durch die Nemeſis des eigenen Unwerths, begann ſich fuͤr einen Narren und Thorismund fuͤr den beguͤnſtigten Liebhaber ſeiner Frau zu halten. Ein ſolches Verhaͤltniß vermochte er ſich nur roh und gemein zu denken, und roh und gemein war auch die Art, mit der er es durch einige Ge⸗ waltſtreiche zu enden ſuchte, indem er ſeine Frau einſperrte und Thorismund das Haus verbot. Jetzt nahm die Leidenſchaft des Letztern eine finſtere, furchtbare Geſtalt an; er ſah, welch einem Ab⸗ grund er das geliebte Weib zugefuͤhrt hatte, und erkannte es als ſeine erſte Pflicht, ſie zu retten. Entſchloſſen, ſich mit Lioba ein anderes Vaterland zu ſuchen, ließ er dem Baron eine Scheidung an⸗ tragen; dieſer willigte darein, doch unter der Bedin⸗ gung, ſeine Tochter bei ſich behalten zu wollen. Dieſe Erklärung ſchmiedete Lioba in unauf⸗ lösliche Feſſeln, deren Heiligkeit Thorismund aner⸗ — 102 — kannte. Willig, dem Frieden, den die Ungluͤckliche ſich zu retten vermochte, Alles aufzuopfern, erbot er ſich, ſeinen Abſchied zu nehmen und Lioba nie wieder zu ſehen, wenn der Baron die Bedingungen unter⸗ zeichnen wolle, die er fuͤr das kuͤnftige Betragen deſſelben gegen ſie feſtſetzen wuͤrde. Dieſe ſicherten Lioba'n Freiheit in der Erzie⸗ hung ihrer Tochter und eine anſtändige Form ſeines Benehmens. Feigheit beſtimmte den Baron, ſie zu unterzeichnen; er wußte, daß Thorismund geſchworen hatte, ſein Tod ſolle Lioba'n Frieden geben, wenn er darauf beharre, ihn ihr lebend verweigern zu wollen, und auch jetzt, bei Unterzeichnung dieſer Bedingungen, verhieß er ihm, unſichtbar uͤber ihre Erfuͤllung zu wachen und jede Haͤrte gegen Lioba ſtrafend an ihm zu raͤchen. Lioba ſah Thorismunden nicht wieder; nur ſchriftlich nahm er Abſchied von dem ſo heiß, ſo rein geliebten Weibe. Sie trat in ihre vorigen Verhält⸗ niſſe zuruͤck, aber ihr Leben verbluͤhete ſtill und ſchnell an der Gewalt dieſer Liebe uͤber ſie. Thoril⸗ dens Annaherung wurde ihr ſehr wohlthuendz Freund⸗ ſchaft und Mittheilung erleichterten ihr bang gepreß⸗ tes Herz und zum erſten Mal nannte ſie einem — 103 — liebenden, edlen und S Weſen Thorismun⸗ dens Namen. Von ſolcher Liebe, ſolcher xreue a xharide bis jetzt nur getraͤumt, und Lioba's Leiden und die tiefe, reine Seligkeit, die ſie, in der Bluthe der Schoͤnheit und der Jugend dem finſtern, kalten Grabe zuwandelnd, noch in dein Andenken dieſer Liebe und zugleich die Kraft fand, ohne Klage freu⸗ dig in dieſes zu verſinken, erſchuͤtterten Thorilde gewaltſam und weckten in ihr die Ahnung, wie wenig alle ihr Gluͤck ſolchen Schmerz i⸗ vermoͤge. Da ward nach Jahresfriſt Lioba's Gatte krank und nach wenig Tagen gab ihr ſein Tod mit ihrer Freiheit auch die Hoffnung auf Gluͤck zuruͤck. Doch zu ſpät. Ihr war ein ſchoͤneres Loos beſchieden, als das Gluͤck ihrer Liebe an der Sicherheit des Beſitzes und der erkaͤltenden Wirklichkeit verbleichen zu ſehen. Ihre Lebenskraft erlag der Erſchuͤtterung dieſes Wech⸗ ſels, und Thorismund fand ſie bei ſeiner Ankunft von jener Krankheit ergriffen, die man vor allen andern Todesarten lieb gewinnen muß, weil ſie die Kraft des Herzens, lieben zu können, ſo unendlich erhöht, dem Sterbenden unentſtellte Zuge und dem — 104 — Geiſte bis zum letzten Athemzuge unumwölkte Frei⸗ heit läßt. Das letzte Aufflammen des Lebenslichtes wird in ihr zum heiligen Reinigungsfeuer, und der himmliſch verklaͤrte Blick ſolcher Sterbenden, der ganz einzige Strahlenglanz ihrer Augen verkundet uns den Sieg des Ewigen uͤber die irdiſche Noth. Lioba's ſchnelle Verzehrung erſchien wie eine ſuͤße Ermattung, die ihr bei der Vergeſſenheit aller Leiden nur fuͤr die Liebe Kraft und Gedächtniß ließ. Es war, als ringe ſich die Seele vom Körper los, um ſich deſto ungeſtoͤrter in Zärtlichkeit und Friede zu verſenken. O wenn Liebe Leben iſt, wo lebt es ſich dann ſchöͤner, als am Rande des Grabes, wo wir uns aller Furcht, aller Beduͤrftigkeit enthoben fuͤhlen und unſer Daſein ſich einzig noch auf Liebe, Glauben und Ewigkeit beſchränkt! — Gluͤck und Geſundheit mindern unläugbar die Faͤhigkeit, in reiner Uneigen⸗ nuͤtzigkeit fuͤr Andre und nur in ihnen zu leben. Man hat immer noch andre Sorgen, andre Pflich⸗ ten; man darf ſich nie gehen laſſen, man hat immer den Unbeſtand des Gluͤckes und des menſchlichen Herzens zu fuͤrchten, und errothet vor dem Auge der fremden Klugheit, oft vor der Weichheit und — 105 — der Innigkeit des eigenen Herzens — nur am Grabe iſt man frei! dort und nur dort duͤrfen alle Schleier fallen! dort nur darf man ohne Erroͤthen ſagen, wie unendlich man liebt! am Grabe nur darf man ſei⸗ nen Glauben an die Kraft des Herzens in ewig unverminderter Fuͤlle, in nie ermattender Begeiſte⸗ rung lieben zu konnen, ausſprechen! — Ein Glaube, den vielleicht das Leben nicht rechtfertigt, aber wohl der Tod, der uns zu dem Gott fuͤhrt, der ihn in unſer Herz legte und von dem wir unſer Herz er⸗ hielten. — ſn Lioba ſtarb. Vor Millionen ihres Geſchlechts begluckt ſchied ſie hienieden aus dem Himmel unver⸗ hoͤhnter Treue, um in den der gerechtfertigten ein⸗ zugehen. Sanft und ſtill ſchlummerte ſie in Tho⸗ rismunds und Thorildens Armen ein, nachdem ſie ihr Kind, ihre Amala, zu einem Vermächtniß fuͤr edle Liebe und treue Freundſchaft geweiht hatte. Ihrem Wunſche zu Folge ſollte Amala's Erziehung in der Hauptſtadt, in Thorildens Nahe und unter ihrer Aufſicht vollendet werden und dieſe ſtets ge⸗ meinſchaftlich mit Thorismunden, den ſie zum Vor⸗ mund des Kindes ernannt hatte, uͤber ihren Aufent⸗ halt und ihr Schickſal entſcheiden. — 106 — Thorismund wollte nicht an dem Orte weilen, wo Lioba gelebt hatte. Er kaufte ſich in einer ent⸗ legenen Provinz an, blieb aber im Briefwechſel mit Thorilden, die mit faſt ſchwaͤrmeriſcher Verehrung an ihm hing, da ihre ganze Ueberzeugung von Men⸗ ſchenwuͤrde, ihr Glaube an Treue und Liebe auf ihn gegruͤndet war. ib Ihm, ihm allein verdankte ſie ja ihr Wiſſen um dieſe, das ſie begann, als das Kleinod ihres Lebens zu achten. Die Freundſchaft fuͤr Lioba, der Schmerz ihres Verluſtes, der heiligende Ernſt ihres Sterbebettes hatten ihr ihr eignes Leben wuͤrdevoller gemacht. Ach, ſo geliebt zu werden, wie Lioba geliebt worden war, dafuͤr wäre ihr kein Kauf⸗ preis zu hoch erſchienen! Der Graf kraͤnkelte ſeit einem Jahre faſt un⸗ unterbrochen; doch blieb er zufrieden mit dem Leben, zufrieden mit ſich und am allerzufriedenſten mit Thorilden und ihrer liebevollen Pflege, ihrer innigen kindlichen Neigung zu ihm. Ruhig ſchlief er ein, ohne das Beduͤrfniß empfunden zu haben, ſich durch religioͤſe Ideen, durch eine Annaͤherung zu Gott gegen die Schrecken des Todes zu ſtärken. In ihrem ſechs und zwanzigſten Jahre ward — 107 — Thorilde Witwe, und nie hat ein weibliches Weſen in dem Kreiſe einer ausgebreiteten Bekanntſchaft vereinzelter dageſtanden, als ſie jetzt. Schmerzlich empfand ſie dieſe Einſamkeit; und wenn ſie gleich durch die mannigfaltigſte Thätigkeit dies Gefuͤhl der Leere ihres Daſeins zu ergaͤnzen ſtrebte, ſo blieb doch in ihr die Ahnung lebendig, daß in der Sehn⸗ ſucht ihres nie befriedigten Herzens die Fähigkeit zu namenloſem Gluͤck und namenloſem Schmerz in ihr ſchlummere. Fuͤr alles Schoͤne und Herrliche, was ſie im Leben vermißte, wußte ſie jetzt einen Namen, und gegen jeden andern Reiz, jedes andere Intereſſe des Lebens war ſie, wie ſie wohl fuͤhlte, doch eigentlich in innerſter Seele nur gleichguͤltig. Aber ſie war auch uͤberzeugt, daß die Maͤnner, auch die edleren, faſt ohne Ausnahme in ihren Verhaͤltniſſen gegen die Frauen unwuͤrdig erſcheinen, und daß kein ihrer Gewalt preis gegebenes Herz dem Schickſal entgehe, entweiht oder gebrochen zu werden. Je tiefer und zartfuͤhlender ein Weib ſei, je ungluͤcklicher werde es gewiß fruͤher oder ſpäter durch den Mann ſeiner Liebe. Gegen ein ſolches Loos wußte Thorilde kei⸗ nen andern Schutz, als durchaus und entſchieden — 108 — jeden Anſpruch auf Gluͤck der Liebe aufzugeben, und es wuͤrde einem Manne ſchwerlich gelungen ſein, ſich ihr noch herzloſer, noch treuloſer zu zeigen, als ſie vorbereitet war, ihn zu finden. Aber mit der Liebe fehlte ihr auch die wahre Freude an dem Guten, was ſie wollte und that, und ihr Herz war in der Tiefe eben ſo wund, als es auf der Oberflaͤche in ſtolzer Beduͤrfnißloſigkeit feſt und ſtark erſchien. Doch ihr Gemuͤth entwickelte durch dieſe Sehnſucht nach Liebe ſeinen eignen Reich⸗ thum, und reich und voll durchſtroͤmte die innere Fuͤlle deſſelben ihr Weſen und fand Genuͤge in dem uneigennuͤtzigſten Erguſſe des Wohlwollens, mit dem ſie Alle umfaßte. Die Beſſeren und Gebildeteren ihres Zirkels fanden in ihr einen Mittelpunkt, um den ſie ſich ſammelten, und in dieſer ſchoͤnen Ver⸗ einigung gewann ihr geſelliges Leben ſinnvollere Be⸗ deutung und das oft irre Streben einen wuͤrdigen Zweck. Thorilde hatte ſich eine große Klarheit des Blickes gewonnen und dieſe verſchafft uns unfehlbar großen Einfluß auf die Menſchen, mit denen wir leben, da Jeder ihrer bedarf und doch nichts ſeltener iſt als ſie. So bildete ſich der Zirkel ihrer Freundinnen † 1 — — — — 109 — um ſie, ſo trat Likolf und mancher andre wuͤrdige Mann in ihren Kreis, und immer ſtiller, immer ruhiger ward Thorildens Leben, ihr Geiſt immer klarer, ihr Herz reicher, ihr Sinn beſonnener. Was ihrem Leben an Gluͤck fehlte, lernte ſie vergeſſen, indem ſie Seele und Geiſt durch große Ideen und ein hoͤchſt lebendiges Intereſſe fuͤr Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft kraͤftigte; da griff das verhuͤllte Verhaͤngniß unerwartet und fuͤr den erſten Augenblick betaäubend in ihr Schickſal ein, indem es ihr in dem Zeit⸗ raume einer Woche ihr ganzes Vermogen raubte und ihr nicht einmal die Truͤmmern deſſelben zu retten vergoͤnnte. Bis jetzt hatte Thorilde im Leben doch noch immer ihren Willen mehr als ihre Kraft angeregt gefunden; aber in der Schnelligkeit dieſes Schickſal⸗ wechſels offenbarte ſich blitzſtrahlaͤhnlich ihr ganzes voriges Leben, ihre Geſinnung ſeit Jahren und die Frucht derſelben lag gereiſt da. Sie wollte unab⸗ hängig bleiben und ſich das Gefuͤhl erſparen, da, wo ſie ſeit vielen Jahren in vielfacher Hinſicht als die Erſte geglaͤnzt hatte, jetzt Mitleid zu erregen und als der Gegenſtand einer flachen, ſich als Theil⸗ nahme aͤußernden Neugierde dazuſtehen. — 110 — Darum verhehlte ſie den Verluſt ihres Vermoͤ⸗ gens und beſchloß, unter fremdem Namen in den Kreis ſtiller Verborgenheit einzutreten, fuͤr den ſie ſich jetzt vom Schickſal beſtimmt glauben mußte. Bei ihren ausgebreiteten Verbindungen ward es ihr nicht ſchwer, fuͤr ſich ſelbſt eine Stelle als Geſell⸗ ſchafterin auszumitteln, ohne daß die Baronin Schwarzeneck, zu der ſie ging, oder ſonſt irgend jemand zu errathen vermochte, wer die Madame Stern ſei, der ſie durch die dritte Hand dieſen Platz zu verſchaffen gewußt hatte. Nur eine Sorge druͤckte ſchwer ihr Herz; es war die um Amala, welche jetzt, ein lieblich bluͤ⸗ hendes funfzehnjaͤhriges Weſen, die Koſtſchule, in der ſie erzogen war, verlaſſen ſollte, um kuͤnftig bei ihr zu wohnen. Thorildens ganzes Herz hing an dieſem Vermaͤchtniß einer unvergeßlichen Freundin. Sie ſchrieb daruͤber an Thorismund, und ſo ſcharf es auch durch ihre Seele ſchnitt, aus ſeiner Antwort zu erfahren, der Mann, deſſen ganzes Leben ſie dem Andenken ſeiner verlornen Lioba ge⸗ weiht geglaubt hatte, ſtehe im Begriff, ſich zu ver⸗ heirathen, ſo willkommen war ihr doch ſeine Bitte und ſein Wunſch, Amala in ſeinem Hauſe außzu⸗ — 111 — nehmen. Sein Andenken an Lioba war noch ſo wehmuͤthig zärtlich, ſeine Theilnahme an Amala ſprach ſich in ſo ſchoͤner Wahrheit aus und Thoril⸗ dens Achtung fuͤr ihn war in ihr ſo tief begruͤndet, daß ſie mit freudiger Zuverſicht die Sorge fuͤr 66 geliebte Kind in ſein Herz niederlegten Wie ſie aus dem Kreiſe ihres bisherigen ꝛbens ſchied, haben wir im Anfange dieſer Blaͤtter geleſen. Wohl zogen bei dieſem Scheiden viele wehmuͤthige Klaͤnge durch Thorildens Gemuͤth; es blieb ſo viel Erfreuliches, ſo viel Liebes hinter ihr zuruͤck, und ſie war auch zu welterfahren und zu klug, um es nicht zu wiſſen, was der Verluſt ihres Vermogens fur ſie bedeute; aber ihr Herz war geſund, ihr Be⸗ wußtſein rein — ſie hatte ihr Ungluͤck wuͤrdevoll er⸗ tragen und ſchnell und entſchieden das ergriffen und gethan, was ihr als das Edelſte erſchienen war, und unter ſolchen Umſtaͤnden fehlt es Einem nie an Muth und Troſt. Denn war Thorilde freilich auch ſchon acht und zwanzig Jahr, aber doch noch in einigen Punk⸗ ten um Vieles juͤnger, wie dagegen in andern auch wieder älter; ihre Zukunft, wie ſie in ihren bisheri⸗ gen Verhaͤltniſſen ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach — 112 — geſtaltet haͤtte, wußte ſie auswendig; ſie bewahrte ihr nichts, was ſie zu einem großen Intereſſe leben⸗ dig aufzuregen vermocht hätte; dagegen lag aber die Umwandelung ihres Schickſals und die Verhaͤltniſſe, in die ſie trat, mit allem Zauber der Neuheit im Helldunkel eines Räthſels vor ihr, und ihre in der Einfoͤrmigkeit ihres bisherigen Lebens ermattete Phan⸗ taſie entfaltete wieder recht kuͤhn und jugendlich ihre Schwingen. So lange ein großer, unvergänglicher Wunſch unbefriedigt in unſrer Seele ruht, ſo lange befreun⸗ det man ſich auch noch leicht mit jedem Wandel der Verhaͤltniſſe, weil man, allen ſuͤßen Bethoͤrun⸗ gen und Täuſchungen der Hoffnung zugaͤnglich, von der Zukunft erwartet, was die Vergangenheit uns ſchuldig geblieben iſt. Die Erfuͤllung unſerer Wuͤn⸗ ſche iſt nicht immer ein Gluͤck; allein die Fähigkeit, wuͤnſchen zu können, iſt es, wenigſtens in jener Lebenszeit, wo ſich ſo ſuß alle unſere Hoffnungen noch in Einer vereinigen. Der Augenblick der Er⸗ fullung dagegen iſt ja immer der der Zerſtörung un⸗ ſerer Hoffnung, ſtatt deren dann, im Beſitz des gewuͤnſchten Gutes, Furcht und Zweifel uns an die Herrſchaft des Wechſels hienieden mahnen. — — Die Baronin Schwarzeneck wohnte achtzig Mei⸗ len von Thorildens bisherigem Wohnorte entfernt, an der aͤußerſten Grenze einer benachbarten deutſchen Provinz, und Thorilde wußte nichts von ihr, als daß ſie eine reiche, kinderloſe Wittwe von mittleren Jahren ſei, die man ihr als gebildet und geſittet geruͤhmt hatte. So wie ſie ſich aber ihrem Schloſſe näherte, erfuhr ſie in genauerer Umſtaͤndlichkeit manche Einzelnheit ihres Lebens und ihrer Verhält⸗ niſſe, und auch, daß ſie mit den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier ihres Bruders, des Freiherrn von Pappenheim, beſchäftigt ſei, der, kürzlich aus frem⸗ den Kriegsdienſten zuruͤckgekommen, im Begriff ſtehe, ſich mit einer alten häßlichen, aber ſehr reichen Frau, der verwitweten Generalin von Riebe, zu verheirathen. Nun war Thorilden aber in tiefſter Seele nichts verhaßter, als eine ſolche Seelenverkäuferei um ſchns⸗ den Goldes willen. Ein weibliches Weſen, daß ſich ſo verhandeln ließ, oder auch wohl ſelbſt verhandelte, konnte ſie noch bemitleiden und bedauern, wenn es dadurch die fromme Schranke des Lebens zerbricht, die dem unſtäten, leicht beweglichen Sinn ſo ſchön zum ſicheren Maß wird; aber den Mann, der ja, wenn er wirklich Mann iſt, in ſich die Freiheit der — 11 — Geſtaltung ſeines Lebens traͤgt, konnte ſie nur ver⸗ achten, wenn er, der Freie, ſich ſelbſt in ſchmaͤh⸗ licher Erniedrigung zu ſo ſchimpflichem Goͤtzendienſt des Geldes verkauft. Die Liebe und das frohe Vertrauen, mit dem ihr die Menſchen den Namen des Freiherrn von Pappenheim nannten, machten daher auch auf Thorilden keinen guͤnſtigen Eindruck, da die Wahl ſeiner Gattin ſie uͤberzeugte, daß er in Sinn und Geiſt einer gemeinen Alltäglichkeit ange⸗ hoͤren muͤſſe, und ohne ſeine Anweſenheit in dem Bilde ihrer kuͤnftigen Verhältniſſe im Geringſten zu beachten, naͤherte ſie ſich dem Schloſſe, deſſen erſter Anblick einen wunderbaren Eindruck auf ſie machte⸗ Auch in der hochgeſinnteſten Menſchenbruſt regt ſich doch oft ein geheimnißvoller Schauer vor jener dunklen Macht eines Schickſals, uͤber das wir keine Gewalt zu uͤben vermoͤgen, und dem ſo oft unſer Gluͤck, unſer Friede und unſre Tugend zum grau⸗ ſamen Spiel dienen muß. Es gibt Minuten, die wie der Gruß einer verhuͤllten Geiſterwelt vor uns voruͤberziehen, und dann in ihrer Ahnung eines ſtrengen, ernſten Schickſals nicht wieder vergeſſen werden. Eine ſolche Minute war fuͤr Thorilde die des erſten Anblickes dieſes Schloſſes. — 115 — Es lag hoch auf einem Berge in einer Land⸗ ſchaft, deren kuͤhne Wildheit an Verodung grenzte. Der graue Nebel der hereinbrechenden Nacht ſenkte ſich auf die vom letzten Wiederſchein des verglim⸗ menden Abendrothes matt beleuchtete Meeresflaͤchez alpenhoch ragten am fernen Horizonte die Felſen⸗ gipfel empor, auf deren Spitzen, als Thorilde in banger, ſie unwiderſtehlich ergreifender Wehmuth zu ihnen emporblickte, der Mond ſein Silberlicht goß⸗ Sie zerfloß in Thraͤnen, ohne ſich Rechenſchaft ab⸗ legen zu koͤnnen, was ſie eigentlich ſo tief, ſo ſchmerzlich bewege. 7 Der Wagen hielt. Ein Diener nahete ſich, den Schlag zu öffnen und fuͤhrte Thorilde dann durch mehrere Zimmer, in deren letztem die Baronin ſie in mehr hochmuͤthiger als vornehmer Haltung em⸗ pfing; allein Thorildens edelſtolzer Wuchs, ihr ma⸗ jeſtätiſcher Anſtand und das Gepräge eleganter Welt⸗ und Geiſtesbildung in den wenigen Worten, mit denen ſie die Anrede der Baronin beantwortete, machten dieſe verlegen, und gewiß, es war quch ſchwer, Thorilde, trotz der Gefuͤgigkeit, mit der dieſe in einem ihr ſo ungewohnten Verhältniſſe das Schick⸗ liche und Geziemende zu ergreifen wußte, als eine — 116 — Untergebene mit der Nachlaͤſſi — einer Herrſchaft zu behandeln. Zum Gluck war aber dieſer Eindruck von Tho⸗ rildens Erſcheinung im erſten Augenblick ein guͤnſti⸗ ger; die Baronin noͤthigte ſie neben ſich auf das Sopha, der Thee wurde gebracht und das Geſpräch zwiſchen beiden Frauen war ſchon angenehm und gelaͤufig im Gange, als ein junger Mann in Jagd⸗ kleidung quer durch das Zimmer ging. Er neigte ſich, vor Thorilden voruͤbergehend, in der Entfernung nachläſſig gegen ſie, und da er die Baronin nicht anredete, ſah ſie in ihm nur einen Diener des Hauſes und beachtete ſeinen Gruß nur als ſolchen; doch da ſie dabei ihre herrlichen dunklen Augen auf ihn wandte, blieb er wie geblendet ſtehen und zögerte einige Socunden, den Blick auf ſie feſthaltend, ehe er verſchwand. In kleinlicher Angſt, ſich durch eine foͤrmlichere Vorſtellung etwas zu vergeben, ſagte die Baronin, als er die Thuͤre hinter ſich geſchloſſen hatte, fluͤch⸗ tig: mein Bruder, der Baron Pappenheim. Auch trat er ſelbſt gleich wieder in das Zimmer und nahm den beiden Frauer gegenuͤber Platz. Die Unterredung ward belebter, und Theodors Gefallen — 117 — daran wie ſein Antheil ſichtlich. Die heitere, ju⸗ gendliche Treuherzigkeit ſeines Weſens, ſein Frohſinn, ſeine Ehrlichkeit und das ſtreng Rechtliche und Ritterliche ſeines Ehrgefuͤhls als Krieger und als Mann, ſprachen ſich in ſeinem Thun und Reden ſo unverkennbar und in ſo ſchoͤner einfacher Wahrheit aus, daß man dem bluͤhenden Juͤngling ſein Wohl⸗ wollen gar nicht verſagen konnte, und dieſer ange⸗ nehme Eindruck ward bei laͤngerer Bekanntſchaft auch durch ſeine Gewandtheit in allen Reiter- und Fech⸗ terkuͤnſten, ſo wie in jeder andern zierlichen Leibes⸗ uͤbung erhoͤht. Thorildens Verhaͤltniß im Hauſe der Baronin fugte ſich ſchnell in eine beſtimmte Form. Beſon⸗ dere Veranlaſſungen ausgenommen, lebte die Baro⸗ nin ziemlich einſam, da ihr Schloß in einer abgele⸗ genen Berggegend lag. Sie liebte aber Geſelligkeit und ſprach gern und viel; auch fehlte es ihr nicht an Ton und Verſtand, und gerade in der Einſam⸗ keit dieſer erſten Wochen ſtoͤrte ſie nichts in dem Gefallen, das ſie an Thorildens leichter und anmu⸗ thiger Unterhaltungsgabe hatte. Ohne daß dieſe wiſſentlich etwas dazu that, nur durch die ſtille, unwiderſtehliche Gewalt ihrer hoöhern Natur hatte — 118 — die Varonin den hochmuͤthigen Ton abgelegt, den ſie in den erſten Tagen gegen ſie behauptete, und Thorilde wußte auch, ohne ſich ihr je gleich zu ſtellen, die feine Mittellinie der mit großer Sicherheit zu behaupten. nn Der junge Baron dagegen, von dem — Verhaͤltniß ganz abgewendet, behandelte ſie mit einer bei der Einfachheit ſeines Weſens oft uͤberraſchend zarten Ehrfurcht und dabei mit einer ſo unerkuͤn⸗ ſtelten Zutraulichkeit, mit einer ſo ſichtlichen Freude an ihrer Billigung und ihrem Umgange, daß Tho⸗ rilde, trotz ihres fruͤher gefaßten Vorurtheils gegen ihn, ſich dagegen nicht verhaͤrten konnte. Es war auch unmöglich, ihn zu kennen, ohne ihm gut zu ſein. Muthig und kuͤhn wie ein Loͤwe, wo es Ge⸗ fahr und Sieg galt, war er freundlich und milde wie ein Kind im Leben und dabei ſo frohherzig, ſo freigebig, ſo voll Zuverſicht zu dem Rechten und Wahren, daß ein welterfahrneres Gemuͤth oft da⸗ durch geruͤhrt werden mußte. Alle Dienſtboten des Hauſes, alle Leute in dem Dorfe beteten ihn an, wie auch fruͤher bei dem Regimente kein Officier von ſeinen Cameraden ge⸗ liebter geweſen war als er, fuͤr den jeder Soldat Gut und Blut gewagt hätte. Je näher ihn Tho⸗ rilde aber kennen lernte, je unerklaͤrlicher wurde ihr die Wahl ſeiner Braut. Man etwartete dieſe in den letzten Tagen des nächſten Monats, wo dann die wchhit gefeiert werden ſollte⸗ Theodot nannte in den erſten Tagen von Tho⸗ rildens Aufenthalt im Schloſſe den Namen ſeiner Braut nicht vor ihr, doch als ſpäterhin von den Anſtalten zum Empfange der Gäſte geſprochen wurde, beredete er ſich ſo innig vergnuͤgt mit ſeiner Schwe⸗ ſter daruͤber, daß Thorilde an der fruͤher gehorten Sage von dieſer Verbindung irre ward; allein am Abende dieſes Tages ward ſie ihr von der Baronin beſtätigt, die ihr im vertraulich laͤchelnden Tone ſagte: es wird Sie gewiß uͤberraſchen, meine kuͤnf⸗ tige Schwiegerin ſo wenig dem Bilde entſprechend zu finden, das man ſich gemeinhin von der Braut eines huͤbſchen jungen Mannes entwirft. Acht Jahre lter als mein Bruder, war Franzisca, ſelbſt in ihren Bluͤthenjahren, eine der entſchieden häͤßlichſten Perſonen unſers Geſchlechts; auch ihr Geiſt und ihre Talente haben nichts Glänzendes; ihre Unter⸗ haltung iſt duͤrftig und froſtig — indeſſen er hat ſie gewählt; ihr Charakter und ihr Ruf iſt tadelfrei; — 120 — ſie iſt reich, aus einer ſehr alten und vornehmen Familie, und wenn gleich Witwe, doch ohne Kinder. Ich muß daher um ſo eher damit zufrieden ſein, ſie mit meinem Bruder verbunden zu ſehen⸗ da 8. ganz ſeine eigene Wahl iſt. e boc Dieſe Erklärung — auf vhie einen ſehr unangenehmen Eindruck. Dem Sinn Theo⸗ dors ſchien nichts entgegenſtrebender, als irgend eine Berechnung niedrigen Eigennutzes. Sehr einfach in ſeiner Lebensweiſe und in allen ſeinen Wuͤnſchen, war ihm aller Aufwand, alle Pracht läſtig; er hatte nie geſpielt und ſchien das Geld durchaus nur in ſofern zu achten, als er es verſchenken und ſich und Andern zur Ergotzung anwenden konnte. Sein eige⸗ nes Vermögen ſicherte ihm einen ſeinen ſtaatsbuͤrger⸗ lichen Verhältniſſen angemeſſenen Wohlſtand, da er der Beſitzer eines ſchuldenfreien Ritterſitzes war; da⸗ zu war die Baronin reich und kinderlos und er ihr einziger Erbe, was konnte ihn dann zu einer ſo un⸗ ziemlichen Verbindung bewegen? Sie blieb den Abend ſinnend und gegen ihn unwillkuͤrlich in fremderer, abgemeſſenerer Entfernung als gewoͤhnlich. Es war ein Poſttag, und die Ba⸗ ronin erhielt unter den eingelaufenen Briefen auch — 121 — einen, der die Verlobungsanzeige einer entfernten Anverwandtin enthielt, die man in ihrem ſiebzehnten Jahre mit einem reichen Geizhals verkuppelt hatte. Theodor entbrannte bei dieſer Nachricht in recht ſchö⸗ nem Zorn, und ſein ſtrenger Unwille, das Heiligſte und Hochſte im Leben zu ſo erniedrigender Knecht⸗ ſchaft verhunzt zu ſehen, flammte ſo hoch auf, und er erklaͤrte ſich daruͤber mit bundiger Kuͤrze in ſo ener⸗ giſcher Deutlichkeit, daß Thorilde recht freundlich die Augen auf ihn wandte, und ſich im Gefuͤhl eines geheimen Unrechts gegen ihn ſtill durch dieſen Blick verſoͤhnte, wohl fuͤhlend, ſein eignes Buͤndniß könne vielleicht jugendliche Unbeſonnenheit und Verblen⸗ dung, aber gewiß keine Unwuͤrdigkeit geſchloſſen haben. So blieb es auch, und da er in ihrer Gegen⸗ wart unwillkuͤrlich nie von ſeiner Braut unaufge⸗ fordert ſprach, mied ſie es in Zartheit des Sinnes, das Geſpräch darauf zu lenken, bis er ihr ei⸗ nes Morgens recht freudevoll entgegentrat, und ihr, den Morgengruß vergeſſend, mit zutraulicher Ge⸗ ſchwätzigkeit erzählte, ſeine Braut werde ſchon heute kommen, acht Tage fruͤher, als er ſie erwartet habe, und er reite ihr gleich entgegen. „Sie iſt gar Tarnow's Schriften. V. 6 — 122 — nicht huͤbſch, liebe Madame Stern,“ fuhr er fort, „aber gewiß, ſie wird Sie recht lieb haben, und Sie dieſelbe auch, wenn Sie ſie nur erſt kennen.“ Mit freunblicher Theilnahme blickte Thorilde auf ihn, auf deſſen jugendlich ſchöͤnem Geſicht der Schimmer freudiger Ruͤhrung ſo anmuthig wie ein mailicher Sonnenſtrahl lag, und von ſeiner eignen Treuherzigkeit treuherzig gewonnen, fragte ſie ihn: „Iſt ſie denn gut?“ — „O,“ ſagte er, die Haͤnde zuſammenſchlagend, „ſo gut, ſo freundlich wie ein Engel; wie koͤnnte ich ſie denn auch ſonſt ſo un⸗ ausſprechlich lieb haben!“ Recht tief und innig be⸗ wegt von dieſen Worten, die ihr da, wo ſie mit ſo entſchiedenem Mißbehagen Unwuͤrdigkeit geahnet hatte, einen Himmel der Treue und der Wahrheit oͤffne⸗ ten, reichte ſie ihm die Hand, und verhieß ihm Friede und Segen und Alles, was ihn zu begluͤ⸗ cken und zu erfteuen vermoge, fuͤr dieſe Verbindung. Er verſtand die ſchöne fremde Frau nicht in ihrer Bewegung; aber er fuͤhlte ihr Wohlmeinen, und das that ihm unbeſchreiblich wohl; denn in einer von ihm ſelbſt begriffenen Innigkeit ahnete er ihre hoͤhere Natur, und wandte ſich ihr in all den dunk⸗ len, bis jetzt noch nicht erſchloſſenen Regungen ſeines — 123 — edlen Gemuͤthes zu. Thorilde ſah ihm freundlich nach, als er ſich flugartig auf ſein wild brauſendes und ſteigendes Pferd ſchwang, und es mit ſicherer Leichtigkeit zuͤgelnd, durch das Burgthor ſprengte, und eilte dann in froher Geſchaͤftigkeit, die Anſtalten zum Empfange der Generalin vollends zu ordnen. Doch wurde ſie am Abend von der Erſcheinung der Braut ſonderbar ergriffen, als dieſe, eine kleine ge⸗ kruͤmmte, bis zur aͤußerſten Magerkeit zuſammenge⸗ dorrte Geſtalt, matronenartig, kränklich, veraltet und bleich am Arme des bluͤhenden Juͤnglings in das Zimmer trat. Dieſer Eindruck verlor ſich indeſſen in Bezie⸗ hung auf die Perſoͤnlichkeit der Generalin ſehr ſchnell, da ſich dieſe nach den Bewillkommungsreden der Ba⸗ ronin mit einnehmender Freundlichkeit zu Thorilden wandte, und ſie, fragend ihren Namen nennend, achtungsvoll begruͤßte. Es zog dieſe zu ihr hin, und ohne daß ſie es ſelbſt wußte, erhielt ihr Be⸗ tragen gegen ſie einen Ausdruck von Herzlichkeit und Hochachtung, der ihr Franzisca's Neigung gewann, und dieſe, ſich in dem Zuſammenſein der naͤchſten Tage ſchnell ausbildend, fuͤhrte beide Frauen in wech⸗ ſelndem, liebevollem Vertrauen einander näher. Die 6* — 1 — Generalin war nur von einer Tante begleitet, die, eine Jugendfreundin der Baronin, dieſe in der durch die gemeinſchaftlichen Erinnerungen ihrer Vergangen⸗ heit belebten unterhallung oft in An⸗ ſpruch nahm. Franzisca und ihre Schwigerin kannten ſi „ nur oberflaͤchlich, da ſie ſich bis jetzt nur zufallig in großeren Zirkeln einige Mal getroffen hatten, und das ſchweigſame, ſich vor jedem lauten Klange der Außenwelt verſchließende Gemuͤth der Erſteren konnte ſich mit dem herrſchſuchtigen, keck und hochmuͤthig abſprechenden Geiſte der Letztern nicht befreundenz deſto inniger zog ſie Thorilde an, deren reicher Geiſt in ſeiner lichten Klarheit die Eigenthuͤmlichkeit An⸗ derer eben ſo ſchnell aufzufaſſen, als ſich dieſer wohl⸗ thuend anzuſchmiegen wußte. Man fuͤhlte, zwiſchen ihr und der Baronin ſtehend, daß Thorildens Geiſt die Klarheit des Lichtes, wie der Geiſt der Baronin die Klarheit des Blitzes hatte, und ihre Bildung ſich in der Gemuthlichkeit ihres Friedens, und der Wuͤrde ihres Willens zu der Bildung der Baronin verhielt, wie dieſe milde Fruͤhlingswelt gegen das wilde Chaos. Die uͤberläͤſtige Beſchwerlichkeit, die es gemein⸗ — 125 — hin mit ſich fuͤhrt, in dem Zuſammenſein zweier Liebenden die Rolle der dritten Perſon zu uͤberneh⸗ men, fiel hier fuͤr Thorilde bei der Eigenthuͤmlichkeit des Verhaͤltniſſes zwiſchen der Generalin und Theo⸗ dorn weg. Es war, als ob die heitere Jugendluſt des Letztern nicht in der Herrlichkeit des Liebesgluͤckes neben dieſer bleichen Geſtalt aufflammen duͤrfe, und dies Mißverhaͤltniß warf einen Schleier ſanfter Weh⸗ muth uͤber ihre Liebe. Franzisca ſchien wie ein ab⸗ geſchiedener Geiſt nur noch in der liebevollen Erin⸗ nerung an eine verſunkene Vergangenheit zu leben, und ſich mit wehmuͤthiger Freude die Liebe des jun⸗ gen Mannes als ein Gluͤck zu Gute kommen zu laſſen, deſſen Genuß ſich eigentlich nicht mehr fuͤr ſie ſchicke. Sie hoͤrte ihm ſtill und lächelnd zu, wenn er mit ihr von ſeinen Empfindungen, oder auch von ſeinen Lebensplanen ſprach; aber ſie mußte ſich im⸗ mer erſt aus ſich ſelbſt herausreißen, um in die er⸗ ſtern eingehen und Theilnahme an den letztern zei⸗ gen zu koͤnnen. Theodor war im Umgange mit ihr heiter, beredt und zärtlich; allein Thorildens Gegen⸗ wart war auch ihm immer erwuͤnſcht, da ſie der — 126 — Unterhaltung ein Leben gab, das er ungern vermißte, und das dem Zweigeſpraͤch mit Franzisca fehlte. Dieſe war gebildet und kenntnißvoll; abet ihr Geiſt hatte faſt immer in der Tiefe ſtiller Selbſt⸗ anſchauung geweilt, und der Außenwelt entftemdet, war ihr Sinn dadurch füͤr eine Welt geoffnet wor⸗ den, deren Bilder Theodor vorzufüͤhren, ihr die Gabe fehlte. Sie fuͤhlte ſich daher von Thorilden mehr verſtanden, und neigte ſich ihr im Vertrauen zu, da ſie die Erſte war, deren liebender Blick die Tiefe ihres Gefuͤhls und ihres Werthes ergruͤndete⸗ Die Außenwelt in ihren heiterſten Erſcheinungen, mit allen Freuden der Geſelligkeit und der ritterlichen Ju⸗ gendluſt Theobors an Pferden, Hunden, Waffen und dem verbruͤderten Zuſammenleben ſeiner kriegeriſchen Laufbahn, war Thorilden aber auch ſo befeeundet, daß ſie nicht blos mit gefälliger, ſondern frei ſich ſelbſt erzeugender Theilnahme ſeinen Erzählungen zu⸗ horte, und in ſeine Anſichten und Ideen einging. Da ſie nun dabei ohne alle eigenſuͤchtige An⸗ ſpruͤche, in ganz uneigennuͤtziger Liebe und Wohl⸗ wollen zwiſchen Beiden ſtand, und als ein freund⸗ lich vermittelndes Band Theodors Jugend mit Fran⸗ zisca's klöſterlicher Abgewandtheit von irdiſcher Luſt — 127 — verknupfte, ward ſie Beiden von Tage zu Tage un⸗ entbehrlicher, und erfuhr nun auch die Geſchichte ih⸗ res von ihr noch immer als Räthſel ſhe Verhaͤltniſſes. Franzisca war Theodors ſe Liete, und nie hatte er ein anderes Weib geliebt, als ſie allein⸗ In ſeinem neunzehnten Jahre lernte er die damals ſechsundzwanzigjaͤhrige Franzisca kennen, die, ein ar⸗ mes Fräulein, in kuͤmmerlicher Beſchränktheit bei einer Tante lebte, in deren Hauſe Theodor einige Zimmer bewohnte. So raſch und munter er auch war, hatte doch die ſtille, einfache Herzlichkeit ihrer Lebensweiſe einen eignen Reiz fur ihn, und ſo wie die Reinheit des Juͤnglings bei ſo friſcher Lebensluſt ihm das Wohlwollen beider Frauen gewann, ſo entwi⸗ ckelte ſich auch ſchnell ſein Sinn fuͤr Sanieſs Werth und ihre hoͤhere Geiſtesbildung. Sie ward ſeine Bildnerin, ſeine Vertraute, ſein Schutzgeiſt. Fruͤh zur Waiſe geworden, und unter Fremden als ein Fremdling aufgewachſen und erzo⸗ gen, hing er ſich mit unbeſchreiblicher Liebe an ſie, und alle heiligen Erſtlingsgefuhle des Herzens wand⸗ ten ſich ihr in feiernder Huldigung zu. Doch ver⸗ ſtanden ſich Beide noch nicht in ihren Gefuͤhlen fuͤr — 128 — einander, als der Zufall den General Riebe, einen alten Freund von Franzisca's verſtorbenem Vater, nach dem Orte ihres Aufenthaltes führte. Dieſer ſuchte ſie auf; Franzisca's ſtilles, beſcheidenes und vernuͤnftiges Weſen gefiel ihm; er warb um ihre Hand, und im freudigen Dank gegen die Vorſe⸗ hung, die ihr, der Huͤlfloſen, eine ſolche Verſorgung zufuͤhre, gab ſie ihm ihr Jawort. Die Nachricht dieſer Verlobung fachte wie ein Blitzſtrahl in Theodors Herzen die ganze bis jetzt ſchlummernde Leidenſchaftlichkeit ſeines Empfindungs⸗ vermögens an. Solche ſanfte, ruhige Charaktere, wie der ſeinige, entbrennen oft in ſchnellem Wechſel zur hochſten Leidenſchaft, und ihre Stille ſcheint dann nur die ahnende Vorbereitung der Natur zu ſolchem Ausbruch ihrer geheimen Kraft geweſen zu ſein. Mit allem Ungeſtüm der Liebe und der Ju⸗ gend warf er ſich zu Franzisca's Fuͤßen, und be⸗ kannte ihr mit heißen Thränen, daß er ſie liebe, und ihren Verluſt nicht zu ertragen vermoge. Der Eindruck dieſes Geſtändniſſes auf Fran⸗ zisca war tief und unvergaͤnglich. Reizlos wie ſie war, hatte ſie ſich in ihren fruheren Jugendjahren allenthalben vernachläſſigt und zuruͤckgeſetzt gefuhlt, — 129 — und nur nach manchem ſchweren Kampfe, mancher vor Gott einſam und bitterlich durchweinten Stunde war es ihr gelungen, ihr warmes, tieffuhlendes Herz an das Loos einer truͤben Verläugnung von Liebes⸗ gluͤck und an die Freudenloſigkeit eines ſolchen Da⸗ ſeins zu gewöhnen. Und nun am Rande ihrer Ju⸗ gend, und ſchon, wie ſie geglaubt hatte, von allen ihren Freuden und Hoffnungen, von aller Wonne der Wehmuth, aller Seligkeit der namenloſen, heili⸗ gen Sehnſucht des unentweihten Mädchenherzens unwiederbringlich geſchieden, ward ihr das hoͤchſte, das ſußeſte Lebensgluck, ſie war geliebt! Jede Bedenklichkeit ſchwieg, jede Schranke fiel, ſie lag an Theodors Herzen, und war nun gluͤcklich. Franzisca war nie jung geweſen; aber mit der Liebe erbluͤhte auch ſie wie die Welt und das Leben um ſie her in aller Jugendanmuth der Freude, und dieſe Verklärung des armen Daſeins in ſolchem Zauber⸗ glanz war fuͤr ſie ein um ſo beſeligenderes Gefuͤhl, da es ihr ſo ganz unerwartet, ſo uͤberraſchend, wie eine Himmelsgabe, zu Theil ward. Franzisca's ge⸗ gebenes Wort ſtand indeſſen trennend zwiſchen den beiden Liebenden; Beide waren zu rechtlich, Beide in zu ſtrengem Ehrgefuhl vereint, als daß ſie daran — 130 — hätten denken mogen, eine ſolche Klippe zu um⸗ gehen. Sie ward die Gattin des Generals, und ſah Theodor nicht wieder. Doch blieben ſie durch Briefe vereint, und mit einer unſerer Zeit, und mehr noch ſeinem Geſchlecht unglaublich ſcheinenden Treue hielt Theodor das Bild der Geliebten feſt. Wie ſuß ihn auch anderer Reiz, und bald freche, bald erlaubte Luſt lockte, es kam keine Stunde, vor der er hatte erröthen duͤrfen, ſie unter den Augen ſeiner geliebten Schutzheiligen gelebt zu haben. Anders geſtaltete ſich in Franzisca's Herzen die Erinnerung des einen gluͤhenden Lebenspunktes, zu dem ihr ſein Bild ward. Ihre Ehe blieb kinderlos, ihre Lebensweiſe einſam, und ſo mehr und mehr von allen Außendingen abgewandt, draͤngte ſich ihr Leben in dem Gefuͤhl der Liebe fuͤr ihn, der Sorge um ihn zuſammen. Vom ſengenden Strahle des Lebens fruͤh ermattet, ſchied ſie von der Hoffnung, die das Band zwiſchen der Gegenwart und der Zukunft iſt, und lebte nur noch in den Schattengefilden der Ver⸗ gangenheit; doch auch dieſe vermochte ihr Herz nicht mehr mit dem Sonnenlicht der Freude, ſondern nur — 131 — mit der ſtillen Wehmuth des Mondlichtes zu be⸗ leuchten. Es iſt auch Naturen, wie der ihrigen, eigen, daß ſie ſich nie von einem gewiſſen Ungeſchick zum Leben befreien konnen, welches ihnen alle Verhalt⸗ niſſe deſſelben ſchwer und dunkel macht. Sie konnte indeſſen nie aufhoren, ſich als Theodors Eigenthum zu fuͤhlen, und als er nach dem Tode ihres Man⸗ nes zu ihr eilte, und von Neuem um ſie warb, ſiegte die Liebe uͤber alle Bedenklichkeiten, und ver⸗ einigte mit der Heiligkeit des Geluͤbdes zwei ſo ver⸗ ſchiedene Naturen, und zwei ſo entgegengeſetzte Le⸗ ben zu Einem. Beide fuͤhlten ſich in dieſer Ver⸗ bindung gluͤcklich; der truͤbe Nebel, von dem Fran⸗ zisca befangen war, wurde von manchem Strahle ſeiner Freudigkeit und ſeiner Liebeswonne durchblitzt, ſo unlieblich ſie auch mit einer oft zur Beſchaͤmung werdenden Verſchaͤmtheit alles Jugendliche ihres Ver⸗ haͤltniſſes in matronenartigem Ernſte von ſich wies. Theodor dagegen verwechſelte das Gluͤck, den Einen Wunſch, dem er alle Sehnſucht ſeines Her⸗ zens viele Jahre lang zugewandt hatte, erreicht zu haben, mit dem Gluͤcke des Beſitzes. Die ſeltene Reinheit ſeines Herzens und ſeiner Sinne bewahr⸗ — 132 — ten ihn davor, in dem Verhältniſſe zu ſeiner Braut etwas zu vermiſſen und zu entdecken, daß Herz und Sinne darin mehr belebt und beſeelt, mehr angeregt als befriedigt wurden. Thorilde ſtand als der freund⸗ liche Schutzgeiſt ihrer Liebe und ihres Gluͤckes zwi⸗ ſchen Beiden, und ſo wie ſie Franzisca in voller Anerkennung ihres Werthes wahrhaft liebte, ſo wurde auch ihr freundliches Wohlwollen, ihre Theilnahme an Theodor tiefer. Vom Anfange ihrer Bekannt⸗ ſchaft an hatte ſie ſeiner treuen Seele, ſeiner ein⸗ fachen, kräftigen Herzlichkeit Gerechtigkeit widerfahren laſſen; aber ihre hohere Geiſtesbildung und die Zart⸗ heit ihres Gefuͤhls ließen ſie in ihm doch nur einen unbedeutenden, auf gut Gluͤck in die Welt hinein lebenden Menſchen erblicken; jetzt aber, wo ſie ihn naͤher kennen gelernt hatte, fuͤhlte ſie, was es be⸗ deute, im vollſten Sinne des Wortes ein guter Menſch zu ſein. Die Einfachheit ſeiner Sitten, ſein ſtreng mo⸗ raliſcher Sinn, ſein Gefallen an haͤuslichen Freuden, ſeine gänzliche Unkenntniß der Gluͤcksjägerei, die ſie in der Welt als die ſchleichende Moͤrderin des Be⸗ ſten im Menſchen hatte kennen lernen, gewannen ihm unbedingt ihre Achtung, und von dem Unge⸗ — — woͤhnlichen ſeiner Liebe zu Franzisca beſtochen, faßte ſie nun Vieles, was er blos im gutmuͤthigen In⸗ ſtincte that, in einer idealiſchen Beleuchtung auf, die ihn ihr noch werther machte. Jetzt naͤherte ſich der Hochzeittag, und Fran⸗ zisca, in immer ſtaͤrker werdendem Gefuͤhle der Schwierigkeit, ſich wieder in freundliche, thätige Ver⸗ haltniſſe des Lebens einzufuͤgen, ward, da ſie ſich ſelbſt in dieſer Bangigkeit nicht verſtand, ſo verſtört und truͤbe, daß ſie ohne Thorildens Zuſpruch viel⸗ leicht erlegen wäre. An ihrem Herzen weinte ſie ihre Thraͤnen, und in der liebevollen Klarheit ihres Weſens gelang es auch dieſer, Franzisca auf den Standpunkt zu fuͤhren, von dem ſie ihre Verhält⸗ niſſe und ihre Zukunft uͤberſchauen mußte, und ihr Herz mit der Freudigkeit der Hoffnung, der Zuver⸗ ſicht der Liebe zu erfuͤllen, indem ſie den Glauben, begluͤcken zu koͤnnen, in ihr weckte, und ihr dieſen zum Buͤrgen der Faͤhigkeit dazu darſtellte. Nach der Sitte jener Gegend erhielten alle Hausgenoſſen von dem Brautpaare Geſchenke, und da Thorildens Verhaͤltniſſe ſie dieſen zugeſellte, wurden ſie auch fuͤr ſie beſtimmt, und von Theo⸗ dor, fuͤr ſeine Perſon, ſonderbar gewaͤhlt. Seit — 134 — vielen Jahren bewahrte man in der Familie einen mit alterthuͤmlicher Gediegenheit zierlich gearbeiteten Goldring, dem in buntem Farbenwechſel edle Steine eingefuͤgt waren, und der, zum Trauring beſtimmt, ſtets ein lebenslaͤngliches Eigenthum der Frau des Aelteſten der Familie war. Theodor hatte ihn, dieſer alten Sitte zu Folge, auch fuͤr Franzisca zum Hochzeitgeſchenk beſtimmt, und da ſich manche geheimnißvolle Sage an den Ring knuͤpfte, war er ſchon einige Mal vorgezeigt, und uͤber ihn geredet worden. Thorilde hatte eine große Vorliebe fuͤr ſolche Gedenkzeichen vergangener Zeiten und Geſchlechter; ſie fand den Ring uͤber⸗ dies ſehr ſchoͤn und kuͤnſtlich gearbeitet, und Theo⸗ dor, der bis jetzt gar nicht die Gelegenheit hatte, ſich ihr gefallig erzeigen zu können, wußte nun, wo die Sitte ſie verpflichtete, ein Andenken von ihm an⸗ zunehmen, nichts Angenehmeres fur ſie zu erſinnen, als einen aͤhnlichen Ring, und es war ihm gelun⸗ . gen, denſelben ſo täuſchend aͤhnlich verfertigen zu laſſen, daß nur ſein durch die öftere Betrachtung des Familienkleinods geſchaͤrfter Blick Beide an einem kleinen faſt unſichtbaren Zeichen zu unterſcheiden ver⸗ mochte. — — 135 — Er war, als er am Morgen des ernſten, fuͤr ſein kuͤnftiges Leben ſo bedeutenden Tages Thoril⸗ den den Ring uͤberreichte, tief bewegt; es war, als zöge eine ſtrafende Ahnung der Bedeutung dieſer Gabe durch ſeinen Sinn, als faſſe die Strafe des Frevels, das von ſeinen Ahnen zum Unterpfande unverbruͤchlicher Ehetreue geheimnißvoll geweihte Pfand in taͤuſchender Nachbildung einer Fremden verehrt zu haben, nach ſeinem bisher ſo reinem Her⸗ zen. Thorilde empfing den Ring in voller Unbe⸗ fangenheit; auch ward die Gabe von Allen gebilligt, und nur die Baronin, die in Franzisca's und Theo⸗ dors Freundſchaft fuͤr Thorilde eine Verletzung des Anſtandes conventioneller Verhältniſſe ſah, warf ei⸗ nen ſcharfen, mißbilligenden Seitenblick auf den Bruder, den aber dieſer nicht beachtete. Die raͤthſelhafte Verkettung der Begebenheiten, die wir Zufall nennen, gab aber an dieſem Tage Thorildens Ringe noch eine ernſtere Wichtigkeit. Franzisca ſollte das Urbild, von dem er eine Nach⸗ ahmung war, bei der Trauung aus Theodors Hand empfangen; doch als dieſer jetzt, da die Weihe der⸗ ſelben beginnen ſollte, darnach ſuchte, war er verlegt, und es ihm unmoͤglich, ihn in der Unruhe des Au⸗ genblicks wieder zu finden. Er fuͤrchtete den Tadel ſeiner Schweſter, das Aufſehen und Aufheben, das dieſe Entdeckung herbeifuͤhren wuͤrde, und bat Tho⸗ rilde heimlich, ihr den Unfall vertrauend, ihm ihren Ring zu leihen. Sie wollte ihn abziehen; aber der Ring hatte ſich dem Finger ſo angefuͤgt, daß ihr Beſtreben fruchtlos blieb, und ſie Theodor die Hand reichen mußte, ihn ſelbſt abzuſtreifen. Was ihn in dieſem Augenblick ſo bewegte, hat er ſich ſelbſt wohl nie zu erklaͤren vermocht; aber ſeine Thraͤnen fielen heiß auf Thorildens Hand und auf den ihr entzogenen Ring, den er an ſeine Lip⸗ pen druͤckte. Er neigte ſich tief vor ihr, und wandte ſich dann ſchweigend nach dem Saale, wo die ver⸗ ſammelte Geſellſchaft ſeiner harrte. Thorilde folgte ihm, und eine raͤthſelhafte Bebung durchfuhr auch ſie, als ſie bei der Trauung ihren Ring in ſeiner Hand ſah, und ſein dunkler, ausdrucksvoller Blick in dem Augenblick, wo der Prediger ihn zum Zei⸗ chen des nun fuͤr ewig geſchloſſenen Bundes an Franzisca's Hand einſegnete, auf ſie traf. Menſchenauge, Menſchenblick, wer vermag die Tiefe eurer Herrlichkeit, die Gewalt eurer Bedeu⸗ tung zu ergruͤnden! Alle jene hohen, geheimnißvol⸗ — — 137 — len Räthſel des Herzens und des Daſeins, der Ver⸗ gangenheit und der Zukunft, die das Wort nicht zu erforſchen, nicht zu löſen vermag, vermoͤgt ihr zu deuten. Mit welchem unbeſchreiblichen Entzuͤcken, mit welchen Ahnungen der Göoͤttlichkeit durchflammt ihr oft Menſchenherzen, und welcher Abgrund na⸗ menloſen Schreckens durchzittert auch oft vor euch alle Nerven! Zu Hoͤherem geweiht, heilige Prophe⸗ ten geiſtiger Menſchenwuͤrde, ſeid ihr auch als kör⸗ perliches Organ vor den Organen der andern Sinne geadelt, welche der Erde naͤher angehoͤrend als ihr, von ihr auch ihre Freuden entlehnen muͤſſen, da euch hingegen Licht und Luft, dieſe geiſtigſten aller Koͤr⸗ perſtoffe, zum erfteulichen Elemente angewieſen ſind. Erſt nach einigen Tagen fand ſich der echte Ring wieder, und da Theodor in dunkler Scheu nicht gern die Verwechſelung kund geben wollte, bat er Thorilde, ſie zu verſchweigen, und da Keiner den Tauſch zu bemerken vermoge, den wiedergefun⸗ denen fuͤr den ihrigen anzunehmen. An Werth und Geſtalt ſich beide ganz aͤhnlich, ahnete Thorilde in der Gewährung dieſes Wunſches nichts Verfaͤng⸗ liches, und Theodor fand ein ſtilles Genuͤge in dem Gedanken, den Ring, der der Sage nach, zwiſchen — 138 — dem Geber und der Empfaͤngerin ein aus geheim⸗ nißvollen Kraͤften der Natur geſchlungenes, und nur durch den Tod zu loͤſendes Band knuͤpfe, an Tho⸗ rildens Hand zu ſehen, die ihm ſo edel und ſo hoch erſchien, daß er nur durch eine ſolche geheimnißvolle Vermittelung die Gleichheit der Freundſchaft — ihnen begruͤnden zu konnen glaubte. Der Ring hatte noch als Kind ſchon eine Stele in ſeinen Träumen und Spielen eingenom⸗ men, und der Begriff und der Verſtand in ihm den uns Allen angebornen Hang zum Wunderbaren nie ganz ertödtet; er wähnte fruͤher wirklich in demſelben einen Talisman zu beſitzen, der ihm die Treue und das Herz der Geliebten zu verbuͤrgen vermoͤge, und gern haͤtte er ihn damals ſcheidend in Franzisca's Hand zuruͤckgelaſſen; doch die durch Verjährung ge⸗ heiligte Sitte ſeines Hauſes verband ihn, den Ring bis zum Hochzeittage zu bewahren, und ihn nur erſt an dieſem zu verſchenken. In reiferen Jahren belaͤchelte er friſch dieſen fruͤhern Wahn; wie Manches belaͤcheln wir aber in dieſer Art, was doch, feſt in unſer Herz gehäkelt, ſich tief und vielſeitig in die Geſtaltung unſeres Le⸗ bens verflicht! Bei Franzisca glaubte er der Kraft — 139 — des Ringes nicht zu bedurfen; er hielt ſich von der bewährten und gepruͤften Treue ihres Herzens um ſo verſicherter, da in ihm nicht die Moglichkeit des Begriffes war, ihr je untreu werden zu könnenz aber lächelnd dachte er heimlich daran, daß die Ver⸗ tauſchung des Ringes ihm die Gelegenheit ſichere, die Kraft deſſelben zu pruͤfen, die er als bewaͤhrt achten muͤſſe, wenn Thorilde ſeine Freundin S und „— als ſolche lieb gewinne. Der Sommer verſtrich ſchnell und — in einem Gewuͤhl von Gäſten, die theils von der Baronin, theils von Theodor eingeladen, es in einer ununterbrochenen Reihe von Ergötzlichkeiten ſelten zu der Traulichkeit eines häͤuslich angenehmen Lebens kom⸗ men ließen. Erſt im September verließen Theodor und ſeine Gattin das Schloß der Baronin, die es mit ihnen verabredete, einen Theil des Winters in der Stadt zuzubringen, die von Beiden zu ihrem Winteraufenthalt gewählt worden war. Die Ge⸗ wißheit dieſes Wiederſehens half Franzisca uͤber die Bitterkeit ihres Abſchiedes von Thorilde hinweg. Beide Frauen hatten ſich ſehr lieb gewonnen, und auch das Verhaͤltniß zwiſchen Franzisca und — war eben ſo freundlich als zart. Es begann ſogar ein heiteres Vertrauen zwi⸗ ſchen ihnen zu erbluͤhen, und wenn gleich Franzis⸗ ca's Betragen noch immer mehr dem einer aͤltern Schweſter, als dem eines innig liebenden Weibes glich, ſo fuͤgte ſich doch Theodor mit ſo viel Zaͤrt⸗ lichkeit, ſo viel treuherziger Ergebenheit in den ge⸗ liebten Willen, daß es fuͤrwahr ein recht anmuthi⸗ ges Schauſpiel war, ſie ſo mit einander verbunden zu ſehen. Thorildens Theilnahme daran war um ſo freudiger, da Beide es wohl fuͤhlten und aner⸗ kannten, was ſie ihr zu verdanken hatten, und ſo grell ſie im Anfange das Entgegenſtehende in Bei⸗ der Sinn und Gemuͤth empfunden, und die Furcht genaͤhrt hatte, ihr Friede werde das Opfer einer, dem Scheine nach, ſo unnatuͤrlichen Verbindung wer⸗ den, ſo war ihr doch jetzt, als gehörten ſie zu einan⸗ der, und die Natur ſelbſt habe ſie ſo verbunden. In der Stille, die nun in ihrem Leben ſulgte und die Baronin und Thorilde in Hinſicht auf ge⸗ ſellige Mittheilung faſt ganz auf einander beſchraͤnkte, 3 ward es dieſer vollends zur klaren Anſchauung, wie wenig achtungswerth dieſe Frau war, und welche Bitterkeit damit verbunden ſei, von ihr abhaͤngig —— — ——— — —— — 141 — und ihrer Herzloſigkeit unterwuͤrfig zu leben. Hoch⸗ muth, Neid und eine wirklich grauſame Selbſtſucht waren die Hauptzuge ihres Charakters. Sie liebte nichts auf der Welt, als ſich ſelbſt, und dieſem ar⸗ men Ich wußte ſie durchaus keinen andern Genuß zu verſchaffen, als den einer ſo jaͤmmerlichen, ſo hochmuͤthigen Eitelkeit, daß ihr jedes fremde Ver⸗ dienſt, jede fremde Trefflichkeit zur Marter wurde. Dabei hatte ſie zur Verdoppelung dieſer Qual ſo viel Verſtand, daß ſie einſah, ſie duͤrfe, ohne ſich der allgemeinen Mißbilligung auszuſetzen, dieſe innere Stimmung nicht verrathen, und ihr Leben war daher eine unaufhoͤrliche Anſtrengung, anders zu ſcheinen, als ſie war, und das Gegentheil von dem zu ſagen und zu thun, was ſie dachte und em⸗ pfand. Der Beifall, den Thorilde in der Geſell⸗ ſchaft fand, und den ſie der allgemeinen Anerken⸗ nung ihrer Bildung und ihrer Liebenswuͤrdigkeit ver⸗ dankte, war ihr ein Dorn im Herzen. Sie hätte es gar gern geſehen, daß man ihre Geſellſchafterin vor andern Frauenzimmern dieſes Standes ausge⸗ zeichnet hätte, ſobald dies um ihretwillen geſchehen, und Thorilde durch ihr Verhältniß zu ihr gehoben, ſo in der Geſellſchaft aufgenommen worden wäre. — 142 — Daß ſie aber das, was ſie galt, ſo unverkennbar nur durch ſich ſelbſt galt, ja, daß ſie trotz allem Strau⸗ ben ihres Hochmuthes es ſich doch im ſtillen Grimm eingeſtehen mußte, Thorilde ſei ohne alle Anſtrengung, ihrer Natur nach, wirklich Alles das, was ſie ſcheinen zu wollen, ſich im Lehen ſo jäm⸗ merlich abarbeiten — konnte n ihr vollends nicht vergeben. Auch verletzte ſie Franzisca's greuntſchaft für Thorilde. Sie glaubte dieſe als ein Recht in An⸗ ſpruch nehmen zu koͤnnen, und nun zog ſie ihr die Fremde, die beſoldete Geſellſchafterin vor, und dieſer Vorzug konnte ſich nur durch die ausgezeichneten Vorzuge Thorildens an Geiſt und Herz begrunden und rechtfertigen. Dies Verhältniß aber, und eine Achtung, die Keiner, der mit Thorilden umging, ihr verſagen konnte, zwängten den Ausbruch ihres Unwillens gegen ſie zuruͤck, und nur die kalte Ent⸗ fremdung, in der ſie ſich von ihr hielt, , die — feindſelige Bitterkeit. Es konnte nicht fehlen, daß dieſe ihrer Gemuͤther ſich in ſolchem Verhaltniß und bei ſo ununterbrochenem Beiſammenſein oft auf eine fur Thorilde kraͤnkende Weiſe verrieth; allein ihre Seele —— 5 — — hatte durch den auffallenden Wechſel ihrer Gluͤcks⸗ umſtaͤnde die edle Kräftigung des Ernſtes und des ungluͤckes erhalten. Sie war uͤber alle die kleinen katzenartigen Neckereien der Baronin ſo erhaben, daß es dieſe nicht in ihrer Macht hatte, ſie dadurch zu ärgern, und ohne ſich in ihrer perſönlichen, rein menſchlichen Wuͤrde etwas zu vergeben, wußte ſie doch die Form ihres Verhaͤltniſſes in anſtändiger, äußerer Ehrerbietung ſo ſicher zu behaupten, daß die Baronin ſich dadurch oft geſchmeichelt, und 5 ſie allein waren, verſoͤhnt fuhlte. Manche Entbehrung traf ſie dagegen ſhnn und wenn ſie gleich bei dem innern Reichthume ih⸗ rer Ideen und Gefuhle es tragen konnte, ſich bei Mittheilung derſelben im Umgange mit der Baronin auf die alltäglichen Huͤlfsquellen der Unterhaltung zu beſchraͤnken, ſo dachte ſie doch nie ohne ſchmerzliche Wehmuth an den Wirkungskreis zuruͤck, den die reine Guͤte ihres Herzens ihr als Graͤfin Adlerſtein geſchaffen hatte, und deſſen Freuden ihr die jetzige Beſchränktheit ihrer Lage verſagte. Auch hatte ſie die Kraft, leiden, viel leiden zu können;z aber nicht jene, den Schmerz ſtumm und ohne Klage zu ertra⸗ gen, und doch ſtand ſie ällein. — — Alle Erſcheinungen ihres vorigen Lebens waren verſunken, alle Bande der Liebe und des Vertrauens wie durch einen Zauber aufgeloſet, und ihre Ver⸗ gangenheit von der Gegenwart durch eine Kluft ge⸗ ſchieden, tief, wie es ein Grab zwiſchen zwei Wel⸗ ten immer iſt. Ganz vereinzelt ſtand ſie, ſo gewalt⸗ ſam und ſchleunig aus den gewohnten Verhaͤltniſſen herausgeriſſen, da, und was konnte ihr ein Daſein gelten, das nicht von Liebe und Wohlwollen beſeelt wurde? — Nur Franzisca und Theodor befteundeten ſie mit ihren jetzigen Verhaͤltniſſen, und es war für Thorilde tief empfundene Wohlthat, ſich durch ihre Liebe und Achtung wohlthuend geſtärkt und erquickt zu fuͤhlen. Es war aber, als ob die Baronin ihnen die Freuden des Wiederſehens mißgönne; denn erſt ſpät im December, und erſt nach oft wiederholten, dringen⸗ den Einladungen ihrer Geſchwiſter trat ſie die Reiſe zu ihnen an. Die Herzlichkeit, mit der Thorilde empfangen wurde, that ihr unausſprechlich wohl; ſie war bis zu Thraͤnen durch das Gluck geruͤhrt, ſich wieder von gegen ſie liebevoll geſinnten Menſchen umgeben zu wiſſen, denen ſie in ihrer Theilnahme mehr galt, als fuͤr eine Art von nothwendigem —,ů ůÜů—— — 145 — Hausrath; denn nur als ſolchen betrachtete die Ba⸗ ronin ſie im Grunde, wenn ſie gleich Lebensart ge⸗ nug hatte, es verbergen zu wollen und vor den Leu⸗ ten in ihrem Betragen den Schein einer; ihrem Sinne widerſprechenden Humanität anzunehmen. Thorilde hatte den beiden Gatten wirklich ge⸗ fehlt; Franzisca hatte Hoffnung, Mutter zu werden, und ſo begluͤckend ſie und Theodor auch die Heilig⸗ keit dieſer Hoffnung empfanden, ſo verleidete ihr doch in dieſem Zuſtande ihre Kraͤnklichkeit alle groͤßern geſelligen Zuſammenkuͤnfte, die Theodor liebte, wenn er ihnen gleich willig entſagte, um ſeiner Gattin in ihrer Einſamkeit Geſellſchaft zu leiſten. Jetzt konnte ihn Thorilde abloͤſen; er wußte ſeine Frau bei dieſer ſo gut aufgehoben, er geſtand es ſo redlich, dieſe wiſſe Franzisca beſſer aufzuheitern, beſſer zu unter⸗ halten als er, daß er nicht dankbar, nicht herzlich genug ſein zu konnen glaubte, als dieſe nun endlich da war. 25 Franzisca's Herzen war ſie noch willkommener; von jeher einſam und vereinzelt, war Thorilde das erſte weibliche Weſen, dem ſich hinzugeben ſie den Reiz und das Vertrauen empfunden hatte; ſie liebte Theodor recht herzlich, ſie fuͤhlte ſich als ſeine Gattin Tarnow's Schriften. V. 7 — 16 — recht glucklich; aber ihr fehlte durchaus die Gabe, ihrem Umgange jenes geiſtige Intereſſe zu geben, das allein die Langeweile und den Ueberdruß der Einfoͤrmigkeit aus dem haͤuslichen Leben zu bannen vermag; eine Kunſt, die Thorilden, ohne daß ſie vom Beſitz und der Ausuͤbung derſelben Rechen⸗ ſchaft zu geben vermocht haͤtte, ſo eigenthuͤmlich eigen war, daß Jeder im Umgange mit ihr ſich leben⸗ diger angeregt und zu geiſtiger Mittheilung, oder auch zur ee an dem —— — — noail vodan02 4 8 Auch gewann das — Leben im vnhen — Hauſe durch ihre Anweſenheit bald eine beſeltete Geſtalt. Die Baronin liebte große Geſell⸗ ſchaften und brachte faſt alle Abende außer dem Hauſe zu; dagegen ſammelte ſich um Franzisca und Thorilde bald ein kleiner, aber anmuthiger Kreis befreundeter Geſtalten, deren Ziehpunkt freilich nur die Letztere war. Theodor war Anfangs der ſtete Begleiter ſeiner Schweſter, doch ſchon nach einigen Wochen kehtte er aus dem Geraͤuſche zu dieſen ſtiuern unterhaltungen zuruck, und bald fand er in ihnen einen Reiz, der es zum Opfer machte, wenn er ſich ihnen entzog, um ſeine Schweſter zu beglei⸗ — 147 — ten. Dieſes Widerſtreben, ſich von ihnen zu ent⸗ fernen, wirkte auf beide Frauen in der Art zuruͤck, daß ſie ihn öfterer begleiteten, als es ſonſt, ihrer NReigung nach, geſchehen ſein wuͤrde, und da Tho⸗ rilde gewiſſermaßen Gaſt in ſeinem Hauſe war; ſo berechtigte ihn dies, es ſich auch in Geſellſchaften vorzuͤglich angelegen ſein zu laſſen, fuͤr ihre Unter⸗ haltung zu ſorgen. jn In ihren vorigen Vechältniſen hatte xhribe in jeder geſelligen Auszeichnung nur einen ihrem Range und ihrem Standpunkte in der Geſellſchaft zukommenden Tribut geſehen; jetzt konnte ſie ſie aber nur als die Wirkung einer ihrer Perſoͤnlichkeit allein angehoͤrenden Achtung und eines reinen und wahren Wohlwollens annehmen, und ihr Herz erkannte und vergalt das mit warmem Dank. Die Achtung, mit der Theodor ſie auszeichnete, war unverkennbar. In jeder Geſellſchaft war ſie ihm die Erſte und ſtets die Liebſte; er mochte mit keiner andern Dame ſpie⸗ len, ſprechen, als mit ihr; jedes ihrer Worte war ihm ein Ausſpruch, von dem keine Appellation mohr Statt fand; ihr erzaͤhlte er Alles, was ihm begeg⸗ nete, was ihn irrte, was ihn freuete, und dabei trafen ſie in der Sorge fuͤr Franzisca und der Be⸗ 2 * — 148 — ſchaͤftigung um ſie bei ſo mannigfaltigen Anlaſſen zuſammen, daß Jeder von ihnen das fremde Herz in dieſem Zuſammentreſſen immer hoͤher ſchaͤtzen lernte. Sie beurtheilte ſeine Freundſchaft fuͤr ſie nür nach dem Maßſtabe ihrer eigenen reinen Werth⸗ ſchätzung, mit der ſie in ihm den Gatten der Freun⸗ din und den durchaus redlichen und zuverlaͤſſigen Menſchen ſchatzte, und war weit davon entfernt, irgend etwas Verfängliches darin zu ahnen. Doch ihm ſelbſt ſandte jetzt der Himmel den Blitz einer Warnung) der ſo treffend, ſo unerwartet hell durch ſein Herz fuhr, daß er ſeiner Gefahr wohl hätte inne werden können, wenn nicht eben die Blindheit der entſtehenden Leidenſchaft ihre groͤßte Gefahr wäre. Eines Abends, als man ſich in Franzisca's Zimmer geſellig um den Theetiſch verſammelt hatte, wurde es von Mehreren bemerkt, daß Thorilde gegen ihre Gewohnheit ſchweigſam da ſaß und, die Arme in einander geſchlagen, mit ihren hellen Blicken eine Traumwelt anmuthiger Bilder zu betrachten ſchien, die ihr unſichtbar voruͤberzogen. Befragt und geneckt geſtand ſie, vor Ankunft der Geſellſchaft in einem Buche geleſen zu haben, deſſen Bilder ihr noch den Sinn befangen hielten; . ——— — 149 — es war eine Sammlung altnordiſcher Sagen, und ſie erzaͤhlte daraus den verſammelten Freunden die Geſchichte jener ſchoͤnen Königstochter, deren Zimmer ihr Vater von drei reißenden Thieren bewachen ließ, damit dieſe Einſamkeit es verhuͤte, daß ihre Schoͤn⸗ heit nicht verderblichen Streit entzuͤnde, da nur der Sieger der drei gewaltigen Ungeheuer ſich ihres An⸗ blicks zu erfteuen haben ſollte. Viele Ritter kamen in dieſem Kampfe um, bis es endlich dem tapfer⸗ ſten und ſchönſten von ihnen gelang, als Sieger vor die Königstochter zu treten, deren Herz ſich dem Helden ergab. Als ihre ſtolze Mutter aber die Liebe der Tochter als weibiſche Schwäche ſchmähete, entbrannte der hohe Sinn derſelben und ſie verſchwor es, je einem Manne anzugehören, und begab ſich, von ihren Jungfrauen begleitet, auf eine hohe Burg am Meere, wo ſie ſich mit ihnen in allen Fechter⸗ knſten uͤbte, bis ſie, ihrer mächtig, mit ihnen ein Schiff beſtieg und bald als Seekönigin in allen da⸗ mals befahrenen Meeren, als unuͤberwindliche Sie⸗ gerin beruͤhmt und gefurchtet war. Kein Mann konnte ſie im Kampfe beſtehen; da ruͤſtete der Koͤnig von Thule, an deſſen Hofe jener Ritter nach der Entfernung der ſchönen Königstochter lebte, ein Ge⸗ — 150 — ſchwaber aus zum Kampfe gegen ſie und ernannte ihn zum Anfuͤhrer. Bald trafen Beider Schiffe auf einander, zwei Tage dauerte der Kampf, von Mor⸗ gen bis zum Abend ununterbrochen; da ſchlug der Ritter der Seekoͤnigin einen Zweikampf zur Ent⸗ ſcheidung uͤber Sieg und Niederlage vor, den ſie annahm und heldenmäßig beſtand, bis ihr Schwert⸗ hieb den Helm des Gegners ſpaltete und ſie ſein Auge und die wohlbekannten „ nie vergeſſenen Zuͤge wieder ſah — da verließ ſi ſie ihre Unbeſieglichkeit und er gewann den Sieg und mit die Pee zum Gemahl. — „Es liegt fuͤr mich,“ ſngte S als ſi ſ ch das Geſpräch an dem Faden ihrer Erzählung fortſpann, „ein ganz eigner wehmuͤthiger Reiz in dieſen nordi⸗ ſchen Erinnerungen einer hinter Jahrtauſenden ver⸗ ſunkenen Heldenzeit. Vollendeter ſtrahlt uns freilich aus den Werken der Griechen das Leben und die Natur der lichten Klarheit eines unumwoͤlkten Som⸗ mertages entgegen; der Nordlaͤnder aber blickt in der Feierlichkeit einer ſternerhellten Nacht ſtets auf das hoͤchſte Leben und den Grund aller Dinge zu⸗ ruͤck, und, in dieſem ſich verſenkend, erhalten alle ſeine dichteriſchen Gebilde einen Wiederſchein der ihn — 151 — umgebenden Natu und der Richtung ſeines Ge⸗ muͤths auf das Goͤttliche, als den K quell alles Daſeins.“ „Mich wenigſtens weht: aus wuſn 3 Dichtungen, ſo kunſtlos ſie auch das Heilige ge⸗ meinhin nur in natuͤrlicher Herzensregung anſprechen, ein ſo heiliger Geiſt tiefen, herzbewegenden Ernſtes an, daß ich mich mit ihnen näher und inniger zu befreunden vermag, als mit all den heitern und rei⸗ chern Schopfungen ſuͤdlicherer Voͤlker. Mir iſt, als löſe ſich vor ihnen in meiner innerſten Seele das geheimnißvolle Siegel, das uns die eigentliche Be⸗ deutung der Natur und des Lebens verhuͤllet; als eroffne ſich vor ihren Anklängen und tiefen Ahnun⸗ gen in meinem Gemuͤthe eine Welt, die unſerm dunkeln; unverſtandenen Sehnen ein ver⸗ mißtes Glück zuruͤckzugeben vermoͤge.“ Thorilde hielt hier ein, weil ſie ieng fuͤhlte und dem Tone ihrer Stimme nicht trauete. Einer der Anweſenden, Baron Wulf, nahm das Wort und fragte ſie, ob ſie den Zauberring, dieſen herrlich bluͤhenden Kranz mannigfaltiger und doch mit echtem Kunſtſinn zu Einem Dichtungen, geleſen habe? — 152 — „Nein,“ antwortete ſie, „doch iſt mir der Name des Verfaſſers, ſo wie mehrere ſeiner Werke nicht unbekannt, und ich geſtehe Ihnen, daß mich der unverkennbare Zuſammenhang, in welchem ſeine Dichtungen ſo ſichtbar mit dem Heldenherzen des Dichters ſelbſt ſtehen, oft in herrlicher Freude daran begeiſtert und erhoben hat. Es flammt in allen ſeinen Gedichten eine ſolche Urſprunglichkeit reiner Kriegsluſt und ritterlichen Ehrgefuhls, daß ich ihnen in dieſem Charakter von Innerlichkeit kein anderes Dichterwerk an die Seite zu ſetzen wuͤßte und, wenn gleich Frau, es doch ehrend empfinde, wie ſich in ihnen die waffenfrohe Thatenluſt des muthbeſeelten Kriegers in Sang und Klang verwandelt hat. Wir Alle halten wohl an der Hoffnung, daß die Zeit erſcheinen wird, wo unſer Vaterland ſolche Soͤhne zu ſeiner Vertheidigung auftuft und dem Manne, der die reine Heldengroͤße ſeines Sigurds mit ſo wahrem Leben zu beſeelen vermochte, kann auch dann der Ruf nicht fehlen, die Scharen, die er begeiſterte, zum Kampfe zu fuͤhren.“ W „Wie freuet es mich, Madame Stern, bei Ihnen dieſe Anerkennung der Eigenthuͤmlichkeit eines Dichters zu finden, der mir in ſeiner deutſchen Volks⸗ — 153 — thuͤmlichkeit vor allen Andern werth iſt. Sie muͤſſen es mir erlauben, Ihnen morgen den Zauberring bringen und mit Ihnen leſen zu duͤrfen, da nichts die Freude an einem Kunſtwerke, meinem Gefuͤhl nach, ſchoͤner hebt, als wenn man ſie mit Jemand von gleicher Empfaͤnglichkeit dafuͤr theilt.“ „So laſſen Sie es ſich denn gefallen, Baron,“ ſagte Franzisca lächelnd, „daß wir Alle dieſe Freude mit Ihnen theilen und es uns morgen Abend ge⸗ meinſchaftlich vorleſen. Sie ſollen aber auch noch verbunden ſein, uns vorlaufig näher mit einem Werke bekannt zu machen, deſſen Eigenthuͤmlichkeit vielleicht etwas Fremdartiges fuͤr uns haben duͤrfte, wenn wir nicht, ſchon einigermaßen mit ihr verkraut, zu ihrer Anſchauung gelangen.“ „Von ſolcher Art iſt die Eigenthuͤmlichkeit des Dichters und des Dichterwerkes nicht,“ entgegnete erz „allein ein mir heute mitgetheiltes Blatt, das einer meiner Freunde nach Leſung des Zauberringes nie⸗ derſchrieb, macht es mir möglich, Ihren Wunſch zu erfuͤllen, wenn Sie mir vergoöͤnnen wollen, es vorzuleſen.“ Man bewilligte dies gern und er begann „Die Religion der Liebe und des Todes, di⸗ Chriſtus dem entarteten und ermatteten Geſchlecht der Menſchen brachte, als es das Leben nicht mehr unſchuldig zu genießen vermochte, ſteht in der Ge⸗ ſchichte als eine vom Himmel ſelbſt gezogene Schei⸗ dewand zwiſchen der alten und der neuen Welt. Verläugnung hienieden, Sehnſucht nach oben ward dem bangen Menſchengeſchlechte als Rettung gezeigt; doch wenn auch das gläubige Gemuͤth die Heiligkeit des Sinnes, die Hoheit der Idee, die in dem Evangelium Jeſu lag, zu ahnen vermochte, ſo wurde ſie doch vom Geiſte noch nicht begriffen.“ „Das Prieſterthum trat hier vermittelnd zwi⸗ ſchen die Gottheit und die Menſchen, und unter ſeinem Einfluſſe fing das Leben von Neuem an in Glanz zu ſtehen. Das anfäͤnglich rein Gewollte und wuͤrdig Geuͤbte ging aber bald in Hierarchie uͤber, die, von dem urſprunglichen hohen Berufe abgewichen, das Göttliche fur irdiſche Zwecke zu be⸗ nutzen ſtrebte, und banger denn je verzagte die ge⸗ druͤckte Menſchheit. Da erſchloß ſich im Ritterthum die lebenvollſte Bluͤthe der Minne und des Helden⸗ ſinnes, und gab Europa neue Schönheit und herr⸗ lichen Schimmer.“ „Die ganze geiſtige Herrlichkeit, zu der das 1* — 155 — Evangelium die Menſchheit einſt füͤhren wird, lag im Ritterthum wie in einer Knospe eingeſchloſſen; aber die Welt war noch nicht reif dafuͤr. Das Ritterthum ging unter und die Reformation begann. Vielleicht vergehen noch Jahrhunderte, ehe wir die deutungsſchweren Hieroglyphen ihrer Erſcheinung rich⸗ tig zu deuten vermoͤgen. Die friſche Begeiſterung, mit der ein fruͤheres Geſchlecht das Chriſtenthum umfaßte, erſtarb; der Geiſt, der kalt trennende, be⸗ gann ſein Spiel, und erſt jetzt, nach drei Jahr⸗ hunderten, fangen wir an die Frechheit zu begreifen, mit der er ſich in ſeinem eitlen Wahn an dem Hei⸗ ligſten und Hochſten vergriffen hat.“ „Was zu groß und zu erhaben war, um n ſein enges Maß zu paſſen, wurde als Traum und Aberglaube verlacht. Fuͤr den reichen himmliſchen Glauben gab er uns die kalte, arme Moral, die keine unendliche Begeiſterung, keine zum Himmel hebende Kraft der Liebe und des Vertrauens zu wecken und zu geben vermag, und ſo dem lebenden Geſchlecht Alles raubte, wodurch das Leben der Vä⸗ ter herrlich und kuͤhn geweſen war.“ „Die Folgen dieſes Unglaubens ſind wie ein verheerender Brand vor den Augen der Jebtlebenden — 156 — aufgegangen. Wir haben es ja Alle geſehen und ſehen es noch, in welcher Mattigkeit und Selbſt⸗ ſuͤchtelei, in welcher kraftloſen Reizbarkeit und nie⸗ driger Leidenſchaftlichkeit des ſinnlichen Begehrungs⸗ vermoͤgens der groͤßere Theil der Jetztlebenden gelebt hat und zum Theil noch lebt. Viele ſelbſt, von denen man wohl zu erwarten berechtigt ſchien, daß ſie Kraft zeigen wuͤrden, ſich und ihre Zeit zu tra⸗ gen, ſind an dieſer zu Grunde gegangen.“ „Sie mußten verſinken, wie reich ſie auch an Geiſt, Kenntniſſen und Talenten ſein mochten, weil ihnen jener himmliſche Anhauch von innerer Lebens⸗ und Liebeskraft fehlte, der unſer Gemuͤth aus allem Irrthum einer augenblicklichen Verzagtheit an ſich und Andern, immer wieder in kräftiger Jugend friſch⸗ bluͤhend hervorhebt. Sobald der Menſch jenen ſtil⸗ len maͤchtigen Zug ſeines Gemuͤths in ſich nieder⸗ kaͤmpft, der ſein innigſtes Grefuͤhl, ſein reichſtes Wollen, ſeine edelſte Kraft auf Gott zuruͤckfuhrt, ſo iſt auch nichts mehr in ihm, was ihn vor jenem Verſinken zu bewahren vermag.“ „Wir koͤnnen uns aber auch nicht mehr gegen die Nichtigkeit eines ſolchen Daſeins verblinden; es muß und wird immer allgemeiner in dieſer Zeit der ₰ ——— — ————— — — 157 — Unterdrückung und des ungluͤcks gefuhlt werden, daß der Augenblick da iſt, in dem das Herz wieder in heiliger Liede und unbedingtem Vertrauen, in Ge⸗ — und in Frieden ſich zu Gott wenden muß.“ „Jener Glaube, der keines andern Buͤrgen be⸗ darf, als ſeines eigenen Daſeins im Menſchenherzen, er, der unter Edens Bluͤthenbaͤumen zu unſern Vor⸗ eltern als ein ſuͤß lächelnder Traum kam, und zu dem gebildeten und gereiften Geſchlecht als die hei⸗ ligſte Anſchauung der höchſten Wahrheit tritt, wird wieder unter uns erwachen. Am Horizonte unſrer langen Nacht beginnt ſchon der Lichtſchimmer ſeiner Aurora zu tagen, und wie jede große Weltepoche, hat auch dieſe ihre Seher und Propheten, die ja von jeher eins waren mit dem Dichter.“ „Leider kennen viele unter uns die Dichtkunſt nur in ihren leichten Spielen, und wiſſen nicht um ihren hohen Beruf, dem Herzen Muth, dem Geiſte Klarheit zu geben. Wer aber das Leben und den Menſchen mit Ernſt und Liebe zu betrachten ver⸗ mag; weſſen Gemuͤth ihn treibt, im Wechſel des Vergaͤnglichen das Allgemeine und Ewige zu ſuchen⸗ dem wird auch in der Poeſie der Geiſt des Heilig⸗ — 158 — ſten und Hochſten ſich offenbaren, der ſie zu ſeiner anmuthigſten und edelſten Verkuͤnderin wählte.“ „In dieſer Glorie ſteht der wahre Dichter als Verkuͤndiger des Heiligen unter uns da. Gottes⸗ gabe iſt des Liedes edle Kunſt, die ihm gegeben ward, und nur dem Etnſt des Göttlichen ſollen und muͤſſen die Weiheſtunden ſeines höheren Lebens geweiht bleiben. Der edle, deutſche Dichter, Fried⸗ rich la Motte Fouqué, gehort zu den vaterländiſchen Sängern, die die Wuͤrde dieſes — tief erkennen und hoch ehren.“ „Auch aus der neueſten Schopfung ſeines Ge⸗ nius, dem Zauberringe, ſpricht uns unter der Ver⸗ huͤllung des Mährchens der Geiſt wahrer Froͤmmig⸗ keit in einer ſo lautern Einfalt an, daß ſich unſer Gemuͤth, tief ergriffen vom Gehalt ſo herzlicher Worte, nach jenen Höhen wendet, wo Alles wohnt, was den Menſchen zu troͤſten und zu erheben vermag.“ „Ueber den Werth von Fouqus's Sigurd iſt unter uns nur eine Stimme geweſen, und Richter's und Schlegels ſchöne Worte über den herrlichen Nordenheld wurden in ihrer Liebe und Wahrheie von den Beſten unſers Volkes nachempfunden. Alle die Kraft und Milde, alle die Heldenmuͤthigkeit und ————— — 159 — Frommigkeit, und jener wunderbare Daämmerſchein des Zaubers und der Romantik, die uns im Sigurd ſo unwiderſtehlich ergreifen, beſeelen auch den Zau⸗ berring. Die Ritterzeit mit ihren hohen, kuͤhnen Bildern tritt hier in feſter und ſicherer Geſtaltung vor uns, und die alte fromme Zeit des Glaubens und der Wunder geht uns hier in einer Jugend, Einfalt und Naturkraft auf, der wohl kein Herz zu widerſtehen vermag, das noch durch Glauben und Poeſie erwärmt und gekräͤftigt werden kann.“ „Die Dichtkunſt iſt ja auch nicht allein eine Seherin und Prophetin der Zukunft, ſondern auch zugleich die einſichtsvollſte Erklärung der Vergangen⸗ heit. Die Geſchichte der Jahrtauſende der Vor⸗ welt liegt wie ein dunkler Ocean hinter uns, wogend von Geſtalten, deren Menge und Formloſigkeit den Blick bethoͤrt und blendet. Nur wenig Einzelnes iſt beleuchtet, und dem Geiſt des Forſchers wird es un⸗ moͤglich, das Große von dem Kleinen, das Dunkle von dem Hellen, Schein von Wahrheit zu ſcheiden⸗ Da tritt die Dichtkunſt zu ihm und vor der gott⸗ geweihten Seherin, ordnet ſich die Maſſe formloſer Nebelbilder zu einer zuſammenhangenden unendlichen Thatenreihe. In dieſem Sinne gewährt uns auch — 160 — der Zauberring eine Anſchauung der Ritterzeit, die alle Bilder, die wir davon in der Phantaſie und im Gedaͤchtniß bewahrten, wunderlieblich erhellt und zu einem lebendigen Ganzen zuſammenordnet.“ „Es iſt nicht der Zweck dieſer Zeilen, den Zau⸗ berring kritiſch zu beleuchten; ſie ſind nur der Erguß einer reinen Freude an dem lieben Buche, die ſich durch Mittheilung derſelben aͤußern will und andere zur Theilnahme daran aufzufordern den Trieb fuͤhlt. Die kunſtvolle Zuſammenſetung des Ganzen, die edte Einfalt der Rede und der Liebesbund von Kraft und Milde in der reichen Dichtung, kann daher hier nur ehrend erwähnt, aber von ſo ungeuͤbter Feder nicht wuͤrdigend dargeſtellt werden. Nur in ſofern, als Gemuͤth und Sinn, ohne alle kunſtrichterliche Anmaßung, ſich an dem Werke zu erftenen vermo⸗ gen, ſtehe hier die Bemerkung, daß die Eigenthuͤm⸗ lichkeit jedes Volkes, in der Raturnothwendigkeit ſeines Bodens und Klima's, wohl nicht leicht in reicherer Mannigfaltigkeit und hoͤherer Gerechtigkeit aufgefaßt worden ſind, als in dieſer Dichtung, die uns durch alle Länder unſers Erdtheils fuhrt.“ „Das Herz von Europa, unſer herrliches, an Treue und Biederkeit doch noch immer einziges — 161 — Deutſchland iſt auch hier zum Mittelpunkt des Gan⸗ zen gewählt. Aus ihm hinaus fuͤhrt uns die Dich⸗ tung zum ſchoͤnen Frankenland und zwar in die ſuͤd⸗ lichen Provinzen deſſelben; wo wir fröhliche und feine Sitten, zierliche Spiele und Feſte, ein heiteres Leben voll Sang und Klang, Menſchen voll Luſt und Muth ſehen. Von da gehen wir zu den Späniern uͤber, wo uns in Don Hetnandez der hohe Ritter⸗ ſinn, ſo wie in dem edlen Emir Nureddin die ge⸗ waltige Gemuͤthsherrlichkeit dieſes Volkes entzundet.“ Ihnen gegenuͤber ſtehen die Italiener Vinci⸗ guerra und Tebaldo. In ihrer gewaltigen Reizbar⸗ keit und Empfaͤnglichkeit leuchtet uns das Feuer des Suͤdens entgegen; aber es iſt nicht die ruhige, ſich ſtill in ſich ſelbſt naͤhrende Gluth, wie bei dern Spanier, wo ein dunkler Ernſt die Flamme bedeckt⸗ Und welche Abſtufungen, welche gehaltvolle Andeu⸗ tungen liegen in dem Uebergange von den Stell⸗ vertretern dieſer beiden Voͤlker zu den Mauren, dis uns den Grimm und den Glanz eines noch bren⸗ nenderen Klima's darſtellen und uns an die Schoͤn⸗ des buntgefleckten Tigers erinnern!“ „Dieſer Gluth⸗ und Glanzpracht des Sibenz en finden wir uns mit dem Seekoͤnig Arin⸗ — 162 — bioͤrn und dem wackern Ritter Otto von Trautwan⸗ gen hoch nach Norden hinauf verſetzt. Welch ein ganz anderes Bild des Lebens und der Natur tritt hier vor uns, ſobald wird Nordlands dunkle Waͤlder begruͤßen! Die Natur ruht hier in ernſter Stillez aber das Leben bleibt herrlich im Geh und feſten Muthes.“ n6 „Mit der Nacht ziehen hier ihre ungiſcheh Traum⸗ und Geiſterwelten herauf, und der alte Wunderklang der Sage und des Geheimniſſes nimmt hier, vereint mit der Magie verborgener Naturkraͤfte und duͤſterer Geiſtergebilde, den Sinn gefangen! Welch ein gewaltiges Leben der Helden in Kraft und Tapferkeit ſehen wir hier! Welche Luſt des Krieges, welche Wonne des Peldenthums, ohne alle Spur von Sucht nach Raub und Beſitz!“ o6 n2 Und nun als Bindungsglied des ſonnenſtrah⸗ lenden Suͤdens und des wie der Orion hellfunkeln⸗ den Nordens, der edle deutſche Degen, Ritter Otto von Trautwangen, der Held des Dichters, der uns in ihm ein hell ſtrahlendes Ehrenbild aller Ritter⸗ lichkeit aufſtellte. Wie reich mußte der Dichter ſelbſt ſein, um Otto's Geſtalt mit ſo wunderbar eigen⸗ thuͤmlichem Leben ausſtatten zu können! Der Cha⸗ — 163 — rakter Otto's iſt in ſeiner Freimuͤthigkeit und Ritter⸗ lichkeit, in ſeinem Frauendienſt und ſeiner heroiſchen Tapferkeit ein Mythus echter Deutſchheit, den das bewegte Herz hoffentlich bald in gerechtem Stolz und nicht mehr, wie jetzt, in truͤber Wehmuth zu deuten berechtigt ſein wird.“ „Viel zu reich iſt dieſe Dichtung, um jede ihrer Schoͤnheiten einzeln erwaͤhnen zu koͤnnen; doch ſei es vergönnt, noch einen Augenblick bei der Reihe anmuthiger Frauenbilder zu verweilen, die uns hier voruͤbergehen. Gabriele, Blancheflour und Bertha, welche Sterne am Himmel der Schoͤnheit und Weib⸗ lichkeit, und welch einen wohlthuenden Blick auf die deutſche Volksthuͤmlichkeit des Dichters gewährt es uns, daß er neben einer Gabriele, dieſem Wunder alles Liebreizes, doch ſeiner Bertha den Kranz reicht! Man wird dadurch lebhaft an das Wort einer geiſt⸗ und gemuͤthvollen deutſchen Frau erinnert: „Unſre Weiblichkeit und unſre Kindlichkeit ſind zwei herrliche Eigenthuͤmlichkeiten unſter Natur, die nur ein Deut⸗ ſcher zu ſchätzen weiß, und fuͤr die kein einen Namen hat.“ 20 52 „Je mehr die tiefe und niche Sehnun n Fouqus's Dichtungen verſtanden und empfunden wirb, — 164 — ie theurer wird er ſeinem Volke als einer ſeiner eigen⸗ thuͤmlichſten, edelſten und herrlichſten Dichter werden, und durch die Verehrung der Nachwelt den Kranz unvergaͤnglich bluͤhend erhalten, mit dem die Liebe und die Achtung der Mitwelt ihn ſchmuͤckt.“ Bei allen Anweſenden war, nach der Vorleſung bieſes Blattes, die Luſt geſteigert, ſich gemeinſchaft⸗ lich an dem Buche zu erfreuen; man verabredete es, am folgenden Abende wieder zuſammen zu kommen, und Thorilde uͤbernahm, auf Aller Bitten, das Amt der Vorleſerin. Sie fuͤhlte ſich gleich beim Beginn der Geſchichte mit dem Geiſte der Dichtung ſo ver⸗ traut, daß ſie den richtigen Ton zum Vortrage der⸗ ſelben, in der edlen Einfalt, die er erfordert, augen⸗ blicklich traf, und Alle mit immer ſteigender Luſt und Freudigkeit die Geſtalten vor ſich auftreten und die Dichtung ſich entfalten ſahen. Ihr oft gelobtes Talent zum Vorleſen grundete ſich auf ihre eigene hochſt lebendige Anſchauung beſſen, was ſie las, und auf die daraus entſprin⸗ 3 gende und den Zuhoͤrer oft tief ergreifende Wahrheit des Gefuͤhls und der Leidenſchaft, die aus ihrer Stimme wiederklang. Der Ausdruck ihres Geſichts und ihre wundervollen dunklen Augen, dieſe klaren — 165 — Spiegel einer unergrundlichen Tiefe, begleiteten dabei und beſeelten wie eine geiſtige Muſik ihre Worte. Theodor hatte ſich ihr gegenuͤbergeſetzt; er war eigent⸗ lich kein Freund von ſolchen Zeitvertreiben, da ihm, wenn gleich nicht der Sinn fuͤr Poeſie und die Em⸗ pfünglichkeit für Ideen, doch jener Grad von Bil⸗ dung fehlte, der erfordert wird, um ſich bei einer Vorleſung eben ſo unzerſtreut und geſammelt zu er⸗ halten, als wenn man ſtill vor ſich hin lieſet. In Thorildens Stimme lag aber für ihn ein Zauber, der ihn dann, ihr gegenuber, Stunden lang in regungsloſer Unbeweglichkeit zu feſſeln vermochte. Oft verſank er, ohne zu hoͤren, was ſie las, in dem Wohllaut ihrer Töne, die dann in der geheim⸗ nißvollen Wortloſigkeit der Muſik, bei innerer ſeelen⸗ voller Bedeutung, ſeine Sinne umſpielten und ſein Herz in geſtaltloſe Traͤume wiegten. An dieſem Abende erſchien ſie ihm nun ganz beſonders anmu⸗ chig, und er vermochte das Auge nicht von ihr zu wenden. Bald fuͤhlte er ſich aber auch von dem Intereſſe der Erzählung ſelbſt lebhaft ergriffen, und die zur Anſchauung des Gemaͤldes werdende Leben⸗ digkeit der Darſtellung des Kampfes zwiſchen Folko und Archimbald machte einen ſolchen Eindruck auf 2 . — ihn, daß ihn nie ein Buch, nie ein Schauſpiel ſo angezogen hatte, wie von dieſem ——— an der — der Geſchichte. fmm Thorilde freute ſich ſeines antheis; und ee vuae trafen oft in heller Freundlichkeit uͤber das Buch hin auf ihn. Als ſie aber jetzt, nach Endi⸗ gung der Geſchichte des Meſſer Donatello und der Dame Porzia, aufblickte und auch auf ihren Zuͤgen jener Ernſt, jener Fernſinn alles Böſen lag, mit dem Otto ſein chriſtliches, ſtreng ritterliches Urtheil daruͤber ausſpricht, ſah ſie Theodor erbleichen und in unwillkuͤrlicher Bewegung mit der Hand nach ſeinem Herzen fahren, als treffe ihn dort unerwar⸗ tet ein ſchmerzender Pfeil. Erſchrocken unterbrach ſie ſich ſelbſt und fragte, was ihm fehle? Alle bemerkten jetzt ſeine Blaͤſſe; doch er ver⸗ ſicherte, ſie ſei nur Folge eines augenblicklichen, wahrſcheinlich durch die Naͤhe ſeines Platzes an dem heißen Ofen erregten Schwindels, der ſich in der freien Luft gleich verlieren werde. Wirklich kam er auch nach einigen Minuten feiſch und ermuntert wieder zuruͤck. Dieſe kleine Störung ward ſchnell vergeſſen, und wenn gleich Thorilde in den naͤchſten Tagen einen ihm ſonſt fremden Anflug von Unruhe — ————— ———— — — 46 — und Truͤbſinn in ihm zu bemerken glaubte, ſo ſuchte ſie den Anlaß dazu allein in ſeiner körperlichen Stimmung, und beruhigte ſich völlig daruͤber, als er im Laufe der naächſten Wochen ſeine —— terkeit wieder gewonnen zu haben ſchien. Jitzt war der Winter vergangen; man w— ſich trennen, allein Theodor und Franzisca verſpra⸗ chen im Anfange des Juni auf dem Schloſſe der Baronin einzutreffen, wo Franzisca ihre Entbindung erwarten wollte, um waͤhrend ihres Wochenbettes in Thorildens Naͤhe und unter der Pflege ihrer ſorg⸗ ſamen Freundſchaft zu ſein. Durch des armen Theodors Gemuͤth zog aber, als ſie ſchied, manche von ihm leider — S — — innern — Sani pniffnchnl an jund Auch war pn Herz und ſein Seenhen in die⸗ . geit ein Räthſel; denn bei aller Gewalt der Liebe fuͤr Thorilden, die ſich in ihm entflammte, blieb ſeine Zärtlichkeit fuͤr Franzisca unvermindert, und die Ausſicht auf nahes Vatergluͤck fuͤr ihn ein Quell ber ſuͤßeſten, tiefempfundenſten Freuden. Doch eben dieſe Ruhe — die Stille vor dem Sturm — bei ſo erhöhetem Lebensgefühl verbarg ihm den Ab⸗ grund, an dem er ſtand. Er konnte ſich das Ge⸗ — 168 — fühl nicht verläugnen, daß Thorilde ihm zur Freude ſeines Daſeins unentbehrlich geworden warz aber er ahnete nicht die Furchtbarkeit deſſelben und folgte in der reinen Kindlichkeit ſeines bisherigen Lebens und Empfindens dieſem tieferen Strom eines volleren Lebens als einem Naturgeſetz, das in unabänder⸗ licher, einfacher Nothwendigkeit uͤber ihn walte und mit zu ſeinem Daſein gehoͤre, wie die — die er — auch unwillkurlich athme. 19 nitte Allein, in ihre Nähe zuruͤckgekehrt, die Gegenwart bald auch uͤber ihn ihr unverlierbaues Recht, und ſo allmählig er auch den Frieden ſeiner Seele, die Reinheit ſeines Herzens an dieſe Leiden⸗ ſchaft verlor, ſo entſchieden war doch die dadurch bewirkte gewaltſame Umſchaffung ſeines Weſens, da er, dem Ehre und Pflicht bis jetzt die nie verletzte Richtſchnur ſeines Betragens geweſen war, jetzt den Sinn für Alles verlor, was zwiſchen ihm und Tho⸗ rilden trennend ſtand. Unbedingtes Vertrauen zu ihm war aber in den Herzen aller derer, die ihn kannten, ſo feſt gewurzelt, daß Keiner eine Ahnung deſſen hatte, was in ihm vorging, und ſein aͤußeres Betragen war auch durch ſeine Ehrfurcht fuͤr Thorilde ſo gezugelt und er, bei ſeinem boͤſen —————— — 169 — Gewiſſen, ſo ſcheu und blöde gegen ſie, daß es ſo wenig dieſer, als Franzisca und der ſonſt ſo ſcharf⸗ ſichtigen Baronin zum Fingerzeig ſeiner innern Stim⸗ mung werden konnte. Franzisca ward ſehr krank; man fuͤrchtete fuͤr ihr Leben, und noch mehr fuͤr ihr Kind. Neun bange Tage verließ Thorilde das Lager der theuern Frau nur auf Stunden, Theodor kaum auf Minu⸗ ten. Seine Ausdauer, ſeine Sorge, ſeine Zaͤrtlich⸗ keit war wahrhaft ruͤhrend, und machte ihn auch Thorilden doppelt theuer. Endlich genas Franzisca eines holden Knaben, und Thorilde flog aus dem Zimmer, Theodorn, den ſeine Seelenangſt nach dem Garten getrieben hatte, wo er der Entſcheidung uͤber Tod und Leben in all der furchtbaren Ban⸗ gigkeit einer ſo ernſten Lebensſtunde harrte, die frohe Botſchaft zu verkuͤnden. Sie war ihm bisher im⸗ mer in der heitern Klarheit, dem milden Ernſt ei⸗ nes hoͤhern Weſens erſchienen; aber der Bann die⸗ ſes Ernſtes ward in dieſem Augenblick gebrochen, wo er zum erſten Mal das grfuͤhlvolle, liebende Weib in ihr ſah. In unverkennbarer tiefer Bewegung, die Ver⸗ klärung der reinſten Freude in jedem Zuge ihres Tarnow's Schriften. V. 8 — 170 — ſeelenvollen Geſichts, flog ſie auf ihn zu, und ihm in der Herzlichkeit ihrer Theilnahme die Hand rei⸗ chend, und die ſeine druͤckend, wuͤnſchte ſie ihm Gluͤck, und pries den Herrn des Lebens und des Todes, der ihrer Aller Angſt ſo herrlich gelohnt habe. Ach, wie hätte es ſie geſchmerzt, wie hätte es ſie gegen ſich ſelbſt emport, waͤre ihr die Bedeutung von Theodors Bewegung in dieſer Minute klar ge⸗ worden! Es war, als rufe dieſer Augenblick in ſeiner Seele die Gewalt einer Leidenſchaft in's Le⸗ ben, der ſeit vielen Monaten ſtill und langſam ihre Staͤtte in derſelben bereitet war, und die einmal er⸗ wacht, nun in ihrer furchtbaren Gewalt, durch keine Kette der Pflicht mehr zu baͤndigen war. Ihm war im innerſten Herzen, als habe er von jeher nur Thorilde geliebt, und Alles, was außer ihr je ſeine Neigung erweckt habe, ſei ihm nur als verkundigen⸗ der Schatten ihrer Naͤhe theuer geworden. Er hielt ihre Hand in der ſeinen, er ſah ſie in ihren Thränen, und in dem Wiederſchein ihres weichen, innigen Gefuͤhls ſich naͤher denn je, und als ſein Blick jetzt auf die Hand fiel, die in der ſeinen ruhte, und die er zu ſeinen Lippen emporhob, —— — 171 — traf ſein Auge den verhängnißvollen Ring, und eine Stimme in ſeinem Innern rief ihm zu: „Thor, was zagſt du! ſie muß dein werden! der unauflos⸗ liche Zauber, der dich an ſie bindet, wird auch ſie zwingen, in ihrem innerſten Sein ſeine Gewalt zu fuhlen und anzuerkennen, wie du!“ Stuͤrmiſch druͤckte er ihre Hand an ſeine Lippen, und eilte mit ihr dem Hauſe zu. Franzisca war ohnmächtig ge⸗ worden, und der Arzt, der jede Gemuͤthsbewegung, auch die froheſte, in dieſem Augenblick als ſchaͤdlich fuͤr ſie fuͤrchtete, verbot ihm den Eingang in ihr Zimmer, das nur Thorilde betrat, um ihm ſeinen Sohn zu bringen. Im Anblick des Kindes ſiegten die frommen und heiligen Regungen der Natur uͤber den frevelnd verſuchenden Gedanken; er war in den Thraͤnen, in dem Entzuͤcken, mit dem er ſein Kind an das Herz druͤckte, nur Vater. Der Eintritt der Baronin unterbrach dieſe Feier der frommen Verklaͤrung liebender Menſchheit; ſie trieb den Bruder, die Diener abzufertigen, die den Freunden und Verwandten die frohe Botſchaft verkuͤndigen ſollten, und da man in dem Zimmer der Woͤchnerin jedes Geräuſch ſcheuete, ward die 8⸗ — 172 — Wiege des Kindes in das Cabinet gebracht, wo Thorilde war, und ſie blieb allein bei ihm. Sie war namenlos bewegt; ihr ganzes Leben ging in duͤſteren Bildern vor ihr voruͤher, und die Freuden⸗ loſigkeit, der Mangel einer ſie mit dem All und der Natur innig befreundenden Bedeutung deſſel⸗ ben ergriff ſie mit leidenſchaftlichem Schmerz. Sie, ſie allein war, unter ſo vielen Tauſenden die Aus⸗ geſtoßene, einſam geblieben; ſie, ſie allein war nie geliebt worden, ſie hatte nie geliebt! Die Ingend, die allein Anſpruͤche auf dies Gluͤck gibt, lag hinter ihr, und das volle, heiße, nie befriedigte, nie begluͤckte Herz war nur jung geblieben, um den Schmerz und die Bitterkeit ihres Looſes in voller Kraft empfinden zu koͤnnen! Sie war an der Wiege des Kindes auf die Kniee ge⸗ ſunken; das Kind ſah ſie mit ſeinen dunklen Augen ſo fremd und ſeltſam an; ſie glaubte die Nähe der Parzen, die den Faden zum Gewebe ſeines Schick⸗ ſals in der rathſelhaften Verflechtung alles Men⸗ ſchendaſeins ſpannen, zu fuͤhlen; ihr war ſchauerlich zu Muthe, ſie weinte bitterlich; es war, als ob ihr eine fremde Gewalt den Schleier entriß, mit dem bis jetzt die Energie ihres Geiſtes, und die Selbſt⸗ —— — 173 — ſtändigkeit ihres Charakters ihr die ſchmerzliche Hoff⸗ nungsloſigkeit und die bange Trauer ihres Herzens verhuͤllt hatten. Als ſie nach einer Stunde ſtillen gewaltigen Kampfes zu Franzisca gerufen wurde, die ihr Kind zu ſehen verlangte, war ihr, als ſei ſie in eine ihr bisher fremde Welt eingetreten, und zu ihr bisher unbekannt gebliebenen Schmerzen geweiht. Die Kindtaufe ward von der Baronin glaͤnzend eingerichtet, und im Gewuͤhl der eingeladenen Gäſte, deren Beſuch ſich bei entfernt wohnenden und dazu eingeladenen Verwandten und Bekannten zu Wochen langem Aufenthalte im Schloſſe verlaͤngerte, ward es bald Thorildens ausſchließliches Geſchaͤft, die Pflege Franzisca's zu beſorgen. Sie verließ das gimmer der Woͤchnerin auch nur ſelten, und da dieſe nicht gern viele Menſchen um ſich ſah, brach⸗ ten ſie und Theodor die Abende faſt immer einſam bei ihr zu. Franzisca's Weſen und Sein hatte ſeit der Gekurt ihres Kindes eine neue, ſich in ihrem Betragen entſchieden ausſprechende Richtung ge⸗ nommen. Sie hatte als Gattin ſchon immer in matro⸗ nenartigem Ernſte und alterhafter Kälte neben dem — — gluͤhenden, im vollen Jugendreize bluͤhenden Manne geſtanden; man mußte es fuhlen, daß ihre jetzige Liebe zu ihm nur der Macht der Erinnerung ihr Daſein verdanke, und dieſe Erinnerung war ihr nun in ihrem Kinde lebendiger denn je in dem Gatten erbluͤht. Ihr ganzes Daſein verſenkte ſich in dem kleinen Julius, und nur wie ein mildes, mondliches Licht lag auf ihrem Verhaͤltniſſe zu Theodor der Wiederſchein der Liebe. Dabei fehlte ihr aber die jugendliche, ſuͤß tändelnde Anmuth der erſten Mut⸗ terliebe, und wenn man ſie und Theodor zuſammen um das Kind beſchaͤftigt ſah, haͤtte man dieſen fuͤr den Vater, und ſie fur die Großmutter des kleinen Julius nehmen konnen. Ihres Gatten Betragen gegen ſie hatte bei al⸗ ler ruͤhrenden Zärtlichkeit doch auch den Ausdruck einer beinahe kindlichen Ehrfurcht; er liebte den klei⸗ nen Julius ganz unbeſchreiblich, und die ſonſtige raſche Lebendigkeit ſeines Weſens ward zur ſtillen, freundlichen Stätigkeit, ſobald er an die Wiege des Kindes trat, und oft Stunden lang ſeinen Schlaf bewachte, oder es, wenn es wachte, umhertrug. Sein Herz fuͤhlte die ganze Heiligkeit der Weihe, die die Natur durch die Geburt des Kindes ſeiner — 475 — Verbindung mit Franzisca gegeben hatte; dieſe war ihm theurer und lieber denn je, und doch konnte er nur mit wallendem Blute, nur mit unbaͤndigen Wuͤnſchen an Thorilde denken. Ehre, Tugend, Pflicht, Alles ſprach vernehmlich, doch umſonſt zu ſeinem Herzen, und er war durchaus machtlos ge⸗ gen die täglich ſteigende Gewalt dieſer Leidenſchaft. Jeder Blick, jede Bewegung, jede Minute ih⸗ res Beieinanderſeins war Giſt fuͤr ihn; Stunden lang ſaß er ihr, wenn ſie las, ſprach „ſang, ſtumm gegenuͤber, und verſenkte ſich mit fieberhaft ent⸗ flammter Einbildungskraft in verfuͤhreriſche Traäume, die ſein Ehrgefuͤhl immer mehr vergifteten, ſeine mo⸗ raliſche Kraftloſigkeit immer entſchiedener machten. Vor ihrer Gegenwart zitternd, und doch ſie unauf⸗ hörlich ſuchend, gab es Minuten, wo er ſich ſelbſt vor der Gluth ſeiner Leidenſchaft entſeßte. Sein Leben war ehemals ſo rein und beglückt, ſeine Ehre ſo unverletzt, und nun wurde eine fremde Gewalt, der er ſich unterthaͤnig bekennen mußte, ohne ſie zu begreifen, die Zerſtörerin dieſes ſchuldloſen und be⸗ gluͤckten Daſeins! Er hätte Thorilde ſein nennen⸗ und dann ſie und ſich ermorden mogen. Gewiß waͤre ſie aber auch in der Wuͤrde ihres — 176 — Benehmens, der Hoheit ihrer Geſtalt und ihrer ſtil⸗ len Charaktertiefe, ſeiner Leidenſchaft von jeher um Vieles unerreichbarer erſchienen, wenn nicht jener ſchon erwahnte, aus ſeiner fruheſten Kindheit tief und feſt in ihm gewurzelte Aberglaube den Wahn in ihm genährt hätte, daß der Beſitz des Ringes ihm Gewalt und Macht uͤber ihr Herz gebe. Er brachte manche Stunde in dem Familienarchive zu, um die geheimnißvolle Bedeutung, die eine Jahr⸗ hunderte alte Sage an dieſen Ring band, naͤher zu erkunden; allein er erforſchte nichts daruͤber, und nur einzelne Andeutungen ſpielten darauf hin, daß er ein von einem ſeiner Vorfahren in zauberhafter Ge⸗ walt geweihter Talisman der Liebe ſei, deſſen Zau⸗ ber nur Blut zu loſen vermöge, wenn der Wiſſende im furchtbaren Ernſt eines die verborgenen Natur⸗ gewalten beſchwoͤrenden Geluͤbdes, ſich durch ihn den Beſitz der Geliebten zu ſichern wiſſe. Ae Leidenſchaften ſind abergläubiſch, und ſo heftete ſich Theodors Sinn und Blick immer ge⸗ ſpannter auf den Ring, den Thorilde trug, und bei dem in ihm ſo regen Gefuͤhle ihres Werthes und ihrer Ueberlegenheit ſah er in ihrem herzlichen, rei⸗ nen Wohlwollen fuͤr ihn nur eine Wirkung des — 177 — Ringes. „Guter Gott, was konnte ſie denn ſonſt an mir finden und ruͤhmen,“ ſagte er ſich oft ſelbſt, „wenn es der Ring nicht thäte!“ Und ſo ward die rührende Einfalt ſeines Weſens, die um ſeinen eige⸗ nen Werth ſo gar nicht wußte, fur ihn zum Fall⸗ ſtrick des Verſuchers. Eines Abends fiel in Franzisca's Zimmer das Geſpräch zwiſchen Thorilden und dem Arst auf den innigen Zuſammenhang, in welchem wahrſcheinlich der Menſch am Morgen ſeines Daſeins mit der Natur geſtanden habe; wie nur die Entzweiung mit ihr den Irrthum und die Suͤnde erzeugt habe, und wie ſich in dem Lichtblick begeiſterter Ahnungen dem lebenden Geſchlechte der Weg zur Verſöhnung mit ihr zu offenbaren beginne⸗ Der Arzt redete mit der Begeiſterung eines Propheten, und da ſeine Anſichten und Hoffnun⸗ gen Thorilden keinesweges fremd waren, ſo in dieſer Stunde zwiſchen ihm und ihr Vieles der innerſten Tiefe der Natur und der Seele mit jener ernſten Feierlichkeit zur Sprache, die jeden denkenden Menſchen ergreift, wenn er ſich dieſen unerforſchlichen Abgruͤnden alles Seins zu nähern wagt. Fuͤr Theodor erſchloß dies Geſpräch eine neue — 178 — Welt; es waren alſo nicht blos Träume einer fru⸗ hern Kinderwelt, wenn man dem gewaltigen Geiſte des Menſchen Macht uͤber die geheimen Kräfte der Natur zuſchrieb, und ſein Wille dieſe zwingen konnte, ihm zu gehorchen! Viele dunkle Wuͤnſche und Regungen ſeiner Seele wurden ihm jetzt blitzhell erleuchtet; er glaubte es zu verſtehen, wie die Natur, alles Geſchaffene vollendend, dem Menſchen allein es uͤberlaſſen habe, ſich ſelbſt zu vollenden, weil er zu ihrem Herrn und Gebieter erkohren ſei, und wie jetzt die Grenze ſeiner Gewalt uͤber ſie nur daher ſo beſchränkt erſcheine, weil wir in der Zerſplitterung unſerer Kräfte und der Verflechtung mit der aͤußern geraͤuſchvollen Welt uns nicht zu jener Innerlichkeit zu ſammeln verms⸗ gen, in deren Stille ſich die ganze Kraft des Ge⸗ muͤthes, des Geiſtes und des Herzens in Einem Punkte ſammle, den der Wille eiſern feſtzuhalten wiſſen müſſe, bis er von der Natur Antwort auf die vorgelegte Frage erhalten habe. Den uͤbrigen Theil des Abends blieb er ſin⸗ nend, tief in ſich verloren, und Thorilde, die wie gewoͤhnlich, bei Tiſche neben ihm ſaß, bemerkte, daß er ohne zu eſſen, ungewöhnlich viel und ſchnell — 179 — ttank. Auch ſie war im Nachſinnen des ernſt ge⸗ führten Geſprächs zur Unterhaltung nicht geſtimmt, und ſpielte gedankenvoll und trumend mit dem Ringe, d en ſie wechſelsweiſe vom Finget abzog, und ihn wieder anſteckte. Endlich aber entglitt ihr diefer, und fiel mit ganz beſonders hellem Klange auf den vor ihr ſtehenden Teller. Theodor fuhr vor dieſem Klange vetſtoͤrt in die Höhe, und griff mit funkeln⸗ dem Blick blitzſchnell nach dem Ringe. Theodor ſtreckte die Hand darnach aus; aber die Heftigkeit, mit der er, die Ruͤckgabe verweigernd, ihr dumpf zu⸗ fliſterte: „Morgen, morgen, heute bleibt er mein, und ſollte es mich meine Seligkeit koſten!“ fiel un⸗ heimlich in ihren Sinn; ſie erſchrak dwvor, und glaubte ihn berauſcht. Vor einem ſolchen Zuſtande hatte ſie aber ei⸗ nen um ſo größern Abſcheu, da ſie in der fein und zierlich geregelten Sittigkeit ihrer Lebensverhaͤltniſſe ihn nur hochſt ſelten, und dann auch nur an Men⸗ ſchen der niedrigſten Volksclaſſen zu bemerken Ge⸗ ugenheit gehabt hatte. In ſich zuruͤckgeſchreckt, wandte ſie ſich alſo auch jetzt von Theodor ab, und mied bange jedes fernere Geſpräch mit ihm, o wie — 180 — — er dagegen in immer ſichtlicher werdender Span⸗ nung den Aufbruch vom Liſche beſchleunigte. Als aber Thorilde ſpäter um einiger haͤuslicher Anordnungen willen durch das von dem Eßſaale ent⸗ fernte Gartenzimmer ging, traf ſie auf ihn, der im Begriff, in den Garten zu treten, ſich nach dem Schimmer des Lichtes, das ſie trug, umwandte, und ſie erkennend und ſchnell auf ſie zueilend, in hoͤchſt gewaltſumer Bewegung vor ihr niederſank, und ſein Geſicht in ihr Gewand barg. Thorilde ſah hierin nur eine Folge des Zuſtandes, in den ſie ihn zu ſein vorausſetzte, und fand, wenn gleich voll zurnenden Unmuthes daruͤber, doch auch in ihm Entſchuldigung fur den Freund, den ſie mit ſanften, freundlichen Worten aufzurichten ſuchte, ihn ermah⸗ nend, nach ſeinem Zimmer zu gehen, wohin ſie ſeinen Diener beordern werde, ihm zu folgen. „Nein,“ ſagte er aufſpringend, und das dunkle Feuerauge mit dem vollen Ausdruck ſeiner unend⸗ lichen Leidenſchaft auf ſie heftend, „ich bin nicht trunken; das Feuer, das mich verzehrt, iſt. hier,“ fuhr er fort, die Hand auf ſein Herz legend: „hier 4 lodert eine Leidenſchaft fuͤr Dich, die in ihrer Qual 1* alles Bewußtſein, alle Beſonnenheit in mir vernich — 181 — tet, und von der ich es mit Grauen und unnenn⸗ barem Entzuͤcken weiß, daß ſie mich verderben wird, und Dich auch, Thorilde!“ — „O mein Gott,“ rief dieſe ſchmerzlich aus, das Auge gen Himmel ſchlagend, „womit habe ich dies verſchuldet!“ und, mehr todtlich erſchreckt, als zornig, wandte ſie ſich von ihm abz aber er riß ſie gewaltſam an ſein Herz unter heißen Kuͤſſen, und noch heißern Thrä⸗ nen, und nur mit hoͤchſter Anſtrengung vermochte ſie ſich loszureißen⸗ — Vor dem dreiſten Frevel ſeines Betragens ſel⸗ ber verbloͤdend, wagte er es auch nicht, ſie länger zu halten, als ſie floh, und eilte, gluͤhend wie er war, in den Garten hinaus. Es war eine ſternen⸗ volle, hell funkelnde Septembernacht. Aus den zit⸗ ternden Strahlen jener fernen Himmelskoͤrper, deren ſtilles Wandeln der Menſch ſo gern ahnungsvoll und geheimnißreich in Beziehung mit ſeinem kleinen Le⸗ ben träumt; in dem Gefliſter der vom Nachtwind bewegten Blaͤtter, in dem Murmeln der unterirdi⸗ ſchen Quellen duͤnkte es ihn, als ſpraͤchen Geiſter zu ihm in dieſer Mitternacht, und ihm werde eine Forderung an ſie frei gegeben. Er war in der Empoͤrung der heftigſten Lei⸗ — 182 — denſchaft; ihm war, als halte er Thorilde noch in ſeinen Armen, als fuͤhle er noch das aͤngſtliche Schlagen ihres Herzens an ſeiner Bruſt, und ſein Leben, ja ſeine Seligkeit ſelbſt ſchien ihm kein zu hoher Preis mehr fuͤr ihren Beſitz. Mit einer nie in ſich empfundenen Kraft, von der er zu fuͤhlen glaubte, welche Gewalten ihr unterthan ſeien, be⸗ ſchwor er in ſtrafbarem Wahnſinn alle Geiſter des Himmels, und wenn dieſe nicht helfen wollten, die Geiſter des Abgrunds, ihm Thorilde zu eigen zu ſchaffen. Hoch gegen den dunklen Nachthimmel hielt er den Ring empor, und bot ſeine Seele und ſeine Seligkeit den unterirdiſchen Maͤchten als — fuͤr ihren Beſitz. Mloͤtzlich ſauſete der Nuchtnind wiug durch die Zweige der ſtarken Ulme, unter der er ſtand; bie finſtern Nachtvoͤgel, die ihr Laub barg, ſchwirr⸗ ten aufgeſchreckt an ihm voruͤber, und er gruͤßte ih⸗ ren grauſigen Flug, ihr finſteres Geſchrei als Buͤr⸗ gen ihm gewordener Erfuͤllung. Von dieſem Au⸗ genblick an glaubte er Thorilde als ſein theuer er⸗ kauftes Eigenthum anſehen zu koͤnnen, das keine Erdenmacht, kein Erdengeſetz mehr — ſei, ihm ſtreitig machen zu duͤrfen. ——————— — 183 — Auch fuͤr Thorilde war dieſe Nacht bange und voll ſchwer ernſter Bedeutung. Ihr bisheriges Be⸗ tragen gegen Theodor war eine Bluͤthe des reinſten und uneigennuͤtzigſten Wohlwollens geweſen, und ihr Bewußtſein vor Gott und ſich ſelbſt frei von dem leichteſten Schatten der Gefallſucht. Sie hatte ihn nie anders, als wie den Gatten ihrer Freundin be⸗ trachtet; kein Gedanke, ihm in ſich das liebenswuͤr⸗ dige Weib zeigen zu wollen, war in ihre Seele ge⸗ kommen; ſie war, im heiligſten Sinne des Wortes, ſtets wahr gegen ihn geweſen, und zum Dank fuͤr ihr ſo reines Wohlwollen, ihr reines Anerkennen ſeines Werthes, bereitete er ihr nun das Herbſte, was ein edles Herz verletzen kann. Wie ein Flor ſank es vor ihren Augen nie⸗ der; ſie fuͤhlte das Daſein und die Gewalt ſeiner Leidenſchaft fuͤr ſie in ihrer vollen Wahrheit, und das Gefuͤhl, die Klippe ſeines Gluͤckes und ſeiner fruͤhen, ſo herrlich in jeder Pruͤfung bewaͤhrt gefun⸗ denen Treue geworden zu ſein, warf ſie trotz ihrer Schuldloſigkeit nieder. Und ach! bis zu dieſem Abend ſo ſchuldlos, hoͤrte ſie doch vielleicht an ihm auf, es zu ſein! oder konnte ſie es ſich verhehlen, daß das Gefuͤhl, ſo geliebt zu ſein, fuͤr ſie ein — 184 — neues Daſein herauffuͤhrte? Konnte ſie ſich die Ge⸗ walt verhehlen, die ſich die Erinnerung dieſes Abends fuͤr immer uͤber ſie gewonnen hatte? Welche Sicherheit fand ſie in ſich, wenn ihre Neigung auf die Seite der Verſuchung trat, wenn ſie nicht blos gegen ihn, auch gegen ſich ſelbſt zu kaͤmpfen hatte? Die Kraft des Widerſtandes gegen ihr Schickſal reichte in ihrer Seele nur bis zu dem Punkte des Bewußtſeins, vom Schickſal zur Ver⸗ anlaſſung eines moraliſchen Frevels erkoren zu ſein. Daran welkt aber unfehlbar jede ſchoͤne Bluͤthe eines rein menſchlichen Daſeins, und auch Thorildens eigenſtes Weſen war mit dem Selbſtgefuͤhle ihrer Schuldloſigkeit geknickt, und ſie ſich durch Theodors Geſtändniß gewiſſermaßen ſelbſt entfremdet. Scheu und verlegen trat ſie am andern Mor⸗ gen in das Fruͤhſtuͤckszimmer, und vermochte es nicht, 3 ihr Auge gegen Theodor zu heben, ſo ſehr ſie ſich auch ſelbſt wegen dieſer Feigheit, dem Beleidiger gegenuͤber, zuͤrnte. Doch nur auf Minuten konnte ſie ſo betäubt werden; bald gewann ſie die ganze Wuͤrde ihrer Haltung, und den Schein der Unbe⸗ fangenheit wieder. Theodor wagte es nicht, ſich ihr zu nähern, nur ſeine Gedanken waren ihr ge⸗ — 185 — genuͤber kühn, ſein Betragen ſchuͤchtern und ruͤhrend furchtſam. Erſt am Abend dieſes Tages, als ſie neben Franzisca ſaß, vermochte er es, ihr den Ring zuruͤckzugeben. Franzisca's Gegenwart vermehrte die Schwierigkeit fuͤr Thorilde, mit ihm zu reden, was ſie nun nicht langer vermeiden konnte; allein eben dieſe Gegenwart half ihr auch dieſe Schwierig⸗ keit uͤberwinden. Sie glaubte noch immer, er ſei berauſcht ge⸗ weſen, und naͤhrte die troſtende Hoffnung, mit dem Rauſche werde auch die Erinnerung des Auftrittes zwiſchen ihnen bei ihm verflogen ſein, und ſein Be⸗ tragen es ihr erlauben, dieſen zu vergeſſen; allein dieſe Hoffnung taͤuſchte ſie. Er wagte es freilich in den erſten Tagen kaum mit ihr zu reden, und er⸗ röthete beſchaͤmt, wenn er ihrem ernſten klaren Blick begegnete; doch die Leidenſchaft, die in ihm loderte, ſprach ſich in unverkennbarer Wahrheit aus, und er ward von Tag zu Tag entſchloſſener, ſie Thorilden bei jedem Anlaſſe zu zeigen. Das Geheimniß und der Zwang ihrer Verhaͤltniſſe reizten ihn zur ver⸗ derblichſten Spannung auf, und Thorilde litt dabei unendlich. Sie wich ſtrenge jeder Unterhaltung, jedem Zuſammentreffen mit ihm aus; ſie trat, in — 186 — ſo fern dieſes geſchehen konnte, ohne die Aufmerk⸗ ſamkeit der ſie umgebenden Menſchen darauf hinzu⸗ lenken, in die kälteſte Entfremdung gegen ihn zu⸗ ruͤck; aber ſein Zuſtand wurde dadurch ſo gewaltſam, er litt ſo unbeſchreiblich, daß ſie die Verblendung der Hausgenoſſen bei dieſen Auftritten nicht zu be⸗ greifen vermochte, und zitternd immer von der naͤch⸗ ſten Stunde eine Entdeckung fuͤrchtete, die nur ein ganz unbegreifliches Gluͤck in der ver⸗ hindert hatte. Thorilde war welterfahren genug, um es zu wiſſen, wie, wenn dieſe Liebe je zur Kenntniß der Welt gelangte, alle Stimmen ſich vereinigen wuͤr⸗ den, ſie und nur ſie zu tadeln, und bei der Ueber⸗ legenheit ihrer Bildung und ihren abhaͤngigen Ver⸗ haͤltniſſen in Theodor nur das Opfer ihrer Verfuh⸗ rung zu ſehen, da die Menge nie daran glaubt, daß eine Frau die Einfalt ihres Herzens zu bewahren vermag, wenn ihr Verſtand gebildet iſt. Ueberdies war ſie zwei Jahre aͤlter als Theodor, und das Dunkel, in dem fur ihre jetzigen Bekannten alle ihre vorigen Lebensverhältniſſe gehuͤllt waren, mußte ſie dann um ſo mehr den willkuͤrlichen Auslegungen hä⸗ miſcher Schadenfreude preis geben. — 187 — Gleichguͤltig konnte ſie gegen dieſe Folgen und Anſichten nicht ſein; aber weit tiefer noch und ſchmerzlicher fuhlte ſie ihr Herz durch ihre Theil⸗ nahme an Theodor verletzt, da ſie, die ja von jeher mehr fur fremdes Gluͤck, und ſchoͤner in dieſem als in ihrem eigenen gelebt hatte, es nun erleben mußte, die Ruhe des Mannes, den ſie ſo rein achtete, dem ſie ſo treu wohlwollte, zu vergiften, und die einfach ſchönen Lebensverhältniſſe deſſelben in ihren Elemen⸗ ten, Treue und Wahrheit, durch ſeine unſelige Lei⸗ denſchaft fuͤr ſie untergraben zu ſehen. Ihr ſeit einiger Zeit bis zur Schwaͤrmerei weich gewordenes Gefuhl beſchaͤftigte ſich unaufhörlich mit den Mit⸗ teln, ſein Gluck und ſeinen Frieden neu zu gruͤnden. Still geruͤhrt empfand es ihr Herz, daß ſeine Liebe ſie zur Herrin ſeines Schickſals mache, und dieſe Verdoppelung ihres Daſeins gab ihr in all ihrem Schmerze, ihrem Unmuthe, ihrer Furcht doch ein erhoͤhetes Lebensgefuͤhl, deſſen Reiz ſie ſich nicht zu verlaͤugnen vermochte. Zum erſten Mal fühlte ſie ſich geliebt, heiß und gluͤhend, wahrhaft geliebt, und dies Gefuhl war der gefaͤhrlichſte Zauber, von dem ein Herz, wie das ihrige, umfangen werden kann; doch je ſchwerer ihr Kampf und je tiefer ihr Schmerz wurde, deſto ernſter und ſtrenger ward ſie in ihrem außern Be⸗ tragen gegen Theodor. Dieſen verließ bei ihrer fin⸗ ſtern, ruhigen Kaͤlte gegen ihn vollends alle Kraft ſich zu zwingen, und aller Haltung mehr und mehr beraubt, vermochte er keine Schranke mehr zu ehren, und doch hatte ſein Leben, bei aller dieſer bittern Qual, jetzt mitunter ſo volle und reiche Minuten, daß der Tod und ein ruhigerer Zuſtand ihm gleich⸗ bedeutende Bilder zu ſein ſchienen. Es ahnete ihm, Thorildens Kälte ſei nur Zwang, und er fuͤhlte es ſo ſicher, dieſe werde und muͤſſe in ſeinen Armen, und an ſeinem Herzen ſchwinden, wenn er ſie nur einmal allein und ungeſtoͤrt ſehe, daß er nichts mehr ſcheuen zu duͤrfen glaubte, um ſich eine einſame Zuſammenkunft mit ihr zu verſchaffen. Thorilde blieb, wenn ſie am Abend ihre Jung⸗ fer weggeſandt hatte, gewoͤhnlich noch eine Stunde wach, die ſie zum Leſen oder Schreiben anwandte; er wußte das, und erlauſchte ſich den guͤnſtigen Au⸗ genblick, wo er eines Abends unbemerkt in ihr Zim⸗ mer treten konnte. Sie ſaß, tief und wehmuͤthig in ſich ſelbſt verloren, und erblickte ihn erſt, als er ſchon zu ihren Fuͤßen lag. Vergeblich gebot ſie ihm — 189 — Entfernung; vergeblich bot ſie den ganzen Stolz ih⸗ rer Wuͤrde auf; er hatte an dieſe Unterredung die Hoffnung ſeines Lebens geſetzt, und das Wagniß ſei⸗ nes Eintritts zu ſolcher Stunde war auch ſo kuͤhn und frevelnd, daß er nichts mehr zu fuͤrchten vermochte. Mit der gluͤhendſten Beredtſamkeit der Leiden⸗ ſchaft floſſen Geſtündniß und Betheurungen von ſei⸗ nen Lippen; er hatte ihre Hände gefaßt, er druckte ſie mit heißen Kuͤſſen an ſein unbändig klopfendes Herz. „Unſinniger!“ rief ſie ſich zuͤrnend von ihm wendend, „wie könnten Sie, wenn Sie mich wahr⸗ haft liebten, ſich eine ſo ſtrafbare Hoffnung auf meine Schwaͤche erlauben? wie waͤhnen, daß ich Sie und mich je der Schmach der Ehrloſigkeit preis zu geben, mich entſchließen koͤnnte! und Franzisca, ihre Gattin, die Mutter Ihres Kindes — Theo⸗ dor! trifft dieſer Name und das Bild der edlen Frau Sie denn nicht im brennendſten Schamerro⸗ then einer durchaus unverzeihlichen Verirrung?“ „Nein,“ ſagte er, „fuͤr mich gibt es kein Ge⸗ ſetz mehr, als meine Liebe, und im Himmel und auf Erden keinen Richterſtuhl, als den Ihrigen. Ich weiß es, daß ſie mich uͤber die Grenze aller Moral und aller Sitte geriſſen hat; aber iſt es mein — 190 — Schuld, daß ich mit der leidenſchaftlichſten Anbe⸗ tung bis zum Wahnſinn liebe? und kann man denn auch anders lieben? verdient ein Gefuͤhl, dem der Wille Maß und Ziel zu geben vermag, noch den Namen Liebe? wie darf denn irgend ein Geſetz ſich uͤber eine Leidenſchaft erſtrecken, die außer der Macht iedes Geſetzes liegt? Gewiß, Thorilde, Du fuͤhlſt es wie ich, daß es meine Beſtimmung iſt, Dich zu lieben, und wenn es ſein muß, freudig an dieſer Liebe unterzugehen, auch kannſt Du mich nicht haſ⸗ ſen. Der gleiche Zauber verkettet unſer Herz und unſer Leben unaufloͤslich, und unerſchutterlich iſt in mir die Ahnung, Deinem Leben denſelben Himmels⸗ glanz geben zu können, mit dem Du das meine zu 6 ſchmuͤcken die Macht haſt. Sage mir, o ſage mir, n Du denn ſchon gluͤcklich geweſen? und iſt in Dir keine Ahnung, daß Du es in meinen Armen und an meinem Herzen zu werden vermagſt?“ Ach wohl war ſie in ihr erwacht dieſe Ahnung namenloſer Seligkeit! Sie liebte ihn, ſie liebte ihn unbeſchreiblich, und empfand die ganze grauſe Bit⸗ terkeit, die die Moglichkeit des Gluͤckes fuͤr ein Herz hat, das von der Kette der Pflicht umwun⸗ den, nicht frei ſchlagen darf! Unwillkuͤrlich fortge⸗ — 11 — riſſen, war ſie im Begriff, ſeine Haͤnde an ihr Herz zu druͤcken, und ihm ihre Liebe und ihren Schmerz zu verrathen; doch ihr Gefuͤhl loſete ſich in Thraͤnen auf, und als er von dieſem Anblick unbeſchreiblich erſchuttert, ſanft flehend zu ihren Fuͤ⸗ ßen ſank, gebot ſie ihm, in ernſter Faſſung ſchnell wieder geſammelt, ſo dringend ſie zu verlaſſen, und fuhrte ihm die Folgen einer Entdockung dieſer Zu⸗ ſammenkunft, als Urſache ihrer Thränen, ſo aͤngſti⸗ gend vor's Auge, daß er ſie folgſum verließ, be⸗ gluͤckt, ſie geſehen, und vor ihr ſein Herz enthuͤllt zu haben. — Thorilde blieb nicht unentſchloſſen uͤber das, was ihr zu thun obliege; aber in ihr erwachte eine finſtere Bitterkeit gegen die Tugend, dir ihr ein Opfer abforderte, von dem ſie fuͤhlte, daß ſie es ihr nie zu lohnen, und zu vergelten vermögen werde. Sie ging alle Auftritte ihres Lebens durch, und fand in allen die Lenkung eines feindlichen Geſchickes, und ſtatt ſich an der moraliſchen Freiheit ihres Vorſatzes, Theodor von ſich zu entfernen, zu erhe⸗ ben und zu kraͤftigen, vollzog ſie das ihr durch die Pflicht verkuͤndete Gebot murrend, wie den Befehl eines despotiſchen, innerlich gehaßten Gebieters. — 192 — Sie glaubte eine ſolche Stoͤrung in ihrem Le⸗ ben, einen ſolchen Zwieſpalt der Neigung und des Geſetzes durch nichts verſchuldet zu haben, und daß ſie alſo nicht davor bewahrt worden war, verleidete ihr ihre bisherige Liebe zur Tugend. Sie hatte die⸗ ſer bis jetzt treu gehuldigt, und war nie gluͤcklich geweſen; Theodors Liebe allein vermochte in der Dauer einer Minute die Fuͤlle einer Ewigkeit von Gluͤck zu legen, und welch ein geringer Kauſpreis ſchien ihr ihr ganzes freudenloſes, ohne Liebe ver⸗ kummertes Daſein, fuͤr eine oder zwei ſolcher Mi⸗ nuten, häͤtte ſie es uͤber ſich gewinnen konnen, ſich ohne Vor⸗ oder Ruͤckblick der Gewalt ihres ſuͤßen Zaubers ungeſtoͤrt hinzugeben! Das Alles empfand ſie tief und ſtark; ihr Herz wurde dadurch erſchut⸗ tert, ihre Seele ſchwankend; allein keinen Augen⸗ blick irre an dem, was ihr zu thun obliege, ſchrieb ſie noch in dieſer Nacht folgende Zeilen an Theodor: „Jetzt beim ſtillen Nachſinnen der Auftritte dieſes Abends muß ich Sie, mich und das ſal bitter und empoͤrt fragen, wodurch ich es verſchuldet habe, daß Sie, gerade Sie ſo ſtörend in mein Leben treten? Von keinem Manne in der Welt haͤtte mich ein ſolches — 193 — Betragen mehr befremden und unangenehmer treffen können, als von Ihnen, der mich er⸗ rothen gelehrt hat, daß ich ihn meiner Achtung und meiner Freundſchaft werth halten konnte.“ „Bei meinem Alter und bei meiner Erfah⸗ rung bin ich weit entfernt, an die Wahrheit Ihrer vorgegebenen Liebe fuͤr mich zu glauben; ſie iſt der unwuͤrdige Irrthum einer verächt⸗ lichen Wallung, und den Mann, der ſich in der Hingabe an einen ſolchen Eindruck nicht durch Kraft und Charakter zu zugeln vermag, kann ich entſchieden nur verachten.“ „Nicht Sie, aber den Gatten einer von mir innig geliebten und verehrten Frau moͤchte ich zum letzten Mal daran erinnern, daß er Gatte, daß er Vater iſt, damit die Verletzung der Heiligkeit dieſer frommen Bande ihn ſtrafend an das mahne, was er fremdem Gluͤcke und eigenem Werthe ſchuldig iſt. Der Leichtſinn der meiſten Männer unſrer Zeit in dieſer Hinſicht iſt mir nicht unbekannt; gber Sie, Theodor, Sie, der ſonſt ſo gute und treffliche Menſch, der gluͤckliche Gatte einer edlen, Sie innig liebenden Frau, Sie duͤrfen die frevelnde Tarnow's Schriften. V. 9 — 194 — Anſicht der Mehrzahl Ihres Geſchlechts nicht haben. Oder glauben Sie etwa, daß der Menſch mit dem mächtigſten Feinde in ſeinem Buſen bedeutungslos zu ſpielen wagen darf? Trauen Sie ſich etwa die Kraft zu, ein Ge⸗ bot der Ehre und der Pflicht verletzen und dann noch beſtimmen zu koͤnnen, bis zu wel⸗ chem Punkte Sie ein ſolches Betragen auf dem Wege der moraliſchen Verwilderung fuͤhren „Von der kränkenden Beleidigung, die fuͤr mich in Ihrem Betragen liegt, ſchweige ich. Ich glaube an Ihre Achtung, weil ich mich derſelben werth fuͤhle und will Sie alſo nur fragen, ob Sie dieſe Achtung je ſo weit ver⸗ geſſen haben, es ſich als moglich zu denken, ich könne es ertragen, Franzisca's Herz durch meine Schuld von der Verzweiflung an Liebe, Treue und Ehre gebrochen zu ſehen?“ — „Fühlen Sie es, wie ſehr Sie gegen mich gefehlt haben, ſo erſparen Sie es mir, Sie verachten zu muͤſſen — eine Nothwendigkeit, vor der mich nichts zu ſchuͤtzen vermag, wenn 4* mich je wieder ein Blick, ein Wort von Ihnen an dieſe tolle, unſinnige Leidenſchaft erinnert.“ „Verbrennen Sie dieſen Brief gleich und reden Sie nie mit mir daruͤber. Sie ſind noch ſehr jung, Theodor, und es iſt daher moglich, daß noch einmal eine Zeit kommt, wo Sie mich fuͤr die bittere Empfindung, mit der ich dieſen Brief ſchreibe, entſchaͤdigen, indem Sie mir durch Ihren Werth das Recht zuruck⸗ geben, Sie als Freund zu achten und zu lieben.“ Thorilde. Sie kannte ihn zu genau, um nicht zu wiſſen, welche Wirkung dieſer Brief auf ihn machen mufßte; aber ſie durfte es nicht ſcheuen, ihm wehe zu thun, wo es darauf ankam, ſich gegen ihn eine ſichere Schutzwehr zu geben. Die ganze Nacht ruhte dies Blatt auf ihrem Herzen, und nie hatte dies Herz bewegter geklopft, als in dieſen ſchlafloſen Stunden; doch ungeaͤndert legte ſie es am andern Morgen in ſeine Hand, als ſie in dem Fruͤhſtuͤckszimmer zu⸗ ſammentrafen. Er ahnete den Inhalt deſſelben nicht, denn ſein Blick und ſein freudiges Etrothen verrie⸗ 9 * — 196 — then ihr, daß er in dem Empfange des Blattes eine Gunſtbezeigung ſah, und ihre Haltung war ſo be⸗ fangen, ihr Auge ſo truͤbe, ihre Hand ſo zitternd, als ſie es ihm reichte, daß es ihn in dieſem ſuͤßen Wahne beſtaͤtigte. Selbſt in dem Scheine des heim⸗ lichen Einverſtandniſſes, mit dem ſie ihm vor ſo vielen Zeugen das Blatt in die Hand druͤckte, war ein Zauber fuͤr ihn. Er ſetzte ſich ſo, daß er ſie im Spiegel ſehen konnte und ſeine Augen leuchteten ihr daraus, als ſie aufblickte, mit ſo herzgewinnender Liebe entgegen, daß ſie tief bewegt nur mit hoͤchſter Anſtrengung ihre Thraͤnen zuruͤck zu halten vermochte und unter dem Vorwande eines Kopfwehes ſich auf ihr Zimmer zuruͤckzog. Hier blieb ſie den Morgen mit Anfer⸗ tigung einiger Rechnungen, die ihr die Baronin auf⸗ getragen hatte, einſam beſchaͤftigt, und als man ſie zu Tiſche rief, goß es ſich wie eine Todesbotſchaft erkaͤltend durch ihre Adern. Gleich nach ihrem Ein⸗ tritt in das Eßzimmer, wo ſchon der groͤßte Theil der Geſellſchaft verſammelt war, erſchien auch Theo⸗ dor. Er war, ganz gegen ſeine Gewohnheit, noch im Morgenoberrock, ſein Haar ungeordnet und die Blaͤſſe ſeines Geſichts verrieth nur zu deutlich die — 197 — Schmerzlichkeit und die Gewalt der Erſchuͤtterung, die er erfahren hatte. Thorilde war, nach der einmal feſtgeſetzten Tiſchordnung, ſeine Nachbarin; allein er vermied es, ſie anzuſehen oder mit ihr zu reden, wenn er gleich mit ſichtlicher Anſtrengung an dem Geſpraͤche der andern Anweſenden Theil zu nehmen und daſſelbe ununterbrochen im Gange zu erhalten ſuchte. Gleich nach Tiſche ließ er ſich, ohne den Kaffee abzuwar⸗ ten, das Pferd bringen und ſprengte im wilden Galop vom Hofe. Thorilde litt; aber ſie fluͤchtete ihr armes Herz zu der Wiege ſeines Kindes — das durfte ſie ja lieben! — und zu Franzisca. Dieſe war in liebevoller Vertraulichkeit gerade ungewohn⸗ lich mittheilend und zeigte der Armen ſo innige Liebe, daß ſie ſich dadurch erquickt fuhlte. So blieb es viele Tage und Wochen lang. Theodor war viel abweſend, und wenn er es gleich nicht vermeiden konnte, mit ihr zuſammen zu ſein, ſo hielt er ſich feindlich geſchieden von ihr in kalter Entfernung. Seine innere Stimmung war hochſt gewaltſam. Er liebte ſie gluhender denn je und der zerſtörende Kampf ſeines Pflicht⸗ und Ehrgefuͤhls mit dieſer Leidenſchaft erneuerte ſich täglich in ſei⸗ — 198 — nem Herzen. Seine Qual war unnennbar, und doch duͤnkte ihn, er wurde ſie freudig dulden, wenn er nur allein mit ſeinen Pflichten und nicht auch mit ihrer Gleichgultigkeit zu kaͤmpfen habe. Koͤnne er nur in der Tiefe ſeines Schmerzes zu ihr hinblicken und ihn ihr klagen, ſo wolle er, ſei er dann uͤbrigens auch noch ſo hoffnungslos un⸗ gluͤcklich, doch den Heiligen ihre Wonne nicht be⸗ neiden und nie vermochte er, ſich die Erloͤſchung dieſer Liebe als Geneſung zu denken; — aber ſie, ſie allein hatte ihn unheilbar verletztz ſie verachtete ihn; er glaubte ſich von ihr als einen unmuͤndigen Knaben mit ſeiner Leidenſchaft zur Ruhe verwieſen, und das brannte wie Gift und Tod in ihm und brachte eine Bitterkeit hervor, die ſich durch dieſe kalte, feindliche Entfremdung von ihr außerte. Tho⸗ rilde fuhlte durch ſein Betragen ihr Herz tief ge⸗ kränkt; allein weit entfernt, ihm dies zu verrathen, ſchien ſie ſeiner durchaus nicht zu achten, und ſo wenig ſeine Anweſenheit als ſeine Abweſenheit zu bemerken. Er fuhlte das verdient zu haben; er fuhlte, ſie duͤrfe ſich beleidigt füͤhlen und habe ein Recht, ihm das zu zeigen; aber ſein Herz ſagte ihm auch, es — „— ſei unbillig von ihr, eine ſo unwillkuͤrliche, ſich ſelbſt ſo hart beſtrafende Verirrung, wie die ſeine, ſo ſtrenge zu rugen, und durch dieſen Zwieſpalt ſeiner Empfindung und ſeines urtheils erhielt der Zwang, den er ſich gegen ſie auflegte, etwas Herbes, das Thorilde um ſo bitterer empfand, da ſie Rechte auf die Dankbarkeit eines Mannes zu haben glaubte, deſſen Leidenſchaft ſie nur um ſeines Friedens willen ſo ſtrenge zuruckgewieſen hatte. Die Ruͤckſicht auf ihn hatte ſie ja vorzuglich in ihrem Betragen gelei⸗ tet, und wenn ſie dabei Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt ge⸗ nommen hatte, ſo war auch das nur geſchehen, um ihn vor Reue und Unrecht zu ſchuͤtzen und den Traum einer Seligkeit von ſich zu bannen, deſſen verfuͤhreriſche Bilder ſie nur zu uobhaft umſchwebt hatten. In der Peinlichkeit eines ſolchen täglichen Bei⸗ ſammenſeins konnte es Thorilden nur angenehm ſein⸗ als ſie von Franzisca erfuhr, Theodor dringe auf ihre Abreiſe und ſuche ſie zu einer Reiſe in die Schweiz zu bereden, da ſie fruͤher zuweilen den Wunſch geußert habe, dies Land zu ſehen. Sie beredete Franzisca zur Annahme dieſes Plans, von dem ſie fuͤr Theodor und auch für ſich ſelbſt Vieles — 200 — hoffte, da, wie ſie fuͤhlte, nur in der Wiederkehr ſeiner Ruhe fuͤr ſie die Hoffnung eines friedlichen, ungeſtörten Daſeins ſich begruͤnden konnte. Aber mußte ſie daher nun gleich ſeine Entfernung wuͤn⸗ ſchen, ſo litt doch ihr Herz nicht weniger als das ſeinige bei dem Gedanken einer Trennung, deren Schmerzlichkeit ihnen keine Theilnahme, kein Ver⸗ trauen zu einander erleichterte. Alle Anſtalten zu dieſer Reiſe wurden getroffen und von Theodor mit ſtuͤrmiſcher Eile betrieben. Er ſelbſt wollte ſeiner Frau, da ſich dieſe durchaus nicht von dem Kinde trennen wollte, jede Tagereiſe um einige Stunden vorauseilen, um fuͤr die Be⸗ quemlichkeit des Quartiers zu ſorgen und deßhalb am Tage ihrer Abreiſe ſchon um zwei Uhr des Mor⸗ gens aufbrechen. Thorilde ſchien ſehr gefaßt und ſprach am Abende vor derſelben viel und dem An⸗ ſcheine nach heiter; ſie redete ihn ſogar nach vielen Wochen zum erſten Mal wieder an, und das Ge⸗ ſpräch auf das ſchoͤne Land lenkend, das er nun bald ſehen werde, gelang es ihrer Unbefangenheit, ihn in dieſe Unterhaltung zu ziehen. Es that ihr weh und wohl, die bittere Kälte, in der ſie gegen einander erſtarrt waren, zum Ab⸗ — 201 — ſchiede wieder in milde Freunblichkeit aufzuloſenz aber die tiefverborgene, gewaltige Erſchuͤtterung ihrer Herzen offenbarte ſich ihr in dem Erbeben, mit dem ſie und er, wie vom Blitz getroffen, mitten in die⸗ ſer Unterhaltung verſtummten, als ſich ihre Blicke begegneten, und Thorilde fuhlte, wie gefährlich ein ſolcher Verſuch der Ruͤckkehr zu zwangloſeren Ver⸗ haͤltniſſen fruͤher geworden ſein wuͤrde. Theodor bot, wie neu belebt, bei Tiſche Alles auf, die Un⸗ terhaltung zu verlaͤngern, doch endlich mußte man aufbrechen. Leiſe bebend ſagte Thorilde der Baronin und Franzisca gute Nacht, und als ſie ſich von ihnen abwandte, ſich zu Theodor zu wenden, ſtand er wie feſtgezaubert vor ihr, und vor dem Blicke, auf den ihr Auge traf, ſchwand alle ihre muͤhſam erkuͤnſtelte Faſſung. „Leben Sie wohl,“ ſagte ſie, ſich vor ihm neigend; er wurde immer bleicher und, von ihrem Mitleid mit ihm und mit ſich ſelbſt bezwungen reichte ſie ihm, keines Wortes mächtig, die Hand⸗ Er druckte ſie heftig, ſein Auge wurde naß, ſein Herz klopfte unter der leichten Weſte ſichtlich; aber ſein Beſtreben, ihr einige Worte ſagen zu wollen⸗ blieb ohne Erfolg; er war zu tief erſchuͤttert und — 1002 — kennte ihre Hand nur ſchweigend an ſeine Lippen drucken. Sie fuͤhlte, wie ſie geliebt wurde und, mit dem ſeligen Weh dieſer Ueberzeugung im Herzen, eilte ſie auf ihr Zimmer und ließ hier den ſo muͤh⸗ ſam verhaltenen Thränen freien Lauf. Sie war ſich keines Gedankens, keiner beſtimm⸗ ten Empfindung bewußt, ſondern nur des tiefen Schmerzes, mit dem ſie immer bitterlicher und bit⸗ terlicher weinte, nur der namenloſen Traurigkeit, die ſich ihres ganzen Weſens mehr und mehr be⸗ maͤchtigte. Sie beweinte nicht blos Theodors Schick⸗ ſal, ſie bemitleidete nicht blos ſich ſelbſt; es war in ihren Thraͤnen ein Schmerz, der dem Loos der Liebe und der Jugend, der Gebrechlichkeit des menſchlichen Herzens, der Unzuverlaͤſſigkeit der Treue, der Ohnmacht unſers Willens, ohne alle perſoͤnliche Ruͤckſicht auf ihr eigenes Schickſal, galt. Ach! der Menſch wähne doch nie, das Herbſte erlitten, das Schwerſte beſiegt zu haben! Faſt immer ſind unſre ſchmerzlichen Erfahrungen nur Vorberei⸗ tungen auf noch ſchmerzlichere, faſt immer folgt auf tiefen Gram noch tieferer. Es iſt, als ob die erſten Unglucksfälle, die uns treffen, nur dazu beſtimmt ſind, unſer Herz fuͤr den Schmerz zu erweichen, — 203 — damit wir die Haͤrte der nachfolgenden deſto tiefer ganz durchzuempfinden vermoͤgen. In der Jugend iſt das Unglück immer poetiſch; den Ernſt, den furchtbaren Ernſt der Hoffnungsloſigkeit und der Verzweiflung lernt man erſt in einer ſpätern Lebens⸗ zeit kennen, wo der Charakter die Kraft erhalten hat, ſich in der Einheit Eines Gefuͤhls zu ſammeln. Nach Franzisca's Abreiſe ſah ſich Thorilde allein auf den Umgang mit der Baronin beſchränkt und dadurch gezwungen, jedes Bedurfniß der Mit⸗ cheilung in ſich zu unterdruͤcken. Wie traurig war jetzt dieſe Einſamkeit! welch sdes Schweigen um ſie her und wie langſam verfloſſen dieſe Tage, von denen keiner ihr Troſt oder Freude zu bringen ver⸗ mochte. Eine unbezwingliche Schwermuth laſtete auf ihr und machte es ihr unmoͤglich, in ihrem Geiſte die Huͤlfsmittel dagegen zu finden, die ihr ihr äußeres Leben verſagte. Man muß ruhig ſein, um ſich durch Ideen angezogen und beſchäͤftigt fuͤhlen zu können; jedes tiefere Gefuhl des Herzens iſt träumend und ſinnend, und auch die Phantaſie, dieſe nie genug zu preifende Himmelstochter, iſt doch auch nur die Freundin des Glücklichen, dem der Kummer mit ſeinem truͤben — 204 — Schleier ihre Zauberbilder nicht verhuͤllt. Thorilde durfte es ſich ſelbſt ja nicht geſtehen, daß die Tren⸗ nung von ihm ſie ſo ſchmerze; ſie durfte ja ſelbſt nicht darum wiſſen, was ſie ſo hoffnungslos betruͤbe; aber ſie empfand es, wie dieſer geheime Schmerz ihre Seele laͤhmte und ermattete. Alles, was ſich auf ihn in ihren bisherigen Verhältniſſen bezogen hatte, war nun plötzlich ver⸗ ſchwunden und ſie konnte es ſich nicht verhehlen, wie arm und duͤrftig ihr Leben durch dieſen Wechſel geworden war. Die gewaltſame Spannung, in der ſeine Gegenwart ſie gehalten hatte, mußte nun nach⸗ laſſen; mit ihr verſchwand das innere reiche Lebens⸗ gefuͤhl, das ihr und ihm Verguͤtung fuͤr ſo manche Qual geworden war, und ihr ganzes Daſein war nun todte Oede. Es iſt eine ganz unbeſchreibliche Pein, ſich in ſolcher Stimmung von Jemand abhaͤngig zu fuͤhlen, den man ſo wenig zu lieben als zu achten vermag, und dem man, wenn unſer Herz vor Gram und Kummer bricht, doch ein unbeſchriebenes Geſicht zeigen muß. Dieſe vornehmen, abgeglaͤtteten, er⸗ baͤrmlichen Selbſtſuͤchtter und Selbſtſuͤchtlerinnen, die man in der großen Welt ſo haͤufig antrifſt, be⸗ — 205 — ſtrafen an ihren Untergebenen die Traurigkeit, die ſie nicht kennen, da ſie häufig nur der Verdrießlich⸗ keit fähig ſind, als ein Unrecht, und vergeben ihnen nie die Langeweile „ die ſie ihnen macht. Die Baronin wollte von Thorilden unterhalten und amuſirt ſeinz dazu hielt ſie ſie, dafuͤr bezahlte ſie ſie ja, und ach! wenn man liebt und leidet, hoͤrt man auf, geiſtreich und amuͤſant zu ſein; es iſt, als ob dann der Verſtand lauter Seele wird, und wenn dies gleich fuͤr das innere Leben kein Verluſt iſt, ſo wird doch das außere dadurch beengt. Die Baronin bewies es in ihrem Betragen gegen Thorilde, daß nichts grauſamer iſt, als die belei⸗ digte Eitelkeit eines herzloſen Weibes. Sie konnte Thorilden ihre höhere Bildung, ihre reicheren Kennt⸗ niſſe, ihren glanzenden Standpunkt in der Geſell⸗ ſchaft nicht vergeben und noch viel weniger ihre Anſpruͤche auf moraliſche Achtung. Wenn es uͤberhaupt im Ganzen ſchon viel ſchwerer iſt, von den Menſchen Verzeihung fuͤr unſte Tugenden als fuͤr unſre Fehler zu erhalten, ſo iſt es noch entſchiedener, daß die Anſpruͤche des Untergebenen auf moraliſche Achtung den Reichen und Vornehmen, deren Neigungen ſie in der Re⸗ — 206 — gel widerſtrebt, faſt immer gegen dieſen erbittern und ſie zu jenen kleinen Neckereien verleiten, die der Geringere an dem Obern nicht ruͤgen darf, die aber doch am Ende lebensſatt machen. Dies Loos traf nun auch Thorilde in ſeiner ganzen Bitterkeit. Die Baronin blieb gegen ſie immer recht hoflich, recht artig; allein ihr Ton hatte doch in ſeiner Entſchiedenheit und in ſeinem Abſpre⸗ chen etwas ſo Demuͤthigendes und Herrſchaftliches, daß es ſie oft emporte, da ihr dieſe Frau zu gleich⸗ gültig und zu gehaltlos war, um ſich durch ſie ge⸗ kraͤnkt fühlen zu können. War Geſellſchaft da, ſo wurde dieſe, bei der Eitelkeit der Baronin, Thoril⸗ den zur Schutzwehr, und Franzisca's und Theodors Naͤhe gab ihr nun vollends eine Sicherheit der Achtung und der Liebe, die ſie mit ihrem Verhält⸗ niſſe ausſohnte und der Baronin einen Zwang auf⸗ legte, fuͤr den ſie ſich jetzt in ihrer Einſamkeit ſchad⸗ los zu halten ſuchte. . So leicht und angenehm es nun auch iſt, be⸗ ſcheiden zu ſein, ſo lange wir uns gelobt und ge⸗ feiert wiſſen und dieſe Beſcheidenheit ſelbſt uns zum Verdienſt angerechnet wird, ſo lernt man ſich ſelbſt in dieſer Pinſicht doch nur in der Pruͤfung rechs — 207 — kennen, wenn ſich unſer Stolz gegen fremde, unſerm Selbſtgefuhl nach, ungerechte Verkennung aufbaͤumt. Thorilde wußte, daß ſie Geiſt und Kenntniſſe beſaß, ohne ſich auf dieſen Beſitz etwas zu Gute zu thun, und nie hatte ſie dadurch auf Unkoſten Anderer zu glänzen verſucht; aber die Baronin ſuchte etwas darin, von ihrem Geiſte und ihren Kenntniſſen nie die geringſte Notiz zu nehmen und war dabei in ihren eigenen Anſichten von Welt und Loben, Kunſt und Wiſſenſchaft ſo beſchränkt, und trotz der Duͤrf⸗ tigkeit und der Oberflächlichkeit ihrer Kenntniſſe doch ſo bis zur Albernheit abſprechend in ihren Urtheilen, ſo vornehm abgeneigt, irgend eine von der ihrigen abweichende Meinung gelten zu laſſen, daß es Tho⸗ rilden zuweilen Muhe koſtete, es ſchweigend zu er⸗ tragen und ſie nicht ihr Uebergewicht einmal em⸗ pfinden zu laſſen. Moöchte doch jedes junge menſchliche Gemuͤth in dieſen Zeilen eine Warnung finden, ſich ſolchen Verhältniſſen nicht ohne große Prufung hinzugeben, da es unmoglich iſt, ſich ihrer Wirkung auf unſern Charakter zu entziehen, weil es der tiefſte und maͤch⸗ tigſte Zug des menſchlichen Gemuͤths iſt, der den Einfluß des täglichen Zuſammenlebens auf uns be⸗ — 208 — gruͤndet. Jeder Menſch, der Gefuͤhl fuͤr eigne Wuͤrde hat, huͤte ſich vor dem Joch, von unge⸗ achteten Menſchen abhaͤngig zu ſein, da dies das Verderblichſte iſt, was er auf ſich nehmen kann. Welcher Juͤngling iſt ſo feſten Geiſtes, daß er da⸗ durch nicht irre gemacht werden koͤnnte? welches weibliche Gemuͤth hat ſeinen Himmel ſo unverlier⸗ bar in ſich, daß er dadurch nicht getruͤbt werden muͤßte? Jener Muth, der uns allein vor dem Schickſal und vor den Menſchen aufrecht zu er⸗ halten vermag, und der ſich auf das Bewußtſein gruͤndet, nicht ungeſtraft beleidigt werden zu können, wird entſchieden in einem ſolchen Verhältniſſe ge⸗ beugt. Alle Abhaͤngigkeit kann nur durch Liebe ge⸗ adelt werden, und ohne dieſe verliert man an ſie ſicher, wenn auch noch ſo langſam, jede beſſere Eigenthuͤmlichkeit des Charakters. Man lernt es zu ausſchließlich, Geſchmack am täglichen Brod zu fin⸗ den, und wehe doch dem, der ſeine Anſpruͤche an das Leben darauf zu beſchraͤnken lernt und auf die⸗ ſem Wege gar dahin gelangt, ſich um des Brodes willen Demuͤthigungen gefallen zu laſſen, die mit der Zartheit unſers Ehrgefuͤhls zugleich die feinſte Bluͤthe unſers Werthes knicken. — 209 — Dies konnte freilich bei Thorilden nicht mehr der Fall ſein, da die Selbſtſtändigkeit ihres Weſens zu feſt begruͤndet war; allein ihre Kraft verſteinerte gewiſſermaßen an dieſem Drucke, und bald entriß ihr auch das Schickſal den letzten Faden, an den ſie von dieſer Gegenwart zur Hoffnung einer beſſern Zukunft hätte uͤbergehen koͤnnen und raubte ihr, mit dem Glauben an Menſchenwuͤrde, die letzte Stuͤtze ihres verarmten Daſeins. Auf einer Reiſe, die ſie mit der Baronin machte, fuͤhrte ſie ihr Weg durch ein kleines Städt⸗ chen, wo die Baronin einer Unpäßlichkeit wegen einige Tage verweilen mußte. Das Wirthshaus war klein und Thorilde konnte daher fuͤr ſich nur ein Kaͤmmerchen erhalten, welches nur durch eine duͤnne Breterwand von einem größern Zimmer ge⸗ trennt war, das, nach Ausſage der Wirthin, von einer jungen Officierswitwe bewohnt wurde, die, auf der Reiſe zu ihren Verwandten, von ihrer Ent⸗ bindung in dieſem Hauſe uͤbereilt worden war und wahrſcheinlich ſterben werde. Auch habe man wenig Hoffnung, das Leben des Kindes zu friſten, welches in den vierzehn Tagen ſeit ſeiner Geburt ſchon zweimal in heftige Kraͤmpfe verfallen, dem Tode nahe geweſen ſei. — 210 — Ein tiefes Mitleid ergriff Thorilde, wenn ſie an das Schickſal dieſer jungen, hier ſo einſam ſter⸗ benden Mutter dachte, die, wie ſie von der Wirthin erfahren hatte, außer einem bejahrten Maͤdchen, nur eine Krankenwarterin um ſich hatte. Die Baronin ging zeitig zu Bette und Thorilde trat, um die Kranke nicht zu ſtoͤren, leiſe in ihr Zimmer; allein es war ihr unmoͤglich, an Schlaf zu denken. Die bangen Klagetoͤne der Kranken drangen durch die Scheidewand zu ihr; unbeſchreiblich von ihnen be⸗ wegt, regten ſie in ihr ein ſo tiefes, ſo herzzer⸗ reißendes Mitleid auf, daß ihr war, als erneuere ſich in ihnen fuͤr ſie jeder bis jetzt empfundene Schmerz ihres Lebens. Plotzlich ward es unruhiger in dem Krankenzimmer; ſie hoͤrte mehrere Male aus⸗ und eingehen und widerſtand nun nicht laͤnger der Sehnſucht, ſelbſt zu ihr zu eilen und zu ſehen, ob ſie ihr keine Erleichterung verſchaffen koͤnne. Als ſie in das Vorzimmer trat, fiel ihr Blick auf die Wiege des Kindes; die Amme lag laut wei⸗ nend vor derſelben auf den Knieen, und als ſie näher trat, ſah ſie den Todeskampf des armen kleinen Geſchoͤpfes, deſſen huͤlfloſes Jammertoͤcheln tief durch ihre Seele ſchnitt. Aber als ſie nun in das Zimmer — — der Kranken trat, ſich ihrem Lager naͤherte und mit heißen Thränen ſich zu der Sterbenden niederneigte, da griff der bitterſte, der entſetzlichſte Schmerz nach ihrem Herzen; ſie erkannte ihr Pflegekind, ihre heiß geliebte Amala! Vor dem ſchreckensvollen Jammer⸗ tone, mit der ſie ihren Namen rief, oͤfſnete ſich das verdunkelnde Auge der Ungluͤcklichen; ſie erkannte ihre zweite Mutter und dankte Gott, an ihrem Herzen ſterben zu konnen! — Die Nacht des Elends, die Thorilde an dieſem Sterbebette verlebte, haͤtte kein Erdengluck je ver⸗ guten koönnen, und die leiſeſte Erinnerung an ſie mußte dem Weſen, das ſie erlebte, zum unerſchoͤpf⸗ lichen Quell des verzweiflungsvollſten Jammers werden. Gegen Morgen brach in Thorildens Armen Amala's Herz und Leben — die Todesſtunde der Mutter war auch die des Kindes, und daſſelbe Grab umfing dieſe zwei Opfer der Gebrechlichkeit menſch⸗ licher Tugend und der fuͤrchterlichen Zufaͤlligkeit menſchlicher Laſter. Amala ſtarb als Thorismund's Opfer. Er, der den Frieden der Mutter einſt ſo zart und edel zu ehren vermochte, wurde der Verfuͤhrer der funf⸗ zehnjährigen, von der Mutter ihm auf ihrem Todten⸗ — 242 — bette anvertrauten Tochter. Er war ein edler Mann; ſein ganzes Leben rein; ſeine moraliſche Willenskraft ſo gepruͤft, ſo bewährt, und doch ward ſie ſein Opfer! Er hatte ſie nie geliebt, ſie ihn nicht — ſie wurden Beide das Opfer ihres Schickſals. Amala ſtarb — und Er — er blieb ein großer Mann. Das Vaterland nennt dankbar ſeinen Na⸗ men; Deutſchlands Juͤnglinge ermuthigen ſich an ſeinem Beiſpiele; kommende Geſchlechter werden ſeine reine Tugend und die Kraft ſeines Charakters noch preiſen — ſein Herz hat nur Gott geſehen. Amala's Schickſal ging mit ihr ſtumm zu Grabe und hat auf alle ſeine Lebensverhaͤltniſſe nie den geringſten Einfluß gehabt. Gott allein blieb ſein Richter! Thorilde erfuhr noch von Amala ihre Geſchichte, die Thorismund's Briefe an ſie, deren Erbin ſie geworden war, ihr ergaͤnzten. Der Eindruck derſel⸗ ben auf ſie war furchtbar und ließ ſie das Entſetz⸗ lichſte erleiden, was ein Herz hienieden zu erleiden vermag; es war ein Riß zwiſchen ihr und Gott! — Sie konnte Thorismund nicht entſchuldigen; allein ſie war uͤberzeugt, daß dies der einzige dunkle Flecken ſeines ſonſt ſo edlen Lebens war, und daß ein Leben, wie das ſeinige, eine ſo ſtarke Seele, wie die ſeinige, — 213 — nicht vor der Möglichkeit eines ſolchen Fehltrittes zu bewahren vermochte, verſenkte ſie in die finſter⸗ ſten Gruͤbeleien uͤber Menſchenſchickſal und Men⸗ ſchentugend. Alles Daſein erſchien ihr nur noch wie das Spielwerk einer feindlichen Willkuͤr, und es kam ein Haß, dem wir ſchaudernd keine Worte zu geben wagen, in ihre Seele. Sie uͤberzeugte ſich, daß es dem Menſchen, auch bei dem reinſten Willen, den beſten Vorſaͤtzen nicht möglich ſei, ſich vor Verbre⸗ chen zu huͤten und daß nur der Zufall allein vor dieſen bewahre. Wäre es anders, ſagte ſie ſich mit unbeſchreib⸗ licher Bitterkeit, ſo muͤßten Pflicht und Ehre in ihrer, unſerm Gluͤck ſo feindlichen, grauſamen Un⸗ erbittlichkeit, doch auch wohl die Kraft haben, eine meiner Thränen zu trocknen, eine der heißblutenden Wunden dieſes ſich ihnen opfernden Herzens zu ſtilen. — Aber ich fuͤhle es, ſie ſind nicht, wie ſie der Wahn des Menſchen preiſet, gottlicher, ſie ſind teufliſcher Natur, und vom Schickſal dem armen geaͤngſteten Menſchenherzen nur als drohende Straf⸗ bilder eingeaͤtzt, damit es in unheilbarer Verwirrung mit dem Gluͤcke und der Natur zerfalle! — —SSSS —— S — 214 — Arme Thorilde, wie ſanft und heilend hätte dich der fromme Glaube an Gott in der Kindlich⸗ keit ſeiner Ergebung an ihn mit dieſen Zweifeln ver⸗ ſöhnt, vor deren giftigem Einfluſſe dich nicht Ehre, Vernunft und Grundſätze zu ſchuͤtzen vermochten! — Ein Jahr verging, da kamen Briefe von Theo⸗ dor, die ſeine nahe Ruͤckkehr verkuͤndeten. Thorilde war ſo feſt entſchieden, ſein Ungluͤck ſolle nie das Werk ihrer Schwäche ſein, daß ſie die Nachricht ſeiner Zuruͤckkunft mit der Gleichgultigkeit der er⸗ bitterten Ergebung in ein durchaus feindſeliges, durch keine Thraͤnen, kein Opfer zu verſöhnendes Schick⸗ ſal aufnahm. Auf eine ſeltſame Weiſe war ſie in dieſem Jahre durch ihre Träume mit ihm in Ver⸗ bindung geblieben. Sein Ring, dieſe fur ſie un⸗ ſchätzbare Erinnerung einer ſchoͤnen Zeit, kam ſelten von ihrer Hand, ſeitdem ſie bemerkt hatte, daß ihr der Traum jedesmal, wenn ſie ihn waͤhrend ihres Schlafes trug, das Bild des Gebers vorfuͤhrte. Vorzügliche Deutlichkeit gewannen dieſe Träume, die ſie nie in die Vergangenheit zuruͤckfuhrten, ſon⸗ dern ihr Theodor zeigten, wie ihn auf ſeiner Reiſe ihr Bild uͤberall begleitete, wenn ſie beim Schlafen⸗ gehen die Stirne uͤber den Augenbraunen mit dem — 215 — Ringe mehrere Male in beſtimmter Richtung be⸗ tührte. Sie ſah Theodor dann ſelten in der Um⸗ gebung anderer Menſchen, ſondern faſt immer allein, bald zu Roß, bald zu Fuß, wie von einem unſicht⸗ baren Feinde raſtlos verfolgt, einſam umher irrend, und ſie vermochte in dieſen Traͤumen in ſeiner Seele wie in einem aufgeſchlagenen Buche zu leſen. Dieſe Träume verkuͤndeten ihr mehr von ſeiner Liebe, als ſeine Lippen je ausgeſprochen hatten, und oft beweinte ſie beim Erwachen mit den heißeſten Thraͤnen die unfreiwillig auf ſich geladene Schuld, die Ruhe des theuren, edelgeſinnten Mannes ver⸗ giftet zu haben. Daß auch ihr Leben, ihr Herz und ihr Friede das Opfer dieſer Liebe wurden, be⸗ achtete ſie nicht — nur ihm, nur um ihn floſſen ihre Thraͤnen. Wie gern waͤre ſie mit ihrem Weh ſtill und unerrathen zu Grabe gegangen, hätte ſie ihn nur wieder heiter und gluͤcklich geſehen. Einſam und ernſt ſtand ſie eines Abends am entlegenſten Fenſter des großen, mit Gäſten ange⸗ fuͤlten Geſellſchaftsſaales, und blickte den vom Wiederſchein der hell ſtrahlenden Fenſter erleuchteten Bergpfad hinab, der in das unten liegende Thal fuhrte, als ſie Theodors Reiſewagen erkannte, der — 216 — auf das Schloß zueilte. Ihr Herz begann in ſchmerzlich ſuͤßer Unruhe dem Augenblick des nahen Wiederſehens entgegen zu klopfen und ſie rang noch vergeblich nach beſonnener Faſſung, als man den Wagen ſchon durch das Thor des Hofes rollen hoͤrte. Die Baronin eilte, von ihren Gäſten be⸗ gleitet, den Ankommenden entgegen, und Thorilde durfte in dem Zirkel von Freunden und Bekannten, der ſich um dieſe beim Ausſteigen draͤngte, nicht vermißt werden. Theodor ſprang zuerſt aus dem Wagen. Der hohe Kragen des blauen Mantels, den er trug, ver⸗ barg ſein Geſicht, und nur die dunkelgluͤhenden Augen trafen jetzt, als er ſeine Schweſter umarmte, Thorildens Blicke — in dieſem Augenblick reichte ihm Franzisca aus dem Wagen den auf ihrem Schooße ſchlummernden kleinen Julius entgegen, und ohne ſonſt Jemand zu begruͤßen, eilte er bei Thorilden ſtumm und ohne Blick voruͤber in das Haus, den Knaben ſorgſam auf ſeinen Armen tra⸗ gend. Dies wiſſentliche Ueberſehen, dieſe vorſätzliche Nichtbeachtung ihrer Gegenwart that ihr ſehr, ſehr wehe, und nur die Innigkeit, mit der Franzisca's erſter Blick ſie ſuchte, nur die Herzlichkeit, mit der — — ſie von dieſer umarmt war we . die eben —— Wunbe. his dunt oh 6 nonn 4 — Suſigeſüht mu z. 3 augenblickich ihres Aeußern Herr, und Keiner ver⸗ mochte zu errathen, wie weh es ihr um das Herz war. Man trat jetzt nieder in den Saal; Theodor hatte den Mantel gtgepotfen und unwillkürlich kehrte ihr Auge zu ihm zurück; aher wie erſchuͤtterte ſie ſin Anblick! Es war nicht mehr der bluͤhende, ſchönz, noch auf der Grenze des Juͤnglingsalters ſthend⸗ Mann — bleich, hager, in verwuſteter Jugendfriſche, ſchien nicht der Kampf mit der Lei⸗ denſchuft, ſondern die gänzliche Viederlage die Bluthe ſeiner Gefundheit ſo gebleich, dieſe frher ſo ſchö⸗ nen und edlen Züge in ſo finſtte Falten gelegt und den Ausdruck von Milde und Sanſtmuth ganz in ihm verlölcht zu haben. — . n Auch jetzt begruͤßte er ſie — unch jtzt ver⸗ mied er jeden Blick auf ſie, jedes Wort mit ihr, und ſchien fuͤr die Erinnerung der Vergangenheit erſtorben, in ihr nur die gleichgutige, von ihm gar nicht beachtete Geſellſchafterin ſeiner Schwe⸗ ſtor ſohen zu wölem Döch nicht blos gehen ſich Tarnow's Schriften. V. 10 — 218 — ſah ſie ihn ſo veraͤndertz er war res auch in jeder andern Beziehung, und erſchien untheilnehmend und erſtorben gegen Alles, was hü Dali be⸗ ſeelte und etfrelte. 6 m Auffallendſten zeigte ſich tieſe umwant· lung ſeines Weſens in ſeinem Betragen gegen Fran⸗ zisca. Er ließ ſie unbedingt uber Alles walten, was ihn und ſein äußeres Leten bettaf; ſie war darin unbeſchrankt und fri; ällein von irgend einer andern innigern Beſiehung zwiſchen ihnen war nicht mehr die Rede, und gleich ſin Vettagen nie die Aufmerkſamkeit und Sittigkeit veilitzte, die das Geſchlecht von einem Brudet gegen ſein Schwtſter fordert, ſo bewies er ihr doch auch nie jene Acht⸗ amkeit, die das Herz allein etzeugt 3 und die biher auch in ihren kiſeſten Aeußerungen in tme Herz ſo zart und ſchön beglückt. Es war Thorilden unbegreiflich, Pi Frän⸗ zisca, weit entfernt, durch diele Aenderung ſeines Fnuw unain zu ſin⸗ n in das vhilnſ ——— ſeh⸗ In ihrem Kinde war ihr Daſein ſo begluͤckend voll⸗ ſendet E ſich der Liebe des Gatten durchaus V ninh SecanV — — nicht mehr beduͤrftig fuhlte, und nie daran dachte, wie vereinzelt eine ſolche Abſonderung des Daſeins den Gatten laſſe. Nur noch durch ein Band ſchien Theodors gluͤhendes Herz an die Erde gebunden zu ſein, durch ſein Kind. Er liebte ſeinen Julius ganz unbe⸗ ſchreiblich, und wortkarg, wie er es gegen Alle ge⸗ worden war, konnte er das noch ſtumme Kind Stunden lang umhertragen, und mit herzzerreißend lächelnder Wehmuth ſich an ſeinen Blicken, Mienen und Geberden ergotzen. Thorilde litt entſetzlich, unß war in dieſem geit⸗ punkte gewiß noch ungluͤcklicher als er, da ihre Theilnahme reiner war, als es der Schmerz des eigenen Ungluͤcks zu ſein vermag. Je edler aber ein Schmerz iſt, je mehr zehrt er am innern Leben. Ein ganz uneigennuͤtziges Weh muͤßte daher auch ein immerwahrendes ſein, ſo wie jeder ſelbſtſuͤchtige Schmerz ſeiner Natur nach fruͤher oder — wie eine Täuſchung vergeht. Sie hatte keinen Glauben an die Wahrheit der Gieichgultigkeit, die er ihr jetzt zeigte, und auf je⸗ den Fall war doch dieſe Umwandlung ſeines We⸗ ſens von ihr ausgegangen, und nur die Wiederkehr 10 * — — 220 — ſeines Friedens konnte ſie mit ihrem Schickſale ver⸗ ſoͤhnen. Tief in ihrem Herzen ruhte der Glaube, daß es noch in ihrer Gewalt ſtehe, ſeine Verſtim⸗ mung zu loͤſen, und in ſeiner Seele den Ton wie⸗ der hervorzurufen, deſſen Harmonie ihn einſt ſo be⸗ gluckte; allein wie gefaͤhrlich mußte jetzt fuͤr ihn und auch fur ſie jede Annaͤherung werden! In dieſem Zweifel, dieſer Unruhe gingen vier⸗ zehn ſchmerzliche Tage hin, ohne daß Beide ein Wort mit einander geſprochen hatten, als man von einem in der Nachbarſchaft wohnenden Bekannten eine Einladung zum Mittagseſſen bekam. Die Ge⸗ ſellſchaft war zahlreich, und als man ſpaͤt in der Nacht wieder heimfuhr, gab Theodor, der den Hin⸗ weg zu Pferde gemacht hatte, dieſes an einen der Diener, und ſtieg zu Franzisca in den Wagen, die allein mit Thorilde fuhr, weil in dem Wagen der Baronin die Plätze beſetzt waren. Thorilde erbebte, als er in dem engen Raume ihr gegenuͤber Platz nahm, und nur mit peinlicher Anſtrengung gelang es ihr, mit Franzisca eine gleichguͤltige Unterredung anzuknupfen; aber welch ein tödtlicher Schrecken durchfuhr ſie, als er ihre Hand ergriff, und — 1 — ſie ſie von ſeinen Kuͤſſen, ſeinen Thraͤnen bedeckt fuhlte! Die entſetzliche Angſt, Franzisca konne trotz der Dunkelheit der Nacht dieſen Auftritt gewahr wer⸗ den, das innigſte Mitleiden mit ihm, das ſchmerz⸗ liche Entzucken der Gewißheit, noch von ihm geliebt zu ſein, banges Vorgefuͤhl der Zukunft, Ahnung der von ihr nie gekannten Seligkeit eines durch Liebe begluͤckten Herzens, vereinten ſich in dieſem Augen⸗ blick in ihrer Seele zu einem ſo maͤchtigen Gefuhle, daß ſie ohnmaͤchtig geworden ſein wuͤrde, wenn nicht die Liebe ſelbſt ihr Bewußtſein mit ungetheilter Kraft an dieſen lebensvollen Augenblick der Gegenwart ge⸗ heftet hätte. Sie wagte es nicht, ihm ihre Hand zu entziehen, da er ihrem leiſen Verſuch, es zu thun, widerſtrebte, und erſchrak vor dem Beben ihrer Stimme, als ſie das Geſpraͤch mit Franzisca uͤber einige unbedeutende Vorfälle in der eben ver⸗ laſſenen Geſellſchaft ſortſetzen mußte. Als ſie zu Hauſe anlangten, und in Erwar⸗ tung des zweiten nachfolgenden Wagens noch einige Augenblicke in das gemeinſchaftliche Geſellſchaftszim⸗ mer traten, konnte es Thorilde nicht laſſen, einen verſtohlnen Blick auf Theodor zu werfen; ihr Auge — 222 — traf aber auf einen ſo glühenden, ſo innig ſeelen⸗ vollen Blick des ſeinigen, daß ſie das ihrige in un⸗ bewußter Jugendlichkeit ſuͤß erröthend, blöde nieder⸗ ſchlug, und es auch nicht wieder zu erheben wagte. Noch gefäͤhrlicher wurde ihr ſein Anblick, als ſie ihn am naͤchſten Morgen wieder ſah. Die feind⸗ liche Erſtarrung ſeines Weſens hatte ſich in eine milde Wehmuth aufgeloſet, er redete ſie an, und der Ton ſeiner Stimme hatte etwas ſo ſanft Kla⸗ gendes, und eine ſo ruͤhrende Furchtſamkeit, daß ihr Herz innig davon bewegt wurde, und ſie es nicht uͤber ſich gewinnen konnte, ihm kalt und ſtrenge zu antworten. Was ſie aber noch mehr mit dem Auf⸗ tritt des vorigen Abends verſoͤhnte, war ſeine Freundlichkeit gegen Franzisca, mit der ſie ihn zum erſten Mal ſeit ſeiner Ruͤckkehr traulich und herzlich ſprechen hoͤrte. Die Hoffnungsloſigkeit ſeines Ungluͤcks hatte ihn fruher gegen ſie erbittert; aber er war zu gut, zu herzensgut, als daß dieſe unnatuͤrliche Verſtim⸗ mung nicht der Milderung ſeiner Qual weichen, und in ihm wieder das Bedurfniß erwachen mußte, auf Alles, was ihn umgab, erfreuend zu wirken⸗ Ohne alle Worte begrundete ſich jetzt allmählig ein ſtines Eimwerſtändniß zwiſchen ihm und Thorilde. Sie ſahen ſich nie unter vier Augenz allein er lebte in der Geſellſchaft nur fur ſie, und ein Blck, ein freundliches Wort von ihr ſtillte alle Schmerzen der Vetgangenheit, all unruhe der Gegenwart in ſei⸗ nem Herzen. Die finſtte Schwermuth, die fern von ihr ſo ſchwer auf ihm gelaſtet hatte, und ihn in jenen fuͤrchterlichen Tagen, wo er es ſich im ent⸗ ſetlichen Kampfe abzwang, ſich in kalter Entfrem⸗ dung von ihr fern zu halten, wie ein Fluch der Verzweiflung qualte, wich jetzt dem ruͤckkehrenden Gefuͤhl von Leben und Gluck, das ihn neu beſeelte. Er hatte ſie fruͤher verlaſſen, weil er von der Entfernung Huͤlfsmittel gegen dieſe Leidenſchaft hoffte, die er in ſeiner Vernunft und ſeinem Pflichtgefuhl nicht fand; doch ihr Bild war ihm gefolgt, und zog ihn unwiderſtehlich in die Gögend zuruͤck, wo ſie zebte. Noch immer wähnte er ſie kalt und untheil⸗ nehmend gegen ſeinen Schmerz“ und daher beſchloß er, bei ſeiner Ruͤckkehr alle ſeine Kraft aufzubieten, ihr zu verbergen, daß er leide. Sie ſollte ihn für geneſen halten, und die Ruhe, die er zeigte, ihm die Achtung wildet geninnen, die er durch die frü⸗ heren Ausbrlche ſeiner Leidenſchaft verloren zu ho⸗ —— ben glaubtez rallein der erſte Blick auf ſie offenbarte ihm das chitn n und a S n cu 6 6 u Er durfte es nut bnot wagen, — zu — en; der erſte Blick, das erſte Wort haͤtte ihn ver⸗ rathen, und aus Scheu davor wich er ihr ſo ſorg⸗ ſam mit dieſem Schein einer bis zur Unhoͤflichkeit gehenden Nichtheachtung aus. Ein ſo eiſerner Zwang konnte aber in ſeiner Unnatur nicht beſtehen, und wie ein neuer Fruͤhling nach trauriger Winteroͤbe ging es in ſeinem Herzen auf, als er ihn von ſich warf. Begluͤckt, ſie wieder zu ſehen, zu ſprechen begluͤckt, in ihr die ehemalige Freundin zu finden, bedurfte er keiner Hoffnung, keiner Erwartung fur die Zukunft, um ſich in dieſer Sabbathszeit ſeiner Leidenſchaft unausſprechlich beſeligt zu fuͤhlen. n „ Thorilde genoß den Zauber dieſes Verhältniſſes nur miteſtillem, angſtvollem Beben „da ſie mit der Natur der Leidenſchaft zu wohl prkannt war, um es nicht zu ahnen, daß die Ungenügſamkeit derſel⸗ ben ihn früher oder ſpäter löſen werdez aber ſie konnte ſich nicht wieder in kalter Strenge won ihm entfremden, ohne ihn in njene finſtte Verzweiflung zuruck zu ſturzen, und es war menſchlich, es wnt — 225 — etlaubt, daß ihr die Ruͤckſicht auf dieſen Zuſtand des ſie ſo heiß, ſo einzig liebenden Mannes zur er⸗ ſten und heiligſten Pflicht wurde. Wie haͤtte ſie die Macht, ihn Alles vergeſſen zu machen, ihm Al⸗ les verguten zu koͤnnen, was er um ihretwillen ge⸗ litten hatte, ganz ungeubt laſſen duͤrfen! Fruͤher hatte ſie Franzisca's Ruhe ihn und ſich zum Opfer gebracht, jetzt gebot ihr aber die Sorge fuͤr das Gluͤck der theuren Frau ein entgegengeſetztes Be⸗ tragen. Franzisca war die Glucklichſte von ihnen, und nahm an der wiederkehrenden Heiterkeit ihres Gat⸗ ten freundlichen Antheil, ohne ſo wenig den Grund ſeiner fruͤhern Verſtimmung, als der jeßigen Um⸗ wandlung ergruͤnden zu wollen⸗ Bewußtlos und ohne ſich Rechenſchaft davon abzulegen, hatte ſie ſeit der Geburt ihres Kindes alle ihre Anſpruͤche an ² ſein Herz aufgegeben, und da ſein Betragen alle ihre Wuͤnſche befriedigte, auch nie den kleinſten Grund zur Unzufriedenheit empfunden⸗ Doch diefe Stille, in der das Leben dieſer drei, durch äußere Vechältniſſe in ſo unglücklichen Widerſpruch mit den innerſten Neigungen und Beziehungen gerathe⸗ nen Menſchen hinfloß, wurde bald unterbrochen, da — 226 — j Theodors Seele die Leidenſchaft in ihrer heißeſten Jugendgluth nach und nach immer verdetblicher auf⸗ loderte, und Thorilde bei all der Herrſchaft, die ſie uber ſich ſelbſt uͤbte, doch zuweilen in der unwillkur⸗ lichen Regung des Augenblicks die Innigkeit ihrer Theilnahme an ihm verrieth. Zu ihr, bei der alle Wonne, alle Qual ſeines Daſeins wohnte, fluͤchtete er auch jetzt, und be⸗ ſchwor ſie, ſein Schutzgeiſt zu werden, und ihn vor ſich ſelbſt zu retten. Ihrem milden Ernſt, ihrem ſanften Zureden gelang es auch oft, den Sturm in ſeiner Seele zu ſtillen. Sein Herz fuͤhlte ihre Macht uber ſich, und betete ſie an; doch eben dieſer ihm neue Genuß, mit ihr von ſeiner Liebe und ſeinem Zuſtande reden zu duͤrfen, riß ihn dann auch in ei⸗ ner boͤſen Stunde zu Aeußerungen hin, die mit Thorildens Herz auch ihr Zartgefüͤhl verletzten. Ihre Gewalt, ſolche Ausbruͤche zu verhindern, ward im⸗ mer ſchwaͤcher, ſeine Leidenſchaft immer gewaltiger, und in kurzer Zeit ſtanden ſich Beide ungluͤcklicher denn je einander gegenuͤber. Thorilde hielt ihr Betragen rein und vorwurfs⸗ frei in den Grenzen freundſchaftlicher Theilnahme, und nie verrieth ihm wiſſentlich ein Laut, ein Blick von ihr, wie ſie liebe und leide; aber ihr Gemuͤth ermattete in dieſem Kampfe gegen ihn und ihr ei⸗ genes Herz. Ihre Geſundheit erlag, da die Unruhe ihres Herzens den Schlaf von ihrem Lager bannte, und ihr auch wachend kein Augenblick der Ruhe und der Erholung ward, weil ihr zu dem Schrecken der Gegenwart auch noch der Gedanke an die Zu⸗ kunft wie ein drohendes Geſpenſt auf jedem Tritte folgte. Mit ihrer körperlichen Kraft verließ ſie auch die geiſtige, ihren Schmerz zu verbergen⸗ Es iſt ja auch die Natur der Leidenſchaft, daß ſie die viel⸗ ſeitig hingerichteten Kraͤfte des menſchlichen Gemuͤths auf einen einzigen Punkt heftet, wo es ſich dann ſelbſt freilich in erhoͤhter Kraft empfindet, aber doch beklommen abwendet von Allem, was ſonſt zu ſeinem Daſein zu gehoͤren ſchien. Thotilde ward ganz unbeſchreiblich traurig, untheilnehmend an jeder Unterhaltung, und ſo reizbar, ſo weich, daß ſich ihre Augen beim kleinſten Anlaß unwillkurlich mit Thrä⸗ nen fuͤllten. Theodor empfand es mit unbeſchreib⸗ üchem Schmerz, und doch auch wieder mit bren⸗ nendem Entzucken, daß dies ſein Werk war, und ihre Ruhe, ihne Geſundheit ſein Opfer, und doch — 228 — fuͤhrte ſeine Stimmung faſt taglich jetzt Auftritte herbei, von denen es Thorilden unbegreiflich blieb, wie ſie ſie uberleben konnte, ohne vor Schmerz und Erſchuͤtterung zu ſterben. So ſaß ſie eines Abends in der Daͤmmerung am Fenſter im Wiederſcheine des brennenden Abend⸗ roths, das ſich uͤber das dunkle Thal hinzog, und er ihr gegenuͤber, die dunklen Blicke in ſo duͤſterer Gluth auf ſie geheftet, und die hohe, edle Geſtalt ſo gebeugt von den Feſſeln dieſer unſeligen Leiden⸗ ſchaft, daß ſie es in groͤßerer Angſt denn je tief empfand, es duͤrfe ſo nicht bleiben, es muͤſſe etwas zu ſeiner Rettung verſucht werden, ſei der Preis derſelben auch noch ſo hoch geſtellt, und nur durch ihre Verzweiflung, nur durch ihren Tod zu löſen. Franzisca war zu ihrem Kinde gegangenz jetzt ward auch die Baronin abgerufen, und Thorilde ſah ſich mit ihm allein. Sie ſcheuete dies, und ſtand auf, ſich zu entfernenz allein er faßte mit ge⸗ waltiger Leidenſchaft ihre Hände, und beſchwor ſie zu bleiben und ihn zu hoͤren. Mit der hochſten Innigkeit, mit dem herzgewinnendſten Flehen malte er ihr jetzt die Gewalt ſeiner Leidenſchaft fuͤr ſie, und wie ſeine ganze Seele ſo einzig und ungetheilt — 229 — ihr ſei, daß er ſelbſt den Schmerz dieſer Liebe jeder andern Seligkeit der Erde vorziehe, und beſchwor ſie, ihm, da an keine geſetzmaßige Loͤſung ſeiner Verbindung mit Franzisca in ſeinen Verhaältniſſen zu denken ſei, in ein fernes Land zu folgen, und da die Seine zu werden. Thorilde erſtarrte vor der Kuͤhnheit eines Pla⸗ nes, dem er Alles, was dem Menſchen theuer und heilig iſt, aufzuopfern willens war; aber ihr Herz fuͤhlte auch, wie groß die Leidenſchaft ſein muͤſſe, die ihn entwarf, und mit einem Blicke unausſprech⸗ licher Liebe und unausſprechlichen Schmerzes fragte ſie ihn zitternd, wodurch ſie es verſchuldet habe, daß er auf ihr Herz den Fluch legen wolle, ihn fuͤr Ehre und Pflicht erſtorben, ſeines Friedens fuͤr⸗ im⸗ mer verluſtig, und jedes Gluͤckes unwerth ſehen zu ſollen? 6 „Keine Vorwuͤrfe, Thorilde, den hoffnungslos Kranken koͤnnten ſie nur ſchmerzen, nicht retten, und ich fuͤhle es, mein Zuſtand gibt mir Rechte, die Ihr Herz anerkennt — Engel des Himmels,“ fuhr er fort, als er ſie bleich werden und ihre Thraͤ⸗ nen fließen ſah, „wie könnteſt Du waͤhnen, daß fur mich noch in der Erloſchung dieſer Liebe Geneſung * — 230 — denkbar ſei? — Will ich denn aber glucklich ſein, wenn Du es nicht auch biſt? fuͤhlſt Du es nicht, daß mir Macht und Gewalt uͤber Dein Leben gege⸗ ben iſt, wie das meine mit allen Quellen ſeines Seins in dieſe Liebe verſenkt iſt? — Glaube mir, eine unwiderſtehliche Macht verkettet unſer Leben und unſer Gluͤck, und Frevel iſt es, ihren Zauber nicht als das höchſte Geſetz anzuerkennen. Willige ein, mein zu ſein und fuͤhle es, daß ich mich uͤber mein Schickſal, und weihe es mich dem Tode und dem Untergange, nie beklagen werde, wenn ich Dich mein genannt habe.“ „O wie iſt es moͤglich,“ rief Thorilde p6 mit zum Himmel erhobenen Augen, „daß dieſer Mann, den ich einſt ſo hoch achtete, ſo unausſprechlich werth hielt, unrettbar verloren, und taub fuͤr die Stimme der Ehre und der Pflicht ſein kann? Es kann, es darf nicht möglich ſein und wenn Sie mich nicht tödten, wenn Sie mein Herz nicht in unnennbarem Schmrz brechen wollen, ſo muͤſſen Sie mich vor dieſem Bewußtſein ſchutzen.“ WMit heißen Thranen, mit tiefer, faſt leiden⸗ ſchaftlicher Bewegung bot ſie nun die ganze Macht ihrer Beredſamkeit auf, ihm die ſtrafbare Verblen⸗ — dung ſeiner Leidenſchaft zu ſchildern. Sie fand Worte und Gedanken, die ihre Wirkung auf ein menſchliches Gemuͤth durchaus nicht verfehlen konn⸗ ten. Ueber alle Schwäche ihres Herzens erhaben, ſtand ſie in dieſem Augenblicke vor ihm in der rei⸗ nen Theilnahme des lauterſten Wohlwollens, der uneigennuͤtzigſten Neigung, und beſchwor ihn, ſich zu ermannen, ſie zu fliechen und durch dieſe Flucht ſich vor dem Verderben zu retten, das ſonſt Weib⸗ Kind und Geliebte unfehlbar ergreifen muͤßte⸗ In namenloſer Erſchuͤtterung war er vor ihr niedergeſunken und barg ſein Geſicht in ihr Ge⸗ wand. „Nein, Thorilde, nein — alle von Dir vor⸗ geſchlagenen Huͤlfsmittel wuͤrden mir zu Gift wer⸗ den; ich bin fuͤr jedes andere Verhaͤltniß des Lebens unrettbar verloren — aber es gibt noch einen Aus⸗ weg, den Tod, und wenn ich Deiner nicht wuͤrdig zu leben vermag, vergoͤnnt es mir doch das Schick⸗ ſal, Deiner wuͤrdig zu fallen. Oeſtreich ruft ſeine Söhne zum Kampfe auf — laß mich unter ſeinen Fahnen ſtreiten und Deine Thrane ehre dann den Gefallenen.“ Das Wort Krieg wurde damals, wo der Sol⸗ dat nur fur den Fuͤrſten, nicht für das Vaterland — in das Feld zog, nicht in der Heiligkeit begriffen, mit der es die Begeiſterung unſers Volkes ſeitdem verherrlicht hat; aber doch fühlte Thorilde, Theodor habe hier das Edelſte ergriſſen, und dieſer Augen⸗ blick, wo ſie ihn am hoͤchſten achtete, war auch der, wo ſie ihn am innigſten liebte. Neu beſeelt von der Hoffnung, den uͤber Alles geliebten Mann von ſeinem tiefen Falle wuͤrdig erſtehen zu ſehen, und die Felſenlaſt, Unrecht zu thun, Unrecht zu ver⸗ anlaſſen, von ſich genommen zu wiſſen; unfaͤhig, Worte fuͤr ihr Gefuͤhl zu finden und doch unwider⸗ ſtehlich zu ihm hingezogen, beugte ſie ſich zu ihm nieder und ihre Lippen beruͤhrten die ſeinigen. Es war der erſte Kuß, den er von ihr erhielt, und die Seligkeit deſſelben gab ſeinem wunden, matt verbluteten Herzen neues Leben, neuen Muth, neue Willenskraft. Von ihm umſchlungen und an ſein Herz gedruͤckt, hob ſich ihr Auge wie dankend gen Himmel — da ſah ſie in der Thuͤre ihr gegenuͤber die Baronin, die aber, nach einem Blick des Er⸗ ſchreckens und des Zorns, ſchnell und von Theodor unbemerkt zuruͤckwich. Thorildens Seele erſtarrte vor ihrem Anblick und bleich und leblos ſank ſie aus ſeinen Armen zuruͤck. Vergeblich ſuchte er ſie mit den ſuͤßeſten Schmeichelworten der Liebe zu ermun⸗ tern, er ſah ſich genoͤthigt, um Beiſtand zu rufen; Franzisca eilte herbei und Thorilde erwachte in ihren Armenz aber ſie fuͤhlte ſich ſo toͤdtlich ermattet, daß man ſie nach ihrem Zimmer bringen mußte, und kaum ſah ſie ſich hier auf ihre dringende Bitte allein gelaſſen, als das Gefuͤhl ihrer Lage ſie mit der Gewalt der Verzweiflung ergriff. An Rechtfertigung war hier nicht zu denken, und ſie kannte die Baronin genug, um es zu wiſſen, mit welcher grauſamen und haͤmiſchen Bitterkeit ſie dieſe Entdeckung benutzen wuͤrde, den lange gegen ſie genährten heimlichen Unmuth zu befriedigen. Ver⸗ geblich hatte ſie bisher Alles aufgeboten, Franzisca im Frieden ihrer Unwiſſenheit zu erhalten, ſie mußte jett von der Unzartheit der Baronin fuͤrchten, daß ſie ihrer Entdeckung die groͤßte Oeffentlichkeit gab⸗ Bei ihr bleiben konnte ſie nach dieſem Vorfalle auf keine Weiſe; zu tief, zu brennend, zu ſchmachvoll iſt das Gefuͤhl, vor Menſchen gedemuͤthigt zu er⸗ ſcheinen, die wir nicht achten, uͤber deren Lob und Tadel uns bis jetzt ein edles Selbſtgefuhl erhoben hatte und denen nun der Schein das Recht gibt, ſich hoch uͤber uns zu ſtellen und uns in der Rolle — 233 — ſtrenger Tugendhelden ſchonungslos zu Und doch, wohin ſollte ſie flichen? — Sie, die herrliche, ehemals ſo gefeierte Griſi n Adlerſtein, ſtand ja jetzt ganz einſam, ganz verlaſſen da, und mit dem Frieden ihres Herzens war auch die Aegide verloren, die ſie bis jetzt gegen die Pfeile ihres harten Geſchicks geſchützt hatte. Die Welt und das Leben waren fuͤr ſie ausgeſtorben bis auf eine einzige Geſtalt, die die Quelle aller ihrer Em⸗ pfindungen und Schmerzen geworden war. Jede Minute ihres jetzigen Daſeins, jeder Schlag ihres Herzens klagte dieſe Geſtalt an, und doch konnte ſie es, ſelbſt in dieſen entſetzlichen Stunden, nicht bereuen, geliebt worden zu ſein. In dem Gedan⸗ ken, um ihn und durch ihn zu leiden, lag eine ge⸗ heime Seligkeit, die ſie um keinen Preis — miſſen moͤgen. 2 Schon war es u im ganzen Hauſe und Thorilde glaubte ſich mit ihrem Schmerz und mit ihrer Angſt noch allein wach, als ſich ihre Thüre öffnete und die Baronin eintrat. Thorildens See⸗ lenkraft war ſeit Monaten langſam zu ſehr unter⸗ graben und ſie an dieſem Abende zu heftig erſchuͤt⸗ tert, zu ſchmerzlich angegriffen worden, als daß ſie jetzt bei dem Anblick der Baronin die ernſte Faſſung und edle Wuͤrde zu behaupten vermochte, die ihrer Schuldloſigkeit und ihrem Ungluͤcke geziemt hätte. Bleich und erſchoͤpft ſank ſie kraftlos auf den Sitz zuruck, von dem ſie ſich beim Eintritt der Baronin erhoben hatte. „Erſchrecken Sie nicht,“ redete dieſe ſie mit der Kälte der Verachtung und allem Hohn des Ueber⸗ muthes an, „ich werde es ganz Ihrem eigenen Ge⸗ wiſſen uͤberlaſſen, Ihnen zu ſagen, wie ſchaͤndlich Sie die jugendliche Unerfahrenheit meines Bruders gemißbraucht haben, um ſeiner unglucklichen Frau unter der luͤgenden Maske der Freundſchaft und des Vertrauens das Herz ihres Gatten zu ſtehlen, und gewiß kann bei Ihrer Weltklugheit und Ihrem er⸗ fahrungsreichen Alter keinem Menſchen ein Zweifel entſtehen, wen von Ihnen Beiden man hier als ein Opfer der Verfuͤhrung zu bedauern hat; aber bitten muß ich Sie, mein Haus ſogleich zu verlaſſen, da es ſich ſo wenig mit meinem Stande, als mit meinen Grundſaͤtzen vertraͤgt, die — Nebengeliebte meines verheitatheten Bruders laͤnger in meinem Hauſe zu beherbergen.“ — 236 — In all der Hoheit, die der Graͤfin Adlerſtein geziemte, erhob ſich Thorilde hier ſo gebietend, daß die Baronin unwillkuͤrlich vor der ſtrahlenden Wuͤrde ihres Blickes die Augen ſenken mußte. „Sie koͤnnen ſich jedes fernere Wort erſparen,“ ſagte ſie ruhig, „da ich nie der Meinung geweſen bin, daß wir uns uͤber irgend einen Punkt unſers Denkens und Em⸗ pfindens zu verſtaͤndigen vermögen, und Sie es im Innerſten Ihrer Seele gewiß anerkennen muͤſſen, wie wenig Sie befugt ſind, die Richterin meines Betragens zu werden. Es iſt aber auch mein Wunſch, Ihr Haus ſo bald als moͤglich zu verlaſſen und ich werde jede Verfuͤgung billigen, die Sie deß⸗ halb treffen wollen.“ „Nun wohl,“ erwiederte die Baronin, „ich habe den Kutſcher beordert, um zwei Uhr mit dem Wagen vor dem aͤußern Thore zu halten und Sie bis zur naͤchſten Stadt zu fahren, da ich meiner Schwägerin einen Abſchied zu erſparen wuͤnſche, der unvermeidlich eine ſie tief betruͤbende Erklaͤrung nach ſich ziehen wuͤrde. Marie kann Ihnen bei dem Einpacken helfen und hier iſt ſowohl Ihr ruͤckſtän⸗ diger Gehalt, als auch der fuͤr dieſes Jahr, deſſen Bezahlung ich Ihnen nicht vorenthalten will.“ — — Thorilde warf hier einen Blick tiefer Verach⸗ tung auf die Baronin und raſch die Klingel ziehend, gab ſie dem erſcheinenden Mädchen die von der Ba⸗ ronin auf den Tiſch gelegte Geldrolle. „Du biſt Braut, Marie,“ ſagte ſie ihr, „nimm dies zur Aus⸗ ſteuer und gedenke meiner, wenn Du gluͤcklich biſt. Suche mir aber nun eilig meine Sachen zuſammen und packe ſie ein; ich muß noch in dieſer Nacht verreiſen.“ Von Allem, was die Baronin je von Thoril⸗ den geſehen hatte, machte dieſer Zug ihrer Fteigebig⸗ keit auf ihre der Kargheit fröhnende Seele den tief⸗ ſten Eindruck, und ſie fuͤhlte ſich dadurch zu einer Aenderung ihres Tones gegen ſie bewogen. „Ich habe Ihnen vielleicht zu nah gethan, Madame Stern,“ ſagte ſie ihr milde, „aber Sie ſelbſt werden das der Schweſter und der Schwaͤgerin um ſo we⸗ niger verdenken, da Sie es in Ihrer Macht haben, ſich durch Ihr kuͤnftiges Betragen wegen der Ver⸗ gangenheit zu rechtfertigen, indem Sie Franzisca's Gluͤck und Ruhe ſchonen. Ich kann an Ihrer Ge⸗ walt uͤber meinen Bruder nicht zweifeln und muß furchten, daß er ſeiner ſtrafbaren Leidenſchaft fuͤr Sie die raſendſten Opfer zu bringen vermochte, wenn Sie in ſeiner Nähe bleiben, oder ihn zu ſich — — rufen; aber mich duͤnkt, er hat genug gelitten. Geben Sie ihn auf, geben Sie ihn frei, ſein Sio großmuͤthig, um ſeiner Gattin, ſeines Kindes willen, legen Sie meinem Verſuch, ihn von Ihnen zu trennen, nichts in den Weg.“ Alle Wunden in Thorildens Herzen öffneten ſich vor dieſen Worten und ein unausſprechlicher Schmerz drang wie ein ſchneidendes Schwert durch ihre Seele. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,“ antwortete ſie mit einer tiefen Vewegung, „daß Ihr Herr Bruder meinen kuͤnftigen Aufenthalt ſo wenig mittelbar als unmittelbar von mir erfahren ſoll, und daß ich Alles aufbieten *me von ℳ unentdeckt zu bleiben.“ 6 „Leben Sie den nohl, 4 n die Pmnn kalt und ſtand auf, ſich zu entfernen. Thorildo konnte ſich nur ſchweigend verneigen, aber es war fuͤr ſie, ſich allein zu ſehen. Eine dumpf⸗ Betäubung verbarg ihr die Huͤlfloſigkeit ihrer Lage. Sie empfand eigentlich nur den Schmerz mit vollem Bewußtſein, ſich von Theodorn ohne alle Hoffnung des Wiederſehens trennen zu muͤſſen, und die Ge⸗ waltſamkeit deſſelben durchzuckte zuweilen wie ein Blitz die Nacht der auf ihr laſtenden Dumpfheit. Man kam endlich, ſie zu benachrichtigen, es ſei an⸗ geſpannt. Von allen Leuten im Hauſe geliebt, ſahen dieſe ſie mit Thränen ſcheiden, und vorzuͤglich Marie, das bisher zu ihrer Aufwartung beſtimmte Maͤdchen, war untroſtlich, ſich von ihr trennen zu ſollen; doch Thorildens Herz war zu tief verwundet, um den Balſam des Troſtes, der in der reinen Neigung Andrer liegt, empfinden zu können. Die Traurende hätte er erquickt; aber das Gemuͤth der Vryrzweifelnden war ihm verſchloſſen⸗ unfaͤhig, ihre Lage klar zu uͤberſchauen und an ihre Zukunft zu denken, kam ſie in dem vier Mei⸗ len vom Schloſſe der Baronin entfernten Städtchen an; bis zu welchem der Kutſcher Befehl hatte, ſie zu fahren, und nahm hier ſogleich Poſtpferde, um auf Nebenwegen weiter zu fahren. Ein Ziel ihrer Reiſe kannte ſie nicht; nur das war in ihr entſchieden, daß ſie ſich nie wieder einem menſchlichen Weſen nahrn wollte, von dem ſie als Gräfin Adlerſtein gekannt worden war. Sie fand, als ſie aus jenem glanzenden Kreiſe ſchied, Beruhigung in dem Ge⸗ danken, daß ſie in dem Herzen ihrer Freunde und in dem Andenken ihrer Bekannten wie eine Geſtor⸗ bene im vollen Glanze der Jugend, Schoͤnheit und Anmuth, gewiſſermaßen unſterblich fortleben werde, ohne daß die Entſtellung des Alters der Grazie die⸗ ſer Erinnerung ihre Bluͤthe zu rauben vermoͤge, und nie hätte ſie es ertragen können, jett mit ge⸗ brochenem Herzen und niedergeſchlagenem Geiſte, mit vom Hauche der Leidenſchaft gewelktem Jugend⸗ reize das Mitleid jenes Kreiſes in — — men zu muͤſſen. Eben ſo wenig konnte ſie ſi ſich an jene Sann⸗ ten wenden, die ſie wäaͤhrend ihres Aufenthalts bei der Baronin gefunden hatte, da dieſe mit der Fa⸗ milie derſelben Alle in Verbindung, ihren Aufenthalt vetrathen haben wuͤrden. Sie wat alſo durchaus vereinzelt, durchaus huͤlflos und auch von Gelb faſt entblößt, da ſie, mit ihrer Einnahme auf den mäͤßigen Gehalt beſchränkt, den ſie von der Baro⸗ nin erhielt, nichts zu eruͤbrigen vermochte, und bei der Unmöglichkeit, von dieſer beim Abſchiede noch empfangen zu können, nur der innern moraliſchen Nothwendigkeit gefolgt war, chne die — ju , zu zehen. unn eich i n Der Tod erſchien ihr nicht als Münenfen wel ſ ch die Seele, ſo lange ſie ſich geliebt fühlt und ſelbſt zu lieben vermug, mit unendlicher Kraft — 241 — und Elaſticität an das Leben häͤngt, und ſo war jetzt auch in Thorildens Seele nur der einzige Wunſch, ſich ſo ſchnell als möglich weit, weit vom Schloſſe der Baronin zu entfernen. Sie hatte ſich ja nie dagegen verblendet, daß Pflicht und Ehre ſie als eine unuͤberſteigliche Scheidewand von Theodorn trennten, und ſie hatte dieſe Ueberzeugung in ihrem innerſten Bewußtſein und in ihrem Betragen ſtets ſtrenge und ernſt geehrt; aber ſie fuhlte auch, ſie ſei verloren, wenn ſie, von der ganzen Welt wie aus⸗ geſtoßen und von Himmel und Erde, wie es ſchien, allein auf ihn und auf ihr Herz verwieſen, ihn jebt wieder ſehe. Raſtlos eilte ſie daher weiter, bis ſie, dreißig Meilen von dem Schloſſe entfernt, in einem kleinen hoͤchſt aͤrmlichen Landſtädtchen ankam, wo man ſie, von einem heftigen Fieber ergriffen, beſinnungslos aus dem Wagen trug. Der Poſtillon, der ſie brachte, konnte keine weitere Auskunft uͤber ſie geben; doch der Zufall hatte ſie zu guten Menſchen gefuͤhrt. Der Poſtmeiſter und ſeine Frau, in deren Haus ſie getragen worden war, raͤumten ihr ein Kaͤmmerchen ein und verpflegten ſie, ſo weit dies die Beſchränkung ihrer Lage vergoͤnnte. Tarnow's Schriften. V. 11 — 242 — Hier lag ſie viele Wochen lang und nur der Naturkraft allein zur Heilung uberlaſſen, da in dem Städtchen kein Arzt zu haben war. Ihr Geld war in den erſten vierzehn Tagen ausgegeben; es fand ſich aber gluͤcklicherweiſe Gelegenheit zum Verkauf des groͤßten Theils ihrer Kleider und Wäſche, dieſer letzten Ueberbleibſel beſſerer Zeiten, ſo daß ſie, als ſie endlich von dem Krankenlager erſtand, ſich auch hierin auf das Nothwendigſte beſchränkt fand. Nichts idealiſiren die Vornehmen und Wohl⸗ habenden dieſer Welt ſich mehr, als die Sorge und das Elend der Armuth . Erblickten ſie dieſe je in ihrer ganzen gräßlichen Nacktheit, ſo wuͤrde das Menſchenherz ſich ſchaudernd entſetzen, daß eine ſolche gewaltſame Ertödtung der geiſtigen Wuͤrde des Men⸗ ſchen unverſchuldetes und doch unvermeidliches Schick⸗ ſal werden kann. Es iſt aber ein nicht genug beob⸗ achtetes, finſteres Räthſel alles Menſchendaſeins, daß das Elend uns feſter und unaufloͤslicher an un⸗ ſere Exiſtenz ſchmiedet, als es der Vollgenuß aller Erdenfreuden zu thun vermag. Wer je in die Tiefe der Duͤrftigkeit und der bittern Armuth hinabgeblickt hat, wird auch die Richtigkeit dieſer Bemerkung — 243 — anerkennen muͤſſen. Der wahrhaft Elende hat keine Hoffnung, keine Zukunft; aber eben deßhalb haͤngt er mit deſto ungetheilterer Kraft an dem einzigen, was ſein iſt, dem jämmerlichen Augenblicke einer verzweiflungsvollen Gegenwart. Und doch fordert der Gluͤckliche, der nur den Schmerz, nicht das Elend kennt, faſt immer, daß das ſchwache Rohr, auf das gelehnt, er ungebeugt durch das Leben geht, auch dem Verzweifelnden zur Stutze dienen ſoll. Der wahre Jammer hat Geheimniſſe, deren räthſel⸗ haften Abgrund noch nie das Auge eines Gluͤcklichen burchdrungen hat und deſſen Tiefe die Ewigkeit allein einſt zu enchuͤllen und zu rechtfertigen vermag. In einer großen Stadt hätte Thorilde in ihren Talenten, ihren Kenntniſſen und ihrer Geſchicklich⸗ keit in Verfertigung feiner Handarbeiten wohl Mit⸗ tel gefunden, ſich gegen die Gefahr einer huͤlfloſen Verarmung zu ſchuͤtzen; aber ihr fehlte das Geld zur Fortſetzung ihrer Reiſe, und dann ohne Empfeh⸗ lungen, ohne Bekanntſchaft, einzig der Willkur des Zufalls preis gegeben, war ihr Muth gebrochen; die ganze Welt erſchien ihr wie eine Wuͤſte, ſie konnte nicht mehr gegen ihr Schickſal käͤmpfen, ſondern ſich 11* — 244 — ihm nur noch leidend hingeben. Matt und muͤhſam ſchlich ſie von einem Tage zum andern hin, ängſt⸗ lich bemuͤht, Mittel zu irgend einer kuͤmmerlichen, ſie vor dem Verhungern ſchuͤtzenden Lebensfriſtung aufzufinden. . Ihre Wirthsleute, die ihre Verlegenheit zum Theil kannten, zum Theil erriethen, ſchlugen ihr gutmuͤthig vor, bei ihnen zu bleiben und ſich von Handarbeit und Schulhalten zu ernähren. Sie nahm dieſen Vorſchlag an und bald war nun der Mechanismus ihres peinlichen Tagewerks in Gang gebracht. Welch ein Wechſel ihres Schickſals! Die Gräfin Adlerſtein, ehemals nur daran gewoͤhnt, Befehle zu ertheilen, nur beſchaͤftigt, Muſik zu ma⸗ chen, zu leſen, zu ſchreiben und in Geſellſchaft irgend eine zierliche, kunſtreiche Handarbeit zu ver⸗ fertigen — ſie, ehemals der Stolz und das Ent⸗ zucken der glänzendſten und geiſtreichſten Zirkel, und jetzt! jetzt genöthigt, in einem kleinen, dunklen, dumpfen Zimmer acht bis zwoölf ſchmutzige und un⸗ erzogene Kinder um ſich zu verſammeln und ſie das A B 6C und Stricken und Naͤhen zu lehren — die inzigen Kenntniſſe, fur deren Nuͤtzlichkeit die Eltern ₰ — derſelben in ihrer eigenen Beſchrnkung Sinn hatten — und dann, wenn dieſe ſie nach geendigten Schul⸗ ſtunden verließen, gezwungen, mit anſtrengender Ausdauer bis tief in die Nacht hinein, bei einer dampfenden Oellampe mit irgend einer groben Hand⸗ arbeit beſchaͤftigt, aufzuſitzen, um ſich fuͤr morgen mit dem nothduͤrftigen Lebensunterhalte die Moͤglich⸗ keit zu ſichern, wieder eben ſo leiden, eben ſo arbei⸗ ten zu koͤnnen! Kränklich und oft bis zur Ohnmacht ſchwach, fehlte ihr jede Erquickung, und ſie durfte ſich keine Stunde zum Ausruhen und zur Erholung vergoͤn⸗ nen. Dazu kam noch ihre Unbehuͤlflichkeit in fol⸗ chem Leben, von der ſie unbeſchreiblich zu leiden hatte. Sie mußte ihr Zimmer ſelbſt reinigen, ſelbſt ihre Wäſche beſorgen, ſelbſt ihren Ofen heizen und verſtand von Allem dieſem nichts, und ihre ſonſt ſo ſtolze Seele war durch Kummer und Elend ſchon ſo ſchwach geworden, daß ſie in den mitleidigen Zurechtweiſungen und Belehrungen ihrer Hausge⸗ noſſen, die, bei ihrer voͤlligen Unkenntniß der Lebens⸗ weiſe vornehmer Hausfrauen, in ihrer Unwiſſenheit nur untüchtigkeit ſahen, ſchmerzend und demüthi⸗ gend nur die Kränkung dieſes Verdachts empfand. Ohne allen Umgang, ohne Buͤcher, ohne irgend eine Erheiterung, irgend eine wohlthuende Abwechſelung und Anregung vernichtete der Druck eines ſolchen Daſeins jede Annehmlichkeit ihres Weſens. In der erſten Zeit nach ihrer Krankheit blieb ihre Seele noch in einem Fieberzuſtande und ihre Schwäche gab ihr das Recht, ſich mit ihrem Schmerze immer vertrauter zu machen. Sie hatte ja kein Weſen, bei dem ihre Seele Troſt ſuchen konnte, als bei ihm, an den ſie immerfort denken mußte; aber dieſe immer tiefer werdende Aufregung ihres Gefühls ward ihr zu Giſt; allmählig erſtarb ihre Denkkraft; ihre Seele wurde tödtlich matt, und dieſe Erſchoͤpfung ihrer geiſtigen Kräfte veraͤnderte gänzlich ihren Charakter. Das Leben war ſo ſtrenge, ſo hart gegen ſie, daß ſie es gegen ſich ſelbſt auch werden zu muͤſſen glaubte; es erſchien ihr ſträflich, ſich noch ſchonen, ſich noch hinhalten zu wollenz ſie fuͤhlte ſich im Gegentheile verſucht, die Schoͤpfung ihres feindſeligen Geſchicks zu vollenden und dem Verhaͤngniß, das ſie verderben wolle, zu helfen. — 247 — Eine unendliche Bitterkeit gegen das Schickſal, dem ſie ſo ſchuldlos unterliegen mußte, nahm Be⸗ ſiz von ihrer Seele. Und könnte ich, fragte ſie ſich oft ſelbſt, wenn ich eine Tochter, eine Schweſter, eine Freundin hätte, ihnen ein anderes Reſultat meiner Erfahrungen und Ueberzeugungen geben, als das, daß keine Treue, keine Tugend, keine bewaͤhrte Feſtigkeit der Grundſätze, keine Schuldloſigkeit gegen die Gräßlichkeit eines Daſeins, wie das meinige, zu ſchuͤtzen vermag? Wuͤßte ich. fur ſie eine groͤßere Wohlthat zu erbitten, als den Tod, oder bloͤdſinnige Geiſtes⸗ und Seelendumpfheit? Nur ein Andenken aus der Vergangenheit war ihr geblieben, Theodors Ring, der ſich ihrem Finger ſo feſt angeſchmiegt hatte, daß ſie ihn nicht abzu⸗ ziehen vermochte, und der ſeine geheime Kraft, ihr das Bild des geliebten Mannes im Traume vorzu⸗ fuhren, auch noch jetzt bewährte; aber dieſe Träume begluͤckten ihr Herz nicht mehr mit jener Wonne und Wehmuth der Liebe, deren Fülle ſich ſo oft beim Erwachen in Thränen und heißer Sehnſucht auflöſte, wenn ihn ihr der Traum, während ſeiner Reiſe in der Schweiz, ſo einſam, ſo treu, ſo lie⸗ bend und unglucklich zeigte. — 248 — Jetzt wurden dieſe Träume duͤſtrer, unordent⸗ licher und verworrener — ſie empfand in ihnen den Schmerz, den Freund von Gefahren bedroht zu ſehen, und doch blieb ihr beim Erwachen kein deut⸗ liches Bewufßtſein des Getraͤumten, ſondern nur ein allgemeiner Eindruck von Schrecken, Angſt und Jammer. Sie fand auf dieſe Weiſe, nach der er⸗ ſchoͤpfenden Abmattung ihres muͤhſeligen Tagewerks wohl Schlaf, doch nie Ruhe, da ſie faſt naächtlich mit Entſetzen und Angſtgeſchrei aus dieſen Traäumen auffuhr und dann bis zur Marter vergeblich ſich anſtrengte, den finſtern Eindruͤcken Geſtalt und Be⸗ ſonnenheit zu geben. So fuhr ſie auch einmal in namenloſem Beben vor einem naͤchtlichen Schreckbilde auf, und diesmal war es mehr als ein Traum geweſen; der ſchrillende, ſchneidend helle Klang, von dem ihr getraͤumt halte, er ſchneide ihr Herz von einander, zog ja noch ver⸗ klingend durch ihr Zimmer, und ihr war, als löſe ſich vor ihm ihr tiefſtes Leben in Schmerz und Jammer auf und ſie mußte immerfort weinen, bis ſich das ermattete Auge ſchloß und mit der anbre⸗ chenden Morgenroͤthe ein ſtillerer Geiſt ſie wieder in Schlaf und Betaͤubung einſenkte. 2 —— — 249 — Als ſie aber am Morgen erſtand, erſchrak fie vor dem innerlichen Schmerze, den ſie tief, tief im Herzen empfand und der in ihrem Innern Vieles umwandelte, ohne daß ſie dieſen Wandel begriff. Ein neues, unbegreifliches Elend war uͤber ſie ge⸗ kommen; ſie empfand deſſen laſtenden Druck, allein es gehorte dieſer Außenwelt nicht an und ſie hatte fur daſſelbe in ſeiner raͤthſelhaften Innerlichkeit kein Wort und keinen Begriff; ihr war aber, als ſei die Wurzel ihres Daſeins in ihrem Herzen ausge⸗ riſſen und ihr Leben zum hohlen Traumbild ge⸗ worden. Zufaͤllig fiet ihr Blick auf den Ring an ihrer Hand, ſie ſah, daß der Goldreif geſprungen war, wenn er gleich, trotz des Riſſes, noch feſt an ihrem Finger ſchloß. Da traf der giftigſte aller Pfeile ihr Herz — ſie fuͤhlte, Theodor ſei fuͤr ſie verloren, und nun war die Schöpfung ihres feindſeligen Ge⸗ ſchicks vollendet. — — Thorildens Entfernung aus dem Schloſſe der Baronin hatte auf Theodor einen eben ſo verderb⸗ lichen, als leidenſchaftlichen Eindruck gemacht, da — 250 — die Baronin es verſtand, derſelben ganz den Anſchein einer geheimen Flucht zu geben, und er alſo darin nur ein Werk ihres Willens ſah. So ſchnell, ſo heimlich hätte ſie ihn nicht verlaſſen können, wenn ſie auch nur Mitleid mit ihm empfand, und dieſe ſcheinbare gefuhlloſe Haͤrte der Geliebten empörte ſeine innerſte Seele in unbezaͤhmbarer Heftigkeit, und die tobende Fluth dieſer Leidenſchaft riß nun vetheerend den Schutz ſeiner Verhältniſſe gegen ſie nieder. Er wollte rettungslos untergehen, denn nur dies, ſchien es ihm, könne Thorilde gewollt haben, und in ihm erwachte ein finſtrer Geiſt, der Allem Hohn ſprechen wollte, was ſie ihm fruͤher als heilig und unverletlich geprieſen hatte. Worin beſtand denn ſein Verbrechen und ihr Recht, es zu ſtrafen? War er nicht unfreiwillig aus ſeiner Ruhe aufge⸗ riſſen, das Opfer dieſer Leidenſchaft geworden? Je tiefer er es fuͤhlte, wie unbeſchreiblich ungluͤcklich er ſei, deſto ſchaͤrfer ward auch ſeine Bitterkeit, die in ihren Aeußerungen auf Gattin und Schweſter kraͤn⸗ kend zuruͤckfiel. Franzisca ward jetzt recht tief durch ihn betrubt, ſeine Schweſter erzuͤrnt. Mitunter fiel —— freilich noch in ſein armes verſtörtes Gemuͤth ein lichterer Strahl der Liebe und der Wehmuth und es ſchmerzte ihn dann, ſich ſelbſt ſo entſtellt zu ſehen, aber Rettung wußte er nicht fuͤr ſich zu finden. Der Tod zerriß jetzt das heiligſte Band zwi⸗ ſchen ihm und dem Leben, ſein Julius ſtarb. An dem Grabe des geliebten Kindes gedachte er ſeines Verſprechens an Thorilde, in Schlacht und Kampf den Sieg uͤber ſich ſelbſt ſuchen zu wollen und ver⸗ kuͤndigte der Gattin und der Schweſter den Ent⸗ ſchluß, wieder Dienſte nehmen zu wollen. Beide billigten ihn, und das um ſo mehr, da ein neuer herrlicher Geiſt ſich in dem deutſchen Volke zu regen begann. Schill, Doͤrenberg, der Herzog von Braun⸗ ſchweig⸗Oels leuchteten als helle Sterne am Ehren⸗ himmel deutſchen Sinnes und deutſchen Muthes, und Deutſchlands Söhnen ſchlugen die Herzen wie⸗ der kuͤhn und muthig, wie ſie in ſchoͤneren Tagen den Heldenvätern in der Bruſt geſchlagen hatten. Theodor ging zur öſtreichiſchen Armee, und das junge Gemuͤth hatte ſich in tapfrer Thatenluſt — 252 — und hellem freudigen Kriegerleben vielleicht wieder in die Bahn eines geſunden Lebens eingefuͤgt; aber ſein Schickſal wollte es nicht. Das neu errichtete Re⸗ giment, in das er eingetreten war, ward der Re⸗ ſerve zugefuͤgt, und er „ der nur den Tod gewollt hatte, nichts wuͤnſchte, nichts ſuchte als ihn, er, in deſſen Bruſt eine Flamme der Leidenſchaft loderte, die ihm auf dem Wege zum Siege ein helles Pa⸗ nier vorgeleuchtet haben wuͤrde; ſah ſich nun in dem aͤngſtlich kleinen Treiben eines Mechanismus einge⸗ zwängt, der ſeine ganze Thätigkeit auf das Exerciren ſeiner Schwadron beſchränkte und bei dem zerſtreu⸗ ten Cantonement in den boͤhmiſchen Doͤrfern ihm auch nicht einmal die Erheiterung der jugendlichen Freudigkeit eines cameradſchaftlichen Soldatenlebens vergönnte. Weit entfernt daher, daß dieſe neue Lebens⸗ weiſe ihm zum Gegengewicht ſeiner Leidenſchaſt haͤtte werden ſollen, oͤffnete ſie vielmehr der Ver⸗ derblichkeit derſelben einen noch großern Spielraum. Verzweifelnd an ſich ſelbſt, durch und durch erkäl⸗ tet gegen ſeine Gattin, erbittert gegen ſeine Geliebte und doch lodernd in unendlicher Leidenſchaft, gab er — — ſich vollends auf und warf ſich, um die Gaͤhrung ſeines Bluts zu ſtillen, in eine Lebensweiſe, die ihn raſch in eine bodenloſe Tiefe ſittlicher Verwilderung riß. Von dem lieben, freundlichen, durch und durch rechtlichen Theodor, der einſt ſo froh und glcklich war, war bald kein Zug mehr an ihm erkennbar und ſein Name beim Regimente in kurzer Zeit all⸗ gemein als der eines Saͤufers, Spielers und Wuͤſt⸗ lings bekannt. Die Begebenheiten des Krieges fuͤhrten einen ſchnellen Wechſel des Schauplatzes herbei. Theo⸗ dors Regiment erhielt den Befehl zur Veränderung ſeines Cantonements und einige Schwadronen deſ⸗ ſelben ruͤckten in das Städtchen ein, wo Thorilde lebte. Theodor ward, ohne es zu ahnen, ihr Haus⸗ genoſſe. Sie erkannte ihn, als er vor dem Hauſe vom Pferde ſprang. Ihr Gefuͤhl war unausſprech⸗ lich, aber nur in der Hoͤlle kann man die Qual empfinden, mit der ſie ihn bei dem mit einer Glas⸗ thuͤre verſehenen Zimmer, in dem ſie war, trunken und fluchend die Treppe hinauf taumeln ſah. Keine Folterqual kommt gegen das Entſetzen dieſes Augenblicks, und wer nicht die Erfahrung — — gemacht hat, ein heiß geliebtes und rein und wahr geachtetes Weſen bis zur niedrigen Gemeinheit ge⸗ ſunken wieder zu ſehen, ſpreche nicht von dem, was der Menſch zu leiden vermag, und nun Thorilde, mit dem giftigen Dolch des Bewußtſeins im blutig zuckenden Herzen: Leidenſchaft fur dich fuͤhrte ihn dieſem Verderben zu. Nein, nein, man muß an die Macht des Teufels glauben, wie könnte ſonſt uͤber ein endliches Weſen ſolche Qual verhaͤngt werden! Viele Tage lang blieb Thorilde die unſichtbare Zeugin ſeines wuͤſten Lebens und Treibens, da die Fenſter ihres kleinen Hinterſtuͤbchens auf den Hof gingen, der ſein Zimmer begrenzte und der Laͤrm ſeiner Bacchanalien bis tief in die Nacht hinein zu ihr drang. Er war faſt nie nuͤchtern und die Wahl ſeiner Geſellſchafterinnen entehrte ihn vollends, da ſie, aus den Hefen des weiblichen Geſchlechts beſtehend, in ihm jede Ertoͤdtung des feineren Gefuͤhls voraus⸗ ſetzten. Sein Anblick ſchon war eine Geſchichte ſeines Falles. Keine Freudigkeit, keine Jugend, —— keine Liebe mehr in dem ganzen Menſchen! Sein innerſtes Daſein nur noch moraliſche Verweſung! Und das iſt mein Werk, ſagte ſich Thorilde mit einer Kaͤlte der Verzweiflung, vor der alles Menſchliche in ihrer Bruſt zu Eis erſtarrte. Hätte ich den Muth gehabt, mir fruͤher ſein Daſein an⸗ zueignen, haͤtte ich ihm das, was man Tugend nennt, geopfert, ſtatt ihn dieſer, er waͤre nicht allein gluͤcklich, er wäre auch gut geblieben. Ein tiefes Geheimniß haͤtte unſer Gluͤck und unſre Liebe ver⸗ huͤllt; er wäͤre der Freund ſeiner Gattin geblieben und hätte die Faͤhigkeit behalten, gluͤcklich zu machen und gluͤcklich zu ſein, und ich! ich! — o Tugend, o Gebot der Pflicht, ſeid ihr denn nichts als leere, haſſenswuͤrdige, verabſcheuungswerthe Trugbilder, und Verzweiflung und Jammer das verdiente Loos deſſen, der euch ſein Gluͤck opfert? In welchem Compendium der Moral, in welcher eurer Vorſchrif⸗ ten, ihr Tugendlehrer, iſt denn der Fall berechnet, wo ein der Pflicht mit dem reinſten Willen, mit der ernſteſten Strenge gegen das wider penſtige Herz gebrachte Opfer der Quell ſittlichen Verderbens und als ſolcher der Urſprung ewiger Reue wird? Was — ſoll den Menſchen mit der Grauſamkeit des mora⸗ liſchen Geſetzes verſöhnen, wenn es ihm das Opfer des einzigen Gluͤckes, das er zu erreichen ſtrebt und zu wuͤrdigen weiß, abfordert; wenn es ihn zwingt, das Weſen, das er liebt und dem er mit der groß⸗ ten Herzensqual einen Herzensſchlag erkaufen möchte, eben ſo elend zu machen, als er ſelbſt iſt, und dann der Ruͤckblick auf die Bewegungsgruͤnde ſeines Han⸗ delns, das Bewußtſein, den reinſten Vernunftgeſetzen, den erhabenſten Vorſchriften der Moral gehorcht zu haben, nicht die Kraft hat, das Jammergeſchrei ſei⸗ ner zerriſſenen Seele auf einen Augenblick, einen einzigen Augenblick der Erholung nur von ſolcher Qual zu ſtillen? — muß denn der Menſch nicht hoffnungslos ein Raub der Verzweiflung werden, und ſo gemartert die Tugend giftig haſſen lernen, die er fruͤher vergötterte? muß er nicht mit einem Fluch gegen die Macht untergehen, die in ſeinem Daſein ſein Recht auf Gluͤck begruͤnden oder ihn unerſchaffen laſſen mußte? — Das Erdenſchickſal legt uns dieſe dunkeln Räth⸗ ſelftagen zuweilen vor; aber fuͤr den Glauben gibt es kein Räthſel ohne troſtende, ja ohne erhebende — — — 35 — Antwort, und hätte Thorilde ſeine heilige Kraft em⸗ pfunden und gekannt; hätte ihr nicht bei aller ihrer Trefflichkeit dieſe Stutze, dieſe einzige zuverlaͤſſige Grundlage der Tugend und der ſittlichen Freiheit im weiblichen Gemuͤth gefehlt, ſo haͤtte ſie ihr Schick⸗ fal beſiegt, ſtatt ihm zu erliegen. So aber vermag das Wort nicht das Entſetzen ihres furchtbar em⸗ poͤrten Daſeins darzuſtellen und die Barmherzigkeit Gottes behuͤte jedes menſchliche Weſen es zu em⸗ pfinden. Und doch gab ſelbſt dieſe entſetzliche Qual Thorilden das Gefuhl des Lebens zuruͤck. Sie ſah Theodor, von ihm ungeſehen, täglich, und oft bte ſein Blick, ſein Gang, ſein Ton eine Gewalt uͤber ſie, vor der ſich die Verſteinerung ihres Lebens in heiße Thränenſtroͤme auflöſete. Zuweilen glaubte ſie nicht an ihr Ungluͤck; es ſchien ihr zu groß, um wirklich ſein zu können; ſie waͤhnte dann, es ſei nur ein Traum und harrte in namenloſer Angſt des Erwachens aus ſeinen Schre⸗ cken — aber ach! dieſem Augenblicke des Wahns folgte nur zu bald der erneuerte Druck der Wiek⸗ lichkeit, der wie eine Felſenlaſt ihre Seele preßte, ohne daß ſie ſich unter ihm zu erheben vermochte. Nur noch die aͤußerſte Erſchoͤpfung ihrer Gei⸗ ſtes⸗ und Körperkraft, nur das todtenaͤhnliche Er⸗ matten von Seele und Leben gewährte ihr die Ruhe des Schlafes; aber nichts iſt trauriger, als das Er⸗ wachen des Ungluͤcklichen. Noch ehe ſich die Seele von den Banden des Schlummers losgewunden hat, fuhlt man ſchon, ſo wie ſie beginnen, ſich zu loſen, im Allgemeinen, daß man leidet und in dem allmä⸗ ligen Uebergange vom Zuſtande des Schlafes zu dem des Wachens und der volligen Beſonnenheit wird dies Gefuͤhl ſo lebhaft, daß man dann ſein Elend jedesmal wie ganz neu mit verboppelter Ge⸗ walt empfindet. Der Gedanke, zu ihm zu eilen, ſich ihm zu erkennen zu geben und dadurch einen Verſuch zu ſeiner Rettung zu wagen, war ihr nicht fremd; aber ſie war in dem Zeitraume ihrer Trennung bis zur Unkenntiſchkeit veraltet; Gram und Elend hatten jede Anmuth ihres Weſens vernichtet, und mit dem Bewuftſein ihrer Liebenswuͤrdigkeit verliert eine Frau auch das Vertrauen zu ſich ſelbſt, und den Glauben an die Macht der Liebe. Dazu kam noch, daß Theodor ſelten nuͤchtern und faſt nie allein war. * — —— —— — * S 5 — — — 65 — Sie fuͤhlte es, der Schmerz werde ſie wahn⸗ ſinnig machen, wenn dieſer Rettungsverſuch vergeb⸗ lich bleibe, und doch trieb es ſie immer maͤchtiger, auch dies Letzte und Aeußerſte fuͤr ihn zu wagen. Wenn ſie auch nicht mehr geliebt war, ſo mußte doch ihr Anblick ihn erſchuͤttern, und ſie kannte, von ihrem eigenen Daſein losgeriſſen, keine Pflicht mehr, als die, für ihn zu leiden und ſich dem herb⸗ ſten Schmerz preis zu geben, ſobald daran die Mog⸗ lichkeit gebunden war, wohlthuend auf ihn wirken zu koͤnnen. Da verſammelte irgend ein Anlaß eines Tages alle Officiere des Regiments zu einem gemeinſchaft⸗ lichen Male. Theodor trank ungewoͤhnlich viel und ſpielte dann ſpaͤt in die Nacht hinein mit all der ungemeßnen Heftigkeit, die jetzt zuͤgellos in ihm loderte. Durch die Große ſeines Verluſtes gereizt, ward er zankſuͤchtig und es kam zwiſchen ihm und einem ſeiner Cameraden zum Wortwechſel, den die beſonnene Maͤßigung des Letztern und die Einmiſchung der Anweſenden vergeblich beizulegen ſuchte. Theodor glaubte ſich beleidigt und drang dem Gegner ſeinen Säbel auf. Vergeblich weigerte ſich — 260 — dieſer, jetzt gegen ihn fechten zu wollen, vergeblich umringte man Theodor, um ihn aus dem Zimmer zu fuͤhren; mit der Wuth eines Raſenden riß er ſich los und, auf ſeinen Gegner zueilend, ſtuͤrzte er ſich ſelbſt in deſſen zur Vertheidigung vorgehaltenen Säbel. Die Wunde war tief und der Blutverluſt ſo ſtark, daß man ihn fuͤr todt in ſeine Behauſung trug. Thorilde war noch auf. Eine namenloſe Angſt hatte ſie den ganzen Abend bis ſpaͤt in die Nacht hinein ruhelos umhergetrieben. Schmerzen⸗ der denn je druͤckte ſie der zerſprungene Ringz ſie verſuchte, was ſie auch ſchon fruͤher oft gethan hatte, ihn vom Finger abzuſtreifen; aber er war zu feſt in dieſen hineingedruckt, als daß der Verſuch gelingen konnte — doch jetzt, in dieſer oͤden, ſchauer⸗ lichen Mitternachtsſtunde ſprang er mit einem Klange, dem gleich, deſſen Ton ſchon einmal ſo gräßlich ſchrillend an ihr Ohr geſchlagen hatte, in zwei Hälften von einander, und mit einem Schrei des Entſetzens ſank ſie vor dem neuen noch unge⸗ kannten Schmerz, den das Schickſal in dieſer Stunde fut ſie bereitet hatte, auf ihre Kniee — — 261 — die Hausthuͤre oͤffnete ſich; es riß ſie den Eintre⸗ tenden entgegen — ihr erſter Blick traf auf Theo⸗ dor, der, uͤberſtroͤmt von Blut, bleich und beſin⸗ nungslos in den Armen — lag. Keiner von dieſen kannte die Frau, die jetzt mit einem Ausdruck von Schmerz und Verzweif⸗ lung, der jeden Anweſenden erſchuͤtterte, vor dem Todtwunden niederſtuͤrzte. Theodor hatte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, nur noch wenige Augen⸗ blicke zu athmen; man wollte ihn daher nicht mehr die Treppe hinauf bringen, und Thorilde winkte ſeinen Traͤgern ſtumm, ihr zu folgen. Sie vergoß keine Thräne; nur zuweilen wand ſich ein Aechzen aus ihrer Bruſt, das ſichtbar durch jede Nerve ihres Weſens zuckte und ſo ſchritt ſie voran zu ihrem Stuͤbchen, wo man den Verwundeten auf ihrem Lager bettete. Man hatte ſchon nach einem Wundarzt ge⸗ ſandt; Thorilde kniete ſtarr und bleich neben ihm; nur zuweilen, wenn der Todeskampf ihm einen röchelnden Seufzer auspreßte, hob ſich ihre Bruſt gewaltſam und ihr Blick und ihre Hand hoben ſich — 262 — mahnend und anklagend zum Himmel. Noch lebte er, noch war das Entſetzlichſte nicht ausgeſprochen; aber als nun der Wundarzt kam und das furcht⸗ bare Wort ſprach: „Er iſt nicht zu retten und wird in wenig Minuten töbt ſein,“ da brach ihr Herz. All der unendliche ſchuldloſe Jammer ihrer Seele preßte ſich in ein Geſchrei der Verzweiflung und der Angſt zuſammen — ſie faßte ſeine Hände, ſie rief ſeinen Namen, ihr war, als muͤſſe ſie nun gleich, augenblicklich mit ihm ſterben. * Ach noch einmal drang der Laut dieſer Stimme in ſein Ohr. „Wer ruft mich?“ roͤchelte er dumpf und unvernehmlich und das Auge oͤffnete ſich noch einmal dem Erdenlichte. Da ſah, da erkannte er ſie, und mit einer unbegreiflichen Kraft richtete er ſich empor. „Ja,“ rief er furchtbar, „es gibt eine Vergeltung und ſie fuhrt Dich her, Dein Werk zu ſchauen. Blick her — von Allem, was ich war, von Allem, was ich beſaß, ehe Deine unmenſch⸗ liche Haͤrte mein Herz vergiftete, iſt mir nur die Kraft geblieben, Dir und Deinem Gott und der Tugend, der Du mich geopfert haſt, zu flu⸗ chen.“ — 263 — „Halt ein,“ ſchrie ſie, „halt ein, Dein Fluch hat mih ja ſchon erfaßt!“ — aber er hoͤrte ſi⸗ nicht mehr. Schrecklich war ſein letztes Roͤcheln, noch ſchrecklicher der Augenblick, wo man ſie mit Gewalt von ſeiner Leiche riß. Mit der Kraft der Ver⸗ zweiflung, mit der Hoͤllenpein eines durch die gräß⸗ lichſte Seelenfolter zerriſſenen Daſeins ſtuͤrmte ſie gegen die Pforten der Geiſterwelt an und verſuchte die Scheidewand zwiſchen ihr und uns niederzureißen. Doch vergeblich forderte ſie Verſoͤhnung von dem in Fluch gegen ſie Geſtorbenen, den ſie ſo gluͤhend geliebt hatte. Er war todt, und die Gräßlichkeit ſeiner To⸗ desſtunde rief bald alle Schrecken des Wahnſinnes auf ſie herab. Nicht wie ein ſanfter Traum ſpielte er mit milden Taͤuſchungen um ſie; er umheulte ſie mit dem Furienlaut der Verzweiflung, mit dem Todes⸗ gerochel des Fluches und des Entſetzens. Ein Gegenſtand der offentlichen Furſorge ward Thorilde in das Irrenhaus der Provinz gebracht. Dort lebt ſie noch. — Für Alles Nichts — fuͤr Leben Sterben, Für frommes Zutraun morſchen Stab, Fuͤr Gluthen Eis, fuͤr Huld Verderben, Das iſt's, was ihr das Schickſal gab. 3 — . er⸗ onenqne