—— 06 707 * ——2 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebebingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mf. — Pf. 1 P 50 Pf. 2 Mr. — Pf. werden und „ „ „ — „ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Kupfer Florentine, aus vorſtehenden Erzählungen, beſonders, auf großerem Papier avant la lettre. Preis 4 Thlr. oder 27 Kr. rhn. ueber das Talent der geiſtreichen Verfaſſerin uͤber⸗ haupt, und den Werth dieſer Werke ihrer Feder insbeſondere, haben ſich die geachtetſten Zeitſchriften bereits hinlaͤnglich ausgeſprochen, und die gebildete Leſewelt hat dieſe Urtheile anerkannt. Durch einen correcten, bluͤhenden Styl und eine ſtreng⸗ſitt⸗ liche Tendenz gehoͤren ſie in die Zahl der wenigen Romane: die jede ihren Toͤchtern un⸗ bedenklich in die Hand geben kann! A5 w ah a us Fanny TDarnow's Schriften. F Dritter Band. Leipzig, 1830. Ve e3 3 don Car 5F Natalie. Sin B i r 3 ₰ — ur Geſchichte des weiblichen Herzens. Schwoͤlle Lethe auf zu Ozeanen, Unterging in ihr die Liebe nicht. E. M. Arndt. Eir ſtehr Abſchnitt. Mit ungehemmten Fluͤgeln dringen Wir jung, als Adler in die Luft — Doch jeder Tag kuͤrzt uns die Schwingen Und endlich ſinken wir gelaͤhmt zur Gruft. E. M. Arndt. Natatie war die älteſte Tochter des Geheimenraths Alberti, der, in einer ziemlich anſehnlichen Provinz⸗ ſtadt Deutſchlands von ſeinen Zinſen lebte, und ein großes Haus machte. Schon ſehr fruͤh kam in das tief empfindende, und faſt unausloſchlich bewah⸗ rende Gemuͤth des Kindes der erſte Mißlaut, der greller und greller darin forttönte, bis Nataliens gan⸗ zes Weſen verſtimmt war. Der Vater liebte das Kind außerordentlich; aber die Kleine wandte ſich mit unorklaͤrbarer Scheu von ihm. Er durfte ſich ihr nicht naͤhern, als ſie noch auf dem Arm der Amme ihr verſtandloſes, nur vom Inſtinct geleitetes Leben fuͤhrte, ohne daß ſie ihm den lebhafteſten Wi⸗ derwillen zeigte. Erbittert daruͤber, wollte er ihre Neigung erzwingen, und ihr — wie viele Thränen und Fluͤche erzeugte nicht ſchon dieſer noch bei vie⸗ len Eltern geltende Begriff! — den Sinn brechen. Die Ruthe wurde die Zuchtmeiſterin Nataliens, ſo oft ſie bei ſeinen Liebkoſungen weinte, und die Wir⸗ kung entſprach natuͤrlich dem gewählten Mittel: die Abneigung der Kleinen wurzelte tiefer, und als er ſie einſt in ihrem dritten Jahre zwang, bei Tiſch neben ihm zu ſitzen, und bei hundert kleinen Poſſen, die ſie auf ſein Geheiß vornehmen mußte, freundlich zu bleiben, erlag die zarte Natur dem unzart ange⸗ ſtrengten Geiſte, und ſie brachte den Reſt des Tages in Verzuckungen und Krämpfen hin. Die Mutter, aͤußerſt duldſam und nachgebend, konnte nur von ihrer ſo ſchmerzlich aufgeregten Mutterliebe den Muth erhalten, ihrem Gatten Vorwuͤrfe zu machen, die vielleicht jetzt, nach ſo oft und ſo lange unterdruͤck⸗ tem Gefuͤhl, zu unfreundlich wurden Dies und die eigne unangenehme Empfindung, mit der er an Nataliens Wiege den Convulſionen zuſah, die ihren Lebensfaden zu zerreißen drohten, wirkten wie oft im aͤhnlichen Fall. Das Bewußtſein des eignen Un⸗ rechts wurde Bitterkeit gegen die arme kleine Na⸗ talie, die er aus ſeinem Herzen verſtieß. Ihren Platz nahm ein ſpaͤter geborner Knabe ein, dem alle Liebkoſungen, alle Vorzuͤge des Lieblings zu Theil wurden, waͤhrend Nataliens ungewoͤhnlich fruͤh ſich entwickelnder Geiſt den Druck unverdienter Strenge und Harte erleiden mußte. Die Mutter ſuchte ihr dies heimlich und verſtohlen durch innigere Liebe zu erſetzen, ob ſie gleich in Gegenwart ihres Mannes das Kind kaum zu beachten ſchien. Unbeſchreiblich tief wurde das junge Gemuͤth hiervon ergriffen, und der truͤbe Anklang, den es in Natalien weckte, tonte durch ihr ganzes Leben fort. In ihrem vierten Jahre wurde ſie zu einer alten Demoiſelle in die Schule geſchickt, die keine andern Huͤlfsmittel des Unterrichts kannte, als die Fibel und Luther's Katechismus. Die Bequemlichkeit der Mut⸗ ter, die es läſtig fand, das Kind zu Hauſe zu be⸗ ſchaftigen und zu huͤten, und keine Ahnung davon hatte, daß es auch in der Schule ſchlecht aufgeho⸗ ben ſein koͤnne, ſpannte die Kleine in dies Joch. Trotz der erbaͤrmlichen Anweiſung, lernte ſie in acht Wochen fertig leſen, und diente nun der pädagogi⸗ als Grund der Abneigung ihres Vaters, ihre fruͤhere ſchen Eitelkeit der Erzieherin zum Spielwerk. Aber ſo wie die Leidenſchaftlichkeit ihres Gemuͤthes, durch das Gefuͤhl unverdienter Härte, und unſchuldig er⸗ duldeten Wehs im elterlichen Hauſe aufgeregt wurde, ſo ward jetzt in der Schule ihre Phantaſie zu einer noch verderblichern Thätigkeit gereizt. Von den ſechs Stunden, die ſie täglich in einem kleinen, engen Zimmer zubringen mußte, war nur eine dem Her⸗ ſagen ihrer Lection und dem Leſen ihrer Blattſeite beſtimmt. Die uͤbrige Zeit mußte ſie unthätig und ſtill ſitzend, mit der Fibel in der Hand, zubringen. Nur das rege Spiel ihrer Phantaſie vermochte dieſe Stunden auszufullen, und zu dieſem Nachtheil ge⸗ ſellte ſich ſpäter noch der des vielen Auswendigler⸗ nens von Geſaͤngen und Spruͤchen, welches, da ſie dem Gelernten keinen Sinn geben konnte, ihrem Gedaͤchtniß die gefährliche Fähigkeit erwarb, auch unbegriffen zu faſſen und zu bewahren. Unter dieſen Umgebungen wurde der ſanften Pſyche bald die Mondſcheindammerung der erſten, ſuͤßen Kindlichkeit entriſſen; ein Verluſt fuͤr das innre Leben, der auch der Matrone noch fuͤhlbar bleiben muß. Natalie erfuhr in dieſem Zeitpunkt, — — Antipathie gegen ihn, und dieſe Unnatur legte ſich wie eine Schuld auf die junge Seele. Sie glaubte nun ſeine Haͤrte zu verdienen, und duldete ſie mit ſanfter Ergebung, die aus der Innigkeit hervorging, mit der ſie ſich ſeit dieſer Entdeckung an den Vater hing. Aber eben dieſe Liebe machte ſie gegen ſein hartes Zuruͤcktreten doppelt empfindlich. Oft fiel ſie in einem einſamen Moment ihrer Mutter, die ſie unausſprechlich liebte, weinend um den Hals. Dieſe verſtand ſie nicht, ließ dies unbemerkt hingehen, oder nannte ihr Weinen wohl gar Unart. Viel Guͤte mußte aber die Natur in Nataliens Herz gelegt ha⸗ ben, weil ſie, ſo von allen Seiten gepreßt, doch un⸗ verſtockt und weich, und ſogar gegen den vorgezoge⸗ nen Bruder, dem ſie ein willenloſes Spielwerk ſei⸗ ner Unarten ſein mußte, liebevoll blieb. Nur eine ſonderbare Verſchloſſenheit, und eine fuͤr ihr Alter ungewoͤhnliche Tiefe und Leidenſchaftlichkeit der Em⸗ pfindung kam in ſie. So ward ſie ſechs Jahr. Eines Tages wurde ſie wegen einer zerriſſenen Schuͤrze von ihrer Mutter beſtraft. Der Vater trat unerwartet in's Zimmer, und, ohne ſich nach der Urſache zu erkundigen, entriß er der Mutter die — — Ruthe, und ſchlug unbarmherzig auf das zu ſeinen Fuͤßen nur noch winſelnde Kind los. Empoͤrt fiel ihm die Mutter in den Arm, und waͤhrend er ſich von ihr loszumachen, und ſie aus dem Zimmer zu draͤngen ſtrebte, floh die arme Natalie zum Fenſter, und ſtuͤrzte ſich vor den Augen der Eltern aus dem zweiten Stock des hohen Hauſes auf die Gaſſe hinab. Ein Wunder erhielt ſie unbeſchaͤdigt, aber die feineren Lehenstheile hatten durch die heftige Er⸗ ſchuͤtterung gelitten, und ſie fiel in eine lange, ge⸗ faährliche Nervenkrankheit. Ihr Vater ſchwur der Mutter, Natalie nie wieder zu zuͤchtigen, und ihr die Erziehung derſelben allein zu uͤberlaſſen; allein mit dieſem Schwur war auch der Vater ganz fuͤr ſie verloren. Nie vergab er ihr die Empfindung, mit der er ſie fuͤr todt von der Straße aufgenom⸗ men und der Mutter entgegengebracht hatte. Noch vor Weihnachten warf ſie jene Krankheit nieder, und als ſie zum erſten Mal wieder von ihrer Mutter, die ſie mit der treueſten Zaͤrtlichkeit pflegte, an die Luft getragen wurde, ſtanden die Pfirſich⸗ baͤume des Gartens hinter dem elterlichen Hauſe in voller Bluͤthe, und die Sonne laͤchelte das kleine — — Weſen aus dem blauen wolkenloſen Fruͤhlingshim⸗ mel freundlich und erquickend an. Nie vergaß Na⸗ talie dieſe Stunde. Kann aber der Menſch hienieden ſchon getrö⸗ ſtet und freundlich einig mit dem Leben werden, wenn er als Kind ſolche Thränen weint? — Na⸗ talie wenigſtens ward es nie. Sie genas; aber eine große Nervenſchwaͤche blieb in ihr zuruͤck, und von der Schoͤnheit, welche ſie vor dieſer Krankheit unter allen Kindern der Stadt auszeichnete, ſah man keine Spur mehr. Lange noch mußte ſie aus Schwaͤche auf Kruͤcken gehen, und uͤber ein halbes Jahr blieb ſie vollig taub. So von jeder Freude, jedem Spiel der Kind⸗ heit geſchieden, oͤffnete ſich ihr in der Lectuͤre eine neue Quelle des Genuſſes. Ihre Eltern lebten rauſchend geſellig, ſahen viel Geſellſchaft in ihrem Hauſe, und waren noch oͤfter abweſend. Die Mutter konnte, wenn ſie auch gewollt hätte, dieſe Lebensweiſe nicht aͤndern, und da Natalie nicht auf dem gemeinſchaft⸗ lichen Kinderzimmer bleiben konnte, räumte man ihr ein kleines Stuͤbchen ein, deſſen Fenſter auf einen nur ſechs Ellen großen Hof gingen, gab ihr ein eignes, altes, treues Mädchen zur Pflegerin, und — 14 — uberließ ſie ſo ſich ſelbſt. Ihren Vater ſah ſie in dieſem kleinen Stuͤbchen nie; ihre Mutter alle Tage mehrere Male, aber außer dieſer und ihrem Arzt weiter keinen Menſchen. Ach, die gute Mutter brachte ihr faſt täglich etwas, woran ſie ſich freuen ſollte, und das leidende Kind war ihrem Herzen näher, denn je. Das Einzige, was Natalie liebte und for⸗ derte, waren Bücher. Sie erhielt deren ſo viel ſie wollte, aus einer Leihbibliothek, und Keiner bekuͤm⸗ merte ſich darum, was ſie las⸗ Unerſattlich gab ſie ſich dieſem Genuß hin, der ihr eine Welt neuer Bilder zufuͤhrte, und in dieſes ſo reizbare, ſo unnatuͤrlich aufgeregte und verletzte * Gemuͤth zogen nun die Heroenbilder der griechiſchen und römiſchen Welt ein. Ihr Inneres erhob ſich in der Begeiſterung fuͤr dieſe Geſtalten, die ihr nicht fremdartig erſchienen; aber ſie lernte ſie nicht aus Schriften kennen, die fur ihr Alter berechnet waren, und ſo traten die Gräuel entarteter Menſchheit, La⸗ ſter und Verbrechen, in einem Zeitpunkte vor ſie hin, wo der jugendlichen Seele noch Alles als rei⸗ zende Dichtung erſcheinen ſoll, aus der ſich dann ſpater die Bluͤthe des Ideals entwickelt. Fuͤr Na⸗ talie hatte das Ideale dieſer Heroengeſtalten der Vor⸗ — 6 — welt auch noch den Nachtheil, daß es ihren Sinn fur einfache Guͤte und ſchimmerloſe Tugend ſchwaͤchte, und ſie ſpaͤter oft verleitete, Ueberſpannung mit Groͤße, Ungewoͤhnlichkeit mit Originalität zu ver⸗ wechſeln. Alle ihre Gedanken und Empfindungen nahmen eine hohe, ſtolze, begeiſterte Geſtalt an, weil ſie glaubte, nur ſo koͤnne und muͤſſe die Tu⸗ gend ſich aͤußern. Nach ihrer gaͤnzlichen Wiederherſtellung ſandte man ſie in eine franzoͤſiſche Schule. Auch hier ward Prunk mit ihr getrieben, da ſie ſchon nach Verlauf von vierzehn Tagen richtig las; und ihre Mutter erfuhr nun, daß Natalie ausgezeichnete Gei⸗ ſtesanlagen habe. Eifrig ſorgte ſie jetzt fuͤr Lehrer aller Art, und zweifelte keineswegs, daß ſie ihrer Tochter nicht allein eine glänzende, ſondern auch eine Erziehung gebe, die nach ihrer Anſicht nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließ. Auch jetzt in der Schule blieb Natalie ſehr ein⸗ ſam. Alles, was ſie umgab, drängte ſie mehr in ſich ſelbſt zuruͤck, und ſie verſank ſo in die innere Welt ihrer dämmernden Phantaſien und Träume, daß die Erſcheinungen der aͤußern unbeachtet an ihr voruͤber glitten. Alle ihre Freiſtunden fuͤllte Lectuͤre aus, und ihr Kopf wurde ein wahres Chaos von dichteriſchen Ideen und einzelnen wiſſenſchaftlichen Notizen. Ihr Gedaͤchtniß faßte ungeheuer viel, und bei Allem, was ſie las, dachte ſie an ihr kuͤnftiges Leben, und ſuchte es darin zu verweben. So war⸗ ſie nur noch den Jahren nach Kind; aber ihrer Phantaſie, ihrem Herzen, ihrem Gemuͤthe nach ein ſechzehnjaͤhriges, tieffuͤhlendes Mädchen. Schwaͤrme⸗ riſche Religioſität und eine ſtille Wehmuth waren die Grundtöne ihres Weſens, mit denen eine truͤbe, namenloſe Sehnſucht innig verſchwiſtert war. Die vielen Romane, die ſie las, vorzuglich Lafontaine's Werke, die ſie in dieſem Zeitpunkt allen andern vor⸗ zog, machten ſie fruͤh mit dem Gluͤck und mit der Gewalt der Liebe bekannt, und der tägliche Beſuch des Schauſpiels vermehrte noch das Unheil, das ihr unausbleiblich aus dieſer vorzeitigen Kenntniß erwach⸗ ſen mußte. Einzig in den Träumen ihrer Phantaſie lebend, entfremdete ſie ſich ganz der Wirklichkeit, und bald gelang es dieſer Zauberin, ihr eignes Leben, das druckende Verhaͤltniß zu ihrem Vater, die ver⸗ ſtohlne Liebe der Mutter, mit einem Colorit auszu⸗ ſchmuͤcken, deſſen Reiz ihr Erſatz fuͤr die Bitterkeit deſſelben wurde. So verlor ſie ſchon as Kind die — — Wahrheit der erſten Gefuͤhle an leere Phantaſien, die ſie auf die Grenzlinie fuͤhrten, wo ein dichteri⸗ ſches Leben ſich von der Wahrheit ſcheidet, mit der es vereint bleiben muß⸗ Ihr Vater nannte ſie ſeit jenem Sprung aus dem Fenſter nie wieder Tochter — nie hoͤrte ſie ſeit jenem Tage ein freundliches Wort von ihm; kaum ſeine Hand durfte ſie kuͤſſend beruͤhren, und noch nie hatte ſie erfahren, wie es ſich in Vaterarmen und an einem Vaterherzen ruhe. Bei Tiſche nur ſah ſie den ihr allein Unfreundlichen, der gegen ſei⸗ nen Sohn und die kleine Eliſe, ihre Schweſter, der liebevollſte Vater war. Alle ihre Beduͤrfniſſe erhielt ſie aus der Hand ihrer Mutter, und wenn der Va⸗ ter Spielzeug oder Näſchereien kaufte, war Natalie nie mit in der Austheilung derſelben begriffen. Sie war ausgeſtoßen aus dem Kreiſe ſeiner Kinder, und ihr Herz wurde unter dem Schmerz dieſes Gefuͤhls ſo weich, daß Alles ſie verletzte. Sie glaubte ſich von Keinem geliebt; ſelbſt die Zaͤrtlichkeit ihrer Mut⸗ ter ſchien ihr nur Mitleid, und der Glaube an Men⸗ ſchenherz, den Kinder ſo rein und ungetheilt haben, war ihr fremd. Die Furcht, zuruͤckgeſtoßen zu wer⸗ den, machte ihr jede Annäherung unmoͤglich, und ihr — 18 — ſchuͤchternes, oft fuͤr Einfalt gehaltenes Weſen, ihr ganzlicher Mangel an Kindlichkeit und an jugendli⸗ cher Lebhaftigkeit, zog auch nicht zu ihr hin. Aber wo ihr ein Laut der Liebe, eine Miene milden Wohlwollens entgegen kam, da hing ſie ſich denn auch faſt immer unerrathen von dem Gegenſtande, mit unausſprechlicher, leidenſchaftlicher Innigkeit an. Dieſe fand ſie nie erwiedert, und ſo grub ſich das ſchmerzliche Gefuͤhl des Allein- und Verlaſſenſeins immer tiefer in das jugendliche, verſtimmte Gemuͤth, das keinen andern Troſt hatte, als ſich in ſeiner eignen Tiefe immer heißer zu ſchmerzlichen Gefuͤhlen aufzureizen. Aber auch im außern Leben ward ſie nur zu oft unzart angefochten. Ein Beiſpiel davon werde aus vielen hier angefuͤhrt. Ihr Vater kaufte ein nur wenige Meilen von ſeinem Wohnorte gelegenes Gut. Es wurde ver⸗ pachtet, doch mit dem Vorbehalt, daß die Familie jeden Sommer einen Monat dort leben wolle. Na⸗ talie liebte, wie faſt alle jungen Leute, das Land⸗ leben, das ſie bis dahin nur aus Dichtern kannte, und der erſte in Foſerin verlebte Monat wurde der gluͤcklichſte ihres Lebens. Das Gut hatte eine ſehr angenehme Lage am ufer eines mit Holz bekränzten Sees, und dieſer Aufenthalt wurde fuͤr Natalie zur Quelle eines ihr ganz neuen Genuſſes, der ihr Herz mehr befriedigte, ſie ſtiller und in ſich heitrer machte, als Alles, was ihr bis dahin geboten war. Wei⸗ nend ſchlich ſie am Morgen der Abreiſe im Garten umher, und kuͤßte verſtohlen die Blatter und Blu⸗ men der Gaͤnge und Lauben zum Abſchied. Mit jedem Monat wurde in der Stadt das Bild der zu Foſerin verlebten Zeit in ihrer Seele heller, und mit froher Sehnſucht erwartete ſie im folgenden Jahre die Reiſe dorthin. Der Sommer kam, und mit der erſten kindlich frohen Empfindung ihres Lebens hoͤrte ſie den Tag zur Abreiſe beſtim⸗ men, und ſah die Koffer packen. Der Wagen fuhr vor — Alle waren ſchon eingeſtiegen; nur Natalie ſtand noch am Schlage, als der Vater ganz uner⸗ wartet das harte Wort ſprach: ſie ſoll nicht mit! In's Auge der Mutter ſtieg eine Thraͤne. Natalie fuͤhlte ſich durch dieſen despotiſchen Befehl aͤngſtlich beklemmt — ohne jene Thraͤne der Mutter wäre ihr Herz daran verſteinert. — Jetzt trat ſie mit der unbeweglichen Miene, die ihr den Augen des Vaters gegenuͤber die lange Uebung ihre Gefuͤhle zu ver⸗ ſchleiern, gegeben hatte, nur naͤher, um mit ſtummer Unterwuͤrfigkeit ſeine Hand zum Abſchied zu kuͤſſen. Doch als ſie ſich nun zur Mutter wandte, und in ihrer innigen, wehmuͤthigen Umarmung fuͤhlte, wie weh dem Mutterherzen war, wurden ihre Augen naß — ſchnell rollte der Wagen fort, und Natalie blieb von der ganzen Familie allein zuruͤck. — O, wie ſchwer legte ſich das eiſerne Gewicht dieſes grauſamen Wortes auf ihr Herz! — Ihr Gefuͤhl war zu bitter fuͤr Thränen, und das mitleidige Be⸗ dauern der Dienſtboten verhärtete ſie noch mehr, weil ſie ſich dadurch gedemuͤthigt fuͤhlte. Als ihre Mutter ihr aber am folgenden Tag durch einen Bo⸗ ten ihre mit eingepackten Kleider, und zugleich Geld zu einem Dutzend Komoͤdienbillets ſandte, er⸗ weichte ſie dies Zeichen der Liebe und der Theil⸗ nahme, und ſie weinte viel. Die gute Mutter that noch mehr; zu klug, um Natalien offne Mißbilligung des väterlichen Betragens zu zeigen, ſchrieb ſie an eine ihrer Freundinnen, und bat ſie, ſich der Kleinen während ihrer Abweſenheit anzunehmen. Dieſe kam und fand Natalie in dem einſamſten, verſteckteſten Winkel des Hauſes ſtill weinend. Vor dem An⸗ blick der fremden Geſtalt ſtockten Nataliens Thra⸗ *. — 21 — nen — aber der milde, troͤſtende Ton der fremden Stimme zerſprengte die Huͤlle der tiefen Verſchloſ⸗ ſenheit, die gewöhnlich das wunde Herz der armen Kleinen deckte, und ſie weinte ſich an dem ftemden, theilnehmenden Herzen recht ſanft aus. Aber keine Klage, kein Vorwurf kam uͤber ihre Lippen — ſie hatte nur Thränen, die aber noch lange, noch viele Jahre nachher, ſchmerzend bei dieſer Erinnerung floſſen. Das erſte Wiederſehen der Mutter und Toch⸗ ter bei der Ruͤckkehr vom Lande war ruͤhrend. Die Ungerechtigkeit des Vaters, und das Monat lange Entbehren des geliebten Kindes machten die Mutter muthiger, ihre Liebe fuͤr Natalie zu zeigen, deren dankbares Herz dieſer erhoͤhten Zärtlichkeit einen Werth gab, der ihre eigne Liebe zur heißeſten Schwärmerei erhobo. Auch ihre Schweſter Eliſe wurde ihr immer theurer. Sie trennte ſich wenig von ihr, und obgleich ſie ſelbſt nie mit einer Puppe geſpielt hatte, naͤhte ſie doch jetzt haͤufig und viel fuͤr die Puppe der Schweſter. Dabei lehrte ſie ſie leſen und erzählte ihr Geſchichten, die ſie fuͤr das Alter der Schweſter artig und faßlich einzukleiden wußte. Auch war ihr die Kleine faſt ganz uͤbergeben, und — 2 — Mutter und Waͤrterin ruhig, wenn ſie ſie unter ih⸗ rer Aufſicht wußten. Bis zum eilften Jahr rang Natalie noch mit der von ihrer Krankheit zuruͤckgebliebenen Nerven⸗ ſchwäche; aber da entfaltete ſich ihr bis dahin ver⸗ ſpateter Wuchs ſo ſchnell, daß ſie in Jahresfriſt ihre das Mittlere uͤberſteigende Groͤße erhielt. Man glaubte ſie nun nicht laͤnger wie ein Kind anſehen und behandeln zu duͤrfen, und ihre Mutter beſchloß, ſie 1 confirmiren zu laſſen, wodurch ſie nach der noch be⸗ ſtehenden Sitte ihrer Vaterſtadt geſellſchaftsfaͤhig wurde, da bis zu dieſem Zeitpunkt die jungen Maäd⸗ chen ſtrenge von allen öffentlichen Vergnuͤgungen und großen Geſellſchaften ausgeſchloſſen ſind. Na⸗ talie ward alſo dem Prediger vorgeſtellt, deſſen Re⸗ ligionsunterricht ſie gemeinſchaftlich mit den andern Katechumenen einen Winter lang beſuchen ſollte. Der religisſe Anklang ihres Innern hoffte hier Nah⸗ rung zu finden, und fand ſie. Was ihr gepredigt ward, war ſtreng orthodoxe Glaubenslehre, deren Myſticismus Natalie aber wie Poeſie ergriff. Von dieſer Seite war ſie noch unangefochten, unſchuldig und ſelig wie ein Kind. Auch lag eine religios⸗ moraliſche Tendenz tief in ihrem Gemuͤthe. Sehr fruͤh fing ſie an ſich zu beobachten, zu pruͤfen, und nach dem Einen, was ihr Noth ſchien, zu ſtreben. Myſtik und Glaube waren ſo durch alle Adern ihres Gemuͤths gegangen, daß man ſie nicht von dieſem loͤſen konnte, ohne es unheilbar zu verwunden, und auch hier trat jetzt ein feindſeliges Weſen zu ihr, und fuͤhrte ſie aus den Blumengefilden ihres leben⸗ digen Glaubens in die Wuͤſte einer todten Specu⸗ lation. Dieſe Religionsſtunden beſuchte mit Nata⸗ lien die Tochter eines ſehr angeſehenen Kaufmanns, Emma Buſch. Die beiden Maͤdchen kannten ſich bis zu dieſem Zeitpunkt wenig, kamen ſich aber ietzt näher, und Natalie, deren Weg zum Hauſe des Predigers bei Emma's Wohnung vorbei fuͤhrte, holte dieſe gewoͤhnlich ab. Hier lernte Emma's Va⸗ ter ſie kennen. Dieſer, ein Spötter alles Heiligen und Schoͤnen, und der Apoſtel einer Lehre, die Alles frech verlacht, was die Farbe eines tieferen und ſeli⸗ geren Lebens traͤgt, fand Natalie mit ihrem ſinn⸗ und geiſtvollen Blick, und ihrem zu ihrem Alter ſo wenig paſſenden truͤben Ernſt ſo auffallend, daß er ſich ihr näherte. Emma theilte ihm einige Aufſaͤtze mit, worin Natalie niedergelegt hatte, was ſie von den Lehren des Predigers in ihrem Herzen bewahrte, — 24 — und er fand in ihnen eine ſo feſte Zuverſicht des Unſichtbaren, ein ſo ſehnſuchtvolles Ergreifen des Ueberirdiſchen, eine ſo liebevolle Schwärmerei fuͤr je⸗ des Gebot der Glaubenspflicht, daß es ihm der Muͤhe werth ſchien, den Geiſt und das Herz, dem ſie entfloſſen, näher kennen zu lernen. Emma bat jetzt, von ihm geleitet, Natalien haͤufig zu ſich; der Vater geſellte ſich dann auf dem einſamen Zimmer der Tochter zu ihnen, und fand Mittel, Natalie zum Reden zu bringen. Ihre Religioſität hatte ſie ihm in einem faſt lächerlichen Lichte gezeigt, und nur die Sonderbarkeit der Erſcheinung ihn angezogen. Jetzt lernte er ihren Geiſt und die mannigfaltigen Kennt⸗ niſſe, die ſie ſo ſpielend eingeſammelt hatte, daß ſie ſelbſt ſie fuͤr hoͤchſt unbedeutend hielt, achten, und bedauerte, daß dieſe nur fuͤr den Aberglauben wu⸗ chern ſollten. Großmuͤthig beſchloß er ſie aufzuklaͤ⸗ ren, und ſie fuͤr ſein Syſtem und ſeine Philoſophie des Lebensgenuſſes anzuwerben. Der Spott, mit dem er jetzt das Heiligſte an⸗ griff, das gutmuͤthige Bedauern, daß ſie mit ihrem hellerer, hoͤherer Erkenntniß ſo faͤhigen Geiſte auf einer Bahn wandle, wo ſie nur den Poͤbel der Gei⸗ ſterwelt zu Gefaͤhrten habe; die Zuverſicht, mit der er behauptete, ſie werde ſich fruͤher oder ſpäter von dieſer geiſtigen Unmuͤndigkeit losſprechen, und ſich den denkenden Menſchen aller Nationen zugeſellen, die es ja einſtimmig ſchimpflich fänden, zu glau⸗ ben, wo die Vernunft zu wiſſen fordre, erreg⸗ ten bald in Nataliens Gemuͤth — deſſen Selbſt⸗ ſtändigkeit noch nie der Beifall eines geachteten Menſchen weckte — eine Zwietracht, die Buſch kunſtlich naͤhrte und immer giftiger machte. Eine leiſe warnende Stimme trieb ſie von ihm hinweg; aber ſein Witz ſein glänzender Geiſt und die Aner⸗ kennung des ihren, die er zuerſt ihr zeigte, zogen ſie immer wieder zu ihm, der ihr jene warnende Stimme bald als Stimme des Vorurtheils verdächtig zu ma⸗ chen wußte. Frech zerriß er den Iſisſchleier, der das Heiligſte im Menſchen, die Myſtik deckt — wie eine Leiche zergliederte er ihr ihren frommen Wahn, und vertröſtete ſie bei ihren bangen Zwei⸗ feln und Klagen, bei ihrem Ringen nach Wahrheit, immer auf das helle Sonnenlicht, das dieſer Nacht, in die er ſie hinabſtieß, folgen ſollte. Lange und ſchmerzlich kämpfte ſie gegen dieſe neue Lehre; aber allmählig erkaltete ihr Herz gegen das Weſen, das nur noch in ihrem Begriff⸗ wohnen Tarnow's Schriften. III. 2 ſollte und gefuhllos ſelig blieb, wenn die Creatur hienieden herging in unnennbarem Schmerz. Sie erbaute ſich jetzt ein Syſtem, dem der edle Ernſt einer ſtrengen Pflichterfuͤllung inwohnte; aber mit⸗ dem Glauben verlor dieſe Pflicht ihre Huld, und die Tugend wurde ihr zu einer ſtrengen Disriplin, die keine freie, freudige Uebung des Schoͤnen duldete. Sie hatte dieſes — wie es in ihrem Alter auch ſein ſoll — bis jetzt mehr begeiſtert empfunden, als gei⸗ ſtig begriffen, und es war noch nicht durch ihr gan⸗ zes Weſen gedrungen, um ſich unzertrennlich mit ihm zu verbinden. Daher hatte ſpäter ihr Gemuͤth einzelne lichte Punkte, ihr Charakter treffliche Sei⸗ ten; aber dem Ganzen fehlte Einheit und Parmonie.“ Von fruͤhſter Jugend an verworren und angofochten durch Alles, was ſie umgab, trat jetzt in einem fuͤr ihre innere Bildung entſcheidenden Zeitpunkt Buſch zu ihr, und was er ihr als die Lehre oiner neuen geiſtigen Offenbarung gab, trennte die Hauptkräfte ihres Gemuͤthes; ihre Seele floh verſchuͤchtort zu⸗ ruͤck, und der Geiſt eignete ſich, der Natur entge⸗ genſtrebend, die Natalie beſtimmt hatte, ſchoͤner in ihrem Herzen, als in ihm zu leben, faſt ausſchlie⸗ ßend ihre fernere Bildungi zu. Wo in den nächſt⸗ folgenden Jahren Kindlichkeit und Wahrheit in ihr aufgingen, war es als wehmuͤthiger Anklang einer Zeit, die ſie nie klar genoſſen hatte. Dieſer Gang ihrer Bildung zog ſich durch viele Jahre verderblich fort, und traf mit den Begeben⸗ heiten ihres aͤußern Lebens zuſammen, deren Faden wir hier wieder aufnehmen muͤſſen. t Das Oſterfeſt kam, und mit ihm der Tag ih⸗ rer Einſegnung. Tief erſchuͤttert legte ſie in der Kirche an der Spitze von achtzig jungen Maͤdchen im Namen Aller ihr Glaubensbekenntniß oͤffentlich ab, und ſank faſt ohnmaͤchtig zu den Fuͤßen des Predigers, als er ihr das Geluͤbde abfordert«, im Leben und im Tode einer Lehre treu zu bleiben, die ihr ein Gewebe von Pfaffentrug und Pfaffenwahn zu ſein duͤnkte, und deren wahrhaft göttlichen Geiſt ſie nicht von den ihn umhuͤllenden und verdunkeln⸗ den Menſchenſatzungen zu ſondern wußte. Der Abend dieſes Tages war beſtimmt, ſie in die geſelligen Zirkel ihres Wohnortes einzufuͤhren. Ihre Mutter ſtattete den Nachmittag mit ihr Beſuche ab, und fuhr am Abend in eine ſehr zahlreiche Aſſemblée. Hier trat nun die kaum vierzehnſaͤhtige Natalie in einen Zirkel von deren faſt keins unter 2 * — — ſechzehn Jahr war, und die, von Jugend auf mit dieſer Lebensweiſe vertrauter und bekannter denn ſie ſich darin leicht wie in einem angemeſſenen Element bewegten. Natalie dagegen verſtand nichts ſchlechter als die Kunſt zu figuriren. Die Welt und der ſoge⸗ nannte Weltton waren ihr nicht fremd; ſie kannte beide aus ihren Romanen ziemlich richtig; aber die Befangenheit der jugendlichen Schuͤchternheit lag auf ihr, und genirte ſie in Allem. Ihr Herz zog ſie zu keinem von dieſen Menſchen hin; es waren ihr Ge⸗ ſtalten aus einer ihrem Sinn fremdartigen Welt, und keine Glanz- und Gefallſucht reizte ſie, ſich ihnen gleichſtellen zu wollen. So blieb ſie von den Herren unbemerkt, von den jungen Maͤdchen fuͤr einfältig, oft auch fuͤr ſtolz gehalten, allein, und nur bejahrte Maͤnner ſah man zuweilen im freundlichen Geſpraͤch mit ihr, ſo wie auch manche aͤltere Frau fuͤr ſie das Lob eines guten, beſcheidenen Maäd⸗ chens hatte. Die Liebe hatte von jeher eine zu wichtige Rolle in den Traͤumen ihrer Phantaſie geſpielt, als daß ſie jetzt nicht unwillkuͤrlich unter den jungen Maͤnnern nach einer Aehnlichkeit mit ihrem Ideal hätte umherblicken ſollen. Aber Keiner kam ihm nahe, und ſie war zu ſtolz, einem Manne gefallen zu wollen, den ſie nicht ganz vorzuͤglich achtete. Natuͤrlich fand ſie unter dieſen Umſtaͤnden das ge⸗ ſellige Leben ſehr fade, und zog ſich bald ſo viel als moͤglich in ihre ſtille, geliebte Einſamkeit zuruͤck, die ihr der gehaltvollern Freuden ſo viele bot. Nur Concerte und Schauſpiele verſaͤumte ſie ſelten. Wie muſterhaft ſie aber ſelbſt das Pianoforte und die Harfe ſpielte, wie kunſtmaͤßig ausgebildet ihre ſchoͤne Contra⸗Altſtimme war, wußte, ihre Lehrer ausge⸗ nommen, Niemand, da ſie vor ihren Eltern, die ſelbſt nicht muſikaliſch waren, und vor Fremden hoͤchſtens einen leichten Tanz, eine gewoͤhnliche Arie ſpielte und ſang. Muſik, Lectuͤre, Malerei, feine weibliche Handarbeiten und der Unterricht ihrer Schweſter, deren einzige Lehrerin ſie in dieſem Zeit⸗ punkt war, fuͤllten ihre Zeit ſo angenehm aus, daß ſie die Stunden fuͤr verloren achtete, die ſie der Ge⸗ ſellſchaft opfern mußte. Ihre Rolle darin wurde ihr bald ſo langweilig, daß ſie ſich den Spielpartien anſchloß, weil ihr dieſe Art der Langeweile noch die ertraͤglichſte zu ſein ſchien. Ihre Mutter uͤberließ ſie in der Wahl ihrer Lebensweiſe und ihres Um⸗ gangs ganz ſich ſelbſt, und lernte ſie immer mehr lieben und achten. Der Vater blieb kalt und fremd gegen ſie, und mancher ſchmerzliche Auftritt zog noch durch ihr Leben; doch die Hoffnung, durch Liebe, Treue und Gehorſam fruͤher oder ſpaͤter noch ſeine Abneigung zu beſiegen, ſtaͤrkte nicht allein ihren Charakter, ſondern erhielt auch ihr Herz weich und liebevoll. Um dieſe Zeit ſtarb ihr Bruder Georg, mit dem ſie in den letzten Jahren recht freundlich zuſammen gelebt hatte. Sie hatte ſein Krankenbett nicht ver⸗ laſſen, ob er gleich an einem ſehr boͤsartigen Fleck⸗ fieber ſtarb, und der Arzt dringend ihre Entfernung gefordert hatte. Der Gedanke und das Bild des Todes waren ihr nicht fremd; ſeit fruͤhſter Jugend hatte ſie ihn oft liebend angeſchaut — aber dieſe Zuckungen des entfliehenden Lebens, dieſer verzer⸗ rende Krampf der Krankheit, eh' er, der ſanfte, trö⸗ ſtende Genius, die Bande löſet, die die Seele an den Körper feſſeln, war fuͤr ſie neu und ſchrecken⸗ voll. Doch nur tief empfindend und durchaus nicht empfindelnd, hielt ſie bis zur letzten Minute bei ihm aus, und ihre Lippen kuͤßten ſein entfliehendes Le⸗ ben auf. — — Der Ernſt in ihrem Weſen wurde durch dieſen Verluſt und durch den Eindruck, der bei ihm ein⸗ ſam zugebrachten Sterbeſtunde, wo die Nachtlampe matter und matter aufloderte, wie ſein Rocheln lei⸗ ſer und leiſer wurde, dann mit ihm zugleich erloſch, und ſie ohnmächtig bei dem Todten niederſank, noch finſtrer, und ſie verlor das Vertrauen zu den Men⸗ ſchen ganz, als ſie ſich mit ihrer Trauer verſpottet fuͤhlte. 1 4 Ihre Eltern beſaßen nicht fern von dem Kirch⸗ hofe, wo Georg ruhte, ein Gartenhaus. Natalie hatte dort ſchon öfter einige Tage allein mit Eliſen und ihrem Mädchen zugebracht, und that es auch jetzt, weil ſie gern einmal in fruͤher Morgenſtunde das Grab ihres Bruders einſam beſuchen wollte — und gibt es auch einen ſchoͤnern, beruhigendern An⸗ blick, als der Aufgang der Sonne uͤber den Graͤbern unſerer Geliebten? — Auch Natalien ward hier eine ernſte Stunde voll erhebender Blicke uͤber das Grab hinaus, und voll rdler Vorſätze fuͤr ein Leben, das ſie nur zu lieben vermochte, wenn ſie fuͤhlte, es hei⸗ lige ſie fuͤr ein hoͤheres. Tiefes, wahres Gefuͤhl zog ſie auf die Kniee nieder; ſie betete innig, und fuͤhlte — ſich wieder ganz in der hellen, lichten Welt ihres fruͤheren Glaubens einheimiſch. Zu ihrem Ungluck hatte ſie Zeugen gehabt. Einige junge Wildfänge, die eine Brunnencur ſo fruh herausgelockt hatte, ſahen durch die Thorgitter des Gottesackers ihr weißes Gewand ſchimmern; neu⸗ gierig ſchlichen ſie naͤher, und ſahen Natalie nun weinen, niederknien und beten. Nach vier und zwanzig Stunden war dieſe Erzählung zur lächerli⸗ chen Burleske verdreht in Jedermanns Mundé. Na⸗ taliens gegen den Schein des Lacherlichen krankhaft em⸗ pfindliche Seele wuͤrde ſchon dadurch gekränkt worden ſein, hätte ſie auch nicht von ihrem Vater die bittere Weiſung erhalten, ſolche Narrheiten kuͤnftig zu un⸗ terlaſſen, und ihre Familie nicht, wie ſich ſelbſt, durch ihre Romanenſtreiche zu proſtituiren. O wie verſchuͤchtert, wie blöde und geängſtet floh ihre Seele nach ſolchen Auftritten in ihre Ver⸗ borgenheit zuruͤck! — Wie ſcheu und ſorgſam ver⸗ huͤllte ſie ihr Herz, das ſo tief fuͤhlte, wie einſam und ungeliebt es auf der Erde ſei, und doch mit der leidenſchaftlichſten Schmerzensſehnſucht an dem Ideal eines Weſens hing, in deſſen Schutz ſie ſich — 33 — zu einem freudigeren Sein haͤtte auftichten konnen und moͤgen! Der einzige Umgang, fuͤr den ſie Intereſſe be⸗ wahrte, war das Buſchiſche Haus. Sie verbarg jetzt auch dem Vater ihr Gemuͤth und ihr inneres Leben, da ihr eine geheime Stimme ſagte, er werde ſie damit nur verhoͤhnen; aber gern und willig traf ſie mit ihm im Umtauſch geiſtiger Ideen zuſammen. Die Tochter Emma bildete ſich nach und nach zur feineren Coquette, und war auch ohne allen hoͤhern Anklang. Ihr Verhältniß zu Natalie war jenes, das man ſo haͤufig unter jungen Maͤdchen dieſes Alters findet, und das oft Freundſchaft genannt wird, ſo wenig es auch auf dieſe Benennung An⸗ ſpruch machen kann, da es nichts als fluchtiges, ju⸗ gendliches, aus dem öftern Zuſammenſein entſtan⸗ denes Wohlwollen iſt, dem in der Regel nicht die geringſte Aehnlichkeit des Geiſtes und des Herzens zum Grunde liegt. Auch galt dies Verhaltniß Na⸗ talien fuͤr nichts mehr, als was es wirklich war, bis ſich ihm ein Intereſſe anderer Art zugeſellte. Emma war die einzige Tochter ihrer reichen Eltern, und ſeit fruͤher Jugend von ihrem Vater ſeinem Schweſterſohn Rudotph Holm beſtimmt, damit das Vermoͤgen huͤbſch in der Familie bleibe. Rudolph hatte vor acht Jahren ſeine Vaterſtadt als ein fähiger, talentvoller Juͤngling verlaſſen, um ſich auf Univerſitäten und Reiſen fur ſeine kuͤnftige Be⸗ ſtimmung als Arzt auszubilden. Bei ſeiner Abreiſe verſprach ihm Buſch Emma's Hand, wenn er ſich durch ſeine Kenntniſſe und ſeine Auffuͤhrung derſel⸗ ben werth machen werde, und nahm es uͤber ſich, als kuͤnftiger Vater jetzt ſchon zu ſeinen Studien⸗ koſten beizutragen, da Rudolph nur ein ſehr mäßi⸗ ges Vermögen beſaß. Dankbarkeit, Erinnerung an Emma's aufbluͤhende Reize, die er als zehnjaͤhriges Kind bei ſeiner Abreiſe verlaſſen hatte, und die Aus⸗ ſicht auf den Beſitz ihres großen Vermögens mach⸗ ten ihm mit jedem Jahr den Gedanken dieſer Ver⸗ bindung lieber. Nicht ſo Emma, der ſein Bild ganz fremd geworden war, und die in ihm nur das Hin⸗ derniß einer Verbindung mit ihrem Geliebten, dem Hofrath M. „ ſah. Jetzt, da die Zeit der Zuhauſe⸗ kunft Rudolphs ſich nahte, bat er ihren Vater um Erlaubniß, mit ſeiner reizenden Couſine Briefe wech⸗ ſeln zu durfen, und Emma erhielt nun einen Brief, der zu ihrem gehaltloſen Weſen und zu ihrem un⸗ gebildeten Geiſte einen ihr ſelbſt fuͤhlbaren Contraſt bildete. Sie theilte ihn Natalien mit, und da dieſe ſich durch den Geiſt, der daraus ſprach, eben ſo an⸗ gezogen, wie Emma abgeſchreckt fuͤhlte, ſo ließ ſie ſich nicht lange bitten, dieſer bei der Antwort zu hel⸗ fen. Die Huͤlle eines fremden Namens ſchuͤtzte ſie vor der ſchuͤchternen Verlegenheit, mit der ſie unter ihrem eignen auftrat, und Rudolph fuͤhlte ſich leb⸗ haft von dem geiſt⸗ und gefuͤhlvollen Weſen ange⸗ zogen, das ſich ihm im Spiegel dieſer Briefe zeigte, die Natalie bald ganz allein ſchrieb, und Emma nur copirte. Die Zartheit des Verhaͤltniſſes zwiſchen Rudolph und dieſer geſtattete fuͤr alles Kuͤnftige nur leiſe Andeutung, und ſo beruͤhrten ſeine Briefe nur Gegenſtände der Kunſt, der Literatur und der Natur Italiens, wo er ſich eben aufhielt, und von wo er nach St. zuruͤckkehren ſollte. Ratalie beglei⸗ tete ihn in ihren Antworten auf allen ſeinen Wan⸗ derungen durch dies Land der Herrlichkeit, und wel⸗ cher Anklang auch dort durch Kunſt, Natur und Geſchichte in ihm geweckt wurde, immer wurde er von ihr verſtanden, und traf auf Sinn und Gefuͤhl für das, woruber er ſich entzuckt, geruͤhrt, begeiſtert, gezeigt hatte. Er lirnte ſo Nataliens gebildeten Geiſt und ihre Kenntniſſe kennen, wie ihm die ele⸗ — giſche Stimmung, mit der ſie ihn vorzuglich gern zu den Ruinen verſunkner Große, und den Denk⸗ malen einer herrlichern Vorzeit begleitete, ihr tiefes Gofuͤhl verrieth. — Schwärmeriſch, begeiſtert fuͤr Liebe, Vaterland und Freiheit, wie er ihr erſchien, mußte er Nataliens ganze Seele mit deſto unwider⸗ ſtehlicherer Macht ergreifen, da ſie bisher fremd und einſam unter Menſchen gelebt hatte, die ihres Her⸗ zens heiligſte Melodien nur mit dem Schellengeklin⸗ gel eines ſeelenloſen Leichtſinns zu begleiten vermoch⸗ ten. Selbſt der exeentriſche Sinn, den Rudolph zeigte, mußte auf Nataliens romantiſches, zum Ue⸗ berſpannten ſich hinneigendes Gemuͤth tiefer wirken, als wenn er ihr in der ſtillen Ruhe eines auf edle Selbſtſtändigkeit gegruͤndeten Charakters erſchienen waͤre. — Rudolph war einer jener Menſchen, welche die Natur nicht fuͤr die Mittelmaͤßigkeit beſtimmte; doch ſchon in der fruhſten Jugend erhielten ſeine Anla⸗ gen eine ſchiefe Richtung, die ihn den Schein mit dem wirklichen Sein ſo verwechſeln lehrte, daß er beide ſpäter nie wieder klar zu ſcheiden vermochte. In ſeinen Univerſitätsjahren ſank er einmal als Spielwerk eines tiefgefallnen Weibes bis zur niedri⸗ 8 — gen Gemeinheit. Dies Bewußtſein raubte ihm jene jugendliche Illuſion der Phantaſie und des Herzens in Hinſicht auf das wirkliche Leben, das er nur noch in einer Beleuchtung aufzufaſſen vermochte, die einen tiefen Schatten auf die Menſchheit warf, da ihm die Kraft fehlte, den verlornen Glauben und die ver⸗ lorne Liebe wieder gewinnen zu köͤnnen. Nach und nach ſtarb auf dieſem Wege jedes hoͤhere Beduͤrfniß der Menſchheit in ihm ab, und ward ihm zur Fa⸗ bel. Seine ganze Cultur war nur verfeinerte, glaͤn⸗ zend ausgebildete Thierheit, und er vermochte mit der Leerheit dieſes entgoͤtterten Lebens zu ſpielen, und war eitel auf die Verruchtheit, mit der er alle ſeine geiſtigen Kräfte nur fuͤr den Genuß und die Aus⸗ zierung des äußern Lebens wuchern ließ, indem es ihm das Hoͤchſte geworden war, zu glaͤnzen. Die Menſchen betrachtete er nur als Maſchinen zu ſei⸗ nen Eyperimenten, und jede Leidenſchaft war ihm blos Aufgabe fur ſeine ſeltne Kunſt der Darſtellung. Doch nicht blos gegen Andre war er Schauſpieler, er war es auch im geheimſten Zuſammenſein mit ſich ſelbſt, und dieſe Selbſttäuſchung gab jeder von ihm geſpielten Rolle einen Zuſatz von Wahrheit, der auch das unbefangne Urtheil uͤber ihn leicht beſtach. — 38 — Gefuͤhl, Witz, Humor, Alles war bei ihm nur eine elektriſche Exploſion, zu der er ſich wiſſentlich voll⸗ lud. — So mußte er, um nicht unter dem Ge⸗ fuhl eigner Erbärmlichkeit zu Boden zu ſinken, die Menſchen verachten; er konnte nur zu ſtehen wäh⸗ nen, ſo lange ihm jede moraliſche Kraft Spannung der Leidenſchaft — die reinſte Liebe gewuͤrzte Sinn⸗ lichkeit — die Tugend ein Epikuräismus der Ver⸗ nunft hieß, der freiwillig entbehrt, um läaͤnger, ſich⸗ rer und gefahrloſer zu genießen. Sein Aeußeres war anziehend. Eine große edle Figur, ein römiſch geformter Kopf mit ernſten Zuͤgen, dunkelblaue, ſehr ſinn- und geiſtvoll blickende Augen, eine reine, fur den hoͤchſten Affect der Lei⸗ denſchaft, wie fuͤr die Nuͤancen der leichteſten, witzg⸗ ſten Unterhaltung kunſtmaßig ausgebildete Stimme, und eine Gabe ſich darzuſtellen, die der Wuͤrde an Wirkung glich — bildeten ein Ganzes, dem man mit Achtung fuͤr den Geiſt, der es beſeelte, näher trat. Auch mißlang es ihm nur ſelten, Menſchen fuͤr ſich einzunehmen, die er gewinnen wollte; oft reizte es ihn aber, vor ſich zuruͤckzuſchrecken, um dann ſpäter den Triumph des Sieges uͤber dieſen ungünſtigen Eindruck zu genießen. Natalie ergriff — 39 — unter Emma's Namen ſeine Phantaſie — der ein⸗ zige Weg, auf dem ihm Eindruͤcke zukommen konnten, die er ſich ſelbſt als Gefuͤhle anzuluͤgen vermochte — und er gefiel ſich in der Ueberzeugung, ein ſo ge⸗ haltvolles Weſen zur gewaltigen Leidenſchaft fuͤr ſich aufteizen zu konnen, ſo wohl, daß er lebhaft auf ih⸗ ren erſten Anblick geſpannt war. Emma fuhr ihm bei ſeiner Ankunft mit ihren Eltern und ſeiner Familie bis zu einem nahe bei St. liegenden Dorfe entgegen. Sie war fruͤher voll Scheu und Widerwillen gegen ihn geweſen; allein Nataliens begeiſterter Glaube an Rudolphs Charakter, die ſiegende Beredtſamkeit ihres heißen, vollen Herzens hatten endlich Emma Vertrauen zu ihm eingefloßt. „Sei nur wahr gegen ihn, ganz wahr,“ bat Natalie oft. „O Emma, wenn Du die⸗ ſem edlen Menſchen, dieſer großen, liebevollen Seele Gerechtigkeit widerfahren ließeſt; ſo wuͤrdeſt Du Dein Schickſal freudig in ſeine Hände niederlegen, uͤberzeugt, daß er fur Dich und ſich nur das Edelſte waͤhlen kann.“ Von ihr ermuntert und beredet, be⸗ ſchloß Emma ſich ihm offen zu entdecken, wie ſie ſich auch verpflichtete, ihm Nataliens Antheil an ih⸗ ren Briefen ganz und auf immer zu verheimlichen. — — Natalie forderte und wuͤnſchte dieſe Verſchwiegenheit aus Blodigkeit und Demuth; das heitere Vertrauen, mit dem ſie in ihren Briefen zu ihm geredet hatte, wurde jetzt bei dem Gedanken an ſeine perſoͤnliche Bekanntſchaft zur ehrfurchtsvollen Scheu gegen ein in ihrem Sinn ihr ſo weit uͤberlegenes Weſen. Emma ſchwieg gern, weil ihrer Eitelkeit die hohe Achtung gefiel, die Rudolphs Briefe ausſprachen, und ſie ſich, von ihren Reizen unterſtuͤtzt, faͤhig glaubte, ſich ihm gegenuͤber auf der Hoͤhe erhalten zu koͤnnen, auf die der Freundin Geiſt ſie geſtellt hatte. Rudolph hatte ſich auf ihren erſten Anblick ſen⸗ timental einſtudirt, und ſeine Phantaſie hatte mit dieſem Moment ſo oft und lange geſpielt, daß er jetzt wirklich bewegt zu ſein glaubte, als er in der Ferne ſeine Mutter, ſeine Bruͤder, Buſch, und ne⸗ ben dieſem eine weibliche, jugendliche Geſtalt erblickte. Raſch ſprang er aus dem Wagen, und ſein erſter Blick ſuchte das Auge voll Seele, die Geſtalt voll Adel und Anmuth, mit der ſeine Phantaſie Emma geſchmuckt hatte, die jetzt als eine reizende Blondine mit einem Ausdruck von Coquetterie und Verſchmitzt⸗ heit, den ſelbſt die Verlegenheit dieſes Augenblicks nicht zu verhuͤllen vermochte, vor ihm ſtand. Die Worte, womit er ſie begruͤßen wollte, verſtummten unwillkuͤrlich, und er ſtand ſichtbar befangen vor ihr. Schnell wurde er indeſſen ſeines Aeußern wieder maͤchtig, wenn gleich in ſeinem Innern die Wirkung des erſten Anblicks widrig forttoͤnte. Er knuͤpfte ein Geſpraͤch mit ihr an, und beruͤhrte die Saiten, die ihn in ihren Briefen ſo harmoniſch angeſprochen hatten; aber die paar Floskeln, mit denen Emma ſich fur dieſe Unterhaltung ausgeſchmuͤckt hatte, wur⸗ den von ihm bald fuͤr das, was ſie waren, erkannt, und es draͤngte ſich ihm die Ueberzeugung auf, ſie habe den von ihr eshaltenen Briefen nur ihren Na⸗ men geliehen, und ein andrer Geiſt, ein andres Herz habe daraus zu ihm geredet. Das Romantiſche die⸗ ſer geheimnißvollen Unſichtbarkeit verſtärkte noch bei ihm den fruͤher erhaltenen Eindruck, und dieſe Stim⸗ mung wurde Emma ſehr guͤnſtig, da ſie ihm einige Tage nach ſeiner Ankunft ihre Liebe fuͤr den Hof⸗ rath geſtand, und die Entſcheidung uͤber ihre Zu⸗ kunft in ſeine Haͤnde legte, weil nur die Zuruͤckgabe des von ihrem Vater erhaltenen Verſprechens die⸗ ſen zur Einwilligung bewegen konnte. Galant und gern gab er ſich die Miene, als opfre er ihrem Gluͤck und der Freiheit ihrer Wahl eine ſehr geliebte Poffnung, und verwandte ſich bei Buſch ſo dringend fuͤr die beiden Liebenden, daß er ſeine Einwilligung in ihre Verbindung bewirkte. Geſchickt entlockte er aber bei dieſer Gelegenheit Emma'n das Geſtändniß, daß eine ihrer Freundinnen Antheil an ihren Brie⸗ fen gehabt, ſie jedoch durch einen Eid verpflichtet habe, ihm nie ihren Namen zu nennen. Er hoffte indeſſen, ſeine unbekannte Freundin bald auszufin⸗ den, und die Spannung, die ihm das Sonderbare dieſes Verhältniſſes gab, contraſtirte ſo angenehm mit der gewoͤhnlichen Erſchlaffung ſeiner Empfin⸗ dungen, daß er ſich ſelbſt mit dem Erwachen einer ihm längſt verloren gegangenen Wahrheit und In⸗ nigkeit des Gefuhls ſchmeichelte. Die erſten Tage lebte er im Familienzirkel, dann erſchien er in den großern Geſellſchaften, wie auch an oͤffentlichen Verſammlungsorten, und unter⸗ jochte bald Manner und Weiber durch den Ernſt ſei⸗ nes Weſens, der ſo viel tiefen Gehalt anzudeuten ſchien, und den alle jene Talente und Annehmlichkeiten verlieblichten, ohne deren Schimmer Tugend und See⸗ lenwerth in der Welt nur wie eine ſeltne Schau⸗ muͤnze gelten, die man begafft, ohne ſie in Handel — 43 — und Wandel aufzunehmen. Natalie vermied ihn in den erſten Tagen voll wehmuͤthiger Ahnung und einer bangen Sehnſucht, die ſie ſelbſt nicht verſtand. Der allgemeine Beifall, den er erhielt, und ſeine Re⸗ ſignation auf Emma's Hand, die ſie im Colorit eines ſchoͤnen, edlen Opfers ſah, machten ſie noch ſchuͤchterner, weil ſie ſich unbeſchreiblich unbedeutend neben ihm fuͤhlte und aͤngſtlich fuͤrchtete, daß er ſie bei perſoͤnlicher Bekanntſchaft unwerth finden moge, ſeine Achtung, ſeine Freundſchaft, ſeinen Briefwech⸗ ſel ſo lange unter fremdem Namen genoſſen zu ha⸗ ben. Noch immer von Allen gemißbilligt, getadelt, verkannt, oft ſogar verhoͤhnt, war ſie äußerſt miß⸗ trauiſch gegen ihren eignen Werth, da ihr aus der Liebe eines verehrten Weſens noch nie das Gefuͤhl der Billigung ihrer Individualität aufgegangen warz ſie wußte, wie ſie dies von gleichguͤltigen, ungeach⸗ teten Menſchen geſchmerzt hatte, und dieſe Erinne⸗ rung wurde ihr zum Maßſtab des unendlichen Schmer⸗ zes, mit dem ſie Rudolph, den ſie uͤber Alles ehrte, ſich gleichguͤltig und achtungslos wuͤrde von ſich weg⸗ wenden ſehen. Es ſchien ihr ſo kuͤhn, ſo unglaub⸗ lich, daß er — der Groͤßte, der Edelſte — gerade ſie, die Ungeachtete, Ueberſehene, ſeiner Achtung, ſei⸗ — 6 — ner Freundſchaft wuͤrdigen ſolle. — Emma war ihm ſo gut als verlobt, Emma war ſo huͤbſch, ſo witzig, ſo klug; unter der Huͤlle ihres Namens war es ſo leicht, ihm zu ſchreiben — aber ihm nun als die reizloſe, verlegene, im Leben oft unbeholfene Natalie unter die Augen zu treten — ihr Stolz, ihr Herz, ihr Mißtrauen — Alles ſprach dagegen. Nein, dachte ſie, von ihm unerkannt, bleibe es mein ſchön⸗ ſtes Gluͤck, ihm ſchweigend durch das Leben zu fol⸗ gen, und nie verrathe ihm ein Blick, ein Wort das Herz, das ihn ſo unausſprechlich ehrt, und dem er einſt ſo freundlich geſinnt war. In dieſer Stim⸗ mung vergingen ihr einige Wochen, ehe ſie den Muth erhielt, ihre Mutter in eine der Aſſembléen zu begleiten, wo ſie gewiß ſein konnte, ihn zu tref⸗ fen. Er war bei ihrer Ankunft noch nicht da, und ſie nahm wie gewoͤhnlich eine Karte. Aber unwill⸗ kurlich erzitterte ſie, ſo oft ſich die Thuͤr hinter ih⸗ rem Sitze oͤffnete, und als ſie endlich ſeinen Namen nennen hoͤrte, der Ton ſeiner Stimme zu ihr drang, wechſelte ſie die Farbe, und verlor faſt ſichtlich ihre Faſſung. Er ging unter den Spieltiſchen umher, ſprach hier und da einige Worte, und ſie gewann Zeit, ſich fuͤr den Augenblick zu ſammeln, wo er — — ihr, nach Endigung ihrer Partie, von der Frau des Hauſes vorgeſtellt wurde. Natalie zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht auf ſich; die ſtumme Verbeugung, mit der ſie ſeine Anrede beantwortete, empfahl ſie ihm auch nicht, und er vergaß bald, daß er ſie uber⸗ haupt geſehen hatte. Ja, ſie blieb ihrem Vorſatz, ſich ihm durch nichts bemerklich machen zu wollen, treu, und aͤnderte auch ihre Lebensweiſe keinesweges. Selten nur ſah er ſie in Geſellſchaften, noch ſeltner in dem Kreiſe junger Maͤdchen, und wenn er ſie denn einmal antraf, war es am Spieltiſch, oder bei Tiſche an der Seite aͤlterer Männer, unter de⸗ nen es Einige gab, die ſich lebhaft und achtungs⸗ voll fur ſie intereſſirten. Ihre Kenntniſſe und Ta⸗ lente waren und blieben ihm, wie allen ihren andern Bekannten, ein Geheimniß, und nie hoͤrte er ihrer anders, als wie eines ganz gewoͤhnlichen Maͤdchens erwaͤhnen, dem der Muthwille in ſeinen Aeußerungen oft einen Anſtrich romanhafter Thorheit lieh. Natalie hingegen war eine deſto aufmerkſamere Beobachterin ſeines Lebens, und der Schein von Ungewoͤhnlichkeit, den er Allem gab, was er ſagte und that, wurde dem Bilde, das ſie von ihm mit wahrer Andacht in ihrem Herzen trug, zum immer ſtrahlenderen Heiligenſchein. Sie liebte ihn unaus⸗ ſprechlich, und mit der Stäͤrke, die die erſten er⸗ wachenden Gefuhle einer ſo gluͤhend leidenſchaftlichen Seele, wie die ihrige, bezeichnen mußte. In dieſem ſchönen Zeitpunkt, wo ihr Herz zum erſten Mal das Gefuͤhl des hochſten Lebens inne ward, ließ ſelbſt ſeine Fäaͤlte ſie nicht unbeftiedigt, weil es ihr ge⸗ nuͤgte, den Gegenſtand fuͤr dies Gefuhl gefunden zu haben. An eigentliche Liebe dachte ſie auch nicht, und dieſe Gottheit feierte, wie faſt immer in reinen Seelen, ihren erſten Einzug in die ihrige unter einem fremden Namen. Natalie nannte ihr Ge⸗ fuhl Ehrfurcht, Anerkennung ſeines Seelenwerthes, Freude des Anſchauns der geiſtigen und ſittlichen Schoͤnheit ſeines Charakters, und kaum erlaubte ſie ſich den leiſen Wunſch, daß ſeine Freundſchaft einſt der Lohn ihres ſtillen Strebens, derſelben werth zu werden, ſein moͤge. In das Buſchiſche Haus kam ſie jetzt ſelten, da Emma ſeit ihrer Verlobung faſt ausſchließlich in der Natalien ftemden Familie ihres kuͤnftigen Gatten lebte, und weil ſie im Be⸗ wußtſein, wie gern ſie in Rudolphs Nähe war, voll Jungfraͤulichkeit jeden Ort mied, wo gewiß konnté, ihn zu treffen. — Deſto emſiger ſuchte Rudolph nach ſeiner un⸗ ſichtbaren Geliebten, und trat faſt jedem Mädchen von Emma's Bekanntſchaft näher, um die Erſehnte zu entdecken. Keine wich ihm aus, Jede ſtund dem ſchönen Manne gern Rede; aber von Jeder wandte er ſich bald nachläſſig und getäuſcht ab, bis er auf Gabriele Wieſe traf, die mit dem Zauber ſeltner Schoͤnheit den Glanz eines nicht allein brillanten, ſondern auch brillantirten Geiſtes verband. Sie nahm den allgemein gefeierten Mann zuvorkommend auf, und that, als ſie den Irrthum erfuhr, der ihn ihr näher fuͤhrte, Nichts, um ihn zu vernichten, ſondern Manches, das Rudolph darin beſtaͤrken mußte. Die Entfernung, in der ſie Rudolphen bis jetzt ge⸗ blieben war, ihr woͤrtliches Ablaͤugnen jedes Antheils an Emma's Briefen, den ſie doch oft in unwillkuͤr⸗ lichen Aeußerungen zu verrathen ſchien, erklaͤrten ſich ihm durch ihre Verlobung mit einem Manne, dem ſie, wie man allgemein wußte, nur in Ruͤckſicht auf ſein Vermoͤgen und den Wunſch ihrer Eltern, ihre Hand verſprochen hatte. Gabrielens Geiſt ver⸗ mochte den ſeinen zu faſſen; ſein Witz beluſtigte ſie; ihre Eitelkeit gefiel ſich in ſeiner Auszeichnung, und unmetklich gewann ſie wahres Intereſſe an ihm; = — aber die tiefe Empfindung, die Flamme ſchoͤner Be⸗ geiſterung fuͤr Alles, was den Menſchen erhebt und veredelt, die Natalie ihm gezeigt hatte, galt Ga⸗ brielen nur fur eine halb tragiſche, halb romanhafte Poſſe, und ſo ließ ſie Rudolphen bald unbefriedigt. Die ſchoͤnſten, geiſtvollſten Weiber mehrerer Laͤnder waren ja ſchon ſein geweſen — was er jetzt ſuchte, und in der Schteiberin jener Briefe zu finden glaubte, war ein weibliches Weſen, welches mit hoher Gei⸗ ſtesbildung die Reinheit des Herzens, die Unbefangen⸗ heit des Sinnes und das tiefe, leidenſchaftliche Gefuͤhl verband, von dem er ſich verſprach, daß es ſeine eigne erſtorbene Empfindung wieder wecken, und ihm einen Genuß gewähren werde, um deſſen Art und Weſen er nicht beſtimmt vorher wußte. Das weib⸗ liche Geſchlecht war ihm in allen ſeinen Schwaͤchen und Eigenheiten bekannt, und eben darum langwei⸗ lig geworden. Nur fremde Leidenſchaft konnte ihn noch reizen und ſpannen, und je ſeltener man mit der Biegſamkeit der meiſten weiblichen Charaktere jene Staͤrke des Charakters, jene Energie der Seele, die alle Kraͤfte und Empfindungen unzertheilt, wie Sonnenſtrahlen in einen Brennpunkt in dem gelieb⸗ ten Weſen ſammelt, vereint findet, je mehr duͤrſtete er ſie zu finden. Er fuͤhlte, Gabrielens Liebe fur ihn werde in ihrem Leben nie mehr als eine Epiſode werden, und ſo ſpuͤrte er, ohne doch das mit ihr angeknuͤpfte Verhaͤltniß aufzugeben, von Neuem wie⸗ der, wie ein Raubvogel, nach dem Herzen umher, das er zu ſeinem Opfer auserſehen hatte. — Das Schickſal trieb jetzt Natalien aus der Unſichtbarkeit, die ſie ſo lange geſchuͤtzt hatte, hervor: er er⸗ blickte ſie, und tief und blutig ſchlug er ſeine Kral⸗ len in ihr weiches, wehrloſes Herz⸗ Von allen Vergnuͤgungen liebte Natalie nur die Maskeraden. Hier ſchwand ihr das druͤckend Einengende des gewoͤhnlichen Lebens, und frei zeigte ſie oft unter der Maske ihren Witz und ihre Laune, die aber faſt immer nur verhuͤllter Unmuth uͤber die Leere des Lebens und uͤber die Schalheit der Men⸗ ſchen war. Jetzt erneuerte der Winter die Mas⸗ kenbaͤlle, und es vereinigte ſich Manches, den erſten dieſes Winters glänzend und zahlreich zu machen. Natalie fuhr, als Pilgerin gekleidet, mit ihrer Mutter hin, und trieb ſich unter dem Gewuͤhl her⸗ um, als ploͤtzlich ein feierlicher, ſchauerlicher Marſch die Tanzmuſik unterbrach. Eine Reihe ſeltſamer, ſchauererregender Geſtalten traten ein. Die blutge⸗ Tarnow's Schriften. II. 3 färbten, entbloßten Arme, die finſtern, fantaſtiſchen Gewaͤnder, die Schlangen um's Haupt und auf der Bruſt, die Feuerbraͤnde, und der aus Menſchen⸗ gebeinen gethuͤrmte Altar, den ſie in der Mitte des Saals aufſtellten, kuͤndigte ſie als dem Schoͤnen und der Freude abholde Weſen an. Die Feier ihrer Myſterien begann, und plotzlich ſtand in gigantiſcher Groͤße und furchtbarem Ernſt der Gebieter unter ihnen. Ein Wink von ihm, und die Flamme des Altars ſchlug praſſelnd in die Hoöͤhe; ein zweiter Wink ordnete dieſe Gruppen zu einem Tanz, den aus der Ferne eine Muſik begleitete, in der man den Schrei der Verzweiflung, den Seufzer ewiger Hoffnungsloſigkeit zu hoͤren wähnte. — Ein ſtilles Entſetzen ſchlich durch den weiten Saal — unwill⸗ kurlich erweiterte ſich der Kreis, der dieſe Geſtalten, fur die man keinen Namen hatte, einſchloß. Plotz⸗ lich wie er erſchienen war, verſchwand der Gebieter, und, als rufe ein ſtummer Befehl ſie in ihre Welt zuruͤck, ſtuͤrzten Tänzer und Tänzerinnen in unor⸗ dentlicher Eile und Verwirrung zum Saale hinaus, und ein ſtuͤrmiſches Allegro der wieder einfallenden Tanzmuſik folgte ihnen auf ihrer Flucht. Das Ganze war Rudolphs Erfindung, der ſich — 31 — in ſolchen duͤſtern Spielen einer furchtbaren Phanta⸗ ſie, und in dem ſchneidenden Contraſt dieſer Erſchei⸗ nung zu dem frohen Treiben der verſammelten Menge gefiel. Eine Theaterverſenkung entzog ihn ſchnell den Blicken, und ſchon nach einigen Minu⸗ ten trat er, im ſchwarzen Domino verhuͤllt, wieder in den Saal. Seine eben geſpielte Rolle hatte ihm eine Spannung zuruͤckgelaſſen, mit der er nicht ſo⸗ gleich in die luſtigen Neckereien der uͤbrigen Masken einzuſtimmen vermochte. Einſam lehnte er ſich an einen Pfeiler, und gedachte der Namenloſen, die hoͤchſt wahrſcheinlich mit dieſer bunten Menge uner⸗ kannt bei ihm voruͤberzog, als der Eintritt der drei Parzen ihn aus ſeiner Traumerei zog. Still und ernſt, wie es den unſterblichen Toͤchtern des Orkus ziemt, wandelten die drei Schweſtern durch den Saal; doch bald feſſelte eine derſelben ſeine Blicke ausſchließlich. In dunkles Grau gekleidet, umfloß ſie ein ſchwarzer Schleier, aus dem ein Geſicht hervor blickte, deſſen hoher Ernſt zu dem Goͤttlichen hinwies, wo es das Menſchliche verlaͤugnete. Er⸗ haben und geiſterartig ſchritt ſie durch die Verſamm⸗ lung, und deutete dem, der ſich ihr näherte, ſein Schickſal in geheimnißvollen Worten. Rudolph 3 * i folgte ihr und hoͤrte einige der ſinnvollen Antworten, in denen ſie ſich als Dienerin der ernſten, heiligen Nothwendigkeit, deren Gewalt ſich jedes Erdenſchick⸗ ſal beugen muͤſſe, ankuͤndigte. Bald indeſſen verlor ſich die Menge, der ſie uͤberdies auszuweichen ſuchte, und er konnte ſich ihr ungeſtoͤrt nähern. „Wird man Dich, ernſte Goͤttin,“ fragte er, „hier im Saal der Freude willkommen heißen?“ Ein großes dunkles Auge wandte den Blick auf ihn — milde ſenkte es ſich nieder, und nach einer kleinen Pauſe antwortete ſie ihm in leiſem ge⸗ daͤmpften Tone. Weh dem Frohen, deſſen Freude bei meinem Anblick erbleicht und deſſen Herz kein Vertrauen zu mir bewaͤhrt!“ „Kann bie Bewohnerin der annat dieſes von dem im Lichte Gebornen, im Lichte Lebenden erwarten? Liebe, Vertrauen und Freude wohnen nur auf der Oberwelt — aber was die Erde deckt, was keine Sonne erhellt, iſt finſter und ſchauerlich, und mit namenloſem Grauen faſſen die Schrecken der Unterwelt auch den Mucthigſten.“ „und doch ſendet Euch meine Welt Schatten und Träume; doch iſt ſchon auf der Erde das 53 — Schonſte und Heiligſte unſichtbar wie die Muſik, und ruht wie ein heiliger Traum in Seelen, die es ahnend erkennen, daß Liebe und Schoͤnheit im Lethe nicht untergehen.“ „O wenn Du, Ernſte, die Liebe kennteſt, dann wuͤrdeſt Du auch um den Schmerz der Sehnſucht, um das unendliche Weh in der Bruſt des armen Menſchen wiſſen, und uns erhoͤren, wenn Liebe und Jugend um Schonung eines theuren Lebens flehen?“ „Iſt denn dem Menſchen das Geliebte verloren, ſo lange er es mit Schmerzen beweint? — Das Leben iſt grauſam — es entreißt mit der Geliebten auch die Liebe; ich dagegen löſe ſanfter und ſchonen⸗ der das Band der Herzen nur, um es in meiner Welt feſter zu ſchlingen und es vor der Entweihung zu ſchuͤtzen, der es im Leben — gegeben ſein wuͤrde.“ „Ja Du haſt Recht — das Leben iſt grauſa⸗ mer als Du: — hält es doch auch mir die Ge⸗ liebte ſchmerzlicher verborgen, als Du es zu thun vermoͤchteſt!“ — nnoð Natalie hatte Rudolph beim erſten Blick er⸗ kannt. Nur die Maske verbarg ihm das Beben ihrer Stimme und ihr Errothen bei ſeiner Annaͤhe⸗ — 54 — rung. Dieſe letzten Worte ruͤhrten ſie innig — ach vielleicht, vielleicht ſuchte er ſie — ſie fuͤhlte, der erſte Laut ihrer Stimme muͤſſe ſie in dieſem Moment verrathen, und ſtand ſchweigend neben ihm. „Ungeſehen,“ fuhr er fort, „als gehoͤre ſie der Geiſterwelt an, wandelt die Geliebte mit mir im Lichte — gekannt, geliebt, und doch vielleicht nie von mir erblickt, nie gefunden.“ „Suche ſie in Deinem Herzen,“ ſtammelte Na⸗ talie leiſe, „dann wirſt Du ſie auch in Deiner Nähe finden.“ „O wenn Du die Schmerzensſehnſucht kennteſt, mit der ich ſie, ſie allein ſeit fruͤhſter Jugend ge⸗ ſucht habe — wie ich immer ſo voll Ahnung war, ſie zu finden — ſie ſo oft rief — Antwort zu ver⸗ nehmen glaubte — der Stimme nacheilte uͤber Land und Meer, und dann fand, ſie ſei nur der Wieder⸗ hall meiner eignen klagenden Sehnſucht geweſen! — Ich ging mit ihrem Bilde durch die ganze Natur, und ſah, wie ſelbſt das Lebloſe nach der ſchoͤnſten Form ringet und ſie findet, die Perle in der Tiefe des Meers, wie der Kryſtall im Schooß der Erde — und nur der Menſch ſollte ausgeſchloſſen ſein vom allgemeinen Geſetz der Schoͤnheit, zu dem Alles hin⸗ 5 — ſtrebt? Nein, ſagte mein Herz, was die Form fuͤr das Seelenloſe iſt, das iſt die Liebe fuͤr den Men⸗ ſchen, und von Neuem zog die Hoffnung in mein Herz. Vergeblich! Kein liebendes Weib trat zwiſchen mich und die geſunkene Menſchheit! Keine edle weib⸗ liche Seele verhuͤllte mir mit ihrer Schoͤnheit die Mißgeſtalt der Welt, die mein Wirken empfangen ſollte! — da ward ich rauh und hoffnungslos und bitter; aber mir blieb doch noch ein Traum von ihr in der Seele — ein Traum — und er ward mir gedeutet — doch auch das nur wieder im Traum, und ich ſtehe auf der entlaubten Stäͤtte meiner fruͤ⸗ hern Jugend, wo ich die Geliebte zu finden wähnte, einſamer und hoffnungsloſer denn je.“ „Als Du einſam auf dem Veſuv ſtandeſt, und Deine Arme der flammenden Morgenroͤthe entgegen breiteteſt, da riefſt Du ihren Namen durch die fei⸗ ernde Natur, und hellere Gluthwolken ſandte der ewig jugendliche Gott des Tages vor ſich her. — Jene Minute ſei Dir Sinnbild Deines Lebens — unter Dir der gaͤhrende Krater einer geſunkenen Welt — uͤber Dir der Himmel eines ſchoͤnern Lan⸗ des, und vor Dir die Morgenroͤthe der Hoffnung.“ Natalie fuͤhlte, daß dieſe Anſpielung auf einen „ — ſeiner Briefe ſie ihm verrathen mußte, und wandte ſich daher bei den letzten Worten leiſe ab, um ſich im Gewuͤhl zu verlieren. Aber er faßte raſch und feurig ihre Hand. „O ſo trog mich,“ rief er aus, „mein Herz nicht! ich habe gefunden, was ich ſo lange, ſo ſehnlich ſuchte. Sie ſind es, Sie — o Gott, Sie können mir nun nicht mehr unſichtbar bleiben wollen — Sie — o Gott, wie ſoll ich Sie nennen? — mein Einziges, mein Alles?“ Natalie war tief erſchuͤttert, ein ſanftes Wei⸗ nen unausſprechlicher Seligkeit machte ſie einige Mi⸗ nuten ſtumm. Mit ſehr edler Haltung wandte ſie ſich dann zu ihm: „Ich werde Ihnen nicht immer namenlos bleiben,“ ſagte ſie ihm mit den ſchoͤnen Tonen der Liebe; „ich lebe in Ihrer Naͤhe, und Sie haben mich oft geſehen, wie ich Sie. Aber daß Sie mich nicht auffanden, berechtigt mich nach meinem Gefuͤhl, Ihnen auch heute, in der ſchoͤnſten Stunde meines Lebens, meinen Namen zu ver⸗ ſchweigen.“ Raſch entwich ſie und verlor ſich in der Menge. Noch durchſuchte Rudolph alle Nebenzimmer, wie ſie ſchon wieder als Pilgerin gekleidet neben ihrer Mutter ſtand, und ſich mit einigen Bekannten un⸗ tethielt. Eben ſo vergeblich waten ſeine ſpätern Nachforſchungen. Nataliens beide Schweſterparzen waren zwei ſehr fern wohnende, in St. ganz unbe⸗ kannte Maͤdchen, mit denen ſie ſchriftlich Alles ver⸗ abredet hatte, die erſt am Tage der Maskerade ein⸗ trafen, im Ballhauſe abſtiegen, wo Natalie ſich auf ihrem Zimmer umkleidete, und die am andern Mor⸗ gen St. zeitig wieder verließen. Man hielt, da man dies erfuhr, die dritte Parze auch fuͤr eine Fremde, nur Rudolph traute der erhaltenen Verſi⸗ cherung, daß ſie in ſeiner Naͤhe lebe, und er ſie oft ſehe. Von Neuem begann er nun wieder ſeine Nachforſchungen, ob ihm unter den Madchen ſeiner Bekanntſchaft nirgends ein Wiederſchein dieſes Gei⸗ ſtes begegne. — Doch vergebens war alle ſeine Muͤhe, da Natalie, ſtill und ſelig in ſich ſelbſt ver⸗ ſunken, ihm mit einer ihr ſelbſt unerklärlichen S ternheit ſorgfältiger denn je auswich⸗ Eines Abends fiel in einem ziemlich vertrauten, um eine Bowle Punſch verſammelten Männerzirkel das Geſpräch auf weibliche Geiſtesbildung. Die Meiſten der Anweſenden wollten ſie auf bloße Toi⸗ letten⸗ und Geſellſchaftskunſt beſchränken, welches Rudolph mißbilligte. Man kam endlich von den — — allgemeinen Saͤtzen zur Anwendung auf einzelne Frauen und Maͤdchen, und fing an, Preiſe auszu⸗ theilen. Buſch, der an dem Geſpräch nur wenig Antheil genommen hatte, ſagte leiſe zu Rudolph: „Da Du es ſo gut aufnimmſt, wenn die Grazien unter Minervens Helm Verſteckens ſpielen, ſo hätte ich wohl Luſt, Dich auf ein Mädchen aufmerkſam zu machen, das, faſt von Allen unbemerkt und un⸗ gekannt, ihren Geiſt und ihre Talente eben ſo ſorg⸗ faͤltig verbirgt, wie andre Maͤdchen ihre Gebrechen.“ „Und dies Mädchen heißt?“ fragte — mit der geſpannteſten Erwartung. „Natalie Alberti.“ „Wie, dieſe Natalie, von der ich mich kaum entſinne, drei Worte gehoͤrt zu haben, die ich faſt nie anders als beim Spiel⸗ und Eßtiſch geſehen habe, dieſe ſtumme, allenthalben überſehene, unbe⸗ achtete Natalie? unmoglich!“ „Sie hat einen kleinen Anſtrich ſentimentaler Thorheit, und bei vielem Verſtande fehlt ihr durch⸗ aus die Gabe, ihn geltend zu machen. Ich ſelbſt ſchelte ſie oft einfältig; allein nie rede ich eine Vier⸗ telſtunde mit ihr, ohne dieſen Mangel an Feinheit und Gewandtheit zu vergeſſen. U y a du rada⸗ — tage dans ses sentiments; mais c'est le radotage de l'enthonsiasme; d un caractère, plein de vi- gueur, elle joint une sensibilité qui ne goutera jamais le bonheur que par l'organe d'un amour passioné.“ Rudolph ging unruhig nach Hauſe. An dem, was Buſch ihm geſagt hatte, erkannte er ſeine Un⸗ bekannte, und Natalie hatte er bis jetzt ſo ganz uͤberſehen, daß er ſich nun nicht einmal ein klares Bild ihres Aeußern zu entwerfen vermochte. Nach einigen Tagen erſt traf er ſie in einer Geſellſchaft, und konnte nun nach dem erſten Blick das Auge kaum wieder abwenden von dieſem jugendlichen Ge⸗ ſicht, voll Zuͤge ſanfter Wehmuth und eines ſtolzen Ernſtes, der mit der einfachen, kindlichen Demuth ihres Weſens ſonderbar verſchmolzen war. Er ſah jetzt den geiſtvollen Blick ihres großen dunklen Au⸗ ges, das ſich unter der langen Wimper ſo ſinnvoll hob und ſo zart jungfraͤulich ſenkte, und wenn er ſich gleich einräumen mußte, man koͤnne dies Geſicht uͤberſehen, ſo blieb es ihm dafuͤr deſto unbegreifli⸗ cher, wie ein Auge, das einmal auf dieſer Geſtalt geweilt habe, nicht immer unwillkuͤrlich zu ihr zu⸗ ruͤckkehre. Er naͤherte ſich ihr und knuͤpfte ein Ge⸗ — — ſpraͤch an; ihr Erroͤthen, das Beben ihrer Stimme, das Senken ihrer Augen vor ſeinem Blick, und mehr noch, die tiefe, innige Empfindung, die jedes ihrer Worte beſeelte, beſtaͤtigten ihm, was er ſich beim erſten Blick geſagt hatte: Sie iſt es! Am andern Morgen ging er zu ihrer Mutter, ſie zu einer Schlittenpartie fuͤr den Nachmittag ein⸗ zuladen, und bat zugleich um die Erlaubniß, Na⸗ talie fahren zu duͤrfen. „Sehr gern,“ erwiederte dieſe, „wenn Sie meine Tochter nur bereden koͤnnen mitzufahren.“ Sie klingelte und ließ Natalie rufen. In ihrem einfachen, weißen Morgenanzug, in der noch ungeregelten Fuͤlle ihrer braunen Locken, in der holden Verlegenheit bei ihrem Eintritt und in dem noch holdern Erroͤthen, mit dem ſie ſeine Bitte be⸗ willigte, erſchien ſie ihm ſehr reizend. Natalie war jetzt gewiß, von ihm erkannt und geliebt zu ſein, und dies Bewußtſein hob ſie mit Wunderkraft zu einem ſtillen Selbſtgefuͤhl, das ihr die Wuͤrde und die Anmuth lieh, die das Mißtrauen gegen ſich ſelbſt bis jetzt in ihr unterdruͤckt hatte. Rudolph fuhr ſie am Nachmittag und fand ſie in den ſinn- und gemuͤthvollen Aeußerungen ihres Geſpraͤchs ganz dem Bilde entſprechend, das er ſich fruͤher von ihr entworfen hatte. Je mehr er dies aber erkannte, je mehr ſtaunte er uͤber ſie, da es ihm, der Alles fuͤr den außern Schein berechnete, und der die Eitelkeit fuͤr das erſte Lebensprincip der weiblichen Seele hielt, unbegreiflich war, daß man Tugenden und Talente vorſaͤtzlich verſchleiern, und ſich an ihrem Beſitz genuͤgen laſſen könne, ohne Prunk damit treiben zu wollen. Er zeigte ihr eben ſo fein als gefuͤhlvoll die zarteſte innigſte Liebe, und ſie genoß des unausſprechlich ſuͤßen Gluͤckes, ihren Werth und ihre Bildung von dem Manne geehrt zu ſehen, deſſen Achtung das hoͤchſte Ziel ihrer Wuͤnſche war. Er ſprach viel von ſich; und ſie faßte ihn ganz in dem wunderbaren, romantiſchen Lichte auf, in deſſen Beleuchtung er ſich ihr zu zeigen fuͤr gut fand, und wurde ſo mehr und mehr ein freu⸗ diges williges Opfer eigner Verworrenheit und frem⸗ der Verruchtheit. In Natalie tonte die Unterredung auf der Hin⸗ fahrt den ganzen Nachmittag und Abend nach. Sie war bewegt durch die leidenſchaftliche Sehnſucht nach einem Herzen voll Liebe, die Rudolph ihr ge⸗ zeigt hatte, und hielt ſich fuͤr betruͤbt, da ſie doch eigentlich nur gluͤcklich war. Die Freude unterſchied ſich in ihr vom Schmerze nur durch die ſuͤßere Thraͤne, und ihr Herz war mit dem Kummer ſo vertraut, daß ſie jetzt auch der ſchoͤnſten Stunde ſeinen Trauerkranz gab. Und als ſie am Abend wieder mit Rudolph nach Hauſe fuhr, wurde ihr der geſtirnte Himmel, das eilige Hinfliegen uͤber die beſchneiete, eingefrorne Erde, das Gelaͤute der an⸗ dern voraufgeeilten Schlitten, Alles zu bedeutenden Bildern, die ihr Herz noch ſchwerer machten und beklemmter. Rudolph erweichte ſie noch mehr durch den Vergleich ihrer heutigen Fahrt mit dem Leben, wo man auch bei heiterm Sonnenſchein ausfahre und die Nacht dann ſo ſchnell komme — und wie der Menſch nur durch die innere Wärme ſich in der Jugend gegen die aͤußere Kaͤlte ſchuͤtze, und dann allmaͤhlig zur Eisſtatue erſtarre, weil ja kein zweites Herz das ſeine decke und erwärme. Nataliens Thräͤnen floſſen — in ihrer Seele ſtand der Gedanke: o ſage ihm heute, wie er ge⸗ liebt iſt — aber als er, ehe noch das ſprachloſe Herz Worte finden konnte, ſich zu ihr herunter bog und fragte, ob ſie, die er ſeit Jahren ſo heiß, ſo treu und einzig liebe, auch noch jetzt ihm unbekannt bleiben wolle? — da — — 1 — Selige Natalie — verhuͤlle nach dem leiſen zitternden Laute Deiner Antwort nur immer das überfließende Auge tiefer in den herabgeſunknen Schleier! — Ach, Du warſt ja nur ſo ſelig, weil Du einen Gluͤcklichen gemacht zu haben glaubteſt! — Ja wohl rollt ihr hinweg, ihr ſchoͤnen, himm⸗ liſchen Minuten der jungen Liebe und des friſchen Lebens — doch wohl dem, der euch heilig genoſſen hat! Ihm wird das Morgenroth ſeiner fruͤhern unvergeßlichen und unerſetzlichen Hoffnungen und Wuͤnſche dann im öden Lebenswinter zum Abend⸗ roth, das ſich wie eine hohere Aurora um das kalte, einſame Grab legt. — Von dieſem Abend an lebte Natalie nur fuͤr ihn, und auch er fand ſich in dieſem ungetheilten Beſit ihres Herzens befriedigter denn je. Mit ſchwaͤr⸗ meriſcher Vergoͤtterung hing ſie mit allen ihren Ge⸗ danken, Gefuͤhlen und Empfindungen, mit allen Wuͤnſchen, Hoffnungen und Freuden ihres Lebens an ihm. Die Freiheit, deren ſie im elterlichen Hauſe genoß, gab Rudolph Gelegenheit, ſie täglich auf ihrem Zimmer zu ſehen, und in dieſen Stun⸗ den ſtiller Unterhaltung entfaltete ihr Geiſt ſeine ſchönſten Bluthen. Kam die Mutter einmal herauf, — — ſo fand ſie Natalie am Fluͤgel, wo Rudolph mit ſeiner Flöte oder Violine ihr Spiel begleitete, oder vor Nataliens Staffelei, oder Rudolph las ihr vor, und unterrichtete ſie im Engliſchen, das er ſehr ſchoͤn und fertig ſprach. Die Mutter dankte ihm dann herzlich fuͤr ſeine Bemuͤhung, und Rudolph ging, mit ſeiner gewoͤhnlichen Leichtigkeit, ſo ganz in ihre Anſichten ein, daß dieſe ihre Tochter bald nirgends ſo gut aufgehoben glaubte, als in ſeiner Geſellſchaft. Auch trug er wirklich nicht wenig zu der hohen, ſeltenen Geiſtesbildung bei, die Natalie ſpäterhin unter den Weibern ſo vereinzelte, aber fur ihr eigentliches inneres Leben, das bei dem Weibe doch nur im Gemuth ſchoͤn gelebt wird, trug dieſer Umgang nur ſchaͤdliche Fruͤchte. Die unge⸗ truͤbte, kindliche Unſchuld und Demuth des Maͤd⸗ chens, die ſtille jungfrauliche Wuͤrde ihres Beneh⸗ mens, ihre Begeiſterung fuͤr Alles, was ihrem Sinn als ſchoͤn, edel und groß entgegen kam, und ihr Herz voll der innigſten, reinſten Liebe, wurden fuͤr ihn eine Schule weicher Menſchlichkeit, die oft einen Abglanz wahren Gefuͤhls auf ihn warf; aber fuͤr Natalie wurde die gewaltſame Spannung ſeiner geiſtigen Kräfte, in der ſein Inneres immer fortbebte und in der er oft von der weichſten Sentimentalität zur Luſtigkeit, von Begeiſterung zur poſſenhaften Laune uͤberging, und mit allen Affecten nur ein Spiel trieb, ſehr gefährlich. Bewundernd, wo ſie nicht faſſen konnte, eignete ſie ſich von ihm unver⸗ merkt die Fähigkeit an, Genuß darin zu finden, Andere uͤber ſich zu täuſchen, und einen angenom⸗ menen Charakter wie eine Rolle mit Kunſt und Feinheit, durchzufuͤhren. Der Uebergang von der bisherigen Wahrheit ihres Charakters — ihre Ver⸗ ſchloſſenheit war nie Verſtellung — bis zu dieſem Punkt war ſo langſam, daß er von ihr faſt unbe⸗ merkt blieb, und wo dann in ihr ein Reſultat dieſer Aenderung an's Licht trat, da nannte er es Aus⸗ bildung und Entwickelung — und wie ſollte ſie es nicht auch dafuͤr halten, da es ihr von ihm, den ſie als den Erſten der Menſchen in Herzen trug, gekommen war? — Doch ein ſo tief geſunkner Menſch wie Rudolph konnte nicht mehr die Fähigkeit beſitzen, durch Tu⸗ gend, Liebe und Wahrheit begluͤckt zu werden. Auf Stunden konnte er ſich mit ſeinen erlogenen Ge⸗ fuhlen taͤuſchen; aber das Band zwiſchen ihm und ienen Gottheiten war zerriſſen, und in ſeiner Seele — nichts mehr, woran es ſich von Neuem hätte knuͤpfen können: denn in ihm war keine Wahrheit mehr. So wurde es ihm denn bald Beduͤrfniß, durch Nataliens treue einfache Liebe ſeiner Eitelkeit zu froͤh⸗ nen, die leidenſchaftliche Innigkeit derſelben zur Schau auszuſtellen und ihre Bildung fuͤr ſein Werk auszugeben. Von ſeiner Liebe, von ſeinem Beifall beſeelt, ſollte das bis jetzt ganz unbeachtete Mädchen plotzlich Alle uͤberſtrahlen, und bald bittend, bald ge⸗ waltſam, entriß er Natalien den Schleier, worin ſie ihre Tugenden, ihr Herz, ihre Talent⸗ huͤllte. Er ſprach jetzt laut und bewundernd von ihr, zeigte in Geſellſchaften gern und nicht immer zart ſeinen Einfluß auf ſie, verrieth ihre Kenntniſſe, ihre Ta⸗ lente, und zwang ſie, da Andere zu verbunkeln, wo ſie bis jetzt freiwillig im Schatten geſtanden hatte. Fuͤr ſie wurde ihre Liebe zur Sonne, die alle bis dahin ſchlummernden Kraͤfte ihres Geiſtes und ihrer Seele zur freudigſten Thätigkeit weckte, und ſie wurde durch die ploͤtzliche, von Rudolph herbeige⸗ fuͤhrte Aenderung ihres Standpunktes im geſelligen Leben durchaus nicht eitel, weil ſie ſich alle ihr dar⸗ gebrachte Huldigungen nur als ein von ihm entlehn⸗ tes Eigenthum aneignete, und nur ſeine Freude — — daran, ſeinen Stolz darauf genoß. Ihre Demuth wurde Beſcheidenheit, aber in ihren Reden und in ihrem Benehmen blieb ſie das einfache, freundliche Maͤdchen, voll Achtung fuͤr jedes fremde Talent, welches ſie neidlos ehrte und noch immer gern dem ihrigen vorgezogen ſah. Sie ſang jetzt in mehrern Concerten mit dem entſchiedenſten Beifall; ihre Gemaͤlde und Stickereien prangten in der Kunſtaus⸗ ſtelung der fernen Reſidenz; einzelne ihrer Ge⸗ dichte und Compoſitionen erſchienen in mehreren der geleſenſten Journale, und Rudolph ſorgte trefflich dafur, daß die Chiffre, mit der ſie ihre Arbeiten unterzeichnete, nicht unbekannt blieb. Er erreichte ſeinen Zweck, die Augen der ganzen Stadt wandten ſich auf Natalien, die man als ſein Werk, ſein Geſchoͤpf anſtaunte. Fremde ſuchten die Bekannt⸗ ſchaft des geiſtvollen Maͤdchens, und wer ſich Na⸗ talien nur mit Neugierde genaht hatte, verließ ſie mit Achtung fuͤr die Guͤte des Herzens und fuͤr die Innigkeit des Gefuͤhls, die alle ihre Handlungen beſeelte, und Kleinigkeiten oft einen zauberiſchen Werth lieh, der ſie dem Herzen unvergeßlich machte. Sogar ihr Vater hoͤrte jetzt ſo viel von ihr ſprechen, wurde auf ſeinen häufigen Reiſen ſo oft nach ihr befragt, daß er die Neugierde nicht unterdruͤcken konnte, ſeine Tochter kennen zu lernen. Sein Ton gegen ſie verlor das Harte, das Geringſchaͤtzende, und ohne zärtlich zu werden, ward er anſtaͤndig und hoͤflich, da ſie ihm auch noch außer ihren Talenten, fuͤr die er wenig Sinn hatte, in gewiſſen, ihn in⸗ tereſſirenden Faͤchern zu genuͤgen, und ihm ihre Unterhaltung angenehm zu machen verſtand. Die Landwirthſchaft war ſeit einigen Jahren ſein Stecken⸗ pferd: Natalie las viel daruͤber, machte fuͤr ihn Auszuͤge aus neuen, in fremden Sprachen fuͤr dies Fach geſchriebenen Werken, und fand bald ſelbſt Intereſſe daran. Hierdurch gewann ſie außerordent⸗ lich bei ihm; er fing ordentlich an, ſich auf dieſe Tochter etwas zu Gute zu thun und ſie zu achten. Die Mutter hing mit unausſprechlicher Zärtlichkeit an ihr und hatte unbedingtes Vertrauen zu Nata⸗ liens Charakter und zu ihrem Herzen, deſſen W heit ihr allein bekannt war. So verrannen einige gluckliche Monate. Allge⸗ mein glaubte man Natalie mit Rudolph verlobt, und er lebte ſelbſt mit ihren Eltern in der Sicher⸗ heit eines ſolchen Verhaͤltniſſes, da er ſeine Liebe fuͤr Natalie gar nicht verhehlte, und ſeine Hoffnung, ℳ ——— ihre Hand zu erhalten, oft und deutlich ausſprach. Ihre Jugend und von ſeiner Seite die Nothwen⸗ digkeit, erſt ſeinen Ruf und ſeine Praxis zu gruͤn⸗ den, ehe er an eine haͤusliche Einrichtung denken konnte, ſchienen es zu rechtfertigen, daß er ſeine foͤrmliche Anwerbung noch verſchobo. Natalie lebte in dieſer Hinſicht in der ſorgloſeſten Ruhe, feſt uͤber⸗ zeugt, er werde zur rechten Zeit daruͤber reden, und ſo lange er ſchweige, muͤſſe es ſchoͤner und beſſer ſein, daruͤber zu ſchweigen. Auch ſprach ſich in ihrem Verhaͤltniß zu ihm die Zartheit ihrer Empfin⸗ dungen ſo ſchoͤn aus, daß das Wort Liebe nur ſehr ſelten unter ihnen genannt wurde, und daß er, trotz bes täglichen ungezwungenen Beiſammenſeins, kaum einmal ihre Lippen beruͤhrt hatte. Er ehrte zuweilen das Sittlichſchoͤne, wenn es ihm äſthetiſch ſchoͤn er⸗ ſchien — darum ließ er Natalie in dieſer zarten Reinheit, die auch fuͤr die Minute des hochſten Vertrauens und der zaͤrtlichſten Liebe nur ſeelenvolle Blicke, nur eine gefuͤhlvolle Thräne, ſelten Worte, aber nie mehr, hatte. Rudolph, der faſt keinen Unterſchied zwiſchen der Buͤhne und dem wirklichen Leben kannte, in⸗ tereſſirte ſich lebhaft fuͤr die Errichtung eines Lieb⸗ — — habertheaters. Es kam zu Stande; aber alle ſeine Verſuche, Natalie zur Annahme einer Rolle zu bewegen, blieben fruchtlos, da ihr Vater ſich durch einen Machtſpruch beſtimmt dagegen er⸗ klaͤrte, und Rudolph mußte die Hoffnung aufgeben, ſeine Natalie auch auf der Buͤhne glaͤnzen zu ſehen. Hier traf er wieder mit Gabriele zuſammen, die er bis zu ſeiner nähern Bekanntſchaft mit Na⸗ talie auszeichnete, und dann auf eine fuͤr ihren Stolz ſehr demuͤthigende Art verließ und vernach⸗ läſſigte. Sie war jetzt die Verlobte des Jäͤgermei⸗ ſters Rhode, eines guten, ſchlichten, ſehr reichen Mannes, der ſtolz darauf war, das ſchoönſte Weib im ganzen Lande ſein zu nennen. Und das war Gabriele unwiderſprechlich! — ein Meiſterſtuͤck der ſchaffenden Natur, werth durch Pinſel und Meißel den ſchonſten Kunſtidealen zugeſellt zu werden. Auch der Geiſt, der dieſen Koͤrper belebte, war nicht all⸗ täglich, doch von Jugend auf fuͤr Glanz und Ge⸗ fallſucht erzogen, kannte ſie kein hoͤheres Gluͤck, als von ihrem Geſchlechte beneidet und bewundert, von dem maͤnnlichen vergöttert, beide die uͤbermuͤthige Herrſchaft ihrer Schonheit empfinden zu laſſen. Dies war der Zweck, fuͤr den ſie Alles berechnete, — — an deſſen Erreichung ſie ihr ganzes Leben ſetzte, und auf dieſem Wege war ihr Natalie feindlich begeg⸗ net! — Wie ſie unter den Weibern, ragte Rudolph unter den Maͤnnern hervor. Gewohnt, Alles in Bewunderung ſich vor ihr beugen zu ſehen, war er, deſſen Blick, Benehmen und Miene ſo deutlich verriethen, ich laſſe nie uͤber mich herrſchen, eine neue Erſcheinung fur ſie, die ihr einer naͤhern Be⸗ achtung werth ſchien. Er naͤherte ſich ihr — ſie that Alles, um ihn zu feſſeln, ließ ſich ſogar herab, die Taͤuſchung, die ihn ihr zufuͤhrte, zu benutzen, ohne die Gefahr zu ahnen, der ſie ſich preis gab. Die ſtolze, gefuͤhlloſe Gabriele empfand ihm gegen⸗ uͤber, zum erſten Male, daß ſie ein Herz habe. Sie war im Begriff, ſich zu verheirathen, und nicht modiſch genug erzogen und geſinnt, um ſich vor oder nach ihrer Heirath eine ernſtliche Intrigue er⸗ lauben zu wollen, ſo wenig ſie auch auf der andern Seite willens war, auf den Genuß, ſich gehuldigt zu ſehen, Verzicht zu leiſten. So nahm ſie dies Erwachen ihres Herzens fuͤr Gefuͤhl befriedigter Ei⸗ telkeit, obgleich der leiſe Wunſch: ach ſtände Rudolph an Rhobens Stelle! ihr wohl haͤtte verrathen koͤn⸗ nen, was ſie fuͤhlte — aber eine bittre, ſchmerzliche N Empfindung ſollte ſie erſt — mit dem — ihres Herzens bekannt machen. Es war in einem von Rudolph veranſtalteten Liebhaber⸗Concert, wo Natalie zum erſten Male oͤf⸗ fentlich auftrat. Gabriele ſang eine recht huͤbſche Romanze — ſie endigte; jetzt fuͤhrte Rudolph aus einer der letzten Reihen Natalie vor. Mit ſittſamer Anmuth trat ſie zum Orcheſter, und ihr holdes Erröthen ſicherte ihr im Voraus die Nachſicht, mit der die Zuhoͤrer einen jugendlichen Verſuch aufneh⸗ men zu muͤſſen glaubten. Welches Erſtaunen ging aber durch den Saal, als ſie, mit ihrer reinen, vollen, kunſtmäßig ausgebildeten Stimme eine der glänzendſten und ſchwerſten italieniſchen Arien mit einer Sicherheit, Präciſion und Rundung vortrug, die bei einer Dilettantin Bewunderung erregte und verdiente. Ihr Geſang erweichte und gewann alle Herzen; ſie erhielt ungetheilten Beifall, und Ga⸗ briele wurde daruͤber mit ihrer Romanze ganz ver⸗ õ geſſen. Dieſer koſtete es Muͤhe, in das allgemeine 3 Lob mit Aber als Rudolph deſſen Eitelkeit ihren Haß gegen Natalie forderte, zu ihr trat, dieſe enthuſiaſtiſch lobte, und ſie mit einer an Unart grenzenden Kälte verließ, weil er nur Au — 73 — nur Ohr fuͤr Natalie hatte, fuhr ſie mit einer ihr bis dahin fremden Bitterkeit im Herzen nach Hauſe. Unwillig riß ſie beim Auskleiden die Blumen aus dem Haar. „Ich liebe ihn nicht!“ rief ſie heftig, „ich haſſe ihn, ja wahrhaftig, ich haſſe ihn! aber ungeſtraft ſoll er mich nicht mit ſeiner Vor⸗ liebe fuͤr dies Gaͤnschen verhoͤhnen. Ich will ihn zu meinen Fuͤßen ſehen, und mein ſpottender, trium⸗ phirender Blick ſoll mich dann raͤchen!“ Sie verſuchte jetzt Manches, ihn wieder an ſich zu ziehen; aber jeder Verſuch mißlang, und das Ge⸗ fuͤhl gekräͤnkter Eitelkeit, gekraͤnkter Liebe rächte jett alle die, mit deren Herzen ſie fruͤher oft im Be⸗ wußtſein ihrer Macht grauſam geſpielt hatte. Sie wollte Rudolph jetzt vergeſſen, und beredete Rhode, mit ihr gleich nach ihrer Verbindung eine Reiſe zu machen, von der ſie erſt beim Eintritt des Winters zuruͤck kamen. Ihr Stolz hatte ihr nie erlaubt, ſich zu geſtehen, daß ſie Rudolph liebe; nur ihre Eitelkeit wähnte ſie durch dieſen Abfall von ihr, der Roſe, zu der farb⸗ und geruchloſen Feldblume ge⸗ kränkt, und glaubte es ſich ſelbſt ſchuldig zu ſein, ihm fuͤhlbar machen zu muͤſſen, wie er ſich in un⸗ begreiflicher Blindheit vergriffen habe. Willkommen Tarnow's Schriften. MI. 4 — war ihr daher das Liebhabertheater, das ihn ihr wie⸗ der näher fuͤhren mußte. Es wurde mit Menſchen⸗ haß und Reue eröffnet. Rudolph ſpielte den Baron Meinau, Gabriele ſeine Gattin. Ihr kunſtvolles, richtiges Spiel, gehoben durch den Wiederſchein eines ihr ſelbſt unbekannten Gefuͤhls, und durch den Zau⸗ ber ihrer auf dem Theater unwiderſtehlichen Schoͤnheit, erwarb ihr den rauſchendſten, an Vergötterung gren⸗ zenden Veifall, den Rudolph in ſeiner Rolle mit ihr theilte, und der Beiden fuͤr die Folge die erſten Rollen ſichert Beide waren eitel, Beide fanden Genuß in dieſer trunkenen Anerkennung ihres Kunſttalents, und das Gefuhl, daß ſie ſich auf der Buͤhne als Folie gegenſeitig nicht entbehren konnten, fuͤhrte ſie bald auch im Leben näher zuſammen. Sie wolite ihm gefallen — und er? — o Gabriele, um dei⸗ netwillen ziehe ich einen ſchonenden Schleier uͤber dies Gewebe weiblicher Schwäche und maͤnnlicher Buhlerei. Das erſte erwachende, von dir ſelbſt ver⸗ kannte Gefuͤhl due Herzens fuͤhrte dich irre, und du wurdeſt, wo du dich geliebt glaubteſt, nur das Opfer beſonnener Unwuͤrdigkeit! . Natalie ſah ihn anfaͤnglich weniger oft, um 6 — ſelten und immer ſeltener; doch ſie wußte, daß er als Director des Liebhabertheaters viel zu thun habe, und daß das Studium ſeiner Rollen ihm gleichfalls Zeit koſte. Seine haͤufigen Beſuche im Rhodiſchen Hauſe galten ihr fuͤr das, wofuͤr er ſie ihr gab, fuͤr Privatproben. Auch theilte ſie — ſo ſehr gerecht gegen jedes fremde Verdienſt, enthuſiaſtiſch fuͤr Kunſt und Talent eingenommen — ſeine Bewunderung Gabrielens, und ſprach dieſe oft lauter und waͤrmer aus, als er es zu thun wagen durfte. Sah ſie ihn doch noch zuweilen, und dann zaͤrtlicher als er je ge⸗ weſen war! Ihr Vertrauen zu ihm blieb ungetruͤbt vom leiſeſten Zweifel, und ſie gegen ihn arglos und leichtgläubig wie ein Kind. O, waͤre er nur wahr gegen ſie geweſen! ſie wäre mit tiefer Trauer von ihm geſchieden; aber ſie waͤre dann ſanft und kindlich geblieben; ſie haͤtte ihn entſchuldigt, um ihn auch getrennt fortlieben zu können. — Ach, verlornes Gluͤck der Liebe thut wehe — doch Wolluſt iſt dieſer Schmerz gegen das Gefuͤhl betrognen Glaubens und gemißbrauchten Ver⸗ trauens — und kommt der Pfeil aus der Hanb des Geliebten, dem wir unſer ganzes Herz gaben — = 5 ach dann bringt uns keine irdiſche Zukunft den ge⸗ raubten Frieden wieder zuruͤck! — Rhode wurde auf Gabrielens haͤufigen Umgang mit Rudolph aufmerkſam. Man brauchte einen Deckmantel dafuͤr, und wer taugte dazu mehr, als Natalie? Ihr argloſes Vertrauen hatte Gabriele gegen Rudolph ſo oft Dummheit geſcholten, ihm ſeinen Feuergeiſt ſo oft im lächerlichen Contraſt mit Nataliens heiliger Einfalt dargeſtellt, daß er anfing, ſich der Achtung zu ſchamen, die er bis jetzt fuͤr dieſe gefuͤhlt hatte. Die Idee, ſeine Verbindung mit Gabrielen unter Nataliens Schutz fortzufuͤhren, erſchien ihm im Lichte einer feinen geiſtreichen In⸗ trigue, und er fuͤhrte Gabriele bei Natalie ein, welcher ſie auf ſeine Empfehlung mit zärtlicher Zuvorkom⸗ menheit empfing. Zum erſten Mal genoß Natali der Annehmlichkeit, mit einem geiſtvollen, liebens⸗ wuͤrdigen Weibe nicht blos Worte, ſondern auch Ideen zu wechſeln, und ſie gab ſich daher mit voller Herzlichkeit der ſchoͤnen Frau hin, die ſie an Werth und Reiß ſo hoch über ſich ſilte, daß ſie in ihr ein Vorbild zum Nachſtreben ſah. Ihre Liebe fuͤr Rudolph ſprach ſicho unverkennbar in jedem Blicke, * ————— — jedem Worte aus, er war ſo ſichtlich die Seele ihres Lebens und ihres ganzen Daſeins, daß Rhode in ih⸗ rer Verbindung mit Gabrielen die gruͤndlichſte Wi⸗ derlegung ſeines Argwohns zu finden glaubte. Na⸗ taliens Guͤte, ihre einfache Anſpruchsloſigkeit, ihre Beſcheidenheit, ihre Achtung fremden Verdienſtes auch dann, wenn es ſchimmerlos war, machten ſie⸗ ihm, der ſich von ſeiner Frau oft uͤberſehen, und durch ihren Geiſt uͤberfluͤgelt fuͤhlte, ſehr theuer. Sie war jetzt faſt täglich in ſeinem Hauſe, und Rudolph fand in dieſen verwickelten Verhältniſſen eine neue Wuͤrze ſeines Verſtaͤndniſſes mit Gabrielen und konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, den Faden dieſer Intrigue noch feiner und kuͤnſtlicher auszuſpinnen, wobei er auf Rhodens ſichtbar wer⸗ dende Neigung zu Natalien rechnete. Die Unfaͤhig⸗ keit dieſer, irgend Jemand zu täuſchen, die heilige Treue ihres eignen Herzens erhielt ſie noch im Frie⸗ den unumſchränkten Vertrauens zu dem Geliebten und der Freundin, als Treuloſigkeit, Verrath und Argliſt ſie ſchon mit tn Fäden umſpn⸗ nen hatten. Nataliens Vater entſchloß ſich jetzt, mit dem Fruhjahr ſein Gut ſelbſt zu beziehen, und ſie wurde nun von den Eltern ernſtlich uͤber ihr Verhaltniß mit Rudolph befragt. Erroͤthend bat ſie die Mut⸗ ter, ihr jede fremde Einmiſchung zu erſparen, deren ſein Herz nicht beduͤrfe und die das ihrige verwerfe. Schonend und leiſe deutete dieſe auf ſeine ſeltneren Beſuche, und ſeine ſichtliche Auszeichnung Gabrielens, die ja ſchon der Stoff allgemeinen Stadtgeſprächs ſei. Natalie ſtritt, aber ſie fuͤhlte ſelbſt das Un⸗ befriedigende ihrer Antwort auf die einfache Frage der Mutter, warum er jetzt bei der Annaͤherung ihrer be⸗ vorſtehenden Trennung von ihm nicht die Einwilligung der Eltern ſuche? — Doch erhielt ſie das geforderte Verſprechen, ihr allein die Löſung des Knotens zu überlaſſen. Dieſe Unterredung hatte ſie ſchmerzlich ange⸗ griffen. Sie fing an, ſich zu geſtehen, was ſie ſchon lange mit ſtillem Gram gefuͤhlt hatte, ohne ſich Rede daruͤber ſtehen zu wollen, daß es zwiſchen ihm und ihr nicht mehr ſo ſei, wie ehemals, ohne daß ſie dem, was ſich zwiſchen ihre Herzen gezogen hatte, einen Namen zu geben wußte. Es war wie ein Nebel — wollte ſie es in's Auge faſſen, es unter⸗ ſuchen, ſo war es fort — und doch wieder da, ſo ängſtigend, ſo beklemmend. Sie geſtand es ſich un⸗ — — 79 — gern, und nur verſteckt und geheimnißvoll, daß er ſie vernachlaͤſſige — aber warum? — Unmoͤglich, un⸗ möglich konnte ſie den Argwohn erregenden Verdacht ihrer Mutter theilen — ſie ſchaͤmte ſich ſeiner — ſie haͤtte ſich verachtet, häͤtte er nur einen Moment in ihr haften koͤnnen. Lieber gab ſie ſich alle Schuld⸗ wähnte, nur in ihr wohne der Argwohn, der Freund ſei rein, edel und feſt, und ſie ſchon un⸗ wuͤrdig, wenn ſie dem leiſeſten Zweifel an ihm, dem Trefflichen, dem ach! ſo unausſprechlich Geliebten, auch nur ihr Ohr leihe. Dann trat ſie ihm zu⸗ weilen mit Blicken ſo voll innigen Vertrauens, ſo voll treuer, unwandelbarer Liebe entgegen, daß die Rinde um ſein Herz zerſprang, und er wieder der Alte ſein wollte. Doch eben dieſe Erweichung, dies Gefuͤhl des Unrechts gegen ſie machte ihn dann ſo leidenſchaftlich heftig, daß Natalie ſchuͤchtern vor ſei⸗ nen ſtuͤrmiſchen Ergießungen zuruͤckwich. So kamen ſie immer weiter aus einander; nur die todte Form ihrer Verbindung beſtand noch; die Seele der Liebe und des Vertrauens war ihr entflohen, und um Na⸗ talie wurde es unbeſchreiblich truͤb und einſam. In dieſer Stimmung war ſie, als Rhode eines Morgens mit funkelndem Blick, mit blaſſen, verſtör⸗ — 80 —₰ ten Zuͤgen zu ihr eintrat, und ihr Rudolphs Briefe an ſeine Frau zuwarf. Ein Kammermaͤdchen diefer hatte ſich mit ihr uͤberworfen, und in der erſten Aufwallung ihrer gereizten Bosheit Rhoden entdeckt, was ſie von dem Verſtäͤndniß ſeiner Frau mit Ru⸗ dolph erlauſcht, errathen und gewußt hatte. Er forderte Beweiſe und erhielt die Briefe, die er jetzt Natalien brachte. Sie entfaltete ſie mit der hoͤch⸗ ſten Seelenangſt; aber bei den erſten Zeilen ſchon umhuͤllte eine Ohnmacht ſchonend das gebrochene Herz, und ſie ſank erbleichend in Rhodens Arme. Das ſchmerzlichſte Mitleiden mit ihr, die ihm viel theurer war, als er felbſt wußte, regte ſeine Wuth noch heftiger auf. „Bube!“ rief er knirſchend, „den Schmerz dieſes Engels ſollſt Du mir, ſo wahr Gott lebt, ſchwer buͤßen!“ und ohne ihr Erwachen abzu⸗ warten, klingelte er ihrem Maͤdchen und ging. Natalie ſchlug die Augen wieder auf, und ſchau⸗ derte, daß es Tag und Sonnenſchein um ſie war. Stumm und ohne Thränen las ſie jetzt langſam die Briefe durch, und erhielt die Ueberzeugung, daß Ru⸗ dolph nicht nur, treulos gegen ſie, das Weib eines Mannes, den er Freund nannte, verfuhrt, ſondern auch planmaͤßig darauf gerechnet habe, Rhobe durch — 81 — ſie zu beſchäftigen, und ihn dadurch gegen ſein Ver⸗ haͤltniß mit Gabrielen blind zu machen. Da ſtand ſie nun an einem Abgrund, in den ſie ſich mit der ganzen Gewalt ihrer Empfindungen hineinſtuͤrzte. Grenzenlos wie ihre Liebe war auch ihr Schmerz; ohne Thranen, ohne Klage, ohne Vor⸗ wurf, wuͤhlte er in ſeiner eignen Tiefe, und alle freundlichen Geſtalten des Lebens ſchieden von ihr. Sie blieb den Tag einſam auf ihrem Zimmer, und ſaß gegen Abend wie vernichtet in der Ecke des Sopha's, als ſich leiſe die Thuͤre öffnete, und Ru⸗ dolph eintrat. Mit dem Ausdruck des Schreckens ſtand ſie auf, blaß; von Scham und Demuͤthi⸗ gung entſtellt, ſah ſie ihn zogernd ihr näher treten, die ernſt, ſtolz und kalt vor ihm ſtand. „Ich fuͤhle, wie unwuͤrdig ich vor Ihnen ſtehe,“ fing er mit jener leiſen, tiefen Stimme an, deren Gewalt uͤber Nataliens Herz er kannte; „daß ich aber trotz dieſes Gefuͤhls hier erſcheine, beweiſet, daß ich nie aufgehoͤrt habe, Sie fuͤr groͤßer als Ihr Geſchlecht zu halten.“ „Erſparen Sie ſich jede fernere Unwuͤrdigkeit, mir jedes Wort, und verlaſſen Sie mich.“ „Nicht eher, als bis ich die Bitte ausgeſpro⸗ — 6 % chen habe, die mich herfuͤhrt, und die mein und Gabrielens Schickſal in Ihre Hände legt.“ „In meine Haͤnde?“ fragte Natalie ernſt. „In Ihre, weil ich weiß, daß da, wo die Pflichten der Tugend enden, die der Groͤße und des moraliſchen Heroismus beginnen, und welches Herz war je mit dieſen vertrauter, als das Ihre? — Wäre Gabriele Ihnen fremd, Sie wuͤrden Ihr rei⸗ nes Auge von ihr abwenden; aber jetzt, wo Sie von ihr beleidigt ſind, ſteht der Mann, der das Herz eines Engels verwundete, mit der Zuverſicht der Er⸗ fullung ſeiner Bitte vor Ihnen.“ Die ungewoͤhnlichſte Handlungsweiſe war für Natalie da, wo es auf Selbſtverläugnung, Opfer und Edelmuth ankam, nur die gewoͤhnlichſte, und in dieſe Seele konnte nie ein Gefuͤhl des Haſſes oder der Rache kommen. Rudolph fand ſie ganz anders, wie er ſie ſich, da er ihre Liebe fuͤr ihn und die Weichheit ihres Herzens kannte, gedacht hatte. Nur die ſchmerzliche Bläͤſſe des Geſichtes deutete auf Kampf und Gram ihr Ton, ihre Haltung, ihr ganzes Weſen ſprach ſtrengen, ehrfurchterregenden Ernſt aus. „Reden Sie,“ ſagte ſie, und ſetzte ſich. Nicht 383 — ſo ſehr ſein Anblick, als die Entwuͤrdigung des fruͤ⸗ her ſo hochverehrten Mannes, erſchuͤtterte ſie. Haͤtte er entſeelt zu ihren Fuͤßen gelegen, es haͤtte ſie nicht ſo peinlich ergriffen, als dieſe moraliſche Entſtellung, in der er jetzt gedemuͤthigt ihr gegenuͤber ſtand. „Rhode iſt entſchloſſen, ſich ſo oͤffentlich als möglich zu rächen, ohne Ruͤckſicht darauf zu neh⸗ men, daß er in Gabrielen ſich ſelbſt mit beſchimpft. Morgen ſchon ſoll ſie ſein Haus verlaſſen, und die Scheidungsklage dann gleich beim Conſiſtorium ein⸗ gereicht werden. Mir hat er eine Ausforderung zu⸗ geſandt; es bedarf keiner Verſicherung, daß ich es nicht aus Feigheit ſcheue, ſie anzunehmen, obgleich, wenn man ſich, ſo wie er und ich, in dieſem Fall gegenuͤberſteht, um Tod und Leben geſpielt wird; aber Nataliens Herzen lege ich die Frage vor, wel⸗ ches Loos des Ueberlebenden und Gabrielens war⸗ tet? — Kann dieſe, wenn er faͤllt, die Hand des Moͤrders annehmen, ohne auf ewig mit der Mei⸗ nung zu zerfallen? — Kann ich ihr die meine rei⸗ chen, wenn dieſer blutige Schatten ſich zwiſchen uns ſtellt? — Falle ich, ſo wird Rhode vielleicht im Gefuhl geſaͤttigter Rache einige Z it Befriedigung finden; aber iſt er, der weiche, einfache Menſch — 84 ₰ geſchaffen, dies Bewußtſein auf die Dauer zu tra⸗ gen? — Soll ich ſterbend noch den Fluch auf ihn legen, ihn heimathlos durch die Welt zu jagen? — Sie kennen die Strenge unſerer Duellgeſetze, und ich weiß auch, wie Ihr heller Geiſt uͤber Duelle denkt.“ „Haben Sie mir einen Ausgang aus dieſem Labyrinth zu zeigen?“ „Rhode iſt beleidigt; ich will mich nicht recht⸗ fertigen; der leidenſchaftliche Irrthum weniger Au⸗ genblicke koſtet mich das einzig wahre Gluͤck meines Herzens; doch darf hier ſo wenig von meinen Empfindungen, als von meiner Schuld die Rede ſein, ſondern nur von der Verpflichtung, mein Un⸗ recht zu verglrten, ſo viel ich kann. Nur in Gabrie⸗ len kann ich Rhoden Verguͤtung anbieten, und ich bin bereit, mir die von Schande und Reue geſchmie⸗ deten Feſſeln der ſchimpflichſten Leibeigenſchaft an⸗ legen zu laſſen; aber, ſo wahr ich lebe! wenn Rhode ſeinen Plan, Gabriele durch die öffentliche Bekanntmachung ihres Fehltrittes zu beſchimpfen, nicht aufgibt, ſo iſt ſie verloren. Entehrt darf meine kuͤnftige Gattin vor den Augen der Welt nicht ſein, wenn ſie je meinen Namen fuͤhren ſoll, — 85 — daher hier mein Vorſchlag. Rhode kommt unter irgend einem Vorwand beim Cabinette um die Scheidung ein; Gabriele geht bis zu ausgemachter Sache zu ihren Eltern zuruͤck. Daß Beide geſchie⸗ den werden, koſtet Sie bei Ihrem Onkel, dem Prä⸗ ſidenten, nur ein Wort, und ich gebe Gabrielen meine Hand, wenn dieſe Wahl der Welt Werk der Freiheit und keiner erniedrigenden Nothwendigkeit zu ſein ſcheint. Gluͤcklich werden wir nicht mit einander ſein — doch werde ich nie die Schonung vergeſſen, die ich ihr ſchuldig bin. Schlaͤgt Rhode aber dies Anerbieten aus, ſo treffe ich morgen mit ihm an der Grenze zuſammen, und das Grab deckt dann entweder meine Schuld, oder verſchlingt auch ihn mit ſeiner Rache. In beiden Fällen lege ich Gabrielens Ruf in Ihre Haͤnde. — Auch Sie, Natalie, werden verſohnt ſein, wenn ich falle, und vielleicht dann den Mann bedauern, dem, wenn er leben ſollte, Ihr Bild zur unerbittlichen Nemeſis werden würde. — Ja, Natalie, haſſe mich, verachte mich; nur fuͤhle, wie es mich treibt, mein Leben als Suͤhnopfer fuͤr Dich entſtroͤmen zu fuͤhlen.“ Heftig weinend war er vor ihr niedergeſunken; ſie trat in ſtiller, ernſter Faſſung einen Schritt zu⸗ S ruͤck. „Noch heute,“ ſagte ſie, „werde ich mit Rho⸗ den reden, und Sie ſollen am Abend um den Er⸗ folg dieſer Unterredung wiſſen.“ Mit einer ausdrucksvollen Neigung des Kopfes verabſchiedete ſie ihn bei dieſen Worten. Er wollte fortreden, ſich entſchuldigen, da faßte ſie ihn mit einem Blick, vor dem er wie die feige Schuld vor dem Blick des unbeſtechlichen Richters erroͤthete, und ihr gehorchend hinweg floh. Die Kraft, mit der ſie ihm ihren Schmerz ver⸗ barg, der feſte, edle Stolz in ihrem ſonſt ſo kindlich weichen Betragen, und die reine Guͤte, mit der ſie bereit war, wohlzuthun, wo Tauſende an ihrer Stelle geflucht haͤtten, liehen ihr in ſeinen Augen neue Reize. Er ſchwor ſich, ſie in die alten Feſſeln zu⸗ ruͤckzufuͤhren, und zweifelte nicht, ſie verſoͤhnen zu können, da ſie ihm auch jetzt noch blieb, was ſie ihm immer geweſen war: ein Spiel fuͤr ſeine Eitel⸗ keit, eine reizende und ſeltene Erſcheinung fuͤr ſeine Phantaſie, deren poetiſche Natur und idealiſches Weſen ihm ein äſthetiſches Wohlgefallen einfloͤßten, das er ſelbſt zuweilen, wie z. B. in dieſer Stunde, fuͤr Liebe hielt. Natalie ſprach Rhode noch denſelben Abend, — 87 — und da er ſeine Frau wirklich geliebt hatte, und zu den Menſchen gehoͤrte, die nur in der erſten Auf⸗ wallung des Zornes die Energie feſter Entſchloſſen⸗ heit haben, wurde es ihr leicht, ihn zur Milde und Schonung zu ſtimmen. Ihre Fuͤrſprache ſelbſt wurde ihm zum Beiſpiel, und da er ſie unbeſchreib⸗ lich achtete, zur Regel ſeines Betragens. Gabriele, deren Ehrgefuͤhl vor dem Gedanken einer oͤffentlichen, fuͤr ſie ſo ſchimpflichen Scheidung zuruͤckbebte, und die von guten Eltern erzogen, nur leichtſinnig, nur verſunken, nicht verloren, ein Opfer ihrer Leiden⸗ ſchaft fuͤr Rudolph geworden war, fuͤhlte jetzt die ganze Unwuͤrdigkeit ihres Fehltrittes und den Werth der großmuͤthigen Schonung ihres Gatten. Sie er⸗ fuhr, daß ſie dieſe Natalien verdanke, und ſchrieb ihr einen Brief voll Reue und tiefer Ruͤhrung. „Laß mich Dich,“ bat ſie am Schluß deſſelben, „vor Deiner Abreiſe noch einmal ſehen, damit Dein Anblick mir den Glauben ſchenke, daß die Tugend ſich nicht auf ewig von ihrer gefallnen Tochter zuͤr⸗ nend abgewandt habe.“ Natalie antwortete ihr freundlich, ſchlug es aber ſo ſchonend als moͤglich ab, ſie zu ſehen. „Ich muß,“ ſchrieb ſie ihr, „alle Erweichungen und Span⸗ nungen meiden — darum darf ich Dich nicht ſehen. Allein die Verſicherung kann ich Dir geben, daß ich Deiner ohne Groll und ohne Bitterkeit gedenken werde. Nicht fallen, Gabriele, darf und ſoll viel⸗ leicht nicht der Stolz des ſchwachen Menſchenher⸗ zens ſein; vom Fall wieder erſtehen, iſt ſchwerer und oft ſchöner. ueber mein Schickſal mache Dir keine Vorwuͤrfe. Glaubſt Du mir aber einigen Er⸗ ſatz ſchuldig zu ſein, und war ich Dir je wirklich theuer: ſo laß Dich durch dieſen Vorfall nicht zum Verzweifeln an Dir ſelbſt bringen. Deine Reue bethatige ſich durch ein kuͤnftig ſchoͤneres, fleckenloſes Leben. Als gute Gattin, treue Mutter kannſt Du noch einſt achtungswerther werden, als Du es je als Gabriele Rhode warſt, und mein inniger Antheil wird Dich durch ein ſolches Leben begleiten.“ So milde ſie aber auch gegen Gabriele geſtimmt war, ſo fruchtlos war jedes Bemuͤhen Rudolphös, von ihr ein Zeichen der Theilnahme, des heftigen Schmerzes, oder nur des Haſſes zu erzwingen. Nach einigen Wochen ſchon ſollte ſie ihre Eltern auf's Land begleiten, und er bot fuͤr dieſen kurzen, ihm noch vergönnten Zeitraum ſeine ganze Kunſt aufz aber alle ſeine Bemuͤhungen ſcheiterten an dem — — Ernſt und der fremden Hoͤflichkeit, mit der ſie ihm nicht einmal auswich, aber jeder Erinnerung an die Vergangenheit abgeſtorben zu ſein ſchien. Zu tief, zu ſchmerzlich war ſie verletzt; zu viel alte Wunden hatte er wieder aufgeriſſen, als daß ſie es ſich ſelbſt haͤtte abgewinnen koͤnnen, um die Tiefe, die zerſto⸗ rende, bodenloſe Tiefe ihres Schmerzes wiſſen zu wollen. Nicht ſeine Untreue, ſein Unwerth gab ihr Kraft. Der Stolz ihres Bewußtſeins hob ſie zu hoch uͤber ihn, und ſie fuͤhlte ſo oft: dieſer Mann iſt nicht werth, dein Herz zu brechen, dein Charakter darf nicht ſein Raub werden, daß es ihr das Ver⸗ trauen auf ihre Kraft und jene Herrſchaft des Wil⸗ lens gab, die in ſolchem Kampf den Sieg zu errin⸗ gen vermoͤgen. Man ſah ſie in ihrem aͤußern Be⸗ nehmen wenig veraͤndert; der Ernſt in ihrem Weſen war noch immer milde, und der etwas ſichtbarere Ausdruck deſſelben konnte fuͤglich auf Rechnung der bevorſtehenden Trennung von ihrem bisherigen Wohn⸗ ort geſetzt werden. Willig barg ſie auch die tiefen Wunden ihres blutenden Herzens im Gewuͤhl der Abſchiedsfeſte, die die letten Wochen ihres Aufent⸗ halts ausfullten, und die ganze Kraft ihrer Seele wucherte fuͤr die Ueberzeugung, daß mit ihrer Ach⸗ — tung auch ihre Liebe erſtorben wäre. Ihr Gram war kein Wurm, der den Boden umwirft und die Staude umkehrt, ſondern ein Inſect, welches in den feinen, verborgenen Roͤhren der Pflanze nagt, bis die Blume verbleicht, abfaͤllt und ſtirbt. Rhode war täͤglich bei ihr, und die ghe Sorgfalt, mit der er und ſie gemeinſchaftlich Alles unterdruͤckten, was Gabrielens Ruf nachtheilig wer⸗ den konnte, verſchaffte dem Geruͤcht Eingang und Glauben, daß Rhode's Scheidung Folge einer ganz freundſchaftlichen Uebereinkunft zwiſchen ihm und Rudolph ſei, Braut und Frau mit einander zu ver⸗ tauſchen. Natalie fuhlte, wie ſehr Rhode's täglich ſichtlicher werdende Anhaͤnglichkeit, und ihr haͤufiger Umgang mit ihm dies fuͤr ſie höchſt kränkende Ge⸗ ruͤcht zu beſtätigen ſcheinen mußte, und ſchlug ihm eine Reiſe vor. Er errieth ihre Bewegungsgruͤnde, und willigte zart und liebend ein, ſie auf zwei Jahre zu verlaſſen, ohne ihr ſelbſt zu verrathen, wie ſchwer ihm dieſe Trennung wurde. Natalie liebte ihn wie einen Bruder, und ſ verſank nach ſeinet Abreiſe, die ſie ganz vereinzelt zuruͤckließ, in einen Zuſtand finſterer Betäubung und ſtarrer Fuͤhlloſigkeit, der ihr das Bewußtſein des — Schmerzes nahm. Sie ſchien ruhig, und glaubte ſelbſt es zu ſein. Ohne Thräne, mit kalter Faſ⸗ ſung ſchied ſie von dem Schauplatz ihres bisherigen Lebens. Am Morgen ihrer Abreiſe rief ſie vor Sonnenaufgang ihrem Maͤdchen, ſie noch einmal nach dem Kirchhof zu begleiten, wo ihres Bruders Grab war. Dieſer Abſchied erweichte ſie; weh⸗ müthige, hoffnungsloſe Sehnſucht nach ſeinem tiefen feſten Schlaf ergriff ſie, und die Ahnung, ihr Herz werde nie wieder ruhig und leicht werden, ſo lange es in ihrer Bruſt ſchlage. Der Ruͤckweg fuͤhrte ſie vor Rudolphs Hauſe vorbei; alle Fenſterladen der Straße waren noch uneroffnet; alle Thuͤren ver⸗ ſchloſſen. Nur auf dem Fenſter ſeines Schlafzim⸗ mers lag golden der Wiederſchein deſſelben Morgen⸗ rothes, das eben das Grab ihres Bruders erleuchtet hatte. Unter dem Vorwand der Muͤdigkeit — ach ſie war es im andern Sinn ganz! — ſank ſie auf die hohe, ſteinerne Thuͤrſchwelle nieder, und hier löſete ſich plotzlich ihre ſtarre Unempfindlichkeit in grenzenloſen, hidenſchaftlichen Schmerz auf. Sie te die brennenden Augen an dem kalten, feuchten Stein, und fuͤhlte es mit zerreißendem, ploͤtzlich ſie mit Qual der Verzweiflung durchzuckendem Bewufßt⸗ — — ſein, daß er wiſſentlich ihr Herz, ihr Gluͤck, ihre Liebe in den Staub getteten habe, wie morgen unwiſſentlich dieſe Thränen, die ſie um ihn weinte. und in dieſem Gefuͤhl erkannte ſie ſchreckend, daß ſie ihn, den Verachteten, noch liebe! — Dieſe Minute traf ihr inneres Leben. — „ 8 weiter Abſchnitt. Der Jugend Gluͤck entflieht mit Beben Vor des Gedanken ſtrengem Vlick, Und furchtbar rauſcht um unſer Leben Dein Koͤcher, eiſernes Geſchick! E. M. Arndt. Nataliens neuer Wohnort war lieblich und ange⸗ nehm; aber ſie hatte keinen Sinn mehr fuͤr ſeine ſtille, reizende Laͤndlichkeit. Der Geiſt ſanfter Ge⸗ fuͤhle und milder Schwermuth war ihr entwichen, und ihr Gemuͤth rang gewaltſam mit dieſer Um⸗ ſchaffung ihres innerſten Weſens. Durch und durch war ſie verändert. Stumm, verſchloſſen und kalt gegen Alles, was ſie umgab, ſchien ſie auch alle Liebe zur Kunſt und Wiſſenſchaft verloren zu haben, und mit ihrem Denk⸗ und Empfindungsvermoͤgen nur auf wenige herzzerreißende Erinnerungen und Gedanken beſchrankt zu ſein. Die einzelnen verlor⸗ nen Worte und Aeußerungen, die wie Blitze zuwei⸗ len ihr verſtoͤrtes Gemuͤth enthuͤllten, deuteten den finſterſten Gram und den bitterſten Unmuth gegen das Leben an. Ihr Geiſt, der im Umgang mit Rudolph unvermerkt von der ſchoͤnen Wahrheit des Gefuhls und der Idee abgewichen war, deren ein Weib bei ungeſtörtem Frieden ſo wohlthätig genießt, gab ſich nun ſpitzfindigen Gruͤbeleien hin, die ſie mehr und mehr verleiteten, das Leben und ſeinen Zweck ſo verächtlich als moͤglich aufzufaſſen. „Weg,“ ſagt ſie auf einem, damals von ihr niedergeſchriebenen Blatte, „weg mit jedem Troſt, mit jeder Hoffnung, weg mit aller Reſignation. Soll ich mir durch dieſe geiſtige Medicin noch Farbe und Leben anluͤgen, wenn ich den Tod im Buſen trage? Der Schleier, der mir die Welt und das Leben ſchonend barg, iſt zertiſſenz ich habe die Wirklichkeit hinter ihm erblickt, und werde von ih⸗ rem Anblick nie wieder geſunden⸗ Leben, deine WVampyrn lauſchen unter Roſen verſteckt. — Deine Freuden wehen uns uͤhlung zu, damit der Stachel unbemerkt deſto tiefer in das argloſe Herz dringe, und uns deſto ſchmerzlicher verwunde. Aber ich — habe dieſe Roſen ſich entblaͤttern ſehen, und kenne dich nun, du hoͤhniſcher, ſpottender, luͤgender Traum, den ich jetzt mit Ekel nur forttraͤume, weil ich muß, und weil es mich nicht reizt, ihn auf einer andern Erde noch einmal von Neuem zu träumen. Die armſeligen Zufaͤlligkeiten des Gluͤcks haben meine Blicke, meine Wuͤnſche nie auf ſich gezogen; einem ſchoͤneren, hoͤheren Traume vertraute ich den Gehalt meines Daſeins, und die Ideale meines Herzens waren zugleich ſeine Idole. Wenn es eine Vor⸗ ſehung gaͤbe, wenn Tugend und Liebe ein wirkliches, außer meiner Vorſtellung gegruͤndetes Daſein hätten: ſo muͤßten ſie erroͤthen vor meinen Hoffnungen, und vor der Treue, mit der ich ſie umfaßt hatte — nur fuͤr ſie lebte ich; vor den Phantomen meiner eignen Phantaſie bog ich die Knie und betete an, was ich ſelbſt erſchaffen hatte!“ „Schreckliche Stunden, in denen ich begreifen lernte, daß unſere Irrthuͤmer und Verbrechen wohl mehr als unſere Tugenden, die Abſicht des Schick⸗ ſals ſein moͤgen! — denn warum ſonſt dieſe jäm⸗ merliche Welt voll Kummer und Verzweiflung, dieſe Wuͤſte des Elends ohne Hoffnung? — Was kann mir das Weſen gelten, deſſen Wille in ihr das Gute ſtatt bes Schlechten hervorbrachte, und Fluch und Verzweiflung austheilte, wo es in ſeiner Macht ſtand, Segen und Liebe zu ſpenden? — Der Menſch muß nun ſo leichtſinnig, ſo blind, ſo ſchwach ſein, damit er nur nicht ſeine Blicke auf das Geheimniß ſeines Daſeins wende, und durch ſeine eigne Hand die Erde wieder entvölkere. Die Vernunft wuͤrde den Selbſtmord heiligen, wenn die Thierheit ſie nicht unterjochte — doch ach! dem Ungluͤcklichen bietet ſelbſt das Grab keine Zuflucht darz fuͤr ihn iſt keine Rettung, keine Hoffnung, ſo weit Zeit und Ewigkeit reichen: er kann ſich nicht vernich⸗ ten! — Stuͤrze dich in das Weltmeer, ſpringe in die lodernde Flamme: die tyranniſche Macht, die dich zum willenloſen Spiel ihrer Willkur ſchuf, hält dich an unzerreißbaren Fäden, und erweckt Dich wieder zu demſelben jämmerlichen, und doch in ſei⸗ ner Jaͤmmerlichkeit ſo furchtbar ernſten Spiel, das man auf Erden Leben nennt! — Ewig daſſelbe Einerlei, nur mit den Decorationen einer andern Sonne, und vielleicht auch einer andern Organiſa⸗ tion; denn, wenn es anders. edler, ſchoner ſein kann, ſein ſoll: warum denn nicht ſchon hier, da die All⸗ macht zum Guten in der Hand des ſchaffenden Weſens lag?“ „O, haͤtte er dieſer Welt nur die Liebe ge⸗ laſſen: was waͤre dann alles Weh der Erde? Sie wuͤrde uns mit Allem verſoͤhnen, und jede Diſſo⸗ nanz des Lebens in himmliſchen Frieden aufloſen! — Aber du biſt mir untergeſunken, holder Stern, und kannſt nie wieder heraufleuchten aus deiner Nacht — du warſt nur ein täuſchendes Irrlicht. Vertrauen duͤrfte der Menſch nur dann deinem Zauber, wenn er ein Werk der Willkuͤr, ein Tribut der Tugend waͤre, dann hätte er in dir das Diplom ſeines Adels, die Buͤrgſchaft fuͤr die Wahrheit ſei⸗ nes Glaubens an die geiſtige Welt. Jetzt aber buhlſt du mit dem Laſter, und grollſt mit der Tu⸗ gend: ich verwerfe dich!“ „Ich bin jetzt ruhig. Der Sturm der Lei⸗ denſchaft iſt voruͤber, und gefallen ſind ſeinem Wuͤ⸗ then alle Bluͤthen ſeligen Wehes und ſußer Schwär⸗ merei, die ehemals mein Leben ſchmuͤckten. Ich bin ruhig und ſtil wie das Grab, das auch die Geſtalt des ehemals Lebenden empfaͤngt, und Moder und Verweſung ausſpeiet, wenn es geoͤffnet wird. — O, wenn ich zuweilen um Mitternacht noch mein Tarnow's Schriften. MM. 5 Fenſter öffne, meine brennenden Augen an der kuͤh⸗ len Nachtluft zu erfriſchen, und die weite unend⸗ liche Ferne, in der nichts mehr wohnt, das ich an mein Herz ziehen duͤrfte, in ſtillem Sternenlichte vor mir liegt, dann uͤberfällt mich eine ungeſtuͤme, hoff⸗ nungslos in mir laut aufſchreiende Sechnſucht nach den entblätterten Gefilden meiner Vergangenheit. Ich möchte dann zu ſeinen Fuͤßen ſinken und fle⸗ hen: gib mir meinen Glauben zuruͤck; täuſche mich noch einmal, aber tödte mich, eh die Täuſchung ſich enthuͤllt.“ „Ich kann nie wieder werden, wie ich war. Noch koͤnnte ich ſterben fuͤr eine einzige Minute der Vergangenheit, wie ich Stunden an ſeiner Hand, ſeinem Herzen gelebt habe. Ich möchte all meinen Schmerz, all meine Verzweiftung in Ein Wort, Einen Schrei zuſammenfaſſen, und damit entſeelt zu ſeinen Fuͤßen niederſturzen!“ „Was ſoll mir das Leben? Was ſoll ich der Welt? — Wie ein uͤbergruͤntes Schlachtfeld liegen beide vor mir. Tauſende wandeln heiter und ſorg⸗ los auf dem aus Blut aufgeſproßten Raſen; aber mir deckt er ſeine Todten auf, und den ſtummen Jammer, der unter ihm begraben liegt, und ich irte — ſchaudernd auf ihm umher. Nur du, letzter ein⸗ ſchlingender Strudel dieſes Lebens, du Erdenge zwiſchen Dieſſeits und Jenſeits, dunkles, einſames Grab, bieteſt mir freilich keine Hoffnung, keinen Troſt, aber doch eine Zuflucht, die mich mit einem Bilde der Ruhe und des Schlummers taͤuſcht. — O oͤffne dich mir bald — zieh mich hinab — ver⸗ hulle das gebrochene Herz — ſchließe das Auge, das keine lindernde Thraͤne mehr hat, ſondern nur ſtum⸗ men Jammer!“ In dieſer finſtern Stimmung verrannen ihr Monate. Ihre Eltern glaubten ſie krank, und die Todtenbläſſe ihres Geſichtes, das in lesbaren Zugen die Geſchichte ihres gebrochenen Herzens zeigte, be⸗ ſtätigte dieſen Wahn. Man zog einen Arzt zu Rathe; ſie klagte uͤber nichts, und nur die Thränen ihrer Mutter erhielten es von ihr, daß ſie von den verordneten Mitteln Gebrauch machte. Schon ſeit einigen Monaten hatte ſie Eliſe ganz von ſich ent⸗ fernt, und ihre Eltern dringend gebeten, ſie der edlen Rudolphi anzuvertrauen, die das holde Weſen, das ſo ganz Natur und Liebe war, gern unter ihre Zöglinge aufnahm. Natalie ſollte jetzt, da der Arzt es zur dringendſten Nothwendigkeit gemacht 5 * — hatte, fuͤr ihre Aufheiterung und Zerſtreuung zu ſor⸗ gen, ihre Mutter auf dieſer Reiſe nach Heidelberg begleiten. Die Veranderung des Schauplatzes, und der Anblick der herrlichen Main⸗ und Neckargegen⸗ den, durch die ihr Weg ſie fuͤhrte, wurden fur Natalie ſehr wohlthätig, und die vielen Thränen, mit denen Eliſe von der geliebten Schweſter ſchied, wirkten noch wohlthatiger auf ihr Herz. Sie konnte, wenn ſie das holde Kind mit dem weichen, liebe⸗ vollen Herzen an ihren Buſen druͤckte, nicht ver⸗ zweifeln an Menſchenherz, und was ſie in ſpaͤtern Jahren ſo unaufloslich an Eliſe band, war die dankbare Erinnerung an die vielen truͤben Stunden, in denen ſie, wie ein Genius, Natalie durch die Gewißh eit ihrer Liebe und Treue emporgehalten hatte. Die zärtliche Sorge der Mutter, die liebevolle Schonung, mit der ſie Natalie zart und milde, wie nur eine Mutter es zu thun vermag, zu erhei⸗ tern und zu troͤſten ſuchte, ohne je durch eine Frage das wunde Herz zu preſſen, konnte fuͤr dieſe nicht verloren gehen. Die Ueberzeugung, die ſich ihr mit der unwiderſtehlichen Kraft der Wahrheit aufdrang, daß die Mutter ihrer zu ihrem Gluͤck beduͤrfte, gab Nataliens verblichenem Leben wieder, durch den Be⸗ — 101 — ruf, fuͤr ein fremdes Gluͤck zu leben, Farbe und Gehalt. Die Mutter glaubte, zweckmaͤßige Thätig⸗ keit werde ſie am erſten heilen, und folgſam gegen ihre Wuͤnſche, trat Natalie nach ihrer Zuhauſekunft, in eine ihr bisher fremde Laufbahn haͤuslicher Geſchaͤftigkeit und thaͤtiger Sorge fuͤr Andre. Die Ungebundenheit, mit der ſie bis jetzt unumſchraͤnkt Herr ihrer Zeit geweſen war, verſchwand, da ihre Mutter ihr die Beſorgung der innern Wirthſchaft uͤbergab. Doch zog dieſe Thätigkeit ſie mehr von der Beſchauung ihres Innern, der Enthuͤlſung des Lebens ab, als daß ſie ſie zu heilen, und zu einer wuͤrdigeren Anſicht deſſelben zuruͤck zu fuͤhren ver⸗ mocht hätte. Natalie fuͤhrte den Haushalt unter der An⸗ leitung ihrer Mutter mit muſterhafter Ordnung, und erwarb ſich bald eine ziemlich vollſtaͤndige Kennt⸗ niß deſſelben. Auch die Feldwirthſchaft, von der ſie fruͤher manche theoretiſche Kenntniſſe eingeſammelt hatte, lernte ſie nun praktiſch kennen, da ſie, dem Wunſch ihres Vaters zu Folge, ſich an das Reiten gewohnte; ihn täglich auf ihrem flinken Pferdchen zu den Arbeitern begleitete, mit und fur ihn viele zu dieſem Fach gehoͤrende Werke las, und noch mehr — 12 — mit ihm und andern erfahrnen Landwirthen daruͤber ſprach. Auch vertraute ihr der Vater bald die Be⸗ rechnung eines beträchtlichen Theils ſeiner Einnahme und Ausgabe mit Beſtimmung eines anſehnlichen Gehaltes an. Ihr Steckenpferd aber wurde die Obſtbaumzucht, die ſie als Mittel, den armen Un⸗ terthanen ihres Vaters wohlzuthun, liebte, ſo wie ſie auch die ganz vernachläſſigte Schulanſtalt dieſer Guͤter zu heben wuͤnſchte, und gemeinſchaftlich mit dem Prediger dafuͤr ſehr thaͤtig war. Dieſe man⸗ nigfache Beſchäftigung, die jede Kraft ihres Geiſtes in Anſpruch nahm, und ſie vor aller leeren Träu⸗ merei und Gruͤbelei bewahrte, wirkte vortheilhaft auf ihr Inneres; auch ihr Aeußeres gewann durch den Genuß der reinen Landluft, durch die viele Bewe⸗ gung, und durch die uͤbertuͤnchte Ruhe ihres Her⸗ zens. Sie wurde jetzt wirklich ein ſehr reizendes Maͤdchen, mit einem ſtolzen, edlen Wuchſe, einer ſeelenvollen Phyſiognomie und dem ſchoͤnſten Colorit bluhender Jugend. Gewiß hätte ſie ſich auch auf dieſem Wege wohlthätiger Guͤte und zweckmäßiger Thätigkeit wieder zurecht gefunden im Leben, wenn ihr Genius ſie vor der verderblichen Macht eines fremden Einfluſſes bewahrt hätte, fuͤr deſſen Gift . — 103 — ſie, wie ſie es nach ihrem bisherigen Schickſal ſein mußte, nur zu empfaͤnglich war. Dem leidenſchaftlichen, verheerenden Stam in ihrem Innern war jetzt eine Ruhe der Erſchlaffung⸗ eine Apathie der Gefuhlloſigkeit gefolgt, die ſie ſich zu prufen ſcheuete, weil das Andenken der erduldeten Qual ſie von jedem feſten Blick auf ihr inneres Leben zuruͤckſchreckte. Ihre Eltern ſahen viel Geſell⸗ ſchaft in ihrem Hauſe, und bildeten ſich zwei ſehr verſchiedene nachbarliche Zirkel, in denen Natalie auf dringendes Zureden der Mutter oft erſchien. Der Eine beſtand aus mehreren Beamten, Päch⸗ tern, Predigern und buͤrgerlichen Gutsbeſitzern; der Andre aus dem Adel der Gegend und den Officieren eines in einer nahen Stadt ſtehenden Regiments. In dem erſten Zirkel gefiel ſich Natalie ſehr aut; ſie fand die Frauen anſpruchlos, die Maͤdchen mun⸗ ter und gutmuͤthig, die Männer mitunter geſcheidt und kenntnißreich. Das ungekuͤnſtelte Wohlwollen, mit dem ſie einfachen Menſchen herzlich und freund⸗ lich entgegen kam, gewann ihr bald alle Herzen, und entfernte die Scheu, die ihre hoͤhere, feinere Bildung im Anfang eingefloͤßt hatte. Sie ſprach mit den Muͤttern ſo verſtaͤndig, war zu Rath und — — That immer ſo rein gutmuͤthig ohne alle Anſpruͤche, bereit, wo ſie dazu aufgefordert wurde; ließ ſich ſelbſt ſo willig und dankbar belehren, daß ſie Allen lieb wurde. Den jungen Mädchen floͤßte ſie bald Vertrauen ein; ſie zeichnete ihnen Muſter zu ihren Stickereien, lehrte ſie feine Handarbeit machen, ſchnitt ihnen die neueſten Kleidermuſter zu — kurz, wer ſie in dieſem Zirkel ſah, wo ſie oft in einer Stunde mit den Maͤnnern von Kleebau und Stall⸗ futterung, auch wohl mit einem der Prediger uͤber Gegenſtände der Literatur und der Kunſt, und mit den Frauen und Maͤdchen von Kohl und Wurzeln, Gänſen und Eiern, Maͤhen und Erntecollationen mit Intereſſe und freundlicher Aufmerkſamkeit ſprach, mußte ſie lieb gewinnen. Auch war ſie in dieſem Zirkel allgemein geliebt, und galt jedem Einzelnen, in ſeinem Sinn, fuͤr ein Muſter weiblicher Voll⸗ kommenheit. In dem andern Zirkel ihres nachbarlichen Um⸗ gangs fand ſie hingegen Eitelkeit, Sinnlichkeit, Kleinlichkeit und das jämmerliche Weſen des eng⸗ herzigſten Egoismus, wie es allenthalben, wo man ſich zur großen Welt rechnet, angetroffen wird, und auch, wie gewoͤhnlich in dieſem Kreiſe, mit dem — 105 — Firniß äußerer Cultur uͤberdeckt, und mit Sinn fuͤr Kunſt und Talent aufgeputzt. Ihr Geiſt fand hier oft angenehme Nahrung, und ſie lernte jetzt das Laſter und das Unrecht in ſeiner glanzenden, ſchim⸗ mernden Huͤlle kennen, die es in der Jugend ſo ſchwer macht, es als Laſter und Unrecht zu erken⸗ nen. Der Ruf ihres Geiſtes und ihrer Talente war ihr voran gegangen, und die beiden glaͤnzend⸗ ſten Meteore dieſes Zirkels, Mariane von Polliet und Graf N., kamen ihr mit achtungsvoller Aus⸗ zeichnung entgegen, damit bei der Verbindung mit ihr Nataliens Licht mit ihrem blendenden Schimmer Eins werde und Keiner ſeine eigenthuͤmliche Helle bemerke. Mariane verband mit einem kalten Hetzen hei⸗ ßes Blut; aber mit der feinſten Buhlerei wußte ſie Beides unter dem Schleier ſtrenger Decenz und tie⸗ fen Gefuͤhls zu verhuͤllen. Die Geſchmeidigkeit ihres Geiſtes verſtand ſie als Feinheit, ihre Unbeſonnen⸗ heit als Offenheit, ihre Malice als Witz geltend zu machen. Sie beſaß einen aͤußerſt leiſen Tact fuͤr jede fremde Individualität, und paßte derſelben ihre Pläne kuͤnſtlich und verſchlagen an. Nataliens Ernſt im Benehmen gegen Maͤnner, ihre Gleichgultigkeit — — gegen den Eindruck, den ſie machte, reizten oft Marianens Spott, die ihr dann ihr Syſtem der Liebe und des Lebensgenuſſes anpries. „Die Liebe,“ wiederholte ſie ihr unermuͤdet, „die Liebe, wie Sie ſie ſich denken, macht uns Weiber immer ungluͤcklich. Wir ſtehen unter dem Druck eines harten Naturverhaͤngniſſes, welches unſer Herz durch ſeine größere Reizbarkeit, Füͤhlbarkeit und Weichheit von der Herrſchſucht der Maͤnner abhaͤn⸗ gig macht, wenn wir nicht die Kunſt verſtehen, uns, und dadurch ſie, zu beherrſchen. Glauben Sie mir, liebe Natalie, je reiner, zarter und treuer wir ſind, je weniger paſſen wir fur die heutigen Maͤnner, denen die Liebe zur Fabel geworden iſt, und die nur ihre Sinnlichkeit, oft ſogar nur ihre Eitelkeit gereizt fuͤhlen, wo ſie uns gern uͤberreden möchten, daß wir geliebt ſind. Im erſten Fall täuſchen ſie ſich oft ſelbſt, und wer darf mit ihnen daruͤber rechten, da die Natur nun einmal bei ihnen dieſe nahe Verwandtſchaft zwiſchen Herz und Blut ſtiftete? — aber im letztern wollen ſie nur taͤuſchen. Unter tauſend Männern gibt es kaum Einen, dem die Ruhe, das Gluͤck eines Weiberherzens heilig iſt; dagegen fuͤnfhundert vorſäͤtzliche planmaͤßige Verfuͤh⸗ — 107 — 1 rer, — und von den uͤbrigen haben nur Wenige den Vorſatz, einer Verſuchung widerſtehen zu wollen, alle Tauſend aber die gemeinſchaftliche Aehnlichkeit, daß ſie auch der ſchwächſten unterliegen.“ „So laſſen Sie uns denn,“ ſagte Natalie ernſt, „unſer Herz fur die willkürlichen, ſchoͤneren Regungen der Menſchenliebe und der Freundſchaft aufbewahren, und uns nicht der Gefahr ausſetzen, es zum Spiel⸗ werk eines Unwurdigen zu verſchleudern.“ „Im Ernſt, Liebe, das wäre eben ſo häßlich und tragiſch, wie ein Fruͤhling ohne Blüthen und Nachtigallen. Laſſen Sie uns lieber den Geſichts⸗ punkt fuͤr die Liebe auffuchen, wo wir gefahrlos mit ihr ſpielen können, wie die ägyptiſchen Damen mit den Schlangen, die ſie zur Kühlung im Buſen tragen. Es iſt ja unſte Schuld, wenn wir vergeß⸗ ſen, daß Amor ein Kind iſt, und wir alſo mit ihm ſpielen ſollen und muͤſſen, ohne mit dem muthwilli⸗ gen Buben altklug thun, oder ihm gar — wie Sie mir Luſt zu haben ſcheinen — eine Alongenperruͤcke aufſetzen, und ihn darin eine Heldenrolle ſpielen⸗ laſſen zu wollen. Das rächt ſich wie jede Unnatur, und paßt hochſtens für eine einfältige Landnymphe die mit ihrem zärtlichen Schäfer nach dem verjüng, — 108 — ten Maßſtab von Herkules und Herkuliska ihren Roman ſpielt. Ein ſolches Gäͤnschen mag ihr Herz in Thraͤnenwaſſer aufweichen, und es ihrem Gelieb⸗ ten mit Seufzern und Vergißmeinnicht zierlichſt em⸗ pfindſam garnirt uͤberreichen; dem denkenden Weibe aber ſei die Liebe nur eine voruͤbergehende Thorheit, ein zum angenehmen Lebensgenuß nothwendiger Zu⸗ ſatz, durch Geiſt und Grazie verfeinert und pikant gemacht. Unſte unſchuld, unſer Ruf, unſte Ehre ſind das Eigenthum des kuͤnftigen Gatten, wodurch wir von ihm Rang und Vermoͤgen erkaufen, und Pflicht ſei es uns, ſie ihm zu bewahren, wenn auch nur aus Dankbarkeit, daß er uns die Judengaſſe unſrer Madchenetiquette aufſchließt. Gefallſucht iſt aber als Quinteſſenz der weiblichen Liebenswuͤrdig⸗ keit erlaubt, und ein ganz nothwendiges Ingredienz reizender Weiblichkeit, die nichts als eine weiſe gei⸗ ſtig⸗körperliche und körperlich⸗geiſtige Kunſt iſt, den Männern zu gefallen und ſie zu beherrſchen.“ „Nein,“ unterbrach ſie Natalie ſchmerzlich ent⸗ ruͤſtet, „Sie läſtern die Liebe und das reine Gemuͤth des Weibes; die Mäͤnner mogen ſein, wie Sie ſie ſchildern — ich weiß es nicht — aber unter uns — 19 — gibt es noch Herzen, die lieber brechen, als ſich von unheiligen Empfindungen entweiht fuͤhlen moͤchten.“ Sie ſchwieg hier, und ihr nur auf der Ober⸗ flaͤche erſtarrtes, in der Tiefe noch fuͤr alles Große und Schone der Menſchheit gluͤhendes Herz ſpiegelte ſich in der Thräne, die ſie Marianen zu verbergen ſuchte. Dieſe ſah ſie mit einem gutmuͤthig ſpotten⸗ den, hoͤchſt reizenden Lächeln an. „Wiſſen Sie,“ fragte ſie, „wie ich mir dieſe Schwaͤrmerei empfind⸗ ſamer Seelen erklaͤre? Sie heißt mir der Fanatis⸗ mus der Empfindelei, und ſie iſt auch mit den Er⸗ ſcheinungen jeder andern Art von Fanatismus ſo uͤbereinſtimmend als moͤglich. Je mehr der Fana⸗ tiker fuͤr ſeine Wolkengoͤttin thut und leidet, deſto theurer wird ſie ihm, und die Gewohnheit, ſie anzu⸗ beten, daucht ihm bald ſo Geſetz ſeiner hoͤheren Na⸗ tur zu ſein, daß er es fuͤr Schande halten wuͤrde, zu fuͤhlen und zu denken, wie andre geſunde, ver⸗ nuͤnftige Menſchen. Eben ſo geht es den Schwaͤr⸗ mern und den Schwärmerinnen in der Liebez die reine Geiſtigkeit, die vorgebliche Ewigkeit ihrer Ge⸗ fuhle, der goͤttlich ſeinſollende Urſprung derſelben, wird ihnen zum point d'honneur — aber — aber — — armes Kind, wenn Sie wuͤßten, wie irdiſch ſich der geiſtig geſchlungene Knoten gemeinhin loͤſet! — Die Natur, die fruͤher oder ſpater uͤber dieſe Un⸗ natur ſiegt, bewirkt, daß dieſer Kothurn doch nur fuͤr den Zweck, den ſie der Liebe gab, wuchert. Iſt dieſer erreicht, ſo wird aus der tragiſchen Epopoe eine burleske Poſſe, und es iſt daher ſehr rathſam, die Stelzen gleich Anfangs wegzuwerfen. Es gab vielleicht einſt eine Zeit, wo die Liebe ſich in dieſer Geſtalt zeigen mußte, wo das ſchalkhafte Kind zum Götterjungling herangereift zu ſein ſchien — das war aber am Ende doch nur ein poetiſcher Traum; wir ſind erwacht, und dieſe alte Zeit wird nie wie⸗ der neu werden. Die hoͤhere Bildung, die gereifte Vernunft unſter Zeiten, hat aus der einfoͤrmigſten, uͤbellaunigſten Leidenſchaft eine allerliebſte, luſtige Thorheit gemacht, und unſte Schuld allein iſt es, wenn ihr heitrer Schein uns zum Frrlicht wird.“ Natalie ſchauderte vor der Frechheit dieſer Aeu⸗ ßerungen zuruͤck, und wandte ſich dann zu N., den ſie ſchon vor der perſoͤnlichen Bekanntſchaft als ſen⸗ timentalen, fuͤr die uneigennuͤtzigſte Tugend, fuͤr Liebe, Wahrheit und einfachen Lebensgenuß begei⸗ ſterten Dichter geliebt und geſchaͤtzt hatte. Aber mit — 111 — unbeſchreiblichem Erſtaunen lernte ſie jetzt in ihm einen praktiſchen Epikuraͤer und den gefaͤlligſten Ver⸗ fechter jeder eignen und fremden Schwäche kennen. Als er ſie einſt bei einem Beſuche allein zu Hauſe traf, fand er ſie leſend, und als ſie den Kopf, bei dem Geraͤuſch ſeines Eintrittes wandte, ſah er in ihren Augen noch die Thraͤnen der ſchoͤnen Ruͤh⸗ rung, mit der ſie gerade einen Aufſatz von ihm uͤber die wahre Schoͤnheit geleſen hatte. Erroͤthend legte ſie das Buch weg; doch verſtimmter als je fur den geiſtreichen, galanten Ton ſeiner Unterhal⸗ tung, der ihr heute wehe that, zeigte ſie ihm, was ſie geleſen hatte, und fragte ihn offen und traulich, wie er dieſen Widerſpruch ſeines innern und aͤußern Lebens in ſich dulden koͤnne? „Es waͤre ſchlimm,“ antwortete er ihr, „wenn die Poeſie mich dem wirklichen Leben entfremdete, und ich von ihren bunten Schmetterlingsfluͤgeln die Kraft fordern wollte, mich durch die Welt zu tragen.“ „Alſo,“ fragte Natalie beſtuͤrzt, „gilt Ihnen dieſe Begeiſterung fuͤr Schoͤnheit und Wahrheit, dies Suchen und Ergreifen des Unwandelbaren im wandelbaren Leben fuͤr nichts mehr, als fuͤr ein leeres Spiel der Phantaſie ohne alle Realität?“ — 112 — „Wahrlich,“ ſagte er nach einigem Schweigen, „wenn ich nicht ſo feſt uͤberzeugt wäre, daß jede Täu⸗ ſchung uͤber dieſen Punkt ſich unausbleiblich ſelbſt zer⸗ ſtört, und dann viel ſchmerzlicher, als es die warnende Stimme des Freundes zu thun vermag; wenn ich es nicht fuͤr bedeutenden Gewinn hielte, die Welt und Menſchen, ſo fruͤh als moͤglich, in ihrer wah⸗ ren Geſtalt kennen zu lernen: ſo wuͤrde ich es mir zum Vorwurf machen, den Zauber zu zerſtoͤren, den Ihre holde Phantaſie dem Leben leiht. Ach, meine Freundin,“ fuhr er inniger fort, „es iſt noch keinem Menſchen vergoͤnnt worden, an dieſe Traume zu glauben, bis das Grab ihn vom Lande der Traͤume ſcheidet. Fruͤher oder ſpaͤter tritt die Wirk⸗ lichkeit in ihrem abſchreckenden Ernſt vor uns, und zeigt uns die geträumten Ideale als Goͤtzenbilder, bei deren abenteuerlicher Geſtalt der reifere Menſch nur weilen kann, wie bei dem Schaukelpferde und der Puppe, die ihn in der fruͤheren Kindheit ergöt⸗ ten. Auch Ihre Stimmung, Ihre Reinheit, Ihre Schwaͤrmerei werden Ihnen, liebe Natalie, nicht bleiben, wie ſie noch Keinem geblieben ſind, der, mit ihnen ausgeruͤſtet, in die Welt trat. Dieſe Tugenden ſind liebliche Chimären, Erzeugniſſe des — 113 — heißen jugendlichen Herzens, die, wie jede andre Bluͤthe, mit der Jugend verſchwinden wuͤrden, wenn auch keine Erfahrung und Einwirkung von außen ſie zerſtörte. Der ältere Menſch wird kuͤhler, be⸗ ſonnener — ſeine Pulſe klopfen milder, ſeine Phan⸗ taſie malt blaſſer, und ihm bleibt von ſeiner Ju⸗ gendſchwärmerei nur eine ſuͤße — oft aber auch ſehr bittre — Erinnerung, und zuweilen der ſtille Seufzer, daß ſie nicht dauern konnte. Weh alſo dem, der ſein ganzes Leben an dieſe Traͤume ver⸗ gaukelt! — Nie konnen ſie daurendes Gluͤck ge⸗ waͤhren und das Beduͤrfniß des Gluͤckes wird mit jedem Jahre ſtärker und leidenſchaftlicher im Men⸗ ſchen. — Bei Ihrer jetzigen Sinnesweiſe koönnen Sie, liebe Natalie, nicht der Gefahr entgehen, irgend einmal, von allen Ihren Schwaͤrmereien ver⸗ laſſen, dazuſtehen, ohne alle Mittel, ſich wieder mit dem Leben und Ihrer Erkenntniß der Wirklichkeit zu verſoͤhnen. Jetzt ſcheint es Ihnen leicht und groß, ohne alle Anſpruͤche auf Lebensgenuß nur fuͤr kalte Pflichten und fremdes Gluͤck zu leben — aber es wird eine Zeit kommen, Natalie, wo Sie Ihre Rechte und Forderungen an Gluͤck und Genuß tief, tief fuͤhlen werden; wo von dem ganzen Sy⸗ — u — ſtem Ihrer jetzigen Gefuͤhle, die Sie zum Theil fur Grundſätze halten, nichts in Ihnen zuruͤck blei⸗ ben wird, als die ſchmerzliche Reue, ſo viele Vor⸗ zuge, ſo viele Geiſteskräfte, die Sie zu einem hei⸗ tern frohen Genuß des Lebens empfingen, fur dieſen Zweck unbenutzt gelaſſen zu haben. Sie koͤnnen in dieſem Augenblick ſo wenig die Denkungsweiſe eines ſpaͤtern Jahrzehends verbuͤrgen, als der Traͤumer ſeinen Zuſtand nach dem Erwachen.“ „Sie glauben alſo nicht,“ unterbrach ihn Nata⸗ lie, „daß in der moraliſchen Natur des Menſchen eine Hinweiſung auf ein Gebot der Pflicht liegt, das, wie mich duͤnkt, allein dem kleinen Leben Werth zu geben vermag? Das Paradies meiner Jugendtraume, in deſſen Beſitz Sie mich noch glau⸗ ben, iſt ſchon hinter mir verſunken — aber eben das erſcheint mir als das finſterſte, hoffnungsloſeſte Ge⸗ ſchick, was Sie mir als Lebensweisheit preiſen. Gibt es in und außer uns nichts Hoͤheres, als die Freudenblumen irdiſchen Genuſſes: ſo haben wir wahrlich fuͤr den Gaumen und den Hunger eines Halbgottes nur Thierweide und Thierſpeiſe erhalten.“ „Gibt es denn eine Geiſteskraft,“ fragte er, „deren Zweck nicht durch die Ausbildung und Ver⸗ — 115 — ſchoͤnerung des Genuſſes dieſes Lebens erreicht wird? — Wie hoch ſtanden nicht die Griechen in Luſt und Schmerz, deren geiſtiger Geſichtskreis ſich doch auf dies Leben beſchraͤnkte, und deren Tugend, deren Freude, von der Erde ausging und zu ihr zuruͤck⸗ kehrte, wie jene Baͤume, deren Gipfel ſich herab⸗ ſenken, um zu neuen Wurzeln zu werden. Die Sentimentalitäͤt der Neueren, ihr Hinuͤberſpielen dieſes Lebens in ein Reich der Ideen und der Träume iſt eine Frucht der Entbehrung und der Sehnſucht. — Der gluͤckliche Grieche, der das Leben wirklich genoß und zu genießen verſtand, konnte ſie daher nicht haben. Die Natur gab uns Geiſt und Blut; all das Dunkle unſrer Organiſation, was wir ſo gern in ſeiner Unergruͤndlichkeit heilig nen⸗ nen, ſind Aufwallungen des letztern, farbige Seifen⸗ blaſen des erſtern, und die ſchoͤne moraliſche Welt, in der man, ſo lange man jung iſt, Anlage hat, den Don Quipote zu ſpielen, verſchwindet wie ein Nebelgebild in farb⸗ und geſtaltloſen Duft, wenn uns die reifende Vernunft durch das Glas der Er⸗ fahrung die Dinge zeigt, wie ſie ſind, und in der Wirklichkeit ſein ſollen. Genießen Sie immerhin Ihrer jetzigen Traͤume als einer Jugendbluͤthe; nur — 1 — vergeſſen Sie nicht Schiller's eben ſo ſchoͤnes als ge⸗ haltvolles Wort: Was man von der Minute ausgeſchlagen Gibt keine Ewigkeit zurück.“ Natalie bebte, und lange rang ſie mit Ernſt gegen den Einfluß dieſer Menſchen auf ſich; aber der Schein des Lächerlichen, den man auf ihre Ver⸗ theidigung jedes edlern Zweckes unſers Daſeins warf, machte ſie ſtumm, und ach! dieſe Menſchen waren gluͤcklich und ihr Gluͤck ſchien die Richtigkeit ihrer Anſichten zu verbuͤrgen. Ermattet vom vorherge⸗ henden Kampfe, ließ ſie endlich das Gift dieſer Sophiſtereien unbeachtet in ſich fortwirken. Sie faßte das Leben und das Treiben der ſie umgeben⸗ den Menſchenmenge ſchaͤrfer in's Auge, und ihr Blick, der bis jetzt die äͤußern Erſcheinungen wenig beach⸗ tet und nur in der Tiefe eigner Selbſtbeſchauung geweilt hatte, lenkte ſich jetzt auf jene hin. Sie ſah nun, wie die Feinheit und Sentimentalität, die aͤſthetiſche Cultur, worauf die, die ſie beſaßen, ſo eitel waren, und die ſie ſelbſt bis jetzt fuͤr die zar⸗ teſte Bluͤthe geiſtiger Bildung geachtet hatte, ohne innern Gehalt nie in das Gemuͤth drang, ſondern nur auf der leichten Oberflaͤche des Lebens und des — 117 — Charakters weilte. Ihr ernſtgeſtimmter Geiſt be⸗ merkte mit tiefem Unmuth, wie die Wahrheit ſelbſt zum Vorurtheil herabgewuͤrdigt wurde, weil man in ihr nur den Wiederſchein eigner kleiner Perſoͤnlichkeit liebte und vertheidigte. Sie ſah, wie man ſich ein⸗ ander haͤßliche Gebrechen unter ſchoͤnen Namen als Tugenden anrechnete; ſie ſah das allgemeine Streben nach Glanz und Schein; die knechtiſche Herabwuͤr⸗ digung des Verdienſtes vor den Reichen und Maͤch⸗ tigen; das leidenſchaftliche Jagen nach Geld, als dem Kaufpreis alles Wuͤrdigen, und ihr Gefuͤhl da⸗ bei war finſtrer, bittrer, verachtender Unmuth. Aber tiefer noch, als dieſe Unwuͤrdigkeit der Schlechten und Mittelmäßigen verwundete und ſchmerzte ſie die Verkehrtheit der Beſſeren, die genug zu haben und zu thun wäͤhnten, an einer Speculation des Ge⸗ dankens, die nie in das thätige Leben eingriff, und bei dieſem leeren Ideenſpiel zufrieden waren, wenn ſie ſich und Andern ihre allmaͤhlige Abkuͤhlung gegen das hoͤhere Intereſſe der Menſchheit, fuͤr Ruhe und Reife, ihre Kälte fur verſtäͤndige Beſonnenheit, und ihren Mangel an Begeiſterung fuͤr Klarheit anrech⸗ nen konnten. Sie ſturzte ſich jetzt in's Gewuͤhl der Welt und — 118 — der Menſchen, um nach einem Anklang zu horchen, der ſie Befriedigung fuͤr die immer wieder neu er⸗ wachende Sehnſucht ihrer Seele hoffen laſſen könnte — vergeblich! — Immer mehr verarmend an jeder ſchoͤneren Hoffnung, gereizt durch Beiſpiel, betäubt durch die Sophiſtereien eines eben ſo falſchen als blendenden Raiſonnements, hingeriſſen von dem Schimmer eines ſchuldloſen, frohlichen Leichtſinnes, der nichts Höheres wollte, als angenehm tändeln, gab ſie ſich nach und nach einem rauſchenden, eitlen Leben hin, im Wahn, dies, ſobald ſie wolle, wieder von ſich weiſen zu koͤnnen, wie ſie es jetzt ſich an⸗ eigne. Das geſellige Leben wurde nun ein glänzen⸗ der Schauplatz fuͤr ihre geiſtigen Kräfte, und ſie bildete es zum reizenden Kunſtwerk aus. Was Geiſt, Feinheit, Grazie und Talente Liebliches und Anmu⸗ thiges im fluͤchtigen Voruͤbergleiten des Lebens dar⸗ zuſtellen vermoͤgen, ſtellte ſie in ſich dar, und em⸗ pfand den Schmerz, daß es Allen, die in ihren Kreis traten, fuͤr das Hoͤchſte galt, was ein Weib in ſich darzuſtellen vermöge. Ihr ſelbſt konnte es dies aber nie werden, weil ſie, da ihr Gemuͤth eine Tiefe hatte, die dies Leben nicht zu fuͤllen, das Gefuhl höherer Beduͤrfniſſe nicht zu erſticken vermochte. — 119 — Natalie, und mit ihr jede edlere weibliche Seele, kann wohl als Figurantin in dem bunten Gewuͤhl des eitlen Weltlebens auftreten, und deſſen fluchtige Erſcheinungen an ſich voruͤbergleiten laſſen — aber ſich ihm hingeben und eine Rolle darin uͤbernehmen, kann ſie nicht, ohne jene ſchoͤne Kindlichkeit einzu⸗ buͤßen, die, wie die Unſchuld, nur einmal verloren wird. Nur aus dem Herzen des Weibes keimt ſein wahres Leben froͤhlich und fromm hervor, wie die Pflanze durch Sonnenſchein und Luft ſich aus dem Keime entfaltet; wo es aber aus Eitelkeit und Weltfrende, oder auch aus dem Geiſt, aus Rai⸗ ſonnement und Wiſſenſchaft aufgehen ſoll, wird es ein Product aus dem Treibhauſe der Unnatur. Auch an Natalie rächte ſich der Irrthum, mit ihrer neuen Lebensweiſe gefahrlos ſpielen zu können. Sie fuhlte ſelbſt, wie viel Gekuͤnſteltes und Falſches ſich ihr wie Kletten anheftete, und was von Andern als die feinſte Bluͤthe ihres Geiſtes und ihrer Lie⸗ benswuͤrdigkeit geprieſen wurde, machte ſie mit ſich ſelbſt immer uneiniger. Sie hatte nicht den fröh⸗ lichen Leichtſinn, mit dem manches weibliche Weſen eben ſo gedankenlos als heiter durch's Leben geht, und wo ſie ihn erkuͤnſtelte, blieb ihr immer das — 120 — Gefühl, daß ſie etwas treibe, wovon ihr Gemuͤth unmuthig ſich abwende. Je lauter es um ſie, je groͤßer und glänzender der Kreis ihrer Bewunderer ward, dem ſie Tonangeberin, Freudenſpenderin hieß: deſto finſtrer wurde es in ihr, und deſto truber die geheime Wehmuth, mit der ſie dem, was ſie einſt geweſen zu ſein fuͤhlte, nachblickte. So verſtrichen zwei Jahre. Rudolph war ſchon ſeit achtzehn Monaten Gabrielens Gatte, und jetzt wurde ſein Bruder der Verlobte einer nahen Verwandtin Nataliens, und dieſe mit ihren Eltern zur Hochzeit deſſelben nach der Stadt geladen, die ſie ſeit ihrem Aufenthalt auf dem Lande noch nicht wieder beſucht hatte. Rudolph hatte ſich nach ihrer Entfernung oft unedel uber ſie geaͤußert, und auch jetzt lag in dem Briefe, worin er ſie als ernannter Marſchall bei der bruͤ⸗ derlichen Hochzeitsfeier zu derſelben einlud, unter dem Schein der ehrerbietigſten Höflichkeit ein leiſer tri⸗ umphirender Spott, der es verrieth, wie er ſie noch nicht faͤhig halte, die an ſeinen Anblick gebundenen Erinnerungen ohne tiefe, ſchmerzliche Erſchutterung zu ertragen. Natalie war entſchloſſen, die Eitelkeit dieſes Menſchen, der mit ihrem Herzen ein ſo grau⸗ — 121 — ſames Spiel getrieben hatte, zu demuͤthigen. Ihr Haß, ihr Unwille konnten ihm ſchmeicheln, wie er es unmuthig empfinden mußte, wenn ſie ihn uͤber⸗ ſah, oder ganz unbefangen ſich gegen ihn zeigte, und wiſſentlich und vorſätzlich bot ſie Alles auf, ihre Er⸗ ſcheinung in S ſo reizend und glanzend als moͤglich zu machen. O, Natalie, was war aus der ſchoͤnen from⸗ men Einfalt, aus der Demuth geworden, mit der du ehemals deine Tugenden verhuͤllteſt, und um dei⸗ nen eignen Reiz nicht wußteſt! Ach, du hatteſt nicht allein gelitten, du warſt auch geſunken! Die ehemals ſo ſtille, ſchimmerloſe, veilchenähn⸗ liche Natalie trat jetzt im Zirkel ihrer alten, ſtaͤdti⸗ ſchen Bekannten als feine gebildete Weltdame, und in der reizenden, faſt uͤppigen Bluͤthe jugendlicher Friſche und Geſundheit auf. Sie zog durch die Neuheit ihrer Erſcheinung und durch die geſchmack⸗ volle Pracht ihres Anzuges alle Augen auf ſich, und ihr Geiſt, ihr Witz, ihr zur höchſten Feinheit ausge⸗ bildeter Converſationston boten ihr, vereint mit der Grazie ihres Benehmens, unerſchopfliche Huͤlfsmittel dar, zu feſſeln, was ſie einmal angezogen hatte. Am Tage ihrer Ankunft ſchon trafen ſie Rudoph Tarnow's Schriften. III. 6 — 122 — mit ſeiner Frau in einer Geſellſchaft an. Er naͤ⸗ herte ſich ihr, ſie zu bewillkommen; als ſie ihm aber ſo ſtolz, ſo leicht und unbefangen, ohne die leiſeſte Spur von Verlegenheit und Zwang entgegentrat, fuͤhlte er ſich unerwartet gedemuͤthigt. Bald indeß nahm er ſich zuſammen, wollte vor ihr durch ſeinen Witz und Humor glänzen, und ſie das alte Ueber⸗ gewicht wieder füͤhlen laſſen; ſie begegnete ihm aber ſo gewandt, wußte den Gang des Geſpräͤchs ſo ganz in ihrer Gewalt zu behalten, daß ſie auch in dieſem Wortgefecht und Witzſpiel als Siegerin erſchien. Mit einer ihrer ganz unwuͤrdigen Kunſt ſchien ſie ihn dann ferner gar nicht zu beachten, und wußte doch unvermerkt in ſeiner Nahe, und wo ſie ſich von ihm bemerkt fuhlte, von neuen Seiten zu glän⸗ zen. Täglich fuͤhlte er ſich durch ſie von einem neuen Zauber umſtrickt, deſſen Macht die Huldi⸗ gung, die man ihr allgemein darbrachte, verſtärkte. Und von ihr, die ehemals nur fuͤr ihn lebte, und voll anbetender Ehrfurcht zu ihm aufſah, fuͤhlte er ſich jetzt ganz unbeachtet uͤberſehen, wo er ihr nicht vorſaͤtzlich in den Weg trat, und dann aufgenom⸗ men, wie jeder andere gleichgultige Bekannte. Seine tief verletzte Eitelkeit brachte ihn zu dem Gefuhl, — 123 — welches fruͤher Nataliens gebrochenes Herz, ihre zahl⸗ loſen Thraͤnen, ihr unermeßlicher Schmerz, ihre un⸗ endliche Liebe nicht in ihm zu wecken vermocht hat⸗ ten: zur Reue uͤber die Vergangenheit. Jeden Morgen ſah er ſie von Neuem mit der Hoffnung, in einem von ihr unbewachten Augenblick zu ent⸗ decken: ihre Gleichguͤltigkeit gegen ihn ſei nur Maske; aber jeden Abend ſchied er betrogen in dieſer Erwar⸗ tung; Natalie war nicht ſo ganz geheilt, als ſie fruͤ⸗ her es zu ſein gewaͤhnt hatte, die Wunde war ge⸗ ſchloſſen; aber ſein Anblick und das häͤufige Zuſam⸗ menſein mit ihm, dem noch immer ſo liebenswuͤrdi⸗ gen und verfuͤhreriſchen Manne, machten ihr auf's Neue die Narbe fuͤhlbar, und ihre einſamen Augen⸗ blicke waren nicht ſo friedlich und heiter, wie ſie ſelbſt es in Geſellſchaften zu ſein ſchien. Was ihr Kraft gab, ihre Rolle durchzufuͤhren, war Gabrielens bleiche, verweinte Geſtalt. Natalie hatte ihr laͤngſt vergeben, und ſie war dieſer Verzeihung wuͤrdiger als je. In dem Manne, den ſie aus Liebe gehei⸗ rathet hatte, fand ſie den Tyrannen ſeines Hauſes. Mutter einer Tochter, der ſie Nataliens Namen ge⸗ geben hatte, ſuchte ſie ihre fruͤheren, jetzt von ihr ſo ſchmerzlich gebußten Verirrungen durch die treueſte 6 — 124 — Erfullung ihrer Mutterpflichten zu verguͤten. Es erſchuͤtterte Natalie namenlos ſchmerzlich, als Ga⸗ briele ſie bei einer großen Geſellſchaft in ihrem Hauſe nach der einſamen Kinderſtube fuͤhrte, und ihr dort die kleine Natalie in die Arme legte. Gewiſſe Saiten der weiblichen Empfindung ſind ſo fein, daß ſie nur in den unſichtbarſten Schwin⸗ gungen anſprechen, ihre Bebung aber durch kein Wort ausgeſprochen werden darf. n Nataliens Augen wurden naß, als ſie das kleine holde Geſchoͤpf, das ſchmeichelnd ſeine Arme um ihren Nacken ſchlang, an ihr Herz druͤckte; ſchluch⸗ zend ſank Gabriele in ihre Arme — und in dieſer Umarmung ohne Worte fanden ſich zwei Herzen wieder, die beide eines ſchoͤneren Looſes wuͤrdig ge⸗ weſen waͤren. Gabrielens Ungluͤck ſchärfte Nataliens Verachtung gegen Rudolph auf's Bitterſte, und ſie hatte ihr Herz lieber zerdruckt, als ihn auch nur auf einen Moment errathen laſſen, daß das Gewicht der alten Ketten ſie noch zuweilen druͤcke. Wochen lang hatte ſie ja auch ſchon im Voraus auf ihre Rolle ſtudirt, und der ihr bis zu dieſem Zeitpunkt fremde Genuß der Kräfte, die ſie jetzt nuͤtzte, wurde ihr Entſchädigung fuͤr den Zwang, den ſie ſich auflegte. — 125 — Der Hochzeittag ſeines Bruders nahte. Am Pol⸗ terabende deſſelben erſchien ſie in einem dazu von ihr verfertigten Singſpiel reizender als je. Die theatraliſche prachtvolle Kleidung, die vortheilhafte Beleuchtung, ihr himmliſcher Geſang und das ſinn⸗ volle Spiel ihrer glaͤnzenden Rolle huͤllten ſie in einen Nimbus, der alle Augen blendete. Die ganze Verſammlung ſah nur ſie, und Alles, was ſie um⸗ gab, ſchien ſeine Stelle nur einzunehmen, um von ihr uͤberſtrahlt zu werden. Rudolph fuͤhlte mit bit⸗ term Unmuth, was er in ihr von ſich geſtoßen hatte, und als ſie am Schluß allein vortrat, und das Stuͤck mit einer Anrede an das Brautpaar ſchloß, ruhte ſein dunkler Blick leidenſchaftlicher gluͤhend, als in den ſchoͤnſten Tagen ihrer Vergan⸗ genheit, auf ihr. Unwillkuͤrlich fortgeriſſen wurde das Lob, das er ihr ſagen wollte, zu ſo leidenſchaftlichen Worten, daß es ſie berechtigte, ihre tiefe Verachtung ſeiner und den ſo lange bezwungenen Unmuth in den Blick zu legen, mit dem ſie ſich ſchweigend von ihm wandte. Sie ſah den Uebermuͤthigen wie vernichtet vor ſich ſtehen; ſie hatte ſich dieſen Triumph gewuͤnſcht, darnach geſtrebt; aber mit dem Augenblick ſeines — 126 — Genuſſes entfloh ihr der Genius ſchoͤner zarter Weib⸗ lichkeit, und ſie hoͤrte auf, beſſer zu ſein, als ihr Schickſal. ſ Natalie kehrte mit ihren Eltern zuruͤck, aber ihr verletztes Selbſtgefuͤhl, das Bewußtſein, unwuͤr⸗ dig gehandelt zu haben, verfolgten ſie; ſie haſchte, um es zu betaͤuben, immer eiftiger nach dem Genuß be⸗ friedigter Eitelkeit, und ihr fruͤheres Beruhen auf eignem Werth entfremdete ſich ihr ganz. In dem Zirkel von Hof⸗ und Weltleuten, worin ſie jetzt faſt ausſchließlich lebte, konnte ein Geſchlecht, das ſie in Rudolph verachten gelernt hatte, ihre Achtung nicht wieder gewinnen; ſie hielt ſich berechtigt, die Män⸗ ner zum Spiel ihres launenvollen Uebermuthes zu machen, und fuͤhlte nicht, daß ſie ſich ihnen zum Spiel hingab, weil der Beifall dieſes Geſchlechts ihr durch den Aufwand von Geiſt und Kunſt, den ſie es ſich koſten ließ, ihn zu erwerben, zum Hoͤch⸗ ſten ihres gehaltloſen Lebens geworden war. Ihre Eltern wuͤnſchten ſie verheirathet zu ſehen, und mehrere der angeſehenſten und rechtlichſten Maͤn⸗ ner warben um ihre Hand, die ſie Allen verſagte, voll des entſchiedenſten Widerwillens, ſich je ein Ver⸗ hältniß dieſer Art anzueignen. Unter der Schar — 127 — ihrer Anbeter zog Mancher ſie an; aber bis zum Herzen drang dieſer Eindruck nie. Alle beugten ſich unterwuͤrfig vor ihrem Geiſte, und huldigten der Herrſchaft, mit der ſie mehr eroberte und unterjochte, als einnahm und gefiel, und dieſe Unterwuͤrfigkeit, dies Eingehen in ihre Launen, und die Anſichten, die ſie zur Schau trug, ohne daß es wahrhaft ihre Anſichten waren, haßte ſie. In ihrer Seele lag die Ahnung eines Weſens, von dem ihr Gluͤck, Gene⸗ ſung, Troſt, Veredlung kommen koͤnne, deſſen Liebe die Verſtimmung ihres Innern in Einklang aufzu⸗ löſen vermoͤge. Sehr beſtimmt fuͤhlte ſie, dieſem Weſen noch nicht begegnet zu ſein; aber ſie hielt ſich auch nicht mehr der Hoffnung werth, es zu finden. Was konnte ſie einem ſolchen Weſen noch ſein und werden? — Zu edel einſt, um nicht ſelbſt ihre jetzige Unweiblichkeit zu fuͤhlen, die Genuß darin ſuchte und fand, nicht Einem, ſondern Allen zu gefallen, ſagte ſie es ſich ſelbſt, der Mann, den ſie ihrer Liebe wuͤrdig faͤnde, konne nur noch mitleidig in ihr auf die Spuren deſſen herabblicken, was ſie ehemals war⸗ WVon allen ihren maͤnnlichen Bekanntſchaften wurde auch nur eine zur bleibenden Erſcheinung ih⸗ res Lebens, und zugleich Beweis, wie zart ſie, trotz — 128 — der eignen Verſtimmung, jede Bluͤthe einer fremden ſchoͤnen Individualität ehrte. Der Prediger ihres Dorfes hatte einen juͤngeren Bruder, Auguſt, dem die Natur zu einem heißen ſchwarmeriſchen Herzen das Gegengewicht eines tiefdenkenden Geiſtes, und ein ſeltnes Gleichgewicht zarter reiner Empfindung und der Anlage zu ernſter Charakterfeſtigkeit ſchenkte. In laͤndlicher Stille und Einſamkeit von ſeinem Vater erzogen, trat er jetzt in ſeinem achtzehnten Jahr in eine ihm nur aus ſeinen Buͤchern bekannte Welt. Er ſollte, ehe et die Akademie bezog, noch einige Monate bei ſeinem Bruder zubringen, um von deſſen Einſichten ſeine geſammelten Kenntniſſe ordnen, und ſich zur Benutzung der neuen Quellen des Wiſſens, die ihm binnen Kurzem geoͤffnet wer⸗ den ſollten, Anleitung geben zu laſſen. Hier lernte er Natalie kennen. Dem mit Dichterideen vertrau⸗ ten Juͤngling, der von ihrem Geſchlecht nichts, als einige ungebildete Prediger- und Pachtertoͤchter kannte, erſchien ſie wie ein hoͤheres, durchaus idealiſches We⸗ ſen. Ihr Stand und der Luxus ihrer Umgebungen vergroßerten noch die Scheidewand zwiſchen ihnen, und ſicherten ihn vor jedem gefaͤhrlichen Eindruck. Natalie fand ihn bald in ſeinen Kenntniſſen und ſei⸗ — 129 — ner rein poetiſchen Natur auf, und zeichnete ihn durch freundliche Guͤte aus. Der Prediger, der ſie ſehr ſchätzte, bat fuͤr Auguſt um die Erlaubniß, ihr elterliches Haus oft beſuchen zu duͤrfen, damit er kuͤnftig nicht ganz als Neuling in das geſellige Le⸗ ben eintrete, und Auguſt fand nun Gelegenheit, Natalie faſt täglich zu ſehen, und das nicht blos im groͤßern Zirkel, wo ſie nur blendete und ihm im⸗ mer fremd geblieben ſein wuͤrde, ſondern auch im Familienkreiſe, und mitunter auf ihrem einſamen Zimmer. Sie ließ ſich oft von ihm vorleſen, und knuͤpfte an das Geleſene Geſpraͤche, in denen ſie ihm mit der zarteſten Achtung fuͤr ſeine poetiſche Anſicht des Lebens, die ſie an dem friſchen, jugend⸗ lichen Gemuͤth liebte und ehrte, den Schatz ihrer Welt⸗ und Menſchenkenntniß oͤffnete, und mit Ver⸗ huͤliung ihrer duͤſtern Anſichten und bittern Erfah⸗ rungen ihn nur darauf hinwies, poetiſche Menſchen von den beſten, Weichheit von Zartheit des Gefuͤhls, Spannung der Leidenſchaft von Kraft und Energie unterſcheiden zu lernen. Die innere Beſtimmung des Menſchen, den hohen Werth des Selbſts, die Kleinlichkeit des Ichs zeigte ſie ihm aus den man⸗ nigfaltigſten Geſichtspunkten als das hoͤchſte Kleinod — 130 — aller Speculation des Gedankens, aller Bildung, und benutzte die rege Empfaͤnglichkeit des Juͤnglings fuͤr die Lehren eines reizenden, weiblichen Weſens, um ſeine Begeiſterung fuͤr Liebe, Wahrheit und Pflicht zu laͤutern und zu nähren. Es that ihr un⸗ beſchreiblich wohl, Wahrheiten, deren Läugnen ſie nur im Begriffe mit ſich herumtrug, ohne daß ihr innerſtes Gefuhl ihnen je untreu wurde, das Wort zu reden, und ſie gewann den Juͤngling in dieſer Sorge fuͤr ſeine Bildung ſchweſterlich lieb, und freute ſich der Unbefangenheit, mit der ſie ihm das zeigen durfte. Eliſe war in der langen Entfernung dem Her⸗ zen ihrer Schweſter nicht fremd geworden. Natalie beſuchte ſie jaͤhrlich, und hing mit muͤtterlicher Sorge und Liebe an dem Wunſch, ſie vor den Abwegen zu bewahren, auf denen ſie ſelbſt verirrt war, und ſie ganz fur einfaches haͤusliches Gluͤck zu bilden. Zufällig erwähnte ſie ihrer einige Male mit großer Innigkeit im Geſpraͤch mit Auguſt, und dieſer, den die zaͤrtliche Ehrfurcht, die Begeiſterung, mit der er an Natalie hing, in einen ihm bisher fremden Rapport mit dem ganzen Geſchlecht geſetzt hatte, faßte Eliſens von ihr entworfenes Bild mit einer Waͤrme auf, die — 131 — in Natalien zuerſt den Gebanken an die Moͤglichkeit einer kuͤnftigen Verbindung Beider weckte, mit dem ſie, je oͤfter er ſich ihr darſtellte, deſto vertrauter ward. Vorſätzlich heftete ſie jetzt die Phantaſie des Juͤnglings auf Eliſens Bild, und fuͤhrte ſie auch ſeinem Herzen naͤher, indem ſie ihm einige ihrer Briefe leſen ließ, in denen das Herz eines Engels und die Kindlichkeit der fuͤßeſten Unſchuld ſich aus⸗ ſprach. Nataliens Schweſter hätte ihn immer inter⸗ eſſirt, aber die Schreiberin dieſer Briefe wuͤrde er geliebt haben, wäre ihm auch ihr Name unbekannt geblieben. Natalie freute ſich dieſes ſichtlichen Ein⸗ drucks, und ſorgte jetzt mit der vollen Unbefangenheit und Freimuͤthigkeit einer Schweſter fuͤr ihn. Sie verſchaffte ihm, als er zur Univerſitaͤt abging, Em⸗ pfehlungen an mehrere der angeſehenſten Haͤuſer, und an einige der geſchaͤtzteſten Profeſſoren, und man war es zu gewohnt, ſie mit Rath und That wirken zu ſehen, wo ſie nuͤtzen konnte, als daß man dieſe Theilnahme befremdend gefunden und ſie miß⸗ verſtanden haben ſollte. Auguſt fand daher durch ihre Vermittlung Zutritt in die gebildetſten Zirkel ſeines neuen Aufenthalts, und Nataliens Andenken und Eliſens Bild gingen mit ihm als Schutzengel — 132 — durch Jahre, die nur zu oft des Juͤnglings Werth und Gluͤck zerſtoͤren. Er ſchrieb Natalien oft, und die Rechenſchaft ſeines Lebens und des Fortgangs ſeiner Bildung, die er in dieſen Briefen niederlegte, erhielt ihm eine Grazie der Sittlichkeit und der Empfindung, die in dieſer Reinheit den meiſten Maͤnnern zur Fabel geworden iſt. Rhode kam jetzt nach mehrjähriger Entfernung in ſein Vaterland zuruͤck, und kaufte ſich in der Nähe von Nataliens Wohnort das ſchöne, roman⸗ tiſch gelegne Gut Nepernitz. Nataliens Bild hatte ihn auf ſeinen Wanderungen begleitet, und fuͤhrte ihn jetzt in ſeine Heimath zuruͤck, wo er ſie, wie ihm duͤnkte, reizender und liebenswuͤrdiger, als er ſie verlaſſen hatte, wiederfand. Auch Natalie ſah mit Vergnuͤgen den älteſten und treueſten Freund ihrer Jugend wieder; aber trotz der groͤßeren Gewandtheit und Politur, die dieſe Reiſe Rhoden gegeben hatte, ging die ſtille, herzliche Liebe, zu der ſich ſeine Nei⸗ gung fur ſie ausbildete, in ihrer einfachen Wahrheit fuͤr Natalie verloren, die es zu gewohnt war, das haͤusliche Leben und die Ehe mit dem haͤßlichen Zu⸗ ſatz von geiſtloſen Umgebungen und gänzlichem Man⸗ gel an ſchoner Natur und Poeſie, in der langweili⸗ — 133 — gen Einfoͤrmigkeit zu ſehen, die leider nur zu oft das reinſte und ſchoͤnſte aller Erdenverhaͤltniſſe ent⸗ ſtellt. Wie tief ſie uͤberhaupt verletzt war, wie ſchmerz⸗ lich ſie die Disharmonie ihrer Lebensweiſe und ihres Gemuͤthes, ihrer Anſichten und ihrer Empfindungen fuͤhlte, und welche ſtille, hoffnungsloſe Sehnſucht an der Bluͤthe ihres Lebens nagte, mag uns ein Blatt aus ihrem Tagebuche enthuͤllen, das ſie am Morgen ihres zwanzigſten Geburtstages ſchrieb. Den 17. December. „So ſind denn alſo ſchon zwanzig meiner Le⸗ bensjahre entflohen! — Die erſte ſchoͤne Jugend, die Bluͤthe des Lebens iſt mit ihnen dahin — ach! hat denn dieſe Bluͤthe mir geduftet? Fallen ihre Bläͤtter jetzt nur, damit die Frucht ſich entwickle und reife? Nein, ungenoſſen entflieht ſie, und nie kehrt ſie wieder!“ „Ohne Wunſch, ohne Hoffnung, ohne Sehn⸗ ſucht, verarmt an Glauben und Liebe trete ich in dies neue Lebensjahr ein. Mein Inneres liegt in Ruinen, uͤber denen der finſtrer Lebensbeſchau⸗ ung ſchwebt.“ „O wie kann der Nanſch ſo mit Bewußtſein, — 134 — ſo bei vollem, phyſiſchem Leben ſich ſelbſt geiſtig ſo abſterben! Woran ſoll ich in mir das Weſen wie⸗ der erkennen, das ich vor ſechs bis ſieben Jahren war? Ein widriges Gift nagt an meinem Geiſte, ich fuͤhle, wie es meinem Herzen, dem Mittelpunkt des Lebens, näher und naͤher ſchleicht; aber mir fehlt mit der Kraft der Wille, ſeinen Sitz aufzuſpuͤren, und das Gegenmittel, ihm zu begegnen.“ „Nichts gleicht dem Schmerz, mit dem wir in der Natur einſam und geſpenſterartig umherwandeln, wenn wir den Glauben an die Seele derſelben ver⸗ loren haben, und ſie uns nun nichts mehr iſt, als ein zweckloſes Maſchinenweſen, ein Kreislauf, der nur Leben ſchafft, damit der Tod zu wuͤrgen habe. Was iſt die Harmonie des Weltalls ohne einen Hö⸗ rer? — Und wenn ſie dieſes Hoͤrers bedarf, um Seele und Bedeutung zu erhalten, ach, dann ſind ja dieſe wieder nur von ihm entlehnt? — Ich habe ihr nichts mehr zu geben, was mir aus ihrem Spie⸗ gel zuruͤckzuſtrahlen vermoͤchte, und ſo iſt ſie fuͤr mich nur ein todtes Farben⸗ und Sinnenſpiel, aus dem mich kein heiliger Geiſt der Liebe mehr an⸗ redet. Ich fuͤhle mich von ihr geſtoßen, von ihr geriſſen, und darf nirgends, nirgends fragen, warum — 135 — ich es bin? — Wer kann, wer mag mit einer blin⸗ den, willenloſen Nothwendigkeit rechten?“ „Aber wenn neben meinem jetzigen Verſtum⸗ men die Erinnerung der Zeit vor mich tritt, wo ſie mir Hieroglyphe des ſeligſten, vertrauungsvollſten Glaubens war, dann moͤchte ich Fluͤgel nehmen, und von Himmel zu Himmel, von Orionen zu Orionen fliegen und ſuchen, Dem ich klagen koͤnnte, klagen durfte, moͤchte niederſinken und ſtammeln: Vater, hier bin ich! verſtoße mich nicht wieder!“ „Doch ſie ſind zerſchnitten die Bande, die mich an dieſen Glauben knuͤpften, das verräͤtheriſche Spiel der Kraͤfte iſt in mir geweckt, und kein Machtſpruch meines Willens vermag es mehr zu enden.“ „Daß der Menſch beim Eintritt in dies Leben vom Schmerz empfangen wird, daß tauſend Leiden ihn umringen, daß der Tod ſeinem Herzen Wunden ſchlagt, die unvernarbt bluten, bis er ſie ſchließt, ſollte mich nicht an der unſichtbaren Hand irre ma⸗ chen, die unſer Schickſal leitet. Aber der Zweifel, vor dem der Glaube erſtarrt, die Farbe des Lebens ſchwindet, und die ganze große Natur nur ein Ab⸗ grund wird, in dem alles Daſein zwecklos unter⸗ geht, iſt der, daß der Menſch elend iſt, elend wird — — durch ſein Sehnen nach Tugend und Liebe, daß beide ihm nie erſcheinen, die edelſten Wuͤnſche ſeiner Seele unbefriedigt, ſeine edelſten Anlagen unentwi⸗ ckelt bleiben, daß er, um das einzige ihm erreichbare Gluͤck zu erreichen, nichts als Thier ſein und blei⸗ ben muß.“ „Wahrheit, Tugend, Liebe — ein heiliger Traum von eurer himmliſchen Dreieinigkeit war einſt in meinem Herzen — ihr waret das Ziel, deſſen Er⸗ reichung ich jede Kraft meines Geiſtes, meiner Seele weihte, wie Geiſterſonnen erhelltet ihr mir den Pfad; aber da ſtiegen die Nebel des Lebens vor mir auf, und ſie zogen ſich ſchwaͤrzer und ſchwaͤrzer zwiſchen euch und mich, bis ihr, verdunkelt und verſchwunden, mir zu truͤgeriſchen, phantaſtiſchen — des eignen Herzens wurdet.“ „Wahrheit! Deine Göoͤttlichkeit ſchwand mit dem entſchleierten Wahn, der mir fuͤr dich gegolten hatte. Was unſchuldig und einfaltig in meiner Seele ruhte, ward durch die Weiſen und Philoſo⸗ phen unſerer Zeit frech an's Licht gezogen, und von allem Wahn geſichtet und geläutert, bis ihm die Seele entflah, und nur ein todtes Wiſſen zuruck⸗ — 137 — blieb, das keines der Beduͤrfniſſe meines Herzens zu befriedigen vermochte.“ „Da wollte ich dieſen Weg verlaſſen, und zu meinem Gefuͤhle zuruͤckkehren. Wo und wie aber ſeine Wahrnehmungen von den Taͤuſchungen der Phantaſie ſondern? — Wahrheit des Gefuͤhls war es, als fruͤher meine Seele die Welt in der ſchoͤnen Verklärung der Liebe, des Glaubens und der Hoff⸗ nung ſah. Wahrheit des Gefuͤhls war es, als es ſpäter wie ein höhniſcher, ſpottender, verachtlicher Traum vor mir lag. Beide Anſichten gingen aus demſelben Herzen, demſelben Gemuͤth hervor, welche Anſicht iſt nun die wahre? Wie kann ich einer Welt trauen, deren Anſicht von dem Wiederſchein einer ihr ganz ungleichartigen abhaͤngt? Wie kann das Gefuͤhl, von dem beide Anſichten ausgingen, zwiſchen ihnen uͤber Richtigkeit und Wahrheit ent⸗ ſcheiden? „Ach! keine Ruͤckkehr in's Paradies des Glau⸗ bens iſt moͤglich, wenn der Engel der Erkenntniß mit ſeinem feurigen Schwerte den — ver⸗ bietet!“ „Tugend — auch das Streben ihr iſt — — 138 — vergeblich, und ſie ſelbſt ein Reſultat von Umſtän⸗ den, die der Menſch ſo wenig herbeizufuͤhren ver⸗ mag, als die Verhaͤltniſſe, die ihm ſein Eintritt in die Welt anweiſet. Die Welt um uns her iſt ihr zu feindlich, und das Leben weit entfernt, ſie zu dulden, zerſtört ſie unausbleiblich. Die Geſchichte zeigt uns an einigen Menſchen einzelne tugendhafte Fähigkeiten, einzelne große, edle Handlungen — aber nur ein ganzes großes Leben kann Tugend heißen, und dies lebte Keiner. Schwaͤche und Thorheit be⸗ maͤchtigten ſich des Menſchen bei ſeinem Eintritt in die Welt, und keiner, keiner, bleibt von ihnen un⸗ angefochten und ſelbſtſtäͤndig, rein und fleckenlos. Erſt zeigt ſich das Unwuͤrdige außer uns in tauſend mannigfachen Formen; es folgt uns auf jedem un⸗ ſerer Tritte, und das oft in ſo verdachtloſer, wohl gar anmuthiger Geſtalt, daß wir ihm das Herz oͤff⸗ nen, worin es dann — bis das nicht mehr ſchlägt.“ „Und Liebe? — ach, von allen Lriumen die mein früheres Leben verſchoͤnten, war der himm⸗ liſchſte auch der vergaͤnglichſte! — Wo ich ihr au⸗ ßer mir zu begegnen glaubte, wurde mein reines Hingeben durch den Unwerth des Gegenſtandes zur — 139 — lächerlichen Poſſe, mit der Jeder mich — konnte, der davon hoͤrte.“ „Einſt ſah ich in täuſchender ehnichtit das Ideal meines Herzens außer mir, und da hatte das Leben Goͤtterglanz, mein Herz den ſuͤßen Frieden des ſeligſten Gluͤcks; aber es war nur der Wieder⸗ ſchein der eignen Geſtalt, auf der fremden, kalten Waſſerflaͤche, die, als ich ſie umfaſſen wollte, mich zu ſich in die betrugeriſche Tiefe zog.“ „Erſtarrt kehrte ich in's Leben zuruͤck, mein Daſein hing an der Hoffnung, daß Liebe mir noch begegnen wuͤrde, und ſieh! unter ihrem Namen trat mir Eitelkeit, Begierde, Habſucht, Sinnlichkeit ent⸗ gegen. — Da verſteinerte ſich mein Herz, damit keine unheilige Empfindung es entweihe!“ — „Aber nur den Glauben an dieſe himmliſche Dreieinigkeit konnte mir das Leben rauben, nicht die tiefe, flammende Sehnſucht darnach, die mich auf⸗ reibt und verzehrt. O koͤnnte ich, wie Tauſende um mich her, dieſe Sehnſucht von mir abſtreifen! — könnte ich Guͤte, Wahrheit, Liebe ohne dieſen ſchmerzlichen Widerſpruch meines Gemuͤths leere Trugbilder ſchelten, und ſie von mir weiſen, wie die Geſpenſter, die meine Amme um meine Wiege — 140 — ſtellte! — koͤnnte ich mir wohl ſein laſſen im nich⸗ tigen Spiel des Lebens, mir aneignen den froͤhlichen Leichtſinn gehaltloſer Unbefangenheit, und mich ge⸗ dankenlos der Woge des Augenblicks anvertrauen! Aber ich kann auch das nicht! Jene Traͤume ſind Eins geworden mit meinem Bewufßtſein, das ſie mir wie einen Spiegel vorhaͤlt, ſo oft ich mr Beſchauung meines Innern zuruͤckkehre.“ „Und kein Ausweg, keine Huͤlfe! Einſam und unerrathen ſteh' ich da, und jede Frage an das Schickſal bleibt ungelöſet. Jeder Monat macht mir das Gefuͤhl innerer Verworrenheit peinlicher, und doch fuͤhrt jeder — weiter auf dem troſtloſen Pfad.“ „Einſt hätte ich noch aus eigner Kraft um⸗ kehren koͤnnen; einſt konnte ich wieder einfach, milde, gut und gluͤcklich werden; nun iſt es zu ſpät. Und ſo nur vorwärts ohne Zweck, ohne Ziel, immer vorwarts wie das Thier, das mit verbundenen Au⸗ gen das Spiel einer ihm unbekannten Macht, die fremde Maſchine im ewigen Kreiſe treibt.“ 1 — 141 — Ach laßt uns milde bleiben gegen dies zerrißne Gemuͤth, dieſe in Unfcieden mit ſich ſelbſt verſun⸗ kene Seele! Wahrlich, es ſind nicht die Schlech⸗ teſten unter uns, die auf dieſem Wege verloren gehen! ſas Vielleicht konnte nur ein großer und heiliger Schmerz Natalie von dem betretenen, immer ab⸗ ſchuſſiger werdenden Irrpfade zuruͤckfuͤhren, und er ward ihr. Ihre Mutter ward gefaͤhrlich krank, und an ihrem Sterbebette fand die geliebteſte der Töchter alle ihre Tugenden wieder. Natalie wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, dieſem Schauplatz des ruͤhrendſten Schmerzes, und der ſchoönſten, edelſten Liebe. Mit einer uͤber das Grab hinausreichenden Zärtlichkeit ſchloſſen ſich Mutter und Tochter inniger und inniger an einander, je naͤher ihnen die uner⸗ ſetzlichſte aller Trennungen trat. Als ein heiliges Vermächtniß legte die Mutter ihre Sorge fuͤr Eliſe an Nataliens Herz, und als dieſe mit tauſend Thra⸗ nen die treueſte Erfuͤllung der letzten muͤtterlichen Erdenwuͤnſche gelobte: da faßte die Sterbende die verloͤſchende Kraft ihres Lebens in Einen Blick der Liebe zuſammen, und bat: „gib Rhode Deine Hand; — 142 — er hat Dich ſo lange und ſo treu geliebt, iſt ſo gut; gib mir fuͤr ihn Dein Ja, und ich habe keinen Wunſch mehr!“ Natalie ſank ſchluchzend an das treue hetß deſſen Liebe ſie erſt jetzt ganz fuͤhlen und ſchä⸗ tzen gelernt zu haben glaubte, und gelobte Alles zu thun, was die Mutter wolle; und in dieſer Um⸗ armung trat der von ſeinen Schrecken entkleidete Tod als milder Genius zur Sterbenden und be⸗ ruͤhrte ihr Herz. — Da war ſie geweſen, und nur die kalte Huͤlle noch umſchloſſen Nataliens Arme; nur auf ewig verſtummenden S ruhten die ihrigen. Heilige Thräͤnen, die der Menſch um ſein⸗ ge⸗ ſtorbenen Lieben weint! ihr ſeid befruchtender Him⸗ melsthau fur jeden Keim des Guten und des Schoͤ⸗ nen in unſerer Seele, und euer Schmerz hebt uns uͤber alle Fußangeln und Dornen der Erde empor! Wie eine Gottheit leben die Heimgegangenen in unſerm Herzen fort, und das Andenken an ſie gibt dem Leben Wuͤrde, dem Herzen einen Wiederhall aus Eden, und jeder Freude einen veredelnden Schauer. — 143 — Nataliens Schmerz war groß, aber ftom und der Verlorenen wuͤrdig. Sie ſchwur in die Hand der Todten, dem Vater, der Schweſter, dem Liebenden zu vergelten, was ſie ihr ſchuldig geblie⸗ ben, und ihre Trauer um ſie zu heiligen durch rei⸗ neren Willen und großere Kraft zur Erfuͤllung jeder Pflicht. Der letzte Wunſch ihrer Mutter blieb in ihrem Herzen, und als Rhode nach einiger Zeit, beguͤn⸗ ſtigt von ihrem Vater, um ihre Hand warb, ward ihm Gewaͤhrung ſeiner Bitte. Als nun der biedre, ihr in der Wahrheit und Rechtlichkeit ſeines Cha⸗ rakters ſehr achtungswerthe Mann am Verlobungs⸗ tage ſo froh begluͤckt, ſo unausſprechlich zufrieden von ihr ſchied, fuͤhlte ſie, daß ſie ihm ein ſchoneres Gluͤck gewähren konne, als ſie ſich zugetraut hatte, es geben zu koͤnnen. Sie hatte ſich ſeit dem Tode ihrer Mutter ganz aus ihren glaͤnzenden Zirkeln zu⸗ ruckgezogen, und erneuerte jetzt das Geluͤbde, Rhode gluͤcklich zu machen, allen Schimmer uͤberflugelnden Wiſſens und eitlen Glanzes von ſich zu werfen, und nur fuͤr den Gatten und fuͤr ſtilles einfach⸗haͤusli⸗ ches Gluͤck zu leben. Ihre Verbindung ward auf ein Jahr ausgeſetzt, damit ſie Eliſe bei ihrer be⸗ — 144 — vorſtehenden Ruͤckkehr aus der Penſion in dieſem Zeitraum zur Fuͤhrung des väterlichen Haushalts anweiſen koͤnne. Nataliens Leben hatte nun wieder einen Zweck, und ſie ward von Woche zu Woche in ihrem In⸗ nern ruhiger, und einfacher in ihrem Aeußern. Ihre Freundſchaft fuͤr Rhode wurde in ihrem jetzigen Ver⸗ haͤltniß zu ihm eine klare, ſanfte Neigung, der ſie mit ungetruͤbter Zuverſicht ihr kuͤnftiges Leben an⸗ vertraute. Einige Monate nach ihrer Verlobung kam Au⸗ guſt zum Beſuch nach Nataliens Wohnort. Sie fand den Juͤngling edel und rein, wie er von ihr geſchieden war, und empfing ihn mit achtendem Vertrauen und ſchweſterlicher Neigung. Die vor⸗ theilhafteſten Zeugniſſe ſeiner Lehrer buͤrgten fuͤr ſeine Talente und ſeinen Fleiß, und in ſich ſelbſt trug er die Buͤrgſchaft fuͤr ſeinen Charakter und fuͤr ſein Leben. Mit weiblicher Feinheit forſchte Natalie nach ſeinen weiblichen Bekanntſchaften und nach dem Grad des Intereſſes, den er fuͤr ſie fuͤhle; er ge⸗ ſtand ihr erroͤthend: ſein Herz bewahre ſeit lange ein Bild, welches ihn gegen den Eindruck jedes andern weiblichen Reizes ſchuͤtze, ob er gleich nicht hoffen koͤnne, es je anders als ſtumm und unerrathen lie⸗ ben zu duͤrfen. — Nataliens Auge ruhte voll mil⸗ den Ernſtes auf ihm, die Hoffnung, in ihm den kuͤnftigen Gatten ihrer Eliſe zu ſehen, war bei ſeiner jetzigen Anweſenheit beſtimmter Wunſch geworden. „Ich habe Ihnen auch noch etwas Schönes zu zeigen,“ fing ſie wie ablenkend an, und trat zu ihrem Schreibtiſch: „Koͤnnen Sie rathen, was?“ fuhr ſie laͤchelnd fort. Ahnend ergriff er die dargebotene Kapſel, und verſank nach Oeffnung derſelben im Anſchaun eines holden jugendlichen Geſichts, mit dem Zauber herz⸗ gewinnender Unſchuld und Sanftmuth geſchmuͤckt. „Und Sie fragen nicht einmal nach dem Namen des Originals?“ fragte Natalie nach dem Schwei⸗ gen einiger Minuten. „Glauben Sie, es beduͤrfe fuͤr mich noch eines Namens, um es zu erkennen? Unter Tauſenden hätte ich ſie beim erſten Blick erkannt.“ Ueberraſcht von der Wärme ſeines Tons und die⸗ ſer Aeußerung ſchlug er heiß erroͤthend ſein Auge nieder. „Was dieſem Gemaͤlde,“ fuhr Natalie fort, „fuͤr mich den groͤßten Werth gibt, iſt, daß Eliſe es ſelbſt gemalt hat.“ Tarnow's Schriften. MI. 7 — 146 — „Sie beſitzt alſo alle Talente, wie alle Reize und Tugenden? — doch ſie iſt ja Ihre Schweſter! Aber welchen unſchätzbaren Werth muß dann dies Bild fuͤr Sie haben?“ „Und doch denke ich es nicht zu behalten; Eliſe ſoll ſich kuͤnftig noch einmal an der Seite ihres Geliebten malen, wenn ihr Herz gewaͤhlt hat, und dann will ich von ihm jenes Gemalde fuͤr dieſes eintauſchen.“ „Eliſens Geliebter!“ rief Auguſt bewegt; „o der Gluͤckliche, den ſein Loos berechtigt, um — Preis zu werben!“ Natalie ſah ihn ernſt an, der beklemmt und ſchmerzlich befangen vor ihr ſtand. „Auguſt,“ fing ſie nach einer Pauſe an, „ich leſe in dieſem Augenblick in Ihrem Herzen und that es vielleicht ſchon fruͤher. Meine Eliſe ſoll einſt frei von jeder Zufälligkeit des Standes und des Reich⸗ thums wählen; aber der Mann, der nach ihrem Beſitze ſtrebt, darf kein gewoͤhnlicher Menſch ſein. Der Beifall der Menge wiegt leicht: ſchwerer, als ihn zu erwerben, iſt es, ein Herz zu verdienen, das ſich mit reiner, edler Liebe einem Manne hingibt, in dem es nicht nur die Tugenden liebt, die es an ſich ——— — — 147 — billigt, ſondern auch alle, die ihm abgehen. Nur eine lange fortgeſetzte Uebung des Charakters in Allem, was gut, was ſchoͤn iſt, kann dieſes Preiſes werth machen. Mit dieſem Haͤndedruck verbuͤrge ich Ihnen meine Achtung und den Wunſch, daß der Mann einſt die Hoffnungen rechtfertigen moͤge, zu denen jetzt der Juͤngling berechtigt.“ Entzuckt druͤckte er ihre Hand an ſeine Lippen, und ſchwor, feuriger als je, der Tugend und der Liebe ewige Treue. „Auguſt,“ ſagte ſie ihm geruͤhrt, „dieſe Verſicherung aus meinem Munde berechtigt Sie zu ſchonen Hoffnungen; mein Herz und das Vermaͤchtniß meiner unvergeßlichen Mutter geben mir auf das theure, geliebte Weſen Mutterrechte, und der einzige Weg, Eliſens Hand zu erhalten, iſt der Beſitz meiner hoͤchſten Achtung, die ich nur der Herrſchaft eines reinen, feſten Willens uber alle Triebe und Neigungen zolle. Ich fordre daher von Ihnen die ſtrengſte Wachſamkeit über ſich ſelbſt, daß Ihre Liebe nie Leidenſchaft werde, und dann das Leichtere, mir von heut an nie unaufgefordert von Eliſe zu reden.“ „Ach,“ ſagte er langſam, „das Letztere iſt hart, aber das Erſte unmöglich. Kann ich meiner Em⸗ 7. — 148 — pfindung einen Damm aufwerfen und zu ihr ſagen: Bis hierher und nicht weiter?“ „Lieber junger Mann, was waͤre die moraliſche Wuͤrde des Menſchen, wenn er das nicht zu thun vermoͤchte? — Ich weiß, wie das heiße jugendliche Herz Genuß darin findet, ſich in die geglaubte Un⸗ endlichkeit ſeiner Empfindungen hineinzuſtuͤrzen, und nur von der grenzenloſeſten Leidenſchaft der Liebe Befriedigung hofft. Aber noch nie hat Leidenſchaft vegluͤckt! Ich ehre die Liebe als das reinmenſchlichſte Band zwiſchen der Sinnen⸗ und Geiſterwelt — als den ſchönſten Traum, der vom Paradieſe her in der Seele des Menſchen zuruͤck blieb. — Wie konnte auch ich, die fruͤher ſchwer Erkrankte, vergeſſen, was ſie mir geworden iſt? — Ihr Zauber verſchonert das Alter wie die Jugend; er mildert alle Leiden, erhebt und veredelt alle Freuden, verdeckt uns die Aermlichkeit des Lebens, und erhaͤlt uns ſanft, milde und menſchlich, was man ohne Liebe ſo leicht zu ſein aufhort. — Doch weh dem weiblichen Weſen, dem auf dem Pfade inniger, beglückender Empfin⸗ dung Leidenſchaft begegnet! Unerſaͤttlichkeit iſt ihr Gepräge, und nie kann ſie mit der Liebe im — 149 — friedlichen Genuß einer heitern Gegenwart zuſammen⸗ treffen. Leidenſchaft zeigt nur die Ueberſpannung des Gefuͤhls, wie Liebe den Adel deſſelben an. Faſt allgemein, mein Freund, wird von Euch Maͤnnern in unſern Tagen die klare Tiefe eines liebenden, weiblichen Gemuͤths verkannt, und Euch leidenſchaft⸗ lich geliebt zu ſehen, iſt Euch zur hoͤchſten Gabe des weiblichen Herzens geworden. Vor dieſem verderb⸗ lichen Irrthum moͤchte ich Sie gern bewahren, und meine Eliſe ſchuͤtzen, daß Sie nicht kuͤnftig in ihr wie der blaue Himmel wolkenloſes Gemuͤth den Nebel eines leidenſchaftlichen Affects werfen. Glau⸗ ben Sie es meiner beſonneneren, erfahrungsreichen Anſicht, dieſe gewaltigen, ſo oft in Romanen, ſo ſelten in der Wirklichkeit ſpukenden Leidenſchaften entſpringen nur aus einer ungezuͤgelten Phantaſie, und die heißeſten Menſchen dieſer Art haben faſt immer ſehr kalte Herzen. Aber auch in der tugend⸗ hafteſten, gefuͤhlvollſten Seele folgt der Leidenſchaft im guͤnſtigſten Falle doch die bittre Trauer uͤber die Zerſtörung einer Taͤuſchung, die die Zeit unaus⸗ bleiblich vernichtet. Gegen dies Weh iſt es mir hei⸗ lige Pflicht, Eliſe zu ſchuͤtzen, und wenn Sie einſt durch ſie ſo gluͤckich werden wollen, als es dem — 150 — lieben Geſchoͤpf Beduͤrfniß werden wird, den Mann ihres Herzens zu ſehen: ſo ſcheiden Sie von heute an von dieſen Idealen einer heißen, despotiſch uber Willen und Vernunft herrſchenden Leidenſchaft. Gruͤnden Sie die Hoffnungen Ihrer Liebe nur auf die ſanften Empfindungen eines reinen ruhigen Her⸗ zens, eines Gemuͤthes voll ungetruͤbter Harmonie innern Friedens, und der Mann und der Greis werden mir danken, wo jetzt der Juͤngling mich zu kuͤhl und zu ſtrenge findet.“ Dies Geſpräch gab Auguſt nicht nur einen Anklang fuͤr ſein Leben und wurde zum Grundton ſeiner Verbindung mit Eliſen, ſondern es gibt uns auch erklärende Winke uͤber die Art und Weiſe, wie Natalie in ihren neuen Verhaͤltniſſen Manches und Vieles in ſich auszugleichen ſtrebte, und deutet uns den Weg an, auf dem ſie gluͤcklich zu werden hoffte. Auguſt nahm bei ſeinem diesmaligen Abſchied die Gewißheit mit ſich, Eliſe im kuͤnftigen Jahr bei Natalie anzutreffen, und die Hoffnung einer Zukunft, deren Gluͤck verdienen zu wollen, ſein ernſter Vor⸗ ſatz war. Bald darauf kam Eliſe nach Hauſe. Ganz Liebe und Natur, trug ihr Sinn und Weſen das — 151 — Gepraͤge echter Weiblichkeit. Sie konnte in keines Menſchen Auge glaͤnzen; aber ſie gewann alle Her⸗ zen, ſo hell ſtrahlte Jedem ihre Guͤte, ihre Anſpruch⸗ loſigkeit, ihr freundlicher Sinn, und die ſchoͤne Wahrheit ihres Charakters entgegen. Mit dem Frohſinn und der heitern Unbefangenheit ihres Alters verband ſie die Kenntniß der Regeln des Anſtandes und der aͤußern Hoͤflichkeit, deren Befolgung ihr durch Gewöhnung daran ſeit fruͤhſter Jugend zur Natur geworden war, ohne darauf einen Werth zu ſetzen, der ſie zum Verdienſt erhoben hätte. Mit kindlicher Liebe und ſchweſterlichem Vertrauen hing ſie an Natalie, die mit unbeſchreiblicher Sorgſam⸗ keit und Zartheit Alles von ihr zu entfernen ſtrebte, was ſie ſich ſelbſt untreu zu machen vermocht hätte, und mit einer Verläugnung, deren wenig Weiber in aͤhnlichen Lagen fähig ſein wuͤrden, es ſich verſagte, in den Gang ihrer Bildung thätig einzugreifen, und ihr irgend eine Aehnlichkeit mit ſich geben zu wollen. Sie uͤbertrug ihr gleich einen Theil des Haushalts, und gewohnte ſie zur ſtrengſten Ordnung und Thaͤ⸗ tigkeit. Es war nicht das Verweilen bei unwich⸗ tigen Kleinigkeiten, welches manche Hausfrau, die nie mit ihren Blicken das Sai einer Haushaltung — 152 — umfaßt, ausſchließlich beſchäftigt, ſondern die helle, geiſtvolle Thätigkeit eines nicht nur auf das ſpar⸗ ſame Ausgeben des Erwerbs, ſondern auf den Er⸗ werb ſelbſt gerichteten Geiſtes. Wahrlich, wir Weiber tragen ſelbſt die Schuld, wenn wir dieſe Sphaͤre haͤuslicher Wirkſamkeit nur mit der Lauheit des proſaiſchen Pflichtgedankens, oder auch mit dem Mechanismus einer dazu abge⸗ richteten Maſchine zu betreiben wiſſen, und ſie nur im kleinlichen, den Geiſt einengenden Lichte ſehen. Ein unverſchrobener, dem Muͤßiggang — der leider mit einem gewiſſen aͤſthetiſchen Luxus der Zeit und der Thätigkeit nur zu nah verwandt iſt — feindlicher Sinn findet leicht ohne Reſignation in der Beſorgung des Haushalts den heitern Schauplatz nutzlicher Thätigkeit, die ſich ſelbſt zum Lohn wird, ohne dieſen von dem Gedanken treuer Pflichterfuͤllung entlehnen zu wollen, der uns nur bei Pflichten an⸗ derer Art kraͤftigen, und nicht an ſolche natuͤrliche Tugenderzeugniſſe weiblicher Natur verſchwendet wer⸗ den muß. Der Zeitpunkt von Nataliens Verheirathung naͤherte ſich jetzt, und ſie ſah ihm mit heitrer Ruhe und froher Zuverſicht entgegen. Die Ueberzeugung, — 153 — daß Rhode ſich ohne alle Ueberſpannung in ihrem Beſitz ganz glucklich fuͤhle, gewährte ihr einen Ge⸗ nuß, deſſen ſie wuͤrdig ſein mußte, um ſeinen Werth ſo innig empfinden zu koͤnnen. Da kam der Graf Gimborn, ein Sihahhann ihres Verlobten, von ſeinen vieljährigen Reiſen auf ſeine in der Nachbarſchaft gelegenen Guͤter zuruͤck. Rhode fuͤhrte ihn bei Natalien ein, von der er ſich die Verguͤnſtigung erbat, ihn ihr auf einige Tage entfuͤhren und ihn zu einer großen Jagd nach einem ſeiner entfernteren Guͤter mit ſich nehmen zu duͤrfen. Scherzend, wie er ſeine Bitte vortrug, wurde ſie ihm gewaͤhrt, und Rhode nahm am Abend auf acht Tage Abſchied. Am andern Morgen, als Natalie fruh um fuͤnf Uhr mit ihrer Eliſe im Garten fruͤhſtuͤckte, und ſich des ſchoͤnen Reiſewetters fuͤr den geliebten Freund freuete, trat er unerwartet zu ihr in die Laube. „Vergeben Sie mir, liebe Natalie,“ bat er ſanft, „wenn ich Sie ſo fruͤh uͤberraſche. Eine ſonderbare Ahnung aͤngſtigte mich, und da ich erſt um ſechs Uhr bei dem Grafen eintreffen ſoll, zog es mich un⸗ widerſtehlich noch vorher zu Ihnen hin. Nun werde — 154 — ich ruhiger ſein, da ich Sie und munter ge⸗ ſehen habe.“ Er war wirklich etwas blaß; Natalie wolte daher nicht genauer nach dem Grund ſeiner Unruhe fragen, und ſagte ihm lächelnd: „Zur Strafe fuͤr ſei⸗ nen Aberglauben ſolle er von ihrem Fruͤhſtuͤck nur eine Taſſe Kaffee, und zur Belohnung, daß ſie ihn ſo unerwartet vor ſeiner Abreiſe noch einmal ſehe, einen Kuß bekommen.“ Dankend empfing er Beides; aber vergebens ſuchte er ſeiner Beklemmung Herr zu werden, und als er zum Abſchied Natalie an ſein Herz druͤckte, ſah ſie ſein Auge naß werden, und er riß ſich von ihr los, als ſolle und muͤſſe er ihr auf immer Lebewohl ſagen. Natalie blieb wehmuͤthig zuruͤck, und — es lebhaft, wie lieb er ihr ſei. Am dritten Tage ſeiner Abweſenheit kam ſein Jäger auf den Hof geſprengt, Roß und Reiter dampften. Natalie durchzuckte eine furchtbare Ahnung, und mit immer aͤngſtlicher, immer ſchwerer werdenden Herzensſchlaͤgen harrte ſie ſeines Eintritts. Verwirrt und verſtort uͤberreichte er ihrem Vater einen Brief. Sie wagte keine Frage; aber das Erblaſſen ihres Vaters mehrte noch ihre Angſt. — 155 — „Was iſts?“ fragte ſie, als er den Brief zuſam⸗ men faltete und ſichtbar beaͤngſtet nach Worten ſuchte; „ſagen Sie mir gleich Alles; ich bin auf das Schrecklichſte gefaßt.“ Todtenbleich und zitternd ſetzte ſie hinzu: „Er iſt gewiß ſehr krank, vielleicht ſchon —“ „Nein, mein Kind, er iſt auf der Jagd geſtuͤrzt, und ſein bei dem Sturz losgegangenes Gewehr hat ihn verwundet. Der Graf ſchreibt mir dies, um uns auf ſein laͤngeres Außenbleiben vorzubereiten.“ „O ſeine Ahnung!“ rief ſie ſchmerzlich, „ich be⸗ ſchwoͤre Sie, Vater, laſſen Sie mich hin, gleich — den Augenblick muͤſſen wir fort, mein Herz ſagt mir's, er ſtirbt, und das vielleicht ſchon in dieſer Minute.“ „Es iſt auch ſein Wunſch, liebes Kind, Dich zu ſehen, aber wirſt Du fuͤr das Mogliche dieſer Zu⸗ ſammenkunft Kraft und Faſſung haben?“ „Faſſung? — o Gott, ich fuͤrchte, es wird mir nur zu viel Zeit zu Thraͤnen bleiben!“ Der Vater begleitete ſie zu ihm. Sie war auf dem ganzen Wege tief in ſich gekehrt und von unnennbarem Gram gefoltert. Wer es erfahren hat, was es heißt, einen ent⸗ fernten Geliebten ſterben zu wiſſen, jede Stunde — 156 — ſecundenweiſe mit dem Gedanken verrinnen zu fuh⸗ len: jetzt vielleicht ſtirbt er! der weiß, was Na⸗ talie waͤhrend dieſer Reiſe litt. Wer es nicht erfah⸗ ren hat, faßt es nicht, daß die ſterbliche Natur ſolche Stunden, die an die aͤußerſten Grenzen ihrer Kraft fuͤhren, zu tragen vermag. Nataliens einziger Wunſch war, ihn noch le⸗ bend anzutreffen; aber ſie fand bei ihrer Ankunft nur ſeine Leiche. Ihr Name war ſein letzter Erden⸗ laut geweſen. Gewaltſam mußte man ſie am andern Tage von der geliebten Leiche fortreißen; zum letzten Mal ruhte ihr Auge auf dieſen unter dem Froſt des Todes erſtarrten Zuͤgen; ſie ſchnitt eine ſeiner blon⸗ den Locken ab, und wie ſie dieſe an ihrem Herzen verbarg, ergriff ſie der Gedanke: ſo wird dir ewig Alles ſchwinden, was du liebſt, auch Er war nur eine fliehende Erſcheinung, und weil deine Hand, Ungluͤckliche! ihn faßte, mußte er von ihr abfallen ims duͤſtre Grab hinein! — ſo furchtbar in ſeinem duͤſtern Grauſen, daß ſie bewußtlos niederſank. O wie gern hätte ſie ihr Leben als Todten⸗ opfer mit in ſeine Gruft geſenkt! — Sie wurde ungerecht gegen ihre bisherige ſchoͤne, ruhige Liebe, — 157 — und glaubte ihn nicht genug geliebt zu haben. Es erſchien ihr daher jetzt als Pflicht, jedes Zureden der Vernunft, jeden Troſt der Ergebung von ſich zu weiſen, und ſie gab ſich nach ihrer Zuhauſekunft, ganz und ohne Ruͤckhalt dem ſtummen, gewaltigen Schmerz hin, mit dem ſie in Rhode nicht allein den Geliebten, ſondern auch den Mann verlor, an deſſen Leben jeder edlere Plan des ihrigen gebunden war, und fand nur in der Freiheit, ihre Thraͤnen unverſiegbar ſtröͤmen zu laſſen, Linderung. Ach ſie wußte noch nicht, daß dieſe nicht blos phyſiſch ſchaden! Der Menſch ſchätzt die Gabe, Thraͤnen vergießen zu koͤnnen, nicht eher, bis er dieſen Wundbalſam wunder Herzen entbehrt und dann von den fruͤher vergoßnen Thraͤnen wie von den Thränen ſeiner Kinderjahre ſagen muß: ich hätte euch fuͤr einen tieferen Schmerz, fuͤr eine un⸗ vergaͤnglichere Trauer aufſparen ſollen! — Es kommt hienieden eine Zeit, deren ſparſamere Thraͤnen nicht mehr zu Tropfen aus dem Lethe werden und wo, ſo wenig im Gemuͤth als im Geſicht, die Zuͤge des Kummers ſich wieder verwiſchen. Ach, fuͤr dieſe dunkle, finſtre Zeit, wo der Menſch mit thraͤnen⸗ loſem Auge auf die entblätterten Gefilde ſeiner ju⸗ gendlichen Vergangenheit und in die Irrgänge einer hoffnungsloſen Zukunft blickt, ſollten wir unſre Thränen ſparen, und in der Jugend, deren Wunden ſich, wie die der Homeriſchen Goͤtter, leicht und ſpurlos ſchließen, lieber einen unterdruͤckten Schmerz hinneh⸗ men, als eine Thränenquelle erſchoͤpfen! — Natalie hatte Neigung, Vertrauen, innige, herzliche Achtung fuͤr Rhode empfunden; ſie hätte wahrſcheinlich gluͤcklich gemacht und wäre gluͤcklich geworden; aber ſie täͤuſchte ſich jetzt uͤber ihre Ge⸗ fuhle, indem ſie die Leidenſchaftlichkeit ihres Schmer⸗ zes fuͤr Leidenſchaftlichkeit der Empfindung nahm, und ſich ſelbſt ſagte: ſterben mußte er, damit mein verſtocktes Herz erfahre, wie es ihn liebte! — Aber wenn dem Lebenden die Fuͤlle meiner Liebe verbor⸗ gen blieb, ſo ſoll ſie ihn nun in ſein Grab beglei⸗ ten, und mein ganzes Leben werde ein einziger, lan⸗ ger Trauergedanke an ihn! Dieſe gewaltſame, durch die ganze Macht ihrer Phantaſie faſt wiſſentlich verſtaͤrkte Spannung ihres Gemuͤths konnte nicht dauern; die Natur kämpfte um ihre Rechte, und eine gefaͤhrliche Krankheit drohte mehrere Wochen ihrem Leben Gefahr. Die Kunſt eines geſchickten Arztes, ihre Jugend und — 159 — Eliſens Pflege retteten ſie. Sie genas; aber die Leidenſchaftlichkeit ihres Schmerzes hatte ſich an der körperlichen Ermattung dieſer Krankheit gebrochen, und ihr blieb nur ein zärtliches Andenken, eine ſtille, wehmuͤthige Erinnerung an den Verlornen zuruͤck, die ohne jene fruͤhere Spannung fuͤr ihr inneres Leben zum Segen geworden ſein wuͤrde. Allein mit jenem erſten gewaltigen Schmerz verglichen, ſchien ihr ihre jetzige Trauer eine Kalte, die ſie ſich zum Vorwurf machte, und die wieder einen finſtern Schatten auf ihr Leben warf. „Alſo auch mein Herz,“ ſagte ſie ſich ſelbſt, „iſt keiner Liebe faͤhig, und vergeblich hoffte ich von ihm eine Treue, die dem Menſchen nicht gegeben iſt. — O wenn je eine Liebe auf Ewigkeit ihrer Empfin⸗ dungen rechnen durfte, ſo war es dieſe, die ein Verklärter, wie eine Bluͤthe aus jener Welt, ſchei⸗ dend in mein Herz ſenkte. — Vergeſſen werde ich ihn nie, werde noch lange Thränen um ihn haben, wie ſie die Freundſchaft, die Zärtlichkeit weint; aber jene ſchoͤnere, heißere, die ganze Seele ausfullende Liebe, mit der ich vor dieſer Krankheit um ihn trauerte, iſt dahin, und ich ſtrecke vergeblich meine Arme nach ihr als nach dem edelſten, köſtlichſten — 160 — Gefuͤhl meines Lebens aus! — Wie viel lieber moͤchte ich, daß ihre Staͤrke mein Herz braͤche, als daß es wie jetzt heilt, weil ſie ſich ihm entfremdete.“ Natalie irrte. Nicht dieſe fuͤr das fliehende Leben zu ſchmerzliche Trauer um den Verſtorbenen war es, was ſie jetzt vermißte, ſondern jener gefaͤhr⸗ liche und doch ſo verfuͤhreriſche Genuß, den die Lei⸗ denſchaft einem kraäftigen Gemuͤth bietet, und der uns, einmal gekoſtet, jedes friedlichere Gluͤck ver⸗ leidet. Sie hatte dieſes Gift nun noch dazu unter der anziehenden Huͤlle des geiſtigen Schmerzes ken⸗ nen gelernt. Auch trauerte ſie jetzt noch um Rhode, wie ſie ihn im Leben geliebt hatte, ohne Schwaͤr⸗ merei, mit ſtiller, wahrer Empfindung. Aber die Aenderung ihres Sinnes, die Erhebung ihrer Seele, die Ruͤckkehr zu ihren alten Tugenden, die am Ster⸗ bebette ihrer Mutter in ihr aufging, war nur be⸗ gonnen, nicht vollendet, und die Verlaͤugnung aller ſanften, einfachen Gefuͤhle, zu der ſie ſich fruͤher gezwungen hatte, rächte ſich nun an ihr, und ſie ging, das gewoͤhnliche Loos des Menſchen, von einem Irrthum zu dem entgegengeſetzten uͤber, ohne die in der Mitte liegende Wahrheit zu beruͤhren. Ehmals lebte ſie nur in ihrem Geiſte und in frem⸗ — 161 — dem Beifall; jetzt hingegen, wo ihr Herz aus ſeiner langen Unterjochung mit jugendlicher Neuheit und Kraft der Empfindungen erſtand, und ſeine ſo despo⸗ tiſch verkannten Rechte geltend machte, wurden ihr dieſe zum hoͤchſten und einzigen Gut des Lebens. Doch verdankte ſie dem Schmerz, den ſie em⸗ pfunden hatte, den unverruͤckten Blick auf das Ziel moraliſcher Erhebung, das ſie nie wieder aus den Augen verlor, ſo oft ſie auch noch irre ging. Die zunehmende Kraͤnklichkeit ihres Vaters, und die Trauer, die ſie um Rhode trug, berechtigten ſie, in ihrer Familie und in einem kleinen Kreiſe gepruͤfter Freunde ſehr einſam zu leben. Rhode hatte ſie in ſeinem Teſtament zur Erbin ſeines Gutes ernannt, und ſie fuͤhlte die Verpflichtung, ihm durch den Wohlſtand und die ſittliche Cultur ihrer neuen Un⸗ terthanen ein ſeiner wuͤrdiges Monument zu ſetzen. Da ſie jetzt in ihrem zwei und zwanzigſten Jahr fuͤr muͤndig erklärt wurde, hatte ſie auch mit keinem Hinderniß bei der Ausfuͤhrung ihrer wohlthaͤtigen Plane zu kämpfen. Auguſt wurde nunmehr, nach geendigten Uni⸗ verſitätsjahren, von ſeinem Bruder erwartet, um mit ihm den Plan zu ſeinem kuͤnftigen Leben zu — 162 — verabreden. Natalie forderte ihm jetzt mit feſtem Hinblick auf ihren fuͤr Eliſens Gluͤck entworfenen Plan das Verſprechen ab, daß er dieſe ſeine Liebe ſo wenig errathen als ahnen laſſen wolle. „Eliſens Ruhe,“ ſchrieb ſie ihm, „iſt ein heili⸗ ges, mir anvertrautes Gut, von dem ich meiner ſeligen Mutter und meinem eignen Herzen die ſtrengſte Rechenſchaft ſchuldig bin. Ich wuͤnſche Sie Beide mit einander vereinigt zu ſehen: aber Sie, lieber Auguſt, ſind noch weit von dem Zeitpunkt entfernt, wo Sie ihr Ihre Hand werden bieten koͤn⸗ nen. Ihre Kenntniſſe, Ihre Talente ſollen Ihnen erſt den Weg zu einem Amte bahnen; wir ſind be⸗ rechtigt, das Beſte hoffen zu duͤrfen; aber dem un⸗ gewiſſen Erfolg dieſer Hoffnung duͤrfen Sie und ich die Ruhe meiner Schweſter nicht preis geben. Sie werden ſie nach erfolgtem Geſtandniß verlaſſen, um in die Schtanken zu treten und um den Preis zu ringen. Dieſe Thätigkeit ſichert die Geſundheit Ihres innern Lebens, nicht ſo bei Eliſen in der Stille ihrer Exiſtenz. Die Empfindung, die fuͤr Sie eine Schule der ſchoͤnen Menſchlichkeit ſein wuͤrde, deren Bluͤthe, von der Liebe ungepflegt, leicht in der Seele des Mannes verdorrt, wuͤrde fuͤr — 163 — Eliſen zur verzehrenden Flamme werden. Aber auch um Ihrer ſelbſt willen fordre ich dies Opfer. Herr⸗ ſchaft der Vernunft bei Reichthum des Herzens, Licht mit Warme gepaart, kann allein meine Ach⸗ tung fuͤr Sie ſo erhöhen, daß ich mit froher Zuver⸗ ſicht Eliſens Schickſal in Ihre Hände lege.“ Auguſt kam, und fand ſein Ideal von der liebenswuͤrdigſten Wirklichkeit ubertroffen. Die Zaͤrt⸗ lichkeit, mit der Eliſe an Natalie hing, ließ ihn fuh⸗ len, welche Rechte einſt die Liebe auf dies ſanfte, gefüͤhlvolle Herz haben wuͤrde. Strenge hielt er ſein Natalie gegebnes Wort; aber ihm unbewufßt, und von Eliſen nicht verſtanden, ſprach ſeine Liebe zu ihr aus ſeines Lebens leiſeſter Bewegung. Na⸗ taliens Freundſchaft und die ausgezeichnete, achtungs⸗ volle Traulichkeit, mit der ſie den jungen Mann empfing, wurden fuͤr Eliſe leiſe Schickſalswinke. Der Mann, dem ihre Natalie ſo wohlwollte, konnte von ihr nicht unbeachtet bleiben, er erſchien ihr bald als der liebenswuͤrdigſte ihrer Bekanntſchaft, und ſein umgang wurde ihre ſuͤßeſte Freude. Allein die jungfrauliche Schuͤchternheit ihrer Empfindungen ver⸗ hinderte ſie, den Eindruck, den er auf ſie machte, zu beachten, ſich damit zu beſchaftigen, und ihn ſo durch die Gewalt ihrer eignen Phantaſie zu verſtaͤr⸗ ken, wie dies gewöhnlich das Geſchaͤft einer roman⸗ tiſirten Einbildungskraft iſt. Natalie war im Stillen fuͤr das Gluͤck der beiden Liebenden thaͤtig. Ihr Vermoͤgen erlaubte ihr, fuͤr die fernere Ausbildung des jungen Mannes zu ſorgen, und ſeinen ſeit lange genährten Wunſch, vor dem Eintritt in's buͤrgerliche Leben eine Reiſe durch Deutſchland und England machen zu können, zu verwirklichen. Er ſollte nach ihrem Plan noch zwei Jahre abweſend ſein, nach ſeiner Ruͤckkehr in —inen angemeßnen Wirkungskreis treten, und die Hand der dann achtzehnjaͤhrigen Eliſe erhalten. Am Morgen ſeiner Abreiſe, als er Natalien geruͤhrt den Schmerz dieſer Trennung ausſprach, gab ſie ihm das Gemälde ihrer Schweſter, und das beſtimmte Verſprechen, ihre Hand fuͤr ihn aufzuhe⸗ ben und ſein Andenken in ihrem Herzen zu pflegen. Er hatte noch uͤberdies den Troſt, Eliſe bei ſeinem Abſchied tief bewegt zu ſehen. Die Innigkeit, mit der Natalie von ihm ſchied, ſchien ihrer Schweſter Rechtfertigung fuͤr die Thraͤne, die ihr Auge ver⸗ dunkelte, als er zum Abſchied ihre Hand kuͤßte, und ſie wuͤnſchte ihm ſo herzlich, ſo innig, daß er froh — 165 — und wohl bleiben und bald wiederkommen moͤge, daß Auguſts Feſtigkeit faſt an dieſer ſuͤßen, verfuhreri⸗ ſchen Herzlichkeit geſcheitert wäre. Natalie beob⸗ achtete ihre Schweſter in den Stunden, die ſeiner Abreiſe folgten, genau; ſie fand ſie den ganzen Tag träͤumeriſch und erroͤthend, wenn man ſie aus die⸗ ſen wehmuͤthigen Träumen aufrief; aber ſie verſtand die Kunſt, unbemerkt ihre Geſchäfte zu verdoppeln, und ihre Empfindungen ſo ſanft auf andere Gegen⸗ ſtände hinuͤber zu leiten, daß Eliſe mit den Er⸗ ſcheinungen ihres eignen Herzens unbefreundet, und frei von der Unruhe der Liebe blieb. Ihr Andenken an Auguſt war heiter und ſuͤß; ihre Sehnſucht nach ihm ruhig, und ſo blieb der ſchoͤne Friede ihres Ge⸗ muͤths ungeſtort. * Natalie ward in dem Zuſammenleben mit ihr von Tag zu Tag friedlicher und liebevoller, aber eben dieſe Stille ihres Weſens machte es ihr fuͤhl⸗ bar, wie viel ſie noch vom Leben zu fordern habe. Sie verſank nicht wieder in Unmuth und Verzwei⸗ felung; doch eine geheime, hoffnungsloſe, und doch ſo innig ſehnſuchtige Wehmuth, vor der die Geſund⸗ heit der Seele, der Friede des Herzens ſchwanden, ergriff ſie; ſie bebte, von Neuem irre zu gehen, und — 166 — ſuchte ernſtlich einen Ausweg aus dem Labyrinth ihrer innern Verworrenheit. Sie wollte gerettet ſein, wie ſie vor dem Tode ihrer Mutter zu Grunde gerichtet ſein wollte; doch vergeblich forſchte ſie nach einer Hoffnung, auf die ſie liebend und ver⸗ trauend das Gluͤck ihres Lebens gruͤnden koͤnne. Die Klippe, an der die Ruhe, der Werth der edel⸗ ſten weiblichen Naturen ſo oft ſcheitert, und ſie zum Spielwerk derer macht, die ihnen nie haͤtten nahen duͤrfen, iſt dieſe nie erſterbende Sehnſucht nach Liebe, im reinſten edelſten Sinn des Wortes, die im Bu⸗ ſen des Weibes wohnt. Der Mann hat ohne das Weib im Leben die feſte Haltung voraus, ohne Grazie, ohne Schoͤnheit, doch edel, feſt und groß, geht er, der Starke, auch einſam durch das Leben; aber was iſt ein Weib ohne Liebe? — ein Raͤth⸗ ſel, das nur ſie zu entwirren, ein Weſen, das nur ſie zu erklaͤren und zu verklaͤren vermag. — Wel⸗ ches Weib bliebe auf der Hoͤhe eines Standpunktes, wo es das ruhige Beſpiegeln in der Liebe des Man⸗ nes, das Einswerden zweier Naturen in Liebe und durch Liebe zu entbehren vermoͤchte, noch Weib? Und ohne dieſe tiefere myſtiſche Einswerdung zweier Seelen wird kein weibliches Weſen je erfahren, wo⸗ — 167 — zu es gebildet und entfaltet werden kann. Liebe in dieſem Sinn bleibt der hoͤchſte Gewinn fuͤr das innere geiſtige Leben des Weibes, den die Erde zu bieten vermag, und dies Hoͤchſte, Schoͤnſte und Freieſte im Leben lag nur als dunkle Ahnung in Nataliens vergeblich nach Licht und Harmonie ſtre⸗ bender Seele. Ihr jetziges Leben war auf Reſignation und Entbehrung gegruͤndet, und glich ſo wenig der gei⸗ ſtigen Geſundheit, wie der Zuſtand eines durch Arz⸗ nei erhaltenen Kranken der koͤrperlichen. Ach, durch die ganze Schoͤpfung floß ein Quell, aus dem die Natur jedem empfindenden Weſen Tro⸗ pfen zutheilte; ſollte ſie allein auf immer von ihm verwieſen ſein? — Sie ging zu allen andern Quel⸗ len zuruͤck, aus denen ihr nach der Anſicht der Menge Gluͤck fließen konnte, aber ihre ganze Seele ſtrͤubte ſich jetzt gegen den armſeligen Genuß von Schimmer und Glanz, und wenn eine Welt bewundernd zu ihren Fuͤßen gelegen hätte, ſo hätte dieſe Huldigung die Sehnſucht ihres Herzens auch nicht auf eine Minute nur zu betauben vermocht. Auf der einen Seite ſah ſie im Leben jene Geiſtigkeit ohne Glau⸗ ben, ohne Liebe, welche ſie einſt irre gefuhrt hatte, — 168 — und auf der andern, die Beſchraͤnkung einer unbe⸗ fangnen Kindlichkeit und einer zufriedenen Einfalt, der ſie nun einmal entwachſen war. — Aber aus der Mitte dieſer Extreme, deren Bild ihre Vergan⸗ genheit ihr bot, ſtrahlte ein heller unvergeßlicher Zeit⸗ punkt ihres Lebens hervor; ach, wenn die Liebe ſchon als Schmerz um einen Todten die ſchönſte, gottlichſte Erſcheinung ihres Lebens war, was konnte, was mufßte ſie ihr dann nicht werden, wann ſie le⸗ bend der Lebenden begegnete? — Sie erkannte es jetzt, daß ſie Rudolph nie geliebt hatte, daß nur in⸗ nige, zaͤrtliche Freundſchaft ſie an Rhode gebunden, und fuͤhlte es in der Einſamkeit und Stille ihres jetzigen Lebens tiefer und tiefer, daß nur Liebe ihr Herz zu heiligen, und ſie zur Einigkeit mit ſich ſelbſt, zum Frieden mit der aͤußern Welt zuruͤckzufuͤhren vermoͤge. Sie horte ſich von Allen, die ie umgaben, ge⸗ liebt nennen, allein man nahte ſich ihr nur mit Anerkennung ihrer Ueberlegenheit, und raubte da⸗ durch dieſer Annaͤherung den ſchoͤnſten Reiz fuͤr Na⸗ taliens Herz, das ja unter der fremden Bewun⸗ derung fruͤher ſchmerzlich erkältet war, bis ihre hei⸗ ßen Thraͤnen es wieder aufthauten. — Sie that — 169 — Vielen wohl, ſie half in der Naͤhe, wie in der Ferne, und jeder Ungluͤckliche, jeder Bittende konnte bei ihr auf Theilnahme und Gewährung rechnen; die Wohlthätigkeit vermag aber nur das Gluͤck eines befriedigten Herzens zu erhoͤhen; nie wird ſie die Sehnſucht eines unbefriedigten anders als augen⸗ blicklich zu beſchwichtigen vermögen. Man muß die Menſchen, denen man wohlthut, lieben und achten, um ſich in der Sorge für ſie glücklich fühlen zu koͤnnen, und das that Natalie nicht. Wer in den Kreis fremder Bedurfniſſe tritt, wird den Menſchen faſt immer klein finden, und wer Vielen Gutes thut, wird ſelten Achtung vor den Menſchen bewah⸗ ren, weil er jedes hoͤhere Beduͤrfniß von dem Man⸗ gel des niedern ſo erſtickt findet, daß er faſt an dem Daſein deſſelben zum Zweifler werden muß. Auguſts und Eliſens Liebe trat jetzt mit dem Zauber der ſchoͤnſten Wirklichkeit vor ſie hin, und ſchmerzlich ergriff ſie das Gefuͤhl, was das Leben ihr haͤtte gewähren können, wenn ſie nicht um ſei⸗ nen ſchoͤnſten Gehalt betrogen, denſelben zu fruͤh verloren gegeben haͤtte. — Jetzt hatte ſie keine Hoff⸗ nung mehr, den ſeligſten Göttertraum des Lebens Tarnow's Schriften. III. 8 — „ — — hienieden zu träumen. Sie konnte noch lieben; aber konnte ſie noch geliebt werden? Das uͤble Befinden ihres Vaters und ihre eigne Kraͤnklichkeit vermehrten ſich mit dem Fruͤh⸗ ling, und der Arzt verordnete Beiden den Gebrauch des Doberaner Seebades. Natalie trat dieſe Reiſe mit einer ihr durchaus räthſelhaften, freudigen Ban⸗ gigkeit an, die ihr oft als Ahnung erſchien. Ihr Vater fand in Doberan zufällig mehrere alte Bekannte, und gleich in den erſten Tagen wur⸗ den ſie in einen Zirkel von Menſchen und Vergnuͤ⸗ gungen gezogen, der ſich täglich erweiterte. Nata⸗ liens Reiz, ihr Geiſt und der Ruf ihres anſehn⸗ lichen Vermoͤgens erwarben ihr vielen Beifall, und ſie ſah ſich bald von einem Maͤnnerſchwarm um⸗ geben, unter dem ſie vergebens nach einem antwor⸗ tenden Laut auf die Stimme ihrer Seele umher horchte; ſo ward ſie von Tag zu Tag ſtiller und wehmuͤthiger. Nirgends überraſcht den Einſamen das Ge⸗ fuhl ſeines Einſamſeins ſo ſchmerzlich, als wenn er fremd unter eine große Menſchenmenge tritt, mit der er nur zufällig eine kurze Zeit fortgleitet, wie der — 171 — einzelne Tropfen mit der rauſchenden, brauſenden Waſſerwoge. Es iſt fuͤr Seelen und Herzen immer ſchwer, ſich in der Ueberhuͤllung irdiſcher Verhaͤlt⸗ niſſe und Koͤrper aufzufinden; in der lauten ge⸗ raͤuſchvollen Menge aber verſtummt auch der leiſeſte Laut der Sympathie, der Liebe und der Sehnſucht. Natalie ſah hier nur das eitle Spiel eines eitlen Lebens noch eitler erneuert, und ihr Wider⸗ wille, es ferner mitzumachen, ward noch entſchiedener und feſter. Auch Eliſe trat hier zum erſten Mal auf die Scene der taͤuſchenden Operauftritte, die man große Welt nennt. Oſt wurden ſie ihr lang⸗ weilig; allein der kindliche Frohſinn, die unbefan⸗ gene Unſchuld ihres Sinnes wurden ihr zum Schutz gegen alle ſchädliche Eindruͤcke. Wie ein Spiel glitt ihr das Getuͤmmel voruͤber, und machte ihr die Ein⸗ kehr in ſich ſelbſt, und die einſamen Stunden, die ſie mit ihrer Natalie lebte, nur noch lieber. Die ſchoͤnen Gegenden des freundlichen Dobe⸗ rans, die beide Schweſtern eben ſo eifrig aufſuch⸗ ten, als ſie in der Regel von den Badegaͤſten ver⸗ nachlaͤſſigt werden; der ihnen neue Anblick des Meers, der nie den Geiſt ermuͤdet, nie die Phanta⸗ ſie leer laͤßt, und die zuweilen geiſt⸗, wenn auch 8. — 172 — nicht ſeelenvollen, kleineren Zirkel, die ſich aus dem größeten geſondert, zuſammenfinden, verlieblichten ihren Aufenthalt, und Nataliens Wangen fingen wieder an, ſich im Glanz der Geſundheit zu roͤthen, während ihr Herz mehr und mehr einem warmen Boden gleich wurde, angefuͤllt mit den Keimen der innigſten, ſeelenvollſten Liebe, die nur auf die Son⸗ nenſtrahlen einer fremden edlen Liebe warteten, um ihre Bluͤthen zu entwickeln. Unter den gemachten Bekanntſchaften zeichnete Nataliens innigſte Hochachtung den edlen Dom⸗ herrn von Rochow aus, der ſo unermuͤdet ein ganzes reiches Leben hindurch Gutes wollte, Gutes wirkte, und fuͤr Deutſchlands niedere Staͤnde der Schoͤpfer und Verbreiter einer neuen, beſſeren Lehrmethode ward. Seine faſt ſchon vergeſſenen und vernach⸗ laͤſſigten Schriften enthalten einen ſo großen Reich⸗ thum populaͤrer Wiſſenſchaft und Moral, daß man ſie eine Encyklopädie beider fuͤr den Landmann nen⸗ nen könnte. Natalie traf mit ihm in dieſer Sorge und Liebe fuͤr die Bildung deſſelben wenigſtens in ihrem Streben zuſammen, ihren Gutsunterthanen das Gluͤck eines guten Schulunterrichts zu verſchaf⸗ fen. Sie hatte ſchon im Fruͤhling dieſes Jahres — 173 — ein geraͤumiges, bequemes Schulhaus erbauen und einen Garten anlegen laſſen, und war jetzt nur be⸗ ſorgt, einen geſchickten Schullehrer zu finden, der ihre Unterthanen fuͤr Wohlſtand, und die Freiheit, die ſie ihnen zu ſchenken Willens war, empfaͤnglich bilde. Ihre Unterhaltungen mit dem edlen Greiſe lenkten ſie haͤufig auf dieſen Gegenſtand hin, und erhellten ihre Anſichten im Spiegel ſeiner reifen Er⸗ fahrung zu hoͤherer Lebensklugheit. Er erbot ſich, einen jungen Mann, der ſeit einiger Zeit in ſeinem Hauſe lebte, und deſſen Charakter und Kenntniſſe er ihr mit Wärme ruͤhmte, zur Annahme der Schul⸗ lehrerſtelle bei ihr zu bereden, da dieſer ſich fuͤr dies Fach gebildet habe, und die Anſtellung in einer von ſeinem bisherigen Aufenthalt entfernten Gegend wuͤnſche. Auch ſchrieb er noch von Doberan aus an ihn, und konnte Natalie ſchon vor ihrer Abreiſe⸗ der Einwilligung des jungen Mannes, dem ſie ihrer wuͤrdige Bedingungen gemacht hatte, verſichern. Das Schickſal hatte dieſer aber noch eine Be⸗ kanntſchaft aufgeſpart, die ihr mit der hoͤchſten Freude auch den tiefſten Schmerz ihres Lebens be⸗ reitete, und die ſie bis zur letzten Minute ihres Le⸗ — 174 — bens als die freundlichſte Erſcheinung deſſelben ſegnete. Schon in den erſten Tagen ihres Aufenthalts in Doberan fiel Natalien unter der Menge der an⸗ weſenden Fremden ein junger, ausgezeichnet groß und edelgeſtalteter Mann auf, den ſie an der Seite eines lieblichen weiblichen Weſens, voll herzgewinnen⸗ der Anmuth, oft unten am Bade, oder in den ein⸗ ſamern Spatzergängen, nie aber in dem groͤßern Gewuhl ſah. Nach mancher vergeblichen Frage er⸗ fuhr ſie, es ſei ein Maler Willot aus Dresden mit ſeiner Gattin; lebhaft fuͤhlte ſie ſich zu dem Wunſch, ihre Bekanntſchaft zu machen, hingezogen, allein die Gelegenheit dazu wollte ſich in den erſten Tagen nicht finden, und der taͤgliche Wechſel von neuen Geſichtern und hinzukommenden Fremden drängte ſpaäter das intereſſante Paar in Nataliens Erinne⸗ rung zuruͤck, und ihre gegenſeitige Bekanntſchaft ſchränkte ſich auf den ſtillen Antheil ein, mit dem ſich ihre Blicke zuweilen begegneten, oder im Vor⸗ uͤbergehen durch einen bedeutenderen Gruß ſich aus⸗ zeichneten. Jetzt war die Zeit von Nataliens Auf⸗ enthalt bis auf einige Tage verſtrichen, von denen — 175 — ſie den ſchönſten zum Beſuch des Gutes D. wählte, deſſen Lage und Ausſichten man ihr geruͤhmt hatte. Sie fuhr allein mit Eliſen hin und rechnete auf einen einſamen Tag, da D. faſt nie von den Doberaner Badegäſten beſucht wird, allein der Zu⸗ fall fuͤhrte hier heute mehrere Menſchen zuſammen, die Alle einzeln gekommen, und ſich bis jetzt in dem großen Gewuͤhl fremd geblieben waren. So einzeln und getrennt durchſtrich man auch jetzt die ſchoͤne Gegend, bis ein Platzregen Alle in dem kleinen Stuͤbchen des naͤchſten Bauerhauſes verſammelte, deſſen Bewohner ihren Gäſten wenig zur Bewirthung anzubieten hatten. Die Meiſten dieſer hatten indeß kalte Kuͤche und Getraͤnk bei ſich; man trug das zuſammen; die Maͤnner ſchlugen einige Baͤnke auf, da es an Sitzen fehlte; die Frauen ordneten den Tiſch; man kam ſich waͤhrend dieſer Beſchaͤftigun⸗ gen im heitern Scherz naͤher, wurde — und nun ſehr froh und munter. Natalie traf zu ihrer Freude Willot und ſine Gattin unter den Anweſenden, und fand ſich mit ihm und dieſem einfachen, lieblichen Weſen ſo leicht und ſchnell zuſammen, daß man ihnen Allen bei den — 176 — erſten Worten die Freude anſah, ſich endlich naͤher kennen zu lernen. Willot war ein ſehr gebildeter Menſch; aber es war nicht die flache Geiſtigkeit der Welt⸗ und Hofbildung, was Natalie fand, ſondern die Fuͤlle eines reichen, poetiſchen Lebens, das auch in ſeiner Hoͤhe noch zeigte, wie hold befreundet es mit der Erde ſei, an die es befeſtigt war, um ſich deſto ſicherer groß und frei in die Unendlichkeit hinein ge⸗ ſtalten zu koͤnnen. Holder Ernſt und ſchoͤne Be⸗ geiſterung bezeichneten ſeinen Sinn, deſſen äußere Darſtellung ein reiner Spiegel des Innern war. Natalie vermochte, dieſen Charakter zu faſſen und ſich innig mit ihm zu befreunden. — Was ſie aber mit dem lebendigſten Antheil an ihm auf⸗ faßte, war ſein Verhältniß zu ſeiner Gattin, das, bisher ohne Vorbild in der Wirklichkeit, nur als ſchoͤnes Ideal in ihrer Seele heiligſter Tiefe ge⸗ ſchlummert hatte. Er ſo kuͤhn, ſo frei, ſo feſt, ſo beſtimmt, ſie ſo weich, ſo zart, ſo kindlich, faſt ehr⸗ erbietig gegen ihn, und doch ſo voll herzlicher, ver⸗ trauungsvoller Zaͤrtlichkeit ſich dem geehrten Mann anſchmiegend, der ſich nicht zu ihr hinunterließ, ſie — 177 — nicht zu ſich hinaufheben wollte, ſondern, ſo wie ſie war, in ihr ſein hoͤchſtes Gluͤck, ſeine ſuͤßeſte Freude, ſein Theuerſtes auf Erden liebte. Natalien wurde in ihrer Mitte, als wenn ſie nach langem Umherirren in der Fremde endlich die geliebte Heimath wieder vor ſich dämmern ſähe, und ſie erſchien ihnen gegenuͤber, unwillkuͤrlich ſtiller und einfacher, als ſie ſeit Jahren geweſen war. Der ſchoͤne Geiſt ihrer frommen Jugend kehrte ihr ſegnend zuruͤck, und begluͤckte durch ſeine Ruckkehr eine reinere, feſtere Seele, als er einſt durch ſein Scheiden betrubte. Natalie war unbeſchreiblich ſanft und wohlthätig bewegt, und ihr ſonſt ſo ſtolzer Geiſt beugte ſich voll ehrfurchtsvoller Demuth vor dem an⸗ ſpruchsloſen Werth Mariens, deren Herz ſich liebend dem ihren entgegen neigte, und der man ſo hell die Freude anſah, ihren Carl einem Weſen gegenuͤber zu ſehen, dem er ſo geruͤhrt und begeiſtert von ſei⸗ nen theuerſten Gefuͤhlen und Ideen ſprach. Sie miſchte ſich mit Eliſen unter die uͤbrige Geſellſchaft und ließ ihren Gatten und Natalie, im ernſten Ge⸗ ſpraͤch vertieft, am Fenſter zuruͤck. Doch liebend wandte ſie oft ihren hellen, klaren Blick auf ſie, 2 — 178 — oder trat ſchweigend einen Augenblick zu ihnen, ihre Hand zu druͤcken. Willot war einer der Glͤcklichen, dem das Schickſal ſchon in fruͤher Jugend einen großen Men⸗ ſchen fuͤr ſein Herz, und einen geliebten ſchoͤnen Zweck fuͤr ſein Leben geſchenkt hatte, und der, von dieſen Schutzgeiſtern geleitet, die Buͤrgſchaft ewiger Jugend in ſich trug. Die Begeiſterung fur ſeine Kunſt, die er Natalien zeigen durfte, weil ſie ſie mit ihm theilte, entriß im Geſpraͤch mit ihr ſeiner Feuer⸗ ſeele den Schleier, und er zeigte ihr den Himmels⸗ tempel und den Altar, den er darin fuͤr ſeinen Freund, Moritz Valuda, errichtet hatte. O wie wurde ſie erſchüttert, erweicht, aufgeregt zu Flammen edler Begeiſterung, als er ihren alten himmliſchen Traum von Freundſchaft ihr lebendig verwirklicht vorfuͤhrte, und ſie die Fluͤgel ihrer ent⸗ flohenen Ideale wieder rauſchen, ihre Götterbilder die Huͤlle von ſich werfen, und in ewig friſcher Ju⸗ gend und Schoͤnheit in ihr Herz wieder einziehen fuhlte! — So hatte ſie noch nie Jemand geehrt, als nach dieſer Stunde den edlen Menſchen, den ihr Willot in großen feſten Umriſſen zeichnete, wie — 179 — er in ſeiner hoͤhern Reinheit, in ſeinem edlern Ernſt, ſeiner erhabenen Feſtigkeit und der goͤttlichen Milde des liebevollſten aller Herzen, mit ihm, als der ewige Bruder ſeiner Seele durch ein Leben gehe, das Bei⸗ den geheiligt ward durch dieſe Freundſchaft. Valuda hatte das Leben in ſeiner hoͤchſten Luſt, in ſeinem hoͤchſten Schmerz kennen gelernt; aber eben aus dem tiefen Leid dieſes Wechſels war ihm eine Harmonie beider geworden, die ihm jetzt das Leben frei, den Tod ſchön machte. Eine hoͤhere Tugend, als gewoͤhnliche Menſchen zu faſſen vermoͤgen, gab ihm fuͤr alle Erſcheinungen der Zeit unerſchuͤtter⸗ lichen Muth und Glauben. Seine Seele voll un⸗ endlicher Liebe ordnete alle durch den Geiſt getrennte Theile des Irdiſchen wieder zu einem Ganzen, fuͤr das ſein Herz die Freudigkeit des Wirkens, Hoffens und Glaubens bewahrte; und nie genoß ein Mann einer ſchoͤnern Einheit des innern und äußern Le⸗ bens, wie er. Jahre lang hatte er mit einer Liebe, wie ſie nur ein ſo großes energiſches Gemuͤth zu empfinden vermag, an einem ſchoͤnen, holden Maͤd⸗ chen gehangen, dem ein ſeltnes Schickſal eine ſeltene Bildung gab, welche ſie in einer oft verkannten Ori⸗ ginalität von ihrem Geſchlecht abſonderte, und ſie — 180 — auf einen Standpunkt ſtellt, der ſie vielen unfteund⸗ lichen Blicken preis gab. Seine Treue, ſeine Feſtig⸗ keit, ſeine Liebe beſiegten alle Hinderniſſe; ſie ward endlich ſein Weib, machte gluͤcklich, war glucklich, und jetzt ſtand er an ihrer Bahre, und neben ihm wimmerte ſein Erſtgeborner, dem ſie mit ihrem Tode das Leben erkaufte. Und in dieſen Stunden des allerheiligſten Schmer⸗ zes ſah ihn Natalie jetzt, und die Worte, mit denen die Seele des Freundes ihn ihr darin ſchilderten, gewannen ſie Valuda auf ewig. Ihrer Ruͤhrung, und der nie empfundenen Erweichung ihres Herzens nicht länger machtig, reichte ſie Willot ſchweigend die Hand, und entwich in den Garten. Hier ſank ſie mit Thraͤnen, die die Schuld einer truͤben Ver⸗ gangenheit von dem wunden Herzen, der beklemmten Seele nahmen und ſtroͤmten, als ob ſie nie wieder ver⸗ ſiegen koͤnnten, nieder, und dankte Gott — inniger hat ihm nie ein ſterbliches Weſen gedankt — daß er ſie gerettet, ſie geſchuͤtzt habe, im reichen Leben zu ver⸗ ſchmachten, wie der Schiffer auf der weiten Waſſer⸗ fläche oft durſtend verſchmachtet. Was ſie empfand, vermochte ſie ſich ſelbſt nicht zu deuten. Sie fuhlte aber in ſich das Erbluͤhen eines neuen Lebens, und flehte zu Gott, ſie fuͤr daſſelbe zu heiligen, und dann verſtummte ſie, und nur ihre Thranen waren noch Gebet. Wiedergeboren, getauft mit ſeinem Geiſt, ſeiner Liebe, kam ſie wie verklaͤrt zur Geſellſchaft zuruͤck. Und wenn ſein Name nie wieder vor ihr genannt worden, kein Laut von ihm je zu ihr gedrungen waͤre: ſie wäre doch ſein geblieben auf ewig. O, da es eine Liebe gibt, die zu ihrem Daſein nichts bedarf, als das Bild des Geliebten, die ohne Hoffnung, ohne Wunſch, in ſeliger Stille nichts fordert, als dies Erkennen fremder Trefflichkeit: ſo laßt uns nicht zweifeln, daß wir, Pilgrime hienie⸗ den, das Buͤrgerrecht in einer ſchöneren Welt be⸗ ſiten. Natalie nahm bei der Ruͤckreiſe Willot und Marie mit in ihren Wagen, und ſie gewannen ſich gegenſeitig immer lieber. Willot, der das Gute und Schoͤne, wo es ihm erſchien, enthuſiaſtiſch und im Colorit einer dichteriſchen Phantaſie auffaßte, und dem ſein edler Freund unvergaͤnglichen Glauben an die Wuͤrde der menſchlichen Natur gegeben hatte, beſaß das himmliſche Vermögen, einem Menſchen ungeſtort vom leiſeſten Zweifel der Erfahrung ver⸗ trauen zu können. Er gab ſich hin, ehe noch Zeit und Pruͤfung die Ahnung des fremden Werthes zur Einſicht erhoben hatten, und Natalie war dieſes Ver⸗ trauens, das ſie ihm gegenuͤber wieder fand, werth. Unzertrennlich fuͤr die wenigen noch uͤbrigen Tage ihres Aufenthalts, fanden ſie ſich mehr und mehr in gleichen Anſichten, Ideen und Empfindungen zu⸗ ſammen. Dann ſchieden ſie, wehmuͤthig, aber ohne Schmerz, da Jeder in ſeinem eignen Herzen die Buͤrgſchaft trug, von dem Andern unvergeſſen zu bleiben. Ihr Vater, der ſeine taͤglich zunehmende Schwäche fuhlte, und kaum den Fruͤhling zu erleben hoffen durfte, wuͤnſchte ſeine Vermoͤgensumſtände in Ord⸗ nung zu bringen. Sein Gut fiel nach ſeinem Tode an einige ihm faſt ganz fremde Lehnsvettern, mit denen er muͤndlich Abrede zu nehmen wuͤnſchte, um ſeine Toͤchter in der Zukunft gegen die habſuͤchtige Einmiſchung der beruͤchtigten Advocaten ſeines Va⸗ terlandes zu ſchuͤtzen. Er machte daher auf der Ruͤckreiſe von Doberan einen Umweg uͤber Lubeck, den Wohnort ſeiner Lehnsvettern, und fand in ih⸗ nen ein Paar ſehr brave, geſcheidte Maͤnner, die ihn mit zuvorkommender Artigkeit aufnahmen, und Alles — 183 — aufboten, ihm und ſeinen Toͤchtern den Aufenthalt bei ſich angenehm zu machen. Man hatte Sinn genug, dies nicht durch das Zuſammenbitten einer großen, ſteifen Geſellſchaft, ſondern durch kleine von Traulichkeit und Scherz beſeelte Zirkel erreichen zu wollen. Die ſchoͤne Jahreszeit beguͤnſtigte die Strei⸗ fereien in die umliegende Gegend, die Natalie ſi ſicht⸗ lich jedem andern Vergnuͤgen vorzog, und Muſik und Tanz beſchloſſen gewoͤhnlich den Abend. Nata⸗ liens Geſang trug nicht wenig zur Verſchoͤnerung dieſer Abende bei, und man bewunderte die Reinheit und den ſeltnen Umfang ihrer Stimme eben ſo ſehr, als die Fertigkeit und Sicherheit, mit der ſie ſchwere, ihr ganz fremde Sachen vortrug. Den Abend vor ihrer Abreiſe brachten ſie in dem Garten des einen Vetters zu, der allen Be⸗ kannten zu jeder Tageszeit offen ſtand. Auch heute waren mehrere nicht zur geſchloſſenen Geſellſchaft gehoͤrende Perſonen da; dieſe verſammelten ſich gegen Abend in dem Gartenſaal, wo Julie, die Tochter des Hauſes, Natalie, Eliſe und mehrere der anwe⸗ ſenden jungen Mädchen ſich in Geſang zum Spiel der Guitarre und des Pianoforte's abloſeten. Ein aus der Stadt nachkommender Bedienter brachte die — 184 — eben mit der Poſt angekommenen Briefe, und unter dieſen ein Packet ſchoͤner neuer Muſikalien fuͤr Julie mit. Neugierig eroͤffnete man es gleich, fand aber leider nur zweiſtimmige Sachen, die, Natalie ausge⸗ nommen, Keiner von der Geſellſchaft ſich getrauen durfte, vom Blatte vorzutragen. Arnold, Juliens Verlobter, der ſehr angenehm ſang, und dadurch wahrſcheinlich die Wahl dieſer Singſtucke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber ſchon nach dem er⸗ ſten Blick darauf legte er ſie nieder, und erklaͤrte die Unmoͤglichkeit, ſie uneingeuͤbt ſingen zu koͤnnen. Na⸗ talie hatte während dieſer Zeit die ihrigen nachge⸗ ſehen, und das Accompagnement durchgeſpielt. Es wehte ihr aus dieſen Compoſitionen eine ſo liebliche Melodie, eine ſo reiche Harmonie entgegen, daß ſie den Wunſch lebhaft außerte, es moͤge ſich Jemand finden, der die zweite Stimme ſingen wolle und koͤnne; doch vergeblich! „Wenn ich nicht irre,“ ſagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem Freunde, „ſo habe ich vorhin am Baſſin Ihren Weiberhaſſer wandeln ge⸗ ſehen, deſſen Geſang Sie mir ſo oft geruͤhmt ha⸗ ben; wie waͤre es, wenn Sie den Verſuch machten, ihn herzufuͤhren, und zu ſehen, ob er Muth genug — 185 — hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?“ „Ich will mein Gluͤck verſuchen,“ antwortete der junge Mann lächelnd, „und hoffe das Beſte; denn wahrlich, Couſinchen, weiberſcheu iſt er nicht.“ Natalie fragte Julie, von wem die Rede ſei? „So recht weiß ich es ſelbſt nicht; es iſt ein Jugend⸗ freund Arnold's, der ſich ſeit einigen Tagen hier aufhaͤlt, und nach Allem, was ich von ihm gehoͤrt habe, ein ſehr genialiſcher Menſch, den der empo⸗ rende Unwerth einer von ihm vergotterten Frau zum entſchiedenſten Weiberhaſſer gemacht hat. Doch wahrlich, da kommt er mit Arnold gegangen; nur Einen Blick, liebe Natalie — welch intereſſantes Geſicht! wer ſollte glauben, daß dieſer jugendliche bluͤhende Mann ſo bitter mit unſerm Geſchlecht zer⸗ fallen ſei?“ Natalie ſah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenſchaftlich gluͤhendes Augenpaar, das ſeinen Blick, wie uͤberraſcht, von ihr wegſenkte, und es dann nicht der Muͤhe werth zu finden ſchien, die uͤbrige Geſellſchaft auch nur mit einem Blick zu üͤberfliegen. Arnold ſtellte ihn ſeiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im gleichgültigſten — 186 — Ton geſagten Worten begruͤßte. Da es in die Augen fiel, daß man eben muſicirt hatte, wandte ſich das Geſpraͤch ſchnell darauf, und Alle vereinigten ſich zu der Bitte an den Fremden, das eine wun⸗ derſchoͤne Duett zu ſingen, das Keiner aus der Ge⸗ ſellſchaft ſich vorzutragen getraue. Natalie allein ſaß ſtumm und von der Geſellſchaft abgewandt am Fluͤgel, und ihr feines, geuͤbtes Ohr unterſchied in den Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erſt erfuhr, warum er hierher gelockt wor⸗ den war, ſeinen beleidigten Stolz, und einen Ton, deſſen Modulation den Mangel feiner geſellſchaftlicher Bildung verrieth; ſo wie die Wahl ſeiner Ausdruͤcke dagegen auf Geiſt und Lectuͤre deutete. Selbſt die Nachläſſigkeit ſeines Benehmens gegen die bittenden Maädchen wäre durch einen geuͤbtern Tact fuͤr das geſellige Verhaͤltniß der hohern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben dieſer ſonderbare Con⸗ traſt der Sprache und des Benehmens zog ſie an, und ſie fuͤhlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde beſitze, dazu gehoͤre, um nach ſo langem Widerſtand mit Anſtand nachzugeben, und doch wuͤnſchte ſie ſo ſehr, ihn ſingen zu hören. Schnell riß ſie alle Zuͤge des Flügels auf — ein — — rauſchendes Allegro ſtorte die Unterhaltung, und mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderſteh⸗ licher Grazie und der ſeltſamſten Miſchung von Bitte, Befehl und Frage wandte ſie ſich zu ihm um: — „Sie ſingen!?“ Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer ſtum⸗ men, bejahenden Verbeugung naͤher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei ſeinem Eintritt ſo milde entgegen ſtrahlte, ſingen ſollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab ſie ihm nun ſeine Stimme, er durch⸗ lief ſie und ſenkte ſein Auge zweifelnd zu ihr herab; aber ſie ſah ſo freundlich aufmunternd zu ihm hin⸗ auf, ſie verſtaͤndigte ſich ſo hold mit ihm uber einige der ſchwerſten Paſſagen — ſonderbar, daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden — er furchtete, dies könne ihr als Unart erſcheinen — als ob in irgend einer Sprache etwas Ausdrucksvol⸗ leres geſagt werden konnte, als fuͤr Natalie in dieſem ſtummen Gehorſam, dieſer beklommenen Befangen⸗ heit lag! Oft hatte ſie beim erſten Anblick gefallen, und welchem Weibe entgeht dieſer Eindrucke aber die, denen ſie gefiel, wußten immer eben ſo ſchnell, und oft noch fruͤher als ſie um dieſen Eindruck, — 188 — und ſuchten dann ſehr angelegentlich ſie auch damit bekannt zu machen. Hier aber ſtand ſie, wie ſie fuhlte, einem Gemuͤth gegenuͤber, das ſich ſelbſt in dem empfangenen Eindruck nicht verſtand; und die Neuheit dieſer Erſcheinung verdoppelte das Intereſſe, das die Beiwörter, ungluͤcklich, genial, dieſe wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten. Sie ſang! Mit ſo ſeelenvollem, dem innerſten Herzen ſich entreißendem Ausdruck hatte ſie nie ge⸗ ſungen, — und ſie fuͤhlte in ſeinem Geſang, wie ſie ihn allmaͤhlig mit ſich fortriß, er alle Umgebun⸗ gen vergaß, und ſich von dieſen Tonen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande fortziehen ließ. — Jetzt hatte ſie geendet; ſie ſtand auf, dankte ihm mit einer Verbeugung, und ließ ihn, wie traͤu⸗ mend am Inſtrumente zuruͤck. Noch immer hoͤrte er ſie in Sirenentoͤnen ſingen: All' eccesso del contento Sento il core in tale istante Anelante Palpitar. Der ſchoͤne Abend lockte die Geſellſchaft wieder in den Garten zuruͤck. Man vertheilte ſich paar⸗ weiſe, und Natalie blieb, nicht ganz unvorſaͤtzlich, mit dem Fremden, der ſich wieder zu ihr gefunden — 189 — hatte, allein. Niemand verſtand beſſer als ſie die Kunſt, den mit äußrer Rohheit kämpfenden Geiſt im Geſpräch von ſeinen Feſſeln zu entbinden, und ihn zur klaren, ſelbſtgenugenden Anſicht ſeiner ſelbſt zu fuͤhren. Mit der Sicherheit und Unbefangenheit, die ihr ihre hohere Bildung in dieſem Geſpräch geben mußte, ging ſie in die Ideen ihres Geſell⸗ ſchafters ein, und leitete ihn, ſeine Gedanken mit einer Klarheit auszuſprechen, die ihm als eigenes Verdienſt erſchien. Der gewaltige Eindruck, den ſie auf den jungen Mann machte, entging ihr nicht; allein Valuda's Bild, das heilig in ihrem Herzen ruhete, und keinen Goͤtzen darin neben ſich duldete, ſchuͤtzte ſie vor der Unwuͤrdigkeit, mit dieſem Ein⸗ druck ſpielen zu wollen, und ſie wuͤnſchte, dem jun⸗ gen Manne in dem Andenken dieſes zufaͤlligen Zu⸗ ſammentreffens einen Keim zu hinterlaſſen, aus dem ſich fruͤher oder ſpaͤter, von fteundlichen Haͤnden gepflegt, der Glaube an Weibertugend und Weiber⸗ güte leichter zu entwickeln vermoͤge. Sie fuͤhite, daß es Gleichheit des Schickſals war, was ſie zu ihm zog; getaͤuſcht, hintergangen, um ihre Hoffnun⸗ gen, um Liebe, Glaube, Gluͤck betrogen, wie er, ſah ſie, wie in einem finſtern Spiegel, ihre Ver⸗ — gangenheit, die ihr nicht blos Schmerzen, auch Flecken gegeben hatte, in der unharmoniſchen Leiden⸗ ſchaftlichkeit dieſes Mannes, die fruͤher wahrſchein⸗ lich auch nur gehaltvolle Sentimentalitaͤt war. In den gewoͤhnlichen Irrthum leidenſchaftlicher Menſchen verſunken, hielt ſich der Fremde ſelbſt fuͤr einen ausgebrannten Vulcan, und glaubte ein Leben ohne Huld und Freude, wie das menſchliche, koönne nur durch den entſchiedenſten Stoicismus gewuͤrdigt werden. Er zertrat daher und verachtete alle Freude, und der Schmerz ſchien ihm auch nur da zu ſein, um durch Gefuͤhlloſigkeit beſiegt zu werden. Nata⸗ lie ſah aber, daß er wie ein Metallguß nur auf der Oberflaͤche erkaltet, in ſeinem Innern verzehrend fortgluͤhe und eben durch dieſe erkuͤnſtelte Kälte fuͤr die hoͤchſte, gewaltigſte Leidenſchaft immer empfäng⸗ licher werde, und ſich ihr wahrſcheinlich ohne Maß und Schranken hingeben werde, ſobald ihm ein blumenuͤbergruͤnter Abgrund erſcheine. Ein inniges Mitleiden mit ihm ergriff ſie, das, verbunden mit der Achtung, welche ſie der Energie eines ſolchen Gemuͤths nicht verſagen konnte, zu milden, erhebenden Worten wurde, die ſie ſelbſt, indem ſie ſie ausſprach, auf ihrem neuen Wege — 191 — kraͤftigten. Sie fuͤhrte ihn darauf hin, wie leicht man bei einer fuͤr das Große begeiſterten Phantaſie dahin komme, die kleinen ſtillen Tugenden zu ver⸗ kennen, an die das Wohl des Einzelnen, wie des Ganzen gebunden iſt; wie man vorzuͤglich in der Jugend ſo geneigt ſei, die Alltagspflichten unter die Fuͤße zu treten, um dem Ideal eines moraliſchen Heroismus nachzuſtreben, dem die Vorſehung neben tiefer Verworfenheit ſeine Stelle angewieſen habe, damit der Contraſt beider den friſchen Lebensſtrom der Menſchheit vor dem Schlammichtwerden ſchutz. Darum ſeien aber nur Wenige berufen, ihn zu uͤben; Jeder hingegen koͤnne in ſeinem Kreiſe das Schlechte meiden, das Beſte wollen und das Gute thun; und wer dieſem Ziel mit Treue und feſtem, ernſtem Willen nachſtrebe, finde auch ſicher die Straße des Friedens wieder, die im verworrnen Leben allein zum Heil fuͤhre. Sie ſagte das Alles ohne beſondre Beziehung, wie im Allgemeinen; aber ſie fuhlte ſich verſtunden in dem Feuer, mit dem er ſie zur genauern Zergliederung ihrer Ideen leitete, als ſeien ſie ihm ein Licht auf dunklem, troſtloſem Pfade. Niemand fuͤhlt den Beruf, Irrende zurecht zu weiſen, lebhafter und inniger als der, den eben eine — 192 — ſchuͤtzende Hand auf den rechten Weg zuruͤck fuͤhrte, und der nun nach herausgeriſſenem Unkraut das Aufgehn des edlern Blumenflors in ſich fuͤhlt und ihn pflegt. Was auf die menſchliche Seele in Fällen dieſer Art wirken ſoll, muß nie aus abſtrac⸗ ten, allgemein guͤltigen moraliſchen Geſetzen, ſondern aus individuellen Empfindungen hergenommen ſein. Dieſe theoretiſchen Principien ſind gut und paflich fuͤr die Stunden unbefangener Pruͤfung und ernſten Sammelns; ſie koͤnnen uns ſchuͤtzen, uns kraͤftigen, dem rechten Wege treu erhalten, aber nie werden ſie vom unrechten zuruͤckfuͤhren, weil in der Verir⸗ rung des Einzelnen faſt immer ſo viel Eigenthuͤm⸗ liches liegt, daß ſie zur Ausnahme von der Regel wird, und der Verirrte ſich außer dem Geſetz fuhlt, das auf ſeine Lage keine Ruͤckſicht nahm und neh⸗ men konnte. Ach, unter allen Trauerſtunden des Lebens ſchmerzt keine mehr, als die, wo der Menſch, der am Morgen ſeines Daſeins ſeinen Lauf ſo voll edlen Muthes, ſo voll feſten Willens, nur dem Edelſten nachſtreben zu wollen, begann, todtlich ermattet nie⸗ derſinkt, und die Kraft verloren hat, ſich ſelbſt wie⸗ der aufzurichten gegen die Aurora, die um die be⸗ — 193 — deckte Erde als Wiederſchein des Geiſterreichs liegt. Fordert nicht, ihr ſtrengen Richter fremder Schwaͤche, von dem muͤden, durch Thraͤnen verdunkelten Auge des Ungluͤcklichen, daß es durch den finſtern Nebel dringe, der ihm den ewig reinen, von jedem irdiſchen Dunſt unumwoͤlkten Himmel verbirgt. Gerade den Beſten unter uns ſaugt das Leben gern, wie ein Vampyr, das warme Herzblut aus, und treibt ſie dann in den Irrgarten der Alltäglichkeit, wo man, der hoͤheren Beduͤrfniſſe der Menſchheit uneingedenk, vom Leben nichts fordern darf, als Wohlſein bei Speiſe und Trank und Allem, was dem Koͤrper be⸗ hagt. — Nicht der vom Blitz des Ungluͤcks ent⸗ ſeelte Menſch iſt zu beklagen, aber wohl der durch ihn entſtellte, deſſen Fall nicht unwuͤrdige Schwäche, ſondern Verirrung der edelſten Kräfte war. Die Menge weiſet ja allen Kampf von ſich und vergaukelt an die erbärmlichſten Armſeligkeiten ein Leben, deſſen Gehalt ſich an unzerreißbaren Fäden durch die ganze Stufenfolge unſers Daſeins fortſpinnt. Die Mehrzahl der Beſſeren ſiecht dage⸗ gen ein freudenleeres Leben hin, auf das nur die negativen Tugenden der Geduld und der Reſignation einen lichten Strahl werfen „und, wahrlich, ich liebe Tarnow's Schriften. M. 9 — 194 — und achte dieſe ſchoͤnen, weichen Seelen, deren vor⸗ zuglich mein Geſchlecht ſo viele hat, die ohne Freude und doch ohne Klage fromm und gelaſſen durch das Leben gehen; aber die Erde ſoll doch ſo wenig ein moraliſches als ein phyſiſches Siechhaus ſein. Das Ideal wahrer Menſchenbildung iſt Geſundheit der Seele und des Körpers; denn auch auf die letztre ward im geiſtigen Weltplan mit gerechnet. Nur ein freudiges Handeln beſtimmt den wahren Werth des Menſchen, und ſo iſt die Geduld auch ſchon edler als Reſignation; jene hat Hoffnung, dieſe nicht.“ „Wie Viele aber von denen, die jetzt ſo hin⸗ ſchlendern, unbekuͤmmert, ob ihre Seele im Blute wohne oder nicht, waren doch auch einſt voll Glau⸗ ben, Liebe und Hoffnung! — Wie Viele von ihnen wuͤrden nicht gerettet werden, wenn wir uns unter einander zur Ermunterung und zum gemeinſchaftli⸗ chen Fortgange auf gleichem Wege treuer die Hand vöten, oder den Verirrten williger an unſer Herz zögen und ſchonend ſeine Wunden mit unſerer Liebe bedeckten. — Nur zu oft aber ſtoßen wir ihn ganz hinunter, unbekuͤmmert, ob nicht ſein Herzblut den ſchluͤpftigen Pfad netze, den er, mit der letzten, verzweiflungsvollen Anſtrengung ſeiner erſterbenden — 195 — Kräfte erklimmt, und von dem er zuruͤckgleitet, weil keine Hand ſich ausſtreckt, ihn zu halten. Gott! ein Strohhalm könnte das oft, und doch iſt man ſo taub gegen den Schrei der höchſten jammervollſten Seelenangſt, mit der der Menſch um ſein herrlich⸗ ſtes Kleinod, den Glauben an ſich und die Men⸗ ſchen ringt!“ — „O laßt uns lieber zehn Unwuͤrdigen liebend und troͤſtend mit Warnung und Ermunterung an die Hand gehen, als einen Ungluͤcklichen nicht beachten, der vielleicht nicht mehr den Muth hat, uns aufzu⸗ ſuchen, aber uns als ſeinen Schutzengel aufnimmt, wenn wir uns ihm naͤhern. Soll denn nur der Heißhunger körperlicher Beduͤrfniſſe unſer Mitleid, unſte Huͤlfe anſprechen? Iſt es denn nicht unendlich mehr werth, den edleren Theil eines Menſchen zu retten? Und was iſt aller körperliche Schmerz, alles ubrige Weh der Erde gegen die im Vergehen noch aufzuckende Seelenangſt, mit der man ſich täglich tiefer ſinken fuͤhlt, ohne eigne Kraft, dieſem Ver⸗ ſinken entgegen arbeiten zu konnen?“ „Ja, es iſt ſchrecklich, aber wahr: der Menſch kann ſo weit kommen, ſich ſelbſt aufzugeben! — Er kann das, aber kein Andrer darf es; denn⸗ 9 * — 196 — wie kann das, was goͤttlichen Urſprungs iſt, ver⸗ nichtet werden in einer Seele, deren Leben eben dies Gottliche iſt? wie duͤrfte der Menſch den Menſchen je verloren geben?“ — „Und wenn nun ſo ein Ungluͤcklicher ſtumm und entſtellt unter uns wandelt, und vergebens nach einem Auge ſpahet, das ihn troͤſtend anblicke, nach einem Laut, der ihn kraͤftige, einer Hand, deren Druck ihm leiſe ſage, vertraue: wollt ihr ihn denn ſteinigen, weil er, von Allen verlaſſen, ſich ſelbſt verlaͤßt? — Stumm und ſchweigend wird er unter euren Wuͤrfen zu Boden ſinken; aber wer nicht begreift, was er leidet, begreift auch nicht den unendlichen Jammer deſſen, „Der ſich Menſchenhaß aus der Fuͤlle der Liebe trank!“ — Nataliens ſanfte aus dem Herzen kommende Wärme theilte ſich dem Fremden mit. „Sie laſſen mich fuͤhlen,“ ſagte er ihr, „daß der Menſch nicht fuͤr einen immerwaͤhrenden hoffnungsloſen Streit zwiſchen den Grundtrieben ſeiner moraliſchen und fuͤhlenden Natur, dem Gebot der Pflicht und dem Durſt nach Gluͤck, beſtimmt iſt, wie ich es ſeit einiger Zeit glaubte. Aber das Leben hat doch Mo⸗ mente, die den Quell heitern Lebensſinnes auf immer — 197 — vergiften. Nur der Durſt, der heiße Durſt nach dem Gluͤck, das das erſte Beduͤrfniß unſers Herzens war, bleibt uns zuruͤck, und der kann dann nie geſtillt werden. Wenn unſer Weh in unſter Em⸗ yfindung liegt, ſo iſt ja die eine Quelle des Lebens ſelbſt vergiftet und es bleibt dem Menſchen nur das Rettungsmittel, ſein Gefuͤhl zu ertödten, und einen Theil ſeines Weſens dem Ganzen aufzuopfern, wie der Wundarzt auch zuweilen den Körper verſtuͤm⸗ melt, um das Leben zu retten.“ „Darf aber der geringere Theil unſers Weſens durch Aufopferung des edleren erhalten werden? — Auch ich ehre die Vernunft als einen Funken aus dem ewig reinen Licht; aber das Gefuhl erſcheint mir als ein noch ſchoͤnerer, beſeelenderer Abglanz deſſelben, und nie wird man mich uͤberreden koͤnnen, daß der Menſch edler iſt durch ſeinen Geiſt, als durch ſein Herz. Nur aus dieſem entſpringt die Schoͤnheit des Willens, die ihn aus der Macht des irdiſchen Verhaͤngniſſes hebt, denn der Geiſt kann das Sittlichſchöne erkennen; doch geliebt wird es nur mit dem Herzen. Freilich gelangen nur Wenige ohne Kampf und Streit zu jener ſeligen Einheit beider, aus der der Friede geboren wird, der hoͤher iſt als alle Vernunft. Doch muͤſſen wir darum dieſen nicht fuͤr unerreichbar halten und den Kampf nicht zum Zweck erheben. Was der Menſch ſich im ſchuldloſen Freudengenuß des Lebens aneignet, iſt Gewinn fuͤr ſeine hoͤchſte Bildung. Eine verlorne Hoffnung, eine geraubte Tauſchung kann den Menſchen nie be⸗ rechtigen, bitter gegen das Leben zu werden; dem Menſchen, der dieſes nicht nur zu genießen, ſondern auch zu wuͤrdigen verſteht, welken nie alle Freuden⸗ blumen deſſelben; — und wer trägt die Schuld, wenn er aus dem reichen, duftenden Kranze nur die Roſe waͤhlte, und entblättert ſich dieſe, ihre einfachen, aber an Duft und Werth mit ihr wetteifernden Schweſtern nicht zu wuͤrdigen verſteht und ſie von ſich wirft? darf er es dem Leben aufbuͤrden, wenn er in dieſer Verſtockung aus der Sittenlehre eine ſtrenge despotiſche Rechtslehre bildet, die ihm nur Pflichten aufburdet, ohne ihm Rechte, Wuͤnſche und Hoffnungen zu geſtatten? — In der Kaäͤlte dieſes Syſtems gedeihen dann freilich die zarten, frommen Bluͤthen freudiger Pflichterfullung nicht, die dem Menſchen ſo labend und erquickend duften, wenn des Lebens Schwuͤle ihn druͤckt. Der Menſch ſoll das Gute thun, weil es gut iſt; aber er darf es auch — 199 — lieben, weil es ihn heiter, fromm und zufrieden macht, und kann er dieſes ſein, wenn er nur Ver⸗ nunft, dieſen einzelnen Schoͤßling der reichbegabten menſchlichen Seele, hat und haben will? — Wer fur einfache Guͤte, fur Menſchenliebe, fuͤr aus dem Herzen entſpringende Thätigkeit für fremdes Wohl nicht verloren iſt, der iſt es auch wahrlich nicht fur das Gluck, das ſich fruher oder ſpäter, aber gewiß unausbleiblich, freundlich wieder zu ihm wendet.“ „Ich betrat heut,“ antwortete er ihr „dieſen Garten mit einem Widerwillen gegen das ganze Leben, von dem ich jetzt bekenne, daß es der Un⸗ muth finſtrer Hoffnungsloſigkeit war. Einem Gluͤck, das mir zu Gift geworden war, gab ich jedes wohl⸗ chuende Gefuͤhl zum Geleit mit, als ich es von mir ſtieß, weil ich fuhlte, mein Herz habe mich elend gemacht. Ich wollte nun nur noch feſt und hart und ſtark ſein, und war vielleicht durch dieſe mir aufgezwun⸗ gene Unnatur noch ungluͤcklicher, als durch mein Geſchick. In wenig Tagen trete ich in einen Kreis einfacher, nüctzlicher Thätigkeit, wo ich unendlich viel Gutes ſtiften kann; mir ſchaudert ſelbſt vor der Er⸗ ſtorbenheit, mit der ich an meine kuͤnftigen Pflichten dachte, aber jett, in Ihre Hand will ich das Ge⸗ luͤbde legen, ſie als Quelle meines Gluͤcks zu lieben und gewiß werde ich dies Geluͤbde loſen.“ „Und mit dieſem Haͤndedruck,“ ſagte Natalie, „gebe ich Ihnen die Verſicherung, daß Ihre fruͤhere Empfaͤnglichkeit fuͤr Lebenswerth und Lebensgenuß Ihnen dann veredelt und verſchoͤnt wiederkehren wird.“ Er druͤckte die dargebotene Hand an ſeine Lip⸗ pen, aber die Worte, mit denen er fuͤr dieſe Ver⸗ heißung danken wollte, verſtummten vor den Per⸗ ſonen, die in dieſem Augenblick aus einem Neben⸗ gange zu ihnen traten. Man ging gemeinſchaftlich weiter; die Geſellſchaft fand ſich mehr und mehr zuſammen, und erſt im Eßzimmer vermißte Natalie den Fremden. Sie wandte ſich mit ihrer Erkun⸗ digung nach ihm an Arnold. „Er iſt,“ antwortete dieſer, „der Sohn eines Predigers, der von ſeinem Vater einen beruͤhmten Namen und eine treffliche Erziehung erhielt. Leider verlor er dieſen Fuͤhrer zu fruͤh; die Vormuͤnder gaben ihn auf eine hohe Schule, und beſtimmten ihn, dem fruͤheren Plan ſeines Vaters zu Folge, für den Stand deſſelben. Er hatte aber die ſonder⸗ bare Schwaͤrmerei, durchaus nur Landſchullehrer werden zu wollen. Alles, was er zu dieſem Berufe — 201 — zweckmäͤßig und nuͤtzlich glaubte, lernte er mit großem Eifer; aber ſein Widerwille gegen alle Sprach- und hoͤhere Wiſſenſchaften war, trotz ſeiner ausgezeichneten Fähigkeiten ſo entſchieden, daß alle Verſuche, dieſen zu bekaͤmpfen, fruchtlos blieben, und er endlich, als man ihn mit Strenge dazu anhalten wollte, entfloh, und zu dem Domherrn von Rochow, einem Freunde ſeines verſtorbenen Vaters, ſeine Zuflucht nahm. Dieſer nahm ſich ſeiner an, und wirkte ihm die Einwilligung ſeiner Vormuͤnder aus, das H. Schullehrer-Seminar beziehen zu duͤrfen. Hier er⸗ warb er ſich die Liebe und die Achtung ſeiner ſämmt⸗ lichen Lehrer, und war ſchon zu einem einträglichen Dienſt vorgeſchlagen und ernannt, als er ploͤtzlich die Vocation zuruͤckſandte, H. „verließ, und ein Jahr ſehr menſchenſcheu und einſam im Hauſe ſei⸗ nes alten Goͤnners Rochow lebte, auf deſſen Em⸗ pfehlung er jetzt in einer entfernten Provinz eine Stelle erhalten hat. Ueber ſein Schickſal iſt er ſehr verſchloſſen; doch machen es mir ſeine Weiberverach⸗ tung und ſein Trubſinn ſehr wahrſcheinlich, daß der Unwerth eines vergötterten Weibes ſie bewirkte.“ „Und ſein Name?“ fragte Natalie e „Wilhelm Buri.“ — 202 — Ihre Ahnung hatte ſie nicht betrogen; der Fremde war ihr neuer Schullehrer. Eine ſonderbare Empfindung goß ſich erkaͤltend durch Nataliens Adernz ſie fuͤhlte zu ihrem eignen Erſtaunen, daß ſie erblaßte. Natalie, es war die Warnung Deines Schutz⸗ geiſtes! Dritter Abſchnitt. Es lag dies Herz fuͤr alle Pfeile offen und mancher gift'ge trank ſein Blut. E. M. Arndt. Wenig Wochen nach ihrer Ruͤckkehr von Lubeck ſtanden Natalie und Eliſe am Grabe ihres Vaters. In ſeinem Teſtament hatte er Natalien die Vor⸗ mundſchaft uͤber Eliſe aufgetragen und die verdop⸗ pelte Thaͤtigkeit, zu der ſie dadurch verpflichtet ward, half ihr den Schmerz dieſes Verluſtes feſter und ernſter ertragen, als ſie es ſonſt zu thun vermocht hätte. Sie ſchrieb an Auguſt und forderte ihn auf, ſeine Zuhauſekunft zu beſchleunigen. Ein guͤnſtiger Zufall machte ihn mit dem Kammerpräſidenten be⸗ kannt, welcher an den Kenntniſſen und dem ſchoͤnen Eifer des jungen Mannes, der das Gute innig — 201 — liebte und verſtäͤndig wollte, ſo viel Gefallen fand, daß Auguſt in kurzer Zeit eine der angenehmſten und eintraͤglichſten Beamtenſtellen ſeines Vaterlandes erhielt. Von Natalie gebilligt, bluͤhte die ſtille Neigung Eliſens jetzt wunderbar ſchnell zur innigſten Liebe auf, und da ſeine Befoͤrderung jedes Hinder⸗ niß ihrer Verbindung beſeitigte, genoß Natalie des Gluͤckes, die Hand ihrer Schweſter dem Manne geben zu koͤnnen, den ſie ihrer wahren Achtung und ihres vollen Vertrauens werth gefunden hatte. Mit muͤtterlicher Freude und Sorgſamkeit war ſie unermuͤdet geſchaͤftig, ihre Eliſe auszuſteuern und ihr ihre neue Wohnung auszuſchmuͤcken; aber alle Bitten ihrer Geſchwiſter, kuͤnftig bei ihnen zu woh⸗ nen, waren vergeblich. Sie begleitete ſie nach ihrem neuen Wohnort; doch ſchon nach einigen dort zuge⸗ brachten ſehr gluͤcklichen Wochen ging ſie nach ihrem Gute zuruͤck, wo ſie kuͤnftig zu wohnen entſchloſſen war. Dieſe Trennung war theils Folge ihrer immer lebhafter werdenden Sehnſucht nach Einſamkeit und ſtiller Einkehr in ſich ſelbſt, theils ihres Grundſatzes, daß im erſten Eheſtandsjahr die Anweſenheit einer vertrauten Freundin der jungen Frau fur ihr eheliches — 205 — Gluͤck ſelten heilſam iſt, indem ihre Gegenwart ver⸗ hindert, daß Denkungsart und Handlungsweiſe bei⸗ der Gatten ſich zu jenem unaufloslichen Gewebe in einander ſchlingen, welches das Gluͤck und das Heiligthum der Ehe genannt zu werden verdient. Natalie kam in Gremlin, ſo hieß ihr von Rhode ererbtes Gut, an. So unabhaͤngig ſie auch bisher gelebt hatte, war ihr doch das Gefuͤhl, in eignem Hauſe zu leben, ſich ganz als Gebieterin deſſelben zu fuͤhlen, und unumſchrankte Herrin ihrer Zeit, und der Anwendung derſelben zu ſein, neu, und die Suͤßigkeit deſſelben ging nicht fur ſie ver⸗ loren. Eine entfernte, bejahrte Verwandtin, welche der Tod ihres Mannes huͤlflos und allein gelaſſen hatte, Madame Brandt, ward ihre Geſellſchafterin, unter deren Schutz Natalie, ohne den Tadel der Welt und die Verletzung eingefuhrter Sitte furchten zu duͤrfen, allein und unabhaͤngig leben konnte. Am Tage nach ihrer Ankunft, als ſie gegen Abend einſam am Fluͤgel ſaß, meldete man Natalie Herrn Buri, der der Beſitzerin des Gutes ſeine Aufwartung machen zu muſſen glaubte. Der Ge⸗ danke an ihr fruͤheres Zuſammentreffen mit ihm hatte ſich ihr durch die ſchnelle Folge intereſſanterer — — Freigniſſe ganz entfremdet. Jene finſtre, warnende Schreckensahnung, die einſt bei Nennung ſeines Namens durch ihr Herz zog, war laͤngſt vergeſſen, da in ihrer Seele kein Gedanke, keine Empfindung war, die ſie daran zu erinnern vermocht haätte. Unbefangen erhob ſie ſich auch jetzt bei ſeinem Ein⸗ tritt; aber er verlor alle Haltung, als er beim erſten Blick auf ſie jene Unbekannte, das Heiligenbild ſei⸗ nes Herzens, wieder erkannte. In der Abgeſchieden⸗ heit ſeines gegenwärtigen Lebens hatte er den gewal⸗ tigen Eindruck, den Natalie auf ihn gemacht, mit der ganzen leidenſchaftlichen Kraft ſeiner Phantaſie genahrt und ausgebildet. Von der Beſitzerin des Gutes hatte er gleichfalls, ſo lange er in Gremlin lebte, als von einem Engel an Guͤte und einem Wunder der Bildung und des Geiſtes reden hoͤren; er war Zeuge der Wohlthaten, die ſie ihren Unter⸗ thanen ſpendete; er verdankte ihr ſelbſt nicht allein ſeine Stelle, ſondern auch die Einrichtung ſeines Hauſes, das er bei ſeiner Ankunft moͤblirt und mit allem Nothwendigen verſehen vorfand; und in die⸗ ſer im Voraus verehrten und bewunderten Gebieterin fand er jetzt ſeine Unbekannte, dies Idol aller Schwaͤrmereien ſeines Kopfes und ſeines Herzens — — 207 — wieder. Vom Strahl der Abendſonne beleuchtet, trat ſie ihm wie verklrt entgegen, und er konnte ſich kaum enthalten, vor der holden Erſcheinung die Knie zu beugen. Natalie freute ſich des Wiederſehens des Juͤng⸗ lings, den ſie viel heitrer und bluhender fand, und ſeines Geſtaͤndniſſes, daß jene Unterredung mit ihr den erſten Strahl auf ſein verduͤſtertes Leben ge⸗ worfen habe, das ſich nun durch Liebe zu ſeinem Beruf und Treue in demſelben immer freundlicher erhelle. Aber die Erinnerung an jenes fruͤhere Zu⸗ ſammentreffen fuͤllte doch jetzt die weite Kluft aus, die ſonſt den Untergebenen von der Herrin getrennt haben wuͤrde. Sie wollte und konnte auch nicht, ohne wehe zu thun, den Ton geſellſchaftlicher Gleich⸗ heit ändern, den ſie fruͤher, die Unbekannte dem Unbekannten gegenuͤber, beim Zuſammentreffen in Einer Geſellſchaft angenommen hatte, und ſie glaubte um ſo mehr, dieſen Ton beibehalten zu konnen, da er ihr eine tiefere Ehrfurcht zeigte, wie ſie der Unterſchied des Standes je zu erzeugen vermag. In voller Ruhe, erhaben uͤber jede Brandung der Leidenſchaft, jede ſtuͤrmiſche Wallung des Ge⸗ fühls war ſie ihm zuerſt erſchienen; ſo hatte ſich ihr — 208 — Bild ihm eingedruͤckt, und ſo glaubte er auch jetzt ſie zu ſehen. Ihr je begegnen zu können in Einem Gefühl, Einer Empfindung; ihr vergelten zu koͤn⸗ nen, was ſie ſpendete; zu wähnen, ſie koͤnne in den engen Kreis kleiner Schmerzen und Freuden, kleiner Beduͤrfniſſe und Wuͤnſche mit eintreten, hielt er fuͤr unmoglich. Fuͤr Natalie kam jetzt eine ſchöne Zeit des Friedens mit ſich und Andern; Muße und haͤusliche Thaͤtigkeit, heitre Geſelligkeit und frohe Einſamkeit in weiſem Wechſel fuͤllten ihre Stunden aus. Der Zirkel ihres nachbarlichen Umgangs breitete ſich nach und nach aus, aber die wirthſchaftliche Thaätigkeit des laͤndlichen Lebens bewahrt den Theilnehmer daran vor der Zerſtreuungsſucht des Städters. Dieſer macht aus der Geſelligkeit ein Geſchaͤft, dem er oft ſein ganzes Leben widmet; jenem iſt ſie nur Erholung, nur Genuß fuͤr Feiertage und Feier⸗ ſtunden. Auch fuͤr Natalie war ſie nur dies, und am fro⸗ heſten war ſie nach vollbrachtem Tagewerk, in ihrem Zimmer bei Lectuͤre und Muſik, oder auch im trau⸗ lichen, verſtaͤndigen Geſpraͤch mit dem ſchätzbaren Prediger und ſeiner Frau, welche in den langen — 209 — Winterabenden täglich zur Theeſtunde zu ihr kamen. Oft erwiederte ſie auch dieſen Beſuch und fand dann immer Buri dort, der im Hauſe der alten wackern Leute wie ein Sohn einheimiſch war. Sein ausgezeichnetes muſikaliſches Talent verſchaffte ihm auch haͤufigen Zutritt in ihrem Hauſe, da ſie, wie faſt alle Saͤngerinnen, ſich lieber accompagniren ließ, als ihren Geſang ſelbſt begleitete. Ein anderes, zufäl⸗ lig bei ihm entdecktes Talent machte ihr ſeine Ge⸗ ſellſchaft noch angenehmer: er las gut; und mit dem Ausdruck eines eben ſo zarten als tiefen Gefuͤhls. Unvermerkt ward er ſo näher und noher in ihren Lichtkreis gezogen, und ach! er ſuchte die herr⸗ liche, ihn ſo himmliſch beſeelende Flamme nur zu ſehnſuͤchtig auf! — Fruher hatte er nur die Gluth heißer, leidenſchaftlicher Sinnlichkeit kennen lernen; hätte ſein jetiges Gefuͤhl jenem fruͤheren geglichen, ſo hätte er ſich ſelbſt verſtanden und ſich vielleicht ſelbſt beherrſcht. Aber dieſe reine anbetende Huldi⸗ gung, mit der er Natalie verehrte, ſchien ihm hoͤchſt unverdächtig. Er lebte in ihrer Naͤhe, wie in dem Element eines hohern geiſtigen Lebens, das von Tag zu Tag alle Kräfte ſeiner Seele zu einem unaus⸗ ſprechlich gehaltvollen und gluͤcklichen Daſein aufjubelte. Natalie freute ſich oft des ſchoͤnen Juͤnglings, der jetzt ſo freudig im Leben einherſchritt. Sie fuͤhlte, das ſei ihr Werk; aber ſie hatte keine Ahnung des Unſegens, der daraus fuͤr ihn und fur ſie hervorgehen wurde. — Ihre reine Seele kannte von der Liebe nur die hoͤchſte Freude und den edelſten Schmerz. Um dieſe Zeit erhielt ſie Briefe von Willot und ſeiner Frau, die ihr die willkommene Nach⸗ richt brachten, daß ſie ihren Wohnort veräͤndern, und ſich in G., wo auch Auguſt und Eliſe wohn⸗ ten, niederlaſſen wuͤrden. Dieſen Brief beglei⸗ tete ein Werk von Valuda, welches damals, bei ſeinem Erſcheinen die Aufmerkſamkeit aller Ge⸗ bildeten auf den Mann lenkte, der noch an der Grenze des reiferen Juͤnglingsalters darin edel, ſtreng und feſt wie eine Heldenerſcheinung aus laͤngſt verſunkener Vorzeit erſchien, und milde, fromm und menſchlich, wie wahre Größe es im⸗ mer iſt. Schoͤne, unvergeßliche Stunden, in denen die edlen gewichtigen Worte Nataliens Seele begeiſter⸗ ten, und ihr innerſtes Gemuͤth ſich mit dem Ver⸗ faſſer auf's Innigſte befreundete! — So hatte ſie — — ſich ihn fruͤher gedacht, ſo lebte er in ihrem Her⸗ zen, und nach Leſung dieſes Werkes, in welchem ſich ſein Geiſt, ſein Gemuͤth, und die Eigenthuͤmlichkeit ſeines Sinnes mit unverkennbarer Wahrheit aus⸗ ſprachen war ſie mit den innigſten Empfindungen ihrer Seele, mit den theuerſten Ideen ihres Geiſtes, und mit jeder beſſern Kraft ihres Gemuͤthes ſ ein, und blieb es auch bis zum letzten Schlage ihres ge⸗ brochnen, treuen Herzens. Sie beantwortete Willot's Brief, und erwähnte ſeines Freundes und des ihr uͤberſandten Werkes mit Worten des Dankes, und einer Bewunderung, die ein ſo klares und gemuthreiches Eingehen in Valuda's Sinn verriethen, daß Willot ſie in der Freude daruͤber dieſem mittheilte, und dadurch auch in ihm jene Sympathie auftegte, die Beide fuͤr einander geſchaffne Weſen in ſchoͤner Ahnung zu einander zog. In dieſem ſtillen häuslichen Leben, und dem faſt täglichen, traulichen Zuſammenſein konnte es Natalie nicht entgehen, wie Buri ſich immer feſter und waͤrmer an ſie ſchloß, und mehr und mehr nur von ihren Blicken, ihren Worten zu leben ſchien. Es ſchien ihr aber auch, als wenn die Reife, die — 212 — ihr Charakter gewonnen hatte, und der Ernſt ihres Weſens ſie davor ſchuͤtzen muͤſſe, auf einen ſo jun⸗ gen Mann jugendlichen Eindruck zu machen, und ſie genoß ſeiner unverkennbaren Anhänglichkeit nicht eitel, ſondern mit dem ruhigen, ſich der Ueberlegen⸗ heit bewußten Wohlwollen einer altern Freundin gegen den Schuͤtzling, uͤber deſſen Gefuͤhle ſie ſich einer unbedingten Herrſchaft ſicher glaubt. Kam ſie um Mitternacht, oft noch ſpäter, von einem Beſuch in der Nachbarſchaft nach Hauſe, ſo fand ſie ihn doch gewiß noch jedes Mal, auch bei dem heftigſten Schneegeſtöber, bei Sturm und Re⸗ gen wach und vor ſeiner Hausthuͤre, oder am offe⸗ nen Fenſter, wo ein Schlagbaum ſie einige Minu⸗ ten zum Verweilen noͤthigte, und er ihr dann noch eine gute Nacht wuͤnſchen konnte. Daß ſie ſich gewiſſermaßen beredete, auch dies ganz leicht und unbedeutend zu nehmen, war ihr erſtes und ihr groͤßtes Unrecht gegen ihn. — Nataliens Urtheil ward hier, ohne daß ſie es wußte, von der alle Wei⸗ ber ſo ſuͤß berauſchenden, verfuͤhreriſchen Gewißheit, geliebt zu werden, beſtochen, und, wahrlich, wenig Frauen werden geliebt, wie Natalie in dieſem Zeit⸗ punkt von Buri geliebt wurde. ——— — 213 — Er beſaß nicht jene Tiefe der Empfindung, jene innige Begeiſterung, jene unendliche Treue, die allein wahre Liebe erzeugen; er konnte daher auch dieſe im eigenſten Sinn des Wortes nicht in ſich auf⸗ nehmen; er hatte keinen Frieden mit ſich und dem All, aber was er fuͤr Natalie im vollſten Umfang ſeines Empfindungsvermoͤgens empfand, war jene ſuße, verderbliche, der Erde angehoͤrende Leidenſchaft, die im weiten Reich der Dinge nur ein Glück an⸗ erkennt, und fuͤr den Beſitz der Geliebten ſich tau⸗ ſendmal in's tobende Meer, in's lodernde Feuer ſtuͤrzte; ein Gefuͤhl, vergänglich wie alles Irdiſche, aber in ſeiner Vergänglichkeit ſo unwiderſtehlich be⸗ zaubernd, ſo alle Kraft des Geiſtes, die nicht fuͤr daſſelbe wuchert, betäubend, daß es, einmal gekoſtet, doch als die hoͤchſte irdiſche Seligkeit nie vergeſſen wird, ſo wenig von dem Herzen, das es durchgluhte, als von dem, das es einfloßte. Natalien war dieſe Leidenſchaft noch nicht er⸗ ſchienen, und ſie wußte ſo wenig um ihr Daſein, als um ihre Wirkungen. Ihr war die Liebe ein Band zwiſchen dieſer und jener Welt, die Vermitt⸗ lerin zwiſchen Gott und den Menſchen. Buri konnte ihre Phantaſie auf Momente beſchäͤftigen; zu ihrem — — Herzen gab es fuͤr ihn keinen Weg. Der buͤrger⸗ liche Abſtand zwiſchen dem Juͤngling und ihr war ihr auch in jedem Augenblick ſo gegenwaͤrtig, daß ſie den kleinſten Verſuch von Seiten des Juͤnglings, ihn uͤberſpringen zu wollen, fuͤr unmoͤglich hielt. Ruhig in dem Bewußtſein, ihre Gewalt uͤber ihn nur zu ſeinem Beſten, zu ſeiner Bildung und Ver⸗ edlung benutzen zu wollen, wußte ſie es nicht, wie leicht in einem ſolchen Verhaͤltniſſe das Kind zum Rieſen erwächſt, deſſen roher Macht jedes zarte Ge⸗ fuhl erliegt. Monate vergingen indeſſen, ohne daß Buri ſich ſelbſt in dem Wechſel von Jubel und Weh ver⸗ ſtehen lernte, der jetzt ſein Leben ausfuͤllte. Das Herzklopfen der Freunde, wenn er zu ihr ging, die öde Abgeſtorbenheit der ganzen Welt fuͤr ihn, wo ſie nicht war, ſein Erröthen, wenn ihr Blick den ſeinen traf, das ſchmerzliche Entzuͤcken, wenn ihr Gewand voruͤberrauſchend ſeinen Fuß beruͤhrte, ſeine Beklommenheit, wenn ſie, neben ihm ſtehend, ſich zum Pianoforte herab beugte, an dem er ſaß, um die Noten deutlicher zu leſen, er ihren Athem an ſeiner Wange fuhlte, und nun alles Leben in ihm ſtillſtand, um nach Secunden, wie ein brauſender — 215 — Strom, mit tauſendfach vermehrter Kraft, durch alle Adern ſeines Herzens hinzuſtroͤmen, waren ihm noch Hieroglyphen, zu denen kein Wunſch, keine Hoffnung ihm den Schluſſel bot. Als ſie aber einſt, da er ihr beim Ausſteigen aus dem Wagen die Hand bot, ausglitt, und da⸗ durch auf eine Secunde in ſeine Arme, an ſein Herz ſank, durchgluͤhte ſeine fruher vom Hauch der Wolluſt vergiftete Seele blitzesſchnell das Selbſt⸗ geſtäͤndniß ſeiner Leidenſchaft. Von dieſem Augen⸗ blick an wich der ſtille Genius des Friedens und der Unſchuld von ihm, und er ward ein Raub ſtraͤflicher, frevelnder, nicht mehr zu beſchwichtigender Wuͤnſche, an deren Erfullung er im ſtillen Wahnſinn der Lei⸗ denſchaft entſchloſſen war, ſein Leben zu ſetzen. Das Oſterfeſt war nahe. Der Prediger war ſeit vielen Jahren gewohnt, am zweiten Feiertage deſſelben die Pächter des Kirchſpiels zu ſich einzu⸗ laden, und fragte Natalie, ob er es wagen durfe, ſie auch zu bitten. Sie nahm die Einladung gern an. Zum erſten Mal ſah Buri ſie hier, fern vom Gepränge ihres Ranges und ihres Reichthums, hochſt einfach gekleidet, unter ſeines Gleichen. Na⸗ talie ſuchte in ihrem Betragen Alles zu vermeiden, was die Anweſenden erinnern konnte, daß ſie nicht zu ihrem Zirkel gehoͤre, und dadurch die Freude die⸗ ſer guten, einfachen Menſchen zu ſtoͤren vermocht hätte. Sie war ſo gut, ſo freundlich, ſo zuvorkom⸗ mend gegen Alle, und merkte nicht, daß ſie es heute mit ſo heiterm herzlichem Wohlwollen war, weil ſie es nun auch, ohne mit ſich ſelbſt rechten zu muͤſſen, gegen Buri ſein durfte, der ihr in dieſen letzten Wo⸗ chen unvermerkt lieber geworden war, und den ſie eben darum oft abſichtlich das Gewicht ihres Stan⸗ des hatte fuͤhlen laſſen. Er war unbeſchreiblich gluͤcklich dadurch, und das ruͤhrte und erweichte ſie. Alle freueten ſich ſeines heitern Witzes, und ſeines, bei ſo ſchoner bluͤhender Jugend doppelt anmuthig erſcheinenden Frohſinns. Nach dem Caffee, als die Bejahrten der Ge⸗ ſellſchaft ſich an die Spieltiſche ſetzten, fingen die jungen Leute an, Pfaͤnderſpiele zu ſpielen, von denen Natalie ſich nicht füglich ausſchließen konnte. Zum Beſchluß wurde Blindekuh vorgeſchlagen. Das Loos, ſich die Augen verbinden zu laſſen, traf Buri. Ein junges Mädchen uͤbernahrn dies Geſchäft: aber die äbrige Geſellſchaft war mit der Ausrichtung deſſel⸗ ben nicht zufcieden; man behauptete, er könne noch ſehen, und Natalie, die zufällig nahe bei ihm ſtand, ward erſucht, den ſtreitigen Fall zu unterſuchen, und den Knoten feſter zu ſchuͤrzen. Genannt wurde ſie nicht bei dieſer Aufforderung, aber konnte er es ver⸗ kennen, daß ſie es war, die jetzt nahe, ganz nahe vor ihm ſtehend, mit den zarten Fingern ſeine Wan⸗ gen beruͤhrte, um die Binde tiefer uͤber das Auge herabzuziehen. Natalie ſah, wie er bei dieſer fluch⸗ tigen Beruͤhrung erbebte, und welche Gluth uͤber ſeine Wangen flog; auch ſie war befangen, und in dieſem Moment fuͤhlte ſie ſich von ihm umſchlungen und an ſein Herz gedruͤckt. „Ich kann nicht ſehen, Mamſell Horſt, gewiß nicht,“ ſagte er raſch und heftig, um ihr und den andern Anweſenden die Kuͤhnheit dieſes Umfaſſens zu verdecken. Alle wur⸗ den getauſcht und belachten den Irrthum, und auch Natalie fand es gerathen, daran zu glauben. Sie faßte, ſich ihm raſch entwindend, ſeinen Arm, um ihn, dem Spielgebrauch gemaß, im Zimmer einige Male auf⸗ und abzufuͤhren, und ſuchte bei den Worten, mit denen ſie ihn entlaſſen mußte, die Stimme des von ihm genannten Mädchens nachzu⸗ ahmen; doch ſie ſelbſt war nicht getaͤuſcht. Sie fuhlte, nur ſie koͤnne er ſo umſchlingen, nur ihre Tarnow's Schriften. MMII. 10 — A8 — Naͤhe könne ihn ſo trunken machen, und — o Raͤth⸗ ſel des weiblichen Herzens! — ſie vermochte nur wohlwollend, keineswegs zuͤrnend, im Gefuhl der Macht dieſes Moments bei ihm zu verweilen. O Natur, wie reich mußteſt du ſein, um in einzelne Momente ſolche Seligkeit legen zu koͤnnen! Eine Secunde nur hatte er ſie umfaßt, einmal nur ihr Herz an ſeiner Bruſt ſchlagen fuͤhlen, und doch wird dieſe Erinnerung noch einſt das Herz des Greiſes mit ſuͤßer Wehmuth zu fuͤllen, und ſeine Zuge mit frohem Lächeln zu erheitern vermoͤgen. Natalie hatte Herrſchaft genug uͤber ſich, nach Endigung des Spiels, ganz unbefangen gegen ihn zu ſein, und ihm dadurch ihr Wiſſen um das Vor⸗ ſätziche ſeines Irrthums unerrathbar zu machen. Doch derſelbe Abend fuͤhrte noch einen Augenblick herbei, der ſie mit dem Geheimniß ihrer Schwäͤche gegen ihn hätte bekannt machen können, waͤre ſie nicht beſtimmt geweſen, jede Erfahrung, jede War⸗ nung mit einem ſchmerzlich verwundeten Herzen er⸗ kaufen zu muͤſſen. Ihr Wagen kam, ſie abzuholen; bei dem Um⸗ wenden auf dem eben nicht ſehr geraͤumigem Pfarr⸗ hofe brach die Deichſel, und Natalie beſchloß, den — 219 — kurzen Weg nach ihrem Hauſe lieber zu gehen, als noch laͤnger auf einen andern Wagen zu warten. Der Prediger erbot ſich, ſie zu begleiten, was ſie aber ausſchlug, da er ſchon den Abend uͤber Erkäl⸗ tung und Heiſerkeit geklagt hatte; dieſer rief nun Buri und noch einen andern jungen Mann aus der Geſellſchaft, um die Damen den Richtweg durch ſeinen Garten uͤber den Kirchhof zu fuͤhren. Ma⸗ dame Brandt, der in dieſer finſtern Mitternachts⸗ ſtunde der Weg uͤber den Kirchhof einiges Beden⸗ ken machte, faßte ſchnell den Arm des andern jun⸗ gen Mannes, da ſie Buri's Spott über ihre, ihm ſchon bekannte Geſpenſterfurcht ſcheuete, und ſo fiel dieſem das Loos, Natalien zu begleiten. Beide gin⸗ gen ſtumm neben einander, bis beim Eingang zu dem Kirchhof ein Hund mit lautem Gebell auf ſie zufuhr. Natalie hatte die Schwachheit, vor Hun⸗ den ängſtlich zu ſein; auch jetzt ſchreckte ſie zuſam⸗ men und faßte mit dem Angſtruf: „ach, lieber Buri!“ den Arm ihres Begleiters. Zum erſten Male hoͤrte dieſer von ihr dieſe trauliche Benennung; zum erſten Male bot ſie ihm die Hand, und ließ ſie ihm ſogar, als er ihren Arm in den ſeinen le⸗ gend, auch dieſe Hand in der ſeinen behielt. Na⸗ 10 * — 220 — talie fuͤhlte durch den Handſchuh ſein fieberhaftes Gluhen; ſie fuhlte ihr Unrecht; aber beſiegt von der hoffnungsloſen und doch ſo gewaltigen Liebe des Juͤnglings, ermattet von der Unwahrheit, mit der ſie ſich die wachſende Gewalt derſelben ſo lange ver⸗ läugnet hatte, gab ſie ſich in dieſer Minute dem Genuß hin, der fuͤr ſie in dem Gluͤck lag, das Wilhelm daburch empfand. Sie bedachte nicht, wie viel ſie ſich damit gegen einen Mann vergab, deſſen Liebe ſie nie erfahren durfte, und der von dieſem Augenblick an berechtigt war, ſie als die Vertraute derſelben anzuſehen. Das Verhaͤltniß zwiſchen Beiden — von dieſem Tage an eben ſo ſonderbar als ungleich. Sie war oft ſtolz und herriſch gegen ihn; wenn er dann tief gekraͤnkt, beſchämt, im bittern Unmuth oder ſtillem Zuͤrnen gegen ſich ſelbſt, zuruͤcktrat, ſo konnte ſie es nicht laſſen, ihm wieder mit Einem Blick, Einem Worte die Unart vieler Tage zu ver⸗ guten. Ueber ihn gewann dieſe Leidenſchaft eine furchtbare Gewalt. Immer heißer, immer hoffnungs⸗ loſer, bald zum Sterben betruͤbt, dann zum Himmel entzuckt, kamen doch Minuten, die ihm dieſen hoͤlli⸗ ſchen Himmel voll ſeliger Qual theurer, wie jedes — 221 — andre Gluͤck der Erde machten. Sein hochſter Wunſch war der, ihr nur einmal ſagen zu duͤrfen, wie er ſie liebe, ſie nur noch einmal wieder an ſeine Bruſt drucken zu duͤrfen, und dann in der Minute ſelbſt zu ſterben. Nataliens ſchwer errungener Friede ward durch ihn von Neuem geſtört, und doch konnte ſie die Stoͤ⸗ rung und den Störer nicht haſſen, doch gab ſie ſich der Hoffuung hin, irgend ein Zufall werde in's Spiel treten, und es ihr erſparen, dies Gewebe mit harter Hand zu zerreißen. Auch war es ihr durch⸗ aus nicht klar, was ſie zu thun habe. Sollte ſie ihn entfernen? ihn, der fruͤher ſo einſam und un⸗ gluͤcklich war, und fuͤr den die ganze Welt zur freu⸗ denleeren Wuͤſte ward, ſobald ſie ihn verſtieß. — Womit hatte er dieſe Haͤrte verdient? wog das, was ſie durch dieſe Entfernung an Ruhe gewinnen konnte, den Schmerz auf, den er empfinden mußte? und warum auch ein ſolcher Gewaltſchritt? es war ja auch möglich, daß bei einem ſo excentriſchen Men⸗ ſchen blos Dankbarkeit und Bewunderung ſich ohne Einmiſchung von Liebe ſo excentriſch ausſprachenʒ und, wenn er ſie nun auch wirklich liebte, ſo wußte er doch hochſt wahrſcheinlich ſelbſt noch nicht darum, — 222 — und die Gefahr, den Nachtwandler zu wecken, war dann großer, als jede andre. Liebe ohne alle Hoff⸗ nung iſt ſo nur ein Phantom, und welche Hoffnung konnte er haben? Mit dieſen Gruͤbeleien und Trugſchluͤſſen be⸗ taͤubte ſie die warnende Stimme in ihrem Herzen, und Monate verfloſſen Beiden noch in dieſer Unbe⸗ ſtimmtheit und Verworrenheit ihres Verhaͤltniſſes. Eines Abends war er allein mit ihr. Sie ſangen ein Duett von den zwei Grazienlieblingen, Metaſtaſio und Pergoleſe, zu einem Geſange fuͤr zwei Selige gemacht. Jeder Ton war Harmonie der Liebe, und gab dem Herzen Wonneſchlaͤge. Alles Leben in Buri's Weſen ward zu einem Taumel, nie hatte er ſo ſehr empfunden, wie gluͤcklich er ſein wuͤrde, wäre ſie, die Angebetete, ſein. . Es war waͤhrend des Geſanges traulich däm⸗ mernd geworden. Ueberwältigt von der Sande ſei⸗ ner Empfindung, wollte Buri gehen. Er ſtand aufz in dieſem Augenblick fiel Nataliens Taſchentuch zur Erde — Beide buͤckten ſich, es aufzuheben. Wange ſtreifte an Wange, und in demſelben Moment fuhlte ſie ſich an ſein Hez geriſſen, und der heiße, leiden⸗ — 223 — ſchaftliche Druck ſeiner Lippen gluͤhte auf den ihren. ueberraſcht, außer aller Faſſung ſchwankte ſie in ſeinen Armen, „Buri!“ rief ſie bewegt — er hielt ſie noch umſchlungen — „Buri!“ rief ſie ernſt, da ſturzte er zu ihren Fuͤßen; mit heißen Thränen, mit Zittern, mit Entzucken, mit aller Gluth und Furchtſamkeit der erſten Jugendliebe geſtand er ihr eine Leidenſchaft, um die ſie lange wußte, ohne ſich je die Moͤglichkeit zugegeben zu haben, daß ein Ge⸗ ſtändniß derſelben erfolgen koͤnne, auf deſſen Em⸗ pfang ſie durchaus nicht gefaßt war. „Sie gehen, Buri!“ ſagte ſie ihm ſtolz und gebietend; gehorchend entfernte er ſich; an der Thuͤre wandte er ſich um, mit Blitzen in den Augen, und mit vieler Sicherheit im affectvollen Ton, ſagte er ihr: „Sie koͤnnen mein Leben als Suͤhnopfer dieſes Augenblicks fordern; nur glauben Sie nicht, daß Gott ſelbſt mich zur Reue daruͤber bringen kann!“ Verwerfend winkte ſie mit der Hand, er eilte weg. Betaͤubt, verwirrt und zitternd blieb Natalie zuruͤck. Vergebens ſtrebte ſie nach Ruhe und nach dem Geſichtspunkt, aus dem ſie den Vorfall betrach⸗ ten mußte. Sie wollte kalt urtheilen, und der blù — — hende, ſchöne Juͤngling ſtand vor ihrer Phantaſie, wie er ſie an ſein Herz druͤckte, wie er dann zu ih⸗ ren Fuͤßen ſank; ſie fuͤhlte das Entzuͤcken, mit dem er ſie, die Vergotterte, umfaßt hatte, und eine Ah⸗ nung zahlloſer neuer Senſationen, deren Natur ihr dunkel blieb, weil ſie ihr ganz unbekannt waren, er⸗ griff ſie. An der Wahrheit ſeiner Liebe konnte ſie nicht zweifeln, und ſie, die fruͤher ſo oft fruchtlos geſtrebt hatte, Steine zu erwärmen, ſie, deren ein⸗ ziger Wunſch, deren einzige Forderung an das Schickſal von jeher nur Liebe, wahre uneigennuͤtzge Liebe geweſen war, ſollte nun kalt und hart das Herz von ſich ſtoßen, das mit ſo heißer, dem Tode und der Verwerfung trotzender Leidenſchaft an ihr hing? Sie fuͤhlte, daß ſie Buri nicht liebe; ſie konnte ſeinem Umgang entſagen; aber was wurde ſein Loos, wenn ſie ihn verſtieß? Ihr war, als habe dieſe Stunde ihr die Verpflichtung auferlegt, das Gluͤck des Juͤnglings wie ihr eignes im Herzen zu tragen; in ihrer Seele war keine Ahnung irgend einer andern Gefahr, die ihm und ihr aus dieſem Ver⸗ hältniß aufgehen koͤnne, als die des geſtörten Herzens⸗ friedens, und ſo beſchloß ſie, ohne alle Ruͤckſicht auf ſich, nur die Maßregeln zu ergreifen, die ihr fuͤr — 225 — Buri's Gluͤck die zweckmaͤßigſten zu ſein ſchienen. Dieſe Liebe ſollte ihr Nittel werden, ihn weiſer und glucklicher zu machen; ſie wollte ihm im vollſten Sinn des Wortes Freundin und Schutzgeiſt wer⸗ den; ſeine durch ſie und dieſe Liebe begonnene mo⸗ raliſche und äſthetiſche Bildung vollenden, und ihn dann einer fuͤr ihn paſſenden Gattin zufuͤhren. Natalie täuſchte ſich hier, indem ſie die Illu⸗ ſion eines geruͤhrten Herzens und einer rege gewor⸗ denen Phantaſie fuͤr Eingebungen und Pruͤfungen kalter, ruhiger Vernunft nahm. Hätte dieſe ihr Be⸗ tragen wirklich geleitet, ſo wurde ſie nach jenem Oſtertage ſchon den Juͤngling auf irgend eine Art aus ihrem Kreiſe entfernt haben. Ihr jetiges Be⸗ tragen war ſehr tadelnswerth, und wohl dem Weibe, das in ähnlicher Lage aͤhnlicher Verſchuldung ent⸗ ging! — Gönnet aber, meine weiſeren und beſſeren Schweſtern, der armen Natalie den Troſt, den ihr ihr innerſtes Bewufßtſein auch in ihren trubſten Stunden gewährte, den Troſt, Buri's Liebe nur ge⸗ duldet und gut geheißen zu haben, weil ſie in ihr das Mittel zu ſehen und zu ehren glaubte, ſeine moraliſchen Anlagen zu entwickeln, die Disharmonie — 226 — ſeines Weſens aufzuloͤſen, und ihn beſſer und gluck⸗ licher zu machen. — Am Abend des folgenden Tages ſah ſie ihn, einer fruͤheren Einladung zu Folge, mit dem Prediger und ſeiner Frau zu ſich eintreten. Sie empfing ihn mit ruhigem, ſicherm Ernſt. Er zitterte ſo ſichtlich, daß ſie es ſchon aus Schonung vermeiden mußte, das Geſpräch an ihn zu richten, aber ſie konnte trotz ſeines Erroͤthens und ſeines Verſtum⸗ mens die Trunkenheit nicht verkennen, mit der er in der Erinnerung der genoſſenen Seligkeit den Muth fand, Alles, ſelbſt ihren Unwillen, zu ertragen, ohne das Vorgefallene zu bereuen. Die Energie der Leidenſchaft gab ihm jetzt, ihr gegenuͤber, eine Muͤn⸗ digkeit, die er fruͤher nie gezeigt hatte. Einem feſt entſchloſſenen, muthvollen Manne gegenuͤber, fuͤhlt das Weib immer ſeine Schwaͤche, die dann nichts iſt, als reines Gefuͤhl der Weiblichkeit. Natalie vermochte ihre anfaͤngliche Unbefangenheit im Laufe dieſes Abends nicht zu bewahren. — Einmal ſtreifte voruͤbergleitend ihr Blick an ihm hin, aber ihr Auge traf auf einen ſo gluͤhend, ſo unerſaͤttlich an ihr hangenden Blick, daß ſie zagend erroͤthete. Nur ſie konnte jetzt, wie ſie fuͤhlte, dieſen Sturm beſchwich⸗ — 2 — tigen; nur ſie vermochte, den erwachten Loöͤwen zu zuͤgeln, und eben dies Gefuͤhl zog ſie noch mehr zu dem Juͤngling hin⸗ Seit mehreren Monaten war es eingefuͤhrt, daß Buri am Mittwoch Nachmittag zu ihr kam, um neue, ſchwere Singſachen mit ihr einzuuͤben. Auch jetzt erſchien er, als dieſer Tag kam, und fand, wie gewoͤhnlich, Natalie allein. Sie hatte ſich auf dieſe Unterredung vorbereitet, und fing auch jetzt an, ihm ernſt und beſonnen, ohne Zorn, aber mit der Strenge kalter Vernunft die Thorheit und das Strafwuͤrdige ſeines Betragens zu zergliedern. Doch der Damm war einmal durchbrochen, und ſie dem Erguß des heißeſten, leidenſchaftlichſten Herzens, das je in der Bruſt eines Mannes ſchlug, preis gege⸗ ben, eines Herzens, das ohne Hoffnung, ohne Stre⸗ ven, ein aͤhnliches Gefuhl in ihr zu wecken, nichts, durchaus nichts von ihr und vom Leben wollte, als die Verguͤnſtigung, ſich in ihrer Nähe ſonnen, oder ſterben zu duͤrfen. Nataliens Thraͤnen floſſen; zum erſten Mal fuhlte ſie ſich geliebt; geliebt mit allen Kräften, allen Wuͤnſchen und Empfindungen dieſer Feuerſeele, und eine unendliche Theilnahme, ein Ge⸗ — 228 — fuhl wehmuͤthiger Seligkeit fullte ihr Herz mit Dank gegen den Mann, der ſein Gluͤck und ſein Leben ſo freudig an die Erlaubniß ſetzte, ſie lieben zu duͤrfen. Sie fragte ihn ernſt und innig, ob er der Herrſchaft uͤber ſein Herz gewiß genug ſei, um dieſe Liebe ewig als eine Flamme zu betrachten, die ſein Leben erwaͤrmen, aber nie verzehren duͤrfe? — Von ihr könne und werde er nie etwas erhalten, als Freundſchaft; dieſe gelobte ſie ihm aus voller Seele, ſo lange er ſanft, vernuͤnftig und beſonnen ſein, und ſich mehr und mehr mit dem Gedanken befreunden wolle, bald eine Gattin zu wählen. 2 Feierlich gelobte er ihr die Erfuͤllung aller ihrer Forderungen, und wirklich fand er auch in dem Gluͤck, ihr ſagen zu duͤrfen, daß er ſie liebe, eine ſo uͤberſchwengliche Genugthuung, daß er, zu jedem Opfer bereit, in dieſer Stunde nicht begriff, wie ſeine Wuͤnſche je uͤber dieſe ſchoͤne Wirklichkeit hinaus⸗ gehen könnten. Von dieſem Tage an war Buri viel oͤfterer in Nataliens Hauſe, und ihr Umgang wurde immer traulicher und herzlicher. Der ſuͤße, unwiderſtehliche Zauber, ſich ſo geliebt zu wiſſen, die ungetruͤbte Reinheit dieſes Verhaͤltniſſes, die noch jeden freund⸗ — 229 — lichen Blick von ihr zur ſeltenen, begluͤckenden Gunſt⸗ bezeigung machte, und der ſchoͤne, verwirklichte Traum, veredelnd auf den Freund zu wirken, und ihn zu immer richtigerer Wuͤrdigung des Lebens, zu immer freudigerer Thätigkeit in ſeinem Beruf zu⸗ ruckzufuͤhren, verleiteten Natalie zur Verletzung man⸗ cher Sitte der Convenienz und Etiquette, die tren⸗ nend und abſondernd zwiſchen ihr und dem Freunde ſtand. Es ſchlich ſich nach und nach ein, daß Buri jede ſeiner Freiſtunden bei ihr zubrachte, jeden Abend bei ihr aß, und Natalie, zu ſtolz und zu rein, um vor der Welt den Freund zu verlaͤugnen, blieb auch vor Zeugen in ihrer freundſchaftlichen Traulichkeit gegen ihn ſich gleich, was ſie, von ihr ungeahnet, zum Gegenſtand des allgemeinen, mißbilligenden Ge⸗ redes machte. In den Stunden ihres einſamen Zuſammen⸗ ſeins deckte ihr Buri ſein ganzes Herz auf, und ſie erfuhr ſeine fruͤhere Geſchichte. In ſeinem ſieb⸗ zehnten Jahr lernte ihn die wegen ihrer Schoͤnheit und ihrer Buhlerei gleichbekannte Graͤfin P. kennen. Der Juͤngling mit dem neuen Herzen und der nie geweckten Sinnlichkeit gefiel ihr; ſie zog ihn in ihr Haus. Er liebte ſie mit der heiligen, reinen — 230 — Schwärmerei eines unſchuldigen jungen Herzens, und fing ſich um ſo leichter in allen den Schlingen, die ſie ihm kuͤnſtlich gelegt hatte. Doch nur Monate dauerte der Rauſch, da erwachte die beſſere Seele des Juͤnglings; er erkannte ſchreckensvoll, was er ihr galt, und riß muthig den Pfeil aus der tiefen Wunde. — Natalie lernte in dieſer Erzählung nur den Muth kennen und die Kraft ehren, die Buri den Sieg uͤber die Leidenſchaft erkämpft hatten; was ihr unbekannt blieb, war, daß ſein Glaube an Weiber⸗ reinheit und an das ſelige, himmliſche Gluͤck der Unſchuld der Raub dieſer unwuͤrdigen Verfuͤhrerin geworden war. Die gefaͤhrlichſten Sophiſtereien uͤber Liebe und Genuß blieben, wie ein verborgenes Gift, in ſeiner Seele haften, und wirkten ſchleichend darin fort. Der ſtille Abglanz aus dem Paradieſe, der in einer unverdorbenen Weiberſeele ruht, dieſes Nichtwiſſen, Nichtahnen der Begierde, dieſes Schwei⸗ gen jeder Leidenſchaft, dieſen tiefen, ſeligen Frieden, der ſich nur mit der Blaue des wolkenloſen Him⸗ mels vergleichen laͤßt, konnte er kaum mehr in der Vorſtellung faſſen, und noch weniger in der Seele der Geliebten ſchonen und ehren. — 231 — In Nataliens Herzen war dagegen keine Ah⸗ nung des Sturms, der in ſeiner Bruſt tobte. In ſtiller, freundlicher Klarheit genoß ſie mit zarter Jungfraͤulichkeit der Gewißheit, geliebt zu ſein, und den Liebenden gluͤcklich zu ſehen. Nie vermochte ſie, in ihm zu finden, was im Leben Leben vollendet; aber ſie hing mit reinem Wohlwollen an ihm, und haͤtte ſeinem Gluͤcke freudig die ſchwerſten Opfer zu bringen vermocht. Er gewann ihre Phantaſie; doch ihr Herz fullte er nur in ſo weit aus, wie Nata⸗ liens Herz durch die Sorge fuͤr ein fremdes Gluͤck, und die Freude daran ausgefuͤllt werden konnte. Dieſe Sorge aber, verbunden mit der Macht der Gewohnheit des täglichen Umgangs, der Freude an ſeiner Liebe, und ihrer faſt leidenſchaftlichen Dank⸗ barkeit fuͤr dieſe vereinten ſich in ihrer Seele zu Einem unnennbaren, aber ſehr mächtigen Gefuhl. Dieſe Sabbathzeit ihres Verhältniſſes dauerte lange, da Natalie in ihrem Geiſt und in ihren Ta⸗ leuten reiche Huͤlfsmittel hatte, Wilhelm in den Stunden ihres Beiſammenſeins zu beſchaͤftigen und zu erheitern. Auch ſtillte ihr Anblick oft die Un⸗ ruhe ſeines Buſens, die ihm, fern von ihr, zur Qual wurde. Aber endlich kam die Stunde, wo — 232 — der Anblick der Wirklichkeit Natalien die Illuſio⸗ nen raubten, die ſie begluͤckten; — die ſich Wilhelm immer mehr aufdringende Gewißheit, das von ihm ſo heiß, ſo leidenſchaftlich geliebte Weſen nie ſein nennen zu können, brachte im Wechſel von Genuß und Qual, von Seligkeit und Elend in ihm eine Disharmonie hervor, die den Frieden ſeines Gemuͤths und das Gluͤck dieſes Verhältniſſes vergiftete. Buri hatte Grundſätze; fromm erzogen, hatte er der Macht der Verfuͤhrung unterliegen, und die ganze giftige Suͤßigkeit des ihm gewordenen Rauſches auskoſten konnen, ohne das Gefuͤhl fuͤr die Immo⸗ ralität deſſelben zu verlieren. Er hatte Natalie achten, unbedingt achten gelernt. Wie offen lag oft ihre ganze Seele vor ihm, in Minuten, wo ſie an keine Enthuͤllung derſelben dachte! Sein forſchender, geuͤbter Blick drang bis in die geheimſte Tiefe der⸗ ſelben, und verzweifelnd fuͤhlte er: ein Fehltritt werde die Ruhe ihres Lebens auf ewig vergiften, und nur ein Teufel koͤnne, von ihr geliebt, dies Herz dem Looſe preis geben wollen, von der giftigſten aller Furien, der Scham vor ſich ſelber, gebrochen zu werden. Er achtete ſie zu hoch, um ihr die rohen — 233 — Wuͤnſche ſeiner Bruſt je zu verrathen; aber oft trieb es ihn wie ein Kainsfluch hinweg aus ihrer Naͤhe, weg von dem Herzen, das ihn liebte, rein und treu, wie Engel ihre Schuͤtzlinge lieben. Was ſeine Lage noch peinlicher machte, war die Eiferſucht, die er empfand, ſo oft er Natalie in Geſellſchaft wußte, und die aus dem Gefuͤhl ent⸗ ſtand, daß er, an Feinheit und geſellſchaftlicher Bil⸗ dung weit unter ihr, leicht in einem Mann ihres Zirkels einen ihrer wuͤrdigeren Nebenbuhler finden könne. Es war ein eigner Zug in ſeinem Charakter, daß er alle ihm mangelnden Vorzuͤge der feinen Er⸗ ziehung und des guten Tons in ſeinem geheimſten Bewußtſein eben ſo uͤberſchaͤtzte, als er ſie in Wor⸗ ten, und, wie er glaubte, auch in ſeinem Sinn mit der äußerſten Geringſchätzung beurtheilte. Na⸗ talie war jetzt in ihrem vier und zwanzigſten Jahr noch ſehr reizend. Die Liebe hatte ſie verjuͤngt, und ihr jenen Wiederſchein zarter Weiblichkeit zuruck⸗ gegeben, der magiſcher wie irgend ein andrer Reiz Maͤnner anzieht. Jede Spur von Gefallſucht war aber aus ihrem Charakter verſchwunden; ſie lebte eigentlich nur fuͤr Buri — doch ihre Verhältniſſe und ihr Stand fuhrten ſie in Zirkel, zu denen er — 234 — keinen Zutritt hatte. Ein ungemeßner Stolz und daraus entſpringendes Aufbäumen gegen allen Unter⸗ ſchied der Staͤnde war ihm eigen, und jetzt, wo dieſer Unterſchied des Ranges, in ſeinen Augen ein leeres Phantom, zwiſchen ihn und die Geliebte trat, die er als ſein einziges und eigenſtes Gluͤck anſah, fuͤr die er Alles hinzuopfern bereit war, weil er fuͤr nichts mehr Sinn hatte, als fuͤr ſie, wurde ſein Unmuth daruͤber oft zum Zorn, oder zur wilden, Natalie verletzenden Leidenſchaft. Noch hatte ſie immer die Macht gehabt, durch ein mildes, freundliches Wort, einen Blick der Trauer oder der Bitte dieſen Sturm beſchwoͤren zu koͤnnen; aber es kam ein Tag, wo ſie an der Grenze dieſer Macht ſtand, und zum erſten Mal einen Blick in ſein Herz, dieſen gaͤhrenden Abgrund wilder Wuͤnſche, that. Natalie fuhlte ſich in dieſer Minute nur beleidigt. Stolz und zornig befahl ſie ihm, ſie zu verlaſſen, und ihr Blick ſprach ihr Gefuhl ſeines Unwerths aus. Sie war fuͤr dieſen Abend zu einem Ball in der Nachbarſchaft geladen, und warf ſich noch mit dem bittern, faſt haſſenden Unmuth des Eindrucks dieſes Auftritts in den Wagen. Aber bald beſiegte — der Schmerz jede andre Empfindung, und ſie er⸗ leichterte ihr gepreßtes Herz durch heiße, dem Juͤng⸗ ling geweinte Thränen. Buri fuͤhlte, als er ſie verlaſſen hatte, wie ſehr er gefehlt habe, und wie er durch dieſen Man⸗ gel an Maß und Zartſinn bei ihr verlieren mußte, und zuͤrnte nun mit aller der Exaltation, die in ihm lag und jedes Gleichgewicht zerſtoͤrte, gegen ſich ſelbſt. Wie Nataliens Wagen im Vorbeifahren um die Ecke ſeines Hauſes bog, und ſie finſter den Kopf wegwandte, um ihn nicht zu ſehen, ſtuͤrzte er in einer fuͤrchterlichen Wallung empoͤrter Leidenſchaften, belaſtet mit dem Gefühl ihrer Verachtung und ihres, wie er glaubte, nie wieder zu verſoͤhnenden Unwil⸗ lens, hinaus in die ſturmiſche, kalte und naſſe Win⸗ ternacht, und irrte Stunden lang faſt ſinnlos umher. Natalie kam ungewoͤhnlich zeitig nach Hauſe, und ward von ihrem Mädchen mit der Nachricht empfangen, der Prediger habe eilig zur Stadt ge⸗ ſchickt, um den Arzt holen zu laſſen; Herr Buri ſei plötzlich ſehr krank geworden; man habe ihn ohn⸗ maͤchtig in dem kleinen Hölzchen gefunden und ein heftiger Blutſturz drohe ſeinem Leben Gefahr. Welch eine Nacht brachte Natalie in den hei⸗ — 236 — ßeſten Gebeten zu! und nun, in ſolchen Stunden und den Tagen, die ihnen folgten, ſolche Liebe, ſolche Angſt verlaͤugnen zu muͤſſen vor den Menſchen, ach! nur ein Weib kann ganz was ein Weib zu leiden vermag! Buri rang mehrere Tage mit Tod und Leben. Seine Jugend und eine ſeltne Fuͤlle kraͤftiger Ge⸗ ſundheit retteten ihn; aber ſeine Bruſt hatte ſehr gelitten, und jede nur etwas heftige Gemuthsbewe⸗ gung konnte nach dem Ausſpruch des Arztes — einen toͤdtlichen Ruͤckfall verurſachen. Sein erſter Ausgang war zu Natalien. er am Abend unerwartet ſo blaß, ſo ſanft, und doch noch ſo furchtſam, ſo ſchmerzlich bewegt vor ſie hintrat und leiſe, mit naſſen Augen fragte: „darf ich Verzeihung hoffen?“ da ſank ſie zum erſten Male freiwillig an ſein Herz und umarmte ihn mit heißen Thraͤnen, und Alles, was er gelitten hatte, ward ihm ſ — — — Umarmung. K In der Seligkeit dieſes Wieberſchens und die⸗ ſer Verſoͤhnung nach gefuͤrchteter Trennung auf immer empfing Natalie das gefährlichſte Geſtändniß, das ein weibliches Herz empfangen kann. Wilhelm 3 * — 237 — vertraute ihr, um ſich zu rechtfertigen, den langen Kampf der ſtuͤrmiſchen Gluth dieſer Liebe, wie er kein Ende dieſes Kampfes vor ſich ſehe, als nur den Tod. Ein bleiches Entſetzen ergriff Natalie. Sie ſah ſich am Rande eines Abgrundes, wo ihr nur die Wahl zwiſchen Tod und Entwuͤrdigung uͤbrig zu ſein ſchien. Hätte ſie ihn geliebt, ſo hätte ſie ihm ihre Hand angeboten; jetzt aber lag dies Anerbieten ſo weit aus dem Kreiſe ihrer Ideen, daß ihr die Moglichkeit deſſelben nicht einfiel⸗ Sie kannte auch ſeine Anſichten von der Ehe, und wußte, daß er ſich in ſeiner kuͤnftigen Frau ein einfaches natuͤrliches Weſen denke, das in keiner Art uͤber ihm in Hin⸗ ſicht auf Geiſt, Kenntniſſe und moraliſchen Werth ſtaͤnde. Er hielt dies fuͤr eine Unnatur, die ſich mit Ehegluͤck nicht vertrage. Sie fuͤhlte, daß ihre hohere Bildung jetzt ſeine Liebe veredle und ver⸗ mehre; daß er ſie aber, bei uͤbrigens gleichen Ver⸗ haltniſſen, doch um dieſer Urſache willen nie zu ſeiner Gattin wählen wuͤrde, und nur Leidenſchaft, nie klare ruhige Vernunft ihm den Beſitz ihrer Hand als hoͤchſtes Erdengluͤck zeigen konne. Ohne ihr Wiſſen um dieſe ſeine Anſicht hätte Natalie . . — 238 — 3 doch vielleicht von ihrem Herzen, dem jedes Opfer fuͤr fremdes Gluͤck Genuß war, und von dem Druck ihrer unverſchuldeten Schuld gegen ihn zu jenem Gedanken hingefuͤhrt werden koͤnnen. Jetzt ſah ſie aber ihr Verhaͤltniß zu ihm ſcharf begrenzt, und litt bei der Entdeckung, daß es in dieſen Grenzen ihn nicht zu begluͤcken vermoͤge, und Gift ſtatt Heil fuͤr ihn geworden ſei. Sie ſelbſt in ihrer eigenſten Individualitaät ſtand zwiſchen dem Geliebten und ſeinem Gluͤcke, und um ihm und ihrem eignen Herzen dies zu verguͤten, gab ſie Alles, was außerdem zut geben in ihrer Macht war. Sie brach allen andern Umgang ab, und zog ſich ganz in die ſtille Einſamkeit ihres Hauſes zu⸗ ruͤck, um nur fuͤr Buri zu leben, und ihn durch die Liebe ſelbſt mit der Entſagung zu verſoͤhnen. Aber noch jedesmal iſt die Ruhe eines Weibes das Opfer eines ſolchen Verſuchs geworden. Ihr Ruf wurde angefochten; ſie erfuhr und trug dies im Bewußtſein ihrer Schuldloſigkeit fuͤr den Liebenden, und um ſeinetwillen heldenmuͤthig. Sie hatte es ſich geſchworen, kein irdiſches Opfer ſolle ihr zu groß ſein, um es ihm nicht zur Suͤhne ſei⸗ nes Kampfes und ſeiner Hoffnungsloſigkeit zu brin⸗ . — 239 — gen. Als ſie aber auch die ſtille Mißbilligung inne ward, mit der ihre Hausgenoſſen, und ſelbſt der alte redliche Prediger auf dies ſich immer deutlicher aus ſprechende Verhaͤltniß blickten, und als ſie, ſtatt im wiedergewonnenen Frieden Buri's, den Lohn fuͤr alle dieſe von ihr tief empfundenen Leiden zu finden, dieſen vielmehr immer verworrner und zerrißner wer⸗ den ſah, als dieſer Kampf zwiſchen Leidenſchaft und Sittlichkeit immer giftiger in ihm aufgährte, als ſie ſich dadurch immer verletzter, vielleicht auch ermatte⸗ ter fuͤhlte: da brach ihr Muth . An eine wuͤrdige, edle Löſung dieſes ſie aͤngſti⸗ genden und marternden Verhäͤltniſſes war nicht zu denken. Alle Regeln der Sitte, jeder Ausſpruch der Meinung, und noch weit gewichtiger, ihre gegen⸗ ſeitige Individualität war gegen eine öffentliche Ver⸗ bindung mit ihm, und eben ſo entſchieden war ihr Gemuͤth mit ungetheiltem Willen, und mit allen ſeinen Wuͤnſchen und Entſchluſſen dagegen, je ohne buͤrgerliche Anerkennung dieſes Verhältniſſes ſein zu werden. Der Friede ihres Innern, die Ruhe ihres Bewußtſeins, die Achtung ihrer Freunde, ihr Ruf, Alles war ein Raub dieſer Leidenſchaft geworden. Fuͤr ſein Gluͤck konnte ſie nichts mehr thun; ein — — Opfer war noch uͤbrig, das, ihn von ſich zu ent⸗ fernen. Aber der leiſeſte darauf hindeutende Wink brachte ihn zur Verzweiflung. Hätte ſie alle ihre Gewalt uͤber ihn zuſammendrängen und benutzen wollen, ſo haͤtte ſie doch ſeine Einwilligung dazu erhalten; ſie unterließ es, weil es ihr ſchien, dies Opfer werde ihr allein zu Gute kommen, und weil es nicht in ihrem Charakter lag, grauſam zu ſein. Nur in weiter Ferne ſah ſie Rettung fuͤr ſich: den Tod! — und o wie gern wäre ſie geſtorben, haͤtte ſie irgend hoffen duͤrfen, er werde ſie uͤberleben! In dieſer Stimmung war ſie, als Auguſt und Eliſe zum Beſuch nach N**** kamen. Seit einem Jahre hatten ſie die theure Schweſter nicht geſehen; alle Bitten, zu ihnen zu kommen, und ſich an dem Anblick ihres Gluͤckes zu freuen, waren unerfuͤllt geblieben. Sie ahneten irgend eine verborgene Ur⸗ ſache dieſer Weigerung, und Nataliens ſichtlich ver⸗ fallene Geſtalt, die truͤbe Mattigkeit, die an die Stelle ihrer ehemaligen raſchen Lebhaftigkeit getreten war, verbunden mit der unverkennbar ſchmerzlichen Ruͤhrung, mit der Auguſt und Eliſe von ihr em⸗ pfangen wurden, uͤberzeugte Beide, ſie ſei krank, und habe ihnen das aus Schonung verhehlen wollen⸗ — 241 — Ach, es waren ſehr ſchmerzliche, bittre Thraͤ⸗ nen, mit denen Natalie ihre Eliſe an ihr Herz druͤckte; ſie floſſen dem verſcherzten Gluͤck, ihr ferner Vorbild, Lehrerin, Warnerin ſein zu koͤnnen. Rein und in gewiſſem Sinn gelaͤuterter und bewaͤhrter ſtand ſie Eliſen gegenuͤber, und doch mußte ſie vor dem himmelhellen Blick dieſer Seele voll Unſchuld und Liebe beſchaͤmt das Auge ſenken. — Auch regte der Anblick von Auguſts und Eliſens Gluͤck in Na⸗ taliens Buſen ein bis jetzt ſchlummerndes bittres Gefuͤhl auf; Beide waren vereint; ſie liebten, ſie durften lieben, ihre Pflicht war ihr Glͤck, ihr Gluͤck ihre Pflicht; aber fuͤr Natalie waren die An⸗ ſpruͤche auf dieſes Gluͤck fuͤr immer verſcherzt; ſie hatte ſie einem Mann geopfert, deſſen Charakter ihr keine Entſchaͤdigung fuͤr das Gefuͤhl verfehlter Be⸗ ſtimmung zu gewaͤhren vermochte. Natalie hatte, wie erwaͤhnt, faſt allen Umgang mit ihren Nachbarn abgebrochen, doch forderte ſie Auguſt und Eliſe dringend auf, dieſelben nicht zu vernachlaͤſſigen, und einige ſchon fruͤher gemachte Be⸗ kanntſchaften zu erneuern. In ihrer Kränklichkeit fand ſie den gewuͤnſchten Vorwand, zu Hauſe blei⸗ ben zu koͤnnen, und benutzte ihn um ſo lieber, als Tarnow's Schriften. II. 11 — 242 — ſie Buri's Zuſammentrefſen mit ihren Geſchwiſtern ſcheuete, und die Abweſenheit Beider ihm die Gele⸗ genheit gab, ſie wieder zu ſehen. Es konnte Eliſen und ihrem Gatten nicht ent⸗ gehen, daß in den meiſten Fragen nach Nataliens Beſinden und dem Grund ihres Zuhauſebleibens, die man bei dieſen Beſuchen an ſie that, ein leiſer Hohn lag, der Beide ſehr unangenehm traf, ſo we⸗ nig ſie auch ſeine Urſache zu enträthſeln vermochten. Einige Tage nach ihrer Ankunft wurden ſie in eine zahlreiche Geſellſchaft eingeladen, unter deren Mit⸗ gliedern ſich ein Mann befand, der es Natalien nie vergeben konnte, daß ſie einſt ſeine Hand ausgeſchla⸗ gen hatte. Sein tuͤckiches, boshaftes Gemuͤth hatte Jahre lang auf den Moment der Rache gelauert, und glaubte, ihn jetzt gefunden zu haben. In gif⸗ tig perſiflirendem Tone fragte er gegen das Ende der Mahlzeit, als der Wein die Geiſter feuriger ge⸗ ſtimmt hatte, Auguſt ganz laut uͤber den Tiſch hin⸗ uber, ob er ſchon Gluͤckwunſche zur Verlobung ſei⸗ ner Schwägerin mit ihrem Schulmeiſter annaͤhme? In heißem Jugendfeuer, in edlem Zorn, fuhr Au⸗ guſt auf, raſch wurden Worte gewechſelt, die nach der gewöhnlichen Anſicht nur durch Blut verſöhnt — 243 — werden konnten; man verabredete es, ſich am andern Morgen zu treffen. Natalie war ſchon in ihrem Schlafzimmer, als ihre Geſchwiſter nach Hauſe kamen. Ihre täglich hinfaͤlliger werdende Geſundheit war an dieſem Nachmittag durch das Zuſammenſein mit Buri von Neuem ſchmerzlich angegriffen. Geſpannt und ge⸗ reizt durch die Tage lange Entfernung von ihr, hatte er ihr ſeinen Mangel an Herrſchaft uͤber ſich wie⸗ der einmal recht rauh und verletzend gezeigt. Sie fuhlte ſich an die Gewalt einer fremden Leidenſchaft verkauft, die ſie nur durch die Schuld, ſie gut ge⸗ heißen zu haben, theilte, und beweinte ihr Unrecht und ihr Ungluͤck mit den bittern Thränen vergeb⸗ licher Reue. Ach, ſie ahnete nicht, welch ein neuer, noch groͤßerer Schmerz ihrer beim Erwachen harrte! Eliſe hatte den Muth, ihren Gatten gefaßt in einen Zweikampf gehen zu ſehen, den ſie mit from⸗ mer Zuverſicht als ein Gottesurtheil anſah; aber als er am Morgen ruhig, doch ernſt von ihr Ab⸗ ſchied nahm, ward ihr das Herz zu ſchwer, und ſie eilte zu Natalie, um in ihrem Anblick Troſt und Beruhigung zu ſuchen. Auguſt hatte von dieſer Abſchied genommen, als mache er nur einen Spa⸗ 11* — 244 — tzierritt; doch fuͤhlte ſich Natalie von der Ahnung irgend eines Geheimniſſes befangen, als er zum Le⸗ bewohl ihre Hand ſo innig an ſein Herz druͤckte, welches in dem Gefuͤhl, er gehe, die Ehre der von ihm angebeteten Schweſter, der Schöpferin ſeines Glückes, der Schutzgöttin ſeiner Tugend, zu rchen, freudig und ſtolz ſchlug. Auch Eliſe fand ſie, ſo ſehr ſich dieſe auch beſtrebte, ganz unbefangen zu ſcheinen, bewegt und geſpannt. Sie drang in ſie; dieſe läugnete; aber es konnte Natalien nach ihren eignen fruͤheren Erfahrungen nicht ſchwer werden, den Zuſammenhang eines Vorfalls zu errathen, der ſie als die furchterlichſte Strafe fuͤr das Unrecht, deſſen ſie ſich in ihrem Verhältniß zu Buri immer mehr bewußt ward, treffen mußte. Ihre Angſt war grenzenlos. Das Athemho⸗ len unter Henkershand iſt vielleicht noch Wolluſt gegen das Gefuͤhl, mit dem ſie jede Minute die⸗ ſes ewigen Vormittags einzeln voruͤber ſchleichen fuhlte. — Endlich riß Eliſens jubelndes Freudengeſchrei ſie auf aus dieſer furchterlichen, wort- und thraͤnen⸗ loſen Verzweiflung. Er war wieder da, ſein Geg⸗ ner war bedeutend, doch, wie man hoffte, nicht ge⸗ — 245 — fährlich verwundet; Auguſt nur leicht an der Hand verletzt. Was Natalie ſo tief fuͤhlte, was ihre Angſt ſo namenlos, ihren Dank ſo heiß, was ihr Selbſtge⸗ fuͤhl zum unerbittlich ſtrengen Richter machte, war, daß in ihrer Geſchwiſter Herzen auch nicht der Schatten eines Verdachtes, nicht die leiſeſte Spur von Mißtrauen oder Argwohn gegen ſie war⸗ Dieſer Vorfall machte zu viel Aufſehen, als daß Natalie ohne die auffallendſte Verletzung des Anſtandes ihren bisherigen Umgang mit Buri fort⸗ ſetzen konnte. Eliſe drang in ſie, mit ihr nach G. zu gehen, damit ſie ſie dort unter der Aufſicht eines geſchickten Arztes recht pflegen und warten könne. Natalie fuhlte, daß ſie es auch ohne alle Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt ihren Geſchwiſtern ſchuldig war, dieſe Bitte zu erfullen. Sie ließ Buri am Abend zu ſich kommen, und legte ihm die ganze Lage der Sachen offen vor, damit er entſcheide. Ihre Bläſſe, ihre Thränen, das gekraͤnkte Ehrgefuͤhl, das ſie verbergen wollte, und deſſen Schmerz doch ſo unverkennbar hervor⸗ brach, die Willigkeit, auch noch jetzt zu bleiben, ſo⸗ bald er es fordre, gaben ihm den Muth, in die — 246 — Trennung zu willigen. Auch war die Entfernung nicht ſo groß, um ihm die Hoffnung zu rauben, ſie wenigſtens alle Vierteljahre ſehen zu können. Die Minute des Scheidens kam; ſo bitter hat⸗ ten Beide ſie ſich nicht gedacht; ſo erſchuͤttert, ſo zerſtört, ſo vernichtet in herzzerreißendem Schmerz, wie Wilhelm es war, hatte Natalie nie einen Men⸗ ſchen geſehen. Sie litt unendlich, und doch lag in ſeinen Thränen fuͤr ſie eine ſo ſchmerzliche Wolluſt, daß ihr Herz ſie kaum faſſen konnte, ohne zu bre⸗ chen, und durch ſie mit aller Qual dieſer Liebe ver⸗ ſoͤhnt wurde. In dieſer Stunde forderte er ihr die Einwilli⸗ gung ab, ſterben zu duͤrfen, wenn ſie aufhoͤre, ihn zu lieben, oder das Eigenthum eines Andern werde. Aufgeloͤſet in Liebe und Wehmuth ſank ſie in ſeine Arme, und gelobte ihm vor Gott, das Andenken dieſer Stunde in ihrem Herzen zu bewahren, bis es nicht mehr ſchlagen wuͤrde, und nie ein Opfer zu groß zu finden, wenn ſie es ſeinem wahren Glucke, ſeinem Werthe bringen ſollte. Am andern Morgen verließ ſie N****. Vierter Abſchnitt. Du kenneſt ihn: ein eiſernes Geflechte Wand die Natur um ſeine Bruſt; Doch fuͤr der Freundſchaft hohe Rechte, Fuͤr eure ſuͤßen, Lieb' und Luſt, Fuͤr jenes Heil'ge⸗ das die Volker ſchuͤtzt, Sind ſeine Thraͤnen auch sih 7. Arn Nihts iſt ſchwerer, als ſich wieder an eine ein⸗ fache Exiſtenz zu gewoͤhnen, wenn man einmal den Zauber gekoſtet hat, ſich lebhaft und leidenſchaftlich beſchaͤftigt zu fuͤhlen. Wie ſehr wird nicht das Ge⸗ fuͤhl unſers Daſeins durch eigne oder fremde Lei⸗ denſchaft erhoͤht und vervielfacht, wenn dieſe keine Kraft unſter Seele muͤßig und ungeuͤbt läßt, ſon⸗ dern uns im reichſten Wechſel durch die Tonleiter aller Empfindungen fuͤhrt, die in Schmerz und Freude, in Jubel und Verzweiflung das Menſchen⸗ — 248 — herz zu faſſen vermag. — Die Flamme, die, einmal angefacht, keine Nahrung von außen mehr erhaͤlt, ergreift dann unſre eigne Seele, und verzehrt die Kraft derſelben. Auch Natalie fand in G. nen fuͤr den Umgang mit Buri Entſchaͤdigung. „Armer Wil⸗ helm!“ ſeufzte ſie oft, „dieſer kalten, gehaltloſen All⸗ täglichkeit, dieſer aufgeputzten Erbärmlichkeit muß ich dich opfern!“ — Sie kämpfte mit der Bitterkeit gegen die Menſchen, die ihr ein ſolches Opfer ab⸗ forderten, um ſie zu achten, und die es ihr doch durch nichts zu verguͤten vermochten, und ſuchte mehr und mehr in ihrer zunehmenden Kraͤnklichkeit den Vorwand, ſich von allem Umgang und jeder Geſell⸗ ſchaft zuruckzuziehen. Sie war ſehr ungluͤcklich, und jeder Brief von Buri untergrub ihre Ruhe und ihre Geſundheit ſchmerzlicher. Seine Verzweiflung, ſein gänzlicher Mangel an Energie, und die bei einem Manne an Unwuͤrdigkeit grenzende Kraftloſigkeit, ohne ſie ſte⸗ hen zu konnen, die er in dieſen Briefen zeigte, zer⸗ riſſen ihre Seele. Er verlor in ihrer Achtung, was er durch ſeinen Schmerz an innigem, unendlichem Mitleiden bei ihr gewann. Das Bewußtſein, ſich — 249 — ſo geliebt, ſo gebunden zu wiſſen, und es doch bei jedem Anlaß neu zu fuͤhlen, daß der Geliebte die Forderungen ihres Gemuͤthes an den Mann ihres Herzens nie und in keinem Augenblick zu befriedigen vermochte, wurde jetzt, wo ſine Gegenwart dies Ge⸗ fuhl nicht mehr beſchwichtigte, zur namenloſen Qual. Es kamen aber auch wieder Stunden, wo ſie dies Gefuͤhl der Nichtbeftiedigung durch ihn als Untecht gegen den Mann fühlte, dem ſie nun doch in wahrer Neigung, in ſtiller Treue und Theilnahme angehörte. Dann wichen alle truͤben Bilder in den Hintergrund zuruͤck, und in ihrem Herzen lebte nur die Erinnerung der vielen ſchönen, unvergeßlichen Stunden dieſer Liebe. Aber dieſe beklemmende Ver⸗ worrenheit ihrer Empfindungen, dieſer gänzliche Man⸗ gel an Rath, Hülfe, Troſt und Hoffnung vereinig⸗ ten ſich mit dem durch jeden ſeiner Briefe neu er⸗ wachenden Bewußtſein, ihn ungluͤcklich gemacht zu haben, um ihre Geſundheit zu zerſtören. Ihre Vruſt fing an zu leiden, und ein ſchleichendes, nächt⸗ liches Fieber zehrte an ihrem Leben. Sie ſah nur einen Ausweg vor ſich den Tod, und ſo weidete ſie ſich mit wehmuͤthiger Etgebung an der Blͤſſe ihres Geſichts, und an jedem Schmerz, der ihr Leben — 250 — ſchneller zu zerſtören drohte. Aber mit erſchöpfen⸗ der Anſtrengung ſuchte ſie es Allen, die ſie um⸗ gaben, zu verbergen, wie matt ſie war, und wie Auguſt und Eliſe boten Alles auf, ſie zu zer⸗ ſtreuen, und ihr den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Zu ihrem Bedauern war Willot mit ſeiner Frau auf mehrere Monate verreiſt; Natalie war aber mit ihrer Abweſenheit ſehr zufrieden. Sie hatte Beide nicht vergeſſen, und eben ſo wenig war Valuda's hohes Bild aus ihrer Seele gewichen; wie unwuͤrdig fuͤhlte ſie ſich aber jetzt, vor den theuren Freunden des edlen Mannes zu erſcheinen! An. einem ſchönen Sommertage entlockten Eli⸗ ſens ſuͤße Bitten Natalien ihre Einwilligung zur Theilnahme an einer Waſſerfahrt, die mehrere Fa⸗ milien mit einander verabredet hatten. Die Geſell⸗ ſchaft verſammelte ſich in Auguſts Hauſe, und Na⸗ talie ging mit mehreren Frauen in dem Lindengang vor demſelben auf und nieder, als ſie beim Umwen⸗ den einen Fremden bemerkte, der eben ihrer Eliſe vorgeſtellt wurde. Nataliens Blick blieb, wunderbar angezogen, auf dieſer Geſtat haften. Der Feur⸗ blick des ſo muthig und klar ſtrahlenden Auges, von — 251 — dem man hätte ſchwoͤren mögen, es habe nie eine Thräne geweint, contraſtirte eben ſo anziehend mit dem Zug weichen, ruͤhrenden Ernſtes um Schläfe und Wangen, als der raſche und lebendige Sprach⸗ ton mit den Zuͤgen erlittnen Wehs und tiefgefuhlten Leids um den ſchönen Mund. Auch er ſah jetzt auf, und ſein erſter Blick auf Natalie wurde zur Sprache des ſchnellen Erkennens einer uns theuren Perſon. Raſch trat er auf ſie zu, faßte ihre Hand und ſagte: „Willot ſendet Ihnen durch ſeinen Freund Valuda einen herzlichen Gruß!“ Er war es! Das Vertrauen, welches er Natutien mit ſei⸗ nem erſten Blick einfloͤßte, hatte ſie fruͤher, außer ihm, nur zu Gott gehabt. — Solche Momente, wahrſcheinlich Momente des Wiedererkennens, ſind heilig, und muͤſſen heilig ge⸗ noſſen werden. Sie ſind die ſchoͤnſten und zarteſten Bluͤthen des geiſtigen Lebens, und ihre Erinnerung bleibt das reinſte Gluͤck des Herzens, das ſie fromm genoſſen hat. Hofrath Weber, der Valuda in dieſe Geſel⸗ ſchaft eingefuͤhrt hatte, verſprach, bald mit ihm nach⸗ zukommen, und ſo ſchiffte man ſich ohne dieſe ein⸗ — 252 — Das herrlichſte Wetter beguͤnſtigte die Fahrt. Die lachenden ufer zu beiden Seiten des klaren, blauen Fluſſes, der wolkenloſe Himmel, die raſchen, ſo freu⸗ dig in die Ferne lockenden Toͤne der voraufſegelnden Muſik vereinigten ſich, die Geſellſchaft heiter zu ſtim⸗ men. Scherz und Lachen fuͤhrte jene milde Trun⸗ kenheit des Muthwillens herbei, vor der die Grazien nicht zu fliehen brauchen, und die ſich nie erzwingen läßt, ſo oft ſie auch kleine, der Freude geweihte Zir⸗ kel verſchoͤnt. Natalie allein blieb in ernſter Feierlichkeit tief in ſich verſenkt, und als man an dem gruͤnen Plat, dem Ziel der heutigen Fahrt, landete, und nun in fro⸗ her Geſchaͤftigkeit anfing, Sitze zu bereiten und Caffee zu kochen, entwich ſie in ein nahgelegenes Gehoͤlz. Von einer Anhoͤhe entdeckte ſie das Meer, in wel⸗ ches ſich der Fluß ergoß. Wie ſtill, wie friedlich und einladend lag die blaue Fluth vor ihr! Hinaus aus dieſer Schwuͤle, Hinunter in die Kuͤhle! — murmelte ihr jede Welle zu. Sie fuͤhlte, wie dieſe Melodie ihr Bewußtſein einlullte, tiefer und tiefer veugte ſie ſich uͤber den Abhang, da hoͤrte ſie von einer Stimme, die ſie ſchon nicht mehr verkennen — 253 — konnte, ihren Namen rufen. Er hatte ſie bei ſeiner Ankunft vermißt, und kam nun mit Eliſen, ſie auf⸗ zuſuchen. Wie gern folgte ſie dem Ruf, in dem ihr volles, ſchweres Herz die Stimme des Schickſals zu erkennen glaubte! Die Geſellſchaft wurde ſehr munter; man ſang, tanzte, jubelte, lachte und trank, und die Maͤnner wurden faſt Alle ein wenig berauſcht. Bei Valuda zeigte ſich dies letztere nur als eine höhere Begeiſte⸗ rung, die ſeinem edleren Leben die Huͤlle der Ge⸗ woͤhnlichkeit entzog. Gegen neun Uhr mußte man auf den Ruͤckweg denken, weil Mehrere aus der Ge⸗ ſellſchaft zum Begraͤbniß eines Juͤnglings geladen waren, der, der einzige Sohn, die einzige Hoffnung ſeiner armen Mutter, vor wenig Tagen bei dem Ba⸗ den im Fluß ertrunken war. „Geſellen Sie ſich zu uns,“ bat Valuda, und dieſer Einladung folgend, ließ Natalie ſich von ihm in das kleine Boot heben, in welchem er mit We⸗ ber nachgekommen war. Sie ſaß neben dieſem; Va⸗ luda ihr gegenuͤber, vor und hinter ihnen toͤnte lau⸗ ter Jubel des Geſanges und der Luſt, und ſo zogen ſie den ſtillen, ſilberhellen Fluß entlang, auf dem ſo zart der Wiederſchein des Abendrothes lag, dem — 254 — Begräbniß eines Juͤnglings entgegen, deſſen Leben derſelbe Fluß vor Kurzem in ſeine betruͤgeriſche Tiefe hinab gezogen hatte. Natalie fuͤhlte das mit tiefer Bewegung. Ernſt und ſchweigend blickte ſie in die Abendroͤthe, als Weber ſie mit der Frage weckte: „gibt es in der Natur noch etwas Schoneres, als die Stille eines ſolchen Abends?“ Mit einem Blick voll Seele und Empfindung antwortete ſie leiſe: „ia, mein Freund, dieſelbe Stille in uns!“ Valuda blickte ſie hier lange an. Das Ge⸗ ſpräch verſtummte; ſchweigend glitten ſie weiter, und nur erſt nahe vor der Stadt fiel er wieder in den Geſang der uͤbrigen Geſellſchaft ein, die Schiller's unſterbliches Lied an die Freude angeſtimmt hatte; und als er ſang: Was ben großen Ring bewohnet, Huldige der Sympathie! reichte er Natalien die treue, feſte Hand, die nie aus Wankelmuth und leerer Vergeſſenheit losgelaſ⸗ ſen hatte, was ſie ergriff, und behielt die ihre auch, als ſie anlandeten. Aus der Ferne leuchteten ihnen ſchon die F⸗ ckeln des Leichenzugs entgegen. Die Geſellſchaft ver⸗ — 255 — theilte ſich, um ihn bequemer vorbeiziehen zu laſſen. Valuda ſchlug Natalien vor, ihn in der Kirche an⸗ kommen zu ſehen, und abgeſondert von den vebrigen, trat ſie mit ihm in den hohen Dom, deſſen finſtre Kreuzgänge im ſchauerlichen Halbdunkel der ange⸗ zuͤndeten Kerzen ſich endlos vor ihnen auszudehnen ſchienen. Einzelne ſchwarz gekleidete Geſtalten wallten, jede einſam, unten im Schiff der Kirche umher, von der Orgel hallte zuweilen ein verlorner Ton durch das weite Gewolbe hin. Einſam neben Va⸗ luda auf einem dunklen Chor zog ſich dieſe Maſſe von Halbdunkel und Finſterniß wie die heilige Nacht des Grabes um Natalien her, und erſchuͤtterte ihre Seele in all ihrer Tiefe. Und hier an dieſer Stätte, umgeben von den ernſten, feierlichen Bildern des Todes und des Gra⸗ bes, begann ein Geſpraͤch, wie es allein aus jener heiligen Tiefe des Gemuͤths, die nur Gott und die Liebe zu erhellen vermoͤgen, in den Weiheſtunden des hoheren Lebens hervorzugehen vermag. Ein ſtiller Friede ſenkte ſich in Nataliens Herz, und mit himmliſchem unendlichem Vertrauen gab ſie Valuda ihre ganze Seele hin. — 256 — Er geleitete ſie ſpät nach Mitternacht nach Hauſe, und ſchon fruͤh am andern Morgen kam er wieder zu ihr. Willot's Abweſenheit, dem eigentlich ſein Beſuch galt, verſchaffte Natalie den Genuß ei⸗ niger einſamen, von ihm nur in ihrer Geſellſchaft verlebten Tage. So ſchoͤn auch das Bild, welches ſie fruͤher von ihm in ihrem Herzen getragen hatte, mit jenem zauberiſchen Colorit geſchmuͤckt war, das aus der Welt der Ideale zu uns herniederſtrahlt, ſo wenig ward es jetzt im täglichen, perſoͤnlichen Umgang mit ihm bleicher oder weniger edel, ſondern es erhielt jetzt noch den höhern und ſeltnern Zauber der Wahr⸗ heit. Valuda's Charakter hatte ein Leben und eine Fuͤlle, eine Tiefe der Begeiſterung, eine einfache Große und ein beſonnenes Maß fuͤr die Wirklichkeit und die Gegenwart, wie ſie den Mannern unſerer kleinen Zeit faſt zur Fabel geworden ſind. Einzelne Stellen in Valuda's Werken waren freilich Fruͤchte jener ſeltenen Momente, wo der Geiſt, von höherer Begeiſterung durchglüht, ſein reichſtes Leben entfaltet; aber die Große und Erha⸗ benheit der Geſinnung, die den Schriftſteller einſt zum 8 eines aufbluͤhenden edlen Geſchlechts ma⸗ — 257 — chen wird, fand man auch in ſeinem Leben wieder, weil ſie, wie alle Wahrheit, einfach und menſch⸗ lich war. Dieſe Wahrheit und Einfachheit, die ſich in ſeiner Rede, wie in ſeinem Thun, in ſeinem Cha⸗ rakter, wie in ſeinen Werken ausſprachen, waren es auch, die Natalie am innigſten zu ihm hinzogen, weil ſie einen weſentlichen Mangel in ihr er⸗ gaͤnzten. Die kuͤnſtliche Verfeinerung ihrer Gedan⸗ ken und Empfindungen hatte ihr jene ſchlichte Ein⸗ falt der Natur und der Wahrheit geraubt, die dem gebildeten Menſchen nur dann bleibt, wenn ſeine Bildung nicht Werk der Energie einzelner Krafte iſt, ſondern mit der Bildung der Menſchheit in Weg und Ziel zuſammentrifft. Die klare Anſchau⸗ ung von Valuda's Charakter und die Wahrheit ihres Gefuͤhls wurden ihrer Begeiſterung fuͤr ihn zum feſten Grunde, auf dem nichts Ueberſpanntes und Verwirrtes mehr zu wurzeln vermochte. Sich ihm ganz und innigſt hingebend, erhielt ſie von ihm, was ihr fehlte, und ſie ſich ſelbſt ſchenkend, ſchenkte er ſie auch der Welt, indem er ſie ihr Verhaͤltniß zu der⸗ ſelben klar uͤberſehen lehrte. 5 Dieſem Manne mußte ein Weib, ſtill, einfach, — 258 — fromm und demuͤthig erſcheinen, wenn er ſich zu ihm hingezogen fuhlen ſollte, und daß Natalie ohne alle Kuͤnſtlichkeit, ohne alles Wiſſen darum, ſich ihm ſo zeigte, weil ſie es wirklich im Herzen und in der Wahrheit durch ihn geworden war, bewies, daß ihre Seele ſich nicht täuſchte, wenn ſie ſich fuͤr ihn ge⸗ ſchaffen glaubte. Ihr Umgang mit Wilhelm hatte ſie gegen alle andre Menſchen erkältet, ſelbſt gegen Eliſen; aber nie war ſie frommer, milder, liebevoller geweſen, als ſeit der Stunde, wo ſie Valuda kennen lernte. Nein, ich werde, ich kann es nicht verſuchen, zu ſchildern, wie ſie ihn liebte. Auch noch in der Stunde des Todes, wo das brechende Herz ſich von dem Geliebten zu Gott wendet, wuͤrde meine Seele vergeblich nach dem Begriff einer ſtilleren, treueren, anſpruchloſeren und ewigeren Liebe ringen, als die war, womit Natalie Valuda liebte. Willot und ſeine Gattin kamen nach Hauſe und der Kreis der Freunde erweiterte ſich. Natalie blieb ernſt und in ſich gekehrt; ihre Verhältniſſe waren ja nicht gelöſet und mußten ihr immer frem⸗ der und druͤckender werden. Oft kam ſie auf den Gedanken, Valuda ihre ganze Lage zu entdecken — 259 — und ihm die Entſcheidung ihres Schickſals zu uͤber⸗ laſſen — — aber, ach! ſie war in ſeiner Freundſchaft, ſeiner Achtung ſo gluͤcklich, dieſe Erzählung mußte ihr ſo viel koſten — — verzeiht ihr, wenn ſie ſie von Tage zu Tage, von Woche zu Woche verſchob. Im Allgemeinen deutete ſie oft darauf hin, und aͤußerte gegen Valuda, wie irre ſie an ſich ſelbſt, wie uneinig ſie mit dem Leben geworden ſei. Es be⸗ fremdete ihn aber nicht, daß in einer Zeit, wo Maͤnner wanken, und die kraͤftigſten Gemuͤther in Zweifel und Muthloſigkeit verkuͤmmern, ein Weib die Klarheit der Lebensanſichten und den Frieden ungeſtoͤrten Vertrauens eingebuͤßt habe. Er glaubte, nur die Liebe eines edlen Mannes vermoͤge das Weib im Leben zu ſichern und zu bewahren, und verglich das Gemuͤth deſſelben oft einem Spiegel, der das Bild des Mannes zuruͤckſtrahle, wie er es empfangen habe. Natalie galt ihm fuͤr eine ſo an⸗ ziehende Erſcheinung im Gebiet der Weiblichkeit, daß er in ihren Klagen ſelbſt die Widerlegung des in G. umherſchleichenden Geruͤchts fand, ſie ſei Braut, oder doch wenigſtens durch Liebe an einen Mann gebunden. Sein Herz ſagte ihm, daß ſie keinen andern Mann liebe. — — 260 — Von ihrem Arzt erfuhr er, Veraͤnderung des Klima's und des Aufenthaltes wuͤrden am Beſten ihre Geſundheit herſtellen. Er ſelbſt beſchaͤftigte ſich mit dem Plan einer Reiſe in das ſuͤdliche Spanien, von welcher er in Jahresfriſt zuruͤckkehren und ſich dann in G. haͤuslich niederlaſſen wollte, und ſchlug nun Natalie vor, dies Jahr bei ſeiner Freundin, Sophie von La Roche, in Offenbach zu verleben. Er ſelbſt wollte ſie dorthin begleiten, und ſie auf ſeiner Ruͤckreiſe wieder abholen, und ihrer Familie zuruͤck bringen. Natalie ergriff dieſen Vorſchlag wie ein ihr vom Himmel ſelbſt gebotenes Rettungs⸗ mittel. Sie gab ſich dem herrſchenden Wahn hin, als könne das Zerreißen aller aͤußeren Verhältniſſe und das Heraustreten aus ſolchen, die uns durch eigne Verkehrtheit druͤckend geworden ſind, uns den Frieden wieder geben, den ſie uns raubten, ohne zu bedenken, daß auf dem aͤußern Leben ſtets der Wiederſchein unſers innern liegt. An Liebe und ir⸗ gend ein naͤheres, beſtimmtes Verhaltniß zu Valuda dachte ſie nicht: auf der einen Seite fuͤhlte ſie ſich durch Pflichten, zu zart für Worte, an Wilhelm feſt gebunden, und auf der andern Seite erſchien ihr der Beruf, Valuda ſein Haus zum Aſyl des Gluͤckes — 261 — zu machen, das der liebſte Wunſch ſeines ſchoͤnen Herzens und ewig das Beduͤrfniß deſſelben bleiben mußte, als ein ſo heiliges Gluͤck, daß ihr ſelbſt im Traum der Gedanke, er koͤnne einſt der Ihrige werden, zu kuͤhn erſchienen ſein wuͤrde. Nur die Wirklichkeit haͤtte ihr den Muth und das Vertrauen geben koͤnnen, es ſich anzueignen. Aber ein Jahr, ach, das konnte ſo Vieles ändern! — Buri's Liebe konnte durch Zeit und Trennung allmaͤhlig und ohne ſchmerzlichen Kampf erkalten, ſie ſelbſt ſtiller, ruhi⸗ ger, beſonnener werden, und dann — Valuda hatte ihr dieſe Reiſe vorgeſchlagen; von ihm empfohlen, als ſeine Freundin aufgenommen, ſollte ſie, wie un⸗ ter ſeinem Schutz, bei der edlen Frau leben, deren ſchönen Sinn und ſtilles Wirken ſie ſo innig ver⸗ ehrte, der Gedanke an dieſe Zukunft begluͤckte ſie unaus ſprechlich. Mit innigem Entzuͤcken und noch innigerer Dankbarkeit nahm ſie daher dieſen Vorſchlag an, und erwartete mit Sehnſucht die Antwort auf den Brief, in dem Valuda der Frau von La Roche dieſe Bitte vorgetragen hatte. Sie ſchrieb noch immer woͤchentlich an Wilhelm, gewiß nicht kalt; das konnte ſie nie gegen ihn ſein; aber beſonnener und — 262 — reiner freundſchaftlich, als im Anfang ihrer Tren⸗ nung. Seine Klagen daruͤber, ſein durchaus un⸗ männliches Betragen und ſeine faſt kindiſche Huͤlf⸗ loſigkeit, ſich, ungeleitet von ihr, im Leben zu be⸗ wegen, mußten ſie immer unguͤnſtiger gegen ihn ſtimmen, da ſie jetzt im Spiegel der edelſten, männlichſten Selbſtſtaͤndigkeit das Weibiſche derſel⸗ ben immer richtiger erkannte. An einem Weibe kann man es ſchoͤn finden, wenn es nach verlornem Liebesgluͤck keinen andern Troſt anerkennt, als den, ſich dem Schmerz ganz hinzugeben; aber der Geiſt eines Mannes darf ſich nicht in Klagen und Jammern uͤber den Verluſt eines Weibes verzehren. Der Mann gehoͤrt der Welt, das Weib dem Mann. Zu offen und zu wahr, um Wilhelm den tie⸗ fen Eindruck zu verhehlen, den Valuda auf ſie ge⸗ macht hatte, ſprach ſie in ihren Briefen oft und viel von ihm. Schon fruͤher wußte Buri um ihre hohe Achtung fuͤr ihn, und das eiferſuͤchtige Gefuhl, ihr nie werden zu konnen, was Valuda ihr war, hatte in ſeinem Herzen eine Bitterkeit erzeugt, die nun immer giftiger wurde. Eine Eiferſucht, die er durch⸗ aus nicht berechtigt war, zu zeigen, nagte geierartig — 263 — an ſeinem Innern, und raubte ihm den letzten arm⸗ ſeligen Schimmer von Gluͤck und Ruhe, den er noch aus dem verheerenden Sturm dieſer ungluͤckli⸗ chen Leidenſchaft gerettet hatte. Jetzt erhielt er Na⸗ taliens Brief mit der Nachricht von ihrer bevorſte⸗ henden Reiſe, auf der Valuda ſie begleiten werde. Ach, er liebte ſie damals wohl wirklich recht innig! Wie alle aͤußere Umgebungen dazu beitrugen, in ihr die Bilder der Vergangenheit zu ſchwächen, ſo wurde ihm jeder Baum, jede Laube, jedes Plaͤtzchen zur Erinnerung an die ſelige Zeit, wo er hier mit ihr lebte. Tag und Nacht nur mit ihrem Bilde, nur mit dem Gedanken an ſie beſchaͤftigt, hatte ſein Gefuͤhl gerade die hoͤchſte Stufe ſeiner Exaltation erreicht, und nun ſollte er ſie verlieren. Ihr Brief enthielt nicht einmal eine Einladung, ſie noch vor ihrer Abreiſe zu ſehen. Alles ſchien ihm entſchieden, und ſein Entſchluß war gefaßt. Er that Natalie Unrecht. Die Sorge um ihn verließ ſie keinen Augenblick, und ſie weinte der Trennung von ihm manche Thraͤne. Was er ihr eigentlich von jeher gegolten hatte, galt er ihr noch, ja ihr Gefuͤhl laͤuterte ſich, getrennt von ihm, zu einem treuen, freundſchaftlichen Wohlwollen, das ſie — 264 — jedes Opfers fuͤr ihn fähig machte. Ach, das Herz des Menſchen iſt ein ſo tiefes, unerforſchbares Raͤth⸗ ſel, wer vermag es zu ergruͤnden!? — Sie war uͤbrigens jetzt in dem täglichen Um⸗ gang mit Valuda und in der immer lebendigeren und umfaſſenderen Erkenntniß ſeines Werthes ſehr gluͤcklich. Im Umgang mit Buri war ſie oft ge⸗ ſpannt und leidenſchaftlich bewegt worden, und das nicht ohne Genuß fuͤr ihre Phantaſie; aber jedes Geſpraͤch mit Valuda machte ſie ruhiger und kind⸗ licher. Auch in der Unterhaltung zeigte er die hohe kuͤhne Darſtellung, den unbeugſamen Sinn der Ge⸗ rechtigkeit, und den edlen Zorn, die mit Genius⸗ blitzen ſeine Schriften erhellten, und oft ergoſſen ſie ſich in ſo begeiſternden, ergreifenden Worten, daß man ſie, niedergeſchrieben, als Reden bewundert haben wuͤrde. Dieſe Worte waren aber bei ihm ſo Abdruck des innern Sinnes, er ſelbſt ſo fern von allem Hyſchen nach kühnem glänzendem Ausdruck, daß man ſie in ſeinem Munde natuͤrlich fand, wie es natuͤrlich iſt, daß der Strom nicht wie die Quelle rieſelt, ſondern mit ſeinen ſtolzen Fluthen maͤchtig daherrauſcht. Jede Aeußerung von ihm ging auch, — 265 — dem alten ſchoͤnen Ausdruck nach, zu Herzen, wie ſie vom Herzen kam. Es war Natalie ganz neu, daß ſie mit ihm im Kreiſe des alltäglichſten Lebens immer auf einer Hoͤhe blieb, die durch ihre Wahrheit und Einfach⸗ heit der Wirklichkeit, wie durch ihre Schoͤnheit der Poeſie angehoͤrte. Es war ein Leben, wie es in der Welt, wie ſie iſt, von zwei innig verbunde⸗ nen, ſich im Geiſt und in der Wahrheit angehoͤren⸗ den Menſchen wirklich und auf die Dauer gelebt werden kann. O, welche Tage waren das fuͤr unſre Natalie! Ohne Hoffnung, ohne Wunſch, ohne Furcht, ohne Vor⸗ und Ruͤckblick genoß ſie ihres Zaubers ſo be⸗ gluͤckt, wie es nur Kinder und Himmliſche zu ſein vermoͤgen. Jeden Abend, wenn er von ihr ging, fuͤhlte ſie ſich inniger an ihn gebunden und gluͤck⸗ licher, und wenn das morgen nun heute wurde, immer daſſelbe Gefuͤhl erhoͤhten Gluͤcks, groͤßeren Vertrauens, reinerer, unvergänglicherer Liebe . Eines Abends kam er, ſie zu fragen, ob ſie die amerikaniſche Fackeldiſtel aufbluͤhen ſehen wolle, deren herrliche, aber ſchnell verwelkende Bluͤthenpracht ſich, der Sonne ihres Mutterlandes getren, in unſern Tarnow's Schriften. III. 12 — 266 — Gewächshaͤuſern nur um Nitternacht, wie dort im Glanz der vollen Mittagsſonne, entfaltet. Sie ſagte ja, und er kam zur feſtgeſetten Stunde, ſie und Eliſe abzuholen. Die Geſellſchaft vermehrte ſich noch um einige Perſonen. Der botaniſche Gar⸗ ten war aber noch verſchloſſen, und man benutzte dieſe Zwiſchenzeit zu einem Gang auf den nahe gele⸗ genen Wall. Natalie und Valuda erſtiegen den obern Rand deſſelben, der ihnen einen freien Blick auf das blitzende, ſilberhelle Nachtſtuͤck der Gegend gewährte. Herzlicher als je vorher ſchloß Valuda in dieſer Nacht ſein Inneres vor ihr auf; es war eine Stunde voll jenes Vertrauens, wo wir dem geliebten Menſchen unſer ganzes Leben aufdecken moͤchten; ſie kommt auch zwiſchen den innigſten Freunden oft nur einmal im Leben. Er ſprach viel von den Verhältniſſen, in denen er zum Mann gereift war, und wie auch ihm ſein Leben einſt zer⸗ ſchnitten, ſein Daſein zerriſſen worden ſei, und er doch in inniger heißer Liebe die Welt und das Leben trage und halte. Alles durch Liebe und um Liebe, ſo geſtalte ſich ihm die Welt, und anders moͤge er ſie nicht ſehen. Sie beleuchte ihm die dunkle Noth⸗ wendigkeit und mache ihn ſtark durch dieſe Noth⸗ — 267 — wendigkeit. Dem Menſchen ſei das Schone ſicht⸗ bar geworden, damit er das Goͤttliche ahnen und das Heilige im Glauben und Offenbarung ſchauen lerne; und dann ſprach er von ſeiner Mutter, der er in ihrer Einfachheit und ihrer lautern Froͤm⸗ migkeit viel verdankte, und die er recht kindlich liebte und ehrte, und wie ſie, ohne alle Anſpruche an das Leben, doch ſeltene Kraft beſeſſen und be⸗ wieſen habe, viel dafuͤr zu thun, und dann kam er auf ſeine verſtorbene Gattin. Natalie fuͤhlte, welch ein Heiligthum er ihr aufſchloß. Da tönte die mitternaͤchtliche Stunde vom Thurme herab, und Alles eilte zur geoͤffneten Gar⸗ tenpforte. Der Gaͤrtner, der Valuda kannte, no⸗ thigte dieſen, die Blume näher zu betrachten. Na⸗ talien an der Hand, folgte er dem erhaltenen Wink, und da die Menge ſich immer dichter um ſie draͤngte, umfaßte er ſie ſchutzend mit ſeinem Arm. Im rei⸗ nen Nachklang der verfloßnen ſeligen Stunde ruhte ſie, vom ſchnellen Gehen ermattet, mit hingebender Vertraulichkeit an ſeiner Bruſt, und ließ ſich von ihm die Eigenheit und die ſchnelle Vergänglichkeit der ſchoͤnen Bluͤthe erzählen. Die letztere ruhrte ſie, 4 — 268 — ihre Augen fullten ſich mit Thränen, ſie neigte ſich zu der Blume hin und ſeufzte leiſe: „o welch ein Sinnbild unſers Gluͤckes!“ da ſaͤuſelte plötzlich, leiſe wie Geiſterhauch, ihr Name an ihr voruͤberz ſie ſchreckte auf und blickte ſpähend umher; ihr ge⸗ genuͤber ſtand im fernſten, dunkelſten Winkel des gimmers Wilhelm, bleich, verſtoͤrt, das Auge mit unendlichem Schmerz auf ſie geheftet. Es riß ſie aus Valuda's Arm zu ihm hin. Krampfhaft faßte er ihre Haͤnde: „Sprich es, ſprich es nur aus, damit Alles ſchnell ende, es iſt Valuda, in deſſen Armen ich Dich eben ſah!“ — „Ja,“ ſagte ſie bewegt, „er iſt es.“ „O ſo lebe wohl, mache Dir nie Vorwuͤrfe, ſei gluͤcklich, und weine nicht um mich!“ Erſtaunt uͤber Nataliens ſchnelles Hinwegeilen, hatte Valuda ſich ihr durch die Menge nachgedrängt. Buri, der ihn erblickte, wandte ſich mit den letzten Worten raſch um, und ſtuͤrzte aus der nahen Thuͤre. Von der hoͤchſten Seelenangſt gefoltert, floh ihm Natalie nach; ſie ereilte ihn am Ende des dichtbe⸗ laubten Ganges. „Barbat,“ rief ſie, in ſeine Arme ſturzend, „habe ich das um Dich verdient?“ — Sie rang, ihm die Piſtole zu entreißen, deren Anblick — 269 — ihre Ahnung ſeines Vorſatzes zur grauenvollen Wirk⸗ lichkeit machte, das Gewehr ging los, und ſinnlos ſtuͤrzte ſie zur Erde. Als ſie erwachte, fand ſie ſich in Valuda's Armen wieder; Buri lag zu ihren Fuͤßen, und netzte ihre Häͤnde mit ſeinen heißeſten Thränen. Sie wollte ſich auftichten, ſprechen, aber tödtlich er⸗ mattet ſank ſie zuruͤck. „Wer Sie auch ſind, mein Herr,“ ſagte Valuda gefaßt und ernſt, „und in welchem Verhaͤltniſſe Sie auch zu dieſer Dame ſtehen, ſo iſt es doch in die⸗ ſem Augenblick Ihre erſte Pflicht, ſie zu ſchonen, und dieſen Auftritt der Deutung unſrer Geſellſchaft zu entziehen. Soll ich Sie nach Hauſe bringen, theure Natalie?“ fragte er, ſich ſanft zu ihr wendend. Sie winkte ihm ihr Ja zu, und reichte Buri die Hand: „Wir ſehen uns morgen wieder; gelobſt Du das?“ „Bei Allem, was mir heilig iſt!“ Die zuruͤckgebliebene Geſellſchaft naͤherte ſich hier; Buri entwich unbemerkt in einen Nebengang, und eine Anwanblung von Uebelbefinden mußte Nataliens ſchnelle Entfernung aus dem Zimmer und ihre Blaͤſſe entſchuldigen. Stumm wankte ſie, von — 270 — Valuda mehr getragen als gefuͤhrt, nach Hauſe. Auch er ſchwieg, vielleicht ſchonend, vielleicht zuͤrnend. Sie druͤckte beim Abſchied ſeine Hand innig an ihr Herz, und zwei große ſchwere Thraͤnen, die einzigen, die ſie vergoß, rollten auf ſie hinab; dann eilte ſie in ihr Zimmer, um fern von allen Blicken, die Tiefe ihres Schmerzes zu ergruͤnden. Aber ihr Koͤrper war ſo angegriffen, ihre Ner⸗ ven ſo erſchuͤttert, daß ſie, betäubt und krankhaft verworren, keines Gedankens, noch weniger eines Entſchluſſes oder des Ueberblickes ihrer Lage fähig war. Sie war ein ganz hingegebenes, widerſtand⸗ loſes Opfer des Grames, der ihre Seele fuͤllte. Unbeſchreiblich ermattet und erblaßt ſtand ſie am andern Morgen mit dem Bewufßtſein auf, dieſer Tag werde uber ihre ganze irdiſche Zukunft entſchei⸗ den, und ſie ſei ſo niedergedruͤckt, ſo geknickt an Geiſt und Seele, daß dieſe Entſcheidung durchaus kein Werk ihrer Willkuͤr, ſondern nur das Reſul⸗ tat fremder Einwirkung ſein werde. Eliſe war mit noch einer Freundin bei ihr im Zimmer, und aͤngſtlich um ſie beſorgt, als nach eilf Uhr Valuda hereintrat. Raſch, ohne die An⸗ weſenden zu begruͤßen, ging er auf Natalie zu, — 2741 — und druckte ihre Hand an ſeine Lippen. „Ich komme, Ihnen Lebewohl zu ſagen; noch heute reiſe ich nach Schweden ab.“ Stumm ſah ihn Natalie eine Secunde an, ſchlug dann das Auge zum Himmel, und druͤckte mit ruͤhrender Ergebung die beiden Haͤnde feſt ge⸗ faltet auf ihr Herz, als habe es den Todespfeil er⸗ halten, und ſie wolle ihn tiefer hineindruͤcken, um ihn zu verdecken. Sie hatte nichts erwartet, nichts gehofft; doch dieſer Schlag traf ſie mit zu ſchmerz⸗ licher Erſchuͤtterung. Ihr Gefuͤhl war das, mit dem wir einſt am Tage des Gerichts das Buch unſter Schuld werden oͤffnen ſehen. Eliſe, die es wußte, daß fruͤher von dieſer Reiſe nie die Rede geweſen war, und Valuda als den einzigen Mann ehrte, den ſie des Beſitzes ihrer Natalie wuͤrdig hielt, forſchte theilnehmend nach der Veranlaſſung dieſes unerwarteten Entſchluſſes, wor⸗ auf er aber wenig, und nichts Erlaͤuterndes erwie⸗ derte. Er hatte überhaupt etwas Unſtätes und Eiliges in ſeinem Weſen, und blieb auch nur wenige Minuten. Bewegt faßte er zum Abſchied Nataliens Hand, und als ſie mit dem erlöſchenden Blick der Liebe — 72 — und des tiefſten Kummers zu ihm aufſah, da wurde auch ſein Auge naß. „Gottes beſter Segen ſei mit Ihnen und Ihrem Leben!“ Er druͤckte ſeine Lippen lange und feſt auf ihre kalte Hand. „Werden Sie gluͤcklich, machen Sie glucklich!“ Sie wurde immer bleicher, der Schmerz durchzuckte ſichtlicher und gewaltſamer ihre Bruſt. „Natalie, liebe Natalie, Sie ſollen noch von mir hoͤren!“ Keines Wortes maͤchtig, ringend mit einem Weh, von dem ſie wähnte, es muͤſſe ſie gleich au⸗ genblicklich toͤdten, blieb ſie ſtarr und unbeweglich; aber als er ſich nun wandte, als die Thuͤr ſich hinter ihm ſchloß, auf ewig, da floh ſie ihm nach. Als habe er ſie erwartet, ſtand er noch an der Treppe ſtill; „meine Natalie!“ rief er, als ſie ſich jetzt nahte, mit einem Ton, deſſen Nachhall auch im Himmel noch in den ſchoͤnſten Momenten ihrer Seligkeit um ſie toͤnen wird, und breitete ihr die Arme entgegen. O nur einmal an ſeiner Bruſt zu ruhen, alle ihre Liebe ausſtroͤmen zu laſſen in heißen Thraͤnen, ihm nur ein Lebewohl, tief aus der unendlichen — 273 — Fuͤlle ihres Herzens, ſagen zu duͤrfen, wäre ihr zur nie verſiegenden Quelle des Troſtes geworden. Buri's Erſcheinung unten an der Treppe brachte ſie um dieſe Minute. Valuda eilte ſchnell bei ihm vorbei, laut weinend wandte auch ſie ſich ab, und floh. Noch in derſelben Stunde verließ Valuda G. Von Wilhelm erfuhr ſie, er ſei am Morgen zu ihm gekommen, ihn um ſein Verhaͤltniß zu Na⸗ talien zu befragen. Dieſer hatte ihm geſagt, daß er ſeit Jahren von ihr geliebt werde, und das Verſpre⸗ chen von ihr erhalten habe, daß ſie nie das Eigenthum eines andern Mannes werden wolle. Er habe aber ſeit Kurzem gemuthmaßt, daß ſie ihm untreu ge⸗ worden ſei, und die Verzweiflung daruͤber habe ihm den Entſchluß eingegeben, den er geſtern Abend auszufuͤhren willens geweſen fei. Die Unrichtigkeit dieſer Antwort konnte Valuda um ſo weniger muth⸗ maßen, da Wilhelm ihm mehrere von Natalien im Ton traulicher Liebe an ihn geſchriebene Briefe zeigte, und ſo ſah er in Nataliens bisheriger Ver⸗ heimlichung ihres Verhältniſſes zu Buri nur eine Untreue gegen dieſen, und eine Falſchheit gegen ſich, die kein Bewegungsgrund in ſeinen Augen zu recht⸗ — 274 — fertigen vermochte. „Offenheit gegen Offenheit,“ ſagte er zu Wilhelm; „ich bin Ihnen das Geſtändniß ſchuldig, daß zwiſchen Natalien und mir nie ein Wort der Liebe oder irgend einer andern nähern Verbin⸗ dung gewechſelt iſt, und ich nicht zu dem kleinſten Anſpruch auf ihr Herz oder ihre Hand berechtigt bin.“ Beim Abſchied fuͤgte er noch folgende Worte hinzu, die fuͤr Natalie, als Buri ſie ihr wieder⸗ holte, ſehr entſcheidend wurden: „Ich zweifle nicht, daß Natalie edel genug iſt, fruͤher oder ſpäter ein⸗ zuſehen, wie wenig es ihr ziemt, den Mann ihres Herzens vor der Welt zu verläugnen.“ Sie bat Wilhelm, nach Anhoͤrung dieſer Er⸗ zählung, ſie zu verlaſſen, weil ſie zu krank ſei, ihn heute laͤnger bei ſich zu ſehen, und blieb dann den Tag ganz einſam in ihrem Zimmer. Sie rang nach Kraft, und fand ſie in dem Gedanken an Valuda. Sie war fuͤr immer von ihm getrennt; ihr Verhaͤltniß zu Buri ſtand als eine nie zu ver⸗ ſöhnende Unwuͤrdigkeit zwiſchen ihr und dem Mann ihrer einzigen wahren Liebe. Gegen Wilhelm lag das Gefühl einer Schuld, fuͤr die ſie keine Worte hatte, auf ihrer Seele. Dies Unrecht auf die mög⸗ lichſt großmuthigſte Art zu verguͤten, war ihr Wunſch — 275 — und Valuda's letzte Worte an Wilhelm deuteten ihr den Weg an, den er fuͤr den richtigſten erkannt hatte, und auf dem ihr ſein Segen folgte, wenn ſie ihn in treuer Pflichterfullung wandelte. Mit ſich ſelbſt mußte ſie erſt ganz verſöhnt ſein, ehe ſie hoffen durfte, Valuda einſt mit ſich verſöhnen zu können. Auch war es ein ſtark hervortretender Zug in ihrem Charakter, daß ſie gern in zweifelhaften Fällen das Schwerſte ergriff, und es dann mit höch⸗ ſter Selbſtverläugnung ausuͤbte. Sie fragte Wilhelm am andern Tage, ob er glaube, durch das Geſchenk ihrer Hand glucklich werden zu koͤnnen. Der Triumph einer fuͤr ihn ſo glaͤnzenden Verbindung und der Stolz, ſeiner Mei⸗ nung nach, einen Nebenbuhler, wie Valuda, beſiegt zu haben, betäubten die innere Stimme, die ihn vor einer in jeder Hinſicht ſo ungleichen Verbindung hätte warnen mäſſen, und er nahm ein Opfer an, das nur die, welche es brachte, zu ehren vermochte. Seine Freude, ſein Dank, ſeine Liebe wurden Nataliens Lohn und erweckten in ihrem Herzen die Wärme wieder, die ſeine grauſame Selbſtſucht faſt erſtickt hatte. Sie ſchwur ſich und ihm, ihn gluck⸗ lich zu machen, und that von dieſem Augenblick an — 276 — mit eiſerner Feſtigkeit Alles, was ſie der Loſung die⸗ ſes Geluͤbdes naͤher fuͤhren konnte. Daß ſie dem Ideal, welches er ſich von ſeiner kuͤnftigen Gattin entworfen hatte, nicht entſprach, wußte ſie; ſie war nicht einfach, nicht haͤuslich, nicht arbeitſam genug fuͤr ihn, und es war zu ihrem beiderſeitigen kuͤnfti⸗ gen Gluͤck durchaus erforderlich, ſie zu ihm, ihn zu ihr, harmoniſcher zu ſtimmen. Nataliens Kränklichkeit entfernte ohnehin den Gedanken an eine baldige Verbindung, und ſie ſetzte dieſe auf zwei Jahr hinaus, die Buri zu einer Reiſe benutzen ſollte, wahrend ſie in tiefer Einſamkeit lebend, dieſe Zeit benutzen wollte, ſich fuͤr ihre kuͤnftigen Verhaͤlt⸗ niſſe zu bilden und Kraft zur freudigen Pflicht⸗ erfuͤllung zu ſammeln. Froh und gluͤcklich ging Wilhelm nach einigen Tagen nach N*** zuruͤck, um zu ſeiner Abreiſe die noͤthigen Anſtalten zu treffen. Natalie rang nach ſeiner Entfernung heldenmuͤthig mit dem Weh in ihrer Bruſt. Sie mußte auch noch den Schmerz erfahren, daß Valuda's ſchnelle Abreiſe, und ſein raſcher Entſchluß, nach Schweden zu gehen, Willot und ſeine Frau von ihr entfernten. Willot liebte ſeinen Valuda uͤber Alles, und es konnte von ihm — — nicht unerrathen bleiben, daß Natalie mit ein Be⸗ wegungsgrund ſeiner plötzlichen, uͤberraſchenden Ab⸗ reiſe geweſen. Dieſe wurde dadurch noch befrem⸗ dender, daß er zu einem einige Meilen von G... wohnenden Bekannten gefahren war, unn von dort⸗ aus die nöthigen Anſtalten zu ſeiner Reiſe zu treffen, welches doch in G..., wo er ſich nicht einmal die Zeit genommen hatte, Abſchied zu nehmen, viel leich⸗ ter und beſſer geſchehen konnte. Dies verſtimmte Willot gegen Natalie, und die Entfremdung, in welche dieſe Verſtimmung uͤberging, nahm ihr den Muth, mit ihm uͤber ihre Verhältniſſe, und die Begebenheiten der letzten Wochen zu ſprechen. Wo Valuda's Freunde zuͤrnten, trauerten Auguſt und Eliſe, und die Letzte ſchloß ſich noch zärtlicher an die täglich freundlicher und bleicher werdende Natalie. Valuda's Abſchiedswort: „Sie ſollen noch von mir horen!“ war als ein Wort der troſtenden Verheißung in ihrem Herzen geblieben. Manches Unerklärliche lag noch fur ſie in ſeinem Betragen und in ſeiner ſchnellen Abreiſe; auch war der fuͤr ihre Reiſe nach Offenbach entworfene Plan, und die noch nicht er⸗ folgte Antwort der Frau von La Roche ein Faden, an den ſie die Hoffnung knuͤpfte, er werde vor — — ſeiner Einſchiffung noch an ſie ſchreiben, und ſie ihm dann in ihrer Antwort Alles ſagen duͤrfen, was jetzt ihr Herz bis zum Brechen belaſtete. Nur mit einem Worte des Troſtes und der Ermunterung ſollte er von ihr Abſchied nehmen, dann wollte ſie gern ſtill zuruͤckweichen, und ihn ziehen laſſen in die Ferne, wo er ihr vielleicht nie wieder begegnete. Einige Wochen waren vergangen, da ſtand Natalie eines Morgens am Fenſter, ein Wagen kam raſch die Straße herauf gerollt, und ſie erkannte, wie dieſer naͤher kam, Valuda. — Laut rief ſie ſei⸗ nen Namen, indem ſie das Fenſter aufriß, er gruͤßte; doch ſelbſt in dieſem eiligen Voruͤberfliegen entging es ihr nicht, daß er bei ihrem Anblick erblaßte, und ſie mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit begrußte. Sie war voll Unruhe und doch ſo innig, ſo fromm glucklich, da ſie ſich der Erfuͤllung ihres hoͤchſten Wunſches, ihn noch einmal zu ſehen und zu ſpre⸗ chen, nahe glaubte. Es ward Mittag, und er war noch nicht da; noch war indeſſen Hoffnung und Zuverſicht in ihrem Herzen; als aber Auguſt, der ihn bei Willot ge⸗ troffen hatte, zu ihr eintrat, ihr einen Gruß von ihm zu bringen, weil er fuͤr die wenigen Stunden — 279 — ſeines Aufenthalts zu beſchaͤftigt ſei, um zu ihr zu kommen: da, arme Natalie, zog die finſterſte Minute deines Lebens herauf, und ihr dunkler Schatten ver⸗ ſchwand nie wieder, und ſank mit dir in dein fruͤhes, einſames Grab. Wie konnte ein ſo edler, ein ſo milder Mann wie er, ſo hart ſein, von ihr, von der er ſich doch ſagen konnte, wie viel ſie zu leiden und zu kämpfen hatte, ſo ſtumm, ſo gleichguͤltig, ja, man kann ſagen, ſo geringſchätzig zu ſcheiden? — War denn die Hingabe ihrer ganzen Seele, ihr unendliches Vertrauen, ihre ewige Liebe keiner an⸗ dern Vergeltung werth? — ahnete er gar nicht, was dieſer Tag ſie koſte? — Bleich und unbeweglich ſaß ſie den ganzen Tag am Fenſter, und zählte die Minuten, die er noch in ihrer Naͤhe war. Ihr Herz ſtand ſtill, ihr Leben war wie gehemmt; ihr war als muͤſſe ſie ſterben, wenn ſie die kleinſte Bewegung machte. Am Nach⸗ mittag ſah ſie ihn zu ihm gleichguͤltigen, ihr gegen⸗ uͤber wohnenden Menſchen gehen, ſah ihn dort im Zimmer auf⸗ und abwandeln; ach, kein Blick fiel auf ſie! — Gegen ſechs Uhr kam ſein Wagen, und ſie hoͤrte ihn bald darauf fortrollen. — 280 — Sie litt und fuͤhlte, daß ſie den Tod empfan⸗ gen habe, aber ſelbſt in ihrem geheimſten Bewußt⸗ ſein erlaubte ſie ſich keine Klage uͤber ihn. In der Nacht, die dieſem Tage folgte, ſprang eine Ader in ihrer Bruſt. Ein heftiger Blutſturz brachte ſie dem Tode nahe; vierzehn Tage lag ſie in todtenaͤhnlicher, ſinnloſer Betaͤubung. Als ſie ihr Bewußtſein wieder erhielt, hatte ſich Valnda ſchon eingeſchifft. Sie erſtand von dieſem Krankenlager; aber nie ward ihr wieder das Gefuͤhl voller Geſundheit. Auch Wilhelm trat jetzt ſeine Reiſe an, zu der ſie ihm den groͤßten Theil ihrer jährlichen Einkuͤnfte uͤberließ. Sie ſelbſt zog, nur von ihrem treuen Maͤdchen begleitet, nach einem kleinen, weit entfern⸗ ten Landſtädtchen, wo ſie ganz unbekannt war, und wo ſie in der unfreundlichſten Jahreszeit, in der Mitte des Decembers, ankam. F uͤnfter Ab ſchnitt. Nicht kann rauben des Maͤchtigſten Hand Den letzten Segen des ewigen Vaters, Den herrlichen Tod! Mahlmann. Wr finden unſere Natalie nach Verlauf von zwei Jahren in demſelben kleinen Landſtädtchen wieder, wo wir ſie verließen, und wo ſie dieſe Zeit allein mit Gott, im heldenmuͤthigen Kampf mit ſich ver⸗ lebt hatte. Sie hatte ſich Frieden errungen, einen Frieden, der ihr nicht mehr geraubt werden konnte. In der Verpflichtung, Buri's Gattin zu werden, hatte ſie die Beſtimmung ihres kuͤnftigen Lebens klar erkannt, und muthig aus ſich herausge⸗ riſſen, was ſich mit ihr nicht vertrug. Ihre Liebe zu Valuda war ihr als hochſtes, geiſtiges Lebens⸗ — 282 — princip geblieben; aber in der Beruhigung ihres Herzens, in der Stillung ihrer Sehnſucht, und der Beſchwichtigung des bittern Schmerzes, ſich von ihm verkannt und auf immer geſchieden zu wiſſen, entwickelte und bewaͤhrte ſich in ihrer Seele eine Kraft, deren Quelle eben dieſe Liebe war. Das An⸗ denken an ihn wurde ihr zum Segen jedes edleren Strebens, jedes ſchoͤnen, feſten Entſchluſſes, und mit ſanfter Ruͤhrung brachte ſie ihm am Abend den ſtill, fromm und fleißig verlebten Tag zum Opfer dar. Buri's Briefe erhei⸗ terten ihre Einſamkeit; ſie gewann ihn von Tag zu Tage lieber. Ihm ein gutes, treues, fleißiges Weib, eine wuͤrdige Hausfrau zu werden; ſich im verdien⸗ ten Beſitz ſeiner hoͤchſten Achtung und Liebe zu fuͤh⸗ len, und ihn im Laufe des alltäglichen Lebens dem Guten und Schoͤnen treu zu erhalten, war ein Be⸗ ruf, deſſen Werth und Gluͤck ſie lebhaft erkannte. Valuda's Bild ſank ſtill und heilig in ihre innerſte, frommſte Seele zuruͤck; im Leben und fuͤr daſſelbe faßte ſie Wilhelms Bild zartlicher und inniger auf, und die durch die wahrſte und hoͤchſte Liebe in ihr geweckte und gereifte Fuͤhlbarkeit und Treue kam ganz Buri zu Gute. Sie gab ſich ihm liebevoller — 283 — und wahrer hin, wie ſie es je zuvor gethan hatte, und auch in ſeinen Briefen ſprach ſich ein ruhiges, aber eben darum ſchoͤner werdendes Gefuͤhl ſeines Gluͤckes und ſeines Dankes, ſie ſein zu nennen, aus. Natalie hatte von jeher Kinder geliebt, und ſich gern mit ihnen beſchaͤftigt. Getrennt von allem Umgang mit Erwachſenen, ſammelte ſie jetzt einige dieſer holden Weſen um ſich, und die Beſchaͤfti⸗ gung mit ihnen ward ihr zu einer Quelle der rein⸗ ſten Freuden. Wer eine Zeit lang nur mit Kindern und allein unter ihnen lebt, hat das goldene Alter der Menſchheit durchlebt. Von ihnen geht eine Kindlichkeit, eine Lauterkeit, eine Heiterkeit auf uns uͤber, deren Daſein man im Getriebe des Welt⸗ lebens verflochten, und vom Schellengeklingel der Thorheit und Albernheit betaͤubt, kaum in der Ah⸗ nung begreift. Auch aus der Arbeitſamkeit, zu der ſich Nata⸗ lie zwang, bis ſie ihr zur lieben Gewohnheit ge⸗ worden war, ging ihr ein ſtiller, ſchoͤner Segen fuͤr ihr inneres Leben auf. Sie erfuhr es, wie kein Zureden der Vernunft, keine Lectuͤre, keine Freude des Wiſſens unſte Seele ſo beruhigt, als das Ge⸗ — — fuͤhl eines fleißig und angeſtrengt vollendeten, be⸗ ſtimmten Tagewerkes. Dieſe zwei einſamen Jahre waren eine ſchoͤne Zeit in Nataliens Leben, und die Erinnerung an ſie blieb in ihrem Herzen, wie die ſanft ſchimmernde Abendröthe eines gewitterſchwuͤlen Tages. Mit dem zweiten Fruͤhling näherte ſich jetzt der Zeitpunkt von Buri's Ruckkunft und ihrer Ver⸗ mählung mit ihm. Es war brieflich unter ihnen verabredet, daß ſie ſich in Nataliens jetzigem Wohn⸗ ort wollten trauen laſſen, der Sommer ſollte dann zu einer gemeinſchaftlichen Reiſe in's ſuͤdliche Deutſch⸗ land benutzt werden, und mit dem Herbſt wollten ſie ſich in Gremlin hauslich niederlaſſen. Natalie rechnete auf Gluͤck. Daß ſie daran ſich wieder Glauben und Zuverſicht erkaͤmpft hatte, und dieſe in heitrer Freudigkeit feſtzuhalten wußte, war die Frucht eines Kampfes, uͤber deſſen Schwie⸗ rigkeit und Werth nur derjenige entſcheiden darf, der in das Innerſte ihrer Seele geblickt hat. Plötzlich blieben Buri's Briefe mehrere Wo⸗ chen aus. In der ganzen Zeit ihrer Trennung hatte er woͤchentlich zweimal geſchrieben, und ſo mußte dies Außenbleiben aller Nachrichten von ihm, Natalie — 285 — lebhaft beunruhigen. In der bangen Sorge um ihn fuͤhlte ſie ſelbſt zum erſten Male ganz, wie ſie ihn liebte, und wie feſt ſie an ihn gebunden war. Sie ſchrieb und klagte ihm mit der ganzen Fuͤlle ihrer Herzlichkeit und Liebe ihre Angſt, ihre Sorge, ihren Kummer um ihn. Endlich kam ein Brief; er war krank geweſen, wie er ſchrieb; aber der Ton dieſes Briefes war ſo leidenſchaftlich, ſo gluhend, daß Natalie von der Ahnung eines finſtern Ereig⸗ niſſes ängſtigend ergriffen ward. Ein Ungewitter noͤthigte Buri auf einer ſeiner Fußwanderungen, in einem Meierhofe Schutz zu ſuchen, deſſen angenehme Lage und einfach zierliche Bauart den Blick jedes Reiſenden auf ſich ziehen mußte, der dieſe Straße wandert. Boöͤttcher, der Beſitzer deſſelben, nahm den durchnäßten Wanderer mit der freundlichſten Gaſtfreiheit auf. Er war ein gebildeter Mann „ der nach einem unruhvollen Leben hier den Abend ſeiner Tage in laͤndlicher Abgeſchie⸗ denheit mit ſeiner einzigen Tochter verlebte. Caro⸗ line war ein reizendes funfzehnjaͤhriges Maͤdchen, voll Naivetät und Anmuth. Ohne allen Umgang, in der Umgebung einer romantiſchen Natur groß geworden, und durch Romanlectuͤre gebildet, war — 286 — ſie fuͤr den Eindruck ſehr empfaͤnglich, den Buri's Erſcheinung auf ſie machen mußte. Sie beeiferte ſich, den Fremdling ſo gut als möglich aufzunehmen, und freuete ſich des Regenwetters, das ihn nothigte, mehrere Tage zu verweilen. Als er am vierten Morgen hinunter kam, Abſchied zu nehmen, fand er den Vater krank und Carolinen in Thraͤnen. Beide baten ihn, ſie jetzt noch nicht zu verlaſſen, und er verſprach gern, die Geneſung ſeines Wirthes abzuwarten. Die Sorgfalt und Ausdauer, die er jetzt bei der Pflege des Vaters zeigte, gewann ihm bald ganz das Herz der dankbaren Tochter. Sie hielt ihn fuͤr frei und ungebunden, ſie wußte von ihrem Vater, daß es ihr vergoͤnnt ſei, unbedingt ſelbſt zu wählen, und ſo gab ſie ſich ungewarnt und unbeſorgt der ganzen Gewalt dieſer Liebe uͤber ſie hin. Konnte Buri nicht fliehen? wollte er es nicht? wußte er ſelbſt nicht um die Größe und Naͤhe der Gefahr? — genug, er blieb; blieb auch nach der Geneſung des Vaters, bis eine ſchwache Stunde Carolinen Rechte auf ihn gab, denen vor dem Richterſtuhl der Ehre und der Menſchlichkeit Nataliens Rechte ſich nicht vergleichen konnten. — Sein Erwachen aus dem Rauſch war ſchrecklich! — — 287 — alle Furien der Selbſtverachtung und des Meineids erwachten in ſeiner Bruſt. Caroline erfuhr, er ſei verlobt; ſei ſeit Jahren das Eigenthum einer Andern, der er Gluͤck, Ruhe, Geſundheit koſte, die ihm Alles geopfert, Alles fuͤr ihn gelitten und getragen, ohne daß er ihr bis jetzt je ein Opfer mit einem andern zu vergelten gehabt habe; ſie gebot ihm, ſie zu fliehen, und ſein fruͤheres Geluͤbde zu ehren. Er gehorchte, und verließ das Haus, deſſen Gaſtfreiheit er durch ſo leichtſinnigen Verrath gelohnt hatte. In der letzten Zeit ſeines Aufenthaltes bei Boͤttcher hatte er es unterlaſſen, an Natalie zu ſchreiben; aber als er jetzt, von Carolinen entfernt, nach und nach aus ſeinem Rauſch erwachte, trat ihr Bild wieder in ſeine alten Rechte, und das Ge⸗ fuͤhl des begangnen Unrechtes gab ſeiner Empfindung fur ſie alle Gluth, alle Unruhe, alles Sturmiſche wieder, was die erſte Zeit ſeiner Leidenſchaft bezeich⸗ nete. Ach! Natalie ahnete bei Leſung jenes Briefes nicht, aus welcher giftigen Quelle der ſuͤße Zauber⸗ trank floß, deſſen magiſche, unheilbringende Gewalt uͤber ſie noch nicht vernichtet war, wenn ſie gleich den Unterſchied zwiſchen dieſer gluthvollen Flamme — 288 — und dem heiligen reinen Lichte wahrer Liebe im eig⸗ nen Herzen hatte erkennen und wuͤrdigen lernen. Die tiefe Schwermuth, in die Caroline nach Buri's Abreiſe verſank, konnte von ihrem Vater eben ſo wenig unbemerkt bleiben, als ihm die Ver⸗ ſtörung entgangen war, in welcher Buri von ihnen ſchied. Da er der Freund und Vertraute ſeiner Tochter ſeit ihrer fruͤhſten Jugend geweſen, ſo ver⸗ mochte ſie auch hier ſeinen Bitten nicht zu wider⸗ ſtehen: er erfuhr Alles, und auch was den Jammer des armen Maͤdchens zur Verzweifelung machte, daß ſie Mutter werden ſollte. Er reiſete Buri nach, und traf ihn auf dem Wege zu Natalien in A... Der Zorn des ſchwer beleidigten Vaters verſchwand vor dem Schmerz, und vor der Reue des Juͤnglings, der ihm ſein ganzes Verhaͤltniß mit Natalie, und die Geſchichte deſſelben offen darlegte. Boͤttcher ergriff den einzigen hier moͤglichen Ausweg: er wandte ſich voll edlen Vertrauens an Natalie ſelbſt, ſchilderte ihr in einem Briefe den ganzen Vorgang, und forderte ſie auf, zu entſcheiden. „Ich wuͤrde,“ ſchloß er ſeinen Brief, „das Schickſal meiner Tochter als ein Un⸗ gluͤck tragen, und nie darauf ein Recht begruͤnden, — 289 — welches zwiſchen Sie, Verehrungswuͤrdige, und den Mann treten duͤrfte, der Ihnen ſo viel, ja Alles, zu verdanken hat, aber was ich nie fuͤr meine Toch⸗ ter allein thun wuͤrde, muß ich fuͤr das Kind thun, das ſonſt ernſt und ſtrafend einſt von ſeiner Mut⸗ ter den Vater fordern wuͤrde. Entſcheiden Sie da⸗ her unbedingt uͤber das Schickſal der Mutter und des Kindes. Keine Pflicht, kein Geſetz verbindet Sie zur Entſagung, meine Hoffnung ruht nur auf Ihrer Guͤte, Ihrer Großmuth.“ Natalie antwortete ihm mit ruckgehender Poſt achtungsvoll und theilnehmend, und legte ihm einige Zeilen fuͤr Buri ein, in denen ſie ihn fuͤr frei, ſich fuͤr ewig von ihm geſchieden erklärte. Sie ſchrieb ihm dies ohne Klage, ohne Vorwurf; machte es ihm aber als den letzten Beweis ſeiner Achtung zur Pflicht, ihr durchaus nicht zu antworten. Buri ward Carolinens Gatte. Er vergaß Natalie ſehr bald, und lebt noch auf dem Meierhofe ſeines Schwiegervaters ein alltägliches, ſtill burgerliches Leben, ohne hoheren Gehalt, aber doch nicht ohne innern Werth. Earolinens erſtes Kind ſtarb, und ihre Ehe blieb kinderlos. Wie Natalie dieſe Trennung ertrug, wie ſie litt, und wie unnennbar ſchmerzlich und vielſeitig Tarnow's Schriften. II. 13 M ihr ganzes Herz dadurch verletzt wurde, hat nie ein Menſch erfahren, nie ein Wort von ihr ſelbſt aus⸗ geſprochen. Doch ſicherte ſie der Sinn fuͤr das Heilige, der ihr in ihrer Liebe fur Valuda aufgegan⸗ gen war, dafuͤr, ſich irgend einem Schmerz, irgend einem irdiſchen Leiden mehr widerſtandlos hinzugeben. Geuͤbt im Kampf mit ſich ſelbſt, bewaͤhrte ſich ihr auch jetzt die Kraft des Willens. Sie trat ihrem Schmerze küͤhn entgegen, und rang mit ihm. Ern⸗ ſtes Nachdenken und fromme Einkehr in ſich ſelbſt gaben ihr Fluͤgel, die ſie uͤber ihn weghoben, und das Kleinod, das ſie in dieſem Kampf erbeutete, wurde ihr zum herrlichen Lohn: es hieß Freiheit ihrer Gefuͤhle fuͤr Valuda! Ein ſchoͤner Abend des Spätherbſtes dieſes Jahres lockte ſie in's Freie. Von einem Berge, der den zu ihrer Wohnung gehoͤrenden Garten begrenzte, uͤberſah ſie eine weite, reizende Landſchaft. Am Fuß deſſelben lief die Landſtraße neben einem ziemlich tiefen Abgrund hin. Ein zierlicher Reiſewagen — hier eine ſeltne Erſcheinung — zog Nataliens Blicke auf ſich. Zu ihrem Schrecken ſah ſie aber die Pferde nahe bei der gefaͤhrlichen Stelle ſcheu wer⸗ den, der Wagen ſchlug um, Natalie unterſchied das — W — Angſtgeſchrei einer weiblichen Stimme, und flog blitzes ſchnell den Berg hinab, den Reiſenden zur Huͤlfe. Zum Gluͤck ſtanden die Pferde, und wäh⸗ rend der Poſtillon ſich beſchaͤftigte, die Straͤnge zu loͤſen, bemuͤhete ſich Natalie, die Thuͤr des Wagens zu oͤffnen. Der Verſuch gelang; ein Mann von hoher vornehmer Geſtalt ſprang heraus, und hob eine junge in Ohnmacht geſunkene Dame empor. Natalie vereinte ihre Bemuͤhung mit der ſeinigen, ſie trugen ſie wenige Schritte davon nach einer gruͤ⸗ nen Raſenſtelle, und hatten die Freude, ſie nach einigen Minuten die Augen aufſchlagen zu ſehen. Mit dem Ausdruck banger Zaͤrtlichkeit ſuchte der erſte Blick der ſchoͤnen Fremden ihren Gefährten, der neben ihr knieend ſie in ſeinen Armen hielt, waͤhrend Natalie ihr die Schlafen mit dem Kölni⸗ ſchen Waſſer aus ihrem Flacon rieb, dann ſah ſie zu dieſer mit einem ſo ruͤhrenden, ſo dankbaren Blick auf, daß er den Antheil, den Natalie gleich fuͤr ſie empfunden hatte, verdoppelte. Aus einigen Worten des jungen Mannes und aus ſeiner Unfähigkeit, ſich mit dem Poſtillon verſtaͤndigen zu können, er⸗ rieth ſie das Vaterland der Reiſenden, und re⸗ dete ſie jetzt in der Sprache deſſelben an, um der 13 * — 292 — jungen Dame mit jenem unverkennbaren Ausdruck des Wohlwollens, dem das Herz nie widerſteht, ihr Haus anzubieten, ſich darin von den Schrecken ih⸗ res Unfalls zu erholen. Die ſchoͤne Fremde ſchien angenehm uͤberraſcht, ſich in dieſem Winkel Deutſch⸗ lands, wo die Fertigkeit, eine fremde Sprache zu reden, ſehr ſelten angetroffen wird, in ihrer Mutter⸗ ſprache anreden zu hoͤren, und nahm Nataliens An⸗ erbieten dankbar an. Wie groß war aber ihrer Aller Schrecken, als es ſich jetzt, da die Fremde ſich erhe⸗ ben wollte, zeigte, daß der eine Fuß gebrochen war. „O Gott,“ rief ſie mit einem Ausdruck des Schre⸗ ckens und des Entſetzens, der Nataliens Herz traf, „wir ſind verloren! Laß uns ſterben, mein Freund, Rettung iſt jetzt unmoͤglich!“ „Nur Muth,“ ſagte Natalie raſch, „nur Ver⸗ trauen, ich hole Huͤlfe, und mein Haus,“ ſetzte ſie geruhrt hinzu, da ſie zu errathen anfing, wen ſie vor ſich hatte, „ſichert Ihnen Verborgenheit und Ruhe.“ Die Geſchichte dieſer beiden intereſſanten Flucht⸗ linge greift zu tief in eine der geheimnißvollſten Be⸗ gebenheiten unſerer Zeit ein, um jetzt ſchon enthuͤllt werden zu koͤnnen. Aus einem der edelſten Ge⸗ ſchlechter Europens entſproſſen, Erbe unermeßlicher — 293 — Reichthuͤmer, mit allen Verfeinerungen des Lurus allen Raffinerien des Wohllebens ſeit fruͤhſter Kind⸗ heit ſo vertraut, daß ſie ihm zum Beduͤrfniß, zur einfachen Nothwendigkeit geworden waren, irrte Theo⸗ phil jetzt heimathlos und graͤchtet mit ſeiner Gattin umher. Auf ſeine Habhaftwerdung war im Ge⸗ heimen ein großer Preis geſetzt, und der Verrath ſchlich ihm hier, wo er vor offenbarer Gewalt viel⸗ leicht geſchuͤtzt war, doch heimlich auf jedem Schritt nach. Ein fernes Land bot ihm einen Zufluchtsort, aber jeder Weg dorthin war verſperrt, und bei ſeiner gaͤnz⸗ lichen Unkenntniß deutſcher Sprache und deutſcher Ver⸗ faſſungen mit faſt unuͤberſteiglichen Schwierigkeiten ver⸗ bunden. Victorine, die ſchoͤne, ſeit fruͤhſter Jugend von Allen, die ſie umgaben, vergoͤtterte Victorine, ſeine Gattin, ſollte jetzt in wenig Wochen Mutter werden. Ohne Obdach, ohne Geld, in einer rauhen Jahreszeit, in einem fremden, unwirthlichen Lande, erlag ihre Seele faſt dem Gewicht ihrer troſtloſen Verzweiflung, als die Vorſehung ihr Natalie zufuhrte. Wenig Stunden reichten hin, um dieſer das volle Vertrauen ihrer Gäſte zu erwerben, und als Erſatz fuͤr manchen herben Kummer ward ihr das Gluͤck, dies Vertrauen rechtfertigen zu können. — 294 — Es gelang ihr, Wege und Mittel ausfindig zu machen, die Theophil ſicher nach dem Orte ſeiner Beſtimmung fuͤhrten. Victorine blieb bei ihr. Im November ward ſie Mutter eines lieblichen Knaben, und Natalie ſah unter ihrer Pflege Mutter und Kind ſchoͤn und freudig dem Fruͤhling entgegen bluͤ⸗ hen, der Beide mit dem Gatten und Vater vereini⸗ gen ſollte. Sie begleitete Victorine auf der Reiſe durch die unwirthbaren Gegenden, durch die ſie ihr Weg fuͤhrte, und verließ ſie erſt an der Grenze, wo Theophil ſie erwartete. Auch die Dankbarkeit kann in ſchoͤnen Seelen zu einer Leidenſchaft werden, die an Energie keiner andern weicht. Der Abſchied, den Victorine und Theophil von Natalien nahmen, war erſchutternd und feierlich. Die Erſtere legte ihren Sohn in Na⸗ taliens Arme, wie man Peiligen die Kinder zur Auflegung der Hände darreicht, damit ſie ihn ſegne. Sie konnte ſich nicht von ihr trennen, immer kehrte ſie zuruͤck, ſie noch einmal an ihr Herz zu druͤcken, endlich mußte ſie ſcheiden; aber Nataliens Andenken blieb in ihrem Herzen, und taͤglich erbat ſie ſich vom Himmel die Gelegenheit, ihr einſt vergelten zu kön⸗ nen, was ſie fuͤr ſie gethan. — 295 — Natalie ging auf einige Wochen zu ihrer Schweſter, und dann nach Gremlin. Die Erinne⸗ rungen, die dieſer Aufenthalt in ihr wecken konnte, brauchte ſie nicht mehr zu ſcheuen, den Tadel der Welt nicht mehr zu fuͤrchten. Ihre Seele war reif geworden in den Schmerzen und Erſchuͤtterun⸗ gen dieſer letzten Jahre. Wie ein ſchwindendes Traumbild verſank das Nachtſtuͤck ihres Lebens in den Strom der Vergangenheit; das innere geheim⸗ nißvolle Leben der Liebe entfaltete ſich in ihr tiefer und reicher, und alle Erſcheinungen des äußeren verklaͤrten ſich ihr zu heiligen Sinnbildern; mit lan⸗ gen Zuͤgen trank ſie aus dem Quell der frommen, reinen Begeiſterung, die ſie von den irdiſchen Din⸗ gen ſchied, und ſie ſich als eine Geweihte des To⸗ des fuͤhlen lehrte. Abgezogen von der Außenwelt fand ſie in ſich, was ſie zur Gluckſeligkeit und zum harmoniſchen Verſtaͤndniß mit ſich und der Welt bedurfte, und das Gefuͤhl, daß ihr dieſe Klarheit des Gemuͤths, dieſer himmliſche Friede der Seele, dies Schweigen des Verſtandes einzig aus der Liebe fuͤr Valuda aufgegangen waren, lehrte ſie dieſe immer richtiger als das Schoͤnſte und Göttlichſte ihres Daſeins — 296 — wuͤrdigen. Ihr ganzes Leben war ein ſtiller Got⸗ tesdienſt dieſer Liebe, die immer mehr Eins wer⸗ dend mit der Liebe des Ewigen, und in ihr ſich, wie der Strom im Weltmeer verlierend, ihr Herz langſam, ſanft und freundlich von der Erde löſete, und die Sehnſucht ihres Buſens nach dem Tode zur echten Tochter der Liebe und der Unſterblichkeit veredelte. Aber wie eine Lichterſcheinung aus jener Welt trat zu der Einſamen noch hienieden der ſchoͤnſte Engel des Troſtes und der Verheißung, der Engel der Freundſchaft, und Natalie wußte nicht, ob der Glanz, in dem ſich, von ihm erhellt, ihr Leben ver⸗ klaͤrte, das Abendroth dieſer, oder das Morgenroth jener Welt war. Während ihrer Abweſenheit hatte ſich in der Naͤhe von Gremlin eine Familie angeſiedelt, in de⸗ ren älteſter Tochter, Charlotte, Natalie bald eine Seele auffand, wie ſie reiner, treuer, frommer, un⸗ gefaͤrbter und zarter nie in einem Weibe gewohnt hat. Demuͤthig und einfach, wahr und kindlich, froh und ſtill war der Sinn des Maädchens, ihr Geiſt hell und klar, und in dem ſanften, kindlichen Gemuth ruhte eine Kraft, die dem Leben gewachſen — 297 — war. Alle Liebe, die Natalie ſeit fruͤhſter Jugend ſo unverſtanden und unerwiedert hingegeben hatte, ward ihr hier als koſtliche Himmelsgabe zuruͤckgege⸗ ben, und in ihrer ganzen Heiligkeit von ihr genoſſen und empfunden. Der fromme Friede, deſſen Natalie jetzt genoß, und das ſelige Gluͤck dieſer Freundſchaft wurden dem zarten und ermatteten Koͤrper zur Stäͤrkung⸗ Da ſie ohne eine eigentliche Krankheit, nur an dem geiſtigen, langſam nachwirkenden Schmerze fruͤherer Jahre verging, ſo ſchlichen Wochen und Monate langſam voruͤber, ohne daß irgend eine ſichtbarer werdende Desorganiſation ihres Koͤrpers einen ſchnel⸗ len Tod herbeizufuͤhren drohte. Im Gegentheil ſchien ſie, unter Lottens Pflege und im Sonnenſchein ihrer Liebe neu aufzubluͤhen; aber es gibt Zeitpunkte im Leben, wo nicht die Krankheit, ſondern die Seele ſelbſt ihre Huͤlle zerſtoͤrt, weil ſich, zu mächtig fur dieſe, in ihr die Fluͤgel eines freieren Daſeins ent⸗ falten. Nataliens Gefuͤhl, ſie ſei dem Tode geweiht, täuſchte ſie nicht. In einzelnen hellern Momenten fuhlte ſie aber auch eine unſichtbare Gewalt, die ſie an das Leben, wie an ein noch nicht vollendetes Tagewerk feſſelte. — 298 — Sie ehrte dieſe Ahnung als den Wink eines hei⸗ ligen Schickſals, und harrte in ſtiller Ruhe ihrer Deutung. Monate verrannen aber und wurden zu Jahren, ohne daß irgend eine Pflicht, irgend eine Sorge ſie wieder zu einer nähern Befreundung mit den Angelegenheiten der Erde genoͤthigt hätte. In ſanfter Stille, ohne Anſpruͤche an das Leben, geliebt von Allem, was ſie umgab, ohne Furcht, doch nicht ohne Hoffnung, floß ihr Leben ungetrübt dahin, und die Morgenluft, die ſie umwehete, wurde immer rei⸗ ner und erquicklicher. Oft ſehnte ſie ſich, der Liebe heilige Welt, die ſie in ſich aufgenommen hatte, dem Manne ihres Herzens darzuſtellen, ehe ſie ſcheide, damit er wiſſe, wie ſie ihn geliebt habe vom erſten Blick an, wie ſie ihn noch liebe, und welchen Segen dieſe Liebe in ihr Daſein gelegt habe. Aber ſie wußte, daß er verlobt, und jetzt vielleicht ſchon der Gatte des von ihm gewaͤhlten Maädchens ſei, und daß er nie nach ihr gefragt, nie irgend eine Erkundigung nach ihrem Schickſal eingezogen, ſchien ihr ein Beweis, daß er das Andenken an ſie ganz verbannt habe, und es nicht zu erneuern wuͤnſche. Sie brachte alſo ſeinem — — 209 — muthmaßlichen Wunſche ihre letzte Freude zum Opfer dar. . Dies Schweigen wurde Natalie dadurch ſehr erleichtert, daß ſie durch ſeine von Zeit zu Zeit er⸗ ſcheinenden neuen Werke mit ihm innig im Geiſte fortzuleben vermochte, und in jedem Buche den Schluͤſſel zu ihm, wie in ſeiner Individualitat den Schluͤſſel zum Buche fand. Sie gewann auf die⸗ ſem Wege eine ſo richtige Anſicht ſeines Charakters und ſeiner Eigenthuͤmlichkeit, ſeiner Grundſätze und Meinungen, wie ſie ihr der Jahre lange perſoͤnliche Umgang mit ihm nicht anſchaulicher zu geben ver⸗ mocht hätte. Wer kennt nicht die ungeheuren Begebenheiten der letzten Jahre? — ſie erneuerten in Valuda's Gemuͤth einen Kampf, den er fruͤher ſchon einmal ſiegreich beſtanden hatte. Aus ſeinem Ernſt wurde Strenge; aus ſeiner Feſtigkeit Scharfe, es ward fuͤhlbar, daß jene Bildung des Mannes, die ihm allein das Zuſammenleben mit einem liebenden und geliebten Weibe zu geben vermag, bei ihm unvoll⸗ endet blieb, und daß er, der Starke, auf ſeine Her⸗ zenswunde doch vielleicht ein eiſernes Pflaſter gelegt hatte. — So ward ſein großer, freier und in ſei⸗ — 300 — ner ſtrengen Gerechtigkeit doch noch ſo edel milder Sinn, mit dem er fruͤher die Zeit und die Men⸗ ſchen richtete, zum Grimm — freilich nur zum Grimm, wie er in einem ſo edlen, zum Haß wie zur Liebe gleich energiſchen Gemuͤthe wohnen kann, aber doch immer zum Grimm. Der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, die ehemals als freie Gabe in ihm wohnten, hielt er jett im Kampfe nur mit gewaltiger Kraft feſt. Und wo die fromme, heilige Entzuckung ſchonerer, freudenvollerer Zeit noch wieder aus der heiligen Tiefe dieſer großen Seele aufſtieg, und ſich wie ein himmliſcher Duft uͤber die Natur und das Leben zog, da erſchien ſie wie der helle Blitz einer ſihn voruͤbereilenden Verzuͤckung. Da kam eine Sorge um ihn in Nataliens Herz, eine Sorge, zu zart fuͤr Worte, aber dieſe Sorge war die hochſte, die innigſte, treueſte Liebe, die je das Herz eines Weibes gefühlt hat. Hätte er ſich geliebt gewußt, wie ſie ihn liebte, ſo wäre die Gewißheit ſolcher Liebe die Vermittlerin zwiſchen ihm und einer in Unftieden verſunkenen Welt ge⸗ worden. Es kam aber ein Zeitpunkt, wo die von ihm — 301 — fruͤher mit heißer Liebe umfaßten, ſpaͤter mit un⸗ vergaͤnglichem Schmerz verlornen Hoffnungen fuͤr ſein Vaterland noch einmal einen neuen Strahl in ſeine Roͤmerſeele ſandten. Er griff zum Schwert, und ſchloß ſich an den kuͤhnen Fuͤhrer, deſſen aben⸗ teuerliches Unternehmen durch den Willen geadelt wird, wenn gleich der Erfolg es verdammt. Ein Tag entſchied das Schickſal von tauſend Helden⸗ herzen, der tapfre Fuͤhrer fiel; Valuda, der verzwei⸗ felnd an ſeiner Seite gefochten hatte, ſank ſchwer verwundet vom Pferde, und ward gefangen. Mit Sturmwindseile flog die duͤſtre Kunde dieſer Kataſtrophe durch das Land, und kam auch bald zu Natalien. Ein dunkles Geruͤcht ſagte Va⸗ luda gefangen, wenn andre ihn den wackern Tod im Schlachtgewuͤhl finden ließen. Ihr Entſchluß, ihn, wenn er noch lebte, zu retten, oder mit ihm zu ſterben, war ſchnell gefaßt, und klar ſtand es nun vor ihrer Seele, was ſie bis jetzt in ſo wunderbarer Dunkelheit an das Leben, als an eine noch nicht geloͤſete Aufgabe gebunden hatte. Sie raffte zuſam⸗ men, was ſie an Geld und Geldeswerth aufbringen konnte, und eilte in die Gegenden, wo die feindlichen Armeen ſtanden. Ein guter Engel war mit Natalien, und fuͤhrte ſie durch mannigfache Gefahren, unangefochten dem Ziel ihrer Reiſe zu. Sie fand Valuda nicht mehr; aber ſie erfuhr — 302 — mit Gewißheit, daß er noch lebe, und mit mehreren ſeiner Gefaͤhrten nach der Feſtung Weſel abgefuͤhrt ſei, wo man nur ſeine Geneſung erwarte, um das ſchon gefaͤllte Todesurtheil zu vollziehen. Der Tag dazu war ſogar ſchon feſtgeſetzt und nahe. Natalie eilte Tag und Nacht. Kein Schlum⸗ mer ſchloß ihr Auge, keine Nahrung kam uͤber ihre Lippen. Die Liebe gab ihr Muth, die Liebe gab ihr Kraft; der Kampf zwiſchen der tiefſten Hoff⸗ nungsloſigkeit und der inbruͤnſtigſten Hoffnung er⸗ hielt ſie aufrecht, weil er ihr keine Minute uͤbrig ließ, ihre Ermattung und Anſtrengung inne zu wer⸗ den. Sie war in dieſen ewig unvergeßlichen Tagen nur Seele. Ein neues Leben drang wie eine geiſtige Arz⸗ nei durch alle ihre Adern, als ſie erfuhr, Theophil, er, dem ſie einſt mit ſo viel Gefahr und Aufopfe⸗ rung Gattin und Kind rettete, ſei Commandant der Feſtung und Victorine zum Beſuch bei ihm. Ihr Weg fuͤhrte ſie durch B., wo Valuda's Braut wohnte. Ein heißer Schmerz durchzuckte Natalie, als ſie daran dachte und ſich eingeſtehen mußte, die Gluͤckliche habe den naͤheren Beruf, ihn zu retten, und es ſei fuͤr ſie Pflicht, ihr zu wei⸗ chen, wenn ſie ihr Recht auf dieſes Gluck guͤttig machen wollte. Schriftlich bat ſie ſie um eine Unterredung ohne Zeugen, und ging dann, der erhaltenen Einladung ——————— — 303 — gemäß, zu ihr. Natalie fand ein ſehr reizendes Mädchen, und ihr Herz oͤffnete ſich der Liebe zu dem Weſen, das dem Manne, den ſie mit der lauterſten eigennuͤtzigkeit liebte, das Gluͤck ſeines Lebens gewaͤhren ſollte. Sie redete ſie mit unverſtellter Herzlichkeit an: „Entſchuldigen Sie es, wenn ſich Ihnen in ſo finſteren Trauerſtunden eine Unbekannte zur Ver⸗ trauten aufdringt. Sie ſind Valuda's Verlobte?“ Sie faßte bei dieſen Worten des Maͤdchens Hand, und ſah ihr mit voller Liebe in das Auge, das ſich ſchnell mit Thraͤnen fuͤllte. „Ja,“ antwortete ſie, „ich werde den edlen Mann auch jetzt nicht verlaͤugnen, wo der Tod uns auf ewig zu ſcheiden droht.“ „Nein,“ ſagte Natalie raſch und heftig bewegt, „er wird leben, ich bringe Hoffnung, und wenn es noch Schutzgeiſter des Guten gibt, Rettung.“ Sie zergliederte ihr hier ihren ganzen Plan, und die an Wahrſcheinlichkeit grenzende Moglichkeit ſeines Gelingens, und forderte ſie auf, ſie nach We⸗ ſel zu begleiten, um in dieſem Fall mit Valuda das Schiff zu beſteigen, das ihn nach Amerika zu fih⸗ ren ſchon bereit lag. Die Seele der Braut bebte vor den Gefahren und der Ungewoͤhnlichkeit dieſer Schritte zuruͤck. Sie weinte, zagte, doch vergebens ſuchte ihr Natalie ihren Muth, ihre Begeiſterung und ihren feſten — 304 — Vorſatz, das Leben an die Rettung des geliebten Mannes ſetzen zu wollen, einzuhauchen. „Ich bin ſein,“ rief ſie haͤnderingend aus, „und will gern Vaterland und Alles verlaſſen, um ihm zu folgen, ſobald er dort angeſiedelt iſt, aber ihn aus ſeinem Kerker entfuͤhren helfen, und ihn auf ſeiner Flucht begleiten, nein, das kann ich nicht. Meine Angſt wuͤrde mich todten.“ „Nun,“ ſagte Natalie, „ſo unternehme ich es allein. Ich rette Ihren Verlobten, oder —“ Hier ſtuͤrzte ſich Lotte in ihre Arme, und ergoß ſich in den feurigſten Dankſagungen. Matalie ſtaunte bei dieſer Miſchung von Liebe und Schwache, aber ihr Herz ſchlug froher und ſtolzer bei dem Gedanken, um wie viel inniger ſie den Werth des ſeltenen Mannes zu wuͤrdigen wußte. „Was ſoll ich ihm denn von Ihnen bringen?“ fragte ſie beim Abſchied. „Sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe und ihm treu bleiben werde, und dann bringen Sie ihm dies.“ Es war ihr Gemalde, das ſie fuͤr ihn ſchon fruͤher hatte malen laſſen. Sie ſchnitt jetzt auch eine ihrer ſchönen, blonden Haarlocken ab, und gab ſie Natalien, die beide Gaben an ihrem Herzen ver⸗ barg. „Aber Sie,“ fuhr ſie fort, „wer find denn Sie, die Sie mir als ein Engel der Rettung er⸗ ſcheinen, wo jede Hoffnung verloren war?“ „Eine laͤngſt von Valuda vergeſſene, und nie von ihm geliebte Freundin,“ ſagte Natalie ſtill be⸗ trubt, und druͤckte ſie ſanft weinend an ihr Herz. „Gott laſſe mir ſeine Rettung gelingen, und dann ge⸗ denkt meiner zuweilen, wenn Ihr gluͤcklich ſeid.“ Zwei Tage darauf kam ſie in Weſel an. Sie ließ ſich bei Victorinen melden, und ward von ihr mit jubelndem Entzuͤcken aufgenommen. Zitternd und todtenbleich ſank ſie bei ihrem Eintritt vor ihr nieder. „Ich komme,“ ſagte ſie ihr in Tonen, de⸗ nen kein Herz zu widerſtehen vermochte, „Dich an eine Schuld zu mahnen, die Du jetzt mit der Se⸗ ligkeit meines Lebens löſen kannſt.“ Aufſchreiend vor Schmerz, ſie in dieſem Zu⸗ ſtand zu ſehen, ſank Victorine neben ihr nieder, und flehte ſie an, nur zu reden, und auf ſie zu rech⸗ nen im Leben und im Tode. Da vertraute ihr Natalie ihre Liebe und ihren Schmerz und ihren feſten Entſchluß, Valuda zu ret⸗ ten, oder hier mit ihm zu ſterben. Victorine eilte zu ihrem Gatten, und fuͤhrte ihn herbei. Ein langer, harter Kampf begann, ehe Natur, Menſchlichkeit und jene ewigen, in die Bruſt des Menſchen gegrabenen Geſetze, die keine Menſchenſatzung aufzuheben vermag, ſiegten, und er ſeine Mitwirkung zur Ausfuͤhrung des von Nata⸗ lien entworfenen Planes, der ſie ſelbſt der groͤßten Gefahr preis gab, verſprach. Von allen ſeinen Ungluͤcksgefäͤhrten lebte Va⸗ — 306 — luda nur noch allein, ſeine noch nicht geheilten Wun⸗ den hatten ihm das furchtbar grauſame Gluͤck ver⸗ ſchafft, ſie Alle zu uͤberleben. Nataliens Plan und ihre getroffenen Anſtalten konnten hier allein Rettung moͤglich machen. Nach unzaͤhligen, beſiegten Schwierigkeiten und Gefahren ſah Natalie endlich die Mitternacht her⸗ einbrechen, die zu ſeiner Befreiung beſtimmt war. Tod und Seligkeit im Herzen folgte ſie, tief ver⸗ huͤllt ihrem Fuͤhrer zu dem grauſigen, dumpfen Ker⸗ ker, wo ſie beim Schein der mitgebrachten Leuchte Valuda auf Stroh gebettet, und in ſchwere Feſſeln geſchmiedet, erkannte. Stumm ſank ſie vor ihm nieder, ſeine Feſſeln zu löſen. „Sie ſind ftei,“ ſagte ihr Begleiter zu ihm; „was keine andre Macht vermocht haͤtte, iſt der Macht der reinſten Guͤte und der edelſten Liebe gelungen.“ ² „O Wunderwerk der Liebe!“ rief Valuda, und zog ſie mit dem ſchon befreieten Arm an ſein Herz, „o meine Lotte, wie ſoll ich Dir danken!“ Nach ſechsjaͤhriger Trennung ſah Natalie jetzt den Mann wieder, dem ihre Seele angehörte und dem ihr ganzes Leben geweiht war, ſie lag in ſeinem Arm, ſie fuͤhlte ſich von ihm mit inniger Liebe an ſein Herz gedruckt, aber nur, weil er in ihr eine Andre, ſeine Geliebte, ſeine Braut zu umfaſſen glaubte. „Nein,“ ſagte ſie leiſe, und ſchlug ihren Schleier zuruͤck, „ich bin's, Valuda.“ — — 307 — Ploͤtzlich und ruͤhrend trat vor ſeine Seele jetzt das Bild der ihm faſt entfremdeten Zeit, und er er⸗ kannte ihre Treue und ihre Liebe; da umfaßte er ſie von Neuem, und in einer langen ſtummen Umar⸗ mung ruhten Beide weinend an einander. „Um Gottes willen,“ rief hier ihr Fuͤhrer, „wir haben keinen Augenblick zu verlieren! Jede Minute Verzug droht mit dem Tode.“ Dieſe Erinnerung an Valuda's Gefahr gab Nata⸗ lien ihre Faſſung wieder. Sie ſagte ihm in wenig Wor⸗ ten, was er wiſſen mußte, und gab ihm ihr Taſchen⸗ buch, in dem er fernere Anweiſung, Wechſel und Lot⸗ tens Gemaͤlde fand. Dann faßte ſie zum Lebewohl ſeine Hand, druͤckte ſie noch einmal an ihr Herz, noch einen Blick, und nun, ehe er mit einem Worte Ab⸗ ſchied von ihr nehmen konnte, war ſie durch die eine Thuͤr verſchwunden, während ihr Begleiter ihn raſch durch die andre fortzog. Natalie verweilte noch einige Wochen bei Victorinen und ihrem Gatten, dann kehrte ſie nach Gremlin zu⸗ ruck, um dort in den Armen ihrer Charlotte die Stunde ihres Todes mit ſtiller Freudigkeit zu erwarten. Sie fuͤhlte es, daß ſie jetzt am Ziele ſtand, und ſehnte ſich in der Bluͤthe und der Fuͤlle der geiſtigen Kraͤfte mit unendlicher Liebe nach der Stunde der Vollendung. Mit großer Ruhe und Heiterkeit ordnete ſie ihren Nachlaß, und wandte alle ihr noch uͤbrige Zeit an, ihre — 308 — Lieben mit dem Gedanken an ihren Verluſt auszu⸗ ſohnen. Sie ſchrieb ihr Teſtament mit eigner Hand nieder, und einige Stellen deſſelben moögen hier als das treueſte Gemälde ihrer Stimmung ſtehen. Am Morgen des Ta⸗ ges, an dem ſie es ſchrieb, hatte ſie von ihrem Arzt den Ausſpruch erfahren, daß ſie das Fruͤhjahr nicht mehr erleben wuͤrde. Den 4. Januar. „Ich ſtehe alſo am Ziele, aber noch iſt es mir vergoͤnnt, mich nach Euch, Ihr Geliebten meiner Seele, Troſt und Stolz und Freude Eurer Natalie, im Tode wie im Leben umzuſehen. Noch erreicht Euch meine Stimme, aber wenn das Siegel dieſes Blattes einſt ge⸗ loſet wird, dann tönt ſie nur noch aus meinem Grabe dumpf zu Euch empor. Doch was der Raub dieſes Grabes wird, iſt nicht das, was Ihr an mir liebtet, und was Euch lieben wird, ſo lange mein Ich, dies innere, wahre, anerkannte Ich, in irgend einer Form des Daſeins beſtehen wird. O, wie habe ich Euch geliebt! wie liebe ich Euch! Wie ſelig geruͤhrt verſammelt Euch mein Geiſt in dieſer Minute um mich; wie gluͤcklich macht es mich, ſagen zu koͤnnen, daß ich immer in meinem Leben, und in jedem Verhaͤltniß deſſelben treu war! O, wenn Ihr Alles von mir vergeſſen könnt, ſo werden doch gewiß Mi⸗ nuten kommen, wo jeder von Euch ſich ſagen wird: das Herz, das mich am innigſten und — liebte, ruht nun im Grabe,“ —— — 309 — „Dieſe Gewißheit der Treue iſt mir jetzt in meiner Sterbezeit mehr Buͤrge fuͤr meine Unſterblichkeit, als alles Andre, was ich je daruͤber geglaubt, gedacht und empfunden habe. Meine Seele hat nur Einen Grund⸗ ton: — Liebe — ſie kann nicht vernichtet werden. Treue und unbedingte Hingebung waren bei mir nie ein Ver⸗ dienſt, nie eine Tugend, ſie ſind mein Weſen ſelbſt. In Liebe habe ich gelebt, in Liebe werde ich ſterben, und auch, ſo wahr Gott die Liebe iſt, in Liebe einſt wieder auf⸗ erſtehen.“ „Ich weiß, wie heilig Euch Allen meine letzten Wuͤn⸗ ſche und Bitten ſein werden, und möchte Euch, meine einzig Lieben, ſo Vieles, Vieles ſagen. Mein Herz iſt voll, meine Seele ſtark, mein Geiſt freudig, aber mein Leben iſt matt, meine Bruſt wund und hohl.“ „Nimm Du mich zuerſt an Dein Herz, Du meine reinſte, beſte Freude, Du frommes, reines Herz, Du Seele ohne Makel und ohne Schuld, meine Charlotte. Mein letzter Seufzer wird noch Dein Name ſein, und Dank gegen Gott, der mir in Dir mehr gab, als ich je verdient habe. Liebſte Charlotte, Seele meiner Seele, o dieſe Trennung von Dir, ich fuͤhle es in dieſem Augen⸗ blick, ſie iſt wie ein Riß durch ein lebendiges Herz. Du wirſt mich nie vergeſſen, in mancher truͤben Stunde wirſt Du zu meinem Bilde gehen, und getroͤſtet und gekraͤftigt davon zuruͤckkehren. Du haſt in unſter Freundſchaft eine Gewißheit, wie Himmelsluft, in Dich geſogen, daß nun nie Unwerth und Treuloſigkeit Deinen Glauben an — 310 — Menſchenherz werden zu erſchuttern vermoͤgen. Eine Freundſchaft, wie die unſre, iſt fur mehr als Eine Welt. Das Grab trennt uns nicht; wir bleiben vereint. Wirſt Du einſt Gattin und Mutter — und welches Maͤd⸗ chen iſt mehr geeignet, in beiden Verhaͤltniſſen das Bei⸗ ſpiel der edelſten, begluckendſten Pflichterfullung zu ge⸗ ben? — ſo gib Deiner älteſten Tochter meinen Namen, und liebe mich in dem Kinde fort, wie ich gewiß auch auf irgend eine Art mit Dir verbunden bleiben werde. Verſprich mir auch, ſo lange Du lebſt, meinen Geburts⸗ tag zu feiern, ſollte ich dort oben den ſiebenten April wohl vergeſſen lernen?“ „In Pinſicht Deiner Trauer uͤber meinen Verluſt vertraue ich Deinem frommen Gott ergebenen Sinn. — Ich habe zuweilen geſehen, daß man Kindern Verletzun⸗ gen mit friſcher Erde kuͤhlt, auch mir, auch meinem ar⸗ men wunden Herzen wird ſie wohl thun. Von allen Fähigkeiten meiner Seele iſt nur eine ganz entwickelt, ganz geuͤbt worden: die Fähigkeit zu leiden. Weine da⸗ her um mich, aber laß es ſanfte Thränen ſein. Schone Dich, haͤnge Deinem Gram nicht nach. Es iſt meine letzte Bitte; ſie wird Dir heilig ſein.“ „Und ſo empfange denn mein letztes Lebewohl, Got⸗ tes beſter, beſter Segen uber Dich, ich lege meine ganze Seele, mein Herz voll unausſprechlicher Liebe in dieſes Lebewohl. Wo ich auch ſei, wie ich auch fortdaure, ich will nie mehr mein ſein, als ich De in bin und bleibe.“ —— — 311 — Eben ſo innig und herzlich nahm ſie dann von Eliſen und Auguſt Abſchied. Nach ihrem Tode fand ſich unter ihren Papieren ein verſiegelter Brief an Valuda und ihr von ihr ſelbſt gemaltes Bild. Sie bat ihre Lieben, ſie in der Morgendämmerung an dem von ihr beſtimmten Platze im Gremliner Garten begraben zu laſſen. Ihr Vermoͤgen vertheilte ſie zwiſchen ihre Geſchwiſter und Charlotten. In Gremlin hatte ſie ein Capital gegrundet, von deſſen Zinſen die Schule erhalten werden ſollte. Ueberhaupt war in ihrem Teſtamente Keiner vergeſſen, der auch nur entfernten Anſpruch auf ihr Andenken und ihr Wohlwol⸗ len zu machen hatte. An Buri ſchickte ſie mit einem freundlichen Lebewohl ſeine an ſie geſchriebenen Briefe zuruͤck. Schoͤn und freundlich kam dies Jahr der Februar, und brachte einen herrlichen blauen Himmel und keine Bluͤthen, aber einen reichen Segen von Knospen mit. Ih⸗ rer alten Liebe zu Blumen und Kraͤutern getreu, ließ ſich Natalie auch jetzt noch in das Gartenzimmer tragen, wo ſie immer ſo gern geweſen war. . Die Abendſonne brannte gluhend durch die Fenſter; bleich und ſchwer athmend ruhte Natalie in ihrem Kran⸗ kenſtuhle; vor ihr kniete ein ſanfter, holder Engel, deſ⸗ ſen Herz zu fromm war, um dieſe ernſte Stunde der Wie⸗ dergeburt fuͤr ein höheres Leben durch lauten Schmetz zu entweihen. — 312 — In dem halbgeoffneten Nebenzimmer ſangen zarte Kinderſtimmen leiſe: Und er hat uns gegeben die köſtlichſte Gabe, Seinen ſtarken Erretter, den Tod, den freudigen Helben, Welcher zertruͤmmert jegliche Feſſel der Erde, Und auftraͤgt die ſchwachen Muͤhebeladnen Bu der ewigen Freiheit Sonnenglanz Und zu des unendlichen Vaters Hochheiligem Angeſicht! — Siehe, da offnete ſich leiſe die Thuͤr — Natalie konnte das muͤde Haupt nicht mehr erheben, aber ihr brechendes Auge erkannte noch die theure Geſtalt — „ ſieh, ſagte ſie zu Charlotte leiſe, „ſieh den Todesengel, freundlich erſcheint er mir in der theuerſten Geſtalt, o tritt nur naͤher, und beruͤhre das Herz, das Dich liebt.— Erſchuͤttert trat Valuda näher. Er hatte die Ver⸗ gunſtigung erhalten, ſein Vaterland wieder zu betreten, und kam, die treue Freundin zu ſehen; das Schickſal fuͤhrte ihn herbei, um Nataliens letzten, innigſten Erden⸗ wunſch zu erfuͤllen. Sie ſtarb in ſeinen Armen. Friede ſei mit ihre Andenken! An ihrem Grabe gewann Valuda die Gewißheit einer unvergaͤnglichen Liebe und einer himmliſchen Treue, die ihm das ſchwache Menſchenherz und das kleine Leben veredeln, und mit denen er jetzt freudiger und ſicherer denn je durch die Raͤthſel einer finſtern Zeit geht. — —— * — HS 8 Iu Snenqae — * —