— = e e — — Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte — 2 — — Perſonen müſſen, be eines Buches, eine dem Werthe de hinterlegen, welche bei deſſen 3 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: — Bücher: n ei Entgegennahme eſſelben entſprchende Summe urückgabe von mir zurückerſtattet Pf 3— endung ſt zu ſorgen. 5 „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekb 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupſern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Auswahl aus Fanny Tarnow's Schriften. Zweiter Band. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in Leipzig iſt ſo eben er⸗ ſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Go yie auserleſener Familiengemaͤlde. Aus dem Engliſchen von *r. 8 Theile. 10 Thlr., . oder 18 Fl. rheinl. Enthaͤlt: Die Erbſchaft. 3 Thle. 4 ] Thlr. oder 8 Fl. 6 Kr. Mathilde. 2 Thle. 1 Thlr. oder 3 Fl. 9 Kr. Die Heirath. 3 Thle. 3 ½ Thlr. oder 6 Fl. 45 Kr. Die vorzuglichſten kritiſchen Blatter haben ſich bereits ſo entſchieden uͤber den gediegenen Werth die⸗ ſer Familiengemaͤlde erklaͤrt, daß es uͤberfluͤſſig ſein wuͤrde, noch etwas zu ihrem Lobe hinzuzufuͤgen. — Treffende Charakterzeichnung Mannigfaltigkeit der Begebenheiten, ein fließender Styl, unterſcheiden ſie vortheilhaft von der Mehrzahl der Romane, und der Verleger hielt es fuͤr Pflicht, ihnen eine — ihrem innern Werthe angemeſſene Ausſtattung zu geben. — anſtaͤndige aͤußere — . 8 — — Auswahrl a u Fanny TDarnow's Schriften. P Zweiter Band. Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. — ä 6 Erinnerungen aus Graf Guſtavs Ju⸗ gendleben. 2 Kleopatra, Koͤnigin von Aegypten. Eine Skizze. Amala. —— — — ———— Erinnerungen a us Graf Guſtavs Jugendleben. (Geſchrieben im Jahr 1811.) Erſter Brief. J ſchreibe Dir, im Begriff St. zu verlaſſen und eine Reiſe nach den Guͤtern zu machen, die der Kaiſer meinem Vater bei ſeinem Abgang von P. ge⸗ ſchenkt hat. Dieſe Reiſe kommt mir ſehr gelegen. Meine Seele iſt in dem Strudel von Vergnuͤgen und Genuß matt und ſchal geworden, in den ich mich während der zweijährigen Abweſenheit meines Vaters geſtuͤrzt habe, und der mit einem großen Theil meines Vermoögens auch meinem Gemuͤthe ſeine Jugendbluͤthe und Friſche geraubt hat. Stru⸗ del des Vergnuͤgens und des Genuſſes? — wie ſinnlos gebraucht der Menſch doch noch oft die ge⸗ wohnten Worte, wenn gleich mit der Empfindung, die ſie einſt belebte, ihre Bedeutung längſt erſtorben — iſt! — Nicht eine herzerfreuende Erinnerung vermag ich aus dieſer langen Zeit aufzuweiſen, nicht eine Stunde, deren Bild ich fuͤr immer weilen heißen möchte! Du hatteſt wohl Recht, mein Leo, in der treuen Sorge um mich, die Dein letzter Brief ſo liebevoll ausſpricht, und tief haben mich die Erinne⸗ rungen an Stawangar — an ſeine ſtillen Felſen⸗ thäler — an die Zuͤge kräftiger, reiner Menſchen⸗ natur, die uns in ihnen das Herz erfriſchten — an meine Mutter, meine Schweſter — an meine fruͤ⸗ heren Juͤnglingstrͤume, die Du mir zuruͤck rufſt, ergriffen und ein nie ganz erloſchnes Ahnen in mir wieder erweckt. O hätte ich bei meinem Ein⸗ tritt in die Welt das Weib gefunden, das ich fruͤ⸗ her, im Feuer der Jugend und in der erſten Be⸗ geiſterung des Herzens, ſo ſicher war, im Leben anzutreffen! Unwiederbringlich riß aber das Schick⸗ ſal den Augenblick hinweg, wo die Liebe mein Da⸗ ſein zu adeln und zu geſtalten vermochte. Die up⸗ pige Frivolität des hieſigen Lebens ergriff mich, und das Geſchlecht, das der Juͤngling einſt vergötterte, erniedrigte ſich ſelbſt zum Spielwerk des Mannes. Meine Reiſen, und die genaue Bekanntſchaft mit den Verhältniſſen der großen Welt, die bei meiner — — Beſtimmung zum Diplomatiker der Hauptzweck der⸗ ſelben war, flachten meine Empfindung, und mit ihr meinen Charakter ab. Ich ſtand allein; mein Va⸗ ter, mein edler, guͤtiger Vater, war fern — Du auch — meine Schweſter? — Leo, Feodore iſt ein großes, ein ſeltenes Weib; aber wie unaͤhnlich iſt ſie der ſtillen Jungfrau geworden, die Du einſt liebteſt! Sie durfte dieſe Liebe nicht erwiedern, und ſo ward die Richtung ihres Lebens ganz gei⸗ ſtig. Ihr Einfluß erſtreckt ſich weit uͤber die Gren⸗ zen gewoͤhnlicher Weiberthätigkeit, und ihre Rolle am hieſigen Hofe iſt eine der bedeutendſten; ſie und ihr Mann ſind Freunde geworden, im eigenſten Sinn des Wortes — ſtolz, feſt und groß ragt ſie unter ihrem Geſchlecht hervor, doch der Zauber der Weiblichkeit und der Liebe fehlt ihr, und was kann ein Weib noch unſerm Herzen ſein, wenn das ihre dem Kopfe unterthan geworden iſt? Nie hätte ſie, die Stolze, dem Bruder und dem Mann eine Be⸗ durftigkeit des Herzens verziehen, die ſie ſelbſt als Schwaͤche beſiegt hatte. So ſtand ich alſo allein. Meine Lage verſetzte mich in die Mitte von Allem, was unſer Vateriand Schönes und Glaͤnzendes auf⸗ zuweiſen hat, und Gluck und Gunſt vereinigten ſich, mich in einen Traum einzuwiegen, der mein Daſein ſuͤß, ſchnell und ſpurlos, wie ein Kuß, mit ſich fortfuͤhrte. Ich war jung und kuͤhn genug, mich uͤber Manches wegzuſetzen, was in einer beſchraͤnkten Lage kleinmuͤthig und kraftlos macht, und meine jugendliche, friſche Lebensluſt und Lebensuͤppigkeit ward mir, ſelbſt von ſtrengen Cenſoren der Sitte, als etwas nachgeſehen, das meinen Stand und mein Alter ſehr gut kleidete. Noch nicht 18 Jahr alt, war ich ſchon Major und Kammerherr; mein Ehrgeiz, dieſer kalt brennende Geiſt, begann ſein Spiel. Du kennſt ja unſern Hof und die hohe geiſtige und verfuͤhreriſche Bildung, die die Weiber hier auszeichnet, und ihnen auf alle Geſchäfte ſo bedeutenden Einfluß verſchaffſt. Was Wunder alſo, daß ich mich ihrem Dienſt faſt ausſchließlich ergab, da ihre Gunſt mir eine glänzende Laufbahn öffnete und die Schwierigkeiten derſelben ebnete. Im Laufe we⸗ niger Jahre erhielt ich ein Regiment, mehrere Or⸗ den, und ward zum Oberadjutanten des Koͤnigs er⸗ nannt. Das Alles wirkte auf mich, wie ein Rauſch, und auch noch iſt der Fortgang auf dieſer Bahn das Einzige, fuͤr das ich Intereſſe bewahre. Alles Andere hatte ich bald bis zum Widerwillen ausgekoſtet. — ueberſaͤttigt von Genuͤſſen, die ich doch nicht geneigt war, aufzugeben, matt und ſchal und verdroſſen in Allem, was ich that und wollte und wuͤnſchte, ſtuͤrzte ich mich immer tiefer in dieſe Lebensweiſe, ohne daß mich das Gefuͤhl uͤppig kraftigen Jugendgenuſſes mehr fuͤr die nuͤchternen Stunden deſſelben entſchaͤ⸗ digte. Vergeblich ſtrebte mein Geiſt, den eitlen Sinnenrauſch durch Verfeinerung und Abenteuerlich⸗ keit zu wuͤrzen; nie gelang es dieſen Weibern, nie mir ſelbſt, mein Herz in's Spiel zu bringen. Im⸗ mer und ewig hatte ich nur die Reizbarkeit der Lei⸗ denſchaftlichkeit, da mir der Gegenſtand fehlte, der meinem Gefuͤhl Seele einzuhauchen vermochte. So, im Innerſten kalt und todt, traf mich die Erſcheinung der ſchoͤnen Roſa Collinet, die als erſte Taͤnzerin auf unſerm Theater auftrat. Sage nicht, daß ich ſie geliebt habe — ich bin ein Un⸗ ſinniger, ein raſender Thor geweſen; aber, bei dem Andenken meiner Mutter, keine Liebe zu dem ver⸗ fuhreriſchen Geſchoͤpf hat mein Herz entweiht, ſo groß auch die Gewalt war, die ſie uͤber mich zu gewinnen wußte; eine Gewalt, verderblicher und unwiderſtehlicher, wie ſie je ein andres Weib uber mich gehabt hat. Friſch wie Hebe; bluͤhend, wie — 4 — die ſuͤßlaͤchelndſte der Grazien, trat ſie auf, und eroberte Alles, was durch Jugend und Reichthum um ſie werben zu duͤrfen glaubte. Auch lag fuͤr mich ihr gefährlichſter Zauber in dem Beifall, den man ihr allgemein zollte. Dieſer Enthuſiasmus, den ihre Erſcheinung jedesmal erregte, dieſe anſte⸗ ckende Trunkenheit, dies jubelnde Beifallrufen, be⸗ rauſchten mich. Es war doch Affect und erhöhtes Lebensgefuͤhl, wenn mir dann das Herz klopfte, und ich des Neides aller dieſer Tauſende gewiß, als Be⸗ ſizer des ſchönen Geſchoͤpfs, mit einſtimmen konnte in dieſen lauten Jubel. Ich machte für ſie und um ihretwillen raſen⸗ den Aufwand. Mein Schwager ſprach mit mir, meine Schweſterz es erſchien mir, als wolle man mich bevormunden, und wie ein eitler, unmuͤndiger Knabe, war die Verdoppelung meines Aufwandes meine ganze Antwort. Da traf mich die Nachricht von der bevorſte⸗ henden Ruͤckkunft meines Vaters. Im Innerſten meiner Seele erroͤthete ich in brennender Scham, vor ihm erſcheinen zu ſollen; aber dies Gefuͤhl der Schuld wurde in mir zum haͤrtnaͤckigen Trotz. Zu feige, das Beſſere zu thun, beſchloß ich feſt, Roſa — — nicht fahren zu laſſen, durchaus nicht, und um kei⸗ nen Preis. Er kam. Einen ſtrengen Richter hatte ich zu finden erwartet und ich fand einen Vater. Mit voller Wärme ſeines Herzens umarmte er mich; kein Blick, kein Wort, keine Anſpielung beruͤhrte die wunde Stelle. Er war nur Guͤte und Liebe, nur Freude, ſich wieder im Kreiſe ſeiner Kinder zu ſe⸗ hen. O wie oft zog es mich zu ihm hin, ihm Alles zu geſtehen, ſeine Verzeihung zu erbitten, und ihm zu ſagen, wie ſehr mein Herz ihrer beduͤrfe; aber der Unglaube an mich ſelbſt hielt mich zuruͤck. Am Morgen des neunten Tages ließ er mir ſagen, zu ihm zu kommen. Ich habe Dich rufen laſſen, lieber Guſtav, ſagte er mir bei meinem Ein⸗ tritt, um mit Dir als Sohn und als Freund eine Angelegenheit in Rath zu ſtellen, die ich mir nicht allein zu entſcheiden getraue. Du weißt, daß mir der Kaiſer die Guͤter des Staroſten R. geſchenkt hat: ſie ſind ſo beträͤchtlich, daß ſie Dein uͤbriges Erbe mehr als verdoppeln. Viele der angeſehenſten „— ſchen Großen haben ſich auf aͤhnliche Art be⸗ reichert, doch in mir iſt ein reges Widerſtreben, mir das Eigenthum eines Andern, deſſen ihn die Ge⸗ — 16 — walt der Willkuͤr beraubte, anzueignen. R. war einer der tapferſten und gerechteſten Vertheidiger ſei⸗ nes Vaterlandes; bei der Zerſtuͤckelung deſſelben ward er geächtet, ſeine Guͤter eingezogen, und alle Be⸗ muͤhungen, Kunde von ſeinem jetzigen Aufenthalt einzuziehen, ſind vergeblich geweſen. Man vermu⸗ thet, daß er nach Amerika gegangen iſt. Kramens⸗ koy, das Stammſchloß ſeiner Familie, das Erbe ſeiner Ahnen, iſt jetzt mit allen ſeinen Beſitzungen mein. Ich bin ein alter Mann, der wenig mehr bedarf und wenig mehr zu gebrauchen weiß. Du biſt jung, lebensluſtig und ehrgeizig — leicht möglich alſo, daß Du den Werth dieſes Reichthums hoͤher und an⸗ ders anſchlägſt, wie ich, und darum halte ich es fuͤr billig, Dir die Entſcheidung uͤber ſeine Rechtmaͤßig⸗ keit und ſein⸗ Verwendung zu uͤberlaſſen.“ „Und könnten Sie, mein Vater, Ihren Sohn ſo gering achten, hier bei ihm die Moͤglichkeit einer von der Ihrigen verſchiedenen Meinung anzunehmen! Verflucht ſei die Hand, die nach dem Beſitzthum dieſes Mannes griffe! — R— s Aufenthalt kann nicht immer unbekannt bleiben, wir erforſchen ihn, und der Ertrag der Guͤter komme dann in ſeine Haͤnde, bis es der Wechſel der Zeit erlaubt, den — edlen Mann ſelbſt wieder in ſein Eigenthum einfuͤh⸗ ren zu duͤrfen.“ Mein Vater ſah mich hier lange und anſthaft an. „Weißt Du auch, Guſtav,“ hob er dann an, „was Du von Dir weiſeſt? Mein Aufenthalt in P. iſt ſehr koſtbar geweſen, und ich habe in meiner dortigen Lage dem Vaterlande einen betraͤchtlichen Theil meines Vermogens opfern muͤſſen. Haſt Du auch wohl bedacht, welche Mittel Dir dieſer Reich⸗ thum bieten wuͤrde, Alles zu erlangen, was dem Ehrgeiz und den Sinnen des zu ſchmei⸗ cheln vermag.“ „So ſei der Augenblick der letzte meines Lebens, und auf ewig verlöſche in ihm mein Name, wo der Wunſch in meine Seele kommt, anders ent⸗ ſchieden zu haben. Auch unſer Geſchlecht gab ſei⸗ nem Lande Helden und kuͤhne Vertheidiger ſeiner Freiheit; auch uns iſt ſeit Jahrhunderten die Ehre das hoͤchſte und das heiligſte Geſetz, und ich ſollte nun von der frommen Rechtlichkeit der Vorfahren ſo weit abweichen, mich von einem fremden Fuͤrſten mit dem Eigenthum eines Andern belohnen zu laſ⸗ ſen, deſſen ganzes Verbrechen freier Kampf in offe⸗ ner Feldſchlacht fuͤr das heilige Palladium der — 18 — Selbſtſtändigkeit ſeines Volkes war! Nein, und wenn alle Volker feige Knechte werden, ſo muß der Schwede doch nicht verlernen, zu fuͤhlen, was er der Ehre und dem unverußerlchſen aller Menſchen⸗ rechte ſchuldig iſt.“ Ich war in Zorn — hell entbrannt. Mein Vater reichte mir mit wuͤrdevoller Milde die Hand: „Ich bin mit Dir zufrieden, mein Sohn, und es bleibt bei der Entſcheidung. Nun noch Eines. Du haſt Schulden, deren Bezahlung Dir, ſo lange ich lebe, ſchwer fallen muß, und die ſich doch, jetzt nicht getilgt, auf eine lange Zukunft hinaus, wie Blei an Dich haͤngen wuͤrden. Hier ſind Deine außgeſtellten Wechſel zuruck, und dieſe Bankzettel werden, wie ich giaube, hinreichen, die uͤbrigen zu decken. Sie ſind die Pfandſumme fur Stawangar, das einzige meiner Guͤter, uͤber das ich zu ſolchem Behuf frei verfugen konnte.“ Ein Zug leiſer Weh⸗ muth flog bei Nennung dieſes Gutes uͤber ſein Ge⸗ ſicht. Stawangar, der Lieblingsſitz meiner Mutter, der Ort, wo mein Vater ſie kennen lernte, ſie, die um dem Vaterlande den Frieden zu erhalten, die Hand ihres Königs ausſchlug und ſich in hoher Treue meinem großherzigen Vater ergab. Stawan⸗ — — gar, wo meine Eltern in ſtiller Verborgenheit zehn gluͤckliche Jahre lebten, wo meine Schweſter und ich geboren wurden. — Erſchuͤttert warf ich mich in ſeine Arme. „O mein Vater, welch ein Opfer haben Sie der unver⸗ zeihlichen Thorheit Ihres Sohnes gebracht! Nie kann, nie werde ich es annehmen!“ „Sobald Du dieſe Thorheit fuͤhlſt, iſt es ſchon vergolten. Ich kenne Dich, Guſtav, ich weiß, wie gefaͤhrlich Dir der leidenſchaftliche Flug Deines Ge⸗ muͤthes werden kann; aber ich vertraue Dir. Dieſe Nachgiebigkeit gegen die ſeit einiger Zeit Deiner moraliſchen Kraft uͤbermaͤchtig gewordenen Neigun⸗ gen des Welt⸗ und Lebensmannes wird ſich bald wieder aus Deinem Charakter verlieren, da die La⸗ ſter deſſelben Deiner innerſten Natur fremd und zu⸗ wider ſind. Der Sohn einer Mutter, wie die Deinige es war, kann nie zu fuͤhlen verlernen, daß Treue, wahre Liebe, Ehre und die ſtrengſte Recht⸗ lichkeit die Beſtandtheile jedes ſeiner wuͤrdigen Glu⸗ ckes bleiben muͤſſen.“ Ich verließ ihn, und mein erſter Geng war zu Roſa, mit ihr zu brechen. Die Gewißheit, meine Stelle gleich wieder beſetzen zu konnen, erleichterte — es mir, bei ihr unſer Verhaͤltniß zu löͤſen. Ueber⸗ haupt gelang es mir, mich aus dem kreiſenden Strudel meines wuͤſten Lebens herauszureißen; aber ich fuͤhlte nun auch, wie meine Seele matt gewor⸗ den war, und mein Geiſt ſeine Schwungkraft verloren hatte. Hoͤchſt willkommen iſt mir daher der Auftrag meines Vaters, nach P. zu gehen, und wegen R— s Guͤtern die nöthigen Anſtalten zu treffen. Ich habe auf ſechs Monate Urlaub erhal⸗ ten, und bitte Dich, mir Deine Briefe nach Schloß Kramenskoy zu ſenden, wo ich den größten Theit — Zeit zuzubringen gedenke. S wet W Es war gegen Abend, als ich das Schloß Kra⸗ menskoy erblickte, das, vom Abendroth beleuchtet, mit ſeinen grau bemoſ'ten Thuͤrmen, in ehrfurchtge⸗ bietender Alterthuͤmlichkeit vom Berge herab auf das freundliche Thal niederſchaute. Die Zugbruͤcke fiel — — — die ode Stille, die in den weiten Hallen und lange nicht beſuchten Gemachern lag, ward durch den Ruf meiner Leute unterbrochen, die die Ankunft des neuen Herrn verkundigten und den Caſtellan herbeiriefen, mir die Zimmer zu oͤffnen. Ein Greis wankte langſam mit dem großen eiſernen Schluͤſſelbund her⸗ vor. Stumm begruͤßte er mich, und kaum verhal⸗ tener Unmuth funkelte in den tief eingeſunkenen Au⸗ gen, als er den Blick auf mich richtete, in dem er den Uſurpator des Vermoͤgens ſeines rechtmäͤßigen Gebieters haßte. Mir war zu Sinn, als trete ich in ein Grabgewoͤlbe. Feſt in meinen Mantel einge⸗ wickelt, folgte ich dem Greiſe, der mich in ein wei⸗ tes, mit blitzendem Waffengeſchmeide ausgeziertes Gemach fuͤhrte, das mir die ehemalige Hoheit und Pracht der Beſitzer verkundigte. Die Abendſonne brannte noch durch die faltenreich verhaͤngten Fen⸗ ſter, während es im Hintergrunde ſchon dunkeite. Ich entließ meinen Fuͤhrer, und gab mich im Schwei⸗ gen dieſer ernſt feierlichen Einſamkeit den Eindruͤcken hin, die meine Seele feſt zu faſſen und zu halten ſtrebte. Glaube mir, Leo, wir haben in der Ferne das Wollen dieſes Volkes zu wenig verſtanden, ſei⸗ nen Kampf zu kalt gewuͤrdigt. Hier, auf dieſem Boden, wo Männer bluteten, Maͤnner in der edel⸗ ſten Bedeutung des Wortes, ergluͤht meine Seele in reger Theilnahme an dem Kampf, den ſie kämpf⸗ ten, und fuͤhlt die Flamme gleicher Sinnesweiſe hoch in ſich auflodern. — Gibt es denn auch etwas Hö⸗ heres im Leben, als dieſen Heiligenſchein, der auf den Thaten und dem Willen eines fur ſeine Freiheit kämpfenden Volkes ruhte Viel und oft habe ich bisher nach R. und ſeinem jetzigen Geſchick geforſcht. Die Art, wie ich fragte, gewann mir Zutrauen, vorzuͤglich bei den Juͤnglingen dieſes Volkes, die ſich von mir verſtan⸗ den fuͤhlten. Waͤhne doch ja nicht, daß dieſe Na⸗ tion beſiegt iſt; fuͤr den Augenblick, aber wahrlich auch nur fuͤr dieſen, iſt ſie unterjocht; doch die Flamme des gerechteſtem unvergaͤnglichen Haſſes gluͤht in allen dieſen Herzen, und er wird ihnen erſchei⸗ nen, der Tag der heiligen Rache! Die Namen der fuͤr das Vaterland gefallenen Helden ſind das Hei⸗ ligthum ihres Volkes geworden, und ihren blutigen Schatten werden die Suͤhnopfer nicht immer fehlen. R—s Name ſtrahlt hell unter ihnen hervor. Seine vier hoffnungsvollen Soͤhne fielen ſchon im Beginn des Kampfes; von einer ſchweren Krankheit nur erſt — — halb geneſen, ſtellte ſich der Vater nun ſalbſt an die Spitze des Corps, das er geſammelt, ſeine Soͤhne befehligt hatten. Siegreich in mehreren Gefechten, erlag es endlich der Uebermacht, es mußte weichen, und der edle Fuͤhrer ward gefangen. Von dem ganzen Heldenſtamm war nun nur noch eine Toch⸗ ter uͤbrig, aber der Muth ihres alten, erlauchten Geſchlechts lebte auch in der Bruſt der Jungfrau. Stephanie R. ſammelte die zerſtreuete Schar, fuhrte ſie noch einmal gegen den Feind, und befteiete ihren Vater. Bald darauf kam aber der Tag, wo Kos⸗ ciusko fallend das Schickſal ſeines Vaterlandes aus⸗ ſprach: es war geweſen! — R. ward geaͤchtet, ſein Vaterland zerſtuͤckelt, ſeine Guͤter eingezogen. Ihm blieb von ſo großem Beſitzthume nicht ein Stein, auf dem ſein wundes Haupt ruhen konnte. — Von Allen verlaſſen, nur von ſeiner Tochter begleitet, wanderte er aus. Leo, was muß er empfunden haben, als er uͤber die Grenze ſeines Vaterlandes ſchritt! Ich weiß nicht, wo er weilt, und alle meine Bemuͤhun⸗ gen, es zu erfahren, ſind vergeblich; vielleicht hat er ſich ſchon, wie Arabiens beruͤhmter Wundervogel, ſein Grab ſelbſt bereitet; aber ehren will ich den — wahrung fuͤr ihn anvertraut iſt. Keine fremde Hand greife frevelnd in ſein Eigenthum, und ſtille Trauer walte in dieſem Hauſe, bis einſt mit ihm die Freude wieder darin einzieht. Es waren Menſchen hierher geſandt worden, die ſich in ihrem elenden Wahn dem neuen Herrn nicht beſſer empfehlen zu konnen glaubten, als wenn ſie das Andenken des alten Beſitzers zu ſchmaͤhen und die Spuren ſeines Waltens ſo viel als moͤglich zu vertilgen ſuchten. Ich habe ſie Alle entfernt, und der Anleitung des alten Caſtellans zu Folge, deſſen anfänglich gegen mich gehegten Haß meine Ehrfurcht fuͤr R— s Andenken in Zuneigung verwandelt hat, Alles hergeſtellt, wie es fruͤher war. Die alten Diener des Hauſes ſind wieder geſammelt und in ihren Dienſt eingeſetzt; der Gottesdienſt in der Ca⸗ pelle, wo Stephaniens Mutter ruht, wird wieder gefeiert; die frommen Spenden, die die edle Jung⸗ frau an gewiſſen Tagen vertheilte, ſind verdoppelt, und im dunkelſten Theil des Gartens erhebt ſich ein einfaches, aber deutungsvolles Monument fur ihre gefallenen Bruͤder. Du glaubſt nicht, wie lebendig oft das Bild der Heldin vor mir ſteht, deren kuh⸗ edlen Mann in dem Unterpfande, das mir zur Be⸗ . — 2 — ner Muth und edle Hochherzigkeit wohl manchen Mann beſchaͤmen. Von ihrer ganz unvergleichlichen Schoͤne ſprechen alle Maänner des Landes mit Ent⸗ zuͤcken, und bei jedem Gelag iſt noch ihr Name die Loſung zum lauten, feiernden Jubel. In keinem Lande wird aber auch das Weib ſo vergottert, als in dieſem, wo auf eine mir ganz neue Weiſe der Gedanke von Ehre und Ruhm nur unter dem Bilde der Liebe wirkt, und die edelſten Männer den Werth ihrer Thaten nach Weiberbeifall abwägen. Lebe wohl, mein Freund. Bald werde ich auf meine Ruͤckreiſe denken muͤſſen, und ich denke gern daran, da mir hier, unter dieſen Umgebungen, aus der Nichtigkeit meines vormaligen Strebens, ein edlerer Beruf, in wuͤrdiger Kraft, friſchbluͤhend auf⸗ gegangen iſt. Die Nachricht meiner Verlobung hat Dich be⸗ fremdend uͤberraſcht? Iſt es mir doch auch noch Tarnow's Schriften II. 8 — — zuweilen ſonderbar, wenn ich mich dem ſchoͤnen, geiſtreichen, witzigen Geſchoͤpfe gegenuͤber ſehe, mit ihr ſcherze, lache, lieble, plaudere, und es mich dann auf einmal uͤberfällt, daß ſie mein werden ſoll, mein Weib, mein Eigenſtes und Theuerſtes auf Erden! — Ach, Leo, im Begriff auf immer von mir zu ſcheiden, erwachen ſie noch einmal wieder, jene Traume, von wahrer, heißer, den Tod und das Leben beſiegender Liebe, und mich duͤnkt, ich wolle Alles darum geben, meine ſchoͤne Braut mit, wenn ſie mir je mehr als Traäume geworden waͤren. Dann aber ſchelte ich mich, und ſage mir ſtrenge und ernſt, wie ein ſolches idealiſches Streben und Sehnen nach dem Unmöglichen und Unerreichbaren den Mann erniedrigt, und ſeine Kraft in weibiſche Beduͤrftigkeit und Schwäche aufloͤſt. Die Liebe iſt ihrer Natur nach keine Leidenſchaft, und wir thun ihr und uns Gewalt an, wenn wir ſie dazu erhe⸗ ben. Treue und Beſtaͤndigkeit ſind bei beiden Ge⸗ ſchlechtern nur ein Werk der Gewohnheit oder der Vernunft, aber nie der Empfindung. Wenn der Zufall ſich nicht zu feindlich in's Spiel miſcht, ſo koͤnnen Pflicht und Ehre einen Mann treu erhalten; doch ſein Herz wird ſtets mit dem Reiz der Meuheit — — und dem Beduͤrfniß der Abwechſelung ſchwer zu kämpfen haben. Auch ich bin wohl eher recht heiß, recht jugendlich verliebt geweſen, und ſo laͤcherlich ich mir auch jetzt ſelbſt in der hochttrabenden und unge⸗ heuern Zaͤrtlichkeit erſcheine, mit der ich mich bei meinem Eintritt in die Welt den Weibern naäherte, ſo geſtehe ich doch frei, daß ich gar nicht gelebt ha⸗ ben moͤchte, oder noch leben moͤchte, wenn es keine Weiber gäbe. Alle Verhaͤltniſſe zu ihnen gehen frei⸗ lich denſelben Gang und nehmen daſſelbe Ende: man kann beinahe immer auf Tag und Stunde voraus ſagen, wie es kommen wird, aber es kommt doch immer etwas Huͤbſches, und dieſe Liebesverſtändniſſe mit artigen, fein gebildeten Frauen entwickeln in unſerer Seele ein Zartgefuͤhl, das ſich ſelbſt vor der Ausartung dieſes geiſtig gewuͤrzten Rauſches ſchuͤtzt. Der Beſitz entblättert indeſſen doch unvermeidlich die Bluͤthe dieſes Genuſſes, und wie man ſich auch ſtraͤubt, den allmaͤhligen Uebergang von Entzucken zu Lauheit — Vernachlaͤſſigung — Zänkereien — Ueberdruß und Vergeſſenheit kann man nicht entge⸗ hen. Iſt nun gleich dieſe Wankelmuͤthigkeit und eitle Fluͤchtigkeit in den Verhaͤltniſſen zum weiblichen Ge⸗ ſchlechte gerade keine Tugend, ſo vertragt ſie ſich doch 2 — — mit allen andern und thut der Freundestreue, der Ehre und der feſten Rechtlichkeit in der Seele des Mannes keinen Eintrag; ſie kräftigt ſie vielmehr, denn, um im ganzen Sinne des Wortes ein Mann zu werden und zu bleiben, muͤſſen einem die Wei⸗ ber wohl nie mehr gelten als liebenswuͤrdige Kin⸗ der, mit denen man ſich die Zeit vertreibt, ohne daß Einen ihre Unarten ernſtlich boͤſe machen. Jede ernſtere Beziehung zu ihnen fuͤhrt da, wo es im Leben Maͤnnerthat und Maͤnnerwillen gilt, leicht zur Verweichlichung. Freilich ſage ich mir auch zuweilen, daß ich eigentlich nur zwei Claſſen von Frauen kenne, und daß das menſchliche Herz vielleicht mir unbekannt gebliebene Geheimniſſe des Gluͤckes und der Treue hat. Vielleicht hat die Einfalt der unverkuͤnſtelten Unſchuld Reize, die alle Juͤnſteleien der geiſtreichen Coquetterie unſerer vornehmen Damen uͤbertreffen. Was könnte mir aber ſelbſt die Liebe ſein und gel⸗ ten, wenn ſie mir geiſtlos erſchiene? und wie kann ſich in einem Weibe Unſchuld und Einfalt mit der vielſeitigen Bildung und dem ſelbſtſtändigen Ideen⸗ reichthum vereinen, die ich durchaus bei einem Weibe finden muß, das ich zu feſſeln vermag? Das Eine „ macht das Andere unmoͤglich, und es iſt gut ſo, Leo, wenigſtens fuͤr mich, der ich, wie ich glaube, in unendlicher Leidenſchaft aufzulodern vermöͤchte, wuͤrde ihre Flamme je in mir angefacht. Ich habe mit den Frauen viel verkehrt und viel Liebes und Freundliches von ihnen genoſſen — daher werde ich ſie nie ſchmähen; aber fragen muß ich Dich: warum fehlt den Unbeſcholtenen faſt immer jene Anmuth, jener verfuͤhreriſche Zauber, jene Leichtigkeit des Aus⸗ drucks, jener neckende grazienvolle Muthwille, die man bei den Frauen antrifft, die unſerm Geſchlecht viel Gewalt uͤber ſich und ihr Leben eingeräumt haben? Liegt nicht in den dadurch herbeigefuͤhrten Schwächen ein Zauber der Weiblichkeit, deſſen ein Weib zur Ausbildung ihres Geiſtes und zur Entwickelung ihres Gefuͤhls nicht entbehren kann, wenn ſie in der rei⸗ zendſten Bedeutung des Wortes ganz Weib ſein will? — Was kann ſie denn gedacht haben, wenn ſie nicht geliebt hat? welche Menſchenkenntniß kann ſie beſitzen, wenn ſie nicht im Mann ſich und ſein Geſchlecht kennen und begreifen gelernt hat? — Was ich ſo von Tugendheldinnen habe kennen ler⸗ nen, eignete ſich recht gut, ein Haͤuflein Kinder zur Welt zu bringen und den Haushalt zu fuͤhren; aber noch fand ich keine darunter, die mir als Gat⸗ tin Erhöhung und Verfeinerung des Lebensgenuſſes zu gewaͤhren, mein Herz auf die Dauer zu feſſeln, meinen Geiſt im anmuthigen Wechſel von Scherz und Ernſt zu beſchaͤftigen vermocht hätte. Oft habe ich dies in Unmuth, oft in zuͤrnender Wehmuth gefuhlt, wenn ſich mein Herz von ſolchen Frauen in widriger Erkältung abwandte und mein Verſtand mir dann demonſtrirte, daß die Ehe, wie jedes an⸗ dere buͤrgerliche Verhältniß, ruhige Beſonnenheit und kuͤhle Berechnung fordere, und ich mich von den romanhaften Ideen entwoͤhnen muͤſſe, ſie als ein großes, leidenſchaftliches Intereſſe im Gehalt meines Lebens aufnehmen zu wollen. Mein Vater wunſchte mich verheirathet zu ſe⸗ hen. Ich war nicht dafuͤr und nicht dagegen, und beſchauete mir mit ruhigem Gleichmuth die Tochter des Landes, als Laura Silverhjelm bei Hofe erſchien. Ihr Vater war einer der treueſten Anhaͤnger des verſtorbenen Koͤnigs, deſſen Sohn jetzt der Tochter vergelten wollte, was ihr Vater dem ſeinen geweſen war. Sie iſt ſchoͤn, ihr Geiſt iſt hell und glan⸗ zend, ihr Witz ſcharf und treffend, und da man all⸗ gemein wußte, der König wuͤnſche ſie anſtaͤndig zu — — verheirathen, und ſei Willens, viel fuͤr ſie zu thun, ſo ſammelte ſich bald eine Schar Bewerber um ſie her. Ich beſchäftigte mich viel mit ihr, da ſie ſchon durch ſich ſelbſt eine bedeutende Erſcheinung warz ſie zog mich nicht blos an, ſie frſſelte mich ſogar, wenn Du willſt, doch hatte ich den Gedanken einer nähern Verbindung unter uns noch nie ernſthaft ins Auge gefaßt, als der König, der mir ſehr wohl will, ſie meinem Vater fuͤr mich vorſchlug. Alles ſprach fuͤr dieſe Verbindung; ich ſelbſt haͤtte durch⸗ aus nichts Nennenswerthes dagegen einzuwenden vermocht, und ſo war denn, ehe ich mir es verſah, das Loos über uns geworfen, und unſere Verlobung ward am Geburtstage des Koͤnigs bekannt gemacht. Ich war am Morgen dieſes Tages ſehr heiter, und vehandelte die ganze Sache, wie ſie behandelt ſein wollte; als ich aber, noch ehe ich zu meiner ſchoͤnen Braut fuhr, ihr fuͤr das erhaltene Jawort zu dan⸗ een, in das Zimmer meines Vaters trat, o Leo, da loſete ſich vor ſeinem Segen, ſeiner frommen Ruͤhrung die Rinde um mein Herz, und mit naſ⸗ ſen Augen trat ich in zaͤrtlicher Erweichung bei Laura ein. Hätte ſie mich in den Gefuhlen dieſer Stunde verſtanden, hätte ſie mich nur geſchont, ſo waͤre jetzt land aufgeſchoben, wohin ich, mit meinem Regiment, — 3½ — wohl Manches anders unter uns. Sie empfing mich aber mit einem beißenden Epigramm, und als ich, ihre Hand faſſend, ihr Worte der Herzlichkeit und der Liebe ſagte, ſpottete und lachte ſie mir die heiligſte und frommſte Regung meines Lebens hinweg. Da verſchloß ich mein Herz, und barg den Schluͤſſel in irgend eine unbekannte Tiefe meiner Seele, mir ſelbſt gelobend, ihn ihrer Unheiligkeit nie wieder preis zu geben. Spaͤter habe ich es eingeſehen, daß ich ein Thor war, von ihr zu fordern, ſie ſolle mir in gleicher Empfindung entgegen kommen, und wir ſind auch ſeitdem, ſowohl in der Meinung des Hofes, als auch, wie ich immer mehr einſehe, in Laura's eige⸗ ner Anſicht, ein vollkommen gluͤckliches Brautpaar. Sie iſt heiter, luſtig, neckend und gefällig — ich galant, freigebig, artig und verliebt. Auch weiß ich es ja ſelbſt nicht zu nennen, was ich an ihr vermiſſe und wuͤnſche, und ſo wird es ſich ja auch mit mei⸗ ner Unruhe geben, die nur eine Thorheit — viel⸗ leicht der letzte Abſchiedsgruß meiner Jugendſchwaͤr⸗ merei — iſt. Unſere Hochzeit iſt bis zur Ruckkehr aus Deutſch⸗ — 33 — den König egli. Ich freue mich des regen Le⸗ bens, das uns dort erwartet, und des ernſten Kampf⸗ ſpiels, zu dem ſich Alles bereitet. „ Vierter Brief. Unſere Ueberfahrt war langweilig; deſto ange⸗ nehmer und reicher an Abwechſelungen iſt unſer Marſch. Allenthalben werden wir mit einnehmen⸗ der Herzlichkeit als Gaſtfreunde aufgenommen, und unſer Zug iſt eine ununterbrochene Reihe von Gaſt⸗ mählern und Feſten. Die Frauen ſind hier huͤbſch und anziehend, und, trotz der Verſchiedenheit der Sprachen, kann man ſich ſehr gut mit ihnen un⸗ terhalten, da ſie ohne Ausnahme franzoͤſiſch ſpre⸗ chen. Daß es dabei nicht an anmuthigen und er⸗ götzlichen Abenteuern fehlt, kannſt Du Dir leicht denken. Mir ſelbſt iſt auf unſerm Zuge, vom Geiſt des allgemein herrſchenden Frohſinns ergriffen, eine Jugendlichkeit angeflogen, die den Gegenſtänden eine friſchere, lebendigere Färbung gibt, als ich in ihnen — — ſeit Jahren geſehen habe, und die mich auch fuͤr den Eindruck und das Feſthalten einer Erſcheinung empfaͤnglich macht, die mich in ihrem wunderbaren Zauber ſeit einigen Wochen beſchäftigt. Ein Land⸗ mädchen, mein Freund, aufgewachſen in tiefer Ein⸗ ſamkeit, ohne alle großſtädtiſche Bildung, und doch Allem fremd, was man ſich als ungebildete Einfalt denkt, hat einen Eindruck auf mein Herz gemacht, den, ſeit meiner Trennung von ihr, der Anblick ſo vieler andern huͤbſchen Frauen und Mädchen nicht zu ſchwächen vermag. Kaum bin ich allein, ſo ſteht ſie auch wieder vor mir in dieſem, nur ihr eigenen Reiz, deſſen Zauber ihre makelloſe Schoͤnheit nicht ganz zu erklären vermag. Ich habe vielleicht noch nie ein ſo ſchönes Frauenzimmer geſehen; aber ich fuͤhle, daß Manche mir eben ſo ſchoͤn hätte erſchei⸗ nen konnen, ohne mein Gemuͤth, wie ſie, in ſeiner geheimſten Tiefe zu ergreifen. Eine Abtheilung unſerer Flotte landete bei P., die andere, auf der ich mich befand, bei M. Man hatte uns die beſten Quartiere, die auf dieſer nur von Bauern bewohnten Inſel zu haben waren, an⸗ gewieſen. Abgeordnete der Ritterſchaft empfingen uns, und luden mich und die andern zum Haupt⸗ — 835 — quartier gehorenden Officiere ein, waͤhrend unſers dortigen Aufenthalts ihre Gäſte zu ſein. Das Pre⸗ digerhaus war der Verſammlungsplatz, wo wir eſſen ſollten, und wo man, um dieſer Urſache willen, keinen von uns in's Quartier gelegt hatte. Herz⸗ lich froh, nach der langweiligen Seefahrt wieder um Lande zu ſein, nahmen wir dieſe Einladung dank; bar an. Die Abgeordneten ſtellten mich bei meinem Eintritt der Predigerfrau, einer alten, ehrwuͤrdigen Matrone, vor. Der Mann war vor einigen Wo⸗ chen geſtorben. Mich befremdete die ungezwungene Hoͤflichkeit, mit der mich in dieſem von der ubri⸗ gen Welt ganz abgeſonderten Winkel die Matrone anredete; aber wie angenehm erſtaunte ich erſt, da nach einiger Zeit ihre Tochter eintrat, mir, nach der auch hier gekannten Sitte unſers Vaterlandes, den Imbiß zu reichen. Es waren unſerer wohl an vierzig Maͤnner in dem nicht ſehr geraͤumigen Zim⸗ mer verſammelt, die wir alle ſeit Wochen nur Himmel, Waſſer und Matroſen geſehen hatten; kein Wunder daher, daß die ausgezeichnete Schoͤnheit dieſes Mädchens uns beim erſten Anblick Alle wie elektriſirte. Groß, ſchlank, ſtolz und doch zart an Sittlichkeit, trat Deborah, in tiefe Trauer gekleidet, — eine fremdartig ſchoͤne Geſtalt, unter uns. Sie verneigte ſich bei ihrem Eintritt ohne aufzuſehen. Die Mutter, neben der ich ſtand, rief ſie, um mir, den ſie als den Anfuͤhrer hatte kennen lernen, zu⸗ erſt den Becher zu reichen. Jett erſt, als ſie ſo nahe vor mir ſtand und ich ſie deutſch anredete, hob ſie ihr Auge, uͤber das ſich die reine, weiße Stirn mit dem Ausdruck ſtillen Ernſtes ſenkte. — Leo, von dieſem Augenblicke an habe ich vergeſſen, daß ich wohl ſchon fruͤher ein ſchoͤnes Weiberauge ſah⸗ Mich duͤnkt, wenn Alles um mich her verſaͤnke, ich im öden, leeren Chaos allein bliebe, ſo wuͤrde noch das heilige Licht dieſes Auges um mich leuch⸗ ten, ich noch immer den ſuͤßen Eindruck dieſes unver⸗ geßlichen Blickes empfinden, der zu einer noch nie erſchloßnen Gegend meines Herzens drang. Und nun in allen ihren Zuͤgen dieſer ſchnelle Uebergang von unbefangener Ruhe zu lieblicher Verwirrung, dies ſuͤße, holde Erroͤthen. — Leo, eine Aſpaſie ſelbſt könnte mit Allem, was ſie waͤre, und was ſie zu ſpenden vermoͤchte, nicht dieſen unausſprechlichen Reiz des Erröthens uͤber den erſten Eindruck aufwiegen und keine Kunſt ihn je der Natur ab⸗ ſtehlen. Die Gefallſucht ſchon zerſtort ihn, weil ſie in ihrem unſchuldigſten Wiſſen um ſich ſelbſt doch Er⸗ fahrung vorausſetzt, und dadurch der Jugend den zarten Schmetterlingsſtaub dieſes Erröthens abſtreift. Der ſchoͤne Moment flog ſchnell vorüber. Sie wandte ſich zu meinen Gefährten, Jeder beeiferte ſich, ihr etwas Schones zu ſagen, und in den Blick, womit er dankte, den ſprechendſten Ausdruck zu le⸗ gen. Deborah ſchien aber den Eindruck, den ſie machte, gar nicht zu beachten, und wenn es moͤg⸗ lich waͤre, von irgend einem Frauenzimmer auf der Welt zu glauben, es wiſſe ſelber nicht um ſeine Schoͤnheit, ſo muͤßte man ſich verſucht fuͤhlen, dies bei Deborah anzunehmen. Sobald ihr Geſchaft ge⸗ endet war, verſchwand ſie, die Mutter folgte ihr, und wir wurden eingeladen, in's Eßzimmer zu tre⸗ ten. Vergebens ſuchte ſie beim Eintritt mein Blick, ſie erſchien nicht, und als ich den Abgeordneten, der unſern Wirth machte, fragte, ob unſer Mahl ſeiner ſchönſten Zierde, der Geſellſchaft der Damen, beraubt ſein ſolle, hieß es, ſie werde mit ihrer Mutter im Nebenzimmer eſſen, wo noch ein kleinerer, zum Vor⸗ legen beſtimmter Tiſch gedeckt war. Ich ſprach lebhaft dagegen und ging zu ihr, ſie um ihre Ge⸗ genwart an unſerem Tiſche zu bitten. Das kleinere — 38 — Bimmer war gedrangt voll, weil Alle ſich beeifert hatten, einen Platz darin zu erhalten, und Guſtav⸗ ſtiold und Cederſtrom hatten ſich ſchon in Beſitz der Plätze neben Deborah geſetzt, der ich meine Bitte angelegentlich vortrug. Sie zoͤgerte nur eine Secunde — ein Blick entſchied die Sache; ſie ſtand auf, mir die Hand zu reichen, die ich dankbar an meine Lippen druͤckte, und ſie zu der Oberſtelle an unſerm Liſche fuͤhrte, wo ſie zwiſchen dem alten Duc de P. und mir ſaß. Ich wuͤrde es ſehr na⸗ tuͤrlich gefunden haben, wenn eine, wahrſcheinlich nur unter Bauern aufgewachſene Predigertochter ſich, an dieſer Tafel, unter lauter ihr unbekannten Maͤn⸗ nern und an der Seite eines mit ſo vielen Orden behaͤngten Ducs, verlegen gezeigt hätte; doch De⸗ borahs Betragen überzeugte mich, daß die Natur den feinen Tact, der die Quinteſſenz des guten Tons iſt, den Frauen oft als freie Gabe in ſeiner hoͤch⸗ ſten Vollendung ſchenkt. Da ich, wie Du weißt, ſehr gelaͤufig deutſch rede, ſo ſagte mir ihr anderer Nachbar im Scherz einige Worte daruber, die zu⸗ gleich ſein Bedauern verriethen, durch die Unkennt⸗ niß dieſer Sprache von unſerer Unterhaltung ausge⸗ ſchloſſen zu ſein. Sie nahm darauf das Wort und — — redete ihn in ſo reinem und zierlichem Franzoͤſiſch an, wie man es nur immer an der Seine hoͤren kann, und ſetzte das Geſpraͤch in dieſer Sprache fort. Als ich ihr mein Befremden uͤber ihre ſeltene Fertigkeit verrieth, ſagte ſie mir, daß ſie dieſe ihrem verſtorbenen Vater verdanke, der ſich als Hofmeiſter eines jungen Grafen mehrere Jahre in Paris auf⸗ gehalten habe. Je länger ich ſie aber ſprechen hoͤrte, je unwahrſcheinlicher erſchien es mir, daß ſie in die⸗ ſer Abgeſchiedenheit ſolche Bildung, ſolche Feinheit des Ausdrucks könne gewonnen haben; allein ſie kannte, als ich ſie darum befragte, nicht einmal das naͤchſte Dorf jenſeits der Halbinſel — ſie hatte keine Freundin, keine Geſpielin; das Haus ihrer Eltern, die Bauern ihres Kirchſpiels waren Alles, was ſie von der Welt kannte. Mir fielen die Zeilen eines deutſchen Dichters ein: Die Alpenroſ' auf Vernhards wilden Hoͤhen Gluͤht einſam oft in ſchwarzer Kluͤfte Moos, Und ſenkt der Schoͤnheit Purpur ungeſehen, Vom Sturm entwurzelt, in der Fluthen Schooß. Es ſchien mir ſo hart, daß ſie hier in dieſer Wildniß leben muͤſſe, ungeſehen, unbekannt mit den — Freuden und Genuͤſſen des Lobens, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihr dies Gefuͤhl auszuſprechen. „Und woher,“ ftagte ſie mich ernſt, „wollen Sie den Maßſtab zur Beurtheilung der Freuden nehmen, die mir dies ſtille, einſame Leben gewaͤhrt? Hat die Kunſt mit allen ihren Schätzen etwas aufzu⸗ weiſen, das ſich mit dem Anblick des Sternenhim⸗ mels und des gewaltigen, unſere Inſel umguͤrtenden Meeres vergleichen läßt? und die Freuden der Ge⸗ ſelligkeit, der Verkehr mit Menſchen — ich habe Buͤcher, und die Welt: die mir dieſe aufſchließen, iſt wohl reicher und ſchoͤner, als die, in deren Thun und Treiben Sie ſich ſo wohl gefallen. Ich glaube wenigſtens nicht, daß das Hof⸗ und Weltleben ge⸗ eignet iſt, uns den hochſten Reichthum der menſch⸗ lichen Natur und ihr reinſtes Glück zu enthuͤllen.“ „Aber die Liebe,“ fragte ich, tief ergriffen von dem einfach großen Sinn ihrer Worte, „dieſe Blüthe des Daſeins und ſein hochſter Zauber! wie wollen Sie ſich hier in dieſer einſamen Abgeſchiedenheit mit den Forderungen abfinden, die ſie an Sie zu ma⸗ chen berechtigt iſt?“ „Ei nun,“ entgegnete ſie lächelnd, „im achtzehn⸗ ten Jahre iſt man dafuͤr eben nicht bange, und wenn die Liebe wirklich die Götter und Menſchen beherrſchende Macht hat, von der die Dichter ſin⸗ gen, ſo werden mich auch hier Berg und Meer nicht vor ihrem Zauber ſchuͤtzen.“ Hier begegnete ſie meinem Blick; ſie wollte lächeln, aber ſie erröthete, und wandte ſich bang und ſchnell zu dem alten Duc. Ich wollte, daß ich ſie Dir in den feinen Abſtufungen ihres Be⸗ tragens gegen uns Alle malen könnte. Gegen den Duc, der ihr ſeine ganze altfranzoſiſche Galanterie auskramte, voll einer zarten, achtſamen Hoflichkeit, wie ſie die Schönheit, ohne ſich von ihrer Wuͤrde zu vergeben, dem Alter zeigen darf, war ſie gegen alle Andere ruhig, unbefangen und kuͤhl, und nur gegen mich war ſie anders, ganz anders. Ich fuͤhle es, ich war ihr nicht gleichgultig. Der erſte Blick hatte das entſchieden, und ferne war von dieſem rei⸗ nen Herzen jede Kuͤnſtelei, jede Verſtellung, mir verbergen zu wollen, was ſie empfand. Nur mit mir ſprach ſie gern, nur ich allein war fuͤr ſie daz nur in meine Ideen, meine Unterhaltung ging ſie mit Antheil ein. Ihre Wahrheit machte auch mich wahr. Ich ſagte ihr, was ich wohl mancher An⸗ dern auch geſagt häͤtte; aber ihr ſagte ich es nur, weil ich es fuͤhlte. Sie zweifelte nicht, ſie forderte keine Betheurung, heuchelte keinen Unwillen; ihr eigenes Gefuͤhl wurde ihr zum Buͤrgen fuͤr die Wahrheit des meinigen. Unſer weiterer Marſch war noch nicht beſtimmt. Es hieß, wir ſollten 8 bis 14 Tage auf der Inſel raſten; doch ſchon am dritten Tage erhielt ich den Befehl, mit dem Hauptquartier aufzubrechen. Es war mir unangenehm; aber ich ahnete damals noch durchaus nicht die Tiefe des Eindrucks, den ſie auf mich gemacht hatte. Ich hielt meine Empfindung fur ſie fur eine jener lebhaften, ſchnell verlöſchenden Neigungen, die ich fuͤr ſo manches Weib empfunden habe, und die Zeit, Abweſenheit und gerſtreuung immer noch fruͤher, als ich es ſelbſt wuͤnſchte, wie⸗ der zerſtoͤrten. Sobald es meine Geſchäfte erlaubten, eilte ich zu ihr, ihr unſern morgenden Marſch be⸗ kannt zu machen. Ihr Auge wurde naß; ich zog ſie in meine Arme, und bat ſie mit Toͤnen und Worten, wie ſie mir nur das ſchmerzlich ſuͤße Be⸗ ben aller meiner Empfindungen einzugeben vermochte, dieſen letzten Abend allein bei ihr zubringen zu duͤr⸗ fen. Sie ſah mir ruhig und ernſt mit einem Aus⸗ druck in's Auge, vor dem mein Blick ſich ſenkte; — 43 — ich fuͤhlte mich in dem Augenblick klein gegen ſie; dann aber faßte ſie mit einer himmliſchen Freund⸗ lichkeit meine Hand, und fuͤhrte mich in ihr Zim⸗ mer, das ich fruͤher nie betreten hatte. Es war Mitternacht, als ich ſie verließ. Sie liebte mich, Leo, glaube mir, ſie liebte mich. Es war der erſte, einweihende Accord auf dem nie be⸗ ruͤhrten Saitenſpiel ihrer Empfindungen. Ein rei⸗ nes, ſich ſelbſt naͤhrendes Feuer brannte dieſe Liebe in ihrem Herzen, und doch, wie groß, wie ruhig blieb ſie, wie einig mit ſich ſelbſt im Moment der Verſuchung, wo der nächſte den Mann ihrer Liebe auf immer aus ihren Armen riß! Ich ſinne und gruͤble und klugle; ich vergleiche ſie mit allen andern Weibern, ich faſſe zuſammen, was ich von Weiberſinn und Weiberſchwaͤche ergruͤn⸗ det zu haben glaube; aber ſie bleibt mir ein Raͤth⸗ ſel. Was war die Furchtloſigkeit, mit der ſie in meinen Armen lag und in mir ein Gefuͤhl weckte, das mir ſeit den Ahnungen meiner Jugend zum Traume geworden war? War ſie blos kindiſche Unbekanntſchaft mit der Gefahr? — woher denn die Kunſt, mit der ſie mich ſo einzulullen, ſo hin⸗ zuhalten, mich durch Kleinigkeiten, kaum von einem Nichts unterſchieden, ſo gluͤcklich zu machen wußte, daß ich Mehreres zu wuͤnſchen vergaß? War es denn Sicherheit, Vertrauen auf eigne Kraft? Wo⸗ her ſollte die dem Maͤdchen in dem einſamen Leben kommen, dem Mädchen, von dem ich ſo uͤberzeugend fuhlte, mein Kuß ſei der erſte, der je auf dieſen friſchen, roſigen Lippen gegluͤht habe? — buͤrger⸗ liche Moral, buͤrgerliche Zucht? hätte ſie denn nicht gezuͤrnt, geſchmollt, ſich entſetzt? und Kaͤlte, un⸗ empfindliche Amphibiennatur, die ſo manches Weib ſich fur Staͤrke anrechnet? — O, Leo, kniee nieder und bitte ihr, bei der aller Wonnen ſuͤßeſte Fuͤlle wohnt, die Läſterung ab!t Und ſoll ich denn an Große in einer Weiber⸗ ſeele glauben, an Tugend, die nicht von der Furcht, nicht von der Gewohnheit, nicht vom Mangel an Gelegenheit bewacht, Tugend iſt, weil ſie iſt, und in ſich ſelbſt ein vollendetes, freies und ſelbſtſtändi⸗ ges Daſein hat? Warum ſah ich ſie nur in ſo ſchnell entfliehen⸗ den Stunden! — ſie waͤre doch endlich mein ge⸗ worden; die Alles beſiegende Macht der Liebe hätte ſie mir gegeben, und in ihr das Gluͤck, nach dem meine Seele bis zum Verſchmachten duͤrſtet, und — das den matten Lechzenden auffriſchen wuͤrde zum göttlichſten und freieſten Jugendleben. Was ſind alle meine bisher genoſſenen Freuden, was jedes an⸗ dere Gluͤck, jeder andere Genuß? einzelne Thau⸗ tropfen, kaͤrgliche Friſtung des Lebens — nur bei ihr iſt Genuͤge, volle Genuge irdiſcher und himm⸗ liſcher Seligkeit! Durch und durch hat ſie mich verwandelt, und ſchal iſt mir Alles, was nicht ſie iſt. Vergebens rufe ich meinen alten Leichtſinn zuruͤck, vergebens taͤndle ich mit dieſen Weibern; was ich auch erreiche, immer regt es die Sehnſucht nach der Einen nur brennender und heftiger auf, und druͤckt den Wider⸗ haken des Pfeils noch tiefer in das verletzte Herz. F5 nfr B f Ich bin von meiner Reiſe nach B. zuruͤck, und ſeit acht Tagen auf dem Landgut einer alten, eben ſo gutmuͤthigen als redſeligen Baronin einquartiert. Meine ſogenannte Ambaſſade hat mir des Koͤnigs — — Gunſt noch entſchiedener gewonnen; ich habe in die⸗ ſer letzten Zeit viel um ihn ſein muͤſſen; aber eben deßhalb furchte ich den Ausgang unſers tragiſch⸗komi⸗ ſchen Heldenſpiels mehr denn je. Wie des edlen Ritters Don Quixote großſinnigem Jrrthum, liegt auch dieſem Unternehmen ein kuͤhnes, fuͤr Recht und Ehre ſchlagendes Herz zum Grunde, bereit, Alles an das Werk zu ſetzen, zu dem es ſich berufen glaubt. Die Feſtigkeit des Willens wird aber in unſerer Lage zum verderblichen Starrſinn, und ſelbſt das, was wuͤrdig geſchehen koͤnnte, unterbleibt, oder ge⸗ langt auf die verkehrteſte Weiſe zur Ausfuͤhrung, weil nur Wenige von denen, die den Koͤnig um⸗ geben, treu und feſt ſind, wie es dem Mann von Ehre gegen den zu ſein geziemt, deſſen Zutrauen er geſtrebt hat, ſich zu erwerben. Sehr willkommen war mir daher die Erlaub⸗ niß, zu meinem Regiment zu gehen, und mit ihm Cantonirungsquartiere zu beziehen. Soldaten und Officiere freuen ſich des Aufenthalts in dieſem freund⸗ lichen Lande, und das alte, luſtige Leben beginnt von Neuem. Die Gegend hier herum iſt herrlich, das Schloß meiner Wirthin ſchon, die Nachbar⸗ ſchaft zahlreich, die Lebensweiſe faſt uͤppig. Außer — — meinem Adjutanten habe ich noch zehn Officiere bei mir, und die Baronin hat fuͤr die uͤbrigen, in der Nachbar⸗ ſchaft umher Verlegten, taͤglich offene Tafel. Man kann ſich keinen zu uͤbertriebenen Begriff von der Gaſt⸗ freiheit in dieſen nordlichen deutſchen Provinzen machen. Eine Einladung reiht ſich an die andere, ein Feſt ver⸗ drängt das andere, und Tanz und Geſang und Scherz und Liebesabenteuer ſind fortwährend an der Tagesord⸗ nung. Die Frauen ſind liebenswuͤrdig, und gegen uns Fremdlinge freundlich, kurz es fehlt uns hier nichts zu einem vergnuͤgten Leben. Auch ſehe ich nur heitere Ge⸗ ſichter, und doch, Bruder, iſt in mir eine Unruhe, die nichts zu ſtillen vermag. Alle dieſe Vergnuͤgungen haben ihren Reiz fuͤr mich verloren, und von ihnen bis zur Trunkenheit berauſcht, wuͤrde die Sehnſucht meines Herzens nur noch peinlicher auflodern. Was hat mich ſo verwandelt? Was hat in meine Seele dieſen Ernſt gebracht, den ich fruher nicht kannte? Woher kam der wunderbaren, ſchnell enteilenden Er⸗ ſcheinung die Macht, ſolchen unvergänglichen Eindruck auf mich zu machen? Ihr Name iſt der Schluͤſſel zu allen Geheimniſſen meines Herzens; in jeder ein⸗ ſamen Minute, ja oft im lauteſten Geraͤuſch leuch⸗ ten mir ihre Augen entgegen, und ich verſinke in — — dem Meere ſtillen Glanzes, der von ihnen aus⸗ ſtrsmt. Der Gedanke, ſie nie wieder ſehen zu ſol⸗ len, wuͤrde meine ganze Zukunft vernichten. So⸗ vald ich kann, eile ich zu ihr zuruͤck. Sie ſoll, ſie muß mein werden. Dieſe ihre Unentbehrlichkeit zu meinem Leben begruͤndet mein Recht auf ſie. Meine Cameraden ſind heute in neugieriger Er⸗ wartung, noch lebhafter als gewoͤhnlich. Unſere gute, alte Baronin beklagte es oft, daß ihre Geſellſchaft uns ſo wenig genuͤgen könne, da ſie recht gut wiſſe, wie wenig jungen Officieren mit der Unterhaltung einer ſechzigjährigen Frau gedient ſei; ſie erwarte in⸗ deſſen täglich die Ankunft einer Geſelſchafterin, die man ihr als ein junges, huͤbſches Maͤdchen empfoh⸗ len habe. Geſtern kam nun ein Brief, worin dieſe Geſellſchafterin ihre Ankunft auf heut beſtimmte. Du kannſt leicht denken, wie intereſſant der Gedanke an ein huͤbſches, junges Maͤdchen in einem Hauſe iſt, wo ſelbſt die Zofen, nach dem Beiſpiel der Gebieterin, ſchon alle das große Stufenjahr zuruͤckgelegt haben. Welch ein Tumult in den Nebenzimmern! Alle ſtuͤrzen an die Fenſter — ein Wagen faͤhrt vor. Wundershalber muß ich die neue Hausgenoſſin doch auch ausſteigen ſehen. — — — Am Abend dieſes Tages. Sie iſt hier, Leo, mit mir unter einem Dache. Ich werde ſie täglich ſehen, ſprechen, mich am An⸗ ſchaun ihrer himmliſchen Schonheit erfteuen! Dieſe Arme haben ſie wieder umſchlungen — dies Herz ſchlägt noch verdoppelten Schlag im Nachgefuhl des Augenblickes, wo ich die lebenswarme, in ihrer Ju⸗ gendfriſche ſo herrlich bluͤhende Geſtalt an meine Bruſt druckte, und der leiſe Druck ihrer Lippen mei⸗ nen gluͤhenden Kuß erwiederte. — Wir waren Alle an die Fenſter getreten, die Neuangekommene ausſteigen zu ſehen: der Diener öffnete den Schlag — eine edle, ſchlanke, ſchwarz gekleidete Geſtalt in weißem Schleier ſtieg leicht und raſch aus dem Wagen, und ehe wir ſie recht in's Auge zu faſſen, ehe wir noch mit der Bewunde⸗ rung des zierlichen, uns ſichtbar gewordenen Fuͤß⸗ chens fertig waren, war ſie ſchon entſchwunden. Es wurde unter uns viel uͤber ſie geſcherzt und geſpro⸗ chen, und wir erwarteten ungeduldig die Theeſtunde, die uns in das Zimmer unſter Wirthin hinunter rief, um dort bei ihr den Abend zuzubringen. Sie ſchlug endlich, und nie waren wir ſo puͤnktlich bei Tarnow's Schriften. II. 3 der Baronin erſchienen, die uns laͤchelnd empfing, und dem Bedienten befahl, die Mamſel zu rufen. Von allen Officieren meines Regiments hatte ich, als ich Deborah kennen lernte, nur Cederſtroͤm als Adjutanten bei mir, weil ich damals das Haupt⸗ quartier fuͤhrte, und meine Dragoner auf der andern Abtheilung unſter Flotte waren. Mit ihm ging ich auch jetzt in dem matt erleuchteten zweiten Zimmer auf und ab, als ſie eintrat. Der Eindruck ihrer unvermutheten Erſcheinung war ſo heftig, daß er mich durchſchuͤtterte; ich druckte Cederſtröm die Hand, er ſolle ſchweigen, und trat erſt ein, als alle Uebri⸗ gen ihr ſchon vorgeſtellt waren, und ſie auf die Einladung der Baronin an den Theetiſch trat, den Thee zu bereiten. Eine unbaͤndige Freude, die, ſelt⸗ ſam genug, der Ruͤhrung glich, bewegte mich; ſtumm trat ich vor ſie hin — noch ehe die Baro⸗ nin mich ihr nannte, hob ſie das Auge auf, und ihr Blick begegnete dem meinen; — erröthend er⸗ bebte ſie leiſe, wie der Lerchenbaum im Hauch der Abendluft. Kein Wort entweihte den ſtillen Her⸗ zensgruß dieſes Blickes, mit dem wir uns wieder fanden. — Wo moͤglich, iſt ſie noch ſchoͤner geworden in dieſem halben Jahre. Auch jetzt war ſie einfach — gekleidet, doch nicht mehr ſchlicht buͤrgerlich, in mo⸗ diſcherem Schnitt des Kleides, deſſen ſchwarze Seide den roſigen Silberſchimmer ihrer Haut glaͤnzend her⸗ vorhob. Sehr zart gebildet, iſt doch jeder ihrer Pulsſchlaͤge Leben und bluͤhende Jugend; ganz ma⸗ kellos in vollendeter Schoͤnheit ſteht die himmliſche Geſtalt da, und jede ihrer Bewegungen iſt voll Zauber und Anmuth. Aus den roſigen Lippen bli⸗ tzen die weißeſten Perlenzaͤhne hervor; unnachahmlich iſt die Grazie ihres Lächelns, und dann ihr Auge! was iſt der ſtrahlende Lichtglanz des reinſten Aethers gegen ſeine blaue Klarheit! — O Leo, laß ſie mein ſein, nur eine Woche, einen Tag, und ich erkaufe ihren Beſitz mit allen Hoffnungen der Seligkeit, Und ſpaltete ſich dicht vor mir ein Grab, und ſaͤh ich Blitz auf Blitz die Liefe röthen, Sch ſtürzte mich begluͤckt hinab! Schweigend ſtanden wir Alle um ſie her. Es war, als wenn die Goͤttin der Schoͤnheit ſelbſt un⸗ ter uns ſichtbar geworden waͤre, und wir nur in einem Wink die Vergunſtigung erwarteten, ſie knieend anbeten zu duͤrfen. Deborah allein war nach dem erſten Augenblick unſers Erkennens bald wieder ge⸗ 3* — 52 — ſammelt und in ruhiger Unbefangenheit, als habe ſie gar keine Ahnung, wie ihr Anblick uns ergreife, fing ſie mit der Baronin ein Geſpräch an, in welches dieſe bald Mehrere zog, und das allgemein wurde. Ich allein ſaß ihr gegenuͤber, viel zu befangen, viel zu vertieft in die Wonne ihres Anblicks, um an der Unterhaltung Theil nehmen zu koͤnnen. Bald wurden auch die Spieltiſche geſetzt, und da ich bisher alle Abende in der Partie der Baronin geweſen war, durfte ich es auch dieſen Abend nicht ablehnen. Nie hat aber wohl irgend Jemand zerſtreuter geſpielt. Sie war mit mir in demſelben Zimmer; Rehbinder und Uſe⸗ dom, die nicht ſpielten, ſaßen neben ihr, und ſuch⸗ ten angelegentlich ſie zu unterhalten. Wie lauſchte meine Seele dem ſuͤßen Ton ihrer Stimme; wie ergötzte ſich mein Geiſt an dem lebendigen Witz und dem geiſtreichen Muthwillen, mit dem ſie ihre Schmeicheleien perſiflirte, und dabei doch ſo ſicher, ſo zart auf der Linie blieb, die ein Weib in dieſer Art von Wortgefecht nie uͤberſchreiten muß! Ich brannte; es zog mich hin zu ihren Fuͤßen, ich konnte in die⸗ ſer Ferne von ihr nicht ausdauern — da kam die Nachricht, es ſei ein großes Feuer zu ſehen, von dem man noch nicht wiſſe, wo es lodre. Die — — Partien wurden unterbrochen; Alle ſtuͤrmten hinaus, ſich darnach umzuſehen, ich war zögernd der Letzte. Auch ſie war aufgeſtanden, und da die Baronin fragte, ob ſie es nicht auch ſehen wolle, lächelte ſie mich ſuß erroͤthend an, und nahm meinen Arm, den ich ihr mit Herzklopfen bot. Unſer Weg ging in der dunkeln Dämmerung des Herbſtabendes durch den Garten. Ich druͤckte ihren Arm an mein Herz, und zog ihre weiche, warme Hand an meine gluͤ⸗ henden Lippen. — „Herr Graf!“ rief ſie ſtrafend, und ſtrebte, ſie mir zu entziehen. Bis jetzt hatte ich meiner innern Bewegung nicht Herr werden kön⸗ nen: aber der Laut dieſer ſuͤßen Stimme in der traulichen Dunkelheit gab mir Worte. „Deborah,“ ſagte ich, und alle Leidenſchaft meiner Empfindung fuͤr ſie klang aus dem Ton meiner Stimme, „Gu⸗ ſtav, Ihr Guſtav iſt es, der dieſe Hand an ſein vor Entzucken klopfendes Perz druͤckt; können Sie dieſe Huldigung einer Seele ſtrafen wollen, de⸗ ren einziger Gedanke Sie ſeit der Minute Ihres erſten Anblicks geweſen ſind?“ — Sie ſchwieg; aber ihre Finger legten ſich feſter auf mein Herz — da umſchlang ich ſie, und wagte es, ſie an meine Bruſt zu druͤcken — dieſer Au⸗ genblick, Leo, war mehr werth, als mein ganzes vergangenes Leben. — Geraͤuſch der Näherkommen⸗ den rief mich in dieſe Welt zuruͤck; aber der Nek⸗ tar dieſes Kuſſes, und mit ihm die Seligkeit des Olymps blieb in meinem Herzen. Ich kenne mich ſelbſt ſeitdem nicht mehr. Jede Empfindung, die ſie in mir erweckt, iſt unbegreiflich wie ſie ſelbſt, und ähnelt nie dem, was ich fuͤr irgend ein andres Weib empfunden habe. In mir iſt eine Neuheit ſuß und uͤberraſchend, als haͤtte ich noch nie ein Maͤdchen außer ihr gekannt, als wäre ſie die Ein⸗ zige ihres Geſchlechts auf dem ganzen Erdenrund. Ich konnte keinen unbemerkten Augenblick mehr erhaſchen, und mußte mich am Abend, wie alle Uebrigen, von ihr trennen, ohne ihr noch ein Wort der Liebe ſa⸗ gen, ohne nur noch einmal ihre Hand faſſen zu duͤrfen. Aber mir gehoͤrt ſie, und mein ſoll ſie werden, und wenn ſich Welt und Himmel trennend zwiſchen uns wuͤrfe. Meine Seele kann eher von ihrem Daſein, als von dieſem Wunſche ſcheiden. — — Sechster Brief.⸗ Seit acht Tagen lebe ich nun mit ihr in ei⸗ nem Hauſe, ſehe, hoͤre ſie, berauſche mich mit jedem Augenblicke mehr in dem Zauberkelch ihrer Nähe, ihres Lächelns, ihres Athmens, ihrer Blicke, ohne einen Augenblick einſamer, ungeſtorter Unterhal⸗ tung mit ihr erbeuten zu können. Bin ich denn ſo ganz ein Neuling? Aber es iſt wahr, ſo unge⸗ ſtuͤm, fern von ihr, die Sehnſucht in jedem meiner Pulſe klopft, ſo vergeſſe ich doch, ſobald ich ſie ſehe, wie Vieles mir dieſe Naͤhe noch zu wuͤnſchen uͤbrig läßt. Mit jedem Tage entwickelt ſie neue Reize, neue Vollkommenheiten, und noch hat kein Mann ſie erblickt, ohne ihr erklaͤrter Bewunderer geworden zu ſein. Den Tag nach ihrer Ankunft war hier große Geſellſchaft; doch ſuchte ich bei meinem Eintritt ins Zimmer Deborah vergeblich, und ich fand ſie erſt im Speiſezimmer, wo ſie, in ihrem einfachen ſchwarzen Kleide, nur durch ihre Schoͤnheit ſchoͤn, am untern Ende des Tiſches ſtand. Ich ließ den Arm meiner Dame fahren und naͤherte mich ihr. — — „Warum,“ fragte ich, „ſieht man Sie erſt jetzt? Sie ſind doch wohl nach Ihrer geſtrigen Reiſe?“ „Recht wohl,“ antwortete ſie mir mit ſtillem Ernſt, aber das buͤrgerliche Maͤdchen wird in die⸗ ſen Zirkeln nur da zugelaſſen, wo es etwas fuͤr daſ⸗ ſelbe zu thun gibt, und ich muß heute anfangen zu lernen, wie ein frei gebildeter Geiſt die Feſſeln ſolcher Abhängigkeit muthig zu tragen vermag. Eine Wolke flog uͤber ihre Stirn, und ſie ſtand ſtolzer und hoͤher, denn ſonſt, vor mirz aber ehe ich noch zu antworten vermochte, ſammelte ſich die Geſell⸗ ſchaft, und ich mußte hinauftreten, um zwiſchen zwei alten Damen die Oberſtelle einzunehmen, die kein anderes Verdienſt aufzuweiſen hatten, als die vornehmſt Betitelten in der Geſellſchaft zu ſein. Zum Gluͤck ſaß mir Deborah am unterſten Ende der Tafel gegenuͤber. Die beiden Plaͤtze zu ihrer Seite waren uͤberzaͤhlig und blieben leer, da die ur tern Enden des Tiſches mit zwei Damen beſetzt w ren, von denen keine die Artigkeit hatte, das buͤr⸗ gerliche Maͤdchen einzuladen, ſich zu ihr zu ſetzen. Mich ärgerte dieſe Unart, und doch mußte ich ſie ihnen Dank wiſſen. Deſto unverholner huldigten ihr aber in ſtiller Bewunderung die Blicke aller — Mäͤnner. Auf keinem derſelben ſchien aber doch ihr Anblick tiefern Eindruck zu machen, als auf unſern kleinen Cederhjelm, der es ſich nicht enthalten konnte, mich laut uͤber den Tiſch hinuͤber zu fragen: ob ich mich erinnere je etwas Schoͤneres geſehen zu haben, als ſie? „Kaum,“ ſagte ich leicht hin, „und Du?“ Bei Amor und ſeiner himmliſchen Mutter, und al⸗ len Grazien ſchwur er, es gebe ihres Gleichen nicht mehr, und ſein Herz ſei unwiederbringlich an ſie ver⸗ loren. Mehrere unſerer Landöleute ſtimmten in die⸗ ſen Preis ihrer Schoͤnheit ein, und prieſen mich glucklich, das wunderherrliche Frauenbild täglich zu ſchauen. „Ja,“ ſagte Hompus Morner, der mit ſeinen Huſaren gleichfalls in dieſer Gegend canto⸗ nirt, „er iſt wohl gluͤcklich; was wuͤrde aber das ſchoͤne Fräulein Silverhjelm zu dieſem Glucke ſagen, wenn ſie darum wuͤßte?“ Mich traf dieſer Scherz ſehr unangenehm; ich weiß ja recht gut, daß mein Wort und meine Hand verpfändet ſind, und der Wunſch, daß es nicht ſo ſein moge, iſt mir auch noch nicht einmal durch den Sinn gefahren, da ich weiß, was ich meinem Geſchlecht und meinen Ver⸗ hältniſſen ſchuldig bin; aber eben ſo wenig hatte ich auch bisher daran gedacht, daß Deborah und Lau⸗ ra's Gatte je mit einander in Colliſion kommen könnten. Es koſtete mich daher Muͤhe, ihn in ſcherzhaftem Ton zu fragen, ob er wirklich glaube, daß ſie mir die Ehre erzeigen werde, eiferſuͤchtig zu ſein? Alle ſtimmten nun uͤberein, daß eine Schoͤn⸗ heit jenſeits des Meeres unmoͤglich das Recht haben könne, auf eine Schonheit dieſſeits des Meeres ei⸗ ferſuͤchtig zu werden; als aber mein Blick auf De⸗ borah fiel, ſah ich an ihrer lebhaften Rothe, ſie habe errathen, daß unſer Geſpräch ſie betreffe, und ihr Auge ruhte ernſt und forſchend auf mir, als wolle ſie das Innerſte meines Herzens erſpaͤhen. Tief fuͤhlte ich es in dieſem Augenblick, daß nur die Liebe Rechte gibt, nur die Liebe Rechte aner⸗ kennt, und jedes andre Buͤndniß todte Form iſt. Wie wenig wuͤrde aber dies herrliche Maͤdchen ihre Gewalt uͤber mich kennen, wenn ſie je eine Neben⸗ buhlerin furchten koͤnnte! Wie vor der aufgehenden Sonne alle Sterne erloͤſchen, ſo, in meinem Her⸗ zen, vor ihrem Bilde die Erinnerung an jedes andre Weib! Nach Tiſch begleitete ſie uns hinuͤber, den Caffee einzuſchenken, wo ſich denn faſt alle Männer der Geſellſchaft um ſie ſammelten; nie ſah ich aber eine ernſtere, ehrfurchtgebietendere Haltung, als die, —— womit ſie die, die ſich ihr ohne Umſtände, als ſei es fuͤr ſie eine Ehre, von ihnen beachtet und ange⸗ redet zu werden, ohne Worte in die gehoͤrigen Schranken der Unterwuͤrfigkeit zuruͤck wies. Dage⸗ gen war ſie gegen mehrere Damen, die mit ihr ſprachen, ganz das freundliche, beſcheidene Weſen, das ſie in ihren Verhaͤltniſſen ſein mußte, um ihnen zu gefallen. Die Spielpartien wurden geordnet, ich verlor ſie aus den Augen, und konnte auch ſpaͤ⸗ terhin nicht Gelegenheit zu einer traulichern Unter⸗ haltung mit ihr finden, da ſie ſich in fremder Scheu von mir entfernt hielt, und erſt am Abend, als ich im zuͤrnenden und klagenden Unmuth Abſchied nehmend vor ihr ſtand, leuchtete mir ihr Himmelsblick, in ſei⸗ ner freundlichen Klarheit, wieder ſußen Frieden in die Seele, und ich ging ſtill begluͤckt nach meinem Zimmer. Unſere hieſige Lebensweiſe iſt ſo eingerichtet, daß wir unſte Wirthin erſt des Mittags, kurz vor Tiſch, zu ſehen bekommen. Nun waren wir an einem dieſer Tage in der Nachbarſchaft zum Mit⸗ tagseſſen geladen, und die Baronin ließ mich am Morgen ftagen, ob ich mit ihr in ihrem Wagen fahren wolle. In der Zuverſicht, daß Deborah mit dabei ſein wurde, nahm ich dies Anerbieten freudig — 65 — an. Denke Dir aber meine unangenehme Ueberra⸗ ſchung, als ich, da ich zu der Baronin eintrat, ſie zum Wagen zu fuͤhren, nur ſie geputzt, und Debo⸗ rah in einem Hauskleide fand, deſſen Einfachheit mir ihr Zuhauſebleiben verkuͤndigte. Mein Geſicht mochte den Unmuth getaͤuſchter Hoffnung deutlich ausſprechen, und was mich völlig unwirſch machte, war, daß Armfeld und Weſtrall unter irgend einem Vorwand die Einladung abgelehnt hatten, und nun den ganzen langen Tag in ihrer Geſellſchaft zubrin⸗ gen durften. Ich ſtieg ſo uͤbellaunig als moͤglich in den Wagen, und verhehlte der alten Dame mein Befremden uͤber Deborahs Zuhauſebleiben nicht. „Mein Gott, lieber Herr Graf,“ antwortete ſie mir ganz ernſthaft, „bedenken Sie doch, eine Predigertochter in unſern Geſellſchaften! Wenn es noch ein Nach⸗ mittagsbeſuch wäre, ei ſo laͤßt man das auf dem Lande wohl mal ſo hingehen, und ich duͤrfte es um ſo eher wagen, meine Mamſell mitzunehmen, da ſie ein artiges, wohlerzognes Maͤdchen iſt; aber ein Diner! eine gebetene Geſellſchaft! nie wuͤrde man mir es vergeben, wollte ich es wagen, eine Buͤrger⸗ liche darin einzufuͤhren.“ „Wenn alſo Demoiſelle Lerſon, ſtatt wie jetzt, eine der gebildetſten und geiſtreichſten Perſonen ih⸗ res Geſchlechts zu ſein, das albernſte, ungezogenſte und widerlichſte Geſchoͤpf, aber doch ein Fräulein waͤre, ſo wuͤrde ſie heut mit von der Geſellſchaft ſein?“ fragte ich ſie ganz ruhig, und ob ſie gleich ſelbſt uͤber die Folgerungen lachen mußte, und es fuͤhlte, zu welchem beißenden Epigramm auf den Geiſt und den Ton ihrer Geſellſchaften ihre Antwort wurde, mußte ſie meine Frage doch bejahen. Sie gab mir in Allem, was ich ihr uͤber die Unſinnig⸗ keit dieſer Unterſcheidung ſagte, vollkommen Recht; allein ich ſeh' es ein, daß es mir, trotz ihrer beſſern Einſicht und des warmen Wohlwollens, das ſich Deborahs unwiderſtehlicher Zauber in dieſen wenigen Tagen ſchon von ihr gewonnen hatte, doch nicht ge⸗ lingen wuͤrde, ſie zu irgend etwas Entſcheidendem fuͤr meinen Zweck zu fuͤhren. Ich wuͤrde aber in dieſem Fall, abgeſehen davon, was Deborahs Theil⸗ nahme an dieſen Geſellſchaften, die ohne ſie keinen Reiz mehr fuͤr mich haben können, mir gelten muß, auch fuͤr jedes andre fein gebildete Frauenzimmer in ähnlicher Lage alles Mogliche gethan haben, die Rechte ihres Geſchlechts und ihrer Liebenswuͤrdigkeit geltend zu machen. Mein Standpunkt in der Ge⸗ — N ſellſchaft ſichert mir viele Mittel, meinen Endzweck zu erreichen, und ich habe damit angefangen, die ganze Geſellſchaft zu einem Ball einzuladen, den ich ſo glaͤnzend wie moͤglich einzurichten ſuchen werde, und deſſen ehrfurchtsvoll gefeierte Koͤnigin ich Dir wohl nicht zu nennen brauche. Deborah ſcheint meine Abſicht zu errathen. Als ich ſie heut in Ge⸗ genwart der Baronin um den erſten Tanz bat, ſagte ſie mir laͤchelnd: „Sie wagen viel, Herr Graf, denn wer verbuͤrgt Ihnen, daß ich einfaches Land⸗ mädchen einen Pas kenne? — Ich werde indeſſen ſuchen, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen,“ ſetzte ſie muthwillig hinzu, „wenn Sie vorlieb nehmen wol⸗ len.“ Sie verneigte ſich hier mit einer komiſchen Naivetaͤt, die ſie ſo allerliebſt kleidete, daß ich mich, trotz der Anweſenheit der Baronin, nicht enthalten konnte, ihre ſchoͤne Hand mit dem — — ter Leidenſchaft zu kuſſen. 05 — Siebenter Brief⸗ Glaubſt Du an Feen und ihre Zaubereien? Nein — o ſo komm und ſieh dieſe Deborah, wie ſie in mannigfach wechſelnder Geſtalt jeden Reiz, jede Hoheit ihres Geſchlechts in ſich vereinigend, im⸗ mer unnachahmlich nur mit ſich ſelbſt zu vergleichen iſt, und wenn Du dann gläubig vor dem Zauber ihrer himmliſchen Schonheit Dein Knie beugſt, ſo lerne den Geiſt kennen, der ſie belebt, und der, mit den erhabenſten Ideen, mit dem edelſten Heroismus befreundet, nur mit ihrer großen, tief und feurig fuͤhlenden Seele ſich vergleichen darf, und Du wirſt huldigend bekennen, in ihr das Meiſterſtuͤck der Schoͤpfung und ihr ſchoͤnſtes Wunder erblickt zu haben. Vorgeſtern war der Tag des Balls, von dem ich Dir in meinem letzten Briefe ſchrieb, und den ich in R. gab. Als ich den Wagen vorfahren hoͤrte, der uns dorthin bringen ſollte und eilig aus meinem Zimmer trat, offnete ſich in dem Gang vor demſel⸗ ben eine Thuͤr, von der ich geglaubt hatte, ſi fuͤhre zu einem unbewohnten Zimmer, und heraus trat „ — Deborah. Gott, wie ſchoͤn war ſie! Ihr Gewand ein leichter Silberflor — Haar und Bruſt mit jun⸗ gen, halbaufgebluͤhten Roſen geſchmuͤckt — die blen⸗ dend weißen Arme mit Perlen umwunden — ich glaubte ſie noch nie geſehen zu haben, und ſank wie geblendet, unwillkurlich vor ihr nieder. In ſtolzem Triumph fuͤhrte ich ſie hinunter. Ihre Erſcheinung traf alle meine zum Abfahren verſammelten Officiere, wie die eines Goͤtterbildes; ſelbſt die alte Baronin konnte ſich nicht enthalten, ſie wohlgefällig zu betrachten, und ihr etwas recht Freundliches uͤber ihre Geſtalt und ihren Anzug zu ſagen. Mit unbeſchreiblichem Liebreiz beugte ſie ſich ertoͤthend nieder, die Hand der alten Frau zu kuͤſ⸗ ſen, deren Herz ihr dieſer Abend vollends gewonnen hat. Sie thut ſich ordentlich auf die Schonheit ihrer Deborah und den Beifall, den man ihr allge⸗ mein zollt, etwas zu Gute, und hat einen wahr⸗ haft muͤtterlichen Ton gegen ſie angenommen. Keine Tochter kann aber auch achtſamer und zaͤrtlicher ſein, wie Deborah es gegen ſie iſt, und dieſe jungfrauliche Kindlichkeit im Betragen gegen ihre Beſchuͤtzerin iſt ein Reiz, der mich um ſo lebhafter anzieht, da er einzig ihrem Herzen angehoͤrt. Entzuͤckt hob ich ſie in den Wagen. Ich ſaß ihr gegenuͤber, ſo nah, ſo enge in einem ſo kleinen Raum, und doch war die⸗ ſer Raum jetzt meine Welt! Der freundliche, lieb⸗ reiche Ton, mit dem die Baronin ſie mein Kind und liebe Deborah nannte, befreiete ſie von dem druͤckenden Zwang, den das Gefuhl dienſtbarer Ab⸗ hangigkeit bis jetzt ihrem gebildeten, edelſtolzen Geiſt angelegt hatte. Sie wurde lebhaft, munter, gluck⸗ lich, und die Grazien ihres Scherzes und ihres Muthwillens hätten ihr ſelbſt dann mein lebhafteſtes Intereſſe gewonnen, wenn ich auch nicht in ihr die bluͤhende Braut meines Herzens vergottert hätte. Ich konnte mein Entzuͤcken, meine unbeſchreibliche Freude an ihr nicht verbergen; meine Blicke ſagten ihr, was ich empfand, und ihre ſchoͤnen Augen ruh⸗ ten zuweilen mit einem ſo ſeelenvollen Ausdruck auf mir, daß ich davon wie von einem Wonneſchauer erbebte. Als wir in R. vor dem Gaſthauſe, wo die Geſellſchaft ſich verſammeln ſollte, vorfuhren, ſah ich einen Reiſewagen im Hofe ſtehen, an dem ich das Wappen der Fuͤrſtin L. erkannte. Ich habe dieſe wegen ihres Geiſtes und ihres Kunſiſinnes be⸗ ruͤhmte Frau in Paris kennen lernen, wo ich meine angenehmſten Abende in ihrem Hauſe verlebte, und — — mich ihrem engern Umgangszirkel anſchließen durfte. Sie war jetzt auf der Ruͤckreiſe nach W., und ich freuete mich des Zufalls, der mich hier mit ihr zu⸗ ſammen fuͤhrte, um ſo mehr, da es mir gleich ein⸗ leuchtete, wie trefflich ſie meinen Plan, Deborah in dieſer Geſellſchaft die ihr gebuͤhrende Stelle zu ver⸗ ſchaffen, zu unterſtuͤtzen vermöge. Ich ließ mich bei ihr melden, ward angenommen, mit der gewohnten freundlichen Guͤte von ihr empfangen, und erhielt das Verſprechen, dem Ball beiwohnen zu wollen. „Dies iſt um ſo mehr Pflicht, gnädigſte Frau,“ ſagte ich ihr, „da ich im Geiſt echter Ritterlichkeit dieſen Ball nur gebe, um der Schoͤnheit zu ihrem Recht zu verhelfen.“ Ihre Neugierde ward gereizt; ich er⸗ zählte ihr von Deborah, und ſie verhieß mir laͤchelnd, daß, wenn dieſe nur halb ſo liebenswuͤrdig ſei, wie ich ſie ihr ſchildere, ſie gern das Beiſpiel geben wolle, wie Geiſt und Adel der Sitte zu ehren ſei. Sie entließ mich, und ich ging meine nach und nach ankommenden Gäſte zu empfangen. Die Vachricht von der Anweſenheit der Fuͤrſtin verbreitete ſich wie ein Lauffeuer, und es beluſtigte mich ſehr, dieſelben Frauen, die meiner Deborah ſo unhoͤflich als uber⸗ muͤthig begegnet hatten, jetzt in der Erwartung des — 66 — Eintritts der Fuͤrſtin in verlegener Haltung zu fin⸗ den. Endlich, als die ganze Geſellſchaft verſammelt war, erſchien ſie mit all dem vornehmen Ernſt ihres ehrfurchtgebietenden Anſtandes, reich und geſchmack⸗ voll gekleidet. Ich ſtellte ihr die angeſehenſten Da⸗ men der Geſellſchaft vor. Deborah ſtand im Hin⸗ tergrunde ganz vereinzelt, da ſich ihr die Fraͤulein alle vorgedraͤngt hatten. Das Auge der Fuͤrſtin ſuchte ſie, und ein ſchnell auf mich gewandter Blick belehrte ſie, daß ſie ſie aufgefunden hatte. „Herr Graf,“ fragte ſie mich halblaut, doch ſo, daß alle Umſtehen⸗ den es hoͤren konnten, „wer iſt denn die wunder⸗ ſchoͤne junge Dame dort?“ — „ Demoiſelle Lerſon, gnädigſte Frau, die Geſellſchafterin der Frau Baro⸗ nin Eblauch.“ — „Wahrlich,“ ſagte ſie, zu dieſer gewandt, im Ton der Bewunderung, „wenn der Geiſt dieſes jungen Frauenzimmers nur einigermaßen dem ſeelenvollen Ausdruck ihres Geſichts entſpricht, ſo muß ich Ihnen, Frau Baronin, zum Beſitz eines ſolchen Schatzes Gluͤck wuͤnſchen.“ Die Baronin lobte den Charakter und die Talente Deborahs mit vieler Herzlichkeit, und die Fuͤrſtin wandte ſich zu mir mit der Bitte, ſie mit Deborah naͤher bekannt zu machen. Ich ging zu dieſer, ſie der Fuͤrſtin zu⸗ — zufuͤhren, und mit einem Anſtand, von dem ich bis jetzt geglaubt hatte, nur das Leben in der großen und feinen Welt koͤnne ihn geben, trat Deborah vor, die Fuͤrſtin zu begruͤßen. Dieſe redete ſie ſehr verbindlich an, und Deborahs freiſinnige, geiſtvolle Antworten verwickelten Beide in ein Geſpraͤch, das nur von der beginnenden Tanzmuſik unterbrochen wurde. Ich eroͤffnete den Ball mit der Fuͤrſtin. „Wahr⸗ lich, Graf,“ ſagte ſie, indem ſie mir die Hand zum Beginn des Walzers reichte, „nie haͤtte ich geglaubt, daß ein Maͤdchen noch ſchoͤner ſein konnte, als ſie die feurige Begeiſterung ihres Anbeters malt; doch Ihre Deborah hat mich davon uͤberzeugt. Glauben Sie nur nicht, daß ſie Ihnen ferner das Geringſte von der Freundlichkeit meines Betragens gegen ſie zu danken hat; es geſchieht Alles auf Deborahs eigene Rechnung, und Ihrer wird dabei nicht mehr gedacht.“ Die Artigkeit der Fuͤrſtin hatte auch wirklich ſchon ſo viel gewirkt, daß man es kaum mehr be⸗ fremdend fand, als ich bei der erſten Ecoſſaiſe allen dieſen hoch⸗ und hochwohlgebornen Damen vor⸗ uber ging, um ſie mit Deborah zu tanzen. Die — — Fuͤrſtin war gegen Alle ſo artig, wußte jeder Ein⸗ zelnen etwas ſo Verbindliches zu ſagen, daß es un⸗ möglich war, ſie nicht liebenswuͤrdig zu finden; und voch mußte dieſe Freundlichkeit gegen Alle nur die⸗ nen, ihr Betragen gegen Deborah noch mehr her⸗ vorzuheben. Wenn die Frauen es uͤberhaupt einmal unternommen haben, Jemand in einer Geſellſchaft zu heben und ihn geltend machen zu wollen, ſo haben ſie dazu eine Gabe, deren Feinheit wir Maͤn⸗ ner nur bewundern, aber nie uns aneignen koͤnnen. Ihr Beiſpiel riß alle Damen fort; Deborah wurde beachtet, und glaube mir, wo es auch ſei, im glänzendſten Zirkel oder in der einfachſten Umgebung, immer wird dies ihren Triumph entſcheiden. Sie iſt durchaus unwiderſtehlich, und ihre Gewalt uber Alles, was Menſch heißt, bewaͤhrte ſich auch an dieſem Abend. Zuerſt redete man ſie nur aus Neu⸗ gierde, nur um das Beiſpiel der Fuͤrſtin nachzu⸗ ahmen, an; aber man endete damit, ſie ganz um ihrer ſelbſt willen auszuzeichnen. Nach einigen Stunden äußerte die Fuͤrſtin den Wunſch, einen Contretanz zu tanzen. Es wurde bei allen Damen herumgefragt, aber es fanden ſich nur zwei, die, kuͤrzlich erſt aus einer Koſtſchule zu⸗ — — ruͤck gekommen, dieſe Art Tänze kannten. Deborah bot ſich an, den vierten Platz als Figurantin einzu⸗ nehmen, wozu ſich keine der anweſenden Tänzerin⸗ nen verſtehen wollte. Ich tanzte mit der Fuͤrſtin, deren Grazie oft ſelbſt in den Pariſer Saͤlen bewun⸗ dert worden iſt, Deborah mit Huͤpken. Die Fuͤr⸗ ſtin begann den Tanz, und Huͤpken uͤbertraf ſich ſelbſt der ſchoͤnen Frau gegenuͤber. Du erinnerſt Dich noch wohl, daß er an unſerm Hofe, wo der Tanz faſt zur ſchoͤnen Kunſt erhoben iſt, fuͤr einen der beſten Taͤnzer gilt, und ſchon oft ein kleiner Wett⸗ eifer unter uns Statt gefunden hat. Der Beifall, den er hier allgemein erntete, verdroß mich, weil ich es in Deborahs Zuͤgen las, daß ſie ihm mit Vergnuͤgen zuſah, und ihre Unkunde des Tanzes mich, da ſie mir gegenuͤber ſtand, gegen ihn in Schatten ſtellen mußte. Urtheile aber von meinem Erſtaunen, als ich, da ſie die Reihe traf, ſie leicht, wie die juͤngſte der Grazien, und kunſtvoll und geuͤbt, als ſei ſie Ter⸗ pſichore ſelbſt, zu mir heranſchweben ſah. Es iſt nicht moͤglich, daß ſich eine reizende weibliche Geſtalt anmuthiger darſtellen kann, als in dieſem Tanze, und eben ſo wahr iſt es, daß ich nie in einem Geſell⸗ ſchaftsſaal ſchoͤner habe tanzen ſehen, wie Deborah — tanzt. Keiner in dem ganzen, uns umſtehenden Zir⸗ kel wandte einen Blick von ihr, und wir Andern tanzten Alle nur, ihr zur Folie zu dienen. Ich näherte mich ihr nach Endigung des Tan⸗ zes, und ſagte ihr einige Worte des Entzuckens uͤber dies neu entdeckte Talent, von dem ich nicht begriff, wie ſie es entwickelt und geuͤbt haben könne. „Erſt jetzt,“ ſagte ſie mir mit leichtem Spott, „da ich ſehe, welch' einen Werth dieſe mir hochſt gleichguͤltige Fertigkeit in Graf Guſtavs Augen hat, freue ich mich des Zufalls, der vor einigen Jahren einen franzöſiſchen Ausgewanderten in das Haus meiner Eltern fuͤhrte, und ihn antrieb, ihre Gaſtfreiheit mit dem Unterricht, den er mir im Tanzen gab, zu ver⸗ gelten.“ Am Abend bei Tiſche ſaß ich zwiſchen Deborah und der Fuͤrſtin. Witz, Scherz, heiterer Muthwille, alle Grazien der Unterhaltung ſchwebten um die Tafel. Die Fuͤrſtin konnte es nicht muͤde werden, Deborah anzuſtaunen und anzuhoͤren. „Von allen Wundern der Natur und der Kunſt,“ ſagte ſie mir, „die ich in den verſchiedenen Ländern Europens ge⸗ ſehen habe, wird Deborah mir das unvergeßlichſte bleiben, und meine an ſchonen Bildern ſo reiche Er⸗ — — innerung bewahrt doch keins, das nicht durch den Zauber ihrer Schoͤnheit und ihrer Anmuth uͤber⸗ ſtrahlt wird.“ Spät in der Nacht trennte ſich die Geſellſchaft. Die Fuͤrſtin umarmte Deborah mit herzlicher In⸗ nigkeit. Als ich ſie nach ihrem Zimmer fuͤhrte, ſagte ſie mir ernſt: „Graf, Sie lieben Deborah, und ich begreife wohl, daß man ſie mit unendlicher Lei⸗ denſchaft lieben kann; aber ehe Sie als der ſchwarze Genius ihres Lebens vor ſie treten, und dies un⸗ endlich liebenswuͤrdige Weſen zum Opfer einer eben ſo grauſamen als verfuͤhreriſchen Tauſchung weihen, bitte ich Sie, ſich ernſt zu fragen, welch ein Gluͤck denn der letzte, ſtolze Sproßling eines ſo beruͤhmten Geſchlechts, der Verlobte von Laura Silverhjelm, Deborah Lerſon zu bieten hat?“ Ich ſtand betreten vor ihr. Zum erſten Mal trat die Unſicherheit der Zukunft vor mich, und ich erbebte vor ihren finſteren Geſtalten. Die Fuͤrſtin hob noch einmal warnend ihre Hand gegen mich, und verſchwand. Von einem Heer geſtaltloſer Schre⸗ cken umſtuͤrmt und umfluthet, lehnte ich mich ein⸗ ſam an einen Pfeiler; aber bald hob ſich die Ge⸗ wißheit und Wahrheit meiner Liebe ſiegend aus — 3 — dieſem Nebelmeer hervor, und jeder Zweifel ſchwand vor ihrer Allmacht. Noch hatte ich von Deborahs Lippen nie ein Wort der Liebe gehoͤrt, und doch war ich im lebendigſten Gefuͤhl meines Daſeins nicht gewiſſer, als des Beſitzes ihres Herzens. So eine Ueberzeugung durchdringt die ganze Seele und ſchafft einen neuen Menſchen. Welches Opfer vermag Liebe nicht zu vergelten? Fuͤr jedes, das Liebe, wahre Liebe fordern und annehmen kann, muß auch in ihr Lohn und Erſatz ſein. Ich kehrte zu Deborah zu⸗ ruͤck, und ihr holder Anblick verjagte bald ganz dieſe kleinliche Verzagtheit an meiner eigenen Macht. Ich fuͤhrte ſie zum Wagen. In der kalten, finſtern Winternacht ſaß ich — ihre Hand in der meinigen — ſie mir ſo nah, daß ihr Athem mich umſaͤuſelte, wenn ſie ihre Rede an mich wandte. Die alte Baronin ſchlief bald ein; unſer Geſpraͤch ward leiſer und verſtummte endlich ganz. Ein hef⸗ tiger Stoß warf Deborah an meine Bruſt; den gluͤcklichen Augenblick benutzend, umſchlang ich ſie mit meinen Armen und druͤckte ſie an das gluͤhende, nur fur ſie allein klopfende Herz. Sie widerſtrebte ſanft; aber ſie nicht laſſend, lehnte ſie endlich den Tarnow's Schriften. II. 4 2 Kopf ſanft an meine Bruſt, und ihre Hand ruhte warm in der meinigen. So ſie in meinen Armen, an meinem puc haltend, verſunken im reinſten Genuß einer mir bis dahin unbekannten Wolluſt, war in mir uberſchwäng⸗ liche Fuͤlle, und eine Stillung und Befriedigung aller Sehnſucht, deren Köſtlichkeit ich Dir nicht zu beſchreiben vermag. Es war 4 Uhr des Morgens, als wir zu Hauſe kamen. Die Baronin bot mir an, noch in ihrer Geſellſchaft Thee zu trinken, und als habe der Schutzgeiſt meines Gluͤckes es ihr ein⸗ gegeben, ſtand ſie gleich nach der erſten, ſchnell ge⸗ trunkenen Taſſe auf, weil ſie ihrer Muͤdigkeit nicht länger Herr zu werden vermochte, und ihre Entfer⸗ nung ließ mich mit Deborah allein⸗ Mein Herz klopfte ſo ungeſtuͤm, daß es mich am Sprechen ver⸗ hinderte; ſtumm warf ich mich in der heftigſten Lei⸗ denſchaft zu ihren Fuͤßen — ich hob den Blick zu ihr empor — in ihren Augen glänzten Thränen — eine tiefe Bewegung ſprach aus ihren Zuͤgen, und doch fuhlte ich es, daß ſie keine Ahnung des Stur⸗ mes hatte, der in mir tobte. Dieſer heilige Friede ihrer Unſchuld weckte in mir ein Gefuͤhl der Ehr⸗ furcht gegen ſie, das ich nie geglaubt hätte, in ſol⸗ cher Lage empfinden zu koͤnnen. „Deborah,“ ſagte ich ihr, „Du mußt es fuhlen, wie ich Dich liebe, und kann mich die Hoffnung täuſchen, daß Dein Herz das meinige lange errathen hat, weil es mit ihm gleich zu fuͤhlen vermag?“ Sie ward unruhig; bewegt wandte ſie ihren Blick auf mich, und ſenkte ihn dann erroͤthend nie⸗ der; doch plötzlich faßte ſie meine beiden Hände, druͤckte ſie an ihr Herz, und mit einem Blick, der tief in meine Seele drang, richtete ſie ſich ſtolz em⸗ por. „Nein,“ ſagte ſie, „dies Herz, das von jeher zu ſtolz war, um vor Gott und Menſchen je die leiſeſte ſeiner Regungen verlaͤugnen zu wollen, ſoll jetzt bei dem heiligſten ſeiner Gefuͤhle nicht von dieſer Wahrheit abweichen. Ja, Guſtav, ja ich liebe Dich unausſprechlich!“ Mit einem unendlichen Entzuͤcken, mit einer ſeligen Ruͤhrung druͤckte ich ſie an mein Herz, und meine Lippen ſtammelten ihr mein Gluͤck und mei⸗ nen Dank. „Du weißt es nicht,“ fuhr ſie fort, „wie reich Dich dieſe Minute gemacht hat; aber Du wirſt dieſe Seele kennen lernen, die nun Dein iſt, und deren Schickſal auf eine Ewigkeit hinaus in dieſer Liebe begruͤndet iſt.“ 4* Seit dieſem Augenblick weiß ich nichts mehr von dieſer Erde, als daß Deborah mein iſt. Die Liebe zu dieſem göttlichen Geſchoöpf hat ihre Myſte⸗ rien, die ich fruͤher nicht einmal geahnet habe. Nie empfinde ich das, was ich empfinden zu muͤſ⸗ ſen glaubte, und mein Gefuͤhl wird oft da, wo ich gewähnt hätte, Sturm und Gluth zu werden, eine ſtille Innigkeit, deren Natur und Weſen ich nicht vegreife, die aber himmliſchen Urſprungs ſein muß. Wenn ich ſie in unſern einſamen Zuſammenkuͤnften oft mit einer Sehnſucht, einer Inbrunſt erwarte, die mir die Bruſt zu zerſprengen drohen, ſo wird doch, ſo bald ſie erſcheint, mein Gefuhl reine An⸗ betung, und ihr unerklärlichſter Zauber iſt dieſe Ge⸗ walt, die ſie uͤber mich uͤbt. Ich ſehe, ich hore ſie nie, ohne zu vergeſſen, wie unendlich viel mir noch zu wuͤnſchen uͤbrig iſt; doch kaum von ihr getrennt, erwacht auch die Gluth der verzehrendſten Leiden⸗ ſchaft wieder, und meine Seele lodert in ihrer hei⸗ ßeſten Flamme. — Nein, kein Anderer könnte ſie lieben, wie ich ſie lisbe! Vielleicht lieben nur Goͤt⸗ ter von Ewigkeit zu Ewigkeit, und es iſt dem „Menſchenherzen nicht vergoͤnnt, in dieſer hell ſtrah⸗ lenden Dpfergluth fortzulodern bis zum Tode; aber das fühle ich, ſollte dieſe Leidenſchaft einſt in mei⸗ nem Herzen erlöſchen, ſo iſt es auch von ihr ver⸗ zehtt, und fuͤr immer kalt und todt! Achter Brief.⸗ Die Fürſtin L. an Deborah Lerſon. Ihre Bekanntſchaft, meine liebenswurdige De⸗ vorah, hat einen zu tiefen Eindruck auf mich ge⸗ macht, als daß er mir nicht den lebhafteſten Antheil an Ihrem Schickſal einfloßen ſollte; einen Antheil, deſſen Wahrheit Sie nicht verkennen werden, wenn er mich gleich bewegt, Ihnen fuͤr den Augenblick der Gegenwart vielleicht wehe zu thun. Sie ſind ſchön, liebe Deborah, ſo ſchoͤn, daß ich mich nicht erinnere, je ein Frauenzimmer geſehen zu haben, das ich Ihnen vergleichen moͤchte; Sie ſind dabei geiſtvoll, liebenswuͤrdig, talentvoll und ge⸗ bildet, und die Natur hat alſo in dem ſeltenſten Verein Alles gethan, Ihnen die Ungerechtigkeit des Gluͤckes zu verguͤten, das Sie ſo fruͤh zur Waiſe machte, und Sie durch den Mangel des Verm“ gens in die, fuͤr einen Geiſt wie den Ihrigen, ge⸗ wiß druͤckende Abhaͤngigkeit von fremder Willkuͤr ſetzte. Nie konnte auch ein Weib mehr zum Herr⸗ ſchen und weniger zum Gehorchen beſtimmt ſein, wie Sie. Ich habe aber auch erkannt, welch eine Gewalt die Liebe uͤber Ihr Daſein zu gewinnen vermag, und wie ſich in Ihrer gegenwärtigen Lage Alles vereinigt, dieſe Leidenſchaft zu Ihrem gefaͤhr⸗ lichſten Feind zu machen. Graf Guſtav liebt ſiez ich kenne den verfuͤhreriſchen Mann und ſeinen Leicht⸗ ſinn in Bezug auf unſer Geſchlecht zu gut, um mir traͤumen zu laſſen, er werde Ihre Ruhe ſeinem Gluͤck vorziehen, und doch kann die Erwiederung ſeiner Leidenſchaft Sie nur in's Verderben ſtuͤrzen. Er iſt der Verlobte eines ſchoͤnen, ſehr geiſtvollen und reichen Frauenzimmers, mit dem ihn der Wunſch ſeines Koͤnigs verbunden hat. Ein Bruch mit ihr wuͤrde alſo dem Grafen, mit der Gunſt deſſelben, beſtimmt alle die glaͤnzenden Hoffnungen rauben, zu denen ihn ſein Stand, ſeine Talente und die Stufen, die er in ſolcher Jugend ſchon erſtiegen, berechtigen. Ehrgeiz war, ſo lange ich ihn kenne, die herrſchende Leidenſchaft dieſer ruhmſuͤchtigen Seele; es wäre möglich, daß Ihr Zauber dieſen auf einige Zeit uͤberwältigte, und den Gedanken in dem Gra⸗ fen erzeugte, Ihnen Alles dies opfern zu wollen; allein Ihr heller Verſtand läßt es Sie gewiß ein⸗ ſehen, wie ungluͤcklich Sie Beide durch die Annahme eines Opfers werden wuͤrden, das ihn vom Hofe entfernen, mit ſeiner Familie, deren Stolz ich kenne, entzweien, und ihn zur Dunkelheit eines ruhmloſen und entadelten Lebens verdammen würde. Wie un⸗ gluͤcklich muͤßten Sie ſich fuhlen, wenn Sie im ehrwuͤrdigen Jrrthum eines ſchoͤnen, aber unerfahr⸗ nen Herzens ein Opfer angenommen hätten, das er während der Nuͤchternheit eines langen Lebens bereuen wuͤrde, dem Goͤtterrauſch fluͤchtiger Stun⸗ den gebracht zu haben. Nein, Deborah, Sie ſind zu edel, um durch ein ſolches Opfer ſich und ihn zu erniedrigen. — Oder glauben Sie an eine ewige Liebe? — Vielleicht, ich ſollte ſagen, gewiß, wider⸗ ſpricht Ihr Herz der Stimme meiner Erfahrung, aber es iſt doch unumſtößlich wahr, daß die Liebe mit all ihrem Schmerz und ihrem Gluͤcke nur eine Jugend⸗ täuſchung, nur ein Traum iſt, und daß noch nie die Reue ausblieb, wenn man ihr die Entſcheidung un⸗ ſers Schickſals üͤberließ. Das Leben iſt ſo lang. — Die Zeit der Jugend und der Liebe darf nicht dem Lebenslauf eines Verſchwenders gleichen, der in we⸗ nig Minuten einen Reichthum verpraßt, mit dem er bis an ſein fernſtes Lebensziel ſich Wohlſtand und Genuß zu ſichern vermoͤgen wuͤrde. Und wird ſich ohne Ausſicht, ohne Wahrſchein⸗ lichkeit einer rechtmaͤßigen Verbindung dieſe Liebe je mit Ihrem Gluͤck vereinigen laſſen? Sie haben keine Mutter, keine aͤltere Schweſter; laſſen Sie dann, bei der lebhaften Theilnahme, die Sie mir eingeflößt haben, mich Sie warnen, und Ihnen den Abgrund zeigen, an deſſen Rand Sie ſo ſorglos wandeln. Die Gefahr iſt dringend. Ich bin ſtolz darauf, daß Welterfahrung und Weltleben mir nicht die Fähig⸗ keit geraubt haben, die Friedlichkeit der Liebe in einem reinen Weiberherzen ganz zu begreifen und gerecht zu wuͤrdigen. Als Frau kann ich das; nur erwarten Sie nie von einem Mann eine gleich ge⸗ rechte Wuͤrdigung; dies Geſchlecht iſt derſelben ſei⸗ nem ganzen Sinn und Weſen nach durchaus unfaͤhig, und das Edelſte bleibt ihnen nicht unentadelt, das Reinſte nicht rein. Sie werden zu leidenſchaftlich geliebt, der Graf iſt zu liebenswuͤrdig, als daß nicht 5 —— — 81 — unſchuld und Jugend ſelbſt Ihre gefaͤhrlichſten Feinde werden ſollten. Es gibt in Ihrer Lage nur ein ein⸗ ziges Rettungsmittel, und das heißt Flucht. Je⸗ des Vertrauen auf Ihre eigene Kraft, auf Ihre Entſchließungen, Ihre Tugend, jede Erinnerung an die Reinheit Ihres bisherigen Lebens iſt hier ſtraf⸗ bare Kuͤhnheit. Nach und nach werden Ihre Vor⸗ ſätze ſchwinden, Ihre Kraft einſchlafen; die Liebe und die Verfuͤhrungskunſt des Grafen werden Sie mit Ideen vertraut machen, die Sie mit Ihrer bis⸗ herigen Denkungsart und Anſicht der Dinge durch⸗ aus unvereinbar halten, ſo werden Sie ſich allmäh⸗ lig fortgeriſſen fuͤhlen, bis Sie nichts mehr zu verſagen, nichts mehr zu opfern haben, und dann, Deborah, entreißt Sie nichts dem ſchrecklichen Fluch unſers Geſchlechts, nichts der grauſamen Barbarei des maͤnnlichen. Es iſt ein furchterliches Natur⸗ geſetz, aber ein unausweichbares, daß wir Frauen da, wo wir einen Glucklichen zu machen hoffen, ſtets einen Undankbaren finden. Daſſelbe Opfer, fuͤr das, ſo lange er es fordert und erwartet, dem Mann kein Preis zu hoch duͤnken wurde, verliert, ſobald es gebracht iſt, allen Werth fuͤr ihn, und er glaubt ſich noch großmuthig zu zeigen, wenn er in der Reflexion ein dankbares Andenken davon bewahrt, von dem ſein Herz aber nichts mehr weiß. Ein Mann kann ſich, verrathen, verlaſſen und betrogen, doch noch mit Vergnuͤgen der Zeit erinnern, wo er geliebt wurde, da ihm in ihr die Erinnerung eines Sieges bleibt; aber eine Frau iſt gedemuͤthigt und ihr Selbſtgefuhl geknickt, ſobald ſie ſich nicht mehr geliebt fuͤhlt, da ſie ihren ſuͤßeſten Reiz, ihren an⸗ ziehendſten Zauber verloren hat. Was bleibt ihr noch? ihre Schoͤnheit? — Dies iſt ein Vorzug, den wir gerade mit dem verächtlichſten Theil unſers Ge⸗ ſchlechts am haͤufigſten theilen, und auf den allein wir, ohne unſrer Wuͤrde zu vergeben, nie einen An⸗ ſpruch gruͤnden duͤrfen. Unſchuld, Reinheit, Treue und Wahrheit, das iſt der Zauber, der den Gaben unſers Herzens Werth gibt, und iſt er nicht zer⸗ ſtört, ſobald wir ſchuldvoll erroͤthen gelernt haben? ſobald in unſerm Herzen und in unſerm Leben ein Punkt iſt, uͤber den wir nie ganz wahr ſein koͤnnen, ohne unſern Anſprüch auf vollkommene Hochachtung aufzugeben? Alle unſere Tugenden ſind Schweſtern; jedes von der Meinung und vom Geſetz nicht aner⸗ kannte und geheiligte Verhältniß der Liebe zwingt uns zu einer Verſtellung, die als letzte Huldigung — —. — 68 — der beleidigten Tugend ſogar Pflicht iſt, aber nur zu leicht in Heuchelei ausartet, und dieſe verdirbt langſam, doch unausweichbar, den ganzen innern Menſchen. Deborah, ich wiederhole es noch ein⸗ mal: Sie duͤrfen ſich die Kraft nicht zutrauen, mit dem mächtigſten Feind im Buſen des Menſchen ſcherzen, und mit der verderblichſten Flamme ſpielen zu wollen. — Huͤten Sie ſich auch vor dem Wahn, von der Liebe ſelbſt Entſchadigung fuͤr die ihr ge⸗ brachten Opfer zu erwarten. Wir Frauen duͤrfen nie auf die Treue unſerer Geliebten hoffen, und Graf Guſtav iſt dazu nun noch ein ſo verzärtelter Liebling unſers Geſchlechts, daß es ihm nie an den gefahrlichſten Verſuchungen fehlen wird, und der Schmerz, ihn zu verlieren, nur zu bald in Ihrer Seele das Gluck, ihn beſeſſen zu haben, uberwie⸗ gen wuͤrde. Ich kenne Ihre Ausſichten in die Zukunft nicht; aber mich duͤnkt, daß Ihre gegenwaͤrtigen Verhält⸗ niſſe Ihnen keine wahrſcheinliche Hoffnung zu einer Ihrer wuͤrdigen Veränderung Ihrer Lage geſtatten, da ich eine ſo ſeltene Schönheit nicht beſtimmt hal⸗ ten kann, einſam und unbemerkt zu verbluͤhen, oder wohl gar die Frau eines Landpredigers oder eines einfachen Landmanns zu werden. Trotz dem, was man mir von Ihrer Erziehung und Ihren Eltern geſagt hat, die Beide ihre Jugend in der großen Welt verlebten, iſt es mir doch ein Räthſel, wie Sie das Weſen haben werden können, was Sie ſind. Alles an Ihnen ſteht mit Verborgenheit und Buͤr⸗ gerlichkeit im Widerſpruch, und ich finde zwiſchen Ihnen und Ihrem Stande ein Mißverhaͤltniß, das, wie mich duͤnkt, nur auf eine einzige Art ausge⸗ glichen werden kann. Weihen Sie ſich der Kunſt, die Ihnen mit gaͤnzlicher Unabhaͤngigkeit zugleich die genußvollſte und glaͤnzendſte Zukunft verbuͤrgt. Sie wiſſen vielleicht, daß mein Mann, in Verbindung mit mehreren unſerer Großen, die Leitung unſers Hoftheaters übernommen hat, und daß ich Ihnen die vortheilhafteſte Anſtellung zuſichern kann. Ihre Schoͤnheit, Ihr Anſtand, Ihr herrlicher Sprachton und Ihre Geiſtesbildung ſichern Ihnen einen Ehren⸗ platz unter den erſten Kuͤnſtlerinnen Europa's. Je⸗ des Mittel, Ihre Talente auszubilden und Ihren Geiſt mit Kenntniſſen zu bereichern, ſteht Ihnen dann in hoher Vollkommenheit zu Gebot; jede Hul⸗ digung, die der Weiblichkeit zu ſchmeicheln vermag, iſt Ihnen dann ſicher. Die Kunſt beſiegt jedes — —————————— — . — 6 — Vorurtheil, mit dem Sie jetzt in Ihrem geſelligen Leben zu kämpfen haben, und Ihre Grundſätze und Ihr Charakter werden Ihnen auch als Frau die hohe Achtung ſichern, die man der echten Kuͤnſt⸗ lerin nie verſagt. Ich liebe das Theater leidenſchaftlich, und der Genuß ſeiner Kunſtdarſtellungen iſt der einzige, zu dem ich mit immer gleicher Liebe und Freude zuruͤck⸗ kehre; doch iſt mein Rath uneigennuͤtzig und mir liegt mehr daran, Sie zu retten, als Sie unſerer Buͤhne zu gewinnen, ſo viel ich mir auch darauf zu Gute thun wuͤrde, der Kunſt eine ſolche Geweihte gewonnen zu haben. Ich bleibe acht Tage in N. Schreiben Sie mir ein Wort, und ich ſende Ihnen eine meiner Kam⸗ merfrauen zu Ihrer Abholung, und Sie gehen dann mit mir nach W., wo die Zukunft Sie, wie ich fuhle, von der Wahrheit meiner achtungsvollen Theil⸗ nahme an Ihrem Geſchick uͤberzeugen wird. — Nee un ter Brief⸗ Deborah an die Fuͤrſtin L. Vermoͤchte ich es doch, Ihnen, gnädigſte Frau, den Dank meines durch Ihre Theilnahme tief ge⸗ ruͤhrten Herzens ſo lebhaft auszudruͤcken, wie ich ihn empfinde! Die edle, großſinnige Fuͤrſtin L. wird mir aber auch verzeihen, wenn ich, trotz der Unver⸗ gaͤnglichkeit, mit der ſich Ihr ſchoͤnes Bild und Ihre edle Sorge meiner Seele eingepraͤgt haben, den Willen bewahre, dem Ideal des Gluͤcks, das ich allein zu erſtreben wuͤnſche, treu zu bleiben. Zu ſtolz, um ein Gefuͤhl, das ich mir ſelbſt eingeſtanden habe, vor irgend Jemand verläugnen zu wollen, am wenigſten vor Ihnen, der ich in in⸗ niger Verehrung und Liebe mein Herz und mein Leben ganz enthuͤllen zu koͤnnen wuͤnſchte, geſtehe ich es offen, ja, ich liebe Graf Guſtav, wie ich von ihm geliebt werde, und wenn das Gluͤck der Zweck des Menſchenlebens ſein duͤrfte, ſo wuͤrde ich mit Entzucken die Seinige, trotz dem, was Sie fuͤr den Adel des menſchlichen Herzens leider mit zu vieler Wahrheit uͤber die Vergänglichkeit dieſer himmliſchen Bloͤthe aller Erdenſeligkeit ſagen. Jetzt aber ſteht ein unuͤberwindliches Hinderniß zwiſchen uns, mein Wille, und dieſer kann, glauben Sie mir, edle Fuͤrſtin, nie gebrochen werden. Nie werde ich von Graf Guſtav ein Opfer annehmen, das ihm die Ehre, dies hoͤchſte Geſetz des Mannes, zu bringen verbietet, da ſein Wort und ſeine Hand fuͤr eine Andere ſeinem Koͤnig verpfaͤndet ſind. Vielleicht werde ich deßfalls aber doch nie die Kraft haben wollen, dieſe Liebe aͤußern Verhältniſſen zu opfern; beſtimmt aber habe ich die, meinen Grund⸗ ſatzen und meinem Willen treu zu bleiben. Wenn Sie je das Gegentheil erfahren, ſo treffe mich die Schmach Ihrer verwerfendſten Nichtachtung. Empfinden nur heißt mir leben, und je tiefer und ſtärker meine Empfindung wird, je kräftiger und edler wird in mir das Gefuͤhl des Lebens, je mehr ſtaͤrkt ſich meine Seele, je vertrauter wird ſie mit wahrer Große, und je mehr verlieren die Zu⸗ fälligkeiten des Gluͤckes ihre Macht uͤber mich. Eine ſtile, ruhige Gleichformigkeit leitet die meiſten Menſchen am ſicherſten und beſten durch das Leben; ich fuͤhle das mit gerechter Anerkennung ihres Wer⸗ thes; aber ich will die Tiefe des Lebens, das wun⸗ — — derbare Geheimniß unſers Daſeins, anders erkennen, anders ergruͤnden, als ſie. Nur in der Fuͤlle eines tief bewegten Herzens, mur in der Begeiſterung des Gluͤckes, oder im vollen Gefuͤhl des Schmerzes er⸗ faſſe, empfinde, begreife ich mich am klarſten, und ſage mir ſtolz und feſt: ich bin's, — weil meiner Seele, in ihrem hoffnungsloſeſten Weh, dann noch das himmliſche Gefuͤhl reger Kraft und Freiheit bleibt. Auch ich, verehrte Fuͤrſtin, fuͤhle den Wi⸗ derſpruch zwiſchen meiner aͤußern Lage und mir ſelbſt, deſſen Sie in ihrem Briefe erwähnen; aber er ver⸗ wirrt mich nicht, weil es nur ein aͤußerer Wider⸗ ſpruch iſt. Vom Leben habe ich nie etwas anders gefordert, als einige erhabene Ideen fuͤr meinen Geiſt, und einige unvergeßliche Erinnerungen fuͤr mein Herz. Die Erſtern hat mir die Vergangenheit gegeben; die Letztern ſammle ich in der Gegenwart ein — ich fuͤrchte die Zukunft nicht mehr. — Die Laufbahn, die Sie mir eroffnen, reizt mich eben ſo wenig, als ſie mich blendet. In einem hoͤ⸗ hern Range wuͤrde ich den mir vom Schickſal an⸗ gewieſenen Platz wuͤrdig zu behaupten wiſſen; aber jetzt vom blinden Gluͤck erſchmeicheln und erliſten zu wollen, was es mir an den Zufälligkeiten äußern Schimmers entzieht, und ihm dadurch einräumen, daß es die Macht habe, mich höher zu heben, als ich durch mich ſelbſt zu ſtehen vermag — nein, nein, nie und in keiner Lage wuͤrde ſich mein Stolz dazu erniedrigen, und ſtets wuͤrde ich es verſchmaͤhen, von meinen Reizen und meinen Talenten einen Standpunkt zu erborgen, auf den mich meine Seele und mein Charakter nicht zu heben vermoͤchten. So bin ich, ſo fuhle ich, und nun entſcheiden Sie ſelbſt, gnädigſte Frau, ob ich fur die Beſtim⸗ mung paſſe, fuͤr die Sie mich geſchaffen glauben. Wie aber auch Ihr Urtheil uͤber mich laute, ſo er⸗ warte ich von Ihrer Großherzigkeit die Gerechtigkeit des Vertrauens, daß ſich mein Herz Ihrer Achtung werth zu erhalten wiſſen wird. Sehnter Brief. Graf Guſtav an Deborah. Du biſt fern von mir, Abgott meiner Seele, und fern iſt von mir jeder Gedanke an Ruhe bis ich Dich wiederſehe. Seit 24 Stunden erſt biſt Du abweſend, und ſchon duͤnken ſie mich eine Ewigkeit. Wie ſchmachte ich nach Deiner Ruͤckkehr, nach dem Augenblick, Dir in gluͤhenden Umarmungen wieder ſagen zu können, wie ich Dich anbete! Trotz der Abweſenheit bin ich bei Dir — ich ſehe Dich — ich höre Dich — ich druͤcke Dich an meine Bruſt, und die Liebe lodert in ihrer feurigſten Gluth, in ihrer verzehrendſten Sehnſucht in meinem Herzen! Wie lange habe ich denn um Dich, bei Dir gelebt, meine Deborah? Acht Wochen! iſt das mög⸗ lich! in acht Wochen konnte ſo viel Seligkeit ſich zuſammenhaͤufen! Allmacht der Liebe, das iſt Dein Werk! O Deborah! Du mußt ſelig ſein wie ein Engel des Allerhöchſten, im Bewußtſein, mich fo ganz, ſo unausſprechlich glucklich gemacht zu haben. Warum kann ich Dir nicht ſagen, wie ich Dich liebe! Zauberin, Engel, Schoͤnſte aller Erden⸗ tochter Du, um deren Beſitz Unſterbliche die Erde zu beneiden vermöchten, wie ſoll ich es Dir ſchil⸗ dern, dies neue Daſein, das Du mir gegeben haſt! Alle meine Empfindungen ſind Gluͤck — felbſt die Unruhe, die Tantalus⸗Qual, in der Du mich ver⸗ ſchmachten läſſeſt, iſt Wolluſt. Das Leben brauſet kuͤhn und ſtolz in allen meinen Adern, und wie der Donnerſturz meiner vaterlaͤndiſchen Dal⸗Elf moͤchte ich mich freudig in Gefahr und Kampf ſtuͤrzen. Zu Allem, was nur je dem Menſchen als Heroenthat, als Heroenwille erſchienen iſt, fuͤhle ich in mir Kraft und Muth, und dann mitten in dieſem Brauſen, dieſem ſtolzen Titanenjubel wird es in mir ſanft und ſuß und ſtill, wie Nachtigallgeſang und Mondes⸗ ſchimmer. Deine heiligen Augen — der Zauber Deines Friedens, Deiner Liebe — Deborah, eine Welt konnt ich erobern, mit Lowen moͤchte ich kämpfen, und doch iſt mein Auge naß. Nein, nie gab die Natur einem weiblichen We⸗ ſen größere Fülle des Reichthums, einen Mann zu beſeligen, als Dir, ihrer Auserwählten, ihrer erkor⸗ nen Lieblingin. Und Du ſollteſt nicht mein ſein, mein werden? Du ſollteſt den Ruf Deiner wahr⸗ ſten und begluͤckendſten Beſtimmung ſo ganz verken⸗ nen? Wir ſollten wieder von einander getrennt werden, und mein ganzes kuͤnftiges Leben dahin ſchwinden, ohne daß einer jener Augenblicke wieder käme, in denen das uͤberwallende Entzuͤcken Gott dankte, daß er mich geſchaffen hatte! Nein, Du gehorſt mir, und mein mußt Du werden, ganz mein, 92 — mit allen Deinem Zauber, mein für Zeit und Ewig⸗ keit! O, Deborah! ich habe fruͤher nicht gelebt! Alles iſt vergeſſen, Alles ausgeloͤſcht aus meinem Gedächtniß, was ich fruͤher zu genießen und zu empfinden geglaubt habe. Nur Du biſt in meinem Herzen; nur Dein Bild in jedem Blutstropfen, der in meinen Adern wallt! Ich habe nur Leben, nur Empfindung und Muth, nur Kraft und Ingend, um Dich zu erringen. Verſenken will ich mich in all Deine Liebe, in all Deine Schoͤnheit, ſie um mich ſammeln dieſe Bilder der koͤſtlichen Lebensmo⸗ mente, und ſo Dich in das Innerſte meines Her⸗ zens und meines Daſeins aufnehmen, damit die friſche, lebendige Gluth meiner Liebe Dich erfaſſe, und alle Deine Kaͤlte, all Dein Widerſtand mit ihrem Strom dahin fluthe. Du mußt es wiſſen, Du mußt es fuͤhlen, De⸗ borah, wie durchaus unentbehrlich Du mir gewor⸗ den biſt! Wie ich nur in Dir, nur fuͤr Dich lebe, und ungetheilt Dein bin ich mit jeder Wallung, je⸗ der Regung des Lebens in mir. Die Zeit meines Abmarſches ruckt heran; viel⸗ leicht zwingt mich der nächſte Tag, von hier zu ge⸗ hen. Kannſt Du es Dir denken, daß wir von ein⸗ — ander getrennt noch fort zu leben vermochten? Wie⸗ derklingt in Deiner Seele keine Saite den Seufzer meines Verlangens? Fühlſt Du nicht mit mir die⸗ ſelbe Sehnſucht, denſelben Schmerz? Gibt es fuͤr uns in unſern Wuͤnſchen noch ein getrenntes Da⸗ ſein? Und was ſteht denn trennend zwiſchen uns? — Menſchenſatzung und ein leeres Vorurtheil, das, da es mit allen von Gott ſelbſt uns eingepflanzten Trieben und Neigungen im Widerſpruch ſteht, nicht Tugend ſein kann. Wirſt Du weniger mein Weib ſein, weil die Welt nicht weiß, daß Du es biſt? Gilt Dir Gottes allſehendes Auge, gilt Dir die Treue und die Ehre Deines Geliebten nicht ſo viel, als eine leere Ceremonie? Deborah, meine angebe⸗ tete Deborah, fehlt Dir der Muth „ gluͤcklich ſein zu wollen? Fehlt Dir der Wille, mich, den Mann Deines Herzens, glucklicher machen zu wollen, wie es je ein Staubgeborner war? Wähnſt Du, daß das Hirngeſpinſt einer erlogenen Moral Dir je Er⸗ ſatz werden kann fuͤr das Bewußtſein, mich von Dir geſtoßen zu haben? — Oder fuͤrchteſt Du, unſte Liebe ſei einer jener vergaͤnglichen Jugend⸗ träume, deren Nichtigkeit der Menſch nicht ein gan⸗ — zes Leben mit allen ſeinen Wuͤnſchen und Hoff⸗ nungen aufzuopfern berechtigt ſei? — Koͤnnte ich dies mit Dir fuͤrchten, ich wollte verſtummen und fern von Dir der Gottheit fluchen, die das Hei⸗ ligſte in uns zum ſpottenden Betrug erniedrigte — aber, nein! wenn es in der Natur Kraäfte gibt, die im ewigen Wechſel auf einander wirken; wenn ſie, die Mächtige, Bande hat, die unzerreißbar feſſeln, ſo ſind wir unzertrennlich verbunden, und wer uns von einander ſcheiden wollte, muͤßte die ewigen Geſetze der Schoͤpfung ſelbſt zerſtoͤren. Kannſt Du die Luft ſpalten, die wir vereint einathmen? Kannſt Du die Erde von einander reißen, auf der wir ſte⸗ hen? Und ſind unſte Herzen nicht unaufloslicher vereint, als es das Lebloſe und Irdiſche mit einan⸗ der zu ſein vermag? — Vertraue doch Deinem Ge⸗ liebten, vertraue der Liebe. Rufe es zuruͤck das Andenken des erſten, unbewußt und doch zitternd empfangenen Eindruckes — des erſten Aufblitzens der ſeligen Hoffnung geliebt zu ſein — des Wonne⸗ ſchauers der erlangten Gewißheit — des erſten Kuſ⸗ ſes — der erſten ruhigen Umarmung — gedenke der heiligen Stunden, wo Du tief in meine Seele blickteſt, wo das Herz dem Herzen anvertraute, was 5 — ihm nie vertraut worden war, und dann, wenn Deine Seele alle dieſe ſeligen Erinnerungen in ſich belebt hat, dann empfange den Schwur Deines Ge⸗ liebten, Dein zu ſein fuͤr dieſſeits und jenſeits — nur mit Dir, nie ohne Dich lebend und ſelig. — Du weift um alle meine Verhältniſſe; Du weißt, daß der Wille des Königs und der Wunſch meines Vaters ein Band um mich geſchlungen ha⸗ ben, das ich nicht zerreißen kann, ohne von der Ungnade des Königs meinen Abſchied zu erhalten, und meinen edlen Vater tief zu betruͤben. — Was bedeutet das Alles aber gegen Deinen Beſitz? Sage mir, daß Du den Mann, der ſein Wort und ſein Vaterland der Liebe opfert, noch achten kannſt, und ich zerreiße ſie alle dieſe läſtigen Feſſeln, um Dein zu ſein. Das Wort, das Dich ihm zu eigen gibt, kann Dein Geliebter unter jeder Bedingung nur mit Entzuͤcken hören, und keine Reue kann ein Herz ergreifen, das in Dir Alles findet, was das Leben zu adeln und zu begluͤcken vermag. Willſt Du dies aber nicht, ſo willige ein, mir zu folgen. Ich habe am Ufer des Maͤlar⸗Sees ein eleines Gut — ſchattenreich, freundlich und einfach ſein ganzes Daſein ſteht auf dem Spiel. Du haſt ſelbſt zu verlieren. Bedenke das. Sei nicht grau⸗ iſt das Haͤuschen — die Gegend himmliſch — De⸗ borah, weihe es ein zum Tempel des ſeligſten Gluͤ⸗ ckes, und der unvergaͤnglichſten Liebe. Laß einer Andern den Namen, den kalten, den nichts bedeu⸗ tenden Namen, der ihr meinen Rang ſichert; nie, ich ſchwoͤre es bei dem ewigen Gott, und ſein gräß⸗ lichſter Fluch treffe mich, wenn ich dieſen Eid breche, nie ſoll mein Herz eine Andre als Gattin anerken⸗ nen, nie meine Arme ſie umfaſſen, wenn Du mein biſt. Nur Dir will ich in heißer Liebe und feſter Treue angehoͤren. 5 Deborah, taͤuſche Dich nicht; es iſt hier nicht blos von dem Gluͤcke Deines Geliebten die Rede; meiner Seele ihre Schwungkraft wieder gegeben, und in Deinen Armen habe ich den Werth des Berufes, ein freier, zuverläſſiger Sohn meines Vaterlandes zu ſein, neu erkennen und hoöher wuͤrdigen gelernt. Zerſtöre nun nicht ſelbſt, was Deine Liebe geſchaffen hat. Ich kann Dich nicht verlieren, ohne mich ſam! Hoͤre die Stimme der Liebe in Deinem Her⸗ zen; ſie verkuͤndet Dir den Beruf, den Dir der Himmel gab. Alle dieſe bis jetzt ungenoſſen entflo⸗ henen Stunden, ſind ſie nicht ſchon ein Verbrechen an dem Heiligthum unſers Gluͤckes? Eile, o eile zuruͤck, Seele meines Lebens, meine Gottheit, mein Schickſal, mein Alles! Kehre wie⸗ der, laß Dich an dies klopfende Herz drucken, blicke mir in's Auge — ſie muß, ſie muß in Dich uͤber⸗ gehen, dieſe Gluth meines Herzens; ſie muß Dich ergreifen, und zu einer Flamme vereint, müſſen wir zuſammen, ein Dankopfer der Gottheit, die uns ſchuf, empor lodern! Ehfutnehr Berieſ. Deborah an Graf Guſtav. Dein Brief, Guſtav, hat mich ſo reich ge⸗ macht, wie es nur immer hienieden ein Herz zu wer⸗ den vermag; aber mit der vertrauenden Freudigkeit der innigſten Liebe ſage ich es auch, ich war werth, Dich zu finden! Was iſt alle Menſchengroͤße, wenn ſie nicht zur innern Anſchauung wird, und was wird ſo zur Anſchauung, als Liebe? — Tarnow's Schriften 1I. 5 98 Mein Einziger, was vermochte uns zu tren⸗ nen? Ich bin Dein, wie Du mein, und wenn wir an den fernſten Polen lebten, wuͤrden wir nicht in Einer Liebe vereint bleiben? — Moͤchteſt Du Dich aber ſo erniedrigen, den Werth meines Her⸗ zens ausſchlicßlich an meinen Beſitz binden zu wol⸗ len, dann weh Dir! weh mir! denn zwiſchen uns ſteht das Verhängniß, deſſen Gewalt uͤber das äußre Leben dem Widerſtrebenden furchtbar feindlich wer⸗ den wuͤrde. — Die Umgebung, in der Du mich kennen lern⸗ teſt, hat Dich uͤber mich getäuſcht; ich bin nicht das unerfahrene, in einſamer Abgeſchiedenheit auf⸗ gewachſene Landmädchen, wofuͤr Du mich nahmſt, weil ich mich Dir dafuͤr geben mußtez der Lebens⸗ kreis, in dem Du mich fandeſt, nicht der, den mir das Schickſat bei meiner Geburt anwies; allein ein Schleier, den mir ein Eid zu lüften verbietet, liegt uber meiner Geſchichte; er verbindet mich, meinen Namen und mein Vaterland zu verbergen, und ich darf Dir daher nur den Gang meiner Bildung, nur die Richtung meiner Empfindungen, nicht die Be⸗ gebenheiten meines äußern Schickſals entdecken. Meine Mutter war eine ſeltene Frau. Groß durch ihren Geiſt, vor dem die ſcharfſinnigſten Maͤn⸗ ner ſich bewundernd beugten, und der die Zuͤgel ei⸗ nes Reichs glorreich zu führen verſtanden haben wuͤrde; noch größer durch die fleckenloſe Reinheit ihres Lebens auf einem Standpunkt, wo die Mei⸗ nung und das allgemeine Beiſpiel dieſer Schuldloſig⸗ keit durchaus keinen Werth beilegten, und wo man Weiberſchonheit und Weiberwerth nur in dem Maß achtete, als der Geiſt ſie fuͤr ſeine Pläne zu benu⸗ tzen, und durch ſie die Männer fuͤr dieſe zu gewin⸗ nen wußte. Es ſchien mir beſtimmt, einſt in den⸗ ſelben Verhaltniſſen leben zu ſollen, und man ſah in der Schoͤnheit, die man fruͤh in dem Kinde zu entdecken glaubte, gleichfalls nur ein Mittel zur Be⸗ förderung dieſer Zwecke. Ich ward wie ein Knabe unterrichtet, und nur in den zarteren Ruͤckſichten, in den Schmeicheleien, die man mir ſagte, und den Auszeichnungen, die mir zu Theil wurden, lernte ich mich als Frauenzimmer kennen und fuͤhlen. Meine Mutter konnte mir den Anblick der rund um uns allgemein herrſchenden Freigeiſterei, der fein⸗ ſten und alſo auch verderbteſten Sinnlichkeit nicht entziehen; es war daher ihre erſte Sorge, mir durch unausgeſetzte Uebung unbedingte Herrſchaft des Wil⸗ 5 * — 100 — lens zur eigenthuͤmlichſten Natur zu machen, und meinen Verſtand in eben dem Maß aufzuklaͤren, als mein Herz ſich erwaͤrmte. Sie uͤberzeugte mich, daß es fuͤr unſer Geſchlecht nur ein Gluͤck gebe: ungetruͤbte Reinheit des Bewußtſeins. Um uns die⸗ ſes Gluͤck zu erhalten, gebe es zwei Wege; der eine ſei der Weg der Natur und der Einfalt, und gluͤck⸗ lich das Maͤdchen, deſſen unbemerktes, in der Um⸗ ſchirmung des elterlichen Hauſes ſanft verfließendes Leben ungeſtoͤrt auf ihm vergleite. Dieſe Unſchuld und Einfalt ſei der eigenthuͤmlichſte Reiz des Wei⸗ bes, und ſein holdeſter Zauber, der durchaus ſo wenig um ſich ſelbſt, als um irgend eine Gefahr, eine Verſuchung wiſſe; er könne deßhalb aber auch nur der Unwiſſenheit und der von keinem Nachden⸗ ken uͤber ſich ſelbſt und das Leben je geſtörten Kind⸗ lichkeit eigen ſein, und daher auch nur in der Stille des Landlebens, oder in der glanzloſen Beſchränkung des Mittelſtandes, bewahrt werden. Mich, beſtimmt in der großen Welt zu leben, und gewiß, mich je⸗ dem Kunſtgriff maͤnnlicher Verfuͤhrung ausgeſetzt zu ſehen, duͤrfe ſie nicht in dieſem goldnen Alter der Kindlichkeit erhalten, nicht fuͤr den ſtillen, in ſich ſelbſt geſchloſſenen Cyklus eines ſo einfachen Lebens — — — — bilden. Grundſätze, Menſchenkenntniß und bis zur Unuͤberwindlichkeit geſtäͤrkte Willenskraft waren die ſchuͤtzenden Fuͤhrer, die ſie mir zuzugeſellen ſtrebte. Ich ward fruͤhe in die Welt eingefuͤhrt, und lernte in ihr das ganze Gewebe weiblicher Eitelkeit und Schwaͤche, und alle Kunſtgriffe männlicher Ver⸗ fuhrungskunſt kennen und mit ihnen ſpielen, um ſie deſto ſicherer zu beherrſchen. Mein Herz war ſtumm, und eben daher konnte mein Geiſt dieſe Verhaͤltniſſe deſto ſchaͤrfer und richtiger auffaſſen, und in ihnen das Gemachte von dem Wahren unterſcheiden. gu fruͤh verlor ich die edelſte der Muͤtter. In ihrer Todesſtunde empfing ſie mein Geluͤbde, die Grundſaͤtze, die ich ihr verdankte, nie der Liebe op⸗ fern zu wollen, und der Unverbruͤchlichkeit meines Wortes gewiß, entſchlief ſie ſanft in meinen Armen. Nichts von meiner Trauer um ihren Verluſt. Ich hatte noch viel zu verlieren. Das Schickſal entriß mir Alles; doch ſeine Größe verſöhnte mich mit ſeiner Haͤrte. Guſtav, ich hatte ein Vaterland! ein Vater⸗ land, das ſeine Töchter lieben durften wie ſeine Söhne, und wie ſie, gleich dieſen, ja auch Gott lieben. Als Kind ſchon war ich Zeugin von Sce⸗ — 102 — nen, wo Tauſende ſich im lauten Jubet der Begei⸗ ſterung vereinigten, und das volle herrliche Daſein eines glorreichen Kampfes fuͤr —— alle Her⸗ zen erhob. Ich habe Maͤnner bluten und falen ſehen. Ihr Tod war das Kleinod ihres großherzigen Lebens; ihr letzter Blick fiel auf fliehende Feinde, und die Stelle, wo ſie ruhen, wird ewig ein Heiligthum der durch ſie geadelten Menſchheit bleiben. Aber ich verhulle mein Haupt und ſchweige. Frage mich nicht, welcher Wechſel mich von dieſen Auftritten hinweg nach dem einſamen M. fuͤhrte. Dem regſten Gewuͤhl, der lebendigſten Thätigkeit mit einem Mal entriſſen, war ich hier allein mit der Natur, die ich hier zuerſt verſtehen und lieben lernte. Ein ſtilles Leben der Sehnſucht und der Froͤmmig⸗ keit war in mit entglommen — da ſah ich Dich! Seit dem erſten Blick habe ich Dich mit der ungetheilten Kraft eines ſtarken Herzens geliebt, deſ⸗ ſen Energie ſich fruͤher ſchon in Gefahr und Schmerz und Schickfalswechſel, in allen heiligen und from⸗ men Regungen des Gemuͤths, doch nie in der Liebe zu einem Mann erprobt hatte. Als ich Dich, von dem ich in M. auf immer zu ſcheiden gewaͤhnt — 103 — hatte, nach dem Tode meiner Pflegemutter hier ſo unvermuthet wieder fand, glaubte ich dies als einen Wink des Schickſals ehren zu muͤſſen, das dieſe Liebe zu meiner Beſtimmung machte. Zu ſpäͤt er⸗ fuhr ich, Du ſeiſt einer Andern verlobt, und auch von meiner Seite warf das Verhaͤngniß auf eine Weiſe, die Du nie errathen wirſt, ein unuberſteig⸗ liches Hinderniß zwiſchen uns. Da, Guſtav, da pruͤfte ich mich ernſt, ob ich Dich fliehen und unſere Liebe der Berechnung fremder Pläne und einer kal⸗ ten Vernunft opfern ſolle — aber ich fuͤhlte mich ſo wahr, ſo heiß von Dir geliebt; — im weiten Reich der Dinge und der Moöglichkeit gab es durch⸗ aus nichts, was uns je Verguͤtung dieſes Opfers zu gewaͤhren vermochte, und mochteſt Du mich jetzt darum ſtrafen wollen, daß ich dies glaubte und fuhlte?: — — aber doch, Guſtav, wuͤrde mir die Macht dieſer Liebe nie eine Rechtfertigung fuͤr die Freiheit gedäucht haben, mit der ich mich ihr hin⸗ gab, wenn ich mir nicht gegen mich ſelbſt, gegen Herz, Liebe und Schwaͤche, eine ſichere Schutzwehr gegeben hätte. Ich kann nie Deine Gattin werden. Nie darſſt Du mir ein Opfer bringen, das ich erröthen muͤßte — 104 — anzunehmen und das meine Liebe ſelbſt in ihrem Heiligſten, in meiner Achtung fuͤr Dich verletzen wuͤrde; doch auch die Liebe darf Dir nie gewaͤhren, was Du forderſt, und Du fuhlſt gewiß, wie wenig es Deiner Deborah ziemen wuͤrde, entadelt vor der Meinung und ihrem eigenen Bewußtſein zu leben. Nie bin ich gegen die Gefahr blind geweſen, der mein Herz und die verfuͤhreriſche Macht, Dich begluͤcken zu können, mich ausſetzten; aber in der Seligkeit des erſten Kuſſes, mit dem Dir meine bebende Lippe das Geſtaͤndniß meiner Liebe ſtam⸗ melte, habe ich mir ſelbſt mein Ehrenwort gegeben und gebe es jetzt auch Dir, daß die Stunde meines Falles die letzte meines Lebens ſein ſollte. Ich weiß, Du achteſt Deine Deborah, und kannſt alſo keine Minute wähnen, daß ſie verächtlich genug wer⸗ den könne, ein feſt und freiwillig gegebenes Ehren⸗ wort unerfuͤllt zu laſſen. Welchen Buͤrgen konnte ich Dir fuͤr meine Treue bieten, wenn ich gegen mich ſelbſt treulos zu werden vermoͤchte? — Begreifſt Du nun die Ruhe, mit der ich oft in einſamer Mitternacht in Deinen Armen lag und die Macht des unbeſiegbaren Entſchluſſes in mir? — Noch einmal, Guſtav, ich liebe Dich, und fühle — — — 105 — es tisf im Herzen mit Schmerz und Entzuͤcken, daß ich nur in Deinem Gluͤck das meinige zu finden vetmag. Meine Kraft zum Widerſtand kann ſich erſchöpfen, und welche Heilige duͤrfte, mit der Ge⸗ wißheit des Sieges, in ſolchen Kampf zu gehen wagen? Aber Du kennſt nun den Kaufpreis, um den Du mich von mir ſelbſt erkaufen mußt. Ich kann fuͤr Dein Gluͤck ſterben, aber nie entwuͤrdigt leben. Gewiß iſt es, daß ich von heut an jeden andern Schutz von mir weiſe, als den, den ich nach dieſem Geſtändniß von Dir ſelbſt zu hoffen habe. und die Zukunft? — Ja, Guſtav, es iſt furcht⸗ bar, aber wahr, ſie wird uns von einander entfer⸗ nen, aber kann ſie uns trennen? und moͤchteſt Du die hohe Seligkeit dieſer Liebe nicht genoſſen haben, weil ihr Kelch Deiner Lippe entſinkt, ehe er geleert iſt? — Das Leben ſelbſt iſt klein; aber es hat göttliche Minuten, die in uns das Gefuͤhl hoherer Menſchen⸗ würde wecken und ſtärken, und durch die Harmonie der Liebe uns zu Burgern einer beſſern Welt weihen. — und haſt Du dieſe Weihe höherer Thatkraft und unerſchuͤtterlichen Muthes nicht in meinen Armen, an dieſem Dich ſo unausſprechlich und einzig lieben⸗ den Herzen empfangen, ſo haſt Du mich nie ge⸗ — — liebt, und dann waͤre der Fluch des Unglaubens an Menſchenwerth mein ſchreckliches Loos Morgen reiſen wir ab. Der erſte Blick auf Dich wird mir mein Schickſal verkuͤnden — möge er mir ein Blick der Liebe und der Freude ſein! Zwolfter Brief. Guſtav an Leo. Kannſt Du es begreifen, wie gewaltſam mich Deborahs Antwort durch und durch erſchuͤttert hat? — uUnwiederbringlich dahin ſind nun jene ſchoͤnen Minuten der Liebe, wo ſich Hoffnungen an Erin⸗ nerungen reihen, und jede Erfuͤllung neue, ſchon im Entſtehen ſußere Hoffnung erregt! Sie, bluͤhend wie der Fruͤhling, voll warmen Lebens wie der Sommer; ſie, das ſchoͤnſte und vergottertſte aller Weiber; ſie, mein, mein mit all ihrem Zauber, all ihrer Liebe, mein, mit dieſer großen Seele, dieſem ſtolzen, feſten Geiſt, mein, und doch mir auf ewig entruͤckt! — Sie hat das ſcheußlichſte, das drohendſte aller Ge⸗ ſpenſter zwiſchen uns geſtellt, vor deſſen Gräßlichkeit ——. — — 107 — mein waͤrmſtes Blut zu Eis wird. — Sie hat mein ganzes Leben einem Kampfe geweiht, deſſen Siege nur mit Dornen zu lohnen vermoͤgen. Die Bluͤthe meiner Hoffnungen und meines Gluͤcks iſt geknickt, und was ſie mir auch in der Fuͤlle ihres Liebreizes und ihres Seelenwerthes iſt, ſo iſt doch nie an Friede zwiſchen dieſer Liebe und mir zu denken. Morgen kehrt ſie wieder! wie ſoll ich in dieſer gewaltſamen Spannung, dieſem Aufruhr ihren Anblick, ihre Naͤhe tragen? Wie es uͤber mich gewinnen, ihr ernſt und gefaßt entgegen zu gehen? — O ſtönde nur mein Leben auf dem Spiele! Auch ich weiß zu ſterben, und wie luſtern könnte man nach ſolchem Tode in der hochſten Fuͤlle des Daſeins werden! — Aber nein, Deborah, Du haſt fuͤr Dich nichts zu furchten. Ich werde es erfahren, wie weit Ehre, Liebe und Wille Kraft zu geben vermögen, und lieber zehnmal in namenloſer Sehnſucht ſtumm vergehen, als mich die⸗ ſer Seele gegenuͤber muthlos und feige zeigen. Kennſt Du ſie nun aber, dieſe Deborah? Faſ⸗ ſeſt Du nun, wie es ihr gelungen iſt, mich ſo durch und durch zu verwandeln? Wie ganz Huld und Liebe in ihrer Hingebung, und dann wieder dieſe ſtille, ruhige Größe, dieſe flammende Begeiſterung in der — 108 — Tiefe ihrer heiligen Seele! Auch ohne von ihr ge⸗ liebt zu ſein, wäre es doch ſchon Wonne, um ihr Daſein zu wiſſen, und es zu erkennen in ſeiner Treff⸗ lichkeit — und nun die hohe Seligkeit, die erſte und einzige Liebe eines folchen Weſens zu ſein! — Bruder, ich war ein Thor? ein unvetzeihlicher, raſender Thor! Habe ich nicht doch in ihr mehr, als mir alle andern Weiber zuſammengenommen zu geben vermoͤchten? Guſtav an Leo. Fuͤrchte nichts, mein Freund, ich bin gluͤcklicher denn je, und was mir auch die Zukunft bringt, ver⸗ zagen kann ein Herz nicht, das einmal von dem Strahl ſolcher Himmelswonne durchgluͤht worden iſt. O, wie ſie wiederkehrte, wie ich ſie nach vierzehn owigen Tagen zum erſten Mal wieder in meine Arme ſchloß und an meine Bruſt druͤckte! — Mit welcher himmliſchen Sicherheit, welchem ehrenden Vertrauen gab ſie ſich mir hin! Sie kannte das Herz, das in der Opfergluth dieſer Liebe ſich gerei⸗ — 409 — nigt hat, beſſer, als ich ſelbſt, und in ihr liegt auch ein Zauber, der mit jedem Verſagen, jedem Entbehren zu verſoͤhnen vermag. Thoͤricht glaubte ich, ehe ſie wiederkam, die ſchonſten Tage meines Gluͤcks gelebt zu haben, und kann es mir nicht ver⸗ zeihen, von ihr, von mir und von unſerer Liebe ſo klein gedacht zu haben. Leo, es ſind ſelige Tage, die ich Gluͤcklicher jetzt lebe! es iſt, als wenn all die fruͤheren himmliſch ſchoͤnen Stunden dieſer Liebe mir jetzt den feinſten, lauterſten Geiſt ihrer Freuden in einem Trunk zu koſten geben, ſuͤßer und geiſtiger geläutert als Alles, was ich irgend einmal von Se⸗ ligkeit zu träumen gewagt habe. Es waͤre Entheili⸗ gung, von dieſen Tagen viel reden zu wollen; keine Empfindung, die man darzuſtellen und zu vergleichen wagen darf, kann zur Bezeichnung ihres Zaubers dienen; ſie ſind einzig, wie Deborah es iſt! Und die Zukunft? — Nenne ſie mir nicht. Warum ſollte es nicht bleiben koͤnnen, wie es jetzt iſt? — ſie iſt mein, unverlierbar mein; das Uebrige ſei des Schickſals. Kraft und Muth gehoͤren immer zum Leben, und Beide werden dem Geliebten De⸗ borahs nicht fehlen. In der Unſterblichen Kreis darf ja hienieden der Sohn des Staubes nicht eintreten; koſten darf er ihren Nektar, doch nur als Wuͤrze des Lebens kann er ihn ertragen. Sich in ihm be⸗ rauſchen wollen, waͤre ein Frevel, mit deſſen Be⸗ gehung er der ſtrafenden Nemeſis verfallen waͤre. Vierzehnter Brief. Deborah an Guſtav. Mein Freund, mein Guſtav, Einziger, Unver⸗ geßlicher, wird Deine Liebe ausreichen fuͤr dieſe ſchwere Stunde der Pruͤfung? Wirſt Du das un⸗ endliche Vertrauen, das die Liebe im Buſen des Weibes weckt, wirſt Du es faſſen und theilene Wird Deine große Seele die Kraft haben, den Schmerz zu beherrſchen, dem in dieſer Stunde mein Muth faſt erliegt? Aus dem Gleiſe meiner fruͤheren Lebensverhält⸗ niſſe herausgeriſſen, in allen meinen Umgebungen nichts, das mich an ſie zu erinnern vermochte, ent⸗ riß meine Liebe dem Schickſal die Zuͤgel, und mein Herz trat an die Stelle der Nothwendigkeit. Aber dieſer Zeitpunkt, wo kein anderes Geſetz, kein Gebot —— —— — 111 — fur mich da war, iſt vorbei; der Ausſpruch einer heiligen Pflicht iſt mir wieder verkuͤndet, und ge⸗ bietet mir Trennung von Dir. Wie meine Seele vor dieſem Ausſpruch erbebt, weiß nur Gott — aber, o mein Guſtav, was ware unſere Liebe, dies hochſte Kleinod meiner unſterblichen Seele, wenn ſie mir nicht das Gebot der Pflicht noch heiliger und unverletzlicher machte? — Mit unendlichem Schmerz verlaſſe ich Dich, den ich heißer liebe, wie irgend ein Wort auszuſprechen vermag; doch ſelbſt in die⸗ ſer Stunde wird meine Seele durch das Bewußtſein gekraftigt, die hoͤchſte irdiſche Seligkeit ganz rein und lauter genoſſen zu haben. Ich werde um unſere Liebe, um dies Heilig⸗ thum meines innern Lebens, mit einem gerechten Haß gegen Dich käͤmpfen muͤſſen; aber bis zu ihr reicht keine andere Pflicht, und mein Herz iſt in dieſem Fall uͤber dem Geſetz. Fuͤhle es, daß ich Dein bin, und Dein bleiben werde, ohne Wandel, ohne Wanken; daß aber die Gewißheit ſolcher Liebe uns auch Kraft geben muß, das Leben nach unſerm Willen, und nicht nach dem Gelingen zu wuͤrdigen. Ich habe Dir keine Hoffnung auf Wiederſehen zu geben; vielleicht ſind dieſe Zeilen die letten, die Du — 112 — von mir erhältſt — aber wenn es uns nicht be⸗ ſtimmt iſt, gluͤcklich zu werden, ſo laß uns groß ſein im Entſagen und im Sieg uͤber das blutende Herz. — O Guſtav, weſſen Auge duͤrfte ſich bittend und vertrauend zum Himmel heben, wenn er unſter Liebe, unſerer Treue ſeinen Segen verſagen konnte? vunfieoorer vriet Guſtan an — g n o Sie iſt fort, verloren fuͤr mich, und das viel⸗ reicht auf ewig! Nicht gewaltſam iſt ſie mir ent⸗ riſſen, freiwillig hat ſie mich verlaſſen, um einem Andern zu folgen. — Alles klagt ſie an; aber es iſt eher moͤglich, daß ſich ein Teufel zum Engel luͤge, als daß ſie mich betrogen haben könnte. Es gibt keine Wahrheit mehr, wenn ſie falſch iſt — es gibt im Himmel und auf Erden keine Tugend mehr, wenn ihre Liebe Luͤge war! 2 Der Koͤnig hatte mich zu ſich ſn uſſt. In vierzehn Tagen konnte ich zuruͤck ſein, und wie — — 113 — zahlte ich die Minuten! — Ich komme endlich an, fliege die Treppen hinauf, oöffne das Zimmer der Baronin — und erblicke nur dieſe, die mir blaß und verſtört entgegen tritt. „Wo iſt Deborah?“ fragte ich, im furchtbaren Schrecken erbleichend. — „Gott weiß es,“ antwortete ſie mir traurig; „ſeit vorgeſtern iſt ſie verſchwunden und wahrſcheinlich von einem jungen Mann entfuͤhrt, der am Tage vorher hier ankam, ſie zu beſuchen.“ Am Tage meiner Abreiſe iſt Deborah bei der Baronin im Zimmer, als man ihr einen jungen Mann melbet, der fie zu ſprechen wuͤnſche. Bei ſeinem Eintritt erblaßt ſie und ſinkt mit dem Aus⸗ ruf: „großer Gott! was fuͤhrt Sie hierher?“ auf ihren Sitz zuruͤck. Mit ſichtlicher Ruͤhrung neigt er ſich vor ihr, den Saum ihres Gewandes zu koͤſſen, und antwortet ihr in einer der Baronin unbekann⸗ ten Sprache. „Genug!“ unterbricht ſie ihn, mit der Hand winkend, ihr nach ihrem Zimmer zu folgen. Nach einer Stunde ſieht man ihn wieder vom Hofe ſprengen; ſie erſcheint aber erſt bei Tiſche wieder, blaß, verweint und ſchweigend. Vergeblich ſind alle Fragen nach dem Grund ihrer Betruͤbniß; am Abend, als ſie der Baronin gute Nacht ſagt, wirft ſie ſich — 114 — heiß weinend in ihre Arme: „Sie ſollen einſt Alles erfahren; jetzt darf ich nicht reden; doch die Zeit wird kommen, wo Ihr Herz es ſich nicht vergeben wuͤrde, mich nach dem Schein beurtheilt zu haben.“ — Am andern Morgen erwartet die Baronin ſie vergeblich zum Fruͤhſtuͤck; ſie ſchickt endlich nach ihrem Zimmer, es iſt leer, Deborah iſt verſchwun⸗ den. Auf dem Tiſche findet man zwei Briefe, einen an mich, den andern an die Baronin. Alle ange⸗ ſtellten Nachforſchungen ſind vergeblich geweſen; man weiß nur, daß der junge Mann den Tag in dem nur eine Stunde von hier entfernten Poſthauſe zu⸗ gebracht hat; von dort iſt er um 11 Uhr des Abends fortgefahren, und um 2 Uhr des Morgens hat man ihn, mit einem Frauenzimmer im Wagen, zuruͤckkom⸗ men und den Weg nach H. einſchlagen ſehen. Es gibt einen Grad des Schmerzes, der eben ſo wenig einer Beſchreibung faͤhig iſt, als er deut⸗ liche Spuren im Gedaͤchtniſſe zuruͤck läßt. Mir ſchwebt von dieſen erſten Stunden nur ein Grauſen vor, uͤber Alles, was ſonſt Grauſen heißt, wild, dumpf und dunkel. Aber glaube nicht, daß in die⸗ ſem mangelnden Bewußtſein eine Milderung der Qual liogt. Tauſendmal lieber will ich allen Gram, — —— . — „— — — 115 — der je einen Namen gehabt hat, erdulden, als die⸗ ſen, fur den es keine Worte gibt, und deſſen herbe Bitterkeit das eigene Herz nicht zu ergruͤnden vermag. und doch hebe ich meine Hand gen Himmel, und ſchwore es: wenn es einen Gott gibt, ſo iſt auch ihre Seele rein und ohne Makel. Dieſe Welt kann in Flammen auflodern, Millionen um mich her in Jammer und Verzweiflung untergehen, und ich ſtehe doch noch kuͤhn auf den Trummern der vergehenden Welt, und rufe tröſtend: es iſt ein Gott! — nimm aber die Wahrheit dieſer Liebe hin⸗ weg aus der Kette der Dinge, und der Thron des Ewigen fullt in Truͤmmer, und in ſtummen, namen⸗ loſen Jammer verſinkt die Menſchheit vor der Ver⸗ nichtung, die mit eiſernem Pritt durch die Natur wandelt. — nat S Lange rang in Graf Guſtavs Gemůth die Ju⸗ gend mit der durch Deborahs Verluſt ihm aufge⸗ zwungenen Entſagung auf Gluͤck; doch das Andenken an die himmliſche Wonne der mit ihr verlebten Tage, und ſein reiner, edler Glaube an den Werth und an die Treue der Geliebten erhoben ſeinen Schmerz zum lebendigſten Gefuhl der Erhabenheit dieſer Liebe. * — 116 — Was ihn als ein rauher Eingriff in das Hei⸗ ligthum ſeines Herzens ſchmerzte, war das Urtheit der ihn umgebenden Menſchen uͤber Deborah, und die oft unzarten Scherze ſeiner Cameraden. Stehe gleich der Mann in ſeinem eigenen Bewußtſein noch ſo feſt gegruͤndet da; wuͤrdige er, in jeder perſon⸗ lichen Beziehung auf ſich, die Stimme der Meinung ganz nach ihrem wahren Gehalt, nie wird er doch fuͤr die Erwählte ſeines Herzens die Billigung und die Achtung der Menge entbehren wollen, und jeder laut ausgeſprochene Tadel uͤber ſie wird ihn tief ver⸗ letzen. Dies Gefuͤhl wurde in Guſtav, bei der Rterlichkeit ſeines Sinnes, noch bitterer und aͤtzen⸗ der, als es gewoͤhnlich — wenn auch nur lang⸗ ſam und ſpät nachwirkend — in jedes Mannes Seele iſt. Willkommen war ihm daher der Befehl des Koͤnigs, mit wheinen —— — P. zu gehen. Hier fand er ſeinen Jugnpfteund Leo, und ihr Beieinanderſein veranlaßte die Luͤcke ihres Briefwech⸗ ſels, die — Erzaͤhlung hier — — be⸗ ſtreben muß. b Das Geſiſe des Grafen nhh zu⸗ Ge ſtesgegenwart, und eben ſo feine als kluge Umſicht. —— ——— * — — Er traf dabei aber noch auf manche ihm eben ſo un⸗ erklärliche als unerwartete Schwierigkeit, und gab bei⸗ nahe ſchon die Hoffnung eines glucklichen Erfolgs auf, als er von der Prinzeſſin P. eine Einladung zu einem Maskenball erhielt. Der ganze Hof, die er⸗ ſten Staatsbeamten und die fremden Geſandten wur⸗ den dazu durch mit dem Namen des Empfungers bezeichnete Karten eingeladen, deren Uebereinſtim⸗ mung mit der Perſon des Erſcheinenden der im Vor⸗ gemach befindliche Polizeiofficier zu unterſuchen hatte. Der glaͤnzendſte Zirkel der großen Kaiſerſtadt war hier verſammelt, und unſer Graf wandelte ſchon ſeit einer Stunde antheillos in dem bunten Gewühl umher, als eine hohe, weibliche Geſtalt in der Na⸗ tionaltracht ſeines Landes ſeine Blicke auf ſich zog, wie ſie am Arm eines groß und ſtolz geſtalteten Seraphinenritters ernſt durch die Menge ſchritt, ohne die Aufmerkſamkeit, die ihre Erſcheinung erregte, zu beachten. Sie ſtrich einige Male am Arm ihres Fuͤhrers hart an dem Grafen vorbei, und ihrem Begleiter einen bejahenden Wink zuwerfend, hieß ſie Guſtav in den lange nicht gehoͤrten lieblichen Toͤnen ſeiner vaterlaͤndiſchen Sprache ihr folgen. Er ſtutzte einen Augenblick; doch der Zauber dieſer Laute und — 118 — ihrer Tracht wirkten zu mächtig, und er folgte ihr zu einem einſamen, fern gelegenen Cabinette, an deſ⸗ ſen innerm Eingang ihr Fuͤhrer ſtumm, aber mit einem langen, bedeutenden Blick ihren Arm los ließ. Ein ſtiller Schrecken ſchien ſie zu faſſen; erbebend nahm ſie auf dem im Hintergrund ſtehenden Sopha Platz, und winkte dem Grafen, ſich neben ſie zu ſetzen. Ernſt und ſchweigend lehnte der Seraphinenritter am Eingang; ſo oft Guſtao den Blick auf ihn warf, ſah er durch die Maske in ſeinen dunkeln Augen ein ſtolzes Zuͤrnen flammen, und doch zog ihn ein ge⸗ heimer Zug zu der finſtern Geſtalt hin. Die Schwe⸗ din druͤckte die Hand feſt auf die hochfliegende Bruſt; ſie ſchien vergebens nach Worten zu ringen, und Guſtav ſtand räthſelhaft befangen vor ihr — da hob ſie mit unſicherm, leiſem Ton an, von der Lage ſeines Vaterlandes und von dem ihm aufgetragenen Geſchaͤfte zu reden. Mit eben ſo viel Geiſt als Klarheit entwickelte ſie ihm die Cabale, mit der er zu kämpfen hatte, und deutete ihm die Mittel an, ſie zu beſiegen. Die Wichtigkeit des Gegenſtandes zog den Grafen bald ganz von dem Räthſelhaften der Erſcheinung ab, das Gelpraͤch ward immer ern⸗ ſter und tiefer. Da zog der Seraphinenritter ſeine —————— — — 119 — uhr, und ließ ſie den Schlag der dritten Morgen⸗ ſtunde wiederholen; die Schwedin ſtand auf, indem ſie dem Grafen ein Papier überreichte; deſſen Beſitz ihm den Erfolg ſeiner Sendung aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach verbuͤrgen mußte; aber er faßte mit dem Papier die Hand, die es ihm bot, und bat innig, ihn den Namen ſeiner unbekannten Freundin erfah⸗ ren zu laſſen — ſtatt der Antwort traf ihn der ſuße Blitz eines Blickes voll unendlicher Wehmuth und Liebe; doch ehe noch dieſe Bebung zur Ahnung der ſeligſten aller Moglichkeiten werden konnte, ſtand der Seraphinenritter gebietend zwiſchen ihnen. „Gedenke Deines Schwurs!“ rief er ernſt und mit heißem Zuck und Druck riß ſie blitzſchnell ihre Hand aus Guſtavs ſeiner, um ſie dem Ritter zu reichen, der ſie in demſelben Augenblick durch eine verborgene Seitenthuͤr mit ſich fortriß. Vergeblich eilte Guſtav ihnen nach. Die Thuͤr war verſchloſſen, und als er in den Saal zuruͤckflog, beide Geſtalten vetſchwun⸗ den. Sein Herz nannte ihm Deborah; nur ihr Auge konnte ſo ſtillend und beſeligend in ſeine Seele blicken, und doch erſchien es ihm wieder ſo unwahr⸗ — ſcheinlich, ſie hier unter den erſten Großen des Kai⸗ ſerhofes zu finden — und dann die Toͤne der Hei⸗ — 120 — math! dieſe magiſchen Laute, die er fruͤher nie aus ihrem Munde gehoͤrt hatte! Er verlor ſich in ein Labyrinth von Ahnung und Zweifel, Furcht und Hoffnung. Das Gefuhl, ſie ſei es geweſen, konnte ihn taͤuſchen; aber wie ſollte er ſich denn die Er⸗ ſcheinung des Ritters erklären? Welche Macht durfte ſo bedraͤuend zwiſchen ihn und die Geliebte treten? — Alle ſeine Nachforſchungen blieben vergeblich, bis er ſich endlich eine Liſte der zu jenem Ball einge⸗ ladenen Perfonen zu verſchaffen wußte, und unter lauter ihm bekannten Namen auch den ihm fremden des Grafen Douglas und ſeiner Gemahlin fand, und es erfragte, daß dieſer mit ſeiner engelſchönen, ihm ach, der Beſchreibung nach, nur zu bekannten, jun⸗ gen Frau den Tag darauf nach Schottland zuruck gereiſet ſei. Er konnte nicht laͤnger zweifeln, er hatte Deborah wieder geſehen, ſie als Gattin eines Andern wieder geſehen! Der tiefe, unbeſchreibliche Gram über ihren Verluſt gewann nun eine Macht uͤber ihn, der er nicht mehr zu gebieten vermochte, weil er alle Hoff⸗ nung ausſchloß. Wer je einen jener Augenblicke er⸗ lebt hat, wo mit dem Glauben an das Geliebte alle freundliche Bilder des Lebens von uns ſcheiden, der ——— — —— ————— — 121 — weiß auch, wie mit unſerm Gluͤck dann unſer Stolz und unſer Gemuͤth welkt. In dieſer Stimmung verließ er P. Sein Ruͤck⸗ weg fuͤhrte ihn durch die Provinz, wo er Deborah im Hauſe der Baronin wiedergefunden hatte, und er konnte es ſich nicht verſagen, dieſe zu beſuchen. Alle Bilder ſeiner vergangenen Seligkeit ſammelten ſich hier noch einmal in ihrer bluͤhenden Fuͤlle um ihn. — Er durchſtrich im einſamen Dunkel der Nacht alle Gaͤnge des Gartens, wo er ſo oft mit Deborah gewandelt war. Ein Grad des Schmerzes, wie er ihn hier empfand, muß betäuben oder tödten. Als er am Morgen das Schloß verließ, war ihm, als falle das Thor des Todes zwiſchen ihm und ſeiner Zukunft nieder. In ſeinem Vaterlande angekommen, fand er ſeinen Vater auf dem Sterbebette, und das ihm ehemals ſo freundliche Leben ſchien in immer drohen⸗ derer Geſtalt vor ihn treten zu wollen. Statt des Dankes, auf den er fuͤr die gluͤckliche Ausrichtung ſeines Geſchaͤfts rechnen durfte, fand er bei dem König Kälte und Mißtrauen. Die Gährung ſtieg immer hoher. Alle ſeine Verwandte und Freunde waren in Factionen getheilt, deren keiner er ſich in Tarnow's Schriften. II. 6 — 122 — der Reinheit ſeines Willens ganz anzuſchließen ver⸗ mochte. In ſeiner Schweſter unterjochte der Geiſt immer despotiſcher das Herz, das einſt auch in Liebe und Wehmuth weich geweſen war. Wer aber einmal Fuͤlle, reine Fuͤlle der Liebe gekoſtet hat, der kann es dann nicht mehr tragen, allein und vereinzelt un⸗ ter den Menſchen dazuſtehen. Die ſchmerzlich em⸗ pfundene Beduͤrftigkeit der Theilnahme trieb Guſtav zu Laura Silverhjelm. Sein Wort band ihn ja an ſie, ſeine Hand war ihr verpfaͤndet, und ſein Herz ſehnte ſich, dies Verhältniß mit dem ſchönen Geiſt des Vertrauens und des Wohlwollens zu be⸗ ſeelen. Doch ihre eitle Wolluſt, ihr ſchneidend kal⸗ ter Geiſt und die Schaͤrfe ihres Witzes legten ſich wie Eis auf ſeine Wunde. Er mißfiel ihr in dem Ernſt ſeines jetzigen Weſens durchaus, da ſie ihn nur galant und geiſtreich, wie er ehemals war, lie⸗ benswuͤrdig zu finden vermochte. Wie in den Sagen der Alten die Geſtorbenen als Schattenbilder, einzig noch der weichen Sehn⸗ ſucht nach dem fteundlichen Erdenlicht zugaͤnglich, in den ſtillen Thaͤlern des Todes umherwandeln, ſo glitten auch ihm jetzt die Bilder des irdiſchen Thuns und Treibens voruͤber. Doch die Seufzer ſeines — 123 — Vaterlandes klangen ſtrafend und mahnend in ſein Herz, und erweckten ſeinen Genius wieder zu edler That und kuͤhnem Wollen. Rein und edel ging Guſtav in dieſen Kampf; als aber das, was er ſo wurdig wollte, in blinder Emporung That wer⸗ den ſollte, und die Schlechtigkeit derer, denen er zum Werkzeug dienen mußte, ihm offenbar wurde, wandte er ſich entſchieden ab. Der Augenblick der Rettung und Befreiung ſeines Vaterlandes war in den Jahrbuͤchern des Schickſals noch nicht verzeich⸗ net. Von Allen verlaſſen und verrathen ward Ver⸗ bannung und Verluſt aller ſeiner Guͤter Graf Gu⸗ ſtavs Loos. Laura zerriß jetzt mit kaltem Gleich⸗ muth ein Band, das ihr kein glänzendes Loos mehr zu ſichern vermochte. Feodore umarmte freudig den Geaͤchteten und verhieß ihm die Naͤhe des Zeitpunk⸗ tes, wo ſein Vaterland ihn dankbar und glorreich zuruͤckrufen wuͤrde. Die Flamme eines furchtbaren Krieges leuch⸗ tete damals uͤber halb Europa. Graf Guſtav ging nach P — g und bat um Dienſte, die ihm gern gewäͤhrt wurden. Ehe er aber zu dem Regiment abging, zu deſſen Anfuͤhrer er ernannt worden war, hatte er noch ein ihm wichtiges Geſchaft abzumachen. 6* — 124 — Es betraf die R— ſchen Guͤter. Die Einkuͤnfte der⸗ ſelben waren ſo wenig von ſeinem Vater als von ihm je beruͤhrt, ſondern in einer fremden Bank von Jahr zu Jahr ſicher belegt worden. Jetzt in P—g erfuhr er, die Kaiſerin Mutter, mit der verſtorbe⸗ nen Fuͤrſtin R. durch das Band der Jugendfreund⸗ ſchaft verbunden, intereſſire ſich noch lebhaft fuͤr das Schickſal der Tochter, dem ſie nachforſchen laſſe, um ihr an ihrem Hofe einen ihrer wuͤrdigen Aufenthalt anzubieten. Graf Guſtav bat um Gehoͤr, und als ihm dieſes gewaͤhrt wurde, und er vor der an Geiſt und Herz wahrhaft kaiſerlichen Frau ſtand, erbat er ſich den Schenkungsbrief der R — ſchen Guͤter in ihre Hand zuruͤckgeben zu duͤrfen, da er ſie nie als ſein Eigenthum betrachtet habe, und bei der Unge⸗ wißheit ſeines Schickſals der rechtmäßigen Erbin fuͤr die Zukunft den Beſitz derſelben zu ſichern wuͤnſche. Das Auge der Kaiſerin blickte gnaͤdig auf ihn. „Ich nehme in der Fuͤrſtin R. Namen Ihre Entſagung an,“ ſagte ſie ihm huldvoll, „und nach Allem, was ich von der Schoͤnheit und dem Charakter die⸗ ſes jungen Frauenzimmers gehört habe, mochte ich wuͤnſchen, daß ſie ſelbſt Ihnen zum Lohn fuͤr Ihre ſeltene Uneigennuͤtzigkeit werden moͤge.“ — 125 — Ach, jede Empfindung der Liebe, jede Hoffnung des Gluͤcks war fuͤr ihn, im unauflöslichen Zauber, an den Beſitz der Einen gebunden, deren Verluſt er täglich neu, mit immer tieferm Schmerz empfand. Bald ward bei der Armee ſein Regiment als eins der bravſten, ſein Name als der eines der tapferſten Krieger genannt. Aus Schlacht und Kampf erbluͤhte ihm ein neues, kraͤftiges Leben, und ſeine Seele ward im Vollgenuß ihres Mu⸗ thes wieder kuͤhn und freudig. Der Tod erſchien ihm in hoher Freiheit, und dann iſt das Leben immer edel. Wie manche ſchoͤne That, wie manches Leoni⸗ das⸗Wort voll hohen Ehrgefuͤhls geht in dem Laufe eines Feldzugs ſtumm mit den Gefallenen zu Grabe! Ein grauſend blutiger Tag endete den deutungsſchwe⸗ ren Krieg, und folgender Brief gibt uns von Gu⸗ ſtavs Schickſal Kunde. Graf Guſtao an Leo. — Schon war die Hoffnung eines gluͤcklichen Ausgangs verſchwunden, und uns blieb keine mehr, als die, mit Ehren zu fallen. Ein Adjutant brachte mir den Befehl, mit meinem Regiment eine Bat⸗ — 126 — terie zu ſtuͤrmen, die den Ruͤckzug unſerer Heeres⸗ abtheilung erſchwerte. Viermal griffen wir uner⸗ ſchrocken an — viermal warf uns der Feind zuruͤck. Ganze Reihen meines herrlichen Regiments ſtuͤrzten, von dem moͤrderiſchen Kartatſchenfeuer getroffen, nie⸗ der. Da warf ich mich in wilder Todesluſt noch einmal auf den Feind; ich ſah ihn weichen, ſah die Meinen die Anhoͤhe erſtuͤrmen; aber in dieſem Au⸗ genblick ſank ich auch vom Pferde, und Todesohn⸗ macht umfing mich. Es war Nacht, als ich die ugen wieder auf⸗ ſchlug. Das fuͤrchterliche Schweigen um mich her ward nur durch das Geroͤchel der Sterbenden unter⸗ brochen. Die Gegend lag im zweifelhaften Dämmer⸗ licht graulicht und geſpenſtiſch da; ich wollte mich aufrichten und um mich her blicken, aber das Blut aus meinen Wunden war zu Eis gefroren, meine Lebensgeiſter ſanken in erſtarrender Mattigkeit wieder hin, und auch die brennende Trockenheit in meiner Bruſt und der Schmerz der Wunden ließen mich empfinden, daß ich noch lebte, Eine Zeit, fur die ich kein Maß habe, verging mir in dieſer furchtbaren Einſamkeit und in dieſem Gefuͤhl des Sterbens. Meine Augenlider fingen —= 427 — an, von einer unbeſieglichen Schwere niedergedruͤckt zu werden — mir war, als wollten meine Augäpfel ſich herausdrängen, um ihre Hoͤhlen zu zerſprengen⸗ Bewegungslos lag ich da, koͤrperlich gefoltert von verzehrendem Schmerz — doch dachte ich nicht an die nahende Minute des Scheidens vom freundlichen Leben; in meiner Seele war nur ein einziger, lan⸗ ger Gedanke, und das war Deborah. Ihr Bild ſtand vor meinem innern Auge und lachelte mir engelmild Troſt und Wärme zu; aber nun begann es in geſtaltloſe Regenbogenfarben zu zerfließen, und mein ganzes Sein ward zu einem dumpfen Hin⸗ bruͤten, das nur zuweilen der als Todeskrampf in meinem Herzen flatternde wilde Kampf des Lebens durchzuckte. Da ward die grauſe Stille um mich her von den Tonen menſchlicher Stimmen unterbrochen. Das brechende Auge ſah einen fernen Lichtſchimmer, der ſich ſchnell näherte, und wie mich duͤnkte, zur lodern⸗ den Flamme ward, vor der ſich mein Auge, toͤdtend getroffen, verſchloß. Eine Stimme, deren Laut wie warmes Leben in meine Seele drang, rief laut durch die Nacht hin meinen Namen⸗ Es war Deborahs Stimme! — 128 — Aller Schmerz, alle Bewußtloſigkeit wich; ich genoß die reinſte und hochſte Seligkeit meines Lebens. Vergebens aber muͤhten ſich meine Lippen, ihren Namen zu ſtammeln, vergebens ſtrebte ich, meine Augen zu öffnen; ich vermochte Beides nicht, aber ich empfand ihr Naherkommen, und die wunderbare Zauberkraft der Liebe hielt mein entfliehendes Leben auf. Ich empfand es „wie ſie mich unter den um mich herum liegenden Todten erkannte, neben mir hinſtürzte, mich in ihre Arme ſchloß, mich an ihren Buſen druͤckte — ich fuhlte ihre warmen Thraͤnen, ihre Kuͤſſe — mein Auge offnete ſich, ich ſah ſie! leiſe fliſterte ich ihren Namen, und uͤber jedes Wort hinaus ſelig, ſank ich in Nacht und Bewußtloſig⸗ keit zuruͤck. Als ich erwachte, fand ich mich in einem hel⸗ len, warmen Zimmer, ich fuͤhlte keinen Schmerz mehr, und mein erſter Blick traf auf Deborah, die vor meinem Lager kniete. Bleich, mit aufgeloͤſetem Haar, mit inbruͤnſtig zum Himmel erhobenen Augen lag ſie da und betete fur mich! Ich richtete mich auf, und ſtreckte ihr mit unaus ſprechlichem Ent⸗ zuͤcken die Arme entgegen. Verſchwunden war jeder Schmerz, jede truͤbe Erinnerung. Ihre Stimme — 129 — war Himmelsmelodie, ihre Nähe Lebenshauch — ich war ganz vollkommen und ungetruͤbt gluͤcklich. Ich wollte fragen, ſprechen, aber ſie legte mir ſanft ihre Hand auf den Mund⸗ „Schweige, mein Einziggeliebter,“ ſagte ſie mir im ſuͤßeſten Flöten⸗ laut, „Du bedarfſt jetzt Ruhe und Stille. Du biſt mir, ich Dir wiedergegeben; nichts wird und kann uns kuͤnftig trennen. Sei ruhig, bleibe ruhig, und vertraue der Liebe, die fuͤr Dich wacht.“ Sie reichte mir hier einen Trank, der mich vald wieder in Schlummer verſenkte. Die nächſten Tage vergingen mir in Fiebergluth und Fieberwahn. In einem meiner hellern Augenblicke ſah ich Deborah in Reiſekleidern an meinem Lager ſtehen. Sie weinte ſchmerzlich, und druͤckte in heißer Angſt und Liebe ihre Häͤnde an mein Herz. Ein mir unbekannter Mann ſprach ihr Muth ein, und verbuͤrgte ihr im Ton ruhiger Sicherheit die Gewißheit meiner Gene⸗ ſung. Wie mich auch ſpäterhin noch die Gluth des Fiebers faßte, nie vergaß ich dieſes Auftritts, der mehr als Traum geweſen war, denn vergebens ſuchte ſie bei der klaren Ruͤckkehr meiner Beſonnenheit mein Blick; vergebens rief ich ihren Namen. Der Mann, den ich in jenem Augenblick an ihrer Seite geſehen — 130 — hatte, trat zu mir, ſich mir als meinen Arzt be⸗ kannt zu machen. Ich ſah ihn lange mich beſinnend an — alle Umgebungen erſchienen mir ſo bekannt — wo bin ich? fragte ich ihn endlich ſehr geſpannt. „Im Schloſſe Kramenskoy,“ antwortete er mir, „wohin Sie die ehemalige Beſitzerin deſſelben, die Fuͤrſtin Stephanja R., von dem nahen Schlachtfelde hinweg, hat bringen laſſen.“ „Stephanja R.!“ rief ich in einer Bewegung, die alle meine Wunden aufzureißen drohte, „Ste⸗ phanja R. war es, die mich rettete, und die ich hier in dieſen Zimmern wieder ſah! Wo iſt ſie?“ Er zog einen Brief hervor, und uͤberreichte ihn mir ſchweigend. Es war ihre Handſchrift; ich er⸗ kannte die Zuge, die mir ſchon fruͤher einmal Ver⸗ kuͤndiger unerwarteten Schickſalswechſels geworden waren, und las: „Mein Vater iſt gefährlich verwundet und ge⸗ fangen. Er bedarf meiner Pflege, und ich darf nicht zögern, zu ihm zu eilen. Ich laſſe Dich in den Haͤnden eines mir bekannten, ſehr geſchickten Wund⸗ arztes, deſſen Wort mir die gefahrloſe, baldige Hei⸗ lung Deiner Wunden verbuͤrgt; ich weiß Dich von Deinen eigenen, Dir ſo treu ergebenen Leuten um⸗ — 131 — geben, und doch iſt es mir, als ſolle ich vom Leben ſcheiden, da ich Dich, unausſprechlich geliebter Guſtav, von Neuem verlaſſen ſoll.“ „Mein Name wird Dir meine Geſchichte auf⸗ klären. In der furchtbar ernſten Lebensſtunde, wo ich auf unſerer Flucht am Grabe meiner, im Kampf fur die Freiheit und Selbſtſtändigkeit meines Vater⸗ landes gefallenen Bruder kniete, forderte mir mein ebler Vater den Eid ab, meinen Namen und mei⸗ nen Stand zu verbergen, bis daß unſer Vaterland wieder erſtehe von ſeiner Schmach. Zugleich gelobte ich, mein Schickſal ſtets unbedingt ſeinem Willen unterwuͤrfig zu erhalten, und meine Hand nie an einen ſeiner Feinde zu reichen. Er brachte mich darauf nach M. zu ſeinem ehemaligen Hofmeiſter, dem Prediger Lerſon. Hier ſah ich Dich. — Bald darauf verlor ich meine Pflegemutter; von meinem Vater hatte ich lange keine Nachricht, und ſo allein und huͤlflos, in einer mir ganz fremden Gegend, nahm ich das Anerbieten an, zu der Baronin Eb⸗ lauch als Geſellſchafterin zu gehen. Ich fand Dich wieder, ich liebte Dich, und verhehlte das meinem Vater nicht, als ſeine Verhaͤltniſſe wieder Mitthei⸗ lungen unter uns möglich machten. Er erfuhr, was — 132 — ich fruͤher nicht wußte, daß Dein Vater jetzt Beſitzer der Guͤter unſers Stammes ſei, und entbrannte in heftigem Zorn gegen Dich. Eben ſo bitter ſtimmte es ihn, mich, die Fuͤrſtentochter, in ſo abhaͤngiger Lage zu wiſſen, und mir unerwartet, ſandte er mir einen ſeiner Vertrauten, den ich als einen der treue⸗ ſten Anhänger unſers Hauſes kannte, als Ueberbrin⸗ ger des Befehls, Dich und die Baronin ſogleich zu verlaſſen. Ich konnte nur gehorchen. Er nahm mich mit ſich nach P., wo ihm ein neuer, hellleuch⸗ tender Hoffnungsſtern aufgegangen war. Die That und das Leben gab ich ihm unbedingt zu eigen hin; aber mein Herz erhielt ich im muthigen Kampfr frei. Unterrichtet von den Nachforſchungen, die Du tha⸗ teſt, Kunde von ſeinem Schickſal und Aufenthalt zu erforſchen, ſah er in Dir nur den Agenten einer ihm feindlichen Macht, und dies machte ſeinen Zorn noch bitterer. Wir lebten unter einem frem⸗ den Namen in P., ich erfuhr Deine Ankunft, doch der Gräfin Douglas ward jede Gelegenheit benom⸗ men, Dich zu ſehen, und ihr Wort verpflichtete ſie, dieſe nicht aufſuchen zu wollen. Mein Vater ſah Dich mehrere Male, und durch den Ernſt und die Anmuth Deines Betragens wider ſeinen Willen ge⸗ 6 — — wonnen, lernte er unſere Liebe milder und gerechter wuͤrdigen. Ich wußte nun alle Deine Schtitte, und ethielt die Beguͤnſtigung, fuͤr Dich thätig ſein zu duͤrfen, um ſo eher, da das Gelingen Deines Pla⸗ nes in den ſeinigen eingriff. Guſtav, welch ein Augenblick, als ich Dich auf jenem Maskenball wie⸗ der ſah! ich hatte vorher feierlich verſprochen, mich Dir nicht zu erkennen zu geben; aber mit welchem bittern Todesſchmerz löſete ich dieſen Eid!“ „Fuͤr mein Vaterland begann bald darauf ein neuer Morgen zu tagen. Die Seele meines Vaters erbluͤhte noch einmal in herrlicher Jugendkraft zu Thaͤtigkeit und Hoffnung. Er eilte zur Armee; ſein Name war von den Soͤhnen unſers Landes noch nicht vergeſſen, und bald ſah er ſich an der Spitze einer Schar, die er in jedem Gefecht zu Ruhm und Sieg fuͤhrte. Ich war ihm gefolgt. Mein Herz ſchlug hoch — Guſtav, ich verdiene es, ein Vater⸗ land, ein freies Vaterland zu haben, denn mein Muth fuͤr daſſelbe blieb auch da noch freudig, als ich erfuhr, Du — — bei der Armee.“ — „Die Unſrigen drangen ſegreich immer weiter vor. Schloß Kramenskoy wurde meinem Vater zum — 134 — Hauptquartier angewieſen, und als freudiger Sieger ſah ich den hochherzigen Mann wieder in die Hallen einziehen, die er als ein Geächteter hatte verlaſſen muͤſſen. Mir waren ſie ehrwuͤrdiger und lieber denn je, da ich Spuren Deines Waltens vorzufinden hoffte. Ueber alle Erwartung reich und ſchön ward mir dieſe Hoffnung erfullt. Wir erfuhren hier, wie Du das Andenken meines Vaters geehrt, ſeine al⸗ ten Diener verſorgt, und die Spuren ehemaligen Glanzes im Geiſt der ehemaligen Beſitzer erhalten hatteſt. Tiefgeruͤhrt ſtand mein Vater an dem durch Dich geſchmuͤckten Grabmal meiner Mutter — und als er im Garten an ſeinem ehemaligen Lieblings⸗ platz das Monument fand, das nur ein dem ſeinen verwandter Geiſt meinen gefallenen Bruͤdern ſo er⸗ richten konnte, da ſah ich ſein Auge naß, und Ste⸗ phanja lag als Guſtavs gluͤckliche Geliebte am Her⸗ zen des beſten Vaters!“ „Doch um den Vollgenuß meines Gluͤckes ganz wuͤrdigen zu lernen, ſollte ich es noch mit dem furchtbarſten Todesſchrecken erkaufen. Alles verkuͤn⸗ dete die Nähe einer entſcheidenden Schlacht. Als ich ihre Donner ſo dumpf und ernſt tonen hoͤrte, lehrte mich die Angſt um Dich und meinen Vater — 135 — ein meiner Seele bis jetzt unbekanntes Gefuͤhl ken⸗ nen, die Furcht. Spät erſt erhielt ich Kunde von ihrem Ausgang. Mein Vater war gefangen. Ich erfuhr, Dein Regiment habe nicht fern vom Schloſſe gekämpft, den Ruͤckzug der einen feindlichen Colonne zu decken. Mit hoher Achtung ſprachen die Unſeigen von der Tapferkeit, mit der es gefoch⸗ ten hatte. Ich ließ einige der Gefangenen vor mich kommen — Guſtav, ſie hatten Dich fallen ſehen!“ — „Das Uebrige weißt Du. Der Waffenſtillſtand iſt geſchloſſen, der Friede wird ihm, ſichern Nach⸗ richten zufolge, bald folgen. Ich eile zu meinem Vater. In P— g ſehen wir uns wieder. Sorge jetzt nur fuͤr Deine baldige Wiederherſtellung, und ſage Dir, daß ich von nun an vor Gott und Men⸗ ſchen unverlierbar Dein bin.“ „Stephanja R.“ Fuhlſt Du den Strom allmaͤchtiger Lebens⸗ eraft, mein Bruder, den dieſe Zeilen in mein Herz ergoſſen? Sie iſt mein, ſie war nie eines Andern, ſie liebt mich noch, wie ich ſie liebe, und ſegnend wird ihr Vater unſern Bund einweihen. Meine — 136 — Wunden ſind faſt geheilt. Die Unterhandlung wegen meiner Auswechſelung iſt im Gange und findet bei der ſichern Naͤhe des Friedens durchaus keine Schwierig⸗ keit. In wenig Tagen denke ich nach P— g abzureiſen, wo meiner Liebe eine ſo maͤchtige Beſchuͤtzerin lebt. 7 Und ſie wurden erfullt dieſe Hoffnungen eines edlen, durch die Liebe zur Liebe gelaͤuterten Herzens. Auf einer Reiſe, die er in den erſten Jahren ſeiner Verbindung machte, ſtellte er in W. der Fuͤrſtin L. in ſeiner Gemahlin, Deborah Lerſon, die geborne Fuͤrſtin R., als jene, auch ihr von der bewundern⸗ den Stimme des Rufs oft genannte Stephanja vor, und die achtungsvollſte Freundſchaft verband die beiden großſinnigen Frauen in edler Treue. Auch der Baro⸗ nin Eblauch ward die Freude, beide Gatten bei ſich zu ſehen, und ihre muͤtterliche Liebe fuͤr Deborah durch die Aufklärung ihrer Geſchichte glänzend gerechtfertigt zu wiſſen. Die Stimme eines koniglichen Helden rief bald darnach Graf Guſtav in ſein Vaterland zuruͤck, das jetzt ſeinen Namen mit liebevoller Achtung als den eines ſeiner wuͤrdigſten und tapferſten Soͤhne nennt. ————— — Kleopatra, Koͤnigin von Aegypten. Eine Skizze. Di alte und neue Geſchichte ſtellt uns das Bild mancher in Sinn und That großherzigen Frau auf. Auch Hertſcherinnen und Fuͤrſtinnen nennt ſie uns, die im Krieg und Frieden ruhmvoll um den Lorbeer⸗ und Oelzweig ſtritten, aber ihrer Aller Glorie ver⸗ ſchwindet vor dem Göͤtterglanz, der Kleopatra's Le⸗ ben entſtrahlt, und den man als den Triumph je⸗ ner geheimnißvollen Zaubermacht des weiblichen Rei⸗ zes anſehen muß, vor der ſich jede andere Erden⸗ große in anbetender Bewunderung beugt. Kannſt du aber, arme Sprache, den Götter⸗ reichthum dieſes Lebens und die Fuͤlle ſeiner glanz⸗ reichen Herrlichkeit in Worte faſſen? — Kannſt du darſtellen, was der kuͤhnſte Sinn, die feſſelfreieſte Phantaſie in einer ſo eng beſchränkten Welt, wie die jetige, kaum mehr zu erahnen vermag, weil es Alles uͤberfliegt, was der romantiſche Zauber des Maͤrchens je erſonnen, und die Wirklichkeit ſpaͤter oder fruͤher je dargeſtellt hat? In ihrem ſiebenzehnten Jahre beſtieg Kleopatra den durch den Tod ihres Bruders erledigten koniglichen Thron von Aegypten. Selten durch ihre unvergleich⸗ liche Schoͤnheit, noch ſeltener durch den hohen Geiſt, der dieſe Schoͤnheit beſeelte, faßte ſie mit ſiche⸗ rer Hand die Zuͤgel eines Reiches, das ſeit dem Tode Aleranders unter der Herrſchaft der Ptolemaͤer allem Unheil eines ohnmaͤchtigen Regiments Preis gegeben geweſen war. Vor Kleopatra's Willen, vor ihrem Herrſchergenius ebneten ſich die ſtuͤrmi⸗ ſchen Wellen eines an Fuͤrſtenmord und Empoͤrung gewohnten Volksgeiſtes. Die Goͤtter hatten ihr der Gaben hoͤchſte und gefaͤhrlichſte, ſtolze Macht uͤber das menſchliche Gemuͤth, gegeben, und Aegypten lag in ſtummer Ehrfurcht gehorchend zu den Fuͤßen ſei⸗ ner Herrſcherin. Der Ruhm ihrer gottergleichen Scineit ih⸗ rer Macht und ihrer Kenntniſſe wurde der Stolz des ganzen Morgenlandes. Keine Wiſſenſchaft war ihr fremd, und nach dem einſtimmigen Zeugniß ihrer Zeitgenoſſen vermochte kein Inſtrument den — 141 — Wohllaut ihrer Stimme zu erreichen. Den Geſand⸗ ten dreier Welttheile, die vor ihrem Thron erſchie⸗ nen, gab ſie ohne Dolmetſcher einem Jeden in der Sprache ſeines Landes Gehör. Venus trug ſeit ihrer Geburt keinen Guͤrtel mehr, und zu die⸗ ſer Vereinigung von Allem, was Menſchen ſchoͤn, groß und herrlich nennen, kam noch jene myſtiſch raͤthſelhafte Kenntniß verborgener Naturkraͤfte, die in dem geheimen Tempeldienſt der Aegypter gelehrt wurde, und zu der ihr, der gebornen Fuͤrſtin, der Zutritt erlaubt war. Noch fehlte ihr aber die ſchoͤnſte Weihe des Lebens; ſie hatte noch nicht geliebt. Vergebens warb der Sohn des großen Pompejus um die Gunſt der Göttlichen. Die Welt hatte damals einen Cäſar, und dieſer Einzige kam jetzt nach Aegypten. Nur er war ihrer, nur ſie ſeiner werth, und nie verband die Liebe zwei kuͤhnere Herzen. In Cäſars Armen erſt lernte Kleopatra ihre ganze Macht, ihre ganze Groͤße kennen und fuͤhlen. Bald aber uberflog ihr Rieſengeiſt ſeine kuͤhnſten Träume, ihr Genius begeiſterte den ſeinen, und von ihren Lippen ſog er jene Flamme, deren Wie⸗ derſchein mit dem Glanze ſeines Ruhmes die fern⸗ ſten Grenzen der damals bekannten Welttheile er⸗ leuchtete, und noch durch Jahrtauſende, ein flam⸗ mendes Meteor; zu uns hernieder ſtrahlt. Den feſſelfteien Römer band das Geſetz, das ihm unauflosliche Vereinigung mit der ausländiſchen Fuͤrſtin unterſagte. Beide ſchieden von einander; allein die Gewißheit, das Höchſte an Lebensluſt und Lebensgluͤck genoſſen zu haben, wurde ihnen zur Weihe erhabener Großheit in Sinn und That. Eine Erinnerung goͤttlich ſchoͤner Zeit blieb Cäſarion der herrlichen Mutter. Cäſar ging nach Rom zuruck. Nur Ungeheu⸗ res konnte dem genuͤgen, der aus Kleopatra's Ar⸗ men kam, nur eine bezwungene Welt das Herz be⸗ friedigen, in dem die Fuͤlle ſolcher Götterſchonheit gethront hatte. Die erſtaunte Roma bog ſich vor ihrem Herrn, und der Erdkreis Pe dem We monarchen. Da, im Vollgenuß ſo triumphirender Nage, erſchien der Idus des Maͤrzes. Jenes alle Räth⸗ ſel des Menſchenlebens umfaſſende Wort: „auch Du, Brutus!“ glitt uͤber Cäſars Lippen, und ſtumm und verhuͤllt ſank er an der Bildſäule des großen, von ihm beſiegten Poipejus, unter dem Dolchſtoß — 143 — des Menſchen, der ihn am hochſten ehrte, den er am meiſten liebte. Nur Brutus Dolch konnte Cä⸗ ſars Leben der Sterblichkeit vermählen. Jahre kamen voll blutigen Kampfes. Auf der Ebene von Philippi entſchied Cäſars Geiſt noch ein⸗ mal das Schickſal ſeiner Welt, die dann ſeine Rä⸗ cher unter ſich theilten Marcus Antonius, ein Heros an Spönpeit, Tapferkeit, Heldenmuth und Feldherrnwuͤrde, erhielt Aſien und den größten Theil von Afrika zu ſeinem Antheil. An 170,000 ſeiner entlaſſenen Krieger vertheilte er vor ſeinem Abgang aus Europa Land⸗ guter und Haͤuſer, eine Gabe von 20,000 Seſter⸗ zen fuͤr jeden ungerechnet, und dann zog er, von ſechs Legionen Fußvolk und 10,000 Reitern beglei⸗ tet, nach Aſien, deſſen Konige zu ihm eilten, ſich in den Strahlen ſeiner Gunſt zu ſonnen. Auch an die Königin von Aegypten ſandte er Dellius ab, ſie nach Eilicien zu beſcheiden, damit ſie vor ſeinem Richterſtuhl ſich perſoͤnlich wegen der von einem ihrer Statthalter dem Caſſius zugefuͤhr⸗ ten Unterſtutzung verantworte. Kleopatra empfing den römiſchen Geſandten mit all der Achtung, die ſie, die Schutzverwandte, dem mächtigen Rom ſchul⸗ — 144 — dig war. Als aber die erſten Worte ſeiner Anrede ihr verriethen, daß er der Botſchafter eines Gebie⸗ ters zu ſein glaubte, ſchlug ſie den Schleier zuruck, der ihr Diadem und ihre Reize verbarg, und von dem Zauber der herrlichen Erſcheinung verblendet, ſtand der ſtolze Roͤmer verſchuͤchtert vor ihr, wohl fuͤhlend, ſie ſei nur geboren, dem Herrſcher der Welt Befehle zu geben, nicht ſie zu empfangen. Seine Bitte, ihn nach Tarſis zu begleiten, wo Antonius ſich damals aufhielt, ward ihm bewilligt. In kleinen Tagereiſen naͤherte ſie ſich dieſer Stadt, und verließ, noch einige Meilen von ihr entfernt, ihren Trageſeſſel, um eine goldene, mit purpurnen Segeln geſchmuͤckte Gondel zu beſteigen. Silberne Ruder ſchlugen nach dem Klange der Floͤten und Cymbeln die ſanften Wellen des himmelblauen Cyd⸗ nus. Unter einem Himmel mit goldenen Sternen beſaͤet ruhte Kleopatra in allem Glanz ihrer Schoͤn⸗ heit; eine Schar lieblicher Amoretten wehete ihr mit Roſenzweigen Kuͤhlung zu, während die ſchoͤn⸗ ſten Frauen ihres Gefolges, als Grazien und Ne⸗ reiden gekleidet, das Steuer und die Segel regier⸗ ten. Wolken des koſtlichen Weihrauchs ſtiegen von beiden Ufern des Fluſſes in die Luft, während 1 — — Tauſende von jubelnden und entzuͤckten Zuſchauern dieſen Einzug der Goͤttin der Freude und der Sw heit feiernd begleiteten. Antonius ſaß eben zu Gericht, als ſich das Geruͤcht ihrer Annäherung verbreitete. In wenig Minuten war die zahlloſe Menge um ihn her ver⸗ ſchwunden, und er ſah ſich allein. Noch hatte er ſie nicht geſehen, noch konnte er der Macht wi⸗ derſtehen, die auch ihn mit einer ihm bis dahin unbekannten Gewalt ihr und ſeinem Verhaͤngniß entgegen zu eilen antrieb. Er blieb und begnuͤgte ſich, ſie zur Tafel laden zu laſſen. Die Hochherzige verweigerte auch dies, und ließ ihn auffordern, bei ihr zu erſcheinen. Er kam, und ihr erſter Blick legte ihn, den Mann, deſſen Gleichen ſeit Caͤſars Tode der bewundernde Erdkreis nicht geſehen hatte, in unzerreißbare Feſſeln und der Lorbeer, den Antonius mit dem Blut von Hun⸗ derttauſenden erkämpft hatte, ward jetzt gleich einer vergaͤnglichen Bluͤthe der Macht geopfert, die ſelbſt die vergänglichſte aller Bluͤthen, doch ſtets das un⸗ vergaͤnglichſte aller Reiche zu behaupten wiſſen wird. Aber nicht blos der Held ſollte ſich von der Tarnow's Schriften. II. 7 — — Schoͤnheit beſiegt fuͤhlen; auch in ſeinem Eigenthuͤm⸗ lichſten und Innerſten mußte er ſich uͤbertroffen und bezwungen erkennen, denn mit der Pracht und Frei⸗ gebigkeit, die Kleopatra in dieſen Tagen entfaltete, vermochte er nicht zu wetteifern. Das Kuͤhnſte, was er zu erſinnen vermochte, blieb, ſeinem eigenen Geſtäͤndniß nach, nur kindiſche Nachäfferei eines un⸗ erreichbaren Vorbildes. Jedes Feſt, das ſie Antonius gab, war an Pracht und Erfindung neu. Sie verſchenkte dabei jedesmal Alles, was zum Schmuck des Saales und der Tafel an goldenen mit edlen Steinen verzierten Gefäͤßen, an Purpurdecken und goldgewirkten Tape⸗ ten gebraucht worden war. Jede Perſon ſeines bei ihr an zwoͤlf Tafeln ſpeiſenden Gefolges empfing noch außerdem reiche Gaben, an prächtigen Trag⸗ ſeſſeln mit den dazu gehorenden Sklaven, reich ge⸗ ſchmuͤckten Roſſen und durch Schoͤnheit ausgezeich⸗ neten Fackelträgern. Was war aber alle dieſe Pracht, was war ſelbſt ihre Schoͤnheit, die die Natur im Feiermoment ih⸗ rer göttlichſten Schöpferkraft doch nur einmal in dieſer idealiſchen Herrlichkeit zu geſtalten vermochte, — 147 — gegen den Geiſt, der dies Wundergebilde beſeelte, und deſſen Ideenkuͤhnheit und hoher Gedankenflug Heldengeiſter zur Bewunderung zwang, und dann wieder in Witz und Scherz, lieblicher Anmuth und unnachahmlichem Muthwillen unwiderſtehlich ent⸗ zuckte, und in ewiger Jugend jede Stunde ſich neuer und reicher entfaltete? — Wie die Sonne, war auch ſie einzig an Glanz und Licht, Leben und Wonne. Antonius war nicht geſchaſſen, ſolchem Zau⸗ ber zu widerſtehen, und als ſie, von ihm in dem freien und unabhaͤngigen Beſitz Aegyptens beſtätigt, in ihr Reich zuruͤckkehrte, blieb mit der Erinne⸗ rung an ſie ein Stachel der Sehnſucht und des Verlangens in ſeiner Seele zuruͤck, der jede Ruhe, jeden Genuß, jeden Gedanken an Ruhm, Nachwelt und Weltherrſchaft in ihm unterdruckte, bis er wie⸗ der in ihrer Naͤhe Nahrung fur die flammende Größe ſeines Heldengeiſtes fand. Mit Sturmwindseile durchflog er Syrien, ent⸗ ſagte der Eroberung Palmyras, legte ſein Heer in die Winterquartiere, und eilte nach Alexandrien In der Feier ihres Wiederſehens und ihrer Erge⸗ — 148 — bung an ſo heiße Liebe war es, daß Kleopatra jene geheimnißvolle Geſellſchaft ſtiftete, der ſie den Namen der Vereinigung zum unnachahm⸗ lichen Leben gab. Keines Sterblichen gluͤ⸗ hendſte Phantaſie hat je wieder, im elyſiſchſten der Traͤume, den Goͤtterrauſch gekoſtet, den Antonius ſich hier aus dem Becher der Liebe trank. Das verglimmende Abendroth der gluthvollen Sonnen⸗ pracht dieſes Lebens würde hinreichen, das Daſein eines ganzen lebenden Menſchengeſchlechts zu ver⸗ golden. Unruhen in Italien riefen Antonius zu neuen Thaten auf. Bei ſeiner Ankunft dort flogen ihm alle Herzen zu, aber er war groß genug, der Welt den Frieden ſchenken zu wollen. Eine neue Thei⸗ lung endete den kaum zwiſchen ihm und Octavian begonnenen Krieg, und ſicherte jenem den Beſitz der Abend⸗, dieſem den der Morgenwelt. Anto⸗ nius kehrte nach dem Orient zuruͤck, wo Kleopatra bald darauf gleichfalls in Syrien eintraf, und mit ihr die Göͤtter ſeiner Lebensfreuden. Doch die Eroͤffnung des Feldzuges gegen die Parther gebot bald eine neue Trennung, und während Kleopatra nach Alexandrien zuruͤckkehrte, ging Antonius nach — 149 — Armenien, welches der Hauptſammelplatz ſeiner Vol⸗ ker war. Der Ruhm der Königin von Aegypten ſtieg höher und hoher. Noch prangte ſie in voller Ju⸗ gendſchoͤnheit, und wo ſie ihrem Volke ſichtbar ward, genoß ſie der Huldigung ihrer Vergoͤtterung. Iſis⸗Kleopatra nannte ſie das ganze Morgenland. Tempel und Altäre wurden ihr errichtet, in denen Tag und Nacht der jungern Iſis Opfer flamm⸗ ten. Aber auch dem Antonius brachte dieſer Feld⸗ zug neue Siegeskronen, und, glänzender denn je, „ entwickelte ſich während deſſelben ſein Feldherrnge⸗ nius. Nie kämpften Seelengröße und Helden⸗ muth glorreicher gegen Natur und Element, als in ſeinem Verlauf, und nie empfing ein Herrſcher ruͤh⸗ rendere Beweiſe der Liebe und der ſelbſt im Tode unerſchuͤtterlichen Treue ſeiner Krieger, als dieſer Gewaltige. In 21 Tagen ſiegreich in achtzehn blutigen Gefechten betrat er endlich Armenien wie⸗ der, nachdem ihm nicht die Pfeile des Feindes, ſondern Hunger und Seuchen 30,000 ſeiner Ta⸗ pferſten weggerafft hatten. Auch hier ließen Sehn⸗ ſucht und Verlangen ihn nicht raſten. Ueber Schnee und Eis bahnte er ſich fuͤr ſeine Armee Wege, und — 150 — kam endlich, dieſer zuvoreilend, in Sidon an, wo er mit Kleopatra den Winter zubrachte. Der Fruͤhling rief ihn zu neuen Thaten; er eroberte Armenien, und bereitete dann dem erſtaunten Ale⸗ randrien ein Schauſpiel, wie es bis dahin nur Rom geſehen hatte, indem er als Shn in ſeinen Mauern einzog. Auf einem goldenen Thron mit ſilbernen Säu⸗ len, umgeben von den Großen ihres Reiches, um⸗ wogt vom jubelnden Volke, ſaß Kleopatra im Glanz der Schönheit und der königlichen Hoheit, und ihr Blick wurde dem Sieger Lohn, der ihr den Koͤnig von Armenien mit ſeinem ganzen Hauſe, von gol⸗ denen Ketten gefeſſelt, als Trophäen ſeines Sieges uͤbergab. Nur fuͤr ſie hatte er gekaͤmpft, nur ihr Beifall war ihm Lohn — Antonius, der große An⸗ tonius, war untergegangen in dem Geliebten Kleo⸗ patra's! So beſteht Männergroße und Heldenruhm vor Weiberſchoͤnheit und Liebeszauber! — Dieſer Auftritt war aber nur die Vorberei⸗ tung zu der vergötternden Huldigung, mit der er das Andenken ſeiner Liebe zu verewigen erſann, und durch die er Kleopatra, den Göttinnen an Reiz — — — 131 — und Zauber gleich, dieſen auch ganz zuzugeſellen ſtrebte. Ein Feiertag, einzig in den Annalen der Weltgeſchichte, verſammelte die Bewohner Aleran⸗ driens in einer großen ungeheuren Halle, in deren Mittelpunkt ſich auf ſilbernem Boden zwei goldene, mit Edelſteinen reich verzierte Throne erhoben. Zum erſten Mal erſchien Kleopatra an dieſem Tage oͤf⸗ fentlich im Götterſchmuck der Iſis, geziert mit allen Attributen dieſer erhabenſten aller ägyptiſchen Gottheiten. Auf dem zu ihrer Linken errichteten Throne ſaß Antonius, zu beiden Seiten, auf niedrigeren Sitzen, die Kinder der Königin. Hier erklärte nun Antonius vor allem Volke Kleopatra fuͤr ſeine Gemahlin und zur Koͤnigin von Aegyp⸗ ten, Lybien, Eypern und Cöleſyrien; Reiche, die er zugleich als das Erbe Cãſarions bezeichnete. Seine beiden Soͤhne aber, Alexander und Ptole⸗ maͤus, begruͤßte er als Könige der Koͤnige, und gab dem älteſten, als Verlobten der Tochter des Kö⸗ nigs von Medien, Armenien, dem juͤngſten aber Syrien, Phoͤnicien und Gilicien. Die Konige der Könige, Alexander in mediſcher Tracht, geſchmuͤckt mit der perſiſchen Tiare, Ptolemäus mit dem Dia⸗ dem des großen Alexanders, nahten ſich, der gott⸗ — 152 — lichen Muttet zu huldigen, und wurden dann, zu ihren Sitzen ruͤckkehrend, von der aus den Juͤng⸗ lingen der edelſten Geſchlechter ihrer Reiche gebilde⸗ ten Leibwache empfangen. Welche Mutter genoß je eines ſolchen Tages? welches Weib je eines ſolchen Triumphes der hoͤch⸗ ſten Vergoͤtterung, die ein erdgebornes Weſen zu empfangen vermag, und das als reine Huldigung makelloſer Schoͤnheit und durch ſie entzundeter un⸗ ſierblich lodernder Liebesflamme? Aber die erſtaunte Welt hatte noch einen Herr⸗ ſcher außer Antonius, und die Idee einer Welt⸗ herrſchaft entſprach dem gigantiſchen Gedankenflug in der Seele der Vergötterten zu ſehr, gehorte als eigenthuͤmlich zu innig zu ihrem Sein und Weſen, dem zu Folge ſie in keiner irdiſchen Beſchraͤnkung mehr eine Scheidewand zwiſchen ſich und den Un⸗ ſterblichen anzuerkennen vermochte, als daß ſie den Funken in der Bruſt des Geliebten nicht zur Flamme hätte anhauchen ſollen. Der Krieg zwi⸗ ſchen Antonius und Oetavian brach aus. Kleopatra begleitete Antonius in dieſen Feld⸗ zug, und waͤhrend ihre Truppen ſich zu Epheſus — — 153 — ſammelten, fuͤhrte ſie in ewig neuer Jugend ein Leben herauf, wie es im Wechſeltanz lachender Ho⸗ ren bis dahin nur den Bewohnern des Olymps in den Träumen der Dichter zu Theil geworden war. Alles, was das Leben Suͤßes und Verfuͤhre⸗ riſches, die Liebe Entzuͤckendes und Berauſchendes, die Pracht Glanzvolles, die Verſchwendung Unge⸗ heures, die Kunſt Begeiſterndes zu ſchaffen und zu geſtalten vermag, ward hier dem Sinn und dem Herzen in ſo reicher Mannigfaltigkeit dargeboten, daß aus dem Genuß ſelbſt ewig neu der Wunſch und der Reiz ſich erzeugten. Ein unnachahmliches und unausſprechliches Leben erblühete hier in ei⸗ ner Ueppigkeit und Freudigkeit, deren geiſtigen Ge⸗ halt der jetzigen verarmten Welt, die es kaum zu faſſen vermag, wie eine dieſer Abendmahlzeiten drei Millionen zu koſten vermochte, zum Räthſel gewor⸗ den iſt. h 3 Zahlreichere und furchtbarere Kriegsheere hatte die zitternde Welt noch nie verſammlet geſehen. Der ganze Orient ſtand gegen den Occident in Waffen. Auch galt es nicht den Beſit eines Koͤ⸗ nigreichs, nicht die Herrſchaft uͤber einige Provin⸗ zen — Weltherrſchaft hieß der Preis des Kam⸗ — 154 — yfes, und der Erdkreis war bereit, in dem Sieger ſeinen Ueberwinder anzuerkennen. Einen ähnlichen Moment hat ſpaͤter die Weltgeſchichte nicht wieder⸗ holt, und jetzt iſt er unmoͤglich geworden. Man fuhlt die druckende Schwuͤle, die ſich vor dem aus⸗ brechenden Gewitter uͤber die Natur zog, und die Phantaſie vermag den Entſcheidungsmoment noch nicht zu erfaſſen, ohne daß unſer Herz vor innerer Bewegung zu ſtocken ſcheint. Endlich fuͤhrte die Sonne des zweiten Sep⸗ tembers bei Actium den Tag der Entſcheidung herauf. Nie fuͤhlt der Menſch das Räthſel ſeiner Ab⸗ hängigkeit tiefer, als wenn er das Schickſal einer Welt an das unerklärbare Haar des Zufalls ge⸗ knuͤpft ſieht. Ein noch von keinem Geſchichtsfor⸗ ſcher erhelltes Dunkel ſchwebt uͤber Kleopatra's ſoge⸗ nannter Flucht. Sie hätte nichts entſchieden, wenn nicht Antonius, von ihrem allmaͤchtigen Zauber ſich ſelbſt entfuhrt, Alles aufgegeben hätte, um ihr nach⸗ zueilen. Mit echt menſchlicher Trauer verweilen wir bei dem Sturz dieſes hohen Gemuͤthes, und nur mit dem Geſunkenen ſelbſt vermoͤgen wir uns wieder — 155 — zu erheben, wenn wir ihn wenige Stunden darauf durch Blick und Wort die ihm nachſetzende feind⸗ liche Flotte in die Flucht jagen, dann ſeine Freunde um ſich ſammeln, mit der ihm eignen großherzigen Freigebigkeit reiche Geſchenke unter ſie vertheilen ſe⸗ hen, verbunden mit dem Befehl, ihn zu verlaſſen, und ihr eignes Schickſal unabhaͤngig vom Wechſel des ſeinigen zu ſichern. Kleopatra's an kuͤhnen Adlerflug gewohnte Seele erzeugte auch jetzt eine Idee, die als eine der herr⸗ lichſten und ſchöpferiſchſten in der Geſchichte des menſchlichen Geiſtes erſcheint. Sie entſchloß ſich, mit ihrer ganzen Flotte durch die Landenge von Suez in's rothe Meer zu ſegeln, dort eine neue Welt aufzuſuchen, und mit allen ihren Schäͤtzen in ihr ein neues Reich der Herrlichkeit zu gruͤnden. Antonius verwarf dieſen Plan, und Kleopatra, die nun nur Sieg oder Tod vor ſich ſah, bot Alles zu ihrer Vertheidigung auf, was Klugheit erſinnen und Geiſtesgroͤße auszufuͤhren vermag. Die Ungleichheit des Kampfes war aber zu auffallend, um ſie nicht mit dem Gedanken des Todes vertraut zu machen, und freier denn je erbluͤhte ihr Leben in der Um⸗ ſchattung dieſes Gedankens. — 156 — Jetzt nahete ſich der Geburtstag des Antonius, den ſie mit ſo ungeheurer Pracht feierte, daß Tau⸗ ſende, die als Bettler zu dieſen Feſten gekommen waren, reich von dannen gingen. Wie die Sonne, ehe ſie in's Meer untertaucht, noch einmal im blen⸗ denden Strahlenglanz aufflammt, ſo Kleopatra's herrliches Freudenleben in dieſen Tagen. — — Dann ließ ſie alle Koſtbarkeiten ihres Pallaſtes an Gold, Silber, Juwelen, Elfenbein, wie auch alle Kunſt⸗ ſchatze deſſelben, in ihr ſchon fruͤher von ihr mit der hoͤchſten Pracht des Morgenlandes erbauetes Grabmal bringen, und zugleich die nothigen An⸗ ſtalten treffen, daß es ihr mit allen dieſen Schätzen zum Flammengrab werde, ſobald es Octavian ge⸗ linge, als Sieger in Alexandrien einzuziehen. Sein Schickſal auf die ſteilſte und äußerſte Spitze ſtellend, beſchloß Antonius, an einem Tage zu Lande und zu Waſſer eine Schlacht zu liefern. In der Nacht vor dieſem Tage war es, wo, nach den geheimnißvollen Sagen der Alten, der Gott, deſſen Liebling er bisher war, ihn verließ. Das erſtaunte Alexandrien hoͤrte ſeine menſchenleeren Gaſ⸗ ſen zur Nachtzeit von rauſchender Muſik und allem Jubel von Bacchus glaͤnzendem Gefolge ertönen, — 157 — ohne daß es dem Auge ſichtbar wurde, wenn gleich das Ohr, durch mehrere Straßen, bis zum Thor hinaus zu folgen vermochte. Nicht ſein Muth, nicht ſeine Tapferkeit, ſon⸗ dern nur Verrath öffneten dem feigen Weichling Oetavian die Thore von Alexandrien. In demſel⸗ ben Augenblick, wo Antonius ſeine letzte Hoffnung, ſeine Flotte, zur feindlichen uͤbergehen, und ſich mit dieſer vereinigen ſah, traf ihn die falſche Nachricht, Kleopatra habe freiwillig ihr Leben geendet. Er klagte nicht uͤber ihren Tod — hatten ſie doch einen Weg zu gehen! — Aber als er jetzt Eros, einen ſeiner getreueſten Sklaven, aufforderte, ſein fruͤher gegebenes Verſprechen zu halten, und ihn zu toͤdten, zog dieſer auch den Dolch, aber nur um ihn in die eigene Bruſt zu ſtoßen, und todt ſank der Treue zu den Fuͤßen ſeines Gebieters nie⸗ der. Da zog Antonius ſein Schwert und warf ſich hinein. Die Wunde war toͤdtlich, doch dies nicht au⸗ genblicklich. Kleopatra, von der Verbreitung des fal⸗ ſchen, ihren Tod verkuͤndenden Geruͤchts unterrich⸗ tet, ſandte Diomedes ab, Antonius hiervon zu be⸗ — 158 — nachrichtigen. Dieſer kam zu ſpät, den Helden zu retten, aber fruͤh genug, ſein entfliehendes Leben aufzuhalten, und ihn in die Arme der Koͤnigin zu geleiten. — Ihr Grab oͤffnete ſich, ihn zu empfangen. Antonius letzte Worte waren Preis der Goͤtter, die ihn vor allen Sterblichen reich begluͤckt und hoch begabt hatten, indem ſie ſeinem Leben Kleopatra's Liebe, ſeinem Andenken unſterblichen Heldenruhm ſchenkten, und ihn beſiegt, doch glorreich fallen lie⸗ ßen, da er, ein Römer, nur von Romern über⸗ wunden worden war. Kaum war Antonius todt, ſo erſchien ſchon f bei Kleopatra ein Abgeordneter Octavians, ſie unter den gleißneriſchſten Verheißungen zur Ergebung an den Sieger zu bereden. Doch auch hier ſiegte feige Liſt; denn waͤhrend Kleopatra um den Thron von Aegypten fuͤr ihre Soͤhne, als Löſegeld fuͤr ihre Schaͤtze unterhandelte, erſtiegen die feindlichen Sol⸗ daten ein Fenſter des Gebaͤudes. Durch das Ge⸗ 7 —— —— ſchrei ihrer Frauen hiervon benachrichtigt, zog Kleo⸗ patra den Dolch, den ſie in ihrem Guͤrtel trug — er wurde ihr entriſſen, und mit der ängſtlichſten Sorgfalt alles Lebenverletzende von ihr entfernt. Viele Koͤnige warben um den Ruhm, dem — 159 — Leichnam des Antonius die letzte Ehre zu erweiſen. Kleopatra behauptete ihr Recht als Gemahlin und als Koͤnigin, und mit aller Pracht, die der Groͤße des Verewigten zu entſprechen vermochte, ward ſein Leichenbegängniß von ihr gefeiert. Dann befahl ſie, ein großes Feſt zu veranſtalten, bei welchem ſie ſich den dazu geladenen Roͤmern in aller Hoheit ihres Ranges und in allem Glanz ihrer noch immer ein⸗ zigen und unvergleichlichen Schoͤnheit zeigte. Nach aufgehobener Tafel ſandte ſie Oetavian einen Brief. Er erbrach ihn, und fand darin nur die Anwei⸗ ſung, ſie neben Antonius begraben zu laſſen. Er⸗ ſchreckt eilte er gleich ſelbſt zu ihr, aber die Feſ⸗ ſeln ihres irdiſchen Lebens waren ſchon geloͤſet, und leblos fand man ſie im prachtvollſten königlichen Schmuck auf ihrem goldenen Lager ruhen. Die eine ihrer Vertrauten, Iros, lag ſchon entſeelt zu ihren Fuͤßen; die andere, Charmio, wankte noch, bemuͤht das Diadem in Kleopatra's Locken feſter zu ſchlingen. „ungluͤckliche, was ging hier vor?“ fuhr ſie einer der Hereintretenden an. — „So ge⸗ ziemt es einer Koͤnigin zu ſterben,“ erwiederte ſie, und mit dieſen Worten ſank auch ſie todt zu den Fuͤßen ihrer königlichen Herrſcherin. — 160 — Alle Verſuche zur Wiederbelebung Kleopatra's waren vergeblich, ſo wie man die Art ihres Todes auch nicht mit Zuverlaͤſſigkeit anzugeben vermag. Das ſtolze Rom ſtellte ihre goldne Bildſäule im Tempel der Venus als das Bild dieſer Göttin auf, und bog vor ihr ſein Knie, und auch wir koͤnnen nur im Götterkreiſe des Olymps ihres Gleichen an Herrlichkeit und kuͤhnem, ſich zu den Göttern . ſchwingenden Lebensmuthe finden. Voon Furſten und Freiherren umgeben, vom Jubel⸗ geſchrei des Volkes umwogt, näherte ſich die Prin⸗ zeſſin Olga der Grenzſtadt des Reiches, deſſen Thron⸗ folger ihr zum Gemahl beſtimmt war. Acht ſchnee⸗ weiße, roſenroth mit Silber aufgeſchirrte Roſſe zogen den kryſtallnen Wagen, in dem, ſtrahlend von Juwe⸗ len, noch ſtrahlender von Hoheit und Jugendreiz, die konigliche Braut im mild verklärenden Schim⸗ mer freundlicher Holdſeligkeit ſaß. Neben dem Schlage des Wagens ritt Graf Leo von Leoni, von der Monarchin des Landes geſandt, ſich in dieſer Grenzſtadt, als Stellvertreter ihres Neffen und Thron⸗ erben, die ſchoͤne Fuͤrſtentochter antrauen zu laſſen. Ein geborner Lebensfuͤrſt, heldenmuͤthig und ſchon, wie die bluͤhendſte Phantaſie ſich nur den herrlichſten von Hellas Götterſoͤhnen zu geſtalten vermag, theilte — — er mit der Prinzeſſin die Bewunderung der Menge. Da, als der Zug ſich der vor den Thoren der Stadt aus Blumengewinden erbaueten Ehrenpforte nahete, ſchwiegen ploͤtzlich die Trompeten, die bis jetzt in den Jubelruf des Volks ſchmetterten, der Donner der Pauken verhallte — unſichtbare Harfen⸗ choͤre erklangen, und eine Schar von Amotinen flat⸗ terte herbei und umgab den Wagen der Fuͤrſtenbraut, die ſich dem lieblichen Kinde entgegen neigte, das, auf den niedergelaſſenen Tritt des Wagens huͤpfend, ihr einen Kranz uͤberreichte, und mit einem fuͤr dies Alter ungewohnlichen Ausdruck der Empfindung ein Gedicht ſprach, deſſen Innigkeit die Prinzeſſin ruͤhrte. Sie neigte ſich, den Kranz zu faſſen, den die Kleine ihr darbot und ſie dankend auf die Stirn zu kuͤſſen; dieſe aber hob den Blick zu dem Grafen em⸗ por, der ſtolz auf ſeinem hohen Roſſe ſo nahe an dem Schlag des Wagens hielt, daß die Kleine zwi⸗ ſchen ihm und der Fuͤrſtin ſtand, und fliſterte dieſer leiſe zu: „Huͤte Dich vor ihm, er raubt Dir Herz und Krone, wenn ich Dich nicht rette.“ ueberraſcht flog der Blick der Fuͤrſtin zu ihm auf und traf begegnend dem ſeinen; Auge flammte in Auge; erroͤthend ſenkte Olga vor dem hell flam⸗ — — menden Blitz ſeines Blickes den ihrigen, und ſchnell ihrer Hand entgleitend wich das Kind in den Kreis ſeiner Geſpielinnen zuruͤck. Als ſich am Abend dieſes geräuſchvollen Tages die Prinzeſſin in ihr Schlafgemach zuruͤckgezogen hatte und die Bilder deſſelben ihr in der Erinnerung voruͤberglitten, gedachte ſie auch der räthſelhaften Worte, die das Kind ihr zugefliſtert hatte. Sie konnte die Kleine nur fuͤr ein Werkzeug halten, und da es ihr wichtig war, zu erfahren, wer ſich er⸗ kuͤhnen durfte, ihr eine ſolche Warnung zufliſtern zu laſſen, befahl ſie ihrer Hofdame, das Kind, welches ihr den Kranz uͤberreicht habe, am andern Morgen zu ihr zu bringen, weil ſie der Kleinen das ihr be⸗ ſtimmte Geſchenk ſelbſt uͤbergeben wolle. Die Kleine hieß Amala, und war die einzige Tochter des Präſidenten von G. In dem Kinde wohnte der Geiſt eines räthſelhaften Ahnungs⸗, eines wun⸗ derbaren Anſchauungsvermoͤgens, von dem Keiner Rechenſchaft abzulegen vermochte, woher? und wie es dem Kinde komme. Oſt erzahlte ſie den Eltern merkwuͤrdige Vorfälle aus entlegenen Gegenden, als ſei ſie Augenzeuge derſelben geweſenz oft verkuͤndete ſie ihnen Begebenheiten kommender Tage kindlich unbefangen voraus. — Wurde ſie genauer daruͤber befragt, weg war der Blitz dieſer Anſchauung, und ſie vermochte ſich nur ſelten des eben Verkuͤndeten zu erinnern; es wurde ihr dann zu einem fremden, ihrem Sinn deutungsloſen Worte. In ihrer Fa⸗ milie beſchäftigte man ſich eben nicht mit Beobach⸗ tung und noch weniger mit Ergruͤndung dieſer Selt⸗ ſamkeit; man fuͤhrte ein zu thätiges Leben, um zum Gruͤbeln daruͤber Zeit zu haben. Auch verlor Amala fruͤh ihre Mutter; der Vater, ein ernſter Geſchaͤftsmann, freudelos ſeit der Gattin Tode, ſah das Kind ſelten, und die alte Tante, der er ſie zur Aufſicht anvertraute, beachtete die Kleine außer den Lehrſtunden wenig, und hinderte ſie nicht, die uͤbrige Zeit einſam im Garten des väterlichen Hau⸗ ſes zuzubringen. So blieb die zarte Pſyche un⸗ geſtoͤrt in der Huͤlle der Kindlichkeit, und wunder⸗ bare Gebilde zogen der Kleinen oft, vorzuglich in den Daͤmmerungsſtunden, voruͤber, wenn ſich das irdiſche Leben um ſie her in ſtille Ruhe verſenkte, und ſuͤße Stimmen fliſterten ihr leiſe Deutungs⸗ worte zu. Als die Prinzeſſin am Morgen erwachte, war⸗ tete Amala ſchon im Vorzimmer und ließ ſie, — 167 — als ſie es erfuhr, zu ſich an ihr Lager kommen. Die Furchtſamkeit des Kindes hatte ſich ſchon ver⸗ loren, da die Kammerfrauen ſich aufmunternd und koſend mit ihr im Vorgemache beſchäftigt hatten, und ſie ging freundlich und artig auf die Prinzeſ⸗ ſin zu, ihr, wie es ihr von der Tante eingeſchaͤrft worden war, ehrerbietig die Hand zu kuͤſſen; als dieſe ſie aber zaͤrtlich umarmte und auf das Lager zu ſich emporhob, um mit ihr zu ſchwatzen, ver⸗ ſchwand vollends bei Amala die Scheu des Ein⸗ drucks, den der feenartige Glanz, in dem ihr ge⸗ ſtern die fuͤrſtliche Braut entgegengeſtrahlt war, auf ihre kindliche Phantaſie gemacht hatte; ſie ſchlang die kleinen Arme um den Hals der Prin⸗ zeſſin, kuͤßte ſie zartlich und beantwortete ihre Fra⸗ gen mit der lieblichen Unbefangenheit reiner Kind⸗ lichkeit. Vergeblich aber forſchte die Prinzeſſin nach Auskunft uͤber die von ihr erhaltene Warnungz Amala war es ſich nicht bewußt, ſie ausgeſprochen zu haben, und da ihr Weſen keinen Zweifel an ihre Wahrhaftigkeit verſtattete, ſo begann die Fuͤr⸗ ſtin jene Aeußerung fuͤr ein Spiel des Zufalls zu halten, das keine ernſte Beachtung verdiene. Um aber mit dem Kinde fortzuplaudern, das ihr in — 168 — ſeiner Schoͤnheit und Lieblichkeit gefiel, fragte ſie, was ihr denn geſtern am beſten gefallen habe? „Ei, Sie ſelbſt,“ antwortete Amala, „Sie ſahen in dem goldenen Kleide und der juwelnen Krone ſo ſchoͤn wie eine Koͤnigin aus.“ Die Prinzeſſin lächelte — „und wie,“ fragte ſie weiter, „gefiel Dir denn der Herr, der Dir vom Pferde herab die Hand reichte, Dich auf den Tritt des Wagens zu heben?“ — „O, den habe ich ſchon oft ge⸗ ſehen,“ fliſterte Amala ſtill vor ſich hinblickend, — „und wo?“ fragte die Prinzeſſin neugierig. — „Ich weiß nicht,“ antwortete Amala, „einmal war es in einem großen hellen Saal; am Ende deſſelben ſaß auf einem goldenen Thron eine alte freundliche Frau, und Sie waren auch da und lächelten ihn freundlich an, aber Sie waren blaß, und neben Ihnen ſtand ein recht häßlicher, böſer Mann; und dann ein andermal war es dunkel und kalt, als ich zu ihm eintrat und die ſchweren Ketten loͤſete, die er trug.“ — „Kind!“ rief hier die Prinzeſſin erſtaunt, „Du traͤumſt!“ — Auf⸗ geſchreckt fuhr Amala zuſammen, und den Blick hell auf die Prinzeſſin richtend, fragte ſie lächelnd und befremdet, „was habe ich denn geſagt?“ — 169 — Tief in ſich verſunken blieb die Prinzeſſin ſtumm; endlich ſich aufrichtend und ihre Kammerfrau her⸗ beiwinkend, ließ ſie ſich ein Schmuckkäſtchen reichen, aus dem ſie eine goldne Kette nahm, deren diamant⸗ nes Schloß ſie um Amala's Hals zudruͤckte. „Trage ſie zu meinem Andenken, raͤthſelhaftes Kind,“ ſagte ſie, einen Kuß auf ihre Stirne hauchend, „und zum Unterpfand, daß ich Dich nie vergeſſen und gern einſt in Dir meinen Schutzgeiſt ſehen werde.“ Olga's Gemahl, der Kronprinz, war bösartig von Charakter, dumpfſinnig von Geiſt; die Rohheit ſeines Gemuͤthes und die widrige Haͤßlichkeit ſeiner Geſtalt erweckten in ihr gegen ihn eine unuͤberwind⸗ liche, ſie qualvoll peinigende Abneigung, und ſie empfand tief die Grauſamkeit des Geſchickes, mit allen ſchoͤnen Hoffnungen ihres blühenden, jugend⸗ lichen Lebens ein Opfer dieſer Verbindung geworden zu ſein. Mit einem reinen, liebebedurftigen Her⸗ zen war ſie in ſein Land gekommen; allein wie Schwefeldampf die eben aufgebluͤhte Roſe entfaͤrbt, Tarnow's Schriften. II. 8 — 170 — ſo ſchwand auch die Schoͤnheit ihrer angebornen Sinnes⸗ und Empfindungsweiſe vor der Nothwen⸗ digkeit, von der ſie in ihren neuen Verhaͤltniſſen gefaßt wurde, und die ſie zwang, die reinſten Em⸗ yfindungen ihres Herzens, die edelſten Fähigkeiten ihrer Seele gewaltſam in ſich zu ertodten. Vieles wurde in ihr auf dieſem Pfade zerſtoͤrt; doch be⸗ wahrte ſie die Kraft, ſich Keinem von denen hin⸗ zugeben, die ihrem edleren Weſen feindlich entgegen ſtanden. Ihr Geiſt erſtarkte im Kampf mit ihren Verhältniſſen, und bildete ſich maͤnnlich, muthig und ernſt aus; ſelbſt ihre Schoͤnheit gewann im Laufe der Jahre einen Ehrfurcht gebietenden Charak⸗ ter. Der Schutz der Monarchin ſicherte ſie, ſo lange dieſe lebte, gegen die despotiſche Grauſamkeit ihres Gemahls, und zwang dieſen; in ſeinem Be⸗ tragen die Formen des aͤußern Anſtandes zu beob⸗ achten, die ihr allein Schutz gegen ſeine ſittliche Gemeinheit zu gewaͤhren vermochten; doch die Mo⸗ narchin war alt und kraͤnklich; ihr Tod ließ Olga ſchutzlos, wenn ſie es nicht verſtand, ſich waͤhrend ihres Lebens eine Macht zu gruͤnden, die ihr er⸗ ſetzen konnte, was ſie mit ihr verlor. Sie wußte, daß ihr die Neigung der Großen des Reichs zuge⸗ — 171 — wandt war, und daß dieſe ſie, ſtatt ihres Gemahls auf den Thron zu ſetzen wuͤnſchten; allein ſie er⸗ kannte auch die Gefahr eines ſolchen Unternehmens, und daß es, um zu gelingen, durchaus eines kuͤh⸗ nen, geiſteshohen Mannes beduͤrfe, der es leiten, unternehmen und ſich an die Spitze ihrer Partei ſtellen köͤnne. Einen ſolchen Mann fand ſie unter den Hoͤflingen nicht, aber wohl ſtieg aus dem Spiegel der Vergangenheit Leo's Bild vor ihr auf. Ach, als er ihr einſt an der Grenze eines neuen Lebens, in der bluͤhenden Schoͤnheit eines Götter⸗ ſohns entgegen trat, waren in ihrem Herzen Ahnun⸗ gen eines Gluͤckes erwacht, die ſie nie wieder ver⸗ geſſen konnte, wenn ſie gleich wie Nachtigallentoͤne, die in dem Reif einer kalten Fruͤhlingsnacht ungehoͤrt verklingen, traurend wieder in ihrer Bruſt verſtum⸗ men mußten. Auch wurde er ihren Blicken damals ſchnell entzogen. Er war, als ſie ihn kennen lernte, der Verlobte eines ſchönen, von ihm in friſcher leichter Jugendneigung erwaͤhlten Mädchens, und verließ gleich nach ſeiner Vermaͤhlung mit ihr den Hof, weil er zum Statthalter einer fernen Grenz⸗ provinz ernannt worden war. Jetzt aber, nach acht Jahren, rief ihn die Monarchin an den Hof zu⸗ 8* — 172 — ruͤck. Seit Kurzem war er Witwer, und wie ver⸗ blich das Bild, das Olga's Erinnerung von ihm bewahrt hatte, vor dem Eindruck, den ſeine Wie⸗ dererſcheinung auf ſie machte! Alle ſeine Zuge hatten den Reiz eingeernteten Ideenreichthums ge⸗ wonnen, die hellen Blicke der dunkeln Augen ſpruͤhe⸗ ten Blitze, und man fuͤhlte, daß er durch Hoheit des Gemuͤths, Tapferkeit und Seelengroͤße von der Natur geweiht war, auf dem erſten Platz, zunachſt dem Thron zu ſtehen. Was bis dahin in der Seele der Prinzeſſin wohl nur verſchwebender Gedanke ge⸗ weſen war, geſtaltete ſich jetzt zum Wunſch, und Beide verſtanden ſich bald in Einem Gedanken, Einem Plan. 8 Ekin glorreiches Zeitalter, ein herrlich aufbluͤ⸗ hendes Volk, ein reiches Leben voll Kampf und Sieg und Luſt, waren einſt als Juͤngling Leo's Träume geweſen, und muthig trat er in die Schran⸗ ken, um fuͤr die leidenſchaftliche Sehnſucht, mit der er Großes zu thun und zu leiten begehrte, einen wuͤrdigen Schauplatz zu finden; doch ſein Zeitalter konnte die Begeiſterung nicht vergelten, mit der er es erfaßte; ja, es vermochte ſie nicht einmal zu erkennen, und ſo begann auch er ſich allmählig da⸗ gegen zu verhaͤrten. Die Zeit, in der er lebte, war leer an großen Begebenheiten, und ſo wenig auf⸗ und anregend, ſo laͤhmend, ſo naßkalt, daß man mit den alltäglichſten Geiſtes⸗ und Seelenkraͤften zu Allem ausreichen konnte, was ſie ihr zu leiſten vergoͤnnte. Der Graf hielt ſich berufen, ſie aus dieſem Winterſchlaf zum verjuͤngenden Erwachen zu wecken, und da ſie, wie er wähnte, keine wuͤrdigere Kraft als die des klugen Ehrgeizes, der zu herr⸗ ſchen verſteht, zu lohnen vermochte, ſo ergab er ſich dieſem. Aber eine ſo reiche Natur, wie die ſeine, die ihn in Hochſinn und Liebe den Edelſten aller Zeiten haͤtte zugeſellen ſollen, konnte ſelbſt durch das Unheil eines ſo gefaͤhrlichen Irrthums nicht ganz entadelt werden; es blieb in ihm eine Fuͤlle ſittlicher Kraft, deren edler Ernſt ſeinen gefaͤhrlichen Ehrgeiz lange vor verbrecheriſcher Ausartung ſicherte; nur um ihrer Herrlichkeit willen war die Luſt des Herrſchens in ihm maͤchtig, und er blieb fur die Zwecke niedriger Selbſtſucht auch ſelbſt in ſeinen Verirrungen noch zu groß. Die Monarchin, deren Unterthan er war, hatte ſeinen Vater zu ſehr durch ihre Gunſt ausgezeichnet, um nicht auch dem Sohne die Bahn zu den hoͤchſten Staatsämtern zu offnen, — 174 — und als jetzt der Tod ſeiner Gemahlin die Bande zerriſſen hatte, die ihn an eine von dem haͤuslichen Leben unzertrennliche Beſchraͤnkung gefeſſelt hatten, lag ſein Blick wieder frei und kuͤhn auf Allem, was im Leben gewonnen und erſtrebt werden kann. Olga's Neigung entging ſeinem Blicke nicht, und er glaubte in ihr das Mittel zu erkennen, ſein Vaterland von dem Ungluck einer despotiſchen Re⸗ gierung zu retten, und ſeinen Durſt nach Thaten zu befriedigen. Umringt von Spaͤhern, umſchlichen von Argwohn und Verrath, bedurften die Prinzeſ⸗ ſin und er einer Vertrauten, und in Olga's Seele, die allem Wahn des Wunderglaubens ergeben war, ſtieg das Bild des raͤthſelhaften Kindes wieder auf, das ihr einſt Rettung fuͤr ſie und den Grafen in der Stunde der Gefahr verheißen hattez ſie er⸗ zählte dieſem jenen Vorfall, und da ihn eine Reiſe an den benachbarten Hof durch die Stadt fuͤhrte, in der Amala lebte, trug ſie ihm auf, ſich nach ihr und ihren Verhaͤltniſſen zu erkundigen, und ſie, wenn dieſe den Vorſchlag beguͤnſtigten, — Hofdame bei ihr zu werden. Der Graf fand Amala am Sterbebette ihres Vaters, deſſen Tod ſie zur huͤfloſen Waiſe machte. — 175 — In der Einfachheit ihres bisherigen kindlichen Le⸗ bens hatte ſie noch keinen Mangel, wie auch keine Beduͤrftigkeit empfunden, und dankbar zufrieden mit den leichten Gaben und den kleinen Freuden, die ihr der eng beſchraͤnkte Kreis ihrer umgebungen bot, glich ſie einer Knospe, der noch der Sonnenſtrahl, in dem ſie ſich zur Bluthe entfalten ſoll, nicht ge⸗ leuchtet hat, und keine Liebesneigung, keine hoͤhere Lebensanregung hatte ihrem jungen Gemuͤthe bis jetzt Freude oder Schmerz bereitet. Auch ihre Ge⸗ ſtalt war noch nicht völlig entwickelt; ihr freund⸗ liches Geſicht mit ſeinen ſanften Zuͤgen und ſeinem feinen Farbenwechſel hatte noch keinen beſtimmten Ausdruck, und nur aus ihren dunkeln Augen ſtrahlte die Tiefe der Schwaͤrmerei und der Liebe, die fur dieſe reiche, empfindungsvolle Seele das Element war, in dem allein ſie ſich entfalten konnte. Die Menſchen kannte ſie nicht; allein von dem Men⸗ ſchen trug ſie im Herzen ein Ideal, das ſie an fremde Tugend glauben und ihre eigene bewahren lehrte. Das Ahnungsvermoͤgen, das ihr als Kind eigen war, war vor dem geſunden, kräftigen Lebens⸗ gefuͤhl frohlich erbluͤhender Jugend verſchwunden; doch hatten ſich die Geſtalten der Fuͤrſtin und des — 6 — Grafen ihrer Phantaſie ſo tief eingedruͤckt, daß ſie ihr im Laufe der Jahre ſtets gegenwaͤrtig blieben, und ihr aus der Daͤmmerung der Ferne und der Zukunft winkten, als gehoͤre ſie zu ihnen, als ſei ihr Schickſal unwiderruflich an das ihrige geknuͤpft, und als ihr der Graf nun in der bangſten Schmer⸗ zensſtunde ihres bis jetzt ſo kindlich einfachen Da⸗ ſeins am Sterbebette ihres Vaters erſchien, und ſeine Worte ihrer Zukunft Geſtalt und Bedeutung gaben, da fuͤhlte ſie ſich plotzlich wie in eine neue Welt verſetzt, und nahm ſeinen Antrag als ein hoͤchſt willkommenes Gluͤck an. Ihrer Einwilligung verſichert, machte er ihren Vormund im Namen der Fuͤrſtin mit ihrer Ernennung zur Hofdame be⸗ kannt, und da ihn ſein Weg auf der Ruͤckreiſe wieder durch dieſe Stadt fuͤhrte, wurde beſchloſſen, daß Amala, von ihrer Kammerjungfer begleitet, die Reiſe zur fernen Reſidenz dann unter ſeinem Schutz und in ſeiner Begleitung machen ſolle. — 177 — Unglaublich ſchnell entwickelten ſich jetzt bei Amala, in dem Zeitraum weniger Wochen, Geiſt und Herz, und noch ein halbes Kind, als der Graf ſie im Sterbezimmer des Vaters wiederſah, vermochte dieſer das Bild, das ſich ihm von ihr in jener Stunde eingedruͤckt hatte, nicht wieder in der Jungfrau zu erkennen, die ihm bei ſeiner Ruͤckkehr entgegentrat. Ihr Weg fuͤhrte ſie in der ſchoͤn⸗ ſten Jahreszeit durch die bluͤhendſten Provinzen ihres gemeinſchaftlichen Vaterlandes, und wie ein frohlicher Fruͤhling voll Geſang und Bluͤthen prangte Amala ſelbſt in der Friſche ihrer Jugendlieblichkeit und dem Reiz einer zarten, in ihr mit einem ſinnvol⸗ len Verſtande vereinten Empfindung, von einzelnen geheimnißvoll durchbrechenden Strahlen erwachender Liebe durchleuchtet. Vieles von dem, was ſonſt nur Bildung und Kenntniſſe geben, war ihr eigen⸗ thuͤmlich, wie ein angebornes Talent, und es ent⸗ zuͤckte den Grafen, wie ſich ihr Geiſt in der Klar⸗ heit ſeiner Anſchauungen, und ihr Herz in der Reinheit kindlicher Unſchuld immer mehr vor ihm entfaltete und ſie ſelbſt ſich zuweilen uͤber die Of⸗ fenbarungen verwunderte, die ihr durch ihre eignen Worte wurden und die den Schleier lufteten, der — 178 — ihr die Geheimniſſe des Menſchenherzens und die Räthſel des Lebens bisher verborgen hatte. Es ſchien ihm zuweilen gefährlich, ſie die glatte Bahn, auf der ſie kuͤnftig wandeln ſollte, ungewarnt be⸗ treten zu laſſen; aber er war ſelbſt edel genug, um dem Adel des Gemuͤths zu vertrauen, den ſie in allen ihren Aeußerungen, wie in allem ihren Thun offenbarte, ihr Sinn erklaͤrte ſich ſtets ge⸗ recht und wahr fuͤr das Schoͤne und Gute, auch da, wo ihr Urtheil nicht zu richten vermochte, und er fuͤhlte, daß es der Zeit allein uͤberlaſſen bleiben mußte, ihre Ideen und Anſchauungen von der Welt und ihren kuͤnftigen Lebensverhältniſſen zu berich⸗ tigen. Umſpielte doch ihn ſelbſt, den Welterfahr⸗ nen und Klugen, ihre Naͤhe wie ein milderes, waͤr⸗ meres Element, als die Luft, in der er zu athmen gewohnt war, und ſo ließ er ſie ungeſtört, ſich ſelbſt gelobend, treu uͤber ſie zu wachen und ihr Beſchuͤtzer und Freund zu bleiben. Der Graf hatte ihr das Bild der Füͤrſtin, in dem vollen Glanz der Hoheit, der jugendlichen Ge⸗ muͤthern ſo ſehr imponirt, und obendrein auch noch in dem romantiſchen Zauber des Unglüͤcks, auf — 179 — einem Thron allein zu ſein, ſo tief, ſo gluhend an's Herz gedruͤckt, daß alle Regungen deſſelben ſich in unbedingter Treue und Hingebung der hohen Ge⸗ bieterin zugewandt hatten, und ihr Anblick voll⸗ endete dieſen Eindruck. Olga war vollkommen ſchoͤn, doch ehrfurchtgebietend, ſtolz und kalt in ihrer Erſcheinung; allein deſto unwiderſtehlicher wurde ſie, wenn dieſe ſtrengen Zuͤge von ſanften Regun⸗ gen milde erhellt wurden. Amala erinnerte ſie an ihre ſchoͤnere Jugend; ſie empfing ſie uͤberdies als eine Gabe aus des Grafen Hand, ſie ſah in ihr ein brauchbares Werkzeug fuͤr ihre Plane, und die Ruͤhrung, mit der Amala vor ihr niederknieend die ſchöne, ihr zum Empfang gereichte Hand an ihre Lippen druͤckte, während ihre Augen ſich mit Thrä⸗ nen fuͤllten, that dem Herzen der Fuͤrſtin menſch⸗ lich wohl, und ſie nahm ſie huldvoll auf. Doch noch gnaͤdiger wurde Amala von der alten Monar⸗ chin empfangen, die, von Natur liebreich und gtig, ſich des Anblicks und der jugendlichen Schuͤchternheit des reizenden Kindes erfreute. „Der ſieht man es an,“ ſagte ſie zu der Oberhofmeiſterin, „aß ſie vom Baum der Erkenntniß des Guten und des Boͤſen noch nicht gekoſtet hat. Arme Kleine,“ fuhr ſie fort, — 180 — „moͤge Dir das Schickſal keine zu harte Lebensſchule beſtimmt haben!“ Amala fand ſich leicht in ihre neuen Verhält⸗ niſſe, und ahnete nicht, daß es die innige Hinnei⸗ gung ihres Herzens zu dem Grafen war, die ſie ſo ſchnell mit ihnen befreundete. In der ſtillen Wonne ihrer jugendlichen Träume verſenkt, blieb ſie unangefochten von Allem, was auf ſie ſtorend und verletzend hätte einwirken können. Es iſt ja auch das himmliſche Vorrecht der Liebe, daß ſie den Glanz eines ſchöneren Daſeins auf die Duͤrftigkeit der Wirklichkeit zuruͤckwirft, und es iſt keine Täu⸗ ſchung, wenn dieſe, von ihrem Zauber angeſtrahlt, uns reicher und edler erſcheint; denn die Liebe weckt in uns den Sinn, das Ewigſchoͤne mit der Huͤlle des Vergaͤnglichen zu empfinden und zu erkennen. Ja, es bedarf nicht einmal der vollen Offenbarung ihrer Kraft und Herrlichkeit, um dieſe ſchöne Faͤhig⸗ keit, dieſe Buͤrgſchaft der Unſterblichkeit, in uns zu entwickeln; ſchon die erſten heiligen Ahnungen — 181 — der Liebe uͤben, wenn ſie in unſerm Herzen er⸗ wachen, dieſe Gewalt uͤber das Leben und das Gemuͤth. Der Graf lernte im Umgange mit ihr immer mehr einſehen, wie zur reinen Auffaſſung des Gro⸗ ßen ein Kinderauge und ein Kinderherz gehoͤre. Ruhig ließ Amala die Erſcheinungen des Lebens vor ſich voruͤberziehen, ſie jung und einfältiglich, aber wahr und lebendig erfaſſend; die Weltgeſchichte war ihr ein Weltgericht, und in angeborner Kraft legte ſie in den Gang des Schickſals, wie ſich dieſes in der Entwickelung des Menſchengeſchlechtes offenbart, eine geheimnißvolle Hoheit; doch auch das Wirkliche, das rein und menſchlich Empfundene und Dargeſtellte war ihr lieb und verſtaͤndlich, wie der klare Strom den Wiederſchein des Himmels traͤgt, aber auch die Blumen und Gebuͤſche ſeiner ufer abſpiegelt. In Jahresfriſt war ſie, ohne doch um ſein Herzensverhältniß zur Fürſtin zu wiſſen, die Vertraute ſeiner Plane; ſie ſah in ihm nur den Mann, der fuͤr ſein Vaterland, fuͤr Freiheit und unſterblichen Ruhm, fuͤr Unſchuld und Schoöͤn⸗ heit dem Tode kuͤhn in's Auge ſchaute, entſchloſſen, fuͤr Alles Alles zu wagen, und alle Kraft ihrer — 4 — Seele flammte in Liebe und Begeiſterung auf bei dem Gedanken, ſich mit ihm zu gleicher Gefahr fur Leben und Tod verbunden zu fuͤhlen. — Die Fuͤrſtin ſtand zu hoch im Selbſtbewußt⸗ ſein ihrer Reize, ihrer Macht und ihrer Hoheit, um dem jungen Mädchen die Zuneigung des Gra⸗ fen zu beneiden, oder dieſe ſelbſt falſch zu deuten. Von einer mächtigen Leidenſchaft für ihn ergriffen, wuͤnſchte ſie jetzt nur den Thron zu beſteigen, um ihn mit dem Glanz der Herrſcherhoheit ſchmuͤcken zu können. Wenn die Liebe zu dem Grafen in Amala wie die beſeelende Lobenskraft ihrer edlen Natur freudig erbluͤhte, ſo hielt auch eben die Klar⸗ heit des Liebeäthers, in welchem ſie athmete, alle Unruhe der Eiferſucht und der Leidenſchaft von ihr entfernt; das heilige Dunkel ihrer Empfindung fuͤr ihn erhellte ſich ihr almaͤhlig, ſo wie ihr Geiſt ſich entfaltete und bildete, als der frei gewordene Grund⸗ trieb ihrer Natur, allein ihre Liebe blieb ruhig und anſpruchlos, da hingegen die Leidenſchaft der Fuͤr⸗ ſtin gluͤhend und ſiegfordernd in das aͤußere Leben einzutreten begehrte. Der Graf ſtand, wie ſo oft Männer im Leben, mit getheiltem Herzen zwiſchen Beiden, und hätte Keine von ihnen aufgeben moͤgen, — 183 — um die Andere deſto ſicherer zu gewinnen. Amala's ſtille, innige Liebe hatte einen ihn oft bis zur Ruͤhrung uͤberwältigenden Zauber fuͤr ihn; allein die Liebe der Fuͤrſtin verhieß ihm die Herrſchaft uͤber ein großes Reich, und die Erfuͤllung der kuͤhn⸗ ſten Lebenswuͤnſche; das Gluͤck, das ſie ihm bot, berauſchte ihn, und Schoͤnheit, Kraft und Welt⸗ verſtand mit Herrſchermajeſtaͤt verbunden, verherr⸗ lichten ſich ihm ſo in dem Bilde der Prinzeſſin, daß ſein Herz vor Verlangen brannte, ſie auf dem Throne zu ſehen. Jetzt wurde die Monarchin, die ſchon lange gekraͤnkelt hatte, ernſtlich und gefaͤhrlich krank; der Augenblick ihres Todes mußte fuͤr das Schickſal der Prinzeſſin der entſcheidende werden, da ſie der Verſtoßung gewiß ſein konnte, wenn es ihr nicht gelang, ihrem Gemahl zuvorzukommen, ihn zu ent⸗ fernen, und ſtatt ſeiner den Thron zu beſteigen. Alles war von dem Grafen und den Häuptern der Partei, an deren Spitze er ſtand, vorbereitet, Alles klug berechnet; eine dumpfe Stille lag uͤber Hof und Stadt; die Prinzeſſin durfte nicht von dem Lager der ſterbenden Monarchin weichen, von der ſie geliebt wurde, und die ſie nicht von ſich laſſen — 184 — wollte, und Amala war die Einzige, durch deren Vermittlung ſie in dieſen bangen Tagen Briefe mit dem Grafen wechſeln, und von ihm Nachrichten er⸗ halten konnte, da ihre Jugend und Unbefangenheit den Verdacht der Theilnahme an politiſchen Planen von ihr entfernte. Da vernichtete ein Zufall das ſchlau berechnete Werk mehrerer Jahre; der Kron⸗ prinz erhielt Beweiſe, daß ein geheimes Verſtaͤnd⸗ niß zwiſchen dem Grafen und ſeiner Gemahlin Statt fand; doch die Vermuthung, daß ihrem Briefwech⸗ ſel und den geheimen Zuſammenkuͤnften, die ſie ge⸗ habt hatten, ein politiſcher Plan zum Grunde liege, wurde aus Mangel von Beweiſen nicht zur Gewiß⸗ heit. Er eilte zur Regentin, bewies ihr, was be⸗ wieſen werden konnte, und drang auf Beſtrafung, die ſie nicht verweigern durfte. Der Graf wurde gefangen genommen, die Prinzeſſin erhielt vorlaͤufig Zimmerarreſt und keine ihrer Damen ward zu ihr gelaſſen. Amala war von dem Augenblicke an, wo ſie die Verhaftung ihrer Gebieterin und des Grafen erfuhr, auf blutige Entſcheidung gefaßt, und feſt entſchloſſen, mit ihnen zu ſterben, wenn ſie ſie nicht zu retten vermöge. Die Monarchin ließ ſie zu ſich — 185 — fordern, um ſie uͤber das Verhaͤltniß des Grafen zu der Prinzeſſin zu befragen, da es kein Geheim⸗ niß war, daß der Graf Amala vor allen andern Damen des Hofes ausgezeichnet hatte. Sie hatte einſt Leo's Vater geliebt; der Tod hatte ihn ihr geraubt, allein dem Grabe nahe, ſprach die Stim⸗ me des Herzens nur um ſo lauter fuͤr das Eben⸗ bild und den Sohn des Geliebten ihrer Jugend. Amala's Thränen, ihr Flehen, die Macht der Ver⸗ zweiflung und der Liebe in dem reinen, ſtarken Jugendherzen erſchuͤtterten die Monarchin vollends, als ſie zu ihren Fuͤßen niederſank und ſie beſchwor, dem Grafen ein Engel des Erbarmens und der Gnade zu werden. „Nein!“ ſagte die Monarchin, und hob das Auge gen Himmel, „kein Blut ſoll mehr fließen, ſo lange ich noch athme, und frei von allen den irdiſchen Ruͤckſichten, denen ich oft mein Gluͤck und meinen Frieden habe opfern muͤſſen, will ich wenigſtens ſterbend meinem Herzen folgen, und ſegnen ſtatt zu toͤdten.“ — Sie klingelte und be⸗ fahl dem Eintretenden zu dem Kronprinzen zu gehen und ihn zu bitten, gleich zu ihr zu kommen. „Und Du,“ ſagte ſie zu Amala, „bereite Dich auf eine Reiſe, wahrſcheinlich hörſt Du noch vor Abend das Weitere.“ Beim Einbruche der Nacht wurde Amala wie⸗ der auf geheimen Wegen zu der Monarchin gefuͤhrt. „Das Leben der Prinzeſſin und des Grafen,“ ſagte ſie ihr, „iſt dem Geſetz verfallen und fuͤr die Welt muͤſſen Beide aus der Zahl der Lebenden verſchwin⸗ den; allein ein Schwur des Kronprinzen ſichert mir das Leben der Prinzeſſin, und ſtatt des Gift⸗ bechers, der ihr beſtimmt war, wird ſie nur einen Schlaftrunk erhalten, ſtatt des Grabgewoͤlbes wird ſie die, fern im Meere, auf einer Felſeninſel ge⸗ legene Feſtung Z. empfangen. Als Staatsgefangene ſoll ſie dort jede Milderung ihres Ungluͤcks finden, die ich ihr noch zu gewaͤhren und zu ſichern ver⸗ mag.“ Bewegt hielt hier die Monarchin inne — „und der Graf?“ fragte Amala erblaſſend und ihr Geſicht tiefer auf die Fuͤße der Monarchin nie⸗ derneigend. „Ich ſchenke Dir ſein Leben, Mdchen; geh und loͤſe ſeine Feſſeln, aber auf öwig muß er das Reich meiden, wo ſein Haupt dem Schwert des Henkers verfallen iſt. Das Schiff iſt bereit, das Euch Beide unter fremdem Namen nach Amerika fuhren ſoll. Hier,“ fuhr ſie fort, und übergab Amala eine Brieftäſche, „„hier iſt Deine Ausſteuer, — — — — 187 — ſucht Euch jenſeits des Meeres ein neues Vaterland, und gedenkt meiner, wenn Ihr glucklich ſeid!“ — Wer vermag die ſtreitenden Gefuͤhle in Amala's Herzen zu ſchildern! Das Leben des Geliebten war gerettet, eine Verkuͤndigerin der goldenen Freiheit, war es ihr vergoͤnnt ſeine Feſſeln zu loͤſen — jenſeits der Meere winkte ihm ein neues Vaterland, und ſie, die, als ſie von der Monarchin zum erſten Mal das Geheimniß ihrer Liebe fuͤr ihn ausſprechen horte, es ſich auch zum erſten Mal geſtand, daß ſie ihn uͤber Alles liebte, und daß ſie ihr Leben an das ſeine gebunden fuͤhlte, durfte es nun fuͤr ihren Be⸗ ruf halten, fuͤr ihn zu leben! Der Wille der Mo⸗ narchin beſtimmte ſie zur Gefaͤhrtin ſeiner Flucht, zu ſeiner Gattin! — Aber ſie empfand auch in der Wonne dieſer Hoffnungen tief das dunkle Grau⸗ ſen in Olga's Schickſal, die mit der Krone Frei⸗ heit und Ehre verlor, und die es fuͤr eine Milde⸗ rung ihres Schickſals halten ſollte, lebend in das Grab eines Kerkers hinab zu ſteigen. Sie mußte einraͤumen, daß die Monarchin nicht mehr fur die Ungluͤckliche zu thun vermochte, und ein neuer Be⸗ weis, wie ſchwer dem brechenden Herzen am Rande des Grabes die Strenge wurde, war die Verguͤn⸗ ſtigung fur Amala, die Fürſtin ſehen und ſie mit dem Schickſal bekannt machen zu duͤrfen, das ihrer und des Grafen harrte. Tiefbewegt eilte ſie zu ihr; Olga's Muth war durch die Gefahr, die dem Ge⸗ liebten drohete, gebrochen; ihr eigenes Leben galt ihr nichts, aber ihn ſterben zu wiſſen, war mehr, als ſie zu ertragen vermochte „und Amala war ihr ein himmliſcher Bote der Gnade und der Rettung. Das Geſtaͤndniß ihrer Liebe flog uͤber Olga's Lip⸗ pen — ein dumpfer Schmerz betäubte Amala z das hatte ſie nicht zu hören erwartet, das hatte ihre fromme Seele nicht geahnet! — Großſinnig ergab ſich die Prinzeſſin in ihr eigenes Schickſal, deſſen Unabwendbarkeit ſie erkannte; ſie ſchrieb an die Monarchin, ihr zu danken, und als den letzten Wunſch noch die Bitte auszuſprechen, daß es Amala vergoͤnnt werden moge, ſie bis zu ihrem kuͤnftigen Aufenthalte zu begleiten. Die Monarchin geneh⸗ migte dies Geſuch und es nwurde beſtimmt, daß das Schiff, auf welches der Graf noch in dieſer Nacht gebracht werden ſollte, an den Kuͤſten jener Felſeninſel kreuzen ſolle, um dort Amala einzuneh⸗ men, wenn ſie die Fuͤrſtin bis an den Ort ihrer Beſtimmung begleitet habe. 80 — ——— — — Der Morgen begann ſchon zu daͤmmern, als Amala in den Kerker trat, um Leo's Feſſeln zu loͤſen. Ein Handbillet der Monarchin benachrich⸗ tigte ihn, daß er Amala's Flehen ſein Leben zu verdanken habe, und daß ſie dieſe ſeinem Schutz anvertraue, da ſie ſie nach ihrem Tode in ihren bis⸗ herigen Verhaͤltniſſen nicht fuͤr geſichett halten konne, weil man ſie als Vertraute zu wichtiger Geheimniſſe kenne. Mit ruͤhrender, faſt mutterlicher Guͤte nahm ſie Abſchied von ihm, und legte Amala's Schickſal an ſein Herz, indem ſie es als gewiß vorausſetzte, daß er ihr ſeine Hand reichen werde. Tief erſchuͤt⸗ tert ſah Leo den Ahnungstraum des Kindes ſich. verwirklichen, und Amala als Befreierin in ſeinen Kerker treten. — Er konnte ſie jetzt ſein nennen — ſie war ihm nie ſo theuer geweſen als in dieſem Augenblick — doch nicht blos ſeine Neigung, auch die Ehre band ihn an die Fuͤrſtin, und ſein unaus⸗ ſprechlicher Schmerz um ihr Schickſal drang Amala die Ueberzeugung auf, daß auch er dieſe liebe, wie er von ihr geliebt werde. — Ihr Entſchluß war gefaßt — ihn nur wollte ſie gluͤcklich wiſſen und fuͤr die Schwaͤrmerei ihrer Liebe und Treue gab es kein zu ſchweres Opfer. — Schweigend fuͤhrte ſie — 190 — den Grafen aus dem Kerker und begleitete ihn bis an das Schiff. Ehe er es beſtieg, zog er ſie an ſein Herz und nannte ſie ſeinen frommen, gelieb⸗ ten Engel, und ſchwur ſie gluͤcklich zu machen und ihr Liebe durch Liebe zu lohnen. — Still weinend ver⸗ gonnte ſie es ſich, eine Minute an ſeinem Herzen zu ruhen. „Leb' wohl,“ rief ſie dann, ſich von ihm wen⸗ dend, „Du ſollſt erfahren, daß ich zu lieben weiß!“ Jahre vergingen; Olga's Gemahl ſtarb und vor ſeinem Nachfolger erſchien der ehrwuͤrdige, alte Kanzler, um ihm das Daſein der todt geglaubten Fuͤrſtin Olga und ihre Gefangenſchaft in der fern gelegenen Felſenfeſte, als ein Staatsgeheimniß zu offenbaren, das ihm allein vielleicht nur noch unter allen Lebenden bekannt war, da Olga's Leichenbe⸗ gaͤngniß zur Zeit ihres vorgeblichen Todes öffentlich mit aller uͤblichen Feierlichkeit begangen worden war. Keiner der Bewohner des oden Eilandes wußte um den Aufenthalt der bei Nacht in die Feſtung ge⸗ brachten Gefangenen, deren wahrer Stand ſelbſt dem Befehlshaber derſelben ein Geheimniß war, wenn er gleich die Weiſung erhalten hatte, ihr ehr⸗ — 191 — furchtsvoll zu begegnen, und die Fuͤrſtin ſelbſt war durch einen furchtbaren Eid gebunden, nie ihren Namen und ihr Schickſal zu verrathen. Der neue Monarch glaubte ihr die Freiheit nicht zuruͤck geben zu duͤrfen, allein er beauftragte den Fanzler, zu ihr zu eilen und ihr jede Erleichterung anzubieten, die ihr Schickſal zu mildern vermoge. Wie groß war aber das Erſtaunen des Kanzlers, als er in der Gefangenen ſtatt Olga Amala erkannte, die er, der Vertraute der verſtorbenen Monarchin, jenſeits des Meeres in Amerika lebend und mit dem Gra⸗ fen verheirathet glaubte! — Amala hatte, wie ſchon erwaͤhnt, die durch Olga von der Monarchin er⸗ betene Erlaubniß erhalten, ihre Gebieterin bis zu dem Eiland zu begleiten, deſſen Felſenfeſte beſtimmt war, dieſer zum Grabe dunkler Vergeſſenheit zu werden; das Schiff, das dem Grafen und Amala zur Ueberfahrt nach Amerika dienen ſollte, lag bei jener Feſtung vor Anker, um die letztere aufzu⸗ nehmen, und darauf gruͤndete ſie den Plan, ſich fuͤr die Gefangene auszugeben. Er gelang, und waͤhrend Olga in Leo's Armen dem Gluͤck der Freiheit und der Liebe entgegen eilte, das ihr in dem fernen Welttheil erbluͤhete, ſtieg die achtzehn⸗ 192 jaͤhrige bluͤhende Amala fur ſie in den dunklen Ker⸗ ker hinab, der ſich uͤber ſie zum Grabe zu woͤlben beſtimmt war. Jahre vergingen; ant war in . einför⸗ migen Einſamkeit ihres Gefaͤngniſſes verbluͤht wie eine geknickte Lilie, da ſchlug ihre Erlöſungsſtunde. Tief ergriffen von der heiligen Treue, der ſie ſich zum Opfer gebracht hatte, eilte der Kanzler zu ſei⸗ nem Monarchen zuruͤck, und dieſer, deſſen Herz allen frommen, ſchoͤnen Regungen der Menſchlichkeit zugaͤnglich war, ſchenkte ihr die Freiheit wieder. Doch ſprach er den Wunſch aus, daß ſie, abge⸗ ſchieden von der Welt, noch einige Jahre in ſtiller Einſamkeit verleben moge, bis die Begebenheiten, deren Theilnehmerin und Vertraute ſie geweſen war, im Strome der Zeit und ihres raſchen Wechſels verjaͤhrt ſeien⸗ Amala fuhlte ſich, als ſie den Kerker verließ, durchaus und in jedem truͤben Sinn des Wortes verwaiſet im Leben und in der Welt, und doch hatte ihr ihr Schickſal eine Furchtſamkeit eingeflößt, — 193 — die ihr die Huͤlfsbeduͤrftigkeit eines Kindes gab. Der Kanzler, der im Begriffe ſtand, ſich, über⸗ haͤuft von Beweiſen der Gnade und des Vertrauens ſeines Monarchen, auf ſeine in einer der entlegen⸗ ſten Grenzprovinzen des Reichs gelegenen Guͤter zuruͤckzuzichen, bot ihr ſeine Hand an, die ſie, eine Epheuranke ohne Schutz und Stab, dankbar an⸗ nahm. Sie wurde dem edlen Greis eine ſorgſame, liebevolle Pflegerin und gehorſame, dankbare Toch⸗ ter; allein ihre Seele hätte, um ſie wieder mit dem Leben zu befreunden, der Flammenlaͤuterung einer Liebe bedurft, wie ſie ihre Verhältniſſe nicht zu erzeugen vermochten, da ſie mit allen Anſprchen und Beduͤrfniſſen ihres Herzens auf Ergebung und Verläugnung angewieſen blieb. Die Einſamkeit ihres laͤndlichen Lebens bewahrte ſie indeſſen vor aller Zwie⸗ tracht zwiſchen ihrer Neigung und ihrer Pflicht, und klaglos unterwarf ſie ſich dem Schickſal, vollends zu verbluͤhen, ohne je der Liebe und dem Gluͤck ge⸗ bluͤht zu haben. Tarnow's Schriften. II. 9 Nach einigen Jahren wurde Amala Witwe, und als ſie dem Monarchen den Tod ihres Gemahls meldete, forderte dieſer ſie in ſeiner Antwort zur Ruͤckkehr in die Reſidenz auf. Sie ſehnte ſich in die Welt zuruͤck, von der ihr nur jugendlich ſchöͤne Erinnerungen geblieben waren, und fuͤhlte ſich bei ihrer Ankunft in der Reſidenz durch die Veraͤnderung ihrer Verhältniſſe und ihrer bisheri⸗ gen Umgebungen innerlich wunderbar verjuͤngt. Das gebildete Leben der großen, vornehmen Geſellſchaf⸗ ten, die Achtung, mit der man ihr entgegen kam, der herrſchende Modeton, ſich, wenigſtens dem Scheine nach, fuͤr Kunſt und Literatur zu inter⸗ eſſiren, weckten in Amala manche eingeſchlummerte Seelenfähigkeit wieder auf, und die Jugendfriſche ihrer Anſichten, bei der Reife ihres Verſtandes und ihres Charakters, gab ihrer Unterhaltung einen ei⸗ genthuͤmlichen Reiz. Allein bei der Vergeiſtigung des Lebens, der frommen Wuͤrdigung des Schick⸗ ſals, der Unſchuld der Sitte und der zarten In⸗ nigkeit der Empfindung, die ihr ihr einſames Leben in jungfräulicher Schonheit erhalten hatte, mußte ſie bald in der großen Welt vermiſſen, was dieſe nun einmal nicht zu geben hat. Die — 195 — Ruhe, in deren Stille ſie bis jetzt, von ihrer Pflicht beſchirmt, freudenlos, aber friedlich gelebt hatte, vermochte ſie in ihren jetzigen Verhaltniſſen, wo ſo Manches ſie anzog, ohne ſie zu feſſeln, nicht zu bewahren; ihr Herz ſehnte ſich nach Liebe, und ihr Alter machte dieſe Sehnſucht zur Thor⸗ heir. Sie war verſtändig genug, den Contraſt zwiſchen ihren Empfindungen und ihren Jahren ein⸗ zuſehen; allein die Ueberzeugung, daß nur kalte, ſtrenge Vernunft ihre Fuhrerin und Gebieterin fuͤr's Leben ſein durfte, machte ſie ungluͤcklich. Sie fuhlte die Nothwendigkeit der weichen Sehnſucht, der ſchwermuthsvollen Wehmuth zu entfliehen, die ſich ihrer in einſamen Stunden bemachtigte, und doch wurde ihr mit jedem Tage das geſellige Le⸗ ben peinlicher, da ſie, trotz der aͤußerlichen ſichern Haltung, die ihr der Ernſt und der Gehalt ih⸗ res Charakters gab, doch unfühig war, ſich im Vollgefuhl ihrer Seslenſtärke ſelbſt zu genuͤgen, und jeden Zug, der bei den Menſchen, mit denen ſie lebte, Mangel an wahrer Empfindung, Entwuͤr⸗ digung der Liebe verrieth, ſchmerzlich und verletzend empfand. So ſehr ſie auch gegen ſich ſelbſt kaͤmpfte, wurde ihre Sehnſucht nach einem Weſen, 9* — 196 — dem ſie mit ruͤckhaltloſem Vertrauen ihr Herz und ihr Daſein unbedingt haͤtte uͤbergeben mögen, im⸗ mer mächtiger und kummervoller, und ſie empfand in unendlicher Kraͤnkung die Traurigkeit des Loo⸗ ſes, ſich unter vielen Menſchen lebend und umge⸗ ben von Bekannten, die ein Recht zu haben glau⸗ ben, ſich unſere Freunde zu nennen, in tiefſter Seele einſam und verlaſſen zu fuͤhlen. Die Liebe ſelbſt war ihr zu einem Traume geworden, weil das An⸗ denken des Grafen ihr Herz und ihr Leben nicht mehr auszufullen vermochte und mit dem Glauben an die Ewigkeit und Heiligkeit der Liebe verliert fur ein Herz, wie ſie es im Buſen trug, das Leben ſeine Bedeutung und ſeinen Reiz. Ernſt geſtimmt trat Amala eines Abends in eine Geſellſchaft, in der ſie das Geſprach unge⸗ wöhnlich belebt fand. Es drehte ſich um die An⸗ kunft des Grafen Marabelli, eines Fremden, der in der Reſidenz angekommen war, und denſelben Abend noch in der Geſellſchaft erwartet wurde. — 197 — Man erzählte ſich die wunderbarſten, abenteuerlichſten Sagen uͤber ihn, und ſchilderte ihn als einen Men⸗ ſchen, der, Allen furchtbar, als eine unheimliche Er⸗ ſcheinung von Allen gemieden werden wuͤrde, wenn man ſich nicht eben aus Furcht genothigt fuͤhlte, ſich artig und duldſam gegen ihn zu beweiſen. Amala fuͤhlte ſich, als Marabelli mitten in dieſem Geſpraͤch eintrat, ſonderbar von ſeinem Anblick er⸗ griffen. ie intereſſant dachte ſie, wuͤrde dies Geſicht ſein, wenn man nicht die Geſchichte eines wild bewegten Lebens darauf laͤſe, wenn die ſchonen, edlen Zuͤge unentſtellt von Hohn und Bitterkeit wären, und dies duͤſtre Auge klar und friedvoll blickte! — Der Graf bemachtigte ſich gleich der Unterhaltung; Alles, was er ſprach, zeugte von einem das Leben und die Welt ſcharf und hell auf⸗ faſſenden Geiſt, der aber mit der Ironie, als dem Gegenſatz aller Begeiſterung, ein bis zur Frechheit keckes Spiel trieb, und ſich in ſchroffer Kuͤhnheit erlaubte, Allen Alles zu ſagen; unverkennbar laſtete aber auf dieſer maͤchtigen Seele die finſtre Strenge innern Unfriedens und eines Grauſens, das, von jedem Reiz des Lebens feindlich ſich abwendend, nur im Bewußtſein der Kraft freiwillig alle Huld und — 198 — alle Schoͤnheit deſſelben zu zertreten, ſich wohl ge⸗ fiel. Der größte Theil der Anweſenden ergötzte ſich un dem kalten Wetterleuchten und dem ſpruͤ⸗ henden Racketenfeuer ſeines nichts verſchonenden und oft bis zur Bosheit ſich ſteigernden Witzes; Amala dagegen empfand ein ſie ſchmerzlich betruͤbendes Mitleid mit ihm; ſie hatte von der Natur ei⸗ nen wunderbaren Tiefblick der Empfindung fuͤr jede fremde Gemuthsſtimmung erhalten, und konnte da⸗ her auch in dieſer Stunde nur fuͤhlen, wie un⸗ glucklich man ſein muͤſſe, um ſo ſpotten zu kön⸗ nen. Marabelli erſchien ihr wie die von Neſſeln und Unkraut umrankte Ruine eines Goͤttertempels, deren zerſtorte Herrlichkeit die Seele des Wandrers mit der ſchwermuthsvollen Trauer uͤber die Ver⸗ gänglichkeit des Schönen hienieden fullt. Sie nahm wenig Antheil an dem Geſpräch, aber ihr Auge ruhte zuweilen auf ihm, wenn er ſprach, und als ſein Blick einmal dem ihrigen begegnete, faßte die⸗ ſer ſie ſo ſcharf und forſchend, daß ſie erroͤthend ihr Auge ſenkte und es nicht wieder zu erheben wagte. Von dieſem Augenblicke an wandte Ma⸗ rabelli das Geſpräch vorzugsweiſe an ſie, und es gelang ihm, ſie darein zu verflechten. — 199 — Als Amala am andern Morgen erwachte, war ihr, als habe ſich Alles um ſie her anders ge⸗ ſtaltet, und die bisherige oͤde Einförmigkeit ihres Lebens ſei von einem neuen erfriſchenden Reiz durchbluͤht. Sie fragte ſich ſelbſt, woher das Gefuͤhl in ihr ſo lobendig ſei, dieſer Tag muͤſſe und werde ſich von allen andern Tagen unter⸗ ſcheiden, allein ſie blieb ſich die Antwort ſchul⸗ dig. Freilich gedachte ſie des Grafen, doch die⸗ ſer hatte ſich ihr nicht beſonders vorſtellen laſſen, und noch weniger ſie um Erlaubniß gebeten, ſie beſuchen zu duͤrfen. Eigentlich konnte ſie gar nicht erwarten, ihn am heutigen Tage zu ſehen, und doch erröthete ſie nur vor Freude, nicht vor Ueber⸗ raſchung, als er ihr noch vor der gewohnlichen Beſuchsſtunde des Vormittags gemeldet wurde. Er trat mit der Sicherheit eines alten Bekannten ein, und die ſorgloſe Ungezwungenheit, mit der er ſie untethielt, als kenne er ſie ſeit Jahren, bannte auch bei ihr die Scheu des Fremdeſeins. Er buieb einige Stunden bei ihr, die Beiden ſchnell verflogen und als eine gleichgultige, ſich von ſelbſt vorſtehende Sache erwähnte er, daß er am Abend wieder kommen werde. Amala blieb bewegt zu⸗ — ruͤck. Er, der in jedem würdigen Streben, in iedem Aufſchwung ber Seele, in jeder Regung der Andacht und der Begeiſterung nur Trug und Schatten ſah, und das Geheimniß und die Deu⸗ tung des Lebens in den ſchauerlichſten Myſterien des Unglaubens und der Verzweiflung gefunden zu ha⸗ ben glaubte, erſchien ihr nur ungluͤcklich, nicht ſtrafbar, und ihre Phantaſie fand freien Spiel⸗ raum, ſich ihn in dem fuͤr weibliche Herzen fo gefährlichen Zauber tragiſcher Große zu idealiſiren. Auch trug Marabelli unverkennbar das Geprage ei⸗ nes außerordentlichen Menſchen, und man konnte ſich ihm gegenuber nicht des geheimnißvollen Ein⸗ druckes erwehren, den jede gewaltige Naturkraft auf uns macht. Am andern Morgen kam er noch fruher, als am erſten Tage, blieb bis zur Tiſchzeit, kam am Nachmittag wieder, begleitete Amala in die Geſellſchaft, in die ſie ging, und das Alles wurde von ihm als ſo unbedeutend, ſo gleichguͤltig behandelt, daß ſie ſich geſchämt haben wuͤrde, es bedeutend zu finden und ihn errathen zu laſſen, daß dieſe täglichen Beſuche und ſeine auffallende Vernachläſſigung jedes andern Umgangs von ihren Bekannten für Anzeichen eines innigern, — 201 — ſich zwiſchen ihnen begruͤndenden Vechaͤltniſſes ge⸗ halten wurden. Die entſebliche Angſt, daß er es als eine eitle Thorheit verlachen werde, wenn ſie ſeinem Wohlgefallen an ihrem Umgang eine ern⸗ ſtre, zaͤrtliche Bedeutung unterlege, verſtrickte ſie in Selbſttaͤuſchung und ſie muͤhete ſich um den Schein einer Unbefangenheit, die bei ſeinem Benehmen ge⸗ gen ſie und ihrer eignen Empfindung fuͤr ihn nicht in ihr ſein konnte. Auch wußte ſie ſeit ſeinem erſten Beſuch, daß er nur vierzehn Tage in der Reſidenz bleiben werde und ſeine Abreiſe mußte ia jedem Gerede von ſelbſt ein Ende machen und es widerlegen, warum ſollte ſie ſich nun die auf einen ſo kurzen Zeitraum zuſammengedrangte Freude davon verkuͤmmern, daß er ſo gern bei ihr war, und daß ſie augenſcheinlich die Macht uͤber ihn gewonnen hatte, ihn milder und heiterer zu ſtim⸗ men, als er es im Anfange ihrer Bekanntſchaft war. 8 Der Tag ſeiner Abreiſe kam. Ihr that es ſehr weh, ihn wieder in eine öbde, fuͤr ihn freu⸗ denloſe Welt hinausziehen zu ſehen, in der, ſei⸗ ner eignen Aeußerung nach, kein Menſch wohnte, deſſen Auge eine Thraͤne, deſſen Herz einen Seuf⸗ — 202 — zer fuͤr ihn bewahrt hatte, allein Marabelli's t. und Weiſe machten es faſt unmöglich, ihm die Theilnahme zu aͤußern, die man fuͤr ihn empfand. Er ſprach es oft aus, daß er nicht geliebt ſein wolle, daß alle Menſchenfreundſchaft ihm ein Grauel ſei, weil er zu gut wiſſe, daß die Beſſern ſich ſelbſt unwiſſentlich, die Andern wiſſentlich, etwas damit weiß machten, wenn ſie das hohle, erbärm⸗ * liche, menſchliche Leben mit den ſchoͤnen Wor⸗ tern: Treue, Liebe, Tugend, aufputzten, die Alle in ſich nichts mehr und nichts weniger als Luͤgen ſeien. Amala empfand tief, wie verletzend es fuͤr ein zartes Herz iſt, an Jemand Theil zu neh⸗ men, der fuͤr die Macht der Liebe, fuͤr ihren Troſt und ihre Erhebung todt, dieſe verſchmäht; ſie ver⸗ hehlte ihm daher auch die Betruͤbniß, die ſie bei dem Gedanken, ihn nie wiederzuſehen, empfand; aber es verletzte ſie, daß er am Abend des letz⸗ ten Tages, den er bei ihr zubrachte, ungewoͤhn⸗ lich luſtig und ſogar nach ſeiner Weiſe ſcherzhaft war, und ihr zum Abſchied die Hand ſo leicht⸗ hin kuͤßte, als komme er morgen wieder. Nicht ein Wort hatte er ihr geſagt, an das ſie eine troſtende Erinnerung, eine Hoffnung, daß er ihrer — 203 — „ eingedenk bleiben werde, knuͤpfen durfte. Fahre wohl, ſeufzte ſie leiſe, als die Thuͤre ſich hinter ihm ſchloß, fahre wohl, wilder, maͤchtiger Menſch, du wirſt meiner, aber ich nicht deiner vergeſſen! Freilich ſtuͤrmſt du wie ein reißender Bergſtrom durch das Leben, und ſpuͤlſt die Blumen deiner Ufer und dieſe ſelbſt mit dir fort — aber du eilſt doch auch dem Meere zu, in deſſen heiliger Stille einſt alle deine Wellen ſich ebnen werden. — Alles um ſie blieb nach ſeiner Abreiſe unver⸗ aͤndert, allein ſie empfand nun erſt ganz, wie reich er durch ſeine Gegenwart ihr Leben gemacht hatte. In einem Strahl der Liebe geſammelt, war ſie ſich erſt, als dieſer milde und wohlthuend in Ma⸗ rabelli's duͤſteres Gemuͤth fiel, des Reichthums des eignen Herzens wieder bewußt geworden. Nicht in ſeiner, nein in ihrer eignen Seele war ihr der Glaube an Liebe wieder erbluͤht; ſie rechnete nicht auf Gluͤck, ſie hoffte, ſie wuͤnſchte nichts, ſie liebte nur und war ſich wieder der Fähigkeit zu jedem Opfer, zu jeder edlen Geſinnung, jeder edlen That bewußt. Sie begriff auch, wie Marabelli's unge⸗ heure Kraft ſich in ſich ſelbſt freuden- und tha⸗ tenlos verzehren muͤſſe; weil ihr der Mittelpunkt — Einer Erkenntniß, Einer Liebe fehle — aber ſie fuhlte auch, daß er des ſchoͤnſten Glaubens und der ſchoͤnſten Liebe werth ſei, und ſagte ſich trö⸗ ſtend, alles Heilige ſei in ihm; nur habe er es nicht. Die Einſamkeit war jetzt fuͤr Amala Beduͤrf⸗ niß geworden, und ſie verließ die Stadt, um ein Landhaus zu beziehen, das ſie in der Naͤhe der⸗ ſelben gekauft hatte. Es war im Fruͤhling; die ganze Gegend ein Bluͤthenhain, durchſungen von Nachtigallchoͤren. Inniger denn je empfand Amala den Zauber der Ratur und der Jahreszeit — Al⸗ les um ſie her ſo wunderſchoͤn und ſie allein, ganz allein! Spaͤt Abends irrte ſie noch wehmuthsvoll im Garten umher; der Mond trat aus dem leich⸗ ten Silbergewoͤlk hervor, das ſeinen Aufgang ver⸗ ſchleiert hatte; die Gegend verklaͤrte ſich, als ſei es Freudenſchimmer, Wonneſchauer, was er auf ſie hingieße. — Amala hob mit unendlichem Schmerz ihre Hand empor zum Himmel, und ihr ganzes — 205 — vergangenes Leben drängte ſich in dem Gefuͤhl zu⸗ ſammen, daß er nie, nie eine Stunde des Gluͤ⸗ ckes fuͤr ſie erleuchtet habe, daß ſie, mit dieſer Empfaͤnglichkeit fur jede reine Seligkeit des Daſeins ſterben werde, ohne je Gluͤck gekannt, je Gluͤck em⸗ pfunden zu haben! — Plotzlich trat aus einer Beugung des Gan⸗ ges, in dem ſie wandelte, eine Geſtalt auf ſie zu, ſie erkannte Marabelli! Freudebebend mußte ſie ſich an einen Baum lehnen, um nicht zu ſinken. Er eilte auf ſie zu, kuͤßte ihr die Hand und ſagte in einem Ton, der ſcherzhaft ſein ſollte, deſſen Un⸗ ſicherheit aber ſeine Ruͤhrung verrieth: „Da haben Sie mich wieder. Sie ſind die geſcheidteſte und liebenswuͤrdigſte Frau, die ich kenne; ich ſchwatze mit keinem Menſchen ſo gern, als mit Ihnen, und da ich hier ſo gut als ſonſt irgendwo meinen Le⸗ vensfaden abhaspeln und auf die Menſchen ſchim⸗ pfen kann, fiel es mir plötzich ein, daß ich nichts Geſcheidteres thun koͤnne, als zu Ihnen zuruͤckzu⸗ kehren.“ Vor dieſen Worten verſchloß ſich Ama⸗ la's Herz; ſie errothete vor dem Gedanken, daß er den Eindruck ſeiner Wiedererſcheinung auf ſie vemerkt haben könne, und beſtrebte ſich⸗ ihrer Em⸗ — 206 — pfindung Herr zu werden, und ihn ruhig willkom⸗ men zu heißen. Aber doch behielt im Laufe dieſes Abends ihre Unterhaltung einen eigenthuͤmlichen, Amala ſtill begluͤckenden Zauber. Die Ruͤhrung, die Innigkeit ihrer beiderſeitigen Stimmung, die ihnen die Freude der Wiedervereinigung gab, brach unwillkurlich durch, und das Anziehende, das in der Nothwendigkeit ſich zu beobachten, die Bedeutung, die ſo reizend in einzelnen, wie verloren hingewor⸗ fenen Worten lag, gab der Unklarheit ihres Ver⸗ haͤltniſſes einen Reiz, der fuͤr Amala's Herz den Zauber des Gluͤckes hatte. Die Natur legte in das Frauenherz Gefuͤhle, deren Reichthum dies Erdenleben nicht zu erſchoͤpfen vermag, und die von den Mäͤnnern ſelten gewuͤr⸗ digt und noch ſeltener rein aufgefaßt werden; zu dieſen gehört die Fäͤhigkeit, ohne alle Hoffnungen auf Gluͤck, ohne alle Anſpruͤche und Forderun⸗ gen an das geliebte Weſen, nur um der Liebe willen zu lieben. Marabelli fuͤhlte, was Amala ihm war und ahnete, was er ihr galt, doch ſie war ihm zu theuer, um ſie ſich gewinnen zu wol⸗ len, wie er allein noch ein Weib ſich zueignen zu können glaubte. Unter ſeinen Tritten kederte, wie — 207 — er wußte, der Vulcan, der fruͤher oder ſpäter fuͤr jedes Weſen, das er an ſein Herz nahm, in Flam⸗ men hervordonnern und es unter ſeinem Lavaſtrom begraben werde. Dies Schickſal glaubte er Amala erſparen zu konnen; er war nicht großmüthig ge⸗ nug, ſie zu meiden; aber er umſtrickte ſein Be⸗ wuftſein mit ſelbſtgeſponnenen Tauſchungen und glaubte, ſie durch ſein bittres Verhoͤhnen der Liebe und aller ſanften Regungen des Gemuͤths gegen ihn, der ihr auch nie in Worten Liebe geſtand, nie ein Geſtandniß ihrer Liebe begehrte, ſchuͤtzen zu können. Er beachtete nicht, daß ein Herz, wie es in Amala's Buſen ſchlug, nie darauf ſinnt, ſich irgend einem Leiden um ſeiner Liebe willen entzie⸗ hen zu wollen, ſondern ſich dieſem um der Suͤßig⸗ keit des Bewußtſeins fuͤr Liebe und um Liebe zu leiden, gern hingibt und vom Schickſal nichts be⸗ gehrt, als daß es ihm vergoͤnnt werden möge, das dunkle Gramgewoͤlk, welches das Leben des Gelieb⸗ ten uͤberſchattet, durch den lichten Bogen unber⸗ gänglicher Treue erhellen zu duͤrfen. Amala war fähig, fur den Geliebten ſich ſelbſt unbedingt zu ver⸗ läugnen, da ſie ſogar die ſeltene Kraft beſaß, gegen ſeine oft herzloſe Bitterkeit, gegen ſeine Kaͤlte, gegen ſeine Rauheit, mild und treu und warm zu bleiben. Haͤtte Marabelli noch dem Gluͤck des Seelenfriedens wiedergewonnen werden koͤnnen, ſo haͤtte ſie ſeinen Lebenshaß und ſeine furchtbare, faſt teufliſche Men⸗ ſchenverachtung beſiegt; allein er gehoͤrte leider zu den Menſchen, die nur noch zerſtorend oder vergif⸗ tend auf das Herz einzuwirken vermoͤgen, das ſich ihnen ergibt. Je inniger Amala's Liebe für ihn wurde, je ſchmerzlicher empfand ſie den Eiſeshauch der Ver⸗ neinung, den er uͤber Alles verbreitete, was groß, was edel und ſchoͤn genannt werden kann, und der ſie um ſo tödtender traf, da ſie der innigſten Begei⸗ ſterung fuͤr die Ideale der ſittlichen Welt zu ihrem Leben, wie der Luft zum Athemholen bedurfte. Ma⸗ rabelli dagegen veiachtete die Menſchen und ſpottete trotzend der Vorſehung; Geiſt und Seele waren ihm nur Bluͤthen des materiellen Organismus, und die ſittliche Welt in ihren Idealen und Geſetzen ein Hirngeſpinſt eitler Träumer. Nie fuͤhlte ſich Amala durch eine ſeiner Aeußerungen erhoben, gekräftigt oder getroͤſtet; Alles, was er ſagte, that wehe, es quälte und zerriß, und doch erwachte nie in ihr der Gedanke, ihn aufzugeben. Sie trauerte um ihn, — 209 — wie hienieden um nichts Vergängliches getrauert wer⸗ den kann; allein ſie erkannte auch in immer feſtrer Treue und Hingebung, daß es eine hohe Kraft der Liebe war, die ſich in ihm als Haß und Zerſtö⸗ rungswuth offenbarte. Auf einzelne Minuten brach auch durch die Nacht, die auf ſeiner Seele lag, Amala's Liebe in ihrem edlen Ernſt und ihrer frommen Glaubensfreu⸗ digkeit, wie ein Mondſtrahl durch duͤſtres Gewitter⸗ gewölk; aber gerade in dieſen mildern Stunden, wenn er ſie in der kindlichen Zutraulichkeit ihrer Seele zur Innigkeit aufgeſchmeichelt hatte, und ihr ganzes Herz nun Friede, Liebe und unſchuldsvolle Heiterkeit war, dann kam gewohnlich ſein boſer Geiſt uber ihn, und er ſchreckte ſie mit aller Furcht⸗ barkeit ſeiner Verzweiflung und Verſtockung wieder auf aus ihrer Ruhe, und die Harmloſigkeit ihres Herzens und ihres Glaubens verhöhnend, riß er ſie auf den ſtuͤrmiſchen Wellen ſeines Zweifels, ſeines Hohnes und ſeiner Vorwürfe hin, bis ſie in Thra⸗ nen und banger Muthloſigkeit verſtummte, oder kor⸗ perlich bis zur Ohnmacht erſchoͤpft, in geiſtiger, fie⸗ berhafter Anſpannung kraftlos zuſammenſank. Sah er ſie nun aber in ſolchem Zuſtande, dann wuͤthete er — 210 — gegen ſich ſelbſt, und klagte ſich vor ihr ſo furchtbar und ſchauerlich an, daß ſie, des eignen Schmerzes vergeſſend, ſich wiederfand in dem Beſtreben, ihn zu beſaͤnftigen, und auf ſich zuͤrnte, daß ſie ein ſolches Kind geweſen ſei, ſich durch ſeine Redensarten ſchre⸗ cken zu laſſen, und ihm durch ihre Angſt Aerger⸗ niß zu bereiten. Amala glaubte ſich nicht von ihm geliebt, und war frei von jedem Anſpruch, es ſein zu wollen; aber daß ſie bei aller ihrer Liebe fuͤr ihn nichts, durchaus nichts fuͤr ihn zu thun vermochte, daß alle Kraft der Liebe in ihrem Herzen machtlos wurde an dem ſeinen, fuͤhlte ſie als das ſchmerz⸗ lichſte Ungluͤck, das ſie zu treffen vermochte. Wenn ſie oft nach einer ſchlafloſen, ohne Klagen ſtill im Gebet fuͤr ihn verweinten Nacht am Morgen aus kurzem Schlummer erwachte, nichts empfand, als die Sehnſucht, ihn wieder zu ſehen, dann wurde jeder Herzenschlag in ihrer Bruſt zum Geluͤbde, ihm die Kränkung des Gedankens zu ecſparen, daß er auf ihr Schickſal beträbend eingewirkt habe. Sie liebte ihn unendlich, unbeſchreiblich; ſie haͤtte, wie eine Blume nur ihm duften und von ihm gebrochen, an ſeinem Herzen welken moͤgen. — 211 — Die ununterbrochene Spannung, in der Amala lebte, griff aber ihre Lebenskraft an, und ſie begann ſichtlich hinzuwelken. Ein ſchleichendes Fieber zehrte ſie auf, und die erhöhete Reizbarkeit und Lebendig⸗ keit, die es ihr gab, konnte Marabelli nicht taͤu⸗ ſchen, er vermochte ſich nicht gegen die Gefahr zu verblinden, in der ſie ſchwebte und fuͤhlte, daß ihm nur die Wahl bliebe, ſie zu verlaſſen, oder ſie lang⸗ ſam hinſterben zu ſechen. Er wählte das Erſtere; da er aber glaubte, ſie werde die Trennung von ihm leichter uͤberwinden, wenn er ſie, ohne muͤnd⸗ uich von ihr Abſchied zu nehmen, verlaſſe, ſo traf er alle Anſtalten zu ſeiner Einſchiffung, und beſchloß ihr ſchriftlich zu ſagen, warum er ſcheide. Vergeb⸗ lich aber glaubte er ſeiner eignen Empfindung unbe⸗ dingt Herr bleiben zu können. Wenn er auch Amala vielleicht nicht liebte, ſo fuͤhlte er ſich doch von ihr verſtanden, wie er nie verſtanden worden war, und die von ihm tief empfundene Wahrheit ihrer Theilnahme an ihm, ihr Errathen ſeiner In⸗ dividualität, ihre Fähigkeit, aus den Truͤmmern ſei⸗ nes Weſens die urſprungliche Geſtalt deſſelben zu erkennen, zogen ihn mächtig zu ihr hin. Er wollte ſie verlaſſen, aber nun ſollten auch nicht Länder, nein Welttheile ihn von ihr trennen, und menſchen⸗ leere Wuͤſten wollte er durchſtreifen, wenn er ſie nicht mehr ſehen konnte. Unwillkuͤrlich aber verſchob er ſeine Abreiſe von einer Woche zur andern; end⸗ lich aber war Alles dazu bereitet, er eilte zu Amala, um ſie zum letzten Mal zu ſehen. Sie lag bleich, aber heiter laͤchelnd auf dem Sopha, als er eintrat, und kam ihm mit der Verſicherung entgegen, daß ſie ſich heut ungewoͤhnlich wohl fuͤhle, und ſich ſehr auf ſeinen Beſuch gefreut habe. Erſchuͤttert ſetzte er ſich neben ihr nieder, und der Gedanke durchzuckte ihn, wie die Wolke ſchon ſo nahe uͤber ihrem Haupte ſchwebe, aus der, von ihr ungeahnet, der Blitz⸗ ſtrahl ſie treffen werde, wenn ſie am Morgen ſeine Abreiſe erfahren werde. Furchtbar war der Kampf in ſeiner Seele; er haͤtte ſich bis zur Vernichtung verſenken mögen in ihrem Anſchaun, ihrem Lächeln und dem Blick der Liebe, mit dem ihr Auge auf ihm ruhete — plotzlich wurde ihm, als ſchieße eine Schlange nach ſeinem Herzen, und umſchlinge es druͤckend — der Arm, den er ausgeſtreckt hatte, Amala's Hand zu faſſen, erſtarrte, das halb aus⸗ geſprochene Wort verſtummte — unbeweglich, wie gläſern blieb ſein Auge auf ſie geheftet. — In ei⸗ — 213 — ner Stunde vertraulicher Mittheilung hatte er einſt Amalo'n entdeckt, daß er in den Erſchuͤtterungen ge⸗ waltſamen Soelenkampfes zuweilen vom Startkrampf ergriffen worden ſei; daß aber nur eine furchtbare Erſchuͤtterung ihn bis zu dieſem Grade zu uͤberwäl⸗ tigen vermöge, und er ſich auch gegen jede Ruͤck⸗ kehr dieſes Anfalls geſichert glaube, weil die Kraft der Leidenſchaft in ihm ertodtet ſei, die allein dieſen herbeizuführen vermoͤgen wuͤrde. Amala's Angſt war unausſprechlich, doch nur füͤr ihn beſorgt, kam ihr kein Gedanke, ihn zu ver⸗ laſſen, und noch viel weniger, ihn den Blicken ei⸗ nes Dritten in dieſem Zuſtande preis geben zu wol⸗ len, der den Anſchauer deſſelben, im Graus des Entſetzens bis an die Grenze des Wahnſinns zu fuͤh⸗ ren vermag. Dies verſteinerte Leben, dies Abbild des Todes, ohne den verhuͤllenden Schleier des Schla⸗ fes und der Ruhe, iſt vielleicht das Furchtbarſte, was hienieden an einer geliebten Geſtalt erſchaut werden kann. Amala ſank unwillkuͤrlich vor Marabelli nieder, und ohne zu ahnen, daß er in dieſem Erſtarren das Bewußtſein des eignen Zuſtandes, und die Fähigkeit zu ſehen und zu hoͤren bewahre, rang ſich aus ih⸗ rem Herzen in Schmerzenslauten das Geſtaͤndniß ih⸗ — e — rer Liebe hervor. „O warum!“ rief ſie weinend, „kann ich nicht alle Deine Schmerzen zu meinen machen! warum Dich nicht mit meinen Thränen rein waſchen von jeder Erinnerung, die Deinen Frieden ſtört! warum nicht fuͤr Dich ſterben, wenn es Dich nicht zu begluͤcken vermag, daß ich nur fuͤr Dich lebe! Welches neue Schrecken iſt denn mit dieſer uͤberwal⸗ tigenden Macht in Dein Leben getreten? welches neue Entſetzen lauſcht hinter dem Graus dieſer Stunde? — O Vater im Himmel, kann ich die Schauder deſ⸗ ſelben nicht fuͤr ihn mildern, ſo laß mich wenigſtens fuͤr ihn buͤßen — gib mir ſeine Thränen, gib mir ſeine Qual — Vater, gib mir ſeine Suͤnde, laß mich, o laß mich fuͤr ihn bluten und ſterben!“ — Hier wand ſich ein Seufzerhauch aus Mara⸗ belli's Bruſt hervor. Amala ſprang auf, und ihn ſanft umfaſſend und ſein Haupt an ihre Bruſt, leh⸗ nend, ſah ſie ihn langſam in das Leben zuruͤckkehren. Todesmatt und doch innerlich gewaltſam bewegt, zog er ſie an ſein Herz, „weißt Du,“ fragte er dumpf, „daß ich Dich verlaſſe, daß das Schiff, auf dem ich Dir entfliehe, heut Abend noch die Anker lich⸗ tet?“ — „Grauſamer!“ rief Amala. — „Und kann ich Dich denn anders vor mir und dem Fluche — 215 — meines Schickſals ſchutzen,“ rief er verzweifelnd aus, „bleibt mir eine andere Wahl, als Dich zu fliehen, oder Dich zu morden? Weißt Du, wen Du liebſt? weißt Du, welche Furien mich verfolgen?“ — „Mein,“ ſagte Amala, „aber ich liebe Dich, und die Liebe iſt mächtiger als Haß und Fluch, ſie gibt mir die Kraft, mit dieſen um Dich zu ringen.“ — „Armes Kind!“ rief er hohnend aus, „was follte aus Dir im Kampf mit dem Rieſen meines Schickſals wer⸗ den? laube mir, es gibt fuͤr Dich keine Rettung, wenn ich länger in Deiner Naͤhe weile, und Dein Untergang laſtet dann wie ein neuer Fluch auf mei⸗ ner ſchuldbeladenen Seele. Doch Du ſollſt, ehe ich ſcheide, erfahren, was ich noch nimmer zu erzählen vermochte — laß uns aber in's Freie gehen, mir iſt, als muͤßten mich die Wände dieſes Gemachs erdruͤcken.“ Es war ein ſchwüler Sommerabend, kein Luͤft⸗ chen rührte ſich, kein Vogel ſang, ſchwer ruhte in Weſten ein Gewitter, das ſeine ſchwarzen Wolken⸗ berge immer drohender vor der ſinkenden Sonne auf⸗ thuͤrmte und nicht Labung, ſondern Verderben zu verkuͤnden ſchien. Amala folgte bebend dem Grafen, der ſelbſt noch bis zum Schwanken ermattet, ſie ſtumm zu einem Felſenſitz fuͤhrte, welcher hoch auf — 216 — einer weit ins Meer hineingehenden Klippe gegruͤn⸗ det, den Blick auf dieſes frei ließ. „Mein Vater,“ hob Marabelli düſter an, „war ein ernſter und ſtrenger, aber durchaus rechtlicher Mann, meine Mutter ein Engel an Schoͤnheit und Holdſeligkeit; ich wurde als das einzige Kind von Beiden geliebt, aber die Natur hatte in mein Ge⸗ muͤth Diſſonanzen gelegt, die Beide nicht verſtanden, und daher auch nicht aufzulöſen und mich in den ſturmiſchen Ausbruͤchen ungeſtuͤm lodernden Jugend⸗ feuers zu zugeln vermochten. Der Vater, im Un⸗ frieden mit ſeiner Zeit und der Mitwelt, ſah in der Keckheit meines Geiſtes und in meinem Eigenſinn nur eine Aeußerung des revolutionairen Princips, das er in jenen Beiden als vorherrſchend haßte, und hielt Zwang und Strenge fur die zweckmaͤßigſten Zucht⸗ mittel, mich kirre zu machen; mich aber emporten und verhaͤrteten ſie; ſie entfremdeten mich dem väter⸗ lichen Herzen, und im ſtummen, aber bittern Un⸗ muth ſtand ich trotzig dem Vater gegenuͤber; mit unendlicher Leidenſchaft hing ich dagegen der Mutter an; ſie war die Einzige, die ſich gegen mich Unbaͤn⸗ digen freundlich und liebevoll erwies; ich bedurfte aber Liebe, mein innerſtes Weſen war Gluth der Liebe, — 217 — ſo wurde ſie der einzige Abgott meiner Seele. Mein Vater verbannte mich endlich aus ſeinem Hauſe; ich legte mir das Geluͤbde ab, ſeine Achtung erzwingen zu wollen, und geſpornt von dieſem Eifer, gelockt vom Durſt nach Ruhm, gekräftigt durch geiſtige und körperliche Lebensfulle, weihete ich mich der Erlernung der Wiſſenſchaften. Vielfach und allergreifend arbei⸗ tete mein Geiſt auf Univerſitäten und Reiſen faſt ein Jahrzehend fort, und es gelang mir, ein Menge gelehrter Kenntniſſe einzuſammeln; allein im Verlauf dieſer Zeit ſtarb ich auch dem friſchen, geſunden Ge⸗ fuͤhl, das der Jugend eigen iſt, ab: die Liebe zur Kunſt und Wiſſenſchaft war mit der Freude am Le⸗ ben in mir vergluͤht; ich fuͤhlte mich uͤberſättigt, ohne je befriedigt worden zu ſein, und ein mir an⸗ geborner Abſcheu vor der Nichtigkeit des Lebens und der Arinſeligkeit alles menſchlichen Thuns fing an, wie ein ſchleichendes Gift das Mark meines Da⸗ ſeins zu verzehren. Mir war, je tiefer ich mich in das ſturzte, was die Menſchen Lebensluſt nennen, und je mehr ich mich in ihre Geſchäftigkeit verflech⸗ ten ließ, als ſei ich von Nachtwandlern umgeben, und mit immer entſetzlicher werdendem Schauder faßte mich der Gedanke, daß ich ihnen gleich ſei, und daß Tarnow's Schriften II. 10 — 218 — es fuͤr mich wie fuͤr Alle ein weckendes Wort gebe, vor dem die ganze Luͤge des Lebens in ein hohles Nichts zuſammen fallen muͤſſe, wenn es ausgeſpro⸗ chen werde. Dieſe innerliche Angſt, dieſe finſtere, hoffnungsloſe Qual machte mir jedes ruhige buͤrger⸗ liche Verhältniß zum dumpfen Lebenskerker; ich zog in den Krieg und kaͤmpfte als Freiwilliger im ruſſi⸗ ſchen Heer einen Feldzug gegen die Tuͤrken mit. Das achtloſe Einſetzen des Lebens, das mein neuer Stand von mir forderte, that mir wohl; die kraͤftige Be⸗ weglichkeit des Krieges zerſtreute mich, aber retten konnte es mich nicht vor der immer heller in mir werdenden Erkenntniß, daß Alles, was edel und gut genannt zu werden verdient, von dem Schickſal, das uͤber die Menſchen waltet, zum Untergang beſtimmt iſt, und eigentlich nur das Laſter im Menſchenherzen und im Menſchenleben gedeiht und die Verzweifelung ſolcher Erkenntniß machte mich immer wilder und verworrener. Da fiel ein lichter Strahl in mein Leben! — ich hatte noch nie wahrhaft geliebt, ich ſah Pauline, die Gattin eines polniſchen Fuͤrſten, und alle Angſt meines bisherigen Lebens ſchien wie ein böſer Traum von mir weichen zu wollen. Einer meiner Cameraden, dem ich einſt das Leben mit Ge⸗ — 21¹9 — fahr des eigenen gerettet hatte, der mir durch Alles, was Menſchen heilig nennen, zur Treue im Leben und im Tode verbruͤdert war, war mein Vertrauter, und dann, von Paulinens Gatten durch Geld er⸗ kauft, mein Verräther. Flucht blieb nun unſer ein⸗ ziges Rettungsmittel; ſie gelang, nachdem ich an dem Elenden blutige Rache genommen hatte, allein jetzt im Beſitz eines von mir angebeteten Weibes, faßte mich die Nemeſis: zu wild hatte ich das Leben durchſtuͤrmt, zu unbändig alles Maß uͤberſchritten, als daß ich die Fähigkeit hätte bewahren koͤnnen, ein zartes, gefuͤhlvolles Weib zu begluͤcken. Ich riß Pauline in den verheerenden Strom meiner Leidenſchaft hinein — ſie ging darin unter und be⸗ ſiegelte mit ihrem Tode den Bund unſerer Herzen. Taub habe ich mich gehorcht an ihrem letzten Seuf⸗ zer, mich dumpf und ſtumpf gedacht an dem Gedan⸗ ken, daß dies liebeſtrahlende Auge ſich auf ewig ge⸗ ſchloſſen habe, daß ſie ein Raub der Verweſung, den Elementen zuruͤckgegeben war, die den Stoff zu ihrer Erſcheinung gegeben hatten; allein die Zeit, die all⸗ mächtige, baͤndigte endlich auch in mir die Wuth meines Schmerzes. Ich durchſtreifte ferne Welttheile, um mir Vergeſſenheit zu erjagen; da traf mich, als ich in Amerika war, die Nachricht von dem Tode meines Vaters. Ich hatte ihn mehr und mehr ach⸗ ten und erkennen gelernt, und empfand tief den Schmerz, daß er unverſoͤhnt und unzufrieden mit mir in's Grab geſunken war. Machtig zog es mich nach Europa, zu der Mutter zuruͤck, die immer das Ideal meines Herzens, meine heiligſte und tiefſte Liebe geblieben war. Ein Jahr nach dem Tode mei⸗ nes Vaters kam ich auf unſerm Stammſchloß an, das meine Mutter noch bewohnte, und fand ſie mit einem Menſchen verheirathet, den ich fruher als den Diener meines Vaters gekannt, und ſtots wegen ſei⸗ nes feilen, unwuͤrdigen Charakters verachtet hatte, Ihr Gefuhl bei meinem Anblick war auch Schrecken und nicht Freude; vergeblich beſtrebte ich mich, mei⸗ ner Empoͤrung Herr zu werden, es war mir unmoͤg⸗ lich, ihr dieſe Verbindung zu verzeihenz ich durfte nicht haſſen, nicht ſtrafen, konnte nicht achten, mußte aber noch lieben, mit unſaͤglicher Qual die gefallene entadelte Mutter lieben. Unſer Zuſammenſein war peinlich; meine Naͤhe ſchien ſie wie ein Verbrechen zu druͤcken; ich glaubte, ſie ſchäme ſich vor dem Sohne ihrer Erniedrigung, und um ſie zu ſchonen, entfernte ich mich, ſobald meine Geſchäfte nur eini⸗ — 221 — germaßen geordnet waren, und ſtreifte zwecklos im Vaterlande umher. Auf einer dieſer Wanderungen traf ich ſpät Abends im Gaſthof eines kleinen Städt⸗ chens ein; ich trat in das Gaſtzimmer, wo mehrere Maͤnner um eine Punſchbowle verſammelt ſaßen, deren Geſpräch meine Aufmerkſamkeit erregte; es betraf vaterlaͤndiſche Angelegenheiten, und bald hoͤrte ich den Namen meines verſtorbenen Vaters nennen, der fuͤr das Land viel gethan, viel Gutes gewirkt hatte, und deſſen Andenken von den Bewohnern deſ⸗ ſelben in Ehren und Segen gehalten wurde. „Und ein ſolcher Mann!“ rief einer der Anweſenden, „mußte das Opfer einer holliſchen Buͤberei werden, ſein edles Leben durch Meuchelmord verkuͤrzt werden, ohne daß er einen Anklaͤger und Raͤcher findet!“ — Das Ent⸗ ſetzen der Hoͤlle ſchlich ſich, als ich dieſe Worte hoͤrte, todeskalt durch meine Adern. Alle bisherigen un⸗ heimlichen Ahnungen meines Herzens wurden mir klar. Die Einſamkeit, in der meine Mutter „ge⸗ ſchieden von allen ihren ehemaligen Bekannten und Freunden, lebte, ihr Erbleichen bei meinem Anblick, ihre Furcht vor jeder einſamen Unterhaltung mit mir, ihr Ausweichen, wenn ich nach Kunde von den letz⸗ ten Lebenstagen meines Vaters forſchte — Alles wurde mir klar! Ich hoͤrte nun im Fortgang des Geſprächs, wie im Publicum kein Zweifel daruͤber Statt finde, daß das Leben meines Vaters gewalt⸗ ſam durch die Hand des jetzigen Gatten meiner Mut⸗ ter verkurzt worden ſei. Ueberfuhrt von ihrer Treu⸗ loſigkeit ſtand er im Begriff, ſich von ihr zu tren⸗ nen, als er ploͤtzich auf eine Weiſe ſtarb, die den Verdacht eines unnatuͤrlichen Todes weckte. Doch der Reichthum meiner Mutter, ihr Stand, ihre nahe Verwandtſchaft mit dem regierenden fuͤrſtlichen Hauſe hatten ſie gegen jede gerichtliche Unterſuchung geſchuͤtzt, wenn ſie gleich in der öffentlichen Meinung durch das Schandmal der Theilnahme an dem Ver⸗ brechen gebrandmarkt war.“ „Laß mich von den Stunden ſchweigen, die fuͤr mich dieſer Entdeckung folgten und von denen ich noch nicht faſſe, wie ſie mich nicht, durch die furcht⸗ bare Gewalt ihrer Schrecken, wahnſinnig gemacht haben. Ich flog nach dem Schloß meines Vaters zuruͤck; unerwartet trat ich vor das verbrecheriſche Paar; mit Rieſenkraft warf ich den Morder zu den Fuͤßen meiner Mutter nieder und erpreßte von ihm das Geſtändniß ſeines Frevels — ſie lag zu meinen Füßen, flehend um ſein Leben, um Gnade und Er⸗ ——— —.—— ——— —.—— — 223 — barmen fuͤr ſie und ihn — ich ſah den Schatten des Ermordeten, fuͤhlte nur, Blutrache ſei dem Sohne Pflicht, der gegen den Gemahl der Mutter das Geſetz nicht aufrufen durfte, ohne auch dieſe dem Henkerſchwert zu uͤberliefern — ſie ſah das Piſtol in meiner Hand, warf ſich der Muͤndung ent⸗ gegen, und die Kugel, die ihm das Gehirn zer⸗ ſchmettern ſollte, fuhr in ihre Bruſt. Ihr letztes Wort war Fluch uͤber mich.“ — Todtenbleich lehnte ſich Marabelli hier zuruͤck; der Abend war waͤhrend ſeiner Erzählung niederge⸗ ſunken, der ganze Himmel ſchwarz bezogen, loderte nur auf Secunden in ſich kreuzenden Blitzen auf — dumpf rollte der noch ferne Donner, der Sturm fuhr heulend durch die Wipfel der Bäume, und die emporten Meereswellen ſchlugen tobend an die Klip⸗ pen des Ufers. Amala umfaßte ſchweigend ihren ungluͤcklichen Freund. „Ein Schickſal, wie das mei⸗ nige,“ fuhr er nach langem Schweigen fort, „iſt nicht zu verſoͤhnen, und Frevel wäre es, die Kette nicht zu löſen, die Dich, den Engel, an den Gefallenen und Verfluchten, an den Muttermoͤrder bindet?“ „Nein,“ unterbrach ſie ihn, „mich ſcheidet nichts von Dir — ich habe Muth, mit der Hoͤlle ſelbſt um Dich zu kämpfen, Dein Schickſal zu thei⸗ len, welches es auch ſei. Willſt Du in menſchen⸗ leeren Wuͤſten leben, ſo ſind mir die Eisſteppen Sibiriens, der gluͤhende Sand Afrika's gleich will⸗ kommen — ich will nichts als Dich lieben, mit Dir trauern und mit Dir untergehn, wenn ich Dich nicht retten kann. Aber glaube mir, es gibt Einen Troſt, dem Deine Seele nicht ewig verſchloſſen blei⸗ ben wird — der Strahl des goͤttlichen Erbarmens wird Dich treffen, der Thau der goͤttlichen Gnade Dich erquicken — wenn meine Liebe, die Liebe des endlichen Herzens, ſchon ſtärker iſt, als Dein Schick⸗ ſal, o Geliebter, wie könnte dann die ewige Liebe ſich Dir unbezeugt laſſen? wie duͤrfte eine Seele wie die Deinige ihr verloren gehen? — Im Namen des Gottes des Friedens verheiße ich Dir Frieden, und daß Du nicht von hinnen ſcheiden wirſt, ohne die verſoͤhnende Wunderkraft des Glaubens und der Gnade empfunden zu haben!“ Sie war aufgeſtanden, und die eine Hand auf Marabelli's Schulter legend, hob ſie die andere be⸗ theuernd gen Himmel — er blickte zu ihr auf — heiliger Ernſt und erhabene Begeiſterung ſtrahlten aus ihren Blicken, ſeine Augen fullten ſich mit Thra⸗ „— —z—!—— „— —z—!—— 8 — 225 — nen! — er ſank vor ihr nieder, und ihre Hände an ſeine Augen druͤckend, fliſterte er leiſe: „Amala, ich kann wieder weinen!“ „Und mit dieſem Segen,“ fuhr er fort, „ent⸗ laß mich, Du Heilige — mein Herz bringe ich Dir zuruͤck, ſobald es den Frieden gewonnen hat, den Du ihm verheißeſt.“ Als Amala im Morgenroth wieder auf der Klippe ſtand, flog das Schiff, das ihn trug, ſchon am fernen Horizont dahin, und ihre Thraͤnen folg⸗ ten ihm nach. gwei Jahre nach Marabelli's Abreiſe erhielt Amala von einem aus Indien kommenden Schiffer eine goldene Kapſel und folgenden Brief: „In der Stunde, wo ich Dich verließ, ge⸗ lobte ich, Dir mein Herz zuruͤck zu bringen⸗ wenn es den Frieden gefunden habe, den Dein Gebet fuͤr mich erflehete, und wenn Du dieſes Blatt erbrichſt, iſt es nun in Deinen Haͤnden; es hat Ruhe gefunden und ſchlaͤgt nicht mehr. Erſchrick nicht vor dieſen Worten, freue Dich, daß mein Friedensengel zugleich mein Todes⸗ — 226 — engel war. Liebe! ich koͤnnte Dir viel ſagen von dem, was ich tief innerlich erlebt habe ſeit dieſer Trennung: allein die Minuten ſind mir nur noch ſparſam zugetheilt; denke Dir mich wie einen Elenden, der ſich nach hoffnungslo⸗ ſem Herumirren doch endlich ein Eiland der Ruhe erkaͤmpft hat, aber ein menſchenleeres. Das Meer bricht ſich tobend an ſeinen Kuͤſten, der Sturm durchheult es und kalte Schauder durchſchuͤtteln den Einſamen, dem es zur Ruhe⸗ ſtätte geworden iſt — und ferne, ſerne tief unten am Horizont, ihm unerreichbar und doch ſeiner Sehnſucht ſo nahe, dämmert das Land, wo ſeine Palmen gruͤnen, und troͤſtend kommt in ſeinen Träumen ein Engel zu ihm und ge⸗ leitet ihn hinübet, und er kann wiedet dieſen Engel lieben und vor ihm weinen.“ „Tief moͤchte ich es in Deine Seele druͤcken, was Du mir geworden biſt. Keins Deiner Worte, keiner Deiner ſonſt traurenden und doch ſo unendlich liebevollen, innig ſegnenden Blicke iſt mir verloren gegangen, ich trage ſie noch alle im Herzen und vertraue ſterbend dem Ur⸗ quell, aus dem die Liebe in Deine Seele ſich —— 1 * — ergoß. Ja, Du haſt mich geliebt; nicht mit jener Liebe, wie ſie auf Erden wohl zuweilen in heißer Gluth Herzen mit einander zu unend⸗ licher Wonne, zu unendlicher Qual verbindet, ſondern heilig, wie Engel ihre Schuͤtzlinge lie⸗ ben, haſt Du mich geliebt, und die Macht Deiner Liebe hat die Hoͤlle zu beſiegen vermocht, der ich zur Beute verfallen war. So ohne alle Selbſtſucht, ſo im Schmerz ſelig lächelnd, ſo tief, ſo heilig, nur um der Liebe willen, kann kein Weſen lieben, das der Vergänglichkeit zum Raub beſtimmt iſt. Du haſt mich geliebt, wie der Verſoͤhner die Menſchen — wie er fur Alle, ſo waͤrſt auch Du fuͤr mich geſtorben — wie er die Sünder, ſo haſt Du mich geliebt.“ „Und auch gerettet. Mein brechendes Auge hebt ſich zu Gott empor — ich glaube, liebe und vertraue.“ „Der Friede meines Todes bleibe der Se⸗ gen Deines Lebens! Leb' wohl fur dieſe Er⸗ dennacht — der Morgen tagt — leb' wohl!“ — 228 — Oft hatte Amala's Herz in den Stunden ſchmerz⸗ licher Trauer um Marabelli ihrem Geiſt eine Frage uͤber die Raͤthſel des Verhaͤngniſſes vorgelegt, auf die er ihr verſtummend die Antwort ſchuldig blieb; allein aus dem Heiligthume ihres Gemuͤths rang ſich in eigener Kraft der Glaube hervor, in deſſen Klar⸗ heit ſich alle Dunkelheiten unſerer Erdenſchickſale lö⸗ ſen. Ihre Liebe zu Marabelli wurde fuͤr ſie, was jede wahre Herzensliebe ſtets wird, eine Offenbarung der goͤttlichen Liebe, die ihr das Leben frei und den Tod ſchoͤn machte. Sie erkannte, daß nicht das Gluͤck des Beſitzes, ſondern die Liebe ſelbſt das hochſte Gut iſt, was hienieden erſtrebt werden kann. Der ſchönſte Inhalt unſers geiſtigen Lebens iſt auf Erden ſelten mehr als Traum und Ahnung, deren wir uns aber erfteuen ſollen, im Vorgefuͤhl der ewigen Er⸗ fuͤlung deſſen, was die Sehnſucht unſers Geiſtes und unſers Herzens uns verheißt. Marabelli's Tod heiligte und reinigte Amala's Herz — ihr Leben blieb dem Frieden geweiht, den wir gewinnen, wenn uns die Verwirrung des Lebens losläßt, und Alles das mild beſänftigend als hoͤhere Fuͤgung vor uns tritt, was uns als Zufall und Willkur tief verletzte. Die⸗ ſer Friede blieb das Gluͤck und der Lohn ihres Her⸗ zens, und gewährte ihr Troſt fuͤr das, was fuͤr ſie im Leben untergegungen war, um fuͤr ſie zur himm⸗ liſchen Hoffnung zu werden.