Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. 8 S . . 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent —— gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.— auf 1 Monat: 1 M. — Pf. 1 Pf. 4 — 5. Auswärtige Abonnenten haben füt Hi ge und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S eel Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird . beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 5 je I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S Auswahl aus Funny Tarnow's Schriften. —— Erſter Band. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei Carl Focke in vñ̃ wnſchiren, und in allen Buchhandlungen zu haben: Neueſte geſammelte Erzählungen von Friederike Lohmann. 1. — 8. Band. Sauber brochirt. Preis 10 Thlr. oder 18 Fl. rhein. 1 Durch die einfach⸗ſchoͤne Weiſe, mit der die Verfaſſerin zu erzaͤhlen weiß, iſt ſie eine Lieblings⸗ ſchriftſtellerin des gebildeten Publicums geworden, welchem dieſe Sammlung, in einem anſtaͤndigen Gewande, hier uͤbergeben und gewiß ſehr willkom⸗ men ſein wird. Herbſtbluͤthen, eine Sammlung Novellen und Erzaͤhlungen von A. von Tromlit. 2 Bände. Sauber brochirt. Preis 3 Thlr. oder 5 Fl. 24 Kr. rhein. Der Verfaſſer iſt der gebildeten Leſewelt zu be⸗ kannt, als daß es noͤthig waͤre, etwas zur Empfeh⸗ lung dieſer geſammelten Erzählungen zu ſagen. — Die äußere Ausſtattung entſpricht dem innern Werthe derſelben! S 3 — A uswahl * a us Fanny Tarnow's Schr iften. Erſter Band. — ˖˖ Leipzig, 1830. Verlag von Carl Focke. ——— Inhalt. Subſeribenten⸗Verzeichniß., Vorrede. Thekla. Leo, Graf von Toͤnsberg. ———— Subſeribenten⸗Verzeichniß. Ihro Kaiſerliche Majeſtaͤt Alexandra Feodorowna, Kaiſerin von Rußland 1 3 Ihro Majeſtaͤt die Koͤnigin von Wuͤrtemberg. Se. Majeſtat der Koͤnig von Preußen „ Ihro Koͤnigliche Hoheit die Kronprinzeſſin von Yreußen . 3 3 . ² Ihro Koͤnigliche Hoheit Prinzeſſin Wilhelm von Preußen, geb. Prinzeſſin von Heſſen⸗Hom⸗ Ihro Koͤnigliche Hoheit Prinzeſſin Carl von Preu⸗ ßen, geb. Prinzeſſin von Heſſen⸗Homburg Ihro Koͤnigliche Höheit die Herzogin von Cum⸗ betland Wsc . Ihro Kaiſerliche Hoheit die Großherzogin von Weimar, geb. Großfuͤrſtin von Rußland Ihro Koͤnigliche Hoheit die verwitwete Groß⸗ herzogin von Weimar 3 3 Ihro Koͤnigliche Hoheit Louiſe von Bourbon, ver⸗ maͤhlte Prinzeſſin von Sachſen 6 Expl. — 15 10 d0 20 — — Ihro Kaiſerliche Hoheit Prinzeſſin Caroline von Sachſen, geb. Erzherzogin von Heſtreich — — VIII — Ihro Koͤnigliche Hoheit Prinzeſſin Amalia von Sachſen, geb. Prinzeſſin von Baiern 5 Ihro Koͤnigliche Hoheit P. A. v. S. Vrn Hoheit Prinzeſſin Amalia von Sachſen ⸗ . ⸗ . . Se. Koͤnigliche Hoheit der Herzog von Cambridge Söro Koͤnigliche Hoheit die Herzogin von Cam⸗ idge . ri . . . . Ihro Koͤnigliche Hoheit die verwitwete Erbgroß⸗ herzogin Auguſte von Mecklenburg⸗Schwerin Ihro Koͤnigliche Hoheit die Erbgroßherzogin Ale⸗ randrine von Mecklenburg⸗Schwerin — Se. Foͤnigliche Hoheit Herzog Guſtav von Mock⸗ lenburg⸗Schwerin . S 6 Se. Koͤnigliche Hoheit Herzog Carl von Mecklen⸗ burg⸗Schwerin e 6 Se. Durchlaucht der Erbprinz von Sachſen⸗Al⸗ tenburg . Ihro Koͤnigliche Hoheit die Erbprinzeſſin von Sachſen⸗Altenbürg 1 773 Ihro Koͤnigliche Hohett die Herzogin Georg von Sachſen⸗Altenburg . 8 36 1 1 Se. Durchlaucht der Herzog Georg von Sachſen⸗ Altenburg . 00 2 Se. Durchlaucht der regierende Fuͤrſt von Hohen⸗ zollern⸗Hechingen . 1 7 2 3 Se. Durchlaucht der Erbprinz von Hohenzollern⸗ Hechingen . S 8 . 3 . Ihro Koͤnigliche Hoheit die Erbprinzeſſin von Hohenzollern⸗Hechingen . en Ihro Durchlaucht die Prinzeſſin Julie von Ho⸗ henzollern-Hechingen 8 Ihro Durchlaucht die regierende Furſtin zu Schwarzburg⸗Sondershauſen „ . Ihro Durchkaucht die Erbprinzeſſin zu Schwarz⸗ burg⸗Sondershauſen Ihro Durchlaucht die Prinzeſſin Chariotte zu . Schwarzburg⸗Sondershauſen . Se. Durchlaucht der Prinz Carl zu Schwarz⸗ burg⸗Sondershauſen Expl. —— —— — — — — Sie Koͤnigliche Hoheit die Herzogin von Naſſau Ihro Koͤnigliche Hoheit die Prinzeſſin Loniſe von Preußen, vermaͤhlte Fuͤrſtin Radzivi! „ Ihro Koͤnigliche Bolt die Fuͤrſtin Thereſe von Thurn und Tax Ihro Durchlaucht tie Fürſtin Vihenine von Thurn und Taxis „ Ihro Durchlaucht die Fürſtin von Färſtenberg Ihro Durchlaucht die Fuͤrſtin von Hohenlohe, geb. Prinzeſſin von Fuͤrſtenberg . Ihro Durchlaucht die Herzogin von Dino, geb. Prinzeſſin von Curland . Ihro Durchlaucht die verwitwete Fuͤrſtin Caroline von Schoͤneich⸗ Carolath Ihro Durchlaucht die Fuͤrſtin Reuß LX. Ihro ſtth die Prinzeſſin Julie von Schön⸗ bur Se. Dukchlaucht der Fůͤrſt zu Schaumburg⸗Lippe Ihro chlauch die Fuͤrſtin zu Schaumburg⸗ Lipp Ihro, Suout die Gräſin von Schaumbutg⸗ Se. dehaui der Srri von iß⸗ Bern⸗ burg Arn ſt adt⸗ Frau Graͤfin Auguſte von Treſſan . — Adolphine von Marſchall, geb. von Witcben Fraulein Herminie von Witzleben Frau Räͤthin Meinhardt. 6 derr Landkammerrath Krieger . 5 6 Augsburg. Frau Obriſtin von Biber . Friederike Freifrau von Suͤßkind Expl. 1 — „ — — — — — —— — — Frau Laura von Schaͤzler 2 „ — Emilie von Schaͤzler, geb. von Froͤlich. — Mariane von Schaͤzler, geb. von Liebert — Friederike von Froͤlich, geb. von Wohnlich — Henriette Sander, geb. von Lotzbeck „ — von Lotzbeck Herr Louis von Wohnlich 2 Frau J. von Hoffnonß . * — C. von Rad . . — von Beſſerer 3 — J. von Lansberg Zwei Ungenannte . * Frau Graͤfin Rende, Hberhofmeiſterin Ihrer Ko⸗ nigl. Hoheit der Kronprinzeſſin von Preußen — Generalin von Elsner . . — Generglin von Bogulovsky „. Fraͤulein Albertine von LEſtoch, Stiftsdame zum heiligen Grabe. 2 „ 5 . Frau Geheime Sber⸗Tribunalsraäthin Muͤller — cn Legationsraͤthin Varnhagen von nſe von Ronrberg, geb⸗ Graͤfin von Wartensleben Baronin von Lichnowsky, geb. von Karſtedt von Ronder, geb⸗ Graͤfin Chazot . Wallmann Frege . 8 2 ulrike Marlini, geb. Frege . Geheimeraͤthin Endall Graͤfin von Dankelmann, geb. von Hertefeld Adolphine von dem Kneſebeck, geb. von Klitzing Verwitwete Madame Bode „ . 2 Frau Betty Nane . . Herr Praͤſident von Scheve . — — Criminal⸗Director Hitzig — Buchhaͤndler Enslin „ 3 — Graf Wilhelm von Blankenſee auf Filehne — von Puttkammer, Hauptmann in der reiten⸗ den Garde⸗Artillerie . Expl. 1 — — — — — — Herr Senatos Pavenſtadt Expl. 8 Hofrath Lanzizolle . 1 — Doctor von Valentini . 1 — C. Kabrun „ 5 1 — P. Ebers . 1 — Joſeph Mendheim . 8 2 — John Schleſinger . 8 1 — M. J. Schleſinger ⸗ . 1 — Mendheim § 2 5 — A. Liebert . 1 — Zheodor von Tarnow . 1 Frau Baronin Caroline La Motte Fouu, v von Brieſt „ von Rochow, geb. von Wierwitz von Stechow, geb. von der Reck auf Roßen bei Rathenow. 1 — von Rochow, geb. Gräſin Wartensleben 1 — von Ahlefeld, geb. von Bonim Bollersdorf bei Dahme⸗ Frau von Heinecke, geb. Graͤfin Vitzthum 1 B din m Frau Commerzienraͤthin P. Werrth . E — Senatorin L. Weſſel 1 Serr S E. M. Arndt . 4 L. C. von der Heyden, med. Stnd. Schloß Blitterswyck bei Geldern. Frau von Häften auf Blitterswyck 1 Bremen⸗ Frau Doctorin Albers . 8 1 — Pauline Adami 3 . — Senatorin Klugkiſt . 3 3 2 1 — Henriette Klugkiſt 4 1 2 5 MExxn rxineneM.b. . Aeec 4 E —— 2 Herr P. H. Koͤpke . 8 3 — Doctor Schild 3 6 . — Senator Albers „ Brieſe bei Oels. Frau Graͤfin Julie Kospoth, geb. von Poſer Breslau Frau Graͤfin Sophie Stoſch 5 3 Julie von Tſchirſehky auf Domanz. Madame Seeler Profeſſor Treviranus B uͤtzo w. Herr Doctor Hennemann auf Walde — Hauptmann Tarnow von Stern auf Brockhauſen . Baron von Meerheimb auf Giſchow G. F. von Langen auf Belitz ⸗ von der Kettenburg 6 Herr Fr. Hespe, Kaufmann. von Wick „ „ „ B uͤckeburg⸗ Gu d Herr Rittmeiſter Hufeland auf Marksdorf Herr Peter, Reichsgraf von Medem in Mitau Frau Eliſe, Reichsgraͤfin von Medem in Mitau — Geheime⸗Räthin von Schoͤpping, geb. Reichsgraͤfin von Medem auf Bornsmuͤnde — Graͤfin Louiſe Kaiſerling zu Cabillen — Caroline von Behr in Mitau — Eliſabeth, Reichsgraͤfin ven We — dem in 1 1 1 „ 1 1 . 1 6 1 1 3 4 — — * 1 —— —— — XIIT — Danzig. Herr Negoziant John . — Taͤubert . 5 D Frau Geheime⸗Finanzraͤthin von Zanthier, geb. Freiin von Gutſchmid . ² — Fliſe von der Reck, geb. S von Medem . Fraͤulein Pauline von Brochowska, Hofdame Frau Buͤrgermeiſterin Pohland, geb. Hauſchild Fraͤulein Thereſe aus dem Winkel . 8 Ihro Excellenz Frau Oberhofmeiſterin von du⸗ bieniecka . Ihro Frau Dverhofmeiſterin von xinp⸗ ing Ihro Excellenz Frau Oberhofmeiſterin von Ende Ihro Excellenz Frau Graͤfin Jo⸗ ſephine Blescynska . Ihro S Miniſterin von Voſtiz⸗ Jin⸗ endorf . Frau Kammerherrin von Kieiſt, geb. von Tauentzen — von Brochowska, geb. von Ende „ . — von Lamo, geb. von Hopfgarten „ Freifrau Henriette von Ferber, geb. von Broizen Freifrau Auguſte von Ferber, geb. von Broizen Par Graͤfin zu Dohna, geb. Graͤfin zu Dohna Fraͤulein von Haza . Madame Vogler, aus Bahia Suſu Frau von B. . Freiin Charlotte von Leyſſer, geb. Griſn vit⸗ ting⸗Peſſing . Freifrau Henriette von Brechſel 2 Frau Henriette von Bordeleben 5 Pradame Mevius, geb. von Borries Frau Graͤfin Schoͤnburg, geb. Freiin Mac⸗Ne⸗ ven⸗DKelly — Thereſe von Gtobig, geb. Gräfin Fontana — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — R1v — Madame Jenny Lattermann . Frau Thereſe von . rein von Frau Graͤfin Fontana — Hofraͤthin Ottilie von anein, geb. von Zobeltitz . 5 — Ippellationsräthin Julie von uechtritz — Graͤfin Jarazewska — Doctorin Julie Dittmar, geb. Merz Fraͤulein Eliſabeth Blacker . 6 n Madame Kloß . Fraͤulein Auguſte von Schtwiß 3 Furſtin von Lyner, geb. Graͤfin Boſe Fraͤulein Thereſe von Tuͤmpling, Hofdame Fraͤulein Thereſe von Noſtitz, Stiftsdame . Frau Graͤfin von Silater geb. rähn Kalkreuth 3 3 . Fraͤulein von Watzdorf . Frau Kammetherrin von Schnburg . — Hofraͤthin Kreyſig . — Hofräthin Haffe, geb. Kees Mademoiſelle Chriſtine Loͤffler . Frau Caroline von Zehmen . . Madame Schroͤder-Devrient . . Mademoiſelle Julie Gloy 8 . Herr von Loͤwenſtern 5 — C. A. Tiedge. . — Oberſteuerdirector von Watzdorf 2 Se. Excellenz Herr Miniſter von Vobit⸗ Sin⸗ kendorf . Herr Kriegsrath von Quandt. . von Zedtwitz, Hof⸗ und suſihrut Charles von uxruͤll * . Freiherr von Pfiſter ⸗ „„ Charles Laird Wigram . . Heinrich Schuͤtze auf Schweta. . Doctor A. Hedenus . Hofrath Eduard Gehe . General Kniacewitz. . 5 Oberſt von Witzleben. * 5 3 3 Expl. 1 Expl. Herr Profeſſor von Villers . 8 S — Kammerherr von 3 1 — Major Serre. 3 . . - 1 — F. A. Korezky S 3 . 1 — C. Devrient . 3 1 — Rudolph von Römer 1 — Graf Wolf Baudiſſin „ . 1 — BGraf Holſtein . 1 — Graf Heinrich Vizthum von Ecſtädt 1 — Baron Steuber, Heſſiſcher Ge⸗ ſandter 6 7 . 1 — Freiherr von Gregorint * 1 — Georg Heinrich Wle 1 Senator Juſt 1 — Pofmedicus Kergel. 3 1 Frau Majorin von Groͤben . 1 Fraͤulein Caroline Gehe . 1 Frau Hauptmannin Keßler, geb. von Ma nntuuf 1 — von Poqueyſſie 1 — von George „ 1 1 — von Krauſe auf Weißtrupp Dobrau bei Krappitz. Frau Graͤfin Sehmer⸗Thoß . Dombrowka bei Krappitz. Frau Baronin C. von Dalwig 1 Duͤſſeldorf. Hei 6 Ce Sche ESichow bei Cottbus. Frau von Zabeltitz, geb. von Langen . 1 Ebberfeld⸗ Frau Eliſe Schleiden, geb. von Nuys 1 Ftin Paſtorin Narriat Groſſe, geb. von u Clettenberg — Charlotte Becher, geb. von Vinzer Charlotte Heilmann, geb. Doͤhler⸗ Koͤhler Beckmuͤhl . 5 S 5 ² Sophie Aders. Helene Aders Brink . 6 Paſtorin Huͤlsmann 6 5 2 — — XV1 — Herr Heinrich Kamp 0 vom Rath 1 . 6 8 . C. Feldhoff „ 8 8 Frankfurt am Main. Frau Proͤbſtin von Fichard * K Sophie Schloſſer, geb. Du zy 2 Souchay 5 Graͤfin Virginie Reinhard R. Wilmans . Charlotte Gontard Cecilie Gontard, geb. Gntart J. Gontard, geb. d'Orville Pitwe Leſſing⸗ . 3 Henriette Manskopf 5 3 S Borgnis du Fay, geb. Shurnoſten 4 Brentano . . Nies du Fay Baronin zoolh zeid von Sthſoun J. C. von Fichard Henriette von Muͤhlen, geb. von Lersner Natalie von Malapert, geb. von Emilie von Guͤnderode C. von Stregen Baronin Carl von vchfoid Fräulein Mariane Hertz. Frau Maria von der Nuͤhle — Sophie de Reufville, geb. Sinar Alexander Bernus „ . Runten . 6 6 Expl — dn—— — 2 — — Frau Manskopf Scheibler „ — Wachs „ 7 S — Pfarrer Stein . — Pfarrer Spieß Fraͤulein C. Stricker . Frau L. Schmid „ 3 Herr Sohann Martin Steut 6 — Hertz — gecbtr von Lindenau, Königl. Sächſiſcher Geſandter am Bundestage „ — Geheime Rath und General⸗ wuſittectr, Baron von Vrintz⸗Berberich⸗ — Baron A. V. Rothſchild⸗ 2 Eine Ungenannte „ S S Gadebuſſch⸗ Herr Wunderlich „ 4 „ „ „ 3 „ . „ „„„„ ⸗ Gießen. Frau Profeſſorin Wilbrand, geb. von der Denken Genf. Madame Brindt . 2 . Herr Alexey von Wahl . — Rudolph von Bruͤmmer — Var ton Schiferli in Elfenau bei Bern Pinchſ 6lauchau. Frau Graͤfin Louiſe von Schoͤnburg-Glaucha⸗ — Julie Herrmann, geb. Kunz . . Goͤttingen. Fraͤulein Dorothea von Rodde⸗ Schloͤzer . * nnn — — Grochwitz bei Herzberg. Frau Baronin von Palombini eb Dabrwsin 1 Greifswald. Frau Baronin Amalia von lat⸗ xtnutwetttr geb. von Both 1504. — von Moͤller . Friutit Emma Koſegarten 13 1 Frau Charlotte von Vahl ² 19 721. 5 — Sophie, Graͤfin von Hahn „. — Louiſe von Vahl . . ann, — Wilhelmine Fabricius . 5 6 — Sophie Grave . „ . G uͤ ſt row. Frau Hofraͤthin Caroline Ziel, geb. S — Domainenraͤthin Froͤlich ⸗ — Steuerraͤthin Schultz 5 Herr Hofrath Piper — Geheime Sofruch Trotſchte E n6 — Profeſſor Kaͤmerer, 3 Guben. Saa Fräulein Seamiete Kluͤgel, Vorleſerin Si Koniglichen Hoheit, Prinſin von den Niederlanden Gb Pel Frau Hofraͤthin Auguſte Barkey, geb. Sachſe — Majorin von Kroſigk, geb. von Schurff. — Sberlandsgerichtsraͤthin Zepernick, geb. Giuͤc Erp —n —n . . — 1 — Frau Caroline Seiler, geb. Kluͤgel⸗ Herr Profeſſor Duͤffler 8 — Kaufmann Schlitte in Trotha 1 H an no Graͤfin Alexandrine von Benningſen Fraͤulein Adolphine von Ahlefeld „ 2 6 Herr Oberſtlieutenant von Marſchalk 1 „ — Ober-Fuſtizrath von Werkhof — Regierungsrath von Werlhof. Hamburg. Frau Doctorin Mayer, geb. Boͤhmer „ — Jeannette Goldſchmidt, geb. von Jacobſen — Emilie Simon, geb. Godeffroy „ — Senatorin Fanny Jeniſch . . Fraͤulein Bertha Jeniſch Frau Charlotte Thierry, geb. Godeffroy. — Suſette Pariſch, geb. Godeffroy — S. Meyer „ . Fraͤulein F. Meher Frau Suſanne Huhn 5 3 . 6 — A. Oppenheim 3 . . 8 — „ . — n ⸗ Fraͤulein Emma Schuback „ Frau Witwe Herrmann „ 6 — Magdalena Ruͤcker . — Sh Roß, geb. Hermann zu Louiſen⸗ urg 3 Fraͤulein Johanna Tiedemann. Verwitwete Frau P. Sprinkhorn Frau 2. C. Kähler — Profeſſorin Calmberg . — Manette Helbert „ 3 5 — Doctorin Mummſen 3 4 Herr A. H. Hartmeyer „ — Peter Godeffroy . . + J. H. Ruͤcker „ . . — Senator Rentzel — „ ⸗ Pnnn n Erpl. Herr Senator Spalding „ . 4 — Senator Pehmoͤller 1 — Dr. Praͤſes Snbüti⸗ — Pr. Abendroth S 1 — b . . . . 1 — B. Goldſchmidt * 1 — von Struve, Kaiſerlich Ruſſiſcher Sehnter — Commerzienrath H. Hasperg . 1 — Doctor de Chaufepie 3 — M. Oppenheimer „ § . 5 1 — Herrmann Heine „ 6 55 1 — Martin Jankes . . 8 1 — Hartwig Heſſe 5 . 2 Heidelberg. Frau Kirchenrath Wia 3 n — Bechen . S 1 Herr Dr. Nabal 155 1 Heinrichsdorf in i 51 Herr Geheime Juſtizrath von Arnim „2 rau gonſſoratathin Marezoll oob. — 1 Kan Geheimeräthin Schmidt 1 Frůuj Julie Stark . 1 K iek. Sirr Advocat Balemann . 1 Frau Ffh Bur Koni gs berg. Frau Generalin von Stütpnage S5 — A. M. W. Gordack. . i. — L. Hagedorn n Frau — Criminalraͤthin Richter . raͤulein A. Sanio . räulein Fanny Aronſon. Frau — X1 — Statträthin H. Hägedorn „„ Johanna Juͤterbock, geb. Hirſch Medicinalraͤthin Hirſch Aſſeſſorin J. Gamm, geb. Tſchepius 6 Stadtraͤthin Hartung Verwitweke Frau Juſtizraͤthin Johannſen Frau Fraͤulein Friederike Friedmann Frau 1 Herr — — Herr B. Friedlaͤnder, geb. Oppenheim . Amalia Friedlaͤnder, geb. Heine „ N. Schwartz, geb. Oppenheim . von Czudnachowsky . 3 J. Papendiek . . . D. A. Dulk 2 Criminalraͤthin Brand . s6 . Oberlandsgerichtsraͤthin Thiel, geb. Moͤller Bankdirectorin Schlubach, geb. Cabrit „ Conſul Brockmann, geb. Palowsky F. A. Touſſaint, geb. Dirkſon . 2 Stadtraͤthin Laura Bittrich, geb. Maldzio Graͤfin Angelika zu Dohna, geb. Graͤfin Daͤnhoff auf Daͤnhoffſtädt „ von Auerswald, geb. Frey auf Faulen . Graͤfin zu Dohna, geb. Freiin von Vie⸗ tinghoff auf Raudnitz . . . R. Warſchauer . Oberbuͤrgermeiſter Liſt Medicinalrath Dr. unger Carl Douglas uh na Carl Auguſt Meuſel „ — Leipzig. Frau Henriette Weiſſe, geb. Schicht Auguſte Harkort, geb. Aders . — Erpl. 1 — Frau Hofraͤthin Rochlitz — Stadthauptmaͤnnin Rummet . * Madame Crayen „ 6 8 . * Frau Julie Schunk 8 „ . — Gottlieb Clauß 7 — Guſtav Harkort . . . — Hofraͤthin Henriette Keil — Erneſtine Platzmaun⸗ Preuſſer. 3 — Pr. Louiſe Pohl, geb. Döhſe — Eleonore Seyfarkh 6 3 — Emilie Kuͤſtner-Rode . . 3 — Doris Buchler . Herr vach Friedrich voput . — Dr. W. Crufius . 5 — J. Albert von Jordan . 6 — Georg Vvoß, Sinu — Dr. R. Vollſack : — Dr. Alb. Braune , . . — Rudolph Weber 6 2 . — Larl Albrecht Hehler . — Fui Muͤhlig . . — Moritz Kind . . — ei Lippoldt. . 3 8 Expl. 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1— 1 1 1 1 1 1 Helene, Baronin von Wolff auf Schloß Alt⸗ 5 Schwanenburg Chriſtoph, Freiherr vor Smnpinhuu n aif We ſ ſelshof 1 E. Baronin von Wolff, don Bintots an Neu⸗Laitzen Fuͤrſt Barclay de Tolly . Frau Baronin von Welff, geb. Baronin von Meyendorf auf Lebtin „ — J. von Blankenhagen auf Dobbrufch Limburg an der Lahn. Fran Liſette Trombella, geb. Ooeſt — — — — Eppl. London. Herr Major Charles Wilmer 1 4 Luͤbbenau. Frau Graͤſin zu Lynar, geb. Graͤfin Voß 1 Luͤbeck. Herr Dr. jur. Kluͤgemann — Dr. Martini . . Ludwigslu ſt. Frau Generalin von Penz . ² 5 — Generalin von Both, geb⸗ von der Fiſt — Generalin von Boddien Ihro Excellenz, Frau Miniſterin von Pleſſen Frau Oberſtallmeiſterin von Buͤlow Herr Viceoberſtallmeiſter von Rantow — Kammerjunker, Baron Stenzlin — Rittmeiſter von Schack . — Major und Adjutant von Kuhten — Major von Kleeberg 7 1 — * ieb ur g Fraͤulein Adolphine von Muͤller . Frau Natalie von Muͤller, geb. Seinitglen — Wilhelmine von Meding. — Abbatiſſin von der Wenſe — Landdroſtin von Decker „ . — Generalin von Wangenheim . — Braͤfin Eleonore Bothmer — Graͤfin W. Jochmus Herr Superintendent Dr. Chriſtiani . — Dr. jur. Chriſtigni — PDr. jur. Th. Meyer Paſtor Genzken — — — — —— — — * 2 AM4 aee — RxV — Expl. Perr Paſtor Merikel „ * 1 — Amtmann A. C. Wedekind . 1 G. Leppien . 1 Die Ditectivn der Läneburger deſegeſeuſchaft — Ma i n z Fraͤulein Charlotte Pietſch 141 Magdeburg. Frau Louiſe Nathuſius, geb. Engelhard in Alt⸗ haldensleben . — ZJohanna Hineörand, deb. Snehar — Buͤrgermeiſterin Coqui „ — Henriette Coqu . — Emilie Weichſel, geb. nroenſern Herr Wilhelm Denecke . — C. F. Gottſchald — J. G. Marter „ — Major, Freiherr von Maibom — Kaufmann Morgenſtern. M e i ſ i Frau von Vieth, geb. Graͤfin Seyderitz 1 Mer ſyeb ur g. Frau Emllie von Ganltin St. Blancard 411 Naunhoff bei Moritzburg. Fran Hrhſtin von Ehih Olbernhanu. Freifrau von Reitzenſtein, geb. von Voß. Frau ſ Feilisſch⸗ g Freiin von Fet⸗ n — . Frau Thekla von Schletter, geb. von Trebra Graf Wilhelm von Kleiſt 2 . Herr von Schoͤnberg auf pfaffroda 3 5 — Amtshauptmann von Biedermann in Nieder⸗ forchheim 2 Parſchim. Frau Praͤſidentin von Oertzen, geb. — Noltka — Secretairin Scheel⸗ . E Herr Vicepraͤſident von Hobe . 3 3 — Geheime Medicinalrath Becker . . 1 — Oberappellationsrath Ronnberg Paris. Frau ulrike von Quandt 4 Petersburg. Expl. 1 — 20 *5 — Se. Ercellenz, der Generat⸗ Lieutenant Maximilian Klinger 1 5 Fraͤulein Friederike Kluͤger Herr Buchhaͤndler J. C. Hoͤwert — Buchhaͤndler J. Brieſt . — Buchhaͤndler Carl Lißner Herr Conſulent Eduard Moͤvers „ Po ſen. Herr Geheimerath von Miebolsky R eh na. Sert Droſt H. von Peſſen Rinteln. Frau von Hoffmann . d — 2 Erpl. Rogau bei Krappitz. Frau Gruͤfin von Haugwitz, geb Prinzeſſin v Eerluche Prinzeſſn ven Ro ſtock. Frau Conſiſtorialräthin Wiggers . — von Walsleben auf Neuendorf . Fraulein Chriſtiane Wieſe „ 4 — — Eliſe Kuhl . — — Eliſabeth Janensky . n. 3 — — Albertine von Flotow Madame Sophie Weber . Frau Majorin von Elderhorſt „ raͤulein Ida Meyenn „ . rau Senatorin Hanvernick „ Fräulein Clara Schulze „ . — — Sophie Klackmann „„ 3 Madame Hommel „ n. e — — Friederike Schomann Frau Hofraͤthin Johanna Frehſe — Commerzienraͤthin Suſemihl „ Madame Haſe „ . — — Frehſe auf Kuſſewitz⸗ Herr Hauptmann von Stein — Profeſſor Spitta „ . — Geheime Commerzienrath Levenhagen — Commerzienrath Suſemihl — Commerzienrath Howitz „ 8 8 err Major von Vietinghoff „ * Frau Landräthin von Hertzen auf Roggow . Herr Droſt G. von Both in Suan 3 — Gerichtsdirector Crell in Suan „ — Schneeberg in Sachſen. Frau Thereſe von Helldorf, geb. von Trebra. 1 — XXVII — Erpl. Schwerin. Frau von Lehſten, geb. von — Fammerherrin von Pritzbuer, geb⸗ von Lehſten 1 2 Fraͤulein Charlotte von Both. . . Frau Oberjägermeiſterin von der Luͤhe, geb. Graͤ⸗ fin Bruͤhl 6 . 8 g — Ida von Pleſſen, geb. von Pentz Herr Oberlanddroſt von Lehſten 3 — Generalmajor von Kamptz „ — Juſtizrath von Buͤlow „ 3 — Dbermedicinalrath Hennemann — Geheime Kammerrath von Steinfeld „ — — 1o „ . „ Stade⸗ Herr Buͤrgermeiſter Lubbren e Stralſund. Frau Commerzienraͤthin Eliſabeth Spalding — Caroline Struck „ 3 „ — Senatorin Johanna Reinke . 5 Fraͤulein von Thun 1 noi n Sihnicer ² 1 ouiſe Sege 1 Herr B. von Uſedom auf Carzitz auf der Inſel Fe 1 Sulau in Schleſien. Frau Baronin von Troſchke, geb. Graͤfin Burg haus iei n — RXVILII — Expl. Stu 1 gapt Frän von Satphehs — Braͤfin von Muͤhlenfels, geb. Fraͤfin von Andlau . . 3 . 3 . . Freiherr von Wirſing, Konigl. Saͤchſ. Chargs affaires in Stuttgart . Tamkow bei Friedeberg. Herr von Brand . § 1 Lamfel bei Käſtrin. Gräfin Wilhelm Schwerin, geb. Grafin Dohnhoff 1 Tharandt. Frau Profeſſorin Reum d . 1 Tzſchernowitz bei Guben. Herr Landesdeputirter von Kleiſt „ * 1 Utrecht. berr van Zuylens Nynvel . 1 Verden. Derr Medicinalrath Carl Matthäl. 1 Weim ar. Sräſin Caroline Eglofſein — XXX — S 8 — — — — — —— Graͤfin Julie Eglofſtein „ . — Conſtanze Fritſch „ 3 3 3 3 Frau von Hopfgarten, geb. Freiin von Fritſch — Graͤfin von Hohenthal „ 8 — von Pogwiſch. * 2 — BGraͤfin Santi⸗ 3 . Fraͤulein F. von Alten Fräulein Froriep Herr Geheimerath und Kanzler von Muͤller . — Geheimerath und Oberkammerherr von Wolfökeel S — Dr. F. Soretz Weißenfels. Fraͤulein Betty Tarnow. We Frau Cecilie von Spaen auf Ringenberg Herr von Rieſe 36 6. e 3 * — J. M. Luyken . . — — — — — Wismar. Frau Geheimeraͤthin von Baſſewitz, geb. von La Roche auf Schonhoͤf 3 3 — Kammerherrin von Vieregg, geb. von Oertzen — Julie von Baſſewitz auf Schimm Herr Oberhauptmann von Pleſſen . „ 6 — M. C. F. Crain — Kammerherr von Langen auf Neuhoff — Farl von Both auf Pohlſtorff . — Wittenberg. Frau Obriſtin von Brockhuſen, geb. von Kleiſt — — Xxx — Expl. Wittmoldt in Holſtein. Herr Ch. Echard auf Wittmold 1 Wolga ſt. Frau von Homeier . S . . 1 Frau Landſchaftsdirectorin von 1 — Vicepraͤſidentin von W. 1 — v. V. 1 — Landräthin von der Wen 1 — von Zerſſen „ 8 1 — von Anderten . 1 Herr von Hammerſtein 2 2 1 — von Bremer „ 2 1 Zutzen bei Schloppe in Weſtpreußen. Fraͤulein Cecilie von Naumburg. (Nachtraͤglich.) Frau von Witzleben, geb. von Witzleben Den mir Wohlwollenden. Mit wehmuthsvoller Ruͤhrung ſehe ich jetzt am Ende meiner ſchriftſtelleriſchen Laufbahn auf dieſe Erzählungen zuruͤck, welche ich als ein Vermaͤchtniß der Dankbarkeit und der Liebe in die Hände der mir Wohlwollenden und Be⸗ freundeten lege, die ſich fur die Befoͤrderung ih⸗ rer Herausgabe mit eben ſo edler, als mich eh⸗ render Theilnahme verwendet haben. Wie gern hätte ich Manches darin geaͤndert! Wie Vieles ſcheint mir einer Verbeſſerung benothigt! Aber ein ganzes Leben liegt zwiſchen der Jugendzeit, wo ich den groͤßten Theil derſelben ſchrieb, und dem Zeitpunkt, wo ſie jetzt wieder erſcheinen, — RRI — und es war mir in meiner jetzigen Stimmung nicht möglich, mich wieder in jene reiche Ver⸗ gangenheit mit ihren Taͤuſchungen, mit ihren Schmerzen und Freuden ſo lebhaft zuruͤck zu traͤumen, daß ich in dem eigenthuͤmlichen Geiſt dieſer Darſtellungen etwas daran zu ändern ver⸗ mocht haͤtte. So mußte ich mich denn auf das beſchränken, was ich in kleinen Verbeſſerungen der Schreibart zu leiſten vermochte, und dies habe ich ſo ſorgſam, als es mir moͤglich wf zu thun verſucht. Meiner Ueberzeugung nach habe ich keinen Anſpruch auf dichteriſches Talent zu machen. Mein Gefuͤhl war meine Muſe: daß ich tiefer und wahrer empfand als manche Andrez daß in jeder Beziehung und in jedem Verhaͤltniß des Lebens Treue der Grundton meines Daſeins blieb, gibt meinen Schriften den einzigen Werth, den ſie in meinen Augen haben, den: daß ſie das Eigenthuͤmliche weiblicher Sinnes⸗ und Em⸗ pfindungsweiſt in der vollen Wahrheit des Selbſigedachten und Selbſtempfundenen ausſpre⸗ chen. Daher habe ich auch alle Nachbildungen — R — und Ueberſetzungen fremder Werke, die von mir erſchienen ſind, in dieſe Ausgabe meiner Schrif⸗ ten nicht mit aufgenommen; auch die „Pro⸗ phetin von Caſchimir“ nicht, wenn mir gleich von mehreren Seiten der Wunſch geaͤußert wor⸗ den iſt, daß ſie darin erſcheinen möge. Ueber „Thorilde von Adlerſtein“ ſind bei ihrer erſten Erſcheinung von mehreren achtungswerthen Kunſtrichtern ſo ſchone und ernſte Worte geſprochen worden, daß ich jede Rechtfertigung, dies Nachtſtuͤck nicht zuruckgelegt zu haben, fuͤr überfluͤſſig halte. Thorilde geht unter, weil ihr bei allem ſittlichen Adel ihrer Grundſaͤtze und ihres Charakters die Kraft fehlt, ſich mit ihrem Schickſal zu verſoͤhnen, welche uns allein die feſte Zuverſicht geben kann, daß die Vorſehung mit goͤttlicher Liebe und Weis⸗ heit über uns wacht. Man kann daruͤber nichts Einfacheres und zugleich nichts Erſchöpfenderes ſagen, als: daß Denen, die Gott lieben und ihm vertrauen, alle Dinge zum Beſten dienen müſſen. um mich ſelbſt in dieſer Zuverſicht zu ſtärken, um ſie lebendiger in mir zu entwickeln, — — ſchrieb ich Thorilde zu einer Zeit, wo ich mit einem furchtbaren Seelenſchmerz zu kaͤmpfen hatte, und ich verdanke ihr viel von der freudi⸗ gen Klarheit, die ſich in den Erzaͤhlungen des folgenden Bandes, und einigen der zweiten Ab⸗ theilung ausſpricht. Es iſt gewiß, daß das Erdenleben dem zagenden Herzen in der Verket⸗ tung von Tugend und Laſter und dem taͤuſchen⸗ den Anſchein ihrer Folgen zuweilen finſtre, furcht⸗ bare Raͤthſel vorlegt; ſoll man ſich aber von die⸗ ſen feige abwenden? — Nein, auch ihnen ſoll man muthig in's Auge blicken, denn es gibt hienieden keine Klage ohne Troſt, keine Frage an das Schickſal, auf die der Glaube nicht eine verſoͤhnende und erhebende Antwort zu geben haͤtte. In dieſem Sinn ſchrieb ich Thorilde; in dieſem Sinne moͤge ſie geleſen und beurtheilt werden! Waͤren mir im Laufe dieſes Jahres nur einige ſchmerzensfreie Wochen oder Tage zu Theil geworden, ſo haͤtte ich die in Petersburg geſchriebenen Briefe noch mit einigen Zuſätzen vermehrt, da ich im Jahr 1817 das Intereſſan⸗ — — teſte was ich dort ſah, hoͤrte und erfuhr, nicht ohne Indiscretion bekannt machen durfte, wohl aber Manches davon jetzt nach dem Verlauf von zwolf Jahren. Die Erfuͤllung dieſes Wunſches iſt mir aber nicht geworden, und wir wahrſchein⸗ lich hienieden keine ſchmerzensfreie Stunde mehr beſchiedenz ich habe mich daher begnuͤgen muͤſſen, Einiges zu ſtreichen, was mir jetzt zu veraltet ſchienz z. B. den Brief uͤber die ruſſiſche Literatur. und ſo geht denn hin, ihr leichten Blätter, und bringt mancher edlen, mir befreundeten Seele meinen Abſchiedsgruß und meinen innigen liebe⸗ vollen Dank fuͤr alle die Freuden, die ich der Achtung und der wohlwollenden Theilnahme vie⸗ ler guten Menſchen in unſerm theuren deutſchen Vaterlande zu verdanken habe. Die Hand, die euch niederſchrieb, wird bald in Staub zerfallen, aber die Liebe zum Guten, Schoͤnen und Wah⸗ ren, die das Herz beſeelte, welches ſich in euch aus ſpricht, wird ein unvergaͤnglicher Laut in der Harmonie der geiſtigen Welt bleiben. — Dieſe Zuverſicht des Ewigen und Unvergaͤng⸗ — — lichen iſt der Hoffnungsſtern, der meine Erden⸗ nacht erhellt, und ſie wird auch der — Troſt meiner Todesſtunde bleiben. Weißenfels im December 1829. Fanny Tarnow. Geſchrieben im Jahr 1807.) ₰ Ternow's Schriften. I. 1 Le horbent Séleste n'6et que 1a durés dans P'en- ihousiasme et la constance dans l'amour. CokRIRRv. 1 3 At ich vor zehn Jahren mit meinem Gatten U. verließ, um uns nach Amerika einzuſchiffen, fuͤhrte uns unſer Weg nach St., wo wir einige Tage bei einem Jugendfreund meines Reinhard weilen woll⸗ ten, dem das Schickſal hier ſeinen Heerd gebaut und das Gluͤck ein holdes, liebes Weib beſcheert hatte. Ein Zug ſanfter Trauer, den Honorinens Geſicht trug, machte ſie mir noch intereſſanter, und bald erfuhr ich, die Trauer gelte der Krankheit einer Freundin, von deren Liebreiz, ſo wie von der Freu⸗ digkeit, mit der ſie in ihrem ſechzehnten Jahre ſich zum Tode bereite, beide Gatten nicht muͤde werden konnten, zu erzählen. Am Nachmittag kam die Mutter der Kranken zu uns; ſie hatte die Ankunft meines Mannes erfahren; und da die Aerzte der Stadt wenig Hoffnung zu Thekla's Herſtellung ga⸗ 55 * ben: ſo haſchte ſie deſto ſehnlicher nach dem Rath und der Huͤlfe, die ihr dieſer vielleicht noch zu ge⸗ waͤhren vermochte. Wir nahmen ihre Einladung, den Abend bei ihr zuzubringen, an, und Honorine und ich begleiteten ſie gleich hinuͤber. Die Kranke ruhte, in reinem Weiß gekleidet, auf dem Sopha. Nie ſah ich fruͤher oder ſpäter zartere, uber die Seele gleichſam nur gehauchte Formen; Alles, was Empfin⸗ dung Suͤßes, was Frömmigkeit Holdes und Jung⸗ fräulichkeit Unnennbares hat, ſprach aus dieſen Zü⸗ gen, dieſer zarten ſchoͤnen Geſtalt, um die der Zau⸗ ber himmliſchen Friedens ſchwebte. — Ihre Krank⸗ heit war Folge einer Erkaͤltung nach ſtarker Er⸗ hitung, und, wie alle Bruſtuͤbel, ſehr ſchmerzvoll; doch bei ihrer Jugend und der Stille ihres Gemuͤ⸗ thes faßte Reinhard die Hoffnung, ſie noch ganz wieder herſtellen zu konnen, und, hingeriſſen von dem Antheil, den mir ihr erſter Anblick eingefloßt hatte, vereinigte ich mich mit der Mutter und unſern Freunden, ihn zur Verlaͤngerung ſeines Aufenthaltes und zu dem Entſchluß zu bereden, St. nicht eher zu verlaſſen, als bis er ſie außer Gefahr wiſſe. Der Werth, den Thekla auf den Bewegungsgrund unſers Bleibens legte, erwarb meinem Gatten ihren 5. Dank, mir ihre Liebe; und da auch ich mich immer naͤher und immer inniger zu dem zarten Weſen hingezogen fuhlte; ſo verließ ich mehrere Wochen hindurch ihr Zimmer faſt gar nicht. Auf dem Krankenbette faͤllt ſo manche Ver⸗ zierung des Charakters, ſo manche erkuͤnſtelte und angenommene Verſchoͤnerung deſſelben weg, daß der Blick des Beobachters dann leicht in die verborgen⸗ ſten Tiefen des Herzens dringt. Manche traurige Erfahrung dieſer Art hatte ich ſchon gemacht; am Krankenbette dieſes Engels wurden ſie mir alle ver⸗ guͤtet. In ſechs Wochen der angreifendſten, pein⸗ lichſten Schmerzen, in ſechs Wochen der Ungewiß⸗ heit uͤber Leben und Tod, keine Klage, keine Miene des Unmuths und keine Spur von übler Laune! Immer nur mit der Sorge ſuͤr Andere beſchäftigt, immer bedacht, der Mutter zu verbergen, doß ſie leide, immer ſorgend, denen, die ſie umgaben, ihre Pflege und Wartung zu erleichtern — und dabei ſo voll Dank fuͤr jede Erquickung, jede ſchmerzensfreie Minute! So willig ſie ſich auch allen Vorſchrif⸗ ten des Arztes unterwarf, entging es mir doch nicht, daß ſie eigentlich den Tod mehr liebte als das Le⸗ ben, und ein ſtilles Sehnen nach der Stunde ihrer Auflöſung im Herzen trug, das nicht blos Folge kor⸗ perlicher Ermattung war. In einer unſrer einſamen Unterredungen geſtand ich ihr, daß ich mir bei ihrer Jugend dieſe Vorliebe fuͤr den Tod nur durch einen großen Schmerz zu erklaͤren wiſſe, der ſie von der Erde und vom Leben abgelöſet habe. „Nein,“ antwortete ſie mir, „mein Daſein war bisher ſtill und friedlich; doch habe ich, ſeit dem fru⸗ heſten Aufdaͤmmern meines Bewußtſeins, in banger Ahnung das Leben gefuͤrchtet, und ein grauenvolles Dunkel ruht fuͤr mich auf der Zukunft. In tiefer Einſamkeit erzogen, kenne ich die Welt und das Le⸗ ben nicht; aber ich weiß, daß das Boͤſe in ihnen faſt allmaͤchtig herrſcht, und ich zittere im Gefuͤhl meiner Huͤlfloſigkeit und Wehrloſigkeit gegen die Menſchen und das Schickſal vor ſeiner Macht,“ — Mich ruͤhrte dieſe Anſicht des Lebens; und wenn ich ihre Sanftmuth, ihre kindliche Froͤmmig⸗ keit, ihre widerſtandloſe Ergebung in jeden fremden Willen und jene Zartheit des Sinnes ſah, die ach! in unſerm rauhen Erdenklima zu ſehr der Krankheit gleicht! — ſo mußte ich mir ſelbſt geſtehen, es fehle dieſer Himmelsblume der ſchuͤtzende Dorn, und jede rauhe Hand habe unbeſchrͤnkte Macht, ſie verletzen zu können. Man konnte nicht um ſie ſein, ohne von dem Gefuͤhl ergriffen zu werden, daß jenſeits ihre Heimath, und dieſe Erde nur ein Ort der Ver⸗ bannung fur ſie ſei. Mit der Gewißheit ihrer Geneſung kam ein tiefer Ernſt in ſie. „Ach,“ ſagte ſie mir einmal, „wie gluͤcklich wäre ich geweſen, wenn mir jetzt nach dem ſchuldloſen Genuß einer frohen Kinderzeit ein ſanftes Entſchlafen, der Vorbote eines ſeligen Er⸗ wachens, vergönnt worden waͤre! — Doch, Herr, nicht mein Wille geſchehe, ſondern der deine! — ich fuhle es, ich bin zum Leiden beſtimmt; laß aber meine Ergebung darein ſtets eine freudige Ergebung ſein!“ — Nach einigen Wochen fuͤhrte ich ſie an einem ſchoͤnen Morgen zum erſten Mal wieder in die freie Luft. Ihr Auge ruhte mit ſeelenvollem, ſegnendem Ausdruck auf der vor uns liegenden, im Schmucke des Fruͤhlings neu aufbluͤhenden Erde. „Ergreift Sie nicht,“ fragte ich ſanft, „in dieſem Augenblick ein frohes Gefuͤhl des Daſeins? Duͤnkt es Sie nicht ſuͤß, dieſer Erde und dem freundlichen Leben wieder neu anzugehoͤren?“ 8 — „Ja wohl,“ antwortete ſie mir geruhrt, „iſt ſie ſo ſchoͤn, dieſe Erde, aber doch iſt auf ihr die Tu⸗ gend ein ewiger, ſchmerzlicher Kampf, wo eine Nie⸗ derlage den Glanz Jahre langer Siege auf immer ver⸗ dunkelt, doch bedarf auf ihr der Gluͤcklichſte Erge⸗ bung in ſein Schickſal, der geliebteſte Menſch fruͤ⸗ her oder ſpäter unſere Verzeihung. — Jede freund⸗ liche Erſcheinung, jedes begluͤckende Gefuhl ſtreuet den Samen eines aus ihnen aufkeimenden Schmerzes aus. — O wahrlich! ich ſcheue dieſen nicht, ich werde ihm willig mein Herz oͤffnen, mag er es bre⸗ chen; nur lege nie die Reue ihre Schlangen daran, nur beruͤhre es der Tod einſt rein und ſchuldlos, wie ich es jetzt an Gott zuruͤckgebracht haben wuͤrde!“ — Hier fuͤllten ſich ihre Augen mit Thränen; ſie ſank in meine Arme und weinte lange eben ſo ſanft als tief betrubt. Ich bot Alles auf, ſie zu ermu⸗ thigen und Vertrauen auf die Kraft und den Herr⸗ ſcherwillen des menſchlichen Gemuͤths in ihr zu wecken; aber die Zeit unſers Zuſammenſeins war zu kurz, um einen guͤnſtigen Erfolg meiner Bemuͤhun⸗ gen hoffen zu können. Wir durften, wenn wir nicht den zu unſerer Ueberfahrt guͤnſtigen Zeitpunkt ver⸗ fehlen wollten, nicht laͤnger in St. weilen. Mit Wehmuth und inniger Beſorgniß ſchied ich von The⸗ kla. Welchen Zauber mußte die Liebe einſt dieſem Weſen verleihen, das jetzt ſchon fuͤr den Dank und die Freundſchaft Blicke, Thränen und Worte hatte, die ſich dem Herzen unvergeßlich einprägten! Ich erkannte bei dieſer Trennung die tiefe Leidensfähig⸗ keit, die die Natur dieſem Herzen gegeben hatte; ich begriff nun erſt, wie ſie ihre Zukunft in propheti⸗ ſcher Ahnung errathen hatte, da ich ſelbſt auf der Erde das Gluck nicht zu nennen wußte, das die Ge⸗ walt, die der Schmerz uͤber dieſes Gemuͤth hatte, zu vergelten vermochte. O gewiß, das hochſte Gluͤck erinnert uns immer an die Unvollkommenheit und die Beſchränktheit unſerer irdiſchen Natur, aber es gibt Einen Schmerz, der die Schranken dieſer End⸗ lichkeit niederreißt, in unſerer Seele eine unermeß⸗ liche, unergruͤndliche Tiefe ausfullt, und ſie ſelbſt vernichten wuͤrde, waͤre ſie nicht ein unſterbliches Weſen. Ich durfte bei meiner Trennung von Thekla nicht darauf rechnen, ſie je wieder zu ſehen; und die Weite der Entfernung, die Abgelegenheit der Coloniſtenwohnung, die ich bei meiner Ankunft in Amerika mit meinem Manne bezog, beraubte mich auch der Freude ihres Briefwechſels. Doch treu bewahrte mein Herz das Bild des holden Mäd⸗ chens, das ſo geduldig, ſo gefaßt auf tiefes Weh, am Morgen ihres Lebens und in der Bluͤthe der Jugend und Schoͤnheit keinen andern Wunſch hatte, als Schuldloſigkeit und ein friedliches Grab; und nie gedachte ich ihrer, ohne bange Sorge fuͤr das Geſchick eines Herzens, das, in ſeiner zu großen Weichheit, der Gleichguͤltigſte zu verwunden und ein geliebter Menſch in einem Seufzer zu brechen ver⸗ mochte. Mein Leben geſtaltete ſich in dem fremden Lande zu einer Reihe harter Pruͤfungen, in denen ich mit dem Schickſal um das edelſte Kleinod des Menſchen, Ruhe der Seele, einen ſchweren Kampf zu beſtehen hatte. Mein Charakter gewann Feſtig⸗ keit, mein Geiſt vielleicht Staͤrke, aber mein Herz ward weicher, je mehr es blutete. Ich hatte Vater⸗ tand, Freunde und das Grab meines Kindes verlaſ⸗ ſen, um meinem Gatten nach Amerika zu folgen. Er fand in dem fremden Welttheil ein früͤhes Grab. Sein Tod ließ mich einſam und verlaſſen; mein Herz ſehnte ſich nach der geliebten, nie vergeſſenen — 11 — Heimath, nach den Sitten und Gewohnheiten mei⸗ ner Jugend zuruͤck. Ich ſchiffte mich ein, und nach einer ſehr glucklichen Fahrt ſah ich das blaue, neb⸗ lichte Gebilde der vaterlaͤndiſchen Kuͤſte aus den Wellen emporſteigen. Welch ein Moment für mein Perz! — Aber ach, um wie viel verarmter, als ich es ahnte, betrat ich mein Vaterland wieder! Der Tod hatte die theuerſten meiner Freunde hinweggerafft, eine zehnjährige Trennung mir die uͤbriggebliebenen entfremdet. Allein und huͤlflos ſtand ich, die beginnende Matrone, da, denn auch den letzten Reſt meines einſt ſo großen Ver mögens ver⸗ lor ich in den erſten Wochen nach meiner Ankunft, in dem S — Banquerot. Ohne alle Verbindungen, ohne alle Huͤlfsmittel, mir eine ſorgenfreie Zukunſt zu ſichern, ergab ich mich einer muthloſen Reſigna⸗ tion, als der Hofrath R., mein Rechtsconſulent, vorſchlug, die Stelle einer Geſellſchafterin bei der Frau von Freiſing, einer reichen jungen Witwe, an⸗ zunehmen. Ich mußte in meiner Lage dieſen Vor⸗ ſchlag als ein mir von der Vorſehung geſandtes Rettungsmittel anſehen, und unterwarf mich willig der Nothwendigkeit, die mir befahl, meinen Wider⸗ willen gegen ein Verhaͤltniß, das mich von den Lau⸗ —= 48 — nen und den Eigenheiten einer mir fremden Perſon abhaͤngig machte, zu beſiegen. Wer beſchreibt aber meine Ueberraſchung, mein freudiges Erſtaunen, als genauere Erkundigungen mich uͤberzeugten, ich werde in dieſer Frau von Freiſing Thekla, meine theure, nie vergeſſene Thekla wieder finden! — Doch konnte mir der Hofrath R. auf meine vielen Fragen faſt gar keine befriedigende Auskunft geben. Er kannte Thekla nicht perſoͤnlich, und Alles, was er von ihr wufte, beſchränkte ſich darauf, daß ſie vor ſechs Jah⸗ ren einen pommerſchen Gutsbeſitzer geheirathet habe, jetzt ſeit einem Jahre Witwe ſei und in M. lebe, umgeben von alle dem Wohlſtand, zu dem die reiche Verlaſſenſchaft ihres Mannes und ihr eignes Ver⸗ mögen ſie berechtige. Ich bat den Hofrath, ihr nichts von meiner früheren Bekanntſchaft mit ihr zu ſchreiben, ſondern ſie in dem Wahn zu laſſen, in ihrer Geſellſchafterin eine ihr ganz unbekannte Frau empfangen zu muͤſ⸗ ſen. Reinhard hatte bei ſeiner Ankunft in Amerika ſeinen Namen verändert, und ſo konnte der Name, den ich jetzt fuhrte, keine Erinnerung in ihr wecken. Nach einigen Wochen kam ich in M. an, und tieß mich als Madame Cäſut bei ihr melden. Mt 6 — welchem Herzklopfen betrat ich ihr Haus! Ich flog die Treppe hinauf — ſie oͤffnete ihr Zimmer und trat mir zum Empfange entgegen — ich ſah ſie, meine zarte, gefuͤhlvolle Thekla wieder, und ein Schrecken ergriff mich, als habe ich das verſteinernde Meduſenhaupt ſelbſt geſehen! Sie war es, ſie — nur großer, blaſſer, ruhiger; aber welche Ruhe! nicht die Ruhe des Todes, des Grabes, nein! man denke ſich das kalte Erſtarren des Eiſes, das alles Leben in ewige Feſſeln, gegen die es nicht mehr ringt, ge⸗ bunden haͤlt und man hat einen Schatten des Ein⸗ drucks, den ihr Anblick auf jedes fuͤhlende Herz ma⸗ chen mußte; und nun auf mich, auf mich, die ich das Bild dieſer Zuͤge, von ihrem ehemaligen Zauber, dieſem Wiederſchein von Seele und Empfindung er⸗ hellt, eben ſo treu als lebhaft in meiner Phantaſie bewahrt hatte! — Sie trat mir entgegen; dies himmliſche Auge, ehemals der Spiegel der zarteſten, gemuͤthvollſten Weiblichkeit, nicht erloſchen, nicht ver⸗ weint, ſondern leblos, todt! — O was ſind alle Ruinen verſunkener Erdenpracht, bei denen wir ſo oft, vom beugenden Gefuͤhl der Vergaͤnglichkeit tief ergriffen, trauern, gegen eine ſolche Seelenruine! Ohne irgend eine Spannung der Erwartung — kam ſie mir mit dem Ausdruck kalter Gleichguͤltig⸗ keit entgegen, aber im Moment des Erkennens warf ſie ſich, nicht mit Herzlichkeit, ſondern mit verzweif⸗ lungsvoller Heftigkeit in meine Arme. — Sie erro⸗ thete nicht, ſie vergoß keine Thraͤnen; zur Lilie er⸗ bleichend, zeigte nur ihr gewaltiges, die Bruſt faſt zerſprengendes Herzklopfen die Heftigkeit ihrer Be⸗ wegung an. Ich druͤckte ſie ſtumm und heißwei⸗ nend an mein Herz, ſie ſah zu mir auf, ihre Zuͤge erhielten einen Ausdruck von Schmerz, Sonnenſchim⸗ mer auf dieſem Geſicht! — Doch ſchnell verflog dieſer, und ſie ſank in ihre kalte Erſtarrung zuruͤck. Sie wurde hoͤflich gegen mich, und fuͤhrte mich zu der bei ihr verſammelten Geſellſchaft, der ſie mich als eine theure, ſeit einem Jahrzehend nicht geſehene Freundin vorſtellte. Ich war ſo erſchuͤttert, daß ich nur durch gewaltſame Anſtrengung die Kraft gewin⸗ nen konnte, mit dieſen mir fremden Menſchen in die conventionellen Formen der Höflichkeit und der Unterhaltung einzugehen. Mein Gefuͤhl war das, mit dem man eine Stätte, wo man fruͤher in ei⸗ ner unvergeßlich ſchonen Lebensſtunde Blumen pfluͤckte und Kranze wand, wieder betreten wuͤrde, wenn ein Lavaſtrom ſie zur Wuͤſte verheert hätte. Spät am Abend erſt fand ich einen einſamen Augenblick, ihr zu ſagen, wie treulich ich, während unſrer Trennung, ihr Andenken bewahrt; wie oft mich die Sorge um ſie beſchäftigt habe, und mit welcher ſchoͤnen Zuverſicht, mit welcher tröſtenden Hoffnung ich jetzt Tag und Nacht geeilt ſei, ſie wie⸗ der zu ſehen und ihr den Reſt eines Lebens zu wid⸗ men, das nur noch durch dieſe Freundſchaft Reiz und Werth fuͤr mich habe. Ein bittrer Schmerz durchzuckte ſie; ſie legte ſich matt in meine Arme. „Es vollendet mein Schickſal,“ ſagte ſie mir im ſtillen Jammerton, „daß ich Ihnen eine ſo treue, ſo edle Freundſchaft mit dem Schmerz vergelten muß, mich derſelben ſo un⸗ werth wiederzufinden. — Nur die entſeelte und ent⸗ ſtellte Geſtalt Ihrer Thekla irrt noch wie ein Ge⸗ ſpenſt um die Bilder jener Zeit; — ſie ſelbſt iſt laͤngſt begraben.“ — Ehe ich aber zu antworten vermochte, war ſie mir entwichen und zog an der Klingel. Die Kam⸗ merjungfer trat ein; ſie begleitete mich mit ihr nach meinem Zimmer und ihre Gegenwart unterſagte mir jedes traulichere Wort. Faſt aͤngſtlich vermied Thekla, ſowohl am nach⸗ 16 — ſten Morgen, als in den erſten auf ihn folgenden Tagen, jedes Geſpraͤch, das uns auf ihre Vergan⸗ genheit hinleiten konnte. Ich ſah ſogar, daß ſie es ſcheute, mit mir allein zu ſein, und beſchloß, dieſe Scheu zu ehren, und zu harren, bis meine Liebe und die Beguͤnſtigung des ſchicklichen Moments dieſe Rinde um ihr Herz löſen wuͤrde. Sah ich doch an der Sorgfalt, mit der ſie mir den Aufent⸗ halt in ihrem Hauſe ſo angenehm als moͤglich zu machen ſuchte, und an ihrer Erfindſamkeit, mir jede Bequemlichkeit, jede Zierlichkeit des Lebens zu ver⸗ ſchaffen, von der ſie wußte, daß ich ſie fruͤher gern gehabt hatte, daß ſie mich noch liebte; fuͤhlte ich doch, daß nur Ungluͤck, nicht Schuld auf ihrer Seele laſtete. Auch gewoͤhnte ſie ſich in kurzer Zeit wie⸗ der ſo an meine Nähe, daß ſie ſich ungern, wenn gleich nur auf einige Stunden, von mir trennte; ob ſie gleich, ſowohl im Zweigeſprach, als in der ge⸗ miſchtern Unterhaltung, hochſt einſylbig war und blieb. Vergebens beruͤhrte ich alle Saiten, die ehe⸗ mals ſo rein in dieſem harmoniſch geſtimmten Ge⸗ muͤth anſprachen: ſie ſchien auch nicht das leiſeſte Intereſſe fuͤr irgend einen Gegenſtand der Kunſt und der Natur, fuͤr irgend eine Anſicht des Lebens ge⸗ rettet zu haben. Kalt und antheillos bei Allem, ſchien ſich die Kraft ihres Lebens einzig nur noch in dem Beſtreben zu aͤußern, mehr und mehr zu erſtarren. Vergeblich hoffte ich, daß ſich ihr Herz der Freundin ihrer ſchoͤneren, froͤmmeren Jugend offnen, und in dem Vertrauen zu ihr Balſam fuͤr die Wun⸗ den ſuchen wuͤrde, die dieſem Herzen geſchlagen wa⸗ ren. Da ich aber fuͤhlte, daß meine Liebe mir täg⸗ lich gultigere Anſpruͤche auf ihr Vertrauen gab: ſo benutzte ich die erſte einſame Stunde, um mit der ganzen Innigkeit meines Herzens die Rechte einer ſo bewaͤhrten Treue, als die meinige, geltend zu ma⸗ chen, und ſie um die Erzaͤhlung der Begebenheiten ihres Lebens zu bitten. „Wie werde ich es Ihnen begreiflich machen,“ antwortete ſie bitter, „daß ich nichts zu erzählen und noch weniger uͤber etwas zu klagen habe! Mein Le⸗ ben war, als Mädchen und als Frau, das allerge⸗ wohnlichſte; nur lag in mir die Fähigkeit und der Wunſch, etwas Anderes zu ſein und zu werden, als die mir von der Vorſehung aufgelegten Pflichten zu ſein vergönnten. ZJede ſchuldloſe Neigung, jede Liebhaberei, der ich, in andern Vechaͤltniſſen, mir 3 — und Andern zur Freude hatte nachhängen konnen, wurde durch meine Verhältniſſe zur Suͤnde, und, um mich vor dieſer, die ich haſſend ſcheute, zu ret⸗ ten, mußte ich ſo werden, wie ich nun bin. Es mußte Alles in mir untergehen, was nicht fuͤr den Kreis der Pflichten, den das Schickſal mir angewie⸗ ſen hatte, paßte. Auch hatte ich es ſchon vergeſſen, daß dieſer dumpf hinbruͤtende Lebens⸗Mechanismus nicht den ganzen Kreis der Lebensweiſe in ſich faßt, ich war ruhig. Unſer Wiederſehen hat von Neuem Erinnerungen in mir erweckt, die Suͤnde ſind, weil ſie zu Vorwuͤrfen gegen Gott werden, der mich zu dieſem oͤden, qualvollen, freudenloſen Daſein be⸗ ſtimmte. Ich fühle oft in meiner Seele eine Bit⸗ terkeit, die mich zur Gottesläſterin machen koͤnnte; und dann wäre Verzweiflung mein Loos. Darum, o Pauline, ſchonen Sie mich! Ich kann Ihnen nicht wieder werden, was ich Ihnen fruͤher war; ich weiß es, daß Sie mir jetzt Ihre Freundſchaft nur noch wie ein vom Mitleiden erhaltenes Almoſen gewähren können; aber es liegt fur mich in Ihrer Nähe, in Ihrer Theilnahme etwas ſo Linderndes, ſo Wohl⸗ thatiges, daß ich Sie flehentlich bitte, mich nicht zu verſtoßen, ſondern bei mir auszuharren, und mir nicht in ſich meinen letzten, meinen einzigen Troſt zu rauben.“ Tief geruͤhrt, druckte ich ſie an mein Herz und gelobte ihr Treue bis in den Tod. „Gewiß,“ ſagte ich ihr, „gewiß iſt mir das Gluͤck beſtimmt, Sie wieder zum Leben aufbluͤhen zu ſehen! Vor zehn Jahren litt Ihr Koͤrper; jetzt iſt Ihr Gemuͤth krank. Aber ein Herz, wie das Ihrige, kann nur auf der Oberfläche erkaltet ſein, in ſeiner Tiefe ruht noch die Liebe, aus der der Menſch wieder geboren wird, wenn er ein Raub des geiſtigen Todes geworden zu ſein glaubt.“ 2 „Um Gottes willen,“ fuhr ſie heftig auf, „nichts von dieſer Hoffnung! Sie wiſſen nicht, wie ich es ſeit Kurzem einſehen gelernt habe, daß jede Arz⸗ nei meinem kranken Gemuͤth zum zerſtörenden Gifte wird.“ Sie riß ſich hier los und entfloh. Ihre letz⸗ ten Worte erhellten mir die Bemerkungen, die ich in der bisherigen Zeit meines Aufenthalts bei ihr, bei Beobachtung ihres Thuns und Treibens, und der Menſchen, mit denen ſie lebte, gemacht hatte, ohne ſie bis jetzt zu einem Ganzen ordnen zu kön⸗ nen. Thekla ſah viel Geſellſchaft in ihrem Hauſe und brachte jeden Abend in einem Zirkel zu, der zur Hälfte aus jungen Maͤdchen und Männern beſtand. Sie war ſechs und zwanzig Jahre alt. Die Regel⸗ maͤßigkeit ihrer Zuͤge, die Schoͤnheit ihres Wuchſes war ihr geblieben; ſie war Witwe, ſie war reich, und alle dieſe Eigenſchaften haͤtten vereint doch wohl in einem zahlreichen Maͤnnerkreiſe anziehende Kraͤfte aͤußern ſollen. Doch nein! Sie trat kalt und ernſt, ohne alle Anſpruͤche auf Liebenswuͤrdigkeit, wahrhaft matronenhaft auf, und man naͤherte ſich ihr auch nur mit den Ruͤckſichten, die man einer Matrone zeigt, ohne ſelbſt das Auffallende zu bemerken, eine ſo junge und ſchoͤne Frau ganz und in jeder geſel⸗ ligen Beziehung den alten Damen zugeſellt zu ſehen. Nur einen Mann ihres Zirkels ſchien ſie zu bemer⸗ ken; das heißt, ihn durch noch abgemeſſenere, berech⸗ netere Kälte zuruͤckzuſchrecken, wenn er ſich ihr ein⸗ mal näherte. Er hieß Otmer und war ein Frem⸗ der, deſſen Verhältniſſe in M. Niemand genauer kannte. In Thekla's Hauſe war er zuerſt erſchienen und dadurch nach und nach in mehrern Haͤuſern bekannt geworden, ſo daß wir ihn faſt allenthalben trafen, wie er bei Thekla zu den fuͤr immer einge⸗ ladenen Gäſten gehoͤrte. — — Der junge Mann hatte ſich mir von dem er⸗ ſten Augenblick meiner Ankunft an mit einer Ge⸗ fliſſenheit genähert, die ihren Grund nur in ſeinem Intereſſe fuͤr meine Freundin haben konnte. Ich ſpielte ſelten; er auch, und diefer Umſtand verſchaffte uns manche Stunde zur Unterhaltung, in der ich ſeine heitre Lebensanſicht, ſeine vaſche Thätigkeit und die ſelbſtſtaͤndige Klarheit ſeines Sinnes kennen und lieben lernte. Die Spannung zwiſchen ihm und Thekla konnte mir nicht entgehen, wenn ich ſie gleich nicht zu deuten vermochte. Er war wie in ihre Nähe gebannt und blieb ihr doch ſtets fern. Nur aus der Bitterkeit, der Empfindlichkeit, die Beide gegen einander zeigten, konnte man auf ein geheimes Intereſſe fuͤr einander ſchließen; und The⸗ kla's letzte Worte erhoben meine fruͤher gehegte Ver⸗ muthung zur Gewißheit. Von ihm konnte ich am erſten Aufſchluß uͤber dies Räthſel erwarten, und ich beſchloß, die naͤchſte ſich darbietende Gelegenheit zu nutzen, dieſen von ihm zu erhalten. Am Abend dieſes Tages begleitete ich Thekla auf einen Ball. Er war ſchon ſehr voll, als wir ankamen und wir wurden bald von einander getrennt. Als ich ſie mit meinen Blicken wieder aufſuchte, — W — fand ich ſie am obern Ende des Saals, wo ſie, in Erwartung der noch nicht angeordneten Spielpar⸗ tien, im Zirkel der aͤltern Damen ſaß. Man ſah es ihr an, wie antheillos ſie dem froͤhlichen Gewim⸗ mel der Tanzenden zuſah. Nicht fern von ihr lehnte ſich Otmer an eine Säͤule, die ihn ihren Blicken verbarg, und ſeine Augen ruhten mit ernſtem, weh⸗ muthvollem Ausdruck auf ihr. — Jetzt ſah er mich, und da er noch einen leeren Platz neben mir be⸗ merkte, eilte er ihn einzunehmen. „Wie ſehr,“ ſagte ich zu ihm, „weiß ich Ih⸗ nen den Antheil Dank, mit dem Ihr Blick eben auf meiner Freundin weilte. Wie viel inniger würde aber dieſer Antheil ſein, wenn Sie ſie, wie ich, in ihrer fruͤheren Jugend gekannt hätten, ehe der Druck eines ungluͤcklichen Verhaͤngniſſes ſie nieder⸗ beugte.“ „O wie ganz anders war ſie noch vor vier Jahren!“ rief er mit einer tief klagenden Wehmuth aus, die an dem ſonſt ſo heitern feſten Manne dop⸗ pelt auffiel. „Sie kannten ſie ſchon damals?“ „Ich lernte ſie auf der Inſel Wollin S wo ſie mit ihrem Manne wohnte.“ „Werden ſie es mir fuͤr Unbeſcheidenheit aus⸗ legen,“ fragte ich nach dem Schweigen einer Mi⸗ nute, „wenn ich Ihnen den Wunſch ausſpreche, durch Sie genauer von einem Verhältniß unterrichtet zu werden, deſſen Kenntniß mir meine Freundſchaft fuͤr Thekla hoͤchſt wichtig macht?“ „Kommen Sie doch nur mit dieſer Bitte mei⸗ nem Wunſch entgegen. Ich muß Me in dieſen Tagen verlaſſen und mein Gefuͤhl macht es mir zur Pflicht, Ihnen vor meiner Abreiſe Alles zu ent⸗ decken, was ich von dieſem ungluͤcklichen Opfer einer gemachten Moral weiß. — Laſſen Sie uns, um ungeſtoͤrt und unbehorcht zu bleiben, in ein Neben⸗ zimmer gehen.“ „Als ich vor vier Jahren,“ fing er, als wir uns geſetzt hatten, ſeine Erzählung an, „der Revuͤe bei Stargard beiwohnte, fiel es mir ein, das erſt kuͤrzlich eingerichtete Seebad in Swinemuͤnde zu be⸗ ſuchen. Ich fand die Gegend ſchoͤn, den Ort ſelbſt aber ſo einſam, das Bad ſo unbeſucht, daß ich meine Zeit zu nichts, als zu Ausfluͤgen in die benachbarte Ge⸗ gend zu benutzen wußte. Der Zufall fuͤhrte mich auch nach der nahe gelegenen Inſel Wollin. Ich fand eine ode, Meilen lang mit Tannenwaͤldern be⸗ deckte Sandwuſte, auf der nur ſpaͤrlich elende Huͤt⸗ ten zerſtreut liegen. In der Mitte dieſes deutſchen Sibiriens liegt ein Flecken, den man eine Stadt zu nennen beliebt, und wo man mich zu einem Brauer, als dem einzigen Gaſtwirth im Orte, wies. Ich fand in der Wirthsſtube eine dicke, vierſchroͤtige Fi⸗ gur, die mit ſeltner Geſpräͤchigkeit begann, mir mei⸗ nen Namen und den Zweck meiner Reiſe abzufra⸗ gen. Es war Herr von Freiſing. Das Jagdkleid, das ich trug und ein ſchoͤner Huͤhnerhund, mein ein⸗ ziger Begleiter auf dieſer Ausflucht, beſtaͤrkten ihn in ſeinem Wahn, ich ſti gekommen, die Jagdreviere der Inſel zu ſehen. Er ſchien großes Behagen an mei⸗ nem Hund, und auch, wenn gleich im geringeren Maße, an mir zu finden, und ſchlug mir mit treu⸗ herziger Gaſtfreiheit vor, mit ihm nach ſeinem Gute zu fahren, um am morgenden Tage einer großen, von ihm veranſtalteten Jagd beizuwohnen. Ich nahm ſein Anerbieten an. Unterweges erzählte er mir viel von ſeinem Gute, ſeinen Pferden, Hunden, Ochſen und mitunter, ganz in demſelben Tone, auch von ſeiner Frau.“ „Es iſt 'n gar gutes Weib,“ ſagte er, „und äuch eine fleißige Wirthin, wenn ſie nur ein wenig — — quicker und lebendiger wäͤre, doch uͤbrigens ein kreuz⸗ braves Ding, der ich in den zwei Jahren, daß ich ſie habe, kaum einmal ein hartes Wort geſagt habe. Sie hat's auch ſehr gut bei mir; ich thue ihr alles Gute und Liebe, und laſſe ihr aus Stettin ſo viel Kleider und Firlefanz kommen, als ſie nur im⸗ mer haben will. Der liebe Gott hat's mir ja ge⸗ geben, und ſo muß man's meiner Frau auch an⸗ ſehen koͤnnen, daß ich der reichſte Mann auf der Inſel bin.“ „Sie koͤnnen denken, daß mich dieſe Schilde⸗ rung eben nicht auf die Bekanntſchaft ſeiner Frau neugierig machte, und der Anblick des Hauſes und des Wohnzimmers war nun gar nicht geeignet, mir Intereſſe fuͤr die Mitbewohnerin deſſelben einzufloßen. Ein halbes Dutzend großer Jagdhunde ſprangen uns bei Eroffnung der Thuͤr mit lautem Gebell entge⸗ gen; Tabackspfeifen aller Art waren an den Waͤn⸗ den und vor den Fenſtern hingeſtellt, eine dunkle, raͤuchrige Tapete, eine große holzerne Schenke voll Bier⸗ und Weingläſer ſtimmten ganz zu der Unter⸗ haltung und der Geſtalt des Hausherrn. Da er ſeine Frau nicht im Zimmer vorfand, rief er dem Midchen und befahl, ihr zu ſagen, er habe einen Tarnow's Schriften. I. 2 — 2 — Gaſt mitgebracht, einen fremden Herrn, auf den ſie ſich mit dem Abendbrod einrichten ſolle. Eine halbe Stunde darnach erſchien der Thee und mit ihm die Frau vom Hauſe. Nie hat mich wieder eine Ge⸗ ſtalt ſo ergriffen! Dieſe Zuͤge, die jetzt einen ſo kal⸗ ten, jedem Gefuͤhl unzugaͤnglichen Ernſt ausdruͤcken, trugen damals noch das Gepraͤge der allerſchmerz⸗ lichſten Ermattung und einer hoffnungsloſen Geduld, die ſich aufgegeben hat, und nichts mehr vermag, als die Sklavenarbeit ihres Tagewerks mechaniſch zu verrichten. Mit ſchuͤchterner Unterwuͤrfigkeit hieß ſie ihren Herrn willkommen; mein Anblick ſchien ſie, wie der einer ungewöhnlichen Erſcheinung, zu uͤber⸗ raſchen. Die Unnatur aller ihrer Verhältniſſe ward mir gleich vom erſten Augenblick an klar. Freiſing behandelte ſie mit der gutmuͤthigen Zuftriedenheit ei⸗ nes Hausherrn gegen ſeine Untergebene, und ach! wie glůcklich wäre ſie geweſen, wenn ſie ihm nichts als Haushalterin, nichts als Magd, hätte ſein duͤr⸗ fen! — Alles, was ſie umgab, war plump, roh und gemein. — Wenn mich aber dieſer Geiſt ihrer umgebungen ſchon am erſten Abend verletzte ſo ward meine ganze Seele durch die Seenen des fol⸗ genden Tages empört, wo ſie, das einzige Weib, in — — der Geſellſchaft dieſer rohen Jäger aushalten mußte, und durch den Willen ihres Mannes gebunden, der durchaus keine Ahnung davon hatte, daß ſie dadurch verletzt werden koͤnne, und jedes Widerſtreben fuͤr Kinderei, fuͤr durchaus läppiſche Ziererei erklärt haben wuͤrde, nicht weichen durfte, als die Unterhaltung zur pobelhafteſten Zotenreißerei wurde, die wiehern⸗ des Gelaͤchter reizte und lohnte. Ich hatte mich neben Thekla geſetzt; ſie rang nach ununterbrochener Unterhaltung mit mir, um nur zu verbergen, daß ſie hoͤre, und um mich, wo moglich, am Hören zu hindern; aber das leiſe Zucken ihrer Lippen, der ſchnelle Wechſel ihrer Farbe, der immer trubere, im⸗ mer vollere Schimmer des Auges, der ſich nicht zer⸗ druͤcken laſſen wollte, ſondern als Thraͤne in das Glas Wein ſank, mit welchem ſie ſie ſtill herunter trank, verriethen die Anſtrengung, die ſie dieſer Zwang koſtete. Ich hätte vor ihr niederknieen, mein gan⸗ zes Weſen ihr hingeben moͤgen in dem unausſprech⸗ lich qualvollen Mitleiden, das ich fuͤr ſie em⸗ pfand; und doch war dies Alles noch nichts gegen die Auftritte des Abends, wo ihr Herr, im Nach⸗ rauſch des genoſſenen Weins, zärtlich gegen ſie zu werden begann, ſie vor meinen Augen auf ſeinen 2 * — — Schooß zog, ſie in ſeine Arme ſchloß — o was iſt alle Qual des Koͤrperſchmerzes gegen die Seelenfol⸗ ter, mit der dies Weib in ſeiner Umarmung wie ein Lamm auf der Opferbank zuckte! — Meine Seele ward davon zerriſſen, mein innigſtes Gefuͤhl ſchreiend verletzt; und ſie ſeufzte nun ſchon ſeit drei Jahren in dieſer Sklaverei, war erſt zwei und zwanzig Jahr alt, und dabei ohne Hoffnung auf Befreiung, ohne Ausſicht auf Veraͤnderung! Fuͤr ſie gab es keine Zukunft mehr!“ „Ich brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; der fruͤhe Morgen trieb mich hinaus; ich durchſtrich den Garten, auch da kein Plaͤtzchen, von dem ſich hatte vermuthen laſſen, es ſei ihr traut und lieb. So war es auch im Hauſe; ſie hatte nicht einmal ein eigenes Zimmer, und in keinem einzigen fand man Spuren der allen Frauen ſo naturlichen und lieben Zierlichkeit. Ich fuͤhlte es; ſie war hier ſchon wie ein willen⸗ und widerſtandloſes Opfer ihres Schick⸗ ſals angekommen.“ „Freiſing drang in mich, noch einige Tage bei ihm zu verweilen; ich that es und ſuchte vorzuglich Thekla's Geſellſchaft und Unterhaltung, in der ſie einen gebildeten, durch den Geiſt unſrer beſten Schrift⸗ — ſteller gelaͤuterten Sinn fuͤr das Schoͤne entfaltete. In meiner Freude daruͤber äußerte ich, daß die Ab⸗ geſchiedenheit ihres Lebens ihr, vorzuͤglich im Winter, wohl nur durch Lecture erträglich werden koͤnne. „Dieſer Genuß iſt mir verſagt,“ antwortete ſie mit ſanft.— „Ehemals las ich ſo gern, nach den er⸗ ſten Monaten meines Hierſeins habe ich kein Buch wieder geſehen; auch hätte ich keine Zeit, es zu le⸗ ſen. Die Wochentage nehmen mich ganz fuͤr die wirthſchaftliche Thätigkeit einer wenig bedienten Haus⸗ frau in Anſpruch; des Sonntags habe ich des Mor⸗ gens, außer der Beſchickung des Hausweſens, auch noch die wochentliche Berechnung mit den Tageloh⸗ nern und ihren Frauen, die mein Mann mir uͤber⸗ tragen hat; dann fahren wir zur Kirche, und von bort bringen wir entweder Geſellſchaft mit nach Hauſe, oder wir fahren zu einem unſerer Nachbarn. Des Montags beginnt der alte Kreislauf von Neuem, und man iſt am Abend ſo zufrieden, den Tag zur Ruhe gebracht zu haben, daß“ — Ihr Verſtum⸗ men hier war ſo ruͤhrend, daß mein Mitleiden, meine heiße Theilnahme in Worte ausbrach, die ich freilich ſchonender und zarter verſchwiegen hätte. Sie er⸗ ſchrak vor der Leidenſchaftlichkeit meines Tons, viel⸗ — 30 — leicht auch vor der Heſtigkeit, mit der ihre Thränen ſtrömten. „Ich muß mich ſelbſt anklagen,“ un⸗ terbrach ſie mich, „wenn ich Sie zu einer gegen meinen Mann ungerechten Anſicht meiner Lage ver⸗ keitete. Freiſing iſt gut und bieder; wo wir in un⸗ ſern Neigungen und in unſerm Geſchmack von ein⸗ ander abweichen, iſt es fuͤr mich als Frau gewiß und entſchieden Pflicht, mich nach ihm zu richten. Auch iſt die Einförmigkeit unſerer Lebensweiſe darin wohlthätig, daß ſie mich bis jetzt vor jedem neuen Schmerz bewahrte und es mir verbarg, daß man auf andere Art glucklich ſein kann, wie man es in dieſem Kreiſe iſt.“ — Pier verließ ſie ihre Faſſung. Sie ging ſchnell aus dem Zimmer, und die Entfernung und die Einſylbigkeit, in der ſie ſich nach dieſem Auf⸗ tritt gegen mich erhielt, ließ mich fuͤhlen, daß auf dieſer Seele ſchon ihre vor einem fremden Manne geweinten Thränen als eine Schuld laſteten.“ „Eine innere Stimme ſagte mir, ich muͤſſe ſchei⸗ ben, und ich beſchloß, ihr zu gehorchen, ſo wehe es mir auch that, ſie verlaſſen zu ſollen. Aber irgend ein beſaͤnftigendes Gefuͤhl, irgend eine wohlthuende Erinnerung ſollte ſie mir noch verdanken. Ich ſchlich mich nach Mitternacht in den Garten. Ueberzeugt, daß kein Flötenlaut den Schlaf ihres Mannes zu unterbtechen vermöge, lehnte ich mich nicht fern von ihrem Schlafzimmer an einen Baum, und blies eine herrliche Canzone, die im Ton tiefer Empfindung, mit einer leiſen, wehmuͤthigen Melodie beginnt, und in ſanften Modulationen zu tröſtendem, erhebendem Ausdruck uͤbergeht. Mich ſelbſt beruhigle dieſe Mu⸗ ſik, ſo ſturmiſch gepreßt auch meine Seele war, als ich begann; ich umfaßte den Baum, ich druckte meine Lippen auf ſeine rauhe Rinde, meine Augen wurden naß bei dem Gedanken, daß ihr Blick nach meiner Abreiſe zuweilen ihn ſuchen, und mein An⸗ denken dann im geiſtigen Nachhall dieſer Toͤne um ſie ſchweben wuͤrde. — Ach, meine Freundin, ſie war meine erſte Liebe! Ihr Auge war am andern Morgen ſo truͤbe geweint, ihre Wange noch blaſſerz aber mit der al⸗ ten Stille und dem gewohnten Eifer beſorgte ſie ihre täglichen Geſchaͤfte. Beim Abſchied bat ich ſie, in Gegenwart ihres Mannes um die Erlaubniß, ihr einige Buͤcher, de ich bei mir hatte, als ein Andenken zuruͤcklaſſen zu duͤrfen. Mit bittender, furchtſamer Erwartung ſah ſie ihren Mann an; er war gutmuͤthig; er liebte ſogar die Frau nach — 32 — ſeiner Art. Wäre in ſeiner Seele ein Ton geweſen, der bei dieſem Blick anzuſprechen vermocht hätte, er hätte Ja geſagt. „Nein, nein,“ rief er jetzt arglos und freundlich, „damit bleiben Sie mir vom Leibe! Das Buͤcherweſen kann ich gar nicht vertragen. Meine Frau iſt ein braves Weib; aber ſie waͤre mir nicht halb ſo gut eingeſchlagen, wenn ich ihr nicht im Anfang gleich die verteufelten Büͤcher wegge⸗ nommen hätte, bei denen ſie des Sonntags immer ſaß und dann ausſah wie ein Bußpſalm. Nein die Dinger da darf ſie mein Seel' nicht behalten. Sonſt kann ſie Alles von mir kriegen, und wenn ſie, wie die franzöſiſche Kaiſerin, ein Kleid von Spitzen ha⸗ ben wollte, ſie ſollt's kriegen, aber Buͤcher? daraus wird nichts. Eine tuͤchtige Wirthin hat genug im Hauſe zu thun; und iſt das beſchickt, kann ſie ſpin⸗ nen, daß die Kiſten voll werden. Gottes Wort mag ſie auch Morgens und Abends leſen, doch nicht ſolche weltliche Narrenspoſſen, nicht wahr, 3, klachen?“ „Gewiß,“ ſagte ſie fromm, „du meinſt es gut mit mir!“ und mit einer dankenden Verbeugung gab ſie mir die Buͤcher zuruͤck. Auch ich kußte ſtumm zum Abſchied ihre Hand, die leiſe in der meinigen zittertes doch er, als ob er ſein Verſagen gegen mich wieder gut machen wolle, erinnerte ſie ſcherzend, mich, nach dortiger Sitte, zum Abſchiede zu umarmen. Sie erblaßte, zauderte und bot mir dann ſanfterrothend die zarten Lippen, auf denen vielleicht nie der Dank und die eines Geliebten geglüht hatten.“ 1 6t „Ich verließ ſie; doch ihr xi blieb in meinem Herzen und das Andenken an ſie verlor im Lauf der Jahre nichts von ſeiner ſchmerzlich ſußen Gewolt uͤber mich. Unerwartet erfuhr ich vor einigen Mo⸗ naten, ſie ſei Witwe geworden. Auf den Fluͤgeln der Hoffnung und der Liebe eilte ich hierher. Wie ſchlug mein Herz dem Augenblick des Wiederſehens entgegen! Ich liebte ſie ſo wahr, ſo treu, ich traute mir die Kraft zu, ihr ihre Vergangenheit zu verguͤ⸗ ten, ihr eine fröhliche Zukunft verbuͤrgen zu koͤnnen, es war Alles nur ein Traum!“ „Ich fand ſie durch und durch viert wieder, und, was noch bittrer ſchmerzte, ſie beſtrebte ſich, mir noch veraͤnderter zu erſcheinen, als ſie es vielleicht in der Tiefe ihrer Seele iſt. Wiſſentlich und vorſätzlich ſtieß ſie mich jetzt zuruͤck, wie ſie mich fruͤher unwiſ⸗ ſentlich angezogen hatte. Was ich auch ſagte und S — that, nie gelang es mir, den Punkt zu treffen, wo ſich unſre Gemuͤther freundlich begegneten. Ihre ganze fruͤhere Vergangenheit und mit ihr meine Liebe iſt fuͤr ſie ſpurlos untergegangen, iſt tobt! Alles, was ich in ihr vergoͤttert hatte, war nur eine vergaͤngliche Jugendbluͤthe! — Ich habe viel um ſie gelitten; Kopf und Herz hatten einen ſchmerzlichen Kampf mit einander zu beſtehenz aber jetzt iſt er entſchieden und unwiderruflich mein Entſchluß ge⸗ faßt, ſie in jeder näheren Beziehung zu mir völlig aufzugeben. Ich werde in dieſen Tagen M. ver⸗ laſſen, um mir die Ruhe wieder zu gewinnen, die ihr Anblick und ihre Nähe zu peinlich gefäͤhrdet.“ Lebhaft beſtritt ich dieſen Entſchluß, und legte es ihm als heilige Pflicht der Liebe an's Herz, ſie durch ſeine Ausdauer, ſeine Treue wieder mit dem Leben zu verſoͤhnen, und ſie zur Wirklichkeit und zum Gluͤck zuruͤckzufuͤhren. Ich glaubte, es ihm vorbürgen zu können, daß er ihr nicht gleichgultig ſei, und ſich daher fruͤher oder ſpäter das dunele Widerwärtige ihres Benehmens aufklaͤren, und die Disharmonie ihres Whns in ede und Liebe ſi ch auflöſen werde. „Glauben Sie,“ fragte er tnu daß die — „ Liebe hier noch zu ſiegen vermag? Thekla iſt nun einmal ein zerriſſenes Weſen, und nie ſprechen in einem ſolchen Daſein Natur, Liebe und Weiblichkeit wieder rein an. Nur Leidenſchaft, gluͤhende Leiden⸗ ſchaft wuͤrde ſie aus ihrer Erſtarrung zu wecken und zu einem ganz neuen Weſen umzuſchaffen vermögen. Dieſe aber, die faſt immer von der Macht des er⸗ ſten Eindrucks abhaͤngt, werde ich ihr nie einzufloͤßen vermoͤgen; und konnte ich es: ſo würden mir doch meine Grundſatze und mein Charakter nicht erlau⸗ ben, von einer Leidenſchaft Gluͤck zu erwarten und ihr den Gehalt meines Lebens anzuvertrauen. Un⸗ gluͤck hätte Thekla's Seele gekräftigt; Elend hat ſie verbittert, und ihr angeborner Adel dient nur dazu, dieſe moraliſche Entſtellung fuͤr unſer Ge⸗ fuhl noch ſchwerzlicher zu machen. „O glauben Sie nicht, meine Freundin, daß ich kalt von ihr ſcheide! Mein Herzblut wollte ich darum geben, ſie wieder zu dem zu machen, was ſie einſt war. Doch mich ihr, wie ſie jetzt iſt, liebend naͤhern, von ihr Gluͤck er⸗ warten, ihr Gluck gewähren, das kann ich nicht.“ Ich konnte ihn nicht tadeln, ich fuhlte ſelbſt⸗ daß die Lebenswege Beider ſich getrennt hatten; aber mir war bange vor dem Eindtuck, den in Thekla's gereiztem und ſonderbar geſpanntem Zuſtande ſeine Abreiſe auf ſie machen konnte. Ihr Benehmen ge⸗ gen ihn war mir unerklrlich. Liebte ſie ihn: woher denn dieſe abſchreckende, unnatuͤrliche Kälte? Liebte ſie ihn nicht: woher die heftige Bewegung, mit der ſie ſeine täglich zunehmende Entfremdung trug? Auch fuhlte ich lebhaft, wie ganz anders doch ein Weib zu lieben verſteht, als die Maͤnner! — Er rechnete ihr die Folgen ihres Ungluͤcks als eine Schuld an, und verließ ſie. Ein Weib hätte im ahnlichen Fall getragen, geduldet, ausgeharrt und vielleicht ge⸗ ſiegt. — Am andern Morgen war ich bei Thekla in ihrem Zimmer, als Otmer erſchien, um von uns Abſchied zu nehmen. Man ſah, daß dieſe Nachricht ſie uͤberraſchte, wenn ſie ihr gleich nicht unerwartet zu ſein ſchien. Sie ſprach ruhig und gefaßt mit ihm, und nur, als er ihr in wenigen wehmuthsvollen und ernſten Worten Lebewohl ſagte, ſah ich ſie er⸗ blaſſen und ihr Auge naß werden. Sie kaͤmpfte, ihm ihre Ruͤhrung zu verbergen; aber kaum ſchloß ſich die Thuͤr hinter ihm: ſo ſah ich ſie bleich in's Sopha zuruͤckſinken. Sie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden, und ich hörte ſie ſanft weinen. Be⸗ — — wegt, näherte ich mich ihr. Wie leicht konnte ich da verwunden, wo ich troͤſten wollte! „Moͤchte mir doch ein guter Gott,“ ſagte ich, ihre Hand faſſend „eingeben, wie ich das Herz mei⸗ ner Thekla dem Vertrauen zu oͤffnen vermag; da ich nach ſo langer Trennung nicht weiß, wie es be⸗ handelt werden muß!“ „Als hoffnungslos krank,“ antwortete ſie mir, „aber in dieſer Stunde iſt mir wohl, ſehr wohl. Ich fuͤhle Schmerz, ich kann wieder weinen, ſeit Jahren vergoß ich keine Thräne mehr.“ „Und in dieſen Thraͤnen, meine Freundin, liegt die verſoͤhnende und ausgleichende Kraft, die Otmer zu Ihnen zuruͤckfuͤhren und Ihnen die Moͤglichkeit einer ſchoͤnen, Sie Beide durch Liebe begluckenden Zukunft verbuͤrgen wird.“ „Nein, liebſte Pauline, dieſe Thränen dürfen keine ſolche Illuſion hervorrufen. Es gab einſt eine Zeit, wo ſeine Theilnahme und der Eindruck, den ſie auf mich machte, mich als ein Unrecht druͤckten, und wo mir dies Gefuͤhl unfreiwilliger Schuld die letzte Kraft der Seele, die letzte Stuͤtze raubte. Als er nun hier mit allen Hoffnungen ſeines ſchonen, freudigen Jugendlebens vor mich trat, erkannte ich ⸗ — — gleich, daß er mich, wie ich jetzt bin, um ſeines Frie⸗ dens willen nicht mehr lieben duͤrfe, und daß es un⸗ gerecht und grauſam von mir ſein wuͤrde, die Macht der Erinnerung uͤber ihn zu benutzen, um auf ſein heitres Leben den Wiederſchein meines verkuͤmmerten, elenden Daſeins zu werfen. Ich habe nie geliebt, ihn haͤtte ich lieben koͤnnen, waͤre er, der Freie, einſt der Freien begegnet, jetzt kann ich nicht mehr lieben. Ich habe gewuͤnſcht, daß er ſcheiden ſollte; aber in ſeinem Schmetz fuͤhle ich den Fluch meines jetzigen Daſeins, jede ſchoͤne Seele, die Antheil an mir nimmt, verwirren und beklemmen zu muͤſſen.“ „Wie können Sie, liebſte Thekla, die finſtre Atmoſphaͤre um Sie her ſo ganz mit der Welt ver⸗ wechſeln, um die ſie ſich bildet? Vertrauen Sie ſich ſelbſt! — In Ihrem Innern allein kann ſich das Licht entwickeln, das Ihnen das Leben und die Erde wieder freundlich zu erhellen vermag.“ „Wenn ich die Flugel, die mich jetzt empor tragen ſollten, nur fruͤher nicht ſelbſt hätte knicken muͤſſen! — Man kann nicht verarmter an Geiſt und Kraft ſein, wie ich es werden mußte, um die Pflichten, die mir auferlegt waren, treu erfullen zu — — können. Ich habe mich bei vollem Bewußtſein gei⸗ ſtig ſterben fuͤhlen, und durfte nicht dagegen käm⸗ pfen, weil jeder Funke von Seele, Geiſt und Herz bei mir vom Uebel war. Zu alledem, was ich zu thun und zu leiſten gehabt habe, gehörte nur der Mechanismus eines aufgezogenen Uhrwerks, und jede freiere Thätigkeit war, wie jede Thräne, Suͤnde. Mein Schickſal, liebſte Pauline, iſt ein Räthſel, das ich nicht zu entwirren vermag, und das mich in die⸗ ſem Dunkel, finſter und aͤngſtigend, enger und enger umflicht. Ich habe nie etwas Boͤſes gethan; meine Seele iſt frei von jeder wiſſentlichen Schuld, und doch druͤckt und quaͤlt mich mein Ungluͤck ganz wie ein ſchweres Unrecht. Jeder Menſch hat doch we⸗ nigſtens einen Troſt, einen Wunſch, einen Schmerz; mein Daſein allein iſt eine ganz öde Leere, und ich darf nicht einmal klagen; denn Tauſende wuͤrden ſich in den Verhaͤltniſſen, worin ich gelebt habe, gluͤcklich preiſen; was hatte ich denn fur ein Recht, vom Le⸗ ben etwas zu erwarten und zu hoffen, was ſo viele brave, rechtliche Menſchen nie darin ſuchen? Ich konnke nicht anders, ich mußte mich zuletzt, wenn der bloße Thierdienſt und die Thierweide dieſes Le⸗ bens meiner Seele nicht genügte, als die einzige — — Kranke unter lauter Geſunden anſehen lernen, und ſo ward ich denn auch von jeher behandelt.“ „Wie kamen Sie aber dahin, ſich dieſe un⸗ verzeihliche Ertodtung ihres beſſern Selbſts als Pflicht aufdringen zu laſſen?“ „Sie wurde mir nicht als ſolche aufgedrungen; ſie war es klar und beſtimmt fuͤr mich. Die Pflich⸗ ten gegen mich ſelbſt haben mich nie intereſſirt; ich kannte und ehrte nur Pflichten gegen Andere. Es war Gebot meiner innerſten Natur, dieſe letztern den erſtern vorzuziehen, und gibt es ein Schickſal, und eine Beſtimmung; ſo ſind ſie mit dieſer unſter an⸗ gebornen Natur Eins. Um mir ein ſchoͤneres, freie⸗ res Daſein zu erhalten, hätte ich in ewigen Kampf mit allen von Gott ſelbſt geheiligten Verhältniſſen treten muͤſſen; dies konnte ich meiner Natur nach nicht; und bei der Obermacht roher Gewalt, die mir ſtets entgegen ſtand, haͤtte mein Sinn ſich doch endlich wohl auch in feindlicher Verſtockung brechen muͤſſen, wo er ſich jetzt in willenloſer Verlaͤugnung bog. Gewiß, Pauline, es konnte mit mir nicht an⸗ ders kommen, als es gekommen iſt: Es war meine Beſtimmung unterzugehen, und es wäre Suͤnde ge⸗ weſen, mich dagegen auflehnen zu wollen.“ — „Der Kampf um das hoͤchſte Kleinod des Men⸗ ſchen, um den Glauben an ſich und um die Wahr⸗ heit ſeines Lebens kann, gegen welche Verhaͤltniſſe er ſich auch wendet, nie Unrecht ſein. Ich weiß aber zu wenig von dem Gange Ihres aͤußern Le⸗ bens, um die Erſcheinungen Ihres inneren chl würdigen zu koͤnnen.“ „Ungern, wie die verjaͤhrte Leiche eines gelieb⸗ ten Menſchen, ziehe ich meine Vergangenheit an's Licht. Auch vermöchte ich nichts von ihr zu erzah⸗ len; aber in fruͤheren Zeiten war es mir oft Beduͤrfniß, mit mir ſelbſt uͤber mein Schickſal zu reden; und was ich von dieſen Blättern bewahrt habe, wird Ihren Wunſch beſſer erfuͤllen, als ich es jetzt muͤndlich zu thun vermoͤchte.“ Sie ſtand auf und reichte mir aus ihrem Schreibtiſch einige Rollen Papiere. Dankend eilte ich damit nach meinem Zimmer, und fand in ih⸗ nen das Gemaͤlde eines verkuͤmmerten Lebens, das ſich, wie eine vom Froſt getroffene Knospe, nie zur Bluͤthe eines freudigen Daſeins entfaltet hatte. Es gibt Menſchen, die keinen Einfluß des äußeren Schickſals auf die geiſtige und ſittliche Bildung anerkennen wollen, und behaupten, der Menſch durfe und ſolle dadurch in der hoheren Har⸗ monie ſeines Daſeins nicht geſtört werden; nur ſein Wille, ſeine Schwäche trage die Schuld, wenn er die Richtung ſeiner Bildung und ihre Entwickelung dem aͤußern Verhaͤltniß ſtlavenartig unterwerfe. Auch ich glaube an die Kraft, mit der die Parze den Menſchen ausruͤſtet; auch ich glaube, daß in der geiſtigen Natur des Menſchen das Vermögen liegt, ſich zu reinigen und ihr fremdartige Krankheitsſtoffe auszuſtoßen; aber ich weiß auch, aus villfaͤltiger Er⸗ fahrung, daß dieſer Naturinſtinet des Rechts und der Wahrheit eingeſchläfert werden kann durch eine Gewalt, die, wenn ſie den angebornen Adel nicht zu vernichten, doch ihn zu unterdruͤcken und in ſeiner Entwickelung zu hemmen vermag. Solche morali⸗ ſche Wickelkinder lernen den freien Gebrauch ihrer Glieder nie kennen, und nur wenige ausgezeichnete Geiſter vermoͤzen es ſpäter, die Form abzuſtreifen, in die man ſie fruͤhe hineinſchalt und hineinzuͤch⸗ tigte. Thekla war die einzige Tochter ſtiller rechtlicher Eltern, denen der Beſitz eines mittelmaͤßigen Land⸗ gutes einen ihren Wuͤnſchen und Forderungen ange⸗ meſſenen Wohlſtand ſicherte. Die Mutter, eine brave, — — tüchtige, geſchäſtige Frau, ohne Weiblichkeit und Bier⸗ lichkeit, wie man ſie unter den Landleuten des Mit⸗ telſtandes oft findet, der Vater etwas rauh und hart; doch bei dieſer Derbheit gutmuͤthig und wohl⸗ gemuth. Das Loben dieſer Menſchen konnte nur vas Gute und Nuͤtzliche haben und darſtellen. Die MNatur aber hatte Thekla'n mit Anlagen ausgeſtattet, die Schones und Zartes forderten. Bis zu ihrem zehnten Jahre wuchs ſie faſt ohne allen Unterricht, ohne alle Auſſicht auf. So ward ihr eine ſchöne Kindheit, voll Traͤume und Bilder; eine Blumenzeit, in der das innere Leben ungeſchreckt aus ſeinem Keim erblühen konnte. Morgenglanz und Abend⸗ rothe, Blume und Schmetterling, Mond und Sonne, Daͤmmerung und Licht, jeder Naturklang wirkte auf ſie ein und ſpiegelte ſich in ihrem Gemuͤth. Das Aufbrauſen des Vaters ſchadete ihr, weil (da er es gegen Alle hatte, ſie Alle ihm unterworfen ſah) blinde, willenloſe Unterwuͤrfigkeit unter dem Befehl des gebie⸗ tenden Mannes der erſte unausloͤſchliche Eindruck des Verhältniſſes beider Geſchlechter zu einander wurde, der ſich in ihr Gemuͤth eingrub. In ihrem zehnten Jahre fing man an, ſie zu unterrichten; doch der Kreis des Wiſſenswuͤrdigen ward fuͤr ſie von der — 5 Beſchraͤnkung der Eltern ſo enge gezogen, daß ihr hinlaͤngliche Freiheit und Muße zur Selbſtbeſchäfti⸗ gung und zu den ſtillen Traͤumen ihrer Phantaſie blieb. Der einzige Zweck, deſſen ſich die Eltern bei ihrer Erziehung dunkel bewußt waren, war Willig⸗ keit des Gehorſams gegen göttliche und menſchliche Gewalt, bis zur Ertodtung aller Selbſtſtäͤndigkeit. Der Vater fand ſie in fruͤher Kindheit eigenſinnig, und unterwarf ſie nun der ſtrengen Disciplin des Gegenſatzes alles deſſen, was ſie wuͤnſchte, und aus Neigung und mit Luſt hätte thun moͤgen. Der unmotivirte Wechſel von Liebe und Zorn, mit dem das geſchah, verwirrte das kindliche Gemuͤth, und raubte ihm die Kraft des Widerſtrebens, mit der es die Natur vielleicht zur Bewahrung ſeiner Eigen⸗ thuͤmlichkeit ausgeſtattet hatte. Thekla ward vierzehn Jahr alt, und ihr Herz begann, ſich mit ſich ſelbſt zu verſtändigen. Natur, Einſamkeit und Poeſie hatten ihrer Seele eine ſeltne Zartheit des Gefuͤhls und des Gewiſſens gegeben. Vom Leben, wie ſie es kannte, liebte ſie nichts als den Schmerz, den ſie als Bildungsmittel und als Läuterung ehrte, furchtete ſie nichts, als daß es ihr die Laſt eines Fehltrittes aufbuͤrden koͤnne. Ohne 1 — allen Muth, zu ſuchen, was ihr fromme, entſchloſſen, leidend zu erwarten, was die Vorſehung uͤber ſie be⸗ ſchließe, war ihr jeder Wunſch, jede Hoffnung unbe⸗ kannt, die uns mit der Macht der Liebe an das ir⸗ diſche Leben zu binden vermoͤgen, und es bemaͤchtigte ſich ihrer mehr und mehr eine bange Furcht vor der Zukunft und eine wehmuͤthige Ahnung ihres Schick⸗ ſals. Sie hatte manches vernuͤnftige, kalt beſon⸗ nene Buch geleſen, und daraus gelernt, daß das Le⸗ ben und die Menſchen ganz anders ſeien, als die Jugend und die Dichter ſie ſich malen; Alles, was ſie umgab, ſtand auch mit ihrem Sinn in ſo grel⸗ lem Contraſte, daß ſie den ſchneidenden Gegenſatz der Wirklichkeit und einer poetiſchen Anſicht des Lebens und ſeiner Verhältniſſe mit einer Wahrheit fuͤhlte, die ſonſt nur die Frucht gereifter Erfahrung und er⸗ worbener Beſonnenheit iſt. So weit ihre Blicke reichten, ſah ſie den Menſchen vom Heißhunger koͤr⸗ perlicher Beduͤrfniſſe unterjocht; und dieſe Anſtren⸗ gung der Arbeit und des Schaffens und Erwerbens erſchien ihr in ihrem Kreiſe durch keinen Strahl höherer Humanität erhellt. Von ihren Eltern, die ſie innig liebte, durchaus unverſtanden, fuͤhlt⸗ ſie ſich von ihnen, von den Mänſchen, die auch ſi⸗ ſo herzlich liebten, oft am tiefſten verletzt; und das todtete in ihr die Hoffnung und den Glauben an das Gluͤck der Liebe. Ihr zarter Koͤrper naͤhrte ihre ſanfte Traurigkeit, die wieder auf ihn zerſtorend zuruckwirkte. Sie wurde in ihrem ſechzehnten Jahr gefaͤhrlich krank. Damals lernte ich ſie kennen. Bald nach mei⸗ ner Abreiſe und ihrer Geneſung ging ſie zu ihren Eltern zuruck und verlebte hier den Sommer in der ge⸗ wohnten, jetzt noch durch die erneuerte Freundſchaft Ho⸗ norinens verſchoͤnerten Einſamkeit. Gegen den Winter beſuchte ſie dieſe, um einige Monate bei ihr zuzubringen. Hier lernte Armand de Caſtelbaine ſie kennen, ein Mann, den vin graͤßlicher Augenblick ſeines Lebens unſtät und fluͤchkig, als jage ihn ein Fluch, umhertrieb⸗ Wer vermag die Disharmonien, die ſtreitenden Kraͤfte einiger Naturen zu erklaͤren, die, wie Kome⸗ ten, nach uns unbekannten Regeln, die Kreiſe ihrer Lebensbahnen beſchreiben? Zum Sttreit, zum convul⸗ ſiviſchen Wechſel von Finſterniß und Licht wie be⸗ ſtimmt, fahren ſie im Leben wild einher, und jagen nach einem Frieden, den ſie nie zu bewahren vermoͤgen; ſie ſind gleichſam die Orkane der geiſtigen Welt. Die Revolution riß bei ihrem Ausbruch den — ——— — — gluͤhenden, begeiſterten Juͤngling mit ſich in den Strudel ihrer Gräuel. Was er hier ſah, erlebte, und zum Theil mit beforderte, entftemdete ihn jedem frommen, einfachen Gluck der Ratur und der Menſch⸗ lichkeit, und ätzte die Geſtalten entarteter Menſchheit mit Scheidewaſſer in ſein Herz.“ Aus dieſen dunkeln Wetterleuchtungen fremder Frevel und des Mißbrauchs eigner, ungezügelter Kraft ging ihm in der Liebe die Morgenroͤthe eines ſchönern Daſeins auf. Adele du Corſe erſchien ihm und die wilde Kraft des feurigen Gemuͤthes wurde von der Anmuth und Milde dem Geſetz unterwuͤrfig gemacht. Er liebte, er ward geliebt; doch vergebens rang er mit Löwenmuth um den Beſitz der Gelieb⸗ ten. Sie ward die Gattin eines Mannes, den er ſchon früher brennend haßte, und der in ihr auch ur ein Opfer füͤr dieſen Haß beſitzen wollte. Die Piſtole war ſchon geladen, die ſie von dem ihr aufgezwungenen Gatten befreien ſollte. Vor Adelens Thraͤnen, vor Adelens Flehen ſank der auf⸗ gehobene Arm. Er ging zur italieniſchen Armee. Wo er fruͤher mit Heldenmuth gekaͤmpft hatte, trie⸗ ben ihn jetzt Ungluͤck und Lebenshaß zu einer Toll⸗ kuhnheit, die nicht bewundert, ſondern nur ange⸗ . — — ſtaunt werden konnte. Der Saͤbelhieb eines öſtrei⸗ chiſchen Huſarenofficiers ſchloß dieſe Laufbahn vor ihm. Sein rechter Arm war auf lange unbrauch⸗ bar. Auf dem Ruͤckwege nach Frankreich fuͤhrten ihn Sehnſucht und Liebe in die Gegend, wo Adele auf einem Schloß ihres Gatten wohnte. Er kam in dem nahgelegenen Dorfe an. Seine erſte Frage war ſie — ſie war todt — am Morgen dieſes Tages begraben! Noch einmal mußte er ſie ſehen. Die Nacht war dunkel und ſtuͤrmiſch. Ein ſchwarzes Gewitter hing drohend am Himmel, deſſen Blitze ihm auf dem Wege zu ihrem Grabe leuchteten. — Jetzt ſprengte er die Thuͤr der einſam liegenden Capelle, und o barmherziger Gott! innen vor der Pforte des Grabgewoͤlbes lag ſeine angebetete Adele, erſtarrt, im Leichengewand, in ihren Armen das Kind, daß ſie hier, lebendig begraben, mit unnennbarem Entſetzen geboren hatte! Fort von dieſem Anblick, der ihn an die fernſte Grenze des Bewußtſeins nahe zum Wahnſinn fuͤhrte! Er ſchwor einen gräßlichen Eid, ſie, die fre⸗ ventlich Hingeopferte, zu raͤchen, und loͤſete ihn noch gräßlicher. Jedes Band zwiſchen ihm und der Menſchheit war zerriſſen. Er haͤtte ein furchtbarer Boſewicht werden konnen, wenn er nach befriedigter Rache, im Leben noch ein Intereſſe gefunden hätte, fuͤr das er haͤtte thaͤtig ſein moͤgen. So blieb er ein Verlorner, ohne ein Teufel zu werden. Als laͤge ein Kains⸗Fluch auf ihm, durchirrte er unſtät und heimathlos die Erde. In St. lernte er Thekla kennen. Ihre auffallende Aehnlichkeit mit Adele ergriff ihn, und machte die ewigbrennende Wunde ihres Verluſtes noch brennender. Jede, auch nur augenblickliche Beſchwichtigung ſeiner Qual ſchien ihm ein Verbrechen gegen Adelens Schatten, und durch dieſe Eigenheit ſeiner Empfindungsweiſe ſtieß ihn Thekla's Aehnlichkeit mit ihr in der einen Minute eben ſo zuruͤck, wie ſie ihn in der nachſten unwiderſtehlich anzog. Noch ehe ſie ihn liebte, ga⸗ ben ihm ihre Unerfahrenheit, ihre Sanftmuth, ihre Furchtſamkeit und mehr noch wie dies Alles, ihr Mitleiden mit ihm, eine Gewalt uͤber ſie, die er nur gebrauchte, ihr wehe zu thun, und das um ſo giftiger und ſchonungsloſer, je theurer ſie ihm ward. Thekla liebte und litt, litt unendlich. In einem gluͤcklicheren Verhaͤltniß, leicht und herrlich bildbar durch Liebe, mußte in dieſem der Wechſel und die Miſchung von Haß und Liebe eines ſo durchaus er⸗ Tarnow's Schriften. I. 3 — — bitterten Gemuͤthes, wie das ſeinige, zerſtoͤrend auf ſie wirken. Ihre immer noch ſchwache Geſundheit erlag. Er, der ſie gequält, gemartert hatte, um ſich an der Sanftmuth zu weiden, mit der ſie das ohne Vorwurf, ohne Klage, in ſtiller, ruͤhrender Betruͤbniß ertrug, und in ſeiner unbarmherzigſten Härte nur ſein ungluͤck fuͤhlte, wich jetzt nicht von ihrem Kranken⸗ lager. In ihren heftigen Fieberphantaſien, wo ſie nur ihn ſah, nur mit ihm redete, genoß er das Gluͤck und den Schmerz dieſer Liebe in vollen Zu⸗ gen. Er fuhlte, daß er ſie, als ſein Opfer, bis an den Rand des Grabes gebracht hatte; er mußte es ſich eingeſtehen, daß ſie, wie er war, in keinem Ver⸗ haͤltniß zu ihm etwas anders als ſein Opfer werden konnte. Sein beſſeres Selbſt erwachte. Er beſchloß, wenn ſie zum Leben wiedererwache, ihre Kette zu iöſen und ſie zu fliehen. Wohl ihr, wenn ihr Auge ſich nie wieder ge⸗ öffnet hätte! Als ſie es nach einer höchſt gefährlichen Kriſis, nach vierzehn hoffnungsloſen Tagen zum er⸗ ſten Mal wieder aufſchlug, ſchwamm ihr Zimmer im goldenen Duſt der Morgenroͤthe, und ihr erſter Blick fiel auf Armand, der vor ihrem Lager kniete. Er hatte ſie in dieſer Nacht ſchon als todt geſehen und betrauert. Jetzt druͤckte er ihre Hand an ſein Herz, ihr Blick ruhte mit unausſprechlichem Ausdruck auf ſeinen vom Kummer um ſie erweichten Zuͤgen; es war der gluͤcklichſte Augenblick ihres bisherigen Le⸗ bens, Vorempfindung des Erwachens im kuͤnftigen. „Du biſt gerettet,“ ſagte er ihr ſanft und ernſt, „danke Gott dafuͤr!“ Leiſe bog er ſich nieder, ihre Stirn zu kuͤſſen, und ſtand dann auf, Honorine zu wecken, die im Nebenzimmer, von vielen Nachtwa⸗ chen erſchopft, ruhte. In der Thuͤr blickte er noch einmal zuruͤck, ihr Auge war ihm gefolgt, es war der letzte Blick, nie ſah ſie ihn wieder. Ihn trieb es noch einmal ſtuͤrmend hinaus in's getümmelvolle Leben, Kampf der Maͤnner in heißer blutiger Feld⸗ ſchlacht wurde mehr denn je der einzige Wunſch ſei⸗ ner Seele. Er fand ihnz ſein Schickſal fuhrte ihn nach Schweden, als der letzte Krieg mit Rußland ausbrach. Er ging zur finnlaͤndiſchen Armee, und machte als Freiwilliger im Regiment Kronenberg den Feldzug mit. — In Sikajoki's Felſenſchluchten thuͤrmte ihm, nach alter nordiſcher Sitte, die Liebe ſeiner Waffengefährten ſein Grab. Mit ſieben und zwanzig Wunden geziert, fanden ſie ihn, nach einem moͤrderiſchen nächtlichen Gefechte auf einem Haufen 3 * 0 erlegter Feinde niedergeſunken, den Säbel noch feſt in der erſtarrten Hand haltend. Die Stelle ſelbſt ward ſein Grab. Man verbarg ihr ſeine Abreiſe einige Tage, und dann erſt gab ihr Honorine folgenden fuͤr ſie zuruͤckgelaſſenen Brief: „Ich bin verloren, war es ſeit lange, und Du, Unſchuldige, waͤrſt es mit mir geweſen, wenn dieſe fuͤrchterliche Krankheit Dich nicht gerettet hätte. Wie ein Raubvogel haͤtte ich Dich von den Thälern der Erde weg auf meine ſteilen Felſenhoͤhen entfuͤhrt, wo Du verſchmach⸗ tet waͤreſt, aber dieſe Krankheit hat mir eine zu harte Vorempfindung des Gefuͤhls gegeben, mit dem mich das Bewußtſein, Dein Moͤrder zu ſein, ergreifen wuͤrde.“ „Atme, arme Thekla, jetzt fuͤhle ich erſt recht, wie gut und lieb Du warſt! 2 Ich hätte es Dir wohl gegönnt, daß Dein Leben ein durch meine finſtre Erſcheinung ungeſtörter Traum geblieben wäre, ſanft und ſtill wie Du. Rechte aber daruͤber mit dem Schickſal, das mich in Deinen Weg ſtellte! O dieſer Friede der Schuldloſigkeit, dieſe Engelsſanft⸗ ——— — ——— — muth — Thekla! wie oft haben ſie mich ergriffen, daß ich haſſend und grimmig von Dir hinwegeilen mußte, um Dir zu verbergen, wie ſie mich, den Ruheloſen, zum Verwuͤſten reizten!“ „Sieh, in Deiner Krankheit, wenn ich Dich in meinen Armen hatte, Du den gluhenden Kopf an meine Bruſt lehnteſt, Du mich rie⸗ feſt, mich mit dem unwiderſtehlichen Flehen der Liebe beſchworſt, zu Dir zu eilen, nur fuͤr mich ſorgteſt, fuͤr mich beteteſt: Thekla, es warf mich nieder, mich ergriff als tiefe, na⸗ menloſe Wehmuth die Sehnſucht, werden zu können, wie Du, mich wieder auszuſoͤhnen mit der Menſchheit, mich mit Dir einzuſchließen im engen Kreiſe Deines Lebens, verſenkt in Deine Liebe, Deinen Beſitz.“ „Der Zephyr fragte einſt den Sturmwind: bin ich nicht gluͤcklicher als Du? Sanft koſe ich mit den Blumen; Duͤfte wallen lieblich um meinen friedlichen Hauch. Sei wie ich, Lieber, und werde glucklich!“ „Gluͤcklich! ſeufzte der Sturmwind, ich werfe Waͤlder um, weil ich hindurch muß.“ „Auch ich muß! o ewig nagender Geier im Herzen des Menſchen, auch ich muß! Fahr denn wohl, Himmelsbild! Du kannſt nur ſegnen, nicht fluchen. — Nie ſehen wir uns wieder. Armand de Caſtelbuine.“ Es erſchien Thekla'n ganz einfach, daß ihr aus der theuerſten Hand der ſchmerzendſte Pfeil komme. Geduldig und fromm trug ſie ſchweigend den her⸗ ben Kummer dieſes Findens und Verlierens; und hötte ſie ihre ſanften Thraͤnen fuͤr Unrecht gehalten, ſie hätte auch dieſe nicht geweint. Im Aeußern wenig veraͤndert, nur nh blaſ⸗ ſer und ernſter kam ſie zu ihren Eltern zuruͤck. Das Leben war ihr nun gar nichts mehr, als eine ſtrenge Pflichtubung; ihr ſchon früher, wie die Senſitive, bei jeder rauhen Beruͤhrung furchtſam ſich verſchlie⸗ ßendes Herz, war nun durch die wilde Leidenſchaft⸗ lichkeit Armands, durch den Unftieden ſeines Ge⸗ muͤths voͤllig verſchuͤchtert. Sie hatte ihn eigentlich nie geliebt; aber ſie trauerte mit unendlicher Sorge um ihn und ſein freudenloſes Leben. Nach wenig Wochen ward ihre Mutter krank, und in der Einſamkeit dieſes Sterbezimmers, im — — — ſchweren Kampf des an die Erde befeſtigten, in ihr feſtgewurzelten Lebens mit dem Alles löſenden Tode, verdunkelten ſich Thekla'n völlig alle Lobensbilder. Sie hing unter allen Lebenden am innigſten der Mutter an, deren Liebe ſie ſo oft erquickt hatte. Doch auch hier bewahrte ſie im Schmerz Geduld und kindlichfromme Ergebung in Gottes Willen⸗ Sie hatte es ja auch ſchon erfahren, um wie viel ſchmerzlicher das Leben, als der Tod ſcheidet! Der Vater war einige Wochen nach dem Tode der Mutter recht betruͤbt, und ehrte ſo lange die ſanfte aber tiefe Trauer der Tochter, und ihr Auge, das bei der leiſeſten Hindeutung auf den erlittenen Verluſt in Thränen üͤberfloß. Dann fing er aber an, ſich zu zerſtreuen, und von Thekla Empfaͤng⸗ lichkeit fur den Troſt zu fordern, den er ihr bot⸗ Als ſie ihm auf ſeine Gemeinſpruche ſelten anders, als mit ſtaͤrker fließenden Thraͤnen antwortete, machte ihn das verdrießlich und böſer Laune. Ihm fehlte in ſeiner Wirthſchaft die betriebſame Hausftau, in ſeinem täglichen Leben die Geſpraͤchigkeit der Verlor⸗ nen. Thekla konnte ihm trob der muͤhſamen An⸗ ſtrengung, mit der ſie ſich ganz den hauslichen Ge⸗ ſchaͤften widmete, dieſen Verluſt nicht erſetzen, und — — es war daher naturlich, daß er ſich außer dem Hauſe nach Erſatz umſah, und nach kaum verfloſſenem Trauerjahr unſerer Thekla eine Stiefmutter gab. Madame Fels war keine böſe Frau; ſie haͤtte ſogar in andern Verhältniſſen eine gute Stiefmutter ab⸗ gegeben, aber Thekla's Thränen, die ſie am Hoch⸗ zeitstage des Vaters nicht verbergen konnte, der Schmerz, mit dem ſie die Verlorne nicht nur ſo ſchnell erſetzt, ſondern auch im Grabe noch durch die groͤßere Zaͤrtlichkeit des Vaters gegen ſeine zweite Frau, und durch ſeinen erneuerten Frohſinn gekräͤntt fuͤhlte, machte auf die Stiefmutter einen ſehr unan⸗ genehmen Eindruck. Sie ſuchte Thekla auf die ein⸗ zige Art, die ihr zu Gebot ſtand, zu gewinnen, naͤmlich durch Geſchenke, und durch eine an Ge⸗ meinheit grenzende Vertraulichkeit. Thekla blieb wie ſie war, gehorſam und hoflich, aber fremd, ſtill und traurig. Nun glaubte ſich die Stiefmutter im Vortheil; ſie galt ihr nun fuͤr eine undankbare Seele, eine ſtörtige, trotzige Tochter. Man weiß, wie leicht ein ungebildetes Gemüth zu Härte und Ungerechtig⸗ keit hingeriſſen wird, wenn es mit einem ihm durch⸗ aus fremdartigen Weſen in Colliſion kommt. Wäre Thekla ihr öhnlich geweſen, ſo hätten ſie ſich jede — Woche wenioſtens einmal tüchtig gezankt, verſohnt, einen förmlichen kleinen Krieg mit einander geführt, und darin ohne Haß und eigentliche Bitterkeit Un⸗ terhaltung, und eine ganz heilſame Anftiſchung ih⸗ rer Lebensgeiſter gefunden. Thekla's willenloſe Güte, ihre ſtumme Befolgung des härteſten Gebotes, und ihre ſanfte Ergebung, reizten die Mutter und er⸗ bitterten ſie, weil ſie ihr keinen Grund zur Klage, und doch immer Anlaß zum Mißvergnügen gaben. Sie wollte Thekla aufgebracht, böſe, erzurnt ſehen, wie ſie es ſelbſt war, und ging nun von Por⸗ wuͤrfen und Neckereien zum pöbelhaften Schelten, von dieſem zu wirklichen Mißhandlungen über. Jebt lernte Thekla fühlen, was es heißt, zerſchlagenen Herzens ſein. Sie wurde zu den härteſten Arbeiten angehalten, und aller Muße zur Lecture und zur Muſk beraubt. Der Vater bemerkte den Druck dieſer häuslichen Tyrannei nicht, und hielt die Toch⸗ ter, da ſie nicht klagte, fuͤr zufrieden mit den neuen Verhältniſſen. Der Zufall machte ihn abor einſt zum Zeugen eines ſolchen Auftrittes er ſah Thekla, von einem Paar derben Ohrfeigen betäubt, gegen die Wand taumeln. Wuͤthend vor Zorn ſtuͤrzte er af die Fau zu, und Thelln wald Zeugin einer — Scene, welche ſie rauher, wie jede fruher erlebte, verletzte, den häuslichen Frieden auf Wochen zer⸗ ſtörte, und ſie, wenn ſie nun gleich von ähmlichen Mißhandlungen befreit wurde, doch unglucklicher denn vorhin machte. Das Bewußtſein, die Urſache des Unfriedens zwiſchen Mann und Frau, zwiſchen Vater und Mutter zu 6 aſtete wie eine — auf ihr. Die Mutter, der es nicht an eꝙuihat ti beſchloß, ſie aus dem Hauſe zu entfernen. Eine Heirath war hierzu das einzige Mittel, da der Va⸗ ter auf keine andre Weiſe in eine Trennung gewilligt haben wuͤrde. Freiſing war ein alter Bekannter von ihr. Sie wußte, daß er eine Frau ſuchte, und trug es einem gemeinſchaftlichen Bekannten auf, ihm ihre Stieftochter vorzuſchlagen. Der Handel ſchien ihm einer Reiſe werth; er kam, ſah Thekla, und warb um ſie. Dem Vater war dieſer Antrag ſehr willkommen; er glaubte, fur das Gluck ſeiner Toch⸗ ter nicht beſſer ſorgen zu können, als wenn er ihe einen reichen Mann gäbe, von dem er nur Gutes wußte. Doch hätte er Thekla zu dieſer Heirath nicht gezwungen, wenn ſie Muth zum Widerſtand aehabt hätte, aber dieſer war längſt gebrochen, des — — Vaters Wille war ihr Gottes Finger, ſie ward Freiſing's Weib⸗ . Bis zu dieſem Zeitpunkte hatte ſie mit from⸗ mer Treue das Andenken an Armand bewahrt, und es war in aller ſeiner Herbe ihr einziges Gluͤck, ſo wenig ſie auch die furchtbare Erſcheinung des Un⸗ gluͤcklichen zu begreifen, oder ſich zu deuten ver⸗ mochte. Aber von dem Augenblick an, wo das Ja, das ſie fuͤr Dieſſeits in unbedingter Treue an Frei⸗ ſing band, vor dem Altar über ihre Lippen glitt, hieß ihr dieſer Schmerz, dieſes Andenken, Stnde, und die letzte Kraft, der letzte Funke von Lebensſinn, ging in dem Kampf unter, es aus ihrer Seele zu reißen. Es gelang ihrz aber nun dieſe furchtbare Leere in einem Herzen, das ſo ganz zur Liebe ge⸗ ſchaffen war! dieſe Winteroͤde nach der Ahnung eines ſolchen Lenzes! Es gelang ihr; aber der Friede ihrer Seele ward das Todtenopfer dieſer Liebe; ſie konnte den Glauben und die Tugend, die ſo grauſam zwiſchen ihr und jeder Milderung ihres Geſchicks ſtanden, nicht mehr lieben. Sie fuͤhlte nun unausfuͤllbare Luͤcken zwiſchen dem Schoͤpfer und ſeiner Eretur. Religion und Liebe hatte bisher ihr Gemuͤth wie zwei ſchweſterliche Strahlen eines Licht⸗ — 660 — punktes durchgluͤht; beide verlöſchten jetzt mit einan⸗ der, und es ward Nacht um ſie unb in ihr. Und dieſes wunde Gemüth war jetzt mit der unzerreißbaren Kette der Pflicht an den Fluch der Exiſtenz im Kreiſe roher, pöbelhaſter Naturen ge⸗ ſchmiedet! Die erſten Jahre ihrer Ehe waren noch voll Kampf, voll Thränen, voll hoffnungsloſer Sehnſucht, doch nach und nach verblutete das arme Herz und ward ſtill. Ihr Vater ſtarb bald nach ihrer Heirath; Honorinens Gatte zog in eine weit entfernte Stadt; ſie war ganz allein auf der Welt. Grabesſtille lag auf ihrer Seele. Sie erfullte alle Pflichten mit vollkommener Treue, aber ohne Liebe, und alſo auch ohne Freudigkeit der Pflichterfuͤllung, etwa wie der Sklave das ihm von ſeinem ſtrengen Gebieter aufgelegte Tagewerk. nio Jebt erſt verſtund ich, was Otmer mir uͤber ihre Ehe geſagt hatte; jetzt erſt lernte ich ſie auch in ihrem Benehmen gegen ihn verſtehen. Bei ſei⸗ ner erſten Erſcheinung hatte er einen ſie keunru igen⸗ den Eindruck auf ſie gemacht. Vor der Bekannt⸗ ſchaft mit ihm hatte ihr das Leben nie die Mög⸗ lichkeit des Gluckes gezeigt, nun trat dieſe im ſchö⸗ nen Colorit ſeiner Liebe vor ſie; aber ſie war Gat⸗ — 51 — tin, ſie hatte die ſtrengſten Begriffe vom Umfang ihrer Pflichten, und ſo ließ ſie es ſich auf das ernſtlichſte angelegen ſein, dieſen Eindruck und den Schmerz, den er in ihrem Buſen weckte, zu be⸗ kämpfen. Wo ſie ſich aber fruͤher im Leben nur verwaiſet gefuͤhlt hatte, fuͤhlte ſie ſich jetzt verſtoßen, und ihre bisherige ſanfte Hoffnungsloſigkeit ward Bitterkeit und Verzweiflung. Zu dieſer führt allein das Verfehlen deſſen, was unſere innerſte Natur als ihr eigenſtes Recht und Gluͤck fordert: und was die⸗ ſes fuͤr ſie ſei, hatte ſie erkannt, ſeit ſie Otmer ſah⸗ Jahre verſtrichen, der Tod ſprengte ihre Kette. Sie ward frei, und der letzte Wille des Mannes, der ein ſchuldloſes Werkzeug ihres Verderbens ge⸗ weſen war, ſichette ihr Reichthum und Unabhängig⸗ keit. Es war zu ſpät. Ihr Sinn war jetzt ſchon verſtockt, ſie ſich ſelbſt in dem bittern Unmuth der tetzten Lebensjahre ſo unähnlich geworden, daß ſie Alles fuͤrchtete, was die Gewohnheit der kalten Ma⸗ ſchinerie des ſeelenloſeſten Lebensſchlendrians, in der ſie ſich, wie in einem Grabe eingebaut hatte, zu un⸗ terbrechen vermochte. Es hatte alles Intereſſe fuͤr ſie verloren, jetzt noch gerettet zu werden. unerwartet ſah ſie Otmer wieder. Sein An⸗ — 62 — blick erſchuͤtterte ſie gewaltig. Sie war jetzt frei; er liebte ſie noch, aber ihr Herz war kalt und er⸗ ſtorben, und ſie glaubte, es ihm ſchuldig zu ſein, keinen Verſuch zur Wiederbelebung ihrer Empfin⸗ dung machen zu wollen. Sie fuͤhlte ſich geiſtig zu veraltet, um dem jugendlichen, heiteren Manne noch ein ungetruͤbtes Gluͤck gewähren zu können. Wie fern lagen alle Rechte und Anſpruͤche eines liebens⸗ wuͤrdigen Weibes hinter ihr! — wie krank war ſie an Geiſt und Herz! wie durfte ſie ihn, den einzigen Menſchen, der ihr in jenen langen ſechs Jahren ih⸗ rer Ehe Sinn fuͤr ihr Ungluͤck, ja zärtliche Theil⸗ nahme gezeigt hatte, zum Lohn dafur, jetzt an ihr elendes Daſein binden, ihn um den Genuß und den Werth des Lebens betrugen, wie ſie, wenn gleich auf andere Art, darum betrogen worden war! — Die Disharmonie ihrer Lebensanſichten, ſein friſcher, ju⸗ gendlicher Lebensmuth, und ihre Erſtorbenheit fur Gluͤck und Freude trennten ſie um ſo mehr, da er ihr nicht zu verhehlen vermochte, daß er in ihr die Puld und Weiblichkeit zerſtört fand, die ihn fruher entzuͤckt hatte. Großmüthig und mit uneigennütziger Selbſt⸗ verlaͤugnung hatte ſie ihn von ſich entfernt gehut — 63 — ten und es gewuͤnſcht, ihn ſcheiden zu ſehen; aber mit ihm entſchwand ihr die letzte Möglichkeit der Rettung. — Wer konnte ſie noch lieb gewinnen, da ihn, der ſie einſt liebte, ihr jetziges Weſen von ihr entfernte, und ihn zwang, ſie aufzugeben? Wen eonnte ſie noch lieben, da er nicht vermocht hatte, dieſe Eisrinde um ihr Herz zu löſen? — Und nun im ſechs und zwanzigſten Jahre, bei einer ſolchen Ver⸗ gangenheit, die Ausſicht auf ein langes, nächtliches, von keinem Strahl der Liebe und der Freude je er⸗ helltes Leben! — Ich hoffte indeſſen viel fuͤr ſie von der Er⸗ ſchutterung ſeines Abſchieds, die mächtig genug ge⸗ weſen war, mir ihr Herz im alten Vertrauen außʒu⸗ ſchließen. Ueberzeugt, daß ſie, wie ein anderer Kran⸗ ker, zu ihrer Geneſung Einſamk⸗it und Stille be⸗ durfe, drang ich in ſie, die Stadt zu verlaſſen, und den Fruͤhling mit mir auf dem ehemals von ihren Eltern bewohnten Landgut, das ſie ſeit ihrer Ver⸗ heirathung nicht wieder geſehen hatte, zuzubringen. In mir fühlte ich die Kraft, ihr den Glauben an Liebe und Treue wieder geben zu koönnen. Bei je⸗ der Verſtimmung des Gemuths bringt der Wechſel geit und der Gegenſtände nur eine äußere Ver⸗ — — aͤnderung hervor, die auch nur eine ſcheinbare Gene⸗ ſung iſt; aber Liebe, recht fromme, unermuͤdliche Liebe, löſet die — und das wunde Gemuͤth. Sie entſchloß ſich, meinem s dine zu e Wir reiſeten ab, und in der Einſamkeit dieſes Auf⸗ enthalts, in dieſen Umgebungen, die alle Bilder ihrer frommen Jugend wieder in ihr erweckten, wich die Bitterkeit ihres Gemuͤths bald der Milde einer ſanf⸗ ten, ſchwermuͤthigen Wehmuth, die ihren Empfin⸗ dungen alle Zartheit und Innigkeit der Jugenvlich⸗ keit wieder gab. Sie fuhlte ſich noch immer hoff⸗ nungslos ungluͤcklich; aber ſie verläugnete ſich den Schmerz nicht mehr, mit dem ſie das fuͤhlte. — um ſie von dem einſamen Reflectiren uͤber ſich ſelbſt abzuziehen, was geiſtreiche Weiber gemeiniglich ſo ſehr lieben, und doch ſo ſehr fliehen ſollten, da es, abgerechnet, daß das Leben eine Tiefe hat, bie nicht ergruͤndet ſein will, auch fuͤr die Wahrhaftigkeit und die Reinheit des Gemüthes höchſt gefährlich iſt, ſing ich an, ihr viel vorzuleſen. Nach ſo lan⸗ gem Entbehren und bei gaͤnzlicher Unbekanntſchaft mit den neueren Meiſterwerben unſrer Zeit wirkte der Zauber der Poeſie auf ſie mit einer uns die wir zu fruͤh und zu viel leſen, unbekannten Ge⸗ walt. So wurden unſre Tage immer friedlicher und ſchoͤner, und mein Herz öffnete ſich der freudigſten Hoffnung fuͤr Thekla's Zukunft, als das Schickſal unerwartet die Stunde herbei fuͤhrte, die den Gehalt derſelben unwiderruflich beſtimmte. An der nicht fernen Grenze hatte ſich ſeit ei⸗ nigen Wochen ein Armeecorps verſammelt, deſſen Anfuͤhrer der durch ſeine Hochherzigkeit und Liebens⸗ wuͤrdigkeit gleich beruͤhmte Prinz ** war. Da es Truppen einer befreundeten Macht waren, blieb Alles furchtlos in ihrer Nähe; und die damalige Neuheit eines ſolchen Schauſpiels reizte Thekla und mich, uns einer Geſellſchaft anzuſchließen, die das Lager, in dem die Truppen ſtanden, beſuchen wollte. Der Ruf des Prinzen ging als ein zu glaͤnzendes Panier vor ihm her, als daß wir nicht auch die Gelegen⸗ heit, ihn in der Naͤhe zu ſehen, hätten herbei wuͤn⸗ ſchen ſollen. Der Zufall beguͤnſtigte uns; er trat, von einem ſeiner Adjutanten begleitet, in das Zelt, wo wir Frauenzimmer raſteten, um mit Jemand aus unſerer Geſellſchaft zu reden. — Der erſte Blick auf ihn entſchied Thekla's Schickſal. — Sie errs⸗ N — thete und erblaßte im ſchnellen Wechſel; und als der Feuerblick, mit dem er unſere Reihe durchflog, wie feſtgezaubert an ihr haften blieb, ſank ihr Auge, und zwei volle Thraͤnen zeugten von der tiefen Er⸗ ſchuͤtterung ihres Gemuͤthes. Wohl war die Erſcheinung des Prinzen geeig⸗ net, dieſen Eindruck zu erklaͤren und zu rechtferti⸗ gen. Eine der edelſten und herrlichſten Geſtalten, die die Natur je aus der Fuͤlle ihres unerſchoͤpflichen Lebens hervorzubringen vermocht hat, trat er vor Thekla. Ein kuͤhnes Heldengeſicht, voll der feiſche⸗ ſten Jugendbluthe; eine Stirn, worauf die Ho⸗ heit, der Befehl und die Begeiſterung ruhten; ein großes, flammendes Auge, voll funkelnder Blitze, und in einzelnen Momenten voll ſo durſtender, un⸗ ausloͤſchlicher Sehnſucht, daß man fuͤhlte, der Erd⸗ kreis könne ſie, ihm zu Fußen gelegt, nicht ſtillen. Zum Herrſcher und Feldherrn geboren, war er der Liebling des Volks, der Abgott der Krieger, der ge⸗ weihte Freund der Muſen, dem auch die Grazien keine ihrer koͤſtlichen Gaben verſagt hatten; und der Zauber dieſer koͤniglich ſchönen Erſcheinung ward noch durch alle die Anmuth und Wuͤrde erhöht, die — — furſtlicher Sinn und furſtliches Leben in ihrer be⸗ deutungsvollen Freiheit zu geben vermoͤgen. Sein Blick haftete auf Thekla, und wie un⸗ willkuͤrlich fortgeriſſen, trat er ihr einige Schritte naͤher; — ihre ſichtbare Erſchuͤtterung hielt ihn, wieder zuruͤck; er faßte ſich ſchnell, gruͤßte ſie ehr⸗ erbietig und verſchwand. Ich war ängſtlich um Thekla beſorgt, da ich mir dieſe Scene nicht zu er⸗ klären vermochte. „Sie find krank, theure Thekla?“ fragte ich bange. — „O,“ antwortete ſie mir leiſe, „nie war mir ſo wohl! Ein Strahl des Himmels iſt wie ein ſuͤßer Tod in meine Seele niederge⸗ fahren!“ 5 Ohne ſich näher daruͤber zu erklären, war ſie den uͤbrigen Tag ſtill, und blieb auch nach unſerer Zuhauſekunft in ein traͤumendes Sinnen verſenkt, das ihren Zuͤgen einen gar lieblichen Ausdruck gab. Ich ſuchte ſie zu zerſtreuen, und vielleicht wäre es mir gelungen; doch ſchon nach einigen Tagen ent⸗ tabete ſich plötzlich der politiſche Himmel ſeiner Ge⸗ witterwolken, und das Corps des Prinzen waͤlzte ſich, wie ein Sturm drohend, daher. Viele unſter Nach⸗ barn entſchloſſen ſich zur ſchnellen Abreiſe; Thekla zog es vor, zu bleiben, und war auch bald dazu ge⸗ — — noͤthigt, da der Prinz ihr Gut zu ſeinem Aufent⸗ halt gewählt hatte und fur ihn und ſein Gefolge das Quartier bei uns angeſagt wurde⸗ Thekla empfing ihn ohne Verlegenheit, aber mit zarter Schuͤchternheit im jungfraulich geſenkten Blick und in den leiſen und ſuͤßen Sprachlauten. Ihr ſtolzer, durch den ganz ſchwarzen Anzug noch gehobener Wuchs bei dem jugendlich⸗ſchuchternen Anſtand; der truͤbe Ernſt, der auf ihrer Stirn ruhte, bei dem ſanften Erröthen, ja, ich könnte wohl ſa⸗ gen, dieſer Kampf des Lebens mit dem Tode in ihrer Seele, der ihrer Phyſiognomie einen ganz eigenen wunderbaren Ausdruck gab, gewannen ihr des Prin⸗ zen ungetheilte Aufmerkſamkeit, wenn auch anfaͤng⸗ lich nur durch die Neuheit der Erſcheinung. Die Unterhaltung bei Tiſche nahm einen an⸗ ziehenden Gang und ſpielte ſich ſchnell in's Gebiet der Lebensphiloſophie und der Lebensanſichten hin⸗ uͤber. Der Prinz entwickelte in ihrem Lauf hochſt anmuthig ſeinen heitern, glänzenden Witz und die Vielſeitigkeit und Gewandtheit ſeines Geiſtes. Die Kunſt, mit der er jedes Wort von Thekla hervor⸗ zuheben, jeden ihrer Gedanken zu ergaͤnzen und gel⸗ tend zu machen verſtand, beſiegten allmählig ihre =— Schuͤchternheit. Sie ſprach nicht viel; aber ihr ſteigendes Intereſſe an dem, was geſprochen wurde, war unverkennbar. Von allen Feſſeln entbunden, die im Geſpraͤch mit Menſchen, welche zu unſerm täglichen Geſellſchaftszirkel gehoͤren, durch tauſend eben ſo kleinliche als nothwendige Ruͤckſichten unſer Gemuͤth verhindern, ſich auszuſprechen, entfaltete ſich in dieſer Unterhaltung Thekla's Eigenthuͤmlichkeit in voller Wahrheit. Noch vor Ende der Mahlzeit erhielt der Prinz einen Courier, der ihm den Befehl brachte, mit ſeinem Corps Halt zu machen. Er fragte Thekla, ob ſie ihn fur die wenigen Tage dieſes Verzugs be⸗ herbergen wolle, und entfernte ſich, nach ihrer gewiß gern und freudig gegebenen Einwilligung, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. Die heitere Thätig⸗ keit, mit der Thekla die Veranſtaltungen zu ſeiner Aufnahme traf, machte mich durch ihre Ungewoͤhn⸗ lichkeit noch aufmerkſamer auf den Eindruck, den der Prinz auf ſie gemacht hatte, und der mich nur ängſtigend beunruhigen konnte, da der Sinn des Prinzen in ſeinen Verhältniſſen zu unſerm Geſchlecht eben ſo weltbekannt war, als ſeine uͤbrigen großen Eigenſchaften. Fruͤh der Abgott der Weiber, und von ihnen in gewiſſer Pinſicht erzogen und verzogen, hatte ſeine Phantaſie in dieſer Schule eine eben ſo verfuhreriſche als glaͤnzende Bildung erhalten, die, ehe er ſich noch ſeines Herzens in Wahrheit und Treue bewußt geworden war, die Bluthe der Em⸗ pfindung in ihm tödtete. Er lernte, in ſeinen Ver⸗ haͤltniſſen zu ihnen, die Weiber nie ehren, wie der Mann ſie ehren muß, um durch ſie beglurkt zu wer⸗ den. Die unruhige Thätigkeit ſeines Geiſtes, die den Wirkungskreis des Kriegers und des Staats⸗ manns, fur den er ſich geſchaffen fuhlte, noch nicht gefunden hatte im Leben, verwickelte ihn in Intri⸗ guen und Liebeleien ohne Zahl, die ihn beſchaͤftigten, ohne ſeinem Herzen je zu genuͤgen. Der Reiz des Widerſtandes hatte ihn einige Mal bis zur Leiden⸗ ſchaft aufgereizt; aber nie hatte er geliebt. Mit Geiſt und Feuer, mit Sturm und Gluth riß er jedes Weib eben ſo gewaltſam als unwiderſtehlich zu ſich hin. — Doch in der Menge dieſer Eroberun⸗ gen, und in der Einförmigkeit des Ganges und des Endes dieſer Intriguen war ihm die Fähigkeit ver⸗ loren gegangen, ſich uͤber ſeine eigene und die fremde Empfindung taͤuſchen zu konnen; und das elend⸗ — — — Triebwerk der kleinlichen Motive lag offen vor ihm da. Er fuͤhlte die Leere eines ſo entgoͤtterten, bis in ſeine gemeine Bloße enthuͤlſeten Genuſſes, und dur⸗ ſtete nach dem nie gekoſteten Zauber, ſich von einem edlen Weibe mit voller Wahrheit, und mit der Be⸗ geiſterung hoher Schwärmerei geliebt zu wiſſen. Von der Natur eines ſolchen Genuſſes hatte er durchaus keinen klaren Begriff; und eben in dieſer Dunkelheit lag fuͤr ihn die Ahnung eines magiſchen Zaubers, der ihm ganz friſches, neues Lebensgluͤck zu bereiten vermöge. Hoͤher denn je war in dem Zeitmoment, wo ihm Thekla erſchien, ſeine Sehnſucht nach ſolcher Liebe geſtiegen. Wie ein gebundener Löwe hatte er, voll edlen Grimmes gegen die Unthätigkeit ſeines Lebens, bis jetzt im heißen Durſt nach großen Tha⸗ ten geeifert. Jetzt endlich ſchien der Angenblick da zu ſein, der ihm die ſo lange verſchloſſene Bahn öffnete. — Ruhm, Liebe, Glorie, Luſt loderten, in einer hellen Flamme vereinigt, auf, und erfriſchten und erquickten alle Quellen ſeines Lebens. In ſei⸗ ner Bruſt, in ſeinem großen Herzen fuͤhlte er die Kraft, in Millionen die Flamme ſeines Muthes hauchen, und ſeine Laufbahn, auf der ihm die Gei⸗ — — ſter ſeiner großen unſterblichen Ahnen vorſchwebten, mit dem glorreichen Heiligenſchein des Sieges erleuchten zu können. Jetzt fuͤhrte ihm das Schickſal Thekla entge⸗ gen. Ihre Bewegung bei ſeinem erſten Anblick ent⸗ ging ihm nicht; er fuͤhlte die Wahrheit derſelben, und ſie ließ ihn in Thekla jene Fähigkeit errathen, unendlich zu lieben und unendlich zu leiden, die Gott in ihr Herz gelegt hatte. Er naͤherte ſich ihr, und fand die Energie der Seele, die Tiefe der Fuͤhlbar⸗ keit, die er bei ſo unzaͤhlig vielen Weibern mit den gewöhnlichen Schmetterlingsſeelen vergeblich geſucht, und das Bewußtſein der Gewalt, die er uͤber dies Gemuͤth zu erhalten vermöge, veredelte und erhoͤhte das Intereſſe, welches die Geſtalt ihm ein⸗ gefloͤßt hatte. Wir tranken im Garten hi Es war einer iener warmen, ſanft bewölkten Fruͤhlingsabende, wo faſt ſichtlich Segen und Liebe auf die braͤutlich geſchmuͤckte Erde herabthauen. Thekla ward ſtiller; der Prinz immer lebendiger. Eine, von Jemand aus der Geſellſchaft hingeworfene Reflerion uͤber Genuß und Entbehrung reizte den Prinzen lebhaften ———— — ⸗ „Welche Moͤnchsphiloſophie!“ rief er laͤchelnd; „entbehren, um ſchoͤner zu genießen, iſt ein Epikuräismus der Vernunft, den auch die Natur gut heißt, weil ſie an jedes Uebermaß Strafe band; — aber den Genuß durch Entbehrung erſt erkaufen und verdienen zu wollen, iſt eine Vorſchrift jener Moraliſten, die im Dachſtuͤbchen, bei einer Rinde Brod, nie erfahren haben, wie es ſich an einer Goͤttertafel ſchwelgt, und uns gern glauben machen moͤchten, daß der freudenreiche Genuß des Lebens dieſes ſelbſt geiſtig und koörperlich conſumirt. Aber gerade in ihm liegt eine ſo beſeelende Kraft, daß er jede Quelle des Lebens erfriſcht und ver⸗ mehrt.“ — Thekla ſah ihn hier mit einem Erſtaunen an, das ihm unwilturlich ein Lächeln abnöthigte. — Zu uns Andern gewandt, fuhr er fort: „Davon ſchweigen freilich die Moraliſten; aber vermoͤgen ſie zu wuͤrdigen, was ſie nie genoſſen haben? Nur wer die Fuͤlle des Genuſſes, deſſen der Menſch faͤhig iſt, im eignen Bewußtſein zu umfaſſen vermag, darf uͤber den Reichthum oder die Duͤrftigkeit des Lebens urtheilen. Kann es etwas Unweiſeres geben, als weiſer ſein zu wollen, als Tarnow's Schriften. I. 4 . —= 1 — die Natur? verächtlich auf Genuͤſſe herabzublicken, fuͤr die ſie den Menſchen ſchuf, indem ſie Geiſt und Koͤrper ſo innig vereinte, daß wir das Gebiet beider nie klar zu trennen vermoͤgen? und vor dem ſinn⸗ lichen Reiz des Lebens zu erroͤthen, als muͤßten wir uns ſeiner ſchaͤmen, da doch die geiſtigen Reize deſſelben oͤfter, als es Schwaͤrmer und Moraliſten ahnen, mit ihnen aus einer Quelle fließen? Weſſen Herz bleibt z. B. an einem Abend, wie der heutige, vom Zauber deſſelben ungeruͤhrt? Weſſen Herz klopft unter dieſen Bluͤthenbaäͤumen, bei dieſem Brautfeſt der Natur, nicht raſcher und voller? — Und wuͤrde dies Gefuͤhl, ſelbſt wenn es ſich zur Andacht ver⸗ klärte, nicht noch immer der Erde angehoͤren, die es erzeugte?“ Thekla erroͤthete und ſchien an dem fernern Gang des Geſpraͤchs, in ſtilles Sinnen verſenkt, keinen Theil zu nehmen. Der Prinz, dem einige Einwendungen gemacht wurden, fuhr fort, und wurde im Reden immer ſchoͤner und femiger. „Das iſt der ſchwerſte Druck unſers nordiſchen Himmels, daß denen, die unter ihm wandeln, der natürlichſte und ſchoͤnſte Genuß des Jugendlebens faſt immer nur als Suͤnde kommt, und jede Freude durch das Verbot zum Unrecht wird. Bei armſeli⸗ ger Beſchraͤnkung des innern und aͤußern Lebens mag dieſe verſtuͤmmelnde Reſignation den Werth einer Illuſion haben, die eine harte, traurige Noth⸗ wendigkeit zur verdienſtlichen Pflichtubung macht. Wen aber die Natur fteundlicher ausſtattete, wem ſie Herz, Geiſt und Sinn aufſchloß fuͤr den reichen, unverſiegbaren Strom der Luſt, der die Erde und den Himmel und das Leben umfaßt und alles Er⸗ ſchaffene aus tauſendmal tauſend Quellen traͤnkt, deſſen Geſetz ſei Freiheit, Liebe und Natur. Eine ſchoͤne Seele bedarf keines andern; was iſt das Le⸗ ben ohne ſie? Schäumend fuͤllen ſie uns den Becher des Genuſſes an — ewiger Durſt iſt darin; aber das Leben reicht auch nicht hin, ihn zu leeren und zu genießen; und durch ihn im Vollgenuß innerer, ewiger Jugend erhalten, fluthet der Menſch dankend mit dem Strom hinunter, der, wenn gleich ſchon Myriaden aus ihm ſchoͤpften, doch in ewig unver⸗ minderter Paradieſesfulle fuͤr Jeden ſtroͤmt, der aus ihm ſchoͤpfen will.“ — Thekla konnte hier ihre Bewegung nicht mehr verbergen. Ihr Leben — wie ein dunkles, graues, kaum von der Ahnung irgend eines Gluͤckes erhell⸗ 4 * — 76 — tes, Gemaͤlde lag es da! — Und nun dagegen im ſchillerndſten Glanze der Schoͤnheit, die hoͤchſte, blu⸗ hendſte, uͤppigſte Fuͤlle geiſtig gewuͤrzten Lebensge⸗ nuſſes: — welch ein Contraſt! — Und war es denn kein Traum? War die Moͤglichkeit eines ſol⸗ chen Gluͤckes noch nicht fuͤr ſie verloren? — Sie erbebte in namenloſer Ahnung des Erwachens aus dem oden Winterſchlafe ihres bisherigen Lebens zu einem Daſein, das die Liebe im Glanz des hoͤchſten Gluͤckes verklärte. Der Prinz, deſſen Auge ſie nicht verlaſſen hatte, zog ſie jetzt in das Geſpräch. „Ich zweifle,“ ſagte ſie ihm ernſt, „daß Ew. Koͤnigliche Hoheit und ich in unſrer Anſicht des Lebens zuſammentreſſen können und kann Ihren Glauben an Gluͤck nur vewundern. Ich habe dieſes von jeher nur fuͤr eine Täuſchung der Jugend gehalten, die, wie jene bunt⸗ farbigen Blaſen, mit denen Kinder ſich ergoͤtzen, einen Moment glaͤnzt und dann ſpurlos verſchwindet.“ Der Prinz faßte mit warmer Innigkeit ihre Hand. „Nein, meine gnädige Frau, Sie duͤrfen nicht ſo denken! Die Natur, die Ihnen Geiſt, Ju⸗ gend und Schoͤnheit gab, legte Ihnen die Verpflich⸗ tung auf, gluͤcklich zu ſein. Sie konnten an der 3 — — Wirklichkeit des Gluckes zweifeln, Sie, die Sie ſelbſt die ſuße Gabe deſſelben zu ſpenden vermögen?“ Seine ſchönen Augen ruhten hier mit einem ſo ſprechenden, ſo verführeriſchen Ausdruck auf Thekla, daß ſie in dieſem Blick ſelbſt die Verheißung und die Buͤrgſchaft dieſes Gluͤckes finden mußte. Er erſchien in allen ſeinen Aeußerungen wie der ent⸗ ſchiedenſte Gegenſatz ihrer eigenen bisherigen Denk⸗ und Empfindungsweiſe; aber eben in dem Reiz die⸗ ſes Gegenſatzes ruhete das Geheimniß dieſer Liebe. Das Gleiche und ſich Aehnliche kann nie im Zuge ewig neuen Beduͤrfniſſes ſich ſuchen, um ſich zu vollenden. 5 Der Abend verging ſchnell, wie eine Minute. Ich durchwachte die Nacht in aͤngſtlicher Sorge um Thekla. Oſt hatte ich es mir ſchon fruͤher ge⸗ ſagt, daß nach ſo bitterm Schmerz und unnatuͤr⸗ licher Erſtarrung ihr Hetz ſich einem neuen Gefuͤhl nur in leidenſchaftlicher Erſchuͤtterung zu öffnen ver⸗ mogen wuͤrde; aber ich fuͤrchtete das Zuruͤckſinken in ihre ehemalige Verſtockung, wenn die ihr bevorſte⸗ hende baldige Trennung von dem Prinzen, wie ein Froſt, die kaum hervorgeſproßte, von mir mit ſo treuer Liebe gepflegte Bluͤthe eines friedlichen Da⸗ — — ſeins wieder toͤdtete. Der Prinz war, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, nur eine ſchnell voruͤbereilende Erſcheinung in ihrem Leben; ein Meteor, das, kaum in ſeinem Glanz erblickt, ſchon wieder ver⸗ ſchwindet; und um ihrer Ruhe willen mußte ich auch lebhaft wuͤnſchen, daß er nur dies fuͤr ſie bliebe. Wie konnte, wie mußte indeſſen die Trennung von ihm auf ſie wirken? Sehr fruͤh kam ſie am andern Morgen zu mir, und lud mich ein, mit ihr im Garten zu fruͤhſtuͤcken. Wie uͤberraſchte mich ihr Anblick! Welch ein mäch⸗ tiger Zauber iſt die Phyſiognomie im weiblichen Ge⸗ ſicht! Sie iſt die Seele der Schoͤnheit und kann ſelbſt Erſatz fuͤr dieſe werden. Das waren noch ihre Zuͤge, ihre Augen; aber welche Verklärung von Seele und Glͤck ſtrahlte aus ihnen meinem Blick entgegen! Welch ein frohes, geiſtreiches Leben klang aus dem Ton ihrer Stimme! Der Prinz brachte den groͤßten Theil des Ta⸗ ges bei uns zu. Es fiel meiner Freundin nicht ein, ihm verbergen zu wollen, wie ſehr ſie ſich zu ihm hingezogen fuͤhlte; aber doch genoß ſie mit einer in ſolcher Lage ſeltenen Ruhe und Unbefangenheit ſeiner Unterhaltung, des Ausdruckes ſeiner Blicke und des Werthes, den er auf jede, in ihrer Nähe verlebte Minute zu legen ſchien. Dieſe Natur und Wahrheit in ihrem Betragen, dieſe Offenheit bei ſo zarter, ſittlicher Wurde erhoͤhten den Reiz, den ſie für den Prinzen hatts. Alle ihre Anſichten und Meinungen lagen ſo fern von dem Kreiſe ſeiner Erfahrungen uͤber unſer Geſchlecht, daß ihre Unter⸗ haltung fuͤr ihn. den piquanten Reiz der Driginalitaͤt hatte, und er ſich zu ſeinem Erſtaunen angezogen fuͤhlte, wo er nur darauf gerechnet hatte, anzuzie⸗ hen. Es mußte fuͤr einen Mann, wie er, dem die Unverdorbenheit des weiblichen Geſchlechts im Mittelſtande ganz unbekannt geblieben war, hoͤchſt intereſſant ſein, bei einer Frau von Thekla's Gei⸗ ſtesbildung und Reiſe den ganzen Zauber der zar⸗ teſten Jungfräulichkeit zu finden; und ſie bot ihm in der Vereinigung dieſer Contraſte einen Genuß, zu deſſen Schätzung ſeine Erinnerung ihm keinen Maßſtab zu geben vermochte. Am Abend des folgenden Tages trank ich mit Thekla allein in ihrem Cabinette Thee. Ein Cou⸗ rier hatte dem Prinzen wichtige Depeſchen gebracht und ihn von uns entfernt. Unſer Geſpräch war bei ihm, und ich konnte ihr meine Beſorgniß Fber = 8 — den Eindruck, den er auf ſie gemacht hatte, nicht verhehlen. „Ich fuͤrchte nichts,“ antwortete ſie mir, „es liegt fuͤr mich in ſeiner Erſcheinung etwas Wun⸗ derbares, das mir unbedingtes Vertrauen auf meine Zukunft gibt. Erinnern Sie ſich noch der Wir⸗ kung, die im Lager ſein erſter Anblick auf mich machte? — Sie war eine Miſchung himmliſchen Gläckes und ſeligen Schmerzes. — Der Zeit nach war es nur eine Minute; aber ich habe in ihr lange gelebt und mir das Daſein in einem ganz neuen Sinn fuͤr immer angeeignet. Ich fuͤhle jetzt, daß meine Fähigkeit zum Gluͤck noch nicht erſtor⸗ ben, und alle meine Anſpruͤche darauf noch vollgul⸗ tig ſind. Eine unbekannte Macht zieht mich ſuß in's Leben hinein. Noch kenne ich es nicht, noch habe ich ſeine Reize nicht genoſſen, noch hat es mir ſeinen Reichthum ungetheilt zu bieten. Ich lebe, ich empfinde, ich denke wieder; alle Krafte meiner Seele erbluͤhen in friſcher, froher Thätigkeit, und ich finde in der gluͤhenden Tiefe meiner Empfindung die Buͤrgſchaft fuͤr die Wahcheit und die Dauer dieſes neuen, herrlichen Daſeins.“ — Hier trat der Prinz zu uns. Der cun — s1 — hatte ihm die Nachricht von einer fuͤr das Schickſal Europa's hoͤchſt entſcheidenden Kataſtrophe gebracht. Er war ſehr ernſt, und aus dem dunkeln Unmuth, der ſein Auge woͤlkte, leuchtete das Gefuͤhl fremder Schmach und eigener Thatenloſigkeit. „Ich muß noch in dieſer Nacht mit meinem Corps aufbrechen,“ ſagte er in einem Ton, dem man den Mangel innerer Ruhe anhoͤrte. „Alles iſt ſchon entſchieden — leſen Sie!“ In ſolchen Momenten, wo das Schickſal der Menſchheit im grauſenvollen Dunkel furchtbarer Er⸗ ſcheinungen an uns voruͤberzieht, enthuͤllen ſich Tie⸗ fen des Gemuͤths, zu denen ſonſt kein fremder Blick dringt. Nie hat mich etwas ſo erſchuͤttert, nie iſt die geheimſte Tiefe meiner Seele ſo zu Grfuͤhlen aufgeſchloſſen worden mir bis dahin unbekannt geweſen, als durch merz des großen, fuͤrſt⸗ lichen Feldherrn in dieſer Stunde, wo die Zukunft in dunklen Umriſſen und im finſtern Gigantenſchritt vor ihm voruͤber zog. „uch wir werden jetzt fruͤher oder půter fal⸗ ſun der Prinz, „doch kit⸗ Schmach der fallen, wenn wir nicht laͤnger mit Ehren zu ſtehen vermoͤgen.“ — Manches ernſte Wort voll tiefen Sinnes ward noch gewechſelt; doch uͤber das furchtbare Gewicht laſtender Gegenwart erhob ſich Thekla's Secle in der ſchonen Hoffnung der Begeiſterung und des Glaubens. „Duͤrfen wir denn,“ fragte ſie, „der Liebe vergeſſen, die unſer Volk hat, und durch die es wiedergeboren werden wird? Die Zeit iſt einer gewaltigen Gährung entgegen gereift. Das regelloſe Machwerk der Verfaſſungen, das der Zufall aus der Anarchie barbariſcher Zeiten zuſammenflickte, muß zuſammenſtuͤrzen; der Strom des Weltalls iſt aus ſeinen Ufern getreten, und vergebens ſtrebt ein Rie⸗ ſengeiſt ihn zu dämmen. Die gewaltigſte Erden⸗ macht wird ſich hier den kommenden Geſchlechtern als Ohnmacht zeigen, da Erdkreis erkenne, wem die Macht und das Reich und die Hertlichkeit gobuͤhre. — Moͤgen denn jetzt dieſe Biize lodern und verzehren, wie ſie wollen: ſu verkünden uns doch nur einen verjüngenden Phönirbrand der Menſch⸗ heit, und die Gegenwart iſt das kabmäiſche Schlacht⸗ feld, ₰ o mein Prinz, wie erhaben i aus deſſen Leichen das neue Leben hervorblühen „ Beſtimmung, dieſen lobenden Geſchlechtern als ein heiliges Omen der Erloͤſung vorzuleuchten, und durch That und Geſinnung den Ween Herven * und Nachwelt anzugehören!“ — Der Prinz blickte ſie mit nteheiz an. Ihr Auge blitzte, und wie eine Seherin ſtand ſi⸗ groß und ernſt und begeiſtert vor ihm. „Thekla,“ ſagte er raſch, und druͤckte ihre Haͤnde leidenſchaft⸗ lich an ſein Herz, „welch ein tiefes herrliches Gemüth enthuͤllt mit dieſe Stunde! O welche Weihe zu ſo hohem Beruf mußte die Liebe eines — ſein!“ — Sie ſenkte hin eeherich ihre ani die ſich mit Thränen fullten, auf die Hände des Prin⸗ zen nieder, in denen die ihrigen ruhtenz doch in demſelben Augenblick traten die Adjutanten des Prin⸗ zen ein, ſeine Befehle zu —— und er — mit ihnen das Zimmer. Sie ſah den Peinzen in den wenigen Sun bis zu ſeiner Abeeiſe nicht wieder. Von Gſchäften uͤberhäuft, neben denen jedes andre Intereſſe klein⸗ lch und tändelhaft erſcheinen mußte, kam r erſt wenige Minuten bot ſtiner Abreiſe zu ihr, um Ab⸗ ſchied zu nehmen. Die Anweſenheit mehrerer Offi⸗ — — ciere aus ſeinem Gefolge, die gleichfalls gekommen waren, ſich den Damen des Hauſes zu empfehlen, unterſagte jedes bedeutendere Wort, und erhielt auch Thekla in der ruhigen Faſſung, mit der ſie ſein ſehr herzlich geſagtes — — und es er⸗ wiederte. 3 Ihr Auge s. als er 6 Jetzt gruͤßte er beim Einbeugen in die große Allee zum lebten Mal, und entſchwand dann ihren Bli⸗ cken. „Fahr wohl,“ fliſterte ſie leiſe und zärtlich, und flog, als nun ihr Blick mich in w „Warum ſo traurig, ſo beſorgt, meine Ben din?“ fragte Thekla mich ſchmeichelnd, Sie hn ja, wie ruhig und heiter ich bin!“ „Ich werde mich Ihrer Faſſung erſt ( zu erfreuen vermögen, liebe Thekla, wenn die Zeit mich uͤberzeugt, daß ſie nicht die Folge einer leidenſchaft⸗ lichen Spannung iſt, die nur leicht im troſtloſen Wechſel gaͤnzliche Fhrnn ver⸗ nihn 3 „Dann můßte jett duch wohl an Wanſc, e 16 Hoffnung in meiner Seele ſein, d eren Richterfü⸗ lung mich zu betrüben vermöchte. Aber ich erwarte * * 3 nichts von der Zukunft; ich habe nichts zu fordern⸗ In mir iſt eine ſolche Fuͤlle von Gluͤck und Leben⸗ daß ich, wie die Götter im Olymp, der Sehnſucht unzugänglich bin, weil ich keine Entbehrung fuͤhlen kann. Was ich in meinem eignen Herzen habe und . reicht aus fuͤr dies Leben.“ Sie hatte Recht. Tage wurden r Wochen und dieſe zu Monaten, und immer ſah ich ſie gleich heiter, gleich ruhig. Oft und gern ſprach ſie mit mir vom Prinzen, und dann nie ohne Ruͤhrung und Entzücken; aber nie verrieth ſie den Wunſch⸗ nie die leiſeſte Hoffnung des Wiederſehens. Einzig als ihr Gefuhl, ihr Beſitz, war ihr dieſe Liebe die theuerſte Gabe der Gottheit, deren Genuß hinreichte, ihr die Welt und das Leben —— — zu ethalten. Spat im Heriſt kehrten wir nach V. nich Allgemein war das Erſtaunen uͤber die Veränderung, die man an Thekla bemerkte. Sie ſchien nicht nur um ein Jahrzehend verjuͤngt, in der friſcheſten Ju⸗ gendbluthe zu prangen, ſondern auch ihr Geiſt hatte ſich ſo reizend und anmuthig entfaltet, daß er allein ſie liebenswuͤrdig zu machen vermocht hatte. Ihr⸗ n war ſtets anziehend, oft glaͤnzend; ihr Scherz ſein und ſinnig; was ſie aber unwider⸗ ſtehlich machte, war die ſchöne Herzlichkeit ihres Weſens. In iht war eine Fuͤlle von Liebe und Wohlwollen; die ſich, erfreulich wie das Sonnenlicht, Allen mittheilte, die ſie umgaben. Die Begebenheiten der Zeit machten M. zum Sammelplatz vieler Fremden, und Thekla's Haus wurde dieſen Winter das glänzenbſte und geſelligſte der Stadt. Ihr wurde das erhebende Gefuͤhl, den Ruhm des Mannes, den ſie vergötterte, in immer lichterer Glorie ſtrahlen zu ſehen. Die Hoffnungen und Wuͤnſche der Nation lenkten ſich mehr und mehr darauf hin, ihn als den Feldherrn zu bezeich⸗ nen, der, mit der Aegide des Vertrauens und der Liebe der Krieger gedeckt, das Heer zu Sieg und Ehre zu fuͤhren vermochte. Sein Name war auf allen Lippen; ſein Bild fand man in jedem Hauſe, jede Zeitung nannte ihn; und wie auch die Meinun⸗ gen und das Intereſſe getheilt ſein mochten: ſo vet⸗ einihte ſich doch Alles, ſeinen Muth, ſeinen Geiſt, und die ſeltne Verbindung ſo vieler großer Eigen⸗ ſchaften mit jeder Liebenswuͤrdigkeit, womit die Muſen und Grazien zu w eifernd zu preiſen. Miun n an e — 37 Wenigen Frauen nur wird im Laufe ihres Le⸗ bens das Gluͤck, ſich fuͤr eine große Idee begeiſtert, und durch die Liebe zu ihr ihr Leben veredelt zu fühlen. Wenn nun aber bas Bild des Geliebten ſie uns vergegenwärtigt, und die edle Begeiſterung und das Entzucken der Bewunderung in unſrer Seile mit der Liebe zu Einem Gefuͤhl werden: ſo witd unſer Herz durch daſſelbe an die Grenze ge⸗ fuͤhrt, die die Seligkeit hoherer Geiſter von der menſchlichen Natur trennt. Thekla genoß dieſes Gluͤckes; aber die Unge⸗ wöhnlichkeit deſſelben entwickelte in ihr immer ſelbſt⸗ ſtaͤndiger eine Freiheit des Sinnes, deren kuͤhne Aeußerungen mich vft erſchreckten, wenn ich ſie gleich nur fuͤr ein Spiel hielt, mit dem ſich ihr Geiſt beluſtigte, ohne es als Ernſt im Leben gel⸗ tend machen zu wollen. Das Geruͤcht fuͤhrte den Prinzen zuweilen in unſere Gegend zuruͤck. In der Erwartung ſeiner Ankunft ſah ich vann wohl ihr Auge heller ſtrahlen und ihr ganzes Weſen einer ſuͤßen Unruhe hingege⸗ ben; aber nie verduͤſterte die Behſchugung . Hoffſung ihre Heiterkeit. „Ich bin,“ ſagte ſie mir einſt baruber, „mit dem Gedanken vertraut, ihn nie wiederzuſehen, und würde mir thöricht erſcheinen, wenn ich waͤhnte, ihn ſo lebhaft intereſſirt zu haben, daß er meiner noch gedenke. Es konnte ihm in ſeiner Groͤße und Liebenswuͤrdigkeit nicht fehlen, einen unauslöſchlichen Eindruck auf mich zu machen; wie ganz unbeachtet wuͤrde ich aber von ihm geblieben ſein, wenn er mich in der Mitte anderer Frauen erblickt hatte! Unter dem Druck ſolcher Umgebung und der For⸗ men leerer Convenienz wuͤrde ich nie den Muth haben, ihm anders als hoͤchſt alltäglich zu erſcheinen. Vergeblich wuͤrde ich dann in meiner Seele dieſe Macht uber ihn fuhlen, der er nicht zu widerſtehen vermoͤgen wuͤrde, ſobald ich ihm dies Herz in der ganzen Energie meiner Liebe zeigte. Der Augenblick aber, wo er mich als eine gleichguͤltige, faſt ver⸗ geſſene Bekannte wiederſaͤhe, wuͤrde mein jetziges Gluͤck ganz zerſtören und mich ſo elend machen, daß ich keinen Begriff von der gewaltſamen Er⸗ ſchuͤtterung habe, in der dieſer Moment meine Seele auf ewig laͤhmen wuͤrde. Von ihm getrennt, wie ich es jetzt bin, ſind wir dagegen mit einander in der Wahrheit und Innigkeit meiner Ennfidung unaufloͤslich Wbuhen — 850 — „Liebe Thekla, wie kann man ſich ſo unbedingt einer Illuſion hingeben, die doch fruͤher oder ſpäter in ihr eignes Nichts zuruͤckſinken muß, und die Ihr ganzes Leben gewiſſermaßen zu einer Traum⸗Epiſtenz macht?“ — „Gibt es denn im Leben etwas Wirklicheres, als dieſe Liebe fuͤr mich iſt? — Wiſſen Sie etwas, das mir Erſatz fuͤr ſie zu werden vermoͤchte? Alles Andre iſt nur Friſtung des Lebens, nicht Genuß deſſelben, nur Beduͤrfniß, nicht Reichthum. Ohne ſie waͤre ich mir immer fremd geblieben, und hätte nie erfahren, wie ich meinem angebornen Sinne nach handle. Alles Andre in mir und meinem Leben iſt Menſchenwerk — nur in dieſer Liebe offenbart ſich unverſtellt meine mir von Gott angeſchaffne Natur, und darum iſt ſie mir auch das Höchſte im Leben, und nie ſoil mein Herz wieder in den Feſſeln klein⸗ licher Menſchenſatzungen ſeufzen. Frei ſoll es ſchla⸗ gen, und ſich ſelbſt ſein einziger und höchſter Rich⸗ ter ſein.“ „Sie erſchrecken mich, Thekla! Dieſe greige⸗ ſterei der Weiblichkeit hat noch jede unſers Geſchlechts, die ſie zur Regel ihres Lebens S in's Ver⸗ derben geſtuͤrzt.“ — „Doch nur, weil ſie mehr als einen Wunſch, eine Hoffnung, eine Furcht hatten, und es nicht zu fuͤhlen vermochten, wie frei der Menſch iſt, wenn er klar und feſt nur Eines will im Leben, und an dieſes Eine Alles ſetzt. Ich gehe der Zukunft kuͤhn entgegen, wie ſie ſich auch enthuͤlle; nie ſoll ſie Gewalt uͤber mein Leben erhalten. Ich weiß, daß meine Natur nichts Unwuͤrdiges ertragen, ſon⸗ dern die Kraft haben würde, es von ſich auszu⸗ ſtoßen, wo es ſich ihr aufdraͤngte; und darum ſoll mich nie fremde Meinung uͤberreden, dorthin gehe der Weg zum Gluͤck, wenn mein Herz ihn mir, ohne Widerſpruch meines Gewiſſens, auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite zeigt.“ „O Sie ahnen nicht, wie vier wahehuſt Le ges ein Weib daran wagen muß, wenn es die Kette löſen will, die Sie abgeſtreift zu haben glauben. Die haarſcharfe Linie, auf der Sie bei ſolchen Grund⸗ ſätzen wandeln, zum Lebenswege wählen zu wollen, iſt wahrlich ein Seiltänzer⸗Kunſtſtuͤckchen, vor dem der Genius ſchoͤner Weiblichkeit errothet.“ „Die Liebe erſcheint mir als der ſchoͤnſte Be⸗ ruf des Weibes, zu heilig, um ihr nicht darin zu vertrauen, daß die Bildung, die von ihr ausgeht, — und der Lebensweg, den ſie uns andeutet, die rich⸗ tigſten ſein muͤſſen. Welch ein elendes Spiel iſt dieſe Geſchlechts⸗Profeſſion der Weiblichkeit, die man uns ſo gern als das Hoͤchſte in der weiblichen Natur anpredigt, wenn die Liebe ſie nicht adelt und beſeelt! Wie viel Verzerrtes und Unnatuͤrliches, alſo auch Suͤndliches, iſt nicht in manchem von der Neigung und vom Staat anerkannten Verhältniß zwiſchen Weib und Mann! — Liebſte Pauline, ich bin mir darin ſo klar und feſt in meinem Willen: fuͤhrt das Schickſal mich dem Prinzen wieder zu, ohne daß die Alltäglichkeit trennend zwiſchen uns ſteht; ſo bin ich ſein, wie ich es ſein muß, wenn ich den Ruf meiner innerſten Natur nicht uͤberhoͤren will; und auf welchen Standpunkt mich dann auch die Meinung ſtellen duͤrfte, ſo wuͤrde mir doch die innere Stimme verbuͤrgen, daß ich nicht unwuͤrdig und erniedrigt auf ihm ſtehe, ſo lange ich, im kla⸗ ren Bewußtſein, im vollen Gefuͤhl des Rechts, mit Freiheit und Liebe auf ihm ſtehe.“ „Wie wenig aber paßt dieſe Schwärmerei zu dem Ideal, dem ſie huldigt! Der Prinz iſt ein herr⸗ licher Menſch, aber in welcher uͤppigen Lebensluſt bluͤht er! — Wie fremd iſt ihm jenes ſtille, ſchoöne — 9 — Daſein, das Zaͤrtlichkeit und tiefes Gefuͤhl zur Be⸗ dingung ſeines Gluͤckes macht! — Noch hat er nie einer Einzelnen, immer in ihr nur dem Geſchlechte angehoͤrt, und wahrſcheinlich iſt es auch keinem weib⸗ lichen Herzen beſtimmt, ſich ihn ganz und auf im⸗ mer zu gewinnen.“ „Und daraus wollen Sie ihm einen Vorwurf machen, der zugleich Warnung fuͤr mich ſein ſoll? Nie duͤrfte mir freilich der Gedanke kommen, ihn ewig halten zu wollen; aber eben ſo wenig wuͤrde ich den Nektarbecher des himmliſchen Gluͤckes ſeiner Liebe von mir weiſen, weil ich furchten muͤßte, ihn nicht bis auf die Hefen leeren zu koͤnnen. Nein, Pauline, wenn er mich liebte, wenn meine Seele durch ihn zum volſſten Bewufßtſein, zur herrlichſten Aeußerung aller ihrer Kräfte gelangte — ein Dalein, deſſen Fuͤlle ich jetzt nur, wie die Raupe ihr Schmetter⸗ lingsdaſein, zu ahnen vermag — wenn er mich liebte, und wenn dann in dem Gefuͤhl, daß Er der Schö⸗ pfer, der Spender meiner Seligkeit wate, immer noch neue, hoͤhere Seligkeit läge — o Gott, Gott! dieſe Erde hat keinen Jammer, mit dem ch nic eine Stunde dieſes Glückes jauchzend erkaufte.“ Sie druͤckte hier beide Haͤnde in leidenſchaft⸗ — — licher Bewegung auf ihrer Bruſt zuſammen, und ihre Augen erhoben ſich mit einem ſo heiß flehenden Ausdruck zum Himmel, daß ich verſtummte, als muͤſſe ich ihre Beſtimmung, das Opfer dieſer Lei⸗ denſchaft zu werden, ehren. Die Stille und die Heiterkeit ihres Weſens bei ſolcher Leidenſchaftlichkeit blieben mir immer gleich räthſelhaft. Sie zeigte in dieſer unbedingten Hingabe an Ein Gefuͤhl eine Kraft, die ſie nie gehabt haben wuͤrde, es zu bekämpfen. Sie las viel, und beobachtete auch die Menſchen, mit denen ſie lebte; aber in Allem, was ſie las, ſann und hoͤrte, waren es nur die Geheimniſſe, und die Lei⸗ den und Freuden des Herzens, die ſie anzogen und beſchäftigten. Die Hoffnung, den Prinzen wieder zu ſehen, wurde mehr und mehr zur Unwahrſchein⸗ lichkeit; doch in immer gleicher Heiterkeit blieb ſie freudig und ſchoͤn, wie ein hell ſtrahlender Fruͤh⸗ lingstag. Auch in unſerm geſelligen Zirkel erzeugte die Rückkehr der ſchönen Jahreszeit manchen Reiſeplan, wir wurden von mehreren Seiten zur Theil⸗ ne an einem derſelben dringend aufgefordert. Ich hatte den Winter uͤber viel gekränkelt, und — ſollte daher auf Befehl des Arztes den Brunnen trinken, welches mich zum Zuhauſebleiben zwang; aber ich beredete Thekla, ſich an einer Geſellſchaft anzuſchließen, die das Gebirge zu ihrer Reiſe er⸗ wählt hatte. Die hier folgenden Bruchſtuͤcke aus ihrem Tagebuche werden uns mit den Begebenheiten dieſer Wochen bekannt machen. Den 6. Mai. Welche herrliche unvergeßliche Tage lebe ich jetzt! ſie ſind ſo reich an Freuden und ethebenden Empfin⸗ dungen, daß ich bei aller Fuͤlle des Genuſſes in mir doch nur Beſchraͤnktheit finde, wenn ich meine Fa⸗ higkeit zu empfinden, mit dem unendlich reichen Gebiet vergleiche, das uns gegeben iſt, ſie zu entwickeln und zu uͤben. O du, dem die Vorſehung das Geheimniß meines Lebens anvertraute, du, deſſen hohes Bild mir tief im Herzen wohnt und eins iſt mit jeder meiner Empfindungen, du allein vermochteſt mir dieſe Quellen des Genuſſes zu offnen! Nur in der Liebe fuͤr dich ging mir der Sinn fuͤr die Welt — ½6 — auf, und jede Freude an ihren Erſcheinungen wird durch dies dankbare Andenken an dich geheiligt. Wie ſchnell wurde mir dieſe große reiche Natur wie⸗ der zur unverſtändlichen, lebloſen Hieroglyphe werden, wenn ich nicht mehr einzig in dir lebte! — FJetzt aber iſt ſie mir Bild und Laut der Liebe in jedem Anblick, jedem Säuſeln — iſt mir eine Melodie des Ewig⸗Schoͤnen, zu der mein ganzes Weſen ſich rein und harmoniſch zu ſtimmen ſtrebt. Und nun zu dieſem innern, unſterblichen Fruͤh⸗ ling noch dieſe Tage, dieſe Nächte! — Ich ſitze hier um Mitternacht am offenen Fenſter und blicke hin⸗ aus auf die bluͤhende Flur. Ohne Mondlicht iſt der Himmel ſo hell von ſeinen tauſend Mal tauſend Sternen durchblitzt, der Nachtwind geht durch die Zweige der hohen Ulmen vor meinen Fenſtern, und der Wellenſchlag des Sees toͤnt melodiſch darein, alle Bluͤthen ſenden mir, der Liebenden, ihre ſuͤßeſten Duͤfte herauf. — O dieſe Herrlichkeit der Nacht, dies Schweigen der Natur vor ihrer Feier; wie lange hatte ſich mir dieſer Gottesdienſt entfremdet! wie lag ich ſo gebuͤckt, geſchmaͤht und entwuͤrdigt vor dem eiſernen Schickſal in den Staub geworfen dal — 96 — Da erſchien Er, ſein erſter Blick ſtreifte meine Feſ⸗ ſeln ab, ich liebte und war frei und gluͤcklich! O wie erwachen ſie jetzt alle wieder in meinem Herzen, dieſe lieben Gefuͤhle herrlicher Jungfraͤulich⸗ keit! wie weine ich oft vor ſtiller Seligkeit, daß ich ſie wieder habe, ſie wieder mein nenne! Dieſe tiefe Fuͤlle inniger, begluͤckender Empfindung in meiner Bruſt iſt unausſprechlich ſuͤß. So gluͤcklich war ich auch in den ſchoͤnſten Zeiten meiner Vergangenheit nie. Nie war mir fruͤher die Natur ſo beſeelt, nie war ſie fruͤher ſo meines Herzens Vertraute! — Und iſt ſie nicht auch beſeelt, iſt ſie nicht voll des regſten, geheimnißreichſten Lebens? Regen ſich dieſe Bäume nicht recht mit Luſt in dem friſchen Nacht⸗ wind? Sollten ſie gar nicht wiſſen, wie ſchoͤn Alles iſt? Sprechen wir ihnen nicht vielleicht nur darum die Empfindung ab, weil uns das Organ fehlt, ſie bei ihnen zu erkennen? — Liegt nicht in uns Allen eine Ahnung von empfindungsvollem Leben der Pflanzen? Woher z. B. die ganz verſchiedene Em⸗ pfindung, mit der ich Bluͤthen und Fruchte breche? Oft ließ ich die erſtern ungepfluͤckt, weil mir eine innere Stimme ſagte, die Pflanze miſſe ſie ungern, da mir hingegen beim Brechen der Fruͤchte immer — iſt, als freue ſie ſich, ſich mir geben zu koͤnnen. Iſt nun dieſe innere Empfindung nicht ein geheim⸗ nißvolles, vermittelndes Organ zwiſchen uns und der lieben frommen Pflanzenwelt? Als Kind ſprach ich oft Stunden lang mit meinen Blumen, und ver⸗ ſtand ihre Antworten. Spaͤter wird es zu laut um uns, aber ſie lieben mich noch, wie ich ſie. O ich moͤchte jetzt hinauseilen, und meine Arme ausbreiten, um die Erde und den Himmel und den Nacht⸗ wind und die Blumen an mein Herz zu ziehen! Ich moͤchte niederſinken und die Erde kuͤſſen, die Alles ſo mutterlich, ſo unermuͤdet, treu und ſtill naͤhrt und pflegt! Den 14. Mai. Ganz unerwartet ſind in dieſer Nacht alle Beurlaubten einberufen. Boten und Ordonnanzen treffen von allen Seiten hier zuſammen. Ich bin ſonderbar bewegt. Das Wort Krieg toͤnte mir von jeher ſo grauſend feierlich, und doch glitt es wohl unverſtanden vor meinem Ohr voruͤber. Ich fange ietzt an, ſeinen tiefen Sinn zu ahnen. Wir ſind Tarnow's Schriften I. 5 — — wegen der Fortſetzung unſerer Reiſe beunruhigt. Eben erhalten wir einen reitenden Boten. Die?** Regimenter ſind alle aufgebrochen. In dem drei Meilen von hier gelegenen D. iſt fuͤr ein ſtarkes Truppencorps Quartier angeſagt, und wir werden alſo unſern Reiſeplan wohl aͤndern muͤſſen. H. iſt nach D., ſich nach Allem näher zu erkundigen, und ſich Päſſe fuͤr uns geben zu laſſen. Mir iſt ſon⸗ derbar, ſehr ſonderbar zu Muthe! 4 Den 15. Mai. O mein weiſſagendes Herz! Er iſt hier, in mei⸗ ner Nähe, in D. und bleibt heute noch da. Mor⸗ gen fuͤhrt ihn ſein Weg hier durch, ich werde ihn alſo vielleicht ſehen. Als H. uns dies bei ſeiner Ruͤckkunft erzählte, klopfte mir das Herz entſetzlich; ich wurde traurig, und mußte Abends, als ich allein war, viel weinen. Der Moment unſerer Bekannt⸗ ſchaft war der wichtigſte und ſchönſte in meinem ganzen Leben, in wunderſchnellem Zauber entwickelte ſich die Bluͤthe meines Gefuhls — ſie iſt mein Gluͤck, mein ganzes Gluͤck — welkt ſie mir je unter dem = 65 — Eindruck eines kalten Wiederanblickes: ſo bin ich geweſen. s Wir gingen heut ſpatzieren. Man konnte die Thuͤrme von D. ſehen; die Luft, die mich umgab, kam mir vielleicht von ihm, und ich athmete ſie mit einem Nachgefuͤhl jenes ſuͤßen Schauers ein, den mir damals ſeine Nähe gab. Morgen werde ich ihn ſehen; der Gedanke durchzuckt mich, ſo oft ich ihn denke, wie ein elektriſcher Funke. Ich kann es nicht faſſen, wie mir nach dieſem Augenblick des Wieder⸗ ſehens ſein wird; aber Seligkeit iſt in dem Gedan⸗ ken, ihn wieder zu ſehen. Schwerlich duͤrfte er mich im Vorübereilen erkennen, und doch — wie reich koͤnnte mich ein Blick, ein Wort von ihm machen! — 4 Den 16. Mai. Was iſt unmöglich? Das unwahrſcheinlichſte hat der Himmel fuͤr mich wahr gemacht. Der Prinz war heute hier auf dieſem Zimmer faſt drei Stunden bei mir! — Als ſchon eine Viertelſtunde verfloſſen war, als ich das gluͤcklichſte und geliebteſte 5 * aller Weiber ſchon an ſeinem Herzen lag, ſchon die Seligkeit empfunden hatte, ihn ſagen zu hoͤren, daß er mich liebe, mich, ſein Geſchopf, mich, ſeine The⸗ kla, ewig lieben werde, fragte ich mich und ihn, ob es kein Traum ſei? — Und noch jetzt, noch jetzt betet meine Seele: Vater im Himmel, wenn dieſe Seligkeit ein Traum iſt, ſo ſei der Augenblick des Erwachens auch der meiner Vernichtung; denn ſeine Schrecken vermochte wohl ſelbſt deine Allmacht dem ſaücn Weſen nie zu verguͤten! — O Muth, Muth mein Sn — haſt du doch eine Ewigkeit vor dir, die Seiget dieſer Wirklich⸗ keit, dieſer Gewißheit des hoͤchſten Gluͤckes auszu⸗ koſten, und ſie faſſen zu lernen. O Gett! vermag denn der ſterbliche Menſch gar nicht zu zeigen, wie tief er die Unermeßlichkeit ſeines Gluͤckes fuͤhlt? Ja, der Menſch iſt ein endliches Weſen, meine Seele reicht nicht, dies Gefuͤhl zu faſſen, ſie iſt bis in ihre innerſte Tiefe davon durchdrungen, aber ihr Empfindungsvermogen reicht nicht hin, es zu ergrun⸗ den; ſie fuͤhlt ſich im Beſitz einer unnennbaren Fuͤlle von Gluͤck und Freude, und doch iſt ihr noch unendlicher Reichthum, unendliches Gluͤck zu ergruͤnden uͤbrig, das — 101 — ſie, und wenn ihte Kraft hundertfach ſich verdop⸗ pelte, ſo wenig zu erſchöpfen vermöchte, wie das Weſen der Gottheit! — Ich mochte ſo gern erzählen, mir ſelbſt erzäh⸗ len, wie das Alles ſich begeben hat, werde ich's aber koͤnnen? Unſere ganze Geſellſchaft war nach dem Pavil⸗ lon im Garten gegangen, um die Truppen vorbei marſchiren zu ſehen. Mehrere der Officiere, Be⸗ kannte und Verwandte der Frau vom Hauſe, ſpreng⸗ ten heran, ſie zu begrüßen; ſie bat ſie zum Fruͤh⸗ ſtuͤck, und wir gingen, ohne die Ankunft des Prinzen zu erwarten, der mit ſeinem Gofolge zuruͤckgeblieben war, nach dem Hauſe zuruͤck. Ich konnte den Wunſch des langern Verweilens nicht ausſprechen; eine unuͤberwindliche Schuͤchternheit band mir die Zunge: aber in ſtilles, wehmuthiges Sinnen ver⸗ loren, nahm ich an dem Geſpräch eben ſo wenig Antheil, als ich die fremden Gäſte beachtete. Sie verließen uns bald, um ihre Regimenter wieder ein⸗ zuholen; und eben wollte ich errothend vorſchlagen, nach dem Pavillon zurückzukehren, als einer der Be⸗ dienten meldete, der Prinz ſei auch ſchon vorbeigerit⸗ ten. Verwirtt, beklemmt und mir ſelbſt in einem — 10 — Chaos wogender Gefuͤhle nicht klar, ging ich nach meinem Zimmer, und lehnte truͤbſinnig am Fenſter, als mir ein Officier gemeldet wurde, der mich zu ſprechen wünſche. „Sein Name?“ fragte ich be⸗ wegt. — Den wuͤrde er die Ehre haben, der gnaͤ⸗ digen Frau ſelbſt zu ſagen. Ich nahm den räth⸗ ſehhaften Beſuch an, die Thuͤr oͤffnete ſich, und un⸗ vergeßlicher Moment! es war der Prinz! Stroͤme der waͤrmſten Lebensgluth waͤren kein wuͤrdiger Preis fuͤr dieſe Minute, ich verſtumme von ihrer Erinnerung, aber die reinſte Seligkeit des Himmels kann vor ihr nur den Vorzug der Dauer haben. Liebe, Entzuͤcken und die ſuͤße Unruhe einer unerwarteten Freude in jedem Zuge ſeines Geſichts trat er ein, er faßte meine Häͤnde, druͤckte ſie an ſeine Lippen, mich an ſein Herz, ich hoͤrte keine Worte, ſein erſter Laut war mein Name, ausge⸗ ſprochen mit jenem Ton der Liebe, der aus dem Herzen kommend, ſich des Herzens ſo unwiderſteh⸗ lich bemächtigt. — 3n Er hatte die bei uns geweſenen Officiere un⸗ terweges angetroffen. Einer von ihnen, der als der Prinz im vorigen Jahre in meinem Hauſe weilte, — 103 — in ſeinem Gefolge geweſen war, erzählte ihm, daß ich jetzt bei der Beſitzerin des Guts, wo er gefruͤh⸗ ſtuͤckt, zum Beſuche ſei. Der Prinz gab darauf die nöthigen Befehle, hieß ſein Gefolge ihn am nachſten Orte erwarten, und ſprengte ohne alle Begleitung zuruͤck. Beinahe ein Jahr lag zwiſchen uns. Wie hätte ich mich erkuͤhnen können, zu hoffen, daß ich noch in ſeinem Andenken lebe, und doch war fuͤr mich die ganze Zeit unſerer Trennung nur ein ein⸗ ziger Gedanke an ihn geweſen, und ſein Bild mie ſo lieb, ſo traulich geworden, daß ich ihn nicht fremd⸗ wie im Moment unſers damaligen Abſchieds, zu em⸗ pfangen vermocht haͤtte. Aber als habe auch er im Geiſte mit mir fortgelebt, als muͤſſe das ſo ſein, ſchloß er mich in ſeine Arme, druͤckte mich mit einer ſo leidenſchaſtlichen Innigkeit und mit ſo entzuͤckten Blicken an ſein Herz, daß ſich die Gewißheit, geliebt zu ſein, wie eine Verheißung vom Himmel in meine Seele ſenkte. „Thekla,“ rief er, „meine Thekla, bedarf es noch der Worte unter uns? — Biſt Du mein⸗ wie ich Dein bin? — Fuͤhlſt Du, daß ich in Dir mein ſuͤßeſtes und eigenſtes Gluͤck umfaſſe?“ — 104 — Der Schleier, der die Gottheit und ihre Se⸗ ligkeit irdiſchen Augen verhuͤllt, ſchwand bei dieſen Worten vor meinen entzuͤckten Blicken, und ich be⸗ griff den Himmel mit ſeiner ganzen Herrlichkeit. O, und wenn ſtatt dieſes Tod und Verderben über meinem Haupte geſchwebt hätten, ich hatte doch das Wort ausgeſprochen, in dem meine ganze Zukunft ruht, und waͤre dann lächelnd in der himmliſchen Wolluſt dieſes zagenden, bebenden Geſtändniſſes ver⸗ ſunken! „Suͤßes, ſeelenvolles Weſen,“ ſagte er mir, „gewiß, ich habe die Liebe bis jetzt noch nicht ge⸗ kannt. Nimm ſie denn hin, meine ganze Seele, fuͤlle ſie aus, dieſe Leere meines Herzens, die mich oft ſo wild und unmild machte, und verhuͤlle mir in dem heiligen Frieden Deiner Liebe den Unfrieden, der mich quält.“ Stunden verflogen wie Minuten. Die Gegen⸗ wart lag wie eine lange Zukunft vor mir; ich hatte keinen Gedanken fuͤr den naͤchſten Morgen. Er mußte endlich ſcheiden, doch nur nachdem wir verabredet hatten, daß ich meine Geſellſchaft beſtim⸗ men ſolle, nach H. zu gehen, wo er mehrere Tage verweilen muß. — 105 — Wie kalt und todt iſt Alles, was ich hier ſchreibe! — und doch iſt in mir eine Unruhe des Gluͤckes, die mir nicht vergönnt, mich ſtill im Be⸗ wußtſein deſſelben zu verſenken. Morgen werde ich ihn wieder ſechen! O wie ſchnell iſt dieſe Liebe aus einem friedlichen Kinde zum Rieſen geworden! Ein Blick, ein Wort von ihm waren heut Morgen noch meine kuͤhnſte Hoffnung — Jahre haͤtte ich damit ausgereicht fuͤr mein Herz, und nun wuͤrden mir Welt und Leben freudenlos verſinken, wenn ich ihn nicht morgen wiederſaͤhe. Den 17. Mai Er war geſtern Abend der letzte Gedanke beim Einſchlummern, heute der erſte beim Erwachen. Die Sonne fuhr ſtrahlend herauf, ihm zu leuch⸗ ten, der Morgenwind ſäuſelte, ihn zu erquicken. Er nur in der ganzen Schoͤpfung, im kleinſten Thau⸗ tropfen, wie im ganzen All nur ſein Bild. Lenger als eine Stunde war ich fruͤher fertig, als die Andern. Mit ungeduldiger Eile trieb ich zur Abreiſe, und argerte mich über den Schnecken⸗ — 106 — gang des Thuns und Treibens um mich her. End⸗ lich ſtiegen wir ein. Raſch eilten wir fort, und gegen 4 Uhr Nachmittags erblickte ich die Thuͤrme von H. „Sehen Sie, ſehen Sie!“ jauchzte ich bei ihrer Erblickung ſo laut und freudig auf, daß die Baronin herzlich daruͤber lachte, weil es ihr un⸗ erklrlich war, wie mich der Anblick dieſer gar nicht großen und unanſehnlichen Stadt ſo entzuͤcken konnte. Eine Viertelmeile vor der Stadt kam er uns entgegen. Sein erſter Blick war Gruß der Liebe. Dann ſprengte er raſch, als ob er uns nun erſt erkenne, an den Wagen, begruͤßte mich und meine Reiſegefährtin, die er oft in B. geſehen hatte, freute ſich des unvermutheten Zuſammentreffens, und verſicherte ihr gleich, ſie duͤrfe, ſo lange er in H. bleibe, an keine Abreiſe denken, und er werde Alles aufbieten, uns den Aufenthalt dort ſo ange⸗ nehm wie moͤglich zu machen. Geſchmeichelt von ſeiner Artigkeit wandte ſie ſich an mich, und ſuchte mich zur Einwilligung in dieſen Vorſchlag zu bere⸗ den. Ich erroͤthete und uͤberließ ihr völlig die — nere Beſtimmung unſerer Reiſe. Am trennte er ſich von uns; aber nur — 107 — um uns in unſerer Wohnung zu empfangen und uns fuͤr den Abend einzuladen. Wir fanden eine N große Geſellſchaft vor; doch ohne alle Spur meiner ſonſtigen Blödigkeit trat ich heiter in den Saal. Ach, wo ich ihn finde, wo ich auch nur ſeinem Schat⸗ ten begegne, wird ſtets Himmel um mich und in mir ſein! Woher hätte mir in meinem vergangenen Le⸗ ben eine Ahnung kommen ſollen, wie hoch ſich das Leben an Entzuͤcken, an Freude und an Gluck aus⸗ bringen laͤßt? Eine Minute dieſes Abends, wo Er nur fuͤr mich anweſend war, wo ſein Herz, ſein Geiſt ſich eine neue Sprache ſchufen, die allen An⸗ dern unverſtaͤndlich, nur von mir erwiedert wurde, wuͤrde hinreichen, den Wermuthskelch ganzer Jahre zu verſußen; und fur mich reihten ſich dieſe Augen⸗ blicke an einander zu Stunden, denen morgen wie⸗ der ein Tag und noch einer folgen wird! Diefe Fulle des Gluͤcks wird mich todten, oder Alles, was man von der Durftigkeit unſerer irdiſchen Natur ſagt, iſt Wahn, und die Liebe, dieſer magiſche Zau⸗ ber des Daſeins und des Schickſals, vermag uns auch hienieden ſchon Kraft zu S die Seligkeit hoherer Geiſter zu ertragen. — — Den . W Wie iſt es moͤglich, Gott zu teten, wenn man nicht auf Erden ein Weſen mit allen Kraͤften, Wuͤnſchen, Ideen und Empfindungen ſeiner Seele geliebt hat? Nur eine ſolche uns ganz durchdrin⸗ gende und erfuͤllende e vermag uns das Ge⸗ heimniß unſers Daſeins in ſeiner Unſterblichkeit zu enträthſeln. Der Aufſchwung meiner Seee zur gonet iſt mir immer das Heiligthum meines Lebens ge⸗ weſen, doch erſt ſeitdem ich liebe habe ich beten ge⸗ lernt, und darum, o Vater! ſende mir, wenn du willſt, den bitterſten Leidenskelch, dein gluͤckliches Kind wird ihn leeren, ohne zu murren, nur bleibe mein Herz bis zum letzten Schlage von dieſer Liebe beſeelt; und wenn der Tod es berährt, ſo ſtehe es ſtil, ohne auf Erden etwas Anderes als ihn, irgend etwas neben ihm, geliebt zu haben! 1 Ich fuͤhle es ſelbſt, ich bin zu gluͤcklich. Eine ſolche Seligkeit kann nicht dauern;z ſie darf es viel⸗ leicht nicht; aber nie werde ich dem Schickſal die Macht einräumen, dieſe Liebe zu entwuͤrdigen, und mein Daſein wieder in die kalte Tiefe der Gleichguͤl⸗ — 65 — tigkeit unterzutauchen. Nie werde ich mich der Ge⸗ fahr ausſetzen, in meiner Seele dieſen Abglanz des himmliſchen Paradieſes erloͤſchen zu fuͤhlen, und mir ſelbſt geſtehen zu muͤſſen: ich habe geliebt! — Der Augenblick, wo ich ihn nicht mehr mit dieſer unend⸗ üchen Kraft des heißen Herzens, dieſem ewig neuen Entzuͤcken, dieſer ewig ⸗ Begeiſterung aus voller, voller Seele, mit aller Angſt und Wonne meines Lebens liebe, darf nie erſcheinen. Ich ſetze Alles, was ich bin und was ich habe, an dieſe Liebe; aber wie unendlich wenig iſt dies Alles gegen das Gluck, das ſie mir gewährt! — Nein, Du Liebling meiner Seele, Du täuſcheſt mich nicht! Mein Herz iſt frei von jeder Heuchelei, jeder Verſtellung; klar, wie der Himmel uͤber uns, liegt es vor Deinen Blicken da. Wie? ich, die ich nur lebe, um Dich anzubeten, ſollte Dich betruben wollen? ſollte freiwillig die Macht, Dich zu erfreuen⸗ wenn ſie mir verliehen worden wäre, ungenutzt laſ⸗ ſen? — Mein, dieſes Verbrechens gegen die Liebe — 140 — bin ich nicht faͤhig; aber ach, wenn Du noch nicht glucklich geweſen biſt, wenn Du es an dieſem Her⸗ zen, das nur Liebe, unaus ſprechliche Liebe fuͤr Dich, klopft, nicht biſt: o wirſt Du es durch das, was Du vermiſſeſt, nie werden. Ehre den zarten Schmet⸗ terlingsſtaub auf den Fluͤgeln des himmliſchen Amors, loͤſe nicht den e uns jetzt uͤber die Enge des Lebens und ſeine Beſchraͤnktheit erhebt! Warum der irdiſche, brennende und erweckende Tropfe auf den himmliſch träͤumenden Gott? — Ich, mein Einziger, bin ſo unendlich, ſo ganz unbeſchreiblich gluͤcklich, daß jede Nuͤancirung dieſes Gluͤckes mich, wie das töſende Wort dieſes ſeligen Zaubers, ſchreckt. Ich brauche Zeit, mich von der Wirklichkeit deſſelben zu uͤberzeugen. Sage ſelbſt, bedarf ein Weſen, wie ich, nicht Muth, um den Gedanken, von Dir ge⸗ liebt zu ſein, denken zu duͤrfen? Nur Du kannſt ihn mir geben, indem Du die Bluthe meines Glückes zart und ſchonend pflegſt. — Und gibt es denn ein anderes Gluͤck als Liebe? — Genuͤgt es Dir nicht, geliebt zu ſein? Oder weißt Du noch nicht, wie ich Dich liebe? Fuͤhlſt Du nicht, daß ich Dein bin mit jeder Wallung, jeder Regung des Herzens in mir? Gibt es im Umkreiſe meines Daſeins noch — 111 — eine Empfindung, einen Gedanken, einen Wunſch, eine Hoffnung, die nicht Dein ſind? Und wenn mich die Ewigkeit von Aeonen zu Aconen bis vor den Thron Gottes fuͤhrt, um ihn im Kreiſe der Engel anzubeten und ſeine Herrlichkeit anzuſchauen; o mein Geliebter! kann das Gefͤhl, mit dem ich dann ver⸗ ſtummend niederſinken werde, ohne Aehnlichkeit mit dem ſein, was ich fuͤr Dich empfinde? Ich habe nichts, gar nichts fuͤr Dich, als dieſe Liebe, aber in ihr bin ich ungetheilter Dein, wie je ein Weib des Mannes geweſen iſt. Wenn Du aber in dem Beſitz dieſes Herzens noch etwas vermiſſeſt, um ſo glucklich zu ſein, als ich Dich zu machen vermag, ach, dann weiß ich nicht, was Gluͤck iſt, dann habe ich Dir nichts mehr zu geben! Den 30. Mai. Morgen verlaſſen wir H. Der Prinz geht mit ſeinem Corps weiter, und ich gehe mit der Baronin uͤber P. zuruͤck, wo ſie ihren Bruder beſuchen und einige Tage bei ihm weilen will. Das Schickſal ſelbſt iſt freundlich wie mein Gluͤck; unter allen mög⸗ lichen Zufällen fuͤhrt es den herbei, der mich am — — chnellſten wieder mit dem Prinzen vereinigt. M. iſt zu ſeinem Hauptquartier beſtimmt, und wenn ich nach Hauſe komme, darf ich darauf rechnen, ihn dort ſchon vorzufinden. Ach, wie koͤnnte ich auch ohne die Gewißheit des baldigen Wiederſehens dieſe Trennung ertragen! Schon jetzt beklemmt ſie mein Herz, und erinnert mich an die Vergänglich⸗ keit aller Erdenſeligkeit. Ihn zu lieben, ihn lie⸗ ben zu buͤrfen, iſt ſchon ſo reiches, unverhofftes Gluͤck, daß ich nicht zu hoffen wage, auch geliebt zu ſein. Woher ſollte mir die Macht kommen, dem Lorbeer ſolchen Ruhmes, ſolcher Große, vor Gott und vor Menſchen die Myrte begluckender Liebe einflechten zu koͤnnen? Er iſt die Sonne, ich bin die Blume, deren Bluͤthe der himmliſche, ſegens⸗ volle Strahl entfaltete, und die nun dankend dem Geſtirn ihren Duft empor ſendet. Was kann aber die Blume dem Geſtirn gelten, das eine Welt er⸗ leuchtet, und dem die Erde mit ihrem Fruͤhling und allen ſeinen Blumen huldigt? Am Abend. Ja, er liebt mich! nicht blos meine Liebe zu ihm iſt es, die ihn erfreut; er liebt mich, er be⸗ — 113 — darf meiner zu ſeinem Gluͤck! Höͤre es, du ganze herrliche Natur! hoͤrt es, ihr ſeligen Geiſter, ich bin geliebt! Beugt euch vor mir, all' ihr Frauen und Maͤdchen! ich bin eure Koͤnigin! bin von ihm geliebt! O wie ſtolz macht mich dieſe Liebe! wie hoch erhebt ſie mich uͤver alle Erdenherrlichkeit! wie klein liegen alle Thronen, aller Glanz der Macht und Hoheit zu meinen Fuͤßen da, und doch auch wie⸗ der, wie fromm, wie demuͤthig macht ſie mich! Wie erröthe ich ſelbſt vor der Groͤße meines Gluͤckes, dem hoͤchſten, was einem ſterblichen Weibe zu Theil zu werden vermag! Er war heute Abend bei mir; wir Beide im ſtillen, traulichen Geſpräch der Liebe, ſo ruhig, ſo friedlich, gluͤcklich, der Glanz, den ſeine Gegenwart dem Leben gibt, ſanft gemildert vom Vorgefuhl der morgenden Trennung. Von ihm umfaßt, ruhte ich an ſeinem Perzen, und ſeine ſchoͤnen Augen ruhten mit ſeelenvoller Zärtlichkeit auf mir; die ganze Fuͤlle meines Gluͤckes lag in dem Blick, mit dem er ſich herabneigte, meine Stirn zu kuͤſſen. Plotzlich full⸗ ten ſich meine Augen mit Thränen, die ich nicht — 114 — verbergen konnte, und nach deren Urſache er zärtlich forſchte. „Ich weiß nicht,“ antwortete ich ihm, „ob es die Erinnerungen meines vergangenen Lebens ſind, die mir das Gefuͤhl und das Daſein meines jetzigen Gluͤckes zu einem Wunder machen, das mich immer neu, als eine dem Leben ganz fremdartige Erſcheinung uͤberraſcht. Mein jetziger Zuſtand wi⸗ derſpricht Allem, was ich je von der Unvollkommen⸗ heit irdiſcher Seligkeit gehoͤrt habe. Ich habe fruͤher die Liebe nicht gekannt; ich habe von ihrer Goͤtter⸗ gewalt uͤber unſer Daſein keinen Begriff gehabt! Wie iſt es aber moͤglich, daß die Menſchen noch eine Quelle des Glückes aufſuchen, wie ſie? Wie kann es einen Gottesdienſt, eine Hoffnung, einen Schmerz geben, der nicht von ihr ausgeht? Und o, ſollte es moͤglich, ſollte es wahr ſein, daß dieſer Zauber vergaͤnglich iſt? Hat man wirklich Beiſpiele, daß Menſchen, die geliebt wurden und liebten, den Verluſt ihres Gluͤckes zu uͤberleben vermochten? Und war dies Folge einer Seelenkraft, deren Daſein ich in mir nicht begreife, oder iſt der Menſch wirk⸗ lich ſo klein, ſo veräͤchtlich, daß die Zeit ihm zum Linderungsmittel eines ſolchen Schmerzes zu werden vermag?“ 5 n — 115 — „Reines Herz!“ ſagte er geruͤhrt, „Du haſt das Recht, an die Ewigkeit der Liebe zu glaubenz denn Deine Seele fuͤhlt ihre ganze Goͤttlichkeit un⸗ entweiht. Was ich fuͤr Dich empfinde, empfindet min nur einmal im Leben, und doch iſt es viel⸗ leicht dem Menſchen nicht vergoͤnnt, in ewiger Treue zu bewahren, was er als ſein ſuͤßeſtes Le⸗ bensgluͤck anerkennt, und nur zu oft iſt das Schönſte im Leben auch die zarteſte Bluͤthe deſſel⸗ ben. O Theklr, welchen Vorwurf muͤßte ich mir machen, wenn ich Dein treues Herz einſt in Schmerz braͤche, Dich wie ein Raubvogel nur er⸗ beutet hätte, damit Du mein Opfer wuͤrdeſt!“ „Woher der Frevel dieſes Mißtrauens gegen das edelſte Herz, das je in der Bruſt eines Man⸗ nes ſchlug? Warum aus dieſer himmliſch ſchoͤnen Gegenwart den Blick hinweg auf jene Zukunft wen⸗ den! Fuͤrchten Sie, es bereuen zu muͤſſen, mich geliebt zu haben? Ich habe keinen Anſpruch außzu⸗ weiſen, der mich berechtigen könnte, vom Schickſal eine Stunde zu fordern, wie ich jetzt Wochen gelebt habe, und ich ſollte mich erkuͤhnen, ein ganzes Le⸗ ben mit dem Göttergluͤck dieſer Liebe ausgefuͤllt ſehen zu wollen? Nein, nein! nie ſoll Ihnen eine Klage — 116 — die Erinnerung dieſer Liebe truͤben! Wollen Sie aber meinem Gluͤck noch den himmliſchen Zuſatz un⸗ getruͤbter Sicherheit geben, ſo geloben Sie mir Wahrheit, und daß Sie ſelbſt, und nie ein Andrer es mir verkuͤnden, wenn die Macht, Ihr Leben et⸗ heitern zu koͤnnen, von mir auf ein anderes Weib uͤbergegangen iſt.“ „O Thekla,“ ſagte er ernſt und geruͤhrt, „Du weißt nicht, wie ich Dich liebe! Mag ich auch ftuͤ⸗ her gegen die Liebe gefrevelt haben, die ich nicht kannte; mag meine Vergangenheit auch jedes Miß⸗ trauen gegen mich rechtfertigen, ſo kann ich doch in Deinen Armen nur an die Ewigkeit der Liebe glau⸗ ben. Nie werden meine Augen mit dieſem Ent⸗ zuͤcken auf einem andern Weibe ruhen, nie ein an⸗ dres Bild mir ſo tief im Herzen wohnen. Thekla,“ fuhr er ernſter fort, „ich habe Dir keine Form fuͤr unſer Verhaͤltniß zu bieten, die uns zur Buͤrgſchaft ſeiner Dauer zu werden vermoͤchte; es darf nur das werden, wozu Liebe, Wahrheit und Treue es zu bilden vermogen; aber nimm dieſen Ring, an ihn bindet das Ehrenwort des Kriegers und des Fuͤrſten jedes Geluͤbde, zu deſſen Sinnbit ihn der a Bund hat.“ * — 117 — Ernſt und ſchoͤn wie ein Gott ſtand er vor mir, eine Empfindung, die ich nicht zu beſchreiben vermag, riß mich hin; ich ſank vor ihm auf die Kniee nieder; er ſteckte den Ring an meinen Fin⸗ ger, und zog mich dann in ſeine Arme. Mit ei⸗ nem himmliſchen, uͤber Tod und Leben ſiegenden Vertrauen ſank ich an ſein Herz, und fuͤhlte es, daß die Liebe keine Rechte hat, weil ſie ſelbſt das hoͤchſte Recht, das einzige unverfaͤlſcht gebliebene göttliche Geſetz iſt! Thekla's Briefe machten mich mit ihrem Gluͤck bekannt; doch ihre Hoffnungen vermochte ich nicht zu theilen. Ich ehrte den Prinzen als einen der ausgezeichnetſten und liebenswuͤrdigſten Maͤnner ſei⸗ nes Jahrhunderts; aber ich war feſt uͤberzeugt, daß er durchaus nicht fähig ſei, das Gluͤck eines zart und tief empfindenden weiblichen Weſens zu machen. Die Liebe durfte nie der Kampfpreis ſeines Lebens werden, das ſo großen Zwecken geweiht war; und Thekla mußte ihrer ganzen Individualitaͤt nach ſein Opfer werden, und fruͤher oder ſpäter unter dem — 118 — Fluch ihres Geſchlechts erliegen. Er blieb, wenn er auch ihr Herz in namenloſem Jammer brach, doch immer der große Feldherr, der gefeierte Fuͤrſt, der Stolz und die Hoffnung ſeiner Zeitgenoſſen. Was bedeutet auf der Wage eines ſolchen Lebens das Schickſal eines Weibes? Vor welchem irdiſchen Richterſtuhl werden die Seufzer unſers gebrochenen Herzens zur Anklage? Wir ſollten wie die Kind⸗ heit und die Huͤlfsloſigkeit heilig und unverletzlich ſein, ſtatt deſſen benutzt ein ſtaͤrkeres Geſchlecht dieſe Schutzloſigkeit nur, um uns ungeſtraft wehe zu thun. Wo lebt ein Weib, nur ein einziges, dem Männerhaͤrte, Männerrohheit, Maͤnnerleichtſinn keine Thräne gekoſtet haben? Und ach! dieſe Thränen, ſie verſteinern nur zu leicht das Herz, das ſie ver⸗ gießt, und rauben ihm mit ſeinem Gluck auch ſeine Waͤrme! Der Prinz kam einige Tage fruͤher als Thekla in M. an, und da er um meine Freundſchaft fuͤr ſie und um ihr Vertrauen zu mir wußte, ſah ich ihn ſchon am Abend ſeiner Ankunft bei mir. Sein Anblick erneuerte lebhaft in mir das Gefuͤhl, daß Beide nicht fur einander gehorten; und doch wuͤrde es mir, nachdem ich ihn von ihr hatte reden — —— . — 119 — hoͤren, Suͤnde gedaͤucht haben, ſie von einander zu trennen. . Mit ruͤhrender Innigkeit und leidenſchaftlicher Zärtlichkeit ſprach er von ihr und von dem Gluͤck, das ihm ihre Liebe gewähre. „Ich wuͤßte,“ ſagte er, „kein einziges weibliches Weſen, das ich ihr nur einigermaßen vergleichen moͤchte; und doch habe ich keinen Namen fuͤr das, was ſie von allen andern Frauen unterſcheidet. Ihre ganze Seele iſt Begei⸗ ſterung und Liebe, fern von jeder Schwäͤche, jeder Berechnung, jeder Kuͤnſtelei, folgt ſie mit edler Zu⸗ verſicht dem Zuge ihres tiefen Gefuͤhls, und man fuͤhlt, je genauer man ſie kennen lernt, daß man ſie nie ganz faßt, nie den Zauber und das Geheim⸗ niß ihres Weſens ganz ergruͤndet. Ein magiſcher Schleier verhuͤllt ihre Reize wie ihren Werth; wir errathen immer mehr als wir ſehen, und das aus⸗ . ſchließliche Recht der Liebe auf den Beſitz des Ge⸗ liebten gilt bei ihr vom Geiſt, wie vom Herzen.“ Ees entging ihm im Laufe unſers Geſpraͤches nicht, daß ich von dieſem Verhältniß ſehr nachthei⸗. lige Folgen fuͤr Thekla's Gluͤck fuͤrchtete. . „Ich werde es,“ ſagte er ſtolz, „hoffentlich im⸗ mer in meiner Gewalt haben, die oͤffentliche Mei⸗ — 120 — nung meiner Geliebten unterthan zu machen, und ich furchte nicht, daß irgend eine Frau dadurch an Anſehen und Achtung verlieren koͤnnte, wenn man erfaͤhrt, daß ich ſie liebe, und daß ich von ihr ge⸗ liebt werde.“ „Auch ich,“ erwiederte ihm ernſt, „empfinde hier nur die groͤßere Furcht fuͤr Thekla's Gluͤck. Ew. königliche Hoheit fuͤhlen gewiß ſelbſt, wie we⸗ nig bei der Tiefe und Innigkeit ihres Gefuͤhls dazu gehort, ein Herz zu brechen, deſſen ganzes Schick⸗ ſal unwiderruflich in dieſer Liebe ruht und in ihr beſchloſſen iſt.“ „Ich vergebe Ihnen dieſe Furcht, weil ſie mich ſelbſt in einzelnen Momenten ergriffen hat. Doch ich ſtehe in der Wahrheit meiner Liebe zu ihr feſt, und ſchopfe daraus die Zuverſicht, daß ſie von Gott und Rechts wegen mein iſt. Ich wuͤrde es verwuͤnſchen, ſie gefunden zu haben, wenn ich ſie je möchte, und mein heiliges Wort hat ihr die Zu⸗ kunft verbuͤrgt, in ſo fern ſie ſich verbuͤrgen laͤßt. geliebt worden, wie ſie mich liebt; und ſo wollen durch leichtſinnige Flatterhaftigkeit zu kränken ver⸗ Ich habe nie geliebt, wie ich ſie liebe; ich bin nie wir uns huͤten, von der Vergangenheit den Maß⸗ — 121 — ſtab zur Beurtheilung der Zukunft hernehmen zu wollen. Am Ende,“ fuhr er laͤchelnd fort, „moͤchte ich wohl uͤberhaupt nicht ſo ſchlimm ſein, als mein Ruf, und ich darf es meiner Thekla ruhig uͤber⸗ laſſen, mir das Vertrauen ihrer theuerſten Freundin zu gewinnen,“ Zwei Tage darauf ſah ich Thekla wieder. Sie prangte jetzt in der vollſten Bluͤthenpracht des Da⸗ ſeins, die ſich hienieden ſo ſelten entfaltet; und die Verklaͤrung des reinſten vollendetſten Gluͤckes gab ihren Zuͤgen einen ſo ſtrahlenden Ausdruck, daß Ei⸗ nem wohl wurde, wenn man ſie nur anſah. Auf mich wirkte ihr Anblick wie der eines herrlichen Meteors, das man bewundernd, aber doch nur mit der bangen Erwartung ſeines augenblickſichen Ver⸗ ſchwindens anſtaunt, weil es fuͤr unſte Erdenatmo⸗ ſphäre zu ſtrahlend leuchtet. Wunderbar ſelbſtſtändig und unbefangen, ohne alles Geheimniß, ohne alle Intrigue, frei von jeder berechnenden Ruͤckſicht, zeigte ſie ſich dem Publicum in einer ſo ſanften Wuͤrde zuͤchtiger Sittlichkeit, daß es das Ungewoͤhnliche ihres Verhältniſſes gerecht an⸗ erkannte. Ihr makelloſer Ruf und ihre Engelsguͤte erhielten auch jetzt ihr Gluͤck im Frieden mit der Tarnow's Schriften. I. 6 — Meinung, obgleich der Geiſt deſſelben, und ſeine Reinheit von der Menge nicht gefaßt werden konnte. Nach einigen Monaten mußte der Prinz M. verlaſſen, um nach — n zuruͤck zu gehen. Thekla, die nur Ein Gluͤck, nur Eine Pflicht kannte, folgte ihm dahin. Sie richtete ihr Haus mit einer eben ſo geſchmackvollen als eleganten Einfachheit ein, und verſammelte bald einen Zirkel der ausgezeich⸗ netſten Menſchen jedes Standes um ſich, in deren Mitte der Prinz bei ihr ſeine ſchönſten Abende ver⸗ lebte, und die mich oft an jene Sympoſien der Griechen erinnerten, deren Andenken wir noch nach Jahrtauſenden als das der lieblichſten, je den Gra⸗ zien gefeierten Feſte ehren. Ich wage es nicht, Thekla's Leben in dieſer Periode mit irgend einem Zeitmaß bezeichnend zu meſſen. Wie mancher einzelne Augenblick derſelben wiegt an Werth und Gehalt ein ganzes Leben aufe Sie war gluͤcklich, unaus ſprechlich glucklich. Der Prinz war noch immer gleich feurig, gleich zärtlich, und Thekla's Liebe zu ihm war ſo eins geworden mit ihrem Daſein, daß es ſowohl im Raum als in der Zeit keinen Punkt mehr fuͤr ſie gab, den er — 123 — nicht, oder doch ſein Bild und das Andenken an ihn ausgefullt hätte. Doch mit des Geſchickes Maͤchten, Iſt kein ew'ger Bund zu flechten; Auch das Herrlichſte verbluͤht. Einige Zeit vor des Prinzen Bekanntſchaft mit Thekla hatte dieſer in F. die wegen ihrer Schoͤnheit und ihrer Coquetterie gleich bekannte Graͤfin H. kennen lernen. Sie hatte ihn lebhaft beſchäftigt; aber noch ehe der Roman voͤllig in Gang kam, mußte er F. verlaſſen, und Thekla's Bekanntſchaft hatte das Bild der ſchoͤnen H. ganz in ſeiner Erinnerung verbleicht. Nicht ſo bei ihr. Der Prinz war die glänzendſte Eroberung, die ſie im Laufe ihres Lebens gemacht hatte; und da ſie voll Vertrauen auf ihre allgemein geprieſene Schoͤnheit und im vollen Be⸗ wußtſein ihrer Macht uͤber Männerherzen ſich nur zeigen zu duͤrfen glaubte, um zu ſiegen, und den einmal gemachten Eindruck zu erneuern: ſo kam ſie nach — n nach, um am dortigen Hofe den Win⸗ ter zuzubringen. Sie wollte gefallen und gefiel; ſie wollte erobern und eroberte; allein die allgemeine Huldigung, die man ihrer Schoͤnheit zollte, verlor fur ſie den gewohnten Werth, da der Prinz ihr 6 * — 124 — nur hoͤfliche Gleichguͤltigkeit, und eine ganz herzloſe Artigkeit zeigte. Er ſchien ſich ſeiner fruͤhern Be⸗ kanntſchaft mit ihr kaum zu erinnern, und ohne ſie zu vermeiden und die Artigkeit zu verletzen, die er ihrem Range und ihren Reizen ſchuldig war, wußte er ihr auszuweichen, und jeden ihrer Ver⸗ ſuche, ihn ſich wieder näher zu fuͤhren, zu vereiteln. Sie war feſt uͤberzeugt, daß ein Mann gegen ſie in dieſer Art nicht gleichguͤltig bleiben koͤnne, und am wenigſten der Prinz, wenn er nicht durch eine Andere gefeſſelt ſei. Vielleicht haͤtte ſie ihn aufgegeben, oder doch ruhig den Zeitpunkt abgewar⸗ tet, wo er ſelbſt ſie aufſuchen wuͤrde; allein Major N., einer von des Prinzen Vertrauten, deſſen Hul⸗ digung ſie bei ihrer erſten Bekanntſchaft mit dieſem, im Triumph uͤber eine ſolche Eroberung, uͤbermu⸗ thig zuruͤckgewieſen hatte, konnte es ſich nicht ver⸗ ſagen, ihr, da er ihr verſtecktes Spiel, den Prin⸗ zen wieder an ſich ziehen zu wollen, bemerkt hatte, mit leiſer Jronie dieſe Bemerkung, und ſein Be⸗ dauern über die Vergeblichkeit ihrer Bemuͤhungen zu verrathen. Das reizte ihre Eitelkeit, die einzige Leidenſchaft, deren dieſe kleine Seele fähig war, und ſie beſchloß von Neuem Alles aufzubieten, um de — 125 — Prinzen als ihren erklaͤrten Anbeter, vor N.'s Auzen auffuͤhren zu können. Der Prinz ſah ſie oft; er konnte ihr nicht ausweichen, und hielt ſich auch ſeiner ſelbſt fuͤr zu ſicher, um es zu wollen. Sie hatte ſeine Liebe fuͤr Thekla erfahren, und in ihr das Hinderniß erkannt, das ihr bei ihren Planen im Wege ſtand. Haͤuſig neckte ſie den Prinzen mit der Gewalt, die die Empfindlichkeit jetzt uͤber ſein Herz habe, und mit dieſer ernſthaften Zärtlichkeit, die ihn in ſo gewal⸗ tige Unkoſten von romanhafter Thorheit ſetzen muſſ „. Es gibt gewiß nur wenig Männer, die vor dieſer Art von Spötterei, aus dem Munde einer ſchoͤnen und geiſtreichen Frau, ihr Herz nicht verläugnen wuͤrden. Auch der Prinz that dies gewiſſermaßen; und der Witz und die allerliebſt muthwillige Art dieſer Neckereien hielten ſeiner Empfinblichkeit daruͤber ſo das Gegengewicht, daß er Unterredungen dieſer Art nicht ſo ſchnell endete, und nicht ſo vermied, wie er es um Thekla's willen häͤtte thun ſollen. Kaum aber glaubte die Gräfin, auf dieſem Wege ſeines Gefallens an ihr ſicher geworden zu ſein, als ſie ihm geſtand ſie glaube freilich nicht an ſeine Liebe für Thekla; aber noch weit gewiſſer ſei ſie, daß Alles das, was man ihr von Thekla's Liebe zu ihm geſagt habe, Ueber⸗ treibung ſei; ſie begreife recht gut, daß man den Prinzen liebenswuͤrdig finden koͤnne, aber wie er Liebe, ja ſogar Leidenſchaft einzufloßen vermoge, ſei ihr unbegreiflich, und nur einfältige Unerfahrenheit und ein Mangel an Welt⸗ und Menſchenkenntniß, den ſie bei Thekla nicht vorausſetzen koͤnne, wuͤrde dieſe zu erklären vermoͤgen, da ein nur einigermaßen geiſtreiches und gewandtes Weib ihm, dem Prin⸗ zen, gegenuͤber gewiß ihres Herzens ſicher ſein duͤrfe. Dieſe dem Anſchein nach ganz treuherzig und unverſtellt ausgeſprochenen Aeußerungen verdroſſen den Prinzen. Ihm duͤnkte die Graͤfin durchaus nicht berechtigt, ihm gegenuͤber dieſe Sicherheit zei⸗ gen zu duͤrfen. Er beſchloß, ſie dafuͤr zu ſtrafen. Sie errieth aber ſeine Abſicht, lachte daruͤber, und ſchonte ſeiner in ihren Spoͤttereien ſo wenig, daß er, da er mit der ſchoͤnen Frau leicht und gefahr⸗ los ſpielen zu koͤnnen glaubte, ſie ſcherzend warnte, weil er recht ernſtlich anfangen werde, ihr den Hof zu machen. Leider war aber auch bei ihm, wie bei ſo vielen Maͤnnern, ſein Herz nicht ſe ſtärkſte 6 Seite. Ehe er es ſelbſt ahnte, ſah er ſich in einem — — Metz gefangen, das zu zerreißen, ihm bald mit dem Willen auch die Kraft fehlte. Die Gräfin war indeſſen nicht die Frau, die einen Mann, den Thekla liebte, dieſe ſo bald ver⸗ geſſen machen konnte. Das geheime Gefuͤhl des Unrechts gab ſeinem Betragen gegen dieſe oft den Zauber der erſten Schuͤchternheit, die Unruhe und Heftigkeit der erſten Liebe zuruͤck. Angebetet von ihr, deren Herz an Treue und Liebe nie uͤbertroffen werden konnte, von ihr, die kein andres Gluͤck kannte, als das ſeinige, kein Vergnügen als das, was er empfand, und der die Liebe ſelbſt den ma⸗ giſchſten ihrer Reize mitgetheilt hatte, diente jetzt das Gefühl ihrer Trefflichkeit oft nur dazu, ihn zu beſchaͤmen, und ihm die ſchönſten Minut⸗n ihres Zuſammenſeins zu verbittern. So viel Liebe, die er verrieth, ſo unbedingtes Vertrauen, das er miß⸗ brauchte, und die Vergleichung dieſer Engelseele mit der liſtigen Klugheit der Nebenbuhlerin, die er ihr gegeben hatte, bewegten ihn oft ſo tief, daß er auf dem Punkt ſtand, Thekla'n ſein Herz zu ent⸗ decken und mit der Gräfin zu brechen. Aber nie gewohnt, gegen unſer Geſchlecht wahr und offen zu ſein, hielt ihn jetzt auch noch die Furcht zuruͤck, — Thekla's Frieden zu verletzen; und wenn er dann zur Grafin zuruͤckkehrte, verſtand dieſe die Kunſt, ihn immer mehr zu bethoren, ob ſie gleich den in⸗ nern Vorwurf, den einzigen Eid, den Thekla je von ihm gefordert hatte, unerfuͤllt zu laſſen, nie zu uͤbertaͤuben, noch die Liebe, mit der er an ihr hing, aus ſeinem Herzen zu reißen vermochte. Selbſt in ihren Armen horte er den She der S verrathenen Liebe. Die Graͤfin, die nur in ſo fern der S uͤber dieſe Eroberung fähig war, als ſie dieſelbe zur Schau fuͤhren konnte, ſuchte der Bewerbung des Prinzen alle Oeffentlichkeit zu geben, die der An⸗ ſtand nur immer erlaubte. Sein bisheriges Ver⸗ hältniß zu Thekla hatte in ſeiner Dauer Allen, die ihn kannten, fuͤr ein wahres, durch die unwiderſteh⸗ liche Zaubermacht von Thekla's hoher, reiner Liebe bewirktes Wunder gegolten. Seine Untreue wurde jetzt die Neuigkeit des Tages, und wahrſcheinlich kam ſie — wenn auch nur als dunkles, unbeſtimm⸗ tes Geruͤcht — zu Thekla's Ohren; doch der Au⸗ genblick, wo der Zauber, der ſie an den Prinzen und an den Genuß eines einzig ſchönen Gluckes band, ſich löſete, mußts fuͤr ihr Herz ſo zerſchmetternd 8 — 129 — werden, daß ihre Natur gewiß inſtinctartig Alles aufbot, dieſen Moment der hoͤchſten Qual von ſich zu entfernen. Schon oft hatte die Gräfin den Wunſch geäu⸗ ßert, Thekla's Bekanntſchaft zu machen. Jitzt er⸗ fuhr ſie, der Dichter K. werde in der nachſten Woche in Thekla's Hauſe ſein neueſtes, noch unge⸗ drucktes Werk vorleſen, und wandte ſich mit der Bitte, dabei gegenwaͤrtig ſein zu duͤrfen, ſchriftlich an Thekla ſelbſt. Ich bemerkte, daß dieſe, als ſie es am Abend dem Prinzen erzählte, ihn feſt in's Auge faßte. Er konnte ſeine Betroffenheit nicht ganz verbergen; aber die Gräfin hatte ihm ihren Wunſch ſo beſtimmt ausgeſprochen, daß er nicht umhin konnte, ihre Bitte jett zu unterſtußzen. Thekla unterbrach ihn bei den erſten Worten. „Ich werde ſie gern hier ſehen, ſobald Sie es wuͤnſchen,“ ſagte ſie ſanft und ruhig, und lenkte nun ſchnell das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand⸗ Thekla war den ganzen folgenden Tag ſehr ernſt; aber mit einer mir noch unbegreiflichen Kraft hielt ſie das gewiß tief und ſchmerzlich blutende Herz unter der Gewalt des Willens ſo feſt gebun⸗ den, daß keiner die Angſt ihrer Seele zu errathen vermochte. Der Prinz kam zeitig. Er war in un⸗ ruhiger Spannung, zärtlicher gegen Thekla, als ich ihn, wie mich dunkte, in den letten Tagen geſchen hatte. Thekla ſtand zufällig mit ihm am Fenſter, als der Wagen der Gräfin vorfuhr. Ich ſah ſie tödtlich erblaſſen, und raſch mit der Hand nach dem Herzen fahren; der Prinz, Je ihr Errathen ſeines Verhältniſſes zur Graͤfin durchaus nicht ahnte, faßte erſchrocken ihre Hand: „Was iſt Dir, Thekla?“ fragte er beſorgt und zärtlich. — Sie ſchlug ihr Auge zu ihm auf — mit ſolchem Blick ſegnet die Liebe ihren Moͤrder! — aber ehe noch der Schim⸗ mer dieſes Auges zur Thraͤne wurde, wendete ſie ſich ab, der Grafin entgegen zu gehen. Betroffen blieb der Prinz zurück. Sein Blick fiel auf mich, die ich den ſchmerzlichen Eindruck dieſes Moments nicht zu verbergen vermochte. Raſch trat er auf mich zu und fragte: „Was war das?“ „Ein gebrochenes Herz, mein Prinz!“ antwor⸗ tete ich ihm, „das ſich auch mir fruͤher durch kei⸗ nen Seufzer verrathen hat.“ „O bei Gott,“ ſagte er, „das ich nicht vermuthet und noch weniget verdient, da ſie keins ihrer Rechte auf mein Herz verloren hat.“ — 131 — Hier trat die Graͤfin ein. Ich habe in meinem Leben wenig ſo ſchöne Frauen geſehen, und vielleicht nie eine ſchoͤnere. Mit jenem, nur ſolcher Schoͤn⸗ heit erlaubten, aber auch bei ihr ſo verfuͤhreriſch hinreißenden Selbſtvertrauen trat ſie in den Saal, und ihr erſter Blick ſchien Thekla ihr ganzes Ueber⸗ gewicht fuͤhlbar machen zu ſollen. Alle Kunſt des Putztiſches war aufgeboten, ſie fuͤr den Triumph, den ſie zu feiern gedachte, zu ſchmuͤcken. Dieſer . Putz, dieſer Anſtand, dieſe Sicherheit zu gefallen, und dieſer Anſpruch darauf contraſtirte hoͤchſt auf⸗ fallend mit dem ſtillen Adel und der edlen Wuͤrde in Thekla's Betragen. Man merkte es, daß die Gräfin alle ihr zu Gebot ſtehenden Mittel anwandte, um ſich geltend zu machen; es war Keiner in der i Geſell chaft, den ſie nicht mit ſich zu beſchaͤftigen⸗ i dem ſie nicht zu gefallen ſuchte; doch die Umſtände waren ihr nicht guͤnſtig. Die Geſellſchaft beſtand nur aus den vertrauten Vekannten Thekla's; und wenn dieſe gleich nicht, wie die Gräfin, beim erſten Anblick Bewunderung erre⸗te, ſo war ſie dafuͤr von Allen geliebt, die ſie kannten. Es war unmoͤhlich, gegen dieſe reine, anſpruchloſe Guͤte, gegen dies En⸗ gelhetz voll Liebe und Wohlwollen gleichguͤltig zu — — 132 — bleiben. Ohne es zu wiſſen, herrſchte ſie unbe⸗ ſchrͤnkt uͤber Alles, was ſie umgab; und Keiner ge⸗ noß ihres Umgangs, ohne ſich durch die Gewalt ihres ſtillen Zaubers ſanfter, zufriedner und beſſer zu fuͤhlen. Es war allgemein bekannt, daß der Prinz der Gräfin den Hof mache, und ſie ſelbſt legte, wenn ſie mit oder von ihm ſprach, in jedes Wort den Anſpruch, zu dem ſie ſich berechtigt glaubte. In dieſem Zirkel konnte dies nur miß⸗ fallen; und da jede Frau ihrer Art, um ſich lie⸗ benswuͤrdig zu zeigen, des Anerkennens ihrer Lie⸗ benswuͤrdigkeit bedarf: ſo mußte die Graͤfin hier, wo ihr dieſe Anerkennung fehlte, ein gewiſſes Miß⸗ behagen empfinden, welches ſie nicht ganz zu ver⸗ bergen vermochte, und das faſt alle Waffen, mit denen ſie ausgeruͤſtet war, unbrauchbar machte. Der Prinz blieb gegen ſie im Ton feiner Ar⸗ tigkeit und geiſtreicher Schmeichelei; allein ſein Be⸗ tragen gegen Thekla war ſo achtungsvoll, ſo zart und innig, daß ihre Seele noch einmal wieder ganz von dem Strome ihres Gluͤckes und ihrer Selig⸗ keit erfuͤllt ward. Die Vorleſung, zu der man ſich verſammelt hatte, leitete manches gehaltvolle Ge⸗ ſpräͤch ein, in dem ſie mit den Geheimniſſen, den — 133 — Freuden und Schmerzen des menſchlichen Herzens ſo innig vertraut, Worte voll tiefen ſchoͤnen Sinnes ſprach, die Jeden ergriffen und ruͤhrten. Sie war unbeſchreiblich liebenswuͤrdig und vielleicht hatte der Prinz den Zauber dieſer Liebenswuͤrdigkeit nie un⸗ widerſtehlicher empfunden, als an dieſem Abend. Voll ſchlecht verhehlten Verdruſſes entfernte ſich die Graͤfin zeitig. Es war, als ob der Prinz Thekla durch die leidenſchaftlichſte Zaͤrtlichkeit zu ver⸗ ſoͤhnen ſuchte. Der Name der Graäfin wurde ſo wenig von Thekla, als von dem Prinzen genannt. Unbedingtes Vertrauen und eine offne Erklaͤrung haͤtten vielleicht dieſen ihrem Gluͤcke eingeimpften Giftkeim noch zu vernichten vermocht, ſtatt daß er jetzt unter der bergenden Huͤlle dieſes gefaͤhrlichen Schweigens die Kraft behielt, mäͤchtiger denn je empor zu ſchießen. Auch mit mir ſprach ſie uͤber dieſen Vorfall keine Sylbe. Der Prinz ſchien in ihrer Liebe neu begluͤckt zu leben, und auch ſie ſchien ſo gluͤcklich wie ehemals. Sie ſchien es zu ſein, obgleich, wie ich glaube, fuͤr eine Seele, wie die ihrige, der Au⸗ genblick, wo wir dem Geliebten etwas zu verzeihen haben, der letzte eines ungetruͤbten Gluͤckes iſt. — — — Kann er uns je den Glauben an die heilige Wahr⸗ heit und an die Ewigkeit ſeiner Liebe zuruͤck geben? Und vermag die Liebe, die um ihre Vergäͤnglichkeit weiß, noch Liebe zu begluͤcken? Die Graͤfin, weit entfernt, den Prinzen auf⸗ zugeben, fand in der erlittnen Demuͤthigung noch einen neuen Antrieb. Sie haßte Thekla ſeit jenem Abend mit giftiger Bitterkeit; ſie wollte Rache und einen Sieg, deſſen Opfer ihre Nebenbuhlerin war, und — o Maännerherz! — der Prinz fand ſich bald von Neuem und ernſtlicher denn vorher in ihre Netze verſtrickt. Menſchlich bot er indeſſen alle Huͤlfsmittel ſei⸗ nes Geiſtes auf, um Thekla in der ungeſtoͤrten Illu⸗ ſion ihres Gluckes zu erhalten. Ich weiß nicht, ob es ihm gelang; ihr Herz hat Keiner ergruͤndet, und nie hat eine Miene, nie ein Blick die leiſeſte Klage ausgeſprochen. Sie liebte ihn noch mit der ganzen Kraft ihrer Feuerſeele, und dieſe Liebe war ihr ein Allerheiligſtes, das ſie gegen jedes Leiden ſchirmend ſchutzte. Die Fuͤrſtin K. gab in dieſer Zeit einen Mas⸗ kenball, zu dem auch wir geladen wurden. Eine Unpäßlichkeit verhinderte mich hinzugehen, und — 135 — Thekla entſchloß ſich, trotz der Bitte des Prinzen, bei mir zu Hauſe zu bleiben. Spät erſt am Abend beredete ich ſie noch zur Aenderung ihres Entſchluſ⸗ ſes, und ſie fuhr mit einer unſter Bekannten hin. Gleich nach Mitternacht horte ich einen Wagen vorfahren; ein ungewöhnliches Hin⸗ und Herlaufen im Hauſe machte mich völlig wach. Ich zog die Klingel und erfuhr von meinem Mädchen, die gnä⸗ dige Frau ſei ſehr krank wiedergekommen. Erſchro⸗ cken eilte ich nach ihrem Zimmer, und fand Thekla in einer todtenähnlichen Ohnmacht, bleich und ent⸗ ſtellt auf dem Sopha liegen und den Prinzen in heftiger Bewegung zu ihren Fuͤßen. Er druͤckte ihre Hände an ſein Herz, an ſeine Lippen; er rief ſie mit tauſend ſuͤßen Namen und mit einem ſo leidenſchaftlichen Ton, daß jeder Laut zum heißen Angſtgebet wurde. Lange blieben unſere Bemuͤhun⸗ gen vergeblich; endlich oͤffnete ſie die Augen, und ihr Blick traf auf den Prinzen. Ihre erſte Bewe⸗ gung war, ſich zu ihm niederzubeugen; aber als faſſe ſie ein unnennbares Grauſen, flog ihr Koͤrper convulſiviſch zuſammen, und ſie barg ihr Geſicht mit einem lauten Schrei an meinem Buſen. Tief er⸗ ſchuͤttert beugte er ſein Haupt auf ihre Häͤnde nie⸗ — 136 — der, und ** fuhlte — von — Thraͤnen naß werden. „O Gott,“ rief ſie ſtehend aus, und in dem⸗ ſelben Moment ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals, und druͤckte ihn mit unausſprechlicher Zärt⸗ lichkeit an ſich. — „Vergib, vergib mir!“ bat ſie ſanft und leiſe; „nur eine unbekannte, unvorher⸗ geſehene Empfindung konnte mich ſo hinreißen, Dir einen Schmerz zu zeigen, in dem Du edel genug biſt, keinen Vorwurf ſehen zu wollen.“ Er umſchlang ſie hier mit aͤngſtigender Gewalt, und nannte ſich ſelbſt den barbariſchſten und grau⸗ ſamſten aller Menſchen. Sie, ſie troͤſtete und be⸗ ruhigte ihn. Es ſchien als ſei ein Andrer die Urſach ihres Kummers, und als ob ſie ſich allin wegen des ſeinigen anklagen muͤſſe. „Wenn Du nur glücklich biſt, gluͤcklich bleibſt,“ ſagte ſie ihm beru⸗ higend; „muß es denn nicht der Liebe gleichviel gel⸗ ten, ob Du es durch mich, oder durch eine Andre biſt? — Nie, Liebling meiner Seele, ſoll Dir eine unangenehme Empfindung das Bewußtſein verbittern, mich zum Gluͤcklichſten aller —— Weiber ge⸗ macht zu haben. — — 137 — Endlich beredete ich den Prinzen, ſie zu ver⸗ laſſen und ihr die Ruhe zu goͤnnen, die ihr ihre durch die gewaltſamſte geiſtige Anſtrengung allein mit einer Ohnmacht kaͤmpfende Erſchuͤtterung noth⸗ wendig machte. Nach ſeiner Entfernung ſank ſie in huͤlfloſe Mattigkeit zuſammen. Sie bat mich dringend, ſie allein zu laſſen. „Morgen, meine Freundin, morgen follen Sie Alles wiſfen,“ ſeußzte ſie leiſe und kaum hoͤrbar. Ach! was konnte ſie mir noch zu ſagen haben! Wer kannte dieſe Seele in der Energie ihrer Leiden⸗ ſchaft ſo wie ich? Wußte ich nicht, daß die Samm⸗ lung aller ihrer Kraͤfte und Fähigkeiten in dieſer Liebe ihr Schickſal unwiderruflich in dieſer einen Empfindung begrenzte? Am andern Morgen fand ich ſie zwar blaß, aber ruhig und in ſtiller Faſſung. „Ich ſuchte,“ fing ſie mir an zu erzaͤhlen, „bei meinem Eintritt in den Saal den Prinzen auf, und fand ihn im Geſpraͤch mit der Gräfin. Mir wurde in banger Ahnung weh um's Herz; ich ſetzte mich unbemerkt in ihrer Naͤhe nieder. Es konnte mir nicht ent⸗ gehen, wie lebhaft er mit ihr beſchäftigt war, und wie er ſich den Lockungen der ſchoͤnen Frau immer — 138 — mehr hingab. — Ach! ich kannte den Zauber der Blicke, die er auf ſie warf, zu gut, um ihre Be⸗ deutung mißverſtehen zu können! Er tanzte mit ihr, und die Gräfin, die mich erkannt haben mußte, kam nachher zu mir. Ich kann Ihnen den Hohn, die Bitterkeit, mit der ſie mir das Gift tropfenweiſe ein⸗ flößte, nicht beſchreiben. Es war mir unmoglich, ihr ein Wort zu erwiedern. — Lächelnd ſtand ſie endlich auf, mit ihm einen neuen Tanz zu beginnen, und er war ſo von ihr berauſcht, ſo ganz in ihren Anblick verloren, daß auch nicht ein Blick auf die arme Thekla fiel, die ſein Herz ehemals unter jeder Verhuͤllung erkannt haͤtte. Was ich empfand, kann ich nicht ſagen. Man ſprach mit mir; ich ant⸗ wortete mechaniſch, ohne gehoͤrt zu haben, was man mir ſagte, oder zu wiſſen, was ich antwortete. Die Muſik verlor ſich in ein dumpfes Summen; die Menſchenmenge floß vor meinen Blicken in eine bunte, formloſe Maſſe zuſammen. — Ich ſah ihn nicht mehr; ich ſah ſie nicht mehr! — den letzten Reſt meiner Beſinnung wandte ich an, den Saal zu verlaſſen. Ich habe keine klare Vorſtellung deſ⸗ ſen, was ich wollte und that; ich erinnere mich nur, daß ich durch eine Seitenthuͤr, von der ich — 139 — glaubte, ſie werde mich an die friſche Luft fuͤhren, in ein Cabinet trat. — Er lag zu ihren Fuͤßen; ich horte ihn ſchwoͤren, daß er ſie liebe, ſie anbete, baß ihn an mich nur noch Gewohnheit und ein uͤbereilt gegebnes Wort baͤnden. — Ein graäßlicher Blitz durchzuckte mich! — Ich ſchrie laut auf; er wandte ſich umz o Pauline, ſeine erſte Empfindung war Zorn gegen mich, von der er glaubte, ich habe ihn hier vorſaͤtzlich aufgeſucht! Er ſagte mir harte, harte Worte; ich zitterte, taumelte und wuͤrde zu Boden geſunken ſein, wenn er nicht auf mich zuge⸗ flogen wäre. — Wauline, ich lag an ſeinem Herzen, in ſeinen Armen, und war nicht mehr gluͤcklich! — Dies Gefuͤhl riß meine Seele los vom Leben; nur mein Herz ſchlug noch langſam und ſchmerzend, ich ſah auf, ſie ſtand laͤchelnd, hoͤhniſch lächelnd vor mir, da ſtand auch mein Herz ſtill, und ich er⸗ wachte erſt hier wieder in Ihren Armen, meine Pauline!“ Ich weinte bei dieſer Erzählung heiße Thränen, und meine Theilnahme wurde zu Worten des Ta⸗ dels fuͤr den Prinzen. „Ich bitte Sie,“ ſagte ſie mir ernſt, „verletzen Sie mich nicht dadurch! Nur ich habe hier uͤber Recht und Unrecht zu entſcheiden, — — und wer darf es ſich herausnehmen ihn anzuklagen, wenn mein Herz ihn frei ſpricht? Der einzige An⸗ ſpruch, den ich je an ihn zu machen berechtigt ge⸗ weſen bin, war die mir von Gott verliehene Macht, ihn beglucken zu konnen; uͤber ihn hinaus habe ich kein Recht mehr, und ich muͤßte das undankbarſte Geſchoͤpf ſein, wenn ich ihm die freie Gabe ſeiner Liebe, durch die er mich vor Tauſenden meines Ge⸗ ſchlechts verherrlichte, jetzt durch feige Klagen und ungerechte Vorwuͤrfe vergällen wollte. Was iſt mein Leben, was mein ganzes Daſein, wenn ich es gegen das Gluͤck abwäge, das ich genoſſen habe, und deſſen Schopfer und Geber er war! Er liebt mich nicht mehr; aber nie ſoll er mich unwuͤrdig ſehen, von ihm geliebt worden zu ſein!“ Bewundernd verſtummte ich vor der Gewalt dieſer Liebe. Was konnte ich ihr auch antworten? Sie war ſo ruhig und gefaßt, und ich fuͤhite es, daß zu der Tiefe, wo ihr Schmerz in ſeiner Unſicht⸗ barkeit wohnte, kein Zureden der Vernunft, kein Wort der Theilnahme und des Troſtes zu dringen vermochte. Der Prinz, der ſich am Morgen mehrere Male nach ihrem Befinden hatte erkundigen laſſen, kam — 141 — am Abend zur gewoͤhnlichen Stunde ſelbſt. Er war bei ſeinem Eintritt verlegen; aber mit der Offenheit, die das nie verſcherzte Vorrecht dieſer ſchoͤnen Seele war, lenkte ſie das Geſpraͤch auf den Vorfall des geſtrigen Abends; und nachdem ſie ihm die ſtille Ergebung, mit der ſie in ſeiner Untreue durchaus keine Schuld, ſondern nur das Werk einer vielleicht unwillkuͤrlichen Nothwendigkeit ſah, gezeigt hatte, mahnte ſie ihn an das Geluͤbde der Wahrheit, das ſie einſt von ihm empfangen hatte. Er mußte ihr jetzt ein Geſtändniß ſeiner neuen Leidenſchaft ablegen; ihr geſtehen, daß er die Graäfin liebe. Nicht ohne tiefe Bewegung ſprach er ein Wort aus, deſſen Gewicht fuͤr Thekla er fuͤhlte. „Wirſt Du mir aber,“ fragte er dann zartlich, „nicht in Dir die Freundin erhalten, deren ich zu meinem Gluͤcke bedarf? Die Zeit hatte uͤber meine Liebe nur in ſo fern Macht, als ſie ihren unwill⸗ kurlichen Zauber zu beſiegen vermochte. Jede Re⸗ gung ſchoner freier Willkuͤr, inniger Achtung und zäͤrtlicher Freundſchaft iſt in meinem Herzen noch Dein, und wird es immer bleiben. O koͤnnte der Wille dem Herzen gebieten, ich ware Dein geblieben auf ewig! Ich verachte die Liebe, da ich Dir untreu — 142 — zu werden vermochte; aber nie ſollſt, nie kannſt Du in mir den treueſten, den liebevollſten Freund ver⸗ lieren.“ Die ganze Tiefe und Gewalt ihres Gefuͤhls zeigte ſich hier in dem Ausdruck ihres Geſichts. Es muß, wenn man ſo liebt wie Thekla, unnennbar gräͤßlich ſein, es aus dem Munde des Geliebten ſelbſt zu hoͤren, daß man nicht mehr geliebt iſt. Doch hielt ſie ſich in der furchtbaren Erſchuͤtterung dieſes Augenblicks mit bewundernswuͤrdiger Kraft auf⸗ recht. Es war ihr eigen, daß ſie bei einer heftigen Gemuͤthsbewegung nicht erroͤthete, ſondern zum Marmorbild erblaßte, welches ihren Zuͤgen im Schmerz einen ganz eignen Ausdruck gab, der mit geheimnißvoller Gewalt zum Herzen ſprach. „Sie bieten mir in Ihrer Freundſchaft, mein Prinz,“ erwiederte ſie nach dem erſten Schweigen einer Minute, „ein großes, ein wahrhaft fuͤrſtliches Geſchenk an. Doch Sie ſelbſt werden die Wuͤrde eines Herzens, welches das Goͤttergluͤck genoſſen hat, von Ihnen geliebt zu werden, nicht ſo ent⸗ adeln, zu glauben, daß es in Ihrer Macht ſteht, ihm eine Schadloshaltung fuͤr ſein verlornes Gluͤck bieten zu duͤrfen. — Wenigſtens werde ich Zeit ge⸗ = — brauchen, mich in dies neue Verhaͤltniß fuͤgen zu lernen; und da Einſamkeit mir dazu am behuͤlflich⸗ ſten ſein wird, ſo erbitte ich mir von Ew. Koͤnig⸗ lichen Hoheit die Erlaubniß, einige Monate auf meinen Guͤtern zubringen zu duͤrfen.“ Er wollte dieſen Entſchluß beſtreiten; allein trotz der heldenmuͤthigen Verlaͤugnung ihres Schmer⸗ zes ängſtigte ihn doch jetzt gewiſſermaßen ihre Naͤhe, und es ſchien ihm grauſam, das Opfer, das ſie ihm mit ihrer anſcheinenden Ruhe brachte, auf die Dauer von ihr zu fodern. Er kannte ihr Herz. Seine Hand hatte den Dolch hineingeſtoßen, und die letzte Kraft des verblutenden bot ſie nun auf, ihn zu uͤberreden, daß es nicht ſchmerze. Ihr Anblick trat, wie ein erwachtes Gewiſſen, jedesmal zwiſchen ihn und ſeine neue Geliebte, und ſo willigte er nach einigen Tagen in die von ihr vorgeſchlagene Entfer⸗ nung. Sie betrieb die Anſtalten zur Abreiſe mit großem Eifer, und ſetzte dieſe auf den Jahrestag ihres ehemaligen unverhofften Zuſammentreffens mit dem Prinzen in G. feſt. Alle ihre Freunde freuten ſich der Kraft und des Muthes, mit dem ſie in dieſer Trennung von dem Prinzen das einzige Mittel ergriff, von dem — 144 — wir Rettung fur ſie hoffen durften. Sie ſelbſt war nicht nur ruhig, ſie war ſogar heiter und uns in dieſer Faſſung ein unerklärliches Raͤthſel. Der Prinz kam, wie ſonſt, jeden Abend zu ihr. Wenn irgend ein Gefuͤhl, das nicht Liebe iſt, fuͤr Liebe ſchadlos zu halten vermochte: ſo wäre Thekla getroſtet worden. Man ſah, daß ſeine Seele an ihr hing, und nur ſein angeborner, im Lauf der Jahre unwiderſtehlich gewordener Hang zum Wechſel und zur Liebelei ihn in ſein neues Verhältniß verflochten hatte. Doch der Zauber war nun einmal gelöſet, und es nicht mehr in ſeiner Gewalt, dem Herzen, das nur ihn liebte, einen Moment ungetruͤbten Glo⸗ ckes gewaͤhren zu können. Thekla legte in manche Anſtalten zu ihrer Ab⸗ reiſe einen Ernſt, der mich auf den Gedanken brachte, daß ſie eine laͤngere Abweſenheit bezwecke, als der Prinz glaubte. Auch von gleichguͤltigen Bekannten nahm ſie mit unverkennbarer Ruͤhrung Abſchied, und Alle, die zu dem Zirkel ihres vertrauten Umgangs gehoͤrten, und auf den Namen ihrer Freunde An⸗ ſpruch zu machen hatten, lud ſie ein, den Abend vor ihrer Abreiſe bei ihr zuzubringen. — 145 — Wer von uns, die wir an dieſem Abend um ſie verſammelt waren, vermag von den Gefuhlen und Empfindungen dieſer Trennungsſtunden Rechen⸗ ſchaft abzulegen! — Ich weiß, daß nicht meine Thränen allein bei dieſer Erinnerung fließen; ich weiß, daß Thekla's Gedächtniß noch heute hoch und heilig bei Allen ſteht, denen Liebe und Treue das Heiligthum der Menſchheit ſind. Jeder ihrer Blicke war dieſen Abend in Seele und Empfindung getaucht; jedes ihrer Worte Aeols⸗ hall des zarteſten geiſtigen Lebens. Hohe Ruhe ſchwebte wie eine Verklärung um ſie, und ſie erſchien uns Allen, wie ein ſeliger, nach den Gefilden des Friedens zuruͤckkehrender Geiſt; nur wenn ſie mit dem Prinzen ſprach, nur wenn ihr Auge auf ihm ruhte, fuͤhlte man, daß ſie in ihrem Schmerz, wie in ihrer Seligkeit, durch die Liebe zu ihm, dieſer Erde noch angehoͤrte. Der Prinz war bewegt. Der Gedanke der nahen Trennung verlebendigte in ihm das volle Ge⸗ fuͤhr ihres Werthes und ihrer Reize. Thekla war ganz Liebe gegen ihn; ungetheilt und ohne Vor⸗ und Ruͤckblick gab ſie ſich der ſuͤßen Gewalt des fuͤr Tarnow's Schriften. I. — 5— ſie unwiberſtehlichen Zaubers ſeiner Gegenwart hin; aber es war in dieſem Genuß des einzigen Gluͤckes, das ſie auf Erden kannte, keine Hoffnung, keine irdiſche Zuverſicht mehr. Sie theilte zum Abſchied an Jeden ein An⸗ denken aus. Man ſah, mit welcher herzlichen Weh⸗ muth ſie aus dem Kreiſe ſo theurer Freunde ſchied, und ihre himmliſche Sanftmuth bei ſo unendlichem Schmerz erſchuͤtterte Seelen, die vielleicht noch nie bis zu Thränen erweicht worden waren. Jeder fuͤhlte es in ſeinem Herzen, wie unvergeßlich und unerſetzlich ſie ihren Freunden bleiben werde; von allen Seiten hoͤrte ſie die wärmſten, innigſten Wuͤnſche fuͤr ihr Wohl, und fuͤr ein baldiges, gluͤck⸗ liches Wiederſehen. Ein Tropfen der Seligkeit Gottes, das Gefuͤhl, allgeliebt und werth, allgeliebt zu ſein, floß durch ihr Herz, und erhielt es in heldenmuͤthiger Fnſſung⸗ feſt und groß und heiß. Alle ſchieden, nur der Prinz war noch zuruck geblieben. Bewegt breitete er ihr, als ſie von der Begleitung der Weggehenden zuruͤck kam, die Arme entgegen. „O Thekla!“ rief er, und druͤckte ſie lei⸗ denſchaftlich an ſein Herz; „kannſt Du mich wirklich verlaſſen wollen?“ „Ja,“ antwortete ſie, „ich kann es, Geliebter meiner Seele, weil ich weiß, daß Du ſelbſt es erken⸗ nen wirſt, daß ich das Wuͤrdigſte erwaͤhlt, und nur durch dieſe Trennung das Allerheiligſte meines Lebens vor Entweihung zu ſchuͤtzen vermochte. — Komm,“ fuhr ſie fort, und zog ihn zum Sopha; „ich habe noch viel mit Dir zu ſprechen. Es iſt die letzte Stunde unſers Zuſammenſeins fuͤr diesmal, laß mich in ihr noch einmal alle Wonne meines Lebens zu⸗ ſammen drängen, und ſie in einem Zuge ſeliger Erinnerung zum ftöhlichen, dankbaren Abſchied ge⸗ nießen.“ Sie malte ihm jetzt im lebhafteſten Colorit der hochſten Begeiſterung das Gluͤck, das ſie ge⸗ noſſen hatte; ſie rief ihm jedes Lächeln, jeden Blick, jeden Laut der Liebe, jeden Traum ihrer ſeligen Vergangenheit zuruͤck. Man mußte bei dieſer Schil⸗ derung fuͤhlen, wie unausſprechlich gluͤcklich ſie ge⸗ weſen war; man ſtaunte mit ihr, daß ihr Herz eine ſolche Fuͤlle von Seligkeit zu faſſen vermocht 7 * — 148 — hatte, ohne vor Uebermaß der Lebenskraft ſtill zu ſtehen. n 1 „Und das Alles,“ ſchloß ſie, „war Dein Werk, ich nichts als Dein Geſchöpf, nur durch Deine Liebe in's Daſein gerufen, nur von ihrem Hauch beſeelt, nur durch ſie lebend!] — Du licb⸗ teſt mich! — Mir ward der Vollgenuß des hoͤch⸗ ſten Gluͤcks, das meine Phantaſie zu ahnen, meine unſterbliche Seele zu faſſen vermag. — Dein erſter Blick ſprengte die Raupenhuͤlle der armen eingeker⸗ kerten Pſyche, und in ſtolzer Freudigkeit trank ſie den Sonnenäther, der ihr Element geworden war. — O,“ fuhr ſie in hoher, leidenſchaftlicher Be⸗ wegung fort, und ſank vor ihm nieder, „o, nie komme in Deine Seele der Gedanke, daß eine Regung des Lebens in mir nicht Dank, heißer un⸗ verganglicher Dank gegen Dich geweſen ſei! Nie erlaube ſich Dein großes Herz eine Klage uͤber mein Geſchick! Nie habe ich auf die lebenslaͤngliche Dauer meines Glückes gerechnet, und ich danke dem Schick ſal, daß es mich jetzt in der vollen Kraft meinet Liebe fuͤr Dich hinweg reißt, und daß ich zu ſchei⸗ den vermag, ohne daß in meinem Herzen mehr als 3 dürfe. — 149 — Ein Bild, in meiner Seele nhr als Eine S dungbiſtionor min Piin 1 ſe in ſeine Aume und an ſein Herz. Unter heißen Kuͤſſen ſchwor er ihr, daß er nur ſie liebe, nur bei ihr alle Wonne, alle Freude ſines Lebens ſei und ſ⸗ ihn nicht verlaſſen „Es gab einſt eine Zeit,“ antwortete ſie ihm, „wo Dein Wort hingereicht haben wuͤrde, mich zu uberzeugen, daß die Erde um Mitternacht im vollen Sonnenglanze ſtrahle. Dieſe Zeit iſt hin und kann nie wieder kommen! Traure nicht daruͤber, Lieb⸗ ling meiner Seele! — wir wußten ja Beide ſchon fruͤher, daß es dem ſterblichen Menſchen nicht be⸗ ſchieden iſt, das Geliebt⸗ mit wiger Treue zu um⸗ faſſen. Dein Wille, und wenn er Berge zu vet⸗ ſetzen und Meere ausʒuſchöpfen vermoͤchte, vermag mir doch nicht die Macht zu erhalten, Dein Leben im Zauberglanz der Liebe zu verklären. Dem Weibe aber, das Du geliebt haſt, liegt es ob, dafuͤr zu ſorgen, daß ihre Liebe fuͤr Dich in ewiger Rein⸗ heit und unverminderter Staͤrke ſich erhalte und⸗ erröthend geſtehe ich es Dir, ich habe einen Momt — 150 — erlebt, der mich fuͤrchten gelehrt hat, dieſe Liebe, dieſe Spele meines Daſeins, um derentwillen es ſich allein zu leben lohnt, könne ihn nicht beſtehen, wenn er wiederkehre. Darum trenne ich mich jetzt von Dir, nicht im bleichen Nachſchimmer verſun⸗ kener Herrlichkeit, ſondern im vollen ſtrahlenben Sonnenglanz meiner Liebe; auf dieſe Minute un⸗ ſers Scheidens fällt noch ihr leuchtender Strahl. Er weihe mein Andenken in Deinem Herzen und erhalte Dir die Ueberzeugung, daß kein andres Weib ſo den ganzen Zauber Deiner Liebe in ſeliger Begeiſterung zu empfinden vermochte, kein Herz Dich je ſo vergoͤtterte, wie das Herz Deiner Thekla.“ Sie ſank hier zu einer langen ſchweigenden umarmung an ſein Herz, dann entwand ſie ſich ihm ſanft und trat ans Fenſter. „Wie die Sterne,“ hob ſie nach einer langen gedankenvollen Pauſe an, „ſo fromm in ihrer ewi⸗ gen reinen Klarheit ſchimmern! — Wie ſtill iſt Alles dort oben! Wie oft hat dieſer Wiederſchein himmliſcher Ruhe mein Herz ergriffen, daß es in Wonne bebte! Geiſt der Liebe,“ fuhr ſie fort und — 151 — ſchlug das große Auge auf zum funkelnden Sternen⸗ himmel, „wie ſoll ich dir danken, daß du mich wuͤrdigteſt, dich in ihm zu erkennen! — Geiſt der Liebe, zu dem alle Erſchaffenen mit ihrem Gluͤck und ihrer Sehnſucht zuruͤck kehren, du gabſt mir dieſes Herz. Es hat geliebt, Vater! in dieſer Liebe liegt ſein Leben und ſein Schickſal, ſie werde auch ſeine Rechtfertigung, wenn es einſt vor deinem Richterſtuhl ihrer bedürfen ſolte!“ — Raſch wandte ſie ſich nach uns, und bot dem Prinzen ſein Glas, indem ſie mit der andern Hand das ihrige faßte: „Noch einen Abſchiedstrunk, auf heitres Wiederſehen und liebevolles Andenken!“ — Langſam leerte ſie ihr Glas, und nun „leb wohl! leb wohl!“ rief ſie, und warf ſich in die Arme des Prinzen. „Der Himmel begluͤcke Dich, wie Du mich unausſprechlich gluͤcklich gemacht haſt!“ Er konnte ſie nicht aus ſeinen Armen laſſen, ſich nicht von ihr trennen⸗ Heiß weinend lag ſie, bleicher und immer bleicher werdend, an ſeiner Bruſt. „O,“ rief ſie mit einem Ton, der nie — 1 — wieder in meinem Ohr verhallen wird, und mit einem Blick, in dem Tod und Leben, Seligkeit und Schmerz mit einander kämpften, „dies Herz wird nur Dich auf Erden lieben! — vergiß mich nicht! — und nun geh, geh, wenn Du nicht willſt, daß ich hier vor Deinen Augen ſterbe!“ Noch einmal druͤckte ſie der Prinz mit naſſen Augen an ſein Hetz, und dann verließ er das Weſen, von dem er ſich allein geliebt gefuhlt hatte, und das auch er vielleicht allein geliebt hat. Sie ſah ihm lange nach, und ſank dann zum ſtillen Gebet auf ihre Kniee nieder. Ich eilte zu ihr, ich ſchloß ſie in meine Arme, und ſuchte ſie mit den ſuͤßeſten, liebkoſendſten Worten aufzurichten. Kraftlos ſank ſie zuſammen, eine Todtenbläſſe ver⸗ breitete ſich auf ihrem Geſicht. Erſchrocken hob ich ſie auf, ſie lächelte mich ſanft an: „Meine theu⸗ erſte, liebſte Freundin!“ ſagte ſie mir, „ich habe fuͤr die naͤchſte Stunde ſehr auf die Stärke Ihrer Seele und Ihrer Liebe fur mich gerechnet. Mir ſind nur noch Minuten uͤbrig, meine Pauline! und zwar die letzten, die ich hienieden der Freund⸗ ſchaft und der Liebe zu geben habe.“ Ich erbebte im tödtlichen Schrecken. „Di watum haſt Du mir das gethan?“ rief ich haͤnde⸗ ringend und verzweifelnd aus; doch noch iſt Huͤlfe moglich!“ — nnnM a36 nn Sie hielt mich zuruck. „Meine Maßregeln ſind dazu gut getroffen zlaſſen Sie uns Alles ver⸗ meiden, was den Argwohn zu weckem vermoͤchte· Nie barf man die Art mines Todes erfahren⸗ Seit dem erſten Tage unſerer Liebe trug ich das Gift, das mich tödtet, ſtets bei mir; und die Ge⸗ wißheit; daß ich den Verluſt meines Gluͤckes nie zu uͤberleben brauche, welche mir ſein Beſitz ge⸗ währte, gab mir die Ruhe, die Sie oft bewundert haben. In meinem Schreibtiſch finden Sie meinen letzten Willen und Alles, was ich Ihnen jetzt zu⸗ . ſagen, keine geit mehr habe. O! meine Freundin, eine theure, theure Pauline! ich konnte Ihnen Ihre Liebe nis löhnen; aber ich habe dieſe letzten Minuten der Liebe entzogen, um ſie Ihnen zu wid⸗ men und unſrer Freundſchaft, der einzigen Empſin⸗ dung, vor der ich nie gezittert habe. — Faſſen Sie ſich Libſte, Beſte! — ich bin unendlich gück⸗ lich geweſen; aber ich hätte mich ſelbſt verloren, — 424 — wenn ich länger gelebt hätte. Jetzt ſcheide ich als Gottes dankharſtes und feöhlichſtes Kind. In mei⸗ ner Seele iſt es ſo ſtill, ſo ruhig, wie an den ſchoͤnen Abenden der Vergangenheit, wo ich mich ſo innig gluͤcklich niederlegte, und uͤber die lieblichen Bilder genoſſener Freuden lächelte, die ſich um mich ſammelten, mich im Schlafe zu umſpielen. — Liebſte Pauline, daß es Sie ſo ſchmerzen muß, mich ſterben zu ſehen! — Ohrufen ſie den Muth zu⸗ ruͤck, den zchondehe Kraft Ihrer Liebe fuͤr mich zu hoffen wagte! Laſſen Sie mein Herz nicht in Jammer, — in der . der Liebe brechen!“ zin Gott gab mir n n we ezu mir nicht zu taͤuſchen, und mich unter der Laſt meines Schmerzes aufzurichten. Sie wurde ſchwächer und ſchwächer, blieb aber ruhig und heiter. Wir ſand⸗ ten jetzt zum Arzt, deſſen wir bedurften, um das Vorgeben eines ſchnell tödtenden Zufalls zu beglau⸗ bigen. Er fand ſie noch lebend und ſtark genug, ihm zu bedeuten, daß Manches von dem, was er beobachten wuͤrde, Geheimniß bleiben müſſe. Gegen drei Uhr fingen die Schmerzen an, hef⸗ F 1 v tiger zu werden. Das friſche, uͤppige Leben begann — 155 — mit dem Tade zu kämpfen. In ſchon faſt unhör⸗ paren Tönen forderte ſie das Bild des Prinzen⸗ Sie richtete ſich auf, und druͤckte es mit der letzten Nacht des flichenden Lebens an ihte Lippen und dann an ihr Herz. Ihr gebrochnes Auge hob ſich zum Himmel, ihr letter Gedanke war ein Gebet fuͤr ihn! Schonend ging der Tod voruber, unentſtellt lag die gebrochene Bluͤthe in meinen Armen. Nichts von meinem Schmerz, nichts von dem Wehklagen ihrer Diener, von den Thraͤnen ihrer Freunde, von der allgemeinen Theilnahme, die ihr in's Grab folgte. Ich habe dafuͤr keine Worte, nur Thränen, die ihrem Andenken fließen werden, bis ſich dies muͤde Auge ſchließt. Der Prinz litt ſchweigend und von der Menge unerrathen, in der Tiefe ſeiner großen Seele. Nie hat er ſie vergeſſen, nie iſt er uͤber ihren Verluſt getröſtet worden. Heißer denn je duͤrſtete er nach einem wackern Kampf in ſtuͤrmender Feldſchlacht. Ihm ward, wonach er ſich geſehnt hatte. Der Krieg brach aus. Er fiel; das erſte Opfer, und ein hohes Beiſpiel, das die Krieger lehren ſollte, zu — 156 — ſigen oder zu ſterben, wie er. Er fiel; aber ſo lange in Germanien die Eiche, der einſt freie Baum, grunt, wird ſeinem blutigen Haupt der friſche — Nuen — ken 8 S * a— 8 — 8 — — 8 — 8 * 8 Einſam und ernſt wandelte der Feldherr Leo, Graf von Toͤnsberg, in der ſterndurchfunkelten Nacht durch die Reihen ſeiner ſchlafenden Krieger, die er als Herolde eines glorreich erkaͤmpften Friedens mor⸗ gen in die Hauptſtadt ſeines Vaterlandes zuruckfüh⸗ ren ſollte. Dort erwartete ihn Olaf, ſein König, der zugleich ſein Jugendfteund war; dort ſeine Braut, die er gluͤhend wie Ruhm und Ehre liebte; dort ſeine Mutter, die edelſte Frau ihres Landes; dort die Huldigung der Dankbarkeit eines Volkes, das ihm, dem Helden und Ertetter, in bewundern⸗ der Liebe ergeben war, und doch zogen keine heitre Bilder vor des Feldherrn ernſtblickendem Auge vor⸗ über. Gleich Waſſervögeln, die, uͤber das noch ruhige Meer hinſtreifend, dem Sesfahrer den kommenden — 160 — Sturm verkuͤndigen, ſchwebten auch um Leo duͤſtre Ahnungen, vor deren Deutung er ſein Vaterland erbeben zu fuͤhlen glaubte. Als er den Koͤnig ver⸗ laſſen hatte, waren Liebe, Muth und Gerechtigkeit die Stuͤtzen ſeines Thrones, und die Traäume ihrer jugendlichen Herzen, und die ſchoͤne Begeiſterung ih⸗ rer tugendliebenden Seelen hatte Beiden die Bahn klar und feſt vorgezeichnet, die ſie zu wandeln hat⸗ ten, Olaf, um ein großer König, Leo, um ein Held zu werden. Jetzt aber drangen von allen Seiten Klagen eines gemißhandelten und gedruckten Volkes zu Leo's Ohren. Vergraben in ſeinem Pallaſt, war der König Allen unzugaͤnglich geworden, und unbe⸗ ſchraͤnkt herrſchte Arbino, ſein Guͤnſtling und erſter Miniſter, uͤber das Reich. Was mußte vorgegangen, was geſchehen ſein, um dieſem feilen Höfling ſol⸗ chen Einfluß auf Olafs Herz zu verſchaffen? Was konnte den Mann, den Leo wie ſeine eigne Seele, wie den zweiten Sohn ſeiner großen Mutter liebte, ſo verändert haben, daß ſolche Klagen üͤber ihn möglich geworden waren? Ein dumpfes, entſetliches Geruͤcht ſummte ſeit Wochen um Leo herz ſein Glaube an Olaf erlaubte ihm nicht, demſelben Ge⸗ hör zu geben, aber Furchtbares zu erfahren, mußte N — 161 — er gefaßt ſein, denn darauf bereitete ihn der Brief vor, den er nach langem Schweigen von ſeiner Mutter, der Graͤfin Guſtava, erhalten hatte. Er enthielt folgende Zeilen: „Mit Stolz und Liebe druͤcke ich in mei⸗ nem Sohne den Helden und Retter des Va⸗ terlandes an mein Herz; doch den Kranz des Ruhmes, der den Feldherrn ſchmuͤckt, winden nur zu oft Gluͤck und Zufall um die Stirn; es gibt edlere Kraͤnze, und Du biſt würdig und berufen, ſie zu erringen. Zu einem Mann habe ich Dich erzogen, der mit den Edelſten aller Zeiten um den Preis des vollen Werthes veredelter Menſchheit zu ringen verdient, und jetzt erwartet Dich die Pruͤfung, zu beweiſen, daß er Dir gebuͤhrt. Aufopferung und Selbſt⸗ verläugnung zum Heil des Vaterlandes fuͤllt die Seele im tiefſten Leid des irdiſchen Schmer⸗ zes mit einem Gefuͤhl, ſchoͤner noch als das Gluͤck im Arm der Liebe ertraumt werden kann⸗ Ich zweifle nicht, ich zage nicht; ich bin ge⸗ wiß, in meinem Sohn einen Helden zu fin⸗ den, dem keine Pflicht zu ſtrenge, kein Opfer 3ne fuͤr Tugend und Vaterland zu ſchwer ſein wird, — 462 — und deſſen Seelengröße der Troſt des Mutter⸗ herzens werden muß, wenn es uͤber das zer⸗ ſtoͤrte Lebensgluͤck des einzigen Lieblings weint.“ Graͤfin Guſtava Stawangar war die Erb⸗ tochter eines Geſchlechts, das ſich ſeit Jahrhunder⸗ ten durch Tapferkeit, Vaterlandsliebe und reine Sitte ausgezeichnet hatte. Auf Guſtava, der letzten Bluͤthe dieſes Stammes, ruhte der Geiſt ihrer Ah⸗ nen; ſie war die edelſte, die ſchoͤnſte Jungfrau ihres Landes, fähig, den Mann ihrer Liebe durch die Begeiſterung ihrer hohen Seele zu großer That zu entflammen. Der Graf von Toͤnsberg ward ihr Gemahl, doch ſchon nach wenig Jahren eines reinen und friedlichen Gluͤckes zog das düſtre Ungewitter herauf, deſſen erſte Blitze den Koͤnigsthron ihres Landes trafen, deſſen Umſturz dann die Edelſten des Reichs mit ſich hinabzog. Ein kuͤhner, mächtiger Eroberer fiel in das Land ein; Verrath und Ver⸗ brechen waren in ſeinem Sold: am Vorabend des Tages, an dem eine Schlacht das Schickſal des Reichs entſcheiden ſollte, fiel der rechtmäßige Herr⸗ ſcher deſſelben unter Moͤrderdolch. Er hinterließ keine Kinder; ſein Thronerbe war ein weitläuftiger Ver⸗ wandter, gut und brav, aber ohne jene Seelenhoheit — 163 — und Heldenkraft, die in ſolchen Verhältniſſen ſich Gluͤck und Schickſal dienſtbar zu machen vermoͤgen. Die Schlacht wurde unter ſeiner Anfuͤhrung ge⸗ ſchlagen, viele Edle des Landes fielen in ihr, und unter dieſen auch der Thronerbe. Sterbend empfahl er dem Grafen Tonsberg ſeinen Sohn Olaf, einen nur wenige Monate alten Knaben, deſſen Leben die Mutter mit ihrem Tode erkauft hatte, und deſſen Recht auf den Thron jetzt das Verderben des ſchuld⸗ loſen Knaben zu werden drohte. Tonsberg's Hel⸗ denmuth hatte in dieſer Schlacht dem Uebermuth und dem Kriegeglůck des Eroberers glaͤnzend die Wage gehalten; in der Racht kamen Boten zü ihm, die ihm fur ſich und ſein Haus zine Fürſtenkrone als Kaufpreis fuͤr die Unabhaͤngigkeit ſeines Vater⸗ landes boten. Der freigeſinnte Mann war erhaben uͤber dieſe Verſuchung; allein er benutzte den An⸗ trag des Feindes, Zeit fuͤr das erſchoͤpfte Heer, Zeit fuͤr ſich zu gewinnen. Todeswund lag er auf ſei⸗ nem Lager, ein Eilbote war ſchon zu ſeiner Gattin geſandt, ſie zu ihm zu berufen, weil er nur in ihrer Seele das Vermachtniß ſeiner letzten Wuͤnſche und den Preis, fuͤr den ſein Blut gefloſſen war, nieder⸗ legen wollte. Guſtava kam; ſie war ein großes — 164 — Weib; ohne Thraͤnen ſtand ſie am Sterbebette des fuͤr ſein Vaterland gefallenen Gatten, der die erſte und einzige Liebe ihres Herzens war, und ſchwor ihm, in ihrem Sohn einen Helden, in Olaf einen Herrſcher zu erziehen, werth, die Raͤcher der Schmach des Vaterlandes und die Befreier deſſelben zu wer⸗ den. Auf den Fittichen dieſes Schwurs entfloh die Seele ihres Gatten dem irdiſchen Leben. An ſeiner Leiche verſammelte Guſtava die Fuͤhrer des Heeres; wenige Worte hohen Sinnes ſprach ſie zu ihnen, Ehre, Todesverachtung, Vaterlandsliebe flammte in Allen hell auf; ſie zogen ihre Schwerter und ſchwo⸗ ren, ihr Land frei zu machen, vom Joche des frem⸗ den Tyrannen, oder zu fallen, wie der Todte vor ihnen. Waͤre noch ein Toͤnsberg unter ihnen ge⸗ weſen, der dieſen Angenblick zu benutzen gewußt hätte, um die Krieger gegen den Feind zu fuͤhren, ſo wuͤrde das heilige Recht vielleicht geſiegt haben, allein dieſer fehlte. Der Eroberer war ſchlau ge⸗ nug, die Kräfte, die zur Einheit verbunden, ihm Gefahr drohten, durch Unterhandlungen zu zerſplit⸗ tern, denn wer, wo er es mit Vielen zu thun hat, nur Zeit zu gewinnen weiß, zerreibt die Kraft und den Muth ſeiner Gegner, da nur der Einzelne, nie — 6663 — die Vielheit durch Ausdauer den erwuͤnſchten Zweck zu erreichen verſteht. Während Guſtava den Leich⸗ nam ihres Gatten nach Tönsberg in das Erbbe⸗ gräbniß ſeiner Väter fuͤhrte, wurden von den Haͤup⸗ tern des vaterlaͤndiſchen Heeres Friedensbedingungen erwogen und beſprochen, die ſich nach wenig Wo⸗ chen mit ihrer Unterwerfung endigten. Der Erobe⸗ rer kehrte geſchmuͤckt mit der Koͤnigskrone dieſes Reichs in das ſeine zuruͤck, und ſeine Guͤnſtlinge beherrſchten nun Jahrzehnde durch als Statthalter das eroberte Land, das allen Druck willkuͤrlicher Ge⸗ walt von ihnen zu erleiden hatte. In tiefer Einſamkeit erzog Guſtava ihren Leo und den um drei Jahre juͤngern Olaf, im unver⸗ ruͤckten Hinblick auf das ihrem ſterbenden Gatten gethane Geluͤbde. Seelengroͤße und Vaterlandsliebe koͤnnen freilich nicht gelehrt werden, allein ſie koͤnnen wie eine heilige Geſinnung aus dem Beiſpiel edler Eltern in jungen Seelen aufgehen, und dann durch Religion und das Studium der Geſchichte genährt werden. Guſtava gewöhnte vorzuglich beide Kna⸗ ben von ihrem erſten Stammeln an, wahr zu ſein, und ſo wie ihre Vernunft erwachte, uͤbte ſie in ihnen die herrliche Fähigkeit des menſchlichen Ge⸗ — 66 — muͤthes, ſich ſelbſt in ſeinen Affecten, Neigungen und Wuͤnſchen um des reinen Guten willen, frei von aller Selbſtſucht, beſiegen und beherrſchen zu koͤnnen. Der Same ihrer Lehren fiel in Beider Herzen auf reinen guten Boden, aber doch trug er ganz verſchiedene Fruͤchte. Leo war zum Helden geboren; von der reinen, hohen Stirn des Knaben ſtrahlte ſchon der Abglanz einer großen Seele, und verlieh ihm jenen Zauber, der ihm beim erſten Blick das Herz jedes edlen Menſchen gewann. Auch Olaf war gut, aber zu weich, zu hingebend und ſchwach, um das Gute rein und unbedingt zu lieben und zu uͤben, nur weil es gut war. Ernſt und ſorgend blickte Guſtava auf Olafs Zukunft hin. Ihrem Volke, ihrem Lande, kuͤnftigen Geſchlechtern, kuͤnf⸗ tigen Jahrhunderten glaubte ſie Rechenſchaft ſchul⸗ dig zu ſein von der Bildung und der Erziehung, die ſie ihm gab, und doch mußte ſie der Hoffnung ent⸗ ſagen, ſeiner Seele jene Herrſcherkraft einimpfen zu können, die in Leo das Naturerzeugniß ſeines inner⸗ ſten und eigenſten Weſens war. Guſtava's Zuver⸗ ſicht zu Olafs kuͤnftiger Regentengröße konnte ſich nur auf Leo gruͤnden, und auf die Freundſchaft, die, ſtark und innig wie Bruderliebe, in Beider Herzen — 167 — fur einander erbluͤhte, und von Tag zu Tag tiefere Wurzeln in ihren Seelen ſchlug. Alles, was die Natur Olaf verſagt hatte, hatte ſie an Leo gege⸗ ben; ſo lange ſie Beide in Liebe und Kraft, in Willen und That Eins waren, durfte Guſtava auf den Dank ihres Vaterlandes rechnen, ihm einen Herrſcher wie Olaf erzogen zu haben. Leo war zweiundzwanzig, Olaf neunzehn Jahr alt, als der Uſurpator ſtarb. Die Kuͤhnheit, die in dieſem mit Heldenmacht verbunden war, ſchien ihm während ſeines langen Lebens die eiſerne Ge⸗ walt des Schickſals gegeben und geſichert zu haben; doch eben um der gewaltigen Perſoͤnlichkeit willen, die in ihm unterging, erſchuͤtterte ſein Tod alle die Reiche und Provinzen, die ſein Schwert zu Einer großen Monarchie vereinigt hatte. Der Zeitpunkt ſchien zu guͤnſtig, um unbenutzt bleiben zu durfen. Wie ein glänzendes Zweigeſtirn traten Olaf und Leo aus ihrer bisherigen Verborgenheit hervor. Das Volk und ſeine Edlen erkannten Olaf mit unendli⸗ chem Jubel als ihren rechtmäßigen Beherrſcher an, und die Schätze, die Guſtava's weiſe Sparſamkeit viele Jahre durch geſammelt hatte, gewaͤhrten jetzt dem jungen Monarchen die Mittel, den Glanz der — 168 — Krone, die er ſich wieder erkaͤmpfen ſollte, im Vor⸗ aus zu behaupten. Leicht und ſchnell wurden die fremden im Lande anweſenden Truppen uͤberwältigt; doch der Erbe des Eroberers war nicht geſonnen, das koſtlichſte Juwel ſeiner Monarchie ſo leicht auf⸗ zugeben. Mit furchtbarer Heeresmacht näherte er ſich; Olaf beeilte ſich auch, ſein Heer zu ſammeln und zu ruͤſten, doch immer zu ſpät fur den raſchen Siegergang der feindlichen Macht wuͤrde er in's Felb geruͤckt ſein, wenn ſich nicht Leo an der Spitze ſei⸗ ner Vaſallen der Uebermacht entgegen geworfen, und eben ſo kuͤhn als muthig in den Bergpaͤſſen, die von jener Seite ſein Vaterland deckten, das Vor⸗ dringen des Feindes verhindert häͤtte. Der aller⸗ glaͤnzendſte Erfolg lohnte ſeine Tapferkeit, und ge⸗ wann ihm das Vertrauen der Seinigen in ſo hohem Grade, daß, als Olaf nach Wochen langer Friſt ſein Heer zum Beiſtand herbeifuͤhrte, dieſes Leo zum Feldherrn forderte. Leo war geboren, dieſes zu ſein. Auch Olaf war brav und tapfer; ſeine Schoͤnheit, ſeine jugendliche Lebendigkeit und der blendende Glanz, der den Herrſcher umſtrahlt, ge⸗ wannen ihm die Liebe der Krieger; jeder Einzelne haͤtte willig fuͤr ihn ſein Blut vergoſſen; allein die — 169 — Zuverſicht des Sieges, die kuͤhne Todesverachtung, bie Leo dem Heere einfloͤßte, hätte Olaf nicht in demſelben zu wecken vermocht. In vier blutigen Schlachten ſchlug Leo den ihm an Heeresmacht drei⸗ mal uͤberlegnen Feind, und waͤhrend Olaf dann nach der Hauptſtadt ſeines Reiches zuruͤckging, ſich mit der wiedererfochtenen Krone ſeiner koniglichen Ahnen kroͤnen zu laſſen, folgte Leo dem fliehenden Feinde bis vor die Thore ſeiner wehrloſen Reſidenz, wo er ihm die Friedensbedingungen dictirte, die von dieſer Seite her ſeinem Vaterlande auf viele Jahre die Ruhe ungeſtoͤrten Friedens ſichern zu muͤſſen ſchienen. Als Leo ſein Heer in's Vaterland zuruckfuhrte, glich der Zug deſſelben einem Triumphzug. Aus fernen Gegenden ſtroͤmten die Bewohner herbei, in dem Sieger den Befreier des Vaterlandes zu be⸗ gruͤßen. Greiſe ſegneten ihn, Muͤtter hoben ihre Säuglinge zu ihm empor, daß ſein Blick ſie weihe, Jungfrauen brachten ihm Blumen und Fruͤchte, Maͤnner gelobten ſeiner erſten Aufforderung folgfam zu ſein, mit ihm, unter ihm zu kaͤmpfen, ſobald er ſie rufe. In der Einfachheit wahrer Groͤße erfreute ſich Leo dankbar dieſes Anblickes, und die Pflicht, Tarnow's Schriften. I. 8 — 170 — fur ſein Vaterland zu kämpfen, zu leben und zu ſterben, wurde dadurch zur feurigſten, zur erhaben⸗ ſten Liebe ſeines großen Herzens. Unter den Edlen, die ihm entgegen gezogen kamen, war auch der Freiherr Löwenſchwerdt, deſſen Name ſein Ehrendenkmal in der Geſchichte ſeines Vaterlandes war. Jugendfreund und Waffenbruder des tapfern Toͤnsberg's, ſank er in der Schlacht, wo dieſer die Todeswunde erhielt, ſchwer getroffen an ſeiner Seite nieder; als er nach mehreren Wo⸗ chen das Bewußtſein des Lebens wieder erhielt, war das Schickſat ſeines Vaterlandes ſchon entſchieden, und im finſtern Unmuth daruͤber, zog er ſich in die Einſamkeit ſeiner Bergfoſte zuruͤck. Die wieder ge⸗ wonnene Freiheit des Vaterlandes beſeelte den Greis mit neuer Lebenskraft, mit neuer Lebensluſt; er eitte Leo entgegen und druckte den Sohn ſeines theuerſten und edelſten Freundes mit inniger Liebe und froher Ruͤhrung an ſein Herz. Dringend lud er Leo ein, in ſeinem Schloſſe einzukehren und dieſer, der ſo dem Heere einige Ruhetage in der Gegend — zugeſtehen wollte, willigte ein. — 171 — Am Eingang der großen Schloßhalle empſing ihn Olga, die Nichte des Freiherrn, die ſeit dem. Tode ihrer fruͤh verlornen Eltern hier bei ihrem Oheim lebte. Sanft und lieblich wie die Träume und Ahnungen, die um ihre jungfraͤuliche Seele ſchwebten, war auch Olga's Geſtalt, ihre Rede und ihr Thun, und doch erkannte Leo bei ihrem erſten Anblick in ihr die Seele, die mit dem Schoͤnen und Zarten auch das Große zu faſſen und zu lieben ver⸗ mochte, und ihm war, als ſie das lichte Auge ſanft erroͤthend beim Willkommen zu ihm emporhob, als draͤnge ſich ſeine ganze Seele, mit aller Macht des Lebens in ihm, in ſein Herz, um ſie ewig und un⸗ ausſprechlich zu lieben. Leiſe ſchien die Jungfrau vor ſeinem Heldenruhm, vor dem Ernſt auf ſeiner Stirn, vor der Tiefe ſeines Blickes zu zagen; aber in dieſem ehrfurchtsvollen Beben vor ſeiner Helden⸗ größe ging ihr auch bald die Wonne des Gefuhls auf, dieſem Gewaltigen in Liebe und durch Liebe an⸗ zugehoͤren und ſich, als ſein, in dieſer Liebe mit ihm kuͤhn und groß und muthig zu empfinden. Wer vermag den Zauber jener linden Stille zu ſchildern, mit dem die Sehnſucht und die Vorah⸗ 8* nungen der erbluͤhenden Liebe in reinen Herzen die Beſchränkun, des irdiſchen Daſeins verhuͤllen, damit di zarten Klaͤnge hoher Himmelsmelodien heller um ſie her ertonen? So ſenkt die Blume, vom feurigen Sonnenſtrahl getroffen, dem Scheine nach die Blät⸗ ter, doch nur um in der Abendkuͤhle ſußer aufzuduf⸗ ten, im neuen Morgenroth ſich reizender zu färben. Nach einigen Tagen mußte Leo ſein Heer wei⸗ ter führen. Nur in Blicken hatten er und Olga ſich das ſuͤie Geheimniß ihrer Herzen ausgeſprochen, das ſie in Worten kund zu geben, mit aller Schuͤch⸗ ternheit der erſten ſeligen Jugendliebe blode ſcheueten; doch das Weh dieſer Trennung wurde ihnen durch die Gewißheit des balbigen Wiederſehens erleichtert, da Olga ihren Oheim nach der Hauptſtadt begleiten ſollte, wo dieſer dem Könige die Huldigung ſeiner Treue perſoͤnlich darzubringen entſchloſſen war. Mit Bruderzärtlichkeit empfing Olaf ſeinen Freund. Er ſchien ſich der Koͤnigsmacht, Gnaden und Belohnungen austheilen zu können, nur erſt in dem Beſtreben freudig bewußt zu werden, Leo mit allen Beweiſen der Huld und der Gunſt zu ſchmuͤ⸗ — 173 — cken, die er zu verleihen vermochte; doch unbeweg⸗ lich ſchlug Leo Alles aus, was Olaf mit ſo inniger Luſt und Liebe ihm zu geben wuͤnſchte. „Als Koͤnig,“ ſagte er zu ihm, „hat Deine Gunſt nicht die Macht, mich beſſer oder gluͤcklicher zu machen, als ich es jetzt bin, und warum ſollte ich mich denn der Ge⸗ fahr ausſetzen, ſtatt Deiner vielleicht Deine Macht lie⸗ ben und in Dir den Monarchen furchten zu lernen“ deſſen Willkuͤr mir Alles wieder zu rauben vermag, was ſeine Gunſt mir gegeben hat? — So lange Du mich als Freund liebſt, gibt mir keine That einen Anſpruch, von dem König belohnt zu werden; oder glaubſt Du Dich als Herrſcher reicher, mich lohnen zu können, wie Du es als Freund durch Liebe biſt?“ Die Wundermacht der Liebe, ihr inneres, rei⸗ ches, gluͤhendes Leben durchſtrahlte Leo's Weſen⸗ feit er Olga ſah, ſo herrlich, daß Olaf dieſe Entfal⸗ tung des Daſeins in der Seele des Freundes nicht verborgen bleiben konnte, und Leo war auch fern von dem Gedanken, ihm das Geheimniß ſeines Glů⸗ ckes verhehlen zu wollen. Mit flammender, heiliger Begeiſterung ſchilderte er ihm die Geliebte, und mit — 174 — Zaubergewalt erſchloß ſich vor Leo's Worten, vor ſeinen verklaͤrten Blicken, ſeinem Erroͤthen, ſeinem Verſtummen in Olafs Seele der bis jetzt ſchlum⸗ mernde Sinn fuͤr Frauenſchoͤnheit und Liebesgluͤck. Ihm war, als umwebe ihn ein magiſcher Traum, und wie aus farbiger Nebelferne ſtrahlten ihn zwei liebestrunkene blaue Augen an; bei ihrem Blicke wurde ihm jeder Tropfen ſeines Blutes fuͤhlbar und Alles, was er bisher gewuͤnſcht, empfunden und er⸗ ſehnt hatte, ſchien vor der Flamme, die ihm aus dieſen Augen entgegen leuchtete, in Dunkelheit zu verſinken. „O mein Leo,“ rief er, ſich mit naſſen Augen an ſeine Bruſt werfend, „wie ſelig mußt Du ſein, dieſen Engel gefunden zu haben, und wie zau⸗ bergewaltig die Liebe, wenn ſie Deine Heldenſeele ſo zu beſiegen, ſo zu durchdringen vermochte!“ Ach wie weit waren Beide entfernt zu ahnen, welchen Samen unheilſchwangern Verderbens dieſer Augenblick in Olafs Gemuͤth geworfen hatte! Olga erſchien und mit ihr an einem Tag traf auch Gu⸗ ſtava in der Hauptſtadt ein. Leo's ſtiller Herzens⸗ bund mit der edlen Jungfrau erhielt die Weihe des Mutterſegens, und ſtolz darauf, ihm die Schuld — 165 — des Vaterlandes durch die Hand ſeiner Nichte zah⸗ len zu konnen, feierte der alte Freiherr ihre Verlobung durch ein Feſt, das auch durch die Gegenwart des Monarchen verherrlicht wurde. Hier ſah dieſer Olga zum erſten Male, ſah ſie in dem Verklärungsglanz des holden Erröthens bräutlicher Liebe. — Was er empfand, war ihm, dem Unerfahrnen, ein Räthſel, das aber klar von denen in ſeiner Umgebung ver⸗ ſtanden wurde, die nur aus den Schwäͤchen des Herrſchers die Feſſeln zu ſchmieden hoffen durften, mit denen ſie ihn zu umwinden ſtrebten. Neunzehn Jahre lang hatte das Land unter dem Joche eines unrechtmäßigen Herrſchers geſeufzt, und die geſetzloſe Willkuͤr dieſes VBerhältniſſes auf das Volk, und vorzuglich auf die Großen des Reichs verwirrend und entwuͤrdigend eingewirkt. Die Rei⸗ chen und Vornehmen werden von dem ſittlichen Ver⸗ derben, das die Ausartung einer Staatsverfaſſung unausbleiblich nach ſich zieht, darum ſchneller und machtiger als das Volk ergriffen, weil ihre Bildung ſis fähig macht, die üppigen Gefühle ihrer ſinnlichen Neigungen, durch Vernuͤnfteleien mit dem falſchen Glanz der Lebensklugheit und des Weltverſtandes zu umweben, und wer das zu thun verſteht, kehrt ſel⸗ ten mehr zuruͤck von dem ſteil abſchuͤſſigen Pfad des ſittlichen Verderbens. So fand ſich denn auch Olaf bei dem Antritt ſeiner Regierung von feilen Höflin⸗ gen umringt. Der Gefaͤhrlichſte unter ihnen war der Graf Arbino, weil er der Geiſtreichſte und der Liebens⸗ wuͤrdigſte war. Guͤnſtling des letzten Statthalters, hatte ihm der Tod des Uſurpators die Frucht Jahre langer Bemuhungen, den Preis ſeines ganzen bis⸗ herigen Lebens geraubt; er hatte, wie dies immer der Fall iſt, um als Guͤnſtling herrſchen zu können, da⸗ mit anfangen muͤſſen, Sklave zu ſein und ergrimmte, jett erſt von Olafs Schwaͤchen und von ſeiner Gunſt muͤhſam wieder erringen und erſchleichen zu muͤſſen, was ſchon ſein geweſen war. Die Jugend des Koͤ⸗ nigs berechtigte ihn, Alles zu hoffen, aber feindlich ſtand zwiſchen ihm und der Erfuͤllung ſeiner Wuͤn⸗ ſche — Leo, deſſen Charakter und deſſen Leben ein ſo reines Gewebe war, daß ſelbſt das Auge des Nei⸗ des und der Bosheit keinen dunkel gefaͤrbten Faden darin zu entdecken vermochte. So lange es Arbino nicht gelang, ihn von dem Herzen des Königs fort⸗ zureißen, war dieſer gegen die Falſtricke geſchutzt, — 177 — die er ihm zu legen wänſchte. Dem Geierblick, mit dem er die Schwächen des Menſchenherzens und die in der Tiefe deſſelben ſchlummernde Moglichkeit, zu Verbrechen hingeriſſen zu werden, auszuſpuren verſtand, entging der mächtige Eindruck nicht, den Slga's Anblick auf den Koͤnig machte, und hell ſtand es vor ihm, wie er dieſe aufflammende Leiden⸗ ſchaft ſeinen Planen dienſtbar zu machen vermoge. Der Zufall beguͤnſtigte ſeine Entwuͤrfe. Von allen Seiten zogen gefahrdrohende Wolken am politiſchen Horizont herauf; die Lage des Reichs machte die Sendung eines Geſandten an einen fernen maͤchtigen Hof ſehr wichtig, und wem konnte Olaf das In⸗ tereſſe ſeines Volkes und ſeiner Krone ſicherer anver⸗ trauen, als ſeinem zweiten Ich, ſeinem Leo? Mit unbedingter Vollmacht verſehen, reiſete dieſer ab, und ließ ſeine Geliebte unter dem Schus ihres Oheims zuruck, da der Entſchluß deſſelben, mit ihr bis zu Leo's Ruͤckkehr nach ſeinem Bergſchloß zu⸗ ruͤckzugehen, auch Graͤfin Guſtava bewog, die Haupt⸗ ſtadt zu verlaſſen, und während der Abweſenheit ihres Sohnes in ihrem geliebten Toͤnsberg zn leben. Leicht gelang es jetzt Arbino, ſich die Zunei⸗ gung und das Vertrauen des jungen Konigs zu erwerben, der, ſuͤßberauſcht vom Taumelkelch der er⸗ ſten Jugendleidenſchaft, im Entzucken des reichſten, wonnevollſten Lebensgefuͤhles gluͤhte. Ohne ſich ſelbſt einer unlautern Abſicht bewußt zu ſein, ſuchte er den Freiherrn durch die kindliche Zuneigung, die er ihm bewies, und durch die Verſicherung, daß er ſei⸗ nes Rathes, ſeiner Weisheit und ſeiner Erfahrung beduͤrfe, um ihn auf der ſchluͤpfrigen Bahn der Herrſchergewalt zu leiten, an ſeinem Hofe feſtzuhal⸗ ten. Olaf glaubte nichts als Olga's Anblick, nichts als ihrer Gegenwart und ihrer ſchweſterlichen Freund⸗ lichkeit gegen ihn zu ſeinem Gluͤcke zu beduͤrfen: doch dieſe Stille der Genuͤgſamkeit reiner Empfin⸗ dung ſchwand bald dahin. Durch alle Kunſtgriffe der liſtigen Verfuͤhrungskunſt fachte Arbino die Flamme, die in Olafs Herzen brannte, zur verderb⸗ lichen, gluthvollen Leidenſchaft anz er ſtahl dem Kö⸗ nig das Geheimniß derſelben aus dem noch unent⸗ weihten Herzen, und die furchtbare Gewalt, die wir einer ſtrafbaren Leidenſchaft durch das ausgeſprochene Wort geben, raͤchte ſich auch hier, indem jede Ge⸗ — 179 — ſpräch mit Arbino von und uͤber dieſe Leidenſchaft des Königs ſittliche Kraft verzehrte, und ihn zu ei⸗ nem immer widerſtandloſern Raub der Verfuͤhrung machte. Ernſt mahnend und ſtrafend trat freilich oft des fernen Freundes, trat ſeines Leo Bild vor ihn hin; doch berauſchender und gefährlicher als je⸗ der andere Zaubertrank iſt der der Koͤnigsgewalt und Königsmacht, und auf eine faſt furchtbare Weiſe ſcheidet das Diadem den, der es traͤgt, nur zu leicht von allen reinmenſchlichen Verhaͤltniſſen ab. Auch Olaf ſah jetzt in dem ehemaligen Freund ſei⸗ ner Seele, und dem Bruder ſeines Herzens doch auch den Unterthan, und lieh gern Arbino ſein Ohr, wenn dieſer ſpoͤttiſch fragte, ob der Mann denn der Gunſt ſeines Koͤniges werth ſei, der ihm nicht ein⸗ mal den Beſitz eines Weibes aufzuopfern vermoͤge? Unmoglich fuhr er fort, kann Tönsberg, wenn er wirklich der Held iſt, den mein Koͤnig in ihm ſucht, ein Maͤdchen mehr lieben, als ſeinen Monarchen. Was kann ſolcher Heldenkraft, ſolcher Heldengroße der Beſitz eines Weibes gelten? Wie reichen Erſas fur eine verlorne Blume wird er in dem Kranze — 180 — finden, mit dem ihn die Gunſt Monarchen zu ſchmuͤcken vermag?. Wäahrend daß ſo Bosheit und Verbrechen Leo's Lebensgluͤck zu untergraben ſuchten, kronte der gluͤck⸗ lichſte Erfolg ſeine Unterhandlungen mit dem mäch⸗ tigen Monarchen, zu dem er geſandt war. Ein Friedens- und Freundſchaftsbundniß, das er mit ihm abſchloß, ſicherte Olaf fuͤr ſein Reich die bedeu⸗ tendſten Vortheile, und zum Unterpfand deſſelben bot man dem jungen Konig die Hand einer Tochter ienes Hauſes an. Dieſe Verbindung war zu ehren⸗ voll, und in Hinſicht auf die Schoͤnheit und den Seelenreiz der Prinzeſſin zu wuͤnſchenswerth, um ausgeſchlagen werden zu koͤnnen; Olaf willigte ein, und waͤhrend dieſe Unterhandlung eine Verlaͤngerung von Leo's Aufenthalt an jenem Hofe forderte, zog ſich unerwartet ein Kriegsungewitter zuſammen, das in Folge des geſchloſſenen Buͤndniſſes Olafs Theil⸗ nahme an dem Krieg forderte, zu dem ſich jener Pof gezwungen ſah. Olaf gab ſeinen Truppen Be⸗ fehl, ſich an der Grenze zu ſammeln, und Leo, den er zum Oberbefehlshaber derſelben ernannte, mußte, ohne die Zeit zu einem Beſuch in der Hauptſlabt — 181 — eruͤbrigen zu können, gleich von dem Orte ſeines jetzigen Aufenthaltes weg, zu dem Heere eilen. Dieſen Zeitpunkt, wo Leo fuͤr Olaf in glor⸗ reichen Schlachten kämpfte und blutete, benutzte Ar⸗ bino, um dieſen immer verderblicher mit dem Netz ſeiner Schwaͤche und ſeiner Leidenſchaft zu umweben. Es war nicht mehr ſein Plan, Leo ſtuͤrzen zu wol⸗ len, ſondern Olafs Leidenſchaft fuͤr Olga ſollte ihm jetzt nur noch den Weg bahnen, Leo zur Rache ge⸗ gen Olaf aufzureizen. Der Sohn des Uſurpators konnte es nicht verſchmerzen, ſich ſeine Herrſchaft uͤber ein Reich entriſſen zu ſehen, das er von ſeiner Kindheit an als einen Theil des väterlichen Erbes, als ſein Eigenthum anzuſehen gewohnt war. Ver⸗ rätherei ſollte ihm wieder gewinnen, was das Schwert verloren hatte. Ein ſchlauer Unterhäͤndler ſchlich ſich verkleidet in Olafs Reſidenz und fand Zutritt bei Arbino, der ſich durch das Verſprechen, ihn zum le⸗ benslaͤnglichen Statthalter des Reiches zu ernennen, bald erkaufen ließ. Leicht war es, den Koͤnig aus dem Wege zu raͤumen, ſchwer, das Volk, vorzuͤglich das Heer zu gewinnen; konnte aber Leo in die Verſchwörung gezogen werden, fiel Olaf als ein — 182 — Opfer ſeiner beleidigten Ehre, ſo waren alle Schwie⸗ rigkeiten geebnet, und ein meuchelmoͤrderiſcher Dolch⸗ ſtoß, der dann Leo traf, mußte aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach dem Uſurpator die verlorne Krone blut⸗ und kampflos wieder verſchaffen. Doch nur ein un⸗ verſohnbarer Frevel Olafs konnte feindlich trennend zwiſchen ihn und Leo treten, und darum wurde von dem Laſter Olga's Unſchuld dem Verderben geweiht. Arbino's teufliſche Bosheit verſtand es, die verbre⸗ cheriſche Flamme der Sinnenluſt mächtiger und maͤchtiger anzufachen, und Feſte zu erſinnen und zu bereiten, wo Muſik, Tanz und Vergoͤtterung und die berechnetſte, feinſte Aufteizung der Sinne Olga berauſchten und ſie in die Arme des Koͤnigs lie⸗ ferten. Furchtbar war fuͤr Beide das Erwachen aus dem Herz und Sinne bethoͤrenden Taumel. Laut⸗ los, aber den Tod im Buſen, ſtuͤrzte Olga fort aus Olafs Armen, fur den ſich jetzt der Zaubertrank der Wolluſt in der Reue Gift verwandelte. Er hatte das Verbrechen begangen, ohne es vorher beſtimmt gewollt zu haben, und noch waren in uͤppiger Sinn⸗ — 183 — lichkeit die beſſern Empfindungen ſeiner Seele nicht ſo erſtorben, daß er nicht die elende Nichtigkeit des Genuſſes zu fuͤhlen vermochte, dem er alle edlern Guͤter des Lebens aufgeopfert hatte. An ſeiner Ver⸗ bindung mit der ihm verlobten Prinzeſſin hing das Wohl ſeines Reiches; allein das ritterliche Ehrgefuͤhl des Mannes ſiegte in ihm uͤber alle Ruͤckſichten der Staatskunſt, die dem Koͤnig Pflicht waren, und er ſandte Arbino zu Olga, ihr ſeine Hand anzubieten. Ein Blick der tiefſten Verachtung war ihre Ant⸗ wort. „Kein beſcholtenes Weib,“ ſprach ſie, „darf den Thron meines Vaterlandes beſteigen, und ich habe das Recht, mich ſelbſt achten zu duͤrfen, noch nicht bis zu der Verachtlichkeit verſcherzt, je meinem Verderber die Hand zum Lohn fuͤr ſeine Schandthat zu reichen. Sagt das Eurem König.“ Hlafs Leidenſchaft fuͤr Olga war nicht ganz unbemerkt, nicht unbeobachtet geblieben; Guſtava, die, glͤcklich in dem Ruhme ihres Sohnes und den freudigen Siegesnachrichten, die als ſeine Boten zu ihr kamen, einſam auf Tonsberg lebte, erfuhr aus treuem Warnemunde genug, um ſie wachſam zu machen; ſie eilte nach der Reſidenz, um der Braut ihres Leo und ihrem Pflegeſohn rettend und ſchutzend zur Seite zu ſtehen, ſie kam zu ſpaͤt. Als ſie bei ihrer Ankunft vor dem Hauſe des alten Freiherrn vorfuhr, empfing ſie der Greis mit einem Ernſt und mit einem Schweigen, vor deſſen Duͤſterheit ſie erſchrak. Von ſchaurigen Ahnungen durchbebt, trat ſie in Olga's Zimmer: ein Opfer der Schande, Tod in jedem Zug ihres Angeſichts, in jedem Blick des erloſchenen, truͤbverweinten Auges, dieſe vor ihr nieder⸗ Arbino ſelbſt hatte dem alten Freiherrn die Schmach enthuͤlt, die ſein Haus getroffen hatte. Rache der befleckten Ehre ſeines Stammes, Rache der gemordeten Unſchuld ſchwor der Greis, und Ar⸗ bino verhieß ſie ihm. Den Plan zu ſeinem Ver⸗ rath an Olaf ſchmuͤckte er jetzt mit der gerechten Emporung beleidigter Tugend aus, und enthullte dem Freiherrn die Verſchwörung, als bilde ſie ſich nur, um Olga an ihrem Verderber zu rächen. Löwenſchwerdt's Name und ſein Einfluß zog nun die Mächtigſten des Reichs in dieſen Bund, — 185 — und nur Leo's Ruͤckkunft wurde erwartet, um zur Ausfuͤhrung zu ſchreiten, zu der Alles vorbereitet war. Guſtava's heller und reiner Blick durchſchauete bald das ganze Gewebe der ſchwarzen Bosheit, die Olga's Fall herbeigefuͤhrt hatte, um ſich der durch ihr Verderben empoͤrten Leidenſchaften zu bedienen⸗ den Blick der wahren Vaterlandsfreunde zu truben, und Olaf in der Achtung ſeiner Edlen die Stuͤtzen ſeines Throns zu rauben. Tief und ſtark empfand ſie mit jeder Kraft ihrer hohen Seele Olafs Un⸗ werth und das Ungluͤck ihres Sohnes; allein dieſe Secle war auch faͤhig, ſich, ſobald es das Wohl des Vaterlandes galt, uber jede Ruͤckſicht perſoͤnlichen Gluͤckes und Wehes zu erheben, und gewohnt, ihr Thun und Wollen nur nach Recht und Pflicht, nicht nach Neigung und Gluͤck abzumeſſen, bot ſie auch jetzt, mit der zarteſten Schonung Alles auf, Olga zu troͤſten und aufzurichten. Mit der un⸗ endlichen Kraft des tiefſten, hoffnungsloſeſten Jam⸗ mers ſtrebte dieſe das Band zu zerreißen, das ihren Geiſt an das irdiſche Daſein gefeſſelt hielt, und die Lebensquelle vollends zu untergraben, deren langſam rinnende Tropfen das brechende Herz in ihrer Bruſt — 186 — noch immer nicht zum Verſchmachten des Todes kommen ließen. Der Tod war ja, wie ſie fuͤhlte, der einzige Preis, um den ſie ihre Wiedervereinigung mit Leo erkaufen konnte. Nur der ſterbliche Theil ihres Weſens war ſtrafbar, und wenn gleich hienie⸗ den keine Buße das finſtere Geſpenſt ihrer Schande hinwegzubannen vermochte, das trennend zwiſchen ihm und ihr ſtand, ſo durfte ſie doch hoffen, wieder ſein zu werden, wenn ſie mit dem jungen bluͤhenden Le⸗ ben ihre Schuld und ihre Schwaͤche gebußt hatte. Guſtava aber uͤberzeugte ſie, daß ſie noch leben und Leo wiederſehen miſſe, um ihren Fall zu ſuͤhnen, in⸗ dem ſie ſeiner Hand den Rachedolch entwinde und ihr Vaterland ſchuͤtze, daß er es nicht im gerechten Grimme mit in den Flammenſtrom des Haſſes und des Zornes reiße, den ihr Schickſal uͤber Blaf zu ergießen drohe. Jetzt kam die Nachricht des geſchloſſenen Frie⸗ dens und der Annaͤherung des Heeres, das Leo, auf Arbino's Veranſtaltung nach der Hauptſtadt zu⸗ ruͤckzufuͤhren den Befehl erhielt. Der Koͤnig war ſeit der Ungluͤcksſtunde des begangenen Frevels von — 187 — allen Qualen eines boͤſen Gewiſſens verſtort; jede Siegesnachricht von Leo's Heer hatte wie ein Schre⸗ ckensruf der Rachefurien ſein Herz getroffen. Die Reue, des Freundes Lebensgluͤck ſo unheilbar vergif⸗ tet zu haben, nagte an ſeinem Leben; ſie hatte ſein edles Selbſtgefuͤhl getoͤdtet, ſeinen Muth gebrochen und dagegen in ſeiner Seele Furcht und Argwohn und Zaghaftigkeit erzeugt. Mehr als den Tod ſcheuete er die Ruͤckkehr Leo's, und doch wußte er keinen Vorwand zu finden, dieſe laͤnger verzögern zu konnen. Langſam näherte ſich Leo den Thoren der Re⸗ ſidenz. Duͤſter war es in ſeiner Seele, und ein ſtil⸗ ies Grauen ſchlich auch vurch alle Feſtlichkeiten, die man zu ſeinem und ſeines Heeres Einzug bereitet hatte. Die Freude des Volkes war zu ſtuͤrmiſch, das Willkommen der Edlen zu ernſt, zu bedeutungs⸗ ſchwer, um ihm nicht den Brief ſeiner Mutter, ber auf ſeinem Herzen ruhete, zuruͤckzurufen und ihn zu mahnen, die Kraft ſeiner Seele zu ſammeln, um den Blitz zu beſtehen, der aus dieſer unſichtbaren und doch ſo druͤckend ſchwuͤl empfundenen Wetter⸗ — 188 — wolke ſein Haupt zu treffen drohete. Vergeblich ſuchte ſein Blick unter den zu ſeinem Empfang ver⸗ ſammelten Jungfrauen und Frauen ſeine Braut und ſeine Mutter; ſchwerer und ſchwerer fuͤhlte er ſein ⸗ Blut zum Herzen dringen, und als er jetzt vor der Koͤnigsburg hielt und die Oberſten des Heeres ſich um ihn ſammelten, ihn in den Saal zu geleiten, wo der König auf ſeinem Thron ihrer harrete, war ihm, als ſauſe der Fluͤgelſchlag eines ungeheuern Entſetzens bei ihm voruͤber, und grauſe Todesbilder ſtarrten ihm aus allen Winkeln der koͤniglichen Prunk⸗ gemaͤcher entgegen. Er ſtand vor Olaf. Vergeblich verſuchte die⸗ ſer in der Angſt ſeines Herzens ſeine Verwirrung und die Scham ſeines ſchuldbefleckten Gewiſſens in Königsglanz zu huͤllen; ſie dämmerte durch all den außern Schein hindurch, und dieſer ſank vor Leo's erſtem Blick in ſein eitles Nichts zuruͤck. Das bisherige verſtohlne, räthſelhafte Zulispeln des Ge⸗ ruͤchts wurde in dieſer Minute fuͤr Leo furchtbare Wahrheit. Mit einem Blick des Verderbens ſchied er von dem Koͤnig, und ſein Gefolge entlaſſend, — 189 — ſturmte er zum Freiherrn hin. „Wo iſt Olga?“ rief er ihm beim Eintritt zu. „Kommſt Du, um ſie ſterben zu ſehen?“ antwortete dieſer dumpf und ein⸗ tönig, ohne aufzublicken. „Lowenſchwerdt,“ rief Leo mit gewaltiger Stimme, „von Euch fordre ich Wahrheit: iſt ſie noch werth, mein Weib zu wer⸗ den?“ — Hoch hob ſich die Bruſt des alten Frei⸗ herrn, ſeine Haͤnde ballten ſich, ſein Auge flammte. „Die Antwort muft Du Dir vom Konig holen!“ knirſchte er endlich. Leo's Zunge war unfaͤhig geworden, ſeinem Gefuͤhl Worte zu geben; vergeblich hatten ſeine Ah⸗ nungen ihn auf dieſen Schlag vorbereitet, die Ge⸗ wißheit uͤbermannte ihn mit namenloſem Grauen und Schrecken. Sie allein liebte er mit aller Kraft ſeines Herzens, ihres Gleichen hatte die Welt nicht mehr fuͤr ihn, und ſie war ihm geraubt, und von wem! — Seine Sinne erſtarrten, ſeine Seele er⸗ zitterte, und alle Geiſter der Liebe in ihm wandel⸗ ten ſich zu Geiſtern des Haſſes und des Entſetzens, wenn er ſich dachte, was ſie jetzt war. Rache! Rache! brauſte es, wie Meereswogen, mit Sturm⸗ — 190 — gewalt durch alle Tiefen ſeines Weſens. Der Frei⸗ herr ſah ſeine Blicke, ſah, wie von ſeiner Stirn Tod und Verderben drohten und reichte ihm die Hand. „Wir ſind Männer,“ ſagt er ihm, „und darum bedarf es nicht der Worte zwiſchen uns. Nur Blut kann unſere Ehre wieder rein waſchen, das füͤhlen die Edelſten des Bandes mit unsz komm, ſie erwarten uns.“ Hier fuͤhrte er ihn in das Zim⸗ mer, wo Arbino mit den uͤbrigen Verſchwornen ihrer harrete. Verletzte Freundſchaft, beleidigte Ehre, verfuͤhrte Unſchuld, namenloſer Liebesſchmerz lagen auf der Wage, mit der Leo in dieſer Stunde Olafs Schickſal wog, es wurde beſchloſſen, daß ſchon die Mitternachtsſtunde des folgenden Tages ihm Leben und Krone rauben ſolle. Den furchtbaren Ernſt eines zum Verheeren geſandten Todesengels auf der Stirn und im Auge, trat Leo aus dem Kreiſe der Verſchwornen in das Gemach ſeiner Mutter. Was er an dieſem Tage⸗ erlebt hatte, wob um ſeine Seele eine ſo duͤſtre Nacht, daß kein Strahl der Kindesliebe mehr hin⸗ durch zu dringen vermochte; allein er mufte wiſſen — 191 — ob Olga's Loos ein ſelbſtverſchuldetes und ſie, viel⸗ leicht vom Glanz der Krone geblendet, willig in Olafs Arme geſunken war, und nur die große, heilig wahre Seele ſeiner Mutter wollte er darum befragen. Guſtava's Blick drang durch das em⸗ poͤrte Chaos ſeiner Gedanken und Gefuͤhle in das zertiſſene Herz ihres Sohnes, und ſtatt der Ant⸗ wort auf ſeine Frage, oͤffnete ſie ſchweigend die Thuͤr des Nebenzimmers, und aus ihm hervor ſchwankte Olga, marmorbleich, das ſchoͤne Auge, aus dem ihm ſonſt das reinſte Licht der Schoͤpfung entgegen ſtrahlte, ſchon vom Schleier des Todes um⸗ dunkelt. Ihr Anblick brach ſein Herz; weinend ſtuͤrzte er in die Arme ſeiner Mutter. „Unſchuldig! un⸗ ſchuldig!“ rief er laut zum Himmel empor, „ſo ſtirbt kein ſchuldiges Weib! Im Augenblick der Schuld wäre untergegangen in ihrer Seele „ was dieſe in's Grab zieht! Aber,“ fuhr er furchtbar drohend fort und trat zu Olga, „jede Deiner Thränen ſoll wie Feuer auf ſeinem Herzen brennen, der Wurm, der die Bluͤthe Deines Lebens verzehrt, ſoll giftig an ſeinem Daſein nagen und Deine Seufzer in ſei⸗ ner Seele die Verzweiflung wiederhallen!“ „Rein, Leo,“ hauchte Olga mit jenem Ton, deſſen Gewalt uͤber ſeine Seele von jeher unwider⸗ ſtehlich geweſen war, „er iſt nicht ſo ſtrafbar, ich nicht ſo ſchuldlos, wie Du wähnſtz aber ich bin ungluͤcklich und geſtraft genug, um von Dir den Frieden meiner Sterbeſtunde knieend erflehen zu vuͤrfen. Mit unglavblicher Kraft habe ich mein entfliehendes Leben fuͤr dieſe meine letzte Bitte an Dich feſtgehalten, ſo ſehr ich mich auch ſehnte, es freizugeben; verſage mir nicht Ruhe im Grabe, laß Deine Seelengroße nicht mein Todtenopfer wer⸗ den. Beklage mich, traure um mich, aber keine Rache, Leo, keine Rache, die die Reinheit Deiner Seele entwuͤrdigt. Was wiegt auf der Schale unſter Schickſale mein jetziges tiefes Leid gegen die Verſchuldung, von Dir, auf Koſten Deiner Tugend, geraͤcht zu werden? — Laß Deine Rache die edelſte, die ſchwerſte That Deines Lebens ſein; dann wer⸗ den die Bande meines Lebens ſanft ſich loͤſen, und der Engel des Todes mir die Hoffnung zulaͤcheln, Dich jenſeits wieder mein nennen zu duͤrfen.“ — „ — — — „Meine Olga, mein Weib, mein Alles!“ rief Leo, und zog ſie, die hingebeugt im Staube wei⸗ nend vor ihm lag, an ſein Herz: „o Mutter, Mutter, was habe ich mit ihr verloren!“ „Mehr als die Welt Dir erſetzen kann,“ ant⸗ wortete Guſtava, „aber eben darum darf Deine Tu⸗ gend nie der Kaufpreis Deiner Rache werden. Rufe in dieſer ernſten Stunde die Kraft auf, die ich Dir angeboren und eingeuͤbt habe, und Du wirſt fuͤhlen, wie wenig es Dir geziemt, Dich Verräthern zuzugeſellen und Dein perſoͤnliches Schickſal mit in die Wage zu legen, womit Du das Schickſal Deines Vaterlandes wägen willſt. Höre mich wenigſtens, ehe du handelſt.“ Leo's Genius erwachte. Guſtava entfaltete nun vor ſeinem reinen Blick das Gewebe, welches das Laſter gewebt hatte, ihn zu fangen, damit ſein edler, unbefleckter Name dem Verbrechen zum Schutzbrief dienen ſollte. Sie zeigte ihm in Olaf den Gefallenen, den Ungluͤcklichen, von allen Qua⸗ len der Reue Gemarterten, ſie enthuͤllte ihm die Tarnow's Schriften. I. 9 — 194 — Gefahr des Vaterlandes, indem ſie ſeinen Blick auf die Folgen hinlenkte, die Olafs Sturz nach ſich zie⸗ hen mußte, und ihn daran erinnerte, was die Ge⸗ ſchichte aller Voͤlker lehrt, daß noch nie aus dem giftgeſchwängerten Samen der Verſchwoͤrung das Gluͤck eines Landes erbluͤht iſt; ſie rief in ihm den Helden, den Sohn zur erhabenen Selbſtverlaͤug⸗ nung auf, dem es zieme, in der Gefahr der Retter und der Beſchutzer ſeines rechtmaͤßigen Monarchen zu werden, und Leo kuͤßte auf Olga's bleiche Lip⸗ pen das Geluͤbde, es ſein zu wollen. Göttliche Tugend! Du biſt kein Wahn, kein ſelbſtgeſchaffenes Gebilde des edelſtolzen Menſchen⸗ geiſtes! Die Himmelskraft, die du dem— Menſchen⸗ herzen zu geben vermagſt, iſt die unſterbliche Be⸗ glaubigung deines Urſprungs! In der Mitternachtsſtunde des folgenden Tages ſollten ſich die Haͤupter der Verſchwornen in der Behauſung des Freiherrn einfinden und mit dem Schlage derſelben aufbrechen, jeder zu dem ihm an⸗ gewieſenen Platz. Leo berief die Fuͤhrer des Heeres zu ſich und traf alle Anftalten, die erforderlich wa⸗ ren, den Todesblitz auf die zuruͤck zu ſchleudern⸗ die ihn zu verſenden gedachten. Dann trat er in der Dunkelheit des Abends, tief in ſeinen Mantel verhuͤllt, den Gang an, der nicht uber den Werth und den Gehalt ſeiner That, wohl aber uͤber die Heilſamkeit ihrer Folgen entſcheiden mußte. Ruhelos ging Olaf, allein mit ſeinem Gewiſ⸗ ſen, in ſeinem Gemach umher. Leo's Anblick hatte mit ganz neuer Schaͤrfe alle Stacheln der bitterſten und ſchmerzlichſten Reue in ſein Herz gedruckt; in ſeinem waͤrmſten Lebensblut haͤtte er ſich rein wa⸗ ſchen moͤgen von der Beleidigung des Freundes, der die erſte, die heiligſte Liebe ſeines Herzens, an den er mit allen frommen und ſchoͤnen Regungen des menſchlichen Gemuͤthes ſo unzerreißbar gebun⸗ den war, daß er ihn nicht aufgeben konnte, ohne der Tugend ſelbſt für immer zu entſagen. Da hörte er auf der geheimen, nur ſeinen Allervertrau⸗ teſten zugaͤnglichen Treppe, die in dies einſame Ge⸗ mach fuͤhrte, Männertrittez erſchrocken horchte er auf; die Thuͤr öffnete ſich; Leo ſtand vor ihm. — 85 „Du kommſt, um mich zu toͤdten?“ fragte Olaf leiſe und betaubt, ohne den Blick zu erheben. „In dieſer Frage,“ antwortete Leo ernſt und duͤſter, „liegt das Urtheil Eures Gewiſſens; doch ich komme jetzt 6 nicht, um mit dem Mann zu rechten, der meiner Ehre und meinem Herzen eine entſetzliche Wunde ſchlug; ich ſtehe jetzt, der Sprecher Eures Volkes, vor Euch, dem Koͤnig meines Landes, um die Klagen deſſelben vor Euer Ohr zu bringen. Als Ihr den Thron beſtiegt, empfing Euch die Liebe Eures Volkes; Ihr beſaßet das Vertrauen deſſelben, und die erſten Monate Eurer Regierung rechtfer⸗ tigten glänzend die Hoffnungen, die es von Eurer Gerechtigkeit, Eurer Weisheit und Milde gefaßt hatte. So verließ ich Euch, und wie finde ich Euch wieder! Das Koͤnigsſiegel reinen Männer⸗ werthes ouf Eurer Stirn iſt verſchwunden; die Kraft Eures Willens, Eures Muthes iſt gebrochen, und Ihr ſeid ein Spielzeug feiler Guͤnſtlinge und Verraͤther geworden, die darauf ausgehen, durch Bedruͤckung und Ungerechtigkeit Euch verhaßt und 2 Euer Volk von Euch abwendig zu machen. Die edelſte Jungfrau Eures Landes liegt, ein Opfe — 197 — Eurer Luͤſte, auf dem Sterbebette, ihren Schmerz, ihre Schande haben Männerſeelen in ſich geſogen, mit jedem Gedanken, jeder Empfindung ihres Menſchſeins; und jetzt ſtehe ich hier, Euch zu fra⸗ gen, womit Ihr Euch zu entſchuldigen, zu recht⸗ fertigen vermogt.“ „Mit nichts,“ antwortete Olaf. „Wenn der Menſch die Kraft zum Kampf aufgegeben hat, ſo buͤrdet er gern dem Schickſal ſeine Schwäche und ſeine Niederlage auf; allein ich fuhle nur zu tief, daß dieſe meine Schuld iſt, und kein Dolch ver⸗ mag tiefer in mein Herz zu dringen, als der Dolch der Reue, der es durchbohrt. Ich könnke Dir viel davon erzählen, wie ſie es angefangen haben, die ſchlummernden Leidenſchaften meiner Seele aufzu⸗ reizen; wie ſie mich bethört, verlockt, berauſcht haben, weil ſie nur zu gut wußten, daß ein Mo⸗ narch, der ſich ſelbſt nicht zu beherrſchen vermag, das heilige Recht der Majeſtät und die Fäͤhigkeit, uͤber Andre zu herrſchen, verliert, und wie dann die Schuld mich feig und muthlos machte, und der Gedanke, in Dir den Schutzgeiſt meiner Tu⸗ gend, die Stuͤtze meines Thrones auf nie zu ſuͤh⸗ nende Weiſe beleidigt zu haben, meine Kraft brach; allein der Wurm, der an meiner Seele nagt, ver⸗ leidet mir mein entadeltes Daſein. Komm, laß Dein Schwert das Verſuͤhnungsmittel zwiſchen Dir und mir werden, ich gebe Dir willig mehr noch als Leben und Blut, nur fluche meinem Andenken nicht.“ Ein unnennbares Gefuͤhl ſiegte in dieſem Au⸗ genblick in Lo's Seele uͤber Schmerz und Rache; er fuͤhlte es in ſeine Macht gegeben, den Gefalle⸗ nen wieder aufrichten, ihn frei machen zu können von den unwuͤrdigen Banden der Suͤndenſchmach, damit er als Koͤnig ſuͤhne, was er als Menſch gefehlt hatte. Die Reue des Gefallenen, ſie, die die zuͤrnende Gerechtigkeit des allmächtigen Gottes zu verſuͤhnen und den ſtrafenden Blitz vom Haupte des Verbrechers wegzulenken vermag, ließ auch Leo in Olaf nur noch einen Ungluͤcklichen erblicken, den er zu treu, zu innig geliebt hatte, um ihm jett nicht die Hand zu reichen, damit er ſich aus dem Abgrund hoffnungsloſer Buße erhebe. — 199 — In wenig Worten enthuͤllte er bem Koͤnig die Gefahr, die ihm drohete, und den Plan der Verſchwornen, ihm in der nachſten Stunde ſchon Krone und Leben zu rauben, und zugleich unter⸗ richtete er ihn von den getroffenen Maßregeln zur Sicherheit beider. Die Seelengroße eines erhabenen Menſchen wirkt mit unwiderſtehlicher reinigender und erhebender Wunderkraft auf Herzen, fähig, ſie zu faſſen. Leo's Selbſtverläͤugnung und das weh⸗ muthsvolle Mi das dem Jugendfreund gegen⸗ uͤber in der unvergänglichen Treue echter Bruderliebe unwillkuͤrlich in ſeiner Seele wieder aufging, wur⸗ den fuͤr Olaf zur Weihe eines neuen, durch feſtre Willensmacht, durch Mißtrauen gegen ſich und neu gewonnene Zuverſicht zur Tugend, zum Koͤnigs⸗ recht und zur Königspflicht veredelten Daſeins, und als das ferne leuchtende Siegspanier ſeines Erſtehens von ſo tiefem Fall, glaͤnzte ihm die Hoffnung entgegen, durch das Gluͤck des Vater⸗ landes den Jugendfreund mit ſich verſühnen, ſich ihn wieder gewinnen zu können. Tief bewegt, erhaben uͤber die Erde und das Erdenſchickſal, ging Leo zu dem Pallaſt des alten — 200 — Freiherrn zuruck, deſſen Vorderſeite unerhellt in dunkler Finſterniß da lag, bis auf einen ſchwachen Lichtſchimmer, der ihm aus dem Zimmer entgegen ſtrahlte, wo Olga ſterbend lag. Ihr letzter Lebens⸗ hauch rief ihn mit der unendlichen Sehnſucht der Liebe zu ihr hin. Todtenbleich und in leiſen Zu⸗ ckungen ſchwer aufathmend, lag ſie auf ihrem La⸗ ger; ſeinen Namen auf ihren Lippen, ſuchte ihr er⸗ blindetes Auge nach ihm, und ihre kalte Hand ſtrebte die ſeine zu faſſen. Ernſt ſtand Guſtava neben ihr, groß dem Tode entgegen blickend, deſſen dunkle Schleier ſich tiefer auf Olga herabſenkten. Leo kniete am Sterbebette nieder, ſeine Lippen auf Oiga's Herzen, als wolle er mit dem letzten Schlag deſſelben ihre Seele in ſich ziehen. Es ſchlug Mit⸗ ternacht; Leo horte den dumpfen Schall nicht, den eben hauchte Olga ihren letzten Seufzer aus, da kam ein Bote der Verſchwornen, ihn zur Vollzie⸗ hung ſeiner Rache abzurufen. Langſam erhob er ſich, noch einen Blick, noch einen Kuß auf dieſe bleichen, — — ——— — 201 — nun auf ewig geſchloſſenen Lippen und er ging, das Geluͤbde zu loſen, das ihren entſchwebenden Geiſt zum Himmel geleitet hatte, und das ihn verpflichtete, fur Olafs Tugend und fuͤr das Gluͤck ſeines Vaterlandes zu leben. Weihend und ſeg⸗ nend legte Guſtava, ehe er ſchied, ihre Hand auf das Haupt des ſchwergepruften, ſchmerzgelaͤuterten Sohnes. Kein Blut entweihte die Todesfeier dieſer Nacht. Arbino wurde verbannt, alle Andere be⸗ gnadigt und in Zeit von wenig Jahren Olafs treueſte Freunde; denn uͤber Olga's Grab erbluͤ⸗ hete das Gluͤck des Landes, das Gluͤck des Volkes, deſſen Vater Olaf wurde. Leo's edles Leben blieb ruhm⸗ und ſieggekrönt, doch das Gluͤck ſeines Herzens war mit der gelieb⸗ ten Braut in die Gruft geſenkt. Nie ruhete ein anderes Weib in ſeinen Armen, mit ihm erloſch ————— — 202 — das edle Geſchlecht der Tönsberge, und vom grau⸗ verwitterten Felſen herab mahnen nur noch die Ruinen ſeiner Stammburg an die Heldengroͤße der Söhne, die es einſt dem Vaterlande gab⸗ —— Bel Carl Focke in Leipzig iſt erſchienen und durch jede gute Buchhandlung zu beziehen: Bibliothek biſtoriſcher Romane und Erzaͤhlungen in Originalwerken der vorzuglichſten vaterlaͤndiſchen Schriftſteller, mit Beiträgen von: w. Blumenhagen, K. Halirſch, C. Zerloßſohn, Fr. Laun, Fr. Lohmann, W. v. Luͤdemann, C. Schefer, . Smidt, C. Spindler, K. Storch⸗ A. v. Tromlitz, C. v. Wachsmann u. A. m. Rur das Vorzuͤglichſte, was Deutſchland in dieſem Zweige der Belletriſtik zu bieten vermag, und nur durchaus Neues, fruͤher noch nirgend Gedrucktes wird dieſe „Bibliothet“ ſtets liefern, wofuͤr die allgemein geachteten Namen, die ſie an der Stirn trägt, wohl die hinlaͤnglichſte Buͤrgſchaft geben. Die bis jetzt (October 1829) davon fertigen 9 Bände à 12 ½ Thlr. oder 22 Fl. 30 Kr. rh. enthalten: 1r u. 2r Das Opfer. Ein hiſtoriſch-roman⸗ tiſches Gemaͤlde aus dem 16. Jahrhundert, von A. v. Tromlitz; wobei zugleich zur Nachricht dient: daß zufolge Reſolution der wohlloͤbl. Buͤcher-Commiſſion allhier d. d. 11. Auguſt 1829, dieſer Roman, bei Strafe ſofortiger Confiscation, unter ſieben Jahren! in die jetzt er⸗ ſcheinende Ausgabe von: Tromlitz ſémmt⸗ lichen!! Werken nicht aufgenommen werden darf. 3r u. 4r Die Ruruzzen. Ein hiſtoriſch⸗ romantiſches Gemälde aus der Geſchichte ungarns, von Ludwig Storch⸗ 5r u. 6r Die Foscart. Ein hiſtoriſch-roman⸗ tiſches Gemaͤlde, von W. v. Luͤdemann. Zamburg's Catonen. Eine hiſtoriſche Erzaͤhlung aus dem ſfiebzehnten Jahrhundert, von Heinrich Smidt. Das Schlachtengemaͤlde von Fehr⸗ belkin. Eine hiſtoriſche Novelle, von Demſelben. maria von England. Eine hiſtoriſche Novelle von Fr. Laun⸗ * g14 onenque⸗ OS