— 2 b* — — — — — — = — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 3 ſ Seih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Pibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommeu. 8 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträt für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— — auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 7 — Sämmtliche Werke 1 von Eugene Sur. Deutſch von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. — Die ſieben Todſünden, von Eugéne Sue. Sechste Abtheilung. Der Geiz. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. Drei Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. Die Millionäre. I. Der ſeit vielen Jahren der Charnier des Innv⸗ cens genannte Platz, unfern von den Piliers des Halles gelegen, iſt immer wegen der großen Anzahl von öffentlichen Schreibern bekannt geweſen, welche ihre Buden in dieſem volkreichen Quartiere von Paris errichtet haben. An einem ſchönen Morgen im Monat Mai 186 lief eine junge Perſon von ungefähr achtzehn Jahren, wie eine arme Arbeiterin gekleidet, deren reizendes, ſchwer⸗ müthiges Geſicht eine matte Bläſſe, — einen Refler des Elends, — zeigte, mit nachdenkender Miene auf dem Charnier des Innocens umher. Mehrere Male blieb ſie unentſchloſſen vor einigen Buden öffentlicher Schreiber ſtehen; aber mochten ihr die Einen zu jung ſcheinen, dünkte ihr die Phyſiognomie von Andern zu wenig einladend, oder waren ſie gerade Alle beſchäftigt, ſie ſetzte langſam ihre Nachforſchungen fort. Als ſie indeſſen an der Thüre der letzten Bude einen Greis von einer ehrwürdigen Phyſiognomie voll Sanft⸗ muth und Herzensgüte erblickte, zögerte ſie nicht, in das hölzerne Häuschen einzutreten. „ Seinerſeits betroffen von der rührenden Schönheit der jungen Perſon, von ihrer beſcheidenen Haltung, von ihrer ſchüchternen und traurigen Miene, empfing ſie der Schreiber mit einer väterlichen Freundlichkeit und ließ ſie in die Bude eintreten, deren Thüre er ſchloß; dann zog der, beinahe in Lumpen gekleidete, gute Mann dis⸗ eret den Vorhang zu, hezeichnete ſeiner Clientin durch eine Der Geiz. 1 2 Geberde einen Seſſel und ſetzte ſich in einen alten ledernen Lehnſtuhl. Mariette (dies war der Name des blonden Mäd⸗ chene) ſchlug die Augen nieder, erröthete ungemein und beobachtete einige Minuten ein verlegenes, beinahe pein⸗ liches Stillſchweigen. Eine heftige Aufregung machte ih⸗ ren Buſen unter dem alten grauen Merinoſhawl wogen, den ſie auf ihrem Kleide von verſchoſſenem Kattun trug, während ihre beiden auf ihrem Schooße gekreuzten Hände leicht zitterten. Der Schreiber, der das Mädchen zu beruhigen wünſchte, ſagte liebreich zu Mariette: „Auf, mein Kind, faſſen Sie ſich. Warum dieſe Verlegenheit? Sie wollen mich ohne Zweifel bitten, eine Pelition, ein Geſuch, einen Brief abzufaſſen 2 „Ja, „mein Herr ich komme . „ wegen ei⸗ nes Briefes .“ „Sie können alſo nicht ſchreiben?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Mariette, noch mehr erröthend, denn zu ihrer natürlichen Schüchternheit ge⸗ ſellte ſich die Scham über ihre Unwiſſenheit. Der öffentliche Schreiber, der es bedauerte, ſeine Clientin gedemüthigt zu haben, fuhr mit herzlichem Tone fort: „Armes Kind! halten ſie mich für fähig, Sie we⸗ gen Ihrer Unwiſſenheit zu tadeln?“ „Mein Herr . . 4 „Ah! glauben Sie mir,“ ſprach er innig, „es iſt im Gegentheil Rührung, Mitleid, was ich für die Per⸗ ſonen empfinde, welche, da ſie, wie Sie, keine erſte Bildung haben erlangen können, zu mir kommen müſſen. Arme Geſchöpfe, genöthigt, ſich an einen Dritten zu wen⸗ den, den ſie für ſchwatzhaft, ſpottiſch halten können! Und dennoch müſſen ſie ihn bei ihren geheimſten, theuerſten Gedanken ins Vertrauen ziehen! Das iſt peinlich, nicht wahr?“ 2 N 3 „Oh! ja,“ ſprach Mariette, gerührt von dieſen Worten. „Genothigt zu ſein, ſich an einen Fremden zu wenden, um „ Das junge Mädchen vollendete nicht, errothete aber⸗ mals, und ſeine Augen wurden feucht. Der öffentliche Schreiber fuhr fort, indem er Mariette mit wachſender Theilnahme anſchaute: „Ich wiederhole, beruhigen Sie ſich, mein Kind. Bei mir haben Sie weder Schwatzhaftigkeit, noch Spott zu befürchten; ich habe immer als etwas Rührendes, Hei⸗ liges das Vertrauen betrachtet, das mir die Perſonen ge⸗ währen müſſen, die der Zufall oder das Unglück der Wohlthaten der Erziehung beraubt hat.“ Dann lächelte der Schreiber gutherzig und fügte bei: „Ah! Mademoiſelle, glauben Sie indeſſen nicht, ich ſpreche ſo, um mich auf Koſten meiner Collegen zu rüh⸗ men und ihnen eine Clientin zu entziehen! Nein, nein,“ ſagte er ernſt, „ich ſpreche mit Ihnen, wie ich denke, und in meinem Alter kann man dieſe Prätention wohl geſtehen.“ Immer mehr bewegt von der Sprache des Greiſes, erwieverte ſie: „Ahl ich danke, mein Herr; Sie erleichtern mich um die Hälfte meiner Pein, indem Sie meine Verlegen⸗ heit begreiſen, entſchuldigen. Oh! ja,“ fügte ſie ſeufzend bei, „es iſt ſehr grauſam, weder ſchreiben, noch leſen zu können, aber das hängt, leiver! oft nicht von uns ab.“ „Ei! mein Gott, mein armes Kind, es wird bei Ihnen, ich bin es feſt überzeugt, geweſen ſein, wie bei ſo vielen anderen Mädchen, die ſich an mich wenden; es hat ihnen nicht am guten Willen, zu lernen, gefehlt, ſon⸗ vern am Koönnen. Die Einen, in Abweſenheit ihrer außer dem Hauſe beſchäftigten Eltern genöthigt, von ih⸗ rer Kindheit an ihre kleineren Brüder oder Schweſtern zu hüten, haben nie die Zeit gehabt, um in die Schule gehen; die Andern, ſehr frühzeitig in die Lehre ge⸗ geben „ 4 „Wie ich, mein Herr,“ unterbrach ihn Märiette ſeufzend. „Man hat Sie noch als Kind in die Lehre gegeben?“ „Mit neun Jahren mein Herr, und bis dahin war ich im Hauſe geblieben, um einen kleinen Bruder zu hü⸗ ten, der kurze Zeit vor meinem Vater und meiner Mutter geſtorben iſt.“ „Armes Kind! Ihre Geſchichte iſt ungefähr die von Vielen Ihrer Gefährtinnen, welche in derſelben Lage find, wie Sie. Aber warum haben Sie ſich nicht, als Sie aus der Lehre traten, zu unterrichten geſucht?“ „Die Zeit, mein Herr,“ verſetzte traurig Mariette. „Kaum, wenn ich von meinen Nächten dazu nehme, kann meine Arbeit für mich und meine Pathin genügen.“ „Achl! ja, die Zeit,“ ſprach der Greis; „die Zeit, vas iſt das Brod für die Arbeiter, und zu oft hat man nur die Wahl, entweder Hungers zu ſterben oder in der Unwiſſenheit zu leben.“ Dann fügte er immer mehr theil⸗ nehmend bei: „Sie ſprechen mir von Ihrer Pathin? Sie haben alſo weder mehr Vater, noch Mutter?“ „Nein, mein Herr, ich habe es Ihnen geſagt,“ ant⸗ wortete traurig Mariette; dann fuhr ſie ſeufzend fort: „Doch verzeihen Sie, mein Herr, daß ich Sie ſo viel von Ihrer Zeit verlieren laſſe, ſtatt Ihnen ſogleich zu jager⸗ was für einen Brief ich mir von Ihnen erbitten wi r „Dieſe Zeit konnte ich nicht beſſer anwenden, als wenn ich Sie anhörte, mein Kind, denn ich bin alt, ich habe Erfahrungen, und ich bin überzeugt, daß Sie ein wackeres, würdiges Mädchen find. Kommen wir nun auf Ihren Brief. Wollen Sie mir den Gegenſtand nennen, vamit ich ihn abfaſſe? Oder wollen Sie mir ihn lieber dictiren?“ „Ich will ihn lieber dictiren.“ — „Ich bin bereit,“ erwiederte der Greis. Und er ſetzte ſich an ſeinem Schreibtiſch zurecht, und neigte ſeinen 5 Kopf auf das Papier, um die Verlegenheit des Mädchens nicht zu vermehren. Nachdem ſie einen Augenblick gezögert, fing ſie an mit leiſem Weinen und mit niedergeſchlagenen Augen zu dictiren: „Herr Louis „. Beim Namen Louis machte der Greis eine leichte Bewegung des Erſtaunens, welche Mariette nicht be⸗ merkte; ſie wiederholte mit einer etwas bewegten Stimme: „Herr Louis „ „Das iſt geſchrieben,“ ſagte der Greis, immer ohne Mariette anzuſchauen. Sie fuhr zuweilen ſich unterbrechend und zögernd fort, denn es war leicht zu errathen, daß ſie trotz ihres Vertrauens zu dem Greiſe dieſem nicht ihren ganzen Ge⸗ danken preisgab: 3 „Ich bin ſehr traurig, ich habe noch keine Nachricht von Ihnen erhalten. Sie verſprachen mir doch, mir wäh⸗ rend Ihrer Reiſe zu ſchreiben, Herr Louis.“ „Während Ihrer Reiſe,“ wiederholte der Greis, deſ⸗ ſen Geſicht plötzlich nachdenkend geworden war, und der mit einer unbeſtimmten Bangigkeit zu ſich ſelbſt ſagte: „Das iſt ein ſonderbares Zuſammentreffen; er heißt Louis, und er iſt abweſend.“ Mariette dietirte weiter: „Ich hoffe, Herr Louis, daß Sie ſich wohl befinden, und daß nicht Krankheit die Urſache iſt, warum Sie mir noch nicht geſchrieben haben, denn das wären für mich zwei Betrübniſſe ſtatt eines. s iſt heute der 6. Mai, Herr Louis, der ſechste Mal. Ich wollte auch dieſen Tag nicht vorübergehen laſſen, ohne zu machen, daß Sie ſich meiner erinnern. Sie haben vielleicht denſelben Gedanken gehabt, und übermorgen empfange ich einen Brief von Ihnen, wie Sie dieſen von mir empfangen werden. Dann wäre es weder aus Vergeſſenheit, noch aus Krankheit, daß Sie mir zu 6 ſchreiben ſo lange gezögert hätten. Wie glücklich wäre ich! Ich werde auch bis übermorgen mit großer Unge⸗ duld warten. Möge es Gottes Wille ſein, daß fie nicht getäuſcht wird, Herr Louis.“ Mariette, während ſie dieſe letzten Worte dietirte, unterdrückte einen Seufzer. Eine Thräne rollte auf ihre Wangen, ſie unterbrach ſich einige Augenblicke. Die Züge des immer auf ſeinen Tiſch gebeugten öf⸗ fentlichen Schreibers waren unſichtbar für das Mädchen und nahmen einen mehr und mehr aufmerkſamen und ernſt beſorgten Ausdruck an; zwei oder dreimal verſuchte er es, während er ſchrieb, auf ſeine Clientin einen betrüb⸗ ten und forſchenden Blick zu werfen. Es war leicht zu errathen, daß auf die rührende Theilnahme, welche er Anfangs unwillkürlich für Ma⸗ riette gefühlt, eine Art von Abneigung, verurſacht durch ernſte Befürchtungen, folgte. Die junge Arbeiterin fuhr fort zu dictiren, während ſie ihre Augen niedergeſchlagen hielt: „Ich habe Ihnen nichts Neues mitzutheilen, Herr Louis; meine Pathin iſt immer ſehr krank, ihre Leiden verſchlimmern ſich; das erbittert noch ihren Charakter. Um ſie ſo wenig als möglich zu verlaſſen, arbeite ich nun bei uns, ſtatt zu Madame Jourdan zu gehen. Die Tage ſcheinen mir auch lang und traurig, denn die Ar⸗ beit gemeinſchaftlich gemacht, in dem Geſchäftslokal, mit meinen Gefährtinnen war beinahe ein Vergnügen und ging viel ſchneller; ich bin auch genöthigt, ſehr lange aufzubleiben, und ich ſchlafe nicht viel, denn beſonders bei Nacht leidet meine Pathin heftiger und bevarf meiner mehr. Zuweilen wache ich auch nicht ſogleich auf, wenn ſie mich weckt, denn häuſig iſt der Schlaf ſtärker als ich; dann ſchilt ſie mich ein wenig, und das iſt ganz natürlich, denn ſie leidet. „Damit ſage ich Ihnen, Herr Louis, daß ich, wie immer, nicht ſehr glücklich zu Hauſe bin, und daß ein 7 Wort der Freundſchaft von Ihnen mir ſehr wohl thun würde. Es würde mich tröſten über ſo viele traurige Dinge. 3 Sie wohl, Herr Louis, ich zählte auf Au⸗ guſtine, um Ihnen zu ſchreiben, doch ſie iſt in ihre Hei⸗ math gegangen, und ich bin genöthigt geweſen, mich an eine andere Perſon zu wenden, der ich dieſen Brief dictirt habe. Oh! Herr Louis, nie habe ich mich mehr als in dieſem Augenblick betrübt darüber gefühlt, daß ich weder leſen, noch ſchreiben kann. Noch einmal Gott befohlen, Herr Louis, ich bitte Sie, denken Sie an mich, denn ich, ich denke immer an Sie. „Ich grüße mit ganzer Freundſchaft.“ Als das Mädchen nach dieſen letzten Worten ſchwieg, wandte ſich der Greis um, ſchlug die Augen zu Mariette auf und ſagte zu ihr: „Iſt das Alles, mein Kind?“ „Ja, mein Herr.“ „Und mit welchem Namen ſoll ich den Brief unter⸗ zeichnen?“ „Mit dem Namen Mariette, mein Herr.“ „Nur Mariette?“ „Mariette Moreau, wenn Sie wollen, mein Herr, das iſt mein Familienname.“ „Unterzeichnet: Mariette Moreau“ ſagte der Greis, während er dieſe Namen ſchrieb. Dann, nachdem er den Brief zuſammengelegt, fragte er, die geheime Bangigkeit verhehlend, mit der er die Antwort des Mädchens erwartete: „Und an wen ſoll ich dieſen Brief adreſſiren, mein Kind?“ „An Herrn Louis Richard in Dreur, poste restante.“ „Es iſt kein Zweifel,“ ſagte der Greis zu ſich ſelbſi, 8 indem er ſich anſchickte, auf den Brief die Adreffe zu ſchreiben, die ihm Mariette dietirt hatte. Wäre die junge Arbeiterin nicht ſelbſt ſo ſehr be⸗ fangen geweſen, ſo würde ſie ohne Zweifel den gezwun⸗ genen Ausdruck bemerkt haben, der ſeit einigen Augen⸗ blicken in der Phyſiognomie des Schreibers ſichtbar wurde und noch härter hervortrat, als er ſich des Namens von demjenigen verſichert hatte, für welchen dieſer treuherzige Brief beſtimmt war. Verſtohlen einen erzürnten Blick auf Mariette werfend, ſchien er ſich nicht entſchließen zu können, die Adreſſe zu ſchreiben, die ſie ihm dietirt hatte, denn nachdem er auf den Umſchlag nur die Worte ge⸗ ſetzt: „An Herrn, Herrn . . . ließ er ſeine Feder fallen und ſägte zu der Arbeiterin, während er mit ſeiner gewöhnlichen Gutmüthigkeit zu lächeln ſuchte, um ſeinen Groll und ſeine Befürchtung zu verbergen: „Hören Sie, mein Kind, obgleich dies das erſte Mal iſt, daß wir uns ſehen, ſcheint es mir doch, daß Sie ſchon einiges Vertrauen zu mir haben.“ „Das iſt wahr, mein Herr ehe ich hierher kam, befürchtete ich, nicht den Muth zu beſitzen, meinen Brief Jemand zu dictiren, den ich nicht kennete; aber Sie ha⸗ ben mich auf eine ſo gute Art empfangen, daß ich bei⸗ nahe nicht mehr verlegen geweſen bin. „Verlegen, warum, mein Kind? Wäre ich Ihr Va⸗ ter, ſo fände ich nicht ein Wort gegen den Brief einzu⸗ wenden, den Sie an an Herrn Louis „ſchreiben, und wenn ich nicht das Vertrauen, das Sie, wie Sie ſagen, zu mir haben, zu mißbrauchen befürchten müßte .. ſo würde ich Sie fragen „ doch nein „das wäre zu unbeſcheiden.“ „Was würden Sie mich fragen, mein Herr?“ „Wer Herr Louis Richard ſei?“ „Mein Gott! vas iſt kein Geheimniß! Herr Louis Richard iſt Notarsſchreiber. Die Schreibſtube, in der er verwendet wird, befindet ſich in demſelben Hauſe, in wel⸗ 9 chem das Local iſt, wo ich arbeitete; ſo haben wir uns heute vor einem Jahr am 6. Mai kennen lernen.“ „Ah! ich begreife nun, warum Sie einen beſonderen Werth auf das Datum Ihres Briefes legten: das iſt der Jahrestag Ihrer Bekanntſchaft 2“ „Ja, mein Herr.“ „Und Sie lieben ſich? Oh! erröthen Sie nicht, mein Kind. Sie warten ohne Zweifel auf den Augen⸗ blick, um ſich zu heirathen?“ „Ja, mein Herr.“ „Und die Familie von Herrn Louis gibt ihre Ein⸗ willigung zu dieſer Heirath2“ „Herr Louis hat nur noch ſeinen Vater, und wir hoffen, daß er ſeine Einwilligung nicht verweigern wird.“ der Vater von Herrn Louis, was für ein Mann i es . „Der Beſte der Väter, wie mir Herr Louis geſagt hat, ein Mann, der ſeine Dürftigkeit mit großem Muthe erträgt, obgleich er einſt wohlhabend geweſen iſt; doch zu dieſer Stunde ſind Herr Louis und ſein Vater ſo arm, als wir Beide, ich und meine Pathin. Das gewährt uns Hoffnung für unſere Heirath. Unter armen Leuten kann es keine Schwierigkeiten geben.“ „Und Ihre Pathin, mein Kind, ſcheint Ihnen Ihr Leben nicht ſehr glücklich zu machen 2“ „Was wollen Sie, mein Herr, es iſt ſo natürlich, üb⸗ ler Laune zu ſein, wenn man beinahe ohne die geringſte Unterbrechung leidet und immer nur Unglück in ſeinem Leben gehabt hat!“ „Ihre Pathin iſt alſo kränklich?“ „Sie hat die Hand verloren und leidet an einer Bruſtkrankheit, die ſie ſeit mehr als einem Jahre im Bette hält.“ „Die Hand verloren ? und wie?“ „Sie war Wollkkratzerin, mein Herr, und hat ſich beim Geſchäft mit ihrer hakenformigen Nadel in die Hand 10 geſtochen. Der Stich hat ſich in Ermangelung an Für⸗ ſorge verſchlimmert, denn meine Pathin hatte nicht die Zeit, ſich pflegen zu laſſen, und man war genöthigt, ihr den Arm abzunehmen. Von Zeit zu Zeit öffnet ſich die Wunde und iſt dann ſehr ſchmerzlich für ſie.“ „Arme Frau!“ ſagte der Greis mit zerſtreuter Miene. „Was die Bruſtkrankheit meiner Pathin betrifft,“ fuhr Mariette fort, „viele Wollkratzerinnen ſind damit behaftet wie ſie, ſagt der Arzt, weil ſie unabläßig den ungeſun⸗ den Staub einathmen, der aus der Wolle kommt, die ſie klopfen. Meine Pathin iſt wie entzwei gebogen, und bei⸗ nahe jede Nacht hat ſie ſo ſchmerzliche Huſtenanfälle, daß ich ſie oft mehrere Stunden in meinen Armen halten muß.“ „Alſo Ihre Arbeit allein gibt Ihrer Pathin den Le⸗ bensunterhalt?“ „Das iſt ganz einfach, mein Herr, ſie kann nichts mehr verdienen.“ „Dieſe Aufopferung von Ihrer Seite iſt edelmüthig.“ „Ich thue, was meine Schuldigkeit iſt; meine Pathin hat mich nach dem Tode meiner Eltern bei ſich aufge⸗ nommen und drei Jahre Lehre für mich bezahlt. Ohne ſie verſtünde ich das Gewerbe nicht, von dem ich lebez iſt es nicht billig, daß ſie nun aus dem Beiſtand, den ſie mir einſt gewährt, Rutzen zieht?“ „Und um die Bedürfniſſe Ihrer Pathin und die Ih⸗ rigen zu beſtreiten, arbeiten Sie ohne Zweifel viel?“ „So viel ich kann, mein Herr, fünfzehn bis achtzehn Stunden im Tag.“ „Und bei Nacht wachen Sie bei Ihrer Pathin, ſtatt ſich die nöthige Ruhe zu gönnen?“ „Wer würde bei ihr wachen, wenn ich es nicht thäte, mein Herr?“ „Warum hat ſie aber nicht in ein Hoſpital zu kom⸗ men geſucht?“ „Der Arzt hat geſagt, man würde ſie nicht in einem 1¹ Hoſpital behalten, weil ihre Bruſtkrankheit unheilbar ſei. Und dann weiß ich auch nicht, ob ich den Muth gehabt hätte, ſie ſo zu verlaſſen.“ „Ah! mein Kind, ich täuſchte mich nicht. Sie ſind ein wackeres und würdiges Mädchen,“ ſprach der Greis, Mariette ſeine Hand reichend. Bei dieſer Bewegung ließ der öffentliche Schreiber, geſchah es abſichtlich, geſchah es aus Ungeſchicklichkeit, auf ſeinen Tiſch ſein Tintenfaß fallen, ſo daß ſich die Tinte auf den Brief ergoß, dem nur noch die Adreſſe ehlte. „Ah! mein Gott! welches Unglück!“ rief Mariette, „der Brief iſt ganz voll Tinte, mein Herr.“ „Wie ungeſchickt bin ich!“ ſagte der Greis mit är⸗ gerlicher Miene. „Doch das iſt nur ein halbes Uebel, der Brief iſt nicht groß. Ich ſchreibe ſchnell, und ich bitte nur um zehn Minuten, um ihn zu copiren, mein Kind; zugleich werde ich ihn laut leſen, und Sie können auf dieſe Art ſehen, ob Sie etwas daran zu ändern oder bei⸗ zufügen finden.“ „Mein Gott, entſchuldigen Sie, daß ich Ihnen ſo viel Mühe mache.“ „Oh! das iſt rein meine Schuld,“ verſetzte der Greis. Und er fing an mit lauter Stimme zu leſen, indeß er ſchrieb, und als ob er copirt hätte, wie er in dieſer Leſung vorrückte. 8 Während er ſich dieſer neuen Arbeit hingab, kam ein heftiger innerer Kampf in den Zügen des oͤffentlichen Schreibers zum Vorſchein: balv ſeufzte er mit einer zu⸗ friedenen, zwangloſen Miene, bald ſchien er im Gegen⸗ theil betreten, verlegen, und er vermied es dann, mit ſei⸗ nen Augen auf dem unſchuldigen Geſichte von Mariette zu verweilen. Mit den Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt, ihre Stirn in ihre Hand gelegt, folgte dieſe mit einem ſchwermüthigen und neidiſchen Blicke der raſchen Feder des Greiſes und den Buchſtaben, die er ſchrieb, — für ſie unent⸗ 12 zifferliche Buchſtaben, die jedoch, wie ſie ſagte, ihre Ge⸗ danken demjenigen, welchen fie liebte, überbringen ſollten. Da die junge Arbeiterin nichts an ihrem treuherzigeu Briefe wegzulaſſen oder beizufügen gewußt hatte, ſo über⸗ gab ihr denſelben der öffentliche Schreiber, nachdem er ihn ſorgfältig verfiegelt hatte. „Mein Herr,“ fragte ſchüchtern die junge Arbeiterin, während ſie aus ihrer Taſche eine kleine Börſe zog, welche zwei Zehnſousſtücke und einige Sous enthielt, „was bin ich Ihnen ſchuldig?“ „Fünfzig Centimes,“ antwortete der Greis, nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, denn er bedachte, die Arbeiterin gebe vielleicht um den Preis ihres Brodverdien⸗ ſtes vom Tage ihrem Geliebten Nachricht von ſich. „Fünf⸗ zig Centimes,“ wiederholte der Schreiber, „und wohlver⸗ ſtanden, ich laſſe Sie nur einen von den zwei Briefen, die ich geſchrieben, bezahlen. Ich bin allein verantwort⸗ lich für meine Ungeſchicklichkeit.⸗ „Das iſt ſehr bieder, mein Herr,“ ſagte Mariette, ge⸗ rührt von dem, was ſie als einen Beweis von der Groß⸗ muth des Schreibers betrachtete; dann, nachdem ſie ihren Brief bezahlt hatte, fügte ſie bei: „Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, mein Herr, daß ich Sie noch um einen Dienſt zu bitten wage.“ „Sprechen Sie, mein Kind.“ „Hätte ich andere Briefe ſchreiben zu laſſen, ſo wäre es mir nun beinahe unmöglich, mich an einen Andern als an Sie zu wenden, mein Herr.“ „Ich werde zu Ihren Dienſten ſein.“ „Das iſt noch nicht Alles, mein Herr, meine Pathin iſt wie ich: ſie kann weder leſen, noch ſchreiben. Ich hatte eine Freundin, der ich mich anvertraute; doch ſie iſt ab⸗ weſend. Wollten Sie ſich⸗ im Falle, daß ich einen Brief von Herrn Louis bekäme, die Mühe nehmen, ihn mir vor⸗ e 2 Ich würde Ihnen ſogleich meine Antwort dic⸗ tiren. 1³ „Gewiß, mein Kind, ich werde Ihre Briefe leſen; bringen Sie mir alle,“ antwortete der Greis, ſeine Freude verbergend. „Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir bezeigen. Auf baldiges Wiederſehen. Ohl ich hoffe, Sie gehen weniger verlegen, als Sie eingetreten, von hier weg.“ „Ich erwartete auch nicht, ſo viel Güte bei Ihnen zu finden, mein Herr.“ „Leben Sie wohl, mein Kind, gewöhnen Sie ſich daran, mich als Ihren Vorleſer und Ihren Geheimſchrei⸗ ber zu betrachten. Sollte man nun nicht glauben, wir kennen uns ſeit zehn Jahren?“ „Das iſt wahr, mein Herr. Auf Wiederſehen.“ „Auf Wiederſehen, mein Kind.“ Mariette war kaum aus der Bude des öffentlichen Schreibers getreten, als ein Briefträger die Thüre auf⸗ machte und mit vertraulichem Ton zu dem Greiſe ſagte: „Hier, Vater Richard, hier iſt ein Brief für Sie von Dreur. Ich habe ſo nicht die Mühe, ihn bis in Ihr Haus, in der Rue de Grenelle, zu tragen, und Sie be⸗ kommen ihn früher.“ „Ein Brief von Dreur!“ verſetzte lebhaft der Schrei⸗ ber, während er den Brief nahm. „Ich danke, mein Junge.“ Dann ſprach er zu ſich ſelbſt, indem er die Handſchrift betrachtete: „Der iſt von Ramon; was wird er mir mittheilen? was denkt er von meinem Sohne Ah! was ſoll nun aus den ſchon ſeit langer Zeit zwiſchen mir und Ramon entworfenen Plänen werden?“ „Vater Richard, ſechs Sous,“ ſagte der Briefträger, den Greis ſeinen Träumen entziehend. „Sechs Sous?“ rief lebhaft der Greis. „Teufell er iſt alſo nicht frei gemacht?“ „Sehen Sie den Stempel an, Vater Richard.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte ſeufzend der Greis; und er zog mit Bedauern aus ſeiner Taſche das Zehnſousſtück, vas er kurz zuvor empfangen hatte, und übergab es dem Briefträger. Während vies vorfiel, war Mariette eiligſt nach Hauſe zurückgekehrt. I. Mariette, nachdem ſie den Charnier des Innocens verlaſſen hatte, kam pald in die traurige und düſtere Straße genannt Rue des Prstres⸗Saint⸗Germain⸗PAurer⸗ rois und trat in eines der letzten Häuſer ein, welche den ſchwarzen Mauern der Kirche gegenüber ſtehen. Nachdem ſie einen dunkeln Gang durchſchritten hatte, fing Mariette an eine verfallene Treppe zu erſteigen, weiche nicht min⸗ ver dunkel war als der Gang, denn ſie empfing ihr Licht nur durch einen Hof, der ſo eng, vaß er einem viereckigen Brunnen glich. Die Loge der Portiére lag einige Stufen vom Ruhe⸗ platz des erſten Stocks; das Mädchen blieb vor dieſer Loge ſtehen und ſagte zu einer Frau, die ſich darin be⸗ fand: „Frau Juſtin, haben Sie die Güte gehabt, zu meiner Pathin hinaufzugehen und nachzuſehen, ob ſie nichts be⸗ durfte?“ „Ja, Mamſelle Matiette, ich habe ihr Milch ge⸗ bracht, aber ſie war von einer ſo vermaledeiten Laune, vaß ſie mich empfing wie einen Hund. Wäre es nicht Ihretwegen geweſen, ſo würde ich ihr wohl die Trägheits⸗ ſünde ausgetrieben haben.“ „Ach! Frau Juſtin, man muß Mitleid mit ihr ha⸗ benz ſie leidet ſo ſehr!“ „So iſt es, Sie entſchuldigen ſie immer, Sie, die Sie ihr Marterholz ſind, Mamſelle Mariette; das 15 zgt von Ihrem guten Herzen; doch Ihre Pathin iſt dar⸗ m nichtsdeſtoweniger ſchlimm wie eine Heimtückiſche. lrmes Mädchen! man darf es wohl ſagen, Sie machen zhr Fegefeuer zum Voraus durch, und wenn es kein Pa⸗ adies gäbe, ſo wären Sie beſtohlen!“ ſi Tag, Frau Juſtin, ich gehe raſch zu uns inauf.“ „Warten Sie doch einen Augenblick, ich habe da einen Brief für Sie.“ „Einen Brief?“ rief Mariette, welche purpurroth purde und ihr Herz vor Freude und Hoffnung ſchlagen ühlte. „Einen Brief aus der Provinz?“ „Ja, Mamſelle, er iſt von Dreux geſtempelt und koſtet ſechs Sous. Hier iſt er. Auf der Ecke des Unſchlags ſteht: ſehr preſſant.“ Mariette nahm raſch den Brief und ſteckte ihn in ihren Buſen; dann zog ſie ihre kleine Börſe, holte das letzte Zehnſousſtück heraus, das ſich darin fand, und be⸗ zahlte die Portiére, die ihr ihren Schlüſſel gab. Die junge Perſon ſtieg raſch in ihre Wohnung hin⸗ auf, zugleich gluͤcklich, traurig und ängſtlich; glücklich, einen Brief von Louis erhalten zu haben, ängſtlich wegen der Bedeutung der Worte: ſehr preſſant, die, wie die Portiére geſagt hatte, auf einer Ecke des Umſchlags ſtan⸗ den; traurig endlich, weil ſie vielleicht mehrere Stunden würde warten müſſen, ehe ſie erführe, was ihr Louis ſchrieb, denn ſie hatte bange, abermals abweſend zu ſein, nachdem ſie ihre Pathin ſo lange allein gelaſſen. Mariette erreichte endlich den fünften Stock dieſes verfallenen, traurigen Hauſes, welches beſtändig durch das mit Unrath gefüllte Waſſer verpeſtet wurde, vas ſich in den an jedem Ruheplatze angebrachten bleiernen Rinnen ſammelte. Mit gewaltigem Herzklopfen öffnete ſie die Thüre der armſeligen getäfelten Stube, die ſie mit ihrer Pathin bewohnte. Dieſe lag in dem einzigen Bett, das die zwei Frauen beſaßen. Eine ſchmale, nun in einer Ecke aufgervllte, —— 16 des Nachts auf dem Boden ausgebreitete Matraze diente als Lager für Mariette; ein Arbeitstiſch, eine alte Com⸗ mode, zwei Stühle, einiges über dem Kamine hängendes Haushaltungsgeräthe, dies war die Ausſtattung der, in⸗ deſſen äußerſt reinlichen, Wohnung, welche nur ſpärlich vurch ein kleines Fenſter vom düſtern, übel riechenden Hofe aus erleuchtet wurde. Frau Lacombe (ſo hieß die Kranke) war ein großes Weib von ungefähr fünfzig Jahren, von einer entſetzlichen Magerkeit und Bläſſe, mit einem unangenehmen, harten Geſicht; ein bitteres, höhniſches Lächeln, verurſacht durch die fortwährenden widrigen Empfindungen des Schmerzes, zog unabläßig ihre bleichen Lippen zuſammen; beinahe ent⸗ zwei gebogen in ihrem Bette, ſah man von ihr außerhalb nun ihren mit Leinwand umwickelten, verſtümmelten Arm und ihr gallſüchtiges Geſicht, das eine alte Haube umſchloß, aus der ſtellenweiſe lange, graue Haare herporſtanden, Frau Lacombe ſchien gerade leidend und zornig; ihre hohlen Augen glänzten von einem düſtern Feuer. Sie ſtrengte ſich an, ſich umzudrehen, damit ſie Mariette beſſer ſehen könnte, und rief mit drohender Stimme: „Woher kommſt Du?“ „Meine Pathin, ich „ „Straßenläuferin!. . Du läſſeſt mich abſichtlich allein, um mich raſend zu machen, nicht wahr?“ „Ich bin kaum eine Stunde ausgeblieben, meine Pathin.“ „Und Du hoffteſt, mich todt vor Wuth bei Deiner Rückkehr zu finden, wie?“ „Ohi mein Gott, mein Gott!“ „Ja, immerzu! weinerliches Ding. Ich laſſe mich nicht hintergehen. Du biſt meiner überdrüſſig! Der Tag, an welchem man meinen Sarg zunagelt, wird ein Feſttag für Dich ſein und auch für mich, denn das heißt zu viel ausſtehen! Nein,“ fügte dieſe Unglückliche bei, indem ſie mit der Hand nach ihrer Bruſt fuhr und einen 17 langen, ſchmerzlichen Seufzer ausſtieß, „Tod und Leiden Chriſti!! Das heißt zu viel ausſtehen.“ Mariette trocknete die Thränen, die ihr die höhniſchen, harten Schmähungen der Kranken entriſſen, näherte ſich ihr und ſagte mit einem Ausdruck von Engelsſanftmuth: „Ihre letzte Nacht war ſo ſchlecht geweſen, daß ich hoffte, der Tag würde gut ſeyn, und Sie würden dieſen Morgen während meiner Abweſenheit ein wenig geſchlafen haben.“ „Ob ich Schmerzen habe oder umkomme, was macht das Dir, wenn Du nur auf den Straßen herumlaufen kannſt!“ „Ich bin dieſen Morgen ein wenig ausgegangen, weil das nothwendig war, meine Pathin, doch als ich wegging, bat ich Frau Juſtin „4 „Ich würde lieber den Tod ſehen, als dieſe Crea⸗ tür Du ſchickſt ſie mir auch, wann Du nur immer kannſt „ en⸗ lächelte mit einer ſchmerzlichen Bitterkeit, erwiederte nichts auf dieſen neuen rohen Spott und ſagte nur mit mildem Tone: „Meine Pathin, ſoll ich Ihren Arm verbinden?“ „Nein, die Stunde iſt vorüber; Du haſt es mit Fleiß gethan.“ „Es thut mir leid, wenn ich im Verzug geweſen bin, doch erlauben Sie mir immerhin, Sie zu verbinden.“ „Laß mich in Ruhe.“ „Aber, meine Pathin, die Wunde wird ſich verſchlim⸗ mern.“ „Das willſt Du ja.“ „Meine Pathin, ich bitte Sie!“ „Komm nicht in meine Nähe.“ „Ich werde warten,“ ſprach ſeufzend das Mädchen; dann fügte es bei: „ich hatte Frau Juſtin beauftragt⸗ Ihre Milch heraufzubringen; hier iſt ſie. Soll ich ſie warm machen?“ Der Geiz. 2 18 „Milch, immer Milch! es wird mir übel davon. Der Arzt befahl, mir kräftige Bouillon, gemacht von gutem Fleiſch und einer halben Henne, zu geben ... Ahl ja wohl, ich habe bekommen . Montag und Dienſtag, und dann nichts mehr . und nun iſt es Sonntag.“ „Meine Pathin, das iſt nicht mein Fehler, — der Arzt Perordnet ) Doch man muß das Geld finden, um ſeine Verordnungen zu befolgen, und ich verdiene Lenwärtig nur mit großer Muhe zwanzig Sous im age. *) In Betreff der Verordnungen der Aerzte, die zu⸗ weilen (obgleich unerläßlich) durchaus nicht mit den Mitteln der Kranken im Cinklang ſtehen, haben wir die folgende aufbewahrt, welche einer armen Frau auf dem Lande gemacht worden iſt; ſie war Witwe, und wenn ſie jeden Tag in den Wald und auf die Heide ging, konnte ſie kaum, in Betracht ihrer Schwäche (verurſacht durch eine allmälige Zerſetzung des Blutes), fünf bis ſechs Sous im Tag verdienen. Die Verordnung lautet: „Jeden Morgen, nüchtern, einen Löffel voll Seguin⸗ Wein (die Flaſche zu 12 Fr.) nehmen. „Zum Frühſtück zwei weich geſottene Eier und eine geröſtete Cotelette. „Um zwei Uhr eine gute Fleiſchbrühe nehmen. „Zum Mittagseſſen eine fette Suppe, eine Schnitte geröſtetes Ochſenfleiſch und Gemüſe. „Bei jedem Mahl ein Glas reinen alten Wein trinken. „Sich beſonders vor der Kälte und der Feuchtigkeit bewahren; jeden Tag mäßige Bewegung.“ Dieſe Verordnung, welche man für einen grau⸗ ſamen Hohn anſehen könnte, enthielt indeſſen nur die unerläßlichenVorſchriften, bei deren Nichtbeob⸗ achtung das arme Geſchöpf in einer gegebenen und nahen Zeit ſterben mußte. E. S. 19 „Du nimmſt es nicht ſo genau mit Deinen Aus⸗ gaben, wenn ſie Deinen Putz betreffen.“ Mariette ſchüttelte traurig den Kopf und antwortete mit einer rührenden Reſignation: „Ich habe, wie Sie geſehen, den Winter mit dieſem Kattunkleide durchgemacht, meine Pathin. Ich ſpare, ſo viel ich kann, und wir ſind zwei Termine ſchuldig.“ „Damit willſt Du ſagen, ich ſei Dir zur Laſt, nicht wahr? Das iſt Dein Dank! Und ich habe Dich von der Straße aufgeleſen und Dein Gewerbe lernen laſſen! Fort... Undankbare . ſchlechtes Herz!“ „Nein, meine Pathin, ich bin nicht undankbar! Wenn Sie weniger leiden, laſſen Sie mir mehr Gerechtigkeit widerfahren,“ erwiederte Mariette, ihre Thränen zurück⸗ drängend. „Doch ich bitte Sie, bleiben Sie nicht ſo, ohne etwas zu ſich zu nehmen, das wird Ihnen ſchlecht bekommen.“ „Ich weiß es wohl, ich habe Magenkrämpfe, um es nicht mehr auszuhalten.“ „Sie ſehen. Ich bitte Sie, nehmen Sie Ihre Milch, meine Pathin.“ „Geh' zum Teufel mit Deiner Milch, Du machſt mich ungeduldig.“ ich Ihnen zwei weichgeſottene Eier holen?“ „Nein.“ „Soll ich Ihnen ein wenig Reis in Butter kochen laſſen?“ „Ich will Huhn.“ „Meine Pathin, ich kann nicht.“ „Was kannſt Du nicht?“ „Ich kann kein Huhn auf Credit nehmen.“ „Ich werde genug mit einem halben Huhn oder einem Viertel haben. Du hatteſt dieſen Morgen ſiebenundzwan⸗ zig Sous in Deiner Börſe.“ „Das iſt wahr, meine Pathin.“ „Dann kaufe mir ein Viertel Huhn beim Garkoch.“ 20 „Meine Pathin, dieſes Geld 4 „Dieſes Geld?“ „Ich habe es nicht mehr. Es bleiben mir nur noch ein paar Sous.“ „Und Deine zwei Zehnſousſtücke?“ „Meine Pathin . . .“ „Wirſt Du mir antworten? Deine zwei Zehnſous⸗ ſtücke, wo ſind ſie?“ „Ich ich weiß nicht,“ antwortete erröthend das Mädchen, das ſich die Ausgabe für ſeinen Briefwechſel mit Louis zum Vorwurfe machte. „Dieſe kleinen Stücke wer⸗ den aus meiner Börſe geſchlüpft ſein, und ich habe ſie nicht wiedergefunden.“ „Du lügſt, Du errötheſt.“ „Ich verſichere Sie „So iſt es,“ ſprach die Kranke mit einem hoͤhniſchen Kichern, „während ich hier auf einem erbärmlichen Lager vor Noth vergehe, biſt Du hingelaufen, um Kuchen zu naſchen.“ „Ich, mein Gott!“ „Fort von hier! laß mich vor Hunger erepiren, wenn Du willſt, aber daß ich Dich nicht ſehe!“ Und auf das Aeußerſte getrieben durch das herbe Gefühl des Leidens und eines mit unabläßiger Erbitte⸗ rung ihr anklebenden Unglücks, fügte die Kranke, in ein höhniſches Gelächter ausbrechend, bei: „Es liegt Dir wohl daran, mich dieſe Milch trinken zu machen! Es iſt vielleicht etwas darin, ich bin Dir ſo ſehr zur Laſt!“ Bei dieſer mehr noch unfinnigen, als grauſamen An⸗ ſchuldigung blieb Mariette einen Augenblick verblüfft, denn ſie begriff nicht ſogleich den Sinn dieſer entſetzlichen Worte; als ſie ihn aber begriffen, wich ſie voll Schrecken die Hände faltend zurück; dann ſiel ſie, ohne daß ſie ihre Thränen mehr zurückhalten konnte, einer unwiderſtehlichen Bewegung nachgebend, der Kranken um den Hals, um⸗ 21 ſchlang ſie mit ihren Armen, bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen und rief mit herzzerreißender Stimme: „Oh! Pathin! Pathin!“ 5 Dieſe ſchmerzliche Proteſtation gegen eine Anſchul⸗ digung die nur aus einem delirirenden Gehicne hervorgehen konnte, rief glücklicher Weiſe die Kranke zur Vernunft zurück; ihr geſchworenes, zerfreſſenes Herz ſpannte ſich ein wenig ab, und ſie hatte, wie dies zuweilen geſchah, das Bewußtſein von ihrer abſcheulichen Ungerechtigkeit, indem ſie auf ihre fieberhaften Wangen die Thränen von Ma⸗ riette rieſeln fühlte. Frau Lacombe nahm nun eine von den Händen des Mävchens in ihre Hand, ſuchte Mariette mit ihrem ver⸗ ſtämmelten Arm an ihre Bruſt zu drücken und ſprach mit bewegter Stimme: „Auf, Kleine, weine nichtz biſt Du albern! ſiehſt Du nicht, daß ich es lachend ſagte?“ Lachendl ein trauriger Scherz, leider würdig dieſes düſteren Elends. „Es iſt wahr, Pathin,“ verſetzte Mariette, während ſie mit der umgekehrten Hand ihre Augen und ihre in Thränen gebadeten Wangen abwiſchte, „es iſt wahr, ich hatte Unrecht, doß ich glaubte, Sie ſagen dies im Ernſte, doch es war ſtärker als ich.“ „Was willſt Du, man muß Mitleid mit dieſer armen Pathin haben, meine kleine Mariette,“ erwiederte die Kranke mit einer düſtern Niedergeſchlagenheit. „Siehſt Du, durch heftiges Leiden wird der Gallenſack zer⸗ ſprungen ſein, und das Herz iſt bei mir, wie der Mund, bitter, bitter!“ „Ich weiß wohl, unwillkürlich gerathen Sie in Hitze, Pathin. Ei! es iſt leicht, immer gerecht und zufrieden zu ſein, wenn man glücklich iſt; während Sie kaum ein⸗ mal glücklich geweſen ſind.“ „Das iſt wahr,“ ſprach die Kranke, der es eine Art von grauſamer Befriedigung gewährte, ihren gall⸗ 22 ſüchtigen Charakter vurch die Aufzählung ihrer Beſchwer⸗ den gegen ein unverſohnliches Schickſal zu rechtfertigen; „es iſt wahr, es gibt viele Geſchicke wie das meinige, aber es gibt keine ſchlechtere. Geſchlagen in der Lehre, geſchlagen von meinem Mann, bis er im Rauſche er⸗ trunken iſt, lungenſüchtig geworden und verſtümmelt in meinem Gewerbe, ſchleppe ich meine Kugel ſeit fünfzig Jahren, und ſehr ſpottiſch wäre derjenige, welcher zu mir ſagen könnte: „„Frau Lacombe, Sie ſind wenigſtens ein Mal glücklich geweſen, was man glücklich nennt, einen Tag, einen einzigen Tag in Ihrem Hundeleben.““ Es iſt auch wahr, meine kleine Mariette, ich habe, wie man zu ſagen pflegt, ein Leben ohne Sonntage gehabt, während es ſo viele Andere gibt, für welche jeder Tag ein Sonntag iſt.“ „Arme Pathin, ich begreife nur zu ſehr, was Sie haben leiden müſſen K „Nein! Kleine, nein, Du kannſt das nicht begreifen, obgleich Du mit Deinen achtzehn Jahren den Kummer ſchon ſehr haſt kennen lernen! Doch Du biſt wenigſtens hübſch, und wenn Du eine friſche weiße Haube mit einem Stück Roſaband auf Deinen blonden Haaren trägſt, und in Deinem Spiegel Dein niedliches Geſichtchen ſiehſt, ſo haſt Du kleine Augenblicke der Zufrievenheit.“ „Pathin, hören Sie, ich . „Ich ſage Dir ja; ſei offenherzig, das befriedigt immer, Kleine; geſtehe, daß Du ganz vergnügt und ein wenig hoffärtig biſt, wenn man ſich umdreht, um Dich anzuſchauen, trotz Deines ſchlechten Rocks für zwei Sous und Deiner plumpen Schnürſchuhe?“ „Oh! was das betrifft, Pathin, ſobald ich bemerke, vaß man mich anſchaut, werde ich ganz verlegen. So, wenn ich ins Arbeitslocal ging, kam ein Herr, der mich immer anſchaute, während er mit Madame Jourdan ſprach; das machte mich zum Sierben ungeduldig.“ „Ja, aber im Grunde befriedigt das, und wenn Du 23 alt biſt, wirſt Du Dich der früheren Zeiten erinnern; Du haſt dann wenigſtens etwas, was in Deiner Jugend glänzen wird, während ich nur Schwarzes ſehe, und ich weiß nicht einmal, ob ich jung geweſen bin, doch was die Häßlichkeit betrifft, darüber bin ich ſicher.“ „Ich war ſo häßlich, daß ich einen Widerwillen gegen alle Spiegel faßte; ich konnte auch zum Manne nur einen alten Trunkenbold finden, der mich grün und blau ſchlug, und ich durfte mich nicht einmal über ſeinen Tod freuen, denn ich mußte ſeine Wirthshausſchulden bezahlen; endlich, da ich als Glückskind geboren bin, wurde ich ver⸗ ſtümmelt, unfähig zur Arbeit, und ich wäre Hungers ge⸗ ſtorben, wenn ich Dich nicht gehabt hätte.“ „Ei! Pathin, Sie find nicht gerecht,“ entgegnete zärt⸗ lich lächelnd Mariette, um die ſchwarze Laune von Frau La⸗ combe zu zerſtreuen, „Sie haben, meines Wiſſens, wenig⸗ ſtens einen glücklichen Tag gehabt.“ „Welchen denn?“ „Als Sie nach dem Tode von Mama, Ihrer Nach⸗ barin, g aus Barmherzigkeit zu ſich nahmen.“ „Nun?“ „Hat Sie dieſe gute Handlung nicht befriedigt? Iſt dies nicht wenigſtens für Sie ein glücklicher Tag geweſen, Pathin?“ „Wenn Du das einen glücklichen Tag nennſt „ ich danke.“ „Wie ſo?“ „Sage doch, es ſei im Gegentheil einer meiner ſchlimmſten Tage geweſen.“ „Ah! Pathin!“ ſprach traurig das Mädchen. „Bei Gott! mein Trunkenbold von einem Manne war todt, und ſobald ſeine Schulden bezahlt waren, hatte ich nur noch Sorgen für mich; als ich aber Dich übernahm, Kleine, ſah ich mich in demſelben Verhältniß⸗ wie wenn ich Witwe mit einem Kinde auf dem Halſe geweſen wärez 24 und Du glaubſt, das ſei luſtig für eine Frau, welche ſchon kaum ſich ſelbſt genügt? Aber Du warſt ſo hübſch mit Deinem Krausköpfchen und Deinen blauen Augen, Du ſahſt ſo traurig aus, da Du am Leichenwagen Deiner Mutter knieteſt, daß ich nicht den Muth hatte, Dich zu den Findelkindern gehen zu laſſen. Welch eine ſchlechte Nacht brachte ich auch zu, indem ich mich fragte, was ich aus Dir machen ſollte, was aus Dir werden würde, wenn es mir an Arbeit fehlte! Siehſt Du, Mariette, wäre ich Deine Mutter, ich hätte nicht mehr gepeinigt ſein können; und Du nennſt das einen glücklichen Tag für mich! Wäre ich wohlhabend geweſen, ah! ja, ich hätte geſagt: Das Loos dieſer Kleinen iſt geſichert; und das iſt es, was befriedigt; doch Dich nur das Elend wechſeln laſſen, das iſt kein Grund, um heiter zu ſein.“ „Arme Pathin!“ ſprach Mariette tief gerührt; dann fügte ſie unter ihren Thränen lächelnd bei, da ſie dieſer ſo geſchworenen Seele ein wenig Ruhe geben wollte: „Nun, Pathin, ſprechen wir nicht mehr von Tagen, ſon⸗ dern nur von Augenblicken, denn ich will Sie durchaus auf friſcher That des Glücks ertappen, in dieſer Minute, zum Beiſpiel.“ „In dieſer Minute? . ..4 „Sie ſind, ich bin feſt davon überzeugt, zufrieden, mich nicht mehr vor Gram weinen zu ſehen, wie vorhin, und dies, Pathin, in Folge der guten Worte, die Sie mir ſagen.“ Die Kranke ſchüttelte traurig den Kopf. „Wenn ſich meine mürriſche Laune ein wenig be⸗ ſänftigt, wie jetzt, weißt Du, was ich denke?“ „Was, Pathin?“ „Ich ſage mir: Es iſt wahr, Mariette iſt ein gutes Mädchen, doch ich bin beinahe immer ſo hart, ſo unge⸗ recht gegen ſie, daß ſie mich im Grunde hoſſen muß, und ich verdiene es.“ „Ah! Pathin,“ erwiederte ſchmetzlich das Mäbchen, 25 „nun kommen Sie wieder auf Ihre ſchlimmen Gedanken bon vorhin zurück.“ „Geſtehe, daß ich mich nicht täuſche? Eil mein Gott, ich ſage Dir dos nicht, um Dich zu ſchelten! Du haſt Recht. Du tödteſt Dich mit Arbeit für mich, Du nährſt mich, Du bedienſt mich, und meiſtens belohne ich Dich mit harten Vorwürfen . . Arme Kleine, mein Tod wird für Dich eine Befreiung von einer Laſt ſein, und beſſer iſt es, der Menſch kommt früher als ſpäter in den Sarg.“ „Sie haben es ſo eben geſagt, Pathin, wenn Sie von ſo abſcheulichen, ſo traurigen Dingen ſprechen, ſo iſt es ein Scherz, und ſo nehme ich das auf,“ erwieverte Mariette, indem ſie abermals zu lächeln ſuchte, obgleich ſie aufs Neue ihr Herz brechen fühlte, da ſie ſah, die Kranke ſei auf dem Punkte, wieder in ihre ſchwarzen Ausſchweifungen zu verfallen; doch dieſe ſagte gerührt von dem Ausdrucke der Bangigkeit, den ſie wieder in den Zügen ihres Täuflings wahrnahm: „Da ich ſcherze, Kleine, mache voch nicht ein ſo betrübtes Geſicht; zünde das Feuerbecken an, bereite mir eine Milchſuppe, und während ſie heiß wird, verbindeſt Du mir meinen Arm.“ Mariette war ſo erfreut über die Befehle ihrer Pa⸗ thin, als ob ſie ihr die beſten Worte geſagt hättez ſie nahm ſchleunigſt von einem Brette das einzige Stück Brod, das im Hauſe war, machte dünne Schnittchen daraus, warf dieſe in eine kleine Pfanne voll Milch, zündete das Feuerbecken an, trug es auf den Ruheplatz und kehrte zu der Kranfen zurück. Dieſe reichte ihr dann ihren verſtümmelten Arm, der, trotz des Widerwillens, den ein fauler Arm einfloͤßen mußte, von Mariette mit ebenſo viel Geduld, als Geſchicklichkeit verbunden wurde. Die Reſignation des Mävchens, ſeine aufopfernde Er⸗ gebenheit, ſeine eifrige Fürſorge rührten abermals das Herz von Frau Lacombe; als das Verbinden beendigt war, ſagte 26 ſie zu Mariette, ohne daß ſie ſich enthalten konnte, dem Zeugniß ihrer Dankbarkeit eine bittere Vergleichung bei⸗ zufügen: „Man rühmt die barmherzigen Schweſtern, es gibt nicht eine, die es halb ſo ſehr verdient, als Du, Kleine.“ „Ah! Pathin, ſagen Sie das nicht.“ „Sind die Meiſten nicht, wie wir, Kinder des Elends2“ „Aber die guten Schweſtern widmen ſich der Pflege der Fremden, Pathin, während Sie für mich wie eine Mutter ſind. Ich thue meine Pflicht, ich habe alſo we⸗ niger Verdienſt, als ſie.“ „Ja, arme Mariette, ſprich von meiner Zärtlichkeit gegen Dich, ſie iſt ſchön! Vorhin noch habe ich Dich in Thränen zerfließen gemacht, und morgen werde ich ohne Zweifel wieder anfangen.“ Um ſich den Kummer zu erſparen, etwas auf die bitteren Worte ihrer Pathin zu erwiedern, ging Mariette hinaus und holte die Milchſuppe, welche ſie rauchend brachte, nachdem ſie die Feuerpfanne ausgelöſcht hatte. Die Kranke aß die Suppe mit ziemlich gutem Ap⸗ petit; beim letzten Löffel ſagte ſie zu Mariette: „Aber ich bedenke, Kleine, was haſt Du?“ „Oh! ich, Pathin, ich habe gefrühſtückt,“ antwortete die arme Lügnerin. „Dieſen Morgen kaufte ich ein klei⸗ nes Roggenbrod, das ich unter Weges gegeſſen habe. Aber laſſen Sie mich Ihr Kopfkiſſen zurecht machen; viel⸗ leicht können Sie ein wenig ſchlafen; Sie haben eine ſo ſchlechte Nacht gehabt.“ „Du weißt es wohl; Du biſt immer auf den Bei⸗ nen geweſen.“ „Ah! ich bin keine Langſchläferin, Pathin, und das Wachen ermüdet mich nicht. Liegen Sie nun beſſer ſo?“ „Ja Ich danke, Kleine.“ „Dann will ich meine Arbeit nehmen und mich zum Fenſter ſetzen. Es iſt ſo dunkel hier, und ich habe eine ſo zarte Arbeit.“ 27 „Was nähſt Du denn da?“ „Oh! ein herrliches Stück, Pathin, ein äußerſt feines Batiſthemd. Madame Jourdan hat mir, indem ſie mich dringend ermahnte, ſie nicht zu verderben, dieſe herrliche Garnitur von Valenciennes anvertraut, welche für ſich allein 200 Fr. werth iſt, wonach jedes Stück wenigſtens 300 Fr. koſten wird, und zwei Dutzend ſind zu machen. Es ſcheint, das iſt für eine unterhaltene Demoiſelle,“ fügte Mariette naiv bei. Die Kranke ſchlug ein höhniſches Gelächter auf. „Was haben Sie, Pathin?“ fragte das Mädchen erſtaunt. „Eine drollige Idee!“ „Oh!“ ſagte Marlette nicht ohne Furcht, denn ſie kannte den gewöhnlichen Charakter der Scherze von Frau Lacombe, „und was für eine Idee haben Sie?“ „Ich frage mich, wozu es nütze, daß es auf der Erde ſo viele arme Leute gibt, welche, wie Du und ich, im Leben nur Kummer und Elend kennen; weißt Du, Kleine, wozu das nützt?“ „Ei! Pathin, was ſoll ich Ihnen ſagen?“ „Das nützt dazu, daß ein ehrliches Mädchen wie Du, das nur ein paar geflickte Calicothemden anzuziehen hat, zwanzig Sous im Tag dafür verdient, daß es Hem⸗ den von drei hundert Franken näht für „ Guten Muth zur Arbeit, Kleinel ich will hierüber zu träumen ſuchen!“ und die Kranke wandte ſich nach der Wand um und ſagte nichts mehr. Zum Glück war das Herz von Mariette zu voll und zu befangen, als daß ſie die verzweifelte Bitterkeit der letzten Sarkasmen ihrer Pathin gefühlt hätte; ſobald dieſe ſich nach der Wand umgedreht hatte, zog ſie aus ihrem Buſen den ſehr preſſanten Brlef, den ihr die Por⸗ tiere übergeben hatte, und während fie zu arbeiten fortfuhr, legte ſie dieſen Brief ſo auf ihren Schvos, daß er vor den Blicken der Kranken geſchützt war. 28 III. Mariette bemerkte bold, daß ihre Pathin eingeſchla⸗ fen war. Die junge Arbeiterin, welche bis dahin kein Auge von dem Briefe von Louis Richard (dem Sohne des öffentlichen Schreibere), der auf ihrem Schooße lag, abgewandt hatte, entſiegelte und öffnete ihn nun. Ver⸗ gebliche, kindiſche Neugierde! denn die arme Arbeiterin konnte, wie geſagt, nicht leſen. Es ließ ſich auch nichts Rührenderes und zugleich Peinlicheres denken, als Mariette mit einem lebhaften Herzklopfen dieſe für ſie unver⸗ ſtändlichen Buchſtaben betrachten zu ſehen; ſie bemerkte nur mit einer Miſchung von Bangigkeit und Hoffnung, daß der Brief ſehr kurz war. Dieſer ſo kurze und, wie es die in einer Ecke des Umſchlags ſichtbare Bemerkung bezeichnete, ſehr preſ⸗ ſante Brief, verkündigte er ihr eine gute oder eine ſchlimme Nachricht? Die Augen ſtarr auf die geheimnißvolle Schrift ge⸗ heftet, verlor ſich Mariette in Muthmaßungen, und ſie dachte, ein ſo kurzer Brief nach einer ziemlich langen Trennung verkündige etwas Unerwartetes, entweder eine baldige Rückkehr, denn wenn Louis beinahe zu gleicher Zeit mit ſeinem Briefe kommen ſollte, ſo hätte er nicht zu ſchreiben nöthig gehabt, oder eine ſchlechte unvorher⸗ geſehene Nachricht, welche Louis nicht die Zeit ließ, ſich ausführlich zu erklären. Dieſe ſchmerziichen Bangigkeiten ließen Mariette eine von den tauſend Qualen ausſtehen, denen die Unglückli⸗ chen ausgeſetzt ſind, welche das Mißgeſchick oder die Ver⸗ laſſenheit einer erſten Bildung beraubt hat. In ſeiner Hand, unter ſeinen Augen ein paar Zeilen halten, welche uns die Freude oder den Schmerz —bringen, und dieſes Geheimniß nicht ergründen können! genöthigt ſein, einen 29 Fremden zu bitten, uns dieſe Zeilen vorzuleſen, und von ſeinem wenigſtens gleichgültigen Munde die Mittheilung einer Nachricht erhalten, an der gleichſam unſer Leben ängt! bHies waren die Betrachtungen von Mariette. Ihre Angſt erreichte bald den höchſten Grad; als ſie ihre Pa⸗ thin fortwährend ſchlafen ſah, beſchloß ſie auch, auf die Gefahr, bei ihrer Rückkehr grauſam behandelt zu werden (die guten Augenblicke von Fran Lacombe waren ſelten), ſie beſchloß, zu dem öffentlichen Schreiber zu laufen. Die junge Arbeiterin erhob ſich von ihrem Stuhle mit gro⸗ ßer Vorſicht, um die Kranke nicht aufzuwecken; doch in dem Augenblick, wo ſie ſich, auf den Fußſpitzen gehend, der Thüre näherte, wurde ſie plötzlich durch einen troſt⸗ loſen Gedanken zurückgehalten. Sie konnte ihren Brief nicht durch den öffentlichen Schreiber leſen laſſen, ohne ihn zu bitten, darauf zu antworten, eine Antwort, welche vielleicht durch den In⸗ halt des Briefes von Louis auferlegt war; ſie würde alſo den Greis abermals belohnen müſſen, und Mariette beſaß nur noch, was ſie brauchte, um das Brod für den Tag zu kau⸗ fen, und dieſes Brod mußte ſie baar bezahlen, denn der Bäcker, der ſchon für zwanzig Franken Gläubiger war, weigerte ſich, einen neuen Credit zu eröffnen. Mariette hatte am Tage vorher ihre Woche erhalten, die ſich nur auf fünf Franken belief, denn die Pflege ihrer Pa⸗ thin nahm von ihrer Zeit in Anſpruch. Der größere Theil dieſer Summe war verwendet worden, um der Portiöre einige Vorſchüſſe wiederzuerſtatten und eine Abſchlags⸗ zahlung für die Wäſche zu machen; es waren Mariette nur fünf und zwanzig Sous geblieben, von denen ſie die Koſten ihres Briefwechſels mit Louis genommen atte. Den Bedürfniſſen ihrer Pathin und ihrer ſchon ſo verſchuldeten Lage gegenüber, machte ſich das arme Kind 30 ſeinen Correſpondenz⸗Aufwand als eine ſtrafbare Ver⸗ ſchwendung zum Vorwurf. Man wird vielleicht lachen vor Mitleid bei der Schilderung dieſer ſchmerzlichen Bangigkeiten, dieſer grau⸗ ſamen Seibſtanſchuldigungen zwei bis drei Zehnſousſtücke betreffend. Ach! es gibt keine kleine Summe für den Unglücklichen; eine Vermehrung von zehn Sous bei ſei⸗ nem Lohne erlaubt ihm oft, ſein Daſein zu friſten, ſtatt ein wenig jeden Tag zu ſterben, ſein Leben ſich erſchöpfen, vertrocknen zu ſehen in einer Art von lebendigem Todes⸗ kampfe, einer Mitte zwiſchen der Krankheit und der Geſund⸗ heit, welche ſo viele Leute frühzeitig in's Grab führt. um ſich einen Zuwachs von Ausgaben zu erſparen, dachte Mariette zuerſt daran, ſich den Brief von Louis durch die Portiere vorleſen zu laſſen, aber die Schwatz⸗ haftigkeit und vielleicht den Spott dieſer Frau befürch⸗ tend, erſchrak die junge Arbeiterin in ihrer zarten Em⸗ pfindlichkeit, und ſie zog es vor, ein ſchmerzliches Opfer zu bringen. Sie beſaß noch ein Kleid von hübſchem Stoff, das ſie im Temple*) gekauft und für ihren Wuchs zurecht gerichtet hatte; ſie bewahrte es, wie man ſagt, für die großen Tage; nur zwei⸗ oder dreimal hatte ſie es getragen, um ſich ſchoͤn zu machen und mit Louis auszugehen. Mariette packte ſeufzend ihr hübſches Kleid in einen kleinen Strohkorb und fügte ein ſeidenes Hals⸗ tuch bei, um das Ganze nach dem Leihhauſe zu tragen. Ihr Päckchen in der Hand haltend, ſchritt die junge Ar⸗ beiterin leiſe, um ihre Pathin nicht im Schlafe zu ſtören, auf die Thüre zu, als Frau Lacombe eine Bewegung machte und halb erwachend murmelte: „Oh! ſie geht ſchon wieder aus! und. „ Doch ſie vollendete nicht und verſank abermals in ih⸗ ren Schlaf. Dieſen Umſtand benützend, blieb Mariette einen Au⸗ *) Das Quartier der Trödler in Paris. 31 genblick unbeweglich und ſtumm, dann öffnete ſie die Thüre mit der größten Vorſicht, zog den Schlüſſel ab, den ſie im Vorübergehen bei der Portière niederlegte, und begab ſich eiligſt nach dem Leihhauſe. Man borgte ihr fünfzig Sous auf ihr Kleid und ihr Halstuch. Mit dieſer Summe verſehen, lief Mariette zum Char⸗ nier des Innocens, um dort den öͤffentlichen Schreiber aufzuſuchen. Seit dem Abgange von Mariette, und beſonders ſeit⸗ dem er von dem Briefe Kenntniß genommen, den ihm ſein Sohn von Dreur am Morgen geſchrieben, dachte der Greis mit wachſender Bangigkeit an die Hinderniſſe, die ſeinen Plänen das Geheimniß bereiten konnte, das ihn der Zufall bei ſeinem Zuſammenſein mit der jungen Arbeiterin hatte entdecken laſſen. Plötzlich ſah er dieſe wieder an der Thüre ſeiner Bude erſcheinen. Der Schrei⸗ ber verbarg ſein Erſtaunen nicht, verhehlte aber die un⸗ beſtimmten Beſorgniſſe, welche bei ihm die raſche Ruck⸗ kehr ſeiner Clientin erregte, und ſagte: „Was gibt es, mein Kind, ich erwartete nicht, Sie ſo bald wiederzuſehen.“ „Mein Herr,“ erwiederte die junge Arbeiterin, indem ſie aus ihrem Buſen den Brief zog, den ſie erhalten hatte, „hier habe ich ein paar Zeilen von Herrn Louis; ich wollte Sie bitten, mir das vorzuleſen und darauf zu antworten, wenn es nothwendig iſt.“ Und zitternd vor Bangigkeit und Neugierde, wartete die junge Arbeiterin auf die Leſung der paar Zeilen von Louis. Der öffentliche Schreiber, den ſie mit dem Blicke nicht verließ, las in einer Minute das kurze Schreiben und verbarg nur mit Mühe den Aerger, den es ihm ver⸗ urſachte; dann plötzlich, eine ſchmerzliche Verwunderung heuchelnd, zerriß er den Brief, zur großen Beſtürzung von Mariette, und rief: „Ahl armes Kind!“ Und er warf die Stücke des Briefes unter ſeinen 32 Schreibtiſch, nachdem er ſie in ſeinen Händen zerknittert atte. „Mein Herr,“ ſagte Mariette erbleichend, „was machen Sie?“ „Ah! armes Kind,“ wiederholte der Greis mit einer beſtürzten Miene. „Oh! mein Gott!“ murmelte das Mädchen, die Hände faltend, „es iſt Herrn Louis ein Ungluͤck wider⸗ fahren!“ „Nein, mein Kind, nein; doch das Beſte, was Sie thun können, iſt, daß Sie ihn vergeſſen.“ „Ihn vergeſſen!“ „Ja, glauben Sie mir, verzichten Sie auf zu theure Hoffnungen.“ „Wiei Herr Louis . . Mein Gott, was iſt ihm denn begegnet?“ „Hoͤren Sie, mein armes Kind, es iſt etwas ſehr Trauriges um die Unwiſſenheit, und dennoch würde ich Sie bei dieſer Gelegenheit bedauern, wenn Sie zu leſen ver⸗ ſtänden.“ „Aber, mein Herr, was ſteht denn in vieſem Briefe?“ „Sie vürfen nicht mehr an eine fortan unmögliche Heirath denken.“ „Herr Louis ſchreibt mir das 2 „Ja, indem er an die Großmuth, an das Zartge⸗ fühl Ihres Herzens appellirt.“ „Herr Louis ſagt, ich ſoll auf ihn verzichten, und er verzichte auf mich?“ „Ach! ja, armes Kind! Faſſen Sie Muth!“ Mariette wurde bleich wie eine Todte und ſchwieg einen Moment, während große Thränen ihren Augen ent⸗ ſtürzten; dann bückte ſie ſich plötzlich, hob die zerriſſenen Stücke des Briefes auf, übergab ſie dem Schreiber und ſagte mit bebender Stimme zu ihm: „Mein Herr, ich werde den⸗Muth haben, Alles zu vernehmen: fügen Sie dieſe Stücke zuſammen; ich hore.“ 33 „Mein Kind, glauben Sie mir, ſtehen Sie von Ih⸗ rem Verlangen ab, ich flehe Sie an.“ „Mein Herr, leſen Sie! ich bitte Sie inſtändig, leſen Sie!“ „Aber „Nicht wiſſen, was dieſer Brief ſagt, ſo ſchmerzlich es auch zu hören ſein mag. ah! das wäre, um dar⸗ über zu ſterben!“ „Ich habe Sie mit dem Sinne dieſer Zeilen bekannt gemacht; erſparen Sie ſich einen neuen Schlag.“ „Mein Herr, haben Sie Mitleid mit mir! Wenn ich Ihnen, wie Sie mir geſagt haben, einige Theilnahme einflöße, leſen Sie, um des Himmels willen, leſen Sie! Laſſen Sie mich wenigſtens den ganzen Umfang meines Unglücks wiſſen. Und dann wird vielleicht dabei eine Zeile, ein Wort des Troſtes ſein.“ „Wohlan, armes Kind, da Sie es verlangen,“ ſprach der Greis, indem er die Stücke neben einander legte, wäh⸗ rend Mariette vernichtet, mit verſtörten Zügen, einen ſtarren, troſtloſen Blick auf den öffentlichen Schreiber hef⸗ tete, „hören Sie alſo dieſen Brief.“ Und er las: „Meine liebe Mariette, „Ich ſchreibe Ihnen in Eile ein paar Worte; ich trage den Tod in der Seele. Wir müſſen auf unſere Pläne verzichten; es handelt ſich für mich darum, meinem Vater das Auskommen und die Ruhe für ſeine alten Tage zu ſichern. Sie wiſſen, ob ich meinen Vater liebe. Ich mein Wort gegeben. Wir können uns nicht mehr ehen. „Eine letzte Bitte: ich richte ſie an das Zartgefühl, an die Großmuth Ihres Herzensz verſuchen Sie es nicht, mich wiederzuſehen oder mich von meinem Entſchluß ab⸗ zubringen. Ich müßte zwiſchen meinem Vater und Ihnen Der Geiz. 3 — 34 wählen; vielleicht, wenn ich Sie wiederſehen würde, hätte ich nicht mehr den Muth, meine Sohnespflicht zu erfüllen. Das Loos der Zukunft meines Vaters liegt alſo in Ihren Händen. Ich zähle auf die Großmuth Ihres Herzens. Gott befohlen! Der Schmerz macht die Feder meinen Händen entfallen. „Noch einmal Gott befohlen, und für immer Gott befohlen! „Louis.“ So lange die Leſung dieſes Briefes dauerte, hätte Mariette einem Maler das traurige Modell des Schmerzes bieten können: unbeweglich am Tiſche des Schreibers ſtehend, die Arme hängend, die Finger gefaltet und ver⸗ ſchlungen, ſtumm, die Lippen bewegt von einem krampf⸗ haften Zittern, die Augen niedergeſchlagen und in Thränen gebadet, welche auf ihre Wangen floſſen, hoͤrte die Arme noch, obgleich der Greis ſeine Leſung beendigt hatte. Er brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte: „Ich wußte, mein Kind, dieſer Brief würde Ihnen entſetzlich wehe thun.“ Mariette antwortete nichts. „Mein Kind,“ fuhr der Vater Richard fort, „zittern Sie nicht ſo; ſetzen Sie ſich. Trinken Sie ein wenig friſches Waſſer.“ Mariette hörte nicht; die Augen immer ſtarr und in Thränen gebadet, ſagte ſie halblaut und mit einem herz⸗ zerreißenden Ausdruck: „So iſt es denn vorbei! nichts, nichts mehr in der Welt! Ich war zu glücklich! Ah! ich bin wie meine Pathin: das Glück iſt nicht für mich gemacht!“ Dann fügte ſie mit einem erſtickten Schluchzen und mit einem Tone, der ſich nicht ſchildern läßt, bei: „Wohlan denn!“ 7 „Mein Kind,“ ſprach der Greis, unwillkürlich be⸗ 35 wegt von dieſer finſteren Verzweiflung, „ich bitte, faſſen Sie ch.“ Dieſe Worte riefen die junge Arbeiterin wieder zu ſich zurück; ſie trocknete ihre Thränen und ſagte zu dem Schreiber mit einer Stimme, der ſie Sicherheit zu geben ſuchte: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Dann hob ſie langſam vom Tiſch die Stücke des zer⸗ riſſenen Briefes auf. „Was machen Sie?“ fragte mit Beſorgniß der Vater Richard, „wozu wollen Sie dieſe Ueberreſte auf⸗ bewahren, welche nur zu ſchmerzliche Erinnerungen in Ihnen zurückrufen können?“ „Das Grab von Einem, den man innig geliebt hat, ruft auch ſchmerzliche und theuere Erinnerungen zurück,“ antwortete Mariette mit einem kummervollen Lächeln, „und dennoch verläßt man dieſes Grab nicht.“ Und nachdem ſie die Stücke in dem Unſchlag ge⸗ ſammelt hatte, ſteckte dieſen Mariette in ihren Buſen, kreuzte ihren kleinen Shawl, ſchickte ſich an, wegzugehen, und ſagte zu dem Greiſe: „Ich danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit, mein Herr.“ Und in einem hoͤchſt zarten Bedenken fügte ſie ſchüchtern bei: „Obgleich keine Antwort auf dieſen Brief zu ſchreiben geweſen iſt, mein Herr, darf ich Ihnen doch für die Mühe, die Sie ſich gemacht haben, anbieten 4 „Zehn Sous alſo, wie für einen Brief,“ unterbrach der Greis Mariette; und ohne daß er im Geringſten An⸗ ſtand nahm, dieſe Belohnung anzunehmen, empfing er ſiez während er das Geld mit einer Art von ſinnlichen Gierde, trotz der verſchiedenen Gemüthsbewegungen, die ihn ſeit der Rückkehr des Mädchens ergriffen hatten, in den Sack ſteckte, ſagte er zu Mariette: „Mein Kind, auf Wiederſehen „ und ich hoffe, es wird unter minder traurigen Umſtänden geſchehen.“ „Gott hoͤre Sie, mein Herr!“ erwiederte Mariette. 36 Dann entfernte ſie ſich langſam, indeß der Vater Richard eiligſt in ſeine Bude zurückkehrte, die Läden ſchloß und ſo ſeinen Tag früher als gewöhnlich endigte. Den ſchmerzlichſten, ſchwärzeſten Ideen preisgegeben, ging Mariette maſchinenmäßig vor ſich hin, ohne ſich von dem Wege, dem ſie folgte, Rechenſchaft zu geben. Sie kam auf dieſe Art in die Gegend des Pont⸗au⸗Change. Beim Anblick des Fluſſes bebte das Mädchen, wie man plötzlich aus einem Traume erwacht, und murmelte: „Mein böſes Geſchick hat mich hierher geführt.“ Und ſie ging haſtig über das Trottvir, ſtützte ſich mit den Ellenbogen auf die Brüſtung und betrachtete mit ſtarrem Auge das raſche Waſſer des Fluſſes. Allmälig unterlag Mariette jener ſeltſamen Blen⸗ dung, welche die Anziehungskraft des Abgrunds ver⸗ urſacht. Je länger ihr Blick dem Strome folgte, deſto mehr fühlte ſie ſich von einem Schwindel erfaßt. Fort⸗ während auf die Brüſtung geſtützt, ihren Kopf zwiſchen ihren Händen, neigte ſie ſich immer tiefer zum Fluſſe hinab. „Hier iſt doch das Vergeſſen alles Kummers,“ ſagte vas arme Kind zu ſich ſelbſtz „hier iſt ein ſicherer Zu⸗ fluchtsort gegen alles Elend, gegen die Furcht vor dem Hunger, vor der Krankheit oder vor einem unglücklichen Alter — unglücklich wie das meiner Pathin . WMeine Pathin! wie ſoll es ihr aber ohne mich ergehen 2 In dieſem Augenblick fühlte ſich Mariette kräftig von einem Arme gepackt, und ſie horte eine Stimme mit erſchrockenem Tone ihr zurufen: „Nehmen Sie ſich doch in Acht, meine Kleine, Sie werden in den Fluß fallen!“ Mariette bebte, richtete ſich auf, ſchaute mit ver⸗ ſtörter Miene umher und ſah eine dicke Frau mit gutem, redlichem Geſichte, welche liebreich zu ihr ſagte: „Wiſſen Sie, daß es mindrſiens ſehr unvorſichtig von Ihnen iſt, meine Kleine, ſich ſo über die Brüſtung hinaus⸗ 37 zuneigen. Ich ſah den Augenblick, wo Ihre Füße den Boden verlaſſen hätten.“ „Ich gab nicht Achtung, Madame; ich danke Ihnen.“ „Sie müſſen Achtung geben, meine Kleine. Ohl mein Gott! wie bleich Sie find! fühlen Sie ſich unwohl?“ „Nein, Madame, nur ein wenig Schwäche,“ ant⸗ wortete Mariette, welche eine Art von ſchmerzlicher Be⸗ täubung empfand; es wird nichts ſein.“ „Stützen Sie ſich auf mich. Sie ſtehen ohne Zweifel von einer Krankheit auf?“ „Ja, ja, Madame,“ erwiederte Mariette, während ſie mit ihren Händen über ihre Stirne fuhr. „Wo bin ich, wenn ich fragen darf?“ „Zwiſchen dem Pont Neuf und dem Pont⸗au⸗Change. Sie ſind vielleicht fremd in Paris2“ „Nein, Madame, doch es beftel mich vorhin eine Betäubung. Nun geht das vorüber, und ich erkenne wieder, wo ich bin.“ „Soll ich Sie nicht begleiten, mein Kind L“ ſagte herzlich die dicke Frau. „Sie zittern am ganzen Leibe. Auf, nehmen Sie meinen Arm.“ v „Ich danke Ihnen, Madame, ich wohne hier in der v.“ „Das wäre zu Ihren Dienſten geweſen. Guten Muth!“ fügte die freundliche Frau bei. und ſie ging ihres Weges. Ganz wieder zum Bewußtſein gekommen, fühlte Ma⸗ riette nur um ſo bitterer ihren gräßlichen Kummer, dem ſich die Furcht beigeſellte, ungeſchlacht von ihrer Pathin empfangen zu werden, jetzt, da das arme Kind ſo ſehr des Troſtes bedurft hätte, oder wenigſtens der Vereinzelung, der düſteren Ruhe, worin zuweilen der Schmerz erſtarrt. Von dem Wunſche beſeelt, die harten Vorwürfe zu beſchworen, welche ihr ihre verlängerte Abweſenheit zu⸗ ziehen konnte, und ſich des am Morgen von ihrer Pathin ausgeſprochenen Verlangens, Huhnzu eſſen, erinnernd, 38 hoffte Mariette ſich Verzeihung für ihren Ausgang zu verſchaffen, wenn ſie die Laune der Kranken befriedigte, und reich durch das, was ihr von den fünfzig Sous blieb, die man ihr im Leihhauſe geborgt hatte, trat ſie bei einem Garkoch ein, kaufte ein Viertel Huhn, zwei kleine Semmeln und beeilte ſich, nach ihrer Wohnung zurückzukehren. Ein ziemlich elegantes Cabriolet hielt vor dem Hauſe, wo Mariette wohnte; ſie bemerkte Anfangs dieſen Um⸗ ſtand nicht und blieb bei der Portisre ſtehen, um ihren Schlüſſel zu fordern. „Ihren Schlüſſel, Mamſelle Mariette?“ verſetzte Frau Juſtinz „ich habe ihn nicht; dieſer Herr hat ihn ſo eben genommen.“ „Welcher Herr?“ „Ein decorirter Herr. Oh! ja, man kann wohl ſagen, daß er decorirt iſt: ein zwei Zoll langes Band, das ungeheure Ecken macht! ich habe Niemand ſo decorirt geſehen!“ „Aber,“ erwiederte das Mädchen erſtaunt, „ich kenne keinen decorirten Herrn; er wird ſich ohne Zweifel geirrt aben.“ „Oh! nein, meine Tochter, er hat mich gefragt, ob hier eine Lacombe zu finden ſei, eine verſtümmelte Frau, die mit ihrem Täufling, einer Nähterin, zuſammenwohne; Sie ſehen wohl, daß kein Irrthum obwaltet.“ „Sie haben alſo dem Herrn nicht geſagt, meine Pathin ſei krank und könne Niemand ſehen?“ „Ja wohl, meine Kleine, er hat mir aber geantwortet, er wolle dennoch mit ihr ſprechen, und er komme in einer ſehr wichtigen und dringenden Angelegenheit; dann gab ich ihm den Schlüſſel und ließ ihn allein hinaufgehen, ohne mich darum zu bekümmern, daß mich Ihre Pathin an⸗ ſchnauzen würde.“ „Ich will ſehen, was das iſt, Frau Juſtin,“ ſagte Mariette. — 39 Und ſie erreichte, immer mehr erſtaunt, den Ruhe⸗ platz des fünften Stockes. Hier bemerkte ſie, daß der Fremde die Thüre ein ni offen gelaſſen hatte, und es gelangten zu ihr die orte: „Da Ihr Täufling ausgegangen iſt, meine wackere Frau, ſo findet ſich das vortrefflich: ich kann mich un⸗ umwunden erklären.“ Statt einzutreten, gab Mariette einem Gefühle un⸗ willkürlicher Neugierde nach: ſie blieb auf dem Ruheplatz 3 horchte auf die Unterredung ihrer Pathin mit dem remden. W. Man vernehme nun, was, während Mariette an der Thüre des Zimmers, wo ihre Pathin mit einem Fremden ai horchte, in dieſem Zimmer geſchah und geſagt wurde. Der Fremde, ein Mann von ungefähr fünf und vierzig Jahren, von ziemlich regelmäßigem, aber durch die Aus⸗ ſchweifungen verwelktem, abgemagertem Geſichte, trug einen langen Schnurrbart, den irgend ein Cosmétique ſo glänzend ſchwarz machte, als es ſein künſtlich friſirtes Haupthaar war, das ſeine lügneriſche Ebenholzfarbe offenbar auch der Kunſt zu verdanken hatte. Die Phyſiognomie dieſes Mannes bot eine Miſchung von Falſchheit, Verſchmitztheit und Frechheit. Er hatte große Hände, große Füße, und trotz ſeines ſichtbar anſpruchsvollen Weſens ſah man, daß er zu den gemeinen Leuten gehörte, welche beſtimmt find, die wahre Eleganz nicht nachzuahmen, ſondern zu paro⸗ diren. Mit einer geſchmackloſen Sorgfalt gekleidet, trug er ein breites rothes Band am Umſchlag ſeines Ueberrocks, 4⁰ und er war auch bemüht, ſich eine militäriſche Halkung zu geben. Er behielt ſeinen Hut auf dem Kopf, ſetzte ſich in einer gewiſſen Entfernung vom Bette der Kranken auf einen Stuhl und kaute, während er mit ihr ſprach, am Knopfe eines mit Eoelſteinen beſetzten Stöckchens. Frau Lacombe, welche ſchon wieder zu ihren gall⸗ ſüchtigen, höhniſchen Gewohnheiten zurückgekehrt war, be⸗ trachtete den Fremden mit eben ſo viel Erſtaunen als Mißtrauen, und während ſie varauf wartete, daß er ſich erklären würde, fing ſie an eine gewiſſe Abneigung, ver⸗ urſacht durch die unverſchämte Protectorsmiene dieſes Menſchen, gegen ihn zu empfinden. „Da Ihr Täufling ausgegangen iſt, meine wackere Frau,“ hatte der Fremde zu der Kranken geſagt, „ſo ſindet ſich das vortrefflich, und ich kann mich unumwunden erklären.“ In dieſem Augenblick war Mariette auf den Ruhe⸗ platz gekommen und, da ſie die Thüre ein wenig offen ge⸗ funden, ſtehen geblieben, um zu horchen. Das Mädchen horte folgendes Geſpräch: „Mein Herr,“ antwortete die Kranke mit mürriſchem Tone, „Sie haben mich gefragt, ob ich die Frau Lacombe, Pathin von Mariette Moreau, ſei; ich habe es bejaht. Was wollen Sie nun von mir? Erklären Sie ſich.“ „Vor Allem, meine Wackere „ „Ich heiße Frau Lacombe!“ „Teufel! Wohl denn, Frau Lacombe,“ fuhr der Fremde mit einem Ausdruck ſpöttiſcher Ehrerbietung fort, vich muß Ihnen vor Allem ſagen, wer ich bin; dann werde ich Ihnen ſagen, was ich will.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ich bin der Commandant de la Miraudière.“ Und er berührte mit dem Finger ſein rothes Band und fügte bei: „Ehemaliger Militär, wie Sie ſehen, zehn Feldzüge, fünf Wunden.“ „Das iſt mir gleichgültig hernach?“ 41 „Ich habe die ſchönſten Bekanntſchaften von Paris, Herzoge, Grafen, Marquis.“ „Was geht das mich an?“ „Ich habe ein Cabriolet und brauche wenigſtens zwanzigtauſend Franken im Jahr.“ „Während ich und Mariette halb Hungers ſterben mit unſeren zwanzig Sous täglich, wenn ſie dieſe nur auch verdient!“ ſagte mit Bitterkeit die Kranke. „Das iſt die Gerechtigkeit der Welt!“ „Nein! das iſt nicht gerecht, meine wackere Mama Lacombe!“ rief der Commandant de la Miraudiére. „Nein! das iſt nicht gerecht, und ich komme auch hierher, um dieſer Ungerechtigkeit ein Ende zu machen.“ „Wenn Sie, um über mich zu ſpotten, hier herauf⸗ geſtiegen ſind,“ verſetzte die Kranke mit düſterer, zorniger Miene, „ſo laſſen Sie mich in Ruhe.“ „Ich, über Sie ſpotten, Mama Lacombe! Urtheilen Sie nach dem, was ich Ihnen anzubieten im Begriffe bin. Wollen Sie ein ſchönes Zimmer in einem hübſchen Hauſe, ein Mädchen, um Sie zu bedienen, zwei feine Mahle täglich, Kaffee des Morgens und fünfzig Franken monatlich für Ihren Tabak, wenn Sie ſchnupfen, oder für Ihre kleinen Launen, wenn Sie nicht ſchnupfen, Ma⸗ ma Lacombe? Wie! was ſagen Sie hiezu ?2“ „Ich ſage, ich ſage, das ſeiLügenwerk, oder es ſtecke etwas dahinter. Bietet man ſo viele Dinge einem armen verſtümmelten Weibe an, ſo geſchieht es ſicherlich nicht um Gottes willen.“ „Nein, Mama Lacombe, ſondern um zweier ſchöner Augen willen.“ „Welche ſchöne Augen meinen Sie2“ „Die Ihres Täuflings, Mama Lacombe,“ antwortete frech der Commandant de la Miraudiere. „Man braucht nicht auf vier Wegen zu ſuchen.“ Die Kranke machte eine Bewegung des Erſtaunens, 8 42 antwortete Anfangs nicht, heftete einen durchdringenden Blick auf den Fremden und ſagte dann: „Sie kennen alſo Mariette?“ „Ich habe mehrere Male Beſtellungen von Wäſche bei Madame Jourdan gemacht, denn ich liebe ungemein die feine Wäſche,“ fügte dieſer Mann bei, indem er einen wohlgefälligen Blick auf die geſtickten Falten ſeines Hem⸗ des warf. „Ich habe alſo oft Mariette im Magazin ge⸗ ſehen; ich habe ſie reizend, anbetungswürdig gefunden, und „ „Und Sie kommen, um ſie mir abzukaufen?“ „Bravo! Mama Lacombe, Sie ſind, wie ich ſehe, eine Frau von Geiſt und geſundem Verſtand. Sie begrei⸗ fen, bei Gott! die Dinge mit halben Worten. Hören Sie alſo meine Vorſchläge; eine hübſche, friſch meublirte Woh⸗ nung für Mariette, bei der Sie auch wohnen werdenz 500 Franken monatlich für ihre Ausgaben, eine Kammerjung⸗ fer und eine Köchin, die Sie bedienen wird; eine anſtän⸗ dige Ausſtattung für die Kleine und eine Börſe mit 50 Louis d'or für ihren Eintritt in die Haushaltung, ohne die Geſchenke zu rechnen, wenn ſie ſich ehrlich be⸗ nimmt. Dies, was das Solide betrifft. Was die An⸗ nehmlichkeiten betrifft, Spazierfahrten im Cabriolet, Logen im Schauſpiel (ich kenne viele Autoren), und herrliche Verbindungen mit ſehr artigen Damen, welche Tables d'hote halten, Bälle geben und Buuillotte ſpielen laſſen; mit einem Wort, ein Zauberleben, Mama Lacombe, das Leben einer Herzogin! Steht das Ihnen an ?“ „Warum denn nicht?“ erwiederte die Kranke mit einem höhniſchem Lächeln. „Canaillen von armen Leuten wie wir, das iſt nur dazu gut, ſich zu verkaufen, wenn ſie jung ſind, oder die Andern zu verkaufen, wenn ſie alt ſind.“ „Ah! Mama Lacombe, um Ihre ehrlichen Bedenk⸗ lichkeiten zu beſchwichtigen, ſetzen wir 60 Franken monat⸗ lich für Ihren Tabak feſt, und ich mache Ihnen ein Ge⸗ 4³ ſchenk mit einem herrlichen hinkenden Shawl, damit Sie würdig und mütterlich bei Mariette repräſentiren, welche Sie eben ſo wenig zu verlaſſen haben als ihr Schatten, denn ich bin eiferfüchtig wie ein Tiger und liebe es durchaus nicht, an der Naſe herumgeführt zu werden.“ „Das trifft ſich gut. Gerade dieſen Morgen ſagte ich zu Mariette: Du biſt ein ehrliches Mädchen, und Du verdienſt kaum zwanzig Sous täglich damit, daß Du Hem⸗ den von dreihundert Franken das Stück für eine Mai⸗ treſſe nähſt.“ „Hemden von dreihundert Franken das Stück, bei Madame Jourdan beſtellt? warten Sie doch, Mama La⸗ combe, ich kenne das; ja, es iſt für Amandine, welche vom Marquis von Saint⸗Herem, meinem vertrauten Freund, unterhalten wird. Ich habe ſeine Kundſchaft Mavame Jour⸗ dan zugewendet „ Ein wahres Glück für ſie, obgleich dieſer Teufelsmarquis ſelten bezahlt; er liebt vas mehr; da⸗ gegen bringt er alle Lieferanten, die er nimmt, und alle Frauen, die er hat, in die Mode. Dieſe kleine Amandine war die unbekannteſte Parfümeriehändlerin des Paſſage Colbert und in ſechs Monaten hat er aus ihr die Frau gemacht, welche in Paris am meiſten in der Mode iſt. Sehen Sie, wie weit es eines Tags Mariette bringen kann, Mama La⸗ combe! Hemden für dreihundert Franken das Stück tra⸗ gen, ſtatt ſie zu nähen! Macht Sie das nicht vor Stolz ſchwitzen?“ „Wenn nicht Mariette widerfährt, was einem armen Mädchen von meiner Belanntſchaft, weiches ſich auch durch die Armuth hat verderben laſſen, widerfahren iſt.“ „Und was iſt dieſer Perſon widerfahren, Mama La⸗ combe?“ „Sie iſt betrogen worden.“ „Betrogen?“ „Man hatte ihr auch goldene Berge verſprochenz ihr Herr hatte ſie in eine meublirte Wohnung eingemie⸗ 44 thet, und nach Verlauf von drei Monaten hat er ſie ohne einen Sou im Stiche geleſſen. Dann hat ſie ſich aus Verzweiflung ums Leben gebracht.“ „Ah! Mama Lacombe,“ erwiederte hochmüthig der Fremde, „für wen halten Sie mich denn? Sehe ich etwa aus wie ein Gauner, wie ein Robert Macaire?“ „Ich weiß es nicht, ich verſtehe mich nicht darauf.“ „Ich, ein alter Militär! ich, der ich auf Du und Du mit allen Löwen von Paris bin! ich, der ich ein Cabriolet halte und wenigſtens zwanzigtauſend Franken im Jahr ausgebe! Was Teufels! ſprechen Sie offen⸗ herzig, ſind es Sicherheiten, Vorausbezahlungen, was Sie wollen? Gut, die Wohnung wird in acht Tagen meu⸗ blirt ſein, der Vertrag iſt morgen in Ihrem Namen unterzeichnet, mit Bezahlung durch mich von einem Jahre voraus; und dabei ſind hier, wenn wir übereinkommen, als Handgeld fünfundzwanzig bis dreißig Louis d'or, die ich gerade bei mir habe,“ ſagte der Fremde. Und er zog in der That aus ſeiner Weſtentaſche acht⸗ undzwanzig Goldſtücke und warf ſie auf den Arbeitstiſch, der beim Bette der Kranken ſtand. Dann fügte er bei: „Ich bin nicht wie Sie, Mama Lacombe: ich be⸗ fürchte nicht, betrogen zu werden.“ Beim Klingen des Goldes neigte ſich die Kranke raſch aus ihrem Bette und warf einen Blick herber Gierde auf die funkelnden Stücke; die arme Frau hatte in ihrem Leben kein Golvſtück beſeſſen: dieſe vor ihr ausgebreiteten Louis d'or verurſachten ihr eine Art von Blendung; ſie konnte ſich ſogar nicht einmal enthalten, das glänzende S zwiſchen ihren Fingern ſpielen und ſpiegeln zu aſſen. „Ah!“ ſagte der Verſucher mit einem verächtlichen Lächeln zu ſich, „man mußte Dir die Angel zeigen, um Dich anbeißen zu machen, alte Megäre!“ 4⁵5 „Nun,“ ſeufzte die Kranke mit gieriger, gepreßter Stimme, „ich werde das Gold wenigſtens berührt haben!“ „Es berühren iſt nichts, Mama Lacombe: das Schöne iſt, das Gold auszugeben.“ „Das reicht wohl hin,“ verſetzte ſie, die Louis d'or mit einer kindiſchen Aufmerkſamkeit auf einander häufend, „das reicht wohl hin, um fünf bis ſechs Monate ganz ge⸗ mächlich davon zu leben.“ „Ei! Mama Lacombe, in jedem Monat würden Sie und Mariette dieſe Summe haben, wenn Sie wollten; ja, dieſe Summe in Gold, hören Sie? in ſchönem und gutem Gold, wie dieſes hier.“ Nach einem langen Stillſchweigen ſchlug die Kranke ihre hohlen Augen zu dem Fremden auf und ſagte mit innigem, bewegtem Tone zu ihm: „Mein Herr, Sie finden Mariette artig? Sie ha⸗ ben Recht, es gibt kein beſſeres Geſchöpf auf der Erde. Nun denn, ſeien Sie großmüthig gegen ſie; dieſe Summe hier iſt nicht viel für einen reichen Mann wie Sie; machen Sie uns ein Geſchenk damit.“ „Wie!“ rief der Fremde. „Mein Herr,“ ſprach die Kranke die Hände faltend und mit einem wahrhaft rührenden Ausdruck, „mein gu⸗ ter Herr, ſeien Sie mildherzig; dieſe Summe iſt nichts für Sie, und ſie würde uns auf lange Zeit wieder flott machen; wir würden bezahlen, was wir ſchuldig find; Mariette wäre nicht mehr genöthigt, ſich durch die An⸗ ſtrengung umzubringen; ſie hätte Zeit, eine beſſer be⸗ zahlte Arbeit zu ſuchen, und wir würden Ihrer Güte fünf bis ſechs Monate der Ruhe des Paradieſes verdanken. Wir leben von ſo wenig! Oh! mein würdiger Herr, thun Sie das, wir werden Sie ſegnen, und man wird ſagen ich habe wenigſtens einmal im Leben Glück ge⸗ a t . Der Ton der Kranken war ſo aufrichtig, ihre Bitte ſo naiv, daß dieſer Vorſchlag den Fremden noch mehr 46 verletzte, als in Erſtaunen ſetzte, denn er konnte weder glauben, noch begreifen, ein menſchliches Geſchöpf ſei albern genug, um im Ernſte eine ſolche Bitte an einen Mann ſeiner Art zu richten, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft! Die alte Ver⸗ ſchmitzte ſieht mich für einen Täuber, gutzum Rupfen, an!“ Dann fügte er laut lachend bei: „Ah! Madame Lacombe, Sie halten mich für einen Philanthropen, für einen Inſpector der Wohlthätigkeits⸗ Anſtalt oder für einen Zögling vom Monthon⸗Preiſe? Ja, ja, man wird Ihnen Almoſen von ſechshundert Franken geben, zurückzubezahlen an den Inhaber in Segnungen oder in Erkenntlichkeit, an ſeine Ordre, ich danke!“ Die Kranke hatte einer von den tollen Hoffnungen nachgegeben, welche zuweilen die mißtrauiſchſten, die durch das Unglück, durch ihr unverſöhnliches Schickſal verhär⸗ tetſten Weſen fortreißt; aber beſchämt und gereizt durch dieſe plumpe Verachtung, ſagte Frau Lacombe mit einem höhniſchen Gekicher: „Verzeihen Sie, entſchuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie beleidigt habe.“ „Nicht Urſache, Mama Lacombe; ich habe, wie Sie ſehen, die Sache gut genommen; doch machen wir ein Ende „ Muß ich, ja oder nein, dieſe ſchönen Louis d'or, die Sie ſo gern befühlen und in der Hand haben, wieder einſtecken?“ Und er ſtreckte die Hand nach den Goldſtücken aus. Mit einer beinahe maſchinenmäßigen Bewegung ſtieß die Kranke raſch die Hand des Fremden zurück; ihre Augen glänzten vor Gierde in ihrer tiefen Höhle, und fie ſagte mit dumpfer Stimme, über den Louis d'or gleichſam brü⸗ tend mit dem Blicke: „Geduld, Geduld! man wird Ihnen Ihr Geld nicht freſſen!“ „Ich verlange im Gegentheil mit Blaſen und Schreien 47 von Ihnen, Mama Lacombe, daß Sie es freſſen, dieſes Gold, unter der Bevingung, daß . „Ich kenne Marlette,“ erwiederte die Kranke, beſtändig ihren glühenden Blick auf die Louis d'or geheftet, „ſie wird nicht wollen.“ „Bah 1 bah „Ich ſage Ihnen, daß ſie ehrlich iſt; ſie könnte, wie ſo viele Andere, Einem, der ihr gefiele, Gehör ſchenken, aber Ihnen nie; ſie würde es ausſchlagen; ſie hat ihre An⸗ ſichten; ja, Sie mögen immerhin lachen.“ „Einverſtanden; ich glaube an die Tugend von Ma⸗ riette, denn ich weiß, was mir von ihr Madame Jourdan, bei der ſie ſeit mehreren Jahren arbeitet, geſagt hat.“ „Nun alſo?“ „Ich weiß auch, daß Sie, Mama Lacombe, die Sie Einfluß auf ſie haben, die ſie fürchtet wie das Feuer (Madame Jourdan hat es mir geſagt), ſie bewegen, im Nothfall zwingen können, was anzunehmen? ihr Glück; denn im Ganzen wohnen Sie wie Bettlerinnen, Sie ſter⸗ ben Hungers. Wenn Sie mich nun zurückweiſen, wiſſen Sie, was geſchehen wird? Dieſe Kleine, mit ihrer ſchö⸗ nen Uneigennützigkeit, wird ſich früher vder ſpäter durch einen ſchlechten Geſellen, einen Arbeiter wie ſie, beſchmei⸗ cheln und hintergehen laſſen.“ „Es iſt moglich, aber ſie wird ihre Seele nicht ver⸗ kauft haben.“ „Stille, ſtille! das ſind nur Worte, und an einem ſchönen Tag läßt ſie ihr Liebhaber vielleicht ſitzen, und um nicht Hungers zu ſterben, wird es die Kleine am Ende machen, wie ſo viele Andere; dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Oh! das iſt möglich,“ ſagte die Kranke mit einem zornigen Stöhnen; „der Hunger iſt ein ſchlechter Rathge⸗ ber, wenn man für ſich und ſein Kind leidet! und mit dieſem Golde hier, wie viele ſolche arme Mädchen könnte man retten! Und wenn Mariette enden würde wie ſie, wäre es nicht beſſer ſogleich?“ 48 Und nun offenbarten ſich einige Augenblicke die verſchie⸗ denartigſten Gemüthsbewegungen in dem hohlen, verzerrten Geſichte der unglücklichen Frau. Den Blick immer auf die Louis d'or geheftet, ſchien ſie einem heftigen inneren Kampfe preisgegeben; dann machte ſie, wie es das Aus⸗ ſehen hatte, eine verzweifelte Anſtrengung, ſchloß plötzlich die Augen, als wollte ſie dem Blendwerke des Goloes ent⸗ kommen, warf ſich auf ihr ärmliches Lager zurück und ſagte zu dem Fremden: „Gehen Sie, laſſen Sie mich in Ruhe!“ „Wie, Mama Lacombe, Sie ſchlagen es aus?“ „ Entſchieden 22 „Ja.“ „So nehme ich das Gold zurück,“ ſagte der Fremde, während er langſam die Louis d'or aufhob und klingen ließ. „Ich ſtecke ſie wieder in meine Taſche, dieſe glän⸗ zenden Füchſe.“ „Daß die Hölle Sie verwirre, Sie und Ihr Gold!“ rief die Kranke außer ſich; „behalten Sie es und gehen Sie auf der Stelle; ich habe Mariette nicht bei mir auf⸗ genommen, um ſie zu verderben oder um ihr den Rath zum Verderben zu geben. Eher, als ich dieſes Brod äße, würde ich eine Kohlenpfanne anzünden und ein Ende ma⸗ chen mit uns Beiden, mit der Kleinen und mir.“ Kaum hatte Frau Lacombe dieſe letzten Worte ge⸗ ſprochen, als Mariette bleich, entrüſtet, ihre Wangen in Thränen gebadet, in die Stube ſtürzte, der Kranken um den Hals fiel und ausrief: „Oh! Pathin, ich wußte wohl, daß Sie mich wie Ihre Tochter lieben!“ Und ſie wandte ſich gegen den Commandanten de la Miraudiere um, den ſie erkannte, denn oft hatte er ſie mit ſeinen Blicken bei Madame Jourdan belagert, und ſprach: 8 „Ich bitte Sie, von hier wegzugehen, mein Herr „ 49 „Aber, liebes Täubchen „Ich war vor dieſer Thüre, mein Herr, ich habe Alles gehoͤrt.“ „Deſto beſſer, Sie kennen meine Anträge, und ich nehme nichts zurück, meine Schoͤne.“ „Ich bitte Sie noch einmal, entfernen Sie ſich von er.“ „Gut, gut, man geht, kleine Lucretial doch ich gebe Ihnen acht Tage Zeit zum Ueberlegen,“ ſagte der Fremde, während er das Zimmer verließ. Er blieb indeſſen auf der Thürſchwelle ſtehen und fügte noch bei: „Sie werden meinen Namen nicht vergeſſen, liebe Kleine; der Commandant de la Miraudiére; Madame Jourdan weiß meine Adreſſe.“ Und er verſchwand. „Ah! Pathin,“ ſagte das Mädchen, das zu der Kranken zurückkehrte und ſie mit einem neuen Erguß umarmte, „wie haben Sie mich vertheidigt! wie hat Ihr Herz für mich geſprochen!“ „Ja,“ verſetzte bitter die Kranke, indem ſie ſich ungeſtüm von der Umarmung ihres Täuflings losmachte, vja, und mit Deinen ſchönen Tugenden ſtirbt man Hungers, ſtatt Alles im Ueberfluſſe zu haben.“ „Aber, meine Pathin „ „Es iſt gut, es iſt gutl“ rief die Kranke mit her⸗ bem, ungeduldigem Tone, „das iſt abgemacht! Ich habe meine Pflicht gethan, Du haſt die Deinige gethan; ich bin ein ehrliches Weib, Du biſt ein ehrliches Mädchen. Viel Gutes wird Dir widerfahren, und mir auch! rechnen darauf! „„ „Mein Gott! meine Pathin, hören Sie mich „ „Siehſt Du, ich ſage Dir, wenn man uns an ei⸗ nem ſchönen Morgen todt hier findet, mit einer Kohlen⸗ pfanne zwiſchen uns Beiden, ſo wird es geſchehen ſein. al ha! ha! „ Der Geiz. 4 50 Dergeſtalt geſchworen durch das Unglück, daß Alles in ihr ſich erbitterte, Alles bis zum Bewußtſein ihrer Ehrlichkeit, brach die bejammernswerthe Frau nach dieſem höhniſchen Gelächter das Geſpräch mit ihrer Pathin ab und drehte ſich mit einer heftigen Bewegung gegen die Wand um. Es war beinahe Nacht geworden. Mariette holte vom Boden, wo ſie ihn gelaſſen hatte, den Strohkorb, der das Abendbrod ihrer Pathin enthielt. Sie ſtellte die Speiſen auf den Tiſch unfern vom Bette und ſetzte ſich dann in der Stille zu dem ſchmalen Fen⸗ ſter, durch welches nur ein dämmerndes Licht eindrang. Dann zog die junge Arbeiterin aus ihrem Buſen die Stücke des Briefes von Louis, betrachtete ſie und ver⸗ ſank in einen Abgrund der Verzweiflung. Der Commandant de la Miraudiere, als er die Stube verließ, ſagte zu ſich ſelbſt: „Bah! bah! das iſt ein erſter Schuß; die Kleine wird überlegen, und die alte Verſchmitzte wird ſich eines Andern beſinnen. Ihre Eulenaugen flimmerten beim An⸗ blick des Goldes, als ob ſie um Mittag in die Sonne geſchaut hätte. Und dann wird ihre gemeine Armuth für mich ſprechen; ich verzweifle durchaus nicht. Zwei Mo⸗ nate eines guten Lebens, um ſie zu befiedern, und die Kleine wird eines der hübſcheſten Mädchen von Paris ſein; das wird mir viel Ehre mit geringen Koſten ver⸗ ſchaffen. Doch nach dem Vergnügen denken wir an die Geſchäfte. Und es handelt ſich darum, ein vortreffiiches zu machen. Ein wahrer Fund,“ fügte er bei, indem er in ſein Cabriolet ſtieg, das er nach der Rue Grenelle⸗ Saint⸗Honoré lenkte. Vor Nro. 17, einem Hauſe von peſcheidenem Ausſehen, hielt er an und fragte den Portier: „Wohnt hier Herr Richard?“ „Der Vater und der Sohn wohnen hier, mein Herr.“ 51 „Ich möchte gern den Sohn ſprechen. Iſt Herr Louis Richard zu Hauſe?“ „Ja, mein Herr; er iſt ſo eben von der Reiſe ange⸗ kommen und muß bei ſeinem Vater ſein.“ „Ah! er iſt bei ſeinem Vater? Ich könnte ihn alſo nicht allein ſprechen.“ „Da Beide mit einander nur ein Zimmer haben, ſo iſt das ſchwierig, mein Herr.“ Der Commandant de la Miraudibre zog aus ſeinem Etui eine Viſitenkarte, auf der ſeine Adreſſe ſtand, und er fügte mit Bleiſtift unter ſeinem Namen bei: „Wird morgen in ſeinem Hauſe von neun bis zehn Uhr Vormittags Herrn Louis Richard wegen einer ſehr intereſſanten Mittheilung, welche keinen Aufſchub leidet, erwarten.“ „Mein Lieber,“ ſagte Herr de la Miraudiöre ſodann zum Portier, „hier find vierzig Sous Trinkgeld.“ „Ich danke, mein Herr, doch wofür?“ „Für dieſe Karte, die Sie Herrn Louls Richard übergeben werden.“ „Das iſt ſehr leicht, mein Herr.“ „Doch Sie müſſen ſie ihm erſt morgen früh über⸗ geben, wenn er ausgeht, und beſonders ohne daß ſein Vater Kenntniß davon bekommt; Sie verſtehen 2“ „Sehr gut, mein Herrz das iſt um ſo leichter, als Herr Louis jeden Morgen um ſieben Uhr ausgeht, um ſich in ſeine Schreibſtube zu begeben, während der Vater Richard erſt um neun Uhr in ſein Bureau geht.“ „Vortrefflich. Ich kann alſo auf Ihr Verſprechen zählen ?“ „Ja, mein Herr, Sie können den Auftrag als be⸗ ſorgt betrachten.“ Der Commandant de la Miraudiére ſtieg wieder in ſein Cabriolet und entfernte ſich. Kurze Zeit nach ſeinem Abgang brachte ein Brieſ⸗ träger einen Brief für Louis Richard, geſchrieben am 52 Morgen deſſelben Tages in Gegenwart von Mariette durch den öffentlichen Schreiber, der ihn, wie man ſieht, nach Paris, Rue de Grenelle, adreſſirt hatte, ſtatt ihn nach Dreux, poste restante, zu adreſſiren, wie es das Mädchen von ihm verlangt. Wir werden nun den Leſer in das von Richard und ſeinem Sohne, welcher ſo eben von Dreur angekommen, bewohnte Zimmer führen. V. Der Vater Richard und ſein Sohn hatten im fünf⸗ ten Stocke eines alten Hauſes ein Zimmer inne, welches vollkommen als Seitenſtück zu der Wohnung von Mariette und ihrer Pathin hätte dienen können. Dieſelbe Dürftigkeit, dieſelbe Entblößung: ein ärmliches Lager für den Vater, ein Gurtbett für den Sohn, ein wurm⸗ ſtichiger Tiſch, einige Stühle, eine Art von alter Truhe zur Rufbewahrung der Kleider beſtimmt, dies war die Ausſtattung. Der Vater Richard hatte, aus ſeiner Bude zurück⸗ kehrend, das Mahl für den Abend gekauft und auf den Tiſch geſetzt: eine appetitliche Schnitte Schinken, in einem Stück weißes Papier, das als Teller diente, und einen vierpfündigen Laib Brod. Eine Flaſche friſches Waſſer ſtand neben einem magern Lichte, das kaum die Finſter⸗ niß der Stube zerſtreute. Ungefähr fünf und zwanzig Jahre alt, hatte Louis Richard eine treuherzige Ppyſiognomie voll Sanftmuth und Verſtandz ſeine natürliche Anmuth offenbarte ſich ſogar unter ſeinen abgenutzten, an allen Nähten weiß geworde⸗ nen Kleidern. Die Züge des öffentlichen Schreibers drückten ein⸗ — 53 große Freude aus, welche indeſſen die Unruhe mäßigte, die ihm, für gewiſſe ſeit langer Zeit von ihm geliebkoſte Pläne, die verſchiedenen Ereigniſſe des Tages verurſachten. Der junge Mann, nachdem er ſeinen beſcheidenen Nachtſack niedergelegt hatte, küßte ſeinen Vater, den er anbetete. Das Glück, ſich wieder bei ihm zu befinden, die Gewißheit, am andern Tag Mariette zu ſehen, gaben ſeinem Geſichte einen freudigen Ausdruck und vermehrten ſeine natürliche gute Laune. „Alſo, mein Junge,“ ſagte der Greis, während er ſich an den Tiſch ſetzte und den Schinken zetſchnitt, „Du haſt eine gute Reiſe gemacht?“ „Eine vortreffliche, mein Vater.“ „Ah! erzähle mir das „. Doch willſt Du ſpei⸗ ſen? wir werden unter dem Eſſen plaudern.“ „Ob ich ſpeiſen will, mein Vater! ich habe nicht an der Wirthstafel gegeſſen wie die andern Reiſenden, und zwar aus Urſachen,“ fügte Louis heiter bei, indem er an ſeine leere Taſche klopfte. „Bei meiner Treue, Du haſt es nicht zu bedauern,“ ſagte der Greis, während er in zwei ungleiche Portionen die Schinkenſchnitte theilte und ſeinem Sohne das großere Stück gab, „dieſe Wirthshausmahle ſind theuer und taugen den Teufel.“ So ſprechend reichte er Louis eine furchtbare Kruſte Weißbrod; vann fingen der Vater und ver Sohn an tapfer, wie man zu ſagen pflegt, aus der Fauſt zu eſſen, befeuchteten ihr Mahl mit vollen Gläſern klaren Waſ⸗ ſers und legten Beide einen Beweis von einem kräftigen Appetit ab. Die Unterredung nahm während des Abendbrods fol⸗ gender Maßen ihren Fortgang: „Nun, mein Junge,“ ſagte der Greis, „erzähle mir Deine Reiſe.“ „Bei meiner Treue, mein Vater, dieſe Reiſe iſt ſehr einfach. Der Notar, mein Patron, hatte mir den 54 Entwurf von mehreren Schriften gegeben, die ich Herrn Ramon leſen laſſen ſollte. Er hat ſie geleſen, ſtudirt, und ſich dazu, das muß ich ſagen, Zeit gegönnt „fünf volle Tage! wonach dieſer argwöhniſche Menſch mir die genannten Papierwiſche, mit Anmerkungen und Commen⸗ taren verſehen, zurückgab „. Und nun bin ich, Gott ſei Dank, hier.“ „Gott ſei Dank? Ei! ſollteſt Du Dich in Dreur gelangweilt haben?“ „Ich habe mich in Dreur auf den Tod gelangweilt, mein guter Vater.“ „Was für ein Menſch iſt denn dieſer Herr Ramon, bei dem ſich die Leute ſo gewaltig langweilen?“ „Die ſchlimmſte Gattung von Menſchen, Vater . ein Geiziger!“ „Hm! hm!“ machte der Greis huſtend, als ob er falſch geſchluckt hätte. „Ah! er iſt geizig? Dann muß er reich ſein?“ „Ich weiß es nicht; doch man kann geizig ſein mit einem kleinen Vermögen, wie mit einem großen, und wenn man die Habe von dieſem Herrn Ramon nach ſeiner Sparſamkeit anſchlagen darf, ſo muß er Erzmillionär ſein „ Zum Henker mit Dir, alter Knauſer!“ rief Louis. Und er biß mit einer Art von Wuth in ſein Brod. „Unter uns geſagt, mein armer Junge, wenn Du im Luxus und im Ueberfluß erzogen worden wäreſt, ſo würbe ich Deine Anſchuldigungen gegen dieſen alten Knau⸗ ſer, wie Du ihn nennſt, begreifen; doch wir haben in einer ſolchen Armuth gelebt, daß, ſo geizig auch dieſer Herr Ramon ſein mag, Du doch keinen großen Unter⸗ ſchied zwiſchen ſeiner Exiſtenz und der unſeren finden mußteſt.“ „Ah! 6 Vater, was ſagen Sie da!“ „Wie?“ S „Herr Ramon hat zwti Mägde, und wir haben keinez — 55 er bewohnt ein ganzes Haus, und wir wohnen Beide in dieſer Manſarde; er hat drei bis vier Schuſſeln bei ſeinem Mittagsmahle, und wir eſſen Beide aus der Fauſt ein Stück gleichviel was. Nun, wir leben dennoch hundert⸗ mal beſſer als dieſer Pfennigfuchſer!“ „Ich begreife Dich nicht, mein Kind,“ ſagte der Vater Richard, der immer mehr ärgerlich über das Ur⸗ theil zu ſein ſchien, das ſein Sohn über ſeinen Wirth in Dreur fällte. „Es iſt doch keine Vergleichung zwiſchen dem Wohlſtand dieſes Herrn und unſerer Armuth zu machen.“ „Mein lieber Vater, wir ſind wenigſtens offenherzig arm! Wir ertragen heiter unſere Entbehrungen und wenn ich in meinen Tagen des Ehrgeizes zuweilen ein etwas beſſers Leben geträumt habe, ſo geſchah es, wie Sie wiſſen, nicht für mich, denn ich fühle mich zufrieden mit meinem Looſe.“ „Theures Kind, ich kenne Dein gutes Herz, ich weiß, wie ſehr Du mich liebſt, und mein einziger Troſt in unſerer Armuth iſt es, zu wiſſen, daß Du Dich we⸗ nigſtens nicht über Deine Lage beklagſt.“ „Ich mich beklagen! theilen Sie dieſelbe nicht? Und dann im Ganzen, was fehlt uns? der Ueberfluß.“ „Es fehlt uns wenigſtens die Gemächlichkeit.“ „Bei meiner Treue, mein Vater, ich bemerke es nicht; wir eſſen allerdings keine Hühner mit Trüffeln, aber wir eſſen nach unſerem Hunger und mit trefflichem Appetit, hiefür zeugen dieſes leere Papier und das raſche Verſchwinden eines vierpfündigen Brodes für uns Beide. Unſere Kleider find abgetragen, aber ſie ſind warm; un⸗ ſere Stube iſt im fünften Stock, aber ſie gibt uns Ob⸗ dach. Wir verdienen mit einander, ein Jahr in das an⸗ dere gerechnet, ſechszehn bis achtzehnhundert Franken; das iſt nicht ſchwer, doch wir ſind Niemand etwas ſchuldig! Ahl lieber Vater, der gute Gott ſchicke uns nie ſchlimmere Tage, und ich werde mich nicht beklagen.“ 56 „Ich kann Dir nicht ſagen, mein Kind, welches Vergnügen Du mir machſt, wenn Du ſo ſprichſt und ſo entſchloſſen Dein Lvos annimmſt. Wahrhaftig! Du fühlſt Dich... Du haſt Dich immer ſo glücklich gefühlt?“ „Sehr glücklich.“ „In der That?“ „Warum ſollte ich Sie hintergehen? ſprechen Sie, guter Vater, habe ich je ſorgenvoll, betrübt ausgeſehen, wie jeder mit ſeinem Schickſal unzufriedene Menſch?“ „Du haſt auch einen ſo ſeltenen, einen ſo vortreff⸗ lichen Character!“ „Das kommt von den Umſtänden her; denn wenn ich, zum Beiſpiel, mit Herrn Ramon, dieſem abſcheulichen Wu⸗ cherer, leben müßte, ſo würde ich unerträglich, unbe⸗ zähmbar, waſſerſcheu!“ „Was haſt Du denn gegen dieſen armen Mann?“ „Was ich habe? den unbändigen Groll, der aus einer fünftägigen Marter entſpringt!“ „Eine Marter?“ „Was iſt es denn Anderes, lieber Vater, wenn man in einem großen verfallenen Hauſe wohnen muß, das ſo kahl, ſo kalt, ſo düſter iſt, daß gegen daſſelbe ein Grab wie ein ergötzlicher Aufenthaltsort erſcheinen würde! Und dann in dieſer großen Gruft wie Schatten zwei verdrieß⸗ liche, magere, ausgehungerte Mägde umhergehen ſehen; und welche Mahle, großer Gott! wobei der Herr des Hauſes die Stücke zu zählen ſcheint, die Einer ißt! Und vollends ſeine Tochter? (denn dieſer Unglückliche hat eine Tochter und ſeine Gattung wird ſich leider vielleicht fort⸗ pflanzen!) Und ſeine Tochter, welche auf dem Tiſch den ungenügenden Theil der Dienſtboten zurichtete und ſelbſt die Ueberbleibſel vom mageren Mahle doppelt verſchloßl Ich kann Ihnen nur ſagen, lieber Vater, daß ich, der ich mich, wie Sie wiſſen, eines herrlichen Appetits er⸗ freue, nach einer Sitzung von⸗fünf Minuten am Tiſche dieſes Geizhalzes geſättigt und, was noch ſchlimmer iß, 57 emport war! Denn am Ende, von zwei Dingen eines: entweder iſt man wohlhabend, und der Geiz iſt ein ab⸗ ſcheuliches Laſter; oder man iſt arm, und es iſt dann albern, den Anſchein haben zu wollen, als erfreute man ſich eines gewiſſen Wohlſtandes.“ „Ah! Louis, Louis, Du, den ich immer nur als ſo gutmüthig gekannt habe, ich finde Dich ſeltſam feindſelig gegen dieſen armen Mann und ſeine Tochter!“ „Seine Tochter! kann man das eine Tochter nennen?“ „Was Teufel ſchwatzeſt Du mir da vor? Es iſt vielleicht ein Einhorn!“ „Bei meiner Treue.“ „Ah! Du biſt ein Narr!“ „Eil mein Vater, wie ſoll man ſie nennen, eine ſolche große, dürre, zänkiſche Creatur mit Füßen und Händen wie ein Mann, mit einem Nußknackergeſichte und einer Naſe oh! Gott des Himmels, welche Naſe! ſo lang und ziegelroth! Man muß aber gerecht ſein, zum Erſatz hat dieſes unvergleichliche Geſchöpf gelbe Haare und ſchwarze Zähne.“ „Es iſt bei dem Portrait nicht geſchmeichelt. Doch was willſt Du? es können nicht alle Frauen ſchön ſein; glaube mir, oft iſt ein gutes Herz mehr werth, als ein hübſches Geſicht; und mir, was mich betrifft, hat die Häßlichkeit immer Mitleid eingeflößt.“ „Mir auch, mein Vater. Ich hatte Anfangs große Luſt, dieſe Demoiſelle zu beklagen, als ich ſie ſo reizlos und beſonders mit einem Mann wie ihr Pfennigfuchſer von einem Vater zu leben verurtheilt ſahz freilich haben Sie mich im Punkte des Vaters verdorben; als ich aber ſodann dieſe rothnaſige Creatur unabläßig ihre zwei unglück⸗ lichen Mägde plagen und ſchelten, ihnen dieBiſſen zumeſſen, ihren Vater an Geiz, und zwar hei den kleinſten Dingen, überbieten ſah, verwandelte ſich mein erſtes Mitleid in Abneigung gegen dieſe abſcheuliche Rothnaſe, und da ſie überdies im Geſpräche ſehr trocken und ſehr beißend 58 iſt, dieſe Rothnaſe (ſigürlich genommen, das verſteht ſich), ſo hatte ich jeden Augenblick große Luſt, der Roth⸗ naſe zu widerſprechen, um ſie zu quälen; weil ich aber den Intereſſen meines Patrons, der mich zu dieſem ab⸗ ſcheulichen Clienten geſchickt, zu ſchaden befürchtete, ſo fraß ich meinen Verdruß in mich.“ „Und Du entſchädigſt Dich, wie ich bemerke.“ „Ah! das erleichtert! Fünf lange Tage dieſe Roth⸗ naſe auf dem Leibe gehabt haben!“ „Das iſt offenbar ein gefaßter Entſchluß, ein ärger⸗ liches Vorurtheil, und ich wollte wetten, daß dieſe De⸗ moiſelle, die Dir ſo beißend, ſo geizig und ſo widerwärtig ſcheint, eine Frau von einem feſten Charakter und von haushälteriſchen Gewohnheiten iſt.“ „Lieber Vater, ſie mag ſein, wie ſie will, mir iſt es gleichgültig! nur gibt es in gewiſſen Familien ſehr ſelt⸗ ſame Contraſte.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Stellen Sie ſich mein Erſtaunen vor, als ich in einem der Zimmer dieſes traurigen Hauſes ein weibliches Portrait von einem ſo reizenden, ſo zarten, ſo ausgezeich⸗ neten Geſichte ſah, daß dieſes Bild ausdrücklich nur dahin geſtellt zu ſein ſchien, um beſtändig die häßliche Roth⸗ naſe zu ärgern und zu ſchmähen. Das Portrait glich übrigens zum Täuſchen einem von meinen ehemaligen Schulkameraden. Betroffen von dieſem Umſtande, fragte ich den Knicker, wen dieſes Gemälde vorſtelle. Er ant⸗ wortete mir mit einem mürriſchen Tone, es ſei das Portrait ſeiner Schweſter, der verſtorbenen Frau von Saint⸗Herem. „„Sollte dieſe Dame die Mutter eines jungen Mannes Namens Saint⸗Herem ſein?““ fragte ich meinen Wirth .. Ha! ha! mein Vater, wenn Sie wüßten!“ „Nun! was?“ „Wenn man das Geſicht von Herrn Ramon ſah, als er mich nur den Namen Saint⸗Herem ausſprechen hoͤrte, hätte man glauben ſollen, ich habe den Teufel heraufbe⸗ 59 ſchworen; die Rothnaſe bekreuzte ſich auch ſogleich mit einer ſchamhaften und erſchrockenen Miene. (Ich vergaß, Ihnen zur Vervollſtändigung zu ſagen, daß die Rothnaſe ſehr gottesfürchtig iſt.) Dann ſchrie ihr würdiger Vater, er habe wirklich das Unglück, der Oheim eines hoͤlliſchen Banditen Namens Saint⸗Herem zu ſein.“ „Dieſer Herr von Saint⸗Herem iſt, wie ich ſehe, ein Menſch von ſehr ſchlechtem Rufe.“ „Er! Floreſtan! der wackerſte, der reizendſte Junge der Welt!“ „Aber ſein Oheim hat Dir doch geſagt, daß ... „Hören Sie, mein lieber Vater, und urtheilen Sie: in der Schule ſtanden wir, Saint⸗Herem und ich, in ſehr genauer Verbindung mit einander; ich hatte ihn ſeit langer Zeit aus dem Geſichte verloren, als ich vor ſechs Mo⸗ naten, da ich über das Boulevard ging, Jedermann ſtehen bleiben ſah, um nach der Chauſſée zu ſchauen; ich mache es wie Jedermann, und was erblicke ich? Einen Phaeton beſpannt mit zwei herrlichen Pferden und mit zwei kleinen Bedienten hintenauf. Dieſe Equipage war ſo elegant, ſo hübſch, daß, wie geſagt, Jedermann ſich umwandte, um ſie zu bewundern. Weißt Du, wer den köſtlichen Wa⸗ gen führte? Mein ehemaliger Schulkamerad Saint⸗Herem, glänzender, ſchoͤner als je, denn es iſt nicht möglich, ein hüſcheres Geſicht und eine ausgezeichnete Tournure zu haben, als er.“ „Dieſer Herr von Saint⸗Herem hat mir ganz das Ausſehen eines Verſchwenders!“ „Warten Sie doch das Ende ab, Vater. Plötzlich hält die Equipage an, und während die kleinen Bedienten, welche von ihrem Sitze abgeſtiegen ſind, beim Kopfe der Pferde ſtehen bleiben, ſpringt Saint⸗Herem aus ſeinem Wagen, läuft auf mich zu und umarmt mich in ſeiner Freude, mich nach einer ſo langen Trennung wiederzu⸗ ſinden. Ich war gekleidet wie ein armer Teufel von einem Notarsſchreiber, was ich bin; ich hatte meinen alten 50 kaſtanienbraunen Ueberrock, meine ſchwarzen Beinkleider und meine Schnürſchuhe an. Sie ſehen mich von hier aus. Aber geſtehen Sie, lieber Vater, viele Elegants, viele Loͤwen, wie man ſagt, wären zurückgewichen vor einer Umarmung, öffentlich einem Burſchen in meinem Anzuge gegeben. Floreſtan merkte nicht einmal darauf, ſo viel Vergnügen machte es ihm, mich wiederzuſehen. Ich, ich war ganz glücklich und beinahe beſchämt durch dieſen Beweis ſeiner Freundſchaft, denn wir erregten großes Aufſehen gerade wegen des Contraſtes. Saint⸗ Herem gewahrte es und ſagte zu mir: „Dieſe Leute find albern mit ihren erſtaunten Geſichtern. Wohin gehſt Du?““ „„Nach meiner Schreibſtube.“ „„Komm, ich führe Dich dahin: wir werden länger plaudern.“ „„Ich,““ ent⸗ gegnete ich, „„in Deine ſchöne Equipage einſteigen trotz meines Regenſchirms, meines kaſtanienhraunen Ueberrocks und meiner Schnürſchuhe!““ Floreſtan zuckt die Ach⸗ ſeln, faßt mich unter dem Arm, ſchiebt mich, wohl oder übel, in ſeinen Wagen und führt mich nach meiner Schreibſtube; während der Fahrt nimmt mir Saint⸗Herem das Verſprechen ab, ihn zu beſuchen, und er läßt mich erſt vor der Thüre meines Notars ausſteigen. Nun, mein Vater, kann man einen Menſchen nicht nach einem ſol⸗ chen Zuge beurtheilen?“ „Bah!“ machte der Greis mit einer ſehr wenig be⸗ geiſterten Miene. „Das iſt eine erſte gute Gemüthsre⸗ gung und nicht mehr; aber ich mißtraue allen dieſen Leuten mit großem Auſputz. Ueberdies biſt Du nicht in der Lage, mit einem ſo vornehmen Herrn umzugehen.“ „Allerdings. Und dennoch mußte ich mein Ber⸗ ſprechen halten und an einem Sonntag bei Floreſtan früh⸗ ſtücken. Braver Junge! er hat mich als vornehmer Herr aufgenommen, was den Lurus und die Bewirthung be⸗ trifft, was aber den guten Empfang betrifft, immer als Kamorad, als alter Schulfreund;- einige Zeit nachher iſt 6⁴ er auf eine Reiſe gegangen, und ich habe ihn nicht wieder⸗ geſehen.“ „Es iſt ſonderbar, Louis, Du haſt nie von dieſem Frühſtück geſprochen.“ „Ganz richtig, doch weißt Du, warum? Ich habe mir geſagt: Dieſer gute, arme Vater, der mich ſo ſehr liebt, wird ſich vielleicht in ſeiner ängſtlichen Sorgſamkeit vorſtellen, der Anblick des Luxus von Floreſtan ſei im Stande, mir den Kopf zu verdrehen, mich einen Wider⸗ willen gegen unſere dürftige Lage faſſen zu laſſen; dieſer Verdacht allein wäre ein Kummer für den theuern Vater: ich will ihm alſo das Frühſtück eines Sardanapals, eines Lucullus, das einmal in meinem Leben ich gemacht habe, verbergen.“ „Theures, wackeres Kind,“ ſprach der Greis bewegt, „ich begreife die Zartheit Deines Benehmens und bin tief davon gerührt; das iſt für mich ein neuer Beweis von Deinem guten, edlen Herzen; doch höre mich, gerade an Dein Herz, an Deine Zärtlichkeit will ich mich wenden.“ „In welcher Hinſicht?“ „In Betreff einer nicht nur für Dich, ſondern auch für mich ſehr ernſten, ſehr wichtigen Sache.“ Das Geſicht des Greiſes wurde beinahe feierlich, als er dieſe Worte ſprach. Der junge Mann ſchaute ihn mit Erſtaunen an. In dieſem Augenblick klopfte der Portier an die Thüre und trat ein. „Herr Louis,“ ſagte er, „da iſt ein Brief für Sie.“ „Gut,“ erwiederte der junge Mann, während er den Brief zerſtreut nahm, denn er ſuchte, was der Gegenſtand der ernſten Unterredung ſein könnte, die ſein Vater mit ihm beginnen wollte. Da der Portier die Gelegenheit nicht günſtig fand, um dem jungen Mann die vom Commandanten de la Miraudiere zurückgelaſſene Viſitenkarte zu übergeben, ſo fügte er, als er ſich entfernte, bei: 62 „Herr Louis, wenn Sie heute Abend ausgehen, ver⸗ geſſen Sie nicht, in die Loge einzutreten, ich hätte Ihnen etwas zu ſagen.“ „Gut,“ verſetzte der junge Mann, ohne ein Gewicht auf die letzten Worte des Portier zu legen, der bald das Zimmer verließ. Der Vater Richard erkannte mit einem Blick den Brief, den er an demſelben Morgen, von ſeiner Bude aus, an ſeinen Sohn nach Paris, Rue de Grenelle, adrefſirt hatte, ſtatt ihn nach Dreur, poste restante, zu adreſſiren, wie ihn die arme Mariette gebeten. Unterrichtet von dem Inhalte dieſes von ihm ſelbſt geſchriebenen Briefes, war der Greis einen Augenblick auf dem Punkte, ſeinen Sohn aufzufordern, ihn ſogleich zu leſen; nach einer Erwägung entſchied er ſich für eine entgegengeſetzte Idee und ſagte: „Mein liebes Kind, Du wirſt alle Zeit haben, um dieſen Brief zu leſen. Höre mich nun, denn ich wieder⸗ hole Dir, es handelt ſich um eine Sache von hoher Wichtigkeit für Dich und für mich.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein guter Vater,“ antwortete Louis. Und er ließ den Brief, den er empfan⸗ gen hatte, auf dem Tiſche liegen. VI. Der Vater Richard ſchwieg einen Augenblick, dann wandte er ſich an ſeinen Sohn und ſagte: „Ich habe Dich darauf aufmerkſam gemacht, mein Kind, daß ich an Dein gutes Herz, an Deine Zärtlich⸗ keit appelliren wolle.“ „Ohl dann, mein Vater, brauchen Sie nur zu ſprechen.“ — „Du haſt mir vorhin geſagt, wenn Du zuweilen eine 63 beſſere Exiſtenz, als die unſere, geträumt, ſo habeſt Du nicht Deinetwegen, der Du mit Deiner beſcheidenen Lage zufrieden, dieſen Wunſch gehegt, ſondern meinetwegen.“ „Das iſt wahr.“ „Wohl denn! mein Kind, es hängt von Dir ab, Deinen Wunſch ſich verwirklichen zu ſehen.“ Was ſagen Sie?“ „Höre mich. Unglücksfälle, welche unmittelbar auf den Tod Deiner Mutter folgten, als Du noch ein Kind warſt, haben mich des Wenigen beraubt, was wir beſaßenz es iſt mir kaum genug geblieben, um für Deine Erziehung ſorgen zu können. Als dieſe Summe ausgegeben war, ſah ich mich darauf angewieſen, das Gewerbe eines oͤffent⸗ lichen Schreibers zu ergreifen.“ „Ja, mein guter Vater,“ erwiederte Louis be⸗ wegt, „und als ich ſah, mit welchem Muthe, mit welcher Reſignation Sie das Mißgeſchick ertrugen, haben ſich meine Zärtlichkeit und meine Verehrung für Sie nur vermehrt.“ „Dieſes Mißgeſchick, mein liebes Kind, kann ſich noch verſchlimmern; das Alter kommt, mein Geſicht nimmt ab, und ich ſehe mit Betrübniß vorher, vaß ein Tag kommen wird, wo es mir nicht mehr möglich iſt, das Wenige zu verdienen, was uns leben hilft.“ „Mein Vater, rechnen Sie auf „ „Auf Dich? ich weiß, daß ich auf Dich zählen kann; doch Deine eigene Zukunft iſt precär; Dein Marſchalls⸗ ſtab iſt, zweiter oder erſter Schreiber zu werden, denn man braucht Geld, um eine Etude *) zu kaufen, und ich bin arm.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich werde immerhin genug für uns Beide verdienen.“ „Und die Krankheit? und die Ereigniſſe? Wie viele *) In Frankfreich Schreibſtube eines Notars, Anwalts, Ad⸗ vegten, und die damit verhurdene Kundſchaft. D. Ueb. 64 unorhergeſehene Umſtände können machen, daß Du einige . nicht beſchäftigt biſt! Wie ſollen wir dann Beide eben?“ „Mein guter Vater, wenn wir armen Leute an Alles dächten, was uns bedroht, ſo würden wir den Muth ver⸗ lieren. Schließen wir alſo die Augen vor der Zukunft und denken wir nur an die Gegenwart; Gott ſei Dank! ſie hat nichts Beängſtigendes.“ „Ja, es iſt in der That vernünftiger, wenn die Zu⸗ kunft beunruhigend erſcheint, den Blick davon abzuwen⸗ den, muß man aber nicht, wenn ſie glücklich und geſichert ſein kann, die Augen öffnen, ſtatt ſie zu ſchließen?“ „Gewiß!“ „Nun! ich wiederhole, es hängt ganz und gar von Dir ab, zu machen, daß unſere Zukunft glücklich und ge⸗ ſichert iſt.“ „Dann iſt es geſchehen. Sagen Sie mir nur, wie?“ „Ich werde Dich in Erſtaunen ſetzen. Dieſer arme Herr Ramon, bei dem Du einige Tage zugebracht haft, und den Du ſo ſchlecht beurtheilſt, iſt ein alter Freund von mir.“ „Er, Ihr Freund?“ „Deine Reiſe nach Dreur war zwiſchen ihm und mir verabredet.“ „Aber die Acten, die mein Patron „Dein Patron hatte freundlich eingewilligt, unſere kleine Liſt dadurch zu unterſtützen, daß er Dich mit einer erdichteten Sendung zu Herrn Ramon beauftragen würde.“ „Doch wozu dieſe Liſt?“ „Ramon wollte Dich beobachten, Dich ſtudiren, Dich kennen lernen, ohne daß Du es vermutheteſt, und ich muß Dir erklären, daß er entzückt von Dir iſt. Ich habe dieſen Morgen einen langen Brief von ihm erhalten, in welchem er mit den größten Lobeserhebungen von Dir ſpricht.“ „Ich bedaure, ihm nicht Gleiches mit Gleichem ver⸗ * — 55 gelten zu können; doch welches Intereſſe hat es für mich, gut oder ſchlecht bon Herrn Ramon beurtheilt zu werden?“ „Ein ſehr großes Intereſſe, mein liebes Kind, denn die giückliche Zukunft, von der ich ſpreche, war von der guten Meinung abhängig, welche Ramon von Dir haben würde.“ „Mein Vater, das iſt ein Räthſel.“ „Ramon, ohne das zu ſein, was man reich nennt, erfreut ſich einer gewiſſen Wohlhabenheit, welche ſeine Sparſamkeit jeden Tag vermehrt „ „Teufel! ich glaube wohl! Nur bitte ich Sie für Ihren Freund um Verzelhung: was Sie Sparſamkeit nennen, iſt ein ſchmutziger Geiz.“ „Es mag ſein; ſtreiten wir nicht über Worte; in Folge dieſes Geizes alſo wird Herr Ramon ſeiner Tochter ein hübſches Vermögen hinterlaſſen. Ich ſage hinterlaſſen, denn zu ſeinen Lebzeiten gibt Ramon nichts.“ „Darüber wundere ich mich durchaus nicht; aber wahrhaftig, mein lieber Vater, ich weiß nicht, worauf Sie abzielen.“ „Ich zögere ein wenig, well ich, ſo falſch, ſo ungerecht die erſten Eindrücke ſein mögen, doch weiß, wie zähe ſie ſind, „und Du haſt Fräulein Ramon ſo ſtrenge be⸗ urtheilt „ „Die Rothnaſe? Ah! ſagen Sie, ich ſei nach⸗ ſichtig gegen ſie geweſen!“ „Ich bin feſt überzeugt, Du wirſt von dieſen Vorur⸗ theilen zurückkommen. Glaube mir, Fräulein Ramon ge⸗ hört zu den Perſonen, die dadurch gewinnen, daß man ſie näher kennen und ſchätzen lernt . Ich wiederhole Dir, es iſt ein Frauenzimmer von feſtem Geiſte und muſterhaf⸗ ter Frömmigkeit; kann man etwas Beſſeres für eine Haus⸗ mutter wünſchen?“ „Eine Hausmutter?“ ſagte Louis, der bis jetzt weit entfernt, zu ahnen, wovon er bedroht war, doch eine Der Geiz. 5 66 gewiſſe Angſt zu faſſen anfing, „eine Hausmutter? und was geht es mich an, ob Fräulein Ramon eine gute Haus⸗ mutter iſt oder nicht iſt!“ „Das ſoll Dich mehr angehen, als irgend Jemand.“ „Mich?“ „Gewiß.“ „Und warum?“ fragte Louis mit Bangigkeit. „Weil es mein einziger, mein lebhafteſter Wunſch wäre, Dich Fräulein Ramon heirathen zu ſehen.“ „Heirathen. . . Fräulein Ramon 1“ rief der unglück⸗ liche Louis, mit einer Bewegung des Schreckens, und als ob er plotzlich die Rothnaſe hätte erſcheinen ſehen, auf ſeinem Stuhle zurückweichend; „ich heirathen „ „Ja, mein Kind,“ rief der Greis mit ſeiner eindring⸗ lichſten Stimme, „heirathe Fräulein Ramon, und unſer Schickſal iſt auf immer geſichert. Wir werden in Dreur wohnen; das Haus ven Ramon iſt genügend, um uns Alle aufzunehmen. Er gibt ſeiner Tochter nichts als Mit⸗ gift; aber wir werven bei ihm leben, das iſt zum Vor⸗ aus abgemacht, und es iſt dabei für Dich die Sicherheit eines guten Plätzchens bei den indirekten Steuern. Nach dem Tode Deines Schwiegervaters wirſt Du ſodann ein hüb⸗ ſches Vermögen erben. Louis, mein Sohn, mein geliebter Sohn,“ fügte der Greis mit flehendem Tone bei, indem er ſeinem Sohne die Hände drückte „ich beſchwore Dich, wil⸗ lige ein zu dieſer Heirath, und Du machſt mich zum Glück⸗ lichſten der Menſchen; denn ich werde wenigſtens beruhigt über Deine Zukunft ſierben.“ „Ohl mein Vater, Sie wiſſen nicht, was Sie da von mir fordern!“ erwiederte Louis eben ſo niedergeſchla⸗ gen, als beſtürzt. „Du wirſt mir ſagen, Du fühleſt keine Neigung für Fräulein Ramon. Eil mein Gott! in der Ehe iſt eine gegenſeitige Werthſchätzung hinlänglich, und Du wirſt mir wenigſtens zugeſtehen, daß Fräulein Ramon dieſe Werthſchätzung verdient. Was ihren Vater betrifft, ſo 67 begreife ich, daß das, was Du ſeinen Geiz nennen willſt, Dir Anfangs anſtößig geweſen iſt; doch es wird Dir minder ärgerlich ſcheinen, wenn Du bedenkſt, daß Du es im Ganzen biſt, der eines Tags aus dieſem dieſem Geize Nutzen ziehen ſoll. Ramon iſt im Grunde ein Lortrefflicher Menſch; es iſt ſein einziger Wunſch, ſelner Tochter und dem Manne, den ſie wählen wird, ein klei⸗ nes Vermögen zu hinterlaſſen; um zu dieſem Ziele zu gelangen, ſchließt er ſeine Ausgaben in weiſe Schranken einz darf man ihm ein Verbrechen hieraus machen? Auf, Louis, mein liebes Kind, antworte, gib mir ein gutes Wort der Hoffnung.“ „Mein Vater,“ erwiederte der junge Mann mit bebender Stimme, „es fällt mir ſchwer, Ihren Plänen entgegenzutreten, aber was Sie von mir verlangen, iſt unmöglich.“ „Louis, biſt Du es, der mir ſo antwortet, wenn ich mich an Dein Herz, an Deine Zärtlichkeit für mich wende2“ „Einmal iſt bei dieſer Heirath kein perſoͤnlicher Vor⸗ theil für Sie: Sie denken nur an mich.“ „Wie! bei Ramon wohnen und bei ihm leben, ohne einen Pfennig auszugeben! Das iſt abgemacht, ſage ich ir; er nimmt uns Alle umſonſt in Penſion, ſtatt ſeiner Tochter eine Mitgift zu geben.“ „Mein Vater, ſo lange ich einen Blutstropfen in den Adern habe, werden Sie von Niemand Almoſen an⸗ nehmen. Schon voft habe ich Sie jlehentlich gebeten, Ihr Gewerbe als öffentlicher Schreiber aufzugeben, und mich anheiſchig gemacht, Ihre beſcheidenen Bedürfniſſe durch eine Vermehrung der Arbeit zu beſtreiten.“ „Aber, unglückliches Kind, wenn Du krank wirſt, wenn mich das Alter unfähig macht, meinen Unterhalt zu verdienen, werde ich alſo in's Hoſpital gehen müſſen!“ „Ich habe Vertrauen zu meinem Muthe, und es ird Ihnen an nichts fehlen hätte ich aber das Unglück, 68 Fräulein Ramon zu heirathen, ſo würde ich vor Gram ſterben.“ „Louis, eine ſolche Antwort kann nicht Dein Ernſt ſein.“ „Sie iſt es, mein Vater. In Ihrer blinden Zärt⸗ lichkeit waren Sie nur darauf bebacht, mich eine vortheil⸗ hafte Verbindung ſchließen zu laſſen; ich bin Ihnen un⸗ endlich dankbar hiefür. Sprechen wir aber nicht mehr von dieſer Heirath: ſie iſt, wie ich Ihnen ſage, un⸗ möglich.“ „Louis „ „Ich fühle und werde immer eine unüberwindliche Abneigung gegen Fräulein Ramon fühlen; und dann, ich muß es Ihnen wohl geſtehen, ich liebe ein Mädchen, und dieſes allein wird meine Frau ſein.“ „Ahl mein Kind, ſonſt beſaß ich Dein Vertrauen, und Du haſt einen ſo wichtigen Entſchluß ohne mein Wiſſen gefaßt!“ „Ich habe bis jetzt über dieſen Gegenſtand geſchwie⸗ gen, weil meine Liebe ſo dauerhafte Garantien bieten ſollte, daß es mir geſtattet wäre, ernſtlich mit Ihnen über meine Pläne zu reden. Ich und das Mädchen, das ich liebe, waren übereingekommen, ein Jahr zu warten, um zu ſehen, ob unſere Charaktere lange Zeit ſympathi⸗ ſirten, und ob das, was wir bei ſeinem Entſtehen für eine wirkliche Leidenſchaft hielten, nicht eine vorüberge⸗ hende Zuneigung ſei. Gott ſei Dank, unſere Liebe hat alle Prüfungen ausgehalten. Das Jahr, das wir be⸗ ſtimmt hatten, geht gerade heute zu Ende; ich hoffte viejenige, von welcher ich ſpreche, morgen zu ſehen und mich mit ihr über den Tag in Einklang zu ſetzen, wo ſie ihre Bitte an die Pathin, die ſie aufgezogen, richten würde, und wo ich meine Bitte an Sie richten würde. Verzeihen Sie, mein Vater,“ unterbrach Louis den Greis, der nun ſprechen wollte, „noch ein Wort. Das Mäd⸗ chen, das ich liebe, iſt arm wie wir und Arbeiterin ihres 3 69 Standes; aber es iſt das beſte, das edelſte Herz, das ich kenne. Nie würden Sie eine ergebenere Tochter finden. Die Frucht ihrer Arbeit und der meinigen wird für un⸗ ſere Bedürfniſſe genügen: ſie iſt, wie wir, an die Entbeh⸗ rungen gewöhnt; ich werde meinen Eifer, meine An⸗ ſtrengungen verdoppeln, und, glauben Sie mir, Sie wer⸗ den die Ihnen ſo nothwendige Ruhe und Pflege finden. Erlauben Sie mir ein letztes Wort. Nichts iſt mir peinlicher, als in meinen Abſichten von Ihnen verſchieden zu ſein. Es iſt, glaube ich, das erſte Mal, daß mir das begegnet; ich flehe Sie auch an, erſparen Sie mir den Kummer, Ihnen auf's Neue mit einer Weigerung entgegentreten zu müſſen. Dringen Sie nicht auf dieſe Heirath; ich werde mich nie hierein fügen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, wie ich Ihnen auch bei meiner ehrfurchtsvollen Liebe für Sie ſchwöre, daß ich nie eine andere Frau nehmen werde, als Mariette Moreau.“ Louis ſprach dieſe letzten Worte mit einem zugleich ſo ehrerbietigen, aber ſo entſchloſſenen Tone, daß der Greis, der überdies einen Hintergedanken hatte, nicht beharren zu müſſen glaubte und zu ſeinem Sohne mit betrübter Miene ſagte: „Ich kann nicht glauben, Louis, daß alle Gründe, die ich Dir für dieſe Heirath angegeben habe, werthlos in Deinen Augen bleiben. Ich habe mehr Vertrauen zu Deinem Herzen, als Du ſelbſt haſt; ich bin überzeugt, daß Du bei reiflicher Erwägung auf vernünftigere Ge⸗ danken kommen wirſt.“ „Mein Vater, hoffen Sie das nicht.“ „Nach Deinem Wunſche werde ich nicht in Dich dringen, aber ich zähle, wie geſagt, auf Deine Ueberle⸗ gung. Ich gebe Dir vierundzwanzig Stunden Zeit, einen entſcheidenden Beſchluß zu faſſen: bis dahin ver⸗ ſpreche ich Dir nicht mehr ein Wort von dieſer Heirath zu ſagen, und ich bitte Dich meinerſeits, ebenfalls nichts 70 mit mir von Deinen Wünſchen zu reden. Uebermorgen werden wir ſehen.“ „Gut, mein Vater, doch ich verſichere Sie, daß nach Ablauf dieſer Zeit „Wir ſind übereingekommen, nicht mehr über dieſe Angelegenheit zu ſprechen,“ ſagte der Greis, während er aufſtand. Und er ging ſtillſchweigend im Zimmer auf und ab und warfzuweilen verſtohlen einen Blick auf Louis, dieſer aber blieb, den Kopf in ſeinen beiden Händen haltend, nach⸗ denkend und mit den Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt, auf dem der Brief lag, den man ihm einige Minuten vorher übergeben hatte. VII. Louis Richard, nachdem er einen Blick auf den vor ihm liegenden Brief geworfen, deſſen Handſchrift ihm un⸗ bekannnt war, entſiegelte ihn maſchinenmäßig. Der Greis, während er ſchweigend immer im Zim⸗ mer auf und abging, folgte ſeinem Sohne mit dem Auge. Plotzlich ſah er ihn erbleichen, mit der Hand über ſeine Stirne fahren, als wollte er ſich verſichern, daß er nicht durch eine Illuſion bethört werde, dann mit einer wachſenden Angſt noch einmal den Brief leſen, an den zu glauben er ſich nicht entſchließen zu können ſchien. Dieſer Brief, den am Morgen der Vater Richard, ſeine Hand verſtellend, nach demerſten von Mariette dictirten abzuſchreiben geſchienen hatte, war, weit entfernt, die Gedanken der jungen Arbeiterin wiederzugeben, in folgen⸗ den Ausdrücken abgefaßt: — 7¹ „Herr Louis, „Ich benütze Ihre Abweſenheit, um Ihnen mitzu⸗ theilen, was ich Ihnen zu ſagen nicht gewagt hätte. Seit mehr als zwei Monaten verſchiebe ich es, dies zu ge⸗ ſtehen, aus Furcht, Ihnen vielleicht Kummer zu machen. Wir müſſen darauf verzichten, uns zu heirathen, und ſelbſt, uns ferner zu ſehen, Herr Louis. „Es iſt mir unmöglich, Ihnen die Urſache dieſer Veränderung zu ſagen, aber glauben Sie mir, mein Ent⸗ ſchluß iſt feſt gefaßt. Wenn ich Sie erſt heute davon in Kenntniß ſetze, heute am ſechsten Mai, Herr Louis, am ſechsten Mai, ſo geſchieht es, weil ich ein letztes Mal und beſonders in Ihrer Abweſenheit wohl erwägen wollte, ehe ich Ihnen meine Entſchließung eröffnen würde. „Leben Sie wohl, Herr Louis, ſuchen Sie nicht mich wiederzuſehen; das wäre unnütz und würde nur dazu die⸗ nen, mir großen Kummer zu bereiten. Wenn Sie mich da⸗ gegen ganz vergeſſen, und wenn Sie keinen Verſuch ma⸗ chen, ſich mir zu nähern, ſo iſt mein Glück, ſowie das meiner armen Pathin, geſichert. „Im Namen unſeres Glückes und unſerer Ruhe, Louis, flehe ich Sie alſo an, uns nicht mehr zu ehen. „Sie haben ein ſo gutes Herz, daß Sie mir nicht werden ein Leid verurſachen wollen, welches Sie nichts nützen würde, denn ich ſchwöre Ihnen, Alles iſt vorbei zwiſchen uns Beiden. Ich hoffe, Sie werden nicht gegen meinen Willen wiederkommen wollen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich Sie nur noch mit Freund⸗ ſchaft liebe. „Mariette Moreau.“ „N. S. Statt Ihnen dieſen Brief nach Dreur zu adreſſiren, wie Sie mir geſagt haben, adreſſire ich ihn nach Paris, damit Sie ihn bei Ihrer Rücktehr finden. 72 Da Auguſtine, welche, wie Sie wiſſen, für mich ſchrieb, in ihrer Heimath iſt, ſo ſchreibt eine andere Perſon. „Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß der Zuſtand mei⸗ ner Pathin immer derſelbe iſt.“ Das Leſen dieſes Briefes verſenkte Louis in eine tiefe, niederſchmetternde Beſtürzung. Die Treuherzigkeit der Schreibart, die vertraulichen Einzelheiten, die Erin⸗ nerung an das Datum des 6. Mai, Alles mußte ihn überzeugen, dieſe Zeilen ſeien von Mariette dictirt. Nach⸗ dem er ſich vergebens gefragt, was die Urſache dieſes ebenſo plötzlichen, als unerwarteten Bruches ſein könnte, ſetzten auch der Schmerz, der Unwille, der Zorn, die ver⸗ letzte Eitelkeit das Herz des jungen Mannes in die hef⸗ tigſte Bewegung, und er murmelte: „Oh! nein, ich werde ſie nicht mehr ſehen! Sie hat nicht nöthig, es mir mit ſo viel Dringlichkeit und Härte zu verbieten.“ Dieſe Worte erfüllten mit Wohlbehagen den Greis, der, während er beſtändig mit nachſinnender Miene auf und abging, die Folgen ſeiner Kriegsliſt beſpähte. Bald aber beherrſchte der Schmerz den Zorn im In⸗ nern von Louis, und ſeine Liebe erwachte zärtlicher und leidenſchaftlicher als je. Er ſuchte ſich der geringſten Umſtände ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Mariette zu erinnern; er befragte ſich über die letzten Monate ihres Verhältniſſes: es war ihm unmöglich, in ſeinem Gedächtniß die geringſte Spur einer Erkaltung von Seiten des Mädchens zu fin⸗ denz nie hatte ſie ihm im Gegentheil liebender, ergebener, ungeduldiger, ihr Loos mit dem ſeinigen zu verbinden, geſchienen, und dennoch, wenn all dieſer Anſchein log, dann mußte Mariette ein Ungeheuer der Verſtellung ſein, — ſie, die er immer ſo rein, ſo unſchuldig geglaubt. Louis konnte ſich nicht entſchließen, eine ſolche Täu⸗ ſchung anzunehmen. Begierig, das Geheimniß zu er⸗ gründen, welches das ſeltſame Benehmen von Mariette zu — 73 umgeben ſchien, unfähig, länger ſeine Bangigkeiten zu ertragen, beſchloß er, ſich auf der Stelle zu ihr zu bege⸗ ben, auf die Gefahr, ihre Pathin, welche bis jetzt, wie der Vater Richard, nichts von der Liebe von Louis und Mariette gewußt hatte, zu erzürnen. Keine von den Gemüthsbewegungen, die den jungen Mann nach und nach ergriffen hatten, waren dem Greiſe entgangen, welcher aufmerkſam die Wirkungen ſeiner Liſt verfolgte. Als er den Augenblick zum Handeln für günſtig hielt, agte er auch zu ſeinem Sohne, nach reiflicher Ueber⸗ egung: „Louis, ich denke, es wäre gut, wenn wir morgen ſehr frühzeitig nach Dreur abreiſen würden, denn kommen wir der Ankunft von Ramon nicht zuvor, ſo wird er über⸗ morgen hier ſein, wie wir es in dieſer Hinſicht mit einan⸗ der verabredet haben. „Dies, mein Freund,“ fuhr der Greis fort, indem er einen durchdringenden Blick auf ſeinen Sohn heftete, „dies wird Dich durchaus nicht verbindlich machen, und wenn Du dem theuerſten Wunſche meines Lebens wider⸗ ſtehen ſollſt, ſo verlange ich von Dir nur, als letzte Ge⸗ nugthuung, daß Du ein paar Tage bei Ramon und ſeiner Tochter zubringſt. Es wird Dir dann frei ſtehen, nach Deinem Belieben zu handeln. Als er aber Louis ſeinen Hut nehmen und ſich zum Ausgehen anſchicken ſah, rief der Vater Richard: „Was machſt Du? wohin gehſt Du?“ „Ich fühle ein wenig Kopfweh, mein Vater, und will einen Gang auswärts machen.“ „Ich bitte Dich, mein Freund, gehe nicht,“ ſagte der Greis mit wachſender Unruhe; „Du ſiehſt ſo nieder⸗ geſchlagen, ſo beſtürzt aus, ſeitdem Du dieſen Brief ge⸗ leſen haſt. Du machſt mir bange!“ „Ich, mein Vater ? Sie täuſchen ſich, ich habe nichts. Dieſer Brief iſt ſehr unbedeutend, das verſichere ich Sie. 74 Ich habe nur ein wenig Migräne, und ich komme im Augenblick wieder.“ Hienach entfernte ſich Louis ungeſtüm. Als er an der Loge des Portier vorüberging, rief ihm dieſer und ſagte mit geheimnißvoller Miene: „Herr Louis, ich erſuche Sie, in die Loge einzutre⸗ ten, weil ich Ihnen etwas zu übergeben habe, Ihnen allein. Treten Sie doch ein.“ „Was iſt es denn?“ fragte Louis in die Loge ein⸗ tretend. „Hier iſt eine Karte, die mir vorhin ein decorirter Herr für Sie eingehändigt hat. Er ſtieg aus einem herrlichen Cabriolet aus und ſagte, es habe große Eile.“ Louis nahm die Karte, hielt ſie an eine Lampe und las: Der Commandant de la Miraudiore, Rue du Mont⸗Blanc. Nr. 17. Wird morgen in ſeinem Hauſe von neun bis zehn Uhr Vormittags Heurn Louis Ri⸗ chard wegen einer ſehrintereſſanten Mit⸗ theilung, welche keinen Aufſchub leidet, erwarten. „Der Commandant de la Miraudière? Ich kenne dieſen Namen nicht,“ ſagte Louis, die Karte betrachtend; dann, als er ſie maſchinenmäßig umdrehte, erblickte er auf der Rückſeite die mit Bleiſtift geſchriebenen Worte: Mariette Moreau, bei Frau Lacombe, Rue des Prétres⸗Saint⸗Germain⸗ l'Aurerrois. Herr de la Miraudidre, der ſich auf die Rückſeite von einer ſeiner Viſitenkarten, um es nicht zu vergeſſen, den Namen und die Adreſſe von Mariette notirt hatte, hatte in der That, ohne daran zu denken, auf dieſelbe Karte, die er für Louis zurückgelaſſen, die paar Zeilen in Betreff einer Zuſammenkunft, um die er ihn erſuchte, geſchrieben. 75 In wachſender Verwirrung bemühte ſich der junge Mann zu ergründen, welche Beziehung zwiſchen Mariette und dieſem Fremden, von dem er die Karte empfing, ſtatt⸗ finden könnte. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fragte er den Portier: „Der Herr, der dieſe Karte hier gelaſſen, hat nichts für mich geſagt?“ „Doch, Herr Louis, er hat mir empfohlen, Ihnen die Karte nur zu übergeben, wenn Ihr Vater nicht dabei wäre.“ „Das iſt ſeltſam,“ dachte der junge Mann. „Dergeſtalt,“ fügte der Portier bei, „daß er mir vierzig Sous Trinkgeld gegeben, um ſicher zu ſein, daß ſein Auftrag gut beſorgt werde.“ „Und was für ein Mann iſt es? jung oder alt?“ „Es iſt, bei meiner Treue, ein ſehr ſchöner Mann, Herr Louis, ein ſehr ſchöner decorirter Mann; Schnurr⸗ bart und Backenbart ſchwarz wie Tinte, und gekleidet wie ein Prinz, abgeſehen von ſeinem herrlichen Cabriolet.“ Louis ging mit verwirrten Sinnen weg. Dieſer neue Vorfall vermehrte ſeine Bangigkeiten. Indem er ängſtlich den Beweggrund des plotzlichen Bruches von Mariette ſuchte, fühlte er bald den ſcharfen Biß der Eiferſucht. Sobald er unter dieſem Eindrucke ſtand, nahmen der un⸗ ſinnigſte Verdacht, die chimäriſchſten Befürchtungen in ſeinen Augen den Schein der Wirklichkeit an; es kam bei ihm ſo weit, daß er ſich fragte. ob der Fremde, von dem er die Karte empfangen, nicht ſein Nebenbuhler ſei: welche Bez ehungen konnten in der That Mariette und ihre Pathin bei ihrer Armuth zu einem jungen, reichen und ſchönen Manne haben? In ihrem Briefe bat Mariette Louis inſtändig, er möge ſie nicht ehr zu ſehen ſuchen, da dieſe Annäherung, wie ſie ſagte, nur ihr Glück und das ihrer Pathin ge⸗ fährden würde. Louits kannte die elende Lage dieſer zwei Frauen. Das Mädchen hatte manchmal mit ihm über 76 den verdrießlichen, gallſüchtigen Charakter von Frau Lacombe geſprochen. Ein gräßlicher Gedanke durchzuckte ſeinen Geiſt. Vielleicht hatte Mariette, ebenſo aus Ar⸗ muth, als bedrängt von ihrer Pathin, den glänzenden Anträgen des Mannes, von dem er ſo eben die Karte er⸗ halten, Gehör geſchenkt. Was konnte aber in dieſem Falle der Zweck der Zuſammenkunft ſein, die dieſer Mann von ihm verlangte? Einmal auf den Schwindel erregenden Weg der Eiferſucht geſchleudert, laſſen ſich die Liebenden beinahe immer vorzugsweiſe zu den ausſchweifendſten Ideen fort⸗ reißen. So war es auch bei Louis. Indem er ſich für einen Nebenbuhler verrathen wähnte, fand er den Schlüſ⸗ ſel von dem, was Unerklärliches in dem Briefe und im Benehmen von Mariette lag; er glaubte hartnäckig an eine Untreue, in Erwartung ſeiner Unterredung mit dem Commandanten de la Miraudiere, von dem er eine Erklärung und Aufſchlüſſe zu fordern gedachte. In dem Zuſtande der Bangigkeit und ſchmerzlicher Aufregung, in welchem er ſich befand, ging Louis von ſeinem erſten Entſchluß wieder ab und begab ſich nicht zu Ma⸗ riette. Gegen Mitternacht kam er zu ſeinem Vater zurück. Beruhigt durch das düſtere Geſicht von Louis und ſicher, daß er das Mädchen nicht wiedergeſehen und folglich den Irrthum nicht erkannt hatte, deſſen Opfer Beide waren, machte der Greis ſeinem Sohne abermals den Vorſchlag, am andern Morgen nach Dreur abzureiſen. Louis er⸗ wiederte, er wünſche über dieſen ernſten Schritt nachzu⸗ denken, und warf ſich in Verzweiflung auf ſein Bett. Die Nacht war für dieſen Unglücklichen nur eine lange, grauſame Schlaflofigkeit. Dem Erwachen des Greiſes, deſſen Fragen er vermeiden wollte, zuvorkommend, ging er bei Tagesanbruch aus, und nachdem er auf dem Boulevard in einer tödtlichen Angſt auf die Stunde ſeiner Zuſammenkunft mit dem Commandanten de la Miraudisre gewartet hatte, begab er ſich endlich zu die⸗ ſem Mann. 77 VIII. Als Louis Richard beim Commandanten de la Mirau⸗ dire erſchien, ſaß dieſer, in einen herrlichen Schlafrock gehüllt, an ſeinem Bureau, rauchte eine Cigarre und ordnete in ſeinem Porteſeuille eine große Anzahl Billets und Wechſel. Sein Diener trat ein und meldete: „Herr Richard.“ Herr de la Miraudiére ſtand raſch auf und ſagte: „Bitten Sie Herrn Richard, einen Augenblick in meinem Salon zu warten; wenn ich klingle, führen Sie ihn ein.“ Der Diener ging ab. Herr de la Miraudiere oͤff⸗ nete eine von den Schubladen ſeines Bureau, die einen Si⸗ cherheitsbehälter bildete, nahm fünfundzwanzig Billets von tauſend Franken heraus, legte ſie neben eines von den ge⸗ ſtempelten Blättern, welche für Urkunden beſtimmt ſind, und klingelte dann. Louis Richard trat mit düſterer, verlegener Miene ein. Sein Herz klopfte ſo gewaltig bei dem Gedanken, er ſiehe vielleicht vor einem glücklichen Nebenbuhler, daß der arme Junge, wie alle aufrichtig und unſchuldig Lie⸗ benden, ſich die Vorzüge von demjenigen übertrieb, von welchem er glaubte, er werde ſeinetwegen hintenangeſetzt. In ſeinen Schlafrock von Damaſt drapirt und eine Reihe ziemlich eleganter Zimmer bewohnend, ſchien Herr de la Miraudiore Louis ein ſehr furchtbarer Mitbewerber bei Mariette zu ſein. „Ich habe die Ehre, mit Herrn Louis Richard zu ſprechen?“ fragte Herr de la Miraudiere mit dem liebens⸗ würdigſten Lächeln. Herr.“ jrnilch „Einziger Sohn von Herrn Richard, oͤffentlichem Schreiber?“ 18 Dieſe Worte wurden mit einer halb ſpöttiſchen Miene geſprochen. Louis bemerkte es und erwiederte mit trocke⸗ nem Tone: „Ja, mein Herr, mein Vater iſt öffentlicher Schreiber.“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, daß ich Sie bemüht habe, aber ich hatte allein mit Ihnen zu ſpre⸗ chen. Dieſe Unterredung kam mir ſehr ſchwierig bei Ih⸗ nen vor. Darum habe ich Sie gebeten, Sie moͤgen ſich zu mir begeben.“ „Darf ich nun wiſſen, was Sie von mir wollen?“ „Ihnen meine Dienſte anbieten, mein lieber Herr Richard,“ erwiederte Herr de la Miraudiere mit ein⸗ ſchmeichelndem Tone, „denn ich wäre ſehr glücklich, Sie meinen lieben Clienten nennen zu können.“ „Ihr Client? ich! Wer find Sie denn!“ „Ehemaliger Militär, Schwadronchef in Ruheſtand, zwanzig Feldzüge, zehn Wunden, und Geſchäftsmann, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich habe große Kapitaliſten zu meiner Verfügung, und ich bin unter vielen Umſtänden ihre Mittelsperſon bei jungen Hausſoͤhnen.“ „Ich ſehe nicht ein, mein Herr, welche Dienſte Sie mir leiſten können.“ „Welche Dienſte, mein junger Freund? (erlauben Sie einem Alten, einem Haudegen, Ihnen dieſen Namen zu geben); welche Dienſte? Sie fragen mich das und Sie ſind Notarsſchreiber, Sie vegetiren, Sie theilen eine elende Manſarde mit Ihrem Vater, und Sie ſind geklei⸗ det „ Gott weiß wie.“ „Mein Herr,“ rief Louis purpurroth vor Entrüſtung. „Erlauben Sie, mein junger Freund, das ſind That⸗ ſachen, die ich mit Bedauern, ich möchte beinahe ſagen, mit Entrüſtung bezeichne! Alle Wetter! ein junger Mann wie Sie müßte fünf und zwanzig bis dreißigtauſend Franken jährlich ausgeben, Pferde, Maitreſſen haben, und ein ſüßes, heiteres Leben führen.“ „Mein Herr,“ rief Louis, der ſich kaum zu beherr⸗ 79 ſchen vermochte, „iſt das ein Scherz? Ich bin nicht in der Laune, ihn zu ertragen, das ſage ich Ihnen ſogleich.“ „Ich bin ein alter Militär, und ich habe meine Proben abgelegt, mein junger Freund,“ ſprach Herr de la Miraudière mit prahleriſchem Tone; „damit bemerke ich Ihnen, daß ich kann gewiſſe Lebhaftigkeiten hingehen laſſen, die ich übrigens entſchuldige, denn das, was ich Ihnen ſage, muß Ihnen ſehr außerordentlich ſcheinen.“ „Sehr außerordentlich, mein Herr!“ „Hier, mein junger Freund, iſt wenigſtens Etwas, was Sie überzeugen wird, daß ich im Ernſte ſpreche,“ fügte unſer Mann bei, indem er die Tauſend⸗Franken⸗ Billets auf ſeinem Bureau ausbreitete. „Hier ſind fünf und zwanzig tauſend Franken, welche ich mit Entzücken zu Ihrer Verfügung ſtellen würde, um Sie als einen jungen Mann von guter Familie zu etabliren, und über⸗ dies würde ich jeden Monat zwei tauſend fünfhundert Franken zu Ihren Dienſten bereit halten; ich biete Ihnen dieſe Vorſchüſſe auf fünf Jahre an, wir werden hernach rechnen.“ „Mir, mein Herr, machen Sie dieſes Anerbieten?“ „Ja, und ich bin ſehr glücklich, es Ihnen zu machen.“ „Mir! Louis Richard?“ „Ihnen, Louis Richard.“ „Viele Perſonen heißen Richard, mein Herr; Sie nehmen mich für einen Andern.“ „Nein, Teufel! ich kenne meine Leute, ich nehme Sie für das, was Sie ſind: Herr Louis Deſiré Richard, einziger und volljähriger Sohn von Herrn Alerandre Ti⸗ moleon Benedict Pamphile Richard, alt ſieben und ſechzig Jahre, geboren in Brie⸗Comte⸗Robert, und ge⸗ genwärtig wohnhaft in der Rue de Grenelle⸗Saint⸗ Honoré, Nr. 23, ſeines Gewerbes öffentlicher Schreiber. Sie ſehen, daß kein Irrthum obwaltet, mein junger reund.“ „Mein Herr, da Sie meine Familie ſo gut kennen, 8⁰ ſo müſſen Sie wiſſen, vaß meine Armuth mich berhin⸗ dert, irgend ein Anlehen zu machen.“ „Ihre Armuthl unglücklicher junger Mann!“ „Aber, mein Herr! „ „Nein, das iſt unwürdig! vas iſt abſcheulich!“ rief der Geſchäftsmann mit einem Ausdruck zorniger An⸗ ſchuldigung, „die Frechheit haben, einen armen jungen Mann in einem ſo plumpen Irrthum aufzuziehen! ihn verurtheilen, ſeine ſchönſten Jahre in der Schreibſtube zu⸗ zubringen! ihn auf abgetragene Röcke, blaue Strümpfe und Schnürſchuhe beſchränken! Aber zum Glück gibt es eine Vorſehung, und dieſe Vorſehung erblicken Sie in mir, mein junger Freund! ſie erſcheint Ihnen unter den Zü⸗ gen des Commandanten de la Miraudière.“ „Mein Herr, ich erkläre Ihnen, daß dies Alles mich am Ende ermüdet, brechen wir dieſes Geſpräch ab oder erklären Sie ſich deutlich.“ „Gut Sie glauben, Ihr Vater ſei in beinahe dürftigen Umſtänden, nicht wahr?“ „Ich ſchäme mich deſſen nicht, mein Herr.“ „Oh! unſchuldiger junger Mann.“ „Was bedeutet „Hören Sie mich, und Sie werden mich nachher als Ihren Retter ſegnen.“ So ſprechend, öffnete Herr de la Miraudiere ein Re⸗ giſter und las wie folgt: „„Verzeichniß der beweglichen Habe von Herr Ti⸗ molevn Benedict Alerandre Pamphile Richard (nach Erkundigungen, welche der Creditverein bei der franzöſi⸗ ſchen Bangue am 1. Mal 18. eingezogen hat): „„1) Dreitauſend neunhundert und zwanzig Actien der franzöſiſchen Banque (realifirbar nach dem gegenwärtigen Curs 924,300 Fr. „„2) Leihhaus⸗Obligationen 375,250 „„3) Depot in baarem Geld bei der franzöſiſchen Banque 259,130 Summe 2,058,680 Fr. 81¹ „Sie hören, mein junger und unſchuldiger Freund, nur das bekannte bewegliche Vermoͤgen Ihres theuren und ehrenwerthen Herrn Vaters belief ſich am erſten dieſes Monats auf die Bagatelle von zwei Millionen achtund⸗ fünfzigtauſend ſechshundert und achtzig Franken; aber Alles läßt muthmaßen, daß, nach dem leidenſchaftlichen Geſchmack der Geizigen, die ſich, außer ihren guten An⸗ lagen, darin gefallen, einen Theil ihres Schatzes zu ſehen, zu beriechen, in den Händen zu haben, Alles läßt muth⸗ maßen, daß Ihr würdiger Vater in irgend einem Ver⸗ ſteck eine Summe vergraben hat, welche nicht minder ſaftig iſt, als ſein bekanntes Vermögen. Doch nehmen wir an, dies ſei nicht ſo, ſetzen wir den ſchlimmſten Fall, ſo ſehen Sie, vaß der Urheber Ihrer Tage in der Sonne mehr als zwei Millionen beſitzt. Da er nicht zwölfhundert Franken jährlich nusgibt, bei einer Rente von ungefähr hunderttauſenden Livres, ſo begreifen Sie, was für ein Vermögen Sie eines Tags bekommen werden, mein junger Freund, und Sie werden ſich nicht mehr über die Anerbietungen wundern, die ich Ihnen mache.“ Dieſe Offenbarung verſteinerte Louis Richard;z tau⸗ ſend vetworrene Gedanken durchkreuzten ſich in ſeinem Geiſte. Er konnte kein Wort finden und ſchaute den Geſchäftsmann mit einer unbeſchreiblichen Beſtürzung an. „Sie find nun ganz verblüfft, mein junger Freund! Das iſt einfach, Sie meinen zu träumen.“ „In der That, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich glauben ſoll, glauben kann.“ „Machen Sie es wie der heilige Thomas, mein Freund, nehmen Sie dieſe fünfundzwanzig Tauſend⸗ Franken⸗Billets; das wird Ihnen den Glanben geben, denn die Kapitaliſten, welche hinter mir ſtehen, ſind nicht ſo dumm, daß ſie ihr Geld in Gefahr ſetzen, und ich muß Ihnen hier ſagen, daß ſie Ihnen vieſe Vorſchüſſe gegen acht Procent machen, wozu noch eine Proviſton von Der Geiz. 6 8² ſieben Procent für meine artigen Dienſte kommt. Sie werden zu ſehr Cavalier ſein, um über dieſe Erbärm⸗ lichkeiten Streit anzufangen. Intereſſe und Kapital wer⸗ den ſich kaum auf die Hälfte der Einkünfte Ihres Vaters belaufen; Sie erſparen ſomit, genau genommen, wäh⸗ rend Sie reichlich leben, fünfzigtauſend Franken jährlich. Es iſt nicht möglich, daß Sie ſich ökonomiſcher zeigen, aber Sie können wenigſtens geduldig die letzte Stunde abwarlen, wo der gute Mann, Sie verſtehen Uebri⸗ gens habe ich an Alles gedacht, und da der genannte gute Mann ſich wundern könnte, wenn er Sie ein groß⸗ artiges Leben führen ſähe, ohne bekannte Mittel, ſo habe ich etwas ſehr Geiſtreiches erſonnen, den Anſchein eines Einſatzes in die Lotterie von einem herrlichen Diamant von fünfhundert Louis d'or: tauſend Billets zu zehn Fran⸗ ken. Sie haben eines von den Billets genommen, man macht glauben, die Lotterie werde übermorgen gezogen, Sie haben den Diamant gewonnen und für acht bis neuntauſend Franken verkauft; dieſe Summe, ſagen Sie, hahen Sie einem Freunde anvertraut, um ſie umzutrei⸗ ben; er wird nicht verfehlen, ſie bei einem herrlichen Un⸗ ternehmen anzulegen, das dreihundert Procent jährlich ein⸗ trägt, und in Folge dieſer Kriegsliſt können Sie vor der väterlichen Naſe Ihre fünfundzwanzig bis dreißigtauſend Franken im Jahre ausgeben. Sagen Sie nun, junger Mann, ob ich ein Geck war, wenn ich mir das Anſehen der Providenz in Betreff Ihrer gab. Doch was haben Sie? dieſes verdüſterte Geſicht! dieſe ſorgenvolle Miene! dieſes Stillſchweigen! während ich Sie, nachdem das erſte Erſtaunen vorüber, in ein freudiges Entzücken, in ſchal⸗ lendes Gelächier, in Luftſprünge und andere ſehr verzeih⸗ liche Kundgebungen ausbrechen zu ſehen erwartete, — ſehr verzeihlich, wenn man in einer Viertelſtunde vom Grade eines Notarsſchreibers zu dem eines Millionärs übergeht. Ah! wenn ihn nur das Erſtaunen, das Glück nicht verrückt gemacht haben!“ 83 In der That, dieſe Offenbarung, welche jeden An⸗ dern als Louis Richard ohne Zweifel in einen freudigen Wahnwitz verſetzt hätte, verurſachte beiihm die widrigſten, peinlichſten Empfindungen; vor Allem verletzten ſein Herz die lange Verſtellung und das Mißtrauen ſeines Vaters, der ihn über ſolche Reichthümer in Unwiſſenheit ließ; ſo⸗ dann, und dieſer Schlag ſchmerzte ihn am meiſten, ſodann ſagte er ſich, indem er an das Vermogen dachte, wel⸗ ches er eines Tags beſitzen ſollte, er hätte es mit Mariette, ohne ihre grauſame Abtrünnigkeit, theilen und in ein Le⸗ ben des Glückes und des Luxus das bis dahin ſo dürf⸗ tige, beſchränkte Leben des Mädchens verwandeln können. Seinen bittern Kummer wiederbelebend, beherrſchte ihn dieſe Betrachtung dergeſtalt, daß er nur noch an die Erklärungen dachte, welche er vom Commandanten de la Miraudiére hatte fordern wollen, und er ſagte zu ihm mit einer finſteren Miene, indem er ihm ſeine Vi⸗ ſitenkarte zeigte: „Mein Herr, Sie haben geſtern bei mir dieſe Viſi⸗ tenkarte zurückgelaſſen.“ „Ja, mein junger Freund, aber „Koͤnnten Sie mir wohl ſagen,“ fügte Louis mit bebender Stimme bei, „könnten Sie mir wohl ſagen, wie es kommt, daß der Name und die Wohnung von Mademoiſelle Mariette Moreau mit Bleiſtift auf dieſer Karte geſchrieben ſtehen 2“ „Wie meinen Sie?“ verſetzte der Geſchäftsmann, erſtaunend über dieſe Frage in einem ſolchen Augenblick. „Sie ſagen 4 „Ich frage, wie es komme, daß die Adreſſe von Mademviſelle Mariette Moreau auf dieſer Karte ſtehe?“ „Ah.! ah! mein Client verliert entſchieden den Kopf!“ rief der Wucherer. „Wie, mein junger Freund, ich ſpreche von väterlichen Millionen, von dreißigtauſend Franken, die Sie jährlich ausgeben ſollen, und Sie ant⸗ worten mir „ Griſette!“ X 84 „Wenn ich eine Frage mache, mein Herr, ſo ver⸗ lange ich, daß man mir antwottet!“ rief Louis. „Teufel! mein junger Freund, Sie nehmen dieſen Ton gegen mich an.“ „Dieſer Ton iſt der meinige mag er Sie im⸗ merhin ärgern.“ „Alle Wetter! mein Herr,“ rief der Wucherer, in⸗ dem er ſich hoch aufrichtete und ſeinen Schnurrbart ſtrei⸗ chelte; dann fügte er bei: „Bah! ich habe meine Proben abgelegt; ein alter Militär, mit Wunden bedeckt, kann ich viele Dinge hingehen laſſen. Ich antworte Ihnen, mein lieber Client, daß der Name und die Adreſſe dieſes kleinen Mädchens ſich auf meiner Karte finden, weil ich ſie darauf geſchrieben habe, um ſie nicht zu vergeſſen.“ „Sie kennen alſo Mademoiſelle Mariette?“ „Bei Gott!“ „Sie machen ihr den Hof?“ „Ein wenig .. „Und Sie hoffen?“ „Viel.“ „Und ich, mein Herr, ich verbiete Ihnen, wieder ei⸗ nen Fuß in ihr Haus zu ſetzen.“ „Sieh da!“ ſagte der Wucherer zu ſich ſelbſt, „ein Nebenbuhler? Das iſt drollig! Ahl ich begreife nun die Weigerung der Kleinen. Treiben wir meinen Clienten in die Engel das iſt jung, das iſt Neuling, das iſt Notars⸗ ſchreiber! das muß eiferſüchtig ſein; er wird in vas Garn gehen, und ich werde ihn ausſtechen, denn es iſt mir an der Kleinen gelegen; geht der junge Mann nicht in das Garn, ſo bleibt die Sache varum doch gleich für mich.“ Und er fügte laut bei: „Mein lieber Herr, wenn man mir etwas verbietet, ſo betrachte ich es als meine erſte Pflicht, das zu thun, was man mir verbietet.“ „Wir werden ſehen, meim Herr.“ „Hören Sie, junger Mann? ich habe ſieben und 85 fünfzig Duelle gehabt und kann mich folglich der Mühe überheben, noch ein achtundfünfzigſtes mit Ihnen zu ha⸗ ben. Ich will lieber die Sprache der Vernunft mit Ih⸗ nen ſprechen. Erlauben Sie mir eine einzige Frage: nicht wahr, Sie ſind geſtern von der Reiſe angekommen?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie ſind mehrere Tage abweſend geblieben, und Sie haben Mariette ſeit Ihrer Rückkehr nicht wiedergeſehen?“ „Nein, mein Herr, aber. . „Nun! mein junger Freund, es iſt Ihnen wider⸗ fahren, was ſo vielen Andern widerfährt: Mariette kannte Sie nicht als Sohn eines Millionärs. Ich bin während Ihrer Abweſenheit erſchienen; ich habe dieſem kleinen Mädchen angeboten, was einer hungerigen Griſette den Kopf zu verrucken nie verfehlen kann. Ihre Pathin, welche, wie ſie, Hungers ſtirbt, hat den Wohlſtand gerochen, und, bei meiner Treue! da die Abweſenden immer Unrecht haben. he! he! Sie begreifen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſprach Louis, deſſen Zorn einer düſteren Verzweiflung Platz machte, „es iſt alſo wahr!“ „Wenn ich gewußt hätte, ich ſei Mitbewerber mit einem zukünftigen Clienten, ſo würde ich mich enthalten haben. Doch es iſt zu ſpät. Und überdies, für eine Ver⸗ lorene tauſend Wiedergefundene. Auf, mein junger Freund, nicht ſo niedergeſchlagen. Dieſe Kleine war für Sie zu blutjung; es war eine Erziehung zu machen, und Sie werden reizende Frauen ganz erzogen und fehr wohl er⸗ zogen finden; ich werde Ihnen ganz beſonders eine gewiſſe Frau von Saint⸗Hildebrand empfehlen.“ „Elender!“ rief Louis Richard, indem er den Ge⸗ ſchäftsmann am Kragen packte. „Schändlicher!“ „Mein Herr!“ rief der Commandant de la Mi⸗ raudière, „Sie werden mir Genugthuung geben 4 In dieſem Augenbilck wurde die Thüre heftig ge⸗ öffnet, und auf ein ſchallendes Gelächter, das man ver⸗ nahm, wandten die zwei Gegner gleichzeitig den Kopf um. „Saint⸗Herem!“ rief Louis, ſeinen Jugendfreund erkennend. „Du hier!“ ſprach Floreſtan von Saint⸗Herem, indem er auf den noch vor Zorn bleichen jungen Mann zulief; der Wucherer aber richtete den Kragen ſeines Schlafrocks wieder zurecht und murmelte: 3 „Zum Teufel mit Saint⸗Herem in einem ſolchen Augenblick!“ IX. Herr von Saint⸗Herem war ein Mann von höch⸗ ſtens dreißig Jahren, von reizendem Geſichte und äußerſt eleganter Haltung. Seine feine und geiſtreiche Phyſiog⸗ nomie nahm zuweilen einen Charakter gebietender Drei⸗ ſtigkeit an, wenn er ſich zum Beiſpiel, wie man ſehen wird, an den Commandanten de la Miraudiere wandte; voch beim Anblick ſeines Schulfreundes empfand Herr von Saint⸗Herem die lebhafteſte Freude, und er ſchloß Louis herzlich in ſeine Arme — ein liebevolles Umfangen, das der junge Mann auf das Innigſte erwiederte, trotz der verſchiedenen Gemüthserſchütterungen, die ſich ſeiner be⸗ mächtigt hatten. Als dieſe Bewegung des Erſtaunens und des Vergnügens, ſich wiederzuſehen, vorüber war, kehrten die Perſonen dieſer Scene zu ihren erſten Gedanken zurück und nahmen ungefähr dieſelbe Phyſiognomie wieder an, die ſie bei der plötzlichen Erſcheinung von Saint⸗Herem ge⸗ habt hatten. Louis warf fortwährend Blicke der Eni⸗ rüſtung auf den noch vor Zorn bleichen Wucherer, indeß Herr von Saint⸗Herem mit Jöttiſcher Miene zu die⸗ ſem ſagte: 87 „Ah! mein Lieber, geſtehen Sie, daß ich zu rech⸗ ter Zeit gekommen bin; ohne mich würde Sie Louis tüch⸗ tig abgebläut haben.“ „Man, wagt es, Hand an mich zu legen! an einen alten Militär!“ rief der Commandant de la Miraudiere, indem er einen Schritt gegen Louis machte. „Das wird nicht ſo hingehen, Herr Richard.“ „Wie Sie wollen, Herr de la Miraudière.“ „Herr de la Miraudiere?“ Ha! ha! ha!“ rief Flo⸗ reſtan von Saint⸗Herem mit einem ſchallenden Geläch⸗ ter. „Wie! mein wackerer Louis, Du antworteſt auf dieſe Herausforderung? Du nimmſt es ernſt mit dieſem Burſchen? Du glaubſt an ſeinen militäriſchen Grad, an ſein Kreuz, an ſeine Feldzüge, an ſeine Wunden, an ſeine Duelle und an den wunderſamen Namen de la Mirau⸗ diere, den man de la Maraudieres) ausſprechen müßte?“ „Genug dieſer Scherze!“ ſagte der vorgebliche Com⸗ mandant erröthend vor Aerger zu Saint⸗Herem, „jeder Spott hat ſeine Grenzen, mein Theuerſter.“ „Herr Jerome Porquin,“ ſprach Floreſtan. Und ſich an Louis wendend fügte er bei: „Er heißt Jerome Porquin. Sein wahrer Name iſt Porquin, und dieſer Name ſcheint mir vortrefflich gewählt.“ Dann drehte ſich Floreſtan wieder gegen den vorgeblichen Commandanten um und ſagte zu ihm mit einem Tone, der keinen Wi⸗ derſpruch zuließ: „Herr Porquin, das iſt das zweite Mal, daß ich genöthigt bin, Ihnen zu verbieten, mich Ihren Theuerſten zu nennen. Bei mir iſt es etwas An⸗ deres, ich habe das Recht gekauft und bezahlt, Sie meinen theuren, meinen ſehr theuren, meinen ungeheuer theuren Herrn Porquin zu nennen, denn Sie koſten mich ſehr viel und haben mich wüthend betrogen.“ *) La maraude, die Plünderung. 85 „Mein Herr,“ rief der Wucherer, „ich werde nicht ulden „ „Wie! was iſt das? Woher kommt dieſe gewaltige Empfinvlichkeit von Herrn Porquin?“ verſetzte Herr von Saint⸗Herem, mit erſtaunter Miene umherſchauend. „Was geht denn vor? Ah! ich habe es. Du biſt es, mein wackerer Louis, es iſt Deine Gegenwart, die dieſen zu theuren Herr Porquin nöthigt, ſich auf die Hin⸗ terbeine zu ſtellen, denn er fieht zu ſeinem Verdruß, daß ich ſeine Lügen und eitlen Anmaßungen entlarve. Um nun ſogleich damit ein Ende zu machen (und ſieh wohl, ob er die Frechheit hat, mich Lügen zu ſtrafen), will ich Dir ſagen, was der Herr Commandant de la Miraudiére iſt. Er hat einzig und allein bei der Adminiſtration der Lebensmittel des Heeres gedient. So iſt er beim letzten Kriege bis Madrid gekommen; und da man fand, daß dieſer ehrliche Lebensmittelverwalter zu ſehr auf Koſten der Regierung lebte, ſo hat man ihn gebeten, anderswo zu leben. Er iſt gegangen und hat ſich zum Geſchäftsführer gemacht, das heißt, er iſt Wucherer, Agio⸗ teur, Unterhändler bei allen Arten von unſichern und un⸗ ſaubern Geſchäften geworden; das rothe Band, das er trägt, iſt das vom goldenen Sporn, einem Orden des Papſtes, den ein frommer Mann dieſem andern from⸗ men Mann verſchafft hat, um ihn für ſeinen Beiſtand bei einer frechen Beraubung zu belohnen; endlich heißt Herr de la Miraudidre Herr Porquin; er hat kein Duell gehabt, einmal, weil er feigherzig iſt wie ein Haſe, und dann, weil er ſo übel berüchtigt iſt, daß er wohl weiß, daß ein Mann von Ehre ſeine Herausforderungen nur mit Verachtung erwiedern kann, und daß man, geht er zur Frechheit, bei ihm bis zu Stockprügeln gehen mu „Wenn Sie meiner bedürfen, behandeln Sie mich nicht ſo,“ ſagte der Wucherer wit dumpfem Tone. „Bedarf ich Ihrer, ſo bezahle ich Sie, Herr 89 Porquin, und da ich Ihre Prellereien kenne, mein zu theuerer Herr Porquin, ſo muß ich Herrn Richard, deſſen Freund ich zu ſein die Ehre habe, warnen. Sie wollen ihn ohne Zweifel verſchlingen wie eine Fliege, und Sie haben wahrſcheinlich ſchon angefangen, ihr Wucherers⸗ gewebe um ihn anzuzetteln.“ „Leiſtet doch den Leuten Dienſte!“ ſagte der Wuche⸗ rer mit Bitterkeit; „ſeht, wie man Euch dafür belohnt! Ich enthülle Ihrem Freunde ein Geheimniß von der höch⸗ ſten Wichtigkeit für ihn . . .. „Ich begreife nun, in welcher Abſicht Sie mir ent⸗ gegengekommen ſind, mein Herr,“ erwiederte trocken Louis Richardz „ich bin Ihnen keinen Dank ſchuldig für den Dienſt, den Sie mir geleiſtet... wenn es ein Dienſt iſt,“ fügte er traurig bei. Der Wucherer gedachte nicht ſeine Beute ſo leicht fahren zu laſſen, und da er die Demüthigungen, mit denen ihn Herr von Saint⸗Herem überhäuft hatte, zu vergeſſen wußte, ſo wandte er ſich an dieſen mit eben ſo viel Ungezwungenheit, als wenn er durchaus nicht auf eine ungeſchlachte Weiſe entlarvt worden wäre, und ſprach: „Herr Louis Richard kann Ihnen die Bedingungen des Geſchäftes ſagen, mein Herr, das ich ihm angetra⸗ gen, er kann Ihnen ſagen, unter welchen Umſtänden ich ihm dieſe Anerbietungen gemacht habe; Sie werden be⸗ urtheilen, ob meine Forderungen übermäßig waren. Wenn ich Ihnen übrigens bei Ihrer Unterredung läſtig bin, meine Herren, ſo wollen Sie die Güte haben, in den Salon zu gehen; ich werde die Entſcheidung von Herrn Louis Richarv hier erwarten, wenn er Ihren Rath bei dieſer Sache annehmen will.“ „Mein zu theurer Herr Porquin, das iſt das Beſte, was Sie bis jetzt geſagt haben,“ erwiederte Floreſtan. Dann nahm er Louis beim Arm und führte ihn in das anſtoßende Zimmer; zuvor aber rief er noch dem Wucherer zu: 90 „Wenn ich zurückkomme, werde ich Ihnen den Grund meines Beſuches ſagen, oder ich will Ihnen denſelben vielmehr ſogleich ſagen. Ich brauche heute Abend zwei⸗ hundert Louis d'or. Nehmen Sie, unterſuchen Sie dieſe Werthpapiere.“ Und er zog aus ſeiner Taſche einige Papiere, warf ſie von fern dem Wucherer zu, verließ das Zimmer und trat in Begleitung ſeines Freundes in das anſtoßende Cabinet ein. Die hoffärtige Brutalität, mit der Herr von Saint⸗ Herem Herrn Porquin entlarvt hatte, brachte Louis Ri⸗ chard einen neuen Schlag bei; mit einem bitteren Schmerz dachte er, einem ſolchen Elenden ſei er von Mariette ge⸗ opfert worden. Als Louis mit ſeinem Freunde allein war, konnte er auch nicht länger die Gemüthsbewegung, die ihn bedrückte, bemeiſtern und ſeine Thränen zurück⸗ halten, und er ſagte mit erſtickter Stimme, indem er in ſeine Hände die Hände von Herrn von Saint⸗Herem nahm: „Ah! Floreſtan, ich bin ſehr unglücklich!“ „Ich vermuthe es, mein armer Louis; denn für ei⸗ nen vernünftigen und arbeitſamen Jungen wie Du heißt ſich in die Klauen eines Burſchen, wie es dieſer Porquin iſt, geben ſeine Seele dem Teufel verſchreiben. Sprich, was iſt Dir begegnet? Dein Leben iſt beſcheiden, beinahe vürftig; ſollteſt Du Schulden, eine Tollheit gemacht ha⸗ ben 2 Was Dir ungeheuer ſcheinen kann, wäre vielleicht nichts für mich. Ich habe für heute Abend von dieſem hartherzigem Wucherer zweihundert Louis d'or verlangt. Ich werde ſie bekommen, deſſen bin ich ſicher. Willſt Du mit mir theilen? willſt Du Alles? Ich werde mir auf eine andere Art zu helfen wiſſen. Zwei hundert Louis d'or, das muß die Schulden eines Notarsſchreibers bezahlen. Ich ſage das nicht, um Dich zu demüthl⸗ gen Brauchſt Du etwa mehr? Wir werden ſuchen, 91¹ aber, um Gottes willen! wende Dich nicht an Porquin, ſonſt biſt Du verloren, ich kenne dieſen Burſchen.“ Louis vernahm das edelmüthige Anerbieten von Herrn von Saint⸗Herem mit einer ſo ſüßen Befriedigung, daß er einen Augenblick ſeinen Kummer vergaß. „Theurer, guter Floreſtan!“ ſagte er, „wenn Du wüßteſt, wie ſehr mir dieſer Beweis von Deiner Freund⸗ ſchaft wohl thut, wie er mich tröſtet!“ „Deſto beſſer! Du nimmſt es alſo an?“ „Nein.“ „Wie?“ „Ich bedarf Deiner Gefälligkeit nicht; dieſer Wu⸗ cherer, denn ich nicht kannte, hat mir geſchrieben, und er macht mir den Antrag, mir jährlich mehr Geld zu leihen, als ich in meinem ganzen Leben ausgegeben habe.“ „Was ſagſt Du? Er bietet das Dir an? Dieſer Schuft und der Wucherer, deſſen Unterhändler er iſt, borgen nie einen Sou ohne die beſten Bürgſchaften: ſolche Leute discontiren weder die Ehre, noch die Redlich⸗ keit, noch die Arbeitſamkeit; ich weiß aber nicht, mein armer Louis, daß Du ein anderes Erbtheil beſitzeſt.“ „Du täuſcheſt Dich, Floreſtan, mein Vater iſt dop⸗ pelter Millionär.“ „Dein Vater!“ rief Herr von Saint⸗Herem erſtaunt, „Dein Vater!“ „Dieſer Wucherer hat, ich weiß nicht, auf welche das Geheimniß entdeckt, von dem ich nie etwas wußte.“ „Und er hat Dir ſeine Dienſte angeboten? Daran erfenne ich ihn! Er und ſeines Gleichen ſpüren verborgene Vermögen auf; wenn ſie ſolche gefunden haben, ſo ma⸗ chen ſie Hausſöhnen den Vorſchlag, ihr Erbe zum Voraus zu verzehren. Wun der Gottes! mein wackerer Louis, Du biſt nun alſo reich! denn Du kannſt dem Porquin glauben; macht er Dir ſeine Anerbietungen, ſo iſt er vollkommen unterrichtet.“ 92 „Ich glaube es,“ erwiederte Louis traurig. „Mit welcher niedergeſchlagenen Miene Du mir das ſagſt, Lvuis! Man ſollte glauben, Du habeſt eine un⸗ ſelige Entdeckung gemacht. Was haſt Du denn? Und Deine Thränen vorhin? Und die Worte: Ich bin ſehr unglücklich! Du, unglücklich? und warum?“ „Mein Freund, ſpotte nicht über mich: ich liebe und ich bin hintergangen.“ „Ein Nebenbuhler?“ „Und um das Maß des Schmerzes und der Schande voll zu machen, „ der Nebenbuhler . „Vollende.“ „Es iſt vieſer Menſch, dieſer elende Wucherer!“ „Porquin? dieſer alte Burſche? Er! Dir vorgezo⸗ genl Nein, nein, das iſt unmöglich! Was läßt Dich das vermuthen? „Ein unbeſtimmter Verdacht, und dann hat er mir geſagt, man ziehe ihn mir vor.“ „Eine ſchoͤne Autorität! Er lügt, deſſen bin ich ſicher!“ „Floreſtan, er iſt reich; diejenige, welche ich liebte, welche ich unwillkürlich noch liebe, iſt arm. Sie erdul⸗ det ſeit langer Zeit ein grauſames Elend.“ „Teufel!“ „Es laſtet überdies auf ihr die Sorge für eine kränk⸗ liche Muhme. Die Anträge dieſes Menſchen werden die Unglückliche geblendet haben, und wie ſo viele Andere, wird ſie durch die Noth unterlegen ſein. Wie ſoll ich mich nun über die Entdeckung eines unverhofften Vermö⸗ gens freuen? Mein einziger Wunſch wäre geweſen, es mit Mariette zu theilen.“ „Höre, Louts, ich kenne Dich. Du kannſt Deine Zuneigung nur einem ehrenwerthen Weſen geſchenkt haben.“ „Seit einem Jahre hatte mir Mariette Beweiſe der aufrichtigſten Anhänglichkeit gegsben, als ſie plötzlich in 7 einem Briefe mit mir brach 93 „Ein ehrliches Mädchen, das Dich ein Jahr lang, arm, wie Du warſt, geliebt hat, gibt nicht ſo an einem Tag einem alten Spitzbuben wie Porquin nach. Ich ſage Dir noch einmal, er muß lügen.“ Zum großen Erſtaunen von Louis rief hiernach mit lauter Stimme Herr von Saint⸗Herem dem Geſchäfts⸗ führer zu: „He! Herr Commandant de la Maraudidre!“ Der Wucherer erſchien ſogleich. „Floreſtan,“ ſagte Louis raſch, „was machſt Du?“ „Sei unbeſorgt.“ Und ſich an den Wucherer wendend: „Herr de la Maraudière, es findet, ich bezweifle es nicht, eine Verwirrung in Ihren Erinnerungen in Betreff eines ehrlichen jungen Mädchens ſtatt, das, nach Ihrer Ausſage, durch Ihren Geiſt, durch Ihren Liehreiz und Ihre vortrefflichen Manieren, Alles erhöht durch ein wenig von dem Gelde, das Sie auf eine ſo ehrenvolle Weiſe zuſammenraffen, verführt worden wäre. Wollen Sie mir das Vergnügen machen, Herr Commandant, mir die Wahrheit zu ſagen? wenn nicht, ſo weiß ich, was i zu thun haben werde.“ 1 Porquin bedachte, es ſei politiſch von ihm, eine Laune, welche zu befriedigen er überdies wenig Ausſichten hatte, dem Vortheil zu opfern, Louis Richard zum Kun⸗ den zu bekommen, und ſo antwortete er: „Ich bereue ungemein einen ſchlechten Spaß, der Herrn Richard geärgert zu haben ſcheint.“ „Du fiehſt wohl,“ ſagte Floreſtan zu ſeinem Freunde. „Doch der Herr Commandant wird mir erklä⸗ ren, wie ihm der Gevanke von dem gekommen iſt, was er einen ſchlechten Spaß nennt, und was ich eine ſchänd⸗ liche Verleumdung nennen werde?“ „Nichts kann einfacher ſein, mein Herr: ich habe Mamſelle Mariette Moreau in dem Etabliſſement ge⸗ 1 94 ſehen, wo ſie arbeitete; ihre Schönheit ſiel mir auf. Ich verlangte ihre Adreſſe und ging in ihr Haus; dort fand ich ihre Pathin, und ich habe dieſer ganz unumwunden den Antrag gemacht, zu „Genug, mein Herr, genug!“ rief Louis mit Ent⸗ rüſtung. „Erlauben Sie mir, nur beizufügen, mein zukünf⸗ tiger Herr Client,“ fuhr Porquin fort, „die genannte Pathin hat meine Anträge ausgeſchlagen, und Mam⸗ ſelle Mariette, welche gerade dazu kam, hat mich beinahe vor die Thüre geworfen. Sie ſehen, Herr von Saint⸗ Herem, daß ich mich offenherzig ergebe. Ich hoffe, daß mir dieſes aufrichtige Bekenntniß das Vertrauen von Herrn Richard erwerben wird, und daß er meine kleinen Dienſte nunmehr annimmt. Was Sie betrifft, Herr von Saint⸗Herem,“ fügte der Wucherer mit einer ſchmeichleriſchen Miene bei, „ich habe die Papiere, die Sie mir übergeben, unterſucht und werde Ihnen heute Abend zwei hundert Louis d'or bringen. Sie werden ohne Zweifel die Bedingungen, die ich Herrn Richard vorgeſchlagen, nicht übertrieben finden, wenn Sie die⸗ ſelben hören „ „Ich brauche kein Geld, mein Herr,“ erwiederte Louis; „Sie haben mir eine Beleidigung angethan, indem Sie mich für fähig hielten, den Tod meines Vaters zu discontiren.“ „Aber, mein lieber Client, erlauben Sie mir 4 „Komm, Floreſtan, laß uns gehen,“ ſagte Louis zu ſeinem Freunde, den Wucherer unterbrechend. „Sie ſehen, mein zu theurer Herr Porquin,“ ſprach Saint⸗Herem, während er mit ſeinem Freunde wegzu⸗ gehen ſich anſchickte, „Sie ſehen, es gibt noch ehrliche Mädchen und ehrliche Söhne. Ich ſage Ihnen nicht, das möge Ihnen als Beiſpiel oder als Lehre dienen. Sie ſind ein zu alter Sünder, um ſich zu beſſern; ich hege 95 nur den aufrichtigen Wunſch, dieſe doppelte Niederlage moöge Ihnen äußerſt unangenehm ſein.“ „Ah! mein lieber Floreſtan,“ rief Louis, als er das Haus des Wucherers verlaſſen hatte, „Dir habe ich es zu verdanken, daß meine Seele weniger bedrückt iſt, ich lebe nun der feſten Ueberzeugung, daß ſich Mariette nicht bis zu dieſem Elenden erniedrigt hat. Doch ſie will nichtsdeſtoweniger mit mir brechen.“ „Sie hat es Dir alſo geſagt?“ „Nein, Sie hat es mir geſchrieben, oder vielmehr mir ſchreiben laſſen.“ „Wie! ſie hat es Dir ſchreiben laſſen?“ „Du wirſt mich verſpotten . . . das arme Mäd⸗ chen, das ich liebe, kann wever ſchreiben, noch leſen.“ „Ah! wie glücklich Du biſt! Du empfängſt wenig⸗ ſtens nicht Epiſteln wie die, die an mich eine kleine Handſchuhhänvlerin ſchreibt, die ich einem Banquier entführt habe, der ſie aus Eiferſucht und Knickerei in einem Magazine vergraben hatte; ich beluſtige mich va⸗ mit, daß ich ſie in die Mode bringe, ich ergötze mich an den Blendungen dieſes Mädchens: es iſt ſo unterhal⸗ tend, die Leute zu beglücken! nur werde ich ſie in der Grammatik nie ſtark machen! Ah! mein Freund! wel⸗ che Orthographie! Das iſt von einer antediluvianiſchen Unſchuld. Eva, unſere Mutter, mußte ſo ſchreiben. Doch wenn Deine Mariette nicht ſchreiben kann, wer ſagt Dir, ihr Secretaire habe ihren Gedanken nicht ge⸗ ändert, verkehrt?“ „In welcher Abſicht?“ „Ich weiß es nicht; aber warum erklärſt Du Dich nicht mit ihr? Du würdeſt ſicherlich erfahren, woran Du Dich zu halten haſt.“ „Sie hat mich im Namen ihrer Ruhe, ihrer Zu⸗ kunft angefleht, ich möge ſie nicht wieerzuſehen ſuchen.“ „Sieh ſie im Gegentheil im Namen ihrer Zukunft wieder, nun, da Du Millionär in Ausſicht biſt.“ 96 „Du haſt Recht, Floreſtan; ich werde ſie ſehen, und wenn ſich dieſes grauſame Geheimniß aufklärt, wenn ich ſie wieverſinde, wie ſie früher war, zärtlich und ergeben, oh! höre, das wäre zu ſchön! Die Arme! ihr Leben iſt bis jetzt in der Dürftigkeit und in der Arbeit verlaufen; ſie würde endlich die Ruhe, den Wohlſtand kennen lernen; denn ich bezweifle nicht, mein Vater würde einwilligen! und . . Ah! mein Gott!“ „Was haſt Du denn?“ „Unter dieſen Gemüthsbewegungen, unter dieſen Er⸗ eigniſſen habe ich vergeſſen, Dir Eines zu ſagen, was Dich ſehr in Erſtaunen ſetzen wird: mein Vater wollte mich durchaus bewegen, Deine Couſine zu heirathen.“ „Welche Coufine?“ „Fräulein Ramon.“ „Was ſagſt Du 2“ „Ohne etwas von den Plänen meines Vaters zu wiſſen, habe ich mich nach Dreur begeben, von wo ich zurückkomme; dort habe ich Fräulein Ramon geſehenz und ſelbſt wenn ich nicht in Mariette verliebt wäre — die Tochter Deines Oheims hat mir ſo widerlich geſchie⸗ nen, daß ich nie „Mein Oheim iſt alſo nicht beinahe zu Grunde ge⸗ richtet, wie er ſeit langer Zeit das Gerücht verbreitet hat?“ unterbrach Floreſtan ſeinen Freund. „Nein, offen⸗ bar nicht,“ fügte er bei, „denn wenn Dich Dein Vater mit meiner Couſine verheirathen will, ſo muß er Vor⸗ theile für Dich hierin ſinden. Es unterliegt keinem Zwei⸗ fel, dieſer vorgebliche Ruin war eine Finte.“ „Mein Vater hat ſich deſſelben Vorwands bedient; ſo hat er mir immer die Armuth erklärt, in der wir lebten.“ „Ah! mein Oheim Ramon, ich wußte, daß Sie mürriſch, verdrießlich, unerträglich ſind: aber ich hielt Sie nicht für fähig zu ſo erhabenen Gedanken: von heute an verehre ich Sie. Ich erbe allerdings nichts 97 von Ihnen, doch gleichvlel, es macht immer ein Vergnü⸗ gen, zu wiſſen, daß man einen Oheim hat, der Millio⸗ när iſt. Man denkt in ſchwierigen Augenblicken hieran; man überläßt ſich dann allen Arten von oheimmör⸗ deriſchen Hypotheſen; man gibt ſich ergötzlichen Ideen von Schlagflüſſen hin, und man ſehnt ſich ein we⸗ nig nach der Cholera, dieſer Vorſehung der Erben, die ihnen wie ein guter Genius roſa und goldfarbig er⸗ ſcheint.“ „Ohne ſo weit zu gehen, als Du, mein lieber Flo⸗ reſtan, und ohne den Tod von irgend Jemand zu wün⸗ ſchen,“ ſagte Louis lächelnd, „geſtehe ich, daß ich lieber, durch den gewöhnlichen Gang der Dinge, das Vermögen Deines Oheims in Deine Hände, als in die feiner unerträgli⸗ chen Tochter kommen ſehen würde. Du wüßteſt wenigſtens ein ſo großes Beſitzthum zu genießen, und ich bin feſt überzeugt, Du würdeſt mit dieſen Reichthümern „Schulden machen!“ unterbrach Saint⸗Herem mit Majeſtät ſeinen Freund. „Wie! Floreſtan, mit einem ſo großen Vermögen. .“ „Würde ich Schulden machen, ſage ich Dir, ja, ich würde gezwungener Weiſe Schulden machen.“ „Mit zwei bis drei Millionen?“ „Mit zehn, mit zwanzig Millionen würde ich im⸗ mer Schulden machen. Mein Syſtem iſt übrigens das des Staats: je beträchtlicher die Schuld eines Landes iſt deſto mehr beweiſt ſie für ſeinen Crevit; was iſt aber der Credit? der Reichthum. Das iſt elementariſch, ab⸗ geſehen davon, daß hierin eine gewichtige Frage der Moral⸗ philoſophie liegt. „ Doch ich werde Dir ein andermal meine philoſophiſchen und finanziellen Ideen erklären. Laufe zu Mariette und henachrichtige mich von Allem, was Dir begegnen wird. Es iſt Mittag, ich habe der fleinen Handſchuhhändlerin, welche in Verwunderung zu ſetzen mich ganz beſonders beluſtigt, verſprochen, ſie heute ein Der Geiz. 7 98 neues Reitpferd, den ſchönſten Hak*) von Paris pro⸗ biren zu laſſen, und ſie hat mir dieſen Morgen geſchrie⸗ ben, ich müſſe ſie bald o boa führen; 0— b—0— a, das heißt au pois **) im Sinne dieſer Treuherzigen. Dahin führt der Mißbrauch des Schreibens. Deine Ma⸗ riette wird Dir nie ſolche Streiche ſpielen! Suche ſie alſo eiligſt auf, ich habe gute Hoffnung; ſchreibe mir oder komm zu mir; aber noch heute will ich Deine Freude oder Deinen Kummer wiſſen; Deine Freude werde ich theilen; was Deinen Kummer betrifft, ſo werde ich Dich, bei Gott! wohl tröſten müſſen.“ „Was auch geſchehen mag, mein lieber Floreſtan, ich werde Dich von Allem unterrichten. Guten Tag alſo, und auf baldiges Wiederſehen.“ „Doch es fällt mir ein . ſoll ich Dich zu Ma⸗ riette jühren?“ „Nein, ich danke Dir, ich will lieber zu Fuße ge⸗ henz während des Gehens werde ich Zeit haben, über ſo viele ſeltſame Ereigniſſe und über das Verfahren nachzu⸗ denken, das ich gegen meinen Vater in Betreff der Ver⸗ mögensoffenbarung beobachten muß.“ „Gott befohlen alſo, mein lieber Louis; es iſt ab⸗ gemacht, daß ich Dich vor morgen ſehen oder Nachricht von Dir erhalten werde.“ So ſprechend ſtieg Herr von Saint⸗Herem in einen Brougham, einen herrlich beſpannten kleinen Wagen für Morgenfahrten, der vor der Thüre des Wucherers auf ihn wartete. Louis Richard wandte ſich zu Fuße nach der Woh⸗ nung von Mariette. *) Promenade⸗Pferd. **) Unter au bois verſteht man in Paris gewöhnlich au bois de Boulogne, in bas Boulogner Wäldchen. 99 — Als Louis Richard in das von Mariette und ihrer Pathin bewohnte Zimmer eintrat, blieb er ein paar Se⸗ cunden auf der Thürſchwelle ſtehen. Sein Herz brach bei dem ſchmerzlichen Gemälde, das ſich ſeinen Blicken bot. Ganz angekleidet, auf einer auf dem Boden ausge⸗ breiteten Matratze liegend, ſchien Mariette leblos; ihr Geſicht bebte, von einer tödtlichen Bläſſe bedeckt, von Zeit zu Zeit krampfhaft; ihre Augen waren geſchloſſen; die Spuren vertrockneter Thränen waren auf ihren ge⸗ ſprenkelten Wangen ſichtbar; in einer von ihren auf ihrer Bruſt gekreuzten Händen hielt ſie den Umſchlag, in wel⸗ chem die Bruchſtücke des Briefes von Louis enthalten waren. Frau Lacombe, deren Geſicht gewöhnlich verdrießlich und höhniſch war, ſchien einem rührenden Schmerz preis⸗ gegebenz bei der Matratze knieend, auf der Mariette lag, unterſtützte ſie mit dem Ende ihres verſtümmelten Armes den trägen Kopf der Arbeiterin und verſuchte es mit ih⸗ rer andern Hand, ſie ein Glas Waſſer trinken zu laſſen. Frau Lacombe drehte raſch den Kopf um, und ihre Züge nahmen wieder ihren gewöhnlichen harten Ausdruck ſie Lvuis unbeweglich auf der Schwelle ſte⸗ en ſah. „Was wollen Sie?“ fragte ſie mit barſchem Tone. „Warum treten Sie hier ein, ohne anzuklopfen2 Ich kenne Sie nicht! Wer ſind Sie?“ „Ohl mein Gott!“ rief Louis, „in welchem Zuſtand finde ich ſie wieder?“ Und ohne auf die Fragen von Frau Lacombe zu antworten, näherte er ſich raſch der Matratze, kniete nieder und rief: „Mariette, was haben Sie? antworten Sie mir!“ Anfangs erſtaunt und aufgebracht über die Erſchei 100 nung des jungen Mannes, ſchaute ihn Frau Lacombe mit einer ſcheuen Aufmerkſamkeit an, dachte einen Au⸗ genblick nach und ſagte vann mit zornigem Tone: „Sie ſind Louis Richard 2 „Ja, Madame. Doch, um des Himmels willen, was iſt Mariette geſchehen 24 „Es iſt ihr geſchehen, daß Sie ſie mir umgebracht haben!“ „Ich, großer Gott!“ „Und wenn Sie todt iſt, werden Sie mich ernähren, nicht wahr? Sie Unglücklicher!“ „Todt! Mariette! das iſt unmöglich! Aber, Ma⸗ dame, man muß ſchleunigſt einen Arzt holen, etwas thun . . . Ihre Hände ſind eiskalt . . . Mariette! Ma⸗ riette! Mein Gott! ſie hort mich nicht!“ „So iſt ſie ſeit heute Nacht, und Ihr Brief, ſchlech⸗ ter Geſelle, hat dieſes Unglück verurſacht!“ „Mein Brief? . welcher Brief?“ „Ah! Sie wollen nun leugnen, lügen! aber geſtern Abend erſtickte die Verzweiflung die arme Kleine; es hat ihr das Herz zerriſſen, und ſie hat mir Alles geſtanden.“ „Aber, mein Gott! was hat ſie Ihnen denn ge⸗ ſtanden?“ „Daß Sie ſie nicht wieder ſehen wollen und wegen einer Andern ſitzen laſſen. So ſind die Männer!“ z „Im Gegentheil! ich habe Mariette geſchrieben, 6 „Sie lügen!“ rief die alte Kranke immer mehr er⸗ zürnt. „Ich ſage Ihnen, daß ſie Ihren Brief hat; es iſt der Fetzen Papier, den ſie zwiſchen ihren Fingern hält. Ich konnte ihr ihn nicht aus den Händen ziehen, ſeitdem ihr unwohl geworden iſt. Mein Gott! wie hat Sie var⸗ über geweint! Gehen Sie, ſchlimmer Geſellel Mariette iſt ſehr dumm geweſen, und ich auch, daß wir aus⸗ geſchlagen haben, was man —uns angeboten; und ich — 101 ſagte noch zu ihr. „„Wir ſind ehrlich, Du wirſt ſehen, wie uns das nützen wird!““ Das iſt nicht ausgeblieben, ſie ſtirbt, und ich bin auf die Straße geworfen, ohne Obdach, ohne Brod, ohne irgend Etwas, denn wir ſind einen Miethzins ſchuldig, und man wird uns Alles nehmen. Zum Glück,“ fügte dieſe Unglückliche mit einem finſtern Lä⸗ cheln bei, „zum Glück bleibt mir ein Viertelſcheffel Kohle; und die Kohle, das iſt die Befreiung der armen Leute!“ „Ah! vas iſt entſetzlich!“ rief Louis, der ſeine Thrä⸗ nen nicht mehr zurückhalten konnte; „aber ich ſchwöre Ihnen, Madame, wir ſind die Opfer eines unſeligen Irrthums. Mariette! Mariette! kommen Sie zu ſich! ich bin es! ich, Louis! . .“ „Sie wollen ſie mir alſo auf der Stelle umbrin⸗ gen?“ rief Frau Lacombe, indem ſie mit einer verzwei⸗ felter Anſtrengung den jungen Mann von der Matratze zurückzuſtoßen ſuchte „Wenn ſie zum Bewußtſein kommt, wird Ihr Anblick dem Mädchen vollends den Reſt geben.“ „Mein Gottl ſei geprieſen!“ ſagte Louis, während er ſich gegen Frau Lacombe ſträubte und zu Mariette hinabneigte. „Sie hat eine Bewegung gemacht, ihre Hände loſſen von einander ihr Kopf erhebt ſich „ ihre Augen öffnen ſich . . . Mariette! hören Sie mich? ich bin es!“ Mariette kam in der That allmälig zu ſich; ihr ſchlaff zurückhängender Kopf erhob ſich; ihre von den Thränen gerötheten Augen, nachdem ſie kurze Zeit im Raume umhergeirrt, hefteten ſich auf Louis. Bald waren vas Erſtaunen, die Freude in ihrem Blicke lesbar, und ſie fluſterte mit ſchwacher Stimme: „Louis, Sie ſind es? Ah! ich hoffte nicht mehr.“ Dann, da die traurige Wirklichkeit ohne Zweifel ſich wieder ihrem Geiſte darbot, wandte ſie ihren Blick ab, ließ ihren Kopf auf den Schooß von Frau Lacombe fallen, welche fie in ihren Armen hielt, und ſagte ſeuf⸗ zend zu ihr: 102 Pathin, er kommt zu letzten Male, Alles iſt vorbei!“ . „Ich ſagte Ihnen, Sie werden ihr vollends den Reſt geben!“ rief Frau Lacombe außer ſich. „So gehen Sie doch von hier weg. Oh! daß ich ſchwach und ge⸗ prechlich ſein muß und nicht die Stärke habe, um die⸗ ſen Schuft hinauszuwerfen! Er will mir ſie tödten, mir mein Brod rauben!“ „Mariette,“ ſprach Louis mit flehender Stimme, „ich bitte, hören Sie mich; ich komme nicht, um von Ihnen Abſchied zu nehmen, ich komme im Gegentheil, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie mehr als je liebe.“ „Großer Gott!“ rief das Mädchen, indem es ſich raſch aufſetzte, als ob es von einem elektriſchen Schlage berührt worden wäre, „was ſagt er 2 „Ich ſage, Mariette, vaß wir das Opfer eines Irr⸗ thums ſind; ich habe nie einen Augenblick aufgehört, Sie zu lieben, nein, nie, und während meiner Abweſenheit hatte ich nur einen Wunſch, einen Gedanken: Sie wie⸗ derzuſehen und mit Ihnen Alles, was unſere Heirath betrifft, zu verabreden, wie ich es Ihnen in meinem Briefe ſchrieb.“ „Ihr Brief?“ rief Mariette mit einem ſchmerzlichen Ausdruck. „Ohl mein Gottl er erinnert ſich deſſelben nicht einmal mehr! Sehen Sie, hier iſt er, Ihr Brief!“ Und ſie übergab dem jungen Mann die Bruchſtücke des Briefes, worauf noch die Spuren der Thränen des unglücklichen Kindes wahrnehmbar waren. „Du wirſt ſehen,“ rief bitter Frau Lacombe, wäh⸗ rend Louis haſtig die Papierſtücke neben einander legte, „Du wirſt ſehen, nun leugnet er ſeine Handſchrift ab! Und Du biſt dann dumm genug, um ihm zu glauben, nicht wahr?“ „Horen Sie, was ich Ihnen geſchrieben habe, Ma⸗ riette,“ ſagte Louis. B „Und er las, die Bruchſtücke zuſammenfügend; 103 „Meine gute und theure Mariette, „Ich werde am zweiten Tag, nachdem Sie dieſen Brief erhalten haben, bei Ihnen ſein. Meine kurze Ab⸗ weſenheit, unter der ich ſo viel gelitten, hat mir be⸗ wieſen, daß es mir unmöglich iſt, fern von Ihnen zu leben. Gott ſei Dank, der Tag unſerer Verbindung iſt nahe: es iſt morgen, am ſechsten Mai, nach unſerer nebereinkunft. Sogleich bei meiner Rückkehr werde ich mit meinen Vater über unſern Entſchluß ſprechen; ich zweifle nicht an ſeiner Einwilligung. „Leben Sie alſo wohl, und übermorgen, meine ge⸗ liebte Mariette. Ich liebe Sie wie ein Wahnfinniger, oder vielmehr wie ein Weiſer, denn es iſt Weisheit, das Glück in einem Herzen wie das Ihrige geſucht und ge⸗ funden zu haben. „Ihnen für das Leben, „Louis.“ „Ich ſchreibe Ihnen dieſe wenigen Worte, weil ich beinahe zu gleicher Zeit mit meinem Briefe in Paris ſein werde, und dann iſt mir immer der Gedanke peinlich, ein Anderer als Sie leſe, was ich Ihnen ſchreibe. Wie viele Dinge hätte ich Ihnen ſonſt zu ſagen! Der Ihrige, und für immer der Ihrige.“ Mariette hatte dieſer Leſung mit einem ſolchen Er⸗ ſtaunen zugehört, daß ſie kein Wort zu ſprechen im Stande geweſen war. „Das iſt es, Mariette,“ ſagte Louis, „das iſt es, was ich Ihnen geſchrieben habe. Mein Gott! wie iſt es n, daß Sie dieſer Brief in Verzweiflung gebracht at! „Wie! Herr Louis, das ſtand in Ihrem Briefe?“ „Sehen Sie ſelbſt,“ ſagte Louis zu Frau Lacombe, indem er ihr die zerriſſenen Stücke bot. „Kann ich leſen!“ erwiederte ſie ungeſtüm. „Aber 10⁴ wie kommt es, daß man Mariette gerade das Gegentheil von dem, was Sie ihr geſchrieben, vorgeleſen hat?“ „Mariette,“ rief Louis, „wer hat Ihnen denn mei⸗ nen Brief vorgeleſen?“ „Deröffentliche Schreiber,“ antwortete das Mädchen. „Ein öffentlicher Schreiber!“ rief Louis, plötzlich von einem Gedanken betroffen. „Ohl! ich bitte, Ma⸗ riette, erklären Sie ſich!“ „Mein Gott, Herr Louis, das iſt ganz einfach. Ich ging zu einen öffentlichen Schreiber des Charnier des Innocens, um ihm einen Brief für Sie zu dictiren. Er ſchrieb ihn, und er warf ſogar, in dem Augenblick, wo er Ihre Adreſſe in Dreur darauf ſetzen wollte, ſein Tin⸗ tenfaß um und war genöthigt, ihn wieder anzufangen⸗ Als ich hierher zurückkam, fand ich Ihr Brieſchen. Da ich Riemand hatte, um es mir in Abweſenheit von Au⸗ guſtine vorleſen zu laſſen, ſo ging ich noch einmal zu dem öffentlichem Schreiber, einem ſehr ehrwürdigen Greiſe voll Güte, und bat ihn, mir zu leſen, was Sie mir ſchrirben. Er las es mir, und nach ſeiner Behaup⸗ tung ſtand in dem Briefe, „„wir dürfen uns nie wieder⸗ ſehen, es handle ſich für Sie um vie Zukunft Ihres Vaters und um vie Ihrige, und Sie flehen mich an. Louis begriff oder errieth Alles, von dem Zufall, der Mariette zu ſeinem Vater geführt hatte, bis zur Kriegsliſt des auf den Brief umgeworfenen Tinten⸗ faſſes, als nur noch die Adreſſe zu ſchreiben war — eine Adreſſe, welche, ohne Zweifel den Greis erleuchtend, ihm den Gevanken eingegeben hatte, einen zweiten Brief in einem dem des erſten ganz entgegengeſetzten Sinne zu ſchreiben und ihn nicht nach Dreur zu ſchicken, ſondern nach Parls, damit ihn Louis bei ſeiner Ankunft fände⸗ Er begriff dann auch, daß ſein Vater die Leſung eines Briefes, in welchem er mit ſeiner Geliebten brach, im⸗ proviſirt hatte, als Marierte zum zweiten Mal zu ihm zurückgekehrt war. 105 Als Louis den betrüblichen Vertrauensmißbrauch erfuhr, deſſen ſich ſein Vater in einem nur zu angen⸗ ſcheinlichen Zweck ſchuldig gemacht hatte, wagte er es nicht, dem Mädchen zu geſtehen, welche Bande zwiſchen ihm und dem öffentlichen Schreiber beſtanden. Da er aber Mariette und ihrer Pathin eine glaubwürdige Er⸗ klärung über dieſen Betrug zu geben wünſchte, ſo ſagte er zu ihnen: „Ohne Zweifel iſt es ſo gegangen: dieſer öffentliche Schreiber wird, trotz ſeiner ſcheinbaren Gutmüthigkeit, einen boshaften, traurigen Spaß haben machen wollen, meine arme Mariette: er wird Ihnen gerade das Ge⸗ gentheil von dem, was ich Ihnen ſchrieb, vorgeleſen haben.“ „Oh! das wäre ſchändlich!“ ſagte das Mädchen, die Hände faltend. „Welche Falſchheit von dieſem Greiſel Er ſah ſo gutmüthig aus, als er mir von der Theil⸗ nahme ſprach, die ihm die armen Geſchöpfe einflößen, welche, wie ich, weder ſchreiben, noch leſen können!“ „Was wollen Sie! er hat Sie getäuſcht, Mariette, das iſt ſicher.“ „Aber der Brief, den ich ihm dictirt habe, und der Ihnen in Dreur zukommen ſollte?“ „Er wird in dieſer Stadt angelangt ſein, nachdem ich abgereiſt war,“ antwortete der junge Mann, Ma⸗ riette verbergend, daß man ihm dieſen Brief am Tage vorher in Paris übergeben hatte. „Doch was iſt uns daran gelegen?“ fügte er bei, da er einem für ihn ſo peinlichen Geſpräche ein Ende machen wollte. „Sind wir nicht zu dieſer Stunde beruhigt über unſere Gefühle, Mariette, und 4 „Geduld!“ ſagte Frau Lacombe, welche einige Au⸗ genblicke nachdenkend geblieben war, „Geduld! Ihr Beide ſeid beruhigt, ich aber nicht.“ „Wie, Madame?“ „Was wollen Sie damit ſagen, Pathin?“ 106 dulde dieſe Heirath nicht.“ „Madame, hören Sie mich „ „Es gibt keine Madame hier! Da Sie der Sohn eines öffentlichen Schreibers ſind, ſo haben Sie keinen Sou, Mariette auch nicht, und eine doppelte Armuth, die ſich heirathet, iſt einer dreifachen gleich. Mariette hat ſchon mich auf dem Halſe, und es fehlte ihr nichts mehr, als daß ſie Kinder hätte. Das gäbe eine ſchöne Haushaltung von Hungrigen!“ „Aber, Pathin,“ ſagte das Mädchen. „Laß mich in Ruhe! Ich ſehe den Plan wohl ein; man will ſich heirathen, um ſich der Alten zu entledigen! Ja, ja, früher vder ſpäter wird man ihr ſagen: „„Wir haben nicht genug Brod für uns und unſere Kinder, und man muß noch Dich für das Nichtsthun erhalten. Geh' von hinnen, Altel lebe, wenn Du kannſt, ſtirb, wenn Du willſtl““ Und bin ich einmal auf der Straße, ſo wird man mich als Vagabonne feſtnehmen . und in's Depot führen, und Ihr ſeid von meiner Per⸗ ſon befreit! Ja, ja, das iſt Euer Plan 40 „Oh! mein Gott!“ rief Mariette, „können Sie das glauben?“ „Madame,“ ſagte Louls haſtig, „beruhigen Sie ſich. Heute erſt habe ich eine Entdeckung gemacht, welche ich entfernt nicht erwartete. Aus Gründen, die ich ehren muß, hatte mir mein Vater bis jetzt verborgen, daß er reich, ſehr reich iſt.“ Mariette ſchaute Louis mit einer mehr erſtaunten, als entzückten Miene bei dieſer unverhofften Kunde anz dann ſagte ſie zu Frau Lacombe: „Sie ſehen, Pathin, Sie werden nun nicht mehr dieſe peinlichen Befürchtungen für mich haben.“ „Ha! ha! ha!“ rief Frau Lacombe mit einem höh⸗ niſchen Gelächter; „ſie geht in's Garn, ſie „Aber, meine Pathin „ „Ich will ſagen,“ erwiederte Frau Lacombe bitter, „ich 107 „Du ſiehſt nicht, daß er dieſe Lüge erfindet, damit ich meine Einwilligung zu Deiner Heirath gebe!“ „Madame, ich ſchwöre Ihnen . „Ich ſage Ihnen, daß dies Alles Trug iſt!“ rief Frau Lacombe; „oder wenn Sie reich ſind, werden Sie nichts mehr von Mariette wollen. Eil iſt der Sohn eines reichen Mannes dumm genug, um eine arme Ar⸗ beiterin zu heirathen, welche weder ſchreiben, noch leſen kann!“ Ohne die Zweifel ihrer Pathin zu theilen, ſchaute Mariette, an das neue Vermögen von Louis denkend, dieſen mit einer beſorgten, traurigen Miene an. Der junge Mann begriff die Bedeutung dieſes Bli⸗ ckes und ſagte: „Sie täuſchen ſich, Frau Lacombe: der Sohn eines reichen Mannes hält das Wort, das er als arm gegeben hat, wenn das Glück ſeines Lebens mit dieſem Worte verknüpft iſt. . .“ „Bah! bah! das find Redensarten,“ unterbrach ihn die Kranke mit einem mißtrauiſchen, mürriſchen Tone. „Mögen Sie reich oder arm ſein, Sie bekommen Ma⸗ riette nicht, wenn Sie mir nicht meinen Lebensunterhalt ſichern. Ich verlange nicht viel: ſechs hundert Franken jührlich; aber ich muß ſie in baarem Gelde, ehe der Ver⸗ trag geſchloſſen wird, und bei einem guten Notar hinter⸗ legt haben.“ „Oh! Pathin! ſo mißtrauen Sie Louis!“ ſagte Mariette, die ihre Thränen nicht mehr zurückhalten konnte. „Ah! ja wohl!“ rief das unglückliche Weib, „habt doch Vertrauen, und eines Tags ſeid Ihr betrogen! Ich kenne das; vorher wird man Alles, was man will, verſprechen, und nachher wird man die alte Breſt⸗ hafte auf dem Halſe haben, und dieſe ſteckt man dann ſo raſch als möglich in's Depot!! Allein mit Mariette hätte ich nicht hange, von ihr vor die Thüre geſetzt zu werden; ich bin ihr zur Laſt, ſie iſt meiner überdrüſſig, 108 das iſt wahr;z doch iſt ſie ein gutes Mädchen, hat die Ge⸗ wohnheit und fürchtet mich; während Ihr, wenn Ihr einmal verheirathet, Beide mich ohne Erbarmen aus dem Hauſe jagen würdet, und wohin ſoll ich ge⸗ hen? Iſt es meine Schuld, daß ich bei meinem Hand⸗ werk ein Krüppel geworden bin? Nein, nein, keine Hei⸗ rath, oder ſechs hundert Franfen Rente für mich bei einem guten Rotar hinterlegt! Das iſt mein Gevanke!“ Indeß ſich Frau Lacombe dieſen bittern Anſchul⸗ vigungen überließ, wechſelten Louis und Mariette trau⸗ rig bezeichnende Blicke. Das Mädchen ſchien zu ſagen: „Sie hören, Louis? hatte ich Recht, wenn ich Ih⸗ nen ſagte, das Unglück, das ſich ihr ganzes Leben an ſef angeklammert, habe den Character meiner Pathin er⸗ bittert?“ „Armes Kind!“ ſchien der junge Mann zu antwor⸗ ten; „was haben Sie ausſtehen müſſen! Eine ſo zarte, ſo fromme Ergebenheit auf dieſe Art aufgenommen, be⸗ griffen und belohnt ſehen!“ „Man muß das Unglück anklagen, nicht ſie, Louis: ſie hat ſo viel gelitten!“ erwiederte der rührende Blid des Mädchens. „Madame,“ ſprach Louis, als die Kranke zu reden aufgehört hatte, „Sie können verſichert ſein, daß Ihr Schickſal dasjenige ſein wird, welches es ſein ſoll. Ma⸗ rielte und ich werden nie vergeſſen, daß Sie ſie auf⸗ genommen haben, daß Sie eine zweite Mutter für ſie geweſen ſind, und mögen Sie einwilligen, bei uns zu leben, oder mögen Sie es vorziehen, allein zu leben, ß werden ſo würdig behandelt werden, als Sie es ſein ollen.“ „Ah! meinen Dank, Louis!“ ſagte das Mädchen voll Erkenntlichkeit; „ich danke, daß Sie ſo theilen, was ich für meine arme Pathin, meine zweite Mutter, fühle.“ Und ſie neigte ſich zu Frau Lacombe, um ſie z , * 109 küſſen; doch die Kranke ſtieß ſie zurück und entgegnete mit höhniſchem Tone: „Du ſiehſt nicht, daß man ſich über uns luſtig macht? Dich heirathen! Mir eine Penſion ausſetzen! Hat man das je geſehen? Er will mich beſänftigen, das iſt das Ganze; und wenn er wirklich reich iſt, ſoll ich Dir ſagen, was Dir wiverfahren wird? Er wird Dir ſchmei⸗ cheln, er wird mit Dir tändeln, er wird Dir den Kopf voll ſchwatzen, und an einem ſchönen Tag wirſt Du hö⸗ ren, daß er eine Andere geheirathet hat; ich verbiete ihm auch, wieder einen Fuß hieher zu ſetzen.“ „Wenn ich nicht bei Ihnen mit meinem Vater er⸗ ſcheine, welcher kommt, um Sie um die Hand von Ma⸗ riette zu bitten, und Sie mit den Vortheilen bekannt macht, die er uns und auch Ihnen zuſichert.“ „Ja, ja,“ erwiederte die Alte, indem ſie ſich nach der Wand umdrehte, denn fſie hatte ſich wieder auf ihr Bett gelegt, „wenn Sie uns wiederſehen, um uns ſo ſchoͤne Dinge vorzuſchlagen, ſo wird es in der Woche der vier Donnerſtage ſein.“ „Es wird morgen ſein, Frau Lacombe,“ verſetzte Louis. Dann ſich an das Mädchen wendend: „Guten Tag, Mariette. Morgen alſo werde ich mit meinem Vater kommen.“ „Mein Gott, Louis, ſollte es wahr ſein!“ ſagte das Mädchen, dem jungen Manne zärtlich die Hände drückend. „Nach ſo viel Kummer käme endlich das Glück „das Glück für immer!“ „Werdet Ihr bald endigen? Ihr macht mir den Kopf toll mit Eurem Glück!“ rief verdrießlich die Kranke. „Laßt mich doch in Ruhe; und Du, Marlette, rühre Dich nicht von der Stelle: Du ſtirbſt vor Verlangen, dieſen Lügner auf die Treppe zu begleiten, aber ich habe nein geſagt, und das bleibt nein.“ 110 Louis und Mariette wechſelten einen letzten Blick, und der junge Mann ſagte leiſe: „Morgen, Mariette, meine Geliebte, mein Weib.“ „Wird er ſich endlich ſcheren!“ rief die Kranke. Louis verließ das Zimmer. Mariette kam langſam zurück und ſetzte ſich zum Bette ihrer Pathin. Wenige Augenblicke nach dieſer Scene begab ſich der junge Mann eilig nach der Bude ſeines Vaters, wo er dieſen zu treffen hoffte, aber er fand die Bude geſchloſſen, erkundigte ſich und erfuhr, er ſei an dieſem Tag nicht auf dem Charnier des Innocens erſchienen. Erſtaunt über dieſe ſo ernſte Störung in den regelmäßigen Ge⸗ wohnheiten des Greiſes, lief Louis nach der Rue de Grenelle in ihre gemeinſchaftliche Wohnung. Xl. Louis Richard kam bald nach der Rue de Grenelle. In dem Augenblick, wo er vor der Loge des Portier vorüberging, ſagte dieſer zu ihm: „Herr Louis, Ihr Vater iſt vor zwei Stunden aus⸗ gegangen; er hat dieſen Brief für Sie hinterlaſſen; ich ſollte ihn in Ihre Schreibſtube bringen, wenn Sie vor zwei Uhr Nachmittags nicht zurückgekommen wären.“ Der junge Mann nahm den Brief; er enthielt Folgendes: „Mein liebes Kind, „Ich erhalte ſo eben ein paar Zeilen von meinem Freunde Ramon; er theilt mir mit, er reiſe in Begleitung ſeiner Tochter gleichzeitig mit ſeinen Briefen ab und werde heute in Paris ankommen. — „Da er nie in ſeinem Leben auf der Eiſenbahn ge⸗ — 11¹¹ fahren iſt und ſich das Vergnügen machen will, dieſe Art von Locomotion zu verſuchen, ſo wird er in Verſailles anhalten, wo er uns ihn zu erwarten bittet. Wir werden den Palaſt beſuchen und Alle nach Paris mit einem der letzten Züge zurückkehren. „Ich erwarte Dich im Gaſthauſe zum Reſervoir. Bin ich ſchon mit Ramon und ſeiner Tochter zur Beſich⸗ tigung des Palaſtes weggegangen, ſo wirſt Du uns wohl auffinden. Es verſteht ſich, daß dieſe Zuſammenkunft mit Fräulein Ramon Dich durchaus nicht für die Zukunft verbindlich macht. Ich wünſchte nur, Du möchteſt, die Gelegenheit benützend, die ſich heute bietet, im Stande ſein, in Folge einer ernſten Prüfung die Ungerechtigkeit Deiner Vorurtheile gegen dieſe junge Perſon zu erkennen. Uebrigens mußt Du einſehen, daß es, was auch Deine Pläne ſein mögen, ſehr verletzend für Rainon, einen meiner beſten Freunde, wäre, wenn er Dich bei dem Rendez⸗vous, das er uns gibt, fehlen ſehen würde. Komm alſo, mein lieber Louis, und wäre es nur des Wohlanſtands wegen. „Dein Vater, der Dich liebt und auf der Welt nur einen Wunſch hat: Dein Glück! „A. Richard.“ Trotz ſeiner gewöhnlichen Willfährigkeit gegen ſeinen Vater, begab ſich Louis nicht nach Verſailles, denn er fühlte das völlig Unnütze einer nenen Zuſammenkunft mit Fräulein Ramon, da er mehr als je entſchloſſen war, Mariette zu heirathen. Die ſeltſame Offenbarung, die ihn mit dem Ver⸗ mögen ſeines Vaters bekannt gemacht hatte, änderte ſo wenig an den beſcheidenen, arbeitſamen Gewohnheiten von Louis, daß er ſich ſchleunig in ſeine Schreibſtube begab, um hier ſeine Pflicht zu erfüllen und ſeine Abweſenheit am Morgen zu entſchuldigen. Einige dringende Arbeiten, die er nicht ohne zahlreiche Zerſireuungen, verurſacht durch 112 die verſchiedenen Vorfälle des Tages, ausführte, hielten ihn lange in ſeiner Etude zurück. In dem Augenblick, wo er wegzugehen ſich anſchickte, trat einer ſeiner Kame⸗ raden ein und rief: „Ahl meine Freunde, welch ein Ereigniß! welches Unglück!“ „Was? was gibt es?“ „Ich habe ſo eben Einen getroffen, der vom Bahnhof der Eiſenbahn von Verſailles kommt.“ „Der Eiſenbahn!“ ſagte Louis bebend. „Nun, was iſt vorgefallen?“ „Ein gräßliches Unglück!“ 8 Wirßit Gott!“ rief Louis erbleichend; „ſprechen e 4 „Der Zug, der nach Paris zurückging, iſt aus den Schienen gelaufen; die Wagen haben ſich übereinander aufgehäuft, der Ofen der Maſchine hat die Wagen in Brand geſteckt, und beinahe alle Reiſende ſollen zermalmt worden oder verbrannt ſein, und „. Von einer tödtlichen Angſt ergriffen, konnte Louis nicht mehr hören. Er vergaß, ſeinen Hut zu nehmen, ſtürzte aus der Schreibſtube, lief an einen Thorweg, wo gewöhnlich ein Regiecabriolet ſtand, ſprang in dieſen Wagen und ſagte zum Kutſcher: „Zwanzig Franken Trinkgeld, wenn Sie mich in größter Eile nach der Verſailler Eiſenbahn führen und von da „ anderswohin ich weiß noch nicht, wohin „ Aber vorwärts, um des Himmels willen, vorwärts!“ „Linkes oder rechtes Ufer, mein Herr?“ fragte der Kutſcher, während er ſein Pferd peitſchte. „Wie?“ „Es gibt zwei Bahnhöfe, mein Herr, den vom rechten und den vom linken Ufer.“ „Ich will zu der Linie, wo ein gräßliches Unglück vorgefallen iſt.“ 1¹3 „Das iſt das Erſte, was ich hievon höre.“ Louis ließ ſich nach ſeiner Schreibſtube zurückführen, um ſich bei demjenigen von ſeinen Kameraden, welcher die Nachricht von dem Ereigniß gebracht hatte, zu er⸗ kundigen; da er aber Niemand mehr bei ſeinem Notar fand, ſo ſtieg der Sohn des Geizigen mit verdoppelter Bangigkeit wieder in das Cabriolet. „Mein Herr,“ ſagte der Kutſcher zu ihm, „ich habe erfahren, daß es auf dem linken Ufer iſt.“ Aus ſeiner Unentſchloſſenheit gezogen, ließ ſich Louis nach dem Bahnhofe des linken Ufers führen. Hier wurde ihm das Ereigniß beſtätigt; er erfuhr auch, an welcher Stelle der Linie das entſetzliche Unglück vorgefallen war. Zuerſt die Landſtraße und dann ein Seitenweg erlaubten ihm gegen Einbruch der Nacht bis in eine geringe Ent⸗ ernung zum Bas⸗Meudon zu kömmen. Er ſprang aus einem Cabriolet, und geleitet vom letzten Scheine des Brandes der aufgehäuften Wagen, befand er ſich bald auf dem Platze des Unglücks. Die gleichzeitigen Erzählungen von dieſer Kata⸗ ſtrophe haben einen ſo langen Wiederhall gehabt, daß es unnothig iſt, hier in neue Einzelnheiten einzugehen; wir erwähnen nur, daß Louis die ganze Nacht hindurch ſeinen Vater unter dieſen verbrannten, verunſtalteten oder gräßlich verwundeten Leibern ſuchte. Gegen vier Uhr Morgens kam der junge Mann, gelähmt vor Schmerz und Müdig⸗ keit, nach Paris zurück; er hatte nur noch eine Hoffnung, die, ſein Vater ſei, wie eine kleine Anzahl von Reiſenden, der Gefahr entgangen und am Abend in ſeine Wohnung zurückgekehrt. Sobald Louis an der Thüre ſeines Hauſes ange⸗ langt war, ſtieg er aus ſeinem Cabriolet aus und lief nach der Loge des Portier. „Iſt mein Pater gekommen?“ waren ſeine erſten Worte. Der Geiz. 8 1¹4 „Nein, Herr Louis.“ „Ahl kein Zweifel!“ murmelte er, ſein Schluchzen unterdrückend; „todt!. todt!..“ Seine Kniee bogen ſich unter ihm; er war genöthigt, ſich zu ſetzen, und fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Nachdem er einige Augenblicke beim Portier, der ſein Alltagsbeileid gegen ihn ausſprach, geruht hatte, ging Louis langſam in ſeine Stube. Beim Anblick dieſer armſeligen Wohnung, die er lange mit einem Vater, den er ſo zärtlich geliebt, ge⸗ theilt hatte, mit einem Vater, der eines ſo entſetzlichen Todes geſtorben war, erreichte der Schmerz von Louis den höchſten Grap; er warf ſich auf ſein Bett, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und ließ ſeinem Schluch⸗ zen freien Lauf. Seit ungefähr einer halben Stunde war er ſo in eine tiefe Verzweiflung verſunken, als er an die Thüre klopfen hörte und der Portier eintrat. „Was wollen Sie?“ fragte Louis, ſeine Thränen trocknend. „HerrLouis, es thut mir ſehr leid, daß ich Sie in einem ſolchen Augenblick ſtören muß, aber der Kutſcher „Was?“ verſetzte Louis, der, ganz ſeinem Schmerze hingegeben, das Cabriolet vergeſſen hatte. „Welcher Kutſcher?“ „Der Kutſcher, den Sie für die ganze NRacht be⸗ halten haben. Es ſcheint, Sie haben ihm zwanzig Fran⸗ ken Trinkgeld verſprochen, das macht mit den Stunden ver Fahrt von geſtern und heute Nacht neun und vierzig Franken, die er von mir verlangt.“ „Ei, mein Gott!“ erwiederte der junge Mann mit ſchmerzlicher Ungeduld, „geben Sie ihm das Geld, und laſſen Sie mich!“ „Aber, Herr Louis, vierzig Frünken, das iſt eine große Summe, und ich habe ſie nicht.“ „Oh! mein Gott! was iſt da zu machen!“ rief 1¹⁵ Louis, durch dieſe Forderung zu den materiellen Intereſ⸗ ſen des Lebens zurückgeführt. „Ich habe kein Geld.“ Er ſprach die Wahrheit, denn nie hatte er zu ſei⸗ ner Verfügung den vierten Theil der Summe gehabt, die er dem Kutſcher ſchuldig war. „Aber, Herr Louis,“ ſagte der Portier, „warum nehmen Sie denn Regiecabriolets auf die Stunde, und vollends bei Nacht, und verſprechen ihnen zwanzig Franken Trinkgeld? Sie ſind alſo verrückt! Wie wollen Sie es machen? Sehen Sie wenigſtens nach, ob nicht etwas Münze in der Schublade Ihres ſeligen Vaters iſt.“ Bei dieſen Worten erinnerte ſich Louis deſſen, was er in ſeinem Schmerze bis jetzt vergeſſen. Man hatte ihm geſagt, ſein Vater ſei reich. Er dachte, es ſei viel⸗ leicht in der Stube einiges Geld verborgen, da er aber keine Nachforſchungen in Gegenwart des Portier vor⸗ nehmen wollte, ſo ſagte er zu dieſem: „Es iſt moͤglich, daß ich das Cabriolet noch dieſen Morgen brauche, laſſen Sie es warten. Bin ich in einer halben Stunde nicht bei Ihnen unten, ſo kommen Sie herauf, und ich werde Ihnen das Geld übergeben.“ „Aber, Herr, dieſes Warten wird die Koſten aber⸗ mals vermehren, und wenn Sie nichts haben, um zu be⸗ zahlen, ſo werden Sie „ „Es iſt gut,“ unterbrach Louis ungeſtüm den Portier, „ich weiß, was ich zu thun habe.“ Der Portier ging ab. Der junge Mann, als er allein war, empfand eine Art von Gewiſſensbiß, da er an die Nachforſchung dachte, die er unternehmen wolltez dieſes Suchen in einem ſolchen Augenblick kam ihm ruch⸗ los vor, aber nothgedrungen entſchloß er ſich. Das Mobiliar des Zimmers beſtand aus einem Schreibtiſch, einer Commode und einer alten Truhe von Nußbaumholz, denjenigen ähnlich, welche man bei den wohlhabenden Bauern ſieht; ſie beſtand aus zwei Abthei⸗ lungen über einander. 116 Louis unterſuchte den Tiſch und die Commode: er fand kein Geld darin; die zwei Schlüſſel der Truhe ſtaken in den Schlöſſern der Abtheilungen; er öffnete ſie und ſah nur Kleidungsſtücke darin; eine lange Schublade treunte die zwei Hauptabtheilungen der Truhe; in dieſer Schublade fand Louis nur einige unwichtige Papiere. Da er aber an die Möglichkeit eines Verſtecks dachte, ſo kam ihm die Idee, dieſe Schublade aus ihren Falzen herauszuziehen. Anfangs bemerkte er nichts, voch eine aufmerkſamere Unter⸗ ſuchung ließ ihn einen kupfernen Knopf entdecken, der an den linken Falz ſtreifte; er drückte auf den Knopfz ſo⸗ gleich hörte er im Innern des Geräthes ein leichtes Knir⸗ ſchen, ähnlich dem von zwei Scharnieren, die ſich ausbreiten; er bückte ſich und ſah das Brett, das die Abtheilung zu bilden ſchien, ſich langſam ſenken und einen ungefähr ſechs Zell hoch hohlen und im ganzen hinteren Theile des Meuble ſich ausdehnenden doppelten Boden an den Tag bringen. Mehrere Querfächer, wie die einer Bibliothek eingerichtet, waren in dieſem Verſteck angebracht; auf jedem derſelben ſah man ſymmetriſch geordnete zahlloſe Stöße von Goldſtücken, von allen Muſtern, von allen Ländern, von allen Epochen; jedes von dieſen Stücken mußte offenbar oft geputzt, glänzend gemacht worden ſein, denn ſie funkelten, als ob ſie gerade aus der Münze kämen. Trotz ſeiner niederbeugenden Traurigkeit, blieb Louis einen Augenblick geblendet, da er dieſen Schatz anſchaute, deſſen Werth bedeutend ſein mußte. Als dieſer erſte Ein⸗ pruck vorüber war, bemerkte er ein Papier, das auf einem Fachbrette lag; er nahm es und las, die Hand ſeines Vaters erkennend, folgende Worte: „Dieſe Sammlung von Goldſtücken iſt angefangen worden am 7. September 1803; ihr verkäuflicher Werth beträgt 287,634 Fr. 10 Cent. (Siehe den Paragr. W meines von mir Maitre Marainville, Notar, Rue Sainte⸗ Anne, Nrv. 28, anvertrauten Teſtaments, bei welchem No⸗ 117 tar auch meine Rententitel, Actien und Portefeuille⸗ Werthe deponirt find. Siehe ſerner den verfiegelten Um⸗ ſchlag, der hinter den Stößen ſpaniſcher Quadrupel auf dem fünften Fachbrett liegt.). Louis ſchob mehrere Stöße von dieſen dicken, breiten Goldſtücken auf die Seite und fand in der That einen ſchwarz verſiegelten Umſchlag. Auf dieſem Umſchlag las man die mit großen Buch⸗ ſtaben geſchriebenen Worte: Meinem theuren, geliebten Sohne. In dem Augenblick, wo Louis mit der Hand nach dem Umſchlag griff, klopfte man an die Thüre. Er er⸗ innerte ſich nun, daß er den Portier hatte bald wieder⸗ kommen heißen, und es blieb ihm kaum Zeit, einen von dieſen Quadrupeln zu nehmen und die Klappen des Meuble zuzuſchlagen, das ſich vor dem Schatze ſchloß. Der Portier betrachtete mit Erſtaunen und Neugierde den Quadrupel, den ihm der junge Mann übergeben hatte, und rief: . „Welch ein ſchönes Goldſtück! Man ſollte glauben, es ſei ganz neu! Ich habe nie ein ähnliches geſehen.“ „Es genügt,“ ſagte Louis; „gehen Sie und bezahlen ie. „Wie viel iſt denn ein ſo ſchönes Goldſtück werth, mein Herr?“ „Mehr als die Summe, die ich ſchuldig binz gehen Sie zu einem Wechsler und bezahlen Sie den Kutſcher.“ „Herr Louis,“ fragte der Portier mit geheimniß⸗ vollem Tone, „hat Ihnen der Vater Richard viele ſolche Stücke hinterlaſſen? Wer hätte geglaubt, daß dieſer gute arme Mann . „Entfernen Sie ſich!“ rief Louis, erzürnt durch dieſe eyniſche Frage; „bezahlen Sie den Kutſcher und kommen Sie nicht zurück.“ Der Portier entfernte ſich raſch. Um vor neuen Zu⸗ 118 pringlichkeiten geſchützt zu ſein, ſchloß ſich Louis ein, zog den Schlüſſel aus dem Schloſſe und kehrte zu der Truhe zurück. Ehe er das Teſtament ſeines Vaters öffnete, betrachtete der junge Mann noch einen Augenblick, beinahe unwill⸗ kürlich, den blendenden Schatz. Doch diesmal, und ob⸗ gleich er ſich den in einem ſo traurigen Moment zu heiteren Gedanken zum Vorwurf machte, dachte er an Mariette, und er ſagte ſich, der vierte Theil der Summe, die er vor Augen hatte, würde genügen, um ſeiner Frau den Wohlſtand und die Unabhängigkeit zu ſichern. Dann ſuchte er die grauſame Liſt zu vergeſſen, die ſein Vater in Beziehung auf die arme Arbeiterin ange⸗ wandt hatte, und er gefiel ſich ſogar in dem Glauben, ſeine Heirath mit ihr hätte die Einwilligung des Greiſes erhalten, und ohne die Reichthümer, die er beſaß, zuzugeſtehen, würde er wenigſtens das Loos des neuen Ehepaars geſichert haben. Die Entdeckung dieſer Reichthümer flößte Louis nicht jene gierige, rachſüchtige Freude ein, welche beinahe immer die Erben eines Geizigen empfinden, wenn ſie an die Ent⸗ itei denken, welche ſie dieſer Geiz hat erdulden laſſen. Der junge Mann nahm im Gegentheil mit einer rührenden, frommen Ehrfurcht das Teſtament ſeines Va⸗ ters und entſiegelte mit einer vor Aufregung zitternden Hand den Umſchlag, der ohne Zweifel den letzten Willen des Greiſes enthielt. XII. Das erſt ſeit zwei Monaten geſchriebene Teſtament des Greiſes war alſo abgefaßt: — „Mein geliebter Sohn, wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt, habe ich zu leben aufgehört. „Du haſt mich immer für arm gehalten; ich hinter⸗ laſſe Dir ein großes Vermögen, angehäuft durch meinen eiz⸗ 386 bin geizig geweſen, ich vertheidige mich hierüber nicht; weit entfernt, ich rechne es mir zur Ehre, zum Ruhm! „Höre warum: „Bis zum Tage Deiner Geburt, die mir Deine Mutter geraubt, hatte ich mich, ohne mich verſchwende⸗ riſch zu zeigen, wenig um die Vermehrung meines Erb⸗ guts und der Mitgift bekümmert, die mir meine Frau gebracht; ſobald ich einen Sohn beſaß, verwandelte ſich das Gefühl der Vorſicht, das eine heilige Pflicht wird, wenn man Vater iſt, allmälig in Sparſamkeit, dann in Knickerei, dann in Geiz. . „Unter den Entbehrungen, die ich mir auferlegte, littſt Du indeſſen nie in Deiner Kindheit. Bei Dir, der Du geſund und ſtark geboren wurdeſt, hat, wie ich glaube, die Einfachheit Deiner Erziehung die Entwickelung Deiner vortrefflichen Conſtitution unterſtützt. „Als Du im Alter warſt, Unterricht zu empfan⸗ gen, ſchickte ich Dich in eine von den der Armuth ge⸗ oͤffneten Schulen; einmal war dies für mich eine Er⸗ ſparniß (es gibt keine kleinen Erſparniſſe); ſodann ſollteſt Du aus dieſer Erziehung gleichſam die Gewohnheit eines beſcheidenen, arbeitſamen Lebens ſchöpfen. Der Erfolg hat meine Erwartung übertroffen. Mit armen Kindern er⸗ zogen, ſtatt mit reichen oder wohlhabenden erzogen zu wer⸗ den, hat ſich Deiner keine von den erkünſtelten, koſtſpieligen Neigungen, keine von jenen Leidenſchaften bitteren Neides oder der Eitelkeit entſpringender Eiferſucht bemächtigt, welche beinahe immer einen unſeligen Einfluß auf unſere Geſchicke üben. „Du haſt Dir ſo viel Kummer erſpart, der, wenn er auch kindiſch iſt, darum nicht minder grauſam ſchmerzt. 120 „Du haſt Deine Lage nicht mit hoͤheren oder reiche⸗ ren Lagen äls die Deinige zu vergleichen gehabt. „Du haſt nicht eine Art von gehäſſigem Bedauern empfunven, indem Du einen von Deinen Kameraden von der Herrlichkeit des Hotels ſeines Vaters ſprechen, einen andern den alten Adel ſeines Geſchlechts rühmen, den dritten die Reichthümer aufzählen hörteſt, die er eines Tages beſitzen werde. „Man glaubt im Allgemeinen, weil Kinder von ſehr ungleichen Verhältniſſen dieſelbe Uniform tragen, an dem⸗ ſelben Tiſche eſſen, an denſelben Curſen in der Schule ie nehmen, beſtehe das Gefühl der Gleichheit unter hnen. „Ein tiefer Irrthum. „Die geſellſchaftliche Ungleichheit wird ebenſowohl begriffen unter den Kindern, als in der großen Welt. „Beinahe immer zeigt der Sohn eines reichen Bür⸗ gers oder eines vornehmen Herrn mit zehn Jahren den Hochmuth oder den Siolz, den er fünfzehn Jahre ſpäter entwickeln wird. „Mögen die Kinder kleine Männer ſein, oder die Männer große Kinder, gleichviel; jedes Alter hat das Bewußtſein ſeiner Lage. „Du, der Du mit Kindern aus dem Volke erzogen wurdeſt, horteſt ſie alle von den harten Arbeiten ihres Vaters und ihrer Mutter ſprechen; die unerläßliche Noth⸗ wendigkeit der Arbeit hat ſich auch von Deiner frühſten Jugend an Deinem Geiſte eingeprägt. „Andere von Deinen Mitſchülern erzählten von den Entbehrungen, von der Noth ihrer Familie, und ſo ge⸗ wöhnteſt Du Dich an den Gedanken unſerer Armuth. „Endlich haſt Du die Mehrzahl dieſer Kinder re⸗ ſignirt, muthig geſehen (die Reſignativn, der Muth, zwei der größten Tugenden des Volks), und nie bis jetzt, mein zit Sohn, hat es Dir an Reſignation und Muth gefehlt. 12⁴ „Mit fünfzehn Jahren mußteſt Du einen Concurs um ein Externer⸗Stipendium in einer höheren Communal⸗ ſchule mitmachen, in der Du Deine Studien vollendet haſt; Deine erſte Erziehung hatte ſchon herrliche Früchte ge⸗ tragen, denn in dieſer neuen Schule, obgleich mehrere von Deinen Kameraden der Geburts⸗ oder Vermögensariſto⸗ kratie angehörten, hat doch ihre Berührung nichts an Deinen koſtbaren Eigenſchaften geändert, und Du kannteſt nie den Neid oder die Eiferſucht. „Mit fiebenzehn Jahren biſt Du als kleiner Schreiber bei einem Notar, meinem Freunde, eingetreten, der allein das Geheimniß und die Verwaltung meines Vermogens gehabt hat; bis zu der Stunde, wo ich dieſe Zeilen ſchreibe, iſt die Discretion meines Freundes ſeiner Er⸗ gebenheit gleichgekommen; die beſcheidene Laufbahn, die Du zu verfolgen beſtimmt warſt, flößte Dir keinen Wi⸗ derwillen ein; die Freundſchaft Deines Patrons für mich bürgte mir für ſeine Sorgfalt in Betreff Deiner; er hat Dir Lectionen im öffentlichen Rechte gegeben, und durch ſeine Bemühungen und durch die Arbeiten, mit denen er Dich ſtufenweiſe beauftragte, haſt Du bei ihm eine voll⸗ kommene Kenntniß der Geſchäfte erlangt; ſo wirſt Du, durch meine Vorſicht, im Stande ſein, geſchickt, vortheil⸗ haft das beträchtliche Vermoͤgen zu verwalten, das ich für Dich aufgehäuft habe. „Mein Gewiſſen wirft mir nichts vor, und dennoch, ich geſtehe es, habe ich zuweilen befürchtet, Du werdeſt an mein Andenken den Vorwurf richten: „„Während Sie Reichthümer aufhäuften, mein Vater, ſahen Sie mich ohne Mitleid grauſame Entbehrungen ausſtehen.““ „Doch die Ueberlegung vertrieb immer dieſe Furcht aus meinem Herzen; ich erinnerte mich, mein theures Kind, wie oft Du mir geſagt haſt, obgleich arm, ſeiſt Du mit Deiner Lage zufrieden, und wenn Du ein wenig Wohlſtand wünſcheſt, ſo geſchehe es meinetwegen allein⸗ 122 „In der That, Deine unſtörbar gute Laune, Deine Sanftmuth, die Gleichmäßigkeit Deines Charakters, Deine natürliche Heiterkeit, Deine Zärtlichkeit für mich haben mir immer bewieſen, daß Dich Dein Schickſal befriedigte; übrigens theilte ich es. Was ich meinerſeits in meinem Gewerbe als öffentlicher Schreiber verdiente, erlaubte uns, in Verbindung mit Deinen Erſparniſſen, zu leben, ohne meine Einkünfte zu berühren. So capitaliſirt, haben ſie in den klugen Händen ihres Verwahrers Früchte ge⸗ tragen; das dauert ſeit ungefähr zwanzig Jahren fort. Heute an dem Tage, wo ich dieſes Teſtament ſchreibe, würde ſich auch das Vermögen, das ich Dir hinterließe, auf etwa zwei und eine halbe Million belaufen. „Ich weiß nicht, wie viel Jahre mir noch zu leben bleiben; lebe ich aber nur noch zehn Jahre, ſo wirſt Du den mittleren Zeitpunkt der menſchlichen Eriſtenz erreicht haben; Du wirſt dann fünf und dreißig Jahre alt ſein, und ich habe für Dich ein Vermögen von vier bis fünf Millionen aufgehäuft, weil ſich ein Capital in zehn Jahren verdoppelt. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach Ctrifft mich nicht ein unvorhergeſehener Schlag), wirſt Du, bis Du in den Beſitz vieſer großen Güter trittſt, Deine vollige Reife erlangen; Deine nüchternen, mäßigen, arbeitſamen, von Kindheit an angenommenen Gewohnheiten werden für Dich eine zweite Natur ſein. Deine Geſchäftskenntniſſe werden ſich noch durch die Praxis entwickelt haben. Füge dieſen Vorzügen die Redlichkeit Deines Geiſtes, die kräf⸗ tige Beſchaffenheit Deiner körperlichen Conſtitution bei, welche keine frühzeitige Ausſchweifung geſchwächt haben wird, und nun, mein liebes Kind, ſage mir, ob Du Dich nicht in der beſtmöglichen Lage befinden wirſt, um das Vermögen zu erben, das ich Dir geſchaffen habe, und um davon nach Deinen Neigungen Gebrauch zu machen, welche, ich fühle es zum Voraus, eben ſo edel als ehren⸗ haft ſein werden. 123 „Du wirſt mich vielleicht fragen, warum ich mich darauf beſchränkt habe, meine Fonds ſich capitaliſiren zu laſſen, ohne eine große Finanzoperation zu verſuchen, oder mir alle Genüſſe des Lebens zu gönnen? 3 „Warum das? Ich will es Dir ſagen, mein liebes nd. „Mein Geiz iſt allerdings aus einem Gefühle väter⸗ licher Vorſicht entſprungen. Aber dieſer Geiz hat am Ende alle dieſer heftigen Leidenſchaft anklebende Charaktere angenommen. „Ich habe mir können, ich kann mir noch Alles ent⸗ ziehen, um Reichthümer auf Reichthümer aufzuhäufen, weil es mich glücklich macht, mir zu ſagen, für Dich häufe ich auf, und Du werdeſt es eines Tags erben. Aber zu meinen Lebzeiten meine Habe in dieſer oder jener Abſicht aus meinen Händen geben oder ſie in Fi⸗ nanzoperationen wagen? Unmöglich, oh! unmöglich! Das hieße mir mein Innerſtes zerreißen; denn weißt Du, was aus dem Beſitze unſerer Schätze ein zweites Leben für uns Geizige macht? Daß wir uns, ohne einen Pfen⸗ nig zu wagen, in der Phantafie den ungeheuerſten Spe⸗ culationen, den unerhörteſten Herrlichkeiten hingeben. Und das iſt kein leerer Wunſch, kein hohler Traum. Nein, nein, vermöge des Zuſtandes meiner Kaſſe wären dieſe Herrlichkeiten morgen, heute, zur Stunde zu ver⸗ wirklichen. „Wie ſoll alſo ein Geiziger den Muth oder den Willen haben, einen ſolchen Talisman aus den Hän⸗ den zu geben? Wie! für ein Project, für einen einzigen verwirklichten Wunſch ſollte man tauſend Projecte, tauſend immer erfüllbare Träume opfern, beſonders, wenn man ſich ſagt: Was thue ich Böſes? Wem fügte ich Scha⸗ den zu? Hat ſich mein Sohn nicht bis jetzt bei ſeinem Schickſal glücklich gefühlt? Wäre er nicht der Stolz der auf ihr Kind ſtolzeſten Väter? Sammle ich im Ganzen nicht für ihn, für ihn allein Schätze? 124 „Und dann, hätte ich anders gehandelt, was wäre Gutes für meinen Sohn und für mich daraus ent⸗ ſprungen? „Wäre ich Verſchwender geweſen, ſo hätte Dich meine Verſchwendung im Elend zurückgelaſſen, mein ar⸗ mes, theures Kind. „Hätte ich mich darauf beſchränkt, mein Einkommen vernünftig auszugeben? „Statt uns der Arbeit zu widmen, wären wir dann ohne Zweifel müßig geblieben; ſtatt arm zu leben, hät⸗ ten wir dann einige körperliche Genüſſe, einige Befriedi⸗ gungen der Eitelkeit gehabt. Kurz, wir hätten gelebt wie alle wohlhabende Bürger unſeres Standes. „Was hätten wir hierbei gewonnen? „Wären wir beſſer geworden? Ich weiß es nicht. Doch bei meinem Tode hätte ich Dir nur ein mäßiges, für die Ausführung irgend eines großen und edlen Unter⸗ nehmens ungenügendes Einkommen hinterlaſſen. „Ein letztes Wort, mein liebes Kind, um jetzt ſchon auf einen Vorwurf zu antworten, den Du vielleicht an mein Andenken richten wirſt. „Glaube mir, ich habe Dich in Unwiſſenheit über meine Reichthümer gelaſſen, nicht, um mich zu verſtellen oder durch ein Gefühl des Mißtrauens gegen Dich bewogen. „Höre, was meine Gründe geweſen find. „Da Du nichts von unſern Reichthümern wußteſt, ſo fügteſt Du Dich leicht in die Armuth; im Gegentheil von unſerem Vermögen unterrichtet, hätteſt Du vielleicht, ohne je zu murren, die demüthige Exiſtenz angenommen, die ich Dir auferlegt, aber Du hätteſt mich innerlich der Härte, einer bizarren Selbſiſucht beſchuldigt. Wer weiß endlich, ob die Gewißheit Deines zukünftigen Reichthums nicht allmälig Deine koſtbaren Eigenſchaften entartet haben würde? . „Das iſt noch nicht Alles, und verzeihe mir, liebes Kind, dieſe unſinnige Angſt, dieſe für Dein vortreffliches 125 Herz ſo verletzende Befürchtung; aber um mich Deiner kindlichen Zärtlichkeit in Allem zu erfreuen, was ihre Uneigennützigkeit Reinſtes, Rührendſtes, Heiligſtes hatte, wollte ich Dir zu meinen Lebzeiten nicht den Hinterge⸗ danken einer reichen Erbſchaft geben. „Ein letzter Grund, und vielleicht ver gewichtigſte von allen, hat mich bewogen, Dir meinen Reichthum zu ver⸗ bergen ſiehſt Du, ich liebe Dich ſo ſehr, daß es mir unmöglich geweſen wäre, Dich die geringſte Ent⸗ behrung erdulden zu ſehen, wenn Du gewußt hätteſt, daß es von mir abhing, Dir das großartigſte, das prächtigſte Leben zu geſtatten. „Troß des Widerſpruchs, der zwiſchen dieſem Ge⸗ fühle und meinem geizigen Benehmen gegen Dich obzu⸗ walten ſcheint, hoffe ich, mein lieber Sohn, daß Du meinen Gedanken begreifen wirſt. „Und nun, da ich mich durch den Geiſt dem Tode gegenüberſtelle, der mich morgen, heute, ſogleich treffen kann erkläre ich in dieſem erhabenen, feierlichen Augenblick, daß ich Dich aus der tiefſten Tiefe meiner Seele ſegne, theures, geliebtes Kind, Dich, der mir in dieſer Welt nur Glück und Freude gegeben hat. „Sei alſo geſegnet, Louis, mein guter, zärtlicher Sohn, ſei glücklich nach Deinen Verdienſten, und meine Wünſche werden erfüllt ſein. „Dein Vater „A. Richard. „Geſchrieben doppelt in Paris, am 25. Febr. 18*2.4 Tief bewegt von der Leſung dieſes ſeltſamen Teſta⸗ n dachte Louis über die Sonderbarkeit ſeines Vaters nach. Der Tag neigte ſich zu ſeinem Ende, als der junge Mann an die Thüre der Manſarde klopfen hörte und die wohlbekannte Stimme von Floreſtan von Saint⸗Herem zu ihm gelangte. 126 XIII. Saint⸗Herem warf ſich in die Arme ſeines Freun⸗ des und rief: „Louis! mein armer Louis! ich weiß Alles. Geſtern verſprach ich Dir, mich nach dem zu erkundigen, was Dich intereſfirte; ſo eben, als ich hier heraufging, hat mir der Portier den Tod Deines Vaters mitgetheilt. Ach! welch ein grauſames, plötzliches Ereigniß!“ „Mein Freund Floreſtan,“ erwiederte Louis mit einer Stimme voller Thränen, indem er Saint⸗Herem das Teſtament des Greiſes reichte, „lies, und Du wirſt wohl begreifen, ob mein Kummer bitter ſein muß.“ Als Saint⸗Herem das Teſtament zu Ende geleſen hatte, ſprach Louis: „Sage nun, glaubſt Du, daß Jemand meinen Vater wegen ſeines Geizes tadeln kann? Iſt es nicht immer ſein einziger Gedanke geweſen, mich zu bereichern, mich in den Stand zu ſetzen, meinen Reichthum noch zu ver⸗ mehren oder einen edelmüthigen Gebrauch von dem Ver⸗ mögen zu machen, das er mir hinterläßt? Für mich ſammelte er Schätze, während er ſich die härteſten Ent⸗ behrungen auferlegte!“ „Nichts ſetzt mich in Erſtaunen bei einem Geizigen,“ antwortete Floreſtan aufrichtig. „Die Geizigen find zu großen Dingen fähig, und ich ſage das in Beziehung auf Alle, welche von dieſer mächtigen und furchtbaren Leiden⸗ ſchaft beherrſcht werden.“ „Floreſtan, wir wollen nicht übertreiben.“ „Das ſcheint Dir parador? Nichts iſt indeſſen wahrer. Man iſt immer von einer albernen Ungerechtig⸗ keit gegen die Geizigen geweſen,“ fügte Saint⸗Herem mit einer wachſenden Begeiſterung bei. „Die Geizigen! man müßte ihnen Altäre errichten. Die Geizigen, wie 127 verſchwenderiſch iſt das Genie, das ſie anwenden, um un⸗ begreifliche, unmögliche Erſparniſſe zu erfinden! Es iſt etwas Wunderbares, ſie vermöge ihrer hartnäckigen und geſcheidten Knauſerei an allen Dingen Gold machen zu ſehen mit dem Anſcheine nach ungreifbaren Erſparniſſen, aufbewahrten Enden von Schwefelhölzchen! geſammelten Stecknaveln! Centimes, welche Intereſſen tragen! Liards bei gewagten Unternehmungen angelegt! Und man will die Alchemiſten, die Erfinder des Steines der Weiſen, leugnen! Der Geizige findet ihn, den Stein der Weiſen. Ich ſage noch einmal, macht er nicht Gold mit dem, was für Andere Nichts iſt!“ „In dieſer Hinſicht haſt Du Recht, Floreſtan.“ „In dieſer Hinſicht und in jeder anderen, denn am Ende Doch höre, Louls, folge wohl meiner Ver⸗ gleichung; ſie iſt richtig und würdig meiner ſchönen Tage der Rhetorik! Es iſt hier ein dürrer, unfruchtbarer Bo⸗ den; man gräbt darin einen Brunnen, was geſchieht 2 Die geringſten Quellen, die ärmſten Fäden unterirdiſchen Waſſers, die unmerklichſten Thränen der Erde, welche bis dahin ohne Nutzen für irgend Jemand verdunſtet oder verloren gegangen waren, concentriren ſich Tropfen um Tropfen in der Tiefe dieſes Brunnens; allmälig wächſt, ſteigt das Waſſer, der Behälter füllt ſich, und dann komme eine wohlthätige Hand, welche reichlich die heil⸗ ſame Welle ausgießt; der grüne Raſen und die Bäume entſtehen auf dem zuvor ſo traurigen, ſo kahlen Boden. Sprich nun, Louis, iſt meine Vergleichung richtig? Iſt nicht der verborgene Schatz des Geizigen dieſer tiefe Brunnen, wo ſich, durch ſeine hartnäckige und muthige Sparſamkeit, ſeine Reichthümer Tropfen für Tropfen, Sou für Sou anſammeln, und wären ſie ohne den Gei⸗ zigen nicht beinahe ohne Nutzen für irgend Jemand zerſtreut geweſen, dieſe Tauſende von Kupfertröpfchen in Silber verwandelt, dann in Gold, welche angehäuft einen Be⸗ 1²⁸ hälter bilden, aus dem ſich in Kurzem der Lurus, die Pracht, der Aufwand aller Art verbreiten können!“ „In der That, Floreſtan,“ ſagte Louis, von ſeinem Schmerze durch die Begeiſterung ſeines Freundes zer⸗ ſtreut, „wenn meine kindliche Zärtlichkeit auf mein Urtheil über das Benehmen meines Vaters hat Einfluß üben können, ſo würden mir die Gründe, die Du mir aus dem ökonomiſchen Geſichtspunkte angibſt, wenigſtens beweiſen, vaß ich mich nicht getäuſcht habe.“ „Ich glaube es wohl, Deine Meinung entſpricht der Wahrheit! denn wenn wir den Geizigen aus dem phi⸗ loſophiſchen Geſichtspunkte betrachten, ſo iſt er, bei Gott! noch viel bewunderungswürdiger!“ „Dies, mein Freund, ſcheint mir minder richtig.“ „Wiei minder richtig? ſprich, antworte; gibſt Du zu, daß ſich fräher oder ſpäter die vom Geizigen ſo emſig aufgehäuften Reichthümer beinahe immer in Pracht und Aufwand aller Art ergießen, denn das Sprüchwott ſagt: Geiziger Vater, verſchwenderiſcher Sohn.“ „Gut, ich gebe zu, daß die Verſchwendung gewöhnlich die Ausſpenderin dieſer ſo lange vergrabenen Schätze iſt, aber wo fiehſt Du hierin die Philanthropie?“ „Wo ich ſie ſehe? überall! in Allem! Bringen die Folgen des Lurus, des großen Aufwands nicht den Wohl⸗ ſtand und die Gemächlichkeit in hundert Familien, welche die Seide, den Sammet, die Spitzen weben! welche das Gold und das Silber ciſeliren, den Edelſtein faſſen, die Paläſte bauen, das Ebenholz der Meubles ſchneiden, die Wagen lackiren, die Rennpferde ziehen, die ſeltenen Blumen rultiviren? Haben nicht Maler, Baumeiſter, Sängerinnen, Muſiker, Tänzerinnen, Alles, was Gewerbe, Kunſt, Ver⸗ gnügen, Zauber, Poeſie iſt, einen reichen Antheil an dem Goldregen, der dieſe Wunder erblühenmacht? Und dieſer Goldregen, woher kommt er, wenn nicht aus dem ſo langſam, aber ſo hartnäckig vom Getzigen gefüllten punkte!“ 129 Becken? Ohne den Geizigen alſo kein Behälter, kein Goldregen, und keines von den Wundern, das dieſer glän⸗ zende Thau allein befruchten kann. Wollen wir nun den BGeizigen aus dem katholiſchen Geſichtspunkte vornehmen?“ „Den Geizigen? . aus dem katholiſchen Geſichts⸗ „Gewiß, hier iſt er beſonders herrlich!“ „Ich geſtehe Dir, es ſcheint mir ſchwierig, dieſe Theſe zu behaupten!“ „Sie iſt im Gegentheil hochſt einfach Sage mir, nicht wahr, eine der groͤßten katholiſchen Tugenden iſt die Entſagung?“ „Allerdings.“ „Es iſt das völlige Verzichten auf die Freuden der Welt, ein Leben grauſamer Entbehrungen! ein Einſiedler⸗ leben in der Thebais!“ „Gewiß!“ „Iſt es nicht auch von einer vortrefflichen Wirkung für das Heil der Katholiken, wenn ſie während ihres Lebens geſchmäht, verhöhnt, angeſpieen, verabſcheut wer⸗ den, und alle dieſe Beleidigungen mit einer unſtörbaren Seelenheiterkeit ertragen?“ „Das iſt abermals wahr.“ „Nun wohl, mein lieber Louis, ich fordere Dich auf, mir einen klöſterlichen Orden zu nennen, deſſen Mitglieder ſo vollſtändig, ſo aufrichtig wie die meiſten Geizigen das Verzichten auf die Freuden hienieden üben. Und mehr noch, legen nicht beinahe alle Mönche das Ge⸗ lübde der Armuth ab, wie ein Blindgeborner das Ge⸗ lübde, nicht hell zu ſehen, thun würde? Die Ca⸗ puciner verzichten auf die Tänzerinnen, auf den Cham⸗ pagner, auf Rennpferde, auf Hotels, auf die Jagd, auf das Hazardſpiel, auf die Oper. Ich glaube bei Gott wohl, daß ſie darauf verzichten! Die Meiſten haben gute Gründe hiefür! Doch der Geizige, welch ein 9 Der Geiz. 130 Unterſchied! Das iſt eine wahrhaft heldenmüthige Ent⸗ ſagung! Unter ſeinem Verſchluß, in ſeinem Kaſten alle Genüſſe, alle Trunkenheiten, alle Bezauberungen der Seele, des Geiſtes, der Sinne haben, und den ungeheu⸗ ren Muth beſitzen, ſich ſo viele Lebensfreuden zu ver⸗ ſagen! Oh! glaube mir, Louis, darin liegt die Stärke, das iſt der Triumph eines energiſchen Willens!“ „Der Geiz erſtickt auch beinahe immer die anderen Leidenſchaften, und die Entſagung koſtet den Geizigen we⸗ niger, als jeden Anderen. Indem er ſich etwas verſagt, pefriedigt er ſeine herrſchende Leidenſchaft.“ g „Ganz richtig! Und iſt es nicht eine mächtige, eine große Leidenſchaft, dieſe Leidenſchaft, welche auf eine ſolche Entſagung ausläuft? Und das iſt noch nichts! Hinſichtlich der Uneigennützigkeit iſt der Geizige erhaben.“ „Die Uneigennützigkeit des Geizigen? Oh! Flo⸗ reſtan!“ „Er iſt erhaben durch Uneigennützigkeit, ſage ich Dir! Der Geizige täuſcht ſich nicht; er wird während ſeines Lebens verhohnt, verwünſcht, er weiß es wohl, und er weiß auch, daß, wenn er kaum geſtorben, ſeine Erben beinahe immer auf ſeinem Grabe die ausgelaſſenſten, toll⸗ ſten Farandolen tanzen und auf das glückliche Ende des Wucherers, des Pfennigfuchſers, des Harpagon trinken werden! Ja, der Geizige weiß Alles dies, die arme, gute Seele! Führe mir aber einen, einen Einzigen an, der, in einer ſolchen Vorausſicht, grollſüchtig über den Tod hinaus, ſeinen Schatz mit ihm verſchwinden zu machen verſucht hätte! Etwas Leichtes, denn zwei Mil⸗ lionen in Bangquebillets ſind in fünf Minuten verbrannt! Doch nein, voll Milde und Verzeihung, üben dieſe ſanften Geizigen das Vergeſſen der Beleidigungen und hinterlaſ⸗ ſen ihren Schatz ihren Erben, Hoͤre, Louis, weißt Du etwas, was mit dem Märtyrthum eines Geizigen zu vergleichen wäre? Und es dauert nicht eine Stunde, ſon⸗ dern ſein ganzes Leben, denn der Geizige ſagt ſich unab⸗ 131 läſſig: „Dieſen mit ſo großer Mühe, um den Preis uner⸗ hörter Entbehrungen angehäuften Schatz werde ich nicht für mich geſammelt haben. Nein, nein, es wird die ver⸗ hängnißvolle Stunde kommen, wo dieſes Gold, an welchem ich wie an meinem Blute hänge, in prunkhaftem Auf⸗ wand, in tollen Orgien vergeudet werden wird, in Orgien, bei denen mein Name verhöhnt, geſchmäht wird .. von meinem Sohne vielleicht, und dennoch laſſe ich es nicht mit mir verſchwinden, um ſo viel freche Habgier zu täuſchen und zu beſtrafen!““ Oh! glaube mir, Louis, der Geiz iſt eine große, eine ſtarke Leidenſchaft, und nichts was groß, was ſtark iſt, iſt unnütz. Der gute Gott weiß, was er thut; ich glaube, daß er in ſeiner Weisheit, in ſeiner unendlichen Güte keine zweckloſe Leidenſchaften, das heißt, Kräfte ohne Anwendung geſchaffen hat. Sind die Geizigen von ihm mit einer unglaublichen Willensconcen⸗ tration begabt worden, ſo haben ſie eine geheime Beſtim⸗ mung zu erfüllen. Es iſt ſchlimm für den großen Haufen, daß er ſo wenig erleuchtet iſt, um von der Domeſtica⸗ tion dieſer großen Leivenſchaft (wie der gelehrte Doctor Gaſterini, ver Apoſtel der Leckerei, ſagen würde), nichts zu wiſſen; es iſt ſchlimm für die Menſchheit, wenn ſie den Geiz im unangebauten, wilden Zuſtand läßt. Pfropft den Birnbaum des Waldes, er gibt Euch ſtatt einer bit⸗ teren Frucht eine ſchmackhafte Frucht. Ich wiederhole, jede Kraft hat ihre Ausdehnung und muß ſie haben, jede Leidenſchaft hat ihren Schwung, ihre Erhabenheit. Stelle Dir zum Beiſpiel als Finanzminiſter eines Staates einen Geizigen vor, der in die Verwaltung, in die Oekonomie der Staatsgelder die Unbeugſamkeit bringt, die den Gei⸗ zigen charakteriſirt: er wird Wunder erzeugen. Im Wi⸗ derſpruchmit dem Oberintendanten Fou⸗ guet (ſagt Saint⸗Simon), war Herr Colbert, trotz ſeines großen Vermögens, in ſeinem Pri⸗ vatleben ſehr ſparſam. Fouquet aber hatte die Finanzen Frankreichs zu Grunde gerichtet, und nie waren 132 ſie blühender als unter Colbert; ohne dieſen geizigen Mi⸗ niſter wurden die Verſchwendungen von Ludwig XIV. un⸗ möglich, und ſo viele Wunder von Pracht und Kunſt und Poeſie blieben im Nichts. Du ſiehſt alſo, Alles ver⸗ bindet ſich, Alles verkettet ſich; jede Urſache hat ihre Wirkung. Der verſchwenderiſche Ludwig XIV. iſt die Folge vom geizigen Colbert.“ „Floreſtan,“ ſagte Louis traurig, „während dieſer große König, deſſen Andenken ich immer verabſcheut habe, vas Land durch ſeine ſchamloſen Verſchwendungen zu Grunde richtete, lebte das Volk, von Steuern erdrückt, in einer grauſamen Knechtſchaft, um die Koſten für das freche Gepränge von Ludwig XIV., ſeine Maitreſſen und ſeine Baſtarde zu erſchwingen ... Wie viel Elend herrſcht noch in unſeren Tagen! Ohl wenn Du, zum Beiſpiel, wie ich das Leben von Mariette kennen würdeſt. Dieſes arme Kind, ſo muthig bei der Arbeit! Das Schauſpiel einer ſo gräßlichen Entblößung würde Dir wie mir ein bitteres Gefühl verurſachen!“ „Das iſt wahr, voch was willſt Du, ich bin Philo⸗ ſoph und Oetonomiſt auf meine Weiſe; ich nehme die Zeit, wie ſie iſt, und da ich nichts Beſſeres zu thun im Stande bin, ſo gebe ich Alles bis auf meinen letzten Son aus! Mich wird man nicht beſchuldigen, ich mache, daß die Luxusgewerbe feiern müſſen.“ „Mein Freund, ich klage Dein edles Herz nicht anz beim Stande der Dinge gibt derjenige, welcher ſeine Reichthümer mit vollen Händen, toll ſogar aufwendet, we⸗ nigſtens Arbeit, und die Arbeit gibt Brod; und vennoch rühmſt Du den Geiz.“ „Ei, alle Wetter! mein Freund, ein Grund mehr!“ „Warum 2“ „Wer wird die Vortrefflichkeit des Waffenſchmieds ſchätzen, wer wird ſie preiſen, wenn nicht-der Krieger? 5 Die Vortrefflichkeit des Pferdes, wenn nicht der Reiter? 133 Die Vortrefflichkeit des Lautenmachers, wenn nicht der Inſtrumentiſt? Wäre Paganini Papſt geweſen, er würde Stradivarius, den Verfertiger der wunderbaren Geigen, welche der große Künſtler ſo ausgezeichnet ſpielte, heilig geſprochen haben. Ich aber, der ich die Einbilvung habe, daß ich wunderbar Million ſpiele, ich würde meinen Oheim, dieſen heldenmüthigen Märtyrer des Geizes, heilig ſprechen, wenn die zutheilende Gerechtigkeit wollte, daß die herr⸗ lichen Verſchwendungsinſtrumente, die er, Sou auf Sou häufend, fabricirt, eines Tags in meine Hände fielen.“ „Oh! mein Gott!“ „Was haſt Du, Louis?“ „Du weißt alſo nicht?“ „Was?“ „Ach! ja „denn, wie mir mein armer Vater ge⸗ ſchrieben, hatte ſich Herr Ramon plotzlich entſchloſſen, nach Paris zu kommen.“ „Mein Oheim iſt in Paris?“ „Floreſtan, es gibt ſeltſame Ereigniſſe.“ „Mit welcher Miene ſagſt Du mir das? Was be⸗ u „Und in einem ſolchen Augenblick, nach der Unter⸗ redung, die wir gehabt haben, muß ich es Dir mitthei⸗ len! Bh!l ich wiederhole, das iſt ſeltſam!“ „Was mußt Du mir mittheilen? Was gibt es Selt⸗ ſames?“ . „Ich habe Dir von den Plänen meines armen Va⸗ ters in Betreff einer Heirath zwiſchen mir und Deiner Couſine geſagt?“ „Ja. Nun?“ „Dein Oheim, der nichts von meiner Weigerung wußte und den Augenblick unſerer Verbindung, die er ebenſo lebhaft als mein Vater wünſchte, beſchleunigen wollte, iſt geſtern Abend mit ſeiner Tochter von Dreur abgereiſt, und Beide find dieſen Morgen angekommen „ 134 „In Paris? Gut. Doch warum dieſe Verlegen⸗ heit, dieſes Zögern von Deiner Seite, mein lieber Louis?“ „Dein Oheim und ſeine Tochter ſind nicht unmittel⸗ bar nach Paris gekommen, Floreſtan, ſie haben in Ver⸗ ſailles angehalten, wohin mein armer Vater ge⸗ gangen iſt.“ Bei dieſem Gedanken, der ſeinen Schmerz wieder pelebte, konnte Louis nicht endigen; ſein Schluchzen er⸗ ſtickte ſeine Stimme. Gerührt von der Gemüthsbewegung ſeines Freundes, ſagte Saint⸗Herem: „Auf, mein Freund, Muth gefaßt! Ich begreife Dei⸗ nen tiefen Kummer, das Teſtament Deines Vaters muß Dein Bevauern vermehren.“ „Floreſtan,“ ſprach der junge Mann nach einem ziemlich langen Stillſchweigen, indem er ſeine Thränen trocknete, „wenn ich vorhin zögerte, mich zu erklären, ſo geſchah es, weil ich in den Gedanken der Wehmuth und Trauer, die mein Inneres erfüllen, peinlich angegriffen zu werden befürchte, wenn ich die, vielleicht entſchuldbare, Freude ſehe, die Dir die Nachricht verurſachen wird, welche ich Dir zu geben habe.“ „Um Gorteswillen, Louis, erkläre Dich deutlich!“ „Dein Oheim und ſeine Tochter werden, wie dies mit meinem Vater verabredet worden war, ohne Zweifel die Eiſenbahn wie er genommen haben, in denſelben Wa⸗ gen geſtiegen ſein wie er. und... „Sie auch!“ rief Saint⸗Herem, ſeine beiden Hände an ſein Geſicht drückend. „Die Unglücklichen! ah! das wäre entſetzlich!“ Der Schreckensſchrei, der Ausdruck des Mitleids von Saint⸗Herem waren ſo unwillkürlich, ſo aufrichtig, daß Louis ſich gerührt fühlte von dieſem Beweiſe der Herzens⸗ güte ſeines Freundes, deſſen erſter Eindruck von einem Gefühle edler Theilnahme und nicht von iner zugietiger chniſchen Freude zeugte. 135 XIV. Einige Augenblicke ſchwiegen Louis Richard und Saint⸗Herem. Der Sohn des Geizigen nahm zuerſt das Wort und ſagte voll Innigkeit zu ſeinem Freunde: „Floreſtan, ich kann Dir nicht ausdrücken, wie ſehr mich Deine Gemüthsbewegung rührt; ſie ſteht ſo ganz im Einklange mit dem, was ich in dieſem traurigen Augen⸗ blick empfinde.“ „Was willſt Du, mein Freund, Du weißt, ich hegte keine Sympathie für meinen Oheim. Ich konnte über ihn und in der Hypotheſe ſeiner Erbſchaft jene tra⸗ ditionellen Scherze à la Moliere machen — Spöttereien, die überdies um ſo weniger ernſt ſind, als diejenigen, über welche man ſcherzt, noch in vollkommener Geſundheit le⸗ ben; ſobald es ſich aber um ein ſo entſetzliches Ereigniß handelt, wie das, deſſen Opfer mein Oheim und ſeine Tochter mit Deinem armen Vater geworden ſein können, müßte man ein ehernes Herz und eine ſchändliche Gierde haben, um nur an die Erbſchaft zu denken und ſich nicht tief betrübt zu fühlen. Was den Geiz betrifft, dieſe Leidenſchaft, deren Folgen ſo fruchtbar find, ſo nehme ich nichts zurück; ich würde nur meinen Gedanken eine ernſtere Wendung gegeben haben, hätte ich vorhergeſehen, daß es ſich für mich um eine, ſo zu ſagen, perſönliche Frage han⸗ delte. Doch, Du ſiehſt, ich gehöre durchaus nicht zu jenen Erben, welche die Erbſchaft mit einer chniſchen Freude empfangen. Sage mir nur, Louis, und verzeihe der Noth⸗ wendigkeit eine Frage, die Deinen Schmerz wiederbele⸗ ben wird; hat Dir bei den ſchmerzlichen Nachforſchungen, die Du angeſtellt, um Deinen Vater zu finden, nichts 136 die Hoffnung geben können, mein Oheim und ſeine Tochter ſeien dieſem gräßlichen Tode entgangen?“ „Ich kann Dir nur ſagen, Floreſtan, daß ich mich vollkommen erinnere, weder Deinen Oheim, noch Deine Couſine unter den verwundeten vder getödteten Perſonen geſehen zu haben. Was die Opfer betrifft, deren Loos ſie ohne Zweifel leider, wie mein Vater, getheilt haben, ſo war es unmöglich, ihre Züge zu erkennen: es war ein namenloſer Haufen von verbrannten, in Kohlen verwandel⸗ ten Körpern.“ Louis unterbrach ſich bei dieſer erſchrecklichen Erin⸗ nerung, und ſeine Thränen floßen abermals. 3 „Aller Wahrſcheinlichkeit nach, mein armer Louis, und wie Du es mir geſagt haſt, mußten ſich mein Oheim und ſeine Tochter in demſelben Wagen mit Deinem Vater befinden. Sie haben vielleicht ſein Loos getheilt; ich will übrigens nach Dreur ſchreiben und neue thätige Nach⸗ forſchungen vornehmen. Wenn Du Deinerſeits etwas Neues erfährſt, benachrichtige mich. Doch ich bedenke: unter ſo vielen traurigen Vorfällen vergaß ich, mich nach Mariette zu erkundigen.“ „ „Es waltete ein grauſames Mißverſtändniß ob, wie Du es vermuthet hatteſt, Floreſtan. Ich habe ſie zärt⸗ licher und liebevoller als je gefunden.“ „Ihre Liebe wird wenigſtens für Dich ein koſtbarer Troſt bei Deinem Kummer ſein. Auf, guten Muth, mein armer Louis, Muth, und auf baldiges Wiederſehen. Alles, was vorgefallen iſt, ſchließt die Bande unſerer Freund⸗ ſchaft noch enger.“ „Ah! Floreſtan, ohne dieſe Freundſchaft, ohne die Zuneigung von Mariette, weiß ich nicht, wie ich den Schlag ertragen könnte, der mich niederbeugt. Guten Tag, mein Freund, und halte mich auf dem Laufenden über das, was Du in Betreff Deines Oheims entvecken wirſt.“ Die zwei Freunde trennten ſich. 2 137 Als Louis allein war, dachte er lange über das Be⸗ nehmen nach, das er beobachten ſollte. Nachdem ſein Entſchluß gefaßt war, legte er in ſeinen Nachtſack die Summe in Gold, die er entdeckt hatte, nahm das Teſta⸗ ment ſeines Vaters und begab ſich zu ſeinem Patron, dem Notar und Freunde des Verſtorbenen, wie Louis, den letzten Willen des Geizigen leſend, erfahren hatte. Schmerzlich betroffen von den Umſtänden des mehr als wahrſcheinlichen Todes ſeines Clienten, ſuchte der WVotar Louis zu tröſten und übernahm die geſetzlichen Förmlichkeiten, welche den Hintritt von Herrn Richard Vater beſtätigen ſollten. Nachdem dieſe Anordnungen verabredet waren, ſagte Louis zu ſeinem Patron: „Nun habe ich noch eine Frage an Sie zu richten, mein Herr: werde ich, wenn die traurigen Förmlichkeiten, von denen Sie ſprachen, erfüllt ſind, über das Vermögen meines Vaters verfügen können?“ „Ja, gewiß, mein lieber Louis.“ „Hören Sie alſo, was meine Abſichten ſind. Ich bringe Ihnen eine Summe, welche ſich auf mehr als zwei⸗ malhundert tauſend Franken beläuft; ich habe ſie in einem von unſeren Meubles gefunden; auf dieſe Summe wünſche ich eine Penſion von zwölfhundert Franken der Pathin einer jungen Waiſe zu ſichern, welche ich heirathen ſoll.“ i „Dieſes Mädchen iſt aber in Vermögensverhältniſſen, e „Mein lieber Patron,“ erwiederte Lonis, die folgenden Worte auf eine feſte, entſchloſſene Weiſe betonend, „dieſe junge Perſon iſt Arheiterin und lebt von ihrer Arbeit, ich liebe ſie ſeit langer Zeit; keine menſchliche Macht würde mich abhalten, ſie zu heirathen.“ „Gut,“ ſprach der Notar, der die Fruchtloſigkeit ſeiner Bemerkungen einſah; „die Penſion ſoll zum Bor⸗ theil der Perſon, die Sie mir bezeichnen wollen, beſtellt werden.“ 138 „Ich wünſche ſodann von der Summe, von der die Rede iſt, ungefähr fünfzehn tauſend Franken zu nehmen, um unſere Haushaltung auf eine anſtändige Art einzurichten.“ „Nur fünfzehn tauſend Franken?“ ſagte der Notar, erſtaunt über die Mäßigkeit dieſes Verlangens; „wird das hinreichen?“ „Meine Braut iſt wie ich, mein lieber Patron, an ein armes und arbeitſames Leben gewöhnt. Unſere Wünſche erheben ſich nicht über eine beſcheidene Gemächlichkeit. Ein Einkommen von tauſend Thalern jährlich, verbunden mit unſerer Arbeit, wird uns auch vollkommen genügen.“ verbunden mit Ihrer Arbeit! Sie gedenken alſo? . „In Ihrer Schreibſtube zu bleiben, wenn Sie nicht finden, ich habe mich Ihrer Theilnahme unwürdig ge⸗ macht.“ „Ihre Frau ſoll Arbeiterin bleiben, und Sie Notars⸗ ſchreiber mit mehr als hundert tauſend Livres Rente!“ „Ich kann mich nicht, ich will mich nicht entſchließen, zu glauben, dieſes große Vermögen ſei mir zugefallen; und ſelbſt wenn alle gerichtliche Formalitäten den wahr⸗ ſcheinlichen Tod meines Vaters conſtatiren würden, ich werde immer im Grunde meines Herzens eine unbeſtimmte Hoffnung bewahren, denjenigen wiederzuſehen, welchen ich beklage, immer beklagen werde.“ „Ach! Sie täuſchen ſich.“ „Ich will mich ſo lange als möglich täuſchen, und ſo lange dieſe Illuſion dauert, werde ich nicht glauben, es ſtehe mir frei, über das Vermögen meines Vaters zu verfügen, wenn nicht innerhalb der Grenze, die ich Ihnen bezeichne.“ „Mein lieber Louis, man vermöchte nicht mit einer vollkommeneren, ehrenwertheren Beſcheidenheit zu handeln; doch wie werden Sie den Ueberſchuß vieſes großen Ver⸗ mögens verwenden?“ . 4 „Ich werde in dieſer Hinſicht keinen Eniſchluß faſſen, 139 ſo lange ich die geringſte Hoffnung hege, meinen Vater wiederzufinden. Wollen Sie alſo Verwahrer dieſer Reich⸗ thümer bleiben und ſie verwalten, wie Sie dieſelben bis jetzt verwaltet haben.“ „Ich kann Sie nur loben, bewundern, mein lieber Louls,“ antwortete der Notar mit einer tiefen Gemüths⸗ bewegung. „Ihr Benehmen entſpricht indeſſen dem, wel⸗ ches Sie immer beobachtet haben ... Sie konnten das Andenken Ihres Vaters nicht beſſer ehren, als indem Sie ſo handelten .. . Es ſoll geſchehen, wie Sie es wünſchen. Ich werde Verwahrer Ihres Vermoͤgens bleiben, und dieſe Summe in Gold bleibt unberührt, abgeſehen von dem, was Sie für Ihren Bedarf zum Voraus davon nehmen. Ich will noch heute den Vertrag der Leibrente, von der Sie geſprochen, aufſetzen.“ „Bei dieſem Punkte, mein lieber Patron, muß ich einen Umſtand berühren, der Ihnen vielleicht kindiſch ſchei⸗ nen wird, während er aber ſeine peinliche Seite hat.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Die arme Frau, der ich dieſe Penſion zuzuſichern wünſche, iſt in ihrem Leben ſo grauſam durch das Un⸗ glück geprüft worden, daß ihr, im Grunde edler, Charak⸗ ter ſich erbittert hat und zurückſtoßend, mißtrauiſch ge⸗ worden iſt; das geringſte Glücksverſprechen wäre leer in ihren Augen, wenn ſich dieſes Verſprechen nicht auf einen greifbaren, materiellen Beweis ſtützte. Um alſo dieſe Un⸗ glückliche von der Wirklichkeit der Penſion, von der wir reden, zu überzeugen, will ich etwa fünfzehntauſend Franken in Gold mitnehmen; ſie werden ungefähr das Kapital der Leibrente vorſtellen. Das iſt das einzige Mittel, die arme Frau von meinen guten Abſichten für ſie zu überzeugen.“ „Nichts kann einfacher ſein, mein lieber Louis; neh⸗ men Sie, was Sie wollen, und ſchon heute ſoll die Ur⸗ kunde ausgefertigt werden.“ Hienach verließ Louis den Notar und begab ſich zu Mariette. XV. Als Louis Richard bei Mariette eintrat, arbeitete dieſe am Bette ihrer Pathin, welche tief eingeſchlafen zu ſein ſchien. Die Bläſſe des jungen Mannes, die Veränderung in ſeinen Geſichtszügen, ihr ſchmerzlicher Ausdruck fielen dem Mädchen aufz Mariette erhob ſich, ging raſch auf ihn zu und ſagte: „Mein Gott! Louis, es iſt Ihnen etwas begegnet. .. ein Unglück vielleicht.“ „Ein großes Unglück. Marlette, haben Sie von dem entſetzlichen Unfall ſprechen horen, der ſich geſtern auf der Eiſenbahn von Verſailles ereignet hat?“ „Oh! ja. Das iſt gräßlich. Man ſpricht, ich weiß nicht, von wie vielen Opfern.“ „Ich kann es kaum bezweifeln, mein Vater iſt unter der Zahl dieſer Opfer.“ Mit einer Bewegung raſcher als der Gedanke fiel Ma⸗ riette Louis ſchluchzend um den Hals, und er fühlte die Thränen des Mädchens ſeine Wangen überſtrömen. Lange blieben die zwei jungen Leute ſo umſchlungen, ohne ein Wort zu ſprechen. Louis brach zuerſt dieſes ſchmerzliche Stillſchweigen. „Mariette, Sie wiſſen, in welchen Ausdrücken ich immer von meinem Vater geſprochen habe... Damit be⸗ zeichne ich Ihnen meine Verzweiflung.“ „Oh! das iſt ein großes Unglück, Louis.“ „Bei dieſem Kummer gibt es nur einen Troſt für mich auf der Welt: Ihre Liebe, Mariette, und ich will Sie um einen neuen Beweis von dieſer Liebe bitten.“ „Reden Sie, befehlen Sie, mein Herz gehört Ihnen.“ „Wir müſſen uns in möglichſt kurzer Friſt heirathen.“ „Ah! Louis, konnten Sie einen Augenblick an meiner 141¹ Einwilligung zweifeln? Iſt das der Beweis von Liebe, den Sie forderten?“ ſagte das Mädchen. Bald aber und wie nach einer Ueberlegung fügte Mariette bei: „Doch uns heirathen vor dem Ende Ihrer Trauer, welche heute beginnt, iſt das möglich?“ „Ich bitte Sie inſtändig, Mariette laſſen Sie ſich nicht durch vieſes Bevenken zurückhalten, ſo achtungswürdig es auch ſcheint.“ „Ich „ich werde thun, was Sie wollen.“ „Hören Sie, Mariette: lange, ſehr lange noch wird mein Herz gebrochen ſein durch den Kummer. Die wahre Trauer iſt in der Seele, und bei mir wird ſie nur zu weit über das für die ſcheinbare Trauer beſtimmte con⸗ ventionelle Ziel hinausgehen. Ich habe das Bewußtſein, daß ich ſo viel, als in mir iſt, das Andenken meines Vaters ehre. Darum meine ich mich nicht nach einem Gebrauche der reinen Convenienz richten zu dürfen. Ah! glauben Sie mir, eine Heirath, vollzogen unter dem ſchmerzlichen Eindruck des Verluſtes, den ich erlitten, wird einen noch feierlicheren, noch heiligeren Charakter haben, als wenn wir uns unter andern Umſtänden heirathen würden.“ „Sie haben vielleicht Recht, Louis, aber ver Gebrauch!“ „Sagen Sie offenherzig, Mariette, weil Sie meine Frau ſein, weil Sie meinen Vater mit mir beklagen, weil Sie Trauer um ihn tragen werden, weil ein beinahe kind⸗ liches Band Sie fortan mit ſeinem Andenken verknüpfen ſoll, wird er darum minder fromm von uns beweint wer⸗ den? Und dann, Mariette, in meiner Niedergeſchlagenheit lange allein, von Ihnen getrennt leben, wäre mir nicht moͤglich. Oh! ich würde vor Gram ſterben.“ „Ich bin nur eine arme Arbeiterin, unwiſſend in den Gebräuchen der Welt; ich kann Ihnen nur ſagen, was ich fühle, Louis. Vorhin ſchien mir Ihr Vorſchlag, uns ſo bald zu heirathen, nach einer Ueberlegung das zu ver⸗ letzen, was Sie Convenienz nennen; aber die Gründe, 142 die Sie mir angeben, laſſen mich Ihre Anſicht theilen. Vielleicht habe ich Unrecht; vielleicht übt der Wunſch, Ihnen zu gehören, zu thun, was Ihnen gefällt, einen Einfluß auf mich. Ich weiß es nicht, Louis; doch zu dieſer Stunde würde ich weder ein Bedauern, noch einen Gewiſſensbiß fühlen, wenn wir uns ſo bald als mglich heiratheten. Und mir ſcheint doch, daß mein Herz ſo em⸗ pfindlich iſt, als ein anderes.“ „Ja, und undankbarer, als ein anderes!“ rief plötz⸗ lich mit ihrer ſcharfen Stimme Frau Lacombe, indem ſie ſich aufſetzte. Dann, als ſie das Erſtaunen in den Zügen von Mariette und Louis wahrnahm, fügte ſie mit höh⸗ niſchem Tone bei: „Ahl man glaubte, die Alte ſei eingeſchlafen, und man that ſich keinen Zwang an, um von der Hochzeit zu ſprechen. Aber ich habe Alles gehört.“ „Es war nichts dabei, was Sie nicht hören durf⸗ ten,“ erwiederte Louis ernſt. „Mariette und ich haben nicht ein einziges von unſern Worten zurückzunehmen.“ „Bei Gott!. „ ich glaube es wohl . Ihr denkt nur an Euch... Ihr habt keinen andern Gedanken im Kopf, als dieſe verdammte Heirath . Was mich be⸗ trifft.. vas behandelt man, als ob ich im Sarge wäre. Ich will auch nicht, daß .. „Erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen, Madame, und Ihnen zu bemerken, daß ich mein Verſprechen nicht vergeſſen habe.. ſagte Louis. Und er nahm ein hölzernes Kiſichen, das er bei ſei⸗ nem Eintritt auf den Tiſch geſtellt hatte, ſetzte es auf das Bett von Frau Lacombe und ſprach, indem er ihr einen Schlüſſel übergab: „Wollen Sie dieſes Kiſichen öffnen, Madamez was es enthält, gehört Ihnen.“ Frau Lacombe nahm den Schlüſſel mit mißtrauiſcher Miene, öffnete das Kiſichen, warf einen Blick auf den In⸗ halt und rief, geblendet, verhlufft: S 143 „Oh! mein Gott! oh! großer Gott!“ Als dieſe erſte Bewegung des Erſtaunens vorüber war, ſtürzte die Kranke das Kiſichen auf ihr Bett um, und bald hatte ſie einen Haufen funkelnder Goldqua⸗ drupel vor ſich. Frau Lacombe konnte ihren Augen nicht glauben; ſie ſchaute die Quadrupel an, ließ ſie durch die Hand laufen, klingen, und murmelte mit zitternder Stimme: „Oh! wie viel Gold! wie viel Gold! Und das iſt gewiß ſchoͤnes und gutes Gold? es klingt nicht falſch?7 Mein Gott! die ſchönen Stücke! Man ſollte glauben, es ſeien Hundertſousſtücke in Gold! Welch eine große Summe muß das machen!“ Und ſie fügte mit einem Seufzer bei: „Es wäre darin die Ruhe und die Gemächlichkeit des Lebens für zwei arme Frauen wie Mariette und ich.“ „Es ſind da ungefähr fünfzehntauſend Franken,“ ſagte Louis, „ſie gehören Ihnen,“ „Mir!“ rief die Kranke. „Wie! mir?“ Dann ſchüttelte ſie den Kopf mit einer ungläubigen Miene und fügte bitter bei: „Ja wohl, ſpotten Sie über die Alte. Laſſen Sie mich doch in Ruhe! Ich frage Sie, warum dieſes Gold mir gehören würde?“ „Weil dieſes Gold,“ erwiederte Louis liebevoll, „weil dieſes Gold dazu dienen ſoll, Ihnen eine Leibrente von zwölfhundert Franken zu ſichern, mögen Sie nun nach der Verheirathung von Mariette allein leben oder lieber bei uns bleiben wollen; denn ſchon morgen wird unſer Vertrag, ſowie der Vertrag Ihrer Rente, unterzeichnet werden, und die Urkunde erhalten Sie im Austauſch gegen dieſes Gold. Ich habe es Ihnen obſichtlich ge⸗ bracht, um Sie von der Aufrichtigkeit meiner Verſpre⸗ chungen zu überzeugen. Da Sie uns nun gehört haben, Madame, ſo wiſſen Sie die Gründe, die mich bewogen, Mariette inſtändig zu bitten, unſere Heirath zu beſchleu⸗ 144 nigen. Ihr Schickſal iſt, wie Sie ſehen, fortan vollkom⸗ men geſichert. Finden Sie noch ein Hinderniß gegen meine Verbindung mit Mariette, für welche Sie immer eine zweite Mutter ſein werden? Sagen Sie es uns, ich flehe Sie an, Madame. Alles, was von ihr und von mir abhängt, um Sie zufrieden zu ſtellen, werden wir thun. Unſer Glück wäre unvollſtändig, wenn Ihnen etwas fehlte. Auf, Madame, Muth, vergeſſen Sie Ihre langen Leiden und denken Sie an eine glücklichere Lage.“ Auf dieſe guten Worte von Luuis, mit bewegtem, innigem Tone ausgeſprochen, erwiederte Frau Lacombe Anfangs nichts; dann drückte ſie plotzlich ihre Hand an ihre Augen und warf ſich, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend, auf ihr Kopfkiſſen zurück. Louis und Mariette ſchauten ſich verblüfft an. Das Mädchen kniete am Bette der Kranken nieder und ſagte: „Pathin, was haben Sie?“ Als ſie aber keine Antwort erhielt und ſich mehr vorwärts neigte, ſah ſie Thränen durch die Finger der Kranken rieſeln, und ſie rief, ohne ihr Erſtaunen zu verbergen: „O mein Gott! Louis, meine Pathin weint! Seit zehn Jahren iſt dies das erſte Mal.“ „Madame,“ ſprach lebhaft der junge Mann, indem er ſich ebenfalls zu Frau Lacombe neigte, „in des Himmels Namen, antworten Sie, was haben Sie?“ „Ich ſehe aus wie eine Bettlerin; ich ſehe aus, als dächte ich nur an das Geld. . und ich ſchäme mich, erwiederte ſchluchzend die Unglückliche, indem ſie fort⸗ während ihr Geſicht verbarg, das von leichenbleich vor Verwirrung purpurroth wurde. „Ja, ja, Sie glauben, ich wolle Alles nur für Geld thun, Sie glauben, ich ver⸗ kaufe Ihnen Mariette zur Heirath, wie ich ſie zur Lieder⸗ lichkeit verkauft hätte, wenn ich ein ſchlechtes Weib wäre!“ „Pathin! rief Marlette, die Kranke voll Innigkeit küſſend, „ſagen Sie das nicht. Können Sie glauben, es ſei Louis und mir eingefallen, Sie Furch dieſes Geld 145 demüthigen zu wollen? Louis hat nur gethan, was Sie von ihm verlangt.“ „Ich weiß es wohl; aber was willſt Du, Kleine 2 es iſt die Furcht, auf der Straße zu ſterben! die Furcht, Dich durch dieſe Heirath noch unglücklicher zu ſehen, als Du es biſt, was mich veranlaßt hat, dieſe Rente zu fordern. I„ch ſagte das ſo im Geſpräche; ich weiß wohl, daß ich nicht berechtigt bin, Renten zu haben! aber ſtellt man ſich vor, was die Angſt iſt, ſich wie ſo viele Andere auf dem Pflaſter zu ſehen, in meinem Alter und breſthaſt! Doch ich habe zu viel verlangt, und ich habe Unrecht ge⸗ habt. Was brauche ich? Eine Matratze in einer Ecke, ein Stück Brod zum Eſſen, und beſonders, daß mich Mariette nicht allein läßt. Ich bin ſo daran gewöhnt, ſie um mich her kommen und gehen zu ſehen mit ihrem ſanften Geſichichen! Wäre ſie nicht mehr da, ich würde mich in der Nacht des Sarges wähnen. Und dann gibt es nur ſie allein auf der Welt, die ſo gut gegen eine alte Kranke meiner Art ſein kann . .. Ich wünſche nichts Anderes, als bei Mariette zu bleiben; aber mir dieſen Haufen Gold ins Geſicht werfen ſehen! nun, ja, das hat mich eine Minute geblendet; doch hernach hat es mich im tiefſten Grunde meines Herzens ſo ſehr gede⸗ müthigt, daß ich weinte, und daß ich weine,“ fügte ſie, ihre Thränen mit der umgekehrten Hand trocknend, bei. „Man mag immerhin ein Erdenwurm ſein, man hat auch ſeine Eigenliebe. Und als der ſchlechte Menſch neulich kam und mir Gold anbot, daß ich ſie an ihn verkaufe, das hätte mich voch noch mehr als heute demüthigen müſſen... Nein! ſo find wir! es hat mich nur wüthend gemacht. Aber diesmal, oh! vas iſt etwas Anderes! ich weine, und Du biſt da, um es zu ſagen. Kleine, es ſind vielleicht zehn Jahre, vaß mir das nicht mehr begegnet iſt. Oh! ſeht, die Galle zernagt das Herz, aber das weint nicht. Der Geiz. 10 146 „Ahl weinen Sie, weinen Sit, Pathin, dieſe Thrä⸗ nen thun wohl.“ „Auf, meine gute Frau Lacombe, haben Sie Ver⸗ trauen zur Zukunft,“ ſprach Louis immer mehr gerührt; „Mariette wird Sie nie verlaſſen, wir werden nicht im Lurus, aber in einer beſcheidenen Gemächlichkeit leben; Mariette wird Sie fortwährend wie ihre Mutter lieben, und ich, ich werde Sie wie ein guter Sohn lieben.“ Die Kranke, nachdein ſie einige Augenblicke geſchwie⸗ gen, erwiederte, indem ſie in der Tiefe des Herzens der jungen Leute zu leſen ſuchte: „Das iſt Euer Ernſt, was Ihr mir da ſagt? Ihr werdet mich mit Euch nehmen, wahrhaftig!“ Bei dieſem neuen Beweiſe vom unüberwindlichen Mißtrauen der Unglücklichen — ein Mißtrauen, leiver gerechtfertigt durch vie Hartnäckigkeit des Mißgeſchicks, — wechſelten Louis und Mariette einen Blick des Mitleids; die junge Arbeiterin nahm die Hand der Kranken und ſagte mit ihrem zärtlichſten, rührendſten Tone: „Ja, Pathin, wir werden Sie bei uns behalten, wir werden Sie pflegen wie unſere Mutter; Sie ſollen ſehen, wie wir Sie glücklich machen werden „. wahrhaftig! oh! wahrhaftig!“ v „Wahrhaftig,“ fügte Louis mit innigem Erguſſe bei, „wahrhaftig, gute Mutter!“ Die Miene, der Ausdruck, die Phyſiognomie von Louis und Mariette hätten den Skepticismus in Perſon überzeugt; aber, ach! ein vollkommener, unbeſchränkter Glaube an ein unverhofftes Glück konnte dieſe arme, ſeit ſo langer Zeit durch das Leiden zerfreſſene Seele nicht ſo plötzlich durchdringen und erweichen. Die Kranke antwortete ſeufzend, indem ſie ihren unwillkürlichen Zwei⸗ fel zu verbergen ſuchte, da ſie die zwei jungen Leute zu betrüben befürchtete: „Ich glaube Euch, meine Kinder. Ja, ich glaube, daß Herr Louis Geld hat; ia, ich glaube, daß Ihr Beide 147 Freundſchaft für mich hegt . .. Aber Ihr wißt, am Anfang iſt Alles ſchön! Da hat man den guten Willen, und ſpäter. „ändert ſich das! Nun, wir werden ſehen. Und überdies werde ich vielleicht läſtig für Euch ſein. Neuvermählte ſind gern allein, und ein ſteinaltes Weib wie ich wird Eure hübſche Haushaltung verunſtalten; Ihr werdet befürchten, ich brumme bei Euch zu viel; Ihr werdet meiner müde werden . . Nun, wer es überlebt, wird ſehen . Den Gedanken der armen Alten ergründend, ſagte Mariette mit einem Ausdruck ſchmerzlichen Vorwurfs zu ihr: „Ah! Pathin, Sie zweifeln noch an uns! wir haben doch . „Ihr müßt mir verzeihen, meine Kinder, das iſt ſtärker als ich,“ erwiederte ſchluchzend die Unglückliche; dann ſagte ſie mit einer ſchmerzlichen Miene: „Es iſt vielleicht beſſer für mich, daß ich zweifle, denn wenn ich nach fünfzig Jahren ves Jammers und Elends plötzlich an das Glück glaubte, ſo würde mich das vielleicht wahn⸗ finnig machen.“ Und ſie fügte mit einem Ausdruck unbe⸗ ſchreiblicher Bitterkeit bei: „Bei meiner Treue, das würde mich nicht wundern. „ ich habe immer ſo viel Glück gehabt!“ KVI. Fünf Jahre waren ſeit den von uns erzählten Ereig⸗ niſſen verlaufen. Folgende Scene begab ſich am Abend des 12. Mai 18 ½, des Jahrestags von dem gräßlichen Unheil, das den 12. Mai 18 ½ auf der Eiſenbahn von Verſailles be⸗ zeichnet hatte. 148 Es war ungefähr halb zehn Uhr Abends; eine junge Dame von fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren, ſehr brünett, äußerſt elegant gewachſen, von ebenſo ange⸗ nehmer, als ausgezeichneter, ebenſo geiſtreicher, als ent⸗ ſchiedener Phyſiognomie, vollendete eine blendende Ball⸗ toilette; zwei von ihren Kammerfrauen unterſtützten ſie dabei: die eine hatte am Halſe dieſer verführeriſchen Per⸗ ſon eine funkelnde Rividre von Diamanten ſo groß wie Haſelnüſſe befeſtigt, während die andere auf die ſchonen ſchwarzen Haare ihrer Gebieterin ein prächtiges Diadem ſetzte, deſſen Diamanten in Größe denen des Halsbandes gleichkamen. Fügen wir bei, daß der Schneppeleib des mit herrlichen Spitzen und roſa Atlaßbandknoten garnir⸗ ten Kleides von zartgrünem Seidenſtoff, das die junge Dame trug, von wundervollen Evelſteinen funkelte. Die Wahl dieſer Diamanten hatte ohne Zweifel erſt nach Ueberlegung die Oberhand behalten, denn auf einem Tiſche ſah man mehrere Etuis, welche vollſtändige und nicht minder glänzende Geſchmeide enthielten; zwei der⸗ ſelben beſonders, eines in ungeheuren Rubinen, das andere in feinen Perlen von einem herrlichen Orient“) und einer außerordentlichen Größe würden die Bewunderung eines Juweliers erregt haben. Eine von den zwei Kammerfrauen, welche viel älter als ihre Gefährtin, ſchlen in Folge ihrer langen Dienſte in einem gewiſſen vertraulichen Verhältniß zu ihrer Ge⸗ bieterin zu ſtehen, die, wie ſie, Ruſſin war; die zweite, eine junge Franzöſin, die das Ruſſiſche nicht verſtand, wohnte, ohne etwas davon zu begreifen, folgender Unter⸗ redung bei, welche zwiſchen der Frau Gräfin Zomaloff und ihrer vertrauten Kammerfrau ſtattfand. „Findet die Frau Gräfin ihr Diadem ſo gut ge⸗ ſetzt?“ „Ja „ ziemlich gut,“ antwortete die Gräfin. *) Orient, die Farbe, das Waſſer einer Perle. 149 Und ſie warf einen letzten Blick in den Spiegel, ſtand auf und fügte bei: „Wo iſt mein Strauß?“ „Hier, Frau Gräfin.“ Doch Madame Zomaloff wich zurück und rief: „Ahl mein Gott, was für ein abſcheulicher, verwelk⸗ ter, zerknitterter Strauß iſt das?“ „Der Herr Herzog hat ihn vorhin für die Frau Gräfin geſchickt.“ „Daran erkenne ich ſeinen guten Geſchmack,“ ſagte Madame Zomaloff die Achſeln zuckend, und ſie ſetzte mit einer ſpöttiſchen Miene hinzu: „Ich wollte wetten, dies iſt ein Zufallsſtrauß ʒ ein Liebhaber, der geſtern Mor⸗ gen mit ſeiner Geliebten gebrochen hat, wird am Abend den beſtellten Strauß nicht haben holen laſſen. Es gibt auf der ganzen Welt nur Herrn von Riancourt, der ſolche gute Händel zu entdecken weiß.“ „Ach! Frau Gräfin, glauben Sie, der Herr Herzog knauſere in dieſem Grave? . er iſt ſo reich!“ „Ein Grund mehr!“ Es klopfte Jemand an die Thüre eines Zimmers, das vor dem Ankleidecabinet kam; die franzöſiſche Kam⸗ merfrau verſchwand einen Augenblick, kehrte zurück und meldete: „Der Herr Herzog von Riancourt iſt angekommen und ſteht zu den Befehlen der Frau Gräfin.“ „Er mag warten!“ erwiederte Madame Zomaloff. „Die Prirzeſſin iſt ohne Zweifel im Salon?“ „Ja, Frau Gräfin.“ „Es iſt gut „ Katinka, hake dieſe Armſpange ein,“ ſagte die junge Frau, indem ſie ihren reizenden Arm ihrer Vertrauten reichte. „Doch wie viel Uhr iſt es denn?“ Und als ihr Katinka antworten wollte, fügte Madame Zomaloff mit ihrer ſpöttiſchen Miene lächelnd bei: „Was brauche ich im Ganzen dieſe Frage zu machen! Der Herzog iſt ſo eben angekommen, es muß halb zehn..“ 15⁰ Das Klingen der Pendeluhr auf dem Kamin, welche in dieſem Augenblick die halbe Stunde bezeichnete, unter⸗ brach die Gräfin. Sie ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf und rief: „Ich ſagte es Dir ja, Katinka: Herr von Riancourt iſt eine wahre Uhr, was die Pünktlichkeit betrifft.“ „Frau Gräfin, das bürgt Ihnen für ſeinen Eifer, für ſeine Liebe.“ „Ich würde eine etwas ungeregeltere Liebe vor⸗ ziehen. Dieſe Leute nach der Minute, welche zur beſtimm⸗ ten Stunde anbeten, ſcheinen mir eine Uhr an der Stelle des Herzens zu haben. Gib mir einen Flacon . nein, nicht dieſen, einen andern; ja, dieſen. Nun ärgert es mich beinahe, daß ich völlig angekleivet bin und den armen Herzog nicht länger warten zu laſſen brauche, um ihn für ſeine unbarmherzige Pünktlichkeit zu belohnen.“ „Mein Gott, Frau Gräfin, wie unfreundlich ſind Sie gegen ihn! warum heirathen Sie ihn denn?“ „Ah! warum?“ erwiederte die Gräfin mit zerſtreu⸗ ter Miene, während ſie zum letzten Mal in den Spiegel ſchaute, „warum ich Herrn von Riancourt heirathe ? Du biſt neugieriger als ich, Katinka; weiß man je, warum man ſich wieder verheirathet?“ „Die Urſache dieſer Heirath ſcheint doch aller Welt ſehr einfach: der Herzog, ohne wie die Frau Gräfin Gold⸗ bergwerke in der Krimm, Silberbergwerke im Ural zu haben „4 „Katinka, laß mich im Frieden mit meinen Reich⸗ thümern.“ „Kurz, Frau Gräfin, ohne ungeheure Güter zu haben wie Sie, iſt der Herzog einer der reichſten und vornehm⸗ ſten Herren Frankreichs; er iſt jung, ſein Geſicht iſt an⸗ genehm, er hat nicht, wie ſo viele andere junge Leute, ein verſchwenderiſches, ausſchweifendes Leben geführt; er iſt ſehr religiös, er iſt ſehr „Er it „wenn Du willſt, würdig, dnen Kranz von 15⁵¹ Orangeblüthen an unſerem Hochzeittage zu tragen, ein Recht, das ich nicht haben werde; erlaſſe mir aber den Reſt ſeiner Tugenden: mir iſt, als hörte ich meine Tante mir ihren Liebling preiſen.“ „In der That, die Frau Prinzeſſin hält große Stücke auf den Herrn Herzog, und ſie iſt nicht die Einzige, die „ „Gib mir einen Mantel: die Abende find noch kühl.“ „Hat die Frau Gräfin an die Beſtellungen gedacht, die ſie für den 20. dieſes Monats gemacht?“ „Was für Beſtellungen?“ „Die Frau Gräfin vergißt alſo, daß ihre Hochzeit heute über acht Tage ſtattfindet?“ „Wie!l heute über acht Tage! Schon!“ „Gewiß, Frau Gräſin. Sie haben ſie auf den 20. Mai feſtgeſetzt, und es iſt heute der 12.“ „Wohlan, wenn ich geſagt habe am 20., ſo muß es der 20. ſein. Gib mir meinen Fächer.“ Und während ſie einen köſtlichen Fächer, einen ächten Wattean, unter einer Sammlung von mehren Meiſter⸗ werken in dieſer Art wählte, fügte die Gräfin bei: „Wie das voch ſeltſam iſt! Man hat die großartigſte Exiſtenz, man iſt jung, man iſt frei, man haßt den Zwang, und man hat nichts Eiligeres zu thun, als ſich einen neuen Gebieter zu geben.“ „Ein Gebieter! der Herr Herzog! er, der ſo ſanft, ſo liebreich! Sie werden aus ihm machen, was Sie wol⸗ len, Frau Gräfin.“ „Ich werde nie einen reizenden Mann aus ihm ma⸗ chen, und dennoch heirathe ich ihn. Ach! meine Tante, meine Tante, Sie rathen mir vielleicht eine große Albern⸗ heit,“ ſagte die Gräfin halb lächelnd, halb nachdenkend, während ſie maſchinenmäßig ein Blind ekuhſpiel von Amoretten von Watteau, das ihr Fächer vorſtell te, anſchaute. „Ei! mein Gott!“ fügte ſie bei, „ſo iſt es mit meiner Heirath geweſen: ein wahres Blindekuhſpiel, eine Wahl im 152 Finſtern tappend unter den Männern der Geſellſchaft, von denen die Einen kaum mehr werth waren, als die Andern; Alle beinahe ſich gleich hinſichtlich des Reichthums und der Geburt, aber Alle auch ſo mittelmäßig, ſo flach, ſo nichtig, daß man ſich nicht um die Wahl zu bekümmern brauchte. Das war der Beweggrund, warum ich Herrn von Riancourt den Vorzug gab, Katinka; und dann hat der Witwenſtand ſeine Unbequemlichkeiten, ich weiß es; voch hat die Ehe nicht auch ihre großen Unannehmlich⸗ keiten? Bah! es iſt beſſer, zu heirathen; man hat wenig⸗ ſtens nicht mehr den Verdruß, ſich fragen zu müſſen: was werde ich thun?“ Hienach begab ſich die Gräfin Zomaloff in den Sa⸗ lon, wo ſie ihre Tante und den Herzog von Riancourt fand. Die Prinzeſſin Wileska, die Tante von Madame Zo⸗ maloff, war eine große Frau, vom beſten Ausſehen, welche ihre weißen Haare leicht gepudert trug. Der Herzog von Riancourt, ein kleiner Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit ein wenig gekrümmtem Halſe, mit gottſeliger, ſalbungsreicher Miene, mit ſchiefem Auge, mit langen, glatten, durch einen Streifen beinahe mitten auf der Stirn geſcheitelten Haaren, hatte ein ſelt⸗ ſam duckmäuſeriſches, ſcheinheiliges Weſen, und alle ſeine regelmäßigen, berechneten, abgezirkelten Bewegungen deu⸗ teten eine große Selbſtbeherrſchung an. Als Frau von Zomaloff eintrat, ging er auf ſie zu, verbeugte ſich tief vor ihr und zog mit einer ehrfurchtsvollen Höflichkeit die hübſche Hand an ſeine Lippen, die ihm die Gräfin ver⸗ traulich reichte; dann erhob er ſich wieder, blieb einen Augenblick geblendet und rief: „Ah! Frau Gräfin, ich hatte noch nicht alle Ihre Diamanten geſehen 1 ich glaube nicht, daß es ähnliche Diamanten in der Welt gibtl Ah! wie ſchön ſind ſie! mein Gott! wie ſchön ſind ſie!“ „Wahrhaftig, mein lieber Herzog?“ verſetzte Madame 153 Zomaloff, zum Scheine ſich zierend. „Ah! ſie beſchämen mich ganz . für den Juwelier, der dieſe Edelſteine verkauft hat; man kann unmöglich galanter ſein als Sie. gegen ihn ſind; und da ſeine Halsbänder und ſeine Dia⸗ deme eine ſo zärtliche Gemüthsbewegung bei Ihnen ver⸗ urſachen, Ihnen ſo freundliche Komplimente, ſo geiſtreiche Schmeicheleien eingeben, ſo kann ich Ihnen im Vertrauen den reizenden Namen dieſes allzu verführeriſchen Edelſtein⸗ händlers ſagen . . Er heißt Ezechiel Rabotauden⸗ kraff und iſt von Frankfurt.“ Während Herr von Riancourt, Anfangs ein wenig verblüfft durch die ſpöttiſche Erwiederung von Madame Zomaloff, eine Antwort ſuchte, richtete die Tante der jun⸗ gen Frau einen Blick des Vorwurfs an dieſe und ſagte mit einer gezwungenen Miene lächelnd zum Herzog: „Sehen Sie doch, mein lieber Herzog, wie ſich die böſe Feodorowna eine Freude daraus macht, Sie zu quä⸗ len. So verbirgt man immer die Zuneigung, die man für die Leute hegt.“ „Ich geſtehe in Demuth,“ erwiederte Herr von Rian⸗ cvurt, um ſeine Ungeſchicklichkeit gut zu machen, „ich geſtehe, daß ich geblendet von dieſen herrlichen Edel⸗ ſteinen nicht ſogleich der Grazie von derjenigen, welche ſie trug, meine Huldigung darbringen konnte. Aber „ aber kann man nicht von der Sonne geblendet werden, während man eine reizende Blume anſchaut?“ „Ich ſinde dieſe Vergleichung vom Sonnenſtich und von der Blume ſo richtig, ſo artig,“ ſagte die boshafte junge Frau, „daß ich verſucht bin, zu glauben, derſelbe Sonnenſtich, von dem Sie ſprechen, habe dieſe armen Blumen ſchmählich welk gemacht,“ fügte ſie wie eine Tolle lachend bei, indem ſie Herrn von Riancourt den verwelkten Strauß, den er ihr geſchickt, zeigte. Der gottſelige Mann erröthete bis an die Ohren und wußte nicht, was er antworten ſollte; die Prinzeſſin faltete die Stirne mit einer ungeduldigen, ärgerlichen 154 Miene, während die Gräfin Zomaloff, vollkommen gleich⸗ gültig gegen dieſe verſchiedenen unangenehmen Empfindun⸗ gen, ſich nach ver Thüre wendend zum Herzog ſagte: „Geben Sie meiner Tante Ihren Arm, mein lieber Herr von Riancourt. Ich habe der ſardiniſchen Geſandtin verſpro⸗ chen, ſehr frühzeitig zu ihr zu kommen; ſie ſoll mich einer von ihren Verwandtinnen vorſtellen, und Sie wiſſen, daß wir zuvor in allen ſeinen Einzelnheiten das wundervolle Hotel, den Zauberpalaſt, wo man uns erwartet, beſichti⸗ gen müſſen. Allervings eine bizarre Beſichtigung zu einer ſolchen Stunde des Abends, aber ich geſtehe meine Schwäche, meine Leidenſchaft für das Bizarre. Es iſt etwas ſo Seltenes und ſo Reizendes um die Originalität.“ Und ihrer Tante und Herrn von Riancourt voran⸗ ſchreitend, ſtieg die junge Frau leicht die Treppe von einem der bequemſten Hotels⸗garnis der Rue de Rivoli hinab. Denn die ſchöne Fremde hatte noch kein eigenes Hotel in Paris und ſuchte ein Haus anzukaufen. Der Herzog führte an dieſem Abend die zwei Frauen in ſeinen Wagen — eine wohl begreifliche Vertraulichkeit, da das Aufgebot ſeiner Verheirathung mit Madame Zo⸗ maloff längſt veröffentlicht war. Nachdem ſie einige Augenblicke unter dem Säulen⸗ gang des Hotels gewartet hatten, ſahen die Gräfin und ihre Tante mühſam unter das Gewölbe einen ungeheuren gelben Landauer gezogen von zwei mageren Pferden fah⸗ ren, welche kräftig ein Kutſcher mit kupfrigem Geſichte und in einem kleinen blauen Carrick peitſchte. Der Lackei von Herrn von Riancourt oͤffnete den Schlag dieſer ſchwerfälligen Maſchine. Die junge Frau ſchaute den Herzog mit Erſtaunen an und ſagte: „Das iſt aber nicht Ihr Wagen?“ „Ich bitte um Verzeihung, Madame.“ „Was iſt denn aus der mit zwei ziemlich hübſchen 155 Grauſchimmeln beſpannten blauen Berline geworden, die Sie geſtern zu unſerer Verfügung geſtellt hatten?“ „Bei unſerem Verhältniß, meine liebe Gräfin, kann ich Ihnen dieſe Haushaltungsſache geſtehen,“ er⸗ wiederte der Herzog mit einer rührenden Hingebung. „Um meine Grauſchimmel, die mich bei meiner Treue ſehr viel gekoſtet haben, nicht anzuſtrengen, nehme ich für den Abend eine Miethkutſche. Hiebei iſt noch eine Erſparniß, denn man gefährdet nicht bei Nacht ein werthvolles Geſpann.“ „Und Sie haben vollkommen Recht,“ ſagte haſtig die Prinzeſſin, die nach der Phyſiognomie ihrer Nichte aber⸗ mals eine Spotterei befürchtete; ſie ſtieg auch raſch in den fabelhaften Landauer ein, indem ſie ſich auf den Arm von Herrn von Riancourt ſtützte. Dieſer bot ſeine Hand der jungen Witwe, um ihr einſteigen zu helfen, als die Spötterin, nachdem ſie ſchon ihren kleinen Schuh von weißem Atlas auf das letzte Blatt des Fußtritts geſetzt hatte, einen Augenblick anhielt und auf das Allerernſt⸗ hafteſte mit einer furchtſamen Miene ſagte: „Meine Tante, ich bitte Sie, ſchauen Sie doch in dieſem Wagen überall umher.“ „Warum denn, meine Theure?“ fragte naiv die Prinzeſſin. „Wozu dieſe Vorſicht?“ „Ich befürchte, es iſt in einer dunklen Ecke dieſer ſogenannten Kutſche eine rothköpfige Miß oder ein dicker Kaufmann aus der City geblieben; denn in dieſer Art von Equipagen fahren beſonders die würdigen Inſelbe⸗ wohner den ganzen Tag in Familie ſpazieren; ich hätte daher eine entſetzliche Angſt, da innen einen aus Unacht⸗ ſamkeit Vergeſſenen zu finden.“ Und die junge Witwe lachte wieder wie toll und ſtieg in den Landauer, während die Prinzeſſin leiſe mit einer ärgerlichen Miene zu ihr ſagte: „Wahrhaftig, Feoderowna, ich begreife Sie nicht. Sie benehmen ſich unglaublich höhniſch gegen Herrn von Riancourt .. Woran denken Sie denn?“ 156 „Ich denke daran, ſeine Ungeſchicklichkeiten, ſeine unverſchämten Knauſereien zu rügen. Kann ich ihm meine Theilnahme beſſer beweiſen?“ In dieſem Augenblick ſtieg der Herzog auch ein und nahm ſeinen Platz auf dem Vorderſitze des Wagens. Erſchien mit chriſtlicher Sanftmuth die Spöttereien dieſer jungen Frau zu ertragen, welche ſo ſchöne Diamanten hatte und alle Arten von Gold⸗ und Silberbergwerken beſaß. Nur zuweilen errieth man aus dem ſchiefen Blick, den er ver⸗ ſtohlen auf ſie warf, ſowie aus dem Zuſammenziehen ſeiner dünnen Lippen, den hinterhältiſchen und geduldigen Groll des Frömmlers. Als ihn der Bediente nach ſeinen Be⸗ fehlen fragte, erwiederte Herr von Riancourt: „Nach dem Hotel Saint⸗Ramon!“ „Verzeihen Sie, Herr Herzog,“ ſagte der Lackei; „ich weiß nicht, wo das Hotel Saint⸗Ramon iſt.“ „Am Ende des Cours⸗la⸗Reine,“ antwortete Herr von Riancourt, „auf der Seite des Quartier Jean⸗Goujon.“ „Der Herr Herzog ſpricht wohl von dem großen Hotel, an dem man ſchon ſeit mehreren Jahren arbeitet?“ „Das iſt es, vorwärts.“ Der Lackei ſchloß den Wagenſchlag wieder, gab dem Kutſcher ſeine Inſtructionen, dieſer peitſchte ſeine magern Mähren aufs Neue, und der Landauer wandte ſich nach dem Cours⸗la⸗Reine, zum wundervollen Hotel Saint⸗ Ramon. XVII. Der ſchwerfällige Landauer von Herrn von Riancourt rückte ſo langſam vorwärts, daß, als er zum Ahfang des Cours⸗la⸗Reine kam, ein Fußgänger, der denſelben Weg verfolgte, wie der Wagen, parallel mit dieſem gehen konnte. — 157 Armſelig gekleidet, ſchien dieſer Fußgänger indeſſen durchaus nicht ſehr flink: er ſtützte ſich mühſam auf einen Stock; ſein langer Bart war weiß wie ſeine Haupthaare und ſeine dichten Augenbrauen, während die ſchwarz⸗ braune Farbe ſeines gerunzelten, von den Jahren ausge⸗ höhlten Geſichtes ihm das Anſehen eines alten Mulatten gab. Er ging alſo parallel mit dem Landauer des Herrn von Riancourt bis zur Mitte des Cours⸗la⸗Reine; hier war der Landauer genöthigt, wie man ſagt, die Reihe der Wagen zu nehmen, welche ſich nach dem Hotel Saint⸗Ramon wandten. Der alte Mulatte, der nun dem Wagen von Herrn von Riancourt voranſchritt, ging weiter bis zum Anfang einer von farbigen Gläſern funkelnden Allee, die eine Reihe von Wagen in ihrer ganzen Länge füllte. Obgleich der alte Mulatte in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken zu ſein ſchien, konnte er doch nicht umhin, bei dem Gitter, das dieſer von Licht blendenden Allee als Eingang diente, eine ziemlich große Zuſammenſchaarung zu bemer⸗ ken. Er blieb dann ſtehen, wandte ſich an einen der Neugierigen und fragte: „Mein Herr, koͤnnten Sie mir wohl ſagen, was man hier anſchaut?“ „Man ſchaut die Wagen an, die ſich zur Eroͤffnung des berühmten Hotel Saint⸗Ramon begeben,“ ant⸗ wortete der Neugierige. „Saint⸗Ramon!“ verſetzte der Greis mit er⸗ ſtaunter Miene und wie mit ſich ſelbſt ſprechend: „Das iſt ſeltſam!“ Und er fügte bei: iſt das, mein Herr, das Hotel Saint⸗Ra⸗ mon?“ „Bei meiner Treue, man ſagt, es ſei wenigſtens das achte Weltwunder. Man arbeitet ſeit fünf Jahren daran, und es ſoll heute zum erſten Male hier bewirthet werden.“ „Und „wem gehört dieſes Hotel, mein Herr?“ 158 „Einem Millionen reichen jungen Mann, der, wie man ſich erzählt, vainnen Tollheiten gemacht hat.“ „Und wie heißt dieſer Millionär 7 „Ich glaube, Saint⸗Harem oder Saint⸗ Herem.“ „Es unterliegt keinem Zweifel mehr,“ murmelte der Greis. „Aber warum gibt man dann dieſem Hotel den Namen Saint⸗Ramon?“ Und er ſchien ſich abermals in ſeine traurigen Ge⸗ danken zu vertiefen. Er wurde denſelben durch den Neu⸗ gierigen entzogen, an den er ſich zuerſt gewandt hatte; dieſer ſagte zu ihm: „Ei! das iſt doch etwas ganz Sonderbares!“. „Was denn?“ fragte der alte Mulatte zerſtreut. „Was ſcheint Ihnen ſonderbar?“ „Ein Marquis, der Millionär iſt, das müßte nur Leute mit Equipagen kennen, und ſehen Sie: abgeſehen von den drei bis vier bürgerlichen Wagen beſteht die Reihe nur aus Fiacres und My lords „Cabriolets.“ „Das iſt in der That ſonderbar,“ erwiederte der Greis, und nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fügte er bei: „Würden Sie wohl die Güte haben, mir zu ſagen, wie viel Uhr es iſt?“ „Es hat ſo eben halb eilf Uhr geſchlagen.“ „Ich danke, mein Herr,“ erwiederte der Mulatte, indem er ſich dem Gitter näherte. „Halb eilf Uhr,“ fagte er zu ſich ſelbſt; „ich muß erſt um Mitternacht in Chaillot ſein. Ich habe genug Zeit, daß ich dieſes Ge⸗ heimniß zu ergründen ſuchen kann. Mein Gott! wie ſelt⸗ ſam iſt dieſe Begegnung!“ Und nach einem leichten Zögern, überſchritt der Greis die Schwelle des Gitters, ſchlüpfte in das Dunkel einer Gegenallee von hundertjährigen Ulmen, die ſich längs der Hauptallee hinzog, und ſo ſehr er auch in ſeinem Innern in Anſpruch genommen war, er mußte nothwendig die ungeheure Menge von Blumen bemerken, die ſich in Stu⸗ — 159 fen auf jeder Seite der Mittelallee erhoben, und deren tauſend Nuancen lebhaft durch eine unglaubliche Ver⸗ ſchwendung von Girandolen und ſcheinbaren Vaſen in farbigen Gläſern erleuchtet waren. Dieſe Allee, welche einen feenartigen Anblick bot, mündete in einen weiten, ebenfalls erleuchteten Halbzirkel aus, und jenſeits dieſes Halbzirkels ſtand das Hotel Saint⸗ Ramon, ein wahrer Polaſt, der durch den zugleich groß⸗ artigen und reizenden Reichthum ſeiner Architektur an die ſchonſte Zeit der Renaiſſance erinnerte. Der Greis durchſchritt den Halbzirkel und kam an den Fuß einer ungeheuren, zum Säulengang führenden Freitreppe. Durch die Glasthüren, welche das Vorgemach ſeiner Länge nach ſchloßen, erblickte er ein Spalier von gepuderten, in prächtige Livreen gekleideten Lackeien. Von Minute zu Minute hielten Fiacres unten am Säulengang an und ſetzten hier Männer, Frauen, Mädchen ab, deren äußerſt einfacher Anzug in einem volligen Widerſpruch nit den Herrlichkeiten dieſes Zauberpalaſtes zu ſtehen chien. Durch eine unüberwindliche Neugierde angetrieben, folgte der alte Mulatte mehreren von dieſen Ankommenden, und ſo mit den Eingeladenen vermengt, gelangte er wie ſie bis unter den Säulengang. Zwei große Schweizer, welche die Hellebarde und das Wehrgehänge mit den Farben der Livreen trugen, öffneten hier allen Ankom⸗ menden die zwei Flügel einer ungeheuren Glasthüre, und bei jedem von dieſen Eintritten ließen die zwei Schweizer die Marmorplatten unter den wiederholten Stößen des Schaftes ihrer Hellebarde ſchallen. Immer mit den Gruppen der Eingeladenen vermiſcht, ging der Greis durch ein doppeltes Spalier von Lackeien mit hellblauer, auf allen Rähten mit ſilbernen Galonen beſetzter Livree, welche aufrecht, unempfindlich wie Soldaten in Schlacht⸗ ordnung daſtanden, und gelangte in den Warteſaal. Hier hielten ſich die Kammerdiener und Haushofmeiſter 160 auf: hellblauer Frack à la frangaise mit weißen Schnüren eingefaßt, ſchwarze ſeidene Hoſen und weiße ſeidene Strümpfe, dies war das Aeußere dieſer Hausofficianten, welche alle, wie die Livreebedienten, die tiefſte Ehrerbietung für die Eingeladenen bezeigten, deren einfacher Anzug dem Greiſe ganz und gar nicht mit dem fürſtlichen Lurus des Hauſes, wo man ſie empfing, im Einklang zu ſtehen ſchien. Von dieſem Salon ging er in eine Mufikgallerie, be⸗ ſtimmt für Concerte; ſie mündete in einen ungeheuren kreisförmigen Saal mit weiter Kuppel aus, der gleichſam das Rondel von drei anderen Gallerien bildete, von denen die eine als Ballſaal, die andere als Speiſeſaal und die letzte als Spielſaal diente; dieſe vier Gallerien (den Concertſaal miteingerechnet) ſtanden mit einander in Ver⸗ bindung durch breite Gänge, welche mit reichen Moſaiken gepflaſtert, mit erotiſchen Gewächſen beſetzt und mit einem Glasdome, wie ein Wintergarten, bedeckt waren. Wir müſſen varauf verzichten, den Glanz, die Ele⸗ ganz, den großartigen und edlen Geſchmack und die koſt⸗ vare Ausſtattung dieſer weiten, von Malereien und Ver⸗ goldungen funkelnden, durch Lichter, Kryſtalle und Blumen, die ſich ins Unenvliche in ungeheuren Spiegeln wieder⸗ holten, blendenden Gemächer zu ſchildern; wir verweilen nur bei einer Herrlichkeit, welche dieſem Wohnorte einen monumentalen, koͤniglichen Charakter verlieh. Der Salon und die vier Gallerien waren, nach der Beſtimmung von jedem von dieſen Gemächern mit allegoriſchen Malereien und Bildhauerarbeiten geſchmückt, die zu Erhöhung des Rufes der ſchönſten bekannten Paläſte gedient haben würden. Die berühmteſten Künſtler der Zeit hatten an vieſem ausgezeichneten Werke mitgearbeitet; der meiſter⸗ hafte Pinſel von Ingres, von Delacroir, von Scheffer, von Paul Delaroche verherrlichte dieſes Hotel, und da⸗ mals noch weniger berühmte Namen, welche aber der Zu⸗ kunft angehörten, wie Couture, Gerome u. ſ. w. waren in ihrem zukünftigen Ruhme von dem reichen und ver⸗ 161 ſtändigen Schöpfer dieſes Palaſtes errathen worden. Er⸗ wähnen wir nur, indem wir von Kunſtgegenſtänden ſpre⸗ chen, eines Credenztiſches, welcher in der für das Abend⸗ brod beſtimmten Gallerie zugerichtet war. Auf dieſem Crevenztiſche ſah man wundervolles Silbergeſchirr, deſſen große Stücke des Jahrhunderts von Benvenuto würdig geweſen wären; Candelaber, Waſſerkannen, Eisbecken, Obſtſchalen, Blumenkörbchen, Tafelaufſätze, Armleuchter. Alles war bewunderungswürdig und hätte einem Muſeum durch die ſeltene Reinheit der Form und durch die köſt⸗ liche Vollendung der geringſten Eiſelirungen zur Zierde gedient. Noch ein Wort hinſichtlich einer ziemlich bizarren Einzelheit des großen kreisförmigen Salon. Ueber einem rieſigen Kamine von weißem Marmor, einem wahren Monumente, das ſein Daſein dem männ⸗ lichen Genie von David (von Angers), Frankreichs Michel Angelo, zu verdanken hatte, hielten allegoriſche Figuren von hoch erhabener Arbeit, die Künſte und die Induſtrie vorſtellend, einen breiten, ovalen, vergoldeten, im Geſimſe des Kamins eingelegten Rahmen. Dieſer Rahmen um⸗ ſchloß ein Gemälde, das man Velasquez hätte zuſchreiben können. Es war das Portrait eines bleichen Mannes mit ſtrengem, herbem Geſichte, mit hohlen Wangen, tiefen Augenhöhler und kahler Stirne; eine Art von braunem Rock, der die itte zwiſchen einem Schlafrocke und einer Mönchskutte hielt, verlieh dieſem Geſichte den ausdruksvol⸗ len Charakter von jenen in der ſpaniſchen Schule ſo zahl⸗ reichen Portraits von Heiligen oder Märtyrern — ein Anſchein, der ſich überdies vervollſtändigte durch eine gol⸗ dene Glorie, die, auf dem dunklen Grunde der Leinwand funkelnd, ihre Reflere auf dieſes ſtrenge, nachdenkende Ge⸗ ſicht zu werfen ſchien. Man las endlich in gothiſchen Buchſtaben geſchrieben in einer Einfaſſung, welche das Blätterwerk des Rahmens bildete, die Worte: Der Geiz. 11¹ 162 SAun nAmon ). Der alte Mulatte, welcher der Woge der Menge ge⸗ folgt war, kam vor dieſen Kamin⸗ Beim Anblick des Portraits ergriff ihn das tiefſte Erſtaunen, ſeine Gemüthsbewegung war ſo ſtark, daß eine Thräne in ſeinen Augen glänzte, und er murmelte unwill⸗ kürlich leiſe: „Armer Freund! er iſt es, ja, er iſt es!“ Dann ſagte er zu ſich ſelbſt: „Aber warum das Wort; Saint ſeinem Namen beigefügt? Warum dieſe Glorie um ſeine Stirne? Warum dieſer myſtiſche Anſchein? Und dann, was für ein ſonverbares Feſt! Dürftig gekleidet, wie ich es bin, unbekannt dem Herrn des Hauſes, hat man mich hier eingelaſſen!“ In dieſem Augenblick blieb ein Haushofmeiſter, der eine mit Gefrorenem und mit eingemachten Früchten be⸗ ladene Platte von Vermeil trug, vor dem Greiſe ſtehen und bot ihm ehrerbietig Erfriſchungen an, die er ausſchlug; er ſuchte, jedoch vergebens, zu errathen, was der Stand der Gäſte ſein könnte, die ihn umgaben; die Männer, heinahe alle beſcheiden, aber reinlich gekleidet, die Einen mit Fräcken, die Andern mit Ueberroͤcken, wieder Andere mit Blouſen, hatten ein anſtändiges, zurückhaltendes Be⸗ nehmen, ſprachen leiſe unter einander und ſchienen entzückt, dieſem Feſte beiwohnen zu dürfen, und weit entfernt, er⸗ ſtaunt über die in dieſem Palaſte angehäuften Reichthümer auszuſehen, begründeten ſie vielmehr durch ihr Weſen die Vermuthung, ſie fühlten ſich ganz behaglich und, wie man zu ſagen pflegt, zu Hauſe hier. Die Frauen und die Mädchen, von denen viele ſehr hübſch, ſahen dagegen mehr fremd in dieſen Räumen aus; ſchüchtern und voll Beſcheidenheit, bewunderten ſie treu⸗ herzig dieſe Herrlichkeiten und tauſchten leiſe ihre Bemer⸗ *) Der heilige Ramon. 163 kungen aus; alle mit bloßen Haaren, trugen die Mädchen durchgehends weiße Kleider von einem wohlfeilen, aber durch Friſche blendenden Stoff. Immer mehr begierig, dieſes ſeltſame Geheimniß zu ergründen, näherte ſich der Greis einer Gruppe von meh⸗ reren Perſonen, Männern und Frauen, welche vor dem großen Marmorkamin ſtanden und halblaut, das Portrait des heiligen Ramon betrachtend, mit einander ſprachen. Folgendes war eines von den Geſprächen, das der Mulatte mit wachſendem Intereſſe hoͤrte: „Siehſt Du dieſes Portrait, meine kleine Juliette?“ ſagte zu ſeiner jungen Frau ein Mann von kräftigem Körperbau und freundlichem, offenem Geſichte. „Dieſer würdige Mann hat vollkommen Recht, wenn er ſich den heiligen Ramon nennt! Es gibt im Paradies Heilige, die gegen ihn nur Müßiggänger ſind, wenn man nach dvem Guten urtheilt, das er gethan hat.“ „Wie ſo, Michel?“ „Ei! durch dieſen wackeren Heiligen da habe ich bei⸗ nahe fünf Jahre, wie die andern Kameraden, welche an⸗ weſend find, Arbeit hier gehabt, tüchtig bezahlte Arbeit, das darf ich wohl ſagen, weil das Alles ſorgfältig be⸗ handelt werden mußte, und weil der Herr hier wollte, daß Jedermann zufrieden ſei. Dieſes Glück, meine kleine Juliette, haben wir, ich und meine Freunde, dem wackeren Manne zu verdanken gehabt, deſſen Portrait Du hier ſiehſt. Mit ſeiner Hülfe hatte ich während dieſer ganzen Zeit nicht einen Augenblick zu feiern, und mein Lohn war ſtark genug, daß wir mit unſern Kindern gut leben und etwas in die Sparkaſſe legen konnten.“ „Aber, Michel, es iſt nicht der würdige Herr, deſſen Portrait wir hier ſehen, der die Arbeiten beſtellt und ſo gut bezahlt hat. Es iſt Herr Saint⸗Herem, der ſo heiter, ſo gut, ſo wenig ſtolz ausſieht und uns beim Eintritt vorhin ſo freundliche Dinge ſagte.“ 164 „Allerdings, meine kleine Juliette, iſt es Herr Saint⸗ Herem, der die Arbeit beſtellt hat; aber wie er uns immer ſagte, wenn er uns bei der Arbeit beſuchte: „Meine Kinder, ohne die Reichthümer, die ich geerbt, könnte ich Euch nicht Arbeiten geben und Euch nach Verdienſt be⸗ zahlen als wackere und verſtändige Handwerksleute! Be⸗ wahret alſo Eure Dankbarkeit für das Andenken von vemjenigen, der mir ſo viel Geld hinterlaſſen hat; er hat das Härteſte gethan, er hat, ſich Alles entziehend, Sou um Sou zuſammengeſpart, während ich nur das Ver⸗ gnügen habe, dieſen Schatz großartig auszugeben. Aus⸗ geben, das iſt meine Pflicht. Wozu ſollte der Reichthum nützen, wenn nicht, um ihn zu verſchwenden! Bewahret alſo das Andenken an dieſen guten alten Geizigen, ſegnet ſeinen Geiz: er gibt uns, mir den Genuß, Euch an ſchö⸗ nen und großen Dingen arbeiten zu laſſen, Euch reichliche, redlich verdiente Löhne.“ „Gleichviel, Michel, wenn man dieſem ehrenwerthen Geizigen Dank wiſſen muß, ſo darf man doch eben ſo we⸗ nig Herrn Saint⸗Herem vergeſſen. So viele reiche Leute geben nichts aus, oder wenn ſie uns beſchäftigen, wie knauſern ſie an unſerem Arbeitspreiſe, auf den ſie uns oft noch lange warten laſſen!“ „Bei Gott, ich bin ganz Deiner Anſicht, meine kleine Juliette: es iſt beſſer, man hat zwei Perſonen zu lieben, als eine, und der Herzenstheil, den wir dem guten heiligen Ramon machen, wird dem von Herrn Saint⸗Herem keinen Eintrag thun. Wackerer junger Mann! Man kann wohl ſagen, daß es ein herrliches Paar Männer iſt, er und ſein Oheim!“ Der alte Mulatte hatte dieſes Geſpräch mit eben ſo viel Intereſſe als Erſtaunen angehort; er horchte auch auf andere Geſpräche. In allen Gruppen vernahm er ein Concert von Lobeserhebungen und Segnungen für Saint⸗Ramon, den würdigen Geizigenz überall auch ———— 165 rühmte man das edle Herz, die Freigebigkeit von Herrn von Saint⸗Herem. „Iſt das ein Traum?“ ſagte der Greis zu ſich ſelbſt. „Wer ſollte je glauben, alle dieſe Lobeserhebungen, alle dieſe Ehrerbietungen werden dem Andenken eines Geizigen geſpendet, ein gewöhnlich geſchmähtes, verachtetes, verab⸗ ſcheutes Andenken! Und er iſt ein Praſſer, ein Verſchwen⸗ der, der Erbe dieſes Geizigen, der ihn ſo wieder zu Ehren bringt! Ich frage noch einmal, iſt das ein Traum? Und vann, durch welche weitere Seltſamkeit ſind dieſe Hand⸗ werksleute zu dem Einweihungsfeſte geladen?“ Das Erſtaunen des Greiſes hoͤrte nicht auf, ſondern vermehrte ſich im Gegentheil, als er einen ſonderbaren Contraſt wahrnahm; zuweilen durchſchritten einige Männer, welche mehrere Hecorationen in ihren Knopflöchern trugen und höchſt geſchmackvoll gekleidet waren, den Salon; ſie führten Frauen am Arm, die ſich durch ihre große Ele⸗ ganz auszeichneten; doch dieſe Claſſe von Gäſten war durchaus nicht zahlreich. Schöner, heiterer, glänzender als je, ſchien ſich Flo⸗ reſtan von Saint⸗Herem völlig zu erſchließen in dieſer Atmoſphäre des Luxus und der Herrlichkeit; er machte vortrefflich die Honneurs ſeines Feſtes und empfing die Geladenen mit vollkommenem Anſtand und mit der groͤßten Höflichkeit. Als ein Hausherr von Lebensart, hatte er ſich an das Ende der Gallerie geſtellt, in welche der Warteſaal mündete, und es trat kein weibliches We⸗ ſen ein, ohne daß er an daſſelbe ein paar Worte mit jener anmuthigen und herzlichen Leutſeligkeit richtete, welche dadurch, daß ſie den Stempel der Aufrichtigkeit an ſich trägt, entzückt und auch dem Schüchternſten das Wohl⸗ behagen einflößt. Floreſtan von Saint⸗Herem erfüllte ſo die Pflichten der liebenswürdigſten Gaſtfreundſchaft, als er in den erſten Salon die Gräfin Zomaloff, die Prinzeſſin Wileska und den Herzog von Riancourt eintreten ſah. XVIII. Herr von Saint⸗Herem traf zum erſten Male in ſeinem Leben mit der Gräfin Zomaloff und ihrer Tante, ver Prinzeſſin Wileska, zuſammen; aber er kannte ſeit langer Zeit Herrn von Rlancourt; als er dieſen in Be⸗ gleitung von zwei Frauen in den Salon eintreten ſah, ging ihm Floreſtan auch raſch entgegen. „Mein lieber Saint⸗Herem,“ ſagte Herr von Rian⸗ court zu ihm, „erlauben Sie mir, Sie der Frau Prin⸗ zeſſin Wileska und der Frau Gräfin Zomaloff vorzu⸗ ſtellen . . . Dieſe Damen glaubten, nach der Einladung, mit der Sie mich geſtern erfreuten, nicht unbeſcheiden zu ſein, indem ſie mit mir hierher kamen, um Ihr Hotel und ſeine Wunder beſichtigen zu dürfen.“ „Mein lieber Herzog,“ erwiederte Floreſtan, „es macht mich ſehr glücklich, daß ich die Ehre habe, dieſe Damen zu empfangen, und ich beeile mich, ihnen meine Dienſte anzubieten, um ihnen zu zeigen, was Sie die Wunder dieſes Hauſes zu nennen die Güte haben.“ „Herr von Riancourt hat Recht, wenn er von Wun⸗ dern ſpricht,“ ſagte Madame Zomaloff, „denn ich geſtehe Ihnen, mein Herr, man iſt, wenn man hier eintritt, ſo geblendet, daß man Anfangs gar nichts Anderes thun kann, als bewundern.“ „Wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll, mein lieber Saint Herem,“ fügte Herr von Riancort bei: „der Be⸗ ſuch der Frau Gräfin Zomaloff iſt ein wenig intereſ⸗ ſirt; nämlich ich habe ihr Ihre Abſichten in Betreff vieſes Hotels mitgetheilt, und da ich ſo glücklich ſein werde, die Ehre zu haben, in acht Tagen meinen Namen der Frau Gräfin zu geben, ſo fühlen Sie, daß ich nichts ohne ſie 167 entſcheiden konnte „ denn ich bin beinahe ein Ehe⸗ mann.“ „Offenherzig geſtanden, Frau Gräfin,“ ſagte Floreſtan heiter zu Madame Zomaloff, „finden Sie nicht, daß es, ſobald Herr von Riancourt ſo ſein Glück zum Voraus in Anſpruch nimmt, gerecht iſt, daß er ſich allen Folgen ſeiner Eröffnung unterzieht? Da nun ein Ehemann nie ſeiner Frau den Arm gibt, ſo werden Sie vielleicht die Gewogenheit haben, den meinigen anzunehmen?“ Saint⸗Herem erſparte ſich durch dieſen Scherz die Verpflichtung, dem Wohlanſtande gemäß ſeinen Arm der Prinzeſſin Wileska anzubieten, die ihm viel weniger an⸗ genehm zu begleiten ſchien, als ihre junge und hübſche Nichte. Dieſe nahm den Arm von Floreſtan, während Herr von Riancourt die Prinzeſſin führte. „Ich bin viel gereiſt, mein Herr,“ ſprach Frau von Zomaloff zu Saint⸗Herem, „und ich habe nie etwas ge⸗ ſehen, was man „ nicht mit der Pracht (der erſte der beſte Millionär kann die Pracht für ſein Geld kaufen), was man mit dem vortrefflichen Geſchmack, der bei der Erbauung dieſes Hotels vorgeherrſcht hat, vergleichen dürfte. Das iſt in der That ein glänzendes Muſeum. Ich bitte, erlauben Sie mir, noch einmal die herrlichen Malereien dieſes Plafond zu bewundern.“ „Nach der Bewunderung des Werkes muß die Be⸗ lohnung des Urhebers kommen. Nicht wahr, Frau Grä⸗ fin?“ ſagte Floreſtan lächelnd. „Es hängt auch von Ihnen ab, den großen Künſtler, der dieſen Plafond ge⸗ malt hat, ſehr glücklich und ſehr ſtolz zu machen.“ Und er bezeichnete Madame Zomaloff einen der vor⸗ trefflichſten Meiſter der modernen Schule. „Ah! ich danke Ihnen tauſendmal, mein Herr, daß Sie mir eine ſolche Freude verſchaffen,“ erwiederte die junge Frau, während ſie mit Floreſtan auf ven Künſtler zuging. „Mein Freund,“ ſprach zu ihm Saint⸗Herem, „die 168 Frau Gräfin von Zomaloff wünſcht Ihnen ihre ganze Bewunderung für Ihr Werk auszudrücken.“ „Und ich drücke Ihnen nicht nur meine Bewunderung aus, mein Herr, ſondern auch meine Dankbarkeit,“ ſagte freundlich die junge Frau zu dem großen Maler. „Das edle Vergnügen, das der Anblick eines ſolchen Meiſter⸗ werks bereitet, iſt eine Schuld, welche man gegen den⸗ jenigen, der es geſchaffen, eingeht.“ „So ſchmeichelhaft, ſo koſtbar mir dieſes Lob ſein muß,“ antwortete der vortreffliche Künſtler mit einer Be⸗ ſcheidenheit voll feinen Taktes, um das Kompliment das man an ihn richtete, abzulenken, „ich kann dieſes Lob nur halb annehmen. Aber dulden Sie, daß ich meinen An⸗ theil an der Sache bei Seite ſetze: der Ausdruck meines Gedankens wird freier ſein. Sprechen wir, zum Beiſpiel, von den Malereien der Gallerie für die Concerte. Wir verdanken ſie unſerem Raphael. Brauche ich Ihnen Herrn Ingres zu nennen, Madame? Nun denn! dieſes monu⸗ mentale Werk, das in der Zukunft den frommen Pilgern der Kunſt eben ſo viel Gegenſtände der Anbetung liefern muß, als die ſchönſten Fresken von Rom, Piſa oder Flo⸗ renz, dieſes Meiſterwerk, mit einem Wort, wäre vielleicht nicht vorhanden ohne meinen vortrefflichen Freund Saint⸗ Herem. Iſt er es nicht, der dem franzöſiſchen Raphael den Anlaß zu einem ſeiner unſterblichen Blätter gegeben hat? Sagen Sie ſelbſt, Frau Gräfin, iſt es in dieſer Zeit des plumpen Lurus und der brutalen, geldariſtokra⸗ tiſchen Pracht nicht ein Phänomen, wenn man einen Me⸗ dicis trifft, wie in den ſchönſten Zeiten der italieniſchen Freiſtaaten ?“ „Es iſt wahr, mein Herr,“ erwiederte lebhaft die Gräfin Zomaloff, „und die Geſchichte iſt bis jetzt, indem ſie verherrlichte . . . „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie unterbreche,“ ſagte Saint⸗Herem lächelnd; „aber ich bin nicht minder be⸗ ſcheiden, als mein ruhmwürdiger Freund; ich muß Ihnen 169 auch, da ich befürchte, Ihre Bewunderung könnte ſich ver⸗ irren, den wahren Medicis bezeichnen: er iſt hier.“ Und hierbei deutete Floreſtun auf das Portrait des heiligen Ramon. „Welch ein ernſtes, ſtrenges Geſicht!“ ſagte die junge Frau, dieſes Gemälde mit eben ſo viel Neugierde, als Er⸗ ſtaunen betrachtend. Dann, als ſie mitten im Rahmen „Der heilige Ramon“ geleſen hatte, fügte ſie, Floreſtan mit wachſender Verwunderung anſchauend, bei: „Der heilige Ramon? wer iſt dieſer Heilige?“ „Ein Heiliger von meiner Art, Madame. Es iſt mein Oheim,“ erwiederte Floreſtan heiter. „Obgleich ich noch nicht Papſt bin, habe ich mir doch die Freiheit ge⸗ nommen, dieſen anbetungswürdigen Mann zur Be⸗ lohnung für das lange Märtyrthum ſeines Lebens und die Wunder, die er nach ſeinem Tode gethan hat, ein wenig heilig zu ſprechen.“ „Die Wunder, die er nach ſeinem Tode gethan hat, das lange Märthrthum ſeines Lebens? „ wiederholte Madbame Zomaloff, Floreſtan anſchauend, als zweifelte ſie an ſeinen Worten. „Offenherzig geſtanden, mein Herr, das iſt ein Scherz . „Durchaus nicht, Frau Gräfin .. Mein Oheim hat während ſeines langen Lebens grauſame Entbehrungen ausgeſtanden, denn er war von einem unbarmherzigen und erhabenen Geiz. Dies in Betreff ſeines Märtyr⸗ thums Ich habe von ihm ein ſehr bedeutendes Ver⸗ mögen geerbt, es hat dieſe Wunder der Kunſt erzeugt, die Sie anſtaunen, Frau Gräfin. Dies hinſichtlich ſeiner Wunder. Ich habe ſein Andenken aus Dankbarkeit vergöttlicht. Dies in Betreff ſeiner Heiligſprechung. Sie ſenn iſt eine wahre Legende des Lebens der Hei⸗ gen.“ Immer mehr betroffen von der Originalität von Saint⸗Herem, ſchwieg Madame Zomaloff einen Augen⸗ blick, während Herr von Riancourt, der ſich bis jetzt in 170 einiger Entfernung gehalten hatte, ſich Floreſtan näherte und zu ihm ſagte: „Mein lieber Floreſtan, ich habe ſeit unſerer An⸗ kunft eine Frage an Sie zu richten. Wer find denn alle dieſe Leute, die ich hier ſehe? Ich habe wohl da und dort drei bis vier große Maler und einen berühmten Bau⸗ meiſter erkannt, die ohne Zweifel ihre Frauen am Arm führten; aber die Anderen, wer iſt denn das? Ich und die Prinzeſſin ſuchen vergebens die Loͤſung des Räthſels. Alle dieſe Leute kommen mir übrigens ruhig und zurück⸗ haltend vor; die kleinen jungen Perſonen haben ein be⸗ ſcheidenes Ausſehen; es gibt ſogar ſehr hübſche darunter; doch frage Sie noch einmal, was für eine Geſellſchaft iſt das?“ Das Stillſchweigen brechend, das ſie ſeit einigen Augenblicken beobachtete, ſagte Madame Zomaloff zu Saint⸗Herem: „Da ſich Herr von Riancourt die Freiheit genommen hat, eine vielleicht indiserete Frage an Sie zu richten, ſo geſtehe ich, daß ich ſeine Neugierde theile.“ „Frau Gräfin,“ antwortete Saint- Herem lächelnd, „Sie haben ohne Zweifel bemerkt, daß die meiſten Per⸗ ſonen, die ich heute Abend bei mir mit außerordentlichem Vergnügen verſammelt nicht dem angehören, was unſere kleine ariſtokratiſche Welt die große Welt nennt?“ „Gewiß, mein Herr.“ „Doch nicht wahr, Frau Gräfin, Sie waren vorhin ſehr glücklich, hier den großen Künſtler, den Schöpfer der Kuppel, die Sie ſo ſehr bewundert, zu finden?“ „In der That, mein Herr, ich habe Ihnen geſagt, welches Vergnügen mir dieſes Zuſammentreffen be⸗ reitete.“ „Ich denke, Sie billigen es auch, vaß ich ihn, ſowie mehrere von ſeinen Collegen, zur Einweihung ihres gemein⸗ ſchaftlichen Werkes geladen habe?“ 17¹ „Mir ſcheint, dieſe Einladung wurde beinahe eine Pflicht für Sie.“ „Nun denn, Frau Gräfin, dieſe Pflicht, die mir die Dankbarkeit in den Sinn gegeben hat, wollte ich gegen alle diejenigen erfüllen, welche auf irgend eine Weiſe bei Erbauung dieſes Hotels mitgewirkt haben, — von den größten Künſtlern bis zu den niedrigſten Handwerksleuten. Alle ſind hier mit ihrer Familie und genießen mit Fug und Recht die Herrlichkeiten, die ſie geſchaffen haben. Sagen Sie, Frau Gräſin, iſt es nicht billig, daß der geſchickte und unbekannte Arbeiter, der den goldenen Be⸗ cher ciſelirt hat, wenigſtens ein Mal ſeine Lippen daran benetzt?“ „Wie!“ rief Herr von Riancourt erſtannt, „es wären hier Tiſchler, Vergolder, Schloſſer, Tapezirer, Zimmer⸗ leute, Ebeniſten und Maurer! Waos! es wären hier ſo⸗ j R Das iſt ja unerhört, erorbitant, unglaub⸗ lich!“ „Mein lieber Herzog, können Sie die Gebräuche der Biene?“ „Sehr wenig.“ „Dieſe Gebräuche, mein lieber Herzog, ſind äußerſt roh, äußerſt frech; haben dieſe unverſchämten Mücken (unter dem fabelhaften Vorwande, daß ſie ihre Zellen er⸗ baut) nicht die Anmaßung, ſie zu bewohnen? Mehr noch, ungeheures Aergerniß! ſie ſprechen von ihrem Rechte auf den duftenden Honig, den ſie mit ſo viel Mühe und Ver⸗ ſtand ausgearbeitet haben.“ „Nun, mein Lieber, was ſchließen Sie hieraus?“ „Ich ſchließe hieraus, daß man wenigſtens aus Dank⸗ barfeit den armen und arbeitſamen menſchlichen Bienen das unſchuldige Vergnügen machen muß, ſie einen Tag die vergoldete Zelle bewohnen zu laſſen, die ſie für uns, die müßigen Horniſſe, für uns, die wir den von Andern geſammelten Honig genießen, gebaut haben.“ Madame Zomaloff hatie einen Augenblick ben Arm 172 von Floreſtan losgelaſſen. Sie nahm ihn wieder, machte ein paar Schritte, um ihre Tante und Herrn von Rian⸗ court hinter ſich zu laſſen, und ſagte zu Saint⸗Herem mit bewegtem Gemüthe: „Herr von Saint⸗Herem, Ihr Genanke iſt entzückend, er iſt von einer rührenden Zartheit. Ich wundere mich nicht mehr über den Ausdruck der Zufriedenheit, den ich in den Zügen aller Ihrer Gäſte wahrgenommen habe. Ja, je mehr ich es überlege, deſto mehr ſcheint mir dieſe Idee gerecht und edel. Im Ganzen iſt es, wie Sie ſagen, vas gemeinſchaftliche Werk dieſer fleißigen Gewerbsleute, und es heißt die Arbeit ehren, gebührend auszeichnen, ihr ein ſol⸗ ches Feſt zu geben. Nach Ihrer erhabenen Art, die Dinge zu betrachten, mein Herr, muß auch dieſes Hotel in Ihren Augen noch mehr als ein Genuß des Lurus und der Kunſt ſein; es werden ſich mit ſeiner Schöpfung für Sie immer koſtbare Erinnerungen verknüpfen . „Gewiß, Frau Gräfin.“ „Dann mein Herr . „Vollenden Sie, Frau Gräfin.“ „Ich kann durchaus nicht begreifen warum ... „Sie zögern. . ich bitte, ſprechen Sie Ihren Ge⸗ danken aus.“ „Mein Herr,“ ſagte Madame Zomaloff verlegen und nachdem fie einen Augenblick geſchwiegen, „Herr ven Riancourt hat Sie mit unſerer nahe bevorſtehendne Ver⸗ heirathung bekannt gemacht. Als ich vor zwei Tagen mit ihm über die große Schwierigkeit, ein ſo geräumiges und koſtbares Hotel, wie ich es wünſche, zu finden, ſprach, glaubte ſich Herr von Riancourt zu erinnern, man habe ihn am Abend vorher verſichert, Sie werden ſich vielleicht entſchließen, dieſes geſtern erſt vollendete Wohngebäude zu veräußern.“ „In der That, Frau Gräfin, Herr von Riancourt hat mich in einem Billet erſucht, dieſes Hotel beſichtigen zu dürfen; ich bat ihn in meiner Erwiederung, zu warten 173 bis heute, ich gebe nämlich ein Feſt, und er könne ſomit das Geſammtweſen der Empfangszimmer viel beſſer beur⸗ theilen aber ich erwartete nicht, daß ich die Ehre haben würde, Sie hier zu ſehen, Frau Gräfin.“ „Mein Herr,“ erwiederte die junge Frau mit einem neuen Zögern, „ich habe mir ſchon erlaubt, mehrere Fragen an Sie zu richten. Seien Sie noch einmal nachſichtig.“ „Die Nachſicht iſt mir bis jetzt ſo angenehm und ſo ſüß geweſen, daß ich Ihnen danke, wenn Sie mir Ge⸗ legenheit geben, ſie noch ferner zu üben. Ich bitte, ſpre⸗ chen Sie ſich aus.“ „Nun denn, mein Herr,“ erwiederte Frau von Zo⸗ maloff entſchloſſen, „wie können Sie den Muth oder ich will ein ſehr hartes Wort ſagen,“ fügte ſie mit einer beinahe ſchwermüthigen Miene lächelnd bei, „wie können Sie die Undankbarkeit haben, dieſes Haus, das Sie mit ſo viel Liebe geſchaffen, mit dem ſich für Sie ſchon ſo viele gute und edle Erinnerungen verknüpfen, abzutreten?“ „Mein Gott, Frau Gräfin,“ antwortete Saint⸗Herem mit dem heiterſten, ungezwungenſten Geſichte, und als ob er das Allereinfachſte der Welt ſagte, „ich verkaufe dieſes Hotel, weil ich zu Grunde gerichtet, völlig zu Grunde ge⸗ richtet bin. Das iſt heute mein letzter Glückstag, und Sie werden mir zugeſtehen, daß in Folge Ihrer Gegen⸗ wart hier dieſer Tag keinen glänzenderen und glücklicheren Abend haben konnte!“ XIX. Floreſtan von Saint⸗Herem hatte die Worte: Ich in zu Grunde gerichtet, mit ſo viel Treuherzig⸗ keit und Sorgloſigkeit ausgeſprochen, daß ihn Madame 174 Zomaloff mit einer erſtaunten Miene anſchaute. Sie fonnte das, was ſie hörte, nicht glauben, und ſagte aucht „Wie mein Herr, Sie ſind: „ „Zu Grunde gerichtet, völlig zu Grunde gerichtet, Frau Gräfin! Mein Gottl meine Rechnung iſt ſehr einfach: es ſind fünf Jahre, daß mir mein heiliger Mann von einem Oheim ungefähr fünf Milionen hinterlaſſen hatz ich habe ſie ausgegeben und darüber noch achtzehn⸗ mal hunderttauſend Franken, die ich ſchuldig bin; ſie werden mehr als bezahlt ſein durch den Verkauf vieſes Hotels nebſt Mobiliar, Silbergeſchirr u. ſ. w. und es werden mir noch etwa hunderttauſend Franken bleiben, mit denen ich ſodann in irgend einer lachenden, königlichen Einſamkeit lebe; ich werve Schäfer — ein reizender Contraſt, beſon⸗ ders, wenn ich mich meiner vergangenen Erxiſtenz erinnere. Was für wunderbare, unmogliche, für mich, für meine Freunde, für meine Geliebtinnen in Wirklichkeiten ver⸗ wandelte Träume riß mein goldener Wirbel in meinem Gefolge fort! wie groß war mein Ruf! wie zerſchmolz Alles, was ſchön, elegant, koſtbar, ausgeſucht war, in meiner blendenden Planetenbahn! Sollten Sie glauben Frau Gräfin, daß ich hinſichtlich der Freigebigkeit eine eurvpäiſche Berühmtheit erlangt hatte? Was ſage ich! hat mir nicht ein Evelſteinhänvler von Chandernagor einen indiſchen Säbel geſchickt, deſſen Griff von Edelſteinen funkelte! Dieſer Waffe war ein heldenmüthig laconiſcher Zettel folgenden Inhalts beigefügt; „„Der Säbel hat Tippo Saib gehört; er muß Herr Saint⸗Herem gehören. Dieſe Waffe koſtet fünfundzwanzig tauſend Franken zahl⸗ bar an das Haus Rothſchild in Paris. — Empfangen fünfundzwanzig tauſend Franken.“ Ja, Frau Gräſin, ſo war es; die ſeltenſten, die koſtbarſten Kunſtgegenſtände⸗ wurden mir ganz naiv von allen Winkeln der Erde zu⸗ geſandt, die ſchönſten Pferde Englands ſtellten ſich von ſelbſt in meinen Stall, die trefflichſten Weine des Erd⸗ balls floßen in meinem Keller, die ausgezeichnetſten Köche 175 ſtritten ſich um die Ehre, mir zu dienen, und der be⸗ rühmte Doctor Gaſterini kennen Sie ihn, Frau Gräſin?“ „Wer hat nicht vom größten Gourmand der bekannten Welt reden hören?“ „Nun denn, Frau Gräfin, dieſer große Mann hat laut ausgeſprochen, er habe bei mir eben ſo gut geſpeiſt, als bei ſich .. und er bewilligte dieſes Lob nicht einmal ver Tafel von Herrn von Talleyrand. Oh! Frau Gräfin, das ſchöne, ſo vollſtändige, ſo großartige Leben! und die Frauen! Ah! die Frauen!“ „Mein Herr! . . „Seien Sie unbeſorgt, ich werde von den Frauen nur als von Kunſtgegenſtänden ſprechen. Aber, offenherzig ge⸗ ſtanden, gibt es reizendere Vorwände zur Prachtentwicke⸗ lung? Es iſt ſo hübſch, zu zieren, zu ſchmücken, mit allen Kunſtgegenſtänden zu umgeben! Der Lurus iſt nur die Beigabe der Frau. Glauben Sie mir auch, ich er⸗ freue mich des Bewußtſeins, mich edelmüthig, verſtändig zu Grunde gerichtet zu haben. Ich brauche mir weder einen albernen Aufwand, noch eine ſchlimme Handlung vorzuwerfen. Den Geiſt voll von koſtbaren Erinnerungen, Herz voller Heiterkeit, ſehe ich mein Vermögen ent⸗ ehen.“ Der Ton von Saint⸗Herem war ſo aufrichtig, die Wahrheit ſeiner Gefühle und ſeiner Worte las ſich in ſo ſichtbaren Charakteren in ſeinem redlichen, reizenden Ge⸗ ſichte, daß Frau von Zomaloff, überzeugt von der Wirk⸗ lichkeit deſſen, was er ſagte, ihm erwiederte: „Wahrhaftig, mein Herr, Ihre Philoſophie bringt mich in Verwirrung! In der Stunde, wo ſie auf ein ſolches Leben verzichten ſollen, nicht ein Wort der Bit⸗ terkeit!“ „Bitterkeit, ich! nach ſo vielen Freuden, nachdem ich ſo vielfachen Glückes theilhaftig geweſen bin! Oh! das wäre Gottesläſterung!“ 176 „Sie werden alſo ohne ein Bedauern, ohne einen Seufzer dieſen Zauberpalaſt hingeben, und zwar gerade in dem Augenblick, wo Sie den Genuß davon haben ſollten 2“ Ah! Frau Gräfin, ich glaubte nicht, mein Ruin ſei ſo weit vorgerückt; es ſind kaum acht Tage, daß mir mein Schelm von einem Intendanten meine Rechnungen gezeigt hat . und Sie ſehen, ich unterziehe mich mit ungetrübtem Gemüthe .. Ueberdies, indem ich dieſen mit ſo viel Liebe geſchaffenen Palaſt verlaſſe, bin ich wie. der Dichter, der den letzten Vers ſeines Gedichtes geſchrieben, wie der Maler, der ſeinem Bilde den letzten Pinſelſtrich ge⸗ geben hat, wonach ihnen der unvergängliche Ruhm, ein Meiſterwerk geſchaffen zu haben, bleibt. So iſt es bei mir, Frau Gräfin (entſchuldigen Sie meine Künſtlereitel⸗ keit): dieſer Palaſt wird als ein Denkmal der Kunſt und der Pracht bleiben, er wird immer der Tempel des Lurus, der Feſte, der Luſtbarkeiten, und was ſage ich⸗ Frau Gräfin! ſehen Sie, wie ich prädeſtinirt bin, wie undankbar ich wäre, wenn ich mich über das Schickſal beklagen würde! Sie, Frau Gräfin, Sie werden die Gottheit dieſes Tempels ſein, denn nicht wahr, Sie kau⸗ fen mein Haus? es wird Ihnen ſo gut anſtehen! „ laſſen Sie dieſe Gelegenheit nicht entſchlüpfen „ ich weiß nicht, ob Ihnen Herr von Rinncourt das geſagt hat, voch es iſt ihm bekannt, vaß mir von Lord Wilmot ſehr dringende Gebote gemacht worden find .. Ich wäre aber troſtlos, ſollte ich genöthigt ſein, mit ihm zu unter⸗ handeln; er iſt ſo häßlich und ſeine Frau auch, und ſeine fünf Tochter auch! . Bedenken Sie, was für Gotthei⸗ ten für dieſen glänzenden Tempel, der wahrhaftig für Sie gebaut zu ſein ſcheint. Behalten Sie ihn, Frau Gräfin, aus Liebe für die Kunſt, die Sie ſo gut zu ſchätzen wiſſen. Nur miſſen Sie eine Bitte gewähren: laſſen Sie im großen Salon das Portrait meines wür⸗ digen Oheims; es iſt ein herrliches Gemälde, und 177 obgleich das Portrait und der Name des heiligen Ramon ſich mehrere Male in ſculptirten Medaillons an verſchiedenen Stellen der Fagade des Hauſes wieder⸗ holt finden, ſo wäre ich doch entzückt bei dem Gedanken, von ſeinem, im Mittelpunkte der Säle des Gebäudes liegenden, marmornen Monumente herab werde dieſer wackere Oheim Jahrhunderte hindurch den Luſtbarkeiten bei⸗ wohnen, deren er ſich während ſeines Lebens beraubt hat.“ Das Geſpräch der Gräfin mit Saint⸗Herem wurde von Herrn von Riancourt unterbrochen. Man hatte plau⸗ vernd die Runde durch die Empfangszimmer gemacht. Der Herzog ſagte zu Floreſtan: „Mein Lieber, dies Alles iſt herrlich und ganz vor⸗ trefflich eingerichtet. Aber achtzehnmal hunderttauſend Franken, Mobiliar und Silbergeſchirr mitbegriffen, iſt ein ungeheurer Preis.“ „Ich bin bei der Frage ganz und gar nicht intereſſirt, mein lieber Herzog,“ erwiederte Floreſtan lächelnd: „dieſe achtzehnmal hundertauſend Franken ſollen meinen Gläu⸗ bigern gehören: ich werde auch entſetzlich zähe hinſichtlich der Bedingungen ſein; überdies bietet mir, wie ich Ihnen geſagt habe, Lord Wilmot dieſe Summe an und dringt in mich, ſie anzunehmen.“ „Es mag ſein, mein Lieber; doch Sie werden wohl zu meinen Gunſten thun, was Sie Lord Wilmot abſchlagen würden. Saint⸗Herem, ſeien Sie nicht unbeugſam .. bewilligen Sie mir eine Verminderung dieſes Preiſes, un „Mein Herr,“ ſprach die Gräfin Zomaloff, den Her⸗ zog unterbrechend, zu Floreſtan, „Herr von Riancourt wird die Güte haben, mir zu erlauben, daß ich ihm ins Gehege gehe, denn ich nehme das Hotel unter den von Ihnen geſtellten Bedingungen; iſt Ihnen das an⸗ ſtändig, ſo gebe ich Ihnen mein Wort und ich verlange das Ihrige.“ Der Geiz. 12 178 „So wahr Gott lebt, Frau Gräfin, mein Stern ver⸗ läßt mich nie!“ rief Floreſtan, Madame Zomaloff herzlich die Hand reichend, „das iſt eine abgeſchloſſene Sache.“ „Aber, Frau Gräfin,“ ſagte raſch Herr von Rian⸗ court, ſehr erſtaunt und ſehr ärgerlich über die Leichtig⸗ keit ſeiner zukünftigen Gemahlin, denn er hatte eine Preis⸗ verminderung von Saint⸗Herem zu erlangen gehofft, „aber, Frau Gräfin, erlauben Sie, es handelt ſich um ein unbe⸗ wegliches Gut von ſehr bedeutendem Werth; in dem Ver⸗ hältniß, in welchem wir zu einander ſtehen, können Sie ſich unmöglich ſo ohne meine Ermaͤchtigung verbindlich machen. Ich bitte, warten Sie, bis wir verheirathet find, und dann .. „Herr von Saint⸗Herem, Sie haben mein Wort,“ ſprach Madame Zomaloff, den Herzog unterbrechend; „ich mache aus dieſem Ankauf eine perſönliche Angelegenheit; morgen, wenn Sie erlauben, wird mein Intendant mit dem Ihrigen ſich über das Weitere beſprechen und verſtän⸗ digen.“ „Das iſt abgemacht, Frau Gräfin,“ erwiederte Saint⸗ Herem; dann fügte er, heiter ſich an Herrn von Rian⸗ cvurt wendend, bei: „Ich hoffe, Sie werden mir nicht böſe ſein, mein lieber Herzog es iſt Ihre Schuld, Sie mußten ſich als wahrhaft vornehmer Mann zeigen und nicht feilſchen wie ein Banquier.“ In dieſem Augenblick gab das Orcheſter, das eine Viertelſtunde zu ſpielen aufgehört hatte, das Signal zu einem neuen Contretanz. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie verlaſſe, Frau Gräfin,“ ſagte Saint⸗Herem zu Madame Zomaloff, „aber ich habe zu dieſem Contretanz die reizende Tochter von einem der beſten Handwerksleute aufgefordert, die an dieſem Hotel oder vielmehr an Ihrem Hotel gearbeitet „ Ich bin glücklich, wenigſtens dieſen Gedanken mitzunehmen, indem ich Sie verlaſſe.“ Hienach verbeugte ſich Saint⸗Herem ehrerbietig vor 179 Madame Zomaloff, ſuchte das reizende Mädchen auf, das er engagirt hatte, und der Ball nahm ſeinen Fortgang. „Meine liebe Feodorowna,“ ſagte die Prinzeſſin, welche mit einer ängſtlichen Ungeduld die lange Unterre⸗ dung ihrer Nichte mit Saint⸗Herem wahrgenommen hatte, „es iſt ſpät, und Sie haben der Frau Geſandtin von Sardi⸗ nien verſprochen, frühzeitig zu ihr zu kommen.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, Madame,“ ſprach Herr von Riancourt, ſich an ſeine Braut wendend, „Sie ſind ein wenig zu raſch beim Geſchäfte geweſen. Saint⸗Herem iſt genöthigt, dieſes Hotel zu verkaufen, um ſeine Schulden zu bezahlen, und mit ein wenig Beharr⸗ lichkeit hätten wir einen Nachlaß von wenigſtens fünfzig⸗ tauſend Thalern erlangen können, beſonders wenn Sie ſelbſt darauf beſtanden wären, denn es iſt ſo ſchwer, einer hüb⸗ ſchen Frau etwas abzuſchlagen,“ fügte Herr von Rian⸗ cvurt mit dem liebenswürdigſten Lächeln bei. „Feodorowna, an was denken Sie denn, meine Liebe?“ ſagte die Prinzeſſin, leicht den Arm der jungen Frau be⸗ rührend, welche, an einen vergoldeten, mit Blumen bela⸗ denen Spiegeltiſch angelehnt, in tiefe Träumereien verſunken war und nicht ein Wort von dem, was ihre Tante und der Herzog zu ihr geſprochen, gehört hatte. „Feodorowna,“ wiederholte die Prinzeſſin, endlich die Aufmerkſamkeit der Gräfin erregend, „ich frage Sie, an was Sie denken?“ „Ich denke an Herrn von Saint⸗Herem,“ erwieberte die junge Frau, wie mit Bedauern ihre Träumerei ver⸗ laſſend. „Alles, was hier vorgegangen, iſt ſo bizarr...“ „Unter uns geſagt, Gräfin,“ ſprach Herr von Rinacourt mit einer gewichtigen Miene, „ich glaube, daß die Ver⸗ zweiflung, ſich zu Grunde gerichtet zu ſehen, dem armen Saint⸗Herem das Gehirn verrückt hat. Man muß ein Narr ſein, um ein ſolches Feſt zu erſinnen. Sein Hotel durch einen Handwerkerball einweihen, das riecht auf eine Meile nach Socialismus.“ 180 „Dieſer liebe Herzog hat Recht, das iſt vollkommen lächerlich,“ bemerkte die Prinzeſſin. „Welch eine beluſti⸗ gende Neuigkeit bringen wir heute Abend der Geſandt⸗ ſchaft! Dieſer Arbeiterball wird Wunder thun; man wird ſehr lachen! Aber, Feodorowna, Sie antworten nicht .. Was haben Sie denn?“ „Ich weiß es nicht,“ erwievderte die junge Frau, „was ich empfinde, iſt hochſt ſonderbar!“ „Sie bedürfen ohne Zweifel der Luft, meine liebe Gräfin,“ ſagte Herr von Riancourt voll Eifer; „das wundert mich nicht: dieſe Volkszuſammenballung iſt er⸗ ſtickend, und obgleich die Zimmer ſehr geräumig ſind ...“ „Feodorowna,“ fragte die Prinzeſſin mit wachſen⸗ der Unruhe, „fühlen Sie ſich unwohl?“ „Nein, gewiß nicht, die Gemüthsbewegung, die ich empfinde, iſt im Gegentheil ganz ſüß und reizend; ich weiß wahrhaftig auch nicht, mein lieber Herzog, wie ich mich ausdrücken ſoll .. „Gräfin, ich bitte, erklären Sie ſich,“ ſagte Herr von Riancourt; „vielleicht verurſacht Ihnen der ſtarke Geruch der Blumen eine von jenen Beſchwerden, welche eine Art von Annehmlichkeit haben?“ „Das iſt es nicht. Ich nehme Anſtand, Ihnen Alles zu ſagen; Sie und meine Tante werden mich ſo ſeltſam, ſo ungereimt finden „Ah! Gräfin,“ rief Herr von Riancvurt galanter Weiſe, „Sie, ungereimt!“ „Feodorowna,“ ſagte die Prinzeſſin, „erklären Sie 4 „Das will ich wohl, doch Sie werden ſehr erſtaunt ſein,“ antwortete die junge Witwe mit einer zutraulichen Miene; dann wandte ſie ſich an Herrn von Riancourt, und ſagte halblaut: „Mir ſcheint „Es ſcheint Ihnen, liebe Gräfin?“ . „Daß . .. 18¹ „Ich bitte, vollenden Sie.“ „Daß ich vor Verlangen, Herrn von Saint⸗Herem zu heirathen, ſterbe!“ „Madame!“ rief erſtaunt der Herzog, der carmeſinroth wurde. „Madame!“ „Was iſt es denn, lieber Herzog?“ fragte lebhaft die Prinzeſſin. „Wie roth ſind Sie!“ „Frau Gräfin,“ ſprach Herr von Riancourt mit einer gezwungenen Miene lächelnd, „der Scherz iſt ein wenig ... ein wenig ſtark „und „ „Wohlan, geben Sie mir Ihren Arm, mein lieber Herzog,“ ſagte Madame Zomaloff mit der natürlichſten Miene der Welt, „und laſſen Sie Ihre Leute rufen, denn es iſt ſpät. Wir müßten ſchon bei der Geſandtſchaft ſein. Das iſt auch Ihre Schuld; wie! Sie, die Pünktlichkeit in Perſon, haben Sie mir nicht ſchon ſeit langer Zeit eilf Uhr geſchlagen?“ „Ah! Frau Gräfin, ich habe keine Luſt, zu lachen!“ ſagte der Herzog mit ſentimentalem, bewegtem Tone. „Wie wehe hat mir Ihr grauſamer Scherz vorhin ge⸗ than! Mein Hetz blutet.“ „Mein armer Herr von Riancourt, ich wußte nicht, daß Ihr Herz ſo verwundbar iſt .. „Ah! Frau Gräfin, Ihr Verdacht betrübt mich; Sie ſind ſehr ungerecht; ich, der ich mein Leben für Sie opfern würde!“ „Wahrhaftig!“ Statt jeder Antwort ſchlug der Herzog ſeine Augen zum Himmel auf und gab einen langen Seufzer von ſich. „Ei! mein lieber Herzog,“ ſprach lächelnd die junge Frau, „wenn ich etwas von Ihnen zu fordern hätte, ſo wäre es kein ſo heldenmüthiges Opfer.“ Der Wagen von Herrn von Riancourt war bei der Freitreppe vorgefahren, und Madame Zomaloff, ihre Tante und der Herzog verließen das Hotel Saint⸗Ramon. Beinahe in demſelben Augenblick verließ der Mulatte 182 auch dieſes reiche Gebäude, geblendet, verwirrt durch das, was er geſehen, gehört hatte, und immer an die Seg⸗ nungen denkend, mit denen der Name des heiligen Ra⸗ mon von den Gäſten dieſes ſeltſamen Feſtes überſtrömt worden war. Es ſchlug nun halb zwölf Uhr in der Ferne, in der Kirche von Chaillot. „Halb zwölf Uhr,“ ſagte der Greis zu ſich ſelbſt; „ich habe Zeit, um Mitternacht anzukommen. was werde ich erfahren! wie groß iſt meine Angſt!“ Und der Greis fing an langſam die Höhen zu erſtei⸗ gen, die ſich vom ufer der Seine bis zur Straße von Chaillot aufſtufen. XX. Der alte Mulatte war langſam nach den Hoͤhen von Chaillot gegangen; er kam bald in die Straße, wa ſich die Kirche dieſer armen und volkreichen Vorſtadt erhebt. Gegen den Gebrauch, war die Kirche in dieſer Nacht ethellt. Durch die große offene Thüre ſah man das Schiff und den Altar glänzend mit Kerzen beleuchtet⸗ obgleich die Kirche noch leer war; eine eindrucksvolle Ce⸗ remonie ſollte ohne Zweifel ſtattfinden, denn während es bald Mitternacht ſchlagen mußte, bemerkte man Lich⸗ ter und Neugierige an den Fenſtern der Häuſer in der Nähe der Kirche, indeß zahlreiche Gruppen ſich auf dem Vorhofe verſammelt hatten. Der alte Mulatte näherte ſich einer dieſer Gruppen, lauſchte und hörte, was folgt: „Sie können nun nicht mehr lange ſäumen.“ „Nein, denn es iſt bald Mitternacht.“ „Das iſt doch eine ganz ſonderbare Stunde, um zu heirathen.“ 183 „Bei meiner Treue, wenn man ſo gut ausgeſteuert wird, ſo kann man wohl darüber weggehen.“ „Wer wird denn zu dieſer Stunde heirathen, meine Herren?“ fragte der Mulatte; „von was für einer ſon⸗ berbaren Hochzeit ſprechen Sie?“ „Man ſieht, mein braver Mann, daß Sie nicht aus dem Quartier find!“ „In der That, mein Herr, ich bin ein Fremder.“ „Das iſt etwas Anderes! ſonſt wüßten Sie, daß es die Hochzeit der Sechs iſt, welche ſeit vier Jahren in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai ſtattfindet.“ „Vom 11. auf den 12. Mai,“ ſagte der Greis bebend zu ſich ſelbſt; und er fragte weiter: „Aber, mein Herr, warum nennt man vieſe Hochzeit die Hochzeit der Sechs?“ „Weil jedes Jahr ſechs junge Mädchen Hochzeit haben, von denen jedes mit zehntauſend Franken ausge⸗ ſteuert wird.“ „Ausgeſteuert . . durch wen?“ „Durch den Willen eines vor fünf Jahren verſtor⸗ benen würdigen Mannes, deſſen Name in Chaillot ebenſo volksthümlich und geſegnet iſt, als der des blauen Män⸗ telchens in Paris.“ „Und,“ fragte der alte Mulatte mit einem leichten Zittern in der Stimme, „wie heißt der würdige Mann, in deſſen Namen man ſo freigebig Mädchen ausſteuert?“ „Er heißt der Vater Richard, mein Herr,“ ant⸗ wortete mit einem ehrerbietigen Ausvruck die Perſon, welche der Greis befragte. Nur mit Mühe ſeine zunehmende Erſchütterung be⸗ wältigend, fuhr dieſer fort: „Und warum thut dieſer Vater Richard ſo viel Gu⸗ tes nach ſeinem Tode?“ „Ei! weil es ſeine Idee war, und weil er einen wackern Sohn, Herrn Louis Richard, hat, der gewiſſen⸗ haft den letzten Willen ſeines Vaters vollzieht. Ah! das 184 iſt ein anderer würdiger Mann, dieſer Herr Louis. Je⸗ dermann weiß, daß er, ſeine Frau und ſein Kind mit höchſtens drei bis viertauſend Franken jährlich leben, und ſie müſſen doch vom Vater Richard ein gewaltiges Ver⸗ mögen geerbt haben, um jedes Jahr ſechs Mädchen jedes mit zehntauſend Franken auszuſteuern, abgeſehen von den Koſten für die Schule und das Haus des guten Got⸗ tes oder des Vater Richard, wenn Sie lieber wollen.“ „Verzeihen Sie der Neugierde eines Fremden, mein Herr; aber Sie ſprechen von einem Hauſe genannt das Haus des guten Gottes, von einer Schule?“ „Ja die Schule des Vater Richard. Frau Mariette leitet ſie.“ „Frau Mariette?“ verſetzte der Greis, „wer iſt das 2“ „Die Frau von Herrn Louis Richard. Dieſe Schule iſt geſtiftet für fünfundzwanzig kleine Knaben und fünfund⸗ zwanzig kleine Mädchen, die darin bis zum Alter von zwölf Jahren bleiben, um welche Zeit ſie in die Lehre bei ausgeſuchten Meiſtern eintreten; die Kinder werden geſpeiſt; man gibt ihnen überdies einen Anzug für den Winter und einen für den Sommer; ferner erhalten ſie noch jedes zehn Sous täglich. Auf dieſe Art ſind die Eltern, ſtatt es zu machen, wie ſo viele Andere, welche, von der Armuth bedrängt, ihre Kinder zu frühe in die Lehre geben, dabei intereſſirt, daß ſie ihnen Unterricht er⸗ theilen laſſen.“ „Und es iſt die Frau von .. Herrn Louis Richard, welche dieſe Schule leitet?“ „Ja, mein Herr; und ſie ſagt, ſie ſinde um ſo mehr Vergnügen daran, als ſie vor ihrer Verheirathung eine arme Arbeiterin geweſen ſei und weder ſchreiben, noch leſen gekonnt habe, und unter dieſem Mangel an Bildung habe ſie ſo grauſam gelitten, daß ſie ſich glücklich fühle, im Stande zu ſein, es zu verhindern, daß Andere leiden, was ſie gelitten. Dies, mein Herr, iſt die Schule des Vater Richard.“ 185 „Aber Sie haben auch von einem Hauſe geſprochen...“ „Dieſes Haus iſt für zwölf arme breſthafte oder zum Brodverdienſte unfähig gewordene Arbeiterinnen ge⸗ ſtiftet. Frau Lacombe leitet es.“ „Wer iſt das, Frau Lacombe?“ „Die Pathin von Frau Mariette, eine gute, wür⸗ dige Frau, der man die Hand abgenommen hat; das iſt die Sanftmuth, die Geduld, die Güte in Perſon . Was wollen Sie! ſie muß ſich auf arme, breſthafte alte Weiber verſtehen! denn ſie ſagt Jedem, der es hören will, vor der Verheirathung ihres Täuflings mit Herrn Ri⸗ chard haben Beide nicht jeden Tag Brod für ihren Hun⸗ ger gegeſſen; doch, mein braver Mann, da kommen die Hochzeitleute: ſtellen Sie ſich vor mich, Sie werden ſie beſſer vorüberziehen ſehen; wir können hernach in die Kirche eintreten.“ Der Greis ſah in der That bald einen Zug herbei⸗ kommen, an deſſen Spitze Louis Richard, der Frau La⸗ combe an ſeinem Arme führte, und Frau Mariette gin⸗ gen, welche einen reizenden Jungen von vier Jahren an der Hand hielt. Frau Lacombe war nicht mehr zu erkennen; ihr einſt ſo hohles, ſo krankhaftes Geſicht war voll, roth und ver⸗ kündigte Geſundheit; ihre einſt verdrießliche, düſtere, bei⸗ nahe menſchenfeindliche Phyſiognomie drückte nun die glück⸗ lichſte Sanftmuth aus; ſie trug ihre weißen Haare band⸗ artig unter einer Spitzenhaube, und ein ſchöner Shawl von franzöſiſchem Kaſchemir verbarg halb ihr ſeidenes Kleid. Die Züge von Louis Richard, der die Pathin von Ma⸗ riette am Arme führte, zeigten das Gepräge einer ver⸗ nünftigen Glückſeligkeit. Man ſah, daß er die Größe der Pflichten, die er ſich auferlegt hatte, begriff. Hübſcher als je, zeichnete ſich Mariette durch eine Miene ſanften Ernſtes aus, welche den jungen Müttern ſo gut ſteht; in ihrem gerechten Stolze hatte ſie immer, trotz ihrer Hei⸗ rath, die beſcheidene Tracht ihrer erſten Lebenslage beibe⸗ 186 halten; dem zierlichen Häubchen einer Arbeiterin getreu, wollte ſie nie einen Hut tragen; der gute Gott be⸗ lohnte ſie dafür, denn ſie war entzückend vurch Friſche, Anmuth und Schönheit unter ihrem Spitzenbavolet *) mit himmelblauen Bandknvten. Von Zeit zu Zeit lächelte ſie mit einer unausſprechlichen Liebe ihrem blonden, roſigen, wie ſie hübſchen kleinen Jungen zu. Nach Louis, ſeiner Frau, ſeinem Kinde und Frau La⸗ combe kamen weiß gekleidet und mit Orangenblüthen be⸗ kränzt die ſechs in dieſem Jahre ausgeſteuerten Mädchen: ſie gaben den Arm den Verwandten oder den Zeugen ihrer Bräutigame; dieſe führten die Verwandten oder die Zeugen ihrer Bräute; Alle gehörten der Klaſſe der Ar⸗ beiter an. Hinter dieſer Gruppe marſchirten die vierund⸗ zwanzig ſeit vier Jahren vereinigten Ehepaare, dann ka⸗ men die Kinder der Schale des Vater Richard, dann die⸗ ienigen von den alten Frauen des Zufluchtshauſes, denen ihre Gebreſten der rührenden Feierlichkeit beizuwohnen ge⸗ ſtatteten. Es brauchte beinahe eine Viertelſtunde, bis alle dieſe zur Ceremonie gehörende Perſonen, welche ſodann in der Kirche Platz nahmen, vorübergezogen waren⸗ Der alte Mulatte hatte ſtumm und nachdenkend die⸗ ſem Zuge beigewohnt, während die Neugierigen um ihn her ſagten: „Das hat man auch dem Vater Richard zu verdan⸗ ken, daß dieſe arbeitſamen Mädchen gute und glückliche Hausfrauen werden.“ „Und die verheiratheten Frauen von den anderen Jah⸗ ren, wie glücklich ſehen ſie aus! Und dieſes Glück, wem verdanken ſie es? dem Vater Richard 12 „Es iſt wahr immer dem Vater Richard!“ „Und auch Herrn Louis, der die Abſichten ſeines wackern Vaters ſo gut erfüllt.“ 66 Bavolet, eine Art von Halbſchleier. 187 „Allerdings; aber es iſt doch gewiß, daß ohne das große Vermögen, welches ihm der Vater Richard hinter⸗ laſſen hat, um einen ſo ſchonen Gebrauch davon zu machen, Herr Louis nur ſeinen guten Willen gehabt hätte.“ „Und die Schule des Vater Richard? habt Ihr die Kinder, die kleinen Knaben mit ihren guten tuchenen Blouſen, die kleinen Mädchen mit ihren guten Röcken von Merino, wahrgenommen ? Wie zufrieden ſehen ſie alle aus 14 „Wißt Ihr, daß nicht mehr als fünf bis ſechs von den armen alten Breſthaften fehlen, welche durch den Va⸗ ter Richard wenigſtens Brod und Ruhe für ihre alten Tage finden?“ „Wißt Ihr Eines, meine Freunde?“ „Was denn?“ „Daß hier vielleicht hundert und fünfzig Perſonen an uns vorübergehen, welche alle mehr oder weniger Antheil an den Wohlthaten des Vater Richard haben.“ „Das iſt wahr, und wenn man bedenkt, daß dies vaſſelbe ſeit vier Jahren iſt . . das macht ſchon ſechs bis ſiebenhundert Perſonen, unterſtützt, ernährt, unterrich⸗ tet oder verheirathet mit Hülfe dieſes würdigen Mannes.“ „Abgeſehen davon, daß, vorausgeſetzt, Herr Louis lebe noch dreißig Jahre, dies fünf bis ſechstauſend Per⸗ ſonen machen wird, welche durch den Vater Richard ein gutes und glückliches Leben haben werden, ſtatt ein ſchlech⸗ tes und ſtrafbares gehabt zu haben, denn die Noth verdirbt ſo viele Menſchen!“ „Was ſagt Ihr denn, fünf bis ſechstauſend Perſonen, das würde viel mehr machen!“ „Wie2“ „Dieſe Ehepaare, welche man jedes Jahr, nachdem man ſie unter den ärmſten und redlichſten Handwerkern gewählt, ausſteuert, werden Kinder bekommen; dieſe wer⸗ den vor Allem des Wohlſtandes ihrer Familien theilhaf⸗ tig ſein; ſie werden gut erzogen werden und ſpäter an dem kleinen Vermögen Theil haben, das gewiß durch die 188 Sparſamkeit und die Arbeit ihrer Eltern angewachſen iſt, denn es läßt ſich leicht etwas zurücklegen, wenn man ſich mit etwas ſetzt; man iſt nicht genöthigt, ſich dadurch mit Schulden zu belaſten, daß man während des langen Feierns in das Leihhaus trägt, das die Leute durch die großen Intereſſen zu Grunde richtet.“ „Das iſt, bei meiner Treue, wahr, wenn man ſo rech⸗ net, ſo verdoppelt, ſo verdreifacht dies die Summe der Wohlthaten des Vater Richard; und wenn man an eine zweite, an eine dritte Generation von Wohlthätern denken wollte, indem man, wie man zu ſagen pflegt, die Verbun⸗ denen mit ſich ſelbſt multipliciren würde, ſo müßte es un⸗ berechenbar ſein, das Gute, von dem dieſer würdige, vor⸗ treffliche Mann der Stamm geweſen wäre.“ „Und wenn man bedenkt, daß das Gute ſo leicht zu thun iſt, und doß es, von den Kleinen zu den Großen⸗ ſo viele Leute gibt, die nicht wiſſen, wofür ſie ihr Geld ausgeben ſollen!“ „Das iſt wahr. denn das Geld ſtellt das Glück von ſehr vielen Menſchen vor, und in ſeinen Händen viel Geld haben heißt das Mittel haben, viele Glückliche zu machen, wenn man wollte.“ „Ah! die Väter und Söhne Richard ſind nicht ſehr gewohnlich,“ ſprach verjenige, welcher dem alten Mulat⸗ ten als Cicerone gedient hatte; dann, als er ſah, daß vieſem die Thränen entſtrömten, fügte er bei: „Nun! mein braver Mann, was Teufels haben Sie ſo zu weinen?“ „Das iſt das iſt Rührung,“ antwortete der Greis. „Das Gute, was ich von vieſem . dieſem Vater Richard und ſeinem Sohne ſagen höre. . der Anblick ſo glücklicher Leute . Alles dies macht einen außerordentlichen Eindruck auf mich.“ „Ohl mein würdiger Mann, wenn dies die Urſache Ihrer Thränen iſt, ſo beklage ich Sie nicht, ſie machen Ihnen Ehre. Doch da Sie das intereſſirt, ſo laſſen Sie uns in die Kirche eintreten, wir werden das Ende der 189 Ceremonie ſehen, und hernach koͤnnen Sie bis zum Heuſe des guten Gottes gehen; denn heute Nacht iſt Jedem der Eintritt geſtattet.“ „Ich danke Ihnen für den Rath, mein Herr, und ich werde ihn befolgen,“ ſagte der alte Mulatte, während er ſeine Thränen abwiſchte und mit ſeinem Cicerone in die Kirche eintrat. Die Menge war ſo gevrängt, daß der Greis darauf verzichten mußte, in die erſte Reihe der Zuſchauer zu ge⸗ langen, welche beim Eingang des Chors verſammelt wa⸗ ren; doch ein Augenblick der Ueberlegung tröſtete ihn bald, und er ſtellte ſich zum Weihkeſſel unfern von der Kir⸗ chenthüre. Während die Trauungsfeierlichkeit, an der alle An⸗ weſende in tiefer Sammlung des Geiſtes Theil nahmen, vollzogen wurde, drückte die Phyſiognomie des Mulatten eine ſeltſame Gemüthsbewegung aus; er ſchien in eine Art von Extaſe verſunken, als hätte ihm eine plötzliche Enthüllung unermeßliche, blendende, jedoöch bis jetzt vor ſeinen Augen verſchleierte Horizonte geöffnet; nach einer Minute flillen, aber inbrünſtigen Gebetes kniete er auch mit gefalteten Händen nieder, und ſein Haupt mit den weißen Haaren fiel auf ſeine Bruſt. In der Kirche herrſchte ein feierliches Stillſchweigen; plötzlich ließ die ernſte und wohlklingende Stimme des Prieſters, der am Altar ſein geiſtliches Amt verſah, die Worte hoͤren, die er an die Neuvermählten richtete: Und nun, da Euer Bund durch Gott geheiliget iſt, junge Gatten, ſetzt das redliche und arbeitſame Leben fort, durch welches Ihr Euch das Gluͤck verdient habt, das Ihr genießen ſollt; vergeßt nie, daß Ihr dieſe gerechte Belohnung für Eure Würde in der Armuth, für Euren Muth in der Arbeit einem mit der zarteſten, mit der weiſeſten Zuneigung für ſeine Brüder begabten Manne verdankt; denn getreu den Pflichten des wahren Chriſten hat er ſich nicht als den Herrn, ſondern als den Pfleger 190 ſeiner Reichthümer betrachtet Sagt nicht Chriſtus: „„Liebet einander, und diejenigen, welche haben, ſollen geben denjenigen, welche nichts haben.“ Der Herr hat auch, indem er dem Vater Richard einen ſeiner würdigen Sohn ſchenkte, dieſen gro⸗ ßen, rechtſchaffenen Mann belohnt, und durch ſeinen Ge⸗ horſam gegen die Geſetze der evangeliſchen Brüderlichkeit, hat er verdient, daß ſein Andenken unter den Menſchen fortlebt. Dieſe Unſterblichkeit wird ihm Eure Dankbar⸗ keit gewähren; ſein Name ſei immerdar geſegnet und ge⸗ prieſen durch Euch, durch Eure Kinder, durch die Kinder Eurer Kinder; Eure Herzen mögen immer als die Erin⸗ nerung an eine ſeltene Tugend den Namen des verehrten Vater Richard bewahren.“ Ein beifälliges Gemurmel der Menge empfing dieſe Worte und bedeckte das erſtickte Schluchzen des alten Mulatten, der, immer knieend, von einer unausſprechlichen Gemüthsbewegung ergriffen zu ſein ſchien. Die Ceremonie war zu Ende. Das Geräuſch, das die Anweſenden machten, als ſie ihre Plätze verließen, um aus der Kirche wegzugehen, rief den Greis zu ſich zurück; er ſtand haſtig auf und lehnte ſich an den Weihkeſſeln an, denn er fühlte, daß er einer Ohn⸗ macht nahe war. Bald ſah er aus der Tiefe der Kirche Louis Richard auf ſich zukommen, der, Frau Lacombe an ſeinem Arme führend, ſich nach der Thüre wandte. Der Greis bebte an allen Gliedern, und in dem Augenblick, wo Louis Richard an ihm vorüberzugehen im Begriffe war, tauchte er ſeine Finger in den Weihkeſſel, bückte den Kopf halb und bot das heilige Waſſer mit einer zitternden Hand dem Gatten von Mariette. „Ich danke, guter Vater,“ erwiederte freundlich Louis, indem er mit ſeinen Fingern leicht die wankende Hand be⸗ rührte; dann, als er die Dürftigkeit ſeines Anzugs und das weiße Haupt des Weihwaſſergebers bemerkte, und — 194 da er in ſeinem Anerbieten eine Bitte um ein Almoſen ſah, legte ihm der junge Mann ein Geldſtück in die Hand und ſagte gutherzig zu ihm: „Nehmet und betet zu Gott für den Vater Richard.“ Der Greis ergriff gierig das Geldſtück, drückte es an ſeine Lippen und küßte es, abermals in Thränen zerfließend. Dieſer ſeltſame Vorfall wurde von Louis Richard nicht wahrgenommen; er verließ die Kirche wie der ganze Zug, und ein großer Theil der Zuſchauer wandte ſich nach dem, was man in Chaillot das Haus des guten Gottes nannte. Gelähmt durch eine tiefe Gemüthserſchütterung, ſtützte ſich der alte Mulatte mühſam auf ſeinen Stock und wandte ſich nach dem Hauſe des guten Gottes. XXI. Das Haus des guten Gottes ſtand auf den letzten Höhen von Chaillot in einer eben ſo freundlichen, als geſunden Lage; ein großer, ſchattenreicher Garten um⸗ gab die zierlich einfachen Gebäude. Dieſe Mainacht war voll Milde und Heiterkeit; die Frühlingsdüfte erfüllten die Luft mit Wohlgerüchen, zahl⸗ reiche Gasflammen erleuchteten den bedeckten Gang, der nach dem Hauptgebäude führte, vor dem ſich eine Frei⸗ treppe von einigen Stufen erhob. Der alte Mulatte folgte dem Zuge; er ſah, wie er ſich in der Stille im Halbkreiſe um die Freitreppe auf⸗ ſtellte, denn kein Saal hätte den Zuſtrom der Menge aufnehmen können. Bald trat Louis Richard, wie er dies in jedem Jahr zu thun pflegte, auf die Freitreppe vor und ſprach mit be⸗ wegter Stimme und warmem Tone folgende Worte: „Meine Freunde, es ſind in dieſer Nacht fünf Jahre, 192 daß ich meinen Vater verloren habe; er ſtarb eines gräßlichen Todes bei dem Unglücksfall der Verſailler Eiſenbahn. Im Beſitze eines ziemlich bedeutenden Ver⸗ mogens, hätte mein Vater im Wohlbehagen und im Mü⸗ ßiggang leben koͤnnen; er hat dürftig und arbeitſam ge⸗ lebt. Während er ſo auf alle Lebensbequemlichkeiten ver⸗ zichtete und ſich das tägliche Brod durch die Arbeit ver⸗ diente, häufte ſeine erhabene Sparſamkeit langſam große Reichthümer auf, ſeine Selbſtverleugnung vermehrte ſie jedes Jahr. Es kam der allzu frühe Tag ſeines Todes. Ich hatte einen der glühendſten Freunde der Menſchheit zu beklagen, und ſeinem letzten Willen gemäß widmete ich ſein Vermögen der Erfüllung von drei heiligen und gro⸗ ßen Pflichten: „Gegen die Kinder; „Gegen die jungen Mädchen; „Gegen die Frauen, welche vas Alter oder die Ge⸗ brechen zur Arbeit unfähig machten. „Den ſo häufig einer ſchützenden Erziehung beraub⸗ ten Kindern ſollte nach dem Willen meines Vaters der Elementarunterricht und ſpäter die gewerbliche Bildung geſichert ſein. „Den arbeitſamen und redlichen Mädchen, welche ein ungenügender Lohn, das Leiden, die Armuth nur zu häufig den Verführungen des Laſters ausſetzen, ſollte eine mäßige Mitgift geſichert ſein. Dieſer Beiſtand wird in Verbindung mit der Arbeit jeder Haushaltung, den Chepaaren geſtatten, wenigſtens in ihrer ganzen Reinheit und Süßigkeit die heiligen Freuden der Familie zu genießen, — Freuden, die leider oft unter den Uebeln, welche die 2 Armuth erzeugt, unbekannt bleiben. „Den bejahrten oder breſthaften Frauen endlich, welche nach einem langen Leben der Arbeit außer Stande ſind, ihren Unterhalt zu verdienen, wollte mein Vater wenig⸗ ſtens die Ruhe und die Wohlfahrt ihrer alten Tage ſichern. — N Zæ. 193 „Dieſen letzten Willen meines Vaters habe ich ge⸗ wiſſenhaft in der Grenze der Thätigkeitsmittel, die er mir hinterlaſſen, erfüllt. Allerdings iſt das Gute, das er ſo jedes Jahr durch meine Hände übt, wenig, wenn man an die zahlloſen Drangſale der Menſchheit denkt; aber derjenige, welcher alles Gute thut, was er thun kann, und theilte er nur ſein Stück Brod mit ſeinem hungerigen Bruder, handelt, wie er handeln ſoll: er erfüllt die Pflicht, die ihm die Menſchenliebe auferlegt. „Dieſe Pflicht iſt die jedes rechtſchaffenen Menſchen, und er muß alle ſeine Kräfte anwenden, um ſich dem Ideale durch Handlungen zu nähern. So hat es mein Vater gethan. Ich bin nur das Echo, der Vollſtrecker ſeines edlen Gedankens. Die Ausübung dieſer ruhmwür⸗ digen Pflicht würde mein Leben mit einer Glückſeligkeit ohne Beimiſchung und ohne Grenzen erfüllen, hätte ich nicht den Tod eines ewig beklagten Vaters zu be⸗ weinen.“ Kaum hatte Louis Richard dieſe letzten Worte ge⸗ ſprochen, als ſich ein gewiſſer Tumult in der Menge erhob, von der die Freitreppe umgeben war; der Er⸗ ſchütterung unterliegend, fühlte der alte Mulatte ſeine Kräfte entſchwinden und ſiel bewegungslos in die Arme von denjenigen, welche zunächſt bei ihm ſtanden. Von der Urſache dieſer plötzlichen Aufregung der Anweſenden unterrichtet, eilte Louis Richard zu dem Greiſe, und um ſich beſſer über ſeinen Zuſtand zu ver⸗ ſichern und ihm raſchere Pflege zu geben, ließ er ihn in ſein im Erdgeſchoße liegendes Zimmer bringen; dann bat er die Neuvermählten, ſich zu dem Abendbrod zu begeben, bei dem ſie ſich mit den Ehepaaren von den vorhergehen⸗ den Jahren verſammeln ſollten. Frau Lacombe und Ma⸗ riette mußten, in augenblicklicher Abweſenheit von Louis Richard, ſeine Stelle beim Präfidium dieſes Mahles ein⸗ Der Geiz. 13 nehmen, das im Garten unter einem ungeheueren Zelte aufgetragen wurde. Der alte Mulatte war, immer ohnmächtig, in das Cabinet von Louls gebracht worden. In einer frommen Ehrfurcht für das Andenken ſeines Vaters hatte ſich Louis nicht vom Mobiliar des Zimmers getrennt, das ſie ſo lange gemeinſchaftlich bewohnt: der Tiſch von ge⸗ ſchwärztem Holze, die wurmſtichige Commode, die alter⸗ thümliche Truhe, Alles war beibehalten worden, auch die grau angemalte Lagerſtätte, auf welche man eine ge⸗ ſtevpte Decke geworfen hatte und die Louis Richard als diente. Auf dieſes Lager brachte man den reis⸗ Eine in Eile angezündete Kerze beleuchtete ſchwach das Cabinet. Louis, ſobald er hier eintrat, ſchickte einen Diener in eine zum Hauſe gehörende kleine Apotheke, ließ einige geiſtige Mittel fordern und blieb allein bei dem alten Mulatten. Seine dichten weißen Haare ſielen auf ſeine Stirne; ſein ungepflegter langer Bart verbarg beinahe ganz ſein Geſicht. Louis nahm ſeine Hand, um ſeinen Puls zu befragen. In dieſem Augenblicke machte der Greis eine leichte Bewegung und ſprach ein paar unverſtändliche Worte. Der Ton dieſer Stimme fiel jedoch Louis auf; er ſuchte die Züge desjenigen, welchem er Beiſtand leiſtete, beſſer zu unterſcheiden: aber das Halbdunkel des Zimmers und die Länge der Haare und des Bartes des Mulatten machten dieſe prüfende Beſchauung fruchtlos. Plotzlich erhob ſein Gaſt mühſam das Haupt; er ſchaute umher, ſeine Augen hefteten ſich auf die graue, auf eine eigenthümliche Art angemalte Bettſtätte, und er machte eine Bewegung des Erſtaunens; als er aber die durch ihre Form ſo erkennbare Truhe wahrnahm, konnte er ſich der Worte nicht enthalten: 195 „Wo bin ich? Iſt es ein Traum? Mein Gott! mein Gott!“ Der immer deutlichere Ausdruck dieſer Stimme fiel Louis abermals auf; er bebte leicht; bald aber ſchüttelte er den Kopf und ſagte, mit Bitterkeit lächelnd, leiſe zu ſich ſelbſt: „Ach! das Leidweſen verurſacht ſeltſame Illuſionen bei uns.“ Dann ſich mit liebreichem Tone an den Greis wen⸗ dend: „Nun! wie befinden Sie ſich, mein Vater?“ Bei dieſen Worten richtete ſich der Mulatte auf, er⸗ griff lebhaft die Hand von Louis, ehe ſich dieſer hatte wiverſetzen können, und bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen. Erſtaunt, gerührt von dieſem Erguſſe, ſprach der Gatte von Mariette: „Beruhigen Sie ſich, guter Vater. Ich habe in der That bis jetzt nichts gethan, wodurch ich mir Ihre Dankbarkeit verdienen konnte Eines Tags werde ich vielleicht glücklicher ſein. Doch ſagen Sie, wie be⸗ finden Sie ſich? Haben die Müdigkeit, die Schwäche Ihre Ohnmacht verurſacht?“ Der Greis blieb ſtumm und neigte das Haupt auf ſeine Bruſt, ohne die Hand von Louis lyszulaſſen, von der er ſich nicht trennen zu könnnen ſchien; er drückte fie an ſeine unter einer krampfhaften Preſſung keuchende Bruſt. Von einer ſeltſamen, zunehmenden Gemüthsbewegung ergriffen, fühlte der junge Mann die Thränen in ſeine Augen treten und ſagte: „Guter Vater, hören Sie mich.“ „Oh! noch einmal,“ murmelte der alte Mulatte mit erſtickter Stimme, „noch einmal!“ 3. Wie! ich ſoll noch einmal zu Ihnen ſagen: Guter ater!“ 196 „Ja,“ antwortete der Greis, der an allen Gliedern zitterte, „ja! oh! noch einmal!“ „Nun denn, guter Vater.. Der junge Mann konnte nicht vollenden. Unfähig, ſich länger zu bewältigen, erhob ſich ſein Gaſt und rief mit einer von Zärtlichkeit vibrirenden Stimme: „Louis!“ Dieſer Name mit dem Ausdruck aller Kräfte der Seele geſprochen, dieſes Wort allein war eine einem Donnerſchlage ähnliche Offenbarung. Der junge Mann erbleichte, warf ſich zurück und blieb wie verſteinert, die Augen ſtarr. Die Gemüthsbewegung war zu heftig, die moraliſche Erſchütterung zu tief, als daß nicht einige Augenblicke verlaufen mußten, ehe der Gedanke: „Mein Vater iſt nicht todt,“ bis zum Verſtändniß bei Louis gelangen konnte. So blendet uns der ungeſtüme Uebergang von einer tiefen Nacht zum Glanze der Sonne und beraubt uns für den Augenblick der Sehkraft. Als aber Louis, nachdem er ſich von dieſer heftigen Erſchütterung erholt hatte, die Wirklichkeit ohne Schwin⸗ del ins Auge faßte, warf er ſich auf das Bett des Grei⸗ ſes und ſtrich ihm mit einer krampfhaften Hand vie langen Haare von der Stirne. Dann betrachtete er haſtig, mit einem gierigen, ſtrahlenden, berauſchten Blick vas mit einem künſtlichen Rußſchwarz überſtrichene Geſicht ſeines Vaters; es blieb ihm kein Zweifel mehr, und er konnte nur in einer Art von kindlichem Delirium die Worie murmeln: „Dul ohl mein Gott! Du, mein Vater! .. Wir müſſen darauf verzichten, dieſen erſten Ausbruch der Zärtlichkeit zu ſchildern, der den Vater und den Sohn einander in die Arme warf⸗ — 197 Wer vermöchte ſie wiederzugeben, dieſe Umarmungen, dieſe Worte ohne Zuſammenhang, dieſe Zerreißungen einer zu ſcharfen Freude, dieſe Ohnmachten des Geiſtes und des Körpers, der zu ſchwach für ein ſolches Entzücken, wor⸗ auf aber bald leivenſchaftliche Entzückungen folgen, welche die Seele bis zu den letzten Grenzen der Glückſeligkeit emportragen. Auf dieſe Glücksüberſprudelungen trat endlich ein Augenblick der Ruhe ein. Der Vater Richard ſprach zu ſeinem Sohne. „Mit zwei Worten, mein theures Kind, vernimm meine Geſchichte: ich habe fünf Jahre geſchlafen und bin erſt ſeit acht und vierzig Stunden völlig erwacht.“ „Was ſagen Sie?“ „Ich befand mich mit dem armen Ramon und ſeiner Tochter in einem von den Wagons, welche bei der Kata⸗ ſtrophe am Gräßlichſten heimgeſucht wurden. Ein für mich noch unerklärlicher, proviventieller Zufall hat mir das Leben gerettet, obgleich mir ein Schenkel gebrochen war und der Schrecken mich wahnſinnig gemacht hat.“ „Sie, mein Vater?“ „Ja, ich bin vor Schrecken wahnſinnig geworden . Ich habe den Verſtand völlig verloren.“ „Oh! mein Gott!“ „Man führte mich weit von dem Orte des Unglücks weg, zu einem würdigen Arzte, der meinen Beinbruch heilte, wonach man mich in ein Irrenhans in Verſailles brachte. Mein Wahnwitz war harmlos, ich ſprach nur von meinen verlorenen Schätzen. Beinahe vier Jahre lang war meine Krankheit unheilbar, voch durch die Sorgfalt der Aerzte klärte ſich mein Verſtand allmälig, langſam und mit Unterbrechungen auf; dann machte meine Heilung abermals Fortſchritte, rückte vor und wurde endlich voll⸗ ſtändig, ſicher, ſo daß ich, wie ich Dir ſchon geſagt, mein Kind, vor zwei Tagen das Hoſpiz verlaſſen konnte. Was ich gefühlt habe, als ich mich wieder im Beſitze meiner 198 vollen Vernunft, aller meiner Erinnerungen fand, ver⸗ möchte ich nicht zu ſagen. Ich wiederhole Dir, ich er⸗ wachte aus einem langen und tiefen Schlafe von fünf Jahren. Mein erſter Gedanke, ich bin Dir dieſes Ge⸗ ſtändniß ſchuldig, mein erſter Gedanke war der eines Geizigen. Was war aus meinem Vermogen geworden? Welchen Gebrauch hatteſt Du davon gemacht? Geſtern, als ſich vie Thüre des Irrenhauſes vor mir offnete, lief ich zu meinem Notar, Deinem ehemaligen Patron und meinem Freunde. Du begreifſt ſein Erſtaunen. Folgendes waren ſeine Worte: „„Die erſte Idee Ihres Sohnes, als er den gemeinſchaftlichen Irrthum in Betreff Ihres Todes theilte, war, ſich bloß als Verwahrer Ihrer Reichthümer zu betrachten, erſt im Alter von ſechs und dreißig Jahren darüber zu verfügen und nur eine ſchwache, für ſeinen Unterhalt und für den ſeiner Frau beſtimmte Summe davon zu nehmen; doch nach Verlauf von ſechs Monaten, nachdem er eine ziemlich ſchwere Krankheit durchgemacht, dachte Ihr Sohn, der Tod könnte ihn treffen, ehe er das erfüllt, was er als eine heilige Pflicht betrachtete; er än⸗ derte ſeine Anſicht und theilte mir ſeine Pläne mit, denen ich mit ganzer Seele beiſtimmte.“ — „„Was für Pläne waren dies?““ fragte ich Deinen ehemaligen Patron. „„Haben Sie den Muth, zu warten bis morgen um Mit⸗ ternacht,““ antwortete er mir; „begeben Sie ſich dann in die Kirche von Chaillot. Sie werden Alles erfahren und Gott danken, daß er Ihnen einen Sohn gegeben hat, wie der Ihrige iſt.“ Ich hatte den Muth, zu warten bis heute Abend, mein lieber Louis; mein langer Bart, meine weißen Haare veraͤnderten ſchon viel in meinem Ausſehen: ich ſtrich mein Geſicht ſchwarzbraun an, um mich gänzlich zu entſtellen und mich Dir nähern zu kön⸗ nen, ohne erkannt zu werden. Oh! zärtliches, evles Kind!“ fügte der Vater Richard vor Rührung weinend bei, „wenn Du wüßteſt, was ich geſehen, was ich gehört habe! Mein Name verehrt, angebetet durch die Größe Deiner Seele — 199 und einen frommen Betrug Deiner kindlichen Liebe! Wenn Du wüßteſt, welche plötzliche Revolution in mir vorge⸗ gangen iſt! Oh! ſiehſt Du, einen Augenblick war ich in eine Art von Ertaſe verſetzt. Ja, während man ſo in meiner Gegenwart mein Andenken ſegnete, ſchien es mir, als ſchwebte meine Seele, befreit von ihren irdiſchen Ban⸗ den, im Himmel, wo ohne Zweifel die Seelen der redlichen Menſchen ſchweben, welche noch hienieden den Ausdruck der Liebe und Dankbarkeit hoͤren, die ſie hinterlaſſen haben. Ach! dieſe Täuſchung war von kurzer Dauer. Ich hatte keinen Antheil an den rührenden Handlungen, für die man mich verherrlichte!“ „Was ſagen Sie, mein Vater! Ohne Sie, ohne Ihre beharrliche Sparſamkeit, wie hätte ich das Gute er⸗ füllt? Hatten Sie mir nicht einen allmächtigen Hebel hinterlaſſen? Mein einziges Verdienſt war, daß ich vieſe von Ihnen um den Preis ſo vieler Opfer, ſo vieler Ent⸗ behrungen concentrirte Kraft gut anwandte; Herr dieſes großen Vermögens, das ich nicht durch meine Arbeit ge⸗ wonnen hatte, begriff ich die Pflichten, die es mir aufer⸗ legte. Die entſetzliche Armuth, die Unwiſſenheit, worunter meine geliebte Frau gelitten, die Gefahren, denen fie dieſe Armuth und dieſe Unwiſſenheit bloßgeſtellt hatten, das grauſame Gebreſte ihrer Pathin, Alles iſt eine Lehre für mich geweſen, und ich, Mariette und Frau Lacombe, wir wollten, ſo viel an uns wäre, den Andern die Drangſale erſparen, unter denen wir ſo viel gelitten.“ „Theures Kind!“ „Das iſt nicht mein Werk, mein Vater, es iſt das Ihrige. Genießen Sie Ihren Ruhm; Sie haben fleißig geſät, ich habe nur eingeſammelt: die Ernte gehört Ihnen.“ Plötzlich wurde die Thüre des Cabinets geöffnet. Floreſtan von Saint⸗Herem trat ein, ſiel Louis mit ſol⸗ chem Ungeſtüm um den Hals, daß er den Vater Richard nicht bemerkte, und rief: „Umarme mich, Louis; freue Dich! Du biſt mein 200 heſter Freund! Dir die erſte Kunde. Ich zählte darauf, Dich hier zu finden, denn längſt weiß ich, wie Du den Jahrestag des 12. Mai feierſt. Ich wollte auch keine Minute verlieren, um Dich zu benachrichtigen, daß der heilige Ramon ein ſchöner und guter Heiliger wird, denn er hat ſo eben vas unglaublichſte Wunder gethan...“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Vor zwei Stunden war ich voöllig zu Grunde gerichtet, oder wenigſtens bis auf eine Kleinigkeit zu Grunde gerichtetz nun bin ich reicher, als ich je war, und beſonders, als ich je ſein werde! Louis, Goldbergwerke, Silberwerke, Diamanten, um ſie mit der Schaufel umzurühren, fabel⸗ hafte Reichthümer, ein Vermögen, das ſich nach Dutzenden von Millionen zählt. Ohl heiliger Ramon! heiliger Ra⸗ mon! Dein Name ſei gebenedeit! Wie ſehr haben ſie Recht gehabt, Dich heilig zu ſprechen, denn, bei Gott! Du biſt kein Undankbarer!“ „Floreſtan, ich bitte, erkläre Dich!“ „Vor einer Stunde war das Feſt, das ich, wie Du weißt, den würdigen Handwerkern gab, ſeinem Ende nahe. Einer von meinen Leuten meldet mir, eine Frau, die im Fiacre angekommen, habe ſich in meine Wohnung führen laſſen und verlange mich auf der Stelle zu ſprechen; ich gehe hinauf: wen ſehe ich? die Gräfin Zomaloff, eine reizende junge Witwe, welche in acht Tagen den Herzog von Riancourt heirathen ſollte; ſie hatte heute Nacht mein Hotel beſichtigt, um es zu kaufen, und hatte es auch wirk⸗ lich gekauft. Erſtaunt, ſie wiederzuſehen, bleibe ich einen Augenblick ſtumm. Weißt Du, was ſie mir mit dem na⸗ türlichſten Tone der Welt geſagt hat: „„Herr von Saint⸗Herem, ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich Sie ſtöre; ich habe Ihnen nur zwei Worte zu ſagen: Ich bin Witwe und acht und zwanzig Jahre alt; ich weiß nicht recht, warum ich Herrn von Rlancourt zu heirathen verſprach; ich würde dieſe alberne Heirath pielleicht vollzogen haben, hätte ich Sie 201 nicht getroffen. Ihr Herz iſt edel, Ihre Seele er⸗ haben. Das Feſt, das Sie heute gegeben, beweiſt es mir; Ihr Geiſt verführt mich, Ihr Charakter bezaubert mich, Ihre Güte rührt mich und Ihre Perſon gefällt mir. Was mich betrifft, ſo gibt Ihnen der Schritt, den ich in dieſem Augenblick thue, den Maßſtab von dem, was ich bin, was ich tauge, im Guten und im Böſen. „„Dieſen ſeltſamen, ungebührlichen, vielleicht ertrava⸗ ganten Schritt mögen Sie würdigen: fällt Ihr Urtheil günſtig für mich aus, ſo würde ich ſtolz und glücklich ſein, Frau von Saint⸗Herem zu werden und mit Ihnen das Hotel Saint⸗Ramon zu bewohnen; ich habe ein coloſ⸗ ſales Vermögen, Sie werden darüber nach Ihrem Gut⸗ dünken verfügen, da ich Ihnen blindlings meine Zukunft anvertraue. Ich erwarte alſo Ihre Entſcheidung. Gute Nacht, Herr von Saint⸗Herem.“ Nach dieſen Worten, mein lieber Louis, verſchwindet die Fee und läßt mich in einer ſolchen Glücksblendung zurück, daß ich den Kopf darüber zu verlieren glaubte.“ „Floreſtan,“ ſprach Louis Richard mit einer ernſten und zugleich liebreichen Miene, „das blinde Vertrauen dieſer jungen Frau, welche mit ſo viel Offenherzigkeit zu Dir gekommen iſt, legt Dir große Pflichten auf.“ „Ich begreife, mein Freund,“ antwortete Saint⸗Herem mit einem Ausdruck voll Aufrichtigkeit. „Ich konnte das Vermoͤgen, das mir gehoͤrte, verſchlendern und mich zu Grunde richten, aber mich ſo verſchwenderiſch mit einem Vermögen zeigen, das nicht das meinige iſt, eine Frau zu Grunde richten, die mir ihre Zukunft ſo redlich anver⸗ traut, das wäre eine Schändlichkeit!“ Ungefähr einen Monat nach dieſen verſchiedenen Er⸗ eigniſſen heirathete die Gräfin Zomaloff Floreſtan von Saint⸗Herem. Louis Richard, ſein Vater und Mariette wohnten der Hochzeitfeier bei. 202 Der Vater Richard änderte, trotz ſeiner Aufer⸗ ſtehung, nichts an dem Gebrauche, den Louis bis jetzt vom väterlichen Vermögen gemacht hatte; nur verlangte ver Greis dringend, der Oekonvm des Hauſes zu werden, und in dieſer Eigenſchaft leiſtete er hier große Dienſte. Alle Jahre feierte man den 12. Mai boppelt. Louis, ſein Vater und Mariette, welche Herrn und Frau von Saint⸗Herem häufig beſuchten, nahmen an einem prachtvollen Feſte Theil, das im Hotel Saint⸗Ramon von den Beſitzern beſſelben am Jahrestage ihrer Verbindung gegeben wurdez aber um Mitternacht fanden ſich Floreſtan und ſeine Frau, die ſich anbeteten, denn vieſe Heirath war am Ende eine Liebesheirath geworden, beim Hochzeitmahle der ſechs neuen Ehepaare im Hauſe des Guten Got⸗ tes ein. Ende des Geizes. g14 szeqne