8 Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wr. — Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 W. — Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. chadenersatz. 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Gegen das Ende des Monats October 18 4 fand folgende Unterredung im Kloſter ver heiligen Roſalia zwiſchen der Superiorin dieſes Hauſes, Schweſter Pru⸗ dence, und einem gewiſſen Abbé Ledour ſtatt, deſſen ſich die Leſer dieſer Erzählungen vielleicht erinnern werden. *²) Der Abbé war in das Privatſprachzimmer von Schweſter Prudence, einer Frau von ungefähr ſechzig Jahren, mit bleichem, ernſſem Geſichte und feinem, durchdringendem Auge, eingetreten. „Nun! mein lieber Abbe,“ ſagte ſie, „was für Nachrichten haben Sie von Don Diego? Wann kommt er an?“ „Der Domherr iſt angekommen, meine liebe Schweſter.“ „Mit ſeiner Nichte *“ „Mit ſeiner Nichte.“ „Gelobt ſei Gott! . . . Laſſen Sie uns nun den Himmel bitten, daß er unſere Pläne begünſtige.“ „Gewiß, meine liebe Schweſter, bitten wir ihnz aber vor Allem laſſen Sie uns vorſichtig ſpielen, denn die Partie wird nicht leicht zu gewinnen ſein.“ *) Siehe die Hoffart. Die Schlemmerei. 1 8 — „Was ſagen Sie? „Die Wahrheit. Dieſe Wahrheit habe ich erſt heute Morgen erfahren, und ich theile ſie Ihnen mit. Wollen Sie mir Ihre ganze Aufmerkſamkeit ſchenken.“ „Ich höre, mein Theuerſter.“ „Damit wir uns übrigens beſſer erinnern, und ſehr klar in unſeren Angelegenheiten ſehen, ſtellen wir den Stand der Dinge ſcharf heraus. Der den aus⸗ wärtigen Miſſionen beigegebene Pater Benedict, welcher ſich gegenwärtig in Cadir befindet, empfahl mir in einem Briefe vor ungefähr zwei Monaten ganz beſon⸗ ders den edlen Don Diego, Domherrn von Alcantara. Er ſollte ſich in Cadir nach Frankreich mit ſeiner Nichte Dolores Salcedo einſchiffen.“ „Sehr gut, mein lieber Bruder.“ „Der Pater Benedict fügte bei, er kenne hin⸗ reichend den Character und die Neigungen der Se⸗ nora Dolores Salcedo, um überzeugt zu ſein, ſie werde ſich leicht entſchließen, den Schleier zu nehmen, ein Entſchluß, der die Billigung von Don Diego, ihrem Oheim, erhalten würde.“ „Und da ſie die einzige Erbin des reichen Dom⸗ herrn ſein ſoll, ſo würde dem Hauſe, in das ſie ein⸗ träte, das Vermögen, welches ihr eines Tages zufällt, zu Gut kommen.“ „Das iſt es, meine liebe Schweſter. Ich habe auch ganz natürlich für die Senora Dolores an unſer Haus der heiligen Roſalia gedacht, und mit Ihnen über vieſe Pläne geſprochen.“ „Und ich bin ihnen beigetreten, denn, da ich einige nebung, einige Erfahrung in Betreff der jungen Mäd⸗ chen habe, ſo darf ich beinahe verſichert ſein, daß ich, durch die Ueberredung, dieſe unſchuldige Taube vor den Fallen einer verlockenden, verdorbenen Welt be⸗ ſchützen kann, indem ich ſie beſtimme, in unſerem Hauſe den Schleier zu nehmen. Das iſt ein doppelt gutes Werk: ein Mädchen retten und dem Nutzen der Armen 3 Reichthümer verſchaffen, deren Verwendung in an⸗ deren Händen ſchlecht werden könnte; es war nicht zu zögern.“ „Allerdings; doch nun, meine liebe Schweſter, waltet die Unannehmlichkeit ob, daß die unſchuldige Taube einen Geliebten hat.“ „Jeſus! was ſagen Sie, mein Bruder? Welch ein Gräuel! Aber unſere Pläne .. „Ich machte Sie auch darauf aufmerkſam, daß wir vorſichtig ſpielen müſſen.“ „Und wie find Sie von dieſem Gräuel unterrichtet worden, mein lieber Bruder?“ „Durch den Haushofmeiſter von Don Diego, der mich in Allem, was er über den Domherrn und ſeine Nichte erfährt, auf dem Laufenden erhalten ſoll.“ „Dieſe Mittheilungen ſind unerläßlich, mein Bru⸗ der, denn ſie werden uns in den Stand ſetzen, mit Kennt⸗ niß der Sache und Sicherheit zu handeln. Was hat Ihnen aber der Haushofmeiſter über dieſe unglückliche Liebe eröffnet, mein theurer Bruder?“ „Vernehmen Sie, wie die Dinge ſich zugetragen haben. Der Domherr und ſeine Nichte haben ſich in Cadir an Bord eines Dreimaſters eingeſchifft, der von Indien kam und nach Bordeaur auslief. Es gibt aber wahrhaftig vft ſeltſame Verhängniſſe.“ „Welche Verhängniſſe?“ „Vor Allem hatte der Dreimaſter, an deſſen Bord der Domherr ſich einſchiffte, den Namen der Gaſt⸗ ronom.“ „In der That, ein ſeltſamer Name für ein Schiff!“ „Weniger ſeltſam, als er es Anfangs zu ſein ſcheint, meine liebe Schweſter; denn dieſes Schiff, nach⸗ dem es nach Indien Weine von den beſten Gewächſen von Bordeaux und vom Süden, Schinken von Bayonne, geräucherte Zungen von Troyes, Paſteten von Amiens und von Straßburg, Thunfiſch und Oliven von Mar⸗ 5 denn ich erinnere mich nun, daß mein Arzt, der Doctor Gaſterini „ „Ein abſcheulicher Atheiſt! ein Sardanapal!“ unterbrach Schweſter Prudence den Abbé Ledoux, in⸗ dem ſie die Hände zum Himmel erhob; „ich habe nie begriffen, warum Sie ſich von einem ſolchen Ungläu⸗ bigen behandeln ließen.“ „Ich werde Ihnen das eines Tags fagen, meine liebe Schweſter, aber glauben Sie mir, ich weiß, was ich thue. Und überdies iſt der Doctor Gaſterini, trotz ſeines hohen Alters, noch der erſte Arzt von Paris, wie er auch noch der erſte Gourmand der Welt iſt. Denn, wie ich Ihnen ſagte, meine Schweſter, ich er⸗ innere mich nun, von der Tafel eines ſpaniſchen Dom⸗ herrn ſprechen gehört zu haben, von einer Tafel, welche nach einer Correſpondenz, die der Doctor von Madrid erhalten hat, wahrhaft merkwürdig geweſen ſein ſoll. Ich vermuthete damals entfernt nicht, es handle ſich um Don Diego. Das iſt ührigens ein alberner und armſeliger Menſch, zugänglich für allen lächerlichen Aberglauben des Süden. Nach den Behauptungen des Haushofmeiſters wäre es auch leicht, dieſem ſchwelge⸗ riſchen Domherrn den Teufel in Fleiſch und Knochen zu zeigen.“ „Einen Augenblick Geduld, mein lieber Bruder: dieſer Aberglaube mißfällt mir durchaus nicht bei dem Domherrn.“ „Mir auch nicht, meine Schweſter; im Gegentheil: er iſt mir ſehr angenehm. Das iſt noch nicht Alles: durch einen Fond von mittelmäßiger Religion täuſcht ſich der Domherr gar nicht über die Unfläthigkeit der bei ihm vorherrſchenden Leidenſchaft. Er weiß, daß die Schlemmerei eine von den ſieben Todſünden iſt, er glaubt, dieſe Sünde müſſe ihn in die Hölle führen, und dennoch hat er nicht den Muth, ſeinem Laſter zu widerſtehen; er ißt mit Wolluſt. Nur, wenn er 6 keinen Hunger mehr hat, kommt die Stunde der Ge⸗ wiſſensbiſſe.“ „Statt der Gewiſſensbiſſe müßte der Unglückliche Unverdaulichkeiten haben!“ rief Schweſter Prudence. „Das würde ihn vielleicht beſſern.“ „Das iſt wahr, meine Schweſter, doch es iſt nicht ſo. Richtsdeſtoweniger vergeht das Leben des Dom⸗ herrn damit, daß er genießt und genoſſen zu haben bereut; mit Hülfe ſeiner Gewiſſensbiſſe und ſeines Aber⸗ glaubens erwartet er zuweilen ſogar eine plötzliche und furchtbare himmliſche Strafe; kommt aber der Appetit wieder, ſo kommt mit ihm das Vergeſſen der Reue, und ſo iſt es lange beim Domherrn geweſen.“ „Im Ganzen, mein Bruder, finde ich ihn noch we⸗ niger ſchuldig, als dieſe Sardanapale, wie Ihr Doctor Gaſterini, welche auf eine freche Weiſe ohne irgend eine Furcht genießen. Der Domherr hat wenigſtens das Bewußtſein ſeiner Sünde: das iſt ſchon etwas.“ „Nachdem ich den Character des Domherrn ſo hervorgehoben habe, werden Sie ſich nicht mehr wun⸗ dern, daß Don Diego, da er, in Cadir anweſend, er⸗ fuhr, en Schiff, genannt der Gaſtronom, laufe nach Frankreich aus, dieſe Gelegenheit, ſich auf dem ſo glücklichen benannten Dreimaſter einzuſchiffen und bei ſeiner Ankunft in Bordeaur einige Tonnen Wein von den koſtbarſten Gewächſen kaufen zu können, mit beiden Händen ergriff.“ „Gewiß, ich ſehe das ein, mein lieber Bruder.“ „Der edle Don Diego iſt nun auf dem Ga ſtro⸗ nom mit ſeiner Nichte eingeſchifft. Man kann ſich, ſagte mir der Haushofmeiſter, man kann ſich keine Vorſtel⸗ lung von der Menge von Mundvorräthen, von Waaren, von Erfriſchungen aller Art machen, mit denen der Domherr das Verdeck dieſes Schiffes überladen hat, eine übrigens durch alle Regeln der Schifffahrt ver⸗ botene Ueberladung; doch der Commandant des Drei⸗ maſters, ein gewiſſer Kapitän Horace, ein Ungläubiger, 7 wie es nur einen geben kann, hatte nur zu viele Ur⸗ ſachen, die Disciplin zu vergeſſen und bemüht zu ſein, ſich dem Domherrn angenehm zu machen.“ „Und dieſe Urſachen, mein Bruder?“ „Betroffen von der Schönheit der Nichte von Don Diego, als dieſer zu ihm kam, um mit ihm über die Bedingungen ſeiner Fahrt übereinzukommen, bewilligte dieſer elende Kapitän, der ſich ploͤtzlich in Dolores Sal⸗ cedo verliebte und die leichten Gelegenheiten der Fahrt zu benützen gedachte, Alles, was Don Diego von ihm verlangte, um ſicher zu ſein, ſeine Nichte ſich an Bord ſeines Fahrzeuges einſchiffen zu ſehen.“ „Welche Ruchloſigkeit von Seiten dieſes Kapitäns, mein Bruder!“ „Zum Glück hat ihn der Himmel dafür beſtraft, und das kann uns retten. Der Domherr und ſeine Nichte ſind alſo an Bord des mit Mundvorräthen von Don Diego überladenen Gaſtronom eingeſchifft. Kaum war man aus dem Hafen ausgelaufen, da bricht ein furchtbarer Sturm los, und die Sicherheit des Schiffes heiſcht, daß man, um die Schnelligkeit des Manoeuvre zu erleichtern, nicht nur alle Viclnalien des Domherrn, ſondern auch die Geflügelkäfiche und das für die Nahrung der Paſſagiere eingeſchiffte Vieh ins Meer wirft. Dieſer Sturm, der übrigens das Schiff gegen Bordeaur trieb, dauerte ſo lange und mit einer ſolchen Wuth fort, daß es beinahe während der ganzen Ueberfahrt unmöglich wurde, an Bord zu kochen, und daß Paſſagiere, Matroſen, Officiere, Alle genothigt waren, ſich mit trockenem Zwieback und etwas einge⸗ ſalzenem Fleiſch zu begnügen.“ „Ah! der unglückliche Domherr! Wie iſt es ihm, der ſo leckerhaft, ergangen?“ „Er wurde wüthend, meine Schweſterz denn dieſe Fahrt hat ihm ſeinen Appetit gekoſtet.“ „Ah! mein Bruder, das iſt der Finger der Vor⸗ ſehung!“ 8 „Mit einem Worte, mag der Schrecken wegen des Sturmes, mag die lange Entbehrung auserleſener Lebensmittel, mag die abſcheuliche Nahrung nachtheilig auf ſeine Geſundheit gewirkt haben, der Domherr, ſeitdem er ſich vom Gaſtronom ausgeſchifft, hat völ⸗ lig den Appetit verloren. Das Wenige, was er ißt, um ſich das Leben zu friſten, fommt ihm, wie mir der Haushofmeiſter geſagt hat, fad und bitter vor, ſo gut es auch bereitet iſt, und dabei läßt ihn der Aberglaube in der Fatalität dieſer Umſtände eine gerechte Strafe des Himmels in Beziehung auf ſeine unheilbare Gefräßigkeit erblicken. Da aber der Kapitän Horace das Hauptwerkzeug des himmliſchen Zornes iſt, ſo hat der Domherr einen Haß gegen dieſen Ungläubigen gefaßt, denn er kann nicht vergeſſen, daß ſeine Victualien, welche ſo gut den trockenen Zwieback und den Speck erſetzt hätten, unbarmherzig auf Befehl des Kapitäns über Bord ge⸗ worfen worden waren. Vergebens verſuchte es dieſer wiederholt, ihm begreiflich zu machen, die Rettung des Schiffes habe von dieſem Opfer und mehreren andern abgehängt: Don Diego iſt in ſeinem Haſſe unbeugſam ge⸗ blieben. Nun denn! meine theure Schweſter, ſollten Sie glauben, daß, trotz deſſen, der Kapitän bei ſeiner Ankunft in Bordeaur die Frechheit gehabt hat, von Don Diego die Hand ſeiner Nichte Dolores zu verlan⸗ gen, wobei er ſich darauf ſtützte, daß dieſe unglückliche junge Perſon ihn liebe, und daß ſie von ihm geliebt werde? Sie fühlen, meine Schweſter, daß zwei Ver⸗ liebte ſich wenig um die ſchlechte Koſt oder um die Stürme bekümmern. Der Ungläubige hatte auch dieſe Unſchuldige bezaubert, behert. Brauche ich Ihnen zu ſagen, von welcher Entrüſtung, von welcher Wuth Don Diego bei dem Verlangen des Kapitän Horace ergriffen wurde, den er als ſeinen Toofeind, als den ihm vom himmliſchen Zorn zugeſandten böſen Genius betrachtet. Der Domherr hat auch Dolores kundge⸗ than, um ſie dafür zu beſtrafen, daß ſie einen ſolchen —— ——— 9 Ruchloſen zu lieben gewagt, werde er ſie ſogleich bei ſeiner Ankunft ins Kloſter bringen, und ſie müſſe Nonne werden.“ „Bls hierher, mein Bruder, ſehe ich nur Gluck für unſere Pläne; Alles ſcheint ſie zu unterſtützen.“ „Ja, meine Schweſter, — doch Sie rechnen ohne die Liebe von Dolores und ohne den entſchloſſenen Cha⸗ rakter dieſes verdammten Kapitäns. Er befindet ſich in Paris.“ „Welche Frechheit!“ „Er iſt zu Pferde, Station für Station, dem Wagen des Domherrn, ſo von Bordeaur bis Paris wie ein Geſandtſchaftscourier reitend, gefolgt. Dieſer Wüthende muß in der That eine eiſerne Conſtitution haben. Er hielt in den Gaſthöfen an, wo Don Diego anhielt, und während dieſer ganzen Reiſe nahmen die Liebäugeleien von Dolores und dem Kapitän ihren Fortgang, trotz der Verbote und der Zornausbrüche von Don Diegv. Konnte er dieſe unglückliche Vernarrte verhindern, aus dem Schlage zu ſehen? Konnte er dieſen Ungläubigen verhindern, auf der Landſtraße neben dem Wagen zu reiten?“ „Eine ſolche Frechheit iſt unglaublich, nicht wahr, mein Bruder?“ „Ich ſage Ihnen auch, man muß auf Alles bei einem ſolchen Raſenden gefaßt ſein. Er iſt nicht allein; einer von ſeinen Matroſen, ein wahrer Strauchdieb, hat ihn, hinter ihm reitend und ſich auf dem Pferde wie ein Affe auf einem Eſel anklammernd, begleitet, wie mir der Haushofmeiſter ſagt. Dieſer verteufelte Matroſe iſt zu Allem fähig, um ſeinen Kapitän, dem er ſehr er⸗ geben, zu unterſtützen. Das iſt noch nicht Alles. Zwanzigmal während der Reiſe hat Dolores ihrem Oheim entſchloſſen erklärt, ſie wolle keine Nonne werden, ſie wolle den Kapitän Horace heirathen, und dieſer würde ſie wohl, wenn man ſie zwinge, mit ſeinem Ma⸗ 10 troſen zu befreien wiſſen, und müßten ſie das Kloſter in Brand ſtecken.“ „Welch ein Bandit!“ rief Schweſter Prudence. „Welch ein abſcheulicher Böſewicht!“ „So, meine liebe Schweſter, ſtanden geſtern die Dinge bei der Ankunft von Don Diego in einer Woh⸗ nung, die ich zum Voraus für ihn beſtellt hatte. Dieſen Morgen ließ er mich bitten, zu ihm zu kommen; ich fand ihn ſehr niedergeſchlagen und im Bette liegend; er theilte mir mit, es habe ſich eine plötzliche Revo⸗ lution im Geiſte ſeiner Nichte bewerkſtelligt; ſie ſcheine jetzt ebenſo unterwürfig, ebenſo ergeben, als ſie Anfangs unbotmäßig geweſen; kurz, ſie willige ein, noch heute ins Kloſter zu gehen, wenn man es verlange.“ „Mein Bruder, mein Bruder, dieſe Veränderung iſt ſehr raſch, ſehr ungeſtüm.“ „Das iſt auch meine Anſicht, meine Schweſter. Wenn ich mich nicht irre, verbirgt dieſer plötzliche Um⸗ ſchlag eine Falle. Ich habe Ihnen auch geſagt, wir müſſen ſehr vorſichtig ſpielen. Es iſt allerdings ſchon viel, daß wir dieſe unglückliche Vernarrte in unſeren Händen haben, aber wir müſſen auch an den Feind denken, an dieſen abſcheulichen Kapitän Horace, der, in Begleitung ſeines Matroſen, ohne Zweifel beſtändig um das Haus herumſtreicht, wie der räuberiſche Wolf, von dem die Schrift ſpricht.“ „Quaerens, quem devoret,“ ſagte Schweſter Pru⸗ dence, die ſich auf ihre Latinität etwas zu gut that. „Ganz richtilg, meine Schweſter, ſuchend, wen er verſchlinge; doch zum Glück: auf einen guten Wolf ein guter Haushund, und wir haben beherzte und verſtändige Diener. Die größte Wachſamkeit wird innen und beſonders außen geboten werden und ſtatt⸗ haben. Wir werden bald erfahren, wo dieſer ungläubige Kapitän wohnt; er wird keinen Schritt thun, ohne daß ihm einer von unſeren Leuten folgt; er wird ſehr fein, ſehr verwegen ſein müſſen, um etwas zu verſuchen,“ 11 „Dieſe Wachſamkeit ſcheint mir auch dringend nothwendig, mein Bruder.“ „Nun iſt mein Wagen unten, wir wollen zum Domherrn fahren, und in einer Stunde wird ſeine Nichte hier ſein.“ . „Um nicht mehr wegzugehen, wenn es dem Himmel gefällt, mein Bruder, denn es handelt ſich um das ewige Heil dieſer armen Tollen.“ Zwei Stunden nach dieſer Unterredung trat die Senora Dolores Salcedo wirklich in das Haus der heiligen Roſalia ein. 5 Wenige Tage nach dem Eintritt der Senora Dolores Salcedo in das Haus der heiligen Roſalia, und als der Tag ſeinem Ende nahe war, gingen zwei Männer ſachte das Boulevard de l'Hopital, einem der ödeſten Orte von Paris, entlang. Der jüngere von dieſen zwei Männern ſchien fünf und zwanzig bis dreißig Jahre alt zu ſein. Sein Ge⸗ ſicht war offen und entſchloſſen, ſein Teint ſonnverbrannt, ſeine Geſtalt hoch und kräftig, ſein Gang entſchieden, ſeine Kleidung einfach und von militäriſcher Strenge. Sein Gefährte, der viel kleiner, aber ſeltſam unter⸗ ſetzt und ſtark, ſchien ungefähr fünf und vierzig Jahre zu zählen und bot den Typus des Matroſen, ein Typus, mit dem die Augen der Pariſer nun vertraut ſind. Ein Hut von Wachstuch von niedriger Form, mit breiter Krämpe, ſehr ruckwärts geſetzt auf dem dicken Kopfe ——————— 12 vieſes Menſchen, entblößte ſeine Stirne, auf der man fünf bis ſechs ziemlich lange Pfropfzieher oder Herz⸗ haken bemerkte, während ſein übriges Haar ſehr glatt geſchoren war. (Dieſe Friſur, genannt à la matelot, war, wenn unſere Erinnerungen getreu ſind, im Jahre 1825 ſehr beliebt unter dem Schiffsvolk des Hafens von Breſt.) Ein weißes Hemd mit einem roth eingefaßten und auf ſeine breiten Schultern zurückgeſchlagenen Kragen ließ den Stierhals unſeres Matroſen ſehen, deſſen Haut gegerbt war wie ziegelfarbiges Pergament. Eine runde Jacke von blauem Tuch mit Knöpfen, worauf ein Anker geſtempelt, und eine weite, um die Hüften durch einen rothen wollenen Gürtel feſtgehaltene, Hoſe vervollſtän⸗ digten die Kleidung unſeres Mannes. Ein bis an den Hals hinablaufender Backenbart von einem mit Roth⸗ gelb nuancirten Braun umrahmte ſein viereckiges, zu⸗ gleich gutmüthiges und entſchloſſenes Geſicht. Ein ober⸗ ſtächlicher Beobachter hätte glauben können, der linke Backen des Seemanns ſei beträchtlich durch einen Fluß angeſchwollen, doch bei einer aufmerkſameren Prü⸗ fung errieth man, eine ungeheure Maſſe Kautabak verurſache dieſe vorübergehende Geſchwulſt. Fügen wir endlich bei, daß der Matroſe auf ſeinem Rücken einen Sack trug, deſſen Inhalt ziemlich umfangreich zu ſein ſchien. Dieſe zwei Männer waren vor hohen, einen Gar⸗ ten umgebenden Mauern angelangt. Man unterſchied kaum die Gipfel der Bäume, denn es war beinahe völlig Nacht geworden. Der junge Mann ſagte zu ſeinem Gefährten, wäh⸗ rend er ſtehen blieb, als wollte er ſich orientiren: „Sans⸗Plume *), höre.“ „Was beliebt, Kapitän?“ fragte der Mann mit dem Kautahak, auf dieſen ſonderbaren Beinamen ant⸗ wortend. *) Ohne Feder. 13 „Wenn ich nicht irre, iſt es hier.“ „Ja, Kapitän, es iſt in der Anlände dieſer zwei großen Bäume. Da iſt die Stelle, wo die Mauer ein wenig beſchädigt iſt, ich habe es geſtern Abend in der Dämmerung bemerkt, als wir den Stein und den Brief aufhoben.“ „Ganz richtig! Vorwärts, behende, mein alter Maſtwächter,“ ſagte der Kapitän zu ſeinem Matroſen, indem er ihm mit dem Auge einen der großen Bäume des Boulevard bezeichnete, von dem mehrere ſtarke Aeſte weit über die Gartenmauer hingen. „Hoch, Sans⸗ Plume! in Erwartung der Stunde müſſen wir ſehen, wie wir die Sache ausreeden können.“ „Kapitän, es iſt noch ein wenig Dämmerung, und ich erblicke dort einen Menſchen, der hierher kommt.“ „So warten wir. Verbirg vor Allem Deinen Sack hinter dieſem Baumſtamm. Du haſt nichts vergeſſen?“ i Kapitän, meine ganze Ausreedung iſt arin.“ „Komm, laß uns gehen. Dieſer Menſch nähert ſich; wir dürfen nicht das Anſehen haben, als hätten wir vor dieſer Mauer beigelegt.“ „Ah! Kapitän, machen wir Schläge, um ihn irre zu führen.“ Und die zwei Seeleute fingen an, wie es Sans⸗ Plume in ſeiner maleriſchen Sprache geſagt hatte, einen Schlag in die Gegenallee zu machen, nachdem der Matroſe zu größerer Vorſicht den Sack, den er An⸗ fängs zwiſchen einem der Bäume des Bonlevard und der Mauer verborgen, wieder aufgenommen hatte. „Sans⸗Plume,“ ſagte der junge Mann, während er ging, „wirſt Du wohl den Ort, wo uns der Fiacre erwartet, wiedererkennen?“ „Ja, Kapitän. Aber ſagen Sie doch, Kapitän?“ „Was?“ „Dieſer Menſch ſieht aus, als folgte er uns.“ „Bah!“ 14 „Als beſpähte er uns!“ „Ah! Sans⸗Plume, Du biſt ein Narr!“ „Kapitän, drehen wir gegen die linke Seite, und Sie werden ſehen.“ „Gut!“ ſagte der Kapitän. Und von ſeinem Matroſen gefolgt, verließ er die Gegenallee rechts, ſchritt über die Chauſſee und trat in die linke Gegenallee ein. „Nun! Kapitän, Sie ſehen, dieſer Lascars*) ſchifft in unſerem Waſſer.“ „Es iſt wahr, man folgt uns.“ „Das begegnet mir nicht zum erſten Mal,“ ſagte Sans⸗ Plume mit einer Nuance von Eitelkeit, indem er halb ſeinen Mund mit der verkehrten Hand verbarg, um den durch das Kauen ſeiner ungeheuren Tabaksmaſſe erzeugten Zuwachs von Speichel auszuſchleudern. „Eines Abends, am Senegal, in Goree, wurde ich eine Meile weit, Bag⸗ ſpriet am Hintertheil, verfolgt; auf einem mit Zuckerrohr bepflanzten Felde angelangt . . . „Teufel! dieſer Menſch folgt uns entſchieden!“ unterbrach der Kapitän die indisereten Bekenntniſſe ſeines Matroſen. „Das beunruhigt mich.“ „Kapitän, ſoll ich meinen Sack niederlegen und ihn mit Tabak beſtreichen, um dieſen Burſchen uns wider unſeren Willen laviren machen zu lehren?“ „Ein ſchönes Mittel! Verhalte Dich ruhig und folge mir.“ Der Kapitän und ſein Matroſe ſchritten abermals über die Chauſſée und erreichten die Gegenallee rechts. „Sehen Sie, Kapitän?“ ſagte Sans⸗Plume, „er hat gedreht wie wir.“ „Laſſe ihn machen „und gehen wir gerade aus.“ Der Mann, der den zwei Seeleuten folgte, ein großer, kräftiger Burſche in blauer Blouſe und eine *) Indiſche Matroſen. Die Seeleute gebrauchen dieſe Benennung als Zeichen der Verachtung. — ——— — 15 Mütze auf dem Kopf, ging ihnen nur eine kleine Strecke voran, blieb dann ſtehen und betrachtete die Sterne, denn es war völlig Nacht geworden. Der Kapitän, nachdem er ein paar Worte leiſe zu ſeinem Matroſen geſagt, welcher hinter ihm halb verbor⸗ gen durch den Stamm eines der großen Bäume des Bou⸗ levard blieb, ſchritt allein dem ärgerlichen Beobachter entgegen und ſagte zu ihm: „Kamerad, es iſt heute Abend ſehr ſchönes Wetter.“ „Sehr ſchön.“ „Sie erwarten Jemand hier?“ 5n „Ich auch.“ „Ah!“ „Kamerad, haben Sie noch lange zu warten?“ „Wenigſtens drei Stunden.“ „Kamerad,“ fuhr der Kapitän, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fort, „wollen Sie das Doppelte von dem verdienen, was man Ihnen dafür gibt, daß Sie mir folgen und mich beſpähen?“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen; ich folge Ihnen nicht, mein Herr, ich beſpähe Sie nicht.“ „Doch.“ „Nein.“ 6 „Machen wir ein Ende! ich gebe Ihnen, was Sie wollen, daß Sie Ihres Weges gehen. Hören Sie ich habe Gold in meiner Taſche,“ ſprach der Kapitän. Und er ließ das Gold klingen, mit dem ſeine We⸗ ſten taſche gefüllt war, und fügte bei: „Ich habe hier fünfundzwanzig bis dreißig Louis d'or.“ „Wie?“ verſetzte der Aergerliche mit einer ſeltſam lü⸗ ſternen Miene, „fünfundzwanzig bis dreißig Louis d'or?“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke einer ent⸗ fernten Kirche halb acht Uhr. Beinahe zu gleicher Zeit wurde ein gutturaler, einem Rufe oder einem Signale ähnlicher Schrei, in der Richtung hörbar, der Anfangs der Mann mit der Blouſe gefolgt war, um den zwei 16 Seeleuten nachzugehen. Der Spion machte eine Bewe⸗ gung, als hätte er die Bedeutung dieſes Schreies be⸗ griffen, und ſchien einen Augenblick unentſchieden. „Halb acht Uhr,“ ſagte der Kapitän zu ſich ſelbſt; „vieſer Schlingel da iſt nicht allein.“ Nach dieſer Betrachtung huſtete er. Kaum hatte der Kapitän gehuſtet, als ſich der Spion von Elnem, der ſich ungeſtüm zwiſchen ſeine Beine geworfen, kräftig bei den Knöcheln gepackt fühlte und rückwärts fiel; doch während er fiel, hatte er Zeit, mit einer ſchallenden Stimme zu rufen: „Hurtig, Jean lauf nach 0 Er konnte nicht vollenden. Sans⸗Plume, nachdem er ihn niedergeworfen, hatte ſich ohne Umſtände geſetzt und laſtete mit ſeinem ganzen Gewichte auf der Bruſt des Spions, den er gewaltig an der Gurgel hiekt und ſo zu ſprechen verhinderte. „Teufel! würge ihn nicht zu ſehr!“ ſagte der Ka⸗ pitän, während er, niedergekniet, mittelſt ſeines Foulard die zwei Beine des unbeſcheidenen Neugierigen kräftig zuſammenband. „Den Sack, Kapitän,“ ſprach Sans⸗Plume, der . immer den Spion bei der Gurgel hielt; „den Sack! er iſt groß genug, um ihm damit den Kopf und die Arme zu verhüllen; wir wollen ihm denſelben feſt um die Hüften ſchnüren, und er wird ſich ebenſo wenig rühren, als eine Rolle alter Segel.“ Geſagt, gethan. In ein paar Secunden war der Neugierige, dem man den Sack wie eine Capuze über den halben Leib gezogen und die Beine zuſammenge⸗ punden hatte, außer Stande, eine Bewegung zu machen. Sans⸗Plume hatte die Artigkeit, ſein Opfer bis in einen der breiten grünen Gräben fortzuſchieben, welche die Bäume trennen, und man hörte auf dieſer Seite nur eine wenig unterbrochene Folge von erſticktem Geblöke. „Es wird im Kloſter Lärm gemacht werden! Es hat ſieben Uhr geſchlagen,“ ſagte der Kapitan zu ſeinem 17 Matroſen. „Man muß Alles wagen, oder es iſt Alles verloren.“ . „Mit zwei bis drei Bewegungen iſt die Sache fertig, Kapitän,“ antwortete Sans⸗Plume, indem er, wie ſein Gefährte, gegen die großen Bäume lief, welche über die Mauer hingen, bei der ſie zuerſt ſtille geſtanden waren. III. Während die ſo eben erzählten Ereigniſſe gegen halb acht Uhr auf dem Boulevard vorfielen, fand eine andere Scene im Innern des Kloſtergartens ſlatt. Schweſter Prubence, die Superiorin, und Dolo⸗ res Salcedo gingen trotz der ziemlich vorgerückten Abend⸗ ſtunde im Garten ſpazieren. Sehr brünett und von einem reizenden Antlitz, verband Dolores in ſich die ſeltenen anziehenden Voll⸗ kommenheiten der ſpaniſchen Schönheit: blauſchwarze Haare, welche aufgelöſt auf der Erde ſchleppten; einen matten, durch die Sonne des Süden vergoldeten Teint; große Augen, abwechſelnd voll von Feuer oder von feuchtem Schmachten; einen kleinen Mund, ſo roth wie eine vom Thau benetzte Blüthenknoſpe des Granat⸗ baumes; zarte und wollüſtige Taille. Was das Salero *) *) Das Wort Salerv, von den Spaniern in Beziehung auf die Tournüre der Frauen angewandt, iſt beinahe unüberſetzbar und hedentet anlockend, piquant. Die Schlemmerei, 2 18 ihres Ganges und ihre Tournure betrifft, ſo müßte man, um ſich einen Begriff davon zu machen, die Basquinen der ſchönen Senoras von Sevilla oder Cadir haben wogen ſehen, wenn ſie, mit dem Augenſtern und mit dem Fächer ſpielend, langſam an einem ſchönen Som⸗ merabend auf den Marmorböden ihrer Alamedas auf⸗ und abgehen. Dolores begleitete alſo Schweſter Prudence. Wäh⸗ rend ſie plauderten und gingen, hatten ſich die zwei Frauen der Mauer genähert, vor welcher der Kapitän Horace und ſein Matroſe Anfangs ſtehen geblieben waren. „Sie ſehen, meine liebe Tochter,“ ſagte die Supe⸗ riorin zu Dolores, „ich bewillige Ihnen Alles, was Sie wünſchen, obgleich die Regel des Hauſes das Spazie⸗ rengehen im Garten nach Einbruch der Nacht verbietet; ich habe eingewilligt, daß wir bis halb acht Uhr hier bleiben, — das heißt, bis zur Stunde des Abendbrodes, welche bald ſchlagen wird.“ „Ich danke Ihnen, Madame,“ erwiederte Dolores mit einem leicht ſpaniſchen Accent und mit einer köſtlich klingenden Stimme, „ich fühle, dieſer Spaziergang wird mir wohlthun.“ „Sie müſſen mich meine Mutter nennen und nicht Madame, meine liebe Tochter; ich habe es Ihnen ſchon geſagt, das iſt der Gebrauch hier.“ „Ich werde mich darnach richten, Madame.“ „Abermals!“ „Es wird mir ſchwer ſein, meine Mutter eine Per⸗ ſon zu nennen, welche nicht meine Mutter iſt,“ ſprach Dolores mit einem Seufzer. „Ich bin Ihre geiſtige Mutter, meine liebe Toch⸗ ter, Ihre Mutter in Gott, wie Sie meine Tochter in Gott ſind, ſein werden; denn Sie werden uns nicht mehr verlaſſen, Sie werden auf die trügeriſchen Freu⸗ den einer verkehrten und verdorbenen Welt verzichten — — — * — 8 — ** —— n „ 19 Sie werben hier einen himmliſchen Vorgeſchmack des ewigen Friedens haben.“ „Ich fange an es zu bemerken, Madame.“ „Sie werden im Gebete, im Stillſchweigen und in der Sammlung des Geiſtes leben.“ „Ich habe keinen andern Wunſch, Madame.“ „Gut, gut, meine liebe Tochter, denn was werden Sie im Ganzen vpfern?“ „Oh! nichts, durchaus nichts.“ „Ich liebe dieſe Antwort, meine theure Tochter; ſie ſind in der That nichts, weniger als nichts, dieſe ſchlimmen weltlichen Leidenſchaften, die uns nur Qua⸗ len verurſachen und auf den Weg des Verderbens ſchleudern.“ „Gerechter Himmel! das macht mich beben, wenn ich nur daran denke, Madame.“ „Der Herr inſpirirt Sie, wenn Sie mir ſo ant⸗ worten, meine theure Tochter, und ich bin feſt überzeugt, daß Sie nun kaum begreifen, wie Sie dieſen ungläu⸗ bigen Kapitän haben lieben können.“ „Das iſt wahr, Madame, ich war ſo wahnſinnig, vom Glück und von den Freuden der Familie zu träumen, ſo verbrecheriſch, daß ich dieſes Glück in einer getheilten Liebe zu finden und, wie ſo viele Andere, eine ergebene Gattin, eine zärtliche Mutter zu werden hoffte; das hieß, wie Sie mir fagten, den Himmel beleidigen. Ich bereue meine gottloſen Wünſche und ſehe alles Abſcheu⸗ liche derſelben ein; Sie müſſen mir verzeihen, Madame, daß ich in dieſem Grade ruchlos und toll geweſen bin.“ „Man muß nichts übertreiben, meine liebe Toch⸗ ter,“ verſetzte Schweſter Prudence, betroffen von dem leicht ironiſchen Ausdruck, mit welchem Dolores dieſe letzten Worte geſprochen hatte. „Aber,“ fügte ſie bei, als ſie bemerkte, welche Richtung das Mädchen nahm, „wozu in dieſe Allee zurückkehren? Es iſt bald die Stunde des Abendbrods; kommen Sie, meine liebe Toch⸗ 6 ter, gehen wir wieder nach dem Hauſe.“ 20 „Oh! Madame, bemerken Sie nicht den ſo liebli⸗ chen Geruch von jenem Bosquet?“ „Das ſind in der That einige Büſchel Reſeden. Doch kommen Sie; es iſt ſehr kühl; ich habe nicht Ihre ſechzehn Jahre, meine liebe Tochter, und ich befürchte den Schnupfen zu bekommen.“ „Ich bitte, einen Augenblick Geduld, damit ich ei⸗ nige von dieſen Blumen pflücken kann.“ „Ah! man muß Alles thun, was Sie wollen, meine liebe Tochter;. . die Nacht iſt hell genug, daß Sie dort, zehn Schritte von hier, die Reſeden ſehen; pflücken Sie davon und kommen Sie zurück.“ Dolores verließ den Arm der Superiorin und wandte ſich raſch nach den Blumenbüſcheln. In dieſem Augenblick ſchlug es halb acht Uhr. „Halb acht Uhr,“ murmelte Dolores bebend und horchend;z „er iſt da, er kommt.“ „Meine liebe Tochter, die Stunde des Abendbrods hat geſchlagen,“ ſprach die Superiorin, während ſie der Nichte des Domherrn entgegenging. „Hören Sie die Glocke? Geſchwinde! geſchwinde! kommen Sie; wir brauchen wenigſtens zehn Minuten, um das Haus wie⸗ der zu erreichen, denn wir ſind im Hintergrunde des Gartens.“ „Hier bin ich, Madame,“ rief Dolores, indem fie zu der Superiorin zurücklief, welche mit ſüßlichem Tone zu ihr ſagte: „Oh! die kleine Tolle !.. ſie läuft wie ein er⸗ ſchrockenes Rehl⸗ 2 Plötzlich ſtieß Dolores einen ſcharfen Schrei aus und ſiel auf beide Kniee. „Großer Gott!“ ſagte lebhaft die Superiorin, auf das Mädchen zuſtürzend; „was haben Sie, liebe Toch⸗ ter? warum dieſer Schrei? warum knieen Sie ſo?“ „Ah! Madame!“ „Was iſt es denn?“ „Welcher Schmerz!“ 21 „Wo dies?“ „Am Fuße, Madame; ich werde mich verrenkt. haben. Oh! wie leide ich, mein Gott! wie leide ich!“ „Suchen Sie aufzuſtehen, meine Tochter,“ ſagte die Superiorin, die ſich Dolores mit einem unbeſtimm⸗ ten Mißtrauen näherte, denn dieſe Verrenkung dünkte ihr ſonderbar. „Hier iſt mein Arm, ſtützen Sie ſich auf mich, kommen Sie.“ „Oh! unmöglich, Madame, ich wäre nicht im Stande, eine Bewegung zu machen.“ „Verſuchen Sie es wenigſtens.“ „Das will ich wohl,“ ſagte Dolores. Und ſie machte Miene, als wollte ſie ſich aufrecht halten, aber ſie fiel wieder auf die Kniee und gab aber⸗ mals einen ſcharfen Schrei von ſich, der jenſeits der Gartenmauer gehört werden mußte. Dann ſagte Dolores ſeufzend: „Sie ſehen, Madame, es iſt mir unmöglich, mich zu rühren; ich bitte, kehren Sie nach dem Hauſe zurück und befehlen Sie, daß man mich mit einem Stuhle oder einer Sänfte abholt. Oh! wie leide ich! meia Gott! wie leide ich! Haben Sie Mitleid, Madame, keh⸗ ren ſie raſch nach dem Hauſe zurück, es iſt ſo weit! ich werde mich nie bis dorthin ſchleppen können.“ „Mein Fräulein,“ rief die Superiorin, „ich laſſe mich nicht von Ihnen bethören! Sie haben ſich ebenſo wenig verrenkt, als ich: das iſt eine abſcheuliche Lügel Sie wollen, ich weiß nicht aus welchem Grunde, mich entfernen und allein im Garten bleiben. Ahi Sie machen, daß ich meine Nachgiebigkeit ſehr bereue.“ Das leichte Geräuſch einiger Kieſelſteine, welche durch die Zweige der Bäume fielen, erregte die Auf⸗ merkſamkeit der Superiorin und von Dolores. Da erhob ſich dieſe behende und ſtrahlend und rief: „Er iſt da!“ „Von wem ſprechen Sie, Unglückliche?“ „Vom Kapitän Horace,“ antwortete Dolores, in⸗ dem ſie einen ſpöttiſchen halben Knir machte. „Er kommt, um mich zu entführen.“ „Welche Verwegenheit! Ohl Sie glauben, daß wider meinen Willen .. „Wir ſind im Hintergrunde des Gartens, Ma⸗ dame; ſchreien Sie, rufen Sie, man wird Sie nicht hören.“ „Oh! entſetzlicher Verrath!“ rief die Superiorin, „das iſt ja unmöglich! die Männer von der Runde mußten das Boulevard ſeit Einbruch der Nacht nicht verlaſſen.“ „Horatio!“ rief Dolores mit klarer, ſilberner Stimme, „mein Horatio!“ „Schamloſe!“ ſchrie Schweſter Prudence in Ver⸗ zweiflung, indem ſie einige haſtige Schritte machte, um Dolores am Arm zu packen. Aber behende wie eine Gazelle, war die Spanierin mit zwei Sprüngen außer dem Bereiche der Superiorin, deren durch das Alter ſteif gewordene Glieder ſich gegen jede gymnaſtiſche Uebung ſträubten; ſchon erſtickt, rief ſie auch: „Oh! dieſe elenden Männer von der Runde! ſie werden nicht gewacht haben! Würde ich nun auch ſchreien, man koͤnnte mich vom Kloſter aus nicht hören! Dahin laufen heißt dieſe Unglückliche allein laſſen! Ahl ich ſehe zu ſpät ein, warum die Schlange unſern Spa⸗ ziergang ſo ſehr verlängert hat.“ „Horatio!“ rief abermals Dolores, welche ſich immer in der Entfernung von der Superiorin hielt, „mein lieber Horatio!“ „Laß nieder,“ antwortete eine männliche, vibrirende Stimme, welche vom Himmel zu kommen ſchien. Dieſe himmliſche Stimme war keine andere, als die des Kapitän Horace, welcher ſeinem getreuen Sans⸗ Plume Befehl gab, etwas niederzulaſſen. Trotz der Verſchiedenheit der Gemüthsbewegungen, von denen ſie ergriffen waren, ſchlugen die Superiorin 2⁸ und Dolores gleichzeitig die Augen auf, als ſie den Ka⸗ pitän Horace hörten. Erinnern wir aber an die Disvoſition der Oert⸗ lichkeit, um das Wunderzu erklären, welches ſich den Blicken der Klausnerinnen offenbaren ſollte. Zwei der dickſten Aeſte der Bäume des Boulevard liefen bis jenſeits der Kappe der Mauer des Kloſter⸗ gartens aus. Die Nacht war hell genug, daß Dolores und die Superiorin bald langſam, von Stricken gehalten, eine indiſche Hängematte ſich herabſenken ſahen, in deren der Kapitän Horace ausgeſtreckt lag, während er Dolores einen Hagel von Küſſen zuſandte. Als die Hängematte noch zwei Fuß von der Erde entfernt war, rief der Kapitän: „Stop!“ Die Hängematte blieb unbeweglich. Der Kapitän ſprang heraus und ſagte zu dem Mädchen: „Geſchwinde, wir haben keinen Augenblick zu ver⸗ lieren. Theure Dolores, ſteigen Sie in dieſe Hänge⸗ matte und haben Sie nicht bange.“ „Sie werden mich eher tödten, Ruchloſer!“ rief dte Superiorin. Und ſie warf ſich auf das Mädchen⸗ umſchlang es mit ihren Armen und ſchrie: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ In dieſem Augenblicke ſah man in der Ferne, ganz in der Tiefe des Gartens, Lichter hin und her gehen. „Dort ſind endlich Leute,“ rief die Aebtiſſin, ihr Geſchrei verdoppelnd: „Zu Hülfe! zu Hülfe.“ „Madame,“ ſagte der Kapitän, „laſſen Sie ſogleich Dolores los!“ Und, obwohl ungern Gewalt anwendend, befreite er das Mäbchen von der hartnäckigen Umſchlingung der Superiorin und hielt dieſe feſt, während Dolores in die Hängematte ſprang. Als ſie der Kapitän darin ſitzen ſah, rief er: „Ohe! hiß!“ 24 Und die Hängematte fing an ſich ziemlich raſch zu erheben, ſo leicht war das Gewicht des Mädchens. Wüthend bei dem Gedanken, die Hülfe, welche ihr zukam, werde vielleicht zu ſpät kommen, denn die Lich⸗ ter näherten ſich in der That, waren aber noch ſehr fern, verdoppelte Schweſter Prudence ihr Geſchrei und wollte ſich auf die Hängematte werfen, um ſie zurück⸗ zuhalten. Doch der Kapitän nahm vertraulich den Arm der Superiorin unter den ſeinigen und lähmte ſo alle ihre Bewegungen, obgleich ſie ſich zerarbeitete, um ihren Arm aus dieſem Schraubſtock zurückzuziehen. „Dolores,“ ſprach dann der Kapitän zu dem Mäd⸗ chen, das immer weiter aufſtieg, „haben Sie nicht bange. Sind Sie auf den großen Aeſten angekommen, ſo geben Sie ohne Furcht der Bewegung nach, welche die Hängematte über die Mauer hinausziehen wird: Sans⸗Plume iſt auf der andern Seite und wacht über Allem. Sagen Sie ihm, ſobald ſie auf der Erde ſind, er ſoll mir das Seil mit Knoten zuwerfen und es außen wohl halten.“ „Ja, mein Horatio,“ antwortete die Stimme von Dolores, welche ſchon acht bis zehn Fuß über dem Bo⸗ den erhaben war. „Seien Sie ruhig, unſere Liebe wird meinen Muth verdoppeln.“ Und die Lacherin neigte ſich aus der Hängematte und fügte heiter bei: „Gute Nacht, Schweſter Prudence, gute Nacht!“ „Du wirſt verdammt, verflucht ſein!“ rief die Superiorin. „Doch Sie, Elender, Sie werden mir nicht entkommen!“ ſchrie ſie, indem ſie ſich mit einem krampfhaften, verzweifelten Zorn am Arme des Kapitäns anklammerte. „Man naht, man wird Sie feſtnehmen.“ Die Lichter wurden in der That ſchon immer mehr ſichtbar, und man hörte in der Ferne das noch bedeckte Geſchrei von Leuten, welche: „Schweſter Prudence! Schweſter Prudence!“ riefen. Die Ankunft dieſer Hülfe verdoppelte die Kräfte 25 der immer am Arme von Horace angeklammerten Su⸗ periorin; ſie ſing an dem Seemann ziemlich beſchwer⸗ lich zu werden: er konnte ſich nicht entſchließen, dieſer betagten Frau Gewalt anzuthun, um ihrem Drucke zu entgehen. Die Lichter, die Rufe kamen indeſſen immer näher, und ohne Zweifel beſchäftigt, die Herab⸗ ſteigung von Dolores jenſeits der Mauer zu ſichern, hatte Sans⸗Plüme das Knotenſeil, das einzige Flucht⸗ mittel des Seemanns, noch nicht geworfen. Der Kapitän, der ſich um jeden Preis der Supe⸗ riorin ohne Brutalität entledigen wollte, ſagte auch u ihr: „Ich bitte Sie, Madame, laſſen Sie mich los.“ „Nein, Ruchloſer! Zu Hülfe! zu Hülfe!“ „Dann verzeihen Sie mir, Sie nöthigen mich da⸗ zu ich werde mit Ihnen einen hölliſchen Walzer, eine wüthende Polka tanzen.“ „Eine Polka! ich! Sie würden es wagen?“ „Auf, Madame, da es durchaus ſein muß, und im Takte „nach der Melodie des Tra, la, la.“ Und die Wirkung mit den Worten verbindend, ſchlang der muntere Kapitän den Arm, den er frei hatte, um den knochigen Leib von Schweſter Prudence, hob ſie auf, ſtimmte ſeinen Refrain an und begann ſie mit einer ſo Schwindel erregenden Schnelligkeit pirouet⸗ tiren zu laſſen, daß ſie nach einigen Seecunden, betäubt, erflickt, nur noch abgebrochene Sylben ausſprach: FOhl zu zu Hu hul ſ Ahl E „len der! „ich erſticke! Ich . kann nicht „mehr. Zu Hül fe!“ Und bald gelähmt durch die raſchen Drehungen, fühlte Schweſter Prudence ihre Beine ſchwach werden. Der Kapitän ſah ſie zwiſchen ſelnen Armen zuſammen⸗ ſinken und hatte nur noch Zeit, ſie weich auf den grü⸗ nen Raſen, vernichtet, ohne Stimme und ohne Athem, niederzulegen. „Ohe!“ rief in dieſem Augenblick Sans⸗Plume 26 von der andern Seite der Mauer, während er uͤber die Kappe ein langes Seil mit Knoten ſchleuderte⸗ „Teufel! es iſt Zeit!“ ſagte der Kapitän, auf das Seil zulaufend, denn die Lichter und die Leute, welche ſte trugen, waren nur noch fünfzig Schritte entfernt. Mit Heugabeln oder mit Flinten bewaffnet, hörten die zuerſt Eintreffenden das erſtickte Geſchrei der Su⸗ periorin; wieder ein wenig zu ſich gekommen, deutete ſie auf die Mauer und murmelte: „Dort, er entflieht.“ Durch die Geberde der Superiorin geleitet. erblickte einer von den mit einer Flinte bewaffneten Männern den Kapitän, welcher mit ſeiner Seemannsbehendigkeit beinahe den Kamm der Mauer erreicht hatte. ſehl Der Mann mit der Flinte legte an, ſchoß und ehlte. „Du, Du!“ rief er einem andern wie er bewaff⸗ neten Mann zu: „ſchieße, er ſteht nun auf der Mauer⸗ kappe, um die Baumäſte zu erreichen.“ Ein zweiter Schuß knallte in dem Augenblick, wo der Kapitän Horace, rittlings auf einem der nach dem Innern des Gartens vorſpringenden Aeſte ſitzend, gegen den Baumſtamm zurückte, mit deſſen Hülfe er nach außen hinabſteigen ſollte. Kaum war der Schuß ge⸗ than, als der Kapitän auffuhr und eine Secunde an⸗ hielt. Doch er verſchwand nichtsdeſtoweniger im Dickicht der Zweige. „Lauft! lauft hinaus!“ rief Schweſter Prudence mit einer keuchenden Stimme; „es wird vielleicht noch Zeit ſein, ihn feſtzunehmen.“ Die Befehle der Superiorin wurden vollzogen, als man aber auf das äußere Boulevard kam, waren Do⸗ lores, der Kapitän und Sans⸗Plume verſchwunden; man fand nur die Hängematte, welche einige Schritte von dem Spion lag, der, immer noch in ſeinen Sack gehüllt, in der Tiefe des Grabens dumpf bloͤkte. 27 V. Acht Tage nach der Eutführung von Dolores Sal⸗ cedo durch den Kapitän Horace erhielt der Abbs Le⸗ der bettlägerig war, einen Beſuch von ſeinem rzte. Der Kranke, welcher in einem weichen Bette im Hintergrunde eines Alcoven einer bequemen Wohnung lag, hatte immer das fette, blühende Geſicht; ſein drei⸗ faches Kinn ging bis auf den Kragen eines feinen Hemdes von holländiſcher Leinwand herab, und der Purpurglanz der Geſichtshaut des heiligen Mannes contraſtirte mit der unbefleckten Weiße ſeiner, nach der alten Mode, von einem orangefarbigen Bande um⸗ ſchloſſenen, baumwollenen Mütze. Trotz dieſes Anſcheins einer erfreulichen Geſundheit, ſtieß der Abbé, der den Kopf mit einer ſchmerzlichen Miene auf ſein Ohrkiſſen ſtätzte, von Zeit zu Zeit klägliche Seufzer aus, während ſeine kurze Hand ſeinem Arzte, der ihm mit großem Ernſte den Puls fühlte, überlaſſen war. Der Doctor Gaſterini, obgleich er fünf und ſechzig Jahre zurückgelegt hatte, ſchien nicht ſechzig alt zu ſein. Gerade und hoch gewachſen, hager und nervig, mit klarem Teint und hochrothen Lippen, ließ der Doctor, wenn er mit ſeiner feinen ſpöttiſchen Miene lächelte, zwei und dreißig tadellos weiße Zähne erblicken, welche mit der Glätte des Elfenbeins die ſchneidende Härte des Stahls zu verbinden ſchienen; ein Wald von wei⸗ ßen, natürlich gelockten Haaren umgab das liebenswür⸗ dige und geiſtreiche Geſicht des Doctors; immer ſchwarz mit einer gewiſſen Coquetterie gekleidet, war er der Ueber⸗ lieferung der kurzen Hoſe von Seidenſtoff, den Schuhen mit goldenen Schnallen und den ſeidenen Strümpfen, wel⸗ che ſein nerviges Bein hervorhoben, treu geblieben. 28 5 Der Doctor Gaſterini hielt alſo auf eine zarte Weiſe zwiſchen ſeinem Daumen und ſeinem Zeigefinger (um deren roſige, glatte Nägel ihn eine junge Frau beneidet haben würde), das Handgelenk ſeines Kunden, welcher andächtig auf die Entſcheidung ſeines Arztes wartete. „Mein lieber Abbé,“ ſagte der Doctor, „Sie ſind durchaus nicht krank.“ „Aber, Doctor. „Sie haben eine geſchmeidige, friſche Haut und fünf und ſechzig Pulsſchiäge in der Minute; man kann 6 unmöglich in beſſeren Geſundheitsumſtänden be⸗ nden.“ „Aber ich ſage Ihnen noch einmal, Doctor, ich .. „Aber ich wiederhole Ihnen, Abbé, Sie ſind nicht krank! Ich verſtehe mich wohl darauf!“ „Und ich ſage Ihnen, daß ich heute Nacht kein Auge zugethan habe. Frau Siboulet, meine Haushäl⸗ terin, iſt beſtändig auf den Beinen geweſen; ſie hat mir mehrere Male Tropfen von den guten Schwe⸗ ſtern gegeben.“ „Teufel!“ eaei deſtillirt im heiligen Herzen.“ „Peſt!“ „Ja, Doctor, Sie haben gut lachen . leider ha⸗ ben mir dieſe Mittel keine Erleichterung verſchafft. Ich mußte mich die ganze Nacht in meinem Bette hin und her drehen. Ach! ach! ich fühle mich nicht wohl; ich em⸗ pfinde eine Aufregung, ein unerträgliche Unbehaglichkeit.“ „Mein lieber Abbé, Sie haben vielleicht geſtern Abend irgend eine Widerwärtigkeit, einen Widerſpruch erlitten, und da Sie ſehr ſtarrköpfig, ſehr hochmüthig, ſehr grollſüchtig ſind . „Ich?“ „Sie.“ „Doctor, ich verſichere Sie „ „Dieſe Widerwärtigkeit, ſage ich, wird Sie in eine 29 e teufliſche Laune verſetzt haben; ich kenne aber kein r Mittel gegen den zwückgetretenen Aerger. Doch krank t oder unpäßlich ſind Sie nicht im Geringſten, mein wür⸗ r diger Abbé.“ „Warum hätte ich Sie dann gebeten, dieſen Mor⸗ d gen zu mir zu kommen?“ „Sie müſſen das beſſer wiſſen, als ich, mein lieber Abbé; ich vermuthe indeſſen das verborgene Motiv, wel⸗ d ches Sie mein Kommen hat wünſchen läſſen.“ „Das iſt ein wenig ſtark.“ „Nein, nicht ſehr ſtark, denn wir ſind alte Bekannte, und ich kenne Ihre Streiche.“ . „Meine Streiche?“ t „Sie machen manchmal vortreffliche. Doch um auf unſere Angelegenheit zurückzukommen, — ich glaube, daß Sie mich unter dem Vorwande einer Krankheit, welche nicht exiſtirt, haben bitten laſſen, um von mir unmittelbar oder mittelbar etwas zu erfahren, was Sie intereſſirt.“ „Ah! Doctor, das iſt ein ſchlechter Spaß!“ „Hören Sie, Abbé, ich bin in meiner Jugend Arzt des Herzogs von Otranto geweſen, als er Polizeimini⸗ ſter war. Er erfreute ſich, wie Sie, einer vortrefflichen Geſundheit; dennoch verging beinahe kein Tag, ohne aß e meinen Beſuch verlangte. Ich war damals nait, und obgleich ſich mir meine Laufbahn gut eröffnet hatte, bedurfte ich noch der Protectoren; wenn mir nn ach meine Beſuche bei der Excellenz von der Po⸗ lizei ſehr unnöthig ſchienen, ſo begab ich mich doch jeden Tag heharrlich zu ihr in ihrer Ankleideſtunde, und wir plauderten. Der Herr Herzog hatte die Unannehmlich⸗ keit, ſehr frageſüchtig zu ſein, und da ich durch mein Gewerbe mit Perſonen von allen Ständen in Verbin⸗ dung ſtand, ſo richtete dieſe treuherzige Ercellenz über meine Kunden eine Menge Fragen an mich mit einer reigenden Leutſeligkeit; ich, ich antwortete darauf in aller Aufrichtigkeit meiner Seele. Eines Tages kam ich zum 30 Miniſter beim Ende ſeiner Toilette, in dem Augenblick, wo ein Barbiergeſelle, der unſauberſte Burſche, den ich geſehen, ihn vollends raſirte. „„Herr Herzog,““ ſagte ich zu Seiner Excellenz, als der Barbier wegge⸗ gangen war, „„wie kommt es, daß Sie, ſtatt ſich von einem Ihrer Kammerdiener raſiren zu laſſen, die Dienſte vieſer abſcheulichen Barbiergeſellen vorziehen, die ich Sie gleichſam alle vierzehn Tage wechſeln ſehe ““ „„Mein Lleber,““ antwortete mir der Herzog mit ver⸗ traulichem Tone, „„Sie können ſich nicht vorſtellen, was man über alle Arten von Leuten und Dingen er⸗ fährt, wenn man dieſe Burſche ſchwatzen zu machen weiß.“ War dieſes Geſtändniß eine Zerſtreutheit, eine Unbeſonnenheit des großen Polizeimannes, oder hielt er mich für einfältig genug, daß ich das Gewicht ſeiner Worte nicht begreife? Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß dieſes Geſtändniß mich über den wahren Zweck auf⸗ klärte, den Seine Excellenz im Auge hatte, wenn ſie mich ſo gutmüthig jeden Morgen plaudern machte. Ich antwortete auch von da an mit großer Vorſicht auf die Fragen des feinen Miniſters, welcher ſo gut die vor⸗ treffliche Marime: „„Die beſten Spione ſind diejenigen, welche es find, ohne es zu wiſſen,“ in Ausübung brachte.“ „Die Anekdote iſt piquant, wie alle die, welche Sie erzählen, mein lieber Doctor,“ erwiederte der Abbé mit einem verborgenen Aergerz „doch ich ſchwöre Ihnen, daß Ihre Anſpielung ganz faiſch iſt, und daß ich ſehr krank bin.“ „Noch vierzig Jahre einer ſolchen Krankheit, mein lieber Abbé, und Sie werden hundertjährig,“ ſagte der Doctor, währenderaufſtand und weg zugehen ſich anſchickte. „Oh! welch ein Menſch! welch ein Menſch!“ rief der Abbé. „Aber, hören Sie doch, Doctor! Sind Sie denn ein Eiſenherz? Man verläßt nicht ſo einen armen Kranken! bewilligen Sie mir fünf Minuten!“ „Es ſeiz plaudern wir, wenn Sie wollen, mein lieber Abbs; ich habe eine Viertelſtunde zu Ihrer Ver⸗ 34 fügung; Sie find ein Mann von Geiſt, ich kann die Dauer dieſes Beſuches nicht beſſer anwenden.“ „Ah! Doctor, Sie find grauſam.“ „Wenn Sie einen gefälligeren Arzt wollen, ſo wenden Sie ſich an einige von meinen Collegen; Sie werden ſie eifrig finden, den berühmten Prediger Abbé Ledour, den Gewiſſensrath, welcher im Foubourg Saint⸗ Germain am meiſten in der Mode iſt, zu behandeln; denn, trotz der Republik oder gerade wegen der Re⸗ publik gibt es mehr als je einen Faubvurg Saint⸗ Germain, und unter allen Regierungen iſt die Pro⸗ tection des Abbé Ledoux eine tüchtige Protection.“ „Nein, Doctor, nein, ich will feinen andern Arzt als Sie, erſchrecklicher Mann, der Sie ſind. Und ſehen Sie, welches Vertrauen Sie mir einflößen! mir ſcheint, ſchon Ihre Gegenwart allein hat mir wohlgethan, be⸗ ruhigt mich.“ „Dieſer arme, liebe Abbé! welches Vertrauen! das das beweiſt wohl, daß nur der Glaube h 3 „Sprechen Sie nicht vom Glauben!“ rief der Abbé mit einem ſpaßhaft affectirten Zorn, „ſchweigen Sie, Heide, Materialiſt, Atheiſt, Republikaner! denn Sie ſind das, Sie ſind es immer geweſen, unter allen Umſtänden!“ „Ho! ho! Abbé, das ſind ſehr ſtarke Worte!“ „Sie verdienen ſie, abſcheulicher Menſch! Sie wer⸗ den verdammt, hören Sie? erzverdammt ſein!“ „Gott wolle es, damit wir uns eines Tages wie⸗ derfinden, mein armer Abbé.“ „Ich, verdammt?“ „He! he!“ „Ueberlaſſe ich mich, wie Sie, der Brutalität aller meiner Begierden? Ah! Sie ſind wie ein Sarda⸗ napal.“ „Schmeichler! doch das iſt Ihre Manier! Sie werfen einem alten Lovelace die Abſcheulichkeiten vor, deren er ſich gern noch möchte ſchuldig machen können, 32 und Sie wiſſen, daß dem nicht ſo iſt; aber gleichviel, Ihre Vorwürfe entzücken ihn, machen ihn ganz aufge⸗ räumt: dann geſteht er Ihnen auf eine köſtliche Weiſe alle Arten von Sünden, für die er leider unfähig iſt, der arme Mann, und Sie haben das Anſehen, als gäben Sie ſo einen letzten Vorwand für ſeine ohnmächtige Geckenhaftigkeit.“ „Pfui! pfui! Doetor, die Schlange hatte nicht mehr Bosheit, als Sie.“ „Dem abgelebten Chrgeizigen, dem unvermögenden Staatsmann werfen Sie nicht minder wüthend ſeine lichtſcheuen Schliche und Ränke, um die politiſche Welt, Eurvpa vielleicht, umzuſtürzen, vor. Mit welcher Sal⸗ bung genießt auch der arme Mann Ihre Vorwürfe! Alle Welt floh ihn wie eine Peſt, wenn er den Mund öffnete, um ſeine Politik abermals zu wiederholen; wel⸗ ches Glück alſo für ihn, Ihnen ſeine macchiavelliſtiſchen Projecte in Beziehung auf die Geſchicke Europas lang und breit auseinanderſetzen zu können und ſo einen geduldigen Zuhörer für die Inſanitäten ſeines Alters zu finden!“ „Ja, ja, ſcherzen Sie, ſpotten Sie, ruchloſer Doe⸗ tor! Sie wollen ſich betäuben, indem Sie die Andern verleumden.“ „Hören Sie, Abbé, ſtellen wir eine Gewiſſensprü⸗ fung an. Unſere Rollen werden verkehrt ſein; ich, der Arzt des Körpers, will von Ihnen, dem Seelenarzte, eine Conſultation verlangen.“ „Und Sie wären dieſer Conſultativn ſehr bedürftig.“ „Was werfen Sie mir vor, Abbs?“ „Sie ſind ein Schlemmer wie Vitelliue, Lucullus, der Prinz von Soubiſe, Talleyrand, d'Aigrefeuille, Cam⸗ bacéros und Brillat⸗Savarin mit einander.“ „Immer Schmeichler! Sie werfen mir meine ein⸗ zige hohe und große Eigenſchaft vor.“ „Ahl Doctor, halten Sie mich mit Ihren Poſſen für eine Auſter?“ . 33 „Sie für eine Auſter halten? Seht den Eillen! Leider kann ich die für Sie ſo ſchmeichelhafte Verglei⸗ chung nicht machen, Abbé: das wäre eine Ketzerei, ein Anachronismus; die grünen Auſtern, (von den andern nimmt man an, daß ſie nicht exiſtiren), die Auſtern ge⸗ ben erſt gegen die Mitte des Novembers das Recht, von ihnen zu ſprechen, und ſo weit ſind wir nicht.“ „Doctor, das mag ſehr geiſtreich ſein, überzeugt mich aber nicht, daß die Schlemmerei je, weder bei Ihnen, noch bei irgend Jemand, eine gute Eigenſchaft ſein kann.“ „Ich werde Sie überzeugen.“ „Sie?“ „Ich, mein lieber Abbé.“ „Das iſt ein wenig ſtark. Und wie?“ „Bewilligen Sie mir Ihren Abend am 20. No⸗ vember, und ich werde Ihnen beweiſen, daß ..“ Doch ſich unterbrechend, fügte der Doctor bei: „Ahl mein lieber Abbé, was haben Sie denn unabläſſig nach jener Thüre zu ſchauen?“ So unverſehens gepackt, erröthete der fromme Mann bis über die Ohren, denn mehrere Male hatte er den Doctor zerſtreut angehört und die Augen mit Ungeduld nach der Thüre gewandt, als ob eine erwartete Perſon nicht käme; ſobald aber dieſe erſte Bewegung der Ueber⸗ raſchung vorüber war, gewann der Abbé raſch wieder ſeine Faſſung und fragte: „Von welcher Thüre ſprechen Sie, Doctor? Ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Ich ſage, Sie ſchauen häufig nach jener Seite, als ob Sie auf eine glückliche Erſcheinung rechneten.“ „Nur Sie in der ganzen Welt haben ſolche Ideen, lieber Doetor. Ich hatte mich ganz Ihrer ſophiſtiſchen, aber geiſtreichen Converſation hingegeben.“ „Ah! Abbé! Abbé! Sie überhaufen mich mit Ar⸗ tigkeiten.“ Die Schlemmerei. 3 34 „Mit einem Wort, Doctor, Sie wollen mir be⸗ weiſen, daß die Schlemmerei eine edle, erhabene Lei⸗ venſchaft iſt, nicht wohr?“ „Erhaben, das iſt das richtige Wort, Abbs. Er⸗ haben, wenn nicht durch ſich ſelbſt, doch wenigſtens durch die Folgen, die ſie haben kann, beſonders im Intereſſe des Ackerbaus und des Handels.“ „Oh! Doctor, das iſt ein Parodoxon.“ „Das iſt kein Parodoron, das iſt eine Thatſache, ja eine Thatſache, und wenn es Ihnen poſitiv, mathematiſch⸗ praktiſch ökonomiſch dargethan iſt, was werden Sie zu antworten haben? Werden Sie noch zweifeln?“ „Ich werde zweifeln, oder ich werde vielmehr weniger als je dieſe Abſcheulichkeit glauben.“ „Wie! trotz der Augenſcheinlichkeit?“ „Wegen der Augenſcheinlichkeit, wenn dieſe Augen⸗ ſcheinlichkeit je eriſtiren kann; denn gerade mittelſt dieſer vorgeblichen Augenſcheinlichkeiten, dieſer treuloſen An⸗ ſcheine ſtellt uns der böſe Geiſt die gefährlichſten Fallen.“ „Ah! Abbé, was Teufels, ich bin kein Semi⸗ nariſt, den Sie den neberſchlag zu nehmen vorbereiten. Sie ſind ein Mann von Geiſt und von Wiſſen. Wenn ich vernünftig mit Ihnen rede, reden Sie auch ver⸗ nünftig mit mir, und ſprechen Sie nicht vom Teufel und ſeinen Hörnern.“ „Aber, Sie Heide, Sie Götzendiener, der Sie find, Sie wiſſen nicht, daß die Schlemmerei vielleicht die gräulichſte von den ſieben Todſünden iſt 7“ „Abbs, vor Allem bitte ich Sie, nicht nur ſo die ſieben Todſünden zu verleumden und von ihnen mit der denſelben in vielen Fällen gebührenden Ehrer⸗ bietung zu ſprechenz ich habe ſie immer im Allgemeinen und insbeſondere tief verehrt.“ „Ah! gut! er verherrlicht nicht nur die Schlem⸗ merei, er treibt das Parodoron ſo weit, daß er die ſieben Todſünden verherrlichen will.“ — 35 „Ja, lieber Abbé, alle Sieben von einem ge⸗ wiſſen Geſichtspunkte aus betrachtet.“ „Das iſt Monomanie!“ „Wollen Sie überzeugt ſein, Abbés?“ „Von was? „Von der möglichen Vortrefflichkeit, von der be⸗ dingungsweiſen Vortrefflichkeit, von der philoſophiſchen und weltlichen Vortrefflichkeit der ſie ben Todſünden?“ „Wahrhaftig, Doetor, Sie halten mich für ein Kind.“ „Schenken Sie mir Ihren Abend am 20. November, und Sie werden überzeugt ſein.“ „Ah! Doctor, immer der 20. November?“ „Das iſt für mich ein weiſſagendes Datum und überdies mein Geburtstag, lieber Abbé. Schenken Sie mir daher Ihren Abend an dieſem Tage, und es wird Sie nicht ärgern, daß Sie gekommen ſind.“ „Am 20. November alſo, wenn indeſſen meine Ge⸗ ſundheit „Es Ihnen erlaubt, wohlverflanden, mein lieber Abbé, doch meine Erfahrung ſagt mir, Sie werden ſich an dieſem Tage bis zu mir ſchleppen können.“ „Welch ein Menſch! Er iſt im Stande, mir ein vollſtändiges Muſter, in ſeiner alleinigen und verdammten Perſon, von den ſieben Todſünden zu geben!“ In dieſer Secunde wurde die Thüre geöffnet. Nach dieſer Thüre hatten ſich mehr als ein Mal vie Blicke des Abbé Ledour mit einer geheimen und wachſenden Ungeduld während ſeiner Unterredung mit dem Doctor gewandt. V. Die Haushälterin des Abbé trat ins Zimmer ein, übergob ihrem Herren einen Brief, wechſelte mit ihm einen Blick des Verftändniſſes und ſagte: „Es hat große Eile.“ „Sie erlauben, lieber Dockor?“ fragte der fromme Mann, ehe er den Brief entſiegelte, den er in ſeinen Händen hatte. „Nach Ihrer Bequemlichkeit, mein lieber Abbé,“ erwiederte der Doctor, während er aufſtand, „ich ver⸗ laſſe Sie.“ „Ich bitte, nur noch ein Wort! ein einziges Wort!“ rief der Abbé, welcher lebhaft zu wünſchen ſchien, daß der Docktor nicht ſogleich weggehe; „gonnen Sie mir die Zeit, einen Blick auf dieſen Brief zu werfen, und ich gehöre Ihnen.“ „Aber, Abbé, wir haben uns nichts mehr zu ſagen. Es ruft mich eine dringende Conſultation, die Stunde hat geſchlagen, und „Ich beſchwöre Sie, Doctor „A ſprach der Abbs, in⸗ deß er den Brief, den er empfangen hatte, entſiegelte und mit den Augen durchlief, „im Namen des Him⸗ mels, bewilligen Sie mir nur fünf Minuten, nicht we Erſtaunt über dieſe ſeltſame Dringlichkeit des Abbé, zögerte der Doctor, wegzugehen, als ſich ſein Kranker im Leſen unterbrach und die Augen zum Himmel auf⸗ ſchlagend ausrief: „Ah! mein Gott! mein Gott!“ „Was gibt es denn?“ „Ahl mein armer Doctor.“ „Sprechen Sie ſich aus.“ 37 „Ah! Doctor, die Vorſehung ſchicht Sie.“ „Die Vorſehung!“ „Ja, denn ich bin vielleicht im Stande, Ihnen einen großen Dienſt zu leiſten, mein guter Doctor.“ Der Arzt ſchien ein wenig am guten Willen des Abbé zu zweifeln und nahm ſeine Worte nicht ohne ein geheimes Mißtrauen auf. „Laſſen Sie hören, mein lieber Abbs,“ ſagte er, „welchen Dienſt können Sie mir leiſten?“ „Sie ſprechen zuweilen mit mir von den zahlrei⸗ chen Kindern Ihrer Schweſter, die Sie (trotz Ihrer Fehler, abſcheulicher Menſchl) mit einer ganz väter⸗ lichen Zärtlichkeit nach dem frühen Tode ihrer Eltern erzogen haben.“ „Weiter, Abbe?“ verſetzte der Doclor, der von dieſem Angenblick an einen aufmerkſamen und durch⸗ dringenden Blick auf den heiligen Mann heftete, „weiter.“ „Ich wußte gar nicht, daß einer von Ihren Nef⸗ fen hei der Marine dient und Schiffskapitän iſt. Nicht wahr, er heißt, Horace Bremont?2“ Beim Namen Horace bebte der Doctor unmerklich, ſein Blick ſchien in der tiefſten Tiefe des Herzens des Abbé leſen zu wollen, und er erwiederte kalt: „In der That, ich habe einen Neffen, der Marine⸗ Kapitän iſt und Horace heißt.“ „Und er befindet ſich gegenwärtig in Paris?“ „Oder anderswo, Abbé.“ „Um Gottes willen, mein lieber Doctor, laſſen Sie uns ernſthaft reden; die Zeit iſt koſtbar; hören Sie, was man mir ſchreibt, hören Sie, und Sie werden die Wichtigkeit dieſes Briefes beurtheilen.“ „Herr Abbé, „Ich weiß, daß Sie in enger Verbindung mit dem berühmten Doctor Gaſterini ſtehen; Sie können ihm einen großen Dienſt leiſten; ſein Neffe, der Kapitän 38 Horace, iſt in einer höchſt ärgerlichen Angelegenheit gefährdet; obgleich es ihm bis jetzt gelungen iſt, ſich zu verbergen, hat man doch ſeinen Zufluchtsort ent⸗ deckt, und vielleicht in dem Augenblick, wo ich Ihnen ſchreibe, bemächtigt man ſich ſeiner Perſon.“ Der Abbs unterbrach ſich nun und ſchaute den Doctor aufmerkſam an. Dieſer blieb unempfindlich. Erſtaunt über ſeine Gleichgültigkeit, ſagte der Abbé mit innigem Tone zu ihm: „Oh! mein armer Doeter, welch ein grauſamer Kummer für Sie! Dieſer unglückliche Kapitän, was hat er denn gethan?“ „Ich weiß es nicht, Abbé. Fahren Sie fort.“ Der heilige Mann erwartete offenbar eine andere Wirkung von ſeinem Briefe⸗ Doch er fuhr, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, fort: „Vielleicht hat man ſich zu dieſer Stunde ſchon ſeiner Perſon bemächtigt,“ las der Abbé weiter, in⸗ dem er einen beſondern Nachvruck auf dieſe Worte legte. „Doch es bleibt eine Chance, den jungen Mann zu retten, der mehr unbeſonnen als ſtrafbar iſt; man müßte beim Empfang dieſes Briefes auf der Stelle Je⸗ mand zum Doctor Gaſterini ſchicken“ Hier unterbrach ſich der Abbé abermals, und er fügte bei: „Ich ſagte Ihnen, Doctor: die Vorſehung hat Sie hierher geſchickt.“ „Sie hat nie etwas Anderes in Beziehung auf gethan,“ ſprach kalt der Doctor. „Fahren Sie ort.“ „Man müßte beim Empfang dieſes Briefes auf der Stelle Jemand zum Doctor Gaſterini ſchicken „ fuhr 39 der Abbé immer mehr erſtaunt über die Unempfindlichkeit des Arztes fort, „um ihn von dem Unglück, das ſeinen Neffen bedroht, in Kenntniß zu ſetzen. Der Doctor würde ſogleich eine vertraute Perſon beauftragen, ohne eine Minute zu verlieren, zum Kapitän Horace zu gehen und ihn zu beſtimmen, ſeinen Zufluchtsort zu verlaſſen. Man könnte ſo vielleicht den Leuten vom Ge⸗ richte, welche mit der Verhaftung des Unglücklichen be⸗ auftragt ſind, zuvorkommen.“ „Ich habe nicht nöthig, Ihnen mehr zu ſagen, lieber Doctor,“ fügte haſtig der Abbé bei, indem er den Brief auf ſein Bett warf; „eine Minute Verzug kann Alles verderben. Laufen Sie geſchwinde, retten Sie den unglücklichen jungen Mann „. Mun! Sie rühren ſich nicht! Sie antworten mir nicht! Warum ſchauen Sie mich mit dieſer ſonderbaren Miene an? haben Sie denn nicht gehört, was man mir ſchreibt? Und das iſt noch unterſtrichen! „Man muß ſogleich, ohne eine Minute zu verlieren, den Kapitän Horace beſtimmen, ſeinen Zufluchtsortzu ver⸗ laſſen.““ Wahrhaftig, Doctor, ich begreife Sie nicht.“ „Und ich, ich begreife Sie vollkommen, mein lie⸗ ber Abbé,“ erwiederte der Doctor mit einer ſpöttiſchen Ruhe. „Aber, auf Ehre, dieſes Auskunftsmittel ſteht nicht auf der Höl. Ihrer gewöhnlichen Erfindungen: Sie haben etwas Beſſeres gemacht, als dies, Abbé, etwas viel Beſſeres.“ „Ein Auskunftsmittel! meine Erfindungen!“ ver⸗ ſetzte der Abbé Erſtaunen heuchelnd. „Ah! Doctor, Sie ſprechen nicht im Ernſte?“ „Sie haben vergeſſen, lieber Abbé, daß ein alter Fuchs wie ich von fern die Fallen wittert.“ „Fallen! welche Fallen!“ „Abbé, ſchauen Sie mir wohl ins Geſicht, wenn Sie können!“ 40 „Doctor,“ erwiederte der Abbé, ohne daß er ſeinen heftigen Aerger zu verbergen vermochte, „es ſteht Ihnen frei, zu ſpotten, es ſteht Ihnen frei, die Zeit verſtrei⸗ chen zu laſſen und die Gelegenheit zu verlieren, Ihren Reffen zu retten. Die Sache geht Sie an; ich habe Sie als Freund gewarnt. Richten Sie es nun ein, wie Sie wollen, ich waſche meine Hände.“ „Mein lieber Abbé, Sie waren alſo bei dem Com⸗ plot der gottſeligen Perſonen, welche aus Dolores Solcedo eine Nonne machen wollten, um das Vermö⸗ gen an ſich zu reißen, das ſie eines Tags von ihrem Oheim dem Domherrn erben ſoll?“ „Dolores Salcedo! ihr Oheim der Domherr! Wahrhaftig, Doctor, ich weiß gar nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Ah! ah! Abbé, Sie ſind bei dieſem frommen Complott. Es iſt gut, daß man das weiß; es iſt im⸗ mer nützlich, ſeine Gegner zu kennen, beſonders wenn ſie ſo gewandt find, wie Sie, lieber Abbs!“ „Ich wiederhole, Doctor, ich ſchwöre . . .4 „Hören Sie, Abbs, laſſen Sie uns ein offenes Spiel ſpielen. Sie haben mich dieſen Morgen zu ſich rufen laſſen, damit die von Ihnen vorbereitete rührende Epiſtel, welche Sie mir ſo eben vorgeleſen, Ihnen in meiner Gegenwart zukomme.“ „Doetor!“ rief der Abbs, „das heißt das Miß⸗ trauen, den Argwohn auf einen Grad treiben, der . der „erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen.“ „Ich erlaube es Ihnen.“ „Nun denn! der im höchſten Maße beleidigend wird! Ah! wahrhaftig,“ fügte der Abbé mit Bitterkeit bei, „ich erwartete entfernt nicht, meinen Eifer, Ihnen ſe Dienſt zu leiſten, auf dieſe Art belohnt zu ehen.“ „Ei! ich weiß es wohl, mein lieber Abbés, Sie hofften einen ganz andern Erfolg von Ihrer ſinnreichen Kriegsliſt.“ — 41 „Doctor, das iſt zu viel!“ „Nein, Abbé, nein, das iſt nicht genug; hören Sie weiter. Sie hofften, ſage ichk, von Ihrer ſinnreichen Kriegsliſt Folgendes: erſchrocken über die Gefahr, die mein Neffe lief, dankte ich Ihnen mit Erguß für das Mittel, das Sie mir, um ihn zu retten, boten, und ich ſchoß wie ein Pfeil fort, um dieſen armen Jungen zu beſtimmen, ſeinen Zufluchtsort zu verlaſſen.“ „So hätte in der That jeder Andere an Ihrer Stelle gehandelt, Doctor; doch Sie hüten ſich wohl, ſo vernünftig zu handeln. Sie ſind wahrhaftig vom Schwindel befallen oder mit Blindheit geſchlagen.“ „Ach! Abbé, die Strafe für meine Sünden fängt an. Doch kommen wir auf die Wirkung Ihrer ſinn⸗ reichen Kriegsliſt zuück. Nach Ihrer Hoffnung ſchoß ich alſo wie ein Pfeil fort, um meinen Neffen zu ret⸗ ten. Mein Wagen war unten, ich ſtieg ein, ich ließ mich raſch nach dem geheimnißvollen Zufluchtsort des Kapitän Horace führen.“ „Ei! allerdings, Doctor, das hätten Sie längſt thun müſſen.“ „Wiſſen Sie, was nun geſchehen wäre, mein armer Abbé?“ „Sie retteten Ihren Reffen!“ Ich bereitete ſein Verderben, ich verrieth ihn, ich lieferte ihn aus, und zwar auf folgende Art: ich wette, daß zu dieſer Stunde, wo ich mit Ihnen rede, unfern von hier, in dieſer Straße, und zwar ſehr im Angeſichte dieſes Hauſes, ein mit einem kräftigen Pferde beſpann⸗ tes Cabriolet ſteht, und durch einen ſeltſamen Zufall, wenn Sie nicht Gegenbefehl geben, wird dieſes Ca⸗ briolet meinem Wagen überallhin, wohin er fährt, folgen.“ „Ich weiß nicht, von welchem Cabriolet Sie ſpre⸗ chen, Doctor.“ „Mit andern Worten, mein lieber Abbé, man hat bis jetzt vergebens die Spuren meines Reffen geſucht. 42 Um ſeinen Zufluchtsort zu entdecken, hat man mir auch ohne Zweifel ebenſo vergebens folgen laſſen; man hoffte mich nun durch die plötzliche Verkündigung der Gefahr, 1 die er laufe, anzutreiben, auf der Stelle den Kapitän zu benachritigen und zu warnen. Ihr Emiſſär unten wäre mir dann gefolgt, ſo daß ich, ohne es zu wiſſen, „ das Geheimniß des Zufluchtsorts meines Neffen preis⸗ gegeben hätte. Ich wiederhole, Abbé, für jeden Andern, als für Sie, war das Mittel nicht ſchlecht erfunden; doch Sie haben Ihre Bewunderer, — erlauben Sie mir, mich unter Ihnen einzuſchreiben, — an höhere 1 und köhnere Einfälle gewöhnt. Wir wollen alſo hoffen, daß Sie ſich ein ander Mal Ihrer würdiger zeigen 3 werden. Auf Wiederſehen und ohne Groll, denn ich zähle immer auf Sie für unſern guten Abend am 1 20. November. Ich werde Sie übrigens an Ihr lie⸗ 11 benswürdiges Verſprechen erinnern. Auf Wiederſehen 1 alſo, mein armer und theurer Abbé. Ah! ſehen Sie 5 nicht ſo ärgerlich, ſo aus der Faſſung gebracht aus, 3 tröſten Sie ſich muthig über dieſe kleine Niederlage mit dem Gedanken an Ihre vergangenen Siege.“ 11 Nach dieſer Spötterei verließ der Doctor Gaſterini den Abbé Ledour. „Du fingſt Victoria, alte Schlange!“ rief der Abbé purpurroth vor Zorn und mit der Fauſt nach der Thüre 1 deutend, durch welche der Doctor abgegangen war. „Du biſt ſehr ſtolz, und Du weißt nicht, daß wir gerade heute Morgen dieſer Dolores Salcedo wieder habhaft ge⸗ 18 worden ſindz doch Dein elender Neffe wird uns nicht entwiſchen, denn zum Glück bin ich ſo liſtig und ge⸗ 1 wandt als Du, hölliſcher Doctorl! und, wie Du ſagſt, 18 ich habe mehr als ein Stückchen in meinem Sack.“ 1 Der Doctor, der Gegenſtand dieſes Monologs in der Manier einer Verwünſchung, hatte die Bangigkeit verborgen, die ihm die Entdeckung verurſacht, welche er gemacht. Als er aus dem Hauſe ves frommen Mannes trat, ſchaute er auch, ehe er in ſeinen Wagen ſtieg, auf 43 die eine und die andere Seite der Straße. So ſah er, wie er es erwartete, in einer Entfernung von zwanzig Schritten ein Regiecabriolet ſtehen; in dieſem Cabriolet ſaß ein dicker Mann in braunem Ueberrock. Der Doe⸗ tor ging zu Fuß bis zu dieſem Cabriolet und ſagte zu dem dicken Mann mit einer vertraulichen ene: „Mein Freund, nicht wahr, Sie ſinb hier aufge⸗ ſtellt, um jenem grünen Wagen mit zwei Pferden zu folgen, der dort vor der Thüre von Nro. 17 hält?“ „Mein Herr,“ erwiederte zögernd der dicke Mann, „ich weiß nicht, wer Sie ſind und warum Sie . „Stille, mein Freund,“ ſagte der Doctor mit ge⸗ heimnißvollem Tone, „ich komme ſo eben vom Abbé Le⸗ doux, die Marſchordnung iſt verändert, der Abbé erwar⸗ tet Sie auf der Stelle, um Ihnen neue Befehle zu geben; geſchwinde, gehen Sie gehen Sie!“ Beruhigt durch die Einzelheiten, die ihm der Doctor nannte, zögerte der dicke Mann nicht mehr, ſtieg aus ſeinem Cabriolet und begab ſich ſchleunigſt zum Abbé Ledour. Als der Doctor den Thorweg wieder hinter dem Emiſſär des Abbé geſchloſſen ſah, ließ er ſich, ſicher, daß man ihm nicht folgte, in Eile nach dem Faubourg Poiſſonnidre führen, denn wenn er auch nichts für ſeinen Neffen befürchtete, ſo hegte er doch andere Be⸗ ſorgniſſe, ſeitdem er wußte, daß der Abbé Ledoux bei dieſer Intrigue betheiligt war. Der Wagen des Doctors war ſo eben in eine der am wenigſten gangbaren Straßen des Faubourg Poiſ⸗ ſonnidre, unfern von der Barriere gleichen Namens, eingefahren als er eine ziemlich große Zuſammenſchaa⸗ rung erblickte, die ſich vor einem Hauſe von beſcheide⸗ nem Ausſehen gebildet hatte. Der Doetor ließ ſogleich ſeinen Wagen halten, ſtieg aus, vermiſchte ſich mit den Gruppen und fragte eine von den Perſonen, aus denen ſie beſtanden: „Was gibt es denn da, mein Herr?“ — 3 44 „Mein Herr, wie es ſcheint, hat ſich eine Taube verirrt, die man ins Taubenhaus zurückführt.“ „Eine Taube!“ „Oder, wenn Sie lieber wollen, ein Mädchen, das aus einem Kloſter entflohen iſt. Der Polizeicommiſſär iſt mit ſeinen Agenten und einem ſehr dicken Mann „ 1 in veilchenblauem Ueberrock gekommen, welcher ausſah 3 wie ein Geiſtlicher. Er ließ ſich das Haus öffnen. Die Flüchtige wurde gefunden und in einem Fiacre mit dem dicken Mann in veilchenblauem Ueberrock weggeführt. Ich habe nie einen mit elnem ſolchen Bauche geſchmück⸗ 1 ten Bürger geſehen.“ Der Doctor Gaſtrini hörte nicht mehr, machte ſich Platz durch die Gruppen und klingelte gebieteriſch an dem kleinen Hauſe, von welchem man ſprach. Eine junge 3 Dienerin, noch bleich vor Aufregung, öffnete ihm. „Wo iſt Madame Dupont?“ fragte lebhaft der 1 zt. „In ihrem Zimmer, mein Herr. Ah! wenn Sie wüßten!“ Der Doctor antwortete nichts, durchſchritt zwei Stuben und trat in ein Schlafzimmer ein, wo ſich eine bejahrte Frau mit ehrwürdigem, ſanftem Geſichte fand. „Ah! Herr Doctor,“ rief Madame Dupont in Thränen zerfließend, „welches Unglück, welch ein Aer⸗ gerniß! armes Mädchen!“ „Ich bin troſtlos, Madame Dupont, daß ein Dienſt, den Sie mir geleiſtet, ſo unangenehme Folgen für Sie 3 gehabt hat.“ „Oh! glauben Sie nicht, daß es dies iſt, was mich betrübt; ich verdanke Ihnen mehr als mein Leben, da ich Ihnen das Leben meines Sohnes verdanke; ich denke auch nicht daran, mich wegen einer vorüberge⸗ henden Unannehmlichkeit zu beklagen; ich kenne Sie überdies zu genau, um den geringſten Zweifel in Betreff 4 der Abſichten zu erheben, welche Sie bewogen, von mir momentan ein Aſyl für dieſes Mädchen zu verlangen.“ 4⁵ „Zu dieſer Stunde kann ich und muß ich Ihnen Alles ſagen, Madame Dupont. Hören Sie die Geſchichte mit zwei Worten: Ich habe einen Neffen, — ein Tollkopf, aber der bravſte Junge der Welt; er iſt Kapitän bei der Marine; bei ſeiner letzten Fahrt von Cadix nach Bordeaur hat er als Paſſagiere einen ſpaniſchen Dom⸗ herrn und ſeine Nichte mitgenommen; mein Neffe ver⸗ liebte ſich wahnfinnig in die Nichte, aber in Folge von Freigniſſen, welche zu lang und zu lächerlich, um ſie Ihnen zu erzählen, faßte der Domherr eine Abneigung gegen meinen Neffen und bedeutete ihm, er werde Do⸗ lores nie heirathen; der Widerſtand brachte die zwei Liebenden auf das Aeußerſte; mein Teufelsneffe folgte dem Domherrn nach Paris, entdeckte das Kloſter, in welches er das Mädchen gebracht hatte, ſetzte ſich mit ſeiner Geliebten in Correſpondenz und entführte ſie. Horace (das iſt ſein Name) iſt ein ehrlicher Junge; nachdem er die Entführung bewerkſtelligt hatte, führte er Dolores zu mir und geſtand mir Alles. In Erwar⸗ tung ſeiner Verheirathung, bat er mich flehentlich, das Mädchen in einem anſtändigen Hauſe unterzubringen: denn aus tauſend Gründen war es mir unmöglich, das Kind nach einem ſolchen Eelat bei mir zu behalten. Da dachte ich an Sie, meine gute Madame Dupont.“ „Oh! Herr Doctor, ich war überzeugt, Sie kön⸗ nen nur edel handeln, wie immer, und überdies hat mich Fräulein Dolores während der kurzen Zeit, die ſie bei mir geblieben iſt, ſo lebhaft intereſſirt, daß ich ihr ſchon ganz zugethan war; beurtheilen Sie auch meinen Kummer, als heute Morgen ... „Der Polizeicommiſſär ſich dieſes Haus öffnen ließ, ich weiß das. Und der Domherr Don Diego be⸗ gleitete ihn?“ „Ja, Herr Doctorz er war wüthend und ſchrie, er kenne das franzöſiſche Geſetz, das werde nicht ſo hin⸗ gehen, es ſei Entführung einer Minderjähri⸗ gen, und man ſuche den Räuber überall.“ 46 „Das erwartete ich; ich hatte auch von mei⸗ 3 nem Neffen gefordert, daß er nicht nür Dolores nicht wiederſehe, bis Alles geordnet ſei, ſondern, daß er ſich verborgen halte, um ſich den Verfolgungen zu entziehen, die ich zu beſeitigen hoffte. Nun weiß 3 ich nicht, ob es mir gelingen wird. Der Fall iſt ſehr ernſt. Ich ſagte es Horacez doch das Uebel war ge⸗ ſchehen, und ich geſtehe, ich bin vor dem Gedanken 6 zurückgewichen, dieſe arme Dolores ſelbſt wieder in die Hände des Domherrn, eines abergläubiſchen und ge⸗ 1 fräßigen Thieres zu geben, von dem nichts zu hoffen iſt.“ 3 „Ah! Herr Doctor, ich kenne Fräulein Dolores nun hinreichend, um überzeugt zu ſein, daß fie vielleicht vor Kummer ſterben wird, wenn man ſie im Kloſter läßt. Glauben Sie mir auch, mein Herr, daß bei den Scenen von dieſem Morgen das, was mich am meiſten 1 betrübt hat, nicht das Aergerniß geweſen iſt, deſſen Schauplatz mein armes Hans war, ſondern der Gedanke an die Zukunft, welche vielleicht dieſem unglücklichen inde vorbehalten iſt. Und nun, da ich Alles weiß, bin ich doppelt beſorgt, wenn ich an die ernſten Folgen denke, welche dieſe Entführung auch für Ihren Neffen 38 haben kann.“ 1 „Dieſe Befürchtungen theile ich noch lebhafter, meine liebe Madame Dupont. Nach einer Entdeckung, die ich heute Morgen gemacht habe, zittere ich, daß ſchon eine Klage gegen Horace erhoben wurde; iſt 16 dies noch nicht geſchehen, ſo wird es vielleicht heute geſchehen; denn nun, da Dolores wieder in die Gewalt ihres Oheims gefallen iſt, wird, wenn es ihm gelingt, meinen Reffen verhaften zu laſſen, ſeine Liebe füͤr Do⸗ lores nicht mehr zu fürchten ſein. Ah! dieſe Verhaf⸗ 18 tung wäre gräßlich! Das Geſetz iſt unbeugſam; mein Neffe hat ſich nächtlicher Weile in ein Kloſter geſchli⸗ en und eine Minderjährige entführt; er hat eine ent⸗ Strafe zu erdulden, und für ihn wäre das der od 47 „Großer Gottl“ „Und ſeine Brüder und ſeine Schweſtern, die ihn ſo ſehr lieben! Welche Trauer für mich, für meine Familie!“ fügte der Greis niedergeſchlagen bei. „Aber, Herr Doctor, es muß da doch etwas zu thun ſein, um es zu verſuchen, die Verfolgungen zu hemmen.“ „Hören Sie, Madame Dupont,“ ſagte der Arzt ſchmerzlich bewegt, „mein Kopf verwirrt ſich, wenn ich an die erſchrecklichen Folgen denke, welche aus dieſem jugendlichen Streiche entſpringen können!“ „Was iſt aber zu thun, Herr Doctor, was iſt zu thun?“ ₰ „Ei! weiß ich es ſelbſt, meine arme Madame Du⸗ pont? Ich will mir den beſten Gang, der zu verfolgen iſt, überlegen, doch ich habe es mit einer ſo ſtarken Partei zu thun, daß ich nicht auf einen günſligen Erfolg zu hoffen wage.“ Hierauf verließ der Doctor Gaſterini in einer un⸗ ausſprechlichen Angſt den Fauburg Poiſſonnisre. VI. Am andern Morgen nach dem Tage, an welchem Dolores Salcedo wieder ins Kloſter gebracht worden war, ereignete ſich folgende Scene beim Domherrn Don Diego, der eine ſehr bequeme, zum Voraus für ihn durch den Abbs Ledoux beſtellte, Wohnung inne hatte. Es war eilf Uhr. In einem weiten und tiefen Lehnſtuhle ausgeſtreckt, ſchien Don Diego von finſtern Gedanken erfüllt zu 48 ſein. Es war ein Mann in einem Alter von ungefähr fünfzig Jahren, von ungeheurer Feiſtigkeit; ſeine fetten, zitternden Backen vermiſchten ſich mit dem vierfachen Stockwerk ſeines Kinns; ſeine, wie die der Südländer gebräunte, Haut war matt und bezeichnete die Weich⸗ heit dieſer trägen Maſſe. Es mußte indeſſen ſeinen Zü⸗ gen nicht an einer gewiſſen Leutſeligkeit mangeln, waren ſie nicht dem Eindrucke einer verdrießlichen Idee unter⸗ worfen; ſein breiter Mund, deſſen Unterlippe ein wenig herabhing, war ein beſonderes Merkmal von Sinnlich⸗ keit. Die Augen unter ihren dichten grauen Brauen halb geſchloſſen, die Hände über ſeinem Falſtaffs⸗ bauch gekreuzt, der ſeine umfangreiche Rundung unter einem veilchenblauen Schlafrock hervorhob, ſeufzte der Domherr von Zeit zu Zeit mit einem kläglichen, trau⸗ rigen Tone. „Ach! keinen Appetit mehr! keinen Appetit mehr!“ murmelte er. „Zu viele Erſchütterungen haben mein ganzes Weſen zerrüttet. Mein muthiger, gewöhnlich ſo regelmäßiger Magen iſt verrückt, wie eine in Un⸗ ordnung gebrachte Uhr. Dieſen Morgen, beim Früh⸗ ſtück, was gewöhnlich mein vollſländigſtes Mahl iſt, habe ich kaum gegeſſen: Alles kam mir fad und bitter vor. Wie wird es erſt beim Mittagsbrode ſein, Jeſus! wie wird es beim Mittagsbrode ſein? — ein Mahl, vas ich immer beinahe ohne Hunger mache, um nur die Blüthe der beſten Dinge zu koſten! Oh! verflucht und verdammt ſei dieſer hölliſche Kapitän Horace! Die ent⸗ ſetzliche Koſt, der ich auf ſeinem Schiffe während einer langen Fahrt unterworfen war, hat angefangen mich den Appetit verlieren zu machen; mein Magen hat ſich erzürnt, er hat ſich empört gegen dieſe abſcheulichen eingeſalzenen Fleiſche, gegen dieſe entſetzlichen trockenen Hülſenfrüchte. Seit dieſer der Zartheit ſeiner Gewohn⸗ heiten zugefügten Beleidigung ſchmollt mein Magen auch mit mir, ach! als ob dies meine Schuld wäre; 49 er grollt mir, er beſtraft mich, er ſpielt den Stolzen vor den beſten Gerichten!“ Dann, nach einem langen Stillſchweigen, fuhr der Domherr mit einer erſchrockenen Miene fort: „Aber wer weiß, ob das nicht der Finger der Vorſehung iſt 2 Zu dieſer Stunde, wo ich nicht den ge⸗ ringſten Hunger habe, erkenne ich, daß ich mich einer ebenſo verabſcheuungswürdigen, als ergötzlichen Sünde hingebe. Ach! die Sch lemmerei! Vielleicht hat mich die Vorſehung beſtrafen wollen, indem ſie mir dieſen elenden Kapitän Horace auf meinen Weg ſchickte! Ha! der Ruchloſe, welches Uebel hat er mir angethan! Und das war nicht genug: er entführt meine Nichte; er verſetzt mich in neue Plackereien; er zerſtört mein Leben, meine Ruhe, die Ruhe von mir, der ich nur mit Sammlung des Geiſtes und Behaglichkeit eſſen will! Oh! ſchurkiſcher Kapitän, ich werde mich rächen. Doch was auch meine Rache ſein mag, ich werde Dir nie den zwanzigſten Theil des uebels vergelten, das ich ir zu verdanken habe! Denn nun ſind es beinahe zwei Monate, daß ich den Appetit verloren habe, und wenn ich zweihundert Jahre lebte, ich würde dieſe zwei Monate gezwungener Enthaltſamkeit nie wiederbekom⸗ men und einbringen.“ Dieſer ſchmerzliche Monolog wurde durch den Ein⸗ tritt vom Haushofmeiſter des Domherrn, einem alten Diener mit grauen Haaren, unterbrochen. „Nun, Pablo,“ ſagte Don Diego zu ihm, „Du kommſt vom Kloſter?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Und meine unwürdige Nichte?“ „Gnädiger Herr, ſie befindet ſich in einer Art von Delirium, ſie hat ein hitziges Fieber; bald ruft ſie den Kapitän Horace mit ſchmerzlichen Schreien, bald fordert ſie ſchluchzend den Tod; ich verſichere Sie, gnädiger Verr, das iſt herzzerreißend.“ Die Schlemmesi, 4 ſ ¹ 50 Trotz ſeiner ſelbſtſüchtigen Sinnlichkeit, ſchien Don Diego Anfangs von den Worten ſeines Haushofmeiſters gerührt zu ſein, bald aber rief er: „Deſto beſſer! Dolores hat nur das, was ſie ver⸗ dient; das wird ſie lehren ſich nätriſch in den Ab⸗ ſcheulichſten der Menſchen verlieben. Sie wird im Kloſter bleiben, ſie wird den Schleier nehmen. Mein vortrefflicher Freund, der Abbs Ledoux, hat vollkommen 18 Recht; nach dieſem Muſter der muthwilligen Streiche meiner Nichte beurtheile ich, was ſpäter meiner harren 1 würde, wenn ich ſie bei mir behielte: beſtändig Toll⸗ heiten und Beſchimpfungen, bis ich ſie endlich, wohl oder übel, verheirathet hätte. Um Alles dies kurz ab⸗ zuſchneiden, wird die Senora Dolores den Schleier nehmen und ſo ihr Heil ſichern; meine Güter ſollen eines Tags das Haus bereichern, wo man für die Ruhe meiner Seele beten wird, und ich werde von meiner verteufelten Nichte befreit ſein, — das ſind drei Vor⸗ theile für einen.“ „Aber, gnädiger Herr, wenn ſich der Zuſtand der Senora berſchlimmert „ „Kein Wort mehr, Pablo,“ rief der Domherr, welcher 1 unwillkürlich mit dem Schickſal ſciner Nichte Mitleid zu bekommen befürchtete, „kein Wort mehr; habe ich 11 nicht leider genug mit meinem perſönlichen Kummer, ohne daß man mich noch durch Widerſprüche zu reizen 16 braucht?“ ₰ „Verzeihen Sie, gnädiger Herr, verzeihen Sie; ² ich werde von etwas Anderem reden.“ 3 „Von was?“ „Es iſt im Vorzimmer ein Menſch, der Sie zu ſprechen wünſcht.“ „Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ein wohl gekleideter alter Mann.“ „Und was will dieſer Mann?“ „Ueber eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen ſprechen, gnädiger Herr. Er hat eine große Kiſte 51 mitgebracht, die ein Commiſſionär hier heraufgetragen: ſie ſcheint ſehr ſchwer zu ſein.“ „Und was iſt in dieſer Kiſte, Pablo?“ „Ich weiß es nicht, gnädiger Herr.“ „Und der Name dieſes Mannes?“ „Oh! ein ſeltſamer Name!“ „Welcher?“ „Appetit, gnädiger Herr.“ „Wie, dieſer Mann heißt Herr Appetit?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Du wirſt ſchlecht gehört haben.“ „Nein, gnädiger Herr, ich habe ihn zweimal ſeinen Namen wiederholen laſſen: er heißt wohl Appetit.“ „Ach! ach! das iſt ein grauſam ironiſcher Name!“ murmelte der Domherr mit Bitterkeit. „Gleichviel! wegen der Seltenheit ſelnes Namens laß dieſen Mann eintreten.“ Nach einem Augenblick trat der vom Hausmeiſter gemeldete Mann ein, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor Don Diego und ſagte zu ihm: „Ich habe die Ehre, mit dem gnädigen Don Diego zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr, was wollen Sie von mir ?“ „Vor Allem, gnädiger Herr, Ihnen den Tribut meiner tiefen Bewunderung bezahlen, ſodann Ihnen meine Dienſte anbieten.“ „Aber, mein Herr, wie heißen Sie?“ „Appetit, gnädiger Herr.“ „Schreiben Sie denn Ihren Namen, wie man Appetit, Luſt, Bedürfniß, zu eſſen, ſchreibt?“ „Ja, gnädiger Herr; ich muß Ihnen indeſſen ge⸗ ſtehen, daß dies nicht mein Name, ſondern mein Bei⸗ name iſt.“ „Um einen ſolchen Beinamen zu verdienen, müſſen Sie wüthend von der Natur begabt ſein; Sie müſſen . 52 ſich eines ewigen Heißhungers erfreuen,“ ſagte der Domherr mit einem Seufzer des Neides. „Im Gegentheil, ich Herr, wie beinahe alle diej Sendung haben, die Ander eſſe ſehr wenig, gnädiger enigen, welche die heilige neſſen zu machen.“ „Wie! was iſt denn Ihr Gewerbe?“ „Koch, gnädiger Herr, um die Ehre zu haben, Ihnen zu dienen, wenn ich dieſes Glück verdienen koͤnnte.“ Der Domherr ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen: er fühlte alle ſeine Schmerzen bei dem Antrage des edlen Herrn Appetit wiedererwachen. Di eſer fuhr fort; „Mein zweiter Herr, Lord Wilmot, ver an einer ſo außerordentlichen Schwäche des Magens litt, daß er ſeit beinahe einem Jahre ohne Geſchmack und ohne Vergnügen aß, hat von dem erſten Tage an, daß ich die Ehre hatte, ihm zu dienen, buchſtäblich verſchlungen. Aus Dankbarkeit gab mir a Appetit, den ich immer Der Domherr ſchaute und verſetzte: uch Mylord den Beinamen ſeitdem behalten habe.“ den Mann aufmerkſam an „Ah! Sie ſind Koch? Aber ſagen Sie mir, Sie haben davon geſprochen, daß Sie mir den Tribut der Bewunderung mir Ihre Dienſte anbieten denn? bezahlen wollen und . Woher kennen Sie mich „Gnädiger Herr, Sie haben während Ihres Aufenthaltes in Madrid o ſandten geſpeiſt.“ ſt beim franzöſiſchen Ge⸗ „Ohl ja, das war meine gute Zeit,“ antwortete Don Diego niedergeſchlagen; „ich habe der Tafel des tigkeit widerfahren laſſen Herrn Geſandten von Frankreich glänzende Gerech⸗ und öffentlich erklärt, ich kenne Feinen beſſern Practicus, als den Chef ſeiner 53 Dieſer ausgezeichnete Practicus, mit dem ich cor⸗ reſpondire, gnädiger Herr, damit wir uns gegenſeitig über die Fortſchritte der Wiſſenſchaft auf dem Laufenden erhalten, hat mir auch geſchrieben, um mir ſeine Freude darüber auszudrücken, daß er ſo würdig von einem Kenner, wie Sie ſind, gnädiger Herr, geſchätzt worden ſeiz ich habe Ihren Namen aufgezeichnet, und da ich geſtern zufällig erfuhr, Sie ſuchen einen Koch, ſo begab ich mich hierher, um die Ehre zu haben, Ihnen meine Dienſte anzubieten.“ „Und von wem kommen Sie, mein Freund?“ „Seit zehn Jahren, gnädiger Herr, arbeite ich nur für mich, das heißt für die Kunſt;z ich habe ein be⸗ ſcheikenes, aber genügendes Vermögen: es iſt auch nicht Intereſſe, was mich zu Ihnen führt, gnädiger err.“ „Aber warum erſcheinen Sie eher bei mir, als bei einem Andern?“ „Weil ich, frei in meiner Wahl, das, was mir anſtändig iß, zu Rathe ziehe; denn ich bin ſehr eifer⸗ ſüchtig, gnädiger Herr, entſetzlich eiferſüchtig.“ „Eiſerſüchtig! und auf was?“ „Auf die Dreue meines Herrn.“ „Wie! auf die Treue Ihres Herrn?“ „Ja, gnädiger Herr, und ich bin ſicher, daß Sie mir treu ſein werden, denn Sie leben allein, ohne Familie, und ſowohl in Folge Ihres Standes, als wegen Ihres Characters haben Sie nicht, wie ſo viele Andere, eine Menge von Neigungen, die ſich immer beengen und widerſprechen: als ernſter und überzeugter Mann hegen Sie nur eine, aber eine tiefe, unumſchränfte Leidenſchaft, die S chlemmerei. Nun! dieſe Leiden⸗ ſchaft, gnädiger Herr, ich erbiete mich, ſie zu befrie⸗ digen, wie Sie dieſelbe in Ihrem Leben nie befriedigt haben.“ 2 „Sie ſprech golen⸗ Worte, mein lieber Freund; aber wiſſen Sie „daß man, um eine ſolche Sprache zu 8 54 behaupten, ein großes Talent, ein ungeheures Talent beſitzen muß!“ „Dieſes große, dieſes ungeheure Talent beſitze ich, gnädiger Herr.“ „Das Bekenntniß iſt nicht beſcheiden.“ „Es iſt aufrichtig, und Sie wiſſen, gnädiger Herr: man ſchöpft eine legitime Sicherheit aus dem Bewußt⸗ ſein ſeiner Stärke.“ „Ich liebe dieſen edlen Stolz, mein Freund, und wenn Ihre Handlungen Ihren Worten entſprechen, ſo find Sie ein Phoönix.“ „Gnadiger Herr, ſtellen Sie mich heute, zu dieſer Stunde auf die Probe „ „Heute, zu dieſer Stunde!“ rief der Domherr, die Achſeln zuckend: „Sie wiſſen alſo nicht, daß ich mich ſeit zwei auf ewig verfluchten Monaten in einem be⸗ klagenswerthen Zuſtande befinde! daß ich an nichts Ge⸗ ſchmack habe! daß ich dieſen Morgen ganz unberührt ein vortrefflches Frühſtück ließ, das man mir von Chevet brachte, bei welchem ich mich verſorge, bis ich meine Küche Angerichtet habe! Ahl hätten Sie nicht das Aeußere eines ehrlichen Mannes, ich würde glau⸗ ben, Sie wollen mein Elend inſultiren! Sie machen mir den Vorſchlag, Sie wollen mir kochen, während ich nicht den geringſten Hunger habe!“ „Gnädiger Herr, ich heiße Appetit.“ „Aber ich wiederhole Ihnen, mein Freund, daß ich erſt vor einer Siunde vortreffliche Dinge zurückge⸗ wieſen habe.“ „Deſto beſſer, gnädiger Herr, ich konnte unter keiner günſtigeren Conjunctur bei Ihnen erſcheinen; mein Triumph wird um ſo größer ſein.“ „Hören Sie, mein lieber Freund, ich weiß nicht, iſt es der Einfluß Ihres Namens oder die gelehrte und erhabene Art, auf welche Sie von Ihrer Kunſt ſpre⸗ chen, was mir unwillkürlich Vertrauen zu Ihnen gibt, doch ich fühle, ich ſage nicht die Velleität, zu eſſen, 55 denn ich würde Sie herausfordern, mich auch nur einen Ortolanflügel verzehren zu machen, aber ich fühle, wenn ich Sie über die Küche urtheilen höre, ein Ver⸗ gnügen, das mir die Hoffnung gibt, ich werde viel⸗ ſpäter, wenn je der Appetit wieder bei mir me . „Gnäbiger Herr, verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche: Sie haben hier eine Küche?“ „Gewiß, und zwar eine eingerichtete. Dort läßt man ein wenig das Feuer das ſehen, was man mir ganz zubereitet von Chevet bringt, — aber, ach! ſehr vergeblich bringt.“ „Gnädiger Herr, wollen Sie mir eine halbe Stunde bewilligen?“ „Wozu?“ „Ein Frühſtück für Sie, gnädiger Herr.“ „Mit was?“ . „Ich habe mitgebracht, was ich brauche.“ „Wozu ſoll aber dieſes Frühſtück nützen, mein lie⸗ ber Freund? Compromittiren Sie nicht ein Talent, an welches ich ſo gern glaube, indem Sie es bei einem n tollen Unternehmen auf das Spiel etzen.“ „Gnädiger Herr, bewilligen Sie mir eine halbe Stunde?“ „Ich frage Sie noch einmal, wozu?“ „Um Sie ein vortreffliches Frühſtück einnehmen zu laſſen, das Sie zu einem noch viel beſſern Mittags⸗ mahle prädisponiren wird.“ ſ „Das iſt Tollheit, ſage ich Ihnen, Sie find wahn⸗ nnig.“ „Verſuchen Sie es immerhin, gnädiger Herr, was wagen Sie dabei?“ ſi „Gehen Sie doch! Sie müßten ja ein Zauberer — „Ich bin es vielleicht, gnädiger Herr,“ erwiederte der Koch mit einem ſelſamen Lächeln. 56 „Nun venn! ſo tragen Sie die Strafe Ihres Hoch⸗ muths, allzu Stolzer!“ rief Don Diego, während er heftig klingelte. „Werden Sie ſogleich von der De⸗ müthigung niedergebeugt, werden Sie genöthigt, das Unvermögen Ihrer Kunſt zuzugeſtehen, ſo haben Sie allein es gewollt. Nehmen Sie ſich in Acht! nehmen Sie ſich in Acht!“ „Sie werden eſſen, gnädiger Herr,“ erwiederte der Künſtler mit einem entſchiedenen Tone; „ja, Sie werden eſſen, und zwar viel und köſtlich.“ In dem Augenblick, wo der Koch dieſe anmaßlichen Worte ausſprach, trat der durch die Klingel herbeige⸗ rufene Haushofmeiſter ein. „Pablo,“ ſagte der Domherr zu ihm, „öffne dem Herrn die Küche und decke mir den Tiſch. Es muß, Gerechtigkeit gepflogen werden!“ „Aber, gnädiger Herr, heute Morgen ... „Thue, was ich Dir ſage, führe den Herrn in die Küche und wenn er Jemand nöthig hat, um ihm zu helfen, ſo helfe man ihm.“ „Ich brauche Niemand, gnädiger Herr, denn ich habe die Gewohnheit, allein in meinem Laboratorium zu arbeiten. Ich bitte Sie ſogar um die Erlaubniß, mich einſchließen zu dürfen.“ „Alles, was Sie wollen, mein Lieber; doch ich ſei auf ewig für meine Sünden verdammt, wenn ich einen Biſſen von dem verſchlucke, was Sie mir vor⸗ ſetzen werden! Es iſt wahrhaftig Dünkel, Anmaßung von Ihnen . „Gnädiger Herr, es iſt halb zwölf Uhr,“ ſprach der Koch, Don Diego mit Majeſtät unterbrechend; „auf den Schlag zwölf Uhr werden Sie frühſtücken.“ Und begleitet vom Haushofmeiſter ging der Künſt⸗ ler ab. 57 VII. Nach dem Verſchwinden des edlen Herrn Appetit, des ſeltſamen Kochs, der ſeine Dienſte mit einer ſo ſtolzen Sicherheit anbot, ſagte der Domherr, welcher allein ge⸗ blieben war, indem er mühſam aus ſeinem Lehnſtuhle auſſtand und mit einer Art von Aufregung hin und herging, zu ſich ſelbſt: „Die hochmüthige Entſchiedenheit dieſes Kochs bringt mich in Verwirrung und imponirt mir unwillkürlich. Glaubt er es aber mit einem Neuling in der Gaſtronomie zu thun zu haben, ſo iſt er in einem Jrrthum begriffen; ich werde ihm das zeigen! Welch ein Narr bin ich, daß ich mich ſo beunruhige! Iſt eine menſchliche Macht im Stande, mir in fünf Minuten den Hunger zu ge⸗ ben, der mir ſeit zwei Monaten fehlt? Oh! verfluchter Kapitän Horace! welches Vergnügen wird es mir ma⸗ chen, Dich unter Schloß und Riegel bringen zu laſſen! Wie freue ich mich in dem Gedanken, daß Du als einzige Nahrung nur das Ekel erregende Teiggemengſel der Gefangenen haben wirſt, und zur Befeuchtung ein Glas blauen Wein, rauh für die Kehle wie ein Reib⸗ eiſen und ſcharf wie Eſſig. Aber bah! ohne Zweifel an die häufigen Entbehrungen der Seeleute gewöhnt, iſt der Ruchloſe im Stande, gleichgültig dieſem Märtyr⸗ thum zu widerſtehen und ſeinen unverſchämten Appetit zu behalten, während ich. . . Ah! wenn dieſer Koch nicht log! Doch nein, nein, wie alle Franzoſen, iſt er ein Prahler, ein Hoffärtiger! Und dennoch ſcheint mir ſeine Sicherheit gewiſſenhaft. Ueberbies hat er im Blick, in der Phyſiognomie etwas Gebietendes. Wer iſt im Ganzen dieſer Menſch? woher kommt er? kann ich ſeiner Aufrichtigkeit vertrauen? Ich erinnere mich nun, 58 daß er, als ich von der Unmöglichkeit, meinen Appetit wiederzubeleben, ſprach, mit einer ſeltſamen Miene ant⸗ wortete: „Gnädiger Herr, ich bin vielleicht ein Zau⸗ berer.““ Gibt es Zauberer, ſo ſind es Söhne des böſen Geiſtes, und Gott behüte mich, daß ich je mit ſolchen zuſammentreffe! Dieſer Menſch müßte alſo wirklich ein Zauberer ſein, um mich eſſen zu machen! Ach! ich bin ein großer Sünder! Satan nimmt alle Formen an; und wenn „ Oh! ſchon bei dieſem Gedanken ſchau⸗ dere ich! Entfernen wir ſo traurige Beſorgniſſe!“ Dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen und auf ſeine Pendeluhr geſchaut hatte, fügte der Dom⸗ herr bei: „Es iſt nun bald Mittag „ Unwillkürlich ver⸗ doppelt ſich meine Bangigkeit, je näher die Unglücks⸗ ſtunde heranrückt. Ich fühle eine ſeltſame Aufregung; mir ſelbſt kann ich das wohl geſtehen: ich habe bei⸗ nahe Angſt. Mir ſcheint, zu dieſer Stunde widmet ſich dieſer Menſch einer geheimnißvollen Beſchwörung, er machinirt auf etwas Uebermenſchliches; denn einen Tod⸗ ten auferwecken oder meinen Appetit auferwecken hieße dasſelbe Wunder verrichten. Und dieſer erſtaunliche Menſch hat ſich gerühmt, er werde das Wunder voll⸗ bringen! Und wenn er es vollbrächte, ſo müßte ich alſo ſeine übermenſchliche Macht anerkennen?... Ahl ahl ich ſchäme mich Dieſer Schwäche .. Gleichviel, ich will lieber nicht allein bleiben, denn je näher die Stunde kommt, deſto ängſtlicher fühle ich mich. Klingeln wir, Pablo. (und er hingelt.) Ja, die Stille dieſer Wohnung, der Gedanke, daß dieſer Menſch ſich hier, in der unterirdiſchen Küche, gebückt unter ſeinen flammen⸗ den Hefen, wie ein mit Zauberwerken beſchäftigter Geiſt, befindet, Alles dies macht einen außerordentlichen Ein⸗ vruck auf mich. Ah! Pablo hört mich nicht,“ rief der Domherr, deſſen Unruhe immer mehr zunahm. Und er klingelte abermals heftig. Pablo erſchien nicht. 59 „Was bebeutet das?“ murmelte Don Diego, in⸗ dem er mit ängſtlichen Blicken umherſchaute. „Pablo kommt nicht! Welche erſchreckliche Stille! Ohl! es geht etwas Außerordentliches vor! Ich wage es nicht, einen Schritt zu machen!“ Der Domherr horchte und fügte dann bei: „Was für ein dumpfes Geräuſch iſt dies? das hat nichts Menſchliches! Man naht! man kommt! Oh! ich habe keinen Blutstropfen in den Adern!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre ſo heftig geöffnet, daß der Domherr einen Schrei ausſtieß, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg und murmelte: „Vade re retro Sa „Satanas!““ Es war indeſſen durchaus nicht Satanas, ſon⸗ dern Pablo der Haushofmeiſter, der, nachdem er zwei⸗ mal nicht auf den Ruf der Klingel ſeines Herrn ge⸗ antwortet, haſtig herbeigelaufen war und ſo das Ge⸗ räuſch verurſacht hatte, welches die abergläubiſche Ein⸗ bildungskraft des Domherrn in ein geheimnißvolles und übermenſchliches Geräuſch verwandelte. Erſtaunt über die Haltung des Domherrn, näherte ſich der Haushofmeiſter dieſem und ſagte: „Ahl mein Gott! was haben Sie, gnädiger Herr?“ Als er die Stimme von Pablo hörte, ließ Don Diego ſeine diclen Hände, mit denen er ſich das Ge⸗ ſicht bedeckte, niederſinken und zeigte ſeinem Diener ein noch vom Schrecken bebendes Geſicht. „Gnädtger Herr, was iſt denn vorgefallen?“ rief der Haushofmeiſter. „Nichts, mein lieber Pablo, nichts eine tolle Idee, über die ich nun erröthe. Doch warum biſt Du ſo lange nicht gekommen?“ „Gnädiger Herr, das iſt nicht meine Schuld.“ „Wie ſo?“ „Gnädiger Herr, ich wollte aus Reugierde in die 60 Küche gehen, um den trefflichen Koch bei der Arbeit zu ſehen.“ „Nun! Pablo?“ „Nachdem ich ihm ſeine Kiſte transportiren ge⸗ holfen hatte, bat mich dieſer wunderbare Menſch, ſeine Küche zu verlaſſen, wo er, wie er ſagte, durchaus allein ſein wolle.“ „Ah! Pablo, wie hüllt er ſich in das Geheim⸗ nißvolle!“ „Ich gehorchte, gnädiger Herr, doch ich konnte dem Wunſche, außen an der Thüre zu bleiben, nicht widerſtehen.“ „Um zu horchen?“ „Nein, gnädiger Herr, um zu riechen.“ „Nun! Pablo?“ „Ah! gnädiger Herr! ahl gnädiger Herr!“ „Vollende!“ „Allmälig verbreitete ſich durch die Thüre ein ſo angenehmer, ſo anlockender, ſo herausfordernder Ge⸗ ruch, daß es mir unmöglich war, wegzugehen; wäre ich an die Thüre genagelt geweſen, ich würde nicht unbeweglicher geblieben ſein: ich war betäubt, be⸗ zaubert.“ „Wahrhaftig, Pablo?“ „Sie wiſſen, gnädiger Herr, Sie haben mir vas vortreffliche Frühſtück überlaſſen, welches man dieſen Morgen brachte.“ „Ach! ja. „Dieſes Frühſtück habe ich verzehrt, gnädiger Herr.“ „Glücklicher Pablo!“ „Nun wohl! gnädiger Herr, der Geruch, von dem ich rede, war ſo Appetit erregend, daß ich mich ſogleich von einem wüthenden Hunger gepackt fühlte, und ohne die Thüre zu verlaſſen, nahm ich von einem der Bretter der Speiſekammer ein großes Stück trockenes Brod.“ „Und Du haſt es gegeſſen, Pablo?“ 61 „Verſchlungen, gnädiger Herr!“ „Trocken ?“ „Trocken!“ antwortete der Haushofmeiſter den Kopf beugend. „Trocken!“ rief der Domherr, indem er die Hände und die Augen zum Himmel erhob, „das iſt ein Wun⸗ der! Er hat vor einer Stunde wie ein Wehrwolf ge⸗ ſſist und ſtopft ſich ſo eben mit trockenem Brode voll.“ „Ja, gnädiger Herr, und nur gewürzt durch den ſaftigen Geruch, hat mir dieſes trockene Brod das köſtlichſte Gericht geſchienen.“ In dieſem Augenblicke ſchlug es zwölf Uhr. „Zwoͤlf Uhr!“ rief der Haushofmeiſter, „der wun⸗ derbare Koch hat mir empfohlen, Ihnen auf den Schlag zwölf Uhr zu ſerviren. Das Couvert iſt. auf einem Tiſch ſchon bereit; ich will es bringen.“ „Gut, Pablo,“ ſagte der Domherr mit einer gefaßten Miene; „mein Schickſal ſoll in Erfüllung gehen!.. Das Wunder, wenn es ein Wunder gibt, wird ſich bewerkftelligen, wenn es ſich bewerkſtelligen ſoll; denn ich ſchwöre Dir, trotz Alles deſſen, was Du mir erzählt, habe ich nicht den geringſten Appetit; mein Magen iſt ſchwerfällig, mein Mund teigicht. Gehe, Pablo, ich warte.“ Es lag eine Reſignation voll Zweifel, Neugierde, Bangigkeit und unbeſtimmter Hoffnung in dem Aus⸗ mit welchem Don Diego das Wort: „Ich warte!“ prach. 6 Bald erſchken der Haushofmeiſter wieder. Er ging mit einer feierlichen Miene und trug auf einer Platte ein ſilbernes Rechaud von der Größe eines Tellers, überragt von einer Glocke. Neben dieſer Platte ſah man ein Kryſtallfläſchchen gefüllt mit einer durch⸗ ſichtigen Flüſſigkeit von Topasfarbe. Pablo, während er vorſchritt, näherte zuweilen ſeine lange Naſe der Glocke, als wollte er die anlocken⸗ 62 den Ausdünſtungen einathmen, die ihr entſtrömen könn⸗ ten; endlich ſetzte er das kleine Rechaud, die Kryſtall⸗ flaſche und ein Zettelchen auf den Tiſch. mit 3 Glocke deutend, „was für ein Silbergeſchirr iſt das „Es gehört dem Herrn Appetit, Euer Gnaden; den, gefüllt mit ſiedendem Waſſer, denn man muß vor Allem heiß eſſen, ſagt der große Mann.“ „Und dieſes Fläſchchen, Pablo?“ 3 „Seine Beſtimmung iſt auf dieſem Zettel ange⸗ geben, der Ihnen die Gerichte nennt, gnädiger Herr, die Sie eſſen ſollen.“ „Gib mir den Zettel,“ ſagte der Domherr, und er las: 3 „Perlhühnereier mit Wachtelnfett gebacken und mit einer Kraftbrühe von Krebſen angerichtet. „NB. Heiß eſſen, nur einen Biſſen aus jedem Ei machen, nachdem es zuvor wohl mit Kraftbrühe be⸗ feuchtet worden iſt. „Pianiſſimo kauen. „Nach jedem Ei zwei Fingerhut voll von dieſem Mabeirawein von 1807 trinken, der fünfmal die Fahrt von Riv⸗Janeiro nach Caleutta gemacht hat. „Dieſen Wein mit Ueberlegung trinken. „Es iſt mir unmöglich, mir nicht die Freiheit zu nehmen, jedes Gericht, das ich dem edlen Don Diego zu ſchicken die Ehre haben werde, mit einer Flaſche dem beſonderen Charakter des genannten Gerichts ange⸗ meſſenen Wein zu begleiten.“ „Welch ein Mann!“ rief der Haushofmeiſter mit einem Ausdruck tiefer Bewunderung; „welch ein Mann! 1 er denkt an Alles!“ Der Domherr, bei dem die Aufregung immer mehr „Pablo,“ fragte der Domherr auf das Rechaud unirt dieſer Glocke iſt ein Teller mit doppeltem Bo⸗ 63 zun ahm, hob die ſilberne Glocke mit einer zitternden Hand auf. Plötzlich verbreitete ſich eine köſtliche Ausſtrömung in der Atmoſphäre. Pablo faltete die Hände, dehnte ſeine Naſenflügel unmäßig aus und ſchaute mit einem gierigen Auge. Mitten auf dem Teller und halb beſpült von einer öligen Kraftbrühe von ſchöner rother Farbe ſah der Haushofmeiſter vier kleine, runde, weiche Eier, welche noch in ihrem Backfette zu zittern ſchienen. Wie ſein Haushofmeiſter von dem kößlichen Ge⸗ ruche dieſes Gerichtes betroffen, aß der Domherr buch⸗ ſtäblich mit dem Blicke, und zum erſten Male ſeit zwei Monaten kitzelte die Velleität eines Appetits ſeinen Gaumen. Nichtsdeſtoweniger zweifelte er noch, denn er glaubte, es ſei die trügeriſche Illuſion eines falſchen Hungers. Er nahm indeſſen in einen Löffel eines von den wohl mit der Kraftbrühe befeuchteten kleinen Eiern und ſchob es in ſeinen breiten Mund. „Kauen Sie pianiſſimo, gnädiger Herr,“ rief Pablo, der jeder Bewegung ſeines Herrn mit ge⸗ waltigem Herzklopfen folgte. „Kauen Sie langſam, ſpricht der Zauberer, und trinken Sie ſodann von dieſem.“ Und er goß zwei Fingerhut voll Madeirawein von 1807 in ein Glas ſo klein wie eine Zwiebelſchale und reichte es Don Diego. O Wunder! o Wunder! o Wunder! die zweite Bewegung änes äußerſt langſamen Kauens war kaum vollbracht, als der Domherr ſeinen Kopf ſachte zurück⸗ fallen ließ, halb die Augen ſchloß, wie in einer Art von Ertaſe, und auf ſeiner Bruſt ſeine Hände kreuzte, von denen die eine noch den Loͤffel hielt, deſſen er ſich bedient hatte. „Nun! gnädiger Herr?“ fragte lebhaft Pablo, in⸗ 64 dem er dem Domherrn das Gläschen Madeirawein reichte, „nun?“ . Der Domherr antwortete nicht, nahm mit Eile das Glas und führte es an ſeine Lippen. „Und trinken Sie hauptſächlich mit Ueberlegung, gnädiger Herr!“ rief Pablo, ein ängſtlicher Beobachter der Verordnung des Kochs. Der Domherr trank in der That mit Ueberlegung, ließ dann ſeine Zunge an ſeinem Gaumen ſchnalzen und hörte, wenn man ſo ſagen darf, einen Augen⸗ blick zu, wie er das Bouguet des Weines koſtete, das ſich wunderbar mit dem Nachgeſchmack des Gerichtes verband, welches er genoſſen hatte; dann aß der Dom⸗ herr, immer ohne auf die Fragen von Pablo zu ant⸗ worten, pianiſſimo die drei letzten Perlhühnereier mit einem nachdenkenden und wachſenden Ergötzen, leerte das Fläſchchen Madeirawein und, müſſen wir dieſe Un⸗ gereimtheit geſtehen? dunkte ſo gewiſſenhaft mit ſeinem Brode die Krebsbrühe aus, von der die Eier beſpült wor⸗ den waren, daß der Boden des Tellers in unbeflecktem Glanze ſchimmerte. Hienach wandte ſich Don Diego zum erſten Mal an ſeinen Haushofmeiſter und rief mit gerührtem Tone, während Thränen in ſeinen Augen glänzten; „Ah! Pablo!.. „Was gibt es, gnädiger Herr? Dieſe Gemüths⸗ bewegung 4 „Pablo, ich weiß nicht, wer geſagt hat, die größten Freuden haben etwas Melancholiſches; derjenige, wel⸗ cher dies ſagte, täuſchte ſich nicht, denn die Schwäche unſerer Natur macht oft, daß wir uns unter dem Ge⸗ wichte der größten Glücksfälle beugen. So iſt es ſeit zwei Monafen gleichſam das erſte Mal, daß ich eſſe, und daß ich eſſe, wie ich nie in meinem Leben gegeſſen habe. Nein! nein! denn ſiehſt Du, mein armer Pablo, keine menſchliche Zunge vermöchte die Feinheit, den außerordentlichen Wohlgeſchmack dieſes ſcheinbay ſo ein⸗ 65 fachen Gerichtes der in Wachtelnfett gebackenen und mit einer Kraftbrühe von Krebſen be⸗ goſſenen Perlhühnereier auszudrücken! Nein! ſiehſt Du, je mehr ich davon genoß, deſto mehr fühlte ich meinen Appetit wiedergeboren werden, und ge⸗ genwärtig habe ich viel mehr Hunger, als bevor ich gegeſſen. Und dieſer Wein, Pablo, dieſer Wein, wie das zerſchmolzen iſt!“ „Ach! gnädiger Herr,“ ſprach Pablo mit einer kläglichen Miene, „ich kenne den Geſchmack dieſes Wei⸗ nes nicht, doch ich glaube Ihnen gern.“ „Oh! ja, glaube mir, Pablo, das iſt zugleich herb und mild; was ſage ich, ein Rectar! und wenn Du wüßteſt, Pahlo, wie ſich der Geſchmack dieſes Weines wunderbar mit dem Wohlgeruch der Krebs⸗ brühe vermählt; das iſt idealiſch, Pablo, idealiſch, ſage ich Dir; ich müßte auch ſtrahlen, vor Freude närriſch ſein, indem ich ſo meinen verlorenen Appetit wiederfinde .. Doch nein, ich fühle mich von einer unausſprechlichen Rührung ergriffen „„ich weine wie ein Kind! Pablo, Du ſiehſt es, ich weine, ich habe Hunger!“ Man hörte klingeln. „Was iſt das, Pablo?“ „Er iſt es, gnädiger Herr.“ „Wer?“ „Der große Mann! Er klingelt uns.“ „ r „Ja, gnädiger Herr,“ erwiederte Pablo, währenb er den Teller wegnahm. „Er verſichert, diejenigen, welche eſſen, müſſen der Klingel derjenigen unterworfen ſein, welche eſſen machen, denn dieſe allein wiſſen die Stunde, die Minute, den Augenblick, wo jedes Ge⸗ richt aufgetragen, gekoſtet werden müſſe, um nicht ein tom von ſeinem Werthe zu verlieren.“ „Es iſt ſehr tief, was er da ſagt! er hat Recht. Lauf alſo, Pablo . WMein Gottl nun klingelt man Die Schlemmerei, 5 66 abermals! Wenn er ſich nur nicht ärgert . .. Gehe geſchwinde, geſchwinde!“ Der Haushofmeiſter lief, und, geſtehen wir das Ent⸗ ſetzliche, von einer verzweifelten Neugierde angetrieben, leckte der Unglückliche mit einer wahren Wuth den Leller ab, den er zurücktrug, obgleich ihn der Dom⸗ herr blank und glänzend gelaſſen hatte. Man kann ſich vorſtellen, mit welcher immer leb⸗ hafteren, immer mehr zunehmenden Ungeduld der Dom⸗ herr die verſchiedenen Gerichte erwartete, aus welchen ſein Frühſtück beſtand. Jeder Gang war begleitet von einer Verord⸗ nung, wie Pablo ſagte, und von einer neuen Flaſche Wein, welche ohne Zweifel aus dem Keller des ſelt⸗ ſamen Koches kam. Die Sammlung dieſer culinariſchen Bulletins wird einen Begriff von den wechſelreichen Genüſſen ge⸗ ben, welche dem Domherrn zu Theil wurden. Nach der Note, welche die Perlhühnereier an⸗ kündigte, entrollte ſich folgender Küchenzettel in der Ordnung, in der wir es angeben: „Forelle aus dem Genfer See mit Butter von Monitpellier, in Eis abgekühlt. „Jeden Biſſen von dieſem ausgezeichneten Fiſch hermetiſch in eine Lage von dieſer ſtarken Würze hüllen. „Allegro kauen. „Zwei Gläſer von dieſem Bordeauxwein (Sau⸗ tern'e von 1834) trinken; er hat dreimal die Fahrt nach Indien gemacht⸗ „Dieſer Wein will überdacht ſein.“ „Ein Dichter oder ein Maler hätte aus dieſer Forelle mit Butter von Montpellier, in Eis abgekühlt, ein bezauberndes Portrait gemacht,“ ſagte der Dom⸗ herr zu Pablo. „Sieh dieſe reizende kleine Forelle, mit roſenfarbigem Flelſch, mit perlmutterartigem Kopfe, wollüſtig gelagert auf dieſem glänzenden grünen Bette, beſtehend aus friſcher Butter und feinem Oel, durch das 67 Eis gefroren, welchen Zuthaten der Dragun, die Zi⸗ polle, die Brunnenkreſſe, die Peterfilie dieſe heitere Smaragdfarbe gegeben haben! Und welch ein Wohl⸗ geruch! Wie die Friſche dieſer Würze ſo köſtlich mit dem ſcharfen Geruche der Kräuter contraſtirt! Und dieſer Sauterne! ein dem Charakter der göttlichen Forelle, welche mir einen wachſenden Appetit verleiht, ſo wohl angemeſſener Trank, wie dieſer große Küchenmann ſagt!“ Nach der Forelle kam ein anderes Gericht mit fol⸗ gendem Bulletin: „Filets von ſchottiſchem Birkhuhn mit welßen Trüffeln von Piemont (roh in Schnittchen geſchnitten). „Jeden Biſſen Birkhuhn zwiſchen zwei Rädchen Trüffeln einſchließen und das Ganze wohl mit ver hiebei ſervirten Sauce à la Perigueux (ſchwarze Trüffeln) be⸗ feuchten. „Zwei Gläſer von dieſem Chateau⸗Margaux 1834. trinken. (Er hat auch die Reiſe nach Indien gemacht.) „Dieſer Wein offenbart ſich in ſeiner ganzen Maje⸗ ſtät nur beim Nachgeſchmack. Weit entfernt, ihn zu ſlillen, erregten dieſe Filets von Birkhuhn bis zum Heißhunger den immer mehr wachſenden Appetit des Domherrn, und ohne die tiefe Ehrfurcht, die ihm die Vorſchriften des großen Kü⸗ chenmanns einflößten, hätte er Pablo weggeſchickt, um dem Klingeln zuvorzukommen und ein neues Wun⸗ der zu holen. Endlich wurde die Klingel wieder hörbar. Der Haushofmeiſter kam bald mit folgender Note zurück, welche ein anderes Gericht begleitete: „Ginſterralle *) auf einer Kruſte à la Sarda⸗ napal gebraten. 7 Wachtelkönig. 68 „Nur die Schenkel und den Bürzel von dieſer Ralle eſſen, den Schenkel nicht abſchneiden, ihn bei der Pfote nehmen, die denſelben endigt, ihn leicht mit Salz beſtreuen, ſcharf über der Pfote tranchiren und Alles, Fleiſch und Knochen, zermalmen. „Laago und fortiſſimo kauen, beinahe gleich⸗ zeitig einen Biſſen von den heißen geröſteten Brod⸗ ſchnitten effen, welche mit einer öligen Würzung, einer Combination von Leber und Gehirn von Schnepfe, Gansleber von Straßburg, Rehmark, geſtoßenen Sar⸗ dellen u. ſ. w., überzogen iſt. „Zwei Gläſer von dieſem Clos Vougevot von 1817 trinken. „Dieſen Wein mit Gemüthsbewegung einſchenken, ihn mit Religion trinken.“ Nach dieſem eines Lucullus oder eines Trymoltcion würdigen Braten, den der Domherr mit Vergötterung und mit einem unerſättlichen Hunger verzehrte, erſchien der Haushofmeiſter wieder mit zwei Zwiſchenſpeiſen, welche das Bulletin alſo bezeichnete: „Morcheln mit feinen Kräutern und Schinken⸗Eſſenz; dieſen göttlichen Pilz im Munde ſchmelzen und ſich auf⸗ löſen laſſen. „Pianiſſimo verſchlucken. „Ein Glas Cote⸗Rotie 1829 und ein Glas Johannisberger 1724. (welcher aus dem großen Faſſe der Bürgermeiſter von Heidelberg kommt), trinken. „Es iſt nichts in Betreff des Cote⸗Rotie zu em⸗ Wein iſt ſtolz, gebieteriſch, er impo⸗ nirt ſich. „Was den hundert und zwanzig Jahre alten Jo⸗ hannisberger betrifft, ſo muß man ſich ihm mit der Ehrerbietung, welche ein Hundertjähriger einfloͤßt, nähern und ihn mit Salbung trinken. „Zwei ſüße Zwiſchenſpeiſen. „Bouchées à la Ducheſſe, mit Ananas⸗Gelée. „Amoroſo verzehren. 69 „Zwei bis drei Gläſer von dieſem Champagner in Eis abgekühlt (Sillery ſer, vom Kometenjahrgang) trinken. „Brie⸗Käſe vom Pachthofe von Eſtouville bei Meaur. „Dieſes Haus hat vierzig Jahre lang die Ehre ge⸗ habt, die Tafel des Herrn Fürſten von Talleyrand zu bedienen, welcher den Brie⸗Käſe für den König der Käſe erklärte (das einzige Königthum, dem der große Diplomat bis zu ſeinem Tode treu geblieben i „Ein paar Gläſer von dieſem Porto trinken, wel⸗ cher aus einem Faſſe kommt, das unter den Trümmern des Erdbebens von Liſſabon aufgefunden wor⸗ den iſt. „Die Vorſehung für dieſe wunderbare Rettung ſegnen und ſein Glas fromm leeren. „NB. Nie Obſt des Morgens, es kühlt zu ſehr ab und belaſtet den Magen auf Koſten der Abendruhe; ſich einfach den Mund mit einem Glaſe Cröme de Bar⸗ bado von Madame Amphou (1780) ausſchwänken und, vom Mittagsbrode träumend, eine leichte Sieſta machen. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß alle dieſe Vor⸗ ſchriften des Kochs, Punkt für Punkt, vom Domherrn be⸗ folgt wurden, deſſen Appetit wunderbarer Weiſe, je mehe er genährt war, immer mehr zuzunehmen ſchien. Endlich⸗ nachdem er bis auf den letzten Tropfen ſein Glas In⸗ ſelnliqueur geleert hatte, fing Don Diego, deſſen Ohr ſcharlachroth, deſſen Augen ſanft verſchleiert, deſſen Wange gefärbt waren, an die laue Feuchte und die ſanfte Schläfrigkeit einer glücklichen, leichten Verdauung zu empfinden. „Fühlte ich nicht einen dumpfen Tigershunger, der nur zu frühe zum Ausbruche kommen wird, ſo würde ich glauben, ich ſei im Paradies. Ah! Pablo, 7⁰ hole mir dieſen großen Küchenmann, dieſen wahren Zauberer; ſage ihm, er möge kommen und ſein Werk genießen, er möge die Glückſeligkeit beurtheilen, in die er mich verſetzt hat; ſage ihm beſonders, Pablo, wenn ich nicht ſelbſt zu ihm gehe, um ihm meine Be⸗ wunderung, meine Dankbarkeit zu bezeigen, ſo ſei dies . Der Domherr unterbrach ſich beim Anblick des culinariſchen Künſtlers, welcher ungeſtüm in den Salon eintrat und gerade vor Don Diego, einen ſeltſamen Blick auf dieſen heftend, ſtehen blieb. VIII. Als er den Koch erblickte, der nach dem Gebrauche ſeiner Profeſſion eine weiße Jacke und eine baumwol⸗ lene Mütze trug (die alte und hohe claſſiſche Schule der Lagulpierre, der Morel, der Caröme iſt der baum⸗ wollenen Mütze treu geblieben, während die junge ro⸗ mantiſche Schule als Kopfbedeckung die Toque von weißer Percaline angenommen hat), ſtand der Domherr Don Diegv auf, machte zwei Schritte gegen den culinariſchen Künſller, reichte ihm die Hände und rief mit einer tief bewegten Stimme: „Seien Sie willkommen, mein Retter, mein Freund, mein theurer Freund. Ja, ich bin ſtolz darauf, Ihnen dieſen Titel zu geben, — Sie haben ihn verdient, denn ich verdanke Ihnen den Appetit, und der Appetit, das iſt das Glück, das iſt das Leben!“ Der Koch ſchien nicht ſehr empfänglich für den freundſchaftlichen Titel, mit welchem ihn der Domherr 7¹ beehrle; er blieb ſtille, die Arme über ſeiner Bruſt ge⸗ kreuzt, die Augen auf Don Diego geheftet; doch im Feuer ſeiner gaſtronvmiſchen Dankbarkeit bemerkte dieſer das ſpöttiſche, wir möchten beinahe ſagen, ſataniſche Lächeln nicht, welches über die Lippen des großen Kü⸗ chenkünſtlers ſchwebte, und fuhr im Ausdrucke ſeiner Dankbarkeit alſo fort: „Mein Freund, von dieſem Tage an gehören Sie mirz Ihre Bedingungen werden die meinigen ſein. Ich bin reich, das gute Eſſen iſt meine einzige Leidenſchaſt: ich werde auch für Sie nicht ein Herr, ſondern ein Bewunderer ſein. Nie, mein lieber Freund, wird man Sie beſſer geſchätzt haben. Sie haben es mir ſelbſt ge⸗ ſagt, Sie arbeiten nur für die Kunſt, und Sie bewei⸗ ſen es, denn ich erkläre laut, Sie ſind der größte Koch, den es auf der Welt gibt. Das Wunder, wel⸗ ches Sie heute bewerkſtelligten, indem Sie mir nich nur meinen Appetit wiedergaben, ſondern denſelben, während ich Ihre Meiſterwerke genoß, verdoppelten (da ich in dieſem Augenblicke noch einmal zu frühſtücken im Stande wäre), ſtellt Sie in meinen Augen außer die Linie. Wir werden uns nicht mehr verlaſſen, lieber Freund; Alles, was Sie von mir verlangen, bewillige ich Ihnen; Sie werden ſo viele Gehülfen und Subal⸗ terne nehmen, als Sie wollen; ich wünſche Ihnen jede Anſtrengung zu erſparen; Ihre Geſundheit iſt mir zu koſt⸗ bar, um ſie zu gefährden, denn fortan, ich fühle es hier,“ — und Don Diego legte ſeine dicke Hand auf ſeinen Magen, „fortan vermöchte ich nur durch Sie zu leben, mein lieber Freund, und ... „Alſo,“ unterbrach, auf eine ſardoniſche Weiſe lächelnd, der Koch den Domherrn, „Sie haben alſo gut gefrühſtückt, gnädiger Herr?“ „Ob ich gut gefrühſtückt habe, mein theurer Freund, ſagen Sie doch, ich verdanke Ihnen den Ge⸗ nuß von fünf Viertelſtunden! einen unausſprechlichen Genuß und ohne eine andere Unterbrechung, als die 72 kurzen Stillſtände des Servirens . und auch vieſe Unterbrechungen waren voll Reiz. Erwartete ich nicht, zwiſchen der Hoffnung und der Erinnerung getheilt, mein Vergnügen mit einer unerſättlichen Begierde? Sie fra⸗ gen mich, ob ich gut gefrühſtückt? Pablo wird Ihnen ſagen, daß ich vor Rührung geweint habe! Das iſt meine Antwort.“ „Gnädiger Herr, ich habe mir erlaubt, Ihnen einige Accompagnemens von Weinen zu ſchicken, denn gute Speiſen ohne gute Weine, das iſt eine ſchöne Frau ohne Geiſt; haben Sie dieſe Weine trinkbar ge⸗ funden, gnädiger Herr?“ 1 „Trinkbarl. Großer Gott! welche Blasphemie! Unſchätzbare Muſter von allen bekannten Nectaren ... trinkbar! Weine, deren Werth man nicht bezahlen würde, tauſchte man ſie Flaſche für Flaſche gegen flüſ⸗ ſiges Gold. trinkbar! Ah! mein lieber Freund, Ihre Beſcheidenheit iſt übertrieben, gerade wie Sie vorhin Ihr ungeheures Talent zu übertreiben ſchienen. Doch ich erkenne, würde man Ihr Genie bis zur Hyperbel loben, man bliebe immer noch unter der Wohrheit.“ „Ich habe noch viele Weine von dieſer Qualität,“ ſagte kalt der Koch: „ſeit fünf und zwanzig Jahren arbeite ich daran, mir einen kleinen Keller auf eine leidliche Art zu verſehen.“ „Aber, mein Freund, dieſer leidliche Keller muß Sie Millionen koſten?“ nichts gekoſtet, gnädiger Herr.“ . „Das ſind lauter Geſchenke, die man meinem de⸗ müthigen Talent gemacht.“ „Ich wundere mich nicht darüber, mein theurer Freund; aber was gedenken Sie mit dieſem Keller, der die Eiferſucht eines Königs erregen würde, zu ma⸗ chen? Oh! wenn Sie mir ihn ganz oder theilweiſe ab⸗ treten wollten, ich würde vor keinem Opfer zurückwei⸗ chen; denn, — wie Sie voll Tiefe geſagt haben, — gute 73 Speiſen ohne gute Weine, das iſt eine ſchöne Frau ohne Geiſt. Dieſe Weine begleiten aber ſo bewunde⸗ rungswürdig Ihre Erzeugniſſe, daß ich . Der Koch unterbrach Don Diego durch ein ſpöt⸗ tiſches Gelächter. „Sie lachen,“ ſagte der Domherr ſehr erſtaunt; „Sie lachen?“ „Ja, gnädiger Herr, ich lache.“ „Und worüber, mein Freund?“ „Ueber Ihre Dankbarkeit gegen mich, gnädiger Herr.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Oh! edler Don Diego, Sie glauben Ihr guter Engel (und ich ſtelle mir vor, ich ſehe ihn dick und bausbäckig, gekleidet wie ich als Koch und Faſanen⸗ flügel auf ſeinem weißen Rücken tragend); ah! Sie glauben, edler Domherr, Ihr guter Engel habe mich zu Ihnen geſchickt!“ „Mein lieber Freund,“ erwiederte der Domherr, der ſeine Augen weit aufriß und ſich durch die immer mehr höhniſche Miene des Kochs ſehr beunruhigt fühlte, „mein lieber Freund, ich bitte, erklären Sie ſich deutlich.“ „Edler Domherr, dieſer Tag wird ein verhängniß⸗ voller Tag für Sie ſein.“ „Großer Gott! was ſagen Sie?“ „Edler Domherr,“ ſprach der Koch, immer die Arme gekreuzt, den Blick ſtarr, die Miene drohendz und er machte einen Schritt gegen Don Diego, welcher eben ſo weit mit einer wachſenden Bangigkeit zurückwich, „ebler Domherr, ſchauen Sie mich wohl an.“ „Ich ich „ſchaue Sie an, mein Freund,“ ſtammelte Don Diego, „aber „Wohlan! mein Geſicht wird Sie überallhin, wäh⸗ rend Ihres Schlafes und wenn Sie wachen, verfolgen. ie werden mich hier, immer hier vor Ihren Augen ſehen, mit meiner baumwollenen Mütze und meiner 74 weißen Jacke, wie eine phantaſtiſche und furchtbare Er⸗ ſcheinung.“ „Ahl mein Gott! es iſt um mich geſchehen!“ mur⸗ melte erſchrocken der Domherr. „Meine Ahnungen täuſchten mich nicht; dieſer Appetit war zu wunderbar, vieſe Speiſen, dieſe Weine waren zu übermenſchlich, als vaß darunter nicht ein erſchreckliches Geheimniß, ein hölliſcher Zauber ſtecken mußte.“ . In dieſem für ihn ſo kritiſchen Augenblick ſah der zu ſeinem Glück ſeinen Haushofmeiſter ein⸗ reten. „Gnädiger Herr,“ ſprach Pablo, „der Rechtsge⸗ lehrte iſt angekommen, Sie wiſſen, der Rechtsgelehrte, welcher .. „Pablo, bleibe da,“ rief Don Diego, indem er ſei⸗ nen Haushofmeiſter beim Arm faßte und zu ſich zogz „verlaſſe mich nicht. ..“ „Mein Gott! gnädiger Herr, was haben Sie?“ verſetzte Pablo, „Sie ſcheinen erſchrocken. ℳ „Oh! Pablo, wenn Du wüßteſt. „ flüſterte Don Diego mit einer leiſen, kläglichen Stimme, ohne daß er die Augen gegen den Koch zu wenden wagte. „Gnädiger Herr,“ wiederholte Pablo, „ich ſagte Ihnen, der Rechtsgelehrte ſei angekommen.“ „Welcher Rechtsgelehrte, Pablo?“ „Derjenige, welcher nach den Formen Ihre Klag⸗ ſchrift gegen den Kapitän Horace, als ſchuldig der Ent⸗ führung der Senora Dolores, abfaſſen ſoll.“ „Pablo, es iſt mir unmöglich, mich mit dieſen An⸗ gelegenheiten zu beſchäftigen; oh, ich bin nicht recht bei Sinnen ich glaube zu träumen⸗ .. Ah! wenn Du wüßteſt, was geſchieht! . dieſer Koch! „ah! meine Ahnungen!“ „Gnädiger Herr, dann will ich den Rechtsgelehrten wegſchicken?“ „Nein!“ rief der Domherr, „nein; denn dieſer elende Kapitän Horace iſt Schuld an allen meinen Leiden. 75 Hätte er nicht gemacht, daß ich den Appetit verloren, ſo würde ich dieſen Morgen gefrühſtückt gehabt haben, als dieſer Verſucher in weißer Jacke hier bei mir ein⸗ drang, und ich wäre nicht das Opfer ſeiner Zaubereien geweſen! Nein!“ fügte Don Diego mit verdoppeltem Zorne bei: „heiße den Rechtsgelehrten warten; er wird meine Klage ſogleich ſchreiben; zuerſt muß ich aber aus der erſchrecklichen Verlegenheit herauskommen, in der ich mich befinde,“ fügte er mit einem ängſtlichen Blicke auf den Koch bei, der immer ſtillſchweigend und furchtbar daſtand. „Ich muß erfahren, was dieſes geheimnißvolle Weſen von mir will; heiße den Rechts⸗ ſueti in mein Cabinet eintreten und verlaſſe mich nicht.“ Der Haushofmeiſter ſprach ein paar Worte zu der Thüre hinaus zu dem Rechtsgelehrten, welcher ſich im anſtoßenden Zimmer befand, und der Domherr, der Haushofmeiſter und der Koch blieben allein. Don Diego, der ſich durch die Gegenwart von Pablo ſtärker fühlte, ſuchte einige Sicherheit zu gewin⸗ nen und ſagte zu dem Manne mit der weißen Jacke, der immer ſeine ſpottiſche, unempfindliche Miene behielt: „Mein guter Freund, laſſen Sie uns ernſthaft ſprechen. Es iſt hier nicht die Rede von guten oder böſen Engeln, ſondern von einem Manne von ungeheu⸗ rem Talent (ich meine Sie), den ich mir um jeden Preis beigeſellen moͤchte. Es handelt ſich auch um einen göttlichen Keller, für welchen mir kein Opfer zu groß wäre. „ Ich ſpreche in der vollen Aufrichtigkeit meiner Seele, mein lieber und guter Freund, — antworten Sie mir ebenſo.“ Dann ſagte der Domherr leiſe zu ſeinem Haus⸗ hofmeiſter: „Pablo bleibe immer zwiſchen ihm und mir.“ „Ich will alſo in voller Aufrichtigkeit mit Ihnen reden, Don Diego,“ erwiederte der Koch, „und vor— 76 Allem wieberhole ich Ihnen, ich werde die Betrübniß, die Verzweiflung Ihres Lebens ſein ... „Sie!“ „Ich. ℳ „Pablo, Du horſt ihn! Mein Gott, was habe ich ihm denn gethan?“ murmelte Don Diego. „Erinnern Sie ſich wohl meiner Worte, Domherr. Nach dem unvergleichlichen Mahle, das ich Ihnen vor⸗ geſetzt habe, werden Ihnen die beſten Speiſen fad, die beſten Weine bitter ſcheinen. Ihr einen Augenblick durch meine Macht wiedererweckter Appetit wird abermals zu nichte werden, wenn ich nicht da bin, um ihn aufzu⸗ erwecken.“ „Aber, mein Freund,“ rief der Domherr, „Sie ge⸗ denken alſo „mich zu „„ Der Mann mit der baumwollenen Mütze und der Jacke unterbrach abermals den Domherrn und rief: „Wenn Sie ſich der Genüſſe erinnern, die ich Ihnen für einen Augenblick habe zu Theil werden laſſen, wer⸗ den Sie ſein wie die gefallenen Engel, welche ſich der himmliſchen Freuden des Paradieſes nur erinnern, um ihren Verluſt unter Jammergeſchrei und Zähneknirſchen zu beklagen!“ „Mein guter Freund, ich bitte, ein Wort!“ „Sie werden mit den Zähnen knirſchen, Domherr!“ rief der Koch mit einer furchtbaren Stimme, welche im Grunde der Seele von Don Diego wie der Lärm der Trom⸗ peten des jüngſten Gerichts wiederhallte. „Sie werden ſein wie eine Seele. .. nein, Sie haben keine Seele, Sie werden ſein wie ein Magen im Fegefeuer, Sie werden hin⸗ und hergehen, an den ausgeſuchten Gerichten, die man Ihnen vorſetzen kann, nur riechen und unter erſchreck⸗ lichen Seufzern in der Erinnerung an dasFrühſtückvon die⸗ ſem Morgen ausrufen; „„Ach! ach mein Appetit iſt ver⸗ ſchwunden wie ein Schatten; dieſe ausgezeichneten Speiſen werde ich nicht mehr koſten!““ In Ihrer Verzweiflung — — 77 werden Sie dann abmagern, hoͤren Sie mich, Domherr, Sie werden abmagern.“ „Großer Gott! Pablo, was ſagt der Unglückliche!“ „Bis jetzt haben Sie, obgleich Sie den Appetit verloren, noch von Ihrem Fett gelebt wie die Murmel⸗ thiere im Winter; fortan aber werden Sie den doppel⸗ ten Angriff durch den Verluſt des Appetits und durch das verzweiflungsvolle Beklagen, das ich Ihnen hinter⸗ laſſe, erdulden. Ich ſage Ihnen auch, Sie werden ab⸗ magern, Domherr; ja, Ihre Backen werden einſinken; Ihr dreifaches Kinn wird ſchmelzen wie Wachs in der Sonne; dieſer ungeheure Bauch wird platt werden wie ein abgeſchwollener Schlauch; dieſe Geſichtshaut, welche heute wieder aufblühte, wird verwelken, vergel⸗ ben unter Ihren Thränen, und Sie werden mager, ab⸗ gezehrt, leichenbleich werden wie ein Einſiedler, der von Wurzeln und klarem Waſſer lebt . . hören Sie mich, Domherr!“ „Pablo!“ murmelte Don Diego, indem er ſich auf ſeinen Haushofmeiſter ſtützte und die Augen ſchloß, „halte mich „ich fühle mich auf den Tod getroffen mir iſt. als ſähe ich mein eigenes Geſpenſt erſcheinen .„ ſo wie es dieſer Dämon geſchildert hat! Ja, Pablo, ich ſehe mich mager. abgezehrt, leichenbleich! O mein Gott! das iſt gräßlich . . entſetzlich! .. Es iſt eine Strafe Gottes für meine Sünde der Schlemmerei!“ „Gnädiger Herr, beruhigen Sie ſich,“ ſagte der Haushofmeiſter. Und er wandte ſich mit einer Miſchung von Furcht und Zorn an den Koch und ſprach: „Konnen Sie es ſich zur Aufgabe machen, einen vor⸗ trefflichen, verehrungswürdigen Mann wie den edlen Domherrn Don Diego niederzubeugen!“ „Und nun,“ ſagte unbarmherzig der Koch, „Gott befohlen auf ewig Gott befohlen!“ „Gott befohlen! auf ewig Gott befohlen?“ rief Don Diego, während er mit aller Heftigkeit aufſprang, 7 als wäre er von einem elektriſchen Schlage berührt worden. „Wie! „Sie würden mich wirklich auf immer verlaſſen! Oh! nein, nein, ich errathe nun Alles, in⸗ dem Sie mich das Bedauern fühlen laſſen, welches bei mir Ihr Verluſt verurſachen würde, wollen Sie Ihre Dienſte zu einem höheren Preiſe anſchlagen... Nun! ſo ſprechen Sie, wie viel wollen Sie haben?“ „Ha! ha! ha! ha!“ machte der Mann mit der baumwollenen Mütze und der weißen Jacke mit einem mephiſtopheliſchen Gelächter, indem er ſich langſam nach der Thüre wandte. „Nein, nein,“ rief, die Hände faltend, der Domherr; „nein, Sie werden mich nicht ſo verlaſſen!. . das wäre Rohheit! . das wäre Grauſamkeit!. das hieße einen Unglücklichen mitten in einer brennenden Wüſte laſſen, nachdem man ihm die Wonnen einer Oaſe voll Schatten, voller Kühle zu erſchauen geſtattet.“ „Sie mußten Ihrer Zeit ein großer Prediger ſein, Domherr,“ erwiederte der Mann mit der baumwollenen Mütze und der weißen Jacke, während er immer weiter nach der Thüre ging. „Gnade! Gnade!“ rief Don Diego mit kläglicher Stimme und in Thränen zerfließend. „Ich wende mich nicht mehr an den Künſtler, an den Koch von Genie, ſondern an den Menſchen; ja, meines Gleichen flehe ich auf den Knieen an (und hier bin ich), nicht einen ſeiner Brüder in einer unheilbaren Troßtlofigkeit zurück⸗ zulaſſen.“ „Ja, und hier bin ich auch auf den Knleen,“ rief der würdige Haushofmeiſter, der, fortgeriſſen urch die Gemüthserſchütterung ſeines Herrn, wie dieſeksvieder⸗ kniete; „es iſt ein armes, demüthiges Geſchöpf, wefches ſeine Bitte der des edlen Don Diego beifügt; ach! ver⸗ laſſen Sie ihn nicht, er wird ſterben.“ „Ja,“ ſprach der Koch mit einem verdoppelten ſa⸗ taniſchen Gelächter, „er wird ſterhen, und er wird mager ſterben!“ 5 75 Dieſer letzte Spott verwandelte die Verzweiflung von Don Diego in Wuth; er erhob ſich raſch, trotz ſeiner Feiſtigkeit, ſtürzte auf den Mann mit der baum⸗ wollenen Mütze zu und rief: „Herbeil Pablo! .. Das Ungeheuer wird für Niemand mehr kochen! ſein Tod allein wird mich von ſeiner hölliſchen Macht, die mich beſeſſen hält, be⸗ freien.“ „Gnädiger Herr,“ rief weniger eraltirt, als ſein Herr, der Haushofmeiſter, „was machen Sie? ver Schmerz verwirrt Sie!“ Zum Glück war der Mann mit der weißen Jacke bei der erſten angreifenden Bewegung von Don Diego zwei Schritte zurückgewichen und hatte ſich in Ver⸗ theidigungsſtand mittelſt ſeines Küchenmeſſers geſetzt, welches er mit der einen Hand ſchwang, während er mit der andern eine Spicknadel zeigte. Beim Anblick des furchtbaren Küchenmeſſers und der Spicknadel, welche ſo ſpitzig wie ein Dolch, zer⸗ ſtreute ſich die mörderiſche Erbitterung des Domherrn; doch dieſe heftigen Gemüthsbewegungen, das Aufwallen ſeines Blutes, die Beſchwerde ſeiner Verdauung verur⸗ ſachten eine ſolche Revolution bei ihm, daß er ſchwankend und bewußtlos in die Arme ſeines Hanshofmeiſters ſank, welcher, zu ſchwach, um eine ſolche Maſſe aufrecht zu halten, ſelbſt unter dem Gewichte ſeines Herrn zu⸗ ſammenſank und aus Leibeskräften: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ ſchrie. Da verſchwand der Mann mit der weißen Jacke unter einem letzten ſchallenden Gelächter, das Satan Ehre gemacht hätte und den Haushofmeiſter gewaltig IX. Es waren mehrere Tage vergangen, ſeitdem der Domherr Don Diego ſo unbarmherzig von dem ſelt⸗ ſamen, unnachahmlichen Koch, von dem wir geſprochen, verlaſſen worden war. Folgende Scene ereignete ſich beim Abbé Ledour zwiſchen dieſem und dem Domherrn. Die drohenden Weiſſagungen des Kochs fingen an ſich zu verwirklichen. Bleich, niedergeſchlagen, die Ge⸗ ſichtshaut vergelbt durch die Enthaltſamkeit, denn alle Speiſen kamen ihm fad, ekelhaft vor ſeit dem wunder⸗ baren Frühſtück, von dem er beſtändig träumte, war Don Diego beinahe nicht mehrzuerkennen; ſein ungeheurer Bauch hatte ſchon ſeine Rundung verloren. Der arme Mann, deſſen Haltung und Phyſiognomie eine tiefe Niedergeſchlagenheit verriethen, antwortete kaum und nur mit einem traurigen Tone auf die Fragen des Abbé Ledour. Dieſer ging mit großer Aufregung in ſeinem Salon auf und ab, wandte ſich mit einem harten, är⸗ gerlichen Ausdruck an den Domherrn und ſagte: „Wahrhaftig, Sie haben nicht die geringſte Ener⸗ gie, Don Diego; Sie ſind von einer verzweifelten Apathie!“ „Sie können leicht reden,“ murmelte der Domherr mit kläglichem Tone. „Ich möchte Sie an meiner Stelle ſehen! .. Achl.. 4 „Auf! aufl das iſt eine Schande!“ „Ueberhäufen Sie mich mit Vorwürfen, Abbé, verfluchen Sie mich; aber was wollen Sie; ſeitdem mich dieſer Verdammte ſo grauſam verlaſſen hat, lebe ich nicht mehr, eſſe ich nicht mehr, ſchlafe ich nicht mehr! Oh! er ſagte es mir wohl; „„Die Erinnerung an mich 81 und mein Geſicht wird Sie überallhin verfolgen, Domherr!““ Und ich denke in der That immer an dieſe Perlhühnereier, an dieſe Forelle, an dieſe geröſtete Brodſchnitte à la Sardanapal! und ihn ſehe ich immer und überall mit ſeiner weißen Jacke und feiner baum⸗ wollenen Mütze. Das iſt wie eine Viſion. Noch in der vergangenen Nacht habe ich, einem fieberhaften, beweg⸗ ten Schlafe unterliegend, von dieſem Dämon geträumt.“ „Immer beſſer, Domherr!“ „Welch ein Alp! Jeſus, mein Gott! welch ein ent⸗ ſetzlicher Alp! Er hatte mir eines von ſeinen vortreff⸗ lichen, göttlichen Gerichten vorgeſetzt, welche zu produ⸗ eiren nur er allein das Genie hat. Und er ſagte mit ſeiner höhniſchen Miene zu mir: „Eſſen Sie doch, Domherr, eſſen Sie doch!““ Es war, ich erinnere mich deſſen, ich ſehe es noch vor mir, eine Canne pétières) in Orangenſauce. Ich hatte einen wahren Heißhunger, nahm meine Gabel und mein Meſſer, um dieſe anbetungswürdige Canne pöétidre zu zerlegen. Ich ſchnitt die außen goldbraunen, innen ro⸗ ſenfarbigen, vom zarteſten Fett gemarmorten Lenden ab. Tauſend Tröpfchen von einem friſchrothen Saſte er⸗ ſchienen auf dem Fleiſche wie eben ſo viele Thautropfen, ſo trefflich gar war dieſes Wild gebraten. .. Ich begoß es mit mehreren Löffeln voll von der Orangenſauce, deren Dunſt alle Papillen meines Gaumens kitzelte. Ich nahm an das Ende meiner Gabel eine von dieſen Len⸗ den, einen wahren Königsbiſſen. Ich öffnete den Mund. plötzlich erſcholl ein wildes Hohngelächter meines Henkers, und, Entſetzen! ich hatte am Ende mei⸗ ner Gabel nur noch ein großes Stück ranzigen, gelben, *) Eugöne Sue ſagt in einer Note: „Ein ſeltenes Wildbret von außerordentlichem Wohlgeſchmack. In Beſanee finden ſich einige Stellen hierüber.“ Die Schlemmerei. 6 82 klebrigen, übelriechenden Speck. „„Eſſen Sie doch, Domherr, eſſen Sie doch,““ wiederholte mir mit ſeiner ſcharfen Stimme dieſer Verfluchte! Und unwillkürlich, trotz meines erſchrecklichen Widerwillens, aß ich, Abbé, ich aß von dieſem abſcheulichen Speck. Hören Sie, wenn ich daran denke, puh! das war gräßlich!.. Und ich erwachte in Thränen zerfließend! Vorgeſtern ein anderer gräulicher Traum! Es handelte ſich um Aalraupenleberpaſtete . und... „Gehen Sie zum Teufel, Domherr!“ rief der Abbé, der ſich nur mit großer Mühe während der Erzählung vom gaſtronomiſchen Alp von Don Diego bezwungen hatte, „Sie würden einem Helligen durch Ihre Alfan⸗ zereien die Verdammniß zuziehen!“ „Alfanzereien!“ rief der Domherr außer ſich. „Wie, es ſind nun acht Tage, daß ich nur ein paar Löffel voll Chocolade habe zu mir nehmen können, ſo ſehr ekelt mich Alles an. „ wiel ich hatte das Bewußtſein, daß ich zwei Stunden in den Mu ſeen von Chevet und Bontour ſaß, in der Hoffnung, dieſe ſeltenen Samm⸗ lungen von Eßwaaren werden vielleicht eine Appetits⸗ velleität in mir erregen. „ Und nichts, nichts! Nein, die Erinnerung an dieſes himmliſche Frühſtück war da, immer da, Alles zermalmend, Alles vernichtend, einzig und allein durch dieſe theure Erinnerung. Ah! Abbé, Abbel ich habe nie geliebt, doch ſeit drei Tagen begreife ich, was es Alles Ausſchließliches in der Liebe gibt, ich begreife, daß ein leidenſchaftlich verliebter Menſch gleich⸗ gültig beim Anblick der ſchönſten Geſchöpfe der Welt bleibt, und ach! dreimal ach! nur an den geliebten Ge⸗ genſtand denkt, den er beklagt!“ „Aber, Domherr,“ rief der Abbs, indem er Don Diego mit Beſorgniß betrachtete, „wiſſen Sie, daß ſich das zum Wahnſinn, zur Tollheit neigt!“ „Ei! mein Gott! ich weiß es wohl, Abbé, mein Kopf iſt in Verwirrung. Dieſer verfluchte Verführer hat mein Leben und meinen Geiſt mit ſich fortgenommen⸗ 83³ Auf der Straße ſchaue ich allen Vorübergehenden ins Geſicht, ſo ſehr bin ich von der Hoffnung, ihn wieder⸗ zufinden, beſeſſen. Großer Gottl wenn mir dieſes Glück widerführel Oh! er wäre nicht unempfindlich für meine Thränen, meine Bitten! „„Grauſamer, Treuloſer,““ würde ich zu ihm ſagen, „ſchau mich an! Sieh in mei⸗ nen Zügen das Merkmal meiner Leiden! Wirſt Du mit⸗ leidlos ſein? Nein, nein, Gnade! Gnade!““ Nach dieſen Worten warf ſich der Domherr in ſei⸗ nem Lehnſtuhl zurück, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen, und brach in ein Schluchzen aus. „Mein Gott! mein Gott! wie unglücklich bin ich!“ rief er. „Doppeltes Thier! er wird noch verrückt werden, wenn er es nicht ſchon ifl“ ſagte der Abbs zu ſich ſelbſt. „Ich würde mich nicht darüber beklagen, denn wäre ſein Wahnſinn conſtatirt, ſo käme er nicht mehr aus unſerem Hauſe, und, im Ganzen genommen, er oder ſeine Nichte, gleichviel.“ Der Abbs näherte ſich dem Domherrn mit Sal⸗ bung und ſprach ſanft zu ihm: „Auf, mein Bruder, ſeien Sie vernünftig, beruhigen Sie ſich; man muß vielleicht in dem, was geſchieht, eine Strafe des Himmels ſehen.“ „Ich denke das wie Sie, Abbé. Dieſer Verſucher kam aus der Hölle. Es iſt einem menſchlichen Geſchöpfe nicht gegeben, ſo zu kochen. Ah! Abbé, ich muß ein Sünder ſein, denn meine Strafe iſt fürchter⸗ „Sie haben ſich in der That zügellos, maßlos einer der garſtigſten Todſünden, der Schlemmerei ergeben, mein lieber Bruder, und ich wiederhole Ihnen, der Himmel beſtraft Sie, wie es ſeine Gewohnheit iſt, da, wo Sie geſündigt haben.“ „Was iſt denn aber im Ganzen mein Verbrechen? Ich habe einfach von den wunderbaren Geſchenken des Schöpfers Gebrauch gemacht;z denn ich bin es nicht, der 84 ſie, um ſie zu genießen, ausdrücklich geſchaffen hat, die Faſane, die Ortolane, die Ganslebern, die Lachsforel⸗ len, die Trüffeln, die Auſtern, die Hummer, die Weine von⸗ „Mein Bruderl mein Bruder!“ rief der Abbé, dieſe Appelit erregende Aufzählung unterbrechend, „mein Bruder, Ihre Worte riechen nach Materialismus, Pan⸗ theismus, Ketzerei. Sie ſind in keinem Geiſteszuſtande, der ruhig genug wäre, daß Sie mich, wie es ſich ge⸗ bührt, dieſe gottloſen, abſcheulichen Syſteme, welche geraden Weges zum Heidenthum führen, widerlegen hören könnten. Doch eine Thatſache iſt, daß Sie leiden, mein Bruder; Sie leiden grauſam; an uns iſt es, Ihre Wunden zu küſſen, mein geliebter Bruder, den Honig und den Balſam darauf zu gießen!“ Bei dieſen Worten machte der Domherr unwillkür⸗ lich eine Grimaſſe, denn in ſeiner gaſtronomiſchen Mo⸗ nomanie kam ihm dieſe Idee von Honig und Bal⸗ ſam ſonderbar fad und geſchmacklos vor. Der Abbé fuhr fort: „Lieber Bruder, gehen wir zur Urſache aller Ihrer Uebel zurück.“ „Ach! Abbé, das iſt der Verluſt meines Appe⸗ tits.“ „Es mag ſein, lieber Bruder; und wer hat den Verluſt Ihres Appetits verurſacht?“ „Dieſer Elende!“ rief zornig der Domherr; „ieſer ſchändliche Kapitän Horace!“ „Es iſt wahr! . .. Nun wohl, ich werde Ihnen immer den Grundſotz des Verzeihens der Beleidigungen predigen, mein lieber Bruder; ich werde Ihnen aber auch immer eine unerbittliche Strenge gegen die Gott⸗ loſen empfehlen.“ „Welche Gottloſe meinen Sie?“ „Haben es nicht der Kapitän Horace und einer ſeiner Matroſen gewagt, über die geheiligten Mauern des Kloſters zu ſteigen, wo Sie Ihre Richie eingeſchloſ⸗ — 85 ſen? Haben ſie nicht die Frechheit gehabt, dieſe Un⸗ glückliche zu entführen, welcher wir zum Glück wieder habhaft geworden find? Dieſe Schändlichkeit hätte in andern Zeiten das weltliche Feuer motivirt, doch fie wird mit dem ewigen Feuer beſtraft werden.“ „Und er wird nun haben, was er verdient, dieſer ruchloſe Kapitän!“ rief der Domherr mit einer grim⸗ migen Mienez „ja, er wird braten, er wird ſchmoren am kleinen Feuer die Ewigkeit hindurch, im Dämpfer von Satan, wo er, nachdem man ihn mit glühenden Eiſen geſpickt hat, mit einer Kraftbrühe von geſchmol⸗ zenem Blei begoſſen werden wird. Dies wird hoffenta, lich ſeine Strafe ſein.“ „Gut! doch warum ſollte man ihn nicht, in Erwartung dleſer ewigen Buße, hienieden beſtrafen ? warum haben Sie die ſtrafbare Schwäche gehabt, auf Ihre Klage gegen dieſen Ungläubigen zu verzichten 2 Ich will Sie durchaus nicht varan erinnern, daß dieſer Menſch die erſte Urſache von dem iſt, was Sie Ihre Uebel nennen, nämlich die Urſache davon, daß Sie Ihren Appetit verloren haben.“ „Es iſt wahr! ah! das iſt ein großer Verbrecher!“ „Dann frage ich Sie noch einmal, warum ſind Sie ſo ſchwach geweſen, auf Ihre Klage zu verzichten? Sie antworten mir nicht, Sie ſcheinen verlegen!“ „Es iſt „ „Was iſt?“ „Ach! Abbé, Sie werden mich ſchelten, mir aber⸗ mals predigen.“ „Erklären Sie ſich doch, mein Bruder!“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen? es iſt ſeine Schuld; denn ſeitdem er verſchwunden iſt, kommen alle meine Gedanken von ihm und kehren zu ihm zurück.“ „Wer, er?“ „Dieſer Engel oder dieſer Teufel.“ „Welcher Engel? welcher Teufel?“ „Der Koch!“ 86 „Abermals.“ „Immer.“ „Aber ſo erklären Sie ſich doch wenigſtens,“ ſagte der Ibbé, die Achſeln zuckend. „Wohl denn, Abbé, erfahren Sie, daß ich zwei Tage nach dem verhängnißvollen Morgen, wo ich früh⸗ ſtückte, wie ich nie mehr frühſtücken werde, in meiner ici Verzweiflung ein geheimnißvolles Billet em⸗ p ng.“ „Und dieſes Billet, was enthielt es, mein Bruder?“ „Hier iſt es.“ „Sie haben es aufbewahrt?“ „Es iſt vielleicht von ſeiner geliebten Hand,“ mur⸗ melte der Domherr mit einer ſchmerzlichen Melancholie; ir⸗ übergab das Blatt dem Abbé, welcher las, wie olgt: „Domherr, „Es bleibt Dir vielleicht ein Mittel, mich eines Tags wiederzuſehen. „Du kennſt nun die Gerichte, mit denen ich Dich überſchütten kann. „Du kennſt aber auch die erſchrecklichen Qualen, welche Dich meine Abweſenheit erdulden läßt. „Weil Du vorgeſtern dieſe Qualen noch nicht mit allen ihren Bedrückungen fühlteſt, ſo hätteſt Du vas, was ich von Dir erwarte, verweigern können. „Heute, da Dir Deine vergangenen Leiden für Deine zukünftigen Leiden Gewähr leiſten werden, höre mich. „Dieſe Leiden kannſt Du aufhören machen. „Du mußt mir zu dieſem Ende drei Dinge be⸗ willigen. „Das erſte werde ich heute von Dir verlangen⸗ „Das zweite in acht Tagen. „Das dritte in vierzehn Tagen. „Ich proportionire ſo die Wichtigkeit meiner Forde⸗ rungen nach dem Fortſchritte Deiner Qualen, denn je 87 mehr Du leiden wirſt, deſto mehr wirſt Du meine Ab⸗ weſenheit beklagen, deſto gelehriger wirſt Du ſein. „Das Erſte, was ich von Dir verlange, iſt: „Stelle dem Ueberbringer dieſes Billets Deine Ver⸗ zichtleiſtung auf jede gerichtliche Verfolgung gegen den Kapiiän Horace zu. „Gib mir durch dieſe Urkunde einen Beweis von Deinem Wunſche, mich zu befriedigen, und dann darfſt Du hoffen, wiederzufinden: „Appetit.“ X. Als der Abbé Ledour das Billet zu Ende geleſen hatte, dachte er einen Augenblick ftillſchweigend nach, während der Domherr, die letzten Worte des Briefes wiederholend, mit Bitterkeit ſagte: „Und dann darfſt Du Appetit wiederzufinden hof⸗ fen. Welche grauſame Ironie liegt in dieſem unbarm⸗ herzigen Calembour!“ „Das iſt ſeltſam,“ ſprach der Abbé ganz nachden⸗ kend. „Und Sie haben den Ueberbringer dieſes Briefes geſehen, Don Diego?“ „Ob ich ihn geſehen habe! Konnte ich die Gele⸗ genheit, mit ihm zu ſprechen, verſäumen?“ „Nun?“ „Es war, als ſpräche ich Hebräiſch mit dieſem Dummkopf. Auf meine dringendſten Fragen antwortete er mir mit einer einfältigen Miene, und ich konnte weder den Namen, noch die Adreſſe der Perſon, welche 88 mir dieſes Billet geſchickt hatte, aus ihm heraus⸗ bringen.“ „Alſo, um dem zu gehorchen, was Ihnen dieſer Brief einſchärfte, haben Sie auf Ihre gerichtliche Ver⸗ folgung gegen den abtrünnigen Kapitän Horace ver⸗ zichtet?“ „Ja, denn einen Augenblick hoffte ich durch meine Nachgiebigkeit gegen die Wünſche desjenigen, welcher mein Leben in ſeinen Händen hält, dieſes Felſenherz zu erweichen; aber, ach! dieſe Nachgiebigkeit hat ihn nicht gerührt.“ „Welche Beziehungen können denn zwiſchen dem verdammten Koch und dem Kapitän Horace beſtehen?“ ſagte der Abbé abermals überlegend zu ſich ſelbſt. „Das verbirgt eine Intrigue.“ Dann, nach einem neuen Stillſchweigen, fügte er bei: „Don Diego, hören Sie mich an: ich ſage nicht, Sie ſollen auf die Hoffnung verzichten, eines Tags in Ihrem Dienſte den Koch zu haben, den Sie ſo ſehr ſchätzen; ich werde nicht auf den Gefahren beharren, von welchen Ihr Heil in Folge Ihrer abſcheulichen Schlem⸗ merei bedroht iſt: Sie ſind gegenwärtig in einem ſol⸗ chen Zuſtande übermäßiger Aufregung, daß Sie mich nicht begreifen würden.“ „Ich befürchte es, Abbé.“ „Ich, ich bin deſſen ſicher, Domherr; ich werde alſo bei Ihnen verfahren, wie man, erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen, bei den Monomanen verfährt. Ich werde mich für die Gegenwart in Ihren Geſichtspunkt ſtellen, ſo ſonderbar er ſein mag. Ich beweiſe Ihnen auch, daß Sie gerade das Gegentheil von dem gethan haben, was Sie thun mußten, um dieſen Menſchen zu beherrſchen, der, wie Sie ſagen, über Ihr Schickſal verfügt.“ „Erklären Sie ſich, mein lieber Abbé.“ „Nach Allem dem, was Sie mir anvertraut haben, 89 bedarf dieſer Koch offenbar keines Platzes; von Ihrer Lieblingsneigung unterrichtet, hat er nur einen Vor⸗ wand geſucht, um ſich bei Ihnen einzuführen; beweiſt Ihnen ſeine Connivenz mit dem Kapitän Horace nicht, daß ihr Plan zum Voraus feſtgeſtellt war, und daß ſie ſich Ihrer Schlemmerei zu bedienen gedachten, um Macht über Sie zu erlangen?“ „Großer Gott!“ rief Don Diego, „das iſt ein Lichtſtrahl.“ „Geſtehen Sie nun Ihre Verblendung?“ „Welch ein hölliſches Complot! welch ein grau⸗ ſamer Macchiavellismus!“ murmelte mit Schrecken der Domherr. Und er fügte mit einer Entmuthigung voll von Bittekeit und Menſchenfeindlichkeit bei: 3 „So viel Verſtellung! ſo viel Falſchheit verbunden einem ſo ſchönen Genie. O Menſchheit! o Menſch⸗ eit!“ „Ich fahre fort,“ ſagte der Abbö: „durch Ihre aus⸗ nehmende Schwäche haben Sie ſich ſchon eines der drei Mittel, auf dieſen großen Küchenmann zu wirken, welche Sie beſaßen, beraubt, denn er hat, wie er Sie zu benachrichtigen ſo frech geweſen iſt, noch zwei Dinge von Ihnen zu fordern, und er rechnet genug auf Ihre beklagenswerthe Leichtigkeit, um ſicher zu ſein, dieſelben zu erlangen. Sobald aber dieſes Ziel erreicht iſt, wird 6 Ihrer ſpotten, und Sie werden ihn nicht mehr ehen.“ „Abbé, das iſt unmöglich!“ „Warum?“ „Ich ſage Ihnen, Abbé, ein ſolcher Verrath iſt unmöglich! Man muß nicht glauben, die Menſchen ſeien wilde Thiere, Ungeheuer!“ „Ich glaube,“ erwiederte der Abbé die Achſeln zuckend, „ich glaube, daß ein Koch, der Ihnen umſonſt Weine die Flaſche zu einem oder zwei Louis d'or gibt. .. „Ah!“ rief Don Diego, weder ein, noch zwei, 90 noch zehn Louis d'or würden dieſe Weine bezahlen! Das iſt Nectar, Abbé, ſage ich Ihnen.“ „Ein Grund mehr; ein Koch, der einen ſo koſt⸗ ſpieligen Nectar an Sie verſchwendet, braucht, denke ich, nicht bei Ihnen in Lohndienſte zu treten.“ „Ich habe ihm nicht nur Lohn, ſondern auch meine Freundſchaft angeboten, dieſem Falſchen. Ich habe ihm geſagt: „„Freund, ich werde nicht Ihr Herr, ich werde Ihr Bewunderer ſein.““ „Sie ſehen, daß er ſich ebenſo wenig um Ihre Freundſchaft, als um Ihre Bewunderung bekümmert.“ „Oh! das wäre ein großer Undankbarer!“ „Das mag ſein; doch wenn Sie Ihrerſeits dieſen Undankbaren in Abhängigkeit von Ihnen verſetzen wol⸗ len, ſo bleibt Ihnen nur ein Mittel.“ „Ihn in Abhängigkeit von mir verſetzen! Oh! Abbo, wenn Sie dieſes Wunder bewerkſtelligen würden! Doch nein! nein! Sie treiben Ihr Spiel mit meiner Leicht⸗ gläubigkeit!“ „Das Wunder iſt ſehr einfach: ſchlagen Sie durch⸗ aus Alles ab, was dieſer Menſch von Ihnen verlangt, denn wenn er auch Ihrer Freundſchaft oder Ihrer Be⸗ wunderung nicht bedarf, ſo bedarf er doch offenbar ſehr Ihrer Verzichtleiſtung in Betreff der gerichtlichen Ver⸗ folgung gegen den Kapitän Horace. Schlagen Sie es alſo ab; dann werden Sie dieſen Menſchen in Ihren Händen haben. Ich weiß nicht, wie lange Sie ihn haben werden, doch Sie werden ihn am Ende haben. Wir wollen dann ſehen, wie wir Ihre Herrſchaft ver⸗ längern. Ich bin, wie Sie bemerken, ein Mann von gutem Rathe.“ „Abbé, Sie öffnen mir die Augen; Sie haben Recht, indem ich ſeinen Wünſchen widerſtehe, werde ich ihn nöthigen, wieder zu mir zu kommen.“ „Geſtehen Sie das zu?“ „Ich war blind, albern! Doch was wollen Sie, Abbé, die Verzweiflung, die Entkräftung! Der Magen —— gehen.“ 91¹ reagirt ſo furchtbar auf das Gehirn! Ah! warum habe ich die Schwäche gehabt, dieſe Verzichtleiſtung auf die Klage zu unterzeichnen!“ „Es iſt noch Zeit, von dieſer Maßregel abzu⸗ „Sie glauben, Abbé 1“ „Ich bin feſt davon überzeugt; ich kenne ſehr ein⸗ flußreiche Perſonen bei der Obrigkeit.“ „Welche Chance! Abbé, welche Chance!“ „Wir haben überall Freunde. Hören Sie nun, was zu thun iſt: Sie faſſen auf der Stelle eine Klage in guter Form ab; wir deponiren ſie ſogleich in der Konz⸗ lei des Staatsanwalts. Wir ſagen, Sie haben kürzlich, da Sie ſehr leidend und nicht bei ruhigem Verſtande geweſen, die Verzichtleiſtung unterzeichnet, doch die Größe des ruchloſen Verbrechens des Kapitän Horage bedenkend, müßten Sie ſich gegen Ihren doppelten Chararter als Domherr und als Vormund zu verfehlen glauben, wür⸗ den Sie nicht den Räuber der ganzen Strenge der Geſetze überliefern. Fangen Sie mit dieſem Acte der Stärke an und Sie werden bald, demüthig und unterwürfig gegen Ihren Willen, dieſen Unverſchämten, der Ihnen ſeine Befeble dietirt, zu Ihnen kommen ſehen.“ —— „Abbé! theurer Abbé! Sie retten mir das Leben!“ „Warten Sie, das iſt noch nicht Alles. Der ge⸗ helmnißvolle Unbekannte, der ſich ſo ſehr für den Ka⸗ pitän Horace intereſſirt, muß ſich auch für ſeine Heirath mit Ihrer Nichte intereſſiren. Dieſe Intrigue zielt offenbar hierauf ab. Denn ſehen Sie, ich wollte hun⸗ dert gegen eins wetten, daß eines von den zwei Din⸗ gen, welche dieſer Freche von Ihnen zu verlangen ſich vorbehielt, Ihre Einwilligung zu dieſer Heirath war.“ „Welche Tiefe der Ruchloſigkeit!“ rief der Dom⸗ herr, „welche teufliſche Machination! Es iſt nicht mehr zu bezweifeln, Abbé, das war der Plan dieſes Unglück⸗ 1 Oh! wenn ich ihn meinerſeits beherrſchen nnte!“ 921 „Das Mittel iſt ſehr einfach, und überdies wären unter allen Umſtänden nach den Verzweigungen dieſer lichtſcheuen Intrigue, deren Ziel Ihre Nichte iſt, große Gefahren dabei, daß man ſie in Paris ließe, und welchen Entſchlnß Sie auch in Betreff ihrer faſſen mögen „Sie wird ins Kloſter eintreten,“ rief der Dom⸗ herr; „das ſagt mir in jeder Hinſicht zu; ſie hat mir ſchon genug Plackereien, genug Sorgen verurſacht; ich liebe es durchaus nicht, die Rolle eines Komödienvor⸗ munds zu ſpielen.“ „Ihre Nichte wird ins Kloſter eintreten; doch ſie in Paris laſſen heißt ſie den Machinationen der Freunde des Kapitän Horace ausgeſetzt ſein laſſen, und Sie wiſſen, wie groß ihre Verwegenheit iſt. Sie würde vielleicht zum zweiten Male entführt. Beurtheilen Sie, welcher neue Verdruß das für Sie wäre!“ „Aber wohin die Verdammte ſchicken?“ „Sie reiſe heute noch nach Lyon ab; wir haben in dieſer Stadt ein vortreffliches Haus; iſt ſie einmal dort eingetreten, ſo iſt es für ſie unmöglich, hinauszukommen oder mit außen zu communiciren. Hören Sie alſo, was wir zu thun haben; vor Allem begeben wir uns in den Juſftizpalaſt; dort werde ich einen einflußreichen Mann finden, welcher mich dem Staatsanwalt empfiehlt, in deſſen Hände Sie Ihre Klage niederlegen; ſodann laufen wir ins Kloſter; es ſteht dort immer in den Remiſen, für unvorhergeſehene Fälle, ein Reiſewagen bereit, eine von unſeren theuren Schweſtern und ein ſicherer, ent⸗ ſchloſſener Mann werden Ihre Nichte begleiten, Sie thun ihr Ihre Befehle kund: in zwei Stunden iſt fie auf dem Wege nach Lyon, und vor dem Ende des Ta⸗ ges iſt der Kapitän Horace eingeſperrt, denn im Glau⸗ ben, Sie haben auf Ihre Klage verzichtet, mußte er ſeinen Zufluchtsort verloſſen, wo wir ihn Anfangs nicht haben finden können; ſobald dieſer Ungläubige verhaftet und Ihre Nichte außer Paris iſt, werden Sie den edlen — — 93 Herrn Appetit zu Ihnen laufen ſehen, und mit ein we⸗ nig Geſchicklichkeit, — ich helfe Ihnen, wenn es ſein muß, — werden Sie ihn in Ihrer Gewalt halten und benützen, wie Sie wollen.“ „Theurer Abbé, Sie ſind mein Retter,“ rief der Domherr, während er mit einem von Hoffnung ſtrah⸗ lenden Geſichte aufſtand; „Sie ſind ein erhabener Mannz der Pater Benedict ſagte es mir wohl in Cadix. Ge⸗ hen wir! gehen wir! ich überlaſſe mich blindlings Ihren Rathſchlägen; Alles ſagt mir, ſie ſeien vortrefflich, und ſie werden auf immer in meine Gewalt denjeni⸗ gen bringen, welcher für mich zugleich ein Engel und ein Teufel iſt.“ „Gehen wir, mein lieber Don Diego,“ ſprach der Abbé, indem er haſtig ſeinen Hut nahm und den Dom⸗ herrn fortzog. In dem Augenblick, wo der Abbé die Thüre des Salon öffnete, fand er ſich von Angeſicht zu Angeſicht dem Doctor Gaſterini gegenüber, weicher vertraulich bei dem frommen Manne eintrat, ohne gemeldet worden zu ſein. Der Abbs wollte den Doctor anreden, doch auf einen gewaltigen Schrei, den der Domherr ausſtieß, drehte er ſich ungeſtüm um und ſah Don Diego bleich, unbe⸗ weglich, den Blick ſtarr, die Hände gefaltet; ſeine Züge drückten zugleich Erſtaunen, Zweifel, Angſt und Hoff⸗ nung aus. Endlich wandte ſich der Domherr an den Abbö, der dieſe Gemülhsbewegung nicht begriff, deutete auf den Doctor und ſtammelte mit unſicherer Stimme: „Es iſt es iſt er der der Doch Don Diego konnte nicht mehr ſprechenz ge⸗ brochen durch die Erſchütterung, ſetzte er ſich ſchwerfällig in einen Lehnſtuhl, erbleichte, ſchloß die Augen und ſiel in Ohnmacht. „Teufel! der Domherr hier?“ ſagte der Doector Gaſterini zu ſich ſelbſt. „Verfluchtes Zuſammentreffen!“ Beim Anblick von Don Diego, welcher — ein 94 wenig rührendes Gemälde — in Ohnmacht fiel, rief der Abbé dem Doctor zu: „Wahrhaftig, ich glaube, der Domherr befindet ſich unwohl! Was hat er denn? Sie kommen zu rechter Zeit, mein lieber Doctor: hier ſind Salze, ich will ihn daran riechen laſſen.“ Kaum hatte er den Flacon unter die weiten Naſen⸗ löcher des Domherrn gehalten, als dieſer heftig mit einer Art von Geblöke nieſte; dann trat er aus ſeiner vorübergehenden Vernichtung hervor, kam völlig zu ſich, ohne daß er jedoch die Kraft hatte, aufzuſtehen, wandte ſeine ſchmachtenden, ganz in Thränen gebadeten Augen gegen den Doctor und ſprach mit einem Ausdruck, den er zornig machen wollte, der aber nur zärtlich war: „Oh! Grauſamer!“ „Grauſam!“ verſetzte der Abbé erſtaunt, „und warum nennen ſie den Doctor grauſam, Don Diego?“ „Ja,“ ſagte der Arzt, der wieder völlig lächelnd und ruhig geworden, „weiche Grauſamkeit haben Sie mir vorzuwerfen?“ „Du fragſt mich das, Undankbarer!“ murmelte der Domherr, „Du fragſt mich das?“ „Wie! Sie duzen den Doctor!“ rief der Abbs, „Sie behandeln ihn als einen Undankbaren?“ „Doctor?“ fragte der Domherr, „welchen Doctor?“ „Meinen Freund, mit dem Sie ſprechen,“ er⸗ wiederte der Abbs, „meinen Freund hier, den Doctor Gaſterini.“ „Er!“ rief der Domherr, indem er plötzlich auf⸗ ſtand: „ich ſage Ihnen, das iſt mein Verſucher, mein Verführer!“ „Zum Teufel! er ſfieht ihn überall,“ ſprach unge⸗ duldig der Abbs. „Ich wiederhole Ihnen, daß dieſer Herr der Doector Gaſterini, mein Freund, iſt.“ „Und ich wiederhole Ihnen, Abbé,“ rief Don Diego, „daß dieſer Herr der große Küchenmann iſt, von dem ich Ihnen erzählt habe.“ ——.— —.— 95 „Doctor,“ ſagte lebhaft der Abbés, „in des Him⸗ mels Namen, erklären Sie dieſes Quiproquo.“ „Es iſt durchaus kein Quiproquo, mein lieber Abbés.“ „Wie ſo?“ . „Der ehrwürdige Domherr ſpricht die Wahrheit,“ antworſete der Doctor Gaſterini; „vorgeſtern hatte ich das Vergnügen, bei ihm zu kochen, denn um die Ehre zu haben, ſich Gourmand zu nennen, muß ſeibſt die eulinariſche Wiſſenſchaft auszuüben ver⸗ ehen.“ Xl. Von Erſtaunen ergriffen, ſchaute der Abbs den Dockor Gaſterini an, ohne daß er das, was er hoͤrte, glauben konnte; endlich rief er: „Wie, Doctor, Sie haben beim Domherrn Don Diego gekocht? Sie? Sie?“ „Ja, ich, mein lieber Abbs!“ „Ein Doctor,“ ſagte der Domherr voll Verwun⸗ derung, „ein Arzt!“ „Ja, ehrwürdiger Domherr,“ erwiederte Gaſterini, bin Arzt, was mich nicht abhält, leidlich zu ochen.“ „Leidlich!“ rief der Domherr, „ſagen Sie doch göttlich! Aber was bedeutet . . .“ „Ich begreife Alles!“ ſprach der Abbé, nachdem er einen Augenblick nachdenkend geſchwiegen hatte. „Das Complot war geſchickt angezettelt.“ 4 „Was begreifen Sie, Abbé? von welchem Complot reben Sie?“ fragte der Domherr, der es, als ſein er⸗ ſtes Erſtaunen vorüber war, auch ſehr ſeltſam zu fin⸗ den anfing, daß ein Arzt ein ſo ausgezeichneter Koch ſein ſollte; „ich bitte, erklären Sie ſich, Abbé.“ „Wiſſen Sie, Don Diego,“ ſagte der Abbé mit einem bittern, zornigen Lächeln, „wiſſen Sie, wer der Herr Doector Gaſterini iſt?“ „Aber verſetzte der Domherr ſtammelnd, in⸗ vem er ſeine Stirne abtrocknete, denn er ſtrengte ſich übermenſchlich an, um dieſes Geheimniß zu durchdrin⸗ gen, „Alles dies verwickelt ſich ſo ſeltſam . daß .... „Der Herr Doctor Gaſterini,“ rief der Abbé, „iſt der Oheim des Kapitän Horace.“ „Sollte das wahr ſein!“ fagte erſtaunt der Dom⸗ herr, „der Oheim des Kapitän Horace?“ „Don Diego, begreifen Sie nun den teufliſchen Streich, den Ihnen der Doctor geſpielt hat? Begreifen Sie, daß er Ihre beklagenswerthe Schlemmerei in Thä⸗ tigkeit geſetzt hat, um Macht über Sie erlangen, um Sie Anfangs dahin zu bringen, daß Sie auf die gerichtliche Ver⸗ ſolgung gegen ſeinen Neffen, den Kapitän Horace, ver⸗ zichteten, und ſodann Sie auch ohne Zweifel zu bewegen, daß Sie Ihre Einwilligung zu der Heirath des Kapi⸗ täns mit Ihrer Nichte geben würden? Begreifen Sie endlich, in welchem Grade Sie verrathen, bethoͤrt worden ſind? ſehen Sie die Tiefe des Abgrundes, in den Sie bei⸗ nahe gefallen wären?“ „Jeſus, mein Gott! Dieſer große Koch iſt Doe⸗ tor! Er iſt der Oheim des Kapitän Horace!“ mur⸗ melte der Domherr ganz betäubt durch dieſe Offen⸗ barung. „Er iſt kein wahrer Koch! Oh! Täuſchung der Täuſchungen!“ Der Doctor blieb ſtumm und unſtörbar. „Nun! ſind Sie thöricht genug geweſen!“ rief der Abbé, „haben Sie eine Rolle, welche ſchmählich, lächer⸗ lich genug, geſpielt! und glauben Sie, daß der berühmte Docior Gaſterini, einer der Fürſten der Wiſſenſchaft, 97 der ein Einkommen von fünfzig tauſend Livres hat, ge⸗ gen Lohn als Koch in Ihre Dienſte treten wird? hatte ich Unrecht, wenn ich ſagte, man treibe ein grauſames Spiel mit Ihnen?“ Jedes der Worte des Abbé ſtachelte den Zorn, den Schmerz, die Verzweiflung des unglücklichen Domherrn immer mehr auf. Die letzte Bemerkung beſonders: „Glauben Sie, der berühmte Doctor Ga⸗ ſterini werde gegen Lohn als Koch in Ihre Dienſte treten?“ brachte einen todtlichen Schlag den letzten Illuſionen bei, welche Don Diego hatte behalten können. Er wandte ſich auch an den Doctor und ſagte mit einer kaum zurückgehaltenen Wuth zu ihm: „Oh! mein Herr, mein Herr, Sie ſollen ſich des Böſen erinnern, das Sie mir angethan haben! Ich werde vielleicht ſterben, aber ich werde mich rächen, wenn nicht an Ihnen, doch wenigſtens an Ihrem ruch⸗ loſen Neffen und an meiner unwürdigen Nichte, welche auch bei dieſem ſchändlichen Complot ſein muß.“ „Gut, gut; Muth, Don Diego! dieſe ſo gerechte wird nicht auf ſich warten laſſen,“ ſprach der lbbé. Und er wandte ſich mit Ironie an den Arzt: „Ah! Doctor, Doctor, Sie ſind allerdings ein ſehr feiner, ſehr gewandter Mann, aber Sie wiſſen, die beſten Spieler vertieren oft die ſchönſten Partien; Sie werden dieſe verlieren.“ ieni erwiederte der Doctor ſeufzend, „wer weiß!“ „Kommen Sie, mein lieber Abbé, kommen Sie,“ rief der Domherr bleich und außer ſich, „kommen Sie zum Staatsanwalt, und dann werden wir die Abreiſe meiner Nichte beſchleunigen.“ Und er wandte ſich wieder gegen den Doctor um und ſagte: „So treuloſe, ſo unredliche Waffen anwenden! Die Schlemmerei. 7 98 mit dieſem abſcheulichen Macchiavellismus einen ver⸗ trauensvollen und harmloſen Mann mißbrauchen! Ich, der ich mit geſchloſſenen Augen gegeſſen habel ich, der ich mich am Rande des Abgrundes ergötzte! Ah! mein Herr, das iſt ſchändlich, doch ich werde mich rächen.“ „Und zwar auf der Stelle!“ ſagte der Abbé. „Auf, folgen Sie mir, Don Diego. Ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung, lieber Doctor, daß ich Sie ſo ungeſtüm verlaſſe; doch Sie müſſen zugeben, die Augen⸗ blicke find koflbar.“ Kochend vor Wuth, ſchickte ſich der Domherr an, dem Abbé zu folgen, als der Doctor Gaſterini mit ru⸗ higem Tone zu ihm ſagte: „Ehrwürdiger Domherr, ein Wort, wenn es Ihnen gefällig wäre.“ „Wenn Sie ihn anhoͤren, ſind Sie verloren, Don Diego,“ rief der Abbé, den Domherrn fortziehend; „der böſe Geiſt iſt nicht hinterliſtiger, als dieſer hölliſche Doctor. Urtheilen Sie hierüber nach dem Streiche, den er Ihnen geſpielt hat. Kommen Sie, kommen Sie!“ „Ehrwürdiger Domherr,“ ſprach der Doctor, indem er Don Diego beim rechten Aermel nahm, während der Abbé, welcher den würdigen Mann am linken Aer⸗ mel hielt, ihn fortzuziehen ſich anſtrengte, „ehrwürdiger Domherr,“ wiederholte der Doctor, „ich bitte, nur ein Wort!“ „Nein, nein!“ rief der Abbé, „fliehen wir, Don Diego, fliehen wir dieſe verführeriſche Schlange.“ ünd er zog fortwährend den Domherrn an ſeinem Aermel. „Ein einziges Wort,“ ſagte der Doctor, „und Sie werden ſehen, wie ſehr Sie dieſer liebe Abbé in Be⸗ ziehung auf mich täuſcht.“ Und der Doctor ließ den rechten Aermel des Dom⸗ herrn auch nicht los. „Der Abbé Ledour hintergeht mich in Beziehung — 99 auf Sie? das iſt doch zu ſtark!“ rief Don Diego. „Wie, mein Herr, Sie wagen „Ich will Ihnen beweiſen, was ich behaupte, ehr⸗ würdiger Domherr,“ ſagte raſch der Doctor, welcher Don Diego eine unmerkliche Bewegung, um ſich ihm zu nähern, machen fühlte. Die Schwäche des Domherrn befürchtend, zog die⸗ ſen der Abbé heftig an ſich und rief: „Erinnern Sie ſich, Unglücklicher, daß unſere Mut⸗ ter Eva ſich dadurch ins Verderhen geſtürzt hat, daß ſie dem erflen Worte Satans Gehör ſchenkte! Ich beſchwöre Sie, ich befehle Ihnen, mir auf der Stelle zu folgen. Wenn Sie ſchwach werden, Unglücklicher, nehmen Sie ſich in Acht! Eine Secunde mehr, und es iſt um Sie geſchehen! Gehen wir, gehen wir!“ „Ja, ja, Sie ſind mein Retter, reißen Sie mich von hier weg,“ rief der Domherr, der ſich von der feſthaltenden Fauſt des Doctors losmachte; „unwillkür⸗ lich unterlag ich ſchon ich weiß nicht welchem teufliſchen Einfluſſe beim Anblick dieſes Dämons; ich erinnerte mich der Perlhühnereier mit der Kraftbrühe von Kreb⸗ ſen, der Forelle mit gekühlter Butter von Montpellier, der himmliſchen geröſteten Brodſchnitte à la Sardana⸗ val, und eine unſelige Hoffnung! . . Fliehen wir, Abbé, es iſt Zeit, fliehen wir.“ „Ehrwürdiger Domherr,“ ſprach der Arzt voll Bangigkeit, indem er ſich mit allen ſeinen Kräften am Arme des Domherrn anklammerte, „ich bitte, hören Sie mich an.“ »Vade retro, Satanas!“ rief der Domherr voll Entſetzen, während er den Händen des Doctors ent⸗ ſchlüpfte; und vom Abbe Ledour fortgeriſſen, berührte er ſchon die Thürſchwelle, als ihm der Arzt zurief: „Ich werde Ihnen kochen, ſo viel Sie wollen und ſo lange ich lebe, Don Diegv. Bewilligen Sie mir nur fünf Minuten, und ich heweiſe Ihnen, was ich he⸗ 100 haupte „„ Fünf Minuten . Was wagen Sie dabei?“ Bei den magiſchen Worten: „Ich werde Ihnen kochen, ſo viel Sie wollen,“ ſchien der Domherr an die Schwelle genagelt und rührte ſich nicht mehr, trotz der Anſtrengungen des Abbé, der zu ſchwach war, um gegen die Trägheitskraft des dicken Mannes zu kämpfen. „Sie ſind alſo ganz dumm!“ rief der Abbé außer ſich. „Sie ſind alſo ein Narr, den man binden müßte!“ „Bewilligen Sie mir fünf Minuten,“ wiederholte der Doctor, „und wenn ich Sie nicht von der Wirk⸗ lichkeit meiner Verſprechungen überzeugt habe, ſo laſſen Sie Ihrer Rache freien Lauf.“ „In der That,“ ſagte der Domherr, indem er ſich an den Abbé wandte, „was werde ich wagen 2“ „Ah!“ Sie wagen nichts mehr! rief der Abbé durch die Schwäche des Domherrn auf das Aeußerſte gebracht; „von dieſem Augenblicke an find Sie verloren, der Schande preisgegeben. Gehen Sie, gehen Sie, werfen Sie ſich geſchwinde in den Rachen des Ungeheuers, dop⸗ peltes, dickes Vieh, das Sie ſind.“ Dieſe ungeſchickt dem Zorne des Abbé entſchlüpf⸗ ten Worte verwundeten lebhaft die Eitelkeit von Don Diego; er erwiederte mit einer gereizten Miene; „Ich werde wenigſtens nicht ſo ſehr Vieh ſein, daß ich zwiſchen dem Verluſte von fünf Minuten und dem Untergange meiner Hoffnungen, ſo ſchwach ſie find, zögere.“ „Nach Ihrem Belieben, Don Diego,“ erwiederte der Aibbé, der vor Zorn an ſeinen Nägeln kaute; „Sie ſind ein guter, fetter Thor zum Ausbeuten. Hören Sie, ich ſchäme mich, daß ich Mitleid mit Ihnen ge⸗ habt have.“ „Nicht ſo ſehr Thor, Herr Abbs, nicht ſo ſehr Thor!“ ſagie der Domherr mit entſchiedenem Tonej 101 „Sie werden es ſogleich bemerken, und der Herr Doe⸗ tor auch, denn er wird ſich ohne Zweifel erklären.“ „Auf der Stelle,“ beeilte ſich der Doctor zu er⸗ wiedern, „auf der Stelle, Don Diego, und zwar ſehr deutlich, ſehr kategoriſch.“ „Laſſen Sie hören!“ ſprach Don Diego, indem er mit einer wichtigen Miene die Backen aufblies. „Sie fühlen, mein Herr, daß ich nun mächtige Gründe habe, um mich nicht mit Chimären bezahlen zu laſſen, denn ich wäre, wie dieſer Herr geſagt hat, ein fetter guter Thor, wenn ich mich nach ſo vielen Warnungen durch Sie hintergehen ließe.“ „Oh! gewiß!“ rief der Abbs in ſeinem tiefen Aer⸗ ger, „Sie ſind ein tüchtiger Mann, Domherr, und wohl im Stande, gegen dieſen Sohn Beelzebubs zu kämpfen.“ „Das iſt an mich gerichtet, lieber Abbé,“ verſetzte der Doctor, ſeine ſpöttiſche Höflichkeit verdoppelnd. „Wie undankbar ſind Sie! ich kam, um Sie daran zu erinnern, daß Sie mir heute bei mir zu ſpeiſen ver⸗ ſprochen hatten . . . Erlauben Sie, ehrwürdiger Dom⸗ herr, das iſt unſerem Gegenſtande nicht ganz fremd: Sie werden es ſehen.“ „Ja, Herr Doctor, ich hatte Ihnen dieſes ver⸗ ſprochen,“ erwiederte der Abbéz „aber . . „Sie werden Ihr Verſprechen halten, ich bezweifle es nicht, und ich erinnere Sie ſogar daran, daß dieſe Einladung von meiner Seite in Folge einer kleinen Dis⸗ euſſion in Betreff der ſieben Todſünden gekommen iſt. Don Diego, ich bin bei der Frage, Sie müſſen es ſo⸗ gleich erkennen.“ „Es iſt wahr, Herr Doector,“ ſprach der Abbé mit einem gezwungenen Lächeln, „ich brandmarkte, wie ſie es verdienen, die ſieben Todſünden, die Urſachen der ewigen Verdammniß für die Unglücklichen, welche ſich dieſen abſcheulichen Laſtern ergeben, und in Ihrer Pa⸗ rodoxenwuth wagten Sie zu behaupten, daß . 102 „Daß die ſieben Todſünden Gutes haben, aus einem gewiſſen Geſichtspunkte, in einem gewiſſen Maße, und daß die Schlemmerei insbeſondere eine bewunde⸗ rungswürdige Leidenſchaft ſein könne.“ „Die Schlemmerei!“ rief der Domherr erſtaunt, „die Schlemmerei bewunderungswürdig!“ „Bewunderungswürdig, Don Diego,“ erwiederte der Doctor, „und zwar in den Augen der weiſeſten, der aufrichtigſt religtöſen Menſchen.“ „Die Schlemmerei,“ wiederholte der Domherr, der dem Arzte mit einem wachſenden Erſtaunen zugehört hatte, „die Schlemmerei!“ „Noch beſſer, ehrwürdiger Domherr,“ ſprach feier⸗ lich der Doctor; „denn für diejenigen, welche im Stande ſind, ſie auszuüben, wird ſie eine gebieteriſche Huma⸗ nitätspflicht.“ „Eine Humanitätspflicht!“ wiederholte der Dom⸗ herr. „Und beſonders eine Frage der hohen Civiliſation und der großen Politik, Don Diego,“ fügte der Doctor mit einer ſo ernſten, ſo aufrichtig überzeugten Miene bei, daß er einen gewaltigen Eindruck auf den Dom⸗ herrn hervorbrachte, welcher ihm zurief: „Hören Sie, Herr Doctor, wenn Sie mir nur beweiſen könnten, daß ... „Aber ſehen Sie denn nicht, daß der Doctor ſeinen Spott mit Ihnen treibt?“ ſprach der Abbé, die Achſeln zuckend. „Ah! ich ſagte es Ihnen ja, unglücklicher Don Diego, Sie ſind verloren, auf ewig verloren, ſo⸗ bald Sie ſich herbeilaſſen, ſolche Albernheiten anzu⸗ hören.“ „Ehrwürdiger Domherr,“ fügte der Doctor raſch bei: „faſſen wir uns kurz zuſammen, nicht durch Raiſon⸗ nemens, welche Ihnen, ich geſtehe es, von meiner Seite ſcheinbar dünken können, ſondern durch Thatſachen, durch Beweiſe, durch Zahlen. Sie ſind zugleich Schlem⸗ mer und abergläubiſch; Sie haben nicht die Stärke, ——— —— 103 Ihrer Begierde nach guten Dingen zu widerſtehen; iſt dann Ihre Eßluſt befriedigt, ſo befürchten Sie, einen großen Fehler begangen zu haben, was zuweilen für Sie das Vergnügen eines guten Mahles verdirbt und beſonders der Ruhe und der Regelmäßigkeit bei Ihrer Verdauung ſchadet. Iſt das wahr?“ „Das iſt wahr,“ antwortete demüthig der Domherr, beherrſcht, bezaubert durch die Sprache des Doctors, „das iſt nur zu wahr!“ „Wohl denn! Don Diego, ich will Sie, — ich wiederhole, nicht durch Raiſonnemens, ſo logiſch ſie ſein mögen, ſondern durch ſichtbare, greifbare That⸗ ſachen, durch Zahlen überzeugen: 1. daß Sie, indem Sie Schlemmer ſind, eine äußerſt philanthropiſche, eivi⸗ lifirende und politiſche Sendung erfüllen; 2. daß ich Sie, wann Sie wollen, auf eine noch viel ausgezeichnetere Art, als neulich, eſſen und trinken machen kann.“ „Und ich ſage Ihnen,“ rief der Abbé, erſtaunt über die Sicherheit des Doctors, „ich ſage Ihnen, daß ich, wenn Sie durch Thatſachen, Zahlen, wie Sie behaupten, beweiſen, daß ein Schlemmer ſein eine Sendung der Humanltät oder der hohen Civiliſation und der großen Politik erfüllen heißt, — ich ſchwöre es Ihnen, ich werde dann der Adepte dieſer Philoſophie, ſo albern, ſo wahnſinnig ſie ſcheinen mag.“ „Und wenn Sie mir beweiſen, daß Sie mir, und zwar für immer die Pforten des eulinariſchen Para⸗ dieſes wiederöffnen können, welche Sie mir vorgeſtern ein wenig aufgethan haben,“ rief der Domherr, zitternd von einer unwillkürlichen Hoffnung, „wenn Sie mir beweiſen, daß ich eine geſellſchaftliche Pflicht erfülle, indem ich mich der Schlemmerei hingebe, ſo können Sie über mich verfügen; ich werde Ihr Seide, Ihr Sklave, Ihre Sache ſein!“ „Das iſt nun verabredet, ehrwürdiger Domherrz es iſt verabredet, Abbé; Sie ſollen befriedigt werden. Gehen wir.“ * 104 „Gehen?“ verſetzte der Domherr; „und wohin, Herr Doetor?“ „Zu mir, Don Diego!“ „Zu Ihnen?“ fragte der Abbé mit mißtrauiſcher Miene; „zu Ihnen 7“ „Mein Wogen iſt unten,“ erwiederte der Arztz „in einer Viertelſtunde find wir an Ort und Stelle.“ „Aber, Herr Doctor,“ ſagte der Domher, „wa⸗ rum zu Ihnen gehen? was werden wir dort ma⸗ chen?“ „Nur bei mir allein können Sie die ſichtbaren, greifbaren Beweiſe von dem finden, was ich behaupte, denn ich habe ſo eben den lieben Abbé daran erinnert, daß heute der 20. November, der Tag der Sitzung iſt, zu welcher ich ihn eingeladen. Doch die Stunde rückt vor, gehen wir, mein Herren, gehen wir.“ „Ich weiß nicht, ob ich träume oder wache,“ ſagte Don Diego, „doch ich ſtürze mich mit geſchloſ⸗ ſenen Augen in den Sch'und.“ „Lieber Doctor,“ fügte der Abbé bei, „Sie müſſen der Teufel in Perſon ſein, denn mein Geiſt, meine Vernunft empören ſich gegen Ihre Paradoren; ich glaube nicht ein Wort von Ihren Verſprechungen, und dennoch iſt es mir unmöglich, der Begierde, Sie zu begleiten, zu widerſtehen.“ . Der Domherr und der Abké ſolgten dem Doctor, ſtiegen mit ihm in ſeinen Wagen, und komen bald alle Drei nach dem Hauſe, das er bewohnte. 105 XII. SDer Doctor Gaſterini bewohnte ein reizendes Haus im Faubourg du Roule; er kam bald dahin in Geſellſchaft des Domherrn und des Abbé Ledoux. „In Erwartung der Stunde des Mittagsmahles,“ ſagte der Doctor zu ſeinen Gäſten, „wollen wir einen Gang im Garten machen: das wird mir Gelegen⸗ heit bieten, Ihnen die acht Kinder meiner armen Schweſter, Neffen und Nichten, vorzuftellen, welche ich erzogen und in der Welt wohl untergebracht habe, Alles aus reiner Schlemmerei. Sie ſehen, Don Diego, wir ſind bei unſerem Gegenſtand.“ „Wie, Herr Doctor,“ verſetzte der Domherr, „Sie haben zahlreiche Familie aus Schlemmerei er⸗ ogen “ „Sie bemerken nicht, daß der Doctor fortwährend ſeinen Spott mit uns treibt,“ ſagte der Abbé die Ach⸗ ſeln zuckend; „das iſt doch zu ſtark!“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als redlicher Mann,“ erwiederte der Doctor Gaſterini, „und ich will es Ihnen überdies in einem Augenblick durch That⸗ ſachen beweiſen, daß ich, wäre ich nicht der größte Schlemmer der Welt geweſen, nicht jedem von meinen Neffen oder jeder von meinen Nichten die vortreffliche Stellung zu ſchaffen vermocht hätte, die ſie als wackere, arbeitſame, ehrliche, verſtändige Menſchen einnehmen, welche, jedes in ſeiner Sphäre, zur Wohlfahrt des Landes beitragen.“ „Das ſind alſo Leute, welche zur Wohlfahrt des Landes beitragen?“ ſagte der Domherr, indem er den Abbé mit Erſtaunen anſchaute, „und zwar „ in Folge der Schlemmerei des Doctors?“ 106 „Nein,“ rief der Abbé, „was mich ganz in Ver⸗ wirrung bringt, iſt, daß ich ſolche Paradoren „bis zum letzten Augenblick behaupten pöre und Doch er unterbrach ſich plötzlich und fügte mit Verwunderung einige Schritte vor ſich ſchauend bei: „Was für ein Gehäude iſt denn das, Doctog .. man ſollte glauben, es ſeien Buden.“ „Das iſt meine Orangerie,“ antwortete der Doe⸗ tor, „und heute wie alle Jahre zu derſelben Zeit (an meinem Geburtstage) richtet man hier Buden ein.“ „Wie!“ ſagte der Abbé, „Buden, und wozu?“ „Eil um hier zu verkaufen, mein lieber Abbé.“ „Um zu verkaufen, was und an wen?“ „Was die Gegenſtände betrifft, die man verkauft, ſo werden Sie dieſelben ſehenz die Käufer aber beſtehen aus allen meinen Kunden, weiche heute den Abend hier zubringen.“ „Wahrhaftig, Doctor, ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie wiſſen, mein lieber Abbé, daß ich ſeit langer Zeit oft Buden organiſire, in welchen die hübſcheſten Frauen von Paris den Verkauf betreiben.“ „Ah! ſehr gut,“ ſagte der Abbé, „und der Ertrag des Verkaufs iſt für die Armen.“ „So iſt es; der Ertrag des Verkaufs von heute Abend iſt für die Armen meines Arrondiſſement be⸗ ſtimmt.“ „Und von wem werden dieſe Buden beſorgt?“ fragte der Domherr. „Von den acht Kindern meiner Schweſter, Don Diego; ſie verkaufen zu dem wohlthätigen Zwecke, den ich Ihnen genannt habe, die Erzeugniſſe ihrer Induſtrie⸗ Doch kommen Sie, meine Herren, und laſſen Sie uns eintreten; ich werde die Ehre haben, Ihnen nach und nach meine Neffen und Nichten vorzuſtellen.“ Hierauf führte der Doctor Gaſterini ſeine Gäſte in eine große Orangerie ein⸗ Man ſah hier in der That acht Buden⸗ Die grünen 107 Kaſten einer großen Anzahl von rieſigen Orangenbäu⸗ men bildeten die Umgebung und die Scheidewände die⸗ ſer Buden, ſo daß jede derſelben als Decke einen Dom von Blätterwerk hatte. „Ah! Herr Doctor,“ rief Don Diego, der mit Be⸗ wundorung vor der erſten Bude ſtehen blieb, „das iſt herrlich! . in meinem Leben habe ich nichts Aehnliches geſehen! Das iſt zauberhaft!“ „In der That,“ ſprach der Abbé, es iſt ein einzi⸗ ger Anblick!“ . Man vernehme, was die Bewunderung der Gäſte des Doctor Gaſterini hervorrief: Die Orangenbäume, welche gleichſam die Ring⸗ mauer der erſten Bude bildeten, waren geſchmückt mit Blätterwerk und Blüthen; auf hölzernen, mit Moos bedeckten Stufen ſah man mit trefflichem. Geſchmacke geordnet eine Sammlung von Obſtſorten, von Gemüſen, von Frühgewächſen von ſeltener Schönheit; goldgelbe Ananaſſe mit grüner Krone überragten große Körbe mit Trauben von allen Nuancen, vom purpurſchwarzen Frankenthal bis zum durchſichtigen, friſchrothen Tom⸗ mery; Pyramiden von Birnen und Aepfeln von den auserleſenſten Gattungen und von einer rieſenhaften Größe, bunt mit den lachendſten Farben geſprenkelt, hatten als Gipfel eine Anzahl von Bananen ſo golden, als ob ſie die Sonne der Tropenländer gereift hätte. Ferner, Zwergfeigenbäume in Töpfen und bedeckt mit violet⸗ ten Feigen beherrſchten eine ſeltene Sammlung von Herbſt⸗ melonen, von brafilianiſchen Kürbiſſen und ungeheuren veilchenblau und weißen Pataten. Kleinere Binſenkörbe waren mit rothen, duftenden Treibhauserdbeeren gefüllt, welche mit den roſenfarbenen Champignons und den ungeheuren ebenholzſchwarzen, durch die neue Cultur auf dem Lager erlangten Trüffeln contraſtirten. Dann kamen die ſeltenen Frühgewächſe dieſer Jahreszeit: grüne Spargeln und bunt geſtreifte Lattiche. Mitten unter dieſen Wundern des Pflanzenreichs, 108 welche ſie vollends auf eine pittoreske, reizende Art gruppirte, ſah man eine, elegant nach der Mode der Bäuerinnen der Umgegend von Parts gekleidete, ſchöne au. „Ich ſtelle Ihnen eine meiner Nichten vor,“ ſagte der Doctor zu ſeinen Gäſten, „Juliette Dumont, Gärt⸗ nerin von Frühgewächſen, Früchten in freier Erde und im Treibhauſe, in Montreuil⸗ſous⸗Bois. Und er wandte ſich an die junge Frau und fügte bei: „Mein Kind, ſage doch dieſen Herren, wie viel Ihr, Du und Dein Mann, Gärtner bei Euren Culturen verwendet?“ „Mein guter Oheim, wir brauchen immer wenig⸗ ſtens zwanzig Menſchen.“ „Uad ihr Lohn?“ „Nach Ihrem Rathe, mein guter Oheim, geben wir ihnen, außer fünfzig Sous firem Lohn, einen Antheil an unſerem Nutzen, um ſie mit uns dafür zu intereſſi⸗ ren, daß unſere Culturen ſo gut als möglich gepflegt werden. Wir befinden uns ausgezeichnet gut bei dieſer Einrichtung denn unſere Gärtner, welche, wie wir, einen Vortheil bei der Wohlfahrt unſeres Etabliſſement haben, arbeiten mit großem Eifer. In dieſem Jahre hat auch ihr Antheil am Gewinn des Hauſes ihren Tage⸗ lohn auf beinahe fünf Franken gebracht.“ „Und die allgemeine Bewegung Eurer Geſchäfte, wie viel beträgt ſie ungefähr im Jahre, mein Kind?“ „Mein guter Oheim, durch unſere Pflanzſchulen von den ſchönſten Gattungen von Obſtbäumen machen wir jährlich für achtzig bis hundert tauſend Franken Geſchäfte.“ „So viel?“ rief der Abbs. „Ja, mein Herr, autwortete die junge Frau, „und es gibt viele Häuſer in der Umgegend von Paris und in der Provinz, welche noch ſtärker ſind als das unſere.“ Von der Betrachtung dieſer ſo goldenen, ſo duf⸗ — 109 tenden Früchte, dieſer Champignons, dieſer Trüffeln, vieſer ſeltenen Frühgewächſe in Anſpruch genommen, ſchenkte der Domherr dem ökonomiſchen Theile der Unterhaltung nur eine zerſtreute Aufmerkſamkeit, und er gab nur mit Bedauern der Einladung des Doctors nach, als er zu ihm ſagte: „Gehen wir zu einem andern Specimen der Indu⸗ ſtrie meiner Familie über, Don Diego; denn Jeder ſchmückt heute auf das Beſte ſeine Waare. Sagen Sie mir auch, ob dieſer Burſche nicht ein wahrer Künſtler iſt?“ Bei dieſen Worten bezeichnete der Doctor ſeinen Gäſten die zweite Bude. Man denke ſich mitten in einem mit Seegras und Binſen tapezirten Hüttchen drei große, mit einem Fuß Zwiſchenraum über einander geſtellte und ſtufenweiſe an Größe abnehmende Tiſche von weißem Marmor. Auf dieſen mit Seegras bedeckten Platten lag nun eine Sammlung von Muſcheln, von Schalthieren und von den ſchmackhafteſten Seeſiſchen. Auf der erſten Tablette war eine Art von hohem Grottenwerk, beſtehend aus Cloviſſes, Strandmondſchne⸗ cken, Auſtern von Marenne, von Oſtende und von Cacale, mit großen Koſten in den Parken fett gemacht. An der Baſe dieſes Grottenwerks bewegten ſich langſam Lan⸗ guſten, Hummer, Krabben auf ihren feuchten Schalen. Auf der zweiten von langem, bläulich⸗grünem See⸗ gras befranſten Tablette fanden ſich Fiſche von einer mittleren Dimenſion und von einem ausgezeichneten Geſchmack: ſilberne Sardinen, Royans von einem Ul⸗ tramarin vermiſcht mit Perlmutter, lebhaft roſenfarbige Seehähne, Bütten mit ſchneeweißem Rücken und roſen⸗ farbigem Bauch. Auf der letzten und breiteſten von dieſen Marmor⸗ tafeln endlich lagen da und dort wahre Seeungeheuer, enorme Turbots, Rieſenſalmen, furchtbare Störe, wun⸗ derbare Thunſiſche. 1¹0 Ein junger Mann mit ſonnverbranntem Teint, von offenem, wohlwollendem Geſichte, der an die Züge des Kapitän Horace erinnerte, lächelte freundlich bei dieſer herrlichen Ausſtellung von Seeproducten. „Meine Herren, ich ſtelle Ihnen meinen Neffen Thomas, Fiſcherpatron in Etretat, vor,“ ſagte der Doe⸗ tor Gaſterini zu ſeinen Gäſten, „und Sie ſehen, daß ſeine Netze nicht nur Sand zurückbringen.“ „Ich habe in meinem Leben keine appetitlichere, bewunderungswürdigere Seefiſche geſehen!“ rief Don Diego mit Begeiſterung; „das ließe ſich roh eſſen.“ „Mein Junge,“ ſagte der Doctor zu ſeinem Neffen, „dieſe Herren wünſchten zu wiſſen, wie viel Matroſen Ihr Fiſcherpatrone für jedes Schiff verwendet?“ „Jedes Fahrzeug verwendet acht bis zehn Mann und einen Schiffsjungen,“ antwortete der Patron Tho⸗ mas; „Sie ſehen, lieber Oheim, daß dies ein tüchtiges Perſonal bildet, venkt man an die Zahl der Fiſcherfahr⸗ zeuge auf allen Küſten Frankreichs, von Bayonne bis Dünkirchen und von Perpignan bis Cannes.“ „Und welchen Lohn haben Deine Leute, mein Junge?“ „Mein guter Oheim, wir kaufen Schiffe und Netze auf gemeinſchaftliche Koſten, wir theilen den Ertrag der Fiſcherei, und wenn Einer ſeinen Tod in den Wellen findet, ſo erben ſeine Witwe vder ſeine Kinder ſeinen Antheil; mit einem Worte, wir leben in Aſſociation, Alle für Einen, Einer für Alle; und ich ſchwöre Ihnen, wenn es ſich darum handelt, unſere Schleppnetze aus⸗ zuwerfen oder ſie zurückzuziehen, eine Segel anzubin⸗ den oder ein Fahrzeug anzuholen, ſo gibt es keinen Müßiggänger, Alle ſind von Herzen dabei.“ „Gut, mein braver Junge,“ ſagte der Doctor. „So ifl es, mein ehrwürdiger Domherr,“ fügte er, in⸗ dem er ſich gegen Don Diego umwandte, bei, „ſo iſt es, wenn man als wahrer Schlemmer Escalopes von Salmen mit Trüffelen oder Filets von Sole 11¹ à la venitienne ſpeiſt! Man begünſtigt eine der edelſten Induſtrien des Landes und man treibt zur Ver⸗ beſſerung unſer nationalen Marine an. Dieſer Ge⸗ danke, ehrwürdiger Domherr, mache Ihnen den Stör leicht, wenn Sie ihn wohl gebraten in ſeinem Safte, reichlich geſpickt mit Bayonner Schinken, in einer Auſternſauce mit Madeirawein eſſen werden.“ Bei dieſen Worten öffnete Don Diego maſchinen⸗ mäßig ſeinen breiten Mund und ſchloß ihn bald wieder, indem er mit einem Seufzer der Lüſternheit mit ſeiner Zunge über ſeine Lippen fuhr. Zu fein und zu geſcheit, um den Gedanfen des Doctors nicht zu begreifen, empfand der Abbé Ledour einen wachſenden Aerger, ſagte aber kein Wort. Der Arzt gab ſich den Anſchein, als bemerkte er den Verdruß ſeines Gaſtes nicht. Er nahm Don Diego Uin Arme, führte ihn vor die dritte Bude und agte: „Offenherzig geſprochen, mein verehrteſter Dom⸗ herr, haben Sie je etwas Zierlicheres, Eleganteres geſehen?“ „Nie! ohl nie!“ rief Don Diego vor Bewunderung die Hände faltend, „und die Confiterias meiner Heimath gelten doch für die erſten der Welt.“ Es ließ ſich in der That nichts Zierlicheres, Ele⸗ ganteres finden, als dieſe dritte Bude, in der man in Schalen oder auf Porzellanplatten Alles ſah, was die raffinirteſte Leckerei in Confituren, Conſerven, Bon⸗ bons u. ſ. w. erfinnen kann. Bald umgab der kry⸗ ſtallifirte Zucker mit ſeinen funkelnden Stalactiten die ſchönſten Früchte; bald bildete er Pyramiden von allen Formen und färbte ſich in den lebhafteſten Nuancen, roſa mit Paſtillen à la rose, grün mit glacirten Piſta⸗ zien, gelb mit Fondantes von Citrone; ferner ſchie⸗ nen Orangen, Limonen, Cedrats von einem Zucker⸗ ſchnee bedeckt. Anderswo ſchimmerten die durchſichtigen Apfelgelées von Rouen und Johannisbeergelées von 142 Bar im prismatiſchen Glanze des Rubin und des To⸗ paſes. Wieder an einem andern Orte dienten breite Platten mit Mandelgebackenem von Marſeille ſo weiß wie friſche Sahne als Sockel für Säulchen von Bayon⸗ ner Chocolade und von Aprikoſenteig. Es waren end⸗ lich zu ſehen Schachteln mit eingemachten Früchten von Touraine, ſo friſch, als ob ſie gerade gepflückt worden wären, und durch die Lebhaftigkeit ihrer Farben den ſtorentiniſchen Moſaiken von feinen Steinen ähnlich, welche Früchte in Relief vorſtellen. Eine Nichte des Doctor Gaſterini, eine hübſche, junge Perſon, präſidirte bei dieſer leckern Ausflellung und empfing ihren Oheim mit dem liebenswürdigſten Lächeln. „Meine Herrn,“ ſagte der Doctor zu ſeinen Gä⸗ ſten, „ich ſtelle Ihnen meine Nichte Auguſtine, eine der erſten Confiſeuſes von Paris vor, eine wahre Künſt⸗ lerin, welche mit dem Zucker ſculptirt und malt, und deren Meiſterwerke buchſläblich zu erogiren ſind *). Doch dieſe Probe von ihrer Geſchicklichkeit iſt nichts: in den vierzehn Tagen vor dem Reujahre wird ihr Ma⸗ gazin in der Rue Vivienne wahrhaft glänzend ſein, und ich bin überzeugt, daß ſie den Neugierigen Ueber⸗ raſchungen bereitet.“ „Gewiß, mein lieber Oheim,“ erwiederte lächelnd die hübſche Confiſeuſe, „wir werden die neuſten Bonbons, die reichſten Schachteln, die galanteſten Körbchen, die zier⸗ lichſten Säckchen haben. Nur für dieſe Zubehören ha⸗ pen wir eine Werkſtätte, wo wir dreißig Arbeiter ver⸗ wenden, wohl verſtanden, ohne alle die in unſerem La⸗ boratorium beſchäftigten Perſonen zu rechnen.“ „Was haben Sie denn⸗ mein lieber Abbs?“ fragte der Doctor den frommen Mann; „Sie ſcheinen ganz ſorgenvoll. Aergert es Sie, zu ſehen, daß von der G Croquer heißt zugleich knarpeln und ſtizziren⸗ 113 Schlemmerei alle Arten von Induſtrien und Erzeug⸗ niſſen abhängen, welche von ſehr großem Belange in der commerciellen Bewegung Frankreichs ſind? „Ah! bei Gott, Sie ſind noch nicht am Ende.“ „Gut! gut!“ erwiederte der Abbé mit einer ge⸗ zwungenen Miene, „ich ſehe Sie kommen, abſcheulicher Menſch; doch ich werde eine Antwort auf Alles dies haben. Oh! ich ſage nicht ein Wort, aber ich denke darum nicht weniger.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen für die Erörterungz doch mitlerweile, ſehen Sie, Don Diego,“ fügte der Doctor ſich an den Domherrn wendend bei, „Sie müſſen ſchon ein wenig überzeugt ſein, daß Sie ohne Bedauern die ſeltenſten Früchte, die vortrefflichſten Fiſche, das auserleſenſte Zuckerwerk genießen können. Mehr noch, es iſt, wie ich Ihnen vorhin ſagte, da Sie reich ſind, dieſe Conſumtion von Leckereien eine ge⸗ bieteriſche geſellſchaftliche Pflicht, denn Sie müſſen ſich wohl zu etwas nütze machen, indem Sie reichlich, mit Aufwand conſumiren, um die Production in Thätigkeit zu ſetzen, zu belohnen.“ „Und ich fühle mich in meiner Specialität auf der Höhe dieſer edlen und patriotiſchen Sendung!“ rief der Domherr mit Begeiſterung. „Sie geben mir das Be⸗ wußtſein meiner Pflichten, Herr Doctor.“ „Ich erwartete nicht weniger von der Große Ihrer Seele, Don Diego,“ erwiederte der Arzt; „doch es wird ein Tag kommen, wo die ſüße Sendung des Conſumen⸗ ten, welche Sie mit einer ſo ſtolzen Uneigennützigkeit annehmen, weiter vertheilt ſein wird, und hievon laſſen Sie uns ein ander Mal reden, ehrwürdiger Domherr; bevor wir aber zu der folgenden Bude übergehen, muß ich Sie um Nachſicht für meinen Neffen Leonard bitten, der bei der Ausſtellung präſidirt, welche Sie nun ſehen werden.“ „Warum meine Nachſicht, Herr Doctor?“ Die Schlemmerei. 8 1¹4 „Sehen Sie, mein Neffe Leonard treibt ein etwas verwegenes Gewerbe;z aber dahin, wohin man die Nei⸗ gung hat, muß man ſich auch neigen. Dieſer Teufels⸗ junge iſt gleichſam als ein Wilder auferzogen worden. Einer Bäuerin, als ſeiner Amme, übergeben, welche am Saume des Waldes von Senart wohnte, war er lange Zeit ſo ſchwächlich, daß ich ihn bis zu einem Al⸗ ter von zwölf Jahren auf dem Lande verweilen loaſſen mußte. Der Mann der Bäuerin war ein Wildſchütz, und mein Neffe hatte einen ſo entſchiedenen Jagdſinn, als der Leithund eines Weidmanns. Beurtheilen Sie, was aus ſeiner cynegetiſchen Leidenſchaft unter der Vor⸗ mundſchaft eines ſolchen Ziehvaters wurde. Mit ſechs Jahren brachte Levnard, ſo ſchwächlich er war, den Tag im Walde zu und legte den Kaninchen, den Haſen und den Faſanen Schlingen. Wie ein kleiner Mann, weihte er zehn Jahre alt ſeinen erſten Anſtand mit dem Tode eines herrlichen Rehes ein, das er beim Mondſchein in einer ſchönen Winternacht erlegte. Ich wußte damals nichts von Allem dem. Als Leonard zwölf Jahre alt war, ſchien er mir auch genug erſtarktz ich nahm ihn wieder zu mir und brachte ihn dann in Penſion. Nach drei Tagen kletterte er über die Mauern und kehrte nach dem Walde von Senart zurück. Mit einem Wort, Don Diego, nichts konnte die teufliſche Leidenſchaft dieſes Jungen für die Jagd beſiegen. Und, bei meiner Treue, ich geſtehe, daß ich mich ein wenig zum Mitſchuldigen meines Neffen machte, indem ich ihm eines Tags eine von den Flinten von Lefaucheux, vieſem genialen Büchſenmacher ſchenkte, deſſen Gewehre ſo bequem, ſo vortrefflich ſind, daß ſie aus Ihnen, mein lieber Abbe, einen ſo vollendeten Schützen machen wür⸗ den, als es mein Neffe iſt. Er iſt übrigens nicht der Einzige. Tauſende von Familien leben ebenſo vom neberfluß an Wilbbret der reichen Gutsbeſitzer, welche nicht aus Bedürfniß, ſondern nur zur Beluſtigung jagen⸗ Ah! verehrteſter Domherr, verzehren Sie eine marinirte — ———— — — 11⁵ Rehkeule, ein Salmis von jungen Feldhühnern, den Schlägel von einem Faſan (ich thue Ihnen nicht die Be⸗ leidigung an, zu glauben, Sie ziehen den Flügel vor), ſo ſagen Sie ſich, Sie helfen einer Menge von armen Haushaltungen leben.“ XIII. Der Doctor, nachdem er ſo zum Lobe der Jagd geſprochen, ging auf die Bude ſeines Neffen zu und zeigte durch die Geberde dem Abbé und dem Domherrn dos bewunderungswürdigſte Jägereiſpecimen, das man ſich vorſtellen kann. Die engliſchen Jagdhüter, große Meiſter in der Kunß, das Wildbret zu gruppiren und ſo wirkliche Ge⸗ mälde von todter Natur zu componiren, hätten die Ueber⸗ legenheit von Leonard anerkannt. Man denke ſich einen ſechs bis ſieben Fuß hohen knorrigen und äſtigen Baumſtamm, ſenkrecht mitten in der Bude errichtet; am Fuße dieſes Baumſtamms waren auf einem Bette von glänzend grünem Farnkraut ein junges Wildſchwein, ein herrlicher zweijähriger Dambock und zwei ſchöne Rehe gruppirt. Dieſe Thiere lagen in der Runde, mit dem Kopfe auf dem Bug, als ruhten ſie in ihrem Lager im Dickicht des Waldes, und ſchmückten ſo den Fuß des Baumes; an belaubten biegſamen Epheubändern hingen von den innern Aeſten des Stammes herab Haſen, Kaninchen aus Gehegen, abwechſelnd mit aſchgrauen wilden Gänſen, jungen Wild⸗ enten mit grünem Kopf und weißbefranſten Federn;— Faſane mit ſcharlachrother Augenhöhle, mit ſchielend 116 blauem Halſe und einem Geſieder glänzend wie polirtes Kupfer; ſilberfarbene Trappen, ein in unſeren Klimaten ziemlich ſeltener Wandervogel; da und dort vermiſchten ſich Stechpalmenzweige mit purpurnen Beeren, Heidekraut⸗ zweige mit roſenfarbigen Blüthen anmuthig mit dem ſo aufgeſtuften Wildbret; es kamen ſodann Gruppen von Schnepfen, von grauen Feldhühnern, von rothen Reb⸗ hühnern, von goldfarbigen Regenvögeln, von ebenholz⸗ ſchwarzen Waſſerhennen mit gelbem Schnabel; an den letzten Zweigen hing noch kleineres zarteres und Wild⸗ bret: Wachteln, Feigendroſſeln und Ginſterrallen (ieſe Könige der Ebene); endlich, ganz am Gipfel des Bau⸗ mes, ſchien ein prächtiger Auerhahn, der ſich ohne Zwei⸗ fel von den Ardennen verirrt hatte, ſeine breiten brau⸗ nen und blau glacirten Flügel zu öffnen und über dieſer Wildbrethekatombe zu ſchweben. Leonard, ein ſchlanker, behender Burſche, mit einem ein wenig falbem Auge, aber von einer offenen, ent⸗ ſchloſſenen Phyſiognomie, betrachtete mit verliebten Blicken ſein Werk und gab ihm, wenn man ſo ſagen darf, einen letzten Pinſelſtrich, indem er da und dort das Roth einer Bartavelle) mit einem grünen Wach⸗ holderzweige, oder das Ehenholzſchwarz einer Waſſer⸗ henne mit dem lebhaften Roſa eines Heidekrautzweiges contraſtiren machte. „Ich habe dieſe Herren von Deinem abſcheulichen Gewerbe unterrichtet, böſer Junge,“ ſagte lächelnd der Doctor Gaſterini zu ſeinem Neffen Leonard, „der ehr⸗ würdige Domherr und der Herr Abbé werden wohl die Gewogenheit haben, für das Heil Deiner Seele zu beten.“ „Ho! ho! mein lieber Oheim,“ erwiederte Leonard munter, „es iſt mir lieber, wenn ſie für das Treffen — ——— *) Das rothfüßige Rebhuhn. 117 der erſten Doppelkugel *) beten, die ich von meinem Anſtande einem fetten Friſchling zuſende, von welchem ich Ihnen den Kopf und die Keulen anbieten werde, mein lieber Oheim.“ „Ach! ach! er iſt unverbeſſerlich!“ ſagte der Dockor Gaſterini; „und leider, verehrteſter Domherr, haben Sie keinen Begriff von dem vortrefflichen Ge⸗ ruche, mit dem ein gehörig farcirter Wildſchweinskopf und die zierlichen Rückenſtücke eines Friſchlings, aufge⸗ ſchüttelt à la Saint⸗Hubert begabt find. Ah! Don Diego, wie ſaftig iſt das! Man hat Recht, daß man dieſes göttliche Gericht unter die Anrufung des heiligen Patrons der Jägerei ſtellt. Doch gehen wir weiter,“ ſprach der Doctor, indem er dem Domherrn voranſchritt, welcher bezaubert, geblendet war durch die für ihn ſo neue Wildbretausſtellung, denn dieſe Jagdreichthümer ſind in Spanien unbekannt. „Oh! wie groß iſt die Natur in ihren Geſchöpfen!“ ſprach der Domherr; „welche wunderbare Leiter des Geſchmacks und der Saftigkeit, von dem dicken, mon⸗ ſtröſen Wildſchweine bis zur Feigendroſſel, dieſem aus⸗ gezeichneten Vögelchen. Ruhm und ewige Dankbar⸗ keit Dir!“ fügte er in Form eines Stoßgebetes bei. „Bravo! Don Diego!“ rief der Doctor, „nun ſind Sie im Wahren.“ „Er iſt nun im Materialismus, im Paganismus, im plumpſten Pantheismus,“ ſagte der ſtörrige Abbé. „Sie führen ihn in die Verdammniß, Doctor, Sie richten ſeine Seele zu Grunde.“ „Noch ein wenig Geduld, mein lieber Abbé,“ verſetzte der Doctor, während er einen Schritt gegen eine andere Bude machte. „Sogleich werden Sie, trotz Ihres Leugnens, überzeugt ſein, daß ich die Wahrheit *) Zwei mit einander verbundene Kugeln machen den Schuß ſicherer. 118 ſpreche, wenn ich die Vortrefflichkeit der Schlemmerei predige, — oder Sie denken vielmehr wie ich, und Sie ſinden es geeignet, die Augenſcheinlichkeit zu leugnen. Mein verehrteſter Domherr, Sie werden nun hier be⸗ ſonders ſehen, in welcher Hinſicht die Schlemmerei, welche wir, Sie und ich, anbeten, eine Urſache von einem der großen Fortſchritte der Agricultur, der ein⸗ zigen und wahren Baſe der Wohlfahrt des Landes, iſt. Und hienach ſtelle ich Ihnen meinen Neffen Mathurin, Pächter auf den ſalzigen Wieſen, vor, welche allein das des Gourmand würdige Vieh nähren und dem Schlemmer dieſe unſchätzbaren Hammelskeulen, dirſe ſouverainen Cotelettes, dieſe wunderbaren Filets de boeuf geben, um welche uns ſelbſt England beneidet. Ich werde Ihnen auch die Frau meines Neffen Mathurin vorſtellen; ſie iſt gebürtig aus Mans, dieſer berühmten Mäſtungsſchule, welche jene Poularden und Kapaunen, eine der Glorien und einen der Reichthümer Frankreichs, produeirt.“ Allerdings weniger zierlich, weniger glänzend, we⸗ niger maleriſch als die andern, hatte dagegen die Bude des Pächters Mathurin einen Charakter majeſtätiſcher Einfachheit. Auf großen von Weidenruthen geflochtenen Hürten, bedeckt mit Zweigen von Thymian, Salbei. Rosmarin, Dragun und andern ſtark aromatiſchen Kräutern, wa⸗ ren mit einer herkoliſchen Gewichtigkeit monſtröſe Roſtbeefs, fabelhafte Lendenbraten, wunderbare Kalbszungen und von jenen unvergleichlichen Ham⸗ melskeulen und Cotelettes ausgebreitet, welche den Mund der Hunderte von Gäſten der Renomé6e mit dem unübertrefflichen Wohlgeſchmacke des Viehs der ſalzigen Wieſen füllen. Obgleich roh, war dieſes bewunderungswürdige Fleiſch, umgeben mit Pflanzen von durchdringendem Geruch, ſo fein, ſo kräftig, ſo lebhaft roſenfarbig, ſein mattes Fett war ſo friſch weiß, ſo zart, daß Don 1¹9 Diego auf dieſe Specimina der Ochſen⸗ und Schafe⸗ Induſtrie fleiſchgierige Blicke warf. Die Pächterin Mathurine präfidirte ihrerſeits bei einer nicht minder merkwürdigen Ausſtellung. Man bewunderte, halb vergraben unter Büſcheln von Brun⸗ nenkreſſe, eine Sammlung von Poularden, Kapaunen, Truthühnern, jungen Hühnern, genannt Tardillons, alle ſo fett, ſo fleiſchig, ſo rund und mit einer ſo atlaßarti⸗ gen Haut, daß mehr als eine hübſche Frau ſie um dieſe Haut beneidet hätte. „Oh! wie hübſch ſind ſie! wie bezaubernd ſind ſie!“ ſtammelte der Domherr; „oh! das iſt, um den Kopf darüber zu verlieren!“ „Ah! Don Diego,“ ſprach der Doctor, „was wer⸗ den Sie erſt ſagen, wenn einmal die intereſſante Bläſſe dieſer Poularden am Feuer des Bratſpießes vergolbet iſt! wenn ausgedehnt, um zu berſten, durch die Trüffeln, welche bläulich unter der Feinheit ihrer Oberhaut er⸗ ſcheinen, dieſe Haut hochroth wird und die Thränen eines purpurrothen Saftes vergießt, der ſich bald durch die langſame Deſtillirung dieſes Fettes moirirt, welches beinahe ſo vortrefflich als das Wachtelnfett iſt.“ „Genug, Doctor!“ rief der Domherr außer ſich, „genug, genug! oder ich werfe mich, dem Aergerniß trotzend, auf eine dieſer anbetungswürdigen Poularden, ohne den geringſten Reſpect für die Rohheit.“ „Beruhigen Sie ſich, Don Diego,“ erwiederte lächelnd der Doctor, „die Stunde des Mittagsmahles naht, und Sie können dann Ihre Huldigung zwei Schweſtern von dieſen bewunderungswürdigen dar⸗ bringen.“ Der Doctor wandte ſich dann an ſeinen Neffen Mathurin und ſagte: „Dieſe Herren finden die Producte Deiner Weiden und Deines Pachthofes merkwürdig, mein Junge.“ „Dieſe Herren ſind ſehr artig, mein lieber Oheim,“ antwortete Mathurin. „Ah! das iſt auch auserleſenes 120 Liebhabervieh. Ich fürchte weder den Engländer, noch den Bewohner der Ardennen, was den Wohlgeſchmack meiner Ochſen, meiner Kälber und meiner Hämmel von den ſalzigen Wieſen betrifft, welche meine kleine Eitel⸗ keit und mein Vermögen bilden. Denn ſehen Sie, meine Herren, das letzte Wort der Landwirthſchaft iſt Fleiſch machen, wie wir ſagen. Das Vieh erzeugt den Miſt, der Miſt die Düngung, die Düngung die Fruchtbarkeit der Erde, und die Fruchtbarkeit gibt gute Weide, gutes Futter für das Vieh; Alles dies hält und verkettet ſich, und je mehr das Vieh feinfett iſt, je beſſer es für den Gourmand iſt, deſlo beſſer verkauft es ſich, deſto beſſer iſt ſein Dünger und folglich deſto beſſer iſt die Cultur. Das iſt wie das Geflügel von Mathurine. Allerdings koſtet dies viel Mühe, braucht dies viele Leute auf dem Pachthofe, denn Sie würden vielleicht nicht glauben, meine Herren, daß man, um einen dieſer Kapaune oder eine von dieſen Poularden zu mäſten, dem Thiere fünfzehn bis zwanzig Mal am Tage in ſei⸗ nem Stalle den Schnabel öffnen und es mit Kügelchen von Gerſtenmehl und Milch ſtopfen muß, und dies drei Monate hindurch! Das iſt aber auch ein treffliches Product, denn ein Kapaun trägt uns mehr ein, als anderswo ein Hammel oder ein ſchwaches Kalb eintra⸗ gen. Man muß indeſſen mit großer Sorgfalt zu Werke gehen. Nach dem Rathe dieſes theuren Oheims, — ein guter Rath, wie es nur immer einen geben kann, — thun wir auch alle Jahre um Weihnachten wie folgt: am Abend, bei der Rückkehr des Viehes⸗ werden die zwei erſten Ochſen, welche in den Stall eintreten, mögen es nun die ſchönſten oder die am wenigſten ſchönen der Herde ſein (gleichviel, das Loos entſcheidet), beiſeit gethan; ebenſo iſt es mit den ſechs erſten Kälbern, mit den ſechs erſten Schafen, welche in den Stall zurückkommen; ſodann öffnet man die Ställe des Geflügels, und die erſten zwoͤlf Kapaune, die erſten 121¹ zwölf Poularden, die erſten zwölf Hühner, welche aus den Ställen herauskommen, werden beiſeit gethan.“ „Wozu?“ fragte der Abbé. „Was wird aus die⸗ ſen ſo durch das Loos bezeichneten Thieren?“ „Man macht daraus einen Theil, und dieſer wird zum Nutzen des Perſonals vom Pachthofe verkauft. Dieſer Nutzen fügt ſich dem ſixen Lohne bei. Sie be⸗ greifen, meine Herren, daß ſo alle meine Leute ein Intereſſe dabei haben, daß Vieh und Geflügel, ohne Unterſchied, ſo gut als nur immer möglich gepflegt werden, weil der Zufall allein den Ermuthigungs⸗ theil, wie wir es nennen, bezeichnet. Was entſteht hieraus, meine Herren? daß Herde und Geflügel bei⸗ nahe eben ſo die Sache meiner Leute, als die meinige werden, denn je mehr der Theil aus ſchönen Erzeug⸗ niſſen beſteht, deſto theurer wird er verkauft und deſto mehr Nutzen trägt er meinen Leuten. Nun denn, meine Herren, ſollten Sie glauben, daß ich durch den Eifer, durch die Sorgfalt, durch die Thätigkeit, welche meinen Leuten vom Pachthofe die Hoffnung auf dieſen Nutzen verleiht, noch mehr gewinne, als ich ihnen überloſſe, weil, ich wiederhole es, unſer Aller Intereſſe ein ge⸗ meinſchaſtliches iſt, ſo daß ich, indem ich die Lage die⸗ ſer wackern Menſchen viel beſſer mache, meinen Vortheil dabei finde.“ „Die Moral hievon, Don Diego,“ ſprach der Doctor lächelnd, „iſt, daß man ſo viel als möglich vortreffliche Lendenbraten, zarte Rippchen von den ſalzi⸗ gen Wieſen eſſen und ſich mit derſelben Aufopferung einer zügelloſen Conſumtion von Ponlarden, Kapaunen und Truthühnern hingeben muß, um die intereſſante Vieh⸗ und Geflügelinduſtrie in Thätigkeit zu ſetzen.“ „Ich werde mich bemühen, auf der Höhe meiner Pflichten zu ſein, Herr Doctor,“ ſprach ernſthaft der Domherr. „Und ſie ſind zahlreicher, als Sie glauben, Don Diegs, denn es hängt auch von Ihnen ab, daß die 122 armen Leute beſſer gekleidet, beſſer mit Schuhen und Strümpfen verſehen ſind. Hiezu können Sie beſonders dadurch beitragen, daß Sie viele Kalbsgrenadins à la Samaritaine, viele Beefſteaks mit Sardellbutter, viele Schöpſenzungen à la d'Uxelle eſſen.“ „Ah! Herr Doctor,“ ſprach der Domherr, „Sie ſcherzen.“ „Ich rede ſehr im Ernſte,“ erwiederte der Doctor, „und ich will es Ihnen beweiſen, Don Diego. Mit was macht man die Schuhe?“ „Mit Leder, Herr Doctor.“ „Und wer producirt dieſes Leder? Sind es nicht die Ochſen, die Schafe, die Kälber? Es iſt alſo au⸗ genſcheinlich, daß, je mehr man Vieh verzehrt, deſto mehr der Preis des Leders ſich vermindert und deſto mehr die geſunden und guten Fußbekleidungen zugäng⸗ für die armen Leute werden, welche nur Holzſchuhe ragen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Domherr mit nach⸗ denkender Miene, „das iſt wahr.“ „Und dann,“ verſetzte der Doctor, „und dann die guten wollenen Kleider, die guten wollenen Strümpfe, aus was find ſie gewoben? aus dem Fließe der Schafe. Je mehr man alſo Schafe verzehrt, deſto wohlfeiler wird die Wolle.“ „Ah! Herr Doctor,“ rief der Domherr fortgeriſſen von einem Aufſchwunge muthiger Philanthropie, „es iſt nur zu bedauern, daß man nicht zehn Mahle im Tage machen kann. Ja, ja, das iſt, um aus Indi⸗ geſtion zu Beförderung des Glückes von ſeines Glei⸗ chen zu zerplatzen!“ „Ah! edler Don Diego,“ ſprach der Doctor mit innigem Tone, „dies iſt vielleicht das glorreiche Mär⸗ tyrthum, welches Ihrer harrt.“ „Und ich werde mich demſelben mit Freude, mit Stolz unterziehen!“ rief der Domherr begeiſtert: „es iſt ſüß, für die Menſchheit zu ſterben.“ 123 Der Abbe Ledour konnte nicht mehr daran zweifeln: Don Diego entging ihmz er gab auch ſeinen Aerger durch verächtliches Achſelzucken und durch zorniges Augenverdrehen kund. „Oh! mein Gottl Herr Doctor,“ ſagte plötzlich der Domherr, indem er wiederholt ſeine großen Naſen⸗ löcher erweiterte; „was für ein Appetit erregender Ge⸗ ruch iſt denn das?“ „Es iſt das Specimen der Induſtrie meines Neffen Michel, ehrwürdiger Domherr; ſie kommt kaum aus dem Ofen; ſehen Sie, wie das golden, wie das lecker iſt,“ ſagte der Doctor Gaſterini. Und er bezeichnete mit der Geberde dem Dom⸗ herrn die wunderbarſten Proben von Paſtetenbäckerei und von kleinen Kuchen, die man ſich vorſtellen kann, furchtbare Paſteten von Wildbret, Fiſch oder Geflügel; Bouchses mit Krebsſchwänzen, Torten mit Früchten, Törtchen mit Confituren und mit Crémes von allen Arten, rauchende Brioches, Meringuen mit Ananas⸗ gelse, in Zucker gebackenes Mandelwerk, Nonugats in der Form von Felſen aufgeſetzt, welche Tempel von Candiszucker trugen; zierliche Sultanes, deren Dom von geſponnenem Zucker, ähnlich einem Silberfiligran, ein Baſſin von Marzipan à la Vanille voll von einer Roſen⸗ ersme, einer gepeitſchten Créme ſo leicht als Schaum, er⸗ ſchauen ließ. Uebergehen wir mit Stillſchweigen andere wunderbare Leckereien, welche aufzuzählen zu lange wäre, und die der Domherr mit einer ſtummen Bewunderung betrachtete. „Die Stunde des Mittagsmahles naht, und ich muß bald zu meinen Oefen gehen, um den letzten Pinſelſtrich gewiſſen Gerichten zu geben, welche ich durch meine Schüler anlegen laſſe,“ ſagte der Doctor zu ſeinem Gaſte. „Um Ihnen die Wichtigkeit dieſes ſo reizenden Induſtriezweiges zu beweiſen, werde ich mich auch auf eine einzige Frage beſchränken.“ Und er wandte ſich an ſeinen Neffen? 124 „Mein Junge, ſage dem Herrn, wie viel Du für das Pafietenbäckereigeſchäft bezahlt haſt, welches Du in der Rue de la Pair betreibſt.“ „Sie wiſſen es wohl, lieber Oheim, denn Sie haben mir das für dieſe Erwerbung nothwendige Geld vorge⸗ ſtreckt,“ erwiederte Michel, dem Doctor Gaſterini freundlich zulächelnd. „Bei meiner Treue, Junge, da Du es mir längſt gänzlich zurückbezahlt, ſo habe ich die Summe ver⸗ geſſen.“ „Zweimal hundert tauſend Franken, mein lieber Oheim. Und ich habe ein vortreffliches Geſchäft ge⸗ macht. Das Haus iſt gut, denn mein Vorgänger hat bei vieſem Handel zwanzig tauſend Livres Einkommen in zehn Jahren gewonnen.“ „Zwanzigtauſend Livres Einkommen!“ rief Don Diego mit Erſtaunen, „zwanzigtauſend Livres Ein⸗ kommen!“ „Sehen Sie, ehrwürdiger Domherr, wie man Kapitalien ſchafft. indem man heiße Paſteten à la financidre oder Piſtazienbabas ißt. Wollen Sie nun etwas wahrhaft Großartiges ſehen? denn diesmal handelt es ſich um eine Induſtrie, welche nicht nur die Intereſſen beinahe aller Gegenden Frankreichs berührt, ſondern fich auch auf einen großen Theil von Europa und vom Orient, das heißt auf Deutſchland, Italien, Griechenland, Spa⸗ nien und Portugal erſtreckt. Eine Induſtrie, welche un⸗ geheure Kapitalien in Umlauf bringt, welche ganze Be⸗ völkerungen beſchäftigt, und deren Erzeugniſſe erſten Ranges zuweilen fabelhafte Preiſe erreichen; eine Indu⸗ ſtrie endlich, welche hauptſächlich für die Schlemmerei das iſt, was die Seele für den Kötper, der Geiſt für die Materie! Schauen Sie und verehren Sie, Don Diego, denn hier find die jüngſten ſchon ſehr alt.“ Sogleich nahm der Domherr inſtinctartig ſeinen Hut ab und beugte ehrerbietig ſein Haupt. „Ich ſtelle Ihnen meinen Neffen Theodor, Com⸗ 125 miſſionär in franzöſiſchen und in fremden Weinen, vor,“ ſagte der Doctor zum Domherrn. In dieſer Bude nichts Glänzendes, nichts Schim⸗ merndes; einfache Etagores, beladen mit ſtaubigen Flaſchen und auf jeder Etagore Ueberſchriften in rothen Buchſtaben auf ſchwarzem Grunde, wo man folgende Worte von einem bezeichnenden Laconismus las: Frankreich. Chambertin (Komet). — Clos⸗Vougeot — 1813.— Volney (Komet). — Nuits — 1820. — Pomard — 1834. — Chablis — 1834. — Pouilly (Komet). — Chateau⸗Margot — 1818.— Haut⸗Brion — 1820.— Chateau⸗Laffitte — 1534. — Sauterne — 1814. — Grave (Komet). — Ruuiſſillon — 1800. — Tavel — 1802.— Cahors — 1793.— Lunel — 1814. — Fron⸗ tignan (Komet). — Riveſaltes — 1831. — Al mouſ⸗ ſeur — 1820. — Ai roſe — 1831. — Sillery ſee (Ko⸗ met). — Eau⸗de⸗vie de Cognac — 1737. — Aniſette de Bordeaux — 1504. — Ratafia de Loubres — 1801. Deutſchland. Johannisberger — 1779. — Rüdesheimer — 1747.— Hochheimer — 1760. — Tokayer — 1797. — Wer⸗ muthwein — 1801. — Ungarwein — 1783. — Kir⸗ ſchenwaſſer vom Schwarzwald — 1801. Holland. Aniſette — 1821. — Rother Curaggo — 1805.— Weißer Curagao — 1820. — Geniövre — 1799. Italien. Laerymae Chriſti — 1803. — Imola — 1819. 126 Griechenland. Cyprien — 1801. — Samos — 1813. Joniſche Inſeln. Marasquin de Fara*). Spanien. Val de Penas — 1812. — eres ſec — 1809. — Süßer Feres — 1810. — Moscatelle — 1824. — Tintilla de Rota — 1823. — Malaga — 1799. Portugal. Porto — 1778. Inſel Madeira. Madeira — 1810, hat dreimal die Reiſe nach In⸗ dien gemacht. Cap der guten Hoffnung. Weine, roth, weiß, gelb 1826. Waährend der Domherr in einer tiefen Sammlung des Geiſtes betrachtete, ſagte der Doctor Gaſterini zu ſeinem Neffen: *) Dieſen Irrthum wie einige andere in der Claſſi⸗ fication müſſen wir dem Sue'ſchen Weinhändler zur Laſt legen. Statt Marasquin de Fara müßte es heißen: Marasquino de Zara. Der Maras⸗ quino wird nicht auf einer joniſchen Inſel, ſondern hauptſächlich in Zara in Dalmatien produeirt. D. Ueberſ. — — 127 „Mein Junge, erinnerſt Du Dich genau der Summe, welche der Verkauf einiger berühmter Keller betragen at?“ „Ja, mein lieber Oheim,“ antwortete Michel. „Der Keller des Herzogs von Suſſer in London iſt um 280,000 Franken verkauft worden; der Keller von Herrn Laffite in Paris iſt, wie ich glaube, um 100 000 Fr. verkauft worden; der von Herrn Lagilliöre, auch in Paris, um 160,000 Fr.“ „Nun, Don Diego,“ ſagte der Doctor zu ſeinem Gaſte, „was denken Sie hievon? Glauben Sie, das ſei ein Gräuel, wie es dieſer liſtige Abbé Ledour ver⸗ ſichert, der uns duckmäuſeriſch beobachtet . . . Glauben Sie, ſie ſei in ſich eines Bannfluches würdig, dieſe Leidenſchaft, welche unter Anderem eine Induſtrie von dieſer ungeheuren Bedeutung begünſtigt? Denken Sie an die Koſten für Arbeitslohn, Transport, Erhallung, auf welche ſich ſolche Keller belaufen müſſen! Wie viel Leute haben von den Kapitalien gelebt, die ſie reprä⸗ ſentirten!“ „Ich denke,“ rief der Domherr, „ich denke, ich war ein Blinder, ein Wahnfinniger, daß ich das ungeheure induſtrielle, politiſche und ſociale Gewicht von dem, was ich that, indem ich mit Auswahl aß und trank, nicht begriffen habe. Ich denke, daß nun das Bewußtſein, ich erfülle eine Sendung von öffentlichem Intereſſe, wenn ich mich einer zügelloſen Schlemmerei hingebe, für mei⸗ nen Appetit ein köſtliches Aperitivum ſein wird, und dieſes Aperitivum, wem verdanke ich es, wenn nicht Ihnen, Doctor? O edler Denker! o großer Philoſoph!“ „Das iſt bis zum Wahnſinn getriebene Gaſtrola⸗ trie *)!“ rief der Abbé Ledoux; „das iſt Neopaganis⸗ mus **)!“ *) Bauchdienerei. **) Neuheidenthum. 128 „Don Diego,“ ſagte der Dockor, „wir werden von der Dankbarkeit, die Sie mir ſchuldig zu ſein glauben, reden, wenn wir einen Blick auf dieſe letzte Bude ge⸗ worfen haben. Es handelt ſich hier um eine Induſtrie, der durch ihre hohe Wichtigkeit der Vorzug vor allen denjenigen gebührt, von welchen wir geſprochen haben. Die Frage iſt ernſt, denn ſie hat Beziehung auf den Einfluß der Schlemmerei auf das Gleichgewicht Eu⸗ ropas.“ „Das Gleichgewicht Europas!“ verſetzte der Dom⸗ herr immer mehr erſtaunt. „Die Schlemmerei iſt von einiger Bedeutung bei dem Gleichgewichte Europas?“ „Ah! ah! Don Diego,“ ſagte der Abbé Ledoux die Achſeln zuckend, „wenn Sie auf dieſen Verſucher hören, ſo wird er Ihnen noch viel erſtaunlichere Dinge be⸗ weiſen.“ „Mittlerweile, mein lieber Abbé, will ich dem edlen Don Diego und auch Ihnen beweiſen, daß ich nichts behaupte, was nicht ſtreng wahr iſt. Und vor Allem werden Sie mir zugeſtehen, nicht wahr, daß die Macht der Militärmarine einer Nation, wie die franzöſiſche, von großem Gewichte in der Wagſchale der Geſchicke Europas iſt?“ „Gewiß,“ erwiederte der Abbé. „Sie werden mir zugeben,“ fuhr der Doctor fort, „daß, je nachdem dieſe Militärmarine zunimmt oder ab⸗ nimmt, Frankreichs Einfluß zur See in demſelben Ver⸗ hältniſſe verliert oder gewinnt?“ „Offenbar!“ ſagte der Domherr. „Schließen Sie doch!“ rief der Abbé, „hier er⸗ warte ich Sie.“ „Ich ſchließe alſo, mein lieber Abbé, daß, je mehr die Schlemmerei Fortſchritte macht, je mehr ſie für die Menge zugänglich iſt, deſto mehr die Militärmarine an Stärke und Einfluß gewinnen wird; und dies, Don Diego, werde ich Ihnen beweiſen, indem ich Sie nur dieſe Aufſchrift zu leſen bitte.“ 129 Ueber dieſer Bude, der einzigen, welche nicht ein Neffe oder eine Nichte des Doctors inne hatte, las man in der That die Aufſchrift: Colonialwaaren. „Colonialwaaren,“ wiederholte laut der Domherr⸗ Und er ſchaute den Arzt mit einer fragenden Miene an, während ſich der ſcharfſinnigere Abbé vor Aerger auf die Lippen biß. „Brauche ich Ihnen zu ſagen, ehrwürdiger Dom⸗ herr,“ fuhr der Doctor fort, „daß wir ohne Colonien keine Handelsmarine hätten, und ohne Handelsmarine keine Kriegsmarine, da dieſe ſich unter den Matroſen von den Handelsſchiffen rekrutirt? Nun! wenn die Schlemmer nicht alle die vortrefflichen Dinge verzeh⸗ ren würden, von denen Sie hier Muſter ſehen, — Zucker, Kaffee, Vanille, Zimmet, Gewürznelken, Ingwer, Reis, Piſtazien, Muskate, Cayenne⸗Pfeffer, Inſeln⸗Liqueur, Hachayr von Indien u. ſ. w., was würde, das frage ich Sie, aus unſern Colonien, das heißt aus unſerer See⸗ macht werden?“ „Ich bin geblendet!“ rief der Domherr, „ich habe den Schwindel! bei jedem Schritte fühle ich mich um hundert Ellen größer werden.“ „Und Sie haben wahrlich Recht, Don Diego,“ ſagte der Doctor, „denn wenn Sie, nachdem Sie beim Nach⸗ tiſch eine Schlagrahmecröme à la Vanille gekoſtet haben, auf welche ein Glas Conſtantia⸗Wein gefolgt iſt, eine Taſſe Kaffee ſchlürfen, worauf Sie mit ein paar Gläs⸗ chen Inſelnliqueur mit Zimmet oder Gewürznelken be⸗ reitet ſchließen, nun, ſo wachſen Sie heroiſch zu der ma⸗ ritimen Größe Frankreichs empor, Sie thun in Ihrer Sphäre ſo viel, als der Matroſe oder der Kapitän, und, was den Kapitän betrifft, Don Diego,“ fügte der Doe⸗ tor traurig bei, „ich muß Ihnen bemerken, daß allein Die Schlemmerei. 9 130 unter allen andern dieſe Bude leer iſt, weil der Kapitän des Schiffes, welches von Indien und den Colonien alle dieſe leckern Waaren gebracht hat, ſich nicht zu zeigen wagt, da er unter der Gewalt Ihrer Rache ſteht. Da⸗ mit nenne ich Ihnen meinen Neffen, den Kapitän Ho⸗ race, verehrungswürdiger Domherr. Er allein fehlt heute bei dieſem Familienfeſte.“ „Ha! verfluchte Schlange!“ murmelte der Abbé Ledoux, „wie er auf krummen Wegen zu ſeinem Ziele kommt! wie er dieſen elenden Dummkopf Don Diego zu umſtricken gewußt hat! Beim Namen des Kapitän Horace bebte der Dom⸗ herr und ſchwieg einen Augenblick nachdenkend. XII. Der Domherr, nachdem er einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen hatte, reichte dem Doctor Gaſterini ſeine dicke, vor Aufregung zitternde Hand und ſagte zu ihm: „Herr Doctor, der Kapitän Horace hat gemacht⸗ daß ich auf zwei Monate den Appetit verlor; Sie haben mir ihn, wie ich hoffe, für mein ganzes Leben wiedergegeben, und mehr noch, nach Ihrem Ver⸗ ſprechen haben Sie mir, nicht durch Scheinraiſonnemens, ſondern durch Thatſachen, durch Zahlen bewieſen, daß der Schlemmer, wie Sie es mit ſo viel Tiefe ſagten, eine hohe Sendung der Geſellſchaft, der Civiliſation und der Politik erfüllt; Sie haben mich ſo von grauſamen Gewiſſensbiſſen befreit, indem Sie mir das Bewußtſein von der edlen Aufgabe verliehen, welche zu vollbringen die Schlemmerei mir auferlegte, und dieſe heilige Pflicht werde ich nicht verletzen, Herr Doctor. Ehre und Ruhm 131¹ auch Ihnen, Dankbarkeit Ihnen, und ich glaube mich derſelben ſehr heſcheiden zu entledigen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich nicht nur keine Klage gegen den Kapi⸗ tän Horace anhängig machen werde, ſondern daß ich ihm auch von ganzem Herzen die Hand meiner Nichte bewillige.“ „Ich ſagte es Ihnen ja, Domherr,“ ſprach der Abbé, „ich war feſt überzeugt, ſobald er Sie einmal in ſeinen Klauen halte, werde dieſer teufliſche Doctor aus Ihnen machen, was er wolle. Wo find nun Ihre ſchö⸗ nen Entſchlüſſe von dieſem Morgen?“ „Abbé,“ erwiederte Don Diego mit entſchiedenem Tone, „ich bin kein Kind, ich werde auf der Höhe der Rolle, die mir der Herr Doctor vorgezeichnet hat, zu bleiben wiſſen.“ Und er wandte ſich an den letzteren und fügte bei: „Mein Herr, Sie werden mir Schreib⸗ zeug geben; eine ſichere Perſon wird meinen Brief nehmen, in Ihren Wagen ſteigen, auf der Stelle meine Nichte aus dem Kloſter holen und ſie hierher führen.“ „Don Diego,“ erwiederte der Doctor, „Sie ſichern das Glück unſerer zwei Kinder, die Freude meiner alten Tage und folglich Ihre gaſtronomiſche Seligkeit, denn ich werde mein Wort halten; ich werde Sie alle Tage noch beſſer zu Mittag ſpeiſen laſſen, als ich Sie neulich frühſtücken ließ. Ein Pavillon dieſes Hauſes wird fortan zu Ihrer Verfügung ſein; Sie werden mir die Ehre erweiſen, an meinem Tiſche zu eſſen, und Sie ſehen, daß nach den Gewerben, die ich (mit einer ſchlem⸗ meriſchen und leckerhaften Prämeditativn, wie ich Ihnen ſagte, für meine Neffen und Nichten gewählt habe, meine Speiſekammer, meine Küche und mein Kel⸗ ler immer wohl verſehen ſein werden. Ich werde alt, ich bedarf eines Stabs für mein Alter; Horace und ſeine Frau ſollen mich nicht mehr verlaſſen; ich werde ihnen meine culinariſchen Traditionen zur Aufbewahrung anvertrauen, damit ſie ſich von Generation zu Genera⸗ tion übertragen; wir wollen alle mit einander leben 132 und abwechſelnd von der Praris zur Philoſophie der Gaſtronomie übergehen, verehrungswürdiger Domherr.“ „Doctor, ich ſetze den Fuß auf die Schwelle des Paradieſes!“ rief der Domherr. „Ah! die Vorſehung iſt barmherzig, denn ſie überhäuft mit Gunſtbezeigun⸗ gen einen armen Sünder wie mich.“ „Ketzereil Gottloſigkeit! Blasphemie!“ rief der Abbé Ledoux; „Sie werden verdammt ſein! erzverdammt, Dom⸗ herr! nicht mehr und nicht weniger als Ihr Verſucher.“ „Ei! mein lieber Abbs,“ ſagte der Doctor, „keine ſolche Poſſen! Geſtehen Sie doch, daß ich Sie durch meine Raiſonnemens überzeugt habe.“ „Ich, ich ſoll überzeugt ſein!“ „Gewiß, denn ich fordere Sie auf, Sie und Ihres Gleichen, Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige aus folgendem Dilemma herauszukommen.“ „Laſſen Sie Ihr Dilemma hören.“ „Iſt die Schlemmerei eine Abſcheulichke ſo muß die Mäßigkeit bis auf ihre letzten Grenzen getrieben eine Tugend ſein.“ „Sicherlich,“ antwortete der Abbe. „Je mäßiger man alſo iſt, mein lieber Abbé, deſto verdienſtvoller iſt man nach Ihrer Anſicht.“ Offenbar, Doctor.“ „Derjenige alſo, welcher von rohen Wurzeln leben und Waſſer trinken würde, in der Abſicht, ſich zu ka⸗ ſleien, wäre der Typus, der Prototypus eines tugend⸗ haften Menſchen?“ „Wer würde daran zweifeln! Sie finden dieſen himmliſchen Typus in den Einſiedlern.“ „Vortrefflich, Abbé! Nach ihren Proſelytenmacher⸗ ideen müſſen Sie nun nothwendig wünſchen, daß alle Ihre Brüder ſo viel als möglich ſich dieſem Typus der ide⸗ alen Vollkommenheit: einem eine Höhle bewoh⸗ nenden und von Wurzeln lebenden Men⸗ ſchen, nähern? Das ſchöne Ideal Ihrer religiöſen Ge⸗ ſellſchaft wäre eine Geſellſchaft von Höhlenbewohnern 133 und Wurzelneſſern, die ſich zum Zeitvertreib eine harte Disciplin auferlegen würden?“ „Gefiele es Gott, daß es ſo wäre,“ ſagte muthig der Abbé; „es gäbe eben ſo viel Gerechte als Men⸗ ſchen auf der Erde.“ „Vor Allem würde dies den Kalender ein wenig übervoll machen, und ſodann hätte das den kleinen Nachtheil, daß es mit einem Schlage die zahlreichen Gewerbsthätigkeiten zerſören würde, von denen wir ſo eben die Proben bewundert haben, — abgeſehen von der Induſtrie der Weber, welche die Tiſchtücher weben, von den Silberarbeitern, welche das Silbergeſchirr ci⸗ ſeliren, von den Porzellanfabrikanten, welche die Por⸗ zellane verfertigen, von den Glasmachern, welche die Kryſtalle fabriciren, von den Malern, den Vergoldern, welche die Speiſezimmer ſchmücken, von den Tapezi⸗ rern u. ſ. w. Kurz, Ihrem Ideale ſich nähernd, würde die Geſellſchaft drei Viertel der blühendſten Induſtrien vernichten, was mit anderen Worten zum wilden Zu⸗ ſtande zurückkehren hieße. „Es iſt beſſer, ſein Heil im wilden Zuſtande zu grün⸗ den, als die ewigen Strafen dadurch zu verdienen, daß man ſich den Genüſſen einer verdorbenen und verderb⸗ lichen Civiliſation hingibt,“ erwiederte hartnäckig der Abbé Ledour. „Das iſt eine erhabene Uneigennützigkeit! Warum überlaſſen Sie aber dann großmüthig den Andern dieſe harten Verzichtungen, dieſe grauſamen Entbehrungen, wobei Sie ihnen Ihren Theil am Paradies abtreten und ſich damit begnügen, daß Sie hienieden reichlich leben, auf Eiderdunen ſchlafen, kühl trinken und warm eſſen? Ah! laſſen Sie uns ernſthaft ſprechen und ge⸗ ſtehen Sie, daß es eine wahre Beleidigung, eine wahre Blasphemie gegen die Freigebigkeiten der Schöpfung iſt, die Tauſende von ſchmackhaften, guten Dingen nicht zu genießen, welche ſie zur Befriedigung des Ge⸗ ſchöpfes bietet,“ 134 „Das ſind dieſe Heiden, dieſe Materialiſten, dieſe Philoſophen!“ rief der Abbé Levour, „ſie können nicht zugeben, was ſie in ihrem hoölliſchen Stolze nicht be⸗ greifen.“ „Ja, Credo quia absurdum. Dieſes Arlom iſt alt wie die Welt, mein lieber Abbs; doch es hält die Welt nicht ab, in der umgekehrten Richtung Ihrer Verzichtungs⸗ und Entbehrungstheorien zu marſchiren. Gott ſei Dank! die Welt ſtrebt immer nach dem Wohl⸗ ergehen. Glauben Sie mir, es handelt ſich nicht da⸗ rum, die Menſchen darauf zu beſchränken, daß ſie Wur⸗ zeln eſſen und Waſſer trinken; man muß im Gegen⸗ theil dahin gelangen, daß die möglichſt große Zahl we⸗ nigſtens gutes Fleiſch, gutes Geflügel, gute Früchte, gutes Brod von reinem Weizen ißt und alten Wein trinkt. Die Natur in ihrer unendlichen Weisheit hat den Menſchen unerſättlich in den Bedürfniſſen ſeines Lebens, in den Strebungen ſeines Geiſtes ge⸗ macht; und wenn man an die Wunder aller Art denkt, welche der Menſch nur geſchaffen hat, um den fünf Sinnen zu gefallen, mit denen ihn die Schs⸗ pfung in ihrer Freigebigkeit ausgeſtattet, ſo bleibt man von Verehrung ergriffen. Es heißt alſo unver⸗ jährbaren Rechten gehorchen, wenn man mit Eifer durch die Conſumtion zur Arbeit und zur Wohlfahrt Aller antreibt, wie ich dem Domherrn ſagte, und wenn ſo viel als möglich Jeder in ſeiner Sphäre Gutes thut, um ohne zu viel Gewiſſensbiſſe zu genießen .. Doch es iſt bald ſechs Uhr, kommen Sie in mein Zim⸗ mer, Don Diegv, um den Brief zu ſchreiben, der Ihre Nichte hierher berufen ſoll. Ich werde dann einen letzten Blick in mein Laboratorium werfen, das ich der Sorge meiner erſten Schüler anvertraut habe. Der liebe Abbé wird wohl die Güte haben, mich im Salon zu erwarten, denn es iſt mir daran gelegen, daß ich mein Programm vollführe und ihm durch ökonomiſche Thatſachen nicht nur die Vortrefflichkeit der Schlem⸗ 135 merei, ſondern auch die aller der andern Leidenſchaften, welche er Tod ſünden nennt, beweiſe.“ „Wir wollen ſehen, wie weit Sie Ihr ruchloſes Parodoron treiben,“ ſagte unerſchütterlich der Abbé. „Ueberdies iſt es intereſſant, alle dieſe Abſcheulichkeiten zu beobachten .. Aber, Doctor, Doctor, vor drei⸗ hundert Jahren . . welches Auto⸗da⸗Fe hätte man aus Ihnen gemacht!“ „Ein ſchlechter Braten, mein lieber Abbs. Das iſt nicht mehr werth, als der Ertrag der Jagd, die Ihr in der ſchönen Zeit des Fanatismus auf die Pro⸗ teſtanten in den Cevennen machtet. Ein ſchlechtes Wild⸗ bret, Abbé! . Wir werden uns alſo ſogleich wie⸗ fügte der Doctor bei, indem er ſich ent⸗ ernte. Nachdem der Domherr den Brief an die Supe⸗ riorin des Kloſters geſchrieben hatte, ging ein Ver⸗ trauter des Doctor Gaſterini im Wagen ab, um die Senora Dolores Salcedo zu holen und zugleich den Kapitän Horace und ſeinen getreuen Sans⸗Plume zu benachrichten, daß ſie ihr Verſteck verlaſſen können. * Eine halbe Stunde nach dem Abgange dieſes Emiſſärs waren der Domherr, der Abbs, die Neffen und Nichten von Herrn Gaſterini und mehrere andere Gäſte im Salon des Doctors verſammelt. XV. Dolores und Horace kamen bald in geringer Ent⸗ fernung von einander beim Doctor Gaſlerini an. Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich die Freude der zwei Lie⸗ benden und den Ausdruck ihrer zärtlichen Dankbarkeit gegen den Doctor und den Domherrn vorzuſtellen. Die * 136 tiefe Rührung des Letzteren, das Bewußtſein, auf im⸗ mer das Glück ſeiner Nichte zu ſichern, offenbarte ſich bei ihm durch einen Tigershunger; er flüſterte auch 3 einer kläglichen Stimme dem Doctor Gaſterini ins v „Ach! achl kommen denn die andern Gäſte nicht, lieber Doctor? Es gibt Leute von einem abſcheulichen Egoismus!“ „Meine Gäſte können nun nicht mehr lange aus⸗ bleiben, mein lieber Domherr, es iſt halb ſieben Uhr und man weiß, daß ich mich um ſieben Uhr unbarm⸗ herzig zu Tiſche ſetze.“ Die letzten Eingeladenen des Doctors ließen in der That nicht lange auf ſich warten, und ein Kammer⸗ diener meldete nach und nach folgende Namen: „Der Herr Herzog und die Frau Herzo⸗ gin von Senneterre⸗Maillefort.“ „Die Hoffart,“ ſagte leiſe der Doctor zum Domherrn und zum Abbs, der ein häßliches Geſicht ſchnitt, indem er ſich des Mißgeſchicks ſeines Schützlings, des Herrn von Macreuſe, in Beziehung auf Fräulein Baumesnil, die reiche Erbin, erinnerte. „Wie liebenswürdig ſind Sie, Frau Herzogin, daß Sie die Guͤte gehabt haben, meiner Einladung zu ent⸗ ſprechen,“ ſagte der Doctor zu Herminie, welcher er, indem er ſie empfing, ehrerbietig die Hand küßte. „Wenn ich Ihnen Alles geſtehen ſoll, Madame, — ich rechnete ein wenig, um Sie zu beſtimmen, auf den lieben Stolz, den Herr von Maillefort, Herr von Senneterre und ich ſo ſehr an Ihnen bewundern.“ „Wie ſo, mein lieber Doctor?“ fragte freundlich Gerald von Senneterre. „Ich weiß wohl, daß ich dem Stolze meiner Frau das Glück meines Lebens zu ver⸗ danken habe, aber „ „Unſer lieber Doctor hat Recht,“ erwiederte lächelnd Herminie, „ich bin ſehr ſtolz auf die Freundſchaft, die er wohlwollend für uns hegt, und ich ergreife jede 137 Gelegenheit, um ihm zu beweiſen, wie empfänglich ich für ſeine Zuneigung bin, nicht zn erwähnen unſerer ewigen Dankbarkeit für die aufopfernde Sorge, die er meinem Sohne und der Tochter von Erneſtine gewidmet hat. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ſie es bedauert, heute Abend nicht hier zu ſein; doch ihr Zuſtand vorgerückter Schwangerſchaft hält ſie zu Hauſe zurück, und der liebe Olivier, wie ſein Oheim und Herr von Maillefort verlaſſen nicht eine Minute unſere intereſſante Kranke.“ „Nichts gleicht den alten Seeleuten, den duellſüch⸗ tigen Marquis und den ehemaligen Soldaten von der Armee in Afrika als Krankenwärtern; dies ſei ge⸗ ſagt, ohne die furchtbare Madame Barbangon herabzu⸗ würdigen“ erwiederte heiter der Doector. „Nur werden Sie mir erlauben, Frau Herzogin, nicht ganz Ihrer Anſicht über die Art zu ſein, wie Sie ſo eben meine Worte ausgelegt haben; ich wollte ſagen, Ihr Hang zur Hoffart habe mir zum Voraus die Sicherheit gegeben, Sie werden bei mir dieſe anbetungswürdige Sünde ermuthigen, indem Sie mich ſtolz darauf machen, daß ich Sie in meinem Hauſe beſitze.“ „Und ich, lieber Doctor,“ rief lachend Gerald von Senneterre, „ich erkläre, daß Sie wüthend bei uns die Sünde der Schlemmerei aufmuntern, denn wenn man ein nal bei Ihnen geſpeiſt hat, wird man Gour⸗ mand auf ewig.“ Das Geſpräch des Doctors mit Herminie und Gerald, auf welches Geſpräch der Domherr gehorcht hatte, wurde unterbrochen durch die Stimme des Kam⸗ merdieners, welcher meldete: „H err Bvon Clvarek. „Der Zorn,“ ſagte leiſe der Doctor zum Dom⸗ herrn, indem er dem alten Korſaren entgegen ging, der trotz ſeines hohen Alters noch friſch und munter war. „Es leben die Eiſenbahnen! denn ich komme ge⸗ rade vom Havre, mein alter Kamerad, um Ihrem Ge⸗ 138 burtstage beizuwohnen,“ ſagte Yvon zum Doctor, während er ihm herzlich die Hände drückte; „und um hieher zu kommen, habe ich Sabine, Sabinon und Sabinette verlaſſen, — das ſind die Namen, welche der faſt hundertjährige Logoffin, mein alter Ge⸗ ſchützmeiſter, meiner Enkelin und meiner Urenkelin ge⸗ geben hat, denn Du weißt, ich bin Urgroßvater.“ „Ja wohl, mein alter Kamerad, und ich hoffe, Du wirſt nicht hiebei ſtehen bleiben.“ „Ahl mein Schwiegerſohn Oneſime, dem Du vor dreißig Jahren das Leben wiedergegeben haſt, beauf⸗ tragt mich, wie immer, ihn bei Dir ins Gedächtniß zurückzurufen „. Und hier bin ich!“ „Konnteſt Du bei einer unſerer jährlichen Zuſam⸗ menkünfte fehlen, mein wackerer Yon? Ich hätte einen von den herrlichen Zornanfällen bekommen, von denen Du einſt beſeſſen warſt.“ Hier unterbrach ſich der Doctor, wandte ſich an den Domherrn und den Abbé, flellte ihnen YMvon vor und ſagte: „Der Käpitän Clogrek, einer unſerer älteſten und berühmteſten Korſaren, der große Held der Brigg der Höllenbrand, welche ihre Streiche am Ende des Kaiſerthums vollführt hat.“ „Ahl! Herr Kapitän,“ ſprach der Domherr, „im Jahre 1812 war ich in Gibraltar, und ich habe die Ehre gehabt, ſehr oft Sie und Ihr Korſarenſchiff von den Engländern verfluchen zu hören.“ „Und wiſſen Sie, mein lieber Domherr, welcher bewunderungswürdigen Sünde der Kapitän Cloarek ſeinen Ruhm und die Dienſte verdankt, die er Frank⸗ reich in den glorreichen Kreuzzügen, welche er gegen die Engländer gemacht, geleiſtet hat? Ich will es Ihnen ſagen, und mein alter Freund wird mich nicht Lügen ſtrafen. Ehre, Triumph, Reichthum, Alles ver⸗ dankt er dem Zorne.“ „Dem Zorne!“ rief der Abbé. 139 „Dem Zorne?“ ſagte der Domherr. „Die Wahrheit iſt, meine Herren,“ erwiederte be⸗ ſcheiden Cloarek: „das Wenige, was ich für mein Va⸗ terland gethan habe, verdanke ich meinem unglaublich zornmüthigen Naturell.“ „Herr und Madame Michel,“ meldete der Kammer⸗ diener. „Die Trägheit,“ ſagte der Doctor zum Dom⸗ herrn und zum Abbs. Und er näherte ſich Florence und ihrem Gatten (ihrem wahren Gatten, denn der Vetter Michel hatte Frau von Lucenay ſeit dem Tode von Herrn von Lucenay geheirathet, der das Opfer ei⸗ ner Erſteigung des Chimboraſſo, welche er in Geſell⸗ ſchaft von Valentine verſucht, geworden war). „Ah! Madame,“ ſagte der Doctor Gaſterini, in⸗ dem er Florence artig die Hand küßte, „wie ſehr weiß ich Ihnen Dank, daß Sie ſich Ihren ſüßen Gewohn⸗ heiten der Trägheit entriſſen haben, um ſich die Mühe zu machen, zu mir zu kommen, ehe Sie nach Ihrer theuren Einſamkeit in der Provence abreiſen!“ „Wie, mein lieber Doctor!“ verſetzte lachend die junge Frau, „vergeſſen Sie denn, daß die Trägen zu Allem fähig ſind?“ „Selbſt zu der unglaublichen Anſtrengung, bei einem ihrer beſten Freunde zu Mittag zu ſpeiſen,“ fügte Michel, dem Doctor die Hand drückend, bei. „Und wenn ich bedenke,“ ſagte Gaſterini, „wenn ich bedenke, daß man mich vor einigen Jahren befragt hat, ob ich Sie von dieſer incurabeln Sünde der DTrägheit heilen könnte! Zum Glücke haben mich die Unzulänglichkeit der Wiſſenſchaft und meine tiefe Ach⸗ tung vor den Gaben des Schöpfers abgehalten, einen Angriff auf die unausſprechliche Gleichgültigkeit zu machen, mit der Sie ausgeſtattet waren.“ Und mit dem Blicke Florence den Abbé Ledour bezeichnend, fügte er bei: „Madame, der Herr Abbé Ledoux, den ich Ihnen 140 vorzuſtellen die Ehre habe, ſieht mich zu vieſer Stunde ungefähr für einen Heiden, für einen abſcheulichen Götzendiener an. Seien Sie ſo gut, mich in ſeinem Geiſte wieder zu Ehren zu bringen, indem Sie dieſem Heiligen verſichern, daß Sie und Ihr Mann aus der tiefſten, unüberwindlichſten Trägheit eine grenzen⸗ loſe Thätigkeit, eine unglaubliche Energie geſchöpft ha⸗ ben, durch welche Sie ſich Beide die ehrenvollſte Unab⸗ hängigkeit gründeten.“ „Zur Ehre der Trägheit,“ antwortete Florence lachend, „zur Ehre der Trägheit, Herr Abbé, bin ich genöthigt, meiner Beſcheidenheit und der meines Man⸗ nes Gewalt anzuthun und zu geſtehen, daß dieſer liebe Doctor die Wahrheit ſpricht.“ „Herr Richard!“ meldete der Kammerdiener. „Der Geiz,“ ſagte leiſe der Doctor zum Dom⸗ herrn und zum Abbé, während der Vater von Louis Richard, dem glücklichen Gatten von Mariette, auf den Arzt zuſchritt. „Sollte dieſer Herr Richard der Gründer der in Chaillot eingerichteten Schulen und der daſelbſt geſtifte⸗ ten und ſo wunderbar organiſirten Zufluchtshäuſer ſein?“ fragte leiſe der Abbés Herrn Gaſterini. „Er iſt es,“ erwiederte der Doctor. Und er reichte dem Greiſe die Hand und ſagte: „Kommen Sie doch, guter Richard;z der Herr Abbé ſprach ſo eben mit mir von Ihnen.“ „Von mir, Doctor?“ „Oder, wenn Sie lieber wollen, von Ihren wun⸗ derbaren Stiftungen in Chaillot.“ „Ah! Doctor,“ erwiederte der Greis, „gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt; mein Sohn allein iſt der Urheber dieſer wohlthätigen Stiftungen.“ „Ei! mein guter, vortrefflcher Herr Richard,“ ſagte der Doctor, „wären Sie nicht ein ſo vollkomme⸗ ner Geiziger geweſen, als Ihr Freund Ramon, hätte 141 Ihr Sohn können überall Ihren Namen ſegnen machen, wie er es gethan hat?“ „Was dies betrifft, Doctor, das iſt die reine Wahrheit; ich geſtehe Ihnen auch, daß kein Tag ver⸗ geht, an welchem ich nicht aus dieſem Geſichtspunkte Gott danke, daß er mich als den Geizigſten der Men⸗ ſchen geboren werden ließ.“ „Und der Freund Ihres Sohnes, der Marquis von Saint⸗Herem, wie geht es ihm?“ „Er iſt geſtern mit ſeiner Frau bei uns geweſen. Das iſt die Perle der Ehen. Der Marquis hat uns eingeladen, das Schloß zu beſuchen, welches er im Thale von Chevreuſe hat bauen laſſen. Man ſagt, ſein Palais in Paris ſei nichts gegen dieſe neuen Herrlich⸗ keiten. Es ſcheint, es ſind dort ſeit drei Jahren fünf⸗ zehnhundert Arbeiter beſchäftigt, nicht zu reden von der Terraſſirung des Parks, welche allein die Arnie von drei bis vier Dörfern in Anſpruch genommen hat, und da der Marquis reichlich bezahlt, ſo begreifen Sie, welchen das in der Umgegend des Schloſſes verbrei⸗ et hat. „Sie werden mir alſo zugeſtehen: wenn der Oheim des Marquis nicht eben ſo geizig geweſen wäre, als Sie, ſo hätte dieſer edelmüthige junge Mann nicht ſo vielen Familien Arbeit geben können.“ „Es iſt wahr, mein lieber Doctor, es wird auch der Name des heiligen Ramon, wie der Marquis ironiſch ſeinen Oheim hat taufen laſſen, im Andenken an dieſen großen Geizigen von Allen geſegnet.“ „Es iſt unbegreiflich,“ ſagte der Domherr, „der Doector hatte alſo Recht? Ich bin verwirrt durch das, was ich höre, was ich ſehe! Wir werden alſo mit den ſieben Todſünden zu Mittag ſpeiſen?“ „Herr Henri David,“ meldete der Kammerdiener. Bei dieſem Namen wurde die Phyſiognomie des Doctors ernſt; er ging David entgegen, nahm voll Innigkeit ſeine beiden Hände und ſprach; —— 142 „Verzeihen Sie, daß ich in Betreff dieſer Einla⸗ dung ſo dringlich geweſen bin, doch ich habe meinem vortrefflichen Freunde und Schüler, dem Doctor Dufour, der Sie mir empfohlen, verſprochen, ich werde es ver⸗ ſuchen, Sie während Ihres kurzen Aufenthaltes in Paris zu zerſtreuen.“ „Und ich fühle das Bedürfniß dieſer Zerſtreuungen, das verſichere ich Sie, mein Herr. Dort iſt unſer Le⸗ ben ſo ruhig, ſo regelmäßig, daß die Stunden beinahe unbemerkt vergehen, aber hier, verloren in dieſer ge⸗ räuſchvollen, großen Stadt, der ich ganz fremd gewor⸗ den bin, fühle ich mit zuweilen von einer tödtlichen Traurigkeit befallen, und ich danke Ihnen tauſend⸗ mal, daß Sie mir eine ſo angenehme Zerſtreuung be⸗ reitet haben.“ Henri David ſprach ſo zum Doctor, da ſchlug es ſieben Uhr. Der Domherr gab einen tiefen Seufzer der Be⸗ friedigung von ſich, als er einen Haushofmeiſter die zwei Flügel der Thüre des Speiſeſaales oͤffnen ſah. XVI. In dem Augenblick, wo ſich alle Gäſte des Doc⸗ tors nach dem Speiſeſaale wandten, meldete ein Kam⸗ merdiener: „Die Frau Marquiſe von Miranda.“ „Die Unkeuſchheit,“ flüſterte der Doctor dem Abbé zu. „Ich befürchtete, ſie würde uns fehlen.“ Dann bot der Doctor Magdalena, welche ſchöner, 143 verführeriſcher als je, den Arm und ſagte, indem er ſie in den Speiſeſaal führte: „Ich fing an, an dem Glücke, das Sie mir ver⸗ heißen, zu verzweifeln, Frau Marquiſe. Hören Sie vochl wiſſen Sie, daß in meinem Alter das Glück, Sie hier zu empfangen, beinahe den Werth eines Rendez⸗ vous hat? Ah! wenn ich nur fünfzig Jahre weniger zählen würde!“ „Ich würde Sie zu meinem Cavalier nehmen, lie⸗ ber Doctor,“ erwiederte die Marquiſe lachend wie eine Tolle. „Wir find alſo darüber eins, daß wir vor fünfzig Jahren auf das Beſte mit einander geſtanden haben.“ Wir werden es nicht unternehmen, die Wunder des Speiſeſaals des Doctors aufzuzählen; wir beſchrän⸗ ken uns darauf, daß wir den Speiſenzettel des Mittags⸗ mahles anführen, welchen Speiſenzettel jeder Gaſt, in Folge einer zarten Vorſicht, zwiſchen zwei Dutzend Au⸗ ſtern, das eine von Oſtende, das andere von Marennes, auf der Serviette fand. Dieſer Zettel war auf weißes Satin geſchrieben und umrahmt von einer kleinen Ein⸗ faſſung, welche Zweige von eiſelirten und grün email⸗ lirten ſilbernen Blättern bildeten. Jeder Geladene wußte ſo, welche Summe ſeines Appetits er für dieſes oder jenes Lieblingsgericht in Reſerve zu behalten hatte. Fügen wir nur bei: die Tafel und der Speiſe⸗ ſaal waren ſo groß, daß, ſtatt ſich jener unbequemen und an einander gepreßten Stühle bedienen zu müſſen, welche die Leute nöthigen, wie man zu ſagen pflegt, mit den Ellenbogen am Leibe zu eſſen, jeder Gaſt, die Füße auf einem weichen Teppich, in einem weiten vortrefflichen Fauteuil ſaß und allen für die Evolutionen ſeines Meſſers und ſeiner Gabel erforder⸗ lichen Raum hatte. Es folgt hier der Speiſenzettel, den der Dom⸗ herr mit einer zitternden Hand nahm und voll Andacht las: ⸗ 144 Speiſenzettel des Mittagsmahles *). Vier Suppen. „Suppe à la Condé. „Krebsſuppe mit Hühnerbruſt. „Kuskuſſi⸗Suppe. „Kräuterſuppe mit Conſommé. Vier Relevés von Fiſchen. „Kopfſtück vom Stör à la Godard. „Aalſtücke à bitalienne. „Salm à la Chambord. „Turbot à la hollandaiſe. Vier Aſſiettes volantes. „Croquettes a la royale. „Bouchses mit Krebsſchwänzen. „Gebackene Karpfenmilch à la Orly⸗ „Paſtetchen à la reine. Vier große Stücke. „Marinirtes Wildſchweinsviertel. „Ochſenſtück (von den ſalzigen Wieſen) à la cuiller. „Kalbsviertel à la Monglas. „Am Spieß gebratenes Hammelsviertel (von den ſalzigen Wieſen). *) Bei der Ueberſetzung dieſes Speiſenzettels war ich verſucht, wie Vatel im Ehrgeiz in der Küche, auszurufen: „Ach! was für eine arme Sprache iſt doch die dentſche Sprache!“ Zum Glück bezieht ſi dies nur auf die eulinariſche Wiſſenſchaft, bei der au die andern Sprachen, wie die engliſche z. B., ſich der franzöſiſchen Ausdrücke zu bedienen g en „Beherſ. 14⁵ Sechzehn Entrées. „Reh⸗Escalopes mit Sauce à bespagnole. „Lammsfiletts à la Toulouſe. „Filets von jungen Enten mit Orangenſauce. „Haſenbrod mit ſaurer Sulz⸗ „Feigendroſſeln in Papilottes à la d'Urelle. „Vol⸗au⸗vent à la Nesle. „Macaroni à la pariſienne. „Warme Ortolanenpaſtete. „Filets von Poularde (von Mans) en ſupréme. „Schnepfen à la ſinanciöre. „Wachteln⸗Crouſtades mit der Kruſte.. „Kaninchen⸗Cotelettes à la marschale. „Hattereaur von Kalbsbrüschen. „Feldhühnerklöße à la Richelieu. . „Gansleber in Papierkapſeln à la provengale. „Filets von Regenvögeln à la lyonnaiſe. Zwiſchenſpiel. „Gefrorener Orangenpunſch mit Schlagrahm. Vier Braten. „Geſpickte Faſane mit Trüffeln. „Gemäſtete Hühner mit Speck gebraten. „Wälſcher Hahn mit Trüffeln gefüllt. „Auerhahn. Eilf Entremets. „Cardons mit Ochſenmark. „Artiſchockenböden à la napolitaine. „Champignons auf dem Roſte gebraten. „Perigord⸗Trüffeln mit Champagner gekocht. „Weiße Piemont⸗Trüffeln in feinem Oel. Die Schlemmerei. 10 146 „Selleri à la frangaiſe. „Hummer in Madeira gekocht. „Krabben mit indiſchem Kary. „Lattich mit Schinken gekocht. „Spargelſpitzchen wie Brokelerbſen bereitet. Zwei große Stücke. „Sultane (von geſponnenem Zucker) mit Roſeneréme. „Tempel von Croque⸗en⸗bouche mit Piſtazien beſtreut. „Glacirte Aprikoſen in Kaſtanienform. „Ananasgelée mit Früchten garnirt. „Schlagrahmersme mit Himbeeren. „Gepeitſchte Gelée mit Marasquin „Franzöſiſche Cröme mit ſchwarzem Kaffee. „Bouchées von Erdbeeren.“ Nachdem er dieſen Speiſenzettel geleſen, ſtand der Domherr, fortgeriſſen von der Begeiſterung und, wir müſſen es geſtehen, die Schicklichkeit vergeſſend, auf, nahm mit einer Hand ſein Meſſer, mit der andern ſeine Gabel, ſtreckte die Arme aus und ſprach mit feierlichem . e: „Doctor, ich ſchwöre, ich werde von Allem eſſen.“ * * 8 * Und der Domherr aß von Allem. Und er blieb bei ſeinem Appetit. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß die ausge⸗ zeichneten Weine, deren Nectargehalt der Domherr ſchon durch zahlreiche Proben hatte ſchätzen können, im Ueber⸗ fluſſe kreiſten. —— —— —— S 147 Beim Nachtiſch erhob ſich der Doctor Gaſterini, ein Gläschen in Eis abgekählten Conſtantia⸗Wein in der Hand haltend, und ſprach: „Meine Damen, ich will einen hölliſchen Tvaſt aus⸗ bringen, einen Toaſt ſo teufliſch, als ob wir freudig unter Verdammten im tieſſten Speiſeſaal im Reiche Satans bankettirten!“ „Hol ho! liebenswürdiger Doctor,“ fragte man ein⸗ ſtimmig, „was für ein Toaſt iſt das?“ „Den Sieben Todſünden!“ rief der Doctor. „Und nun erlauben Sie mir, Ihnen den Gedanken aus⸗ einanderzuſetzen, der mir dieſer Toaſt eingibt; ich ver⸗ ſprach dem Herrn Abbé Ledoux, welcher das Glück hat, neben der Frau Marquiſe von Miranda zu ſitzen, ich verſprach, ſage ich, dem Herrn Abbé Ledoux, einem Manne von Geiſt, von Erfahrung und von Wiſſen, aber ungläubig, ihm durch Thatſachen, durch Acte die Vor⸗ trefflichkeit zu beweiſen, welche, in gewiſſen Fällen und in einem gewiſſen Maße, die Neigungen, die Inſtincte, die Leidenſchaften, die man die ſieben Todſünden nennt, haben können. Das ganze Prohlem liegt darin, daß man ſie vernünftig regelt und den beſtmoͤglichſten Nutzen daraus zieht. Da nun die Frau Herzogin von Senne⸗ terre⸗Maillefort, Madame Florence Michel und die Frau Marquiſe von Miranda mich längſt wohlwollend mit ihrer Freundſchaft beehren, da die Herren Richard, Mon Cloarek und Herr David zu meinen alten und beſten Freunden gehören, ſo habe ich gehofft, für den Sieg der geſunden Ideen werden meine liebenswürdigen Gäſte die Gewogenheit haben, mir dieſe Todſünden, welche ihre, vom Mangel an aller guten Leitung herrührenden, Crceſſe in völlige Verdammniß gebracht haben, wieder in den vorigen Stand einſetzen und dieſen armen Abbé zu ihrer möglichen Nützlichkeit befehren zu helfen. Er ſündigt allerdings nur aus Unwiſſenheit und Hartnäckig⸗ keit: darum blasphemirt er aber nicht weniger diefe bewunderungswürdigen Mittel der Thätigkeit, des Glücks ⸗ 148 und des Reichthums, mit denen die unendliche Freigebigkeit des Schöpfers das Geſchöpf begabt hat. Da aber nichts reizender iſt, als eine Plauderei beim Nachtiſch unter Leuten von Geiſt, ſo bitte ich inſtändig, im Inte⸗ reſſe unſeres unglücklichen Bruders, des Abbé Ledoux, die Repräſentanten dieſer verſchiedenen Sünden, uns zu ſagen, was ſie ihnen Alles an Glückſeligkeit für ſich und die Anderen zu verdanken haben oder gehabt haben.“ Einſtimmig angenommen, wurde der Vorſchlag des Doctor Gaſterini mit vollkommener Liebenswürdigkeit und heiterem Erguſſe ausgeführt. Henry David allein, der als der Vorletzte ſprach, intereſſirte lebhaft, indem er von den Wundern der Hingebung und des Edelmuths ſprach, welche der Neid Frederie Baſtien eingeflößt hatte, und er vergoß ein paar ſüße Thränen, indem er den Tod dieſes trefflichen Kindes und den ſeiner en⸗ geliſchen Mutter erzäͤhlte. Zum Glück endigte die Er⸗ zählung der Unkeuſchheit das Mittagsmahl, und die lebhafte Marquiſe machte die Geſellſchaft viel lachen, als ſie von ihrem Abenteuer mit dem Erzherzog ſpre⸗ chend, deſſen Flamme ſie nie getheilt hatte, ſagte, es ſei leichter, einen Cardinal⸗Legaten dahin zu bringen, daß er als Pandur eine Maskerade mitmache, als einen deutſchen Prinzen zu der Einſicht zu führen, der Menſch ſei für die Freiheit geboren. „Und vieſer Schnee, liebe, ſchöne Marquiſe,“ fragte leiſe der Doctor nach ihrer Erzählung, „dieſe Rü⸗ ſtung von Eis, welche Sie ſo verächtlich gegen die armen Leute macht, die Sie entzündeten, ſie iſt alſo noch nicht an ſo vielen Feuern geſchmolzen?“ „Nein, mein guter Doctor,“ erwiederte auch leiſe die Marquiſe mit einem leicht ſchwermüthigen Lächeln, „die Erinnerung an meinen blonden Erzengel, mein Ideal und meine einzige Liebe, erhält ſich ſo immer friſch und rein im Grunde meines Herzens wie eine Blume unter dem Schnee.“ „Und ich hatte Gewiſſensbiſſe!“ rief der Domherr 149 im Parorhsmus der Wonne der Verdauung, „ich war ſo ungläubig, daß ich Gewiſſensblſſe in Betreff meiner Schlemmerei hatte.“ „Weit entfernt, Gewiſſensbiſſe zu hinterlaſſen, ver⸗ leiht ein vortreffliches Mahl im Gegentheil den ſelbſt⸗ ſüchtigſten Herzen einen Hang zur Wohlthätigkeit,“ ſagte der Dyetor; „und wenn ich nicht befürchtete, unſer drolliger, lieber Abbé dürfte mir den Bannfluch zu⸗ ſchleudern, ſo würde ich beifügen, die Schlemmerei könne aus dem Geſichtspunkte der Wohlthätigkeit die glücklichſten Reſultate haben.“ „Gut!“ rief der Abbs die Achſeln zuckend, während er ein Gläschen vortreffliche Cröme de canelle von Madame Amphoux (1788) ſchlürfte. „Sie haben mir ſchon ſo viele Abſcheulichkeiten geſagt, daß eine mehr oder weniger „Es handelt ſich nicht um Chimären, nicht um Utopien, ſondern um eine greifbare, heute, morgen aus⸗ führbare Thatſache,“ erwiederte der Doctor, „eine That⸗ ſache, vurch welche täglich den Wohlthätigkeitsanſtalten von Paris beträchtliche Summen zufließen können. Iſt das eine Abſcheulichkeit?“ „Sprechen Sie,“ ſagten einſtimmig die Gäſte. „Sprechen Sie, wir hören.“ „Vernehmen Sie, um was es ſich handelt,“ ſprach der Arzt, „und ich bedaure, daß mir der Gedanke, den ich gehabt habe, nicht früher gekommen iſt. Vor drei Tagen befand ich mich gegen ſechs Uhr Abends auf den Boulevards. Von einem erſchrecklichen Gußregen überfallen, flüchte ich mich in ein Kaffeehaus, zu einem der beſuchteſten Reſtaurateurs von Paris. Ich ſpeiſe nie außer dem Hauſe, voch um mir eine gewiſſe Hal⸗ tung zu geben, und um meinen Hang für die Beobach⸗ tung zu befriedigen, laſſe ich mir einige Gerichte ſer⸗ viren, die ich nicht anrühre, und das Ende des Regens abwartend, unterhalte ich mich damit, daß ich die Spei⸗ ſenden beohachte. Es wäre ein Buch und zwar ein in⸗ 1⁵⁰ tereſſantes Buch über die Nuancen hinſichtlich der Sitten, des Charakters und der ſocialen Lage zu ſchrei⸗ ben, welche ſich unüberwindlich während der feierlichen Stunde des Mittagsmahles enthüllen. Doch das iſt nicht die Frage. Ich machte nur die Bemerkung, daß derjenige Mittagseſſer, welcher ſich mit einer gleichgül⸗ tigen, ſorgenvollen, hoffärtigen vder verdrießlichen Miene zu Tiſche geſetzt hatte, nach Maßgabe ſeines Eſſens und der Wahl und Vortrefflichkeit der Speiſen, einer Art von Seligkeit, von innerer Erſchließung nachzugeben ſchien, welche auf ſeiner Phyſiognomie, dem getreuen Spiegel ſeiner Seele, ſich reflectirte und ſtrahlte. An einem der Fenſter des Saales ſitzend, verfolgte ich meine Mittagseſſer bei ihrem Abgange aus dem Kaffeehauſez außen ſtand ein abgezehrtes, zerlumptes Kind, zitternd unter dieſem kalten Herbſtregen. Nun, meine Freunde, ich ſage es zum Lobe der Schlemmer, beinahe keiner von denjenigen, welche vortrefflich geſpeiſt hatten, ver⸗ weigerte ſein Almoſen dem ſchauernden, ausgehungerten, armen kleinen Geſchöpfe. Ohne meinen Nebenmenſchen zu verleumden, frage ich mich, ob dieſe Leute nüchtern ſich ſo zur Wohlthätigkeit geneigt gefühlt hätten, und ich möchte beinahe verſichern, der arme Bettelknabe würde bei ihrem Eintritt in das Kaffeehaus eine harte Abweiſung von der Mehrzahl eben dieſer Menſchen er⸗ fahren haben, die ſich bei ihrem Abgange ſo freigebig gegen ihn zeigten.“ „Will uns dieſer Heide nicht ſagen, die Wohlthä⸗ tigkeit könne aus der Schlemmerei entſtehen?“ rief der Abbé Ledoux. „Um Ihnen hierauf zu antworten, lieber Abbé, müßte ich in eine phyſiologiſche Erörterung in Betreff des Einfluſſes des Phyſiſchen auf das Moraliſche ein⸗ gehen,“ erwiederte der Doctor. „Ich ſage Ihnen ganz einfach: Nicht wahr, Ihr habt Opferſtöcke für die Ar⸗ men vor den Thüren Eurer Kirchen? Niemand liebt und achtet mehr als ich die Wohlthätigkeit der Gläu⸗ 151 bigen, welche auf dem Vorplatze der heiligen Orte ihre beſcheidene oder reiche Gabe niederlegen; doch warum bringt man nicht auch in dieſen glänzenden Kaffeehäu⸗ ſern, wohin die Glücklichſten des Tages kommen, um ihre raffinirten Neigungen zu befriedigen, einen Stock von verſelben Art an einer ſehr in die Augen fallenden Stelle an, mit der einfachen, ach! nur zu bezeichnenden Inſchrift: Für die jenigen, welche Hunger haben!“ „Der Doctor hat Recht!“ riefen die Gäſte, „der Gedanke iſt vortrefflich, jedes große Etabliſſement würde täglich eine ſchöne Einnahme bringen.“ „Und die kleinen Etabliſſemens auch,“ erwiederte der Doctor. „Oh! glauben Sie mir, meine Freunde, derjenige, welcher ein beſcheidenes Mahl macht, fühlt ebenſo wie der reiche Gaſtronom jene Art von rück⸗ wärts ſchauendem Mitleid, das aus einem befriedig⸗ ten Bedürfniß oder Vergnügen entſteht, wenn man an diejenigen denkt, welche der Befriedigung dieſes Be⸗ dürfniſſes oder dieſes Vergnügens beraubt find. Ich faſſe nun meinen Gedanken kurz zuſammen: Wollten alle Eigenthümer von Reſtaurans und Kaffeehäuſern meinen Rath befolgen, ſich mit den Mitgliedern der Wohlthätigkeitsanſtalten verſtändigen und an einem in die Augen fallenden Orte ihre Stöcke mit den Worten: Für diejenigen, welche Hunger haben, auf⸗ ſtellen, ſo bin ich feſt überzeugt, daß ſie, ſei es aus Wohlthätigkeitsſinn, ſei es aus Stolz, ſei es aus Ach⸗ tung für das Urtheil der Menſchen, reichliche Almoſen in dieſe Stöcke regnen ſehen würden. Und dann wird der ſelbſtſüchtigſte Menſch, der einen Louis d'or oder mehr für ſein Mittagsbrod ausgegeben hat, unwillkür⸗ lich von einem peinlichen Gefühle, von einer Art von Unluſt beim Anblicke der Leidenden ergriffen. Ein freige⸗ biges Almoſen würde ihn in ſeinen eigenen Augen ab⸗ ſolviren, und aus dem geſundheitlichen Geſichtspunkte. 152 würde ihm dieſer kleine Act der Wohlthätigkeit die Ver⸗ dauung wahrhaft köſtlich machen.“ „Doctor, ich erkläre mich für beſiegt,“ rief der Abbe Ledoux, „ich trinke, wenn nicht auf die Sieben Todſünden im Allgemeinen, doch wenigſtens insbe⸗ ſondere auf die Schlemmerei.“ Ende der Schlemmerei und der ſieben Todſünden. O78 g1 Sendae