Leihbiblivthek „ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur En⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deffelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurſckerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: —— —— —— auf 1 Monat: — Pf. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben füt Hin⸗ ind Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unr defeete Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſei Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Sümmtliche von Eugene Sur. Denſch von Dr. Augnſt Zoller. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. Die ſieben Todſünden, von Eugone Sue. Fünfte Abtheilung. Die Crägheit. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zwei Bändchen. ——— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhanvlung. 1849. Durch alle Buchhandlungen Deutſchlands und der Schweiz iſt zu beziehen: Das Bloſter. Weltlich und geiſtlich. Meiſt aus der älteren deutſchen Volks⸗, Wunder⸗, Kurioſitäten⸗ und vorzugsweiſe komiſchen Literatur. Zur Kultur⸗ und Sittengeſchichte in Wort und Bild. Zwölf Bände in 8. Jeder mehr als 1100 Seiten ſtark mit mehr als 100 werthvollen Holzſchnitten und Kupfern. Preis cartonnirt: à 3 Thaler 15 Ngr. oder fl. 6. Der Inhalt dieſer 12 Bände iſt folgender: 1r. Band. Heitere Volksprediger. Brandt und Geiler Narrenſchiff. Murner Schelmenzunft. 2r. „ Doctor Johann Fauſt. Erſter Band. Chriſtoph Wagner. Don Juan. Schwarz⸗ künſtler u. ſ. w. Zugleich zweiter Band vom Fauſt. Der Theuerdant. Murner Schriften, Narrenbeſchwörung. 5 Die Sage vom Fauſt. Fauſt auf der Volksbühne. Seine Zauberbibliothekac. Jugleich dritter Band vom Fauſt. 6 Die gute alte Zeit. Erſter Band. Der Feſtkalender. Von F. Nork. 8r. Band. Fiſcharts Geſchichtklitterun Praktik Großmutter. matt. Mythologie der Volksſagen. Von F. Nork. 10 „ Fiſcharts Ehezuchtbüchlein, vodagraiſches Troſtbüchlein, Flohhatz ꝛc., Murner's lutheriſches Narrenſchiff. . „ Fauſt im Reinen. Die Volksbücher von Fauſt und Wagner. Höllenzwang. Zu⸗ gleich vierter Band vom Fauſt. 12 „ Die Volksgebräuche n. ſ. w. Von F. Nork g und aller Murners Gäuch⸗ Stuttgart im Oktober 1849. Frauckh'ſche Verlags handlung. — Der Vetter Michel. Prolog. Erſtes Rapitel. Wollte ein Maler in ihrem reizendſten Ausdruck die träge Süßigkeit des far niente darſtellen? . Wir werden es verſuchen, ihm ein Modell zu bieten. Seit ſechs Monaten verheirathet zählt Florence von Luceval noch nicht ſiebenzehn Jahre; ſie iſt weiß und roſenfarbig mit ſchönen blonden Haaren; obgleich von ſchlankem hohem Wuchs iſt die junge Frau doch ein wenig feiſt; dieſe leichte Beleibtheit iſt aber ſo wohl vertheilt, daß ſie zu einem neuen Reize wird. Die Haltung von Florence, in ihrem Morgenge⸗ wand von weißer Mouſſeline, iſt voll Sorgloſigkeit und Dahingebung; halb ausgeſtreckt in einem weichen Fau⸗ teuil mit zurückliegender Lehne, auf der nachläſſig ihr reizender Kopf ruht, kreuzt ſie ihre kleinen, von zier⸗ lichen Pantoffeln umſchloſſenen Beine auf einem hohen Kiſſen, während ſie mit dem Ende ihrer ſpitzig zulau⸗ fenden Finger eine Roſe auf ihrem Schooße entblättert. So in der Nähe eines offenen, auf einen Garten gehenden Fenſters gelagert, läßt ſie ihre großen, blauen, halbgeſchloſſenen Augen durch Spiele von Licht und Schatten ſtreifen, welche die goldenen Sonnenſtrahlen hervorbringen, die da und dort durch die bläuliche Dun⸗ kelheit einer ſchattigen Allee dringen. Am Ende dieſes grünen Gewölbes ergießen zwei Vaſen von weißem Marmor ihr kryſtallhelles Waſſer ineinander; däs ent⸗ Die ſieben Todſünden. 1 2 fernte Gemurmel dieſer Cascade, das Gezwitſcher der Vögel, die Wärme der Atmoſphäre, die Durchſichtigkeit eines Sommerhimmels, der balſamiſche Geruch dichter Gruppen von Heliotrop und japaneſiſchem Geisblatt verſenken die junge Frau in die Ertaſe einer be⸗ ſchaulichen Seligkeit. Behaglich ausgeſtreckt läßt ſie ihren Geiſt halb entſchlummern wie ihren Körper; es iſt ihr als ob ein entnervendes Fluidum ſie umhüllte, durchdränge, und ſie überläßt ſich der köſtlichen Ver⸗ nichtung ihres ganzen Weſens. Während ſich dieſe unheilbare Träge dem Zauber ihrer gewöhnlichen Sorgloſigkeit hingab, ereignete ſich folgende Scene in einem anſtoßenden Zimmer. Herr Alerxandre von Luceval trat in das Schlafgemach ſeiner Frau ein; er war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, braun, mager, nervig; die Rührigkeit, das Ungeſtüm ſeines Charakters verriethen ſich in ſeinen geringſten Geberden; er ge⸗ hörte zu jener Klaſſe von Menſchen, welche mit dem „ Bedürfniß einer unabläſſigen Fortbewegung ausgeſtattet oder behaftet, wie man zu ſagen pflegt, Salpeter in den Adern haben, und nicht eine Minute am Platze oder ohne dieſes oder jenes zu treiben bleiben können; dieſer Mann ſchien an zehn Orten zu gleicher Zeit zu ſein und zugleich zwei Probleme zu löſen: das der beſtändigen Bewegung und vas der Ueberallheit. Es ſchlug zwei Uhr Nachmittags. Herr von Lu⸗ ceval, der in der Morgendämmerung aufgeſtanden war Ler ſchlief höchſtens vier bis fünf Stunden), hatte ſchon halb Paris durchlaufen oder durchritten. In dem Au⸗ 6 genblick, wo er in dem Schlafzimmer von Frau von Luceval erſchien, befand ſich eine von ihren Kammer⸗ jungfern hier. „Nun!“ ſagte er mit dem ihm natürlichen kurzen, haſtigen Ton, „iſt Madame zurückgekehrt? iſt ſie ange⸗ kleidet? iſt ſie hereit?“ — — 3 „Die Frau Marquiſe iſt nicht ausgefahren, gnädi⸗ ger Herr,“ antwortete die Zofe, Mlle. Liſe. „Wie! dieſen Morgen? Madame iſt nicht um eilf Uhr ausgefahren?“ „Nein, gnädiger Herr, die Frau Marquiſe iſt erſt um halb zwölf Uhr aufgeſtanden.“ „Ah! ſomit iſt die Fahrt abermals verſchoben wor⸗ den!“ rief Herr von Luceval, indem er voll Ungeduld mit dem Fuße ſtampfte; dann fuhr er fort: „Madame iſt aber doch wenigſtens angekleidet?“ „Oh! nein, gnädiger Herr! .. Madame iſt noch im Morgenkleide . . Die Frau Marquiſe ſagte mir nicht, ſie würde ausfahren.“ „Wo iſt ſie?“ rief Herr von Luceval, abermals mit dem Fuße ſtampfend; „wo iſt ſie?“ „Im kleinen Gartenſalon, gnädiger Herr.“ Einige Sekunden nachher trat Herr von Luceval geräuſchvoll in das Boudoir ein, wo die Träge nach⸗ käſſig in ihrem Lehnſtuhl ausgeſtreckt war; ſie befand ſich varin ſo wohl, ſo wohl, daß ſie nicht den Muth hatte, den Kopf umzudrehen, um zu ſehen, wer eintrat. „Wahrhaftig, Florence,“ ſagte Herr von Luceval zu ihr, „das iſt unerträglich.“ „Was, mein Freund,“ fragte ſie mit mattem Tone, ohne ſich zu rühren und die Augen beſtändig auf den Garten geheftet. „Sie fragen mich, was? als ob Sie nicht wüßten, daß wir um zwei Uhr miteinander ausfahren ſollten.“ „Es iſt zu warm.“ „Ihr Wagen iſt ingeſpunni & „Laſſen Sie ausſpannen, um ein Kaiſerthum würde ich mich nicht rühren ... „Aber Sie wiſſen wohl, es iſt unerläßlich, daß wir ausfahren, um ſo unerläßlicher, als Sie dieſen Morgen nicht, wie Sie ſollten, ausgefahren ſind.“ „Ich hatte nicht den Muth aufzuſtehen.“ 4 „Sie werden wenigſtens den haben, ſich anzuklei⸗ den, und zur Stunde 4 „Mein Freund, dringen Sie nicht in mich.“ „Oh! Florence, das iſt ein Scherz!“ „Keines Wegs.“ „Ich wiederhole Ihnen, die Einkäufe, die wir zu machen haben, ſind dringend nothwendig; das Braut⸗ geräth meiner Nichte muß endlich vollſtändig ſein, und das wäre ohne Ihre unglaubliche Apathie ſchon ſeit einer Woche der Fall.“ „Sie haben einen ſehr guten Geſchmack, mein Freund, beſchäftigen Sie ſich mit dieſem Brautgeräth, ich müßte von Bude zu Bude laufen, auf und abſteigen, zwei Stunden ſtehen; oh! ich erſchrecke, wenn ich nur daran denke.“ „Hören Sie, Madame, eine ſolche Trägheit mit ſiebenzehn Jahren iſt ſchmählich, iſt ungeheuerlich, iſt eine wahre Krankheit, ich werde morgen den Doktor Gaſterini zu Rathe ziehen.“ lachend, „der liebe Doktor, er iſt ſo geiſtreich, daß die Conſultation ſehr beluſtigend ſein wird.“ „Ich ſpreche im Ernſte, Madame, es muß etwas zu thun ſein, um Sie von dieſer unbegreiflichen Apa⸗ thie zu heilen.“ „Ich hoffe unheilbar zu ſein . . denn ſehen Sie, Sie haben feinen Begriff, welches Wohlbehagen ich vorhin, vor Ihrem Eintritt, genoß, da ich ſo zu ſagen ſchaute, ohne zu ſehen . auf dieſen Waſſerfall horchte und mir nicht einmal die Mühe gab, zu denken.“ „Und Sie wagen es, das zu geſtehen?“ „Warum nicht?“ „Nein, nein „ ich glaube nicht, daß ſich auf dieſer Welt ein zweites Geſchöpf von einer mit der Ihrigen vergleichbaren Apathie findet.“ „Sie haben aber ſchon oft mit mir über Ihren Vetter Michel geſprochen, der mir, wie Sie behaupten, — — —— „Ahl welch ein guter Gedanke,“ ſprach Florence D 5 in keiner Hinſicht an Trägheit nachſteht. Aus dieſem Grunde hat er ſich vielleicht noch nicht die Mühe ge⸗ nommen, Sie ſeit unſerer Verheirathung zu beſuchen.“ „Ah! gewiß . . . Ihr Beide kommt einander an Werth gleich, und ich weiß ſogar noch nicht einmal, ob Ihrer Unempfindlichkeit nicht der Vorzug vor der ſeinigen zuzuerkennen iſt. Doch ſcherzen wir nicht, Flo⸗ rence, ich beſchwöre Sie, kleiden Sie ſich an und laſſen Sie uns ausfahren.“ „Und ich, mein lieber Alexandre, beſchwöre Sie, übernehmen Sie dieſe Commiſſtonen, und ich verſpreche Ihnen, heute Abend mit Ihnen in einer offenen Caleche im Bois de Boulogne ſgazieren zu fahren. Es wird dunkel ſein, und ich brauche dann nur eine Mantille und einen Hut zu nehmen.“ „Wie! es iſt der Tag, an dem Frau von Saint⸗ Prir empfängt; ſie hat Sie ſchon zweimal beſucht, und Sie haben noch keinen Fuß in ihr Haus geſetzt. Sie werden mir alſo das Vergnügen machen, ſich heute Abend dahin zu begeben.“ „Mich ankleiden .. Toilette machen, meiner Treue, nein, das iſt zu langweilig.“ „Madame, es handelt ſich nicht um das, was lang⸗ weilig oder beluſtigend iſt; es ſind geſellſchaftliche Pflich⸗ ten zu erfüllen „ und Sie werden zu Frau von Saint⸗Prir kommen.“ „Die Geſellſchaft wird mich entbehren können, wie ich ſie entbehren kann. Die Welt ermüdet mich. Ich gehe nicht zu Frau von Saint⸗Prix.“ „Sie werden gehen.“ * „Nein. und wenn ich ſage nein, ſo iſt es nein.“ „Alle Teufel! Madame . . . „Mein Freund, wie ich Ihnen ſchon oft geſagt, ich habe mich verheirathet, um das Kloſter zu verlaſſen, um bis in den hellen lichten Tag zu ſchlafen, um jeden Tag zu der Stunde, die mir beliebt, aufzuſtehen um keine Lectionen mehr zu nehmen, um mich der 6 Wonne, nichts zu khun, zu erfreuen, um mit einem Wort Herrin über mich zu ſein.“ „Sie ſprechen und urtheilen wie ein Kind, wie ein verzogenes Kind . „Es mag ſein.“ . „Oh! Ihr Vormund hatte es mir vorhergeſagt... Warum habe ich ihm nicht geglaubt? Aber ich war auf tauſend Meilen davon entfernt, mir einzubilden, es könnte ein Charakter, wie der Ihrige, beſtehen. Ich ſagte mir, bei einem Mädchen von ſechzehn Jahren iſt dieſe Apathie, dieſe Trägheit nichts Anderes, als die Langweile . als der Ekel, den das eintönige Leben im KFloſter erzengt . . . Iſt ſie einmal in der Welt, ſo werden die Pflichten und Vergnügungen der Geſell⸗ ſchaft, die Sorge für ihr Hausweſen, die Reiſen über ihre Unempfindlichkeit den Sieg davontragen „Das iſt wahr!“ unterbrach Frau von Luceval ihren Gatten mit einem Tone des Vorwurfs, „unter dem Vorwand, Sie haben noch drei Viertel des Erdballs zu durchlaufen, hatten Sie die Barbarei, mir am Tag nach unſerer Hochzeit den Vorſchlag zu machen, zu reiſen.“ „Madame, die Reiſen.“ „Ich ſchaudere, wenn ich nur davon ſpreche! . Eine Reiſe, guter Gott! . . eine Reiſe, das iſt Alles, was es Peinlichſtes, Angreifendſtes auf der Welt gibt. Rächte im Wagen oder in abſcheulichen Wirthshäuſern zugebracht; Spaziergänge, endloſe Fahrten, um die an⸗ geblichen Schönheiten des Landes oder die Curioſitäten auf dem Wege zu ſehen .. Hören Sie, mein Herr, ich habe Sie ſchon einmal flehentlich gebeten, ſprechen Sie mir nicht mehr von Reiſen, es grauſet mir wahr⸗ haft davor.“ „Oh! Madame, Madame, wenn ich hätte vorher⸗ ſehen können!“ „Ich begreife, ich hätte nicht das Glück, Frau von Luceval zu ſein.“ — — 7 „Sagen Sie, ich hätte nicht das Unglück, Ihr Gatte zu ſein.“ „Nach einer Ehe von ſechs Monaten .. das iſt anmuthig.“ „Ei!l den Teufel, Madame, Sie treiben mich auch auf das Aeußerſte! .. Es gibt auf der Welt kein unglücklicheres Weſen, als ich bin, denn endlich muß ich einmal losbrechen.“ „So brechen Sie los, aber ganz ſanft „„ ich habe einen Abſcheu vor dem Lärmen.“ „Wohl, Madame, ich werde Ihnen ſanft ſagen, daß es die Pflicht einer Frau iſt, ſich ihres Hausweſens anzunehmen, und daß Sie ſich um das Ihrige nichts bekümmern; ich weiß nicht, wie es ohne mich ginge.“ „Das iſt die Sache Ihres Intendanten; überdieß beſitzen Sie Thätigkeit für zwei, und dieſe müſſen Sie doch wohl zu etwas anwenden.“ „Ich ſage Ihnen ferner ganz ſanft, Madame, daß ich mir ein köſtliches Leben geträumt hatte . .. ich hatte mir vorbehalten, wenn ich einmal verheirathet wäre, die intereſſanteſten Länder zu durchlaufen, und ſagte zu mir ſelbſt: „ſtatt allein zu reiſen werde ich eine reizende Gefährtin haben; Strapazen, Zufälle, Ge⸗ fahren ſogar, Alles werden wir muthig theilen.““ „Oh! mein Gott,“ murmelte Florence, ihre ſchönen Augen zum Himmel aufſchlagend, „wie kann man es ſogar wagen, dieß zu geſtehen!“ „„Welch ein Gluͤck,““ ſagte ich zu mir ſelbſt,“ ſprach Herr von Luceval, fortgeriſſen durch die Bitter⸗ keit ſeines Leides; „„welch ein Glück, ſo die intereſſan⸗ teſten Länder zu durchwandern .. Egypten „Ggypten!“ „Die Türkei.“ „Ah! mein Gott, die Türkei.“ „Und wären Sie die Frau geweſen, die ich leider nur geträumt, ſo hätten wir es ſogar bis zum Caucaſus treiben können.“ 8 „Zum Caucaſus!“ rief Florence, indem ſie ſich dießmal ganz aufſetzte, denn bis dahin hatte ſie ſich bei jeder von den geographiſchen Aufzählungen ihres Man⸗ nes ſtufenweiſe aus dem Grunde ihres Lehnſtuhles er⸗ hoben. „Iſt es möglich,“ fügte ſie ihre ſchönen Hände voll Schreck faltend bei, „bis zum Caucaſus.“ „Ei! bei Gott, Madame .. Lady Stanhope, die Frau Herzogin von Piacenza und ſo viele Andere ſind vor ſolchen Reiſen nicht zurückgewichen.“ „Zum Caucaſus!.. Das war mir alſo zugedacht! Das iſt es, was Sie als ein Duckmäuſer komplottirten, mein Herr, während ich ganz vertrauensvoll Ihnen un⸗ ſchuldig meine Hand in der Himmelfahrtskapelle reichte. . . Ohl nun vermag ich die grauſame Selbſtſucht Ihres Charakters zu beurtheilen.“ Und die Unempfindliche ſank wieder in ihren Lehn⸗ ſtuhl zurück und wiederholte: „Zum Caucaſus.“ „Oh! ich weiß wohl,“ verſetzte Herr von Luceval mit Bitterkeit, „Sie gehoͤren nicht zu den Frauen, die ſich auch nur im mindeſten in die kleinen Wünſche ihrer Männer fügen.“ „Im mindeſten ſich fügen! Eil mein Herr, ſchla⸗ gen Sie mir doch geſchwind eine Entdeckungsreiſe nach Tombuktu oder nach dem Eismeer vor!“ „Madame, die muthige Frau eines ausgezeichneten Malers, Madame Biard, war ſo beherzt, heitern Sinnes ihren Gatten zum Nordpol zu begleiten. Ja,“ fügte Herr von Luceval im Ton zornigen Vorwurfs bei, „verſtehen Sie wohl, Madame, zum Nordpol?“ „Ich verſtehe nur zu gut, mein Herr . .. Gehen Sie! Sie ſind der Boshafteſte oder der Verrückteſte der Menſchen!“ „Madame!“ „Aber mein Gott, mein Herr, wer hält Sie denn zurück, Sie haben die Leidenſchaft, die Monomanie der Reiſen. Die Ruhe macht Ihnen Schwindel, gehen Sie — 9 zum Caucaſus, gehen Sie zum Nordpol, laufen Sie . wir werden Beide dabei gewinnen „ich betrübe Sie nicht mehr mit dem Schauſpiel meiner unge⸗ heuerlichen Unempfindlichkeit . und Sie reizen mir nicht mehr die Nerven durch die beſtändige Auf⸗ regung, die Sie abhält, einen Augenblick auf dem Platz zu bleiben oder die Andern darauf zu laſſen. Zwanzigmal des Tags treten Sie bei mir ein, einzig und allein um des Vergnügens willen, zu kommen' und zu gehen. Denn es iſt ganz unglaublich, Sie wecken mich Morgens um fünf Uhr auf, um mir Spazierritte vorzuſchlagen oder mich in die Schwimmſchule zu führen. Sind Sie nicht ſogar ſo weit gegangen, daß Sie mich aufforderten, ein wenig Gymnaſtik zu treiben? Gym⸗ naſtik! Nur Sie in der ganzen Welt können ſolche Ideen haben! Ich wiederhole Ihnen auch, mein Herr, Ihre ungeräumten Vorſchläge, Ihr Hin⸗ und Herlaufen, dieſer Lärm, dieſe beſtändige Bewegung, die unabläſſige Thätigkeit, von der Sie beſeſſen ſind, bereiten mir we⸗ nigſtens ebenſo viel Verdruß, als meine Trägheit Ihnen verurſacht; Sie dürfen nicht glauben, Sie haben ſich allein zu beklagen . und da wir gerade daran ſind, uns Wahrheiten zu ſagen, ſo erkläre ich Ihnen meiner⸗ ſeits, mein Herr, daß mir ein ſolches Leben unerträg⸗ lich iſt, und daß es mir, wenn es ſo fortdauern ſoll, unmöglich ſein wird, zu widerſtehen!“ „Was meinen Sie damit, Madame?“ „Ich meine damit, daß wir große Thoren wären, wenn wir uns Zwang anthun und beengen würden. Sie haben Ihren Geſchmack, ich habe den meinigen; Sie haben Ihr Vermögen, ich habe das meinigez leben wir nach unſerem Gutdünken und leben wir um des Himmels willen beſonders in Ruhe.“ „In der That, Madame, ich bewundere Sie, das iſt ganz außerordentlich. Ah! Sie glauben, ich habe mich verheirathet, um nicht nach meinem Gutdünken zu leben?“ 10 „Ei mein Gott! leben Sie wie es Ihnen beliebt, laſſen Sie mich aber leben, wie es mir gefällt.“ „Mir, Madame, gefällt es, mit Ihnen zu leben, darum habe ich Sie, denke ich, geheirathet. Es iſt alſo an Ihnen, meine Lebensweiſe anzunehmen. Ja, Ma⸗ dame, ich habe das Recht, dies zu fordern, und werde die Energie haben, es durchzuſetzen.“ „Herr von Luceval, was Sie da ſagen, iſt vollkom⸗ men lächerlich.“ „Ah! Ah!“ erwiederte Herr von Luceval. „Sie glauben?“ „Aeußerſt lächerlich, mein Herr.“ Si iſt alſo der Civil⸗Coder äußerſt lächerlich?“ Ohne ihn zu kennen, werde ich nicht nein ant⸗ worten, da Sie ihn in Beziehung auf dieſen Streit anrufen.“ „Erfahren Sie, Madame, daß der Civil⸗Coder förmlich erklärt, die Frau ſei gehalten, verbunden, ge⸗ zwungen, ihrem Mann zu folgen . . .“ „Nach dem Caucaſus?“ „Ueberall hin, wohin es ihm ſe zu führen beliebt, vorausgeſetzt, daß Sicherheit für ſie ſtattfindet.“ „Mein Herr, ich bin nicht in der Laune, zu ſcher⸗ zen, ſonſt würde mich Ihre Auslegung des Civil⸗Coder ungemein beluſtigen.“ „Ich ſpreche im Ernſte, Madame, ganz im Ernſte.“ „Das iſt gerade das Komiſche an der Sache.“ „Madame, nehmen Sie ſich in Acht, treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte.“ „Ei! bedrohen Sie mich doch ſogleich mit dem Nordpol, und dann machen wir ein Ende.“ „Ich bedrohe Sie nicht, Madame; aber erinnern Sie ſich wohl des Umſtandes, daß die Zeit der Schwäche vorüber iſt; beliebt es mir, mich auf die Reiſe zu be⸗ geben, und dieſer Augenblick iſt vielleicht näher als Sie denken, ſo werde ich Sie acht Tage zuvor benachrich⸗ tigen, damit Sie Zeit haben, Ihre Vorbereitungen zu 4 11 treffen, und ſind dann die Poſtpferde angekommen, ſo müſſen Sie wohl oder übel in den Wagen ſteigen.“ „Thue ich es nicht, ſo erſcheint der Commiſſär und es ertönt ein gutes: Im Namen des Geſetzes folgen Sie Ihrem Gatten! nicht wahr, mein Herr?“ „Ja, Madame, lachen Sie immerhin. .. Sie wer⸗ den mir im Namen des Geſetzes folgen, denn Sie fühlen wohl, daß es ſein muß und daß es Garantien in Beziehung auf eine ſo ernſte, ſo heilige Sache, wie die Ehen, gibt. Der Geſchmack, die Ruhe, das Glück eines redlichen Mannes können im Ganzen nicht der erſten Laune eines verzogenen Kindes unterworfen ſein.“ „Eine Laune! das iſt ſeltſam. Ich habe einen Ab⸗ ſcheu vor den Reiſen, und weil es Ihnen beliebt, die Sage vom ewigen Juden fortzuſetzen, ſoll ich ge⸗ zwungen ſein, Ihnen zu folgen?“ „Ja, Madame! und ich werde Ihnen beweiſen, daß „Herr von Luceval, ich haſſe das Streiten, denn das iſt eine wahre Arbeit und zwar eine der verdrieß⸗ lichſten. Um mich kurz zu faſſen, erkläre ich Ihnen auch, daß ich Sie bei keiner Ihrer Reiſen begleiten werde, und ginge es auch nur von hier nach Saint⸗ Cloud; Sie werden ſehen, ob ich in meinem Entſchluß wanken werde.“ Nach dieſen Worten verſenkte ſich Florence wieder in ihren Lehnſtuhl, ließ kraftlos ihre Hände auf die Arme des Stuhles fallen, warf ihren Kopf zurück und ſchloß ihre Augen, als wollte ſie von einer entkräften⸗ den Strapaze ausruhen. „Madame!“ rief Herr von Luceval, „das darf nicht ſo ſein, ich werde dieſes verächtliche Stillſchweigen nicht ertragen.“ Doch was der Mann von Florence auch ſagen mochte, er ſprach lange, ohne ihr nur das geringſte Wort zu entreißen. Endlich verzweifelte er, dieſes Stillſchweigen beſiegen zu können, und ging wüthend ab. . Herr von Luceval war vollkommen aufrichtig in ſeinen Anſprüchen. Ein offenherziger Egoiſt, ein zügel⸗ loſer Touriſt gab er nicht zu, daß ſeine Frau nicht die Leidenſchaft der Reiſe habe. Er gab es um ſo weniger zu, als er ſich bei ſeiner Verheirathung mit Florence überredet hatte, ein Kind von ſechzehn Jahren, eine Waiſe und eben aus dem Kloſter tretend, beſitze keinen Willen und müſſe im Gegentheil entzückt ſein, zu reiſen; ein Vorſchlag, den er ſeiner Frau zarter Weiſe als eine köſtliche Ueberraſchung vorbehalten hat. Das war der Irrthum von Herrn von Luceval; ſein Notar ſagte ihm von einer Waiſe von ſechzehn Jahren, von reizendem Antlitz, mit einem Vermögen von mehr als einer Million, das bei ihrem Vormund, einem ausgezeichneten Banguier, angelegt, achtzigtauſend Livres Einkünfte trage. Herr von Luceval dankte ſei⸗ nem Notar und der Vorſehung, ſah die junge Waiſe, fand ſie entzückend, verliebte ſich in ſie, baute thörichter Weiſe ſein zukünftiges Leben auf den beweglichen Sand eines ſechzehnjährigen Herzens, verheirathete ſich und hatte beim Erwachen die Gutmüthigkeit, ſich über den Verluſt ſeiner Illuſionen zu verwundern; er hatte die Einfalt, zu glauben, das Recht, die Beharrlichkeit, die Drohungen, die Gewalt, das Geſetz vermögen etwas über den Willen einer Frau, die ſich in einen paſſiven Widerſtand verſchanzt . . . Herr von Luceval hatte Florence einige Zeit ver⸗ laſſen, als Mlle. Liſe, die Kammerjungfer, mit beſtürzter in den Salon eintrat und zu ihrer Gebieterin agte: „Ah mein Gott! Madame.“ „Nun, was gibt es?“ „Eine Dame, die ſich Frau von Infreville nennt, iſt unten in einem Fiacre.“ „Valentine,“ ſagte lebhaft die junge Frau, mit 13 * einem Ausdruck des Erſtaunens und der Freude, „ich habe ſie ſeit Jahrhunderten nicht geſehen; ſie komme herauf.“ h Madamel das iſt unmöglich!“ ie ſo?“ „Dieſe Dame hat durch den Portier nach der Kammerjungfer der Frau Marquiſe verlangt, man be⸗ nachrichtigte mich, ich ging hinab, da ſagte dieſe Dame, welche ganz bleich war, zu mir: „Mademoiſelle, bitten Sie Frau von Luceval, ſie möge ſich die Mühe nehmen, herabzukommen . ich habe in einer ſehr wichtigen Angelegenheit mit ihr zu ſprechen Sie werden ihr meinen Namen nennen, Frau von Infreville, Valentine von Infreville.““ Kaum hatte Mlle. Liſe dieſe Worte vollendet, als ein Kammerdiener, nachdem er geklopft, eintrat, und zu Florence ſagte: „Kann die Frau Marquiſe Frau von Infreville empfangen?“ „Wie ?“ fragte Florence, ſehr erſtaunt über dieſen raſchen Umſchlag im Entſchluß ihrer Freundin, „Frau von Infreville iſt alſo da?“ „Ja, Frau Marquiſe.“ „Bitten Sie ſie, einzutreten,“ ſprach Frau von Luceval. Sie ſtand auf, um ihrer Freundin entgegenzugehen, umarmte ſie voll Innigkeit und blieb mit ihr allein. Pweites Rapitel. 6 Valentine von Infreville zählte drei Jahre mehr als Frau von Luceval, und bildete mit dieſer einen auffallenden Contraſt, obgleich auch ſie ſehr hübſch war; groß, ſehr brünett, ſehr ſchlank, ohne mager zu ſein, hatte ſie ſchöne Augen, voll Feuer und ſo ſchwarz als ihre langen, dichten Haare; ihre rothen, von einem leichten Flaum gezeichneten Lippen, ihre roſigen, bei der geringſten Aufregung zitternden Naſenflügel, der ein wenig männliche Klang ihrer Altſtimme, alles ver⸗ kündigte bei dieſer Frau einen glühenden, leidenſchaft⸗ lichen Charakter; ſie hatte Florence im Kloſter zum Heiligen Herzen, wo ſie eine innige Verbindung ſchloßen, kennen gelernt. Valentine verließ dieſe Zu⸗ fluchtsſtätte, um ſich zu verheirathen, ein Jahr vor ihrer Freundin, die ſie jedoch manchmal im Kloſter beſuchte; aber kurze Zeit vor ihrer Verbindung mit Herrn von Luceval ſah Florence zu ihrem großen Erſtaunen Va⸗ lentine nicht mehr, und ihr Zuſammenhang beſchränkte ſich von da an auf einen von Seiten von Frau von In⸗ freville, die, wie ſie ſagte, von Familienſorgen in Anſpruch genommen, ziemlich ſpärlichen Briefwechſel; die zwei Freundinnen fanden ſich alſo wieder nach einem Zwiſchenraum von ungefähr ſechs Monaten. Frau von Luceval bemerkte, nachdem ſie ihre Freundin zärtlich umarmt hatte, ihre Bläſſe, ihre Auf⸗ regung und fragte voll Unruhe: „Mein Gott, Valentine, was haſt Du denn? meine Kammerfrau ſagte mir zuerſt, Du wünſcheſt mich zu ſprechen, aber Du wolleſt nicht zu mir heraufkommen.“ „Höre, Florence, ich habe den Kopf verloren, ich bin toll!“ „Ich bitte, erkläre Dich, Du erſchreckſt mich⸗“ 15 „Florence, willſt Du mich vor einem großen Un⸗ glück behüten?“ „Spyrich, ſprich . . . Bin ich nicht Deine Freun⸗ din, obgleich Du mich ſeit ſechs Monaten ſehr vernach⸗ läßigt haſt?“ „Ich hatte Unrecht; ich war vergeßlich, undankbar, und dennoch wende ich mich an Dich.“ „Es iſt der einzige Weg, Dir Verzeihung zu ver⸗ ſchaffen.“ „Florence, Florence! immer dieſelbe.“ „Geſchwinde, was kann ich thun?“ „Du haſt hier, was man zum Schreiben braucht?“ „Ja, dort auf dem Tiſche.“ „Schreibe, was ich Dir diktiren werde Ich flehe Dich an, dies allein kann mich retten.“ . „Dieſes Papier hat mein Namenszeichen. Iſt das gleichgültig?“ „Das iſt imGegentheil vortrefflich, da Du es biſt, die mir ſchreibt.“ „Nun, ſo diktire, Valentine, ich warte.“ Frau von Infreville diktirte, wie folgt, mit beben⸗ der Stimme, wobei fie ſich von Zeit zu Zeit, durch die Aufregung überwältigt, unterbrach: „„Ich war ſo glücklich über unſern guten, langen, geſtrigen Tag, der indeſſen in keiner Hinſicht dem Mitt⸗ woch nachſtand, ſo daß ich Dich auf die Gefahr, Dir läſtig und ſelbſiſüchtig zu erſcheinen, auch um den Sonn⸗ tag bitten will . . .““ „Um den Sonntag?“ wiederholte Florence, durch dieſen Eingang ſehr neugierig gemacht. Frau von Infreville fuhr zu diktiren fort: „„Unſer Programm wird daſſelbe ſein Unterſtreiche Programm,“ fügte die junge Frau mit einem bittern Lächeln bei; dann diktirte ſie weiter: Unſer Programm wird daſſelbe ſein; Frühſtück 16 um eilf Uhr, Spaziergang in Deinem hübſchen Garten, Stickerei, Muſik und Plauderei bis um ſieben Uhr, ſo⸗ dann Mittagbrod, endlich Spazierfahrt im Bois de Bou⸗ logne im offenen Wagen, wenn das Wetter ſchön iſt, und Du wirſt mich, wie geſtern, um zehn Uhr nach Hauſe zurückführen. „„Antworte mir mit einem Ja oder mit einem Nein, trachte aber beſonders darnach, daß es ein Ja ſei, und Du machſt äußerſt glücklich Deine Dich liebende Florence.““ „Und Du machſt äußerſt glücklich Deine Dich lie⸗ bende Florence,“ wiederholte Frau von Luceval wäh⸗ rend fie ſchrieb, dann fügte ſie halb lächelnd bei: „Es iſt grauſam von Dir, Valentine, daß Du mir ſolche Programme diktirſt, die bei mir nur Wünſche und Be⸗ dauern erregen; doch die Stunde der Vorwürfe oder der Erklärungen wird bald kommen, und dann werde ich mich rächen. Iſt dies Alles, meine liebe Valen⸗ tine?“ „Setze meine Adreſſe auf dieſes Billet, verſiegle es und laß es ſogleich zu mir tragen.“ Frau von Luceval ſchickte ſich an zu läuten; doch eine Betrachtung hielt ſie zurück, und ſie ſprach mit einer gewiſſen Verlegenheit zu ihrer Freundin: „Valentine, ich flehe Dich an, halte das, was ich Dir ſagen werde, nicht für eine Indiskretion.“ „Erkläre Dich.“ „Wenn ich mich nicht täuſche, iſt der Zweck dieſes Briefes, Jemand glauben zu machen, wir haben ſeit einiger Zeit mehrere Tage miteinander zugebracht.“ „Ja ja „ſo iſt es nun?“ „Ich halte es für klug, Dich davon in Kenntniß zu ſetzen, daß mein Mann unglücklicher Weiſe mit einer ſo wunderbaren Thätigkeit begabt iſt, daß er, obgleich er ſich beinahe beſtändig außer dem Hauſe befindet, doch 17 zugleich das Mittel kennt, beinahe immer bei mir zu ſein, und acht bis zehnmal im Tag zu mir zu kommen, ſo daß, wenn zufällig ſein Zeugniß angerufen werden könnte, er nicht verfehlen würde, zu ſagen, er habe Dich nie hier geſehen!“ „Ich habe dieſe Gefahr vorher geſehen; doch von zwei Gefahren muß man die geringere wählen Ich bitte Dich, ſchicke dieſen Brief auf der Stelle durch einen Deiner Leute fort, oder vielmehr „nein . er könnte ſprechen Laß ihn auf die Poſt bringen, er wird immer noch zur rechten Zeit in meine Wohnnug kommen.“ Frau von Luceval läutete, ein Kammerdiener trat ein. Sie wollte ihm den Brief übergeben, doch ſie än⸗ derte ihren Entſchluß wieder und ſagte zu ihm: „Iſt Baptiſt da?“ „Ja, Fran Marquiſe, er iſt im Vorzimmer.“ „Schicken Sie ihn zu mir.“ Der Kammerdiener trat ab. „Florence, warum eher dieſen Diener als einen andern?“ fragte Frau von Infreville. „Mein Kammerdiener verſteht zu leſen, ich halte ihn für ziemlich neugierig, und er könnte es ſonderbar finden, daß ich Dir ſchreibe, während Du da biſt. Der Bediente, den ich habe rufen laſſen, kann nicht leſen; er iſt einfältig und von ihm darf man keine Indiskre⸗ tion befürchten.“ „Du haſt Recht, hundertmal Recht, Florence! In meiner Unruhe dachte ich nicht hieran.“ „Die Frau Marquiſe hat nach mir verlangt,“ ſagte Baptiſt in den Salon eintretend. „Sie kennen die Blumenhändlerin, die ihre Bude bei den Boins⸗Chinvis hat,“ fragte Florence. „Ja, Frau Marquiſe.“ „Gehen Sie dorthin, und kaufen Sie mir zwei große Veilchenſträuße.“ Die ſieben Todſünden. 2 18 „Ja, Madame,“ erwiederte der Diener. Und er entfernte ſich. Doch Frau von Luceval rief ihn zurück und ſagte: „Ach! ich vergaß, bringen Sie dieſen Brief auf die Poſt.“ „Madame hat keinen andern Auftrag?“ „Nein.“ Baptiſt trat ab. Frau von Infreville begriff die Abſicht ihrer Freun⸗ din, die ſo vorſichtig geweſen, den Hauptauftrag als Nebenſache zu geben. „Ich danke Dir, meine liebe Freundin,“ ſprach ſie mit innigem Erguß. „Der Himmel gebe, daß mir Dein guter Wille nicht unnütz ſein möge.“ „Ich hoffe es „ich wünſche es aber „Florence, höre mich, die einzige Art, wie ich Dir meine Dankbarkeit für den großen Dienſt beweiſe, den Du mir geleiſtet, beſteht darin, daß ich mich ganz Deiner Diskretion anheimgebe und Dir nichts verberge. Ich hätte vielleicht hiemit anfangen und Dir vor Allem den Zweck dieſes Briefes ſagen müſſen, ſtatt Deine Ergeben⸗ heit und Freundſchaft ſo auf die Probe zu ſtellen; allein ich geſtehe Dir, ich befürchtete einen Tadel und eine Weigerung von Dir, würde ich Dir mittheilen, daß. Und nach einem Moment ſchmerzlichen Zögerns ſagte Valentine entſchloſſen, während ſie bis unter die Augen erröthete: „Florence, ich habe einen Geliebten.“ „Valentine, ich vermuthete es.“ „Oh! ich bitte Dich, richte mich nicht, ehe Du mich gehört haſt.“ „Meine arme Valentine, ich denke nur an Eines, an das Vertrauen, das Du mir bezeigſt.“ „Ah!“ fuhr Valentine beklommen fort, „ohne meine Mutter wäre ich nicht zur Liſt, zur Lüge herabgeſtiegen, ich hätte alle Folgen meines Fehlers ertragen, denn 6 ich habe wenigſtens den Muth meiner Handlungen, aber 19 in dem traurigen Geſundheitszuſtand, in dem ſie ſich befindet, würde ſie ein Eelat tödten .. Oh! Flo⸗ renee, bin ich ſchuldig, ſo bin ich zugleich auch ſehr un⸗ glücklich!“ ſprach Valentine weinend und ſich ihrer Freundin um den Hals werfend. „Valentine, ich beſchwöre Dich, beruhige Dich,“ erwiederte die junge Frau, die die Aufregung ihrer Freundin theilte, „vertraue meiner aufrichtigen Zunei⸗ gung. Sprich, ergieße Dein Herz in ein befreundetes Herz, das iſt wenigſtens ein Troſt. „Ich ſetze meine Hoffnung nur auf Deine Anhäng⸗ lichkeit. Ja, Florence, ich glaube, ich weiß daß Du mich liebſt; dieſe Ueberzeugung verleiht mir allein die Kraft, Dir ein peinliches Geſtändniß zu thun, und höre, nun gibt es noch ein anderes, von dem ich mein Herz ſogleich befreien will. Bin ich nach einer langen Trennung hieher gekommen, um Dich um den großen Dienſt zu bitten, den Du mir geleiſtet, ſo geſchah dies vielleicht weniger, weil ich blind auf Deine Freundſchaft rechnete, als weil Du von allen Frauen meiner Be⸗ kanntſchaft die einzige warſt, zu der mein Mann nie gekommen iſt. Nun höre mich: als ich Herrn von In⸗ freville heirathete, warſt Du noch im Kloſter; Du warſt ein ganz junges Mädchen, und die Zurückhaltung verhinderte mich, Dir viele Dinge anzuvertrauen, Dir zu ſagen, daß ich mich verheirathet . „ ohne Liebe.“ „Wie ich,“ murmelte Florence. „Dieſe Heirath gefiel meiner Mutter und ſicherte mir ein großes Vermögen „„ Ich gab unſeliger Weiſe dem mütterlichen Einfluß nach, und, ich geſtehe es ich ließ mich auch blenden durch die Vortheile einer hohen Stellung; ich heirathete alſo Herrn von Infreville ach! ohne zu wiſſen, wozu ich mich ver⸗ pflichtete . und um welchen Preis ich meine Frei⸗ heit verkaufte. Obſchon ich berechtigt bin, mich über meinen Mann zu beklagen, müßte mir doch mein Fehler ijede Anſchuldigung unterſagen. Doch, ohne daß ich 20 meine Schwäche entſchuldigen will, mußt Du das Ver⸗ hängnißvolle derſelben begreifen. Herr von Infreville iſt ein kränklicher Mann, weil er ſich in ſeiner Jugend allen Ausſchweifungen hingegeben hat; verdrießlich, weil er die Vergangenheit beklagt; gebieteriſch und hart, weil er kein Herz hat oder keines mehr hat. Ich war in ſeinen Augen nie etwas Anderes, als ein armes Mädchen ohne Vermögen, das er zu heirathen ſich herbei⸗ gelaſſen, um aus ihr eine Art von Krankenwärterin für ſich zu machen; lange Zeit fügte ich mich in dieſe Rolle, ich erfüllte ſie gewiſſenhaft, eine peinliche, ſchmähliche Rolle, weil die Pflege, die ich meinem Manne angedeihen ließ, nicht von Herzen kam; aber leider erkannte ich zu ſpät, wie verächtlich mein Be⸗ nehmen geweſen war . .4 „Valentine .. „Nein, nein, Florence, das iſt nicht zu ſtreng .. Ich habe Herrn von Infreville ohne Liebe geheirathet, ich habe ihn geheiratbet weil er reich war; ich habe ihm meine Seele und meinen Leib verkauft, das iſt eine Schande, ſage ich Dir.“ „Ich wiederhole, Valentine, Du klagſt Dich mit Unrecht an. Du haſt mehr an Deine Mutter, als an Dich gedacht.“ „Und meine Mutter dachte noch viel weniger an ſich, als an mich. Als ſie mich zu dieſer Heirath an⸗ trieb, machte der Reichthum von Herrn von Infreville meine kindliche Willfährigkeit zu leicht.. . Kurz, ich fügte mich anfangs in mein Loos. Nachdem ich eine Zeit lang verheirathet war, fühlte mein Mann, der bis da⸗ hin zu leidend, um ſein Haus zu verlaſſen, eine weſent⸗ liche Beſſerung in ſeiner Geſundheit, was er vielleicht meiner Pflege zu verdanken hatte; von dieſem Augen⸗ blick an änderten ſich aber ſeine Gewohnheiten ich ſah ihn beinahe nicht mehr, er lebte außer dem Hauſe, und bald erfuhr ich, er habe eine Geliebte.“ „Arme Valentine!“ ½ 24 „Eine ganz Paris bekannte Dirne; mein Mant unterhielt ſie auf eine glänzende Weiſe und ſo offen⸗ daß ich den Scandal durch das öffentliche Gericht er⸗ fuhr. Ich machte Herrn von Infreville einige Vor⸗ ſtellungen, großer Gott! nicht aus Eiferſucht, aber ich bat ihn, aus Rückſicht für mich den Anſchein zu mei⸗ den. Gerade die Mäßigung meiner Vorwürfe erzürnte meinen Mann; er fragte mich mit der frechſten Ver⸗ achtung, mit welchem Recht ich mich in ſein Benehmen miſche. Er warf mir mit aller Härte vor, ich habe ihm ein Lvos zu verdanken, auf das ich nie hätte An⸗ ſpruch machen können, und da er mich ohne Mitgift geheirathet, ſo müſſe er ſich vor meinen Anſchuldigungen geſchützt glauben.“ „Das iſt ſchändlich, abſcheulich!“ „„Aber, mein Herr,““ ſprach ich zu ihm, „„da Sie offen Ihre Pflichten verletzen, was würden Sie ſagen, wenn ich die meinigen vergäße?““ „„Zwiſchen Ihnen und mir läßt ſich kein Vergleich machen. Ich bin der Herr; an Ihnen iſt es, zu ge⸗ horchen; Sie ſind mir Alles ſchuldig, ich bin Ihnen Richts ſchuldig; ſeien Sie ſo unglücklich, Ihre Pflichten zu verletzen, und ich ſetze Sie auf's Pflaſter, Sie und Ihre Mutter, die von meinen Wohlthaten lebt.““ „Ah! das iſt zu viel Unverſchämtheit und Grauſamkeit!“ „Ich hatte eine gute und redliche Eingebung; ich ging zu meiner Mutter, entſchloſſen, mich für immer von meinem Manne zu trennen .. . und nie mehr zu ihm zurückzukehren. „„Und ich, was ſoll aus mir wer⸗ ben, leidend, ſchwach, wie ich bin?““ ſagte meine Mutter zu mir. „„Die Armuth iſt für mich der Tod. und dann, mein armes Kind „ eine Trennung iſt unmöglich. Dein Mann iſt in ſeinem Recht, ſo lange er ſeine Geliebte nicht da unterhält, wo Du wohnſt; das Geſetz iſt für ihn, und da er Deiner bedarf, da er an Deine gute Pflege gewöhnt iſt, ſo wird er Dich nicht von Trennung ſprechen hören wollen und Dich 22 nöthigen, bei ihm zu bleiben; verzage alſo im Unglück nicht, mein armes Kind; dieſe Geliebte wird nicht im⸗ mer währen; Geduld, früher oder ſpäter wird Dein Gatte zu Dir zurückkehren; Deine Reſignation wird ihn rühren; überdieß iſt er von ſo ſchwacher Geſund⸗ heit, daß ſeine Laune für dieſes Geſchöpf gewiß die letzte ſein wird; dann wird Alles wieder ſeinen Gang gehen, wie vorher; glaube mir, mein Kind, in einem ſolchen Fall duldet, wartet und hofft eine ehrliche Frau.““ „Wiel. „ Deine Mutter hat es gewagt, Dir. .“ „Klage ſie nicht an, Florence ſie hatte ſo bange vor der Armuth . ich wiederhole Dir, weni⸗ ger ihretwegen als meinetwegen, und dann, war ihre Sprache im Ganzen nicht die der Vernunft, des Rechts, der Thatſache und ganz im Einklang mit der Meinung der Welt?“ „Ach! das iſt nur zu wahr!“ „Gut, es ſei,“ ſagte ich voll Bitterkeit zu mir ſelbſt; „eine ſtolze und geſetzliche Empörung iſt nie verboten die Ehe ſoll für mich nur eine erniedri⸗ gende Knechtſchaft ſein . . . Ich nehme es an. Ich werde die Niedrigkeit der Maria haben; ich werde aber auch ihre Liſt, ihre Falſchheit, ihre Treuloſigkeit haben: die Herabwürdigung der Seele hat im Ganzen etwas Gutes: ſie verbannt jeden Skrupel.. vernichtet jeden Gewiſſensbiß. Von dieſem Moment an ſchloß ich die Augen, und ſtatt gegen den Strom zu kämpfen, der mich zu meinem Verderben fortzog, überließ ich mich demſelben.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Nun, Florence, bedarf ich der ganzen Nachſicht Deiner Freundſchaft. Bisher verdiente ich vielleicht einige Theilnahme, doch die Theilnahme wird aufhören.“ Hier wurde die Unterredung der beiden Freundin⸗ nen durch die Kammerjungfer von Frau von Luceval unterbrochen. „Was wollen Sie?“ fragte ſie Florence. — 23 „Madame, dieſen Brief hat ein Commiſſär vom gnädigen Herrn gebracht.“ „Geben Sie.“ „Hier, Madame.“ Nachdem ſie geleſen, ſagte Florence zu ihrer Freundin: „Kannſt Du über Deinen Abend verfügen und bei mir ſpeiſen ? Herr von Luceval thut mir zu wiſſen, er werde nicht hier ſpeiſen.“ Nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht, antwor⸗ tete Frau von Infreville: „Ich nehme Deine Einladung an, meine liebe Florence.“ „Frau von Infreville wird mit mir zu Mittag ſpeiſen,“ ſagte Frau von Luceval zur Kammerjungfer; „laſſen Sie an meiner Thüre ſagen, ich ſei durchaus für Niemand zu Hauſe.“ „Gut, Madame,“ erwiederte Mlle. Liſe. Und ſie entfernte ſich. Yrittes Rapitel. Wir wollen die zwei Freundinnen einen Augenblick verlaſſen, um uns mit Herrn von Luceval zu beſchäf⸗ tigen. Dieſer ſollte, wie er ſeiner Frau zu wiſſen ge⸗ than, nicht zum Mittagbrod kommen. Man vernehme, warum. . Er hatte erwähnter Maßen Frau von Luceval ganz wüthend und entſchloſſen, von ſeinen Rechten Gebrauch zu machen, und ſie ſeinem Willen und ſeinen Wande⸗ rungsphantaſien zu unterwerfen, verlaſſen. 24 Kaum war er ein paar Schritte von ſeiner Woh⸗ nung entfernt, als ihn ein Mann von ungefähr fünf⸗ undvierzig Jahren und von ausgezeichnetem Aeußeren anredete, deſſen ermattete, verwelkte Züge das Gepräge und die Runzeln eines frühzeitigen Alters an ſich tru⸗ gen; ſeine harte, kalte, hoffärtige Phyſiognomie nahm beim Anblick von Herrn von Luceval einen Ausdruck von ſtets fertiger Höflichkeit an, und er ſagte, indem er ſich äußerſt artig verbeugte: „Habe ich die Ehre, mit Herrn von Luceval zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich war im Begriff, zu Ihnen zu gehen, um mich zugleich zu entſchuldigen und Ihnen zu danfen.“ „Darf ich, ehe ich Ihren Dank und Ihre Ent⸗ ſchuldigung annehme, wenigſtens wiſſen, mein Herr?. .. „Wer ich bin? Verzeihen Sie, daß ich das nicht früher geſagt habe .. Ich bin Herr von Infreville, und mein Name iſt Ihnen, denke ich, nicht unbekannt.“ „In der That, mein Herr,“ erwiederte Herr von Luceval, der ſich eines Umſtandes zu erinnern ſchien, „wir haben gemeinſchaftliche Freunde, und ich freue mich des Gluͤckes, das mich in den Stand ſetzt, Sie perſönlich kennen zu lernen, mein Herr. Doch wir ſind nicht weit von meinem Hauſe entfernt, und wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu begleiten, ſo werde ich Alles zu Ihren Befehlen ſtellen.“ „Ich wäre einmal ſchon troſtlos, wenn Sie ſich meinetwegen die Mühe nehmen müßten, nach Hauſe 5 zurückzukehren. Und dann, wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll,“ fügte Herr von Infreville lächelnd bei, „ich be⸗ fürchtete, Frau von Luceval zu treffen.“ „Und warum dies, mein Herr?“ „Ich habe mir ſo großes Unrecht gegen ſie zu Schulden kommen laſſen, daß Sie ſo gut ſein müſſen, Frau von Luceval zur Annahme meiner Entſchuldigun⸗ 25 gen zu bewegen, ehe ich die Ehre habe, ihr vorgeſtellt zu werden.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte der Gatte von Florence immer mehr erſtaunt, „ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich will mich deutlicher erklären, mein Herr ... Doch wir ſind nun in den Champs⸗Elyſées, wenn Sie wollen, plaudern wir im Gehen.“ „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr.“ Herr von Luceval, der auch bei ſeinem Gang die Thätigkeit entwickelte, von der er beſeſſen war, fing an mit haſtigen Schritten den Boden zu übermeſſen, be⸗ gleitet oder vielmehr gefolgt von Herrn von Infreville, der, geſchwächt und abgenutzt, große Mühe hatte, ſich auf dem Niveau ſeines behenden Gefährten zu erhalten; nichtsdeſtoweniger ſetzte er die Unterredung fort und ſprach mit einer ſchon keuchenden Stimme: „Es iſt wahr, mein Herr, als ich vorhin die Ehre hatte, Ihnen meinen Namen zu ſagen und beizufügen, ich ſei Ihnen ohne Zweifel nicht unbekannt, da ant⸗ worteten Sie mir, wir haben in der That gemeinſchaft⸗ liche Freunde und ich .. . Doch verzeihen Sie, ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten,“ ſagte Herr von Infreville, der ſich ganz athemlos unterbrach. „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Ich bitte Sie, etwas weniger geſchwind zu gehen... ich habe keine ſehr ſtarke Bruſt und keuche ſchon, wie Sie ſehen.“ „Es iſt im Gegentheil an mir, Sie zu bitten, mein haſtiges Gehen entſchuldigen zu wollen; das iſt eine ſchlechte Gewohnheit, von der man ſich nur ſchwer los⸗ macht Uebrigens können wir uns ſetzen, wenn Sie es wünſchen; hier ſind Stühle.“ „Ich nehme es an, mein Herr,“ erwiederte Herr von Infreville, auf einen Stuhl niederſinkend, „ich nehme es mit großem Vergnügen an.“ Sobald man es ſich bequem gemacht hatte, fuhr Herr von Infreville fort; B 26 „Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Ihnen mein Name durch eine andere Vermittelung, als die unſerer gemeinſchaftlichen Freunde bekannt ſein muß.“ „Durch welche Vermittlung, mein Herr?“ „Durch die von Frau von Luceval.“ „Meiner Frau.“ „Allerdings, mein Herr, denn obſchon ich, wie ich Ihnen geſagt, noch nicht die Ehre gehabt habe, ihr vorgeſtellt zu werden, ſind wir, da meine Frau durch ein inniges Verhältniß mit Frau von Luceval verbun⸗ den iſt, einander nicht fremd; ihre Freundſchaft hat im Kloſter angefangen; ſie hat beſtändig fortgewährt, da dieſe Damen ſich beinahe täglich ſehen, und . „Verzeihen Sie,“ unterbrach Herr von Luceval ſeinen Gefährten, den er mit neuem Erſtaunen an⸗ ſchaute, „es waltet hier ohne Zweifel ein Irrthum ob.“ „Welcher Irrthum?“ „Oder eine Namensverwechslung.“ „Wie ſo?“ „Ich verlaſſe Frau von Luceval ſelten; ſie empfängt ſehr wenig Geſellſchaft und ich habe nie die Ehre ge⸗ habt, Frau von Infreville bei ihr zu ſehen.“ Der Mann von Valentine ſchien nicht an das zu glauben, was er hörte, und verſetzte mit gepreßtem Tone: „Sie ſagen, mein Herr .. „Daß ich nie die Ehre gehabt habe, Frau von Infreville bei meiner Frau zu ſehen.“ „Das iſt nicht möglich, mein Herr. meine Frau iſt unabläſſig bei der Ihrigen.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß ich Frau von Infre⸗ ville nie bei Frau von Luceval geſehen habe.“ „Nie!“ rief der Mann von Valentine, mit einem ſolchen Ausdruck des Erſtaunens, daß ihn Herr von Luceval ganz verwundert anſchaute. „Mein Herr,“ ſagte dieſer, „ich habe Ihnen ſchon bemerkt, es finde ohne Zweifel eine Namensverwechs⸗ „ 7 27 lung ſtatt, als Sie behaupteten, meine Frau empfange täglich die Ihrige.“ Herr von Infreville wurde leichenbleich; große Schweißtropfen liefen von ſeiner kahlen Stirne. Ein bitteres, zorniges Lächeln zog ſeine blaſſen Lippen zu⸗ ſammen, dann aber ſuchte er ſich zu beherrſchen, da er ſich in den Augen eines Fremden, wie man zu ſagen pflegt, als ein Mann von guter Geſellſchaft benehmen wollte, und ſprach mit ſardoniſchem Ton: 2 „Zum Glück geht das .. unter Ehenmännern vor, mein Herr... und wir müſſen ein wenig Mitleid für einander haben... Im Ganzen .. jeder der Reihe nach, denn man kann nicht wiſſen, was geſchieht.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr?“ „Oh! . mein unbeſtimmtes Mißtrauen war nur zu ſehr gegründet,“ murmelte Infreville mit gedrängter Wuth, „warum habe ich mich nicht früher nach der Wahrheit erkundigt . . Oh! die Weiber, die elenden Weiber!“ „Ich wiederhole, mein Herr, wollen Sie ſich er⸗ klären?“ „Mein Herr,“ erwiederte Infreville mit beinahe feierlichem Tone, „Sie ſind ein galanter Mann, ich vertraue Ihrer Rechtſchaffenheit, in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß mir Ihre Zeugſchaft nicht fehlen wird, wenn es ſich darum handelt, eine Schändliche zu ent⸗ larven und zu beſtrafen .. Denn nun errathe ich Alles . . . Oh! die Weiber! die Weiber!“ Befürchtend, die Ausrufungen ſeines Gefährten könnten die Aufmerkſamkeit anderer, unfern von ihnen ſitzender Perſonen erregen, ſuchte Herr von Luceval den Wüthenden zu beruhigen, als er zufällig den Bedienten erblickte, den die Freundin von Valentine einen Brief nach der Poſt zu bringen beauftragt hatte. Dieſer ein wenig einfältige und träge Burſche ing ſich wiegend mit dem Billet in der Hand. Als In Herr von Luceval einen Brief tragen ſah, den ohne ₰ 28 Zweifel Florence nach der lebhaften Erklärung am Mor⸗ gen geſchrieben hatte, gab er einem unüberwindlichen Gefühle der Neugierde nach. Er rief dem Bedienten, der ſogleich herbeilief, und ſagte zu ihm: „Wohin gehſt Du?“ „Gnädiger Herr, ich will Veilchen für die Frau Wöhniſ⸗ kaufen und dieſen Brief auf die Poſt bringenh Und er zeigte den Brief ſeinem Herrn. Dieſer nahm ihn, warf einen Blick auf die und konnte ſich einer Bewegung des Erſtaunens nicht' erwehren, raſch aber faßte er ſich wieder und ſagte zu dem Bedienten, den er mit einer Geberde entließ: „Es iſt gut, ich werde dieſen Brief beſorgen.“ Sobald ſich der Bediente entfernt hatte, ſprach Herr von Luceval zum Mann von Valentine: „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, ich gehorchte irgend einer Ahnung, die mich nicht getäuſcht hat . . dieſer Brief von meiner Frau iſt an Frau von Infre⸗ ville adreſſirt.“ „Ah!“ rief der Mann von Valentine mit einem Schimmer von Hoffnung. „Sie ſehen alſo wohl, daß wenigſtens meine Frau und die Ihrige miteinan⸗ der im Briefwechſel ſtehen.“ iſt wahr, doch ich erfahre es heute zum erſten a „Mein Herr, ich fordere Sie auf, ich beſchwöre Sie, e Brief zu öffnen er iſt an meine Frau adreſirt. „ich nehme die ganze Verantwortlichkeit auf mich. „ „Hier iſt der Brief, leſen Sie ihn,“ ſagte Herr von Luceval, nicht weniger als Herr von Infreville in⸗ tereſſirt, die Wahrheit kennen zu lernen. Als Infreville das Billet geleſen hatte, rief er: „Leſen Sie, das iſt um wahnfinnig zu werden, denn in dieſem Briefe erinnert Ihre Frau die meinige daran, daß ſie den geſtrigen Tag miteinander zuge⸗ bracht, der, wie ſie ſagt, nicht minder angrihi ge⸗ 25 weſen, als der Mittwoch, und ladet ſie ein, Sonntag wieder zu kommen.“ „Und ich ſchwöre Ihnen bei meiner Ehre,“ ſprach Herr von Luceval, nachdem er den Brief von Florence ebenfalls mit der größten Verwunderung geleſen hatte, „ich ſchwöre Ihnen, daß geſtern meine Frau um die Mittagsſtunde aufgeſtanden iſt . . . daß ich ſie nur mit großer Mühe bewogen habe, um drei Uhr mit mir auszufahren, wir ſind zum Mittageſſen nach Hauſe zurückgekehrt, und nach dem Mittageſſen kamen zwei uns befreundete Perſonen und brachten den Abend mit uns zu „. Was den Mittwoch betrifft, ſo erinnere ich mich vollkommen, daß ich mehrere Male zu meiner Frau gegangen bin, und ich verſichere Sie auf's Neue bei meiner Ehre, daß Frau von Infreville den Tag nicht bei uns zugebracht hat.“ „Aber den Brief, mein Herr, wie erklären Sie ihn?“ „Ich erkläre ihn nicht, ich beſchränke mich darauf, daß ich Ihnen ſage, was iſt. Glauben Sie mir, es liegt mir ebenſoviel als Ihnen daran, das Geheimniß zu ergründen.“ „Oh! ich werde mich rächen,“ rief Infreville mit gedrängter Wuth. „Nun habe ich keinen Zweifel mehr. Als ich erfuhr, meine Frau ſei ſeit einiger Zeit ganze Tage abweſend, regte ſich in mir ein unbeſtimmter Ver⸗ dacht Ich fragte ſie nach der Urſache ihrer Abwe⸗ ſenheit, ſie antwortete mir, ſie bringe oft ihre Tage bei einer ihrer Freundinnen aus dem Kloſter, Frau von Luceval zu. Der Name war ſo ehrenvoll, die Sachs ſo möglich, der Ton meiner Frau ſo aufrichtig, daß ich ihr wie ein Dummkopf glaubte. Aber ich weiß nicht, was für ein inſtinktartiges Mißtrauen, in Verbindung mit dem Wunſche, einen vom Anſtand geforderten Schritt bei Ihnen zu thun, beſtimmte mich, Sie aufzuſuchen, und Sie ſehen, welche Entdeckung ich gemacht habe Oh! die Elende! die Schändliche!“ „Ich bitte, beruhigen Sie ſich,“ ſagte Herr von „ 30 Luceval, der den Zorn ſeines Gefährten zu beſchwich⸗ tigen ſuchte, „die Belebtheit unſeres Geſprächs zieht die Blicke auf uns. Man ſchaut uns an, nehmen wir einen Fiacre und fahren wir auf der Stelle zu mir, denn dieſes Geheimniß muß aufgeklärt werden; ich zittere bei dem Gedanken, durch eine unwürdige Gefälligkeit habe ſich meine Frau vielleicht einer ſchändlichen Lüge mit ſchuldig gemacht. Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie Ich zähle auf Sie, zählen Sie auf mich; es iſt eine Pflicht für redliche Leute, ſich unter ſo betrü⸗ benden Umſtänden gegenſeitig zu unterſtützen; es ſoll Gerechtigkeit geübt, es ſollen die Schuldigen entlarvt und beſtraft werden.“ „Oh! ja, mein Herr, Eintracht und Rache, unver⸗ ſöhnliche Rache,“ murmelte Herr von Infreville. Und da die Aufregung ſeine Schwäche noch ver⸗ mehrte, ſo war er genöthigt, ſich auf den Arm ſeines Gefährten zu ſtützen, um, ganz zitternd vor Zorn, einen Wagen zu erreichen, in den Beide einſtiegen. Ungefähr eine Stunde nach dieſem zufälligen und ärgerlichen Zuſammentreffen der zwei Ehemänner erhielt Florence ein Billet von Herrn von Luceval, das ſie be⸗ nachrichtete, er würde nicht zu Hauſe ſpeiſen. Während der eheliche Sturm ſich immer bedroh⸗ licher aufhäuft, kehren wir zu den beiden jungen Freun⸗ dinnen zurück, die nach dem Abgang der Kammerfrau, welche den Brief von Herrn von Luceval überbracht, allein geblieben waren. Piertes Rapitel. Als nach dem Abgang der Kammerjungfer Frau von Luceval und Frau von Infreville allein waren, ſagte dieſe zu ihrer Freundin: „Du haſt mir den Vorſchlag gemacht, den Tag hier zu beſchließen, ich habe Deinen Vorſchlag ange⸗ nommen, gute Florence, ebenſowohl um hier zu bleiben, als um für den Fall eines Ungluͤcks meiner Lüge eini⸗ gen Anſchein von Wahrheit zu geben.“ „Aber mein Brief?“ „Man wird glauben, ich habe mich mit ihm ge⸗ kreuzt und ſei zu Dir gekommen, nachdem der Brief abgeſandt geweſen.“ „Das iſt richtig.“ „Nun, meine Freundin, nehme ich für das, was ich Dir anzuvertrauen habe, Deine ganze Nachſicht, vielleicht auch Dein Mitleid in Anſpruch.“ „Mitleid! Nachſicht! iſt Dir das nicht zum Voraus geſichert, arme Valentine? Wer wird Dich, die Du in Deiner Ehe mißhandelt, gedemüthigt, erniedrigt worden biſt, nicht beklagen ? Doch laß hören . „Ich weiß nicht, ob ich Dir geſagt babe, daß wir den erſten Stock des Hotel von Herrn von Infreville bewohnen; von dem Fenſter meines Zimmers aus ſieht man unmittelbar in einen kleinen Garten, der zum Erd⸗ geſchoß des Nachbarhauſes gehört. Ungefähr drei Mo⸗ nate ehe ich entdeckt, mein Gatte habe eine Geliebte, zur Zeit, da er noch ſehr leidend war, gingen in dem Gar⸗ ten und in dem ſo eben erwähnten, bis dahin unbewohn⸗ ten Erdgeſchoß große Veränderungen vor; die Lebensart, die ich damals führte, hielt mich beinahe beſtändig zu Hauſe, da die ſchlechte Geſundheit meines Mannes dieſen auszugehen verhinderte. Dies war am Anfang des Sommers. In mein Zimmer zurückgezogen, um mehr bei mir zu ſein, wenn Herr von Infreville meiner Pflege nicht bedurfte, arbeitete ich oft beim offenen Fenſter, da das Wetter in dieſer Jahreszeit herr⸗ lich war. Ich bemerkte ſo die Aenderungen, die man im benachbarten Garten vornahm; ſie waren ſonder⸗ bar, aber ſie deuteten eben ſo viel Geſchmack als Ori⸗ ginalität an; allmälig erwachte meine Neugierde in meiner traurigen Unthätigkeit . Ich ſah alle Tage die Leute Arbeiten ausführen, ohne je den neuen Be⸗ wohner des Erdgeſchoßes zu erblicken; ich wohnte auf dieſe Art der Verwandlung eines ziemlich verdrießlichen Gartens in einen köſtlichen Ort bei; ein Gewächshaus voll ſeltener Pflanzen, das mit einem von den Zimmern der Wohnung in Verbindung ſtand, wurde an die ſüd⸗ liche Mauer angelehnt; die Mauer dieſer gegenüber verſchwand unter einer Grotte von Felsgeſtein, vermiſcht mit Geſträuch. Von einer Seite dieſes Felſen fiel überall Kühle verbreitend eine Cascade in ein weites Becken. Eine Gallerie von Holz, das noch ſeine Rinde hatte, bedeckt mit Stroh und in Bogen gehalten, ver⸗ barg den andern Mauerflügel, der den Garten umgab, welcher bald dergeſtalt mit Blumen beſetzt war, daß er von meinem Fenſter aus einem rieſigen Strauß glich. Du wirſt ſogleich begreifen, warum ich in alle dieſe Einzelheiten eingehe.“ „Aber dieſer reizende Ort mitten in Paris war ein kleines Paradies?“ „Es war in der That reizend, denn die Mauern verſchwanden unter dem lachendſten Anblick. Ein ver⸗ golvetes Vogelhaus voll herrlicher Vögel erhob ſich mitten auf einem grünen Raſen, eine Art von indiſcher Veranda, die eine leichte bedeckte Gallerie bildete, wurde vor den Fenſtern des Erdgeſchoßes erbaut und mit Sophas, türkiſchen Kiſſen und dichten Teppichen aus⸗ geſtattet; man brachte auch ein Klavier. Zur RNoth durch Vorhänge beſchützt, bot die durchbrochene Gal⸗ Gallerie für den Sommer einen Aufenthaltsort voll Schatten und Kühle.“ „Das iſt wahrhaftig ein Mährchen aus Tauſend und eine Nacht! Welcher Phantaſie bedurfte es nicht, um ſo viel Wunder des Geſchmacks und der Wohl⸗ habenheit in einem ſo kleinen Raum zu vereinigen!. .. Und der Erfinder erſchien nicht?“ „Er erſchien erſt, nachvem alle dieſe Anordnungen beendigt waren.“ „Und Du biſt nicht ſo neugierig geweſen, daß Du zu erfahren ſuchteſt, wer dieſer geheimnißvolle Nachbar war? Ich, ich geſtehe es, wäre der Verſuchung nicht widerſtanden!“ Valentine lächelte traurig und erwiederte: „Der Zufall wollte, daß die Schweſter eines alten Haushofmeiſters von Herrn von Infreville die einzige Dienerin dieſes geheimnißvollen Rachbars war. Von ihrem Bruder unterrichtet, hatte ſogar dieſe Frau ihrem Herrn die genannte Wohnung und den Garten bezeich⸗ net; eines Tags gab ich meiner Neugierde nach und fragte unſern Haushofmeiſter, ob er wüßte, wer das Frogeſchoß des Nachbarhauſes bewohnen ſollte; er ſagte mir, ſeine Schweſter ſei im Dienſte des neuen Mieths⸗ mannes. So erfuhr ich gewiſſe Einzelheiten über ihn, die nur zu ſehr meine Theilnahme erregten.“ „Wahrhaftig! Und wer war er, meine liebe Va⸗ lentine?“ „Es gab, wie man ſagte, auf der Welt keine beſſere Seele, als die ſeinige; um Dir nur ein Bei⸗ ſpiel unter anderen anzuführen: als er beim Tode eines Oheims, von dem er beträchtliche Güter erbte, mehrere Dienſtboten annehmen wollte, ſagte ihm die alte Die⸗ nerin, von der ich geſprochen und die ſeine Amme ge⸗ weſen war, mit Thränen in den Augen, nie könnte ſie ſich daran gewöhnen, andere Dienſtboten außer ihr bei ihm zu Vergebens verſprach er ihr, ſie würde Die ſieben Todſünden. 3 34 über allen ſtehen und als unumſchränkte Haushälterin betrachtet werden, ſie wollte nichts hören. In ſeiner Gutmüthigkeit beharrte er nicht auf ſeinem Willen, und trotz ſeines neuen Vermögens behielt er einzig und allein die alte Amme in ſeinem Dienſte. Das kommt Dir vielleicht kindiſch vor, meine liebe Florence, doch...“ „Was ſagſt Du? ich finde im Gegentheil, daß dies von einem rührenden Zartgefühl zeugt. Es braucht oft nicht ſo viel, um einen Charakter ſicher zu beurtheilen.“ „Ich beurtheilte auch von dieſem Augenblick an unſern guten, edelmüthigen Nachbar. Ehe ich ihn kennen lernte, erfuhr ich, er heiße Michel Renaud.“ „Ohl mein Gott! . rief Frau von Luceval... „Michel Renaud!“ „Allerdings „ doch was haſt Du denn, Flo⸗ rence?“ „Das iſt ſeltſam.“ „Vollende.“ „Iſt er der Sohn des General Renaud, der in den letzten Kriegen des Kaiſerreichs das Leben ver⸗ loren hat?“ „Ja Du kennſt ihn?“ „Er iſt ein Vetter von Herrn von Luceval.“ „Michel!!“ „Es vergeht beinahe kein Tag, ohne daß mein Mann von ihm ſpricht.“ „Von Michel?“ „Gewiß .. Aber ich habe ihn nie geſehen, ob⸗ gleich er von der Verheirathung von Herrn von Lu⸗ ceval mit mir, wie alle Mitglieder ſeiner Familie, be⸗ nachrichtigt worden iſt, hat er uns doch nicht beſucht, worüber ich mich nicht wundere, denn mein Mann hat immer nur ſehr wenig Umgang mit ihm gepflogen.“ „Was Du mir da ſagſt, bringt mich wahrhaftig ganz in Verwirrung„ Michel der Vetter von Deinem 35 Mann ?. Und warum, in welcher Hinſicht ſpricht denn Herr von Luceval ſo oft mit Dir von Michel?“ „Ach! meine arme Valentine, wegen eines Fehlers, den ich, wie es ſcheint, gemeinſchaftlich mit Herrn Mi⸗ chel Renaud habe, ein Fehler, der mein Glück macht, ein Fehler, der die Sicherheit meines Mannes ſein müßte, während er zu ſeiner Verzweiflung gereicht; doch die Männer ſind ſo blind!“ „Ich bitte, erkläre Dich.“ „Du weißt, ich war im Kloſter als eine unheilbare Träge bezeichnet. Welche Vorſtellungen, welche Stra⸗ fen habe ich dieſes lieben Fehlers wegen ertragen?“ „Es iſt wahr.“ „Wohl! mein Fehler hat in einem ſo unglaub⸗ lichen Maß zugenommen, daß er beinahe eine Eigen⸗ ſchaft geworden iſt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Stelle Dir vor, daß ich, weit entfernt, ſie nach⸗ zuahmen, das tiefſte Mitleid für die unglücklichen Frauen hege, die ihre tolle Liebe zur Welt in den Wirbel ihrer Feſte fortreißt: traurige Vergnügungen, die mich ſchon beim Gedanken ſchauern machen; denn nicht wahr, Va⸗ lentine, man hat ſolche Unglückliche, ſolche freiwillige Märtyrinnen jeden Tag es ſo weit treiben ſehen, daß ſie drei bis vier Bälle oder Soireen beſuchten, die Theater nicht zu rechnen! Sind ſie auch nur ein wenig gefallſüchtig, ſo iſt dieß vollends grauenhaft „ Zu ſeinen Nähterinnen, ſeinen Putzmacherinnen, ſeinen Blu⸗ menhändlerinnen laufen, ſich ankleiden, ſich auskleiden, Kleider anprobiren, ſich an den Haaren zerren laſſen, ſich in einen Schnürleib einzwängen, drei Toiletten im Tage machen . tanzen, walzen, galoppen, pol⸗ ken. Nein! ſiehſt Du, Valentine, man muß Glieder von Stahl und ein Akrobaten⸗Temperament haben, um ſich in ſolche Uebungen zu fügen und dies alle Tage, alle Abende, alle Nächte vier bis fünf Monate im Jahr. Wie weit entfernt iſt dieſe Wuth der Er⸗ 36 holungen, von denen eine einzige genügen würde, um völlig zu ermüden, von der köſtlichen Ruhe, der ich in dieſem Lehnſtuhl theilhaftig bin, wo ich mein Le⸗ ben zubringe, wo ich unerſchöpfliche Genüſſe in der unempfindlichen Beſchauung des Himmels, der Bäume, der Sonne finde! Kommt der Winter, ſo fühle ich mich ebenſo g'ücklich, wenn ich es mir an der Ecke meines Kamins oder unter meinen Eiderdunen behaglich mache und den Rauhreif an meinen Fenſtern graupeln höre. Was ſoll ich Dir ſagen? ich genieße in jeder Jahres⸗ zeit das hohe Glück, nichts zu thun . träumend, beſchauend, zuweilen wach, zuweilen halb entſchlum⸗ mert, bald auch indem ich einige Dichter leſe, weil es gleichſam nach jedem Vers eine lange Ruhe für den Geiſt gibt. Ich bin endlich, ſoll ich Dir dieſe Unge⸗ heuerlichkeit geſtehen, im Stande, einen ganzen Tag auf dem Raſen zu liegen, wobei ich mich damit be⸗ ſchäftige, daß ich bald ſchlafe, bald die Wolken vorüberziehen ſehe, auf den Wind im Blätterwerk, auf das Gemurmel des Waſſers horche; mit einem Wort, meine liebe Valentine, nie hat eine unverbeſſerliche Träumerin und Faullenzerin köſtlicher als ich die un⸗ endliche Glückſeligkeit eines freien, müſſigen, indolenten Lebens gefühlt; es iſt auch Niemand ſo fromm dank⸗ bar, wie ich, gegen den guten Gott, der uns ſo ein⸗ fache und leichte Seligkeiten geſchenkt hat. Aber, Va⸗ lentine,“ ſagte die junge Frau, inbem ſie ihre Freun⸗ din voll Erſtaunen anſchaute, „was haſt Du denn? Dieſe unruhigen Blicke . „dieſe Aufregung, die Du kaum zu bewältigen vermagſt . Valentine, ich bitte Dich noch einmal, antworte mir.“ Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fuhr Frau von Infreville mit ihrer Hand über ihre Stirne und ſprach dann mit leicht bebender Stimme: „Höre das Ende meiner Erzählung an, Florence, Du wirſt errathen, was ich Dir in dieſem Augenblick nicht ſagen kann, nicht zu ſagen wage.“ 37 „Oh! ſprich, ſprich, ich bitte Dich.“ „Als ich Michel das erſte Mal ſah, war es unter ver bedeckten Gallerie, von der ich Dir geſagt habe. Er brachte hier ſein Leben den Sommer hindurch zus hinter meinem Laden verborgen konnte ich ihn nach Muße betrachten; ich glaubte nicht, daß man ſich ſchö⸗ nere Züge, als die ſeinigen, denken kann. Halb auf einem türkiſchen Divan liegend, in einen langen Schlaf⸗ rock von indiſcher Seide gekleidet, rauchte er ein Nar⸗ gile in einer ächt vrientaliſch nachläſſigen Haltung .. Den Blick auf ſeinen mit Blumen gefüllten Garten geheftet, ſchien er mit Entzücken auf das Gemurmel des Waſſerfalles und das Gezwitſcher der ſchönen Vögel ſeiner Voliere zu horchen. .. Dann nahm er ein Buch, welches er von Zeit zu Zeit niederlegte, um über das, was er geleſen, nachzudenken . .„ Es er⸗ ſchienen zwei von ſeinen Freunden der Eine gilt mit Recht für einen der ausgezeichnetſten, berühmteſten Männer unſerer Zeit, es war M'*.“ „Es gibt allerdings keinen vortrefflicheren und mit Recht geachteteren Mann.“ „Ich kannte ihn vom Sehen und ſeinem Rufe nach; bei ſeiner hohen Stellung und dem zwiſchen Michel und ihm herrſchenden Unterſchied des Alters kam mir ſein Beſuch bei dieſem jungen Mann beinahe als etwas Außerordentliches vor.“ „Dieſer Beſuch erſcheint mir in der That ſchmei⸗ chelhaft für unſern Vetter.“ „Michel empfing ihn mit einer liebreichen Ver⸗ traulichkeit. Es ſchien mir, als behandelte ihn M auf dem Fuß völliger Gleichheit; es begann eine lange Unterredung; ſo wie ich von ihnen entfernt war, konnte ich nichts hören. Um mich für dieſes Hinderniß zu entſchädigen, nahm ich, beſtändig hinter meinem Som⸗ merladen verborgen, eine Theaterlorgnette und ſtudirte während dieſes Geſprächs neugierig die Phyſiognomie von Michel; ich ſah ganz genau Alles bis auf die Be⸗ 38 wegung ſeiner Lippen; ich fand einen ſeltſamen Reiz in dieſer prüfenden Betrachtung, und ohne den Gegen⸗ ſtand des Geſpräches zu errathen, bemerkte ich leicht, daß ſich ein belebter Streit zwiſchen Mius und Michel erhoben hatte. Anfangs ſchien dieſer energiſch bekämpft zu werden, bald aber ſah ich an dem Ausdruck des Geſichtes von Mis, daß er ſich allmälig von Michel überzeugen ließ, doch nicht ohne Widerſtand zu leiſten. Ein Zeichen freiwilliger Beipflichtung zeugte indeſſen zuweilen von dem Vortheil, den Michel errang, und der ihm auch am Ende blieb; ich kann Dir den Zauber der Züge Deines Vetters während dieſer langen Unter⸗ redung nicht ſchildern; an ihrer Beweglichkeit, an ſeinen Geberden ſah ich, daß er abwechſelnd eine warme Be⸗ redſamkeit, feinen Spott oder ernſte Beweisführungen anwandte, um ſeinen Gegenrednern zu antworten und ſie zu ſeiner Meinung herüberzubringen; dieſe bezeich⸗ neten ihr Beiſtimmen bald durch ein Lächeln, bald durch ihre überzeugte Miene. Dieſe Unterredung dauerte ſehr lange; als ſie beendigt war, nahmen die Freunde Michels von dieſem mit verdoppelter Herzlichkeit Ab⸗ ſchied; er machte Miene, als wollte er aufſtehen, um ſie ju begleiten, aber ſie nöthigten ihn auf eine heitere Weiſe, auf ſeinem Divan zu bleiben, und ſchienen ihm zu ſagen, ſie wiſſen zu gut, welche Ueberwindung es ſeine Trägheit koſten würde, wenn er ſich aus ſeiner Lage bemühen ſollte. Ich habe ſeitdem erfahren, daß Mo, der einen ſehr wichtigen Entſchluß zu faſſen hatte, zu Michel, deſſen Takt ebenſo ausgezeichnet, als ſein Urtheil erhaben und feſt begründet iſt, wie dies oft geſchah, gekommen war, um ihn um Rath zu fragen. Was ſoll ich Dir ſagen, meine Freundin „ von dieſem erſten Tag an, der mir ſchon Michel zu würdigen ge⸗ ſtattete, obſchon ich ihn noch nie geſprochen hatte, fühlte ich für ihn eine Theilnahme, die leider in meinem Leben nur zu ſehr Platz greifen ſollte.“ 39 Nach dieſen Worten ſchwieg die junge Frau einen Augenblick. Während Valentine ſprach, intereſſirte ſich Florence um ſo mehr für dieſe Erzählung und den Helden der⸗ ſelben, als ſie zahlreiche Berührungspunkte ſeines Cha⸗ rakters und ſeines Geſchmacks mit ihren Neigungen fand. Wenn Herr von Lueeval ihr oft von der un⸗ heilvollen Trägheit ſeines Vetters Michel erzählte und ihr dieſe als ein Schreckbild vorführte, ſagte er nie etwas von dem, was ſeine moraliſche und phyſiſche Neigung zur Unempfinvlichkeit entſchuldigen oder ihr ein politiſches Gewand geben konnte. Florence begriff nur das Erſtaunen und vielleicht das Gefühl unwillkürlicher Eiferſucht, das Valentine nicht hatte verbergen können, als ihr ihre Freundin offenherzig und unumwunden ihre Theorie der Trägheit und der Wonne, die ſie dabei empfand, entwickelte. Allerdings konnte Frau von Infreville durchaus nicht eiferſüchtig auf Frau von Luceval ſein, das wäre Thorheit geweſen. Florence kannte Michel Renaud nicht, und ſie zeigte ſich zu ſehr als aufrichtige Freun⸗ din, um ihn ſpäter in einer hinterhältiſchen Rivalitäts⸗ Abſicht kennen lernen zu wollen. Mißtrauiſch wie alle heftige, leidenſchaftliche Na⸗ turen, vermochte Valentine nichtsdeſtoweniger eine Art von unbeſtimmtem Neid, gemiſcht mit Vorwürfen gegen ſich ſelbſt, nicht zu beſiegen. Ach! ſie dachte an alle Elemente von Sympathie und Glück, die ſich in der ſelt⸗ ſamen Uebereinſtimmung des Charakters fand, welche ſie zwiſchen Florence und Michel Renaud wahrnahm. Fünftes Rapitel. Nachdem ſie einen Augenblick wie ihre Freundin ſtumm und nachdenkend geblieben war, ſagte Frau von Luceval zu Valentine: „Ich begreife vollkommen, daß die verſchiedenen Vorfälle am erſten Tag, wo Du unſern Vetter Michel ſahſt, einen lebhaften Eindruck auf Dich machten; Du fandeſt ihn von einer ſeltenen Schönheit, ſein Geiſt war ausgezeichnet, da er auf einen der bedeutendſten Män⸗ ner unſerer Zeit Einfluß zu üben ſchien, was Du von der zarten Willfährigkeit von Michel gegen ſeine alte Amme wußteſt, bewies Dir, daß er ein edles Herz be⸗ ſaß. Ach! meine arme Valentine, es brauchte nicht ſo viel, um in der traurigen Lage, in der Du Dich be⸗ fandſt, Deine innige Theilnahme zu erregen.“ „Wenn Du es nicht entſchuldigſt, ſo begreifſt Du doch wenigſtens, wie dieſes Gefühl in meinem Herzen hat entſtehen können?“ „Ich begreife es nicht nur, ich entſchuldige es. Durch den Kummer, den er Dir bereitete, durch die Demüthigungen, mit denen er Dich überhäufte, war Deine Lage ſo grauſam. Warum hätteſt Du nicht Zerſtreuung oder Troſt ſuchen ſollen?“ „Ich brauche Dir nicht zu ſageu, daß ich die ganze Nacht unwillkürlich an Michel dachte. Am andern Morgen lief ich, ſobald es mir möglich, an meinen La⸗ den; der Tag war herrlich; Michel brachte ihn, wie den vorhergehenden, in der Gallerie, auf ſeinem Divan gelagert, rauchend, träumend, leſend und, wie er mir ſpater geſagt hat, das Glück, ſich leben zu fühlen, genießend zu. An dieſem Tag ſah ich einen ſchwarz gekleideten Mann, der ein großes Portefeuille unter 4¹ dem Arm trug, bei ihm eintreten. Ich weiß nicht, warum ich immer mit Hülfe meiner Lorgnette einen Geſchäftsführer in ihm errieth; er zog wirklich mehrere Papiere aus ſeinem Portefeuille, und ſchickte ſich an, ſie Michel vorzuleſen, als dieſer dieſelben nahm, und ohne ſie nur zu leſen unterzeichnete, wornach der Ge⸗ ſchäftsführer aus ſeiner Taſche ein Päckchen Bankbillets nahm, die er Deinem Vetter reichte; er ſchien ihn zn bitten, ſie zu zählen, Michel unterließ dies aber und bewies hierdurch ſein blindes Vertrauen zu dieſem Mann.“ „Aus Allem dem geht hervor, daß unſer Vetter Michel ſehr ſorglos in ſeinen Geſchäften iſt,“ ſagte Florence. „Ach! zu ſeinem Unglück nur zu ſehr ... „Sollte ſein Vermögen? 4 „Du wirſt Alles erfahren „. Schenke mir noch einige Augenblicke Aufmerkſamkeit; im Verlaufe dieſes Tages, der, wie der andere, in völliger Indolenz ver⸗ ging, brachte die Amme von Michel dieſem einen Brief; er las ihn. Oh! Florence, nie habe ich das Mitleid auf eine ruͤhrendere Weiſe auf einem menſchlichen Ge⸗ ſicht hervortreten ſehen. Seine Augen füllten ſich mit Thränen, er öffnete den Schrank, in den er die Billets eingeſchloſſen hatte, und gab ſeiner Amme eines. Die erſte Bewegung dieſer würdigen Frau war, daß ſie Michel um den Hals fiel. Du kannſt Dir nicht vor⸗ ſtellen, mit welcher Erregung er dieſe mütterliche Lieb⸗ koſungen hinzunehmen ſchien.“ „Gutes, edles Herz!“ rief Florence gerührt. „Die Sonne war längſt untergegangen, als ich mich in meiner Wohnung einſchließen und an mein theures Fenſter zurückkehren konnte,“ fuhr Valentine fort. „Ich ſuchte Michel mit den Augen . Da ſah ich eine junge Frau in die Gallerie eintreten und auf ihn zulaufen.“ „Oh! arme Valentine!“ 42 „Ich empfing einen heftigen Schlag im Herzen .. Das war albern, toll, denn ich hatte kein Recht auf Michel; doch dieſer Eindruck war unwillkürlich; ſogleich verließ ich mein Fenſter, warf mich in einen Lehnſtuhl, verbarg mein Geſicht in meinen Händen und weinte lange; dann verſank ich in eine ſchmerzliche Träumerei; nach Verlauf von etwa zwei Stunden hörte ich auf dem Klavier präludiren, und bald begannen zwei Stim⸗ men von reizendem Einklang das ſo leidenſchaftliche Duett von Mathilde und Arnold in Wilhelm Dell zu ſingen.“ „Das war Michel?“ „Ja er war es und „dieſe Frau.“ Es iſt nicht möglich die Art zu bezeichnen, wie Valentine die Worte: Und . dieſe Frau! ausſprach. Nach einem Augenblick peinlichen Stillſchweigens fuhr ſie fort: „Die Nacht war ruhig, ſonor, die zwei klang⸗ reichen, leidenſchaftlichen Stimmen ſchienen ſich wie ein Geſang des Glücks und der Liebe zum Himmel zu er⸗ heben; eine Zeit lang horchte ich unwillkürlich; am Ende that das mir ſo wehe, daß ich, ohne daß ich den Muth beſaß, mich zu entfernen, meine Ohren mit den Händen bedeckte . . Bald aber ſchämte ich mich dieſer lächerlichen Schwäche und horchte, da ich in dem Schmerze ſelbſt, ich weiß nicht welchen bittern Reiz finden wollte, aufs Neue, doch der Geſang hatte auf⸗ gehört . .. Ich trat näher zum Laden „. die Blu⸗ men im Garten verbreiteten balſamiſche Düfte .. die Kühle der Nacht war köſtlich . . „nicht ein Hauch bewegte die Bäume .. . ein gedämpfter Schein, wie der einer Alabaſterlampe, durchdrang die herabgelaſſe⸗ nen durchſichtigen Vorhänge der Gallerie das tiefſte Stillſchweigen herrſchte einige Augenblicke, dann hörte ich den Sand der Alleen unter den Tritten von Michel und dieſer Frau krachen; die Nacht war ſo hell, daß ich Beide wohl unterſcheiden konnte. Sie gingen 43 lange, indem ſie ſich zärtlich umſchlungen hielten, auf und ab ungeſtüm ſchloß ich das Fenſter wieder . meine Kräfte waren erſchöpft, ich brachte eine gräßliche Nacht zu; ach! Florence, welche neue, heftige, furcht⸗ bare Leidenſchaften waren in zwei Tagen erweckt wor⸗ den! Die Liebe, das Verlangen, die Eiferſucht, der Haß, die Reue, der Gewiſſensbiß, ja der Gewiſſens⸗ biß denn von dieſem Augenblick an fühlte ich, daß mich eine unwiderſtehliche Macht zu meinem Unter⸗ gang fortriß . und daß ich im Kampf unterliegen würde; Du kennſt die Energie, die Heftigkeit meines Charakters .. Dieſe Energie, dieſe Heftigkeit . brachte ich in dieſe unglückliche Liebe .. Was ſoll ich Dir ſagen? Lange widerſtand ich muthig . als mich aber das unwürdige, rohe Betragen meines Mannes in Verzweiflung gebracht hatte, glaubte ich mich von allen Banden befreit . . . und gab mich blindlings der Leidenſchaft hin, von der ich verzehrt wurde.“ „Du biſt wenigſtens glücklich geweſen, Valentine, ſehr glücklich?“ „Anfangs waren es die Freuden des Himmels, obgleich unwillkürlich getrübt durch die Rückerinnerung an die Frau, von der ſich Michel indeſſen ſeit langer Zeit getrennt hatte. Es war dies eine berühmte Sän⸗ gerin, die gegenwärtig, glaube ich, in Italien lebt. Ich fand ihn ſo, wie ich ihn geträumt hatte . . . einen zugleich merkwürdigen und bezaubernden Geiſt, ein vor⸗ treffliches Herz, ausgezeichnetes Zartgefühl, unzerſtörbare Heiterkeit, gleichmäßig gute Laune, leidenſchaftliche Zärtlichkeit, Anmuth, rückſichtsvolles Benehmen, Zu⸗ vorkommenheit . . . Alles vereinigte er . „ Und den⸗ noch dauerte dieſe Verbindung kaum ſeit zwei Monaten, als ich, während ich Michel beſtändig anbetete, das un⸗ glücklichſte der Geſchöpfe war „Arme Valentine! wie dies? Nach dem, was Du mir geſagt, mußte Michel alle wünſchenswerthe Eigen⸗ ſchaften vereinigen, um Dich glücklich zu machen?“ 44 „Ja,“ antwortete Valentine ſeufzend; „doch alle dieſe Eigenſchaften wurden bei ihm durch ein unheil⸗ bares Laſter gelähmt, durch „ Hier bebte Frau von Infreville und hielt kurz inne. „Valentine, warum unterbrichſt Du Dich?“ fragte Florence ihre Freundin, die ſie verwundert anſchaute, „warum dieſes plötzliche Schweigen? Sprich, ich be⸗ ſchwöre Dich. Haſt Du nicht alles Vertrauen zu mir?“ „Habe ich Dir nicht einen Beweis hievon durch meine Bekenntniſſe gegeben?“ „Gewiß, gewiß! Doch vollende.“ „Du wirſt mein plötzliches Schweigen begreifen,“ fuhr Frau von Infreville, nachdem ſie einen Augenblick gezögert, fort. „Wohl denn! Alles, was Michel Vor⸗ treffliches, Erhabenes, Hartes beſaß, wurde durch eine unheilbare Unempfindlichkeit verdorben.“ „Mein Fehler!!! Und Du hatteſt bange, mir das zu ſagen?“ „Nein, Florence, nein, Deine Unempfindlichkeit iſt reizend.“ „Herr von Luceval iſt nicht ganz dieſer Anſicht,“ ſprach die junge Frau halb lächelnd. „Deine Unempfindlichkeit hat wenigſtens weder für Deinen Mann, noch für Dich eine ärgerliche Folge,“ entgegnete Valentine, „Deine Unempfindlichkeit bildet Deine Wonne, und Niemand leidet darunter. Bei Michel hat ſie aber unſelige Folgen gehabt; vor Allem ließ er die Intereſſen ſeines Vermögens gehen, wie ſie mochten, da er ſich nicht die Mühe nehmen wollte, ſich darum zu bekümmern; ermuthigt durch dieſe Sorgloſig⸗ keit, nicht damit zufrieden, daß er ihn ſchändlich betrog, verwickelte ihn ein ungetreuer Geſchäftsführer in Ope⸗ rationen, die für dieſen vortheilhaft, für Michel, der zu indolent, um ſeine Rechnungen zu prüfen, zu Grunde richtend waren. Was ſoll ich Dir ſagen? ich weiß „ — 4⁵ nicht, ob ihm in dieſem Augenblick ſo viel bleibt, daß er auf die demüthigſte Weiſe leben kann.“ „Armer Junge! Mein Gott! wie traurig iſt das! Aber wie kommt es, daß Dein Einfluß dieſe unſelige Trägheit nicht zu beſiegen vermochte?“ „Mein Einfluß?“ erwiederte Valentine bitter lä⸗ chelnd, „welchen Einfluß kann man auf einen ſolchen Charakter gewinnen? Vernünftiges Auseinanderſetzen, Befürchtungen, Warnungen, Bitten, Alles ſcheiterte an dieſer zufriedenen, heiteren Trägheit, denn bei Michel nie ein hartes oder heftiges Wort; oh! nein, er weicht vor der Ungeduld oder dem Zorn zurück, wie vor einer Anſtrengung; immer ruhig, lächelnd und zärtlich, ant⸗ wortet er auf die weiſeſten Vorſtellungen, auf das ver⸗ zweiflungsvollſte Flehen durch einen Scherz oder durch einen Kuß. Indem er ſo meiner Rathſchläge, meiner Bitten ſpottete, iſt er zu einer Lage gelangt, die mich für ihn erſchreckt; denn da er bis jetzt in dieſer Sorg⸗ loſigkeit, in dieſer Müßigkeit, die er über Alles ſchätzt, leben konnte, ſo wird er, wenn einmal ſein Ruin voll⸗ endet iſt, unfähig ſein, in ſich Muth, Energie genug zu finden, um ſich aus einer ſo traurigen Lage heraus⸗ zuarbeiten.“ „Du haſt Recht, Valentine, das iſt ernſter, als ich achte.“ „Ernſt ja „ſehr ernſt,“ verſetzte die junge Frau bebend, „denn Du weißt nicht, welch ein gräß⸗ licher Gedanke wie ein Alp auf mir laſtet.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Michel iſt ein Mann von zu klarem Geiſt, um ſich Illuſtonen über die Zukunft zu machen, er weiß wohl, daß er, wenn ſein letzter Louisd'or ausgegeben iſt, von Niemand, und am wenigſten von ſich ſelbſt etwas zu erwarten hat.“ „Was gedenkt er dann zu thun?“ „Was?“ verſetzte Valentine ſchauernd. 46 Ihre Lippen zitterten und mit bebender Stimme fügte ſie bei: „Er gedenkt ſich zu tödten.“ „Großer Gott! er hat Dir das geſagt?“ „Oh! nein,“ erwiederte Valentine mit verdop⸗ pelter Bitterkeit und Traurigkeit; „er hütete ſich wohl, mir das zu ſagen; ein ſolch Geſtändniß hätte auf mei⸗ ner Seite das herbeigeführt, was man eine Scene nennt, Thränen, unſägliche Troſtloſigkeit. . . Nein, nein, er hat mir nicht geſtanden, er werde ſich aus Trägheit tödten, wie er bis jetzt für die Trägheit ge⸗ lebt hat. Einmal aber entſchlüpfte es ihm, daß er lachend, ja, lachend, als das Allereinfachſte zu mir ſagte: Glücklich ſind die Todten, die ewig Drägen.“ „Ah! Valentine, dieſer Gedanke iſt furchtbar.“ „Und ſiehſt Du, dennoch lebe ich mit dieſem Ge⸗ danken,“ ſprach die unglückliche Frau in Thränen zer⸗ fließend. „Und die Angſt, die über allen meinen Ge⸗ danken, über allen meinen Handlungen ſchwebt, ich bin genöthigt, ſie vor ihm zu verbergen, denn wenn er mich traurig, bekümmert ſähe, weißt Du, was er mit ſeinem zärtlichen, anmuthigen Lächeln zu mir ſagen würde? „„Meine arme Valentine, wozu nützt dieſe Trau⸗ rigkeit ? Sind wir nicht jung und lieben wir nicht ein⸗ ander? Denken wir nur an das Glück .. Ich liebe Dich ſo ſehr, als es mir zu lieben möglich iſt „ich liebe Dich wie ich kann und wie ich zu lieben weißz nimm mich ſo an, wie ich bin „ wenn nicht, wenn ich Dich unwillkürlich betrübt habe, wenn ich Dir nicht mehr gefalle, laß mich, ſuche beſſer und bleiben wir Freunde. Nach meinem Sinn muß die Liebe nur Freude, Glückſeligkeit, Zärtlichkeit . und Ruhe ſein. Es muß ein ſchöner ſiets friſcher und ruhiger See ſein⸗ worin ſich die lachendſten Seligkeiten des Lebens ſpie⸗ geln. Warum ihn verdüſtern, trüben durch Aufregungen, 47 vurch unnöthige Bangigkeit? Kann man ſich nicht in Ruhe lieben? Auf, mein Engel, genießen wir im Frieden unſere Jugend; derjenige, welcher in ſeinem Leben zehn Tage eines vollſtändigen, ſtrahlenden Glücks gelebt hat, muß zufrieden ſein und mit den Worten: Dank Dir, mein Gottl! ſterben. Wir haben hun⸗ dert und mehr ſolche Tage gelebt, meine Valentine!. . und wir werden tauſend und darüber leben, wenn es Dir gefällt . . . denn ich bete Dich an . bin ich nicht zu träge, um unbeſtändig zu ſein? Und dann, könnte ich ohne Bangen daran denken, neue Liebſchaften zu ſuchen ? „Ja,“ fügte Valentine mit ſchmerzlicher, wachſen⸗ der Heftigkeit bei, während Florence tief nachzudenken ſchien, „ja, ſo betrachtet Michel die Liebe. Ja, dieſe Abwechslungen von Freude und Thränen, dieſe unbe⸗ ſtimmten Bangigkeiten, dieſe tolle aber furchtbare Eifer⸗ ſucht, welche, die Vergangenheit und ſogar die Zukunft anklagend, das Herz zermartert und zermalmt. ja, dieſe Heftigkeiten, dieſe von der Leidenſchaft unzertrennlichen Tumulte machen Michel lächeln. Es wäre für ihn eine Anſtrengung, ſie zu empfinden; ich, ich allein werde davon zerriſſen. Seine Indolenz, ich kann nicht ſagen ſeine Gieichgültigkeit, denn im Ganzen liebt er mich, wie er weiß und wie er lieben kann! .. ſeine Indolenz in der Liebe ſchmerzt mich empört mich, macht daß ich aufwalle, doch ich bewältige mich, doch ich leide, weil ich ihn, ſo wie er iſt, anbete; und das iſt noch nicht Alles. Michel ſcheint keine Ahnung von den Gewiſſensbiſſen, von den Aengſten, von den Schrecken zu haben, die mich jeden Tag belagern, denn um Stunden, zuweilen ſogar Tage mit ihm zuzubrin⸗ gen, muß ich Lügen auf Lügen häufen, mich beinahe der Discretion meiner Leute anheimgeben, ſtets neue Vorwände für meine häufigen Ausgänge ſuchen, in einer beſtändigen Aufregung leben, und kehre ich nach Hauſe zurück, ah! Florence, wüßteſt Du, welche gräß⸗ 48 liche Laſt ich dann auf dem Herzen habe, wenn ich nach einer langen Abweſenheit die Hand an den Klopfer meiner Thüre lege, und mir ſage: Alles iſt viel⸗ leichtentdeckt! Und wenn ich meinem Mann von Angeſicht zu Angeſicht gegenüberſtehe „. ein neues Märtyrthum! ſeinem Blick trotzen „in ſeinen Zü⸗ gen zu leſen ſuchen, ob er den geringſten Verdacht hat, zittern, aber innerlich zittern bei ſeinen unbedeutendſten Fragen! ruhig, gleichgültig ſcheinen, während ich von der Angſt gemartert werde. Und dann hinter dem Schmerz, hinter der Erniedrigung die lächelnde, ſogar eifrige Miene gegen meinen Mann haben, den ich ver⸗ abſcheue! Ja, ich muß ihm ſchmeicheln, da ich ihn fürchte, da ich ſeinen Verdacht zu entfernen hoffe, wenn ich mir eine freundliche, heitere Phyſiognomie mache... Begreifſt Du, Florence? ich muß zuweilen heiter ſein. Begreifſt Du? heiter!! während ich den Tod in der Seele habe. Höre, Florence, ein ſolches Leben iſt die Hölle; ſie brennt, ſie zehrt auf, ſie tödtet. . und den⸗ noch wäre es mir unmöglich, darauf zu verzichten.“ „Ah! Valentine,“ rief Frau von Luceval, indem ſie ſich in die Arme ihrer Freundin warf, „Du haſt mich gerettet, Dank Dir, meine zärtliche Freundin, Dank, Du haſt mich gerettet.“ Ebenſo erſtaunt über die Bewegung, als über die Worte von Florence, empfing Frau von Infreville ihre Umarmung mit tiefbewegtem Gemüth. ———— Sechstes Rapitel. Frau von Luceval hatte in der That ihrer Freun⸗ din ſeit einigen Augenblicken mit doppelter Theilnahme und Neugierde zugehört, und endlich, als ſie der Gr⸗ ſchütterung ihres Gemüthes nicht länger widerſtehen konnte, hatte ſie ſich Valentine in die Arme geworfen und ausgerufen: „Dank, Dank Dir, meine zärtliche Freundin, Du haſt mich gerettet!“ Nach dieſem Erguſſe ſchaute Valentine die junge Frau mit dem größten Erſtaunen an, und ſagte: „Mein Gott, Florence, erkläre Dich .. wofür dankſt Du mir? von was habe ich Dich gerettet?“ „Ich muß Dir wahrlich toll vorkommen,“ erwie⸗ derte Frau von Luceval halb lächelnd, „doch wenn Du wüßteſt, welchen Dienſt Du mir leiſteſt? 4 „Ich?“ „Oh! gewiß, einen großen, ungeheuren Dienſt,“ fügte Florence mit einer Miſchung von Schal heit und Treuherzigkeit bei, die ſich nicht ſchildern läßt; „ſtelle Dir vor, daß ich Dich Anfangs, als ich erfuhr, Du habeſt einen Geliebten, beneidete .. wie ich Dich im Kloſter beneidete, als ich noch ein Mädchen war und ich Dich verheirathet ſah . . und dann, warum ſoll ich es Dir verbergen? ich fand im Charakter un⸗ ſeres Vetters Michel ſo viel Einklang mit meinem Ge⸗ ſchmack und meiner Weiſe zu ſein, daß ich mir ſagte: „„Wie würde das, was die arme Valentine zur Ver⸗ zweiflung bringt, mich im Gegentheil verführen, wieder beleben! . . . mich, die ich nie geliebt habe . . Ge⸗ rade ſo würde ich die Liebe verſtehen: Trägheit zu Die ſieben Todſünden. 4 50 zwei, und mir ſcheint, ich wäre ſehr glücklich, wenn ich auch einen kleinen Michel hätte.““ „Florence, was ſagſt Du?“ „Laß mich vollenden . und um Dir nichts zu verbergen . „da ich das Vorgefühl vom Herannahen großer Stürme zwiſchen meinem Mann und mir habe, da er mir immer unerträglicher wird, ſo erblicke ich unbeſtimmt in der Zukunft (wenn ich endlich, wie Du, zum Aeußerſten getrieben wäre) die Nothwendigkeit, vielleicht eines Tages Tröſtungen für eine ſo unpaſſende Verbindung zu ſuchen.“ „Ah! Florence,“ rief Valentine mit einem Aus⸗ druck beängſtigter Zärtlichkeit, „nimm Dich in Acht... wenn Du wüßteſt „ „Wenn ich wüßte?“ unterbrach Frau von Luceval ihre Freundin, „wenn ich wüßte? Gerade durch Dich weiß ich jetzt, und nach dem, was Du mir ge⸗ ſagt haſt, großer Gott!“ fügte die junge Frau mit einem Ausdruck naiver, beinahe komiſcher Angſt bei, „zu dieſer Stunde, da ich ſehe, wie viel Befürchtungen, Mühſeligkeiten, Aufregungen, Qualen es koſtet, einen Geliebten zu haben, ſchwöre ich Dir, daß ich nie einen haben werde! Und ich glaube, daß ich noch lieber nach dem Nordpol oder nach dem Caucaſus mit mei⸗ nem Manne ginge, als daß ich mich in die Liebesplackerei ſtürzte. Ein Geliebter! gerechter Himmel, welche Stra⸗ pazen! Auch diesmal, dafür ſtehe ich Dir, wird mir meine Trägheit als Tugend dienen; ah!. „jeder iſt tugendhaft nach ſeinen Mitteln, und wenn man es nur iſt, vas iſt die Hauptſache. Nicht wahr, Valentine?“ Florence machte, während ſie dieſe Worte ſprach, eine zugleich ſo ernſte und ſo drollige Miene, daß ihre Freundin, trotz der grauſamen Bangigkeiten ihres Ge⸗ müths, ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte, in⸗ deß Frau von Luceval beifügte: „Oh! arme Valentine „„ich beklage Dich 51 ich beklage Dich doppelt . . . denn Du haſt recht ein ſolches Leben iſt eine wahre Hölle!“ „Ja, ja, eine Hölle und glaube mir, Florence, meine geliebte Florence, verharre bei Deinem Entſchluß, bleibe Deinen Pflichten treu, ſo läſtig ſie Dir auch ſcheinen! ah! mein Unglück diene Dir zurLehre; ich be⸗ ſchwöre Dich,“ fügte Valentine mit flehender, bewegter Stimme bei, „es wäre für mich ein ewiger Gewiſſens⸗ biß, wenn ich Dir ſchlechte Gedanken oder ein ſchlechtes Beiſpiel gegeben hätte ... Mein ganzes Leben würde ich mir als ein Verbrechen das Vertrauen vorwerfen, das ich zu Dir, Florence, meine zärtliche Freundin, gehabt habe; dieſer neue Kummer ſei mir wenigſtens erſpart . ſchwöre mir . „Sei doch ruhig, Valentine, ich bin wo möglich noch mehr Deiner Anſicht, als Du ſelbſt . . Bedenke doch Ich, träge, wie ich bin, ich, die ich nicht einmal meinen Lehnſtuhl verlaſſen kann, um einen Be⸗ ſuch zu machen, ich ſoll mich in einen ſolchen Strudel werfen! und beſonders bei einem Mann, wie der mei⸗ nige, der zehnmal des Tags zu mir kommt, „es unternehmen, einen ſolchen Mann zu täuſchen! Das wäre eine Arbeit, die mir Schwindel macht, wenn ich nur daran denke. Nein, nein, die Lehre iſt gut, ſie wird ihre Früchte tragen, dafür ſtehe ich Dir. Doch, ſprechen wir von Dir „. Zum Glück ſehe ich nicht, daß bis jetzt bei Deinem Mann Verdacht erweckt wor⸗ n iſt.“ „Du täuſcheſt Dich, ich befürchte es, ohne indeſſen Gewißheit zu haben.“ „Wie ſo?“ „Mein Mann lebt, wie ich Dir geſagt habe, bei⸗ nahe immer außer dem Hauſe. Er geht Morgens nach dem Frühſtück aus, und ſpeiſt meiſtens bei dem Mäd⸗ chen, das er unterhält, zu Mittag, hier empfängt er auch ſeine Freunde. Er führt ſie ins Theater, kehrt dann mit ihr in ihre Wohnung zurück, wo, wie er mir 52 erzählt hat, ein ſehr hohes Spiel geſpielt wird, und iſt ſelten vor Morgens drei Uhr oder vier Uhr wieder zu Hauſe.“ „Ein ſchönes Leben für einen verheiratheten Mann.“ „Mag es Vertrauen, mag es Gleichgültigkeit ſein, er macht wenig Fragen an mich über die Verwendung meiner Zeit. Vor zwei Tagen, als er ſich plötzlich unwohl befand, kam er Nachmittags gegen zwei Uhr nach Hauſe, ich glaubte, er würde den ganzen Tag ab⸗ weſend ſein, denn er hatte mir geſagt, er ſpeiſe aus⸗ wärts, und ich kam auch erſt gegen zehn Uhr Abends von Michel zurück.“ „Mein Gott! wie mußt Du erſchrocken ſein, als Du hörteſt, Dein Mann ſei nach Hauſe gekommen! Ich bebe, wenn ich nur daran denke. . . und man hat einen Geliebten!“ „Ich erſchrack dergeſtalt, daß es mein erſter Ge⸗ vanke war, nicht in meine Wohnung hinaufzugehen, und mich wieder zu entfernen, um nie mehr zurück⸗ zukehren.“ „Dazu hätte ich mich entſchloſſen.. und ich weiß voch nicht „nein! ich wäre ſicherlich vor Angſt ge⸗ ſtorben.“ „Nun! ich raffte allen meinen Muth zuſammen und ging hinauf; der Arzt war da. Herr von Infre⸗ ville befand ſich ſo unwohl, daß er nur einige Worte an mich richtete. Ich wachte die Nacht bei ihm mit einer heuchleriſchen Verdoppelung meines Eifers. Als er wieder ruhiger war, fragte er mich, warum ich den ganzen Tag abweſend geweſen und wohin ich gegangen ſei. Ich hatte meine Antwort und meine Lüge ausge⸗ ſonnen und ſagte ihm, ich ſei den ganzen Tag bei Dir geweſen, wie dies oft geſchehe, da er mich beinahe immer allein laſſe. Er ſchien mir zu glauben und ſagte ſogar, er billige meine Handlungsweiſe, da er Herrn von Luceval dem Namen nach kenne, und meine Perbindung mit ſeiner Fran mit Vergnügen ſehe. Ich 53 glanbte, ich ſei gerettet; doch geſtern Abend entſtanden neue Befürchtungen bei mir; ich hörte von meiner Kammerfrau, mein Mann habe fie ſehr geſchickt befragt⸗ ob ich oft abweſend ſei.“ „Mein Goit! . alle Angſt mußte bei Dir wie⸗ derkehren! Welche Verlegenheit! . .. welche Worte! und man hat einen Geliebten!“ „Meine Angſt wurde ſo peinlich, daß ich mich ver⸗ loren glaubte. Da ich mich um jeden Preis aus einer ſo unerträglichen Lage befreien wollte, ſo ging ich zu Michel. „Faſſen wir einen äußerſten Entſchluß,““ ſagte ich zu ihm, „ich will Alles meiner Mutter ge⸗ ſtehen, ihr mittheilen, mein Mann hege ernſten Ver⸗ dacht und es bleibe mir nichts übrig, als zu fliehen. In meiner Liebe für Sie, Michel, werde ich die Kraft ſchöpfen, meine Mutter zu beſiegen. Ich kehre nicht mehr zu meinem Manne zurück. Meine Mutter und ich werden Paris noch heute Abend verlaſſen. Wir gehen nach Brüſſel; Sie folgen uns dahin nach. Das Wenige, was Ihnen noch übrig bleibt, und meine Ar⸗ beit, werden uns zum Lebensunterhalt genügen; wir reiſen, wenn es ſein muß, um andere Mittel zu finden; aber ich werde wenigſtens, ſo dürftig, ſo geplagt auch unſere Eriſtenz ſein mag, von der furchtbaren Noth⸗ wendigkeit, jeden Tag zu lügen oder in beſtändiger Angſt zu leben, befreit ſein . . Dieſe Qualen haben Sie nie geahnet, Michel, denn ich habe ſie Ihnen verborgen .„ doch ich kann nicht mehr länger leiden.““ „Und er willigte ein?“ „Er!“ rief Valentine voll Bitterkeit, „ah! wie wahnſinnig war ich, daß ich auf einen ſolchen Entſchluß bei ihm rechnete! .. Er ſchaute mich ganz erſtaunt an; dieſes harte, bewegte, vielleicht unglückliche Leben erſchreckte ſeine Trägheit . . . oder vielmehr ſeine ab⸗ ſcheuliche Selbſtſucht . . er behandelte mein Vorhaben als Tollheit, und ſagte mir, man müſſe ſolche äußerſte Entſchlüſſe nur in der größten Noth faſſen, mein Mann 54 habe im Ganzen hochſtens Verdacht, und es iſt Michel, der mir den Gedanken mit dem Brief eingegeben hat, um den ich gebeten.“ „Valentine, er hat vielleicht Recht, daß er zu fliehen zögert, und zwar gerade in Deinem Intereſſe, denn es ſteht nichts verzweifelt.“ „Florence, eine Ahnung ſagt mir, daß . 14 Frau von Infreville konnte nicht vollenden. Ein neuer Vorfall unterbrach dieſe Unterredung. Es war beinahe Nacht geworden. Man hatte das Ende der letzten ſchönen Herbſttage erreicht; der Salon, in dem ſich die beiden jungen Frauen befanden, war nur noch durch die Dämmerungshelle erleuchtet, die auf den Sonnenuntergang folgt. Die Zimmerthüre wurde ungeſtuͤm geöffnet. Herr von Luceval und Herr von Infreville erſchie⸗ nen vor den erſtaunten Augen von Florence und Va⸗ lentine. Vom Schrecken ergriffen rief dieſe: „Ich bin verloren!“ Und beim Anblick von Herrn von Luceval, der Herrn von Infreville begleitete, von der Scham niedergedrückt, verbarg ſie ihr Geſicht in ihrem Taſchentuch. Florence näherte ſich ihrer Freundin, als wollte ſie dieſelbe beſchützen, und ſprach gebieteriſch: „Was wollen Sie, mein Herr?“ „Sie der Lüge und einer ſchmählichen Mitſchuld ſe rief Herr von Luceval mit drohendem one. „Ich hatte erfahren, Frau von Infreville bringe ſeit einiger Zeit ganze Tage außer dem Hauſe zu, Ma⸗ dame,“ fügte der Andere ſich an Florence wendend bei, während ihre Freundin, von einem krampfhaften Zittern ergriffen, fortwährend ihr Geſicht unter ihren Händen verbarg; „geſtern fragte ich Frau von Infreville, wo ſie ihren Tag zugebracht habe. Sie antwortete mir, ſie habe ihn bei Ihnen zugebracht. Dieſer Brief von Ihnen, Madame (und er zeigte ihn), in Genoſſenſchaft mit meiner Frau geſchrieben und beſtimmt, mich durch eine ſchändliche Lüge zu bethören, iſt in die Hände von Herrn von Luceval gefallen. Er hat mir bei ſeiner Ehre geſchworen, und ich glaube es, daß er Frau von Infreville nie geſehen. Ich denke, Madame, Sie kön⸗ nen nicht länger behaupten, was aller Wahrheit ent⸗ gegengeſetzt iſt.“ „Ja, Madame,“ rief Herr von Luceval, „Ihre Er⸗ klärung muß einer ſchuldigen Frau den letzten Schlag beibringen; das wird eine von den Strafen für Ihre verabſcheuenswerthe Mitſchuld ſein.“ „Alles, was ich Ihnen zu erklären habe, mein Herr,“ erwiederte Florence entſchloſſen, „beſchränkt ſich darauf, daß Frau von Infreville meine beſte Freundin iſt und immer ſein wird, und je unglücklicher ſie ſein wird, deſto mehr darf ſie auf meine zärtliche Zuneigung zählen.“ „Wie, Madame,“ rief Herr von Infreville, „Sie wagen es „ „Ich werde noch viel mehr wagen, ich wage es, Herrn von Infreville zu ſagen, daß ſein Benehmen gegen ſeine Frau ſtets das eines Mannes ohne Herz und ohne Ehre geweſen iſt.“ „Genug, Madame!“ rief Herr von Luceval außer ſich. „Genug!“ „Nein, mein Herr, es iſt nicht genug,“ entgegnete Florence, „ich habe Herrn von Infreville noch daran zu erinnern, daß er bei mir iſt, und da er nun weiß, wie ich ihn ſchätze, ſo wird er einſehen, daß ſeine Gegen⸗ wart hier nicht mehr ſchicklich iſt.“ „Sie haben Recht, Madame, ich habe zu viel ge⸗ hört,“ ſagte Herr von Infreville mit einem höhniſchen Lächeln. Dann faßte er ſeine Frau ungeſtüm beim Arm und rief: „Folgen Sie mir, Madame.“ 56 Niedergeſchmettert, vernichtet erhob ſich die Un⸗ glückliche maſchinenmäßig, während ſie ihr Geſicht be⸗ ſtändig in ihren Händen verbarg, und murmelte: „Oh! meine Mutter, meine Mutter!“ „Valentine, ich verlaſſe Dich nicht,“ rief Florence auf ihre Freundin zuſtürzend; aber im höchſten Grade gereizt umſchlang Herr von Luceval ſeine Frau voll Heftigkeit mit dem Arm, hielt ſie ſo feſt und rief: „Das heißt mir allzufrech trotzen.“ Herr von Infreville benützte dieſen Augenblick, um Valentine fortzuziehen; mit einer von Schluchzen unter⸗ brochenen Stimme warf Frau von Infreville durch das Taſchentuch, das ihr Geſicht bedeckte, die letzten Worte; „Florence, lebe wohl!“ Und ſie verſchwand mit Herrn von Infreville. Bleich vor Entrüſtung und Schmerz blieb Frau von Luceval einen Augenblick von ihrem Mann feſt gehalten, der ihr die Freiheit ihrer Bewegungen erſt wieder gab, als Valentine das Zimmer verlaſſen hatte. Die junge Frau ſprach dann mit ruhigem Tone: „Herr von Luceval, Sie haben auf eine rohe Weiſe die Hand an mich gelegt . von dieſem Tag an iſt auf immer Alles zwiſchen uns zerriſſen.“ „Madame!“ „Sie haben Ihren Willen, mein Herr, ich habe den meinigen, und werde es Ihnen beweiſen.“ „Und Ihr Wille, Madame,“ erwiederte Herr von Luceval mit höhniſchem Tone, „werden Sie wenigſtens die Güte haben, ihn mir zu bezeichnen?“ „Gewiß.“ „So laſſen Sie hören.“ „Wir werden uns in der Güte, ohne Lärmen, ohne Scandal trennen.“ „Ah! Madame, das wird ſo abgemacht.“ habe ſagen hören, man mache dies ſehr oft o ab.“ — 57 „Und kaum ſiebenzehn Jahre alt wird Madame nach ihrem Belieben in der Welt umherlaufen können?“ „In der Welt umherlaufen! Gott behüte mich, mein Herr, Sie wiſſen, daß dies nicht mein Ge⸗ ſchmack iſt.“ „Es iſt hier nicht am Platze, zu ſcherzen, Madame,“ rief Herr von Luceval, „ich frage Sie, ob Sie wirk⸗ lich toll genug ſind, ſich einzubilden, Sie können ſich mit kaum ſiebenzehn Jahren die Phantaſie, allein zu leben, erlauben während Sie in der Gewalt eines Mannes ſind.“ „Ich gedenke durchaus nicht, allein zu leben.“ „Und mit wem wird dann Madame leben?“ „Valentine iſt unglücklich, ich ziehe mich zu ihr und ihrer Mutter zurück. Gott ſei Dank, mein Ver⸗ mögen iſt unabhängig von dem Ihrigen, mein Herr.“ „Sie wollen ſich zu dieſer Unglücklichen zurück⸗ ziehen! zu einer Frau, die einen Liebhaber gehabt hat.. zu einer Frau, die ihr Mann heute Abend aus dem Hauſe jagen wird, woran er ſehr wohl thutl... zu einer Frau, die die Verachtung aller ehrlichen Leute verdient! . . . Bei einem ſolchen Geſchöpf wollen Sie leben! . Schon weil Sie ein ſolches Vorhaben nur geſtehen, ſollte man Sie einſperren, Madame.“ „Herr von Luceval, ich bin furchtbar angegriffen durch die Ereigniſſe dieſes Tages, Sie werden mich verbinden, wenn Sie mich ruhig laſſen; ich füge nur bei, daß, wenn ein Menſch die Verachtung der ehr⸗ lichen Leute verdient, dies Herr von Infreville iſt, denn ſeine unwürdige Behandlung hat ſeine Frau ins Ver⸗ derben gebracht. Was Valentine betrifft, ſo iſt das, was ſie verdient und was ſie ſtets von mir erwarten darf, das zarteſte Mitleid.“ „Das iſt unerhört, das iſt um Sie einzuſperren, ſage ich Ihnen.“ „Vernehmen Sie meine letzten Worte, Herr von 58 Luceval: man wird mich nicht einſperren, ich werde meine Freiheit haben, Sie werden die Ihrige haben, und von meiner Freiheit werde ich Gebrauch machen.“ „Oh! das werden wir ſehen, Madame!“ „Sie werden es ſehen, mein Herr!“ Endedes Prologs. Siebentes Rapitel. ungefähr vier Jahre find ſeit den Ereigniſſen verfloſſen, die wir zuletzt erzählt. Der Winter iſt außerordentlich ſtreng, die Kälte erſtarrend, der Himmel grau und düſter. Eine Frau ſchreitet raſch durch die Rue de Vau⸗ girard, da und dort ſtehen bleibend, um die Hausnum⸗ mern ſich anzuſehen, als ob ſie eine Adreſſe ſuchte. Dieſe Frau in Trauerkleidern ſcheint zweiundzwan⸗ zig bis dreiundzwanzig Jahre alt zu ſein; groß, ſchlank, dunkelbraun, mit großen, ſchwarzen Augen voll Aus⸗ druck und Feuer; ihre Züge ſind ſchön, obwohl etwas angegriffen; ihre lebhafte und bewegliche Phyſiognomie enthüllt zuweilen eine ſchmerzliche Trauer, oder eine ungeduldige Unruhe, ihr ungleicher, bisweilen haſtiger Gang verräth nicht minder ihre große Aufregung. Als dieſe junge Frau beinahe die Hälfte der Rue de Vaugirard zuruͤckgelegt, betrachtete ſie von Neuem die Nummern der ungeraden Seite, und vor Nummer 57 angekommen, blieb ſie ſtehen; ſie zitterte und legte die Hand aufs Herz, als wollte ſie dem heftigen Pochen Einhalt thun; nachdem ſie einige Augenblicke unbeweg⸗ lich vor dem Hauſe geſtanden, wandte ſie ſich nach dem Thorwege, machte dann von Neuem Halt, und zögerte ſichtlich einzutreten; als ſie jedoch den Anſchlag geleſen, der von mehreren zu vermiethenden Zimmern ſprach, trat ſie entſchloſſen ein und blieb vor der Loge des Portiers ſtehen. 60 „Sie haben,“ ſagte ſie zu ihm, „Zimmer zu ver⸗ miethen?“ „ „Ja, Madame , den erſten Stock, den dritten Stock und mehrere einzelne Zimmer.“ „Der erſte Stock wäre ohne Zweifel für mich zu theuer . der dritte würde mir beſſer conveniren; wie theuer iſt er?“ „Sechshundert Franken, Madame „„der äußerſte Preis „er iſt ganz neu geputzt . . . es fehlen nur noch die Tapeten.“ „Und aus wie vielen Zimmern beſteht er?“ „Eine Küche, welche auf die Flur geht, ein kleines Speiſezimmer, ein Salon und ein hübſches Schlaf⸗ zimmer mit großem Cabinette, wo man ein Bett für einen Dienſtboten aufſtellen kann. Wenn .. Madame ſich bemühen wollten, könnten Sie ſelbſt ſehen.“ „Vor Allem wünſche ich zu wiſſen, wer das Haus bewohnt. Ich bin Witwe, ich lebe allein. Sie begreifen, warum ich dieſe Frage an Sie richte.“ „Das iſt ganz natürlich . Das Haus gehört übrigens zu den ſtillſten; der erſte Stock iſt leer, wie ich Ihnen ſagte. Den zweiten bewohnt ein Profeſſor der Juriſtenfakultät, ein ſo ehrenwerther Mann, wie ſeine Frau, der dritte Stock iſt der, welchen ich Ihnen vorgeſchlagen, und den vierten, welcher aus drei kleinen Zimmern und einer Entrée beſteht, hat ein junger Mann gemiethet; . . . wenn ich ſage junger Mann, ſo iſt das nur eine Redensart. Denn Herr Michel Renaud muß ſechs bis achtunddreißig Jahr alt ſein.“ Bei dem Namen Michel Renaud wurde die junge Frau, trotz der großen Herrſchaft, die ſie über ſich ſelbſt hatte, bald roth, bald blaß, ein ſchmerzliches Lächeln zog ihre Lippen zuſammen, und ihre großen, ſchwarzen Augen ſchienen unter den langen Wimpern noch feuri⸗ ger zu ſein. Ihrer Aufregung raſch Meiſter werdend, fragte ſie mit ruhiger Stimme und gleichgültiger Miene: * — — — ——— — ——— — —— 61 „Die Zimmer des dritten Stockes ſind alſo gerade unter denen des „dieſes Herrn? „Ja, Madame.“ „Und dieſer Herr iſt verheirathet?“ „Nein, Madame.“ „Noch einmal, Sie dürfen über die Fragen nicht erſtaunen, die ich an Sie richte; aber ich muß Ihnen ſagen, ich kann den Lärm über meinem Kopfe durchaus nicht ertragen, und ich fürchte ſehr die ſchlechte Geſelk⸗ ſchaft, oder, ich möchte wiſſen, hat mein Nachbar nicht, wie andere junge Leute, geräuſchvolle Gewohnheiten.. und jene leichifertigen Bekanntſchaften die mir auf der Flur, wenn ich ausgehe oder heimkehre, zu be⸗ gegnen höchſt unangenehm wäre.“ „Er!“ rief der Portier mit dem Tone des Vor⸗ wurfs, — „Herr Michel Renaud Frauenzimmer empfan⸗ gen ah! Madame! ah! Madame! . Und dabei faltete er die Hände. Ein Blitz der Freude und der Hoffnung erleuchtete für einen Augenblick die traurige Phyſiognomie der jungen Frau, die mit einem halben Lächeln fortfuhr: „Ich bin weit entfernt, die Sitten dieſes Herrn verdächtigen zu wollen, und das Erſtaunen, in das Sie meine Frage verſetzt, beruhigt mich vollkommen.“ „Michel Renaud, Madame, iſt ein geordneter, jun⸗ ger Mann, wie kaum ein zweiter; alle Tage, die Gott gibt, Sonntage und Feſttage, geht er um drei oder vier Uhr Morgens aus und kehrt erſt nach Mitternacht zurück.. er empfängt niemals Beſuche.“ „Ich glaube wohl ſie müßten ſehr frühzeitig ſein,“ fagte die junge Frau, die höchſt erſtaunt über dieſe Mittheilungen ſchien; „wie? alle Morgen ſteht der junge Mann ſo bald auf?“ „Ja, Madame, Sommer und Winter hindert ihn nichts daran.“ „Aber fuhr die junge Frau fort, als könnte . S — 62 ſie nicht an das glauben, was fie hoͤrte, — „bas iſt ein Wunder von Fleiß, dieſer Mann „ Ich kann Ihnen darüber nichts ſagen, Madame; alles, was ich weiß, iſt, daß er ſo früh wie ein Dorf⸗ hahn aufſteht.“ „Und ohne unbeſcheiden zu ſein, mein Herr,“ fragte die junge Frau, durch das, was ſie hörte, in immer größeres Erſtaunen verſetzt, „was iſt denn das Geſchäft dieſes Herrn, der Morgens um drei oder vier ausgeht, und erſt nach Mitternacht zurückkehrt?“ „Madame, Sie fragen mich mehr, als ich weiß .. Gewiß iſt aber, daß dieſer Miethsmann Sie nicht im Mindeſten geniren wird . . . „Allerdings, ich könnte keine Nachbarſchaft finden, die mehr nach meinem Geſchmack wäre, aber „ aber aufrichtig geſagt, es iſt unmöglich, daß Sie das Geſchäft Ihres Miethsmannes nicht kennen.“ „Was wollen Sie, daß ich Ihnen ſage, Madame, ſeit drei Jahren wohnt Herr Renaud hier es iſt nur ein Brief an ihn angekommen einfach „Herrn Renaud“ adreſſirt, und er empfängt keine lebende Seele.“ „Aber er iſt nicht ſtumm?“ „Meiner Treu, Madame, nicht viel beſſer. Wenn er geht, liege ich noch im Bette; wenn er heimkehrt gleichfalls. WMorgens ſagt er zu mir: „„Oeffnen Sie gefälligſt,““ und Abends, wenn er das Licht nimmt: „„Gute Nacht, Herr Landri““ (das iſt mein Name). Das ſind all unſre Geſpräche . . Ah! doch, ich ver⸗ geſſe „Was vergeſſen Sie?“ „Am Tage vor dem Zahltermin ſagte er Abends, während er ſechzig Franken auf meinen Tiſch legte: „„Ich bringe Ihnen hier das Miethgeld, Herr Landriz““ des andern Tages, Abends, ſagte ich zu ihm: „„Die Quittung liegt neben Ihrem Handleuchter, Herr Re⸗ 63 naud.“ Er nimmt ſie und ſagt: „„Ich danke, Herr Landri.“ Und das iſt in drei Monaten „Es iſt wirklich unmöglich, weniger mittheilſam zu ſein und . nicht einmal die Neugierde konnte Sie bewegen, dem Geheimniß dieſer wirklich myſte⸗ riöſen Exiſtenz nachzuſpionen? Hat er denn Niemanden, der ihn bedient?“ „Nein, Madame . er thut Alles ſelbſt das heißt, er macht ſein Bett, wichst ſeine Stiefeln, reinigt ſeine Kleider und kehrt ſein Zimmer aus . „Er Konnte ſich die junge Frau nicht enthalten, vor Erſtaunen auszurufen; dann ſich faſſend fügte ſie hinzu: „Wie dieſer. .. Herr macht ſich ſo viele Mühe! „Nun!“ erwiederte der Portier, der über das Er⸗ ſtaunen der jungen Frau ſich zu wundern ſchien, „das iſt ja ganz natürlich, nicht alle Welt hat fünfzigtauſend Franken Renten, und wenn man nichts hat, um ſich bedienen zu laſſen, muß man ſich ſelbſt bedienen.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ ſagte die junge Dame in Trauer, ſich faſſend, „aber waren Sie bisweilen in dem Zimmer des Herrn?“ „Zwei Mal, Madame.“ „Und da iſt nichts Außerordentliches zu ſehen?“ „Nein, Madame, durchaus nichts „ er bewohnt nur eines der Zimmer das andere iſt nicht einmal möblirt „ „Und in ſeinem Zimmer konnte Sie da nichts ahnen laſſen was ſein Geſchäft iſt? „Mein Gott, das iſt ein Zimmer, wie alle andern Zimmer, Madame mit Nußbaum möblirt „ und ſehr reinlich „ ein Bett, eine Komode, ein Tiſch und vier Stühle, das iſt Alles.“ „Wirklich, mein Herr?“ erwiederte die junge Frau, wohl fühlend, daß ihre Fragen, und beſonders ihr Er⸗ ſtaunen auffallen mußten, „ich bemerke etwas ſpät, daß 64 ich ſehr indiskret bin, aber Sie werden es natürlich ſinden, denn Sie haben ſicher, ſeitdem Sie Miethsleute haben, noch keinen ſo ſeltſamen Menſchen beherbergt, als „ dieſen Herrn.“ „Allerdings, Madame, das iſt wahr... Da jedoch Herr Michel Renaud ſeinen Miethzins bis auf den letz⸗ ten Heller bezahlt, da es keinen ruhigeren Hausbewoh⸗ ner geben kann, ſofern er nicht eine Katze empfängt, ſo ſage ich mir, er mag thun, was ihm beliebt .. Doch, Madame, wollen Siedie Zimmer ſehen?“ „Gewiß, denn nach Allem werde ich wohl keine paſſendere Wohnung finden.“ Während dieſe Miethsfrau in spe in den Fuß⸗ tapfen des Portiers die Treppen hinaufſtieg, ereignete ſich im Nebenhaus, deſſen Parterre von einem Café eingenommen war, eine andere, ziemlich ſeltſame Scene. Dieſes ſonſt ſehr beſuchte Caſé zählte in dieſem Augenblicke nur einen einzigen Gaſt, der vor einem Tiſche ſaß, auf welchem eine Waſſercaraffe, Zucker und ein Glas Abſinth ſtand. Dieſe Perſon, welche erſt ſeit Kurzem eingetreten, war ein Mann von höchſtens dreißig Jahren, mager, nervig, mit ſonnenverbranntem Teint, ſtark ausgeprägten Zügen . und einer lebendigen Geberde; er nahm mehrere Journale, eins nach dem andern, und ſchien ſie raſch zu durchlaufen, während er ſeine Cigarre rauchte; aber ſeine Gedanken waren, wie leicht zu be⸗ merken, nicht bei dem, was er las, wenn er überhaupt las; er ſchien die Beute einer tiefen Trauer, die dann und wann eine heftige Regung durchzuckte, welche ſich in ſeinen ungeſtümen Bewegungen offenbarte; ärgerlich warf er auch das letzte Journal auf den Marmortiſch, als er es durchgeblättert. Nachdem er einen Augenblick ſeinen Gedanken freien Lauf gelaſſen, rief er den Gargon in kurzem und ſtren⸗ gem Tone. 65 Der Gargon, ein Menſch mit grauen Haaren, kam raſch herbei. „Gargon! . . . Fringen Sie mir ein Glas mit Abſinth,“ ſagte der Mann mit der Cigarre. „Aber, mein Heitr, Ihr Glas iſt noch voll.“ „Ah, ja!“ und unſer Mann leerte ſein Glas, das der Gargon von Neuem füllte. 3 „Sagen Sie mir,“ begann der Mann mit der Ci⸗ garre wieder, „dies Café gehört zu dem Hauſe Nummer 59, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Wollen Sie hundert Sous verdienen?“ fragte der Mann mit der Cigarre. Und als ihn der Gargon ganz erſtaunt anſah, ſagte er wiederum: „Ich frage Sie, ob Sie hundert Sous verdienen wollen?“ „Ich mein Herr „ aber „Wollen Sie, Ja oder Nein?“ „Ich will gerne, mein Herr, was muß ich thun?“ „Sprechen .5 „Sprechen? von was mein Herr?“ „Auf einige Fragen antworten.“ „Das iſt ſehr leicht . . wenn ich Weiß „Sind Sie ſchon lange in dieſem Café?“ „O ja! „ſeit ſeiner Gründung, mein Herr, ſeit zehn Jahren.“ „Sie bewohnen dies Haus?“ „Ja, mein Herr . . ich ſchlafe im fünften Stock.“ „Sie kennen alle Bewohner?“ „Dem Namen . . . und dem Anſehen nach, ja, mein Herr, aber das iſt auch Alles „. Ich bin der einzige Gargon hier . . . und habe keine Zeit, mich um Andere zu bekümmern.“ „ Nach einigen Augenblicken peinlichen Zogerns, wäh⸗ rend welcher die Züge des Mannes mit der Cigarre Die ſieben Todſünden. 5 66 eine ſchmerzliche Angſt verriethen, ſagte er zu dem Gargon mit einer etwas angegriffenen Stimme: „Wer bewohnt den vierten Stock?“ „Eine Dame, mein Herr.“ „Eine Dame „ ganz allein?“ Und ſeine Bangigkeit ſchien zu wachſen, während er die Antwort des Gargon erwartete. „Ja, mein Herr,“ antwortete dieſer,, eine Dame ganz allein.“ „Witwe?“ „Das weiß ich nicht, mein Herr; ſie nennt ſich Madame Luceval, das iſt Alles, was ich Ihnen ſagen kann.“ „Sie können ſich denken, mein Lieber, daß, wenn ich Ihnen hundert Sous verſpreche, ich auch etwas er⸗ fahren will.“ „Nun, mein Herr, man ſagt, was man weiß.“ „Wohl wahr. Aber, offen geſagt, was denkt man im Hauſe von dieſer Dame und wie nennt man ſie?“ Sichtlich machte der Gaſt dieſe Frage, um das leichte Zittern ſeiner Stimme zu verbergen und Zeit zu gewinnen, ſeiner wachſenden Bewegung Herr zu werden. „Dieſe Dame, mein Herr, heißt, wie ich Ihnen be⸗ reits ſagte, Madame Luceval „ und man müßte ſehr boshaft ſein, wollte man ihr etwas nachſagen .. denn man ſieht ſie nie . .. „Wie?“ „Dam mein Herr, ſie geht nie ſpäter als halb vier oder vier Uhr aus . Sommer und Winter; und obgleich ich erſt nach Mitternacht zu Beite gehe, höre ich ſie doch jedesmal noch ſpäter nach Hauſe kehren.“ „Wie? das iſt unmöglich . rief der Mann mit der Cigarre mit eben ſo großem Erſtaunen, als die Frau in Trauer bei der Mittheilung der unglaub⸗ ——— 67 1 frühen Gewohnheit Michel Renauds an den Tag gelegt. * „Wie?“ fragte er, „dieſe Dame geht jeden Tag vor vier Uhr Morgens aus?“ „Ja, mein Herr, ich höre ſie die Thüre ſchließen.“ „Das iſt kaum glaublich,“ ſagte der Mann mit der Cigarre. und nachdem er einen Augenblick nachgeſonnen, fragte er: „Und was kann denn dieſe Frau alle Tage aus⸗ wärts thun?“ „Ich weiß es nicht, mein Herr.“ „Aber vnzertt man davon in dieſem Hauſe?“ „Nichts, mein Herr.“ „Wie nichts!l man findet das ganz natürlich?“ „In der erſten Zeit, ſo lange Madame Luceval hier wohnte was beinahe vier Jahre her iſt, erſchien ihre Lebensart allerdings höchſt auffallend, ſpäter aber kümmerte man ſich nicht mehr darum . . „ denn, wie ich Ihnen ſchon ſagte, mein Herr, man ſieht ſie nie; dadurch vergißt man ſie . obgleich ſie ſehr hübſch iſt.“ „Nun, wenn ſie ſo hübſch iſt, mein Lieber,“ ſagte der Mann mit der Cigarre ſardoniſch lächelnd, als ob ihm die Worte den Mund verbrannt hätten, „nun, da hat ſie wohl einen Geliebten, hm?“ Dabei warf er einen düſtern und ängſtlich fragen⸗ den Blick auf den Gargon, welcher antwortete: „Ich hörte ſagen, dieſe Dame empfange nie Je⸗ manden.“ 6 „Aber Abends wenn ſie zu ſo vorgerückter Stunde heimkehrt, kommt ſie doch wohl nicht allein?“ „Ich weiß nicht, mein Herr, ob ſie Jemand bis an die Thüre begleitet aber gewiß iſt, daß auch uist das leiſeſte ſchlimme Gerücht von ihr im Umlaufe iſt „Alſo eine wirkliche Tugend?“ „Dam „„mein Herr „po ſcheint es wenigſtens, und ich bin überzeugt, das ganze Haus würde mit mir zeugen.“ In dieſem Augenblick ſtimmte das Gefühl des Man⸗ nes mit der Cigarre mit der Freude überein, welche die Frau in Trauer an den Tag gelegt, als ſie von dem Portier vernahm, Herr Michel Renaud empfange niemals „Frauenzimmer;“ aber die Züge des Unter⸗ redners mit dem Gargon, die ſich einen Augenblick auf⸗ gehellt hatten, verdüſterten ſich alsbald wieder, und er fuhr fort: „Weiß man aber nicht, welches ihre Erwerbsquellen ſind, — wovon ſie lebt?“ „Wiederum etwas, was ich nicht weiß, mein Herr, obwohl es nicht den Anſchein hat, v lebte ſie von ihren Renten .. hal ha! .. Rentiers ſtehen nicht ſo früh auf, namentlich nicht an Tagen, wie heute, wo Stein und Bein zuſammengefriert . . es ſchlug halb vier auf dem Lurembourg, als ich die Dame ausgehen hörte.“ „Das iſt ſeltſam ſeltſam; ich glaube zu träumen,“ ſagte der Mann zu ſich; dann fuhr er laut . vt: „Das iſt Alles, was Sie wiſſen?“ „Ja, Alles, mein Herr, und ich verſichere Sie, daß Niemand im Hauſe mehr weiß.“ Der Mann mit der Cigarre wurde einen Augen⸗ blick nachdenklich. Nach einigen Augenblicken ernſten Schweigens, während welcher er ſein zweites Glas Ab⸗ ſinth in kurzen Zügen trank, warf er ein ausländiſches Goldſtück auf den Tiſch und ſagte zum Gargon: „Bezahlen Sie und behalten Sie hundert Sous für ſich ſie waren leicht verdient, wie ich hoffe . „Mein Herr, ich verkangte nichts .. und wenn Sie „ „Ich ſage Ihnen nur .. . machen Sie ſich be⸗ zahlt,“ erwiederte der Mann mit der Cigarre laut. Der Gargon ging an das Comptvir, um das Gold⸗ 69 — ſtück wechſeln zu laſſen, während der Gaſt in tiefe Ge⸗ danken verſunken ſchien. Als er das Geld zurücker⸗ halten, das ihm noch zukam, verließ er das Café. Im ſelben Augenblicke verließ die junge Frau, von der wir geſprochen, das anſtoßende Haus, und kam dem Mann mit der Cigarre gerade gegenüber. Als ſie an einander vorübergingen, begegneten ſich ihre Blicke durch Zufall. Der Mann hielt eine Sekunde inne, als riefe ihm der Anblick dieſer Frau eine unbeſtimmte Erinnerung ins Gedächtniß; dann, als glaubte er, ſein Gedächtniß habe ihn getäuſcht, ſetzte er ſeinen Weg die Rue de Vaugirard hinauf fort, während ſie dem entgegenge⸗ ſetzten Ende derſelben zuging. Achtes Kapitel. Der Mann mit der Cigarre und die junge Frau in Trauer waren hart an einander vorübergeſtreift, und ſetzten ihren Weg etwa zehn Schritte je nach ent⸗ gegengeſetzter Seite fort. . als der Mann mit der Ci⸗ garre, auf einen früheren Gedanken zurückzukommen ſcheinend, ſich umwandte, um die Frau in Trauer noch einmal zu betrachten. Dioſe kehrte ſich in dieſem Augenblicke gleichfalls um; als ſie aber den Mann, den ſie bemerkt hatte, die⸗ ſelbe Bewegung machen ſah, wandte ſie raſch den Kopf ab, und ſetzte ihren Weg eiligeren Schrittes fort. Als ſie jedoch die Straße hinabging, um in den Jardin du Lurembourg zu fommen, konnte ſie ſich nicht überwinden, von Neuem hinter ſich zu ſehen; ſie ſah von ferne den Mann mit der Cigarre noch am ſelben Orte ſtehen und ihr mir den Augen folgen. Ziemlich ärgerlich darüber, daß ſie zum zweiten Mal auf der That ertappt wurde, ſenkte ſie lebhaft den ſchwarzen Schleier, und ihren Gang noch mehr beſchleunigend, trat ſie in den Luxembvurg. Der Mann mit der Cigarre kehrte, nachdem er ſich einen Augenblick beſonnen, um, eilte ſo ſehr als möglich, und kam bald an das Gitter, wo er von ferne die junge Frau nach der Seite der großen Allee des Obſervatoriums gehen ſah. Einer jener ſeltſamen Inſtinkte, die uns oft ſagen, was wir nicht ſehen können, gab der jungen Frau die ziemlich ſichere Gewißheit, daß ihr Jemand folge; ſie zögerte lange, ehe ſie ſich entſchloß, ſich ihrer Ahnung zu verſichern; ſie war gerade im Begriffe, der Verſu⸗ chung zu unterliegen, als ſie hinter ſich Jemanden ziem⸗ 16 eilig gehen hörte, bis dieſer endlich an ihrer Seite and Es war der Mann mit der Cigarre; er machte nur zwanzig Schritte vor ihr her, und kam dann in gerader Linie auf die junge Frau zu. Dieſe wich raſch zur linken Seite aus; ihr Verfolger machte dieſelbe Bewegung, näherte ſich entſchloſſen, und, ſeinen Hut abnehmend, ſagte er mit der vollkommenſten Höflichkeit u ihr: ich bitte tauſendmal um Entſchul⸗ digung, daß ich mich Ihnen auf dieſe Weiſe nähere.“ „Wirklich „ mein Herr ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.“ „Madame, erlauben Sie mir eine Frage.“ „In der That, mein Herr ich weiß nicht ℳ „Dieſe Frage, Madame, hätte ich nicht an Sie zu richten, wenn ich ſo glücklich wäre, Ihren Schleier ge⸗ lüftet zu ſehen.“ „Mein Herr .. „Vergebung, Madame, glauben Sie nicht, daß es ſich um eine unverſchämte Neugierde handelt „ ich 7¹ bin einer ſolchen Handlung unfähig; aber im Augen⸗ blicke, als ich in der Rue de Vangirard an Ihnen vor⸗ überging, ſchien es mir, als ob ich Ihnen ſchon irgend einmal begegnet wäre und da dies unter eigen⸗ thümlichen Umſtänden geſchah . .. „Mein Gott, mein Herr,“ fiel die Dame in Trauer dem Fremden ins Wort, „ich geſtehe, auch ich glaubte..“ „Mich ſchon einmal begegnet zu haben?“ „Ja, mein Herr.“ „In Chili?“ „Vor ungefähr acht Monden?“ „Einige Meilen von Valparaiſo?“ „Abends?“ „An den Ufern eines von Felſen eingeſchloſſenen Sees?“ „Eine Zigeunerbande überfiel einen Wagen in welchem Sie ſaßen, Madame.“ „Das Nahen einer Reiſecaravane auf Maulthieren, deren Glöckchen man ſeit einigen Augenblicken hörte, machte die Banditen fliehen. Dieſe Caravane, welche von Valparaiſo kam, traf mit uns zuſammen.“ „Ungefähr, wie ich ſoeben mit Ihnen in der Rue de Vaugirard zuſammentraf, Madame,“ ſagte der Mann mit der Cigarre lächelnd; „und zu größerer Sicher⸗ heit ſchlug einer der Reiſenden und drei von der Be⸗ gleitung den Inſaßen des Wagens vor, ſie bis zum nächſten Dorfe zu begleiten.“ „Und dieſer Reiſende .„. mein Herr . . waren Sie. Jetzt erinnere ich mich der Sache genau, obwohl ich nur das Vergnügen hatte, Sie wenige Augenblicke zu ſehen, denn in Chili bricht die Nacht frühzeitig an.“ „Und es war ſehr dunkel, als wir in Balameda ankamen, .. . wenn ich mich recht erinnere, hieß ſo der Ort, Madame ...5 „Ich erinnere mich des Namens nicht mehr ... mein Herr;z aber woran ich mich noch erinnere und ewig erinnern werde, das iſt Ihre außerordentliche 72 Gefälligkeit;. . denn, nachdem Sie uns bis zu dem, Dorfe begleitet hatten, mußten Sie noch in der Nacht zu Ihrer Caravane ſtoßen die nordwärts ging . . nicht wahr?“ „Ja, Madame 4 „Und Sie haben ſie, wie ich hoffe, mein Herr, ohne daß Ihnen etwas zugeſtoßen wäre, ohne ein Un⸗ glück erreicht? Uns peinigte eine doppelte Angſt: die Wege über jene Abhänge ſind ſchrecklich . . . und die Zigeuner konnten leicht zwiſchen den Felſen ſich ge⸗ lagert haben.“ „Ich kam auf die angenehmſte Weiſe zu meiner Caravane zurück, Madame; mein Maulthier durfte ſeine Schritte nur ein wenig beſchleunigen.“ „Wirklich, mein Herr . . . geſtehen Sie, daß es ſehr ſeltſam iſt, im Jardin du Luxembourg eine Be⸗ kanntſchaft aus den Einöden von Chili zu erneuern.“ „Sehr ſeltſam, in der That, Madame „. Aber es fängt an zu ſchneien; erlauben Sie mir, Ihnen meinen Arm anzubieten, nur um Sie mit meinem Schirme zu beſchützen ich werde die Ehre haben, wenn Sie es erlauben, Sie bis zum nächſten Fiaker⸗ platze zu begleiten?“ „Ich befürchte, mein Herr, Ihre Gefälligkeit zu ſehr in Anſpruch zu nehmen,“ antwortete die junge Frau, das Anerbieten des Fremden nichts deſto weniger annehmend; „aber ich ſehe ſchon, daß ich hier, wie in Chili, Ihre Aufopferung auf die Probe ſetzen muß.“ Mit dieſen Worten wandten ſich Beide, Arm in Arm, nach dem Fiakerplatz in der Nähe einer der Gal⸗ lerieen des Odeontheaters. Es war nur noch ein ein⸗ ziger Wagen da; die junge Frau ſtieg ein: ihr Be⸗ gleiter zögerte aus Beſcheidenheit, an ihrer Seite Platz zu nehmen. „Nun, mein Herr,“ ſagte ſie freundlich, „auf was warten Sie? Es iſt ja kein anderer Wagen zu haben? wollen Sie die Gelegenheit nicht benützen?“ 73 „Ich wagte nicht, Madame, Sie um dieſe Gunſt zu bitten,“ antwortete er, raſch einſteigend. Dann fügte er hinzu: „Welche Adreſſe ſoll ich dem Kutſcher geben, Madame?“ „Wollen Sie,“ antwortete die junge Frau mit einer leichten Verlegenheit, „mich nach dem Ende der Rue de Rivoli, nach dem Place de la Concorde, führen laſſen. . . Ich werde unter den Arcaden warten, bis es zu ſchneien aufhört; ich habe in jenem Quarkier Einiges zu beſorgen.“ Die Ordre wurde dem Kutſcher gegeben, und der Wagen fuhr nach dem rechten Seineufer. „Wiſſen Sie, mein Herr,“ begann die junge Frau wieder, „daß ich unſere Begegnung immer ſeltſamer finde?“ 3 „Ich erkenne zwar, Madame, die Seltſamkeit dieſes Zuſammentreffens an, aber ich geſtehe, es ſcheint mir mehr angenehm, als ſeltſam.“ „Laſſen wir die Schmeicheleien zwiſchen uns, mein Herr; das taugt für Leute, die ſich nichts Beſſeres zu ſagen haben, und ich geſtehe Ihnen, daß, wenn Sie geneigt ſind, meine Neugierde zu befriedigen, ich in dem Augenblicke, wo wir uns trennen müſſen, noch nicht die Hälfte all meiner Fragen an Sie gerichtet haben werde.“ „Es bedurfte dieſer Worte nicht, Madame; Sie öffnen meiner Weitſchweifigkeit Thür und Thor ... durch die Hoffnung, daß Ihre Neugierde . „. „Den Wunſch in mir rege macht, Ihnen zum zweiten Male zu begegnen, wenn Sie mir heute nicht Alles geſagt, mein Herr. Iſt das Ihr Gedanke?“ „Ja, Madame.“ Die Frau in Trauer lächelte melancholiſch und be⸗ ann: 4 „Aber, um der Ordnung nach zu fragen, was wollten Sie im Norden von Chili? Ich kehrte aus dieſen öden Gegenden zurück, als ich Sie vor acht Monaten traf; 74 und da ich weiß, daß die Reiſenden, die ſich nach jenem Lande begeben, ſehr ſelten ſind, ſo werden Sie meine Frage begreifen und ſie entſchuldigen, wenn ſie Ihnen auch unbeſcheiden ſcheint.“ „Ehe ich Ihnen antworte, Madame, muß ich Ihnen vurchaus etwas über meinen Charakter ſagen, Sie würden mich ſonſt für einen Narren halten.“ „Wie das, mein Herr?“ „Ich muß Ihnen nehmlich erklären, Madame, daß ich von einer Begierde nach Thätigkeit und Bewegung be⸗ herrſcht werde, die mir, namentlich ſeit einigen Jahren, nücht mehr erlaubt, einen Monat am ſelben Orte zu bleiben. Mit einem Worte, ich habe die Leidenſchaft, die Monomanie, die Wuth zu reiſen.“ „Ah, mein Herr!“ „Wie? Madame.“ „Wirklich, die Seltſamkeiten unſerer Begegnung häufen ſich.“ „Warum das?“ „Dieſes unüberwindliche Bedürfniß der Bewegung und Thätigkeit, dieſe Abneigung gegen die Ruhe, ich fühle dieſelbe, wie Sie, mein Herr, und wie Sie habe auch ich ſeit einigen Jahren in den Reiſen nützliche Zerſtreuung gefunden . .. Und die ſchöne Frau ſtieß einen Seufzer aus. „O, nicht wahr Madame, dieſes irrende, abenteuer- liche Leben iſt ein ſchönes, ein herrliches Leben? Nicht wahr, ſobald man einmal ſeinen Reiz genoſſen, iſt jede andere Eriſtenz unmöglich.“ „Ja, Sie haben Recht, mein Herr,“ verſetzte trau⸗ rig die junge Frau. „Inmitten dieſes thätigen Lebens findet man wenigſtens die Vergeſſenheit; bleibt man aber unthätig und hat unangenehme Erinnerungen, ſo belagern und erdrücken uns dieſe mit ihrer Laſt; auch mir iſt die Ruhe etwas Schreckliches.“ „Was ſagen Sie, Madame? Wie ich, hätten auch Sie einen Widerwillen gegen jenes ruhige, traurige, 75 erſchlaffende Leben, das dem der Auſter auf ihrer Bank oder der Schildkröte in ihrer Schale gleicht?“ „Ach, mein Herr, nicht wahr, Bewegung, Thätig⸗ keit bis zum Schwindel, denn der Schwindel entreißt uns der traurigen Wirklichkeit.“ „Während die Trägheit, die Unbeweglichkeit der Tod iſt.“ „O ſchlimmer, als der Tod, mein Herr, denn man muß das Bewußtſein dieſer Art von Lethargie der Seele und Ruhe haben.“ „Und doch, Madame,“ rief der Begleiter der jungen Frau, geheimen Gefühlen nachgebend, die er kaum mehr unterdrücken konnte, — „es ſind keine Menſchen was ſage ich? es ſind keine lebendigen Weſen mehr, die ganze Monate und Jahre an ein und dem⸗ ſelben Orte, in ein und derſelben beſchaulichen Ertaſe ſich dieſer ſogenannten Wolluſt des far niente hin⸗ geben.“ „Wenn es Leute gibt, mein Herr!“ . rief die junge Frau in Trauer mit einer ſchmerzlichen Lebhaftigkeit, „Leute, welche eine unheilbare Gleichgültigkeit an ein und denſelben Ort bannt, und die die Kühnheit haben, uns des Glückes ihrer Apathie zu verſichern, jener elenden Apathie, die jegliche Energie, jeden hochherzigen Entſchluß paralyſirt . jener traurigen phyſiſchen und moraliſchen Trägheit, die immer auf den grauſamſten, erbarmungsloſeſten Egoismus hinausläuft! Ja ja, mein Herr, es gibt ſolche Leute, ich weiß das nur zu wohl!“ „Auch Sie, Madame.“ „Wie 2“ „Wären auch Sie in dem Falle geweſen zu erfahren, wie unausſtehlich jene Leute ſind, deren paſ⸗ ſiver Widerſtand über den kühnſten Willen fiegt?“ Und die Frau in Trauer und der Fremde betrach⸗ teten ſich einen Augenblick ſtaunend, ſo ſehr ſchienen ſie von dem ſeltſamen Zuſammentreffen ihrer Sympathieen und Antipathieen überraſcht zu ſein. Die junge Frau brach zuerſt das Schweigen und ſagte ſeufzend: „Halten Sie ein, mein Herr . . . laſſen wir das, es erweckt in mir zu ſchmerzliche Erinnerungen.“ „Ja ja laſſen wir das, Madame, denn auch mich quälen peinliche Erinnerungen, und ich fliehe dieſe Erinnerungen, wie eine Schande, wie einen Gräuel... denn es iſt ſchändlich, es iſt peinlich, ſich oft in Ge⸗ danken mit denen zu beſchäftigen, die man haßt, die man verachtet! . .. Ach, Madame, um Ihrer Ruhe willen lernen Sie nie jene Miſchung von Bedauern, Abneigung und Liebe kennen, die das Leben oft auf ewig elend macht.“ Die junge Frau hörte ihren Begleiter mit tiefem, wachſendem Erſtaunen; während er von ſich ſprach, ſchien er auch von ihr zu ſprechen; aber da die Zurück⸗ haltung, mit der ſie in ihren Bezügniſſen zu einem Unbekannten verfahren mußte, ſie hinderte, die letzten Geſtändniſſe zu erwidern, ſo ſagte ſie, eben ſo ſehr um ibre Gefühle zu bemänteln, als ihre Neugierde, die immer reger wurde, zu befriedigen: „Mein Herr, Sie ſprechen von Abneigung und Liebe . . Wie kann man lieben, was man haßt? .. Iſt ein ſolcher Widerſpruch möglich?“ „Mein Gott, Madame!“ verſetzte der Fremde mit Bitterkeit und von ſeinen Gedanken wider Willen fort⸗ geriſſen, „nicht wahr, ein Räthſel, ein Abgrund ohne Grund — dieſes Herz? Seit die Welt be⸗ ſteht, ſpricht man, glaube ich, von der unerklärlichen Anziehungskraft, die bisweilen die entgegengeſetzteſten Charaktere auf einander ausüben .. . Oft ſucht das Schwache das Starke; das ungeſtüme und Heftige — das Sanfte und Schüchterne? Wer bewirkt dieſe An⸗ ziehung? Iſt es das Bedürfniß des Gegenſatzes? Iſt es der Reiz einer gewiſſen Schwierigkeit des Sieges? 77 Man weiß es nicht. Warum üben jene Menſchen von einem dem unfrigen ganz entgegengeſetzten Charakter doch eine unerklärliche Herrſchaft über uns aus? O! ja, es iſt leicht erklärlich, denn man verwünſcht ſie, man bemitleidet ſie, man verachtet ſie .. hat einen Widerwillen gegen ſie . .. und doch . . „ kann man ſie nicht entbehren . . . man bedauert ſie wenigſtens eben ſo ſehr, als man ſie haßt . . . und wenn man ſich das Unmögliche träumen läßt . Alles, was man auf der Welt wünſcht, wäre, Einfluß genug zu haden, um ſie umzubilden . . ihnen unſern Geſchmack, unſere Neigungen zu geben, deren Mangel man ihnen ſo grau⸗ ſam vorwirft; ach, es ſind nur Träume . die zu nichts dienen, als uns auf Augenblicke die traurige Wahrheit vergeſſen zu machen ..4 Bei dieſen Worten konnte der Fremde eine Thräne nicht unterdrücken . . er verſank in tiefes Nachdenken. Die junge Frau fühlte ſich immer bewegter; ſie war es bereits durch den ſchmerzlichen und einfachen Ton ihres Begleiters geworden, während er von dieſen Contraſten ſprach, die gewiſſe Anziehungskräfte ſo zu ſagen erzeugen; diesmal aber ſchien der Fremde ſogar das Echo ihrer eigenen Gedanken für ſie zu ſein . Dieſe Aehnlichkeit der Lage intereſſirte ſie lebhaft; ſie wollte, ohne ihr eigenes Geheimniß auszuliefern, noch tiefer in das Geheimniß des Fremden dringen, und ſagte deshalb: „Ich habe, wie Sie, mein Herr, oft von dieſen Widerſprüchen reden hören; ſie ſchienen mir um ſo un⸗ begreiflicher, als die einzige Möglichkeit wahren Glückes ſich nur in vollkommener Harmonie des Charakters finden kann Aber plötzlich hielt die junge Frau inne und er⸗ röthete; ſie hätte gerne dieſe Worte wieder zurückge⸗ nommen, da ſie (und das war doch durchaus nicht ihre Abſicht) für eine Avance gelten konnte, die ſie dem 78 Fremden machte, da ſowohl er als ſie ſchon mehrere Male über die Aehnlichkeit ihrer Neigungen ſich aus⸗ geſprochen hatten. Dieſe Furcht war unnöthig, der Gang der Unterhaltung hatte den Begleiter der jungen Frau bereits mit ſich fortgeriſſen. In dieſem Augenblicke hielt der Wagen vor den letzten Arcaden der Rue de Rivoli, und der Kutſcher öffnete den Schlag. „Wie?“ ſagte der Fremde, aus ſeiner Träumerei erwachend und ſeine Begleiterin mit Erſtaunen betrach⸗ tend, „ſchon?“ Dann gab er dem Kutſcher ein Zeichen, den Schlag zu ſchließen, und ſagte: „Madame „ entſchuldigen Sie Ich habe die letzten Augenblicke ſehr ſchlecht genützt . . . Sie gewährten mir eine ſo angenehme Unterhaltung; aber unwillkürlich unterlag ich dem Einfluß gewiſſer Erin⸗ nerungen. Sie werden mir, wie ich hoffe, eine Ent⸗ ſchädigung nicht verſagen, und mir erlauben, Sie wie⸗ der zu ſehen. mir die Ehre zu geben, mich bei Ihnen einzufinden . 4 „Aus mehreren Gründen, mein Herr, iſt das, was Sie wünſchen, unmöglich „„ „Madame „ ich beſchwöre Sie, ſchlagen Sie meine Bitte nicht abz in unſerem Schickſale finden ſich, wie mir ſcheint, ſo viele Berührungspunkte „ ich hätte Ihnen noch ſo viel über die Urſache meiner Reiſe nach Chili zu ſagen, die Sie kennen zu lernen wünſchten, unſer Zuſammentreffen iſt überdies ſo ſelt⸗ ſamer Art, daß all dieſe Gründe Sie, wie ich nicht zweifle, beſtimmen werden, mir die Gunſt zu gewähren, um die ich Sie bitte „Ich werde nicht an den klei⸗ nen Dienſt erinnern, den ich ſo glücklich war, Ihnen einſt zu leiſten und deſſen Sie ſich wohl erinnern .. „Ich bin nicht undankbar, mein Herr, glauben Sie „ Ich verberge nicht, daß es mir großes Ver⸗ — 79 gnügen bereiten würde, Sie wieder zu ſehen. .„ und doch müßte ich vielleicht auf dieſe Hoffnung verzichten.“ „Ah! Madame, was ſagen Sie?“ „Alles, was ich Ihnen vorſchlagen kann, mein Herr . wir haben heute Montag . ..“ „Nun, Madame?. . .“ „Finden Sie ſich Donnerſtag hier . unter den Arcaden um die Mittagsſtunde ein ... „Ich werde erſcheinen, Madame ich werde er⸗ ſcheinen.“ „Wenn ich nach Verfluß einer Stunde nicht ge⸗ kommen bin, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, mein Herr, daß wir uns nie mehr wiederſehen.“ „Und weßhalb, Madame?“ „Es iſt mir unmöglich, mehr zu ſagen, mein Herr, aber, was auch geſchehe, ſeien Sie überzeugt, daß ich wenigſtens ſehr glücklich war, Ihnen für einen Dienſt vanken zu können, deſſen ich mich immer erinnern werde.“ „Wie? Madame es wäre möglich, daß ich Sie niemals wiederſehe . ich verlaſſe Sie und weiß nicht einmal Ihren Namen?“ „Wenn wir uns nicht wiederſehen ſollten, mein Herr, wozu dann mein Name? wenn wir uns dagegen Donnerſtag hier finden werde ich Ihnen ſagen, wer ich bin . und wenn Sie es wünſchen, können wir Bezügniſſe fortſetzen, die ſo ferne von hier angeknüpft und durch ein ſo unvorhergeſehenes Zuſammentreffen erneuert worden ſind.“ „Ich danke Ihnen wenigſtens für dieſe Hoffnung, Madame ſo unbeſtimmt ſie auch iſt; ich werde nicht länger in Sie dringen; auf Donnerſtag alſo, Madame.“ „Auf Donnerſtag, mein Herr.“ Und beide trennten ſich. Meuntes Rapitel. Am Tage nach der Begegnung der beiden Reiſen⸗ den, die ſich in Braſilien gefunden hatten, ereignete ſich folgende Scene in dem Hauſe Nummer 57 der-Rue de Vaugirard, in der vierten Etage. Es ſchlug in der Ferne drei Viertel auf vier. Ein junger, ausnehmend ſchöner Mann ſchrieb bei dem Lichte einer kleinen Lampe. Haben wir nöthig, zu ſagen, daß dieſer Mann Herr Michel Renaud war, dieſer ausgezeichnete, aber ſchweigſame Miethsmann, der regelmäßig jeden Morgen vor vier Uhr ausging, und erſt nach Mitternacht zu Hauſe kam. * Michel Renaud ſchrieb alſo bei dem Lichte ſeiner Lampe in eines jener im Handel gebräuchlichen großen Bücher eine Menge Zahlen und Zeichen ein, die er aus verſchiedenen ziemlich unordentlichen Heften ins Reine brachte; er beſchäftigte ſich mit einem Worte mit Han⸗ delspapieren. Zwei oder dreimal ließ Michel bei dieſer trockenen und langweiligen Arbeit Augen und Hände finken, aber er überwand ſeine Schlafſucht immer wieder, zog die Decke von Wolle, mit der er Beine und Füße gegen die Kälte umwickelt hatte, feſter an ſich, blies in die erſtarrten Hände und machte ſich wieder an die Arbeit; es war kein Feuer in dem kleinen Zimmer an⸗ gezündet; die Atmoſphäre war eiſig und die undurch⸗ ſichtigen Scheiben wurden von der Kälte mit den ſelt⸗ ſamſten Geſtalten bemalt. Trotz dieſer peinlichen Arbeit, die ihn während einer rauhen Winternacht an ſeinen Tiſch bannte, drückte die Phyſiognomie Michels die größte Zufrieden⸗ heit und glücklichſte Ruhe aus. 81 Als das letzte Viertel nach drei Uhr geſchlagen hatte, verließ der junge Mann ſeinen Tiſch, und trat. mit der heiter lächelnden Miene eines Menſchen, der Jemanden freundlich guten Morgen wünſcht, raſch zu dem Kamin, und ſchlug zweimal mit dem Buchsbaum⸗ hefte ſeines Meſſers an die Wand, welche das Haus, das er bewohnt, von dem anſtoßenden trennte. Beinahe im ſelben Momente antworteten ihm zwei andere Schläge. 8 Wichel lächelte mit einem eben ſo großen Aus⸗ druck von Zufriedenheit, als ob man ihm das An⸗ genehmſte von der Welt geſagt hätte . . . Er wollte ohne Zweifel antworten, denn bereits hob er von Neuem das Heft ſeines Meſſers in die Höhe, als ein leichter, beinahe myſteriöſer, von zwei andern jauteren gefolgter, Schlag an ſein Ohr drang. Michel erröthete, ſeine Angen leuchteten, als ſchien ihn ein angenehmes Gefühl zu durchdringen; man mußte glauben, er empfange eine eben ſo angenehme als un⸗ erwartete Gunſt; er antwortete mit dem Ausdrucke der innigſten Dankbarkeit, mehrere Male ſo raſch klopfend, als ſein Herz pulſirte. Dieſes Klopfen einer aufgeregten Leidenſchaft würde ohne Zweifel noch länger fortgeſetzt worden ſein, wenn nicht ein kurzer und kalter Schlag von der andern Seite, wie eine gebieteriſche Unterbrechung, ihm Einhalt ge⸗ than hätte. Michel gehorchte ehrfurchtsvollſt dieſem Befehle, und hielt in der allzu lebhaften Kundgebung ſeines Entzückens inne. Bald darauf hörte man abermals von der andern Seite der Mauer vier deutliche, langſame, anhaltende Schläge, wie das Picken einer Uhr, und genau wie ein Signal, wodurch dieſer geheimnißvollen Unterhaltung, die einer Freimaurerloge würdig geweſen wäre, ein Ziel geſetzt wurde. Die ſieben Todſünden. 6. 7 82 „Sie hat Recht,“ ſagte Michel zu ſich, „es iſt bald vier Uhr. . .“ Und er ſammelte emſig ſeine Regiſter und brachte Alles in Ordnung, ehe er ausging. Während dieſer Vorbereitungen führen wir den Leſer in das vierte Stockwerk des anſtoßenden Hauſes Nro. 59, in das Zimmer der Frau von Luceval, das, wie wir geſagt, von dem Michel Renauds durch eine ziemlich dicke Mauer getrennt war. Dieſe junge Frau, damals etwas über zwanzig Jahre alt, war außerordentlich reizend; aber ihr Embonpoint hatte ſich etwas vermindert. Florence beſchäftigte ſich, wie ihr Nachbar, mit den Vorbereitungen zum Weggehen. Eine niedere und hellleuchtende Lampe mit Re⸗ flector, ähnlich der, welcher ſich die Maler bedienen, welche Abends arbeiten, erhellte einen großen Tiſch, auf welchem durcheinander mehrere ſchöne, halbcolorirte Lithographieen und Aquarellfarben auf einer Fayenceplatte befanden; weiter entfernt lagen unter angefangenen Tavetenſtreifen Hefte mit Notenpapier zum Abſchreiben von Partituren; mehrere dieſer Hefte waren bereits ausgeſchrieben. Das Zimmer war, obgleich ärmlich möblirt, doch außerordentlich reinlich gehalten; auf dem kleinen, von Florence bereits ſorgfältig gemachten Bette ſah man ihren Mantel und ihren Hut. Während ſie raſch in verſchiedene Fachkaſten ihre colorirten Aquarelle, ihre Mußikabſchriften und Tapeten ſammelte, blies die junge Frau lebhaft in die ſchönen, von der Kälte angerötheten Hände; die Kälte war in dieſem Zimmer nicht minder heftig, als in dem des Nachbars, denn auch hier wurde nicht eingeheizt. Unſere Träge fühlte wohl einen großen Unterſchied zwiſchen ihrem früheren und ihrem jetzigen Leben, wenn ſie des Comfort und Luxus gedachte, der im Hotel 83 Luceval geherrſcht hatte, und die jenes Schwelgen in der Wolluſt der Trägheit, dem ſie ſich ſo gerne überließ, herrlich unterſtützte . . . Und doch ſchien Florence ebenſo glücklich, wie da⸗ mals, als ſie in einem weichen Fauteuil, die Füße auf Sammet, ihr liebes far niente genoß, und nach einem langen Schlafe gleichgültig die Sonne durch das Blätter⸗ werk ihres lachenden Gartens betrachtete, oder das Rau⸗ ſchen der Cascade belauſchte, das ſich mit dem Ge⸗ zwitſcher der Vögel vermiſchte. Ja, dieſe Kalte, Schläfrige, die ſonſt ganze Morgen im Halbſchlummer zubrachte, und ſich in ihrem Bette wie eine Wachtel unter den warmen Eiderdunen zuſammenkauerte, oder ſich an der Kohlenglut ihres Kamins wärmte, während „der Hagel auf dem klingenden Glaſe ſpielte,“ wie der große Dichter ſagt . . . den ſie in der Tiefe eines prachtvollen Gemaches las; ja, dieſe Träge, die es für eine Anſtrengung hielt, in einem eleganten, leicht tragenden Wagen auszufahren, unſere Dräge mit einem Wort, ſchien nicht im Mindeſten den verſchwun⸗ denen Glanz zu bedauern; im Gegentheil unterſuchte ſie heiter trällernd die Feder ihrer kleinen Ueberſchuhe, und zog einen leichten Schirm aus ſeinem Futterale, bereit, Schnee, Wind und Kälte zu trotzen. Nach dieſen letzten Vorbereitungen warf Florence vor dem Weggehen einen Blick auf den Spiegel des Kamines, ſtrich mit der Hand über ihre dichten Haar⸗ flechten, die trotz der frühzeitigen Toilette ebenſo glän⸗ zend waren, als hätte eine Kammerfrau eine ganze Stunde zur Coiffure der jungen Frau gebraucht, dann... man muß dieſe Schwäche geſtehen, ſtreckte Frau von Luceval und reckte, wie man gewöhnlich ſagt, ihre beiden Arme, ihre Büſte etwas zurücklegend, während ſie langſam das reizende Köpfchen auf die linke Schulter ſinken ließ. Dabei ſtieß Florence einen leichten Seufzer voll ſüßer Schwärmerei aus, der zu ſagen ſchien; 84 „Ach! wie herrlich wäre es, in einem guten, war⸗ men Bette zu liegen, ſtatt um vier Uhr Morgens durch dieſe kalte, ſchwarze Nacht zu gehen.“ Es iſt unmöglich, die Anmuth dieſer indolenten Bewegung und das kleine, verzogene Mäulchen zu be⸗ ſchreiben, das, leicht gähnend, einen Augenblick die rothen Lippen des reizenden Geſchöpfes öffnete. Aber bald machte ſie ſich ohne Zweifel dieſen Schmerz der Trägheit zum Vorwurfe, und ſetzte haſtig den Hut auf, wickelte ſich in ihren Mantel, zog die Ueberſchuhe an die kleinen Füße, nahm mit kecker Hand ihren Schirm, zündete ein beſcheidenes Bat de Cave 2 an, löſchte die Lampe und ging leichten Schrittes . .. die vier Treppen hinab. In dieſem Augenblicke ſchlug es vier Uhr auf dem Lurembourg. „Mein Gott! ſchon vier Uhr,“ murmelte die junge Frau, unten an der Treppe angekommen, und ſagte dann mit ihrer weichen und friſchen Stimme: „Bitte, öffnen Sie.“ Und alsbald ſchloß ſich hinter ihr die Thüre des Hauſes. Es war gegen Ende des Dezembers. Die Nacht war ſehr dunkel. Ein eiſiger Wind wehte in der öden Straße, die nur da und dort von Gaslaternen ſchwach beleuchtet war. Als Frau von Luceval aus dem Hauſe getreten, huſtete ſie lange, und in der Art eines Signals. Ein hm hm.. das etwas männlicher lautete, antwortete ihr. Aber die Nacht war ſo dunkel, daß Florence nur mit Mühe Michel erkennen konnte, der ſeit einigen Augenblicken ſein Haus verlaſſen, und, auf der andern Seite der Straße harrend, auf dieſe Weiſe ſeiner Nach⸗ barin antwortete. *) Kellerlicht. 85 Dann ſetzten Beide, ohne ein Wort miteinander zu ſprechen, ihren Weg parallel mit einander fort. Er auf dem linken Trottoir. Sie auf dem rechten Trottvir. Ein halbe Stunde, ehe Michel Renaud ſeine Woh⸗ nung verlaſſen, hatte ein Fiaker in einiger Entfernung von Nro. 57 gehalten. Eine Frau, in Pelz gehüllt, ſaß in dem Wagen und hatte zu dem Kutſcher geſagt: „Wenn Sie einen Herrn aus dieſem Hauſe kom⸗ men ſehen, ſo fahren Sie ihm auf dem Fuße nach, bis ich ſage, Sie ſollen anhalten.“ Der Kutſcher, der, Dank der Helle ſeiner Laterne, Michel hatte herauskommen und auf das Trottvir treten ſehen, folgte ihm in der Mitte der Straße mit ſeinem Wagen. Die Frau, welche in dem Gefährte ſitzen geblieben, das langſam weiterfuhr, verlor Michel nicht aus dem Geſichte, und auf dieſe Weiſe immer mit dem beſchäf⸗ tigt, was auf dem Trottvir zur Linken vorging, hatte ſie bis jetzt auf dem Trottvir zur Rechten Frau von Luceval noch nicht bemerkt. Dieſe hatte kaum die Thüre ihres Hauſes ge⸗ ſchloſſen, als ein Mann in einem weiten Mantel „eili⸗ gen Schrittes, wie Jemand, der zu ſpät zu fommen fürchtet, die Rue de Vaugirard herauffam. Dieſer Mann hatte ſomit weder das Signal ge⸗ hört, das Florence und Michel ausgetauſcht, noch den bemerkt, der von dem Fiaker verborgen wurde, welcher langſam in der Mitte der Straße fuhr. Der Mann mit dem Mantel begann Frau von Luceval Schritt für Schritt zu folgen; ebenſo verlor die Frau, welche in dem Wagen geblieben war, keinen Augenblick Michel aus dem Blicke. * Zehntes Kapitel. Michel und Florence nur mit einander beſchäftigt, obgleich durch die Breite der Straße von einander ge⸗ trennt, ſchenkten dem Fiaker nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit, der langſam in einer mit der ihrigen glei⸗ chen Richtung fuhr, da nichts gewöhnlicher war, als zu dieſer Stunde die Fiaker im Schritte nach Hauſe fahren zu ſehen. Im Augenblicke, als die beiden Nachbarn, denen man immer noch, ohne daß ſie es wußten, folgte, in die Rue de Tournon traten, war die Ecke dieſer Straße von einer Maſſe von Gemüſekarren belagert, die von allen Barridren her am frühen Morgen nach der Halle fahren. Die Frau, welche in dem Fiaker ſaß, ſah ihn vor dieſer Wagenburg anhalten, und befürchtend, ſie möchte die Perſon aus den Augen verlieren, der ſie folgte, ſagte ſie zu dem Kutſcher, er ſolle den Schlag öffnen, bezahlte ihn, ſtieg aus, und ihre Schritte beſchleunigend, war ſie bald wieder in den Fußtapfen Michels; aber in der Mitte der Rue de Tournon bemerkte ſie zum erſten Male den Mann mit dem Mantel, der beinahe neben ihr ging. Doch ließ ſie ſich nicht von dieſem Umſtande beunruhigen; als ſie aber bei dem Scheine einer Laterne bemerkte, daß eine Frau wenige Schritte vor dieſem Manne ging, und daß dieſe Frau beinahe parallel mit Michel Renaud war, kam ihr die Sache doch etwas auffallend vor; von da nun theilte ſich ihre Aufmerkſamkeit unwillkürlich zwiſchen Michel, Frau von Luceval und dem Mann, der einige Schritte von dieſer entfernt ging. Michel und Florence, feſt eingehüllt, um ſich vor 87 der Kälte zu ſchützen, ſie in ihren Hut und Mantel, er in ſeinen Paletot und ein großes Cachez-nez *) von Wolle, das ihm beinahe bis an die Augen reichte, — beide ſahen nichts von alle dem, was hinter ihnen vor⸗ ging, ſondern ſuchten Blicke zu wechſeln, wenn ſie unter einer Gaslampe vorüberkamen, und wandten ſich raſch nach dem Kreuzweg, in welchen die Rue Dauphin ausläuft. Der Mann mit dem Mantel, ganz encapadv (wie die Spanier ſagen) in die weiten Falten ſeines Kleides und in tiefes Nachdenken verſunken, bemerkte erſt ſpät, daß eine Frau einem Maänne auf dem gegen⸗ überliegenden Trottoir folge; es gingen um dieſe Stunde zu wenige Menſchen auf der Straße, als daß er ſich, nach einigen Minuten, noch hätte über das Manöver der Frau in dem Pelze täuſchen können; aber wie war er überraſcht, als er bei der Beleuchtung eines Liqueur⸗ ladens, der frühe geöffnet worden, an der ſchlanken Taille, an dem leichten Gange und dem Trauerhute die Frau zu erkennen glaubte, die er dieſen Morgen in einem Fiaker nach der Rue de Rivoli begleitet hatte; denn man hat ohne Zweifel ſchon die beiden Reiſenden von Chili erkannt. Dieſe neue Begegnung, dieſes Zuſammentreffen bei ihrer doppelten Verfolgung, nach ihrem Widerfinden vom Tage zuvor, war zu außerordentlicher Art, um nicht in dem Manne mit dem Mantel den Wunſch rege zu machen, über ſeinen Zweifel ſich augenblicklich Auf⸗ klärung zu verſchaffen; er ging deßhalb auch ſogleich, ohne, ſo zu ſagen, Florence aus den Augen zu verlieren, über die Straße, und, ſich der Frau mit dem Pelze nähernd, ſagte er: „Madame . ein Wort, entſchuldigen Sie . „Sie, mein Herr,“ rief ſie, „Sie waren es alſo?“ *) Ein Halstuch, mit dem man ſich den untern Theil des Geſichtes umwickelt. 88 Und Beide ſtanden ſich einen Augenblick erſtaunt gegenüber. Der Mann nahm zuerſt das Wort, und rief: „Madame, nach dem, was hier vorgeht „ und in unſerem gemeinſamen Intereſſe, müſſen wir uns offen gegen einander ausſprechen.“ „Ich glaube, mein Herr.“ „Nun gut! Madame ich . „Gehen Sie auf die Seite „ nehmen Sie ſich in Acht,“ rief die Frau in dem Pelze, ihren Unterred⸗ ner unterbrechend und auf einen Milchwagen deutend, der in raſchem Trotte herbeikam, das Troktoir ſtreifend, außerhalb deſſen der Mann mit dem Mantel noch ge⸗ blieben war. 3 Dieſer wich raſch aus; aber während dieſer Zeit waren Florence und Michel, die, ſo lange ihre beiden Verfolger jene Worte austauſchten, einen Vorſprung gewannen, bei dem Kreuzweg verſchwunden. Die Frau mit dem Pelze bemerkte zuerſt das Ver⸗ ſchwinden, und rief mit dem Tone ſchmerzlicher Ent⸗ täuſchung: „Ich ſehe ihn nicht mehr! ich habe ihn verloren!“ Dieſe Worte erinnerten den Mann mit dem Mantel daran, daß auch er um ſeine Verfolgung betrogen ſein müſſe; er wandte ſich raſch um, und ſah wirklich Flo⸗ rence nicht mehr. „Madame,“ rief er, „gehen wir raſch bis zu dem Kreuzwege vielleicht iſt es noch Zeit, ſie einzu⸗ holen. . Kommen Sie, nehmen Sie meinen Arm.“ „Eilen wir, mein Herr, eilen wir,“ ſagte die junge Frau, ihren Arm in den des Begleiters fügend, und Beide ſtürzten nach dem Kreuzweg. An dem Orte angekommen, wo vier bis fünf dieſer Straßen zuſammenlaufen, fanden ſie Niemand, und ſahen ein, daß es vergeblich ſein würde, ihre Nach⸗ forſchungen länger fortzuſetzen. Nachdem ſie einen Augenblick von dem raſchen 89 Gange ausgeruht, ſchwiegen die Beiden einen Augen⸗ blick, mit Muſe über die eigenthümliche Aehnlichkeit ihres Schickſals nachdenkend. Dann rief der Mann mit dem Mantel: „Wirklich, Madame, man möchte ſich fragen, ob man träumt oder wacht . . .“ „Es iſt nur zu wahr, mein Herr . ich kann nicht an das glauben, was ich ſehe was vor⸗ S „Ich wiederhole Ihnen, Madame . . es liegt in dem, was uns ſeit geſtern begegnet, etwas ſo Uner⸗ klärliches, daß unſere gegenſeitige Zurückhaltung nicht länger dauern kann.“ „Ich denke wie Sie, mein Herr, wollen Sie mir Ihren Arm geben ich bin ganz erſtarrt . . die Aufregung, die Ueberraſchung . ich fühle mich nicht wohl. wenn ich gehe, wird ſich das verlieren.“ „Wohin wollen wir gehen, Madame?“ „Es iſt gleichgültig, mein Herr, gehen wir nach dem Pont⸗Neuf den Quais.“ Und ſie führten, während ſie die Rue Dauphine hinabgingen, folgendes Geſpräch miteinander: „Ich muß, mein Herr,“ begann die junge Frau, „Ihnen vor Allem meinen Namen ſagen, er iſt zwar von geringem Intereſſe, aber Sie ſollen wenigſtens wiſſen, wer ich bin ich heiße Valentine von In⸗ freville . . . und bin Wittwe .. „Großer Gott!“ rief der Mann mit dem Mantel, wie verſteinert, „Sie?“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie . .. Frau von Jufreville?“ „Weßhalb dieſes Erſtaunen, mein Herr? Mein Name iſt Ihnen alſo nicht fremd?“ „Allerdings,“ verſetzte der Mann im Mantel, aus dem Taumel erwachend, in den ihn dieſe Enthüllung verſetzt hatte, „es iſt kein Wunder, daß ich Sie nicht erkannt habe, Madame, weder in Chili, noch hier, denn 90 als ich Sie das erſte Mal ſah, vor etwa vier Jahren, konnte ich Ihre Züge nicht unterſcheiden, da Sie das Geſicht in Ihren Händen bargen . und dann der Unwille, den ich fühlte . . . „Was ſagen Sie, mein Herr . vor vier Jahren hätten Sie mich ſchon einmal geſehen „ vor unſerer Begegnung in Chili?“ „Ja, Madame.“ „Und wo das?“ „Ich wage es nicht, Sie daran zu erinnern.“ „Noch einmal, bei wem haben Sie mich geſehen, mein Herr?“ „Bei meiner Frau.“ „Ihrer Frau?“ „Bei Frau von Luceval.“ „Wie „Sie ſind?“ „Herr von Luceval.“ Valentine von Infreville war nun ihrerſeits wie verſteinert über dieſe Mittheilung, die ihr die bitter⸗ ſten Erinnerungen ins Gedächtniß zurückrief; endlich ſagte ſie mit Niedergeſchlagenheit: „Sie ſprechen wahr, mein Herr; das erſte und einzige Mal, daß wir uns begegneten . bei Frau von Luceval, konnten Sie unmöglich meine Geſichts⸗ züge unterſcheiden, ſo wenig als ich die Ihrigen ſah... Ich verbarg, von Schaam aufgelöst, mein Antlitz in meine Hände; und noch jetzt,“ fügte Valentine, den Kopf ſenkend, als ob ſie ſich den Blicken des Herrn von Luceval entziehen wollte, hinzu, „noch jetzt, obgleich vier Jahre ſeit jenem ſchrecktichen Abende verfloſſen ſind, danke ich Gott, daß es Nacht iſt.“ „Glauben Sie, Madame, ich bedaure ſehr, ſolche peinlichen Erinnerungen in Ihnen geweckt zu haben .. Erinnerungen, die für mich nicht minder peinlich ſind. denn von dem Zorne des Herrn von Infreville mit fortgeriſſen, der Sie mit Vorwürfen überhäufte, habe —— 91 Aber Valentine unterbrach ihn und ſagte mit einer Miſchung von Neugierde, Unruhe und zarter Theilnahme: „Und Florence?“ „Sie iſt es, der ich ſo eben folgte,“ antwortete Herr von Luceval mit düſterer Miene. „Sie? Wie „ dieſe Frau war?“ „Frau von Luceval.“ „Aber warum folgten Sie ihr?“ „Sie wiſſen alſo nicht?“ „Sprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie.“ „Wir ſind getrennt, getrennt von Tiſch und Bett,“ antwortete Herr von Luceval, einen ſchmerzlichen Seuf⸗ zer ausſtoßend, „es mußte ſein . „Und Florence, wo wohnt ſie?“ „Rue de Vaugirard.“ „Ach! mein Gott!“ ſagte Valentine zitternd, „das iſt ſeltſam.“ „Was haben Sie, Madame?“ „Florence wohnt Rue de Vaugirard, und welche Nummer?“ „Nummer 59. „Und Michel wohnt Nummer 57,“ rief Valentine. „Michel!“ rief jetzt Herr von Luceval, „Michel Renaud?“ „Ja Ihr Vetter . . Er wohnt im vierten Stocke Nro. 57. Geſtern, als ich Ihnen begegnete, hatte ich mir ſo eben Gewißheit darüber verſchafft.“ „Und meine Frau wohnt in derſelben Etage, wie er!“ ſagte Herr von Luceval. In dieſem Augenblicke fühlte er, wie Valentinens Arm convulſiviſch zitterte und ſchwer in dem ſeinigen ruhte. „Mein Gott! Was haben Sie, Madame Sie werden ſchwach?“ „Verzeihung, mein Herr die Gemüthsbewe⸗ gung „die Kälte . . Ich weiß nicht, wie mir iſt. 92 Aber ich kann mich kaum mehr aufrecht erhalten, und ich fühle, wie ſich alles in meinem Kopfe dreht.“ „Madame etwas Muth faſſen Sie ſich, wir wollen in jenen erhellten Laden gehen, dort, an der Ecke des Quai.“ „Ich will mich auſrecht zu erhalten ſuchen, mein Herr,“ antwortete Valentine mit angegriffener Stimme. Sie hatte wirklich die Kraft, bis zu dem Krämer⸗ laden, welcher bereits geöffnet war, zu gehen; es be⸗ fand ſich eine Frau im Cpmptoir, die ſich beeilte, Frau von Infreville beizuſtehen, und ſie in ein hinteres Zim⸗ mer zu führen, wo ſie ihr alle mögliche Sorgfalt ange⸗ deihen ließ. Nach Verfluß von einer Stunde, als es heller Tag geworven, hielt an der Thüre des Ladens ein Wagen, in welchem Herr von Luceval Frau von In⸗ freville nach Hauſe brachte. Eilttes Rapitel. Frau von Infreville fühlte ſich nach den Ereig⸗ niſſen der Nacht ſo leidend und angegriffen, daß ſie, außer Standes, in ihre Gedanken eine Ordnung zu bringen, Herrn von Luceval gebeten hatte, als er ſie nach Hauſe gebracht, Abends gegen acht Uhr zu einer zweiten Beſprechung ſich wieder einzufinden. Um acht Uhr begab ſich Herr von Luceval zu Va⸗ lentine, welche in einem Hotel Garni der Chauſſée d'Antin wohnte. „Wie befinden Sie ſich dieſen Abend, Madame?“ ſagte er theilnahmsvoll zu der jungen Frau. 93 „Beſſer, mein Herr . . „viel beſſer, und ich habe Sie wegen meiner lächerlichen Schwäche von dieſen Morgen um Verzeihung zu bitten.“ „War ſie nicht ganz natürlich, Madame, nach ſo viel ſeltſamen Ereigniſſen?“ „Nun aber, mein Herr, bin ich wieder bei vollem Bewußtſein . . veſſen ich mich dieſen Morgen nicht rühmen koante .. Auch war ich gezwungen, Sie zu bitten, die Beſprechung, die zwiſchen uns ſo nothwendig iſt, auf dieſen Abend zu verſchieben.“ „Ich ſtehe zu Ihren Befehlen, Madame.“ „Erlauben Sie mir, mein Herr, einige Fragen... ich werde dann auf die Ihren antworten . . . Sie ſind, wie Sie mir fagen, von Florence getrennt. Ich wußte nicht das Geringſte davon.“ „Wirklich, Madame, ſeit jenem traurigen Abende, wo ich Sie bei meiner Frau zum erſten Male begeg⸗ nete . hatte weder ſie, noch ich, irgend etwas von Ihnen erfahren.“ „Ich werde Ihnen ſagen, weßhalb, mein Herr.“ „Sie begreifen, Madame, daß nach der peinlichen Scene, welche zwiſchen Ihnen, Herrn von Infreville, meiner Frau und mir vorgefallen, meine Entrüſtung groß war; nach Ihrem Weggang hatte ich noch eine heftige Scene mit Florence . . ſie erklärte, daß ſie ſich von mir trennen wolle . . . daß ich leben ſollte, wie es mir beliebte, ſie, wie es ihr beliebte; ſie verlangte, ſich zu Ihnen und Ihrer Frau Mutter begeben zu können, da es Ihnen künftig doch wohl unmöglich wäre, mit Herrn von Infreville zu leben.“ „Wirklich, das war die Abſicht von Florence?“ „Ja, Madame, denn ſie ſchien mir immer für Sie die zärtlichſte Freundſchaft zu fühlen; indeß, wie Sie ſich denken können, ich verwarf dieſen Gedanken der Trennung als eine Thorheit; Florence verſicherte mich, daß wir, ich möge wollen oder nicht, getrennt ſeien, 94 ich zuckte die Achſeln und die Trennung fand wirklich ſtatt.“ „Eine ſolche Willenskraft ſetzt mich bei Florence in Erſtaunen, und paßt wenig zu ihrer perſönlichen Indolenz „ „Ah „ Madame wie wenig Sie ſie ken⸗ nen, und wie wenig auch ich ſie kannte! Wenn Sie die Kraft der Trägheit eines ſolchen Weſens zu er⸗ meſſen wüßten! Von der Scene an, von welcher ich ſpreche, waren wir verſchiedener Meinung. Ich ſagte Ihnen, ich habe eine leidenſchaftliche Freude am Rei⸗ ſen; der ſüßeſte Traum meines Lebens war, Florence daran gleichfalls Geſchmack beizubringen, denn ich liebte ſie außerordentlich; . . . und intereſſante Reiſen mit einer geliebten Frau zu unternehmen, wäre für mich das Ideal des Glückes geweſen . . . aber Florence wies alle meine Vorſchläge zurück. Ich hatte aller⸗ vings Unrecht gehabt, ſie zu heirathen . „ich erkannte es, aber es war nicht mehr Zeit; ich behandelte ſie zu ſehr wie ein Kind; ich ſpielte zu ſehr den Herrn, den Gemahl und obwohl ich ſie wie ein Idol anbetete, glaubte ich es ihr und meiner Würde ſchuldig zu ſein, mich ſtreng und gebieteriſch zu zeigen; und was ſoll ich Ihnen ſagen? lebhaft, heftig, wie ich war, brachte mich der Hohn, der in ihrer Apathie lag, oft außer mir. Am Tage, nachdem ich Sie bei Florence geſehen, ging ſie zu Ihnen! man ſagte ihr, daß Sie in der Nacht mit Ihrer Frau Mutter . . . und Herrn von Infreville abgereist ſeien; ſie konnte nicht wiſſen, wohin Sie ſich gewandt; ihr Schmerz war groß .. Ich hatte ſo großes Mitleid mit ihr, daß ich einen Reiſeplan, den ich vorhatte, auf einige Zeit verſchob; ſpäter, in der Abſicht, den Widerſtand meiner Frau niederzuwerfen, und ihr meinen Geſchmack beizubringen, kündigte ich ihr meinen Entſchluß an. Es handelte ſich, um einen Anfang zu machen, um eine kleine Reiſe nach der Schweiz . . wirklich nur eine Promenade; 95 ich erwartete heftigen Widerſpruch „ aber nichts davon. „Wie, ſie gab ihre Zuſtimmung?“ „„Sie wollen, daß ich mit Ihnen reiſe,““ ſagte ſie zu mir, „es ſei es iſt Ihr Recht, da Sie darauf beſtehen, ſo machen Sie Gebrauch davon,““ fügte ſie hinzu, „nur muß ich Ihnen ſagen, ehe acht Tage vergehen, werden Sie mich wieder nach Paris zurückgebracht haben.““ „Und nach Verfluß von acht Tagen, mein Herr?“ „Führte ich ſie nach Paris zurück.“ „Aber wie konnte ſie Sie dazu bringen?“ „O!“ verſetzte Herr von Luckval mit Bitterkeit, „durch das einfachſte Mittel; wir reisten; als wir uns am erſten Abend zu Bette begaben, ſagte ich ihr, daß wir uns des andern Morgens um neun Uhr auf den Weg machen wollten, damit ſie nicht zu frühe aufſtehen Süiſte „Nun?“ „Sie bleibt ochtundvierzig Stunden im Bette, in einem ſchlechten Zimmer des Wirthshauſes, unter dem Vorwande, daß ſie zu ſehr ermüdet ſeie, indem ſie mir mit einer indolenten Ruhe, die mich zur Verzweiflung brachte, ganz einfach ſagte: „„Sie haben durch das Ge⸗ ſetz das Recht, mich zu zwingen, Sie zu begleiten, aber das Geſetz beſtimmt hoffentlich nicht die Stunden, die mir im Bette zuzubringen erlaubt find.“ Was darauf antworten, Madame? Und was anfangen während achtundvierzig Stunden in dieſem infamen Ort? Ihnen meine Stimmung während dieſer zwei tödtlichen Tage zu ſchildern, Madame, iſt unmöglich . nicht im Stande, meiner Frau ein Wort zu entlocken „ und gezwungen, die kleine Stadt nach allen Seiten zu durchſtreifen, um mich zu zerſtreuen . .. Indeß, trotz meines Zornes, hielt ich muthig aus; ſie wird früher, als ich, nachgeben, dachte ich, ſie liebt den Luxus, das Wehlleben, all ihre ſüßen Gewyhnheiten; zwei bis drei 96 ſolche Wochen, in ſchlechten Wirthshäuſern, werden ihren Eigenſinn brechen.“ „Ich weiß nicht, ob Sie richtig geurtheilt haben, mein Herr.“ „Sie werden es ſehen, Madame. Nach Verfluß von zwei ſchmerzlichen Tagen ſetzten wir unſere Reiſe fort; wir kamen gegen drei Uhr Nachmittags bei einem Relais in einem elenden Dorfe an. Der Weg war außerordentlich ſtaubig. Florence hatte puderweiße Haare; ſie ſteigt aus dem Wagen, befiehlt ihrer Kam⸗ merfrau, ſie zu friſiren und den Staub wegzunehmen. Man führt meine Frau in ein erbärmliches Zimmer. Da ſie ſich nicht in das ſchmutzige Bett legen will, ſo läßt ſie ſich einen erbärmlichen Fauteuil kommen, macht ſich's darin beguem und erklärt mir, daß ihre Schwäche ihr nicht erlaube, vor vier Tagen von der Stelle zu gehen; ich glaubte, ſie ſcherze ſie ſprach im Ernſte.“ „Wie, mein Herr . während dieſer vier Tage?“ „Ich verlor meinen Muth erſt nach dem dritten Tage aber es war mir unmöglich, länger zu wi⸗ derſtehen!! Drei Tage, Madame! drei volle Tage, in einem ſolchen Orte! Ich ſuchte vergeblich nach einem Mittel, die Widerſpenſtigkeit meiner Frau zu beugen, aber ich fand keines ſollte ich Gewalt zu Hülfe nehmen ? Florence aufheben und in den Wagen bringen laſſen? Welch ein Scandal! und das hätte am Ende bei jedem neuen Relais wiederholt werden müſſen . Ihr drohen? ſie bitten? unnöthige Mühe.. Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame? am ſechsten Tage nach unſerer Abreiſe kehrten wir nach Paris zurück. Kurze Zeit nach unſerer Ankunft ward mir eine ſchreckliche Botſchaft Das ganze Ver⸗ mögen meiner Frau ſtand bei ihrem Vormund, einem ſehr bekannten Banquier; er hatte fallirt, ſich auf die Flucht gemacht und Florence war vollfommen ruinirt. Ich hatte einen Moment der größten Freude. Meine * 97 Frau, hoffte ich, werde ſich, jetzt ihres Vermögens ent⸗ blöſt und ganz meiner Diseretion anheimgegeben, viel⸗ leicht meinen Wünſchen zugänglicher zeigen.“ „Ich kenne Florence, mein Herr, und wenn ich mich nicht täuſche . . ſo täuſchten Sie ſich in Ihrer Hoffnung?“ „Nur zu wahr, Madame; als Florence den Ver⸗ luſt ihres Vermögens erfuhr, ſchien ſie, ſtatt irgend eine Unzufriedenheit zu offenbaren, im Gegentheil ganz zufrieden. Ihre erſten Worte waren: „„Ich hoffe, mein Herr, daß Sie nun unſerer Trennung kein Hin⸗ derniß mehr in den Weg legen werden.““ Mehr als je, ſagte ich zu ihr, denn ich habe Mitleid mit Ihnen, und werde Sie nicht dem Elende preisgeben. „Mein Herr,““ verſetzte ſie, „„vor dem Verluſte meines Ver⸗ mögens hätte ich vielleicht gezögert, mich von Ihnen zu trennen, denn ich habe die Hoffnung aufgegeben, Valentine wieder zu finden; und ich wollte nun in Ruhe, nach meinem Behagen leben; ich hätte Ihnen gewiſſe Bedingungen geſtellt, aber nun wäre jeder Tag, jede Stunde, die ich in dieſem Hauſe zubrächte, eine Erniedrigung, eine Qual für mich, eine Qual, die ich nicht erdulden will; geben Sie daher Ihre Zuſtimmung zu meiner Befreiung, und empfangen Sie Ihre Frei⸗ heit aus meinen Händen.““ Aber unglückliches Kind, ſagte ich, wie wollen Sie leben, Sie, die an den Lurus, an die Unthätigkeit Gewöhnte? — „„Ich habe Sie bei der Verheirathung um zehntauſend Franken in Gold auf meinen Brautſchatz gebeten,“ antwortete ſie, „es bleibt mir noch etwas davon .„. das wird mir rei⸗ chen.“ Aber wenn dieß Geld aufgezehrt iſt, was haben Sie dann für Hülfsquellen? „„Das mag Ihnen gleichgültig ſein,“ antwortete ſie mir. Das iſt mir doch in ſofern nicht gleichgültig, als ich Sie nicht im Elende zu laſſen entſchloſſen bin, und was Sie auch thun mögen, ich werde mich nicht von Ihnen trennen. Die ſieben Todſünden. 7 98 „„Hören Sie mich, mein Herr,““ ſagte ſie mit bewegter Stimme, „„Ihre Abſicht iſt ſehr edel, ich danke Ihnen, Sie haben ehrenwerthe Eigenſchaften, Sie ſind der acht⸗ barſte Mann der Welt; aber unſere Charaktere, unſere Neigungen ſind und werden immer ſo ſehr von einan⸗ der abweichen, daß das Leben unerträglich für uns ſein müßte;. außerdem, und das iſt es, was mich be⸗ ſtimmt, müßte ich Ihnen nur zur Laſt fallen, da ich ruinirt bin. Keine menſchliche Macht iſt fähig, mich zu zwin⸗ gen, unter ſolchen Bedingungen mit Ihnen zu leben. Ich bitte Sie deßhalb, Herr von Luceval, trennen wir uns im Frieden, und ich werde Sie in ehrenvollem Andenken bewahren.““ „Ah! daran erkenne ich ſie „ nur ſie beſitzt dieſe Art von Delikateſſe . . . So peinlich dieſe Wei⸗ gerung für Sie war, mein Herr, ſo ging ſie doch aus einem edlen Herzen hervor.“ „Ich dachte wie Sie, Madame. Und noch mehr... der edle Entſchluß von Florence, die Feſtigkeit ihres Charakters, ihre muthige Reſignation bei dieſem un⸗ vorhergeſehenen Schlage . . . Alles mußte die Liebe vermehren, die ich immer noch für ſie fühlte; in der Hoffnung, der Gedanke an die Zukunft und die Furcht vor einem Leben im Elend werden ſie wieder zu mir zurückführen, wies ich energiſcher als je den Vorſchlag der Trennung von mir, indem ich Florence verſprach, ich werde meinen Geſchmack nach dem ihrigen zu richten ſuchen. „Dieſer Zwang,““ ſagte ſie zu mir, „würde Sie eines Verbrechens ſchuldig machen, zu dem Sie keine Anlage haben: der Heuchelei; Sie haben Ihr Temperament, ich das meine; es läßt ſich dabei nichts machen; alle Entſchlüſſe, alle Ueberlegungen der Welt werden nicht ändern, daß ich blond bin, und Sie braun find, nicht wahr? So werden unſere Charaktere ewig verſchieden bleiben; und dann, kurz, ich will Ihnen nicht verbunden ſein; es wäre etwas Anderes, wenn ich Sie liebte; ſonſt iſt es nichts; zum letzten Male ——,— 99 bitte ich Sie deßhalb, trennen wir uns im Frieden.““ Ich ſchlug es ab .. „Und doch dieſe Trennung?“ „Die Trennung fand allerdings ſtatt, Madame .. Florence hat mich dazu gezwungen.“ „Und wodurch?“ „Auf die einfachſte und ihrer Indolenz würdigſte Weiſe . Denken Sie ſich, Madame, daß ſie während drei Monaten nicht ein Wort an mich richtete, ſie hat nicht eine einzige meiner Fragen beantwortet, während dieſer drei Monate endlich ruhte ihr Blick nicht ein⸗ mal auf mir.“ 3 „Ihre Hartnäckigkeit konnte ſo weit gehen?“ „Ja, Madame;z es wäre Ihnen unmöglich, ſich vorzuſtellen, was ich gelitten; der Zorn, die Wuth, die Verzweiflung, in die mich dieſes hartnäckige Schweigen verſetzte, überſtieg alle Grenzen. Denken Sie ſich einen wahnfinnigen Menſchen, der eine Statue zum Sprechen bringen und ihr einen Blick rauben möchte? Bitten, Thränen, Anerbietungen, Drohungen, Alles war vergeblich, nichts konnte ihr ein Work entlocken; nichts, nichts, als unerbittliches Schweigen, Unbeweg⸗ lichkeit und ein höhniſches Lächeln. Ach! voftmals fühlte ich, wie ſich Alles in meinem Kopfe drehte, wie mein Geiſt irre wurde, wenn ich ganze Stunden zu den Füßen dieſes unerbittlichen Geſchöpfes in toller Verzweiflung gelegen, während ihre Züge jene gefühl⸗ loſe Gleichgültigkeit beibehielten.“ „Ach! ich begreife, mein Herr, Alles prallt an einem ſolchen paſſiven Widerſtand ab.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Madame? Nach un nach litt meine Geſundheit unter dieſer Laſt; von einem heftigen Fieber gepackt, verlor ich meine Willenskraft, und von der Nutzloſigkeit meines Beharrens überzeugt, gab ich endlich nach.“ „Mein Gott, was müſſen Sie gelitten haben!. . 100 Aber länger gegen dieſen Eigenſinn anzukämpfen, wäre unnütz geweſen.“ „Ich gab nach; um aber ſo viel als möglich den Erlat bei dieſer Trennung zu vermeiten, zog ich die Rechtsgelehrten zu Rathe. Sie ſagten mir, daß ein Scheidungsgrund darin beſtände, wenn die Frau ſich weigere, den Aufenthaltsort des Gatten zu theilen; dies und die abſolute Unverträglichkeit, von der Florence durch ihr dreimonatliches Schweigen und die Scenen in den Wirthshäuſern auf unſerer Verſuchsreiſe nur zu viele Beweiſe gegeben, reichte hin; es wurde deß⸗ halb ausgemacht, daß meine Frau eines Tages mich verlaſſe, und ſich in einem Hotel garni einrichte. Ich machte nun Florence die geſetzlichen Mahnungen; ihr Beiſtand antwortete; die Trennung wurde gerichtlich behandelt und erfolgte endlich. Meine Geſundheit war außerordentlich angegriffen; die Aerzte wußten kein anderes Mittel, mich wieder herzuſtellen, als eine lange Reiſe. Ehe ich dieſe antrat, ſandte ich meinem Notar hunderttauſend Franken, um ſie meiner Frau zuzuſtellen. Im Falle ſie dieſelben jedoch ausſchlagen würde, ſollte er ihr zu wiſſen thun, daß ſie ſtets für ſie bereit liegen, und noch in dieſem Augenblicke befinden ſie ſich in ſeinen Händen. Ich reiste, denn ich hoffte, auf den Reiſen mich zu zerſtreuen und die Vergangenheit zu vergeſſen. Aber weit gefehlt, mehr denn je fühlte ich, wie ſehr mir die Anweſenheit von Florence ſehlte Ich durchflog Egypten, die europäiſche und aſiatiſche Türkei ich kehrte durch die illyriſchen Provinzen zurück und ſchiffte mich in Venedig nach Cadir ein; von da ging ich nach Chili, wo ich Sie fand, Madame⸗ Nach einer Reiſe durch Weſtindien ſegelte ich nach Havre, wo ich vor wenigen Tagen ankam. Kaum war ich wieder in Paris, als ich auch die eifrigſten Nach⸗ forſchungen nach Florence anſtellte; endlich erfuhr ich, daß ſie in der Rue de Vaugirard wohne. Geſtern, als wir uns wieder erkannten, Madame, hatte ich mir —— 101 gerade einige Notizen über ſie von einer Perſon ver⸗ ſchafft, die im ſelben Hauſe mit ihr wohnt.“ „Und was haben Sie erfahren, mein Herr?“ „Ihre Glücksumſtände ſind ſehr beſcheiden, denn ſie wohnt im vierten Stock, und hat Niemand zur Be⸗ dienung; übrigens iſt ihre Aufführung, ſagt man, durchaus untadelhaft, ſie empfängt Niemanden . Nur die eine ſonderbare Manie hat ſie, die mir dop⸗ pelt unerklärlich iſt, wenn ich an ihre früheren Gewohn⸗ heiten denke „. Florence geht nämlich alle Tage um vier Uhr Morgens aus und kehrt erſt nach Mitternacht wieder zurück.“ „Wie Michel!“ rief Valentine, ohne ihr Erſtaunen und ihre wachſende Unruhe verbergen zu können. „Das iſt ſeltſam.“ „Was ſagen Sie, Madame?“ „Gleichfalls geſtern, mein Herr, hatte ich erfahren, daß Herr Michel Renaud, Ihr Vetter, in Nummer 57, vierte Etage, wohne daß er, wie Florence, immer erſt nach Mitternacht zu Hauſe komme, und jeden Mor⸗ gen vor vier Uhr ausgehe. Es war unmöglich, von dem Portier mehr zu erfahren.“ „Was ſoll das heißen?“ rief Herr von Luceval. „Michel und meine Frau wohnen in demſelben Stock in zwei anſtoßenden Häuſern! gehen zur ſelben Stunde aus und kehren zu gleicher Zeit nach Haus . . Wel⸗ ches Geheimniß?“ „Florence kennt alſo Michel?“ fragte lebhaft Va⸗ lentine. „Herr Renaud iſt mein Vetter, und jetzt erinnere ich mich, daß er kurze Zeit nach Ihrer Abreiſe von Paris zu mir kam, und mich bat, ihn meiner Frau vorzuſtellen, die ihn mehrmals empfangen hat .. Aber Sie, Madame, Sie kennen alſo gleichfalls Herrn Michel Renaud, da Sie ihm dieſe Nacht ſo eifrig folgten?“ „Sogleich, mein Herr, werde ich Ihnen Alles 102 ſagen,“ verſetzte Valentine erröthend, „denn, wie Sie, intereſſirt es mich, über gewiſſe Bezügniſſe zwiſchen dem Leben von Florence und Michel mir Aufklärung zu verſchaffen.“ „Ach! Madame,“ rief Herr von Luceval mit einer düſtern Bitterkeit. „Ich muß Ihnen geſtehen .. mehr als einmal während meiner langen Reiſe fühlte ich die Qualen der Eiferſucht . wenn ich daran dachte, daß Florence, nunmehr ſret Zitternd bei dieſem Gedanken unterbrach er ſich, fuhr aber bald mit einer Stimme voll dumpfen In⸗ grimms fort: „Freil oh! nein, trotz unſerer Trennung gibt mir das Geſetz wenigſtens das Recht, mich zu rächen, wenn die Frau, die noch meinen Ramen trägt, ſchuldig wäre und dieſer Menſch, dieſer Menſch! Ohl wenn ich die Gewißheit hätte, ich würde ihn heraus⸗ fordern. denn entweder er oder ich „Beruhigen Sie ſich, mein Herr,“ ſagte Valentine, Herrn von Luceval unterbrechend. „So ſeltſam auch gewiſſe Bezügniſſe erſcheinen mögen, nichts wirft bis jetzt den Schein einer Schuld auf Florence ... Dieſen Morgen verließ ſie zu gleicher Zeit mit Michel ihr Haus, und obgleich es dunkie Nacht und die Straße leer war, haben ſie nicht ein Wort mit einander ge⸗ wechſelt und hielten ſich in ziemlicher Entfernung von einander „denn erſt nachdem ich Michel ſchon lange gefolgt war, bemerkte ich, daß eine Frau parallel mit ihm auf der andern Seite der Straße ging.“ „Nun, Madame, iſt dieſe Verſtellung nicht bezeich⸗ nend? Sie gehen und kommen zur ſelben Stunde; ihre Wohnung iſt nur durch eine Zwiſchenmauer getrennt, in welcher vielleicht ein geheimes Verbindungsmittel angebracht iſt. . Und dann, was thun ſie in der Zeit, ſo lange ſie ſich außer Hauſe befinden? Wohin gehen ſie? Ohne Zweifel kommen ſie zuſammen. Aber wo das?“ 103 „O, wir werden das Geheimniß noch durchdringen, es muß ſein .. ich habe dabei eben ſo viel Intereſſe, als Sie, mein Herr, und um Ihnen dieß begreiflich zu machen, werde ich Ihnen mit wenigen Worten mein Leben mein trauriges Leben „. von dem Tage an ſchildern, an welchem Sie mich durch die gerechten des Herrn von Infreville niedergeſchmettert ahen.“ Pwölktes Rapitel. Nach einigem Schweigen, das durch ſeine Ver⸗ wunderung und ihre Verlegenheit veranlaßt worden, faßte ſich Frau von Infreville wieder, und ſagte zu Herrn von Luceval: „Als vor vier Jahren, mein Herr, die Lüge, der ſich Florence aus Freundſchaft für mich ſchuldig ge⸗ macht, in Ihrer Gegenwart entdeckt wurde, brachte mich mein Mann nach Hauſe. Dort fand ich meine Mutter.“ „Madame,““ ſagte Herr von Infreville zu mir, „wir werden in einer Stunde mit Ihrer Mutter ab⸗ reiſen. Ich werde Sie nach einer meiner Meiereien in Poiton bringen! Sie bleiben dort allein mit Ihrer Mutter: die Eriſtenz von Ihnen Beiden hängt davon ab. Wenn Sie ſich weigern, ſo werde ich morgen unſere Trennung anhängig machen, und Sie als Ehe⸗ brecherin verfolgen . . . Ich habe Beweiſe; Briefe, die, wenn auch nicht zahlreich, doch Beweiſes genug ent⸗ halten; ich fand ſie in Ihrem Sekretär. Ich werde Sie auf die Bank der Angeklagten bringen, Sie und 104 Ihren Mitſchuldigen, und vor aller Welt mögen Sie die Schande bis auf die Hefe leeren. Sie werden mit den liederlichen Dirnen in ein Gefängniß geworfen; ſpäter ſtößt man Sie auf die Straße, und Alles, was Ihnen bleibt, iſt der Hungertod. Wenn Sie ſolchem Elend und ſolcher Schande entgehen wollen, begeben Sie ſich nach Poiton. Nicht aus Mitleid, nicht aus Edelmuth mache ich Ihnen dieſes Anerbieten, ſondern weil ich das Aufſehen dieſes ſcandalöſen Prozeſſes fürchte. Doch, wenn Sie ſich weigern, werde ich auch dieſe Schmach ertragen; die Schande, die Sie trifft, möge mich tröſten.“ „Ach!“ rief Herr von Luceval, „ich begreife die Stimmung eines verwundeten Herzens aber dieſe Sprache iſt häßlich.“ „Ich mußte Alles hören, Alles leiden, Alles an⸗ nehmen, mein Herr . Ich war ſchuldig und hatte eine arme Mutter, war entblößt von allen Hülfsmitteln; wir gingen nach Poitou, wo uns Herr von Infreville ließ; die Meierei, die wir bewohnten, lag einſam in einem Walde; ihre weite Umzäunung, die wir nicht verlaſſen durften, war immet ſorgfältig verſchloſſen. Ich blieb mit meiner Mutter achtzehn Monden in die⸗ ſem Gefängniß, ohne daß es mir eklaubt oder möglich geweſen wäre, einen Brief zu ſchreiben, oder die ge⸗ ringſte Verbindung mit der Außenwelt zu unterhalten. Nach dieſer Zeit wurde ich frei, ich war Wittwe 6 Herr von Infreville .. in ſeinem Zorne, hatte mir nichts hinterlaſſen Meine Mutter und ich ſieken dem gräßlichſten Elend anheim . . . Meine Nadel⸗ arbeiten reichten nicht hin, um meine Mutter zu er⸗ nähren, und, nach einem langen Kampfe ſtarb ſie.“ Valentine vergoß eine Thräne, die ihr in die Augen trat, ſchwieg einen Moment, und ihre Bewegung bewältigend, fuhr ſie fort: Sogleich nach unſerer Ankunft in Paris hatte ich mich nach Florence erkundigt. Ich konnte jedoch 105 nur ſo viel erfahren, daß ſie auf Reiſen gegangen, und glaubte nun, daß ſie Sie begleitet . . . In meiner Her⸗ zensangſt hatte ich das Glück, einer unſerer früheren Bekannten aus dem Kloſter zu begegnen; ſie ſchlug mir vor, die Stelle einer Erzieherin bei ihrer Schweſter anzunehmen, deren Gatte ſoeben Conſul in Valparaiſo geworden. Das war für mich ein unerwartet Glück; ich nahm den Vorſchlag an und ging mit der Familie. Als ich von meiner Reiſe zurückkam, die ich mit ihr in den Norden von Chili gemacht, trafen wir mit einander zuſammen, mein Herr . . . Einige Zeit nach meiner Zurückkunft nach Valparaiſo benachrichtigten mich Briefe aus Europa, daß eine entfernte Verwandte meines Vaters, obwohl ſie mich nicht einmal kannte, mir ein beſcheidenes, aber immerhin mich unabhängig machendes Vermögen hinterlaſſen. Ich kehrte nach Frankreich zurück, um dieſe Angelegenheit zu ordnen, und vor zehn Tagen ſtieg ich in Bordeaur ans Land. Jetzt bleibt mir nur noch die Antwort auf eine ſehr delikate Frage; aber ſo ſehr ſie mich auch in Verlegen⸗ heit ſetzt, werde ich doch dieſe Antwort nicht ſchuldig bleiben; die Freimüthigkeit Ihrer Geſtändniſſe legt mir dieſe Pflicht auf.“ Und nach einem Augenblicke peinlichen Schweigens Valentine, die Augen ſenkend und tief erröthend, hinzu: „Der Mitſchuldige meines Vergehens „ war Ihr Vetter, Herr Michel Renaud.“ „Die wenigen Worte, welche Sie ſo eben über ihn äußerten, Madame, ließen mich dieß bereits ahnen.“ „Ich habe Michel geliebt, leidenſchaftlich geliebt. Dieſe Liebe hat all die ſchrecklichen Prüfungen über⸗ dauert, die ich durchzumachen hatte; die Aufregung und die Abwechslung einer Reiſe, die mich außerordentlich intereſſirte, konnten mich dann und wann dieſe thörichte Liebe vergeſſen laſſen und meinen Qualen Linderung bringen; aber meine Neigung für Michel iſt heute noch 106 ſo innig, als ſie es vor vier Jahren war; Sie begreifen, mein Herr, daß ich Ihren Schmerz, Ihre Klagen zu würdigen vermochte, daß ich verſtand, was Sie über die unerklärliche Herrſchaft ſagten, welche gewiſſe, uns durchaus entgegengeſetzte Charaktere über uns aus⸗ üben.“ „Wirklich, Madame, die geringen Bezügniſſe zu meinem Vetter, und das, was ich von ihm erfahren, bewieſen mir eine ſo große Indolenz und Apathie, daß ich ihn in der erſten Zeit meiner Verbindung mit Flo⸗ rence zu mir berief, um ihm Vorwürfe über ſeine Träg⸗ heit zu machen.“ „Ich kenne ſie Beide, mein Herr; es iſt unmög⸗ lich, zwei ſich ſo ähnliche Charaktere wieder zu finden.“ „Das iſt es auch, was ſie wahrſcheinlich einander genähert hat„ Ihr Verhältniß begann ohne Zweifel mit den erſten Beſuchen Michels, und dochskonnte da⸗ mals nichts in dem Betragen meiner Frau den gering⸗ ſten Verdacht in mir erwecken Aber hinterliſtig hat man mich getäuſcht. Oh! ſie lieben ſich, Ma⸗ damel ſie lieben ſich, ſage ich Ihnen! „ Der Inſtinkt der Eiferſucht täuſcht nicht . 24 „Ich ſollte Ihre Empörung tadeln, mein Herr, und doch zweifle ich . Ja, ich zweifle noch, mein Herr; denn wenn ich mich von Michel vergeſſen glaubte, ſ ich auf den Gedanken verzichtet, ihn wieder zu ehen.“ „Sie zweifeln, Madame? „ Und dieſe Wohnung, die nur durch eine Mauer getrennt iſt? Und dieß Gehen und Kommen zur ſeiben Stunde?“ „Erlauben Sie, mein Herr! . . . Sind Florence und Michel nicht frei . vollkommen frei? „ Iſt ſie nicht geſetzlich von Ihnen geſchieden? Welches Recht hätten Sie ferner auf ſie?“ „Das Recht der Rache, Madame!“ nd wozu würde Ihnen dieſe Rache dienen, mein Herr? Wenn ſie ſich lieben „ die ſchwerſten Prü⸗ 107 fungen würden ihre Liebe nur vermehren, ohne Ihnen irgend eine Hoffnung zu geben. Nein, nein Sie ſind zu edel, um Böſes „mit Böſem zu vergelten.“ „Ah! ich habe ſo viel gelitten, Madame.“ „Auch ich, mein Herr, habe gelitten . . Viel⸗ leicht erwarten mich noch größere Schmerzen „ und doch wollte ich lieber ſterben, als die Liebe Michels und Florence's zu ſtören, wenn ich ihres Glückes gewiß wäre.“ „Aber weßhalb folgten Sie ihm dieſe Nacht, Ma⸗ dame, ſtatt ſich ihm offen zu nähern?“ „Weil ich, ehe ich mich ihm näherte, zuerſt in das Geheimniß ſeines Lebens dringen wollte .. Wenn dieſe Nachforſchung mich zu dem Reſultate gebracht hatte, daß er und Florence ſich lieben, ſo würden Sie nie mehr von mir haben ſprechen hören Wenn ich aber den Beweis bekommen, daß Michel meinem Andenken tren geblieben, oder wenigſtens, daß ihn kein Band feßle „ ſo hätte ich ihm den Vorſchlag zu einer Verbindung gemacht, die vielleicht die Ruhe ſeines Lebens begründen könnte 4 „Ich bin weniger reſignirt, Madame.“ „Was war denn Ihre Abſicht, als Sie Florence folgten?“ „Sie auf dem Vergehen zu ertappen, denn die Art und Weiſe, wie ſie lebt, ſchien mir verdächtig und bewaffnet mit dieſem Geheimniß „ „Ah! mein Herr „ immer die Einſchüchterung, immer Gewalt!. Sie ſehen doch, zu was es ge⸗ führt hat! . . . „und meine Bitten „ und meine Thränen, und meine Verzweiflung, über die ſie lachte, wozu haben dieſe mir gedient, Madame?“ „Zu nichts, allerdings . aber glauben Sie mir, was vergeblich war, wird es auch noch ſein Flo⸗ rence hat Ihnen Beweiſe ihrer Charakterfeſtigkeit ge⸗ geben „glauben Sie, daß ſie ſich geändert? .. ——— —— 108 Sie irren ſich! Wenn ſie liebt.. wird ihr die Liebe neue Kräfte verleihen „ und wenn Sie ſich rächen, werden Sie nichts als den traurigen Triumph des Böſen haben . „Aber ich werde wenigſtens gerächt ſein, ich werde dieſen Menſchen tödten, oder er wird mich tödten!“ „Mein Herr. wenn ich Sie für fähig hielte, auf ähnlichen Plänen zu beſtehen, ſo hätte ich nur einen Gedanken: Florence und Michel von der Gefahr in Kenntniß zu ſetzen, die Ihnen droht „Sie ſind edel, Madame,“ ſagte Herr von Luceval mit einer düſtern Bitterkeit. „Und auch Sie ſind edel, mein Herr, wenn Sie nicht Ihrer blinden Leidenſchaft folgen; ja, Sie ſind edel, ich bedarf keines andern Beweiſes dafür, als die rührende Fürſorge, mit der Sie vor Ihrer Abreiſe, trotz Ihrer Verzweiflung an die Bedürfniſſe Florence's dachten „Das war Schwäche des Herzens und des Geiſtes, tadame „Die Zeiten haben ſich verändert .. „Aber was ich Ihnen ſagen kann, mein Herr, iſt, — wenn Sie in mir die Theilnehmerin an einer ſchändli⸗ chen Rache erwarten, ſo wollen wir augenblicklich dieſe Unterhaltung abbrechen . . . Wenn Sie aber, wie ich, die Wahrheit erfahren wollen, um zu wiſſen ob wir hoffen können, oder ob jede Hoffnung unmöglich iſt ſo zählen Sie auf mich, mein Herr, „ denn, indem wir uns gegenſeitig dienen, werden wir leichter hinter die Wahrheit kommen.“ „Und wenn die Wahrheit iſt, daß ſie ſich lieben „ „Ehe wir weiter geehen, mein Herr, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, „daß ſo unglücklich auch das Re⸗ ſultat unſerer Forſchungen ſein möge, Sie auf jede Rache, ja ſelbſt darauf verzichten, Florence wie⸗ derzuſehen.“ „Nie, WMadame nie „lieben Sie auf Ihre Weiſe „ich liebe auf die meine „ 109 „Es ſei, mein Herr,“ ſagte Valentine aufſtehend⸗ „wir werden Jedes für uns handeln und wie es Ihnen gutdünkt.“ „Aber Madame ich kann doch nicht „Sie ſind frei in Ihren Handlungen, mein Herr.“ „Vergebung 4 „Laſſen Sie, mein Herr!“ Herr von Luceval ſchwieg einen Augenblick, eine Beute des heftigen Kampfes ſeiner Eiferſucht, ſeines natürlichen Edelmuths und ſeiner Furcht, Frau von In⸗ freville möchte, wie ſie ihm gedroht, Florence vor der Gefahr in Kenntniß ſetzen, die ihr drohe; endlich ſiegte dieſe letztere Betrachtung, ja ſogar ein gewiſſes edleres Gefühl, und Herr von Luceval antwortete Valentine: „Nun denn, Madame, Sie haben mein Wort . . . „Gut, gut, mein Herr „ meine Ahnung ſagt mir, daß dieſer gute Entſchluß uns Glück bringen wird . denn, denken wir nur über das nach, was wir wiſ⸗ ſen „Ah Madame, ah mein Gott, ich verlange nichts als hoffen zu dürfen „Gerade von Hoffnungen will ich mit Ihnen ſpre⸗ chen „Aber von welchen?“ „Nun, wenn Michel und Florenee ſich liebten, oder noch deutlicher geſagt, wenn fie zwei Liebende wären, wer würde ſie hindern, wie Mann und Frau zu leben . in irgend einer Einſamkeit der Provinz oder ſelbſt in Paris, wo man am meiſten nach ſeinem Behagen, wo man am verborgenſten leben kann?“ „Aber dieſe anſtoßenden Zimmer. iſt es nicht möglich, daß ſie mit einander in Verbindung ſtehen?“ „Wozu dieſe Vorſicht, dieſes Geheimnißvolle, dieſer Zwang, die mit dem Charakter Michels und Flo⸗ rences ſo wenig ſtimmen?“ „Wozu? nun, um ſich ohne Aufſehen zu ſprechen, Madame.“ 110 „Aber noch einmal, wenn ſie den Namen ändern und ſich für Mann und Frau ausgeben, für Herrn und Frau Renand, wo wäre da das Aufſehen? wer könnte hinter die Wahrheit kommen? wer hätte ein Intereſſe, ſich darum zu kümmern?“ „Wer? nun früher oder ſpäter, Sie oder ich, Ma⸗ dame „ „Um ſo mehr Grund, mein Herr: wenn ſie etwas gefürchtet, hätten ſie auch den Namen geändert, das wäre einfacher und ſicherer geweſen, während ſie durch die Beibehaltung ihrer Namen ſo leicht zu entdecken waren, wie unſere Nachforſchung hinlänglich beweist? Und dann, mein Herr, wenn ſie ſich durchaus mit einem Geheimniß umgeben wollten, konnten fie nicht ebenſo auch das verbergen, was ſie von ihrem Leben aller Welt zeigen, da ſie den größten Theil ihrer Zeit außer dem Hauſe zubringen.“ „Und das iſt es ja gerade, was mich beunruhigt, wo gehen ſie hin? Florence, die ſonſt kaum um die Mittagszeit aufſtehen konnte . ſteht nun ſeit drei Jahren vor vier Uhr ... WMorgens auf, und ſelbſt bei ſo abſcheulichem Wetter, wie dieſe Nacht.“ „Und Michel! iſt das nicht ebenſo auf⸗ fallend?“ „Welche Veränderung? was iſt Schuld daran?“ „Ich weiß es nicht .. aber die Veränderung ſelbſt läßt mich hoffen; ja Alles macht mich glauben, daß Michel dieſe Apathie überwunden hat . dieſe Trägheit, die ihn unglücklich machte und unter der ich ſo viel litt .. „Ach! wenn Sie die Wahrheit ſagten, Madame: wenn Florence nicht mehr ſo indolent wäre, daß ſie eine Fahrt im Wagen für eine Anſtrengung, und die geringſte Reiſe für eine Qual hält; wenn die peinliche Eriſtenz, zu der ſie ſeit vier Jahren verdammt iſt, ſie umgewandelt hätte . . mit welcher Freude wollte ich die Vergangenheit vergeſſen! wie ſchön könnte mein 11¹¹ Leben noch werden! Ach, Madame, ſehen Sie: ich fürchte nur eins . es iſt thöricht zu hoffen.“ „Weßhalb thöricht?“ „Sie können hoffen, Madame . . „ Siel Madame denn Sie wurden wenigſtens geliebt wäh⸗ rend Florence nie Liebe für mich gefühlt hat.“ „Weil der Charakter von Florence und der Ihrige in Allem disharmonirten. Aber wenn ihr Charakter, wie wir annehmendürfen, ſich durch die Noth des Lebens in dieſen vier Jahren geändert hätte? vielleicht würde ihr das an Ihnen, was ihr früher mißfallen, jetzt gefallen. Hat ſie Ihnen nicht mitten im heftigſten Kampfe ihrer wi⸗ derſtrebenden Neigungen ſelbſt geſagt, daß ſie Sie für einen ebenſo edeln, als ehrenwerthen Mann halte?“ „Aber unſre geſetzliche Scheidung?“ „Nun, mein Herr, ein Grund weiter!“ „Wie?“ „Gezwungen . . war Florence vollkommen unzu⸗ gänglich, jetzt als Herrin über ſich ſelbſt wird ihr Betra⸗ gen vielleicht ganz anderer Art ſein.“ „Noch einmal, Madame, ich fürchte, mich von thö⸗ richter Hoffnung hinreißen zu laſſen . die Enttäu⸗ ſchung wäre ſchrecklich.“ . „Hoffen Sie, hoffen Sie immerhin „. mein Herr . . die Enttäuſchung kommt, wenn ſie kommt, immer noch zeitig genug. . . aber unſere Hoffnung in Gewißheit zu verwandeln, iſt es dringend nothwen⸗ dig, daß wir das Geheimniß durchdringen, das Flo⸗ rente und Michel umgibt . . . in dieſem Geheimniß liegt ſicher der Knoten ihrer Bezügniſſe. Kennen wir einmal die Natur ihres Verhältniſſes, ſo haben wir den Schlüſſel zu Allem.“ „Ich bin ganz Ihrer Anſicht, Madame; aber wie das anſtellen?“ „Wir müſſen auf das Mittel zurückkommen, das wir geſtern angewandt Es iſt das einfachſte und beſte, wir folgen ihnen „ und verdoppeln unſere 1¹2 Vorſicht. Die Stunde, zu welcher ſie ausgehen, er⸗ leichtert uns die Sache ſehr; wenn das nichts hilft. .. müſſen wir uns weiter verabreden .. . „Vielleicht wäre es vorzuziehen, wenn ich, um nicht ihren Verdacht zu erregen, ihnen allein folge.“ „Gut, mein Herr . und wenn es Ihnen nicht gelingt ſo werde ich den Verſuch machen.“ Zwei leichte Schläge an die Thüre des Salon un⸗ terbrach die Unterhaltung. „Herein!“ rief Frau von Infreville. Ein Diener des Hauſes trat ein, welcher einen Brief in der Hand hielt. „Ein Brief, welchen ein Commiſſionär ſo eben für Madame brachte.“ „Von wem?“ „Er hat es nicht geſagt, Madame, er ging ſogleich wieder.“ „Gut,“ ſagte Valentine, den Brief nehmend. Dann ſich an Herrn von Luceval wendend, ſagte ſie: „Sie erlauben? „ Er verbeugte ſich. Valentine löste das Sigel, ſah nach der Unterſchrift und rief plötzlich: „Florence ein Brief von Florence . . . „Von meiner Frau!“ rief Herr von Luceval. Und beide ſahen ſich erſtaunt an. „Aber wie weiß ſie Ihre Adreſſe . . Madame?“ „Ich weiß es nicht ich bin ganz verwirrt.“ „Leſen Sie, Madame, leſen Sie, bitte .. Frau von Infreville las, wie folgt: „„Meine gute Valentine, ich habe erfahren, daß Du in Paris biſt „ ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich es mich machen würde, Dich zu umarmen; aber ich muß dies Glück vertagen und auf etwa drei Monate, das heißt, bis auf die erſten Tage des Juni dieſes Jahres verſchieben. „„Wenn Du um dieſe Zeit Luſt haſt, Deine beſte Freundin wiederzuſehen (ich zweifle nicht an Deinem 113 guten Willen), ſo gehſt Du zu Herrn Duval, Notar zu Paris, Rue Montmartre Nr. 17, und ſagſt ihm, wer Du biſt: er wird Dir einen Brief geben, in welchem Du meine Adreſſe findeſt; den Brief ſelbſt wird er erſt Ende Mai erhalten, denn in dieſem Augenblick kennt mich Herr Duval nicht einmal dem Namen nach. „„Ich bin ſo feſt von Deiner Freundſchaft ver⸗ ſichert, meine gute Valentine, daß ich auf Deinen Be⸗ ſuch zähle; der Weg wird Dir vielleicht etwas lang vorkommen „. aber Du kannſt Dich bei mir von Deinen Strapazen erholen und Gott weiß, wie viel wir zu plaudern haben. „„Deine beſte Freundin, die Dich von ganzer Seele umarmt. Florence von L.““ Man kann ſich das Erſtaunen Valentinens und des Herrn von Luceval denken, als ſie dieſen Brief laſen; ſie ſchwiegen einen Augenblick; Herr von Luce⸗ val ſprach zuerſt: fu haben dieſe Nacht geſehen, daß wir ihnen olgten.“ „Wie aber erfuhr Florence meine Adreſſe?“ ſagte Valentine nachdenklich. „Ich habe Niemanden in Pa⸗ ris geſprochen, außer Ihnen und einen unſerer frühe⸗ ren Bedienten, mit deſſen Hülfe ich Michels Adreſſe erfuhr, da die Schweſter jenes Menſches die Amme Ihres Vetters war.“ „Warum ſchreibt Florence Ihnen, Madame, und nicht mir, wenn ſie vermuthet, daß ich ihr gefolgt ſei.“ „Vielleicht täuſchen wir uns, mein Herr, und ſie ſchreibt mir, ohne daß ſie weiß, daß Sie in Paris ſind.“ Wozu aber dann dieſer Verzug, warum empfängt ſie Sie nicht ſogleich . . . wozu dieſe indirekte Bitte, ſich nicht nach Ihrer Adreſſe zu erkundigen, ehe der Mai vorüber iſt, da auch die Perſon, die Ihnen die Adreſſe übergibt, ſie erſt um dieſe Zeit erfährt.“ „Ja, das iſt merkwürdig,“ verſetzte Valentine etwas Die ſieben Todſünden. 8 114 niedergeſchlagen, „Florence will mich nicht vor drei Monden ſehen und ſie hat zu dem Ende ihre Maß⸗ regeln getroffen „. Hat Michel wohl Theil an dieſem Briefe?“ „Madame . es iſt keine Minute zu verlieren,“ ſagte Herr von Luceval, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, „nehmen wir einen Wagen und fahren nach der Rue de Vaugirard . . . wenn meine Frau irgend Verdacht hegt . oder Furcht hat, ſo iſt ſie nach Hauſe zurückgekehrt während des Tages und hat Befehle gegeben, die uns ins Klare ſetzen können.“ „Sie haben Recht, mein Herr, gehen wir .. gehen wir . . Eine Stunde ſpäter ſtiegen Valentine und Herr von Luceval wieder in den Fiaker, der in einiger Entfer⸗ nung von zwei aneinander ſtoßenden Häuſern hielt, aus welchen die Beiden getreten waren. „Nun, mein Herr,“ ſagte ängſtlich Frau von Infre⸗ ville, die, blaß und aufgeregt, zuerſt wieder in den Wa⸗ gen geſtiegen war, „was wiſſen Sie?“ „Kein Zweifel mehr, Madame, meine Frau hat Verdacht geſchöpft. Ich fragte den Portier nach Frau von Luceval, da ich etwas ſehr Wichtiges mit ihr zu ſprechen habe „Seit Kurzem wohnt ſie nicht mehr hier,““ antwortete mir der Mann Sie kam um elf Uhr in einem Fiaker, und nahm mehre Pakete mit ſich fort, indem ſie uns ſagte, daß ſie nicht wiederkeh⸗ ren werde „ das war gasz einfach,““ fügte der Por⸗ tier hinzu, „„denn Frau von Luceval hatte bei ihrem Einzug ſechs Monate vorausbezahlt und vor einiger Zeit auf den erſten Juni gekündigt; über ihr kleines Mobiliar will ſie ſpäter verfügen.“ Das iſt die Ant⸗ wort dieſes Mannes, Madame, es war mir unmöglich, mehr von ihm zu erfahren und Sie, Madame, was wiſſen Sie?“ „Daſſelbe, was Sie erfuhren, mein Herr,“ antwor⸗ 11⁵ tete Valentine mit wachſender Niedergeſchlagenheit. „Michel kam um elf Uhr nach Hauſe; auch er kündigte an, daß er das Haus verlaſſen und über ſeine Möbeln Beſtimmung treffen werde. Er hatte gleichfalls auf den erſten Juni gekündigt.“ „So werden Sie ſich alſo am 1. Juni verbin⸗ den „ „Weßhalb wollte ſie aber dann um dieſe Zeit mit mir zuſammenkommen?“ „O, wie dem auch ſei, was ſie auch thun mögen,“ rief Frau von Infreville, „ich werde hinter das Geheim⸗ niß kommen.“ Frau von Infreville ſenkte melancholiſch den Kopf, antwortete nichts und blieb in Gedanken vertieft. Dreizehntes Rapitel. Es waren ungefähr drei Monate, ſeit ſich Herr von Luceval und Frau von Infreville in Paris begeg⸗ net hatten. Die folgenden Szenen ereigneten ſich auf einem Meierhofe, etwa zwei Stunden von der Stadt Hyeres in der Provence. Dieſe Meierei, ein kleines Landhaus vom beſchei⸗ denſten, aber lachendſten Ausſehen, erhob ſich am Fuße eines Hügels fünfhundert Fuße über dem Meere. Der Garten, von höchſtens einem halben Morgen Umfang, mit Maulbeerfeigen und hundertjährigen Pla⸗ tanen bepflanzt, wurde von einem raſchen Waſſer durch⸗ zogen; genährt von den QOuellen des Berges, ſtürzte ſich 116 dieſer Bach in das Meer, nachdem er das Gärtchen er⸗ friſcht hatte. Das weiße Haus mit den grünen Fenſterladen ſchien inmitten eines rautenförmigen Dreiecks von unge⸗ heuren Orangenbäumen begraben, welche es gegen die brennenden Sonnenſtrahlen des Mittags ſchützten. Ein einfacher blühender Weißdornhag umſchloß den Garten, in welchen man durch eine kleine Thüre trat, die ſich zwiſchen zwei Schichten von Mauerſtei⸗ nen befand. Gegen drei Uhr Nachmittags, bei einem wahrhaft italieniſchen Himmel, hielt ein Reiſewagen, der von Hyeres kam, unweit von der Meierei an dem Hügel⸗ abhang. Herrvon Luceval, blaß und finſteren Ausſehens, ſtieg zuerſt aus dem Wagen und half Frau von Infreville beim Ausſteigen. Nachdem ſich dieſe einen Augenblick umgeſehen, be⸗ merkte ſie von der Höhe, wo der Wagen ſo eben an⸗ hielt, das kleine zwiſchen Orangen begrabene Häuschen. Valentine deutete mit einer Geberde auf den Meier⸗ hof und ſagte zu Herrn von Luceval mit einer etwas angegriffenen Stimme: „Das iſt es 4 „Allerdings,“ antwortete er mit einem unterdrück⸗ ten Seufzer. „Das muß es ſein nach den Notizen, die man uns gegeben „der wichtigſte Augenblick iſt gekommen . gehen Sie, Madame, ich erwarte Sie; ich weiß nicht, vb mehr Muth dazu gehört, hier zu bleiben „in der Angſt der Ungewißheit „als Sie zu begleiten.“ „Gedenken Sie, o bitte. an Ihr Verſprechen, mein Herr laſſen Sie mich allein „ dieſe viel⸗ leicht ſehr peinliche Miſſion erfüllen, Sie könnten nicht Herr über ſich bleiben und trotz Ihres Ehrenwor⸗ tes, das Sie mir gegeben ach, mein Herr, ich kann nicht mehr ſagen „„ ich zittre hei dem Gedanken „ — 117 „JFürchten Sie nichts,“ Madame, verſetzte Herr von Luceval mit dumpfer Stimme . „ich habe nur ein Wort . . „ wenigſtens „ „O, mein Herr. .. Sie haben mir geſchworen . .4 „Seien Sie tuhig, Madame, ich werde nicht vergeſſen, was ich geſchworen.“ „Gut, Sie beruhigen mich . Auf, mein Herr, Muth und Hoffnung 2 der Tag, dem wir ſeit drei Monaten mit ſolcher Bangigkeit entgegenharren, iſt endlich gekommen. Daſſelbe Dunkel ruht für uns auf Michels und Florencens Leben, in einer Stunde werden wir Alles wiſſen und Alles iſt entſchieden.“ „Ja. „ antwortete Herr von Luceval niederge⸗ ſchlagen „ja alles wird entſchieden.“ „Bald, mein Herr „ Vielleicht werde ich nicht allein zurückkehren „4 Herr von Luceval ſenkte traurig den Kopf und Valentine wandte ſich, einen Fußpfadhinabſteigend, nach der Thüre des Gartens. Herr von Luceval, welcher an dem Hügelabhang allein geblieben, gieng mit düſterer Miene und gedan⸗ kenvoll auf und nieder, dann und wann unwillkürlich die Augen nach dem Häuschen richtend. Plötzlich hielt er inne, zitterte und wurde leichen⸗ blaß Sein Blick funkelte „ Er hatte ſo eben in einiger Entfernung von dem Hag, der die Meierei umgab, einen Mann mit weißem Zwillichhemde und einem breiten Strohhute geſehen. Aber bald verſchwand dieſer Mann zwiſchen einigen Felſen am Meere, zwiſchen welchen ſich da und dort ungeheure Korkeichen erhoben. Das erſte, was Herr von Luceval that, war, daß er nach dem Wagen lief, unter einem der Sitze eine Kap⸗ ſel mit Piſtolen hervorholte, — die er dem Blicke der Frau von Infreville entzogen hatte, — und damit dem Menſchen mit dem Strohhute nachlief. . . Rachdem er zehn Schritte gemacht hatte . hielt 118 Herr von Luceval inne, ſann einen Augenblick nach und kehrte langſam zu dem Wagen zurück, in welchen er ſeine Waffen niederlegte, indem er ſagte: „Es wird immer noch Zeit ſein. . . Und meinen Schwur ich werde ihn halten . ſo lange die Verzweiflung und die Wuth mich nicht über die Grenzen der Vernunft und der Ehre treiben.“ Die Augen auf das Häuschen geheftet, ſtieg Herr von Luceval den Fußpfad hinab und gegen ſeine mäch⸗ tige Verſuchung zu kämpfen ſcheinend, unterſuchte er den Hag, von welchem der Garten umgeben war. Während der letzten Vorfälle war Valentine an der äußeren Thüre der Umnfriedung angekommen und hatte geklopſft. Nach einigen Augenblicken öffnete ſich die Pforte. Eine Frau von ungefahr fünfzig Jahren, ſehr reinlich nach Art der Provengalinnen gekleidet, erſchien auf der Schwelle. Bei ihrem Anblick rief Valentine, ohne ihr Erſtau⸗ nen zu verbergen: „Sie ſind es, Madame Reine!!“ „Ja, Madame,“ erwiderte die alte Frau mit einem ſüdlichen Accente und, wie es ſchien, durchaus nicht er⸗ ſtaunt über den Beſuch Valentinens. „Ihre ergebene Dienerin, bemühen Sie ſich einzutreten.“ Valentine ſchien eine Frage zu unterdrücken, die ihr auf den Lippen ſchwebte, erröthete leicht, trat in den Garten und die Thüre ſchloß ſich hinter den beiden Frauen. Frau Reine war die Amme und einzige Die⸗ nerin Michel Renaudos, ſelbſt in den Zeiten ſeines Glan⸗ zes geweſen. Frau von Infreville kam bald unter das dichte Laubgewölbe der Orangenbäume, in deren Mitte das kleine weiße Haus lag. „Iſt Frau von Luceval hier?“ fragte Valentine mit etwas angegriffener Stimme. Die alte Amme blieb ſtehen, legte einen Finger auf 119 den Mund, um Frau von Infreville Schweigen zu be⸗ deuten, dann machte ſie ihr ein Zeichen, nach lints zu blicken und blieb unbeweglich. Auch Valentine plieb unbe⸗ weglich. Der Leſer vernehme, was ſie ſah: Zwei caraibiſche Hängematten, aus tauſendfarbigen Binſen geflochten, hiengen in geringer Entfernung von einander an den äſtigen Stämmen der Orangenbäume. Eine dieſer Hängematten war lees In der andern ruhte Florence. Eine Art leichten Schleiers von weißem Tuche mit blauen Streifen, der über der Hängematte angebracht war und von dem Winde bewegt wurde, welcher ſich vom Meere her erhob, gab dieſem luftigen Bette ein ſanftes Gleichgewicht. Florence ſchlief . . . entblöſten Armes und Hal⸗ ſes mit einem weißen Pudermantel bekleidet, in einer durch Leichtigkeit, Weichheit und Anmuth gleich anziehenden Stellung . Auf ihrem rechten, halb ge⸗ krümmten Arme ruhte ſehnſuchtsvoll der reizende Kopf und bisweilen hob der friſche Athem des Windes, der die Stirne der jungen Frau küßte, einige Locken ihrer blonden Haare; . . . ihr linker Arm hieng nachläſſig aus der Hängematte, ihre Hand hielt noch den großen grünen Fächer, mit dem ſie ſich wenige Augenblicke, ehe der Schlaf ſie überraſcht, Kühlung zugeweht . .. Eines ihrer reizenden Beine, unbedeckt bis zum Beginn einer kleinen prallen Wade, eingehüllt in das feine Gewebe eines Strumpfes von ſchottiſchem Garn, hieng gleichfalls nachläſſig aus der Hängematte und zeigte einen Cendrillonfuß, der in einem Pantoffel von rothem Maroquin ruhte. Nie hatte Valentine Florence ſchoner, roſiger, fri⸗ ſcher geſehen; ihre purpurrothen, halbgeöffneten Lippen athmeten rein und ſüß wie ein Kind, und die anbetungs⸗ 120 würdige Reinheit ihre Züge drückten eine unaus⸗ ſprechliche Ruhe aus. Einige Schritte davon ſah man inmitten des durch⸗ ſichtigen Waſſers jenes Flüßchens, das die Orangen⸗ bäume gleichfalls beſchatteten, einen großen halb ein⸗ gegrabenen Binſenkorb, angefüllt mit grünen Waſſerme⸗ lonen von wundervoller Haut, rothe Feigen und früh⸗ reife Trauben, die in dieſer beinahe eiſigen Welle er⸗ friſcht wurden, in der auch Cryſtallcaraffen mit gelber Zitronenlimonade und rothe Granatäpfel ſtanden .. Endlich ſah man auf dem Raſen, der den Bach umgab und immer beſchattet war, zwei große Fauteuils, Stroh⸗ matten, Kiſſen, Polſter und andere Werkzeuge der Träg⸗ heit und des far niente, ferner nahe bei den Fauteuils einen Tiſch, auf welchem durcheinander einige Bücher, feine türkiſche Pfeifen, Kryſtallkelche und aufeiner Platte kleine Maiskuchen nach der Sitte des Landes, lagen und ſtanden. Um das Bild zu vollenden, ſah man durch zwei Oeffnungen der Baumgruppen auf der einen Seite die blauen, ruhigen Wellen des mittelländiſchen Meeres, auf der andern die ſtufenförmigen Gipfel hoher Berge, deren majeſtätiſche Linien ſich von dem Azur des Him⸗ mels abhoben. Valentine, überraſcht von dem Schauſpiel, das ſich ihren Augen bot, hielt unwillkürlich vor Entzücken ine Plötzlich öffnete ſich mechaniſch die Hand von Flo⸗ rence, der Fächer ſiel und die Schläferin erwachte durch die Bewegung. Beim Anblick der Frau von Infreville einen Freu⸗ denſchrei ausſtoßen, aus der Hängematte ſpringen und ch der Freundin um den Hals werfen — waren die erſten Bewegungen von Florence. „Ah!“ ſagte ſie, Valentine zärtlich umarmend, während die Thränen zärtlicher Freude ihre Wimpern befeuchteten: „ich war gewiß, daß Du kommen wer⸗ deſt. „Seit zwei Tagen erwartete ich Dich und Du 12¹ ſiehſt,“ fügte ſie hinzu, indem ſie lächelte und einen Blick auf die Hängematte warf, aus der ſie ſo eben geſtiegen, „das Glück kommt im Schlafe, ein Sprüchwort der Trägen; aber es iſt nichts deſto weni⸗ ger wahr, da Du da biſt. Doch laß mich Dich jetzt recht betrachten,“ fügte Florence hinzu, die Hände ihrer Freun⸗ din in den ihrigen haltend und zwei Schritte zurücktre⸗ tend, „immer ſchön ja ſchöner, denn je. Umarme mich doch, meine gute Valentine! Wenn ich daran denke, es ſind mehr als vier Jahre, daß wir uns nicht' geſehen, und in welcher Lage! doch alles hat ſeine Zeit. Aber,“ fügte Florence hinzu, ihre Freundin an der Hand nehmend und ſie an das Waſſer führend; „wie drückend die Hitze iſt. Da find Früchte meines Gartens, die ich für Dich erfriſchen ließ.“ „Danke, Florence, ich werde jetzt nichts eſſen. Aber laß nun auch mich Dich anſehen und Dir ſagen „„ (ich bin keine Schmeichlerin) wie ſchön Du geworden. Wel⸗ cher Glanz! welche Friſche! und welches Glück ſtrahlt aus Deinen Zügen!“ „Iſt es wahr? findeſt Du mich heiteren Ausſe⸗ hens? um ſo beſſer, denn ich wäre ſehr aufgebracht auf das Schickſal, wenn ich nicht ſo ausſähe . Aber ich ahne Deine Ungeduld Du willſt plaudern? .. auch ich, ich ſterbe vor Neugier. Nun gut, ſo plaudern wir aber ſetze Dich zuvor in dieſen Fauteuil und dieſes Polſter unter Deine Füße und dieſes Kiſſen, um die Ellbogen darauf zu ſtützen O! man kann ſichs nicht bequem genug machen „ „Ich ſehe es,“ ſagte Valentine, immer erſtaunter über das heitere Geſicht ihrer Freundin, obwohl ihr Wiederſehen aus mehren Gründen etwas Ernſtes in ſich ſchloß. „Ja,“ fügte ſie mit einem erzwungenen Lächeln hinzu, „Du ſcheinſt mir große Fortſchritte in Deinem Wohlleben gemacht zu haben.“ „Wirklich erſtaunliche Fortſchritte . meine liebe 122 Valentine .. Sieh, betrachte dieſes kleine Stirnbanb am Rücken des Fauteuils.“ „Gut aber ich begreife nicht.“ „Es dient dazu, den Kopf zu halten . . . wenn man will . . ℳ und das Beiſpiel mit der Vorſchrift verbindend, fügte die Schwärmerin der Trägheit hinzu: „Siehſt Du, wie bequem dies iſt! . Aber woran dachte ich? Du betrachteſt mich erſtaunten, beinahe ſchmerzlichen Blickes . . . Du haſtRecht . Du hältſt mich vielleicht für gleichgültig gegen Deine . und wie ich hoffe .. glücklich vergeſſenen Schmerzen,“ fügte Florence mit bewegtem Tone hinzu. gefühllos! o, gewiß nicht, ich ſchwöre es Dir. An all' Deinen Schmerzen hab' ich Theil genommen. Aber der Tag iſt ſo ſüß, ſo ſchön für mich, daß ich ihn nicht mit unangenehmen Erinnerungen trüben möchte . . „Wie! Du wußteſt .. „Ja ich wußte, ſeit einem Jahre „ von Deiner Einſamkeit in Poitou, Deinem Witthum, Deiner Ar⸗ muth, die Dich weniger um Deinet⸗, als um Deiner Mutter Willen drückte „ verſetzte Florence, immer weicher werdend .. „Ich wußte auch, mit welchem Muth Du gegen das Elend bis zu dem Tode Deiner „ armen Mutter gekämpft. Aber ſieh', was ich fürch⸗ tete,“ fügte die junge Frau hinzu, die Hände auf die Augen legend, „Thränen und heute .. „Florence, meine Freundin,“ ſagte Valentine die Bewegung ihrer Geſellſchafterin theilend, „ich „ zweifelte nie an Deinem Herzen 4 „Wirklich ? .. „Kannſt Du glauben?“ „Dank, Valentine . Dank. Du gibſt mir die ganze Freude des Wiederſehens wieder.“ 3 „Aber wie erfuhrſt Du alles, was mich betrifft?“ „Ich erfuhr es da und dort, etwas von allen Sei⸗ ten, ich führte ein ſo thätiges, bewewegtes Leben.“ „ * ₰— 123 u!“ „Ich!“ antwortete die junge Frau mit einer freu⸗ vigen und triumphirenden Geberde . „ja, ich .. O Du wirſt noch manches Andre erfahren.“ „Gewiß, wenn Du willſt, wirſt Du mich von einem Erſtaunen in das andre fallen laſſen . denn, weniger gut unterrichtet als Du ich weiß ſeit vier Jahren nichts von Deinem Leben als die Trennung von Herrn von Luceval.“ „Wahr,“ ſagte Florence mit einem halben Lächeln, „Herr von Luceval hat Dir das geſagt . und mit welch bizarren. aber im Arſenal meiner Trägheit aufge⸗ häuften Mitteln .. (was willſt Du? man bedient ſich deſſen, was man hat) brachte ich meinen Mann vazu, von dem Wahne abzuſtehen, er vermöge mich ge⸗ gen meinen Willen zum Reiſen zu bringen und ihm die Meinung zu benehmen, er könne mich noch länger als ſeine Gattin betrachten .. „Und dieſe Scheidung brachteſt Du zu Stande, als Du Deinen Banquerot erfuhrft. Herr von Luceval hat mir Alles geſagt Er läßt Deiner Zartheit volle Gerechtigkeit widerfahren.“ „Der Edelmuth war auf ſeiner Seite armer Alerander Abgeſehen von ſeiner unaufhörlichen Be⸗ weglichkeit und den Manieren des ewigen Juden hat er manches Gute . . viel Gutes „. Nicht wahr, Va⸗ lentine?“ fügte Florence hinzu, indem ſie boshaft lä⸗ chelte. „Welch' glücklicher Zufall, daß Ihr Euch begegnet habt ſo zufällig . . und daß Ihr Euch ſeit drei Monaten ſo häufig geſehen! Ihr konntet Euren Werth gegenſeitig ſchätzen lernen.“ „Was willſt Du damit ſagen 2“ verſetzte Valentine erröthend und ihre Freundin erſtaunt betrachtend, „wirk⸗ lich, Du biſt thöricht, Florence.“ „Ich bin thöricht .. Gut Aber ſieh, Valen⸗ tine, ſei offen wie immer „„ Es gibt einen Namen, 124 den Du ſeit Deiner Ankunft ſo gerne ausſprechen möch⸗ teſt und es doch nicht wagſt, es iſt der Name Michel.“ „Allerdings, Florence, und zwar aus mehren Gründen.“ „Nun! Voalentine, um uns gegenſeitig in das rechte Vertrauen zu ſetzen und die Sachen beim wahren Namen zu nennen, will ich Dir ſagen, daß Michel weder mein Geliebter war . noch iſt.“ Ein Strahl der Hoffnung leuchtete aus Valentinen's Augen, und ſie rief bald mit dem Ton des Zweifels: „Florence „Du weißt es, ich lüge nie; weßhalb ſollte ich Dich täuſchen? Iſt nicht Michel frei und auch ich, ich wiederhole Dir, daß er nicht mein Geliebter iſt, ich weiß nicht, was ſpäter der Fall ſein mag, aber in Be⸗ zug auf die Gegenwart ſage ich die Wahrheit. Und dann begreifſt Du nicht, Valentine, Du, die Delicateſſe ſelbſt, daß, wenn ich die Geliebte Michels geweſen oder wäre, dieſes Wiederſehen für uns Beide etwas Peinliches ha⸗ ben müßte und ich es nicht herbeigeführt haben würde?“ „Ach! Florence, Dein edles und gutes Herz lügt nie,“ ſagte Valentine, die ſich nicht länger halten konnte und ihre Freundin leidenſchaftlich umarmte .. „Trotz all' meiner Freude, Dich wieder zu ſehen, war mein Herz doch zerriſſen, niedergeſchlagen; aber jetzt athme ich wieder . Es quälte mich eine peinliche Angſt „ „Das war die Strafe für Deine Zweifel an mir .. ſchändliche Freundin; aber Du haſt verlangt, daß ich offen ſei. . . Und mit derſelben Offenheit geſtehe ich, daß wenn wir auch nicht Liebende ſind, wir uns doch anbeten, Michel und ich, ſoweit ſich zwei Träge die Mühe nehmen können, ſich anzubeten . Und ſieh', vor einer Stunde wiegte ſich Michel mit halbgeſchloſſe⸗ nen Augen, eine lange vrientaliſche Pfeife rauchend, in dieſer neben der meinen befindlichen Hängematte und ſagte, während ich mir fächelte: „„Finden Sie nicht, —— — —— 125⁵ Florence, daß unſre Liebe dem ſüßen Wiegen dieſer Hängematte gleicht? . Sie ſchwingt uns zwiſchen Him⸗ mel und Erde.““ Du wirſt mir antworten, Valentine, daß dieſer Gedanke nicht ſehr klar ſei,“ fügte Florence lächelnd hinzu, „daß er unbeſtimmt und dunkel iſt, wie die Ideen, die uns zwiſchen Wachen und Träumen fommen „. Ich bin ganz Deiner Anſicht: auch mir ſcheint es ſo „ als mir aber Michel dieß ſagte, genoß ich ohne Zweifel die ganze Seligkeit des Koͤrpers und die Erſtarrung des Geiſtes, die dazu nöthig iſt, um die herrliche Vergleichung unſres Freundes zu wür⸗ digen, die mir in jenem Augenblicke eine wunderbare Wahrheit zu enthalten ſchien.“ „Michel liebt mich nicht mehr,“ ſagte Frau vonInfreville mit angegriffenem Tone und Florence dabei feſt anſe⸗ hend, „er hat mich längſt vergeſſen!“ „Ich kann Dir darauf nicht antworten, meine gute Valentine,“ ſagte die junge Frau, „ohne Dir unſre ganze Geſchichte zu und „ „Achl mein Gott!“ ſagte Valentine ihre Freundin unterbrechend, „Du haſt nicht gehört!“ „Was denn?“ ſagte die junge Frau, ihr Ohr nach der Seite richtend, wohin die Augen, ihrer Freundin zielten, „was haſt Du gehört? „Horche doch auf .„ Die beiden Freundinnen blieben ſtumm und lauſch⸗ ten einige Augenblicke. Die größte Stille herrſchte außerhalb und inner⸗ halb des Gartens. „Ich habe mich getäuſcht,“ ſagte Frau von Infre⸗ ville beruhigt, „ich glaubte von jener Seite „Was denn, Valentine?“ „Ich weiß nicht es war als ob Aeſte zerbro⸗ chen würden „Das iſt der Meereswind, der ſich von Zeit zu Zeit erhebt, er wird die großen Aeſte der alten Zeder, die an dem Hag ſteht, und deren Wipfel Du über den dich⸗ 126 ten Bäumen ſiehſt, bewegt haben . Das Rauſchen der Zweige jener grünen Bäume hat manchmal einen ganz eigenthümlichen Ton,“ ſagte Florence in ihrer Gewiſſens⸗ ruhe und fügte dann hinzu: „Jetzt, meine Valentine, nachdem ich Dir das große Phänomen erklärt, höre unſre Geſchichte.“ pierzehntes Rapitel. Als Frau von Infreville ſich von ihrer momenta⸗ nen Furcht erholt hatte, ſagte ſie zu Frau von Luceval: „Florence ich höre, ich brauche Dir nicht zu ſagen, mit welcher Begierde „ oder vielmehr mit wel⸗ chem Intereſſe.“ „Nun denn, meine theure Valentine, mein Mann hat Dir ohne Zweifel nicht geſagt, denn er wußte es nicht, daß ich zwei Tage nach Deiner Abreiſe einen Brief von Michel erhielt.“ „Und der Zweck des Briefes?“ „War ganz einfach „ da er durch Dich wußte, daß Du, um die Zwelfel Deines Mannes zu zerſtreuen, mich bitten wollteſt, Dir zu ſchreiben, um ihn dadurch glauben zu machen, wir ſeien häufig zuſammengekommen, und da er nichts mehr von Dir hörte, ſo war Michel ſehr unruhig, erkundigte ſich und erfuhr, daß Du ſeit zwei Tagen mit Deiner Mutter abgereiſt ſeiſt, aber es war iön , in Erfahrung zu bringen, wo Du Dich befindeſt.“ „Wirklich? Er war beunruhigt burch mein Ver⸗ ſchwinden?“ ſagte Valentine mit einer Miſchung von 127 Zweifel und Bitterkeit. „Endlich hat er ſich doch ein⸗ mal aus ſeiner Apathie aufgerafft!“ „Ja, ja, Schändliche . er war beunruhigt und da er dachte, ich hätte Dich am Tage zuvor geſehen und ſei vielleicht beſſer unterrichtet als er, ſo ſchrieb er mir und bat mich, ihn zu empfangen, was ich ihm bewilligte; es war nichts natürlicher, da er unſer Vetter iſt.“ „Aber Dein Mann?“ „Er hatte keine Einwendung dagegen, da er nicht wußte, daß Michel der Gegenſtand der Leidenſchaft ſei, die Dich unglücklich gemacht.“ „Allerdings, Herr von Luceval erfuhr es etſt e durch mich.“ „Michel beſuchte mich, ich erzählte ihm die grau⸗ ſame Szene, deren Zeuge ich geweſen. Sein Schmerz rührte mich; er war tief und widerſprach dieſem, jedem Kummer feindlichen Charakter, der den Schwerz als eine An⸗ ſtrengung der Seele betrachtete und das Vergeſſen, als Leichteſtes, allem vorzog.“ „Sollte Michel jetzt ſo verändert ſein, daß dieſer Charakter nicht mehr der ſeine wäre?“ „Es iſt der ſeine, mehr als je der ſeine, meine gute Valentine . . . Michel iſt immer, war immer der Richel, den Du gekannt. Deßhalb wiederhole ich Dir, daß mich ſein Schmerz ſehr gerührt hat. Wir ſind ſo⸗ dann übereingekommen, alles mögliche zu thun, um Dich wiederzufinden. Er war feſt entſchloſſen, ich ſage feſt. . denn Du begreifſt, was für einen Trägen, wie er, die Ausſicht auf ſo viele Mühe, Unruhe iſt!. Nur .. „Nur?“ „Rief er naiv aus: „„Mag ich ſie finden vder nicht! Es iſt die letzte Geliebte, die ich haben werde.““ Es ſtimmt dieß vollkommen, wie Du ſiehſt, mit meinem Abſcheu vor der Angſt überein, in die Dich die Unannehmlichkeit verſetzen kann, einen Geliebten zu haben. Ich fand WMichel in guter Stimmung und ermuthigte ihn in ſeinen Beſtrebungen, Dich wieder zu finden.“ aufrichtigſten Weiſe von der Welt ſchrieben; zund hat er wirklich Nachforſchungen ange⸗ S „Mit einem Eifer, der mich in Erſtaunen ſetzte, denn er ſetzte mich von allem in Kenntniß; unglückli⸗ cher Weiſe hatte Dein Mann gute Maßregeln getroffen, daß wir nichts in Erfahrung bringen konnten, auch er⸗ hielten wir keine Nachricht „keinen Brief von Dir.“ „Ach, Florence . . wie eine Gefangene gehalten, in einer einſamen Wohnung mitten im Walde, umge⸗ ben von Leuten, die dem Herrn von Infreville ergeben waren wurde mir jede Abſendung eines Briefes unmöglich.“ „Wir dachten es wohl, meine arme Valentine . . und mußten endlich auf die Hoffnung verzichten, Dir auf die Spur zu kommen „. „Und bei dieſer Sorge um mich „ ſahſt Du wohl Michel oft?“ „Natürlich.“ „Und was dachteſt Du von ihm?“ „Dir all' das Gute zu ſagen, was ich von ihm dachte, hieße mich loben, denn jeden Tag erſtaunte ich mehr über die merkwürdige Aehnlichkeit zwiſchen deinem Charakter, ſeinen Ideen, Neigungen und den mei⸗ nen Und da ich nicht jene menſchenſcheue Beſchei⸗ denheit beſitze, wenn ich mit mir ſelbſt ſpreche „ſo fand ich daß wir beide allerliebſt ſeien . „Du dachteſt wohl damals . „ Dich von Deinem Mann zu trennen „ „Wie ſchlecht ſie doch iſt!“ ſagte Florence, ihrer Freundin mit dem Finger drohend, „nein, Madame .. die Urſache unſerer Trennung iſt eine ganz andere „ denn wir, Michel und ich, blieben unſrem Charakter ſo treu, daß wir, von Dir ſprechend, und folglich von allen groben Beleidigungen, Schändlichkeiten, all' dem Kum⸗ mer, den eine „verbrecheriſche Verbindung“ wie die Männer ſagen, herbeiführt, — daß wir uns in der 129 „„Sehen Sie, mein Herr, wohin die Liebe führt? keine Ruhe immer auf der Wache . geſpitz⸗ ten Ohrs, unruhigen Auges, pochenden Herzens um⸗ hergehen, Ränke ſchmieden, unaufhörlich lauern. . .““ „„Und die Unruhe, Madame? und die Promenaden auf der Straße, auf ein gegebenes Zeichen, im Regen und Schnee?““ „„Und die verfehlten Rendezvous, nach dreiſtündi⸗ gem Warten, mein Herr?““ „„Und die Duelle, Madame?““ „„Und die Eiferſucht, mein Herr? und die raſchen Fahrten in ſchrecklichen Fiakern, wo man zermalmt, gebrochen ankömmt 4 „Ach welche Qual! welche Anſtrengungen! Ma⸗ dame, und ich frage Sie endlich, weßhalb?““ „„Das iſt wahr, mein Herr, weßhalb?““ „Ja; ich verſichere Dich, Valentine,“ fuhr Florence heiter fort, „wenn ein geheimer Zeuge unſte träge Mo⸗ ral vernommen, er hätte wie ein Narr gelacht und doch urtheilten wir ganz klug; als der Moment kam, wo Herr von Luceval mich zum Reiſen wider meinen Willen brin⸗ gen wollte . hat dieſe Phantaſie . 4ℳ „Ja, er hat mir von Deinem Mittel geſagt . . . es war einfach, aber wirkſam.“ „Was wollte ich zu jener Zeit? Ruhe, denn ob⸗ wohl mein Mann ſehr hart und brutal gegen mich war ſeit jener Scene mit Deinem Briefe, arme Valentine, und ich ihm damals mit einer Trennung gedroht hatte, war ich doch anders geworden. .. Vor dem Gedanken ſchau⸗ ernd, allein zu ſein, das heißt, mich mit tauſenderlei Dingen zu beſchäftigen, die bisher mein Mann oder mein Haushofmeiſter beſorgt, beſchränkte ich mich darauf: niemals zu reiſen, meinen Mann ſopft als möglich zum Reiſen aufzumuntern, um nicht immer von ſeinen Auf⸗ forderungen beunruhigt zu werden.“ „Und Michels Beſuch empfangen zu können, wann Du wollteſt?“ Die ſieben Todſünden. 9 130 „Allerdings . . . ganz nach Bequemlichkeit, ohne das geringſte Geheimniß, ohne mir die Mühe geben zu müſſen, etwas zu verbergen; denn bei unſrem Verhält⸗ niß war nichts zu verbergen . . . das iſt die Tugend der Trägheit . . . theure Valentine. Aber das iſt noch nichts, Du wirſt ſogleich erfahren, was dieſe theure Trägheit vermag.“ „Ich glaube Dir . . . und dieſe Trennung . . . hat mir Dein Mann geſagt, wurde durch den Verluſt Deines Vermögens herbeigeführt ? .. War dies wirk⸗ lich das Motiv?“ „Nun, Valentine? „offen? Der Gnade meines Mannes anheimgegeben zu ſein . ſo zu ſagen von ſeinem Solde zu leben . . . konnte ich das er⸗ tragen? Nein, nein, ich erinnerte mich nur zu gut jener Demüthigungen, die Du erduldet, armes Mädchen ohne Vermögen, und Gattin eines reichen Mannes .. Nein, nein, der bloſe Gedanke an ein ſolches Leben machte meine Trägheit ſchauern.“ „Deine Trägheit, Florence? wie das? Mußteſt Du nicht auf dieſen Luxus und den Reichthum verzich⸗ ten, der Dir nach Behagen träge zu ſein erlaubte?“ „Eins von beiden, Valentine: wenn ich im Solde des Herrn von Luceval blieb, mußte ich meinen Ge⸗ ſchmack dem ſeinen opfern, mich in einen Strudel von Thätigkeit ſtürzen und nach dem Caucaſus gehen, wenn ihm dieſe Idee käme; ich hätte, glaube ich, den Tod dieſem Leben vorgezogen. ..“ „Aber warum ſuchteſt Du nicht ſtatt deſſen Deinen Geſchmack Deinem Manne beizubringen? Du hatteſt ja große Macht über ihn, . . denn er liebte Dich und „Er liebte mich. Ja wie ich die Erdbeeren liebe um ſie zu eſſen. Aber ich kenne ihn, er konnte ſeinen Charakter ſo wenig ändern, als ich den meinen; das Naturell gewinnt immer wieder die Ober⸗ hand und früher oder ſpäter wäre unſer Leben eine 2 131 Hölle geweſen: ich zog es deßhalb vor, mich zu trennen und zwar ſogleich.“ „Und Michel . . erfuhr er Deinen Entſchluß?“ „Er fand ihn ganz paſſend. Um dieſe Zeit machten er und ich einige unbeſtimmte Pläne für die Zukunft. .. Pläne, die jedoch immer Deinem Willen untergeordnet wurden.“ „Mir?“ „Gewiß, Michel kannte ſeine Pflichten, er hätte ſie erfüllt, wenn es ihm gelungen wäre, Dich zu fin⸗ den „ Während er einer letzten Nachforſchung ſich widmete, beſchäftigte ich mich meinerſeits mit der Tren⸗ nung, die ich auswirken wollte; ich bat Michel, ſeine Beſuche abzubrechen, bis ich frei ſei; ſeine Gegenwart hätte mich geſtört. .. Mein Mann ſagte Dir ohne⸗ Zweifel? . „Wie? Du hätteſt ſeinen Willen gebrochen. durch Dein beharrliches Schweigen?“ „Ich hoffe, es gab kein angenehmeres und beque⸗ meres Mittel. Endlich nach vier Monaten war ich ge⸗ ſezlich von Herrn von Luceval getrennt und er ging auf Reiſen. Ich ſah Michel wieder. Er hatte ebenſowenig als ich eine Nachricht von Dir: unſer Entſchluß war gefaßt. Ich habe Dir, theure Valentine, von den Wundern geſprochen, welche die Trägheit wirken kann .. dieſe Wunder ſollſt Du kennen lernen.“ „Ich höre Dich; mein Intereſſe und meine Neu⸗ gierde verdoppeln ſich.“ „Vernehme unſrte Scheidungsgründe oder, wenn Du willſt,“fügte Florence lächelnd und mit einer feierlichen, höchſt drolligen Miene hinzu, „unſere Grundſätze, die Michel und ich aufſtellten.“ „„Für uns gibt es nur einen Wunſch, ein Glück in der Welt: die vollkommenſte Ruhe des Körpers und des Geiſtes, die darin beſteht, daß wir nichts thun, es ſei denn, daß wir träumen, leſen, uns lieben, plaudern, den Himmel, die Bäume, das Waſſer, die 132 Felder und Berge des guten Gottes betrachten; uns Sommers im Schatten verbergen und während der Kälte uns wärmen. Wir ſind zu fromme Träge, um ehr⸗ geizig, ruhmſüchtig oder begierig zu ſein, die Laſt des Lurus oder die Unterhaltungen und Feſte der großen Welt zu ſuchen. Was braucht es, um in dieſem Pa⸗ radieſe der Trägen, von dem wir träumen, zu leben? Ein kleines, im Winter feſt verſchloſſenes Haus, mit einem friſch duftenden Garten im Sommer; ausge⸗ zeichnete Fauteuils, Hängematten, Polſter, um uns darauf auszubreiten; ſchöne Ausſichten, die wir zu ſu⸗ chen uns nicht die Mühe geben müſſen, einen ſchönen Himmel, ein ſanftes und lachendes Clima, eine frugale Nahrung (wir find beide keine Gourmands) und eine Dienerin, überdies muß dies Leben ſehr geregelt, ſehr geſichert ſein, um nicht durch Sorgen und Gedanken gequält zu ſein. Dies waren unſre einzigen Wünſche. Wie ſollten wir ſie verwirklichen? Hier trat unſer Genie und unſer Muth ins Mittel .. . Höre, erſtaune, Va⸗ lentine.“ * „Ich höre und bin nahe daran zu ſtaunen, . denn ich glaube zu ahnen. . .“ „Ahne nichts, laß mir das Vergnügen, Dich zu überraſchen. Ich fahre fort: Die Amme Michels iſt aus der Provence und zwar von Hyéres, ſie ſchilderte uns die Schönheit ihres Vaterlandes, wo man, wie ſie ſagte, beinahe um nichts lebe, indem ſie uns verſicherte, daß man dort für höchſtens zehn bis zwölf tauſend Fran⸗ ken ein Häuschen kaufen könne, wie wir es wünſchen, das an den Ufern des Meeres liege und von einem Orangengarten umgeben ſei. Ein Freund von Michel hatte ſich gerade um dieſe Zeit wegen ſeiner Geſundheit nach Hyöres begeben, er wurde beauftragt, Erkundi⸗ gungen einzuziehen; die Mittheilungen der Amme be⸗ ſtätigten ſich; es fand ſich gerade damals zwei Stunden von Hyères ein kleines Haus um den Preis von elf tauſend Franken, in einer wundervollen Lage, aber es 133 war für drei Jahre vermiethet, man mußte alſo den Pacht abkaufen; voll Vertrauen in den Geſchmack von Michels Freund, gaben wir ihm den Auftrag, das Haus zu kaufen; aber es war eine große Schwierigkeit zu überwinden: unſte pekuniäre Lage Zum Er⸗ werb des Häuschens und einer Rente von zwei tauſend Franken, die für unſere Bedürfniſſe ausreichte, bedurf⸗ ten wir ungefähr ſechzig tauſend Franken, um wenigſtens noch zwei bis dreitauſend Franken Ueberſchuß zu haben meine gute Valentine, die Hauptſache war, dieſe ſechzig tauſend Franken zu finden eine große Summe, wie du ſiehſt.“ „Und wie haſt du das gemacht?“ „Es blieben mir beinahe ſechstauſend Franken in Gold, welche ich bei der Verheirathung auf meine Mit⸗ gift verlangt habe. Ein Freund von Michel übernahm es, die unangenehme Sache abzumachen; er zog fünf⸗ zehn vom Tauſend. Dieſe Summen wurden niedergelegt. Rir beſchloſſen, ſie ſo wenig als möglich zu berühren⸗ bis wir im Stande wären, die vierzig tauſend Franken zu gewinnen, deren wir zu unſerem Paradieſe be⸗ durften.“ „Gewinnen! Wie konntet ihr hoffen, eine ſo große Summe zu gewinnen?“ „Ach! mein Gott! durch Arbeiten, meine Liebe,“ ſagte Florence mit ſiegreichem Blicke, „durch Arbeiten, wie die Löwen.“ „Du! arbeiten, Florence?“ rief Valentine, die Hände vor Erſtaunen faltend, „du arbeiten? und Michel auch?“ „Und Michel auch! Meine gute Valentine, ja, wir haben gearbeitet beinahe Tag und Nacht und übernah⸗ men die ſeltſamſten Arbeiten von der Welt, und zwar mehre Jahre lang.“ „Du und Michel „ Ihr wäret eines ſolchen Entſchluſſes fähig geweſen?“ „Wie? das ſetzt dich in Erſtaunen?“ 134 „Ob mich das in Erſtaunen ſetzt, großer Gott!“ „Nun, Valentine, erinnerſt du dich noch, wie träge wir waren, ich und Michel.“ „Und das eben ſetzt mich in Erſtaunen, dieſe Träg⸗ heit.“ „Im Gegentheil.“ „Im Gegentheil?“ „Gewiß. Denke nur daran, welcher Sporn und Stachel die „TRAEGHEIT iſt!!“. „Die Trägheit, die Trägheit?“ „Du begreifſt nicht, welchen Muth, welches Feuer, welche Entſchloſſenheit es dem Menſchen gibt, wenn man ſich am Ende jedes Tages, ſo ermüdet man auch iſt, ſo viel man auch entbehrt hat, ſich ſagen kann: „„Wieder ein Schritt zur Freiheit, Unabhängigkeit, Ruhe und der Wolluſt, Nichts zu thun! . ..5 Ja, Valentine, ja .. Und die Ermüdung ſelbſt, welche man fühlt, regt den reizenden Gedanken an die künftigen Ge⸗ nüſſe noch mehr an; ach! mein Gott, ſieh es iſt im Kleinen, aus dem wirklichen Leben genommen, die Art, wie man ſich die ewigen Freuden durch die Schmerzen dieſer Welt erkauft; und, unter uns geſagt, liebe ich mehr mein kleines Paradies auf dieſer Erde das ich ſchon habe. als das zukünftige, das ich erſt erwarte.. .“ Frau von Infreville war ganz betäubt von dem, was ſie hörte; ſie betrachtete ihre Freundin mit einem ſolchen Erſtaunen, daß Florence, die ihr Zeit gönnen wollte, ſich von demſelben zu erholen, einen Augenblick ſchwieg. ₰ . wonnen, ohne meinen übrig 135 * Fünfzehntes Kapitel. Als Frau von Infreville endlich aus ihrem Stau⸗ nen erwachte, ſagte Frau von Luceval; „Wirklich, Florence, ich weiß nicht, ob ich wache oder träume! noch einmal, Du. .. Dul ſo indolent ſo gewöhnt an das Wohlleben.. einen ſolchen Muth, eine ſolche Beharrlichkeit in der Arbeit?“ „Ja, aber ich muß Dich in noch größeres Erſtau⸗ nen verſetzen. Weißt Du, Valentine, daß ſie während vier Jahren mein Leben war und beſonders vor drei Monaten, als Du und mein Mann ſich nach Michel und nir in der Rue de Vaugirard erkundigten?“ „Man hat uns geſagt, daß Ihr jeden Morgen vor Tagesanbruch ausgehet und erſt in der Nacht zurück⸗ kehret!“ „Mein Gott! mein Gott,!“ ſagte Florence, wie eine Tolle lachend, „jetzt, da dieſe Erinnerungen wieder in mir auftauchen und ich all' das . von weitem . . . betrachte, kommt es mir äußerſt amüſant vor- Laß Dir Fegefeuers. erzählen. nur einen der letzten Tage meines Er wird dir einen Begriff von den andern geben. Um drei Uhr Morgens ſtand ich auf; ich vollendete die Ab⸗ ſchrift einer Partitur und die Colorirung einer großen Lithographie . . Du wirſt wenigſtens nicht über meine Talente erſtaunt ſein . . . Du weißt, daß mir ſchon im Kloſter die Kopie von Muſikalien und die Colori⸗ rung von Heiligenbildern die liebſte Beſchäftigung war.“ „Es iſt wahr, und das war dein Erwerb?“ „Allerdings; ich habe oft allein durch dieſe Arbeit vier bis fünf Franken täglich oder vielmehr Nachts ge⸗ en Erwerb zu rechnen.“ „Deinen übrigen Erwerb ..z was meinſt du damit?“ „Ich fahre fort in der Schilderung meines Lebens Um vier Uhr ging ich aus und begab mich nach der Halle.“ „Ah! mein Gott. „nach der Halle, du! und was wollteſt du dort thun?“ „Ich machte dort bis acht Uhr Morgens die Unter⸗ händlerin, ganz für die Dame aus der großen Welt paſſend „Uebrigens gab es nichts ländlich ſittlicheres: eine Niederlage von Nahm, Eiern und Butter. Ich hatte ein gewiſſes Prozent von dem Verkauf . . . und ein Jahr in's andre gerechnet, verdiente ich dadurch zweitauſend und einige hundert Franken.“ „Du Florence. die Marquiſe von Luceval, ein ſolches Geſchäft?“ „Und Michel, nun?“ „Er? was that er?“ „Er hatte mehre ſolche Geſchäfte .. Zuerſt das eines Inſpecteur des arrivages der Halle, meine Theure, nichts mehr! Fünfzehnhundert Franken, eine hohe Stel⸗ lung unter den Herren Karrenführern und Gemüſe⸗ händlern. Nachdem er um neun Uhr Morgens damit fertig war, ging er auf ſein Bureau, und ich in mein agazin.“ „Wie, in Dein Magazin?“ 3 „Gewiß, in der Rue de »Arbre⸗Sec, zum goldnen Korbe; ich war erſte Demoiſelle bei einer großen Lein⸗ wandhändlerin, in einem Hauſe von altem Schrot und Korn, und da ich, ohne mich zu rühmen, gut nähe, ſo kam mir niemand in der Verfertigung von Canezous, Baigneuſes, Mantillen, Krägen, Viſiten und in der Eleganz der Garnituren gleich, aber ich ließ mich ſehr theuer bezahlen, fünfzehn hundert Franken (man muß aus ſeinem Namen Nutzen ziehen), ja fünfzehnhundert Franken jährlich und die Koſt, wenn du willſt; das ſtand in meinem Belieben „ Es war auch förmlich ausgemacht, daß ich nicht im Laden erſcheinen durfte; ich hatte Furcht, von Kunden erkannt zu werden, und 137 das hätte mich genirt; wenn ich das Magazin ver⸗ ieß „Dein Tagewerk war alſo noch nicht vollbracht?“ „Um acht Uhr, wohin denkſt du? ich hatte ausbe⸗ dungen, daß ich um acht Uhr frei ſein müßte, um meine Zeit noch ferner nützlich anwenden zu können Ein Jahr lang fertigte ich zu Hauſe Tapeten, Muſikalien und Aquarelle; aber ſpäter fand die Frau eines Freundes von Michel in mir etwas, was ſie an⸗ zog, eine gute, alte, blinde Frau von beſſerem Stande aber ſehr miſanthrop; da ſie nicht ausgehen konnte und Niemand bei ſich ſehen wollte, ſo zog ſie es vor, ihre Abende damit zuzubringen, ſich vorleſen zu laſſen; drei Jahre lang war ich ihre Vorleſerin mit einer Beſoldung von 800 Franken. Ich kam zu ihr um neun Uhr; ich las, wir plauderten und tranken unſern Thee. Dieſe Dame wohnte in der Rue de Louvre, und Michel holte mich ab, wenn er nach Mitternacht aus ſeinem Theater kam.“ „Aus ſeinem Theater?“ „Ja, aus dem Odevn.“ „Ach! mein Gott!“ rief Valentine, „er war Schau⸗ ſpieler ?“ „Wie thöricht Du biſt?“ ſagte Florence laut la⸗ chend, „keineswegs; er war Controleur des Odeon. Ich ſage dir, daß wir alle Arbeiten verrichteten . Michel war im Theater an ſeinem Controletiſche, nach⸗ dem er ſein Bureau verlaſſen, wo er zweitauſend vier⸗ hundert Franken jährlich verdiente . „Michel? ſo indolent? unfähig ſonſt, ſeine eignen Angelegenheiten zu beſorgen?“ „Und bemerke wohl, daß er nach ſeiner Zuhauſe⸗ kunft die Handelsbücher ins Reine ſchrieb, was unſere Revenüen ſehr vermehrte . . . Nun wirſt Du, meine gute Valentine, begreifen, daß wir ſo ſtreng ökonomiſch lebend, Winters ſelbſt des Feuers entbehrend, und ſogar unſere Sonntage mit Arbeit zubringend, daß wir in vier 138 Jahren die erwünſchte Summe erſpart hatten .. Nun, habe ich nicht Recht, wenn ich von der Macht der Trägheit ſprach, oder habe ich Unrecht?“ „Ich kann mich nicht von dem Gedanken erholen es iſt unmöglich.“ „Ach, mein Gott! Valentine, wie Michel ſagte: „„Es wohnt eine lebhafte Neigung zur Trägheit in außerordentlich thätigen Menſchen. Weßhalb arbeiten ſo viele, durchaus nicht ehrgeizige und habgierige Menſchen, oft mit der unermüdlichſten Anſtrengung? um ſich je eher, je lieber zur Ruhe zu ſetzen. O, was iſt die Ruhe — anders, als die Trägheit? Und,““ fügte Michel hinzu, „„man weiß nicht, welcher Arbeit ein Träger fähig iſt, um wieder mal träge ſein zu können.““ „Du haſt Recht . ich begreife jetzt, daß die Liebe zur Trägheit momentan die größte Liebe zur Ar⸗ beit geben kann; aber ſehe nur Florence, warum habt ihr einander ſo nahe und doch getrennt gewohnt?“ „O! was das betrifft? ſiehſt du? Valentine, das war von unſrer Seite die größte Klugheit. ein Ent⸗ ſchluß der Ueberlegung .. der höchſten Einſicht,“ ſagte Florence mit einem triumphirenden Tone voll Heiterkeit und Liebenswürdigkeit: Was war unſer Zweck? So raſch als möglich das Geld zuſammenzubringen, um einſt träge ſein zu können; in dieſem Sinne iſt Zeit Geld; je weniger wir alſo Zeit verlieren, deſto mehr gewinnen wir Geld; das einfachſte Mittel, viel Geld zu verlieren, wäre geweſen, wenn wir viele Zeit zu⸗ ſammen zugebracht, leeren Träumereien nachgehängt und mit einander geſchwärmt hätten; wir hätten das ſo ſchön gefunden, daß uns der Rückweg zur Arbeit unmöglich geweſen wäre . . aber dann, gute Nacht Arbeit, das heißt, gute Nacht Mittel, durch das wir einſt in den Stand geſetzt würden, für immer träge zu ſein; denn um träge zu ſein, muß man nach Luſt und Behagen leben können. Das iſt aber noch nicht Alles, —— 139 ſagten wir zu uns: Wir haben allerdings einen wahren Schauer vor der Liebe, die uns nur Mühe und Sorgen macht, das iſt ganz moraliſch; aber jetzt, da wir frei ſind, jetzt, da uns nichts weniger geniren würde, als unſre Liebe, ach, ach! wer weiß? der Teufel iſt ſehr fein und dann . was würde aus der Arbeit? Wie⸗ viel Zeit! das heißt, verlorenes Geld! Denn wie ſoll⸗ ten wir den doppelten Muth finden, uns aus der Träg⸗ heit und Liehe emporzureißen? Nein! nein! wir wollen unerbittlich gegen einander ſein, die Zukunſt nicht zer⸗ ſtören und uns im Namen des Glückes unſrer göttlichen Trägheit ſchwören, uns nicht ein Wort zu ſagen „„ nicht ein einziges Wort, ſo lange unſer Glück nicht be⸗ gründet iſt.“ „Wie! während dieſer vier Jahre?“ „Haben wir unſern Schwur gehalten.“ „Nicht ein Wort?“ „Nicht ein Wort vom Tage an, da wir zu arbeiten begonnen.“ „Florente, Duübertreibſt. Eine ſolche Zurückhaltung iſt unmöglich.“ „Ich habe Dir die Wahrheit verſprochen, ich ſage ſie Dir.“ „Aber nicht ein Wort, das ſcheint mir doch eine übertriebene Vorſicht .. „Uebertrieben? Ach, mein Gott! alles hing von einem Worte ab von einem einzigen Worte, und iſt das erſte Wort ausgeſprochen, wie ſoll es weiter gehen?“ „Und ſo war's vier Jahre lang?“ „Nicht ein Wort . aber, wenn es wichtige An⸗ gelegenheiten oder Maßregeln zu treffen galt, ſchrieben wir uns . . . das iſt Alles . .. Wir hatten, um durch die Scheidewand, die unſre Zimmer trennte, mit einan⸗ der correſpondiren zu können, ein Mittel gefunden, das gerade war, wie wir's bedurften, um uns fagen zu können guten Abend Michel, — guten Abend 140 Florence und Morgens: guten Morgen Mi⸗ chel. . . guten Morgen Florence . oder auch: Es iſt Zeit auszugehen; und von Zeit zu Zeit: Muth Michel, — Muth Florence, denken wir an unſer Paradies und ſeien heiter in der Hölle!! Du ſiehſt, wie ſehr unſre Vorſicht genützt hat! Würdeſt Du glauben, daß Michel doch bisweilen das Mittel fand, zu ſchwatzen, er that's mit dem Heft des Meſſers, das er an die Scheide⸗ wand ſchlug; ich mußte oftmals Stille gebieten . . . Urtheile nun, wenn wir das Unglück hatten, uns zu ſprechen! ... „Und dieſe ſeltſame Correſpondenz genügte euch?“ „Vollkommen lebten wir nicht mit einander ... trotz dieſer Mauer, die uns trennte? Strebten unſer Geiſt, unſre kleinſten Gedanken nicht nach demſelben Ziele? und dieſen Zweck verfolgen, hieß immer an einan⸗ der denken. Sahen wir uns nicht jeden Morgen und Abend, wir liebten uns nicht, das war genug. .wenn wir uns geliebt hätten, brrrr. das Eiſen wird nicht raſcher vom Magnete angezogen, als es uns gegenſeitig begegnet wäre . Endlich vor vierzehn Tagen war unſer Ziel erreicht; wir hatten in vier Jah⸗ ren zwei und vierzig tauſend vier hundert Franken er⸗ worben! Ich hoffe, daß es genug iſt! Wir hätten uns, wie die Kaufleute ſagen, einige Monate früher zurück⸗ ziehen können; aber wir ſagten oder vielmehr ſchrie⸗ ben uns: „Man muß zwar nur ſoviel wollen, als nö⸗ thig iſt; aber es iſt doch gut, wenn der Arme, der an uns vorübergeht und Hunger hat, bei uns auch ſeine Nothdurft findet . . . Nichts gibt der Seele, einem Körper mehr Ruhe, als das Bewußtſein, immer gut und menſchlich geweſen zu ſein .. . das beruhigt.“ Da wir ſchon mal im Zuge waren, ſo verlängerten wir unſre Hölle um einige Zeit. Jetzt, Valentine! geſtehe, daß nichts der wohlgeleiteten Trägheit gleichkommt, — — 141 wenn es gilt, Thätigkeit, Muth. . ja ſelbſt Tu⸗ gend hervorzurufen .. . „Lebe wohl, Florence,“ ſagte Frau von Infreville mit athemloſer Stimme und ſich mit Thränen in dem Auge in die Arme ihrer Freundin ſtürzend, „lebe wohl „für immer wohl .. .4 „Valentine . . . was ſagſt Du .. „Eine eitle und letzte Hoffnung führte mich hieher eine wahnſinnige Hoffnung, wie alle, die aus ver⸗ meintlicher Liebe ſtammt ... Lebe wohl! noch einmal lebe wohl! Sei glücklich mit Michel; Gott hat euch für einander geſchaffen ... Euer Glück, ihr habt's er⸗ reicht, es verdient . .. Plötzlich hörte man heftig an der kleinen Thüre des Gartens klingeln. „Madame! . . Madame!!“ ſagte die alte Amme raſch herbeilaufend und einen Brief ohne Siegel in der Hand haltend, den ſie Valentinen übergab. „Dieſen Brief befahl mir der Herr, welcher in Ihrem Wagen blieb, Ihnen . ſogleich . zu übergeben er kam von der Seite des Hages,“ fügte die alte Dienerin hinzu, mit einer Geberde die Richtung nach der Um⸗ zäunung andeutend, die von dichtem Staudengewächs gebildet wurde. Valentine öffnete, während Florence ſie mit wach⸗ ſendem Erſtaunen betrachtete, den Brief, der ein Billet enthielt und las das mit Crayon Geſchriebene: „Uebergeben Sie dies an Florence und kommen Sie zurück wir müſſen gehen . es bleibt uns keine Hoffnung Frau von Infreville machte eine Bewegung, um zu gehen. „Valentine, wohin gehſt du?“ ſagte lebhaft Flo⸗ rence, die Hand ihrer Freundin ergreifend. „Erwarte mich in einem Augenblick wieder zurück,“ antwortete Frau von Infreville, beinahe convulſiviſch 142 die Hände der Freundin z den ihren drückend; „erwarte mich und lies dies . Damit gab ſie Fienee das Billet und entfernte ſich raſch, während die junge Frau, immer erſtaunter, da ſie die Handſchrift ihres Gatten erkannte, folgende Linien, die gleichfalls mit dem Crayon geſchrieben wa⸗ ren, las: „„In dem Augenblicke, als Frau von Infreville bei Ihnen eintrat. ſprang ich über das Hag Ihres Se verborgen hinter einem dichten Buſche „habe ich Alles gehört „ Eine eitle, letzte Hoff⸗ nung führte mich hieher und wenn ich Ihnen alles ſagen ſoll als ich dieſe Hoffnung getäuſcht ſah. wollte ich mich rächen „Ich verzichte auf die Hoffüung, wie auf die Rache „ſeien Sie glück⸗ lich „Florence ich fann nichts anderes für Sie fühlen, als Achtung . . . und Ehrfurcht. „„Mein einziger Schmerz iſt, Ihnen nicht vollkom⸗ mene Freiheit verſchaffen zu können, das Geſetz iſt dagegen Sie müſſen meinen Namen in Geduld tragen. „„Noch einmal Adieu, Florence . Sie werden mich nie wiederſehen nie mehr von mir ſprechen hören . . aber denken Sie von heute an meiner als Ihres beſten, aufrichtigſten Freundes. A. von Luceval.““ Frau von Luceval wurde durch die Lectüre dieſes Briefes „der ihrer Qual ein Ende machte, tief ge⸗ rührt; ſie hörte einen Wagen davon rollen und das Geräuſch immer leiſer werden. Florenee begriff, daß Valentine aint urglonmen werde . S Als Michel Abends Frau von en beſuchte, gab dieſe ihm den Brief ihres Gatten. Michel wurde ebenſo gerührt durch dieſen Brief, als Florence und ſagte lächelnd: 143 „Glücklicherweiſe iſt Valentine freil“ ungefähr zwei Jahre nach dieſen Freigniſſen las man in den Zeitungen folgende Nachrichten: 6 Ausland. „Man ſchreibt von Symarkellil: Unter den wenigen Reiſenden, welche es bis jetzt gewagt haben, die höch⸗ ſten Höhen des Caucaſus zu beſteigen, ſpricht man neuer⸗ dings von einer gegen Ende des Mai von zwei uner⸗ ſchrockenen franzöſiſchen Touriſten, Herrn und Frau 7**, unternommenen Beſteigung. Die Dame, ſchlank und braun, von außerordentlicher Schönheit, war als Mann gekleidet und theilte alle Gefahren dieſer abenteuer⸗ lichen Erpedition; die Führer konnten nicht genug ihren Muth, ihre Kaltblütigkeit und Heiterkeit bewundern. Man glaubt, daß die beiden unermüdlichen Touriſten ſich nach St. Petersburg durch die Steppen gewandt, um noch zur rechten Zeit zu der Seeerpedition des Ca⸗ pitän Moradoff zu kommen, der nach dem Nordvol geht. Die dringenden Empfehlungen, welche Herr und Frau“** an den ruſſiſchen Hof beſitzen, laſſen ſie hoffen, ihren Wunſch erfüllt zu ſehen, an dieſer gefahrvollen Ex⸗ pedition in den nördlichen Gegenden Theil nehmen zu können.“ Frankreich. Man ſchreibt von St. Hyores unter dem Datum des 29. Dezember? „Eine außerordentliche Erſcheinung in der Pflanzen⸗ welt konnte in letzter Zeit in unſren Gegenden beob⸗ achtet werden. Man hatte uns von einem Orangenbaum in voller Blüthe erzählt. Da wir an dieſem Wunder in ſolcher Jahreszeit zu zweifeln ſchienen, ſchlug man uns vor, uns von der Sache ſelbſt zu überzeugen und wir begaben uns anOrt und Stelle, nach einem zwei Stun⸗ den von hier, am Meeresufer gelegenen, kleinen Haus; 144 inmitten eines Orangenrondells ſahen wir, mit un⸗ ſern eigenen Augen, was man ſehen heißt, einen dieſer prächtigen Bäume, wörtlich mit Blüthen bedeckt, die die Luft auf tauſend Schritte in der Runde mit ihrem ſüßen Dufte erfüllten. Wir wurden für die Mühe un ſter Excurſion reichlich durch dieſen herrlichen Anblick und den freundlichen Empfang belohnt, den uns die Beſitzer des Hauſes, Herr und Madame Michel, angedeihen ließen.“ Ende. —— 5 git See