eihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ on G6Fdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Olensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangname nd i der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8⸗Uhr offen. — 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. * 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet] wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 W 1 Pf. 3 „ „ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zur der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſi zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich pei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird! ers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Veiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — „ — ückſendung — von Eugène Sue. Vierte Abtheilung. Die Unkeuſchheit. = Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. Vier Baͤndchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1849. — Erſtes Rapitel. Das Palais des Elyſée⸗Bourbon (das ehema⸗ lige Wohnhaus der Marquiſe von Pompadour) mitten im Faubvurg Saint⸗Honoré gelegen, war in den letzten Zeiten bekanntlich das Hotel⸗garni der fremden katholiſchen, proteſtantiſchen oder muſelmänniſchen königlichen Hoheiten, und zwar von den Prinzen des deutſchen Bundes an bis 6 auf Ibrahim Paſcha. Am Ende des Monats Juli in einem der vergange⸗ nen Jahre, gegen eilf Uhr Morgens, waren mehrere junge Seecretaires und adelige Herren vom Gefolge S. K. H. des Erzherzogs Levpold Maximilian, der ſeit ſechs Wochen das Glyſée bewohnte, in einem von den Dienſtzimmern des Palais verſammeit. „Die Revue auf dem Marsfeld zu Ehren S. K. H. dauert lange,“ ſagte der Eine. „Die Audienz des Prinzen wird dieſen Morgen übermäßig voll ſein.“ s iſt wahr,“ ſprach ein Anderer, „es warten ſchon fünf bis ſechs Perſonen ſeit einer halben Stunde.“ 1 nd bei ſeiner ſtrengen militäriſchen Pünktlichkeit wird der Erzherzog dieſe gezwungene Unordnung ſehr be⸗ an n dieſem Augenblick öffnete ſich eine von den Thü⸗ een ein junger Mann von höchſtens zwanzig Jahren, zum 3. Hauſe gehörig, trat ein, durchſchritt den Salon und ging 8 in ein anſtoßendes Zimmer, nachdem er zuvor mit einer Miſchung von Wohlwollen und Schüchternheit die von uns erwähnten Perſonen gegrüßt, die bei ſeinem Anblick auf⸗ geſtanden waren und ihm ſo eine Art von Ehrerbietung bezeigten, welche ſein Alter und ſeine Stellung nicht zu heiſchen ſchienen. Sobald er verſchwunden, ſagte einer von den Herren auf den jungen Mann anſpielend, der durch den Salon geſchritten war: „Armer Graf Franz. immer ſo ſchüchtern. . . ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das aus dem Kloſter käme, hätte mehr Dreiſtigkeit als er.“ „Wer ſollte, wenn man ihn ſo jungfräulich ſieht, glauben, daß er drei Jahre lang den Krieg im Kauka⸗ ſus mit ſeltener Tapferkeit mitgemacht.“ „Und daß er in Wien ein ſehr erbittertes Duell ge⸗ aus dem er muthig und glänzend hervorgegan⸗ gen „Ich, meine Herren, denke mir, Graf Franz mußte immer ganz unſchuldig die Augen niederſchlagen, wenn er an die Tſcherkeſſen ſeine Säbelhiebe austheilte.“ „Ich glaube übrigens, daß S. K. H. gar wohl mit der Treuherzigkeit . . „Teufel keine Indiscretion, mein Lieber.“ „Laſſen Sie mich doch ausreden .. Ich ſage, der Erzherzog ſei ſehr wohl mit der beharrlichen Treuherzig⸗ keit ſeines . .. Pathen zufrieden.“ „Ah! gut! Und ich denke, wie Sie, daß S. K. H. nicht ohne eine gewiſſe Furcht den ſchönen Jungen den Verſuchungen des teufliſchen Paris ausgeſetzt ſah. Doch was haben Sie zu lächeln, mein Lſeber?“ „Nichts.“ „Glauben Sie, der Graf Franz habe trotz ſeiner ſcheinbaren Unſchuld ein Liebſchäftchen gehabt?“ „Ueberlegen Sie doch, meine Herren, was Alles Schönes ein Lächeln bedeuten kann, denn ich nehme Sie zu Zeugen, daß ſch mich auf ein Lächeln beſchränkt habe“ 9 „Denken Sie im Ernſt, mein Lieber, der Graf Franz „Ich denke nichts, ich ſage nichts, ich werde ſtumm ſein, wie ein Diplomat, der ein Intereſſe hat, zu ſchwei⸗ gen, oder wie ein junger Officker von der Noblegarde wenn er zum erſten Mal unter die Inſpection S. K. H. kommt.“ „Der Erzherzog hat allerdings einen von den Blicken, welche den Kühnſten imponiren. Doch um auf den Gra⸗ fen Franz zurückzukommen . . .“ Dieſes Geſpräch wurde durch einen Collegen der im DDienſtzimmer verſammelten Perſonen unterbrochen. Der Eintretende machte den Grafen Franz vergeſſen und mehrere Stimmen fragten ihn gleichzeitig: „Nun, Ihr Wunder?“ „Die ausgezeichnete Werkſtätte im Faubourg Saint⸗ Marcea“ „War es wenigſtens der Mühe werth, ſie zu ſehen?“ „Für mich, meine Herren,“ antwortete der Eintre⸗ tende, „für mich, der ich mich ſehr für den Maſchinenbau intereſſire, war dieſer Morgen ſehr werthvoll, und ich er⸗ kläre Herrn Charles Dutertre, den Eigenthümer dieſer Werkſtätte, für einen der geſchickteſten und unterrichteiſten Mechaniker, die ich kenne dabei gibt es wenige ſo zuvorkommende Menſchen; ich gedenke auch Seine kaiſer⸗ liche Hoheit zu veranlaſſen, dieſe Werkſtätte zu beſuchen.“ „Schön, mein Lleber, man kann Sie nicht beſchul⸗ digen, Sie verlieren Ihre Zeit mit Nichtswürdigkeiten: ich mache minder hohe Anſprüche, und mein Hauptanſpruch iſt ſogar noch im Zuſtand einer Hoffnung . . .“ „Und dieſe Hoffnung . . .“ „Iſt, bei dem berühmten Doctor Gaſterini zum Mittageſſen eingeladen zu werden.“ „Bei dem erhabenſten, tiefſten Gourmand Europas.“ „Man ſagt in der That, ſein Tiſch ſei ein Muſter vom Paradies „der Gourmands.“ Die ſieben Tobſünden. 1v. Abthl. 1. 2 „Ich weiß leider nicht, ob es bel mir mit dieſem Paradies ſein wird, wie bei dem andern; doch ich hoffe . .“ „Ich, meines Thells, geſtehe meine Schwäche Von Allem, was ich in Paris geſehen, was mich am meiſten entzückt . .. bezaubert .. geblendet ich ſagen, unterrichtet hat, iſt . . . „Nun wohl! es iſt .. (und ſollte dieſe Blasphe⸗ mie unſere ſchamhafte und ſtolze Germonia erröthen ma⸗ chen), es iſt „ „Vollenden Sie!!!“ „Der Ball Mabille.“ Der Schrei, die Ausrufungen, veranlaßt durch dieſes offenherzige Geſtändni dauerten noch fort, als einer von den Secretaires des Erzherzogs, zwei Briefe in der Hand haltend, eintrat und den Anweſenden zurief: „Meine Herren! ganz friſche Nachrichten aus Bo⸗ logna und Venedig .. „Pravo, mein lieber Ulrich und was für Nach⸗ „Die intereſſanteſten und außerordentlichſten der Welt.“ „Wahrhaftig?“ . „Erzählen Sie uns das geſchwinde.“ „Bologna zuerſt und dann Venedig waren einige Tage lang in einer unglaublichen Aufregung in Folge nicht minder unglaublicher Ereigniſſe.“ „Eine Revolution?“ „Eine Bewegung des jungen Italien?“ „Oder wohl eine neue Verordnung des beſreienden Papſtes?“ „Nein, meine Herren, es handélt ſich um eine Frau.“ „Um eine Frau?“, „Ja, wenn es nicht gar der Teufel iſt, und ich wäre geneigt, dies zu glauben.“ „Ulrich, Sie ſpannen uns auf die Folter, erklären Sie ſich doch.“ „Sie erinnern ſich, meine Herren, in Deutſchland im 11¹ vorigen Jahre von jener jungen mexicaniſchen Witwe, der Marquiſe von Miranda ſprechen gehört zu haben?“ „Gewiß! es iſt diejenige, welche unſer Dichter Moſer⸗Hartmann in ſo herrlichen und leidenſchaft⸗ lichen Verſen unter dem Namen die moderne Aphro⸗ dite beſungen hat.“ „Ah! welch ein ſpaßhafter Irrthum!“ ſagte Einer von den Redenden, in ein lautes Gelächter ausbrechend, „Moſer⸗Hartmann, der vorzugsweiſe religiöſe und ſpiri⸗ tualiſtiſche Dichter .. der keuſche Dichter, ſo rein und ſo kalt wie der unbefleckte Schnee befingt Aphrodite in glühenden Verſen! Ich habe allerdings dieſe herrlichen Verſe eitiren hören, doch ſie find offenbar von einem an⸗ dern Hartmann.“ „Und ich verſichere Sie, und Ulrich wird es beſtäti⸗ gen, daß dieſes Gedicht, das man mit Recht auf die Höhe der ſchönſten Oden von Sappho ſtellt, von Moſer⸗Hart⸗ mann iſt.“ „Nichts kann wahrer ſein,“ ſprach Ulrich, „ich habe MWoſer⸗Hartmann ſelbſt ſeine des Alterthums würdigen Verſe recitiren hören.“ „Dann glaube ich Ihnen; doch wie läßt ſich dieſe plötzliche, unbegreifliche Veränderung erklären?“ „Ei! mein Gott! dieſe Veränderung, die ein mit einem ſchätzenswerthen Talent begabten, aber correcten und kalten Menſchen in einen Mann von Genie, voll Be⸗ geiſterung und Macht verwandelt hat, dieſe Veränderung iſt durch die Frau, die der Dichter beſungen, durch die Marquiſe von Miranda bewirkt worden.“ „Moſer⸗Hartmann ſo verändert . ich hätte dies für unmöglich gehalten.“ „Bah! rief Ulrich. „„die Marquiſe hat wohl Anderes zu Stande gebracht und man ſchreibt mir hiereinen von ihren beſten Streichen von Bologna. Es war dort ein gewiſſer Cardinal⸗Legat, der Schrecken und Abſcheu der Gegend.“ 12 „Damit meinen Sie Orſini, einen eben ſo verab⸗ ſcheuenswerthen, als verabſcheuten Menſchen . „Und er hat auch das Aeußere ſeines Amtes; ich habe ihn in der Lombardei geſehen .„ welch ein lei⸗ chenartiges Geſicht „ wie unheimlich ſieht es aus! S habe ich mir ſo den Typus eines Inquiſitors vor⸗ geſtellt.“ „Nun wohl! die Marquiſe führte ihn auf den Ball des Cafino in Bologna, maskirt und verkleidet als Pan⸗ duren.“ „Der Cardinal⸗Legat als Pandur!“ rief man ein⸗ ſtimmig. „Ah! Ulrich, das iſt ein blaues Mährchen.“ „Wenn Ihr dieſen Brief geleſen und geſehen habt, von wem er unterzeichnet iſt, ſo werdet Ihr nicht mehr zweifeln, Ihr Ungläubigen,“ erwiederte Ulrich. „Ja, die Marquiſe ließ ſich von dem ſo verkleideten Orſini begleiten; dann, mitten auf dem Ball, riß ſie ihm die Maske vom Geſicht und ſagte mit lauter Stimme: „Gute Nacht, Cardinal Orſini!“ und wie eine Tolle lachend ver⸗ ſchwand ſie und überließ den Legaten dem Geziſche der gegen ihn aufgebrachten Menge. Er wäre Gefahr gelau⸗ fen ohne die bewaffnete Macht, die ihn beſchützte; am an⸗ vern Tag erhob ſich Bologna, um die Zurückberufung von Orſini zu verlangen, der nach zwei Tagen großer Aufre⸗ gung die Stadt nächtiger Weile zu verlaſſen genöthigt war. Zum Zeichen der Freudigkeit wurden am Abend alle Häu⸗ ſer beleuchtet: auf mehreren Transparenten ſah man, wie man mir ſchreibt, zwei verſchlungene M, die Chiffre der Marquiſe.“ „Und ſie, was iſt aus ihr geworden?“ „Man hat ſie nicht wiedergeſehen; ſie war nach Ve⸗ nedig abgereiſt,“ erwiederte Ulrich und zeigte dabei einen zweiten Brief; „hier war es, wie man mir ſchreibt, etwas ganz Anderes.“ „Welch eine Frau! welch eine Frau!“ „Wie iſt ſie denn“ „Sie haben ſie geſehen?“ 13 „Nein.“ „Ich auch nicht.“ „Ich auch nicht.“ „Man ſagt, ſie ſei ſehr groß und ſehr ſchlank.“ „Mir ſagte man, ſie ſei von einer mehr als mittleren e 8 „Mit Sicherheit läßt ſich annehmen, daß ſie brunett iſt, denn Moſer⸗Hartmann ſpricht von ihren ſchwarzen Augen und ihren ſchwarzen Augbrauen.“ „Ich kann nur ſagen,“ entgegnete Ulrich, „daß man in dieſem Brief aus Venedig, von wo die Marquiſe kürz⸗ lich nach Frankreich abgereiſt iſt, die ſeltſame Frau ziemlich poetiſch das blonde Geſtirn nennt, was auf den Ge⸗ danken bringen müßte, ſie ſei blond.“ „Aber was hat ſie in Venedig gemacht? was iſt dort vorgefallen?“ „Meiner Treue!“ antwortete Ulrich, „das iſt ein Abenteuer, das zugleich mit den Sitten des herviſchen Alterthums und mit denen des Mittelalters in Italien im Einklang ſteht.“ Zum Unglück für die Neugierde der Zuhörer verkün⸗ digte das Raſſeln einer Trommel die Rückkehr des Erz⸗ herzogs Leopold, und jede Perſon vom Hauſe des Prinzen kehrte an ihren Poſten zurück; man hielt ſich be⸗ reit, die kaiſerliche Hoheit zu empfangen. Die Schildwache des Eliſee⸗Bourbon, als ſie von fern raſch mehrere Wagen mit der Livrée des Königs von Frankreich herbeikommen ſah, hatte wirklich: In's Ge⸗ wehr! gerufen; die Soldaten von der Wache hatten ſich, den Officier an der Spitze, in Linie aufgeſtellt, und in dem Augenblick, wo dieſe Wagen nach einander in den Hof des Elyſée einfuhren, ſchlug der Tambour den Feld⸗ marſch und die Truppe präſentirte das Gewehr. Der erſte von den Wagen hielt vor dem Palais an; vie Bedienten in großer rother Livrée öffneten den Schlag, und S. K. H. der Erzherzog Marimilian Leopold ging langſam die Stufen der Freitreppe hin⸗ 14 auf, während er ſich mit einem Oberſten, dem Ordonnanz⸗ officier unterhielt, der ihn zu begleiten beauftragt war; einige Schritte vom Prinzen kamen ſeine Adjutanten in glänzenden fremden Uniformen auch in königlichen Wagen, aus denen ſie ebenfalls vor der Freitreppe ausſtiegen. Ungefähr neun und dreißig Jahre alt, war der Prinz ein Mann von ſehr hohem, kräftigem Wuchs; er trug mit martiali⸗ ſcher Steifheit die große Feldmarſchalls⸗Uniform einen weißen Frack mit goldenen Epauletten, Hoſen von ſchar⸗ lachrothem Tuch, von denen das glänzende Schwarz ſeiner Stallmeiſterſtiefel abſtach, welche ein wenig beſtaubt wa⸗ ren, denn er hatte einer ihm zu Ehren befohlenen Revue von Truppen beigewohnt; der große rothe Cordon, vas Halsband vom goldenem Vließ und fünf bis ſechs Sterne von verſchiedenen Orden ſchmückten ſeine Bruſt; ſeine Haare waren hellblond, wie ſein langer militäriſch aufge⸗ ſtülpter Schnurrbart, der noch mehr den Ausdruck ſeiner Züge verſchärfte, die ſich ganz beſonders durch die Breite ſeines Kinns und das Hervorragen der Naſe auszeichneten; das durchdringende blaue, halb durch das Augenlid be⸗ deckte Auge lag unter einer ſehr hoch aufgerichteten Braue; der Prinz ſah auch immer aus, als ſchaute er ſehr von oben herab; dieſer ſtrenge, hochmüthige Blick gab im Verein mit einer gebieteriſchen Haltung und einem un⸗ beugſamen Tragen des Kopfes dem Ganzen der Perſon des Erzherzogs einen merkwürdigen Ausdruck von ſtolzer, eiſiger Autvrität. . Der Prinz war ungefähr ſeit einer Viertelſtunde nach dem Elyſée zurückgekehrt, als der Wagen eines franzö⸗ ſiſchen Miniſters und der eines Botſchafters einer Groß⸗ macht im Norden vor der Freitreppe anhielten und der Staatsmann und der Diplomat hintereinander in das Palais eintraten. „ Beinahe in demſelben Augenblick kam eine von den Hauptperſonen dieſer Geſchichte zu Fuß im Hofe des Elyſée⸗Bourbon an. Herr Pascal (ſo hieß unſer Held) ſchien ungefähr 15 dreißig Jahre alt zu ſein; er war von mittlerem Wuchſe, ſehr braun, und trug einen ziemlich langen Bart ſo hart und ſchwarz wie ſeine Augenbrauen, unter denen zwei kleine, graue, ſehr klare, ſehr feine und ſehr durchdrin⸗ gende Augen glänzten; er ging leicht gebückt, nicht in Folge einer Abweichung des Wuchſes, ſondern aus einer Art von Nachläßigkeit; da er überdies die Gewohnheit hatte, ſei⸗ nen Kopf beinahe immer nieder und ſeine beiden Hände in ſeine Hoſentaſchen geſteckt zu halten, ſo hatten ſeine breiten Schultern nothwendig ein ſehr gerundetes Ausſehen; ſeine Züge machten ſich beſonders durch einen Ausdruck ſardoniſcher Härte bemerkbar, womit ſich jene überzeugten und auf ihre Allmacht eitlen Menſchen eigenthümliche Miene uner⸗ bittlicher Sicherheit verband; eine ſchmale ſchwarze Hals⸗ binde, wie man ſagt, à la Colin geknüpft, eine lange Weſte vom ſchottiſchen Trilch, ein leichter Sommerpaletot von weißlicher Farbe, ein grauer, abgetragener Hut und eine weite Hoſe von Nankin, in deren Taſchen Herr Pascal ſeine Hände getaucht hielt, das war ſeine Klei⸗ dung, welche, von zweifelhafter Reinlichkeit, ganz mit der großen Hitze ver Jahreszeit und mit der gewöhnlichen Zwangloſigkeit unſeres Mannes im Einklang ſtand. Als Herr Pascal vor der Thüre des Portier vorüber⸗ ging, wurde er von dieſem Beamten der Loge ange⸗ rufen, der ihn mit lauter Stimme aus ſeinem Lehnſtuhl heraus fragte: „He! Herr.. wohin gehen Sie 2* Mochte nun Herr Pascal den Schweizer nicht hören, oder wollte er ſich nicht die Mühe geben, ihm zu ant⸗ worten, er ging ohne anzuhalten weiter nach der Frei⸗ treppe. Nun verließ der Schweizer gezwungen ſeinen Lehn⸗ ſtuhl, lief dem ſtummen Beſuch nuch und ſagte ungeduldig zu ihm: ⸗ „Mein Herr, ich frage Sie noch einmhl, wohin gehen Sie? man antwortet doch wenigſtens!“ Herr Pascal blieb ſtehen, maß den Portier verächt⸗ lich, zuckte die Achſeln und erwiederte, während er auf die Freitreppe zuſchritt: „Ich gehe. zum Erzherzog.“ Der Herr Schweizer kannte ſeine Leute, er konnte ſich nicht denken, dieſer Mann im Sommerpaletot und mit der Halsbinde à la Colin habe wirklich eine Audienz beim Prinzen und wage es, bei ihm in einer ſo unver⸗ ſchämt vernachläßigten Kleidung zu erſcheinen, denn alle Perſonen, welche die Ehre halten, im Palaſt empfangen zu werden, waren gewohnlich ſchwarz gekleidet; der Herr Schweizer hielt ihn auch für einen ungezogenen oder ver⸗ wirrten Lieferanten, folgte ihm und ſagte mit lauter Stimme: „Mein Herr, die Kaufleute, die S. K. H. kommen läßt, dürfen ſich nicht der großen Treppe bedienen .. dort, rechts, iſt die Thüre für Lieferanten und Geſinde, dort müſſen Sie hinein.“ Herr Pascal liebte die unnützen Worte nicht, er zuckte abermals die Achſeln und ging weiter nach ver Freitreppe, ohne dem Schweizer zu antworten. Außer ſich über dieſes Stillſchweigen und dieſe Hals⸗ ſtarrigkeit ergriff der Schweizer Herrn Pascal nun am Arm und rief die Stimme erhebend: „Ich ſage Ihnen ſoch einmal, mein Herr, hier vürfen Sie nicht eintreten.“ „Was ſoll das heißen, Burſche?“ rief Herr Pascal mit einer Miſchung von Erftaunen und Lorn, als käme ihm das Attentat des Schweizers eben ſo vermeſſen, als unbe⸗ greiflich vor, „weißt Du, mit wem Du ſprichſt?“ Es lag in dieſen Worten, — in ihrem Ton ein Aus⸗ druck ſo drohender Autorität, daß der arme Schweizer, einer Augenblick erſchrocken, ſtammeite: „Mein Herr.. . ich ich. weiß nicht. . .“ Die große Thüre des Vorhauſes wurde nun unge⸗ ſtüm geöffnet; einer von den Adjutanten des Prinzen, der von einem Fenſter des Dlenſtzimmers aus den Streit zwiſchen dem Schweizer und dem Beſuche ſich hatte er⸗ 17 heben ſehen, ſtieg haſtig die Stufen der Freitreppe herab, ging voll Eifer auf Herrn Pascal zu, ſprach ihn in vor⸗ refflichem Franzöſiſch an und ſagte mit ſehr warmem Tone: „Ah! mein Herr, S. K. H. wird dieſes Mißver⸗ ſtändniß ſicherlich ſehr bedauern. Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, mir zu folgen; ich werde Sie ſogleich einführen. Ich habe ſo eben in dieſer Hinſicht die Befehle S. K. H. erhalten.“ Herr Pascal nickte mit dem Kopf in der Manier ei⸗ ner Einwilligung, folgte dein Adjutanten, und ließ den Schweizer verblüfft und troſtios über ſeine Ungeſchicklichkeit. Als Herr Pascal und ſein Führer in den Warteſaal gekommen waren, wo ſich andere Adjutanten fanden, ſagte der junge Officier: „Die Audienz S. K. H. iſt dieſen Morgen über⸗ füllt, denn die Revue hat den Herrn Erzherzog länger, als er dachte, zurückgehalten; da er Sie aber ſo wenig, als möglich, warten zu laſſen wünſchte, ſo hat er mir befohlen, Sie, ſobald Sie erſcheinen würden, in ein an ſein Cabinet anſtoßendes Zimmer zu führen. S. K. H. wird ſogleich nach der Conferenz, die ſie in dieſem Au⸗ genblick mit dem Herrn Miniſter der auswärtigen Angele⸗ genhelten hat, zu Ihnen kommen.“ Herr Pascal machte abermals ein Zeichen der Ein⸗ willigung, folgte dem Adjutanten durch einen ziemlich dunklen Gang und kam in einen Salon, der die Ausſicht auf den herrlichen Garten des Glyſée hatte. In dem Augenblick, wo er ſich entfernen wollte, be⸗ merkte der Adjutant, der bis dahin durch den ärgerlichen Streit zwiſchen dem Schweizer und Herrn Pascal zer⸗ ſtreut geweſen war, den nachläßigen Anzug des letzteren. Gewohnt an die ſtrengen Förmlichkeiten der Etiquette, war dem jungen Höfling die unehrerbietige Kleidung des⸗ jenigen, welchen er eingeführt, ungemein anſtößig; er ſchwankte, zwiſchen der Furcht, einen Mann, wie Herr Pascal, zu mißſtimmen, und dem Verlangen, gegen die 18 Unſchicklichkeit ſeines Anzugs als eine Beleidigung für die Würde des Prinzen zu proteſtiren, der für Alles uner⸗ bittlich war, was die ſeinem Range ſchuldigen Rückſichten betraf: aber die erſte Furcht gewann die Oberhand, und der Adiutant, der überdies bedachte, es ſei zu ſpät, un⸗ ſern Mann aufzufordern, daß er ſich ehrerbietiger kleide, ſagte, indem er wegging: „Sobald der Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten das Cabinet S. K. H. verlaſſen hat, werde ich ihm melden, daß Sie zu ihren Befehlen find.“ Die letzten Worte: Daß Sie zu ihren Befeh⸗ len ſind, ſchienen ſchlecht in den Ohren von Herrn Pascal zu klingen; ein ſardoniſches Lächeln verzog ſeine Lippen; bald aber machte er es ſich, als ob er, wie man zu ſagen pflegt, zu Hauſe wäre, öffnete, da er ohne Zweifel die Temperatur des Zimmers zu hoch fand, und eines von den Fenſtern, lehnte ſich mit dem Ellenbogen auf das Geſimſe, und ſchaute, mit dem Hut auf dem Kopf, in den Garten hinaus. Zweites Kapitel. Jedermann kennt den Garten des Elyſee, einen rei⸗ zenden, mit den ſchönſten Bänmen der Welt bepflanzten kleinen Park, deſſen friſche Raſen von einem engliſchen Bach befeuchtet werden; eine Allee in Terraſſenform, mit hundertjährigen Ulmen beſetzt. begrenzt dieſen Park auf der Seite der Avenue von Marigny, eine ähnliche pa⸗ rallel laufende Allee begrenzt ihn auf der entgegengeſetzten Seite; eine ſehr niedrige Mauer trennt ihn von den be⸗ nachbarten Garten. 3 19 Die zuletzt genannte Allee mündete in geringer Ent⸗ fernung von dem Fenſter des Salon aus, in welchem ſich Herr Pascal aufhielt; bald wurde ſeine Aufmerkſamkeit aus mehreren Gründen lebhaft erregt. Der junge Mann, der durch das Zimmer der Se⸗ cretaltes und Hofleute gegangen und wegen ſeiner Schüch⸗ ternheit der Gegenſtand mehrerer Bemerkungen geweſen war, ſchritt langſam in der ſchattigen Allee auf und ab. Er war ſchlank und zierlich gewachſen; von Zeit zu Zeit ſtand er ſtille, ſenkte den Kopf, blieb einen Augenblick unbeweglich und ſetzte dann ſeinen Spaziergang wieder fort; wenn er das Ende der Allee erreicht hatte, näherte er ſich beinahe verſtohlen der Grenzmauer ves anliegenden Gartens, und da an dieſer Stelle die Mauer kaum vier Fuß hoch war, ſo ſtützte er ſich darauf und ſchien in ein Nachdenken oder in eine Erwartung verſunken. Bis dahin hatte der Spaziergänger Herrn Pascal den Rücken zugewendet und dieſer fragte ſich neugierig, was der junge Mann, deſſen Züge er noch nicht hatte unterſcheiden können, betrachten oder erwarten möchie; als er aber, da er ohne Zweifel nicht geſehen, was er mit dem Blick zu ſuchen ſchien; ſich umdrehte und gegen das zurückkehrte, wandte er Herrn Pascal das Ge⸗ icht zu. Der Graf Franz von Neuberg galt, wie ge⸗ ſagt, für einen Pathen des Erzhetzogs, der ihn zärtlich liebte. Nach Hofgerüchten fehlte es S. K. H., die aus ihrer Ehe mit einer Prinzeſſin von Sachſen Teſchen keine Kinder gehabt hatte, nicht an Gründen, Franz von Neuberg, die geheime Frucht einer erſten Liebe, v äterlich zu behandeln. Zur Zeit vieſer Erzählung kaum zwanzig Jahre alt, bot Franz den vollendeten Typus der melancholiſchen Schönheit des Norden; mitten auf ſeiner weißen, reinen Stirne wie die eines Mädchens geſcheitelt, umrahmten ſeine langen weißen Haare ein vollkommen regelmäßiges Geſicht; in ſeinen großen, himmelblauen Augen mit dem 20 ſanften, träumeriſchen Blick ſchien ſich die Reinheit ſeiner Seele zu ſpiegeln; mit ſeinem ſeidenen Flaum das Kinn und die Oberlippe leicht ſchattirend, gab ein entſtehender Bart dieſem reizenden Geſicht einen männlichen Ausdruck. Je näher er zu dem Palals kam, deſto mehr feſſelte Franz die Aufmerkſamkeit von Herrn Pascal, der ihn mit einem gewiſſen bewundernden Erſtaunen anſchaute, denn es war kaum möglich, die ſeltene Vollkommenheit der Züge von Franz nicht zu bemerken; als er nahe beim Fenſter war, begegnete er dem ſtarren, beharrlichen Blick von Herrn Pascal; er ſchlen ebenſo verlegen, als ärgerlich, errothete, ſchlug die Augen nieder, wandte ſich raſch um und ſetzte ſeinen Spaziergang fort, wobei er ſeine Schritte bis zur Mitte der Allee ein wenig beſchleunigte; hier fing er wieder an langſam zu gehen, und ohne Zweifel beengt durch den Gedanken, ein Fremder beobachte alle ſeine Bewegungen, wagte er es Anfangs kaum, ſich den Grenzen des benachbarten Gartens zu nähern; plötzlich aber jede Befangenheit vergeßend, lief er nach der Mauer beim Anblick eines kleinen Strohhuts, der jenſeits der Mauer erſchien und mit ſeinem mit der friſcheſten roſa Seide gefütterten Schild das köſtlichſte fünfzehnjährige Geſicht, das man träumen kann, umgab. „Fräulein Antonine,“ ſagte Franz raſch und mit leiſer Stimme, „man beobachtet uns.“ 8 „Dieſen Abend,“ flüſterte eine ſanfte Stimme. Und der kleine Strohhut verſchwand wie durch einen Zauber: ohne Zweifel war das Mädchen behende von einer Bank herabgeſprungen, auf die es jenſeits der Mauer geſtiegen. Aber, wahrſcheinlich zur Entſchädigung für dieſen raſchen Rückzug, fiel eine ſchöne Roſe zu den Füßen von Franz, der ſie ſogleich aufhob und ſich nicht erwehren konnte, die Blume glühend an ſeine Lippen zu drücken; dann verbarg er ſie in ſeiner Weſte und verſchwand in einem Gebüſch, ſtatt ſeinen Spaziergang in der langen Allee fortzuſetzen. — 21 Trotz der Raſchheit dieſer Scene und obgleich der Strohhut augenblicklich wieder verſchwunden war, hatte doch Herr Pascal die bezaubernden Züge des Mädchens. vollkommen unterſchieden und Franz die zu ſeinen Füßen gefallene Roſe leidenſchaftlich küſſen ſehen. Das harte, ſardoniſche Geſicht von Herrn Pascal wurde ſeltſam düſter; man las darin einen heftigen Zorn gemiſcht mit Eiferſucht, Schmerz und Haß; ſeine Phy⸗ ſiognomie, welche beinahe furchtbar geworden war, ver⸗ rieth einige Augenblicke den Mann, der, gewohnt, Alles ſich vor ſeiner Perſon beugen zu ſehen, fähig iſt zu Ge⸗ fühlen und Handlungen von teufliſcher Bosheit, wenn ein unvorhergeſehenes Hinderniß ſeinem eiſernen Willen entge⸗ gentritt. „Sie! ſie! in dieſem Garten beim Eliſée,“ ſagte er mit einer gedrängten Wuth zu ſich ſelbſt, „was wollte ſie hier ? . Ich dreifacher Thor, der ich bin, ſie wollte mit dieſem ſchwächlichen, blonden jungen Menſchen coquettiren. Vielleicht bewohnt ſie das mittlere Haus. Elend Gottes! erfahren, und zwar auf dieſe Art erfahren, wo ſie wohnt, nachdem ich vergebens Alles gethan habe, um ſie zu entdecken, ſeitdem mir dieſes verdammte Geſichtchen in die Augen geſtochen und mich verrückt gemacht hat, mich, der ich mich für todt hielt für dieſe plötzlichen, wü⸗ thenden Launen, gegen die das, was man die heftigſten Leivenſchaften des Herzens nennt, Eis iſt, denn, weil ich dieſes Mädchen nur dreimal begegnet habe, fühle ich mich, wie in meinen ſchönſten Tagen, zu Allem fähig, um ſie zu beſitzen zu dieſer Stunde beſonders, wo mich die GFiferfucht aufſtachelt und verzehrt. Elend Gottes! das iſt albern, einfältig, doch ich leide.“ Und während er dieſe Worte ſprach, drückte das Ge⸗ ſicht von Herrn Pascal in der That einen feindſeligen, wilden Schmerz aus; dann, indem er ſeine Fauſt nach der Seite ausſtreckte, wo der kleine Strohhut erſchienen war, murmelte er mit einem Ton unbeſchreiblicher Wuth: 22 „Du ſollſt mir das bezahlen, Mäbchen „ und wirſt mir gehören, was es mich auch koſten mag.“ Und auf vas Geſimſe gelehnt, war Herr Pascal, der ſeine erzürnten Blicke nicht von der Stelle abwenden konnte, wo er hatte Franz ein Wort mit dem Mädchen wechſeln ſehen, noch in dieſe düſtere Betrachtung verſun⸗ ken, als eine von den Thüren des Salon ſachte geöffnet wurde und der Erzherzog eintrat. Der Prinz glaubte ſich ſo ſicher demjenigen gegen⸗ über zu finden, von welchem er ſich erwartet wußte, daß er ſeinen gewöhnlich eiſig hochmüthigen Zügen zum Vor⸗ aus den möglichſt freundlichen Ausdruck gegeben hatte; er trat auch ein Lächeln auf den Lippen in den Salon ein. Aber Herr Pascal, der, halb zum Fenſter hinausge⸗ neigt, die Thüre nicht hatte öffnen hören und die Gegen⸗ wart des Prinzen nicht vermuthete, wandte ihm fortwäh⸗ rend den Rücken zu und blieb auf die Fenſterlehne geſtützt. Ein Phyſiognomiker, der Zeuge dieſer Scene geweſen wäre, hätte auf eine intereſſante Weiſe die Reactlon der Gefühle des Prinzen auf ſeinem Geſichte ſtudiren können.. Beim Anblick von Herrn Pascal, der, zum Fenſter hinaus geneigt und in ſeinen Sommerpaletot gekleidet, ſei⸗ nen Hut unſchicklicher Weiſe beſtändig auf dem Kopf be⸗ hielt, blieb der Erzherzog plötzlich ſtehen; ſein entlehntes Lächeln verſchwand von ſeinen Lippen und, ſich noch ſtol⸗ zer als gewöhnlich auf ſeinen Hüften zurückwerfend, er⸗ ſteifte er in ſeiner großen Uniform, wurde purpurroth vor Zorn, faltete die Stirne, und ſeine Augen ſchleuderten einen Blitz der Entrüſtung. Bald aber beſchwichtigte ohne Zwei⸗ fel wieder die Ueberlegung dieſen innern Sturm „die Züge nahmen raſch einen Ausdruck bitterer, ſchmerzlicher Reſignativn an, und er neigte das Haupt, als hätte er ſich unter dem Gewicht einer unſeligen Nothwendigkeit gebengt. Der Prinz unterdrückte einen Seufzer des empörten Stolzes, warf einen Blick rachgieriger Verachtung auf Herrn Pascal, nahm, wenn man ſo ſagen darf, ſein 23 Lächeln da wieder auf, wo er es gelaſſen hatte, und ging auf das Fenſter zu, wobei er ziemlich ſtark huſtete, um auf ſeine Gegenwart aufmerkſam zu machen und ſich ſo die letzte Demüthigung, die Schulter unſeres Manres berühren zu müſſen, zu erſparen. Bei den ſonoren hm! hm! der kaiſerlichen Hoheit wandte ſich Herr Pascal raſch um; auf den düſteren Ausdruck ſeiner Züge folgte eine Art von grauſamer, höh⸗ niſcher Befriedigung, als hätte ihm die Gelegenheit ein Opfer zugeführt, an dem er ſich für ſeine Qualen und ſeinen gedrängten Zorn rächen könnte. Herr Pascal ging auf den Prinzen zu und begrüßte ihn mit einer ungezwungenen Miene, wobei er ſeinen Hut in einer Hand hielt, während er die andere in die Hoſen⸗ taſche ſteckte. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Hoheit,“ ſagte er, „ich wußte wahrlich nicht, daß Sie da waren.“ „Ich bin davon überzeugt, Herr Pascal,“ antwortete der Prinz mit ſchlecht verhehltem Stolz. Dann fügte er bei: „Wollen Sie mir in mein Cabinet folgen, ich habe Ihnen einige officielle Stücke mitzutheilen.“ Und er wandte ſich nach ſeinem Cabinet, während Herr Pascal mit anſcheinender Ruhe, denn dieſer Mann hatte, wenn es nöthig war, eine ſeltene Selbſtbeherrſchung zu ihm ſprach: „Hoheit . . . werden Sie mir eine Frage erlauben?“ „Reden Sie, mein Herr,“ erwiederte der Prinz, in⸗ dem er ſtehen blieb und ſich ziemlich erſtaunt umwandte. „Hoheit, wer iſt der junge Menſch von höchſtens zwanzig Jahren mit langen blonden Haaren, den ich vor⸗ hin in jener Allee, die man von dieſem Fenſter aus er⸗ blickt, habe ſpazierengehen ſehen?“ „Sie meinen ohne Zweifel den Grafen Franz von Meuberg, meinen Pathen?“ „Ah! dieſer junge Menſch iſt Ihr Pathe, Hoheit?.. * 24 ich mache Ihnen mein aufrichtiges Kompliment, man kann keinen hübſcheren Jungen ſehen.“ „Nicht wahr?“ ſagte der Prinz, der für dieſes Lob ſelbſt aus dem Munde von Herrn Pascal, ſehr empfäng⸗ lich war, „er hat ein reizendes Geſicht!“ „Das habe ich ſo eben mit Muße bemerkt.“ „Und der Graf Franz hat noch etwas Beſſeres, als ein reizendes Geſicht,“ fügte der Prinz bei; „er beſitzt ſeltene Tugenden des Herzens und große Tapferkeit.“ 8 „Ich bin entzückt, Hoheit, daß Sie einen ſo vollen⸗ deten Pathen haben. . . iſt er ſchon lange in Paris?“ „Er iſt mit mir angekommen.“ „Und er wird ohne Zweifel mit Ihnen abreiſen, Ho⸗ heit, denn es muß für Sie peinlich ſein, ſich von einem ſo liebenswürdigen jungen Mann zu trennen?“ „In der That, mein Herr, ich hoffe den Grafen Franz mit mir nach Deutſchland zu nehmen.“ „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung für meine unbeſcheidene Neugierde, doch Ihr Pathe gehört zu den Perſonen, für die man ſich unwillkührlich intereſſirt . . . Nun bin ich ganz zu Ihrer Verfügung.“ „Wollen Sie mir alſo folgen, mein Herr.“ ———,— Pascal machte mit dem Kopf ein Zeichen der Ein⸗ willigung und kam, parallel mit dem Erzherzog gehend mit dieſem vor die Thüre ſeines Cabinets; hier blieb er mit einer Geberde ver Ehrfurcht, die nur eine Frechheit mehr war, ſtehen, verbengte ſich leicht und ſagte zu dem Prinzen, als hätte dieſer voranzugehen zögern können: „Nach Ihnen, Hoheit, nach Ihnen.“ Der Prinz fühlte die Ungezogenheit, verſchluckte ſie und trat in ſein Cabinet, während er Pascal durch ein Zeichen bedeutete, er möge ihm folgen. Oögleich wenig an das Ceremoniel der Höfe ge⸗ wöhnt, hatte dieſer doch zu viel Geiſt, zu viel Scharf⸗ ſinn, um nicht die Bedeutung ſeiner Worte und Handlun⸗ gen zu fühlen; er war ſich nicht nur ſeiner Unperſchämtheit bewußt, die noch durch einen neuen, zurückgehaltenen 3 —— 25 Aerger geſteigert wurde, ſondern er berechnete, er ſtudirte dieſe Unverſchämtheit, und gerade bei dieſem Verhältniß hatte er in ſeinem Innern die Frage erwogen, ob er die kaiſerliche Hoheit nicht einfach mein Herr nennen ſollte; aber in einem Raffinement kluger Frechheit dachte er, durch die ceremoniöſe Benennung Hoheit würden ſeine Vertrau⸗ lichkeiten für den Prinzen noch verletzender werden, indem ſie mit einem Anſchein von Gtiquette contraſtirten. Wir werden übrigens auf die Auseinanderſetzung des Charakters von Herrn Pascal zurückkommen, eines Cha⸗ rakters, der minder excentriſch war, als er von Anfang erſcheinen dürfte. Wir wollen nur bemerken, daß dieſer Mann, geboren in einer nievrigen, precären Lage und An⸗ fangs genöthigt, ſeinen Unterhalt durch ſchwere körper⸗ liche Arbeit zu verdienen, zehn Jahre von ſeinem Leben die härteſten Demüthigungen, die drückendſten Herrſchaften, die verletzendſte Verachtung ausgehalten und verſchluckt hatte; ſo hatte ſich feindſeüiger, unverſöhnlicher Groll in ſeiner Seele aufgehäuft, und am Tag, wo er ſelbſt mächtig war, überließ er ſich ohne Bedenken, ohne Ge⸗ wiſſensbiße der wilden Wolluſt der Repreſſalien, wobei er ſich wenig darum bekümmerte, ob er an Unſchuldigen Rache nahm. In Ermangelung eines bedeutenden Geiſtes beſaß der Erzherzog Menſchenkenntniß, die er ſich durch langjährige Verwaltung eines hohen Amtes in der militäriſchen Hier⸗ archie ſeines Landes erworben hatte; bei ſeiner zweiten Zuſammenkunft mit Herrn Pascal (der wir beiwohnen,) begriff er auch das Gewicht der ſtudirten Unverſchämtheit dieſes Menſchen, und als er ihn, beinahe ohne die Einla⸗ dung hiezu abzuwarten, ſich Lertraulich in das Fauteuil fetzen ſah, das kurz zuvor ein erſter Miniſter, den er voll Ach⸗ tung und Ehrfurcht gefunden, inne gehabt hatte, fühlte der Prinz ſein Herz abermals grauſam ſich zuſammen⸗ ſchnüren. Der durchvringende Blick von Herrn Pascal erfaßte Die ſieben Tobſünden. 1v. Atbh. 3 26 dieſen Eindruck auf der Stirne des Erzherzogs, und er ſagte mit einer triumphirenden Verachtung zu ſich ſelbſt: „Das iſt ein auf den Stufen eines Thrones geborener Fürſt, mindeſtens ein Vetter von allen Königen Europas, ein Generaliffimus einer Armee von hundert tauſend Mannz hier ſteht er im ganzen Glanze ſeiner Schlacht⸗ uniform, geſchmückt mit allen Inſignien der Ehre und des Kriegs; dieſe Hoheit, dieſer Menſch verachtet mich im Stolz ſeiner Abſtammung von ſonverainem Geſchlecht. Er haßt mich, weil er meiner bedarf, und weil er wohl weiß, daß er ſich erniedrigen muß .. und dennoch, trotz ſeines Haſſes, trotz ſeiner Verachtung habe ich dieſen Menſchen in meiner Gewalt, und ich will ihn das ge⸗ hörig fühlen laſſen, denn heute ſchwimmt mein Herz in Galle.“ Prittes Rapitel. Nachdem ſich Herr Pascal dem Prinzen gegenüber in einem vergoldeten Fauteuil niedergelaſſen hatte, bemäch⸗ tigte er ſich eines Papiermeſſers von Perlmutter, das er unter ſeiner Hand fand, ließ dieſes unabläßig Evolutio⸗ nen machen und ſagte zum Erzherzog: „Hoheit, wenn es Ihnen gefällig iſt, wollen wir von den Geſchäften ſprechen . denn ich muß zu einer beſtimmten Stunde im Faubourg Saint⸗Marceau bei einem meiner Freunde, einem Manufacturiſten, ſein.“ „Ich bemerke Ihnen,“ antwortete der Prinz, der ſi nur mit Mühe bezwang, „ich bemerke Ihnen, daß ich alle Audienzen, die ich heute geben ſollte, auf morgen ver⸗ ſchoben habe, um Ihnen meine ganze Zeit widmen zu können.“ „Das iſt zu liebenswürdig von Ihnen, Hoheit, doch kommen wir zur Sache.“ Der Prinz nahm vom Tiſch ein langes Blatt Mini⸗ ſterpapier, übergab es Pascal und ſprach: „Dieſe Note wird Ihnen beweiſen, daß alle bei der Abtretung, die man mir vorſchlägt, betheiligten Parteien, mich nicht nur förmlich bevollmächtigen, ſie anzunehmen, ſondern auch mich kräftig dazu auffordern und mich ſogar vor allen Eventualitäten meiner Annahme ſchützen.“ Ohne ſich aus ſeinem Fauteuil zu rühren, ſtreckte Herr Pascal ſeine Hand von einer Seite des Tiſches zur andern aus, um die Note in Empfang zu nehmen, und erwiederte: „Es war ohne dieſe Gewährſchaft durchaus nichts zu thun.“ Und er fing an langſam zu leſen, während er am Ende des Perlmuttermeſſers nagte, das er durchaus nicht aus der Hand ließ. Der Prinz heftete einen unruhigen, durchdringenden Blick auf Herrn Pascal und ſuchte an dem Ausbruck ſei⸗ ner Züge zu errathen, ob er in der Note die Garantien finde, die er darin ſuchen mußte. Nach einigen Augenblicken unterbrach ſich Herr Pascal im Leſen und murmelte zwiſchen den Zähnen mit einer ärgerlichen Miene und als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche: „Ho ho! da iſt ein Artikel, der mir durchaus nicht zuſagt, durchaus nicht .. ganz und gar nicht ..“ „Erklären Sie ſich, mein Herr,“ rief der Prinz mit einer gewiſſen Bangigkeit. — „Doch,“ fuhr weiter leſend Herr Pascal fort, ohne dem Erzherzog zu antworten und indem er ſich beſtändig ſtellte, als ſpräche er mit ſich ſelbſt, „dieſer Artikel iſt durch den Art. 8 verbeſſert ja . und im Ganzen iſt vas ziemlich gut. . es iſt ſogar ſehr gut.“ Die Stirne des Prinzen heiterte ſich auf, denn ſehr 28 beunruhigt über die wichtigen Intereſſen, über welche Herr Pascal notbwendig zu entſcheiden hatte, vergaß er die Unverſchämtheit und die berechnete Bosheit dieſes Men⸗ ſchen, der einen herben Genuß darin fand, daß er ſein Opfer langſam alle Unannehmlichkeiten der Furcht und der Hoffnung durchmachen ließ. Nach einigen Augenblicken ein neues Bangen beim Prinzen. Herr Pascal rief: „Unmöglich!. .. das iſt unmöglich. . . Für mich würde Alles durch den erſten Supplementarartikel auf⸗ gehoben. Das iſt ein Hohn.“ „Aber, mein Herr,“ rief der Prinz, „ſprechen Sie ar! „Verzeihen Sie, Hoheit, in dieſem Augenblick leſe ich für mich .. Sogleich, wenn Sie wollen, werde ich für une Beide leſen.“ Der Erzherzog ſenkte den Kopf, erröthete vor Entrü⸗ ſtung, ſchien entmuthigt und legte ſeine Stirne in eine von ſeinen Händen. Herr Pascal warf, während er zu leſen fortfuhr, ver⸗ ſtohlen einen Blick auf den Prinzen und ſagte nach eini⸗ gen Augenblicken mit einem immer mehr zufriedenen Ton: „Das iſt wenigſtens eine Garantie .. eine ſichere .. unbeſtreitbare.“ Und als der Prinz wieder Hoffnung zu faſſen ſchien, fügte er laut bei: „Leider iſt dieſe Garantie getrennt von „ Er vollendete nicht und las ſtillſchweigend weiter. Nein, ein Bittſteller in tiefer Bedrängniß, der einen hochmüthigen und zerſtreuten Protector anflehte. ein verzweifelter Entlehner, der ſich demüthig an einen auf⸗ geblaſenen Und wunderlichen Leiher wandte, ein Angeklag⸗ ter, der ſeine Begnadigung oder ſeine Verurtheilung in dem Blicke ſeines Richters ſuchte, fühlte nicht die Qualen, die der Prinz fühlte, während Herr Pascal die Note las, von der er Kenntniß nehmen mußte und die er bald auf den Tiſch legte. 2 — verſu „Nun, mein Herr,“ fragte der Prinz, ſeine Ungeduld überwindend, „was entſcheiden Sie?2“ „Hoheit, wollten Sie wohl die Güte haben, mir Fe⸗ der und Papier zu leihen?“ Der Prinz ſchob ein Tintenfaß, Feder und Papier vor Herrn Pastal. Dieſer ſing eine lange Reihe von Ziffern an, wobei er bald die Augen zur Decke aufſchlug, als rechnete er im Kopf, bald mit halber Stimme unvoll⸗ ſtändige Sätze murmeite, wie: * „Nein „ ich irrte mich, denn „. doch ich vergaß das. Es iſt klar.. Die Wage ſtünde gleich, wenn ...“ Nach einem langen Warten von Seiten des Prinzen legte Herr Pascal die Feder auf den Tiſch, tauchte ſeine beiden Hände wieder in ſeine Hoſentaſchen, warf den Kopf zurück und ſchloß die Angen, als wollte er im Geiſte eine letzte Berechnung machen .. bald aber erhob er ſich wieder und ſagte mit kurzem, einſchneidendem Ton zum Prinzen: „Unmöglich, Hoheit.“ „Wie, mein Herr!“ rief der Prinz ganz beſtürzt, „Sie verſicherten mich bei unſerer erſien Unterredung, die Operation ſei ausführbar.“ „Ausführbar, Hoheit, aber nicht ausgeführt.“ „Doch dieſe Note, mein Herr, dieſe Note nebſt den Garantien, die ich Ihnen geboten habe?“ „Was dieſe Note anbletet, vervollſtändigt, ich weiß die für eine ſolche Operation unerläßlichen Sicher⸗ eiten.“ „Was veranlaßt dann Ihre Weigerung?“ „Beſondere Gründe.“ „Ich frage Sie aber noch einmal, biete ich Ihnen nicht alle wünſchenswerthen Garantien?“ „Ja, Hoheit.. Ich ſage Ihnen ſogar, daß ich die Operation nicht nur als ausführbar, ſondern ſogar als ſicher und vortheilhaft für denjenigen betrachte, der ſie chen wollte. So bezweifle ich nicht, daß Sie finden..“ „Ei! mein Herr,“ rief der Prinz, Pascal unterbre⸗ 30 chend, „Sie wiſſen wohl, daß in dieſem Augenblick finan⸗ zieller Kriſe und aus andern Gründen, die Sie ſo genau kennen als ich, Sie der Einzige ſind, der dieſe Operation unternehmen kann.“ „Der Vorzug, den mir Eure Kaiſerliche Hoheit gönnt, ehrt mich und ſchmeichelt mir unendlich,“ erwiederte Herr Pascal mit einem Ausdruck ironiſcher Dankbarkeit, „ich bedaure es auch doppelt, nicht entſprechen zu können. Der Prinz fühlte den Spott und ſagte, indem er ſich den Anſchein gab, als nähme er es übel, ſein Wohlwollen mißkannt zu ſehen: „Sie ſind ungerecht, mein Herr. Zum Beweis, daß mir daran lag, dieſe Sache mit Ihnen zu unterhandeln, dient, daß ich die Vorſchläge, die mir das Haus Durand machen wollte, gar nicht angehört habe.“ „Ich bin beinahe ſicher, daß das eine Lüge iſt,“ dachte Herr Pascal; „doch gleichviel, ich werde mir Licht hierüber verſchaffen; überdies beunruhigt mich dieſes Haus und beengt mich zuweilen. Zum Glück habe ich durch den Schelm Marcelange ein Mittel, dieſer Unannehmlichkeis für die Zukunft zu begegnen.“ Der Prinz fuhr mit leutſeligem Tone fort: „Ein weiterer Beweis, daß ich dieſe Sache unmittel⸗ bhar, perſönlich mit Ihnen, Herr Pascal, zu unterhandeln beabfichtigen, findet ſich darin, daß ich keine Mittelsperſon zwiſchen uns haben wollte, indem ich feſt überzeugt war, wir würden uns verſtändigen, wir müßten uns verſtändi⸗ gen. Ja,“ ſprach der Prinz mit einem immer mehr einſchmeichelnden Ton, „ich hoffte dieſe gerechte n ihren ſo allgemein anerkannten finanziellen Fähigkeiten.. „Ah! Hoheit. „Ihrem eben ſo ehrenwerthen, als geehrten Gharalter dargebracht.. „Hoheit, Sie ſind in der That allzu gütig.“ „Ich hoffte, mein lieber Herr Pascal, wenn ich fům und Ihnen was vorſchlüge? eine Operation, deren Vor⸗ theile und Solid ität Sie ſt anerkennen, ſo würd 35 „Oh! daran iſt nichts gelegen; welche es auch ſein mag, ich unterſchreibe zum Vraus. „Sie machen ſich viellelcht zu mehr anheiſchig, als Sie denken, Hoheit.“ „Was wollen Ste daml ſagen?“ rief der Prinz mit einer leichten Unruhe, „welche Bedingung meinen Sie2“ „In drei Tagen von heute an wedde ich Sie damit bekannt machen, Hoheit.“ Wie!“ ſagte der Prinz erſtaunt und niedergeſchlagen, „wie abermals Zögerungen? Sie geben mir Ihr Wort nicht definitiv?“ „In drei Tagen werde ich es Ihnen geben, wenn Sie meine Bedingung annehmen.“ „Aber dieſe Bedingung, nennen Sie mir dieſelbe ſogleich.“ „Unmöglich, Hoheit.“ „Mein lieber Herr Pascal.. .“ „Hoheit,“ erwiederte der Andere mit kurzem, ſpötti⸗ 5 ſchem Ton, „ich habe nicht die Gewohnheit, mich zweimal hinter einander in einer Sitzung rühren zu laſſen. Es iſt die Stunde meiner Zuſammenkunft im Faubvurg Saint Marceau; ich habe die Ehre, Eurer Kaiſerlichen Hoheit meinen Reſpect zu bezeigen.“ Herr Pascal ließ den Prinzen voll Aerger und Angſt und war ſchon nahe an der Thüre, als er ſich noch ein⸗ mal umdrehte und zum Erzherzog ſagte: „Es iſt heute Montag, am Donnerſtag um elf Uhr werde ich alſo die Ehre haben, Eure Kaiſerliche Hoheit wiederzuſehen, um ihr meine kleine Bedingung vorzulegen.“ „Gut, mein Herr, am Donnerſtag.“ zi Herr Pascal machte eine tiefe Verbeugung und ging naus. Als er das Dienſtzimmer durchſchritt, wo ſich die Adjutanten aufhielten, ſtanden alle ehrerbietig auf, da ſie die Wichtigkeit der Perſon kannten, die der Prinz empfan⸗ tte. Herr Pascal nickte dieſen Officieren mit etorsmiene zu und verließ den Palaſt, wie er 36 eingetreten war, ſeine beiden 5 inbe in den Hoſentaſchen, Vergrätgen machte (dieſer Mann ver⸗ gaß nichts), einen Augenbliſt vor der Loge des Schweizers ſtehen zu bleiben. „Nun! Herr Burſch, werdet Ihr mich ein andermal wiedererkennen? „ Ganz verhlüfft machte der Beamte der Loge eine tiefe Verheiing und ſtammelte: „Oh! ich werde den Herrn nun erkennen. Ich flehe den Herrn an, mich entſchuldigen zu wollen.“ „Er fleht mich an,“ ſagte Herr Pascal mit einem bitteren, höhniſchen Lächeln zu ſich ſelbſt, „ſie wiſſen nichts, als zu flehen, von der Kaiſerlichen Hoheit bis zum Portier.“ Als Herr Pascal das Eliſée verließ, verſank er wieder in ſeine grauſame Beklommenheit in Beziehung auf die hübſche junge Perſon, deren geheimes Einverſtänd⸗ niß mit dem Grafen Franz von Neuberg er wahrgenom⸗ men hatte. Da er wiſſen wollte, ob ſie in dem an den Palaſt ſtoßenden Hauſe wohnte, ſo gedachte er Erkundi⸗ gung hierüber einzuziehen, doch er überlegte ſich, daß er hiedurch vielleicht ſeine Pläne gefährdete, und beſchloß, ohne eine Unvorſichtigkelt zu begehen, zu dem Ziel zu gelangen, das er ſich vorſetzte und den Abend abzuwarten. Er erblickte nun einen Fiaere, der raſch vorüber fuhr, hieß durch ein Zeichen den Kutſcher warten, ſtieg in den Wagen und ſagte: „Faubourg Saint Marceau Nro. 18 zu einer großen Werkftätte, deren Kamin man auf der Straße ſieht.“ „Die Werkſtätte von Herrn Dutertre? Ich weiß es, Herr, ich weiß es. Jedermann kennt das.“ Der Fiacre entfernte ſich. —,——— — ————— 37 Viertes Rapitel. Herr Pascal hatte, wie geſagt, einen Thell ſeines Lebens in einer mehr als untergeordneten Lage und die verletzendſte Verachtung mit einer Geduld voll Groll und Haß verſchluckend zugebracht. Der Sohn eines Colporteur, der ſich einige Spar⸗ pfennige durch Entbehrungen, wie durch unerlaubten voder zweifelhaften Handel geſammelt, hatte er als Ausläufer bei einem Wucherer in der Provinz begonnen, dem Herr Pascal Vater die Sorge, ſein Geld umzutreiben, überließ. Die erſten Jahre unſeres Helden verliefen daher in einem eben ſo harten, als demüthigenden Dienſibotenver⸗ hältniß; nichtsdeſtoweniger, da er mit viel Verſtand, mit großer Feinheit begabt war, und da ſeine ſeltene Willens⸗ hartnäckigkeit erforderlichen Falls ſich zu heugen, unter dem Aeußern einer einſchmeichelnden Niedrigkeit zu ver⸗ ſchwinden wußte, eine Verfiellung, welche nothwendig in dem Zuſtande der Servilität, in der er lebte, erzeugt wurde, lernte Pascal, ohne daß es ſein Herr wußte, bei⸗ nahe allein leſen, ſchreiben und rechnen; die Fähigkeit für die Zahlen und die finanziellen Berechnungen ent⸗ wickelte ſich bei ihm von freien Stücken auf eine wunder⸗ bare Weiſe; ihren Werth ahnend, fragte er ſich, ob er, dieſelbe verbergend, daraus für ſich einen Vortheil zhhen und eine gefährliche Waffe gegen ſeinen Herrn, den er haßte, machen könnte. Nach reiflicher Ueberlegung glaubte Pascal, es ſei in ſeinem Intereſſe, die Kenntniſſe, die er ſich insgeheim erworben hatte, zu offenbaren; betroffen von den Fähig⸗ keiten ſeines Dieners, machte ihn der Wucherer zu feinem Buchhalter, weil er ihm am Wohlfeilſten arbeitete, erhöhte ein wenig ſeinen geringen Lohn und fuhr fort, ihn mit einer rohen Verachtung zu behandeln, indem er ihn ſogar mehr als zuvor mit Plackereien zu überhäufen ſuchte, um ihn nicht ahnen zu laſſen, welchen Werth er auf ſeine neuen Dienſte lege. Glühend, unermüdlich bei der Arbeit, ungeduldig, ſeine finanzielen Kenntniſſe zu vermehren, ertrug Pascal fortwährend unempfindlich die Verletzungen, die man ihm anthat, und verdoppelte ſeine Servilität in demſelben Maß, in welchem ſein Herr Verachtung und Härte verdoppelte. Nachdem er einige Jahre ſo hingebracht hatte, fühlte er ſich ſtark genug, um die Provinz zu verlaſſen und einen ſeiner würdigeren Schauplatz zu ſuchen. Er war im Namen ſeines Herrn in eine Geſchäftscorreſpondenz mit einen Banquer in Paris getreten, dem er ſeine Dienſte anbot; dieſer war längſt im Stande geweſen, Pascal zu ſchätzen: er nahm ſeinen Antrag an, und Pascal verließ ſein Städtchen zum großen Bedauern ſeines erſten Herrn, der ihn, jedoch zu ſpät, dadurch zurückzuhalten verſuchte, daß er ihm einen Antheil an ſeinen Geſchäften geben wollte. Der neue Patron unſeres Mannes war Chef von einem von jenen reichen, moraliſch verwerflichen, aber (und das iſt nicht ſelten), in commercieller Hinſicht be⸗ trachtet, tadelloſen Häuſern, denn wenn ſich dieſe Häuſer mit Operationen abgeben, welche an den Betrug grenzen, wenn ſie ſich ungeſtraft mit liſtigen Bankerotten gemäſtet haben, ſo erweiſen ſie, wie man zu ſagen pflegt, ihrer Unterſchrift Ehre, eine Unterſchrift, welche doch in den Augen vieler redlicher Leute entehrt iſt. 3 Inbrünſtige Adepten des ſchönen Ariomes, das unſere ganze Zeit ) zuſammenfaßt: Bereichert Euch!!! ſitzen ſie ſtolz in der Kammer, nehmen heldenmüthig *) Sue erinnert hier daran, baß er dieſe Erzählung vor der Februar⸗Revolution geſchrieben habe. . —,—— 39 den Spottnamen Ehrenw erthe an und trachten nach dem Miniſterium.. Warum nicht? Der ſo ſehr gerühmte Luxus der ehemaligen Finanz⸗ pächter war nur eine Erbärmlichkeit gegen die Pracht von Herrn Thomas Roufſelet. In dieſes Haus von einem unverſchämten und tollen Reichthum verpflanzt, erlitt er Demüthigungen, welche noch viel bitterer und ſchmerzlicher waren, als die bei ſeinem guten alten Spitzbuben von einem Wucherer, der ihn wie einen niedrigen Lohndiener behandelte, aber mit ihm einen haͤufigen und beinahe vertraulichen Geſchäftsumgang pflegte. Man würde vergebens in dem aufgeblaſenſten Adelsſtolz, in der lächerlichſten ariſtokratiſchen Eitelkeit et⸗ was ſuchen, was ſich mit der herrſchſüchtigen und niederbeu⸗ genden Verachtung vergleichen ließe, mit der Herr und Madame Rouſſelet ihre Untergeordneten behandelten, die ſie in einer unermeßlichen Entfernung von ſich hielten. In ihre düſteren Bureaur eingepfercht, von wo aus ſie die Herrlichkeiten des Hotel Rouſſelet glänzen ſehen durften, kannten die Angeſtellten dieſes Hauſes nur in der Manier einer Feenſage oder einer fabelhaften Legende die phanta⸗ ſtiſchen Wunder dieſes Speiſeſaals und dieſer Salons, aus denen ſie gebieteriſch kraft der Würde von Madame Rouſ⸗ ſelet, einer eben ſo hochmüthigen, eben ſo vornehmen Dame, als es nur immer die erſte Kammerfrau der Prin⸗ zeſſin von Rohan oder von Lothringen ſein mochte, ausgeſchloſſen waren. Obgleich von einer neuen Art, waren dieſe Demüthi⸗ gungen nicht minder furchtbar blutig für Pasral; er fühlte hier mehr, als irgendwo ſonſt, ſeine Nichtigkeit, ſeine Ab⸗ hängigkeit, und das Joch des reichen Banquier verwun⸗ dete ihn viel tiefer, als das des Wucherers; aber ſeinem Syſtem getreu, verbarg unſer Mann ſeine Wunden, lä⸗ chelte bei den Streichen, küßte den gefirnißten Stiefel, der ihm zuweilen zu ſeiner Beluſtigung einen Tritt gab, ver⸗ 3 doppelte er ſeine Arbeit, ſeine Studien, und lernte endlich 4⁰ in der Praris dieſes Hauſes, was er als die wahre Wiſ⸗ ſenſchaft der Geſchäfte betrachtete, mit einem Wort: „Mit ſo wenig als möglich Geld ſo viel als mög⸗ lich Geld durch alle möglichen Mittel gewinnen, ſich dabei aber ſtreng vor der Zuchtpolizei und den Afſfiſen ſchützen.“ Die Grenze war weit, wie man ſieht, und man konnte ſich darin ganz bequem bewegen. So vergingen fünf bis ſechs Jahre; der Geiſt weicht erſchrocken zurück, wenn man bedenkt, was ſich an Groll, Haß, Zorn, Galle, Gift in dieſer kalt rachgierigen Seele aufhäufen mußte, welche außen ſtets ruhig war wie die ſchwarze Oberfläche eines kothigen Sumpfes. Eines Tages erfuhr Herr Pascal den Tod ſeines Vaters. Die Erſparniſſe des Colporteur hatten, beträchtlich vermehrt durch geſchickte Wuchermanipulationen, eine hohe Summe erreicht; einmal Herr dieſer Summe und ſicher ſeiner Thätigkeit, ſeiner Kühnheit und ſeiner ſeltenen Ge⸗ ſchicklichkeit im Hanveln over vielmehr im Nehmen, ſchwur ſich Pascal bei ſeiner Ehre, zu einem großen Vermögen zu gelangen, und müßte er, um dies ſchneller zu erreichen (man muß wohl etwas wagen), im Falle ver Noth ein wenig von dem ſchmalen und geraden Weg der Geſetzlich⸗ keit abgehen⸗ Unſer Mann hielt ſich ſeinen Schwur. Er verließ das Haus Rouſſelet; unterſtützt von der Geſchicklichkeit, vom Zufall, vom Betrug, vom Glück, von der Liſt und der Redlichkeit der Zeit, gewann er beträchtliche Summen und bezahlte mit baarem Geld die Freundſchaft eines Miniſters, der ihn mit zarter Fürſorge von den Vorkomm⸗ niſſen unterrichtete und Pascal in den Stand ſetzte, mit Sicherheit das Schwarz und Roth der Börſe zu ſpielen und damit beinahe zwei Millionen einzuſtecken; kurze Zeit nachher ließ ihn ein ſehr verwegener, zugleich aber äußerſt verſtändiger engliſcher Geſchäftsunterhändler die Möglichkeit erſchauen, ungeheure Vortheile zu real ſiren, wenn er ſich mit Kühnheit in die, damals in Eng⸗ — „— natürliche Servilität ausbeutete, Jenen, 41 land ganz neuen, Eiſenbahn⸗Operati Pascgl begab ſich nach London, wußte bald ein leiden⸗ ſchaftliches Speruliren, das ſich bis zu unerhörten Ver⸗ hältniſſen ſteigerte, zu benützen, ſetzte ſein ganzes Ver⸗ mögen auf dieſen Wurf, realifirte zu rechter Zeit und kam nach Frankreich mit fünfzehn Millionen zurück. Eben ſo klug, eben ſo kalt als er verwegen geweſen, und überdies mit großen finanziellen Fähigkeiten ausge⸗ rüſtet, war er immer nur darauf bebacht, dieſes unver⸗ hoffte Vermögen beſtändig zu vermehren; es gelang ihm, indem er jede Gelegenheit mit einer ſeltenen Gewandtheit benützte, wobei er indeſſen gut und bequem lebte und onen werfen würde. fröhnen, denn er ſpeiſte, zum Beiſpiel, in der Schenke. Auf dieſe Art verbrauchte er kaum den fünften Theil von ſeinen Elnkünften, die, jedes Jahr zum Kapital geſchlagen, unabläßig ſein Vermögen vermehrten, das noch durch ge⸗ ſchickte Operationen wuchs. Dann kam, wie geſagt, für Pascal der große, furcht⸗ bare Tag der Reprefſalien. Dieſe durch ſo viele Jahre der Erniedrigung und des Haſſes verhärtete Seele wurde unberſöhnlich und fand tau⸗ ſendfach die grauſame Wolluſt, die Andern das Gewicht des ſilbernen Joches, das er ſo lang laſſen. e getragen, fühlen zu Das, worunter er gelitten hatte, war die Abhängig⸗ keit, die Knechtſchaft, die völlige Vernichtung des Ichs, unter der er, Lgezwungen, ohne Murren die Rohheiten, die Verachtung jeiner Patrone zu ertragen, ſo lange gehalten worden war. Er fand ein Vergnügen daran, dieſe harte Abhän⸗ uke 3 Andern aufzuerlegen: Dieſen, indem er ihre indem er fie ei⸗ ner unbeugſamen Nothwendigkeit unterwarf, wovurch er in ſich die Allmacht des Geldes in dieſem käuflichen ie ſiehen Tyhſünden⸗ 1w. Athl. 4 * 42² Jahrhundert ſymboliſirte, denn er hielt in einer beinahe unbeſchränkten Abhängigkeit von ſich alle mögliche Men⸗ ſchen, von dem kleinen Handelsmann, den er Geſchäfte für ſich machen ließ, bis zu dem Prinzen von königlichem Geblüt, der ſich vor ihm demüthigte, um ein Anlehen zu erhalten. Dieſen furchtbaren Despotismus, den der Menſch, der borgt, über den Menſchen, den ſeine augenblicklichen Bedürfniſſe zum Entlehnen nöthigen, ausüben kann, übte Herr Pascal aus, und er genoß ihn mit Raffinemens von unglaublicher Barbarei. Man hat von der Gewalt Satans über die Seelen geſprochen. Einen Satan angenommen, konnte Herr Pascal eben ſo viele Seelen und mehr verderben und martern, als Satan. Einmal von ihm abhängig, durch einen Credit, durch ein Anlehen, durch ein Commandite, was übrigens mit einer vollkommenen Gutherzigkeit bewilligt und zuweilen mit einem hinterliſtigen Anſchein von Großmuth angeboten „ wurde (ſtets jedoch auf ſolide moraliſche oder materielle Garantien), gehörte man nicht mehr ſich, man hatte ſeine Seele an Satan Pascal verkauft. Solche Händel betrieb er mit einer hölliſchen Ge⸗ ſchicklichkeit. Kam ein Augenblick einer Handelskriſe, und die Ka⸗ pitallen wurden entweder unfindbar oder das Intereſſe ſo ungeheuer, daß ſich ſehr zahlungsfähige und dabei ſehr redliche Kaufleute in einer ungeheuren Verlegenheit ſahen, ſo bewilligte oder bot Herr Pascal, völlig unterrichtet und ſicher, für ſeine Vorſchüſſe durch Waaren oder durch das „ Nutzungsmaterial gedeckt zu ſein, oft am Vorabend eines Bankerotis ſeine Dienſte zu einem für die Umſtände äußerſt mäßigen, aber für ihn ſchon lurrativen Intereſſe an; nur ſtellte er bei einem ſolchen Anlehen die ausvrückliche Be⸗ dingung der Zurückbezahlung nach ſeinem Wille wobei er raſch beifügte: er würde von dieſem Rechte k nen Gebrauch machen, venn es liege in ſeinem Vortheil⸗ „ „ — 43 es nicht zu benützen, da ihm das dargeliehene Geld offen⸗ bar Gewinn bringe; ſein großes Vermögen ſei ihm über⸗ dies eine Gewährſchaft, daß für ihn das baldige Wieder⸗ eingehen von fünfzig oder hundert tauſend Thaler kein Bedürfniß ſein werde; aber aus Gewohnheit, aus Bi⸗ zarrerie, wenn man wolle, fügte er bei, halte er darauf., nur unter der Bedingung einer Zurückbez ahlung nach ſeinem Willen zu borgen. Die Alternative war grauſam für die Unglücklichen, welche Satan Pascal verſuchte; auf der einen Seite der Untergang einer bis dahin gedeihlichen Induſtrie; auf der andern machten eine unerſwartete und ſo wenig oneroſe Hülfe, daß ſie beinahe für einen edelmüthigen Bienſt gel⸗ ten konnte, die Unmöglichkeit, anderswo Kapitalien ſelbſt gegen zu Grunde richtende Zinſe zu finden, und dann das Vertrauen, das Herr Pascal einzuflöſſen wußte, die Ver⸗ ſuchung ſehr mächtig; ſie wurde vollendet durch die ein⸗ ſchmeichelnde Gutherzigkeit des Erzmillionärs, der, wie er ſagte, ſo eiferſüchtig war, als ſinanzielle Providenz ar⸗ beitſamen und redlichen Leuten zu Hülfe zu kommen. Mit einem Wort, Alles trug dazu bei, dieſe Unklu⸗ gen zu betäuben, und ſie nahmen an. Pascal beſaß ſie von da an. Einmal unter der Gewalt einer beträchtlichen Heim⸗ bezahlung, die ſie jeden Augenblick wieder in die verzwei⸗ felte Lage werfen konnte, aus der ſie hervorgegangen waren, hatten ſie nur noch ein Ziel, Herrn Pascal zu gefallen, nur noch eine Furcht, Herrn Pascal zu miß⸗ fallen, der ſo als Gebieter über ihr Schickſal verfügte. Oft machte unſer Satan nicht von Anfang von ſeiner Gewalt Gebrauch, und in einem Raffinement höhniſcher Bosheit begann er damit, daß er den guten Mann, den Wohlthäter ſpielte, denn mit einer ironiſchen Be⸗ ſieisung gefiel er ſich unter den Segnungen, mit denen män ihn überhäufte, und ſo ließ er lange Zeit ſeine ei an ihren Irrthum gewöhnen; dann erhob er ch allmälig, je nach ſeiner augenblicklichen Laune, wobei 44 er indeſſen nie drohend, roh oder aufbrauſend, ſondern im „ Gegentheil mit einer ſüßlichen Falſchheit zu Werke ging, welche gerade des Contraſtes wegen furchtbar wurde. So kam er, zum Beiſpiel, zu einem von ſeinen Va⸗ ſallen, als dieſer gerade mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern ausgehen wollte, um ſich zu einem längſt vorbe⸗ reiteten Familienfeſt zu begeben. „Ich werde ohne Umſtände mit Ihnen zu Mittag ſpeiſen, meine guten Freunde,“ ſagte Satan. „Mein Gott, Herr Pascal, wie ſehr bedauern wir es! Es iſt heute der Namenstag meiner Mutter, und wir gehen, um bei ihr zu Mittag zu ſpeiſen, es iſt ein Jahrestag, den wir zu feiern nie verfehlen.“ „Ah! das iſt ſehr ärgerlich, ich hoffte meinen Abend bei Ihnen zuzubringen.“ „Und für uns, das dürfen Sie uns glauben, Herr Pascal, iſt es nicht minder ärgerlich.“ „Bah! . Sie werden mir wohl Ihr Famllienfeſt opfern! Im Ganzen wird Ihre Mutter nicht daran ſter⸗ „ ben, daß ſie nicht gefeiert wird.“ „Oh! mein guter Herr Pascal, das iſt unmöglich; es wäre das erſte Mal ſeit unſerer Verheirathung, daß wir bei dieſer kleinen Familienfeierlichkeit fehlten.“ „Ah! Sie werden das wohl für mich thun?“ „Aber, Herr Pascal . . .“ „Ich ſage Ihnen, daß Sie das für Ihren guten Herrn Pascal thun werden, nicht wahr?“ „Wir würden es von Herzen gern thun, aber „Wie! .. Sie ſchlagen mir das ab, beim Erſten, um was ich Sie bitte . . .“ 2 Und Herr Pascal legte einen ſolchen Nachdruck auf das Wort mir, daß die ganze Familie plötzlich bebte; ſie fühlte, wie man zu ſagen pflegt, ihren Herrn, und während ſie die ſeltſame Laune des Kapitaliſten nicht begriff, unterwarf ſie ſich derſelben traurig, um den furchtbaren Mann, von dem ſie abhing, nicht ju miß ſtimmen. Man fügte ſich alſo und improvifirte ein Mit 45 tagsmahl. Man ſuchte zu lächeln, freudig auszuſehen und das Familienfeſt, auf das man verzichtete, nicht zu bedauern; bald aber fing eine unbeſtimmte Furcht an die Herzen zuſammenzuſchnüren; das Mittageſſen wurde immer trauriger, gezwungener; Herr Pascal erſtaunte auf eine ſüßliche Weiſe über dieſe Befangenheit und ſagte ſeufzend: „Ah! ich bin Ihnen in den Weg gekommen; Sie grollen mir, leider ſehe ich das.“ „Oh! Herr Pascal,“ riefen die Unglücklichen, immer „wie können Sie einen ſolchen Gedanken aben!“ „Ich täuſche mich nicht, ich ſehe es, ich fühle es, denn mein Herz ſagt es mir. Ei! mein Gott! was iſt das! Man hat immer ſehr Unrecht, die Freundſchaften auf die Probe zu ſtellen, felbſt bei kleinen Dingen, denn ſie dienen zuweilen dazu, die großen zu ermeſſen. Und ich zählte auf Sie als auf wahre und gute Freunde! .. Vielleicht abermals eine Täuſchung!“ Und Satan Pascal fuhr mit der Hand über die Au⸗ gen, ſtand vom Tiſch auf, ging mit betrübter Miene aus dem Hauſe weg, und ließ dieſe Unglücklichen in der furcht⸗ barſten Angſt zurück, denn wenn er nicht mehr an ihre Freundſchaft glaubt, wenn er ſie für undankbar hält, ſo kann er ſie dadurch, daß er ſein ſo edelmüthig dargebotenes Geld zurückverlangt, jeden Augenblick wieder in den Ab⸗ grund ſtürzen. Die Erkenntlichkeit, die er von ihnen for⸗ t konnte ihnen allein ſeine beſtändige Unterſtützung ern. Wir haben dieſe Umſtände, welche kindiſch erſcheinen dürf⸗ ten, indeß ihr Reſultat ſo grauſam iſt, weiter ausgeführt, weil wir gleichſam die erſte Leiter der Martern, welche Herr Pascal ſeine Opfer ausſtehen ließ, zeigen wollten. Man denke ſich hienach alle Stufen der Folter, de⸗ nen er ſie preiszugeben im Stande war, wenn eine an und für ſich unbedeutende Sache, wie ein verfehltes Fa⸗ milienfeſt, ſeiner raffinirten Barbarei ſo viel Nahrung bot. Es war ein Ungeheuer. 46 Leider gibt es in jeder Epoche Neros; aber wer wollte ſagen, Pascal hätte je einen ſoſchen Grad von Verdor⸗ benheit ohne ſchädliche Beiſpiele, ohne den furchtbaren Groll erreicht, den er ſeit langer Zeit in ſeiner durch die entartendſte Abhängigkeit gereizten Seele aufgehäuft? Das Wort Repreſſalien entſchuldigt die Grauſam⸗ keit dieſes Menſchen nicht; es erklärt nur dieſelbe. Der Menſch wird beinahe nie ohne Urſache boshaft. Das Boſe hat immer ſeinen Erzeuger im Böſen. Nachdem wir Herrn Pascal ſo geſchildert, gehen wir ihm ungefähr eine Stunde zu Herrn Charles Dutertre voran. Fünftes Rapitel. Die Werkſtätte von Herrn Dutertre, beſtimmt für die Fabrikation von Maſchinen für die Eiſenbahnen, nahm einen ungeheuern Raum im Faubvurg Saint Marceau ein, und die beſtändig rauchenden hohen Kamine machten ſie ſchon von fern kenntlich. Herr Dutertre und ſelne Familie bewohnten einen durch einen großen Garten von den Fabrikgebäuden getrenn⸗ ten kleinen Pavillon. In dem Augenblick, wo wir den Leſer in dieſe be⸗ ſcheidene Wohnung einführen, war hier ein feſtliches Aus⸗ ſehen bemerkbar; man ſchien ſich mit gaſtlichen Vorbe⸗ reitungen zu beſchäftigen; eine junge und thätige Magd deckte vollends den Tiſch mitten in dem kleinen Speiſe⸗ zimmer, deſſen Fenſter nach dem Garten ging und das 47 in der Nähe einer ziemlich beſchränkten Küche lag, die vom Ruheplatz nur durch eine Glasthüre mit matten Scheiben getrennt war; eine alte Köchin mit geſchäftiger Miene ging in dieſem eulinariſchen Laboratorium hin und her, dem Appetit erregende Dünſte entſtrömten, die ſich zuwellen bis in das Speiſezimmer verbreiteten. Im Salon, der mit Meubles von Nußbaumholz, überzogen mit Utrechter Sammet, ausgeſtattet und mit Vor⸗ hängen von weißem Zitz verziert war, traf man andere Vorbereitungen; zwei Vaſen von weißem Porzellan, die den Kamin ſchmückten, hatte man mit friſchen Blumen gefüllt; zwiſchen dieſen zwei Vaſen und an der Stelle der Pendeluhr erblickte man unter einer Glasglocke eine Locomotive in Miniatur, ein wahres Meiſterwerk der Me⸗ chanik und der Schloſſerarbeit; auf dem ſchwarzen Sockel dieſes Kleinods von Eiſen, Meſſing und Stahl ſah man die Worte eingravirt: Herrn Charles Dutertre Seine dankbaren Arbeiter. Teniers oder Gerard Dow hältten ein reizendes Bild aus einer Gruppe nun in dieſem Salon verſammelter Figuren gemacht. Ein blinder Greis mit einem ehrwürdigen und me⸗ lancholiſchen Geſicht, umrahmt von langen weißen Haaren, welche auf ſeine Schultern herabfielen, ſaß in einem Lehn⸗ ſtuhl und hatte zwei Kinder auf ſeinem Schvoß: einen kleinen Knaben von drei Jahren und ein Mädchen von fünf Jahren, zwei Engel an Anmuth und Liebreiz. ⸗ Der Knabe, braun und roſenfarbig, mit großen ſchwarzen, ſammetartigen Augen, warf von Zelt zu Zeit einen Blick der Zufriedenheit auf ſeine hübſche Blouſe von hellblauem Kaſimir und auf ſeine friſchen weißen Bein⸗ kleider; beſonders aber ſchien er ſich an der Betrachtung von gewiſſen weißen, carmeſinroth geſtreiften und von ſafftanledernen Schuhen mit Mäſchchen umgebenen ſeide⸗ nen Strümpfen zu ergötzen. Haare, geweſen. 48 Das Mädchen, zum Andenken an eine innige Freun⸗ din ſeiner Mutter, die des Kindes Pathin geweſen war, Madeleine genannt, das Mäbchen, ſagen wir, hlond und roſenfarbig, hatte reizende blaue Augen und trug ein hübſches weißes Kleid; ſeine Schultern und ſeine Arme waren entblößt, ſeine Beine nur halb bedeckt von zierlichen ſchottiſchen Strümpfen. Wie viel Grübchen es auf die⸗ ſen Schultern, auf dieſen Armen, auf dieſen fleiſchigen Wangen von einer ſo friſchen, ſo gab, hätte nur eine Mutter dadurch, daß ſie dieſe Grüb⸗ chen oft küßte, berechnen können, und die Muiter von dieſen zwei reizenden Kindern mußte es wiſſen. Stehend und auf die Lehne des Stuhles geſtützt, in dem der blinde Grels ſaß, horchte Madame Dutertre mit dem Ernſt, den eine Mutter immer den beobachtet, auf das Gezwitſcher der Großvater auf ſeinem Schvoß hielt, und die ihn ohne Zweifel von etwas ſehr Intereſſantem unterhielten, denn ſie ſprachen Beide zugleich in jenem kindiſchen Jargon, den die Mütter mit einem ſeltenen Scharffinn zu über⸗ ſetzen wiſſen. Madame Sophte Dutertre war höchſtens fünfund⸗ zwanzig Jahre alt; obgleich ſie leicht von den Pocken bezeichnet war, obgleich man regelmäßigere und viel ſchö⸗ nere Züge, als die ihrigen, finden konnte, ließ ſich voch nicht eine anmuthiger offene und ein freundlicheres und feineres Lächeln denken; es war das Iveal des Liebreizes und des Wohlwollens. Herrliche atlaßartigen Carnatlon unter ſolchen Umſtän⸗ der zwei Vögel, die anziehenbere Phyſiognomie, Perlzähne, eine blendende Haut, ein zierlicher Wuchs vollendeten dieſes liebliche Geſammtweſen, und wenn ſie ihre durchſichtigen, glänzenden, großen braunen Augen zu ihrem Mann aufſchlug, der auf der andern Seite des Lehnſtuhls vom blinden Grels ſtand, ſo gaben die Liebe und die Mütterlichkeit vieſem ſchönen Blick einen zußleich rührenden und leidenſchaftlichen Ausdruck, denn die Heirath 36 von Sophie und Charles Dutertre war eine Liebesheirath 49 Der einzige Vorwurf. iſt es ein Vorwurf, den man an Sophie Dutertre hätte richten können, denn ſie hatte nur Coquetterie für die Kleidung ihrer Kinder? war ihr völlig ungeeigneter, gleichſam unverſtändiger An⸗ zug. Ein ſchlecht ausgewähltes und ſchlecht gemachtes Stoffkleid entſtellte ihren Wuchs; ihr kleiner Fuß war nicht tadellos beſchuht, und ihre herrlichen braunen Haare mit mehr Geſchmack und Sorgfalt geordnet ſein oͤnnen. Offenherzigkeit und Entſchloſſenheit, Verſtand und Berzensgüte, das war der Charakter der Züge von Herrn Dutertre, der damals ungefähr achtundzwanzig Jahre zählte; ſein lebhaftes, feuriges Auge, ſeine kräftige, aber ſchlanke Geſtalt bezeichneten eine thätige, energiſche Natur. Chemaliger Civilingenieur, ein Mann von erhabenem Wiſſen und großer Ausdauer, ebenſo fähig, mit der Feder die ſchwierigſten Probleme zu löſen, als, mit der Feile, auf der Drehbank, mit dem Hammer zu arbeiten, ver⸗ nünftig befehlend, weil rr ſelbſt auszuführen wußte, vie Handarbeit erhebend, ehrend, indem er ſie ſelbſt zuweilen, ſei es zum Beiſpiel, ſei es als Ermuthigung ausübte, red⸗ lich bis zum Serupel, vertrauensvoll bis zur Verwegen⸗ heit, väterlich, feſt und gerecht gegen ſeine zahlreichen Arbeiter, verliebt in ſeine Schöpfungen von Eiſen, Kupfer oder Stahl, hatte er ſein Leben bis dahin zwiſchen den drei großten Glückſeligkeiten des Menſchen, — der Liebe, — der Familie, — der Arbeit getheilt. Charles Dutertre hatte nur einen Kummer: die Blindheit ſeines Vaters, und auch dieſes Gebrechen war der Vorwand zu ſo zarter, aufopfernder Hingebung, zu ſo vielſeitiger, aufmerkſamer Pflege, daß Drrertre und ſeine Frau ſich zu tröſten ſuchten, indem ſie ſagten, es ſei ihnen wenigſtens vergönrt, dem Greiſe ihre Zärtlich⸗ keit doppelt zu beweiſen. Trotz der feſtlichen Vorbereitun⸗ gen hatte Charles Dutertre die Sorge, ſich zu raſiren, auf den anvern Tag verſchoben und ſein Arbeiterkleid, eine da und dort durch die Unfälle der Schmiede ge⸗ 50 ſchwärzte, verbrannte oder befleckte Blouſe von grauer Leinwand anbehalten. Seine edle, hohe Stirne, ſeine zu⸗ gleich weißen und nervigen Hände waren durch den Rauch der Werkſtätte etwas geſchwärzt. Er vergaß in ſeiner arbeitſamen und unabläſſigen Thätigkeit vder in den Augen⸗ blicken ſtärkender Ruhe, die darauf folgten, jene Sorg⸗ falt für ſein Aeußeres, auf die gewiſſe Männer, und zwar mit Recht, nie verzichten. Dies waren die in dem beſcheidenen Salon der Fabrik verſammelten Perſonen. Die zwei Kinder ſchwatzten fortwährend, beide zu⸗ gleich, und ſuchten ſich dem Großvater begreiflich zu ma⸗ chen; er gab ſich mit dem beſten Willen ver Welt dazu her und fragte ſie, ſanft lächelnd: „Was ſagſt Du denn, mein kleiner Auguſt, und Du, meine kleine Madeleine?“ „Will die Frau Dolmetſcherin die Güte haben, uns dieſes artige Gezwitſcher zu überſetzen?“ ſprach Charles Dutertre heiter zu ſeiner Frau. „Wie, Charles, Du verſtehſt nicht?“ „Durchaus nicht.“ „Sie auch nicht?“ fragte die junge Frau den Greis. „Ich glaubte Anfangs etwas wie Sonntag und Kleid zu hören,“ antwortete lächelnd der Greis, „aber das verwickelte ſich nachher dergeſtalt, daß ich auf das Verſtehen oder vielmehr auf das Errathen verzichtete.“ „Es war indeſſen ungefähr das; oh! nur die Mütter und die Großväter verſtehen die kleinen Kinder,“ ſagte Sophie mit triumphirender Miene. Dann ſich an die zwei Kinder wendend: „Nicht wahr, Ihr lieben Kleinen, Ihr ſagt zu Eurem Großvatet: „„Es iſt heute Sonntag, da wir unſre ſchö⸗ nen neuen Kleider anhaben?““ Madeleine, die Blonde, machte ihre großen blauen Augen weit auf und beugte ihr Lockenköpfchen mit einer bejahenden Miene. „Du biſt der Champollon der Mütter!“ rief Char⸗ 5¹ Dutertre, während der Greis zu den zwei Kindern agte: „Nein, es iſt heute nicht Sonntag, wohl aber ein Feſitag.“ 3 Hter war Sophie abermals genöthigt, ins Mittel zu treten und zu überſetzen: „Sie fragen, warum dieſes Feſt ſtattfinde, mein guter Vater.“ „Weil wir einen Freund ſehen werden,“ erwiederte der Greis mit einem etwas erzwungenen Lächeln, „und wenn ein Freund kommt, iſt es immer ein Feſt, meine Kinder.“ „Oh! und wie ſteht es mit der Börſe?“ ſagte Du⸗ tertre zu ſeiner Frau. „Dort, mein Herr,“ antwortete Sophie heiter, indem ſie mit der Geberde auf dem Tiſch ein Schächtelchen von Pappendeckel umgeben von einem roſenfarbigen Band be⸗ zeichnete, „glauben Sie, ich habe unſern guten Herrn unſern würdigen Wohlthäter, mehr als Sie ver⸗ geſſen?“ Der Großvater wandte ſich nun an die kleine Made⸗ leine, küßte fie auf die Stirne und ſprach: „Man erwartet Herrn Pascal... Du weißt, Herrn Pascal?“ Madeleine machte abermals ihre Augen weit auf; ihr Geſicht nahm einen beinahe furchtſamen Ausdruck an 5 ſie ſchüttelte traurig ihr Lockenköpfchen und ſagte: „Er iſt böſe!“ „Herr Pascal!“ rief Sophie. „Oh! ja .. ſehr boſe,“ antwortete Madeleine. „Aber, meine kleine Madeleine,“ fragte die junge Mutter, „warum denkſt Du denn, Herr Pascal ſei böſe?“ „Ah! Sophie,“ ſprach Herr Charles Dutertre lä⸗ chelnd, „wirſt Du Dich nicht bei vieſen Kindereten über unſern würdigen Freund aufhalten?“ Seltſamer Weiſe nahm das Geſicht des Grelſes einen unbeſtimmten Ausdruck von Beſorgniß an, und, glaubte 52 er nun an die Sicherheit des Inſtinkts oder des Scharf⸗ ſinns vom Kinde, oder gehorchte er einem andern Gedan⸗ ken, weit entfernt, wie ſein Sohn, über die Worte von Madeleine zu ſcherzen, neigte er ſich zu dieſer herab und ſprach: „Sage, mein RKind, warum iſt Herr Pascal böſe?“ Das blonde Mädchen ſchüttelte den Kopf und ant⸗ wortete nur: „Weiß es nicht. „Aber ſicherlich iſt er böſe .. .“ Sophie, welche hinſichtlich des ſeltſamen Scharfſinns der Kinder ein wenig wie der Großvater dachte, konnte ſich eines leichten Bebens nicht erwehren, denn es gibt geheime Rapports zwiſchen der Mutter und den Geſchöpfen ihres Bluts; eine unerklärliche Ahnung, gegen die Sophie jedoch mit allen ihren Kräften kämpfte, denn ſie fand ſie unfinnig, nicht zu rechtfertigen, ſagte ihr, der Inſtinct ihrer kleinen Tochter täuſche dieſe in Beziehung auf Herrn Pas⸗ cal vielleicht nicht, obgleich bis dahin die junge Mutter nicht den geringſten Verdacht gegen dieſen Mann gehabt hatte, ſondern im Gegentheil Herrn Pascal nach ſeinen Handlungen als einen Mann von edelmüthigem Charak⸗ ter beurtheilte. Charles Dutertre, der nicht vermuthete, welche Ein⸗ drücke auf ſeine Frau und auf ſeinen Vater hervorgebracht worden waren, ſagte lächelnd: „Nun will ich dieſem Großvater und dieſer Mutter, welche ſich ſo gut auf den Jargon und auf die Gefühle der Kinder zu verſtehen behaupten, eine Lection geben. Unſer vortrefflicher Freund hat eine rauhe Außenſeite, dichte Augenbrauen, ein braunes Geſicht, eine barſche Sprache. es iſt mit einem Wort eine Art von wohlthätigem Murrkopf. Mehr braucht es für ihn nicht, um den Titel böſe kraft der Autorität des Urtheils dieſes blonden Mädchens zu verdienen. In dieſem Augenblick trat die junge Magd ein und 3 ſagte zu Sophie: . 53 „Madame Fräulein Hubert iſt mit ihrer Diene⸗ rin da und.. „Antonine ?. welch ein Glück!“ rief Sophie, in⸗ dem ſie raſch aufſtand, um dem Mädchen entgegenzugehen. „Madame,“ fügte geheimnißvoll die Magd bei, „Agathe fragt, ob Herr Pascal die Erbſen mit Zucker oder mit Speck liebe?“ „Charles!“ ſagte Sophie heiter zu ihrem Manne, „das iſt ernſt, was denkſt Du davon?“ „Man muß eine Platte Erbſen mit Zucker und eine mit Speck machen,“ antwortete Charles mit nachdenken⸗ der Miene. „Nur die Mathematiker vermögen ſolche Räthſel zu loſen,“ ſprach Sophie; dann nahm ſie ihre beiden Kinder bei der Hand und fügte bei: „Ich will Antonine ſehen laſſen, wie ſie ſchön gewor⸗ den und gewachſen find.“ „Aber ich hoffe, Du wirſt Fräulein Hubert bitten, ſagte Charles; „wenn nicht, ſo hole iei „Ich werde die Kinder zu ihrer Wärterin bringen und komme dann mit Antonine herauf.“ „Charles,“ ſagte der Greis aufſtehend, nachdem die junge Frau verſchwunden war, „ich bitte, gib mir Dei⸗ nen Arm.“ „Gern, mein Vater, doch Herr Pascal muß bald kommen.“ „Und es iſt Dir daran gelegen, daß ich da bin, mein Freund?2“ „Sie wiſſen, mein Vater, welche Achtung unſer Freund für Sie hegt, und wie glücklich es ihn macht, ſie Ihnen varzuthun.“ 5 er einen Augenblick geſchwiegen, ſprach der reis: 5 „Weißt Du, daß ſeitdem Du ihn weggejagt, Dein ehemaliger Kaſſier Marcelange Herrn Pascal oft be⸗ ſucht hat?“ „Das iſt das erſte Wort, das ich hievon höre.“ „Kommt Dir das nicht ſonderbar vor?“ „In der That...“ „Höre mich... Charles ich... Verzeihen Sie, mein Vater,“ erwiederte Dutertre den Greis unterbrechend, „es fällt mir nun ein .. . nichts kann natürlicher ſein, ich habe unſern Freund nicht ge⸗ ſehen, ſeitdem ich Marcelange weggeſchickt; dieſer weiß nichts von meiner Freundſchaft für Herrn Pascal und hat ihn vielleicht beſucht, um ihn zu bitten, er möge bei mir vermitteln.“ „Es läßt ſich ſo erklären,“ ſagte der Greis nach⸗ denkend.. „Doch...“ „Nun, mein Vater?“ „Der Eindruck bei Deinem Töchterchen iſt mir vor⸗ hin ſehr aufgefallen.“ „Ah! mein Vater,“ erwiederte Charles lächelnd „Sie ſagen das, um meiner Frau den Hof zu machen . Leider kann ſie Ihre Worte nicht hören, doch ich werde Sophie Ihre Coquetterie für ſie mittheilen.“ „Charles,“ erwiederte der Greis mit feurigem Ton, „ich ſage das, weil der Eindruck bei Deiner Tochter, ſo kindiſch er auch ſein mag, mir etwas Ernſtes zu haben ſcheint, und wenn ich ihn mit gewiſſen Umſtänden zuſam⸗ menſtelle, die mir gerade in den Kopf kommen, wenn ich an die häufigen Zuſammenkünfte von Marcelange und Herrn Pascal denke, ſo regt ſich in mir, ich muß es ge⸗ ſtchen, ein unbeſtimmtes Mißtrauen.“ „Mein Vater .. mein Vater,“ ſagte Charles Du⸗ tertre bewegt, „ohne es zu wollen und aus Zärklichkeit für mich betrüben Sie mich ungemein . . „ An Herrn Pascal zweifeln,an unſerem großmüthigen Wohlthäter zweifeln? Ah! mein Vater, das iſt der erſte Kummer, den ich ſeit langer Zeit empfunden habe... Mißtrauen ohne Beweiſe, ſich dem flüchtigen Eindruck eines Kindes unterwerfen,“ fügte Dutertre mit der Wärme ſeiner edelmüthigen Natur bei, „das iſt ungerecht „auch .. 55 „Charles . . .“ ſprach der Greis, verletzt durch die Heftigkeit ſeines Sohnes. „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, mein guter, vortreff⸗ licher Vater,“ rief Dutertre, indem er die Hände des Greiſes in die ſeinigen nahm, „ich bin zu lebhaft geweſen, entſchuldigen Sie mich, doch einen Augenblick hat die Freundſchaft lauter geſprochen, als die Achtung, die ich für Sie habe.“ Mein armer Charles,“ erwiederte freundlich der Greis, „gebe der Himmel, daß Du gegen mich Recht haſt, und ich bin, weit entfernt, mich über Deine Lebhaftigkeit zu beklagen, glücklich. Doch ich höre Jemand, komm, führe mich zurück.“ In dem Augenblick, wo Herr Dutertre die Thüre des Zimmers, in vas er den Blinden zurückgeführt hatte, wie⸗ der zumachte, trat Fräulein Antonine Hubert in Beglei⸗ tung von Madame Dutertre in den Salon ein. Sechstes Kapitel. Man verzeihe uns die Mythologie der veralteten Vergleichung, aber nie konnte Hebe, die dem heidniſchen Olymp als Mundſchenk diente, ſo viel Friſche, ſo viel Glanz in ihrer übermenſchlichen Schönheit vereinigen, als in ihrer beſcheidenen irdiſchen Schönheit Fräulein Antonine Pubert vereinigte, deren geheimes Liebesverhältniß mit Franz Herr Pascal erſpäht haite. Was am meiſten bei dieſem Mäochen entzückte, war die kaum erſchloſſene Schönheit von fünfzehn und einem halben Jahre, die zugleich etwas vom Kind durch vie 56 Reinheit, durch die ungezwungene Grazie und etwas vom Mädchen hat durch die wollüſtig ſich entwickelnden Reize, ein bezauberndes Alter, noch voll von Myſterien und keuſchen Unwiſſenheiten, eine reine, durchſichtige, weiße Morgendämmerung, die das erſte Beben eines unſchuldi⸗ 5 Herzens mit einer friſchrothen Färbung zu nuanciren beginnt. Das war das Alter von Antonine, und ſie hatte den Reiz und alle Reize dieſes Alters. Ehe wir unſere Hebe vermenſchlichen, laſſen wir ſie von ihrem antiken Piedeſtal herabſteigen, ver⸗ ſchleiern beſcheiden ihren hübſchen Körper von roſa Mar⸗ mor mit den ſo zarten, ſo jungfräulichen Formen und hüllen ſie in ein zierliches Sommerkleid; eine ſchwarze ſeidene Mantille wird ihre Büſte mit der ganzen jugend⸗ lichen Feinheit der Umriſſe verbergen, während ein Stroh⸗ hut, gefüttert mit einem, wie ihre Wangen, roſenfarbigen Taffet, der die Bänder ihrer hellkaſtanienbraunen Haare erblicken läßt, das Oval dieſes reizenden Kopfchens „ von einer eben ſo friſchen, eben ſo weißen, eben ſo atlaß⸗ artigen Carnation, als die der Kinder, welche das Mäd⸗ chen geküßt hatte, umrahmen wird. Als Fräulein Hubert mit Sophie in den Salon ein⸗ trat, erröthete ſie leicht, denn ſie hatte die Schüchternheit ihrer fünfzehn Jahre; dann durch den herzlichen Empfang von Herrn Dutertre und ſeiner Frau von jedem Zwang befreit, ſprach ſie zu dieſer mit einer Art von Ehrerbietung, welche von ihrem alten Verhältniß von Kleine und Mutter herrührte, wie man in der Koſtſchule ſagte, ww ſie, trotz der Verſchiedenheit des Alters, mit einander er⸗ d zogen worden waren: Sie wiſſen nicht, welches Glück mich hierher führt, meine liebe Sophie?“ „Ein Glück, deſto beſſer, meine kleine Antonine.“ „Ein Brief von der helligen Magdalena,“ erwiederte das Mädchen und 38 ein Papier aus ſeiner Taſche. „Wahrhaftig!“ rief Sophie vor Freude und Erſtau⸗ nen erröthend, indem ſie ihre Hand ungeduldig nach dem Brief ausſtreckte. „Wie Fräulein Antonine,“ ſagte heiter Charles Du⸗ tertre. „Sie ſtehen in Correſpondenz mit dem Para⸗ dies?, ich darf mich allerdings nicht darüber wundern..“ „Schweigen Sie, Herr Spötter,“ erwiederte Sophie, „ſpotten Sie nicht über die beſte Freundin von Antonine und mir.“ „Ich werde mich wohl hüten. .. doch der Name heilige Magdalena!“ „Wie, Chorles, habe ich Dir nicht hundertmal von meiner Freundin in der Koſtſchule geſprochen?. von Fräu⸗ lein Magdalena Silveyra, die, weil ſie abweſend, durch Procuratlvn Pathin von unſerer lieben Kleinen war? Woran denkſt Du denn?“ „Ich beſitze im Gegentheil ein ſehr gutes Gedächt⸗ niß,“ erwiederte Dutertre, „denn ich habe nicht vergeſſen, daß jene junge Mexicanerin von einer, wie Du ſagteſt, ſo ſeltſamen Schönheit war, daß ſie eben ſo viel Erſtau⸗ nen und Neigung, als Bewunderung einflößte.“ „Von ihr iſt die Rede, mein Freund; nach mir hat Magdalena Antonine als Mütterchen gedient, wie wir in der Koſtſchule ſagten, wo man der Sorge von jeder Großen ein Kind von zehn bis zwölf Jahren anver⸗ traute. Als ich unſere Grziehungsanſtalt verließ, per⸗ machte ich dieſe theure Antonine der Liebe der heiligen Magdalena.“ „Gerade der Beiname veranlaßte meinen Irrthum,“ ſagte Dutertre, „ein Beiname, der mir, ich geſtehe es, ſehr ehrgeizig oder ſehr demüthig für eine ſo hübſche Perſon vorkommt, denn ſie muß ungefähr von Deinem Alter ſein.“ Man hat Magdalena den Beinamen Heilige in der Koſtſchule gegeben, weil ſie ihn verdiente, Herr Du⸗ tertre“ ſprach Antonine mit ihrem tiefen fünfzehnjährigen Ernſt; „und während der zwei Jahre, die ſie mein 5 Die ſieben Tobſünden 1v. Abth. Mütterchen war, nannte man ſie fortwährend heilige Magdalena, wie zur Zeit von Sophie.“ „Es war alſo eine ſtreng Gottesfürchtige, dieſe hei⸗ lige Magdalena?“ fragte Dutertre. „Magdalena“ übte, wie beinahe alle Perſonen ihres Landes, eine ganz beſondere Frömmigkeit. Sie hatte Chriſtus auserkohren, und ihre Anbetung für den Heiland ging zuweilen bis zur Entzückung,“ erwiederte Sophie... „Uebrigens verband ſie mit dieſer glühenden Frömmigkeit den liebevollſten Charakter, das wärmſte Herz und den heiterſten, einnehmendſten Geiſt der Welt. .. Aber ich bitte Dich, Charles, laß mich ihren Brief leſen. ich bin von einer Ungeduld! Du kannſt Dir denken? der erſte Brief nach einer Trennung von zwei Jahren Anto⸗ nine und ich, wir wollten ihr einen Groll wegen ihres langen Schweigens nachtragen, doch Du fiehſt, bei der erſten Erinne⸗ rung an dieſe böſe heilige Magdalena ſind wir ent⸗ waffnet!“ — Und Sophie nahm den Brief, den ihr Antonine zugeſtellt hatte, und ſagte, immer mehr bewegt, je weiterſie las: „Theure Magdalena, ſtets liebevoll und zärtlich .. ſtets geiſtreich und heiter, ſtets empfänglich für die theuren Erinnerungen an die Vergangenheit. Nachdem ſie einige Tage in Marſeille bei ihrer Ankunft von Venedig, woher ſie kommt, ausgeruht hat, reiſt ſie beinahe zu gleicher Zeit mit ihrem Brief von Paris ab und ſie denkt nur an das Glück, Sophie, ihre Freundin, wiederzuſehen, und Antonine, ihr Töchterchen, dem ſie in Eile für uns Beide ſchrieb; und ſie unterzeichnet, wie in der Koſiſchule: „Die heilige Magdalena.“ „Sie iſt alſo noch nicht verheirathet?“ fragte Char⸗ les Butertre. „Ich weiß es nicht, mein Freund, da ſie nur mit ihrem Taufnamen unterzeichnet,“ antwortete ſeine Frau „Wie konnte ich im Ganzen eine ſolche Frage ma chen?“ rief Charles heiter; „eine Heilige ſich ver heirathen!“ 59 In dieſem Augenblick erſchien die junge Dienerin, blieb auf der Schwelle ſtehen und machte Madame Du⸗ tertre ein Zeichen; doch dieſe erwiederte: „Du kannſt ſprechen, Julie, gehört Fräulein An⸗ tonine nicht zur Familie?“ „Madame,“ ſagte die Dienerin, „Agathe läßt ſra⸗ gen, ob ſie, obgleich Herr Pascal nicht kommt, dennoch das Huhn an den Spieß ſtecken könne.“ „Gewiß,“ antwortete Madame Dutertre, „Herr Pascal bleibt ein wenig lange aus, aber ich zweifle nicht, daß er in wenigen Augenblicken hier ſein wird.“ „Sie erwarten alſo Jemand, Sophie?“ ſagte Antonine, als die Dienerin ſich entfernt halte, „auf Wiederſehen,“ fügte das Mädchen mit einem leichten Seufzer bei, %ſch kam nicht allein, um Ihnen den Brief der heiligen Magdalena zu bringen, ich wollte lange mit Ihnen plaudern und werde morgen wieder kommen, meine liebe Sophie.“ „Nein, nein, meine kleine Antonine, ich gebrauche meine Autorität als ehemalige Mutter, um mein Töch⸗ terchen beim Frühſtück bei uns zu behalten. Es iſt eine Art von Familienfeſt.. Iſt nicht Dein Platz dabei be⸗ zeichnet, mein Kind?“ „Ah! Fräulein Antonine,“ ſagte Charles, „bringen Sie uns dieſes Opfer.“ „Sie ſind tauſendfach gut, Herr Dutertre, doch wahr⸗ haftig, ich kann es nicht annehmen ..“ „Dann will ich die großen Verführungsmittel an⸗ wenden,“ ſagte Charles; „mit einem Wort, Fräulein An⸗ tonine, wenn Sie uns das Vergnügen machen, zu blei⸗ ben, ſo werden Sie den edelmüthigen Mann Jehen, der uns von freien Stücken heute vor einen Jahr zu Hülfe gekommen iſt; denn es iſt dieſer Jahrestag dieſer großmüthi⸗ gen Handlung, was wir feiern.“ Sophie, welche die Ahnung, die in ihr durch die Worte ihrer kleinen Tochter erregt worden war, vergeſſen hatte, fügte bei: „Ja, meine liebe Antonine, in jenem Augenblick un⸗ heilvoller Kriſe und ſchmerzlicher Stockung in den Ge⸗ ſchäften, ſagte Herr Pascal zu Charles: „„Mein Herr, ich kenne Sie nicht perſoͤnlich, doch ich weiß, daß Sie eben ſo redlich, als verſtändig und arbeitſam ſind. Sie brauchen fünfzigtauſend Thaler, um die Bedürfniſſe Ihres Geſchäftes zu berſteiten, ich biete ſie Ihnen als Freund an, nehmen Sie dieſe Summe als Freund; was die Be⸗ vingungen hinfichtlich ver Intereſſen betrifft, ſo werden wir dieſelben ſpäter ordnen, und zwar ebenfalls. . . als Freunde.“ „In der That, das war edel gehandelt,“ ſagte An⸗ touine. „Ja,“ ſprach Herr Dutertre mit tieſer Rührung, denn er rettete, er ſicherte dadurch nicht nur meine In⸗ duſtrie, ſondern auch den Lebensunterhalt der zahlreichen Arbeiter, die ich beſchäftige, die Ruhe der alten Tage melnes Vaters, das Glück meiner Frau, die Zukunft meiner Kinder . . Oh! bleiben Sie, bleiben Sie, Fräu⸗ lein Antonine . . Der Anblick eines ſo edelmüthigen Maunnes iſt ſo ſelten, ſo ſüß! Doch hier kommt er,“ ſagte Herr Dutertre, als er Herrn Pascal Lor dem Fenſter des Salon vorübergehen ſah. „Ich bin ſehr gerührt von dem, was Sophie und Sie mir mitgetheilt haben, und ich bedaure, nicht mit dem hochherzigen Mann, dem Sie ſo viel verdanken, bei⸗ ſammen ſein zu können, doch das Frühſtück würde mich zu weit führen .. . Mein Oheim erwartet mich, er war in der vergangenen Nacht ſehr leidend; in den Augen⸗ blicken, wo bei ihm eine ſchmerzliche Kriſe eintritt, wünſcht er, daß ich immer bei ihm ſei, und dieſe Kriſe kann in jeder Minute wiederkommen.“ Dann reichte das Mädchen Sophien die Hand un fügte bei: „Nicht wahr, ich werde Sie bald ſehen?“ „Moigen oder übermorgen, meine liebe kleine Anto⸗ 61 nine, werde ich Dich beſuchen, und wir plaudern vann ſo lange, als Du es wöünſcheſt.“ Die Thüre öffnete ſich, und Herr Pascal trat ein. Antonine küßte ihre Freundin, und dieſe ſprach zu dem Gelvmann mit einer einnehmenden Herzlichkeit: „Nicht wahr, Sie erlauben mir, Herr Pascal, daß ich das Fräulein zurückgeleite? Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ich wieder zu erſcheinen eilen werde.“ „Ich bitte, keine Umſtände, meine llebe Madame Du⸗ tertre,“ ſtammelte Herr Pascal, trotz ſeiner Dreiſtigkeit erſtaunt wie er war, abermals Antonine zu treffen, die er mit einem vüſteren, glühenden Blück verfolgte, bis ſie das Zimmer verlaſſen hatte. Siebentes Rapitel. Bei dem Anblick von Antonine, die er zum zweiten Mal an dieſem Morgen ſah, war Herr Pascal, wie ge⸗ ſagt, aus Erſtaunen und Bewunderung von bieſer ſo un⸗ ſchuldigen, ſo reinen Schönheit einige Augenblicke ganz verblüfft geblieben. „Endlich ſind Sie da,“ ſagte freudig Charles Du⸗ tertre, indem er Herrn Pascal ſeine beiden Hände reichte, als er mit ihm allein war. „Wiſſen Sie, daß wir an Ihrer Pünktlichkeit zu zweifeln anfingen?. — Die ganze Woche freuten wir, meine Frau und ich, uns auf dieſen Morgen, denn nach dem Geburtstag unſerer Kinder iſt der Tag, den wir mit der größten Glückſeligkeit feiern, derjenige, von welchem ſich, durch Sie, die Sicherheit ihrer Zukunft vatirt. Es iſt ſo gut, ſo ſüß, ſich durch die Dankbarkeit und das Herz auf der Höhe von einem jener edelmüthigen Werke zu fühlen, die ebenſo denjenigen, welcher ſie anbietet, als den, welcher ſie annimmt, ehren.“ Herr Pascal ſchten die Worte von Herrn Dutertre nicht gehört zu haben und ſagte zu ihm: „Wer iſt denn das junge Mädchen, das von hier weggeht?“ „Fräulein Antonine Hubert.“ „Sollte ſie eine Verwandtin vom Präſidenten Hubert ſein, der in neuſter Zeit ſo krank geweſen iſt?“ „Es iſt ſeine Nichte.“ „Ah!“ machte Pascal nachdenkend. „Sie wiſſen, daß, wenn mein Vater nicht Theil nähme, unſer kleines Feſt unvollſtändig wäre,“ ſagte Herr Du⸗ tertre lächelnd. „Ich will ihn von Ihrer Ankunft in Kenntniß ſetzen, mein lieber Herr Pascal.“ Doch als er einen Schritt nach der Thüre des Zimmers machte, das der Greis bewohnte, hielt ihn Herr Pascal mit einer Ge⸗ berde zurück und fragte: „Wohnt der Präfident Hubert nicht . . .“ Hier zögerte er, aber Dutertre fügte bei: „In der Rue du Faubovurg Saint Honoré; der Gar⸗ ten ſtoßt an den des Eliſée⸗Bourbon.“ „Und das Mädchen wohnt ſchon lange bei ſeinem Oheim?“ Ziemlich erſtaunt über das Dringen von Herrn Pas⸗ cal in Beziehung auf Antonine, antwortete Dutertre: „Vor ungefähr drei Monaten hat Herr Hubert Fräu⸗ lein Antonine in Nizza abgeholt, wo ſie nach dem Tode von einer ihrer Verwandtinnen geblieben war.“ „Und Madame Dutertre ſteht in enger Verbindung mit dieſer jungen Perſon?“ . „In der Koſtſchule, wo ſie mit einander waren, diente ihr Sophie als Mutter, und das Verhältniß zärt⸗ licher Zuneigung dauerte zwiſchen ihnen fort.“ „Ah!“ machte Herr Pascal zum zweiten Mal, und wiederum ſchien er einige Augenblicke tief nachzudenken. Dieſer Mann Lbeſaß eine große und ſeltene Gabe, ——,— — 63 welche viel zu Grwerbung ſeines ungeheuren Vermögens beigetragen hatte: wie man nach Belieben gewiſſe Fächer öffnet oder ſchließt, ſo konnte Herr Pascal momentan nach ſeinem Willen, wenn ſein Geiſt ganz und gar von einem Gegenſtand erfüllt war, ſich von dieſem losmachen, um zu einer Ideenordnung, der entgegengeſetzt, welche er verließ, überzugehen. Nach der von ihm erlauerten Zu⸗ ſammenkunft von Franz und Antonine, die ihn ſo furcht⸗ bar aufgeregt hatte, fand er ſo die ganze Freiheit ſeines Geiſtes wieder, um mit dem Erzherzog über Geſchäfte zu ſprechen und ihn zu martern. Eben ſo vertagte er, wenn man ſo ſagen darf, nach dieſem letzten Zuſammentreffen mit Antonine ſeine leiden⸗ ſchaftlichen Empfindungen, ſeine Pläne in Beziehung auf das Mädchen und ſagte, ſich mit etwas ganz Anderem beſchäftigend, treuherzig zu dem Gatten von Sophie: „In Erwartung der Rückkehr Ihrer lieben Frau, mein Freund, muß ich Sie um einen kleinen Dienſt bitten.“ „Endlich!“ rief Dutertre ſtrahlend und ſich die Hände reibend, „doch beſſer ſpät, als gar nicht.“ „Sie hatten zum Kaſſier einen Namens Marcelange.“ „Leider für mich.“ „Leider?“ „Er hat hier nicht eine unehrliche Handlung began⸗ gen, denn um keinen Preis hätte ich ihm die Strafe für ſeinen Fehler erſpart, er hat ſich einen Aki der Unzart⸗ heit unter Umſtänden zu Schulden kommen laſſen, der mir bewies, daß dieſer Menſch ein Elender war .. und ich jagte ihn fort. . .“ „Marcelange hat mir in der That geſagt, Sie haben ihn weggeſchickt.“ — „Sie kennen ihn?“ fragte Dutertre ſehr erſtaunt, in⸗ dem er ſich der Worte ſeines Vaters erinnerie. „Er iſt vor einigen Tagen bei mir geweſen. . er wünſchte im Haus Durand einzutreten.“ „Er, bei ſo ehrenwerthen Leuten?“ „Warum nicht? er war bei Ihnen gut angeſtellt.“ „Aber, wie ich Ihnen ſagte, mein guter Herr Pas⸗ ral, ich habe ihn weggejagt, ſobald mir ſeine Aufführung bekannt war.“ „Wohlverſtanden! da er ohne Stelle iſt, ſo brauchte der arme Junge, um im Haus Durand einzutreten, das ſeine Dienſte anzunehmen bereit iſt, einen Empfehlungs⸗ brief von Ihnen; mit einer ſolchen Garantie wird er ohne das geringſte Bedenken angenommen: um dieſen Brief veh ich Sie, mein lieber Herr Dutertre, ganz einfach bitten.“ Nach einem Augenblick des tiefſten Erſtaunens, er⸗ wiederte Herr Duterire: „Im Ganzen darf ich mich nicht hierüber wundern, Sie ſind ſo gut! dieſer Menſch iſt voll Feinheit und Falſchheit. er wußte wohl ihr Vertrauen zu gewinnen.“ „Ich halte in der That Marcelange für ſehr fein, für ſehr verſchmitzt; das kann Sie aber nicht abhalten, mir den Brief zu geben, von dem ich ſpreche.“ Dutertre glaubte ſchlecht gehört oder ſich bei Herrn Pascal ſchlecht begreiflich gemacht zu haben; er verſetzte: „Verzeihen Sie, ich ſagte Ihnen .. „Sie haben ſich über einen Akt der Unzarthelt von Seiten dieſes Jungen zu beklagen gehabt; doch was thut das?“ „Wie, Herr Paskal, was das thut? Wiſſen Sie, daß die Handlung dieſes Menſchen in meinen Augen ver⸗ dammenswerther iſt, als eine Entwendung von Geldern!“ „Ich glaube Ihnen, mein braver Dutertre, ich glaube Ihnen; es gibt keinen beſſern Richter in Dingen der Ehre, als Sie; der Marcelange ſcheint mir allerdings ein liſti⸗ ger Burſche zu ſein, und wenn ich es Ihnen frei ſagen ſoll, gerads deshalb iſt mir Alles daran gelegen, daß er von Ihnen empfohlen wird.“ „Offenherzig geſprochen, Herr Pascal, ich würde als unreblicher Mann zu handeln glauben, wenn ich den Ein⸗ tritt von Marcelange in ein in jeder Rückſicht achtbares Haus begünſtigte.“ 65 „Ah! thun Sie das für mich!“ „Sie ſprechen nicht im Ernſte ſo, Herr Pascal?“ „Sehr im Ernſte.“ „Nach dem, was ich Ihnen vorhin anvertraut habe?“ „Ei! mein Gpott, ja.“ „Sie! Sie! die Ehre und Rechtſchaffenheit ſelbſt!“ „Ich, die Ehre und Rechtſchaffen heit in Perſon, bitte Sie um dieſen Brief.“ Dutertre ſchaute Herrn Pascal Anfangs erſtaunt an, dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, ſagte er in einem Ton liebevollen Vorwurfs: „Ah! mein Herr, war es nach Ablauf eines Jahres nöthig, daß Sie mich ſo auf die Probe ſtellten?“ „Welche Probe meinen Sie?2“ „Daß Sie mir eine unwürdige Handlung vorſchlugen, um ſich zu verſichern, ob ich immer noch Ihr Vertrauen verdiente.“ „Mein lieber Dutertre, ich wiederhole Ihnen, daß ich dieſen Brief haben muß. Es handelt ſich für mich um eine ſehr zarte und ſehr wichtige Angelegenheit.“ Herr Pascal ſprach im Ernſte. Dutertre konnte nicht mehr daran zweifeln; er erinnerte ſich nun der Worte ſei⸗ nes Vaters, der Vorgefühle ſeines Töchterchens, und ant⸗ wortete von einer unbeſtimmten Angſt ergriffen mit ge⸗ zwungenem Ton: „Mein Herr, Sie vergeſſen alſo die ſchwere Verant⸗ wortlichkeit, welche auf mir laſten würde, wenn ich thäte, was Sie wünſchen?“ „Gi! mein Gott, mein braver Dutertre, wenn man von ſeinen Freunden nur leichte Dinge forderte!“ „Sie verlangen etwas Unmögliches von mr. „Ah! Sie ſchlagen mir das alſo ab?“ „Herr Pascal,“ erwiederte Dutertre, mit einem zu⸗ gleich feſten und innigen Ausbruck, „ich habe Ihnen Alles zu verdanken es gibt keinen Tag, wo mein Vater, meine Frau und ich uns nicht erinnern, daß vor einem Jahr, ohne Ihre unverhoffte Hülfe, unſer Ruin und der 66 ſo vieler Leute, denen wir zu leben geben, unfehlbar war. Alles, was die Dankbarkeit an Zuneigung und Ehrfurcht einflößen kann, fühlen wir für Sie, wir ſind berelt, Ihnen alle möglichen Beweiſe der Ergebenheit mit Freude zu liefern, aber . . .“ „Noch ein Wort .. und Sie werden mich begreifen,“ entgegnete Herr Pascal, Dutertre unterbrechend. „Da ich Ihnen Alles ſagen ſoll. . ich habe ein wichtiges In⸗ tereſſe dabei, daß Jemand, der mir... ganz mir gehört, verſtehen Sie wohl, im Hauſe Durand iſt... Sie ſehen aber ein, daß ich, indem ich dieſen Marcelange durch den Brief, den Sie mir geben, und durch das, was ich von den Vorgängen in ſeinem Leben weiß, halte, mir aus ihm eine Kreatur, ein blindes Werkzeug mache. Dies ganz unter uns, mein lieber Dutertre. . . und auf Ihre unbe⸗ dingte Verſchwiegenheit rechnend, gehe ich ſogar noch wei⸗ ter und ſage Ihnen, daß...“ „Ich beſchwöre Sie, nicht ein Wort mehr über dieſen Gegenſtand, mein Herr,“ rief Dutertre mit wachſendem Erſtaunen und Schmerz, denn bis dahin hatte er Herrn Pascal für einen Mann von der höchſten Rechtſchaffenheit gehalten. „Es gibt Geheimniſſe, bei denen man ſich nicht ins Vertrauen zlehen läßt.“ „Warum? 5 „Weil ſie ſehr beſchwerlich werden können, mein err.“ „Wahrhaftig? die Geheimniſſe eines alten Freundes können beſchwerlich werden? gut, ich werde ſie für mich behalten. So geben Sie mir alſo den Brief ohne wei⸗ tere Erklärung.“ . „Ich wiederhole Ihnen, daß mir das unmoglich iſt.“ Werr Pascal preßte ſeine Lippen auf einander und zog unmerklich ſeine Augenbrauen zuſammen; eben ſo erſtaunt, als ärgerlich über die Weigerung von Dutertre, konnte er in der Treuherzigkeit ſeines Cynismus kaum glauben, daß ein Menſch, den er in Abhängigkeit hielt die Frechheit haben ſollte, ſeinem Willen entgegenzutre 3 67 ten, oder den Muth, die Gegenwart und Zukunft einem ehrenhaften Bedenken zu opfern. Da jedoch Herr Pascal ein wahrhaft mächtiges Intereſſe hatte, den Brief zu erhalten, ſo ſprach er mit dem Aus⸗ vruck liebevollen Vorwurfs: „Wie, Sie ſchlagen mir das ab, mein lieber Du⸗ tertre, mir, Ihrem Freund?“ „Ich ſchlage es beſonders Ihnen ab, Ihnen, der Sie hinlänglich Vertrauen zu meiner ſtrengen Redlichkeit ha⸗ ben, um mir, beinahe ohne mich zu kennen, eine beträcht⸗ liche Summe vorzuſtrecken.“ „Ah! mein lieber Herr Dutertre, machen Sie mich nicht verwegener, als ich bin. Garantirte mir nicht Ihre Ehrlichkeit, Ihr Verſtand, Ihr Intereſſe ſogar, (und in jedem Fall das Material Ihrer Werkſtätte) meine Kapi⸗ talien? Finde ich mich nicht immer dadurch in einer vor⸗ trefflichen Lage, daß ich mir die Befugniß vorbehalten habe, die Zurückbezahlung nach melnem Willen zu for⸗ dern, eine Befugniß, von der ich, meines Wiſſens, noch ſehr lange keinen Gebrauch machen werde.. Hiezu in⸗ tereſſire ich mich zu viel ſür Sie,“ fügte Herr Pascal ſchleunigſt bei, als er das Erſtaunen und die Angſt plötz⸗ lich in den Zügen von Dutertre hervortreten ſah, „denn nehmen wir an, und vas iſt nur eine Annahme, nehmen wir an, daß bei dem kritiſchen, bedrängten Zuſtand, in dem ſich zu dieſer Stunde die Induſtrie abermals beſindet, ich heute zu Ihnen ſage: „„Herr Dutertre, ich brauche mein Geld vor Ablauf eines Monats, und ich ſchließe Ihnen meinen Credit.““ „Großer Gott!“ rief Dutertre beſtürzt, nur bei der Vorausſetzung eines ſolchen Mißgeſchicks; Fich würde Bankerott machen, das wäre mein Ruin, der Untergang meiner Induſtrie; ich müßte vielleicht mit meinen eigenen Händen arbeiten, wenn ich ein Geſchäft fände, um den Lebensunterhalt für meinen gebrechlichen Vater, für meine Frau und meine Kinder zu verdienen.“ „Wollen Sie wohl ſchweigen, Boͤſer, und mir nicht ſo betrübliche Gedanken unter die Augen bringen? Sie werden mir meinen ganzen Tag verderben!“ rief Herr Pascal mit unwiderſtehlicher Treuherzigkeit, indem er beide Hände von Dutertre iu die ſeinigen nahm .. „heute ſo ſprechen, und ich, der ich mir wie Sie ein Feſt aus die⸗ ſem Morgen machte!. .. Was haben Sie? Sie ſehen ſo bleich aus.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ erwieberte Dutertre, während er ſich die kalten Schweißtropfen abwiſchte, die ihm von der Stirne floßen, „ſchon bei dem Gedanken eines ſo unerwarteten Schlages, der, was ich Theuerſtes auf der Welt habe, meine Ehre. „ meine Familie .. meine Arbeit treffen würde... Ah! mein Herr, Sie ha⸗ ben Recht, entfernen wir dieſen Gedanken .. er iſt zu gräßlich!..“ „Ei! mein Gott, das ſagte ich Ihnen ja, trüben wir dieſen reizenden Tag nicht.. Um ein Ende zu ma⸗ chen . .. ſchließen wir die Geſchäfte ab.. leeren wir unſern Sack, wie man zu ſagen pflegt, geben Sie mir den Brief, und ſprechen wir nicht mehr davon.“ Dutertre bebte, eine furchtbare Angſt ſchnürte ihm das Herz zuſammen, und er erwiederte: „Eine ſolche Beharrlichkeit ſetzt mich in Erſtaunen und betrübt mich, mein Herr. Ich wiederhole Ihnen, es iſt mir durchaus unmöglich, zu thun, was Sie verlangen.“ „Aber, Sie großes Kind! gerade meine Beharrlichkeit beweiſt Ihnen, welches Gewicht ich auf die Sache lege.“ „Kann das ſein?“ „Und warum legte ich ein ſo großes Gewicht darauf, mein braver Dutertre? weil Sie bei der Sache eben ſo ſehr betheiligt ſind, als ich.“ „Was ſagen Sie?“ „Ei! allerdings: würde meine Combination mit dem Hauſe Durand fehlſchlagen, weil mich Ihre Weigerung verhinderte, den Schelm Marcelange nach meinem Plane zu verwenden (Sie wollen meine Geheimniſſe nicht wiſſen und ich bin gezwungen, ſie für mich zu bewahren), ſo * 69 wäre ich aus gewiſſen Gründen vielleicht genöthigt,“ fügte Herr Pascal bei, indem er die folgenden Worte langſam ſprach und ſeinen klaren, kalten Blick auf ſein Opfer hef⸗ tete, „ich wäre vielleicht genöthigt, und vabei würde mir das Herz bluten, meine Kapitalien von Ihnen zurückzu⸗ fordern und Ihnen den Credit zu ſchließen.“ „Oh! mein Gott!“ rief Dutertre die Hände faltend und wie ein Geſpenſt erbleichend. „Sehen Sie, böſer Menſch, in welche grauſame Lage Sie mich verſetzen würden. . . Sie würden mich zu einer Handlung zwingen, die mir die Seele zerreißen müßte.“ „Aber, mein Herr, ſo eben noch verſicherten Sie mich, daß. „Ei! mein Gott! es läge in meinem Intereſſe, ſie Ihnen ſo lange als möglich zu laſſen, dieſe unglücklichen Kapitalien . .. Sie haben mir die Intereſſen mit einer ſeltenen Pünktlichteit bezahlt. .. die Anlage war vollkom⸗ men gut, und bei der zwiſchen uns verabredeten Amorti⸗ ſation waren Sie in zehn Jahren frei, und ich hatte ein vortreffliches Geſchäft gemacht und Ihnen dabei ei⸗ nen Dienſt geleiſtet.“ „In der That, mein Herr,“ murmelte Dutertre ver⸗ nichtet, „dies waren Ihre Verſprechungen, wenn nicht ſchriftlich“ doch wenigſtens mündlich, und das Edelmüthige Ihres Anerbietens, die Redlichkeit Ihres Charakters, Alles hatte mir das vollſte — Gott wolle, daß ich nicht zu ſagen habe, das verwegenſte, das wahnſinnigſte Vertrauen zu Ihrem Wort gegeben.“ „Was das betrifft, ſo machen Sie Frieden mit ſich ſelbſt, mein lieber Dutertre; in jener Zeit einer Handels⸗ kriſe, welche mindeſtens ebenſo furchtbar war, als die von heute, hätten Sie nirgends die Kapitalien gefunden, die ich Ihnen zu einem ſo mäßigen Intereſſe angeboten habe.“ „Ich weiß es, mein Herr!“ „Sie konnten“ alſo, Sie mußten ſogar durch die . Nothwendigkeit gezwungen die Bedingung annehmen, die ich bei dieſem Anlehen machte.“ „Aber, mein Herr,“ rief Dutertre in einer unaus⸗ ſprechtichen Angſt, „ich appellire an Ihre Ehre, Sie ha⸗ ben mir förmlich verſprochen, zu...“ „Ei! mein Gott, ja ich hatte Ihnen verſprochen .. mit Vorbehalt der höheren Macht der Ereigniſſe, und leider ſchafft Ihre Weigerung hinſichtlich des armſeligen Brlefchens ein Ereigniß von höherer Macht, das mich in die peinliche, in die ſchmerzliche Nothwendigkeit verſetzt. .. mein Geld von Ihnen zurückzuverlangen.“ „Aber, mein Herr, bedenken Sie doch, was Sie mir vorſchlagen, iſt eine unwürdige Handlung!“ In dieſem Augenblick hörte man außen das milde, friſche Gelächter von Sophie Dutertre, die ſich näherte. „Ah! mein Herr,“ rief Charles Dutertre, „nicht ein Wort hievon vor meiner Frau. .. denn das iſt vielleicht nicht Ihr letzter Entſchluß, und ich hoffe, daß. .“ Charles Dutertre konnte nicht vollenden, denn So⸗ phie Dutertre trat ein. Der unglückliche Mann war nur im Stande, eine flehende Geberde gegen Pascal zu machen, der ihm mit einem Zeichen freundlichen Einverſtändniſſes antwortete. Achtes Rapitel. Als Sophie Dutertre in den Salon eintrat, in wel⸗ chem ſich ihr Mann und Herr Pascal befanden, bezeugten das lebhafter als gewöhnlich gefärbte reizende Geſicht der jungen Frau, das leichte Wogen ihres uſens und ihre 7¹ feuchten Augen, daß ſie kurz kzuvor von einer großen Luſtigkeit ergriffen worden war. „Ah! ah! Madame Dutertre,“ ſagte heiter Herr Pascal, „ich habe Sie wohl gehört, Sie lachten wie toll.“ Dann ſich gegen Dutertre umwendend, der ſeine furchtbare Angſt zu verbergen und ſich an einer letzten Hoffnung anzuklammern ſuchte, fügte er bei: „Wie das Glück dieſe jungen Frauen heiter macht! Man braucht ſie nur anzuſchauen, um freudigen Herzens zu ſein, nicht wahr, mein braver Dutertre?“ „Ich habe gelacht, aber wider meinen Willen, das verſichere ich Sie, mein guter Herr Pascal,“ ſagte Sophie. „Wider Ihren Willen?“ fragte unſer Mann, „wie! ſollte ein Kummer?“ „Ein Kummer? oh! Gott ſei Dank! nein! . .. aber ich war mehr zur Rührung, als zur Heiterkeit geſtimmt. . Dieſe liebe Antonine . .. wenn Du wüßteſt,“ Char⸗ les,“ fügte die junge Dame mit einer ſanften Bewegung, ſich an ihren Mann wendend, bei, „ich kann Dir nicht ſagen, wie ſehr ſie mich ergriffen, welches zugleich rüh⸗ rende und unſchuldige Geſtändniß ſie mir gemacht hat. . denn das Herz der armen Kleinen war zu voll, und ſie hatte nicht die Stärke, wegzugehen, ohne mir Alles mit⸗ zutheilen .. .“ Und eine Thräne der Rührung befeuchtete die ſchö⸗ nen Augen von Sophie. Bei dem Namen von Antonine hatte Herr Pascal trotz ſeiner ſeltenen Selbſtbeherrſchung gebebt. Sein Dich⸗ ten und Trachten nach dem Mädchen regte ſich, kurze Zeit vertagt, lebhafter als je in ihm, und während Sophie ſich die Augen trocknete, warf er einen durchdringenden Blick auf ſie, indem er zu errathen ſuchte, was er von ihr bei einer Combination, die er bildete, hoffen könnte. Madame Dutertre fuhr bald zu ihrem Gatten fort: „Aber, Charles, ich werde Dir das ſpäter erzählen; ich ſage Dir nur, daß ich mich noch ganz dem Eindruck meines Geſpräches mit der lieben Antonine überließ, als 72 meine kleine Madeleine zu mir kam und mir in ihrem niedlichen Jargon ſo drollige Dinge ſagte, daß ich mich eines lauten Gelächters nicht erwehren konnte. Doch ver⸗ zeihen Sie, Herr Pascal, nicht wahr, Ihr Herz begreift und entſchuldigt alle dieſe mütterlichen Schwächen?“ „Mich bitten Sie um Entſchuldigung,“ erwiederte Pascal mit herzlichem Ton, „mich. einen guten Mann?“ „Es iſt wahr,“ fügte Sophie mit einer liebevollen Dffenherzigkeit bei, „wenn man Sie hier ſo ſehr liebt, ſo iſt dies der Fall, weil Sie, wie Sie ſo richtig ſagen, ein guter Mann ſind. .. Fragen Sie Charles, ob er mich Lügen ſtrafen wird?“ . Dutertre antwortete mit einem gezwungenen Lächeln, und er beſaß Stärke und Muth genug, um ſich vor ſei⸗ ner Frau zu bewältigen, daß ſie Anfangs keine Ahnung von der Angſt ihres Mannes hatte. Sie ging auch auf den Tiſch zu, nahm die Börſe, die ſie geſtickt, überreichte ſie Herrn Pascal und ſprach mit rührendem Ton: „Mein guter Herr Pascal, dieſe Börſe iſt die Frucht meiner beſten Abende, der Arheit, die ich hier mit meinem Mann, mit ſeinem vortrefflichen Vater und mit meinen ſprechen kkönnte,“ fügte Sophie lächelnd bei, „ſo würde ſie Ihnen ſagen, wie oft Ihr Name unter uns mit aller Zu⸗ neigung und aller Dankbarkeit, die er verdient, auege⸗ ſprochen worden iſt.“ 8 „Ah! ich danke, meine liebe Madame Dutertre,“ ant⸗ wortete Pascal, „ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich dieſes hübſche Geſchenk, dieſes liebenswürdige An⸗ donken erfreut; nur bringt es mich ein wenig in Verle⸗ genheit. ..“ „Wie ſo?“ „Sie haben mir geſchenkt, und ich, ich muß Sie um etwas bitten.“ 3 „Welch ein Glück! .. Fordern Sie. fordern Sie, mein guter Herr Pascal.“ Dann ſich ganz erſtaunt an ihren Gatten wendend; 6 1 Kindern zubrachte. Wenn jede von dieſen Stahlperlen 73 „Charles, was machſt Du denn, warum ſitzeſt Du denn da vor Deinem Schreibtiſch?“ „Herr Pascal wird mich entſchuldigen, es iſt mir ſo eben eingefallen, daß ich es verſäumt habe, einige No⸗ ten bezüglich auf ein ſehr vringendes Geſchäft durchzu⸗ ſehen,“ antwortete Herr Dutertre, der in Papieren blät⸗ terte, um ſich eine Haltung zu geben und ſeiner Frau, welcher er ſo den Rücken zuwandte, ſeine verſtörten Geſichts⸗ züge zu verbergen. „Mein Freund,“ ſagte Sophie im Ton zärtlichen Vorwurfs, „könnteſt Du dieſes Geſchäft nicht verſchieben und warten, bis 4 „Madame Dutertre, ich lehne mich auf, wenn Sie Ihren Mann meinetwegen ſtören,“ rief Herr Pascal, „kenne ich etwa die Geſchäfte nicht? Ah! Sie glückliche Frau, wegen ſeines Eifers in der Arbeit ſteht dieſer brave Dutertre heute an der Spitze ſeiner Induſtrie.“ „Und dieſen Eifer für die Arbeit, wer hat ihn er⸗ muthigt, wer hat ihn belohnt, nicht Sie, Herr Pascal? Wenn Charles, wie Sie ſagen, heute an der Spitze ſeiner Induſtrie ſteht, wenn ſeine Zukunft und die unſerer Kin⸗ der nun für immer geſichert iſt, haben wir es nicht Ihnen zu verdanken?“ „Meine liebe Madame Lu Sie bringen mich ganz in Verwirrung, und ich werde nicht mehr wiſſen, wie ich Sie um den kleinen Dienſt bitten ſoll, den ich von Ihnen erwarte.“ „Und ich „ich vergaß das ..“ erwiederte Sophie lächelnd, zum Glück, weil ich von viel bedeutenderen Dienſten ſprach, die Sie uns geleiſtet haben; nicht wahr, Sie werden mich auch entſchuldigen? Doch geſchwinde, geſchwinde, um was handelt es ſich?“ fügte die junge Frau mit einem reizenden Eifer bei. „Das, was ich Ihnen ſagen will, wird Sie viel⸗ leicht ſehr überraſchen .. „Deſto beſſer, ich liebe die Ueberraſchungen ungemein ..“ Die ſieben Tobſünden. 1V. Abth. 74 „Nun wohl! . . die Abgeſchiedenheit des Junggeſel⸗ enlebens wird mir drückend, und . . .“ „Und?“ „Ich habe Luſt, zu heirathen.“ „Wirklich?“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen?.. Ich wußte es vorher.“ „Sie täuſchen ſich ganz und gar, denn meines Er⸗ achtens mußten Sie dahin kommen.“ „Wie ſo?“ „Mein Gott, oft ſagte ich zu mir ſelbſt: früher oder ſpäter wird dieſer gute Herr Pascal, der ſo ſehr durch das Herz lebt, die theuren, ſüßen Freuden der Familie genießen wollen, und wenn ich Ihnen meine ſtolze Anmaßung be⸗ kennen ſoll,“ fügte Sophie lächelnd bei, „ich ſagte mir ſo⸗ gar: der Anblick des Glückes, deſſen wir, Charles und ich, uns erfreuen, muß Herrn Pascal nothwendig eines Tags auf den Gedanken bringen, ſich zu verheirathen. Urthei⸗ len Sie nun ein wenig, ob es mich glücklich macht, daß ich Ihr Vorhaben geahnet habe!“ „Triumphiren Sie voch, meine liebe Madame Du⸗ tertre, denn, in der That, verführt durch Ihr Beiſpiel und das Ihres Mannes, wünſche ich, wie Sie Beide eine Liebesheirath zu ſchließen.“ „Sind andere Heirathen möglich?“ erwiederte So⸗ phie mit einer Bewegung voll Anmuth die Achſeln zu⸗ ckend, und ohne daß ſie Anfangs an die achtunddreißig Jahre von Herrn Pascal dachte; dann fügte ſie bei: „Und Sie werden geliebt?“ „Mein Gott! das kann von Ihnen abhängen.“ „Von mir?“ „Ganz und gar.“ „Von mir?“ wiederholte Sophie mit wachſendem Erſtaunen, „hörſt Du, Charles, was Herr Pascal ſagt?“ „Ich höre,“ antwortete Dutertre, der, nicht minder als ſeine Frau, mit unwillkührlicher Bangigkeit 75 „Wie, Herr Pascal,“ fuhr Sophie fort, „ich kann machen, daß Sie geliebt werden?“ „Sie können das, meine liebe Madame Dutertre.“ „Obgleich mir das unbegreiflich vorkommt, ſo ſoll doch Gott gelobt ſein, wenn ich die Zauberkraft habe, die Sie mir zuſchreiben, mein guter Herr Pascal,“ erwiederte Sophie mit einem ſanften Lächeln, „dann werden Sie ge⸗ liebt ſein, wie Sie es verdienen.“ „Auf Ihr Verſprechen bauend, werde ich alſo nicht lange Umſchweife machen, und ich geſtehe Ihnen ganz treuherzig, meine theure Madame Dutertre, daß ich wahn⸗ ſinnig in Fräulein Antonine Hubert verliebt bin.“ „Antonine!“ rief Sophie voll Verwunderung, wäh⸗ rend Dutertre, der immer noch an ſeinem Schreibtiſch ſaß, ſich ungeſtüm gegen ſeine Frau wandte, deren tiefes Er⸗ ſtaunen er theilte. „Antonine!“ wiederholte Sophie, als könnte ſie an das, was ſie hörte, glauben, „Antonine lieben e 2 * „In ſie bin ich wahnfinnig verliebt.. hier bei Ihnen habe ich ſie vorhin zum vierten Mal getroffen; nie habe ich mit ihr geſprochen, und dennoch iſt mein Entſchluß gefaßt, denn ich gehöre zu den Leuten, die ſich raſch und vurch den Inſtinet entſcheiden. So war, als es ſich darum handelte, dieſem braven Dutertre zu Hülfe zu kommen, die Sache in zwei Stunden abgemacht. Nun wohl! die bezaubernde Schönheit von Fräulein Antonine, die Unſchuld in ihrem Antlitz, ein gewiſſes Etwas, das mir ſagt, dieſe junge Per⸗ ſon müſſe die beſten Eigenſchaften der Welt haben, Alles hat vazu heigetragen, daß ich mich verliebte, und daß ich in einer Liebesheirath, wie die Ihrige, meine gute Ma⸗ dame Dutertre, das häusliche Glück, die Freuden des Herzens ſichern will, welche kennen zu lernen und zu ge⸗ nießen Sie mich mit Recht für würdig erachten.“ „Mein Herr,“ erwiederte Sophie in einer peinlichen Verlegenheit, „erlauben Sie mir, zu .. „Noͤch ein Wort; das iſt eine Liebe vom erſten 76 Anblick, werden Sie mit ſagen, gut. . . doch es gibt zwanzig Beiſpiele, wo eine eben ſo plötzliche, als tiefe Liebe entſtanden iſt. Ueberdies bin ich, wie ich geſagt habe, ganz einfach ein Menſch des Inſtinets, der Vorge⸗ fühle; mit einem Blick habe ich ſtets beurtheilt, ob ein Geſchäft ſchlecht oder gut iſt; warum ſollte ich nicht beim Heirathen eine Methode befolgen, die mir bis daher voll⸗ kommen geglückt iſt? Ich habe Ihnen geſagt, es hänge von Ihnen ab, daß mich Fräulein Antonine liebe .. Ich will mich hierüber erklären: mit fünfzehn Jahren, und ſie ſcheint mir kaum ſo alt zu ſein, haben die Mädchen noch keinen eigenen Willen . . . Sie dienten Fräulein Antonine als Mutter, wie mir Dutertre ſagt. Sie beſitzen eine große Herrſchaft über ſie, da Fräulein An⸗ tonine Sie zu ihrer Vertrauten macht. Nichts wird Ih⸗ nen leichter ſein, indem Sie von mir auf eine gewiſſe Art ſprechen, wenn Sie mich vorgeſtellt haben, (und dies ge⸗ ſchieht nicht ſpäter, als morgen, nicht wahr ²) es wird Ihnen, ſage ich, ſehr leicht ſein, ſie dahin zu bringen, vaß ſie meine Liebe theilt und mich heirathet. Wenn ich Ihnen dieſes Glück zu verdanken hätte,“ fügte Herr Pas⸗ cal mit einem innigen, aufrichtigen Ton bei, „meine liebe Madame Dutertre, Sie ſprechen von Dankbarkeit? nun wohl! die, welche Sie für mich zu hegen hehaupten, wäre Undankbarkeit in Vergleichung mit dem, was ich für Sie fühlen würde.“ 3 Sophie hatte Herrn Pascal eben ſo unruhig und be⸗ kümmert, als erſtaunt angehört, denn ſie glaubte, und war berechtigt zu glauben an die Wirklichkeit der Liebe oder vielmehr an die unwiderſtehliche Beſitzgierde dieſes Menſchen; ſie ſprach auch mit einem bewegten Ton, denn es koſtete ſie viel neberwindung, die Hoffnungen niederzu⸗ ſtürzen, welche ehrenhaft zu ſein ſchienen: * „Mein armer Herr Pascal, Sie ſehen mich troſtlos, daß ich Ihnen den erſten Dienſt, den Sie von mir ver⸗ langen, nicht leiſten kann; ich brauche Ihnen nicht zu ſt gen, wie ſehr ich das beklage.“ 77 „Was iſt denn dabei Unmögliches?“ „Glauben Sie mir. .. denken Sie nicht an dieſe Heirath.“ . „Verdient Fräulein Antonine nicht?“ „Antonine lſt ein Engel, ich kenne ſie ſeit ihrer Kind⸗ heit. Es gibt auf der Welt kein beſſeres Herz, keinen beſſeren Charakter.“ „Was Sie mir da ſagen, meine liebe Madame Dutertre, würde genügen, um mein Verlangen zu vermeh⸗ ren, wenn das ſein konnte.“ „Ich wiederhole Ihnen, dieſe Heirath iſt unmöglich!“ „Aber warum denn?“ „Einmal, bedenken Sie doch, Antonine iſt kaum fünfzehn und ein halbes Jahr alt, und Sie .. „Ich bin achtunddreißig; iſt es das?“ „Die Altersverſchiedenheit iſt groß, das müſſen Sie zugeſtehen, und da ich weder meiner Tochter, noch meiner Schweſter eine ſo ungleiche Heirath rathen würde, ſo kann ich ſie auch nicht Antonine rathen, denn um keinen Preis möchte ich ihr Unglück und das Iheige.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt. ich ſtehe Ihnen für mein Glück . . .“ „Und für das von Antonine?“ „Bah! bah! wegen einiger Jahre mehr oder weni⸗ ßer „Ich habe mich aus Liebe verheirathet, mein guter Herr Pascal . .. ich begreife andere Chen nicht. Viel⸗ leicht habe ich Unrecht, doch ich denke einmal ſo und muß es Ihnen ſagen, da Sie mich zu Rath zlehen.“ „Ihrer Anſicht nach bin ich alſo unfähig, Fräulein Antonine zu gefallen?“ „Ich glaube, daß ſie, wie Charles und ich, wie alle wackere Herzen, den Adel Ihres Charakters ſchätzen würde . aber. ..“ „Noch einmal, meine liebe Madame Dutertre .. eein Kind von fünfzehn Jahren hat keine feſte, entſchie⸗ dene Iveen in Bezichung auf das Heirathen; Fräulein 78 Antonine hegt ein blindes Vertrauen zu Ihnen. Stellen Sie mich ihr vor. .. ſagen Sie ihr alles mögliche Gute von dem guten Pascal. Die Sache iſt ſicher, wenn Sie es wollen, billigen.“ „Hören Sie, mein lieber Herr Pascal, dieſes Ge⸗ ſpräch betrübt mich mehr, als ich Ihnen ſagen kann. Um ein Ende zu machen, will ich Ihrer Verſchwiegenheit und Redlichkeit ein Geheimniß anvertrauen .. .“ „Nun!. dieſes Geheimniß?“ „Antonine .. liebt und wird geliebt. .. Ah! Herr Pascal, nichts iſt reiner und zugleich rührender, als dieſe Liebe, und aus vielen Gründen bin ich feſt überzeugt, daß ſie das Glück von Antonine ſichern würde; die Geſundheit ihres Oheims iſt ſchwankend: verliert ihn die Arme, ſo iſt ſie genöthigt, bei Verwandten zu leben, die ihr mit Recht Abneigung einflößen. . . Iſt ſie dagegen einmal nach ihrem Herzen verheirathet, ſo darf ſie auf die glück⸗ lichſte Zukunft hoffen, denn ihre lebhafte Zuneigung iſt edel angebracht. .. Sie ſehen alſo wohl, mein guter Herr Pascal, Sie hätten ſelbſt mit meiner Unterſtützung keine Chance des Gelingens . . . und dieſe Unterſtützung kann ich ſie Ihnen nach meinem Wiſſen und Gewiſſen be⸗ willigen, während ich, abgeſehen von einer meiner Anſicht nach unſtatthaften Ungleichheit des Alters, gewiß bin, und ich verſichere nie etwas leichtſinnig, daß die Liebe, welche Antonine empfindet und einflößt, ſie für immer glücklich machen muß.“ Bei dieſer Beſtätigung der Liebe von Antonine für Franz, — ein Geheimniß, das Herr Pascal ſchon halb er⸗ gründet hatte, — wurde dieſer von einem grauſamen Gefühl der Wuth und des Schmerzes ergriffen, und dieſes Gefühl ſteigerte ſich noch durch die Weigerung von Madame Du⸗ tertre, welche in keiner Hinſicht Pläne, die ihr unausführ⸗ bar vorkamen, unterſtützen wollte; doch er hielt an ſich, um ein Letztes zu verſuchen und, wenn es ſcheiterte, ſeine Rache noch furchtbarer zu machen. Er ſprach daher mit einer ſcheinbaren Ruhe: 79 „Ah!.. Fräulein Antonine iſt verliebt, gut; doch wir kennen dieſe großen Leidenſchaften von kleinen Mäd⸗ chen, meine liebe Madame Dutertre . . . ein wahres Strohfeuer. Sie werden darauf blaſen, und die Leiden⸗ ſchaft erliſcht; dieſe ſchöne Liebe wird Ihrem Einfluß nicht widerſtehen.“ . „Einmal werde ich es nicht verſuchen, in dieſer Hin⸗ ficht Einfluß auf Antonine auszuüben, Herr Pascal, denn es wäre vergeblich ..“ „Sie glauben?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Bah! verſuchen Sie es immerhin.“ „Aber ich ſage Ihnen, Herr Pascal, daß Antonine .. „Verliebt iſt! Das begreife ich; überdies zählt der gute Pascal achtunddreißig Jahre und iſt nicht ſchön, vas läßt ſich nicht leugnen; dagegen hat er ſchöne Milliön⸗ chen; und wenn Sie dieſen Abend (denn Sie werden die⸗ ſen Abend zu ihr gehen, nicht wahr? ich zähle darauf), wenn Sie dieſer Treuherzigen begreiflich gemacht haben, ſei die Liebe ein ſchönes Ding, ſo habe doch das Geld einen größern Werth, denn die Liebe vergehe und das Geld bleibe, ſo wird ſie Ihren Rath befolgen, ſchon morgen ihren Liebhaber verabſchieden, und ich habe dann nichts mehr zu ſagen, als Ruhm und Dank Ihnen, mein liebe Madame Dutertre.“ Sophie ſchaute Herrn Pascal mit eben ſo viel Erſtau⸗ nen, als Unruhe an; ihre zarte weibliche Empfindlichkeit war grauſam verletzt, ihr Inſtinkt ſagte ihr, ein Mann, der ſpreche, wie Herr Pascal, ſei nicht der Mann von Herz und Rechtſchaffenheit, den ſie bis dahin in ihm zu finden geglaubt hatte. In dieſem Augenblick ſtand auch Dutertre in einer ſchmerzlichen Verlegenheit auf; zum erſten Mal bemerkte Sophie ſeine verſtörten Züge und rief, indem ſie einen Schritt gegen ihn machte: „Mein Goit, Charles, wie bleich biſt Du! . Du leideſt alſo?“ 80 „Nein, Sophie, ich habe nichts, „ eine leichte Migräne.“ „Ich ſage Dir, Du haſt etwas Anderes .. . Dieſe Bläſſe iſt nicht natürlich .. Herr Pascal, ſchauen Sie doch Charles an.“ „In der That. . mein braver Dutertre es ſcheint Ihnen nicht behaglich zu ſein.“ „Ich habe nichts, mein Herr,“ erwiederte Dutertre mit einem eiſigen Tone, der noch die Angſt von Sophie vermehrte. Sie ſchaute abwechſelnd und ſillſchweigend ihren Mann und Herrn Pascal an und ſuchte die Urſache der Veränderung, die ſie zu ihrem Schrecken wahrnahm, zu ergründen. „Mein lieber Dutertre,“ ſagte Herr Pascal, „Sie haben unſer Geſpräch gehört, verbinden Sie ſich doch mit mir, um Ihrer theuern und vortrefflichen Frau begreiflich zu machen, daß Fräulein Antonine, trotz ihrer tollen Liebe eines kleinen Mädchens, keine beſſere Partie, als mich, finden kann.“ „Mein Herr, ich theile in dieſer Beziehung ganz und gar die Anſicht meiner Frau.“ „Wie! .. boöſer Menſch. .. Sie auch?“ „Ja, mein Herr.“ „Bedenken Sie doch, daß .. .“ „Meine Frau hat es Ihnen geſagt, Herr Pascal; wir haben eine Liebesheirath gemacht, und, wie ſie, glaube ich, daß nur die Liebesheirathen glücklich ſind.“ „Antonine verhandeln,“ ſagte Sophie mit Bitterkelt, „ich ihr einen Akt empörender Gemeinheit, eine Heirath aus Intereſſe rathen, mit einem Wort ihr rathen, daß ſie ſich verkaufe, während ſie mir ſo eben noch ihre reine und edle Liebe geſtanden hat. . . Ah! mein Herr, ich glaubte, Sie hätten einen würdigern Begriff von mir.“ „Ah! mein lieber Herr Dutertre, Sie, ein Ma von geſundem Verſtand, müſſen bekennen, daß dies 9 mangründe ſind. .„ helfen Sie mir Ihre Frau überzeugen 8¹ „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ich denke wie ſie.“ „Ah!“ rief Herr Pascal, „ich erwartete nicht, ich würde hier ſo kalte, gegen Alles, was mich betrifft, ſo gleichgültige Freunde finden.“ „Mein Herr!“ rief Sophie, „dieſer Vorwurf iſt un⸗ gerecht.“ „Ungerecht! . . Ach! ich wollte, er wäre es; aber ich habe nur zu ſehr Recht. Vorhin ſetzte Ihr Mann einer von meinen Bitten eine Weigerung entgegen, und nun thun Sie dasſelbe .. . Ah! das iſt traurig! Auf wen ſoll man noch zählen?“ „Welche Weigerung?“ fragte Sophie immer ängſt⸗ licher ihren Mann, „von welcher Weigerung iſt dir Rede?“ „Es iſt unnöthig, mit Dir hievon zu ſprechen, meine liebe Sophie.“ „Im Gegentheil,“ erwiederte Pascal, „es wäre beſſer, Ihrer Frau Alles zu ſagen, mein lieber Dutertre, um ihre Anſicht zu hören.“ „Mein Herr...“ rief Dutertre voll Angſt die Hände faltend. „Ah! hat man bei einer Liebesche Geheimniſſe vor einander?“ „Charles, ich flehe Dich an, erkläre mir, was das bedeutet. Ah! ich ſah wohl, daß Du littſt ... Aber, mein Herr, es iſt alſo etwas zwiſchen Ihnen und Char⸗ les vorgefallen?“ ſagte ſie mit bittendem Ton zu Herrn Pascal, „antworten Sie mir, um des Himmels willen.“ „Mein Gott! es iſt etwas ganz Einfaches vorge⸗ „ Sie ſollen ſelbſt urtheilen, meine liebe Ma⸗ n „Mein Herr,“ rief Dutertre, „im Namen der Dankbarkeit, die wir Ihnen ſchuldig ſind, im Namen des Mitleids kein Wort mehr, ich flehe Sie an; denn nie werde ich glauben, daß Sie auf Ihrem Entſchluß beharren. Und dann warum meiner Frau eine unnöthige Beſorgniß machen?“ Und er wandte ſich an Madame Dutertre und fügte bei 32 „Beruhige Dich, Sophie, ich beſchwöre Dich.“ Der Vater von Dutertre, der von ſeinem Zimmer aus die Stimmen immer lauter werden gehört hatte, öff⸗ nete plötzlich ſeine Thüre, machte raſch zwei Schritte im Salon, ſtreckte die Hände vor ſich aus und rief, mit verſtörtem Geſicht: „Charles! Sophie! mein Gott, was gibt es?“ „Mein Vater!“ murmelte Dutertre niedergebeugt. „Der Alte,“ ſagte Pascal, „das iſt mir lieb!“ Meuntes Rapitel. Ein Augenblick des Stillſchweigens folgte auf den Eintritt des blinden Greiſes in das Zimmer. Dutertre ging raſch ſeinem Vater entgegen, nahm eine von ſeinen zitternden Händen, drückte ſie tief bewegt und ſprach: „Beruhigen Sie ſich, mein Vater, es iſt nichts, eine einfache, etwas lebhafte Geſchäftserörterung .. erlauben Sie mir, Sie in Ihr Zimmer zurückzuführen.“ „Gharles,“ erwiederte der Blinde traurig den Kopf ſchüttelnd, „Deine Hand iſt kalt, Du ſchauerſt, Deine Stimme bebt. es geht hier etwäs vor, was Du mir verbergen willſt.“ „Sie täuſchen ſich nicht, mein Herr,“ ſagte Pascal zu dem Greis, „Ihr Sohn verbirgt Ihnen etwas, und in ſeinem Intereſſe, in dem Ihrigen, in dem Ihrer Schwie⸗ ſh und ihrer Kinder darf Ihnen nichts unbekannt ſein.“ 83 „Aber, mein Herr, es kann Sie alſo nichts rühren,“ Gares Dutertre, „Sie ſind ohne Mitleid, ohne Herz?“ „Gerade weil Ihre tolle Hartnäckigkeit und die Ihrer Frau mein Mitleid erregen, will ich an den geſunden Ver⸗ ſtand Ihres ehrwürdigen Vaters appelliren.“ „Charles!“ rief Sophie, „wie grauſam auch die Wahrheit ſein mag, ſprich ſie aus. Dieſer Zweifel, dieſe Angſt überſteigen meine Kräfte.“ „Mein Sohn,“ fügte der Greis bei, „ſei offenherzig wie immer, und wir werden Alle Muth haben.“ „Sie ſehen, mein lieber Herr Dutertre,“ ſagte Herr Pascal, „Ihr würdiger Vater wünſcht ſelbſt die Wahrheit zu kennen.“ „Mein Herr,“ erwiederte Dutertre mit ſchmerzli⸗ chem Ton und auf Pascal einen von Thränen, die er kaum zurückzuhalten vermochte, befeuchteten Blick heftend, „ſeien Sie gut, ſeien Sie edelmüthig, wie Sie es bis vaher geweſen find. Ihre Gewalt iſt unermeßlich, ich weiß es, mit einem Wort können Sie uns Alle in die Trübſal, in das Unglück verſenken; mit einem Wort können Sie uns aber auch der Ruhe, dem Glück, das wir Ihnen zu danken haben, wiedergeben. Ich flehe Sie an, ſeien Sie nicht unbarmherzig.“ Beim Anblick der Thränen, welche, trotz ſeiner An⸗ ſtrengung, den Augen von Dutertre, dieſem ſo energiſchen, ſo entſchloſſenen Mann, entſtürzten, ahnete Sophie die Gefahr, und ſich an Herrn Pascal wendend ſprach ſie mit herzzerreißendem Ton: * „Mein Gott! . ich kenne die Gefahr nicht, mit der Sie uns bedrohen, aber. . ich habe bange oh! ich habe bange und flehe Sie auch an, Herr Pascal.“ „Nachdem Sie unſer Retter geweſen ſind, können Sie doch nicht unſer Henker ſein,“ rief Dutertre, die Thränen trocknend, die ihr unwillkührlich entſtrömten. 3 hr Henker!“ entgegnete Pascal, „Gott behüte mich, „ eine armen Freunde, nicht ich; Sie wollen die Henker 84 von Ihnen ſelbſt ſein! Das Wort, das ich von Ihnen er⸗ warte, das Wort, das Ihr Glück ſichern kann, ſagen Sie es, mein lieber Dutertre, und unſer kleines Feſt wird ſo freudig ſein, als es ſein ſollte.. wenn nicht, ſo beklagen Sie ſich nicht über das ſchlimme Loos, das Ihrer harrt, leider werden Sie es gewollt haben.“ Aber, Charles, wenn das nur von Dir abhängt,“ rief Sophie in unausſprechlicher Angſt, „mein Gott! ſo ſage das Wort, das Herr Pascal verlangt, da es ſich um das Heil Deines Vaters und um das Deiner Kin⸗ der handelt.“ „Sie hören Ihre Frau, mein lieber Dutertre,“ ſagte Pascal, „werden Sie auch für ihre Stimme un⸗ empfindlich ſein?“ „Nun denn,“ rief Dutertre, bleich, in Verzweiflung, „da dieſer Mann unbarmherzig iſt, ſo erfahre Alles, mein Vater, und Du auch, Sophie.. Ich habe Marce⸗ lange weggejagt, Herr Pascal hat ein mir unbekanntes Intereſſe dabei, daß dieſer Menſch in das Haus Durand eintritt, und verlangt von mir, daß ich mich bei dieſem Hauſe für die Redlichkeit eines Elenden verbürge, den ich wie einen Betrüger hinausgeworfen habe.“ „Ah! mein Herr,“ ſagte der Greis empört, indem er ſich nach der Seite umwandte, wo er Herrn Pascal vermuthete, „das iſt unmöglich, eine ſolche Schändlichkeit können Sie von meinem Sohn nicht erwarten.“ „Und wenn ich dieſe Schändlichkeit verweigere,“ fuhr Dutertre fort, „ſo zieht Herr Pascal die Kapitalien zurück, die ich ſo verwegen angenommen habe, er ſchließt mir ſelnen Credit, und in der Kriſe, in der wir uns befinden, iſt das unſer Verderben, unſer Ruin.“ „Großer Gott!“ murmelte Sophie ganz erſchrocken. „Das iſt noch nicht Alles, mein Vater,“ fügte Du⸗ tertre bei, „meine Frau ſoll auch ihren Tribut an der Schande bezahlen ... Herr Pascal iſt, wie er ſagt, in Fräulein Antonine verliebt, und Sophie ſoll dieſe Liebe, von der ſie weiß, daß ſie unmöglich iſt, unterftützen, dieſe 85⁵ Liebe, die ſie aus ehrenwerthen Gründen mißbilligt, wenn nicht, ſo wird abermals eine Drohung über unſere Häup⸗ ter verhängt. .. Das iſt die Wahrheit, mein Vater, einen eben ſo furchtbaren, als unvorhergeſehenen Ruin er⸗ leiden, oder eine unwürdige Handlung begehen... dies iſt die Alternative, in die mich der Mann verſetzt, den wir ſo lange für edelmüthig und rechtſchaffen gehalten haben.“ „So iſt es, immer ſo! ſo geht es in der Welt!“ ſagte Herr Paseal, ſeufzend und die Achſeln zuckend, „ſo lange es ſich darum handelt, Dlenſte zu empfangen, ohne eine Gegenleiſtung, oh! da wird geſchmeichelt, da wird in den Himmel erhoben; es heißt immer mein ed⸗ ler Wohlthäter! mein großmüthiger Retter! man wird guter Mann genannt, mit Zuvorkommen⸗ heiten überhaäuft, man bekommt Börſen geſtickt und wird zu Feſten geladen. Die kleinen Kinder ſagen Kompli⸗ mente her; dann kommt der Tag, wo es der arme gute Mann von einem Wohlthäter ebenfalls wagt, um eines oder zwei unglückliche Dienſtchen zu bitten, da ſchreit man: der Schuſt! der Schändliche! der Heilloſe!!!“ „Alle mit der Ehre verträgliche Opfer, die Sie von mir verlangt hätten, würde ich mit Freuden gebracht haben,“ rief Dutertre mit ſchmerzlichem Ton. „Was wollen Sie denn?“ ſagte Pascal, ohne Du⸗ tertre zu antworten, „ſo ſehr man ihn für einen guten Mann halten mag, ſo wird der Wohlthäter doch am Ende müde die Undankbarkeit beſonders zerreißt ihm das Herz, denn er iſt empfindlich zur Welt gekommen, nur zu empfindlich.“ „Die Undankbarkeit!“ rief Sophie, „wir undankbar! Oh! mein Gott!“ „Und wenn der gute Mann ein wenig ſpät ſieht, vaß er ſich getänſcht hat,“ fuhr Pascal fort, ohne So⸗ phie zu antworten, „wenn er zu ſeinem Schmerz erkennt, vaß er es mit Leuten zu thun gehabt hat, welche unfähig ſind, ihre erkenntliche Freundſchaft über einige kindiſche Bevenklichkeiten zu ſiellen, ſo ſagt er ſich, er wäre auch 86 zu ſehr guter Mann, würde er fortwährend ſeine Börſe ſo lauen Freunden öffnen. Er entzleht ihnen Geld und Credit, wie ich es thue, ein Entſchluß, zu dem ich über⸗ dies durch gewiſſe Umſtände bewogen werde, welche von der Weigerung dieſes theuren Dutertre herrühren, den ich ſo ſehr liebte und den ich gern noch ſo nennen möchte .. Ein letztes Wort, mein Herr,“ fügte Pascal ſich an den Greis wendend bei, „ich habe Ihnen offenherzig mein Benehmen gegen Ihren Sohn und das ſeinige gegen mich auseinandergeſetzt; da es aber mein Herz zu viel koſten würde, wenn es auf das Vertrauen verzichten ſollte, das ich zu der Zuneigung dieſes theuren Dutertre hatte, da ich weiß, welche furchtbare Uebel ihn und ſeine Familie durch ſeine Schuld heimſuchen können, ſo bewillige ich ihm noch eine Viertelſtunde, um nachzudenken und ſich zu beſ⸗ ſern. .. Er gebe mir den fraglichen Brief, Madame Du⸗ tertre leiſte mir das Verſprechen, das ich von ihr er⸗ warte, und Alles wird wieder wie früher . . und ich ver⸗ lange mit lauter Stimme das Frühſtück und bringe einen Toaſt auf die Freundſchaft. Sie ſind der Vater von Dutertre, mein Herr, Sie haben einen großen Einfluß auf ihn, urtheilen und entſcheiden Sie.“ „Charles,“ ſagte der Greis mit bewegter Stimme zu ſeinem Sohn, „Du haſt als ehrlicher Mann gehandelt... doch es bleibt Dir noch etwas zu thun .. daß Du Dich weigerſt, Dich für die Sittlichkeit eines Elenden zu ver⸗ bürgen, iſt nicht genug.“ „Ah! ah!“ rief Pascal, „was hat er denn noch mehr zu thun?“ „Wenn Herr Pascal,“ fuhr der Greis fort, „wenn Herr Pascal ſeinem verderblichen Vorhaben Folge gibt, mein Sohn, ſo mußt Du an das Haus Durand ſchrei⸗ ben, Herr Pascal habe aus Dir unbekannten, aber viel⸗ leicht gefährlichen Gründen ein Intereſſe, dieſen Marce⸗ lange zu ehrenwerthen Leuten zu bringen, und ſie ſollen auf ihrer Hut ſein, denn über einen unwürdigen Plan ſchweigen, heißt ſich zum Mitſchuldigen machen.“ 6 87 „Ich werde Ihren Rath beſolgen, mein Vater,“ er⸗ wiederte Dutertre mit feſter Stimme. „Es kommt immer beſſer,“ ſagte Pascal ſeufzend. „Der Undankbarkeit fügt man einen gehäſſigen Vertrauens⸗ mißbrauch bei .. Oh! ich werde den Kelch bis auf die Hefe leeren. Nur, meine armen ehemaligen Freunde,“ fügte er mit einem ſeltſamen, unheilvollen Blick bei, „nur befürchte ich, daß mir, nachdem ich getrunken habe, viel Galle, viel Bitterkeit im Herzen bleiben, und dann. .. Sie wiſſen .. wenn auf die zärtlichſte Freundſchaft ein ge⸗ rechter Haß folgt, wird er leider furchtbar, vieſer Haß.“ „Oh! Charles, er macht mir bange,“ flüſterte die junge Frau, indem ſie ſich Dutertre näherte. „Was Sie betrifft, meine liebe Sophie,“ ſprach der Grels mit einer unſtörbaren Ruhe und ohne auf die Drohung von Herrn Pascal zu antworten, „Sie müſſen nicht nur, wie Sie es gethan haben, Heirathspläne, die Sie mißbilligen, nicht begünſtigen, ſondern auch, wenn Herr Pascal auf ſeinen Abſichten beharrt, Fräulein Antonine und ihre Verwandten über den Charakter des Mannes, der ſich um ſie bewirbt, aufklären.. Zu dieſem Behuf dürfen Sie nur bekannt werden laſſen, welchen ſchändlichen Preis er auf die Fortſetzung der Dienſte ſetzt, die er Ihrem Mann geleiſtet hat.“ „Das iſt meine Pflicht, mein Vater, und ich werde ſie erfüllen, antwortete Madame Dutertre mit bebender Stimme. 8 „Auch Sie, meine liebe Madame Dutertre, wollen ein redliches Vertrauen mißbrauchen,“ ſagte Herr Pascal mit einer ſüßlich bekümmerten Miene, „Sie wollen mich in meinen theuerſten Hoffnungen ſchlagen. oh! das iſt vurchaus nicht edelmüthig. Gott wolle, daß ich mich nicht zu grauſamen Repreſſalien hinreißen laſſe Nach einer zweijährigen Freundſchaft ſich mit ſolchen Gefühlen trennen! Es muß alſo ſein?“ fügte Herr Pascal bei, indem er abwechſelnd Dutertre und ſeine Frau anſchaute, „es iſt alſo Alles zwiſchen uns beendigt?“ 88 Sophie und ihr Gatte beobachteten ein Stillſchweigen voll Reſignation und Würde. „Wohl denn!“ ſprach Pascal, „leider abermals ein Beweis von der Undankbarkeit der Menſchen!“ „Mein Herr!“ rief Dutertre, außer ſich über die Affectation ſpöttiſcher Empfindlichkeit von Pascal, „in Ge⸗ genwart des gräßlichen Schlags, mit dem Sie uns nie⸗ derſchmettern, iſt dieſer fortgeſetzte Hohn grauſam ... laſſen Sie uns, laſſen Sie uns.“ „Ich werde alſo aus dieſem Hauſe weggejagt von Leuten, denen das Bewußtſein nicht entgehen kann, daß ſie mir lange ihr Glück, ihr Heil zu verdanken gehabt haben,“ ſagte Pascal, während er ſich langſam nach der Thüre wandte. „Von hier weggejagt. ich! ah! dieſer vemüthigende Kummer fehlte mir noch..“ Dann ſtand er ſtille, ſteckte die Hand in die Taſche, zog die kleine Börſe heraus, die ihm Sophie einige Augen⸗ blicke zuvor gegeben hatte, reichte ſie der jungen Frau und ſprach mit ſeinem unbarmherzigen Ausdruck ſardoni⸗ ſcher Niedergebeugtheit: „Zum Glück ſind ſie ſtumm, dieſe kleinen Stahlperlen, die mir jeden Augenblick ſagen ſollten, wie ſehr mein Name in dieſem Hauſe, aus dem man mich weggejagt, geſegnet wurve.“ Doch als beſänne er ſich eines Beſſeren, ſchob er die Börſe, nachdem er ſie mit einem ſchwermüthigen Lächeln angeſchaut hatte, wieder in die Taſche und ſagte: „Nein, nein, ich werde Dich behalten, meine kleine unſchuldige Börſe, Du wirſt mich an das wenige Gute, das ich gethan, und an die grauſame Täuſchung, die mich dafür belohnt hat, erinnern.“ So ſprechend legte Herr Pascal die Hand an den Knopf der Thüre, öffnete ſie und ging unter dem düſteren S von Sophie, Dutertre und deſſen Vater hinaus. 3 Dieſes ſchmerzliche Stillſchweigen dauerte noch fort, 89 als Herr Pascal zurückkehrte, die Thüre halb öffnete und in das Zimmer herein ſprach: „Ich habe im Ganzen nachgedacht, hören Sie, Herr Dutertre... Ein Schimmer toller Hoffnung erleuchtete das Ant⸗ litz von Dutertre, einen Augenblick glaubte er, trotz der höhniſchen, kalten Grauſamkeit, welche Herr Pascal ge⸗ heuchelt, fühle er endlich einiges Mitleid. Sophie theilte dieſe Hoffnung, wie ihr Gatte erwar⸗ tete ſie mit einer unſäglichen Angſt die Worte des Man⸗ nes, welcher unumſchränkt über ihr Schickſal Lerfügte und alſo fortfuhr: „Es iſt am nächſten Sonnabend ihr Verfall⸗ und Zahlungstag, nicht wahr, mein lieber Dutertre? laſſen Sie mich Sie ſo nennen, trotz deſſen, was zwiſchen uns vor⸗ gefallen iſt.“ „Gott ſei gelobt, er hat Mitleid,“ dachte Dutertre, und er antwortete laut: „Ja, mein Herr.“ „Nun wohl!“ ſagte Herr Pascal, „Sie begreifen, mein lieber Dutertre, ich möchte Sie nicht gern in eine tödtliche Verlegenheit verſetzen, ich kenne den Platz Paris, bei dem Zuſtand der gegenwärtigen Geſchäftskriſe würden Sie keinen neuen Credit finden, beſonders wenn man er⸗ führe, daß ich Ihnen den meinigen geſchloſſen habe, und da Sie im Ganzen auf meine Kaſſe rechneten, um Ihren Verbindlichkeiten Genüge zu leiſten.. nicht wahr?“ „Charles, wir find gerettet,“ flüſterte Sophie mit bebender Stimme, „es war eine Probe...“ Von dieſem Gedanken berührt, der ihm um ſo wahr⸗ ſcheinlicher vorkam, als er ihn Anfangs getheilt hatte, zweifelte Dutertre nicht mehr an ſeiner Rettung; ſein Berz ſchlug heftig, ſein zuſammengezogenes Geſicht dehnte wieder aus, und er antwortete zitternd, ſo gewaltig war ſein Gemüth bewegt: „In der That, blind auf Ihre Verſprechungen bauend.. Die ſieben Todſunden, 1v. Abthl. 7 * 90 rechnete ich wie gewohnlich auf den Credit, den Sie mir gewährten.“ „Gut! . mein lieber Dutertre, damit Sie, wie ge⸗ ſagt, nicht in Verlegenheit gerathen, und da Ihnen über⸗ vies noch acht Tage bleiben, ſo würden Sie wohl daran thun, ſich anderswo vorzuſehen und weder mehr auf den Platz Paris, noch auf mich zu rechnen.“ Nach dieſen Worten machte Herr Pascal die Thüre zu und eniferute ſich. Die Gegenwirkung dieſer ſo ſchrecklich getäuſchten Hoffnung war bei Dutertre ſo heftig, daß er bleich, leb⸗ los, ohne Kräfte, auf einen Stuhl ſank und ſein, Geſicht in ſeinen Händen verbergend, unter zurückgedrängtemSchluch⸗ zen ausrief: „Verloren ... verloren!“ „Oh! unſere Kinder,“ rief Sophie mit einem herz⸗ zerreißenden Tone, während ſie ſich vor ihrem Gatten auf die Kniee warſ, „unſere armen Kinder.“ „Charles,“ ſprach der Greis, indem er die Hände ausſtreckte und tappend ſich gegen ſeinen Sohn wandte, „mein Charles, mein vielgeliebter Sohn.. Muth gefaßt.“ „Mein Vater, das iſt der Ruin, das iſt der Banke⸗ rott...“ ſagte der Unglückliche unter krampfhaftem Schluch⸗ zen. „Das Elend, oh! mein Gott!.. das Elend für Euch Alle!“ Ein grauſamer Contraſt ſteigerte dieſen Schmerz bis auf den hoͤchſten Grad: die zwei kleinen Kinder ſtürzten in den Salon und riefen: „Magdalena! Magvalana iſt da!“ — ——————— 91 Behntes Rapitel. Beim Anblick von Magdalena (die Niemand Anderes war, als die Marquiſe von Miranda), war das Glück von Mad ame Dutertre ſo groß, daß ſie einen Augenblick allen Kummer, alle Angſt vor der Zakunft vergaß, und daß ihr ſanftes, kebliches Geſicht vor Freude ſtrahlte; ſie vermochte auch nur die Worte zu ſtammeln: „Magdalena.. theure Magdalena. nach einer ſo langen Abweſenheit.. biſt Du endlich hier .“ Als die erſten Umarmungen zwiſchen den zwei jungen Frauen ausgetauſcht waren, ſagte Sophie zu ihrer Freun⸗ din, indem ſie nach und nach mit dem Blick Dutertre und ſeinen Vater bezeichnete: „Magdalena.. mein Mann.. ſein Vater. . unſer Vater, denn er nennt mich ſeine Tochter.“ Raſch eintretend war die Margquiſe Sophie mit ſo ungeſtümer Liebe um den Hals gefallen, daß Charles Dutertre die Züge der Fremden nicht hatte unterſcheiden können; als dieſe ſich aber bei den Worten von Madame Dutertre umwandte, erfaßte ihn ein plotzlicher, ſeltſamer Eindruck, ein ſo lebhafter Einvruck, daß er wie ſeine Frau auf einige Minuten die rachſüchtigen Worte von Herrn Pascal vergaß. Was Charles Dutertre beim Anblick von Magdalena fühlte, war eine ſeltſame Miſchung von Erſtaunen, von Bewunderung und beinahe von Unruhe, denn es machte ihm gleichſam verworrene Gewiſſensbiſſe, daß er in einem ſo kritiſchen Augenblick für andere Gedanken zugänglich, als für den an den Ruin, mit dem er und die Seinigen ſich bedroht ſahen. Die Marquiſe von Miranda ſchien indeſſen nicht 92 gleich Anfangs einen ſo gewaltigen Eindruck herborbringen zu müſſen. Von ziemlich hoher Geſtalt, verſchwanden ihre Taille und ihr Leib völlig unter einer weiten Man⸗ tille von einem Frühlingsſtoff dem ihres Kleides ähnlich, deſſen lange, ſchleppende Falten kaum die Spitze ihres Stiefelchens erſcheinen ließen; dasſelbe fand bei ihren Händen ſtatt, welche gänzlich unter dem Ende der Aermel ihres Kleides verborgen waren, die ſie wider die Gewohn⸗ heit lang und beinahe flatternd trug; eine kleine Capote von ſchneeweißer Crepe umgab ihr länglich ovales Geſicht und hob die Nuance ihrer Geſichtshaut hervor, denn Magdalena hatte den bleichen, matten Teint ſehr brunetter Frauen und große lebhaft blaue Augen, befranſt von Wimpern ſo ſchwarz wie ihre gagathfarbigen Brauen, während in einem reizenden Contraſt ihr in einer Menge kleiner Locken à la Sevigné geordnetes Haar von jenem herrlichen, dunſtigen Aſchblond war, deſſen Wogen Rubens auf die Schultern ſeiner weißen Najaden herabfallen ließ. Dieſe bleiche Geſichtsfarbe, dieſe blauen Augen, dieſe ſchwarzen Brauen und dieſe blonden Haare gaben Mag⸗ dalena eine bezaubernde Phyſiognomie; die Haare ihrer ebenholzfarbigen Wimpern ſtanden ſo dicht bei einander, daß man hätte glauben ſollen, wie die Frauen des Orients, welche ſo ihrem Blick einen Ausdruck zugleich brennender und entnervter Wolluſt verleihen, färbe ſie den unteren Theil ihrer beinahe beſtändig über ihrem großen azurnen Augapfel geſchloſſenen Lider; ihre roſigen, beweglichen, nervigen Naſenflügel erweiterten ſich auf jeder Seite einer griechiſchen Naſe von den feinſten Umriſſen, während ihre Lippen von einem ſo warmen Roth⸗ daß man ein friſches Blut unter ihrer Haut kreiſen zu ſehen glaubte, fleiſchig, rein geſchnitten, ein wenig hervorſtehend waren, wie die der antiken Erigone und zuweilen zwiſchen ihren purpurnen Rändern eine Linie vom Schmelz der Zähne ſehen ließen. Doch warum dieſes Portrait fortſetzen? Wird nicht 5 er zwiſchen unſerer Beſchreibung, ſo getreu, ſo gefärbt ſie auch ſein mag, und der Wirklichkeit die unermeßliche 93 Entfernung ſtattfinden, welche zwiſchen einem Gemälde und einem belebten Weſen beſteht? Gs hieße das Unmögliche verſuchen, die Atmoſphäre unwiberſtehlicher, vielleicht mag⸗ netiſcher Anziehungskraſt, die dleſem ſeltſamen Geſchoͤpf zu entſtrömen ſchien, wahrnehmbar machen zu wollen. Was bei jeder Andern eine negative Wirkung hervorgebracht hätte, ſchlen bei ihr die Verführungsmittel zu verhundert⸗ fachen: wir meinen die Weite und Länge ihrer Kleider, welche, nicht den geringſten Umriß verrathend, kaum die Spitze ihrer Finger und ihres Stiefelchens erſchauen ließen; mit einem Wort, wenn die keuſche Draperie, welche auf die Füße einer antiken Muſe mit ernſtem, nachdenkendem Antlitz den eindrucksvollen Charakter ihres Anblicks erhöht, ſo reizt und entflammt ein auf den bezaubernden Körper ver Venus Aphrodite geworfener Schleler die Einbildungs⸗ kraft nur noch mehr. So groß war alſo der Eindruck, den Magvalena auf Charles Dutertre hervorbrachte, daß er ſie einige Augen⸗ blicke ſtumm und unruhig anſchaute. Sophie, die den Grund des Stillſchweigens und der Bewegtheit ihres Mannes nicht ahnen konnte, glaubte, ſein Geiſt ſel ganz von dem ihn bedrohenden Ruin in Anſpruch genommen; dieſer Gedanke führte ſie ſelbſt zu ihrer einen Augenblick vergeſſenen Lage zurück, und ſie ſagte zu der Marquiſe, indem ſie zu lächeln ſuchte: „Du mußt die Befangenheit von Charles entſchuldi⸗ gen .. In dem Augenblick, wo Du eintratſt, ſprachen wir von Geſchäften und zwar von ſehr ernſten Geſchäften.“ „In der That, Mavame, wollen Sie mich entſchul⸗ vdigen, ſagte Dutertre bebend, denn er machte ſich den ſeltſamen Eindruck, den die Freundin ſeiner Frau auf ihn hervorgebracht hatte, doppelt zum Vorwurf; „zum Glück läßt mich das, was mir Sophie von Ihrem gewöhnlichen Wohlwollen geſagt hat, auf Ihre Nachſicht zählen.“ „Meine Rachſicht? ich bin es, die ſehr der Ihri⸗ gen bedarf, mein Herr,“ erwiederte die Marquiſe lächelnd, „denn in dem gebieteriſchen Verlangen meines Herzens, 94 meine theure Sophie wiederzuſehen, lief ich unvermuthet hierher und fiel ihr um den Hals, ohne an Ihre Gegen⸗ wart und die Ihres Herrn Vaters zu denken ... doch er wird mir auch gütigſt verzeihen, daß ich ſie als Schweſter behandelt habe, er, der ſie als ſeine Tochter behandelt.“ Während Magdalena dieſe Worte ſprach, wandte ſie ſich gegen den Greis. . „Ach! Madame,“ erwiederte er unwillkührlich, „nie war meinen armen Kindern .. die Zuneigung ihrer Freunde mehr Bedürfniß . . Der Himmel ſchickt Sie vielleicht.“ „Mein Vater, nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte mit halber Stimme Dutertre zu dem Greis, als wollte er ihm liebevoll darüber einen Vorwurf machen, daß er einer Fremden ihre häuslichen Drangſale offenbarte, denn Mag⸗ dalena hatte ploͤtzlich auf Sophie einen erſtaunten und fragenden Blick geworfen. Der Greis begriff den Gedanken ſeines Sohnes und antwortete ebenfalls leiſe: „Du haſt Recht, ich hätte ſchweigen ſollen .. Doch der Schmerz iſt ſo indiscret!. . . Komm, Charles, führe nig in mein Zimmer zurück . ich fühle mich ange⸗ riffen . Und er nahm den Arm ſeines Sohnes. In dem Augenblick aber, wo Dutertre das Zimmer verlaſſen wollte, machte die Marquiſe einen Schritt gegen ihn und ſagte: „Auf baldiges Wiederſehen, Herr Dutertre, denn ich ſage Ihnen zum Voraus, ich bin entſchloſſen, während meines Aufenthalts in Paris oft. . . oh! ſehr oft meine liebe Sophie tzu beſuchen .. Ich habe überdies einen Dienſt von Ihnen zu fordern, und um der Gewährung ſicher zu ſein, werde ich Sophie beauftragen, Sie darum zu bitten. Sie ſehen, ich handle ohne Umſtände, als Freundin, als alte Freundin, denn meine Freundſchaft für Sie, Herr Dutertre, datirt von dem Glück, das Sophie Ihnen zu verdanken hat. Auf haldiges Wiederſehen alſo,“ 95 fügte die Marquiſe bei, indem ſie Dutertre ihre Hand mit einer Bewegung anmuthreicher Herzlichkeit reichte. Der Gaite von Sophle ſchämte ſich zum erſten Mal ſeiner durch de⸗ Arbeit geſchwärzten Hände; kaum wagte er es, die Spitze der kleinen roſigen Finger von Magva⸗ lena zu drücken; bei dieſer Berührung ſchauerte er leicht; eine brennende Röthe ſtieg ihm zur Stirne, und um ſeine Unruhe und ſeine Verlegenheit zu verbergen, ver⸗ beugte er ſich tief vor der Marquiſe und ging mit ſeinem Vater hinaus. Sich an der Hand haltend und halb bedeckt durch ihre Mutter, ſperrten die zwei kleinen Kinder von Sophie ſeit dem Anfang dieſer Secene die Augen weit auf und keriete ſtillſchweigend die Dame mit großer Neu⸗ ßierde Die Marguiſe, die jetzt erſt ihre Gegenwart bemerkte, rief, indem ſie ihre Freundin anſchaute: „Deine Kinder? mein Gott! wie hübſch ſind ſie! Wie ſtolz mußt Du ſein!“ Und ſie kniete vor ihnen nieder, um ſich gleichſam auf ihr Niveau zu ſtellen; dann ſtrich ſie mit einer Hand die blonden Locken, welche die Stirne und die Au⸗ gen ihrer Pathin bedeckten, deren Kopf halb geſenkt war, auf die Seite, hob ſachte das Kinn mit der andern Hand in die Höhe, betrachtete einen Augenblick dieſes köſtliche, ſo friſche, ſo rofige Geſichtchen, und küßte die Wangen, die Augen, die Stirne, die Haare, den Hals des Kindes mit einer ganz mütterlichen Zärtlichkeit. „Und Du, niedlicher Cherub, ſei nicht eiferſüchtig,“ ſprach ſie, und ſie näherte den braunen Kopf des kleinen Knaben dem blonden Köpfchen des Mädchens und theilte ihre Liebkoſungen unter Beiden. Bis zu Thränen gerührt, lächelte Sophie Dutertre ſchwermüthig bei dieſem Gemälde, als die Marquiſe, die immer noch auf den Knieen lag, die Augen zu ihr auf⸗ ſchlug und beifügte „Du kannſt nicht glauben, Sophie, wie ſehr ich, in⸗ 96 dem ich dieſe kleinen Engel umarme, das Glück, das Dich erfüllen muß, wenn Du ſie vor Liebe auffriſſeſt, begreife, beinahe fühle, und mir ſcheint, ich liebe Dich noch mehr, weil ich Dich ſo glücklich, ſo ganz und gar glücklich weiß.“ Als ſie ſo ihr Glück preiſen hörte, neigte Sophie, abermals zu ihrer, einen Augenblick vergeſſenen, gegenwär⸗ tigen Lage zurückgeführt, das Haupt, erbleichte ſie und ihre Züge drückten plötzlich eine ſo peinliche Bangigkeit aus, daß Magdalena ſich raſch erhob und ausrief: „Mein Gott!. Sophie . Du erbleichſt. was haſt Du denn?“ Mabame Dutertre unterdrückte einen Seufzer, ſchüt⸗ telte traurig den Kopf und erwiederto „Ich habe nichts, Magdalena, die Aufregung, die Freude Dich nach ſo langer Trennung wiederzuſehen „Die Aufregung! die Freude!“ verſetzte die Marquiſe mit einer Miene ſchmerzlichen Zweifels, „nein nein! vorhin war es die Aufregung, die Freude, doch in dieſem Augenblick fiehſt Du kummervoll aus meine arme Sophie.“ Madame Dutertre antwortete nicht, küßte ihre Kin⸗ der und ſagte leiſe zu ihnen: „Sucht Eure Wärterin auf, meine lieben Kleinen.“ Madeleine und Auguſt gehorchten und verließen das Zimmer, doch nicht ohne ſich wiederholt umgedreht zu ha⸗ ben, um noch einmal vie Dame anzuſchauen, die ſie äußerſt artig fanden. 97 Eilftes Rapitel. Kaum hatten die zwei Kinder das Zimmrr verlaſſen, als Magdalena lebhaft zu ihrer Freundin ſagte: „Nun ſind wir allein, Sophie. . Itch beſchwöre Dich, antworte mir: was haſt Du? Woher kommt dieſe plötzliche Niedergeſchlagenheit? Habe ich durch die Abwe⸗ ſenheit, durch die Entfernung Dein Vertrauen verloren?“ Sophie hatte Muth genug, um ihre Niedergeſchlagen⸗ heit zu überwinden und, indeſſen ohne zu lügen, ein ſchmerzliches Geheimniß, das nicht das ihrige war, zu verbergen, da ſie nicht einmal ihrer beſten Freundin den nahe bevorſtehenden und wahrſcheinlichen Ruin vva Du⸗ tertre offenbaren wollte; ſie antwortete Magdnlena mit einer ſcheinbaren Ruhe: „Meine Freundin, ich theile zuweilen, wenn ich Dir meine Schwäche ſagen ſoll, indem ich ſie noch übertreibe, die Befürchtungen meines Mannes in Beziehung auf die, ohne Zweifel vorübergehende, Kriſe, in der ſich die Indu⸗ ſtrie befindet, denn,“ fügte Sophie, die zu lächeln ſuchte, bei, „denn die Frau Marquiſe weiß wahrſcheinlich nicht, daß wir armen, beſcheidenen Induſtrieleute von einem Au⸗ genblick der Kriſe heimgeſucht ſind 14 „Aber, nicht wahr, meine liebe Sophie, dieſe Kriſe iſt nur vorübergehend? Sie iſt von keiner Bedeutung, oder wenn ſie es wird was läßt ſich, um ſie minder ſchmerz⸗ lich zu machen, für Dich und Deinen Mann thun? Ohne veich zu ſein, lebe ich doch im Wohlſtand; könnte ich nicht? „Gute vortreffliche Freundin!“ ſagte Sophie, Magdalena voll Rührung unterbrechend, „immer daſſelbe 98 Hsrz! Beruhige Dich, dieſer Augenblick der Kriſe wird hoffentlich nur vorübergehend ſein; ſprechen wir nicht mehr hievon; laß ganz der Freude, Dich wiederzuſehen, mich hingeben.“ „Aber wenn Deine Beſorgniſſe . . .“ „Magdalena,“ unterbrach Sophie, ſanft lächend, Fui ihre Freundin, „vor Allem ſprechen wir von „Selbſtſüchtige!“ „Es iſt wahr .. nach Deiner Weiſe; aber ſag mir, nicht wahr, Du biſt glücklich? Denn, obgleich Mar⸗ quiſe, haſt Du ohne Zweifel, wie ich, eine Liebesheirath geſchloſſen, und Dein Gatte . . .“ „Ich bin Wittwe ... „Oh! mein Gott! ſchon! .. „Ich war es am andern Tag nach meiner Hochzeit, meine liebe Sophie.. .“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „So außerordentlich es Dir ſcheinen mag, ſo iſt es doch ganz einfach. Höre mich: als ich die Koſiſchule ver⸗ ließ und nach Merico zurückkehrte, wohin ich, wie Du weißt, von meinem Vater berufen worden wat, fand ich nur noch einen Verwandten meiner Mutter, den Marquis von Miranda, der tödtlich getroffen von den Folgen der Cpidemie, welche Lima verheerte. Er hatte mich ganz klein geſehen, beſaß keine Kinder und wußte, daß das Ver⸗ mögen meines Vaters beinahe gänzlich durch zu Grunde richtende Prozeſſe verloren gegangen war. Er benahm ſich gegen mich mit einer väterlichen Güte, trug mir beinahe auf dem Sterbebett ſeine Hand an und ſprach: „Nimm ſie an, meine liebe Magdalena, meine arme Waiſe, mein Name wird Dir eine Stellung in der Geſellſchaft geben, mein Vermögen wird Deine Unabhängigkeit ſichern, und ich werde zufrieden ſterben, da ich Dich glücklich weiß.“ „Edles Herz!“ rief Sophie. „Ja,“ ſprach Magdalena bewegt, „es war der beſte Menſch. Die Vereinzelung, in der ich mich ſah, ſein ——— 99 vringendes Zureden bewogen mich, ſein edles Anerbieten anzunehmen. Der Prieſter kam zu ſeinem Bett, um un⸗ ſere Ehe einzuweihen, und die Ceremonie war kaum been⸗ digt, als die Hand von Herrn von Miranda in der mei⸗ nigen eiskalt wurde.“ „Magdalena, verzeih',“ ſagte Madame Dutertre un⸗ willkührlich, „ich habe Dich dadurch, daß ich ſo ſchmerzliche Erinnerungen wieder in Dir erregte, traurig gemacht?“ „Schmerzliche? nein, mit einer ſüßen Schwermuth denke ich an Herrn von Miranda. Nur der Undank iſt bitter für das Herz.“ „Und noch ſo jung. iſt Dir Deine Freiheit nicht beſchwerlich? Allein, ohne Familie . haſt Du Dich an dieſes Leben der Vereinzelung gewöhnt?“ „Ich halte mich für die glücklichſte Frau wohl⸗ verſtanden nach Dir,“ erwiederte Magdalena lächelnd. „Und es iſt Dir nicht der Gedanke gekommen, Dich wieder zu verheirathen, oder vielmehr,“ fügte Sophie eben⸗ falls lächelnd bei, „oder vielmehr zu heirathen? denn trotz Deiner Witwenſchaft biſt Du doch immer noch Fräulein.“ „Dir, meine liebe Sophie, verberge ich nichts .. Nun wohl! wenn ich einmal Luſt hatte, zu heirathen, wie Du ſagſt, ſo war es eine große Leidenſchaft, ein ganzer Roman,“ erwiederte Magdalena heiter. „Frei, wie Du biſt, wer hat dieſe Heirath verhindert?“ „Ach! ich habe meinen Helden nur fünf Minuten lang geſehen, und zwar von meinem Balcon aus.“ „Nur fünf Minuten?“ „Nicht mehr.“ „Und Du liebteſt ihn ſogleich 2* „Leidenſchaftlich.“ „Und Du haſt ihn ſeither nicht mehr getroffen?“ „Rie Ohne Zweifel iſt er unter ſeinen Brüdern, den Erzengeln, deren ideale Schönheit er beſaß, zum Him⸗ mel aufgeſtiegen.“ „Magdalena, ſprichſt Du im Ernſt?“ „Hore .. Vor ſechs Monaten war ich in Wien; 100 ich bewohnte ein Landhaus unfern von einer Vorſtadt .. Eines Morgens befand ich mich in einem Kiosk, deſſen Fenſter auf das Land ging ... Plötzlich wurde meine Aufmerkſamkeit durch das Geräuſch eines dumpfen Ge⸗ ſtampfes und eines Klirren von Degen erregt.. Ich laufe an mein Fenſter . es war ein Drell.“ „Ach! mein Gott!“ „Ein junger Menſch von höchſtens neunzehn bis zwanzig Jahren, liebreizend und ſchön, wie man die En⸗ gel malt, ſchlug ſich mit einer Art von Rieſen mit wildem Geſicht. Mein erſter Wunſch war, daß der blonde Erz⸗ engel (denn meine Leidenſchaft iſt blond) den furchtbaren Dämon beſiege, und obgleich der Zweikampf vor mir nur zwei Minuten dauerte, hatte ich doch Zeit, die Unerſchro⸗ ckenheit, Ruhe und Gewandtheit meines Helden zu be⸗ wundern; ſeine weiße Bruſt halb entblößt, ſeine langen Haare im Winde flatternd, die Stirne heiter, das Auge glänzend, ein Lächeln auf den Lippen, ſchien er der Ge⸗ fahr mit einer bezaubernden Anmuth zu trotzen, und in dieſem Augenblick, ich geſtehe es Dir, kam mir ſeine Schönheit übermenſchlich vor; plötzlich unter der Blen⸗ dung, die mir das Funkeln der Degen verurſachte, ſah ich den Koloß wanken und zuſammenfinken. Sogleich warf mein Held ſeinen Degen weit von ſich, faltete die Hände, fiel vor ſeinem Gegner auf die Kniee, und erhob zum Him⸗ mel ſein bezauberndes Geſicht, auf dem plötzlich ein ſo rührender, ſo gutmüthiger Ausdruck hervortrat, daß man, wenn man ihn ſo ſchmerzlich auf ſeinen beſiegten Feind ſich neigen ſah, hätte glauben ſallen, es ſei ein Mädchen, das wahrnehme, ſeine Taube ſei verwundet worden .. wenn es erlaubt iſt, mit einer Taube den groben Ko⸗ loß zu vergleichen, der indeſſen nicht tövtlich verwundet zu ſein ſchien, denn er ſetzte ſich auf und ſagte mit ſeiner rauhen Stimme, die durch die Sommerläden bis zu mir drang, zu ſeinem jungen Gegner: „„Auf den Knieen, mein Herr, müßte ich Sie für mein unlohales Benehmen und für meine plumpe Heraus⸗ 101 ſorderung um Verzelhung bitten; hätten Sie mich getöd⸗ tet, ſo wäre es Gerechtigkeit geweſen.“ Beinahe in demſelben Augenblick kam ein Wagen heran; man legte den Verwundeten hinein; einige Minu⸗ ten nachher waren Alle, Zeugen oder handelnde Perſonen des Duells, verſchwunden. Dies ging ſo ſchnell vor ſich, aß ich geträumt zu haben geglaubt hätte ohne die Erin⸗ nerung an meinen Helden, der meinem Geiſt als das Iveal deſſen, was es Schönſtes, Beherzteſtes und Evelmü⸗ nuſt auf der Welt gibt, beſtändig gegenwärtig geblie⸗ ben iſt.“ k „Nun, Magdalena, begreife ich, daß man, unter ſol⸗ chen Umſtänden, in fünf Minuten von einem tiefen, viel⸗ leicht unauslöſchlichen Elndruck ergriffen werden kann .. Du haſt alſo. Deinen Helden nie wiedergeſehen?“ „Nie, ſage ich Dir. . Ich kenne nicht einmal ſei⸗ nen Namen, und wenn ich mich verheirathen ſoll, ſo ge⸗ ſchieht es doch nur mit ihm.“ „Magdalena, Du weißt, daß mir unſere alte Freund⸗ ſchaft das Recht gibt, mich offenherzig gegen Dich aus⸗ zuſprechen!“ „Kann es anders ſein?“ 5. Mir ſcheint, Du trägſt dieſe große Leidenſchaft ſehr eicht!“ „Warum ſollte ich kaurig ſein?“ „Wenn man leidenſchaftlich liebt, ſo kann es nichts Grauſameres geben, als die Abweſenheit, als die Tren⸗ nung und beſonders als die Furcht, den geliebten Gegen⸗ ſtand nie mehr zu ſehen.“ „Es iſt wahr, und dennoch, das ſchwöre ich Dir, offenbaren ſich die Wirkungen dieſer tiefen Leidenſchaft ganz anders bei mir.“ „Was ſoll ich Dir ſagen? Als ich anfing Charles zu lieben, wäre ich vor Kummer geſtorben, wenn man mich von ihm getrennt hätte.“ „Das iſt ſonderbar! meine Leidenſchaft äußert ſich auf eine ganz entgegengeſetzte Art... Es vergeht kein Tag, ohne vaß ich an meinen Helden denke, kein Tag, an dem ich mich nicht mit Liebe und in den kleinſten Ein⸗ zelnheiten des einzigen Umſtandes, wo ich ihn geſehen, erinnere . kein Tag, wo ich nicht alle meine Gedan⸗ ken zu ihm erhebe, kein Tag, wo ich nicht, indem ich ihn mit Allen vergleiche, ſtolz triumphire: denn er iſt ſchöner, als die Schönſten, edler, als die Edelſten; kein Tag endlich, wo ich mich nicht durch ihn in den ſüßeſten Träumen wiege. Ja, mir ſcheint, meine Seele iſt auf immer durch eben ſo geheimnißvolle, als unauflösliche Bande mit der ſeinigen vermählt. Ich weiß endlich nicht, ob ich ihn je wiederſehen werde, und fühle im Herzen nur Wohlbe⸗ hagen und Freudigkeit.“ „Nun ſage ich wie Du, meine liebe Magdalena, das iſt ſonderbar.“ „Laß uns aufrichtig ſprechen, Sophie, wir ſind allein und unter Frauen (obſchon ich noch ein zu heirathendes Fräulein bin), ſagt man ſich Alles. Nicht wahr, Du findeſt meine Liebe ein wenig platoniſch.. Du wunderſt Dich, daß Du mich ſorglos oder unwiſſend in Beziehung auf jene berauſchende Unruhe ſiehſt, die Du empfinden mußteſt, als zum erſten Mal die Hand von Charles die Deinige liebevoll drückte?“ „Oh! Magdalena, Du biſt toll.“ „Sei offenherzig, ich habe Dich errathen.“ „Ein wenig, doch minder, als Du denkſt.“ „Dieſes wenig hat mir genügt, um Deinen gehei⸗ men Gedanken zu ergründen ... Frau Materialiſtin.“ „Ich ſage Dir noch einmal, Magdalena, Du biſt toll.“ „Oh! oh! nicht ſo toll.“ — Dann, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen hat⸗ ten, fuhr die Marquiſe lächelnd fort: „Wenn Du wüßteſt, Sophie. . was es für mich Seltſames, Außerordentliches, ich möchte beinahe ſagen, Unbegreifliches in gewiſſen Umſtänden meines Lebens gibt! Welche ſonderbare Abenteuer ſind mir widerfahren, ſeitdem wir uns verlaſſen haben! . „. Mein Arzt und mein 103 Freund, der berühmte Doctor Gaſterini, ein großer Philoſoph, hat mir hundertmal geſagt, es gebe auf der Welt kein Geſchöpf, das ſo ſeltfam begabt ſei wie ich.“ „Erkläre Dich.“ „Später . vielleicht.“ „Warum nicht jetzt?“ „Wenn es ſich um den Erguß eines Kummers han⸗ velte, würde ich zögern? aber unerachtet deſſen, was es Außerordentliches in meinem Leben gibt. oder vielleicht gerade wegen dieſes, bin ich die glücklichſte der Frauen fage ich Dir. Erwarte mich bei meinem erſten Kum⸗ mer . Ei! mein Gott! halt!. zu dieſer Stunde habe ich beinahe Kummer, denn es iſt einer, ſich eines Man⸗ gels an Herz oder vielmehr an Erinnerung bewußt zu ſein.“ „Ein Mangel an Erinnerung?“ „Und Antonine .. habe ich ſie nicht, ſeitdem ich hier bin, vergeſſen, um nur von mir zu ſprechen? Iſt das nicht ſchmm? Iſt vas nicht undankbar?“ „Ich wäre wenigſtens ebenſo ſtrafbar, als Du; doch wir haben uns keine Vorwürfe zu machen: dieſen Morgen kam ſie zu mir, um mir Deinen Brief zu bringen und Deine Ankunft zu verkündigen . Du kannſt Dir ihre Freude denken, denn, Du darſſt mir glauben, ſie hat für Dich die zärtlichſte Anhänglichkeit bewahrt.“ „Arme Kleine! welche zarte, reizende Natur! Aber ſage mir, wenn ſie gehalten hat, was ſie verſprach, ſo muß ſie mit ihren kaum erblühten fünfzehn Jahren ſchön ſein wie ein Engel?“ „Du haſt Recht, es iſt eine Roſenknoſpe, was die Friſche betrifft; füge dem die feinſten, zarteſten Züge bei, die man treffen kann. Seit dem Tod ihrer nächſten Ver⸗ wandtin wohnt ſie, wie Du ohne Zweifel weißt, bei ih⸗ rem Oheim, dem Präſidenten Hubert, der ſich immer vortrefflich gegen ſie benommen hat. Leider iſt er ſehr ſchwer krank, und wenn ſie ihn verlöre, wäre ſie ver⸗ muthlich genöthigt, ihren Aufenthalt bei entfernten Ver⸗ wandten zu nehmen, und dieſer Gedanke betrübt ſie. 104 Uebrigens wirſt Du ſie ſehen, und ſie wird Dir alle Ge⸗ ſtändniſſe machen. Darunter iſt eines, das ſie mir beinahe ganz abgelegt hat, um ſich bei mir Raths zu erholen, denn die Umſtände ſind ernſt.“ „Und dieſes Geſtändniß?“ „„Sehen Sie Magdalena vor mir,““ ſagte ſie zu mir, „„ſo theilen Sie ihr nichts mit, meine liebe Sophie. Ich wünſche ihr Alles ſelbſt zu bekennen; das iſt ein Recht, das mir ihre Liebe für mich gibt; ich habe auch noch andere Gründe, Sie hierum zu erſuchen.““ Du ſiehſt, meine liebe Freundin, daß ich gezwungener Weiſe verſchwiegen ſein muß.“ „Ich dringe nicht in Dich, um mehr zu erfahren. Heute oder morgen werde ich das liebe Kind beſuchen,“ erwiederte die Marquiſe, während ſie aufſtand, um von Madame Dutertre Abſchied zu nehmen. „Du verläfſeſt mich ſchon, Magdalena?“ „Leider muß ich; ich habe verſprochen, zwiſchen drei und vier Uhr zu dem merlcaniſchen Geſandten, meinem Landsmanne, zu kommen, der mich morgen zu einer frem⸗ den Hoheit führen ſoll .. Du ſiehſt: ich lebe unter den Größen.“ „Zu einer Hoheit?“ „Dergeſtalt Hoheit.. daß er wie alle fremden ſou⸗ verainen Familien angehörige Prinzen während ſeines Auf⸗ enthalts in Paris das Elyſée⸗Bourbon bewohnt.“ Madame Dutertre konnte ſich einer Bewegung des Erſtaunens nicht erwehren und ſagte, nachdem ſie eine Minute nachgedacht hatte: „Das iſt ſonderbar!“ „Was denn, Sophie?“ „Antonine wohnt in einem Hauſe, das an das Elyſée ſtößt. Allerdings iſt das nichts, worüber man ſich wun⸗ dern müßte aber...“ „ „Aber?“ „Ich kann Dir nicht mehr ſagen, Magvalena; 2 wenn Du das Geſtändniß von Antonine gehört haſt, wirſt 105 Du begreiſen, warum mir ein gewiſſes Zuſammentreffen aufgefallen iſt.“ „Was gibt es denn „Gemeinſchaftliches zwiſchen An⸗ tonine und dem GElyſée?“ „Ich muß Dir wiederholen, meine liebe Freundin: warte die Bekenntniſſe von Antonine ab.“ „Gut, meine Geheimnißvolle... Uebrigens wußte ich nicht, daß ſie ein Haus in der Nähe des Palaſtes bewohnt; ich hatte meinen Brief an ihre alte Wohnung adreſſirt. Das fſindet ſich indeſſen vortrefflich; ich beſuche ſie vor oder nach meiner Audienz beim Prinzen.“ „Ah! Du biſt nun ganz vornehme Dame.“ „Beklage mich vielmehr, meine liebe Sophie, denn es handelt ſich um eine Supplik, nicht für mich, denn es iſt nicht meine Gewohnheit, zu bitten, ich ſoll einer ge⸗ ächteten, der lebhafteſten Theilnahme! würdigen Familie einen großen Dienſt leiſten. Der Auftrag iſt ſehr harter und ſchwieriger Natur; dennoch habe ich ihn bei meiner Abreiſe von Venedig übernommen, und ich will wenigſtens Alles verſuchen, daß es mir gelingt.“ „Und ſicherlich wird es Dir gelingen .. Kann man Dir etwas abſchlagen? Erinnerſt Du Dich, daß man in der Koſtſchule, ſobald eine Bitte an unſere Vorſteherin zu richten war, immer Dich als Botſchafterin wählte, und man hatte Recht, denn, in der That, man ſollte glauben, Du habeſt einen Talisman, um Alles zu erlangen.“ „Ich verſichere Dich, meine gute Sophie, erwiederte Magdalena unwillkührlich lächelnd, „ich verſichere Dich, daß ich zuweilen wiver meinen Willen Zauberin bin. „Mein Gott!“ fügte die Marqutſe lachend bei, „wie viele gute Tollheiten hätte ich Dir in dieſer Hinſicht zu erzählen! MNun. wir werden ſpäter ſehen. Guten Tag, liebe Sophie, auf baldiges Wiederſehen.“ „Ja, auf baldiges Wiederſehen, varum beſchwöre ich Dich.“ „Mein Gott, Du kannſt auf mich ne 1u S ſikben Todſunden⸗ 1v. Abthl. 106 rechnen; denn ich bin ein Zugvogel und gedenke meine Zeit in Paris gut anzuwenden: damit ſage ich Dir, ob ich Dich oft beſuchen werde!“ „Wie! denkſt ſchon an Deine Abreiſe?“ „Ich weiß es nicht; das hängt von der Inſpiration ab, die mir mein Held, meine Leidenſchaft, mein Ideal geben wird, denn nie entſchließe ich mich zu etwas, ohne ihn in Gedanken um Rath zu fragen.. Da er mich aber ſtets vortrefflich inſpirirt, ſo zweifle ich nicht daran, daß er mich auffordern wird, ſo lange, als möglich, bei Dir zu bleiben.“ „Ah! mein Gott! Magdalena es fällt mir ein, Du ſagteſt zu meinem Mann, Du habeſt einen Dienſt von ihm zu verlangen?“ „Es iſt wahr, ich vergaß das, die Sache iſt ganz einfach: ich verſtehe nichts von den Geldangelegenheiten⸗ In Deutſchland habe ich dies kürzlich an meinen Ausga⸗ ben wahrgenommen. Ich hatte einen Creditbrief auf einen gewiſſen Albert Schmidt in Wien, von dem ich ſchändlich betrogen worden bin; ich gelobte mir, in Zu⸗ kunft auf meiner Hut zu ſein, und nahm einen andern Crevitbrief auf Paris. Es wäre mir lieb, wenn Dein Mann die Güte hätte, für mich das Geld zu verlangen, das ich brauche; er würde Alles aufzeichnen, über meinen Intereſſen wachen, und mit ſeiner Hülfe wäre ich nicht mehr der Gefahr ausgeſetzt, in die Klauen eines andern Albert Schmidt zu fallen.“ „Nichts kann leichter ſein, meine liebe Magdalena, Charles wird Deine Stelle bei dem Creditbrief vertreten und alle Deine Rechnungen genau durchgehen und be⸗ glaubigen.“ „Dies wird um ſo nothwendiger ſein, als man mir geſagt hat, derjenige, auf welchen man mir den Credit⸗ brief gegeben, ſei mächtig reich, ſo zahlungsfähig, als irgend ein Menſch auf der Welt, aber im höchſten Grad durch⸗ trieben und habgierig.“ 107 „Es iſt gut, daß Du mich davon unterrichteſt; Char⸗ les wird ſeine Aufmerkſamkeit verdoppeln.“ „Dein Mann, der in den Geſchäften lebt, muß übrigens denjenigen, von welchem ich ſpreche, kennen; er ſoll einer der größten Kapitaliſten Frankreichs ſein.“ „Wie heißt er?“ „Herr Pascal.“ „Herr Pascal!“ wiederholte Sophie. und ſie erbleichte und ſchauerte unwillkührlich. Als die Marquiſe die Bewegung von Sophie be⸗ merkte, fragte ſie raſch: „Sophie, was haſt Du denn?“ „Nichts, nichts, ich verſichere Dich.“ „Ich ſehe wohl, daß Du etwas haſt. Ich bitte Dich, antworte mir.“ „Nun denn! wenn es ſein muß mein Mann ſtand in Geſchäftsverbindung mit Herrn Pascal Lei⸗ der ergab ſich eine ziemlich ernſte Mißhelligkeit, und „Wie, Sophie, Du biſt ſo unvernünftig, Dich darüber zu betrüben, daß in Folge ſeiner Mißhelligkeit mit Herrn Pascal Dein Mann mir den Dienſt nicht leiſten kann, den ich von ihm erwartete?“ Madame Dutertre, die ihre Freundin in ihrem Irr⸗ ſ laſſen wollte, ſuchte wieder ruhig zu werden und prach: „In der That, der Gedanke, Charles konne Dir den erſten Dienſt, den Du von uns forderſt, nicht leiſten, ärgert mich ungemein.“ „Hore, Sophie, ich werde es bald bedauern, daß ich mich ſo herzlich an Dich gewandt habe.“ „Magdalena . „Wahrhaftig, iſt das nicht ein ſchönes Unglück!.. um nicht betrogen zu werden, will ich mich übrigens un⸗ mittelbar an dieſen Herrn Pascal wenden und jede Woche meine Rechnungen von ihm fordern. Dein Mann wird ſie prüfen, und wenn ſie nicht in Ordnung find! weiß ich 108 mich bei meinem Banquier darüber zu beſchweren und nehme einen andern.“ „Du haſt Recht, Magdalena,“ ſagte Sophie, die allmälig ihre Kalthlütigkeit wieder erlangte, „und die Controle meines Mannes wird vielleicht nothwendiger für Dich ſein, als Du denkſt.“ „Dieſer Herr Pascal iſt alſo ein Habgieriger?“ „Magdalena,“ antwortete Madame Putertre, ohne daß ſie diesmal die Bewegung ihres Gemüths überwinden konnte, „ich beſchwöre Dich, laß mich als Freundin, als Schweſter mit Dir ſprechen. Aus welchem Grund, unter welchem Vorwand es auch ſein mag, verſetze Dich nicht in Abhängigkeit von Herrn Pascal.“ „Was willſt Du damit ſagen, Sophie?“ „Mit einem Worte, wenn er Dir ſeine Dienſte an⸗ bietet, ſchlage ſie aus.“ „Seine Dienſte? ich habe keinen Dienſt von ihm zu verlangen. Ich habe einen Credithrief auf ihn und werde, wenn ich brauche, Geld von ſeiner Kaſſe holen oder holen laſſen . nichts Anderes.“ „Gut. doch Du könnteſt aus Unbeſonnenheit, aus Geſchäftzunkenntniß Deinen Credit überſchreiten.. und dann .. „Und dann?“ „Ich weiß das durch... durch eine Perſon, die es Charles und mir geſagt hat: ſobald Herr Pascal einmal einen Menſchen in Abhängigkeit von ſich hält.. ſiehſt Du, dann mißbraucht er grauſam .. oh! ſehr grauſam ſeine Gewalt.“ „Ah! meine gute Sophie, ich ſehe, daß Du mich für eine Verſchwenderin, für eine Hirnloſerhältſt. Sei unbe⸗ ſorgt und bewundere mich; ich habe ſo viel Ordnung, daß ich jedes Jahr einige Erſparniſſe von meinen Einkünften mache und obgleich geringfügig, ſtelle ich doch dieſe Er⸗ ſparniſſe zu Deiner Verfügung. „Theure, zärtliche Freundin, Dank, tauſendmal Dank; ich wiederhole es Dir, die Kriſe, über die mein Mann und 109 ich beſorgt ſind, wird bald ein Ende haben; noch ein⸗ mal. mißtraue Herrn Pascal. Wenn Du Antonine ge⸗ ſehen haſt, werde ich Dir mehr ſagen.“ „Abermals Antonine! Du ſprachſt auch vorhin bei Gelegenheit des Elyſée von ihr.“ „Ja, dies Alles hängt zuſammen. . Du wirſt es ſelbſt ſehen... übermorgen erkläre ich mich vollſtändig.. Es wird dies ſehr wichtig für Antonine ſein.“ „Uebermorgen alſo, meine liebe Sophie. Ich muß geſtehen, Du reizeſt meine Neugierde ungemein, und ich ſuche vergebens zu finden, was es Gemeinſchaftliches zwi⸗ ſchen Antonine und dem Eiyſée, zwiſchen Antonine und dem niedrigen Menſchen (dies ſcheint er wenigſtens zu ſein), den man Herrn Pascal nennt, geben kann.“ Es ſchlug halb vier auf der Uhr der Fabrik. „Mein Gott! wie bin ich im Verzug,“ ſagte Mag⸗ dalena zu ihrer Freundin. „Ich eile von hinnen, doch nicht ohne zuvor Deine engeliſchen Kinder geküßt zu haben.“ Die beiden Frauen verließen das Zimmer. Wir kehren mit dem Leſer nach dem Elyſée⸗Bourbon zurück, wo wir den Erzherzog nach dem Abgang von Herrn Pascal allein gelaſſen haben. Bwölftes Rapitel. Sorgenvoll, in Gedanken verſunken ging der Erzher⸗ zog in ſeinem Cabinet auf und ab, während ihm ein Se⸗ cretaire, wie er ſie⸗entſiegelte, die im Tage eingelaufenen 3 Briefe auseinanderſetzte. „Dieſe Depeche, Kaiſerliche Hoheit,“ fuhr der Seere⸗ dem Prinzen und ſagte: taire fort, „bezieht ſich auf den mit ſeiner Familie nach England verbannten Oberſten Perneiti. Man glaubt Eure Hoheit darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß ſie gegen die Bitten und Schritte der Freunde des Ober⸗ ſten Pernetti auf der Hut ſein möge.“ „Ich bedurſte der Warnung nicht. Die republlkani⸗ ſchen Grundſätze dieſes Menſchen ſind zu gefährlich, als daß ich um irgend einen Preis Jemand, der zu ſeinen Gunſten ſpräche, anhören ſollte. Fahren Sie fort.“ „Seine Eccellenz der bevollmächtigte Geſandte der Republik Merico bittet um die Gnade, eine ſeiner Lands⸗ männinen Eurer Kaiſerlichen Hoheit vorſtellen zu dürfen. Es handelt ſich um ein ſehr dringendes Intereſſe und man beabſichtigt die Güte Eurer Hoheit um eine Andienz auf morgen zu erſuchen.“ „Iſt die Liſte der Audienzen für morgen ſehr über⸗ laden?“ „Nein, Hoheit.“ „Schreiben Sie, ich werde morgen um zwei Uhr den Herrn Geſandten von Merico und ſeine Landsmännin empfangen.“ Der Secretaire ſchrieb. Nach einem Augenblick fragte ihn der Erzherzog: „Iſt in dieſem Brief der Name der Perſon nicht erwähnt, die mir vorgeſtellt zu werden wünſcht?“ „Nein, Hoheit...“ „Das iſt gegen alle Gebräuche; ich bewillige die Audienz nicht.“ Der Secretaire legte den Brief, den er zu ſchreiben angefangen hatte, auf die Seite und nahm ein anderes Blatt Papier. Nach einiger Ueberlegung beſann ſich jedoch der Prinz eines Andern und ſprach: „Ich bewillige die Audienz.“ Der Secretaire neigte den Kopf, nahm einen andern Brief, ſtand auf, reichte denſelben, ohne ihn zu entſiegeln, 111¹ „Es ſteht auf dem Umſchlag; ev nfidentiel und zu eigenen Händen, Hoheit.“ Der Erzherzog nahm den Brief und las ihn; er war in folgenden vertraulichen Worten abgefaßt: „Nach reiflicher Ueberlegung werde ich Sie, ſtatt bis Donnerſtag zu warten, morgen um drei Uhr beſuchen: es hängt durchaus von Ihnen ab, daß unſer Geſchäft, noch während wir morgen beiſammen find, ab⸗ geſchloſſen und unterzeichnet wird.“ „Ihr ergebenſter „Pascal.“ Ein Augenblick lebendiger Hoffnung, bald wieder ge⸗ dämpft durch die Erinnerung an die Seltſamkeiten des Charakters von Herrn Pascal hatte den Prinzen beben gemacht, und dieſer ſprach mit kaltem Tone zu ſeinem Secretaire: „Sie werden Herrn Pascal in die Liſte der Audien⸗ zen für morgen um drei Uhr eintragen.“ Es trat ein Abjutant ein und fragte, ob der Prinz den Grafen Franz von Reuberg empfangen könne. „Gewiß,“ antwortete der Erzherzog. ünd nachdem er noch einige Augenblicke mit ſeinem S gearheitet hatte, gab er Befehl, Franz einzu⸗ ühren. Franz erſchien erröthend vor dem Prinzen, ſeinem Pathen, denn Franz war von einer außerordentlichen Schüchternheit und von einer Unſchuld, über die unſere zwanzigjährigen Wüſtlinge gewaltig ſpotten würden; in einem zu den zahlreichen Apanagen des Erzherzogs gehö⸗ rigen deutſchen Dorfe von einem proteſtantiſchen Geiſt⸗ lichen erzogen, hatte der Täufling der kaiſerlichen Hoheit dieſe Einſamkeit nur verlaſſen, um in eine für die Noble⸗ garden beſtimmte und mit puritaniſcher Strenge gehaltene Militärſchule einzutreten. WVon da hatte Franz, auf Befehl des Prinzen, wäh⸗ rend der Feldzüge im Kaukaſus als Freiwilliger bei der ruſſiſchen Armee Dienſte genommen; die rauhe Disciplin . 112 der Lager, die Strenge der Sitten des alten Generals, zu dem er, von ſeinem katſerlichen Pathen beſonders em⸗ pfohlen, geſchickt worden war; die ernſte oder traurige Iveenordnung, welche in gewiſſen muthigen, aber zarten und melancholiſchen Seelen der Anblick der Schlachtfelder während eines erbitterten Krieges ohne Gnade und Barm⸗ herzigkeit erweckt; die gewöhnliche Tiefe der Gedanken, welche eben dieſen Seelen, wenn nicht die Erwartung, doch wenigſtens die Mögllchkeit eines Todes verleiht, dem man jeden Tag unter den größten Gefahren kalt Trotz bietet; das Geheimniß ſeiner Geburt, mit dem ſich die Gewißheit verband, daß er nie die Süßigkeit der Lieb⸗ koſung eines Vaters oder einer Mutter kennen lernen ſollte. Alles hatte dazu beigetragen, Franz in einer Milte von Umſtänden und Betrachtungen zu halten, welche we⸗ nig dazu geeignet waren, die furchtſame Zurückhaltung ſeines Charakters und die Treuherzigkeit ſeines kindlich guten Gemüths zu ändern; bei Franz wie bei ſo vielen Andern ſtand der Heldenmuth übrigens vollkommen im Einklang mit einer außerordentlichen, unüberwindlichen Serie in den gewöhnlichen Verhältniſſen des Lebens. War es inveſſen Klugheit, war es Berechnung, wäh⸗ rend der ſechs Monate, die Franz bei ſeiner Rückkehr aus dem Kriege in Deutſchland zubrachte, hielt der Prinz ſei⸗ nen Pathen vom Hof entfernt. Dieſe Beſtimmung har⸗ mynirte vollkommen mit dem einfochen Geſchmack des jungen Manncs, mit ſeiner Reigung zu Stupien, denn er hatte nie ein anderes Glück geträumt, als das, welches in einer durch Selbſtbeſchäftigung ausgefüllten Muße eines dunklen und ruhigen Lebens beſteht; —was ſeine Gefühle für den Prinzen betrifft, ſo waren dieſe voll Dankbarkelt, voll ehrfurchtsvoller Anhänglichkeit, aber in ihrem ſchüch⸗ ternen Ausdruck zurückgehalten durch das impoſante Blend⸗ werk des beinahe ſonverainen Ranges dieſes kaiſerlichen Beſchützers. Die Verlegenheit von Franz war, als er nach dem 113 Abgang des Secretaires vor ſeinem Pathen erſchien, ſo groß, vaß er Anfangs ſtumm, unbeweglich und die Augen niedergeſchlagen blieb. Zum Glück ſchien der Prinz beim Anblick des jungen Mannes ſeine peinlichen Beſorgniſſe zu vergeſſen; ſeine kalte, hochmüthige Phyſiognomie milderte ſich, ſeine Stimme klärte ſich auf, ein freundliches Lächeln entrunzelte ſeine Lippen, er wandte ſich liebevoll an Franz und ſagte: „Guten Morgen, mein Kind.“ Und er nahm den blonden Kopf des jungen Mannes zwiſchen ſeine beiden Hände und küßte ihn zärtlich auf die Stirne; dann fügte er bei, als fühlte er das Bedürf⸗ niß, ſein Herz halb zu ergießen: „Es freut mich, Dich zu ſeheu, Franz .. Ich war dieſen Morgen von Geſchäften, von traurigen Geſchäften niedergedrückt. .. Gib mir den Arm, wir wollen mit einander einen Spaziergang durch den Garten machen.“ Franz öffnete eine von den Glasthüren, welche auf die Freitreppe, dem Raſen gegenüber, gingen, und der Pathe, wie ſein Täufling begaben ſich Arm in Arm unter die ſchattige Allee, in der der junge Mann am Morgen lange ſpazieren gegangen war. „Aber was haſt Du denn, mein Kind?“ ſagte bald der Prinz, der die Verlegenheit des jungen Mannes wahrnahm. „Kaiſerliche Hoheit, ich habe Ihnen ein Geſtändniß zu machen,“ antwortete Franz, deſſen Unruhe ſich ver⸗ mehrte. „Ein Geſtändniß?“ verſetzte der Prinz lächelnd, „laß das Geſtändniß hören.“ „Ein gewichtiges Geſtändniß.“ „Laß dieſes gewichtige Geſtändniß hören.“ „Ich habe keine Eltern, Eure Kaiſerliche Hoheit hat bis jetzt die Gnade gehabt, mir die Famitie zu erſetzen .“ „Und Du haſt allen meinen Bemühungen, allen mei⸗ nen Hoffnungen würdig entſprochen; Du haſt ſie ſogar übertroffen; beſcheiden, lernbegierig voll Muth haſt Du 114 vor drei Jahren, obgleich noch ſehr jung, mit eben ſo viel Verſtand, als Unerſchrockenheit in dem furchtbaren Krieg gekämpft, wohin ich Dich ſchickte, um Dich Deinen erſten Feldzug thun zu laſſen.. Du haſt dort die Feuertaufe, Deine erſte Wunde erhalten, mein armes Kind. Ich will nicht von einem Duell ſprechen, von dem ich nichts wiſſen ſoll, in welchem Du aber, wie mir bekannt iſt, wiederum einen Beweis von eben ſo viel Beherztheit, als Edelmuth abgelegt haſt.“ „Hoheit...“ „Ich bitte Dich, geſtatte, daß ich mich in dieſem Augenblick aller Deiner Anſprüche auf meine Zärtlichkeit erinnere.. Das thut mir wohl und läßt mich bittere Widerwärtigkeiten vergeſſen, deren unſchuldige und unwill⸗ kührliche Urſache Du biſt.“ „Ich, Hoheit?“ „Du denn wenn Du fortfährſt, mich mit Zufrie⸗ denheit zu erfüllen, kannſt Du die Zukunft, die mein zärt⸗ licher Ehrgeiz Dir bereitet, die unerwartete Lage, die Dei⸗ ner vielleicht harrt, nicht vorherſehen.“ „Sie wiſſen, Hoheit, die Einfachheit meines Ge⸗ ſchmacks . .. und...“ „Mein lieber Franz, dieſe Einfachheit, dieſe Beſchei⸗ denheit ſind Tugenden in gewiſſen Verhältniſſen, während vieſe Tugenden unter anderen Umſtänden Schwäche und Trägheit werden. Nun ſind wir aber fern von Deinem S Sprich, was haſt Du mir zu ſagen?“ „Hohe „Sprich, ſprich. mache ich Dir bange? iſt in Deinem Innern ein einziger Gedanke, den Du nicht die Stirne hoch, den Blick ſicher geſtehen kannſt?“ „Nein ich ſage Eurer Kaiſerlichen Hoheit auch ohne Umſchweife, daß ich zu. heirathen wünſche.“ Hätte der Blitz zu den Füßen des Prinzen einge⸗ ſchlagen, er wäre nicht ſo betäubt geweſen, als er es bei dieſen Worten von Franz war. Er machte ungeſtüm ſei⸗ 11⁵ nen Arm von dem des jungen Mannes los, wich zwei Schritte zurück und rief: „Sie heirathen, Franz?“ „Ja, Hoheit.“ „Sie ſind verrückt!“ „Hoheit „Sie heirathen kaum zwanzig Jahre alt.. Sie heirathen ... und ich bin darauf bedacht, für Sie...“ Hier ſich unterbrechend fügte der Prinz, durch die Ueberlegung wieder ruhig und kalt geworden, bei: „Und mit wem wollen Sie ſich verheirathen, Franz?“ „Mit Fräulein Antonine Hubert.“ „Wer iſt Fräulein Hubert? ihr Name? Wie ſagen Sie?“ „Hubert, Hoheit.“ „Wer iſt Fräulein Hubert?“ „Die Nichte von einem franzöſiſchen Beamten, dem Herrn Präſidenten Hubert.“ „Und wo haben Sie dieſes Fräulein kennen gelernt.“ „Hier, Hoheit.“ „Hier? . Ich habe nie Jemand dieſes Namens empfangen.“ „Wenn ich ſage hier, Hoheit, ſo meine ich in dieſer Allee, wo wir find.“ „Sprechen Sie deutlicher.“ „Eure Hoheit ſieht jene Mauer, welche den anlie⸗ genden Scen von dieſem trennt?“ „Nun? „Ich ging in dieſer Allee ſpazieren, Hoheit, als ich zum erſten Mal Fräulein Antonine erblickte.“ „In dem nächſten Garten?“ ſagte der Prinz, indem er bis zu der Mauer vorging, und nachdem er einen Blick hinein geworfen hatte, fügte er bei: „Dieſes Fräulein wohnt alſo in dem benachbarten „Ja, Hoheit.. Ihr Oheim hat einen Theil des Erd⸗ 1¹6 „Sehr gut.“ Der Prinz dachte einige Augenblicke nach und ſprach dann mit ſtrengem Ton: „Sie haben mir Ihre Geſtändniſſe angeboten, ich nehme ſie an doch legen Sie mir dieſelben offenherzig, mit voller Aufrichtigkeit ab wenn nicht ..“ „Hoheit!“ rief Franz mit einem Ausdruck ſchmerz⸗ lichen Erſtaunens. „Wohl, ich hatte Unrecht, Ihre Redlichkeit zu ver⸗ dächtigen. Sie haben mich in Ihrem ganzen Leben nicht belogen... Sprechen Sie ich höre.“ „Euere Kaiſerliche Hoheit weiß, daß ich ſeit unſerer Ankunft in Paris ſelten am Abend ausgegangen bin.“ „Es iſt wahr, ich wußte, wie wenig Sie Geſchmack an der Welt haben, ich kannte Ihre übermäßige Schüch⸗ ternheit, die ſich noch vermehrte durch die Furcht, in den ſo gefürchteten franzöſiſchen Salons zu erſcheinen, wo Sie doppelt fremd ſein mußten; ich wollte nicht in Sie dringen... Franz, und ließ Sie hier allein beinahe über alle Ihre Abende verfügen.“ „An einem dieſer Abende, Hoheit, vor ſechs Wochen. ſah ich zum erſten Male im nächſten Garten Fräulein Antonine. Sie begoß Blumen .. Ich ſtützte mich 6 mit den Ellenbogen auf jene Mauer.. Sie ſah mich .. Ich grüßte ſie... Erröthend erwiederte ſie meinen Gruß und fuhr dann fort die Blumen zu begleßen noch zweimal ſchlug ſie die Augen nach meiner Seite auf . Wir grüßten uns abermals dann wurde es völlig Nacht, und Fräulein Antonine verließ den Garten.“ Die treuherzige Anmuth, mit der der arme Franz ſein erſtes Zuſammentreffen mit dem Mädchen ſo naly etzählte, läßt ſich nicht wiedergeben. Seine bewegte Stimme, die Röthe ſeiner Stirne zeigten die ganze Rein⸗ heit vieſer unſchuldigen Seele. „Eine Frage, Franz,“ ſagte der Prinz, „hat vas Fräulein keine Mutter?“ „Nein, Hoheit, Fräulein Antonine hat ihre Mutter in der Wiege verloren und ihr Vater iſt vor vielen Jahren geſtorben.“ „Iſt ihr Oheim, der Herr Präſident Hubert, ver⸗ heirathet?“ „Nein, Hoheit.“ „Und wie alt iſt ſie?“ „Fünfzehn und ein halbes Jahr.“ „Und ſie iſt hübſch?2“ „Antonine! Hoheit?“ In dieſem Ausruf von Franz lag beinahe der Vor⸗ wurf: iſt es erlaubt, die Schönheit von Antonine nicht zu kennen? „Ich frage, ob das Mädchen hübſch iſt?“ wiederholte der Prinz. „Eure Hoheit erinnert ſich der entſchlummerten Hebe in der Gallerie ihres Palaſtes in Offenbach?“ „Einer meiner ſchönſten Correggiv.“ „Hoheit, Antonine gleicht dieſem Gemälde von Correggio, obgleich ſie noch viel ſchöner iſt.“ „Das iſt ſchwierig.“ „Eure Hoheit weiß, daß ich ſtets die Wahrheit ſpreche.“ „Fahren Sie in Ihrer Erzählung fort.“ Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, Hoheit, was ich, in mein Zimmer zurückgekehrt, fühlte, als ich an Fräu⸗ lein Antonine dachte ich war zugleich bewegt, unruhig und glücklich. Ich ſchlief die Nacht nicht i ging auf ich öffnete mein Fenſter und blieb an mei⸗ nem Balcon bls zum Morgen, um die Gipfel der Bäume des Gartens von Fräulein Antonine anzuſchauen. Oh! Hoheit, wie lang kam mir der andere Tag vor! Einige Stunden vor Sonnenuntergang war ich hier bei der Mauer. Envlich erſchien Fräulein Antonine, um die Blumen zu begießen.. Jeden Augenblick, da ich glaubte, ſie habe mich erblickt, ſchickte ich mich an, ſie zu grüßen, aber ich weiß nicht, wie das geſchah, ſie ſah mich nicht. Sie begoß doch ganz nahe bei der Mauer, wo ich mich 118 befand .. Ich hatte große Luſt, leicht zu huſten, um meine Gegenwart bemerkbar zu mochen, ich wagte es je⸗ voch nicht.. Es kam die Nacht, mein Herz blutete . Fräulein Antonine ſah mich fortwährend nicht, endlich kehrte ſie nach ihrem Hauſe zurück, nachdem ſie ihre kleine Gießkanne beim Brunnen niedergeſtellt hatte. Zum Glück, da ſie ohne Zweifel den Platz für dieſelbe ſchlecht fand, wandte ſie ſich wieder um und trug ſie auf eine Bank bei meiner Mauer. Da drehte ſie zufällig ihre Augen gegen mich. Wir grüßten uns Beide zu gleicher Zeit, und ſie eilte nach ihrer Wohnung zurück. Ich pflückte nun ei⸗ nige ſchoͤne Roſen, und indem ich mich geſchickt zu ſein bemühte, obgleich mein Herz gewaltig ſchlug, hatte ich das Glück, den Strauß gerade in die Oeffnung der Gießkanne von Fräulein Antonine fallen zu laſſen. Als ich wieder in meinem Zimmer war, zitterte ich, indem ich mir über⸗ legte, was das Fräulein denken dürfte, wenn ſie die Ro⸗ ſen fände; ich war ſo beunruhigt, daß ich Luſt hatte, hinabzugehen und über die kleine Mauer zu ſpringen, um den Strauß wieder zu holen. Ich weiß nicht, was mich zurückhielt. Ich hoffte, Fräulein Antonine würde vielleicht nicht ungehalten ſein. Welche Nacht brachte ich zu, Ho⸗ heit! Am andern Tag laufe ich zu der Mauer. Die Gießkanne und der Strauß waren immer noch auf der Bank; aber ich erwartete vergebens Fräulein Antonine; ſie kam an dieſem Abend nicht und am andern Tag eben ſo wenig, um ihre Blumen zu pflegen; meine Traurigkeit und meine Angſt während dieſer drei Tage und drei Nächte vermöchte ich Ihnen nicht zu ſchildern, Hoheit, und Sie hätten meinen Kummer errathen müſſen, wären Sie nicht zu dieſer Zeit verreiſt geweſen.“ „Mit dem Hofe nach Fontainebleau ohne Zweifel?“ „Ja. Doch verzeihen Sie, ich mißbrauche vielleicht die Geduld Eurer Kaiſerlichen Hoheit.“ „Nein, nein, Franz, fahren Sie fort. ich will im Gegentheil Alles erfahren. Ich bitte, ſetzen Sie Ihre Erzählung mit derſelben Aufrichtigkeit fort.“ — Preizehntes Rapitel. Auf die Aufforderung des Erzherzogs ſetzte Franz von Neuberg ſeine Erzählung mit einer reizenden Unſchuld fort: „Seit drei Tagen war Fräulein Antonine nicht er⸗ ſchienen, Hoheit; ganz niedergeſchlagen vor Traurigkeit, nichts mehr hoffend, ging ich dennoch zu der gewöhnlichen Stunde in den Garten; wie groß war meine Ueberra⸗ ſchung, meine Freude, als ich zu der Mauer kam und unter mir Fräulein Antonine auf der Bank ſitzen ſah. Sie hatte in ihrer auf ihrem Schvoß ruhenden Hand meinen Strauß längſt verwelkter Roſen; ihr Kopf war geſenkt; ich ſah nur ihren Hals und den untern Theil ihrer Haare; ſie vermuthete meine Anweſenheit nicht; ich blieb unbe⸗ weglich und hielt beinahe meinen Athem zurück, ſo ſehr befürchtete ich, meine Gegenwart kundgebend ihren Ab⸗ gang zu veranlaſſen; endlich ermannte ich mich und ſagte zitternd, denn zum erſten Mal ſprach ich zu ihr: „„Guten Abend, mein Fräulein!““ Sie bebte; dieſe Bewegung machte den verwelkten Strauß niederfallen; ſie bemerkte es nicht, und ohne ihre Stellung zu verändern, ohne den Kopf umzudrehen oder zu erheben, antwortete ſie mir mit einer Stimme ſo leiſe und ſo bewegt, als die meinige: „„Guten Abend, mein Herr!“ Da ich mich ſo gut aufgenom⸗ men ſah, Hoheit, ſo fügte ich bei: „„Seit drei Tagen ſind Sie nicht gekommen, um Ihre Blumen zu begießen, mein Fräulein.“ „„Es iſt wahr,““ erwiederte ſie mit einer ganz zitternden Stimme, „ich war ein wenig leidend.““ „„Oh! mein Gott!““ rief ich mit einer ſolchen Bangig⸗ keit, daß Antonine einen Augenblick den Kopf zu mir er⸗ hob. Ach! ich fand ſie in der That ſehr bleich, Hoheit; doch ſie nahm bald ihre erſte Stellung wieder an, und ich ſah nur ihren Hals, der mir leicht zu erröthen ſchien. „Und nun find Sie minder leidend, mein Fräulein?““ „„Ja, mein Herr,“ ſagte ſie. Dann fügte ich, nachdem ich ei⸗ nen Augenblick geſchwiegen, bei: „„Sie können wenigſtens, wie früher, jeden Abend kommen, um Ihre Blumen zu begießen?““ „Ich weiß nicht, mein Herr, doch ich hoffe es.““ „Befürchten Sie nicht, nachdem Sie krank gewe⸗ ſen, könnte Ihnen die Kühle dieſes Abenvs ſchädlich ſein?““ „Sie haben Recht, mein Herr,““ erwiederte ſie, „„ich vanke Ihnen . ich werde zurückkehren.“ Es hatte wirklich den ganzen Morgen geregnet, Hoheit, und es war ſehr kalt. In dem Augenblick, wo ſie die Bank verlaſſen wollte, ſagte ich zu ihr; „„Mein Fräulein, wollen Sie mir den verwelkten Strauß geben, der zu Ihren Füßen gefallen iſt?““ Sie hob ihn auf und reichte ihn mir ſtill⸗ ſchweigend, ohne den Kopf zu erheben und ohne mich an⸗ zuſchauen; ich nahm den Strauß wie einen Schatz, und bald verſchwand Fräulein Antonine bei der Biegung der Allee.“ Der Erzherzog hörte ſeinen Tauſpathen mit einer tie⸗ fen Aufmerkſamkeit an. Das Unſchuldige dieſer Erzäh⸗ lung war ein Beweis für ihre Aufrichtigkeit. Bis jetzt konnte nichts auf den Gedanken führen, Franz ſei das Spielzeug von einer von jenen von den Fremden ſo ſehr gefürch⸗ teten Pariſerinnen oder der Bethörte eines auf Abenteuer aus⸗ gehenden Mädchens geweſen, wie es der Erzherzog An⸗ fangs befürchtet hatte; doch er wurde von einer viel ern⸗ ſteren Furcht ergriffen: eine ſolche ohne Zweifel 3 und feuſch erhaltene Liebe mußte gerade wegen ihrer Reinheit, welche jeden Gewiſſensbiß von der Seele vieſer zwei Kin⸗ der (das eine war fünfzehn und ein halbes Jahr, das andere zwanzig Jahre alt) entfernte, ſchon tief in ihren Herzen eigewurzelt ſein. Als Franz das Geſicht des Prinzen immer mehr ſich verdüſtern und ſeinen Blick wieder ſtolz und eiſig werden ſah, hielt er ganz beſtürzt inne. 4 8 121¹ „Sie wollen alſo,“ ſagte der Erzherzog ironiſch, während ſein Taufpathe ſchwieg, „Sie wollen alſo ein Mädchen heirathen, mit dem Sie nicht vier Worte geſpro⸗ chen, und deſſen ſeltene Schönheit, wie Sie ſagen, Ihnen den Kopf verdreht hat?“ „Ich hoffe die Einwilligung Eurer Kaiſerlichen Ho⸗ helt zu erlangen, um Fräulein Antonine zu heirathen, weil ich ſie liebe, und weil unſere Heirath unmöglich verſchoben werden kann.“ Bei dieſen, trotz der Schüchternheit von Franz, ent⸗ ſchloſſen betonten Worten bebte der Prinz und machte es ſich zum Vorwurf, daß er an jene germaniſche Liebe von ſprüchwörtlicher Reinheit geglaubt hatte. „Und warum, mein Herr, warum ſollte dieſe Heirath nicht verſchoben werden können?“ „Weil ich ein Mann von Ehre bin, Kaiſerliche Hoheit.“ „Ein Mann von Ehre! Sie find ein unredlicher Mann voder ein Thor! .. „Hoheit!“ „Sie haben auf eine unwürdige Weiſe die Unſchuld eines fünfzehnjährigen Kindes mißbraucht, oder Sie find der Bethörte deſſelben geweſen. Die Pariſerinnen ſind frühreif in der Kunſt, ſich Männer zu erangeln.“ Franz ſchaute einen Augenblick den Prinzen ſtill⸗ ſchweigend an, aber ohne Verlegenheit, ohne Zorn, und als hätte er vergebens den Sinn dieſer Worte geſucht, die ihn weder in ſeiner Liebe, noch in ſeiner Ehre trafen. „Entſchuldigen Sie, Hoheit,“ ſagte er, „ich verſtehe Sie nicht.“ Franz ſprach dieſe Worte mit einem ſolchen Aus⸗ vruck von Aufrichtigkeit, mit einer ſo freimüthigen Sicher⸗ heit, daß der Prinz, nach kurzem Stillſchweigen, indem er einen durchdringenden Blick auf den jungen Mann heftete, etwiederte: „Haben Sie mir nicht geſagt, Ihre Heirath mit dem Mädchen könne nicht verſchoben werden?“ Die ſieben Tohſünden. 1v. Abth. 122 „Nein mit der Erlaubniß Eurer Kaiſerlichen „ kann ſie es nicht ſein. . . wird ſie es nicht ein „Weil Sie ſich ſonſt gegen die Ehre verfehlen würden?“ „Ja, Hoheit.“ „Und worin... und warum würden Sie ſich gegen die Ehre verfehlen, wenn Sie Fräulein Antonine nicht heiratheten?“ „Weil wir uns im Angeſicht des Himmels einander zu gehören geſchworen haben, Hoheit,“ antwortete Franz mit gedrängter Energie. Obwohl halb beruhigt, fügte der Prinz bei: „Und unter welchen Umſtänden konnten Sie dieſen Schwur austauſchen?“ „Aus Furcht, Sie unzufrieden zu machen, Hoheit, oder Ihre Aufmerkſamkeit zu ermüden, unterbrach ich meine Crzählung.“ „Gut. „fahren Sie fort...“ „Hoheit, ich befürchte .. „Fahren Sie fort. . übergehen Sie aber nichts, ich will Alles wiſſen.“ 85 „Oft ging der Oheim von Antonine Abends aus und ſie blieb allein zu Hauſe .. Die Jahreszeit war ſo ſchön, daß Fräulein Antonine alle Abende im Garten zubrachte. Wir hatten uns gegenſeitig ermuthigt und plauberten oft lange mit einander, ſie auf der kleinen Bank, ich auf die Mauer gelehnt; ſe erzählte mir ihr ganzes Leben, ich theilte ihr das meinige mit und ſprach beſonders von meiner ehrfurchtsvollen Anhänglichkeit für Sie, dem ich Alles zu verdanken hahe. Fräulein Anto⸗ nine theilt auch zu dieſer Stunde meine tiefe Dankharkeit für Eure Kaiſerliche Hoheit.“ Bei dieſer Stelle der Erzählung von Franz erregte ein Geräuſch von Tritten, das immer näher kam, die Aufmerkſamkeit des Prinzen; er drehte ſich um und ſah 3 einen von ſeinen Adjutanten, der in einiger Entfernung S 2 123 ſtehen blieb; auf ein Zeichen des Erzherzogs machte der Ofſicier ein paar Schritte. „Was wollen Sie, mein Herr?“ fragte der Prinz. „Seine Excellenz der Herr Kriegsminiſter iſt ſo eben an⸗ gekommen; er ſteht zu den Befehlen Eurer Kaiſerlichen Ho⸗ heit für den Beſuch, den ſie im Invalidenhaus machen ſoll.“ „Sagen Sie Seiner Ercellenz, ich gehöre ihm in einem Augenblick.“ Während ſich der Adjutant entfernte, wandte ſich der Prinz mit einer eiſigen Miene an Franz und ſagte zu ihm: „Kehren Sie in Ihr Zimmer zurück, mein Herr; Sie bleiben im Arreſt bis zum Augenblick Ihrer Abreiſe.“ „Meiner Abreiſe, Hoheit?“ „Meiner Abreiſe?“ wiederholte Franz vernichtet, „oh, mein Gott! und wohin ſchicken Sie mich, Hoheit?“ „Sie werden es ſehen; ich übergebe Sie der Obhut des Major Butler; er ſoll für Sie haften; ehe vierund⸗ zwanzig Stunden vergehen, haben Sie Paris verlaſſen.“ „Gnade, Hoheit, rief mit flehender Stimme Franz, der das, was er hörte, nicht glauben konnte, „haben Sie Mitleid mit mir, nöthigen Sie mich nicht, abzureiſen.“ „Kehren Sie in Ihr Zimmer zurück,“ ſprach der Prinz mit der Härte eines militäriſchen Befehls, indem er ihn durch ein Zeichen mit der Hand vorangehen hieß, „nie nehme ich einen Befehl zurück, den ich gegeben habe. Ge⸗ horchen Sie.“ Niedergebeugt und traurig, begab ſich Franz in ſein Zimmer, das im erſten Stock des Palaſtes, unfern von der Wohnung des Erzherzogs, lag und auf den Garten ging. Gegen ſieben Uihr trug man dem jungen Mann ein Mittagsbrod auf, das er nicht berührte. Es wurde Nacht und Franz hörte zu ſeinem Erſtaunen und zu ſei⸗ ner tiefen, ſchmerzlichen Demüthigung, daß min ſeine Thüre von außen doppelt ſchloß. Gegen Mitternacht, als Alles im Palaſte ſchlief, öffnete er ſachte ſein Fenſter und trat auf ſeinen Balcon; mit Hülfe eines Stockes gelang es ihm, ſodann, ein wenig von der Mauer, an der er befeſtigt war, den Pfoſten von einem Laden der Fenſter des Erd⸗ geſchoßes zu entfernen; auf dieſen wankenden Stützpunkt ſetzte Franz, nachdem er auf das Gitter des Balcon ge⸗ ſtiegen war, die Spitze des Fußes; dann bediente er ſich der Latten des Ladens wie eine Leiter, erreichte den Bo⸗ den, durchſchritt die ſchattige Allee, erklelterte die kleine Scheldemauer und befand ſich bald im Garten des von Antonine bewohnten Hauſes. Obgleich der Mond von dichten Wolken verſchleiert war, herrſchte doch eine Halbhelle unter den großen Bäu⸗ men, welche bis jetzt Antonine und Franz als Zuſammen⸗ kunfisort gedient hatten; nach einigen Augenblicken gewahrte er eine weiße Geſtalt, die ſich raſch näherte; bald war das Mädchen bei dem iungen Mann und ſagte haſtig: „Ich komme nur auf eine Minuie, damit Sie nicht unig ſein mögen, Franz.. Ich habe einen Augen⸗ blick der Betäubung meines Oheims benützt; er iſt ſehr leidend .. ich kann mich nicht länger von ihm enifer⸗ nen. Gute Nacht, Franz,“ fügte Antonine mit einem ſchweren Seufzer bei; „es iſt ſehr traurig, ſich ſo zu trennen, doch es muß ſein. Noch einmal, gute Nacht. Bielleicht morgen.“ Der junge Mann war von dem, was er Antonine mittheilen ſollte, ſo niedergeſchmettert, daß er nicht die Kraft hatte, ſie zu unterbrechen; dann rief er mit einer vom Schluchzen gehemmten Stimme: „Antonine, wir ſind verloren.“ „Verloren!“ 35 ile ab.“ 77 Prinz zwingt mich dazu.“ „Oh! mein Gott!“ ſiſtee e erlechen, indem ſie ſich auf vie Lehne der Gartenbank ſtützte, „oh! mein Gott!“ Und da ſie kein Wort mehr hervorbringen konnte, zerfloß 125 ſie in Thränen. Nach einem Augenblick ſchmerzlichen Stillſchweigens ſagte ſie: „Und Sie hofften auf die Einwilligung des Prinzen, Franz?“ „Ach! ich glaubte ſie zu erlangen, wenn ich ihm ganz einfach ſagen würde, wie ſehr ich Sie liebe, wie ſehr Sie dieſe Liebe verdienen . . . . Der Prinz war un⸗ beugſam.“ „Abreiſen! . . und trennen . Franz,“ murmelte Antonine mit gebrochener Stimme, „vas iſt unmöglich . uns trennen heißt wollen, daß wir Beide vor Kummer ſierben.. Und der Prinz wird vas nicht wollen.“ „Sein Wille iſt unbeugſam. . . Doch was auch ge⸗ ſchehen mag,“ rief Franz, indem er vor dem Mädchen auf die Kniee ſank, „ja, obſchon ich hier fremd, ohne Familie bin, obſchon ich nicht weiß, was aus mir wer⸗ den ſoll. . . bleibe ich doch trotz des Prinzen... Beruhigen Sie ſich, Antonine.“ Franz konnte nicht fortfahren, er ſah in der Ferne ein Licht glänzen, und eine Stimme rief voll Angſt: „Fräulein Antonine...“ „Mein Gott! die Haushälterin meines Oheims! .. ſie ſucht mich,“ ſagte das Mädchen. Dann ſich an Franz wendend: „Franz, wenn Sie abreiſen, ſterbe ich.“ ünd Antonine verſchwand auf der Seite, wo das Licht erſchienen war. Gelähmt durch den Schmerz, ſank der junge Mann auf die Bank und verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. Nach einigen Minuten hörte er eine Stimme, die aus der Allee des Gartens vom Elyſée kam, ihn bel ſeinem Namen: „Franz!“ rufen. Er bebte, denn er glaubte die Stimme des Prinzen zu erkennen, und er täuſchte ſich nicht; zum zweiten Mal wurde ſein Name ausgeſprochen. Die Furcht, die Gewohnheit des paſſiven Gehorſams, ſeine Achtung und ſelne Dankbarkeit für den Erzherzog, . 126 der ihm bis jetzt die Stelle der Familie vertreten hatte, führten Franz zu der kleinen Mauer zurück, welche die beiden Gärten trennte; hinter dieſer Mauer ſah er den Prinzen im Mondſchein; der Erzherzog reichte ihm mit einer eiſigen Ironie die Hand, um ihm wieder in die Allee ſteigen zu helfen, und ſagte mit ſtrengem Ton: „Als ich vorhin zurückkehrte, ging ich in Ihr Zim⸗ mer; ich fand Sie nicht. Ihr offenes Fenſter belehrte mich von Allem folgen Sie mir nun.“ „Hoheit,“ rief Franz, indem er ſich dem Prinzen zu Füßen warf und ſeine gefalteten Hände gegen ihn aus⸗ ſtreckte, „Hoheit, hören Sie mich.“ „Major Butler,“ ſprach der Prinz mit lauter Stimme ſich an eine Perſon wendend, die bis jetzt im Schatten verborgen war, „begleiten Sie den Grafen Franz in ſein Zimmer. .. Sie verlaſſen ihn nicht einen Augenblick und haften mir für ihn.“ Vierzehntes Rapitel. Am andern Tag, nachdem die von uns erzählten Ereigniſſe vorgefallen waren, befand ſich der Erzherzog, beſtändig in große Uniform gekleidet, denn er trieb ſeine Militärmanie bis auf die äußerſten Grenzen, gegen zwei uhr Nachmittags in ſeinem Cabinet; einer von ſeinen Adjutanten, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, von ruhiger entſchloſſener Phyſiognomie, ſtand vor dem Tiſch, auf deſſen anderer Seite der Prinz, mit Schreiben be⸗ ſchäftigt, die Miene noch ſorgenveller, ſtrenger und hoch⸗ —— — 127 müthiger, als gewöhnlich, ſaß; während er ſchrieb und ohne die Augen zu dem Officier aufzuſchlagen, ſagte er zu dieſem: „Iſt der Hauptmann Blum beim Grafen Franz gs⸗ blieben?“ „Ja, Kaiſerliche Hoheit.“ „Sie haben den Arzt geſehen?“ „Ja, Kaiſerliche Hoheit.“ „Was denkt er von dem Zuſtand des Grafen?“ „Er findet ihn äußerſt befrledigend.“ „Glaubt er, der Graf könne ohne irgend eine Ge⸗ fahr die Strapazen der Reiſe ertragen?“ „Ja, Kaiſerliche Hoheit.“ „Major Butler, geben Sie ſogleich Befehl, einen von meinen Reiſewagen in Bereitſchaft zu halten.“ „Sehr wohl, Kaiſerliche Hoheit.“ „Dieſen Abend um ſechs Uhr reiſen Sie mit dem Grafen Franz ab.. hier iſt Ihre Reiſevorſchrift,“ fügte der Prinz bei und gab dem Adjutanten die Note, die er geſchrieben hatte. „Major Butler, Sie werden nicht lange auf die Zeſchen meiner Zufriedenheit zu warten haben, wenn Sie mit Ihrer gewöhnlichen Ergebenheit und Feſtigkeit den Auftrag vollziehen, den ich Ihnen ertheile.“ „Eure Kaiſerliche Hoheit kann auf mich zählen.“ „Ich weiß das. ich weiß aber auch, daß der Graf Franz ſobald er ſich von ſeiner erſten Niedergeſchlagen⸗ heit erholt hat und nicht mehr durch ſeine Ehrfurcht und ſeinen Gehorſam gegen mich zurückgehalten wird, ſicher⸗ lich in der Abſicht, um jeden Preis wieder nach Patis zu komnen, Ihrer Bewachung zu entſtiehen bemüht ſein wird. Penn dies geſchähe, mein Herr, nehmen Sie ſich wohl in Acht . mein ganzer Unwille würde auf Sie fallen.“ „Ich bin überzeugt, daß ich mich der Güte Eurer Kaiſerlichn Hoheit nicht unwürdig machen werde.“ „Ich hoffe es. „ vergeſſen Sie indeſſen nicht, mir 1 . 128 zweimal täglich bis zu Ihrer Ankunft an der Grenze zu ſchreiben.“ „Ich werde nicht ermangeln, dies zu thun.“ „Bei Ihrer Ankunft auf dem Gebiete der Rheinpro⸗ vinzen übergeben Sie dieſe Depeche der Militärbehörde.“ „Sehr wohl, Kaiſerliche Hoheit.“ „Haben Sie das Ziel Ihrer Reiſe erreicht, ſo thun Sie es mir zu wiſſen.. . und Sie erhalten von mir neue Befehle.“ In dieſem Augenblick ſagte der Prinz, der leicht hatte klopfen hören, zu dem Major: „Sehen Sie nach, wer es iſt.“ Ein anderer Adjutant übergab dem Officier einen Brief und ſprach leiſe zu ihm: „Der Herr Geſandte von Merico hat mir dieſen Brief für S. K. H. übergeben.“ Der Adjutant entfernte ſich wieder. B Der Major reichte dem Prinzen den Brief und ſagte ihm, woher er kam. „Ich empfehle Ihnen noch einmal die größte Wach⸗ ſamkeit, Major Butler,“ ſprach der Erzherzog, während er den Brief des mericaniſchen Geſandten neben ſich legte, ohne ihn zu öffnen. „Sie haften mir dafür, daß Sie den Grafen Franz bis an die Grenze bringen.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, Kaiſerliche Hoheit.“ „Ich vertraue auf Ihr Wort, denn ich weß, was es werth iſt. Wenn Sie es halten, haben Sie ſich nur Glück zu wünſchen .. Sie reiſen alſo un uhr ab. Laſſen Sie ſogleich alle Vorkehrungen keffen .. wird Ihnen das zur Reiſe erforderlche Geld geben.“ Der Major verbeugte ſich. „Sagen Sie dem Oberſten Heidelberg, er ſoll in ei⸗ nigen Augenblicken den Herrn Geſandten von Mexicv und die Perſon, die ihn begleitet, einführen.“ „Sehr wohl, Kaiſerliche Hoheit.“ 129 Der Officler machte eine tiefe Verbeugung und ging hinaus. Als der Prinz allein war, ſagte er, langſam den eniſiegelnd, den man ihm übergeben hatte, zu ſich e ² „Man muß dieſen unglücklichen jungen Mann von ſeiner eigenen Tollheit retten .. Eine ſolche Heirath!.. es iſt wahnſinnig. .. Ich bin übrigens ſelbſt wahnfinnig, vaß ich mich einen Augenblick über die Folgen der tollen Leidenſchaft von Franz beunruhigte, als hätte ich nicht jede Gewalt über ihn . . Nicht Zorn, ſondern Mitleid muß mir ſein Benehmen einflößen.“ Unter dieſen Betrachtungen hatte der Prinz den Brief entſiegelt und maſchinenmäßig den Blick auf den Inhalt geworfen; plotzlich ſprang er von ſeinem Stuhl auf; ſeine hochmüthigen Züge nahmen einen Ausdruck zorniger Ent⸗ rüſtung an, und er rief: „Die Marquiſe von Miranda, dieſes hölliſche Weib, das kürzlich erſt in Bologna ſo großes Aergerniß und bei⸗ nahe eine Revolution veranlaßt hat, indem es den un⸗ glücklichen Cardinal⸗Legaten dem Geziſche, der Wuth ei⸗ ner ganzen, ſchon ſo ſchlecht gefinnten, Bevölkerung preis⸗ gab. Oh! unter keiner Bedingung werde ich dieſes un⸗ würdige Geſchöpf empfangen.“ Nachdem er ſo geſprochen, eilte der Prinz zu der Thüre, um Befehl zu geben, die Marquiſe nicht einzu⸗ laſſen. Es war zu ſpät. Die beiden Flügel wurden in dieſem Augenblick vor ihr geöffnet, und ſie erſchien, begleitet von dem Geſand⸗ ten von Mexico. Das durch das Erſtaunen des Erzherzogs, welches er indeſſen nicht bemerkte, veranlaßte Stillſchweigen be⸗ nützend, verbeugte ſich der Diplomat tief und ſprach: „Ich darf wohl hoffen, daß Eure Kaiſerliche Hoheit die Enfſchuldigung genehmigen wird, die ich brieflich in Betreff der von mir in meiner geſtrigen Supplik unter⸗ 130 laſſenen wichtigen Förmlichkeit an ſie gerichtet habe; denn ich hätte ſollen den Namen der Perſon anführen, zu de⸗ ren Gunſten ich um eine Audienz bei Eurer Kaiſerlichen Hoheit nachſuchte; ich habe dieſe Unterlaſſung gut gemacht; es bleibt mir nuk noch die Ehre, Eurer Kaiferlichen Hoheit die Frau Marquiſe von Miranda, die einen der bedeu⸗ tendſten Namen unſeres Landes führt, vorzuſtellen, und ſie dem Wohlwollen Eurer Kaiſerlichen Hoheit zu empfehlen.“ Der Diplomat, der das verlängerte Stillſchweigen des Erzherzogs für eine Entlaſſung hielt, verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ging ärgerlich über einen ſo eifigen Empfang weg. Magdalena und der Erzherzog blieben allein. Die Marquiſe war ihrer Gewohnheit gemäß eben ſo einfach, eben ſo weit, als am Tage vorher gekleidet; nur, war es Zufall, war es Berechnung, verzierte an dieſem Tag ein Schleierchen von genähten engliſchen Spi⸗ tzen ihre Capote von weißem Crepe und verbarg beinahe gänzlich ihr Geſicht. Der Prinz, an deſſen Sitten ſowohl die militäriſche Härte, als die religiöſe Strenge Theil hatten, (ſeine Liebe für die Mutter von Franz war ſeine erſte und einzige Jugendverirrung geweſen), der Prinz betrachtete mit einer Art von ängſtlicher Abneigung dieſe Frau, die in ſeinen Augen die tiefſte, gefährlichſte Verdorbenheit ſymboliſirte; denn das öffentliche Gerücht beſchuldigte die Marquiſe, ſie greife durch ihre Verführungen vorzugsweiſe mit den im⸗ poſanteſten und heiligſten Charakteren geſchmückte Perſo⸗ nen an, und dann hatte das allenthalben verbreitete Aben⸗ teuer mit dem Cardinal⸗Legaten (aus dem abſolutiſtiſchen und religiöſen Geſichtspunkt des Erzherzogs betrachtet) ſo beklagenswerthe Folgen gehabt, daß ein Gefühl politiſcher Rachgier noch ſeinen Haß gegen Magdalena vermehrte; obgleich kalte, höfliche Würde Gewohnheit ſeines Weſens war, gedachte er doch Anfangs den läſtigen Beſuch un⸗ geſchlacht wegzuſchicken, oder ſich, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, verächtlich in ein anſtoßendes Zimmer zurückzuziehen. — — —— —— . 13¹ Aber die Begierde, endlich vie Frau zu ſehen, über welche ſo viele ſeltſame Gerüchte im Umlauf waren, und beſon⸗ ders das Verlangen, ſie ſo hart zu behandeln, als ſie es ſeiner Anſicht nach verdiente, brachten den Prinzen wieder von ſeinem Entſchluß ab; er blieb alſo; doch ſtatt Mag⸗ dalena, die ihn durch ihren beſtändig herabgelaſſenen Schleier aufmerkſam anſchaute, einen Stuhl zu bieten, lehnte ſich der Erzherzog viereckig an den Kamin an, kreuzte die Arme und maß, den Kopf zurückgeworfen, die Augenbrauen herriſch hinaufgezogen, die Bittſtellerin mit dem ganzen Trotz ſeines ſouverainen Hochmuths, ver⸗ ſchloß ſich in ein eiſiges Stillſchweigen und ſagte zu Mag⸗ dalena nicht ein Wort der Ermuthigung oder der her⸗ kömmlichen Höflichkeit. Gewohnt, eine ganz andere Wirkung hervorzubringen, und, ihrer unbewußt vielleicht, der Einſchüchterung unter⸗ liegend, welche die erhabene Abſtammung ausübt, beſon⸗ ders wenn ſie ſich unter einem anmaßenden, hoffärtigen Aeußeren offenbart, durch den niederbeugenden Empfang aus der Faſſung gebracht, fühlte die Marquiſe dieſen um ſo mehr, als ſie auf die Artigkeit des Prinzen gehofft hatte. Da es ſich indeſſen für ſie um hellige Intereſſen handelte, und da fie beherzt war, ſo bezwang ſie die Bewegung in ihrem Innern und entſchloß ſich, wie das in Merico naturaliſirte ſpaniſche Sprüchwort ſagt, muthig den Stier bei den Hoͤrnern zu faſſen Sie ſetzte ſich nachläßig in ein Fauteuil und ſagte zu dem Prin⸗ zen mit der lächelndſten, ungezwungenſten Miene der Welt: „Kaiſerliche Hoheit, ich komme, um Sie ganz ein⸗ ach um zweierlei zu bitten: das Eine iſt beinahe unmög⸗ ch, das Zweite iſt ganz unmöglich.“ Der Erzherzog war verwirrt; ſein ſouverainer Rang, der Hochmuth, die Härte ſeines Charakters, ſeine unbeug⸗ ſame Strenge hinſichtlich der bei den nordiſchen Höfen noch ſo mächtigen Etiquette hatten ihn ſo ſehr daran ge⸗ wöhnt, die Frauen ſeiner Perſon ſich nur mit der unter⸗ thänigſten Ehrfurcht nähern zu ſehen, daß man ſich den⸗ 132 ken kann, wie er von der vertraulichen Leichtigkeit von Magdalena verblüfft war, welche alſo fortfuhr: „Sie antworten nicht? Wie ſoll ich das Stillſchwei⸗ gen Eurer Hoheit auslegen? Iſt es Nachdenken 2. . Iſt es Schüchternheit? .. Iſt es Einwilligung?. .. Sollte es endlich Unhöflichkeit ſein?... Unhöflichkeit? nein .. ich kann das nicht glauben. Die Sklaven, wenn ſie den Boden Frankreichs berühren, werden frei, und die am wenigſten galanten Männer werden äußerſt artig.“ Beinahe betäubt durch das Erſtaunen und den Zorn, den bei ihm dieſe vermeſſenen Worte verurſachten, blieb der Prinz ſtumm. Die Marquiſe ſprach lächelnd weiter: „Nichts? nicht ein Wort? Ah! was bedeutet dieſe verlängerte Stummheit! Ich wiederhole, Hoheit, iſt es Ueberlegung, ſo überlegen Sie . . . Iſt es Schüchtern⸗ heit? überwinden Sie dieſelbe. . . Iſt es Unhoöflichkeit? erinnern Sie ſich, daß wir in Frankreich ſind, und daß ich eine Frau bin. Darf ich im Gegentheil Ihr Still⸗ ſchweigen als eine blinde Genehmigung deſſen, um was ich Sie bitten will, betrachten? dann ſagen Sie es mir ſogleich. damit ich Ihnen mittheilen kann, welche Gna⸗ den es ſind, die Sie mir ſo huldreich zum Voraus be⸗ willigen, und wofür ich Ihnen ſodann herzlich danken werde. Nach dieſen Worten zog Magdalena ihren Hand⸗ ſchuh aus und reichte dem Erzherzog ihre Hand. Dieſe ganz kleine, weiße, zarte bewegliche, azurge⸗ aderte Hand, deren verlängerte Nägel roſenfarbigen Mü⸗ ₰ ſchelchen glichen, erregte unwillkührlich die Aufmerkſamkeit des Prinzen; in ſeinem Leben hatte er keine ähnliche Hand geſehen; bald aber beſchämt, empört darüber, daß er ſich einer ſolchen Bemerkung in einem ſolchen Augenblick hin⸗ gegeben hatte, ſtieg ihm die Röthe der Entrüſtung zur Stirne, und er ſuchte ein herriſch verächtliches, verletzen⸗ des Wort, um mit einem Keulenſchlag vieſe Vermeſſene ——, —— niederzuſchmettern, deren Uebermuth ſchon zu lange für die erzherzogliche Würde gedauert hatte. Zum Unglück war der Prinz mehr gewohnt, ſeine Truppen zu commandiren oder die Huldigungen ſeiner Höflinge in Empfang zu nehmen, als plotzlich nieder⸗ ſchmetternde Worte zu finden, beſonders wenn es ſich darum handelte, eine junge und ſchöne Frau niederzuſchmet⸗ tern; er ſuchte indeſſen . Dieſes durchlauchtigſte Nachdenken gab Magda⸗ lena Zeit, ihre kleine Hand unter ihre weiten Aermel zurückzuziehen und mit einem boshaften Lächeln zu dem Prinzen zu ſagen: „Es unterliegt keinem Zweifel mehr, das Stillſchwei⸗ gen Eurer Hoheit iſt Schüchternheit. und zwar deutſche Schüchternheit!. . Ich kenne das. Nach der Schüchtern⸗ heit der Gelehrten iſt dies das Unüberwindlichſte und folg⸗ lich das Achtbarſte; doch Alles hat ſeine Grenzen;. . faſſen Sie ſich, Hoheit; ich habe doch, wie ich glaube, nichts Ehrfurcht Einflößendes an mir,“ fügte die Mar⸗ quiſe bei, ohne noch den Schleier aufzuheben, der ihr Geſicht verbarg. Der Erzherzog hatte Unglück; trotz ſeines guten Wil⸗ lens fand er ſein niederſchmetterndes Wort nicht; doch er fühlte, wie lächerlich ſeine Stellung wurde, und rief: „Madame, ich weiß nicht, wie Sie es haben wagen können, hier zu erſcheinen.“ „Ich bin mit Ihrer Bewilligung erſchienen, Hoheit.“ „Als ich Ihnen geſtern eine Audienz bewilligte, wußte ich Ihren Namen nicht.“ „Und was hat Ihnen denn mein Name gethan?“ „Ihr Name, Madame? Ihr Name?“ „Ja, Hoheit.“ „Ihr Name war das Aergerniß von Deutſchland. Sie haben den religiöſeſten, den ſpirltualiſtiſchſten von un⸗ ſeren Oichtern zum Heiden, zum Götzenanbeter, zum Materialiſten gemacht.“ „Ah!“ erwiederte Magdalena mit dem treuherzigen Tone eines Landmädchens, „das iſt nicht meine Schuld.“ „Es iſt nicht Ihre Schuld?“ „Und dann . worin liegt denn das große Uebel, Hoheit! Ihr religiöſer Dichter machte mittelmäßige Verſe zu dieſer Stunde macht er vortreffliche.“ „Sie ſind darum nur um ſo gefährlicher Madame.. und ſeine Seele?.. ſeine Seele?“ „Seine Seele iſt in ſeine Verſe übergegangen, Ho⸗ heit; ſie iſt nun zweifach unſterblich.“ „Und der Cardinal⸗Legat, Madame!“ „Hoheit, Sie werfen mir wenigſtens nicht vor, ich habe auf die Seele von dieſem gewirkt. er hatte keine.“ „Wie! Madame, haben Sie nicht den heiligen Cha⸗ rakter dieſes Kirchenfürſten, dieſes bis dahin ſo ſtrengen Prieſters, dieſes Staatsmanns entwürdigt, der zwanzig Jahre lang der Schrecken der Gottloſen und der Revolu⸗ tionäre geweſen war! Haben Sie ihn nicht der Verach⸗ tung, dem Haß der ſchlechten Leute preisgegeben. . denn ohne eine unverhoffte Hülfe hätte man ihn niedergemetzelt; waren Sie endlich nicht auf dem Punkt, eine Empörung in Bologna zu bewerkſtelligen!“ „Ah! Hoheit, Sie ſchmeicheln mir.“ „Und Sie wagen es, bei einem Fürſten zu erſchei⸗ nen, der ein ſo großes Intereſſe dabei hat, daß Deutſch⸗ land und Italien ruhig und unterwürfig bleiben! Sie wagen es, mich zu bitten .. um was? um Dingk, die, wie Sie ſelbſt ſagen, unmöglich oder beinahe un⸗ möglich find? Und in welchem Ton thun Sie dieſe unbe⸗ greifliche Bitte? in einem vertraulichen, ſpöttiſchen Ton, als wären Sie ſicher, Alles von mir zu erlangen. Sie irren ſich, Madame, Sie irren ſich! ich gleiche, das ſage ich Ihnen zum Voraus, weder dem Dichter Moſer Hart⸗ mann, noch dem Cardinal⸗Legaten, noch ſo vielen An⸗ deren, welche Sie behert haben ſollen; man muß in der That zweifeln, ob man ſchläft oder wacht! Aber wer find Sie denn, Madame, daß Sie ſich über allen Reſpect, —— 135⁵ über alle Pflichten geſtellt glauben, um es zu wagen, mich als Ihres Gleichen zu behandeln, mich, dem ſich die Prinzeſſinnen von königlicher Familie nur mit Ehrfurcht nähern?“ „Ach! Hoheit, ich bin nur eine arme Frau,“ ant⸗ wortete Magdalena. Und ſie warf ihren Schleier zurück, der, bis dahin niedergelaſſen, ihr Geſicht den Blicken des Erzherzogs entzogen hatte. Fünfzehntes Rapitel. Fortgeriſſen durch die Heftigkeit ſeines Zorns und ſeiner Entrüſtung, hatte ſich der Prinz, während er ſprach, allmälig der Marquiſe genähert, welche immer nachläßig in ihrem Lehnſtuhl ſaß. Als dieſe, den Kopf leicht rückwärts werfend, ihren Schleier aufgehoben hatte, um ihre Augen auf die des Prinzen heften zu können, blieb er unbeweglich und war von jener Miſchung von Erſtaunen, Bewunderung und unwillkührlicher Unruhe erfaßt, welche beinahe Jedermann beim Anblick dieſes reizenden Geſichtes empfand, dem ihr bleicher Taint, ihre großen azurblauen Augen, ihre ſchwarzen Augenbrauen und ihre blonden Haare einen ſo ſeltſamen Reiz verliehen. Dieſem tiefen Eindruck, dem der Prinz unterlag, war auch Charles Dutertre, trotz ſeiner Liebe für ſeine Frau, obgleich furchtbar beklommen durch den Ruin, der ihm drohte, unterlegen. 1 Einige Secunden lang blieb der Erzherzog gleichſam 136 unter dem Zauber dieſes ſtarren, durchdringenden Blickes, in welchem die Marquiſe die ganze Anziehungskraft, die ganze Lebenselectricität, die in ihr war, zuſammenzudrän⸗ gen ſich bemühte, um ſie in die Augen des Prinzen ab⸗ zuſchießen, denn das Wurfgeſchoß des Blickes von Mag⸗ dalena war, ſo zu ſagen, wechſelnd und hatte, wenn man ſich ſo ausvrücken darf, ſeine Pulsſchläge; bei jedem die⸗ ſer Pulsſchläge, deſſen Gegenſchlag er körperlich zu füh⸗ len ſchien, bebte auch der Erzherzog unwillkührlich; ſein eiſiger Trotz ſchien hinzuſchmelzen wie der Schnee in der Sonne; ſeine hochmüthige Haltung wurde geſchmeidig; ſeine ſtolze Phyſiognomie drückte eine unbeſchreibliche Un⸗ ruhe aus. Plötzlich ließ Magdalena ihren Schleier wieder über ihr Geſicht herabfallen, neigte das Haupt und ſuchte wo möglich noch mehr unter den weiten Falten ihrer Man⸗ tille und ihres ſchleppenden Kleides zu verſchwinden, das völlig ihren kleinen Fuß verbarg, wie ihre weiten Aermel ihre reizende Hand verbargen, die ſie vertraulich dem Prinzen gereicht hatte; dieſer hatte daher nur noch eine unbeſtimmte, keuſch verſchleierte Form vor ſich. Die herausforderndſte, die frechſt entblößte Coquet⸗ terie wäre Aufrichtigkeit gegen dieſe geheimnißvolle Zurück⸗ haltung geweſen, die, den Blicken Alles, bis auf die Spitze des Fußes, bis auf die Spitze der Finger entzie⸗ hend, durchaus nichts von der Perſon zu erblicken geſtattete, aber der Einbildungskraft das Feld frei ließ, und dieſe mußte ſich entzünden bei der Erinnerung an die ſeltſamen Erzählungen, die über die Marquiſe im Umlauf waren. Als das Geſicht von Magdalena abermals unter ihrem Schleier verſchwand, gewann der Prinz, befreit von der Beklemmung, der er unwillkührlich unterlegen, wie⸗ der ſeine Kaltblütigkeit, machte ſich ſeine Schwäche hef⸗ tig zum Vorwurf und war bemüht, um ſich vor jeder gefährlichen Hinreißung zu ſchützen, an die beklagens⸗ werthen Abenteuer zu denken, die den Beweis fürnden un⸗ 137 ſeligen Einfluß dieſer Frau auf lange Zeit unbeugſame oder unerbittliche Männer lieferten. Aber. ach! der Fall oder vie Umwandlung dieſer Männer führte nothwendig die Ideen des Prinzen auf die Marquiſe und ihren unwiderſtehlichen Einfluß zurück; er fühlte die ernſte, dräuende Gefahr; doch bekanntlich be⸗ ſitzt die Gefahr zuweilen die Anziehungskraft des Ab⸗ grunds. Vergebens ſagte ſich der Prinz, um ſich zu beruhi⸗ gen, daß er, von einer phlegmatiſchen Natur, bis zur Reife des Alters gelangt ſei, ohne der Herrſchaft der unge⸗ ſtümen Leidenſchaften, die den Menſchen entarten, zu un⸗ terliegen. Vergebens ſagte er ſich auch, er ſei Prinz von kaiſerlichem Geblüt, er ſei es der ſouverainen Würde ſei⸗ nes Ranges ſchuldig, ſich nicht zu ſchmählichen Hinreißun⸗ gen zu erniedrigen; mit einem Wort, der Erzherzog philo⸗ ſophirte vortrefflich, jedoch gerade mit demſelben Mutzen, mit dem ein Menſch, der ſich zu ſeinem Schrecken einen jähen Abhang hinabrollen ſähe, alles Ernſtes über die koſtbaren Vortheile der Stabilität philoſophiren würde. Leider braucht man Zeilen, Sätze, Seiten, um Ein⸗ drücke ſo augenblücklich wie der Gedanke begreiflich zu machen, denn Alles, was wir ſo ausführlich ſeit dem Au⸗ genblick, wo Magdalena ihren Schleier aufgeſchlagen, bis zu dem Augenblick, wo ſie ihn wieder niedergelaſſen, beſchrieben haben, war in wenigen Secunden vorgegangen, und während der Erzherzog ic ausſchalt, ſuchte er, ſei⸗ ner unbewußt ohne Zweifel (ſo ſehr trennte die Philo⸗ ſophie ſeinen Geiſt von der Materie), ſuchte er, ſagen wir, noch einmal die Züge von Magdalena durch den Spitzen⸗ ſchleier der ſie verbarg, zu erſchauen. „Ich ſagte Ihnen, Hoheit,“ fuhr die Marquiſe fort, indem ſie beſtändig ihren Kopf unter dem gierigen, unruhigen Blick des Erzherzogs geſenkt hielt: „ich ſagte Ihnen alſo, ich ſei eine arme Witwe, die mehr werth iſt, als ihr Ruf, und wahrhaftig. Ihre Strenge nicht verdient.“ Die ſieben Tobſünden. 1w. Abth. 10 138 „Madame . „Oh! ich mache Ihnen deshalb keinen Vorwurf, Hoheit . Sie mußten, wie ſo viele Andere, an gewiſſe Gerüchte glauben.“ „Gerüchte, Madame,“ rief der Erzherzog, der zu ſeiner Freude in ſeiner Seele ſeinen erſten Zorn wiederer⸗ wachen fühlte, „Gerüchte .. nicht wahr, es war ein leeres Gerücht, die ärgerliche Abtrünnigkeit des Dichters Moſer Hartmann?“ „Was Sie ſeine Abtrünnigkeit nennen, iſt eine That⸗ ſache, Hoheit. . wohl! doch ...“ „Es iſt auch vielleicht ein leeres Gerücht!“ fuhr hef⸗ tig der Erzherzog Magdalena unterbrechend fort, „die Erniedrigung des Cardinal⸗Legaten.“ „Das iſt abermals eine Thatſache, Hoheit, wohl!.. „Sie geſtehen alſo ſelbſt, Madame, daß „Ich bitte, Hoheit, horen Sie mich Ich heiße Magdalena. .. vas iſt der Name einer großen Sin⸗ ₰ verin. wie Sie wiſſen.“ „Es wurde ihr vergeben, Madame.“ „Ja, well ſie viel. . . geliebt hatte. Glauben Sie mir indeſſen, ich habe nicht eine Entſchuldigung .. oder ein Beiſpiel in dem Leben der Liebe meiner heiligen Patronin zu ſuchen .. nein, nein. durchaus nicht, Hoheit. Das ſcheint Sie in Erſtaunen zu ſetzen. Um mich ganz begreiflich zu machen, was ziemlich ſchwierig iſt, werde ich genöthigt ſein, auf die Gefahr, für eine Pedantin zu gelten, an die claſſiſchen Erinnerungen Eurer Hoheit Vu appelliren.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Madame 2“ „Etwas ſehr Bizarres; doch die Schärfe Ihrer Vor⸗ würfe und andere Gründe nöthigen mich zu einem Ge⸗ ſtändniß. .. oder vielmehr zu einer ſehr ſonderbaren Rechtfertigung.“ „Madame erklären Sie ſich.“ doch ——— — * 139 „Sie wiſſen, Hoheit, unter welcher Bedingung man in Rom die Prieſterin der Veſta wählte.“ „Gewiß, Mavame,“ antwortete der Prinz mit einer ſchamhaften Röthe. Und er fügte treuherzig bei: „Doch ich weiß nicht, welche Beziehung „ „Nun wohl! Hoheit,“ ſprach Magdalena lächelnd, „wenn wir in Rom unter der Herrſchaft der Cäſaren wären, ſo hätte ich alle mögliche, alle erdenkliche Rechte, das heilige Feuer auf dem Altar der keuſchen Göttin zu unterhalten mit einem Wort, ich bin Witwe, ohne je verheirathet geweſen zu ſein; denn mein Verwand⸗ ter und Wohlthäter, der Marquis von Miranda, ſtarb bei meiner Rückkehr von Europa ... und er hat mich auf ſeinem Sterbebette geehlicht, um mir ſeinen Namen und ſein Vermögen zu hinterlaſſen.“ Der Ausdruck der Wahrheit iſt unwiderſtehlich, der Prinz glaubte den Worten von Magdalena, trotz des Er⸗ ſtaunens, das bei ihm dieſe den Gerüchten von Aben⸗ teuern und Galanterie, welche über die Marquiſe im Um⸗ 6 waren, ſo ganz entgegengeſetzte Offenbarung verur⸗ achte. Das Erſtaunen des Prinzen vermiſchte ſich bald mit einer verworrenen Zufriedenheit, über die er ſich keine Rechenſchaft gab; da er indeſſen in eine Falle zu gerathen befürchtete, ſagte er, nicht mehr mit Heftigkeit, ſondern mit einer ſchmerzlichen Vorhaltung: „Das heißt zu ſehr auf meine Leichtgläubigkeit zäh⸗ len, Madame „wie! während Sie mir vorhin noch ge⸗ ſtanden, daß .. . „Verzeihen Sie Hoheit, machen Sie mir das Ver⸗ gnügen, mir einige Fragen zu beantworten.“ „Sprechen Sie, Madame.“ „Sie haben ſicherlich ganz das muthige Aeußere ei⸗ nes Kriegsmanns, Hoheit, und als ich Sie in Wien auf hrem ſchönen Schlachtroß, geſolgt von Ihren Adjutan⸗ ten, ſtolz durch den Prater reiten ſah, ſagte ich oft zu mir ſelbſt: das iſt für mich der Typus des Heerführers, 14⁰ des Mannes, der geſchaffen iſt, die Solbaten zu be⸗ fehligen.“ „Sie haben mich in Wien geſehen?“ fragte der Erz⸗ herzog, deſſen rauhe Stimme ſich allmälig milderte, „Sie haben mich bemerkt?“ „Zum Glück wußten Sie es nicht, Hoheit, nicht wahr, Sie hätten mich ſonſt verbannen laſſen?“ „Ich befürchte es,“ antwortete der Prinz lächelnd. „Ah! das iſt Galanterie. So liebe ich Sie mehr; ich ſagte alſo, Sie haben das Aeußere eines muthigen Kriegsmanns, und Sie entſprechen dieſem Aeußeren. Sie werden mir indeſſen zugeſtehen, daß das martialiſchſte Aus⸗ ſehen einen Feigherzigen verbergen kann?“ „Wem ſagen Sie das, Madame? es ſtand unter meinen Befehlen ein Generalmajor, der das wildeſte, un⸗ geſchlachteſte Geſicht hatte, das man ſich denken konnte, und dieſer war ein Erzhaſenherz.“ „Sie werden mir auch zugeſtehen, Hoheit, daß zu⸗ weilen die ſchwächlichſte Hülle einen Helden verbergen kann.“ „Gewiß, Friedrich der Große, der Prinz Eugen ſieg⸗ ten nicht durch ihr Aeußeres.“ „Ach! Hoheit, ich ſiege gerade im Gegenſatz mit die⸗ ſen großen Männern durch mein Aeußeres.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ei! mein Gott ja... ich bin wie der Feigling, der durch ſeine barſche Miene alle Welt zittern macht und in ſeinem Innern mehr zittert, als die Furchtſamſten von denjenigen, welche er einſchüchtert. Mit einem Wort, ich ſloͤße oft unwillkührlich das ein, was ich nicht em⸗ pfinde; ſtellen Sie ſich eine arme Eisſcholle vor, welche anz darüber erſtaunt iſt, daß ſie Feuer und Brand um 40 her verbreitet! Ich wäre auch zuweilen ſo anmaßend, mich für ein Phänomen zu halten, erinnerte ich mich nicht, daß die ſo ſchonen, ſo friſchen, ſo ſchmackhaften, ſo duf⸗ tenden Früchte meiner Heimath einen wüthenden Appetit bei mir erregten, ohne im Geringſten den ſchönen Appetit, den ſie mir verliehen, zu theilen, ohne daß ſie das leichteſte — 141 Verlangen hegten, verzehrt zu werden. So iſt es mit mir: es ſcheint, daß ich, hiebei eben ſo unſchuldig, als die Früchte meiner Heimath, in gewiſſer Hinſicht einen Wehrwolfshunger verleihe ich, die ich von einer klöſter⸗ lichen Mäßigkeit bin. Ich habe mich auch entſchloſſen, nicht mehr über den Einfluß zu erſtaunen, den ich un⸗ willkührlich ausübe; da indeſſen dieſe Thätigkeit mächtig iſt, inſofern ſie eine der heftigſten Leidenſchaften des Men⸗ ſchen in's Spiel ſetzt ſo ſuche ich zuweilen den beſtmöglichen Nutzen aus meinen Opfern zu ziehen, ſei es für ſie ſelbſt, ſei es für Andere, und dies, das ſchwöre ich Ihnen, ohne Betrug, ohne Coquetterie, ohne Verſprechungen. „„Ich brenne für Sie,“ ſagt man zu mir. „„Gut, brennen Sie für mich... vielleicht wird die Hitze Ihres Feuers mein Eis ſchmelzen machen . vielleicht verbirgt ſich die Lava in mir unter dem Schnee.. Brennen Sie alſo. machen Sie, daß Ihre Flamme mich ergreift.. mir iſt es ganz lieb. denn ich bin frei wie die Luft und zwan⸗ zig Jahre alt.““ Während ſie dieſe Worte ſprach, erhob Magdalena ven Kopf, ſchlug ihren Schleier zurück und ſchaute den Erzherzog feſt an. Die Marquiſe ſprach die Wahrheit, denn ihre Lei⸗ denſchaft für ihren blonden Erzengel, über den ſie ſich mit Sophie Dutertre unterhalten, hatte bis pahin nichts Irdiſches gehabt. Der Prinz glaubte Magdalena einmal, weil die Wahrheit beinahe immer die Ueberzeugung in ſich trägt, ſodann, weil er ſich glücklich fühlte, den Worten der jun⸗ gen Frau Glauben zu ſchenken; er erröthete weniger, ſich den raſchen, tiefen Eindruck zu geſtehen, den dieſes ſelt⸗ ſame Geſchöpf auf ihn hervorbrachte, wenn er ſich ſagte, ſie wäre im Ganzen würdig geweſen, das heilige Feuer der Veſta zu unterhalten; der Unvorſichtige ſchlürfte auch ſeine Augen auf die von Magdalena ge⸗ heftet, mit Muße den Zaubertrank, indem er ſie mit ei⸗ ner leidenſchaftlichen Begierde betrachtete⸗ 142 Magdalena fuhr lächelnd fort: . „In dieſem Augenblick, Hoheit, richten Sie eine Frage an ſich, die ich mir vft vorlege.“ „Nun?“ „Sie fragen ſich (um wie eine Romanze der alten Zeit zu ſprechen): wer iſt der, welcher ſeine Flam⸗ me mich wirdtheilen laſſen?.. Nun, ich wäre auch ſehr neugierig, die Zukunft in dieſer Hinſicht zu ergründen.“ „Dieſe Zukunft hängt doch von Ihnen ab .. .“ „Nein, Hoheit; ſoll eine Leier tönen, ſo muß man ſie vibriren laſſen.“ „Und dieſer glückliche Sterbliche, wer wird es ſein?“ „Mein Gott! wer weiß? vielleicht Sie, Hoheit.“ „Ich rief der Prinz, geblendet, entzückt, „ich!“ „Ich ſage: vielleicht.“ „Oh! was müßte man thun?“ „Mir gefallen.“ 6 „Und zu dieſem Ende?“ „Hören Sie, Hoheit.“ „Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Hoheit, das iſt zu ceremoniös.“ „Oh! oh! Hoheit. es iſt eine große Gunſt für einen Prinzen, vertraulich behandelt zu werden, er muß ſie verdienen. Sie fragen mich, was man zu thun habe, um mir zu gefallen? Ich will Ihnen, nicht ein Beiſpiel, ſondern eine Thatſache anführen: der Dichter Moſer Hart⸗ mann, deſſen Abtrünnigkeit ich, wie Sie ſagen, veranlaßt, hat die ſeltſamſte Liebeserklärung an mich gerichtet. Ei⸗ nes Tags trifft er mich bei einer gemeinſchaftlichen Freun⸗ din, ſchaut mich lange an und ſagt endlich mit einer zugleich ängſtlichen und zornigen Miene zu mir: „„Ma⸗ dame, für die Ruhe des Spiritualismus müßte man Sie lebendig begraben.“ Und er geht weg. Doch am an dern Tag kommt er zu mir, wahnſinnig verliebt, von einer ebenſo raſchen, ebenſo neuen, als brennenden Lei denſchaft ergriffen, wie er ſagt. „„Brennen Sie,“ er 6 . 143 wiedere ich, „„aber hören Sie den Rath einer Freundin; die Leidenſchaft verzehrt Sie .. ſie ergieße ſich in Ihre Verſe. Werden Sie ein großer Dichter, und Ihr Ruhm wird mich pielleicht berauſchen.“ „Und die Berauſchung iſt nicht bei Ihnen gekom⸗ men?“ fragte der Prinz. „Nein. .. aber der Ruhm iſt meinem Verliebten geblieben, um ſich zu tröſten; und ein Dichter tröſtet ſich über Alles mit dem Ruhm Nun, Hoheit, habe i meinen Einfluß gut oder ſchlecht angewendet?“ Plotzlich bebte der Herzog⸗ Ein ſchmerzlicher Argwohn ſchnürte ihm das Herz zuſammen; doch dieſe peinliche Bangigkeit verbergend⸗ ſagte er zu Magdalena, indem er zu lächeln ſuchte: „Madame, Ihr Abenteuer mit dem Cardinal⸗Lega⸗ ten hatte kein ſo glückliches Ende für ſich: was iſt ihm geblieben, um ſich zu tröſten?“ „Es bleibt ihm das Bewußtſein, von ſeiner Gegen⸗ wart ein Land befreit zu haben, das ihn verabſcheute,“ antwortete Magdalena heiter; „iſt das nichts, Hoheit?“ „Unter uns geſprochen, Madame: welches Intereſſe hatten Sie, dieſen Mann zum Opfer eines ſo furchtbaren Aergerniſſes zu machen?“ „Wie, welches Intereſſe? Hoheit! Das, einen ſchänd⸗ lichen Heuchler zu entlarven, ihn aus einer Stadt ver⸗ jagen zu machen, die er bedrückte, ihn envlich mit Schmach und Verachtung zu bedecken. „„Ich glaube an Ihre Lei⸗ denſchaft,“ ſagte ich zu ihm, „„und ich werde ſie viel⸗ leicht theilen, wenn ſie ſich als Pandur verkleiden, um mit mir dem Ball auf dem Rialto beizuwohnen, mein lieber Catdinal; dies mag von mir eine bizarre, wahn⸗ finnige Laune ſein, doch es iſt meine Bedingung. und wer wird Sie übrigens unter der Maske erkennen?““ Dieſem abſcheulichen Prieſter war der Kopf verdreht, er willigte ein, und ich richtete ihn zu Grunde.“ „Und mich mich werden Sie nicht zu Grunde richten, wie den Gardinal⸗Legaten, Madame!!“ rief der 144 Erzherzwg, indem er aufſtand und ſich auf's Aeußerſte anſtrengte, um den Zauber zu brechen, deſſen unwider⸗ ſtehliche Macht er ſchon fühlte. „Ich ſehe die Falle .. ich habe Feinde... Sie wollen mich durch Ihre hinter⸗ liſtige Verführung zu einem gefährlichen Schritt verleiten, und mich ſodann ebenfalls der Verachtung und dem Hohn, den meine Schwäche verdienen würde, preisgeben . Aber, Gott ſei gelobt! er oͤffnet mir die Augen zu rechter Zeit. Schauernd erkenne ich es, das teufliſche Blendwerk, das mich des Gebrauchs meiner Vernunft beraubte, war nicht einmal Liebe, nein, ich gab der plumpſten, der gemeinſten Leidenſchaft nach, die den Menſchen zum Thiere erniedrigen kann, der Leidenſchaft, die ich zu meiner und zu Ihrer Schande laut nennen will, Madame, der Unkeuſchheit!!!“ Magdalena zuckte die Achſeln, lachte mit einer ſpöt⸗ tiſchen Miene, ſtand auf, ging gerade auf den Prinzen zu, der in ſeiner Aufregung bis an den Kamin zucück⸗ gewichen war, nahm ihn zart bei der Hand und führte ihn auf den Sitz an ihrer Seite zurück, ohne daß er die Kraft hatte, dieſer ſanften Gewalt zu widerſtehen. „Haben Sie die Güte, mich anzuhören,“ ſprach Mag⸗ dalena, „ich habe Ihnen nur noch ein paar Worte zu ſagen, und dann werden Sie in Ihrem Leben die Mar⸗ quiſe von Miranda nicht wiederſehen.“ Sechzehntes Raßitel. Als die Marquiſe den Erzherzog neben ſich ſitzen ge⸗ macht hatte, ſprach ſie: „Hören Sie, Hoheit, ich bin offenherzig, dergeſtalt offen⸗ herzig, daß ichSie herausfordere, mir nicht zu glauben. Ich „ 145 bin in der Hoffnung, Ihnen den Kopf zu verdrehen, hie⸗ her gekommen.“ „Sie geſtehen es alſo!“ rief der Prinz erſtaunt. „Vollkommen . hätte ich dieſes Ziel erreicht, ſo wollte ich von meiner Herrſchaft über Sie Gebrauch machen, um, wie ich am Anfang dieſes Geſprächs geſagt habe, zwei Dinge zu erlangen, von denen das eine als beinahe unmöglich, das andere als gänzlich unmöglich zu betrachten iſt .. „Sie hatten Recht, mich herauszufordern, Ihnen nicht zu glauben,“ erwiederte der Prinz mit einem ge⸗ zwungenen Lächeln, „ich glaube Ihnen.“ „Die zwei Acte, die ich von Ihnen verlangen wollte, waren groß, edel, hochherzig; Sie hätten Ihnen Liebe und Achtung erworben. Es war fern von mir, daß ich meine Herrſchaft über Sie zu Böſem oder zu Unwürdi⸗ gem benützen wollte, wie Sie vermuthen.“ „Aber, Madame, um was handelt es ſich denn?“ „Zuerſt um einen Act der Milde oder vielmehr der Gerechtigkeit, der Ihnen eine Menge von Herzen in der Lombardei zuwenden würde .. ich meine die volle Be⸗ gnadigung des Oberſten Pernetti.“ Der Prinz fuhr von ſeinem Stuhl auf und rief: „Nie . Madame „nie.“ „Die volle Begnadigung des Oberſten Pernetti, eines der verehrteſten Männer von ganz Italien,“ fuhr Magdalena fort, ohne auf die Unterbrechung des Erzherzogs Rückſicht zu neh⸗ men. „Der gerechte Stolz dieſes Mannes von Herz wird ihn ſtets abhalten, die geringſte Milderung ſeines Unglücks bei Ihnen nachzuſuchen, aber Sie kommen ihm edelmüthig entgegen, und ſeine Dankbarkeit wird Ihnen ſeine Ergebenheit ſichern.“ „Ich wiederhole Ihnen, Madame, daß ſich hohe po⸗ litiſche Gründe Ihrem Verlangen entgegenſtellen . Es iſt unmöglich, ganz und gar unmöglich.“ „Wohl verſtanden, ich habe ſelbſt damit angefangen, daß ich Ihnen dies ſagte, Hoheit. Was die andere Sache 146 betrifft, die ohne Zweifel noch viel unmöglicher iſt, ſo handelt es ſich ganz einfach um Ihre Einwilligung zur eines jungen Mannes, den Sie aufgezogen aben „Ich!“ rief der Erzherzog, als ob er kaum ſeinen Ohren traute, „ich ſoll meine Einwilligung zu der Hei⸗ rath des Grafen Franz geben?“ „Ich weiß nicht, ob er Graf iſt, ich weiß nur, daß er Franz heißt, wie mir dieſen Morgen Fräulein Anto⸗ nine Hubert, ein Engel an Sanftmuth und Schönheit, geſagt hat, Antonine, die ich ganz klein geliebt, und für die ich die Zärtlichkeit zugleich einer Mutter und einer Schweſter hege.“ „Madame, binnen drei Stunden wird der Graf Franz Paris verlaſſen haben .. das iſt meine Antwort.“ „Mein Gott, Hoheit .. dies Alles iſt unmöglich, durchaus unmöglich . . . ich wiederhole es iſt ab⸗ gemacht . „Warum fordern Sie es dann von mir, Madame?“ „Ei! Hoheit, um es zu erlangen.“ „Wie, Sie hoffen noch, trotz beſſen, was ich Ihnen geſagt habe?“ „Ich habe dieſe Keckheit.“ „Ein ſolches Vertrauen . .“ „Iſt ſehr beſcheiden. . . denn ich rechne nicht auf meine Gegenwart.“ „Worauf rechnen Sie denn, Madame?“ „Auf meine Abweſenheit.“ „Auf Ihre Abweſenheit?“ „Auf die Erinnerung an mich, wenn Sie lieber wollen.“ E „Sie reiſen ab,“ ſprach raſch der Prinz, ohne ſei⸗ nen Aerger, ſein Bedauern verbergen zu können, „Sie reiſen ſchon ab.“ „Es iſt dies mein einziges und letztes Mittel, um Sie zum Nachgeben zu bewegen.“ . „Aber, Madame . . 147 „Hören Sie, Hoheit, ſoll ich Ihnen ſagen, was ge⸗ ſchehen wird?“ „Sprechen Sie, Madame.“ „Ich werde Sie verlaſſen . Sie werden Anfangs um eine große Laſt erleichtert ſein; meine Gegenwart wird Sie nicht mehr mit allen Arten von Verſuchungen belagern, die ihren Reiz und ihre Pein haben; Sie wer⸗ den mich ganz und gar aus Ihrem Geiſt vertreiben.. Leider werde ich ihn allmälig und gegen Ihren Willen abermals einnehmen; meine geheimnißvolle, verſchleierte Geſtalt wird Ihnen überallhin folgen, Sie werden noch viel mehr das fühlen, was wenig Platoniſches in Ihrer Neigung für mich liegt, und dieſe Gefühle werden nur um ſo aufreizender, hartnäckiger ſein. Morgen, übermor⸗ gen vielleicht, werde ich hei näherer Ueberlegung im Gan⸗ zen edle, hochherzige Acte von Ihnen verlangt zu haben, Sie werden meine Abreiſe bitter beklagen, Sie werden mich zurückrufen, aber es wird zu ſpät ſein, Hoheit.“ „Zu ſpät?“ „Zu ſpät für Sie, nicht für mich. Ich habe es mir in den Kopf geſetzt, der Oberſte Pernetti werde begna⸗ digt werden und Herr Franz werde Antonine heirathen. Sie begreifen, Hoheit, daß das ſein müßte.“ „Wider meinen Willen?“ „Wider Ihren Willen. „Das iſt ein wenig ſtark,“ „Es iſt ſo.. Denn ſehen Sie, Hoheit um Ih⸗ nen nicht von Thatſachen zu ſprechen, die Sie nicht ken⸗ nen, wenn man den Cardinal⸗Legaten dahin zu bringen wußte, daß er als Pandur verkleidet auf einen Masken⸗ ball ging, wenn man einen großen Dichter unter der Wärme eines Blicks ſich erſchließen zu machen verſtand, wenn man einen Mann, wie Sie, (ich geſtehe es in De⸗ muth, in der ganz weltlichen Bedeutung des Wortes) ver⸗ liebt zu machen vermochte, Hoheit, ſo vermag man offen⸗ bar noch etwas Anderes. Nicht wahr, Sie zwingen den armen Franz, von Paris abzureiſen .. doch der Weg iſt 148 weiter und ehe er außerhalb Frankreich iſt, habe ich zwei Tage vor mir. . Ein wenig Verzug in der Begnadigung des Oberſten Pernetti wird nichts für ihn ſein, und im Ganzen hängt ſeine Begnadigung nur von Ihnen allein ab, Hoheit. Sie vermögen ſich nicht einzubilden, wie weli der Widerprall der Einflüſſe reichen kann, und Gott ſei Dank, hier in Frankreich habe ich jedes Mittel und jede Freiheit, zu wirken. Sie wollen alſo den Krieg, Ho⸗ heit. gut, es ſei Krieg. Ich reiſe ab und laſſe Sie ſchon verwundet, das heißt verliebt zurück. Ei! mein Gott! (obſchon ich mit Recht auf dieſen Sieg ſtolz ſein kann) nicht aus Eitelkeit beſtehe ich auf dem plötzlichen Eindruck, den ich auf Sie gemacht habe; denn in der That, ich bin bei dem Allem nicht mit der geringſten Co⸗ quetterie zu Werke gegangen; beinahe immer hatte ich meinen Schleier niedergelaſſen und ich bin als eine wahre Großmutter gekleidet Gott befohlen, Hoheit, werden Sie mir wenigſtens die Gnade erzeigen, mich bis an die Thüre Ihres erſten Salon zu begleiten?... Der Krieg hindert nicht, höflich zu ſein.“ Der Erzherzog befand ſich in einer unausſprechlichen Bangigkeit; er fühlte, daß Magdalena die Wahrheit ſprach; denn ſchon empfand er bei dem Gedanken allein, ſie vielleicht für immer ſich entfernen zu ſehen, einen wah⸗ ren Kummer, denn indem er bedachte, daß, wenn der Zauber, die ſeltene und beinahe unwiderſtehliche An⸗ ziehungskraft dieſer Frau mächtig auf ihn wirkten, ver ſich aus mancherlei Gründen vor einem ſolchen Einfluß hätte ge⸗ ſchützt glauben müſſen, viele Andere dieſer Herrſchaft wei⸗ chen dürften, erfaßte ihn eine unbeſtimmte, aber bittere und grimmige Eiferſucht, und dennoch konnte er ſich nicht entſchließen, die Gnade, die man von ihm verlangte, zu gewähren und zu der Heirath von Franz einzutbilligen; nichtsdeſtoweniger ſuchte er, wie alle unentſchiedene Men⸗ ſchen, Zeit zu gewinnen und ſagte bewegt zu der Marquiſe: „Da ich Sie nicht wiederſehen ſoll, ſo verlängern Sie mindeſtens ein wenig dieſen Beſuch.“ — ———— ——— — —— 149 „Wozu, Hoheit?“ „Gleichviel, wenn es mich glücklich macht.“ „Das wird Sie keines Wegs glücklich machen, Ho⸗ heit, denn Sie haben weder die Kraft, mich abreiſen zu laſſen, noch die Stärke, mir zu bewilligen, was ich von Ihnen verlange.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der Prinz ſeufzend, „die zwei Dinge ſcheinen mir eines ſo unmöglich als das andere.“ „Ah! wie werden Sie morgen, wie werden Sie ſogleich nach meiner Abreiſe bereuen 1 Nach einem ziemlich langen Stillſchweigen ſagte der Prinz mit einer gewiſſen Anſtrengung und mit ſeinem einſchmeichelndſten Ton: „Hören Sie meine liebe Manquiſe .. nehmen wir an, was nicht annehmbar iſt, es falle mir eines Tags ein, Ihnen die Begnadigung von Pernetti zu be⸗ willigen.“ „Eine Annahme?. vielleicht eines Tags ? es werde Ihnen einfallen? Wie das Alles unbeſtimmt und nebelhaft iſt, Hoheit!.. Sagen Sie doch ganz einfach: Setzen wir den Fall, daß ich Ihnen die Begnadigung von Pernetti bewillige?..“ „Gut, ſetzen Sie dieſen Fall.“ „Wohl.. Sie bewilligen mir dieſe Begnadigung, Hoheit, und genehmigen die Heirath von Franz .. Ich muß Alles haben oder nichts.“ „Was das betrifft . nie, nie.“ „Sagen Sie nicht nie, Hoheit. Wiſſen Sie etwas hievon?“ „Eine Annahme verbindet im Ganzen zu nichts. Angenommen, ich thue Alles, was Sie wünſchen, werde ich dann wenigſtens der Belohnung ſicher ſein?“ „Sie fragen mich das, Hoheit? Trägt dieſer ganze edelmüthige Act ſeinen Lohn nicht in ſich ſelbſt?“ „Einverſtanden. doch es gibt einen „in meinen 150 Augen den koſtbarſten. .. und dieſen können Sie allein geben.“ „Ah! keine Bedingungen, Hoheit.“ Wie?“ „Wir wollen offenherzig ſprechen, Hoheit: kann ich mich zu etwas verbindlich machen? hängt nicht Alles, nicht von mir, ſondern von Ihnen ab2 Gefallen Sie mir, das iſt Ihre Sache.“ „Oh! welch eine Frau ſind Sie!“ ſagte der Prinz verdrießlich; „aber werde ich Ihnen denn gefallen? .. glauben Sie, daß ich Ihnen gefalle?“ „Bei meiner Treue, Hoheit, ich weiß es nicht. Sie haben bis jetzt nichts hiefür gethan, wenn nicht, daß Sie mich, es ſei ohne Vorwurf geſagt, auf eine ziemlich harte Weiſe empfingen.“ „Mein Gott! ich hatte Unrecht: verzeihen Sie mir; wenn Sie wüßten, welche Unruhe, ich möchte beinahe ſagen, welche Angſt Sie mir einflößten theure Marquiſe!“ „Ich verzeihe Ihnen das Vergangene, Hoheit, und verſpreche Ihnen, den beſten Willen aufzuwenden, um mich verführen zu laſſen, und da ich ſehr offenherzig bin, ſo füge ich ſogar bei, daß es mir ſcheint, es werde mir ſehr lieb ſein, wenn es Ihnen gelingt.“ „Wahrhaftig!“ rief der Prinz berauſcht. „Ja Sie ſind halb Souverain .. Sie werden es vielleicht einſt ſein, und es kann alle mögliche ſchöne und gute Dinge geben, die man Sie eines Tages kraft der glü⸗ henden Leidenſchaft machen läßt, welche Sie vorhin als ein wahrer Capuciner, verzeihen Sie mir den Ausdruck, gebrandmarkt haben. . . Oh! Hoheit, wenn der gute Gott dieſe Leidenſchaft in alle ſeine Weſen gelegt hat, ſo wußte er, was er that. . . es iſt eine unermeßliche Macht, denn in der Hoffnung, ſie zu befriedigen, ſind diejenigen, welche ſie empfinden, zu Allem fähig, ſelbſt zu den edel⸗ müthigſten Handlungen, nicht wahr, Hoheit?“ „Ich darf alſo hoffen?“ ſagte der Prinz mit wach⸗ ſendem Entzücken. * 15¹ „Hoffen Sie ganz nach Ihrem Gefallen, Hoheit, doch das iſt Alles . ich mache mich zu nichts anheiſchig. Brennen Sie, brennen Sie .. möge mein Schnee an Ihrem Feuer ſchmelzen.“ „Nehmen Sie an, ich habe Ihnen Alles bewilligt, was Sie von mir verlangen, was würden Sie für mich empfinden?“ „Dieſer erſte Beweis von Hingebung in meine Wünſche würde vielleicht einen lebhaften Eindruck auf mich hervorbringen . doch ich kann es nicht als ſicher behaupten, melne Divinationsgabe geht nicht ſo weit, Hoheit.“ „Ah! Sie ſind unbarmherzig.“ rief der Prinz mit einem ſchmerzlichen Unwillen, „Sie wiſſen nur zu ver⸗ langen!“ „Wäre es beſſer, wenn ich Ihnen falſche Verſprechungen machen würde? das wäre weder Ihrer, noch meiner wür⸗ dig.. und dann ſprechen wir als Leute von Gemüth: ich frage Sie noch einmal, was verlange ich von Ihnen? daß Sie ſich mild und gerecht gegen den ehrenhafteſten Mann, väter⸗ lich gegen die Waiſe, die Sie erzogen haben, zeigen. Wenn Sie wüßten, wie ſich dieſe armen Kinder lieben! Welche Naivetät! welche Zärtlichkeit! welche Verzweif⸗ lung!.. Dieſen Morgen, als ſie mir vom Untergang ihret Hoffnangen ſprach, rührte mich Antonine bis zu Thränen.“ „Franz iſt von hoher Geburt, ich habe andere Pläne und Abſichten mit ihm,“ erwiederte ungeduldig der Prinz, „er kann nicht in dieſem Grade eine Mißheirath ſchließen.“ „Das Wort iſt hübſch! Und wer bin ich denn, Ho⸗ heit? Magdalena Peres, Tochter eines ehrlichen, durch Bankerotte ruinirten Handelsmanns in Merico und Mar⸗ quiſe aus Zufall... Sie lieben mich dennoch ohne Furcht vor einer Mißheirath.“ . „Ei! Madame ich ich „Sie, Sie, nicht wahr, das iſt etwas Anderes? wie die Komödie ſagt.“ „Ich bin wenigſtens freier Herr meiner Handlungen.“ 152 „Und warum ſollte Franz nicht freier Herr der ſeini⸗ gen ſein, wenn ſich ſeine Wünſche auf ein beſcheidenes und ehrenhaftes Leben, verſchönert durch eine reine und edle Liebe, beſchränken? Ah! Hoheit, wären Sie, wie Sie ſagen, in mich verliebt, ſo hätten Sie ein zartes Mitleid mit der Liebesverzweiflung dieſer armen Kinder, die ſich mit der Unſchuld und der Gluth ihres Alters anbeten! Macht Sie die Leidenſchaft nicht beſſer, edel⸗ müthiger, ſo iſt dieſe Leidenſchaft micht wahr. . und wenn ich ſie je theilen ſoll, ſo muß ich damit anfangen, daß ich daran glaube, was ich nicht kann, wenn ich Ihre unbarmherzige Härte gegen Franz ſehe .. „Ei! mein Gott, liebte ich ihn weniger, ſo wäre ich nicht unbarmherzig.“ „Eine ſeltene Art, die Leute zu lieben.“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, ich ſei auf eine hohe Beſtimmung für ihn bedacht?“ „Und ich ſage Ihnen, daß die hohe Beſtimmung, die Sie für ihn im Sinne haben, ihm verhaßt ſein wird. „ Er iſt für ein glückliches, beſcheidenes und ſanftes Leben gemacht; ſein einfacher Geſchmack, die Schüchternheit ſei⸗ nes Charakters, ſeine Eigenſchaften halten ihn fern von . was Glanz und Ehrenſtellen betrifft, iſt das nicht wahr?“ „Sie kennen ihn alſo?“ fragte der Prinz ſehr er⸗ aunt. „Ich habe ihn nie geſehen.“ „Woher wiſſen Sie dann das, was Sie ſagen?“ „Hat mir denn die liebe Antonine nicht alle ihre Bekenntniſſe abgelegt? erräth man nicht aus der Art, wie die Leute lieben, ihren harakter? Mit einem Wort, Hoheit, iſt der Charakter von Franz ſo, wie ich ſage, ja oder nein?“ „Es iſt wahr, ſo iſt ſein Charakter.“ „Und Sie hätten die Grauſamkeit, ihm eine Eri⸗ ſtenz aufzuerlegen, die ihm unerträglich wäre, indeß er hier unter ſeiner Hand das Glück ſeines Lebens ſindet?“ 153 „Erfahren Sie doch, daß ich Franz liebe, wie meinen eigenen Sohn und nie mich entſchließen werde, mich von ihm zu trennen.“ „Ein ſchönes Vergnügen für Sie, unabläßig unter den Augen das ſchmerzvolle Antlitz eines Menſchen zu haben, deſſen ewiges Unglück Sie verurſacht! Ueberdies iſt Antonine Waiſe; nichis hält ſie ab, Franz zu beglei⸗ „ ten: ſtatt eines Kindes werden Sie zwei haben. Wie würden Sie dann im Anblick dieſes ſtets lächelnden und ſüßen Glückes von Ihren Größen, von den Schmeicheleien einer lügenhaften und eigennützigen Umgebung ausruhen; mit welcher Freude müßten Sie ſich Herz und Seele bei vieſen zwei Kindern erquicken, die Sie mit allem Glück, vas ſie Ihnen zu verdanken hätten, lieben würden.“ „Oh! laſſen Sie mich,“ rief der Prinz immer mehr bewegt. „Ich weiß nicht, welche unbegreifliche Macht Ihre Worte haben, aber ich fühle meine feſteſten Ent⸗ ſchlüſſe wanken, die Ideen meines ganzen Lebens er⸗ lahmen.“ Beklagen Sie ſich doch hierüber, Hoheit! Hören Sie, unter uns geſagt, ohne die Fürſten ſchmähen zu wollen. . oft thun fie, glaube ich, wohl daran, auf die Ideen ihres ganzen Lebens zu verzichten, denn Gott weiß, was für Ideen das find. Glauben Sie mir, geben Sie dem Eindruck nach, der Sie beherrſcht. er iſt gut und edel.“ „Ei! mein Gott, bin ich denn zu dieſer Stunde nur fähig egos Gute vom Böſen zu unterſcheiden?“ „Befragen Sie zu dieſem Ende das Geſicht von venjenigen, deren Glück Sie geſichert haben würden; wenn Sie zu dem Einen ſagen: Armer Verbannter, kehre in Dein Vaterland zurück, das Du beweinſt, Deine Brü⸗ der werden Dir die Hände reichen; und zum Andern: Mein vielgeliebtes Kind, ſei glücklich, heirathe Antonine Dann ſchauen Sie den Einen und den Andern wohl an .. und wenn vie Thränen ihre Angen befeuchten, wie ſie in dieſem Augenblick die Ihrigen und die meinigen befeuch⸗ Dis ſieben Tohſunden 1v. Abthl. — ten, ſeien Sie dann ruhig, Hoheit, es iſt das Gute, was Sie gethan haben werden, und bei dieſem Guten, um Sie zu ermuthigen, denn Ihre Bewegung rührt mich, ver⸗ ſeh ich Ihnen, Antonine nach Deutſchland zu be⸗ gleiten.“ „Sollte das wahr ſein!“ rief der Prinz ganz ver⸗ wirrt, „Sie verſprechen es mir?“ „Ich muß Ihnen wohl Zeit geben, mich zu verführen, Hoheit,“ erwiederte Magdalena lächelnd. „Nun denn! was auch geſchehen mag . was Sie auch thun mögen, denn Sie gefallen ſich vielleicht varin, mit mir Ihr Spiel zu treiben,“ ſagte der Prinz, indem er vor Magdalena auf die Kniee ſank, „ich gebe Ihnen mein kaiſerliches Wort, daß ich dem Verbannten verzeihe, daß ich . .“ Der Prinz wurde plötzlich durch einen ziemlich hefti⸗ gen Lärmen unterbrochen, der vor der Thüre des Salon hörbar wurde, durch einen Lärmen, den mehrere Stim⸗ men übertönten, welche ſehr lebhafte Worte zu wechſeln ſchienen, unter Anderem wie folgt: „Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß Sie nicht eintre⸗ ten werden.“ Der Erzherzog ſtand raſch auf, wurde bleich vor Aerger und Zorn, und ſagte zu Madgalena, welche voll Erſtaunen horchte: „Ich beſchwöre Sie, treten Sie in das nächſte Zim⸗ mer. es geht hier etwas Außerordentliches vor in einem Augenblick bin ich wieder bei Ihnen.“ In dieſer Secunde erſcholl ein ſtarker Schlag vor der Thürez der Prinz fügte bei, indem er Magdalena die Thüre des anſtoßenden Zimmers öffnete: „Ich bitte, haben Sie die Güte, treten Sie ein:“ Dann ſchloß er die Thüre wieder, ging, da er die urſache dieſes ungewöhnlichen und frechen Lärmens wiſſen wollte, aus dem Salon hinaus und ſah Herrn Pascal, den zwei Adjutanten, ſehr aufgeregt, zurückhalten wollten. 155⁵ Siebenzehntes Rapitel. Beim Anblick des Erzherzogs traten die Adjutanten ehrfurchtsvoll zurück, und Herr Pascal, der außer ſich zu ſein ſchien, rief: „Alle Gewitter, Hohelt, man empfängt hier die Leute auf eine ſeltſame Art.“ Jetzt erſt ſich des Rendezovus erinnernd, das er Herrn Pascal gegeben hatte, und für ſeine eigene Würde eine neue Beleidigung von dieſem brutalen Menſchen be⸗ fürchtend, ſagte der Prinz, indem er ihn durch ein Zei⸗ chen folgen hieß: „Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie.“ Und vor den Augen der ſchweigenden Adjutanten ſchloß ſich die Thüre wieder hinter dem Erzherzog und dem Banguier. „Nun, mein Herr,“ ſprach der Erzherzog bleich vor Zorn und kaum ſich bewältigend, „werden Sie mir die Urſache eines ſolchen Scandals erklären?“ „Wie! Hoheit Sie ſagen mir auf drei Uhr Audienz zu ich bin pünktlich, eine Viertelſtunde vergeht.. Niemand; eine halbe Stunde Niemand; meiner Treue, ich verliere die Geduld und bitte einen Ihrer Adjutanten, Sie daran zu erinnern, daß ich auf Sie warte. Man antwortete mir, Sie geben Audienz Ich nage wieder an meinem Gebiß, doch nach Verlauf einer weiteren hal⸗ ben Stunde erkläre ich förmlich Ihren Herren, daß ich, wenn ſie mich nicht melden wollen, entſchloſſen ſei, ſelbſt hinein zu gehen.“ „Mein Herr, das iſt eine Dreiſtigkeit!“ Wie! eine Dreiſtigkeit! Ah! Hoheit, bedarf ich Ihrer oder bedürfen Sie meiner?“ „Herr Pascal! ... 156 „Hoheit, wenn ich mich darein füge, vaß ich mich in meinen Geſchäften ſtören laſſe, um in Ihrem Vor⸗ zimmer zu warten, was ich für Niemand thue, ſo ſcheint mir, daß Sie mich nicht eine Stunde lang dem Teufel überlaſſen dürfen, und zwar gerade zur intereſſanteſten Zeit der Börſe, Hoheit eine Unannehmlichkeit, die mich nicht abhalten wird, es ſehr ſeltſam zu finden, daß Ihre Adjutanten mich zurückſtoßen, wenn ich auf ihre Weigerung, mich anzumelden, den Entſchluß faſſe, mich ſelbſt zu melden.“ „Die Discretion, die einfachſte Schicklichkeit befahlen Ihnen, das Ende der Audienz, die ich gab, abzuwarten.“ „Es iſt möglich, Hoheit, doch lelder befahl mir meine gerechte Ungeduld gerade das Gegentheil von der Dis⸗ eretion, und ich glaubte, offenherzig geſprochen, einen andern Empfang zu verdienen, da ich kam, um von einem Dienſt mit Ihnen zu ſprechen, um den Sie mich gebeten haben.“ Im erſten Augenblick ſeines Aergers, ſeines Zorns, der ſich noch durch die Grobheiten von Herrn Pascal ſteigerte, vergaß der Prinz, daß die Marquiſe im anſtoßen⸗ den Zimmer, wo ſie ſich befand, Alles hören konntez von der Scham niedergedrückt und das Bedürfniß fühlend, dieſes Menſchen rohe, widrige Laune, die ſich nur zu ſehr kundgegeben, zu beſchwichtigen, bezwang ſich der Prinz mit allen ſeinen Kräften, um ruhig zu erſcheinen, ſuchte Herrn Pascal zu einer Fenſtervertiefung zu führen, damit Magdalena die Folge des Geſprächs nicht hören könnte, und ſagte: „Sie wiſſen, Herr Pascal, daß ich ſtets ſehr tolerant gegen die Ungeſchlachtheiten Ihres-Charakters geweſen bin. Es wird diesmal eben ſo ſein.“ „Sie ſind in der That zu gut, Hoheit,“ erwiederte Herr Pascal mit Ironie, „aber ſehen Sie, Jeder hat zu⸗ weilen ſeine kleinen Widerwärtigkeiten, und in dieſem Augenblick habe ich große, weshalb ich nicht ganz die Zahm⸗ heit eines Lammes beſitze.“ 157 „Dieſe Entſchuldigung, oder vielmehr dieſe Erklärung genügt mir und macht mir Alles begreiflich,“ ſagte der Prinz, dadurch beherrſcht, daß er der Dienſte des Finanz⸗ mannes bedurfte. „Ich weiß, Widerwärtigketten erbittern oft die leichteſten Charaktere, ſprechen wir alſo nicht mehr von der Vergangenheit. Sie haben mich erſucht, die Zu⸗ ſammenkunft, die wir zum Abſchluß unſeres Geſchäftes ver⸗ abredet, zwei Tage früher ſtattfinden zu laſſen. Ich hoffe, Sie bringen mir eine befriedigende Antwort.“ Ich bringe Ihnen ein vollſtändiges Ja, Hoheit,“ antwortete unſer Mann, ſich beſänftigend, und er zog ein Portefeuille aus ſeiner Taſche; „mehr noch, um dieſes Ja zu bekräftigen, iſt hier eine Anweiſung auf die Banque von Frankreich, worauf das Zehntel der Summe zu beziehen iſt, und dieſe Urkunde, in der ich mich für den Reſt des Anlehens verbindlich mache.“ „Ah! mein lieber Herr Pascal,“ rief der Prinz ſtrah⸗ lend, „Sie ſind ein Mann ein Goldmann.“ „Ein Goldmann! das iſt das richtige Wort, Ho⸗ heit; ohne Zweifel iſt dies auch die Urſache Ihrer Zunei⸗ gung zu mir.“ Der Prinz nahm dieſen Hohn nicht auf; ganz glück⸗ lich über dieſen Tag, der ſeine verſchiedenſten Wünſche zu erfüllen ſchien, und ſehr ungeduldig, den Finanzmann zu entlaſſen, um zu Magdalena zurückzukehren, ſagte er: „Da Alles verabredet iſt, mein lieber Herr Pascal, tauſchen wir nur unſere Unterſchriften .. und morgen früh, oder ſpäter zu einer Ihnen beliebigen Stunde werden wir uns verſtändigen, um die Angelegenheit vollends in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Ich begreife, Hoheit: ſind das Geld und die Unter⸗ ſchriften einmal in Ihrer Taſche, ſo iſt das lebhafteſte Bedürfniß Ihres Herzens, ſich ſo ſchnell als möglich Ihres unterthänigſten Dieners Pascal zu entledigen, und morgen adreſfiren Sie ihn an irgend einen Untergeordneten, dem S Vollmacht geben, die Sache vollends in Ordnung zu ringen.“ „Mein Herr!“ „Ah! Hoheit, iſt das nicht der natürliche Gang der Dinge? Vor dem Anlehen iſt man ein guter Genius... ein Halbgott oder ein Dreiviertelsgott; iſt das Geld geborgt, ſo iſt man ein Jude, ein Araber. Ich kenne das, es iſt die Rückſeite der Münze; beeilen Sie ſich daher nicht ſo ſehr, die genannte Münze umzukehren.“ „Erklären Sie ſich, mein Herr.“ „Sogleich, Hoheit, denn ich habe Eile. Das Geld iſt da, meine Unterſchrift iſt da,“ fügte er auf das Porte⸗ feuille klopfend bei, „das Geſchäft iſt unter einer Bedin⸗ gung abgeſchloſſen ..“ „Abermals Bedingungen. . .“ „Jeder macht ſeine kleinen Geſchäfte, wie er ſie ver⸗ ſteht, Hoheit. Meine Bedingung iſt übrigens ganz ein⸗ a 74 „Sprechen Sie, mein Herr, laſſen Sie uns ein Ende machen.“ „Ich habe Sie geſtern im Garten, wo er ſpazieren ging, auf einen blonden jungen Mann aufmerkſam gemacht, der, wie Sie mir ſagten, hier wohnt.“ „Allerdings, es iſt der Graf Franz, mein Taufpathe.“ „Man kann, wie ich Ihnen ſagte, keinen hübſcheren Jungen ſehen. Da Sie aber nun der Pathe dieſes hüb⸗ ſchen Jungen ſind, ſo müſſen Sie einigen Einfluß auf ihn haben. nicht wahr?“ „Worauf zielen Sie damit ab, mein Herr?“ „Hoheit, im Intereſſe Ihres lieben Täuflings ſage ich Ihnen im Vertrauen, ich glaube die Luft von Paris iſt ſchlecht für ihn.“ — „Wie?“ „Ja, und es wäre vernünftig von Ihnen, wenn Sie ihn nach Deutſchland zurückſchickten; ſeine Geſundheit würde ſehr dabei gewinnen. .. ſehr, ſehr.“ „Iſt das ein Scherz, mein Herr?“ „Das iſt ſo ernſt, Hoheit, daß die einzige Bedingung, die ich für den Abſchluß unſeres Geſchäftes ſtelle, folgende 159 iſt: Sie laſſen Ihren Pathen ſpäteſtens in vierundzwanzig Stunden nach Deutſchland abreiſen.“ In der That, mein Herr, ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen.. welches Intereſſe können Sie dabei haben, daß Franz abreiſt?.. Das iſt unbegreiflich.“ „Ich will mich erklären, Hoheit, und damit Sie das Intereſſe, das ich bei dieſer Abreiſe habe, ganz begreifen, muß ich Ihnen ein Geſtändniß machen; das wird mir geſtatten, noch ſchärfer zu beſtimmen, was ich von Ihnen erwarte, Hoheit. So wie Sie mich ſehen, bin ich wahnſin⸗ nig verliebt.. Ei! mein Gott, ja . wahnſinnig ver⸗ liebt.. das kommt Ihnen komiſch vor? und mir auch, doch es iſt einmal ſo . Ich bin alſo wahnſinnig verliebt in ein Mädchen, das Fräulein Antonine Hubert heißt und Ihre Nachbarin iſt.“ „Sie, mein Herr!“ rief der Prinz ganz beſtürzt, e „Gewiß, ich! ich, Pascal! und warum denn nicht Hoheit? Die Liebe iſt von jedem Alter, ſagt das Lied; nur, da ſie auch vom Alter Ihres Pathen Herrn Franz iſt, hat er es ſich ganz unſchuldig einfallen laſſen, Fräulein Antonine zu lieben, dieſe hat nicht minder un⸗ ſchuldig die Gefühle des hübſchen Jungen etwiedert, was mich, wie Sie ſehen, in eine ſehr unangenehme Lage ver⸗ ſetzt; zum Glück können Sie mir vortrefflich aus dieſer Lage heraushelfen, Hoheit.“ — „Ja, Hoheit; horen Sie, wie: laſſen Sie Herrn Franz auf der Stelle abreiſen und bürgen Sie mir dafür, was leicht iſt, daß er mehrere Jahre den Fuß nicht mehr auf den Boden Frankreichs ſetzt; das Uebrige iſt meine Sache.“ „Aber bedenken Sie auch, mein Herr ... Wenn dieſe junge Perſon Franz liebt...“ „Das Uebrige iſt meine Sache, ſage ich Ihnen, Ho⸗ heit; der Präſident Hubert hat keine zwei Tage mehr zu leben; meine Batterien find bereit; die Kleine wird ge⸗ nöthigt ſein, bei einer furchtbar geizigen und habgierigen 160 Verwandtin zu leben; ein hundert tauſend Franken ſtehen mir für dieſe Megäre, und hat ſie einmal die Kleine in ihren Klauen, ſo ſchwöre ich bei Gott, daß Fräulein An⸗ tonine wohl oder übel Madame Pascal wird, und dazu wird es nicht einmal nöthig ſein, ihr Gewalt anzu⸗ thun. Ah! Hoheit, alle fünfzehnjährige Liebſchäftchen halten nicht Stand gegen die Luſt, ich ſage nicht Frau Erzherzogin, aber Frau Erzmillionärin zu wer⸗ den. Nun, Hoheit, Sie ſehen, ich habe ein offenes Spiel geſpielt; da Sie kein Jutereſſe haben, anders zu handeln, ſo muß Ihnen wenig daran liegen, daß Ihr Pathe ein Mävchen heirathet, das nicht einen Sou beſitzt. Die Be⸗ dingung, die ich Ihnen ſtelle, iſt leicht zu erfüllen. Ich frage Sie noch einmal: ja oder nein?“ Der Prinz war, weniger von den Plänen von Pascal und ſeinem abſcheulichen Cyntsmus, als von der grauſamen Alternative niedergebeugt, in welche ihn die von dem Geldmann geſtellte Bedingung verſetzte. Die Abreiſe von Franz befehlen und ſich ſeiner Ver⸗ heirathung mit Antonine widerſetzen hieß Magdalena ver⸗ lieren; die von Herrn Pascal geſtellte Bedingung ver⸗ weigern hieß auf ein Anlehen verzichten, das ihm Pläne ehrgeiziger Vergrößerung auszuführen geſtattete. Mitten unter dieſem Kampfe zweier heſtiger Leiden⸗ ſchaften, erinnerte ſich der Prinz, als wahrer Prinz, vaß er Magdalena ſein Wort nur für die Begnadigung des Verbannten verpfändet hatte, da er durch den, durch das Aufbrauſen von Pascal veranlaßten, Tumult in dem Augen⸗ blick unterbrochen worden war, wo er Magdalena ſchwören wollte, er gebe auch ſeine Einwilligung zu der Heirath von Franz. — Trotz der Leichtigkeit, die ihm dieſe Ausflucht ließ, fühlte der Erzherzog doch beſonders in dieſem Augenblick, wie mächtig ſchon der Einfluß der Marquiſe auf ihn war, denn am Tage vorher, am Morgen noch hätte er nicht einen Augenblick gezögert, Franz ſeinem Ehrgeiz zu opfern. 161 Das Zögern und die Verlegenheit des Prinzen ver⸗ anlaßten bei Pascal ein wachſendes Erſtaunen; er hatte nicht geglaubt, ſein Verlangen in Beziehung auf Franz könnte den geringſten Anſtand haben; um indeſſen auf die Entſcheidung des Prinzen dadurch einzuwirken, daß er ihm die Folgen ſeiner Weigerung vor Augen ſtellen würde, brach er zuerſt das Stiliſchweigen und ſagte: „In der That, Hoheit, Ihr Zögern iſt unbegreiflich! Wie! aus Nachgiebigkeit und Schwäche für ein Schüler⸗ liebſchäftchen ſollten Sie auf die Sicherheit, eine Krone zu erlangen, verzichten; denn im Ganzen iſt das Herzog⸗ thum, deſſen Abtretung man Ihnen anbietet, ſouverain und unabhängig; dieſe Abtretung zu verwirklichen, kann Sie allein mein Anlehen in Stand ſetzen was, bei⸗ läufig geſagt, nicht wenig ſchmeichelhaft für den guten Pascal iſt; denn kraft der Herrſchaft ſeiner kleinen Spar⸗ büchſe kann er Souverains machen oder nicht machen; er kann ihn geſtatten oder verhindern den hübſchen Handel, wobei man ſie verkauft, wieder verkauft, abtritt und wie⸗ der abtritt, dieſe Klumpen von Völkern, nicht mehr, nicht weniger, als wenn es eine Heerde Ochſen oder Schafe wäre. Doch das geht mich nichts an. .. Ich bin kein Politiker, Sie aber find es, Hoheit, und ich begreife Ihr Zhſer nicht. Noch einmal frage ich Sie: Ja oder nein?“ „Nein,“ antwortete Magdalena, plötzlich aus dem anſtoßenden Zimmer hervortretend, wo ſie, trotz der Vor⸗ it des Prinzen, das vorhergehende Geſpräch gehört atte. Achtzehntes Rapitel. Bei der unerwarteten Erſcheinung der Marquiſe von Miranda theilte der Erzherzog das Erſtaunen von Herrn Pas⸗ ral; dieſer ſchaute Anfangs Magdalena ganz verwundert an, indem er ſie für eine Mitangehörige des Palaſtes hielt; denn ſie hatte ihren Hut abgenommen, und ihre ſeltene Schönheit ſtrahlte in ihrem ganzen Glanze. Der Schat⸗ ten, den bis dahin der Rand ihres Hutes geworfen, der zum Theil die Stirne und die Wangen bedeckte, war ver⸗ ſchwunden, und das lebhafte Licht des hellen Tages, das der durchſichtigen Reinheit der bleichen und bräunlichen Geſichtshaut von Magdalena den vollen Werth gab, ver⸗ goldete die leichten Locken ihres herrlichen blonden Haares und verlieh dem Azur ihrer großen Augen mit den langen ſchwarzen Brauen jene funkelnde Klarheit, die dem Blau eines ruhigen Meeres der Sonnenſtrahl, der es durch⸗ dringt, verleiht. Die Wange leicht gefärbt durch die Entrüſtung, die bei ihr der verabſcheuungswürdige Plan von Herrn Pascal verurſachte, den Blick belebt, die Naſenflügel bebend, den Kopf ſtolz auf ihren geſchmeidigen Hals zurückgeworfen, trat Magdalena mitten in den Salon und wiederholte, ſich an den Geldmann wendend: „Nein, mein Herr, der Prinz wird die Bedingung, Sie ihm aufzudringen die Frechheit haben, nicht an⸗ nehmen.“ „ „Madame,“ ſtammelte Herr Pascal, der fühlte, daß ihn ſeine gewöhnliche Unverſchämtheit verließ, und zugleich unruhig, eingeſchüchtert und bezaubert zurückwich, „Ma⸗ dame, ich weiß nicht, wer Sie find, ich weiß nicht, mit welchem Recht Sie . .“ „Auf, Hoheit,“ ſprach die Marquiſe zum Erzherzog, „nehmen Sie doch Ihre Würde wieder an, nicht die des 163 Fürſten, ſondern die des Mannes; ſtellen Sie der demü⸗ thigenden Bedingung, die man Ihnen auferlegt, die Ver⸗ achtung entgegen, die ſie verdient. Großer Gott! um welchen Prels würden Sie einen Zuwachs von Macht er⸗ kaufen? Wie! Sie hätten den Muth, Ihre ſouveraine Krone zu den Füßen dieſes Menſchen aufzuraffen! Sie würden wahrlich Ihre Krone beſchmutzen! Ein Menſch von Herz, in der niedrigſten Lebensſtellung, hätte nicht den tauſendſten Theil der Beleidigungen, die Sie ver⸗ ſchluckt haben, Hoheit, geduldet! Und Sie find ein Fürſt? und Sie ſind ſtolz? und Sie gehören zu denjenigen, welche glauben, ſie ſeien von einem über dem Volk erhabenen Geſchlecht? So haben Sie alſo für Ihre flachen Höflinge, für Ihre niedrigen Schmeichler, für Ihre eingeſchüchter⸗ ten Völker nur Hochmuth, und vor einem... Herrn Pas⸗ cal beugen Sie Ihren fürſtlichen Stolz. Das iſt die Macht des Geldes!“ fügte Magdalena mit wachſender Fraltation bei, indem ſie dem Geldmann mit einer Ge⸗ berde niederſchmetternder Verachtung das Wort abſchnitt; „das iſt es alſp, vor was man ſich beugt! Großer Gott! ſo ſind heut zu Tage die Könige der Könige! Bedenken Sie doch, Prinz, was die Herrſchaft und die Unverſchämt⸗ heit dieſes Menſchen bildet, iſt Ihr Ehrgeiz. Auf, Ho⸗ heit, ſtatt durch eine ſchmähliche Erniedrigung das zer⸗ brechliche Spielzeug eines ſouverainen Ranges zu erkaufen, verzichten Sie auf dieſe armſelige Eitelkeit . bemächti⸗ gen Sie ſich wieder Ihrer Rechte elnes Mannes von Herz, und Sie werden ſchmachvoll dieſen Menſchen fortjagen können, der Sie frecher behandelt, als Sie je den letzten von Ihren armen Vaſallen behandelt haben.“ Herr Pascal hatte ſich, ſeitdem er zu ſeinem großen Vermögen gelangt war, an eine deſpotiſche Herrſchft und an die furchtſame Ehrerbietung derjenigen gewöhnt, deren Schickſal er in ſeinen Händen hielt; man denke ſich alſo, von welcher Wuth er ergriffen wurde, als er ſich ſo von Magdalena, wenn nicht der ſchonſten, doch der reizendſten Frau, die er je getroffen, anreden hörte; man denke ſich ſeine Verzweiflung, wenn er ſich ſagte, er müſſe wahr⸗ ſcheinlich darauf verzichten, Antonine zu heirathen, und werde dabei noch den Vortheil ves herzoglichen Anlehens, eines ſeiner Anficht nach vortrefflichen Geſchäftes, verlie⸗ ren; er rief auch mit einer drohenden Stimme: „Madame, nehmen Sie ſich in Acht . Die Macht des Geldes, die Sie ſo unwürdig behandeln, kann viele Mittel in den Dienſt ihrer Rache ſtellen . nehmen Sie ſich in Acht!“ „Gottes Gnade! die Drohung iſt gut und erſchreckt mich ungemein,“ erwiederte Magdalena, indem ſie in ein höhniſches Gelächter ausbrach und mit einer Geberde den Prinzen zurückhielt, der raſch einen Schritt gegen Pascal that, „Ihre Macht ſei groß, ſagen Sie, mein Herr von der Geldkaſſe! Das iſt wahr, ſie iſt unermeßlich, die Macht des Geldes. Ich habe in Frankfurt ein gutes al⸗ tes Männchen geſehen, das im Jahr 1830 zu ein paar wüthenden Königen ſagte: „„Sie wollen mit Frankreich Krieg anfangen, das iſt mir nicht genehm; weder ich, noch meine Familie werden Ihnen Geld geben, um Ihre Truppen zu bezahlen.“ Und der Krieg unter⸗ blieb. Dieſer gute alte Mann, der hundertmal reicher iſt, als Sie, Herr Pascal, bewohnt das beſcheidene Haus ſeines Vaters und lebt von wenig, während ſein wohlthä⸗ tiger Name auf zwanzig Denkmalen öffentlichen Nutzens eingeſchrieben iſt. Man nennt ihn den König der Ar⸗ men und ſein Name wird ebenſo oft geſegnet, als man den Ihrigen ſchmäht und ausziſcht. Denn Ihr Ruf als redlicher, rechtſchaffener Mann iſt nicht weniger im Ausland, als in Frankreich gegründet. Gewiß, oh! Sie ſind bekannt, Herr Pascal, nut zu ſehr bekannt, denn Sie können ſich nicht vorſtellen, wie ſehr man Ihr Zart⸗ gefühl, Ihre gewiſſenhafte Ehrlichkeit ſchätzt!. Was man hauptſächlich als den Gegenſtand der allgemeinen Achtung betrachten darf, iſt die ehrenhafte Art, wie Sie Ihr un⸗ geheures Vermögen erworben und vermehrt haben. Dies Alles hat Ihnen einen weithin ſchallenden Ruf gemacht, 165⁵ Herr Pascal, und ich fühle mich glücklich, Sie deſſelben bei dieſer Gelegenheit verſichern zu können.“ „Madame,“ entgegnete Pascal mit einer eiſigen Ruhe, die noch ſchrecklicher, als der Zorn, „Sie wiſſen viele Dinge, aber Sie wiſſen nicht, wer der Mann iſt, den Sie reizen . Sie wiſſen nicht, was er vermag, die⸗ ſer Mann von der Geldkaſſe, wie Sie ſagen.“ Der Prinz machte abermals eine drohende Geberde, doch Magdalena hielt ihn aufs Neue zurück und fuhr, die Achſeln zuckend, fort: „Was ich weiß, Herr Pascal, iſt, daß Sie trotz Ihrer Frechheit, trotz Ihrer Unverſchämtheit, trotz Ihrer Geldkaſſe, Fräulein Antonie Hubert nie zur Frau bekom⸗ men, denn dieſe wird morgen mit Franz von Neuberg verlobt ſeyn, wie Ihnen Seine Hoheit die Verſicherung gegeben hat.“ Und ohne die Antwort von Herrn Pascal abzuwar⸗ ten, machte ihm die Marquiſe eine ſpottiſche Halbverbeu⸗ gung und kehrte in das anſtoßende Zimmer zurück. Fortgeriſſen durch die hochherzige Entrüſtung in den Worten von Magdalena, immer mehr unterjocht durch ihre Schönheit, die ihm in einem ganz neuen Licht erſchie⸗ nen war, fühlte der Erzherzog, in deſſen Herz ſich der ganze Groll, der ganze durch die Unverſchämtheiten von Herrn Pascal angehäufte Zorn wiederbelebten, die Freude des Sklaven, der endlich von einem verhaßten Joch befreit wird; bei dem warmen Ton der jungen Frau, hatte die vurch den Raceſtolz verhärtete, in der Atmoſphäre finſterer Schmeichelel, in der er bisher dahin gelebt, vereiſte ſchlimme Seele des Prinzen wenigſtens einige edle Be⸗ bungen, und die Röthe der Scham bedeckte endlich die Stirne vieſes hoffärtigen Mannes, indem er ermaß, bis zu welchem Grad der Erniedrigung er von Herrn Pascal herabgeſtiegen war. Dieſer, den die Gegenwart der Marguiſe nicht mehr einſchüchterte, fühlte ſeine ganze Frechheit wiedererſtehen, und ſich ungeſtüm an den Prinzen wendend, ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen beißenden Spott, womit ſich die ge⸗ häßige Eiferſucht darüber vermiſchte, daß er den Erzher⸗ zog im Beſitz einer ſo ſchönen Geliebten ſah (dies war wenigſtens der Glauben von Herrn Pascal): „Alle Wetter, ich wundere mich nicht mehr, Hoheit, daß ich ſo lange in Ihrem Vorzimmer habe warten müſſen „Sie waren, wie ich ſehe, in guter und ſchö⸗ ner Geſellſchaft beſchäftigt. Ich bin ein feiner Kenner und mache Ihnen mein Kompliment; doch Männer, wie wir, laſſen ſich nicht durch einen Unterrock regieren. Ich glaube, Sie kennen Ihre Intereſſen zu ſehr, um auf un⸗ ſer Anlehen zu verzichten und die Worte, die Sie gehört, und die ich nie vergeſſen werde, im Ernſte zu nehmen, denn es thut mir leid für Sie,“ fügte Pascal bei, deſſen Wuth ſeine Unverſchämtheit verdoppelte, „aber trotz ihrer ſchönen Augen werde ich mich für die Beleidigungen die⸗ jer allzu anbetungswürdigen Perſon rächen miüſſen.“ „Herr Pascal,“ ſprach der Erzherzog triumphirend, daß er ſich endlich rächen konnte, „Herr Pascal,“ und mit einer Geberde bezeichnete er ihm die Thüre, „gehen Sie und ſetzen Sie nie mehr einen Fuß hierher.“ „Hoheit, dieſe Worte .. „Herr Pascal,“ fuhr der Prinz lauter fort, indem er die Hand nach einer Klingelſchnur ausſtreckte, „gehen Sie auf der Stelle, vder ich laſſe Sie hinauswerfen.“ Es iſt gewöhnlich ſo viel Feigheit bei der Unver⸗ ſchämtheit, ſo viel Gemeinheit bei der Habgier, daß Herr Pascal niedergeſchmettert, da er ſo ſeine Hoffnungen ent⸗ ſchwinden ſah und die Vortheile des Anlehens verlieren ſollte, ſeine Grobheit, obwohl zu ſpät, bereuend, ſo krieche⸗ riſch wurde, als er zuvor anmäßend geweſen war, und mit einer kläglichen Stimme zu dem Prinzen ſagte: „Hoheit, ich ſcherzte.. Ich wähnte, wenn Gure Kaiſerliche Hoheit die Gnade habe, mich ſo frei heraus ſprechen zu laſſen, ſie werde beluftigt durch meine Einfälle. Darum erlaubte ich mir ſo viel ungereimte Dinge. Kann Eure Hoheit glauben, ich werde den geringſten Groll über 167 die Scherze hegen, welche dieſe reizende Dame an mich gerichtet hat? Ich bin hiefür zu galant, zu ſehr fran⸗ zöſiſcher Chevalter; ich bitte ſogar Eure Hoheit für den Fall, daß, wie ich hoffe, unſer Anlehen immer noch zu Stande käme, dieſer achtungswerthen Dame das zu bieten, was wir Leute von der Geldkaſſe, wie ſie vorhin ſo heiter ſagte, Nadeln nennen „ für ihre Toi⸗ lette einige Rollen von tauſend Louisd'vr. Die Da⸗ men haben ſtets kleine Einkäufe zu machen.. Und. „Herr Pascal,“ erwiederte der Prinz, der ſich an der Erniedrigung ergötzte, die er über Herrn Pascal zu verhängen nicht den Muth gehabt hatte, „Sie ſind ein elender Burſche, gehen Sie ..“ „Ah! Hoheit, behandeln Sie mich im Ernſte ſo?“ rief Herr Pascal. Ohne zu antworten, läutete der Prinz lebhaft; ein Adjutant trat ein. „Sie ſehen dieſen Herrn,“ ſprach der Erzherzog auf Pascal deutend, „ſchauen Sie ihn an.“ „Ja, Hoheit.“ „Wiſſen Sie ſeinen Namen?“ „Ja, Hoheit, es iſt Herr Pascal.“ „Sie werden ihn wiedererkennen 2* „Vollkommen, Hoheit.“ „Nun denn! führen Sie dieſen Menſchen bis an die Thüre des Vorhauſes, und wenn er je die Unverſchämtheit hätte, hier zu erſcheinen, jagen Sie ihn ſchmählich fort.“ „Wir werden nicht verfehlen, dies zu thun,“ antwor⸗ tete der Adjutant, der, wie ſeine Kameraden, ſeinen An⸗ theil an den Unverſchämtheiten von Herrn Pascal be⸗ kommen hatte. Da unſer Mann den Untergang ſeiner Hoffnungen ſah und nichts mehr zu verlieren hatte, fand er ſeine Un⸗ verſchämtheit wiever; er erhob das Haupt und ſagte zu dem Prinzen, den es, indem er ſich nun ſattſam gerächt glaubte, zu Magdalena in vas anſtoßende Zimmer zurück⸗ zukehren drängte: * 168 „Hören Sie, Herr Erzherzog, der Muth und die Niedrigkeit von uns Beiden ſind von demſelben Mehl: vor Kurzem war ich ſtark durch Ihre Feigheit, wie Sie ſo eben ſtark durch die meinige geweſen ſind .. Die ein⸗ zige beherzte Perſon hier iſt die verdammte Frau mit den ſchwarzen Augenbrauen und den blonden Haaren doch ich werde mich an ihr und an Ihnen rächen!“ Aufgebracht, daß er ſich ſo vor einem ſeiner Unter⸗ gebenen behandeln ſah, wurde der Prinz purpurroth und ſtampfte wüthend mit dem Fuß. „Werden Sie wohl hinausgehen,“ rief der Officker, indem er mit der Hand an den Griff ſeines Degens fuhr und Pascal bedrohte, „hinaus, oder...“ „Ganz ſchön, Herr Raufer,“ antwortete Paseal kalt, während er ſich zurückzog, „man ſäbelt hier Niemand nie⸗ der, ſehen Sie? wir ſind in Frankreich, ſehen Sie ? und wir haben, ſehen Sie? gute Polizeicommiſſärchen, um die Klagen ehrlicher Leute aufzunehmen, denen man Gewalt anthut ...“ Herr Pascal verließ den Palaſt, das Herz in Galle getaucht, von Haß zerfreſſen, vor Wuth berſtend; er dachte an ſeine getäuſchte Habgier, an ſeine getäuſchte Liebe, und er konnte aus ſeinem Geiſte das glühende Antlitz von Magdalena nicht vertreiben, welche, weit entfernt, ihn die jungfräuliche Unſchuld von Antonine vergeſſen zu laſſen, vieſe ſeiner Erinnerung noch mehr zu vergegenwärtigen ſchien, denn die zwei zugleich ſo vollkommenen und ſo unähnlichen Urbilder machten ſich gerade durch ihren Contraſt geltend. „Der Menſch iſt ein ſeltſames Thier,“ ſagte Herr Pascal zu ſich ſelbſt, während ér mit langſamen Schritten der Rue du Faubourg Saint⸗Honoré, ſeine Hände in ſeine Hoſentaſchen getaucht, folgte. „NRein,“ fügte er, den Kopf geſenkt und die Augen maſchinenmäßig auf das Pflaſter geheftet einherſchreitend, bei, „nein, man muß das nicht ſagen, aus Furcht, minder grauſam, minder bitter venjenigen welche ihn fühlen, den Neid zu machen, den ſie gegen uns 169 Millionäre hegen; denn glücklicher Weiſe leiden unſere Neidiſchen wie die Verdammten unter allen den Freuden, die ſie bei uns vermuthen. Doch das iſt eine Thatſache: ich habe zu dieſer Stunde in meiner Kaſſe die Mittel, um mich mit allen Genüſſen, den erlaubten wie den verbotenen, die ſich der Menſch träumen kann, zu ſättigen. . ich bin noch jung, ich bin nicht dumm, ich bin voll Kraft und Geſundheit, frei wie der Vogel. .. die Erde gehört mir, ich kann mich mit dem ſättigen, was ſie Ausgeſuchteſtes in allen Ländern bietet; ich kann ein Sybaritenleben in Paris, in London, in Wien, in Neapel, in Conſtantinopel führen; ich konnte Prinz, Herzog, Marquis werden und meine Bruſt buntſcheckig mit Ordensbändern bedecken laſ⸗ ſen; ich kann heute Abend beim Schlafengehen die ſchön⸗ ſien und beneidetſten Schauſpielerinnen Lon Paris haben; ich kann mir jeden Tag ein Lucullus⸗Mahl verſchaffen . ich kann mich von den ſchönſten Pferden von Paris ziehen laſſen; ich kann in einem Monat, indem ich ein glänzen⸗ des Hotel nehme, wie ſo viele andere Schelme oder Dummköpfe, die Elite von Paris, von Europa bei mir verſammeln; dieſer Quaſikönig, den ich beinahe mit dem heiligen Oel der Banque von Fkankreich geſalbt hätte, dieſer Erzherzog hat mir die Füße geleckt.. Nun! bei meinem Ehrenwort,“ fügte Herr Pascal mit den Zäh⸗ nen knirſchend bei, „ich wette, daß Niemand in dieſem Augenblick ſo ſehr leidet, als ich... Ich befand mich im Paradies, als ich, ein Handarbeiter, meinem alten Schur⸗ ken von einem Provinzwucherer die Schuhe putzte. Zum Glück kann ich, um nicht leer zu kauen, in Erwartung beſſerer Stücke, ein wenig Dutertre freſſen. .. laufen wir zu meinem Huiſſier.“ * Der Erzherzog ſuchte, wie geſagt, nach dem Abgang des Geldmannes elligſt die Marquiſe von Miranda wie⸗ der auf; doch zu ſeinem großen Erſtaunen fand er ſie nicht mehr in dem Zimmer, in das ſie eingetreten war. Die ſieben Tobſünden 1WV. Abthl. 12 170 Da dieſes Zimmer keinen andern Ausgang hatte, als den in den Dienſtſalon, ſo fragte der Prinz die Adjutanten, ob ſie die Perſon, der er Audienz gegeben, haben durch⸗ gehen ſehen. Man antwortete ihm, die Dame ſei aus dem Zimmer, in dem ſie geweſen, herausgekommen und habe den Palaſt kurz vor dem Abgang von Herrn Pascal verlaſſen. Magdalena hatte ſich in der That entfernt, obgleich ſie Anfangs entſchloſſen war, auf den Prinzen bis zum Ende ſeiner Unterredung mit Herrn Pascal zu warten. Man köre, warum fie ſich nachher zum Entgegenge⸗ ſetzten entſchloß: Sie kehrte, nachdem ſie Herrn Pascal, wie er es verdiente, behandelt hatte, in den Salon zurück, als ſie, zufällig in den Garten ſchauend, Franz erblickte, der ſich die Erlaubniß erbeten, vor ſeiner Abreiſe ein paar Gänge vurch den Park in Geſellſchaft des Major Butler machen zu dürfen. Beim Anblick von Franz war Magdalena wie ver⸗ „ ſteinert. Sie erkannte ihren blonden Erzengel, den Ge⸗ genſtand der idealen und einzigen Leivenſchaft, die ſie Sophie Dutertre geſtanden hatte. Neunzehntes Rapitel. 5 Magdalena zweifelte nicht einen Augenblick, der Held des Duells, von dem ſie unſichtbare Zeugin geweſen, ihr blonder Erzengel, mit einem Wort, das Ideol ihrer Lei⸗ denſchaft. und Franz, der Gegenſtand der Leidenſchaft von Antonine, ſeien eine und dieſelbe Perſon. * — 171 Bei dieſer plotzlichen Entdeckung fühlte ſich die Mar⸗ quiſe tief erſchüttert. Bis jetzt hatte dieſe Liebe, umgeben von Geheimniß und Unkenntniß, dieſe Liebe, unbeſtimmt und reizend wie die Erinnerung an einen ſüßen Traum, genügt, um ihr Herz inmitten der Aufregungen ihres Le⸗ bens auszufüllen, ihres Lebens, das ſo ſonderbar beſchaffen war durch die Ruhe ihrer eiskalten Sinne in Vergleichung mit den glühenden Leidenſchaften, die ſie einflößte, ohne ſie mitzufühlen. Nie war Magdalena der Gedanke gekommen, ihr Ideal koͤnnte die Liebe einer andern Frau theilen, oder ihr Geiſt hatte vielmehr nie bei dieſem Zweifel verweilt; für ſie war ihr ſtrahlender Engel mit ſchönen weißen Flü⸗ geln verſehen, die ihn Aller Augen in die endloſen Räume des Aethers entführen mußten. Unabläſſig von ſehr wenig platoniſchen Bewerbungen beſtürmt, fühlte ſie eine Freude, eine unausſprechliche moraliſche Erholung darin, ſich zu den unmateriellen Regionen zu erheben, in denen ihre geblendeten und entzückten Augen ihr Ideal ſchweben ſahen. Plötzlich aber hatte die Wirklichkeit dem Erzengel die Flügel abgeſchnitten, und, aus ſeiner himmliſchen Sphäre herabgeſtürzt, war er nur noch ein in ein fünfzehnjähriges Mädchen, das ihn ebenfalls anbetete, verliebter ſchoͤner junger Mann. Bei dieſer Entdeckung empfand Magdalena eine Art von Traurigkeit oder vielmehr von ſanfter Melancholie, ähnlich der, welche auf das Erwachen aus einem bezau⸗ bernden Traume folgt, denn um die Qualen der Eiferſucht zu empfinden, muß man fleiſchlich lieben, Magdalena konnte alſo nicht eiferſüchtig auf Antonine ſein. Hatte Franz endlich beſtändig den Geiſt von Magdalena eingenommen, ſo hatte er doch keinen Antheil an ihrem Leben gehabt; es handelte ſich daher für ſie nicht darum, die tauſend Bande zu zerreißen, welche die Gewohnheit, die Sympathie, das Vertrauen ſo theuer machen; bald fühlte ſie ſich jedoch von einer wachſenden Unruhe, von peinlichen Ahnungen erfaßt, über die ſie ſich keine Rechenſchaft gab. Plötzlich bebte ſie und ſprach: „Wenn das Verhängniß wollte, daß der ſeltſame Zauber, den ich beinahe auf Alle ausübe, welche in meine Nähe kommen, auch auf Franz wirkte; wenn ich dieſen Eindruck theilte, ſähe ich ihn lebhaft von dem einzigen Mann empfinden, der bis jetzt mein Herz und meinen Geiſt eingenommen hat!“ Dann, indem ſie ſich dadurch zu beruhigen ſuchte, daß ſie an ihre Demuth appellirte, ſagte Magdalena zu ſich ſelbſt: „Nein, nein, Franz liebt Antonine zu ſehr; es iſt ſeine erſte Liebe; die Unſchuld, die Aufrichtigkeit dieſer Liebe werden ihn ſchützen. Er wird für mich die Kälte haben, die ich für Alle empfinde. Ja .. und dennoch, wer ſagt mir, mein Stolz, meine Liebe vielleicht werden ſich nicht empören über die Kälte von Franz? wer ſagt mir, die Pflichten einer frommen, beinahe mütterlichen Liebe für Antonine hintanſetzend, werde ich nicht alle Mit⸗ tel des Geiſtes und der Verführung benützen, um die Gleichgültigkeit von Franz zu beſiegen? Oh! nein, das wäre ſchändlich. und dann täuſche ich mich. ich wie⸗ derhole, Franz liebt Antonine zu ſehr.. Ach! der Mann 6 Sophie liebt dieſe auch zärtlich .., und ich befürchte, daß .. Dieſe Betrachtungen von Saphie wurden unterbrochen durch die ſchallende Stimme des Erzherzogs, der Herrn Pascal wegzugehen befahl; ſie horchte auf den Wit und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Sobald er dieſen Menſchen vor die Thüre geworfen hat, wird der Prinz kommen; hſchäftigen wir uns mit dem Dringendſten . . .“ Die Marquiſe zog ein Schreibbuch aus ihrer Taſche, trennte ein Blatt daraus und ſchrieb ein paar Zeilen mit Bleiſtift, faltete das Papier zuſammen, ſchloß es mit einer Nadel und legte, nachdem ſie: Für den Prinzen darauf geſchrieben hatte, das Billet, ſehr in die Augen — 173 fallend, auf einen Marmortiſch, der mitten im Salon ſtand, ſetzte ihren Hut wieder auf und entfernte ſich, wie geſagt, kurze Zeit vor dem Abgang von Herrn Pcscal. Während der Erzherzog, erſtaunt und troſtlos, daß er die Margquiſe nicht mehr fand, mit einer unausſprech⸗ lichen Angſt das von ihr hinterlaſſene Billet öffnete, begab ſich Magdalena zu Antonine, wo auch Sophie Dutertre ſein ſollte. Bei ihrer Ankunft bei dem Präſidenten Hubert in einen beſcheidenen Salon eingeführt, wurde die Marquiſe von Sophie Dutertre empfangen, die ihr entgegenlief und ſie mit einer gewiſſen Bangigkeit, fragte: „Nun! Magdalena, haſt Du den Prinzen geſehen?“ „Ja und ich habe gute Hoffnung.“ „Wäre es möglich?“ „Möglich, ja, meine liebe Sophie, doch das iſt Alles. Ich will keine thörichte Hoffnung bei dem armen Mäd⸗ chen erwecken. Wo iſt ſie?“ „Bei ihrem Oheim. Zum Glück ſcheint die Kriſe von dieſem Morgen mehr und mehr befriedigende Reſul⸗ tate zu haben. Der Arzt hat geſagt, wenn dieſe Beſſe⸗ rung anhalte, werde Herr Hubert vielleicht heute Abend außer Gefahr ſein.“ ₰ „Sage mir, Sophle, glaubſt Du, daß Herr Hubert im Stande iſt, einen Beſuch zu empfangen?“ „Von wem?“ „Von einer gewiſſen Perſon. Ich kann Dir jetzt nicht mehr ſagen.“ „Ich glaube, ja; denn einer von den Freunden von Herrn Hubert geht ſo eben weg. Nur hatte ihm der Arzt anempfohlen, nicht zu lange zu bleiben, um den Kranken nicht zu ermüden.“ „Das iſt vortrefflich. Und Antonine, die arme Kleine, ſie muß in einer tödtlichen Angſt ſchweben!⸗ „Das arme Kind . man muß Mitleid mit ihr haben . Es iſt ein ſo naiver und zugleich ſo ſüßer und verzweifelter Schmerz, daß mir das Herz blutet ... ⸗ 174 Höre, Magdalena, ich bin feſt überzeugt, ſie würde vor Kummer ſterben, wenn ſie auf Franz verzichten müßte .. . Ah! der Tod iſt beſſer, als gewiſſe Leiden,“ ſprach Sophie mit einem ſo tief traurigen Ausdruck, daß die Thränen ihren Augen entquallen; dann, indem ſie dieſelben trocknete, i ſie bei: „Ja, doch wenn man KRinder hat, muß man eben. Magdalena war ſo betroffen von dem Ton von Ma⸗ dame Dutertre, von ihrer Bläſſe, die ſie noch nicht be⸗ merkt, von den Thränen, die ſie ihre Freundin vergießen ſah, daß ſie raſch fragte: „Mein Gott! Sophie, was haſt Du denn? warum dieſe ſchmerzlichen Worte, warum dieſe Thränen? Geſtern verließ ich Dich ruhig, glücklich, abgeſehen, wie Du ſag⸗ teſt, von einigen durch die Geſchäfte Deines Mannes veranlaßten Sorgen. Iſt heute etwas Neues vorgefallen?“ „Nein, ich. ich denke nicht,“ antwortete Sophie zögernd. „Aber ſeit geſtern ſind es weit weniger die Pieſeg meines Mannes, was mich beunruhigt, als . „Vollende.“ „Nein, nein, ich bin toll,“ erwiederte Sophie, die ſich zu bezwingen ſuchte und ein paar Worte, welche ihr eben entſchlüpfen wollten, zurückzudrängen ſchien, „ſpre⸗ chen wir nicht von mir, ſprechen wir von Antonine; ich bin ſo erſchüttert von der Verzweiflung der Armen, daß man glauben ſollte, ihre Leiden wären die meinigen.“ „Sophie, Du ſagſt mir nicht die Wahrheit.“ „Ich verſichere Dich „Ich ſinde Dich bleich, verändert. Ja, ſeit geſtern haſt Du gelitten, viel gelitten, diſſen bin ich ſicher.“ „Nein,“ erwiederte die junge Frau, während ſie ihr Sacktuch auf ihre Augen drückte, „Du täuſcheſt Dich . . .“ „Sophie,“ ſprach lebhaft Magdalena, indem ſie die Hände ihrer Freundin in die ihrigen nahm, „Du weißt nicht, wie ſehr Dein Mangel an Vertrauen mich betrübt; 175 Du könnteſt mich glauben machen, Du habeſt Dich über mich zu beklagen?“ „Was ſagſt Du?“ rief Sophie troſtlos über vieſen Verdacht. „Du biſt, Du wirſt ſtets meine beſte Freundin ſeln, und wenn ich Dich nicht durch meine Klagen zu er⸗ müden glaubte .. „Ah! abermals,“ rief die Marquiſe im Ton liebe⸗ vollen Vorwurfs. „Verzeih.. verzeih, Magdalena; doch, in der That, genügt es nicht, ſeinen Freunden wirkliche Leiden anzu⸗ vertrauen, ohne ſie auch noch durch das Geſtändniß un⸗ beſtimmter, aber dennoch oft ſchmerzlicher Ahnungen zu betrüben?“ „Laß ſie hören, dieſe Ahnungen, meine liebe Sophie.“ „Seit geſtern .. doch ich wiederhole, ich werde Dir toll erſcheinen.“ „Du wirſt mir toll erſcheinen . .. wohl .. doch ſprich ich beſchwöre Dich.“ „Nun denn! mir ſcheint, daß ſeit geſtern mein Mann unter der Herrſchaft irgend einer ſiren Idee ſteht, die ihn ganz und gar in Anſpruch nimmt.“ „Geſchäftsſorgen vielleicht?“ „Nein .. oh! nein, es iſt etwas Anderes, und das iſt es, was mich ängſtigt und peinigt.“ „Was haſt Du denn bemerkt?“ „Geſtern, nachdem Du Dich entfernt hatteſt, ſollte er, wie wir verabredet, zwei Gänge von großer Wichtig⸗ keit für uns thun. Als ich die Stunde verlaufen ſah⸗ begab ich mich in unſer Zimmer, wohin er gegangen war⸗ um ſich anzukleiden. Ich fand ihn noch in ſeinen Arbeits⸗ kleidern an einem Tiſche ſitzend, die Stirne auf ſeine Hand geſtützt; er hatte mich nicht eintreten hören. „„Charles,““ ſagte ich zu ihm, „„Du vergiſſeſt die Stunde, Du haſt auszugehen.“ „„Warum ausgehen?““ fragte er mich. „„Aber, mein Gott! um zwei vringende Gänge für Deine Geſchäfte zu machen,“ (und ich nenne ſie ihm). „„Du haſt Recht,“ ſagt er, „„ich dachte nicht daran.“ „„Aber 176 woran denkſt Du denn, Charles?““ frage ich. Er errö⸗ thete, ſchien verlegen und antwortete mir nicht. „Vielleicht hat er einen Plan, einen Entſchluß, den er ſich überlegt und Dir noch nicht anvertrauen will“ „Das iſt möglich . und dennoch hat er mir nie etwas verborgen, ſelbſt nicht ſeine unentſchiedenſten Pro⸗ jecte Mein, nein, es ſind nicht ſeine Geſchäfte, was ihn ſo in Anſpruch nimmt, denn geſtern Abend, ſtatt mit ſeinem Vater und mit mir über einen Zuſtand der Dinge zu ſprechen, der, ich muß es Dir geſtehen, Magdalena, ernſter iſt, als ich Dir geſagt habe, unterhielt uns Char⸗ les von Dingen, die dem ganz fremd, um was er fich hätte bekümmern müſſen . . Und da .. hatte ich nicht einmal den Muth, ihn zu tadeln, denn er ſprach hauptſächlich von Dir.“ „Von mir? und was hat er geſagt?“ „Du ſeiſt geſtern Morgen von Wohlwollen für ihn erfüllt geweſen; dann hat er von mir tauſend Einzelhei⸗ ten über Dich, über Deine Kindheit, über Dein Leben gefordert; ich antwortete ihm ganz glücklich, wie Du Dir wohl denken kannſt, Magdalena; und hierauf verſank er wieder plötzlich in ein düſteres Stillſchweigen, in ein ſo tiefes Nachſinnen, daß ihn nichts demſelben entziehen konnte, nicht einmal die Liebkoſungen der Kinder.“ In dieſem Augenblick trat der alte Diener von Hu⸗ bert, den Madame Dutertre kannte, mit einer erſtaunten Miene ein und ſagte zu Sophie: „Madame, Fräulein Antonine iſt ohne Zweifel beim Herrn?“ „Ja, was gibt es?“ „Mein Gott! Madame, ich war ſo verwundert, daß ich nicht wußte, was ich antworten ſollte.“ „Erklären Sie ſich.“ 5 „Hören Sie, Madame. Es iſt ein fremder Officier da, wahrſcheinlich einer vom Gefolge des Prinzen, der gegenwärtig das Elyſée bewohnt.“ „Nun?“ 177 „Dieſer Officier hat einen Brief, den er, wie er ſagt, ſelbſt dem Herrn Präſidenten einhändigen will, der ihm eine Antwort geben ſoll. Ich mochte dem Offi⸗ cier immerhin ſagen, der Herr ſei ſehr krank; er ver⸗ ſicherte mich, es betreffe eine ſehr dringende Sache, und er komme im Auftrag Seiner Hoheit, die das Elyſée bewohne; in meiner Verlegenheit frage ich Sie nun, Ma⸗ dame, was zu thun iſt?“ Ihren Kummer vergeſſend, wandte ſich Madame Du⸗ tertre gegen Magdalena und ſagte raſch und freudig: „Deine Hoffnung hat Dich nicht getäuſcht Die⸗ ſer Brief des Prinzen iſt vielleicht ſeine Einwilligung zu der Heirath .. Arme Antonine .. wie glücklich wird ſie ſein!“ „Freuen wir uns nicht zu eiligſt, theure Sophie. Warten wir; ... doch gehe zu dem Officier, einem Ad⸗ jutanten des Prinzen ohne Zweifel... Sage ihm, Herr Hubert, obgleich er ſich etwas beſſer beſinde, könne ihn noch nicht empfangen; bitte den Oſſicier, Dir den Brief anzuvertrauen, und verſichere ihn, Du wolleſt das Schrei⸗ ben Herrn Hubert zuſtellen, der eine Antwort geben werde.“ „Du haſt Recht, Magdalena. Kommen Sie,“ ſagte Sophie zu dem Bedienten, der mit ihr hinausging. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſprach Magdalena, als ſie allein war. „Die Blicke von Herrn Dutertre. Das iſt in der That ein Unglück. Doch ich hoffe,“ fügte ſie halb lächelnd bei, „im Intereſſe von Sophle und ihrem Mann werde ich aus dieſer verzeihlichen Untreue Nutzen zu ziehen wiſſen.“ Dann, nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, ſagte Magdalena: „Der Prinz iſt von einer ſeltenen Pünktlichkeit. Wöchte er auch die andere in meinem Billet enthaltene Empfehlung berückſichtigen!“ Antonine trat aus dem Zimmer ihres Oheims her⸗ aus Bei dem Anblick der Marguiſe war die Arme nicht 178 im Stand, einen Schritt zu thun. Sie blieb unbeweglich, ſtumm, zitternd, und erwartete ihr Schickſal mit einer To⸗ desangſt, denn Magdalena hatte ihr am Morgen deſſel⸗ ben Tags verſprochen, bei dem Prinzen für ſie zu ver⸗ mitteln. Sophie kehrte nun zurück, ſie hielt in der Hand den Brief, den ihr der Adjutant zugeſtellt hatte, gab ihn An⸗ tonine und ſagte: „Hter, mein Kind, bringe dieſen Brief ſogleich Dei⸗ nem Oheim . Es iſt ſehr dringend, ſehr wichtig . . Er wird Dir die Antwort geben, und ich ſtelle ſie der Perſon zu, welche wartet.“ Antonine nahm den Brief aus den Händen von Ma⸗ dame Dutertre und ſchaute mit einer ängſtlichen Neu⸗ gierde ihre beiden Freundinnen an, welche einen Blick des Einverſtändniſſes und der Hoffnung austauſchten; ihre Phy⸗ ſiognomie fiel Antonine dergeſtalt auf, daß ſie ſich ab⸗ n an die zwei jungen Frauen wandte und vieſe ragte: „Sophie... Magdalena? was gibt es? Ihr ſchaut Euch ſtillſchweigend an . . und dieſer Brief.,. Mein Gott! was geht denn vor?“ „Gehe geſchwinde, mein Kind,“ ſagte Magdalena, „Du findeſt uns wieder hier.“ Immer mehr beängſtigt, kehrte Antonine haſtig zu ihrem Oheim zurück; Madame Dutertre aber, als ſie die Marquiſe den Kopf ſenken und ſchweigſam und nachden⸗ kend bleiben ſah ſagte: „Magdalena.. was haſt Du denn?“ „Nichts meine Freundin .. Ich denke an das Glück der armen Antonine, wenn meine Hoffnungen mich nicht täuſchen.“ ℳ „Ah! dieſes Glück wird ſie Dir zu verdanken ha⸗ ben... Mit welcher Trunkenheit werden ſie und Heir Franz Dir ihren Dank abſtatten!.. Biſt Du nicht ihre Vorſehung gewachſen?“ Magdalena bebte bei dem Namen von Franz, erröthete ———— 179 leicht, und eine Wolke zog über ihre Stirne. Sophie hatte nicht Zeit, die Bewegung ihrer Freundin zu be⸗ merken, denn Antonine trat, einen unbeſchreiblichen Aus⸗ druck des Erſtaunens und der Freude in ihrem reizenden Antlitz, raſch aus dem anſtoßenden Zimmer heraus; ohne ein Wort ſprechen zu können, fiel ſie Magdalena um den Hals; doch die Erſchütterung war ohne Zweifel zu heftig, ſie erbleichte plötzlich, und die zwei Freundinnen waren genöthigt, ſie zu unterſtützen. „Gott ſei gelobt!“ ſprach Sophie, „trotz Deiner Be⸗ klommenheit, trotz Deiner Bläſſe bin ich überzeugt, daß es ſich um eine gute Kunde handelt.“ „Zittere alſo nicht ſo, liebes Kind,“ ſagte Magda⸗ lena. „Beruhige Dich, erhole Dich „Oh! wenn Ihr wüßtet,“ flüſterte das Mädchen. „Nein, nein ich kann es noch nicht glauben.“ Die Marquiſe nahm liebevoll die beiden Hände von Antonine in die ihrigen und ſprach: „Man muß immerhin an das Glück glauben, mein Kind; doch ich bitte, ſprich, erkläre Dich.“ „So eben,“ erwiederte das Mädchen, mit einer von den Freudenthränen unterbrochenen Stimme, „ſo eben trug ich den Brief zu meinem Oheim. Er ſagte zu mir: „Antonine, mein Geſicht iſt ſehr geſchwächt, ich bitte Dich, lies mir dieſen Brief vor.““ Da entſiegelte ich den Brief; mein Herz ſchlug, ich weiß nicht warum, ſo gewaltig, ſo gewaltlg, daß mir übel wurde wie jetzt wieder,“ fügte An⸗ tonine bei, indem ſie ihre Hand auf ihren Buſen legie, als wollte ſie ihre Pulsſchläge zurückdrängen, die ſo heftig waren, daß ſie ſich einen Augenblick unterbre⸗ chen mußte; dann fuhr ſie fort: „Ich las alſo den Brief; es ſtand darin. oh! ich habe kein Wort davon vergeſſen: „Herr Präſident Hubert, ich bitte Sie, mir, trotz Ihres kränklichen Zuſtandes, ſogleich, wenn es Ihnen 3 180 moͤglich iſt eine kurze Unterredung in einer ſehr dringen⸗ den, höchſt wichtigen Angelegenheit zu bewilligen. „„Ihr wohlgewogener „„Leopold Marimilian.““ „„Ah!““ ſagte mein Oheim, der ſich aufſetzte, „„das iſt der Name des Prinzen, der das Elyſée bewohnt.“ „„Ich .. ich glaube, ja, mein Oheim,““ antwortete ich. „Was kann er von mir wollen?““ fragte mein Oheim. „„Ich weiß es nicht,“ erwiederte ich zitternd und erröthend, denn ich log, und ich machte es mir zum Vorwurf, daß ich es noch nicht gewagt hatte, ihm meine Liebe für Franz zu geſtehen. Da ſprach mein Oheim: „„Obſchon ich ſehr leidend bin, iſt es mir doch unmög⸗ lich, den Prinzen nicht zu empfangen; doch ich vermag ihm nicht brieflich zu antworten, denn ich bin zu ſehr angegriffen. Thue es an meiner Stelle, Antonine, und ſchreibe ihm Folgendes; erinnere Dich genau meiner Worte: „„Hoheit, da mir meine Schwäche nicht erlaubt, Ihnen ſelbſt zu antworten, ſo entlehne ich eine fremde Hand, um Eurer Hoheit zu ſagen, daß ich zu Ihren Be⸗ fehlen bin.““ „Dieſen Brief will ich nun für meinen Oheim ſchrei⸗ ben,“ ſprach Antonine, während ſie ſich einem Pult näh⸗ erte, das auf einem Tiſch ſtand. Doch ſagen Sie,“ fügte das Mädchen in vollem Erguß bei, „ſagen Sie, ob ich nicht Magdalena ſegnen, ihr auf beiden Knieen dan⸗ ken muß? denn wenn ſich der Prinz meiner Heirath mit Franz widerſetzen wollte, ſo würde er nicht meinen Oheim beſuchen, nicht wahr, Sophie?. und hätte er ohne Mag⸗ dalena je hierher zu kommen eingewilligt?“ „Wie Du, mein Kind, ſage ich, daß man unſere theure Magdalena ſegnen muß,“ ſprach Madame Duter⸗ tre, der Marquiſe die Hand drückend, „voch, in der That, ich muß es wiederholen, Du haſt alſo einen Talisman, Magdalena, um Alles zu erlangen, was Du wünſcheſt?“ „Ach! liebe Sophie,“ erwiederteidie Margquiſe lächelnd, 3 6 ¹181 „dieſer Talisman .. wenn ich ihn habe.. nützt nur Andern . und nicht mir.“ Während die zwei Freundinnen dieſe Worte aus⸗ tauſchten, hatte ſich Antonine vor das Pult geſetzt; aber nach einigen Secunden vergeblichen Verſuches mußte ſie auf das Schreiben verzichten; ihre kleine Hand zitterte ſo gewaltig, daß ſie die Feder nicht halten konnte. „Ueberlaſſe mir Deinen Platz,“ ſagte Magdalena, die ſie beſtändig im Auge behielt, „ich will für Dich ſchreiben.“ „Verzeih. Magdaleng,“ ſprach Antonine, der Mar⸗ quiſe ihren Platz abtretend, „es iſt nicht meine. Schuld .. das iſt ſtärker, als ich.“ „Dein Herz trägt die Schuld, meine Kleine. Ich begreife Deine Aufregung,“ ſagte die Marquiſe, während ſie mit feſter Hand die Antwort des Präfidenten Hubert ſchrieb. „Nun läute Jemand, Antonine, damit dieſer Brief dem Adjutanten des Prinzen übergeben wird.“ Der alte Diener trat ein und wurde beauftragt, den Brief dem Officter zuzuſtellen. „Zu vieſer Stunde,“ ſprach die Marquiſe zu dem Mädchen, „bleibt Dir eine Pflicht zu erfüllen, und ich bin überzeugt, daß Sophie meiner Anſicht iſt; vor der Ankunft des Prinzen mußt Du mit wenigen Worten Dei⸗ nem Oheim Alles geſtehen.“ „Was Magdalena ſagt, iſt ganz richtig,“ erwie⸗ derte Sophie, „es würde eine ſchlimme Wirkung hervor⸗ bringen, wenn Herr Hubert nicht von dem wahrſcheinli⸗ chen Zweck des Beſuches des Prinzen unterrichtet wäre.“ „Dein Oheim iſt gut und wohlwollend“ fügte Mag⸗ valena bei, „er wird einen Mangel an Zutrauen ent⸗ ſchulvigen, der, wie ich nicht bezweifle, hauptſächlich durch Deine Schüchternheit veranlaßt worden iſt.“ „Ich fühle es, Ihr habt alle Beide Recht,“ ſagte Antonine, „auch habe ich über dieſes Geſtändniß nicht zu erröthen, denn, mein Gott! gleichſam unwillkührlich und ohne zu bedenken habe ich Herrn Franz geliebt.“ „Das mußt Du ſchleunig Deinem Oheim bekennen, mein Kind, denn der Prinz wird alsbald hieher kommen. . Doch.. ſage mir,“ fügte die Marquiſe bet, „aus einer mir bekannten Urſache wünſchte ich bei der Ankunft des Prinzen nicht hier zu ſein. . . Kann man aus dieſem Salon nicht in Dein Zimmer gehen?“ „Der Gang, auf den ſich dieſe Thüre öffnet, führt zu meinem Zimmer,“ antwortete Antonine. „Sophie kennt den Weg.“ . „Ich will Dich führen, Magdalena,“ ſagte Sophie und ſtand auf. Die Marquiſe ſtand ebenfalls auf, küßte Antonine zärtlich auf die Stirne und ſagte, auf die Thüre des Zimmers von ihrem Oheim deutend: i „Gehe geſchwinde, liebe Kleine, die Augenblicke find oſtbar.“ Antonine warf einen Blick dankbarer Zärtlichkeit auf ihre beiden Freundinnen; dieſe verließen den Salon und wandten ſich, dem Vorgang folgend, nach dem Zimmer von Fräulein Hubert, als ſie den alten Bedienten auf ſich zu⸗ kommen ſahen, der zu Sophie ſagte: „Madame, Herr Dutertre möchte Sie gern ſogleich ſprechen.“ „Mein Mann! ... wo iſt er?“ „Unten, Madame, in einem Fiacre, vor der Thüre; er hat mir durch den Concierge ſagen laſſen, ich ſoll Sie bitten, hinabzukommen.“ „Das iſt ſonderbar! warum iſt er nicht heraufgekom⸗ men?“ ſagte Sophie ihre Freundin anſchauend. „Herr Dutertre hat nur ein paar Worte mit Madame zu ſprechen,“ erwlederte der Dieñer. Madame Dutertre folgte dem Bedienten ziemlich un⸗ ruhig, nachdem ſie zuvor zu der Marquiſe geſagt hatte: „Ich komme im Augenblich zurück, meine Freundin, denn es drängt mich, das Reſultat des Beſuches des Prin⸗ zen bei Herrn Hubert zu erfahren.“ Magdalena blieb allein. 183 „Ich habe wohl daran gethan, mich zu beeilen,“ dachte ſie mit einer gewiſſen Bitterkeit, „ich habe wohl daran gethan, der erſten Regung von Edelmuth nachzugeben; morgen wäre es zu ſpät geweſen; ich hätte vielleicht nicht den Muth gehabt, mich Antonine zu opfern. Es iſt ſelt⸗ ſam: vor einer Stunde fühlte ich, wenn ich an Franz und ſie dachte, keine Eiferſucht, keine Beklommenheit... nur eine ſanfte Schwermuth; nun aber hat ſich mein Herz allmälig zuſammengeſchnürt, nun iſt es von Schmerzen heimgeſucht. und zu dieſer Stunde leide ich, oh! ja, ich leide ſehr.“ Die plötzliche Rückkeht von Sophie unterbrach die Betrachtungen der Marquiſe, und ſie errieth ein großes Unglück aus dem kummervollen Ausdruck der Geſichtszüge von Madame Dutertre, die mit keichender Stimme zu ihr ſagte: „Magdalena, Du haſt mir Deine Dienſte angeboten, ich nehme ſie an.“ „Großer Gott! Sophie, was haſt Du?“ „Unſere Lage iſt verzweiflungsvoll.“ „Erkläre Dich.“ „Morgen, dieſen Abend vielleicht wird Charles ver⸗ haftet ſein.“ „Dein Mann?“ „Verhaftet. ſage ich Dir oh! mein Gott!“ „Aber warum aber wie?“ „Ein Ungeheuer der Bosheit, das wir für unſern Wohlthäter hielten .. Herr Pascal..“ „Herr Pascal!“ „Ja, geſtern wollte ich Dir nicht, konnte ich Dir nicht Alles ſagen, doch ...“ „Herr Pascal!,“ wiederholte Magdalena. „Unſer Schickſal iſt in den Händen dieſes unbarm⸗ herzigen Menſchen er kann, er will uns in das äußerſte Elend verſetzen .. Mein Gott! was ſoll daraus wer⸗ den?. und unſere Kinder! und der Vater meines 184 Mannes! und wir ſelbſt! ah! das iſt gräßlich! ent⸗ ſetzlich!“ „Herr Pascal,“ ſagte die Margquiſe mit einer tiefen Entrüſtung, „der Elende oh! ja. ich habe es in ſeinem Geſicht geleſen .. ich habe es an ſeiner Gemein⸗ heit und Unverſchämtheit geſehen .. dieſer Menſch muß unbarmherzig ſein.“ „Du kennſt ihn?“ „Dieſen Morgen habe ich ihn beim Prinzen getroffen. Oh! nun bedaure ich es, daß ich dem Zorn, der Verach⸗ tung, die mir dieſer Menſch einflöste, nachgegeben habe. Warum haſt Du nicht früher geſprochen, Sophie2 vas iſt ein Unglück, ein großes Unglück.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Gleichviel. . . wir wollen nicht auf die Vergangen⸗ heit zurückkommen... Doch höre, Sophie, meine Freun⸗ din, laß Dich nicht niederbeugen... übertreibe Dir nichts, ſage mir Alles, und wir finden vielleicht das Mittel, den Schlag zu beſchwören, der Euch bedroht.“ „Herr Pascal iſt unbarmherzig.“ 21Das mag ſein. Doch wie iſt Euer Verhältniß zu ihm „Vor einem Jahr befand ſich mein Mann, wie ſo viele andere Induſtrieleute, in einer beklemmten Lage. Herr Pascal bot ihm ſeine Dienſte an. Getäuſcht durch den redlichen Anſchein, nahm ſie Charles an; es wäre zu lange, Dir zu erklären, durch welche Verkettung von Ver⸗ hältniſſen Charles, der den Verſprechungen von Herrn Pascal traute, bald in eine völlige Abhängigkeit von die⸗ ſem Menſchen gerieth, der von eigem Tag zum andern von meinem Mann mehr als hundert tauſend Thaler zurück⸗ fordern, das heißt ſeine Induſtrie zu Grunde richten, uns in's Elend bringen konnte; endlich kam der Tag, wo Herr Pascal, ſtark durch dieſe Gewalt, meinen Mann und mich in die Alternative verſetzte, verloren zu ſein, oder zu Schändlichkeiten, die er uns auferlegte, einzuwilligen.“ „Oh! der Heilloſe!“ — 185 „Geſtern, als Du kamſt, hatte er eben ſeine Drohung gegen uns ausgeſprochen. Wir antworteten unſerem Her⸗ zen und unſerer Ehre gemäß ... er ſchwur uns, ſich zu rächen, und heute hielt er Wort. Wir ſind verloren, ſage ich Dir, er beabſichtigt, ich weiß nicht kraft welches Rechts, Charles vorläufig einſperren zu laſſen.. Meine Anſicht iſt, Charles müſſe vor Allem dem Kerker entkommen. Er weigert ſich, ſagt, es ſei eine Falle... er habe nichts zu befürchten.. und .. Magdalena, welche eine Zeit lang nachdenkend ge⸗ blieben war, unterbrach ihre Freundin abermals und fragte: § „Was müßte man thun, damit Ihr nichts mehr von Herrn Pascal zu befürchten hättet?“ „Man müßte ihn bezahlen.“ „Und Dein Mann ſchuldet ihm?“ „Ueber hundert tauſend Thaler, garantirt durch unſere Werkſtätte; ſind wir aber einmal des Cigenthums von vieſer entſetzt, ſo beſitzen wir nichts mehr auf der Welt. Mein Mann muß Bankerott machen, und ſeine Zukunft iſt vernichtet.“ „Es gibt kein anderes Mittel, Herrn Pascal zu ent⸗ kommen, als daß man ihn bezahlt?“ „Es gibt eines, auf das mein Mann, nach dem Worte dieſes boshaften Menſchen, immer gerechnet hatte.“ „Und dieſes Mittel iſt?“ „Charles zehn Jahre zu bewilligen, um ſich frei zu machen.“ „Und mit dieſer Gewißheit?“ „Wären wir gerettet; aber Herr Pasral will ſich rächen, und wird ſich nie herbeilaſſen, ein Mittel der Ret⸗ tung zu gewähren.“ Dieſes traurige Geſpräch wurde durch Antonine un⸗ terbrochen, welche ſtrahlend und wie toll vor Freude ein⸗ trat und rief: „Magdalena oh! kommen Sie, kommen Sie. . Die ſieben Tobſünden. iv. Abth. 13 186 „Was gibt es, mein Kind? eine glückliche Kunde ich errathe es aus Deinem ſirahlenden Geſicht.“ „Ah! meine Freundinnen,“ antwortete das Mädchen, „ich befürchte nur, ein ſo großes Glück nicht ertragen zu können: Mein Oheim, der Prinz willigen zu Allem ein.. Und der Prinz, wenn Ihr wüßtet, wie nachſichtig, wie väterlich er gegen mich geweſen iſt! denn ich ſollte nach ſeinem Willen ſeiner Unterredung mit meinem Oheim bei⸗ wohnen... er bat mich um Verzeihung wegen des Kum⸗ mers, den er mir dadurch verurſacht, daß er ſich unſerer Heirath habe widerſetzen wollen. „„Meine einzige Ent⸗ ſchuldigung,““ fügte er mit der rührendſten Guͤte bei, „„meine einzige Emtſchuldigung, Fräulein Antonine, iſt, daß ich Sie nicht kannte. .. Die Frau Marquiſe von Miranda, Ihre Freundin, hat meine Beſtechung begonnen und Sie haben dieſelbe vollendet; haben Sie nur, da ſie, wie Sie ſagen, hier iſt, die Güte, ihr zu bemerken, daß ich ihr in Ihrer Gegenwart dafür zu danken wünſche, daß ſie mich in den Stand geſetzt, mein Unrecht gegen Sie wie⸗ der gut zu machen.““ Sind das nicht rührende, edle Worte?“ ſprach das Mädchen. „Oh! kommen Sie, Magdalena, kommen Sie, meine Wohlthäterin, meine Schweſter, meine Mutter. . Sie, der Franz und ich unſer Glück zu danken haben werden. Kommen Sie auch, Sophie, fuhr Antonine fort, indem ſie Madame Dutertre bei der Hand nahm, „ſind Sie nicht zur Hälfte bei mei⸗ nem Glück betheiligt, wie Sie es bei meinen Bekenntniſſen und meiner Verzweiflung waren?“ „Mein liebes Kind,“ erwiederte Madame Dutertre, die ihre Niedergeſchlagenheit zu verbergen ſuchte, „ich brauche Dir nicht zu ſagen, ob ich an Deiner Freude Theil nehme, doch die Gegenwart des Prinzen würde mich ein⸗ ſchüchtern, und überdies ich ſagte es ſo eben Mag⸗ dalena, muß ich nach Hauſe zurückkehren . Ich kann meine Kinder nicht zu lange allein laſſen. Auf, umarme mich, Antonine, Dein Glück iſt geſichert; dieſer Gedanke wird mir ſüß ſein, und wenn ich einen Kummer habe, —— 187 glaube mir, er wird ihn mir tragen helfen. Guten Tag Haſt Du mir etwas Neues mitzutheilen, ſo beſuche mich morgen früh.“ „Sophie,“ ſagte leiſe die Marquiſe mit feſter Stimme zu ihrer Freundin, „Muth und Hoffnung . . . Dein Mann gehe nicht von hinnen; erwarte mich morgen früh den ganzen Morgen in Deinem Hauſe.“ „Was ſagſt Du?“ „Ich kann mich nicht näher erklären; nur gebe Dir das Beiſpiel von Antonine einiges Vertrauen. Dieſen Morgen war ſie in Verzweiflung, nun ſtrahlt ſie.“ „Ja, durch Deine Hülfe.“ „Auf! umarme mich, und noch einmal, Muth und Hoffnung!“ Dann indem ſie ſich Antonine näherte, ſprach Mag⸗ dalena: „Nun, mein Kind, wollen wir den Prinzen auf⸗ ſuchen.“ Das Mädchen und die Marquiſe verließen Madame Dutertre, welche, unwillkührlich dem überzeugten Ton der Worte von Magdalena ſich hingebend, mit einem Schim⸗ n der Hoffnung nach ihrer traurigen Wohnung zurück⸗ ehrte. Der Prinz erwartete Magdalena im Salon des Prä⸗ ſidenten Hubert; er verbeugte ſich tief vor ihr und ſprach mit einer Erkünſtelung ceremoniöſer Höflichkeit, die ihm die Gegenwart von Antonine auferlegte: „Frau Marquiſe, es lag mir am Herzen, Ihnen für den großen Dienſt, den Sie mir geleiſtet, zu danken; Sie haben mich in den Stand geſetzt, Fräulein Antonine Hu⸗ bert zu ſchätzen, wie ſie es verdient. Ich bin mit vem Herrn Präſidenten Hubert, der hiezu ſeine Einwilligung zu geben ſo gütig war, dahin übereingekommen, daß mor⸗ gen früh die Verlobung von Franz und Fräulein Anto⸗ nine nach deutſchem Gebrauch ſtattfinden ſoll, nämlich, daß ich und der Herr Präſident Hubert, bei Strafe des Meineids und Treubruchs, den Heirathsvertrag unter⸗ 188 terzeichnen, den Franz und das Fräulein unter denſelben Bedingungen unterſchrieben haben werden.“ „Hoheit, ich habe, wie Sie es zu Antonine geſagt, nichts Anderes gethan, als Sie auf den Weg der Wahr⸗ heit geführt . . . Antonine hat es übernommen, Ihnen alles Gute zu beweiſen, was ich von ihr geſprochen.“ „Ich muß Sie um etwas bitten,“ ſagte der Prinz, indem er aus ſeiner Taſche einen Brief zog und dieſen Magdalena übergab, „Sie kennen die Familie des Ober⸗ ſten Pernetti?“ „Genau, Hoheit.“ „Nun denn, ſo wollen Sie die Güte haben, dem Oberſten dieſen Brief, nachdem Sie Kenntniß davon ge⸗ nommen, zukommen zu laſſen. Ich bin überzeugt,“ fügte der Erzherzog bei, indem er einen beſonderen Nachdruck auf dieſe Worte legte, „ich bin überzeugt, es wird Ihnen eben ſo viel Vergnügen bereiten, dieſen Brief abzuſenden, als es dem, an welchen er gerichtet iſt, Glück gewähren wird, ihn zu empfangen.“ „Ich bezweifle es nicht, Hoheit, und wiederhole Ihnen hier meinen aufrichtigen Dank,“ ſagte die Marquiſe mit einer ceremontöſen Verbeugung. „Morgen alſo,“ ſprach der Prinz zu dem Mädchen; „ich will dem armen Franz die gute Kunde, die ich ihm bringe, nur behutſam eröffnen es könnte ihn zu heftig erſchüttern . doch ich bin überzeugt, wenn er Alles weiß, wird er mir, wie Sie, den Kummer, den ich ihm veruſachte, vergeben.“ Und nachdem er Antonine und die Marquiſe, mit der er einen Blick des Einverſtändniſſes wechſelte, abermals gegrüßt, kehrte der Prinz nach dem Eliſée Bourbon zurück. Am ondern Morgen um zehn uhr ſtieg die Marquiſe in einen Wagen und ließ ſich zuerſt zu einem Notar und dann zu Herrn Pascal führen. — Bwanzigſtes Kapitel. Hert Pascal bewohnte allein das Erogeſchoß eines im neuen Quartiere Saint⸗Georges liegenden Hanſes, das auf die Straße ging. Ein beſonderer Eingang war für die Kaſſe des Geldmannes vorbehalten, welche ein einziger Vertrauter, unter dem Beiſtand eines jungen Mannes für vie Schreibereien, führte, denn Herr Pascal discontirte fortwährend vortreffliche Papiere. Der Haupteingang der Wohnung, vor der eine Hausflur kam, führte in das Vorzimmer und in andere Piecen. Dieſe Wohnung war, obgleich ohne Lurus, nichtsdeſtoweniger ſehr behaglich; ein Kammerdiener für vdas Innere, ein Knabe von fünfzehn Jahren für die Commiſſionen genügten für den Dienſt von Herrn Pas⸗ cal. Dieſer Menſch machte ſeine ungeheuren Reichthümer nicht einmal entſchuldbar durch jene fruchtbare Pracht, durch jene fruchtbaren Ausgaben, welche die Arbeit und die Induſtrie ernähren. An dieſem Morgen, gegen halb neun Uhr, ging Herr Pascal in einem Schlafrock ſehr aufgeregt in ſeinem Ca⸗ binet auf und ab; ſeine Nacht war eine lange und fieber⸗ hafte Schlafloſigkeit geweſen; ein gut bezahlter Spion, der ſeit zwei Tagen beauftragt war, ſo viel als möglich Alles zu beobachten, was bei Fräulein Antonine vorging, hatte Herrn Pascal den Beſuch des Prinzen beim Präſi⸗ denten Hubert hinterbracht. Dieſer raſche und bezeſchnende Schritt ließ dem Geldmann keinen Zweifel über den Untergang ſeiner Pläne in Beziehung auf das Mädchen; mit der grauſa⸗ men Täuſchung verbanden ſich bei ihm andere niedrige Empfindungen; einmal die Wuth, daß trotz der Millionen, über die er verfügte, ſein Wille, ſo hartnäckig er auch ————————— Geſichtsfarbe, mit der kühnen Phyſiognomie und der 190 ſein mochte, genöthigt war, vor Unmöglichkeiten zurückzu⸗ weichen, die ihn um ſo mehr ſchmerzten, als er ſich auf dem Punkt, zu fiegen, geglaubt und geſehen hatte. Das war noch nicht Alles: fühlte er für Antonine auch nicht Liebe in der edlern Bedentung des Wortes, ſo fühlte er für dieſes reizende Kind doch eine von jenen gli nen welche, vielleicht ephemer, doch ſo lange ſie dauern, von einer außerordentlichen Heftigkeit ſind; er hatte auch folgendes ungeſchlacht ſelbſtfüchtige Raiſonnement gemacht: „Ich will Antonine um jeden Preis beſitzen; ich werde ſie heirathen, wenn es ſein muß, und wenn ich ihrer überdrüſſig bin, wird mich eine Penſion von zwolf bis fünfzehntauſend Franken von ihr befreien; ich bin reich genug, um mir dieſe Laune zu erlauben.“ Dies Alles war, obgleich verabſcheuungswerth, doch aus dem Geſichtspunkt der gegenwärtigen Geſellſchaft vollkommen möglich und geſetzlich, und gerade dieſe Mög⸗ lichkeit, wir wiederholen es, war das, was das Mißlin⸗ gen für Herrn Pascal ſo ſchmerzlich machte. Noch etwas Anderes: was er für Antonine fühlte, ſchloß, da es im Ganzen nur eine ſinnliche Gluth war, nicht den ausſchließ⸗ lichen Vorzug der Liebe in ſich; während er leidenſchaftlich nach dieſem Mädchen von einer jungfräulichen, unſchul⸗ vigen Schönheit begehrte, war er nichtsdeſtoweniger leb⸗ haft betrofffen von der herausfordernden Schönheit von Magdalena, und durch ein Raffinement der Sinnlichkeit, das noch ſeine Qualen verdoppelte, hatte Herr Pascal die ganze Nacht vor ſeiner entflammten Einbildungskraft den Contraſt dieſer zwei anbetungswürdigen Geſchöpfe er⸗ ſcheinen laſſen. Zur Stunde, in der wir ihn in ſeinem Hauſe ſehen, war er noch denſelben Martern preisgegeben. „Fluch über mich!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er mit ungleichen Schritten auf und ab ging. „Warum habe ich dieſe verdammte blonde Frau, mit den ſchwarzen Augbrauen, mit den blauen Augen, mit der bleichen ¹91 herausfordernden Haltung geſehen? Sie läßt mir das kleine, kaum erblühte Mädchen noch wünſchenswerther erſcheinen .. Fluch über mich! Werden mich dieſe zwei Geſtalten ſo wider meinen Willen verfolgen? oder viel⸗ mehr wird ſie mein verwirrter Geiſt beſtändig ſo hervor⸗ rufen 2 Elend Gottes! wie albern, wie dumm bin ich ge⸗ weſen! Wenn ich mich anders benahm ich weiß nicht wie, doch die Sache war thunlich, leicht was iſt es, was mich ſo wüthend macht), konnte ich ſicherlich, reich, wie ich bin, das Mädchen heirathen, und die Andere zur Mai⸗ treſſe haben, denn ich e 6 iſt die Maitreſſe des Erzherzogs, den Gott verwirren möge; und ich fordere ihn heraus, ob er ihr ſo viel Geld geben kann, als ich ihr gegeben hätte. .. Ja ja,“ fuhr er fort, indem er mit verdoppelter Wuth die Fäuſte ballte, „es iſt um wahnſinnig, um raſend zu werden, ſich ſagen zu müſſen: Ich verlangte im Ganzen nicht die Kaiſerin von Rußland zur Geliebten zu haben, oder die Tochter der Koͤnigin von England zu heirathen. .. Was wollte ich? mich mit einem bürgerlichen Mädchen, der Nichte eines alten guten Bur⸗ ſchen von einem Beamten, der keinen Sou beſitzt verhei⸗ rathen ... Gibt es nicht hundert Beiſpiele von ſolchen Heirathen? und ich konnte nicht ſiegen! und ich habe gegen dreißig Millionen im Vermögen! Glend Gottes! Es iſt mir von gewaltigem Nutzen, mein Vermögen! ich kann damit nicht einmal dieſem Automaten von einem deutſchen Fürſten eine ſchöne Maitreſſe entführen! Im Ganzen muß ſie ihn um ſeines Geldes wegen lieben .. er iſt nahe an Vierzig, ſtolz wie ein Pfau, dumm wie eine Gans und kalt wie Eis. Ich bin jünger als er, nicht ſo häßlich, und wenn er Erzherzog iſi, bin ich nicht Erzmillionär? Und dann erfreue ich mich des Vorzugs vor ihm, daß ich ihn unter meine Füße gebracht habe, denn vieſes verfluchte, freche Weib hat mich ſeinen Schwachkopf von einem Prinzen wie einen Erbärmlichen behandeln ſehen. Sie hat es ihm in meiner Gegenwart vorgeworfen, ⸗ 192 daß er die Demüthigungen dulde, die ich ihm auferlege. Sie muß dieſen Menſchen verachten . und, wie alle Frauen ihrer Gattung, eine Schwäche für den energiſchen harten Mann haben, der dieſen großen gekrönten Kerl unter ſeine Füße gedrückt; es iſt wahr, ſie hat mich vor ihm unbarmherzig behandelt, doch um ihm zu ſchmeicheln; wir kennen dergleichen Komödien! Oh! wenn ich ihm dieſes Weib entführen könnte, welch ein Triumph!. .. welche Rache! welch ein Troſt für meine verfehlte Hei⸗ rath! Troſt? nein ... denn die eine von dieſen Frauen läßt mich die andere nicht vergeſſen. .. Ich weiß nicht, ob es das Alter iſt, aber ich habe nie eine ſolche Hart⸗ näckigkeit der Begierde, wie ich ſie für dieſes Mädchen fühle, bet mir wahrgenommen. Doch gleichviel, wenn ich dem Prinzen ſeine Gelieste entführen könnte, ſo wäre ſchon die Hälfte meines Wollens erfüllt. .. und wer weiß? dieſe Frau kennt Antonine, ſie ſcheint Einfluß auf ſie zu haben ... Ja, wer weiß, ob ich ſie nicht, wenn ſie einmal mir gehört, durch die Macht des Geldes beſtimmen könnte, zu . Elend Gottes!“ rief Pascal mit einem Ausbruch wilder Freude, „welch ein Triumph! .. dieſem blonden Jüngling ſeine Frau und dem Erzherzog ſeine ſchoͤne Ge⸗ liebte entführen! Und wenn es mein Vermögen koſten ſollte, das wird geſchehen!“ Sich emporrichtend, ſchien ſich unſer Mann in einer Haltung gebieteriſchen Willens zu vergrößern, während ſeine Züge einen Ausdruck teufliſcher Freude annahmen. „Auf, auf,“ fuhr er das Haupt erhebend fort, „ob⸗ ſchon ich es wie ein Dummkopf und wie ein Undankbarer geſchmäht habe, iſt das Geld doch eine ſchöne Sache.“ Hierauf blieb er ſtehen, um nachzudenken, und ſprach dann, nachdem er einige Augenblicke geſchwiegen: „Ruhe .. wir wollen die Sache gut und beſonders behende angehen .. Mein Spion wird dieſen Abend er⸗ fahren, wo die Geliebte des Herzogs wohnt, wenn ſie nicht im Palaſt wohnt, was nicht wahrſcheinlich iſt. Kenne 193 ich einmal ihre Wohnung,“ fügte er bei, indem er ſich das Kinn mit einer nachſinnenden Miene rieb, „kenne ich einmal ihre Wohnung, ſo ſende ich die alte Abgeſchlagene, Madame Doucet die Putzhändlerin, an ſie ab.. Das iſt vas alte und ſtets das beſte Mittel, um mit den Schau⸗ ſpielerinnen, den Bürgersfrauen und den unterhaltenen Weibern ſich zu verſtändigen; denn im Ganzen muß die Geliebte des Prinzen nichts Anderes ſein; ſie warf ſich köpflings und ohne alle Umſtände in unſer Geſpräch; ſie hatte alſo keine Rückſichten zu beobachten. Demnach kann ich mich keiner tauglicheren Vermittlerin, als der Mutter Doucet bedienen... Wir wollen ſie ſogleich rufen.“ Herr Pascal ſchrieb an ſeinem Bureau, als ſein Kammerdiener eintrat. „Was gibt es?“ fragte ungeflüm der Geldmann, „ich habe nicht geläutet.. .“ „Es iſt eine Dame, mein Herr.“ „Ich habe keine Zeit.“ „Sie kommt wegen eines Creditbriefs.“ „Sie ſoll zur Kaſſe gehen.“ „Dieſe Dame möchte gern den Herrn ſprechen.“ „Unmöglich. ſie ſoll zur Kaſſe gehen.“ Der Kammerdiener entfernte ſich. Herr Pascal ſchrieb weiter; doch nach einigen Augen⸗ blicken kehrte der Bediente zurück. „Wird das ein Ende nehmen?“ rief Herr Pascal. „Was gibt es noch?“ „Mein Herr, es iſt die Dame, welche „Ah! haſt Du den Teufel im Leibe? Sagt ich Dir nicht, Du ſollſt ſie zur Kaſſe ſchicken?“ „Die Dame hat mir ihre Karte übergeben und mich beauftragt, Sie zu bitten, Sie mögen das leſen, was ſie unten mit Bleiſtift darauf geſchrieben habe.“ „Gieb ſie.. das iſt unerträglich,“ ſagte Herr Pas⸗ cal. Und er nahm die Karte und las, wie folgt: 194 Die Marquiſe von Miranda. Unter dem Namen ſtand mit Bleiſtift geſchrieben: „Sie hat die Ehre gehabt, Herrn Paseal bei S. K. H. dem Erzherzog Leopold im Elyſée⸗ Bourbon zu treffen.“ Hätte der Blitz zu den Füßen von Herrn Pascal eingeſchlagen, er wäre nicht mehr verblüfft geweſen; er konnte ſeinen Augen nicht trauen, las die Karte zum zweiten Mal und fagte dann zu ſich ſelbſt: „Die Marquiſe von Miranda es iſt alſo eine Marquiſe!.. Bah! ſie iſt Marquiſe wie Lola Mon⸗ tes Gräfin iſt... Unterrocksadel.. Doch ſie iſt es. Sie iſt hier... bei mir, in dem Augenblick, wo ich mir den Kopf zerbrach, um das Mittel zu finden, mich mit ihr in Verbindung zu ſetzen.. Oh! Pascal, mein Freund Pascal, einen Augenblick verborgen, glänzt Dein Geſtirn abermals in ſeiner ganzen Pracht. Und unter dem Vor⸗ wand eines Creditbriefs kommt ſie hierher... Pascal, mein Freund, Ruhe, man findet nicht zweimal in ſeinem Leben eine ſolche Gelegenheit. Bedenke, daß Du, wenn Du ge⸗ ſchickt biſt, mit einem Netzzug die Geliebte des Prirzen und die Frau dieſes blonden Jünglings fangen kannſt. S Herz ſchlägt gewaltig .. Ich bin ſicherlich ehr blaß. .. „Mein Herr, was ſoll ich der Dame antworten?“ fragte der Kammerdiener, erſtaunt über das verlängerte Stillſchweigen ſeines Gebieters. „Geduld, Burſche, warte auf meine Befehle,“ er⸗ wiederte Pascal ungeſtüm. „Auf. . Ruhe. noch einmal Ruhe,“ dachte er. „Die Aufregung würde Alles verderben, meine Mittel lähmen. Ich habe eine furchtbare Partie zu ſpielen, denn, Elend Gottes! ich glaube, da ich ein ſo ſchönes Spiel habe, ich würde mir vor Wuth die Hirnſchale zer⸗ ſchmettern, wenn ich es verloͤre.“ Nachdem es ihm während eines Augenblicks des 195 Stillſchweigens gelungen war, ſeine innere Aufregung zu beherrſchen, ſagte Pascal zu ſich ſelbſt: „Nun habe ich mich gefaßt, laſſen wir ſie kommen und ſpielen wir vorſichtig.“ Uund er fügte laut bei: „Laß die Dame eintreten.“ Der Bediente ging hinaus, öffnete bald wieder die Thüre und meldete: „Die Frau Marquiſe von Miranda.“ Magdalena war an dieſem Tage, gegen ihre Ge⸗ wohnheit, nicht mehr als Großmutter, wie ſie zu dem Prinzen geſagt hatte, ſondern mit einer friſchen Eleganz gekleidet, welche ihre Schönheit noch unwiverſtehlicher machte; ein Reisſtrohhut à la Pamela, mit Aehren und Kornblumen verziert, ließ das Geſicht und den Hals der Marquiſe frei; ein friſches Kleid vom weißer Mouſſeline, ebenfalls mit Kornblumen beſät, hob die Umriſſe einer unvergleichlichen Taille, den vollendeten Typus der Zier⸗ lichkeit, der wollüſtigen Geſchmeivigkeit, welche die meri⸗ caniſchen Kreolinnen charakteriſirt, hervor, während ihre Gazeecharpe leicht nach den ruhigen Athmungen eines Marmorbuſens wogte. Einundzwanzigſtes Rapitel. Pascal blieb einen Augenblick geblendet, bezaubert. Er ſah Magdalena tauſendmal ſchöner, herausfor⸗ vernder, wünſchenswerther, als am Tage zuvor. Und obgleich ein feiner Kenner, wie er zum Prinzen ge⸗ ſagt; obgleich er alle Schätze der Schönheit, der Grazie 196 und der Jugend, welche die Armuth dem Reichthum zins⸗ bar macht, genoſſen und mißbraucht hatte, hatte er doch in ſeinem Leben nicht das Daſein eines Weſens wie Mag⸗ dalena geahnet . . . und was ſeltſam oder vielmehr na⸗ türlich bei dieſem überſättigten, durch ven Vollgenuß aller Vergnügungen entſittlichten Menſchen erſcheinen muß, er beſchwor, ſogar in vieſem Augenblick das jungfräuliche Antlitz von Antonine neben das der Marquiſe herauf; für ihn vervollſtändiate ſich Venus Aphrodite durch Hebe . Das unwillkührliche Stillſchweigen von Pascal be⸗ nützend, ſagte Magdalena mit einem trockenen hochmüthi⸗ gen Ton und ohne die geringſte Anſpielung auf die Scene am vorhergehenden Tag. „ trotz der paar Worte, die ſie ihrem Namen auf der Karte beigefügt: „Mein Herr, ich habe einen Crevitbrlef auf Sie ... hier iſt er; ich wollte Sie wegen einiger Geſchäftsanord⸗ nungen beſuchen.“ Dieſer kurze, verächtliche Ton brachte Pascal aus der Faſſung; er erwartete, wenn nicht Entſchuldigungen, doch wenigſtens Erklärungen über die Scene am vorher⸗ gehenden Tag; er erwiederte auch beinahe ſtammelnd: „Wie, Madame, Sie kommen .. einzig und allein wegen dieſes Creditbriefes hieher?“ „Einmal wegen dieſes Briefes, ſodann wegen einer andern Sache . . „Ich vermuthete es,“ ſprach Pascal mit einem Seuf⸗ zer der Erleichterung zu ſich ſelbſt, „der Creditbrief war nur ein Vorwand... Das iſt ein gutes Zeichen.“ Und laut erwiederte er: „Der Creditbrief, Madame, gehört zum Reſſort meines Kaſſiers. Er wird den Brfehl erhalten, zu thun, was Sie von ihm verlangen. Was die andere Sache an⸗ belangt, die Sie hieher führt, ſo betrifft ſie, wie ich hoſſe, mich ganz perſönlich?“ 6 „Ja.“ „Che wir davon ſprechen, Madame, erlauben Sie mir, eine Frage zu machen?“ 197 „Welche?“ „Auf Lie Karte, die Sie mir zuſtellen ließen, haben Sie geſchrieben, daß Sie mich geſtern im Elyée ge⸗ ſehen?“ „Welter.“ „Sie ſcheinen ſich aber unſeres Zuſammentreffens nur ſchriftlich zu erinnern.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Hören Sie,“ ſagte Poscal, der allmälig ſeine Sicherheit wieder erlangte, denn er Lachte, der krockene Ton von Magdalena ſei nur eine Finte, obgleich er den Zweck verſelben nicht errathe. „Hören Sie, Frau Mar⸗ quiſe, geſtehen Sie, daß Sie Ihren ergebenſten Diener ſehr hart behandelt haben.“ „Weiter?“ „Wie? Sie bereuen es nicht ein wenig, daß Sie ſo böfe geweſen ſind? Sie bedauern Ihre ungerechte Leb⸗ hafttgkeit gegen mich nicht? „Nein. „Sehr gut ich habe es .. das war von einer vortrefflichen Wirkung auf den braven Mann von einem Erzherzog,“ wagte Pascal lächelnd zu äußern, denn er hoffte auf die eine oder auf die andere Weiſe Magdalena aus der eiſigen Zurückhaltung, die ihn zu beunruhigen anfing, hervortreten zu machen; „es iſt immer ſehr ge⸗ ſchickt, ſich das Anſehen zu geben, als nähme man der Intereſſen der Würde von denjenigen an, welche man beherrſcht. .. denn unter uns geſagt ſchön und an⸗ belungswürdig, wie Sie ſind, müſſen Sie aus dieſem armen Prinzen Alles machen, was Sie wollen. .. doch ich fordere Sie heraus, je einen Menſchen von Geiſt und einen edel⸗ müthigen Mann aus ihm zu machen.“ „Fahren Sie fort.“ „Hören Sie, Frau Marquiſe, ich habe Ihren Ere⸗ vitbrief nicht geſehen,“ er öffnete ihn, „ich wette, daß das eine furchtbare Knauſerei iſt... Bei Gott! ich wußte dies vierzig tauſend Franken .„ was kann eine Frau, wie Sie, in Paris mit einer ſolchen Erbärmlichkeit an⸗ fangen? Ha! ha! ha! vierzig tauſend Franken. nur ein deutſcher Erzherzog iſt einer ſolchen Großmuth fähig!“ Magdalena hatte Anfangs Herrn Pascal angehört, ohne ihn zu verſtehen. Bald aber begriff ſie ihn: er hielt ſie für die Geliebte des Prinzen, die von ſeinen Frei⸗ gebigkeiten lebe. Ein Strom von Röthe ſtieg plötzlich in das Geſicht von Magdalena empor . Ein Augenblick der Ueberle⸗ gung beruhigte ſie jedoch, und ſie wußte ſogar, in Rück⸗ ſicht auf ihre Pläne, Herrn Pascal Dank für dieſe Ver⸗ muthung; ſie ſagte auch mit einem Halblächeln: 6 „Mein Herr, Sie lieben den Prinzen offenbar nicht . .“ „Ich verabſcheue ihn!“ rief frecher Weiſe Herr Pas⸗ cal, ermuthigt durch das Lächeln der Marquiſe und im Glauben, er thue einen Meiſterſtreich, wenn er die Dinge ganz ungeſtüm angreife. „Ich haſſe ihn, den verfluchten Prinzen, denn er beſitzt einen Schatz von unberechenbarem Werth, den ich um den Preis aller meiner Schätze entreißen möchte.“ Hiebei warf Pascal einen entflammten Blick auf Magdalena, und dieſe erwiederte: „Einen Schatz? ich hielt den Prinzen nicht für ſo reich .. da er zu Ihnen, mein Herr, wegen eines Anlehens ſeine Zuflucht nahm.“ „Ei! Madame,“ ſagte Pascal mit leiſer, bebender Stimme, „dieſer Schatz find Sie .. .“ „Ah! Sie ſchmeicheln mir, mein Herr.“ „Hören Sie mich an, Medame,“ ſprach Pascal, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte, „gehen wir gerade auf die Sache los, das iſt die gute Methode. Sie ſind eine Frau von Geiſt, ich bin nicht dumm, wir werden uns verſtändigen.“ „Worüber, mein Herr?“ „Ich will es Ihnen ſagen. Wenn ich im Ausland 199 nicht gerade für ein Roſenmädchen im Puncte der Finan⸗ zen gelte, ſo werde ich doch dafür angeſehen, daß ich ei⸗ nen gewiſſen Wohlſtand beſitze, nicht wahr?“ „Man hält Sie für außerordentlich reich, mein Herr.“ „Man hielt mich ſür das, was ich bin, ich will es Ihnen beweiſen: eine Million baares Geld für die Koſten der Einrichtung .. hundert tauſend Livres Leibrente, ei⸗ nen Brautſchmuck, wie alle Erzherzöge Deutſchlands mit einander nicht einen bezahlen könnten, wenn ſie ihre Sparkaſſen ſtürzen würden, und dabei noch die Koſten der Haushaltung. Was ſagen Sie hiezu?“ Magdalena, welche Anfangs nicht ganz begriff, ſchaute Pascal mit ſehr erſtaunter Miene an; er aber fuhr fort: „Dieſe Freigebigkeit verwirrt Sie oder Sie glauben vielleicht nicht daran . Das kommt Ihnen ſtark vor „ich will Ihnen beweiſen, daß ich mir dieſe Laune erlauben kann. Hier iſt ein kleines Schreibebuch, das wie nichts ausſieht,“ und er nahm es aus einer der Schubladen ſeines Bureau; „das iſt meine Bilanz „ und ohne ſehr ſtark in den Finanzen zu ſein, können Sie ſehen, daß ſich mein Inventar dieſes Jahr auf ſieben und zwanzig Millionen fünfmal hundert und ſechzig tau⸗ ſend Franken belauft. Nehmen Sie nun an, meine Laune koſte mich in runder Summe drei Millionen, ſo bleiben mir noch vier und zwanzig kleine Milliönchen, die mir ſo umgetrieben, wie ich ſie umtreibe, immerhin eine Rente von ungefähr fünfzehnmal hundert tauſend Livres eintra⸗ gen, und da ich mit fünfzig bis ſechzig tauſend Franken jährlich vortrefflich lebe, ſo bekomme ich, einzig und allein mit meiner Rente, in drei Jahren die drei Millionen für meine Laune wieder. Ich ſage Ihnen das, Frau Mar⸗ quiſe, weil man beſonders bei den Launen rechnen und beweiſen muß, das man halten kann, was man verſpricht. Geſtehen Sie nun, daß der gute Pascal wohl ſo viel werth iſt, als ein Erzherzog?“ „Dieſes Anerbieten machen Sie alſo mir, mein Herr?“ „Welche Frage? verlaſſen Sie Ihren Erzherzog. .. geben Sie mir den Pfandſchilling, und ich bezahle Ihnen von Hand zu Hand die Million in Anweiſungen auf den Staatsſchatz. Ich laſſe bei meinem Notar eine Urkunde für die hunderttauſend Lievres Leibrente ausfertigen, und wenn der Vater Pasral zufrieden iſt, ſo hat es hiebei nicht ſein Bewenden.“ Der Geldmann ſprach die Wahrheit; er machte ſeine Anerbietungen aufrichtig, der wachſende Eindruck, den er beim Anblick von Magdalena empfand, der Stolz, einem Prinzen ſeine Gellebte zu entreißen, di⸗ Eitelkeit, ſie vor den Augen von ganz Paris mit großem Glanz zu umge⸗ ben und den Neid Aller zu erregen; endlich die abſcheu⸗ liche Hoffnung, die Marquiſe durch die Macht des Geldes dazu zu bringen, daß ſie Antonine Franz entreiße. .. Alles rechtfertigte. in ſeiner Schmählichkeit, wie in ſeiner Herr⸗ lichkeit das Anerbieten von Pascal gegen Magdalena. Die Marquiſe, die in dieſem Anerbieten den Grad des Einfluſſes erkannte, den ſie auf Pascal ausübte, freute ſich hierüber, und um noch mehr die Aufrichtigkeit dieſes Anerbietens zu erproben, ſprach ſie, ſcheinbar zögernd: „Mein Herr, dieſer Antrag iſt allerdings über mei⸗ nem Verdienſt; aber . . „Funfzigtauſend Llores Leibrente mehr, und ein reizendes Landhaus,“ rief Pascal. „Das iſt mein letztes Wort, Marquiſe!“ „Hören Sie das meine,“ erwiederte Magdalena, während ſie aufſtand und auf den Geldmann einen Blick warf, der ihn zurückwelchen machte. „Hören Sie mich wohl: Sie ſind gemein, habgierig; Ihr Antrag beweiſt mir alſo, welchen Eindruck ich auf Sie hervorgebracht habe.“ „Wenn mein Anerbieten nicht genügt!“ rief pe Pascal die Hände faltend, „ſprechen Sie, und „Schweigen Sie, ich bedarf Ihres Geldes nicht.“ „Mein Vermögen, wenn es ſein muß. „Schauen Sie mich wohl an, Herr W und 201 wenn Sie je im Stande waren, einer ehrlichen Frau ins Geſicht zu ſehen und auf ihrer Stirne die Wahrheit zu leſen, ſo werden Sie bemerken, daß ich wahr ſpreche. Würden Sie Ihr ganzes Vermögen hier zu meinen Füßen le⸗ gen, der Ekel und die Verachtung, die Sie mir einflößen, blieben, was Sie ſind.“ „Schmettern Sie mich nieder, laſſen Sie mich Ihnen aber ſagen. . .“ „Schweigen Sie . . es war mir genehm, Sie ei⸗ nen Augenblick glauben zu laſſen, ich ſei die Geliebte des Prinzen, einmal, weil ich mich nichts um die Achtung eines Menſchen Ihrer Art bekümmeite „ und dann, weil Sie das in Ihren unverſchämten Anerbietungen er⸗ muthigte.“ „Aber warum haben Sie denn .. „Schweigen Sie . ich mußte wiſſen, welchen Grad von Einfluß ich auf Sie ausübe; ich weiß es nun und werde davon Gebrauch machen .. „Oh! nichts kann mir lieber ſein, wenn Sie wollten „Ich bin aus zwei Gründen hieher gekommen; ein⸗ mal, um den Betrag dieſes Creditbriefs zu erheben . „Sogleich, doch .. „Sodann kam ich, um dem ſchändlichen Mißbrauch ein Ziel zu ſetzen, den Sie von einem Dienſt machten, welchen Sie ſcheinbar edelmüthig dem Mann meiner be⸗ ſten Freundin, Herrn Charles Dutertre, geleiſtet „Sie kennen die Dutertre ah! ich ſehe die alle . „Alle Mittel ſind gut, um boshafte Weſen zu fan⸗ gen . Sie ſind gefangen.“ „Oh! noch nicht,“ rief Pascal, der vor Wuth und Verzweiftung mit den Zähnen knirſchte, denn die gebiete⸗ riſche Schönheit von Magdalena ſieigerte, noch mehr er⸗ hoͤht durch die Belebtheit ihrer Sprache, ſeine Leiden⸗ ſchaft bis zum Schwindel; „Sie triumphiren vielleicht zu früh, Madame.“ Die ſieben Tobſünden. 1v. Abth. 14 „Sie werden es ſehen.“ „Nur heraus,“ ſagte Pascal, der trotz der Qual, die er ausſtand, mit Frechheit zu bezahlen ſuchte. „Sogleich, hier auf dieſem Tiſch, unterzeichnen Sie eine Urkunde in guter Form, durch die Sie ſich anheiſchig machen, Herrn Putertre die Zeit zu bewilligen, die Sie ihm auf das Wort bewilligt haben, um ſich ſeiner Schuld gegen Sie zu entledigen . . „Aber . „Da Sie wich täuſchen könnten, inſofern ich nichts von den Geſchäcten verſtehe, ſo beauftragte ich einen No⸗ tar, die Urkunde abzufaſſen, die Sie nur zu unterzeichnen haben.“ „Das iſt ein Scherz.“ 6 „Der Notar hat mich begleitet und wartet im anſto⸗ ßenden Zimmer.“ „Wie! . Sie haben ihn mitgebracht?“ „Man kommtnicht allein zu einem Mann Ihrer Art. Sie werden mir alſo dieſe Urkunde auf der Stelle unterzeichnen.“ „Und dagegen?“ „Meine Verachtung und meinen Ekel, wie immer.“ „Elend Gottes! das iſt gewaltig!“ iſt ſo „Mir gratis mein beſtes Stück in dem Augen⸗ blick entreißen wollen, wo mir in der Wuth, von der ich beſeſſen bin, nichts übrig bleibt, als mich mit Rache zu füttern, um mich ein wenig zu tröſten! Ah! die Du⸗ tertre iſt ihre beſte Freundin! Ah! ihre Thränen wer⸗ ven bitter für Sie ſein! . . „ah! die Schmerzen dieſer Familie werden Ihnen das Herz zerreißen! Bei Gott! das ſindet ſich vortrefflich . ich werde auch meine Rache haben!“ „Sie weigern ſich?“ „Ob ich mich weigere . Ah! Frau Margquiſe, Sie halten mich alſo für einen Einfaltspinſel! für eint Frau von Geiſt ſind Sie in dleſem Augenblict ſehr ſchwach Sie hätten mich durch vie Schmeichelei 203 gefangen . . . durch ein Verſprechen gegirrt . . . ich war im Stande, zu .. „Gehen Sie doch, läßt man ſich herab, ſich den Anſchein zu geben, als wollte man Herrn Pascal verfüh⸗ ren? man befiehlt ihm, eine Schändlichkeit wieder gut zu machen . er macht ſie wieder gut, und man verachtet hernach, wie zuvor, heute wie geſtern, morgen wie eute.“ „Elend Gottes! das iſt, um wahnſinnig zu werden!“ rief der Geldmann verblüſſt, beinahe erſchrocken über den Ton der Ueberzeugung, den Magdalena annahm, denn er fragte ſich, ob fie nicht ein geheimes Zaubermittel beſitze, aus dem ſie ſich eine Waffe machen könne. Doch fein und klug wie ein Schelm, beruhigte ſich unſer Mann bald nach einer raſchen Gewiſſensprüfung und erwiederte: „Wohl! Madame, ich bin bereit, zu gehorchen, wenn Sie mich dazu zwingen ... „Das wird nicht lange dauern.“ „Ich warte.“ „Ich habe in Ihrer Straße mehrere Wohnungen zu vermlethen geſehen. Das iſt allerdings nichts Außer⸗ ordentliches, Herr Pascal; ein glücklicher Zufall wollte jedoch, daß einige ſehr hübſche Zimmer, im erſten Stock, beinahe Ihrem Hauſe gegenüber, zu bekommen ſind.“ Pascal ſchaute Magdalena ganz verwundert an. „Dieſe Wohnung nehme ich und ziehe morgen in die ſelbe ein.“ Eine unbeſtimmte Ahnung machte den Geldmann beben; er erbleichte. Ihren glühenden Blick auf den von Pascal heſtend, fuhr Magdalena fort: „Zu jeder Stunde des Tags und der Nacht werden Sie erfahren, daß ich da bin. Sie können nicht aus⸗ gehen oder nach Hauſe zurückkehren, ohne unter meinem Fenſter vorüberzukommen, wo ich oft, ſehr oft ſein werde, denn ich liebe es, mich ans Fenſter zu ſtellen.. Sie wer⸗ den Ihr Haus nicht verlaſſen dafür ſtehe ich. Cin 204 unwiverſtehlicher, unſeliger Jauber wird Sie zu Ihrer fortwährenden Qual zurückhalten. . . Mein Anblick wird Ihre Marter bilden, und Sie werden meinen Anblick auf⸗ ſuchen.. . So oft Sie meinen Blicken begegnen, und Sie werden denſelben oft begegnen, empfangen Sie einen Dolchſtoß ins Herz, und dennoch werden Sie hinter Ihren liegend nach dem geringſten von meinen Blicken pähen.“ Während ſie ſo ſprach, that Magdalena einen Schritt gegen Pascal, den ſie keichend, bezaubert, unter ihren ſtar⸗ ren, glühenden Blicken hielt, von denen er die ſeinigen nicht losmachen konnte. Magdalena fuhr fort: „Das iſt noch nicht Alles.. da dieſe Wohnung ge⸗ räumig iſt, ſo wird Antonine ſogleich nach ihrer Verhei⸗ rathung mit Franz bei mir wohnen.., mein armer Herr Pascal, ich weiß in der That nicht, was aus Ihnen dann werden ſoll.“ „Oh! dieſe Frau. iſt hölliſch,“ murmelte der Geldmann. „Denken Sie ſich alſo die Qualen aller Art, die Sie auszuſtehen haben werden. Sie mußten ſehr in Antonine verliebt ſein, daß ſie das gute Kind heirathen wollten. Sie mußten ſehr in mich verliebt ſein, daß Sie Ihr Ver⸗ mögen zu meinen Füßen legten. Nun denn! Sie werden nicht nur eine grauſame Marter erdulden, wenn Sie An⸗ dere die zwei Frauen befitzen ſehen, nach denen Sie ſo wahnſinnig verlangen (denn ich bin Witwe und habe große Luſt, mich wiederzuverheirathen), ſondern Sie werden auch Ihre ungeheuren Reichthümer verfluchen, denn jeder Augen⸗ blick des Tags wird Ihnen ſagen, ſie ſeien ohnmächtig ge weſen, ſie werden ſtets ohnmächtig ſein, Ihre glühendſten Wünſche zu befriedigen.“ „Laſſen Sie mich!“ ſtammelte Pascal, indem er Lvor Magdalena, vie ihn ſtets unter ihrem Blick hielt, zurück⸗ wich. „Laſſen Sie mich! Oh! dieſe Frau iſt alſo ein Dämon!“ 205 „Hören Sie,“ ſprach die Marquiſe „unwillkührlich beklage ich Sie, mein armer Herr Pascal, wenn ich an Ihren neidiſchen Grimm, an Ihre unbändige Eiferſucht bei der unabläſſigen Anſchauung des Glückes von Antonine denke, denn Sie werden uns beinahe jeden Tag, vft auch bei Nacht ſehen; ja, die Jahreszeit iſt ſchön, der Mond⸗ ſchein reizend, und ſehr oft werden Sie ſpät am Abend, im Schatten verborgen, den Blick glühend auf meine Woh⸗ nung geheftet, bald Antonine und mich erſchauen, wenn wir, auf unſern Balcon gelehnt, die Kühle des Abends genießen und, ich geſtehe es Ihnen, über Herrn Pascal lachen, der ohne Zweifel hinter einem Laden ſteht und uns mit den Augen verſchlingt: bald werden Antonine und Franz an ihrem Fenſter im Mondſchein von Liebe ſprechen, während ich und mein zukünftiger Mann eben ſo köſtlich unter Ihren Augen beſchäftigt ſind.“ „Fluch!“ rief Pascal außer ſich „ſie martert mich auf glühenden Kohlen!“ 3 „Und das iſt noch nicht Alles fuhr die Marguiſe mit leiſer, beinahe bebender Stimme fort, „zu einer vor⸗ gerückten Stunde werden Sie unſere Fenſter ſich ſchließen, unſere Vorhänge diseret über den ſo ſanften und der Wol⸗ luſt der Nacht ſo günſtigen Schimmer der Alabaſterlampe gezogen ſehen..“ Dann lachte die Marquiſe laut und fügte bel: „Sehen Sie, mein armer Herr Pascal, ich wäre auch nicht erſtaunt, wenn Sie aus Verzweiflung und Wuth wahnſinnig würden oder ſich die Hirnſchale zer⸗ ſchmetterten.“ „Wenigſtens nicht, ohne mich gerächt zu haben,“ murmelte Pascal von einem furchtbaren Schwindel er⸗ griffen. Und er ſtürzte nach ſeinem Bureau, in dem eine ge⸗ ladene Piſtole lag. Doch Magdalena, welche wußte, daß von einem ſol⸗ chen Menſchen Alles für ſie zu befürchten war, hatte ich, Schritt für Schritt vorrückend und Pascal beſtändig unter ihrem Blick haltend, allmälig dem Kamin genähert; bei 206 der drohenden Geberde des Geldmannes zog ſie raſch an der Klingelſchnur, die ſie wahrgenommen. In dem Augenblick, wo ſich Pascal leichenbleich, ſchreck⸗ lich anzuſchauen, gegen Magdalena umwandte, trat auch der Bediente, ganz erſtaunt über das heftige Läuten, ins Zimmer. Beim Geräuſch der Thüre, beim Anblick ſeines Kammerdleners, kam Pascal zu ſich; er fuhr raſch mit der Hand, die die Piſtole hielt, hinter ſeinen Rücken und ließ ſie auf den Boden fallen. Die Marquiſe benützte dieſe paar Augenblicke, um ſich der Thüre zu nähern, welche der Bediente offen gelaſſen hatte, und ſagte mit lauter Stimme zu dem Notar, der, in einem anſtoßenden Zimmer ſitzend, ebenfalls bei dem heftigen Lärmen der Klingel raſch aufgeſtanden war: „Mein Herr, ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich Sie ſo lange habe warten laſſen. wollen Sie die Güte haben, einzutreten.“ Der Notar trat ein. „Hinaus,“ ſagte Pascal ungeſtüm zu ſeinem Be⸗ dienten. Und der Geldmann wiſchte ſich ſeine leichenbleiche, in Schweiß gebadete Stirn ab. Magdalena, die mit Pascal und dem Notar allein geblieben war, ſagte zu dieſem: „Mein Herr, Sie haben die Urkunde bezüglich auf Herrn Charles Dutertre vorbereitet2“ „Ja, Frau Marquiſe, es iſt nur noch die Schrift zu genehmigen und zu unterzeichnen.“ „Sehr gut,“ ſagte die Marquiſe; vann, während Pascal vernichtet ſich auf den Lehnſtuhl ſtützte, der vor ſeinem Schreibtiſch ſtand, nahm ſie ein Blatt Papier, eine Feder und ſchrieb, wie folgt: „Unterzeichnen Sie die Urkuſde, und ich werde nicht nur nicht Ihrem Hauſe gegenüber wohnen, ſondern noch dieſen Abend Paris 207 verlaſſen, wohin ich dann lange nicht mehr zurückkomme. Wasich verſpreche, halte ich.“ Nachdem Magdalena dieſe Zeilen geſchrieben, über⸗ gab ſie Pascal das Papier und ſagte zu dem Notar: „Verzeihen Sie, mein Herr, es handelt ſich um eine Bevingung in Betreff der Urkunde, die ich gern Herrn Pascal unterwerfen möchte.“ „Vortrefflich, Frau Margquiſe,“ erwiederte der Notar ſich verbeugend, während der Geldmann las. Kaum hatte dieſer geleſen, als er mit bebender Stimme und als drängte es ihn, einer großen Geſahr zu entgehen zu dem Notar ſagte: „Die Urkunde, mein Herr, die Urkunde . machen wir ein Ende „Ich will ſie Ihnen zuerſt vorleſen erwiederte der Notar. Und er zog die urkunde aus ſeiner Mappe und ent⸗ faltete ſie langſam. Doch Herr Pascal riß ſie heftig aus ſeinen Händen und ſprach, als wäre ſein Geſicht getrübt: Wo ſoll ich unterzeichnen?“ „Hier, mein Herr, und zuvor die Schrift genehmi⸗ gen.“ doch es iſt üblich, zu. Herr Pascal ſchrieb mit einer krampfhaften, zittern⸗ den Hand die Genehmigung der Schrift, unterzeichnete, warf die Feder auf den Tiſch und neigte das Haupt, um dem Blick von Magdalena nicht mehr zu begegnen „Es fehlt noch ein Handzug hier,“ ſagte der ängſt⸗ liche Notar. Pascal machte den Zug; der Notar nahm die Ur⸗ kunde und warf einen erſtaunten, beinahe ängſtlichen Blick vdarauf, ſo finſter war der Ausvruck des leichenbleichen Geſichtes von Pascal. Immer kaltblütig, nahm die Marquiſe ihren Credit⸗ brief, der auf dem Bureau liegen geblieben war, und ſagte zu dem Geldmann⸗ „Da ich alle meine Fonds zu meiner Reiſe nth 7 208 haben werde, mein Herr, und da ich heute Abend abreiſe, ſo will ich, wenn Sie es gutheißen, die Geſammtſumme dieſes Creditbriefs erheben?“ „Gehen Sie zur Kaſſe!“ erwiederte maſchinenmäßig Pascal, die Augen verwirrt und von Blut unterlaufen, denn auf ſeine Leichenbläße war plötzlich eine Purpurröthe gefolgt. Dem Notar voranſchreitend, der ſich den Anſche in gab, als verbeugte er ſich vor Nascal, um ihn noch einmal mit heſorgter Miene anzuſchauen, verließ Magdalena das Cabinet, machte die Thüre zu und fragte den Bedienten: „Ich bitte, wo iſt die Kaſſe?“ „Die erſte Thüre links im Hof. Madame.“ Als die Marquiſe aus dem Salon wegging, ver⸗ nahm man ein gewaltiges Geräuſch im Cabinet von Pascal. Es klang, als wärè ein Körper auf den Boden ge⸗ fallen. Der Kammerdiener verließ ſogleich Magdalena und den Notar und lief zu ſeinem Herrn. Die Marquiſe ſtieg, nachdem ſie in Bankbillets den Betrag ihres Creditbriefes erhoben hatte, begleitet von dem Notar, wleder in den Wagen, als ſie den Bedienten mit einer geſchäftigen Miene aus dem Thorweg heraus⸗ kommen ſah. „Was gibt es, mein Freund?“ fragte ihn der Notar, „Sie ſehen erſchrocken aus?“ „Ah! welch ein Unglück! Mein Herr hat einen Schlaganfall bekommen ich laufe nach einem Arzt,“ antwortete der Bediente. Und er verſchwand. — „Ich ſagte mir auch,“ ſprach der Notar zu Magda⸗ lena, „dieſer liebe Herr ſcheint nicht in ſeinem natürlichen Zuſtand zu ſein: hat er nicht auch dieſe Wirkung auf Sie gemacht, Frau Marqulſe?“ „Ich fand wie Sie, mein Herr, etwas ganz Beſon⸗ deres im Geſichtsauspruck von Herrn Pascal 209 „Gott wolle, daß dieſer Anfall nicht von Bedeutung iſt. Es wäre wahrhaftig Schade, wenn ein ſo reicher Mann in der Kraft ſeines Alters ſterben müßte.“ „In der That, ſehr Schade „ Doch ſagen Sie, mein Herr, wenn Sie wollen, führe ich Sie nach Ihrem Hauſe zurück, und Sie übergeben mir die auf Herrn Dutertre bezügliche Urkunde. .. Ich bedarf derſelben.“ „Hier iſt ſie, Frau Marquiſe; doch ich werde nicht dulden, daß Sie mir zu Liebe einen Umweg machen. Zwei Schritte von hier ſteige ich aus.“ „Wohl .. Dann haben Sie die Güte, dieſe vierzig tauſend Franken zu nehmen. Ich wünſchte zehn tauſend Franken in Gold für meine Reiſe und einen Creditbrief auf Wien zu haben.“ „Ich werde das ſogleich beſorgen, Frau Marquiſe. Und wann ſoll ich Ihnen die Gelder überbringen?“ „Ich bitte, heute Abend vor zehn Uhr.“ „Es ſoll pünktlich geſchehen, Frau Marquiſe.“ Der Notar verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, und Magda⸗ lena ließ ſich ſogleich nach der Werkſtätte von Charles Dutertre führen. Zweiundzwanzigſtes Rapitel. Magdalena hatte ſich, erwähnter Maßen, als ſie ſich von Herrn Pascal entfernte, zu Madame Dutertre führen laſſen; dieſe befand ſich allein in ihrem Schlafzimmer, als man ihr die Marquiſe melvete. Sophie, die in einem Lehnſtuhl ſaß, ſchien einer 2¹1⁰ großen Verzweiflung preisgegeben; beim Anblick ihrer Freundin erhob ſie raſch das Haupt; ihr in Thränen ge⸗ hadetes Geſicht war von einer tödtlichen Bläße. „Nimm lies . und weine nicht,“ rief Magda⸗ lena mit zärtlichem Ton, indem ſie ihr die von Herrn Pascal unterzeichnete Urkunde übergab. Hatte ich geſtern Unrecht, als ich zu Dir ſagte: Hoffe!“ „Dieſes Papier!“ erwlederte Madame Dutertre ganz erſtaunt, „was iſt es? .. erkläre Dich.“ „Deine Befreiung und die Deines Mannes.“ „Unſere Befreiung?“ „Herr Pascal hat ſich anheiſchig gemacht, Deinem Mann die ganze Zeit zu gewähren, die dieſer von ihm verlangt, um ſich ſeiner Schuld zu entledigen.“ „Sollte es wahr ſein! Nein . . . nein.. . ein ſol⸗ ches Glück iſt unmöglich!“ „Lies doch, Ungläubige!“ Sophle durchlief raſch die Urkunde, ſchaute die Mar⸗ quiſe ganz erſtaunt an und ſagte: Das grenzt an's Wunderbare ich kann meinen Augen nicht trauen... und durch welches Mittel? Aber, mein Gott, das iſt Zauberei!“ „Vielleicht,“ erwiederte Magdalena lächelnd, „wer weiß?“ „Ah! verzeih', meine Freundin,“ rief Sophie, wäh⸗ rend ſie Magdalena um den Hals fiel, „meine Verwun⸗ verung iſt ſo gewaltig, daß ſie einen Augenblick meine Dankbarkeit unterdrückt hat. Du entreißeſt uns dem Un⸗ tergang; wir und unſere Kinder haben Dir Alles zu dan⸗ ken, Glück, Sicherheit, Vermögen. .. Ah! Magdalena, Du biſt unſer Schutzengel!“ Der Ausdruck der Dankbarkeit von Madame Duter⸗ tre war aufrichtig. Die Marquiſe bemerkte jedoch im Ton, in der Ge⸗ berde, im Blick ihrer Freundin einen gewiſſen Zwang. Ihr Antlitz ſchien nicht heiter, ſtrahlend, wie es bei — 21¹ der Kunde einer unerwarteten Rettung hätte werden müſſen. Offenbar nahm ein anderer Kummer Madame Du⸗ tertre in Anſpruch; nach einem Augenblick aufmerkſamen Stillſchweigens fragte auch Magdalena: „Sophie Du verbirgſt mir etwas, Dein Kummer hat ſein Ende noch nicht erreicht?“ „Kannſt Du das glauben, während durch Deine Hülfe, Magdalena, unſere Zukunft heute ſo ſchön, ſo geſichert iſt, als ſie geſtern verzweifelt war, während...“ „Ich ſage Dir, meine arme Sophie, daß Du noch leideſt. .. Ich müßte in Deinen Zügen die vollſtändigſte Freude leſen . . . und Du kannſt kaum Deinen Kummer verbergen.“ „Sollteſt Du mich für undankbar halten?“ „Ich glaube, daß Dein armes Herz verwundet iſt . ja, und dieſe Wunde iſt ſo ſchmerzlich, daß ſie nicht ein⸗ mal durch die gute Kunde, die ich Dir bringe, gemil⸗ dert wird.“ „Magdalena, ich beſchwöre Dich. . . laß mich .. ſchaue mich nicht ſo an . . . das betrübt mich; befrage mich nicht; aber glaube mir, oh! ich flehe Dich an, glaube mir, daß ich in meinem Leben nicht vergeſſen werde, was wir Dir verdanken,“ ſprach Madame Du⸗ tertre. Und ſie verbarg ihr Antlitz in ihren Händen und zerfloß in Thränen. Die Marquiſe dachte einen Augenblick nach, ſchien zu zögern, und ſagte dann: „Sophie, wo iſt Dein Mann?“ Die junge Frau bebte, erröthete und erbleichte ab⸗ wechſelnd, und rief unwillkührlich und beinahe mit Angſt: „Du,willſt ihn alſo ſehen?“ „Ja. „Ich weiß nicht. . . ob er. . . in dieſem Augenblick in der Werkſtätte iſt,“ ſtammelte Madame Dutertre. .. 212 „doch wenn Du es wünſcheſt, wenn Du durchaus darauf beſtehſt, will ich ihn rufen laſſen, damit er von Dir ſelbſt Alles, was wir zu danken haben, erfährt.“ Die Marquiſe ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und erwiederte: „Nicht um den Dank Deines Gatten zu empfangen, wollte ich ihn ſehen, Sophie, nein, ſondern um von ihm, wie von Dir, Abſchied zu nehmen.“ „Abſchied?“ „Dieſen Abend verlaſſe ich Paris.“ „Du reiſeſt ab?“ rief Madame Dutertre. Und ihr Ton verrieth eine ſeltſame Miſchung von Erſtaunen, Trau⸗ rigkeit und Freude.“ Keine von dieſen Nuancen ſollte dem Scharffinn von Magdalena entgehen. Sie empfand Anfangs einen peinlichen Eindruck; ihre Augen wurden feucht; dann überwand ſie ihre Ge⸗ müthsbewegung und ſagte ſanft lächelnd zu ihrer Freun⸗ din, indem ſie ihre beiden Hände ergriff: „Meine arme Sophie, Du biſt eiferſüchtig.“ „Magdalena!“ „Du biſt eiferſüchtig auf mich, geſtehe es.“ „Ich verſichere Dich. .. „Sophie, ſei offenherzig; mir das leugnen hieße mich denken machen, Du glaubeſt, ich ſei wiſſentlich coquette gegen Deinen Mann geweſen, und Gott weiß, was daran iſt ... ich habe ihn nur ein einziges Mal in Deiner Gegenwart geſehen.“ „Magdalena,“ rief die junge Frau mit Erguß und ohne daß ſie ihre Thränen zurückzuhalten vermochte . „verzeihe mir . dieſes Gefühl iſt ünwürdig, ſchmählich denn ich kenne die Erhabenheit Deines Herzens, und erſt in dieſen Augenblick haſt Du uns Alle gerettet doch wenn Du wüßteſt . ..“ „Ja, meine gute Sophie, wenn ich wüßte, doch ich weiß nichts ſprich, lege mir Deine Beichte bis zum — — —— - 2¹3 Ende ab; vielleicht wird ſie mir einen guten Gedanken eingeben.“ „Magdalena, in der That, ich ſchäme mich ich werde es nie wagen.“ „Sage, was befürchteſt Du. .. da ich abreiſe, va ich dieſen Abend abreiſe?“ „Höre, das iſt es, was mich ſchmerzlich ergreift. Deine Abreiſe macht mich troſtlos, ich hatte gehofft, Dich jeden Tag hier zu ſehen während einer langen Zeit vielleicht. . . und es wird doch „ „Es wird Dich doch meine Abreiſe von einer grau⸗ ſamen Furcht befreien, nicht wahr? Aber das iſt ganz einfach, meine arme Sophie, was haſt Du Dir vorzu⸗ werfen, da ich dieſen Morgen, ehe ich Dich beſucht, ab⸗ zureiſen beſchloßen hatte?“ „Ja, muthig, hochherzig, wie Du immer biſt, ſagſt Du das.“ „Sophie, ich habe nie gelogen; ich wiederhole Dir, vaß dieſen Morgen, ehe ich Dich geſehen, meine Abreiſe entſchleden war; doch ich beſchwöre Dich, ſage mir, welche Urſachen Deine Eiferſucht erregt haben Das iſt vielleicht für die Ruhe Deiner Zukunft wichtiger, als Du denkſt.“ „Nun wohl! geſtern Abend kam Charles, von Mü⸗ vigkeit und Unruh gelähmt, erſchrocken über die raſchen Maßregeln, mit denen ihn Herr Pascal bedrohen ließ, nach Hauſe; trotz ſeiner furchtbaren Beklommenheit ſprach er noch lange mit mir von Dir; da, ich geſtehe es, kam mir der erſte Verdacht, als ich ſah, in welchem Grad die Erinnerung an Dich ſeinen Geiſt beherrſchte. Char⸗ les legte ſich zu Beite. ich blieb nachdenkend neben ihm ſitzen; bald entſchlief er erſchöpft durch die peinlichen Gemüthsbewegungen dieſes Tags: Anfangs ruhig, erſchien ſein Schlaf nach einigen Augenblicken aufgeregt; zwei oder dreimal kam Dein Name über ſeine Lippen . dann zog ſich ſein Geſicht ſchmerzhaft zuſammen, und er mur⸗ 2¹4 melte, als wäre er von einem Gewiſſensbiß bedrückt: „„Verzeih', Sophie. verzeih'. .. und meine Kinder, oh! Sophie...“ hierauf ſprach er noch ein paar unverſtändliche Worte, und ſeine Ruhe wurde nicht mehr geſtört. Mehr iſt nicht vorgefallen, Magdalena .. Dein Name wurde von meinem Mann nur im Schlafe ausgeſprochen, und dennoch kann ich Dir nicht ſagen, wie gräßlich wehe mir das gethan hat; vergebens ſuchte ich die Urſache dieſes ſo gewaltigen, ſo plötzlichen Eindrucks, denn Charles hatte Dich nur einmal und kaum eine Vier⸗ telſtunde geſehen; allerdings biſt Du ſchoön, oh! ſehr ſchön, und ich weiß es wohl, ich bin nicht mit Dir zu Charles hatte mich jedoch bis daher ſo ſehr geliebt!“ Und die junge Frau vermochte ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten. „Arme, gute Sophie,“ ſprach die Marquiſe gerührt, „beruhige Dich, er liebt Dich, wird Dich immer lieben, und Du wirſt mich bald vergeſſen gemacht haben.“ . Madame Dutertre ſeufzte und ſchüttelte traurig den Kopf, Magdalena fuhr fort: „Glaube mir, Sophie, es wird von Dir abhängen, mich vergeſſen zu machen, wie es von Dir abgehangen hätte, Charles zu verhindern, auch nur einen Augenblick an mich zu denken.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „So eben habe ich Dein vertrauliches Geſtändniß vadurch hervorgerufen, daß ich Dich verſicherte, es würde ohne Zweifel ein günſtiges Reſultat für Dein zukünftiges Glück und für das Deines Mannes haben .. . ich täuſchte mich nicht.“ ₰ „Erkläre Dich.“ 5 „Slelle Dir vor, meine gute Sophie, Dü ſeiſt in der Beichte,“ ſagte Magdalena lächelnd, „ja, ſtelle vor, Du ſeieſt im Beichiſtuhl des großen, dicken Abh Jolivet .. Du erinnerſt Dich; der Beichtvater d ———— 215 Koſlſchule, der ſo ſeltſame Fragen an uns richtete, als wir noch junge Mädchen waren ... Seit jener Zeit habe ich mich auch ſtets gefragt, warum es nicht geiſtliche Damen gebe, um die Mädchen Beichte zu hören.. da ich jedoch, ohne geiſtliche Dame zu ſein, Weib bin,“ fügte die Mar⸗ quiſe abermals lächelnd bei, „ſo kann ich wohl einige Fragen wagen, welche ganz nach dem Geſchmack unſeres lüſternen Beichtvaters geweſen wären . Nun denn, ſage mir . . . und erröthe nicht . . . Dein Mann hat Dich aus Liebe geheirathet?“ „Ach! ja.“ „Willſt Du wohl über eine ſo reizende Erinnerung nicht ſeufzen?“ „Ah! Magdalena. . . je trauriger die Gegenwart iſt, deſto mehr ſchmerzen gewiſſe Erinnerungen.“ „Die Gegenwart, die Zukunft werden ſein, was Du willſt, vaß ſie ſein ſollen „ doch antworte mir: nicht wahr, während der zwei oder drei erſten Jahren Eurer Ghe habt Ihr Euch noch als Geliebte geliebt? Du verſtehſt mich?“ Die junge Frau ſchlug erröthend die Augen nieder. „Dann hat allmälig ... ohne daß ſich darum Eure Zuneigung verminderte, dieſe leidenſchaftliche Zärtlich⸗ keit einem ruhigeren Gefühle Platz gemacht, dem Cure Liebe für Eure Kinder einen ſüßen Reiz verlieh . doch die zwei Geliebten waren nur noch zwei durch die theuer⸗ ſten und heiligſten Gefühle vereinigte Freunde „ ſſt es nicht ſo?“ „Das iſt wahr, Magdalena, und zuweilen beklage ich es, vaß dieſe Tage erſter Jugend und Liebe vorüber ſind; doch ich habe mir dieſes Beklagen zum Vorwurf gemacht, indem ich mir ſage, ſie ſeien vielleicht unverträg⸗ 2 mit den ernſten Pflichten, welche die Mutterſchaft auf⸗ erlege.“ Arme Sophie! . . . Aber ſage mir, dieſe Erkaltung oder vielmehr Eure Verwandlung von Gellebten in Gatten, in Freunde, wenn Du willſt, iſt nicht plötzlich ge⸗ weſen? Das iſt unmerklich und ohne daß Ihr es gewahr geworden, gekommen?“ „In der That, doch woher weißt Du das?“ „Noch eine Frage, liebe Sophie „in den erſten Tagen Eurer Liebe waret Ihr, ich bin es feſt überzeugt, ſehr gefallſüchtig für einander? Nie war Deine Toilelte friſch genug, hübſch genug? Durch feinen Geſchmack und durch Grazie Alles erhöhen, was Reizendes an Dir war Deinem Mann gefallen . . ihn ſtets verliebt ma⸗ chen dies war Bein einziger Gedanke? Dein Char⸗ les hatte ohne Zweifel irgend einen Wohlgeruch, den er vorzugsweiſe liebte . Und Deine ſchönen Haare, Deine Kleider entſtrömten dieſen zarten Duft, der, während der Abweſenheit, die Erinnerung an die geliebte Frau gleichſam materialiſirt?“ „Es iſt wahr, wir liebten ungemein den Geruch des Veilchens und der Iris . dieſer Duft erinnert mich ſtets an unſere ſchönen früheren Tage.“ „Dufiehſt alſo. was Deinen Mann betrifft, ſo bezweifle ich nicht, daß er mit Dir an Sorgfalt, an Eleganz und Ge⸗ ſchmack in den kleinſten Einzelnheiten ſeines Anzuges wettei⸗ ferte.. Beide glühend, leidenſchaftlich, ſchmücktet Ihr voll Wonne Eure junge Liebe. doch ach! aus dem Schvoße dieſes ſo leichten, ſo bequemen Glückes iſt allmälig die Gewohn⸗ heit hervorgegangen, die Gewohnheit, dieſer unſelige Vor⸗ läufer des Sichgehenlaſſens, der Selbſtver⸗ nachläßigung, die Gewohnheit, um ſo gefährli⸗ cher, als ſie oft zum Täuſchen, einer vertraulichen, innigen Hingebung gleicht. Man ſagt ſich: „„Ich bin ſicher, daß ich geliebt werde; wozu dieſes Beſtreben, dieſe Sorgfalt jedes Augenblicks? was ſind dieſe Nichtswürdigkeiten gegen die wahre Liebe?““ Und ſo, meine liebe Sophie, kam ein Tag, wo Du, übrigens ganz von Deiner Zärt⸗ lichkeit für Deine theuren Kinder in Anſpruch genommen Dich nicht mehr darum bekümmerteſt, ob Dein Kopſfputz 217 mehr oder minder gut zu Deinem hübſchen Geſicht ſtand? ob ſich Dein Kleid gut oder ſchlecht an Deinem anmu⸗ thigen Leib drapirte? ob Dein kleiner Fuß zierlich oder nicht zierlich vom Morgen an bekleidet war? Seinerſeits von ſeinen Arbeiten in Anſpruch genommen, wie Du von der Mütterlichkeit, vernachläßigte ſich Dein Mann auch nach und nach. Unmerklich gewöhnten ſich Eure Augen an dieſe Veränderung, ohne ſie beinahe wahrzunehmen, wie man ſich, ſo zu fagen, nicht alt werden ſieht, wenn man beſtändig beiſammen lebt. Und das iſt ſo wahr, liebe Sophie, daß, wenn Du durch die Erinnerung die Sorgfalt des Geſchmacks, die Eleganz, die reizenden Auf⸗ merkſamksiten, womit Ihr Euch in der ſchönen Zeit Eurer Liebe umgabet, heraufbeſchwören würdeſt, Dich das größte Erſtaunen bei der Vergleichung der Gegenwart mit der Vergangenheit ergreifen müßte.“ „Es iſt nur zu wahr,“ erwiederte Sophie, indem ſie einen traurigen, beinahe beſchämten Blick auf ihre ver⸗ nachläßigte Kleidung, auf ihren ungeordneten Kopfputz warf. „Ja, allmälig vergaß ich die Kunſt, oder vielmehr vas Verlangen, meinem Mann zu gefallen. Ach! nun iſt es zu ſpät, dies zu bereuen.“ „Zu ſpät!“ rief die Marquiſe, „zu ſpät! Mit Dei⸗ nen fünfundzwanzig Jahren, mit dieſem ſo reizenden Ge⸗ ſicht.. zu ſpät mit dieſem bezaubernden Wuchs, dieſen herrlichen Haaren, dieſen Perlzähnen, dieſen großen zärt⸗ lichen Augen, dieſer fürſtlichen Hand und dem Fuß eines Kindes, zu ſpät! Laß mich eine halbe Stunde Deine Kammerfrau ſein, meine liebe Sophle, und Du wirſt ſehen, ob es zu ſpät iſt, Deinen Mann wieder glühend und leidenſchaftlich wie einſt werden zu machen.“ „Ah! Magdalena, nur Du allein in der Welt ver⸗ magſt denjenigen, welche keine mehr haben, Hoffnung zu geben, und dennoch erſchreckt mich die Wahrheit Deiner Worte. Ach! ... Du haſt Recht. .. Charles liebt mich nicht mehr.“ Die ſieben Tobſünden. IW Abth. 15 218 „Er liebt Dich immer noch ebenſo ſehr und vielleicht noch mehr, als in der Vergangenheit, arme Närrin. Denn Du biſt für ihn die erprobteſte Gattin, die zärtlichſte Mutter ſeiner Kinder; doch Du biſt nicht mehr die be⸗ rauſchende Geliebte von ehemals; er hat auch nicht mehr für Dich jene zärtliche, glühende Liebe der erſten Tage Eures Glückes; es iſt etwas nackt, was ich Dir da ſage, meine gute Sophie.. doch der gute Gott weiß, was er thut; er hat uns nicht von unmateriellen Weſen ge⸗ ſchaffen; wohl iſt nicht Alles an uns Materie, es iſt aber ebenſo wenig Alles Geiſt. Glaube mir, es liegt etwas Göttliches im Vergnügen; man muß es auch ſchmücken, ſchön herausputzen, ihm Wohlgeruch verleihen. Kurz, verzeihe mir die Ungehenerlichkeit in der Che. ſiehſt Du. . ein kleiner Grad Unkeuſchheit.. . iſt nicht zu viel, um den durch dle Gewohnheit entſchlummerten Sinn wie⸗ ver zu erwecken. ſonſt hat die anlockende Geliebte fiets den Vorzug vor der Frau und unter uns geſagt, das iſt immer ein wenig der Fehler der Gattin, denn warum f ſollten im Ganzen die Pflichten der Frau und der Mut⸗ ter unverträglich mit den Verführungen und der Woluſt der Geliebten ſein? warum ſollte der Vater, der Gatte nicht auch ein entzückender Liebhaber ſein? Höre, Sophie, ich will in zwei Worten, mit meiner gewöhnlichen Derb⸗ heit, Deine Stellung und die meinige zuſammenfoſſen: Dein Mann ltebt Dich, und er begehrt Dich nicht er liebt mich nicht, und er begehrt mich.“ Dann fügte die Marquiſe wie toll lachend bei: „Iſt es nicht ſeltſam, daß iche eine Jungfrau, und 5 zwar leider eine bei der Frage durchaus nicht betheiligte, — denn ich bin wie ein Gourmand ohne Magen, der von einer köſtlichen Speiſe ſprechen würde, iſt es nicht ſeltſam vaß ich einer verheiratheten Frau Unterricht ertheile?“ Ah! Magdalena,“ rief Sophie mit vollem Erguß, „Du wirſt uns heute zweimal gerettet haben.. Denn 2¹9 was mein Mann fühlt, hätte er für eine andere minder edelmüthige Frau fühlen können... und dann bedenke meinen Kummer, meine Thränen! Ah! Du haſt Recht, Du haſt Recht .. Charles muß in ſeiner Frau ſſeine Geliebte von einſt wiederſehen und wiederfinden.“ Dieſe Unterredung der zwei Freundinnen wurde durch die Ankunft von Antonine unterbrochen. Yreiundzwanzigſtes Rapitel. Die Unterredung von Magvalena und Sophie wurde alſo durch die Ankunft von Antonine unterbrochen, welche ſtürmiſch wie die Freude, die Jugend und das Glück ein⸗ trat und ausrief: „Sophie, ich wußte geſtern, Magdalena werde die⸗ ſen Morgen hier ſein, und laufe herbei, um Euch zu ſagen . . .“ „Kein Wort mehr, kleines Mädchen,“ erwiederte hei⸗ ter die Marquiſe, indem ſie Antonine auf die Stirne küßte, „wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn wir müſſen, wie wir es einſt unter uns in der Koſtſchule waren, die Kammerfrauen von Sophie ſein.“ „Was ſagſt Du?“ rief Sophie. „Aber, Magdalena,“ verſetzte Antonine, „ich kam, um Euch mitzutheilen, daß mein Vertrag dieſen Morgen vom Prinzen und von meinem Oheim unterzeichnet wor⸗ den iſt, und daß...“ „Dein Heirathsvertrag iſt unterzeichnet, mein Kind! das iſt das Wichtige, und ich erwartete es; Du wirſt mir „ 220 das Uebrige erzählen, wenn wir unſerer lieben Sophie die ſchönſte, die coquetteſte Tvilette der Welt gemacht haben; das iſt von großem Belang und beſonders ſehr pringend.“ Dann fügte Magdalena leiſe ins Ohr von Madame Dutertre bei: „Dein Mann kann jeden Augenblick kommen. .. er ſoll entzückt, bezaubert ſein, er wird es ſein⸗“ Hierauf wandte ſich Magdalena an Antonine und prach: „Geſchwinde, geſchwinde, mein Kind.. hilf mir dieſe Toilette an's Fenſter bringen .. und beſchäftigen wir uns vor Allem mit dem Kopfputz von Sophie.“ „In der That, Magdalena,“ erwiederte Sophie lä⸗ chelnd, denn unwillkührlich erſchloß ſie ſich wieder der Hoff⸗ nung und dem Glück „in der That Du biſt toll.“ „Nicht ſo toll,“ enigegnete die Marquiſe, während ſie Sophie an den Putztiſch ſitzen machte; und indem ſie das herrliche Haar ihrer Freundin entrollte, fügte ſie bei: „wäre ich häßlich wie ein Ungeheuer, ſo wollte ich doch mit ſolchen Haaren im höchſten Grad anlockend erſcheinen; urtheile ein wenig über Dich, Sophie. .. Auf, Antonine, hilf mir, dieſe Haare ſind ſo lang, ſo dicht, daß ich ſie nicht in der Hand halten kann.“ Sie waren reizend anzuſchauen, dieſe drei Freun⸗ dinnen von ſo verſchiedenartiger Schönheit ſo gruppirt. Das unſchuldige Antlitz von Antonine drückte ein ganz naives Erſtaunen über dieſe improviſirte Toilette aus. Bewegt, in Unruhe verſetzt durch die zaͤrtlichen und gli⸗ henden Erinnerungen an die Vergangenheit, fühlte Sophie, wie unter ihrem Schleier brauner Haare ihr Geſicht, bis dahin bleich und betrübt, ſich mit einer unwillkührlichen Roͤthe färbte, während Magdalena, das herrliche Haar bre Freundin vortrefflich benützend, dieſe zum Entzücken friſirte. „Welches Kleid willſt Du nun anziehen?“ fragte die Marquiſe Sophie. „Doch ich bedenke, ſie müſſen Dich 221 abſcheulich kleiden, wenn ſie alle nach demſelben Muſter geſchnitten ſind.“ „Sie ſind es leider,“ antwortete Sophie lächelnd. „Sehr gut,“ ſagte die Margquiſe, „und ich wette, ſie ſind alle oben geſchloſſen?“ Ja, alle geſchloſſen,“ antwortete die arme Sophie. „Immer beſſer,“ ſagte Magdalena. „Somit ſind dieſe hübſchen Schultern mit dem Grübchen, dieſe rei⸗ zenden Arme zu ewigem Vergraben verurtheilt. das iſt beklagenswerth. Sprich, haſt Du wenigſtens einen zierlichen Hausrock, ein elegantes Morgenkleid?“ „Meine Hausröcke find ſehr einfach. Allerdings hatte ich früher. 4 „Früher?“ „Früher hatte ich köſtliche.“ „Nun! wo ſind ſie?“ „Ich fand ſie zu jung für eine Hausmutter, wie ich eine bin,“ antwortete Sophie lächelnd, „und ich habe ſie, glaube ich, oben in dieſen Glasſchrank verbannt.“ Die Marquiſe hörte nicht mehr: ſie lief an den Schrank, durchwühlte ihn, und fand ein paar ſehr hübſche Hauskleider von geſtreiftem Taffet und von außerordent⸗ licher Friſche; ſie wählte eines mit hellblauem Grund und ſtrohgelben Streifen; die offenen, flatternden Aermel mußten die Arme vom Ellenbogen an nackt laſſen, und obgleich vorne ſich kreuzend, konnte ſich dieſes Kleid nach Belieben öffnen und die Bruſt frei machen. „Vortrefflich,“ ſagte die Marquiſe, „dieſer Stoff iſt reizend und ſo friſch, als ob er neu wäre; ich brauche nun weiße ſeidene Strümpfe, würdig dieſer zierlichen Aſchenbrödels⸗Pantoffeln, die ich auch in dieſem Schranke finde, worin Du Deine Waffen begraben haſt, wie ein Krieger, der nicht mehr in die Schlacht geht.“ „Aber, meine liebe Magdalena,“ entgegnete Sophie, „Cs gibt keine aber,“ erwiederte Magdalena unge⸗ 222 duldig, „ich will, daß Dein Mann ſogleich wenn er hier eintritt um fünf Jahre verjüngt ſich glaubt und iſt.“ Trotz eines ſchwachen Widerſtandes zeigte ſich Sophie gelehrig für die Rathſchläge und gefallſüchtigen Bemühun⸗ gen ihrer Freundin; halb auf einer Ottomane liegend, in einer Haltung voll ſchmachtender Weichheit, geſtattete ſi daß die Marquiſe dieſem lebendigen Gemälde den el Pinſelſtrich gab. Magdalena ließ in der That ein paar lange Locken auf dem blendend weißen Hals ſpielten; ſtreifte die weiten Aermel zurück, um einen Ellenbogen mit Grübchen wohl ſehen zu laſſen, öffnete ein wenig (trotz der keuſchen Bedenklichkeiten von Sophie) den Leib des Kleides, das, mit einer anlockenden Abſichtlichkeit drapirt, den untern Theil eines zierlich gedrechſelten Beines und das hübſcheſte Füßchen der Welt erſchauen ließ. Man muß ſagen, Sophie war auf dieſe Art reizend: vie Aufregung, die Unruhe, die Hoffnung, eine unbeſtimmte Beſorgniß färbten ihr zartes anziehendes Antlitz, belebten ihren Blick, machten ihren Buſen wogen und verliehen ihren Zügen einen köſtlichen Ausdruck. Ganz erſtaunt über vieſe Verwandlung, rief Anto⸗ nine nun, indem ſie in ihre kleinen Hände klatſchte: „Mein Gott! mein Gott! Sophie, ich wußte nicht, daß Sie ſo hübſch ſind!“ „Sophie wußte es auch nicht,“ erwiederte Magda⸗ lena, die Achſeln zuckend, „ich muß ſo viele Reize aus⸗ raben.“ 6 Die Dienerin von Madame PDutertre trat, nachdem ſie an die Thüre geklopft hatte, ein und ſagte zu ihrer Gebieterin: 8 „Der Herr wünſcht Madame zu ſprechen; er iſt in 3 Werkſtätte und läßt fragen, ob Madame zu Hauſe ſe . „Er weiß, daß Du hier biſt,“ flüſterte Sophie Magdalena mit einem Seufzer zu. „Laß ihm ſagen, er ſoll kommen,“ erwiederte Mag⸗ dalena mit halber Stimme. 6 J 223 „Sage Herrn Dutertre, ich ſei zu Hauſe,“ ſprach Sophie zu der Dienerin, welche ſich ſogleich entfernte. Magdalena wandte ſich nun an ihre Freundin und ſprach mit innigem Ton, indem ſie die Arme nach ihr ausſtreckte: „Und nun, Gott befohlen, Sophie . . theile Deinem ann mit, daß er von Herrn Pascal befreit ſei.“ „Du reiſeſt ſchon?“ erwiederte Sophie traurig: „und wann werde ich Dich wieverſehen?“ „Ich weiß es nicht eines Tages vielleicht; doch ich höre die Tritte Deines Mannes und verlaſſe Dich.“ Hienach fügte ſie lächelnd bei: „Nur will ich hinter dieſem heruntergelaſſenen Thür⸗ vorhang mich an Deinem Triumph ergotzen.“ Und ſie bedeutete Antonine durch ein Zeichen, ſie möge ihr folgen, und zog ſich hinter den heruntergelaſſenen Thürvorhang des anſtoßenden Salon in dem Augenblick zurück, wo Herr Dutertre in das Schlafzimmer ſeiner Frau eintrat; einige Momente ſchweiften die Augen von Charles umher, als ob er eine Perſon ſuchte, die er zu treffen erwartet hatte, und er bemerkte nicht die Verwand⸗ lung von Sophie, die zu ihm ſagte: „Charles, wir find gerettet .. hier iſt der Verzicht von Herrn Pascal.“ „Großer Gott! ſollte es wahr ſein!“ rief Dutertre, während er die Papiere durchlief, die ihm ſeine Frau zu⸗ geſtellt hatte; dann erſt, da er ſeine Augen wieder auf⸗ ſchlug und auf Sophie heftete, bemerkte er ihre ſo coquette, ſo anlockende Toilette; nach einem Augenblick des Still⸗ ſchweigens, verurſacht durch das Erſtaunen und die Be⸗ wunderung, rief er: ⸗ „Sophie! was ſehe ich?“ Dieſe ſo reizende, ſo neue Toilette! das geſchieht alſo, um den Tag unſerer Befrei⸗ ung zu feiern?“ „Charles,“ erwiederte Sophie, bald lächelnd, hald erröthend, „dieſe Toilete iſt nicht neu; .. . vor einigen Jahren wenn Du Dich entſinnſt, gefiel ich Dir ſo.“ 224 „Ob ich mich entſinne!“ rief Dutertre, der tauſend zärtliche und wollüſtige Grinnerungen in ſeinem Innern erwachen fühlte; „ah! das war die ſchoöne Zeit unſerer glühenden Liebe, und dieſe ſchöne Zeit tritt wieder ein, be⸗ ſieht; ich ſehe Dich wieder wie in der Vergangenheit; Deine Schönheit glänzt in meinen Augen in neuem Schim ₰ Ich weiß nicht, was für ein Blendwerk es iſt ₰ doch dieſe Zierlichkeit, dieſe Coquetterie . . dieſer Lieb⸗ reiz . Deine Röthe, Alles bis auf dieſen ſüßen Iris⸗ geruch, den wir ſo ſehr liebten, Alles entzückt und be⸗ rauſcht mich. Nein, nein, nie habe ich Dich hübſcher geſe⸗ hen, fügte Dutertre mit leidenſchaftlichem Ton bei, indem er voll Gluth die ſchönen Hände von Sophie küßte. „Oh! ja, Du biſt es, Du biſt es; ich finde Dich wieder, angebetete Herrin meiner erſten Liebe.“ „Nun, Mädchen, iſt es die hoͤchſte Zeit, daß wir uns entfernen,“ ſagte ganz leiſe Magdalena zu Antonine, ohne daß ſie ſich des Lächelns erwehren konnte. Und Belde entfernten ſich auf den Fußſpitzen, ver⸗ ließen den Salon, deſſen Thüre die Marquiſe in der Stille ſchloß, und befanden ſich in dem Cabinet von Herrn Dutertre, das auf den Garten ging. „Magdalena,“ ſagte Antonine zur Marguiſe, „Sie eic mich vorhin nicht vollenden, was ich Ihnen ſagen wollte.“ „Nun, ſo ſprich, mein Kind.“ „Herr Franz iſt hier.“ „Er . . hier?“ ſagte bebend die Marquiſe, ohne vaß ſie ein ſchmerzliches Gefühl zu verbergen vermochte. „Und warum und wie iſt Herr Franz hier?“ „Da er durch mich wußte, daß Sie ſich dieſen Mor⸗ gen hier einfinden ſollten, kam Herr Franz um Ihnen für alle Güte, die Sie uns erwieſen, zu danken. Er wartet im Garten .. und dort iſt er.“ So ſprechend deutete das Mädchen auf Franz, der wirklich auf einer Bank im Garten ſaß. Magdalena warf einen langen, letzten Blick auf ihren 22⁵ blonden Erzengel, ohne eine Thräne zurückhalten zu können, die ihren Augen entftürzte; dann küßte ſie Antv⸗ nine auf die Stirne und ſprach mit leicht bewegter Stimme: 5 „Lebe wohl, mein Kind.“ 2 „Wie!“ rief das Mädchen, erſtaunt über ein ſo ra⸗ ſches Scheiden, „Sie gehen, ohne Franz ſehen zu wollen? Das iſt unmöglich . Die Marquiſe legte ihren Finger auf ihre Lippen und hieß Antonine durch ein Zeichen ſchweigen; dann entfernte ſie ſich, doch nicht ohne die Augen noch einmal nach dem Garten zu drehen, und verſchwand. Zwel Stunden nacher reiſte die Marquiſe aus Paris ab; dem Erzherzog hinterließ ſie folgendes Billet: „Hoheit,“ „Ich werde Sie in Wien erwarten, kom⸗ men Sie, um mich vollends zu verführen.*) „Magdalena.“ *) Den Schluß dieſes Abenteuers wird man in der letzten der ſiehen Todſünden: der Fraß finden. Ende der Unkeuſchheit. Die ſieben Todfünden. 1V. Abth. 16 ———— ———— * e —— * H8 3 SA SEde