——— 3 bliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Ottmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſiedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe f hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— — auf 1 Monat: N — 1 S 5. Auswärtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Gegen die Mitte des Carnevals im Jahre 1801, dem die Verkündigung des in Luneville unterzeichneten Friedens einen ſehr heiteren Charakter verlieh, als Bonaparte erſter Conſul der franzöſiſchen Republik war, ereignete ſich nach⸗ folgende Seene an einem jehr oͤden, durch die halb nie⸗ dergeriſſenen Wälle der Stadt Orleans beherrſchten Ort. Es war ſieben Uhr Morgens, der Tag graute, ein Mann in einem weiten Ueberrock von dunkler Farbe ging auf und ab; die Atmoſphäre war kalt und nebelig; der Spaziergänger blies von Zeit zu Zeit in ſeine Finger, ſtampfte mit den Füßen auf den Boden, um ſich zu er⸗ wärmen, und ſchaute zuweilen nach einem Fußpfad, der um das Gemäuer einer Baſtei lief. Nach Verlauf von zehn Minuten erſchien eine zweite, in einen Mantel gehüllte und bis dahin durch den Vor⸗ ſprung der Baſtei verborgene Perſon auf dem Fußpfad und ging raſch auf den Mann im Ueberrock zu. Beide hatten nun folgende Unterredung mit einander: „Ich glaubte im Verzug zu ſein,“ ſagte der Mann im Mantel. . „Es bleibt uns noch eine Viertelſtunde,“ erwiederte der Andere; „haben Sie die Degen?“ „Hier ſind ſie das hielt mich auf, denn ich hatte Mühe, Degen zu finden. Wie iſt es milt Yvon, haben Sie ihn dieſen Morgen geſehen?“ „Nein; er hat mir geſtern geſagt, er werde ſich un⸗ Die ſiepen Topſünhen, mI. Abth. 4 3 10 mittelbar hierher begeben. Mit Recht befürchtete er, meine Anweſenheit in ſeinem Hauſe zu einer ſolchen Stunde und unſer ſo frühzeitiges Ausgehen könnten ſeine Frau beunru⸗ higen und Verdacht bei ihr erregen.“ „Oh! mein Lieber, während wir Yvon erwarten, belehren Sie mich über den Gegenſtand des Streites. Sie wiſſen, durch die Zeit gedrängt, konnte mir dieſer wackere Freund geſtern Abend nur ein paar Worte ſagen.“ „Die Sache iſt ganz einfach . . . in der letzten Sitzung des Tribunals macht ein Advocat Namens Laurent in ſeiner Vertheidigungsrede eine ſehr deutliche Anſpielung auf die angebliche Parteilichkeit unſeres Freundes, der einer der Richter, von denen der Prozeß verhandelt wurde. . ..“ „Das war ein unwürdiges Benehmen; die bretagniſche Redlichkeit von Yvon Clvarek iſt allbekannt .. „Bei Gott. doch Sie kennen die Heftigkeit, die unglaubliche Reizbarkeit des Charakters unſeres Freundes; er fuhr auch von ſeinem Sitz auf, unterbrach geradezu den Advocaten und rief: „„Meiſter Laurent, Sie ſind ein ſchändlicher Verleumder; ich ſage Ihnen das nicht als Richter, ſondern als Menſch von Herz, und werde es Ihnen nach der Sitzung wiederholen.“ Sie können ſich die Aufre⸗ gung des Tribunals denken. . . . Es war allerdings ein wenig zu lebhaft für den Ernſt einer obrigkeitlichen Per⸗ ſon „ „„Gut, mein Herr,““ erwiederte der Advocat mit feſtem Ton, „„wir werden uns ſpäter treffen.“ Der Prozeß wird entſchieden; ſobald die Sitzung geſchloſſen iſt, bemüht ſich das ganze Tribunal, den Streit zu ſchlichten .. die anweſenden Advocaten ſuchen ebenfalls zu vermitteln, doch Sie kennen den Eiſenkopf unſeres Freundes. Der Advocat Laurent, ein ſehr entſchloſſener Mann, verlangte Entſchuldigungen; bei dieſer Forderung glaubte ich, Yoon werde vor Zorn erſticken kurz, die Zuſammenkunft an dieſem Morgen wurde verabredet und der Degen gewählt...“ „Ich kann die Empfindlichkeit unſeres Freundes nur billigen, doch ich befürchte, in ſeſner Stellung als ohrig⸗ keitliche Perſon dürfte ihm dieſes Duell ſchaden „ 11 „Ich befürchte es wie Sie, obgleich dieſes energiſche Venehmen der Toga Glanz verleihen muß Das Schlimme dabei iſt, daß Ybon ſchon einige heftige Strei⸗ tigkeiten mit dem Präſidenten ſeines Tribunals gehabt hat, der kein redlicher Mann ſein ſoll.. Noch ir es, daß unſer Freund in Folge der Heftigkeit ſeines rakters ſchon zweimal ſeinen Wohnort zu wechſeln ſich ge⸗ nöthigt ſah. . . .“ „Ein ſo edles, vortreffliches Berz!“ „Ja, aber dieſer unglückliche Kopf und dieſe teufel⸗ mäßige Reizbarkeit, die er nicht bezähmen kann.“ „Und daß er gerade mit einem ſolchen Charakter Beamter werden mußte!“ „Was wollen Sie? ſein Vater, ſelbſt ein Beamter, forderte von ihm, daß er dieſe Laufbahn wähle. Aior betete ſeinen Vater an und gehorchte. Als unſer Fre ſpäter ſeinen Vater verlor, war es nicht mehr Zeit für ihn, ſeinen Stand zu ändern; und dann iſt er ohne Vermögen; ſeine obrigkeitliche Stelle iſt ſein einziges ſiche⸗ res Einkommen, und er hat Frau und Kind r muß alſo, wie Sie ſehen, ſein Joch tragen.“ „Das iſt wahr doch ich beklage ihn.“ „Oh! ſagen Sie mir, Yon verſteht gut zu fechten?“ „Sehr gut, denn in ſeiner erſten Jugend war er leivenſchaftlich für die Leibesübungen eingenommen; ich befürchte nur, daß ihn der Muth und per Zorn fort⸗ reißen, und er dürfte ſich blindlings in die Gefahr ſtürzen.“ „Es wäre mir lieber, wenn er mehr Kaltblütigkeit beſäße Und ſein Gegner?“ „Man hat mir geſagt, er fechte hinlänglich gut.“ „Für den Fall eines ſchlimmen Ausgangs habe ich zwanzig Schritte von hier den Fiaere gelaſſen, der mich brachte . Zum Glück wohnt Yvon beinahe an den Thoren der Stadt . . . „Hören Sie ich mag nicht an ein Unglück den⸗ en das wäre der Tod der Frau von Mon! Wenn Sie wüßten, wie ſehr ſie ihn lebt! Es iſt ein „ Engel der Anmuth und Sanftheit ! . . Cr iſt ſeinerſeits vortrefflich gegen ſie . . . Sie beten ſich gegenſeitig an . und wenn das Mißgeſchick wollte, daß . . .“ „Hören Sie nicht ſprechen?“ 5 „In der That. . vas ſind ohne Zweifel unſere Geg⸗ Ich bedaure, daß ſich Yvon nicht zuerſt einfindet.“ „Wahrſcheinlich hat ihn die Vorſicht, die er wegen ſeiner Frau anwenden mußte, aufgehalten.“ „Das mag ſein doch es iſt ärgerlich.“ Bald kamen drei Perſonen von der Ecke der Baſtei herbei, dies waren der Gegner von Mvon und ſeine zwei Zeugen. Dieſe ſprachen voll Höflichkeit diejenigen, welche zuerſt gekommen, an und entſchuldigten ſich, daß ſie vielleicht haben warten laſſen, worauf man ihnen antwortete, Herr Cloarek ſei im Gegentheil noch nicht erſchienen, doch nun könne er nicht mehr lange ausbleiben. Einer von den Zeugen des Advveaten ſchlug vor, man möge, um ſo wenig als möglich Zeit zu verlieren, in Erwartung der Ankunft von Herrn Clvarek den Kampf⸗ platz wählen. Dieſer Vorſchlag wurde angenommen und die Wahl war getroffen, als Mon erſchien. Der auf ſei⸗ ner Stirne perlende Schweiß und ſeine keuchende Bruſt zeigten hinreichend, wie haſtig er gelaufen war; er drückte ſeinen belden Zeugen herzlich die Hand und ſagte leiſe zu ihnen: „Ich hatte die größte Mühe, zu entkommen, ohne bei meiner Frau Verdacht zu erregen.“ Dann ſich an ſeinen Gegner wendend, fügte er mit einer Stimme, der er Ruhe zu verleihen ſuchte, bei: „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, mein Herr, daß ich Sie habe warten laſſen; doch dieſer Verzug war unwillkührlich.“ Der Advocat grüßte und legte dann ſeinen Ueberrock ab, was auch Cloarek that, während die Zeugen die De⸗ gen maßen. 5 Je näher der Augenblick des Zweikampfs heranrückte, deſto mehr ſah man, wenn man ſo ſagen darf, den Zorn 13 von Yvon ſteigen und kochen; ſein ganzer Koͤrper bebte in ungeſtümem Wechſel; vas Blut ſirömte nach ſeinen Händen und ſeinem Geſicht; ſeine funkelnden Augen unter⸗ liefen ſich nach und nach, während die hervorſpringenden Adern ſeiner kräftigen Arme wie Stricke anſchwollen; ſeine Züge drückten eine Art von wilder Befriedigung ahs; er ſchien ſich bei Annäherung der Gefahr in ſeinem We⸗ ſen zu fühlen und frei zu athmen. Dieſes übermäßig ſan⸗ guiniſche Temperament, dieſe ungeſtüme, überftrömende, beinahe beſtändig durch tauſend geſellſchaftliche Convenien⸗ zen im Zwang gehaltene Natur konnte die Fülle ihrer Ausdehnung, die Allmacht ihrer Thätigkeit nur in den hef⸗ tigen Bewegungen des Kampfes, der Gefahr und des Zorns erreichen. Die Ungeduld und die zornmüthige Hitze von YMon waren ſo groß, daß er ſich, raſcher ausgekleidet als der Advocat, auf dieſen geſtürzt hätte, würden ihn nicht ſeine zwei Zeugen jeder bei einem Arm zurückgehalten haben. Endlich öffneten ſich die Schranken. Einer von den Zeugen ſprach das feierliche Wort: „Vorwärts, meine Herren.“ Clvarek drang mit einer ſo ſtürmiſchen Wuth auf ſei⸗ nen Gegner ein, daß dieſer, verblüfft durch den gewaltigen Angriff, aus der Lage wich und ſo gut als möglich pa⸗ rirte; doch nach einem Gefechte von zwei Minuten war ſein Vorderarm durchbohrt, und er ließ ſeinen Degen un⸗ willkührlich fallen. „Genug, meine Herren,“ riefen die Zeugen, als ſie einen von den beiden Gegnern entwaffnet ſahen. Zum Unglück war der Zorn des Bretagners ſo hef⸗ tig, daß er die Frieden ſtiftenden Worte „Genug, meine Herren,“ nicht hörte und ſeinen Angriff gegen ſeinen Widerſacher verdoppelte, als dieſer, der ſich im Gan⸗ zen brav benommen hatte, da er ſich ohne Vertheidigungs⸗ mittel den Streichen eines Wahnſinnigen ausgeſetzt ſah, rückwärts ſprang, eine raſche Volte machte und entlief. Der wüthende Bretagner wollte ihm nacheilen, doch — 14 ſeine Zeugen ſtürzten ſich auf ihn und entwaffneten kihn nicht ohne Kampf und Gefahr, während einer von den Freunden des Advocaten deſſen, durchaus nicht gefährliche, Wunde mittelſt eines Sacktuchs verband. Der Zeuge von Cloarek bot dem Verwundeten höf⸗ nch ſeinen Fiacre an; Laurent nahm dies an, und die Gegner trennten ſich nach einer redlichen Verſöhnung. „Mon,“ ſagte einer von ſeinen Freunden zu dem hitzigen Beamten, als ſie das Thor der Stadt wieder er⸗ reichten, „was ſiel Dir ein, daß Du ſo einen entwaffneten Feind angriffſt?“ „Es iſt wahr . . hatten Sie denn den Teufel im Leib, mein Lieber?“ fügte der Andere bei. „Ich konnte nicht glauben, es wäre ſchon zu Ende,“ erwiederte Mon mit einem Lächeln des Bedauerns. „Bei Gott! ſo wie Du drauf losgingſt, war es nicht möglich, daß es lange dauerte.“ „Ah! ich hätte eine Stunde des Kampfes nöthig ge⸗ habt, und dann wäre ich, wie mir ſcheint, auf lange Zeit ruhig geweſen,“ ſagte Cloarek. „Ich fühle noch mein ganzes Blut in Aufruhr, die Hitze verzehrt mich . . . Und ich wähnte, meine Luſt hier büßen zu können!“ Yvon ſprach dieſe Worte mit einem Ausdruck ſo nai⸗ ven Aergers, daß es völlig komiſch wurde und ſeine Zeu⸗ gen ſich eines Lächelns nicht erwehren konnten. „Alle Teufel!“ rief der jähzornige Bretagner, indem er zuerſt einen wüthenden Blick auf die beiden Lacher warf; bald aber ſchämte er ſich wieder dieſes Aufbrau⸗ ſens, neigte das Haupt und ſchwieg, während einer von den Zeugen heiter fortfuhr: „Mon, mein Braver, laß es Dir nicht einfallen, mit uns Streit zu ſuck en . . . das wäre nicht der Mühe werth, wir koͤnnten Dir Beide zuſammen höchſtens zehn kleine Minuten zum Fechten bieten.“ „Hoͤren Sie, mein lieber Cwarek, ſeien Sie doch vernünftig,“ ſagte der Andere. „Betrachten Sie ſich im Gegenthell als ſehr glücklich, daß dieſe ärgerliche Angele⸗ —— —— 1⁵ Fnheit einen ſolchen Ausgang genommen hat .. Sie ſind nicht verwundet . die Wunde Ihres Gegners iſt leicht was wollen Sie mehr?“ „Er hat Recht, denn ſtelle Dir unſere Verzweiflung vor, mein armer YMon, wenn wir Dich zu dieſer Stunde ſterbend nach Hauſe hringen müßten! Denke doch an Deine Frau, an Deine kleine Tochter.“ „Meine Frau! . . meine Tochter!“ rief Cloarek bebend, „ah! Ihr habt Recht.“ Und die Thränen traten ihm in die Augen. „Ich bin ein Narr! ein Wü⸗ thender! doch das iſt nicht mein Fehler denn ſeht Ihr, wie man in unſerer alten Bretagne ſagt: „„Wer zu viel Blut hat, handelt zu viel.““ „Dann nimm Fußbäder mit Senf und laß Dir zur Ader, Unglücklicher, halte aber nicht einen Degen für eine Lancette, und zapfe nicht Anderer Blut ab, unter dem Vorwand, Du habeſt zu viel,“ ſprach heiter einer von ſeinen Freunden. „Oder leſen Sie die Philoſophen, mein Theuerſter,“ fügte der Andere bei, „und erinnern Sie ſich beſonders, daß ſie eine obrigkeitliche Perſon, ein Mann des Friedens und des Ernſtes ſind.“ „Das iſt für Euch leicht zu ſagen,“ entgegnete der arme Mvon ſeufzend, „aber Ihr wißt nicht, was es heißt, eine Richterrobe auf dem Rücken und zu viel Blut in den Adern zu haben.“ Hienach dankte Mon herzlich ſeinen beiden Zeugen für ihre Dienſtwilligkeit und ſchickte ſich an, nach ſeiner Wohnung zurückzukehren. „Ah! mein lieber Mon,“ ſagte einer von ſeinen Freunden in dem Augenblick, wo er ihn verließ, „wir ſehen uns heute Abend auf dem Maskenball, den der Schwiegervater Deines Präſidenten gibt.. .. Man ſagt, bei dieſer Gelegenheit ſei Euer Tribunal vom Ernſt dis⸗ penſirt; die Wunde Deines Gegners iſt leicht, und es hat daher nichts Ungeeignetes, wenn Du bei dieſem Feſte, das ſehr intereſſant ſein wird, erſcheinſt.“ „Ich wollte Anfangs nicht dahin gehen, denn meine Frau iſt ein wenig leidend,“ erwiederte Yon; „doch ſie iſt ſo ſehr in mich gedrungen, damit ich mir dieſe Zer⸗ ſtreuung erlauben ſoll, daß ich mich entſchloſſen habe, und ich werde meiner Treue einen Augenblick erſcheinen, um dieſen Anblick zu genießen.“ „Heute Abend alſo?“ „Heute Abend.“ Wvon kehrte nuch Hauſe mit dem Gefühle zurück, er würde ſeine Frau und ſeine Tochter mit verdoppelter Zärt⸗ lichkeit umarmen. Auf der Schwelle ſeiner Thüre hielt ihn eine Diene⸗ rin zurück, die zu ihm ſagte: „Mein Herr, in Ihrem Cabinet iſt ein Mann, ver in einer ſehr dringenden Angelegenheit auf Sie wartet.“ „Gut meine Frau hat nicht nach mir verlangt, ſeitdem ich ausgegangen bin?“ „Nein, Herr. .. Dame Robert iſt ſo eben von Ma⸗ dame herabgekommen, welche den Befehl gegeben, daß man nicht bei ihr eintreten dürfe, ehe ſie geläutet, denn ſie will es, wie ſie geſagt hat, verſuchen, dieſen Morgen ein wenig zu ſchlafen.“ „Seid beſorgt, Euch nach ihren Befehlen zu richten,“ ſagte Cloarek; und er irat in ſein Cabinet ein, wo ihn ein Fremder erwartete. Es war ein großer, ſtarker Mann von ungefähr vier⸗ zig Jahren, mit gemeinem Geſicht, herkuliſchem Aeußeren, und als Landmann gekleidet; er grüßte WMvon ziemlich linkiſch und ſagte mit einer möglichſt freundlichen Miene: „Sie find Herr Cloarek, der Richter?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich, Herr Richter, bin befreundet mit Vater Leblane von Gien, der Sie kennt.“ „Ich habe in der That dieſem würdigen Mann einige Dienſte geleiſtet; wie geht es ihm 7“ „Sehr gut, Herr Richter; er ſagte zu mir: „„Du biſt in der Noth: wende Dich an Herrn Cloarek, er ſteht armen Leuten gern bei.““ „Was kann ich für Sie thun?“ „Herr Richter, ich bin Vater von einem Jungen, deſſen Sache bald vor Ihr Tribunal kommen muß.“ „Was für eine Sache iſt das?“ „Die Sache von Joſeph Rateau,“ erwiederte der Mann, mit einer Miene des Einverſtändniſſes mit den Augen blinzelnd, „eine Fälſchung, eine einfache Fälſchung.“ Erſtaunt und unzuftieden über die plumpe Unge⸗ zwungenheit, mit der der Vater von der entehrenden An⸗ klage ſprach, welche auf ſeinem Sohn laſtete, antwortete Cloarek mit ernſtem Ton: „In der That, mein Herr, Joſeph Rateau iſt der Fälſchung angeklagt und⸗ muß bald abgeurtheilt werden.“ „Hoͤren Sie, Herr Richter, ich mache nicht lange Umwege; unter uns geſagt, mein Sohn hat die Sache gethan und ſich wie ein Vieh ertappen laſſen. . .. „Mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht . . . beden⸗ ken Sie Ihre Worte fie find ſehr ernſt. „Die Fälſchung läßt ſich nicht leugnen, Herr Richter, das iſt klar wie der Tag ... ſonſt begreifen Sie wohl, daß man bemüht wäre „Zur Sache zur Sache,“ ſagte Yvon, immer mehr ent⸗ rüſtet über die Denkungsart und die Manieren dieſes Menſchen. „Nun alſo zur Sache, Herr Richter . ohne ge⸗ wiſſe Gründe, die ich Ihnen nicht ſagen kann, wäre es mir ſo gleichgültig wie zwei Eier, wenn mein Sohn ver⸗ urtheilt würde: „Du haſt Dich fangen laſſen,““ hätte ich zu ihm geſagt, „Du biſt ein Vieh geweſen, nun haſt Du, was Du verdienſt.“ Aber ſehen Sie, ich habe ein Intereſſe dabei. daß mein Junge unſchuldig iſt.“ „Mein Herr, rief Won, der ſeine Entrüſtung ſich in heftigen Zorn verwandeln und ſein Blut in ſein Ge⸗ ſicht ſteigen fühlte, „nicht ein Wort mehr.“ „Das iſt ganz meine Anſicht, zum Teufel mit den Worten und vorwärts mit den Handlungen,“ antwortete ⸗ 18 der Sollicitant; dann blinzelte er abermals mit den Au⸗ gen, ſteckte die Hand in eine von den Taſchen ſeiner Filz⸗ weſte, zog eine Rolle heraus, nahm ſie zwiſchen ſeinen Daumen und ſeinen Zeigefinger, wies ſie Yvon und ſagte mit einem verſchmitzten Lächeln: „Hlerin find fünfzig gute alte Louisd'or .. das iſt das Angeld für die Freiſprechung meines Jungen. fünfzig weitere kommen nachher.“ Viele Vorgänge, viele Umſtände berechtigten gleichſam zu dieſem unwürdigen Beſtechungsverſuch; denn auf die Strenge der erſten ſo glorreichen Jahre der Republik war eine beklagenswerthe Schlaffheit in den öffentlichen Sitten gefolgt; unſer Sollicitant, der ſich ſeiner Sache ſicher glaubte, legte auch die Rolle triumphirend auf die Ecke eines in ſeiner Nähe ſtehenden Schreibtiſches. Durch dieſe Beleidigung ganz außer ſich, das Geſicht purpurroth vor Zorn, war Cloarek im Begriff, ſich einem furchtbaren Wuthanfall zu überlaſſen, aber ſeine Blicke fielen auf ein an der Wand hängendes Portrait ſeiner Frau, er bedachte, daß ſie durch den Lärmen aufgeweckt und er⸗ ſchreckt werden könne, denn ſie ruhte in einem Zimmer, das über dem Cabinet lag, in welchem die Scene, von der wir ſprechen, vorfiel, und mittelſt einer übermenſch⸗ lichen Anſtrengung gelang es Yvon, ſich zu bezwingen; er ergriff ſeinen Hut und ſagte mit bebender Stimme zu dem Landmann: „Nehmen Sie Ihr Geld zurück . . wir werden außen weiter hievon ſprechen.“ Dann hieß er den Landmann durch ein Zeichen ihm folgen und verließ haſtig ſeine Wohnung. Der Landmann, der ſich einbildete, der Beamte, den er zu verführen gedachte, wolle lieber anderswo, als in ſeinem Hauſe über die Beſtechung verhandeln, ſteckte die Rolle Louisd'or in ſeine Taſche, nahm ſeinen dicken kno⸗ tigen Stock und folgte Cloarek, deſſen Züge zu betrachten er nicht die Muße hatte, denn ihr Ausdruck müßte ihn erſchreckt oder ſogar Verdacht bei ihm erregt haben. 19 „Herr Richter, wohin gehen wir denn?“ ſagte er zu loarek, dem er nur mit Mühe zu folgen vermochte, denn dieſer beſchleunigte ſeine Schritte und marſchirte gleichſam in Sprüngen. „Hier durch,“ antwortete Yvon mit dumpfem Tone, er ſich um die Ecke einer Straße wandte, „hier durch.“ Die ziemlich kurze Straße mündete auf einen Platz, genannt Place⸗neuve aus, wo in dieſem Augenblick ein ſehr zahlrelch beſuchter Markt gehalten wurde. Als Cloarek, der mit einem Plan bewaffnet, mit⸗ ten unter der Menge angelangt war, wandte er ſich plötz⸗ lich gegen den Landmann um, welcher ihm mit haſtigen Schritten folgte, packte ihn mit eherner Hand an der Halsbinde und rief mit einer Donnerſtimme: „Volk ſchau, dieſen Elenden an und wohne ſei⸗ ner Beſtrafung bei . es iſt ein Beiſpiel.“ Die Zeit der Volksauftegungen war noch nicht gänz⸗ lich vorüber, die Berufungen an die Gerechtigkeit und die Gefühle des Volks, die Debatten und Reden auf den öffentlichen Plätzen hatten nichts Ungewöhnliches; minder erſtaunt, als neugierig, angelockt durch den mächtigen Klang der Stimme von Mvon, umgab auch hald die Menge den Richter und den Landmann. Trotz ſeiner Anſtrengungen und ſeines hereuliſchen Körperbaus, war dieſer nicht im Stand, ſich dem gewalti⸗ gen Zuſammendrücken von Cloarek zu entziehen, der ihn voll Wuth ſchüttelte und mit einer noch mächtigeren Stimme fortfuhr: „Ich bin Richter beim Tribunal dieſer Stadt dieſer Schändliche hat mir Gold angeboten, daß ich einen Schuldigen für unſchuldig erkläre; dies war ſeine Nieder⸗ trächtigkeit und ſo ſoll ſeine Strafe ſein.“ Und der ſeltſame Beamte, der in ſeinem Zorn elne unberechenbare Stärke fand, ſchickte ſich an, den athleti⸗ ſchen Landmann krumm und lahm zu ſchlagen, als dieſer ſich durch ein heftiges Zerren losmachte, nicht minder wü⸗ thend als der Richter einen Schritt zurückwich, ſeinen Stock, eine wahre Keule, aufhob . . . und er würde da⸗ mit dem jähzornigen Bretagner wohl einen todtllchen Schlag verſetzt haben, hätte dieſer nicht den Angriff da⸗ durch vermieden, daß er ſich bückte und mit geſenkter Stirne ſo ungeſtüm auf ſeinen Gegner eindrang, daß er ihm einen furchtbaren Stoß mit dem Kopf auf die volle Bruſt beibrachte und zwei Rippen zerbrach, ihn Blut ſpeien machte und völlig des Bewußtſeins beraubt zu Boden warf. Den Tumult der Menge benützend, die den Beſiegten umgab und dem Sieger Beifall zujauchzte, gewann Clva⸗ rek wieder ein wenig Kaltblütigkeit; er beeilte ſich, einer Volkshuldigung zu entkommen, ſchritt über den Platz, warf fich in einen leeren Fiacre, und ließ ſich nach dem Juſtiz⸗ palaſte führen, denn die Stunde der Sitzung hatte ge⸗ ſchlagen. Bweites Rapitel. Wir laſſen Herrn Cloarek nach den Thaten an die⸗ ſem Morgen, der einem vollendeten Gladiator Ehre ge⸗ macht hätte, in den Juſtizpalaſt gehen, um dort wie ge⸗ wöhnlich ſeinen Sitz einzunehmen, und wollen ein paar Worte von dem Maskenball ſprechen, auf den die Zeugen des heftigen Richters nach dem Druell angeſpielt hatten. Dieſer Ball, eine kühne Neuerung für die Provinz, ſollte am Abend deſſelben Tags bei einem reichen Han⸗ delsmann, Herrn Bonneval, dem Schwiegervater des Prä⸗ ſidenten von dem Tribunal, in- welchem Yvon Cloarek ſeinen Sitz hatte, ſtattfinden; alle Mitglieder dieſes Ge⸗ richtshofs waren eingeladen worden, und da die Verklei⸗ 21¹ dung unerläßlich, ſo hatten ſie verabredet, den impoſanten ſchwarzen Domino oder Coſtumes von einem hinreichend ernſten Charakter zu wählen, um nicht gegen die Gravität der obrigkeitlichen Würde anzuſtoßen. Clvarek war, wie wir erwähnt, einer von den Ein⸗ geladenen; das Gerücht von ſeinem Duell und der Strafe, die er an dem Landmann vollzogen hatte, war, obgleich leider ſchon in der Stadt verbreitet, nicht bis zu den Ohren von Madame Cloarek gedrungen. Das Haus des Beamten war alſo vollkommen ruhig, und man beſchäftigte ſich darin, wie in den andern Häu⸗ ſern, mit den Vorbereitungen zur Verkleidung am Abend, denn in jener Zeit waren die Coſtumes ſelten in der Pro⸗ vinz. Das Speiſezimmer der beſcheidenen Wohnung war an dieſem Tag in eine Schneiderwerkſtätte verwandelt worden: man ſah darin Abſchnitzel von verſchiedenen far⸗ bigen Stoffen, Ueberreſte von Poſamentirarbeit von Silber und Seide. Drei junge Arbeiterinnen, ſchwatzhaft wie die Droſ⸗ ſeln, plauderten, während ſie unter der Aufficht einer Frau von ungefähr dreißig Jahren, einer willfährigen Perſon von offener, zuvorkommender Miene arbeiteten. Die Mäd⸗ chen nannten ſie ehrfurchtsvoll Dame Robert; dieſe würdige Frau verſah, nachdem ſie Amme bei der nun fünf Jahre alten Tochter von Herrn Clvarek geweſen war, bei Madame Cloarek das Geſchäft einer Zofe oder viel⸗ mehr einer Vertrauten, denn in Folge ihrer Ergebenheit und ihrer vortrefflichen Dienſte hatte ſich zwiſchen ihrer Gebieterin und ihr eine Art von liebevoller Vertraulichkeit gebildet. „Noch einen Stich, und das geſtickte Band iſt an die⸗ ſem Hut befefligt,“ ſagte eine von den jungen Arbeiterinnen. „Ich habe dieſe Schärpe fertig geſäumi,“ ſprach eine Andere. Ich brauche nur noch ein paar filberne Kuöpfe auf die Poſamenten an dieſer Weſte zu nähen,“ fügte die Dritte bei. „Sehr gut, meine Töchter,“ ſprach Dame Robert, „ich bin überzeugt, das Coſtume von Herrn Clvarek wird eines von den beſtgewählten des Feſtes ſein.“ Robert, das iſt aber dennoch ſehr drollig...“ as?“ „Ein verkleideter Richter.“ „Ei!“ entgegnete eine andere Arbeiterin, „find ſie denn nicht alle Tage verkleidet, wenn ſie ihre Roben haben?“ „Erfahret, Ihr Mädchen, daß die Robe eines Rich⸗ ters keine Verkleidung, ſondern ein officielles Gewand iſt,“ ſprach Dame Robert mit ernſtem Tone. „Entſchuldigen Sie, Dame Robert,“ erwiederte das Mädchen, bis über die Ohren erröthend, „ich dachte nichts Schlimmes, als ich das ſagte.“ „Wie Schade, daß Madame Clvarek dieſe ſchöne Gelegenheit, ſich zu verkleiden, verliert!“ bemerkte eine Arbeiterin, um die Strenge des Geſpräches zu rechen . „Ah!“ rief eine von ihren Gefährtinnen mit einem Seufzer des Bedauerns und der Begierde, „wenn ich an der Stelle von Madame Cloarek wäre, ſo ließe ich mir dieſe Gelegenheit nicht entgehen. Ein Maskenball! Man n ſolches Glück vielleicht nur einmal in ſeinem eben.“ „Wenn Ihr wüßtet, warum Madame Clvarek ſich dieſes Vergnügens beraubt, ſo würdet Ihr Euch vielleicht nicht mehr ſo ſehr wundern, meine Kinder,“ ſprach Dame Robert. „Was hält denn Madame Cloarek ab, zu dieſem Feſte zu gehen, Dame Robert?“ „Man kann das kleinen Mädchen nicht ſagen,“ ant⸗ wortete die Vertraute mit einer feierlichen Miene, wäh⸗ rend die jungen Arbeiterinnen, nachdem ſie ihr Geſchäft beendigt, ſich anſchickten, das Haus zu verlaſſen, denn es fing an, Nacht zu werden. 23 In dem Augenblick, wo die drei Mädchen weggehen wollten, trat eine andere Perſon in das Speiſezimmer. „Ah! hier kommt Herr Legoffin,“ riefen die Arbei⸗ terinnen mit ſpöttiſchem, vertraulichem Ton. „Ei! guten Tag, Herr Legoffin. Wie befindet ſich Herr Legoffin?“ Der Eintretende war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, hoch gewachſen und außerordentlich mager; er hatte eine ſehr lange, an ihrem Ende leicht aufgeſtülpte Naſe, was beſonders dazu beitrug, ihm eine ſeltſame Phy⸗ ſiognomie zu verleihen; dabei war ſein Teint ſo bleich, ſein völlig bartloſes Geſicht ſtets ſo unempfindlich, daß man hätte glauben ſollen, es wäre die mit Mehl be⸗ ſtreute Larve von Pierrot; zwei kleine, ſchwarze, durch⸗ dringende Augen, denen es nicht an einer gewiſſen Bosheit gebrach, belebten allein dieſes blaſſe Antlitz mit einer ver⸗ ſchmitzten Gutmüthigkeit; eine kleine, kurze, runde, ſchwarze Perrücke, welche von fern einer ſeidenen Kopfbinde glich, vermehrte noch die faſchingsartige Aehnlichkeit, von der wir ſprechen; ein langer grauer Ueberrock mit filbernen Knöpfen, eine haſelnußfarbige, am Knöchel mit einer Schnur gebundene Hoſe, welche blau und weiß geſtreifte Strümpfe ſehen ließ, worauf Schuhe von ſchwarzem Leder mit breiten filbernen Schnallen ſich bemerkbar machten, der Hand einen alten Dreiſpitz hieit. kachdem er zwanzig Jahre im Dienſte von Herrn Cloareks Vater geblieben, war Legoffin nach dem Tod des letzteren bei dem Sohn eingetreten, den er als Kind geſehen und nun mit vollkommener Ergebenheit bediente. Unſer Mann wurde, wie geſagt, hei ſeinem Eintritt von den Arbeiterinnen mit den mit ſpöttiſchem Ton aus⸗ geſprochenen Worten begrüßt: „Ah! hier kommt Herr Legoffin. Ei! guten Tag, Herr Legoffin. Ohne ſich ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit zu bege⸗ ben, legte Hert Legoffin ſeinen Regenſchirm und ſeinen 24 Hut auf einen Stuhl, ſchloß dann ſehr ernſt die ſchönſte von den Lacherinnen in ſeine langen Arme, und küßte fie trotz ihres Geſchreis und ihres verzweifelten Widerſtands auf ihre prallen Wangen. Sehr zufrieden mit dieſem Vorſpiel, ſchickte er ſich zu einer Wiederholung an, als ihn Dame Robert bei einem Flügel ſeines Ueberrocks zu⸗ rückzog und ihm ganz entrüſtet zurief: „Legoffin! Legoffin! Sie ſind in der That von einer Frechheit und Unanſtändigkeit . . .“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen,“ erwiederte auf eine ſpruchreiche Art Legoffin, indem er mit ſeiner knochigen Hand und mit einer Miene zurückſchauender Wonne über ſeine Lippen hinfuhr, während die junge Arbeiterin mit ihren Gefährtinnen das Zimmer verließ, wobet alle drei wie toll lachten und „Guten Abend, Herr Legoffin, guten Abend,“ riefen. Als Dame Robert mit unſerem Mann allein war, ſagte ſie: „Nur Sie in der ganzen weiten Welt können ſolche Schändlichkeiten mit ſolcher Kaltblütigkeit in dem acht⸗ ungswerthen Hauſe einer obrigkeitlichen Perſon begehen.“ „Oh!“ fragte Legoffin mit einer naiven Miene, „was denn?“ „Wie? was denn! Dieſes Mädchen in meiner Ge⸗ genwart küſſen, während Sie mich auf das Hartnäckigſte mit Ihren Liebeserklärungen verfolgen!“ „Eiferſüchtig!“ „Eiferſüchtig! ich! ſtreichen Sie das in Ihren Pa⸗ pieren, Legoffin! Sollte ich mich je wieder verheirathen, ſo verhüte es Gott, daß ich Sie heirathe.“ „Wer weiß?“ „Wie! ich muß es wohl wiſſen!“ „Was ſein wird, wird ſein, meine Theure!“ en „Stille, ſtille,“ erwiederte der phlegmatiſche Menſch, Dame Robert mit einer Miene unterbrechend, als ob er 3 25 ſeiner Sache vollkommen ſicher wäre: „Sie brennen vor Begierde, mich zu heirathen, und werden mich heirathen. Was ſein wird, wird ſein.“ „Tag Gottes!“ rief die Vertraute, außer ſich über die Anmaßung dieſes Menſchen; dann, da ſie ſich ein ſol⸗ ches Aufbrauſen zum Vorwurf machte, fügte ſie mit höh⸗ niſcher Ruhe bei: „Sie haben Recht, Herr Legoffin, ſpre⸗ chen wir nicht mehr von einer ſolchen Albernheit, das iſt das Beſte, was wir thun können. .. Sprechen wir vom Herrn. Sehen Sie, ſein Coſtume iſt fertig . . . tragen Sie es in ſein Zimmer, denn er muß bald vom Tribunal nach Hauſe kommen.“ „Oh!“ ſagte Legoffin, „das Tribunal.“ Und er ſeufzte tief. Ein Seufzer war etwas ſo Seltenes in den Ge⸗ wohnheiten dieſes unempfindlichen Menſchen, daß Dame Robert plötzlich unruhig wurde und raſch zu ihm ſagte: „Was haben Sie ſo zu ſeufzen, Sie, der Sie ſich ſonſt durch nichts bewegen laſſen?“ „Ich erwartete das,“ erwiederte Legoffin, abermals den Kopf ſchüttelnd, „das mußte früher oder ſpäter ſo kommen. „Was denn, um der Liebe Goites willen, was iſt denn geſchehen?“ „Herr Cloarek,“ antwortete Legoffin mit einem neuen Seufzer, „Herr Cloarek hat den Präfidenten zum Fenſter hinausgeworfen.“ „Oh! mein Gott!“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen.“ „Wäre es möglich?“ „Es war indeſſen nur ein hohes Erdgeſchoß ein Sprung von höchſtens einem Klafter,“ fügte er mit dem Ausvruck eines Mannes bei, der ſeinen Entſchluß über einen Unfall faßt, „und der Präſident iſt ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß auf die Füße gefallen, denn das iſt ein feiner, geriebener Burſche „ der weiß ſich zu drehen.“ Die ſieben Tobſunben. m. Abth. 2 26 „Hören Sie, Legoffin, ich glaube nicht ein Wort von dem, was Sie mir da erzählen . . . das iſt wieder ein⸗ mal eine von Ihren Geſchichten, und es iſt in der That unwürdig, auf dieſe Art über den Herrn zu ſcherzen, den Sie als Kind geſehen, der ſo gut gegen Sie iſt.“ „Gut,“ ſprach Legoffin mit kaltem Tone, „nehmen Sie an, ich ſcherze . doch mittlerweile geben Sie mir des Herrn Coſtume, er hat mir geſagt, ich ſoll es in ſein Zimmer tragen, und er wird bald nach Hauſe kommen.“ „Ach! es iſt alſo wahr?“ rief Dame Robert, die nun nicht mehr an der ärgerlichen Kunde zweifelte, die ihr Legoffin brachte; es iſt alſo abermals eine Scene zwi⸗ ſchen dem Herin und ſeinem Präſidenten vorgefallen?“ „Beim Teufel,“ ſagte Legoffin naiv, „es muß wohl ſo ſein, da er ihn zum Fenſter hinausgeworfen hat.“ „Mein Gott! mein Gott! da wird der Herr diesmal ſeinen Platz verlieren.“ „Warum?“ „Wie warum? nach einem ſolchen Aergerniß, und zwar von Seiten einer obrigkeitlichen Perſon, wird man ihm ſeinen Platz nehmen, ſage ich Ihnen; und die arme Madame! ee ein Schlag für ſie; und dabei in dem Zuſtand, in dein ſie ſich befindet . . aber, mein Gott! das heißt nicht leben . . das heißt immer in Bewegung, in Un⸗ ruhe ſein . ſeinen Mann lieben, anbeten, und jeden Augenblick die Folgen der Heftigkeit ſeines Charakters be⸗ fürchten müſſen!“ „Meine Liebe, erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen, immer nach dem Sprüchwort unſerer alten Bretagne, ge⸗ ſagt habe,“ erwiederte Legofſin mit gewichtigem Tone; Dem Wolf der Wald . .. der Taube das Tau⸗ benhaus; Herr Mon aber .. „Sie machen mich wüthend mit Ihrem Rebus und Ihrer Kaltblütigkeit!“ rief Dame Robert. „Sagen Sie mir wenigſtens, wie ſich das Uñglück zugetragen hat.“ „Nun wohl, ich ging vor einer Stunde in den Ju⸗ 27 ſtizpalaſt, um dem Herrn die Antwort auf einen Brief zu bringen, und fand Alles drunter und drüber.“ „Oh! mein Gott! ſicherlich wegen unſeres Herrn.“ „So hören Sie mich doch an! Die Advocaten, Alles rannte hin und her und ſagte: „„Sie wiſſen nicht?““ „„Nein, was denn?““ „„Es ſcheint, nach der Sitzung hat der Herr Präfident Herrn Cloarek in ſein Cabinet rufen laſſen.“ „„Ah! ja, wegen ſeines Duells.““ „Wegen ſeines Duells?“ rief Dame Robert. „Was für ein Duell?“ „Das heute Morgen,“ erwiederte phlegmatiſch Legof⸗ fin, und er fuhr das Erſtaunen der Vertrauten benützend fort: „Andere ſprachen: „„Nein, der Präſident hat ihn wegen des Landmanns rufen laſſen, dem er mit dem Kopf zwei Rippen eingeſtoßen, ſo daß man ihn in eine Bude tragen mußte.““ „Welchem Landmann?“ „Dem von dieſem Morgen,“ erwiederte Legoffin ganz einfach. „„Es ſcheint,““ ſprach man im Palaſt, „es ſcheint, er iſt in das Cabinet des Präſidenten gegangen, ſie haben ſich erhitzt, und am Ende hat er ihn zum Fen⸗ ſter hinaus geworfen.““ „Ah! mein Gott!“ rief Dame Robert, ganz er⸗ ſchrocken die Hände faltend. „Ich,“ fügte Legoffin mit einer inneren Befriedigung bei, „ich, der ich den Herrn genau kenne, ſagte mir ſo⸗ gleich: wenn Einer zum Fenſter hinaus geworfen worden iſt, ſo muß es der Andere ſein, und ich hatte Recht . doch was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Ich will das Co⸗ ſtume zum Herrn tragen.“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen . Sie wiederho⸗ len immer und ewig dieſen Satz ſehen Sie denn die Folgen von dieſer Geſchichte nicht?“ „Was ſein wird. . wird ſein.“ „Ein ſchoner Troſt, nicht wahr? vas iſt ſchon das dritte Mal, daß der Herr Gefahr läuft, ſeinen Platz we⸗ gen ſeines hitzigen Charakters zu verlieren; wiſſen Sie, 28 was unglücklicher Weiſe geſchehen kann? der Herr wird diesmal ganz einfach abgeſetzt.“ „Bei Gott! wenn er ſeinen Platz verliert, ſo verliert er ihn.“ „Das iſt wahrſcheinlich, und da er dieſes Platzes be⸗ darf, um zu leben, da er eine Frau und eine Tochter hat und in einigen Monaten noch ein weiteres Kind haben wird, inſofern Madame in anderen Umſtänden iſt, was ſoll dann aus ihm und ſeiner Familie ohne dieſen Platz werden? Beantworten Sie mir das mit ihren Sprüch⸗ wörtern.“ „Dem Wolf der Wald . der Taube das Taubenhaus, wie ich Ihnen ſo eben ſagte, meine Liebe.“ „Abermals dieſer einfältige Rebus!“ rief Dame Ro⸗ bert; „welche Beziehung hat dies zu unſerem Herrn?“ „Das hat die Beziehung, daß der Herr, den ich gleich⸗ ſam geboren werden ſahl, denn ich war dabei, als er noch ganz klein auf den Dünen von Penhvet herumlief, wo er ſich, beiläufig geſagt, tüchtig mit den Fiſcherjungen prügelte, ſtets jähzornig geweſen iſt wie ein Hahn in der Liebe, ein wahrer Bretagner teufelmäßig bretonnirend, wie man in meiner Heimath ſagt; kam einmal der Zorn, ſo ging der Kopf durch, und der gute Menſch mußte zugreifen .. leider iſt er immer ſo geweſen.. So weit war es jedoch noch nicht mit ihm gekommen, daß er Präſidenten zum Fen⸗ ſter hinaus warf; doch was geſchehen iſt, iſt geſchehen.“ Nach dieſen Worten nahm Legoffin das Coſtume ſei⸗ nes Herrn und ſagte zu Dame Robert: „Es fehlt nichts bei dieſen Kleidungsſtücken?“ „Ah! verlieren Sie ganz und gar den Verſtand? 6 wieß wohl dem Herrn einfallen, auf den Ball zu gehen! „Ob es ihm einfällt! er hat mich beauftragt, das S bereit zu halten, vamit er ſich frühzeitig anklelden önne. „Wie! nach dem, was ſo eben erſt vorgefallen iſt, ſollte er auf den Ball gehen?“ —— 29 „Ich glaube wohl!“ „Das iſt unmöglich!“ „Sie werden es ſehen.“ „Er ſollte zu dem Feſt gehen, das gerade der Schwie⸗ gervater des Präſidenten gibt?“ „Ein Grund mehr.“ „Ich ſage Ihnen, daß das nicht ſein kann. Der Herr würde es nicht wagen, bei dem Feſte zu erſcheinen, nach den Scandalen an dieſem unſeligen Morgen . . das hieße die ganze Stadt gegen ſich aufbringen.“ „Er erwartet das wohl.“ „Er erwartet es?“ „Sicherlich, und das wird ihn nicht bewegen, zurück⸗ zuweichen im Gegentheil,“ erwiederte Legoffin mit triumphirender Miene. „Ich habe ihn nach dem Schluſſe ſeiner Unterredung mit dem Präfidenten geſehen. „„Mein guter Herr Mon,““ ſagte ich zu ihm, „„befürchten Sie nicht man dürfte Sie verhaften?““ „„Niemand hat das Recht, ſich in das zu miſchen, was privatim zwiſchen mir und dem Präſidenten vorgefallen iſt, ſo lange er nicht Klage führt,“ antwortete der Herr, „„und dieſe Klage zu führen, fordere ich den Präſidenten heraus, denn er müßte die Ur⸗ ſache meines Aufbrauſens gegen ihn bekannt machen, und dann würde er von der Schmach niedergedrückt.“ Das, Dame Robert, ſind des Herrn eigene Worte. „Aber,““ fragte ich ihn, „werden Sie dennoch auf den Ball ge⸗ hen?““ „„Ob ich dahin gehe? ſicherlich ich will zuerſt ankommen und mich zuletzt entfernen. Man könnte ſonſt glauben, ich bereue das, was ich gethan, vder ich habe Furcht. Iſt meine Gegenwart bei dieſem Feſte den Leuten ein Aergerniß und fie bezeigen mir dies oder ich bemerke es, ſo werde ich zu antworten und zu handeln wiſ⸗ ſen ſey ruhig: kehre alſo nach Hauſe zurück und ſorge dafür, daß ich mein Coſtume bereit finde, wenn ich komme.““ „Oh! welch ein Mann, welch ein eiſerner Charakter!“ ſeufzte Dame Robert. „Stets derſelbe, und die arme Ma⸗ dame, die gar nichts vermuthet!“ . 30 „Ich nehme das Coſtume mit mir und will den Herrn in ſeinem Zimmer erwarten,“ fügte Legoffin bei: „denn er wird zum Feſte gehen, ſo wahr, als Sie mich eines Tages heirathen werden, erinnern Sie ſich deſſen.“ „Sollte dieſes Unglück je geſchehen, ſo würde ich im Gegentheil bemüht ſeyn, nie daran zu denken,“ erwiederte zornig Dame Robert. Und die würdige Dame ging in entgegengeſetzter Rich⸗ tung von Legoffin, ſehr beunruhigt durch das, was ſie erfahren, zur Thüre hinaus und begab ſich zu ihrer Ge⸗ bieterin, Madame Clvarek. Prittes Rapitel. Suſanne Robert hatte zuerſt den Gedanken, Madame Cloarek von den ſo ernſten Dingen, welche am Tage in Folge der Heftigkeit des Charakters von Yvon vorgefallen waren, in Kenntniß zu ſetzen, doch überlegend, welch einen ſchmerzlichen, unvorhergeſehenen Schlag eine ſolche Kunde der jungen Frau beibringen müßte, wich ſie vor dieſer Mittheilung, die nur zu nahe bevorſtand, zurück und nahm ſich nur vor, ihre Gebieterin zu veranlaſſen, daß ſie einen Vorwand auffinde, um Herrn Cloarek abzuhalten, zu dem Feſte zu gehen ein vermeſſenes Trotzbieten, das die traurigſten Reſultate herbeiführen konnte. Die Verlegenheit von Suſanne war groß: ſie ſollte einerſeits die Ereigniſſe des Tags vor ihrer Gebieterin ver⸗ bergen und andererſeits der jungen⸗Frau rathen, ſie möge ihren Einfluß auf ihren Mann benützen, um ihn vom Ball zurückzuhalten. 31¹ Dies waren die Beſorgniſſe von Dame Robert, als ſie bei ihrer Gebieterin eintrat. Ohne gerade regelmäßig ſchön zu ſein, hatte dieſe eine Geſichtsbildung voll Liebreiz und Sanftmuth; ihr blaſſes Antlitz, ihr ſchwächliches Ausſehen bezeichneten je⸗ doch eine ſehr zarte Geſundheit, die der Anfang einer Schwangerſchaft noch gebrechlicher machte. Jenny Clvarek ſaß bei einer Wiege, deren ſeidene Vor⸗ hänge geſchloſſen waren, und beſchäftigte ſich mit einer Stickerei, während ſie der Wiege ihres fünf Jahre alten Töchterchens mit der Spitze ihres kleinen Fußes, der auf dem Schaukelbrett ruhte, von Zeit zu Zeit eine ſanfte Be⸗ wegung verlieh. Es war Nacht geworden, eine Lampe beleuchtete das anmuthige Gemälde. Als Suſanne bei ihr eintrat, machte Madame Cloa⸗ rek ein Zeichen mit der Hand und ſagte mit halber Stimme: „Machen Sie keinen Lärmen, Suſanne, meine kleine Sabine iſt ſo eben erſt eingeſchlafen.“ Die Vertraute näherte ſich ſachte; Jenny Cloarek fuhr fort: „Mvon iſt noch nicht nach Hauſe gekommen?“ „Nein, Madame.“ „Dieſes ſo frühzeitige Ausgehen hat meinen ganzen Tag verrückt . denn ich war eingeſchlafen, als mein Mann zurückkam, und ich bin nicht gewohnt, ihn ſo lange nicht zu ſehen.“ Dann fügte die junge Frau lächelnd bei: „Oh! ſagen Sie, iſt ſein Coſtume fertig?“ „Ja, Madame.“ . „Sehen Sie, Suſanne, wie groß meine Discretion und mein Gehorſam gegen die Wünſche von Mvon geweſen ſind. Ich habe den Muth gehabt, die Arbeiterinnen im Speiſezimmer nicht zu beſuchen, um mir eine vollſtändige Ueberraſchung vorzubehalten, da Herr Cloarek wünſcht, daß ich ſein Coſtume erſt ſehe, wenn er es auf dem Leibe 32 hat.. Doch, meine gute Suſanne, Sie können mir im⸗ merhin ſagen, ob das Coſtume hübſch iſt.“ „Sehr hübſch.“ „Und es iſt nicht zu ſchreiend? denn die Stellung meines Mannes verpflichtet ihn zu gewiſſen Convenienzen.“ „Madame, man könnte nicht wohl ein zierlicheres und zugleich ernſteres Coſtume wählen.“ „Und Sie glauben, daß es Mon gut ſtehen wird?“ „Vortrefflich, Madame.“ „In der That, Suſanne, Sie erregen meine Neu⸗ gierde im höchſten Grad . . . Doch ich werde mit meinem Muth bis zum Ende aushalten; nur würde ich es, da das Coſtume von Mvon ſo gut gewählt iſt, bedauern, daß ich es ausgeſchlagen habe, zu dem Feſte zu gehen, hätten mir nicht die Klugheit und meine Geſundheit dieſe kleine Ent⸗ behrung auferlegt. Ich habe nie einen Maskenball geſe⸗ hen dieſer Anblick hätte mich ungemein ergötzt, doch ich werde mich beinahe eben ſo ſehr bei der Schilderung beluſtigen, die mir Yon bei ſeiner Rückkehr machen wird, vorausgeſetzt, daß er nicht zu ſpät kommt, denn ich fühle mich heute ſehr ermüdet und ſchwächer als gewöhnlich.“ Die Ruhe der jungen Frau machte Suſanne immer trauriger, ſie ſuchte vergebens ein Mittel, um das Geſpräch herbeizuführen, das ſie mit ihrer Gebieterin zu haben wünſchte, denn ſie befürchtete eine plötzliche, in dem Zuſtand, in welchem ſie ſich befand, ſtets ſo gefährliche Erſchütte⸗ rung bei ihr zu verurſachen. „Madame fühlt ſich alſo vieſen Abend minder wohl, als am Tage?“ fragte ſie. „Es iſt mir ſehr unbehaglich,“ antwortete Jenny; „doch ich beklage mich nicht ich weiß, was es iſt,“ fügte ſie mit einem unbeſchreiblichen Lächeln, auf ihre Umſtände anſpielend, bei. „Es ſind die theuren Leiden, die mir neue Freuden verheißen.“ So ſprechend erhob ſich die junge Frau von ihrem Stuhl und neigte ſich ſachte über die Wiege, deren Vor⸗ hänge ſie öffneie. 33 Nach einigen Augenblicken ſtrahlender Betrachtung ſetzte ſie ſich wieder und fuhr immer mit halber Stimme fort: „Die liebe Kleine . . ſie ſchläft den Schlaf der Engel . .. Oh! meine gute Suſanne, mit einem Gatten wie Yron, mit einer Tochter wie die meinige, was kann ich auf der Welt wünſchen, wenn nicht ein wenig mehr Geſundheit, um mein zweites Kind ſtillen zu können! denn wiſſen Sie, Suſanne, ich beneide Sie ſehr, daß Sie halb die Mutter meiner kleinen Sabine geweſen ſind... Nun, wenn ich mich nur muthig benehme, ſo wird mir nichts fehlen . . . Wohlverſtanden,“ fügte ſie mit einem halben Lächeln bei, „ich ſpreche jetzt nur der Erinnerung wegen von dem ſchlimmen Kopf und dem heftigen Charakter des lieben Pvon, deſſen Ungeſtüm mir oft ſo viele Beſorgniſſe verurſacht hat. Zum Glück ſcheint ſich ſein aufbrauſendes Weſen ſeit einiger Zeit zu mildern . Armer Freund, wie vft bin ich Zeuge ſeiner Anſtrengung geweſen, um vas zu beſiegen, was bei ihm nicht ein Laſter, ſondern Temperament iſt, denn ein Laſter hätte er durch die Ener⸗ gie ſeines Charakters bewältigt . .. Nun finde ich ihn, Gott ſey Dank, viel ruhiger.“ „Allerdings, Madame,“ erwiederte Suſanne immer „allerdings iſt der Herr jetzt minder aufbrau⸗ end „Und wenn ich bedenke, daß er gegen mich ſtets ſo ſanft, ſo gut geweſen iſt,“ fuhr Jenny voll Rührung fort, „daß ich nie für ihn der Gegenſtand oder der Vorwand des furchtbaren Aufbrauſens war, dem ich ihn mit ſo großem Schrecken aus anderen urſachen ſich überlaſſen ſah, eines Aufbrauſens, das häufig für ihn ſehr traurige Fol⸗ gen gehabt hat!“ „Arme, liebe Madame, man miüßte ein Wahnfinniger ſeyn, um Ihnen gegenüber in Zorn zu gerathen; das Lamm des guten Gottes iſt, wie man zu ſagen pflegt, nicht ſanfter als Sie.“ „Durcheus nicht, ungeſchickte Schmeichlerin,“ erwie⸗ 34 derte Jenny lächelnd, „es iſt nicht meine Sanftmuth, es iſt ſeine Liebe für mich, was meinen Mann verwandelt und ihn ſo holdſelig für mich macht, und dann hören Sie, es iſt vielleicht garſtig, was ich ſagen will . . . Suſanne, ich kann mich zuweilen nicht erwehren, ſtolz zu ſein, wenn ich bedenke, daß ich immer nur Sanftheit und Zärtlichkeit bei dieſem ſo unbezähmbaren und heftigen Charakter ge⸗ funden habe.“ „In der That, Madame, man kann kein beſſeres Herz haben, als der Herr, und es muß, wie Sie ſagen, ſein Temperament ſein, was ihn unwillkührlich fortreißt, denn leider braucht es bei dieſen Charakteren nur ein Nichts, einen Vorwand, um einen furchtbaren Ausbruch herbei⸗ zuführen.“ „Das iſt ſo wahr, Suſanne, daß der arme YMvon, um ſich keiner Gefahr dieſer Art auszuſetzen (und ich ge⸗ ſtehe, ich ermuthige ihn in dieſer Vorſicht mit allen meinen Kräften), jeden Abend hier bei mir zubringt, ſtatt, wie ſo viele Andere, ſein Vergnügen und ſeine Zerſtreuung in öffentlichen Kreiſen zu ſuchen, wo ihm ſein böſer Kopf ſchlimme Streiche ſpielen könnte.“ „Hören Sie, Madame,“ ſagte Suſanne, die nun end⸗ lich eine Gelegenheit fand, ihre Gebieterin aufzufordern, ſie möge ihren Gatten bewegen, nicht auf den Ball zu gehen, wo ſeine Gegenwart ſo viele Stürme erregen könnte, „ich denke wie Sie, es ſeh für Ihre Ruhe und für die des Herrn zu wünſchen, daß er alle Gelegenheiten, in Zorn zu gerathen, vermeide . . wenn Sie mir glauben wollen, Madame, ſo iſt auch . . . „Nun, Suſanne, warum unterbrechen Sie ſich, was haben Sie?“ „Madame, weil . . .“ „Sprechen Sie.“ „Mein Gott, Madame, befürchten Sie nicht, der Maskenball heute Abend .. — „Nun?“ 35 „Koͤnnte dem Herrn Anlaß zu in Aufbrauſen geben, vor dem Sie ſo ſehr bange haben?“ „Welch ein Gedanke!“ „Es werden viele Leute dort ſein . . .“ „Wahrſcheinlich, doch es iſt das die beſte Geſellſchaft der Stadt, denn der Ball findet bei dem Schwiegervater des Präſidenten von dem Tribunal ſtatt, deſſen Mitglied mein Mann iſt.“ „Allerdings, Madame, mir ſcheint aber, daß man einander bei dieſen Maskenbällen necken muß, und wenn der Herr bei ſeinem lebhaften Kopf ſich ärgern würde . „Sie haben Recht, Suſanne, daran dachte ich nicht.“ „Ich möchte Sie nicht gern beunruhigen, Madame, und dennoch ..5 „Andererſeits weiß mein Mann zu gut zu leben, um ſich über die bei einem ſolchen Feſte erlaubten Scherze zu ärgern, und ſeine eigenthümliche Stellung bei dem Tribu⸗ nal, deſſen Präſident der Schwiegerſohn von Herrn Bonne⸗ val iſt, erlaubt überdies meinem Mann nicht, ſich dieſem Ball zu entziehen, denn es iſt verabredet worden, daß ſich das ganze Tribunal dahin begeben ſoll; die Abweſenheit von Mon wäre beinahe eine Beleidigung gegen den Prä⸗ fidenten, deſſen Untergeordneter mein Mann iſt.“ „Oh! arme Frau,“ dachte Suſanne, „wenn ſie wüßte, S Mann die Subordination gegen ſeinen Präſidenten treibt.“ „Nein, nein, beruhigen Sie ſich, Suſanne,“ fuhr die junge Frau fort; „die Gegenwart des Herrn Präſidenten bei dieſem Feſte . die Achtung, die Yvon vor ihm habe muß, werden ihm die nothige Zurückhaltung auferlegen .. Und dann bemerkt man Alles in der Probinz, und man wüßte nicht, welchem Grunde man vie Abweſenheit meines Gatten zuſchreiben ſollte.“ „Aber, Madame .. „Ich werde Mon ermahnen, vernünftig zu ſein,“ fügte Jenny lächelnd bei, „und er kann wenigſtens eine Zer⸗ 36 ſtreuung benützen, die ihm unſer zurückgezogenes Leben doppelt angenehm machen wird.“ Die Folgen der Verblendung ihrer Gebieterin be⸗ fürchtend, ſprach Suſanne entſchloſſen: „Madame, der Herr ſoll nicht bei dieſem Feſte er⸗ ſcheinen.“ „Suſanne, ich begreife Sie nicht.“ „Madame, glauben Sir mir, was ich Ihnen ſage.“ „Aber warum . „Meine liebe Frau,“ erwiederte Suſanne, die Hände faltend, „ich beſchwöre Sie in Ihrem Namen und in dem Ihres Kindes, halten Sie den Herrn ab, zu dieſem Feſte zu gehen.“ „Suſanne, was iſt es denn? Sie erſchrecken mich.“ „Madame, Sie wiſſen, ob ich Ihnen ergeben bin.“ „Ich weiß es, aber erklären Sie ſich.“ „Sie fühlen wohl, daß ich es nicht wagen würde, Sie zu erſchrecken, handelte es ſich nicht um etwas Ernſtes. Nun wohl! glauben Sie mir, es kann das großte Un⸗ glück geſchehen, wenn der Herr bei dieſem Ball erſcheint.“ Dame Robert konnte nicht mehr ſagen. Man öffnete die Thüre, und Yvon Cloarek trat in das Zimmer ſeiner Frau. Suſanne wagte es nicht, zu bleiben, und ſie entfernte ſich, nachdem ſie ihrer Gebieterin einen letzten flehenden, klar bezeichnenden Blick zugeworfen hatte. 37 Piertes Rapitel. Yoon Cloarek war ungefähr dreißig Jahre alt; ſein kräftiger, wohlgeformter Körperbau wurde noch durch die bretagniſche Tracht hervorgehoben, die er für den Ball am Abend gewählt hatte. Dieſe zugleich elegante und ernſte Tracht beſtand aus einem langen, am Kragen und an den Aermeln mit vrange⸗ farbigen Poſamenten geſtickten und mit einer Reihe eng aneinander ſtehender, filberner Knöpfe beſetzten ſchwarzen Kamiſol; die ebenfalls ſchwarze und mit ähnlichen Sticke⸗ reien und Knöpfen verzierte Weſte war an die Hüften mittelſt eines Gürtels von orangefarbiger Seide ange⸗ ſchloſſen; eine Jupe von weißer Leinwand, ſo weit als der flatternde Faltenrock der Pallkaren, fiel bis auf das Knie herab und ließ an den Beinen anliegende hirſchlederne Kamaſchen ſehen; Yvon trug einen platten Hut von run⸗ der Form und mit ſehr breiten Flügeln, um den ein mit Silber geſticktes vrangefarbiges Band, deſſen Enden ſich auf ſeinen Schultern ſchaukelten, geſchlungen war. Durch dieſes Coſtume des bretagniſchen Bragou⸗ bras, durch ſeine langen, dicken goldblonden Haare, ſeine belebte Geſichtsfarbe, ſeine kühn ausgeprägten Züge und ſeinen kräftigen Körperbau bot Cloarek den in das Auge fallenden Typus der muthigen Race jener bretonniren⸗ den Bretagner, jener harten Männer der Armo⸗ rica, wie ſie die Chronikſchreiber der Nation nennen. Als Mon bei ſeiner Frau eintrat, lag noch etwas Sorgenvolles in ſeinem Geſichte, und obgleich er ſich ge⸗ waltig angeſtrengt hatte, um die verſchiedenen Gefühle, die in ſeinem Innern in Folge des ſtürmiſchen Tages kämpf⸗ ten, zurückzudrängen, war doch Jenny, ſchon durch die 38 Worte von Dame Robert beunruhigt, betroffen von dem Ausdruck der Züge ihres Mannes. Yvon, der nichts von dem Verdacht ſeiner Frau wußte und alle mögliche Maßregeln getroffen hatte, um die Er⸗ eigniſſe des Tags vor ihr zu verbergen, näherte ſich ſachte, blieb dann einige Schritte von ſeiner Frau ſtehen und ſagte lächelnd: „Nun, Jenny, wie findeſt Du mein Coſtume? ich hoffe, ich bin den alten Ueberlieferungen meines Heimath⸗ landes getreu und werde bei dieſem Feſte die Bretagne würdig vertreten!“ „Gewiß, mein Freund,“ erwiederte verlegen die junge Frau, „die Tracht Deines Landes ſteht Dir vortrefflich.“ „Wahrhaftig? Nun! ich bin entzückt,“ ſagte Yon. Und er küßte ſeine Frau voll Inbrunſt und ſuchte ſo die peinlichen Beſorgniſſe, die ſich in ihm zerarbeiteten, zu vergeſſen. „Du weißt, meine Liebe, welchen Werth ich auf Deine Billigung ſelbſt bei den geringfügigſten Din⸗ gen lege.“ „Ja,“ ſprach Madame Cloarek gerührt, „ich weiß, welche Zärtlichkeit Du für mich hegſt, welche Bereitwillig⸗ keit Du für meine geringſten Wünſche haſt.“ „Ein ſchönes Verdienſt! Oh! es iſt ſo gut, ſo ſüß, meine Jenny, vor Dir dieſen ſchlimmen, harten bretagni⸗ ſchen Kopf zu beugen und zu Dir zu ſprechen: „„Für Dich entſage ich meinem Willen beſiehl, ich werde gehorchen!““ „Guter Yon, wüßteſt Du, wie glücklich Du mich machſt, wenn Du ſo ſprichſt . heute beſonders!“ Dieſe letzten Worte erregten die Aufmerkſamkeit von Yrvon nicht und er erwiederte: „Sage, was iſt das kleine Glück, das Du mir ver⸗ dankſt, meine Liebe, gegen die himmliſche Seligkeit, die ich Dir zu verdanken habe? Höre,“ fügte er bei, während er auf die Wiege zuging, „dieſeñ kleinen Engel, der die Freude meines Lebens bildet, wer hat ihn mir geſchenkt?“ 39 Und er ſchickte ſich an, die Vorhänge ſachte zu öffnen, als ſeine Frau mit leiſer Stimme zu ihm ſagte: „Yvon, nimm Dich in Acht, die Kleine ſchläft.“ „Laß ſie mich nur ein wenig anſch auen nur ein wenig ich habe ſie den ganzen Tag nicht geſehen.“ „Das Licht der Lampe könnte ſie aufwecken und die theure Kleine war vorhin ſo bewegt ... „Ah! mein Gott!“ ſagte Cloarek, raſch von der Wiege zurücktretend, „haſt Du eine Beſorgniß?“ „Glücklicher Weiſe nicht, mein Freund, Du weißt nur, wie ſehr dieſes Kind nervenſchwach und für Eindrücke em⸗ pfänglich iſt. . es gleicht mir nur zu ſehr in dieſer Hin⸗ ſicht, fügte Jenny mit einem ſchwermüthigen Lächeln bei. „Weit entfernt, zu bedauern, daß dieſes Kind ſo em⸗ pfänglich für Eindrücke iſt, wünſche ich mir im Gegen⸗ theil Glück hiezu; denn ich hoffe, daß es, wie Du, mit einer außerordentlichen Empfindbarkeit begabt ſein wird.“ Die junge Frau ſchüttelte ſanft den Kopf und erwie⸗ erte: „Höre, was geſchehen iſt: unſer großer Neufundlän⸗ der war vorhin hier, da bekam unſere Kleine eine ſolche Angſt, daß es mir nur mit Mühe gelang, ſie einzu⸗ ſchläfern.“ „Dieſe Angſt hat, Gott ſei Dank, nichts Beunruhi⸗ gendes. „ Doch wie haſt Du den Tag zugebracht, Jenny? Dieſen Morgen ſchliefſt Du, ich befürchtete, Dich aufzu⸗ wecken, meine ſanfte Jenny,“ fügte YMon mit dem Ausdruck der rührendſten Theilnahme bei. „Du weißt, wie theuer und koſtbar mir Deine Geſundheit iſt; in dieſem Augen⸗ blick aber iſt ſie es mir mehr, als je,“ ſagte er zärtlich lächelnd, „nun biſt Du zwel!“ Bei dieſer Anſpielung auf ihre neue Mutterſchaft Fit Jenny Mon ihre kleine, weiße, zarte Hand und rach: „Welchen Muth verleiht mir Deine Liebe! mit ihrer Hülfe vermag ich dem Schmerz zu trotzen.“ „Du haſt alſo heute gelitten!“ rief Mvon voll Angſt. 40 „Jenny, ich flehe Dich an, antworte mir, warum hat man den Arzt nicht holen laſſen?“ „Nicht ſo laut,“ erwiederte die junge Frau, mit dem Blick die Wiege bezeichnend, „Du könnteſt die liebe Kleine aufwecken.“ Und ſie fügte bei, indem ſie zu lächeln ſich bemühte: „Nein, ich brauchte nicht nach dem Arzte zu ſchicken, denn ich habe einen großen und gelehrten Doctor bei mir, dem ich mein volles Vertrauen ſchenke, der mich mit der zarteſten Fürſorge behandelt und mir dieſe heute, wenn ich ihrer bedarf, nicht verweigern wird, deſſen bin ich Während ſie ſo ſprach, nahm die junge Frau eine von den Händen von Yvon in die ihrigen. „Gut, ich verſtehe Dich,“ ſagte Mon, ebenfalls lä⸗ chelnd, „dieſer große Doctor bin ich.. „Kann ich einen beſorgteren, ergebeneren wählen?“ „Nein, gewiß nicht .. Nun ſo laß hören, Jenny, frage mich um Rath.“ „Mein guter Yvon, ohne gerade entſchieden leidend geweſen zu ſein, fühlte ich heute, fühle ich noch ein ge⸗ wiſſes Unbehagen, eine Art von unbeſtimmter Niederge⸗ ſchlagenheit. .. Doch beruhige Dich, es iſt nicht von Bedeutung. „ auch könnteſt Du mich vollkommen heilen, lieber, guter Doetor.“ „Sage mir geſchwinde, wie ich das kann?“ „Vor Allem: wirſt Du es wollen?“ „Ah! Jenny. . „Ich wiederhole Dir, meine Heilung hängt von Dir „Deſto beſſer, dann biſt Du geheilt ... Erkläre Dich raſch, theure, reizende Kranke..“ „Bleibe bei mir . „Fällt es mir ein, Dich zu verlaſſen?“ „Aber,“ ſagte die junge Fau zögernd und mit einem gewaltigen Herzklopfen, „aber der Ball heute Abend. 41¹ „Du ſiehſt, ich habe mich frühzeitig angekleidet, um, bis ich weggehen muß, bei Dir bleiben zu können.“ Anfangs erheitert, verdüſterten ſich die Züge von WMon abermals. Es entging dieſe Veränderung Jennh nicht; mehr als je war ſie entſchloſſen, Alles zu thun, um ihren Mann von dem Ball abzuhalten, denn ſie fühlte die Unruhe, die ihr Dame Robert eingeflößt, immer mehr wachſen. Die junge Frau ſagte auch: „Mon, laß mich dieſen Abend nicht allein.“ Wie?“ „Opfre mir das Feſt .. „Was ſagſt Du?“ „Bleibe bei mir.“ „Aber, Jenny, Du haſt ſelbſt darauf gedrungen, daß.. „Daß Du die Einladung annehmen ſollſt, es iſt wahr es freut mich dieſe Zerſtreuung für Dich, der Du ſo zurückgezogen lebſt.“ „Woher kommt dann dieſe plötzliche Veränderung?“ „Was ſoll ich Dir ſagen?2“ erwiederte die junge Frau in peinlicher Verkegenheit. „Es iſt eine vielleicht unver⸗ nünftige, bizarre Idee „„ doch ich weiß nur, daß Du mich glücklich, ja, ſehr glücklich machen würdeſt, wenn Du mir das Opfer bringen wollteſt, das ich von Dir fordere, ſo albern, ſo lächerlich es auch ſcheinen mag.“ „Liebe Arme, ſprach Yvon zärtlich, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, „ich begreife, in der Lage, in der Du Dich befindeſt, und nervos, wie Du biſt, iſt es ganz natürlich, daß Du Dich gewiſſen Widerſprüchen hin⸗ gibſt, daß Du heute Abend nicht mehr willſt, was Du dieſen Morgen wollteſt .. darf ich Dir hierüber einen Vorwurf machen?“ „Höre, Mon, Du biſt gut, Du biſt das Beſte, was ſich auf der Welt ſinden läßt,“ ſagte die junge Frau, be⸗ ren Augen ſich mit Thränen der Freude füllten, denn ſie glaubte ſich ſicher, ihren Gatten den ganzen Abend bei ſich Die ſieben Todſünden. Iu. Abth. 3 42 behalten zu können, „Du haſt Mitleid mit den Launen was ſie hat. . .“ „In meiner Eigenſchaft als Doctor weiß ich es,“ er⸗ wiederte Mon ſeine Frau zärtlich auf die Stirne küſſend. Ah!“ fügte er, nach der Pendeluhr ſchauend, bei: „es iſt neun Uhr. zehn Minuten, um hinzugehen, zehn Minu⸗ ten, um zurückzukehren, höchſtens eine Viertelſtunde, um auf dem Ball zu bleiben, das iſt im Ganzen eine Sache von kaum drei Viertelſtunden . ich verſpreche Dir alſo, vor zehn Uhr wieder hier zu ſein.“ „Was ſagſt Du, Mon? Du beharrſt dabei, daß Du auf den Ball gehen willſt?“ „Einzig und allein, um dort zu erſcheinen, und wäre es auch nur auf ein paar Minuten.“ „Yvon, ich beſchwöre Dich.“ „Was willſt Du denn?“ „Gehe nicht dahin.“ „Wie! nicht einmal auf einen Augenblick?“ „Mein Freund, verlaſſe mich nicht, ich bitte Dich!“ „Jenny, ſei doch vernünftig.“ „Ich flehe Dich an . . thue es mir zu Liebe.“ „Das iſt Kinderei, meine Jenny, um was handelt es ſich denn? um eine Abweſenheit von kaum einer Stunde.“ „Nun wohl! ja, es iſt Kinderei, es iſt Laune, es iſt Tollheit, es iſt Alles, was Du willſt, doch ich beſchwöre Dich noch einmal, verlaſſe mich den ganzen Abend nicht einen Augenblick . . „Höre, Jenny, es iſt mir peinlich, Dich ſo wenig vernünf⸗ tig zu denn ich bin genöthigt, es Dir abzuſchlagen.“ „Mon . „Ich ſage Dir, es iſt unerläßlich für mich, daß ich einen Augenblick bei dem Feſte erſcheine.“ „Mein Freund . Die Ungeduld machte einen Strom von Röthe zur Stirne vovn Mon emporſteigen; doch er hielt an ſich und einer armen Frau, die nicht einmal weiß, was fſie will, ſagte in dem Tone liebevollen Vorwurfs zu ſeiner Frau; 43 „Jenny, ein ſolches Dringen von Deiner Seite ſetzt mich in Erſtaunen und betrübt mich .. Du weißt, es iſt nicht meine Gewohnheit, mich bitten zu laſſen; ſtets war ich bemüht, Deinen Wünſchen entgegenzukommen; erſpare mir alſo den Kummer, Dir zum erſten Mal in meinem Leben nein ſagen zu müſſen.“ „Mein Gott!“ rief die junge Frau troſtlos, „mein Gott! wie kann man einen ſolchen Werth auf ein Vergnü⸗ gen legen, während . . „Ein Vergnügen!“ rief mit bitterem Tone Yvon, deſſen Augen funkelten. Dann ſich abermals bezwingend fügte er bei: „Würde ich nicht, wenn es ſich um ein Vergnügen handelte, auf Dein erſtes Verlangen nachgegeben haben?“ „Wenn Du aber nicht Deines Vergnügens wegen zu dem Feſte gehſt, warum gehſt Du dahin?“ „Ich gehe dahin,“ antwortete Cloarek, „ich gehe da⸗ hin des Anſtands wegen.“ „Kann man ſich nicht mir zu Liebe einmal gegen den Anſtand verfehlen?“ „Höre, Jenny,“ erwiederte Ypon, deſſen Geſicht pur⸗ purroth wurde: „laſſen wir das . Ich muß zu dem Feſte gehen, ich werde dahin gehen, ſprechen wir nicht mehr davon. .. „Und ich ſage Dir, daß Du nicht gehen wirſt,“ rief die junge Frau, welche unfähig, ihre Beſorgniſſe länger zu verbergen, die Thränen nicht mehr zurückzuhalten ver⸗ mochte . nein, denn es muß ein wichtiger Grund, den Du mir verbirgſt, obwalten, daß Du, der Bu ſtets ſo gut, ſo zärtlich gegen mich biſt, mir meine Bitte abſchlägſt.“ „Jenny,“ rief Cloarek mit dem Fuß ſtampfend, denn der Widerſpruch riß dieſen heftigen, jähzornigen Charakter über alle Schranken fort, „Jenny, nicht ein Wort mehr!“ „Höre mich, Mon,“ erwiederte ſie voll Würde, „ich werde mich nicht länger verſtellen, das iſt unſerer Beider unwürdig.. Nun wohl! ja, ich habe Furcht, ich habe Fucht für Dich, wenn Du auf dieſen Vall gehſt, denn man hat mir geſagt, Deine Gegenwart daſelbſt könnte großes Unglück verurſachen.“ „Wer hat es Dir geſagt? was hat man geſagt?“ rief Yvon mit immer mehr gereiztem und ſo gewaltigem Tone, daß das Kind in der Wiege aufwachte. „Warum haſt Du Furcht? Du weißt alſo etwas?“ „Du ſiehſt wohl, Mon, es waltet etwas ob,“ rief die junge Frau immer mehr erſchrocken, „es waltet etwas vielleicht Furchtbares ob, das Du mir verbirgſt.“ Yoon blieb einen Augenblick ſtumm und unbeweglich, vem he igen Kampfe preisgegeben, der ſich in ſeinem In⸗ nern entſpann; die Ruhe, die Vernunſt hatten noch die Oberhand; er näherte ſich ſeiner Frau, um ſie zu küſſen, ehe er ſich entfernte, und ſagte zu ihr: „Ich komme ſogleich wieder, Jenny, Du wirſt nicht lange auf mich zu warten haben.“ Die junge Frau ſtand ungeſtüm auf, lief, ehe ihr Mann eine Bewegung machen konnte, um ſich zu wider⸗ ſetzen, nach der Thüre, zog den Schlüſſel heraus und ſprach zu YMon mit der Energie der Verzweiflung: „Du wirſt nicht von hier weggehen, und wir wollen ſehen, vb Du es wagſt, mir den Schlüſſel zu entreißen.“ Anfangs erſtaunt, dann durch die entſchloſſene Hand⸗ lung von Jenny im höchſten Maße aufgebracht, kannte ſich Yvon, der den letzten Parorismus des Zorns erreicht haite, nicht mehr; die Röthe ſeiner Wangen machte einer Leichenbläſſe Platz, und das Auge blutig, die Züge ver⸗ ſtört, unkenntlich, rief er mit einer furchtbaren Stimme, während er einen Schritt auf ſeine Frau zuging: „Dieſen Schlüſſel!“ „Nein!“ antwortete Jenny unerſchrocken, „nein, ich werde Dich wider Deinen Willen bewahren.“ „Unglückliche!“ ſchrie Mon, indem er mit der Miene eines Irrſinnigen noch einen Schritt gegen ſeine Frau that. Die junge Frau war nie der Gegenſtand des Zorns ihres Gatten geweſen; es läßt ſich auch der furchtbare Schrecken nicht ſchildern, der ſie ergriff, als ſie ſah, daß 4⁵ er auf ſie loszuſtürzen im Begriff war. Einen Augenblick niedergeſchmettert unter dieſem blutigen, wilden Blick, der ſie nicht mehr zu erkennen ſchien, blieb ſie unbeweglich, zitternd, einer Ohnmacht nahe. Plötzlich öffnete die kleine Tochter, welche ſeit einigen Minuten durch den Lärm der Stimmen erwacht war, die Vorhänge der Wiege. Sie erkannte ihren VPater nicht, den ſie für einen Fremden hielt, weil ſie ihn nie unter dem ſeltſamen Coſtume, das er trug, geſehen hatte, ſtieß ein Angſtgeſchrei aus und rief: „Oh! der ſchwarze Mann . . . Ich habe bange, Mutter .. „Den Schlüſſel!“ wiederholte Cloarek mit einer Donner⸗ ſtimme und machte abermals einen Schritt gegen ſeine Frau. Einem raſchen Gedanken gehorchend, ſteckte dieſe den Schlüſſel in den Leib ihres Kleides, lief auf die Wiege zu und nahm ihre Tochter in ihre Arme, während das Kind immer mehr erſchrocken ſein Geſicht am Buſen ſeiner Mutter verbarg, ſchluchzte und murmelte: „Oh! der ſchwarze Mann . der ſchwarze Mann... er will Mama umbringen!“ Die ſchwächliche, aber muthige Frau raffte ihre ſchon beinahe erſchöpften Kräfte zuſammen und rief: „Um mir dieſen Schlüſſel zu nehmen, mußt Du meine Tochter aus meinen Armen reißen.“ „Du weißt alſo nicht, daß ich in meinem Zorn zu Allem fähig bin?“ ſchrie der Unglückliche, bei dem ſich die Wuth bis zu dem Grad geſteigert hatte, der den Men⸗ ſchen für die heiligſten Gefühle taub und blind macht; in ſeinem Wahnſinn ſtürzte er auch ſo gräßlich, ſo furcht⸗ bar auf ſelne Frau los, daß ſich die Unglückliche verloren glaubte, ihre Tochter mit ihren Armen umſchlang und ausrief: „Gnade für mein Kind!“ Dieſer Schrei der Angſt und der mütterlichen Ver⸗ zweiflung drang bis in die tiefſte Tiefe des Herzens von Yon. Er blieb plötzlich ſtehen. „ Dann mit einer Bewegung raſcher als der Gedanke 46 und mit einer Kraftanwendung, deren Macht durch den Zorn unwiderſtehlich wurde, ſtürzte er ſich auf die dop⸗ peit geſchloſſene Thüre, ſprengte ſie, trotz ihrer Feſtigkeit, mit einem Stoß ſeiner breiten Schulter und verſchwand. Bei dem Lärmen des Zerſpringens der Thüre warf Madame Cloarek mit neuem Schrecken den Kopf zurück, denn durch die Angſt von furchtbaren Zuckungen befallen, war ihre Tochter ohne Wort, ohne Blick und ſchten in den Krämpfen des Todeskampfes zu verſcheiden. „Zu Hülfe!“ rief Jenny mit ſchwacher Stimme, „zu Hülfe, Mon, unſer Kind ſtirbt. . .“ Ein herzzerreißender Schrei antwortete außen auf dieſen kläglichen Ruf der Mutter, die ſich ſterben fühlte, denn in dem kränklichen und kritiſchen Zuſtand, in dem ſie ſich befand, tödtete eine ſolche Revolutivn die Unglückliche. „YMon, unſer Kind ſtirbt! . . dieſe jammervollen Worte ſeiner Frau hatte Cloarek, der erſt einige Schritte entfernt war, gehört. Die Trunkenheit des Zorns verſchwand plötzlich bei dem Gedanken; „Mein Kind ſtirbt.“ Ganz in Verzweiflung, eilte Yon in das Zimmer ſei⸗ ner Frau zurück: er erblickte ſie noch ſtehend, aber ſchon bleifarbig wie ein Geſpenſt. Nit einer äußerſten Anſtrengung ſtreckte Jenny ihre Arme aus, um ihr Kind in die Hände ihres Gatten zu legen, und ſprach zu ihm: „Nimm ſie . . . ich ſterbe .. Und ſie ſiel ohne Bewegung zu den Füßen von Cloarek. Dieſer drückte maſchinenmäßig ſein Kind an ſeine Bruſt; er horte nicht mehr, er ſah nicht mehr; er war vom Donner gerührt. . Ende des Prologs. Höllenbrand. Fünftes Rapitel. Ungefähr zwölf Jahre nach den von uns erzählten Ereigniſſen, gegen das Ende des Monats Merz 1812, kam um zwei Uhr Nachmittags ein Reiſender zu Fuß an den Gaſthof zum kaiſerlichen Adler, das einzige Wirths⸗ haus im Marktflecken Sorville, wo damals die zweite Poſt⸗ ſtation auf der Straße von Dieppe nach Paris war. Dieſer Reiſende, ein Mann im beſten Alter, trug einen gewichſten Hut und eine ſchwere blaue Kaſake, worauf kupferne mit einem Anker geſtempelte Knöpfe; er hatte das Ausſehen eines Unterofficiers oder eines Maſtmeiſters der Handelsmarine. Seine Haare und ſein Backenbart waren roth, ſeine Geſichtsfarbe bleich, ſeine Phyſiognomie unempfindlich und hart; er ſprach das Franzoſiſche ohne den geringſten Accent, obgleich er ein Engländer war. Nachdem dieſer Mann einen Augenblick gezögert hatte, trat er in die große Stube des Gaſthauſes ein und wandte ſich an den Wirth, der an ſeiner baumwollenen Mütze und ſeiner weißen Schürze erkenntlich war: 48 „Könnten Sie mir nicht ſagen, ob nicht dieſen Mor⸗ gen ein Reiſender ungefähr gekleidet wie ich und ſehr braun von Geſicht hierher gekommen iſt? er hat den italieni⸗ ſchen Accent und heißt Pietri.“ „Ich habe Niemand dieſes Namens und mit einem ſolchen Geſicht hier geſehen, mein Herr.“ „Sind Sie deſſen ſicher?“ „Ganz ſicher.“ „Gibt es noch ein anderes Wirthshaus in dieſem Flecken?“ „Gott ſey Dank! nein, mein Herr, es gibt hier nur das meinige ich habe auch die Einkehr von den Di⸗ ligencen und Poſtwagen, was ſehr bequem für die Reiſen⸗ den, da man nur zwei Schritie von meiner Thüre um⸗ ſpannt.“ „Könnten Sie mir ein Zimmer geben und ein Früh⸗ ſtück für zwei Perſonen bereiten laſſen? ich erwarte hier Jemand, der nach Meiſter Dupont fragen wird, ſo heiße ich.“ „Sehr gut, mein Herr.“ „Iſt dieſe Perſon gekommen, ſo werden Sie uns in meinem Zimmer ſerviren.“ „Wie Sie befehlen . . . Und Ihr Gepäcke, wo ſoll ich es holen laſſen?“ Ich habe kein Gepäcke ich bin aus der Gegend von Dieppe hierher ſpaziert.“ „Teufel! mein Herr, wiſſen Sie, daß für einen See⸗ mann, denn Sie ſind das, ich bin es feſt überzengt ich habe es ſogleich errathen.“ „Ich bin in der That Seemann.“ „Ich bemerkte alſo, daß Sie für einen Seemann tüchtig auf den Boden der Hühe, wie man zu ſagen pflegt, marſchiren, denn es iſt weit von hier nach Dieppe.“ Der Engländer ſchien durchaus nicht munterer Natur und gar nicht ſchwatzhaft zu ſein; ſtatt auf den Scherz des Wirthes zu antworten, ſragte er nur: „Sind heute viele Poſtwagen hier vorbeigekommen?“ 49 „Nicht einer.“ „Reiner, der von Parls oder von Dieppe kam?“ „Nein, mein Herr, weder von Paris, noch von Dieppe. Doch was Dieppe betrifft: da Sie von dort kommen, ſo müſſen Sie den berühmten Helden geſehen haben, von dem alle Welt ſpricht.“ „Welchen Helden?“ „Den berühmten Freibeuter, der der Engländer Tod iſt!. den unerſchrockenen Kapitän ['Endurci (das iſt ein wahrer Korſarenname); es ſcheint, daß mit ſeiner Brigg der Höllenbrand (abermals ein herrlicher Name), welche geht wie ein Fiſch, kein engliſches Schiff ihm ent⸗ kommt, er fängt alle weg, davon zeugt die letzte Ge⸗ treidezufuhr, die er ihnen nach einem wüthenden Kampf ebenfalls weggeſchnappt hat. .. Welch ein Glück! das Korn war ſo theuer in dieſer Gegend; die Wegnahme dieſer Zufuhre wird den Preis ſinken machen, und es gibt nun Ueberfluß ſtatt der Hungersnoth... Braver Korſar! es iſt doch ſchön, daß man ſich ſagen kann, es gebe ſtets Leute, welche gierig darnach trachten, die Schufte von Engländern todt zu ſchlagen, nicht wahr, mein Herr? Man ſagt, man habe ihn in Dieppe im Triumph umhergetra⸗ gen? Er muß übrigens einen ausgezeichneten Glücksſtern haben, denn man behauptet, obgleich er ſich ſchlage wie ein Löwe, ſei er doch noch nie verwundet worden. Iſt das wahr? wie iſt er denn? ich kann mir keinen Begriff von ſeinem Geſicht machen; doch es muß furchtbar ſein; man ſagt, er ſei beſtändig auf eine bizarre Art gekleidet? Sie, der Sie ein Seemann ſind, müſſen dieſen Helden ge⸗ ſehen haben!“ „Nie,“ antwortete trocken der Reiſende, der die Be⸗ wunderung des Wirthes für den Korſaren nicht zu theilen ſchien; dann fügte er bei: „Geleiten Sie mich in mein Zimmer, Sie werden die Perſon, welche nach Meiſter Dupont fragt, zu mir führen .. vergeſſen Sie das nicht.“ „Sehr wohl, mein Herr.“ 50 „Sobald dieſe Perſon gekommen iſt, ſerviren Sie uns das Frühſtück.“ „Gut, mein Herr, ich will Sie nun in Ihr Zimmer führen.“ „Geht es auf die Straße?“ „Getiß, mein Herr, zwei ſchöne Fenſter.“ „Sie werden uns von Ihrem beſten Wein bringen.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Herr, Sie ſollen zufrie⸗ den ſein,“ erwiederte der Wirth. Er führte den Fremden in ſein Zimmer und ſagte, als er ihn verließ: „Das iſt poſſierlichf, dieſer Seemann ſah beinahe är⸗ gerlich aus, als ich von dem herühmten Freibeuter ſprach und ſie gehören doch demſelben Stande an, da ſie Beide Seeleute find! aber wie dumm bin ich im Ganzen! gerade weil ſie von demſelben Stande ſind, wird es ihn geärgert haben, daß er Gutes von einem Andern hören mußte; das iſt ganz wie bei mir; . wenn man mir von einem Wirth ſpräche, der ſich hier niederlaſſen wollte, ſo würde ich ihm erſtaunlich Glück wünſchen, dieſem Andern!“ Der Wirth überließ ſich dieſen Gedanken, welche von ſeiner traurigen Anſicht über die menſchliche Seele zeugten, als ein zweiter Reiſender in die Stube eintrat. Dieſer trug einen Seemannsüberrock. Seine bron⸗ zirte Geſichtshaut, ſeine dicken ſchwarzen Haare und Au⸗ genbrauen, ſein ſtarker, um das Kinn laufender Bart, ſeine harten, beinahe zurückſtoßenden Züge gaben ihm eine unheimliche Phyſiognomie; er war ein Malteſer und ſein Accent näherte ſich ziemlich dem italieniſchen. Nachdem er einen neugierigen Blick in die Wirthsſtube geworfen hatte, ſagte der Fremde in ſchlechtem Franzöſiſch zu dem Herrn des Hauſes: „Iſt kein Reiſender angekommen?“ „Ein Reiſender Namens Meiſter Dupont, nicht wahr?“ c 4 „Ja. 5¹ Folgen Sie mir, mein Herr, ich will Sie zu Meiſter Dupont führen.“ Als der Engländer und der MWalteſer beiſammen waren und der Wirth das Frühſtück aufgetragen hatte, er⸗ hielt dieſer Befehl, die Gäſte nicht mehr zu ſtören und nur, wenn man läuten würde, zu erſcheinen. Sobald ſich die beiden Fremden allein ſahen, ſchlug der Malteſer voll Wuth auf den Tiſch und rief in eng⸗ liſcher Sprache: „Der Hund von einem Schmuggler weicht zurück, Alles iſt verloren!“ „Was ſagſt Du?“ „Die Wahrheit, ſo wahr ich mit Freuden dieſes Meſſer dem Niederträchtigen, der uns verräth, in das Herz ſtoßen würde.“ Und leichenbleich vor Zorn, ſtieß der Malteſer ſein Meſſer in den Tiſch. „Gott verdamm!“ rief der Engländer, aus ſeinem gewöhnlichen Phlegma heraustretend. „Und heute Abend, bei Einbruch der Nacht wird der Kapitän vorüberkommen...“ „Weißt Du das gewiß?“ „Dieſen Morgen, als ich Dieppe verließ, verſicherte mich unſer Emiſſär, der Kapitän habe auf vier Uhr Nach⸗ mittags Poſtpferde beſtellt er wird alſo zwiſchen fünf und ſechs Uhr hier und mit der Nacht dort ſein.“ „Donner und Blut. Alles war uns günſtig, und ohne dieſen elenden Schmuggler. . .“ „Pietri,“ ſagte der Engländer, der nun wieder ruhig wurde, „es ſteht noch nicht Alles verzweifelt, die Heftig⸗ keit führt zu nichts, laß uns kalt ſprechen 5 „Kalt ſprechen, während mich die Wuth blind macht.. „Der Blinde ſieht ſeinen Weg nicht „ „Du haſſeſt alſo dieſen Menſchen nicht, da Du ſo ruhig bleibſt?“ „Ich Es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Ton der Engländer das einzige Wort Ich ausſprach. Nach einer Pauſe fuhr er mit minder zuſammenge⸗ drängter Stimme fort: „Ich muß ihn mehr haſſen, als Du ihn haſſeſt, Pietri, da ich ihn nicht umbringen will.“ „Eine zertretene Schlange beißt nicht mehr.“ „Ja, aber die zertretene Schlange leidet auch nicht mehr, und dieſer Menſch ſoll in ſelnem Stolz tauſend Qualen erdulden, welche ſchlimmer ſind als der Tod; er ſoll all das Böſe ſühnen, das er meinem Lande zugefügt . .. er ſoll es ſühnen, daß er den Ruhm gehabt hat, mich zweimal zu ſchlagen er ſoll die letzte Beleidigung ſühnen, die er mir durch ſeine verletzende Großmuth an⸗ gethan. Gott verdamm! ich bin alſo ein ſehr verächtlicher Feind, daß er mich in ein Auswechſelungscartel aufgenom men und frei zurückgeſchickt hat, nach dem letzten Kampf⸗ der uns ſo viel Gold und Blut koſtete, ohne daß ein Tropfen, von dem ſeinigen gefloſſen iſt, denn man ſollte glauben er wäre unverwundbar . .. Oh! doch bei der Hölle, ich will mich rächen, ich will England rächen!“ „Vorhin,“ entgegnete der Malteſer mit einem höhni⸗ ſchen Lächeln, „vorhin hat mir der Kapitän Ruſſell die blinde Heftigkeit meiner Worte vorgeworfen, und nun ſchreit er um Rache, während die Rache uns entgeht.“ „Du haſt Recht, ſagte Ruſſell ſich beruhigend, „dieſe Hitze iſt ſchlimm; verzwelfeln wir nicht Sprich vor Allem, was iſt zwiſchen Dir und dem Schmuggler vorge⸗ fallen?“ „Ich ging in der vorigen Nacht auf einem Fiſcherboot von Dieppe ab, kam am Morgen der Küſte ſolgend in die Bucht von Hoſey und ließ mich nach der auf dem ufer liegenden Hütte des Schmugglers führen. Sie heißen Bezelek?““ fragte ich ihn. 7 „„Ich komme im Auftrag von Meiſter Keller. „„Was iſt Ihr Loſungswort?“ „Ueberall du rch.““ „„Gut, ich erwartete Sie, mein Bovt ſteht zu Ihren 14 53 Dienſten. Dieſen Abend um zehn Uhr iſt Fluth, und der Wind iſt, wenn er nicht wechſelt, gut für die Fahrt nach England.““ „„Meiſter Keller hat Ihnen geſagt, um was es ſich handelt?““ „Ja, Jemand nach Folkeſtone zu führen.““ „„Ihn gutwillig oder mit Gewalt dahin zu führen.“ „„Ja, doch unverſehrt und ohne daß ſein Leben Ge⸗ fahr läuft. Ich bin Schmuggler, aber ich tödte nicht. Bringen Sie mir alſo heute Abend Ihren Paſſagier, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß er morgen vor Sonnenaufgang in England iſt.“ „„Keller hat Ihnen auch geſagt, Sie ſollen vier bis fünf von Ihren entſchloſſenſten Matroſen zu meiner Verfü⸗ gung ſtellen?“ „Wozu das?““ „„Um mir den fraglichen Mann, wenn er auf der Landſtraße drei Meilen von hier vorüberkommt, entführen zu helfen.“ „„Meiſter Keller hat mir nichts davon geſagt, und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich oder meine Leute an einem ſolchen Hinterhalt Antheil nehmen; das iſt ein ſchlimmes Spiel: führen Sie den Paſſagier zu mir, ich beſorge es, daß er an Bord gebracht wird. Widerſtrebt er, ſo kann ich annehmen, er ſei betrunken und es geſchehe zu ſeinem Beſten, daß man ihn einſchiffe; voch bei einer Entführung auf der Landſtraße behülflich ſein, das will ich nicht.“ „Dies waren die letzten Worte des elenden Schmugg⸗ lers; Bitten, Verſprechungen, Drohungen, Alles war frucht⸗ los, um ihn von ſeinem Entſchluß abzubringen.“ „Oh! das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm!“ „Du ſiehſt, Ruſſell, man muß auf dieſes Mittel verzich⸗ ien; ſo entſchloſſen wir auch ſind, ſo iſt es doch für uns zwei unmöglich, die Entführung zu unternehmen . . . an⸗ genommen auch, der Poſtillon, der ihn führt, bleibe neu⸗ tral; nach den Erkundigungen, die wir eingezogen, muß der Kapitän als Reiſegefährte ſeiner Geſchützmeiſter, vieſen 54 unerſchrockenen Menſchen bei ſich haben, der ihn nie, we⸗ der zu Waſſer, noch zu Land, verläßt . . . Beide ſind kräftig und ohne Zweifel wohlbewaffnet. Was können wir mit offener Gewalt verſuchen? .. nichts, wenn wir nicht Narren ſind.“ „Es iſt wahr,“ murmelte der Engländer niederge⸗ ſchlagen. „Doch wo die Gewalt ſcheitert, ſiegt die Liſt,“ ſagte der Malteſer mit nachdenkender Miene, „und man könnte . „Erkläre Dich . . . „Höre. . als ich von der Küſte hierherging, beobach⸗ tete ich den Weg ganz genau. . Ich erreichte die Land⸗ ſtraße ungefähr eine Meile von dieſem Flecken; bei der durch ein Kreuz bezeichneten Stelle findet ſich eine ſehr ſteile Steige, worauf ein nicht minder jäher Abhang folgt.“ „Hernach?“ „Nachdem der Kapitän durch dieſen Flecken gefahren iſt, wo er die Pferde wechſeln muß, wird er eine Meile von 3 zu der Steige kommen.“ ut. „Bei dieſer Steige legen wir uns in den Hinterhalt, es iſt Nacht geworden . die Pferde find genöthigt, langſam den Berg hinanzuſteigen . . . In einem verabre⸗ deten Augenblick nähern wir uns dem Wagen . . wir geben uns für Seeleute aus, welche nach dem Hafen zu⸗ rückkehren, wir bitten den Kapitän um eine Unterſtützung Du an einem Wagenſchlag, ich am andern, um die⸗ ſen Mann und ſeinen Gefährten zu beſchäftigen ... Beide werden in voller Sicherheit ſein „ unſere Doppelpiſtolen ſind geſpannt, unſere Dolche in unſerem Gürtel. .. und...“ „Nie,“ rief Ruſſell, „ich bin kein Mörder; ich will ſeinen Tod nicht . dieſer Mord wäre ein Flecken für England und würde mich überdies nur halb rächen. Mein, nein, ich will mich an der Wuth, an der Schmach dieſes unbezähmbaren Menſchen weiden, wenn er unſer Ge⸗ fangener geworden und, ehe man ihn auf die Pontons ſchickt, lange dem Geziſche, den Schmähungen der Menge, 55 ber er ſo oft Schrecken eingejagt, preisgegeben ſein wird. Nie ſoll ein Tiger im Käſig in einer wilderen, ohnmächti⸗ geren Wuth gebrüllt haben. Ja, das iſt es, was ich wollte, und glaube mir, dieſe Strafe und die grauſame Gefangen⸗ ſchaft auf den Pontons wäre für ihn hundertmal furcht⸗ barer geweſen, als der Tod, doch an der Weigerung des elenden Schmugglers ſcheitern meine Pläne .. hat er dieſe Station hinter ſich, ſo können wir nicht mehr auf die Nähe des Meeres rechnen, und auf einem Schiffe, das zu unſeren Befehlen ſteht, iſt jede Entführung unmöglich; was läßt fich da beſchließen, was läßt ſich thun?“ „Meinen Rath befolgen,“ erwiederte hartnäckig der Malteſer, „glaube mir, der Tod iſt minder grauſam, aber ſicherer als die Rache; und überdies wird die Rache zu dieſer Stunde unmöglich, während wir das Leben dieſes Menſchen in unſeren Händen haben:“ „Schweige,“ ſprach Rufſell mit düſterer Miene, „ſchweige, Verſucher...“ „Was liegt an dem Mittel, wenn nur England von einem ſeiner gefährlichſten Feinde befreit wird!“ „Schweige, fage ich Dir.“ „Denke an die gekaperten, verbrannten Schiffe, an die vielen blutigen Kämpfe, aus denen dieſer Menſch im⸗ mer unverſehrt und als Sieger hervorgegangen iſt, trotz ſeiner geringeren Streitkräfte.“ „Laß mich.“ „Denke an den Schrecken, den ſchon ſein Name allein allen unſeren Seeleuten in dieſen Gegenden, den beſten Seeleuten der Welt einflößt . . haſt Du ſie nicht wäh⸗ rend unſeres letzten Kreuzens ſagen hören, die Triumphe dieſes unverwundbaren, unbeſiegbaren Mannes weiſſagen Lielleicht Englands Unterliegen zur See, und das Meer werde ſeinen Napolevn haben, wie das Feſtland?2 Bedenke die unheilvollen Wirkungen eines ſolchen Glaubens, ver⸗ breitete er ſich zu dieſer Stunde, wo England einen neuen Verſuch unternimmt, um Bonaparte zu ſtürzen und Frank⸗ reich niederzutreten.“ 56 „Aber ein Hinterhalt, ein Mord, ein feiger Meuchel⸗ mord!“ „Ein Meuchelmord! nein, England und Frankreich führen Krieg mit einander: einen Hinterhalt benützen, ſei⸗ nen Feind überfallen iſt Kriegsrecht!“ Ruſſell antwortete nicht, er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und blieb lange nachdenkend. Der Malteſer ſchien auch zu überlegen. Die zwei Männer ſchwiegen bis zu dem Augenblick, wo ſie bebten, als ſie vas entfernte Rollen eines Wagens, vas Knallen der Peitſche des Poſtillon und das immer deutlichere Geräuſch der Schellen der Poſtpferde hörten. Der Engländer, der auf ſeine Uhr geſehen hatte, rief: „Fünf Uhr, er muß es ſein, dieſer Wagen kommt von Dieppe.“ Und Beide ſtürzten an das Fenſter, deſſen Vorhänge ſie ſo aufhoben, daß ſie ſehen konnten, ohne geſehen zu werden. Sie erblickten bald eine alte, zweiſitzige, gelbe, be⸗ ſtaubte Kutſche mit zwei Pferden beſpannt, welche vor der auf der andern Seite der Straße und dem Wirthshaus beinahe gegenüber liegenden Poſt hielt. Nach einigen Minuten rief der Engländer, der vor Wuth bleifarbig wurde und einen Blick unverſöhnlichen Haſſes durch die Fenſterſcheibe ſchleuderte: „Er iſt es. er iſt es!. 3 iſt allein, ſagte raſch der Malteſer, „er iſt allein.“ „Er tritt in das Wirthshaus ein „Alles iſt günſtig für uns „ er wird ſeinen Ge⸗ ſchützmeiſter in Dieppe gelaſſen haben,“ fügte der Malteſer bei. Wir ſind zu zwei, er iſt allein.“ Ohne Zweifel durch einen raſchen Gedanken erleuch⸗ tet, ſchlug ſich Rufſell plötzlich vor die Stirne; ſein kaltes, vleiches Geſicht färbte ſich leicht, ein Funke teufliſcher Freude glänzte in ſeinen grauen Augen, und er ſagte mit 57 einer von einer finſteren Hoffnung zitternden Stimme zu ſeinem Gefährten: „Können wir immer noch heute Nacht auf den Schmugg⸗ ler rechnens 8 ½ „Ja denn um uns ein Mittel zur Flucht im Fall der Noth vorzubehalten, hieß ich ihn uns erwarten.“ „Dann brauchen wir nicht zu verzweifeln,“ rief Ruſſell haſtig klingelnd, „Vertrauen und Muth!“ „Was wiliſt Du damit ſagen?“ fragte der Malteſer, „was willſt Du thun?“ „Du ſollſt es ſpäter erfahren .. doch ſtille, es kommt Jemand.“ Der Wirth trat in der That in das Zimmer ein. „Ihr Frühſtück war vortrefflich, Herr Wirth,“ ſagte Ruſſell „„was bin ich Ihnen ſchuldig?“ „Mit dem Zimmer ſechs Franken.“ „Hier und da iſt auch ein Trinkgeld für den Kellner.“ „Sie find ſehr gütig, mein Herr. . und ich hoffe, daß Sie auch ein ander Mal bei mir einkehren werden.“ „Gewiß; doch ſagen Sie, mir ſcheint, ich habe Poſt⸗ pferde anhalten hören . haben Sie einen Reiſenden mehr in Ihrem Wirthshauſe?“ „Ja, mein Herr, er iſt ſo eben angekommen, und ich habe ihn in dem ſchönen blauen Zimmer, das auf den Garten geht, einquartiert.“ „Es iſt ohne Zweifel einer von Ihren alten Bekannten, denn man muß gern wieber in dieſes Gaſthaus kommen.“ „Der Herr iſt ſehr gütig doch der Reiſende hält zum erſten Mal hier an.“ „Hat er Gefolge, mehrere Bedienten? wird er lange hier bleiben?“ „Nein, nur ſo lange, als er braucht, um einen Biſſen zu eſſen; es iſt übrigens entfernt kein vornehmer Herr, er reiſt ganz allein und ſieht ganz einfach aus, wie ein guter Bürgersmann er trällert durch die Zähne, trommelt Die ſiepen Tobſünden. m. Abtß. 4 58 auf die Scheiben und ſcheint munter wie ein Finke . es muß ein ſehr liebenswürdiger Mann ſein. % „Sie ſind ein großer Phyſiognomiker, mein Herr,“ ſprach der Engländer mit ſpöttiſchem Tone. Dann machte er ſeinem Gefährten ein Zeichen, ſtand auf und ſagte zu dem Wirth: „Auf Wiederſehen . wir wollen einen Spazier⸗ z durch den Flecken machen und nach Dieppe zurück⸗ kehren. „Wollen Sie nicht die Diligence nach Paris erwarten 2.. ſie kommt heute Abend um acht Uhr durch, meine Herren“ „Wir danken. Obgleich Seeleute, ſind wir doch gute Fußgänger, und der Abend iſt herrlich „Auf Wiederſehen, meine Herren.“ und nachdem er die Reiſenden gegrüßt hatte, kehrte der Wirth in ſeine Stube zurück. Sechstes Rapitel. Nachdem die zwei Freunde das Wirthshaus verlaſſen hatten, verſchwanden ſie auf eine Viertelſtunde, um Ver⸗ abredung zu treffen, dann wandten ſie ſich wie neugierige Müßlinge nach der Pferdepoſt, vor deren Thüre der Wa⸗ gen des Reiſenden geblieben war; er ſollte ohne Zweifel hald wieder abfahren, denn es ſpannte ſchon ein Poſtknecht die Pferde ein. Der Kapitän Ruſſell und ſein Gefährte näherten ſich dem Wagen, der ſie, da er ſo zwiſchen ihnen und dem Gaſthaus zum kaiſerlichen Adler ſtand, völlig von der Seite der Fenſter des Wirthshauſes maskirte. Die zwei Reiſenden ſetzten ſich ſodann auf eine von den ſtei⸗ nernen Bänken, welche an der Seite der Thüre des 59 Poſiſtalls angebracht waren, und ſchlenen die Pferde, die man anſpannte, mit einem Kennerauge zu betrachten. „Mein Braver, Ihr habt da als Sattelpferd ein Thier, das eben ſo ſchön iſt, als es gut ſein muß,“ ſagte endlich Ruſſell nach einer prüfenden Beſchauung von einigen Minuten zu dem Poſtillon; „ich habe ſelten ein Pferd von ſo kräftigem Aeußern geſehen.“ „Ei! Sapperment, ſein Ausſehen täuſcht nicht, Herr,“ erwiederte der Poſtillon, geſchmeichelt durch das Lob, das man ſeinem Pferd verdienter Maßen ſpendete; „es hält, was es verſpricht, ich habe es auch le Carme getauft und es iſt ſeines Namens würdig „In der That,“ fuhr Ruſſell fort, „ich kann mich nicht genug wundern, welch' ein ſchones Thier welche Bruſt welcher Widerriſt welche Hanke!“ „Und was für ein ſchoner Kopf „ fügte Pietri bei, „er iſt fein und kräftig, wie der eines arabiſchen Pferdes.“ „Oh! oh!“ rief der Poſtillon, „man ſieht wohl, daß Ihr Kenner ſeid, Ihr Herren; Ihr werdet mir auch glauben, wenn ich Euch ſage, daß wir mit le Carme und Sans⸗Culotte (ſo nenne ich mein Handpferd) eine Steige von einer Viertelmeile im Galopp hinauffahren.“ „Das wundert mich nicht, mein Braber und es muß ein wahres Vergnügen ſein, ein ſolches Pferd zwiſchen den Beinen zu haben.“ „Ich glaube wohl, denn es hat einen ſo ſanften, ſo ſanften Gang ah!“ ſagte der Poſtillon voll Freu⸗ digkeit, „ein wahres Schiff, ich würde mit le Carme von hier nach Rom reiten.“ „Obgleich Seemann, bin ich doch zlemlich oft ge⸗ ritten,“ bemerkte der Engländer, „doch ich habe nie das Glück gehabt, ein ſolches Pferd zu heſteigen.“ „Teufel! ich glaube es wohl, Herr, und ich kann ie dafür ſtehen, daß Sie nie ein ähnliches beſteigen erden.“ „Das iſt Schade.“ „Was läßt ſich da machen?“ 60 „Mein Braver, wollt Ihr vierzig Franken verdie⸗ nen?“ fragte der Engländer, nachdem er einen Augen⸗ blick geſchwiegen hatte. „Vierzig Franken!“ verſetzte der Poſtillon ganz er⸗ ſtaunt; „ich, vierzig Franken verdienen?“ „Und wie des Teufels, Herr?“ „Auf eine ganz einfache Manier.“ „Auf welche?“ In dem Augenblick, wo der Engländer ſeinen Vor⸗ ſchlag machen wollte, kam ein Kellner aus dem Wirths⸗ haus über die Straße und ſagte zu dem Poſtillon: „Du brauchſt Dich nicht zu beeilen, Jean⸗Pierre, der Herr dieſer Halbchaiſe iſt noch nicht bereit, herabzu⸗ kommen.“ „Was treibt denn dieſer Zauderer?“ erwiederte der Poſtillon, „warum beſtellt er dann ſeine Pferde ſo lange vorher?“ „Weiß ich es?“ ſagte der Kellner, „das ſieht gar weichtich aus. Statt Wein trinkt er mit Waſſer ver⸗ miſchte Milch, und er hat nichts zu Mittag geſpeiſt, als Brodſuppe und weichgeſottene Eier.“ „Brodſuppe und weichgeſottene Eier! das iſt ein ſauberer Kamerad!“ ſagte der Poſtillon mit verächtlichem Tone. Dann fuhr er fort: „Ah! Du machſt, daß ich da ſchwatze und vergeſſe.“ Und ſich an Ruſſell wendend: „Sprechen Sie doch, Herr, Sie haben mir vorhin vorgeſchlagen . Der Engländer machte dem Poſtillon eine Geberde des Verſtändniſſes, bezeichnete mit dem Blick den Kellner, und flüſterte ihm zu: „Kommt in den Poſthof, mein Braver, ich habe Euch ein paar Worte zu ſagen.“ 8 „Es iſt nicht möglich, ke Carme ganz allein laſſen, er würde ſchönes Zeug mit Sans⸗Culotte treiben. Sehen Sie, der Schlingel fängt ſchon an,“ fügte Jean⸗ 61 Pierre bei, während er ſich ſeinen Pferden näherte, welche ſich bäumten und wieherten. „Oho! le Carme,“ rief er, „aufgepaßt, Schuft; wenn Du Dich losmachſt, will ich Dir ſchmeicheln.“ „Nun wohl, ſo hört,“ ſagte der Engländer, indem er ſich an das Ohr des Poſtillon neigte und einige Au⸗ genblicke leiſe zu ihm ſprach. „Ah! gut,“ antwortete der Poſtillon lachend, „das iſt ein drolliger Gedanke.“ „Sagt, mein Braver, willigt Ihr ein?“ „Meiner Treu'.“ „Wenn Ihr einwilligt, ſo habt Ihr hier zwanzig Franken . das andere Golbſtück bekommt Ihr dort. Was wagt Ihr im Ganzen? dabei iſt nichts Schlimmes.“ „Beim Teufel, nichts! Aber das iſt ein Gedanke, ein wahrer Seemannseinfall! Ich kenne das ich bin auf der Poſt in Dieppe geweſen... Man mußte die Korſaren ſehen, wenn ſie ihren Antheil an der Beute bekommen hatten, wie ſie für ein Ja oder Rein ihr Geld galoppiren ließen! Ich habe ſolche geſehen, welche fünf⸗ undzwanzig Napoleons einem alten buckeligen Sacriſtan bezahlten, daß er ſich als Weib mit einem Federnhut und einem Faltenkleid maskiren und mit ihnen und ihren Frauenzimmern in der Stadt herumkutſchiren ließ.“ „Was wollt Ihr, mein Braver,“ erwiederte Ruſſell lächelnd, „die Seeleute ſind nicht ſo oft auf dem Lande, um ſich nicht ihre kleinen Launen, wenn es möglich iſt, ohne Jemand zu ſchaden, durchgehen zu laſſen.“ „Das iſt, bei Gott! das Geringſte.“ „Abgemacht alſo?“ „Bah!“ verſetzte der Poſtillon, „bei einem Menſchen, wie der, den ich führen ſoll, bei einem Burſchen, der keinen Wein trinkt und nur Brodſuppe ißt, braucht man ſich keinen Zwang anzuthun . . . Und überdies wird er dabei nur Feuer ſehen. . Abgemacht alſo.“ „Hier ſind zwanzig Franken,“ ſagte Ruſſell, und 62 vrückte dem Poſtillon ein Golbſtück in die Hand, „eben ſo viel bekommt Ihr ſpäter.“ „Gut „ doch beeilen Sie ſich, denn es iſt von hier bis dorthin beinahe eine Meile . Gleichviel, ich laſſe Ihnen Zeit, an Ort und Stelle zu kommen. Findet mein Brodſuppenfreſſer, ich fahre ihm zu ſachte, ſo ſage ich ihm, Sans⸗Culotte habe Hühneraugen an den Füßen. Geſchwinde, Bürger. Gehen Sie durch das Gäß⸗ chen links, und Sie werden ſogleich auf der Landſtraße ſein. Die zwei Freunde waren in einem Augenblick ver⸗ ſchwunden. Nach Verlauf einer Viertelſtunde, während welcher der Poſtillon große Mühe hatte, um le Carme und ſeinen Gefährten in ihrer Munderkeit feſt zu halten, erſchien der Wirth vom kaiferlichen Adler an ſeiner Thüre und rief dem Poſtillon zu: „Auf, mein Junge, zu Pferd, zu Pferd, der Herr des Wagens kommt.“ „Teufel!“ ſagte Jean⸗Pierre zu ſich ſelbſt, indeß er ſich ſehr langſam in den Sattel ſetzte, „er kommt bald, dieſer Milchtrinker; meine zwei Burſche werden nicht Zeit gehabt haben, die Steige zu erreichen.“ So ſprechend führte der Poſtillon den Wagen vor die Thüre des Wirthshauſes; der Wirth ließ ſchleunigſt den Fußtritt vor dem Reiſenden nieder und ſchloß den Schlag, als dieſer eingeſtiegen war, wonach er ſeine Mütze abnahm, ſich ehrerbietig vor ſeinem Kunden verbeugte und dem Poſtillon zurief: „Gut gefahren, Jean⸗Pierre, der Herr hat Eile.“ „Ich werde Sie im Vogelflug führen, Herr,“ ant⸗ wortete Jean⸗Pierre, indem er ſeine Peitſche geräuſchvoll knallen ließ. . . Und er fuhr im Galopp durch den Flecken und er⸗ reichte bald die Landſtraße; nach zweihundert Schritten aber hielt er plötzlich ſeine Pferde an, drehte ſich auf dem Sattel um und wartete. 63 Erſtaunt über dieſes Anhalten, ließ der Reiſende ei⸗ nes von den Fenſtern nieber und fragte. „Nun, was gibt es denn, mein Junge?“ „Waz es gebe?“ „d. „Ich weiß es nicht.“ „Wie, Du weißt es nicht!“ „Verdammt. . nein.“ „Warum hältſt Du denn an?“ „Sie haben mir: Halt! zugerufen.“ „ * „Ja, Herr, und dann habe ich angehalten.“ „Du täuſcheſt Dich, mein Junge, ich habe Dir nicht gerufen.“ „Doch, Herr.“ „Ich ſage Dir, nein ..“ „Doch, Herr, auf mein Ehrenwort . . . Sie werden es nicht bemerkt haben.“ „Ich wiederhole Dir, Du täuſcheſt Dich. Vor⸗ wärts, Junge, mache, daß wir die verlorene Zeit wieder einholen.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich will fahren, daß Alles zerſpringt und zerbricht... es ſoll nicht ein Stück von Ihrem Wagen übrig ſein, wenn wir auf die Station kommen.“ Und der Poſtillon fuhr im Galopp weiter. Doch nach zweihundert Schritten, die in einem un⸗ geordneten Gang zurückgelegt wurden, ein abermaliges plötzliches Anhalten. „Nun!“ rief der Reiſende, „was gibt es denn wieder?“ „Tauſend Milliarden Donner Gottes!“ ſchrie Jean⸗ Pierre. Und er ſtieg ab und ergoß ſich in einem Strom von Verwünſchungen, während er ſich zugleich ſtellte, als richtete er etwas an den am Ortſcheit befeſtigten Strän⸗ gen zurecht. 64 „Iſt etwas an Deinem Geſchirr gebrochen.“ „Himmel, Donner und Teufel!“ „Hat Dein Pferd ein Eiſen verloren?“ „Himmel, Donner und Teufel!“ „Sage mir doch wenigſtens, was geſchehen iſt.“ „Geben Sie nicht Acht darauf, Herr, es iſt nichts .. mein Schlingel von einem Handpferd hat über die Stränge geſchlagen, und ich brauche Zeit, um es herauszuziehen.“ „Das iſt ein kleines Unglück,“ ſagte gelaſſen der Reiſende, „ſei bemüht, daß es nicht mehr geſchieht.“ „Wir werden ſtreichen wie die Schwalben,“ erwie⸗ derte der Poſtillon, wäbrend er wieder außſtieg; dann fügte er beiſeit bei: „Verfluchter Brodſuppenfreſſer, geh' zum Teufel! Ah! der Zeiſig!. So kommt es, wenn man gewäſſerte Milch trinkt!. Bei meinem Ehrenwort, es wird einem übel.“ Hienach fuhr er abermals im Galopp weiter und ließ ſeine Peitſche wie wüthend knallen. Es fing an Nacht zu werden. Schon funkelten einige Sterne im Oſten, und die ſeit einer Viertelſtunde untergegangene Sonne gab nur noch einen Dämmerſchein, von dem die großen Bäume der Landſtraße ihr ſchwarzes Aſtwerk abhoben. In der Ferne und den Horizont der Straße begrän⸗ zend konnte man bei dem weißlichen Widerſchein eines Kreidenbodens eine jähe Steige begränzt von ungtheuren Ulmen erſchauen, deren noch der Blätter entbehrende Gipfel beinahe eine Bogenlaube bildeten. Jenſeits dieſes natürlichen Gewölbes ſah man mitten am klaren blauen Himmel den Halbmond hervortreten. Die Poſcchaiſe fuhr ſeit zehn Minuten raſch und der Poſtillon ließ von Zeit zu Seit und wie abſichtlich die Echos ſeiner Peitſche erſchallen als ſeine Pferde allmälig langſamer gingen; der Trab folgte auf den Galopp, der Schritt erſetzte den Trab, und endlich hielt der Wagen geradezu an. Jean⸗Pierre ſtieg ab, unterſuchte einen n Hln Steeecenee—— —— 65 terfüßen ſeines Sattelpferdes und rief: „Tauſend Donner und Teufel! nun hinkt eines von meinen Pferden!“ „Ah! es hinkt,“ ſagte der Reiſende mit unſtörbarer Ruhe, obgleich vieſes oftige Anhalten, wie man zu ſagen pflegt, einen Heiligen hätte zum Fluchen brin⸗ gen können. „Es hinkt teufelmäßig,“ erwiederte der Poſtillon, e immer noch den Fuß des Pferdes in ſeinen Händen elt. „Und wie iſt dieſes Hinken ſo ſchnell gekommen, mein Junge?“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich es weiß.“ „Wir werden alſo auf der Straße bleiben?“ „Nein, Herr, es iſt keine Gefahr wenn ich nur ſehen könnte, was mein Handpferd hinken macht. aber die Nacht fängt an ſchwarz zu ſein.“ „Sehr ſchwarz,“ ſagte der Reiſende. „Man darf auf der nächſten Station nicht vergeſſen, die Laternen anzuzünden.“ „Ah! ich fühle mit meinem Finger, was das iſt,“ fuhr der Poſtillon fort; „es iſt ein Stein, der ſich zwi⸗ ſchen das Eiſen und den Strahl hineingeſchoben hat. .. Wenn ich ihn herausnehmen kann, iſt es nichts.“ „Suche dies zu thun, mein Junge, denn wir haben, ohne Dir einen Vorwurf zu machen, wahrhaft Unglück,“ erwiederte die ſtets gleich ruhige Stimme des Reifenden. Der Poſtillon fluchte indeſſen ganz laut über den Stein, den er nicht herauszubringen vermochte, wie es ſchien, lachte dabei aber ins Fäuſichen über das Gelingen ſeiner Liſt und berechnete, er habe ven zwei Reiſenden genug Vorſprung gegeben, daß ſie den verabredeten Ort zu erreichen im Stande geweſen ſeien; der Burſche ſtieß auch bald ein Triumphgeſchrei aus und rief: „Endlich habe ich den verfluchten Stein heraus, nun können wir wie die Vögel fliegen.“ Und der Wagen rollte mit neuer Schnelligkeit weiter. Es war völlig Nacht geworden, doch bei der Durch⸗ 66 ſichtigkeit des Himmels, bei dem Funkeln der Sterne herrſchte eine unbeſtimmte Helle. Der Poſtillon gelangte diesmal in einem Zuge un⸗ ten an die Steige; hier erſt hielt er ſeine athemloſen Pferde an, ſtieg ab, näherte ſich dem Schlage und ſagte zu dem Reiſenden: „Hier find wir an einer argen Steige, Herr, ich will hei meinen Pferden gehen, um ſie zu erleichtern; ſind wir dann oben, ſo kann ich ſogleich für den Abhang ſperren, der nichts weniger als bequem iſt.“ „Gut, mein Junge,“ antwortete die Stimme. Der Poſtillon blieb in der That einige Augenblicke neben ſeinen Pferden; dann aber, während das Geſpann ſachte den Berg hinanſtieg, ging er allmälig langſamer und ließ den Wagen an ſich vorüber. In dieſem Augenblick kamen Ruſſell und Pietri aus einem Gebüſch hervor, das ſich an der Straße hinzog, und näherten ſich raſch dem Poſtillon. Dieſer nahm, während er ging, ſeinen betreßten Hut ab und zog ſeine Jacke mit rothem Kragen und ſeine Steifſtiefel aus; der Engländer hatte ſeinen Seemannsrock abgelegt, zog die Jacke an, ſetzte den Hut auf und fuhr mit ſeinen Beinen in die Stiefel. Mit einer ſehr zufriedenen Miene über das lã⸗ chelnd, was er für eine ſpaßhafte Laune hielt, übergab der Poſtillon Rufſell ſeine Peitſche und ſagte: „Immer komme ich wieder darauf zurück, daß dies eine drollige Idee iſt, eine wahre Seemannsidee!“ „Was wollt Ihr, mein Braber ich bin vernarrt in die Pferde, und es wird mir das größte Vergnügen machen, eine Viertelſtunde Euer ſchönes, kräftiges Roß zu reiten. Nicht wahr, das iſt eine ſehr unſchuldige Laune 2* „Bei Gott.. was ſchadet das dem Brodſuppen⸗ freſſer, der in der Berline ſitzt. Der hat Geduld, daß ich ſelbſt darüber ungeduldig werde. Er muß Froſchblut in ſeinen Adern haben.“ „Ah! Ihr glaubt!“ ſagte Ruſſell, während er ſich dem Wagen näherte. 67 „Es muß ein Krämer auf halbem Sold ſein . . Vortärts, Herr, Sie ſteigen an meine Stelle zu Pferde, die Nacht iſt ſtockfinſter und der Milchtrinker wird nichts merken. Ich ſetze mich mit Ihrem Kameraden hinten auf die Berline .. Eine halbe Meile von der Station kommt eine andere Steige.“ „Dort ſteige ich ab,“ ſagte Ruſſell, „Ihr zieht Eure Kleider wieder an, ich die meinigen, und Alles iſt abge⸗ than; hier, mein Freund, habt Ihr die verſprochenen zwan⸗ zig Franken.“ Nachdem er Jean⸗Pierre das Goldſtück in die Hand gedrückt hatte, verdoppelte Ruſſell ſeine Schritte; er er⸗ reichte die Pferde unfern vom Gipfel des Berges und ging neben ihnen her. Die Nacht war ſo finſter, daß der Reiſende die Un⸗ terſchiebung der Perſon nicht bemerken konnte; er hatte ſich auch durchaus nicht gewundert, als er, wie dies vft ge⸗ ſchieht, der Poſtillon bei einer jähen Steige ſeine Pferde ſich ſelbſt überlaſſen ſah; erſt als der Wagen den höchſten Punkt des Abhangs erreichte, ſagte der Reiſende zu dem Poſtillion: „Mein Junge, vergiß nicht, den Hemmſchuh gut einzulegen.“ „Sogleich,“ antwortete der falſche Poſtillon mit hal⸗ ber Stimme; dann ging er hinter den Wagen und ſagte leiſe zu dem Malteſer und zu Jean Pierre: „Setzt Euch auf das Hinterbrett und haltet Cuch feſt, ich will ſperren.“ Die zwei Männer ſetzten ſich an den bezeichneten Ort und hielten ſich mit den Händen an den eiſernen Federn, während Rufſell die Kette des Hemmſchuhs die⸗ ſen loshakend raſſeln ließ und ſich ſtellte, als legte er ein, den Hemmſchuh aber auf die Seite warf, ſtatt ihn unter das Rad zu ſetzen. Dann ſchwang ſich der Engländer in den Sattel, ſtieß ſeinem Pferd ſeine Sporen in die Flanken und führte den Wagen mit furchtbarer Schnelligkeit den Abhang hinab. 68 „Donner und Wetter! wir ſind des Teufels und der Brodſuppenfreſſer obendrein!“ rief Jean⸗Pierre, als er die Kette und den eiſernen Hemmſchuh auf dem Pflaſter auf⸗ ſpringen hörte; „Ihr Kamerad hat ſchlecht geſperrt.“ Statt dein Poſtillon zu antworten, verſetzte ihm der Malteſer mit der Kolbe ſeiner Piſtole einen ſo gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß Jean⸗Pierre die Feder, die er mit einer Hand hielt, losließ und auf die Straße fiel, während der Wagen unter einer Staubwolke auf dem Ab⸗ hang verſchwand. Siebentes Rapitel. Es waren mehrere Tage vorüber, ſeitdem der Rei⸗ ſende in die Falle gegangen, die ihm der Kapitän Ruſſe und ſein Gefährte geſtellt hatten. Wir führen den Leſer in eine lachende, am Ende des Flecken Lionville, zwei Meilen vom Hafen liegende Wohn⸗ ſtätte. Von dieſem der Küſte benachbarten Ort ſchaut man fern hinaus auf das Meer. Eine tiefe Stille, eine bewegte und geſunde Luft, eine zugleich reiche und maleriſche Landſchaft, friſche Schatten, fette Wiesgründe und der Anblick des Oceans machten Lionville und ſeine Umgebung zu einem wahren Eden für die Freunde des Friedens, der Träumereien und der ein⸗ ſamen Beſchauung. . Was beſonders dazu beitrug, dieſem Flecken, wie ſo vielen anderen großen und kleinen Städten, einen zugleich ruhigen und ſeltſamen Anblick zu verleihen, war die völ⸗ lige Abweſenheit junger Leute; die letzten Kriege des Ka ſer reichs hatten Alles, was jung und kräftig war, unte 69 die Fahne gerufen, und durch einen Senatsbeſchluß vom Merz 1812 war ein Theil der Reſerve der Nationalgarde, welche, in erſtes, zweites und drittes Aufgebot eingetheilt, alle Bürger vom achtzehnten bis zum ſechzigſten Jahre in ſich begriff, auf die Beine gebracht worden. Man betrachtete daher in jener Zeit als ein Phäno⸗ men nicht ſeltener als der Phönir oder die weiße Amſel einen jungen Mann von fünf und zwanzig Jahren, der Bürger blieb, ohne die vortheilhafte Entſchuldigung, buckelig, einäugig oder hinkend zu ſein, für ſich zu haben. Der Flecken Lionville beſaß eines von dieſen Wun⸗ dern, einen jungen Mann von höchſtens fünf und zwanzig Jahren, wobei wir indeſſen ſogleich bemerken müſſen, daß ihm wenig daran lag, ſich zu zeigen und ſo den Vortheil ſeiner Uniquität zu genießen, denn er lebte ſehr einge⸗ zogen, ſowohl aus Geſchmack, als aus Pflicht und in Folge ſeiner Lage. Dieſer junge Mann war einer von den Inſaßen der von uns erwähnten Wohnſtätte. Eines Abends nun, wie geſagt, mehrere Tage, nachdem der Reiſende ſo plötzlich durch einen falſchen Poſtillon auf der Landſtraße von Dieppe entführt worden war, hatten ſich eine Frau von reiferem Alter, ein junges Mädchen und ein junger Mann (der fragliche Phönir) in einem hübſchen, ſehr behaglich eingerichteten Zimmer verſammelt; ein gutes Feuer brannte im Kamin, denn die Abende waren noch friſch; eine Lampe mit alabaſterner Kugel verhreitete ihre ſanfte Helle im Zimmer, während der vor dem Feuer ſiehende Theekeſſel ſein kleines Gemurmel vernehmen ließ. Ein Beobachter hätte vielleicht den ſeltſamen Umſtand wahrgenommen, daß unter den Gegenſtänden des Luxus und der Bequemlichkeit, die dieſes Wohnzimmer ſchmückten, die Mehrzahl von engliſchem Urſprung war, trotz des unbarmherzigen Verbots, mit dem das Continentalſyſtem die Erzeugniſſe Englands belegt hatte. Mit einem Worte, von den irdenen Gefäßen von Godwood mit ihrem blaß⸗ grünen oder hellblauen Grund mit den weißen Figuren in 70 Relief bis zu den äußerſt durchſichtigen und fein gemalten Porzellanen rührte beinahe Alles von der engliſchen In⸗ duſtrie her; eben ſo war es mit dem Theeſervice von ſehr relcher Silberarbeit, nur fand ſich keine Harmonie in den einzelnen Stücken. . während eine herzogliche Krone auf der maſſiven Urne prangte, worin man das ſiedende Waſ⸗ ſer umgießt, um Thee zu machen, war die Theekanne nur mit einem einfachen Ritterhelm und die Zuckerbüchſe mit einem beſcheidenen bürgerlichen Namenszug verziert. Trotz dieſer Unähnlichkeiten war das Silberzeug nicht minder glänzend, und es gewährte ein Vergnügen, ſeine polirten Facetten in den Refleren des Feuers und des Lampen⸗ ſcheins ſpiegeln zu ſehen. Die Frau von reiferem Alter hatte ein verſtändiges, offenes, heiteres Geſicht; ſie mochte wohl zwei und vierzig Jahre zählen, aber ihre Haare waren noch ſehr ſchwarz, ihr Teint friſch, ihre Zähne weiß, ihr Auge lebhaft, und ihr heiteres Lächeln athmete gute Laune; trotz einer ge⸗ wiſſen Beleibtheit wohlgeformt, gewann ihre Taille das an Majeſtät, was ſie an Zierlichkeit verlor, und dieſe würdige Matrone zog unfehlbar die Blicke auf ſich, wenn ſie eine, friſche Haube von engliſchen Spitzen auf dem Kopf, gut eingeſchloſſen in ein Kleid von engliſchem Gewebe, die Schultern bedeckt mit einem ſchönen Shawl von engliſcher Manufactur, in die Kirche des Orts ein Mädchen begleitete, dem ſie mehr Freundin, als Haushäl⸗ terin war. Das Mädchen hatte ſein ſiebenzehntes Jahr zurück⸗ gelegt und war groß, ſehr ſchwächlich, ſehr zart und von Sit ſ für alle Eindrücke ſehr empfindlichen Orga⸗ niſation. Dieſe oft übermäßige Empſindlichkeit, welche die ge⸗ ringſte Gemüthsbewegung zuweilen ſchmerzlich exaltirte, hatie ihre erſte Urſache in einem unglücklichen Ereigniß, das vor langen Jahren vorgefallen war; eines ſeiner Hauptreſultate war geweſen, daß es die junge Perſon äußerſt furchſam gemacht hatte: ein plötzliches Geräuſch * 71 eine ungeſtüme Ueberraſchung, eine unheimliche Erzählung jagten ihr eine Angſt, einen unwillkührlichen Schrecken ein, den ſie ſich bald zum Vorwurf machte, aber nicht über⸗ winden konnte. Es war indeſſen ſchwer, eine liebenswürdigere, intereſ⸗ ſantere Geſichtsbildung zu ſinden, als die ihrige, und wenn ſie zuweilen von einem jener, häuſig durch einen kindiſchen Vorfall veranlaßten, Gefühle unüberwindlicher Angſt ergrif⸗ fen plotzlich bebte, ihren hübſchen Kopf auf ihren ſchlan⸗ ken Hals zurückwarf und ganz zitternd horchte, da erin⸗ nerten ihre anmuthige Haltung, ihr nun unruhiges, ſanftes 4 großes blaues Auge den Geiſt an eine arme erſchreckte azelle. In Folge dieſer ſo nervöſen, ſo ſeltſam empfindlichen Natur hatte die junge Perſon nicht das friſche Colorit einer kräftigen Geſundheit. In der Regel außerordentlich bleich, färbte die flüchtigſte Erregung ihren Teint mit einem lebhaften Roſa; umrahmt von den ſeidenen Flechten eines herrlichen hellbraunen Haares, ſchien dann ihr rei⸗ zendes Geſicht im blühenden Glanz der Jugend zu ſtrah⸗ len. Mit einem friſcher gefärbten Fleiſch, mit volleren Umriſſen würde ſie allerdings an materiellem Reiz ge⸗ wonnen haben, aber ſie hätte vielleicht den Zauber ihrer rührenden, beinahe idealen Phyſiognomie verloren, wenn ſie weiß angethan, wie ſie ſich gern kleidete, ihr ſchmach⸗ tendes Antlitz halb in einen Schleier gehüllt, langſam am Geſtade oder in den ſchattigen Alleen des Gartens beim Hauſe ſpazieren ging. Die dritte von den im Wohnzimmer verſammelten Perſonen war der Phönir der Zeit, von dem wir ge⸗ ſprochen, nämlich ein hübſcher, nicht unter die ahne gerufener junger Mann. Dieſer Phönir war fünf und zwanzig Jahre alt, von mittlerem, ſchlankem Wuchs und lieblichen, regelmäßigen Zügen; man bemerkte aber in ſeinem nachdenkenden Geſicht eine Art von ſchwermüthigem Verlegenſein, das von einem bedeutenden Gebrechen herrührte, welches ihn vom Militär⸗ 72 dienſt frei gemacht hatte; mit einem Wort, der junge Mann war ſehr kurzſichtig, ſo kurzſichtig, daß er ſich kaum leiten konnte; dabei vermochte er in Folge einer organiſchen Seltſamkeit keinen Nutzen aus der Brille zu ziehen; obgleich ſein großen braunen Augen durchſichtig und ſehr offen waren, ſo hatte doch ſein Blick etwas Ver⸗ ) ſchleiertes, Unbeſtimmtes, und er nahm oft einen ſchmerz⸗ lichen Ausdruck an, wenn der Arme, nachdem er fi raſch gegen einen Menſchen umgewendet hatte, um ihn anzuſchauen, ſich mit bitterer Traurigkeit erinnerte, daß auf drei Schritte für ihn jede Form verworren und bei⸗ nahe unfaßbar wurde. Es iſt indeſſen nicht zu leugnen, wenn die Folgen der Schwäche des jungen Mannes zuweilen Mitleid er⸗ regten, ſo veranlaßten ſie auch oft ein harmloſes Ge⸗ lächter, denn der würdige Junge war der Gegenſtand ſehr luſtiger Mißgriffe. Bevarf es der Erwähnung, daß die Frau von reife⸗ rem Alter viel mehr von dem ergriffen wurde, was Munteres aus den Irrthümern der Kurzſichtigkeit ihres Neffen hervorging, während ſich das Mädchen im Ge⸗ gentheil von dem gerührt zeigte, was die Lage des Halb⸗ blinden, eine oft peinliche Lage, Intereſſantes hatte? Kurz, dieſe junge Perſon, welche ungemein an jener beinahe krankhaften Empfindſamkeit, an jener Zaghaftig⸗ keit litt, die ſie nicht überwinden konnte, mußten ſie und der Kurzſichtige, dieſe zwei ſchüchterne Naturen, nicht tief mit einander ſympathiſtren und ein geheimes Band in ihrer Schwäche ſelbſt finden, welche abwechſelnd das auf die Lippen oder die Thränen in die Augen rief? Nachdem wir dieſe drei Perſonen ſo vorgeführt haben, wollen wir Theil an ihrer Unlerhaltung nehmen. Das Mädchen ſtickte, die Haushälterin beſchä ſich mit einem ponceaurothen Geſticke, das für eine lang warme Winterhalsbinde beſtimmt zu ſein ſchien, während der junge Mann die erſt am Morgen von der Poſt ⸗ 73 brachte letzte Nummer vom Journal de l'Empire ganz nahe vor ſeinen Augen haltend, mit lauter Stimme die jüngſten Neuigkeiten vorlas und ſeinen Zuhörerinnen den Abgang des Marſchalls Herzog von Reggio zu der Armee, die er commandiren ſollte, mittheilte. Die Hausälterin hatte auf der Seite des Kamins ein leichtes Brauſen begleitet von mehreren kleinen Dampf⸗ ausſtrömungen gehört, ſie dachte, das zum Uebergießen des Thees beſtimmte Waſſer ſiede hinreichend, und ſagte zu ihrem Neffen: „Onefime, wir werden ſogleich weiter leſen. Das Waſſer ſiedet, gieße es in die Urne, und ſei dabei nicht ungeſchickt.“ Onefime legte die Zeitung auf den Tiſch, ſtand auf und wandte ſich mit einer gewiſſen Herzensangſt nach dem Kamin, denn der unglückliche Kurzſichtige ſollte ſich in ein ſchwieriges Unternehmen einlaſſen, in ein Unterneh⸗ men voll von Gefahren und Klippen, deren Vorhandenſein er unbeſtimmt ahnete; ſo mußte er ſich vor Allem von einem Lehnſtuhl, der zu ſeiner Rechten, vor einem Tiſch⸗ chen, das zu ſeiner Linken ſtand, in Acht nehmen. Nach⸗ dem dieſe Charyb dis und dieſe Skylla vermleden waren, hatte er ein ganz nahe am Kamin ſtehendes Ta⸗ bouret zwiſchen die Beine zu nehmen und den rauchenden Siedkeſſel zu ergreifen. Das Mädchen machte ſich, wie geſagt, beinahe nie über die Mißgeſchicke von Oneſime luſtig, ſie waren aber zuweilen ſo unerwartet komiſch, daß es manchmal einer unüberwindlichen Lachluſt nachgab. Was aber der arme Junge am meiſten auf der Welt befürchtete, war, er könnte der Gefährtin ſeiner Einſamkeit Anlaß zum Lachen geben, und obgleich er zuerſt über ſeine Ungeſchicklichkeit ſpottete, litt er doch im Grunde des Herzens darunter. Man kann ſich daher denken, mit welcher aufmerk⸗ ſamen, ängſtlichen Vorſicht Oneſime die Aufſuchung des Siedkeſſels unternahm; eine von ſeinen vorwärts ausge⸗ ſtreckten Händen belehrte ihn von der Gegenwart des Die ſieben Todſünden. MI. Ahth. * 74 Lehnſtuhles rechts; er umging dieſes Hinderniß, war aber nahe daran, ſich an dem Tiſchchen links zu ſtoßen, als ihm ſeine andere Hand die zweite Klippe be⸗ zeichnete. Schon freute er ſich, den Kamin ohne Unfall zu erreichen, als ihn das unvermuthete Begegnen des Tabourets ſtolpern machte; da er ſein Gleichgewicht wie⸗) der erlangen wollte, that er zwei Schritte rückwärts und gab dem Tiſchchen einen Stoß, daß dieſes mit großem Geräuſch umfiel. Ihre Stickerei unterbrechend, war ſeine junge Ge⸗ fährtin ſeit einigen Augenblicken in eine tiefe Träumerei verſunken . . ſie wurde derſelben ungeſtüm durch den Lärmen des umfallenden Tiſchchens entzogen; ohne die Ur⸗ ſache des Lärmens zu kennen und unfähig, ihre Angſt zu beſiegen, ſtieß ſie einen Schrei des Schreckens aus, er⸗ bleichte und warf ſich, von einem Nervenzittern befallen, in ihren Stuhl zurück. „Mein Kind, beruhigen Sie ſich,“ rief die Haushäl⸗ terin, „es iſt abermals eine Ungeſchicklichkeit von One⸗ ſime nichts Anderes „ ſeien Sie unbeſorgt.“ Als die junge Perſon ſo die Urſache des Geräuſches erfuhr, über das ſie erſchrocken war, bereute ſie unge⸗ mein, die Verwirrung des armen Kurzſichtigen vermehrt zu haben, und ſagte, indem ſie das Zittern von dem ſie ergriffen war, zu bewältigen ſuchte: „Verzeih', meine Freundin, ich bin toll, doch Du weißt, ich kann dieſe alberne Angſt nicht überwinden.“ „Mein Gott! mein armes Kind, iſt das Ihr Fehler? leiden Sie nicht zuerſt unter dieſen unwillkührlichen Schrecken? Bedarf es einer Entſchuldigung? und ohne die Ungeſchicklichkeit meines Neffen „ „Schweige doch,“ erwiederte das Mädchen, es iſt an mir, vor Herrn Oneſime zu ertöthen; es iſt ei Schande, in meinem Alter noch ſolchen Schwächen unte worfen zu ſein.“ 3 Troſtlos über ſeinen Unfall, ſtammelte der arme Junge ein paar Worte der Entſchuldigung; dann ſtellte e 75 das Tiſchchen wieder auf ſeinen Fuß, ſchob das Tobouret auf die Seite und ergriff endlich den unglücklichen Keſſel, während Madame Robert das Mädchen an Salzen rie⸗ chen ließ. Bald zeigte ſich Oneſime heldenmüthig. Als ſeine Tante ſah, daß er das Waſſer in die Urne zu gießen ſich anſchickte, ſagte ſie, während ſie ſich zu⸗ gleich mit dem Mädchen beſchäftigte: „Rühre um Gottes willen den Keſſel nicht mehr an, Du biſt zu ungeſchickt und würdeſt noch eine Albernheit begehen.“ Tief gedemüthigt und eiferſichtig, wieder zu Ehren zu kommen, antwortete Oneſime nicht; er benützte die Unaufmerkſamkeit ſeiner Tante, um gegen ihre Befehle zu handeln, nahm den Deckel von der ürne, ſtützte ſeine linke Hand auf den Rand des Tiſches und hob ſeine rechte Hand, in der er den Keſſel hielt, in die Höhe, um das heiße Waſſer umzugießen . . . Zum Unglück täuſchte Oneſime ſein ſchlechtes Geſicht, und er fing an den Inhalt des Keſſels neben die Mündung der Urne zu gießen ein heſtiger Schmerz that ihm ſeine neue Ungeſchicklichkeit kund; ſeine linke Hand war von dem ſiedenden Waſſer übergoſſen und ſtark gebrannt worden. Oneſime legte, wie geſagt, einen heldenmüthigen Stoicismus an den Tag abgeſehen von einem Beben veranlaßt durch dieſes plötzliche, furchtbare Leiden, gab er keine Klage von ſich, und beſſer unterrichtet durch die ſchmerzliche Folge ſelnes neuen Irrthums, gelang es ihm ſogar, die Urne zu füllen. Dann ſagte er mit ſanften Ton zu ſeiner Tante: „Meine Tante die Urne iſt voll darf ich bereiten? Das Fräulein nimmt vielleicht eine a e 2“ „Wie! die Urne iſt voll?“ fragte die Haushälterin, während ſie ſich raſch umdrehte. „Es iſt, meiner Treue! wahr und ohne ein neues Unglück. Ah! diesmal muß man ein Kreuz an den Kamin machen, mein Junge.“ 76 „In der That, meine liebe Freundin,“ ſagte das Mädchen mit einem Ausdruck liebevollen Vorwurfs, „Du biſt eben ſo ungerecht, als unbarmherzig . . . “ Und ſich an den jungen Mann wendend fügte ſie bei: „Hören Sie nicht darauf, Oneſime, dieſe böſe Tante iſt nur darauf bedacht, Sie zu quälen, doch ich, ich werde Sie vertheidigen . . Mittlerweile bitte ich Sie um eine Taſſe Thee . . . „Barmherziger Gott!“ rief die Haushälterin lachend, „der Unglückliche wird den reizenden weiß und roſenfar⸗ bigen Sorvice, den der Herr von ſeiner letzten Reiſe mitgebracht, hat, in Stücke zertrümmern.“ Oneſime machte aber die ärgerliche Weiſſagung ſei⸗ ner Tante zu Schanden und brachte muthig und ohne anzuſtoßen die Taſſe Thee dem Mädchen, das zu ihm ſagte: „Ich danke für Ihre Artigkeit, Herr Oneſime.“ Und ſie begleitete dieſe Worte mit dem liebenswür⸗ digſten Lächeln „da begegnete ſie den großen, ſchwer⸗ müthigen, verſchleierten Augen des armen Kurzſichtigen, die ſich maſchinenmäßig gegen ſie wandten und ſie zu ſuchen ſchienen . .. Dieſer irre, traurige, beinahe flehende Blick rührte ſeine Gefährtin und ſie dachte: „Ach! er hat nicht bemerkt, daß ich ihm zulächelte; ſein armer, ſanfter Blick ſieht ſtets aus, als bäte er um Vergebung für ſeine Schwäche.“ Dieſe Gedanken machten ſie ſo traurig, daß die Haushälterin ſie fragte: „Was haben Sie denn, mein Kind? Sie ſcheinen betrübt zu ſein.“ Bei dieſen Worten ſeiner Tante wandte Oneſime ſogleich ſeine Augen beſorgt nach der Seite ſeiner Ge⸗ fährtin, als wollte er den Ausdruck ihrer Züge befragen; doch alsbald bedenkend, daß es ihm unmöglich etwas zu unterſcheiden, neigte er traurig das Haupt un verbarg unter ſeinem Sacktuch ſeine verbrannte Hand, d ihm heftige Schmerzen verurſachte. 77 Durch die Bemerkung der Haushälterin in Verle⸗ genheit gebracht, antwortete das Mäpchen: „Du täuſcheſt Dich, meine gute Freundin, ich bin nicht betrübt.. Du ſprachſt nur ſo eben von meinem Va⸗ ter und haſt mich daran erinnert, daß er ſeit mehreren Tagen bei uns ſein müßte, aber nicht kommt.“ „Deshalb quälen Sie ſich, mein Kind?.. Iſt es das erſte Mal, vaß der Herr nicht an dem Tag kommt, den er uns beſtimmt hatte?“ „Dieſer Verzug hat hoffentlich keine ärgerliche ur⸗ ſache doch er heunruhigt mich.“ „Mein Gott! mein Fräulein, kann der Herr nicht wider ſeinen Willen durch ſeine Handelsgeſchäfte zurückge⸗ halten worden ſein? Glauben Sie, man könne ſeine Rück⸗ kehr für eine beſtimmte Stunde ankündigen, wenn man die Commiſſion von Rouenneries *) und andern Stoffen im Großen treibt? Knüpft ſich nicht oft ein neues Geſchäft gerade in dem Augenblick an, wo man abreiſen wollte? und dann iſt man genöthigt, zu blelben.“ „Meine Tante hat Recht, Fräulein,“ bemerkte One⸗ ſime, „die Handelsoperationen ſind ſo unvorhergeſehen! „Es iſt wahr, Herr Oneſime.“ „Abgeſehen davon, mein Kind,“ fuhr die Haushäl⸗ terin fort, „abgeſehen davon, daß der Herr nie zu⸗ rückkommen will, ohne Ihnen alle Arten von hübſchen Dingen mitzubringen, und zwar immer von engliſcher Fabrication . ah! ja. . und warum? weil das ſeltener und geſuchter iſt, wie die verbotene Frucht.“ „Oh! ja, dieſer gute, zärtliche Vater überhäuft mich auf jede Art mit ſeinen Freundlichkeiten, und ſo oft er mich verläßt, weint er beinahe eben ſo ſehr als ich.“ „Wohl.. der Herr weiß aber auch vernünftig zu ſein, und wenn er reiſt, ſo geſchieht es in Ihrem In⸗ tereſſe. „Mein Töchterchen ſoll reich ſein,““ ſagte er bei ſeinem letzten Abgang vor zwei Monaten zu mir. „Noch ——— Waaren aus Rouen. 78 zwei gute Rundreiſen, und ihre Mitgift iſt gemacht, und dann, meiner Treue! zum Teufel mit den Handelsgeſchäf⸗ ten, ich verlaſſe mein liebes Kind nicht mehr.““ „Gebe der Himmel, daß dieſer Augenblick bald kommt,“ ſprach das Mädchen ſeufzend; „ich werde nur ruhig und glücklich ſein, wenn der gute Vater beſtändig bei mir weilt. . . Man ſchmiedet ſich ſo viele Befürchtungen wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit. . .“ „Befürchtungen? Verdammte kleine Zaghafte,“ ſagte liebevoll die Haushälterin, „Befürchtungen? worüber denn? welche Gefahr kann ein braver Handelsmann wie der Herr laufen, der ſich nur um ſeine kleinen Geſchäfte be⸗ kümmert und in ſeinem guten Wagen reiſt, um nach ſei⸗ nem Belieben von Stadt zu Stadt anhalten und ſeine Muſter an den Mann bringen zu können? Ich wieder⸗ hole, was wagt er? er reiſt nur bei Tag und hat ſtets ſeinen Commis bei ſich, und Sie wiſſen, dieſer alte Die⸗ ner würde für den Herrn ins Feuer gehen, obgleich er der ſchlimmſt prädeſtinirte Sterbliche iſt.“ „Armer Menſch! es iſt wahr, beinahe auf jeder Reiſe meines Vaters iſt er das Opfer irgend eines Unfalls.“ „Und warum dies? weil er ein alter Schwätzer, ein alter Topfgucker und dabei ſehr ungeſchickt iſt, (ich ſage das nicht in Beziehung auf Dich, mein ſchöner Neffe); deſſen ungeachtet aber wäre der gute Mann ein wahrer Krankenwärter für den Herrn, wenn er unter Weges unpäßlich würde .. Ich frage Sie alſo, was Sie zu befürchten haben, mein Kind?“ „Nichts. .. Du haſt Recht.“ „Bedenken Sie doch, wie es wäre, wenn Sie, wie ſo viele Andere, einen Vater beim Militär, bei der Armer hätten?“ ¹ „Ach! meine arme Freundin, was ſagſt Du da?“ Könnte ich, die ich ſo ſchwach und für alle Eindrücke empfänglich bin, der beſtändigen Unruhe und Furcht, mich heimſuchen würde, widerſtehen? Ich ſollte jed Augenblick denken, mein Vater ſei vielleicht den größt 79 Gefahren . . . dem Tod preisgegeben! .. Oh! .. Du ſiehſt. ſchon die Idee .. .“ „Ja, armes Kind, ſchon die Idee macht Sie ganz bleich, zitternd. .. Das wundert mich nicht, ich kenne Ihre Zärtlichkeit für Ihren Vater. . . Doch verbannen wir dieſe ſchlimmen Gedanken, und um ſie zu zerſtreuen, ſoll Oneſime in der Zeitung weiter leſen ... wollen Sie?“ „Gewiß .. wenn Onefime nicht müde iſt.“ „Nein, mein Fräulein,“ erwiederte der junge Mann, der ſich übermenſchlich anſtrengte, um ſeine immer hef⸗ tiger werdenden Schmerzen zu überwinden. Hienach hielt er die Zeitung ſo nahe als möglich an ſeine Augen, um weiter zu leſen, und ſagte: „Ich glaube hier kommt eine Erzählung, die das Fräulein intereſſiren wird ...“ „Was betrifft dieſe Erzählung, Herr Oneſime?“ „Es iſt abermals eine Heldenthat von dem ſo oft beſprochenen Korſaren von Dieppe, den man die Geißel der Engländer nennt.“ „Mein Kind, ich befürchte, es dürfte dies zu auf⸗ regend für Sie ſein,“ ſagte die Haushälterin, „Ihre Ner⸗ ven ſind heute ſo ſehr angegriffen.“ „Herr Oneſime,“ ſprach lächelnd das Mädchen, „ſieht dieſe Geſchichte ſehr furchtbar, ſehr erſchreckend aus?“ „Ich glaube nicht, denn es handelt ſich um eine Entweichung. So lautet wenigſtens der Titel der Geſchichte „Entweichung des unerſchrockenen Korſaren⸗ Kapitäns l'Endurci, der als Opfer eines hölliſchen Verraths durch engliſche Emiſſäre vom franzöſiſchen Gebiet ent⸗ führt worden war.“ „Das muß in der That intereſſant ſein .. Wollen Sie immerhin leſen, Herr Oneſime, kommt es mir zu ſchrecklich vor, ſo werde ich Sie bitten, aufzuhören.“ K „Ich bin ganz Ohr,“ fügte die Haushälterin mit lüſterner Miene bei, „denn ich liebe die Freibeuterge⸗ ſchichten über Alles.“ 80 Ah! Du, Du biſt muthig,“ ſagte lächelnd das Mäd⸗ chen, „Du biſt beherzt.“ „Wie ein Löwe .. Erzählungen von Schlachten, die ich in der Zeitung jinde, ſind ein wahrer Schmaus für mich oft überläuft mich dabei eine Gänſehaut, und dennoch verzichte ich nicht darauf. Ach! ich bin nicht wie Sie, aume Furchtſame. Mir kommt es vor, als wäre der ſchönſte Stand der Militärſtand... Nun, One⸗ ſime, lies uns das, und findeſt Du etwas für das liebe Kind zu ſehr Erſchreckendes, ſo halte inne oder über⸗ ſpringe es.“ „Seien Sie unbeſorgt, meine Tante,“ erwiederte der junge Mann. Und er begann, wie folgt, die Geſchichte von der Entweichung des Kapitän l'Endurci. Achtes Rapitel. „„Ganz Frankreich kennt den Namen und den Hel⸗ denmuth des Kapitän l'Endurci, Commandanten des Freibeuterſchiffes der Höllenbrand, Brigg von ſech⸗ zehn Kanonen,“ fuhr Oneſime laut das Journal de l'Empire vorleſend fort, „„man weiß die zahlreichen und glänzenden Kämpfe dieſes Korſaren gegen die brittiſche Marine und die beträchtliche Anzahl der Priſen, welche der Höllenbrand während der letzten Kreuzfahrten von den Engländern gemacht hat. „„Vor wenigen Tagen kehrte der Kapitän l'En⸗ durei in den Hafen von Dieppe zurück, mit einem großen, kriegsmäßig bemannten Dreimaſter der vſtindiſchen Com⸗ pagnie von dreißig Kanonen im Schlepptau. Dieſes Fahr⸗ zeug, das mehrere mit Getreide beladene Handelsſchiffe escortirte, wurde mit den letztern von dem unerſchrockenen — — 8¹ Korſaren nach einem beinahe dreiſtündigen erbitterten Kampfe weggenommen, bei dem die Hälfte der fran⸗ ſeſſhen Mannſchaft getödtet oder verwundet worden „Ein Kampf von drei Stunden!“ ſagte ſchauernd das Mädchen,“ ſo viele brave Leute todt oder ſterbend! welch eine abſcheuliche Geißel iſt der Krieg! Ah! diejeni⸗ gen, welche man Helden nennt, flößen mir keine Bewun⸗ derung ein, ſondern Schrecken, Abſcheu!“ „Wir werden uns nie über dieſen Gegenſtand ver⸗ ſtändigen,“ entgegnete lachend die Haushälterin, „ich ge⸗ ſtehe, daß ich fanatiſch für die große Armee eingenommen bin. Doch ein Korſarenkrieg muß noch viel gräßlicher ſein, als ein anderer.“ „Ah! ja,“ ſagte Oneſime, „ein Krieg ohne Gnade und Barmherzigkeit.“ . „Das iſt gerade der Reiz für uns Leſer. Was für Männer müſſen das ſein, dieſe Korſaren! und der Ka⸗ pitän [Endurci, von dem man ſo viel ſpricht, iſt ſicher⸗ lich furchtbar anzuſchauen! Ich denke mir ihn mit einem großen rothen Bart . . mit flammenden Augen und wilder Miene, Piſtolen und Dolch im Gürtel, in einer ſchweren Uniform, worauf in Silber ſchwarze Todtenköpfe geſtickt.“ „Ich bitte, ſchweige,“ ſagte das Mädchen, „das könnte einem ſchreckliche Träume machen.“ Fahre fort, Oneſime,“ ſprach die Haushälterin; da ſie aber bemerkte, daß der junge Mann leicht erbleicht war, und daß einige Schweißtropfen auf ſeiner Stirne perlten, fügte ſie bei: „Was haſt Du denn, mein Junge? man ſollte glau⸗ ben, Du leideſt.“ „Ich! nein, meine Tante,“ antwortete Oneſime, der es ſich zum Vorwurf machte, daß er den furchtbaren . Schmerz, den ihm ſeine Wunde verurſachte, nicht genug⸗ ſam zu überwinden vermochte, ſo, daß ſich das Gefühl dieſes Schmerzes unwillkührlich in ſeinen Zügen verrieth, „ich werde ſogleich weiter leſen, wenn es das Fräulein wünſcht. 8² „Gewiß, Herr Oneſime; doch mir ſcheint, Ihre Tante hat Recht, Sie ſehen leidend aus!“ „Durchaus nicht, mein Fräulein, ich verſichere Sie,“ erwiederte Oneſime lächelnd, „ich bin nur, wie Sie, be⸗ trübt, wenn ich bedenke; welche furchtbare Uebel der Krieg nach ſich zieht. Ach! wird man immer ſehen müſſen, daß ſich die Menſchen einander tödten, ſtatt ſich zu lie⸗ ben und gegenſeitig zu unterſtützen!“ „Oneſime,“ ſagte die Haushälterin, „Du ſprichſt wie ein wahrer Haſenfuß, Du, der Du ein ſo ſchöner Garde geworden wäreſt, wenn Du drei Schritte vor Dich geſehen hätteſt.“ „Wie kannſt Du eine ſolche Idee haben“ entgeg⸗ nete das Mädchen der unverſöhnlichen Tante. „Müſſen wir uns nicht gerade glücklich ſchätzen bei dem Gedan⸗ ken, daß diejenigen, welche wir lieben, keinen großen Ge⸗ fahren ausgeſetzt ſind? Doch ich bitte, fahren Sie fort, Herr Oneſime.“ Der junge Mann las weiter: „„Die Ankunft des Kapitän l'Endurei im Hafen von Dieppe war ein wahrer Triumph. Die ganze Be⸗ völkerung hatte ſich auf den Hafendämmen verſammelt; es waren Vivats und endloſer Jubel, als man lamgſam, ſeine Priſen unter ſeine Kanonen haltend, die Korſaren⸗ brigg, ſchwarz von Pulver, das Takelwerk von Kar⸗ tätſchen zerſchmettert, die Segel von den Kugeln durch⸗ löchert und einen Fetzen von ſeiner dreifarbigen Flagge an ſein Pintertheil genagelt, heranrücken ſah. Der engliſche Dreimaſter war beinahe gänzlich rhede⸗ los; ſeine zahlreichen, bedutenden Havereien zeugten von der Heftigkeit des Angriffs und der Vertheidigung; aber⸗ mals ſchrie man von allen Seiten: Es lebe Frank⸗ reich! es lebe der Kapitän l'Endurei! als der unerſchrockene Korſar den Fuß auf den Landungsplatz ſetzte; doch der Triumph des Kapitäns wurde eine wahre Hul⸗ digung, als man erfuhr, der ſo unerſchrocken gekaperte Dreimaſter führe mehrere Transporte Getreide; bei dem 83 Mangel an Korn, unter dem Frankreich leidet, iſt ein ſolcher Fang eine öffentliche Wohlthat, und man weiß zu dieſer Stunde, daß der Kapitän l'Endurci, der von die⸗ ſer nahe bevorſtehenden Getreidezufuhr Kunde hatte, einige Tage kreuzte, um ſie zu erwarten, und dabei die reichſten Priſen, die er ohne Gefahr hätte angreifen können, ver⸗ nachläßigte; kurz, der Triumph des Kapitän [Endurci war vollkommen und wird eine glorreiche Stelle in den Jahrbüchern der Stadt Dieppe einnehmen.““ „Oh! das iſt ſchön! das iſt herrlich!“ rief ganz be⸗ geiſtert die Haushälterin. „Ah! ich gäbe zehn Jahre von meinem Leben, um die Mutter, die Frau oder die Schweſter eines ſolchen Helden zu ſein: wie ſtolz wäre ich!“ „Oh! meine Freundin,“ ſagte das Mädchen, ich mei⸗ nes Theils geſtehe Dir in aller Demuth oder vielmehr in aller Seligkeit, ich ſchätze mich tauſendmal glücklicher, die Tochter eines guten Handelsmann zu ſein, als einen blut⸗ dürſtigen Helden, wie dieſer Korſar oder andere Kriegs⸗ leute ſind, zum Vater zu haben.“ „Mein Gott! mein Gott! liebes Kind, wie wenig ehrgeizig ſind Sie! Würde es Sie nicht ſtolz machen, ſa⸗ gen zu können: dieſer furchtbare Mann iſt mein Vater, oder: es iſt mein Gatte, mein Bruder?“ „Wäre er abweſend, ſo würde ich für ihn zittern bei dem Gedanken an die Gefahren, den er preisgegeben, wäre er anweſend, ſo würde ich beſtändig Blut an ſeinen Händen zu ſehen glauben,“ fügte das Mädchen ſchauernd und erbleichend bei.“ „Mein Kind, Sie ſind in der That nicht vernünftig, daß Sie ſich von allen Eindrücken ſo ſehr ergreifen laſſen,“ erwiederte die Haushälterin im Ton liebevollen Vorwurfs; „Sie ſchaden ſich.“ „Mein Fräulein, ſoll ich nicht weiter leſen?“ fragte der junge Mann. „Nein, nein Herr Oneſime, verzeihen Sie dieſe Schwäche, der ich mich ſchäme.“ Dann, indem ſie zu lächeln ſuchte, ſagte ſie zur Haushälterin: „Es iſt auch Dein Fehler . . Deine ehrgeizigen Ideen haben dieſes Geſpräch herbeigeführt .. Doch Du wirſt zu vernünf⸗ tigeren Gedanken zurückkehren und, ſtatt von einem Helden der großen Armee zu träumen, Dich an einem ſchönen Tag entſchließen, den armen Seufzenden zu heirathen, der Dich ſeit ſo vielen Jahren liebt.“ „Ich,“ rief die Haushälterin, „ich den Commis vom Herrn heirathen, einen Civiliſten, einen Peking, wie die Soldaten ſagen, einen Menſchen, den ich für eben ſo ha⸗ ſenherzig, als ungeſchickt halte, der von jeder Reiſe, die er mit dem Herrn macht, mit etwas mehr oder weniger zu⸗ rückkommt? Einmal iſt es ein Mühlrad, das ihm den Fuß halb zerquetſcht und ihn hinkend macht; ein ander⸗ mal läßt er zwei von ſeinen Fingern in den Zähnen einer Maſchine, die er, wie er ſagt, hatte berühren wollen; iſt er nicht endlich wieder an einem andern Tag . . . und es würde mich nicht wundern, wenn er an dieſem Tag be⸗ trunken geweſen wäre, (wie er uns erzählt hat), ſo unglück⸗ lich auf die Scherben einer Flaſche gefallen, daß der arme Mann davon eine ſolche Narbe im Geſicht behalten hat, daß man glauben ſollte, ſie rühre von einem Säbelhieb her!“ „Ei! meine Tante,“ ſagte Onefime lächelnd, „ſo laß Dich wenigſtens von dieſem Anſchein einer martialiſchen Wunde zu Gunſten des würdigen Mannes rühren.“ „Herr Oneſime hat Recht,“ rief das Mädchen eben⸗ falls lachend, „ſieht man an Deinem Arm dieſen Benarb⸗ ten, ſo wird man ihn für einen Helden der großen Armee halten, die Du ſo ſehr liebſt, und Du kannſt nach Deinem Belieben ſtolz ſein.“ „Nur Geduld, ſo rechne ich nicht,“ erwiederte heiter die Haushälterin, „ich liebe die Helden, aber nicht die In⸗ validen. Fahre nun fort, Oneſime; ich bin ſehr begierig, zu hören, wie dieſer furchtbare Korſar durch Engländer auf franzöſiſchem Gebiet entführt werden konnte.“ „Hören Sie alſo die Folge dieſer Erzählung, mein Fräulein,“ ſagte Oneſime. 85⁵ „„Nachbem der Kapitän [Endurci, um ſeine Pri⸗ ſen in Verwahrung zu bringen, drei Tage in Dieppe ge⸗ blieben war, verließ er den Hafen und ſchlug den Weg nach Paris ein, wobei er unglücklicher Weiſe, um ſeine Angelegenheiten zu ordnen, ſeinen Geſchützmeiſter, einen ſeiner älteſten Waffengefährten, der übrigens im letzten Gefecht ſchwer verwundet worden war, zurückließ. Mit Hülfe dieſes braven Seemanns wäre der Kapitän [En⸗ durci wahrſcheinlich nicht das Opfer des ſchändlichen Hinterhalts geworden, in den er gefallen iſt. „„Zwiſchen der zweiten und dritten Statlon auf dem Wege von Dieppe nach Paris wurde von zwei engliſchen Emiſſären, die ohne Zweifel den Augenblick, ſich des Ka⸗ pitän [Endurci zu bemächtigen, erlauert hatten, die Ent⸗ führung mit unglaublicher Verwegenheit verſucht und aus⸗ eführt.“ „„Es ſcheint, daß dieſe Emiſſäre unter einem geſchickten Vorwand die Leichtgläubigkeit des Poſtillon, der die Poſi⸗ chaiſe führte, mißbrauchten und mit ihm verabredeten, ſie würden ihm auf der Straße bis zu einem beſtimmten Punkt vorangehen, wo ſodann, die Dunkelheit der Nacht und ein durch eine jähe Steige veranlaßtes Halten be⸗ nützend, Einer von ihnen den Platz des Poſtillon einnehmen und den Wagen eine Zeit lang führen ſollte. „„Dieſer Plan gelang. Der Poſtillon glaubte nur für kurze Zeit die Führung ſeines Geſpanns abzutreten, doch kaum ſaß der engliſche Emiſſär im Sattel, als er die Pferde zu einer furchtbaren Geſchwindigkeit antrieb, wäh⸗ rend der Poſtillon von dem andern Engländer, der ſich an die Federn der Poſtchaiſe angeklammert hatte, halb⸗ todt auf die Straße geſchleudert wurde. „„Anfangs erſtaunt über das ungeſtüme Laufen der Pferde auf einer jähen Steige, glaubte der Kapitän l'En⸗ durei, der Poſiillon habe es verſäumt, den Hemmſchuh einzulegen, und werde von den Pferden fortgeriſſen. Bald aber mäßigte ſich dieſer unvorſichtige Gang, und der Wa⸗ gen rollte nur mit einer außerordentlichen Schnelligkeit weiter. 86 „„Da die Nacht ſehr finſter geworden war, ſo konnte der Kapitän l'Endureci nicht wahrnehmen, daß der Wa⸗ gen, ſtatt der Landſtraße zu folgen, eine andere Richtung nahm. Er hatte nicht den geringſten Verdacht, wußte durchaus nichts von dem Wechſeln des Poſtillon, fuhr ſo ungefähr anderthalb Stunden und entſchlief endlich. „„Der Wagen hielt an; der Kapitän erwachte plotz⸗ lich, glaubte, er ſei auf der Station angekommen, und ſtieg, da er ein paar Laternen in der Nähe der Poſtchaiſe er⸗ blickte, ohne irgend ein Mißtrauen aus, als mehrere Män⸗ ner auf ihn losſtürzten, und ehe er eine Bewegung ma⸗ chen konnte, war er geknebelt und auf den Strand des ſieben Meilen von Dieppe gelegenen, als ein Schlupfwin⸗ kel kühner Schmuggler bekannten, kleinen Hafen von Hoſey gebracht. „Unfähig, ſich zu rühren und ein Wort zu ſprechen, ward der Kapitän an Bord eines Chaſſe⸗marée eingeſchifft und immer geknebelt unten in den Raum geworfen. „„Die Fluth und einen günſtigen Wind benützend, wandte ſich das leichte Fahrzeug nach einigen Augenblicken mit vollen Segeln nach der Küſte von England. „Armer Kapitän! wie wird er aus dieſer furchtbaren Lage entkommen ? .. Doch, Gott ſey Dank! er iſt ent⸗ kommen, da das Journal ſeine Entweichung erzählt. Ich will ſterben, wenn ich eine Ahnung habe, auf welche Art er dieſen verfluchten Engländern zu entfliehen im Stande geweſen iſt.“ „Ja, doch es waren vielleicht Repreſſalien,“ entgeg⸗ nete ſeufzend das Mädchen . . „ach! unter dieſen Men⸗ ſchen der Schlachten und des Blutes muß der Haß un⸗ verſöhnlich ſein.“ „Der Kapitän l'Endureci macht entſchieden Ihre Eroberung nicht, mein liebes Kind,“ ſagte die Haushäl⸗ terin. während Oneſime fortfuhr, wie folgt: Das Mävchen ſchültelte ſchwermüthig den Kopf, „Der Kapitän lEndurci gehört nicht zu den Men⸗ 87 ſchen, welche die Gefahr nieverſchlägt; wir ſind ſo glück⸗ lich in dieſer Hinſicht den Auszug aus einem Briefe des Kapltäns adreſſirt an einen ſeiner Freunde, ſeinen Rheder, geben zu können, aus einem Brief, in dem er ſeine Entwei⸗ chung mit allen ihren einzelnen Umſtänden mittheilt. „Hier der Auszug: „Als ich unten im Raum eingeſchloſſen war (ſchreibt der Kapitän), und mich unfähig fühlte, irgend eine Bewe⸗ gung zu machen, ergriff mich der heftigſte Zorn bei dem Gedanken cn die ſchändliche Treulofigkeit, deren Opfer ich geworden. Ich wäre vor Wuth erſtickt, hätte man mir meinen Knebel gelaſſen. „„Man hatte mich im Raum auf ein paar Stücke altes Segeltuch geworfen; meine Beine waren mittelſt eines langen, paumendicken, betheerten Strickes feſt an⸗ einander geſchnürt, und da man mir meine Hände auf den Rücken gebunden hatte, ſo konnte ich mich meiner Zähne nicht bedienen, um meine Bande zu durchnagen. Ich ver⸗ ſuchte es, indem ich mich bückte, den Strick zu erreichen, mit dem meine Beine gefeſſelt waren .. vergebens. Nach dem geringen Schwanken des Schiffes urtheilte ich, daß es von einer ſtarken Briſe unterſtützt wurde, und daß wir raſch und gerade auf die engliſche Küſte zufahren mußten. „Ich wußte, welches Loos meiner harrte; einige Worte der Feigen, die ſich meiner bemächtigt, halten mir Licht gegeben; ſtatt mich mit einem Schlag zu tödten, zo⸗ gen ſie es vor, mich lange auf den Pontons zu mar⸗ tern. einer von dieſen Engländern ſprach ſogar vavon, er wolle mich ein paar Tage den Verhöhnungen und Be⸗ leidigungen des Pöbels preisgeben. Bei dieſem Gedanken glaubte ich, ich würde wahn⸗ ſinnig werden, und ich ſiel brüllend vor Wuth auf die alten Segel zurück, die mir als Lager dienten. . „Als dieſer erſte Anfall vorüber war, gab mir der Zorn, wie immer, neue Kräſte; mein Blut wallte, floß nach meinem Gehirn und ließ hier tauſend Pläne eniſte⸗ 88⁸ hen, von denen der eine immer verwegener war, als der andere; ich fühlte meine phyſiſche und moraliſche Stärke durch das unglaubliche Aufbrauſen aller meiner Lebens⸗ kräfte verzehnfacht. „Ich entſchloß mich zu einem von den Plänen, die der Parorismus meiner Wuth ausgebrütet hatte. „In jeder andern Beſchaffenheit des Geiſtes würde mir dieſer Plan unausführbar vorgekommen ſein, und er wäre es, glaube ich, auch für einen Menſchen geweſen, den nicht über alle Maßen die Gährung des Zorns auf⸗ gereizt hätte, der Zorn, eine furchtbare und mäch⸗ tige Gottheit, wie der indiſche Dichter ſagt.“ Immer aufmerkſamer auf dieſe Erzählung horchend, ſchien die junge Gefährtin des Vorleſers ſeit elnigen Au⸗ genblicken peinlich ergriffen zu ſein; wiederholt bebte ſie, als wollte ſie einem ſchmerzlichen Gedanken entfliehen, plötzlich unterbrach ſie unwillkührlich die Vorleſung und rief: „Ah! . dieſer Menſch macht mich ſchauern.“ „Warum denn?“ fragte die Haushälterin . . „Mir kommt der unerſchrockene Korſar muthig vor wie ein Löwe.“ „Ja, doch der eiſerne Charakter!“ entgegnete das Mädchen immer mehr bewegt, welche Heftigkeit! und man ſollte glauben, dieſer Menſch wolle den Zorn ver⸗ herrlichen, vergöttlichen!“ Dann fügte ſie abermals be⸗ bend bei: „Oh! die Heftigkeit! der Zorn .. das iſt gräßlich!“ Und bleich und am ganzen Leibe zitternd wiederholte ſie: „Oh! der Zorn. .. das iſt gräßlich!“ Ohne ein großes Gewicht auf die Erſchütterung des Mädchens zu legen, erwiederte die Haushälterin: „Hoͤren Sie doch, mein Kind, Sie ſagen, der Zorn ſei gräßlich; meiner Treue, je nachdem, denn ſollte der unerſchrockene Korſar am Ende im Zorn die Stärke und die Mitiel finden, den verrätheriſchen Engländern zu ent⸗ kommen, ſo hatte er hübſch Recht, und ich an ſeiner Stelle doch ich mein Gott!“ rief ſſie, als ſie das 89 Mäpchen todesbleich werden und die Augen ſchließen ſah, als wäre es auf dem Punkt, in Ohnmacht zu fallen, „aber mein Gott! was haben Sie denn?“ Bei dieſen Worten ſeiner Tante und bei dem Ge⸗ räuſch, das ſie veranlaßte, als ſie aufſtand, um ſich raſch ſeiner Gefährtin zu nähern, machte Oneſime eine Bewe⸗ gung, um auch dem Mädchen zu Hülfe zu kommen; doch er ſetzte ſich traurig wieder nieder, befürchtend, er könnte eine Ungeſchicklichkeit begehen, und troſtlos darüber, daß er nicht einmal in den Zügen von derjenigen, für die er zit⸗ terte, zu leſen vermochte, ob vie Aufregung, unter der ſie litt, ſich legte oder erſchwerte, denn es herrſchte einige Secunden lang eine Stille, welche die Haushälterin bald dadurch unterbrach, daß ſie mit wachſender Angſt ausrief: „Mein Kind, Sie antworten mir nicht? . Ihre Lippen zittern . . . Sie weinen „ WMein Golt! was haben Sie?“ Dieſe Worte gelangten nicht zu den Ohren der Ar⸗ men; den Blick ſtarr ihre großen Augen noch mehr vergrößert durch den Schrecken und die Störung ihrer Sinne, bezeichnete ſie durch eine Geberde eine ohne Zwei⸗ fel aus der Verwirrung ihrer Gedanken entſtandene Er⸗ ſcheinung und murmelte mit keuchender, ſtockender Stimme. „Dieſer Mann! oh! dieſer ſchwarz gekleidete Mann dieſe finſtere Erinnerung aus meiner Kindheit. hier iſt ſie abermals!“ „Beruhigen Sie ſich, denken Sie in des Himmels Namen nicht mehr hieran!“ rief die Haushälterin, „wiſ⸗ ſ Sie nicht, wie betrüblich dieſe Gedanken für Sie nd?“ „Oh!“ verſetzte das Mädchen in einer völligen Ver⸗ irrung des Geiſtes, „oh! dieſer Mann, er war ſo gräßlich in ſeinem Aufbrauſen, in ſeinem Z als 0 das iſt ſchon viele Jahre her . ja, ich war noch ganz klein. mir iſt, als ſähe ich ihn noch, mit ſeinem breit⸗ krämpigen Hut, ſeinem ſchwarzen Kamiſol und ſeiner Die ſieben Todſünden. M. Abtb. 6 90 weißen Jupe; eine ſeltſame, unheimliche Tracht, ſchwarz und weiß wie die Livree der Todten. . . Es ſiel dies am Abend vor. . . mein Vater war von Hauſe abweſend... da trat dieſer Mann .. mein Gott! dieſer Mann trat bei uns eln . . . ich weiß nicht, wie er hereinkam ich hatte ihn nie geſehen. . er bedrohte meine Mutter, die mich in ihren Armen hielt. . . Weinend ſprach ſie zu ihm, deſſen erinnere ich mich genau: „„Gnade wenigſtens für mein Kind!““ Er aber ſchrie, indem er fortwährend meine Mutter bedrohte: „„Du weißt alſo nicht, daß ich in meinem Zorn zu Allem fähig bin! . .“ Und dann ſtürzte er auf ſie los . . dann meine Mutter oh! meine Mutter. . . todt. .. und ich .. Die Arme konnte nichts mehr ſagen, ſie verfiel in heftige Krämpfe, die ihr faſt immer dieſe ſchmerzliche, furchtbare Erinnerung aus ihren erſten Jahren verurſachte, ein düſteres Ereigniß, eine unſelige Erſchütterung, von der die nervöſe, krankhafte Empfindlichkeit, die unwillkührlichen, unbeſtimmten Bangigkeiten herrührten, denen die Unglück⸗ liche ſeit ihrer Kindheit unterworfen war. Dieſe Kriſe legte ſich bald durch die erfahrene Für⸗ ſorge der Haushälterin, welche leider nur zu ſehr daran gewöhnt war, ihr dieſelbe angedeihen zu laſſen. Sobald die junge Perſon, deren Charakter eine ſeltſame Miſchung von Schwäche und Feſtigkeit bot, zu ſich kam, beklagte ſie es, ſchämte ſie ſich, daß ſie ſo wenig Seibſtbeherr⸗ ſchung während der Erzählung der Flucht des Korſaren behauptet hatte, eine Erzählung, die ihr, für ſie uner⸗ klärlicher Weiſe, zugleich Schrecken und eine Art von un⸗ heimlſcher Neugierde einflößte. Trotz der ſchüchternen Bitten von Oneſime verlangte ſie auch durchaus, daß dieſer ſeine ſo traurig unterbrochene Vorleſung fortſetzte. Als die Haushälterin dieſes Beſtehen auf ihrem Wil⸗ len wahrnahm, hieß ſie Oneſime die Erzählung von der Flucht des Kapitän l'Endurei ſortſetzen, denn fie be⸗ fürchtete, in dieſem Angenblick beſonders dürſte ſelbſt ei 91 leichter Widerſpruch auf eine gefährliche Weiſe auf die fieberhafte Organiſativn des Mädchens einwirken. Meuntes Bapitel. Oneſime las alſo in dem von dem Korſaren 1'En⸗ durei in Beziehung auf ſeine Flucht geſchriebenen Briefe weiter: . „„Um meinen Entweichungsplan zu verwirklichen, mußte ich vor Allem meine Bande löſen. Da es mir nicht ge⸗ lang, ſie in den Bereich meines Mundes zu bringen, um ſie mit meinen Zähnen zu zernagen, ſo ſann ich auf ein anderes Mittel: indem ich auf dem Bauch kriechend herum ſtörte und mit meinem Geſicht umhertaſtete, da mir der Gebrauch meiner Hände, die man mir auf den Rücken ge⸗ bunden, verſagt war, traf ich einen großen eiſernen Haken, der im Innern des Raumes feſtgenietet war und ohne Zweifel zur Schichtung des Ballaſts diente. Ich näherte mich dem Haken, lehnte mich mit dem Rücken daran an und begann meine Bande auf dem Eiſen zu zerreiben und auf der Spitze zu zerſtückeln. Nach zwei Stunden hatte ich meine Stricke genug durchſägt, um ſie durch ein heftiges Rütteln vollends zu zerreißen; denn der Zorn verlieh mir eine unberechenbare Kraft. „„Sobald ich meine Hände frei gemacht hatte, war 3 ei nach dem in mir feſtgeſtellten Plan nur ein piel. „„Ich hatte meinen Feuerſtahl, meine Pfeife, Zunder, ein Päckchen Tabak und ein langes Wallfiſchfänger⸗Meſ⸗ ſer bei mir, durchſchnitt die Bande an meinen Beinen und rutſchte, völlig Herr meiner Bewegungen, auf den Knieen, da ich mich nicht aufrecht halten konnte, durch den Raum. „Ich fand nichts als einige Stücke von alten Segeln und ein paar Tauenden; der einzige Ausgang, durch den ich hinaus konnte, war durch eine große viereckige Füllung verſchloſſen, deren dicke Bohlen ſich an einer Stelle ein wenig geſpalten hatten; durch dieſe Spalte erblickte ich die Mondhelle; indem ich mich bückte und meine Hände auf die Kniee ſtützte, ſuchte ich nun die Füllung mit meinen Schultern aufzuheben. Vergebens ſtrengte ich mich an, ſie wurde außen, wie dies ſein mußte, von zwei ſtarken eiſernen Stangen feſtgehalten. „„Umhertappend ergriff ich ſodann einige betheerte Tauenden, drehte ſie aus einander und machte Werg dar⸗ aus; dann zerſchnitt ich in Streifen einige Stücke von dem alten Segel, auf das man mich geworfen hatte. Dleſe Streifen breitete ich auf dem betheerten Werg aus, das ich gemacht hatte, und legte das Ganze unter die Füllung an der Stelle, wo ſich eine Spalte von einigen Linien fand, hierauf leerte ich meinen ſehr trockenen Ta⸗ bak auf das Werg, um es brennbarer zu machen. Ich ſchlug Feuer, zündete den Schwamm an, warf ihn auf das Werg, und begann kräftig zu blaſen. „„Das Werg ſing Feuer und theilte es den alten Segel⸗ ſtücken mit; in einem Augenblick war der Raum von einem dicken Rauch erfällt, von dem ein Theil durch die Spalte der Füllung entſtrömte, und ich ſchrie aus Leibeskräften: „Feuer! Feuer!“ Mein Geſchrei und der ſtarke Brand⸗ geruch, der aus dem Raume hervorkam, erſchreckten die Seeleute; ſie befürchteten eine Feuersbrunſt. Ich vernahm eine große Bewegung auf dem Verdeck, die Füllung wurde weggenommen, und es entſtrömte aus der Luke eine Maoſſe dicken Rauches, der ſo blendend für diejenigen war, welche, auf dem Verdeck gruppirt, ſich zu der Quffnung des Raumes hinabneigten, daß ich mit einem Sprung heraustreten, 93 und, mein Meſſer in der Hand, nach dem Vordertheil des Schiffes ſtürzen konnte; ich ſtand vor einem Mann von hoher Geſtalt in braunem Caban; ich erdolchte ihn; er fiel rückwärts in das Meer; dann ſprang ich nach der Art, welche immer in der Nähe des Bätingholzes liegt, (um in Nothfall das Kabeltau durchhauen zu können), ſchlug einen andern Mann zu meinen Füßen nieder und durch...““ Oneſime hielt plötzlich inne; es hatte ihn hingeriſſen, mehr zu leſen, als er wollte, und nun befürchtete er, die Erzählung von dieſer Schlächterei könnte einen zu leb⸗ haften Eindruck auf ſeine Gefährtin hervorbringen. Dieſe ſtrengte ſich in der That gewaltig an, um den Abſcheu zu verbergen, den ihr das Gemetzel verurſachte, das ſich in ihren Augen ſelbſt nicht durch die Nothwendigkeit einer Flucht rechlfertigen ließ; doch ſie bezwang ſich ſo⸗ wohl aus Vernunft, als auch, um die ſeltſame Neugierde zu befriedigen, die ihr die Erzählung unwillkührlich ein⸗ flößte, und, was nicht zu vergeſſen iſt, ſie fuchte ſich auch zu bewältigen, um die Haushälterin nicht einer Leſung zu berauben, die ſie zu intereſſiren ſchlen. „Du haſt Recht, daß Du inne hältſt, mein Junge,“ ſagte die Tante zu ihrem Neffen, „Du hätteſt ſogar früher abbrechen müſſen.“ „Meine liebe Freundin,“ entgegnete das Mädchen, „gebrauchſt Du meinetwegen dieſe Vorſicht, ſo iſt dies unnöthig. Ich will mich abzuhärten ſuchen.“ „Wahrhaftig! mein Kind! Sie hätten den Muth! ... deſto beſſer, denn ich muß geſtehen, ich brenne vor Be⸗ gierde, vas Ende zu erfahren . Und da Sie das nicht zu ſehr angreift . . . “ „Haben Sie die Güte, fortzufahren,“ ſagte das Mädchen zu Oneſime. Dieſer las: „„ — ſchlug einen andern Mann zu meinen Füßen nieder und durchhieb halb den Arm eines Menſchen, der ſich, einen Säbel in der Fauſt, auf mich warf. Dies Alles geſchah in einem Augenblick; die Beſtürzung der 94 Mannſchaft benützend, wollte ich, da ich mich nach dieſem erſten Ausbruch meines Zornes, meiner ſo lange zurückgehaltenen Wuth ſchon ruhiger, behaglicher fühlte, 86 wenig ſehen, wo ich wäre, und mich etwas ſam⸗ meln. „„Es herrſchte eine prachtvolle Mondhelle; die Briſe war friſch, das Meer ſchön, ein alter Matroſe mit weißen Haaren hielt das Steuerruder, ein Schiffsjunge und drei andere Matroſen hatten ſich erſchrocken nach dem Vordertheil geflüchtet, der Mann, den ich mit der Art niedergeſchlagen, rührte ſich nicht mehr, der, den ich verwundet, lag auf den Knieen und ſtützte ſeinen rechten Arm auf ſeine linke Hand. „„Nach dieſer Berechnung hatte ich noch drei kräftige Männer, einen Knaben und einen Greis gegen mich, doch dieſe Leute ſchienen durch meinen ungeſtümen Angriff entmuthigt zu ſein. „„Ich erblickte in dieſem Augenblick ein Paar Piſtolen, welche in der Nähe des Steuerruders hingen; ehe einer von den drei Matroſen eine Bewegung machen konnte, ſprang ich nach dieſen Waffen; ich hatte meine Art zwiſchen meinen Zähnen und zwei Schüſſe zum Abfeuern; meine zwet Kugeln bürgten mir für zwei Männer und machten die Partie gleich. Ich am Steuerruder, der alte Matroſe und der Schiffsjunge am Takelwerk, ſo konnten wir zur Noth die erforderlichſten Evolutionen ausführen, denn das Wetter war herrlich, und wir moch⸗ ten nur zehn bis zwölf Meilen von der franzöſiſchen Küſte entfernt ſein. „„Nachdem ich ſo meine Lage raſch berechnet hatte, ſpanute ich meine Piſtolen, ſtürzte auf die drei Männer zu, die ſich von ihrem Erſtaunen noch nicht erholt hatten, denn dies Alles war in zwei „Minuten geſchehen, und rief: „„Ihr werdet ſogleich in den Raum hinabſteigen wo nicht, ſo ſchieße ich zwei von Euch nieder und er⸗ ſchlage den dritten mit der Art.“ „ 95 „„Zwiſchen mir und dieſen Leuten war nur die Breite der Füllung, ungefähr vier Fuß, ich konnte ſie alſo auf das Sicherſte niederſchießen. Sie ſprangen in den Raum, wo gerade die wenige brennnbare Materie, die ich angezündet hatte, vollends erloſch; der Berwundete ging hinab, ſo gut er konnte, ich ſchloß die Füllung wieder, befeſligte die eiſernen Stangen, von denen ſie gehalten wurde, und kehrte auf das Hintertheil zurück. „„Gib mir den Helmſtock,“ ſagte ich zu dem alten Matroſen, indem ich ſeinen Platz am Steuerruder ein⸗ nahm; „„Du und der Schiffsjunge, Ihr werdet das Se⸗ gelwerk manveubriren . manveuvrirt richtig, oder ich zerſchmettere Euch die Hirnſchale.““ „„Ich nahm den Helmſtock aus den Händen des Matroſen, als dieſer einen Schritt zurückweichend ausrief: „„Es iſt der Kapitän l'Endurci!““ „„Du kennſt mich?““ „„Ob ich Sie kenne, Kapitän! Ich habe zwei Fahrten auf dem Höllenbrand gemacht.“ „„Wie heißeſt Du?““ „„Simon von Dünktrchen.““ „„Es iſt wahr, ich erinnere mich Delnes Geſichtes. Ah! Elender, Du wollteſt mich den Engländern auslie⸗ fern, mich, Deinen alten Kapitän!““ „„Ich will auf der Stelle todtgeſchoſſen werden, wenn ich wußte, daß es Sie betraf, Kapitän.““ „„Dieſes Chaſſe⸗marée gehört alſo Dir?““ „„Mein, Kapitän, Bezelek „„Wo iſt er?““ „„In der Tiefe der See; es war der Mann in braunem Caban, der zuerſt von Ihnen getödtet über Bord gefallen iſt.“ „„Und wie konntet Ihr Beide, Du und er, Euch zu Mitſchuldigen meiner Entführung machen?““ „„Verdammt, Kapitän . . wir trieben ein wenig Schmuggelei, ein wenig Alles.““ „„Ich bemerke es wohl.““ 96. „„Vorgeſtern kamen zwei Engländer ... ſehen Sie, hier liegt einer von ihnen.““ „Und er veteit auf den auf dem Vordertheil aus⸗ geſtreckten Leichnam. „„Wirf das ins Meer,““ ſagte ich. „„Unterſtützt vom Schiffsjungen wälzte der alte See⸗ mann den Körper über das Dahlbord des Chaſſe⸗marée. „„Und der andere Engländer?““ fragte ich den Ma⸗ troſen. „„Er iſt im Raum, Kapitän; ihm haben Sie den Arm halb abgeſchlagen. „„Und wie haben dieſe Leute Euch zu ihren Genoſſen gemacht? 24 „„Sie ſagten zu Bezelek: „„Du bekommſt fünfzig Guineen, wenn Du einwilligſt, einen Mann, den wir Dir bringen, nach England hinüber zu ſchaffen; wir wol⸗ len ihm kein Leid zufügen; doch wenn er ſich widerſetzt, ſo mußt Du uns mit Deinen Leuten unterſtützen, um ihn zu knebeln, zu binden und unten in den Raum Deines Chaſſe⸗marée zu bringen . . . Fünfundzwanzig Guineen erhältſt Du zum Voraus und ſünfundzwanzig bei unſerer Ankunft in Falkeſtone.“ Da es ſich im Ganzen nicht um den Tod eines Menſchen handelte, ſo ließ ſich Be⸗ zelek durch das Gebot in Verſuchung führen .. Alles wurde verabredet und man brachte Sie zu uns, Kapitä Doch ich ſchwöre Ihnen, vaß ich nicht wußte, daß e es waren, Kapitän; ſonſt hätte ich mich nicht in die S gemiſcht.““ „Vier Stunden, crin ich ven Raum verlaſſen, befand ich mich im Angeſicht des kleinen Hafens von Feen wo ich Sun und wl landete.““ „Unſere Leſer werden uns ant wiſſen ꝗjůgte das Journal die l'Empire bei), daß wir ihnen dieſen Aus⸗ zug aus der Erzählung des braven Korſaren gegeben haben. Durch ſeine Kaltblütigkeit und war der 4 — 97 Kapitän l'Endurci, Goit ſei Dank, im Stande, einem ſchändlichen Hinterhalt zu entkommen. Wir wollen hof⸗ fen, daß ſein Name noch lange der Schrecken der Feinde Frankreichs iſt.“ Nachdem Oneſime bis zum Ende geleſen hatte, legte er die Zeitung auf den Tiſch. „Welch ein Mann!“ Kief die Haushälterin voll Be⸗ wunderung, „welch ein Mann iſt dieſer Korſar! allein, geknebelt, gebunden findet er Mittel, ſo muthig einer ſolchen Gefahr zu entkommen.“ „Aber wie viel Blut iſt dabei vergoſſen worden,“ ſagte ſchaudernd das Mädchen ... „Und kein Wort des Bedauerns, des Mitleids ſür ſeine Opfer! Mit welch einer grauſamen Gleichgültigkeit ſpricht dieſer Menſch von Leuten, die er ohne Widerſtand niedergemetzelt hat . . . denn überfallen, wehrten ſich dieſe Unglücklichen nicht.“ 3 iſt wahr,“ fügte Oneſime mit halber Stim⸗ me bei. ₰ Seine Tante hörte es nicht und ſprach zu dem Mädchen: „Das iſt leicht zu ſagen, mein Kind, doch in einer ſolchen Lage hat man wohl das Recht, „Ei! mein Gott! meine liebe Freundin, Du gedenkſt mir ohne Zweifel zu beweiſen, dieſer Mann ſei das Opfer eines ſchändlichen Verraths geweſen; er habe um jeden s ſeine Freiheit erlangen wollen; bei der Schlächterei ſei er in ſeinem Recht geweſen, dieſe rohe Verachtung des Lebens der Anderen ſei Beherztheit, Heldenmuth . Dies Alles iſt möglich ich bin vielleicht eine ſchlechte Rich⸗ terin. Ich ſpreche nur von meinen Eindrücken, denn während dieſer Erzaͤhlung, die mir, ich muß es geſtehen, eine Art von unheimlicher Neugierde einflößte, fühlte ich nichts als Widerwillen und Abſcheu. Ein Wort, ein Gedanke hat mich beſonders durch ſeine Wildheit er⸗ ſchreckt. . .“ „Welcher Gevanke?“ „Sagt nicht vieſer Menſch, nachdem er zwei von den 98 unglücklichen getödtet und den dritten verwundet hatte: „„Ich fühlte mich behaglicher, ruhiger nach dieſem erſten Ausbruch meines Zornes, meiner Wuth!““ Mein Gott! ruhiger! Cs bedurfte alſo des Blutvergießens, des Mordes, um dieſen wüthen⸗ ven Zorn zu daͤmpfen, der ſeine vorherrſchende Leiden⸗ ſchaft zu ſein ſcheint, eine fluchwürdige Leidenſchaft, deren Hülfe er in verzweifelten Augenblicken anruft, wie An⸗ dere den Beiſtand Gottes anrufen!“ „Ich wiederhole, mein Kind, eln Korſar iſt im Ganzen ein Korſar und kein Heiliger. Was wollen Sie? Jeder treibt ſein Handwerk, wie er es verſteht.“ „Ei! mein Gott, Tante,“ rief Oneſime, der bis vahlin geſchwiegen hatte, „es iſt das Hantwerk des Hen⸗ kers, Köpfe abzuſchlagen, und das iſt ein gräßliches Handwerk.“ „Ah!“ rief das Mädchen, „ich war feſt überzeugt, Oneſime denke wie ich.“ . „Ei! ich glaube wohl,“ ſagte die Hauehälterin la⸗ chend, „das iſt eine wahre Weiberſeele. Kann er von Schlachten ſprechen?“ „Ich geſtehe in aller Demuth, meine Tante, daß ich nichts von dem habe, was die Helden bildet,“ er⸗ wiederte Oneſime lächelnd; „ich geſtehe auch, daß ich, wenn ich Gefangener wäre und meine Freiheit durch den Tod meines grauſamſten Feindes erkaufen müßte, auf die Freiheit verzichten würde.“ „Schön, ſchön, Herr Oneſime, das iſt der wahre, das iſt der gute Muth; es iſt auch nicht der der Leute des Kriegs und der Schlächterei,“ ſagte lebhaft das Mädchen, denn der Widerwille, den es gegen die Rau⸗ fer fühlte, rührte vielleicht auch davon her, daß Oneſime bei ſeinem Charalter und ſeinen Gebrechen kein Mann der Thätigkeit ſein konnte. „Oneſime muthig,“ entgegnete die Haushälterie, vie letzten Worte der Beſchützerin des armen Kurzſichtigen erwiedernd, „das iſt nicht Ihr Ernſt.“ 99 Und ſich an ihren Neffen wendend: „Du ſiehſt nicht, vaß das Fräulein Deiner ſpottet, mein armer Junge? Mittlerweile aber lege mein Geſtricke auf dieſes Tiſchchen, mein tapferer Held, und gib mir mein Arbeitskiſtchen, ohne eine Ungeſchicklichkeit zu be⸗ gehen, wenn dies möglich iſt.“ Während ſie ſo ſprach, ſtreckte ſie ihre beiden Hände zugleich gegen Oneſime aus; die eine hielt das Geſtricke, die andere öffnete ſich, um das Kiſichen in Empfang zu nehmen. Der junge Mann war daher genöthigt, ebenfalls ſeine beiden Hände auszuſtrecken, die eine, um das Arbeitskiſtchen zu reichen, die andere, um das Geſtricke zu nehmen, und da das volle Licht der Lampe auf den Tiſch ſiel, ſo bemerkte die unbarmherzige Tante nun erſt die furchtbare Brandwunde, die Oneſime durch das ſiedende Waſſer bekommen hatte, und rief: „Mein Gott! mein Gott! was haſt Du denn?“ „Nichts, nichts, meine Tante,“ erwieverte er, raſch die Hand zurückziehend, während ihn das Mädchen, durch den Ausruf der Haushälterin aufmerkſam gemacht, beſorgt anſchaute. Doch die unverſoͤhnliche Tante erhob ſich haſtig, be⸗ mächtigte ſich beinahe wider ſeinen Willen der Hand ihres Neffen, unterſuchte ſie und rief voll Angſt: „Ah! der unglückliche Junge . er iſt gräßlich ver⸗ brannt.. Du mußt furchtbare Qualen ausſtehen! Das iſt ganz friſch! Wann iſt es Dir denn geſchehen 2“ Und raſch ſich gegen das Mädchen umwendend, das ganz unruhig näherte, ſagte ſie: „Um Gottes willen, ſchauen Sie das nicht an .. es könnte Ihnen bei dem Anblick übel werden! Ah!“ fügte ſie bei, „nun errathe ich . Es geſchah vorhin, Oneſime, als Du das ſiedende Waſſer in die Urne goßeſt. Dein ſchlechtes Geſicht wird Dich getäuſcht haben, mein armer Junge, und aus Furcht, von uns verſpottet zu werden, haſt Du, ohne ein Wort zu ſagen, einen grau⸗ 100 ſamen Schmerz ausgehalten? .. Ah! mein Golt! und er hat den Muth gehabt, uns noch die ganze Zeit vorzu⸗ ſeſen neigte, war bezeichnend. „Oh!“ rief das Mädchen, indem es ſich mit unſäg⸗ licher Rührung und Thränen in den Augen an die Haus⸗ hälterin wandte, „ich ſagte wohl, er ſei muthig Ja, das iſt der wahre Muth, nicht der rohe, wilde Muth, der aus dem Zorn entſproſſen nur Blut und Schlächterei ſucht, ſondern jener Muth edler Herzen, die aus Furcht, diejeni⸗ gen, welche ſie lieben, zu erſchrecken, ohne Klage einen gräßlichen Schmerz auszuhalten wiſſen.“ Die Gemüthsbewegung ſeiner jungen Gefährtin, die Das Stillſchweigen von Oneſime, der vas Haupt — — „—— — „ ſich im Ton ihrer Stimme verrieth, belohnte auf eine gött⸗ liche Weiſe den würdigen Jungen für ſein Märtyrthum; er hatte ſogar das unbeſchreibliche Glück, diesmal den rüh⸗ renden Ausdrück ihrer Züge vollkommen zu unterſcheiden, denn ſie wollte ihrer Tante durchaus die Hand von One⸗ ſime verbinden helfen, und um bei vem Verband mitzu⸗ — — —— wirken, mußte ſie ſich ſehr nahe zu dem armen Kuczſich tigen ſtellen, und ſo konnte er ſich wenigſtens einige Au⸗ genblicke in der Betrachtung der reizenden Züge berauſchen, die erſchaute. Der Verband war beendigt, und Oneſime bedauerte, daß er nur eine einzige Brandwunde hatte, als die Thüre des Salon geöffnet wurde und eine Magd haſtig eintre⸗ tend rief: „Dame Robert! .. Dame Robert! . „Nun, was gibt es?“ „Madame, Herr Legoffiy iſt ſo eben angekommen.“ „Und mein Vater!“ rief das Mädchen, während es, vas Geſicht ſtrahlend von einer plötzlichen Freude, nach der Thüre lief, „mein Vater iſt da?“ „Nein, mein Fräulein .. Herr Legoffin hat mir er gewöhnlich nur undeutlich und gleichſam halbverſchleiert — — 5— — — — 101 geſagt, der Herr habe ſich einen Augenblick bei der Brief⸗ poſt aufgehalten, werde aber ſogleich kommen.“ „Meine liebe Freunvin, ich gehe hinab,“ ſprach vas Mädchen zu der Haushälterin. „Ich will meinen Vater im Vorzimmer erwarten, um ihn früher umarmen zu können. Sie, Herr Oneſime . ich bitte, pflegen Sie Ihre Hand.“ „ Hienach ging das Mädchen raſch ſeinem Vater ent⸗ gegen. „Mein Neffe,“ ſagte Dame Robert zu dem jungen Mann, „begib Dich in Dein Zimmer und beſprenge Deine Hand mit friſchem Waſſer . ich werde Dich beſuchen, ehe ich mich ſchlafen lege, und Dir mittheilen, was Herr Cloarek in Beziehung auf Dich geſagt hat, denn er muß erfahren, warum und ſeit wann ich Dir Gaſtfreundſchaft in ſeinem Hauſe gegeben habe. Ich kenne übrigens ſeine Herzensgüte hinreichend, um überzeugt zu ſein, daß er das, was ich für Dich gethan, billigen wird.“ Oneſime begab ſich unter dem Eindruck einer trauri⸗ gen, unbeſtimmten Unruhe in ſein Zimmer. Kaum hatte er den Salon verlaſſen, als Herr Legof⸗ ſin bei Dame Robert erſchien. Behntes Rapitel. Cs hieße an dem Scharfſinn des Leſers zweifeln, würden wir annehmen, er habe nicht längſt in dem Mäd⸗ chen, der Beſchützerin von Oneſime, Fräulein Sabine Cloarek erkannt, welche erſt fünf Jahre zählte, als ihre Mutter an den Folgen einer furchtbaren Erſchütterung ſtarb; wir hoſfen auch, daß der Scharfſinn ves Leſers eben 102 ſo wenig unzulänglich in Bezlehung auf die Haushälte⸗ rin, Suſanne Robert, früher Amme von Sabine und Vertraute von Madame Cloarek, geweſen iſt. Was den Korſaren⸗Kapitän l'Endurci und ſeinen getreuen Geſchützmeiſter betrifft doch wir ſchweigen, denn wir müſſen den Leſer in ſeiner Sagacität zu belei⸗ digen befürchten⸗ Herr Legoffin trat alſo in das von Fräulein Cloa⸗ rek und Oneſime verlaſſene Zimmer ein, wo ſich Dame Robert befand. Legoffin hatte ſich in den zwölf Jahren, ſeitdem wir ihn aus dem Blick verloren, nur wenig verändert; immer noch hatte er ſein langes, bleiches, unempfindliches, einem Pierrot ähnliches Geſicht, bekränzt von einer kleinen, ſchwar⸗ zen, einer Kopfbinde gleichenden Perrücke; die einzigen Veränderungen, welche die Zeit oder vielmehr die Greig⸗ niſſe in ſeinen grotesk ernſten Zügen bewerkſtelligt hatten, waren: 1. Eine tiefe, am linken Schlafe anfangende und unten an der Wange endigende Narbe (die Folge einer Wunde, die, wie er behauptete, von ſeinem unglücklichen Fall auf eine Flaſchenſcherbe herrührte). 2. Der ganz neue Verluſt eines Auges, ein ſchmerz⸗ licher Verluſt, der ſich durch ein großes ſchwarzes Pflaſter offenbarte (und ohne Zweifel durch einen Unfall verur⸗ ſacht worden war). Trotz dieſer bedeutenden Beeinträchtigung ſeiner na⸗ türlichen Vorzüge trug Herr Legoffin den Kopf hoch; um ſeinen Schwanenhals war eine Cravate von weißer engliſcher Mouſſeline mit roſa Tüpfeln gewickelt, deren Enden auf ſeine ſchwarze Tuchweſte herabſielen; ſein lan⸗ ger Ueberrock mit weißen Metallknöpfen war haſelnuß⸗ farbig, wie ſeine Beinkleider, welche gar angenehm auf ſeinen floretſeidenen Strümpfen und ſeinen großen Schnür⸗ ſchuhen ſpielten; mit ſeiner linken Hand, (welche zweier Finger beraubt war, die er aus Unvorſichtigkeit in den Zähnen einer Maſchine verloren hatte), ſtützte er ſich — nicht.“ 103 auf einen dicken Stock, denn er hinkte bedeutend in Folge eines andern Mißgeſchickes; kurz, nach ſeinem Aeußern hätte man Herrn Legoffin, abgeſehen von ſeiner Geſichts⸗ narbe, für einen alten Notarsſchreiber oder für einen Richter vom Lande gehalten, eine frievliche Erſcheinung, welche übrigens ganz mit ſeinen neuen Functionen als Commis von Herrn Cloarek, Handelsmann in Rouenneries, im Einklang ſtand. Beim Anblick von Herrn Legoffin ſuchte Dame Ro⸗ bert, trotz ver Spöttereien, mit denen ſie ihn zu verfolgen pflegte, nicht zu verbergen, wie ſehr es ſie freute, ihn wiederzuſehen, indem ſie ſich ganz dieſer herzlichen Freude überließ, die ſeine Rückkehr bei ihr verurſachte, bemerkte ſie Anfangs nicht, wie Legoffin ſo zu manveuvriren ſuchte, daß er von ihr nur vom Proſil geſehen wurde, um ſo lange als möglich die Stunde der Erklärung über den neuen Verluſt ſeines Auges zu verſchieben; aber Dame Robert ging ihrem alten Hausgenoſſen enigegen und bemerkte bald, daß er, der Commis von Herrn Cloarek, der mit ſeinen beiden, wenn nicht ſehr ſchönen und ſehr großen, doch wenigſtens durchdringenden und geſcheiten Augen abgegangen war, mit einem ungeheuren Pflaſter zurückkehrte, und ſo rief ſie: „Mein Gott! was haben Sie denn am Auge, Herr Legoffin?“ „Wo denn?“ „Wie! wo denn, am rechten Auge.“ „Am rechten Auge, meine Liebe!“ „Ja, das große ſchwarze Pflaſter.“ „Ah! ſehr gut!“ erwiederte phlegmatiſch unſer Mann, „ich weiß, was es iſt.“ „Ich glaube, daß Sie es wiſſen, und ich befürchte, es zu errathen.“ errathen Sie geniren Sie ſich „Abermals eine Wunde . die Folge irgend einer Ungeſchicklichkeit.“ „ 104 „Pah!“ rief Herr Legoffin mit einer gleichgültigen Miene, „ein Auge, ein einziges Auge . . . „Wahrhaftig! . . . Sie haben ein Auge verloren?“ „Ihnen zu dienen.“ „Ich danke Ihnen für das Geſchenk.“ „Sie werden das nicht immer ſagen, meine Theure, denn was ſein wird, wird ſein.“ „Dieſe Weiſſagung wiederholen Sie mir ſeit langer Zeit fort und fort, mein armer Legoffin.“ „Sie wird ſich verwirklichen.“ „In der That, eine ſchöne Ausſicht; denn ich möchte wohl wiſſen, was Ihnen, wenn es ſo fortgeht, in eini⸗ gen Jahren von Ihnen ſß übrig bleibt? Kommen Sie von beinahe allen Reiſen vom Herrn Cloarek mit etwas weniger zurück. . es iſt wahr, mindeſtens ſeitdem der Herr Handelsgeſchäfte treibt und Sie zum Commis genommen at. . ſo bin ich überzeugt, daß es im Invalidenhauſe Militäre giebt, welche weniger verwundet ſind, als Sie.“ „Jeder nach ſeinem Gewerbe und den Wechſelfällen ſeines Glückes.“ „Indem Sie Ihr Gewerbe trieben, haben Sie Ihr Auge verloren?“ „Ganz richtig.“ „Ich wäre neugierig, zu erfahren, wie das zuge⸗ gangen iſt.“ „Das iſt ganz einfach: Herr Cloarek warf mir ſeit langer Zeit einige Verwirrung in meinen Zahlen vor. Allerdings nahm mein Geſicht furchtbar ab; da ſagte ich zu mir: dagegen gibt es ein Mittel, ich muß eine Brille tragen; nicht wahr, gut geurtheilt, meine Liebe?“ „Ganz offenbar. Weiter?“ „Ich kaufe alſo eine Brille. Das war in Lyon. Ah! verruchter Kaufmann,“ rief Legofſin, indem er mit einem Ausdruck zurückſchauender Wuth die Fäuſte ballte. „Ah! Schuft . ah! Galgenvogel!“ „Beruhigen Sie ſich doch, Legoffin, und fahren Sie fort.“ 105 „Die Sonne ſchien herrlich. Der Laden ves Kauf⸗ manns lag ganz gegen Mittag auf dem Quai du Rhone ganz gegen Mittag, merken Sie ſich das wohl.“ „Was thut das?“ „Das thut ungeheuer viel. Ich verlangte alſo Bril⸗ len zum Probiren. Der Schurke gibt mir eine ich ſetze ſie auf meine Naſe. In dieſem Augenblick hört man Geſchrei auf dem Quat natürlich laufe ich aus Neugierde vor die Thüre.“ „Daran erkenne ich Sie.“ „Ich laufe alſo vor die Thüre. beſtändig mit der Brille auf der Naſe WMerken Sie das wohl.“ „Weiter weiter „Ich ſchaue auf eine Seite und auf die andere, hinab und hinauf, um zu erfahren, woher das Geſchret kommt, als ich plötzlich, während ich hinaufſchaute ah! meine Theure .. „Endigen Sie doch „ „Am rechten Auge einen ſo ſcharfen Schmerz em⸗ pfand, als wäre mir der Augapfel von einem glühenden Eiſen durchbohrt worden.“ „Ah! mein Gott! was war es denn?“ „Durch einen Irrthum dieſes Viehs von einem Opti⸗ ker war eines von den Gläſern melner Brille ein furcht⸗ bar vergrößerndes Glas,“ ſagte Legoffin mit kläglichem Tone, „ein Loupeglas, und da ich die Naſe in die Höhe geſtreckt hatte und die Mittagsſonne gerade mit ihrer ganzen Macht auf meine Brille ſiel, ſo operirte eines von den Gläſern auf mein Auge, wie man mit der Loupe auf den Zunder vperirt . . meln Auge war verbrannt, verkohlt, meine Liebe, das machte frrrr! und ich war einäugig!“ „Iſt das möglich!“ rief Dame Robert erſtaunt, denn ſie konnte kaum an dieſe ſeltſame optiſche Wirkung glauben „ſo haben Sie ihr Auge verloren?“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. .. Doch zur Ent⸗ Die ſieben Topſünden III. Abthl. 7 106 laſtung des Optikers muß ich ſagen, daß, ſeitdem ich nur ein Auge habe, dieſes zwei werth iſt. ich habe meine Augen, oder vielmehr mein Auge von meinem fünfzehnten Jahr; ich ſehe Sie auch ſchon, oh! ſo ſchön, wie Sie es mit fünfzehn Jahren waren, meine Liebe.“ „Ich, mein lieber Legoffin, die ich nur die Augen von meinen wohlgezählten drei und vierzig Jahren habe, ſehe Sie leider, wie Sie find; doch ſprechen wir im Ernſt, ich beklage Sie wegen dieſes neuen Unfalls. Das wird indeſſen wohl der letzte ſein, denn der Herr hat dem Fräulein geſagt, er werde wahrſcheinlich nicht mehr rei⸗ ſen, und durch ein beſonderes Verhängniß widerfährt Ihnen nur während dieſer Reiſen Unglück. Nun, wie iſt, abgeſehen von dem Verluſt Ihres Auges, Alles gegangen?“ „Vortrefflich.“ Der Herr iſt mit ſeinen Geſchäften zufrieden ge⸗ weſen?“ „Sehr zufrieden, der Wind war zum Entzücken.“ „Und er befindet ſich?“ „Ausgezeichnet wohl.“ „Und ſeine Anfälle von Traurigkeit „ wenn er an den Tod der armen Madame denkt?“ „Er hat ſie immer noch . .. Dann ſchließt er ſich ein, bleibt ein paar Stunden allein, und wenn er her⸗ auskommt, ſieht man, daß er geweint hat. Das ver⸗ geht und kommt von Zeit zu Zeit wieder.“ „Und ſein Charakter?“ „Ich bin ein Salpeter im Vergleich mit ihm.“ i vnAuf der Reiſe alſo eben ſo wenig Zornanfälle, als er?“ „Eben ſo wenig.“ „In der That, wenn män bedenkt, wie der Herr vor zwölf Jahren war wie! Legoffin?“ „Das iſt wie Tag und Nacht.“ „ „Dabei fällt mir ein, daß heute erſt die liebe Sa⸗ bine eine von ihren Nervenkriſen bei der Erinnerung an 107 den Tod ihrer armen Mutter gehabt hat. Bei einem ſolchen Unglück kann man es wenigſtens ein Glück nennen, daß der Herr von ihr unter ſeinem bretagniſchen Coſtume an jenem gräßlichen Abend, wo Madame ſtarb, nicht er⸗ kannt worden iſt. Die Arme glaubt immer noch, ein Fremder habe ihre Mutter getödtet, und die unſelige Erinnerung verſetzt ſie zuweilen in ein Delirium.“ „Dieſes Geheimniß wird ſie gluͤcklicher Weiſe nie er⸗ fahren,“ ſagte Legoffin ſeufzend, „das war in der That eine traurige Nacht.“ „Ah! was iſt Alles ſeit jener Zeit vorgefallen, Le⸗ goffin, welche Beſorgniſſe für das arme liebe Kind, für den Herrn!“ „Bin ich je unruhig geweſen, meine Theure?“ „Beunruhigen Sie ſich je über irgend Etwas?“ „Bin ich je verzweifelt?“ „Nein das iſt wahr.“ „Als wir den Herrn in der Verzweiflung darüber, daß er den Tod ſeiner Frau verurſacht, ſodann ſeiner Stelle entſetzt ſahen, die ihm den Lebensunterhalt gab, was ſagte ich Ihnen damals, meine Liebe, da Sie über die Zukunft ſeufzten? Ich ſagte Ihnen: Dem Wolfe der Wald, der Taube das Taubenhaus.“ „Das iſt abermals wahr, da ich aber dieſen ſchönen Rebus eben ſo wenig jetzt verſtehe, als ich ihn früher verſtanden hebe, ſo werden Sie nicht leugnen, daß er mir nicht beruhigend genug erſcheinen konnte.“ „Das iſt möglich, doch ich verſtand vas und ver⸗ ſtehe es noch Der Herr realiſirte alſo das Wenige, was ihm blieb, um für das Bedürfniß ſeiner Tochter zu ſorgen, die er Ihnen anvertraute, und wir reiſten mit einander ab.“ „Ja, und zwei Jahre lang erhielten wir keine Nach⸗ richt von Ihnen.“ „Ah! trotz ſeiner dreißig Jahre trat der Herr in ein kaufmänniſches Geſchäft ein, um den Handel zu er⸗ lernen, denn ſtets hatte er eine natürliche Neigung für 108 den Handel“ erwiederte Legoffin mit einer ſpöttiſchen Miene, „Sie müſſen das bemerkt haben, meine Liebe.“ „Meiner Treue, nein, es bedurfte Ihres Scharffinns, um das zu errathen, Legoffin.“ „Es war jedoch“ wie ich Sie zu verſichern die Ehre hatte. Der Herr ſagte zu ſich ſelbſt: „„Mein Amt iſt zum Teufel . .. meine Tochter hat kaum auf ein paar Jahre zu leben Ich bin offenbar nicht für das Richteramt geboren. ich habe Geſchmack am Handel. . werden wir Kaufmann,““ und er wurde ein ausgezeichneter Kauf⸗ mann, denn er hat für ſeine Tochter ein ſchönes Vermö⸗ gen gemacht, nicht zu rechnen, daß er, der jähzornig war wie ein verliebter Hahn, nun ſanft iſt wie ein Lamm; iſt das abermals wahr?“ „Es iſt die reine Wahrheit, Legoffin, und ich geſtehe, es iſt nicht ſowohl das Vermögen, das der Herr gemacht, was mich in Erſtaunen ſetzt, denn der Handel iſt im Ganzen eine Lotterie, als die völlige Veränderung im Charakter des Herrn.“ „Pah!“ verſetzte Legoffin mit ſchlauer Miene, „das iſt die Wirkung des Handels!“ „Was ſagen Sie mir da, Legoffin!“ „Gewiß, meine Liebe,“ fügte unſer Mann pathetiſch bei. „Der Handel iſt das Band der Menſchen, denn Sie fühlen wohl, würde ein Kaufmann ſeine Waaren mit Fauftſchlägen auf den Kopf anbieten, oder er empfinge das die Geſchäfte nicht beſonders coulant machen.“ „Verſtändigen wir uns, Legoffin; der Stand eines Richters fordert einen wenigſtens eben ſo verſöhnlichen Charakter, als der eines Kaufmanns; wie kommt es alſo, daß der Herr, der einſt ſo befüg war, durch den Handel, wie Sie ſagen, ruhig geworden iſt deſſen erinnern, ſo weit ging, daß er Präſidenten zum Fenſter hinauswarf?“ Dieſe pſychologiſche Frage ſchien unſern Mann einen er, der, Sie werden ſich ſeine Käufer mit Fußtritten auf den Bauch, ſo müßte Augenblick in Verlegenheit zu bringen, da man ihn in⸗ 109 deſſen ſelten auf dem kahlen Pferd überraſchte, ſo ant⸗ * wortete er: 8 „Das iſt ganz einfach.. Sle werden vas ſogleich begreifen meine Liebe . es iſt einfach wie guten Morgen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ein Kind würde das begreifen.“ „Sprechen Sie.“ „Hören Sie!“ erwiederte Legoffin mit kluger Miene, „dem Wolfe der Wald, der Taube. . .“ „Sie werden doch immer derſelbe ſein. . ein un⸗ erträgliches Geſchöpf!“ rief die Haushälterin, Legoffin unterbrechend, „die Jahre, die Reiſen, der Handel haben nichts an Ihnen geändert, es verſteht ſich, in moraliſcher Hinſicht, denn was das Körperliche betrifft, ſo iſt das etwas Anderes.“ 2 „Undankbare Freundin,“ ſprach Legofſin, indem er aus ſeiner Taſche ein Kiſichen von beſonderer Form zog, (ein Menſch, der ein wenig Seemann und Kanonier ge⸗ weſen wäre, würde in dieſem Kiſtchen ein Stop⸗ erkannt haben), ſo raͤche ich mich für Ihre ärte.“ „Was iſt das, Legoffin?“ fragte Suſanne. „Kleine Geſchenke erhalten die Freundſchaft, und das haben Sie im Ganzen für mich, Sie Böſe .. „Ob ich Freundſchaft für Sie habe? Sie wiſſen das nur zu gut, abſcheulicher Menſch,“ erwiederte die Haus⸗ hälterin. Und ſie öffnete das Kiſtchen und nahm daraus ein großes Stück Pergament, welches das Geſchenk von Le⸗ gofſin enthlelt, der zum Voraus wohlgefällig über die Wir⸗ kung lächelte, die ſeine Gabe hervorbringen ſollte. „Ah! mein Gott!“ rief Suſanne beinahe erſchrocken, „dieſes Pergament iſt an einem Ende wie verbrannt und am andern mit Blut befleckt.“ „Oh! ja!“ erwieberte unſtörbar der Commis von Cloarek „es iſt der Ueberreſt eines Stückes von.. gleich⸗ 11⁰ viel von was, das mir zum Anzünden meines Lichtes diente, und als ich die goldenen Ohrringe und die gol⸗ dene Nadel, die es enthält, einwickelte, ſtach ich mich in den Finger. ſtets ungeſchickt, wie Sie ſehen Ich würde mich nicht wundern, wenn dieſe Putzſachen auch ein wenig blutig geworden wären, doch ein Tropfen Waſ⸗ ſer wäſcht ſie wieder rein.“ „Die Haushälterin zog aus dem Pergament, (das, es iſt nicht zu leugnen, von einer Stückpatrone herrührte), zwei ungeheure goldene Ohrringe, ein geknüpftes Kabeltau vorſtel⸗ lend, und eine große goldene Nadel mit einem Anker verziert und darüber eine königliche Krone. (Fügen wir hier zu Belehrung bei, daß vor dreißig Jahren viele Matroſen von der königlichen engliſchen Marine Ohrringe trugen und ihr wollenes Hemd mittelſt großer goldener oder ſilberner Nadeln befeſtigten). Mehr für das artige Benehmen, als für das Ge⸗ ſchenk dankbar, denn ſie fühlte ſich nicht geneigt, ihre Ohren durch dieſe ungeheuren Ringe ausſpannen zu laſſen, heftete die Haushälterin wenigſtens die Nadel an ihren Leib und ſagte zu Legoffin. „Sie ſind in der That ſehr galant; dieſe Ringe und ſonders dieſe Nadel ſind äußerſt geſchmackvoll, und da ir gerade nahe bei der See wohnen, ſo kann die Wahl dieſer Nadel, worauf ein Anker, nur als ſehr paſſend er⸗ ſcheinen.“ „Daran dachte ich auch,“ erwiederte der unempfind⸗ liche Legofſin, „denn dieſe kleinen Putzſachen kommen von der Frau eines Schiffskapitäns; ſie hat dafür einige Ryouenneries, die mir der Herr geſchenkt, von mir erhalten.“ „Hören Sie, Herr Legoffin,“ ſagte Suſanne, indem ſie vom Tiſch das Geſtricke von rother Wolle nahm, an dem ſie am Abend gearbeitet hatte; „Sie ſehen, daß Sie nicht der Einzige find, der an die Abweſenden dachte.“ „Wie, Suſanne dieſes Geſtricke!“ 11¹ „Soll für Sie eine lange wollene Halsbinde für den Winter geben.“ „Oh! Suſanne!“ ſagte unſer Mann, wirklich gerührt, vaß ſich die Haushälterin ſeiner ſo erinnert hatte, „Su⸗ ſanne, ich werde nie vergeſſen. . .“ Leider wurde der Ausdruck der Dankbarkeit von Le⸗ goffin durch den Eintritt von Herrn Cloarek und ſeiner Tochter unterbrochen, die ſich einander zärtlich am Arm führten. Die Züge von Yvon, der nun zweiundvierzig Jahre alt, hatten ſich nicht viel verändert; nur fingen ſeine Haare an grau zu werden, und ſeine Geſichtshaut war außerordentlich braun und ſonnverbrannt; er ſchien übrigens an Stärke und Geſchmeidigkeit gewonnen zu haben; ſein Antlitz ſtrahlte, ſeine Augen waren voll Freudenthränen, und er rief, als er eintrat: „Licht, viel Licht, daß ich meine geliebte Tochter beim hellen Tage ſehe.“ Dann ſich ſachte von den Armen von Sabine los⸗ machend, wich er zurück, um ſie mit Muße in der ſchar⸗ fen Helle der Lampe zu betrachten. Das Herz bebend, ſeine beiden Hände vor ſich aus⸗ geſtreckt, bedeckte er nun gleichſam ſeine Tochter mit einem Blick voll ängſtlicher Zärtlichkeit, um ſich zu verſichern, ſich die ſchwächliche, theure Geſundheit des angebete Kindes ſeit ſeiner Abreiſe verſchlimmert oder gebeſſert habe. Während dieſer Prüfung offenbarten ſich alle Befürchtun⸗ gen, alle Hoffnungen, alle natürlichen Vergötterungen in der Haltung, in der Geberde und ſogar in dem krampf⸗ haften Zittern der Lippen von YMon, denn er war zu bewegt, um ein einziges Wort auszuſprechen. S Das Geſicht gefärbt von einer freudigen Röthe, be⸗ trachtete Sabine ihren Vater ebenfalls mit einer zärtlichen Begierde. Sie bemerkte bald an dem Ausdruck wachſender Glückſeligkeit, die ſie in den Zügen von Mon wahrnahm, daß er mit den Roſen der Geſundheit vas ephemere Colorit verwechſelte, das die Aufregung und das Glück 112 den Wangen ſeiner Tochter verliehen; ſie fühlte ſich auch unendlich glücklich, daß ſie ihren Vater hinſichtlich der Befürchtungen, die er über ſie gehabt, beruhigt ſah, und obgleich überzeugt, Clvarek unternehme immer nur harmloſe Wanderungen in ſeinen Handelsangelegenhelten, war ſie doch oft unruhig bei dem Gedanken, nicht an die Ge⸗ fahren, ſondern an die ſelbſt bei den friedlichſten Reiſen der Welt möglichen Unfälle; ſie war enblich glücklich, an ihrem Vater die kräftige Geſundheit wiederzufinden, die ſie ſo gern bei ihm ſah. Nach dieſer ſtillſchweigenden Betrachtung von einigen Augenblicken winkte Yon Sabine mit einem Zeichen ſei⸗ nes Kopfes in ſeine Arme, die er nach ihr ausſtreckte, drückte ſie abermals an ſeine Bruſt und rief: „Komm! komm! mein geliebtes Kind, ich ſehe, daß ich Dich in aller Sicherheit des Herzens an meine Bruſt ſchließen kann, ich finde, daß Du geſünder biſt, als bei meiner Abreiſe .. „ Dann wandte er ſich zum erſten Male an Dame Robert und ſagte mit innigem Tone, indem er ihr liebe⸗ voll die Hand drückte: „Ich danke Ihnen, oh! ich danke Ihnen aus dem Grunde meines Herzens für Ihre Mühewaltungen; ich weiß, wie viel Sie zur Beſſerung der Geſundheit von Sabine beitragen mußten.“ Nach dieſen Worten ſchaute Cloarek ſeine Tochter abermals an, ſtreckte die Arme nach ihr aus und rief: „Noch einmal, mein Kind, noch einmal.“ Und der Vaier und die Tochter flogen einander auf's Neue in die Arme. „Meine Theure,“ ſagte Legoffin ganz leiſe zu der Haushälterin, „die Väter und die Töchter, das iſt gerade wie Verliebte nach einer langen Abweſenheit. .. das freut fich, allein zu ſein.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte die Haushälterin und wandte ſich nach der Thüre. „Oh! Suſanne,“ ſprach der Commis von Herrn 113 Cloarek, indem er Dame Robert in das anſtoßende Zim⸗ mer folgte, „welche ſchöne Gelegenheit hätten wir da zu einem zärtlichen Alleinſein, wenn wir eines ſolchen bedürften.“ „Leider iſt die Liebe blind, mein armer Legoffin, und Sie ſind es nur halb.“ „Sie werden deſſen ungeachtet Mabame Legoffin ſein,“ erwiederte unſer Mann mit dem Ton tiefer Ueberzeugung. „Was ſein wird, wird ſein.“ Und nachdem dieſe zwei Perſonen ſachte die Thüre zugemacht hatten, blieben Cloarek und ſeine Tochter allein. Eilftes Rapitel. Sobald Mon mit ſeiner Tochter allein war, um⸗ armte er fie noch einmal, und zwar noch leidenſchaftlicher, als hätte ihn bisher vie Anweſenheit von Dame Robert abge⸗ halten, ſich allen den tollen Zärtlichkeiten der väterlichen Liebe zu überlaſſen; dann hieß er Sabine auf eine Cau⸗ ſeuſe neben ihn ſitzen, nahm ihre beiden Hände zwiſchen die ſeinigen und ſprach: 3 „Höre, meine geliebte Tochter, zuerſt die wichtigen Dinge Wie haſt Du Dich während der drei Monate, die mir unendlich lang vorkamen, befunden?“ „Aeußerſt wohl.“ „Du ſiehſt in der That viel geſünder aus“ ſagte Mon, ſeine Tochter mit den Augen bedeckend. „Und dann. . und dann .. „Was denn, mein guter Vater?“ „Ich weiß nicht, wie ich Dir das ſagen ſoll, im Ganzen iſt es aber bielleicht eine von jenen Vaterideen, wie die Väter ſo viele haben.“ „Laſſen Sie dieſe Idee hören.“ „ 114 „Mir ſcheint, Du biſt noch hübſcher, als Du bei mei⸗ ner Abreiſe warſt .. „Oh! das iſt allerdings eine Vateridee, wie Sie ſa⸗ gen, und man müßte vor Allem annehmen, ich ſei vor Ihrer Abreiſe hübſch geweſen ..“ „Ei! wer würde daran zweifeln, mein Fräulein „Ich zuerſt „Du, Du verſtehſt Dich nicht darauf, oder Du haſt vielmehr ſchlechte Spiegel. Doch je mehr ich Dich an⸗ ſchaue, deſto mehr finde ich an Dir ein gewiſſes Etwas, das mich entzückt.. Was ſoll ich Dir ſagen. Du ſiehſt weniger mädchenhaft aus. .. Nein, verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich ſo die gerechte Empfindlichkeit Ihrer vorgeſtern vollendeten ſiebenzehn Jahre verletze, ich will nur ſagen, Sie ſehen mehr wie ein großes Mäd⸗ chen aus „Welche Tollheit, guter Vater. und worin be⸗ ſteht denn dieſe Veränderung?“ „Ich weiß es nicht, denn Du haſt, Gott ſei Dank! immer noch dieſelben Züge, aber ſie haben eine Art von ſanftem, zufriedenem Ernſt angenommen.“ „Könnte es anders ſein, wenn ich Sie wiederſehe, mein Vater! Es iſt mehr als Freude, es iſt Glück, was ich fühle, und dieſes Glück iſt etwas Ernſtes.“ „Ah! gut.. wenn Du ſo ſprichſt, wirſt Du machen, daß mir die Thränen in die Augen treten, und dann ſehe ich gar nichts mehr. Kurz ich bin von dem, was ich ge⸗ 1. ſagt habe, überzeugt, doch gehen wir darüber weg, Du haſt Dich wohl befunden, und das iſt die Hauptſache. Doch haſt Du Dich nicht hier gelangweilt, mein liebes armes Kind? die Wintermonate ſind ſo traurig auf dem Lande! Was willſt Du im Ganzen? Man hat uns für Deine Geſundheit die Seeluft gerathen, und es iſt wahr, daß Du Dich viel beſſer vabei befindeſt . Es iſt indeſſen nicht ſehr heiter hier.“ „Ich habe mich nicht einen Augenblick gelangweilt, 115 mein Vater, hatte ich nicht meine Bücher, mein Kla⸗ vier, meine Stickerei, den Spaziergang?“ „Du haſt alſo gewiß keine Langeweile gehabt?“ „Oh! gewiß nicht.“ „Und Suſanne ich brauche Dich nicht zu fragen, ob ſie wie immer vortrefflich gegen Dich geweſen iſt?“ „Sie kennen ſie, und damit iſt Alles geſagt.“ „Und .. Won hielt plötzlich inne. Er war auf dem Punkt, Suſanne zu fragen, ob ihre nervöſe Empfindlichkeit ſich lege, ob ihre unbeſtimmten Schrecken minder häufig vorkommen; doch er befürchtete, ſeine Tochter traurig zu machen, und zog es vor, ſich über dieſen Gegenſtand bei der Haushälterin zu erkundigen. Um ſeinem plötzlichen Abbrechen einen Vorwand zu geben, fuhr er daher fort: Und „ Du gefällſt Dir immer noch in dieſem Haus, in dieſer Gegend? Du weißt, mein Kind, daß Du nur zu ſprechen brauchſt. Vom Norden zum Süden erſtrecken ſich die Küſten Frankreichs; man hat, Gott ſei Dank! die Wahl, und wenn Du Deinen Aufenthaltsort lieber wechſeln wollteſt . „Nein, mein Vater, dieſe Gegend ſagt mir ungemein ju die Landſchaft iſt reizend und ſchon wie ein alter Freund für mich „ich wäre undankbar, wenn ich ſie verließe, ſollten Sie es nicht etwa wünſchen.“ „Ich? einen Wunſch, der nicht der Deinige wäre? ich möchte wohl wiſſen, wie ich mich hiebei benehmen würde?“ „Dies Alles, mein Vater, iſt ſehr ſchön in Worten.“ „Wie ſo?“ „Doch Ihre Handlungen ſtrafen ſie ein wenig Lü⸗ dieſe ſchönen Worte.“ „Welche Handlungen?“ „Sie ſagen, alle meine Wünſche ſeien die Ihrigen.“ „Ich mache Dich zum Richter.“ „Wie oft habe ich Sie gebeten, Sie möchten auf Reiſen verzichten, die Sie von mir entfernt halten!“ gen Ihre 116 „Oh! das war etwas Anderes! Da ich für Dich, mein liebes Kind, reiſte, ſo hatte ich meine Gründe, ein wenig nach meinem Kopf zu handeln.“ „Guter, armer Vater, ich weiß es; um mich zu be⸗ reichern, haben Sie ſich ſo viel Mühe in Ihrem Handel gegeben .. Ei! mein Gott! wozu ſo viel Geld? Doch Sie ſprechen nur von mir? Und Sie, wie iſt Ihre Reiſe verlaufen?“ „Vortrefflich.“ „Sie haben nicht zu ſchlechte Wege, Sie haben nicht zu kalt im Wagen gehabt? Im vorigen Monat hat es noch ſo viel Schnee gegeben! Ich ſagte auch zu Suſanne „„Während wir hier gut geſchützt an der Ecke eines wär⸗ menden Kamins ſitzen, iſt mein armer Vater vielleicht in dieſem Augenblick unter Weges, ſchnattert vor Kälte in ſeinem Wagen, braucht wegen des Schnees, wegen des Glatteiſes, was weiß ich? eine Stunde, um eine Meile zurückzulegen 4 „Beruhige Dich, mein Kind, ich wiederhole Dir, meine Reiſe iſt auf's Beſte und ohne mehr Anſtrengung als gewöhnlich verlaufen.“ „Wahrhaftig?“ „Gewiß.“ „Und warum hat ſich Ihre Rückkehr hierher ſo lange verzögert, mein Vater? doch nicht etwa aus einer ärger⸗ lichen Urſache?“ „Nein, mein Kind . eine Verwickelung von In⸗ tereſſen und Geſchäften nichts Anderes.“ „Wenn Sie wüßten, wie unruhig ich während Ihrer Abweſenheiten bin. . Doch dieſe Unruhe, dieſe Befürch⸗ tungen werde ich fortan nicht mehr haben, denn nicht wahr, Sie halten Ihr Verſprechen?“ „Welches Verſprechen?“ . 3Si reiſen nicht mehr, Sie verlaſſen mich nicht mehr?“ „Ich habe es Dir verſprochen, wenn nicht etwa ein unvorhergeſehener Umſtand ... 117 „Oh! ich laſſe durchaus keine unvorhergeſehene Um⸗ ſtände zu . das iſt ein Vorwand . .“ „Ah! ſchilt micht nicht.“ „Sie bleiben bei mir.“ „Immer.“ „Sie ſchwören es mir.“ „So wahr ich Dein Vater bin.“ 8 „Oh!“ rief Sabine, indem ſie Clvarek um den Hals fiel, „ich rechnete auf dieſes Glück, und dennoch .. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie glücklich Sie mich machen. Um Sie zu belohnen, will ich auch . „Nun!“ ſagte Clvarek lächelnd und bewegt von dem rührenden Ausdruck der Züge ſeiner Tochter, „laß hören, um mich zu belohnen?“ „Will ich Sie um etwas bitten, da Sie mir immer zum Vorwurf machen, ich erbitte mir nie etwas von Ihnen.“ „Du könnteſt mir kein größeres Vergnügen bereiten, Kind Sage, was haſt Du von mir zu er⸗ en „Ihren Schutz, Ihren Beiſtand?“ „Und für wen?“ „Oh! für eine Perſon, die vesſelben würdig iſt, und zu deren Gunſten Suſanne auch mit Ihnen ſprechen ſoll ... Doch ſehen Sie, wie eiferſüchtig ich bin „ich wünſchte die Erſte zu ſein, die Ihnen unſern Schützling empfiehlt.“ „Euren Schützling?“ „Unſerer Beider Schützling.“ „Ah! der kann ſicher ſein, daß er erhält, was er von nir haben will . . und was wünſcht er?“ „Mein Gott! er wagt es nicht, etwas zu wünſchen, er iſt ſo ſchüchtern, doch ich und Suſanne, wir werden für ihn bitten . Seine Lage iſt ſo Theilnahme erre⸗ gend, ſo betrübt!“ „Armes Kind! gutes, zärtliches Herz! wie bewegt Du ausſiehſt! wie Du errötheſt! Ich bin überzeugt, vaß es ſich um einen ſehr unglücklichen Menſchen handelt!“ 118 „Ah! ja, mein Vater! . und dann, was wollen ⁰ Sie? wenn man eine Perſon alle Tage fſieht und man ſie ſo beſſer ſchätzen kann, ſo vermehrt ſich das Intereſſe.“ „Aber, mein Kind, von wem ſprichſt Du denn?“ „Von Herrn Onefime.“ „Wer iſt Herr Oneſime?.. Warte doch, Herr One⸗ ſime? Dieſer Name iſt mir nicht unbekannt, wie mir ſcheint.“ „Es iſt der Neffe von Suſanne.“ „Richtig ſie hat mir oft von ihm geſprochen; ſein Name iſt mir unbeſtimmt im Gedächtniß geblieben. .. es iſt der Sohn der Schweſter, die ſie vor zwei Jahren verloren hat.“ „Ja, ja, mein guter Vater, er iſt Waiſe. Er lebte in Lille von einer kleinen Stelle bei der Verwaltung und war genöthigt, darauf zu verzichten. Da er nun keine andere Unterhaltsmittel hatte, als dieſe Stelle, ſo ließ ihn Suſanne, die Sie als ſo gut kennt, mittlerweile hierher⸗ kommen.“ „Ah! er iſt hier?“ „Ja, mein Vater.“ „Er wohnt im Hauſe?“ „Ja, mein Vater, ſeit zwei Monaten.“ „Ah! nun errötheſt Du abermals.“ „Ich, mein Vater? ich verſichere Sie, nein.“ „Ei! mein liebes Kind, glaubſt Du nicht am Ende, ich ſinde es ſchlimm, daß die Haushälterin, der wir ſo viel Dank ſchuldig ſind, hier Gafffreundſchaft ihrem Neffen gewährt hat, der ein gutartiger, gutgezogener junger Menſch ſein muß, da ihn Suſanne zu ſich kommen ließ?“ „Oh! mein Vater, Sie werden ihn ſehen, Sie wer⸗ den ihn ſehen und bald beurtheilt haben.“ „Und warum hat er auf ſeine Stelle verzichtet?“ „Er war Erpeditor; doch ſein Geſicht iſt ſo ſchlecht, daß es ſeine Arbeit ungemein verzögerte; dann hat man ihn entlaſſen . . . Sie begreifen, mein Vater, wie ſchmerz⸗ lich dies für ihn ſein mußte, denn er iſt voll Herz, voll ½ 2 2 1¹9 Muth Er hat eine vortreffliche Erziehung erhalten und iſt troſtlos über ſein müßiges Leben. Sein ſchlechtes Geſicht wird vielleicht ein Hinderniß für ihn bei jeder Laufbahn ſein mein guter Vater, ich rechnete auch das heißt, Suſanne und ich rechneten auch auf Sie, daß Sie Herrn Oneſime unter dieſen traurigen Umſtänden unterſtützen, daß Sie ihm rathen würden, und dann wie⸗ derhole ich, Sie werden ihn ſehen, mein guter Vater .. er iſt ſo ſanft. . er iſt ſo gut . . . und wenn Sie ihn einmal kennen, werden Sie es machen wie die ganze Welt, Sie werden ihn beklagen und lieben.“ Es läßt ſich nicht ausdrücken, mit welcher naiven, rührenden Bewegtheit Sabine, abermals erröthend, dieſe letzten Worte ausſprach, während ihr Buſen ſanft bebte und die lebhafte Theilnahme verrieth, die ſie für ihren Schützling hegte. 3 Cloarek war einen Augenblick ſtumm und nachdenklich geblieben; er fing an ſich die Veränderung, die er in dem Geſichte ſeiner Tochter wahrgenommen, zu erklären... Erſtaunt und unruhig über das Stillſchweigen von Yon rief Sabine: „Mein Vater, mein guter Vater, Sie antworten mir n „Sage mir, mein Kind, was hat der Neffe von Su⸗ ſanne, ſeitdem er hier wohnt, gethan? was für ein Leben hat er geführt?“ „Mein Gott! mein Vater, ſein Leben war das un⸗ ſere; er ging mit uns aus, wenn wir ſpazieren gingen, wenn wir zu Hauſe blieben, blieb er auch und las uns vor er lieſt ſo gut, mit ſo viel Ausdruck, mit ſo viel Gemüth voder wir machten Muſik, denn er iſt ein ſehr guter Muſiker auch iſt er ſehr bewandert in der Geſchichte, und nichts kann lehrreicher, intereſſanter ſein, als ihm zuzuhören. und dabei ſuchte er uns tau⸗ ſend kleine Dienſte zu leiſten, ſo gut er konnte was ihm nicht immer gelang, denn ſein kurzes Geſicht ließ ihn zuweilen Ungeſchicklichkeiten begehen.. Das iſt ſein 120 einziger Fehler, mein guter Väter,“ fügte Sabine mit einer reizenden Treuherzigkeit bei, „und gegen dieſen unfreiwilli⸗ gen Fehler zeigt ſich Suſanne unbarmherzig, ſie ſpottet immer über ihn.“ „Und Du, Du ſpotteſt nicht über ihn? davon bin ich überzeugt.“ „Oh! mein guter Vater, das wäre Grauſamkeit, denn er ſucht zuerſt über ſeine Mißgriffe zu lachen, im Grunde wird er aber ſchmerzlich davon ergriffen. Eskiſt ſo trau⸗ rig, faſt blind zu ſein! Erſt dieſen Abend (und das wird Ihnen beweiſen, wie muthig er iſt), erſt dieſen Abend hat er ſich die Hand furchtbar mit fiedendem Waſſer verbrannt; Sie werden ſehen, mein Vater, wie ſchrecklich die Wunde iſt. Nun wohl! Herr Oneſime hatte Selbſtbe⸗ herrſchung, Muth genug, um nicht nur keinen Schrei aus⸗ zuſtoßen, ſondern auch, um uns ohne Unterbrechung vor⸗ zuleſen, und erſt nach Verlauf einer Stunde, und zwar durch einen Zufall haben wir dieſes Unglück wahrge⸗ nommen.“ „Teufel! Herr Oneſime ſcheint mir entſchieden ein Held zu ſein!“ „Ein Held? nein, Vater, denn wie wir heute Abend zu einander ſagten, diejenigen, welche man Helden nennt, tödten und vergießen Blut, „während Herr Oneſime ..“ „Siedendes Waſſer vergießt.“ „Ah! mein Vater „Guter Gott! wie Du mich anſchauſt!“ „Sie, der Sie immer ſo gerecht find .. „Nun, mein Kind, wo iſt denn meine Ungerech⸗ tigkeit?“ „Sie ſcherzen über eine ſo ernſte, eine ſo traurige Sache! gewiß, mein lieber Vater, ſehr traurig, denn Suſanne, als ſie die grauſame Wunde“ von Herrn One⸗ ſime ſah, erbleichte vor Schrecken und Suſanne ver⸗ ſchont ihn doch nicht mit ihren Spoͤttereien! es heißt immer: armer Kurzſichtiger, armer inva⸗ lider Rekrut! Das iſt ganz einfach bei der großen 12¹ Bewunderung, die ſie für Alles hegt, was militäriſch und ſtreitluſtig erſcheint. Suſanne iſt nur zu geneigt, über Oneſime zu ſpotten, und warum dies? weil er einen Ab⸗ ſcheu vor Allem hat, was böſe und blutdürſtig iſt .. Gerade heute Abend hatten wir einen großen Streit mit Suſanne, und Herr Oneſime war meiner Anſicht er iſt derſelben aber nur, wenn ich Recht habe Auch bin ich feſt überzeugt, daß Sie denken werden wie wir.“ „Was war denn der Gegenſtand des Streites, mein Kind?“ „Herr Oneſime las uns aus der Zeitung, die dort auf dem Tiſch liegt, die Erzählung von der Flucht eines berühmten Korſaren, des Kapitän l'Endurci, vor. Sie haben das vielleicht auch geleſen, mein Vater?“ „Nein,“ antwortete Cloarek, eine erſte Bewegung des Erſtaunens und der Unruhe bewältigend, „nein, mein Kind Nun! was denkt Ihr von dem Korſaren, Herr Oneſfime und Du?“ „Seine Grauſamkeit machte uns hange, denn ſehen Sie, um ſeine Freiheit wiederzuerlangen, hat er zwei Menſchen getödtet und einen dritten verwundet Su⸗ ſanne, ſie, wohlverſtanden, ſie billigte das Verfahren des Freibeuters, ſie behauptete, er habe ſich als ein Tapferer, als ein Held benommen. Herr Onefime aber ſagte, und das beweiſt den Adel ſeines Herzens „ „Und was ſagte Herr Oneſime?“ „Er ſagte, er würde lieber ſein ganzes Leben Gefan⸗ gener bleiben, als ſeine Freiheit einem Mord verdanken. Nicht wahr, mein Vater, Herr Oneſime und ich, wir hat⸗ ten Recht, und Sie denken wie wir?“ „Ei! mein Kind, was ſoll ich ſagen, ein zuter Burſche von einem Handelsmann iſt kein Richter in Dingen des Kriegs. Mir ſcheint jedoch, Du und Herr Oneſime, Ihr waret zu ſtreng gegen den armen Korſaren.“ „Oh! mein Vater, leſen Sie die erſchreckliche Ge⸗ ſchichte und Sie werden ſehen.“ Die ſieben Tobſünden. iI. Abth 8 122 „Wohl! wohl! doch höre, der Korſar hatte vielleicht eine Familie, die er zärtlich liebte. . die er bald wie⸗ derzufinden hoffte, und meiner Treue! in ſeiner Ver⸗ zweiftung, ſich gefangen zu ſehen, wird er.. S. „Eine Familie! . dieſe Menſchen, die nur mit⸗ ten im Blutbade leben, ſollten eine Familie haben .. ſie zärtlich lieben? Iſt das möglich, mein guter Vater?“ „Schlimmes Köpfchen lieben die Wölfe nicht wenigſtens ihre Jungen?“ „Ich weiß es nicht, doch wenn ſie ihre Jungen lieben, ſo lieben ſie dieſelbe als Wölfe, ſie bringen ihnen ein Stück blutige Beute mit, ſo lange ſie klein ſind, und ſpäter führen ſie ſie ohne Zweifel hin, um arme Lämmer anzugreifen und zu erwürgen.“ Eine ſchmerzlich bittere Bewegung zog wie eine Wolke über die Stirne von Cloarek hin, dann erwiederte er lächelnd: „Du haſt vielleicht im Ganzen Recht und Herr Oneſime auch; ah! wenn Du mit mir von Rouenneries oder von Seidenzeugen von Lyon ſprächeſt, ſo würde ich wohl nicht ſo leicht nachgeben, aber bei Beurtheilung der Korſaren verwerfe ich mich.“ „Oh! ich war überzeugt, Sie ſeien meiner Anſicht, Sie, der Sie ſo zärtlich gegen mich ſind, Sie, deſſen Herz ſo edel, ſo mitleidig iſt. Sie konnten nicht anders denken, oder, mein guter Vater, ich konnte vielmehr nicht anders denken als Sie, denn wenn ich einen Abſcheu vor dem habe, was ſchlimm und häßlich, wenn ich lobe, was ſchön und gut iſt, danke ich das nicht Ihnen, Ihrem Beiſpiel? nicht den erſten Lehren meiner armen Mutter, die Sie ſo zärtlich liebten, denn es vergeht kein Tag, ohne daß mir Suſanne Züge Ihrer Zuneigung für ſie erzählt.“ Das Geſpräch von Cloarek und ſeiner Tochter wurde hier unterbrochen. 3 Die Haushälterin trat ein; ſie hielt ein Licht in der Hand, wandte ſich an Mon, der ſie erſtaunt anſchaute, — 123 und ſagte lächelnd und in einem vertraulichen Tone, zu dem ſie langjährige Dienſte berechtigten: „Mein Herr es thut mir leid, aber es iſt jetzt zehn Uhr.“ „Nun! Suſanne?“ „Nun, es iſt die Stunde, wo Fräulein Sabine ſchlafen gehen muß. Der Arzt hat, wie Sie wiſſen, em⸗ pfohlen, daß ſie nie lange aufbleibe; dieſer Abend war ſehr angreifend, und ich werde auch unerbittlich ſein.“ „Meine liebe Suſanne, nur ein Viertelſtündchen,“ rief Sabine. „Nicht eine Minute, mein Fräulein.“ „Wie, Suſanne, am Tage meiner Rückkehr erlauben Sie nicht einmal dieſen kleinen Erceß?“ „Gott ſei Dank, das Fräulein wird nun Muße haben, ſie jeden Tag nach Gefallen zu ſehen, ſie aber bis nach zehn Uhr wachen zu laſſen, iſt unmöglich, die Anſtren⸗ gung würde ſie lähmen. .. Sie müßten ſie ſogleich ganz krank ſehen.“ „Dabei habe ich nichts zu ſagen, wenn nicht: Guten Abend, mein liebes Kind,“ ſprach Cloarek, indem er zwi⸗ ſchen ſeine beiden Hände den Kopf ſeiner Tochter nahm und dieſe zärtlich auf die Stirne küßte. „Morgen früh, und ſchlafe wohl, damit ich Dich bei Deinem Erwachen friſch und ausgeruht finde.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein guter Vater .. ich weiß Sie hier in meiner Nähe, ich weiß, daß ich Sie morgen ſehen werde, und übermorgen und immer. Ich werde die Augen über dieſem füßen Gedanken ſchließen und einſchlafen und ſchlafen. . . wie eine Selige, das iſt das richtige Wort. Gute Nacht, mein zärtlicher Vater ... morgen morgen,“ ſagte Sabine, indem ſie Cloarek ebenfalls küßte. Dann fügte ſie leiſe bei: „Suſanne wird mit Ihnen über Herrn Onefime ſpre⸗ chen. Wie freut es mich, daß ich ihr zuvorgekommen bin⸗ Gute Nacht, guter Vater.“ „Gute Nacht, mein Kind, ſchlafe wohl.“ 124 „Seien Sie unbeſorgt .. ſeit geraumer Zeit werde ich keine ſo gute Nacht gehabt haben. Morgen, Vater!“ „Morgen, mein Kind.“ Hienach wandte ſich Clvarek an die Haushälterin und agte: „Nicht wahr, Sie kommen ſogleich wieder zurück, Suſanne? Ich habe mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sehr wohl, mein Herr . Ich habe auch mit Ihnen zu ſprechen.“ Als Cloarek allein war, ging er düſter und nach⸗ denkend im Zimmer auf und ab. Beim Auf⸗ und Abgehen fiel ihm das Jvurnal de l'Empire, das auf vem Tiſch liegen geblieben war, in den Blick; er nahm es, durchlief es und ſagte mit einem heftigen Aerger: „Welch eine Indiscretion von dieſem Dummkopf Ver⸗ duron, meinem Rheder, daß er einen ganz vertraulichen Brief veröffentlicht hat, und zwar ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen! Es war mir immer bange vor der Albernheit und Gierde dieſes Menſchen. Zum Glück habe ich ihm den Ort verborgen, wo ich wohne, wenn ich nicht zur See bin. Ah! der moraliſche Zuſtand meiner Tochter macht mir dieſe Verſtellung mehr als je zur Pflicht. Un⸗ glückliches Kind . . eine ſolche Entdeckung würde ſie tödten.“ In dieſem Augenblick kehrte die Haushälterin, nach⸗ dem ſie Sabine verlaſſen hatte, in das Zimmer zu Herrn Cloarek zurück. Bwölftes Rapitel. „Meine liebe Suſanne,“ ſagte Cloarek zu der Haus⸗ hälterin, als er mit ihr allein war, „vor Allem danke ich Ihnen noch einmal für die vortreffliche Fürſorge, die Sie meiner Tochter haben angedeihen laſſen.“ „Das arme Fräulein! habe ich es nicht geſtillt? iſt es nicht auch ein wenig mein Kind?“ „Ich weiß es, Sie ſind eine zweite Mutter für meine Tochter geweſen. Eben im Namen der zärtlichen Zunei⸗ gung, die Sie ſtets für ſie bewieſen haben, wünſche ich über eine ſehr ernſte Sache mit Ihnen zu ſprechen.“ „Was betrifft es?“ „ Sie haben vor zwei Monaten Ihren Neffen zu ſich gerufen, er wohnt hier.“ „Ja, mein Herr, und gerade wegen dieſes armen Jungen wollte ich heute Abend mit Ihnen reden.“ „Auch ich will von ihm mit Ihnen ſprechen.“ „Ich werde Ihnen erklären, warum ich „Sabine hat mir Alles geſagt.“ „Mein Gott! ſind Sie ärgerlich?“ „Aergerlich .. nein, Suſanne . aber unruhig, beſorgt.“ „Beſorgt! worüber denn, mein Herr?“ „Ueber die Gegenwart Ihres Neffen in dieſem Hauſe.“ „Ah! mein Herr, hätte ich vorherſehen können, daß Ihnen dies unangenehm wäre, ſo würde ich mich wohl gehütet haben, den armen Jungen zu mir kommen zu laſ⸗ ſen;“ aber er war ſo unglücklich, und ich wußte, daß Sie ſo gut find, und glaubte es ſomit auf mich nehmen zu können, daß . „Sie haben mir zu viele Dienſte geleiſtet, Suſanne, daß nicht alle Perſonen Ihrer Familie ſtets ein Recht auf 126 meine Unterſtützung, auf meine Theilnahme haben ſollten ... Was ich Ihnen zum Vorwurf mache, iſt eine große Un⸗ vorſichtigkeit.“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, ich verſtehe Sie nicht.“ „Ihr Neffe iſt jung.“ „Fünf und zwanzig Jahre alt.“ „Er iſt wohlerzogen, ſorgfältig gebildet.“ „Nur zu ſehr für ſeine Lage, mein Herr. Meine arme Schweſter und ihr Mann brachten große Opfer für ihn. .. Da er ein ſo ſchwaches Geſicht hat, daß er nicht auf zehn Schritte ſieht, ein Gebrechen, das ihm den Zu⸗ gang zu vielen Laufbahnen verſchließt, ſo wollte ihn ſeine Familie, indem ſie ihm eine vortreffliche Erziehung gab, in den Stand ſetzen, in die Geiſtlichkeit einzutreten, doch das war nicht möglich. Oneſime hatte nicht den Beruf dazu da mußte er ſich wohl zu den Kanzleien wenden, er bekam eine kleine Stelle und . . .5 „Ich weiß das Uebrige. . . wie iſt ſein Aeußeres?“ „Ah! Herr, der arme Junge iſt weder ſchön, noch häßlich; er hat ein ſehr ſanftes Geſicht, nur gibt ihm ſeine Kurzſichtigkeit einen befangenen Blick „. Uuebri⸗ gens iſt er das beſte Geſchöpf der Welt; Sie brauchen nur mit Fräulein Sabine von ihm zu ſprechen, und Sie werden ſehen, was ſie von ihm ſagt.“ „In der That, Suſanne, eine ſolche Verblendung iſt mir ganz unfaßlich.“ „Welche Verblendung?“ „Wie! Sie Sie Suſanne, Sie, die Sie Erfahrnng und viel geſunden Verſtand beſitzen, Sie haben, ich will nicht ſagen die Unanſtändigkeit, wohl aber die große Unklugheit nicht gefühlt, die Sie dadurch begin⸗ gen, daß Sie Ihren Neffen unter ein Dach mit meiner Tochter riefen und ſo Beide der Gefahr ausſetzten, in der vollen Vertraulichkeit eines zurückgezogenen Lebens ihre Tage hinzubhringen!“ 2 — S 127 „Ich weiß wohl, Herr, daß ich nur ein Dienſtbote bin, und daß mein Neffe .. „Handelt es ſich hierum? Haben wir, meine Tochter und ich, uns nicht ſtets bemüht, Ihnen zu beweiſen, daß Sie für uns eine Freundin und keine Dienerin ſind?“ „Dann ſehe ich den Grund Ihrer Vorwürfe nicht ein.“ „Ei! leider nicht.. Sie haben ihn nicht eingeſe⸗ hen, denn wenn Sie hellſehender geweſen wären, ſo wür⸗ den Sie bemerkt haben, was geſchehen iſt.“ „Ah! mein Gott, Herr, was iſt denn geſchehen?“ „Sabine liebt Ihren Neffen.“ „Fräulein Sabine!!“ „Sie liebt ihn, ſage ich Ihnen.“ „Das Fräulein . Oneſime lieben, der Herr ſpricht nicht im Ernſte.“ „Wie! wenn es ſich um meine Tochter handelt!!“ „Wohl, wohl, verzeihen Sie, Sie ſprechen im Ernſte, ich bezweifle es nicht, doch Sie ſind in einem gewaltigen Irrthume begriffen.“ „Ich wiederhole Ihnen, Sabine liebt Ihren Neffen.“ „Herr, das iſt unmöglich.“ „Unmöglich, und warum?“ „Weil dieſer arme Junge ſchüchtern iſt wie ein Mäd⸗ chen, weil er nicht ſchön iſt, weil er ſchlecht fieht und aus dieſem Grund täglich zwanzig Ungeſchicklichkeiten be⸗ geht, über die das Fräulein zuweilen zuerſt ſpottet. Ah! wenn der je ein Romanheld iſt! Nein, nein, Herr, be⸗ ruhigen Sie ſich. Allerdings hat ſich Fräulein Sa⸗ bine gegen meinen Neſſen wohlwollend und gut gezeigt, weil er im Ganzen mein Neffe iſt, und weil ſie Mitleid mit ihm gehabt hat aber . „Ei! Sie blinde Frau, Sie haben alſo nicht vorher⸗ geſehen, daß Sabine bei ihrem Charakter, bei ihrer außer⸗ ordentlichen Gefühlserregbarkeit, bei ihrer engeliſchen Güte für Alles, was leidet, Gefahr lief für Ihren Neffen zu⸗ erſt Mitleid und dann ein noch zärtlicheres Gefühl zu hegen? und das iſt geſchehen.“ 128 „Wahrhaftig, Herr, iſt das möglich? Fräulein Sa⸗ bine ſollte ihre Augen auf einen armen Jungen, wie er iſt, werfen?“ „Gerade, weil er arm, gerade, weil er ſchwach, ſchüch⸗ tern iſt, weil ihn ſein Gebrechen in eine ausnahmsweiſe peinliche Lage verſetzt, wird ihn Sabine gellebt haben... Sie, die Sie meine Tochter ſo gut als ich kennen, war⸗ um haben Sie das nicht vorhergeſehen? Gebe der Him⸗ mel, daß Ihre Verblendung keine traurige Folgen hat!“ „Oh! Herr,“ erwiederte die Haushälterin niederge⸗ ſchlagen, „Ihre Worte erleuchten mich, aber zu ſpät: ja, ich bin ſehr unvorſichtig, ſehr ſtrafbar geweſen .. Doch, nein, nein, ich kann noch nicht an das, was Sie mir mit⸗ theilen, glauben. Fräulein Sabine hat Ihnen nicht ge⸗ ſtanden, Sie liebe Oneſime.“ „Nein, ſie hat mir allerdings nichts geſtanden, ich aber habe Alles errathen. Armes Kind! ſie iſt ſo un⸗ ſchuldig, ſo aufrichtig. Man lieſt in ihrem Herzen wie in einem offenen Buch . Und dann, habe ich nicht ihre Röthe, das Wogen ihres Buſens bemerkt, als ſie von ihm ſprach? habe ich nicht ihren Aerger, ihre Traurigke it ſogar wahrgenommen, als ich, da ich ſie auf die Probe ſtellen wollte, einen Scherz darüber wagte, daß er ſich, wie mir Sabine ſagte, die Hand verbrannt? Sie liebt ihn, ſie liebt ihn, ſage ich Ihnen, und das wirft Pläne um, die ich mir gebildet hatte. „ Aber was haben Sie2 warum dieſe Bläſſe, dieſes Schluchzen? . Suſanne Suſanne, ſtehen Sie auf,“ rief Cloarek, als er die Haus⸗ hälterin ihm zu Füßen fallen ſah . . „welche Erſchütte⸗ rung! Was haben Sie mir denn mitzutheilen?“ „Oh! Herr, ich befürchte Eines, und das wäre gräßlich.“ „Erklären Sie ſich.“ „Mein Gott! wenn Sie vermuthen würden, daß ich meinen Neſſen hierher berufen und ſo in die Nähe des Fräuleins gebracht habe, ſei von mir Berechnung, Hoff⸗ nung auf eine Heirath geweſen .. „Oh! Suſanne, Sie beleidigen mich, wenn Sie glau⸗ 129 ben, ich ſei im Stande, eine ſolche Schändlichkeit zu ver⸗ muthen.“ „Ich flehe Sie an, Herr, ſagen Sie, oh! ſagen Sie, Sie glauben nicht, daß ich hiezu fähig wäre.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß Sie nur unvorſichtig, unüberlegt gehandelt haben, und das iſt ſchon genug. Un⸗ finnig wäre es aber von mir, wollte ich Sie eines un⸗ würdigen Hintergedankens beſchuldigen „. Ich begreife ſogar, daß gewiſſe Umſtände in der Eriſtenz Ihres Neffen Ihnen als eine hinreichende Bürgſchaft erſcheinen mußten, und daß Sie, indem Sie ihn beurtheilten, wie Sie ihn beurtheilt haben, ohne Folge, nicht einmal die Gefahr ahneten, die daraus, daß Sie ihn in die Nähe meiner Tochter brachten, entſtehen konnte.“ „Ach! das iſt die Wahrheit, mir kam es vor, als hätte er nicht mehr Bedeutung als ein Kinv.“ „Ich glaube es; doch das Uebel iſt geſchehen.“ „Zum Glück läßt ſich das Uebel wieder gut machen: morgen früh bei Tagesanbruch hat Oneſime das Haus zu verlaſſen, um nie mehr einen Fuß in daſſelbe zu ſetzen.“ „Das will ich nicht,“ rief Cloarek, „und Sabine? Dieſe Entfernung kann ſie in Verzweiflung bringen, toͤdten, ſie, die ſo ſchwach, ſo erregbar, ſo nervös iſt! Ah! es iſt die Empfindlichkeit ihrer unglücklichen Mutter.“ „Mein Gott! mein Gott! ich ſehe ein, ich bin ſehr ſtrafbar,“ ſagte weinend die Haushälterin, „was iſt da zu thun, oh! was iſt zu thun?“ „Ei! weiß ich es?“ Cloarek ging einige Augenblicke ſtillſchweigend und mit ſehr bewegter Miene auf und ab; vann ſagte er plötz⸗ lich zu Suſanne, welche in eine ſchmerzliche Niederge⸗ ſchlagenheit verſunken war: „Wo iſt Ihr Neffe?“ „Ganz in der Nähe, im blauen Zimmer; ich habe ihm geſagt, er ſoll mich vort erwarten . . . ich wollte den Erfolg meiner Unterredung mit Ihnen mit⸗ eilen.“ — 130 „Laſſen Sie ihn kommen.“ „Hierher?“ Ja „Oh! Herr, Verzeihung, Verzeihung für ihn,“ rief Suſanne, voll Angſt die Hände faltend, denn obgleich ſich Yvon während dieſer Unterredung zu keinem Aufbrauſen hatte hinreißen laſſen, indeß er ſich mit Wärme und Ener⸗ gie ausſprach, befürchtete doch die Haushälterin eine plotz⸗ liche Rückkehr zu den wüthenden Zornausbrüchen der Ver⸗ gangenheit; ſie fuhr auch fort: „Ich ſchwöre Ihnen, Herr, daß es nicht ſein Fehler iſt. .. das unglückliche Kind iſt an Allem unſchuldig. .. es weiß von nichts, deſſen bin ich ſicher oh! ich ſtehe Sie an, haben Sie Mitleid.“ „Laſſen Sie ihn kommen, ſage ich.“ „Oh! er wird das Haus noch in dieſer Nacht, auf der Stelle verlaſſen „Und meine Tochter? Ich frage noch einmal, meine Tochter? wollen Sie vielleicht, daß ſie aus Gram ſtirbt?“ „Oh! Herr, nur ein Wort. Es iſt möglich, daß das Fräulein nur eine ſchwache Neigung für Onefime fühlt, vitht die Abweſenheit ohne Zweifel vergeſſen machen wird.“ „Und wenn ſie nicht vergißt? Und wenn dieſe Liebe wahr, tief iſt, wie ſie es ſein muß? wenn ſie ſich in einer Seele, wie die von Sabine iſt, eingewurzelt hat? Nein, nein, es hieße die Arme verletzen, wenn man ſie einer leichten Liebe fähig glaubte . Ich ſage Ihnen, es iſt ihre Mutter mit ihrer Gefühlserregbarkeit voll Hingebung und Eraltation.“ „Oh! Herr, was Sie mir ſagen, bringt mich in Ver⸗ zweiflung. und unwillkührlich muß ich zugeſtehen, daß Sie Recht haben. Zu dieſer Stunde erſt erkenne ich alle Fol⸗ gen dieſer unſeligen Annäherung, denn leider iſt das nicht Alles.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ S 131 „Sprechen Sie, ſprechen Sie doch.“ „Unglückliches Kind, man dürfte ihm darum doch nicht grollen.“ „Ihm grollen, worüber?“ „Denn am Ende, Herr . und das wäre nicht ſeine Schuld.. Wenn, er der Zuneigung, die er Fräu⸗ lein Sabine einflößt, fremd wäre? wenn er dieſe Zu⸗ neigung nicht theilen würde?“ „Verflucht!“ rief Cloarek, dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er mit kurzem Ton zu der Haushälterin: „Laſſen Sie Ihren Neffen kommen.“ „Herr,“ rief Suſanne voll Angſt, „verlangen Sie das nicht von mir.“ „Gehorchen Sie.“ „Sie werden mich eher umbringen, Herr,“ erwiederte Suſanne entſchloſſen, „nein, er wird nicht kommen ich ſchicke ihn aus dem Hauſe, aber ich ſetze ihn nicht...“ „Was?“ „Herr. „Sie ſetzen ihn nicht meinem Aufbrauſen, meiner Heftigkeit, meinem Zorn aus, nicht wahr?“ „Ich flehe Sie an ..“ „Ei! ſehen Sie denn nicht, daß ihn die Lilebe, die meine Tochter für ihn hegt, mir heilig macht?“ „Aber wenn er ſfie nicht liebt?“ „Wenn er ſie nicht liebt!“ rief Cloarek furchtbar erbleichend. Dann verließ er, ohne ein Wort beizufügen und ehe die Haushälterin in ihrer Beſtürzung eine Bewe⸗ gung hatte machen können, den Salon und gelangte in zwei Minuten vor das von Oneſime bewohnte Zimmer. Die Thüre dieſes Zimmers öffnen, ſie wieder doppelt hinter ſich ſchließen, um Suſanne am Eintreten, Oneſime am Weggehen zu verhindern, war für Cloarek die Sache eines Augenblicks, und bald befand er ſich allein mit dem Neffen von Suſanne. Yreizehntes Fapitel. Bei dem Geräuſch, daß Cloarek heftig die Thüre öffnend und ſchließend machte, erhob ſich Oneſime erſtaunt und unruhig; er erwartete nur ſelne Tante, und die Schwere der Tritte desjenigen, welcher ſo ſtürmiſch eingetreten war, verkündigte ihm die Gegenwart eines Fremden. Cloarek, der die Ruhe, die ihn einen Augenblick ver⸗ laſſen, wiedererrungen hatte, betrachtete Onefime ſtillſchwei⸗ gend und mit einer ängſtlichen Neugierde; Anfangs kamen ihm ſeine Züge angenehm und ſanft vor; bald aber das Gebrechen des Kurzſichtigen vergeſſend, der einige Schritte von ſich nur eine unbeſtimmte Form erblickte und Mvon ſtarr anſchaute, ohne ſeine Züge zu unterſcheiden, fand dieſer Oneſime äußerſt frech und unverſchämt ausſehend. Um ſo mehr erſtaunt über das Stillſchweigen des Fremden, je geräuſchvoller ſein Eintritt geweſen war, machte der Neffe von Suſanne zwei Schritte dem Beſu⸗ che entgegen, um wo möglich ſein Geſicht zu unterſchel⸗ den, und fragte ſanft und zögernd: „Wer iſt da?“ Immer das Gebrechen des jungen Mannes vergeſ⸗ ſend, fand Cloarek dieſe Frage ungezogen und erwlederte mit hartem Ton: „Wer da iſt?. der Herr dieſes Hauſes.“ „Herr Cloarek!“ rief Oneſime. Und er wich eben ſo ſchüchtern, als ehrerbietig zu⸗ rück und ſchlug maſchinenmäßig ſeine Augen nieder, als wären ſie hellſehend genug geweſen, um Gefahr zu laufen, denen des Vaters von Sabine zu begegnen. Der Ton von Cloarek war zu bezeichnend, als daß Oneſime, der mit viel Scharfſinn und Takt begabt war, indeß er nichts von dem Grunde des Widerwillens wußte, 133 den er einflößte, nicht hätte fühlen müſſen, ſeine Gegen⸗ wart im Hauſe mißfalle dem Vater von Sabine unge⸗ mein; er ſprach auch mit ſanfter, zitternder Stimme: „Mein Herr, als ich mich dem Wunſche meiner Tante, die mich hierher rief, fügte, glaubte ich, ihr Wunſch werde von Ihnen gebilligt, oder ſie habe wenigſtens die Gewiß⸗ heit, daß Sie ihre Güte für mich nicht mißbilligen wer⸗ den; ſonſt hätte ich mir nicht erlaubt, ihr Anerbieten an⸗ zunehmen.“ „Ich will das gern glauben, mein Herr.“ „Ich bitte Sie nur, eine Unbeſcheidenheit zu entſchul⸗ digen, der ich mich ganz unwillkührlich theilhaftig gemacht habe . . Morgen verlaſſe ich vieſes Haus.“ „Und wohin werden Sie gehen? was wollen Sie thun?“ fragte Cloarek ungeſtüm, „was ſoll nachher aus Ihnen werden?“ „Da ich nicht weiß, welches Gefühl Ihnen dieſe Fragen eingibt, ſo werden Sie ſich nicht wundern, mein Herr, wenn ich Ihnen zu antworten zögere,“ erwiederte Oneſime mit einer ſanften Würde. „Meine Gefühle für Sie können wohlwollend ſein, wie ſie auch ganz das Gegentheil von Wohlwollen ſein können . . Später werde ich ſehen, was ich zu thun habe.“ „Mein Herr, wären Sie der unumſchränkte Gebie⸗ ter meines Schickſals, ſo könnten Sie kaum ſo mit mir ſprechen,“ rief Oneſime mit einer ehrfurchtsvollen Fe⸗ ſtigkeit. „Und wer ſagt Ihnen, daß Ihr Schickſal nicht in meinen Händen liegt?“ „Und mit welchem Recht?“ „Mit welchem Recht?“ rief Cloarek mit einer Hef⸗ tigkeit, die ihn abermals zu weit fortriß, „Sie haben ſich wohl zum Gebieter meines Geſchickes gemacht!“ „Ich ich verzeihen Sie, mein Herr, ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.“ 134 „Wagen Sie es, mir in's Geſicht zu ſchauen, wäh⸗ rend Sie mir ſo antworten!“ rief Cloarek. 3 Statt über dieſe Worte ungehalten zu ſein, erwie⸗ derte der arme Kurzſichtige mit einer ſchmerzlichen Treu⸗ herzigkeit, während er ſeinen traurigen, irrenden Blick im Zimmer umherlaufen ließ: S „Ich Ihnen in's Geſicht ſchauen? Ach! ich möchte es gerne; doch in dieſer Entfernung wäre ich nicht im Stande, Ihre Züge zu unterſcheiden.“ „Es iſt wahr, mein Herr,“ ſprach Cloarek minder hefüg, „ich vergaß Ihre Schwäche; doch wenn Sie mich nicht ſehen können, ſeien Sie immerhin überzeugt, daß ich einen Blick habe, dem nichts entgeht. Das iſt ein Vor⸗ zug, den ich vor Ihnen beſitze und Ihnen bezeichnen muß.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr; doch dieſer Vorzug wird Sie bei mir nicht viel nützen; ich habe in meinem Leben nichts zu verbergen gehabt.“ Dieſe Miſchung von Sanftheit und Offenherzigkeit, von Würde und Traurigkeit regte Cloarek an und rührte ihn; nichtsdeſtoweniger ſträubte er ſich gegen dieſen Eln⸗ druck, denn er befürchtete, ſich vom Anſchein einnehmen zu laſſen und ſo den moraliſchen Werth des Menſchen, den ſeine Tochter liebte, nicht kalt und ſicher zu ſchätzen. „Ich habe wenig Scharffinn,“ fuhr Oneſime fort; „doch Ihre Fragen, der Ton, in dem ſie dieſelben an mich richten, einige von Ihren Worten, Alles macht mich glauben, r Sie einen Groll gegen mich hegen, deſſen Grund ich leider nicht weiß.“ „Sie lieben meine Tochter,“ ſprach Cloarek, indem er in der tiefſten Tiefe ſeines Geiſtes zu leſen ſuchte. Oneſime erbleichte und erröthete abwechſelnd; er bebte und fühlte ſich einer Ohnmacht ſo nahe, daß er an ſein Tiſchchen niederzufitzen genöthigt war; er drückte ſein Ge⸗ ſicht in ſeine Hände, ohne ein Wort erwiedern zu können. Bei der Bewegung, welche Oneſime machte, um ſein Geſicht zu verbergen, fiel das Sacktuch herab, mit dem ſeine Wunde verbunden war, und entblößte ſeine Hand, 135 ſowie das furchtbare Wundmal, von dem Sabine mit Cloarek geſprochen hatte; dieſer war längſt mit dem An⸗ blick der Wunden vertraut, aber trotz ſeines ernſten Ge⸗ ſpräches mit Oneſime konnte er ſich eines Schauers nicht erwehren, und er ſagte unwillkührlich zu ſich ſelbſt: „Ah! der Unglückliche. wie muß er leiden! Er muß einen großen Muth beſitzen, um dieſen Schmerz ſo auszuhalten. „ Dieſer Muth verbunden mit der Sanft⸗ heit ſeines Charakters, mit der würdigen Feſtigkeit, die ich an ihm zu erkennen glaube verkündigt wenigſtens ein wackeres Herz.“ Als er die ſtumme Niedergeſchlagenheit von Onefime wahrnahm, ſprach Cloarek: „Wie ſoll ich Ihr Stillſchweigen deuten?“ „Was kann ich Ihnen ſagen, mein Herr?“ „Sie geſtehen alſo?“ 8 „Ja, mein Herr,“ „Und meine Tochter weiß nichts von dieſer Liebe?“ „Ob ſie nichts davon weiß!! Oh! ich wäre eher geſtorben, als daß ich es gewagt hätte, mit ihr davon zu ſprechen. ſtets habe ich mein Geheimniß tief in mei⸗ nem Herzen verborgen. ich weiß auch nicht, mein Herr, durch welches Mißgeſchick Sie errathen konnten, was ich mir ſelbſt zu verhehlen trachtete.“ „Und dieſe Liebe . was hat ſie in Ihrem Herzen entſtehen gemacht?“ „Zuerſt die Dankbarkeit.“ „Warum haben Sie nicht ein Gefühl zu beſiegen geſucht, das nur Ihr Unglück bilden konnte?“ „Da ich glaubte, Niemand wiſſe etwas davon, ſo überließ ich mich demſelben mit Wonne. Bis dahin hatte ch nur das Unglück gekannt. Dieſe Llebe war das erſte Glück meines Lebens, wie es der einzige Troſt bei dem traurigen Schickſal ſein wird, das meiner harrt.“ „Sie mußten früher oder ſpäter von meiner Tochter getrennt werden haben Sie daran nicht gedacht?“ „Mein Gott! nein, ich dachte an nichts; ich li ebt 136 um des Glückes willen, zu lieben . . ich liebte ohne Hoff⸗ nung, aber auch ohne Furcht und ohne Gewiſſensbiſſe.“ „Sie wurden alſo nicht von der Furcht, mich eines Tages von dieſer Liebe unterrichtet zu ſehen, zurück⸗ gehalten?“ „Ich überlegte, wie geſagt, nicht und dachte nur dar⸗ an, zu lieben. Ach! mein Herr, wenn man durch ein unſeliges Gebrechen beinahe gänzlich von den äußern Ge⸗ genſtänden getrennt und vor allen Zerſtreuungen, die ſie veranlaſſen, geſchützt iſt . wenn Sie wüßten, wie leicht es dann iſt, ſich ganz in den einſamen Genuß eines ein⸗ zigen und tiefen Gefühles zu verſenken!“ „Da Ihr Geſicht ſo ſchlecht iſt, ſo kennen Sie wohl dle Züge meiner Tochter nur unvollkommen?“ „Seit der Zeit, die ich in dieſem Hauſe wohne, habe ich heute Abend Fräulein Sabine zum erſten Mal deut⸗ lich geſehen.“ „Und warum heute Abend mehr, als an andern Tagen?“ „Weil ſie ſo gut war, meine Tante beim Verbinden . einer Wunde, die ich an der Hand habe, zu unterſtützen, und bei dieſer wohwollenden Theilnahme näherte ſich mir Fräulein Sabine hinreichend, daß es mir möglich war, ihre Züge zu unterſcheiden.“ „Was liebten Sie denn an ihr, da Sie ihre Züge nicht kannten?“ „Was ich an ihr liebe?“ rief Oneſime, „ihr edles Herz, die Holdſeligkeit ihres Geiſtes, die Freundlichkeit ihres Charakters. Was ich an ihr liebe? mein Gott! ihre Gegenwart, ihre Stimme, die ſo rührend, wenn ſie ein paar Worte der Theilnahme und des Troſtes an mich richtet.“ „Es iſt Ihnen alſo nie der Gedanke gekommen, Sie könnten eines Tages der Gatte von Sabine werden?“ „Ah! mein Herr, hiefür liebte ich ſie zu ſehr.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ 6 „Vergeſſen Sie denn, daß ich halb blind, daß ich 137 vurch vieſes Gebrechen auf immer dem Mitleid, der Lä⸗ cherlichkeit, der Armuth oder einer demüthigenden Müßig⸗ keit anheimgegeben bin! Ich, der ich nie etwas Anderes als eine Laſt für diejenigen ſein kann, welche ſich für mich intereſſiren, ſollte es gewagt haben ah! mein Herr, ich vollende nicht. Nein, ich wiederhole Ihnen, ich ſchwoͤre Ihnen, ich habe geliebt, ich liebe Sabine, wie man das Schöne, das Gute liebt, ohne eine andere Hoffnung, als die himmliſche Glückſeligkeit, die die Liebe für das Gute und Schöne in ſich trägt. Das iſt es, mein Herr, was ich empfunden habe, was ich noch empfinde Wenn Sie nun meine Offenherzigkeit rührt, ſo wollen Sie mir verſprechen, daß ich, wenn ich dieſes Haus verlaſſe, we⸗ nigſtens Ihre Achtung mit mir nehme.“ „Dieſe Achtung haben Sie ſich erworben, haben Sie verdient, Oneſime,“ antwortete Cloarek mit bewegter Stimme „und auf dieſe Verſicherung werden Sie mir wohl erlauben, daß ich Sie frage, was Sie zu thun ge⸗ denken, wenn Sie von hier weggehen?“ „Ich werde bemüht ſein, eine Stelle zu finden, der ar welche ich früher inne hatte; mag meine Lage ſo beſcheiden, ſo mühſelig ſein, als ſie will, wenn ſie mir nur meinen Lebensunterhalt zu verdienen geſtattet, mehr verlange ich nicht.“ „Befürchten Sie aber nicht, die Gründe, aus denen Sie Ihren Platz verloren haben, dürften ſich wiederholen?“ Ach! mein Herr, vächte ich an alle Täuſchungen, an alle Schmerzen, die mich ohne Zweifel noch erwarten, ſo würde ich den Muth verlieren,“ antwortete Oneſime niedergeſchlagen. „Weder um Sie zu entmuthigen, noch um Sie zu be⸗ trüben, habe ich Ihnen dieſen Einwurf gemacht, davon dürfen Sie überzeugt ſein. Ich wünſche und hoffe im Ge⸗ gentheil, das Mittel zu finden, Sie dahin zu unterſtützen, daß Sie aus einer Lage, deren Bitterkeit ich begreife, herauszutreten vermögen.“ Die ſieben Tobſünden. 1M. Abth. 9 138 „Ah! mein Herr, welche Güte! Wie habe ich das verdient?“ Das Geſpräch von Oneſime und Cloarek wurde hier durch einige haſtige Schläge an die Thüre des Zim⸗ mers unterbrochen; bald hörte man die Stimme von Su⸗ ſanne rufen: „Herr, öffnen Sie, ich bitte, öffnen Sie!“ Cloarek öffnete raſch. Beim Anblick von Suſanne, welche ganz bleich und erſchrocken ausſah, vachte er ſogleich an Sabine und rief „Was gibt es denn? iſt etwa meine Tochter?“ „Beruhigen Sie ſich, Herr, vas Fräulein iſt hoffent⸗ lich entſchlummert.“ „Was iſt es denn?“ „Ehe ich Sie hier beläſtigen wollte, klopfte ich an vie Thüre von Legoffin, doch er hat einen ſo harten Schlaf, daß es nicht möglich war, ihn aufzuwecken.“ „Ich frage Sie noch einmal; was iſt denn vorgefallen?“ „Thereſe ſchloß wie gewöhnlich die Läden im Erdge⸗ ſchoß auf der Seite des Gartens, ſie hatte ein Fenſter geöffnet.⸗ „Nun? „Entſchuldigen Sie mich, Herr, ich bin ſo bewegt.“ Und Suſanne ſprach die Wahrheit, denn zu der Auf⸗ regung ihrer Erzählung kam ihre Unruhe über den Erfolg der Unterredung von Oneſime und Cloarek. „Thereſe hatte eines von den Fenſtern im Speiſe⸗ zimmer geöffnet, als ſie beim Mondſchein ſah, wie ſich die Köpfe von zwei Männern über die Geländermauer der Terraſſe, von wo aus man die See erblickt, erhoben.“ „Stille doch,“ erwiederte Cloarek, die Achſeln zuckend „Thereſe iſt eine ängſtliche Perſon und wird vor ihrem eigenen Schatten bange gehabt haben.“ „Ich verſichere Sie, daß dem nicht ſo iſt, Herr . Thereſe hat die zwei Männer vollkommen geſehen. Sie hatten ohne Zweifel die Böſchung am Garten erklettert und ſchicken ſich ſicherlich an, in den Garten einzudringen; uihe 139 doch bei dem Geräuſch, vas ſie, das Fenſter öffnend, machte, verſchwanden ſie.“ „Obgleich mir dieſe Furcht übertrieben vorkommt, hüten Sie ſich doch, Sabine morgen etwas davon zu ſagen,“ ſprach Cloarek; „das arme Kind wäre in einer tödtlichen Unruhe; auch Ihnen, Onefime, empfehle ich dieſelbe Ver⸗ ſchwiegenheit gegen meine Tochter,“ fügte er, ſich freund⸗ lich an den Neffen von Suſanne wendend, bei. Der Ton von Mvon war ſo wohlwollend, daß One⸗ ſime vor Erſtaunen bebte. Da er ihm Stillſchweigen gegen ſeine Tochter) em⸗ pfahl, obgleich er von ſeiner Liebe für ſie unterrichtet war, ſo nahm Herr Cloarek alſo an, die jungen Leute könnten ſich noch ſehen, ſprechen. Nicht minder erſtaunt, nicht minder glücklich, als ihr Neffe, ſtellte Suſanne dieſelben Betrachtungen an wie dieſer; da ſagte Cloarek: „Der Mond ſcheint herrlich heute Nacht; ich will in den Garten hinabgehen und mich ſelbſt verſichern . . .“ „In den Garten hinabgehen?“ rief Suſanne erſchro⸗ „bedenken Sie doch, Herr, es iſt vielleicht Gefahr abei. „Sie ſind toll, meine liebe Suſanne, mit Ihrer Gefahr, erwiederte Cloarek, indem er ſich nach der Thüre wandte. „Sie haben nicht mehr Muth, als Thereſe.“ „Oh! Herr, ich flehe Sie an, erlauben Sie mir, Legoffin zu wecken; ich werde ſo ſtark anklopfen, daß er mich diesmal wohl hören muß.“ „Ein vortreffliches Mittel, um auch meine Tochter aufzuwecken und ſie durch dieſes Hin⸗ und Hergehen zu einer ſolchen Stunde zu erſchrecken!“ „Sie haben Recht, Herr, doch Sie können nicht ſo ganz allein gehen.“ „Nun! was machen Sie denn, Oneſime?“ ſagte Clva⸗ rek, als er den jungen Mann ſich ſo gut, als er konnte, nach der Thüre wenden ſah, ein Plan, den er nicht ausführte, 140 ohne an mehr als ein Meuble geſtoßen zu haben, „wohin gehen Sie denn?“ „Ich will mit Ihnen hinunter, wenn Sie es erlauben.“ „Warum denn?“ „Meine Tante ſpricht von einer Gefahr.“ „Sie, mein würdiger junger Mann?“ ſprach Mon voll Güte lächelnd, denn die Hingebung von Onefime rührte ihn, „und welchen Beiſtand vermöchten Sie mir zu gewähren?“ „Es iſt wahr, ich vergaß, vaß ich Ihnen zu nichts nützen kann,“ antwortete der junge Mann mit einem Seufzer ſchwermüthiger Reſignation. „Wenn aber eine Gefahr vorhanden iſt, ſo werde ich ſie wenigſtens theilen, ich werde in Ihrer Nähe ſein, und bin ich auch abſcheu⸗ lich kurzſichtig, ſo habe ich zum Glück dafür eine Ent⸗ ſchädigung, denn ich höre von einer großen Entfernung. Das könnte vielleicht dazu dienen, die Richtung kennen zu lernen, welche dieſe Menſchen genommen haben, wenn ſie in der Umgegend geblieben ſind.“ Dieſes naibe Anerbieten wurde mit einer ſolchen Auf⸗ richtigkeit gemacht, vaß Cloarek, mit Suſanne einen Blick der Theilnahme und des Mitleids für Oneſime wechſelnd, zu dieſem ſagte: „Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, mein würdiger junget Mann, und ich würde es von Herzen gern an⸗ nehmen, bedürften Sie nicht der Pflege Ihrer Tante, um die Wunde zu verbinden, die Sie an der Hand haben; ſie iſt bedeutend und muß Ihnen heftige Schmerzen machen .. Kümmern Sie ſich alſo nicht um mich, Suſanne, ſondern um Ihren Neffen.“ Eloarek verließ das Zimmer und ging in den Garten. Der Mond beleuchtete in der Ferne die nun unbe⸗ weglichen Wellen, denn von der Terraſſe aus erblickte man das Meer durch den breiten⸗Ausſchnitt am ſteilen Geſtade. Beinahe überzeugt, die Magd habe ſich durch eine von einem Spiel des Lichts und des Schattens verur⸗ 141¹ ſachte Illuſion bethören laſſen, näherte ſich Cloarek der Brüſtung der Terraſſe. Ein zwanzig Fuß breiter und zwölf Fuß tiefer Gra⸗ ben ſchloß, die Ringmauer unterbrechend, den Garten an dieſem Ort auf der Seite der Küſte. Dieſer Graben war ſenkrecht ausgemauert, auf der Seite der Terraſſe aber ſenkte er ſich in einer Boͤſchung. Yvon ſchaute in die Tiefe dieſes ungeheuren Grabens; doch er ſah nichts; er ſuchte, vom Mondſchein begünſtigt, zu unterſcheiden, ob das Gras der Böſchung an gewiſſen Sellen zertreten ſei, was die Spur von friſchen Tritten bezeichnet hätte. Auch dieſe neue Forſchung führte zu keinem Reſultat. Er horchte aufmerkſam, hoͤrte aber nur in der Ferne das dumpfe Gemurmel der großen Wellen des Oceans, welche ſchwerfällig am Ufer hinrollten. Nun glaubte er entſchieden an eine tolle Furcht der Magd, denn die Ge⸗ gend war vollkommen ruhig, und ſeit Sabine hier wohnte, hatte man nie von einem Diebſtahl ſprechen hören. Cloarek wollte eben die Terraſſe verlaſſen, um nach ſeinem Hauſe zurückzukehren, als er plötzlich hinter einer großen Baumgruppe, auf halbem Weg zum Geſtade, eine von den Raketen emporſteigen ſah, welche bei der Marine als Signale dienen. Die leuchtende Linie beſchrieb raſch ihre Curve .. der Feuerſtreifen hob ſich eine Secunde lang vom dunkel⸗ blauen Himmel ab und erloſch dann gänzlich. Dieſe Erſcheinung kam Cloarek Anfangs ſeltſam vor, er kehrte ſogleich wieder um und ſchaute nach dem Meere hinaus, um zu unterſuchen, ob ſich dort nicht ein Fahr⸗ zeug fände, um auf das Signal zu antworten, das von einem Punkte der Küſte aus gegeben worden war. So weit der Blick von Clvarek reichte, entdeckte er kein Schiff, er ſah nichts, als das unermeßliche Meer, deſſen unbewegliche, dunkelazurne Fläche in einem zitternden Lichtes den lebhaften Mondſchein re⸗ ectirte. 142 Nachdem er ſich einige Angenblicke dieſen ſeltſamen Vorfall zu erklären geſucht hatte, kam Cloarek auf den Gevanken, es ſei ein zwiſchen Schmugglern, welche ſo von einem Geſtade zum anderen correſpondiren, verabredetes Zeichen geweſen, und kehrte nach ſeiner Wohnung zurück. Dieſes Signal, das unter anderen Umſtänden dem Korſaren⸗Kapitän, indem er es in ſeinem Geiſt mit der verwegenen Entführung, deren Opfer er geweſen, zuſam⸗ mengeſtellt haben würde, viel zu denken gegeben hätte, war bald von ihm über den ernſten Betrachtungen vergeſ⸗ ſen, welche bei ihm auf die Unterredung, die er am Abend mit Oneſime gehabt, folgen mußten. Bierzehntes Rapitel. Nachdem er einen Theil der Nacht über ſeine Unterredung mit Oneſime nachvenkend zugebracht hatte, trat Cloarek bei ſeiner Tochter ein; er fand ſie ſchon aufgeſtanden, lächelnd, glücklich; ſie warf ſich ihm mit verdoppelter Zärtlichkeit um den Hals, und er ſagte zu ihr: „Nun, mein Kind, haſt Du eine gute Nacht gehabt?“ „Elne vortreffliche. Ich machte goldene Träume; denn Sie bringen mir bis in meinen Schlaf Glück.“ „Erzähle mir dieſe ſchönen Träume, mein Kind... Mag es Täuſchung oder Wirklichkeit ſein, ich will Alles wiſſen, was Dich glücklich macht,“ ſagte Cloarek, der ei⸗ nen Uebergang ſuchte, um zu der Unterredung zu gelangen, die er mit Sabine pflegen wollte. „Sprich, ich höre Dich.. Ein glänzendes Luftſchloß?. ein Traum würdig der Tan⸗ ſend und eine Nacht!“ „Oh! Vater, ich bin nicht ſo ehrgeizig, nicht einmal im Traume.. meine Wünſche ſind beſcheidener.“ „Nun alſo! der Traum?“ 143 „Oh! mein Gott! das iſt ganz einfach: ich träumte, ich bringe mein Leben mit Ihnen zu.“ „Es war kaum der Mühe werth, zu dieſem Ende zu träumen, mein Kind.“ „Mit Ihnen.. und der lieben Suſanne.“ „Gut. doch das iſt ganz natürlich.“ 8 ſ mit dem braven Legoffin, der ſo anhänglich an e „Und,“ ſprach Cloarek, als er eine leichte Röthe wahrnahm, welche das anmuthige Geſicht ſeiner Tochter färbte, „und das iſt Alles?“ „Ich vergaß..“ „Du vergaßeſt.. Jemand? die gute kleine Thereſe ohne Zweifel?“ „Nein, mein Vater . ich dachte nicht an Thereſe.“ „Nun denn! die vergeſſene Perſon war?“ „Herr Oneſime.“ S „Wie? Herr Oneſime 2.. ich verſtehe nicht.“ „Ach! mein guter Vater, Sie verlangen von mir meinen Traum, und ich erzähle Ihnen denſelben.“ „Allerdings. doch unter welchem Titel brachte denn Herr Oneſime ſein Leben mit uns zu?“ „Das war ganz einfach, guter Vater, wir waren verheirathet.“ Sabine ſprach dieſe Worte mit einem zugleich ſo treu⸗ herzigen und ſo heiteren Tone, daß Cloarek nicht mit Grund an der Aufrichtigkeit der Erzählung ſeiner Tochter zweifeln konnte; er fragte ſich, ob er ſich zu dieſem ſeltſa⸗ men Traume Glück wünſchen oder nicht Glück wünſchen ſollte, und ſagte auch mit einer gewiſſen Bangigkeit „Ah! Du und Herr Oneſime, Ihr waret verheirathet?“ „Ja, mein Vater.“ „Und ſch hatte zu dieſer Heirath meine Einwilligung gegeben?“ „Gewiß da wir verheirathet waren. Doch mein Traum fing erſt einige Zeit nach unſerer Verbindung an .. Wir waren in dem kleinen Salon oben . und ſaßen alle 144 drei auf dem großen Canapé.. Sie, mein Vater, zwiſchen uns Beiden.. Suſanne arbeitete beim Fenſter an ihrem Geſtricke, während Legoffin vor dem Kamin kniete und das Feuer anblies. und Suſanne ſpottete, wie gewöhnlich, über den armen jungen Mann. .. Sie, mein Vater, Sie ſchwiegen ſeit einigen Minuten. Plötzlich nahmen Sie in Ihre Hände die von Herrn Oneſime und die meinigen und ſprachen mit bewegter Stimme: „„Wißt Ihr; meine Kin⸗ der, woran ich dachte? „Nein, mein Vater,“ erwiederten wir, Herr Oneſime und ich, denn er nannte Sie natürlich auch Vater. „„Nun!““ ſagten Sie „„ich dachte, es gebe auf Erden keinen Menſchen, der glücklicher als ich zwei Kinder, die ſich anbeten, zwei alie Diener oder vielmehr zwei alte Freunde bei ſich haben und ſo mit ihnen ein frievliches und beglücktes Leben hinbringen!.. Wir müſſen abermals und immer Gott danken, meine Kinder.. .““ Und während Sie ſo ſprachen, mein guter Vater, waren Ihre Augen voll Thränen. Da ſchloſſen wir einander in unſere Arme, Oneſime und ich, und ſagten, denn es kam uns derſelbe Gedanke: „„Oh! ja, Gott iſt gut gegen uns Dank, Dank ſei Gott geſagt!“ So blieben wir alle Drei einen Augenblick in einer marmung.. und dann erwachte ich weinend wie im Traume.“ Cloarek konnte die Thränen, die ihm bei dieſer nai⸗ ven Erzählung in die Angen traten, nicht verbergen und ſagte zu Sabine: „In der Wirklichkeit wie im Traume biſt Du, wirſt Du immer ſein die beſte und zärtlichſte der Töchter Doch ſage mir, in Deinem Traume iſt etwas, was mich ſehr in Erſtaunen ſetzt.“ 8 „Was denn?“ „Du erlaubſt?“ „Ich glaube wohl, mein guter Vater... Was ſetzt Sie denn ſo ſehr in Erſtaunen?“ „Deine Heirath mit Oneſime.“ „Wahrhaftig!“ 1¹5 „Das iſt ſeltſam .. ich habe das ſo natürlich gefun⸗ den, daß ich mich nicht im Geringſten darüber wunderte.“ „Einmal, mein Kind, und das iſt nicht das größte Hinderniß, einmal hat Onefime kein Vermögen.“ „Oſt, mein guter Vater, haben Sie geſagt, bei allen vieſen Reiſen für Ihren Handel, bei allen den Abweſenheiten, über die ich mich ſo ſehr betrübte, ſei Ihr einziger Zweck⸗ eine ſchöne Mitgift für mich zuſammenzubringen.“ „Gewiß.“ „Sie ſehen alſo, daß in meinem Traume Herr One⸗ ſime des Vermögens nicht bedurfte.“ „Es mag ſein.. für eine Hetrath im Traume iſt die Gleichheit ves Vermögens nicht nothwendig.“ „Doch bei den wahren Heirathen iſt ſie unerläßlich!?“ „Unerläßlich.. nein, nein, mein Kind, aber wenig⸗ zweckdienlich. .. Gehen wir zu einer anderen Sache über „Was noch?“ „Oh! ich bin noch nicht zu Ende... da Du mir aber erlaubſt.. .“ „Immer zu, mein guter Vater.“ „Herr Onefime hat keinen Stand und folglich keine geſellſchaftliche Stellung.“ „Der arme junge Mann er iſt nur um ſo mehr zu beklagen.. Wer könnte ihm ſeine gezwungene Müßig⸗ keit zum Verbrechen machen? Iſt es das Herz, der gute Wille, die Bildung, die Fähigkeit, was ihm fehlt? Nein, gewiß nicht, es iſt das unſelige Gebrechen, das Allem, was er unternehmen könnte, ein Hinderniß entgegenſtellt.“ „Du haſt vollkommen Recht, mein Kind, das unſe⸗ lige Gebrechen iſt ein unüberwindliches Hinderniß, das ihm ſtets, wollte er eine Laufbahn verfolgen, ſich eine Lage ſchaffen und ſogar heirathen, wenn nicht etwa im Traume, in den Weg treten wird.“ „Hier verſtehe ich Sie nicht, mein guter Vater.“ „Wahrhaftig!“ nichts mehr! nichts mehr!“ 146 „Wie! Du begreiſſt nicht, doß eine Frau unmöglich die Thorheit begehen kann, einen halbblinden jungen Men⸗ ſchen zu heirathen, der kaum auf zehn Schritte vor ſich ſieht, der ſtets wie ein Kind unter Vormundſchaft wäre? Du begreifſt nicht, daß ſo die Rollen verkehrt wären, und daß, ſtatt ſeine Frau zu beſchützen, wie dies jeder Mann thun muß, Herr Oneſime die Frau, welche ſo thö richt wäre, ihn zu heirathen, beſchützt werden müßte?“ „Iſt es nicht ganz einfach, daß derjenige, weicher be⸗ ſchützen kann, den Anderen beſchützt?“ „Gewiß; doch dieſe Rolle, dieſe Pflicht kommt dem Mann zu.“ „Ja, wenn er ſie erfüllen kann, wenn er es aber nicht kann, ſo kommt ſie der Frau zu.“ „Wenn ſie toll genug iſt, mein Kind, ſich einem ſo traurigen Daſein auszuſetzen“ ——— — ſo5 gari Ach! mache Deine ſanften Augen nicht o böſe.“ „Hören Sie mich, mein Vater .. „Ich höre.“ „Sie haben mich mit anbetungswürdiger Güte erzo⸗ gen, Sie ſind allen meinen Wünſchen zuvorgekommen, Sie haben mich mit allem möglichen Wohlſtand umgeben, Sie haben ſich für mich allen Unannehmlichkeiten Ihrer langen Handelsreiſen ausgeſetzt, nicht wahr?“ „Das war fürt mich; nichts nur ein Glück, ſondern eine Pflicht, meink Kind.“ „Eine Pflicht...“ „Die erſte, die heiligſte von allen ..“ „Mich zu beſchützen 1., mein Führer, meine Stütze zu ſein ? „Man iſt nur unter dieſer Bedingung Vater.“ „Dahin wollte ich kommen,“ ſagte Sabine mit einer rührenden Naivetät, „es iſt die Rolle, die Pflicht des Va⸗ ters, ſein Kind zu beſchützen.“ Gewiß.“ 147 „Nehmen Sie nun an, Vater, auf einer Ihrer Rei⸗ ſen ſeien Sie ſo ungeſchickt oder ſo unglücklich geweſen, wie der arme Legoffin, und Sie haben, großer Gott! was der Himmel verhüten möge, in Folge irgend eines Unfalls vas Geſicht verloren, wäre ich toll, erztoll, weil ich alle Kräfte meines Verſtandes, meines Herzens anwenden würde, um Ihnen zu vergelten, was Sie für mich gethan haben, um meinerſeits Ihre Führerin, Ihre Stütze, Ihre Beſchützerin zu ſein? Unſere Rollen wären verkehrt, wie Sie ſagen. Und dennoch, welche Tochter wäre nicht ſiolz und glücklich, für ihren Vater zu thun, was ich für Sie thun würde? Nun denn! warum ſollte dieſe Ergebenheit einer Tochter für ihren Vater nicht auch eine Frau für ihren Gatten haben 2. .. Ah! ah! ſehen Sie, ich war feſt überzeugt, Sie würden hlerauf nichts zu antworten haben, mein gu⸗ ter Vater.“ „Einmal, mein liebes zärtliches Kind, antworte ich Dir nicht, weil das, was Du mir da ſagſt, mich wonnig⸗ lich erregt und mir ein abermaliger Beweis für Deine Herzensgüte iſt; triumphire jedoch nicht ſo ſchnell...“ „Wir werden wohl ſehen.“ „Du ſollſt ſogleich fühlen, daß Deine Vergleichung, ſo rührend fie auch ſein mag, nicht richtig iſt. Ich gebe zu, daß in Folge unangenehmer Creignlſſe eine Tochter verpflichtet iſt, die Stütze, die Beſchützerin ihres Vaters zu werden . .. ſie widmet ſich ihm... das iſt ſchön, das iſt edel.. doch ſie hat ſich ihren Vater nicht gewählt, ſie erfüllt eine heilige Pflicht, während die Frau, die ihren Gatten wählen kann, ich wiederhole es (mache mir keine zu böſe Augen), toll, erztoll wäre, wählte ſie zum Gat⸗ ten gerabe...“ „Ein armes Geſchöpf, für welches es ein Bedürfniß wäre, von der zarteſten Pflege und Fürſorge umgeben zu werden,“ rief Sabine ihren Vater unterbrechend. „So wählen hieße eine tolle Handlung begehen? Wiederholen Sie mir das, ich werde Ihnen glauben, mein guter Vater. Ja, Sie, der Sie ſo edelmüthig hingebend für ihr Kind, ſo mitlei⸗ 6 vig gegen ſeine Schwächen find, der Sie für daſſelbe alle Opfer gebracht haben, ſagen Sie mir, es ſei wahnfinnig, ſein Glück darein zu ſetzen, daß man ſein Leben einem armen, vom Geſchick niedergebeugten Weſen widme, ſa⸗ gen Sie mir, es ſei wahnfinnig, ihm entgegenzukommen, gerade weil ſein Unglück Jedermann von ihm entfernen muß, ſagen Sie mir das, mein guter Vater, und ich werde Ihnen glauben.“ „Nein, mein hochherziges Kind, ich werde das nicht ſagen, denn ich würde lügen,“ rief Cloarek fortgeriſſen von der edlen Begeiſterung ſeiner Tochter, „nein, ich bezweifle nicht, daß man ein göttliches Glück aus der Hingebung ſchöpfen kann, beſonders wenn man ſich einer innig ge⸗ liebten Perſon weiht, nein, ich bezweifle nicht, daß ſich auserkohrene Seelen zu dem hingezogen fühlen, was zu⸗ gleich muthig leidend und in ſein Schickſal ergeben iſt.“ „Sie ſehen alſo wohl, mein guter Vater, mein Traum iſt nicht ſo ſeltſam, als Sie ſagten,“ ſprach lächelnd das Mädchen, „und ich habe hoffentlich auf Alles eine Ant⸗ wort.“ „Oh! Du biſt eine gewaltige Lanzenbrecherin, und ich würde mich ſogleich für beſiegt oder vielmehr für über⸗ zeugt erklären, wenn Du eben ſo ſiegreich meine letzte Einwendung erwiedern könnteſt: ich behielt ſie als die ſtärkſte in Reſerve.“ „Sprechen Sie dieſe Einwendung aus, ich werde ihr, wie ven andern, Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Weißt Du, vaß Du mindeſtens furchtbar biſt?“ „Ja, ja, lachen Sie immerhin, ich erwarte Sie, und zwar feſten Fußes.“ „Sage mir, wenn man die Hingebung für Jemand bis auf dieſen Grad treibt, nicht wahr, ſo liebt man ihn „Nothwendig.“ „Und man muß zugeſtehen, daß dieſer Jemand auch ſehr liebt?“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ 149 „Daß er mit Leib und Seele liebt,. daß ihn die Gegenwart derjenigen, welche ſich ihm ſo edelmüthig hin⸗ gibt, entzückt, bezaubert, daß es ihn eben ſo glücklich macht, ſie zu ſehen, als ſie zu hören, denn die Anſchauung des anmuthigen Geſichtes einer geliebten Gattin iſt uns ſo ſüß, als die Betrachtung ihrer Verdienſte und Tugen⸗ den. Nun wohl! was mir bei Deiner Heirath im Traum am Seltſamſten vorkommt, iſt . . .“ „Warum unterbrechen Sie ſich, mein guter Vater?“ „Höre, um Dir meine Gedanken beſſer auszudrücken, will ich Dir einen Umſtand erzählen. Geſtern habe ich, wie Du es mir empfohlen . . . Herrn Oneſime geſehen „Oh! nicht wahr, es iſt unmöglich, ſich nicht für ihn zu intereſſiren und zu „Einverſtanden, doch laß mich ſprechen . Ich habe natürlich Herrn Oneſime reden gemacht, um ſeinen Geiſt, ſeine Gefühle ein wenig zu beurtheilen. Nun „ „Geſtehen Sie, daß es keine erhabenere Gefühle gibt, als die ſeinigen, keinen ſchärferen Geiſt, keinen Charakter von mehr . .. „Verdammte kleine Schwätzerin, erlaube mir doch, zu vollenden . . . Kurz, ich war zufrieden mit dem jun⸗ gen Mann; nur . . . „Ich war defſen ſicher; ich ſagte es Ihnen . .“ „Sabine . . Sabine „Verzeihen Sie, guter Vater, ich höre.“ „Ich plauderte alſo ziemlich lange mit Herrn One⸗ ſime, und ich weiß nicht, wie das bei unſerem Geſpräch kam, ich fragte ihn in Beziehung auf ſein ſchlechtes Ge⸗ ſicht, ob er deutlich auf einige Schritte ſehe. Er ant⸗ wortete mir nein, und ſeit ſeinem Aufenthalt hier habe er Dich nur ein einziges Mal deutlich, vollkommen geſehen, und dies war geſtern, als Du Suſanne vie Wunde, vdie er an der Hand hat, verbinden halfſt.“ „Armer Oneſime, es iſt wahr, denn um Suſanne zu unterſtützen, mußte ich ganz nahe zu ihm treten.“ „Nun! wenn ich Dir Alles ſagen ſoll: was mir am Unbegreiflichſten bei Deiner Ehe im Traume vorkommt, iſt ein Mann, der ſeine Frau nie ſehen würde.“ „Nie . . er müßte alſo ganz blind werden „Einverſtanden doch er würde ſein ganzes Le⸗ ben bei ſeiner Frau hinbringen, ohne ſie je anders als gleich ſam durch Zufall zu ſehen.“ „Nun wohl! mein Vater abgeſehen von dem, was in einem ſolchen Gebrechen Grauſames liegt, würde ich das reizend finden.“ „Das iſt ein wenig ſtark.“ „Und ich werde es vertheidigen.“ „Dazu fordere ich Dich heraus.“ „Hören Sie, mein Vater, ich habe, ich weiß nicht mehr wo, geleſen, es gebe nichts Ruchloſeres, als die Por⸗ traits, welche uns an geliebte Perſonen zu erinnern be⸗ ſtimmt ſind, beſtändig dem Blick ausgeſetzt zu laſſen, denn zuweilen gewöhnen ſich am Ende die Augen ſo ſehr an dieſe Bilder, daß ihre Wirkung, ſtatt ſtets neu und leben⸗ dig zu ſein, ſich abſtumpft.“ „Es iſt etwas Wahres an dieſer Bemerkung, doch ich ſehe nicht ein, welchen Nutzen Du daraus für Deine Sache ziehen kannſt.“ „Schließt man im Gegentheil dieſe Portraits in einen Kaſten mit Flügeln ein und öffnet ihn nur, wenn man ſich geſtimmt fühlt, mit geſammeltem Geiſt ein ge⸗ liebtes Bild zu betrachten, ſo wird der Eindruck um ſo mächtiger ſein, je haushälteriſcher man zu Werke gegan⸗ gen iſt, nicht wahr, mein guter Vater?“ „Vortrefflich geurtheilt, mein Fräulein. Sodann 2 „Wohl! indem ich Sie liebe, wie ich Sie liebe, mein guter Vater, würde ich, wäre ich in der Lage von Oneſime, mich tröſten und zu mir ſagen; ſo oft ich mei⸗ nen Vater umarme, wird der Anblick ſeines wohlwollen⸗ den, edlen Gefühls für mich eine unausſprechliche Er⸗ ſcheinung ſein . dann werden ſich ſeine Züge gleichſam 151 abermals für mich verſchleiern, aber ich weiß ihn wenig⸗ ſtens und „Schweige . Treuloſe. . . Du machſt mir Luſt, Dich kurzſichtig zu ſehen.“ „Ach! ich war ſicher, ich würde Sie überzeugen.“ „Noch einen Augenblick Geduld, ich ergebe mich noch 1 . „Ah! welch ein hartnäckiger Gegner find Sie, mein guter Vater.“ „Ich gebe zu, daß unſer Kurzſichtiger, der Kurzſich⸗ tige unſeres Traumes, ſich ſo tröſtet; ich gebe zu, daß er eine Art von ſtets neuem Reiz in vieſen Erſcheinungen des geliebten Gegenſtandes findet; ich gebe zu, daß es mit dem Original des bezauberndſten Portraits der Welt iſt, wie mit dem Portrait ſelbſt, und vaß der Blick, ohne ge⸗ rade der beſtändigen Anſchauung überdrüſſig zu werden, ſich am Ende vielleicht zu ſehr daran gewöhnt, entzückt zu ſein.“ „Das iſi ganz mein Gedanke.“ „Und gerade hier erwartete ich Dich oder halte ich Dich feſt, triumphirende Urtheilerin! Es iſt ein furchtba⸗ rer Hinterhalt, den ich Dir legte, meine Siegerin.“ „Laſſen Sie dieſen Hinterhalt ſehen, guter Vater.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo wird er, der Kurzſichtige, vor⸗ trefflich bedacht ſein; doch der Andere, nämlich der Hell⸗ ſehende, oder vielmehr die Hellſehende, ſie wird alſo kein anderes Mittel haben, als die Augen zu ſchlleßen, um ſich ebenfalls von Zeit zu Zeit Erſcheinungen zu ver⸗ ſchaffen und ſich nicht zu ſehr an ein beſtändiges Bezau⸗ bertſein zu gewöhnen?“ „Wie! machen Sie mir dieſe Einwendung im Ernſte?“ „Gewiß, es iſt mein Ernſt.“ „In der That, mein Vater, ich habe ein zu ſchones Spiel.“ „Wahrhaftig?“ „Allerdings, denn habe ich mich einen Augenblick an den Platz von Herrn Onefime geſtellt, ſo iſt dies durch⸗ aus kein Grund, daß ich auf meine vortrefflichen Augen 15² verzichte; ich befürchte nicht, daß mein Geſicht je müde werden wird, meinen Gatten anzuſchauen, ich bin ſogar des Gegentheils ſicher; dafür birgt mir das Glück, das ich ſtets fühle, wenn ich Sie ſehe, mein guter Vater (ob⸗ gleich Sie ſich ohne Zweifel in der Vorausſicht meiner Ideen über ſeltene Erſcheinungen oft meinen Blicken durch häufige Reiſen entzogen haben); doch gleichviel, Va⸗ ter, ich könnte hundert Jahre meine Augen auf den Ihri⸗ gen verweilen laſſen, ohne müde zu werden, in Ihren edlen Zügen Ihre ganze Liebe für mich zu leſen.“ Nach dieſen Worten umarmte Sabine Mon auf das Zärtlichſte. „Theures, holdes Kind,“ ſprach Cloarek, die Liebko⸗ ſungen ſeiner Tochter erwiedernd, „Du haſt die Logik der Liebe und die Vernunft des Herzens für Dich, wie ſoll ich dagegen ſtreiten ? Ich erkläre mich in Demuth für be⸗ ſiegt. Ich geſtehe, daß Dein Traum im Ganzen nicht ſo unvernünftig iſt, und daß man, ſtreng genommen, einen Kurzſichtigen heirathen könnte, wenn man ihn liebt und er voll Gemüth und Hingebung iſt.“ „Oh! guter Vater ..“ rief lebhaft Sabine, Cloa⸗ rek die Hände drückend. „Nur,“ fuhr Yvon fort, „nur würde ich es, trotz Dei⸗ ner poetiſchen Art, das ſchlechte Geſicht zu betrachten, vorziehen, wenn dieſer arme Oneſime . doch ich be⸗ dente „Was bedenken Sie?“ „Ich habe auf den Reiſen, die ich für meinen Han⸗ vel gemacht, einen Freund von großer Geſchicklichkeit ken⸗ nen lernen (ſein einziger Fehler war, beiläufig geſagt, die Gefräßigkeit); er hat ſeinen Wohnſitz in Paris ge⸗ nommen, wo ihm ein bedeutender Ruf zu Theil geworden iſt, und heute gehört er zu den Celebritäten der gelehrten Welt. Er fände vielleicht in ſeiner Wiſſenſchaft das Mit⸗ tel, dem armen Zurh das Geſicht wiederzugeben.“ „Großer Gott!“ rief Sabine entzückt, „es wäre einige Hoffnung vorhanden?“ 153 „Ich weiß es nicht, mein Kind, doch ich kenne meh⸗ rere wunderbare Kuren des Doctor Ga ſterini; noch heute werde ich an ihn ſchreiben, und wir ſtanden ſo mit einander in Verbindung, daß ich ihn wohl bitten kann, er möge Oneſime beſuchen, wenn überhaupt dieſer berühmte Arzt ſeine zahlreiche Kundſchaft auf vier und zwanzig Stunden zu verlaſſen im Stande iſt.“ „Oh! mein Vater, wie viel Güte! und dann, welche Hoffnungen! Denn der Antheil, den Sie an One⸗ ſime nehmen, das Gute, das Sie von ihm denken „Vollende.“ „Sie wollen ihn heilen laſſen, weil Sie nicht gern einen Kurzſichtigen zum Schwiegerſohn haben moͤchten,“ erwiederte Sabine erröthend und die Augen voll Ver⸗ legenheit niederſchlagend. „Teufel! wie raſch Du zu Werke gehſt! Oh! ich gebe meine Einwilligung nicht ſo ſchnell .. Ah! beru⸗ hige Dich ich ſage nicht ganz nein, und der beſte Be⸗ den ich Dir für meinen guten Willen geben kann, i . „Iſt2 „Umarme mich noch einmal,“ ſagte Mon, dann, während er ſich nach der Thüre wandte, fügte er bei: „Er⸗ warte mich in einer Stunde.“ „Sie gehen aus, mein Vater?“ „In einer wichtigen Angelegenheit.“ „Und Sie ſagen mir nicht mehr?“ „Nicht ein Wort mehr Ich bin ein ſchrecklicher Menſch, wie Du ſiehſt.. Auf baldiges Wiederſehen . erwarte mich und werde nicht zu ungeduldig.“ Als Clvarek Sabine verließ, ging er zu Oneſime hinauf, und damit ihre Unterredung mehr geheim bliebe, und weniger einer Störung ausgeſetzt wäre, bat er den jungen Mann, ihn auf einem Spaziergang zu begleiten, er vor dem Frühſtück auf dem Geſtade machen wollte. Die ſieben Tobſünden. MI. Abth. 10 — 154 Während der Abweſenheit von Yyon bekam ſein Haus einen Beſuch von einer eben ſo unangenehmen, als uner⸗ warteten Perſon. Fünfzehntes Rapitel. Während ſich Herr Cloarek mit Oneſime entfernte, hielt Legoffin, der unbeweglich auf der Terraſſe des Gar⸗ tens, einem erhabenen Ort, ſtand, von wo aus man das Meer erblickte, hartnäckig ein langes mit grünem Saffian⸗ leder überzogenes Fernrohr auf einen Gegenſtand gerichtet, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen und ſein Erſtaunen, ſeine Neugierde im hochſten Grade zu erregen ſchien. Dieſer Gegenſtand war eine Brigg, die man noch in der Ferne durch den breiten Ausſchnitt des ſteilen Ufers erblickte; da dieſes Fahrzeug jedoch ſeit einiger Zeit jeden Augenblick lapirte, ſo mußte es, ſein Manveuvre verfol⸗ gend, den Blicken von Legoffin enigehen, während er ſich folgendem Selbſtgeſpräch hingab: „Das iſt unglaublich! iſt es ein Traum? iſt er es?. Ja, er muß es ſein! Das iſt ſein Maſtwerk. . ſein Segelwerk . . ſein Ausſehen, ſein Gang „ und dennoch kann er es nicht ſein . das iſt nicht ſeine Fa⸗ con.. Mit ſeiner Bankbatterie war er niedrig auf dem Waſſer wie ein Wallfiſchfänger. während dieſer Ver⸗ ſchanzungen von einer lächerlichen Höhe hat; und dann ſehe ich keine Stückpforte, nicht die kleinſte Kanone ſtreckt die Naſenſpitze heraus. Nein, nein, er iſt es nicht. Hat dieſe Malerei von einem Perrückenmachergrau mit gelb— lichem Barkholz, (was einen ganz kläglichen Eindruck macht) die geringſte Aehnlichkeit mit jener ſchwarzen Malerei mit 15⁵ ſcharlachrothem Barkholz, was ſo kräftig, ſeemänniſch ausſah! ich ſage noch einmal, er iſt es nicht. Aber dieſes über⸗ mäßig große, ſo friſch und keck nach dem Hintertheil geneigte Maſtwerk, dieſes Takelwerk, ſo fein wie Spinn⸗ gewebe, es gibt auf der Welt und beim Teufel nur dem Höllenbrand, der im Stande iſt, ein ſolches Maſtwerk zu tragen, das ihm die Geſchwindigkeit eines Eisvogels verleiht.. Doch welch ein Eſel bin ich! Habe ich nicht ein herrliches Mittel, mir Gewißheit über die Identität zu verſchaffen, die ich zu conſtatiren ſuche, wie Herr Ypon geſagt hätte, als er noch bei den ſchwarzen Ra⸗ ben diente und ſich damit ergötzte, daß er Präſidenten zum Fenſter hinaus warf. das iſt ſehr leicht... nun dreht er ich werde ſicher ſein, vaß...“ Legoffin wurde in ſeinem Alleingeſpräch und in ſeinen nautiſchen Bemerkungen durch einen Tapps unterbrochen, den man ihm vertraulich auf den Arm gab, in welchem er ſein Fernrohr hielt. Sehr ärgerlich über dieſe unzeitige Neckerei, drehte er raſch den Kopf um und ſah ſich von Angeſicht zu Angeſicht Suſanne gegenüber; ganz mit der Beobachtung des Schiffes beſchäftigt, hatte er ſie nicht kom⸗ men hören. „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen, doch der Teufel hole Sie, daß Sie mich auf dieſe Art ſtören!“ ſagte der Commis oder vielmehr Geſtehen wir es nun) der Ge⸗ ſchützmeiſter von Herrn Cloarek, indem er raſch wieder ſein Fernrohr aufhob und ſeinen Zielpunkt ſuchte. Zum Unglück war es zu ſpät, das Schiff hatte eine Wendung gemacht und war verſchwunden. „Wie! der Teufel ſoll mich holen? Sie grober Menſch . .“ rief Suſanne, „das iſt der gute Mor⸗ gen, den Sie mir wünſchen?“ „Unter alten Freunden, wie wir, iſt die Offenherzig⸗ keit eine Pflicht,“ erwiederte Legoffin, während er einen letzten Blick des Bedauerns auf das Meer warf und die Röhren ſeines Perſpectivs in einander ſchob, „ich beluſtigte mich damit, daß ich die Schifflein, die zu Waſſer 156 gehen, wie ich in meiner Jugend ſang, vorüberziehen ſah, und nun haben Sie mich geſtört.“ „Sie haben Recht, die Offenherzigkeit iſt eine Pflicht unter uns, Legoffin, ich ſage Ihnen auch, daß nie ein Tauber einen ſolchen unverſchämten Schlaf geſchlafen hat, wie Sie „Was wiſſen Sie davon? Zum Unglück für mich und für Sie, Suſanne, ſind Sie nie im Stande geweſen, zu ſehen, auf welche Art ich ſchlafe,“ antwortete der Ge⸗ ſchützmeiſter mit einer leichtfertigen Miene, „und Sie konnten beſonders nie ſehen, auf welche Art ich nicht ſchlafe meine Theure!“ „Sie täuſchen ſich, denn ich habe geſtern an Ihre Thüre geklopft⸗“ „Endlich!“ rief Legoffin, indem er ſein einziges Auge auf eine ſeltſam lüſterne und triumphirende Weiſe flim⸗ mern ließ, „ich ſagte Ihnen ja, Sie würden dahin kommen, und Sie find dahin gekommen.“ „Wohin?“ fragte die Haushälterin, ohne den verwe⸗ genen Gedanken ihres Gefährten begreifen zu wollen, „wohin bin ich gekommen?“ „Daß Sie ganz allein, auf den Fußſpitzen und ohne Licht herbeiſchlichen, um mir ſüße Reden zu ſagen, um mich in meinem Zimmerchen zu girren.“ „Herr Legoffin, Sie ſind ein Unverſchämter.“ „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich discret ſein werde daß Sie ohne dieſen bleiernen Schlaf. oh! wie die Königin der Liebesgötter empfangen worden wären .. . und ich verſpreche Ihnen, daß ein andermal...“ „Da Sie halb verückt und eben ſo einäugig am Geiſt, als am Körper ſind, ſo merke ich nicht auf Ihre Albernheiten. .. Ich will Ihnen nur ſagen, daß ich an Ihre Thüre geklopft habe, um Hülfe und Beiſtand von Ihnen zu verlangen.“ „Hülfe und Beiſtand! gegen wen?“ „Weil Sie aber feig find wie ein Haſe, ſo haben Sie * P 157 ſich ganz ſtill verhalten, Sie haben ſich geſtellt, als ſchlie⸗ fen Sie, und ſich wohl gehütet, mir zu antworten.“ „Sprechen wir im Ernſte, Suſanne, was iſt in der vergangenen Nacht vorgefallen? haben Sie wirklich ge⸗ glaubt, Sie bedürfen meiner?“ „Oh! mein Gott! das würde mich viel genützt ha⸗ ben! Hätte man das Haus mit Feuer und Schwert ver⸗ heert, immerzu, Herr Legoffin beſindet ſich wohl in ſei⸗ nem Bett und bleibt darin.“ „Das Haus mit Feuer und Schwert verheert? Ich frage Sie noch einmal was ſoll das heißen?“ „Das ſoll heißen, daß in dieſer Nacht zwei Männer ſich hier hereinzuſchleichen geſucht haben... ſonſt nichts..“ „Gehen Sie doch. Sie träumen völlig wach.“ „Zwei Männer haben ſich hier einzuſchleichen geſucht, durch dieſen Graben, vor dem wir find, verſtehen Sie mich, Herr Legoffin?“ „Einen Augenblick Geduld. . . es waren zwei?“ Ja 4 „Sie wollten ſich hier einſchleichen?“ „Durch dieſen Graben, ſage ich Ihnen.“ 0 weiß, was das iſt.“ „Wie ² „Es waren zwei von Ihren Liebhabern.“ „Legoffin!“ „Es fand ohne Zweifel von Ihrer Seite ein Irrthum in Beziehung auf das Datum ſtatt, oder eine doppelte An⸗ führung in Ihren Circulären. .. und dann. . .“ Der Geſchützmeiſter unterbrach ſich plötzlich und vol⸗ lendete ſeinen ſchlechten Spaß nicht. Seine ſonſt ſo unempfindlichen Züge nahmen raſch einen Ausdruck Anfangs von Erſtaunen, dann von Furcht und Bangigkeit an; die Veränderung in ſeinem Geſicht war ſo ungeſtüm, ſo auffallend, daß Dame Robert, die Ungezogenhetten ihres Gefährten vergeſſend, ausrief: „Mein Gott! Legoffin, was haben Sie? nach was ſchauen Sie denn ſo? 158 Und der Richtung vom Auge des alten Dieners fol⸗ gend, ſah ſie vom Hintergrund einer Allee, welche nach der Terraſſe führte, eine neue Perſon, der die ängſtliche Magd voranging, herbeikommen. Die Ankunſt dieſer Perſon verurſachte das Erſtaunen und den Schrecken des Geſchützmeiſters, obgleich dieſelbe entfernt keinen erſchreckenden Anblick bot. Es war ein kleiner, dicker, unterſetzter Mann mit hervorragendem Bauch: er trug einen herrlichen hecht⸗ grauen Rock, eine Hoſe von haſelnußfarbigem Kafimir, Kappenſtiefel und eine lange weiße Weſte, auf der ſich zwei goldene Uhrketten geſchmückt mit umfangreichen Per⸗ locken von amerikaniſchen Früchten ſchaukelten. Dieſer Menſch hielt in einer Hand ein Stöckchen, mit dem er cavaliermäßig den Staub von den Stiefeln klopfte, in der andern Hand trug er einen Hut, den er artiger Weiſe von fern bei dem Anblick von Dame Robert abgenommen hatte; man konnte ſo die leichte und zierliche Kreppe ſeiner weiß gepuderten Haare, ſo wie ſeinen dicken, halbmondförmig geſchnittenen Backenbart bewundern; die Weiße des Puders hob noch mehr die Purpurfärbung des breiten Geſichtes dieſes Menſchen hervor. Der Geſchütz⸗ meiſter hatte ſich oft darin gefallen, Geſicht und Friſur geiſtreich mit einer großen, halb mit weißem Zucker be⸗ ſtreuten Himbeere zu vergleichen. Doch in dieſem Augenblicke fiel es Legoffin entfernt nicht ein, zu ſcherzen; es ergriff ihn eine Angſt, die ſich gleichſam bei jedem Schritt vermehrte, den der Mann mit dem gepuderten Kopf und den Kappenſtiefeln gegen ihn zu machte. Dieſer würdige Mann hieß Floridor Verduron, und war Rheder der gewöhnlich vom Kapitän l'Endurci befehligten Brigg der Höllenbrand. Bis zu dieſer Zeit und aus gewiſſen Gründen, vie man leicht begreifen wird, hatte aber Cloarek ſeinen wah⸗ ren Namen ſeinem Rheder verborgen und ihn beſonders in Unwiſſenheit darüber gelaſſen, an welchem Orte er nach Er Er 159 ſeinen Kreuzfahrten ausruhte; ein gemeinſchaftlicher Freund diente als Mittelsperſon bei der Correſpondenz von Herrn Floridor Verduron und dem Kapitän. Man kann ſich den Schrecken des Geſchützmeiſters vorſtellen; er dachte, Herr Verduron habe ohne Zweifel Kenntniß von dem wahren Namen des Korſaren⸗Kapitäns bekommen, da er aber nichts von der doppelten Rolle, welche Herr Cloarek ſpielte, wiſſe, ſo werde der Rheder ſchon mit ſeinen erſten Worten, ohne etwas Schlimmes zu denken, ein Geheimniß von der größten Wichtigkeit enthüllen. Die Gegenwart des Rheders erklärte auch theilweiſe die Ankunft der Brigg, welche Legoffin einige Augenblicke zuvor unter einer Verkleidung, deren Geheimniß er nicht zu errathen vermochte, zu erkennen geglaubt hatte. Während dieſer troſtloſen Betrachtungen des Geſchütz⸗ meiſters war Herr Floridor Verduron immer näher heran⸗ gekommen, indeß Suſanne zu dem alten Diener ſagte: „Wer kann dieſer Herr ſein ?... Was für ein rothes Giſicht hat er!... Ich habe ihn nie hier geſehen Aber antworten Sie doch, Legoffin! Mein Gott! wie ſonderbar ſehen Sie aus! Sie ſind wahrhaftig noch bleicher, als gewöhnlich!“ „Die Röthe dieſes dicken Menſchen läßt mich ſo er⸗ ſcheinen,“ erwiederte Legoffin, der ſich einer Gefahr gegen⸗ über zeſtellt ſah, von der er nicht wußte, wie er ſie beſchwören ſollte. Die Magd, die dem Rheder um einige Schritte vor⸗ anging ſagte zu Suſanne: „Dame Robert, dieſer Herr will unſern Herrn in wichtigen Angelegenheiten beſuchen. „Ihr wißt wohl, daß der Herr ausgegangen iſt.“ „Das habe ich dem Herrn geantwortet, doch er ſagte mir, er würde warten, denn er müſſe unſern Herrn durchaus ſehen; ... dann führte ich ihn hierher, damit er ſich mit Ihnen erkläre.“ Therefe hatte ſo die Ankunft von Herrn Verduron ausein⸗ 160 andergeſetzt, als dieſer, ein Weltmann, der ſich auf ſeine geſellſchaftlichen Manieren etwas zu gut thut, und in ſeinen ſchöneren Jahren wir ein Koriphäe des Menuets angeführt worden war, fünf Schritte von Dame Robert ſtehen blieb und, ſeine Arme graziös gerundet, die Ellenbogen nach Außen, die Ferſen eng aneinander geſchloſſen, ſo daß ſeine Füße ein V bildeten, eine erſte tiefe Verbeugung machte. Geſchmeichelt durch dieſe ihrem Geſchlechte darge⸗ brachte, ehrfurchtsvolle Huldigung, erwiederte Dame Robert den Gruß durch einen ceremoniöſen Bückling, wobei ſie ganz leiſe mit einer Miene ſpöttiſchen Vorwurfs zu Le⸗ offin ſagte: „Lernen Sie an dieſem Beiſpiel, wie ein artiger Mann ſich einer Frau zu nähern hat.“ „Alle Wetter! ich habe mich wohl ſchon anderen Dingen genähert, wie leider dieſer Tölpel von einem Rheder bald ausſagen wird,“ murmelte der Geſchützmeiſter zwiſchen ſeinen Zähnen, während er ſich aus Verzweiflung die Nä⸗ gel zerkaute. Herr Floridor Verduron rückte zwei Schritte vor und vollbrachte die zweite Begrüßung; Suſanne antwortete hierauf mit einem neuen Bückling und flüſterte Legoffin, um ihn zu quälen und zum Racheifer anzuſtacheln, zu „Das ſind wahrhaftig die Manieren eines vornehnen Herrn, eines Botſchafters!“ Statt zu antworten, zog ſich der Geſchützmeiſter immer mehr hinter das Blätterwerk eines grünen Baumes zurück, als hätte er der Gefahr durch Hinausſchibung derſelben entgehen konnen. Der dritte und letzte Gruß des Rheders (die drei Grüße waren unerläßlich), glich zu ſehr den zwei erſten, um eine beſondere Erwähnung zu verdienen, und er war eben im Begriff, Suſanne anzuſprechen, 4 er Le⸗ goffin erblickte. „Ah! Du warſt da?“ ſagte der Rheder, ildem er ihm ein äußerſt freundliches Zeichen mit dem Kopf machte. „Ich hatte Dich nicht bemerkt, alter Seewolf!“ —x 161 „Pah!“ erwiederte Legoffin, der zu lächeln glaubte, indeß er nur eine abſcheuliche Grimaſſe machte, „wäre man ein Seewolf, weil man auf der Küſte wohnt, ſo müßte ⸗ (und er deutete auf Suſanne) eine Seewöllfin ein.“ „Immer ſcherzhaft,“ rief der Rheder; „und Dein Auge, mein armer Junge?“ „Wie Sie bemerken können, mein guter Herr Ver⸗ duron, ich ſehe nichts mehr daraus. .. doch ich bitte Sie, ſprechen wir nicht mehr hievon. Sprechen wir nicht hievon ich habe melne Gründe.“ „Ich glaube es wohl, mein armer Alter, denn wahrhaftig, Madame,“ ſagte der Rheder, ſich an Suſanne wendend, „es iſt ein Unglück, ſo durch einen Pikenſtich ein Auge zu verlieren.“ „Wie,“ rief Dame Robert, indem ſie Legoffin ganz verwundert anſchaute, „wie, ein Pikenſtich?“ „Das iſt ein Wortſpiel,“ erwiederte heldenmüthig der Geſchützmeiſter mit einer Grimaſſe, welche noch viel abſcheulicher war, als die erſte. „Herr Verduron, der ſehr ſpaßhaft iſt, nennt den Trumpf, den ich auf das Ange bekommen, einen Pikſtich, weil ich viel Herz beſitze, laber mich leider nicht vor dem Carreau *) in Acht genommen habe, bei dem Schurken von einem Optiker in Lyon.“ Nur an Suſanne gerichtet, wurden dieſe letzten Worte ſo leiſe ausgeſprochen, daß ſie allein ſie hörte, und über⸗ dies betäubte ſich der Rheder ſelbſt, indem er ein ſchallen⸗ des Gelächter über die grauſamen Witze aufſchlug, die eine verzweifelte Lage dem unglücklichen Legoffin eingab. „Ha! ha! ich hielt ihn, bei Gott! nicht für ſo ſtark, ha! ha! ha! er iſt ſehr ſcherzhaft, nicht wahr, Madame?“ * Dieſer von den Farben des Kartenſpiels entlehnte Colem⸗ bourg iſt nicht wohl zu überſetzen, biquo bebeutet zugleich Pike, Spieß oder die Farbe, die man bei uns Schippen nennt, Carrean Glasplatte, oder im Kartenſpiel Schellen. 162 ſagte Herr Verduron. „Nur er kann das finden. Ein Pikſtich. ein Trumpf. .. er beſitzt viel Herz und hat ſich vor dem Carreau nicht in Acht genommen. Ha! ha! das iſt ſehr drollig.“ „Es iſt wahr, mein Herr,“ erwiederte Dame Robert, die das Wortſpiel erbärmlich fand, zum Glück aber nicht mehr an den ſo erklärten Pikenſtich dachte, „es iſt wahr, Herr Legoffin mit ſeiner ernſten Miene iſt ein heimlicher Spoͤtter, und wenn er nicht witzig iſt, ſo fehlt es ihm wenigſtens nicht an der Abſicht hiezu.. Doch, mein Herr, die Magd hat mir geſagt, Sie wünſchen Herrn Cloarek in dringenden Angelegenheiten zu ſprechen?“ „Ja, ſchoͤne Dame, in ſehr dringenden,“ erwiederte artig der Rheder. „Ich habe ohne Zweifel die Ehre, mit ſeiner Frau Gemahlin zu ſprechen .. . in dieſem Fall. . . „Verzeihen Sie, ich bin nur die Haushälterin bei Fräulein Cloarek.“ „Wie, der Kap. ..“ Die erſte Sylbe des Wortes Kapitän war noch nicht aus dem Munde des Rheders hervorgegangen, als der Geſchützmeiſter plötzlich mit voller Lunge, indem er Suſanne ungeſtüm auf den Arm ſchlug, ausrief: „Ei! potz Fiſchchen! ſehen Sie doch! ſchauen Sie 1 Die Haushälterin wurde von der gewaltigen Stimme von Legoffin und von ſeiner Geberde ſo ergriffen, daß ſie nicht einmal die ſo gefürchtete vom Rheder ausgeſprochene Sylbe hörte. Sobald ſie ſich von ihrem Schrecken erholt hatte, ſagte ſie auch ſehr ärgerlich zu dem alten Diener: „Das iſt unerträglich, Sie haben mir eine furcht⸗ bare Angſt eingejagt, ich zittere ganz.“ doch „Schauen Sie doch dort,“ fuhr der Geſchützmeiſer fort, indem er ſeine langen Arme in der Richtung Strandes ausſtreckte, „es iſt nicht zu glauben, beien nem Ehrenwort, das iſt übernatürlich!“ 3 „Was denn?“ fragte der Rheder, mit den Augen der 163 von Legoffin bezeichneten Richtung folgend, „was ſehen Sie denn?“ „Nein, hätte man mir geſchworen, das ſei möglich,“ erwiederte unſer Mann, „ich hätte mir den Kopf darauf abſchlagen laſſen, daß das nicht ſein könne.“ „Aber was denn?“ fragte Suſanne, deren Neugierde trotz ihrer üblen Laune rege wurde, „von was ſprechen Sie denn?“ „Das grenzt an das Wunderbare!“ fuhr der Ge⸗ ſchützmeiſter, in einer Art von Bewunderung verſunken, fort, „man fragt ſich, ob man wache oder träume!“ „So ſprechen Sie doch, was iſt es denn?“ rief der Rheder nicht minder ungedulvig, als die Haushälterin, „wovon reden Sie? wohin muß man ſchauen?“ „Sehen Sie,“ antwortete Legoffin unſtörbar, „Sie ſehen dort jene Brandung ... links.“ viLint⸗ „ verſetzte treuherzig der Rheder, „links von uns?“ „Links von der andern,“ antwortete Legoffin. „Welche andere?“ fragte Suſanne, „welche andere?“ „Wie! welche andere?“ entgegnete unſer Mann, „Sie bemerken dort nicht jene große weiße Brandung, welche ausſieht wie ein Dom?“ „Ich ſehe ſie,“ ſagte der Rheder. „Nun! weiter!“ fügte Suſanne bei; „Sie ſehen nicht dort, ganz oben?“ „Ganz oben, Legoffin?“ „Ja, auf der Seite.“ „Auf der Seite?“ „Sie ſehen nicht eine Art von blauem Schein?“ „Ein blauer Schein?“ wiederholte der Rheder, die Augen weit aufſperrend, während er ſeine linke Hand in Form eines Lichtſchirms über ſeine Augenbrauen hielt, „ein blauer Schein auf der Brandung?“ „Ja, dort, und ſehen Sie nur. . ei! potz Fiſch⸗ chen! nun wird er roth!“ rief Legofſin. „Sehen Sie, wie? Oh! vas iſt erſtaunlich! Doch kommen Sie, Herr 164 Verduron, wir wollen die Sache von Nahem anſchauen,“ fügte Legoffin bei, indem er den Rheder beim Arm faßte und fortzuziehen ſuchte. „Kommen Sie, kommen Sie.“ „Einen Augenblick Geduld!“ erwiederte Herr Ver⸗ duron, während er ſich von den Händen des Geſchützmei⸗ ſters losmachte; „um die Sache von Nahem anzuſchauen, müßte man ſie zuerſt von der Ferne geſehen haben, doch der Teufel ſoll mich holen, wenn ich etwas ſehe. Und Sie, Madame?“ „Ich gewahre ganz und gar nichts.“ Legoffin hätte vielleicht die Täuſchung ſeiner Opfer zu verlängern und ſie, wie man zu ſagen pflegt, in allen Farben ſehen zu laſſen geſucht, wäre nicht durch das Herannahen einer andern Gefahr ſeine erfindungsreiche Begeiſterung erſtickt worden. Er hörte zwei Schritte von ſich die Stimme von Sabine. Das Mädchen, das Herrn Verduron nicht erblickte, weil er hinter Legoffin und Sabine verborgen war, lief n der That herbei und fragte: . „Nach was ſchauſt Du denn, meine gute Suſanne?“ „Fräulein Suſanne,“ dachte Legofſin in Verzweif⸗ lung. .. „Alles iſt verloren. Unglückliches Kind, dieſe Entdeckung kann ſie tödten.“ Sechzehntes Rapitel. Als Herr Floridor Verduron Sabine erblickte, begann er auf's Neue ſeine ehrerbietigen Verbeugungen; das Mäd⸗ chen erwiederte Grüße, denn es glaubte nicht, einen Fremden im Garten zu finden. Legoffin bedachte voll Angſt, das Geheimniß von ——— —— — — 165 Cloarek könnte jeden Augenblick in Gegenwart von Sabine enthüllt werden, und faßte deshalb einen verzweifelten Entſchluß: da er den Rheder um jeden Preis entfernen wollte, ſo unterbrach er ihn mitten unter ſeinen Begrüß⸗ ungen und ſagte: „Kommen Sie nun mit mir, Herr Verduron, ich will Sie zum Herrn führen.“ „Aber, Legoffin,“ entgegnete Sabine, „wiſſen Sie denn nicht, daß mein Vater ausgegangen iſt?“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein, ich weiß wohl, wo ich ihn treffe.“ Und der Geſchützmeiſter ſetzte fich in Marſch, machte zugleich dem Rheder ein Zeichen mit dem Kopf und ſagte u ihm: „Kommen Sie, kommen Sie.“ „Der Herr würde beſſer daran thun, meinen Vater hier zu erwarten,“ ſprach mit höflichem Ton das Mäd⸗ chen, „er hat mir geſagt, er würde bald zurückkommen, Sie laufen Gefahr, ſich mit ihm zu kreuzen und ſo den Herrn einen unnöthigen Spaziergang machen zu laſſen.“ „Nein, nein, mein Fräulein, ſeien Sie ganz ruhig, es iſt ein herrliches Wetter . . Ich weiß ein ſehr hüb⸗ ſches Wegchen, und ſicherlich wird Ihr Herr Vater auf dieſem zurückkommen.“ „Und wenn er von einer andern Seite kommt?“ ent⸗ gegnete Suſanne, welche die Galanterien des Rheders vollkommen zu deſſen Gunſten geſtimmt hatten; „Sie ſetzen den Herrn einem ſehr ermüdenden Gang aus.“ „Ich ſage Ihnen noch einmal,“ erwiederte Legoffin voll Ungeduld, „ich wiederhole Ihnen, daß. . .“ „Mein Braver,“ ſagte Herr Verduron, den Geſchütz⸗ meiſter unterbrechend. „Du begreifſt, daß ich zu artig oder vielmehr zu ſelbſtſüchtig bin,“ fügte er mit einem coquetten Lächeln bei, „um mich nicht den verbindlichen ge zu fügen und hier zu warten . auf den en „Sehr gut,“ rief Legoffin, „ſehr gut, ſprechen wir nicht mehr davon, ich glaubte es auf das Beſte zu ma⸗ chen.. doch es fällt mir da ein,“ ſagte er, indem er ziemlich weit von Sabine und Suſanne zurückwich und dem Rheder durch ein Zeichen bedeutete, er möge zu ihm kommen, „hören Sie mich doch. . ich habe Ihnen etwas allein mitzutheilen.“ „Ah! mein Braver,“ erwiederte der Rheder mit ei⸗ ner Seladonsmiene, „Du willſt mich alſo durchaus von dieſen ſchönen Damen entfernen? Du zettelſt alſo ein Komplott gegen meine Zufriedenheit an!“ „Bei meinem Ehrenwort, Herr Verduron,“ rief Le⸗ goffin, der ſeinen neuen Verſuch abermals ſcheitern zu ſehen befürchtete, „ich habe Ihnen etwas ſehr Wichtiges zu ſagen und bitte Sie nur um zwei Minuten.“ „Zwei Minuten! Sie hören es, meine ſchöne Dame,“ ſagte der Rheder lachend, „er verlangt nur ſo viel, als ob zwei Minuten fern von einer ſo liebenswürdigen Geſell⸗ ſchaft zugebracht nicht zwei Jahrhunderte wären!“ „Ah! mein Herr,“ ſprach Suſanne, entzückt über dieſe neue Artigkeit, „das iſt zu liebenswürdig.“ „Sie ſehen, mein armer Legeſſin,“ ſagte Sabine, welche Herrn Verduron ſehr beluſtigend zu finden anfing, „Sie müſſen ſich ergeben.“ „Aber, mein Herr,“ rief der Geſchützmeiſter voll Angſt, „ich ſage Ihnen, daß ich insgeheim mit Ihnen ſprechen muß, und zwar auf der Stelle.“ Herr Verduron war viel zu viel daran gelegen, bei den zwei Frauen zu coquettiren, als daß er ſich in den Wunſch von Legoffin, deſſen Wichtigkeit er überdies nicht ahnen konnte, gefügt hätte. Er antwortete ihm auch mit dem muthwilligſten Ton: „Stille, mein Braver, nimm nicht dieſen ſchweren, furchtbaren Ton an, Du könnteſt den ſchönen Damen bange machen; ich verſpreche Dir eine Privataudienz, wenn ſie uns des Vergnügens ihrer liebenswürdigen Ge⸗ genwart beraubt haben werden.. .“ „Nun denn! ſo hören Sie wenigſtens, was ich Ihnen 167 rief, auf's Aeußerſte gebracht, der unglückliche Le⸗ goffin. Und er näherte ſich dem Rheder, um leiſe mit ihm zu ſprechen. Doch dieſer wich zurück und entgegnete laut lachend: „Ah! ah! ſich vor Damen in's Ohr flüſtern! .. Du hältſt mich alſo für einen Ungezogenen, für einen Wil⸗ den, für einen Cannibalen! Ah! meine ſchöne Damen, dieſer Burſche will mich offenbar um Ihre Gunſt bringen!“ „Oh! Sie kennen ohne Zweifel die Halsſtarrigkeit von Herrn Legoffin nicht,“ fagte Suſanne; „wenn er etwas im Kopf hat, ſo kann man ihn unmöglich von ſeiner Idee abbringen.“ Der Geſchützmeiſter antwortete nicht und näherte ſich den drei Perſonen mit dem Geſichte eines Menſchen, der ſich allen Chancen einer verzweifelten Lage hingibt. „Ich habe alſo die Ehre, mit Fräulein Cloarek zu ſprechen?“ fragte der Rheder, ſich artig an Sabine wendend. „Ja, mein Herr, antwortete das Mädchen, „und Sie ſind ohne Zweifel einer von den Freunden meines Vaters?“ „Er hat keinen ergebeneren, mein Fräulein, und ich müßte ſehr undankbar ſein, wenn es anders wäre ich bin ihm ſo viel Dank ſchuldig.“ „Mein Vater iſt alſo ſo glücklich geweſen, Ihnen einige Dienſte zu leiſten?“ „Einige Dienſte, mein Fräulein! er hat mein Glück gemacht. nicht mehr.“ 3 „hr Glück?“ erwiederte Sabine erſtaunt, „und wie es?“ „Das iſt ganz einfach, mein ſchönes Fräulein .. r 2 1 . Ja, mein Fräulein,“ ſagte Legoffin, haſtig den Rhe⸗ der unterbrechend, „für Rechnung dieſes Herrn hat ſich Ihr Vater ſo oft auf die Reiſe, auf die Fahrt *) begeben.“ *) In der Seemannsſprache macht ein Korſar die Fahrt, und wenn er in See geht, vegibter ſich auf die Fahrt.⸗ „Das iſt die Wahrheit, mein Fräulein,“ ſprach der Rheder, „und jede Fahrt brachte mir reichen Gewinn. Doch der beſte Gewinn, den ich Ihrem lieben Vater zu danken habe, iſt der, daß ich Ihnen, mein ſchönes Fräu⸗ lein, meine Huldigung darbringen dasf.“ Während Sabine, ſo gut ſie konnte, die altväteriſchen Artigkeiten von Herrn Verduron erwiederte, ſtreckte Legof⸗ fin ſeinen Kopf zwiſchen Sabine und Suſanne und ſagte: „Das iſt ein Fabrikant. Wir verkauften ſeine Stoffe auf unſern Reiſen, und das hat ihn ungeheuer bereichert.“ „Ah! mein Herr.“ rief Sabine, „Sie waren alſo halb an den Beſorgniſſen Schuld, die mir jede Abweſen⸗ heit meines Vaters verurſachte.“ „Und Gott weiß, mein Herr, wie wenig vernünftig das Fräulein in dieſer Hinſicht war,“ fügte Suſanne bei. „Stellen Sie ſich vor, daß ſie in einer beſtändigen Angſt ſchwebte, als ob ihr würdiger Vater die geringſte Gefahr gelaufen wäre.“ Der Rheder ſchaute Suſanne ganz verwundert an und erwiederte: „Eine Gefahr? Oh! Sie glauben alſo, ſchöne Dame, 6 „Nein, es iſt zum Erſtaunen,“ unterbrach Legoffin Herrn Verduron mit einer außerordentlichen Zungenfertig⸗ kelt, „es iſt zum Erſtaunen, wie man ſich über gewiſſe Dinge täuſcht. Man bilvet ſich ein, Alles ſei roſa bei unſerem Handwerk, und weil es viel einträgt, glaubt man, man dürfe ſich nur bücken und nehmen, als ob wir nie wiverſpänſtige Kunden fänden, doch wie das Sprüchwort ſagt: Auf den Korſaren anderthalb Korſaren, denn oft hatten wir es mit einem Handelsmann) zu thun, der uns mit ſeiner gutmüthigen Miene tüchtig Garn aufzuwinden gab.“ ²) Die Korſaren nennen ein Handelsſchiff Handels mann, und oft geben i Krieg ausgerüſtete Schiffe das An⸗ ſehen von Handelsſchiffen, um die Korſaren zu täuſchen un ſie zuzihrer⸗Verfoigung heranzulocken. 169 „Das iſt wahr,“ ſagte der Rheder zu Sabine, „man hat keinen Begriff, wie trügeriſch dieſe Burſche oft aus⸗ ſehen.“ „Man darf auch dem Anſchein nicht trauen,“ erwie⸗ derte das Mädchen lächelnd. „Hierauf alſo,“ ſagte Suſanne ſpöttiſch, „hierauf beſchränken ſich die Gefahren, von denen uns Herr Le⸗ goffin mit einer ſo prahleriſchen Miene geſprochen hat?“ „Meiner Treue, ſchöne Dame, er hat nicht Unrecht, und ich verſichere Sie, daß der letzte Kampf . ..“ „Ein Kampf!“ unterbrach das Mädchen raſch den Rheder, den es erſtaunt anſchaute, „ein Kampf?“ „Wie?“ rief Suſanne, nicht minder erſtaunt, „ein Kampf, von welchem Kampf ſprechen Sie denn, mein Herr?“ „Von einem Kampf, von einem furchtbaren Streit,“ erwiederte Legoffin, dem Rheder das Wort kurz abſchnei⸗ dend; „von einem verzweifelten Kampf zwiſchen einem ſchurkiſchen Käufer, der unſere Rouenneries nicht nach ſeinem Geſchmack fand, doch Herr Cloarek und ich, wir haben ihn ſo ſchön belehrt, daß er uns unſere letzten hundert Stücke Stoff abnahm, und daß .. „Ah! meine ſchönen Damen, was Teufels ſingt er uns denn da vor mit ſeinem Rouenneries und ſeinen Bal⸗ lots!“ ſagte Herr Verduron, der wiederholt vergebens Le⸗ goffin zu unterbrechen verſucht hatte. „Verliert Ihr denn den Kopf, mein Braver?“ „Wie? ich verliere den Kopf!“ rief Legoffin mit einer Donnerſtimme; und plötzlich das Geſicht verändernd, rückte er auf Herrn Verduron zu und ſprach mit drohen⸗ dem Tone: „Sie behandeln mich als einen Narren, Sie alter Kerl, der Sie ſind.“ Als nämlich der Geſchützmeiſter die Quelle ſeiner Einbildungskraft erſchöpft hatte und an der Moglichkeit, dieſes doppelſinnige Geſpräch länger aushalten zu können, verzweifelte, entſchloß er ſich zu einem herviſchen Mittel, Die ſieben Tobſünden. MI. Abth. 11 170 um das Geheimniß ſeines Herrn zu retten. Das Still⸗ ſchweigen des über dieſe ungeſtüme Aenderung der Ma⸗ nieren ganz verblüfften Rheders benützend, fuhr Legoffin mit einer noch gewaltigeren Stimme fort: „Ja, Sie ſind ein Unverſchämter, Herr Verduron, und wenn Sie mir meine Ohren heiß machen, ſo ſchüttle ich Ihnen die Ihrigen.“ „Legoffin!“ rief Sabine ganz zitternd, „in des Him⸗ mels Namen! was ſagen Sie?“ „Wie!“ ſchrie der Rheder, „wie, Du haſt die Frech⸗ heit, mich ſo vor dieſen Damen zu behandeln?“ „Führen Sie das Fräulein ſchnell weg,“ ſagte Le⸗ goffin leiſe zu Suſanne, „das wird ſchrecklich werden .. ſie würde einen Anfall bekommen „ geſchwinde, ge⸗ ſchwinde, führen Sie das Fräulein weg.“ Dann machte er abermals ein paar Schritte gegen den Rheder, nöthigte ihn, bis zur Bruſtwehr des Grabens zurückzuweichen, und fuhr fort: „Alter à la Bergamotte gepuderter Schmetterling ich weiß nicht, was mich abhält, Dich in dieſen Gra⸗ ben tauchen zu laſſen.“ Und er packte Herrn Verduron beim Kragen; ver⸗ gebens ſuchte ſich dieſer loszumachen und ſchrie: „Der Unglückliche iſt ein völliger Narr geworden . Hat man je einen ſolchen Wahnfinnigen geſehen!“ „In des Himmels Namen! führen Sie Fräulein Sabine weg! es wird ihr ſehr widrig ſein, dieſen alten Schuft tauchen zu ſehen,“ ſagte Legoffin zu der Haus⸗ hälterin. Dieſe hatte, als ſie das Mädchen bei der heftigen Scene erbleichen und an allen Gliedern zittern ſah, nicht erſt auf den Rath des Geſchützmeiſters, Sabine wegzu⸗ führen, gewartet; doch trotz ihrer Angſt und der Bitten der Haushälterin wollte Sabine ſich nicht entfernen, denn ſie betrachtete es als eine Feigheit, einen Freund ihres Vaters der Mißhandlung des Commis preisgegeben zu 171 laſſen; ſie machte ſich auch von der Hand von Suſanne frei, näherte ſich den zwei Männern und rief entrüſtet: „Legoffin . . . Ihr Benehmen iſt beklagenswerth, im Namen meines Vaters befehle ich Ihnen, einem ſolchen Scandal ein Ende zu machen.“ „Zu Hülfe! er erwürgt mich,“ murmelte, an die Bruſtwehr des Grabens angedrückt mit ſchwacher Stimme Herr Floridor Verduron. „Ah! alter Elender, der Ka⸗ pitän wird Dich ..“ Dieſes letzte Wort: der Kapitän, obgleich mit ſo erſticktem Ton ausgeſprochen, daß es Sabine zum Glück nicht horte, war die Verurtheilung des Rheders. Legoffin packte Herrn Verduron mit dem Arm um den Leib, warf ihn ungeſtüm rückwärts über die höchſtens drei Fuß hohe Bruſtwehr, und die zwei Ringer fielen auf die mit Raſen bewachſene Böſchung und rollten bis in die Tiefe des Grabens, ohne ſich indeſſen im Geringſten zu beſchädigen, während Sabine, welche den Schrecken, der ſie bei dieſem letzten Vorfall ergriff, nicht mehr be⸗ meiſtern konnte, ohnmächtig in die Arme von Suſanne ſank. „Thereſe, zu Hülfe . . . das Fräulein iſt ohnmäch⸗ tig,“ rief die Haushälterin, „zu Hülfe!“ Die junge Magd lief alsbald herbei, und mit ihrer Unterſtützung wurde Sabine in das Haus gebracht. Dieſer Hülferuf, von der Haushälterin an Thereſe gerichtet, war zu den Ohren von Legoffin gelangt, der unten im Graben lag und unter ſich den Rheder hielt, welcher aus der erſten durch die raſche Rotation ſeines Falls verurſachten Betäubung zu erwachen anfing. „Das Fräulein iſt ohnmächtig, es iſt nichts mehr zu befürchten, unſer Geheimniß iſt gerettet,“ ſagte Legoffin zu ſich ſelbſt. Hienach ſetzte ſich der Geſchützmeiſter auf die Bö⸗ ſchung und betrachtete mit unſtörbarem Phlegma Herrn Floridor Verduron; ſchwitzend, ſchnaufend, keuchend, mit zerzauſten, des Puders beraubten Haaren, erhob ſich die⸗ 172 ſer mühſam und lehnte ſich noch ganz wankend an die Mauer des Grabens. Das Erſtaunen, der Zorn des Rhe⸗ vers waren ſo gewaltig, daß er Anfangs kein Wort finden konute; ſeine Backen ſchwollen abwechſelnd an und ab, je nach den Athemſtößen ſeiner durch die Wuth gepreßten Bruſt, wenn er aber ſtumm war, ſo ſprach ſein Blick und ſchien Legoffin niederſchmettern zu wollen. Der Geſchütz⸗ meiſter benützte ſein Stillſchweigen und ſagte mit einem vollkommen gutmüthigen Ton, und als ob ſie ganz fried⸗ lich ein Geſpräch fortſetzten, zu dem Rheder: „Nun, mein lieber Herr Verduron, will ich Ihnen erk ären, warum ich Sie gebeten habe, mir an dieſes ver⸗ borgene Oertchen zu folgen.“ „Elender!“ rief der Rheder, außer ſich über die Kalt⸗ blütigkeit des Geſchützmeiſters, „Du wagſt es, mich zu be⸗ leidigen, Hand an mich zu legen?“ „Verdammt! das iſt Ihr Fehler, mein guter Herr Verduron.“ „Welche Frechheit!“ „Ich habe Sie um eine kurze Unterredung unter vier Augen gebeten, Sie haben es mir abgeſchlagen. Ich mußte wohl auf dieſe Art manveuvriren, um von Ihnen die Bequemlichkeit des vertraulichen Geſprächs, der wir uns in dieſem Augenblick erfreuen, zu erlangen.“ „Gut! gut! Füge den Hohn der Gewaltthat bei, der Kapitän wird für mich Gerechtigkeit an Dir üben, alter Bandit,“ ſchrie der Rheder mit gedrängter Wuth. Dann den jähen Abhang der Böſchung erſchauend, fügte er bei: „Dick, wie ich bin, werde ich nie da hinaufſteigen können, ich werde genöthigt ſein, um Hülfe zu rufen, eine Leiter zu verlangen oder mich an Stricken hinaufziehen zu laſſen. Ah! elender Legoffin, daß Du mich in eine ſolche grauſam lächerliche Lage verſetzſt, und zwor vor Damen!“ Der Geſchützmeiſter gefiel ſich einen Augenblick darin, ſich an ſeinem Triumph zu weiden; wohlgefällig ſagte er ſich, er habe ſich mit großer Gewandtheit benommen, um — 173 ſich aus dieſer Verlegenheit herauszuziehen; als er ſich aber mit dieſer ſtolzen Zufriedenheit geſättigt hatte, ſprach er, diesmal im Ernſt, zu dem Rheder: „Hoͤren Sie, Herr Verduron, ich bitte Sie um Ent⸗ ſchuldigung für das, was ich gethan habe; doch, bei mei⸗ ner Ehre, ich war genöthigt. . .“ „Wie, Du wagſt es noch . . .“ „Hören Sie mich doch: Herr Cloarek hatte aus ſehr gewichtigen Gründen ſeiner Tochter bis daher verborgen, daß er Korſar war und Kreuzfahrten machte . . .“ „Wahrhaftig!“ rief der Rheder vom Zorn zum Er⸗ ſtaunen übergehend; „darum alſo verbarg er mir ſeinen wahren Namen und ſeinen Wohnort, was zu entdecken ich ſo große Mühe hatte?“ „Ganz richtig und um ſich von Zeit zu Zeit von hier entfernen zu können, gab er zum Vorwand ſei⸗ ner Tochter an, er treibe Commiſſionsgeſchäfte in Ronenne⸗ ries und anderen Waaren.“ „Iſt es möglich?“ „Ah! Sie begreifen meine Verlegenheit und meine Angſt, als ich Sie hier wie eine Bombe einfallen ſah.“ „Alſo, um mich zu bitten, ich möge das Geheimniß bewahren?“ „Wollte ich unter vier Augen mit Ihnen ſprechen.“ „Welch ein Glück, daß ich das Geheimniß des Ka⸗ pitäns nicht compromittirt habe! Er hätte es mir nie ver⸗ ziehen.. Nun, da ich mich des doppelſinnigen Geſprächs erinnere, begreife ich Alles.“ „Da aber ein ſolches Geſpräch fortſetzen auf glü⸗ henden Kohlen oder auf Rafirmeſſerklingen gehen hieß, ſo entſchloß ich mich, Sie in die Tiefe dieſes Grabens zu führen, um Sie von Fräulein Clvarek und der Haushäl⸗ terin zu entfernen; das Mittel war roh, doch was ge⸗ ſchehen iſt, iſt geſchehen.“ „Legoffin, ich verzeihe Dir,“ ſprach Herr Verduron großmüthig; „ich muß ſogar zugeſtehen, daß Du Dich nicht ungewandt benommen haſt, denn. . 174 Das Geſpräch der Unterirdiſchen wurde durch ein Geräuſch von haſtigen Schritten und durch die Stimme von Herrn Cloarek unterbrochen, welcher rief: „Wo dies? .wo find ſie?“ „Ach! mein Gott! ſie ſind Beide in den Graben ge⸗ fallen!“ antwortete die Stimme von Thereſe. Bald erſchien Mon über der Brüſtung. Beim Anblick des Rheders ergriff ihn ein gewaltiges Erſtaunen. Dann bedachte er, daß die Gegenwart von Herrn Verduron ein Geheimniß gefährden konnte, welches zu bewahren er ein ſo großes Intereſſe hatte, und rief, vor Zorn und Angſt erbleichend: „Verflucht!. . Sie ſind hier, mein Herr . . . Sie haben es gewagt . . .“ Trotz ſeines Hinkens noch ſehr behende, erkletterte Legoffin mit drei Sprüngen die jähe Böſchung und ſagte zu Cloarek: „Herr Mon, beruhigen Sie ſich, Fräulein Sabine und Suſanne wiſſen von nichts.“ „Oh! mein Gott!“ ſprach Cloarek, von einer furcht⸗ baren Angſt befreit, „ich athme, meine Tochter weiß nichts.“ Siebenzehntes Rapitel. Beruhigt über die möglichen Folgen des Beſuches von Herrn Verduron, wollte ſich Cloarek nach der Urſache ſeiner Erſcheinung erkundigen; vor Allem mußte er daher auf Mittel, ihn aus dem Graben herauszuziehen, bedacht ſein. Legoffin ſuchte ein Seil und warf eines von den 6 5 —— Enden deſſelben dem Rheder zu, dem es mit dieſer Hülfe die Böſchung zu erſteigen gelang. „Kommen Sie zu mir,“ ſagte Herr Cloarek, ohne ſeine Unzufriedenheit zu verbergen, „ich muß wiſſen, war⸗ um Sie, trotz des Incognito, das ich behaupten wollte, mich hier auf Gefahr, das größte Unglück zu veranlaſſen, aufzuſuchen ſich erlaubt haben?“ „Sie ſollen Alles erfahren, mein lieber Kapitän,“ antwortete Herr Floridor Verduron. Und während dieſer Unglückliche ſeine durch den Fall in den Graben gewaltig in Unordnung gebrachte Toilette wiederherſtellte, erzählte Legoffin ſeinem Herrn Alles, was ſeit der Ankunft des Rheders vorgefallen war. „Immer verſtändig und ergeben, mein guter Legoffin,“ ſprach Cloarek gerührt nach dieſer Erzählung. „Durch Deine Geiſtesgegenwart und Deine Gewandtheit haſt Du unſer Geheimniß gerettet.“ „Und wie ſteht es mit dem Fräulein, Herr Yon?“ fragte Legoffin. „Es thut mir ſehr leid, daß ich ihr, die ſo empfindlich iſt, einen ſolchen Schrecken eingejagt habe .. doch von zwei Uebeln mußte ich das geringſte wählen.“ „Es geht viel beſſer bei ihr; als ich zurückkam, war ihre Ohnmacht ſeit einigen Augenblicken vorüber, doch ſie fühlte ſich noch ſehr ſchwach; ganz entrüſtet gegen Dich, erzählte mir Suſanne, nach einem ſehr friedlichen Geſpräch mit einem mir befreundeten Kaufmann habeſt Du Dich ploͤtzlich wie ein wüthender Narr auf dieſen geworfen, und Ihr ſeid Beive in den Graben gerollt. Da ich dieſe Erzählung nicht begriff, ſo lief ich herbei, und ich weiß nun, daß Du mir einen neuen und großen Dienſt geleiſtet haſt. „Mein lieber Kapitän,“ ſagte der Rheder, während er ſein Aeußeres vollends zurecht richtete, „ich bitte Sie, laſſen Sie mich nicht vor den Augen der Damen erſchei⸗ nen ich bin häßlich; der Grund des Grabens war voll Koth und ich würde mich ſchämen, müßte ich die Blicke Ihrer reizenden Tochter aushalten.“ 176 „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Cloarek ärgerlich, zic habe nicht Luſt, Sie wieder mit ihr zuſammenzu⸗ ringen.“ . Und er ließ Herrn Verduron durch eine Nebenflur ſeines Hauſes gehen und führte ihn in ſein Cabinet. wollte ſich entfernen, doch der Rheder ſagte zu ihm: „Mit Erlaubniß des Kapitäns mußt Du bleiben, mein Braver . .. Dein Rath kann uns ſehr nützlich ſein.“ „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Cloarek. „Bitten Sie den alten Legoffin, die Thüre gut zu ſchließen, und! Sie werden Alles erfahren, mein lieber Kapitän.“ Ebenſo erſtaunt als ungeduldig, hieß Yvon ſeinen Geſchützmeiſter bleiben und ſagte zu dem Rheder: 3 „Werden Sie mir endlich erklären, warum Sie bis hierher gekommen ſind, um mich aufzuſuchen, und warum Sie das Incognito, das ich bewahren wollte, nicht geach⸗ tet haben?“ „Ich werde alle Ihre Fragen beantworten,“ erwie⸗ derte Herr Verduron, der allmälig ſeine heitere Miene wieder annahm. „Um aber in die Sache ſelbſt einzugehen, ſage ich Ihnen, daß wir hier ganz einfach einen kleinen Kriegsrath halten werden.“ „Einen Kriegsrath?“ entgegnete Cloarek, „find Sie närriſch?“ „Nicht ſo närriſch, mein braver Kapitän, denn ich will Ihnen einen Gewinnſt von wenigſtens vier⸗ bis fünf⸗ malhunderttauſend Franken für Ihren Antheil vorſchlagen.“ „Ich ſoll wieder in See gehen?“ ſagte Clvarek den Kopf ſchüttelnd, „ich habe auf die Fahrt verzichtet.“ „Ach! ja, Sie haben mir dieſen traurigen Entſchluß mitgetheilt, mein lieber Kapitän, und ſtatt der König der Rheder von Dieppe zu bleiben, weil ich die Ehre hatte, für den berühmten Kapitän lEndurci zu rheden, bin ich nur noch . .. „Ein Wort . . .“ unterbrach Cloarek Herrn Ver⸗ 177 duron: „mit welchem Recht haben Sie ſich erlaubt, einen vertraulichen Brief, in welchem ich Ihnen meine Ent⸗ führung und meine Flucht mittheilte, drucken zu laſſen?“ „Wie! mein braver Kapitän, das war eine Wonne für alle Leſer des Journal de l'Empire, welche, wie ſo viele Andere, ſehr lüſtern ſind nach Allem, was ſich pen unerſchrockenſten, gefeiertſten von unſeren Korſaren bezieht.“ „Sie find viel zu artig, denn dieſe Indiseretion von Ihrer Seite hat mich ungemein geärgert.“ „Hat ſich Ihre Beſcheidenheit ſchon hierüber empört, mein lieber Kapitän, ſo wird ſie noch vielmehr unter dem heutigen Artikel leiden“ „Wie! welchen Artikel meinen Sie?“ „Man ſpricht abermals von Ihnen im Journal de lEmpire, das ich dieſen Morgen geſehen habe.“ „Und was ſagt man?“ rief Cloarek, der für ſein Geheimniß bange hatte und dachte, man habe vieſe Zei⸗ tung in ſeinem Hauſe empfangen. „Alle Teufel! mein Herr, iſt es eine neue Indiscretivn von Ihnen?“ „Beruhigen Sie ſich, mein lieber Kapitän, man ſpricht darin nur von dem unerſchrockenen Korſaren l'En⸗ durci, von ſeiner Art und Weiſe, zu fechten und den Feind anzugreifen u. ſ. w., kurz einfache Details über den Seemann, nichts über den Privatmann.“ „Das iſt ſchon zu viel,“ erwiederte Clvarek ungedul⸗ dig, obwohl beruhigt. „Sind wir in dem Allem ſehr un⸗ angenehm geweſen.“ „Ich habe es wenigſtens nicht in ſchlimmer Abſicht gethan, und. . was geſchehen iſt, iſt geſchehen, wie dieſer alte Teufel Legoffin ſagt, und dann werde jeder Sünde die Barmherzigkeit! nicht wahr?“ „Es ſei „ doch fahren Sie fort, oder ich glaube vielmehr, es iſt unnöthig, fortzufahren. Sie ſind hierher gekommen, um mir den Vorſchlag zu machen, wieder die See zu nehmen; ich will das nicht, und damit iſt Alles abgethan!“ 178 „Nein, damit iſt nicht Alles abgethan, mein lieber Kapitän; ſchenken Sie mir nur zwei Minuten Aufmerkſam⸗ keit und hören Sie: Es handelt ſich um einen Dreimaſter der oſtindiſchen Compagnie, der mit Goldſtangen und ge⸗ münztem Geld im Betrag von ungefähr zwei Millionen Franken beladen iſt. Sie hören .. zwei Millionen Franken!“ „Was iſt mir daran gelegen?“ „Warten Sie doch dieſes Schiff hat bei dem letz⸗ ten Sturme großen Schaden erlitten, zu dieſer Stunde liegt es zur Ausbeſſerung in Jerſey, und es muß morgen Abend bei der Fluth unter dem Geleite einer Kriegscor⸗ vette unter Segel gehen; für den Augenblick ſage ich Ihnen nicht mehr.“ „Und Sie haben Recht... Wäre dieſer Dreimaſter mit zehn Millionen beladen, ich würde nicht mehr die See nehmen ich habe es Ihnen geſagt.“ „Es iſt wahr, Sie haben es mir geſagt, mein lieber Kapitän, voch das iſt nicht Ihr letztes Wort, und zwar aus mehreren Gründen.“ „Ich habe nur ein Wort, mein Herr.“ „Ich ebenſo, mein lieber Kapitän; doch .. oft. . unwillkührlich.. . die Umſtände. ..“ „Noch einmal ich habe geſagt nein, und das iſt „Sie haben geſagt: nein ... nun wohl! Sie werden ſagen: ja. So iſt es, mein lieber Kapitän,“ erwiederte der Rheder, als ob er ſeiner Sache ganz ſicher geweſen wäre. „Herr Verduron!“ rief Cloarek, mit dem Fuße ſtam⸗ pfend; „genug, genug!“ S „Hören Sie, reizen Sie Herrn Mvon nicht,“ flüſterte Legoffin dem Rheder zu, „ich kenne ihn, es gäbe Sturm für Sie, und da Sie nicht mit einem Blitzableiter ver⸗ ſehen ſind, ſo begreifen Sie ...“ „Mein lieber Kapiun fuhr Herr Verduron fort, 179 „Alles, was ich mir von Ihnen erbitte, iſt, daß Sie mir fünf Minuten Gehör ſchenken.“ „Vorwärts, machen Sie ein Ende.“ „Sie können aus beifolgenden Bruchſtücken einer Zei⸗ tung und aus dieſem Bericht, der aus guter Quelle kommt, erſehen,“ ſprach Herr Verduron, indem er Mon einige Papiere übergab, „Sie können erſehen, daß die Kriegscorvette der Vangard, welche dieſes reiche, ſaf⸗ tige Schiff geleitet, vom Kapitän Blak befehligt wird.“ „Vom Kapitän Blak!“ rief Cloarek. „Von eben dieſem,“ antwortete der Rheder; „das iſt, wie Sie wiſſen, einer der unerſchrockenſten Kapitäne der engliſchen Marine; und zu unſerem Nachtheil war er ſtets ſo glücklich bei ſeinem Zuſammentreffen mit unſeren Schiffen, daß man ihm den Beinamen der Lieferant der Pontons gegeben hat.“ „Da es der bekannte Kapitän Blak iſt, der das reiche Schiff geleitet, ſo wäre es mir ſüß geweſen, und hätte es mich mein letztes Auge gekoſtet,“ ſagte Legoffin, „es wäre mir ſüß geweſen, eine achtzehnpfünder Kugel in den Bauch dieſes Lieferanten der Pontons einzuquartieren, aber potz Fiſchchen! ich habe kein Glück!“ „Das Glück wird kommen, mein alter Seewolf.“ „Ich bin hiezu nicht vertraut genug mit dem guten Gott, Herr Verdurvn.“ „Nun wohl! mein lieber Kapitän,“ fuhr der Rheder fort, „Ihr Stillſchweigen ſagt mir, daß Sie meinen Vor⸗ ſchlag annehmen, ich wußte vas. Oh! bedenken Sie doch, welche Ehre und welcher Nutzen! vier bis fünfmalhundert tauſend Franken Priſenantheil.. und den Vangard im Schlepptau des Höllenbrand zurückbringen... Alles in achtundvierzig Stunden, nicht mehr, nicht weniger, eine halbe Million einſacken und den Lieferanten der Pontons in die Klemme bekommen.“ Bei dem Namen von Kapitän Blak, genannt der Lieferant der Pontons, dieſer ſchwimmenden Gräber, wo jeder engliſcher Beamte ein Henker und jeder franzö⸗ 180 ſiſche Gefangene ein Märtyrer war, hatte Clvarek gebebt; nach ſeinem Geſicht ſtrömend, übergoß dieſes ſein Blut mit Purpur; durch die Verſtopfung angeſchwollen, ſchlugen die Adern ſeiner Schläfe gewaltig, und zweimal zogen ſich ſeine Fäuſte krampfhaft zuſammen. Legoffin, der ſich ſeit langer Zeit tiefen Studien an der Phyſiognomie ſeines Herrn widmete, beobachtete Mon ſehr aufmerkſam und ſagte ganz leiſe und den Kopf ſchüt⸗ telnd zu dem Rheder: „Das beißt ein wenig an, doch nicht genug. . es brudelt, wird aber nicht ſieden.“ Die Vorherſagungen von Legoffin verwirklichten ſich, der Purpur des Zorns zog wie eine Sturmwolke über vie Stirne von Cloarek hin. Sein verdüſtertes, zuſammenge⸗ preßtes Geſicht dehnte ſich wieder aus; er wurde ruhig und ſagte halblächelnd zu Verduron: „Sie ſind ein geſchickter Verſucher, doch ich habe einen Talisman gegen Sie: das Verſprechen, das ich meiner Tochter geleiſtet, ſie nie zu verlaſſen; Sie haben und werden begreifen, daß ich meinen Schwur halte.“ „Fräulein Cloarek iſt allerdings reizend, mein lieber Kapitän, doch Sie werden nicht ſo thöricht ſein, eine ſo ſchöne Gelegenheit zu verlieren; ſich mit dem Kapitän Blak zu meſſen und eine Priſe von zwei Millionen zu machen, wird die Krone Ihrer Korſaren⸗Laufbahn ſein.“ „Dringen Sie nicht weiter in mich,“ „Kapitän, mein lieber Kapitän. . .“ „Unmöglich, ſage ich Ihnen.“ „Legoffin, mein braver Seewolf, vereinige Dich doch mit mir, Du wirſt Deine kleine achtzehnpfünder Kugel in den Bauch des Kapitän Blak einquartieren... daf ir ſtehe ich Dir, alter Burſche!“ „Legoffin weiß, daß lch nicht von meinem Wort ab⸗ gehe, Herr Verduron; ich wiederhole, ich habe geſagt: nein, und das iſt nein.“ „Alle Gewitter! es gibt Menſchen von einer un⸗ — 181 überwindlichen Selbſtſucht!“ rief der Rhever, wüthend über die Weigerung von Cloarek, „es gibt Menſchen von einer empörenden Perſonlichkeit, und Sie gehören zu dieſen Menſchen . . . Kapitän.“ „Oh! Herr Verduron, das iſt ein Scherz,“ entgeg⸗ nete Clvarek, der ſich des Lächelns über die ſen ſeltſamen Ausfall nicht erwehren konnte; „alle Teufel! Sie ſprechen ganz nach Ihrer Bequemlichkeit von Schlachten, und ich bitte Sie, mir zu ſagen, auf welcher Seite die Selbſtſucht iſt: Sie bleiben ſehr ruhig in ihrem Comptoir, während Sie die Mannſchaft der Schiffe, die Sie auerheden den Wechſelfällen eines furchtbaren Kampfes preisgeben.“ „Wie? Und ich risquire nichts, mein Herr?“ rief Verduron, und die Kugeln die ich bekomme, mein Herr?“ „Ah! ah!“ rief Legoffin, „ſo wahr ich Kanonier bin, ich wußte nicht, daß es Ihre Gewohnheit iſt, einen Hagel von Kugeln zu bekommen.“ „Gewiß, mein Herr, ich empfange ſie .. und zwar in mein Schiff. Wer bezahlt denn den Schaden, die Ausbeſſerungen? Ihr Diener! Und die Wunden? und die Arme und Beine weniger? Das iſt wahrſcheinlich nichts?“ „Ah! ah!“ fuhr Legoffin fort, „ſollten Sie auch die ſchlechte Gewohnheit haben, nur ſo alte Arten von Armen und Beinen zu verlieren, mein guter armer Mann! potz Fiſchchen, das nenne ich Mißgeſchick!“ „Spielen Sie doch den Unwiſſenden, alter Ruchloſer! Habe ich nicht bei Ihrem letzten wüthenden Kampf für amputirte fünf Arme und drei Beine einſtehen müſſen? ſchlagen Sie das Ganze eins ins andere zu fünfzig Tha⸗ lern die Penſfion für das Glied an, und rechnen Sie.“ „Sie müſſen aber geſtehen, daß Sie keinen Sou ge⸗ ben, wenn man den Kopf verliert,“ ſagte Legoffin. „Es iſt hier nicht zu ſcherzen, ſondern zu antworten,“ rief der Rheder immer mehr belebt; „denn thue ich im Ganzen nicht, was ich kann, um Euch vortreffliche Equi⸗ pagen zu ſchaffen? Glauben Sie denn nicht, Kapitän, daß die Hoffnung auf eine kleine Penſion im Falle einer 182 Beſchädigung unſeren Matroſen Herz in den Leib gibt und ſie zu wahren Teufeln für das Feuer macht? Und wenn ich mir ſo an allen vier Gliedern zur Ader laſſe, werde ich mit dem ſchwärzeſten Undank belohnt!“ „Was Sie da ſagen, iſt lächerlich,“ erwiederte Cloa⸗ rek die Achſeln zuckend, „ich habe Ihr Vermögen ver⸗ zehnfacht.“ „Und weil der Herr Kapitän l'Endurei hinreichend Reichthümer beſitzt, kümmert er ſich wenig darum, ob dies bei den Anderen auch ſo iſt,“ rief der Rheder. „Herr Verduron!“ ſprach Clvarek, „vorhin waren Sie nun find Sie aber beluſtigend, das iſt ein Fort⸗ ritt.“ „Ich ſinde ſogar,“ fügte Legoffin ſpruchreich bei, „wie man in unſerer Heimath ſagt, ein bretonniren⸗ der Bretagner, ſo könnte man auch in Beziehung auf Sie ſagen; ein Poſſen reißender Poſſenreißer!“ „Ah! ſo iſt es,“ rief der Rheder auſſer ſich, „nun wohli wer zuletzt Poſſen reißt, der reißt am Beſten!“ „Ah! ſtille, mein lieber Verduron, beruhigen Sie ſich,“ ſagte Cloarek; „es iſt, Gott ſei Dank! in Dieppe kein Mangel an braven Korſaren⸗Kapitänen, und mehr als einer iſt eben ſo fähig als ich, den Höllenbrand mu⸗ thig und kräftig zu commandiren, nach Jerſey zu gehen, um den guten Fang zu thun und dem Kapitän Blak ein ſchönes Gefecht zu liefern. Dieſes Gefecht ich muß es geſtehen, iſt das Einzige, was ich bedaure.“ „Sie ſchlagen es alſo aus, Kapitän?“ „Zum zehnten Mal, ja!“ „Entſchieden?“ „Genug, genug!“ „Wohl denn!“ ſprach der Rheder entſchloſſen, „was ich von Ihnen durch Bitte und Ueberredung erlangen wollte, werde ich anderswo erlangen.“ „Was will er dqmit ſagen?“ verſetzte Cloarek Le⸗ goffin anſchauend. 3 „Ein ſchnurriger Einfall,“ anwortete der Geſchütz⸗ 183 meiſter, „ſtets der Poſſen reißende Poſſen⸗ reiß er.“ „Sie fühlen, Kapitän,“ fuhr Verduron mit ſpöttiſchem und zugleich drohendem Ton fort, „Sie fühlen, daß man ſich nicht ſo leicht entſchließt, auf die Möglichkeit einer Priſe von einer halben Million zu verzichten. .. Und ſo hatte ich, obſchon ich entfernt nicht Ihre Weigerung er⸗ wartete, kluger Weiſe meine kleinen Vorſichtsmaßregeln genommen.“ „Ihre Vorſichtsmaßregeln?“ „Der Höllenbrand liegt im Havre, wo er dieſen Morgen eingelaufen iſt, vor Anker.“ „Er war es,“ rief Legoffin, „ich täuſchte mich nicht, ihn ſah ich vor drei Stunden laviren.“ „Die Brigg!“ rief Cloarek, „die Brigg iſt im Havre?“ „Ja, Herr Yvon, doch verkleidet. .. oh! verkleidet, daß man ſie nicht mehr zu erkennen vermag, da ich, der ich ſie kenne, als ob ich ihr Vater wäre, Zweifel hatte,“ erwiederte der Geſchützmeiſter. „Stellen Sie ſich vor, daß man ſie perrückenmachergrau mit einem breiten, gelblichen Streifen angeſchmiert hat, das ſieht aus wie eine Galiote wie ein Frachtſchiff, kurz vas iſt gemein! Und bei dieſer Tölpelei nicht ein Schein von einer Kanone, Gpott ſei Dank! denn die lieben Armen wären bis in den Schlund hinein erröthet!“ „Ah! mein Herr,“ ſagte Cloarek zu dem Rheder, „werden Sie mir wohl mittheilen, was dies bedeuten ſoll?“ „Hören Sie, Kapitän,“ antwortete Verduron trium⸗ phirend, „ich habe die Farben der Brigg verändert, ich habe ihre Verſchanzung mittelſt liegender Planken erhöhen laſſen, welche ſie, ihre Batterie verbergend, unkennbar machen; eine vortreffliche Vorſichtsmaßregel, denn der Höllenbrand hat England ſo viel Schaden zugefügt, daß ſein Signalement allen hrittiſchen Kreuzern gegeben worden iſt. .. Durch die Verkleidung Ihrer Brigg, werden Sie auch viel leichter nach Jerſeh kommen, Kapitän.“ 184 „Ah!“ ſagte Cloarek ſich bezwingend, „Sie halten enſchieden hieran feſt?“ „Gewiß, und was noch beſſer iſt, ich halte Sie feſt. Ja, und hören Sie nur: die Mannſchaft iſt ganz begeiſtert; die Hoffnung auf eine neue Fahrt unter Ihren Befehlen hat dieſen eingefleiſchten Teufeln Feuer in den Leib gebracht. .. Sie erwarten Sie dieſen Abend, und ich ſage Ihnen vorher: ſind Sie in einer Stunde nicht im Havre, ſo ſind dieſe Burſche in zwei hier.“ Erſtaunt über die Entſchiedenheit des Rheders, ſchaute Cloarek Legoffin an, ohne Anfangs ein Wort finden zu können; dann ſtammelte er mit einer vor Zorn bebenden Stimme: „Wie! Sie wagen es?“ „Mein Gott! ich werde es nicht wagen, ſondern Ihre Matroſen, und Sie wiſſen, ob die Burſche Wag⸗ hälſe ſind! Schlagen Sie es alſo aus, ſo werden Sie Ihre hundert wüthenden Teufel, Trommeln und Pfeifen an der Spitze, hier ankommen ſehen; ſie find entſchloſſen den un⸗ erſchrocken Kapitän lEndurci mit Gewalt zu entführen.. ich befürchte auch, die Trommeln und Pfeifen Ihrer Mannſchaft dürften diesmal Ihr Incognito ruchbar machen!“ „Elender,“ rief Cloarek in Verzweiflung, denn er fühlte, wie leicht ausführbar der Plan des Rheders war; er hätte ſich auch auf Verduron geſtürzt, ohne Legoffin, der, eine Gefahr für den Rheder befürchtend, dieſem ei⸗ nen Wall aus ſeinem Leibe machte und zu Cloarek ſagte: „Oh! Herr Yon, er hat weiße Haare unter ſeinem Puder à la Pergamotte!“ „Bringen Sie mich um, ſchlagen Sie mich tovt,“ ſprach der Rheder, „Sie werden die Mannſchaft der Brigg nicht abhalten, Sie hier aufzuſuchen, wenn Sie nicht zu ihr gehen.“ „Herr,“ ſagte Legoffin raſch zu Cloarek, indem er nach der Seite der Thüre hin horchte, „Ruhe!. Nicht ſo laut! ich höre Jemand.“ 185 „Laß Niemand herein!“ rief Cloarek. Legoffin lief an die Thüre, als man dieſe plötzlich öffnete; Suſanne erſchien bleich, angſtvoll und ſagte die Hände faltend: „Ah! Herr, kommen Sie, kommen Sie geſchwinde...“ „Was gibt es denn?“ „Das Fräulein . . .“ „Meine Tochter!. was hat ſie?“ „Ah! Herr ich bin ſo ergriffen . kommen Sie. .. kommen Sie . .“ Alles vergeſſend, verließ Cloarek den Rheder und Legoffin und folgte eiligſt der Haushälterin. „Herr Verduron,“ ſagte der Geſchützmeiſter zum Rheder, „Sie ſind mit einem blauen Auge davongekommen und können nichts Beſſeres thun, als ſich ſchleunig aus dem Staube zu machen.“ „Ja,“ erwiederte der Rheder, indem er haſtig Hut und Stock nahm, „Du kannſt Recht haben.“ „Ich habe ungeheuer Recht.“ „Höre, ich bin im Grunde ein guter Kerl, und ich bedaure es im Ganzen, daß ich die Dinge für dieſe neue Fahrt ſo weit habe gedeihen laſſen, denn ich wußte nicht, daß der Kapitän eine Tochter und ein ſo großes Intereſſe hat, ihr zu verbergen, daß er Korſar warz doch nun wäre keine menſchliche Macht, nicht einmal die des Ka⸗ pitän, im Stande, dieſe verteufelten Matroſen abzuhalten, ihn hier aufzuſuchen, kommt er nicht zu ihnen. Sie wit⸗ tern elnen ungeheuren Fang und ein hitziges Gefecht und werden nicht zu beſänftigen ſein; was ich ihnen ſagen werde, wäre . „Wäre ganz dasſelbe . ich kenne ſie.. In Be⸗ tracht von dem Allem rathe ich Ihnen auch, ſich in aller Eile aus dem Staube zu machen; Sie haben Herrn Mon in ein abſcheuliches Weſpenneſt geſteckt, und ich ſehe nicht, wie er herauskommen ſoll; und obſchon ich ausſehe wie ein gutes Kind, empört mich das, und wenn ſich auch un⸗ Die ſieben Tobſünden. M. Abth. 12 186 ter Ihren Puder à la Bergamotte graue Haare finden, ſo konnte ich mir doch, potz Fiſchchen! eine Illuſion ma⸗ chen und mir alle Arten von Thätlichkeiten, wie einſt mein Herr ſagte, als er noch Richter war, an Ihrer Perſon erlauben, und .. .“ Der Rheder wartete nicht mehr ab, denn trotz ſei⸗ ner ſanften Worte und ſeines gewöhnlichen Phlegmas ſchien Legoffin nahe daran, gegen ihn auszubrechen. Herr Verduron entfernte ſich ſchleunig und fügte nur noch von der Thürſchwelle aus die Worte bei: „Ich gehe. . . Sage jeden Falls dem Kapitän, der Stab der Brigg und ein Theil der Mannſchaft erwarten ihn im Gaſthaus zum golbenen Anker auf dem Quai,“ Nach einigen Augenblicken hatte der Rheder das Haus von Cloarek verlaſſen. Legoffin wandte ſich nach dem Zimmer von Sabine, um ſich nach dem letzten Ereigniß, das den plötzlichen Abgang des Kapitäns veranlaßt, zu erkundigen. Achtzehntes Rapitel. Legoffin ging ſeit ungefähr einer halben Stunde mit wachſender Unruhe in einem Gang auf und ab, nach dem ſich die Thüre eines kleinen Salon öffnete, der vor dem Schlafzimmer von Sabine kam; von Zeit zu Zeit horchte der Geſchützmeiſter aufmerkſam, doch er hörte nichts, als ein verworrenes Geräuſch. Endlich ſah er Suſanne herauskommen, die ſich die Augen trocknete. „Nun!“ fragte er raſch und voll Angſt, „wie ſteht es —— 187 mit dem Fräulein? Was gibt es denn wieder, Suſanne? antworten Sie, antworten Sie doch!“ „Sie fragen, was es gebe, Sie roher Geſelle, wäh⸗ rend die Gewaltthätigkeit, die Sie ſich dieſen Morgen gegen einen ehrlichen Kaufmann, der ſo artig iſt, zu Schulden kommen ließen, einen Nervenanfall bei dem Fräulein herbeigeführt hat.“ „Nehmen wir an, ich habe Unrecht gehabt, ſo war doch dieſer Anfall vorüber. . . Herr Yvon hat es mir geſagt, als er mich im Garten aufſuchte.“ „Ja, dieſer Anfall war vorüber, doch das Fräulein verblieb in einer ſolchen Gereiztheit ihrer Nerven, daß ſie das, was nachher geſchah, in einen ſehr beunruhigen⸗ den Zuſtand verſetzte.“ „Ei! mein Gott! ich weiß die Geſchichte vom Gra⸗ ben.. ſprechen Sie von dem, was nachher geſchehen iſt.“ „Allerdings müſſen Sie dieſe Geſchichte wiſſen, alter Wüthender! dieſen liebenswürdigen Mann in die Tiefe des Grabens hinabſtürzen!“ „Suſanne,“ ſprach Legoffin mit ernſter, bewegter Stimme, „im Namen der Zuneigung und Anhänglich⸗ keit, die wir Beide für unſere Herrſchaft haben, bitte ich“ Sie, ſagen Sie mir, was vorgefallen iſt.“ Der innige Ton des alten Dieners rührte Suſanne und ſie erwiederte: „Ei! mein Gott, Sie wiſſen wohl, daß ich von Ihrer Liebe für unſere Herrſchaft feſt überzeugt bin, nur haben Sie zuweilen ſo ungeſchlachte Manieren, ſich zu benehmen, und dieſen Morgen erſt.. doch ſprechen wir nicht mehr davon. .. Vor einer Stunde alſo ſuchte ich den Herrn auf.“ „Hernach?“ „Der Herr eilte zu Fräulein Sabine „ſie weinte viel, und das hat ſie, wie immer, ein wenig beruhigt .. der Herr weinte auch viel .. „Er. was iſt denn vorgefallen?“ 188 „Ach! der einzige Kummer ſeines Lebens iſt ſchmerz⸗ licher 4 je wiedererwacht.“ e!“ „Der Tod der armen Madame.“ „Und wer hat Herrn Yvon daran erinnert?“ „Seine Tochter.“ „Sabine?“ „Ja. Beurtheilen Sie, wie grauſam dieſer Schlag für ihn geweſen iſt!“ „Was ſagen Sie?“ rief Legoſfin erſchrocken .. „Fräulein Sabine weiß alſo das unglückliche Geheimniß?“ „Sie!“ Gott ſei Dank, ſie weiß es nicht und wird es hoffentlich nie erfahren.“ „Dann begreife ich Sie nicht, Suſanne.“ „Sehen Sie,“ ſagte Suſanne, indem ſie ein Papier aus ihrer Taſche zog, „das hat das ganze Uebel ver⸗ anlaßt.“ „Was iſt das?“ „Die Zeitung von dieſem Morgen.“ „Nun?“ „Sie enthält neue Details über den berühmten Kor⸗ ſaren, den Kapitän l'Endurci.“ „Hievon ſprach alſo der Dummkopf von einem Rhe⸗ der vorhin,“ ſagte Legoffin zu ſich ſelbſt. Dann fügte er laut bei: „Welche Beziehung hat denn dieſe Zeitung?..“ „Hören Sie folgende Stelle an, Legofin, ſie allein iſt wichtig, und vann werden Sie Alles begreifen.“ Suſanne öffnete die Zeitung und las folgendes Bruch⸗ ſtück von einem Artikel mit der Ueberſchrift: Neue Details über den berühmten Korſaren⸗ Kapitän l' Endurci. „Alles bis auf das Aeußere vermehrt und erhöht die Zauberkraft, mit ver er ſich umgeben hat, denn jeder von ſeinen Matroſen iſt ein Fanatiker, fähig, ſich für ihn bis in den Tod zu opfern. „Dieſer unerſchrockene Korſar iſt ungefähr vierzig 189 Jahre alt; ſein mittlerer Wuchs iſt zugleich ſchlank und kräftig; ſeine männliche, ausdrucksvolle Phyſiognomie, ſein Adlerauge, das gebieteriſche Tragen ſeines Kopfes, ſein entſchiedener Gang, Alles offenbart bei ihm den für das Befehlen geborenen Mann; man kennt ſeinen wahren Namen und ſeinen Urſprung nicht; doch Mehrere glau⸗ ben, er ſei ein Bretagner, wenn man nach dem Coſtume urtheile, ſagen die Einen, das der Kapitän unveränderlich während ſeiner Kreuzfahrten trage; Andere meinen im Gegentheil, der Kapitän l'Endurci ſei aus dem Süden, und er wähle die bretagniſche Tracht nur, weil ſie ſich wegen ihrer Form und Bequemlichkeit vollkommen für die Functionen und Gebräuche eines Seemanns eigne. „Wie dem ſein mag, wir glauben, daß es unſern Leſern intereſſant ſein wird, wenn wir ihnen, nach der Ausſage eines Augenzeugen, eine genaue Beſchreibung von dem Coſtume geben, das der berühmte Kapitän ſeit ſeiner erſten Fahrt ſtets an Bord getragen hat; man ſagt ſogar, er verbinde mit dem Gebrauch dieſer Tracht einen aber⸗ gläubiſchen Gedanken. „Der Kapitän l'Endurci trägt gewöhnlich ein Ka⸗ miſol und eine ſchwarze Weſte, worauf kleine ſilberne Knöpfe; ein orangefarbiger Gürtel, der ſeine Waffen hält, ſchließt an ſeinen Leib weite Hoſen von weißer Lein⸗ wand, den Morphs der holländiſchen Fiſcher oder den Jupen der Lootſen von der Inſel Botz ähnlich; große lederne Kamaſchen und ein breiter Hut von ſehr niedriger Form vervollſtändigen dieſe zugleich bequeme, ſtrenge und pittoreske Kleidung.“ Dann, nachdem ſie dieſes Bruchſtück geleſen, fügte die Haushälterin bei: „Sie ſehen, Legoffin, der Zufall will, daß dieſer Korſar ein bretagniſches Coſtume dem ähnlich trägt, wel⸗ ches Herr Cloarek in jener unſeligen Nacht, in der Ma⸗ dame geſtorben iſt, getragen hat, und .. „Ah!“ rief Legoffin die Haushälterin unterbrechend, „ich habe bange, zu errathen. Als ſie das las, glaubte 190 Fräulein Sabine in dem Korſaren die geheimnißvolle zu erkennen, die ſie für den Morder ihrer Mutter hält.“ „Ach! ja, Legoffin; in einer Art von Delirium ſagte ſie auch zu Herrn Cloarek: „Mein Vater, der Moͤr⸗ der meiner Mutter lebt, werden Sie die Un⸗ glückliche nicht rächen?““ Beurtheilen Sie die Ver⸗ zweiflung von Herrn Cloarek. Seine Tochter enttäuſchen heißt für ihn ſich ſelbſt anklagen.“ „Aber die Zeitung von dieſem Morgen, das Fräulein hat ſie alſo erſt nach der Ankunft von Herrn YMvon geleſen?“ „Mein Gott, ja; hören Sie, wie das zugegangen iſt: die Erſchütterung, welche bei ihr, ich ſage das ohne Vorwurf, Legoffin, Ihr grober Ausfall verurſacht hatte, war ſchon wieder beſeitigt . . als die Arme abermals von jenem Nervenzittern befallen wurde, das immer bei ihr auf ihre Kriſen folgt. . . Gegen eilf Uhr kam der Herr nach Hauſe; er ſah ſtrahlend aus; mein Neffe be⸗ gleitete ihn eben ſo freudig. „„Iſt meine Tochter zu Hauſe?““ fragte mich heiter Herr Cloarek; „ich habe ihr eine gute Kunde mitzutheilen.“ Ohne eine Anzeigerin zu ſein, war ich nun genöthigt, dem Herrn Ihre Ge⸗ ſchichte mit dem Graben und dem würdigen gepuderten Handelsmann, der ſo artige Manieren hat, zu erzählen und ihm mitzutheilen, welchen Schrecken Ihre Gewalt⸗ thätigkeit dem Fräulein eingejagt hatte.“ „Ganz nothwendig; doch fahren Sie fort.“ „Der Herr läuft zu ſeiner Tochter, findet ſie bei⸗ nahe ganz wiederhergeſtellt beruhigt ſich, empſiehlt ihr Ruhe und begibt ſich zu Ihnen; meinen Neffen hatte er zuvor beauftragt, ſich in ſeinem Zimmer mit, ich weiß nicht welcher Note, die er von ihm verlangt zu beſchäf⸗ tigen (und der arme Junge iſt, beiläufig geſagt, noch in ſeinem Zimmer . . . ich wollte ihn nicht durch die Er⸗ zählung deſſen, was dem Fräulein begegnet, betrüben). Doch das thut nichts zur Sache; ich blieb alſo bei dem — 191 lieben Kind. Thereſe bringt, wie gewöhnlich, die Zeitung, da hatte ich, um Fräulein Sabine zu zerſtreuen, den unſeligen Gedanken, ihr dieſelbe zu leſen zu geben: was dann geſchah? bei der Stelle, wo die Tracht des Korſaren beſchrieben iſt, ſtieß ſie einen gräßlichen Schrei aus und.. doch ſehen Sie,“ unterbrach ſich Su⸗ ſanne, „da kommt der Herr.“ Bleich, in den Zügen das Gepräge einer düſteren Verzweiflung, trat Herr Cloarek wirklich aus dem Zim⸗ mer ſeiner Tochter heraus. „Suſanne, ich bitte Sie, kehren Sie zu ihr zurück,“ ſagte er mit bebender Stimme zu der Haushälterin, „ſie verlangt nach Ihnen.“ Dann zu Legoffin: „Du, komm mit mir.“ Der alte Diener folgte ſchweigend ſeinem Herrn in ſein Schlafzimmer. Cloarek warf ſich in einen Lehnſtuhl und ließ nun ſeinen bis dahin durch die Gegenwart von Sabine zurück⸗ gehaltenen Thränen fteien Lauf; er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und ſtieß dumpfe, von herzzerreißendem Schluchzen unterbrochene Seufzer aus. Beim Aublick dieſes brennenden Schmerzes fühlte Legoffin ſein Auge feucht werden, und er blieb ſchweigſam und niedergeſchlagen bei ſeinem Herrn ſtehen. Nach einigen Augenblicken rief Cloarek mit ſtocken⸗ der Stimme: „Oh! was habe ich gelitten!. oh! was leide ich!“ „Ja, ich glaube Ihnen, Herr Mvon ſagte Legoffin traurig; „Suſanne hat mir Alles geſagt ⸗.. Dieſe Zei⸗ tung, das iſt ein Unglück.“ „Nein, ſiehſt Du,“ rief Cloarek mit verdoppelter Verzweilflung, „nein, man kann ſich keine Vorſtellung machen, wie ſehr die furchtbare Erinnerung an jene un⸗ ſelige Nacht dem Geiſte des unglücklichen Kindes gegen⸗ wärtig geblieben iſt. Ich ſchaudere noch, wenn ich bedenke, mit welchem Ausdruck der Angſt und des Schreckens ſie, 192 beinahe im Delirium, indem ſie mich krampfhaft in ihve Arme ſchloß, ausrief: „„Vater! Vater! dieſer Menſch. . der Mörder mei⸗ ner Mutter lebt noch!““ Und als ich ſie in meinem Er⸗ ſtaunen anſchaute, ohne ihr zu antworten, ſagte ſie zu mir mit der Energie des Haſſes: „„Aber, Vater, er lebt, der⸗ jenige, welcher meine Mutter, welcher Deine Frau umge⸗ bracht hat.. Dieſer Mord ſchreit nach Rache, und er lebt noch!““ Und zum erſten Mal las ich auf dem ſanf⸗ ten Antlitz meiner Tochter den Ausdruck des Haſſes, und der Gegenſtand ihres Haſſes bin ich! Oh! dieſe furcht⸗ bare Scene hat meine Wunde wieder aufgeriſſen . . . meine Gewiſſensbiſſe neu belebt . . und Du weißt doch, ob ich genug gelitten . . . ob ich einen Augenblick unſe⸗ ligen Aufbrauſens genug geſühnt habe!“ „Hören Ste, Herr Mon,“ ſagte Legoffin nach kurzem Stillſchweigen, „das Schlimmſte bei dem Allem iſt, der Anſchlag des Rheders, den die Hölle verwirren möge.“ „Das iſt, um toll zu werden, denn bleibe ich bei meiner Tochter, ſo wird die Mannſchaft der Brigg kom⸗ nen „Ganz gewiß, Sie kennen unſere Leute.“ „Und Sabine wird vann erfahren, daß ich, der Ka⸗ pitän ['Endureci und der Mörder ihrer Mutter eine und dieſelbe Perſon find, und dieſes Kind, auf das ich ſeit ſo vielen Jahren alle meine Neigungen zuſammengedrängt habe. dieſes Kind, das mein Leben . mein einzi⸗ ger Troſt meine einzige Hoffnung iſt, wird nichts mehr für mich haben, als Widerwillen und Abſcheu, und, Du allein weißt es! das wahre und ſeltſame Geheimniß dieſes Lebens, aus dem mir meine Tochter ein Verbrechen machen wird, dieſes Geheimniß, wenn es geoffenbart würde, gäbe mir vielleicht das Recht, ſtolz zu ſein; Doch, nein, dieſes Geheimniß ſoll ſie nie erfahren, . ſie nie!!! Und ich werde nichts haben, um die Abneigung zu be⸗ kämpfen, die mein vergangenes Leben meinem Kinde ein⸗ v————— 193 flößen muß oh! das iſt gräßlich!“ rief Cloarek mit herzzerreißendem Ton. Das Auge ſtier, die Lippen von einem höhniſchen Lächeln zuſammengezogen, murmelte er nach einigen Mi⸗ nuten düſteren Nachdenkens, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Bah! ſie iſt reich ſie liebt einen redlichen Mann . . wird von ihm geliebt . . . Suſanne und Le⸗ goffin werden ihr bleiben . . Statt mich zu verabſcheuen, wird ſie mich beweinen, und mein Tod wird für ſie in daſſelbe Geheimniß gehüllt ſein, wie mein Leben.“ Während er dieſe Worte ſprach, hatte ſich Clvarek einem Schrank genähert, worauf ein paar Piſtolen lagen. Legoffin verlor ſeinen Herrn nicht aus dem Geſicht, er ſprang nach den Piſtolen, ehe ſich der Kapitän derſel⸗ ben bemächtigen konnte, und benützte einen erſten Augen⸗ blick des Erſtaunens von dieſem, um die Zündpfanne zu öffnen und das Zündkraut auf den Boden zu ſtreuen; dann legte er die Waffen kalt wieder auf ihren Platz. „Unglücklicher!“ rief Cloarek außer ſich, indem er den alten Diener beim Kragen packte, „Du ſollſt Deine Frechheit theuer bezahlen.“ „Oh! Herr Pvon, keine Kinderei . . . Kommen Sie zu ſich!“ „Warum haſt Du das Pulver von dieſen Piſtolen geſchüttet?“ fuhr Cloarek fort. Und er ſchüttelte gewaltig den Geſchützmeiſter, ver während er den ungeflümen Schwankungen, die ihm die harte Fauſt ſeines Herrn verlieh, nachgab, dieſem erwiederte: „Herr Mon, die Zeit drängt . . und geht vorüber Sie haben etwas Beſſeres zu thun, als Ihren alten Legoffin wie einen Baum, von dem man die Früchte ab⸗ fallen machen will, zu ſchütteln . . ich ſage Ihnen, die Zeit drängt, vergeht, und ſie iſt koſtbar!“ Die Kaltblütigkeit des Geſchützmeiſters rief Cloarek zu ſich ſelbſt zurück; er fiel ganz niedergeſchlagen auf ſei⸗ nen Sitz und murmelte: 194 „Du haſt Recht, ich bin wahnſinnig . . . Oh! Le⸗ goffin, habe Mitleid mit mir!“ „Oh! mein Gott! Herr, Sie ſprechen ſo?“ „Ei! was ſoll ich ſagen? was ſoll ich thun? mein Kopf ſteht in Flammen! ich habe den Schwindel!“ „Wollen Sie mich um Rath fragen?“ „Sprich immerhin!“ „Sie müſſen nach dem Habre gehen!“ „Sabine in dem Zuſtand, in dem ſie ſich befindet, verlaſſen! Ihre Angſt durch eine haſtige Abreiſe, durch eine für ſie nach meinen Verſprechungen unbegreifliche Abweſenheit vermehren! ſie verlaſſen gerade in dem Au⸗ genblick, wo ſie meiner Fürſorge, meiner Zärtlichkeit mehr als je bedarf . . . in dem Augenblick ihrer Verheirathung vielleicht!“ „Fräulein Sabine?“ „Ja, dieſe Heirath mißfiel mir Anfangs, doch nun ſetze ich mein Vertrauen darauf . . für die Zukunft mei⸗ ner Tochter; zu dieſem Ende muß ich ſie aber leiten . .. ich muß die zwei ſchwachen Kinder mit einer beſtändigen und väterlichen Fürſorge umgeben können, und in einem ſolchen Augenblick ſollte ich wieder in See gehen, wieder mein Leben wagen, während es Sabine nie nothwendiger geweſen iſt! denn nun erlange ich meine Kaltblütigkeit, meine Vernunft wieder, und ich fühle es, ich war vorhin wahnfinnig, als ich mich tödten wollte. Ich danke Dir, mein alter treuer Diener . . Du haſt mir ein Verbre⸗ chen erſpart!“ „Ich möchte Ihnen gern ebenſo den Beſuch der Mann⸗ ſchaft des Freibeuters erſparen, Herr Yon; dieſe Gefahr dürfen Sie nicht vergeſſen. Gehen Sie nicht zu ihnen, ſo kommen ſie hierher.“ „Ich will zu ihnen gehen!“ rief Cloarek plotzlich von einem Gedanken ergriffen; „ja, ich will auf der Stelle nach dem Havre abreiſen und den Matroſen verkündigen, daß ich auf das Meer verzichtet habe, und ſie werden mir ihren Willen nicht aufnöthigen . . . Sie wiſſen, ob mei 195 Charakter energiſch iſt, ob ich dem Geſchrei nachgebe .. Du begleiteſt mich, Du haſt auch Einfluß auf ſie, er wird für mich nöthig ſein . . Das iſt das einzige Mittel, die Gefahr, die mich bedroht, zu beſchwören; es iſt zwei Uhr, um drei Uhr find wir im Havre, und um fünf Uhr ſpä⸗ teſtens wieder hier zurück. Meine Tochter ruht ein wenig und wird meine Abweſenheit nicht vermuthen . .. Raſch vorwärts! Um keinen Verdacht hier zu erregen, nehmen wir ein Cabriolet im Wirthshaus.“ In dem Augenblick, wo ſich Cloarek nach der Thure wandte, hielt ihn der Geſchützmeiſter, der ihn nicht hatte unterbrechen können, zurück und ſprach mit ernſtem Tone: „Herr Mon, Sie ſchlagen einen falſchen Weg ein.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Wenn Sie einen Fuß in's Havre ſetzen, ſo ſind Sie erſt nach der Kreuzfahrt hier zurück.“ „Du biſt ein Narr.“ „Ich bin kein Narr.“ „Meine Mannſchaft wird mich mit Gewalt entführen, nicht wahr?“ „Das iſt wahrſcheinlich.“ „Und mein Wille?“ „Ihr Wille iſt es, was ich fürchte.“ „Wirſt Du mit Deinen Räthſeln ein Ende machen?“ „Sobald Sie ſich einmal bei unſeren Matroſen befin⸗ den, werden Sie nicht mehr die Kraft haben, ihnen zu wiverſtehen.“ „Nein.“ „Nach den Gründen, die ich Dir angegeben?“ „Gleichviel . . . Glauben Sie mir, Sie werden wie⸗ der von Angeſicht zu Angeſicht, von Herz zu Herz mit die⸗ ſen Wüthenden zuſammenſein, die mit Ihnen ſo oft Meer und Sturm, Feuer, Eiſen und Vlei getrotzt haben. Sie werden den Theer und das Pulver riechen; dieſe Teufel werden mit Ihnen auf ihre Weiſe ſprechen, vom Kapitän Blak, dem Lieferanten der Pontons!! und dann ſage ich 196 Ihnen, werden Sie ſich unwillkuhrlich fühlen, wie Sie wiſſen, und wenn Sie ſo ſind, iſt der Teufel nicht mehr Herr über Sie, und der gute Gott noch viel weniger.“ „Ich habe Dir geſagt, daß ich um fünf Uhr zurück ſein werde, ohne daß meine Tochter meine Abweſenheit bemerkt hat. Deine Befürchtungen ſind toll, komm.“ „Sie wollen es?“ „Folge mir.“ „Was ſein wird, wird ſein,“ ſprach Legoffin, wäh⸗ rend er den Kopf ſchüttelnd ſeinem Herrn folgte. Nachdem er ſich bei Suſanne über den Zuſtand von Sabine erkundigt und erfahren hatte, daß ſie beſtändig ruhe, verließ Cloarek, in Begleitung des Geſchützmeiſters, das Haus und reiſte nach dem Havre ab. Meunzehntes Rapitel. N Drei Tage ſind verlaufen, ſeltdem YMvon Cloarek ſein Haus verlaſſen hat, ohne ſeine Tochter von ſeinem Ab⸗ gang in Kenntniß zu ſetzen. Sonſt ſo ruhig, ſo lachend, bietet dieſe Wohnung bei⸗ nähe überall noch nicht getilgte Spuren einer neuen Ver⸗ wüſtung. Giner von den an das Hauptgebände anſtoßenden Pavillons iſt beinahe gänzlich vom Brand zerſtört wor⸗ den, vom Feuer geſchwärzte Trümmer, halb verkohlte Bal⸗ ken bedecken einen Theil des Gartens. Zerbrochen und mit Artſtreichen eingeſchlagen, wer⸗ den die Thüre und nlehrere Fenſter des Erdgeſchoſſes, durch Bretter erſetzt; große Blutflecken ſind an der Wand — — 197 ſichtbar, und an einigen Stellen ſind mehrere Kreuzſtöcke der oberen Etagen von Musketenkugeln durchlöchert. — Es iſt Mitternacht. Beim Schein einer Lampe, die eines von den Schlaf⸗ zimmern des Hauſes erleuchtet, ſieht man Onefime; die Leilaken des Bettes, auf dem er ausgeſtreckt iſt, find mit Blut befleckt. Der Neffe von Suſanne ſcheint zu ſchlafen; er iſt äußerſt bleich; von Zeit zu Zeit ſchwebt eine Art von ſchmerzlichem Lächeln über ſeine halb geöffneten Lippen hin. Eine betagte, als Bäuerin gekleidete Frau ſitzt an ſeinem Bett und bewacht ihn ſorgfältig. Das in dieſem Zimmer herrſchende tiefe Stillſchwei⸗ gen wird durch das Geräuſch der Thüre unterbrochen, die man außerordentlich behutſam öffnet. Bald tritt Dame Robert ein; ſie empfiehlt der Bäuerin durch eine Geberde, ruhig zu bleiben, geht auf der Fußſpitze bis zum Bette ihres Neffen, zieht die Vorhänge ein wenig auseinander und betrachtet ihn in einer ſtummen Bangigkeit. In drei Tagen ſind die Züge von Suſanne beinahe unkenntlich geworden, der Schmerz, die Angſt, die Thränen haben ihr Geſicht ausgehöhlt und geſprengelt. Nachdem ſie Onefime einige Augenblicke ſtillſchwei⸗ gend angeſchaut, weicht Suſanne ſachte zurück, winkt die Wärterin zu ſich und ſagt leiſe zu ihr: „Wie ging es, ſeitdem ich hier geweſen bin?“ „Er ſchien minder leidend, aber mehr aufgeregt, 6 ſn „ „Er hat nicht geklagt?“ „Sehr wenig. Er hat mich wiederholt nach einzelnen Umſtänden von dem, was vorgefallen iſt, gefragt doch Ihren Befehlen gemäß wollte ich nichts ſagen.“ „Gott ſei Dank, das Bewußtſein kehrt bei ihm zurück!“ „Oh! gänzlich, Madame. Man fieht ſogar, daß er mehr ſpräche, wenn man alle ſeine Fragen beantworten würde.“ „Er hat nicht nach mir gefragt?“ „ „Oh! doch, Madame, mehrere Male ſagte er zu mir: „„Nicht wahr, meine Tante wird kommen? . . Wird ſie nicht bald kommen?““ Ich antwortete ihm, Sie kommen beinahe alle halbe Stunden . Er bedeutete mir durch ein Zeichen mit dem Kopf, daß er mir danke, dann ent⸗ ſchlief er wieder, doch wiederholt iſt er plötzlich erwacht.“ „Er ſchien nicht mehr durch ſeine Wunde zu leiden?“ „Nein, Madame, nur zuweilen kam es mir vor, als athmete er mühſam.“ „Mein Gott!“ ſprach Suſanne, indem ſie die Hände faltete und ihre thränenfeuchten Augen zum Himmel auf⸗ ſchlug, „wenn nur kein tödtlicher Zufall dazu tritt!“ „Der Arzt hat Sie doch in dieſer Hinſicht beruhigt, Madame.“ „Er ſagte mir, er habe gute Hoffnung leider nicht mehr.“ „Madame, ich glaube, er erwacht,“ ſprach die Bäue⸗ rin horchend; denn Suſanne und ſie hatten ſich hinter die Bettvorhänge, die ſie verbargen, zurückgezogen. Oneſime machte wirklich eine leichte Bewegung auf ſeinem Lager und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. kö Suſanne ſtreckte den Kopf vor, ſah, daß Oneſime nicht mehr ſchlief, und ſagte zu der Bäuerin: „Gehen Sie hinab, meine Gute, und ſpeiſen werde Ihnen ſpäter läuten.“ Die Wärterin entfernte ſich, und Suſanne an ihren Platz. Bei der Stimme ſeiner Tante bebte Oneſime vor 8 er ſagte, als er fühlte, daß ſie in ſeiner Nähe aß: . 6: „Sie ſind hier?.. Oh! das iſt gut.“ „Liebes, liebes Kind,“ ſprach die Tante mit einer Er⸗ ſchütterung, die ſie kaum zu bewältigen vermochte, „ich habe Dich ſo eben ſeufzen hören . Du leideſt alſo im⸗ mer noch oder mehr vielleicht?“ „Nein, ich verſichere Sie, ich fühle mich viel beſſer.“ „Du ſagſt das, um mich zu beruhigen?“ 199 „Nehmen Sie meine Hand .. Sie wiſſen, wie glühend ſie war.“ „Es iſt wahr, ſie iſt es minder . . Und Deine Wunde verurſacht ſie Dir noch viele Stiche?“ „Es wird mir nur ein wenig ſchwer, zu athmen; doch das wird nichts ſein.“ „Nichts! mein Gott! nichts, ein Dolchſtoß in die volle Bruſt!“ „Meine gute Tante ...“ „Was willſt Du?“ „Fräulein Sabine?“ „Es ſteht bei Allen gut . . . ſehr gut, wie ich Dir ſchon geſagt habe.“ Onefime ſchüttelte mit ungläubiger Miene den Kopf und fuhr fort: „Und Herr Cloarek?“ „Mein Kind, ſprechen wir nicht von dem, was vor⸗ gefallen iſt. richte keine Fragen an mich, ich wüßte nicht darauf zu antworten. Wenn Du wieder ganz wie derhergeſtellt biſt, dann gut.“ „Hören Sie, meine Tante, Sie weigern ſich, mir zu antworten aus Furcht, mich zu ſehr aufzuregen . . . aber ich ſchwöre Ihnen, die Ungewißheit, in der ich hin⸗ ſichtlich des Schickſals von Fräulein Sabine und Herrn Cloarek ſchwebe, macht mich troſtlos.“ 6 „Ich wiederhole Dir, es geht bei Allen gut.“ B „Nein, meine Tante, nein, es kann nicht bei Allen gut gehen, nach dem gräßlichen für mich noch uner⸗ klärlichen Ereigniß.“ „Aber, mein Freund, ich verſichere Dich, daß . Ah! wie ungeduldig wirſt Du! Mein Gott! wie wenig vernünftig biſt Du, Oneſime!. Ich bitte Dich, beruhige Dich!“ „Mein Gott! mein Gott! iſt das mein Fehler .. Warum laſſen Sie mich in einer ſolchen Angſt über Fräu⸗ lein Sabine, über Herrn Clvarek?“ „Ich wiederhole Dir aber unabläßig, daß es bei Allen gut geht.“ 200 „Und ich ſage Ihnen, daß dies unmöglich iſt,“ rief der junge Mann mit wachſender Aufgeregtheit. „Wie! an dem unſeligen Abend greift man dieſes Haus mit Ge⸗ walt an, und bei dem Lärmen des Gewehrfeuers, bei dem Scheine des Brandes ſtürmt eine Bande Wüthender in das Zimmer, wo wir uns befanden, Fräulein Soabine, Sie und ich, und ich ſoll glauben, Fräulein Sabine, die bei dem geringſten Geräuſch zitterte, habe nicht an dieſem Abend eine furchtbare, vielleicht tödtliche Erſchütterung erlitten?“ „Oh! in des Himmels Namen, höre mich.“ „Und wer ſagt mir, daß ſie nicht todt iſt? „Beruhige Dich.“ „Todt!“ wiedecholte er mit einer troſtloſen Miene, „und Sie verbergen es mir. Todt! Wenn das wäre! .. Oh! mein Gott!“ „Mein Kind, ich flehe Dich an.“ „Und Herr Cloarek, wenn ſeine Tochter todt iſt! er der ſie ſo ſehr liebte? wo iſt er? was iſt aus ihm ge⸗ worden? was wird er . nach einem ſolchen Unglück gethan haben? Ich ſage Ihnen, es herrſcht in dieſem Hauſe eine Grabesſtille.“ „Unglückliches Kind! . . das iſt Fieberwahn.“ „Nein, das iſt nicht Fieberwahn. . . Ach! ich habe nun wieder meine Vernunft, meine ganze Vernunft, mit ihr ſind mir die Befürchtungen, die Ahnungen wiederge⸗ kehrt . .. und das tödtet mich,“ murmelte Oneſime, wäh⸗ rend er wie vernichtet auf ſein Bett zurückſank, denn in Aufregung hatte er die Kraft gehabt, ſich zu er⸗ eben. Suſanne neigte ſich erſchrocken über ihren Neffen, hob ſeinen beſchwerten Kopf in die Höhe und ließ ihn an Salzen riechen; allmälig verlor ſich ſeine Schwäche und er ſagte zu der ſchluchzenden Suſanne: „Verzelhen Sie mir den Kummer, den ich Ihnen verurſache . . . Doch wenn Sie wüßten, wie bange ich habe, wenn Sie wüßten, wie gräßlich für mich der 201 Gedanke iſt, daß mir Herr Cloarek gerade am Morgen des unſeligen Tages Hoffnung auf ein ſo großes, ſo großes Glück, daß ich nicht daran glauben konnte, gegeben hatte. uhd jetzt find ſo viele Hoffnungen nur noch Thränen und Aſche!“ „ „Aber, mein Gott! was ſoll ich denn dabei machen?“ „Sie glauben auf das Beſte zu handeln, wenn Sie mir Alles verbergen . . . ich weiß es, meine gute Tante aber ich ſchwöre Ihnen, Sie täuſchen ſich „ die Wirklichkeit, ſo gräßlich ſie auch ſein mag, würde mir we⸗ niger wehe thun, als die Ungewißheit, von der ich gemar⸗ tert werde. Wenn ich nicht ſchlafe, belagern mich die finſterſten Gedanken, ſchließe ich die Augen, ſo ſind es ſchreckliche Träume, und ich erwache plötzlich, um in Zwei⸗ fel voll Bangigkeit zu verfallen .. Nein, nein, ich ſage Ihnen, das heißt nicht leben . . . Ich ziehe den Tod hun⸗ dertmal vor; das iſt wenigſtens eine Gewißheit.“ Erſchrocken über die wachſende Eraltation von One⸗ ſime und befürchtend, ihr Schweigen könnte eine traurige Wirkung hervorbringen, rief Suſanne: „Nun wohl! höre mich verſprich mir, vernünf⸗ tig zu ſein, Muth zu haben . . „Muth! oh! ich wußte es wohl, daß großes Unglück geſchehen iſt!“ „Du ſiehſt es . was ſoll ich thun, was ſoll ich ſagen?“ rief die unglückliche Frau „Schon bei den erſten Worten geräthſt Du in Verzweiflung.“ „Oh! mein Gott!“ rief Oneſime voll Angſt, „ich hatte die Ahnung! ſie iſt todt!“ „Nein, nein, ſie lebt, entgegnete Suſanne, „ſie lebt, ich ſchwöre es Dir beim Heil meiner Seele ſie lebt, ſage ich Dir Sie hat viel gelitten. ſie iſt grau⸗ ſam geprüft worden doch ihr Leben iſt nicht mehr in Gefahr?“ „Es war alſo in Gefahr?“ „Ja, leider, zwei Tage lang; doch noch ſo eben habe Die ſieben Tobſü nbden. IIM. Abth. 13 202 ich mit ihr geſprochen .. Ihr Zuſtand iſt ſo befriedi⸗ gend, als möglich.“ „Dank! mein Gott! Dank!“ ſprach Oneſime mit frommem Tone. „Dank auch Ihnen, meine gute Tante. Oh! wenn Sie wüßten, wie wohl Sie mir thun, welche Linderung ich fühle, es würde Sie glücklich machen.“ „Und ich bin glücklich, mein Kind.“ Herr Cloarek hier?“ „Nein. „Er iſt nicht bei ſeiner Tochter?“ „Nein, mein Kind, nein.“ „Wo iſt er denn?“ „Man weiß es nicht.“ „Oh! mein Gott!. . . Doch in jener unſeligen Nacht?“ „Kam er er wurde ſogar leicht verwundet ..“ „Und ſeitdem?“ „Hat man ihn nicht wiedergeſehen.“ „Warum iſt er aber nicht bei ſeiner Tochter geblie⸗ ben? Das iſt unbegreiflich! ſie muß vor Angſt ſterben.“ „Sie iſt allerdings ſehr traurig,“ antwortete Suſanne verlegen. „Und der blutige Angriff, und die erſchreckenden, un⸗ erklärlichen Worte von Fräulein Sabine, die ich wie in einem finſteren Traum hörte, als ich glaubte, ich fühle mein Leben mit meinem Blut entſtrömen! oh! ſprechen Sie! ſprechen Sie! es ſind da Dinge, die meine Vernunft verwirren Ich frage Sie noch einmal, warum iſt Herr Clvarek nicht hier bei ſeiner Tochter?“ „Mein liebes, armes Kind, nur ungern gebe ich Dei⸗ nem Verlangen nach; doch bei dem aufgeregten Zuſtand, den ich an Dir wahrnehme, wäre vielleicht eine Weigerung von meiner Seite gefährlich.“ „Ja, ja, ſehr gefährlich.“ „Ich glaube Dir, höre mich alſo. Noch einmal, faſſe Muth! denn die Wunden der Seele find leider oft grauſamer, als die des Körpers, und hauptſächlich in 203 der Seele, im Herzen find die arme Sabine und ihr Va⸗ ter getroffen worden .. „Meine Tante . . Sie ſehen, ich bin ruhig, ich werde Muth haben.“ 5 „Du erinnerſt Dich, daß am Nachmittag vor dem unſeligen Abend Herr Cloarek, der das Haus verlaſſen hatte, ohne daß man es wußte, um ſich nach dem Havre zu begeben, von dieſer Stadt einen eigenen Boten an ſeine Tochter abſchickte, um ihr zu empfehlen, ſie möge nicht unruhig werden, eine Angelegenheit, welche auch ſie in⸗ tereſſire, halte ihn für den Abend zurück „nicht wahr, Du erinnerſt Dich deſſen?“ . „Ja,“ antwortete Oneſime mit einem Seufzer. „Fräu⸗ lein Sabine dachte ſogar einen Augenblick, es handle ſich um einige Präliminarien die Verblndung betreffend, die mir wie ein Traum vorkam! Ach! ja, das war zu ſchön .. zu unerwartet . . . es mußte nur ein Traum ſein.“ 3 S haſt mir verſprochen, muthig zu ſein, mein ind.“ „Ich werde es ſein . . Fahren Sie fort, ich bitte ie. „Du erinnerſt Dich doch auch der Beunruhigung, welche am Abend der Ankunft von Herrn Clvarek ſtatt⸗ gefunden hatte?“ „Ja, durch die zwei Männer, welche Thereſe geſehen zu haben glaubte.“ „Das arme Mädchen hatte nur zu gut geſehen. Zwei Männer hatten ſich in der That, wie man ſpäter erfah⸗ ren, in unſeren Garten eingeſchlichen, nicht, um das Haus anzugreifen, ſondern um die Wege zu recognoseiren „ „Dieſe zwei Männer gehörten alſo zu der bewaffne⸗ ten Bande?“ „Der Eine von ihnen war ihr Anführer, mein Kind.“ Hier unterbrach die Bäuerin durch ihren Eintritt das Geſpräch von Oneſime und ſeiner Tante und machte die⸗ ſer ein Zeichen, daß ſie mit ihr zu reden habe. „Was gibt es?“ fragte Suſanne leiſe. 204 „Herr Legoffin iſt angekommen.“ „Und der Herr!“ „Herr Legoffin iſt allein; er hat ſogleich mit Fräu⸗ lein Sabine zu ſprechen verlangt. Thereſe meldete es ihr, und ſie ließ Herrn Legoffin ſagen, er möge kommen.“ keine Nachricht vom Herrn gegeben?“ „Keine. „Beauſtragen Sie Thereſe, dem Fräulein zu ſagen, wenn es meiner bedürfe, werde ich ſogleich hinabkommen.“ „Gut, Madame Robert.“ Die Wärterin ging hinaus; Suſanne kehrte zu ihrem Neffen zurück, um ihre Unterredung mit ihm fortzuſetzen. Bwanzigſtes Rapitel. „Mein liebes Kind,“ ſprach Suſanne, indem ſie ſich wieder zu Oneſime ſetzte, „nun, nachdem ich Dich an einige zum Verſtändniß deſſen was ich Dir erzählen will, unerläßliche Umſtände erinnert habe, ich fort „Was man Ihnen ſo eben leiſe geſagt hat, meine Tante, war keine ſchlimme Nachricht?“ „Nein, mein Freund, durchaus nicht, und über⸗ dies werde ich es Dir ſpäter ſagen: doch um auf meine Erzählung zurückzukommen . . Du erinnerſt Dich, daß beim erſten Schein des Brandes und bei den erſten Art⸗ ſtreichen, die an die Thüre des Hauſes geſchahen, Thereſe erſchrocken herbellief und uns meldete, der Futterſchuppen ſtehe in Flammen und eine bewaffnete Bande greife das Haus an . . Du erinnerſt Dich unſeres tödtlichen Schreckens 2“ —½ 205 „Ja oh! welche Nacht! welche Nacht!“ „Ich erinnere mich aber auch mit einer Miſchung von Angſt und Bewunderung der Unerſchrockenheit, die Du in dieſer gräßlichen Nacht gezeigt haſt.“ „Wozu hievon ſprechen?“ „Wozu? Weil mir das mein Herz vor Stolz ſchla⸗ gen macht! Liebes, braves Kind, ich höre Dich noch ſagen: „„Sie kommen, die Flucht iſt uns unmöglich, ich kann Euch vor der Gefahr nicht bewahren, denn lei⸗ der hindert mich mein Gebrechen, ſie zu ſehen, doch ich kann Euch wenigſtens einen Wall aus meinem Leib machen.““ Und Du bewaffneteſt Dich mit der eiſernen Stange von einem der Fenſterläden und ſtürzteſt nach der Thüre in dem Augenblick, wo man ſie erbrach, und hier, mein ar⸗ mer Freund, haſt Du einige Minuten alleln den Eingang unſeres Zimmers mit übernatürlicher Beherztheit und Stärke vertheidigt.“ „Ich bitte Sie, meine gute Tante, genug, genug über dieſen Gegenſtand.“ „Wie! genug! während es, wenn ich Dich verwun⸗ det ſehe, mein einziger Troſt iſt, mich Deines aufopfernden Muthes zu erinnern. .. Nein, neinz es macht mir Freude, zu wiederholen, daß die Tapferkeit der Entſchloſſenſten vor der Deinigen erblichen wäre. In der Einfaſſung der Thüre, die Du vertheidigteſt, verſchanzt, war die eiſerne Stange, die Du ergriffen, in Deinen Händen eine furcht⸗ bare Waffe geworden, und obgleich Dein ſchlechtes Geſicht Dich verhinderte, Deine Streiche gut zu lenken, ſielen voch Alle, die ſich dem Bereiche Deines Armes näherten, zu Deinen Füßen nieder.“ „Ah! wie groß mußte während des Kampfes von einigen Augenblicken die Angſt von Fräulein Sabine ſein! ein ſolches Schauſpiel für ſie, die ſo furchtſam .. . das hieß tauſendmal ſterben...“ . „Du irrſt Dich, mein Freund.“ „Was ſagen Sie?“ „Ihre Feſtigkeit war unbegreiflich ja „ und 206 noch zu dieſer Stunde frage ich mich, durch welches Wun⸗ der ſie, die ein Nichts erſchreckte, in dieſer Nacht eine ſolche Charakterſtärke zeigen konnte.“ „Fräulein Sabine?“ „Es iſt unglaublich, ſage ich Dir; während Du ſo muthig unſeren Zuftuchtert vertheidigteſt, ſtand die liebe Arme (es iſt mir, als ſähe ich ſie noch), bleich, aber entſchloſſen da. .. Ihre erſten Worte waren: „„Mein Gott, ich danke Dir! mein Vater iſt abweſend, ich werde allein ſterben.““ „Oh! das iſt ſchön von ihr „ immer dieſes edle, große Herz.“ „Dann, indem ſie Dich mit ruhigen, beinahe ſtol⸗ zen Augen anſchaute, ſprach ſie zu mir: „„Hältſt Du ihn nun für muthig ?... Er wird ſich für uns tödten laſſen, aber wir werden wenigſtens mit ihm ſterben.““ „So viel Reſignation,“ ſagte Oneſime, während er ſeine Hand an ſeine feuchten Augen drückte, „ſo viel Ent⸗ ſchloſſenheit bei ihr... das verwirrt mich ganz.“ „Dieſe furchtſamen Herzen, welche gewöhnlich ein Nichts erſchreckt, begeiſtern ſich vielleicht im Gegentheil bei großen Gefahren. .. So viel iſt gewiß, daß Sabine ſich heldenmüthig gezeigt hat; ſie ſah Dich fallen. .. Als Du endlich von der Ueberzahl beſiegt, und von einem tödtlichen Streich getroffen bewußtlos auf die Thürſchwelle niedergeſchmettert wurdeſt, ſtürzten vier von den Banditen, deren Anführer, ein bleicher Menſch mit rothen Haaren, den Arm in einer Binde trug, in das Zimmer. „„One⸗ fime iſt für uns geſtorben. Nun kommt die Reihe an uns. Gott befohlen, Suſanne,““ ſagte Sabine zu mir, indem ſie mich mit den Armen umſchlang . . . und leiſe murmelte ſie: „„Gott befohlen, guter Vater.““ „Liebevoll und muthig bis zum Ende!“ ſprach One⸗ ſime ſeine Thränen trocknend. „Ich fühlte mich weniger ergeben als ſie. Ich hatte Dich blutend auf die Thürſchwelle niederſtürzen ſehen, warf mich dem Anführer der Mörder zu Füßen und rief: —— 207 „Gnade!. Gnade!““ Er ſtreckte die Hand aus, be⸗ fahl durch dieſe Geberde, inne zu halten, und fragte mich mit drohendem Ton: „„Wo iſt der Kapitän l'En⸗ durci?““ „Der Kapitän 1 Endurci“ wiederholte Oneſime, indem er Suſanne mit dem höchſten Erſtaunen anſchaute, „der Korſar, von deſſen Flucht wir noch vor einigen Tagen laſen? Warum verlangte man hier, mitten unter einem ſo unglücklichen Ereigniß nach ihm? Und überdies waren dieſe Menſchen Engländer, deſſen erinnere ich mich nun.“ „Sogleich werde ich Dir mittheilen, was ich über vieſen Gegenſtand weiß, mein Freund. Ich ſagte Dir alſo, der Mann, der den Arm in der Binde trug und der Anführer zu ſein ſchien, habe mich gefragt, wo der Kapitän I'Endurei ſei. Ich warf mich ihm zu Füßen und rief: „„Dieſes Haus, mein Herr, gehört Herrn Clo⸗ arek, er iſt abweſend. Hier iſt ſeine Tochter, haben Sie Mitleid mit ihr!““ „Seine Tochter!““ rief dieſer Menſch, in ein wil⸗ des Gelächter ausbrechend; „„das iſt ſeine Tochter; ah! deſto beſſer.. Und Du,““ ſagte er zu mir, „„Du biſt ſeine Frau?““ „Nein, mein Herr, ich bin die Haushälterin.““ „„Ah! das iſt ſeine Tochter!““ wiederholte er. Und er näherte ſich der armen Sabine, deren Muth mit der Ge⸗ fahr zu wachſen ſchien. Die Hände über ihre Bruſt ge⸗ kreuzt wie eine Heilige, ſchaute ſie ſtolz den Anführer der Banditen an, der ſie fragte: „Wo iſt Dein Vater?““ „Gott ſei Dank! fern von hier antwortete das muthige Kind. „„Dein Vater iſt geſtern angekommen; er befand ſich noch vor Kurzem in dieſem Hauſe? Wo iſt er, wo iſt er?““ ſchrie der Elende, ſie bedrohend. Sabine blieb ſtumm. Mit einem gräßlichen Lächeln fuhr er fort: „Ich habe Deinen Vater verfehlt, doch dadurch, daß ich Dich mitnehme, werde ich ihn bekommen.. Du 208 ſchreibſt ihm von England, wohin ich Dich führe, Du ſagſt ihm, wo Du biſt, und er wird Allem Trotz bieten, um Dich zu befreien. Dort erwarte ich ihn und ich werde ihn bekommen... Auf, folge mir!““ „„Ihnen folgen?““ rief Sabine, „eher werden Sie mich tödten!““ „„Man wird Dich nicht tödten; Du kommſt freiwil⸗ lig oder mit Gewalt. wähle!““ „„Nie!““ rief das unglückliche Kind. „Dann wandte er ſich gegen ſeine Leute um, ſagte ihnen ein paar Worte, und die Banditen warfen ſich auf Sabine. Ich wollte ſie vertheidigen, man ſiieß mich zu⸗ rück, und ſie wurde trotz ihrer Thränen, ihres Geſchreis geknebelt.“ „Das iſt gräßlich. und was war denn der Grund dieſes blutigen Haſſes gegen Herrn Cloarek?“ „Höre mich an . man hatte Sabine geknebelt, als plötzlich in der Ferne Schüſſe unter einem großen Tumult und wüthenden Schreien erſchollen. Zwei Männer liefen von Auſſen herbei, ſagten ihrem Anführer ein Wort, und dieſer folgte ihnen in größter Haſt aus dem Zimmer nach; es blieben nur die Leute, die Sabine gebunden hielten⸗ Nun erſt konnte ich mich Dir nähern, armes Kind. Ich hob Dich auf. . .“ Und bei dieſer Erinnerung noch zitternd, neigte ſich Suſanne über das Bett ihres Neffen, um ihn in ihre Arme zu ſchließen. „Armer Freund,“ fuhr ſie fort, „Anfangs hielt ich Dich fur todt; ich vergaß Sabine, ich vergaß Alles, ſchluchzte über Dir, verzweifelte, Dich in's Leben zurück⸗ zurufen, als plotzlich. . .“ Bewältigt von der Erſchütterung hielt Suſanne hier einen Augenblick inne. „Oh! ſprechen Sie, ſprechen Sie. ..“ „Oh! nie, nie werde ich dieſes Schauſpiel vergeſſen. Im Hintergrund des Zimmers ſuchten zwei von dieſen Schurken Sabine trotz ihres herzzerreißenden Geſchreis — 209 fortzuſchleppen . .. Die zwei anderen Männer ſtürzten, erſchrocken über ven immer mehr zunehmenden Tumult, nach der Thüre, als Beide hinter einander von Artſtreichen ge⸗ troffen auf den Boden rollten. Einer von denen, welche Sabine fortſchleppen wollten, hatte daſſelbe Schickſal. . .“ „Wer hatte ſie denn niedergeſchlagen?“ „Wer?“ erwiederte Suſanne ſchauernd und die Stimme dämpfend „ein Mann in einer ſeltſamen Kleidung. .. er trug einen breitkrämpigen Hut, ein ſchwarzes Kamiſol und weite weiße Hoſen. Eine Art in der Hand, ſtürzte er gefolgt von einigen Matroſen in's Zimmer.“ Oh! mein Gott!“ rief Oneſime, der ſeine Erinne⸗ rungen zu ſammeln ſuchte, „mir ſcheint, in ihren Schreckens⸗ anfällen ſprach Fräulein Sabine zuweilen von einem auf dieſe ſeltſame Art gekleideten Menſchen, der, wie ſie ſagte, der Mörder ihrer Mutter war.“ „Ach!“ ſagte Suſanne weinend, „leider war dieſe Er⸗ innerung ihrem Geiſte nur zu gegenwärtig.“ „Wer war denn dieſer Mann, der ſo gekleidet Fräu⸗ lein Sabine zu Hülfe kam?“ „Dieſer Mann,“ erwiederte Suſanne niedergeſchlagen, dieſer Mann war der Korſaren⸗Kapitän l'Endurci... dieſer Mann war Herr Clvarek.“ „Er!“ rief Oneſime, indem er ſich trotz ſeiner Schwäche in ſeinem Bette aufrichtete. „Welch ein Geheim⸗ niß! . er war es. .. Herr Cloarek!“ „Ja . er hielt eine Art in der Hand, ſeine Klei⸗ der waren blutig, ſein Geſicht . . . oh! nie, nein, nie habe ich ein ſo furchtbares, ein ſo ſchreckliches Geſicht geſehen! Er trat ein, Sabine, welche Anfangs ſeine Züge nicht erkannte, ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und rief: „Der ſchwarze Mann!. .. der ſchwarze Mann!““ Cloarek eilte auf ſeine Tochter zu . . . ſie wich zurück und ſchrie: „„Mein Vater. oh! Sie ha⸗ ben meine Mutter getödtet!““ Und die Unglückliche ſtürzte leblos nleder.“ „Ja, ja, die Worte: „„Mein Vater, Sie 210 haben meine Mutter getödtet!““ ich hörte ſie unbeſtimmt, während ich mich ſterben fichlte. Oh! das iſt gräßlich! Welch eine furchtbare Entdeckung,! welche Thränen! welche Verzweiflung für die Zukunft! Er, ein ſo zärtlicher Bater, ſie, eine ſo liebevolle Tochter . . zwiſchen ihnen, und für immer eine Kluft. Oh! mein Gott! Sie haben Recht, man bedarf des Muthes, um elne ſolche Offenbarung auszuhalten . . und Fräulein Sabine, wle iſt es ſeitdem mit ihr gegangen?“ „Das unglückliche Kind ſchwebte, wie ich Dir geſagt habe, zwei Tage zwiſchen Leben und Tod.“ „Und Herr Cloarek?“ „Ach! man weiß nichts von ihm. man ſagt, als er gehört, wie ihm ſeine Tochter den Tod ihrer Mutter vorgeworfen, habe er einen gewaltigen Schrei ausgeſtoßen, ſei wie ein Wahnſinniger entflohen, und man hat ihn nicht wieder geſehen. . .“ „Oh! wie viel Unglück! mein Gott! wie viel Un⸗ glück! Aber wie iſt Herr Cloarek von dieſem Angriff unterrichtet worden? und woher rührt der Haß dieſer Engländer gegen ihn?“ „Sie ſind, wie man erzählt, ſchon auf mehrere Punk⸗ ten der Küſte auf dieſe Art gelandet, haben einige verein⸗ zelte Flecken verwüſtet und ſich dann wieder auf ihre Schiffe begeben; ſie hofften ſich der Perſon von Herrn Cloarek zu bemächtigen, der unter dem Namen Kapitän l'Endurci der engliſchen Marine den größten Schaden zufügt.“ „Herr Cloarek, er, Korſar! . wie hat er dieſe Laufbahn der Kämpfe und Grfahren ergriffen? warum in vieſer Hinſicht das Geheimniß ſeiner Tochter gegenüber?“ „Ich weiß es leben ſo wenig als Du, mein Freund, ſeit jenem gräßlichen Abend, iſt er, wie geſagt, nicht wieder erſchienen; die Leute von ſeinem Schiff, an deren Spitze er gekommen war, und worunter ſich Legoffin befand, haben die Engländer, die ſie nicht getödtet, als Gefangene mitgenommen. Als ich mich vom erſten Schrecken erholt 211 hatte, theilte ich meine Sorge zwiſchen Sabine und Dir, während Legoffin und mehrere Matroſen das Feuer des Schuppens löſchten und die ſichtbare Spuren des Unglücks zu tilgen ſuchten.“ „Und Legoffin ſelbſt hat keine Nachricht von Herrn Clvarek erhalten?“ „Ich weiß es nicht, doch man hat mir vorhin geſagt, Legoffin, der geſtern Morgen abgereiſt, ſei zurückgekommen; in dieſem Augenblick hat er eine Unterredung mit Fräu⸗ F Sabine. Vielleicht bringt er ihr Nachricht von ihrem ater.“ „Gott wolle es! Doch wenn Herr Cloarek ſeine Verzweiflung überlebt.. welch ein ewiger Gegenſtand der Schmerzen und der Thränen wird die Entdeckung dieſes unſeligen Geheimniſſes nicht zwiſchen ſeine Tochter und ihn gebracht haben!“ „Was ſoll ich Dir ſagen, mein armes Kind? von welcher Seite ich auch die Zukunft anſchaue, überall er⸗ ſchelnt ſie mir düſter und troſtlos.“ „Oh! Sie haben Recht, meine Tante, Muth! Muth! Oh! ja, wir brauchen noch mehr Muth um diejenigen, welche wir lieben, leiden zu ſehen, als um ſelbſt zu leiden.“ Die Krankenwärterin trat in dieſem Augenblick ein und ſagte zu Suſanne: „Madame Robert, Herr Legoffin möchte gerne Sie, ſowie Herrn Onefime ſprechen, wenn er ſich wohl genug beſindet, um ihn anzuhören.“ „Gewiß,“ antwortete raſch der junge Mannſ, indem er ſich aufſetzte. Es war nicht mehr das lange, bleiche, ernſt abge⸗ feimte Geſicht, nicht mehr die kalt höhniſche Phyſiogno⸗ mie, welche bald die Ungeduld, bald den Spott von Su⸗ ſanne hervorrief; das Geſicht des würdigen Mannes war tief traurig und niedergeſchlagen; ſein kleines, gewöhnlich ſo boshaftes Auge war von friſchen Thränen geröthet, und man ſah auch einige feuchte Spuren unter ſeinem breiten ſchwarzen Pflaſter, denn wenn das Auge, das er an der Seite ſeines Herrn verloren hatte, für das Licht verſchloſſen war, ſo war es doch nicht für die Thränen geſchloßen. Dame Robert empfing ihren Gefährten nicht mehr, wie früher, Spott auf den Lippen und Ironie im Blick, ſie ging ihm mit einem ſchwermüthigen und liebevollen Eifer entgegen. „Nunf mein armer Legoffin,“ ſagte ſie, „was für Nachrichten bringen Sie uns? gute oder ſchlimme?“ „Ich weiß es nicht recht, meine liebe Suſanne“ er⸗ wiederte der Geſchützmeiſter ſeufzend „das hängt hievon ab.“ Und er zog aus ſeiner Taſche ein ziemlich umfang⸗ reiches Papier. „Was iſt das?“ fragte Suſanne. „Ein Brief von Herrn Cloarek.“ „Gott ſei Dank! er lebt,“ rief Oneſime. „Und wie ſteht es mit ſeiner Geſundheit?“ fragte Suſanne. „Was wollen Sie? fern von ſeiner Tochter und nach dem, was Alles vorgefallen, iſt er wie ein Koͤrper ohne Seele,“ antwortete Legoffin. „Seine letzte Hoffnung beruht auf dieſem Brief, und dieſer Brief iſt für Sie, Herr Oneſime.“ „Für mich?“ „Und ich werde Ihnen ſagen, was Sie damit ma⸗ chen müſſen; vor Allem aber: ſind Sie im Stande, auf⸗ zuſtehen?“ „Ja,“ rief der junge Mann, indem er eine Bewe⸗ gung machte, „oh! ja.“ „Und ich, ich ſage nein, Oneſime,“ entgegnete Suſanne, „das wäre eine furchtbare Unklugheit.“ „Erlauben Sie, liebe Suſanne,“ ſagle Legoffin, „ich bin eben ſo ſehr als Sie ein Feind von Unvorſichtigkeiten, aber (ich kann Ihnen das nun geſtehen), da ich ſeit einem Dutzend Jahre Gelegenhelt hatte, da und dort Wunden von jedem Kaliber zu ſehen, ſo habe ich eine gewiſie Er⸗ fahrung erlangt . . .“ 213 „Ach! ja, und zwar auf Ihre Koſten, mein armer alter Freund und ich ſpottete über Ihre Wunden, während ſie von Ihrem großen Muth und von Ihrer Er⸗ gebenheit für unſern Herrn zeugen!“ Und nicht ohne Rührung erinnerte ſich Suſanne, mit welcher geduldigen Verſchwiegenheit der Geſchützmeiſter des Korſaren ſo lange die Spöttereien ertragen hatte, mit denen ſie ihn in Beziehung auf ſeine vermeintliche Ungeſchicklichkeit überhäufte, die ihm bald den Verluſt von zwei Fingern, bald den eines Auges zugezogen. „Nun! Suſanne,“ fuhr er fort, „ſelen Sie unbeſorgt, ich will Ihrem Neffen den Puls fühlen, ſein facies prüfen wie unſer Oberwundarzt ſagt, und finde ich, daß unſer braver Junge im Stande iſt, aufzuſtehen und auf eine Stunde in das Zimmer hinabzugehen, wo er Fräulein Sabine finden wird, ſo. .. Ah! doch nein! doch nein! einen Augenblick Geduld,“ ſagte Legoffin, während er mit ſtarker Hand Oneſime zurückhielt, der bei dem Namen Sabine aus ſeinem Bett ſpringen wollte, „erlauben Sie, ich habe meine ärztliche Unterſuchung noch nicht beendigt; machen Sie mir das Vergnügen, ruhig zu bleiben, oder ich nehme meinen Brief mit und ſchließe Sie hier ein.“ Onefime ſeufzte, ſchwieg und hielt mit einer keuchen⸗ den Ungeduld die ſorgfältige Prüfungen von Legoffin aus, der ſich mit Hülfe der Lampe, welche Suſanne nahe an das Bett hielt, verſicherte, daß der junge Mann wirklich, ohne Be⸗ ſchwerde, eine Stunde aufbleiben könnte. „Aber, Legoffin,“ ſagte Dame Robert, immer noch beſorgt, „Sie ſtehen mir wenigſtens dafür, daß keine Gefahr dabei iſt?“ „Keine vertrauen Sie auf mich.“ „Warum läßt ſich vieſe Unterredung nicht verſchieben?“ „Warum?“ erwiederte der Geſchützmeiſter mit tlef bewegter Stimme. „Ah! ſehen Sie, weil unfern von hier Einer iſt, der die Stunden, die Minuten zählt.“ „Was ſagen Sie?“ rief Suſanne, „ſprechen Sie von Herrn Cloarek?“ 214 „Ich ſagte Ihnen,“ erwiederte Legofſin, ohne dieſe Frage zu beantworten, „ich ſagte Ihnen, unfern von hier ſei Einer, der vas Leben oder den Tod erwarte.“ „Großer Gott!“ rief Oneſime, „das Leben oder den Tod.“ „Oder vielmehr die Hoffnung oder die Verzweiflung,“ ſprach Legoffin mit ernſtem Ton, „und dieſe Hoffnung oder vieſe Verzweiflung wird von dem Leſen dieſes Briefes abhängen; deshalb, Suſanne, fordere ich Ihren Neffen auf, alle ſeine Kräfte zuſammenzuraffen, um in den Sa⸗ lon hinabzugehen, denn wenn ich Alles ſagen ſoll,“ fügte Legoffin mit einer immer mehr bewegten Stimme bei: „ehe eine Stunde vergeht, wird das Schickſal von Herrn Legoffin entſchieden ſein.“ 3 „Nachdem der Brief geleſen iſt?“ fragte Suſanne, eben ſo erflaunt, als ängſtlich. „Ja,“ antwortete Legoffin bebend, „und dieſen Brief ſoll Herr Oneſime dem Fräulein in Gegenwart von Ihnen, Suſanne, und von mir vorleſen, denn ich werde einige Erläuterungen, mit denen mich Herr Yon beauftragt, zu geben haben „. Auf, Herr Oneſime, Ruhe, Muth.. das Fräulein iſt benachrichtigt was geſchehen iſt, iſt geſchehen. .. was ſein wird, wird ſein. Sie, Suſanne, erwarten Sie uns bei dem Fräulein . ich will Ihrem Neffen ſich ankleiden helfen.“ er noch außeror⸗ Nach zehn Minuten trat Onefime, d dentlich ſchwach war, auf den Arm von Legofſin geſtützt in den Salon ein, wo Suſanne ſeiner harrte. 215 Einundzmanzigſtes Rupitel. Als Oneſime in Begleitung von Legoffin und Su⸗ ſanne in den Salon eintrat, wo ihn Sabine erwartete, fand er ſie bleich, angegriffen, aber ernſt, beinahe feier⸗ lich; ihre Schwäche nöthigte ſie, halb ausgeſtreckt auf einem Sofa zu bleiben. „Herr Oneſime,“ ſagte ſie, „wollen Sie ſich ſetzen, Du auch, meine gute Suſanne, und Sie, Legoffin.“ Die Perſonen dieſer Seene ſetzten ſich ſchweigend und in tiefer Traurigkeit. 5 „Ehe wir dieſe Unterredung beginnen,“ ſagte Sabine mit einem ſchmerzlichen Lächeln, „muß ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß ich mich ſehr verändert habe; dieſe unwillkührlichen, oft kindiſchen Schrecken, die mich beſielen, ſuchen mich nicht mehr heim.. Eine gräßliche Wirklichkeit hat mich geheilt .. Vor ihr ſind alle Trug⸗ bilder, die mich ſeit meiner Kindheit belagerten, ver⸗ ſchwunden. Ich ſage Ihnen das, meine Freunde, damit Sie keine Schonung gegen mich beobachten, damit Sie die ganze Wahrheit gegen mich ausſprechen, oder mir die⸗ ſelbe vielmehr beſtätigen, ſo furchtbar ſie auch ſein mag. Ich habe nun den Muth und die Kraft, Alles anzuhören. Noch ein Wort . .. ich beſchwöre Dich, Suſanne, und Sie auch, Legoffin, im Namen Eurer ſo erprobten An⸗ hänglichkeit für mich und meine Familie „ meine Fra⸗ gen redlich zu beantworten verſprecht Ihr mir das?“ „Ich verſpreche es,“ erwiederte Legoffin⸗ „Ich verſpreche es,“ ſagte Suſanne. Hienach trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein. Die Haushälterin, der alte Diener und beſonders Oreſime waren betroffen von dem entſchiedenen Ton, mit dem ſich Sabine ausdrückte; Alles weisſagte, daß, was auch ihr Entſchluß in Folge dieſer Unterredung wäre, die⸗ ſer Entſchluß unabänderlich bleiben würde. 216 Das Mädchen fuhr fort: „Suſanne, Du haſt mich bei meiner Geburt ge⸗ ſechen⸗. Du biſt dann durch Deine Ergebenheit und durch Deine theilnehmende Sorge die Freundin meiner Mutter geweſen; im Namen dieſer Freundſchaft beſchwöre ich Dich, mir zu ſagen, ob mich die Erinnerungen aus mei⸗ ner Kindheit nicht täuſchten, ob mein Vater gekleidet, wie ich ihn vorgeſtern geſehen. nicht. nicht .. den Tod meiner Mutter verurſacht hat?“ „Ach! mein Fräulein ..“ „Im Namen des heiligen und geſegneten Andenkens meiner Mutter ſage mir die Wahrheit, Suſanne.“ „Die Wahrheit iſt, mein Fräulein „ antwortete die Haushälterin mit zitternder Stimme. .. „die Wahrheit iſt, daß Ihre Mutter nach einer heftigen Scene, welche ſie mit dem Herrn gehabt hatte, ſtarb, aber .. „Genug, meine gute Suſanne,“ unterbrach ſie Sa⸗ bine; und ſie fuhr mit ihrer Hand über ihre glühende Stirne und ſchwieg einen Augenblick. Ein trauriges Stillſchweigen, das Niemand zu ſlören wagte. Das Mädchen ſprach weiter: „Legoffin, Sie find der Diener, der würdige Diener meines Großvaters geweſen, Sie haben meinen Vater in den erſten Tagen ſeines Lebens geſehen .„ Sie waren ihm jeder Zeit und unter allen umſtänden blind ergeben: iſt es wahr, daß mein Vater, ſtatt, wie er ſagte, Han⸗ delsgeſchäfte zu betreiben, Korſar war und unter dem Namen des Kapitän lEndurci die Meere befuhr?“ „Ja, mein Fräulein, es iſt wahr,“ antwortete Le⸗ goffin ein Schluchzen unterdrückend. Nach einem neuen Stillſchweigen fuhr Sabine ort: „Herr Oneſime, ich bin es mir ſelbſt, ich bin es Ihnen ſchuldig, Sie mit meinem Entſchluß bekannt zu machen „ In einer glücklicheren Zeit ſind Verbindungs⸗ 217 pläne für uns entworfen worden, doch nach dem, was vorgefallen, nach dem, was Sie wiſſen und erfahren haben, werde ich Sie hoffentlich nicht überraſchen, wenn ich Ihnen ſage, daß mein Leben nicht mehr dieſer Welt angehören darf.“ „Großer Gott! mein Fräuleln,“ rief Oneſime, „was ſagen Sie da!“ „Ich bin entſchloſſen, mich in ein Kloſter zurückzu⸗ ziehen, wo ich meine Tage zu beſchließen wünſche.“ Hneſime ſprach kein Wort, ſein Haupt neigte ſich auf ſeine Bruſt, die Thränen erſtickten ihn. „Mein Fräulein .. nein nein. das iſt un⸗ möglich,“ rief Suſanne weinend, „nein, Sie werden ſich nicht ſo lebendig begraben.“ „Mein Entſchluß iſt gefaßt!“ antwortete Sabine mit feſtem Ton; „doch dünkt Dir dieſer Aufenthalt nicht zu traurig, meine gute Suſanne, ſo würde es mich glücklich machen, wenn Du mich begleiten wollteſt.“ „Nie werde ich mich von Ihnen trennen können, mein Fräulein, Sie wiſſen das wohl. doch Sie wer⸗ den das nicht thun. Sie werden nicht. „ „Suſanne,“ unterbrach Sabine die Haushälterin, „ſeit zwei Tagen habe ich über den Entſchluß, den ich faſſen ſollte, nachgevacht, es bleibt mir kein anderer und er iſt unwiverruflich.“ „Und Ihr Vater, mein Fräulein,“ ſagte Legoffin, „ehe Sie ſich von ihm für immer trennen, (Legoffin legte einen beſondern Nachdruck auf das Wort für immer), werden Sie ihn wenigſtens noch einmal ſehen?“ Sabine ſchien einem eben ſo grauſamen, als heftigen Streit in ihrem Innern preisgegeben, dann antwortete ſie mit bebender Stimme: „Nein .. „Somit,“ ſprach Legofſin, „ſomit ſind Sie von die⸗ ſem Tag an todt.. für ihn 1. und er iſt todt für Sie!“ Die ſieben Todſünden. 1. Abth. 14 218 Sabine ſchien ſich abermals gewaltig gegen ſich ſelbſt anzuſtrengen und erwiederte: „Ich darf meinen Vater erſt wiederſehen, wenn wir auf ewig mit meiner Mutter wiedervereinigt find.“ „Ah! mein Fräulein,“ murmelte der alte Diener ganz in Verzweiflung, „Sie werden nicht ſo grauſam ſein.“ „Nein“ das iſt keine Grauſamkeit,“ entgegnete das Mädchen mit einer ſchmerzlichen Reſignation, „ich erfülle eine Kindespflicht. ein Kind kann ſich ſeinem Vater nur das Herz voll Zärtlichkeit und Ehrfurcht nähern .. er muß für die Tochter das ſein, was ſie am meiſten auf der Welt liebt und achtet .. ſo iſt es bis jetzt zwiſchen meinem Vater und mir geweſen Dieſer Gedanke wird der Troſt eines Lebens ſein, das ich fern von ihm zu⸗ bringen muß.“ „Ah! mein Fräulein, wenn Sie ſeinen Schmerz kenneten .. „Legoffin,“ erwiederte Suſanne ihre Erſchütterung beherrſchend, „ich kann Ihnen nur wieberholen, was ich Suſanne geſagt habe: Seit zwei Tagen habe ich über den Entſchluß nachgedacht, den ich faſſen ſollte. mein Ent⸗ ſchluß iſt unwiderruflich.“ Ein düſteres, verzweifeltes Stillſchweigen folgte auf dieſe Erklärung von Sabine. Einige Augenblicke hörte man nur dumpfes Schluchzen. Legoffin nahm juerſ das Wort und ſagte zu Sabine... „Mein Fräulein, Sie werden ſich wenigſtens nicht weigern, einen Brief von Herrn Clvarek vorleſen zu hö⸗ ren? Es iſt das Letzte, was er von Ihnen erwartet, denn er ſah wohl den Widerwillen vorher, den Sie jetzt gegen ihn haben müſſen.“ „Widerwillen!“ rief Sabine mit einer tödtlichen Bangigkeit; dann ſich wieder bezwingend, fügte ſie bei: „Das Verhängniß allein hat Alles gethan.“ „Ah!“ ſprach der alte Diener, „das iſt immer das⸗ ſelbe. Herr Cloarek wird Sie nicht mehr ſehen; wollen 219 Sie wenigſtens den Brief, den ich Herrn Onefime über⸗ geben habe, vorleſen hören.“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Legofſin, es iſt für mich eine Pflicht, mich in den Willen meines Vaters zu fügen . . . Herr Oneſime, ich höre.“ Der junge Mann entſiegelte den Umſchlag, den ihm Legoffin eingehändigt hatte. Der Brief, den Cloarek ſeiner Tochter ſchrieb, war von einem alſo abgefaßten Billet begleitet: „Ich bitte Sie, mein lieber Oneſime, Sabine bei⸗ folgenden Brief vorzuleſen; es iſt ein letzter Beweis der Achtung und Zuneigung, den ich Ihnen zu geben wünſche. „Möchte dieſe aufrichtige Erzählung, geſchrieben von einem verzweifelnden Vater und geleſen von einer befreun⸗ deten Stimme meiner Tochter zu Herzen gehen „. „Ihr wohlgewogener Bvon Clvarek. Nachdem Oneſime Sabine von dieſem Billet in Kennt⸗ niß geſetzt hatte, fragte er ſie, b er zu leſen anfangen könnte. Das Mädchen antwortete durch ein bejahendes Zei⸗ chen mit dem Kopf, qun der junge Mann las, wie folgt: „An meine Tochter. „Das Verhängniß will es; ich muß mich für immer von Dir trennen, mein Kind; denn nun vermöchteſt Du meinen Anblick nicht zu ertragen. „Ein unvorhergeſehener Vorfall hat Dich das furcht⸗ bare Geheimniß entdecken laſſen. „Ja, der Mann in der ſeltſamen Tracht, der in Dei⸗ nem Gedächtniß als der Mörder Deiner Mutter geblieben iſt, war ich. „Der Korſar, deſſen Abenteuer Dir ſo viel Schrecken, ſo viel Abſcheu einflößten, war ich. „Deine Mutter war mit einem anderen Kind in der Hoffnung wir bekamen einen heftigen Streit .. 220 den erſten und einzigen in unſerem Leben „ das ſchwöre ich Dir! ich erhitzte mich, mein Zorn wurde ſo furchtbar, daß Deine unglückliche Mutter in der Lage, in der ſie ſich beſand, aus Schrecken ſtarb. „Mein Verbrechen war ein doppeltes: den Schrecken, ver Deine Mutter zu Boden geworfen, Du haſt ihn auch empfunden . . Der ſchmerzliche Eindruck Deiner frühen Jugend hat einen Einfluß auf Deine Geſundheit, auf Dein ganzes Leben ausgeübt. „Das war mein Verbrechen. „In dieſer Stunde, wo ich mich ohne Zweifel für immer von Dir trennen muß, darf ich Dir ſagen, was die Sühnung dieſes Verbrechens geweſen iſt. „Als ich Dich Waiſe ſah, fragte ich mich, was aus Dir werden ſollte. „Das wenige perſönliche Vermögen, das wir, Deine Mutter und ich, beſaßen, war beinahe ganz in Folge der unglücklichen Zeitläufte und eines zu Grunde richtenden Prozeſſes verloren gegangen; meine Stelle als Beamter, unſere Haupteinkommensquelle, wurde mir entzogen; man ſo das durch meine Heftigkeit verurſachte Aer⸗ gerniß. „Ich machte das Wenige, was ich beſaß, zu baarem Geld; das belief ſich auf ungefähr ſechstauſend Franken. „Suſanne Robert war Deine Amme geweſen. Dieſe vortreffliche Frau hatte ſich durch ihre Eigenſchaften, durch ihre Ergspenheit die liebevollſte Achtung bei Deiner Mutter erworben. Ich ſagte zu Suſanne: „Hier ſind fünftauſend Franken, dies genügt auf fünf Jahre, allerdings in einem ſehr beſcheidenen Maaß, für Ihren Lebensunterhalt und für den meiner Tochter; ich will ſie Ihnen anvertrauen; haben Sie mich nach Ab⸗ lauf dieſer fünf Jahre nicht wiedergeſehen, ſo laſſen Sie einen Brief, den ich Ihnen einhändigen werde, an ſeine Adreſſe gelangen.““ „Dieſer Brief, mein liebes Kind, war von mir an einen Mann von vornehmer, alter franzöſiſcher Familie ge⸗ —————— 221 ſchrieben, der ſich nach Deutſchland zurückgezogen; ich hatte ihm während der Rebolution das Leben gerettet⸗ Ich war ſicher, dieſer Mann oder in Ermangelung ſeiner ſeine Familie, deren Reichthum noch groß iſt, würde Dich wie ein Adoptivkind behandeln. Doch ich wollte Dich nur bei der äußerſten Nothwendigkeit der Unannehmlichkeit, das bittere Brod des Mitleids zu empfangen, ausſetzen. „Nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, küßte ich Dich zum letzten Mal, während Du ſchliefſt, mein armes Kind, und reiſte ab, wobei ich tanſend Franken als mein ganzes Vermögen mit mir nahm. „Legoffin, ein treuer alter Diener, wollte die Wechſel⸗ fälle meines Schickſals theilen und folgte mir. „Während der paar Tage, die meiner Abreiſe vor⸗ hergingen, hatte ich ſchmerzlich über die Zukunft und die Vergangenheit nachgedacht. „Ich hatte mich mit einer unerbittlichen Strenge be⸗ fragt, erforſcht, beurtheilt. „Die Urſache meines Unglücks und meines Verbre⸗ chens gegen Deine Mutter war mein aufbrauſender Cha⸗ rakter. . Alles, was meine Gefühle oder meine Ueber⸗ zeugung verletzte, Alles, was meinem Willen ein Hinder⸗ niß entgegenſtellte, machte mein Blut kochen, exaltirte meine ganze Seele, und dieſer Ueberfluß der Kräfte fand ſeine Ausdehnung nur in der Wuth und in der Heftigkeit. „Mit einem Wort mein Haupllaſter war der Zorn. „Indem ich mich ſelbſt prüfte, erinnerte ich mich der unglaublichen moraliſchen und körperlichen Stärke, mit der ich mich begabt fühlte, wenn ich mich meinen Zornaus⸗ brüchen überließ. „Oft empört von gewiſſen unbilligen Handlungen, von gewiſſen grauſamen Unterdrückungen, hatte ich gerade im Rufbrauſen meines Zorns beinahe übermenſchliche Kräfte gefunden, um die Schwachen zu vertheidigen und die Unterdrücker zu beſtrafen: ſo überwältigte ich eines Tags ganz allein drei ſehr entſchloſſene Schurken, welche einem armen wehrloſen Geſchöpf Gewalt anthaten, und 222 ich hätte doch in meinem Normalzuſtand kaum mit Vor⸗ theil gegen einen Einzigen von dieſen drei Banditen kämpfen können. „In einem ſolchen Augenblick übermäßiger Heftigkeit geſchah es auch, daß ich einem grauſamen Tod den vor⸗ nehmen Herrn, auf deſſen Unterſtützung ich einſt für Dich gezählt, zu entreißen vermochte. „In der moraliſchen Ordnung flößten mir die Feig⸗ heit, die Treuloſigkeit, die Unrevlichkeit denſelben Zorn, vieſelbe Entrüſtung ein, dieſer Zorn trieb mich aber bei⸗ nahe immer zur Gewaltthat gegen diejenigen an, welche ich feig, treulos oder unredlich fand. „Ach! mein Kind, indem ich dieſes unerbittliche Stu⸗ dium über mich ſelbſt verfolgte, erkannte ich auch, daß mein Zorn nicht immer eniſchuldbare Urſachen gehabt hatte! ein rechtmäßiger Widerſpruch veranlaßte mich eben⸗ falls zu ſtürmiſchem Aufbrauſen. Der Tod Deiner Mutter iſt ein furchtbares Beiſpiel hievon. „Kurz, mein Kind, nach dieſen langen und ſchmerz⸗ lichen Beobachtungen über mich ſelbſt faßte ich mich alſo zuſammen: „Der Zorn iſt bei mir eine Leidenſchaft von ſolcher Energie, daß ſeine Anfälle meine moraliſche und körper⸗ liche Stärke ſtets verzehnfacht haben. „Das Aufbrauſen des Blutes, das Ungeſtüm des Characters bis zu ihrer letzten Macht geſteigert, mit einem Wort der Zorn iſt alſo eine Kraft.“ „Wenn dieſe Kraft durch edle Beweggründe in Thä⸗ tigkeit geſetzt wurde, ſo trieb ſie mich zu Handlungen an, auf die ich ſtolz ſein könnte. „Der Zorn war mein Ruin, mein Untergang, meine Verzweiflung; er hat meine Frau getödtet, der Zorn, ſagte ich zu mir ſelbſt „muß mein Heil und das meiner Tochter ſein .. „Dieſe Worte müſſen Dir ſeltſam ſcheinen, mein Kind, höre mich alſo: „In meiner Stellung als Beamter ſchadete mir ——— 223 meine Neigung zum Zorn und die Gewaltthätigkeiten, die er verurſachte mein Charakter, mein Geiſt, mein Temperament waren in beſtändigem Zwieſpalt mit meinen Functionen . „Ich mußte alſo eine Laufbahn ſuchen, bei der das Laſter oder vielmehr die Wurzelkraft meiner Natur ihre freie Ausdehnung finden und ſich für mich, für die Mei⸗ nigen, für Andere nützlich machen könnte. „Dieſe Laufbahn fand ich. „Meln Großvater war Seemann geweſen, wie wir Bretagner an der Seeküſte es beinahe immer find. „Da meinem Vater ſeine ſchwache Geſundheit das harte Handwerk meines Großvaters unterſagte, ſo wurde er Beamter. Doch ich war auf unſerem einſamen Strande aufgezogen worden, und der Anblick des Meeres, die Sit⸗ ten unſerer Fiſcher, ihr ſtrenges, abenteuerliches, unabhän⸗ giges Leben ließen unvertilgbare Erinnerungen in meinem Herzen zurück. 3 „Ein kindiſcher Umſtand erweckte ſie wieder, und die zweite Wandlung meines Schickſals trat ein. „Dies auf folgende Art: „Legofſin, dieſer treue Diener, der Dich von Deiner Geburt an kannte, pflegt zwei bis drei Sprüchwörter un⸗ ſerer Heimath anzuführen und ſie beinahe auf alle Um⸗ ſtände ſeines Lebens oder des Lebens der Anderen anzu⸗ wenden; eines von dieſen Sprüchwörtern, das er beſon⸗ ders liebt, heißt: „Dem Wolfe der Wald, der Taube das Taubenhaus. „Der traditionelle Sinn, den man mit dieſen Worten in unſerer Heimath verbindet und der mir richtig zu ſein ſcheint, iſt: „Jedem die Mitte, worin er nach ſeiner Organiſation leben ſoll und kann. „Als ich nun über die Anwendung meiner Fähigkeiten nachdachte, wobei ich mit traurigem Herzen in die Ver⸗ gangenheit zurückging und mich meiner am Meeresſtrand 224 bei meinem Großvater, einem alten braven Seemann, zu⸗ gebrachten Kinderjahre erinnere, ſagte Legoffin, Ler mich in meinem verzweifelten Zuſtand nie verließ, ich weiß nicht mehr aus welcher Veranlaſſung, ſein Lieblinasſprüchwort: „Dem Wolfe der Wald, der Tanbe das Taubenhaus. „Dieſe Worte veranlaßten mich zu einem tiefen Nach⸗ denken und brachten mich auf den Weg der Wahrheit. „Korſar, Korſar werden! Als dieſer Gedanke aus meinen Betrachtungen auftauchte, behte ich vor Hoffnung. „Das war eine plötzliche Offenbarung. „Es war die Anwendung der müßigen Gluth, die mich verzehrte . „Was wollte ich vor Allem? Dich, mein armes Kind, vor der Armuth ſchützen! . Dir ein glückliches Daſein für die Gegenwart und Zukunft ſichern! . . Dir ein Ver⸗ moͤgen erwerben, das Dich in den Stand ſetzen würde, Dich eines Tages nach Deinem Herzen zu verheirathen, und die e und das Glück des Mannes Deiner Wahl ichern. „Was wollte ich weiter ? eine Mitte finden, wo alle meine Kräfte ihre freie Entwickelung hätten. „Korſar! „ Korſar werden! konnte ich einen beſſe⸗ ren Gedanken haben? „Die Priſen, welche die Korſaren machen, bringen oft bedeutende Summen ein. Es war mir alſo möglich, eines Tags mein Kind zu bereichern. „Das Leben des Korſaren iſt ein Leben der Kämpfe, der Gefahren, ein Leben, wobei hauptſächlich die Wuth der Tapferkeit, die Eraltation des Charakters die Anzahl erſetzen müſſen, denn der Korſar iſt beinahe immer gend⸗ thigt, Feinde anzugreifen, die ihm weit überlegen ſind. „Konnte ich etwas Beſſeres treffen? „Der Streit . . . der Kampf, das iſt meine Sache; der Widerſtand ſteigert mich bis zur Wuth; die Gefahr reizt mich wie eine freche Herausforderung und ich trotze ihr wie einer Drohung; beim Anblick der Gefahr kocht ————— 225 mein Blut, eine Raſerei bemächtigt ſich meiner und ſcheint ſich, wie meine Kräfte, nach Maßgabe der Zahl meiner Feinde zu vermehren. „Das iſt noch nicht Alles . ich habe Dir geſagt, mein Kind, in der moraliſchen Ordnung erregen die Un⸗ terdrückung, die Treulofigkeit, die Grauſamkeit in mir den heftigſten Zorn und gegen wen hatte ich mich als Korſar zu ſchlagen? gegen ein verabſcheutes Land, das ſeit unſeren ſchrecklichen, durch ſeinen Haß, durch ſein Geld, durch ſeinen unbarmherzigen Ehrgeiz hervorgerufe⸗ nen Kriegen Frankreich mit der größten Erbitterung ver⸗ folgte, Alles anwandte, um uns zu bekämpfen, Verrath, Treuloſigkeit, Lüge, Grauſamkeit, vor nichts zurückwich, geſtern Fälſcher war, um uns durch falſche Aſſignate zu Grunde zu richten, heute Kerkermeiſter, Henker, um bis zum Wahnſinn, bis zum Tod unſere bravſten Soldaten auf ſeinen furchtbaren Pontons zu martern. Englandalſo! „Oh! England! zu dieſer Stunde, wo ich Dir ſchreibe . . . durchglüht trotz der Verzweiflung, die mich niederprückt, ſchon bei dem Namen dieſes Landes, das ich bis zur Verwünſchung haſſe, ſeit einem letzten Attentat, deſſen Opfer Du beinahe geworden wäreſt, durchglüht, ſage ich, das Feuer des Zorns meine Wangen, Alles em⸗ pört ſich, Alles dreht ſich um in mir . . mein Grimm entzündet ſich wieder und „Doch, verzeih' mein armes Kind, verzeih', daß ich durch mein Aufbrauſen Deine ſanfte, zarte Seele betrübe, Deine liebende, harmloſe Seele, die zu jedem Haß unfä⸗ hig iſt, oder vielmehr nur gegen das Böſe eine Abnel⸗ gung hat. „Ich mußte Dir wenigſtens alle Gründe begreiflich machen, die mich veranlaßten, die einzige Bahn zu be⸗ treten, welche mir geöffnet war, weil ich auf dieſer Bahn meiner natürlichen Heftigkeit den freien Lauf laſſen onnte. „Als mein Entſchluß feſt ſtand, küßte ich Dich zum 226 letzten Mal, während Du ſchlieſſt, benetzte Dich mit mei⸗ nen Thränen und reiſte mit Legoffin ab.“ Oneſime wurde hier im Leſen durch ein herzzerreißen⸗ des Schluchzen unterbrochen, das Sabine nicht zurückzu⸗ halten vermochte. Bweiundzwanzigſtes Rapitel. Bei den erſten Zeilen des Briefes ihres Vaters, den Oneſime mit der rührendſten Gemüthsbewegung las, hatte ſich Sabine tief erſchüttert gefühlt. Die einfachen und aufrichtigen Geſtändniſſe von Cloa⸗ rek, ſeine Reue über ſeine Hitze, deren Heftigkeit den Tod ſeiner Frau verurſacht hatte, ſein Entſchluß, ſeinen Feh⸗ ler zu ſühnen oder vielmehr im Hinblick auf das zukünftige Glück ſeiner Tochter nützlich zu machen, der unbeſiegbare Jähzorn, den er in ſich fühlte, die väterliche Zärtlichkeit, welche ſtets bei ſeinen Entſchlüſſen vorgeherrſcht, Alles trug dazu bei, das Herz von Sabine mit Mitleid für das Unglück zu erfüllen, woran ein unſeliges Temperament ſo viel Antheil gehabt hatte. Als Legoffin, Suſanne und Oneſime das Mädchen ſo erſchüttert ſahen, regte ſich in ihnen ein Schimmer der Hoffnung. Der Geſchützmelſter und die Haushälterin tauſchten einen Blick des Verſtändniſſes und begegneten ſich in den Gedanken, man dürfe kein Wort während dieſer Unter⸗ brechung ſprechen und müſſe ſtillſchweigend Sabine unter der Herrſchaft ihrer Betrachtungen laſſen. — —— 227 Nach einigen Augenblicken neigte ſich auch Suſanne an das Ohr ihres Neffen und ſlüſterte ihm zu: „Es iſt noch nicht Alles verloren. fahre fort, fahre fort, mein liebes Kind.“ Oneſime fuhr alſo fort: „Legoffin und ich, wir begaben uns nach Dieppe. Von dort gingen zu jener Zeit die verwegenſten Korſaren aus, und wir traten Beide als einfache Matroſen in den Dienſt. Ich mußte die harte Lehre dieſes Handwerks durchmachen. „So unternahmen wir mehrere Fahrten. In unſe⸗ ren Augenblicken der Ruhe und des Feierns ſtudirte ich emſig die Mathematik und die Theorie der Schifffahrtskunſt, um, wenn ich genug praktiſche Erfahrung erlangt hätte, ſelbſt einen Korſaren befehligen zu können. „Dieſe Lehre dauerte zwei Jahre, während welcher wir viele blutige Gefechte lieferten. „Was ich vorhergeſehen, geſchah. „Dieſes Leben des Kampſes, der Gefahren war mein Glement. Beim Herannahen eines Zuſammenſtoßens mit den Engländern fühlte ich alle Symptome eines dumpfen Zorns. Sobald der Kampf begonnen hatte, brach dieſe Furie wie der Blitz hervor und verzehnfachte meine Kräfte. „Eines wird Dir ſeltſam vorkommen, mein Kind, und dennoch iſt es erklärlich. „Nachdem ich meiner Hitze einen freien Erguß gege⸗ ben und ſo den Lebensüberfluß, der in mir ſtrömte, verbraucht hatte, fühlte ich mich auf lange Zeit friedlicher und ruhiger, und dies in einem ſolchen Maß, daß mich in den gewöhnlichen Lebensverhältniſſen ein oft kindiſcher Widerſpruch und Oppoſitionen, die mich ſonſt zur höch⸗ ſten Wuth reizen konnten, nun beinahe immer gleichgültig und friedfertig fanden; oft, mein Kind, habe ich Dich auch ſeit einigen Jahren meinen geduldigen, verſöhnlichen, leicht zugänglichen Charakter loben hören. „Muß ich dieſe Veränderung dem Fortſchritt des Al⸗ ters zuſchreiben? Ich weiß es nicht; es iſt vielleicht im 228 Gegentheil bei gewiſſen heftigen Naturen wie bei jenen Rennern voll Gluth und Blut, welche die Unthätigkeit wild, unbezähmbar, gefährlich macht, während ſie auf der Jagd oder im Kriege unvergleichlich werden, weil ſie hiebei die Energie, die ſie verzehrt, entwickeln können. „Fern ſei von mir der Gedanke, mein Kind, Dich durch die Erzählung deſſen zu betrüben, was die Leute die Thaten Deines Vaters genannt haben. „Ich ſage Dir nur, daß man mir, als ich zwei Jahre als Matroſe gedient hatte, die Stelle eines Second am Bord eines berühmten Korſaren anbot. „Nachdem ich achtzehn Monate dieſen untergeordneten Grad inne gehabt hatte, war mein Ruf ſchon ſo groß, daß mir ein Rheder das Commando, über einen ſeiner Korſaren, genannt der Höllenbrand, antrug. Seit dieſer Zeit habe ich fortwährend als Kapitän gedient, und der ſonderbare Name des erſten Schiffes, auf dem ich befeh⸗ ligt hatte, iſt von meinem Rheder für alle Schiffe, die ich ſpäter commandirte, beibehalten worden. „Der Zufall wollte, daß ich nie verwundet wurde, (ich bekam meine erſte Wunde an jenem Abend, da ich Dir zu Hülfe eilte). „Ich wage es nicht, Dlr zu geſtehen, welcher Urſache ich, in einem ſeltſamen Aberglauben, das Glück, unter ſo vielen blutigen Kämpfen verſchont worden zu ſein, zu⸗ ſchreibe... Ich müßte abermals den Namen Deiner Mutter ausſprechen, und das würde Deine Schmerzen wieder beleben. „Der Zute Legoffin hat mich nie verlaſſen; durch ſeinen Muth, durch ſeine Kaltblütigkeit hat er mir als Geſchützmeiſter koſtbare Dienſte geleiſtet; denn man muß für dieſes Handwerk mitten unter den Gefahren und dem Tumult des Kampfes eine unſtörbare Ruhe, eine feſte Hand und ein Auge von unfehlbarer Richtigkeit bewahren. „Leider iſt das unbegreifliche Schickſal, das mich bis ahin ſtets beſchützt hatte, Legoffin nicht ſo günſtig geweſen: er hat mehrere ſchwere Wunden erhalten und bei unſerem —— — 2²9 letzten Kampfe, als er mit mir an Bord des geenterten Schiffs ſprang, durch einen Pikenſtich ſein Ange verloren. Es wäre mir nicht möglich, Dir die bewunderungswürdige, aufopfernde Ergebenheit dieſes würdigen Mannes zu ſchil⸗ dern; er iſt kein Diener mehr für mich, ſondern ein Freund. „Während der Jahre, in denen ich beſtändig die Meere befuhr, ſind meine Priſen ſehr bedeutend geweſen; ich konnte, wie ich das gehofft, Dein Loos ſichern und Dich mit allem möglichen Wohlſtand umgeben. „Eine letzte Erklärung, mein Kind. „Ich kannte Deine Zärtlichkeit für mich; leider be⸗ merkte ich bei der Rückkehr von meiner erſten Abweſenheit, daß Du in Folge des Schreckens, der Dich beim Tod Deiner armen Mutter ergriffen hatte, von einer Art von Nerpenkrankheit heimgeſucht worden warſt; das gab Dich Anfällen unwillkührlicher Beängſtigung preis; dann erfuhr ich, daß Du eine ebenſo ſeltſame, als übermäßige Gefühls⸗ reizbarkeit hatteſt; ich beſchloß daher im Einverſtändniß mit Legoffin, Dir mein gefährliches und abenteuerliches Handwerk zu verbergen. Denn Du hätteſt unabläßlich der Unruhe, der Angſt, den Befürchtungen ausgeſetzt ge⸗ lebt, die Deine kinvliche Liebe, in dem Gedanken an die Gefahren, die ich fern von Dir laufen könnte, noch über⸗ trieben haben würde. „Es wurde mit Legoffin verabredet, daß Suſanne und Du glauben ſollten, wir treiben Handel in Rouen⸗ neries und beſchäftigen uns mit dem Abſatz ſolcher Waa⸗ ren; ſo erklärten ſich unſere haͤuſigen Abweſenheiten; ich hatte es ſo eingerichtet, daß mir die Briefe, die Du an zwiſchen uns verabredete Orte adreſſirteſt, nach Dieppe geſchickt wurden: wenn ich nach einer Kreuzfahrt dahin zurückkam, erhielt ich ſie, und ich datirte immer meine Antworten von verſchiedenen Orten, von wo aus ich fie Dir durch einige leicht organiſirte Mittel und Wege zu⸗ kommen ließ. „Dies, mein geliebtes Kind, waren die ängſilichen 230 Vorſichtsmaßregeln, die ich nehmen mußte, um Dich im Irrthum zu laſſen und nicht Verdacht bei Dir zu erregen. „Verzeihe mir dieſe Lügen. .. die Nothwendigkeit wird meine Entſchuldigung bei Dir ſein. „Vor zwei Jahren verſicherten mich die Aerzte, die ſtärkende Seeluft wäre Deiner Geſundheit zuträglich; ich ließ Dich von Orleans kommen, kaufte dieſes Haus und richtete Dich darin ein, da dieſer Flecken ziemlich weit von Dieppe entfernt liegt, wo ich mich gewöhnlich ein⸗ ſchiffe. Mein Geheimniß war bis jetzt mit Hülfe meines Kriegsnamens Kapitän l'Endurci getreulich bewahrt worden; Du und Suſanne, Ihr hattet Beide nie eine Ahnung, der furchtbare Korſar, deſſen Thaten Dir einen ſo großen Schrecken verurſachten ſei Dein Vater Herr Mvon Cloarek Kaufmann in Rouenneries. „Nun, mein liebes, zärtliches Kind, kennſt Du mein Leben. mein ganzes Leben; ich mache Dir dieſe Ge⸗ ſtändniſſe nicht, um Dich von Deinem Entſchluß abzu⸗ bringen . . meine Gegenwart, ich ſehe es vorher, wäre Dir fortan zu peinlich; aber ich will Dich nicht verlaſſen, ohne Dir das Geheimniß, in das mein Benehmen bis jetzt gehüllt war, entſchleiert zu haben. „Lebe wohl, für immer Gott befohlen, mein vielge⸗ liebtes, zärtliches Kind . . „Mein einziger Troſt wird ſein, daß ich Dir ſichere Ausſichten auf Glick hinterlaſſe .. Du liebſt würdig und wirſt würdig geliebt; das Herz, das Du gewählt haſt, iſt edel und erhaben. Suſanne wird für Dich eine zweite Mutter ſein, und ich laſſe Dir meinen guten und getreuen Legoffin. „Mein Notar hat meine Befehle für Alles, was Deine Helrath betrifft, erhalten. „Ich wünſche, daß ſie am erſten des nächſten Monats gefeiert werde, vamit ſich aus der Ferne meine Wünſche mit Deinem Glück verbinden können. „Noch einmal lebe wohl und auf immer Gott befohlen, 231 mein angebetetes Kind.. die Thränen trüben mir das Geſicht. Ich kann nicht mehr ſchreiben. „Dein Vater, der Dich liebt, wie er Dich immer geliebt hat. Yvon Cloarek.“ „N. S. Legoffin wird Dir ſagen, warum ich ſo eilig nach dem Havre gereiſt bin, und wie es mir möglich geweſen iſt, zeitig genug zurückzukommen, um Dich vor den Elen⸗ den zu retten, die Dich fortſchleppen wollten.“ Nach Leſung dieſes Briefes, deſſen letzter Theil oft von den Thränen von Oneſime und ſeinen Zuhörern un⸗ terbrochen worden war, verbarg Sabine, bleich, tiefge⸗ rührt, ihr Geſicht in ihren Händen und ließ unterdrückte Seufzer vernehmen. Legoffin wechſelte abermals einen Blick des Ver⸗ ſtändniſſes mit Suſanne und ſprach dann, ſeine Erſchüt⸗ terung bewältigend: „Wenn es Ihnen genehm iſt, mein Fräulein, will ich Ihnen nun mit zwei Worten erklären, wie Herr Mon rechtzeitig hieher gekommen iſt, um Sie zu retten.“ Da Sabine nicht antwortete, ſo fuhr der Geſchütz⸗ meiſter fort: „Der gepuderte Herr, den Sie neulich hier ſahen, Fräulein Sabine, war unſer Rheder; er kam, um Herrn Yvon zu einer neuen Fahrt aufzufordern; es handelte ſich um eine Priſe von zwei Millionen und um einen ſehr verführeriſchen Kampf; doch Herr Yvon hatte Ihnen ver⸗ ſprochen, Sie nie mehr zu verlaſſen, und er ſchlug es aus; da bedeutete der Rheder Ihrem Vater, die Mann⸗ ſchaft werde hieher kommen, um ihn freiwillig oder mit Gewalt zu holen. Um dieſes Unglück zu vermeiden, durch das Sie von Allem unterrichtet worden wären, reiſten wir nach dem Havre; unſere Brigg fand ſich dort; ein Theil der Mannſchaft war in einer Schenke verſammelt, Herr Yvon wurde mit einer Freude, mit einer Begeiſterung empfangen! o! mein Fräulein, das grenzte an den 232 Wahnſinn wie immer, wenn man ihn wieder am Bord ſah, denn ſehen Sie, er wird eben ſo ſehr von ſeinen verteufelten Korſaren geliebt, als er in ſeinem Hauſe ge⸗ liebt wird ... Er iſt ſtreng, er iſt gerecht, er iſt gut und menſchlich. Es gibt mehr als einen Kapitän der Han⸗ delsmarine in England, den der Herr gefangen genommen, aber wieder frei mit Allem, was er perſönlich beſaß, zu⸗ rückgeſchickt hat; wiſſen Sie warum? weil die erſte Frage, die Ihr Vater an einen Gefangenen that, die war: „Haben Sie eine Tochter?““ Antwortete er: „Ja,““ fuhr Legoffin fort, ohne daß er eine Bewegung von Sabine zu bemerken ſchien, „antwortet er: war ſeine Rechnung gut und er ſagte zu mir: „Ich liebe meine kleine Sabine viel zu ſehr, um einen Mann, der eine Tochter hat, gefangen zu hal⸗ ten.“ Fräulein Sabine, Sie haben auch, ohne es zu vermuthen, Töchter und Väter in England ſehr glücklich gemacht. Doch verzeihen Sie, es handelt ſich nicht um dieſes. Herr Mvon iſt alſo mitten unter unſern vor Freude ganz närriſchen Korſaren, die aber bald, als ſie erfuhren, er wolle nicht mehr in See gehen, ſo wüthend wurden, vaß man ſie nicht zur Vernunft bringen konnte. Sie ſchrieen Alle: „„Wir überlaſſen unſern Anth eil an der Priſe dem Kapitän. Wir wollen uns nicht um des Geldes willen ſchlagen, ſondern um den ſchurkiſchen Lieferan⸗ ten Pontons zu entern.“ (So nannte man den uner⸗ ſchrockenen engliſchen Kapitän, der die Escorte des Schiffes befehligte, welches man nehmen wollte). Hören Sie, Fräulein Sabine, ich habe Herrn Mon in großen Gefahren geſehen; einmal unter Anderem, als er gegen den Feind, gegen den Sturm und gegen das Feuer, das wir an Bord hatten, kämpfen mußte; nun wohl! er hat ſich nie muthiger gezeigt, als an dem Abend, wo er das glorreichſte Unternehmen von ſelnem ganzen Seemannsleben ausſchlug, und zwar, weil er Ihnen verſprochen hatte, er werde Sie nie mehr verlaſſen. „Ja,“ ſagte er zu mir, „ich habe meiner Tochter mein Vaterwort gegeben. Das iſt, wo möglich⸗ 2 — 233 noch helliger als ein Ehrenwort.“ Und damit iſt noch nicht Alles zu Ende. Die Weigerung von Herrn Mon brachte die Mannſchaft ſo ſehr außer ſich, daß die Wüthendſten Ih⸗ rem Vater ſagten, wenn er die Fahrt ausſchlüge, würden ſie glauben, er hätte bange, ſich mit dem berühmten eng⸗ liſchen Kapitän zu ſchlagen. Er! Herr Mon.. bange! Und wiſſen Sie, Fräulein Sabine, was er hierüber mit einem traurigen Lächeln, das ich nie vergeſſen werde, ganz leiſe zu mir ſagte: „„Zum erſten Mal in meinem Leben iſt meine Zärtlichkeit für meine Tochter auf die Probe geſtellt wor⸗ den; nun, das ſchwöre ich, gibt es keinen Vater, der ſeine Tochter mehr liebt, als ich.““ „Oh! nein,“ rief Oneſime voll Begeiſterung, „es S auf der Welt keinen muthigeren und zärtlicheren ater!“ „Fahren Sie fort, . oh! fahren Sie fort, Legoffin,“ ſprach Sabine, die von einer ünausſprechlichen Rührung ergriffen war. „Bei dieſem Vorwurf der Feigheit, der im Grunde Herrn Mvon ſchmerzte, antwortete er kalt, ſein Entſchluß ſei gefaßt; dann folgte eine andere Scene. Die Kor⸗ ſaren ſchrieen: „„Führen wir den Kapitän mit Gewalt an Bord, der Lieutenant wird die Fahrt machen, und iſt der Kapitän einmal im Angeſicht des Lieferanten der Pontons, ſo wird er ſich wohl entſchließen, dafür ſtehen wir.““ „So ſehr ich mich mit zwei oder drei Andern an⸗ ſtrengte, dieſe Wüthenden zur Vernunft zu bringen, weiß ich doch nicht, dergeſtalt hatte ſich die Mannſchaft, erhitzt, was geſchehen wäre, hätte nicht ein Hafenbeamter, der wußte, daß der Kapitän des Höllenbrands in der Schenke war, herbeilaufend dieſem gemeldet, ein Fiſcher⸗ boot habe die Nachricht gebracht, ein großer Schooner von verdächtigem Ausſehen lavire vor dem Strand, als wollte er eine Landung auf der Küſte verſuchen, wie dies ſeit einigen Tagen auf anderen Punkten geſchehen war. Der Hafenbeamte forderte den Kapitän des Höllen⸗ Die ſieben Todſünden UI. Abthl. 15 231 brands auf, in Abweſenheit jedes Kriegsſchiffs ſich ſegelfertig zu machen, um den Schvoner anzugreifen, wenn er wirklich eine Landung verſuchen wollte. Herr Yvon mußte gehorchen, denn es handelte ſich um eine Verthei⸗ digung des Landes. Wir laufen nach den Booten, wir gelangen zur Brigg; der Wind war gut, wir fahren an der Küſte hin, um ven Schvoner zu entdecken. Hier, mein Fräulein, muß ich Ihnen von einer Sache ſprechen, die Herr Mvon Ihnen nicht in ſeinem Briefe zu geſtehen wagte, als er Sie varauf aufmerkſam machte, daß er nie verwundet worden, und dabei einer abergläubiſchen Idee erwähnte, ich muß Ihnen ſagen, Fräulein Sabine, das Leben Ihres Vaters war gleichſam in zwei Theile getheilt, der eine, ganz vom Glück erfüllt, war, wenn er ſich hier befand, oder wenn er mit mir von Ihnen ſprach, der andere, der Theil der Troſtloſigkeit, wenn er an Ihre theure Mutter vachte, die er eben ſo ſehr liebte, als er Sie liebt... Suſanne hat Ihnen das hundertmal, wie ich, geſagt. Kurz, ſo viel iſt gewiß, daß es an dem Abend, wo er ſie verlor, der Zufall wollte, daß er nach der Mode unſerer bretagniſchen Heimath gekleidet war, um auf einen Maskenball zu gehen .. „Noch ganz klein, erkannten Sie ihn damals nicht. Als wir nach dem Unglück auf Korſaren, wo Jeder ſich nach ſeinem Gefallen kleidet, Matroſendienſte nahmen, ſagte Herr Yvon zu mir: „„Da ich mich einſchiffe, um ein Unglück zu ſühnen, das ich mein ganzes Leben beweinen werde, ſo will ich zur See immer die Kleidung unſerer Heimath tragen; ſie iſt für mich heilig geworden, denn ich trug ſie in der unſeligen Nacht, wo ich zum letzten Nal meine verſcheidende Frau in meine Arme ſchloß.““ Seitdem iſt Herr Yvon ſeinem Worte nie untreu geworden, und dies trotz meiner Bitten, denn da ſich in England das Gerücht verbreitet hatte, der berühmte Korſar 1'En⸗ durci trage bretagniſche Kleidung, ſo ſchoß man, wat man einmal Bord an Bord mit uns, am Erbittertſten auf 235 Herrn Yvon, der ſich an ſeiner Tracht ſo leicht erkennen ließ; nun wohl! mein Fräulein, obgleich Ihr Vater mehr als Einer von uns mit ſeiner Perſon bezahlte, ſo wurde er doch nie verwundet, und ſo (man wird immer ein wenig abergläubich bei unſerem Handwerk), und ſo glaubte am Ende Herr Mon, es ſei ein beſchützender Zauber mit unſerer Nationaltracht verbunden. .. Unſere Matroſen aber bildeten ſich ein, dieſe Tracht bringe der Mannſchaft Glück; ſie hätten weniger Vertrauen gehabt, würde ſie Herr Yoon in einem anderen Kleid befehligt haben, als in dem, unter welchem er ſie ſo vft ins Feuer geführt; darum zog Herr MYyon, als er an Bord kam, um den Schooner zu bekämpfen, ſeine bretagniſche Kleidung an, wie er eine Uniform angezogen hätte, denn er glaubte nicht, er würde bei ſich zu landen haben. Wir waren ſeit drei Stunden in See, als wir plötzlich eine große Flamme auf der Küſte jenſeits der Brandung ſich erheben ſahen. Herr Yvon orientirt ſich... Es iſt kein Zweifel mehr, ſein Haus, wo Sie geblieben, brennt. Beinahe zu gleicher Zeit erblickt der Lieutenant mit Hülfe eines Nacht⸗ perſpectios den Schooner, der beigelegt und alle ſeine großen Boote am Fuße des Strandes von Barra, wo ſich ohne Zweifel die Engländer ausgeſchifft hatten. Dieſen Strand ſieht man von hier aus; für Sie erſchrocken, läßt Herr Mvon die Schaluppe ins Meer ſetzen, wirft ſich mit mir und zwanzig von unſeren Leuten darein, und nach einer Viertelſtunde waren wir hier. Herr Mon erhielt ſeine erſte Wunde, als er den Anführer dieſer Banditen, einen Kapitän Rufſell niederſchlug, der ſchon gegen Herrn Yvon die Entführung, die wir in den Zeitungen geleſen, machinirt hatte; von Ihrem Vater verwundet und in Dieppe gefangen gehalten, war es ihm gelungen, zu entkommen und dieſen neuen Streich zu unternehmen. Dies, mein Fräulein, iſt die volle Wahrheit über Herrn WMon .. Er hat jeit drei Tagen viel gelitten, und das iſt noch nichts im Vergleich mit dem, was er zu leiden haben 236 wird bis zum Tage Ihrer Verheirathung, denn hienach, da er Sie dann glücklich weiß . . befürchte ich, daß er in ſeinen Kräften zum Leiden erſchöpft . . .“ „Mein Vater!“ rief Sabine, bebend vor Schmerz, Angſt und Zärtlichkeit, „wo iſt mein Vater?“ „Mein Fräulein,“ ſagte Legoffin, zitternd vor Hoff⸗ nung, „ich weiß nicht, ſoll ich . . „Mein Vater,“ wiederholte das Mädchen, „er iſt hier „Er iſt vielleicht nicht fern,“ antwortete Legoffin bei⸗ nahe verrückt vor Freude, „doch wenn er käme, ſo ge⸗ ſchähe es, um nie mehr zu gehen .. e „Oh! er verzeihe mir nur, daß ich einen Augenblick ſeine Zärtlichkeit und ſeine muthvolle Sühnung mißkannt habe . Er verzeihe mir, und mein ganzes Leben wird ihm geweiht ſein . Mein Gott! Ihr ſchweigt. . Ihr weinet Alle . . . Eure Blicke find dorthin gewendet er iſt dort! . Freude des Himmels!. . . mein Vater iſt dort!“ rief Sabine in ſtrahlender Begeiſterung, während ſie nach der Thüre eines anſtoßenden Zimmers lief. Dieſe Thüre öffnete ſich plötzlich .. Der Vater und die Tochter lagen einander in unausſprechlichem Ent⸗ zücken in den Armen. Einen Monat nachher verband unter der Fürſorge von Herrn Mvon Cloarek eine doppelte Heirath Suſanne mit Legoffin, Sabine mit Oneſime. Eine wunderbare Kur des berühmten Doctor Gaſterini, der, ein alter Freund des Korſaren, ein eben ſo großer Arzt als Gourmand war, hatte Oneſime das Geſicht wiedergegeben. Als Legoffin von der Hochzeitmeſſe zurückkam, ſprach er mit triumphirender Miene zu Suſanne: „Nun, meine Liebe, hatte ich Unrecht, wenn ich Ihnen ſagte: Was ſein wird, wird ſein? Sie werden Madame Legoffin ſein . . Sind Sie es? ja oder nein,. 237 „Was wollen Sie, böſer Menſch,“ erwiederte Dame Legoffin mit einem ſpöttiſchen Seufzer, obgleich ſie ſich ebenſo ſtolz am Arm ihres Gatten fühlte, als wäre er einer von den Helden der großen Armee geweſen, die ſie ſo ſehr bewunderte, „man muß ſich wohl fügen: was geſchehen iſt, iſt geſchehen.“ Ende des Zorns. Wohlſeilſtes illuſtrirtes Volkstaſchenbuch! Stuttgart. Im Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung iſt erſchienen und durch alle Buchhand⸗ lungen Deutſchlands, der Schweiz und des Auslandes zu beziehen: Vergißmeinnicht. Taſchenbuch der Liebe, der Freundſchaft und dem Familienleben des deutſchen Volkes gewidmet von Carl Spindler. Für das Jahr 1849. Mit 1 Stahlſtich, 18 Illuſtrationen in Holz und zwei illuſtrirten Muſikbeilagen. 16. 17 Bogen fein Druck⸗ velinpapier. Preis: elegant geheftet. — 54 kr. oder 16 ngr. Elegant in ächt engliſchen Callico gebunden mit Goldſchnitt, Goldtitel auf dem Rücken und Gold⸗ ſtempel auf der Vorderſeite. fl. 2. oder Thl. 1. 6 ngr. Das „Vergißmeinnicht,“ von einem unſerer gefeiertſten Romandichter geſchrieben, erſcheint in dieſem Gewand zum 5ten Mal. Vier vorzügliche Novellen verehrt darin der geniale Dichter des „Baſtard und des Juden“ ſeinem Volke, und wohl mit zum Beſten, was dieſer phantaſiereiche Geiſt geſchaffen, gehört die Erzählung „Trottl⸗Nazi.“ Nächſtdem werden die mit aller Sorgfalt ausgeführten Illuſtrationen, welche ſämmt⸗ lich Kunſtwerth beſitzen, gewiß das Ihrige dazu bei⸗ tragen, dieſes Volkstaſchenbuch in allen Kreiſen der Geſellſchaft zu empfehlen, denn ähnliche Kunſtprodukte um dieſen Preis ſind wohl nie in die Hände des ſchlich⸗ ten Bürgers, — Handwerker oder Landmann — ge⸗ kommen. Muſik und Geſang iſt auch ein beſcheidenes Plätzchen eingeräumt und der ſo proſaiſche Notenſatz nicht ohne anſprechende künſtleriſche Begleitung. Wir führen hier kurz den Inhalt dieſes wahren Volkstaſchenbuches an: Prachtſtahlſtich als Titellupfer: „Hlga,“ wohlgetroffe⸗ nes Portrait (Knieſtück) Ihrer K. Hoheit der Frau Kronprinzeſſin von Württemberg, mit ſinnreichem Rahmen und perſpektiviſcher Anſicht des neuen Luſt⸗ ſchloſſes bei Berg. Acht ausgezeichnete Tylographien mit Tert: Ein mo⸗ dernes Bild aus der romantiſchen Zeit des Ritterthums. A. Abendland. 1) Der Turnierherr hoch zu Roß. 2) Sein Turnierpferd nebſt 4 Edelknaben. 3) Der Ritter vom Lichten⸗ ſtein mit 2 Pagen. 4) Zwei fechtende Ritter im ſauſenden Galopp daherſprengend. B. Morgen⸗ land. 5) Der Fürſt der Wüſte, umgeben von vier Negern. 6) Der Oberſte der Sarazenen. 7) Zwei Blitzesſchnelle Cavaſſen in vollem Carriere, die Zügel auf dem Hals des Pferdes, die lange Lanze hoch in der Luft haltend. 8) Das Aeußere der Turnierhalle am Abend des Feſtes. Griginal-Erzählungen von Dr. Carl Spindler. 1) Der Sechsundvierziger. Mit 2 Bildern. — Eine recht launige Weingeſchichte; ſpielt in einem Ort am Rheine und zeigt deutlich und klar, war⸗ um im Jahr 1846 der Wein gut und im Jahr 1847 dagegen ſchlecht gerathen iſt. 2) Das Strafgericht der Eidgenoſſen⸗ Mit 3 Bildern. — Eine ſchweizeriſche Kriegsgeſchichte aus dem 16 Jahrhundert. Etwasfürunſere Tage; Straßenkampf, Volksaufläufe, kopfloſe Herren, wilde Soldateska u. ſ. w., und durch das Alles hindurch windet ſich ein doppeltes Liebespärchen, ſehnt ſich dem Ziele ſeiner Wünſche entgegen und läuft endlich glücklich in den Hafen des Eheſtands ein. 3) Trottl⸗Nazi. Mit 3 Bildern. Eine oberbayriſche (Tyroler⸗) Geſchichte; reiche Naturſchilderungen, prächtige Beſchreibung des idylliſchen Lebens die⸗ ſes kräftigen Menſchenſchlags, mit pikanten, faſt rührenden Stenen; das Ganze gewürzt mit vielen noch ungedruckten „Schnadahüpflen; eine ächte Tyrolerluft weht hier dem Leſer entgegen. 4) Die kleine Offka. Mit 2 Bildern. — Eine an⸗ ſprechende Erzählung, worin das böhmiſche Volks⸗ leben (Gutsherrſchaft, Verwalter, frohnende Bauern) repräſentirt iſt; ein dralles Bauernkind, die kleine Offta, wächſt zu einer friſchen Jungfernblume her⸗ an, an deren Duft dann ein „Wiener hoher Herr“ in Ehren ſich baß erfreut. Zwri illuſtrirte Mufikbeilagen in Quer-4o. ¹) Lied: „Agathe.“ Aus dem Buch der Liebe von Herloßſohn. (Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n) für Geſang mit Klavier⸗ begleitung in CDur. (Melodie von Abt.) 2) Aus „Marie die Tochter des Regiments⸗ die Arie Heil dir, v mein Vaterland, fur Geſang mit Guitarrebegleitung. „8 e1. onenqe M