2 8 Leihbiblivthet dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 5 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih u eſebedingungen. 1. Ofensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr Siei 2. Lesepneis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3 Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . Abonnement. Daſſelbe muß vpraus bezahlt werden und eträgt: 8. 3 für neentich 2 bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Mi. — Pf. 1 W 30 Pf 2 W — Pf. „ „ n, uswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Als David mit Madame Baſtien allein war, ſchwieg er einige Augenblicke, um ſich zu ſammeln, dann ſprach er mit innigem Tone: „Madame, wollen Sie in mir einen Arzt ſehen, der eine vielleicht ſehr ſchwierige, aber keines Wegs verzweifelte Kur unternimmt . . . Ich erwarte von Ihrem Vertrauen eine umſtändliche Erzählung aller Ereigniſſe, von den kin⸗ diſchſten bis zu den wichtigſten, welche ſtattgefunden, ſeit⸗ dem Sie im Charakter von Frederik die Veränderung wahrgenommen haben, die Sie ſo troſtlos macht .. Unſer Freund, der Doctor Dufour, hat mir ſchon einige Mittheilungen gemacht, doch was Sie mir ſagen können, wird mich ohne Zweifel noch genauer belehren.“ Die Erzählung, welche Marie mit ihrer gewöhnlichen Aufrichtigkeit gab, war ihrem Ende nahe, als der Doctor Dufour zurückkehrte. „Nun! und Frederik?“ fragte raſch die junge Frau. „Als er von hier wegging, wanderte er dem Eichen⸗ wäldchen zu,“ erwiederte der Arzt. „Ich folgte ihm; er ſprach wenig, aber mit jener Miſchung von Sanftmuth und Niedergeſchlagenheit. Nachdem er einige Male auf⸗ und abgegangen war, kehrte er in das Haus zurück; da er das Zimmer nicht verlaſſen kann, ohne von Marguerite geſehen zu werden, ſo würde dieſe kommen und Sie benach⸗ richtigen. Es iſt übrigens bald Nacht, und ich muß nach Pont⸗Brillant zurückkehren. Auf, Muth gefaßt, meine liebe Madame Baſtien. Ich hinterlaſſe Ihnen die beſte, die ſicherſte Unterſtützung. ..“ Dann ſich an David wendend: „Guten Abend, Henri . . es wäre keine Gerechtigkeit im Himmel, wenn Deine aufopfernden Bemühungen nicht durch einen günſtigen Erfolg belohnt würden, und dieſe Gerechtigkeit muß beſtehen, damit die Mütter, wie Madame Baſtien, am Ende ſo glücklich werden, als ſie es zu ſein verdienen.“ Wieder mit David allein, vollendete Marie ihre Er⸗ zählung; als ſie aber an das Geſtändniß der Scene im Walde kam, zögerte ſie, erbleichte fie, und ihre Bangigkeit wurde ſo ſichtbar, daß David voll Theilnahme fragte: „Mein Gott! Madame, was haben Sie? . Dieſe Erſchütterung, dieſe kaum zurückgehaltenen Thränen?“ „Oh! mein Herr, ich wäre Ihrer edlen Unterſtützung unwürdig, wenn ich Ihnen einen Theil der Wahrheit ver⸗ bergen würde, ſo gräßlich ſie auch ſein mag.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Madame?“ „Nun, mein Herr,“ ſtammelte Madame Baſtien, die Augen niedergeſchlagen und wie vernichtet durch dieſes gräßliche Bekenntniß, „von einem Fieberanfall erfaßt .. im Delirium, was weiß ich? denn er war nicht beim Be⸗ wußtſein, ging Frederik. am Abend...“ „Am Abend?“ „In den nahen Wald . . .“ Ganz ſchauernd unterbrach ſich Madame Baſtien hier abermals. David wiederholte: „In den nahen Wald?“ „Ja,“ fuhr Madame Baſtien mit bebender, ſtockender Stimme fort. „ja, in den Wald, und legte ſich in Hinterhalt, um auf Herrn von Pont⸗Brillant zu ſchießen...“ „Ein Mord!“ rief David erbleichend, indem er mit einer unwillkührlichen Bewegung aufſtund, „ein Mord!“ „Gnade, mein Herr,“ ſprach Marie und ſtreckte ihre — — —— 9 Hände flehend gegen den Dockor aus: „Gnade für meinen Sohn, es war Delirium!“ „Mit ſechzehn Jahren!“ murmelte David. „Oh! verlaſſen Sie ihn nicht,“ rief die junge Frau mit einem herzzereißenden Ausdruck, denn ſie befürchtete, dieſe Offenbarung könnte David bewegen, auf ſein edel⸗ müthiges Werk zu verzichten. „Ach! mein Herr, je größer mein Unglück iſt, deſto verzweifelter iſt es, deſto mehr muß es Ihr Mitleid erregen. Oh! noch einmal flehe ich Sie mit gefalteten Händen an, verlaſſen Sie meinen Sohn nicht „ WMeine letzte Hoffnung beruht auf Ihnen! was würde aus mir? was würde aus ihm? und dann ſehen Sie, ich kann mit Sicherheit behaupten, er war nicht bei Sinnen es war Delirium, Wahnwitz!“ Als das erſte Erſtaunen bei David vorüber war, blieb er einige Augenblicke nachdenkend und erwiederte dann: „Beruhigen Sie ſich, Madame, weit entfernt, meine Hingebung zu entmuthigen, werden ſie die Schwierigkeiten im Gegentheil anſpornen; aber täuſchen Sie ſich nicht, Frederik war bei voller Vernunft. „früher oder ſpäter mußte die Rache die Folge ſeines Haſſes ſein.“ „Oh! mein Gott. mein Gott... nein, nein, ich kann nicht glauben . . .“ „Glauben Sie im Gegentheil, Madame. daß Fre⸗ derik mit ſeiner ganzen Vernunft gehandelt hat; dieſe Ueberzeugung darf durchaus nicht Ihre Beſorgniſſe erre⸗ gen und muß Sie im Gegentheil beruhigen.“ „Mich beruhigen? . „Allerdings was iſt von einem Wahnfinnigen zu erwarten? welche Mittel der Einwirkung auf ihn hat man? Keines während ein geſunder Geiſt in ſeinen heftigſten Ausbrüchen noch für den Einfluß gewiſſer Ge⸗ fühle zugänglich ſein kann .. „Ah! mein Herr ich glaube Ihnen Ach! im Unglück gibt man ſich der ſchwächſten Hoffnung hin.“ „Und dann hat der Haß von Frederik ſeinen Paroris⸗ mus erreicht, und wenn wir die ganze Ausdehnung des Uebels kennen, ſo wiſſen wir auch, daß es keine neue Fortſchritte machen kann.“ „Ach! mein Herr, was kann der Ausgangspunkt, der Keim dieſes gräßlichen Gedankens geweſen ſein?. Durch welche geheimnißvolle Verkettung iſt Frederik, der einſt ſo gut, ſo edel, zu dieſem gräßlichen Entſchluß gebracht worden?“ „Darin, Madame, liegt immer das Geheimniß und folglich die Gefahr; denn ich habe durch Ihre Erzählung von den vergangenen Ereigniſſen kein neues Licht erhal⸗ ten wir ſehen Wirkungen, deren Urſache uns entgeht; iſt uns aber einmal der Beweggrund des Haſſes von Fre⸗ derik bekannt, ſo wird das, was uns zu dieſer Stunde furchtbar und voll Finſterniß erſcheint, in unſern Augen ein ganz anderes Angeſicht annehmen . . . Dieſes Ge⸗ heimniß zu durchdringen werde ich alſo mit meinem ganzen Eifer beſorgt ſein. „Ach! Madame,“ fügte David bei, „ich will Sie weder entmuthigen, noch Ihnen eine tolle Hoffnung geben. .. ich werde ſtudiren . . . beobachten . . verſuchen . . .“ Dann als er die Niedergeſchlagenheit bemerkte, welche bei der jungen Frau auf einen unwillkührlichen Aufſchwung der Hoffnung folgte, ſprach er mit bewegter Stimme: „Auf, Madame, Muth . erwarten Sie Alles von Ihrer Liebe für Ihren Sohn und von meiner Hingebung für das Werk, das Sie mir zu unternehmen erlauben. Viele Chancen ſind für uns . das noch ſo zarte Alter von Frederik ſein früheres Leben . . . Ihre Sorg⸗ falt .. meine Wachſamkeit in jedem Augenblick .. Mein Gott! wie ſtände es, wenn er, wie ſo viele andere Un⸗ glückliche, ohne ſchützenden Beiſtand allen Zufällen der Unwiſſenheit, der Vereinzelung, der Armuth, dieſen drei Geißen die allein ſo viele Verbrecher machen, preisgegeben wäre „„ 6. Madame Baſtien bebte bei dieſem Gedanken und rief: „Ah! Sie haben Recht, mein Herr, meine Verzweif⸗ lung, meine Thränen ſind beinahe eine Beleidigung gegen 11¹ Unglücksfälle, welche tauſendmal grauſamer als der mei⸗ nige, denn es gibt Mütter, die ihre Kinder dieſen Geißeln, die, wie Sie ſagen, ſo viele Verbrecher machen, preisge⸗ geben verlaſſend ſterben.“ „Und Sie, Madame, die Sie voll Muth und Energie ſind, Sie wachen jeden Augenblick über ihrem Sohn, der ſich der Fülle des Verſtandes und des Herzens erfreut.“ „Ja, ſo war es bei ihm . . . „„Was in ihm Edles und Erhabenes liegt, iſt vor⸗ übergehend gelähmt . . das gebe ich zu. Doch zur Zeit der grauſamen Krankheit, von der unſer Freund ihn gerettet, haben Sie ihren Sohn auch bleich, ange⸗ griffen, ſterbend geſehen .. Cinige Wochen ſpäter aber erhob er ſich wieder mehr als je glänzend von Jugend, Kraft und Schönheit; warum ſollte vieſe zugleich moraliſche und körperliche Krankheit nicht einen eben ſo glücklichen Ausgang haben, wie die erſte? Wer ſagt Ihnen, daß Frederik, nachdem er durch einen furchtbaren Kampf ge⸗ prüft, geläutert worden, eines Tags nicht Ihre erſten Hoffnungen rechtfertigen, ſogar übertreffen wird?“ Es war ſo viel Ueberzeugung, ſo viel Hingebung in der Sprache von David . . man las in ſeinem männ⸗ lichen, ausdrucksvollen Geſicht eine ſo aufrichtige, zarte Theilnahme für Frederik, einen ſo überlegten, ſo entſchloſ⸗ ſenen Willen, dieſes Kind zu retten, vaß Madame Baſtien ihr Herz abermals unter dem Einfluß einer unbeſtimmten Hoffnung ausgedehnt fühlte. In ihrer Dankbarkeit für die unerwartete Erleichterung bewunderte ſie auch mehr als je den Edelmuth von David und durch einen unwillkührlichen Rückblick auf das rohe Mißtrauen von Herrn Baſtien ſagte ſich die junge Frau voll Bitterkeit, daß ſie ohne die Gefühle des Mitleids, die ſie und ihr Sohn einem Fremden eingefloßt, durch den Geiz und den Unverſtand ihres Mannes jedes Thätigkeits⸗ mittels beraubt geweſen wäre, um ihren Sohn zu retten, weil ſie ihn nicht einmal hätte können reiſen laſſen, was doch die einzige Chance der Rettung war, die ihr blieb. 12 So ſprach ſie dann zu David mit einer tiefen Ge⸗ müthsbewegung: „Jeder Dank, den ich gegen Sie ausdrücken könnte, äte David ließ ſie nicht vollenden. „Dank.. Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, Ma⸗ dame unſer Freund hat Ihnen meinen Brief vorge⸗ klen ich ſage Ihnen abermals, daß ich in dem Werke, vs ich zu vollbringen verſuchen will, zugleich eine Zer⸗ ſtreuung für grauſamen Kummer und eine Art von frommer Ehrerbietung finde, die ich dem Andenken eines Bruders, eines armen beweinten Kindes darbringe.“ „Ich will für jetzt nicht länger hiebei verweilen, mein Herr. . . Meine Worte würden Ihnen auch nur ſchwach ſchilvern, was ich fühle. . . erlauben Sie mir nur eine Bemerkung über eine Frage, welche zu berühren mir pein⸗ lich iſt“ fügte Madame Baſtien die Augen niederſchlagend und erröthend bei. „Ich bitte Sie zum Voraus wegen der beſcheidenen, beinahe armen Eriſtenz, die Sie hier finden, um Verzeihung und ich „Erlauben Sie mir, daß ich Sie unterbreche,“ erwie⸗ derte Herr David lächelnd. „Ich bin viel gereiſt. . Oft finden dieſe Reiſen unter ſchwierigen, harten Umſtänden ſtatt.. und ſo bin ich ein wenig Seemann und Soldat geweſen . . . und damit ſage ich Ihnen, wie einfach meine Gewohnheiten ſind „ 3 „Das iſt noch nicht Alles,“ ſpra Madame Baſtien mit wachſender Verlegenheit „„ich lebe beinahe immer allein „ Die Geſchäfte meines Manne halten ihn häufig fern von Hauſe zuweilen aber mt er zurück, um einige Tage hier zuzubringen . und „Erlauben Sie mir, Madame, Sie abermals zu un⸗ terbrechen,“ erwiederte gerührt von dieſer Verlegenheit David, indem er ſo gleichſam dem, was ſie ihm zu ſagen zögerte, entgegenkam. „Ich habe durch unſeren gemeinſchaftlichen Freund einige Kenntniß von den Gewohnheiten von Herrn David erhalten Sie werden mich daher ſtets eifrig 416 2 bemüht finden Alles in der Welt zu thun, damit meine Gegenwart hier in keiner Hinficht die Gewohnheiten, die Anſichten, dje Vorurtheile ſogar von Herrn Baſtien ver⸗ letzt. Ich werde vor Allem darnach trachten, daß er mich duldet, uid daß ich, wenn nicht ſeine Zuneigung, doch wenigſtens ſeine Gleichgültigkeit erlange denn es wäre mir peinlich, wenn einmal mein Werk unternommen .. vielleicht mit ünſtigem Erfolg unternommen iſt, es plötz⸗ lich on zu ſehen . Mit einem Wort, Ma⸗ dame, da ich nicht gegen den Willen von Herrn Baſtien hier bleiben kann, ſo wird mich nichts eine Anſtrengung koſten, um mich von ihm geduldet zu machen, und unter dieſen Conceſſionen, welcher Art ſie auch ſein mögen, wird meine Würde, das verſichere ich Sie, nichts zu leiden haben. Sie begreifen warym, nicht wahr?“ „Ja, ja, mein Herr, ich begreife das,“ erwiederte Madame Baſtien von einer furchtbaren Laſt erleichtert. Die Zartheit des Benehmens von David machte auf Madame Baſtien einen neuen und tiefen Eindruck; fie zweifelte nicht daran, daß der Doctor Dufour ſeinen Freund von der gewöhnlichen Plumpheit von Herrn Baſtien unter⸗ richtet hatte, und der edle Mann, der ſich mit einer ſo un⸗ eigennützigen Hingebung der Rettung von Frederik widmete, fügte ſich zum Voraus in gewiſſe Unannehmlichkeiten, De⸗ müthigungen vielleicht, während ihn die Unabhängigkeit ſeiner Lebenslage, die Erhabenheit ſeines Charakters einer untergeordneten, mühſeligen Stellung überhoben. „Ah! mein Herr,“ ſagte die junge Frau zu David, indem ſie ihre großen Augen, in denen Thränen der Rüh⸗ rung glänzten, auf ihn heftete, „wenn die ſchönen Seelen das Gefühl des Guten haben, das ſie thun wie glück⸗ lich müſſen Sie in dieſem Augenblick ſein . . . Dieſe einfachen Worte, mit einem Ausdruck unend⸗ licher Dankbarkeit von Madame Baſtien ausgeſprochen, während ſanfte Thränen über ihr bleiches, anbetungswür⸗ diges Antlitz floßen, brachten eine tiefe Gemüthsbewegung 14 bei David hervor auch ſeine Augen wurden feucht, ſein Herz ſchlug gewaltig und er ſchwieg einige Minuten. Marie unterbrach dieſes Stillſchweigen zuerſt und ſagte: „Wollen Sie mich nun begleiten, Herr David, daß ich Sie mit dem Zimmer bekannt mache, welches Sie hier anzunehmen die Güte haben werden.“ David verbeugte ſich und folgte der jungen Frau. Zweites Rapitel. Es war beinahe Nacht geworden. Madame Baſtien nahm ein Licht, und ging in das kleine Speiſezimmer; Marguerite war hier beſchäftigt, den Tiſch für das beſcheidene Abendbrod zu decken, und Marie fragte ſie: „Nicht wahr, Frederik iſt immer noch in ſeinem Zimmer?“ „Ja, Madame . ſonſt würde ich Sie benachrich⸗ tigt haben. doch er hat das Haus nicht verlaſſen, „ denn ich hätte ihn müſſen hier durchkommen ſehen.“ Madame Baſtien führte David in den Manſardenſtock, der im Speicher über dem Erdgeſchoß angebracht war. Dieſer Stock beſtand aus drei Zimmern, das eine bewohnte Marguerite, das andere der Ackerknecht, das dritte war für den Lehrer beſtimmt. Das war dem unbeugſamen Willen von Herrn Baſtien gemäß Vergebens ſtellte ihm ſeine Frau die Unſchicklichkeit, einen Lehrer ſo einzuquartieren, vor, vergebens äußerte ſie, man könnte zu einer anſtändigen Wohnung eine Art von 15 verlaſſener Remiſe einrichten, welche eine Folge des Erd⸗ geſchoßes bildete.. Herr Baſtien widerſetzte ſich förmlich dieſer Maßregel und erklärte dabei, wenn ſeine Frau in ſeiner Abweſenheit ſeine Vorſchrift überginge, ſo würde er es erfahren, auf der Stelle zurückkehren, den lateini⸗ ſchen Brockenfreſſer ausquartieren und in die Man⸗ ſarde verbannen, mit der er ſich begnügen müſſe. Madame Baſtien kannte ihren Mann als fähig, ſeine Drohung auszuführen; um eine ſo peinliche Plackerei dem Lehrer zu erſparen, den ſie gewählt, mußte ſie ſich auch darein fügen, dieſen ehrenwerthen Mann eine Wohnung beziehen zu ſehen, welche wenig im Verhältniß zu der Wichtigkeit ſeiner Functionen ſtand. Wenn ſich die junge Frau das, was ſie ſchon als eine der Würde des erſten Lehrers ihres Sohnes zugefügte Beleidigung betrachtete, zu Herzen nahm, ſo denke man ſich, was ſie empfand, als es ſich um David handelte, deſſen edle Uneigennützigkeit ſo viel Rückſicht verdiente. Mit einer peinlichen Verwirrung öffnete Marie das Manſardenzimmer, deſſen kalte, traurige Nacktheit ſie nach ihren beſten Kräften zu ſchmücken bemüht geweſen war. Ein Hörnchen von hlau und weißem Porzellan, das auf dem ſchwarzen Arbeitstiſche ſtand, enthielt einen Strauß von Goldblumen und bengaliſchen Roſen, den letzten bleichen Blüthen des Herbſtes; der eingelegte Boden glänzte vor Reinlichkeit, und die weißen Vorhänge der Manſarde waren mit einem Bandknoten verziert; in den geringſten Ein⸗ zelnheiten der Einrichtung erkannte man den Wunſch, die Armuth durch Sorgfalt, Freundlichkeit und guten Willen vergeſſen zu machen. „Zu meinem Bedauern, ich verſichere Sie, mein Herr, bin ich gezwungen, Ihnen dieſes Zimmer anzubieten,“ ſprach ſchüchtern Madame Baſtien, „aber die leidige Un⸗ möglichkeit, eine anſtändigere Wohnung zu Ihrer Verfügung zu ſtellen, wird meine Entſchuldigung ſein . David ſchaute umher, er konnte eine leichte Bewe⸗ gung des Erſtaunens nicht überwinden, und ſagte, nach⸗ 16 dem er einige Augenblicke geſchwiegen, mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln zu Madame Baſtien: „Ich kann Ihnen hierauf nur erwiedern, Madame, daß dieſes Zimmer durch einen ſeltſamen Zufall ungemein dem gleicht, welches ich bei meinem Vater. in meiner erſten Jugend . bewohnte, hnd ſtets gedenke ich mit Vergnügen einer Vergangenheit, die mir ſo viele ſüße Er⸗ innerungen theuer machen.“ David, der die Wahrheit ſprach, ſchwieg und ſchaute abermals mit einem gerührten Blick umher. Nichts konnte minder außerordentlich erſcheinen, als die Aehnlichkeit von zwei Junggeſellenzimmern, die ſich, wenn ſie Manſarden ſind, beinahe immer gleichen; glück⸗ lich über dieſe Aehnlichkeit und die ſichtbare Rührung, welche in den Zügen des Lehrers zu leſen war, hoffte Marie auch, bei den beſeligenden Erinnerungen, welche dieſe dürftige Wohnung in ihrem neuen Gaſt erwekte, würde ſie ihm erträglicher vorkommen. Als Madame Baſtien und David von den Manſarden herabkamen, fanden ſie das Abendbrod aufgetragen. „Ich befürchte,“ ſagte Marie, „ich befürchte, Fre⸗ derik wird ſich heute Abend nicht zu Tiſche ſetzen; ich bitte, entſchuldigen Sie mich, ich will ihn holen.“ David verbeugte ſich und Madame Baſtien lief in das Zimmer ihres Sohnes; er ging langſam und mit träu⸗ meriſcher Miene auf⸗ und ab. „Mein Kind,“ ſagte ſie, „das Abendbrod iſt aufge⸗ tragen, willſt Du kommen?“ „Ich danke, meine Mutter, ich habe keinen Hunger und werde mich ſogleich zu Bette legen.“ „Du leideſt nicht . 2 „Nein, meine Mutter doch ich fühle mich müde und bedarf beſonders der Ruhe.“ „Mein Kind ich hoſſe, Du wirſt bedenken, was Deine Worte vorhin Schmerzliches für Herrn David haben müßten, fühlte er nicht ſchon die innigſte Theilnahme für 17 Dich . . . und wäre er nicht überzeugt, wie er Dir ſelbſt geſagt hat, er werde Dich von Deinen ungerechten Vor⸗ urtheilen durch eifrige Sorge und Güte zurückbringen .. Er wird für Dich nicht ein Lehrer ſein, ſondern ein Freund ohne das Mißverhältniß Eures Alters würde ich ſagen Bruder . .. Morgen früh wirſt Du ihn ſehen, und nicht wahr, Du wirſt für ihn die achtungsvollen Rück⸗ ſichten haben, welche ſein Wohlwollen gegen Dich heiſcht?“ Frederik antwortete nicht, ſeine Lippe zog ſich leicht zuſammen, und er ſenkte den Kopf er ſchien ſeit dem Eintritt ſeiner Mutter ihre Blicke zu vermeiden. Madame Baſtien war durch lange Gewohnheit tief vertraut mit der Phyſiognomie ihres Sohnes ſie be⸗ griff, daß er ein hartnäckiges Stillſchweigen zu beobachten entſchloſſen war, drang nicht weiter in ihn und kehrte zu David zurück. Nach einem einfachen Abendbrod, erkundigte ſich Ma⸗ dame Baſtien nach ihrem Sohn; er ſchien ruhig. Sie ging wieder zu David, der ſich im Studirzimmer befand, welches zugleich als Salon diente. Außen hörte man nur das Pfeifen des Herbſtwindes; das Feuer im Kamin kniſterte und warf einen rothen Schimmer auf den Boden, während eine Lampe mit Schirm ein halbverſchleiertes Licht in dem Zimmer ver⸗ breitete, wo Marle mit David allein war. Dieſer wollte ſie ihrem ſchmerzlichen Gedanken ent⸗ ziehen, während er ſie mit ihrem Sohn beſchäftigte, und bat fie, ihm die Studienhefte, die Ueberſetzungen von Frederik, ſo wie einige der Phantafie entſprungene Erzäh⸗ lungen und mehrere Dichtungen zu zeigen, die er zu einer Zeit geſchaffen hatte, wo er noch der Stolz und die Freude ſeiner Mutter war. David hoffte unter dieſen von dem Jüngling geſchrie⸗ benen Blättern, auf welche Madame Baſtien wiederholt während des Abendeſſens angeſpielt hatte, einen Gedanken, einen Satz, ein Wort zu finden, das vielleicht den Keim Die ſieben Todſünden. U. Abth. 2r Bd. 2 18 der unſeligen Ideen, unter deren Herrſchaft das un⸗ glückliche Kind zu ſtehen ſchien, enthalten würde. Ueber den Tiſch geneigt und auf die Ellenbogen ge⸗ ſtützt, während David ſitzend in aufmerkſamem Still⸗ ſchweigen die Arbeiten von Frederik unterſuchte, heftete Marie einen ängſtlich forſchenden Blick auf den Lehrer und befragte ſein Geſicht, um zu errathen, ob er mit dem, was er gerade las, zufrieden ſei. (Eine Erzählung, welche Frederik über einen durch ſeine Mutter gegebenen Stoff gemacht hatte.) Anfangs zweifelte die junge Frau an einem günſtigen Erfolg, die Züge von David blieben ernſt, nachdenkend; doch bald lächelte er ſanft, und auf dieſes Lächeln folgten mehrere lebhaft billigende Kopfbewegungen; wiederholt ſagte er mit halber Stimme: ſer Dann ſchien er plötzlich unzufrieden, er zerknitterte leicht mit einer ungeduldigen Hand eines von den Blättern des Manuſeriptes, ſeine Züge wurden wieder unempfind⸗ lich und er las weiter. Im Geſichte von Marie war gleichſam ein Wieder⸗ ſchein jeder Nuance des Geſichtes von David, den ſie mit den Augen nicht verließ lächelnd, ſtolz, wenn er aue Zufriedenheit lächelte, traurig, unruhig, wenn er nicht zufrieden ſchien. Doch die glückliche Mutter hatte ſich bald und zum erſten Mal ſeit langer Zeit auf einen Augenblick ihren Kummer vergeſſend nur noch über den Triumph von Frederik zu freuen, die Zeichen der Billigung wurden häu⸗ figer; intereſſirt, fortgeriſſen durch das, was er las, ſchien er eine ganz perſoͤnliche Befriedigung zu fühlen, und meh⸗ rere Male ſagte er mit gerührter Stimme: „Theures Kind . das iſt edel . das iſt erha⸗ ben voll Aufſchwung und Gemüth .. Uund auch das Oh! Gemüth, immer Gemüth . . .“ Während David dieſe letzten Worte ſprach, erhob er die Hand an ſeine leicht befeuchteten Augen, und er las 19 dann weiter, ohne mehr an die Gegenwart von Madame Baſtien zu denken. Marie hatte weder ein Wort, noch eine Biegung der Stimme, noch eine Geberde verloren. Sie fühlte die Gegenwirkung der ſanften Rührung, die ſich in dem männ⸗ lichen Geſicht von David ausprägte. Indem ſie nun erſt die Züge ihres Gaſtes, den ſie bis jetzt gleichſam ohne ihn anzuſchauen geſehen hatte, mit Ueberlegung betrachtete, fand ſie ſeine Geſichts⸗ bildung, wenn nicht ſchön, doch wenigſtens anziehend, liebreich, entſchloſſen; ſie bemerkte beſonders den ſanften, nachdenkenden, durchdringenden Ausdruck ſeiner großen braunen Augen. Marie konnte ihren Sohn von keinem ihrer Gedanken, ihrer Wahrnehmungen trennen; als ſie bemerkte, daß David reizende, vollkommen gepflegte Hände hatte, und daß er mit einer einfachen Eleganz gekleidet war, wünſchte ſie ſich doppelt Glück, daß ſie Frederik an dieſe Sorge für die eigene Perſon gewöhnt hatte, welche ſo viele Leute als kindiſch oder affectirt verachten, während ſie dieſelbe als eine Folge der natürlichen Würde und der Selbſtachtung anſah. Dieſe Betrachtungen von Marie, obgleich lang in der Schilderung, waren ſo zu ſagen augen⸗ blicklich bei ihr und wurden von ihr angeſtellt, während ſie beſtändig mit aufmerkſamem Blick die geringſten Be⸗ wegungen der Phyſiognomie ihres Gaſtes beobachtete, der angezogen durch das, was er las, plötzlich ausrief: „Nein, nein, es iſt nicht möglich, daß derjenige, welcher dieſe Zeilen von einer, ich möchte ſagen, naiven Erhabenheit, ſo natürlich und vertraut ſcheint ſie ſeinem Geiſt zu ſein, geſchrieben hat, nicht früher oder ſpäter auf die Stimme der Vernunft und des Herzens hört . Und dieſe Zeilen, Madame, find ſie lange vor der Epoche F worden, wo Sie die erſten Veränderungen im harakter von Frederik wahrgenommen haben?“ Madame Baſtien ſammelte ſich einen Augenblick und erwiederte ſodann: . 20 „So viel ich mich erinnern kann, muß dies vor einem Ausflug geſchrieben worden ſein, den wir am Ende des Juni nach dem Schloße Pont⸗Brillant gemacht haben . In den erſten Tagen des Auguſt hat Frederik in dieſer Hinſicht Beſorgniſſe bei mir zu erregen angefangen.“ Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fuhr David fort: „Und hat er, ſeitdem Sie dieſe Veränderung wahr⸗ genommen habenl, etwas aus der Phantafie geſchrieben? Das könnte uns unterſtützen . . denn in dieſen Zeilen hat ſich ſein geheimer Gedanke ſeiner unbewußt verrathen.“ „Ihre Bemerkung iſt ſehr richtig, mein Herr,“ er⸗ Madame Baſtien plötzlich von einer Erinnerung ergriffen. Und ſie nahm eines von den Heften von Frederik, zeigte es David und ſprach: „Es fehlen hier mehrere Blätter, wie Sie ſehen .. Ich habe Frederik nach der Urſache dieſer Zerreißung ge⸗ fragt; er antwortete mir, unzufrieden mit dem, was er geſchrieben, habe er es mich nicht wollen leſen laſſen. Dies geſchah zur Zeit, wo er mich ernſtlich zu beunruhi⸗ gen anfing.“ „Und unter den übrigen Blättern haben Sie nichts Bezeichnendes wahrgenommen?“ „Wie Sie dies ſehen werden Seit dieſer Zeit hat Frederik beinahe nichts geſchrieben . . . ſeine Abnei⸗ gung gegen jede Arbeit nahm immer mehr zu Ver⸗ gebens bezeichnete ich ihm, wie dies meine Gewohnheit war, mehrere Stoffe, theils geſchichtliche, theils von reiner Erfindung. er verſuchte es, einige Zeilen zu ſchreiben .. ließ bald von einer unüberwindlichen Niedergeſchlagenheit ergriffen ſeine Feder fallen, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und blieb ſo ganze Stunden lang . . taub für jede Frage, für jede Bitte von mir.“ Während Madame Baſtien ſo ſprach, hatte David die Bruchſtücke von Erzählungen, die ſie ihm mitgetheilt, durchlaufen. 2¹ „Es iſt ſeltſam,“ ſagte er nach einigen Augenblicken, „in dieſen unzuſammenhängenden, wie zufällig geſchriebenen Zeilen iſt jedes Gefühl, iſt jede Erhabenheit verſchwun⸗ den . ſelbſt dem Styl merkt man die unſelige Stimmung an; es iſt, als hätte ſich ein Schleier über dem Geiſt des unglücklichen Kindes ausgebreitet. Der Ueberdruß, den ihm ohne Zweifel die Arbeit verurſachte, offenbart ſich in jeder Zeile .. Doch hier find einige Worte, welche ge⸗ flüſſentlich ausgeſtrichen zu ſein ſcheinen,“ fügte David bei, indem er das, was die Durchſtriche verbargen, zu ent⸗ ziffern ſuchte. Marie näherte ſich ihrem Gaſt, ſie wollte ihm mit den Kenntniſſen, die ſie von der Handſchrift ihres Sohnes hatte, beiſtehen und neigte ſich, eine Hand auf die Stuhl⸗ lehne von David ſtützend, auf den Tiſch, um die ausge⸗ ſtrichenen Zeilen beſſer zu ſehen. Bei der ſo natürlichen Bewegung fühlte David ſeinen Arm geſtreift von dem reizenden, elaſtiſchen, runden Arm von Madame Baſtien. Dieſe unwillkührliche Berührung war ſo leicht, ſo augenblicklich, daß es Marie gar nicht gewahr wurde. David empfand einen plötzlichen, elektriſchen Schauer: doch mit einer großen Selbſtbeherrſchung ausgerüſtet, blieb er unempfindlich, obgleich er zum erſten Mal ſeit der Voll⸗ führung ſeines edelmüthigen Entſchluſſes daran dachte, die Frau, mit der er fortan ein gemeinſchaftliches, vertrautes, einſames Leben führen ſollte, ſei jung, von anbetungs⸗ würdiger Schönheit, ſie vereinige die bewundernswertheſten Tugenden des Herzens, ſie ſei die Jungfrau⸗Mutter, deren Leben voll Muth und Ergebenheit ihm der Doctor Dufour erzählt hatte. Wenn auch plötzlich, tief und voll von einer gewiſſen Bangigkeit, verrieth ſich dieſer Eindruck doch durchaus nicht bei David, und er fuhr fort mit der uuttß von Marie die ſorgfältig von Frederik durchſtrichenen Worte zu entziffern. Nach einem geduldigen Studium brachten die junge Frau und ihr Gaſt an verſchiedenen Stellen des Manu⸗ 22 ſeripts mehrere Worte heraus, welche in gar keiner Ver⸗ bindung mit den Sätzen ſtanden, die ihnen vorangingen oder folgten. Sie waren offenbar unwillkührlich und unter dem Einfluß von Gedanken, deren Gewalt der Jüngling unterlag, geſchrieben worden. So las man auf einem Blatt folgende Fetzen von einem Satz: Für die Geſchöpfe, welche beſtändig ineiner demüthigenden Dunkelheit zu kriechen beſtimmt ſind, iſt es nicht .. zu können .. und entreißen .. Zwei oder drei Worte vom Anfang und das Ende des Satzes waren vollig unlesbar. Ferner ſah man auf einer Seite die zwei Worte nur leicht ausgeſtrichen, als wären ſie durch ihre lakoniſche Kürze gegen jede Erklärung geſchützt geweſen: „Warum?“ „Mit welchem Recht?“ Endlich wurde folgender am wenigſten vollſtändiger Satz mit großer Mühe von David und der jungen Frau entziffert: „ von Dir große unv heilige Revo⸗ lutivn. die Schwachen ... ſind die Starken geworden; die ſpäte Rache iſt gekommen . .. dann furchtbar „aber ſchön in ihrer . . .“ In dem Augenblick, wo David zum zweiten Mal und langſam dieſe Worte wiederholte, als wollte er ihre geheime Bedeutung enträthſeln, ſchlug es Mitternacht. „Mitternacht,“ ſagte Madame Baſtien ganz erſtaunt, „ſchon Mitternacht?“ David befürchtete unbeſcheiden zu ſein, ſtand auf, nahm das Heft und ſagte zu der jungen Frau: „Erlauben Sie mir, Madame, daß ich dieſe Zeilen mitnehme.. Was wir entziffert haben, iſt ſehr unbe⸗ ſtimmt, ſehr unvollſtändig .. gleichviel; oft iſt man auf den Weg der Wahrheit durch die unſcheinbarſte Spur ge⸗ bracht worden ich werde über dies Alles nachdenken, —— 23 und vielleicht finde ich einen Keim, den meine Unterredun⸗ gen mit Frederik ſpäter entwickeln.“ „Morgen alſo, Herr David,“ ſprach Marie traurig, denn ſie fühlte abermals das Gewicht der Befürchtungen, denen ſie am Abend entzogen worden war, obgleich ſie ſich unabläßig mit Frederik beſchäftigt hatte; „ich nehme alle Hofnnungen an, die Sie mir geben, ich bedarf derſelben ſo ſehr . . . Der morgige Tag wird für uns ein Tag großer Prüfung ſein: morgen wird Ihre erſte Unterredung mit Frederik ſtattfinden.“ „Vei dieſer Unterredung werde ich mich von der Ein⸗ gebung des Augenblicks, von der geiſtigen Stimmung von Frederik, vielleicht auch von meinen Betrachtungen heute Nacht über dieſe paar Zeilen leiten laſſen.“ „Mergen alſo, Herr David.“ „Morgen, Madame.“ Einige Augenblicke nachher ſchloß ſich David, nach⸗ venkend und träumeriſch, in ſeinem kleinen Zimmer ein, vas über den der jungen Frau lag. Pri Rupitel. — Seit die Geniſſensbiſſe über bas Verbrechen, das er zu begehen beabſichigt, auf die Stimme ſeiner Mutter die Seele von Frederik egriffen hatten, waren dieſe Gewiſſens⸗ biſſe unabläſſig in ihm lebendig geblieben. Obgleich er genug Bewußtſein vm dem Grauenhaften ſeines Mord⸗ verſuches hatte, um zu einem Rückfall unfähig zu ſein, 3 war er doch entfernt nicht von ſeinem gehäſſigen Neid be⸗ . freit Dieſe Leidnſchaft, welche keinen Ausfluß nach — außen durch die Hoffnung auf Rache mehr hatte, wurde nur um ſo herber, ätzender, als ſie im Grunde des Herzens dieſes langſam zernagend ſtockte. Nach der erſten Nacht, welche auf die Ankunft von David im Pachthof folgte, auf eine Nacht, die der Sohn von Madame Baſtien in einem verzweiflungsvollen Nach⸗ ſinnen hinbrachte, ging auch bei Frederik eine neue Um⸗ wandlung vor, welche die Klugheit ſeiner Mutter und den Scharffinn von David irre leiten mußte. Beide waren erſtaunt über eine Veränderung, die ſich ſogar in dem Geſichte des Jünglings offenbarte: es war nicht mehr höhniſch, hochmüthig, zurückſtoßend, ſondern im Gegentheil wie beſchämt, traurig; ſein Blick forderte nicht mehr den Blick durch kecken Trotz heraus; ſtets düſter, niedergeſchlagen, ſchien er Aller Augen zu fliehen. Madame Baſtien und David erwarteten einen neuen Ausbruch von Heftigkeit beim zweiten Zuſammentreffen von Frederik mit ſeinem Lehrer . . . dem war nicht ſo. Der Jüngling zeigte ſich demüthig und fügſam; doch alles herzliche Entgegenkommen, alle liebevollen Vertrau⸗ lichkeiten von David ſcheiterten an der ſtummen Verſchloſſen⸗ heit dieſes unglücklichen Kindes .. David verſuchte es, ihn über ſeine Studien zu be⸗ fragen, er antwortete bald genau, bald auf eine verwor⸗ rene, zurückhaltende Weiſe; bei allen Fregen, bei allen Aufforderungen aber, die nicht ſeine Arſeiten berührten, blieb er ſchweigſam, unempfindlich. Marie ſchlug einen Spaziergang mit David vor; Fre⸗ derik nahm es an. Während dieſes langen Ausflugs ſichte ſich der neue Lehrer, der eben ſo verſchiedenartige, els vielfache Kennt⸗ niſſe beſaß, der Aufmerkſamkeit von Frederik durch Be⸗ merkungen voll Intereſſe und Größe iber mehrere Erſchei⸗ nungen der Natur zu bemächtigen; balddienten ein Kieſelſtein, ein Felsſtück als Ausgangspunkt für die anziehendſten Be⸗ trachtungen; bald wurden die bewundrrungswürdige, gevme⸗ triſche Regelmäßigkeit eines Inſekts, ſeine Gebräuche, ſeine — ——— W — —— 25 Inſtinkte der Gegenſtand einer höchſt gehaltvollen Beſpre⸗ chung; bald erzählte David beim Anblick einer ſehr alten Ruine, welche in der Nähe des Pachthofes lag, Frederik einige Thatſachen bezüglich auf die kriegeriſchen und aben⸗ teuerlichen Sitten des Mittelalters oder er theilte ihm einige Legenden von einer reizenden Naivetät mit... Der Jüngling hörte artig zu, antwortete aber einſylbig und behielt ſeine eiſerne Maeke. Bei der Rückkehr vom Spaziergang nahm Frederik ein Buch, las bis zum Mittagsbrod und bat, kurz nach dem Eſſen, ſeine Mutter um Erlaubniß, ſich entfernen zu dürfen. Als Marie und David allein waren, wechſelten ſie einen Blick tiefer Traurigkeit; ſie begriffen, wie nichtig und unwirkſam dieſer erſte Tag war. „Nichts konnte bei ihm Anklang finden,“ ſagte David nachdenkend, „nichts. Es iſt mir unmöglich geweſen, ihn einen Augenblick zu ergreifen, um ihn nach und nach und ſeiner unbewußt in die Sphäre der Ideen zu ziehen, in die ich ihn führen wollte.“ „Während Sie ihn früher entzückt, hingeriſſen über die ſo verſchiedenartigen Bemerkungen und Aufſchlüſſe, die Sie ſo anziehend zu machen wiſſen, gefunden hätten, Herr David „Finden Sie nicht, daß ſeit geſtern irgend eine Re⸗ volution bei ihm vorgegangen iſt, welche plötzlich die Härte ſeines Charakters, wenn ich ſo ſagen darf, verſchwinden gemacht hat?“ „Ich habe dies wie Sie wahrgenommen.“ „Und ich bin beinahe verſucht, dieſe Veränderung zu beklagen,“ fügte David bei. „So ſchmerzlich, ſo ein⸗ ſchneidend ſolche Härten auch ſind, ſo bieten ſie doch we⸗ nigſtens einen Angriffspunkt . . . Was iſt aber vor einer glatten, eiskalten Oberfläche zu machen? ... Doch gleich⸗ viel,“ fuhr er, nachdein er einen Augenblick nachgevacht, fort, „wir müſſen ein Mittel der Einwirkung finden.“ „Und was denken Sie von dieſer plotzlichen Verän⸗ derung, Herr David?“ „Iſt es die Ruhe, welche folgt, wenn ſich der Sturm gelegt hat, oder iſt es die trügeriſche Ruhe, die einem neuen Sturm vorhergeht? Das werden wir ſpäter er⸗ fahren . .. Es iſt auch möglich, daß meine Ankunft dieſe Umwandlung bei Frederik bewirkt hat.“ „Wie dies, Herr David?“ „Vielleicht fühlt er, daß unſere doppelte Ueberwachung ihm jeden neuen Racheverſuch unmoͤglich machen muß ... vielleicht befürchtet er auch, mein Scharfſinn könnte in Verbindung mit dem Ihrigen ſein Geheimniß ergründen, und verdoppelt deshalb ſeine Verſchloſſenheit und Zurück⸗ haltung. Es iſt unſere Aufgabe, eine zweifache Aufmerk⸗ ſamkeit anzuwenden.“ „Und was haben Sie aus den Heften erſehen, die Sie geſtern Abend mitgenommen?, „Nachdem ich lange über die Ihnen bekannten Bruch⸗ ſtücke von Sätzen nachgedacht, glaubte ich eine, wenn auch ſchwache, unſichere Andeutung zu finden .. „Und dieſe Andeutung!“ fragte Madame raſch. „Erlauben Sie mir, Ihnen nicht mehr zu ſagen, . ehe ich weiter auf dem noch ſehr dunklen Wege vorge⸗ drungen bin, den mir dieſe Andeutung zu öffnen ſcheint.. Täuſcht mich meine Ahnung nicht, führt ſie mich auf die Entdeckung einiger bezeichnender Thatſachen, ſo kann ich Ihnen meinen Gedanken genau auseinanderſetzen; iſt er richtig, ſo wird Sie ſeine Unleugbarkeit ergreifen, und ſtark durch unſere beiderſeitige Ueberzeugung werde ich dann mit groͤßerer Sicherheit zu Werke gehen. Mein Gott, Ma⸗ dame,“ fügte David traurig lächelnd bei, „ich bitte Sie tauſendmal wegen dieſes Schweigens um Verzeihung, aber unſere Aufgabe iſt ſo zarter, ſo ſchwieriger Natur, daß ein Nichts Alles gefährden oder Alles retten kann. Ich bitte alſo noch einmal um Verzeihung.“ „Sie bitten mich um Verzeihung, Herr David, wäh⸗ rend Ihre Zurückhaltung mir ein neuer Beweis von Ihrer edelmüthigen Fürſorge für mein theuerſtes⸗ für mein einziges Intereſſe auf dieſer Erde iſt! . — 4 27 Am Abend deſſelben Tages, an welchem Madame Baſtien dieſe Unterredung mit David hatte, bediente Mar⸗ iite die junge Frau beim Schlafengehen und ſagte zu ihr: „Mein Gott, Madame, ich habe Sie ſeit Ihrer Rückkehr vom Spaziergang und auch dieſen Abend ſo in Anſpruch genommen geſehen, daß ich Sie nicht ſtören wollte, um Ihnen etwas doch ganz Seltſames zu ſagen . . . „Was iſt es?“ „Sie waren mit Herrn Frederik und mit Herrn David ſeit einer Stunde ausgegangen, als ich einen Lärmen vor dem Hofthor horte . . . ich gehe hinaus, um nachzuſehen es war ein herrlicher Wagen mit vier Pferden .. Und wer ſaß in dem Wagen, Madame? Sie können es nicht errathen . .. Die Frau Marquiſe von Pont⸗Brillant, die Sie zu ſprechen verlangte . . . „Mich!“ rief Marie erbleichend, denn ſie befürchtete, der Verſuch von Frederik ſei entdeckt worden; „das iſt unmöglich, Ihr täuſcht Euch, Marguerite, ich kenne Frau von Pont⸗Brillant nicht.“ 2 „Und dennoch ſind Sie es, nach der die gute, alte, kleine Dame verlangte; ſie ſagte auch zu mir, indem fie ganz einfach, wie wir Leute, ſprach: „Es iſt mir ärger⸗ lich, daß ich Madame Baſtien nicht treffe, ich komme ſo zu ſagen, um gute Nachbarſchaft zu halten, denn wenn man Nachbar iſt, muß man ſich ſehen; doch gleichviel. .. das wird ſich wieder finden, und Du ſagſt ihr, nicht wahr, meine Tochter, Du ſagſt der lieben Madame Baſtien, ich werde an einem dieſer Tage wiederkommen . Sie ſoll ſich aber nicht die Mühe machen, mir meinen Beſuch im Schloß zurückzugeben . es Fönnte der lieben Frau be⸗ ſchwerlich ſein, und das will ich durchaus nicht ich aber werde oft mit dem Stab meines Alters hierher⸗ kommen.““ „Was bedeutet das?“ fragte Madame Baſtien ganz verwirrt über dieſen Vorfall, denn ſie wußte durchaus 28 nicht, welchem Umſtand ſie den unglaublichen Beſuch zu⸗ ſchreiben ſollte. Marguerite glaubte, Madame Baſtien ſuche die Be⸗ deutung der Worte: „Ich werde oft mit dem Stab meines Alters hierherkommen“ und fügte bei: „Die Frau Marquiſe wollte damit ſagen, ſie werde Sie oft mit ihrem Enkel, dem Herrn Marquis, heſuchen.“ „Sie hat das geſagt!“ rief Marie, ſchon bei dem Gedanken eines Zuſammentreffens von Frederik und Ravul von Pont⸗Brillant zitternd; „ſie hat Euch geſagt, ſie werde „kommen mit? 4 „Mit dem Herrn Marquis, ja, und die gute Dame ſprach ſogar: „Er iſt hübſch artig, der Stab meines Alters, ſonſt auch mein Enkel genannt, und freigebig wie ein König. Nun, da ich das Unglück habe, Madame Baſtien nicht zu treffen, ſo muß ich gehen. Doch ſage, meine Tochter,“ fügte die Frau Marquiſe bei, „ich habe Durſt zum Erwürgen. Könnteſt Du mir nicht ein gutes Glas reines Waſſer geben?“ „Gewiß, Frau Mar⸗ quiſe,“ antwortete ich ganz beſchämt, daß mich eine ſo vornehme Dame um ein Glas Waſſer bat; doch in mei⸗ nem Innern ſagte ich: Sicherlich hat die Frau Marquiſe aus Höflichkeit Waſſer verlangt, ich will ihre Höflichkeit erwiedern und ihr Wein geben; ich laufe in meine Küche, ſchenke ein volles Glas Wein ein, ſtelle es auf einen ſehr reinlichen Teller und kehre zum Wagen zurück. „Marguerite, Ihr hättet Frau von Pont⸗Brillant ganz einfach das Glas Waſſer, das ſie verlangte, geben ſollen; doch gleichviel . „Verzeihen Sie, Madame, ich hatte im Gegentheil S daß ich ihr Wein gab, denn die Frau Marquiſe kin „Das volle Glas Wein?“ „Ja, Madame, gar nicht ſtolz . . dvas heißt, ſie benetzte nur ihre Lippen damit und ließ das Uebrige eine andere alte Dame trinken, welche bei ihr war und den Wein vielleicht nicht liebte, denn ſie machte eine Gri⸗ — — 29 maſſe, nachdem ſie getrunken hatte; die Frau Marguiſe fügte dann bei: „„Meine Tochter, Du wirſt der lieben Madame Baſtien ſagen, wir haben auf ihre Geſundheit und auf ihre ſchöͤnen Augen getrunken.“ Und als ſie mir das Glas zurückgab, legte ſie darein „ errathen Sie, was 2. dieſe ſchönen fünf Goldſtücke, und ſie ſagte zu mir: „Das iſt für die Leute von Madame Baſtien, mit der Bedingung, daß ſie auf die Geſundheit meines Enkels, des Marquis von Pont⸗Brillant, trinken. Auf Wiederſehen, meine Tochter.“ Und der ſchöne Wagen fuhr wieder weg.“ „Ich bin troſtlos, Marguerite, daß Ihr nicht die Zartheit gehabt habt, das Geld auszuſchlagen, das man Euch gegeben.“ „Aber, Madame, fünf Louis d'or!“ „Gerade, weil die Summe ſo bedeutend, iſt es mir peinlich, daß Ihr ſie angenommen.“ „Ah! ich wußte das nicht, Madame; es iſt das erſte Mal, daß mir dergleichen begegnet und wenn Ma⸗ will, bringe ich die fünf Goldſtücke ins Schloß urück.“ „Das wäre noch ſchlimmer .. . Doch ich bitte Euch, Marguerite, wenn Ihr einige Anhänglichkeit für mich habt, tragt dieſe hundert Franken in den Armenſtock des Kirchſpiels.“ „Morgen ſoll das geſchehen,“ ſagte Marguerite ent⸗ ſchloſſen. „Dieſe fünf Golbſtücke würden mir in den Fin⸗ gern hrennen, da ich weiß, daß ich Ungecht gehabt habe, ſie anzunehmen.“ „Ich danke Euch, Marguerite, ich kenne Euch als eine gute und würdige Frau . . Doch noch ein Wort, weiß mein Sohn, daß Frau von Pont⸗Brillant hier ge⸗ weſen iſt?“ „Nein, Madame, denn ich habe es ihm nicht ge⸗ ſagt, und ich war allein zu Hauſe, als der Wagen kam.“ „Marguerite, es iſt wichtig, daß mein Sohn nichts von dieſem Beſuch erfährt „ 30 „Gut, Madame ich werde kein Sterbenswört⸗ chen darüber äußern.“ S „Wenn Frau von Pont⸗Brillant wieder hierherkäme, ſo werdet Ihr, mag ich zu Hauſe oder nicht zu Hauſe ſein, ſtets ſagen, ich ſei abweſend.“ „Wie, Madame, Sie weigern ſich, eine ſo vornehme Dame zu empfangen?“ „Meine gute Marguerite, ich bin keine vornehme Dame, und ich wünſche keine andere Geſellſchaft, als die von Perſonen meines Standes . .. Verſteht mich alſo wohl, ich bin nie zu Hauſe, wenn Frau von Pont⸗Bril⸗ lant wieder kommt, und mein Sohn darf durchaus nichts von ihrem heutigen Beſuche erfahren.“ 9 3Gut, gut, Madame verlaſſen Sie ſich auf mich. Madame Baſtien ſuchte vergebens den Zweck dieſes Beſuches zu errathen, über den ſie um ſo mehr erſtaunt war, als ihrem Geiſte der Gedanke an den Haß von Fre⸗ derik gegen den Marquis von Pont⸗Brillant ſiets gegen⸗ wärtig blieb. Am andern Morgen theilte Marie dieſen Vorfall David mit; er bemerkte zwei Dinge, welche Madame Baſtien, obgleich unter einem andern Geſichtspunkt, auch aufgefallen waren. „Hören Sie, was ich glaube, Madame,“ ſagte Da⸗ vid. „Daß ſie ein Glas Waſſer verlangte, war nur ein Vorwand, um ein Geſchenk geben zu können, das eine Verſchwendung wäre, verbärge es nicht einen Hinterge⸗ danken .. Frau von Pont⸗Brillant fügte ſich auch darein, das Glas Wein zu trinken oder von ihrer Ge⸗ fährtin trinken zu laſſen, ohne Zweifel, um Marguerite nicht zu demüthigen, eine Zartheit, die mir ſonderbar bei einer Frau wie die Margquiſe vorkommt, welche überdies die Gelegenheit, außerordentlich freigebig im Namen ihres Enkels zu ſein, nicht verlieren wollte. Dann verſpricht Frau von Pont⸗Brillant, oft hierherzukommen. . aber...“ „Aber ſie will mir nicht beſchwerlich ſein und 3¹ bittet mich, ihren Beſuch im Schloß nicht zurückzugeben... Ich bemerkte auch dieſe demüthigende Unterſcheidung, Herr David, und wenn ich im Geringſten die Abſicht gehabt hätte, die Zuvorkommenheiten von Frau von Pont⸗Brillant zu erwiedern, ſo würde mich dieſes verletzende Benehmen veranlaßt haben, ihr meine Thüre für die Zukunft zu ver⸗ ſchließen . . . Aber ich habe entfernt nicht die traurige Eitelkeit, mich durch ihren Schritt geſchmeichelt zu fühlen, und bin im Gegentheil von Unruhe, von Furcht ſogar erfüllt, wenn ich bedenke, daß Frederik, käme Frau von Pont⸗Brillant mit ihrem Enkel hierher, ſich dem Gegen⸗ ſtand ſeines Haſſes von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber⸗ finden koͤnnte . . Ah! Herr David, mein Herz wird zu Eis bei dieſem Gedanken „ denn ich erinnere mich der gräßlichen Scene im Walde.“ „Dieſer Beſuch kommt mir, wie Ihnen, um ſo ſelt⸗ ſamer vor, als die Umſtände, von denen er begleitet war, ſehr verdächtig ſind . . Unſer Freund, der Doctor Du⸗ four, hat mir von der verwitweten Marquiſe von Pont⸗ Brillant als von einer Frau geſprochen, welche, trotz ihres hohen Alters, den Cynismus und die Sittenloſigkeit der Epoche, in der ſie in ihrer Jugend gelebt, bewahrt habe. Ihre Abneigung gegen die Marquiſe iſt alſo doppelt ge⸗ rechtfertigt: nur iſt es, wenn man dieſe Zuvorkommenhei⸗ ten, ſo verletzend ſie auch ſein mögen, mit dem Haſſe von Frederik gegen Ravul von Pont⸗Brillant zuſammenſtellt, wenigſtens ganz klar, daß dieſer Ihren Sohn nicht kennt. Wie ſollte er ſich ſonſt herbeilaſſen, ſeine Großmutter hier⸗ herzubegleiten?“ „Das habe ich mir auch geſagt, Herr David. Ah! es erfaßt mich der Schwindel, wenn ich dieſes traurige mniß zu ergründen verſuche!“ 66 vergingen noch einige Tage in chnchten Be⸗ mühungen von Marie und David. Frederik blieb unerforſchlich. David ging bis zu den herviſchſten Mitteln, er ſprach 32 von Raoul von Pont⸗Brillant. Der Jüngling erbleichte leicht, ſenkte den Kopf und blieb ſtumm und unempfindlich. „Er hat wenigſtens auf ſeine Rache verzichtet, dachte David, der die Phyſiognomie von Frederik aufmerkſam ſtu⸗ dirte .. „Der Haß beſteht vielleicht noch, aber er wird wenigſtens leidend ſein.“ Dieſe Ueberzeugung, welche Marie theilte, beruhigte dieſe doch einigermaßen über die Möglichkeit eines Rück⸗ falls, vor dem ſie unbeſchreibliche Angſt hatte. Der Zuſtand von Frederik ſchien jeden Tag ſchlim⸗ mer zu werden. Dieſer Unglückliche war nur noch der Schatten von ſich ſelbſt; halsſtarrig, eigenfinnig ſowohl im Guten als im Böſen, fühlte er eben ſo heftig die Reue über ſeine unſelige That, als er die Gluth der Rache gefühlt hatte, 1 es laſtete beſtändig auf ihm der niederbeugende Ge⸗ danke: „Welchen Vergleich wird meine Mutter ſtets zwiſchen mir, der ich ein feiger Mörder ſein wollte, und dem edlen Marquis machen, von dem ſie mit mir unter ſo großen Lobeserhebungen ſprach! . .. Und wenn ſie vollends wüßte! . . Oh! wehe mir, wehe mir Mehr als je haſſe ich dieſen Pont⸗Brillant, und die Reue hat mich entwaffnet. Eines Tags ſagte David zu Marie: . „Hat Frederik, während er die beſcheidene Exiſtenz, die er bei Ihnen fand, heiter hinnahm, nie den Lurus, den Reichthum zu wünſchen geſchienen, oder Beides nicht zu beſitzen bedauert.“ „Nie, Herr David, es gibt gleichſam keinen Ge⸗ vanken meines Sohnes, der meinem Gedächtniß nicht gegenwärtig iſt, denn ſeit dieſen unglücklichen Zeiten bringe ich mein Leben damit hin, daß ich meine Vergangenheit befrage .. YNein, nie habe ich Frederik etwas über un⸗ ſerem einfachen, beinahe dürftigen Leben wünſchen hören . —— — 33 Wie vft ſagte er zu mir voll Zärtlichkeit: „„Mut⸗ ter, gibt es ein glücklicheres Loos, als das unſerige? Welch eine Seligkeit, mit Dir in unſerer kleinen fried⸗ lichen, einſamen Welt zu leben!““ Die arme Marie konnte nicht vollenden, dieſe Rück⸗ erinnerung an eine ſtrahlende Vergangenheit brach ihr das Herz. Weit entfernt, ſich entmuthigen zu laſſen, verfolgte David ſeinen Gedanken mit jener beharrlichen Langſam⸗ keit, mit jener ängſtlichen Beobachtung, mit deren Hülfe die Gelehrten oft eine Welt, eine Epoche, ein Weſen durch einige Bruchſtücke, durch einige unſcheinbare Trüm⸗ mer wieder aufbauen. „Halten Sie Frederik für ehrgeizig?“ ſagte David ein anderesmal zu Marie. „Was waren in ſeinen Er⸗ güſſen gegen Sie, wenn es ſich um ſeine zukünftige Stel⸗ lung handelte, ſeine Gedanken?“ Marie lächelte traurig und erwiederte: „Eines Tages ſagte ich zu ihm: „„Sprich, mein Kind, welche Laufbahn wirſt Du erwählen, wenn Du ein Mann biſt? was willſt Du ſeyn?““ „„Dein Sohn,““ antwortete er mir mit einer anmuthreichen Zärtlichkeit, von der Sie keinen Begriff haben können, Herr David. „„Ich begreife Dich, mein Kind, aber Du wirſt doch eine Laufbahn wählen müſſen?““ „„Ich ſehe, ich will keine andere Laufbahn, als die, mein Leben damit hinzubringen, daß ich Dich liebe, Dich glücklich mache, Mutter „„Aber mein liebes, mein geliebtes Närrchen, Du wirſt Dich wohl beſchäftigen müſſen?““ „Mich beſchäftigen, daß ich Dich küſſe, Dich anſchaue, Dich hore und Dir ſage: ich liebe Dich, daß wir mit einander ſpazieren ge⸗ hen, daß wir unſere Almoſen in Actien geben und unſere Blumen anſchauen? daß wir mit einander die Sonne untergehen und den Mond über unſeren großen Eichen aufgehen ſehen, iſt das nicht Beſchäftigung genug? Ah! Die ſieben Todfünden. 1. Abth. 1r Vd. 3 Mutter, Mutter wären die Tage zweimal ſo lang, als ſie ſind, ich hätte nicht eine einzige Minute für mich.“ Dies, Herr David,“ ſagte Madame Baſtien, abermals ihre Thränen trocknend, „dies war damals der Ehrgeiz meines Sohnes „Eine liebevolle, reizende Natur!“ ſprach David, der die Rührung von Marie theilte; dann fuhr er fort: „Bei dem von Ihnen erwähnten Beſuch im Schloß Pont⸗Brillant haben Sie nicht wahrgenommen, daß der Anblick vieſer Herrlichkeiten Frederik tranrig machte?“ MNein, Herr David, und abgeſehen von der Grob⸗ heit eines Verwalters, über welche mein Sohn einen Augen⸗ blick aufgebracht war, iſt dieſer Tag für ihn wie für uns eben ſo heiter, als intereſſant geweſen.“ „Und ſeitdem,“ fügte David langſam bei, „ſeitdem konnte Ihnen nichts den Gedanken geben, Frederik habe mit einer gewiſſen Bitterkeit, mit Reid ſogar Ihr be⸗ ſcheidenes Daſein mit dem prächtigen, koſtbaren Daſein des jungen Marquis verglichen?“ „Frederik!“ rief Madame Baſtien, indem ſie David mit einer Miene des Vorwurfs anſchaute. „Ah! mein Herr, mein unglückliches Hind iſt ſehr tief gefallen, die Heftigkeit ſeines Charakters hat es bis zum Gedanken eines Verbrechens fortgeriſſen, deſſen Urſache wir nicht kennen ... aber er, neidiſch er! oh! Herr David, Sie täuſchen ſich. Die guten wie die ſchlimmen Tage ſeines Lebens ſchützen ihn vor einem ſolchen Vorwurf.“ David erwiederte nichts und blieb nachdenkend. Die Vertraulichkeit von David und Marie vermehrte ſich jeden Tag durch ihre gemeinſchaftlichen Intereſſen und Befürchtungen; es war ein beſtändiger Austauſch von Fragen, von Ergüſſen, von Plänen, von Angſt und Hoff⸗ nungen . . die Hoffnung kam leider ſehr ſelten, da Frederik ſtets der Gegenſtand der Geſpräche war. Henri David und Marie brachten ſo in der Einſam⸗ keit unter vier Augen die langen Winterabende hin, denn — 35 der Sohn von Madame Baſtien zog ſich ſchon um acht Uhr zurück; war er einmal im Bett, ſo ſtellte er ſich, als ſchliefe er, entwand ſich ſo der Sorge, mit der man ihn umgab, und verſenkte ſich gleichſam mit geſchloſſenen Augen in den ſchwarzen Abgrund ſeiner Gedanken. „Ich bin noch elender, als in der Vergangenheit,“ ſagte der Jüngling zu ſich ſelbſt; „früher erzürnte ich mich über die Unruhe und die beſtändigen Fragen meiner Mutter über mein unbekanntes Uebel zu dieſer Stunde nagt das an meinem Herzen und vermehrt meine Verzweiflung. Ich begreife, was meine Mutter Alles erdulden muß, ihr Mitleid läßt ſich nicht abſchrecken. Jeder Tag bringt mir einen neuen Beweis von ihrem zarten Mitleid, von ihren unerhörten Anſtrengungen, um mich zu heilen; ach! ſie wird mir mein Verbrechen verzeihen, aber es nie vergeſſen können. Die Umſtände, die mich angetrieben haben, daß ich dieſen Pont⸗Brilland tödten wollte, ſollen ihr ſtets, ſtets unbekannt bleiben . Ich werde auch für ſie nur noch der traurige Gegenſtand ihres Erbarmens bleiben; das muß ſo ſein, denn ich fühle, mein Uebel iſt unheilbar . da es ſo großer Unterſtützung widerſteht. „Und was ich von meiner Mutter denke, denke ich auch von Herrn David; ich habe nun das Bewußtſein von ſeiner Ergebenheit für mich und meine Mutter; denn ſich für mich aufopfern, heißt ſich für meine Mutter auf⸗ opfern ſeine Sorge iſt nicht minder ohnmächtig. Oh! das Uebel, an dem ich leide, läßt ſich eben ſo wenig heilen, als der Gewiſſensbiß über eine feige und gräßliche Handlung verſchwindet.“ Während ſich dieſes unglückliche Kind, ſo in ſich ge⸗ kehrt, an einem immer mehr zerfreſſenden Schmerz weidete, verfolgte David, der ſich auf dem Weg der Wahrheit glaubte, ſeine Forſchungen, da er einen letzten und ent⸗ ſcheidenden Verſuch nur bewaffnet mit der Allmacht einer unerſchütterlichen Ueberzeugung unternehmen wollte; er ver⸗ vielfältigte ſeine Aufſuchungen und dehnte ſie auf die 36 ſcheinbar unbedeutendſten Dinge aus, da er der Anſicht war, Frederik habe ohne Zweifel eine mächtige Urſache gehabt, den Grund ſeines Gedankens vor ſeiner Mutter 1¹ zu verbergen, während er ſich vor alten Dienern wohl weniger Zwang auferlegt. David befragte ängſtlich und genau die alte Magd und den alten Gärtner; hie⸗ durch bekam er Kenntniß von einigen Umſtänden, welche für ihn von hoher Bedeutung waren; ſo hatte unter An⸗ derem ein Bettler, gegen dem ſich Frederik ſtets hülfreich gezeigt, zum Gärtner geſagt: „Herr Frederik hat ſich ſehr ſ verändert; er, ver ſonſt ſo gut, hat mir heute hart geant⸗ wortet: „„Wendet Euch an den Herrn Marquis! er iſt ſo reich!!““ Madame Baſtien ſah gewöhnlich Herrn David mehrere Male des Tags. An einem Tag erſchien er nicht. Zur Stunde des Abendbrods meldete ihm Marguerite es ſei aufgetragen, aber tief in Gedanken verſunken er⸗ ſuchte David die alte Magd, Madame Baſtien zu ſagen, er ſei ein wenig unpäßlich und ſie möge ihn entſchuldigen, daß er nicht zum Eſſen hinabkomme. Frederik, bei dem ſich ſeine moraliſche Abzehrung bis auf den höchſten Grad geſteigert, hatte ſein Zimmer nicht verlaſſen. Zum erſten Mal ſeit der Ankunft von Herrn David brachte Madame Baſtien den Abend allein zu. Dieſes Alleinſein hatte eine tiefe Traurigkeit bei ihr zur Folge; ſie fühlte ſich unwillkührlich von ſchwarzen Ahnungen ergriffen. Gegen eilf Uhr kehrte ſie in ihr Zimmer zurück, ihr Sohn ſchlief, oder ftellte ſich, als ſchliefe er; Marguerite bediente ihre junge Frau auf die gewöhnliche Weiſe; niedergeſchlagen, ſchweigſam, zog dieſe ihr Nachtgewand an und knüpfte ihre langen Haare auf, als die alte Magd, 2 welche mehrere Male das Wort an Marie gerichtet 37 hatte, ohne daß ihr dieſe eine große Aufmerkſamkeit ſchenkte, im Augenblick, wo ſie weggehen wollte, ſagte: „Madame, ich habe vergeſſen, Sie zu fragen, ob André morgen das Pferd und den kleinen Wagen nehmen könnte, um nach Pont⸗Brillant zu fahren?“ „Ja,“ antwortete Marie zerſtreut, indem ſie mit einer von ihren kleinen Händen, welche ſie kaum umſpannen konnte, ihre aufgelöſten langen Haare hielt, während ſie mit der andern maſchinenmäßig mit dem Richtkamm von Schildpatt auf der Wachsleinwand der Toilette auf und abfuhr, denn die arme Frau war mit ſtarren Augen ganz ihren ſchmerzlichen Gedanken hingegeben. „Nicht wahr, Sie wiſſen, Madame, warum André in die Stadt fährt?“ ſagte Marguerite. „Nein,“ antwortete Marie ſtets in ſich gekehrt. „Um die Effecten des Herrn dahin zu bringen, denn es ſcheint, er geht . .. „Großer Gott!“ rief Madame Baſtien, indem ſie die Maſſe ihrer Haare auf ihre Schultern fallen ließ und ſich ungeſtüm gegen ihre Magd umwandte, die ſie ganz erſtaunt anſchaute: „was ſagt Ihr da, Marguerite?“ „Ich ſage, es ſcheine, dieſer Herr gehe .. „Welcher Herr?“ „Herr David, der neue Lehrer von Herrn Frederik... und das iſt Schade „ denn er war .. „Er geht?“ fragte Madame Baſtien, Marguerite unterbrechend, mit einer ſo bebenden Stimme und einem ſolchen Ausdruck von Erſtaunen und Schmerz, daß die alte Magd ausrief: * „Mein Gott! Madame, was haben Sie?“ „Hört, Marguerite, das muß ein Irrthum ſein,“ ſprach Marie, die ſich zu beruhigen ſuchte. „Woher wißt Ihr, daß Herr David geht?“ „Oh! da er ſeine Effecten nach der Stadt S „Wer hat Euch das geſagt?“ „André!“ 38 „Woher weiß er es?“ „Mein Gott, Madame, das iſt ganz einfach; geſtern ſagte Herr David zu ihm: „„Mein Freund, wäre es möglich, ein Pferd und ein Wägelchen zu bekommen, um in dieſen Tagen Gepäcke nach Pont⸗Brillant zu ſchicken?““ André bejahte dies, und ſo glaubte ich Ihnen melden zu müſſen, André wolle das Pferd nehmen.“ „Herr David iſt entmuthigt, er verzichtet auf eine Aufgabe, welche ſeine Kräfte überſteigt . Die Ver⸗ legenheit, das Bedauern, das er empfindet, erklären mir ſeine Abweſenheit während dieſes Tags .. mein Sohn iſt verloren . . .“ Dies war der erſte, der einzige Gedanke von Marie. Verwirrt, wahnſtnnig vor Verzweiflung, dachte Marie nicht an die Unordnung ihres Anzuges, an die vorgerückte Stunde der Nacht; die junge Frau verließ die erſtaunte Magd, ſlieg die Treppe von David hinauf und trat haſtig in ſein Zimmer ein. Piertes Rapitel. Als ſich Marie ſo unerwartet vor ihm zeigte, ſaß Herr David an ſeinem Tiſchchen in der Haltung eines Nachfinnenden. Sobald er die junge Frau, bleich, in Thränen zerfließend, ihre Haare zerſtreut, und in der Unordnung einer Nachttvilette erblickte, ſtand er raſch auf, wurde ſo bleich als Marte, denn er glaubte, es ſei irgend ein unſeliges Ereigniß vorgefallen, und ſprach: „Madame, was iſt geſchehen? . ſollte etwa Frederik? 39 „Herr David,“ rief die junge Frau, „es iſt nicht möglich, daß Sie uns ſo verlaſſen . . .“ „Madame .. „Ich ſage Ihnen, daß Sie nicht reiſen werden, nein, Sie werden nicht den Muth dazu haben . . Meine einzige meine letzte Hoffnung beruht auf Ihnen, denn, mein Gott! Sie wiſſen wohl, ich habe nur Sie auf der Welt, um mir Beiſtand zu leiſten . . . „Madame, ein Wort, ich beſchwöre Sie . . .“ Marie faltete die Hände und fügte mit flehender Stimme bei: „Ich bitte, Herr David, ſeien Sie gut und edelmüthig bis zum Ende warum verlieren Sie den Muth? Die Heftigkeiten meines Sohnes haben aufgehört, er hat auf ſeine Rachepläne verzichtet: . . Das iſt ſchon viel, und das verdanke ich Ihrem Einfluß . . . Die Nieder⸗ geſchlagenheit von Frederik nimmt zu doch das iſt kein Grund, zu verzweifeln . . . Mein Gott! mein Gott! Vielleicht halten Sie mich für undankbar, weil ich meine Erkenntlichkeit ſchlecht ausdrücke. Das iſt nicht meine Schuld . . . Mein armes Kind ſcheint Ihnen eben ſo theuer zu ſein, als mir . . Sie ſagen zuweilen unſer Frederik, vann vergeſſe ich, daß Sie ein Fremder find, der Mitleid mit uns hat. Ihre Zärtlichkeit für meinen Sohn ſcheint mir ſo aufrichtig, daß ich mich nicht wundere, wenn ich ſehe, wie Sie ſich ihm wivmen, auf⸗ opfern.“ David hatte in ſeinem Erſtaunen Anfangs kein Wort gefunden . Dann empfand er ein ſo großes Glück, als er Marie ihm ihre Dankbarkeit auf eine ſo rührende Weiſe ſchildern hörte, daß er ſie unwillkührlich vielleicht nicht ſo bald beruhigte, als er es hätte thun können. Da er ſich aber vorwarf, daß er der Angſt dieſer unglücklichen Frau nicht ein Ende machte, ſo ſagte er: „Wollen Sie mich anhören, Madame?“ „Nein, nein“ rief ſie mit dem Ungeſtüm des Schmerzes und der Bitte: „oh! Sie müſſen wohl Mitleid haben; 4⁰ Sie werden mich nicht durch die Verzweiflung tödten wollen, nachdem Sie mir ſo viel Hoffnung gewährt haben. Kann ich Ihrer nun entbehren? Mein Gott! was ſoll aus mir werden, wenn Sie ſich entfernen? Oh! Herr David, es lebt in Ihnen eine allmächtige Erinne⸗ rung, die an Ihren jungen Bruder Im Namen dieſer Erinnerung flehe ich Sie an, Frederik nicht zu ver⸗ laſſen. Sie ſind bis jetzt gegen ihn ſo zärtlich geweſen, als wäre er Ihr Kind oder Ihr Bruder. Es ſind heilige Bande, die Sie und mich einigen, und dieſe Bande werden S nicht ſo unbarmherzig brechen, nein, das kann nicht ein. Und vas Schluchzen erſtickte die Stimme der jungen Frau. Auch David traten die Thränen in die Augen, und 10 ſprach er mit innigem, bewegtem Ton zu Madame aſtien: „Ich weiß nicht, was Sie glauben machen konnte, ich gedenke abzureiſen. Keine Idee kann mir ferner liegen 4 „Wahrhaftig!!!“ rief Marie mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck. „Und wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll, Madame, ich könnte zuweilen, nicht mich entmuthigen laſſen, aber das Bewußtſein der Schwierigkeit unſerer Aufgabe haben; doch heute . zu dieſer Stunde .. habe ich zum erſten Mal gute Hoffnung.“ „Mein Gott! Du hörſt es,“ ſprach Marie mit einer religiöſen Gemüthsbewegung, „möge dieſe Hoffnung keine leere ſein.“ „Sie wird es nicht ſein, ich habe alle Urſache, dies zu glauben, und weit entfernt, an eine Abreiſe zu denken, habe ich meine Zeit damit hingebracht, über den morgigen Tag nachzufinnen, da er entſcheidend ſein ſoll. Um den Lauf meiner Betrachtungen nicht zu unterbrechen, ſchützte ich eine leichte Unpäßlichkeit vor, damit ich nicht beim Mittagsbrod zu erſcheinen hatte. Ich beſchwöre Sie alſo, beruhigen Sie ſich, Madame. Glauben Sie, daß ich nur 41 einen einzigen Gedanken in der Welt habe, die Rettung un ſeres Frederik; heute iſt dieſe Rettung nicht nur möglich, ſondern wahrſcheinlich . Ja, Alles ſagt mir, morgen werde ein glücklicher Tag für mich ſein.“ Es läßt ſich die umwandlung nicht ſchildern, die ſich bei jedem Wort von David in dem Antlitz der jungen Frau offenbarte .. Ihr kurz zuvor noch bleiches, vom Schmerz verſtörtes Geſicht färbte ſich plötzlich durch die Bewegung eines beglückenden Erſtaunens; ihre halb durch die Wellen ihrer aufgelöſten Haare verſchleierten, bezaubern⸗ den Züge ſtrahlten von einer unausſprechlichen Hoffnung. So in ihr weißes, durch die heftigen Wogungen ihres reizenden Buſens leicht geöffnetes Nachtgewand gekleidet, war Marie ſo anbetungswürdig ſchön, daß ein Strom verſengender Gluth David zu Kopf ſtieg und abermals die leidenſchaftliche Liebe belebte, die er ſeit einiger Zeit zu ſeinem Schrecken ſich ſeines Herzens bemächtigen fühlte. „Herr David,“ ſagte Madame Baſtien, „Sie werden mich nicht durch eine tolle Hoffnung hintergehen wollen, um ſich meinen Bitten zu entziehen, um Ihnen den An⸗ blick meiner Thränen zu erſparen. Oh! verzeihen Sie, ich ſchäme mich dieſes letzten Zweifels, des letzten Echo meiner vergangenen Angſt oh! ich glaube Ihnen, . ich bin ſo glücklich, daß ich Ihnen glaube!“ „Sie können es, Madame, denn ich habe nie gelogen,“ erwiederte David, der kaum die Augen zu Marie zu er⸗ heben wagte, denn ihre Schönheit berauſchte ihn bis zum Schwindel; „doch was konnte Sie auf die Vermuthung bringen, ich beabſichtige, zu reiſen?“ „Marguerite, die mir das ſo eben in meinem Zimmer geſagt hat; da lief ich ganz erſchrocken zu Ihnen.“ Dieſe Worte erinnerten David daran, daß die An⸗ weſenheit von Madame Baſtien in ſeinem Zimmer, zu einer ſo weit vorgerückten Stunde der Nacht, den Dienſt⸗ boten des Hauſes, trotz der liebevollen Ehrfurcht, die man für die junge Frau hegte, ſeltſam erſcheinen könnte; einen Vorwand benützend, den ſie ihm geboten, trat er auf die 42 Schwelle ſeiner Thüre, welche übrigens während dieſer ganzen Unterredung offen geblieben war, und rief mit lauter Stimme Marguerite. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte er ſodann zu Marie, die ihn erſtaunt anſchaute, „ich wünſchte zu wiſſen, wie Marguerite glauben konnte, ich werde reiſen.“ Ebenſo verwundert, als erſchrocken, über den unge⸗ ſtümen Abgang ihrer Gebieterin, becilte ſich die Magd, zu David hinaufzuſteigen, und dieſer ſprach raſch zu ihr: „Meine liebe Marguerite, Ihr habt Madame Baſtien ungemein dadurch beunruhigt, daß Ihr ſagtet, ich ſchicke mich an, das Haus zu verlaſſen, und dies in dem Augenblick, wo Frederik, das arme Kind, das Ihr beinahe habt ge⸗ boren werden ſehen, unſerer ganzen Sorge bedarf. In ihrer lebhaften Angſt lief Madame Baſtien hierher; zum Glück konnte nichts für mich leichter ſein, als ſie zu be⸗ ruhigen; doch was machte Euch an meine Abreiſe glauben?“ „Sie haben, wie ich es Madame ſagte, von André ein Pferd und einen kleinen Wagen verlangt, um Gepäcke nach Pont⸗Brillant bringen zu laſſen, „da glaubte „Es iſt wahr,“ ſagte David; vann ſich an Marie wendend: „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Madame, daß ich Anlaß zu einem Irrthum gegeben habe, der eine ſolche Unruhe in Ihnen erregte . Hören Sie ganz einfach, wie ſich die Sache verhält: ich hatte einige Kiſten Bücher übernommen, die ich bei meiner Ankunft am Senegal einem unſerer Landsleute übergeben ſollte. Als ich von Nantes abreiſte, ertheilte ich in der Zerſtreuung Befehl, mir mein Gepäcke hierher zu adreſſiren; die erwähnten Kiſten bildeten, wider meine Abſicht, einen Theil dieſer Sendung, und „ „Um ſie nach Nantes durch die Diligence zurückzu⸗ ſchicken, welche durch Pont⸗Brillant kommt, verlangten Sie ein Pferd und einen Wagen, nicht wahr, Herr David?“ fragte die alte Magd. 43 „Ganz richtig, meine liebe Marguerite.“ „Daran iſt André Schuld,“ rief die Magd. „Er ſpricht mir von Koffern, und ich ſage mir: Koffer und Effecten, das iſt vasſelbe; aber, Gott ſei Dank! Sie haben Madame beruhigt, und Sie bleiben, Herr David, denn ſie ganz allein hätte es ſchlimm mit dem armen Herrn Frederik.“ Durch dieſen Austauſch von Erklärungen zwiſchen Marguerite und David völlig beruhigt, kam Madame Ba⸗ ſtien gleichſam gänzlich wieder zu ſich; ſie fühlte nun auf ihrem halb entbloͤſten Buſen eine von ihren langen Haarflechten wogen und dachte an die Unordnung ihrer Kleidung; aber ſie war ſo rein, ſo unſchuldig, und die Mutter hatte bei ihr ſo ſehr den Vorrang vor der Frau, vaß ſie im erſten Augenblick kein Gewicht auf die verſchiedenen Um⸗ ſtände ihrer nächtlichen Zuſammenkunft mit David legte; als aber ihr Inflinct natürlicher Schamhaftigkeit erwachte, fiel es ihr ein, in welche peinliche Verlegenheit ſie die Wahrnehmung hätte ſetzen müſſen, daß ſie ganz allein mit David geweſen, zu dem ſie in ihrem Nachtgewand gelaufen war; ſie begriff auch das ganze Zartgefühl, dem David gehorcht, als er Marguerite gerufen hatte, um eine Er⸗ klärung von ihr zu verlangen, die er von Madame Baſtien hätte erwarten können. Dieſe Betrachtungen ſtellte Marie an, während die Erklärungen zwiſchen David und Marguerite ſtattfanden. Obgleich ſie nicht wußte, wie ſie die Unordnung ihres Kopfputzes und ihres Anzugs gut machen ſollte, ohne von David bemerkt zu werden, obgleich ſie ferner fühlte, daß gerade dieſe Wiederherſtellung der Ordnung gleichſam ein ſtillſchweigendes Geſtändniß einer ärgerlichen, wenn auch entſchuldbaren Unanſtändigkeit war, ſo erſann die junge S doch ein Mittel, wie ſie dieſer Verlegenheit entgehen onnte. Marguerite trug ein großes Halstuch von hochrother Wolle; Madame Baſtien nahm es ihr ſachte und ſtill⸗ ſchweigend von den Schultern, legte es, wie es die Weiber auf dem Lande thun, auf ihren Kopf und kreuzte es ſo, 44 daß ihre flatternden Haare halb verborgen waren, und daß ſie ſich bis an den Gürtel in die langen Falten des Halstuches gehüllt fand. Dies geſchah mit ſolcher Behendigkeit, daß David, ſo zu ſagen, die Veränderung des Coſtume von Marie erſt in dem Augenblick bemerkte, wo dieſe zu ihrer Magd mit liebevoller Vertraulichkeit ſprach: „Meine liebe Marguerite, verzeiht, daß ich Euch Euer Halstuch genommen habe, doch dieſe Nacht iſt eiſig kalt, und es friert mich.“ Hatte David die junge Frau mit ihren aufgelöſten Haaren und ganz weiß gekleidet anbetungswürdig ſchön und rührend gefunden, ſo fand er ſie nun unter dieſem hochrothen Mäntelchen noch ganz anders ſchön, und eben ſo reizend. Nichts konnte beſſer den ſanften Glanz der großen blauen Augen von Marie das Braun ihrer Haare und die roſige Weiße ihrer Haut hervorheben. „Gute Nacht, Herr David,“ ſprach die junge Mutter, „nachdem ich in Verzweiflung bei Ihnen eingetreten bin, gehe ich ruhig weg, da Sie mir ſagten, morgen ſoll ein Tag entſcheidender Prüfung für Frederik. . . und vielleicht ein ſehr glücklicher Tag für uns ſein.“ „Ja, Madame, ich habe gute Hoffnung, und wenn Sie mir erlauben, werde ich Sie morgen früh, ehe ich Frederik ſehe, im Studirzimmer beſuchen.“ „Ich werde Sie dort erwarten, Herr David, und zwar mit großer Ungeduld. Gott wolle, daß Sie Ihre Vorherſagungen nicht täuſchen. Abermals gute Nacht, Herr David . Kommt, Marguerite.“ Die junge Frau hatte längſt das Zimmer von David verlaſſen, als dieſer, unbeweglich auf derſelben Stelle, ſie zu ſehen glaubte, mit einem wollüſtigen Beben noch ſah, die bezaubernde, von den Falten des Halstuchs be⸗ ſchützte Geſtalt.. . 4⁵ ünftes Rupitel. Am andern Morgen um acht Uhr erwartete David Madame Baſtien im Studirzimmer, und ſie kam bald dahin. „Guten Morgen, Madame,“ ſagte der Lehrer. „Nun, wie ſteht es mit Frederik?“ „In der That, Herr David, ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder bange haben ſoll, denn es iſt in der vergangenen Nacht etwas Seltſames vorgefallen.“ „Was denn, Madame.“ „Gelähmt durch die Erſchütterung von geſtern Abend, verſank ich in jenen tiefen, ſchweren Schlaf, der uns ſelbſt beim Erwachen noch einige Augenblicke in einer feſſelnden Erſtarrung läßt, ſo daß wir kaum das Bewußtſein deſſen, was um uns vorgeht, haben. Plötzlich kam es mir vor, als ob ich, ich weiß nicht durch welche Urſache halb er⸗ weckt, beim Scheine meiner Lampe Frederik über mein Bett geneigt erblickte er ſchaute mich weinend an und ſagte: Gott befohlen, meine Mutter, lebe wohl! Ich wollte mit ihm reden, eine Bewegung machen; aber die Erſtarrung, gegen die ich kämpfte, hin⸗ derte mich einige Momente. Endlich nach einer letzten Anſtrengung melnes Willens erwachte ich gänzlich Frederik war verſchwunden .. Noch ganz betäubt, fragte ich mich, ob dieſe Erſcheinung ein Traum oder eine Wirk⸗ lichkeit geweſen ſei. Nachdem ich einige Secunden gezögert hatte, ging ich zu meinem Sohn. Er ſchlief oder ſtellte ſich, als ſchliefe er tief. Im Zweifel wollte ich ihn nicht aufwecken. Das arme Rind ſchläft jetzt ſo wenig!“ „Und haben Sie dieſen Morgen von dem Vorfall der vergangenen Nacht mit ihm geſprochen?“ „Ja, aber er ſah über das, was ich ihm ſagte, ſo aufrichtig erſtaunt aus, er verſicherte mich auf eine ſo . 46 natürliche Art, er habe ſein Zimmer nicht verlaſſen, daß ich nicht mehr weiß, was ich denken ſoll . . . Bin ich durch eine Illuſion bethört worden? Habe ich in meiner beſtändigen Beſorgniß für Frederik einen Traum für eine Wirklichkeit gehalten? das kann ſein . . Doch es iſt mir, als ſähe ich noch das Geſicht meines Frederiks in Thränen gebadet vor mir, als hörte ich noch ſeine gepreßte Stimme zu mir ſagen: Gott befohlen, meine Mutter, lebe wohl! Aber verzeihen Sie,“ ſprach Madame Baſtien mit bebender Stimme, während ſie ihr Sacktuch an ihre Augen drückte, „ſchon die Erinnerung an das Wort: Lebe wohl! thut mir wehe warum dieſer Abſchied? wohin will er gehen? Traum oder Wirklichkeit, dieſes Wort beunruhigt mich unwillkührlich.“ „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte David, nachdem er Madame Baſtien aufmerkſam angehört hatte, „ich glaube wie Sie, daß die Erſcheinung von Frederik eine durch die beſtändige Spannung Ihres Geiſtes hervorge⸗ brachte Illuſion geweſen iſt. Tauſend Beiſpiele beweiſen die Möglichkeit eines ſolchen Traumgeſichts.“ „Aber das Wort: Lebe wohl! ah! ich kann Ihnen nicht ſagen, wie es mir das Herz zuſammenſchnürte, welche ſchwarze Rhnung es in mir zurückgelaſſen hat.“ „Ich bitte, Madame, legen Sie keinen Werth auf einen Traum ich ſage Traum, weil es ſchwer iſt, die Wirklichkeit dieſes Vorfalles zuzugeben; warum ſollte Frederik weinend an Ihr Bett getreten ſein und, während Sie ſchliefen, von Ihnen Abſchied genommen haben? Wie ſoll er daran denken, Sie zu verlaſſen? wohin kann er gehen, nun, da unſere doppelte Wachſamkeit jeden ſeiner Schritte zählt?“ „Es iſt wahr, Herr David, und dennoch ... „Ich bitte, beruhigen Sie ſich, Madame übri⸗ gens ſagten Sie mir, wie ich glaube abgeſehen von dieſem Vorfall, Sie wüßten nicht, ob Sie ſich freuen oder bange haben ſollten. . . dies aus welchem Grund?“ „Dieſen Morgen ſchien mir Frederik ruhig, beinahe 47 zufrieden; er hatte nicht mehr das niedergeſchlagene Weſen; er lächelte, küßte mich wie früher mit einem zärtlichen Erguß, ſflehte mich an, ihm den Kummer zu verzeihen, den er mir verurſacht habe, und verſprach mir, Alles in der Welt zu thun, um mich das vergeſſen zu machen. Indem ich mit Ihren ſo beruhigenden Worten von geſtern dieſe von Seiten meines Sohnes ſo neue Sprache und die Zufriedenheit, die ich in ſeinen Zügen las, zuſammenſtellte, hätte ich mich glücklich, ſehr glücklich fühlen müſſen.“ „In der That, Madame, und warum laſſen Sie ſich beunruhigen? Dieſer plötzliche Umſchlag, der wunderbar mit meinen Hoffnungen, mit meinen Plänen zuſammentrifft, muß im Gegentheil . . . David wurde durch den Eintritt von Frederik unter⸗ brochen. Immer noch bleich, aber. die Stirne heiter, ging dieſer mit einer offenen Miene auf ſeinen Lehrer zu und ſprach mit einer Miſchung von Ehrfurcht und Herzlichkeit: „Herr David, ich habe Sie um Nachſicht und Ver⸗ gebung für einen halb verrückten jungen Menſchen zu bitten, der Ihnen bei Ihrer Ankunft hier Worte ſagte, über die er erröthet wärc, wenn er das Bewußtſein ſeiner Ideen und Handlungen gehabt hätte . . Seit jener Zeit hat ſich der arme Junge minder grob gezeigt, aber er iſt unempfindlich geblieben, den tauſend Beweiſen von Güte gegenüber, mit denen Sie ihn überhäuft haben. All dieſes Unrecht bereut er.. Werben Sie ihm verzeihen?“ „Von ganzem Herzen, mein braves Kind,“ erwiederte David, einen Blick des Erſtaunens und des Glückes mit Madame Baſtien wechſelnd. „Ich danke, Herr David,“ ſagte Frederik, der tief bewegt ſeinem Lehrer die Hände drückte; „ich danke für meine Mutter und für mich.“ „Ach! mein Kind,“ rief Madame Baſtien, „ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich Du mich machſt . unſere ſchlimmen Tage find vorüber.“ „Ja, meine Mutter, und ich werde Dir keinen Kummer mehr verurſachen, das ſchwöre ich Dir.“ 48 „Mein lieber Frederik,“ ſagte David lächelnd, „Sie wiſſen, daß ich kein Lehrer bin, wie ein Anderer . und daß ich es liebe, die Felder zum Studirzimmer zu nehmen. Das Wetter iſt ſchön dieſen Morgen, . . . wollen wir mit einander ausgehen?“ Frederik bebte unmerklich, doch er antwortete alsbald: „Ich bin zu Ihren Befehlen, Herr David.“ Dann wandte ſich der junge Mann gegen ſeine Mutter um, küßte ſie und ſprach: „Gott befohlen, Mutter.“ Es läßt ſich nicht ſchilvern, was Madame Baſtien empfand, als ſie die Worte; Gott befohlen, hörte, dieſe Worte, welche in der vorhergehenden Nacht, war es nun Illufivn oder Wirklichkeit, in ihrem Herzen wie eine unſelige Ahnung wiedergeklungen hatten. Marie glaubte auch zu bemerken, daß ihr Sohn dies⸗ mal ſeine Küſſe, ſo zu ſagen, länger als gewöhnlich dauern ließ, und daß ſeine Hand, die ſie in der ihrigen hielt, bebte. Die Gemüthsbewegung der jungen Frau war ſo leb⸗ haft, daß ihr Antlitz furchtbar bleich wurde, und daß ſie mit dem Ton des Schreckens ausrief: „Mein Gott! Frederik, wohin gehſt Du 7* David hatte Madame Baſtien nicht mit den Augen verlaſſen; er errieth Alles und ſagte zu ihr mit der aller⸗ natürlichſten Miene der Welt, obgleich er auf gewiſſe Worte abſichtlich einen Nachdruck legte „Ei! Madame, Frederik ſagt Ihnen Gottb efohlen, weil er mit mir ſpazieren geht.“ „Gewiß, Mutter,“ ſagte der junge Mann, betroffen über die Aufregung von Madame Baſtien, während er verſtohlen einen unruhigen und durchdringenden Blick auf ſeine Mutter warf. David gewahrte dieſen Blick, doch er machte Ma⸗ dame Baſtien ein ausdrucksvolles Zeichen, das zu be ſagen ſchien: „Was haben Sie zu befürchten? Bin ich nicht da?“ 49 „Es iſt wahr . meine Angſt iſt toll,“ dachte Ma⸗ dame Baſtien; iſt nicht Herr David mit Frederif?“ Dies Alles ereignete ſich in weniger Zeit, als es braucht, um es niederzuſchreiben; der Lehrer nahm Frederik unter den Arm und ſagte lächelnd zu Madame Baſtien: „Es iſt wahrſcheinlich, Madame, daß unſere Lection im freien Feld bis zum Frühſtück dauern wird . Sie ſehen, doß ich gegen meinen Zögling unbarmherzig bin ... ich werde ihn ganz abgetrieben von Müvigkeit zurück⸗ bringen . Madame Baſtien öffnete die Glasthüre, welche vom Studirzimmer in's Freie führte, und David und Frederik gingen hinaus. Der Jüngling vermied es, noch elnmal vem Blick ſeiner Mutter zu begegnen. Lange blieb die junge Frau“ träumeriſch und traurig, die Augen auf den Weg geheftet, den ihr Sohn und David eingeſchlagen hatien, auf der Thürſchwelle. „Ich überlaſſe Ihnen die Wahl für unſern Spazier⸗ gang,“ hatte David geſagt, als ſie am Saum des Eichenwäldchens waren. „Oh! mein Gott, Herr David, mir iſt das gleich⸗ gültig,“ erwiederte Frederik ganz einfach; „doch da Sie mir die Wahl laſſen, ſo will ich Sie nach einer Seite führen, die Sie vielleicht nicht kennen, . ſehen Sie nach jener Gruppe von Tannen, die Sie vort oben auf dem Gipfel des Hügels erblicken.“ „In der That, mein Kind, auf dieſer Seite bin ch noch nicht geweſen, ſagte David. Und er wandte ſich mit ſeinem Zöglinge nach dem von dieſem angegebenen Ziel des Spaziergangs. Immer mehr erſtaunt über das ſeltſame Zuſammen⸗ treffen ſeiner Hoffnungen mit dem plötzlichen Umſchlag, der ſich bei dem Sohn von Madame Baſtien kundzugeben ſchien, beobachtete David dieſen aufmerkſam und bemerkte, daß er ſeine Augen beinahe beſtändig niedegeſchagen hielt, Die ſieben Todfünden. I. Abth. 2r Bd. * 50 obgleich er, mit einer faſt unwillkührlichen Bewegung, während er durch das Wäldchen ging, den Kopf umdrehte, um ſeine Mutter anzuſchauen, ſo lange er ſie in der Ferne durch die Lichtungen der großen Bäume auf der Schwelle ſtehen ſehen konnte. Nach einigen Minuten prüfender Beobachtung, erkannte David, daß die Reue von Frederik geheuchelt war: ſobald er ſeine Mutter aus den Augen verlor, wurde der junge Mann, der übrigens ſich lange zu bezwingen unfähig war, ſichtbar wieder betrübt und kummervoll ſein Geſicht zog ſich von Zeit zu Zeit zuſammen und nahm, wenn man ſo ſagen darf, einen Ausdruck ſchmerzlicher Heiterkeit an, der David beunruhigte. Um Madame Baſtien nicht zu er⸗ ſchrecken, hatte er ſich in der That bemüht, ſie zu überreden, die Erſcheinung von Frederik in der vergangenen Nacht ſei nur ein Traum geweſen .. David dachte aber nicht ſo; er betrachtete als eine Wirklichkeit den nächtlichen Ab⸗ ſchied von Frederik von ſeiner entſchlummerten Mutter; dieſer Umſtand machte ihn nebſt dem, was er genau bev⸗ bachtete, ubefürchten, die plötzliche Veränderung ſeines Zöglings ſei nur Verſtellung und verberge einen unſeligen Entſchluß. „Doch zum Glück bin ich da,“ dachte David. Als ſie das Wäldchen verließen, wählte Frederik einen mit Gras bewachſenen Weg durch Brachfelder, der den Wald von Pont⸗Brillant rechts ließ und ſich nach dem Kamm eines Hügels wandte, auf deſſen Gipfel man fünf bis ſechs große, einzeln ſtehende Tannen erblickte. „Mein liebes Kind,“ ſagte David nach einigen Augen⸗ blicken, „die Worte voll erfreulichen Vertrauens, die Sie dieſen Morgen an mich gerichtet haben, machen mich um ſo glücklicher, als ſie nicht geeigneter kommen konnten.“ „Warum dies, Herr David?“ „Weil ich, ſtark durch das Vertrauen und die Zunei⸗ gung, die ich Ihnen bis jetzt einzuflößen bemüht war, mit Ihnen eine Aufgabe werde unternehmen können, welche von Anfang ſchwierig erſcheint.“ N 3 51 „Und was für eine Aufgabe iſt dies?“ „Sie ſo glücklich zu machen, als Sie es früher waren.“ „Mich 1“ rief Frederik unwillkührlich. „Id. „Ich bin aber nicht mehr unglücklich,“ entgegnete Fre⸗ derik ſich bezwingend. „ich habe es meiner Mutter dieſen Morgen geſagt .. Die Unbehaglichkeit, die ich empfand und die meinen Charakter erbitterte, hat ſich plötzlich ver⸗ loren Herr Dufour äußerte auch gegen meine Mutter, dies würde ſo endigen.“ „Wahrhaftig, mein Kind, Sie ſind nicht mehr un⸗ glücklich? Ihr Kummer hat aufgehört? Sie haben ein freies, zufriedenes, freudiges Herz, wie einſt?“ „Mein Herr ..5 „Ach, mein lieber Frederik, die Geradheit Ihres Herzens verhindert Sie, lange die Wahrheit zu verbergen. Ja, was Sie auch dieſen Morgen Ihrer Mutter ſagten, um ſie zu beruhigen, Sie leiden noch zu dieſer Stunde Sie leiden eben ſo ſehr und vielleicht noch mehr, als früher.“ Das Geſicht von Frederik verdüſterte ſich . der Scharffinn von David ſchlug ihn nieder, und um ſeine Blicke zu vermeiden, ſchaute er zu Boden. i David beobachtete ihn aufmerkſam und fuhr dann ort: „Ihr Stillſchweigen ſogar, mein liebes Kind, beweiſt mir, daß die Aufgabe, Sie glücklich zu machen, wie einſt, die ich mir ſtelle, zu vollbringen iſt; Sie werden ſich ohne Zweifel darüber wundern, daß ich es nicht früher zu unternehmen verſucht habe . . . Der Grund hievon iſt einfach ich wollte nichts ohne eine völlige Gewißheit verſuchen und geſtern erſt hat ſich meine Ueberzeugung in Betreff der Urſache des Uebels, das Sie niederbeugt, das Sie tödtet, feſtgeſtellt.. Dieſe Urſache, ich kenne ſie.“ Frederik bebte vor Angſt. Dieſe Angſt, gémiſcht mit 52 Erſtaunen, drückte ſich in den Blick aus, den er unwill⸗ kührlich auf David warf. Sogleich aber bereute es der junge Mann, daß er ſeinen Eindruck verrathen hatte, und verſank wieder in ein düſteres Stillſchweigen. „Was ich Ihnen geſagt habe, ſetzt Sie in Erſtaunen, mein Kind, das muß ſo ſein,“ fuhr David fort; „aber,“ fügte er im Ton zärtlichen Vorwurfs bei, „aber warum erſchrecken Sie über meine Scharfſichtigkeit? Mußte unſer Freund, der Doctor Dufour, als er Sie von einer beinahe tödtlichen Krankheit heilte, um das Uebel ſicher zu bekämpfen, nicht auch die Urſache davon kennen?“ Frederik antwortete nicht. Seit einigen Minuten und je näher man dem Gipfel des Hügels kam, wo man einige zerſtreute Tannen erblickte, warf der Sohn von Madame Baſtien von Zeit zu Zeit einen ſchiefen, unruhigen Blick auf ſeinen Gefährten. Er ſchien zu befürchten, ein Vorhaben, auf deſſen Aus⸗ führung er ſann, ſeitdem er das Haus ſeiner Mutter verlaſſen, könnte ſcheitern. In dem Augenblick, wo er zu ſprechen aufhorte, be⸗ merkte David, daß ſich der auf den Kamm des Hügels zulaufende Weg in einen ſchmalen, an den Tannen vorbei⸗ führenden Fußpfad verwandelte, und daß Frederik mit einer Bewegung ſcheinbarer Ehrfurcht ſtehen blieb, als wollte er nicht den Vortritt vor ſeinen Lehrer haben. David legte kein Gewicht auf dieſen an und für ſich ſo natürlichen und unbedeutenden Umſtand und ging voraus. Nach einigen Augenblicken kam es ihm vor, als hörte er Frederik nicht mehr hinter ſich gehen .. Er wandte ſich um. Der Sohn von Madame Baſtien war verſchwunden. — 53 Sechstes Kapitel. David ſchaute ganz erſtaunt umher. Zu ſeiner Rechten dehnten ſich die Brachfelder aus, durch welche ſich der Weg ſchlängelte, dem er mit Frederik gefolgt war, um auf den Kamm des Hügels zu gelangen; aber nun erſt, als er einige Schritte links machte, bemerkte er, daß auf dieſer Seite das Terrain in einer Länge von drei bis vierhundert Fuß beinahe ſenkrecht abwärts lief und ein großes Gehölze überragte, deſſen Gipfel die Höhe des Abſturzes nur bis zum dritten Theil erreichten. Von dem Culminationspunkt, auf dem er ſich befand, verſicherte ſich David, der die Ebene bis fern hinaus überſchaute, daß Frederik weder zu ſeiner Rechten, noch vorne, noch hinter ihm war; er hatte alſo ſo raſch nur durch den Abſturz links verſchwinden können. Die Angſt von David war ſchrecklich bei dem Ge⸗ danken an die Verzweiflung von Madame Baſtien, wenn er allein zu ihr zurückkommen würde. Doch dieſe unthätige Beſtürzung dauerte nicht lang; ein Mann von einer bei ſeinen gefahrvollen Reiſen oft erprobten Kaltblütigkeit und Entſchiedenheit, hatte er jene Schnelligkeit des Entſchluſſes erlangt, welche bei äußerſten Jällen die einzige Chance der Rettung bietet. In einer Secunde hatte Frederik folgende Betrachtung angeſtellt, wohei er, ſo zu ſagen, gleichzeitig dachte und handelte: „Freberik konnte nur auf der Seite der Abdachung entweichen, er hat ſich nicht hinabgeſtürzt, denn ich müßte das Geräuſch gehoͤrt haben, das ſein Körper hinabfallend und die Aeſte der großen Bäume hier unter mir zer⸗ brechend gemacht hätte! Er iſt alſo an einem ihm bekannten Ort hinabgeſtiegen; der Boden iſt kothig, ich muß folglich 51 die Spur ſeiner Tritte finden; wohin er gegangen iſt, dahin werde ich auch gehen, er hat nur fünf Minuten vor mir voraus.“ David hatte Wanderungen zu Fuß mit einem India⸗ nerſtamm in Nord⸗Amerika gemacht und mehr als einmal hatte er, in den Urwäldern der neuen Welt vom großen Haufen getrennt, von den Indianern, bei denen er geblieben war, durch Beobachtung von ſeltenem Scharffinn ihre Gefährten wieder auffinden gelernt. Als er zu der Stelle zurückkam, wo er das Verſchwinden von Frederik bemerkt hatte, ſah David in einer Länge von ungefähr dreißig Fuß keine andere Eindrücke, als die von ſeinen eigenen Tritten, bald aber erkannte er die von Frederik, welche ſich plötzlich drehten und nach dem Rand des Abſturzes wandten, an dem ſie ein wenig hinliefen, wonach ſie verſchwanden. 2 David ſchaute binab. Ungefähr fünfzehn Fuß unter ihm ſtreckte der Gipfel einer Ulme ſeine ungeheuren Aeſte ſo weit aus, daß er die Seite des jähen Abhangs berührte; zwiſchen dieſem äſtigen Gipfel und der Stelle, wo er ſich befand, bemerkte David ein dichtes Geſträuch von Ginſter, zu dem man gelangen konnte, wenn man ſich durch einen ziemlich breiten, im thonigen Boden geöffneten Bruch hinabgleiten ließ; auch hier ſah man ganz friſche Eindrücke. „Frederik iſt zu dieſem Geſträuche gelangt,“ ſagte David, der mit eben ſo viel Gewandtheit, als Behendigkeit denſelben Weg einſchlug, „und dann wird er, ſich mit den Händen anhängend, haben mit den Füßen einen von den großen Aeſten des Gipfels der Ulme erreichen und von Zui zu Zweig bis zum Fuß des Baumes hinabſteigen önnen.“ Bei David begleitete die That immer den Gedanken: in wenigen Augenblicken ließ er ſich bis zum Gipfel der ulme hinabgleiten; einige friſch gebrochene Zweige und das Abſchälen der Rinde an den Stellen, wo Frederik 55 ſeine Füße aufgeſetzt hatte, deuteten an, daß dieſer hier geweſen. Als David behende bis unten an die Ulme hinabge⸗ ſtiegen war, machte eine dicke Lage durch den Herbſt abgelöſter und auf dem Boden aufgehäufter Blätter die Erforſchung des Marſches von Frederik ſchwieriger; aber der leichte Niederdruck des Blätterwerks, der Bruch oder die Verſchiebung des an dem Ort, wo er durchge⸗ kommen, ſehr dichten Buſchholzes dienten von David ſorgfältig beobachtet dazu, ihn durch einen weiten Umkreis zu leiten. Als er hinaus kam, war er betroffen von einem dumpfen, nicht weit entfernten, aber furchtbaren Geräuſch, das er wegen des Raſchelns und Krachens der dürren Blätter und der Aeſte nicht hatte hören können. Dieſes furchtbare Geräuſch war das des großen Waſſers. Das geübte Ohr von David ließ ihm in dieſer Hinſicht keinen Zweifel. Ein furchtbarer Gedanke regte ſich in ihm, aber einen Augenblick durch den Schrecken gehemmt, erhielten ſeine Thätigkeit, ſeine Entſchloſſenheit bald einen neuen Impuls; das Gehölze, aus dem er heraustrat, lief auf eine gekrümmte Allee zu, deren feuchter Boden ziemlich lang die Spur der Tritte von Frederik bot.. David folgte ihr in großer Haſt, denn am Zwiſchenraum und am Abſtand der Eindrücke erkannte er, daß der junge Mann hier gelaufen war. Als aber bald ein wegen ſeiner höheren Lage trockener Sandboden auf den feuchten Boden des tiefen Grundes folgte, verſchwand jede Spur von Tritten. David befand ſich nun auf einem Kreuzweg, von wo aus er immer deutlicher das Rauſchen der Loire hörte, deren ſeit wenigen Tagen bedeutend angeſchwollenes Gewäſſer furchtbar toſte und brauſte. Nach dem Fluß laufen, durch ſein Rauſchen geleitet, da er unmöglich länger der Spur von Frederik folgen konnte, dies war der Entſchluß von David, deſſen Angſt 56 ſich verdoppelte bei der Erinnerung an den Abſchied, den ſein Zögling in der Nacht von ſeiner entſchlummerten Mutter genommen hatte. Die Gefahr war am Ufer der Loire; dahin wandte ſich David in aller Eile durch die Bäume, wobei er ſich nach dem Geräuſch des Flußes orientirte. Nach Verlauf von zehn Minuten kam er auf einen Wiesgrund, der vom Damm des Stromes begrenzt war; dieſen Damm erſtieg David mit einigen Sprüngen. Zu ſeinen Füßen ſah er eine ungeheure, gelbliche, ſchäumende Waſſermaſſe, deren Wellen ſich toſend am Ufer brachen. David, der von ſeinem haſtigen Lauf keichte, erblickte nichts, ſo weit ſein Auge reichte. Nichts, als das in den Nebel getauchte entgegengeſetzte Ufer des Flußes. Nichts als einen grauen, düſtern Himmel, von dem bald ein Schlagregen herabſtrömte. Nichts als den ſchlammigen Strom, der wie ein ent⸗ fernter Donner hallte und gegen Weſten eine große Bie⸗ gung bildete, über der ſich die Baumgruppen des Waldes von Pont⸗Brillant, beherrſcht von ſeinem ungeheuren Schloß, ſtufenweiſe erhoben. Zur Unthätigkeit gezwungen, fühlte David, wie ſich ſeine ſtarke, muthige Seele unter dem Gewicht einer großen Verzweiflung bog. Gegen dieſe Verzweiflung ſuchte er, obgleich vergebens, zu kämpfen, indem er ſich ſagte, Frederik habe ſich viel⸗ leicht nicht zum Gräßlichſten entſchloſſen. Er ging ſo weit, daß er das plotzliche Verſchwinden von Frederik einem Schülerſtreich zuſchrieb. Ach! dieſe Selbfitäuſchung behielt David nicht lange ein Stoß des Windes, der mit aller Heftig⸗ keit in der Richtung des Stromes wehte, brachte beinahe zu den Füßen von David, indem er ſie auf dem ſandigen ufer rollen und wirbeln ließ, eine Mütze von blauem —— 57 Tuch, umgeben von einem ſchmalen ſchottiſchen Streifen, welche Frederik an demſelben Morgen trug. „Unglückliches Kind,“ rief DBavid, die Augen voll Thränen, „und ſeine Mutter . . . ſeine Mutter . Oh! das iſt ſchrecklich!“ Plötzlich kam es ihm vor, als hörte er, das Rauſchen des Waſſers übertönend und vom Wind herbeigetragen, einen lange gedehnten Nothſchrei. David ſtieg dem Wind entgegen, der ihm dieſen Schrei zubrachte, den Damm hinauf und lief aus Leibeskräften in dieſer Richtung. Plötzlich blieb er ſtehen. Mit herzzereißendem Ton ausgerufen, waren zu ſeinen Ohren die Worte gedrungen: „Meine Mutter! . oh! meine Mutter!“ Hundert Schritte vor ſich erblickte David beinahe zu gleicher Zeit mitten im raſch hinrollenden Gewäſſer den Kopf von Frederik leichenbleich, ſchauerlich! ſeine langen Haare an ſeine Schläfe geklebt, ſeine Augen gräßlich er⸗ weitert, während ſich ſeine Arme mit einer letzten Anſtren⸗ gung krampfaft über dem Schlund bewegten. Dann ſah der Lehrer nichts mehr, als ein ſtärkeres Brudeln, wo er den Körper erblickt hatte. Ein Strahl der Hoffnung erleuchtete nun das männ⸗ liche Antlitz von David, aber die ungeheure, mit blinder Haſt drohende Gefahr fühlend, denn er bedurfte aller ſei⸗ ner Kräfte und, wenn man ſo ſagen darf, ſeiner gän⸗ zen Bequemlichkeit, um Frederik zu retten und nicht ſelbſt unterzugehen, hatte er die unglaubliche Kalt⸗ blütigkeit, nachdem er ſeinen Rock und ſeine Weſte von ſich geworfen, ſeine Halsbinde abzulegen und ſich ſeiner Fußbekleidung und ſogar ſeiner Hoſenträger zu entledigen. Dies Alles wurde mit einer Art von ruhiger Ge⸗ ſchwindigkeit ausgeführt, welche David, während er ſeine Kleider auszog, mit aufmerkſamem Auge dem Laufe des Flußes zu folgen und kalt zu berechnen geſtaitete, daß 58 Frederik von der Strömung herbeigeführt nur noch unge⸗ fähr fünfzig Schritte entfernt ſein müſſe. David rechnete richtig. Er ſah bald in geringer Entfernung und mitten im Fluß einen Augenblick das lange Haar von Frederik vom Waſſer gehoben, ſo wie die Schöße ſeiner Jacke ſchwimmen. Dann verſchwand wieder Alles. Der Augenblick war gekommen. Mit feſtem, ſicherem Blick maß David die Entfer⸗ nung, warf ſich in den Fluß und begann in gerader Rich⸗ tung nach dem entgegengeſetzten Ufer zu ſchwimmen, wo⸗ bei er mit Recht bedachte daß er, wenn er den Fluß, dem Abfall Rechnung tragend, quer durchſchnitt, in die Mitte der Loire kurze Zeit, ehe der Strom den Körper von Fre⸗ derik dahin bringen würde, kommen mußte. David täuſchte ſich in ſeinen Vorherſehungen nicht; er hatte die Mitte des Flußes durchſchwommen, als er zu ſeiner Linken, zwiſchen zwei Waſſern herabgleitend, den Körper des Sohnes von Madame Baſtien, jeder Bewe⸗ gung beraubt, erblickte. Raſch faßte er Frederik mit einer Hand bei ſeinem langen Haar, während er mit der andern ſchwamm, und ſo erreichte er, indem er ſich voll Angſt fragte, ob er nicht * eine Leiche rette, nach ungeheurer Anſtrengung das er. Kräftig und behende nahm er den jungen Mann in ſelne Arme und legte ihn auf die mit Raſen bewachſene Rückſeite des Dammes, ungefähr hundert Schritte von der Stelle, wo er ſeine Kleider gelaſſen hatte. Dann kniete David zu Frederik nieder und hielt ihm die Hand auf das Herz es ſchlug nicht mehr. . ſeine Außenglieder wären ſtarr, eiskalt. ſeine bläuli⸗ chen, krampfhaft an einander gepreßten Lippen ließen keinen Athem mehr entſtröͤmen. Ganz erſchrocken, hob David vas halbgeſchloßene Augenlid des Jünglings auf, und er erblickte ein unbe⸗ wegliches, trübes, glaſiges Auge. 59 „Der Regen fiel fortwährend in Strömen auf den lebloſen Körper herab. David konnte ſich des Schluchzens nicht erwehren. Auf dieſem öden, einſamen Ufer war keine Hülfe zu erwarten, und es hätte eines mächtigen, augenblicklichen Beiſtandes bedurft, ſelbſt wenn noch ein Lebensfunke in Frederik vorhanden geweſen wäre. David ſchaute mit verzweifelten Blicken umher, als er in geringer Entfernung eine dicke Rauchſäule ſich er⸗ heben ſah. Ein vorſpringender Winkel des Dammes ver⸗ barg ihm ein ohne Zweifel bewohntes Gebäude. Raſch entſchloß ſich David, nahm Frederik wieder in ſeine Arme und eilte, trotz dieſer Laſt, nach der verbor⸗ genen Wohnung. . . Sobald es die Beſchaffenheit des Terrain erlaubte, erblickte er in geringer Entfernung eine von jenen Ziegelhütten, welche ziemlich zahlreich an den Ufern der Loire bemerkbar ſind, wo die Ziegelbrenner Thon, den Sand, das Waſſer und das Holz vereinigt nden. David, den ſeine Reiſeerinnerungen unterſtützten, fiel es ein, daß er an den Ufern der großen Seen wohnende Indianer oft ihre halb ertrunkenen Gefährten dadurch hatte zum Leben zurückrufen ſehen, daß ſie bei ihnen die Wärme und den Kreislauf des Blutes mittelſt breiter heißer Steine zurückbrachten, auf die man den Sterben⸗ enlegie während man ſeine Glieder thätig mit Spiritus einrieb. Die Ziegelbrenner beeilten ſich, David Hülfe zu lei⸗ ſten; in eine dicke Decke gewickelt, wurde Frederik auf einem Lager von leicht erwärmten Backſteinen ausge⸗ ſtreckt und ſo der durchdringenden Wärme ausgeſetzt, welche aus der Mündung des Ofens hervorſtrömte; eine Flaſche Branntwein, die der Mecſter der Ziegelbrennerei zu dieſem Behufe anbot, diente zu den Frictionen. Ziem⸗ lich lange zweifelte David am Erfolg der Bemühungen . Einige leichte Symptome der Empfindung machten jedoch ſein Herz nach einiger Zeit vor Freude und Hoffnung ſpringen. 60 Als Frederik eine Stunde, nachdem er in die Ziegel⸗ hütte gebracht worden, wieder völlig zu ſich kam, war er noch ſo ſchwach, daß er kein Wort reden konnte, obgleich ſich ſeine Blicke wiederholt mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdruck von Rührung und Dankbarkeit auf David hefteten. Der Lehrer und der Schüler befanden ſich in der beſcheidenen Stube des Herrn der Ziegelbrennerei; dieſer hatte ſich mit ſeinen Arbeitern auf den Damm begeben, um das Niveau des Flußes zu beobachten, das ſeit vielen Jähren keine ſolche Höhe erreicht hatte; ohne gerade eine Ueberſchwemmung zu weiſſagen, flößte doch der Stand der Loire eine lebhafte Unruhe den Uferbewohnern ein, welche ſein Gewäſſer noch mehr zunehmen zu ſehen be⸗ fürchteten. David hatte Frederik ein warmes, ſtärkendes Getränke gereicht, als dieſer mit ſchwacher, bewegter Stimme zu ihm ſagte: „Herr David, Ihnen werde ich das Glück, meine Mutter wiederzuſehen, verdanken.“ „Ja, Sie werden ſie wiederſehen, mein Kind,“ er⸗ wiederte der Lehrer, indem er dem Sohn von Madame Baſtien die Hände drückte, „aber warum haben Sie nicht bedacht, daß Sie ſich ſelbſt tödtend Ihre Mutter tödteten?“ „Ich habe es bedacht, aber zu ſpät . .. Da ſühlte ich mich verloren und rief: meine Mutter! . . . wie ich um Hülfe gerufen hätte.“ „Zum Glück habe ich dieſen äußerſten Schrei gehört, mein armes Kind ... doch zu dieſer Stunde, da Sie nun ruhig ſind, beſchwore ich Sie. ſagen Sie mir . Dann ſich unterbrechend, fügte David bei: „Nun, nach dem, was vorgefallen iſt, habe ich nicht mehr das Recht, Sie zu befragen . . . ich werde ein Bekenntniß abwarten, das ich nur Ihrem Vertrauen zu verdanken haben will.“ Frederik fühlte die Zartheit von David, denn offen⸗ 61 bar wollte dieſer den Einfluß, den ihm ſein geleiſteter Dienſt gab, nicht mißbrauchen; um die Geſländniſſe des Sohnes von Madame Baſtien zu erzwingen. Frederik aber erwiederte, Thränen in den Augen: „Herr David, das Leben war mir zur Laſt ich urtheilte über die Zukunft nach der Vergangenheit und wollte ein Ende machen. In dieſer Nacht aber, in dem Augenblick, wo ich, während meine Mutter ſchlief, ihr Lebewohl ſagte, brach mein Herz . . . ich dachte an den Schmerz, den ich ihr, wenn ich mich tödtete, verurſachen würde, und zögerte einen Augenblick, doch ich ſagte zu mir: „„Mein Leben wird meine Mutter vielleicht mehr Thränen koſten, als mein Tod,““ und ſo entſchloß ich mich, zu endigen. Heute Morgen bat ich ſie, mir den Kummer zu verzeihen, den ich ihr verurſacht .. Ich bat auch Sie, mir das Unrecht zu vergeben, das ich Ih⸗ nen angethan, Herr David ich wollte keines Men⸗ ſchen Groll mit mir nehmen „ Um jeden Verdacht zu beſeitigen, heuchelte ich ein ruhiges Aeußeres, überzeugt, ich würde im Verlaufe des Tags Ihrer Beauffichtigung und der meiner Mutter entkommen. Ihr Vorſchlag, die⸗ ſen Morgen auszugehen, unterſtützte mich in meinem Plan. Ich kannte die Gegend und lenkte unſern Spaziergang nach einem Ort, wo ich Ihnen und Ihrer Hülfe zu ent⸗ gehen mich ſicher glaubte, denn ich weiß nicht, wie es S moglich geweſen iſt, meine Spur aufzufinden, Herr avid.“ „Ich werde Ihnen das erzählen, doch fahren Sie fort.“ „Mein haſtiges Laufen, das Brauſen und Toſen des Windes und des Waſſers berauſchten mich gleichſam .. Dann ſah ich es am Horizont ſich wie eine Erſcheinung vor mir erheben . .. Frederik, deſſen Wangen bei dieſen Worten eine leichte Röthe bedeckte, vollendete aber nicht. David vervollſtändigte den Satz in ſeinem Geiſt und ſagte zu ſich ſelbſt: „Dieſes unglückliche Kind hat in dem verzweifelten 62 Augenblick, aus der Ferne den Fluß beherrſchend, das Schloß Pont⸗Brillant geſehen. F fuhr, nachdem er einen Augenblick geſchwie⸗ gen, fort: „Ich ſagte Ihnen, Herr David, ich war wie berauſcht, wie verrückt. Denn ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle des Fluſſes ich mich hineingeſtürzt habe . die Kaͤlte des Waſſers packte mich. . . ich fühlte mich ſter⸗ ben. dann bekam ich bange . . . Meine Mutter ſiel mir wieder ein . . . es kam mir vor, als ſähe ich ſie wie in einem Traume ſich auf meinen Koͤrper werfen, und ich wollte nicht mehr ſterben ich rief: meine Mutter . meine Mutter und verſuchte es, mich zu retten, denn ich kann gut ſchwimmen . aber die Kälte hatte mich erſtarren gemacht .. und ich be⸗ merkte, daß ich in die Tiefe ſank . . Als ich den Fluß über meinem Kopf brauſen hörte, brachte mich eine ver⸗ zweifelte Anſtrengung einen Augenblick auf die Oberfläche des Waſſers zurück... und dann verlor ich das Bewußt⸗ ſein, um mich hier wiederzufinden. hier, Herr David, wohin Sie mich gebracht haben, indem Sie mir wie Ih⸗ rem Kind beiſtanden hier, wo mein erſter Gedanke mei⸗ ner Mutter gehörte.“ Angegriffen durch das Ermüdende dieſer Erzählung, lehnte ſich Frederik hienach mit dem Ellenbogen auf das Bett, in das man ihn gebracht hatte, und blieb ſchweig⸗ ſam, die Stirne auf ſeine Hand geſtützt. k 63 Siebentes Rapitel. Das Geſpräch von David und Frederlk wurde durch Ziegelbrenner unterbrochen, der mit erſchrockener Miene eintyat. „Mein Herr,“ ſagte er zu David, „das Wägelchen iſt angeſpannt, fahren Sie raſch ab.“ „Was haben Sie denn?“ fragte ihn David. „Die Loire ſteigt fortwährend, in zwei Stunden müſſen die wenigen Geräthſchaften und Effecten, die wir beſitzen, von hier weggebracht ſein „Befürchten Sie denn eine Ueberſchwemmung?“ „Vielleicht, mein Herr, . denn das Steigen wird furchtbar, und wenn die Loire austritt, ſo wird man morgen nur noch die Kamine meiner Ziegelhütte ſehen . Aus Vorſicht will ich auch ausziehen; das Wägelchen, das Sie führt, ſoll mir bei feiner Rückkehr zur Fortſchaffung meiner Geräthſchaften dienen.“ „Vörwärts, mein Kind,“ ſagte David zu Frederik, „Muth gefaßt Sie ſehen, wir haben keinen Augenblick zu verlieren . . .“ „Ich bin bereit, Herr David.“ „Zum Glück konnten unſere Kleider an dieſer heißen Gluth beinahe trocknen. Stützen Sie ſich auf mich, mein Kind.“ — In dem Augenblick, wo der Sohn von Madame Baſtien das Haus verließ, ſagte er zu dem Ziegelbrenner: „Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich Ihnen nicht beſſer für Ihre freundlichen Bemühungen danken kann, doch ich werde wieder kommen.“ * „Der Himmel höre Sie, mein Herr, und mache, daß Sie nicht an der Stelle dieſes Hauſes in einigen Tagen einen Haufen Trümmer finden.“ 64 David gab dem Ziegelbrenner, ohne daß es Frederik bemerkte, zwei Golvſtücke und ſagte zu ihm: „Das iſt für das Wägelchen.“ Einige Augenblicke nachher entfernten ſich der Sohn von Madame Baſtien und David von der Ziegelhütte in dem ländlichen Gefährt, das mit einem dicken Lager Stroh gefüllt und mit einem leinenen Tuch bedeckt war, denn der Negen ſiel immer noch in Stroͤmen. In eine Fuhrmannsdecke gehüllt und hinten auf der Gabeldeichſel ſitzend, trieb der Führer das Zugpferd, das nur ſchwerfällig trabte, zu raſcherem Laufe an. David forderte Frederik auf, ſich in den Wagen zu legen und ſeinen Kopf auf ſeinem Schvoß ruhen zu laſſen; da er ganz hinten ſaß, ſo hielt er ſo den Jüngling halb umarmt und wachte über ihm mit väterlicher Fürſorge. „Mein Kind,“ ſagte er, während er ſorgſam über Frederik die Decke heraufzog, die ihm der Ziegelbrenner geliehen hatte, „frieren Sie nicht?“ „Nein, Herr David.“ „Nun wollen wir eine Verabredung treffen. .. Ihre Mutter darf nicht erfahren, was dieſen Morgen vorgefallen iſt. Wir ſagen ihr, von einem Schlagregen überraſcht, haben wir uns nur mit Mühe dieſes Gefährt verfchaffen können . . . Der Ziegelbrenner glaubt, Sie ſeien aus Unvorſichtigkeit ins Waſſer gefallen, indem Sie zu weit auf eine der Böſchungen des Dammes vorgetreten. Er hat mir verſprochen, dieſen Vorfall, deſſen Folgen Ihre Mutter beunruhigen könnten, nicht ruchbar werden zu laſſen. Da dies ſomit verabredet iſt, denken wir nicht mehr daran . Alles Sie haben Recht, meine Mutter darf nicht erfahren, doß Sie mein Leben mit Gefahr des Ihrigen gerettet haben und bennoch . 6 „Was ſie erfahren muß, mein lieber Frederik, was ſie ſehen muß, iſt, daß ich das Verſprechen, das ich ihr dieſen „Welche Güte, welcher Edelmuth! Sie denken an Morgen geleiſtet, gehalten habe. denn die Zeit drängt.“ . „Welches Verſprechen?“ „Ich habe ihr verſprochen, Sie zu heilen.“ „Mich heilen!“ ſagte Frederik, indem er den Kopf ganz niedergeſchlagen ſinken ließ, „mich heilen!“ „Und dieſe Heilung muß dieſen Morgen vollbracht werden.“ „Was ſagen Sie?“ „Ich ſage, in einer Stunde bei unſerer Ankunft im Pachthof müſſen Sie wieder der Frederik von früher . . die Freude, der Stolz Ihrer Mutter geworden ſein . . .“ „Herr David . . . „Mein Kind die Augenblicke ſind gezählt, hören Sie mich alſo. Heute Morgen, in der Minute, wo Sie verſchwanden, ſagte ich zu Ihnen: „„Ich kenne die Urſache Ihres Uebels.““ „Sie ſagten das in der That, Herr David.“ „Nun wohl! dieſe Urſache iſt der Neid.“ „Oh! mein Gott!“ murmelte Frederik niedergebeugt vor Scham, indem er ſich dem Umfangen von David zu entziehen ſuchte. Doch vieſer ſchloß Frederik noch zärtlicher an ſein Herz und fuhr raſch fort: „Erheben Sie die Stirne.. mein Kind, Sie brauchen ban zu ſchämen. Der Neid iſt ein vortreffliches efühl.“ „Der Neid? ein vortreffliches Gefühl!“ rief Frederlk während er ſich erhob und David ganz erſtaunt anſchaute, „der Neid,“ wiederholte er bebend, „oh! mein Herr, Sie wiſſen nicht, was er erzeugt „Den Haß? deſto beſſer .. „Deſto beſſer!... Doch der Haß erzeugt wiederum. . .“ „Die Rache abermals deſto beſſer . „Herr David,“ ſagte der junge Mann, der wieder ganz traurig auf ſein Strohlager! zurückſiel; „Sie ſpot⸗ ten meiner, und doch . . .“ „Ihrer ſpotten, armes Kind, ..“ rief David mit Die ſieben Tobfünden. IM. Abth. 2r Bd 5 66 innigem Ton, indem er Frederik zu ſich heraufhob und lieb evoll an ſeine Bruſt drückte, „ich Ihrer ſpotten, oh! ſagen Sie das nicht. Für mich iſt der Schmerz mehr, als für irgend Jemand heilig . . Ihrer ſpotten . Sie wiſſen alſo nicht, daß bei mir der erſte Eindruck bei Ihrem Anblick voll Midleid und Zärtlichkeit war, denn ſehen Sie, Frederik, ich hatte einen Bruder, einen jüngeren Bruder von Ihrem Alter . Und die Thränen von David floßen . . Keichend vurch die Erſchütterung war er genöthigt, einen Augenblick zu ſchweigen. Die Thränen von Frederik floßen auch; nun drückte er ſich an David und ſchaute ihn mit einer beklommenen Miene an, als hätte er ihn um Verzethung bitten wollen, daß er ſeine Thränen fließen machte. David verſtand ihn und ſprach: „Beruhigen Sie ſich, mein Kind, dieſe Thränen haben auch ihre Süßigkeit. Nun wohl! den Bruder, von dem ich ſpreche, dieſen vielgeliebten Bruder, der die Freude meines Herzens war, habe ich verloren. Deshalb fühlte ich für Sie eine ſo raſche, eine ſo lebhafte Theil⸗ nahme; deshalb will ich Sie Ihrer Mutter ſo zurückgeben, wie Sie einſt waren, denn das heißt Sie ſelbſt dem Glück zurückgeben.“ Der Ton, das Antlitz von David waren, als er dieſe Worte ſprach, von einer ſo ſchwermüthigen, ſo rührenden Milde, daß Frederik, immer mehr bewegt, ſchüchtern erwiederte „Verzeihen Sie, Herr David, daß ich geglaubt habe, Sie wollen meiner ſpotten . . aber „ „Aber was ich Ihnen ſagte, kam Ihnen ſo ſeltſam vor, nicht wahr. daß Sie nicht glauben konnten, ich ſpreche im Ernſte?“ „Es iſt wahr.“ „Das muß ſo ſein, „ und dennoch ſind meine Worte aufrichtig, und das will ich Ihnen beweiſen . 67 Frederik heftete auf David einen Blick voll Bangig⸗ keit und verzehrender Neugierde. „Ja, mein Kind, der Neid iſt an und für ſich ein vortreffliches Gefühl; nur haben Sie ihn bis jetzt übel angewendet, Sie haben ſchlecht beneidet, ſtatt gut zu beneiden.“ „Gut beneiden! . . . Der Neid iſt ein vortreffliches Gefühl?“ wiederholte Frederik, als könnte er ſeinen Ohren nicht trauen. „Der Neid, der ſchändliche Neid, der zer⸗ nagt, verzehrt, tödtet . . .“ „Mein liebes Kind, die Loire wäre beinahe vorhin Ihr Grab geworden . . . Hätte Ihre Mutter nicht, wäre dieſes Unglück geſchehen, ausgerufen: „„Oh! verfluchter Fluß, der verſchlingt, tödtet. . . Oh! verfluchter Fluß, der meinen Sohn verſchlungen hat.““ „Ach! Herr David . ..“ „Und wenn ſich die befürchtete Ueberſchwemmung verwirklicht, wie viele verzweifelte Stimmen werden rufen.: „„Oh! verfluchter Fluß, unſere Häuſer find fortgeriſſen, unſere Felder unter Waſſer geſetzt.“ Werden dieſe Ver⸗ wünſchungen gerecht ſein?“ „Nur zu ſehr, Herr David.“ „Ja . . . und dennoch befruchtet dieſer verfluchte Fluß ſeine Ufer. . . . Er iſt der Reichthum der Städte, die er durchzieht. . . Tauſende von Böten durchfurchen mit Waaren aller Art beladen ſeine Wogen; dieſer ver⸗ fluchte Fluß vollbringt endlich die nützliche), befruchtende Aufgabe, die Gott Allem, was er geſchaffen, geſtellt hat, denn behaupten, Gott habe die Flüße für die Ueberſchwem⸗ mung und das Unheil geſchaffen, wäre eine Blasphemie. Nein! nein! Es iſt der Menſch, deſſen Unwiſſenheit, Sorgloſigkeit, Selbſiſucht, Habgier, Verachtung aller brüderlichen Gemeinſchaftlichkeit in Geißeln die himmliſchen Gaben des Schopfers verwandelte.“ Betroffen von den Worten ſeines Lehrers; hörte ihm Frederik mit wachſender Theilnahme zu. „So eben noch wären Sie ohne das Feuer, deſſen 68 Wärme Ihre erſtarrten Glieder durchdrungen hat, vielleicht geſtorben . . . Und . fie ſind doch gräßlich, die Ver⸗ wüſtungen des Feuers! Soll man das Feuer und den Schöpfer verfluchen! Wos ſage ich Ihnen? Soll man, weil er gräuliches Unglück verurſacht hat, den Dampf verfluchen, der das Angeſicht der Welt verändern wird? Nein! nein! Gott ſchafft die Kräfte, und der Menſch wendet dieſe Kräfte mit ſeinem freien Willen zum Guten oder zum Boſen an .. Und da Gott einzig und untheilbar in ſeiner Allmacht iſt, ſo iſt es mit den Leidenſchaften wie mit den andern Elementen; keine iſt an und für ſich ſchlecht; es ſind Hebel. Der Menſch bedient ſich derſelben gut oder ſchlecht nach ſeinem freien Willen! So datirt ſich Ihr Gram von Ihrem Beſuch im Schloß Pont⸗Brillant her, nicht wahr?“ „Ja, Herr David.“ „Indem Sie die Dunkelheit Ihres Namens und Ihr beſcheidenes, beinahe dürftiges Leben mit dem glänzenden Leben und dem berühmten Namen des jungen Marquis von Pont⸗Brillant verglichen, fühlten Sie einen herben, tiefen Neid.“ „Das iſt nur zu wahr.“ „Bis dahin waren dieſe Gefühle vortrefflich.“ „Vortrefflich!“ „Vortrefflich! Sie nahmen vom Schloß lebendige, mächtige Kräfte mit ſich; ſie ſollten, weiſe gelenkt, der Entwickelung Ihrer Fähigkeiten den edelſten Aufſchwung verleihen. Leider find dieſe Kräfte in Ihren unerfah⸗ renen Händen gleichſam zerſprungen und haben Sie ver⸗ wundet, armes, theures Kind! So ſind, als Sie nach Hauſe zurückkehrten, Ihre einfachen und reinen Genüße durch die beſtändige Erinnerung an die Herrlichkeit des Schloßes zerſtört worden; dann ſind Sie in Ihrer müſſigen und ſchmerzlichen Begehrlichkeit dazu gelangt, daß Sie den⸗ jenigen haßten, welcher Alles beſaß, was Sie beneideten. Hierauf kam die Rache . . .“ „Sie wiſſen!“ rief Frederik ganz verwirrt. 3 69 „Ich weiß Alles, mein Kind.“ „Ah! Herr David, ich flehe Sie an!“ flüſterte Frederik wie vernichtet; „die Gewiſſenspein über dieſen feigen und gräßlichen Verſuch iſt es hauptſächlich, was mich zum Selbſtmord veranlaßt hat. . „Ich glaube Ihnen, mein Kind, und dies erklärt mir nun die finſtere Niedergeſchlagenheit, in die ich Sie ſeit meiner Ankunft bei Ihrer Mutter verſunken geſehen habe. Sie brüteten über dieſem unſeligen Entſchluß?“ „Am Vorabend Ihrer Ankunft dachte ich zum erſten Mal daran.“ „Dieſer Selbſtmord war eine freiwillige Sühnung. Mein lieber Frederik, ich bin überzeugt, daß, wenn der Neid der Keim Ihres unverſöhnlichen Haſſes gegen Raoul von Pont⸗Brillant geweſen iſt, die furchtbare Scene im Wald durch Umſtände herbeigeführt wurde, die ich nicht kenne, und die das Strafbare Ihres Verſuches mildern müſſen.“ Frederik neigte das Haupt und antwortete nicht. „Wir werden ſpäter hievon ſprechen,“ fuhr David fort. „Sehen wir nun, um was Sie den jungen Marquis von Pont⸗Brillant am meiſten beneideten? Um ſeine Reich⸗ thümer? deſto beſſer! beneiden Sie ihn glühend, aufrichtig um dieſelben, und in dieſem energiſchen, unabläſſigen Neid werden Sie einen Hebel von unberechenbarer Macht fin⸗ en; Sie werden alle Hinderniſſe niederwerfen; durch Arbeit, Verſtand, Einficht, Redlichkeit werden Sie reich werden . . warum nicht? Jacques Laffitte war ärmer als Sie, er wollte reich ſein, er iſt zwanzigfacher Mil⸗ lionär geworden; ſein Ruf iſt fleckenlos, und ſtets hat er die Hand dem Dürftigen geboten . ſtets hat er die ehrliche und muthige Arbeit begünſtigt und mit ſeinen Mittein Futerſtützt. Wie viele ähnliche Beiſpiele könnte ich Ihnen noch anführen!“ Frederik ſchaute Anfangs ſeinen Lehrer mit tiefem Erſtaunen an: dann ward es Licht vor den Augen des jungen Mannes, und er drückte ſeine Hände an ſeine 70 Stirne, als ob ſein Geiſt durch eine ploͤtzliche Klarheit geblendet worden wäre. David fuhr fort: „Gehen wir weiter. . . Flößen Ihnen die Reich⸗ thümer des Marquis von Pont⸗Brillant nur eine neidiſche Gierde, ſtatt eines Gefühls des Haſſes, der Empörung gegen eine Geſellſchaft ein, wo die Einen vom Ueberfluß ſtrotzen, während die Anderen aus Mangel am Nothwen⸗ digen ſterben? Gut, gut, mein Kind, das iſt ein bewun⸗ derungswürdiges Gefühl; es iſt ein religiöſes und heiliges Gefühl, denn es hat den Kirchenvätern heilige und rä⸗ chende Worte eingegeben. Auf die Stimme dieſer großen Revolutionäre iſt auch das goͤttliche Princip der Brüder⸗ lichkeit verkündigt worden. . . Ja,“ fügte David traurig bei, „aber vergebens verkündigt worden. Die Gleichheit ihrem Ur⸗ ſprung nach verleugnend haben ſich die Prieſter zu Mit⸗ ſchuldigen gemacht der Gewalt und des Reichthums der Koͤnige und der Großen; im Namen von dieſen ſprachen ſie zu den Völkern: Ihr ſeid vom Verhängniß der Skla⸗ verei, der Armuth und den Thränen auf dieſer Erde ge⸗ weiht. Hieß vies genug die väterliche Güte des Schöp⸗ fers läſtern, feig genug die Sache den Enterbten im Stiche laſſen? Dieſe Sache hat aber in unſeren Tagen muthige Vertheidiger, und geſegnet ſeien die Gefühle, die Ihnen der Reichthum einflößt, mein Kind, wenn dieſelben Sie unter die Leute von Herz werfen, die für die unvergäng⸗ liche Sache der Gleichheit und Brüderlichkeit kämpfen.“*) „Oh!“ rief Frederik die Hände gefaltet, den Blick ſtrahlend, das Herz zitternd von einer edlen Begeiſterung, „ich verſtehe, ich verſtehe!“ „Nun,“ fuhr David mit wachſender Lebhaftigkeit fort, „um was beneideten Sie den jungen Marquis noch mehr? Um das Alter ſeines Namens? Beneiden Sie ihn immerhin! Ste werden etwas Beſſeres haben, als einen *) Sue bemerkt hiezu, er habe dies im Monat November 1847 geſchrieben. 71 alien Namen: Sie werden Ihren Namen berühmter, klangvoller machen, als den von Pont⸗Brillant. Die Künſte, die Literatur, die Wiſſenſchaft, der Krieg! wie viele Laufbahnen ſind Ihrem edlen Ehrgeiz geöffnet! Und Sie nerden zum Ziel kommen. Ich habe Ihre Arbeiten ſtu dirt, ich weiß, worauf Ihre Fähigkeiten, verzehnfacht durch die Kraft des Impulſes einer hartnäckigen und muthigen Nacheiferung, abzielen werden.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Frederik voll En⸗ thuſiasmus und die Augen befeuchtet von milden Thränen „ich kann Ihnen nicht ſagen, welche Veränderung in mir vorgeht. . . Statt der Nacht iſt es der Tag, der glän⸗ zende Tag von einſt und noch ſtrahlender. . . Oh! meine Mutter! meine Mutter! . . .“ „Suchen wir weiter . . .“ ſprach David, der Fre⸗ derik nicht den mindeſten Zweifel laſſen wollte: „offenbart ſich der Neid, den Ihnen der alte Name Pont⸗Brillant einflößt, durch einen heftigen Haß gegen die ſtets lebendige ariſtokratiſche Ueberlieferung, welche den Feudalismus be⸗ ſtändig auf die eine, das Bürgerthum auf die andere Seite ſtellt? Rühmen Sie ſich dieſes Neides, mein Kind. Jean Jacques, indem er gegen die materielle Ungleichheit der Lebenslage proteſtirte, war ein erhabener Neidiſcher, und unſere Väter, indem ſie das Priveligium und die Monarchie brachen, waren helvenmüthige, unſterbliche Neidiſche.“ „Oh!“ rief Frederik, „wie ſchlägt mein Herz bei die⸗ ſen edlen Worten, Herr David! Welche Offenbarung! Was mich tödtete, fühle ich nun, es iſt ein feiger, un⸗ fruchtbarer Neid! Der Neid war für mich die Trägheit, die Verzweiflung der Tod. Der Neid mußte die Thätigkeit, die Hoffnung, das Leben ſein! In meiner ohnmächtigen Wuth wußte ich nur mich, die Anderen und meine Nichtigkeit zu verfluchen. Der Neid mußte mir das Verlangen und die Kraft, aus meiner Dunkelheit her⸗ vorzutreten, geben, und ich werde hervortreten.“ „Gut, gut „thenres, braves Kind! rief David, 72 indem er Frederik an ſeine Bruſt drückte; „oh! ich war ſicher, daß ich Sie heilen würde. Eine leichte Aufgabe bei einer edlen Natur, wie die Ihrige, die ſo lange durch die bewunderungswürdigſte der Mütter gepflegt worden iſt. Zärtliches, vortreffliches Herz,“ fügte er bei, ohne daß er ſich der Thränen zu erwehren vermochte. „Dieſen Morgen, in dem Augenblick, da Sie dem Tod ſo nahe, war Ihr letzter Schrei: „Meine Mutter! Meine Mutter!““ Sie erwachen wieder zur Hoffnung, zum Leben, und Ihr erſter Schrei iſt abermals: „„Meine Mutter! meine Mutter!““ „Ich verdanke Ihnen das Leben,“ ſprach der Sohn von Madame Baſtien, den Händedruck ſeines Lehrers erwiedernd, „ich verdanke Ihnen das Leben des Leibes und das Leben der Seele, Herr David.“ „Frederik, mein Kind,“ ſagte Herr David mit unaus⸗ ſprechlicher Rührung, „nennen Sie mich Ihren Freund Dieſen Namen verdiene ich nun, nicht wahr? und er wird für mich den ſo ſüßen und geliebten Namen: Mein Bruder! den ich nicht mehr hören ſoll, erſetzen.“ Oh! mein Freund,“ rief Frederik ganz begeiſtert von dieſem Namen, „Sie werden mich würdig ſehen.“ Auf dieſen Erguß zärtlicher Gefühle folgte ein Augenblick des Stillſchweigens, während ſich David und Frederik eng umfangen hielten. Der Lehrer nahm zuerſt wieder das Wort und ſprach: „Nun muß ich an Ihre Offenherzigkeit über einen letzten und wichtigen Umſtand appelliren, mein theures Kind. man muß ſtreng, unbarmherzig gegen ſich ſelbſt ſein, aber nicht ungerecht. Sagen Sie mir, ob . . David konnte nicht vollenden. Völlig von den äußeren Gegenſtänden abgezogen, hatten ſich der Lehrer und ſein Zögling nicht um den Weg bekümmert, den ſie zurückgelegt, und der Wagen hielt nun plötzlich in geringer Entfernung vor der Thüre des Hauſes von Madame Baſtien an. In tödtlicher Unruhe über die lange Abweſenheit ihres Sohnes, ſtand Marie ſeit geraumer Zeit unter der länd⸗ 73 lichen Vorhalle ihres Wohngebäudes und wartete, fern hinaus⸗ ſchauend, auf die Rückkehr von Frederik. Bei dem Anblick des bedeckten Gefährtes, das ſich dem Pachthofe näherte, ſagte der jungen Frau eine uner⸗ klärliche Ahnung, ihr Sohn ſei darin. Getheilt zwiſchen Furcht und Freude, lief ſie dem Gefährt entgegen, faltete die Hände und rief: „Frederik! . biſt Du es?“ Da wurde David unterbrochen und der kleine Wagen hielt an. Mit einem Sprung war der Sohn von Madame Baſtien auf dem Boden . ungeſtüm fiel er ſeiner Mutter um den Hals, bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen und rief mit einer durch das Schluchzen der Freude ſtockenden Stimme: „Mutter .. gerettet ... Keinen Kummer mehr! gerettet. . Mutter! gerettet!! . . .“ Achtes Rapitel. Bei den von Frederik mit einer wahren Trunkenheit wiederholten Worten: Gerettet.. Mutter,gerettet! ſchaute Madame Baſtten ihren Sohn mit einer Miſchung von Freude und Erſtaunen an; ſchon war er nicht mehr zu kennen und beinahe verwandelt . . . die Stirne hoch, das Lächeln ſtrahlend, der Blick begeiſtert. Seine ſchönen Züge ſchienen erleuchtet durch ein inneres Strahlen; die junge Mutter war davon geblendet. Hätte ihr Sohn nicht gerufen: Gerettet! Marie würde aus ſeiner 74 Haltung, aus ſeiner Phyſiognomie, aus der Heiterkeit der Züge von David errathen haben, daß er ihr Frederik wiedergeboren zurückbrachte. Welches Mittel, welches Wunder hatte Hieſes eben ſo raſche, als unerwartete Reſultat bewirkt? Marie fragte ſich das nicht . . . David gab ihr ihren Frederik von ein ſt zurück, wie ſie ſagte. In einem Aufſchwung beinahe religioſer Dankbarkeit wollte ſie ſich auch David zu Füßen werfen, als dieſer ihr, indem er raſch die Hände gegen ſie ausſtreckte, zuvorkam. Marie ergriff ſeine Hände, drückte ſie leidenſchaftlich in den ihrigen, und rief mit einer Stimme, in der gleichſam alle Pulsſchläge ihres mütterlichen Herzens vibrirten: „Mein Leben „mein ganzes Leben, Herr David, Sie haben mir meinen Sohn wieder gegeben!“ „Oh! meine Muiter „oh! mein Freund „ rief Frederik. Und mit einem unwiderſtehlichen Drang ſchloß er zugleich Marie und David an ſein Herz, und Beide theilten die Begeiſterung des jungen Mannes und vermiſchten ſich mit ihm in einer und derſelben langen Umarmung „„ „ Madame Baſtien wurde nicht von der Gefahr unter⸗ richtet, der ihr Sohn preisgegeben geweſen war; er zog wie David ſeine feuchten Kleider aus; dann kehrten Beide zu Madame Baſtien zurück, welche, in eine Art von Ertaſe ver⸗ ſunken, ſich nun erſt fragte, durch welches Wunder David ſo raſch die Heilung von Frederik bewerkſtelligt habe. Als ſie ſich nach ſehr kurzer Zeit wiederſahen, flogen die Mutter und der Sohn einander abermals in die Arme. Wä hrend dieſes unendlich beſeligenden Umfangens ſuchte die junge Frau beinahe unwillkührlich die Blicke von David, als hätte ſie ihn mit ihren mütterlichen Liebkoſungen in Verbindung ſetzen und ihm für das Glück, das ſie genoß, ihren Dank abſtatten wollen. Frederik ſchaute umher und ſchien ganz gerührt alle Gegenſtände, die das Studirzimmer enthielt, zu betrachten „ 75 „Mutter,“ ſagte er, nachvem er einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen, mit einem reizenden Lächeln, „Du wirſt mich für einen Verrückten halten, aber es kommt mir vor, als wäre ich, ich weiß nicht, wie lange nicht mehr hier ge⸗ weſen . halt, ſeit dem Vorabend des Tages, wo wir nach dem Schloß Pont⸗Brillant gegangen ſind . Unſere Bücher, unſere Zeichnungen, unſer Klavier . mein alter Arbeitsſtuhl ſogar ſind mir eben ſo viele Freunde, die ich nach langer Abweſenheit wiederfinde.“ „Ich verſtehe Dich, Frederik,“ ſagte Madame Baſtien lächelnd. „Wir ſind wie die Entſchlummerten im Mähr⸗ chen: Der Zauberſchlaf. Etwas länger als der der Schönen im Walde, hat unſer Schlaf fünf Monate gedauert! Schlimme Träume haben ihn heimgeſucht; aber wir ewachen eben ſo glücklich, als da wir entſchliefen. Nicht wahr?“ „Glücklicher, Mutter!“ erwiederte Frederik, die Hand von David ergreifend. „Bei unſerem Erwachen finden wir einen Freund mehr.“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ ſprach die junge Mutter, indem ſie einen bezaubernden Blick auf David warf; dann als ſie ſah, daß Frederik die Glasthüre öffnete, welche nach dem Eichenwäldchen ging, fügte ſie bei: „Was machſt Du? Der Regen hat aufgehört .. aber das Wetter iſt noch nebelig und düſter.“ „Das Wetter nebelig und düſter!“ rief Frederit, während er aus dem Haus trat und mit Entzücken die hundertjährigen Eichen betrachtete. „Oh! Mutter, kannſt Du ſagen, das Wetter ſei düſter? Ah! ich werde Dir fortwährend verrückt ſcheinen,. aber unſer liebes altes Wäldchen kommt mir ſo golden, ſo lachend vor, wie bei der heiterſten Frühlingsſonne.“ Der junge Mann ſchien in der That wiedergeboren zu werden; ſeine Züge drückten eine ſo ächte, ſo ſchwung⸗ hafte Glückſeligkeit aus, daß ſeine Mutter nicht mit den Augen von ihm laſſen konnte . Sie ſah ihn ſo ſchon, ſo munter, ſo freudig als einſt, obgleich er abgemagert, 76 bleich war, und auch ſeine Bläſſe färbte ſich nun jeden Augenblick mit dem Incarnat der ſüßeſten Gemüths⸗ bewegungen. David, für den jedes Wort von Frederik einen Sinn hatte, erfreute ſich eines köſtlichen Genuſſes bei dieſer Scene. Plötzlich blieb der junge Mann einen Augenblick träumeriſch vor einem Dornbuſch ſtehen, der am Saum des Wäldchens wuchs: nachdem er eine Minute nachgedacht hatte, ſuchte er mit den Augen Madame Baſtien und ſagte zu ihr, nicht mehr heiter, ſondern mit einer ſanften Schwermuth: „Mutter, ich will Dir mit zwei Worten meine Heilung erzählen . . . Sie werden ſehen,“ fügte er ſich an David wendend bei, „Sie werden ſehen, daß ich meine Lection benützt habe, mein Freund.“ Zumderſten Mal bemerkte Madame Baſtien, daß ihr Sohn David ſeinen Freund nannte. Die Zufriedenheit, die ihr dieſe zarte Vertraulichkeit gewährte, war ſo ſichtbar in ihren Zügen zu leſen, daß Frederik zu ihr ſagte: „Mutter, Herr David hat mich aufgefordert, ihn fortan Freund zu nennen. Er hat Recht gehabt, es wäre mir ſchwer gefallen, länger Herr David zu ihm zu ſagen; höre mich nun wohl, meine Mutter,“ fuhr Fre⸗ derik fort, „Du fiehſt dieſen Schwarzdornbuſch?“ „Ja, mein Kind.“ „Nichts erſcheint unnützer, furchtbarer, als ein ſolcher Buſch mit ſeinen ſcharfen Spitzen, nicht wahr, meine Mutter?“ „Gewiß!“ „Aber der alte André, unſer Gärtner, der Diree⸗ tor unſerer Baum⸗ und Blumenzucht, nähere nur der Oberhaut dieſes ungepflegten Strauches einen ganz kleinen Zweig von einem ſchönen Birnbaum . .. und dieſer wilde Schwarzdorn wird ſich bald in einen zuerſt mit Blüthen und dann mit ſchmackhaften Früchten beladenen Baum verwandeln. Und dennoch werden es immer dieſelben Wurzeln ſein, die denſelben Saft aus 77 demſelben Boden ſaugen. Nur ſind dieſer Saft, dieſe Kraft nutzbar gemacht. Verſtehſt Du?“ „Vortrefflich, mein Kind Es handelt ſich, wie Du ſagſt, um Kräfte, welche gut angewendet werden, ſtatt unfruchtbar oder nachtheilig zu bleiben.“ „Ja, Madame,“ erwiederte David, ein Lächeln des Einverſtändniſſes mit Frederik tauſchend, „und um die Vergleichung dieſes lieben Kindes zu verfolgen, füge ich bei, daß es dasſelbe mit den Leidenſchaften iſt, die man als die gefährlichſten und heftigſten betrachtet, weil ſie tief im Herzen des Menſchen eingewurzelt ſind; Gott hat ſie dahin gepflanzt, reißt ſie nicht aus; propft nur ihre dornigen Wildlinge, wie Frederik ſagte, und macht ſo den mächtigen Saft, den der Schöpfer hineingelegt hat, blühen und Früchte tragen.“ „Herr David,“ ſagte Madame Baſtien, ergriffen von dieſem Urtheil, „dies erinnert mich daran, daß Sie mich in Beziehung auf das Gefühl des Haſſes mit Recht darauf aufmerkſam gemacht haben, es gebe einen edlen, hoch⸗ herzigen, einen ſehr heldenmüthigen Haß ſogar.“ „Nun wohl, Mutter,“ ſprach Frederik entſchloſſen, „der Neid kann, wie der Haß, fruchtbar, heldenmüthig, erhaben werden.“ „Der Neid!“ rief Madame Baſtien! „Ja, der Neid, denn das Uebel, das mich tödtete, war der Neid.“ „Du . neidiſch!“ „Seit unſerem Beſuch im Schloſſe Pont⸗Brillant .. der Anblick dieſer Wunder .. „Ah!“ rief Marie Baſtien, plözlich durch dieſe Offenbarung erleuchtet und bebend, wenn man ſo ſagen darf, in einem rückblickenden Schrecken, „ah! nun begreife ich Alles, unglückliches Kind „..5 „Glückliches Kind, Mutter . denn wenn dieſer Neid in Ermangelung von Cultur lange ſchwarz und wild geblieben iſt, wie der Dornenſtrauch, von dem wir ſprachen, ſo hat ihn nun unſer Freund,“ fügte Frederik 78 bei, indem er ſich mit einem unbeſchreiblichen Lächeln der Zärtlichkeit und Dankbarkeit an David wandte, „ſo hat unſer Freund dieſen Neid mit muthiger Nacheiferung und edlem Ehrgeiz geimpft, und Du wirſt die Früchte davon ſehen, Mutter, Du wirſt ſehen, wie ich mit einem Aufwand von Muth und Arbeit Deinen und meinen Namen, dieſen Namen, deſſen Dunkelheit mich marterte, berühmt machen werde. Oh! der Ruhm! der Ruhm! Meine Mutter, welche ſtrahlende Zukunft! Wenn ich es dahin bringe, daß Du mit Trunkenheit und Stolz ſagen kannſt: „„Es iſt mein Sohn! es iſt mein Sohn!““ „Mein Kind! oh! mein geltebtes Kind!“ rief Madame Baſtien entzückt, „ich begreife nun die Heilung, wie ich das Uebel begriffen habe.“ Als ſie ſich ſodann an den Lehrer wandte, vermochte ſie nur zu ſagen: „Herr Bavid! . oh! Herr David!“ Und Thränen und Schluzen der Freude ſchnitten ihr das Wort ab. „Ja, danke ihm, meine Mutter,“ ſprach Frederik tief erſchüttert, „liebe ihn, ſegne ihn, denn ſiehſt Du, Du weißt nicht, welche Güte, welches Zartgefühl, welche hohe, männliche Vernunft, welches Genie er für die Heilung Deines Sohnes geoffenbart hat . . . Seine Worte find hier in meinem Herzen unvertilgbar geblieben; ſie haben mich zum Leben, zur Hoffnung, zu allen erhabenen Ge⸗ fühlen, die ich Dir zu verdanken hatte, zurückgerufen .. Oh! Dank ſei Dir geſagt, meine Mutter . . es iſt aber⸗ mals Deine Hand, die meinen Retter, die dieſen guten Genius gewählt, der mich Dir Deiner würdig zurückgegeben hat.“ Esgibt ein Glück, das ſich nicht ſchildern läßt. So warldas Ende dieſes Tages für David, Marie und ihren Sohn. Frederik war zu ſehr durchdrungen von Dankbarkeit und Bewunderung für ſeinen Freund, um nicht ſeine Mutter dieſe Gefühle theilen laſſen zu wollen „die 79 Worte ſeines Lehrers waren ſeinem Geiſte ſo gegenwärtig, daß er der jungen Frau ſein Geſpräch mit David bei⸗ nahe Sylbe für Sylbe wiederholte. Oft war Frederik auf dem Punkt, ſeiner Mutter zu geſtehen, daß er David nicht nur das Leben der Seele, ſondern auch das Leben des Leibes zu verdanken hatte. Doch er wurde durch das ſeinem Freund geleiſtete Ver⸗ ſprechen und mehr noch durch die Furcht, bei Marie Ba⸗ ſtien in dieſem Augenblick eine heftige Gemüthserſchüt⸗ terung hervorzurufen, zurückgehalten. Was Marie fühlte, als ſie mit einem Blick das ganze Benehmen von David ſeit der erſten Stunde, die er ihrem Sohn gewidmet, bis zu dieſer Stunde unerwar⸗ teten Triumphes umfaßte, als ſie ſich ſeiner Milde, ſeiner Einfachheit, ſeines Zartgefühls, ſeiner edlen Beharrlichkeit erinnerte, die ſich nun von einem ſo glänzenden, nur durch das Uebergewicht eines großen Herzens und eines erhabenen Geiſtes erlangten Erfolg gekrönt ſah, was Marie fühlte, ſagen wir, wäre ſchwer auszudrücken: es war eine Mi⸗ ſchung von zarter Zuneigung, von Bewunderung, von Achtung und beſonders von leidenſchaftlicher Dankbarkeit denn die junge Frau verdankte Davld nicht nur die Hei⸗ lung von Frederik, ſondern ſie rechnete auch auf eine Zu⸗ kunft, die ſie rühmlich, vielleicht glorreich für ihren Sohn erblickte, denn ſie zweifelte nicht daran, geſchickt gelenkt durch David und noch angeſtachelt durch den glühenden Eifer eines edlen Ehrgeizes, würden Frederik ſeine Fähig⸗ keiten zu einem glänzenden Schickſal erheben. Von dieſem Augenblick an wurde auch in dem Herzen von Marie David unzertrennlich von Frederik, und ohne ſich genau Rechenſchaft von dieſer Hoffnung zu geben, fühlte die junge Frau ihr Leben und das ihres Sohnes auf immer getheilt oder vielmehr vermiſcht mit dem Leben von David. Man kann ſich denken, welch einen töſllichen Abend 80 die Mutter, der Sohn und der Lehrer im Studirzimmer zubrachten. Nur da gewiſſe Freuden eben ſo ſehr angreifen, als ver Schmerz, und, ſo zu ſagen, mit Faſſung gekoſtet zu werden verlangen, trennten ſich Marie, ihr Sohn und David früher als gewöhnlich und ſagte ſich dieſen Abend: „Morgen!“ mit der ſüßen Ueberzeugung eines entzücken⸗ den Tages. David kehrte in ſein Stübchen zurück. Aoch für ihn war es ein Bedürfniß, allein zu ſein. Die von Frederik im Erguſſe ſeines Herzens, als er mit ſeiner Mutter von ſeinem Lehrer ſprach, ausgerufenen Worte: „Liebe ihn, ſegne ihn .. Dieſe Worte, auf welche Marie nur, einen Blick unausſprechlicher Dankbarkeit auf David werfend geantwortet, vieſe Worte bildeten die Freude und den Schmerz von David. Er hatte die letzten Fibern ſeines Herzens beben ge⸗ fühlt, als er den großen, in mütterlicher Wolluſt gebadeten blauen Augen von Marie begegnet war; er hatte ge⸗ bebt, als er ſah, mit welchen wahnſinnigen Liebkoſungen ſie ihren Sohn überſchüttete; David träumte auch unwill⸗ kührlich von den Schätzen glühender Zuneigung, welche dieſe zugleich jungfräuliche und leidenſchaftliche Natur enthalten mußte. „Welche Liebe bei ihr,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „wenn in ihrem Herzen ein anderes Gefühl Platz hätte, als das der Mütterlichkeit! Wie ſchön war ſie heute! . welch ein bezaubernder Ausdruck! Oh! ich fühle es, vie Stunde der Gefahr, des Kampfes und des Leidens hat für mich geſchlagen. „Ja', denn die Thränen von Marie heiligten ſie! ich warf es mir wie eine Ruchlofigkeit vor, daß ich die Augen zu dieſer weinenden jungen Mutter erhob, die in ihren Thränen doch ſo ſchön war . .. Nun aber ſtrahlt ſie von einer Glückſeligkeit, die ſie mir verdankt. und in ihrer 8¹ treuherzigen Erkenntlichkeit ſuchen mich ihre gerührten Augen jede Minute und ruhen abwechſelnd auf Frederik und auf mir. „Und nun ſagt ihr Sohn zu ihr: Liebe ihn . . ſegne ihn! und das ausdrucksvolle Stillſchweigen, der rührende Blick dieſer anbetungswürdigen Frau werden mich vielleicht eines Tags glauben machen, daß .. David wagte es nicht, dieſen Gedanken zu vollenden, und fuhr fort: „Oh! ja, ſie iſt gekommen die Stunde der Reſigna⸗ tion, die Stunde des Leidens; meine Liebe geſtehen, we⸗ niger noch. ſie Marie errathen laſſen, nun, da ſie mir ſo viel zu verdanken hat? Sie vielleicht glauben laſſen, meine aufopfernde Ergebenheit verberge eine Berechnung der Verführung? Sie glauben laſſen, ſtatt unwillkührlich, wie dies geweſen iſt, der Theilnahme nachzugeben, die mir dieſes unglückliche Kind in der Erinnerung an einen unab⸗ läſſig beweinten Bruder eingeflößt, habe ich mir einen Mantel, einen Vorwand aus meinem Mitleid gemacht, um das mütterliche Vertrauen dieſer jungen Frau zu hinter⸗ gehen. in ihren Augen endlich das einzige Verdienſt meiner Ergebenheit verlieren: meine plötzliche, unüberlegte Bie⸗ derkeit, ja, ſehr unüberlegt, ich bemerke es nun „ach! mich in den Augen von Marie erniedrigen, nie nie „Zwiſchen ihr und mir wird ſtets ihr Sohn en. „Um dieſe Liebe zu fliehen, welche, ich fühle es, beſtändig zunimmt, muß ich dieſes Haus verlaſſen? „Nein, ich kann es noch nicht.“ „Heute in der Trunkenheit dieſer Offenbarung, welche ſeine düſtere Verzweiflung in einen Willen voll Glauben und Gluth verwandelte, plötzlich aus dem Abgrund herauf⸗ gezogen, in dem er ſich abkämpfte, hat Frederik den Schwindel des Gefangenen, der plötzlich dem Licht und der Freiheit wiedergegeben wird „iſt es aber für dieſe Heilung nicht nothwendig, daß ſie geſtärkt und be⸗ Die ſieben Todſünden. U. Abth. 2r Bb⸗ 6 ſteh 8² feſtigt wird? Wird man nun nicht das Ungeſtüm dieſer jungen und glühenden Einbildungskraft in ihrem Aufſchwung gegen die Zukunft mäſſigen müſſen? „Und dann, iſt dieſe erſte Eraltation vorüber, ſo wird morgen vielleicht und zwar gerade dadurch, daß er in ſeiner eigenen Achtung ſich mehr erhoben hat und beſſer die edlen Anſtrengungen begreift, die er aus dem Neid ſchöpfen ſoll, Frederik ſich mit vermehrter Bitterkeit der unſeligen Hand⸗ lung, die er begehen wollte, ſeines Mordverſuchs gegen Raoul von Pont⸗Brillant erinnern. Eine fruchtbare und hochherzige Sühnung wird alſo allein dieſe Gewiſſenspein beſänftigen, welche Frederik theilweiſe zum Selbſtmord angetrieben hat. „Nein, ich kann dieſes Kind noch nicht verlaſſen, ich liebe es zu aufrichtig . . es liegt mir zu ſehr am Herzen, mein Werk zu vollenden. „Ich muß bleiben. „Blelben. und jeden Tag ein vertrauliches, einſames Leben mit Marie leben, welche an dieſen Ort allein, mitten in der Nacht und in einer Unordnung gekommen iſt, die mich in der Erinnerung entflammt, berauſcht und bis in den Schlaf verfolgt, in dem ich vergebens das Vergeſſen und die Ruhe ſuche.“ Dieſem gefährlichen Schlaf überließ ſich David dennoch, denn die Gemüthsbewegungen und Strapazen des Tags waren groß geweſen. Der Morgen brach an. Durch einige heftige Schläge an ſeine Thüre plötzlich aufgeweckt, hörte David die Stimme von Frederik mit dem Ausdruck des Schreckens rufen: „Mein Freund, ich bitte, öffnen Sie, offnen Sie!“ 83³ Ueuntes Rapitel. David hüllte ſich ruhig in ſeine Kleider und öffnete. Er ſah Frederik bleich, das Geſicht verſlört. „Mein Kind, was gibt es?“ „Oh! mein Freund, welch ein Unglück!“ „Ein Unglück?“ Lei „Nun?“ „Die Ueberſchwemmung, von der man geſtern beim Ziegelbrenner ſprach „ „Eine Ueberſchwemmung . . . das iſt gräßlich wie viel Unglücksfälle führt dies herbei!“ „Kommen Sie, kommen Sie, vom Saume des Wälvchens ſieht man das Val nicht mehr es iſt ein See ohne Ende.“ David und Frederik gingen haſtig hinab, ſie fanden im Studirzimmer Madame Baſtien, welche in aller Eile aufgeſtanden war. Marguerite und der Gärtner ſeufzten und ſtöhnten vor Angſt. „Das Waſſer wird uns erreichen . „Das Haus wird fortgeriſſen werden,“ ſchrieen ſie. „Und die Meiereien vom Val,“ ſagte Madame Ba⸗ ſtien, die Augen voll Thränen. „Die ganz vereinzelten Häuſer ſtehen zu dieſer Stunde vielleicht unter Waſſer, und die Unglücklichen, welche ſie bewohnen, haben, in der von der Ueberſchwemmung überfallen, nicht entflichen nnen.“ „Dann muß man ſich alſo ohne Verzug vor Allem mit den Leuten vom Val beſchäftigen, Madame,“ ſprach David. „Bier iſt keine Gefahr.“ 81 „Aber das Waſſer iſt kaum noch eine Viertelſtunde entfernt, Herr David!“ rief Marguerite. „Und es ſteigt fortwährend,“ fügte André bei. „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ ſagte David. „Ich habe ſeit meinem Aufenthalte hier die Gegend genau durchlaufen und angeſchaut, um feſt überzeugt zu ſein, daß die Ueberſchwemmung dieſes Haus nie erreichen wird .. ſein Niveau iſt zu hoch. Seien Sie unbeſorgt.“ „Doch die Meiereien des Val!“ rief Frederik. „Die Ueberſchwemmung mußte das Haus von Jean Frangois, dem Meier, einem guten, vortrefflichen Mann, erreichen!“ rief Marie. „Seine Frau, ſeine Kinder ſind verloren.“ „Wo iſt dieſe Meierei, Madame?“ fragte David. „Eine halbe Stunde von hier, in der Niederung. Man ſieht ſie vom Saum des Wäldchens, von wo aus man bis fern hinaus die Gegend überſchaut! Ach! man muß ſie wenigſtens ſehen „. wenn ſie die Ueber⸗ ſchwemmung noch nicht fortgeriſſen hat.“ „Kommen Sie, Madame, kommen Sie,“ ſagte David, wir dorthin, um uns zu verſichern, wie die Sache eht.“ In einem Augenblick kamen Frederik, ſeine Mutter, David, gefolgt vvm Gärtner und von Marguerite, an den Saum des kleinen Eichenwaldes, der viel höher lag, als das Val. Welch ein Schauſpiel! Eine Viertelſtunde von da, und ſo weit das Auge gegen Norden und Oſten reichte, ſah man nichts als eine ungeheure Fläche gelblichen, ſchlammigen Waſſers, am Horizont abgeſchnitten durch einen Himmel beladen mit düſteren Wolken, die ein eiſiger Wind unaufhaltſam fort⸗ trieb. Im Weſten war der Vorhang des Waldes von Pont⸗Brillant halb unter Waſſer geſetzt, während der Gipfel einiger Pappelbäume der Ebene da und dort inmitten dieſes unbeweglichen, unbegrenzten Meeres em⸗ porragte. 85⁵ Dieſe langſame, in der Stille des Grabes fortarbei⸗ tende Verwüſtung war noch furchtbarer, als die ſchimmernden Verheerungen der Feuersbrunſt. Die Zuſchauer dieſes großen Unglücks blieben einen Augenblick ſtumm vor Beſtürzung. David trat zuerſt aus dieſer unfruchtbaren Nieder⸗ geſchlagenheit hervor und ſagte zu Marie: „Madame, ich komme ſogleich wieder zurück.“ Nach einigen Augenblicken lief er mit einem vortreff⸗ lichen Fernrohr herbei, deſſen er ſich tauſendmal auf ſeinen Reiſen bedient hatte. „Der Nebel über dem Waſſer verhindert es, daß man in der Ferne gut unterſcheiden kann, Madame,“ ſagte David zu Marie: „in welcher Richtung liegt die Meierei, von der Sie vorhin ſprachen?“ * „In der Richtung jener Pappelbäume, dort links, Herr David.“ Der Lehrer richtete ſein Fernrohr nach dem bezeich⸗ neten Ort, blieb einige Augenblicke aufmerkſam und rief dann: „Oh! die Unglücklichen!“ „Himmel! . ſie find verloren!“ rief Marie. „Das Waſſer hat ſchon die Hälfte vom Dach ihres Hauſes erreicht,“ ſagte David; „ſie ſind auf dem Dach und klammern ſich am Kamin an; ich ſehe einen Mann 3 eine Frau und drei Kinder!“ „Mein Gott!“ rief Marie, indem ſie mit gefalteten Händen auf die Kniee fiel und zugleich die Augen zum Himmel aufſchlug, „mein Gott! ſtehe ihnen bei, habe Erbarmen mit ihnen!“ „Und kein Mittel, ſie zu retten,“ rief Frederik, „über ein ſolches Unglück nur ſeufzen können! . . .“ „Armer Jean⸗Frangois, ein ſo braver Mann!“ ſagte André. „Mit ihm ſeine drei Kinder ſterben ſehen!“ fügte Marguerite ſchluchzend bei. Ruhig, ſchweigſam und ernſt, wie er es in der Stun de 86 der Gefahr zu ſein pflegte, ſchlug David mit ſeinem Fern⸗ rohr auf ſeine flache Hand und ſchien nachzudenken; Aller Augen waren auf ihn geheftet. Plötzlich klärte ſich ſeine Stirne auf, und mit jener Autorität des Tones, mit iener Raſchheit der Entſcheidung, die den zum Befehlen geſchaffenen Mann auszeichnen, ſagte David zu Marie: „Madame, erlauben Sie mir, hier Befehle zu geben die Augenblicke ſind koſtbar.“ „Man wird Ihnen gehorchen wie mir, Herr David.“ „André,“ ſagte der Lehrer, „geſchwinde das Pferd und das Wägelchen.“ „Ja, Herr David.“ „Auf dem Teich unfern vom Hauſe habe ich einen kleinen Nachen geſehen. Iſt er noch dort?“ „Ja, Herr David.“ „Er i leicht genug, um auf dem Wägelchen zu halten?“ „Gewiß.“ „Ich und Frederik werden ihn Euch aufladen helfen. Spannt eiligſt an. Wir folgen Euch.“ André begab ſich in aller Haſt in den Stall. „Nun, Madame,“ ſagte Bavid zu Marie, „wollen Sie ſogleich einige Flaſchen Wein und zwei bis drei Decken herbeibringen laſſen, wir nehmen ſie im Nachen mit, denn wir werden dieſe Unglücklichen, wenn wir ſie retten, ſterbend vor Kälte und Entkräftung finden. Laſſen Sie auch Betten und ein großes Feuer bereit halten, damit ſie bei ihrer Ankunft hier alle mögliche Pflege erhalten können. Frederik, wir wollen Andié helfen und uns raſch nach dem Teich begeben.“ Während Daviv in aller Eile mit Frederik verſchwand, beeiferten ſich Madame Baſtien und Marguerite, die Befehle von David auszuführen. Hurtig an das Wägelchen geſpannt, führte das Pferd alsbald Frederik und David nach dem Teich. „Mein Freund,“ ſagte der junge Mann, deſſen Augen vor Ungeduld und Feuereifer glänzten, zu David, „nicht wahr, wir werden dieſe Unglücklichen retten?“ 87 „Ich hoffe, mein Kind, voch die Gefahr wird groß ſein. Sobald wir das ſtehende Waſſer hinter uns haben, kommen wir in den Strom der Ueberſchwemmung, und er muß reißend ſein wie eine Bergfluth.“ „Was iſt an der Gefahr gelegen, mein Freund!“ „Man muß ſie kennen, um fie zu beſiegen, mein theures Kind .. Doch ſagen Sie mir,“ fügte David bewegt bei, „glauben Sie nicht, daß Sie, indem Sie ſo Ihr Leben edelmüthig preisgeben, würdiger die unſelige Handlung ſühnen, die Sie begehen wollten, als wenn Sie im Selbſtmord einen unfruchtbaren Tod ſuchen.“ Ein leivenſchaftlicher Händedruck von Frederik ließ David wahrnehmen, daß er ihn begriffen hatte. Der kleine Wagen fuhr in dieſem Augenblick quer über eine Straße, um ſich nach dem Teich zu begeben. Ein Gendarme ſprengte mit verhängten Zügeln herbei. „Steigt die Ueberſchwemmung immer noch?“ rief David dem Soldaten zu, indem er ihm durch ein Zeichen bedeutete, er möge ſtille halten. „Das Waſſer ſteigt immer noch,“ erwiederte der keichende Gendarme; „die Dämme ſind durchbrochen worden, es iſt dreiß'g Fuß hoch Waſſer im Val .. Die Straße nach Pont⸗Brillant iſt abgeſchnitten. Der einzige Nachen, ren man zur Rettung hatte, iſt mit denen, die darauf waren, untergeſunken. Alle ſind umgekommen; ich eile nach dem Schloſß, um Leute und die Barken von den Teichen zu verlangen.“ nnd der Soldat ſtieß ſeinem mit Schaum bedeckten Pferd die Sporen wieder in den Bauch und jagte davon. „Oh!“ rief Frederik voll Begeiſterung, „wir werden vor den Leuten vom Schloß an Ort und Stelle kommen.“ „Sie ſehen, mein Kind, der Neid hat ſein Gutes,“ ſagte David, der den geheimen Gedanken von Frederik durchdrang. Der kleine Wagen errelchte bald den Teich Frederik, David und André laden leicht den Nachen auf den Wagen; 88 während ſie ſich hiemit beſchäftigten, unterſuchte David mit jener wohlüberlegten Vorſicht, die ihn nie verließ, die Ruder des Fahrzeugs, ſo wie ſeine Tollets (im Dahlbord befeſtigte Stücke Holz, welche als Stützpunkte für die Ruder dienen). „André,“ ſagte er zum Gärtner, „habt Ihr ein Meſſer?“ „Ja, Herr David.“ „Gebt es mir. Frederik, kehren Sie nun mit André nach dem Hauſe um; beſchleunigen Sie ſo viel als möglich den Gang des Pferdes, denn das Waſſer ſteigt jede Minute und kann die Unglücklichen dort unten verſchlingen. „Aber Sie, mein Freund?“ „Ich ſehe hier junge Eichenſtämme, ich will davon abſchneiden, um die Tollets des Nachen zu erſetzen; ſie ſind alt, das junge Holz iſt geſchmeidiger und ſtärker .. Gehen Sie, ich werde Sie laufend einholen.“ Der Wagen entfernte ſich; kräftig gepeitſcht und, wie man zu ſagen pflegt, das Haus riechend, ſchlug das Pferd einen Trab an. David wählte das Holz aus, das er brauchte, und holte bald den Wagen ein, dem er, wie Frederik, zu Fuß folgte, um das Pferd nicht zu be⸗ laſten. Während des Gehens gab der Lehrer den Tollets die geeignete Form; Frederik ſchaute ihm mit Erſtaunen zu. „Sie denken an Alles,“ ſagte er. „Mein liebes Kind, während meiner Reiſen an und auf den großen Seen von Nord⸗Amerika war ich leider Zeuge von furchtbaren Ueberſchwemmungen; ich habe die Indianer bei mehreren Rettungen unterſtützt und dabei ge⸗ lernt, daß kleine Vorſichtsmaßregeln häufig große Gefahren beſeitigen. . So bereite ich einen dreifachen Vorrath von Tollets, denn es iſt möglich, daß wir davon zerbrechen, und das Sprüchwort ſagt: Zerbrochenes Tollet. .. todtes Ruder!“ „Es iſt wahr, daß dann das Ruder in Ermangelung eines feſten Stützpunkts beinahe unnütz wird.“ 89 „Und was würde geſchehen mitten in einem Schlund mit einem einzigen Ruder? man iſt verloren . . „Sie haben Recht, mein Freund.“ „Wir müſſen uns alſo bereit halten, kräftig zu rudern, da wir waſſerpaß Bäume, Ränder von Wegen und an⸗ dere Hinderniſſe treffen werden, die unſern Rudern gewal⸗ tige Stöße geben und ſie vielleicht zerbrechen können. Haben Sie keine zum Wechſeln?“ „Es iſt noch eines zu Hauſe.“ „Wir nehmen es mit, denn wenn es an einem Ruder mangelt, kann die Rettung der Unglücklichen unmöglich und unſer Untergang ſicher werden. Sie rudern gut, nicht wahr?“ „Ja, mein Freund, es war eines meiner größten Vergnügen, meine Mutter auf dem Teich ſpazieren zu führen.“ „Sie werden alſo an den Rudern ſein; ich unterſtütze Sie auf dem Vordertheil und lenke das Fahrzeug mittelſt eines Bootshakens. Ich empfehle Ihnen hiebei etwas Weſentliches, was ich nicht mehr thun kann, wenn wir einmal an der Arbeit find: laſſen Sie Ihre Ruder nicht ſchleppen. Nach jedem Ruderſchlag heben ſie dieſelben horizontal; ſie könnten ſtecken bleiben oder zerbrechen bei einem der Hinderniſſe an der Oberfläche des Waſſers, welche die Schifffahrt auf überſchwemmtem Terrain ſo gefährlich machen.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Freund, ich werde es nicht vergeſſen,“ erwiederte Frederik, dem die Erfahrung und die Kaltblütigkeit von David ein unbegrenztes Ver⸗ trauen verliehen. In dem Augenblick, wo der kleine Wagen nahe am Haus war, begegneten Frederik und David einer großen Menge ganz in Thränen zerfließender Bauern, welche Vieh vor ſich her trieben und Wagen begleiteten, worauf man durcheinander Hausgeräth, Wirthſchaftsgeräth, Ma⸗ tratzen, Kleider, Fäſſer, Kornſäcke, in der Eile den heran⸗ 90 ſtrömenden Wogen der Ueberſchwemmung entriſſen, aufge⸗ häuft erblickte. Welber trugen Kinder an der Bruſt, andere hatten auf ihrem Rücken kleine Knaben oder Mädchen, während die Männer das erſchrockene Vieh zu führen ſuchten. „Steigt das Waſſer immer noch, meine armen Leute 7“ fragte David, der, ohne anzuhalten, neben ihnen marſchirte. „Ach! Herr, das Steigen nimmt noch zu, die Brücke von Blemur iſt fortgeriſſen worden,“ ſagie der Eine. „Das Waſſer war ſchon vier Fuß hoch im Dorfe, als wir es verließen,“ rief der Andere. „Die großen Holzſlöße vom Baſſin ron Saint⸗Pierre ſind im Strome des Val fortgeſchleppt worden,“ ſprach ein Dritter⸗ „Sie laufen wie der Blitz hinab und haben ſchon vurch ihr Anprallen zwei große Loire⸗Barken, mit Schiffs⸗ leuten bemannt, welche Hülfe bringen wollten, umſchlagen gemacht.“ „Alle dieſe braven Leute ſind ertrunken,“ fügte ein Zeuge dieſes Unglücks bei, „denn bei ihrem höchſten Waſſer⸗ ſtand iſt die Loire nicht halb ſo reißend, als der Strom der Ueberſchwemmung.“ „Und jene Unglücklichen dort,“ ſagte Frederik vor Ungeduld bebend zu David, „mein Gott, werden wir zu rechter Zeit eintreffen!!! Ah! wenn die Leute vom Schloß uns zuvorkämen.“ Der kleine Wagen erreichte den Pachthof; während man in den Nachen die Mundvorräthe und die Decken legte, verlangte David von André eine Hippe und wählte eine ungefähr zehn Fuß lange leichte geſchmeidige, Eſche; einen eiſernen Haken, der ſonſt beim Herausheben des Waſſers aus einem Brunnen benützt wurde, befeſtigte er ſodann an der Eſche, welche, ein improviſirter Bootshaken, ſowohl zum Anholen des Schiffes längs der erſcheinenden Hinderniſſe, als zum Anhalten am Dach der unter Wafſer geſetzten Häuſer dienen ſollte; das lange Seil des Brun⸗ nens wurde auch in den Nachen gelegt, und eben ſo e 9⁴ brachte man ein paar leichte, zuſammengebundene Bretter hinein, die in einem verzweifelten Fall als Rettungs⸗ boyen dienen konnten. David beſorgte alle dieſe Einzelnheiten mit einer wohlüberlegten Thätigkeit und mit einer Fruchtbarkeit an Mitteln, welche Madame Baſtien nicht weniger als ihren Sohn in Erſtaunen ſetzten. Als Alles bereit war, warf David einen aufmerkſamen und letzten Blick auf jeden Gegenſtand und ſagte zu André: „Begebt Euch ſo ſchnell ols möglich bis zum Ufer der Ueberſchwemmung; Frederik und ich werden Euch folgen; wir werden Euch den Nachen abladen und flott machen helfen.“ Der kleine Wagen fuhr am Saume des Wäldchens hin, wo David, Frederik und ſeine Mutter blieben, und wandte ſich nach der unter Waſſer geſetzten Ebene, die man in der Ferne erblickte. Der Abhang war ziemlich jähe, das Pferd fing an zu traben. Während der Wagen ſich entfernte, nahm David das Fernrohr, das er auf einer der Bänke des Eichenwaldes zurückgelaſſen hatte, und ſuchte die Meierei. Das Waſſer reichte bis auf zwei Fuß an den Kamm des Daches, auf den ſich die ganze Familie geflüchtet hatte. David legte ſeln Fernrohr auf die Bank und ſagte mit feſter Stimme zu Frederik: „Mein Kind, umarmen Sie Ihre Mutter und laſſen Sie uns gehen . . . die Zeit drängt.“ zitterte am ganzen Leib und wurde leichen⸗ eich. Eine Secunde lang fand im Innern der jungen Frau ein furchtbarer Kampf zwiſchen der Stimme der Pflicht, die ſie aufforderte, Frederik eine edle Handlung mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens vollbringen zu laſſen, und der Stimme des Blutes ſtatt, die ihr ſagte, ſie ſollte ihren Sohn ver⸗ hindern, daß er einer Todeegefahr trotze; dieſer Kampf war ſo ſchmerzlich, daß Frederik, der ſeine Mutter unab⸗ läſſig anſchaute, dieſe, erſchrocken über den Gedanken, ihren 92 Sohn zu verlieren, da ſie ihn kurz zuvor ihrer würdig wiedergefunden, unterliegen ſah. Frederik mit ihren Armen umſchlingend und ſich ſei⸗ nem Abgang widerſetzend, rief Marie auch mit herzzer⸗ reißendem Ton: „Nein, nein, ich will es nicht.“ „Meine Mutter,“ erwiederte Frederik leiſe, „ich wollte tödten, und es ſind dort Leute, die ich dem Tod entreißen kann.“ Marie war heldenmüthig. „Auf, mein Kind, komm,“ ſprach ſie. Und ſie machte einen Schritt vorwärts, als wollte ſie auch dem Nachen folgen. „Madame,“ rief David, der ihren Entſchluß errieth, „das iſt unmöglich.“ „Meine Mutter!“ „Wohin Du gehſt, gehe ich auch!“ „Madame,“ ſagte David, „der Nachen kann höchſtens fünf Perſonen faſſen . . . Es find ein Mann, eine Frau und drei Kinder zu retten: uns im Nachen begleiten heißt uns zwingen, dort einem ſicheren Tod preisgegeben, den Vater, die Mutter oder die Kinder zurückzulaſſen.“ Bei dieſen Worten, welche keinen Widerſpruch ge⸗ ſtatteten, ſagte Madame Baſtien zu ihrem Sohn: „Gehe alſo allein, mein Kind.“ Und die Mutter und der Sohn vermengten ihre Thränen und ihre Küſſe in einer letzten Umarmung. Als ſich Frederik den Armen ſeiner Mutter entwand, ſah er, wie Daivd, trotz der Feſtigkeit ſeines Charakters, Thränen abwiſchte. „Mutter!“ ſagte Frederik, ſeinen Freund mit dem Blick bezeichnend, „und er?“ „Retten Sie ſeinen Leib, wie Sie ſeine Seele ge⸗ rettet haben,“ rief die junge Frau, indem ſie David krampfhaft an ihren wogenden Buſen drückte. „Bringen Sie ihn mir zurück, oder ich ſterbe.“ David war würdig der keuſchen und frommen Um⸗ ———————— 93 armung dieſer jungen Mutter, die ihren Sohn dem Tod trotzend weggehen ſah. Es war eine weinende Schweſter, die David an ſein Herz drückte. Dann aber nahm er Frederik bei der Hand und eilte in der Richtung des Wagens fort; Beide warfen einen letzten Blick auf Madame Baſtien, deren Kräfte ſo ſehr erſchöpft waren, daß ſie gelähmt auf eine der Bänke des Wäldchens zurückſank. Als dieſer Anfall von Schwäche vorüber war, erhob ſich Marie und folgte mit den Augen ihrem Sohn und David, ſo lange ſie dieſelben ſehen konnte. Behntes Rapitel. In einer Viertelſtunde war der Kahn vom Wagen abgeladen und am Ufer des ſtehenden Waſſers der Ueber⸗ ſchwemmung flott gemacht. „André, bleibt mit dem Wagen da,“ ſagte der Lehrer, „denn die Unglücklichen, die wir zu retten verſuchen wol⸗ len, werden entkräftet und außer Stand ſein, das Haus von Madame Baſtien zu erreichen.“ „Gut, Herr David,“ ſprach der Greis, und ganz bewegt fügte er bei: „Muth gefaßt, mein armer Herr Frederik.“ „Mein Kind,“ ſagte David in dem Augenblick, wo der Nachen das Ufer verlaſſen ſollte, „um für jedes Ereig⸗ niß bereit zu ſein, machen Sie es wie ich und ziehen Sie Ihre Stiefel, Ihre Halsbinde und Ihren Rock aus, und legen Sie dieſen nur guf Ihre Schultern, um ſich vor 91 der Kälte zu ſchützen. Was auch geſchehen mag, be⸗ kümmern Sie ſich nicht um mich, ich bin ein guter Schwimmer; indem Sie mich retten wollten, würden Sie uns Beiden den Untergang bereiten. Nun, mein Kind, an Ihre Ruder, und rudern Sie feſt, doch nicht zu haſtig; ſchonen Sie Ihre Kräfte; ich werde am Vordertheil wa⸗ chen und ſondiren. Auf . . Ruhe, Geiſtesgegenwart, und Alles wird gut gehen.“ Der Nachen entfernte ſich vom Ufer. Der Muth, die Energie, das Bewußtſein der edlen Sühnung, welche er zu verſuchen hatte, erſetzten bei Frederik die Kräfte, die er bei ſeiner langen moraliſchen Krankheit verloren. Seine ſchönen Züge belebt durch die Begeiſterung, die Augen auf David geheftet, auf ſeine geringſten Befehle lauernd, ruderte der Sohn von Madame Baſtien mit Kraft und Pünktlichkeit. Mit jedem Ruderſchlag rückte der Nachen raſch und ohne Erſchütterung vor. Auf dem Vordertheil ſtehend, ſeine große Geſtalt in ihrer ganzen Höhe aufgerichtet, den Kopf entblößt, ſeine ſchwarzen Haare in Wind flatternd, den Blick bald auf die beinahe unter Waſſer geſetzte Meierei, bald auf die Gegenſtände geheftet, vie ein Hinderniß bei ihrer Fahrt ſein konnten, kalt, klug, aufmerkſam, zeigte David eine ruhige Unerſchrockenheit Einige Augenblicke wurde der Gang des Nachens, erleichtert durch ſeinen flachen Bo⸗ den, nicht gehemmt; doch plötzlich rief der Lehrer: „Die Ruder hoch!“ Frederik führte dieſen Befehl aus, und in einigen Secunden hielt der Nachen in Ermangelung eines Impulſes an. Ueber das Vortheil des Fahrzeugs gebeugt, ſondirte David mit ſeinem Bootshaken das Waſſer, das er von fern an der Oberfläche ein wenig hatte brudeln ſehen, geſchieht, wenn es ſich an irgend einen Gegenſtand richt. 3 David erkannte wirklich, daß ſich der Nachen beinahe über einer Gruppe ungeheurer abgeäſteter Weiden befand, * 95 an deren Kopf das Fahrzeug ſich hätte leck ſtoßen können⸗ wenn es mit ſeiner ganzen Geſchwindigkeit gegangen wäre; ſeinen Bootshaken auf einen der Stämme fützend, die er unter dem Waſſer traf, wandte David den Nachen von dieſer gefährlichen Klippe ab. „Nun, mein Kind, rudern Sie vorwärts, indem Sie ein wenig ſchräge gegen links halten,“ ſagte er; „Sie müſſen die drei großen Pappelbäume erreichen, die Sie dort halb unter Waſſer geſetzt ſehen. Sind wir einmal dort, ſo fahren wir gerade in den Strom der Ueberſchwem⸗ mung, der ſich ſchon hier fühlbar macht, obgleich wir noch im ſtehenden Waſſer ſind.“ Nach einigen Minuten ſagte David abermals zu Frederik: „Die Ruder hoch!“ Und während er dies ſagte, ſchob der Lehrer den eiſernen Haken, der an ſeiner Stange befeſtigt war, zwiſchen die Zweige von einem der Pappelbäume, nach denen ſich Frederik gerichtet hatte; dreißig Fuß hoch, waren vie Bäume bis zu drei Viertheilen unter Waſſer; durch den Bootehaken gebalten, blieb der Nachen nun unbeweglich. „Wie halten wir da, Herr David?“ rief Frederik. „Sie müſſen ein wenig ausruhen, mein liebes Kind, und einige Schlücke Wein trinken,“ ſagte David. Und mit einer ſeltenen Kaltblütigkeit öffnete David eine Flaſche und bot ſie ſeinem Zögling. „Wir ſollen ausruhen!“ rief Frederik, „und die Un⸗ glücklichen die uns dort entgegenharren!“ „Mein Kind, Sie keichen, Ihre Stirne iſt von Schweiß überſtrömt, Ihre Kräfte nehmen ab, ich habe es an den ungleichen Stößen Ihrer Ruder bemerkt. Wir werden noch zur rechten Zeit ankommen, das Waſſer ſteigt nicht mehr; ich konnte es an mehreren ſicheren Merkmalen beo⸗ bachten; wir werden unſerer ganzen Energle, aller unſerer Kräfte bedürfen; von dieſen fünf Minuten, die wir zu geeigneter Zeit ausruhen, kann die Rettung der armen 5 96 Leute und die unſere abhängen .. „ Auf, trinken Sie ein paar Schlücke Wein.“ Frederik befolgte dieſen Rath und befand ſich gut dabei; denn ſchon fühlte er, ohne daß er es David zu ge⸗ ſtehen wagte, in den Armgelenken jenes Erſtarren, das ſtets auf zu viel Anſtrengung und Spannung der Muskeln folgt. Während dieſer Zeit nothwendigen Anhaltens beo⸗ bachteten der Lehrer und ſein Zögling mit ſtummem Entſetzen das Schauſpiel, das ſie umgab. Von dem Punkte, wo ſie waren, überſchauten ſie eine ungeheure Waſſermaſſe, und zwar nicht mehr eine todte, wie die, durch welche ſie gefahren waren, ſondern eine reißende, ſchäumende, ſtürmiſche, wie der Lauf eines Gießbaches. Von dieſer lunermeßlichen Waſſermaſſe erhob ſich ein ſolches Rauſchen und Brauſen, daß Frederik und David von einem Ende des Nachens zum andern ſehr laut ſprechen mußten, um ſich zu hören. Eine Waſſerlinie von düſterem Grau bezeichnete allein in der Ferne den Horizont. Auf ſechs hundert Schritte vom Nachen erblickte man die Meierei. ⸗ Das Dach verſchwand beinahe gänzlich unter dem nun ſtillſtehenden Waſſer, und man gewahrte unbeſtimmt um den Kamin gruppirte menſchliche Formen. In jedem Augenblick kamen in geringer Entfernung vom Fahrzeug von Frederik, das in Folge der Vorſicht von David vor jedem Stoß durch die drei Pappelbäume geſchützt war, Trümmer aller Art, fortgetragen durch den Strom vorüber, den der Nachen in einigen Augenblicken zu durchrudern hatte. Hier waren es Balken, Bruchſtücke von Zimmerwerck von eingeſtürzten Häuſern herrührend; dort ſchwammen ungeheure Schober Heu oder Stroh an ihrer feſten Baſe aufgehoben und ganz vom Gewäſſer fortgeriſſen, wie ebenſo viele fegelnde Berge, Alles verſenkend, was ihnen begegnete; anderswo ſchoßen entwurzelte rieſige Bäume raſe ni 97 e. Strohhalme auf einem Bach vorüber; es waren auch von ihren Angeln ausgehobene Thüren, Stubengeräthe, Ma⸗ tratzen, Fäſſer, und zuweilen bemerkte man mitten unter dieſen Trümmern Stücke Vieh, theils erſäufte, theils ſolche, die noch über dem Abgrund kämpften und bald darin ver⸗ ſchwanden, während, durch einen ſeltſamen Contraſt, zahme Enten ganz ruhig über dieſem Schlund ſchwimmend inſtinct⸗ artig den andern Thieren folgten. Wiever an anderen Stellen prehten ſich gewichtige Karren und Wagen über dem Abgrund und ſanken zuwei⸗ len unter dem unwiderſtehlichen Anprall von ungeheuren, hundert Fuß langen und zwanzig Fuß breiten Holzflößen unter. Mitten durch dieſe ſchwimmenden, von einer allge⸗ waltigen Strömung fortgeriſſenen Klippen mußten Frederik und David ſchiffen, um die Meierei zu erreichen. Dann erſt ſollte die Gefa hr der Rettung groß Wetden. Frederik fühlte es, denn nachdem er, wie David, einen Blick der Troſtloſigkeit auf dieſe ſchreckliche Srene geworfen hatte, ſagte der junge Mann mit feſter und ernſter Stimme: 5 „Sie hatten Recht, mein Freund, wir werden ſogleich aller unſerer Kräfte, unſerer ganzen Energie bedürfen . Dieſe Ruhe war nothwendig, doch es iſt etwas Erſchreck⸗ liches um eine ſolche Ruhe, mit einem ſolchen Schauſpiel unter den Augen.“ „Ja, mein Kind, es gehört Muth dazu, um ſo zu ruhen die blinde Herzhaftigkeit ſieht die Gefahr nicht oder ſucht ſie nicht zu ſehen die überlegte Herzhaftigkeit ſchaut der Gefahr kalt in's Auge. Sie ſiegt auch beinahe immer. Ohne die Ruhe, die wir uns gönnen, wären unſere Kräfte ſicherlich zu Verräthern an uns geworden, und dies mitten in dem Schlund, den wir zu durchſchiffen haben, und wir wären verloren geweſen.“ So ſprechend, unterſuchte David mit ängſtlicher Sorg⸗ falt die Ausrüſtung des kleinen Fahrzeugs und erneuerie Die fieben Tovſünden. n. Abth. 2r Bd. 7 98 eines von den Tollets, das unter dem Druck ver Ruder von Frederik zerſprungen war; zu größerer Sicherheit band David mittelſt zweier ziemlich loſer Strickknoten die Ruder etwas unterhalb ihrem Griff am Dahlbord an; ſie behiel⸗ ten ſo die Freiheit ihres Spiels, ohne den Händen von Frederik bei einem heftigen Stoß entſchlüpfen zu können. Die Ruhe von fünf Minuten war ihrem Ende nahe, als Frederik, der unwillkührlich einen Ausruf des Erſtau⸗ nens von ſich gab, ſehr bleich wurde und das Zuſammen⸗ ziehen ſeines Geſichtes nicht verbergen konnte. David ſchaute auf, folgte der Richtung der Blicke von Frederik und ſah, was wir hier mittheilen werden. Ohne Grenzen im Norden und Oſten, war die Ueber⸗ ſchwemmung, wie geſagt, im Weſten durch den Saum des Waldes von Pont⸗ Brillant begrenzt, deſſen hochſte Bäume halb unter dem Gewäſſer verſchwanden. Eine von den Gruppen dieſes Hochwaldes ragte weit in das überſchwemmte Val hinein und bildete eine Art von Vorgebirge über der Waſſerfläche. Seit einiger Zeit hatte Frederik hinter dieſer Vor⸗ ragung gegen den Strom rudernd eine Pirogue hervorkommen ſehen, welche chamoisfarbig angemalt war. Auf den Bänken ſaßen ſechs Schiffer mit chamois⸗ farbigen Wämmſern und carmeſinrothen Mützen und ru⸗ derten kräftig; der Patron ſaß auf dem Hintertheil, von wo er die Pirogue ſteuerte, und ſchien Befehle von einem jungen Mann zu erhalten, welcher, auf einer der Bänke ſte⸗ hend und eine Hand in der Taſche ſeines Makintoſh von weißlicher Farbe, mit dem Finger einen Punkt bezeichnete, der nur die überſchwemmte Meierei ſein konnte, denn in dieſem Theil des Val erblickte man keine andern Gebäude. Der Nachen von Frederik war ſo weit entfernt von der Pirogue, daß man die Züge desjenigen, welcher das Manveuvre zu leiten ſchien, nicht unterſcheiden konnte. Aber nach dem Ausdruck der Züge von Frederik ſchließend, bezweifelte David nicht, der Herr der Barke ſei Raoul von Pont⸗Brillant. „ 99 Die Anweſenheit des Marquis am Orte des Un⸗ glücks erklärte ſich durch die Botſchaft, welche der Gen⸗ darme, dem David begegnet, in aller Eile nach dem Schloß gebracht hatte, um Hülfe und die Barken von den Teichen zu verlangen. Beim Anblick von Raoul von Pont⸗Brillant, deſſen Gegenwart Freverik ſo gewaltig beben machte, fühlte ſich David von eben ſo viel Erſtaunen als Zufriedenheit er⸗ füllt; das Begegnen des jungen Marquis ſchien pro⸗ videnziell; David heftete auch einen durchdringenden Blick auf ſeinen Zögling und fragte: „Mein Kind, haben Sie Herrn von Pont⸗Brillant erkannt?“ „Ja, mein Freund,“ antwortete der junge Mann. Und er folgte fortwährend mit einem glühenden, un⸗ ruhigen Auge dem Manveuvre der Yole, welche offenbar ebenfalls die überſchwemmte Meierei erreichen wollte, von der ſie in dieſer Minute noch weiter entfernt war, als der Nachen; aber die ſechs Ruder des adeligen Fahrzeugs mußten die Geſchwindigkeit ſeines Ganges verdoppeln. „Auf, Frederik,“ ſagte David mit feſtem Tone, „Herr von Pont⸗Brillant fährt, wie wir, nach der Meierei, um den Unglücklichen zu Hülfe zu kommen. Das iſt muthig und edel von ihm. Zu dieſer Stunde iſt der junge Mar⸗ quis ſchön zum Beneiden . um eiferſüchzg auf ihn zu werden.“ „Oh! ich werde vor ihm ankommen!“ rief Frederik mit einer unbeſchreiblichen Begeiſterung. „An Ihre Ruder, mein Kind! Ein letzter Gedanke an Ihre Mutter.. und vorwärts die Stunde iſt ge⸗ kommen!“ Nach dieſen Worten machte David den Bootshaken der bis jetzt in den Aeſten der Pappelbäume geſteckt atte. Durch den kräftigen Impuls der Ruder in Bewegung geſetzt, kam der Nachen in wenigen Augenblicken mitten in 100 die Stroͤmung, durch die er fahren mußte, um die Meierei zu erreichen. Eilftes Rapitel. Nun begann ein furchtbarer, hartnäckiger Kampf gegen die Gefahren aller Art. Während Frederik mit einer durch die Nähe der Pirogue des Marquis, auf die er von Zeit zu Zeit einen Blick edlen Wetteifers warf, unglaublich angeregten Energie ruderte, bewahrte ihn David, der auf dem Vordertheil des Nachens ſtand, mit wunderbarer Geſchicklichkeit und Geiſtesgegenwart vor Anſtößen. Schon war er nahe genug bei der Meierei, um ganz deutlich die auf dem Firſt des Daches verſammelten Un⸗ glücklichen zu ſehen, als ein vom Waſſer fortgetriebener, ungeheurer Strohſchober gerade auf den Nachen zuſchwamm, der ihm die Strömung durchſchneidend die Quere bot. „Verdoppeln Sie Ihre Ruderſchläge,“ rief David, „Muth, weichen wir dem Schober aus.“ Der Sohn von Madame Baſtien gehorchte. Schon war das Vordertheil über den nur noch zehn Schritte entfernten Schober hinaus, als der junge Mann, der, indem er ſich heftig rückwärts warf, um ſeiner Arbeit mehr Gewalt zu verleihen, ſeinen Arm anſtemmte, ſein rechtes Ruder zerſpringen machte; da nun das linke Ruder ſogleich einen Hebel bildete, ſo drehte ſich der Nachen, und bot, ſtatt ſeine Quere, ſein Vordertheil dem Schober, ver ihn unter ſeiner Maſſe zu verſenken drohte. 101 Ueberraſcht durch den Stoß, verlor David einen Augenblick das Gleichgewicht, doch er hatte noch Zeit, ſeinem Zögling zuzurufen: „Rudern Sie feſt mit dem Ruder, das Ihnen noch eibt.“ Frederik gehorchte mehr aus Inſtinct, als aus Ueber⸗ legung; der Nachen drehte ſich abermals, bot ſeine Quere, und halb aufgehoben durch den Wirbel der ſphäriſchen Maſſe, die ſchon ſein Hintertheil erreichte, beſchrieb das Fahrzeug eine halbkreisförmige Bewegung um die ſchwim⸗ mende Klippe und konnte ſie theilweiſe ſo umgehen, daß ſie nur einen leichten Stroß bekam. Während dies mit der Geſchwindigkeit des Gedankens vorging, hob David vom Boden des Nachens das zum Wechſeln beſtimmte Ruder auf, befeſtigte es am Tollet und ſagte zu Frederik, der über die Gefahr, der er ent⸗ gangen, ganz erſchrocken war: „Nehmen Sie dieſes neue Ruder. . und vorwärts, die Pirogue erreicht uns.“ Frederik warf einen funkelnden Blick auf die Barke des Marquis und ergriff die Ruder. Die Pirogue ſteuerte gerade der Stroͤmung entgegen auf die Meierei zu, während der Nachen den Strom durchſchnitt. Unter Vorausſetzung einer gleichen Geſchwindigkeit mußten die zwei Fahrzeuge, deren Richtung einen rechten Winkel bildete, ſich bei der Meierei zuſammenfinden. Aber die Pirogue wurde, wie geſagt, obgleich ſie gegen die Strömung fuhr, von ſechs kräftigen Ruderern manveuv⸗ rirt und hatte in Folge des Unfalls, deſſen Opfer der Nachen beinahe geworden wäre, ziemlich viel Vorſprung gewonnen. Als Frederik den Marquis ihm zuvorkommen ſah, gelangte er zu jenem Grad der Eraltation, der für eine gegebene Zeit die menſchlichen Kräfte zu einer unwider⸗ ſiehlichen Macht erhebt und dem Menſchen Wunder zu verrichten geſtattet. 102 Es war, als theilte der Sohn von Marie Baſtien ſeinen ſieberhaften Eifer den lebloſen Gegenſtänden mit und als bebte das Fahrzeug vor Ungeduld in ſeinen Rip⸗ pen, während die Ruder nicht nur die Bewegung, ſondern auch das Leben zu empfangen ſchienen, ſo ſehr gehorchten ſie mit Genauigkeit, mit Gemeinſamkeit, man möchte bei⸗ nahe ſagen, mit Verſtand dem Impuls von Frederik. Erſtaunt über dieſe unglaubliche Energie, wachte David beſtändig am Vordertheil des Nachens und warf dabel von Zeit zu Zeit einen ſtrahlenden Blick auf ſeinen Zögling, deſſen heldenmüthigen Wetteifer er errieth. Plötzlich ließ Frederik einen Ausruf inniger Freude vernehmen. Der Nachen war nur noch fünf und zwanzig Schritte von der Meierei entfernt, während die Entfernung der Yole ungefähr hundert Schritte betragen mochte. Da übertönten lange Nothſchreie, begleitet von furcht⸗ barem Krachen, das Toſen des Gewäſſers. Durch die Gewalt der Strömung untergraben, ſtürzte einer von den Giebeln zuſammen und ein Theil des Da⸗ ches ſank zu gleicher Zeit ein. Nun hatte die um den Kamin gruphirte Familie unter ihren Füßen nur noch einige Bruchſtücke vom Ge⸗ bälke, deren langſame Schwankungen den nahe bevorſte⸗ henden Einſturz verkündigten. Noch einige Minuten, und der Giebel, an den der Kamin gebaut war, ſank auch unter. Die Unglücklichen boten ein herzzerreißendes, eines Malers der Sündfluth würdiges Bild. Aufrecht, halb angekleidet, leichenbleich, die Lippen vläulich, die Augen ſtarr, klammerte ſich der Vater mit ſeinem linken Arm an den ſchon wankenden Kamin an; anf ſeinen Schultern trug er ſeine zwei älteſten Kinder, die ſich eng umſchloſſen hielten; um ſein rechtes Fauſtge⸗ lenke war ein Strick gewickelt, deſſen anderes Ende er an dem eiſernen S des Kamins hatte befeſtigen können; mit Hülfe dieſes Stricks, der um die Hüften ſeiner Frau ge⸗ — — —— 103 ſchlungen war, unterſtützte er dieſe und verhinderte ſie, in's Waſſer zu fallen, denn gelähmt durch die Müdigkeit, die Kälte und den Schrecken, hatte die Unglückliche beinahe jedes Gefühl verloren; der mütterliche Inſtinct allein ließ ſie in ihren erſtarrten Armen an ihre Bruſt einen Säug⸗ ling drücken; um ihn beſſer zu halten und zu beſchützen, hatte ſie zwiſchen ihre Zähne, welche ein Krampf ihr nicht mehr aufzuthun geſtattete, den Untertheil eines wollenen Rockes genommen, mit dem ſie ſich in der Haſt bedeckt. Der Todeskampf dieſer Unglücklichen dauerte ſeit fünf Stunden. Vernichtet durch die Angſt, ſchienen ſie nicht mehr zu ſehen, zu hören. Als David bis zum Bereich der Stimme gekommen war, rief er ihnen zu: „Sucht das Seil zu faſſen, das ich Euch zuwerfen werde.“ Er erhielt keine Antwort; diejenigen, welche er retten wollte, blieben wie verſteinert. Da er ſah, daß die Unglücklichen nicht im Stande waren, zu ihrer eigenen Rettung mitzuwirken, ſo ging David raſch zu Werke, denn der Giebel und das, was vom Dach übrig war, drohten jeden Augenblick, einzuſtürzen. Durch die Strömung getrieben, wurde der Nachen ſo gelenkt, daß er an die Triümmer des Gebäudes in der ihrem bevorſtehenden Sturz entgegengeſetzten Richtung an⸗ fuhr; dann, während Frederik ſich mit beiden Händen an einem vorſpringenden Balken anklammerte und das Fahrzeug an der Seite des Daches feſthielt, ergriff David, einen Fuß auf dem Vordertheil des Schiffes, den andern auf der ſchwankenden Dachſparre, mit kräftigem Arm die Mutter und ſetzte ſie mit ihrem Kind auf den Boden des Nachens. Nun erſt erwachte der bis dahin durch den Schrecken aelähmte Verſtund der Unglücklichen wieder völlig. Jean⸗Frangois, der ſich mit einer Hand am Strick hielt, ließ ſeine zwei Kinder aus ſeinen Armen in die von Frederik und David gleiten; dann ſtieg der Meier ſelbſt in den Nachen und legte ſich neben ſeine Frau und ſeine 104 Kinder, wonach Alle unbeweglich blieben, denn ſie befürch⸗ teten gefährliche Schwankungen während der Fahrt des Nachens bis zum ſtehenden Waſſer zu veranlaſſen. Kaum war Frederik zu ſeinen Rudern geeilt, um ſich von den Trümmern der Meierei zu entfernen, als dieſe einſtürzten. Die durch das Untertauchen der Trümmermaſſe ver⸗ urſachte Rückfluth war ſo heftig, daß eine gewaltige Welle den Nachen einen Augenblick aufhob; dann, als er wieder niederſank, erblickte Frederik zehn Schritte von ſich mitten in einer ſchäumenden Woge die Yole des Marquis halb auf ihrem Dahlbord liegend und nahe daran, unter dem Gewicht einer Zuſammenballung von Zimmerwerk und Steinen zu verſinken; denn an die Meierei in dem Augen⸗ blick und in der ichtung ihres Einſturzes anfahrend, war die Barke mit Trümmern bedeckt worden. Beim Anblick der Gefahr, der die Pirogue preit⸗ gegeben war, unterbrach Freberik einen Moment die Bewegung ſeiner Ruder und rief, indem er ſich gegen David umwandte: 3 „Was iſt zu thun, um ihnen beizuſtehen? Soll Frederik vollendete nicht. Er verließ ſeine Ruder, ſtürzte nach dem Vordertheil und tauchte mitten in's Waſſer. Sich der von Frederik ſo unvorſichtig verlaſſenen Ruder bemächtigen und mit einer verzweifelten Anſtrengung nach der Stelle arbeiten, wo er den Sohn von Madame Baſtien hatte verſchwinden ſehen, dies war die erſte Be⸗ wegung von David: nach zwei Minuten unausſprechlicher Angſt ſah er Frederik mit einer Hand kräftig ſchwimmend und mit der andern einen Körper ſchleppend wieder über den Schlund erſcheinen. Mit einigen Ruderſchlägen erreichte David ſeinen Zögling. Dieſer packte nun mit der Hand, mit der er ge⸗ ſchwommen war, das Vordertheil des Nachens, während 105 er mit der andern Raoul von Pont⸗Brillant hielt, der leichenbleich, leblos ausſah und das Geſicht mit Blut bedeckt hatte. Durch eines von den Trümmern, die ſeine Yole bei⸗ nahe unterſinken gemacht hatten, an den Kopf getroffen, war der Marquis von dieſem heftigen Schlag ins Waſſer gewor⸗ fen worden, indeß ſeine erſchrockenen Ruderer nur ſich bemüh⸗ ten, das Fahrzeug von den Bruchſtücken des Zimmerwerks zu befreien, durch die es auf die Seite gelegt wurde. Es hatte kaum wieder ſein Gleichgewicht bekommen, als der Patron, da er, das Verſchwinden ſeines Herrn gewahrend, erſchrocken umherſchaute, den Marquis von Frederik über dem Waſſer gehalten erblickte. Die ſechs Ruderer der Yole hatten bald den Nachen erreicht und Ravul von Pont⸗Brillant, der vollig ohn⸗ mächtig war, an ihr Bord genommen. Frederik hob ſich mit Hülfe von David aus dem Waſſer empor und ſtieg wieder in den Nachen, als die Ruderer vom Schloß ihm voll Schrecken zuriefen: „Aufgepaßt .. ein Floß!“ Dieſe raſch hinter dem Nachen herankommende, ſchwimmende Maſſe war wirklich von David, der ſich nur mit Frederik beſchäftigte, nicht bemerkt worden. Bei dieſer neuen Gefahr fand der Lehrer ſogleich wieder ſeine Geiſtesgegenwart, er warf ſeinen Bootshaken auf die Pirogue des Marquis, zog ſich mittelſt dieſes Anhalts⸗ punktes an ſie an und entging ſo dem Stoße des Floßes. „Ah! mein Herr,“ ſagte zu David der Patron der Ruderer während der paar Secunden, die der Nachen Bord an Bord mit der Pirogue des Schloſſes blieb, „nennen Sie mir den Namen des muthigen jungen Mannes, der den Herrn Marquis gerettet hat . . . „Die Wunde des Herrn von Pont⸗Brillant kann ge⸗ fährlich ſein,“ rief David, ohne die Frage des Patrons zu beantworten, „kehren Sie ſchleunigſt in's Schloß zurück, das iſt klüger.“ 8 Hienach machte David, um den Nachen wieder die 106 Freiheit der Bewegung zu verleihen ſeinen Bootshaken von der Pirogue los und ſagte zu Frederik, der, das Geſicht ſtrahlend, ſein langes Haar zurückwarf: „An Ihr Ruder, mein Kind, Gott iſt mit uns .. Grreichen wir das ſtehende Waſſer, und wir ſind gerettet.“ Gott beſchützte den Nachen, wie David geſagt hatte. Er erreichte, ohne auf ein Hinderniß zu ſtoßen, das ſtehende Waſſer. Hier hörte die Gefahr beinahe gänzlich auf. Der Lehrer, der nicht mehr auf dem Vordertheil zu wachen hatte, nahm die Ruder aus den müden Händen von Frederik, während dieſer ſich beeiferte, die Geretteten ein wenig Wein trinken zu laſſen. Zehn Minuten nachher landete der Nachen am Ufer der Ueberſchwemmung. Zwölftes Rapitel. Als ſie am ufer der Ueberſchwemmung landeten, fanden David und Frederik Madame Baſtien. Die junge Fran hatte einigen Epiſoden dieſes muthigen Rettungswerkes mit Hülfe des Fernrohrs von David bei⸗ gewohnt, das ſie abwechſelnd niederlegte und wieder aufnahm, je nachdem die Gefahr drohend oder überwunden war. Bald fand es Marie über ihren Kräfter von fern den beldenmüthigen Kampf ihres Soh nes gegen ſo viele Hinderniſſe, ohne ihn nur mit der Geberde oder der Stimme ermuthigen zu können, anzuſehen. 107 Bald gab ſie dem unwiderſtehlichen Verlangen nach, zu erfahren, ob Frederik den Gefahren entgangen ſei, von denen er jeden Augenblick bedroht war. Während dieſer halben Stunde voll Bewunderung und Thränen, voll Begeiſterung, Hoffnung und Schrecken, konnte Marie mehr als einmal die muthige Fürſorge von David für Frederik beurtheilen; wir verzichten auch darauf, das Entzücken der jungen Muiter zu ſchildern, als ſie den Nachen landen ſah, auf dem ſich ihr Sohn, David und 6 unglücklichen befanden, die ſie ſo unerſchrocken gerettet atten. Das Glück von Marie wurde aber eine Art von religiöſer Sammlung, als ſie von David erfuhr, Raoul von Pont⸗Brillant habe Frederik das Leben zu verdanken. So war durch eine Fügung der Vorſehung der Mordverſuch dieſes unglücklichen Kindes geſühnt. So verſchwand aus ſeinem Leben der einzige Flecken, den ſelbſt ſeine Wledergeburt bis dahin nicht hatte völlig vertilgen können. Von Madame Baſtien mit rührender Sorge aufge⸗ nommen, wurden der Meier und ſeine Familie im Pachthof untergebracht, denn dieſe Unglücklichen beſaſſen nichts mehr auf der Welt. Die durch die plötzliche Ueberſchwemmung, gegen welche man ſich nicht hatte ſchützen können, abgeſchnittenen Straßen machten die Rettungsmittel ſo ſelten, daß in einem ziemlich weiten Umkreis, genannt das Val, der Nachen von Frederik der einzige Beiſtand der Ueber⸗ ſchwemmten war. Dieſe beinahe gänzlich unter Wafſer geſetzte Niederung enthielt eine ziemlich große Anzahl vereinzelter Meiereien: die einen wurden völlig zerſtört und ihre Bewohner kamen um; andere Häuſer widerſtanden dem Ungeſtüm das Gewäſſers, waren aber ſo nahe daran, durch die Fluth zertrümmert zu werden, daß Frederik und David am Nach⸗ mittag deſſelben Tags noch mehrere gefahrvolle Rettungs⸗ werke vollbrachten, oder Kleider und Proviant anderen 108 1 Opfern des Unglücks zuführten, die ſich auf ihre Speicher geflüchtet hatten, während das Waſſer den unteren Stock füllte. Frederik und David entwickelten bei dieſen zahlreichen nternehmungen einen unermüdlichen, beharrlichen Muth, der denjenigen, welchen ſie beiſtanden, zur Rettung und den Leuten, die der Fortſchritt des Gewäſſers allmälig auf das hohe Plateau, auf dem der Pachthof von Madame Baſtien erbaut war, zurückgeworfen hatte, zur Bewunde⸗ rung gereichte. Man muß ſagen: die Lehren von David brachten ihre Früchte. Die Herzhaftigkeit und der natürliche Edelmuth wurden zu einer unglaublichen Macht durch die Gefühle ſeines Neides in Beziehung auf Raoul von Pont⸗Brillant aufgeſtachelt. „Ich bin nur ein halber Bauer; ich bin weder reich, noch Margquis; ich habe weder eine angemalte Barke, noch Ruderer in Livrée, noch Ahnen, die mir zuſchauen; ich habe nur die Ermuthigung meiner Mutter, die Unter⸗ ſtützung eines Freundes, meine beiden Arme und meine Energie,“ ſagte der junge Mann mit Stolz zu ſich ſelbſt; „und dennoch muß durch meine Aufopferung für die Opfer der Geißel mein dunkler, bürgerlicher Name eines Tags in dieſer Gegend ſo bekannt werden, als es je der berühmte und große Name Pont⸗Brillant geweſen iſt .. Ich bedaure hiebei nur, daß den Marquis ſeine Wunde im Schloß zurückhält . . Ich hätte ſo glühend mit ihm an Unerſchrockenheit im Angeſichte Aller gewetteifert.“ Die Wunde, welche Ravul von Pont⸗Brillant erhalten, war in der That bedeutend genug, um ihn zu ſeinem großen Bedauern in ſeinem Bett zurückzuhalten, denn bei der erſten Nachricht von der Ueberſchwemmung hatte er ſich muthig in eine von ſeinen zu Spazierfahrten beſtimm⸗ ten Polen geworfen und Befehl gegeben, ihn dahin zu führen, wo er nützlich ſein könnte. Sobald er aber außer Stand war, zu befehlen, zu leiten, ſeine Leute anzufeuern, erſtreckte fich die Unthätig⸗ 109 keit des Marquis auf das ganze übrige Haus, und nur an die Beſorgniß denkend, die ihr die Wunde ihres Enkels verurſachte, kümmerte ſich die verwitwete Marquiſe von Pont⸗Brillant durchaus nichts um die Folgen dieſes Un⸗ glücks und ſchalt ſogar den Patron der Barke tüchtig darüber aus, daß er ſich nicht der tollen Verwegenheit von Raoul widerſetzt hatte. Madame Baſtien hatte einen andern Begriff von den Pflichten einer Mutter; ſie ſah mit feſtem Auge ihren Sohn weggehen, um neuen Gefahren zu trotzen; ſie ſuchte nur Zerſtreuung von ihren unabläſſig auf's Neue entſtehenden Befürchtungen in einer Menge von rührenden Bemühungen, die ſie mit bewunderungswürdigem Eifer an alle diejenigen verſchwendete, deren Vorſehung ſie geworden war. So brachte Marie dieſe zwei langen Tage der Bangigkeit hin. Drei Tage aber nach der Ueberſchwemmung war ihr Niveau bedeutend geſunken und die Straßen wurden dem Verkehr zurückgegeben; einige mit Hülfe von Zimmerholz wiederhergeſtellte Brücken erlaubten wirkſame Rettungs⸗ mittel zu organiſiren. Als das Gewäſſer ſo abnahm, kehrten die Unglück⸗ lichen, welche die Geißel aus ihren Wohnungen vertrieben hatte, mit gefoltertem Herzen dahin zurück, denn es drängte ſie in ihrer bittern Ungeduld, den Umfang ihres Unglücks zu beurtheilen. Am Abend des dritten Tages wurde auch der Pacht⸗ hof von Madame Baſtien, der eine Stätte des Heils und der Zuflucht für Alle geworden war, wieder einſam wie zuvor; die Famille von Jean⸗Francois blieb allein im Hauſe, denn ſie beſaß kein Obdach mehr. Als die Straße von Pont⸗Brillant wieder frei war, eilte der Doctor Dufour, der eine unſägliche Angſt ſtanden hatte, na dem Pachthof, verſicherte ſich mit eben ſo viel Erſtaunen, als Freude, daß trotz der Strapazen und Gemüthsbewegungen der zwei ſchrecklichen Tage 41⁰ Niemand von ſeinen drei Freunden ſeiner Sorge bedurfte, er⸗ fuhr von Marie die wunderbare Heilung von Frederik und verließ, nach zwei Stunden köftlicher Ergüſſe, dieſe nun⸗ mehr ſo glücklichen Leute, welche endlich eine ſo muthig erkaufte Ruhe genießen ſollten. Ravul von Pont⸗Brillant hörte bald, daß der junge Mann, der ihn einem beinahe ſichern Tod entriſſen hatte, Frederik Baſtien war. Die Witwe hatte nicht auf den Plan verzichtet, ihrem Enkel zur Geliebten die reizende kleine Bürgersfrau zu geben, welche ſo nahe beim Schloß lebte und deren Gatte beſtändig abweſend war: da ſie in ihrer ehniſchen Naive⸗ tät die Gelegenheit, die Sache einzuleiten, wie ſie zu Zerbinette ſagte, und Madame Baſtien zu treffen, bei der ſie vergebens zweimal erſchienen war, herrlich fand, ſo fuhr die Marquiſe auch in großer Equipage vom Schloß weg und begab ſich nach dem Pachthof. Diesmal hrauchte Marguerite nicht zu lügen, als ſie die Marquiſe verſicherte, Madame Baſtien ſei nicht zu Hauſe. Mehrere Tage hindurch war die junge Frau bei⸗ nahe immer auswärts beſchäftigt, nach allen Seiten Hülfe und Troſt zu ſpenden. Aergerlich über das Vergebliche dieſes Beſuches, ſagte die Marquiſe, als ſie wieder nach Hauſe kam, zu ihrer getreuen Zerbinette: „Es iſt ein wahres Unglück, . . . man ſollte, meiner Treue! glauben, es ſei Abſicht der albernen Kleinen, nicht mit mir zuſammenzutreffen. Dieſe Schwierigkeiten machen mich ungeduldig, und ich muß zu meinem Ziel kommen, abgeſehen davon, daß es, wenn Raoul ſich zu be⸗ nehmen weiß, ein vortrefflicher Eingang zum Spiel für ihn iſt, doß ihn dieſer Schöps herausgeſiſcht hat. Bei Gott! im Namen ſeiner Dankbarkeit für den Sohn hat Raoul das Recht, bei der Mutter nicht von der Stelle zu weichen und ſie einzubalſamiren .. Das iſt eine herr⸗ liche Gelegenheit und ich werde auch dem lieben Jungen eine Lection darüber geben.“ N 114 Es war am 31. December, ungefähr vierzehn Tage nach der Ueberſchwemmung. Die Unfälle waren unberechenbar geweſen, beſonvers für eine Menge von Unglücklichen, die, in ihre halb ein⸗ geſtürzten und mit Schlamm gefüllten Häuſer zurückkehrend, nur die mit Waſſer geſchwängerten, kaum durch ein ein⸗ geſunkenes Dach beſchützten Mauern wiederfanden. Es war ein allgemeiner Ruin. Dieſer hatte ſeinen kleinen Vorrath an Korn verloren, das er bei der Ernte eingeheimſt oder mit großer Mühe für die Nahrung im Winter erkauft hatte. Jener hatte durch das Gewäſſer ein Schwein oder ſeine Kuh, Schätze des Proletariers auf dem Lande, fort⸗ reißen ſehen; Dritte beſaßen nicht mehr die geringſte Matratze, die der ganzen Familie als Lager gedient hatte; beinahe Alle endlich hatten die Verſandung des kleinen Feldes zu beklagen, von dem fie lebten und wofür ſie einen hohen Pachtſchilling zu bezahlen hatten. Anderswo waren die Reben entwurzelt und der zu Bezahlung des Miethzinſes ſorgfältig aufbewahrte Wein mit den Fäſſern fortgeſchwemmt worden; für alle dieſe Unglücklichen, welche vom Morgenroth bis zum Sonnen⸗ untergang mit der unermüdlichen Energie des Bevürfniſſes arbeiteten, ohne, wie man zu ſagen pflegt, die zwei E ndezuſammenbringen zu können, mußten die acht und vierzig Stunden der Geißel mehrere Jahre lang auf ihrem elenden Daſein laſten und dieſes noch elender machen. Der Marquis von Pont⸗Brillant und ſeine Groß⸗ mutter benahmen ſich mehr als königlich: ſie ſchickten am Tag nach der Ueberſchwemmung zwanzig tauſend Franken dem Maire, zwanzig tauſend Franken dem Pfarrer. Marie beſaß, wie wir früher erwähnten, nie anderes Geld, als die geringe Summe, die ihr monatlich für ihren Unterhalt und für den ihres Sohnes von Herrn Baſtien ausgeſetzt war, eine Summe, von der die junge Frau noch ein wenig für das Brod des Almoſens zu erſparen wußte; ſie ſchrieb daher ſogleich an ihren Gatten, der in dieſem 112 Augenblick durch ſeine Geſchäfte in Berri aufgehalten wurde, um ihn zu bitten, ihr ſogleich drei bis vier tauſend Franken zu ſchicken, damit ſie ſo viel Elend unter die Arme greifen könnte. Herr Baſtien antwortete ihr mit der Frage ob ſie ſeiner ſpotte, denn es ſeien ihm, wie er ſagte, zehn Morgen von ſeinen beſten Gütern im Val verſandet worden; weit entfernt, Andere zu unterſtützen, hoffe er im Gegentheil unter den Ueberſchwemmten mitinbegriffen zu ſein, die man reichlich entſchädigen werde; ſobald ſeine Geſchäfte beendigt ſeien, gedenke er nach dem Pachthof zurückzukehren, um ſeinen Verluſt zu berechnen und ſeinen Antheil an der Unterſtützung der Regierung zu ſchätzen. Mehr betrübt, als erſtaunt über die Antwort von Herrn Baſtien, nahm Marie ihre Zuflucht zu anderen Mitteln. Sie beſaß einige Juwelen, die ſie von ihrer Mutter geerbt; es fanden ſich im Pachthof etwa fünfzehn Beſtecke und noch einiges Silberzeug; die junge Frau ſchickte Marguerite nach Pont⸗Brillant, um Silberzeug und Ju⸗ welen verkaufen zu laſſen; das Ganze brachte ihr ungefähr zwei tauſend Franken; David bat Marie um Erlaubniß, die Summe zu verdoppeln, und mit ſeltener Umſicht ver⸗ wendet, diente dieſes Geld einer großen Anzahl von Familien zur Rettung. Mit ihrem Sohn die Gegend durchwandernd, während ſich David mit Einkäufen beſchäftigte, ſah Marie Alles mit eigenen Augen an und erhöhte unendlich den Werth ihrer Wohlthaten durch rührende Worte; den Einen ſchenkte ſie einen Sack Korn, den Andern Hausgeräthe, Weißzeug, Kleider, und Alles wurde von der jungen Frau mit eben ſo viel Unterſcheidungsgabe, als Berückſichtigung der Be⸗ vürfniſſe des Einzelnen ausgetheilt. Jacques Baſtien beſaß einen großen, herrlichen annenwald. Die junge Frau ließ, obgleich fie die Wuth res Gatten zu erwarten hatte, wenn er dieſes unge⸗ euerliche Attentat erfahren würde, entſchloſſen 11¹3 tauſend von den ſchönſten Tannen fällen, und viele Häuſer ohne Dach wurden wenigſtens ſolid für den Winter gedeckt mit. Balken und Sparren, auf denen man eine dichte Lager von wildem Ginſter ausbreitete, der mittelſt langer und geſchmeidiger Zweige von Roßweiden zuſammengehalten wurde. . 1 David, der auf ſeinen Alpenreiſen auf dieſe Art erbaute Obdächer dem Wind und dem Schnee der Gebirge hatte widerſtehen ſehen, gab den Bauern den Gedanken hiezu; indem er ihre Arbeiten leitete und theilte, konnte er eine Menge von praktiſchen, bei ſeinen langen Wande⸗ rungen erworbenen Kenntniſſen in Anwendung bringen und nützlich machen. So hatte die Ueberſchwemmung viele Mühlen und die meiſten Oefen der einzeln ſtehenden Häuſer mit fortgenommen, denn dieſe Oefen ſind gewöhn⸗ lich außerhalb und im Vorſprung der Giebel angebaut. Brod in der ſtets von dieſen Wohngebäuden des Bal entfernt liegenden Stadt kaufen hieß vor Allem dasſelbe ſehr theuer bezahlen; dann mußte man beinahe einen Tag verlieren, und die Zeit iſt koſtbar nach einem ſolchen Un⸗ glück; David hatte die nomadiſchen Aegypter das befeuchtete Getreide zwiſchen zwei Steinen zerreiben und daraus Brodkuchen bereiten ſehen, die ſie unter der heißen Aſche bucken: er lehrte dieſes Verfahren die Familien, deren Oefen zerſtört worden waren, und ſie hatten wenigſtens während der erſten Tage eine leichte und genügende Nahrung. Auf eine bewundernswürdige Weiſe bei jeder Gelegen⸗ heit von Frederik unterſtützt, gefiel ſich David darin, ſich gleichſam hinter ſeinen Zögling zurückzuziehen und die Dankbarkeit auf dieſen zu lenken, ſowohl um ihn für ſeinen Eifer zu belohnen, als auch um ihn auf den edlen Weg, auf dem er wandelte, fortzuführen. Und überdies entwickelte Frederik, ſelbſt wenn David nicht mit dieſer zarten und verſtändigen Fürſorge gehandelt hätte, ſo viel Muth, ſo viel Beharrlichkeit, er zeigte ſich ſo liebevoll, und nahm ſo viel Antheil an den Uebeln, 2 Die ſieben Tovſünden. n. Abth. 2r Bd⸗ 8 114 er und ſeine Mutter mit Allem, was in ihrer Macht lag, erleichterten, daß ſein Name in Aller Mund, ſein Andenken in Aller Herzen war. Während der zwei Wochen; welche auf die Ueber⸗ ſchwemmung folgten, wurden alle Tage von Madame Baſtien, ihrem Sohn und David auf ihre wohlthätige Beſchäftigung verwendet. Wenn es Nacht geworden, kehrte man ſehr ermüdet, zuweilen durchnäßt oder mit Schnee bedeckt nach Hauſe zurück, und Jeder machte ſeine Toilette, deren ſorgfältige Behandlung und übermäßige Reinlichkeit der einzige Lurus im Pachthofe waren. Kam Madame Baſtien wieder in das Studirzimmer, ſo hatte ſie als einzigen Kopfputz nur ihre herrlichen braunen Haare, und ſie trug ihrer Gewohnheit gemäß, heinahe immer ein bis oben geſchloſſenes blaues Tuchkleid; die blendende Weiße von zwei glatten Manchetten und einem glatten Kragen, der von einer kleinen Cravate von kirſchrother oder vrangefarbiger Seide gehalten wurde, hob die vunkle Farbe dieſes Kleides, das zuweilen einen reizenven Fuß ſtets friſch angethan mit einem ſchneeartig glänzenden, durchbrochenen Strumpf von ſchottiſchem Garn ſehen ließ, worauf ſich die ſeidenen Bänder eines ganz kleinen Schuhs von braunrothem Leder kreuzten. Dieſes thätige, beſtändig in freier Luft zugebrachte Leben, die Beweglichkeit des Geiſtes, das Erſchließen des Herzens, der Erguß der mildfreunvlichſten Gefühle, die Heiterkeit der Seele hatten von den bezaubernden Zügen von Madame Baſtlen nicht nur die letzte Spur ihrer vorübergegangenen Leiden verwiſcht, ſondern, wie gewiſſe Blumen, welche, nachdem ſie ein wenig gewelkt haben, ſich häuſig lebendiger, friſcher erheben, war die Schönheit von Marie blendend geworden, und David vergaß ſich oft ſo weit, daß er ſie mit einer ſtummen Anbetung anſchaute. Dieſelben Urſachen brachten dieſelben Reſultate bei Frederik hervor; er war blühender als je an Jugend Kraft und Anmuth. —,— 11⁵ Nach dieſen Tagen thätiger und muthiger Aufopfe⸗ rung im Studirzimmer verſammelt, plauderten Marie, ihr Sohn und David von den Ereigniſſen des Morgens in Erwartung des Mittagbrods, dem man alle Ehre anthat, ohne daran zu denken, daß vas beſcheidene Silberzeug durch glänzendes Maillechort erſetzt war; nach dem Mahl be⸗ ſuchte man eine Werkſtätte, wo Marie mehrere Arbeiterinnen verſammelt hatte, welche Kleider und Weißzeug zu ver⸗ fertigen beauftragt waren; das ökonomiſche Verfahren hiebei erlaubte beinahe die Gaben zu verdoppeln; dann kehrte man in das Studirzimmer zurück, um die langen Winterabende, während außen ein eiſiger Nordoſtwind wehte, an einem kniſternden Kaminfeuer zu beſchließen. Die Stunden vergingen koͤſtlich zwiſchen dieſen drei Perſonen, welche nunmehr durch heilige, unauflösliche Bande vereinigt waren. Häufig ſprach man von den verſchiedenen Plänen für die Zukunft von Frederik, denn nach dieſen vierzehn Tagen einer ſo muthvollen Beſchäftigung ſollte er neue Studien unter der Leitung von David beginnen. Da dieſer beide Welten durchwandert hatte, ſo unter⸗ hielt man ſich auch oft über Reiſen, und er antwortete auf die unermüdliche Neugierde ſeiner zwei Zuhörer; war eine Tracht, eine Landſchaft, eine Vaffe zu ſchildern, ſo erſetzte er die Beſchreibung durch eine Zeichnung. Eine anziehende Lecküre oder die Ausführung eines Muſikftückes endigte den Abend, denn David war ein vor⸗ trefflicher Muſiker; er ließ auch zuweilen Marie und ihren Sohn die nationalen Melodten verſchiedener Länder oder Lieder von einer uranfänglichen Naivetät hören. Bei dieſen vertraulichen, mit innigen Ergüſſen ver⸗ miſchten Unterhaltungen lernte David immer mehr die ausgezeichnete Sinnesart und die Ergebenheit des Ge⸗ müthe von Madame Baſtien ſchätzen. Von jeder traurigen Beſorgniß beſreit, hatte ſie die Heiterkeit ihres Geiſtes wiedergewonnen; er war auch glücklich, als er bemerkte, welchen Nutzen er aus dem edlen Impuls, den er den 116 Ideen von Frederik gegeben, würde ziehen können; dabei ſann er auf einen praktiſchen Studien⸗ und Erziehungs⸗ S den er bald Marie und ihrem Sohn unterwerfen ſollte. Jeden Tag ſchloß ſich Davld inniger an ſeinen Zoͤg⸗ ling an, auf den er Alles übergehen ließ, was er in ſeinem Herzen an Zärtlichkeit ſeit dem ſo beklagten Tod ſeines jüngeren Bruders geſammelt und angehäuft hatte. Indem er ſo den Sohn von Marie Baſtien leidenſchaftlich lſebte, hinterging ſich David in ſeinen brüderlichen Erin⸗ nerungen, wie man ſich oft in ſeinem Kummer dadurch zu ſucht, daß man ſich in eine Aehnlichkeit verliebt. Oft ſchlug es Mitternacht, und das glückliche Trio ſchaute ſich erſtaunt an, beklagte den raſchen Lauf der Zeit und rief: „Schon!“ Und man ſagte ſich: „Morgen! Marie kehrte in ihr Zimmer zurück, Frederik aber begleitete David in ſein Stübchen, und wie oft vergaßen ſich do, im Thürrahmen ſtehend, der Lehrer und der Zög⸗ ling im Zauber eines verlängerten Geſprächs, der Eine voll Glauben horchend, mit Begeiſterung antwortend, mit dem Eifer ſeines Alters fragend, der Andere mit der rührenden Theilnahme des reifen Mannes redend, der ſchwermüthig über die Jugend lächelt, welche von der Ungeduld, ſich auf den geheimnißvollen Pfad ihres Ge⸗ ſchicks hinauszuſtürzen, erfüllt iſt. Wie oft war Marguerite genöthigt, bis zum Ruhe⸗ platz der Stube von David hinaufzuſteigen und zu Fre⸗ derik zu ſagen: „Aber, Herr Frederik, es iſt Mitternacht, es iſt ſchon ein Uhr, Sie wiſſen, daß ſich Madame nie vor Ihnen zu Bette legt.“ ſeiner Mutter hinab. Und Frederik drückte David die Hände und ging zu —,————— ——— 117 Hier war David wieder der Gegenſtand langer Un⸗ terhaltungen zwiſchen der jungen Frau und ihrem Sohn. „Mutter,“ ſagte Frederik, „wie intereſſant war die Erzählung von der Reiſe in Kleinaſien!“ „Oh! ja, äußerſt anzlehend,“ erwiederte die junge Frau, „und dann, Frederik, wie viele ſeltſame Dinge hat uns Herr David über die Schwingungen des Tons ge⸗ ſagt, und zwar ganz einfach aus Veranlaſſung der zerſprun⸗ genen Klavierſatte.“ „Ferner, Mutter, die Vergleichung der Eigenthümlich⸗ keiten des Tons mit denen des Lichts ? . das war rei⸗ zend wie ein Zaubermährchen.“ „Und das koöſtliche Stück von Mozart, das er uns heute geſpielt hat! . . . Du weißt den Chor der kleinen Genien in der Zauberflöte? . Das war wie geflügelt. Welch ein Glück, das arme Wilde wie wir bis jetzt nichts von Mozart gekannt haben . . . das heißt für uns einen Harmonieſchatz entdecken.“ „Und was er uns von der Verbindung der Mähri⸗ ſchen Brüder und der Schüler von Owen in Nord⸗ Amerika ſagte. . . Welche Summe von Elend weniger, welche Wohlfahrt für ſo viele arme Leute, wenn dieſe Grundſätze in unſeren Gegenden angewendet würden!“ „Haſt Du es bemerkt, Mutter? Er hatte Thränen in den Augen, als er von dem Glück ſprach, deſſen ſo viele Menſchen, welche leiden, theilhaftig werden könnten.“ „Ah! mein Kind, er beſitzt das edelſte Herz, das ſich auf der Welt finden läßt.“ „Wie werth halten wir ihn aber auch, Mutter! Oh! wir müſſen ihn ſo ſehr, ſo ſehr lieben, daß es ihm unmöglich iſt, uns je zu verlaſſen. Er hat keine Familie mehr .. ſein beſter Freund, der Doctor, iſt unſer Nachbar; . . . wo könnte ſich Herr David beſſer befinden, als bei uns?“ „Uns verlaſſen,“ rief Marie, „uns verlgſſen er iſt es, der unſere Stärke, unſeren Glauben, unſer Ver⸗ trauen auf die Zukunft bildet. . . Kann er uns nun ver⸗ laſſen!“ 118 Die alte Marguerite war nun abermals genöthigt, in's Mittel zu treten. „Um der Liebe Gottes willen, legen Sie ſich doch zu Bette, es iſt ſchon zwei Uhr,“ ſagte die alte Magd, „Sie ſind ſeit ſechs Uhr auf, und Herr Freverik auch, und dann ſo viel Anſtrengung den Tag hindurch. das iſt nicht verſtändig.“ „Marguerite hat Recht, wenn ſie ſchmält,“ ſagte lächelnd Marie, indem ſie ihren Sohn auf die Stirne küßte: „wir ſind verrückt, daß wir uns ſo ſpät nieder⸗ legen.“ Und am andern Tag bedurfte es abermals der Vor⸗ würfe von Marguerite, um das Geſpräch der Mutter und des Sohnes kurz abzuſchneiden. Einige Male legte ſich Marie träumeriſch zu Bette. Eines Abends, während Frederik vorlas, ftützte ſein Freund, nachdenkend mit dem Ellenbogen auf den Arbeits⸗ tiſch gelehnt, ſeine Stirne auf ſeine Hand; durch den Schirm der Lampe concentrirt, ſiel das Licht der Lampe mit ſeiner vollen Kraft auf das ausvrucksvolle, edle Ant⸗ litz von David. Einen Augenblick von der Lecture abgezogen, heftete Marie ihren Blick auf den Retter ihres Sohnes und betrachtete David lange Zeit. Allmälig fühlte die junge Frau, wie ihre Augen feucht wurden, wie ihr ſchöner Buſen gewaltig bebte und eine leichte Röthe auf ihre Stirne emporſtieg. In dieſem Moment ſchlug David zufällig die Augen auf und begegnete dem Blick von Marie. Dieſe ſenkte ſogleich den Blick und wurde purpurroth. Ein andermal ſaß David beim Klavier und begleitete Frederik und Marie, welche ein Duett ſangen; die junge Frau wollte das Blatt der Partitur umwenden, David hatte denſelben Gedanken . . . und ſeine Hand begegnete der Hand von Marie. Bei dieſer elektriſchen Berührung bebte ſie, all ihr 1¹9 Blut floß nach ihrem Herzen zurück, und eine Wolke zog vor ihren Augen vorüber. Trotz dieſer bezeichnenden Symptome entſchlummerte die junge Mutter an dieſem Abend träumeriſch, aber voll Ruhe und keuſcher Heiterkeit. Wie immer, küßte ſie ihren Sohn auf die Stirne ohne zu erröthen. So vergingen die letzten vierzehn Tage des December. Am Tag vor dem Neujahr ſchickten ſich David, Marie und ihr Sohn an, auszugehen, um einigen von ihren Schützlingen eine letzte Unterſtützung zu bringen, als Marguerite ihrer Gebieterin einen Brief übergab, der durch einen eigenen Boten angekommen war. Beim Anblick der Handſchrift konnte Marie ihr Er⸗ ſtaunen und ihre Furcht nicht verbergen. Brief war von Herrn Baſtien und alſo ab⸗ gefaßt: „Meine Frau Gemahlin, (mit der ich durchaus nicht zufrieden bin.) „Meine Angelegenheiten im Berry ſind früher beendigt worden, als ich dachte. Ich bin in Pont⸗Brillant mit meinem Gevatter Bridou beſchäftigt, Rechnungen zu vurch⸗ ſehen. Wlr reiſen binnen Kurzem nach dem Pachthof ab, wo Bridon einige Tage bleiben wird, um mir die Ent⸗ ſchädigung ſchätzen zu helfen, die mir von der den Ueber⸗ ſchwemmten bewilligten Unterſtützung zukommen ſoll, denn dieſes Unglück muß doch zu etwas gut ſein. „Wir werden zum Mittageſſen ankommen. „Seien Sie dafür beſorgt, daß ich eine Hammels⸗ keule mit dem unerläßlichen Knoblauch und eine herrliche Kohlſuppe, wie ich ſie liebe, nebſt viel eingeſalzenem Schweinefleiſch und einer gehörigen Anzahl Blois⸗Würſte ſinde; wollen Sie hauptſächlich hiefür beſorgt ſein. „Nota bene. Ich komme in ſehr übler Laune an und bin ſehr geneigt, meinem Herrn Sohn die Ohren zu „ 120 reiben, ſollten ſeine Melancholien und ſeine Zierlingsma⸗ nieren noch nicht vorüber ſein. „Ihr Gatte, der durchaus keine Luſt hat, zu lachen. Jacques Baſtien.“ „N. S. Bridou iſt wie ich: er liebt den Käſe, der ganz allein geht. Sagen Sie Marguerite, ſie ſoll ſich damit verſehen, und wachen Sie ſelbſt hierüber.“ Marie war noch unter dem Eindruck des Erſtaunens und des-Kummers, den die unerwartete Rückkehr von Herrn Baſtien auf ſie machte, als ſie ihren peinigenden Gedanken durch ein gewaltiges, immer mehr zunehmendes Geräuſch, das ſie außen hörte, entriſſen wurde. Es war, als umgäbe eine beträchtliche Verſammlung das Haus. Ploͤtzlich trat Marguerite, die Augen voll Freuden⸗ thränen, ein und rief: „Ah! Madame, kommen Sie, ſehen Sie.“ Immer mehr erſtaunt, folgte Marie maſchinenmäßig der Magd. Preizehntes Kapitel. Das Wetter war klar, die Winterſonne ſtrahlend. Als Marie Baſtien aus der ländlichen Vorhalle, die ſich über der Eingangsthüre ihres Hauſes erhob, hervor⸗ trat, ſah ſie ungefähr hundert Perſonen, Männer, Weiber und Kinder, alle in groben, aber warmen und neuen Klei⸗ dern, vorüberziehen und ſich hinter dem kleinen Garten aufſtellen. Dieſer Zug ſchloß ſich mit einem mit Tannenreis ge⸗ ſchmückten kleinen Wagen, auf dem man das erblickte, was man in der Gegend eine Toue nennt, das iſt ein kleiner flacher Nachen, dem ähnlich, deſſen ſich Frederik 121 und David während der Ueberſchwemmung ſo muthig be⸗ dient hatten. Hinter dem Wagen, der vor der Gartenthüre anhielt, kam eine leere Caleche beſpannt mit vier Pferden; auf zwei von dieſen Pferden ritten zwei kleine Poſtillons, wäh⸗ rend zwei Bedienten hinten auf der Caleche ſaßen. An der Spitze des Zuges marſchirte Jean Frangois, der Meier; er führte zwei von ſeinen Kindern an der Hand; ſeine Frau hielt das kleinſte in ihren Armen. i 6 der Meier Madame Baſtien erblickte, näherte er ch ihr. „Guten Morgen, Jean Frangois,“ ſagte freundlich die junge Frau; „was wünſchen die braven Leute, die Euch begleiten?“ „Wir moͤchten gern Herrn Frederik ſprechen, Madame..“ Marie wandte ſich gegen Marguerite um, welche triumphirend hinter ihrer Gebieterin ſtand, und ſagte zu ihr: „Benachrichtigt ſogleich meinen Sohn.“ „Das wird ſchnell geſchehen ſein, Madame, er iſt mit Herrn David im Studirzimmer.“ Während die Magd Frederik holte, fragte ſich Marie, als ſie die leere, prächtig beſpannte Caleche erblickte, die vor der Gartenthüre hielt, was dieſer Wagen hier zu thun habe. . Frederik lief herbei, ohne das Schauſpiel zu erwar⸗ ten, das ſeiner harrte. „Was willſt Du, meine Mutter?“ fragte er raſch. Als er dann die Menge ſah, die das Gärtchen füllte, blieb er ganz erſtaunt ſtehen und ſchaute Marie mit fra⸗ gender Miene an. „Mein Kind . .. Aber die junge Frau, deren Herz wonniglich ſchlug, war genöthigt, ſich zu unterbrechen; überwältigt von der Erſchütterung, hatte ſie erkannt, daß die Verſammlung nur aus Perſonen beſtand, welche während des großen Unglücks von ihr, von ihrem Sohn und von David unter⸗ ſtützt worden waren. 122 Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fuhr Marie fort: „Jean⸗Francois wünſcht Dich zu ſprechen, hier iſt er.“ ünd die glückliche Mutter ſiellte ſich hinter ihren Sohn, und wechſelte einen Blick unausſprechlichen Entzü⸗ ckens mit David, der ſeinem Zögling gefolgt war und ſich unter der Vorhalle halb verborgen hielt. 1 Frederlk, deſſen Erſtaunen immer mehr zunahm, hatte einen Schritt gegen Jean⸗Francois gemacht; dieſer ſprach dann mit tief gerührtem Ton: „Herr Frederik, wir armen Leute vom Val kommen hierher, um von ganzem Herzen Ihnen, ſowie Ihrer braven Mufter und Ihrem wackern Freund zu danken Da ich derjenige bin, welcher Ihnen am meiſten zu verdanken hat,“ fuhr der Meier mit einer immer mehr durch Thränen unterbrochenen Stimme fort, während er mit einer aus⸗ drucksvollen Geberde ſeine Frau und ſeine Kinder bezeichnete, „da ich derjenige bin, welcher Ihnen am meiſten zu ver⸗ vanken hat, Herr Frederik, ſo haben mich die Anderen beauftragt, Ihnen zu und ich 16 Der arme Mann konnte nicht vollenden. Das Schluchzen erſtickte ſeine Stimme. Anderes Schluchzen, das aus der bewegten und ge⸗ ammelten Menge hervorkam, erwiederte die Thränen von David und unterbrach allein die heilige Stille, welche einen Augenblick herrſchte. Das Herz von Frederik zerſchmolz in himmliſcher Nührung. Er ſiel ſeiner Mutter um den Hals . als hätte „ er auf ſie die Zeugniſſe der Dankbarkeit übertragen wollen, von denen er ſo tief erſchüttert war. Auf ein Zeichen von Jean⸗Francois, der ſeine Augen trocknete und ſeine Kaltblütigkeit wieder zu erlangen ſuchte, holten mehrere Männer von der Verſammlung die Toue vom Wagen, trugen ſie auf den Armen herbei und ſetzten ſie vor Frederik niever. Es war ein einfacher, ländlicher Nachen mit ſeinen — 123 beiden Rudern von rohem Holz; nur las man auf dem inneren Barkhalter in ungleichen und plump ausgeſchnit⸗ tenen Buchſtaben: „Die armen Leute des Val Frederik Baſtien.“ Dann folgte das Datum der Ueberſchwemmung. Jean⸗Frangois fuhr, nachdem er ſeine Erſchütterung überwunden hatte, gegen Frederik, indem er auf die Toue deutete, fort: „Herr Frederik, wir haben uns vereinigt, um dieſen Nachen bauen zu laſſen, der ungefähr demjenigen ähnlich iſt, welcher Ihnen dazu gedient hat, uns beizuſtehen, uns zu retten. Entſchuldigen Sie unſere Freiheit, Herr Frederik, in guter Abſicht und aus guter Freundſchaft bringen wir Ihnen dieſen Nachen. Wenn Sie ſich desſelben bedienen, gedenken Sie der armen Leute voim Val, die Sie ſtets innig lieben und Ihren Namen ihre kleinen Kinder lehren werden, damit ſie denſelben, wenn ſie einſt groß geworden, wlederum die ihrigen lehren, denn ſehen Sie, Herr Frederlk, dieſer Name iſt der gute heilige Name der Gegend. Frederik ließ ſeine Thränen fließen, eine ſtumme, beredte Antwort. David neigte ſich nun an das Ohr von Frederik und ſagte ganz leiſe zu ihm: „Mein Kind, iſt dieſer ländliche Zug nicht ſo viel werth als der glänzende Zug am Hubertsfeſt?“ In dem Augenblick, wo ſich Frederik umwandte, um David die Hand zu drücken, entſtand eine Bewegung in der Menge, welche mit einem Gemurmel des Erſtaunens und der Neugierde zurücktrat und Raoul von Pont⸗Brillant Platz machte. Der Marquis trat ein wenig vor Jean⸗Frangois und ſagte mit eben ſo viel Leichtigkeit als Anmuth zu Frederik: „Mein Herr, ich komme, um Ihnen zu danken, daß Sie mir das Leben gerettet haben, denn heute iſt 124 mein erſter Ausgang; es war meine Pflicht, Ihnen den⸗ ſelben zu widmen; auf dem Weg traf ich dieſe braven Leute. Nachdem ich mich bei einem von ihnen nach dem Zweck ihrer Verſammlung erkundigt hatte, ſchloß ich mich ihnen an, weil ich wie dieſe braben Leute vom Val bin Ihnen, wie mehrere derſelben, das Leben zu verdanken habe.“ Nach dieſen mit einem, vielleicht mehr artigen, als bewegten Ton geſprochenen Worten miſchte ſich der Marquis abermals, mit ausgeſuchtem Takt, unter die Menge. „mußte nicht Herr von Pont⸗Brillant jetzt Sie beneiden 6 Frederik drückte David die Hand und blieb einige Augenblicke unter der Macht des Gedankens: „Derjenige, welchen ich feiger Weiſe tödten wollte, iſt va, ohne daß er etwas von meinem unſeligen Verſuch weiß, und kommt, um mir dafür, däß ich ihm das Leben gerettet, zu danken.“ Dann wandte ſich der Sohn von Madame Baſtien an die Leute vom Val, miſchte ſich unter ſie, reichte ihnen ſeine Hände, die man ihm herzlich drückte, und ſprach mit warmem Ton: „Meine Freunde, was ich gethan, habe ich auf die Eingebung meiner Mutter und mit Hülfe meines Freundes, des Herrn David, gethan. In ihrem und meinem Namen danke ich Euch daher aus dem Grunde meines Herzens für dieſe Beweiſe Eurer Zuneigung. Was dieſen Nachen betrifft, fügte der junge Mann bei, indem er auf die mitten im Garten nledergelegte Toue zuging und dieſe mit eben ſo viel Freude als Rührung betrachtete, „er ſoll für die Spazierfahrten meiner Mutter beſtimmt ſein .. und dieſe rührende Inſchrift wird uns an die Bewohner des Val erinnern, die wir eben ſo ſehr lieben, als ſie uns lieben.“ Dann ſprach nach und nach Frederik diejenigen, welche ihn umgaben, einzeln anz er fragte den Einen, ob „Run, mein Kind,“ ſagte leiſe David zu Frederik, 5 —————— 125 ſein gebrachter Acker nunmehr eine Schutzwehr habe; den Andern, ob er einen Theil ſeines Weingartens zu er⸗ halten hoffe; Dieſen, ob der befruchtende Schlamm, den die Loire auf ſeiner Wieſe zurückgelaſſen, das Unglück, unter dem er gelitten, nicht ein wenig mildere; zu Allem endlich ſagte Frederik ein Wort, durch das er bewies, daß die In⸗ tereſſen oder die Unglückefälle von Jedem ſeinem Geiſte gegenwärtig waren. Marie ſprach ihrerſeits mit den Weibern, mit den Müttern, mit den Kindern, und fand für Alle ein Wort der Zuneigung und der Theilnahme, die ſich durch genaue Fragen offenbarte, welche zum Beweiſe dienten, daß ſie, wie ihr Sohn, vollkommene Kenntniß von der Lage und den Bedürfniſſen Aller hatte. Frederik hoffte den Marquis von Pont⸗Brillant wieverzufinden; er fühlte das Bedürfniß, demjenigen, welchen er ſo lange mit erbittertem Haß verfolgt hatte, die Hand zu drücken; es kam ihm vor, als müßte dieſe offenherzige Kundgebung in ihm auch die letzte Erinnerung an die unſelige Handlung, die er verſucht, tilgen; doch er traf den Marquis nicht, und auch ſein Wagen war ver⸗ ſchwunden. Als aber die Leute vom Val weggegangen waren und Frederik mit ſeiner Mutter und mit David in ihre Wohnung zurückkehrte, fand er Marguerite, die ihm, ganz ſtolz, einen Brief übergab. „Was iſt es mit dieſem Brief, Marguerite?“ fragte der junge Mann. „Leſen Sie, Herr Frederik.“ „Mutter, Du erlaubſt, .. und Sie auch, mein Freund.“ David und Marie machten ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf. Frederik ſuchte mit den Augen die Unterſchrift und ſagte alsbald: „Es iſt vom Marquis von Pont⸗Brillant.“ „Von ihm ſelbſt, Herr Frederik,“ ſprach Marguerite. 126 „Ghe er wieder weggegangen iſt, kam er durch das Wäld⸗ chen hierher und Lerlangte ein Wort an Sie zu ſchreiben.“ „Komm in das Studirzimmer, mein Kind,“ ſagte Marie zu ihrem Sohn. Als David, Frederik und ſeine Mutter allein waren, ſprach der junge Mann naiv: „Ich werde laut leſen, meine Mutter.“ „Wie Du willſt, mein Kind.“ „Ah! es fällt mir ein,“ fügte Frederik lächelnd bei, „es iſt ohne Zweifel ein Dankſagungsſchreiben . . . und das ſelbſt leſen . . .“ „Du haſt Recht, Du würdeſt drei Viertel davon übergehen,“ ſagte Marie ebenfalls lächelnd, „gib den Brief Herrn David, er wird das beſſer leſen, als Dy.“ „Ah!“ rief Frederik heiter, „meine Beſcheidenheit kommt mir ſchlecht zu Statten. Sind es Lobeserhebungen, ſo werden ſie mir noch ſüßer erſcheinen.“ „Das wird die Strafe für Ihre Demuth ſein,“ ſprach David. Und er las, wie folgt: „Wie ich Ihnen geſagt habe, mein Herr, ging ich von Hauſe weg in der Hoffnung, Ihnen meine Dankbar⸗ keit ausdrücken zu können. Ich traf die Leute vom Val, die ſich zu Ihnen begaben, um ihre Segenswünſche gegen Sie auszuſprechen, gegen Sie, deſſen Name mit vollem Recht ſeit der Ueberſchwemmung volksthümlich in unſerer Gegend geworden iſt. Ich glaubte mich dieſen Leuten an⸗ ſchließen zu müſſen und wollte den Augenblick abwarten, wo ich Ihnen perſönlich danken könnte. „Ohne einen Umſtand von zarter Natur hätte ich heute dieſe Pflicht erfüllt, mein Herr. „Als ich Sie in ſo guten Ausdrücken und mit einer ſo bewegten Stimme den Leuten vom Val danken hörte, kam es mir vor, als erkennete ich die Stimme einer Perſon, mit ver ich bei Einbruch der Nacht im Hohlweg des Waldes von Pont⸗Brillant 127 vor ungefähr zwei Monaten zuſammenge⸗ troffen bin, denn wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, fand dieſes Zuſammentreffen in den erſten Tagen des November ſtatt.“ „Frederik, was ſoll das bedeuten?“ fragte Madame Baſtien, David unterbrechend. „Sogleich, meine Mutter, werde ich Dir Alles ſagen. Wollen Sie fortfahren, mein Freund.“ David fuhr fort: „Es iſt möglich und ich wünſche es lebhaft . . . daß Ihnen die auf dieſes Zuſammentreffen be⸗ zügliche Stelle unverſtändlich erſcheint . . . wollen Sie in dieſem Fall kein Gewicht darauf legen und dieſelbe einem Irrthum veranlaßt durch eine, übrigens ſehr ſeltſame, Aehnlichkeit der Stimme und des Ausdrucks zuſchreiben. „Wenn Sie mich dagegen verſtehen, wenn Sie, mit einem Wort, derjenige find, mit welchem ich zu⸗ ſammengetroffen bin, als es ſchon ſo ſehr Nacht geworden, daß ich ſeine Züge nicht unterſcheiden konnte, welche dann die Ihrigen wären, ſo werden Sie ohne Zweifel die Güte haben, mir den (ich hoffe, ſcheinbaren) Widerſpruch zu erklären, der zwiſchen Ihrem Benehmen bei unſerer Zuſammenkunft im Walde und bei der Ueberſchwemmung obwaltet. „Ich werde alſo, mit Ihrer Erlaubniß, die Aufklärung dieſes Geheimniſſes abwarten, um zu wiſſen, mit welchen Gefühlen ich fortan die Ehre haben ſoll, mich zu nennen Ihren gehorſamſten und ergebenſten Diener „Raoul Marquis von Pont⸗Brillant.“ Kaum war dieſer mit einer frühreifen Sicherheit und Erhabenheit geſchriebene Brief bis zum Ende geleſen, als der Sohn von Madame Baſtien an einen Tiſch lief, freiwillig ein paar Zeilen ſchrieb, das Papier zuſammen⸗ legte, dann wieder zu ſeiner Mutter zurückkehrte und zu ihr ſagte: 128 „Mutter, ich will Dir mit wenigen Worten das Abenteuer im Hohlweg erzählen; ſodann werdet Ihr, Du und mein Freund, beurtheilen, ob die Antwort, die ich Herrn von Pont⸗Brillant geſchrieben habe, paſſend iſt.“ Ohne des von ihm belauſchten Geſprächs der ver⸗ witweten Marquiſe mit Zerbinette, durch das er ſeine Mutter zu beleidigen geglaubt hätte, zu erwähnen, unter⸗ richtete hienach Frederik die junge Frau und David von Allem, was an dem unſeligen Tag, ouf den der Marquis anſpielte, vorgefallen war .. wie dieſer, nachdem er ſich geweigert, ſich mit einem Unbekannten in der Finſterniß zu ſchlagen, da er ſich von der Zudringlichkeit von Frederik frei machen wollte ihn, unter der Bruſt ſeines Pferdes niedergeworfen, wie ſich dann Frederik in ſeiner wahnſfinnigen Wuth an einem Ort, wo der Marquis vorüberkommen mußte, in Hinterhalt gelegt, um ihn zu tödten Nachdem dieſe Erzählung beendigt, die, ohne Fre⸗ derik zu rechtfertigen ſeiner Mutter und David wenigſtens erklärte, durch welche Reihenfolge von Geſühlen er dahin gebracht worden war, daß er den Gedanken zu einem Hinterhalt und zu dem Verſuch faßte, der wenigſtens Herrn von Poni⸗Brillant unbekannt geblieben, ſagte Frederik zu ſeiner Mutter: „Hier iſt meine Antwort auf den Brief von Herrn von Pont⸗Brillant. 5 Marie las, wie folgt: „Mein Herr, „Ich hatte Sie ohne Grund herausgefordert und ſchäme mich deſſen . Ich habe Ihnen das Leben ge⸗ rettet und fühle mich hiedurch beglückt ... Das iſt das ganze Geheimniß. „Ihr ergebenſter Diener „Frederik Baſtien.“ „Gut, mein Kind,“ ſprach David lebhaft, „Sie ge⸗ ſtehen edelmüthig einen unſeligen Gedanken, den Sie mit Gefahr Ihres Lebens geſühnt haben.“ 129 „Wenn ich an dieſe Wiedereinſetzung in die frühere Ehrenhaftigkeit und an Alles, was vorgefallen iſt, denke,“ ſprach Marie mit tiefer Rührung, „wenn ich mir ſage, daß dies Alles Ihr Werk iſt, Herr David, und daß mein Sohn vor kaum vierzehn Tagen das Herz von Galle zer⸗ freßen, ſna „Und Du weißt noch nicht einmal Alles „ rief Fre⸗ derlk, ſeine Mutter unterbrechend, „nein, Du weißt nicht, was Du Alles dieſem guten Genius verdankſt, der un⸗ ſern Kummer in Glück verwandelt hat.“ „Was ſagſt Du, mein Kind?“ „Frederik!“ rief David im Ton des Vorwurfs, denn er ahnete den Gedanken des Sohnes von Madame Baſtien. „Mein Freund, es iſt heute der Tag der vollſtändigen Bekenntniſſe. . . und überdies ſehe ich meine Mutter ſo glücklich daß „ dann ſich unterbrechend, „nicht wahr, Mutter, Du biſt glücklich?2“ Marie antwortete damit, daß ſie ihren Sohn voll Trunkenheit küßte. „Sie ſehen wohl, mein Freund, daß eine vorüberge⸗ gangene Gefahr ihr keinen Kummer verurſachen kann, be⸗ ſonders, wenn ſie einen Grund mehr haben wird, Sie zu lieben, Sie zu ſegnen.“ „Frederik, ich beſchwöre Sie noch einma „Mein Freund, der einzige Grund, der mich bis jetzt meiner Mutter dieſes Geheimniß zu verſchweigen bewog, war der, daß ich ſie zu betrüben befürchtete.“ „Ich bitte, liebes Kind, erkläre Dich,“ rief ſie. „Nun! meine Mutter, jener nächtliche Abſchied, Du weißt? war kein Traum.“ „Wie in jener unglücklichen Nacht kamſt Du.. 6 „Um Dir Lebewohl zu ſagen „„ „Mein Gott! und wohin wollteſt Du denn gehen 2 „Ich wollte mir das Leben nehmen Marie ſtieß einen Schreckensſchrei aus und wurde lei⸗ chenbleich. 8 Die ſieben Todſünden. 11.Abth. 2r Bd. 9 ———— 130 „Frederik,“ ſagte David, „Sie ſehen, welche Unvor⸗ chtigkeit!“ „Nein, nein,“ entgegnete die junge Frau, indem ſie zu lächeln ſuchte, „ich bin von einer . lächerlichen Schwäche „ Iſt mein Sohn nicht hier in meinen Armen, an meinem Herzen?“ Und während Marie dieſe Worte ſprach, ſchloß ſie ihren Sohn, der neben ihr auf dem Sopha ſaß, wirklich in ihre Arme; dann küßte ſie ihn auf die Stirne und fügte mit zitternder Stimme bei: „Oh! ich habe ihn . .. NMun befürchte ich nichts mehr und kann Alles hören.“ „Wohl! Mutter, vom Neid verzehrt, verfolgt beſon⸗ ders von Gewiſſensbiſſen, welche auf Deine Stimme er⸗ wacht waren, wollte ich mir das Leben nehmen Ich ging mit Herrn David aus. Ich entwiſchte ihm ... Es gelang ihm, meine Spur aufzufinden . . . Ich lief nach der Loire zu, und als er dort ankam . „Oh! unglückliches Kind!“ rief Marie, „ohne ihn wäreſt Du des Todes geweſen!“ „Ja, da ich fühlte, daß ich ſterben ſollte, rief ich Dich, meine Mutter, wie man um Hülfe ruft . . Er horte meinen Schrei, ſtürzte ſich in die Loire. . . und...“ Frederik wurde durch Marguerite unterbrochen. Die alte Magd erſchien diesmal nicht lächelnd und triumphirend, ſondern furchtſam, unruhig, und ſagte zu ihrer Gebieterin ganz leiſe, als hätte ſie ihr eine unſelige Nach⸗ richt zu hinterbringen: „Madame, Madame, der Herr iſt da.“ f — 13¹ Pierzehntes Rapitel. Die Worte von Marguerite: der Herr iſt da! welche die Ankunft von Jacques Baſtien in dem Augen⸗ blick verkündigten, wo Marie erfuhr, daß ſie David ſowohl die moraliſche Heilung, als das Leben ihres Sohnes zu verdanken hatte, veranlaßten eine ſolche Beſtürzung bei der jungen Frau, daß ſie ſtumm, unbeweglich und wie von einem unerwarteten Schlag getroffen blieb, denn die ver⸗ ſchiedenen Vorfälle des Morgens hatten ſie den Brief ihres Gatten vergeſſen laſſen. Frederik fühlte ſich auf eine traurige Weiſe über⸗ raſcht; in Folge der Zurückhaltung ſeiner Mutter wußte er nicht, bis auf welchen Grad das Benehmen ſeines Va⸗ ters gegen ſie ſtets hart und ungerecht geweſen war; aber gewiſſe häusliche Scenen, bei denen ſich die natürliche Bru⸗ talität von Jacques Baſtien häuſig geoffenbart, die unver⸗ ſtändige Rohheit, mit der er ſeine väterliche Gewalt bei ſeinem ſeltenen Erſcheinen im Pachthof ausübte, Alles hatte dazu beigetragen, das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn äußerſt kalt zu machen. David ſah auch die Ankunft von Herrn Baſtien mit tiefer Bangigkeit; obgleich entſchloſſen, dieſem Mann alle mögliche Einräumungen zu machen, gänzlich vor ihm in den Hintergrund zu treten, um ſeine Gleichgültigkeit zu verdienen, war ihm doch der Gedanke peinlich, daß die Fortſetzung ſeiner Bezichungen zu Frederik und ſeiner Mutter ganz und gar von einer Laune von Jacques Ba⸗ ſtien abhing. Marguerite ging ihrem Herrn um ſo wenig voran, duß David, Marie und ihr Sohn noch ganz von ihrem Erſtaunen und ihren peinlichen Gedanken eingenommei waren, als Jacques Baſtien, begleitet von ſeinem Gevatter Bridou, dem Huiſſier von Pont⸗Brillant, in das Studir⸗ zimmer eintrat. X 132 Jacques Baſtien war, wie geſagt, ein fettleibiger Herecules; ſein dicker, von einem Wald krauſer, rothblonder Haare bedeckter Kopf war von ſeinen mächtigen Schultern kaum durch einen Stierhals getrennt; er hatte ein breites, lebhaft gefärbtes, beinahe unbärtiges Geſicht wie viele Leute von athletiſcher Natur; eine dicke Naſe, einen wurſtartigen Mund und verſchmitzte, tückiſche, boshafte Augen. Die blaue Blouſe, die er, ſeiner Gewohnheit gemäß, über ſeinem Rock anhatte, hob ſeinen übermäßigen Fallſtaffsbauch noch mehr hervor; er trug eine Mütze von Fuchspelz mit Ohren, eine weite Sammethoſe und mit Eiſen beſchlagene Sti efel, die er mehrere Tage nicht hatte putzen laſſen; in einer ſeinen ungeheuren, kurzen, mehr breiten, als langen Hände hielt er einen Stock von Stechpalme, der an ſeinem Griff mit einer Rundſchnur von fettigem Leder um⸗ bunden war; kurz geſagt: dieſer Maſtodonte roch auf zehn Schritte nach dem Bock. Sein Gevatter Bridvu, der auch eine Blouſe über ſeinem alten ſchwarzen Rock anhatte und einen runden Hut auf dem Kopfe trug, war ein kleiner Mann mit Brille, mager, mit Sommerſproßen bedeckt, hatte einen ſchlauen Blick, einen geknippenen Mund und hervorſprin⸗ gende Backenknochen; er ſah ganz aus wie ein Frettwie⸗ ſel mit Brille. Beim Anblick von Jacques Baſtien bebte David vor Schmerz und Schrecken, indem er bedachte, daß das Leben von Marie auf immer an das dieſes Menſchen gekettet war, der früher oder ſpäter nicht einmal mehr den Edel⸗ muth der Abweſenheit haben konnte . . Jacques Baſtien und Bridou traten in das Studir⸗ zimmer ein, ohne zu grüßen; die erſten Worte, die der Herr vom Hauſe mit gefalteter Stirne und ungeſchlachtem, zornigem Tone an ſeine Frau richtete, welche aufſtand, um ihn zu empfangen, waren: „Wer war ſo keck, Befehl zum Aushauen meines Tannenwaldes zu geben?“ „Welches Tannenwaldes, mein Herr?“ fragte Marie, 133 ohne genau zu wiſſen, was ſie fagte, ſo ſehr war ſie be⸗ ſtürzt über die Ankunft ihres Gatten. „Wie! welcher Tannenwald?“ verſetzte Jacques Ba⸗ ſtien, „mein Tannenwald an der Landſtraße. Spreche ich etwa Türkiſch? Im Vorübergehen bemerke ich, daß mehr als tauſend Tannen gefällt worden find, und zwar die ſchonſten! Ich frage Sie, wer ſich dieſelben ohne meinen Befehl zu verkaufen erlaubt hat?“ „Man hat ſie nicht verkauft, mein Herr,“ erwiederte Marie, die allmälig ihre Kaltblütigkeit wieder errang. „Wenn man fie nicht verkauft hat, warum ſind ſie dann gefällt worden? Wer hat fie fällen laſſen?“ „Ich, mein Herr.“ „Sie?“ rief Jacques Baſtien. Und er ſchwieg einen Augenblick ganz erſtaunt, dann aber fuhr er fort: „Ah! Sie Das iſt etwas Neues. Das nenne ich mir einmal einen ſtarken Kaffee; was ſagſt Du dazu, Vater Bridou?“ „Verdammt! ... Jacques .. man muß ſehen „ „Das will ich thun ... Und welches Geldbedürfniß hat Madame veranlaßt, tauſend von meinen ſchönſten Tan⸗ nen umhauen zu laſſen, wenn's beliebt?“ „Mein Herr, ich glaube, es wäre beſſer, wir würden von unſeren Angelegenheiten ſprechen, wenn wir allein ſind. Sie haben ohne Zweifel nicht bemerkt, daß Herr David, der neue Lehrer meines Sohnes, da iſt?“ ſagte Madame Baſtien. Und ſie bezeichnete mit einem Blick David, der ſich beiſeit geſtellt hatte. Jacques Baſtien wandte ſich ungeſtüm um und rief, nachdem er David, der ſich vor ihm verbeugte, vom Schei⸗ tel bis zu den Zehen gemeſſen hatte, mit hartem Tone: „Mein Herr, ich habe mit meiner Frau zu ſprechen.“ David grüßte, ging hinaus, und Frederik folgte ihm verletzt durch die Art und Weiſe, wie ſein Freund empfan⸗ gen worden war. 134 „Nun, Madame, ſagte Jacques Baſtien, „der latei⸗ niſche Brockenfreſſer iſt hinaus .. werden Sie mir end⸗ lich antworten?“ „Sobald wir allein ſind, mein Herr.“ „Wenn ich Sie beläſtige, ſo will ich mich ſchieben,“ ſagte Bridvu, indem er einen Schritt gegen die Thüre machte. „Ah! Bridon, ſpotteſt Du der Leute! willſt Du wohl hier bleiben!“ rief Jacques. Dann ſich an Marie wendend: „Mein Gevatter kennt meine Angelegenheiten wie ich, Madame . . . denn tauſend Tannen, das iſt eine Ange⸗ legenheit, und zwar eine ſchwere . . Bridon wird alſo bleiben.“ „Gut, mein Herr dann ſage ich Ihnen vor Herrn Bridon, daß ich Ihre Tannen fällen zu müſſen glaubte, um ſie den unglücklichen Leuten vom Val zu ge⸗ ben, und ſie dadurch beim Wiederaufbau ihrer durch die Ueber⸗ ſchwemmung halbzerſtörten Wohnungen zu unterſtützen.“ Aus dem Geſichtspunkt von Jacques war dieſe Sache ſo ungeheuerlich, daß ſie für ihn ganz unbegreiflich wurde; er ſagte auch zum Huiſſier: „Begreifſt Du das?“ „Bei Gott! ja, antwortete Bridou mit einer Miene boshafter Gutmüthigkeit: „Deine Frau Gemahlin hat den Ueberſchwemmten ein Geſchenk mit Deinen Tannen ge⸗ macht. Nicht wahr, Madame, ſo iſt es?“ „Ja, mein Herr.“ Gleichſam erſtickt durch die Verwunderung und den Zorn, konnte Baſtien Anfangs, ſeine Frau mit einem wü⸗ thenden Auge anſchauend, nur ſtammeln: „Wie „Sie haben es gewagt! Sie . Dann ſtampfte er voll Wuth mit dem Fuß, machte einen Schritt gegen ſeine Frau und ballte ſeine dicken Fäuſte mit einer ſo drohenden Miene, daß ſich ihm der Huiſfier entgegenwarf und ihm zurief: „Ruhig, Jacques . was Teufels! Du wirſt 135 nicht daran ſterben, mein Alter... Das iſt ein Geſchenk von ungefähr zweitauſend Franken, das Deine Frau Ge⸗ mahlin den Armen gemacht hat.“ „Und Sie glauben, das werde ſo hingehen,“ ſagte Jacques, der ſich zu bewältigen ſuchte „Sie find alſo toll geworden, daß man ſie binden ſollte? Dieſe Schlächterei meines Tannenwaldes mußte mir bei meiner Ankunft in die Augen fallen . . . Sie haben das alſo vergeſſen . wie?“ „Mein Herr,“ erwiederte Marie mit ſanftem Ton, aus Furcht, Baſtien noch mehr zu reizen“ „wären Sie hier und wie ich Zeuge des furchtbaren Unglücks und der Uebel, die es veranlaßt hat, geweſen, Sie hätten gethan, was ich gethan habe, das bezweifle ich nicht.“ „Ich! . . Donner Gottes! während ſchon ein Theil meiner beſten Felder verſandet iſt?“ „Mein Gott. . . es bleiben Ihnen noch genug an⸗ dere Felder und Waldungen, während die Unglücklichen, die wir unterftützt haben, ohne Brod und ohne Obdach waren.“ „Ah! es iſt alſo mein Geſchäft, denen, welche es nicht haben, Brod und Obdach zu geben?“ rief Baſtien außer ſich. „Bei meinem Ehrenwort, darüber könnte man aus der Haut fahren. . . Hörſt Du es, Bridou?“ „Du weißt wohl, mein Alter, daß die Damen nichts von den Geſchäften verſtehen, und daß es beſſer iſt, wenn ſie ſich nicht darein miſchen. He! he he beſonders, was das Holzhauen betrifft .“ erwiederte der Huiſſier mit einem honigſüßen Lächeln. „Habe ich ihr denn geſagt, ſie ſoll ſich darein miſchen?“ entgegnete Baſtien, der abermals in Wuth gerieth; „konnte ich denn vermuthen, ſie würde je die Frechheit haben, zu Aber, nein, nein, vahinter ſteckt etwas, der Kopf muß ihr verdreht wurden fein ... Ah! Donner Gottes! ich komme zu uchter Zeit an... Nach dieſem Muſter zu urtheilen, müſſen herrliche Dinge während meiner Abwe⸗ 136 ſenheit vorgefallen ſein. Ah! ah! ich werde zu thun bekommen zum Glück bin ich da gut und ich habe eine ſolide Fauſt.“ Marie warf einen ſanft flehenden Blick auf Jacques und ſprach: „Ich kann nicht bereuen, was ich gethan habe, mein Herr. ich bedaure nur, daß eine Maßregel, von der ich glaubte, ſie müßte Ihre Billigung verdienen, einen ſo heftigen Aerger bei Ihnen veranlaßt ... Uebrigens,“ fügte die junge Frau, indem ſie zu lächeln ſuchte, bei, „übrigens bin ich feſt überzeugt, daß Sie dieſen Aerger vergeſſen werden, wenn Sie erfahren, mit welchem Muth ſich Frederik bei der Ueberſchwemmung benommen hat . .. Er hat mit Gefahr ſeines Lebens Jean Frangois, ſeine Frau und ſeine Kinder von einem ſichern Tod errettet. .. Zwei andere Familien vom Val ſind auch . .“ „Ei! Donner Gottes! gerade weil er mit ſeiner Perſon bezahlte, hatten Sie nicht nöthig, die Großmüthige auf meine Koſten zu ſpielen und aus meiner Börſe zu bezahlen,“ rief der Tölpel, ſeine Frau unterbrechend. „Wie!“ ſagte Marie ganz verwirrt durch dieſen Vor⸗ wurf, „Sie wußten, daß Frederik . .. „Wie ſo viele Andern den Ueberſchwemmten im Nachen Hülfe geleiſtet hat. Bei Gott! man hat es mir in Pont⸗ Brillant genug vorgekaut . . . Was ſoll Schönes daran ſein? Wer nöthigte ihn, das zu thun? Wenn er es ge⸗ than hat, ſo war es ihm ſo anſtändig; deſto beſſer für ihn. die öffentlichen Blätter find übrigens voll von ſol⸗ chen Zügen. . . Und wenn nur wenigſtens der Name meines Sohnes in einer Zeitung gekommen wäre, das hätte mir geſchmeichelt . . .“ „Er würde vielleicht das Ehrenkreuz bekommen ha⸗ ben,“ fügte der Huiſfier mit einer hinterhältiſchen Miene bei. „Doch wir haben mit einander von meinem Herrn Sohn zu reden, und zwar ſehr ernſtlich,“ ſagte Jacques Baſtien. „Mein Gevatter Bridou kommt auch deshalb...“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte Marie ſtammelnd. 137 . welcher Beziehung kann hier Herr Bridon zu Frederik ehen „Sie ſollen es erfahren, denn wir haben morgen auch von Ihnen zu reden .. und dies ſehr viel .. . Glauben Sie nicht, die Sache mit meinen Tannen werde ſo hin⸗ gehen, wie ein Brief auf der Poſt. .. Aber es iſt ſechs Uhr man gebe uns Mittagsbrod,“ ſagte Jacques Baſtien. Und er läutete. Bei dieſen Worten dachte die junge Frau an das nach der Stadt gebrachte und dort in der Abweſenheit und ohne Wiſſen ihres Mannes verkaufte Silberzeug. Allein mit Jacques hätte Marie, in ihrer gewohnten Reſignation, den Zorn, die Beleldigungen, die Drohungen dieſes Mannes geduldet; wenn ſie aber bedachte, welchen Ausbrüchen er ſich vor ihrem Sohn und vor David über⸗ laſſen konnte . .. war ſie mit Recht erſchrocken über die möglichen Folgen einer ſolchen Scene. Jacques Baſtien fuhr fort: „Haben Sie ein gutes Feuer im Zimmer von Bri⸗ dou machen laſſen? Ich ſchrieb Ihnen, er werde mehrere Tage hier zubringen.“ „Ich glaubte, Sie würden Ihr Zimmer mit Herrn Bridou theilen?“ entgegnete Madame Baſtien .. „Sonſt ſehe ich nicht ein, wo der Herr einquartirt werden ſoll.“ „Wie! und das Zimmer oben?“ „Dort wohnt der Lehrer meines Sohnes.“ „Sie find wieder gut mit Ihrem Lehrer! . . Er wird die Platte putzen, dieſer Lateiniſchſpucker, und damit baſta!“ „Ich wäre troſtlos, wenn ich zur Laſt fiele,“ ſagte der Huiſſier, „ich würde lieber wieder abreiſen.“ „Ah! Bridou, wir werden uns offenbar ärgern,“ rief Jacques; dann mit zornigem Ton ſich an ſeine Frau wendend: „Wie, ich habe Sie dieſen Morgen benachrichtigt, . 138 Bridvu würde einige Tage hier zubringen, und nichts iſt vorbereitet?“ „Ich wiederhole, mein Herr, wo ſoll ich den Lehrer meines Sohnes unterbringen, wenn Herr Bridou ſein Zimmer einnimmt?“ „Der Lehrer meines Sohnes,“ wiederholte Jacques, die Backen aufblaſend und die Achſeln zuckend, „Sie haben nichts Anderes im Mund . . ſpielen Sie doch die Herzogin. . . Nun! der Lehrer Ihres Sohnes wird bei André ſchlafen, und daran ſtirbt er nicht.“ „Aber wahrhaftig, mein Herr,“ erwiederte Marie, „Sie bedenken nicht . . .“ „Hören Sie . . machen Sie mir die Ohren nicht heiß, oder ich ſage dem Lateiniſchſpucker, er ſoll ſich auf der Stelle aus meinem Hauſe ſcheren und auf der Straße nach Pont⸗Brillant nachſehen, ob ich nicht dort ſei .. Ich bin alſo am Ende nicht einmal mehr Herr bei mir, Donner Gottes!“ Marie bebte, ſie wußte, daß Herr Baſtien im Stande war, den Lehrer mit aller Rohheit fortzujagen. . . Sie ſchwieg einen Augenblick, dann dachte ſie an die uner⸗ ſchöpfliche Hingebung von David und ſprach, indem ſie ihre Thränen zurückzuhalten ſuchte: „Es ſei, mein Herr. . . Der Lehrer wird die Stube mit André theilen.“ „Wahrhaftig,“ verſetzte Jacques mit ſpöttiſcher Miene, „das iſt ein Glück.“ „Und dann ſehen Sie, Madame,“ fügte der Huiſſier mit ſüßlicher Miene bei, „ein Lehrer, das iſt ſo ein we⸗ nig mehr, als ein Bedienter dvenn es iſt ein Menſch mit Lohn, ſonſt hätte ich mir nicht erlaubt, ihn die Platte putzen zu machen, wie dieſer dicke Spaßmacher Jacques ſagt.“ Marguerite meldete in dieſem Augenblick, das Mit⸗ tagsbrod ſei aufgetragen. Bridou legte ſeine Blouſe ab, fuhr mit der Hand durch ſeine gelben Haare und bot mit einer ſelbſigefälli⸗ 139 gen Miene ſeinen Arm Madame Baſtien, welche an allen Gliedern zitterte. Jacques Baſtien warf ſeine Stechpalme in einen Winkel, behielt ſeine Blouſe an und folgte ſeiner Frau und dem Huiſſier ins Speiſezimmer. Fünfzehntes Rapitel. Als Madame Baſtien, Jacques und der Huiſſier in das Speiſezimmer eintraten, fanden ſie hier David und Frederik. Dieſer wechſelte einen Blick mit ſeinem Lehrer, nä⸗ herte ſich Jacques Baſtien und ſagte mit ehrfurchtsvollem Tone: „Guten Morgen ich habe geglaubt, Sie woll⸗ ten allein mit meiner Mutter bleiben deshalb ent⸗ fernte ich mich bei Ihrer Ankunft.“ „Es ſcheint, Ihre Vapeurs find vorbei,“ ſagte Ba⸗ ſtien mit höhniſchem Ton zu ſeinem Sohne, „Sie bedürfen keiner Vergnügensreiſe mehr? Das iſt Schade denn ich bin um mein Leben für Ihr Vergnügen beſorgt.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, mein Vat Statt ſeinem Sohne zu antworten, zählte Baſtien, der immer noch ſtand, die auf den Tiſch geſtellten Teller; er ſah fünf und fragte mit rauhem Ton ſeine Frau: „Warum fünf Gedecke?“ „Aber, mein Herr,“ antwortete Marie, „weil wir zu fünf ſind.“ „Wie, fünf! ich, Bridou, Sie und Ihr Sohn, das macht fünf?“ „Sie vergeſſen Herrn David,“ ſagte Marie. Jacques wandte ſich nun an den Lehrer und ſprach: „Mein Herr, ich weiß nicht, unter welchen Bedin⸗ gungen meine Frau Sie in den Dienſt genommen hat. Ich aber, der ich hier der Herr bin, liebe es nicht, Fremde zu meinem Tiſch zu haben; . . . das iſt mein Cha⸗ rakter.“ Bei dieſer neuen Grobheit verleugnete ſich die Ruhe von David nicht; das Gefühl der Beleidigung machte ihm unwillkührlich eine Röthe ins Geſicht ſteigen, aber er verbeugte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, und that einen Schritt gegen die Thüre. Das Geſicht gefärbt durch die Entrüſtung und den Schmerz verurſacht durch dieſe neue Verletzung des Cha⸗ rakters und der Würde ſeines Lehrers, ſchickte ſich David an, ihm zu folgen; doch auf einen flehenden Blick ſeines Lehrers blieb er zurück. In dieſem Augenblick ſagte Marie zum Lehrer: „Herr David . . da Herr Baſtien auf einige Tage über Ihr Zimmer verfügt hat, ſo werden Sie es wohl gutheißen, daß man Ihnen ein Bett in der Stube des alten André aufſchlägt . wir haben leider keine andere Wohnung.“ „Nichts kann einfacher ſein,“ erwie derte David lä⸗ chelnd; „ich habe die Ehre, ein wenig zum Hauſe zu ge⸗ hören . . es iſt alſo an mir, dem Fremden das Zim⸗ mer abzutreten, das ich einnehme.“ David verbeugte ſich abermals und verließ das Speiſezimmer. Jacques Baſtien, der ſich ſeiner Grobheit nicht be⸗ wußt war, ſetzte ſich nach dem Abgang des Lehrers zu Tiſche, denn er hatte gewaltigen Hunger, trotz des dum⸗ pfen Zorns, der ihn gegen ſeine Frau und ſeinen Sohn erfüllte. Man nahm Platz: Jacques Baſtien hatte zu ſeiner Rechten Bridou, zu ſeiner Linken Frederik und ſich gegen⸗ über Marie. Die Bangigkeiten der jungen Frau wechſelten nun von einer Minute zur andern mit dem Gegenſtand. Jar⸗ 141 ques würde das Verſchwinden des Silberzeugs be⸗ merken . Ein neuer Vorfall verzögerte noch dieſe Ent⸗ deckung. Als Jacques Baſtien den Deckel von der Suppen⸗ ſchüſſel hob, dehnte er zum Voraus ſeine großen Naſen⸗ löcher aus, um das Aroma der Kohlſuppe, die er ver⸗ langt hatte, einzuathmen ſobald er ſich aber in ſei⸗ ner Erwartung getäuſcht ſah, rief er ſeiner Frau wü⸗ thend zu: „Wie! keine Kohlſuppe? und ich ſchrieb Ihnen, ich wolle ſolche eſſen! Vielleicht kommt auch keine Hammels⸗ keule mit Knoblauch?“ „Ich weiß nicht, mein Herr, ich vergaß, zu . „Donner Gottes, Frau!“ rief Jacques und warf den Deckel der Suppenſchüſſel ſo heftig auf den Tiſch, daß er zerbrach. Bei dem rohen Ausruf ſeines Vaters verrieth Fre⸗ derik ſeine Entrüſtung durch eine ungeſtüme Bewegung. Sogleich nahm Marie unter dem Tiſch die Hand ihres Sohnes, der neben ihr ſaß, und drückte ſie ihm auf eine ſo bezeichnende Weiſe, daß er an ſich hielt; aber ſein lebhafter Unwille war Jacques nicht entgangen; nachdem dieſer ſeinen Sohn lange ſtillſchweigend angeſchaut hatte, ſag te er zu Bridou: „Auf, mein Gevatter. wir müſſen uns mit die⸗ ſer Platzregenſuppe begnügen.“ „Man kann damit fürlieb nehmen mein Alter,“ erwiederte der Huiſſier; „ei! ei! wir kennen das.“ „Höre,“ ſagte Jacques, „ſprechen wir wenigſtens unſre Benedicite, ehe wir eſſen.“ Und er ſchenkte Bridou bis an den Rand voll, wo⸗ nach er beinahe den ganzen Reſt der Flaſche in ein un⸗ geheures, eine Pinte haltendes Glas goß, deſſen er ſich gewöhnlich bediente. Der dickleibige Hercules leerte dieſes Glas mit einem Zug; dann ſchickte er ſich an, die Suppe auszuſchöpfen, und bekam in die Hand einen eiſernen, ſehr gut verzinn⸗ ten und von Reinlichkeit glänzenden Loöffel. „Warum des Teufels hat man dieſen Kochlöffel hier⸗ her gelegt?“ fragte er Marie. „Mein Herr, ich weiß es nicht,“ erwiederte die junge Frau ſtammelnd und die Augen niederſchlagend. „Ich“ „Warum wird nicht, wie gewöhnlich, mein großer ſilberner Löffel aufgelegt?“ fragte David; „etwa, weil mein Gevatter Bridou hier ſpeiſt?“ Dann ſagte er mit barſchem Ton zu ſeinem Sohn: „Hole den filbernen Löffel aus dem Schrank.“ „Es iſt unnöthig, mein Vater,“ erwiederte entſchloſ⸗ ſen Frederik, der die Angſt ſeiner Mutter ſah und den Zorn ſeines Vaters auf ſich ablenken wollte. „Der große ſilberne Löffel iſt eben ſo wenig im Hauſe, als die ande⸗ ren Beſtecke.“ „Wie?“ machte Jacques ganz erſtaunt. Da er aber ſeinen Ohren nicht traute, ergriff er das neben ihm liegende Beſteck ſchaute es an und blieb, über⸗ zeugt von der Wahrheit der Worte ſeines Sohnes, eine Minute ganz verdutzt. Frederik und ſeine Mutter wechſelten in dieſem kri⸗ tiſchen Moment einen Blick. Getreu ſeinem Gedanken, den Zorn ſeines Vaters auf ſich allein zu lenken, ſagte der junge Mann entſchloſſen: „Ich, mein Vater, habe, ohne meine Mutter davon in Kenntniß zu ſetzen, das Silberzeug verkauft, um ..“ „Mein Herr,“ rief Marie, ſich an Jacques wen⸗ dend, „glauben Sie Frederik nicht, ich, ich allein . 6 „. Nun! ja, ich habe das Siletzeug verkaufen aſſen. Trotz des Bekenntniſſes ſeiner Frau konnte Jacques Baſtien noch nicht an das, was er hörte, glauben, ſo un⸗ möglich kam ihm die Sache vor. Selbſt Bridou theilte diesmal aufrichtig das Er⸗ ſtaunen ſeines Freundes; der Huiffier brach auch zuerſt das Stillſchweigen und ſagte zu Jacques: 143 „Hm hm . mein Alter, das iſt eine andere Geſchichte, als der Verkauf des Tannenwaldes!“ Die junge Frau erwartete einen furchtbaren Aus⸗ bruch von Seiten ihres Gatten . Es geſchah dies nicht. Jacques blieb ſtumm, unbeweglich und dachte lange Zeit nach. Sein breites Geſicht überpurpurte ſich mehr als gewöhnlich. Er leerte hinter einander zwei große Gläſer Wein, lehnte ſich mit dem Ellenbogen auf den Tiſch und ſtützte ſein Kinn auf ſeine flache linke Hand, deren zuſammengezogene Finger krampfhaft auf ſei⸗ ner Backe trommelten. Dann heftete er auf ſeine Frau zwei kleine graue Augen, welche unter düſter zuſammengezogenen Brauen funkelten, und ſprach mit ſcheinbarer Ruhe: „Sie ſagten alſo, das Silberzeug ? ...“ „Mein Herr . .. „Sprechen Sie, Sie ſehen, daß ich ruhig bin ...“ Mit einer inſtinctartigen Bewegung ſtand Frederik auf und ſtellte ſich neben ſeine Mutter, als wollte er ſie beſchützen, denn die Ruhe ſeines Vaters erſchreckte ihn. „Mein Kind, ſetze Dich wieder nieder,“ ſagte Ma⸗ rie mit ſanftem, zärtlichen Ton zu ihrem Sohn. Frederik ſetzte ſich wieder an ſeinen Platz. Dieſe neue Bewegung von Frederik war von Herrn Baſtien bemerkt worden, der ſich, ohne ſeine Haltung zu verändern und beſtändig mit dem Ende ſeiner dicken Fin⸗ ger auf ſeine linke Backe trommelnd, darauf be⸗ ſchränkte, daß er ſeiner Frau wiederholte: „Sie ſagten alſo, das Silberzeug, mein Silber⸗ ſeuh? „Nun wohl, mein Herr,“ erwiederte Marie mit fe⸗ ſtem Ton, „Iht Silberzeug. ich habe es verkauft.“ „Sie haben es verkauft?“ „Ja, mein Herr.“ „Und an wen?“ „An einen Goldſchmied in Pont⸗Brillant.“ „Er heißt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wahrhaftig?“ „Ich habe es nicht ſelbſt verkauft.“ „Wer denn?“ „Gleichviel . es iſt verkauft.“ „Ganz richtig,“ erwiederte Baſtien, abermals in Glas leerend; „und warum, wenn's beliebt, haben Sie das Silberzeug verkauft, das mir allein gehört?“ „Mein Freund,“ ſagte Bridou leiſe zu Jacques, „Du machſt mir bange .. ärgere Dich .. ſchreie .. wettere . brülle . . das iſt mir lieber, als Dich ſo ruhig zu ſehen Deine Stirne iſt weiß wie das Tiſch⸗ tuch und voll Schweiß.“ Baſtien fuhr, ohne ſeinem Freund zu antworten, fort: „Madame, Sie haben mein Silberzeug verkauft, um was zu kaufen?“ „Ich bat Sie, mein Herr, mir etwas Geld zu ſchicken, um die Opfer der Ueberſchwemmung unterſtützen zu können.“ „Die Ueberſchwemmung,“ verſetzte Baſtien mit einem höhniſchen Gelächter, „ſie hat einen herrlichen Rücken . die Ueberſchwemmung!!“ „Ich füge dieſem kein Wort mehr bei,“ erwiederte Marie mit würdigem, feſtem Ton. 3 68 ziemlich langes Stillſchweigen folgte auf dieſes eſpräch. Jacques ſtrengte ſich offenbar übermenſchlich an, um die Heftigkeit ſeiner Gefühle zu überwältigen. Er war ſogar genöthigt, vom Tiſch aufzuſtehen und an das Fenſter zu gehen, das er trotz der ſtrengen Kälte oͤffnete, um ſeine Stirne zu erfriſchen; denn ſchlimme Pläne gohren im Kopfe dieſes Menſchen, er wollte ſie aber noch verborgen halten. Als er wieder ſeinen Platz bei Tiſche einnahm, warf Jacques einen ſeltſamen, unheilvollen Blick auf Marie und ſagte mit einem Ton grauſamer Befriedigung zu ihr: 145⁵ „Wenn Sie wüßten, wie es mir anſteht, daß Sie mein Silberzeug verkauft haben . . es iſt ein wahrer Dienſt, den Sie mir da geleiſtet . . .“ Obgleich die Zweideutigkeit dieſer Worte einige Be⸗ ſorgniß bei Marie erregte und ihr die unbegreifliche Ruhe von Jacques bange machte, fühlte ſie ſich doch für den Augenblick erleichtert; ſie hatte Anfangs befürchtet, ſeinem rohen, aufbrauſenden Charakter nachgebend, könnte ſich Herr Baſtien bis zu Beleidungen, bis zu Drohungen in Gegenwart ihres Sohnes vergeſſen, und dieſer würde am Ende mit Gewalt zwiſchen ſeinen Vater und ſeine Mutter treten. Ohne ein Wort mehr an ſeine Frau zu richten, trank Jacques ein Glas Wein und ſprach zu ſeinem Ge⸗ vatter: „Auf, Alter, wir wollen die Paſtete kalt mit eiſer⸗ nen Beſtecken eſſen . . man muß damit fürlieb nehmen, wie Du ſagſt.“ „Jacques,“ erwiederte der Huiſſier immer mehr er⸗ ſchrocken über die Ruhe von Baſtien, „ich verſichere Dich, ich habe keinen Hunger.“ „Ich aber veſto mehr,“ erwiederte Jacques mit einem ſpöttiſchen Gelächter, „das iſt ganz einfach die Freude verdoppelt immer meinen Appetit . .. In dieſem Augenblick habe ich auch einen Wolfshunger.“ „Die Freude, die Freude,“ ſagte der Huiſſier, den Kopf ſchüttelnd, „Du ſiehſt nicht ganz freudig aus“ Und er fügte bei, indem er ſich an Marie wandte, als wollte er ſie beruhigen, denn trotz der Trockenheit ſeines Herzens fühlte er ſich beinahe bewegt vom Mitleid: „Das iſt gleichgültig, Madame, von Zeit zu Zeit macht der brave Jacques große Augen und große Zähne, im Grunde aber iſt er . . .“ „Ein guter Kerl,“ fügte Baſiien bei, während er ſich ein Glas Wein einſchenkte, „ſo gut, daß er dumm iſt. Gleich⸗ viel, mein alter Bridou . ich gäbe meinen Abend nicht Die ſieben Todſünden. UAbth. 2r Bd. 10 146 um fünfzig tauſend Franken ich habe einen herrlichen Gewinn gemacht.“ Jacques Baſtien ſcherzte nie über Geldfragen, und die Worte: Ich gäbe meinen Abend nicht um fünfzig tauſend Franken, ſprach er mit einem ſol⸗ chen Ausdruck von Sicherheit und Zufriedenheit, daß nicht nur der Huiſſier an die geheimnißvollen Worte von Jac⸗ ques glaubte, ſondern daß auch Madame Baſtien daran glaubte und ihre geheime Angſt zunehmen fühlte. Die geheuchelte Ruhe ihres Gatten, der, eine ſelt⸗ ſame, beinahe erſchreckende Erſcheinung, immer mehr er⸗ bleichte, je mehr er trank, ſein hoͤhniſches Lächeln, ſeine von einer gewiſſen unheimlichen Freude glänzenden Augen, wenn er von Zeit zu Zeit Frederik oder ſeine Mutter an⸗ ſchaute, ſteigerten auf den höchſten Grad die Angſt der jungen Frau . . Gegen das Ende des Mahles ſagte fie auch zu Jacques, nachdem ſie Frederik durch ein Zeichen bedeutet hatte, er möge ihr folgen: „Mein Herr, ich fühle mich müde, ein wenig leidend, und bitte Sie um Erlaubniß, mich mit meinem Sohn zurückziehen zu dürfen.“ „Nach Ihrem Belieben,“ erwiederte Jacques mit ei⸗ nem ſchon weinſchweren Gelächter, „nach Ihrem Belie⸗ ben . wo man ſich Zwang anthut, gibt es kein Vergnü⸗ gen .. Thun Sie ſich keinen Zwang an . . ich werde es auch ſo machen ſeien Sie unbeſorgt nur Geduld.“ Bei dieſen, wie die erſten, zweideutigen Worten, welche ohne Zweifel einen ſchlimmen Hintergedanken ver⸗ bargen, ſtand Marie, da ſie nichts darauf zu antworten ₰ hatte, auf, während ſich Frederik, einem Blick ſeiner Mut⸗ ter gehorchend, Jacques näherte und ehrerbietig: „Guten Abend, mein Vater,“ zu ihm ſagte. Jacques wandte ſich an Bridvu, antwortete ſeinem ironiſchen Blick meſſend: Sohn nicht und fragte den Huiſſier, Frederik mit ſeinem 147 „Wie findeſt Du ihn?“ „Meiner Treue, ein ſehr hübſcher Junge.“ „Bald fiebenzehn Jahre,“ fügte Jacques bei. „Das iſt das gute Alter für uns,“ bemerkte der Huiſſier, einen Blick des Einverſtändniſſes mit Jacques wechſelnd. Und mit barſchem Tone ſagte dieſer zu ſei⸗ nem Sohn: „Guten Abend.“ Marie und Frederik zogen ſich zurück und ließen Jacques Baſtien und ſeinen Gevatter Bridou allein bei Tiſche. Sechzehntes Rapitel. Als Madame Baſtien und Frederik das Speiſezim⸗ mer verließen, und an der Studirſtube vorüberkamen, ſa⸗ hen ſie hier David, der an der Thüre ſtehend auf ihr Weggehen lauerte. Marie reichte ihm lebhaft die Hand und ſagte, auf die zwei Beleidigungen anſpielend, die der Lehrer ſo mu⸗ thig ausgehalten hatte: „Sie werden alſo jede Art von Hingebung für uns haben?“ Ein Geräuſch von Stühlen und der Lärmen von Stimmen, die man in der Richtung des Speiſezimmers hörte, ließen die junge Frau glauben, ihr Gatte und der Huiſſier ſtehen vom Tiſche auf; ſie wandte ſich mit Fre⸗ derik raſch nach ihrem Zimmer, nachdem ſie mit ſchmerz⸗ licher Miene zu David geſagt hatte: 148 „Morgen früh, Herr David, ich bin in einer tödtli⸗ chen Unruhe .. „Morgen früh, mein Freund,“ ſprach traurig Fre⸗ derik zu David, während er an ihm vorüberging. Dann traten Marie und ihr Sohn in ihre Wohnung ein, während ſich David nach der Manſarde begab, die er mit André theilen ſollte. Kaum war Frederik in das Zimmer ſeiner Mutter eingetreten, als er ſich in ihre Arme warf und voll Bit⸗ terkeit ausrief: „Oh! meine Mutter, wir waren ſo glücklich vor der Ankunft von . „Nicht ein Wort mehr, mein Kind. . es iſt Dein Vater,“ ſagte Marie, ihren Sohn unterbrechend, „umarme mich noch zärtlicher, als gewohnlich .. Du haſt das Bedürfniß hiezu. . ich auch . . aber keine Anſchul⸗ digung gegen Deinen Vater.“ „Mein Gott, Mutter, Du haſt nicht gehört, was Herr Bridou antwortete?“ „Als Detn Vater zu ihm ſagte: Frederik iſt bald ſiebenzehn Jahre alt?“ „Ja, da antwortete dieſer Menſch: das iſt für uns das gute Alter.“ „Ich habe dieſe Worte wie Du gehört, mein Kind.“ „Das iſt für uns das gute Alter, was mag das beſagen wollen, Mutter?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte die junge Frau, um ihren Sohn zu beruhigen, „vielleicht legen wir mehr Ge⸗ wicht auf dieſe Worte, als ſie verdienen.“ Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte Fre⸗ verik mit bebender Stimme zu Marie. „Ich werde, wie Du es wünſcheſt, für meinen Va⸗ ter flets die Achtung haben, die er verdient und die ich ihm ſchuldig bin, aber ſiehſt Du . . . ich bekenne Dir offenherzig, wenn mein Vater je daran dächte, „mich von Dir und Herrn David trennen zu wollen .. „Frederik! „„ rief die junge Frau beängſtigt durch Dich 149 die energiſche Entſchloſſenheit, die ſie in den Zügen ihres Sohnes las, „warum vorausſetzen, was unmöglich iſt. .. uns trennen . . Dich den Händen von Herrn David entziehen. . . und dies in dem Augenblick, wo Doch nein, ich wiederhole, Dein Vater hat zu viel Ver⸗ nunft, zu viel geſunden Verſtund, um einen ſolchen Ge⸗ danken zu faſſen. . .“ „Der Himmel höre Dich, meine Mutter. venn ich ſchwöre Dir, und Du weißt, ob ich einen feſten Wil⸗ len habe keine menſchliche Macht wird mich von Dir oder Herrn David trennen . . und das werde ich mei⸗ nem Vater unumwunden ſagen . . . Er achte unſere Zärtlichkeit, unſere unauflöslichen Bande, und ich werde ihn ſegnen; ſollte er es aber wagen, Hand an unſer Glück zu ſezen „Mein Sohn .. .“ „Ei! meine Mutter unſer Glück iſt Dein Le⸗ ben und Dein Leben . werde ich gegen meinen Vater ſelbſt vertheidigen . . . Hörſt Du?“ „Mein Gott! mein Gott! „„Frederik, ich bitte „Oh! er nehme ſich in Acht er nehme ſich in Acht! wiederholt hat ſich an dieſem Abend all mein Blut empört . .. „Höre, Frederik, ſprich nicht ſo, Du würdeſt mich wahnfinnig machen . . . Mein Gott, warum denn ſo ſchmerzliche oder vielmehr unmögliche Dinge vorherſehen? Das heißt ſich ängſtigen, ſich in Verzweiflung bringen n „Gut, meine Mutter . . warten wir doch glaube mir, meine Mutter“ die erſchreckliche Ruhe meines Vaters, als er den Verkauf des Silberzeugs erfuhr, ver⸗ birgt etwas .. Wir erwarteten, ihn vor Zorn auffahren zu ſehen . er blieb unempfindlich, aber er wurde bleich. und ich hatte ihn nie erbleichen ſehen Mut⸗ ter,“ ſagte Frederik, indem er ſich der jungen Frau mit einem Ausdruck voll Zärtlichkeit und Beſorgniß näherte, 150 „Mutter, ich habe kalt im Herzen, ein Unglück bedroht is „Frederik,“ erwiederte die junge Frau, im Ton pein⸗ lichen Vorwurfs, „Du thuſt mir unendlich wehe und ich will mich im Ganzen nicht ſo ängſtigen . . Dein Vater hat ſeinen Willen es ſei.“ „Und ich auch, Mutter, ich werde den meinigen haben „Warum ſetzeſt Du aber immer bei Deinem Vater Abſichten voraus, die er nicht hat ohne Zweifel Ab⸗ fichten, die er nicht haben kann; glaube mir, mein Kind, trotz ſeines barſchen Weſens liebt er Dich warum ſollte er Dir Kummer bereiten wollen? warum uns tren⸗ nen und ſo die ſchönſten, die ſicherſten Hoffnungen ver⸗ nichten, bdie eine Mutter je für die Zukunft ihres Soh⸗ nes gehabt hat? Höre, ich bin feſt überzeugt, daß unſer Freund, Herr David, nicht anders ſprechen würbe, als ich. Auf, beruhige Dich wir müſſen vielleicht noch einige Tage der Prüfung durchmachen, aber wir ſchon ſo grauſame erlebt, daß dieſe nichts für uns ia Frederik ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf, küßte ſeine Mutter mit verdoppelter Zärtlichkeit, und kehrte in ſein Zimmer zurück. Madame Baſtien läutete Marguerite. Die alte Magd erſchien bald. „Marguerite, ſagte die junge Frau zu ihr, „iſt Herr Baſtien noch bei Tiſche?“ „Leider, ja, Madame.“ „Leider?“ „Ah! ich habe den Herrn nie mit einem ſo böſen Geſicht geſehen. er trinkt und trinkt, daß es erſchreck⸗ lich iſt, und deſſen ungeachtet iſt er ganz bleich. er hat eine dritte Flaſche Branntwein von mir verlangt .. und „Genug, Marguerite, ſagte Marie, ihre Dienerin 151¹ unterbrechend, „Ihr habt in der Stube von André ein Bett für Herrn David aufſchlagen laſſen?“ „Ja, Madame, Herr David iſt ſo eben hinaufgegan⸗ gen: doch der alte Andté ſagt, er würde eher im Stall ſchlafen, als daß er es wagte, mit Herrn David in ſeiner Stube zu bleiben .. Uebrigens wird André heute Nacht kaum Zeit haben, zu ſchlafen.“ „Warum?“ „Der Herr hat André durch mich befehlen laſſen, das Pferd morgen früh um drei Uhr anzuſpannen.“ „Wie, Herr Baſtien ſollte mitten in der Nacht? „ „Der Herr hat geſagt, der Mond gehe um halb drei Uhr auf, und er wolle mit Herrn Bridou bei Tagesan⸗ bruch in Blemur eintreffen, um morgen Abend wieder hier zurück ſein zu können.“ „Das iſt etwas Anderes . . Gute Nacht, Mar⸗ guerite . .“ „Madame ...“ „Was wollt Ihr?“ „Mein Gott, Madame ich weiß nicht, ob ich es wagen darf . . .“ „Sprich, Marguerite, was gibt es?“ „Madame hat mich vorhin unterbrochen, als ich vom Herrn ſprach und ich hatte doch etwas zu ſagen . etwas „ Hier hielt die Magd abermals inne und ſchaute ihre Gebieterin mit ſo unruhiger, ſo trauriger Miene an, daß die junge Frau ſie fragte: „Mein Gott, was habt Ihr denn, Marguerite? Ihr erſchreckt mich.“ „Nun! Madame, als ich in das Speiſezimmer ein⸗ trat, um dem Herrn die Flaſche Branntwein zu bringen, die er verlangte, ſagte Bridou, indem er ihn mit einer zugleich erſtaunten und ängſtlichen Miene anſchaute „Jacgues, Du wirſt das nicht thun. Da mich der Herr gerade hereinkommen ſah, ſö antwortete 152 er nicht und hieß durch ein Zeichen Herrn Bridou ſchwei⸗ gen; als ich aber hinausging, da . . Madame wird mir der Abſicht wegen verzeihen.“ „Endigt, Marguerite.“ „Ich ging aus dem Speiſezimmer, blieb aber einen kleinen Augenblick vor der Thüre, um zu horchen . . und hörte Herrn Bridou zum Herrn ſagen: „„Ich wie⸗ derhole Dir, das wirſt Dunicht thun, Jac⸗ gues.“, Da erwiederte der Herr: „Du ſollſt es ſehen.““ Ich wagte es nicht, länger zu horchen.“ „Ihr habt Recht gehabt, Marguerite . .. Das war ſchon eine zu große Indiscretion, die nur allein Euere An⸗ haͤnglichkeit an mich entſchuldigen kann.“ „Wie, Madame iſt nicht über das, was der Herr geſagt hat, erſchrocken?“ „Meine liebe Marguerite, nichts beweiſt, daß ſich die Worte von Herrn Baſtien auf mich beziehen . . Ihr ſeid, glaube ich, mit Unrecht beſorgt.“ „Gott wolle es, Madame.“ „Ich bitte, ſeht nach, ob Herr Bridou und Herr Ba⸗ ſtien noch bei Tiſche ſind. Haben ſie das Speiſezimmer verlaſſen, ſo könnt Ihr zu Bette gehen, ich brauche Euch nicht mehr.“ Marguerite kehrte nach einigen Minuten zurück und ſagte zu Marie: „Ich habe dem Herrn und Herrn Bridon Licht ge⸗ geben, Madame ſie haben ſich gute Nacht gewünſcht, und. doch, Madame,“ unterbrach ſich Marguerite, „hören Sie, Herr Bridou ſteigt eben die Treppe hinauf.“ Man vernahm wirklich die Tritte des Gevatters von Baſtien auf der kleinen hölzernen Treppe, welche in das kurz zuvor noch von David bewohnte Zimmer führte. „Iſt Herr Baſtien in ſein Zimmer gegangen?“ fragte Marie die Magd. „Ich kann von außen ſehen, ob Licht beim Herrn iſt,“ antwortete Marguerite. 153 Die Magd ging abermals hinaus, kam nach einigen Augenblicken zuruͤck und ſagte, ſchauernd vor Kälte, zu Madame Baſlien: „Der Herr iſt in ſeinem Zimmer; man fſieht Licht durch die Läden . . . Mein Gott, wie gräßlich kalt iſt es; es ſchneit große Flocken, und ich habe vergeſſen, Ihnen hier Feuer zu machen, Madame . . . Sie wollen vielleicht wachen „.5 „Nein, Marguerite, ich danke; ich werde mich ſo⸗ gleich niederlegen.“ . Nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, fügte Marie bei: „Nicht wahr, die Läden meines Zimmers ſind ge⸗ ſchloſſen?“ „Ja, Madame.“ „Die des Zimmers von meinem Sohn ebenfalls?“ „Ja, Madame.“ „Gute Nacht, Marguerite, Ihr kommt morgen früh bei Tagesanbruch zu mir herein.“ „Braucht Madame ſonſt noch etwas?“ „Nein, ich danke.“ „Gute Nacht, Madame.“ Marguerite ging hinaus. . Marie riegelte ihre Thüre, verſicherte ſich, daß die Läden ihres Zimmers geſchloſſen waren, und kleidete ſich langſam aus, erfüllt von einer ſchmerzlichen Angſt bei dem Gedanken an die peinlichen Ereigniſſe des Abends, an die geheimnißvollen vom Huiſſier Bridon über Frederik ausgeſprochenen Worte, und beſonders an die zwiſchen Jacques und ſeinem Freunde ausgetauſchten Worte, welche Marguerite erlauſcht: „Jacques, Du wirſt das nicht thun.“ „Du ſollſt es ſehen.“ In Ihr Nachtgewand gehüllt, ſchickte ſich die junge Frau an, ihren Sohn wie gewöhnlich, ehe ſie zu Bette ging, noch einmal zu umarmen, als ſie ſchwerfällig in der 154 Hausflur, in die ſich ihr Zimmer öffnete, ſchreiten hörte. Es unterlag keinem Zweifel, es war der Tritt von Jacques Baſtien. Marie horchte. Die Tritte hielten inne. Bald folgte auf den Schall dieſes gewichtigen Ganges das Geräuſch ves Tappens zweier Hände, die außen, längs i Thüre, in der Finſterniß das Schloß und den Schlüſſel uchten. Jacques Baſtien wollte zu ſeiner Frau hinein. Da ſich dieſe eingeſchloſſen wußte, ſo beruhigte ſie fich Anfangs; bald aber bedachte ſie, daß ihr Gatte, wenn ſie ihm nicht öffnete, in ſeiner hrutalen Heftigkeit geräuſch⸗ voll an ihre Thüre klopfen, ſie vielleicht zerbrechen, durch dieſen Lärm ihren Sohn aufwecken, David herbeiziehen und ein Zuſammentreffen veranlaſſen könnte, deſſen mög⸗ liche Folgen die unglückliche Mutter beben machten .. ſie wollte ſich eben entſchließen, Jacques zu öffnen, als es ihr einſiel, daß ihr Sohn im nächſten Zimmer, und daß ſie wenige Augenblicke zuvor das ganze Anſehen ihrer mütterlichen Zärtlichkeit habe anwenden müſſen, um ihn von bitteren Anſchuldigungen gegen Jacques Baſtien ab⸗ zuhalten. Sie erinnerte ſich endlich der Worte von Frederik, deſſen Energie und Entſchloſſenheit ſie kannte: „Einen Angriff auf unſer Glück machen, hieße Dein Leben angreifen, meine Mutter, und Dein Leben würde ich ſelbſt gegen meinen Vater vertheidigen.“ Marie fühlte, keines Menſchen Macht, ſelbſt nicht einmal die ihrige, könnte Frederik diesmal von einem Dazwiſchentritt abhalten, ſollte ſie Jacques Baſtien wüthend, berauſcht vielleicht, ſelbſt in ihrem eigenen Zimmer mit Beleidigungen und Drohungen überhäufen. Oeffnete ſie nicht, ſo ſetzte ſie ſich einem beklagens⸗ werthen Aergerniß aus. Oeffnete ſie, ſo ſtellte ſie den Vater und den Sohn —— P 155⁵ einander gegenüber, den Erſten trunken von Zorn und Wein, den Zweiten außer ſich durch ſeine wahnſinnige Zärtlichkeit für ſeine Mutter. Dieſe Betrachtungen, raſch wie der Gedanke, endigte Marie kaum, als Jacques Baſtien, der nun den Schlüſſel in die Hand bekommen hatte, dieſen im Schloß drehte; da er aber ein inneres Hinderniß fand, rüttelte er heftig an der Thüre. Marie faßte einen verzweifelten Entſchluß; ſie lief nach der Thüre, zog den Riegel zurück, ſtellte ſich auf die Schwelle ihres Zimmers als wollte ſie den Eingang gegen Jacques vertheidigen, und ſprach mit leiſer, flehender Stimme zu ihm: „Mein Sohn ſchläft, mein Herr; haben Sie mit mir zu ſprechen, ſo kommen Sie, ich beſchwöre Sie, in's Studirzimmer, und Die unglückliche Frau unterbrach ſich einen Augenblick. Ihr Muth entſchwand, ſo furchtbar kam ihr der Geſichtsausdruck von Jacques vor. Die Helle der Lampe, welche auf dem Kamin des Schlafzimmers von Marie ſtand, fiel gerade auf das Antlitz von Herrn Baſtien, und ſo hart und lebhaft be⸗ r⸗ hob es ſich ſcharf von der Finſterniß der Haus⸗ ur ab. Dieſer Menſch, mit ſeiner herculiſchen Schulterbreite, war von einer entſetzlichen Bläße, veranlaßt durch die Gegenwirkung eines eine Zeitlang zurückgehaltenen Zorns und durch die Dünſte des Rauſches, denn er war halb trunken. Sein dickes, rauhes Haar ſiel auf ſeine niedrige Stirne herab und bedeckte beinahe ſeine kleinen, grauen, boshaften Augen. Sein Stierhals war entblößt, und ſeine, wie ſein Rock und ſeine Weſte, halb geoffnete Blouſe ließ theilweiſe ſeine mächtige, gewölbte Bruſt ſehen. Beim Anblick dieſes Menſchen, fühlte Marie wie geſagt, einen Augenblick ihren Muth entſchwinden. Da ſie aber bald bedachte, daß Herr Baſtien, inſo⸗ fern ihn der Zuſtand übermäßiger Aufreizung, in dem er 156 ſich befand, noch jähzorniger, noch ſtörriger als gewöhnlich machen mußten, von keiner Gewaltthat, von keinem Lärmen zurückweichen vürfte, und daß dann der Dazwiſchentritt von Frederik oder David leider unvermeidlich werden würde, ſo ſegnete die junge Frau, muthig wie immer, den Himmel dafür, daß ihr Sohn noch nichts gehoͤrt hatte, ergriff die auf dem Kamin ſtehende Lampe, kehrte zu ihrem Gatten zurück, der immer noch unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtand, und ſagte mit leiſer Stimme zu ihm: „Gehen wir in's Studirzimmer mein Herr . . . ich müßte unſern Sohn aufzuwecken befürchten.“ Herr Baſtien ſchien mit ſich zu Rathe zu gehen, ehe er ſich in den Wunſch ſeiner Frau fügte. Nach einigen Minuten des Nachdenkens, während welcher ſeine Frau vor Angſt beinahe ſtarb, erwiederte der Hercules: „Das iſt mir im Ganzen lieber. . vorwärts .. gehen Sie voran.“ Marie ging Jacques Baſtien voran und trat bald in's Studirzimmer ein. Siebenzehntes Rapitel. Madame Baſtien, deren Herz gewaltig ſchlug, ſtellte die Lampe auf den Kamin des Studirzimmers und ſagte zu ihrem Gatten: „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ Jacques hatte jenen Grad von Trunkenheit erreicht, der nicht Unvernunft iſt, der ſogar den Geiſt ziemlich klar läßt, aber den Willen unbeugſam macht; er ant⸗ wortete Anfangs auf die Frage von Marie nicht, und dieſe wiederholte: 157 „Ich bitte Sie, mein Herr, wollen Sie mich belehren, was Sie von mir wünſchen?“ Seine beiden Hände in die Taſchen ſeiner Blouſe geſteckt, ſtand Jacques aufrecht vor ſeiner Frau; bald faltete er finſter die Stirne, indem er ſie anſchaute, bald lächelte er mit einer höhniſchen Miene. Dann ſprach er langſam und mit unſicherer Stimme, denn die Halbtrunkenheit, die ſich ſeiner bemeiſtert hatte, machte ſeine Rede ſchon gleichſam kleberig und nöthigte ihn zu häuſigen Pauſen. „Madame . .. wir find nun ungefähr ſiebenzehn und ein halbes Jahr verheirathet, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Wozu ſind Sie mir nütze geweſen?“ „Mein Herr .. . „Sie haben mir nicht einmal als Frau gedient.“ Die Wange gefärbt von Scham und Entrüſtung, machte Marie einen Schritt, um hinauszugehen. Baſtien verſperrte ihr den Weg und rief die Stimme erhebend: „Bleiben Sie da!!“ „Stille . mein Herr,“ ſagte die unglückliche Frau, deren Befürchtungen ſich erneuerten, denn David und Frederik konnten aufgeweckt und durch den Lärmen eines Streites herbeigezogen werden. Auf neue Beleidigungen gefaßt und zum Voraus entſchloſſen, ſie auszuhalten, ſagte auch Marie zu Jacques mit zitternder Stimme: „Haben Sie Mitleid, mein Herr, ſprechen Sie nicht ſo laut . . man könnte uns hören .. . Ich werde bleiben, ſo peinlich auch für mich dieſes Geſpräch zu werden ſcheint.“ „Ich ſagte Ihnen alſo, Sie haben mir ſeit unſerer Verheirathung zu nichts genützt, eine Magd mit zwanzig Thalern Lohn hätte mir meine Haushaltung beſſer geführt, als Sie, und auch mit geringeren Koſten „Bielleicht, mein Herr,“ erwiederte Marie mit einem bitteren Lächeln. „Dieſe Magd hätte nicht, wie ich, Ihren Sohn erzogen „Um ſeinen Vater zu haßen?“ „Mein Herr! .. „Genug!!! Ich habe das wohl dieſen Abend geſehen. Hätten Sie dieſen Schlingel nicht zurückgehalten, ſo würde er mich geſchmäht und ſich auf Ihre Seite geſiellt haben . . . Das iſt ganz einfach und er iſt nicht der Einzige . . Sobald ich hierher in mein Haus komme, ſagt Jeder: Da iſt der Feind, da iſt das Ungethüm', da iſt der Wehrwolf! Nun! es mag gelten mit dem Wehr⸗ wolf. Das macht mich hartnäckig. „Sie täuſchen fich, mein Herr. ich habe meinen Sohn ſtets in den Gefühlen der Ihnen gebührenden Achtung erzogen und noch dieſen Abend . „Genug,“ rief der Hercules, ſeine Frau unterbrechend und er verfolgte ſeine Gedanken mit der Zähigkeit des Trunkenen, der auf eine einzige Idee Alles concentrirt, was ihm noch an Hellſichtigkeit im Geiſte bleibt. „Ich ſagte Ihnen alſo,“ fuhr er fort, „ſeit unſerer Verheirathung haben Sie mir zu nichts gedient; Sie haben aus meinem Sohn einen Gecken gemacht, der Lehrer und Vergnügensreiſen braucht, um ſich die Vapeurs zu vertreiben, und mich überdies berwünſcht. Sie meine Waldungen und mein Silberzeug geplündert. Sie haben mich beſtohlen . . . „Mein Herr!“ rief Marie entrüſtet. „Sie haben mich beſtohlen,“ rief der Hercules mit ſo laut ſchallender Stimme, daß die junge Mutter die Hände faltend murmelte: „Oh! ich flehe Sie an, mein Herr nicht ſo laut nicht ſo laut . „Das iſt es, wozu Sie mir ſeit ſiebenzehn Jahren gedient haben, . zu Nichts . „oder zu Schlimmem, und das kann nicht ſo fortdauern .. „Was wollen Sie damit ſagen? 2* „Ich habe genug.“ 159 „Aber „Es iſt mir zu viel, ich will nichts mehr davon...“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Nicht? Nun! wenn mich Jemand oder Etwas ärgert, ſo mache ich mich davon frei, und zwar ſo ſchnell als möglich.“ Trotz des aufgeregten Zuſtandes, in dem ſie ihren Gatten erblickte, glaubte Madame Baſtien nicht einen Augenblick, er könnte die Abſicht haben, ſie tödten zu wollen, und ſie ſagte, indem fſie ſeinen Gedanken aus ſeiner finſteren Maske zu errathen ſuchte: „Wenn ich Sie recht verſtehe, mein Herr, ſind Sie entſchloſſen, ſich der Perſonen zu entledigen, die Sie be⸗ läſtigen oder Ihnen mißfallen.“ „Ganz richtig! .. So ärgert mich Ihr geckenhafter Sohn „und morgen entledige ich mich desſelben.“ „Sie entledigen ſich desſelben? aber, mein Herr...“ „Ruhig! .. Bridou nimmt ihn er führt ihn morgen Abend bei unſerer Rückkehr von Blemur mit ſich fort.“ „Sie ſagen, Herr Bridou nehme meinen Sohn . wollen Sie mir erklären „ „Er nimmt ihn in Penſion als Bachſpringer... und Ihr Benjamin, der nicht der meinige iſt, bekommt Koſt, Wohnung, Wäſche, und verdient ſich mit achtzehn Jahren ſechs hundert Franken, wenn Herr Bridou mit ihm zufrieden iſt . . . und das iſt einmal Einer, deſſen ich mich entledige „ „Niemand wird über die Zukunft meines Sohnes ohne meine Einwilligung verfügen, mein Herr.“ „Wie beliebt?“ machte Jacques mit einer Art von dumpfem Knurren. „Oh! mein Herr, und wenn Sie mich auf der Stelle toͤdteten, ich würde dieſelbe Sprache führen.“ „Wie!“ machte abermals der Koloß mit noch bedroh⸗ licherem Ton. „Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß mein Sohn mich nicht verläßt „Er wird ſeine Studien unter der Leitung ſeines Lehrers fortſetzen. Ich werde Sie, wenn Sie 160 wollen mit den Plänen, die ich mit Frederik habe, bekannt machen . und. „Ho! Ho!“ ief der Koloß wüthend über den Wiverſtand ſeiner Frau. „Nun! morgen nehme ich den Lateiniſchſpucker bei den Schultern und werfe ihn vor meine Thüre .. Das iſt auch Einer, der mich ärgerte, und ich mich entledigen werde . . . Was Sie betrifft . W wird mein Loos ſein?“ Sie ſollen vom Platze geräumt werden, wie die Anderen.“ „Was ſagen Sie, mein Herr?“ „Wenn ich an Etwas oder an Jemand genug oder zu viel habe, ſo befreie ich mich davon.“ „Sie werden mich alſo aus Ihrem Hauſe wegjagen, mein Herr?“ „Und zwar feſt!! Seit ſiebenzehn Jahren ſind Sie mir zu nichts nütze, Sie haben meinen Sohn gegen mich eingenommen . . . Sie haben meine Waldungen geplündert, mein Silberzeug geſtohlen . . das ärgert mich, und ich entledige mich . .. Doch Geduld, wo ſind Ihre Juwelen?“ „Meine Juwelen“ ſagte Marie ganz erſtaunt über dieſe unerwartete Frage. „Ja, Ihre Juwelen in einem Werth von ungefähr tauſend Franken. holen Sie mir dieſelben und geben Sie mir ſie . . das wird mir das Silberzeug vergüten, das Sie geraubt haben.“ Juwelen, mein Herr, habe ich nicht mehr.“ ie“ Ich habe ſie erkauft!“ „Was!“ rief Jacques ſtammelnd vor Wuth... „Sie, Sie. haben „ „3ch habe ſie verkauft, mein Herr, zugleich mit dem Silberzeug und zu demſelben Zweck.“ „Sie lügen!“ ſchrie der Koloß mit einer furchtbaren Stimme. „Oh! leiſer, mein Herr, ich flehe Sie an, leiſer.“ „Sie verbergen Ihre Juwelen, um mich nicht zu 16¹ entſchädigen,“ fügte der Hercules bei, indem er mit geball⸗ ten Fäuſten und leichenbleich vor Wuth einen Schritt auf ſeine Frau zuging, „Sie ſind eine doppelte Diebin!“ „Ich bitte, mein Herr, ſchreien Sie nicht ſo,“ ſagte die junge Mutter, welche nicht einmal an die Roheit der Beleidigungen, mit denen man ſie überhäufte, dachte, aber zitterte, David oder Frederik könnten bei dem Lärmen der Stimme von Baſtien erwachen. Wüthend, daß er ſich nicht zur Entſchädigung für den Verluſt ſeines Silberzeugs der Juwelen ſeiner Frau bemächtigen konnte .. eine fire Idee, die er den ganzen Abend in ſich getragen hatte, kannte ſich Jacques nicht mehr, die Aufregung des Zorns und des Rauſches ver⸗ miſchten ſich zu einer wilden Eraltation und er ſchrie: „Ah! Sie haben Ihre Juwelen verborgen . nun wohl Sie ſollen nicht morgen mein Haus verlaſſen, ſon⸗ dern auf der Stelle .. .“ „Mein Herr, das iſt ein grauſamer Spott,“ erwie⸗ derte Marie gelähmt durch ſo viele Gemüthserſchütterun⸗ gen; „ich wünſche in mein Zimmer zurückzukehren die Nacht iſt weit vorgerückt. . ich bin erſtarrt vor Kälte. .. WMorgen werden wir im Ernſte ſprechen .. Sie wer⸗ den dann Ihre ganze Kaltblütigkeit haben, und ..“ „Damit wollen Sie ſagen, ich ſei betrunken .. „Morgen, mein Herr... Erlauben Sie mir, daß ich mich entferne.“ Furchtbar vor Zorn, Haß und Trunkenheit, machte Jacques einen Schritt gegen ſeine Frau, deutete auf den düſtern Hausgang, der nach der äußeren Thüre führte, und ſchrie: „Verlaſſen Sie mein Haus! . .. Ich jage Sie fort, doppelte Diebin!“ Marie konnte nicht glauben, Jacques ſpreche im Ernſte. Sie ſuchte nur ſo ſchnell als möglich dieſe ärgerliche Un⸗ terredung zu beendigen, um den Bazwiſchentritt von David Die ſieben Todſünden. U. Abth. zr Bd⸗ 11 wie 162 und von ihrem Sohn zu verhindern, und ſagte, dem ſie ſich mit der größten Sanftheit, um ihn zu beruhigen, an ihren Gatten wandte: „Mein Herr, ich flehe Sie an, kehren Sie in ihr Zimmer zurück und laſſen Sie mich in das meinige zu⸗ rückkehren. .. Ich wiederhole Ihnen, daß morgen . .“ „Donner Gottes!“ ſchrie Jacques außer ſich, „ich ſage nicht, Sie ſollen zurückkehren, ſondern Sie ſollen mein Haus verlaſſen. Muß ich Sie an den Schultern packen, um Sie hinauszuwerfen?“ „Hinaus!“ rief Marie, welche enblich aus dem wild⸗ ſtarren Ausdruck des Geſichtes von Jacques erſah, daß er im Ernſte ſprach . Das war grimmig, das war albern, aber was ließ ſich von einem ſolchen, noch mehr durch den Rauſch er⸗ hitzten Elenden erwarten? „Hinaus!“ wiederholte Marie voll Angſt, „oh! mein e Sie denken nicht daran es iſt Nacht. . es iſt kalt „Was macht das mir?“ „Mein Herr, ich beſchwöre Sie, kommen Sie zu ſich mein Gott! Es iſt ein Uhr Morgens.. wohin ſoll ich gehen?“ „Ich kümmere mich einen Teufel darum!“ „Aber, mein Herr .. „Ich frage Dich.. wirſt Du fortgehen, Diebin?“ rief der Koloß. Und er machte einen Schritt gegen ſeine Frau. „Mein Herr. ein Wort . ein „einziges Wort.. „Ich frage zum zweiten Mal Sih Und Jacques machte wieder einen Schritt gegen ſeine rau „3ch flehe Sie an, hören Sie mich.“ „Zum dritten Mal. Und der Hercules ſchiug ſeine Aermel zurück, um ſeine Frau zu packen. Was konnte die Unglückliche thun? — 163 Schreien . . . Um Hülfe rufen? Frederik und David erwachten „ liefen auf den Lärmen herbei, und für Marie gab es noch etwas Gräß⸗ licheres, als dieſe unwürdige, rohe Austreibung: das war die Scham das war der ſchreckliche Gedanke, von ihrem Sohn geſehen zu werden, wie ſie ſich gegen ihren Gatten ſträubte, der ſie halbnackt vor die Thüre ſeines Hauſes werfen wollte .. Ihre Würde als Frau, als Mutter empörte ſich bei dieſem Gedanken „ und beſon⸗ ders bei dem Gedanken an einen verzweifelten Kampf zwiſchen ihrem Sohn und ihrem Gatten⸗ ein Kampf, der mit einem Mord, mit einem Vatermord endigen konnte; denn Frederik wäre vor dem Aeußerſten nicht zurückgewichen, um ſeine aus dem Hauſe gejagte Mutter zu vertheidigen. Marie fügte ſich alſo, und als Jacques, ſich ihr nähernd, um ſie zu packen, wiederholte: „Zum dritten Mal! wirſt Du gehen?“ Da erwiederte die junge Frau mit zitternder Stimme: „Nun wohl! ja ja. mein Herr, ich werde gehen ich werde auf der Stelle gehen. .. doch ich ſlehe Sie an . kein Geräuſch.“ Ganz verwirrt, die Hände gegen Jacques ausge⸗ ſtreckt, der beſtändig drohend auf ſie zuſchritt und mit einer Geberde die Ausgangsthüre bezeichnete, erreichte Marie ſo rückwärts gehend und im Schatten das Ende der Hausflur. Baſtien öffnete die Thüre. Ein eiskalter Windſtoß drang in den Eingang. Außen ſah man nur Finſterniß und Schnee, der in großen Flocken fiel. „Oh! mein Gott! welche Nacht! ..“ murmelte un⸗ willkührlich über ihren Entſchluß erſchrocken Marie, welche alsbald wieder umkehren wollte. „Mitleid . mein Herr. „Gute Nacht,“ rief der Elende mit einem wilden 164 Hohngelächter, indem er ſeine Frau hinausſtieß; dann ſchlug er die Thüre zu und ſchob die Riegel vor. Den Kopf bloß und nur in ihr Nachtgewand gehüllt, fühlte Marie, wie ihre Füße in die dicke Schneelage ein⸗ ſanken, mit der das Pflaſter der Vorhalle, trotz des länd⸗ lichen Wetterdaches, ſchon bedeckt war. Ein Schimmer der Hoffnung blieb der jungen Frau, ſie glaubte, ihr Gatte wolle nur einen eben ſo grauſamen, als albernen Spaß machen; aber ſie hörte, daß ſich Jac⸗ ques ſchwerfällig entfernte. Bald hatte er ſein Zimmer wieder erreicht, wie Marie wahrnahm, als ſie das Licht durch die Latten der Läden durchſcheinen ſah. Durch den ſcharfen, Alles durchdringenden Nordoſt⸗ wind zu Eis erſtarrt, fühlte Marie ihre Zähne krampf⸗ haft an einander ſchlagen. Sie wollte nach den Ställen gehen, welche in einem nahen Gebäude lagen .. Zum Unglück fand ſie die Gartenthüre geſchloſſen.. und man erinnert ſich, daß dieſer, auf allen Seiten mit Gebäuden umgebene Garten durch eine Paliſſade befriedet war, in deren Mitte ſich die Thüre befand, welche zu öffnen Ma⸗ dame Baſtien nicht gelang. Drei Fenſter gingen nach dieſem Garten . zwei vom Zimmer von Jacques Baſtien und das vom Speiſe⸗ zimmer, wo Niemand geblieben war. Marie hatte keine Hülfe zu verlangen oder zu er⸗ warten. Sie ergab ſich. Die Arme kehrte unter die Vorhalle zurück, räumte mit ihren Händen den Schnee weg, der die Schwelle be⸗ deckte, und ſetzte ſich, ſchon in Eis verwandelt, erſtarrt vor Kälte, auf die kaum durch das Wetterdach beſchützte ſtei⸗ nerne Stufe. ℳ 165 Achtzehntes Rapitel. Jacques Baſtien ging, nachdem er ſeine Frau roher Weiſe weggejagt hatte, mit wankenden Schritten in ſein Zimmer, warf ſich ganz angekleidet auf ſein Bett und verſank bald in einen tiefen Schlaf. Um drei Uhr in der Nacht brachte, wie er es am Tage zuvor befohlen hatte, Marguerite Licht zu ihrem Herrn und fand ihn ſchlafend; ſie hatte große Mühe, ihn aufzuwecken, und meldete ihm, der alte André habe das Pferd an die Carriole geſpannt. Noch beſchwert vom Schlaf und den Folgen ſeines Rauſches, der ſeine Jeen trübte, ſchüttelte ſich Jacgues in Jeinen Kleidern wie ein wildes Thier in ſeinem Pelz, fuhr mit der Hand durch ſeine zerzauſte Mähne, zog über ſeine Kleider einen Rock von langhaarigem Ziegen⸗ fell an, ſpülte ſich den Mund mit einem Glas Brannt⸗ wein aus und ſchickte Marguerite ab, um Bridou zu be⸗ nachrichtigen, es ſei Alles zur Abfahrt bereit. Baſtien hatte einen benebelten Kopf, verworrene Ge⸗ danken und kaum eine Erinnerung von ſeiner grauſamen Brutalität gegen ſeine Frau; er kämpfte mühſam gegen eine gewaltige Luſt, zu ſchlafen, und ſetzte ſich in Erwar⸗ tung ſeines Gefährten auf den Rand ſeines Bettes, wo er wieder zu ſchlummern anfing, als Bridou eintrat. „Auf, Jacques, auf,“ ſagte der Huiſſier, „Du ſiehſt ganz erſtarrt aus, ſchüttle Dich, mein Alter.“ „Gut, gut,“ erwiederte Herr Baſtien, während er ſich auf ſeine Beine erhob und ſeine Augen ausrieb; „ich habe einen ſchweren Kopf und Sand in den Augen; die friſche Luft wird mich vielleicht erquicken. hier, trinke einen Tropfen, Bridon, und vorwärts. Wir haben vier Meilen von hier bis Blemur.“ 156 Auf Deine Geſundheit, mein Alter!“ ſagte der Huiſſier, indem er ſich ein Gläechen Branntwein ein⸗ ſchenkte. „Ah! Du trinkſt nicht?“ „Doch. das wird mich vielleicht aufwecken, denn mein Gehirn iſt ganz teufelmäßig verwirrt.“ Und nachdem er ein Glas Branntwein geleert hatte, das, weit entfernt, ſeine Ideen aufzuklären, dieſelben noch viel verworrener machte, verließ Baſtien mit Bridou das Zimmer, folgte der Flur und öffnete die Thüre zum Gar⸗ ten, durch welche er zwei Stunden zuvor ſeine Frau weg⸗ gejagt hatte. Marie hatte aber die Vorhalle, unter die ſie ſich Anfangs gekauert, verlaſſen. Es fiel kein Schnee mehr. Der Mond glänzte am Himmel, die Kälte wurde immer ſchärfer, Jacques ward doppelt davon ergriffen, denn er hatte zwei Gläſer Branntwein getrunken; einige Augenblicke verwirrten ſich auch ſeine Gedanken dergeſtalt, daß er aus der Vorhalle heraustretend gerade vor ſich hin über den Grasplatz ging, ſtatt der Allée zu folgen, welche nach dem Ausgang des Gartens führte. Bridou bemerkte die Zerſtreuung ſeines Freundes und ſagte zu ihm: „Jacques .. Jacques ½ wohin des Teufels gehſt Du denn?“ „Es iſt wahr,“ antwortete der Hercules, indem er kurz anhielt und leicht auf ſeinen Beinen von vorwärts nach rückwärts wankte. „Es iſt wahr, mein Alter,“ fuhr er fort, „ich weiß nicht, was ich habe „„ich bin dieſen Morgen ganz verdumpft ich gehe gerade aus, wenn ich links gehen will. das iſt die Kälte, die mich ſogleich beim Heraustreten gepfetzt hat.“ „Es iſt auch donnermäßig pfetzerig,“ erwiederte Bridon ſchnatternd, „ich habe einen Caban, einen Naſendeckel und bin doch gefroren.“ „Geh' doch, Empfindlicher!“ „Du haſt leicht ſprechen.“ 167 „Willſt Du mein Fell?“ „Wie! Dein Fell?“ „Mein Ziegenfell, Dummkopf.“ „Und Du, Jacques 2“ „Nimm es; bin ich einmal im Cabriolet, ſo würde mich die Wärme zu ſchlaff machen .. und ich dürfte unwillkührlich einſchlafen.“ „Dann nehme ich das Fell mit um ſo groößerem Ver⸗ gnügen an, mein Alter, als Du, wenn Du zu ſchlafen anfäͤngſt, im Stande biſt, uns umzuwerfen.“ „Nimm „zieh es an,“ ſagte Jacques, nachdem er ſein Ziegenfell ausgezogen hatte, in das ſich ſein Ge⸗ vatter ſodann haſtig hüllte. „Ah!“ murmelte Baſtien, mit der Hand über die Stirne fahrend, „nun finde ich mich wieder! .. Das geht beſſer . 3 Und mit etwas minder ſchwankendem Gang erreichte Jacques die Gartenthüre, die André von Außen gesffnet hatte, als er die Carriole beſpannt mit dem alten Schimmel brachte, vor deſſen Kopf er nun ſtand. Baſtien ſtieg zuerſt ein; in das Ziegenfell verwickelt, ſtolperte Bridou auf dem Fußtritt. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr,“ ſagte von fern der alte indré, der, vom Ziegenfell getäuſcht, glaubte, er wende ſich an Herrn Baſtien. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr.“ „Jacques, ſieh, was die Löwenhaut macht,“ ſagte leiſe der Huifiier, „Dein Knecht hält mich für Dich, mein Alter, weil ich Deine Kaſake habe.“ Baſtien, deſſen Geiſt immer noch etwas geſtört war, ergriff die Zügel und fragte André, der am Kopfe des Pferdes ſtand: . „Iſt die alte Straße nach Blemur noch gut?“ „Die alte Straße? man fährt nicht mehr darauf.“ „Warum?“ „Weil die Ueberſchwemmung Alles ausgewühlt hat, abgeſehen davon, daß das ufer beim Teich der Brülés 168 weggerißen worden iſt, weshalb an jener Stelle die Straße noch zehn Fuß unter Waſſer ſteht.“ „Das iſt Schade, denn man kürzte den Weg dadurch bedeutend ab,“ ſagte Baſtien, und er peitſchte das Pferd ſo kräftig, daß es im Galopp aufbrach. „Sachte, Jacques!“ rief der Huiſſier, der über den Zuſtand, in dem er ſeinen Gevatter ſah, unruhig zu werden anfing, „die Wege find nicht gut wirf uns wenigſtens nicht um . . . Saperlott! Jacques, gib doch Achtung Ah! Du ſiehſt nicht vor Dich!!!“ Wir wollen Herrn Bridon in immer wachſender Angſt und Verlegenheit laſſen und zum Pachthof zurückkehren. Marie war, wie geſagt, nachdem ſie vergebens den Stall durch die Gartenthüre zu erreichen geſucht hatte, unter die Vorhalle zurückgekehrt, wo ſie ſich in einer der Ecken niederkauerte. Während der erſten halben Stunde verurſachte ihr die Kälte furchtbare Leiden. Auf dieſe Marter folgte eine Art von ſchmerzlicher Erſtarrung, worauf ein Zuſtand beinahe völliger Unempfind⸗ lichkeit, eine unſelige, unbeſiegbare Schlafſucht eintrat, die unter dieſen Umſtänden häuſig als Uebergang zum Tod dient. Muthig wie immer, hatte Marie lange ihre ganze Geiſtesgegenwart bewahrt; ſie ſuchte ſich über die Gefahr zu betäuben, der ſie preisgegeben war, und ſagte ſich, im Ganzen müſſe nothwendig gegen drei Uhr Morgens im Hauſe eine gewiſſe Bewegung, veranlaßt durch die Abreife von Herrn Baſtien ſtattfinden, der ſich, wie ſie von Mar⸗ guerite erfahren, beim Aufgang des Mondes auf den Weg begeben ſollte. Die junge Frau wollte, ob er nun abreiſe oder nicht abreiſe, das Hin⸗ und Hergehen von Marguerite benützen, um ſich ihr hörbar zu machen, indem ſie entweder an die Gangthüre oder an die Läden des Speiſezimmers klopfen würde, und ſo in ihr eigenes Zimmer zurückzukehren. Aber der furchtbare Einfluß der Kälte, deren raſche, —— 159 ergreifende Wirkungen Madame Baſtien nicht kannte, vereiſte, ſo zu ſagen, ihren Geiſt, wie er ihre Glieder vereiſt hatte. Nach einer halben Stunde gab die junge Frau einer unwillkührlichen Schlaftrunkenheit nach, aus der ſie ſich indeſſen in Augenblicken durch die Kraft ihres Muthes wieder erhob, jedoch nur um bald abermals noch tiefer darein zu verſinken. Gegen drei Uhr Morgens hatte das Licht, das Mar⸗ guerite in der Hand trug, ſchon wiederholt durch die Latten der Läden geglänzt, ihre Tritte hatten durch die Eingangs⸗ thüre geſchallt. Von einer zunehmenden Schlafſucht befangen, hatte Marie nichts geſehen, nichts gehört. In einem von den ſeltenen Augenblicken, wo es ihr gelang, ſich plötzlich ihrer Erſtarrung zu entreißen, bebte Marie zum Glück bei der Stimme von Baſtien; im Be⸗ griff, hinauszugehen, zog er geräuſchvoll die Riegel der Thüre zurück. Als ſie die Stimme ihres Gatten hoͤrte, ſchüttelte die junge Frau mit einer beinahe übermenſchlichen Willens⸗ anſtrengung ihre Schlaftrunkenheit ab, ſtand auf, obgleich erſtarrt und beinahe entzwei gebogen durch die eifige Kälte, verließ die Vorhalle und verbarg ſich hinter einem von den mit Epheu bedeckten Pfeilern in dem Augenblick, wo ſich die Thüre vor Bridou und Baſtien öffnete, welche bald durch das Gitter vom Garten weggingen. Als Marie die zwei Männer ſich entfernen ſah, ſchlüpfte ſie in's Haus und erreichte ihr Zimmer, ohne Marguerite begegegnet zu haben. Doch in dem Augen⸗ blick, wo ſie läutete, entſchwanden ihr vollends die Kräfte, und ſie ſank bewußtlos auf den Boden. Die Magd lief, als ſie die Glocke ihrer Gebieterin hörte, herbei, fand ſie mitten im Zimmer liegend, und rief, indem ſie ſich gegen ſie hinabbückte, um ſie aufzuheben: „Großer Gott! . . . Madame? was iſt denn geſchehen?“ 170 „Stille! ..“ murmelte die junge Mutter mit ſchwacher Stimme, „wecken wir meinen Sohn nicht auf. .. Helft mir in mein Bett.“ „Ach! Madame,“ ſagte die Magd, Marie unterſtützend, während dieſe ſich zu Bette legte, „Sie ſchauern ... Sie ſind eiskalt.“ „Dieſe Nacht,“ erwiederte die junge Mutter mit ſchwacher Stimme . . „dieſe Nacht fühlte ich mich ſehr leidend . . ich wollte auſſtehen . . . um Euch zu läu⸗ ten ich hatte nicht die Kraft dazu ich befand mich übel und ſo eben erſt konnte ich mich bis zum Kamin ſchleppen, um Euch zu rufen und ich . Die junge Frau vollendete nicht, ihre Zähne klapper⸗ ten, ihr Kopf fiel zurück und ſie wurde ohnmächtig. Marguerite, die erſchrocken über die Verantwortlich⸗ kelit welche auf ihr laſtete, völlig den Kopf verlor, lief in das Zimmer von Frederik und rief: „Herr! . . . Berr! . . . ſtehen Sie auf, Madame befindet ſich unwohl.“ Dann kehrte die alte Dienerin zu Marie zurück, kniete an ihrem Bett nieder und murmelte: „Mein Gott! was iſt zu thun. was iſt zu thun?“ Frederik zog raſch ſeinen Schlafrock an und kam nach einigen Augenblicken aus ſeinem Zimmer heraus. Man denke ſich ſeinen Schrecken beim Anblick der bleichen, lebloſen, nur von Zeit zu Zeit von einem krampf⸗ haften Beben geſchüttelten jungen Frau. „Mutter,“ rief Frederik, am Bette von Marie nieder⸗ knieend, „Mutter, was haſt Du? antworte mir.“ „Ach! Herr Frederik,“ ſagte Marguerite ſchluchzend. „Madame iſt ohne Bewußtſein. Mein Gott! was iſt da zu thun?“ . „Marguerite,“ rief Frederik, „weckt raſch Herrn David.“ Während Frederik in unausſprechlicher Angſt bei ſeiner Mutter blieb, begab ſich Marguerite in die Man⸗ ſarde von Andté, wo David die Nacht zugebracht hatte. D 171¹ Lehrer kleidete ſich haſtig an und öffnete Mar⸗ guerite. „Mein Gott! was gibt es denn?“ „Herr David, ein großes Unglück .. Madame..“ „Sprecht .. „Heute Nacht fühlte ſich Madame unwohl und ſtand auf, um mir zu läuten die Kräfte verließen ſie ſie ſiel mitten im Zimmer nieder, wo ſie ohne Zweifel lange auf dem Boden geblieben iſt, denn als ich vorhin bei ihr eintrat und ihr zu Bette half, war ſie eiskalt. „ „In einer ſolchen Nacht das iſt gräßlich,“ rief David erbleichend; „und wie beſindet ſie ſich in dieſem Augenblick?“ „Mein Gott! Herr David, ſie hat völlig das Be⸗ wußtſein verloren .. Der arme Herr Frederik kniet an ihrem Bett, er ſchluchzt . er ruft ihr, ſie hört nichts. Er hieß mich zu Ihnen laufen . denn wir wiſſen nicht, was wir thun ſollen, wir haben den Kopf verloren.“ „André ſoll anſpannen und ſchnell nach Pont⸗ Brillant fahren, um den Doctor Dufour zu holen .. Eilt! Marguerite!“ „Ach! Herr . das iſt unmöglich!“ „Warum?“ „Der Herr iſt dieſen Morgen um drei Uhr mit dem Pferde weggefahren und André iſt ſo alt, daß er ich weiß nicht wie viel Zeit brauchen würde, um die zwei Stunden von hier nach der Stadt zu machen.“ „Ich gehe ſelbſt,“ ſagte David mit einer Ruhe, welche die in ſeinen Zügen ſichtbare Beſtürzung Lügen ſtrafte. „Sie, Herr David, wollen zu Fuß nach der Stadt gehen bei dieſer Entfernung und in dieſer eiskalten Nacht?“ „In einer Stunde,“ erwiederte David, während er ſich vollends zu dieſem Gang ankleidete, „in einer Stunde wird der Doctor Dufour hier ſein . . . Sagt das Fre⸗ derik, um ihn zu beruhigen. In Erwartung meiner Rück⸗ kehr wäre es gut, Madame Baſtien einige Taſſen ſehr warmen Thee nehmen zu laſſen. Sucht auch die Wärme 172 dadurch bei ihr hervorzurufen, daß Ihr ſie ſorgfältig zu⸗ deckt und ihr Bett nahe an ein großes Feuer rückt, das Ihr ſogleich in ihrem Kamin anzündet. Auf, Muth ge⸗ faßt, Marguerite,“ fügte David bei, indem er ſeinen Hut nahm und haſtig die Treppe hinabging, „ſagt Frederik, in einer Stunde werde der Doctor Dufour hier ſein.“ Nachdem Marguerite David bis zur Gartenthüre geleitet, ſuchte ſie ihre Lampe, die ſie geſchützt durch die kändliche Vorhalle auf der Thürſchwelle gelaſſen hatte. Als ſich die Magd bückte, um ihr Licht wieder auf⸗ zunehmen, ſah ſie halb verborgen durch den Schnee ein Halstuch von vrangefarbiger Seide, das Madame Baſtien gehörte, und beinahe auf derſelben Stelle fand ſie einen kleinen Pantoffel von rothem Saffian gleichſam in dem durch den Froſt verhärteten Schnee incruſtirt. Indem ſie ſich immer mehr erſtaunt fragte, wie ſich hier dieſe Gegenſtände fänden, welche offenbar von ihrer Gebieterin herrührten, hob Marguerite, plötzlich von einem Gedanken berührt, das Halstuch und den Pantoffel auf; dann betrachtete ſie mit Hülfe ihrer Lampe die Stein⸗ platten der Hausflur. Sie erkannte die friſche Spur feuchter, ſchneeiger Tritte, ſo daß die alte Dienerin dieſer von den kleinen Füßen von Madame Baſtien auf dem Boden zurückgelaſſenen Spur folgend bis zur Thüre von Marie gelangte. Plötzlich erinnerte ſich Marguerite, daß, als ſie Marie, welche ganz von der Kälte erſtarrt war, in ihr Bett ge⸗ holfen, dieſes nicht berührt geweſen; andere Bemerkungen vereinigten ſich mit dieſer Wahrnehmung, und die Magd kehrte, erſchrocken über die Entdeckung, die ſie gemacht hatte, zu Madame Baſtien zurück, bei der Frederik geblieben war. Fünf Viertelſtunden nach dem Abgang von David hielt ein Poſtcabriolet beſpannt mit zwei von Schaum —— 173 weißen und mit Furchen von der Peitſche des Poſtillon überzogenen Pferden vor der Thüre des Pachthofes. David und der Doctor Dufour ſtiegen aus dem Cabriolet. Meunzehntes Rapitel. Der Doctor war ungefähr ſeit drei Stunden im Pachthof angekommen. David, der ſich disereter Weiſe in das Studirzimmer zurückgezogen hatte, wartete mit einer Todesangſt auf Nachricht von Madame Baſtien, bei der der Doctor und Frederik geblieben waren. Ein einziges Mal hatte David, der auf der Schwelle des Zimmers ſtand, Marguerite, als dieſe von Madame Baſtien herauskam und raſch an ihm vorüber ging, leiſe zugerufen: „Nun, Marguerite?“ „Oh! Herr David,“ erwiederte nur die Magd wei⸗ nend und ohne ſtehen zu bleiben. „Sie ſtirbt!“ rief David und trat in das Studir⸗ zimmer zurück. . und bleich, die Züge verſtört, das Herz gebrochen, verbarg er ſein Geſicht in ſeinen Händen, zerfloß in Thränen und biß ſich auf ſeinen Schnurrbart, um ſein Schluchzen zu erſticken. „Ich kannte das Verzweifelte dieſer bewältigten, verborgenen . unmöglichen Liebe,“ murmelte er⸗ „Ich glaubte grauſam gelitten zu haben, zu leiden! zu leiden?. . . Hohn!! . „ Wußte ich, was ſie bedeutete, die Furcht, Marie zu verlieren? . Sie verlieren . 114 ſie . . . ſterben, nein . nein . . oh! ich werde ſie doch wenigſtens ſehen! „ Und beinahe wahnſinnig vor Schmerz, durchſchritt David heftig das Zimmer, doch auf der Schwelle der Thüre blieb er ſtehen. „Sie ſtirbt vielleicht, und ich bin nicht befugt, ihrem Todeskampf beizuwohnen . . Was bin ich hier? ein Fremder .. Horchen wir wenigſtens.. nichts. nichts. eine Grabesſtille . . . Mein Gott! was geht in dieſem Zimmer, wo ſie vielleicht mit dem Tode ringt, vor .. Ah! es kommt Jemand heraus „ es iſt Pierre.“ — und David, der einen Schritt in die Hausflur machte, ſah im Halbſchatten des finſteren Ganges den Doctor aus dem Zimmer von Marie herauskommen. „Pierre,“ ſagte er mit leiſer Stimme zu ihm, um ſein Herbeikommen zu beſchleunigen: „Pierre.“ Herr Dufour ging raſch David entgegen, als dieſer eine Stimme leiſe ſagen hörte: „Herr Doctor, ich muß Sie ſprechen.“ Bei dieſer Stimme hielt Herr Dufour plotzlich vor der Thüre des Speiſezimmers an, wo er auch eintrat. „Was für eine Stimme iſt dies? ..“ fragte ſich David. „Iſt es Marguerite? . . Mein Gott! was geht denn vor?“ fügte er nach dem Orte hin horchend, wo der Arzt eingetreten war, bei. „Pierre ſpricht .. ſeine Ausrufungen bezeichnen Entrüſtung, Schrecken .. endlich kommt er heraus . . . hier iſt er.“ Das Geſicht verſtört, die Stirne zornig, die Hände noch gefaltet von einer Geberde des Entſetzens, trat HBerr Dufour wirklich in das Studirzimmer und rief: „Das iſt ſchauderhaft! das iſt ſchändlich! David dachte nur an Marie und ſtürzte ſeinem Freunde entgegen. „Pierre, in des Himmels Namen, wie geht es? Die Wahrheit . ich werde Muth haben aber aus Erbarmen „ die Wahrheit. .. ſo gräßlich ſie auch ſein mag fiehſt Du, es gibt keine Marter, welche der 175 gleichen könnte, welche ich hier ſeit drei Stunden ausſtehe, indem ich mich frage: Lebt ſie, ringt ſie mit dem Tod oder iſt ſie todt!“ Die erſtarrten Geſichtszüge von David, ſeine glühenden, durch friſche Thränen gerötheten Augen, das Gebrochene ſeiner Stimme verriethen zugleich ſo viel Verzweiflung und ſo viel Liebe, daß der Doctor Dufour, obſchon unter dem Eindruck einer heftigen Gemüthsbewegung, bei dem Anblick ſeines Freundes ſogleich ſtehen blieb und ihn einige Se⸗ eunden anſchaute, ehe er ihm antwortete: „Pierre, Pierre, Du ſagſt mir nichts nichts,“ rief David erſchreckend vor Schmerz, „fie ſtirbt alſo!...“ „Nein, „Henri. fſie ſtirbt nicht.“ „Sie wird leben!!“ rief David. Bei dieſer Hoffnung verwandelten ſich ſeine Züge, er drückte den Arzt an ſeine Bruſt und ſtammelte, ohne daß er ſeine Thränen zurückzuhalten vermochte: „Pierre „ich werde Dir mehr als das Leben zu verdanken haben.“ „Henri,“ erwiederte der Doctor mit einem Seufzer, „ich ſaate nicht, ſie werde leben.“ „Du fürchteſt?“ „Sehr.“ „Oh! mein Gott! aber Du hoffſt doch wenigſtens?“ „Ich wage es nicht.“ „Und wie geht es bei ihr zu dieſer Stunde?“ „Nuhiger ſie iſt entſchlummert.“ „Oh! ſie lebe, ſie lebe. . . Pierre es muß ſein nicht wahr, ſie wird leben?“ „Henri, Du liebſt fie.“ Durch dieſe Worte ſeines Freundes zu ſich ſelbſt zurückgerufen, bebte David, er blieb ſtumm und ſeine Augen auf die des Doctors geheftet. Dieſer fuhr mit ernſtem, traurigem Ton fort „Ich habe Dein Geheimniß nicht ergattert Du haſt Dich mir ſelbſt enthüllt.“ „Ich 4 „Durch Deinen Schmerz“ „Es iſt wahr „ich liebe ſie.“ „Henri!“ rief der Doctor, Thränen in den Augen, mit tiefer Bewegung, „Henri, ich beklage Dich „ oh! ich beklage Dich!“ „Es iſt eine Liebe ohne Hoffnung, ich weiß es wohl, aber ſie lebe, und ich werde die Qualen ſegnen, die ich in ihrer Nähe ausſtehen muß „. denn ihr Sohn, der uns für immer verbindet, wird ſtets zwiſchen ihr und mir ſtehen.“ „Ja, Deine Liebe iſt vhne Hoffnung, Henri ja, Dein Zartgefühl wird Dich abhalten, Marie Deine Gefühle je ahnen zu laſſen ... Doch das iſt noch nicht Alles . und ich wiederhole Dir, Henri, Du biſt mehr zu beklagen, als Du denkſt.“ „Mein Gott! Pierre, was willſt Du damit ſagen?“ „Weißt Du „ doch höre „. mein Blut kocht „ meine Entrüſtung entzündet ſich wieder „ Alles empört ſich in mir, denn man kann nicht mit kaltem Blut von einer ſo feigen Grauſamkeit ſprechen.“ „Unglückliche Frau, ſie meinſt Du! Oh! ſprich, ſprich doch! Du brichſt mir das Herz! Du tödteſt mich!“ „So eben wollte ich zu Dir gehen.“ 3 „Man hat Dich im Gang aufgehalten.“ „Es war Marguerite „„ Weißt Du, wo Madame Baſtien einen Theil der Nacht zugebracht hat?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Außer dem Hauſe.“ „Sie? die Nacht außer ihrem Hauſe?“ „Ja ihr Mann hat ſie in dieſer eiſig kalten Nacht halb nackt hinausgeworfen.“ David hebte am ganzen Leib. Dann, nachdem er ſeine beiden Hände an ſeine Stirne gepreßt hatte, als wollte er die Heftigkeit ſeiner Gedanken zurückdrängen, ſagte er mit ſtockender Stimme zum Doctor: „Pierre, ich habe Deine Worte gehört „aber ich . 177 begreife Dich nicht. . Es iſt, als hätte ſich eine Wolke über meinem Geiſte ausgebreitet.“ „Anfangs begriff ich auch nicht, es war zu ungeheuer⸗ lich . . . Marguerite hörte geſtern Abend, kurze Zeit, nachdem ſie ihre Gebieterin verlaſſen lange, bald mit leiſer Stimme, bald mit großer Heftigkeit im Studirzimmer ſprechen . . . dann in der Hausflur gehen, dann das Ge⸗ räuſch einer Thüre, welche geöffnet und geſchloſſen wurde, dann nichts mehr. In dieſer Nacht, nach dem Abgang 2 von Herrn Baſtien, glaubte Anfangs Marguerite, der ihre Gebieterin geläutet, dieſe ſei ohnmächtig geworden; durch gewiſſe Anzeichen bekam Marguerite aber ſpäter den Beweis, daß Marie hatte von Mitternacht bis um drei Uhr unter der Vorhalle, der ganzen Strenge dieſer eiſig kalten Nacht ausgeſetzt, bleiben müſſen... So iſt dieſe tödtliche Krankheit vielleicht. . .“ „Das iſt aber ein Mord!“ rief David furchtbar vor Wuth und Schmerz, „dieſer Menſch iſt ein Mörder!“ „Der Elende war betrunken, wie mir Marguerite geſagt hat. . in Folge eines Streites mit ſeiner unglück⸗ lichen Frau wird er dieſe hinausgeworfen haben.“ „Pierre, dieſer Menſch wird bald zurückkommen .. zweimal hat er mich beleidigt, ich fordere ihn heraus und tödte ihn“ „Henri, Ruhe . „Ich will ihn tödten!“ „Hode mich . . „Weigert er ſich, ſich zu ſchlagen, ſo ermorde ich ih dann tödte ich mich ſelbſt.. Marie wird befreit ſein.“ „Henri! Henri! das iſt Wahnfinn!“ „Oh! mein Gott! ſie ſie. ſo behandelt,“ rief Dasid mit herzzerreißendem Ton, „dieſer Engel der Rein⸗ heit, dieſe anbetungswürdige, heilige Mutter auf immer der Willkühr dieſes albernen, rohen Menſchen preisgegeben wiſſen. . Siehſt Du denn nicht, daß er ſie, wenn fie diesmal nicht ſtirbt, an einem andern Tag umbringen wird?“ Die ſieben Tovfünden. M. Abth⸗ 2r Bd⸗ 12 1 178 „Ich glaube es, Henri, und er darf ſie nicht um⸗ bringen „ „und Du willſt nicht, daß ich „Henri,“ rief der Doctor, die Hände von David mit innigem Erguß ergreifend, „Henri, edles, vortreffliches Herz, komm zu Dir ſei, was Du ſtets geweſen biſt, voll Seelenadel und Muth . Ja, Muth, das brauchſt Du, um ein grauſames, aber für das Heil von Marie unerläßliches Opfer zu vollbringen.“ „Ein für das Heil von Marie erſprießliches Opfer!! Oh! ſprich, ſprich „Braves, braves Herz, ich finde Dich wieder, und ich hatte Unrecht, Dir zu ſagen, Du ſeiſt mehr zu beklagen, als Du denkeſt, denn Seelen, wie die Deinige, leben von Opfern und Entſagungen . . Höre, Henri, angenommen, ich könnte Marie von der Krankheit, die ſie in der ver⸗ gangenen Nacht befallen hat, einer ſehr gefährlichen Bruſt⸗ entzündung, retten muß dann nicht die engeliſche Frau in der Gewalt dieſes Elenden bleiben?“ „Vollende, vollende.“ „Es gibt ein ehrenhaftes und geſetzliches Mittel, die⸗ ſem Menſchen das Opfer zu entreißen, das er ſeit ſech⸗ zehn Jahren martert.“ „Und dieſes Mittel?“ „Iſt eine gerichtliche Trennung.“ „Und wie dies erreichen?“ „Das grauſame Verfahren dieſes Menſchen in der vergangenen Nacht dient als ſehr ernſte Anklage gegen ihn. Marguerite wird zeugen; mehr braucht es nicht, um die Scheidung zu erlangen; und überdies werde ich die Richter ſehen und ich werde ihnen mit der Wärme und Entrüſtung eines redlichen Herzens ſagen, wie ſich Baſtien gegen ſeine Frau ſeit ihrer Verheirathung mit ihm benommen hat.. ich werde ihnen von der engeliſchen Reſignation von Marie von ihrer bewunderungswürdi⸗ gen Hingebung für ihren Sohn.. und beſonders von der Reinheit ihres Lebens ſagen „ 179 „Verzeih, Pierre, ich ſprach vorhin wie ein Wahn⸗ finniger. Auf eine wilde Brutalität antwortete ich mit einer mörderiſchen Gewaltthätigkeit ... Du haſt Recht. Madame Baſtien muß ſich von ihrem Gatten trennen, ſie ſoll frei ſein;“ und bei dieſem Gedanken konnte David ein Beben der Hoffnung nicht unterdrücken. „Ja, ſie ſoll frei ſein, und da ſie dann allein über die Zukunft ihres Sohnes verfügen kann.. .“ „Henri,“ ſprach der Arzt, ſeinen Freund unterbre⸗ chend, „Du wirſt begreifen, daß, damit dieſe Trennung das ſei, was ſie bei Marie ſein ſoll .. . ehrenhaft und würdig, Du Dich entfernen mußt.“ „Ich!“ rief David, niedergeſchmettert durch die Worte des Doctors, der mit feſter Stimme fortfuhr: „Henri, ich wiederhole Dir, Du mußt Dich ent⸗ fernen.“ „Sie verlaſſen.. ſie ſterbend verlaſſen .. nie!“ „Mein Freund . . .“ „Nein! ſie würde auch nicht einwilligen!“ „Was ſagſt Du?“ „Nein, ſie würde es nicht zugeben, daß ich ginge . Ihren Sohn verlaſſen, den ich liebe, wie mein eigenes Kind, ihn in dem Augenblick verlaſſen, wo die ſchönſten Hoffnungen verwirklicht werden ſollen das wäre wahn⸗ ſinnig, ich könnte es nicht.. und dieſer theure Junge vermöchte es eben ſo wenig. Du weißt nicht, was er für mich iſt. .. Du weißt nicht, was ich für ihn bin . . . Du kennſt endlich die unauflöslichen Bande nicht, die uns, ſeine Mutter ihn und mich, einigen.“ „Ich kenne dies Alles, Henri.. ich kenne die Stärke dieſer Bande, ich weiß, daß Deine, Marie vielleicht un⸗ bekannte, Liebe eben ſo rein, als ehrfurchtsvoll iſt.“ „Und Du willſt mich entfernen?“ „Ja, weil ich auch weiß, daß Ihr, Marie und Du, Beide jung ſeid, weil Ihr in einer innigen Verkraulichkeit aller Augenblicke lebt, weil der Ausdruck der Dankbarkeit, die ſie Dir ſchuldig iſt, Dir in Deinen befangenen Augen 180 als der Ausbruck eines zärtlicheren Gefühls erſcheinen könnte, weil ich endlich weiß, daß die alte Marquiſe von Pont⸗Brillant, eine ſchamloſe Witwe, wie es nur eine geben kann, im Schloß in Gegenwart von zwanzig Per⸗ ſonen boshafte, cyniſche Anſpielungen auf das Alter und das Ausſehen des von Madame Baſtien für ihren Sohn gewählten Lehrers gemacht hat.“ „Oh! das iſt ſchändlich!“ „Ja, das iſt ſchändlich ja, das iſt unwürdig, doch Du wirſt dieſen Schändlichkeiten Glauben verſchaffen, wenn Du in dieſem Hauſe in dem Augenblick bleibſt, wo Ma⸗ vame Baſtien nach einer Ehe von ſiebenzehn Jahren Schei⸗ dung verlangt.“ „Aber ſie kennt meine Liebe nicht, Pierre, das ſchwoͤre ich Dir . und Du weißt wohl, daß ich eher ſterben, als ihr ein Wort von dieſer Liebe ſagen würde, gerade weil ſie mir die Rettung ihres Sohnes zu verdanken hat!“ „Ich zweifle weder an Dir, noch an ihr; ich wieder⸗ hole Dir jedoch, ein längerer Aufenthalt von Dir in die⸗ ſem Hauſe kann Marie einen unwiederbringlichen Nach⸗ theil zufügen.“ „Pierre, dieſe Befürchtungen find toll.“ „Dieſe Befürchtungen ſind nur zu ſehr begründet; auf eine boshafte Weiſe gedeutet, wird Deine Gegenwart zu einem Angriff auf die vorwurfsfreie Reinheit des Le⸗ bens von Marie werden; man wird ein ſchlimmes Vorur⸗ theil gegen ihr Scheidungsgeſuch bekommen, man wird es vielleicht verwerfen. Doppelt aufgebracht gegen ſeine Frau, wird Baſtien ſodann auch ſeine Rohheit gegen ſie verdop⸗ peln und ſie tödten, Henri . er wird ſie auf eine ge⸗ ſetzliche Weiſe tödten . . . er wird ſie ehrlich umbringen, wie viele Ehemänner ihre Frauen umbringen.“ Die Richtigkeit der Worte des Doctors war unleug⸗ bar; David konnte dies nicht mißkennen. Doch er wollte ſich an eine letzte Hoffnung anklammern und erwiederte: „Aber, Pierre, kann ich Frederik verlaſſen, der zu dieſer Stunde meiner ganzen Fürſorge bedarf, denn ſein 181 moraliſcher Zuſtand hat ſich kaum wiederbefeſtigt? Die⸗ ſen Jüngling ſoll ich in dem Augenblick verlaſſen, wo ich ſchon für ihn eine ſo ruhmwürdige Zukunft erſchaute?“ „Bedenke doch, daß heute Abend Herr Baſtien hier ſein, daß er Dir vielleicht ſagen wird, Du ſolleſt Dich aus dieſem Hauſe entfernen, aus dieſem Hauſe, wo er im Ganzen Herr iſt. . . Was wirſt Du thun?“ Die Unterredung von David und dem Doctor wurde durch Frederik unterbrochen, der raſch eintrat und zu Herrn Dufour ſagte: „Meine Mutter iſt aus ihrem Schlaf erwacht und wünſcht Sie ſogleich zu ſprechen, Herr Dufour.“ „Mein Kind,“ erwiederte der Arzt, „ich habe ein raar Worte mit Ihrer Mutter allein zu ſprechen. Wollen Sie hier bei David bleiben.“ Und ſich an ſeinen Freund wendend, ſprach Herr Dufour: „Henri, ich kann auf Dich zählen, Du verſtehſt mich?“ „Ich verſtehe Dich.“ „Du gibſt mir Dein Wort, daß Du thuſt, was Du thun ſollſt?“ Nach einem langen Zögern, während Frederik er⸗ ſtaunt über dieſe geheimnißvollen Worte abwechſelnd den Doctor und David anſchaute, ſprach dieſer mit feſtem Tone, indem er ſeinem Freund die Hand reichte: „Pierre, Du haſt mein Wort.“ „Gut, gut,“ ſagte der Arzt, der ſeinem Freund tief bewegt die Hand drückte; dann fügte er bei: „Ich habe nur die Hälfte meiner Aufgabe erfüllt.“ „Was ſagſt Du, Pierre?“ rief David, als er den Arzt nach dem Zimmer von Marie gehen ſah; „was willſt Du thun?“ „Meine Pflicht,“ antwortete der Doctor. Und er ließ David und Frederik im Studirzimmer und trat bei Madame Baſtien ein. BZwanzigſtes Rapitel. Als der Doctor Dufour bei Madame Baſtien ein⸗ fand er ſie im Bett und Marguerite an ihrer Seite tzend. Marie, am Tage vorher noch eine blühende Schön⸗ heit, ſah bleich, angegriffen aus; die brennende Gluth des Fiebers färbte lebhaft ihre Wangen und machte ihre unter den beſchwerten Lidern halbgeſchloſſenen, großen blauen Augen glänzen; von Zeit zu Zeit hob ein kurzer, trockener Huſten ihren ſchönen Buſen, auf den die junge Frau häufſig ihre Hand legte, als wollte fie die ſchmerz⸗ lichen Zerreißungen ihres Innern überwältigen⸗ Als ſie den Doctor erblickte, ſagte Madame Baſtien zu ihrer Dienerin: „Laßt uns, Marguerite.“ „Nun, wie befinden Sie ſich?“ fragte der Doctor Marie, als ſie allein waren. „Dieſer Huſten brennt mich und zerpreßt mir die Bruſt, mein lieber Doctor; mein Schlaf war mit pein⸗ lichen Träumen vermiſcht. . ohne Zweifel eine Wirkung des Fiebers. doch ſprechen wir nicht hievon,“ fügte ſie mit dem Ausvruck engeliſcher Refignation bei. „Ich habe mich über ſehr wichtige Dinge mit Ihnen zu berathen . mein guter Doctor... und ich muß mich beeilen, denn wiederholt fühlte ich bei meinem Erwachen, wie mir meine Gedanken beinahe entſchwanden.“ „Sie dürfen ſich dadurch nicht beunruhigen laſſen das rührt von dem Zuſtand der Schwäche her, vie bei⸗ nahe immer auf die übermäßige Auftegung des Fie⸗ bers folgt.“ * „Ich wollte zuerſt mit Ihnen allein ſprechen, ehe ich Herrn David und meinen Sohn zu mir zu kommen bitten — 183 würde denn wir werden, glaube ich, Alle mit ein⸗ ander zu verhandeln haben.“ „Ich hore Sie, Madame.“ „Sie wiſſen, mein Gatte iſt geſtern Abend hier ge⸗ weſen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte der Doctor, ohne ein Be⸗ ben der Entrüſtung überwältigen zu können. „Ich hatte mit ihm einen langen und peinlichen Streit über meinen Sohn . .. Trotz meiner Einſprache, trotz meiner Bitten iſt Herr Baſtien entſchloſſen, Frederik als Huiſſier⸗Schreiber bei Herrn Bridon eintreten zu laß⸗ ſen ich ſoll alſo Herrn David für ſeine Bemühungen danken und mich von meinem Kinde trennen.“ „Und hiezu vermöchten Sie nicht einzuwilligen?“ „So lange „mir ein Lebensfunke bleibt, werde ich meine Rechte auf meinen Sohn vertheidigen. Was ihn betrifft, ſo kennen ſie die Entſchloſſenheit ſeines Cha⸗ rakters.. Nie wird er mich, Herrn David verlaſſen und bei Herrn Bridon eintreten wollen.. Herr Baſtien wird bald hierher zurückkommen.. er wird meinen Sohn fort⸗ zuführen begehren.“ Beſiegt durch die Gemüthserſchütterung, die ſie zu bekämpfen verſuchte, war Marie genöthigt, ſich einen Augenblick zu unterbrechen, und bekam bald einen Huſten⸗ anfall von ſo gefährlichem Charakter, verbunden mit einer ſo ſchmerzlichen Beklemmung, daß der Doctor unwillkühr⸗ lich die Augen angſtvoll zum Himmel aufſchlug, während er zugleich die junge Frau einige Löffel von einem von ihm bereiteten Trank nehmen ließ. Als ſich Marie wieder ein wenig erholt hatte, fuhr ſie fort: 4 „Dies iſt unſere Lage, mein lieber Doctor, wir müſ⸗ ſen vor der Ankunft von Herrn Baſtien einen entſcheiden⸗ den Entſchluß gefaßt haben... wenn nicht...“ und Marie wurde noch bläſſer, „wenn nicht, ſo wird hier etwas Schreckliches vorgehen, denn Sie wiſſen, wie heftig Herr Baſtien, wie entſchloſſen Frederik iſt, und ich, was mich 184 betrifft, fühle, krank wie ich bin, daß mir meinen Sohn entreißen mich tödten heißt.“ „Madame, die Augenblicke find koſtbar... erlauben Sie mir vor Allem, an Ihre Offenherzigkeit zu ap⸗ pelliren .. .“ „Sprechen Sie.“ „Geſtern fand, in Folge des Streites, den Sie mit Herrn Baſtien hatten, eine furchtbare Scene ſtatt und heute Nacht . .“ „Mein Herr. . „Ich weiß Alles, Madame...“ „Doctor ..“ „Ich weiß Alles, ſage ich Ihnen, und mit Ihrem gewöhnlichen Muth haben Sie ſich, davon bin ich feſt überzeugt, in die abſcheuliche Behandlung gefügt, um nicht zu einem beklagenswerthen Lärmen Anlaß zu geben, und um einen furchtbaren Zuſammenſtoß zwiſchen Ihrem Sohn und Ihrem Gatten zu vermeiden. Oh! ſuchen Sie es nicht zu leugnen. .. Ihr Heil, das Ihres Sohnes hängen von der Aufrichtigkeit Ihres Geſtändniſſes ab.“ „Mein Heil! das meines Sohnes!“ „Glauben Sie, Madame, das Geſetz bleibe unbe⸗ waffnet gegen ſo grauſame Exceſſe, wie die, deren ſich Ihr Gatte gegen Sie ſchuldig gemacht hat?.. Nein! nein! und er hat Zeugen ſeiner ſtumpffinnigen Rohheit gehabt. Und dieſe Zeugen ſind Marguerite und ich, der ich beru⸗ fen worden bin, um Sie ärztlich zu behandeln, in Folge eines grauſamen Verfahrens gegen Sie, das ein Schei⸗ dungsgeſuch rechtfertigt. . . Dieſes Geſuch iſt noch heute abzufaſſen . . .“ „Eine Scheidung,“ rief Marie, voll Entzücken die Hände faltend, „wäre es möglich?“ „Ja, und Sie werden ſie erlangen, vertrauen Sie auf mich. Ich werde Ihre Richter ſehen, ich werde Ihre Rechte, Ihre Qualen, Ihr Unglück geltend machen . . Doch ehe wir dieſes Geſuch verfolgen,“ fügte zögernd der Dortor bei, denn er fühlte die Zartheit der Frage, die er . 185 zur Anregung brachte, „iſt es unerläßlich, daß ſich David entfernt.“ Bei dieſen Worten bebte Marie vor Erſtaunen und Schmerz; ſie heftete ihre Augen auf die von Herrn Du⸗ four und ſuchte ſeinen Gedanken zu errathen, da ſie nicht begreifen konnte, warum er, der beſte Freund von David, ſeine Entfernung verlangte. „Uns von Herrn David trennen?“ ſagte ſie endlich, „und dies in dem Augenblick, wo mein Sohn ſeiner Für⸗ ſorge ſo ſehr bedarf!“ „Madame, glauben Sie mir, der Abgang von David iſt unerläßlich . David ſelbſt hat es gefühlt, venn er iſt entſchloſſen, ſich zu entfernen.“ „Herr David! . .. „Ich habe ſein Wort .. .“ „Das iſt unmoglich.“ „Ich habe ſein Wort, Madame.“ r er verläßt uns in einem ſolchen Au⸗ genblick!!“ „Um Sie zu retten, Sie und Ihren Sohn.“ „Um uns zu retten?“ „Seine Anweſenheit bei Ihnen, Madame, würde den guten Erfolg Ihres Scheidungsgeſuches gefährden.“ „Warum dies?“ Es lag in der Frage von Marie ſo viel Reinheit und Treuherzigkeit, ſie zeugte ſo ſehr von der Unſchuld ihres Herzens, daß der Doctor Dufour nicht den Muth hatte, dieſem engeliſchen Geſchöpf einen neuen Schlag beizubrin⸗ gen, indem er mit ihr von den gehäſſigen Gerüchten ſpre⸗ chen würde, die man über ſie und David zu verbreiten anfing, und ſo erwiederte er: „Madame, Sie können nicht an ver Ergebenheit, an der Zuneigung von David zweifeln; er weiß, was Alles Bedauerliches, Schmerzliches ſein Abgang für Frederik ha⸗ ben muß, aber er kennt auch die unerläßliche Nothwen⸗ digkeit dieſes Abgangs.“ „Er, abgehen!“ 186 Aus dem ſchmerzvollen Ton, mit dem Marie die zwei einzigen Worte: Er, abgehen! ſprach, errieth der Doctor zum erſten Mal, begriff er die Größe der Liebe, welche Marie für David fühlte; indem er an dieſe tiefe und reine, aus den heiligſten, edelſten Urſachen entſtan⸗ dene Liebe dachte, brach das Herz des Doctors. Er kannte die Tugend von Marie, das Zartgefühl von Da⸗ vid und ſah keinen Ausgang für dieſe unſelige Lei⸗ denſchaft. Marie wandte, nachdem ſie ſtille geweint hatte, ihr bleiches!, kummervolles, in Thränen gebadetes Antlitz dem Doctor zu und ſagte tief niedergeſchlagen zu ihm: „Hält es Herr David für geeignet, ſich zu entfer⸗ nen, ſo werden mein Sohn und ich uns darein fügen .. Ihr Freund hat uns zu viele Beweiſe ſeiner bewunde⸗ rungswürdigen Hingebung geliefert, als daß es uns er⸗ laubt ſein könnte, an ſeinem Herzen zu zweifeln; doch ich muß Ihnen ſagen, ſein Abgang wird einen furchtbaren Schlag meinem Sohn beibringen „Aber Sie bleiben ihm, Sie, Madame, denn ich zweifle nicht daran, iſt einmal Ihre Trennung erlangt, ſo iſt entſchieden zu hoffen, daß man Ihnen Ihren Sohn t . läßt. „Es iſt entſchieden zu hoſſen, daß man mir meinen Sohn läßt?“ „Gewiß.“ „Wie?“ verſetzte Marie, indem ſie die Hände fal⸗ tete und den Doctor mit unausſprechlicher Angſt an⸗ ſchaute, „es kann alſo ein Zweifel obwalten, ob man mir meinen Sohn läßt?“ „Er iſt über ſechzehn Jahre alt und im Fall einer Scheidung folgt geſetzlich der Sohn dem Vater .. eine Tochter würde Ihnen bleiben . . .“ „Wenn ich aber,“ ſagte Marie ganz zitternd vor Bangigkeit, „wenn ich aber nicht die Gewißheit habe, daß ich meinen Sohn behalte, wozu dieſe Scheidung?“ 187 „Vor Allem, um Ihre Ruhe, Ihr Leben vielleicht zu ſichern, denn Ihr Gatte ... „Aber mein Sohn 2 .. mein Sohn?“ „Wir werden Alles in der Welt thun, um es dahin zu bringen, daß er bei Ihnen bleibt.“ „Und wenn man mir ihn nicht läßt?“ „Ach! Madame ..5 „Denken wir nicht mehr an dieſe Scheidung, Herr Dufour.“ „Ueberlegen Sie, Madame, daß Sie dadurch der Willkühr eines Elenden preisgegeben bleiben, der Sie ei⸗ nes Tages umbringen wird.“ „Er wird mir wenigſtens nicht zuvor meinen Sohn weggenommen haben.“ „Er wird Ihnen Frederik wegnehmen. Will er ihn nicht noch heute wegnehmen?“ „Oh! mein Gott!“ rief Marie und warf ſich mit einem ſolchen Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung auf ihr Kopfkiſſen zurück, daß der Doctor auf ſie zulief und ſie haſtig fragte: „In des Himmels Namen! was haben Sie?“ „Herr Dufour,“ ſprach Marie mit ſchwacher Stimme und beſiegt vom Schmerz die Augen ſchließend, „ich fühle mich erſchöpft; auf welche Weiſe ich die Zukunft an⸗ ſchaue, ſie iſt gräßlich. .. Mein Gott, was iſt zu thun ?.. die Stunde naht . . . mein Gatte wird zurückkommen .. er wird meinen Sohn mitnehmen wollen . . . Oh! mir zu Liebe, ſtellen Sie ſich . . . zwiſchen Frederik und ſeinen Vater . oh! wenn Sie wüßten, was ich be⸗ fürchie ic Und die Worte erſtarben auf den Lippen der jungen Frau, welche völlig das Bewußtſein verlor. Der Doctor lief nach der Klingel, läutete heftig und kehrte dann zu Madame Baſtien zurück, um dieſer Hülfe zu leiſten. Da die Magd auf das Läuten nicht erſchien, ſo öff⸗ nete Herr Dufour die Thüre und rief: 188 „Marguerite . . . Marguerite. . . Auf den ängſtlichen Ruf des Doctors eilte Frederik, der im Studirzimmer geblieben war, in das Zimmer ſei⸗ ner Mutter . gefolgt von David, welcher ſich, alle Schicklichkeit vergeſſend, einem unwiderſtehlichen Zuge über⸗ ließ und wenigſtens ein letztes Mal diejenige ſehen wollte, von der er ſcheiden ſollte. „Frederik, unterſtützen Sie Ihre Mutter,“ rief Herr Dufour, „und Du, Henri, hole raſch kaltes Waſſer im Speiſezimmer oder ſonſt irgendwo Ich weiß nicht, wo Marguerite iſt.“ David lief weg, um ſchleunigſt die Befehle des Doctors zu vollziehen, während Frederik, der ſeine beinahe des Gefühls beraubte Mutter in ſeinen Armen hielt, mit dem ſchmerzlichſten Ton zum Doctor ſagte: „Oh! mein Gott dieſe Ohnmacht n Wie bleich iſt ſie . . . Hülfe . . . Hülfe . Marguerite erſchien plötzlich im Zimmer; ; ihre ver⸗ ſtörten Züge boten eine ſeltſame Miſchung von Erſtaunen, Beſtürzung und mühſam zurückgehaltener Freude. „Herr Doctor, “ rief ſie halb athemlos, „wenn Sie wüßten . . „Pierre, hier iſt das Verlangte,“ rief David, der mit einer Flaſche voll friſchen Waſſers herbeilief, wovon der Doctor ein paar Löffel voll in eine Taſſe goß. Dann ſich leiſe an die Magd wendend, ſagte der Arzt: „Marguerite, gebt mir jene Phiole . . Aber was habt Ihr denn?“ fügte Herr Dufour bei, als er die Magd unbeweglich bleiben und an allen Gliedern zittern ſah. „Sprecht doch!“ „Ach! Herr,“ antwortete leiſe die Magd, „das hemmt mir den Athem. . . Wenn Sie wüßten . . „Macht doch ein Ende.“ „Der Herr iſt todt!“ Bei dieſen Worten wich der Doctor einen Schritt zurück, vergaß Marie, blieb wie verſteinert und ſchaute die Magd an, ohne ein Wort finden zu konnen. 4 189 David fühlte ſich ſo heftig erſchüttert, daß er genö⸗ thigt war, ſich ans Täfelwerk anzulehnen. Frederik wandte ſich, während er ſeine Mutter um⸗ fangen hielt, ungeſtüm gegen Marguerite um und murmelte: „Oh! mein Gott! . . todt . . todt . mein Vater!“ Und er verbarg ſein Geſicht am Buſen ſeiner Mutter. Obgleich in eine durch die völlige Lähmung ihrer Kraͤfte verurſachte Ohnmacht verſunken, hatte Marie doch ein leichtes Verſtändniß behalten. Die Worte von Marguerite: Der Herr iſttodt, gelangten bis zu den Ohren der jungen Frau, aber un⸗ beſtimmt wie der Gedanke eines Traumes. Der Doctor brach zuerſt das feierliche Stillſchwei⸗ gen, mit dem die Worte der alten Dienerin aufgenommen worden waren, und ſagte zu dieſer: „Erklärt Euch .. Woher wißt Ihr?“ „In der vergangenen Nacht,“ ſprach die Magd, „wollte der Herr zwei Stunden von hier eine noch von den Folgen der Ueberſchwemmung bedeckte Straße befah⸗ ren. .. Das Cabriolet und das Pferd wurden fortge⸗ riſſen . WMan hat den Leib von Herrn Bridou nicht wieder aufgefunden, aber man hat den des Herrn an ſei⸗ nem Ziegenfell erkannt; er iſt unter den Rädern der Mühle am Teich zermalmt worden, und man hat an einem Rad die Hälfte ſeiner Kaſake gefunden; eine von den Taſchen enthielt mehrere Briefe unter der Adreſſe des Herrn. So hat der Maire von Blemur, der mit einem Gendarme hier iſt, erfahren, daß es der Herr war, der umgekom⸗ men, und hienach hat er auch die Todes⸗Urkunde aufge⸗ nommen.“ Als die Magd ihre Erzählung unter einem andäch⸗ tigen Stillſchweigen beendigt hatte, drückte Madame Ba⸗ ſtien, durch die tiefe und heftige Gegenwirkung dieſer un⸗ erwarteten Nachricht plötzlich zum Bewußtſein zurückge⸗ ihren Sohn leidenſchofllich an ihren Buſen und prach; * 190 „Wir werden uns nie, nie mehr verlaſſen.“ Marie wollte dann beinahe inſtinctartig den Blick von David ſuchen, aber ein außerordentliches Zartgefühl hält ſie zurück, ſie wendet die Augen ab, ihre Bläſſe ver⸗ wandelt ſich in eine leichte Röthe und ſie drückt ihren Sohn in einer neuen Umarmung an ſich. Einundzwanzigſtes Rapitel. Es waren ungefähr drei Wochen ſeit der Nachricht vom Tode von Herrn Baſtien vergangen. So viele heftige und entgegengeſetzte Gemüthsbewe⸗ gungen hatten die Krankheit von Marie noch mehr ge⸗ fährlich und verwickelt gemacht. Zwei Tage lang war ihr Zuſtand ein beinahe ver⸗ zweifelter geweſen, dann hatte er ſich allmälig gebeſſert durch die Bemühungen des Doctor Dufour und durch die unausſprechlichen Hoffnungen, aus denen die junge Frau Kraft und Willen genug ſchoͤpfte, um zu leben, um den Tod zu bekämpfen. Nach Verlauf von einigen Tagen begann die Wieder⸗ geneſung, und obgleich vieſe lange währe nund aus Furcht vor einem Rückfall, der immer gefährlicher, als die Krank⸗ heit ſelbſt, die großte Pflege erfordern mußte, ſo hatte doch alle Beſorgniß aufgehört. Bedarf es der Erwähnung, daß ſeit der Nachricht vom Tode des Herrn Baſtien David und Marie nicht ein Wort mehr geſprochen hatten, das auf ihre geheimen und ſicheren Hoffnungen anſpielte? Diefe zwei auserkohrenen Seelen beſaßen die köſtliche 191 Schamhaftigkeit des Glücks, und obgleich der Tod von Jacques Baſtien in keiner Hinſicht beklagenswerth ſein konnte, ſo achteten doch auf eine religiöſe Weiſe David und Marie, wenn nicht den Menſchen, aber wenigſtens eine kaum erkaltete Aſche. Die Krankheit von Madame Baſtien und die Befürch⸗ tungen, die man eine Zeit lang für ihr Leben hegte, ver⸗ urſachten eine tiefe Troſtloſigkeit in der Gegend und ihre Wiederherſtellung eine allgemeine Freudigkeit; dieſe ſo⸗ wohl an Frederik, als an ſeine Mutter gerichteten Beweiſe rührender Theilnahme, das Bewußtſein einer Zukunft, die, wie man zu ſagen pflegt, keinen andern Nach⸗ theil hatte, als daß ſie zu ſchoͤn war, befeſtigten und be⸗ beſchleunigten die Geneſung von Marie, welche nach drei Wochen nur noch eine außerordentliche Schwäche fühlte, die ſie bis dahin das Zimmer zu verlaſſen verhindert hatte. Sobald ihr Zuſtand keine Befürchtungen mehr einflößte, wünſchte Marie die von David beabſichtigten Studien von Frederik aufnehmen zu ſehen, und ein Theil dieſer Lectionen ſollte in ihrem Zimmer ſtattfinden, denn es gewährte ihr ein unſägliches Vergnügen, unter ihren Augen die zwei ſo geliebten Weſen, von denen ſie beinahe für immer getrennt worden wäre, vereinigt zu finden; ihre Gegenwart bei dieſem Unterricht bereitete ihr tauſend Genüſſe; einmal die ſo zarte, ſo prleuchtete Theilnahme von David für Frederik; ſodann der unbändige Cifer des jungen Mannes, der nach einem ruhmwürdigen Geſchick ſtrebte, um der Stolz und die Freude ſeiner Mutter zu ſein und ſeinen ehrgeizigen Neid zu befriedigen, deſſen geläuterte Flamme mehr als je in ihm loderte. Man war dahin übereingekommen, daß Frederik zu⸗ erſt in die Polytechniſche Schule eintreten und von da nach ſeiner Neigung eine von den zahlreichen, durch dieſe enchklopädiſche Unterricht sanſtalteröffneten Laufbahnen, als da find der Krieg, die Künſte, die Wiſſenſchaften oder die Literatur, verfolgen ſollte. Dieſe paar Worte werden eine ſehr unvollſtändige 192 Vorſtellung von der himmliſchen, idealen Glückſeligkeit geben, in der die drei zartfühlenden und edlen Geſchöpfe von dem Augenblick an ieben mußten, wo die Geſundheit von Marie keine Furcht mehr einflößte eine neue Seligkeit für Alle, denn während der beglückenden Tage, welche auf die moraliſche Geneſung von Frederik folgten, erſchien die oft vergeſſene, aber immer bevorſtehende An⸗ kunft von Herrn Baſtien auf dieſem glänzenden Horizont wie eine beſtändig drohende Wolke. Zu dieſer Stunde im Gegentheil erblickten ſie, ſo weit das Auge von Marie, David und Frederik reichen mochte, einen azurblauen Himmel von ſo glänzender Heiter⸗ keit, daß ſeine unendliche Pracht ſie zuweilen blendete. Es waren alſo drei Wochen ſeit der Nachricht vom Tod von Herrn Baſtien vergangen. Es ſchlug zwei Uhr, unterſtützt von Marguerite und dem alten André, ſchmückte Frederik mit Schneeglöckchen, mit einigen bleichen bengaliſchen Roſen, mit Winterhelio⸗ tropen und Stechpalmzweigen, an denen ihre Korallenbeeren hingen, die Vaſen auf dem Kamin vom Studirzimmer. Ritten in dieſem Zimmer war ein Portrait von Fre⸗ derik von wunderbarer Aehnlichkeit und von David in Poſtell gemalt auf einem Gerüſt aufgeſtellt; ein großes Feuer brannte im Kamin; auf einem Tiſch ſah man end⸗ lich die Vorbereitungen zu einem einfachen, ländlichen Imbiß. Die drei Genoſſen, welche die Vorkehrungen zu dieſem kleinen Feſt, zu dieſer Ueberraſchung, mit einem Wort, trafen, gingen auf den Fußſpitzen und ſpra⸗ chen ganz leiſe, denn Madame Baſtien durfte nichts von dem, was vorſiel, vermuthen. Zum erſten Mal ſeit ihrer Krankheit ſollte die junge Frau an dieſen Tag ihre Woh⸗ nung verlaſſen und einige Stunden im Studirzimmer bleiben; deshalb waren auch Frederik und die zwei alten Dienſtboten bemüht, dieſem Zimmer ein feſtliches Ausſehen zu verleihen, und David hatte, ohne daß Marie etwas davon wußte, an dem Portrait von Frederik gearbeitet, 193 das die junge Mutter an dieſem Tag zum erſten Mol ſehen ſollte. 3 Während dieſes geheimnißvollen Hin⸗ und Hergehens war Marie allein in ihrem Zimmer mit David. In Trauer gekleidet, halb auf einem Ruhebett liegend, betrachtete die junge Frau in ſtummem Glück David, der an einem Arheitstiſch ſaß und ſich damit beſchäftigte, vaß er eine von den Aufgaben von Frederik corrigirte. Plotzlich ſprach David mit halber Stimme, während er zu leſen fortfuhr: „Es iſt unbegreiflich!“ „Wovon ſprechen Sie denn, Herr David?“ „Von den wirklich ſeltſamen Fortſchritten dieſes lieben Kindes, Madame . . . Wir beſchäftigen uns kaum ſeit drei Wochen mit der Gevmeterie, und ſeine Fähigkeit für die ſtrengen Wiſſenſchaften entwickelt ſich eben ſo ſchnell, als ſeine übrigen Anlagen.“ „Ich muß Ihnen ſagen, Herr David, vieſe Fähigkeit ſetzt mich bei Freverik in Erſtaunen; es ſchien uns, Alles, was Gefühl, Einbildungskraft iſt, müſſe bei ihm vor⸗ herrſchen.“ „Das überraſcht und entzückt mich auch . . Bei dieſem lieben Kind gehorcht Alles zugleich einem und dem⸗ ſelben Impuls, Alles wächſt zuſehends und nichts thut „ſich Eintrag . . . Ich habe Ihnen geſtern ſeine wahrhaft beredten, wahrhaft ſchonen Zeilen vorgeleſen . . .“ „Es iſt eine Thatſache, Herr David, daß ein auf⸗ fallender Unterſchied zwiſchen dieſem letzten Stück und den beſten Sachen ſtatifindet, die er vor der furchtbaren mora⸗ liſchen Krankheit geſchrieben hat, welche mit Ihrer Hülfe die Wiedergeburt Frederiks herbeiführen mußte. Alles, was ich für ihn nun befürchte, iſt das Uebermaß der Arbeit.“ „Ich beſänftige, ich mäßige auch, ſo viel ich kann, ſeine Wißbegierde . ſeine Ungeduld, ſeinen Fevereifer, Die ſieben Todſünden. n. Abth. 2r Bd. 13* * „ ſein leidenſchaftliches Aufſtreben zu einer Zukunft, die er glorreich haben will . . . und dieſe Zukunft wird die ſei⸗ nige ſein.“ „Ah! Herr David, welche Freude, welche Trunken⸗ heit für uns, wenn ſich unſere Vorherſehungen ver⸗ wirklichen!“ Es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Ausdruck inniger Zärtlichkeit Marie die Worte, uns, unſere Vor⸗ herſehungen, ſprach, die allein die geheimen, fiill⸗ ſchweigend von Marie und David entworfenen Glückspläne enthüllten. David fuhr fort: * „Glauben Sie mir, Madame, wir werden ihn groß durch das Herz und den Verſtand ſehen; es iſt in ihm eine unglaubliche Energie, welche ſich noch verdoppelt durch jenen furchtbaren Neid, der uns ſo ſehr beun⸗ ruhigte.“ „Geſtern erſt, Herr David, ſagte er heiter zu mir: „„Mutter, wenn ich nun in der Ferne das Schloß Pont⸗ Brillant erſchaue, das mich ſo unglücklich gemacht hat, ſo iſt es ein Blick freundſchaftlicher Herausforderung, den ich ihm zuwerfe . . . „Und Sie werden ſehen, Madame, ob nicht in acht bis zehn Jahren der Name Frederik Baſtien ruhmvoller ertönt, als der des jungen Marquis.“ „Ich bin ſo ſtolz, Ihre Hoffnung zu theilen, Herr David . . Ich weiß nicht, was mein Sohn, zwiſchen uns Beiden einherſchreitend, nicht wird erreichen können.“ Dann, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fügte Marie bei: „Aber wiſſen Sie, daß das wie ein Traum iſt? Wenn ich bedenke, daß Sie vor kaum zwei Monaten .. am Abend Ihrer Ankunft, hier an dieſem Tiſche ſaßen, die Hefte von Frederik durchgingen und wie ich beklagten, daß ein Schleier über dem Geiſt dieſes unglücklichen Kindes ausgebreitet war!“ ———— 195 „Erinnern Sie ſich jenes düſteren, eiſigen Still⸗ ſchweigens, an dem alle unſere Bemühungen ſcheiterten?“ „Und jener Nacht, wo ich wahnſinnig vor Angſt zu Ihnen lief, um Sie anzuflehen, Sie mögen meinen Sohn nicht verlaſſen . als ob Sie ihn verlaſſen koͤnnten ..“ „Sagen Sie, Madame, nicht wahr, es liegt eine Art von Reiz in dieſen ſchmerzlichen Erinnerungen, wenn man ſich wieder in der vollen Sicherheit, im vollen Glück befindet?“ „Ja, es liegt ein trauriger Reiz darin . . aber wie ſehr ziehe ich ihm die gewiſſen Hoffnungen vor! So muß ich Ihnen ſagen, Herr David, daß ich in der vergangenen Nacht viele Pläne gemacht habe.“ „Loſſen Sie hören.“ „Darunter iſt vor Allem ein ſehr närriſcher . . ſehr unmöglicher.“ „Deſto beſſer, das ſind gewöhnlich die reizendſten.“ P unſer Frederik in die Polytechniſche Schuke eintritt, müſſen wir uns von ihm trennen .. Oh! ſeien Sie unbeſorgt ich werde hiebei muthig ſein . . doch unter einer Bedingung.“ „Und dieſe Bedingung?“ „Sie werden ſehr lachen, denn ſie iſt kindiſch, lächer⸗ lich vielleicht. Nun! ich wünſchte, daß wir ganz in ſei⸗ ner Nähe bleiben könnten. Und wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll . . es wäre meine Meinung, wir würden, wenn dies möglich, eine Wohnung der Schule gegenüber nehmen .. Sie werden über mich ſpotten?“ „Ich lache durchaus nicht über dieſen Gedanken, Madame, ich finde ihn vortrefflich denn durch dieſe Nachbarſchaft können wir unſer liebes Kind zweimal des Tags ſehen . Ich ſpreche nicht von den Ausgängen, von den guten Feiertagen, wo wir es ganz haben werden.“ 3 „Wahrhaftig,“ ſagte Marie lächelnd, „Sie ſinden mich nicht zu ſehr Mutter?“ 196 „Meine Antwort iſt ganz einfach, Madame. Da man etwas früh für die Dinge beſorgt ſein muß, ſo werde ich noch heute nach Paris ſchretben, daß man ſich nach einer geeigneten Wohnung der Schule gegenüber umſieht und ſie für uns in Beſchlag nimmt.“ „Wie gut find Sie!“ „Eine Güte, die mir in der That ſehr leicht wird .. Ich ſoll mit Ihnen die Freude theilen, in der Nähe un⸗ ſeres lieben Kindes zu weilen.“ Marie blieb eine Minute ſchweigſam, dann traten ihr himmliſch milde Thränen in die Augen und ſie ſagte mit unausſprechlicher Rührung zu David: „Wie es köſtlich iſt. . . das Glück!“ Und ihre in Glückſeligkeit gebadeten Augen ſuchten die Angen von David und begegneten ihnen lange blieben ihre Blicke in einer ſtummen, göttlichen Entzückung auf einander geheftet. Die Thüre öffnete ſich und Marguerite ſagte zum Lehrer mit einer zugleich lächelnden und geheimnißvollen Miene: „Herr David, wollen Sie gefälligſt kommen?“ „Und mein Sohn,“ fragte Marie, „wo iſt er?“ „Herr Frederik iſt beſchäftigt, ſehr beſchäftigt, Ma⸗ dame,“ antwortete die Magd, einen Blick des Einver⸗ ſtändniſſes mit dem Lehrer wechſelnd, der ſich nach der Thüre wandte und hinausging. „Wenn es Madame erlaubt, werde ich bei ihr bleiben für den nöthig hätte.“ „Ah! Marguerite,“ erwiederte die iei plott chelnd und den Kopf ſchüttelnd: „man complottirt hier Narguerite, „ſo daß ſie etwas Iſehend ſeit „. n, das ich im Gang höre . . Dieſes Hin- und Frederik zur Stu rbeit abweſend, ein gewiſſes 197 ungewöhnliches Geräuſch in der Richtung des Studir⸗ zimmers „Ich kann Madame verſichern, daß .. .“ „Gut, gut . . . man mißbraucht meine Lage,“ ſagte Marie lächelnd, „man weiß, daß ich noch nicht gehen und ſelbſt nachſehen kann, was dort geſchieht.“ „Oh! Madame . . .“ „Ah! Marguerite, es handelt ſich um eine Ueber⸗ raſchung.“ „Um eine Ueberraſchung, Madame?“ „Sprecht, meine gute Marguerite, ich bitte, erzählt mir das. Je eher ich glücklich bin, deſto länger werde ich es auch ſein.“ „Madame,“ entgegnete Marguerite heldenmüthig, „das wäre ein Verrath.“ In dieſem Augenblick öffnete der alte André leicht die Thüre und ſagte zu der Dienerin mit einer ebenfalls ſtrahlenden und geheimnißvollen Miene: „Marguerite, man fragt, wo die Sache ſei, die . . e „Ah! mein Gott, er wird eine Dummheit ſchwatzen. das macht er nie anders,“ rief die Magd und lief nach der Thüre, wo ſie einige Augenblicke leiſe mit André ſprach, wonach ſie zu Madame Baſtien zurückkehrte, welche lä⸗ chelnd zu ihr ſagte: „Nun, Marguerite . . . da Ihr unbaumherzig ſeid, ſo will ich ſelbſt gehen . . .“ „Madame, was denken Sie? Sie haben ſeit Ihrer Krankheit noch nicht gehen können . .“ „Schmält nicht, ich füge mich, denn ich würde die Ueberraſchung verderben; doch wie ungeduldig bin ich, zu erfahren Die Thüre des Studirzimmers öffnete ſich abermals. Es waren David, Frederik und der Doctor Dufour. Marguerite entfernte ſich, nachdem ſie leiſe zu Fre⸗ derik geſagt hatte: „Herr Frederik, wenn Sie mich vor der Thüre huſten hören, iſt Alles bereit?“ Und ſie ging hinaus. Als ſie den Doctor erblickte, rief Madame Baſtien heiter: „Oh! da Sie da find, mein guter Doctor, zweifle ich nicht mehr am Komplott.“ „Ein Komplott! erwiederte Herr Dufour, der den Erſtaunten ſpielte, während David und Frederik einander zulächelten. „Ja, ja,“ ſprach Marie, „eine Ueberraſchung, die man mir bereiten will . . aber ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß Ueberraſchungen für eine Kranke meiner Art ſehr gefährlich ſind und daß es beſſer wäre, mir Alles vorher zu ſagen.“ Ich kann Ihnen nur erklären, meine ungeduldige und ſchöne Kranke, daß Sie heute, wie wir verabredet haben, zum erſten Mal allein zu gehen verſuchen müſſen, und daß es meine Pflicht iſt, ja, Madame, Pflicht . dem Verſuchen Ihrer Kräfte beizuwohnen.“ Kaum hatte der Doctor dieſe Worte geſprochen, als man Marguerite abſichtlich vor der Thüre huſten hörte. „Auf, Mutter,“ ſagte Frederik zärtlich zu der jungen Frau, „Muth. . wir wollen einen großen Spaziergang im Haus machen .. .“ „Oh! ich fühle mich von einer Stärke, die Euch in Erſtaunen ſetzen wird,“ antwortete die junge Frau lächelnd und ſchickte ſich dann an, von ihrem Ruhebett aufzuſtehen, was ihr nicht ohne einige Schwierigkeit gelang; denn ihre Schwäche war noch groß. Es war nun ein zugleich reizendes und rührendes ild. Marie ging aufrecht, aber mit unſicherem Schritt, David zu ihrer Rechten, den Doctor zu ihrer Linken, Beide bereit, ſie zu unterſtützen, wenn ſie ſchwach würde, während Frederi ihr ſachte rückwärts marſchirte, wo⸗ ——————————— — — 199 bei er die Arme gegen ſie ausſtreckte wie man es bei einem Kind thut, das ſeine erſten Schritte verſucht. .. „Seht, wie ſtark ich bin,“ ſagte Marie heiter, indem ſie langſam auf ihren Sohn zuſchritt, den ſie voll Zärt⸗ lichkeit anlächelte, „wohin führt Ihr mich ſo?“ „Du wirſt es ſeben, Mutter.“ Kaum hatte Frederik dieſe Worte geſprochen, als ein furchtbarer, gräßlicher Schrei, von Marguerite aus⸗ geſtoßen, vor der Thüre erſcholl. Dann wurde dieſe Thüre ungeſtüm geöffnet und eine hohniſche, gewaltige Stimme rief zu gleicher Zeit: „Geduld, der gute dicke Kerl lebt auch noch!“ Marie, die das Geſicht der Thüre zugewendet hatte, ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ftürzte rück⸗ lings zu Boden. Sie ſah ihren Gatten . . . Jacques Baſtien. Zweiundzwanzigſtes Rapitel. Man erinnert ſich vielleicht, daß im Augenblick der Abfahrt nach Blemur Bridon die Kaſake von Ziegenfell von Jacques Baſtien anzog; in ſeiner Halbtrunkenheit und trotz der Warnungen des alten André ſetzte es ſich Jacques in den Kopf, über die überſchwemmte und von der Strömung eines ausgetretenen Teichs durchſchnitt ene Straße zu fahren; das Pferd verlor den Boden, das Cabriolet wurde fortgeriſſen; Bridon gelang es, den Wagen zu verlaſſen; aber durch den Strom bis unter die Räder einer Mühle fortgeſchleppt, wurde er 200 zermalmt. Ein Theil von der erwähnten Kaſake blieb an einem Rad hängen. Man fand in der Taſche dieſes Kleidungsſtückes mehrere entſiegelte Briefe unter der Adreſſe von Herrn Baſtien. Dadurch entſtand ein unſeliger Irr⸗ chum. Man glaubte, Herr Baſtien ſei unter dem Mühl⸗ rad zermalmt worden und der Körper des Huiſſier für immer im Gewäſſer verſchwunden. Jacques Baſtien, den ſeine ungeheure Beleibtheit hemmte und beengte, gelang es, trotz aller Anſtrengungen, nicht, aus dem Wagen herauszukommen; dieſer Umſtand rettete ihn; das Pferd faßte, nachdem es einige Augen⸗ blicke in ver Strömung fortgeriſſen worden war, wieder Fuß; einen ſteilen Abhang erkletternd, ſtürzte es aber, er⸗ ſchoͤpft vurch die Müdigkeit, heſtig nieder. Vorwärts ge⸗ ſchleudert, bekam Jacques eine tiefe Wunde am Kopf und blieb auf der Stelle liegen; bei Tagesanbruch hoben ihn Arbeiter, welche nach dem Felde gingen, auf und tru⸗ gen ihn nach einem einſamen, von der Unglücksſtätte ziem⸗ lich entfernt liegenden Pachthof. Jacques wurde lange an dieſem Ort theils durch die Folgen ſeiner Verwundung, theils durch eine Krankheit veranlaßt durch den Schrecken und durch ein längeres Eintauchen in den Strom des eiskalten Waſſers zurück⸗ gehalten. Als er wieder im Stande war, ſeiner Frau zu ſchrei⸗ ben, um ihr ſeine Ankunft zu melden, hütete er ſich wohl, dies zu thun, da er ſich vornahm, wenn er, wie dies ſehr wahrſcheinlich, für todt gehalten würde, ſeine Auferſte⸗ hung zum Gegenſtand eines albernen und brutalen Scherzes zu machen, denn er täuſchte ſich nicht über die „ MNatur der Gefühle, mit denen Marie die Nachricht von ſeinem tragiſchen Ende hatte aufnehmen müſſen. Von dieſem Vorhaben ging Jacques, wie wir geſehen, nicht ab. Nur glaubte dieſer Elende, als er ſeine Frau bei ſeinem Anblick wie vom Blitz getroffen niederſtürzen ſah, 201 er habe ſie getödtet, und in einem Schrecken, der ihn wie Schwindel packte, entfloh er Anfangs aus ſeinem Haus. Dieſer furchtbare Schlag hatte nicht allein Marie berührt. Nicht minder niedergeſchmettert durch die ungeſtüme Erſcheinung von Baſtien, ſank Frederik, als er ſeine Mut⸗ ter leblos zu Boden ſtürzen ſah, auf ſich ſelbſt zuſammen und wurde völlig ohnmächtig in den Armen des Doctor Dufour aufgehalten. Man brachte das unglückliche Kind nicht in ſein Zimmer, das zunächſt bei dem ſeiner Mutter war, ſondern in das Studirzimmer; es wurde hier in der Eile ein Bett aufgeſchlagen, da der Doctor mit Recht befürchtete, bei dem beunruhigenden Zuſtand, in dem ſich Marie und ihr Sohn befanden, koͤnnte ihre Nachbarſchaſt für Beide trau⸗ rige Folgen haben, denn vom Zimmer von Marie hörte man Alles, was bei Frederik geſprochen wurde. Der Doctor konnte ihnen nicht gleichzeitig ſeine Für⸗ ſorge angedeihen laſſen: er beſchäftigte ſich zuerſt mit Marie, welche, kaum wiedergeneſend, von einer ſo gräß⸗ lichen Revolution tödtlich getroffen worden ſein konnte und mußte. Als Herr Dufbur zu Frederik zurückkehrte, fand er, daß ihn eine Hirncongeſtion befallen hatte; da die bei⸗ nahe augenblicklſche Sorge, welche ſeine Lage heiſchte, ihm nicht hatte zur Zeit gegeben werden können, ſo gerieth der junge Mann bald in einen verzweifelten Zuſtand. Als Marie wieder zu ſich kam, ahnete ſie ihr nahe bevorſtehendes Ende und verlangte ſogleich ihren Sohn zu ſehen. Die Verlegenheit von Marguerite, ihre Bläße, die Ausflüchte, die ſie ſuchte, um die Abweſenheit von Frederik in einem ſo feierlichen Augenblick zu erklären, Alles war für die junge Mutter eine Offenbarung . . . Sie fühlte, ſo zu ſagen, daß ihr Sohn ſtarb, wie ſie. Da wollte Marie David ſehen. 202 Marguerite führte ihn herbei; er blieb allein mit Madame Baſtien, deren engeliſche Züge ſchon das Ge⸗ präge des Todes an ſich trugen; ſie machte mit ihrer weißen, kalten Hand David ein Zeichen, er möge ſich an ihr Beit ſetzen, und fragte ihn: „Wie iſt es mit meinem Sohn?“ „Madame .. „Er iſt nicht da . . . man verbirgt ihn mir.“ „Glauben Sie nicht . . .“ „Ich habe Alles begriffen . . er iſt in einem ver⸗ zweifelten Zuſtund, und da mein Ende auch nahe bevor⸗ ſteht, ſo wollte ich von Ihnen Abſchied nehmen, Henri.“ Zum erſten und .. ach! zum letzten Mal nannte Marie David mit ſeinem Vornamen. „Abſchied!“ wiederholte er mit einem herzzerreißen⸗ den Schluchzen, „Abſchied!“ „Ich werde wenigſtens nicht ſterben, ohne Ihnen zu geſtehen, wie ſehr ich Sie geliebt habe ... Nicht wahr, Sie wußten es, mein Freund?“ „Und Sie ſagen, Sie werden ſterben! Nein! nein! die Kraft meiner Liebe würde Sie dem Leben wiederge⸗ ben,“ rief David in einer Art von Wahnſinn. „Sterben! warum ſterben? wir lieben uns ſo ſehr!“ „Ja, unſere Liebe iſt groß, mein Freund, und bei mir hat ſie mit dem Tag begonnen, wo mein armes Kind zum Leben der Seele, das Sie ihm wiedergegeben, zurückge⸗ kehrt iſt „Oh! Unglück . .. Unglück. . .“ „Nein, Henri mein Tod iſt kein Unglück für uns . Sehen Sie, mir ſcheint, daß meine Seele, im Augenblick, wo ich das Leben verlaſſen ſoll, von ihren irdiſchen Banden befreit, in der Zukunft leſen kann . . Henri, wiſſen Sie, was unſer Loos geweſen wäre?“ „Sie fragen mich das? Noch dieſen Morgen . . . unſere Pläne . . .“ „Hören Sie mich, mein Freund es gibt in der mütterlichen Liebe tiefe Geheimniſſe ſie enthüllen ſich 203 vielleicht nur in den äußerſten Stunden . Seitdem ich mich frei glaubte, erſchien mir die Zukunft ſtrahlend wie Ihnen, Henri . . . Noch einige Monate, Henri, und Sie, mein Sohn und ich vereinigten unſer Leben in einem und demſelben Glück.“ „Oh! dieſer Traum . .dieſer Traum! ...“ „Dieſer Traum iſt ſchön geweſen . . . Henri, das Erwachen wäre vielleicht grauſam geworden.“ „Was ſagen Sie?“ „Sie wiſſen, wie ſehr mich mein Sohn liebt . . Sie wiſſen, daß jede leidenſchaftliche Zuneigung ihre Ei⸗ ferſucht hat früher oder ſpäter wäre er eiferſüchtig auf meine Liebe für Sie geweſen, Henri.“ „Er . er. eiferſüchtig auf mich.“ „Glauben Sie dem Herzen einer Mutter. . . ich täuſche mich nicht.“ „Ach! muthig und edel bis zum Ende, möchten Sie gern meinen Kummer minder gräßlich machen.“ „Sagen Sie, ich ſei Mutter bis zum Ende. Hören Sie noch, Henri . Indem ich mich mit Ihnen verband, verlor ich meinen Namen, dieſen demüthigen MNamen, den mein Sohn hauptſächlich berühmt machen wollte, weil dieſer Name der meinige war, denn Alles bezog ſich bei meinem armen Kind auf mich. „Ja ſtets ſind Sie mit ſeinen Gedanken vermiſcht: vor einigen Tagen, im Augenblick, da er ſterben ſollte, rief er: Meine Mutterf wie einen letzten Rettungs⸗ ſchrei, und indem er . Meine Mutter! ſagte, ging er auf ein glorreiches Geſchick zu.“ „Mein Freund, täuſchen wir uns nicht . . . Wie groß wäre unſer Kummer geweſen, wenn mich in dem Augenblick, wo wir uns verbinden wollten, die Furcht, die Eiferſucht meines Sohnes zu erregen, vielleicht zurückge⸗ halten hätte. Und dennoch wäre es gräßlich geweſen, auf unſere Liebe zu verzichten, oder, ein noch furchtbarer Ge⸗ danke, es ſollte ſich die Eiferſucht von Frederik erſt nach 204 unſerer Verbindung offenbaren. Was hätten wir dann thun können? Was wäre aus uns geworden?“ „Nein, nein, Marie, glauben Sie das nicht, Frederik liebt mich auch . . . und Ihrem Glück, dem meinigen hätte er ſich geopfert.“ „Geopfert . jo, mein Freund er hätte ſich geopfert. . . Oh! ich kenne ihn, nicht ein Wort, nicht eine Klage wäre über ſeine Lippen gekommen. . . Immer liebend, immer zärtlich, hätte er uns traurig zugelächelt und dann hätten wir ihn allmälig hinſiechen ſehen.“ „Oh! mein Gott! das iſt ſchreckich Wehe mir!“ murmelte David mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Wehe mir!“ „Glück Ihnen . Henri . . . denn Sie ſind einer der edelſten Menſchen!“ rief Marie mit einer Begeiſterung, die ihren ſterbenden Zügen einen übermenſchlichen Ausdruck verlieh. „Glück Ihnen Henri, venn Sie ſind geliebt geweſen . . oh! leidenſchaftlich geliebt, ohne eine Thräne oder einen Augenblick der Scham die redliche Seele zu koſten, die Sie vergotterte. . . Ja Henri, ich habe Sie geliebt, ohne Zaudern, ohne Kampf. ich habe Sie mit Stolz, mit Freudigkeit geliebt, weil meine Liebe für Sie die ganze heilige Süßigkeit der Pflicht hatte Muth alſo, mein Freund die Erinnecung an Marie und Frederik Baſtien unterſtütze Sie, tröſte Sie.“ „Was ſagen Sie . . . Frederik . . Oh! er wird mir wenigſtens bleiben . . .“ „Mein Sohn wird mich nicht überleben.“ „Frederik?“ „Ich fühle es hier. . . ſehen Sie. .. Henri, hier im Herzen ich ſage Ihnen, er ſtirbt.“ „Aber noch ſo eben erklärte mir Pierre, der aus dem Zimmer kam, in das man das unglückliche Kind gebracht hat, es ſei nicht jede Hoffnung verloren. „ Nein, nein, er auch ſterben . . das wäre zu gräßlich . . .“ „Warum dies Henri?“ — 205 „Großer Gott! Sie Sie, ſeine Mutter? . . dieſe Frage .. „Ich habe es Ihnen geſagt, mein Freund, es gibt in der mütterlichen Liebe tiefe Geheimniſſe „ . Meinen Sohn zu überleben, hätte ich als ein entſetzliches Unglück betrachtet . . . Frederik liebt mich eben ſo ſehr, als ich ihn liebe . . . Er muß wie ich denken, er denkt wie ich .. es iſt ein Glück für ihn, daß er mich nicht überlebt . . .“ „Welch ein Jammer für mich, Sie Beide zu verlieren!“ „Marie und Frederik Baſtien können nicht getrennt werden, weder in dieſer noch in der andern Welt . . . mein Freund.“ „Oh! Sie ſind ſehr glücklich, Sie und er .. „Henri. . . meine Kräfte ſfind ihrem Ende nahe .. die Kälte des Grabes ergreift mich . . Ihre Hand, Ihre theure, redliche Hand David warf ſich am Bette der jungen Frau auf die Kniee, bedeckte ihre Hand mit Thränen und Köſſen und brach in ein Schluchzen aus. Marie fuhr mit immer ſchwächerer Stimme fort: „Einen letzten Wunſch, Henrt, Sie werden ihn er⸗ füllen, wenn es möglich iſt. Herr Baſtien hat mit mir davon geſprochen, es ſei ſeine Abſicht, vieſes Haus zu verkaufen . . ich möchte nicht, daß Fremde die Wohn⸗ ſtätte profanirten . . . wo mein Leben und das meines Sohnes verlaufen iſt, denn mein Leben zählt von dem Tage an, wo ich Mutter geworden bin . . . Herr Dufour, Ihr beſter Freund, wohnt in der Nähe, Sie ſollten eines Tages zurückkommen, um ſich in ſeiner Nachbarſchaft niederzulaſſen ... Beſchleunigen Sie dieſen Augenblick.. v werden ſo viel Troſt in einem Herzen wie das ſeinige nden.“ „Oh! Marie, dieſes Haus wird für mich ein Gegen⸗ ſtand religiöſer Verehrung ſein aber . .. „Meinen Dank, oh! meinen Dank, Henri! dieſe Verſicherung tröſtet mich . . Eine letzte Bitte .. 206 ich will nicht von meinem Sohn getrennt ſein . . . nicht wahr, Sie begreifen mich?“ Kaum hatte Marie vieſe Worte geſprochen, als man ein gewaltiges Geräuſch in der Hautſtur vernahm. Marguerite rief dem Doctor voll Angſt und Schrecken. Plötzlich wurde die Thüre des Zimmers von Madame Baſtien ungeſtüm geöffnet. Frederik trat ein, bleifarbig, gräßlich anzuſchauen und ſein Betttuch wie ein Leichentuch nachſchleppend, während ihn Marguerite vergebens zurück⸗ zuhalten ſuchte. Ein letzter Funke des Geiſtes . . der kindliche Inſtinct vielleicht . führte das ſterbende Kind zu ſeiner Mutter. Daviv, der am Bett der jungen Frau kniete, erhob ſich beſtürzt, wie bei der Erſcheinung eines Geſpenſtes. „Mutter! Mutter!“ rief Frederik mit einer im Todes⸗ kampf begriffenen Stimme, indem er auf das Bett von Marie ſtürzte, die er mit ſeinen Armen in dem Augenblick umſchlang, wo der Doctor ganz verwirrt herbeilief. „Oh! komm . . . mein Kind! komm,“ flüſterte Marie und ſchloß ihren Sohn in einer letzten krampfhaften, aber freudigen Umwandlung an ſich, „nun . . . iſt es .. für immer . Dies waren die letzten Worte der jungen Mutter. Frederik und Marie hauchten ihre Seele in einer letzten Umarmung aus. . * 2 — Epilog. Wir haben dieſe Erzählung damit angefangen, daß wir annahmen, ein Touriſt, der ſich von der Stadt Pont⸗ Brillant nach dem Schloſſe dieſes Namens begebe, komme an dem beſcheidenen Hauſe von Madame Baſtien vorüber. Wir ſchließen unſere Erzählung mit einer ähnlichen Annahme. Hätte ſich dieſer Touriſt achtzehn Monate nach dem Tod von Frederik und Marie von Pont⸗Brillant nach dem Schloß begeben, ſo würde er nichts am Pachthof verän⸗ dert gefunden haben. Dieſelbe elegante Einfachheit herrſchte bei dieſer Wohnſtätte; dieſelben ländlichen Blumen wurden vom alten André gepflegt; das Wäldchen mit ſeinen hundert⸗ jährigen Eichen beſchattete immer noch den grünenden Raſen, durch den ſich der durchſichtige Bach ſchlängelte. Nur hätte der Touriſt nicht ohne Rührung unter dem ſchattigſten Theile des Wäldchens, unfern von dem kleinen murmelnden Wafſerfall, einen Grabſtein von weißem Mar⸗ mor geſehen, auf dem man las: Marie und Frederik Baſtien. Vor dieſem Grab, das durch eine Art von länd⸗ licher, ſchon mit Epheu und Schlingpflanzen geſchmückter Vorhalle beſchützt war, ſah man den zur Zeit der Ueber⸗ 208 ſchwemmung Frederik gebotenen Nachen, worauf die Worte: Die armen Leute des Val Frederik Baſtien. Wäre der Touriſt bei Sonnenaufgang oder bei Son⸗ nenuntergang an dem Wäldchen vorübergekommen, ſo hätte er dieſem Grab wit religiöſem Ernſt einen Mann von heher Geſtalt und in Trauer gekleidet, der, obgleich noch jung, ganz weiße Haare hatte, ſich nähern ſehen. Dieſer Mann war David. Er hatte den Auftrag von Marie erfüllt. Nichts hatte ſich im Aeußern oder im Innern des Hauſes geändert; das Zimmer der jungen Frau, das von Frederik, bas Studirzimmer, angefüllt mit allen unvol⸗ lendeten Arbeiten, die der Sohn von Madame Baſtien hinterlaſſen hatte, Alles war geblieben wie am Todestage der Mutter und des Kindes. Das Zimmer von Jacques Baſtien war zugemauert worden. David bewohnte fortwährend die Manſarde, die er als Lehrer inne gehabt hatte; Marguerite war die ein⸗ zige Dienerin. Der Doctor Dufour beſuchte jeden Tag David, bei dem er ſich niederlaſſen ſollte, ſobald er im Stande ge⸗ weſen, ſeine Kundſchaft einem jungen, kürzlich erſt in Pont⸗Brillant angekommenen Arzt anzuvertrauen. In einer frommen Erinnerung an ſeinen jüngeren Bruder und an Frederik hatte David, damit ſein Schmerz nicht unfruchtbar wäre, eine von ſeinen Scheunen in eine Schulſtube verwandelt; hier lehrte er jeden Tag die Kin⸗ der der benachbarten Meiereien. Um vie Wohithaten des Unterrichts mehr zu ſichern, gab der Lehrer den Eltern der Schüler eine kleine Entſchädigung; denn es hindert durch e der Familie nothwendig gemacht, die Ver⸗ 209 wendung der Kinder zur Arbeit dieſe beinahe immer, die öffentliche Erziehung zu benützen. Wir nehmen endlich an, nachdem er an dem be⸗ ſcheidenen Grabe von Frederik und Marie verweilt, habe der Touriſt einen Bewohner des Val getroffen. „Mein braver Mann,“ habe der Touriſt geſagt, „was für ein Grab iſt es, das man dort unter jenen alten Eichen erblickt?“ „Es iſt das Grab von denjenigen, deſſen Name „ der gute heilige Name der Gegend iſt, mein S „Er hieß?“ „Frederik Baſtien „mein Herr, und ſein guter Engel von einer Mutter iſt mit ihm begraben „Ihr weint, braver Mann?“ „Ja, mein Herr, wie mit betrübtem Herzen alle die⸗ jenigen weinen, welche ſie gekannt haben . den Engel von einer Mutter . . . und den Engel von einem Sohn.“ „Sie waren alſo ſehr beliebt in der Gegend?“ „Sehen Sie dort jenes ſchöne, große Schloß?“ „Das Schloß Pont⸗Brillant?“ „Der junge Marquis und ſeine Großmutter find reicher als der König . Sie ſchicken ein Jahr ins an⸗ dere viel Geld für die Armen, doch wird der Name des Herrn Marquis von Pont⸗Brillant einmal bei den armen Leuten des Val ausgeſprochen, ſo wird es der von Fre⸗ derik Baſtien und ſeiner Mutter hundertmal!“ . „Und warum dies?“ „Weil, in Ermangelung von Geld, was ſie nicht hat⸗ ten, die Mutter den armen Leuten ihr gutes Herz und die Hälfte von ihrem Brod gab . . der Sohn gab, wenn es ſein mußte, ſein Leben, um das der Andern zu retten.. davon ſind wir Zeugen, ich und meine Familie ab⸗ geſehen von anderen Familien, die er auf die Gefahr, umzukommen, bei der großen Ueberſchwemmung vor zwei Jahren gerettet hat . . . Sehen Sie, mein Herr, der Die ſieben Tovſünden. 1l. Abth. 2r Pd. 14 2¹⁰ gute heilige Name der Gegend wird auch im Val länger währen, als das große Schloß Pont⸗Brillant „.. Die Schlöſſer ſtürzen ein, während die Kinder unſerer Kinder von ihren Vätern den Namen Frederik Ba⸗ ſtien lernen werden.“ Ende des Neides. 5 70 8 13 ene ——