Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von GFduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Seſebedingungen. „1. flensein der Bibliothek. Die e ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ühr bie Abends 8 lhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. — 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Mrnat: 1 N — 1 Answärtige Abonnenien haben für Hin⸗ Und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der adenpreis erſetzt werden. — Iſt Das zerriſſene, beſchmutzte ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. F—— — — der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Se— . 4 3 Die ſieben Todſünden, von Eugeène Sue. Zweite Abtheilung. Der Ueid oder Frederitz Zaſtien. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Boller. Erſtes bis drittes Bändchen. — Stuttgart. der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Erſtes Rapitel. Ein Touriſt, der das Blaiſois im Jahr 1828 durch⸗ wandert und ſich von Blois nach dem Städtchen Pont⸗ Brillant begeben hätte, um nach dem Gebrauche der Reiſenden hier das Schloß gleichen Namens, ein pr acht⸗ volles Herrenhaus der alten Marquis von Pont⸗Brillant, zu beſuchen, wäre nothwendig vor einem Pachthof vorü ber⸗ gekommen, der am Rande des Vieinalwegs, ungefähr eine Meile vom Schloſſe, lag. Völlig vereinzelt unter Waldungen und Brachfeldern, konnte dieſes Gebäude zufällig die Aufmerkſamkeit des Reiſenden erregen; man hätte es ohne Zweifel mit einer Miſchung von Traurigkeit und Ekel als eines von den zahlreichen Probeſtücken der Häßlichkeit der ländlichen Wohnungen der Gegend, ſelbſt wenn ſie Perſonen gehören, die ſich eines großen Wohlſtandes erfreuen, betrachtet. Dieſer Pachthof beſtand in der That aus einem Nutzungsgebäude, deſſen Zugehöre zwei lange rückwärts laufende Flügel bildeten; das Innere dieſes abgeſtumpften Parallelograms diente als Hof und war voll von Dünger, der in übelriechendem Waſſer verfaulte, denn der Rind⸗ viehſtall, der Pferdeſtall und der Schafſtall gingen auf aufen von Unrath, wo ſich im Koth alle Arten von Hausthieren, von den Hühnern bis zu den Schweinen, er⸗ — Das Wohngebäude, vas einen von den rückwärts laufenden Flügeln einnahm und cus einem Erdgeſchoß und einigen Manſarden beſtand, hatte alſo zur Aueſicht dieſen ſtinkenden Hof und zum Horizont die ſchmutzigen Mauern und wurmſtichigen Thüren der Viehſtälle; wäh⸗ rend auf der andern Seite dieſer traurigen Wohnung, wo kein Fenſter angebracht war, ſich ein kleiner Hochwald hundertjähriger Eichen von zwei Morgen erſtreckte, unter welchem ein Bach geſpeiſt von der Ueberfülle mehrerer entfernter Teiche hinlief; doch dieſer Wald war trotz ſeiner ſeltenen Schönheit beinahe unzugänglich geworden, denn ſein Boden hatte ſich da und dort mit Mulm bedeckt und mit Brombeerſtauden und Diſteln überzogen; der Bach endlich war, weil man ihn nie ſäuberte, und weil er keinen genügenden Foll hatte, fumpfig und ſchlammig ge⸗ worden. Wäre derſelbe Touriſt ein Jahr rach ſeiner erſten Wanderung abermals vor dieſem Pachthof, der einſt einen ſo zurückſtoßenden Anblick bot, vorübergekommen, ſo würde ihn die plötzliche Verwandlung, welche an dieſem Orte vorgegangen, obgleich er immer noch demſelben Eigen⸗ thümer gehörte, ungemein aufgefallen ſein. Ein friſcher Raſen, zart und glatt wie grüner Sam⸗ met, geſchmückt mit Gruppen von Roſenſtöcken, nahm die Stelle des früher mit Miſthaufen beladenen Hofes ein; man hatte neue Thüren für den Pferbeſtall und den Rind⸗ viehſtall auf der andern Seite angebracht, die alten Oeff⸗ nungen waren vermauert und dieſes Gebäude, ſowie die geräumige Scheune im Hof mit Kalk überworfen und mit einem grünen Gitterwerk bedeckt worden, woran ſich ſchon die wachſenden Schößlinge des Geisblatts, der Jungfern⸗ rebe und der Winde hinaufrankten. Der Flügel, worin die Wohnung lag, war auf die⸗ ſelbe Weiſe vergittert und mit Geſträuchen und Blumen umgeben; ein mit ſchönem gelbem Sand beſtreuter Gang führte zu der Hauptthüre, welche durch eine Art von Vorhalle von ungeglättetem Holz mit einem Strohdach — beſchützt war, woran Hauswurz und Zwergiris wuchſen; dieſe ländliche Vorhalle mit durchbrochenen Wänden und geſchmückt mit Schlingpflanzen, diente als Wohnzimmer für den Sommer . . . Auf dem Gefimſe jedes Kreuz⸗ ſtockes, der durch ſeine dunkelgrüne Bemalung die blendende Weiße der Vorhänge und die Durchſichtigkeit der Scheiben hervorhob, ſah man einen kleinen Pflanzenkaſten von ſilber⸗ weißem Birkenholz und voll von gewöhnlichen, aber friſch blühenden Blumen. Ein leichtes Pfahlwerk, halb verborgen duch kurz zuvor gepflanzte Akacien, Fliederbüſche und Ebenholzbäume, verband die zwei Flügel des Gebäudes parallel mit dem Speicher im Hintergrund und behegte auf dieſe Art den reizenden Garten, in welchen man durch eine ebenfalls grün angemalte durchbrochene Thüre eintrat. Auf der Seite des Waldes war die Umwandlung nicht minder vollſtändig und überraſchend. Statt der Brombeerſtauden und Diſteln, dehnte ſich ein Teppich von zartem Raſen, durchſchnitten von ge⸗ krümmten und mit Sand beſtreuten Wegen, unter dem herrlichen Schatten der alten Eichen aus; der einſt ſchlam⸗ mige Bach war in ein neues Bett gelenkt und wurde un⸗ gefähr in der Mitte ſeines Laufes durch ein etwa drei bis vier Fuß hohes Geſperre von moosbewachſenem Fels⸗ geſtein aufgehalten, von wo er in einer kleinen ſchäumen⸗ den Cascade herabfiel und dann raſch und durchſichtig auf dem Niveau ſeines grünen Ufers fortfloß. Einige Körbchen mit Geranien, deren ſcharlachrothe Dolden von dem Grün des Raſens abſtachen, welcher an verſchiedenen Stellen durch den lebhaften, das dichte Laub⸗ werk durchdringenden Sonnenſtrahl vergoldet war, erhei⸗ terten noch dieſe reizende Landſchaft, die ſich in einer weiten Oeffnung endigte, durch welche man am Horizont den Wald von Pont⸗Brillant überragt von ſeinem alten Schloſſe erblickte. Die Umſtände dieſer völligen Verwandlung, welche man in kurzer Zeit durch einfache und wenig koſtſpielige Mittel erlangt hatte, werden vielleicht kindiſch erſcheinen, aber ſie ſind bezeichnend, als der Ausdruck von einer der tauſend Nuancen der mütterlichen Liebe. Ja . . eine junge Frau von ſechzehn Jahren, mit fünfzehn und einem halben Jahre verheirathet, ſeit ihrer Verheirathung in dieſe Einſamkeit verbannt, hatte eine ſolche Verwandlung bewerkſtelligt. Einzig und allein im Gedanken an ihr Kind, einzig in der Bemühung, dieſes mit lachenden Gegenſtänden, mit erfreulichen Anſichten, mitten in der Einſamkeit, in der es leben ſollte, zu umgeben, hatte ſich der Geſchmack der jungen Frau entwickelt; jede von den reizenden Neuerun⸗ gen, die ſie an dem Anfangs ſo traurigen, ſo zurückſtoßen⸗ den Aufenthaltsort vornahm, war gleichſam nur ein Rah⸗ men, worin ſpäter das Bild eines theuren, ſehnſüchtig erwarteten kleinen Geſchöpfes glänzen ſollte. Auf dem Raſen des inneren, ſorgfältig geſchloſſenen Gartens könnte das Kind zuerſt, wenn es noch ganz klein wäre, ſich erluſtigen; die ländliche Vorhalle würde ſeinen Spielen beim Regenwetter, oder bei zu glühender Hitze ſchützendes Obdach gewähren, während die mit grünem Gitterwerk, mit Blumen und Blättern überzogenen Wände des Häuschens ſeinen Blick erquicken müßten. Später, wenn es größer würde, könnte es unter dem mütterlichen Auge auf dem Raſen des ſchattigen Gehölzes umherlaufen und ſich damit ergötzen, daß es auf das ſanfte Gemurmel des Waſſerfalls lauſchen oder ſeine ſilbernen Blaſen durch das mit Moos bedeckte Felsgeſtein glänzen und entfliehen ſehen würde; da der durchſichtige, nun überall zwei Fuß tiefe Bach dem Kind keine Gefahr böte, ſo könnte es ſich an heißen Sommertagen in ſeiner friſchen reinen Welle, die durch Kiesſand fiekerte, baden. Hierin wle unter vielen andern Umſtänden hatte, wie man ſpäter ſehen wird, eine Art von Offenbarung, welche die junge Mutter leitete, dieſer den Gedanken um geringe Koſten den ſchmutzigen, verfallenen Pachthof in ein reizendes Cottage zu verwandeln. 14 Zur Zeit, wo dieſe Erzählung beginnt (gegen das Ende des Monats Juni 1845), bewohnte die junge Mut⸗ ter dieſen ſo verwandelten Pachthof ſeit ſiebenzehn Jahren; die Geſträuche des inneren Raſens waren Bäume gewor⸗ den, die Gebäude verſchwanden völlig unter einem üppigen Mantel von Blätterwerk und Blumen, während im Win⸗ ter das Immergrün mehrerer ungeheurer Epheuranken die Wände verbarg und die ländliche Vorhalle mit dem Strohdach ſchmückte. Auf der Seite des Eichenwälvchens ließen der kleine Waſſerfall und der Bach beſtändig ihr ſchwermüthiges Gemurmel hören. Gegen dieſe reizende Landſchaft öffnete ſich die Glas⸗ thüre einer großen Stube, welche zugleich der Mutter als Wohnzimmer und ihrem Sohn, der damals ſechzehn Jahre und einige Monate alt war, als Studirzimmer diente. Dieſe Stube enthielt eine Art von Muſeum (man wird vielleicht über den eitlen Ausdruck lachen), oder vielmehr einen mütterlichen Reliquienkaſten. Ein beſcheidenes Meuble von weißem Holz, mit Glasſcheiben verſehen, enthielt in ſeinen Fächern eine Menge von Gegenſtänden, welche von der jungen Mutter, als eben ſo viele koſtbare Andenken, in ihren Augen die verſchiedenen Phaſen des Lebens ihres Sohnes zuſammen⸗ faſſend, aufbewahrt wurden. 6 Es hatte hier Alles ein Datum, von der Kinderklap⸗ per bis zu dem Eichkranz, den der Jüngling bei einem Concurs in einer Koſtſchule des Städtchens Pont⸗Brillant erhalten hatte, wohin die ſtolze Mutter ihren Sohn ge⸗ ſchickt, damit er ſeine Kräfte verſuche. Es hatte hier Alles ſeine Bedeutung, von der kleinen Flinte, einem halbzerbrochenen Spielzeug, bis zur Arm⸗ binde von weißem Atlaß mit goldenen Franſen, welche die Neophyten bei ihrem erſten Abendmahl mit ſo großem Stolze tragen. Dieſe Reliquien werden vielleicht kindiſch, lächer⸗ uch erſcheinen, und dennoch, wenn man bedenkt, daß alle 85 12 Vorfälle im Kindes⸗ und Jünglingsleben ihres Sohnes, charakteriſirt durch die von uns erwähnten Gegenſtände, für dieſe junge Mutter, welche ihr Kind anbetete und in der völligſten Einſamkeit lebte, eben ſo viele ernſte, rührende vder feierliche Ereigniſſe geweſen waren, wird man dieſe fromme Pflege der Vergangenheit entſchuldigen, und man wird auch den Gedanken begreifen, der unter dieſe Reli⸗ quien eine kleine Lampe von weißem Pozellan geſtellt, unter deren bleichem Schimmer die junge Mutter bei ihrem Sohn während einer langen, gefährlichen Krankheit gewacht hatte, von der er durch einen beſcheidenen, aber geſchickten in Pont⸗Brillant wohnenden Arzt gerettet worden war. Bedarf es der Erwähnung, daß ein Theil des Täfel⸗ werks im Studirzimmer mit Rahmen geſchmückt war, von denen einer ein Blatt von einer kindiſchen, beinahe formloſen Schrift, ein anderer drei Strophen enthielt, welche der Jüngling im vorhergehenden Jahr am Namens⸗ tag ſeiner Mutter zu reimen verſucht hatte? An einer andern Stelle ſchienen die unvermeidlichen Köpfe von Andromache und Niobe, welche die unerfahrene Kreide des Anfängers gewöhnlich mit einem zuſammengezogenen Mund und unſicheren Augen peinigt, mit zornigem Erſtau⸗ nen eine hübſche, ſehr zart nach der Natur tvuchirte Aquarelle, eine Landſchaft an den Ufern der Loire dar⸗ ſtellend, zu betrachten. Da und dort erblickte man endlich, an den Wänden hängend oder auf Sockeln von ſchwarzem Holz, verſchiedene Bruchſtücke von alter Bildhauerkunſt in Gyps geformt, welche als Modelle gedient hatten und noch dienten; die erſten Lehrbücher des Kindes wurden nicht minder fromm von ſeiner Mutter in einer Bibliothek aufbewahrt, welche eine vortreffliche Auswahl an Werken über Geſchichte, Gevographie, Reiſen und Literatur enthielt. Ein Klavier und einige Fächer mit Partituren beladen, die man un⸗ fern vom Zeichentiſch ſah, vervollſtändigten die beſcheidene Ausſtattung dieſer Stube. Gegen das Ende des Monats Juni 1845 befand 13 ſich die junge Frau, von der wir ſprechen, und die wir Marie Baſtien nennen werden, mit ihrem Sohn im Stu⸗ dirzimmer. Es ſollte bald fünf Uhr ſchlagen, die Sonnenſtrahlen, obgleich gebrochen durch die Latten der niedergelaſſenen Sommerläden, warfen da und dort rothgelbe, heitere Re⸗ flere bald auf das graue Täfelwerk des Studirzimmers, bald auf die großen Blumenſträuße, die man kurz zuvor erſt geſchnitten und auf den Kamin in Porzellangefäßen geſtellt hatte. Man ſah auch noch in einem großen Kryſtallglas mit Fuß ein Dutzend ſchöner Roſen von abwechſelnden Farben, welche, halb erſchloſſen, den ſüßeſten Wohlgeruch verbreiteten, und einen mit Büchern und Papieren belade⸗ nen Arbeitstiſch, an dem auf jeder Seite die Mutter und der Sohn, Beide ſitzend, ſehr emſig beſchäftigt zu ſein ſchienen. Madame Baſtien, obgleich ſie bald dreißig Jahre alt ſein mußte, ſchien kaum zwanzig zu zählen, ſo ſehr erglänzte ihr bezauberndes Geſicht in jugendlicher, wir moͤchten beinahe ſagen, jungfräulicher Friſche, denn ihre engeliſche Schönheit war würdig, die naiven für die die Mutter Chriſti, gemachten Worte einzu⸗ ößen: ſeiſt Du, Maria, der Gnaden voll.“ Madame Baſtien trug ein Sommerkleid mit weiten Aermeln von hellblau geſtreifter Percaline, durch ein roſenfarbiges Band um ihren zierlichen, geſchmeidigen Leib geſchloſſen, den man, wie man zu ſagen pflegt, zwiſchen den zehn Fingern hätte halten können. Ihre hübſchen Arme waren entblößt, oder vielmehr durch das leichte Netz von Fauſthandſchuhen geſchloſſen, welche nicht über ihre Ellenbogen mit den Grübchen gingen. wei dicke Bänder von Natur wellenförmiger und an verſchiedenen Stellen von lebhaften goldenen Refleren nuancirter kaſtanienbrauner Haare gingen ſehr tief herab, 14 und umrahmten das vpllkommene Eirund ihres Geſichtes deſſen durchſichtige Weiße ſich mit einem zarten Karmin gegen die Mitte der Wangen färbte; ihre großen Augen vom zarteſten, lachendſten Azur befranſten ſich mit langen Wimpern, braun wie ihre feingebogenen Brauen, braun wie die Milchhaare, die ſich am Anfang ihres Halſes kräuſelten und eine Natur voll Leben und Saft verkündig⸗ ten; die feuchte Koralle der Lippen, der glänzende Schmelz der Zähne, die feſte Rundung ihrer reizenden, wie die eines Mädchens, leicht roſigen Arme vervollſtändigten dieſe Symptome eines reinen, reichen, jungfräulichen Blutes, ſo bewahrt durch die Regelmäßigkeit eines einſamen, keu⸗ ſchen und gleichſam klöſterlichen Lebens, eines Lebens, zu⸗ ſammengedrängt in eine einzige Leidenſchaft . . . die müt⸗ terliche Liebe. Die Phyſiognomie von Marie Baſtien bot einen dop⸗ pelten Charakter, denn wenn der Winkel ihrer Stirne, der Schnitt ihrer Augenbrauen eine ungewöhnliche Energie und Beharrlichkeit des Willens, verbunden mit ſeltenem Verſtand, offenbarten, ſo zeugte doch der Ausdruck ihres Blickes von einer unausſprechlichen Gutmüthigkeit, ſo war voch ihr Lächeln voll Sanftheit und Heiterkeit „ voll Heiterkeit, wie dies zwei rofige Grübchen, ausgehöhlt durch häufiges, treuherziges Lachen, in geringer Entfernung von den weichen Winkeln ihres Mundes bewieſen. Die junge Mutter kam in der That an Scherzhaftigkeit ihrem Sohn wenigſtens gleich; wenn die Stunde der Erholung ſchlug, war auch häufig das tollſte, vas kindiſchſte, das ſtürmiſchſte von Beiden nicht der Jüngling. Beide fühlten ſich ſo glücklich. .. ſo glücklich in dieſem einſamen Winkelchen der Erde, das ſie nie verlaſ⸗ ſen und wo ihr Leben bis jetzt im Austauſch der bezauberndſten, zärtlichſten Gefühle hingegangen war. Wenn man ſie ſo am Arbeitstiſch ſitzen ſah, hätte man die Mutter und den Sohn für den Bruder und die Schweſter gehalten. Frederik Baſtien glich ungemein ſeiner Mutter, ob⸗ 4 15 ſchon er von einer mehr männlichen, ausgeſprochenen Schoͤnheit war; ſeine Geſichtshaut war mehr braun, ſeine Haare, waren dunkler, als die der jungen Frau, und ſeine pechſchwarzen Brauen verliehen einen Reiz mehr ſeinen großen, ſanft blauen Augen, denn Frederik hatte die Augen und den Blick ſeiner Mutter, wie er auch ihr feines Lächeln, ihre griechiſche Naſe, ihre Perlzähne und ihre friſchrothen Lippen hatte, welche bei ihm der Flaum der Mannbarkeit ſchon leicht beſchattete. In der ganzen kräftigenden Freiheit eines ländlichen Lebens erzogen, ſtrahlte Frederik, deſſen zierlicher und zu⸗ gleich ſtarker Wuchs den ſeiner Mutter überragte, von Geſundheit, Jugend und Anmuth; man konnte keine ver⸗ ſtändigere und entſchloſſenere, liebevollere und freundlichere Geſichtsbildung finden. Es ließ leicht ſehen, daß die mütterliche Eitelkeit bei der Toilette des Jünglings vorge⸗ waltet hatte, obgleich ſein Anzug hoͤchſt einfach war; eine hübſche Halsbinde von kirſchrothem Atlaß, auf welche ein feiner Hemdkragen niedergeſchlagen, ſtand vollkommen im Einklang mit dem friſchen, braunen Teint des Jüng⸗ lings, während die blendende Weiße ſeiner Weſte von Baſin von dem Blaßgelb ſeiner Nankinjacke mit den großen Perlmutterknöpfen abſtach; ſeine Hände endlich, ſtatt den abſcheulichen Händen eines Collegſchülers, mit den zerfreſſenen Nägeln, mit der ſchruntigen Haut und den Tintenflecken, zu gleichen, waken nicht minder ſorgfältig gepflegt, als die der jungen Frau, und auch wie die ihri⸗ gen durch roſige, glänzende Nägel von einem vollkomme⸗ nen Oval verſchönert. (Die Mütter, welche Söhne von ſechszehn Jahren im Colleg haben, werden das Kindiſche dieſer Einzelnheiten begreifen und entſchuldigen). 4 Frederik und ſeine Mutter ſaßen, wie geſagt, einander gegenüber an einem Tiſch und arbeiteten beharrlich (oder ieimehr ſchanzten tüchtig, wie man im Colleg ſagt). Jdes hatte zu ſeiner Linken einen Band vom Vicgrof 16 Wakefield und vor ſich ein Blatt Papier, das beinahe voll war. „Frederik, gib mir das Wörterbuch,“ ſagte Madame Baſtien, ohne die Augen aufzuſchlagen und indem ſie ihre reizende Hand gegen ihren Sohn ausſtreckte. „Oh! das Wörterbuch,“ rief Frederik, mit dem Ton ſpöttiſchen Mitleids lachend, „kann man genöthigt ſein, ſeine Zuflucht zum Wörterbuch zu nehmen!“ Und er reichte ſeiner Mutter den Band, doch nicht ohne die hübſche Hand zu küſſen, die auf das Buch wartete. Den Kopf immer geſenkt, lächelte Marie nur, ohne zu antworten; dann während ſie ihrem Sohn einen Blick von unten zuwarf, der das Azur ihrer großen blauen Augen noch durchſichtiger erſcheinen ließ, nahm ſie ihren elfenbeinernen Federnhalter zwiſchen ihre kleinen Zähne und fing an raſch in dem Wörterbuch zu blättern. Frederik benützte dieſen Augenblick der Unachtſamkeit, erhob ſich von ſeinem Stuhl, ſtützte ſich mit beiden Händen auf den Tiſch, und neigte ſich vorwärts, um zu ſehen, wie weit ſeine Mutter in ihrer Ueberſetzung wäre. „Ah! Frederik, Du willſt von mir abſchreiben,“ ſagte heiter Marie, indem ſie das Wörterbuch niederlegte und mit ihren kleinen Händchen ſehr mühſam das Blatt be⸗ deckte, um es den Augen ihres Sohnes zu entziehen. „Ah! ſiehſt Du? Diesmal habe ich Dich ertappt.“ „Nein,“ antwortete Frederik, ſich wieder niederſetzend, „nein, ich verſichere Dich, ich wollte nur ſehen, ob Du ſo weit vorgerückt wäreſt, als ich.“ „Ich weiß nur, daß ich fertig bin,“ antwortete Ma⸗ dame Baſtien mit triumphirender Miene, während ſie raſch noch ein paar Worte ſchrieb, nachdem ſie das Wörterbuch um Rath gefragt hatte. „Wie ſchon! fragte Frederik demüthig. In dieſem Augenblick ſchlug die fünfte Stunde auf einer alten Uhr in einem eingelegten Gehäuſe, das ſechs Fuß hoch war und in einer Ecke des Studirzimmers ſtand. 17 „Gut!“ rief Marie freudig, „die Erholungsſtunde! kommſt Du mit, Frederik?“ Und die junge Frau verließ haſtig ihren Sitz und lief auf ihren Sohn zu. „Ich bitte Dich nur um zehn Minutenz dann bin ich auch fertig,“ ſprach Federik mit flehendem Ton, wäh⸗ rend er behende fortſchrieb; „ſei barmherzig und gönne mir armſelige zehn Minuten.“ Doch man mußte ſehen, wie dieſes Geſuch aufgenommen wurde, und mit welcher funkelnden Heiterkeit die junge Mutter einen Beſchwerer auf das Blatt legte, das ihr Sohn unvollendet ließ, ſeine Bücher ſchloß, ihm die Feder aus den Händen nahm und ihn raſch, leicht unter das Eichenwäldchen fortzug, das damals voll Schatten und Friſche war. Es iſt nicht zu leugnen, Frederik ſetzte dem deſpo⸗ tiſchen Willen ſeiner Mutter keinen verzweifelten Wi⸗ derſtand entgegen, und er zeigte ſich bald ſehr geneigt, eine herrliche Partie zu ſpielen. 8 ——— * Bweites Rapitel. Fünf Minuten nach dem Anfang der Recreation war eine Federball⸗Partie zwiſchen Frederik und ſeiner Mutter in vollem Gang. Es bot dies ein köſtliches Gemälde. Lebhafte Sonnenſtrahlen, welche da und dort durch den beinahe undurchdringlichen Dom des ſchattigen Wäld⸗ chens ſchoßen, vergoldeten ſtellenwelſe die reizenden Ge⸗ Die ſieben Todfünden. U. Abth. 1r Bd. 2 18 ſichter von Madame Baſtien und ihrem Sohn, bei denen jede Stellung, jede Bewegung voll Anmuth, voll Behen⸗ digkeit waren. Das Geſicht gefärbt von lebhaftem Roſa, die Augen belebt, den Mund leicht geöffnet und lachend, den Leib anmuthig zurückgebogen, den Buſen wogend unter dem feinen Stoff ihres Kleides, den Fuß vorwärts geſtreckt, die Hand bewaffnet mit dem Ballnetz, woran ein mit Sammet überzogener Stiel, empfing Marie den Federball und ſchickte ihn Federik in einer der, welche er vorherſah, entgegenge⸗ ſetzten Richtung zurück. Leicht und behende, mit einer un⸗ geſtümen Kopfbewegung ſeine ſchönen braunen Haarlocken, welche ſeine Stirne beläſtigten, auf die Seite werfend, kam der Jüngling mit einigen kräftigen Sprüngen zeitig genug an, um voll Geſchicklichkeit das geflügelte Spiel⸗ zeug in dem Augenblick, wo es beinahe den Boden berührte, aufzufangen und ſeiner Mutter zurückzuwerfen. .. Dieſe fing es ebenfalls auf und warf es nicht minder geſchickt zurück; doch, o Glück! nachdem er ſeinen Bogen, den Fre⸗ derik mit wachſamem Auge beobachtete, beſchrieben hatte, fällt ihm der Federball gerade auf die Naſe und der Jüngling, der ſich dieſen verzweifelten Coup nicht entgehen laſſen will, ſtolpert und rollt auf den Raſen. Da entſtand ein ſo tolles Gelächter, es kam eine ſo heftige Heiterkeit bei beiden Spielern zum Ausbruch, daß die Partie nothwendig unterbrochen werden mußte. Arm in Arm, die Wangen purpurroth gefärbt, den Blick feucht von freudigen Thränen, und zuweilen wieder heftig und treuherzig lachend, gingen ſodann die Mutter und der Sohn auf eine Bank von rohem Holz zu, welche dem Waſſerfall gegenüber am Rande des kleinen Baches ſtand; hier ruhten Beide einige Augenblicke aus, und Ma⸗ dame Baſtien trocknete ſorgſam den Schweiß, der auf der Stirne ihres Sohnes perlte. 5 „Mein Gott!“ ſagte Frederik, „wie lächerlich . doch, ſo zu lachen!“ „Ja aber geſtehe, es iſt ſehr gut.“ 19 „Gewiß, und es iſt der Fehler des Federballs .. der mir gerade auf die Naſe gefallen.. „Frederik. .. nun fängſt Du wieder an... und das iſt ſchlimm.“ „Nein. .. Du ſtirbſt vor Luſt, zu lachen . ich ſehe es wohl . ..“ Und Beide überließen ſich wieder jenem albernen Gelächter, das ebenſo einfältig, ebenſo unwillkührlich, als koſtlich ſchmerzhaft iſt. „Gleichviel,“ ſagte Madame Baſtien, die ſich zuerſt von dieſer neuen Kriſe der Heiterkeit freimachte, „ſiehſt Du, Frederik, was mich über das Alberne unſeres Ge⸗ lächters tröſtet, iſt, daß ſicherlich nur Leute, welche ſo glücklich ſind, wie wir, ſolche Anfälle toller Freude kennen.“ „Ah! Mutter, Du haſt Recht,“ ſagte Frederik, indem er ſeinen Kopf auf die Schulter ſeiner Mutter legte und ſich gleichſam mit einer Bewegung reizender Trägheit dar⸗ auf wiegte, „wir find ſo glücklich! Siehſt Du, zum Beiſpiel in dieſem Augenblick, an dieſem ſchönen Sommer⸗ abend, unter dieſem friſchen Schatten hier ſein, bei Dir, meinen Kopf auf Deine Schulter geſtützt, und die Augen halb geſchloſſen .. dort wie durch einen goldenen Schleier, den ihm die Sonnenſtrahlen bilden, unſer Häuschen ſehen, während der Waſſerfall ſein Gemurmel hören läßt, ſo mit einem Blick dieſe theure kleine Welt umfaſſen, aus der wir nie weggekommen ſind, oh! das iſt ſo gut, das iſt ſo ſüß, daß man hundert Jahre ſo bleiben möchte.“ Und mit einer neuen Bewegung ſchien ſich Frederik wirklich auf der Schulter ſeiner Mutter für eine Ewig⸗ keit in dieſes Behagen wiegen zu wollen. Die junge Frau hütete ſich wohl, Frederik zu ſtören, ſie neigte nur ihren Kopf ein wenig auf die Seite, um mit ihrer Wange die Wange des Jünglings zu berühren, nahm eine von ſeinen Händen in die ihrige und erwiederte: „Es iſt wahr, dieſer Winkel der Erde iſt ſtets für mich ein Paradies geweſen, und außer den dreiunddreißig Tagen Deiner Krankheit würden wir uns, glaube ich, ver⸗ 20 gebens auf einen Augenblick des Kummers oder der Trau⸗ rigkeit beſinnen, nicht wahr, Frederik?“ „Du haſt mich ſtets ſo ſehr verwöhnt.“ „Herr Frederik weiß durchaus nicht, was er ſpricht,“ erwiederte Madame Baſtien, einen komiſchen Ernſt heu⸗ chelnd, „es gibt nichts Verdrießlicheres, Unerträglicheres und beſonders Unglücklicheres, als ein verwöhntes Kind. . Ich möchte wohl wiſſen, welche Launen, welche Phantaſien ich bei Ihnen ermuthigt oder begünſtigt habe, mein Herr? Laſſen Sie hören: ſuchen Sie, ſuchen Sie .. .“ „Ich glaube wohl, Du läſſeſt mir keine Zeit zu Wünſchen, Du beſchäftigſt Dich mit meinen Erholungen, mit meinen Vergnügungen wenigſtens ebenſo ſehr, als mit mir, denn in der That, ich weiß nicht, wie Du es machſt, aber mit Dir vergeht die Zeit ſo raſch ... ſo raſch .. daß ich nicht glauben kann, wir haben ſchon das Ende des Juni erreicht... und ich werde daſſelbe am Ende des Januars ſagen, um immer wieder ſo anzufangen.“ „Es handelt ſich nicht darum, zu ſpotten, mein Herr, ſondern mir zu ſagen, wann ich Sie verdorben habe, und ob ich nicht im Gegentheil ſehr ſtreng, ſehr anſpruchsvoll in Beziehung auf Ihre Arbeitsſtunden geweſen bin?“ „Ja ich rathe Dir hievon zu ſprechen! Theilſt Du nicht meine Studien wie meine Spiele? Die Arbeit hat mich auch immer ebenſo ſehr beluſtigt, als die Erholungs⸗ ſtunden .. Nicht wahr, ein ſchönes Verdienſt?“ „Aber, Herr Frederik, Sie haben zwei Preiſe in Pont⸗Brillant davongetragen, und damals war ich nicht dabei. Kurz, ich hoffe. „ „Ah! Mutter,“ ſagte Frederik, indem er ſeinen Arm um den Hals von Marie ſchlang, die er mit Küſſen in vollem Erguß unterbrach, „ich behaupte, daß ich, wenn ich glücklich bin, dies Dir zu verdanken habe .. Wenn ich etwas weiß, etwas werth bin, iſt es abermals durch Dich.. ja, einzig durch Dich .. Habe ich Dich je verlaſſen? Ja, Alles, was Gutes an mir iſt, kommt von Dir. . 21 vr i3 aber Schlimmes habe, meine Halsſtarrigkeit zum eiſpiel. . .“ „Oh! was das betrifft,“ unterbrach Madame Baſtien Frederik, den ſie auf die Stirne küßte, „dieſes liebe Kopf⸗ chen will wohl, was es will. Das iſt die Wahrheit, ich kenne keinen energiſcheren Willen, als den Deinigen . So wollteſt Du bis jetzt hartnäckig der zärtlichſte, der beſte der Söhne ſein .. und Du biſt Deinem Entſchluß nicht ungetreu geworden .. „Dann fügte die Mutter mit einer köſtlichen Bewegung bei: „Höre, mein geliebtes Kind, ich rühme Dich nicht. Doch jeder Tag bringt mir einen neuen Beweis von der Güte, von dem Edelmuth Deines Herzens. Wenn ich Dir ſchmeichelte, ſo wären die Bewohner unſerer kleinen Welt, wie Du es nennſt, meine Genoſſen, und wir find zu arm und zu ſehr Feinde der Lüge, um Schmeichler zu haben. Und dann,“ fügte Madame Baſtien lebhaft bei, „wenn ich eines Beiſtands bedürfte, um Dich zu über⸗ zeugen, ſo würde ich das Zeugniß des vortrefflichen Mannes anrufen, der dort kommt ... Er kennt Dich beinahe eben⸗ ſo gut, als ich, und Du wirſt mir zugeſtehen, daß ſeine Aufrichtigkeit nicht verdächtig iſt.⸗ Derjenige, von welchem Madame Baſtien ſprach, kam unter den Bäumen herbei; es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, von kleiner, ſchwächlicher Geſtalt und ſehr vernachläßigtem Aeußern, dabei ſeltſam häßlich, doch von einer geiſtreichen Häßlichkeit, welche den gut⸗ müthigen Charakter nicht verkennen ließ; er hieß Dufour, übte die Arzneiwiſſenſchaft in Pont⸗Brillant aus, und hatte im vorhergehenden Jahr durch ſeine Kenntniſſe und ſeine Sorgfalt Frederik von einer ſchweren Krankheit errettet. „Guten Morgen, meine liebe Madame Baſtien, ſagte heiter der Doctor, während er ſich der jungen Frau und ihrem Sohn näherte. „Guten Morgen, mein Kind,“ fügte er, Frederik herzlich die Hand drückend, bei. „Ah! Doctor, Doctor,“ rief Madame Baſtien, „Sie kommen ſehr zur rechten Zeit, um ausgezankt zu werden.“ 22 „Ausgezankt! ich!“ „Gewiß. Sie haben uns nun mehr als vierzehn lange Tage nicht mehr beſucht.“ „Pfui!“ entgegnete heiter Herr Dufvur, „pfui! ... ſeht einmal dieſe Selbſtfüchtigen, mit ſo blühenden Ge⸗ ſundheiten, wie dieſe hier, wagen Sie es, Beſuche von einem Arzt zu verlangen.“ „Pfui!“ erwiederte Madame Baſtien, dem Doctor nicht minder heiter, „pfui! der Hochmüthige verachtet die Dankbarkeit derjenigen, welche er gerettet hat, ſo ſehr, daß er ſie des Vergnügens beraubt, ihm ſehr oft ſagen zu können: „„Unſern Dank, Retter, unſern Dank. 4“ „Oh! wie ſehr hat meine Mutter Recht, Herr Du⸗ four,“ fügte Frederik bei; „Sie glauben, weil Sie mir das Leben wiedergegeben haben, ſei Alles zwiſchen uns vorbei, nicht wahr? Sie ſind undankbar!“ „Die Mutter und der Sohn erklären mir den Krieg, dagegen habe ich keine Macht, und ich nehme meinen Rück⸗ zug, antwortete der Doctor und machte wirklich zwei Schritte rückwärts. „Ah!“ rief Madame Baſtien, „wir werden unſere Vortheile nicht mißbrauchen, doch nur unter einer Bedin⸗ gung. Doctor, unter der, daß Sie mit uns zu Mittag ſpeiſen.“ „Ich war wirklich in dieſer vortrefflichen Abſicht von Hauſe weggegangen,“ antwortete der Doctor diesmal ernſt, „doch ich hatte kaum die letzten Häuſer von Pont⸗Brillant erreicht, als ich durch eine arme Frau aufgehalten wurde, die mich bat, ſchleunigſt ihren Mann zu beſuchen .. Ich ging dahin und gab meine erſten Verordnungen, leider aber iſt dies eine ſo bedeutende Krankheit, eine Krankheit, die einen ſo raſchen Verlauf nimmt, vaß ich nicht ruhig wäre, wenn ich meinen Kranken nicht dieſen Abend vor ſieben Uhr noch einmal beſuchen würde.“ „Gegen ſolche Gründe gibt es keine Einwendung, mein lieber Doctor,“ ſagte Madame Baſtien, „und ich 23 weiß Ihnen doppelt Dank, daß Sie uns wenigſtens einige Augenblicke goͤnnen.“ „Und ich machte mir ein Feſt aus dieſem Abend,“ verſetzte der Doctor, „er vervollſtändigte ſo gut meinen Tag, denn ich hatte dieſen Morgen ſchon eine große Freude.“ „Es iſt Ihnen etwas Glückliches widerfahren, mein lieber Doctor: ah! deſto beſſer.“ „Ja,“ antwortete Dufour bewegt, „ich war unruhig über meinen beſten Freund, einen nnerſchrockenen Reiſenden, der eine gefahrvolle Wanderung durch die am mindeſten bekannten Theile von Südamerika unternommen hat. Seit acht Monaten ohne Nachricht von ihm, fing ich an beſorgt zu werden, als ich dieſen Morgen einen Brief von London erhielt, der aus Lima kam. Um das Maaß meiner Freude voll zu machen, verſpricht er mir, einige Zeit bei mir zuzubringen .. Urtheilen Sie, ob ich glücklich bin, meine liebe Madame Baſtien er iſt ein Bruder für mich . . ein goldenes Herz, und dabei einer der intereſ⸗ ſanteſten und wunderbarſt begabten Menſchen, die ich kennen gelernt habe und ich ſoll ihn nun einige Zeit für mich ganz allein haben Sagen Sie, welche Ergüſſe, welche Plaudereien! . .. In meiner Glücksgefräßigkeit ſprach ich auch zu mir: Ich werde unerſättlich ſein, um die Süßig⸗ keit meiner Freude zu verdoppeln, werde ich ſie zu Ma⸗ dame Baſtien tragen und mit ihr zu Mittag ſpeiſen; ich werde dort einige köſtliche Stunden zubringen und ihr einen Vorſchlag machen, ver ihr, ſo wie dem lieben Frederik vielleicht angenehm iſt; ich hoffe, das war ein vollſtändiger Tag, ein wahrer Sybaritentag.“ Der Doctor wurde in dieſem Augenblick durch eine alte Magd unterbrochen, welche ein ſehr armſelig geklei⸗ detes Kind von ſieben bis acht Jahren an der Hand hielt und von der Thürſchwelle aus dem Jüngling zurief: „Herr Frederik. . es iſt ſechs Uhr.“ „Ich komme ſogleich wieder, Mutter,“ ſagte er, die junge Frau auf die Stirne küſſend; dann ſich an den 24 Doctor wendend: „Ich ſehe Sie, ehe Sie weggehen, nicht wahr, mein guter Herr Dufour?“ Und mit zwei Sprüngen war Frederik bei der alten Magd und dem Kind, mit denen er in das Haus hineinging. „Wohin geht er?“ fragte vertraulich der Arzt die junge Frau. „Er gibt ſeine Lection,“ antwortete Marie lächelnd. „Haben Sie ſeinen Schüler nicht geſehen?“ „Welchen Schüler?“ „Das Kind, das dort ſtand, iſt der Sohn eines Tag⸗ löhners, der zu fern von Pont⸗Brillant wohnt, um ſeinen Knaben in die Schule ſchicken zu können; Frederik gibt ihm täglich zwei Lectionen im Leſen, und ich verſichere Sie, Doctor, daß ich ebenſo gut mit dem Lehrer, als mit dem Schüler zufrieden bin; denn wenn Frederik mit großem Eifer, mit Sanftmuth und ſeltenem Verſtand zu Werke geht, ſo entſpricht ſein Schüler ſeinen Bemühungen auf eine ausgezeichnete Weiſe.“ „Das iſt reizend.“ „Was wollen Sie?“ fuhr Madame Baſtien mit einem Lächeln ſanfter Reſignation fort, „in Ermangelung anderer Almoſen reichen wir wenigſtens dieſe . . . Denn Sie wiſſen, mit welcher ſtrengen Sparſamkeit wir in dem, was das Geld betrifft, behandelt werden .. Aber,“ fügte Marie mit einem Lächeln voll unausſprechlicher Güte bei, „wie könnte ich mich beklagen? In Folge dieſer Spar⸗ ſamkeit iſt Frederik darauf bedacht, alle Arten von Mitteln zu finden, und er findet ſie auch, und von dieſen Mitteln ſind einige, das verſichere ich Sie, äußerſt rührend . Wenn ich mich nicht zu ſtolz zu zeigen befürchtete, würde ich Ihnen Eines erzählen, was in der letzten Woche vor⸗ gefallen iſt.“ „Ah! meine liebe Madame Baſtien.. wollen Sie falſche mütterliche Beſcheidenheit gegen mich treiben?“ „Nein . das werde ich nicht thun ... Hören Sie mich alſo, mein lieber Doctor. Am vergangenen Don⸗ 25 nerſtag ging ich mit Frederik bei der Heide von Breban ſpazieren.“ „Wo man urbar macht, nicht wahr? Ich habe das vorhin im Vorbeigehen geſehen.“ „Gerade an dieſem Ort macht man urbar, und Sie wiſſen, Doctor, das iſt eine harte Arbeit.“ „Bei Gott! Heidekraut entwurzeln, das vielleicht einen Beſtand von drei bis vierhundert Jahren hat.“ „Ich ging alſo mit Frederik dort ſpazieren, als wir eine arme, abgezehrte, kränkliche Frau und ein Mädchen von etwa zehn Jahren, das nicht minder ſchwächlich als ſeine Mutter, an dieſer Urbarmachung arbeiten ſahen.“ „Eine ſo abgezehrte Frau und ein ſo ſchwaches Kind bei einer ſolchen Arbeit? Das überſtieg ihre Kräfte.“ „Es iſt nur zu wahr. .. und troßz ihres Muthes ging bei vieſen armen Geſchopfen die Arbeit nur ſehr wenig von Statten; die Mutter hob mit großer Mühe die ge⸗ wichtige Haue auf, welche die gehärtete Erde kaum anzu⸗ greifen vermochte; als der Stock eines Heidekrauts, an dem ſie ohne Zweifel ſchon lange hackte, ein wenig ent⸗ blößt war, ſuchten ihn die Frau und das Mädchen, indem ſie ſich bald der Haue als eines Hebels bedienten, bald die Erde mit ihren Händen wegkratzten, um die Wurzel frei zu machen, ſuchten ſie, ſage ich, den Stock mit uner⸗ hörten Anſtrengungen auszuziehen, doch es war vergebens... Die Frau machte eine Bewegung herzzerreißender Ver⸗ zweiflung; ſie warf ſich auf die Erde, wie vom Schmerz und der Anſtrengung gelähmt, hüllte ſodann ihren Kopf in einen Fetzen von einer Schürze und fing an dumpf zu ſchluchzen, während ihre kleine Tochter vor ihr kniete und ihr weinend rief. „Ah! welch ein Jammer! welch ein Jammer!“ „Ich ſchaute meinen Sohn an, er hatte, wie ich, Thränen in den Augen; ich näherte mich der Frau und fragte ſie, warum ſie eine Arbeit treibe, die ſo ſehr ihre Kräfte und die ihres Sohnes überſteige; ſie antwortete mir, ihr Mann habe die Urbarmachung eines Viertels der 26 Heide im Accord übernommen; er ſei vor zwei Tagen durch übermäßige Anſtrengung krank geworden, habe aber noch einen Theil ſeiner Arbeit zu machen, und wenn am Sonnabend nicht Alles beendigt ſei, ſo verliere er die Frucht ſeiner vor zwei Wochen begonnenen Arbeit, dies ſei ſeine Uebereinkunft mit dem Hauptunternehmer der Urbarmachung, welche ſehr dringend erſcheine.“ „Es iſt wahr, ſie ſchließen in der Gegend für drin⸗ gende Arbeit ſolche Verträge ab und find unbarmherzig bei Erfüllung der Bedingungen... Und ſo wollte die arme Frau wohl ihren Mann erſetzen.“ „Ja, denn es handelte ſich für dieſe Familie darum, fünf und dreißig Franken zu verlieren vder zu gewinnen, und von dieſem Geld gedachten ſie ihren jährlichen Miethzins für ihre elende Hütte zu bezahlen und ein wenig Roggen zu kaufen, um die nächſte Ernte abwarten zu können. „„Meine liebe Frau,“ ſagte Frederik zu der Unglücklichen, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, „„kann in zwei Tagen ein guter Arbeiter die Urbarmachung zu Stande bringen?““ „„Ja, mein Herr, doch er müßte ſich unge⸗ heuer anſtrengen,“ antwortete ſie. „„Mutter,““ ſagte Frederik ſodann zu mir, „„man ſollte dieſen armen Leuten fünf und dreißig Franken geben, aber wir können es nicht; bewilligen Sie mir Freitag und Samſtag Urlaub, die Ur⸗ barmachung wird geſchehen, dieſe gute Frau wird nicht Gefahr laufen, krank zu werden, und kann ihren Mann pflegen und am Sonntag ihr Geld beziehen.““ „Braves, würdiges Kind!“ rief Herr Dufour. „Am Samſtag Abend um neun Uhr in der Däm⸗ merung war die Urbarmachung beendigt. Frederik hatte ſeine Aufgabe mit einem Eifer und einer Heiterkeit er⸗ füllt, wodurch dieſe Handlung ihm zu einem wahren Ver⸗ gnügen wurde. Während dieſer zwei Tage verließ ich ihn nicht. Es fand ſich ein ſchöner Wachholderbaum in ge⸗ ringer Entfernung, und im Schatten ſitzend, las ich oder ſtickte ich, während mein Sohn arbeitete, und mit welchem — 27 Muth arbeitete er! wie führte er die Haue! mein armer Doctor; die Erde zitterte darob bis unter meinen Füßen.“ „Ich glaube es wohl, obgleich ſchlank, iſt er doch von einer ſeltenen Stärke für ſein Alter.⸗ „Von Zeit zu Zeit wiſchte ich ſeine von Schweiß triefende Stirne ab und gab ihm zu trinken; in den Stunden, wo wir zu ſpeiſen pflegen, brachte uns, damit weniger Zeit verloren ging, unſete arme alte Marguerite zu eſſen in's Feld. . Beurtheilen Sie, welches Glück ſein Mahl auf der Heide im Schatten eines Wachholderbaumes einnehmen! Das war ein wahres Feſt für Frederik. Aller⸗ dings iſt das, was er gethan hat, ſehr einfach. was mich aber beſonders rührte und mit Freude erfüllte, iſt die Raſchheit ſeines Entſchluſſes, den er mit der Ihnen be⸗ kannten Hartnäckigkeit des Willens vollführte.“ „Glückliche Mutter unter allen Müttern,“ ſprach der Doctor tief bewegt, indem er Marie die Hände drückte; „und Sie müſſen doppelt glucklich ſein, denn dieſes Glück iſt Ihr Werk.“ „Was wollen Sie,“ erwiederte Madame Baſtien mit einem engeliſchen Ausdruck, „man lebt für ſeinen Sohn.“ „Ja, und Sie, Sie beſonders, denn ohne Ihren Sohn wären Sie .. Doch laſſen wir das,“ ſagte der Doctor, als oh er vurch dieſes Abbrechen einem peinlichen Gedanken hätte entgehen wollen, „es miſche ſich nichts Betrübliches in dieſes ſo erquickende Geſpräch.“ „Sie haben Recht, lieber Doctor. Doch mir fällt ein, Sie wollten mir und Frederik einen Vorſchlag machen.“ „Ganz richtig, hören Sie alſo. Sie wiſſen, oder wiſſen nicht. denn in Ihrer Einſamkeit bleiben Ihnen alle große Neuigkeiten der Gegend unbekannt. .. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß man im Schloß Pont⸗ Brillant Ausbeſſerungen und beſonders Verſchönerungen vorgenommen hat, welche aus dieſem Ort eine wahrhaft königliche Wohnſtätte machen.“ „In der That, lieber Doctor, ich bin ſo wenig im 6 * 28 Laufenden über die großen Neuigkeiten der Gegend, wie Sie ſagen, daß ich nichts hievon wußte .. ich glaubte ſogar, das Schloß wäre unbewohnt . . .“ „Es wird nicht mehr unhewohnt ſein, denn der junge Marquis von Pont⸗Brillant wird es mit ſeiner Groß⸗ mutter beziehen ...“ „Der Sohn von Herrn von Pont⸗Brillant, der vor drei Jahren geſtorben iſt?“ „Ganz richtig.“ „Er muß noch ſehr jung ſein.“ „Er hat ungefähr das Alter von Frederik, iſt eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, ſeine Großmutter betet ihn an und macht ungeheure Ausgaben, um dieſes Schloß zu meubli⸗ ren und auszubeſſern, wo ſie acht bis neun Monate im Jahr mit ihrem Enkel zubringen wird. Ich bin vor zwei Tagen in Pont⸗Brillant geweſen, um dort den Herrn Director der Blumenzucht der Treibhäuſer zu behandeln, denn bei dieſen vornehmen Herren ſagt man nicht Gärtner, das iſt zu gemein .. Ich war geblendet vom Lurus dieſes ungeheuren Schloſſes: es iſt dort eine bewunderungswürdige Gemäldegallerie, ein Treibhaus, in das man im Wagen hineinfahren könnte.. Beſonders aber.. Doch ich will Ihnen das Vergnügen der Ueberraſchung laſſen, erfahren Sie mur, daß es der Tauſend und eine Nacht würdig iſt... Ich dachte nun, Sie und Frederik wären vielleicht begierig, dieſes verwirklichte arabiſche Mährchen, dieſe in's Leben gerufene Feerei zu ſehen, und bei der hohen Protection, die mir der Herr Director der Blu⸗ menzucht zugeſteht, mache ich mich anheiſchig, Sie in's Schloß zu führen.. und zwar morgen oder übermorgen, aber nicht ſpäter, denn der junge Marquis wird den Tag „ —— — —— hernach erwartet; was ſagen Sie zu meinem Vorſchlag?“ „Ich ſage, mein lieber Doctor, daß ich ihn mit Ver⸗ gnügen annehme: das wird eine köſtliche Partie für Fre⸗ derik ſein, der um ſo mehr vort geblendet werden muß, als er ebenſo wenig, als ich, von dem, was ein ſolcher Lurus iſt, einen Begriff hat; dieſer Ausflug nach dem — 29 Schloſſe Pont⸗Brillant wird ein Feſt für uns ſein. Ich danke alſo, mein lieber Doctor, denn Sie bereiten uns einen reizenden Tag.“ „Nun wann werden wir gehen?“ „Morgen . wenn es Ihnen genehm iſt?“ „Vollkommen ich werde meine Beſuche ſehr früh⸗ zeitig machen, und wenn Sie wollen, bin ich um neun Uhr hier; wir brauchen anderthalb Stunden, um uns in's Schloß zu begeben, der Weg iſt herrlich.. man geht beinahe beſtändig im Wald.“ „Und wenn wir das Schloß verlaſſen, können wir im Wald frühſtücken, wir nehmen Obſt mit...“ ſagte heiter Madame Baſtien; „ich werde Marguerite beauftragen, einen von den Brodkuchen zu machen, die Sie ſo ſehr lieben.“ „Ich nehme es an unter der Bedingung, daß der Brodkuchen ſehr groß wird,“ rief freudig der Doctor, „daß er ungeheuer wird, denn Frederik und Sie werden eine bedeutende Breſche daran machen.“ „Seien Sie unbeſorgt, Doctor,“ erwiederte nicht minder heiter Madame Baſtien, „wir werden alle unſern guten Theil am Kuchen haben.. Doch ſehen Sie, dort kommt eben Frederik, der ſeine Lection beendigt hat; ich überlaſſe Ihnen das Vergnügen, ihm dieſe liebenswürdige Ueberraſchung zu bereiten.“ „Oh! Mutter, welches Glück!“ rief der Jüngling, als ihm Herr Dufour ſeinen Plan mitgetheilt hatte, „wie herrlich muß dieſes Schloß anzuſchauen ſein! . danke, mein guter Herr Dufour, daß Sie uns dieſe ſchoͤne Reiſe in das Land der Feen bereitet haben.“ Der Poctor war am andern Tag pünktlich, und er, Madame Baſtien und ihr Sohn gingen an einem herr⸗ lichen Sommermorgen nach dem Schloſſe Pont⸗Brillant ab⸗ Prittes Rapitel. Madame Baſtien, ihr Sohn und der Doctor Dufour kamen, nachdem ſie durch einen herrlichen Wald gegangen waren, nach dem Schloß Pont⸗Brillant durch eine breite, eine halbe Stunde lange Allee, an der Gegenalleen hin⸗ liefen, welche von Raſen begrenzt und wie die Hauptallee mit rieſigen, vielleicht vierhundert Jahre alten Ulmen be⸗ pflanzt waren; ein weiter Vorplatz, geſchmückt mit unge⸗ heuren Orangenbäumen in Käſten, umgeben von ſteinernen Geländerdocken und in einer Terraſſe endigend, von wo aus man einen ungeheuren Horizont umfaßte, diente dem Schloß als Ehrenhof. Dieſes Meiſterwerk der Architektur der Renaiſſance mit den durchbrochenen Thürmchen, mit den gezackten Kuppeln, mit ſeinen Domen, mit ſeinen mauriſchen Colon⸗ naden erinnerte an das großartige, feenhafte Ganze des Schloſſes Chambord. Frederik und ſeine Mutter hatten immer nur in einer Entfernung von anderthalb Meilen dieſe eindruckevolle Maſſe von Gebäuden geſehen; Beide blieben einen Augen⸗ blick von Bewunderung ergriffen mitten auf dem Vor⸗ platz ſtehen, um mit einem Blick dieſe bezaubernden Ein⸗ zelnheiten, dieſe zahlloſen ſteinernen Stickereien, von deren Vorhandenſein fie keine Ahnung hatten, zu umfaſſen. So triumphirend, als ob das Schloß ihm gehoͤrt hätte, rieb ſich der gute Doctor freudig die Hände und fagte mit einem gewiſſen Dünkel: „Das iſt noch nichts... Das find nur die Baga⸗ tellen der Thüre. Wie wird es erſt ſein, wenn Sie in das Innere dieſes Zauberpalaſtes eingedrungen find.“ „Mein Gott, Mutter,“ ſagte Frederik, „fieh doch jene 31 Colonnade mit Gewölbbogen neben dem großen Dom, wie leicht, wie luftig das iſt!“ „Und dort jene ſteinernen Balcons,“ ſprach die junge Frau. „man ſollte glauben, es wären Spitzen. Und die Bildhauerarbeiten an den Fenſtern des erſten Stockes.“ „Ich erkläre,“ ſagte der Doctor mit komiſchem Ernſt, „ich erkläre, wir kommen vor morgen nicht aus dem Schloß heraus, wenn wir ſo viel Zeit mit Bewunderung der Mauern verlieren.“ „Herr Dufour hat Recht,“ fügte Marie bei, indem den Arm ihres Sohnes nahm, „komm, laß uns gehen.“ „Und die Gebäude, welche das Ausſehen eines zweiten, durch kreisförmige Flügel mit dem erſten verbundenen Schloſſes haben?“ fragte der Jüngling den Arzt, „was iſt das, Herr Dufour?“ „Es ſind die Stallungen und die Geſindewohnungen, mein Junge.“ „Stallungen?“ verſetzte Madame Baſtien; Sie täu⸗ ſchen ſich, mein lieber Doctor.“ „Wie? Sie haben nicht mehr Vertrauen zu Ihrem Cicerone!“ rief der Doctor, „erfahren Sie, Madame, daß ich mich nicht täuſche. Es ſind ſo ſehr Stallungen, daß der Marſchall von Pont⸗Brillant, der Urgroßvater oder Ururgroßvater des gegenwärtigen jungen Marquis, als er das Schloß bewohnte, ein Regiment Cavalerie kommen ließ, das er ganz auf ſeine Koſten mit Mann und Roß in die Geſindewohnungen und Ställe des Schloſſes ein⸗ quartierte, Alles, um ſich das Vergnügen zu machen, jeden Morgen vor ſeinem Frühſtück dieſe Cavalerie auf dem Vorplatz, den Sie hier ſehen, manveuviren zu laſſen; es ſcheint, dies ſchärfte dem würdigen Herrn den Appetit.“ „Das war eine Phantaſie würdig eines großen Feld⸗ herrn, wie er geweſen,“ ſagte Marie, „denn Du erinnerſt Dich, Frederik, mit welchem Intereſſe wir dieſen Winter ſeine Feldzüge in Italien laſen.“ „Ob ich mich erinnere? Ich glaube wohl,“ rief 32 Frederik; „nach Karl XII. war der Marſchall von Pont⸗ Brillant mein Lieblingsheld.“ So plaudernd hatten die drei Beſuche den Vorplatz vurchſchritten. Als Madame Baſtien Herrn Dufour ſchräge gegen rechts gehen ſah, ſtatt ſich gerade nach der Fagade des Schloſſes zu wenden, ſagte ſie: „Aber Doctor, mir ſcheint, man muß in den inneren Hof durch dieſes monumentale Thor eintreten.“ „Gewiß, die Herren des Schloſſes treten hier ein. .. aber arme Teufel, wie wir, welche nur die Protection des Herrn Directors der Blumenzucht haben, find ſehr glücklich, wenn ſie durch eine kleine Thüre der Ge⸗ findewohnung eintreten dürfen; es wäre ſchön anzuſchauen, wenn der Herr Portier ſich die Mühe geben ſollte, für uns unwürdige Plebejer dieſes mit Wappen geſchmückte Gitter zu öffnen.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung wegen meiner dünkel⸗ haften Anmaßung,“ ſagte heiter Madame Baſtien zum Doctor, während Frederik, der von fern eine komiſche Ver⸗ beugung vor dem Gitter machte, lachend ausrief: „Edles mit Wappen geſchmücktes Gitter, wir müſſen in Demuth anerkennen, daß Sie nicht für uns gemacht ſind.“ Berr Dufour läutete an einer Thüre des Gefinde⸗ hauſes und verlangte Herrn Dutilleul, den Director der Blumenzucht, zu ſprechen; der Doctor wurde einge⸗ führt und gab Madame Baſtien ſeinen Arm. Um zu der Wohnung von Herrn Dutilleul zu gelan⸗ gen, mußte man durch einen Thell des Hofes der Stal⸗ kungen gehen. Etwa dreißig Reit⸗, Jagde oder Fahrpferde, welche dem jungen Marquis gehoͤrten, waren am Tage zuvor mit ſeinen Equipagen angekommen; Stallknechte in großer Anzahl gingen hin und her; die einen traten in die Ställe ein, oder kamen aus dieſen heraus, andere wuſchen mit Wappen verzierte Wagen, wieder andere dem Stahl der Gebiſſe und der Steigbügel den Glanz und die Glätte des polirten Silbers; Alles unter der 33 aufmerkſamen Oberaufſicht des Herrn Chef der Stal⸗ lungen, eines Engländers von reiferem Alter, der ganz die Haltung eines vollkommenen Gentleman hatte und, die Cigarre im Mund, den Stock in der Hand, dieſe Arbeiten⸗ mit einem ganz britiſchen Phlegma überwachte. Zuweilen hörte man auch in einem naheliegenden Gebäude das furchtbare Bellen einer beträchtlichen Meute von Hunden; ferner, als ſie an einer Art von unterirdiſchen Gallerie vorübergingen, die nach den Küchen führte, er⸗ blickten die Beſuche acht bis zehn Köche und Küchenjungén, welche eben zwei große Fourgons voll von kupfernem Ge⸗ räth abluden, von dem man hätte glauben ſollen, es wäre für die Mundküche von Gargantua beſtimmt. Plötzlich rief der Doctor, indem er auf eine große Thüre deutete, die ſich auf ihren Angeln gedreht hatte: „Wie es kommen abermals Pferde!... Das iſt ein wahres Regiment. Es iſt, als wären wir in die Zeit des Marſchall von Pont⸗Brillant zurückgekehrt.“ Fünfundzwanzig Pferde von verſchiedenem Alter und Wuchs, völlig verborgen unter Kappen und Decken, mit den Farben und Wappen des Marquis, die einen geritten, die anderen an der Hand geführt, ſingen wirklich an unter den Gewölben zu defiliren. Ihre ſtaubigen Schabracken und Knieſchienen deuteten an, daß ſie einen langen Weg gemacht hatten: eine beſpannte Caleche ſchloß den Zug. Ein junger Mann von eleganter Haltung ſtieg aus und gab einem der Führer der Pferde, der ihn mit dem Hut in der Hand anhörte, einige Befehle in engliſcher Sprache. „Mein Freund,“ fragte der Doctor einen vorüber⸗ gehenden Bedienten, „gehören dieſe Pferde auch dem Herrn Marquis?“ „Ja, es ſind die Rennpferde und die Zuchtſtuten des Herrn Marquis, der hier ein Geſtüte anlegen will.“ „Und der Herr, welcher ſo eben aus der Caleche ge⸗ ſtiegen iſt?“. Die fieben Todſünden. U. Abth. 1r Bd⸗ 3 34 „Es iſt Herr John Newman, der Entraineur des Herrn Marquis,“ antwortete der Bediente und ging vorbei. Madame Baſtien, ihr Sohn und der Dortor, welche keinen Begriff von einer ſo zahlreichen Dienerſchaft hatten, ſchauten mit Erſtaunen dieſe unglaubliche Menge von Ge⸗ ſinde aller Art an. „Nun, Madame Baſtien,“ ſagte lachend Herr Du⸗ four, „wenn der junge Marquis erführe, daß Sie, wie ich und ſo viele Andere, als einzige Dienerſchaft nur eine oder zwei alte arme Mägde haben, und daß wir dennoch ziemlich gut bedient ſind, er würde uns in's Geſicht lachen.“ „Mein Gott! welcher Lurus!“ rief Marie, „ich bin ganz betrübt.. Dieſes Schloß iſt eine Welt und dann die vielen Pferde! Ich hoffe, hier wird es Dir nicht an Modellen fehlen, Frederik, Dir, der Du ſo gern Pferde zeichneſt, die Du bis jetzt nur nach dem ehrwürdigen Por⸗ trait unſeres armen, alten Ackerpferdes gemacht haſt.“ „Meiner Treue, Mutter,“ erwiederte Frederik, „ich glaubte, Niemand, den Koͤnig vielleicht ausgenommen, wäre reich genug, um eine ſo große Anzahl Bediente und Pferde zu halten. Mein Gott! wie viele Dinge, wie viele Thiere, wie viele Menſchen für den Dienſt und die Vergnügungen einer einzigen Perſon beſtimmt!“ Dieſe letzten Worte ſprach Frederik mit einem leichten Ausdruck von Ironie, was Madame Baſtien nicht bemerkte, erſtaunt und, es iſt nicht zu leugnen, ergötzt, wie ſie war, durch den Anblick eines für ſie ſo neuen Schauſpiels; ſie demerkte auch nicht, daß ſich das Geſicht ihres Sohnes wiederholt unter einem peinlichen Ausdruck zuſammenzog. Ohne ein ſtarker Beobachter zu ſein, fühlte ſich Fre⸗ derik doch unangenehm berührt durch einen Mangel an Rückſichten, dem der Doctor und ſeine Mutter unter dieſer Menge lärmender, geſchäftiger Diener ausgeſetzt geweſen waren. Einige hatten die Beſuche im Vorübergehen mit den Ellenbogen geſtoßen, Andere hatten ihnen grober Weiſe den Weg verſperrt; Mehrere endlich hatten, erſtaunt über ——,—— 35 die wunderbare Schönheit von Marie Baſtien, dieſer mit einer frechen, beinahe vertraulichen Neugierde in's Geſicht geſchaut. .. Vorfälle, gegen welche die junge Frau übri⸗ gens aus Zerſtreuung oder aus Würde völlig gleichgültig geblieben war. Nicht ſo verhielt es ſich bei ihrem Sohn: verletzt in ſeiner zarten, kindlichen Verehrung für ſeine Mutter durch das Benehmen der Leute des jungen Marquis, begriff er alsbald, daß ſeiner Mutter, dem Doctor und ihm ein ſolcher Empfang nur in Folge des Umſtandes zu Theil wurde, daß ſie nach einem der oberſten Bedienten fragend, durch die Thüre der Subalterne eingetreten waren. Frederik fühlte von da an, wie ſich ſeine naive Be⸗ wunderung für all dieſen Lurus mit einer leichten Bitter⸗ keit nuancirte, welche Bitterkeit ſeine ſpöttiſche Bemerkung über die Anzahl der für den Dienſt oder die Vergnügungen einer einzigen Perſon beſtimmten Pferde und Menſchen herbeigeführt hatte. Die ſeinem Alter natürliche Beweglichkeit der Ein⸗ vrücke, der Anblick der herrlichen Gärten, die er zu durch⸗ wandern hatte, um ſeine Mutter und den Doctor bis zu den Treibhäuſern zu begleiten, bewirkten bei dem Jüngling, wenn nicht Vergeſſenheit, doch wenigſtens die Zerſtreuung von dieſen erſten Gefühlen. Das Perſonal der Gärtner von Pont⸗Brillant war nicht minder beträchtlich, als das der anderen Dienſte; nachdem er ſich bei mehreren Untergeordneten des Herrn Directors der Blumenzucht, den er nicht zu Hauſe getroſſen, erkundigt hatte, wo dieſer wichtige Mann wäre, fand der Doetor mit ſeinen Freunden Herrn Dutilleul im Haupttreibhaus. Dieſe ungeheure Rotunde mit ihren zahlloſen Glas⸗ ſcheiben und dem koniſchen Dach hatte zweihundert Fuß im Durchmeſſer, bei vierzig Fuß Höhe am Culminations⸗ punkt, und dieſes riefige Treibhaus, mit einer bewunderungs⸗ würdigen Kühnheit und Leichtigkeit gebaut, war voll der ſchönſten exotiſchen Vegetabilien. 36 Hier waren es Piſange von jeder Größe und jeder Spielart von den Zwerg⸗Muſa, beladen mit Früchten, bis zu den auf dreißig Fuß emporragenden Paradiſiaca, deren Blätter mehr als neun Fuß Länge hatten; ferner vermiſchten ſich die grünen Fächer der Dattelbäume und der Latanbäume mit den ſchlanken Stängeln der Zuckerrohre und der Bambusrohre, während ſich im klaren Waſſer eines in der Mitte des Treibhauſes lie⸗ genden Baſſin die ſchönſten Waſſerpflanzen ſpiegelten. Ar⸗ ums aus Indien mit den ungeheuren, ſchildartig runden Blättern, Cypirus mit den wogenden Büſchen, Lotus aus dem Nil mit den großen azurblauen Blüthen, deren Wohlgeruch ſo berauſchend iſt. Es war eine wunderbare Miſchung der Vegetation von allen Formen, allen Großen, allen Farben, von dem laſſen, gemarmorten Grün der Begonias bis auf die abwechſelnd zarten und dunklen Streifen der Marantha bewunderungswürdige Blätter, oben grüner Sammet, unten purpurner Atlaß; hier contraſtirten die großen, ſchwärz⸗ lichen und fleiſchigen Ficus mit den Farrenkräutern vom Kap, mit ihrem ſo zarten Blätterwerk und den ſo ſchlanken Zweigen, daß man glauben ſollte, Halme von veilchen⸗ blauer Seide trügen eine grüne Spitze; anderswo wett⸗ eiferte die Strelizia, deren Blume einem Vogel mit vrangenfarbigen Flügeln und lapisblauen Kopffedern gleicht, in Reichthum und Glanz mit der Aſtrapea, mit ihrem kirſchrothen, goldgelb getüpfelten Pompon; an einigen Orten endlich verbargen die ungeheuren Blätter der Para⸗ diesfeigenbäume, ein Gewölbe von natürlichem Grün mit geſchmeidigen, durchſichtigen Bogen bildend, ſo völlig das Fenſterwerk der Rotunde, daß man ſich hätte auf tropiſche Erde verpflanzt glauben können. Beim Anblick dieſer wunderbaren Vegetation tauſchten Madame Baſtien und Frederik jeden Augenblick Ausrufun⸗ gen des Erſtaunens und der Bewunderung. Speich, Peebetit, naſcher Glic, ſe erwlich ſehen berühren zu dürfen, dieſe Piſange, dieſe Dattelbäume, von 37 denen wir ſo oft die Beſchreibung in den Büchern der Reiſenden geleſen haben!“ rief Marie. „Mutter! Mutter, ſagte Frederik, indem er Madame Baſtien eine Staude mit ſmaragdgrünen, gezähnelten Blät⸗ tern zeigte, „das iſt die Kaffeeſtaude, und dort jene ſchöne Pflanze mit den ſo dicken Blättern, welche ſich an der Säule hinanrankt, iſt die Vanille.“ „Frederik, ſieh doch die ungeheuren Blätter des Latan⸗ baumes wie gut begreift man, daß in Indien fünf bis ſechs Blätter genugen, um eine Hütte zu bedecken!“ „Mutter, ſchau doch die hübſchen Grenadillen, von denen Kapitän Cook ſpricht, ich habe ſie ſogleich an ihren Blumen erkannt: man ſollte glauben, es wären Korbchen von durchbrochenem Porzellan ... und wir beſchuldigten den armen Kapitän, er mache ſich einen Spaß daraus, unmögliche Blumen zu erfinden.“ „Mein Gott, mein Herr,“ ſagte Marie zum Director der Blumenzucht, „wenn Herr von Pont⸗Brillant hier iſt, muß er dieſen Zaubergarten nicht verlaſſen.“ „Der Herr Marquis iſt wie ſein ſeliger Herr Vater, er iſt kein Liebhaber von Pflanzen und zieht den Hunde⸗ zwinger und den Pferdeſtall vor,“ antwortete ſeufzend der Gäriner. Madame Baſtien und ihr Sohn ſchauten ſich er⸗ ſtaunt an. „Aber, mein Herr,“ fragte treuherzig die junge Frau, „warum hat er dann dieſe prachtvollen Treibhäuſer 7* „Weil es kein wahres Schloß ohne Treibhäuſer gibt, Madame,“ antwortete ſtolz der Herr Director der Blumenzucht, „das iſt ein Lurus, den ein ächter vor⸗ nehmer Herr ſich ſelbſt ſchuldig iſt.“ „So iſt es mit der menſchlichen Ehrfurcht!“ ſagte Marie mit einem ſanft ſpöttiſchen Lächeln zu ihrem Sohn, „Du ſiehſt, Frederik, die Selbſtachtung verlangt, daß man ſolche Wunder beſitzt.“ Dann fügte ſie, ihrem Sohn in's Ohr ſprechend, bei: „Sage, mein Engel, welche köſtliche Stunden würde man im Winter, wenn die Tage ſo kurz 38 ſind und es ſchneit, der Reife und des Eiſes ſpottend hier zubringen!“ Der Doctor mußte die junge Mutter und ihren Sohn ihrer ungeſättigten Bewunderung entreißen. „Meine lſebe Madame Baſtien, wir müſſen allein in dieſem Gewächshaus zwei Tage zubringen, wenn Sie alles im Einzelnen ſehen wollen.“ „Es iſt wahr, mein lieber Doctor, es iſt wahr,“ ant⸗ wortete Madame Baſtien. „Vorwärts,“ fügte ſie lächelnd und zugleich vor Bedauern ſeufzend bei, „verlaſſen wir die Tropenländer, um ohne Zweifel in einen andern Welt⸗ theil zu gehen, denn es iſt hier, wie Sie ſagten, Herr Dufour, das Land der Wunder.“ „Sie glauben zu ſcherzen?“ ſagte lächelnd der Doctor, „nun! wenn Sie vernünftig ſind, werde ich Sie ſogleich nach China führen.“ un Mach China ?. . mein guter Doctor, iſt das mög⸗ „Gewiß, und wenn uns eine Viertelſtunde übrig bleibt, machen wir ſodann einen kleinen Abſtecher in die Schweiz.“ „Auch in die Schweiz?“ rief Frederik. „Mitten in die Schweiz. . . Hernach beſuchen wir das Schloß, und dort wird es etwas ganz Anderes ſein.“ „Was denn noch, Doctor?“ „Oh! dort ſind es nicht mehr verſchiedene Länder, die wir durchwandern, ſondern die Zeitalter, von der gothi⸗ ſchen Zeit bis zu dem Jahrhundert Ludwig XV., und dies Alles in höchſtens einer Stunde.“ „Ich glaube Ihnen, Doctor, und bin entſchloſſen, mich über nichts mehr zu wundern, denn wir find hier im Lande der Feen,“ antwortete Madame Baſtien. „Komm, Frederik.“ Und die drei Beſuche folgten dem Herrn Director der Blumenzucht, der mit einem gewiſſen pfiffigen Dünkel beiſeit über das bürgerliche Erſtaunen der Freunde von Herrn Dufour lächelte. Einen Moment ſeinen erſten Gefühlen durch den er⸗ 39 greifenden Anblick des Treibhauſes entzogen, folgte Frederik ſeiner Mutter mit minder raſchem Schritt, als gewöhnlich; er fühlte ſein Herz ſeltſam bedrückt bei dem Gedanken an die verächtliche Gleichgültigkeit des jungen Marquis von Pont⸗Brillant gegen dieſe Wunder, welche die Freude, der Genuß, die unabläſſige Beſchäftigung ſo vieler Perſonen, würdig, dieſe mit ſo großen Koſten vereinigten Schätze der Natur zu achten und zu lieben, geweſen wären. piertes Rapitel. Der Herr Director der Blumenzucht führte, als ſie die ungeheure, das Haupttreibhaus bildende Rotunde verließen, die drei Beſuche in andere Treibhäuſer, die ſich an den Seiten ausdehnten; das eine von dieſen, welches für die Ananas beſtimmt war und alle Gattungen dieſer wohlriechenden Frucht enthielt, mündete gegen ein ſpecielles Treibhaus für die Orchideen aus; der Doctor mußte abermals Marie Baſtien und ihren Sohn dem Erſtaunen, der Bewunderung entreißen, worein ſie trotz der feuchten, erſtickenden Temperatur dieſes Treibhauſes bei dem Anblick mehrerer blühender Orchis verſanken, deren bizarre, bei⸗ nahe phantaſtiſche Blumen bald buntſcheckigen, lebhaft ge⸗ färbten Schmetterlingen, bald geftügelten Inſekten von fabelhaftem Ausſehen gleichen. Hier endigte ſich die Herrſchaft von Herrn Dutilleul; doch er hatte die Güte, unſere Neugierigen auf das Gebiet ſeines Collegen von der Orangerie und bom gemäßigten Treibhaus zu führen. zendſtes an Stoffen, Lacken, Meubles, Porzellanen, eiſe⸗ 40 „Ich hatte Ihnen China verſprochen,“ ſagte der octor zu ſeinen Freunden, „wir ſind in China.“ Als man das Treibhaus mit den Orchideen verließ, trat man in der That in eine chineſiſche Gallerie mit durchbrochenen, roth und hellgrün angemalten Pfeilern, und gepflaſtert mit viereckigen Porzellanplatten, denen ähn⸗ lich, womit eine einige Fuß hohe Mauer bekleidet war, welche den Säulen als Baſis diente; zwiſchen dieſen waren große hlau, weiß und goldene Gefäße von Japan aufge⸗ ſtellt, welche Camelien, Gichtroſen, Felſenſträuche, Citronenbäume und Stauden aller Art enthielten. Dieſe während der ſchlimmen Jahreszeit mit Glas⸗ ſcheiben verſehene Gallerie führte zu einem wahren chine⸗ fiſchen Haus, welches den Mittelpunkt eines Wintergartens bildete. Dieſes ſeltſame Gebäude, das einen ungeheuren Aufwand an Mühe und Geld gekoſtet hatte, gehörte ſeinem Urſprung nach der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an, einer Zeit alſo, wo die Wuth der Kunſtwerke im chineſiſchen Styl den hochſten Grad erreicht hatte. Ein Zeuge hievon iſt die wohlbekannte Pagode von Chante⸗ loup, ein ſehr hohes, ganz aus Porzellan errichtetes Ge⸗ bäude. Das chineſiſche Haus von Pont⸗Brillant ſtand in keiner Pinſicht hinter der berühmten Folie von Herrn von Chviſeul. Die Anordnung und Eintheilung dieſes aus mehreren Zimmern beſtehenden Gebäudes, ſeine Tapeten, ſeine Meubles, ſein Hausgeräthe, ſeine Zierrathen, Alles war ſtreng authen⸗ tiſch; und um die Täuſchung vollſtändig zu machen, hoben zwei in reiche Stoffe gekleidete, herrliche Magots, welche auf jeder Seite am Eingang des Salon aufgeſtellt waren, die Vorhänge halb auf und ſchienen ſo den Beſuchen zu öffnen, die ſie von Minute zu Minute mittelſt eines inneren Mechanismus grüßten, der dieſelben ihre Augen bewegen und abwechſelnd den Kopf emporrichten und wieder ſenken ließ. Alles, was China Seltſamſtes, Farbenreichſtes, Glän⸗ 4¹ lirten Gegenſtänden von Gold, Silber und Elfenbein bietet, war in dieſem Muſeum vereinigt, deſſen drei Fenſter von Bambus mit durchſichtigen Scheiben von Reisteig, bemalt mit Blumen und buntfarbigen Vögeln, auf den Winter⸗ garten gingen. Dieſes Gebäude, eine Art von gemäßigtem Treibhaus, bepflanzt mit Bäumen und Geſträuchen aus China, war vom Herbſt an durch eingerahmte Glas⸗ ſcheiben bedeckt, welche ſich an den Vorſprung des Daches vom Haus anſchloßen. „Iſt das ein Traum?“ ſagte Madame Baſtien, welche dieſe Wunder mit ebenſo viel Neugierde, als Intereſſe be⸗ trachtete, „wie viel Schätze aller Art!. .. Sieh doch, Frederik! das iſt ein lebendiges Buch, worin man die Sitten, die Gebräuche, die Geſchichte dieſes ſeltſamen Lan⸗ des ſtudiren könnte, denn hier findet ſich eine Sammlung von Medaillen, von Münzen, von Zeichnungen und Manuſeripten.“ „Sprich doch, Mutter,“ ſagte Frederik, „wie viele ſchöne lange Winterabende könnte man hier, eine Reiſe in China leſend, und allen Erzählungen des Buches gleichſam in der Natur folgend, zubringen.“ „Mein Herr,“ ſagte Marie zu Herrn Dutilleul, „Herr von Pont⸗Brillant beſucht wenigens häufig dieſen ſo ſeltſamen, ſo interſſanten Pavillon?“ „Der Herr Marquis hat auch keine Freude an chine⸗ ſiſchen Kunſtwerken, Madame; die Jagd iſt ihm lieber; ſein Urgroßvater, der ſelige Herr Marquis, ließ die ſes Haus bauen, weil es in jener Zeit Mode war.“ Marie konnte ſich nicht enthalten, unmerklich die Achſeln zu zucken, während ſie ein halbes Lächeln mit ihrem Sohn tauſchte, der, immer mehr träumeriſch und nachdenkend, ſeiner Mutter folgte, welche am Arm des Doctors ging. Die Beſuche hatten nun eine gekrümmte Allee des Wintergartens zu durchſchreiten und gelangten ſodann in eine Felſengrotte, welche im Innern durch dicke, bläuliche, in die Felſen eingefügte Linſengläſer beleuchtet war; dieſe Lichtöffnungen warfen in die unterirdiſche, mit Muſchel⸗ 42 werk und Korallen verzierte, Gallerie eine bleiche Helle, ähnlich der, welche nach Orten, die unter der See liegen, durchdringt. „Gehen wir nun zu den Undinen, guter Doctor?“ fragte Madame Baſtien heiter, während ſie eine ziemlich geneigte Fläche hinabzuſteigen anfingen, „wird uns nicht eine Najade auf der Schwelle ihres naſſen Reiches em⸗ pfangen?“ „Weit entfernt,“ erwiederte der Doctor, „dieſer, wie Sie ſehen, mit Matten belegte und im Winter gehizte Gang führt nach dem Schloß; Sie werden bemerken, daß Alles, was wir geſehen haben, durch geheime Gänge mit einander in Verbindung ſteht, und daß man ſo im Winter ohne Furcht vor der Kälte oder dem Regen nach den ver⸗ ſchiedenen Welttheilen reiſen kann.“ Der unterirdiſche Gang mündete in der That durch eine Wendeltreppe gegen eine lange Gallerie aus, die man den Saal der Wachen nannte, und die Gallerie hatte auch in alten Zeiten zu dieſer Beſtimmung gedient. Zehn hohe Bogenfenſter, geſchmückt mit gemalten Scheiben, worauf das Wappen der Marquis von Pont⸗ Brillant, beleuchteten dieſen ungeheuren Saal mit dem Täfelwerk von geſchnitztem Eichenholz und dem himmel⸗ blauen Plafond, der vurch ausgearbeitete und vergoldete eichene Querbalken in Gevierte abgetheilt war. Zehn Krieger, völlig gerüſtet, den Helm auf dem Kopf, das Viſir niedergelaſſen, den Schild am Arm, die Partiſane im Panzerhandſchuh, das Schwert an der Seite, waren den zehn Fenſtern der Gallerie gegenüber aufgeſtellt, und die regenbogenfarbigen Reflere der Scheiben warfen da und dort prismatiſche Lichter auf den Stahl der Rüſtungen, welche ſich funkelnd von dem dunklen Täfelwerk abhoben. Mitten in der Gallerie ſah man auf einer Eſtrade einen ebenfalls völlig gewaffneten Reiter, deſſen großes Schlachtpferd, aus Holz gebildet, ganz und gar unter ſeiner ſtählernen Kopfbedeckung und unter den ſchleppenden Falten 43 ſeiner langen, halb chamois, halb carmefinrothen, reich mit Wappen geſchmückten Schabracken verſchwand. Die vollſtändige Rüſtung des Reiters war, bewunde⸗ rungswürdig mit Gold damascirt, ein Meiſterwerk der Ciſelirkunſt und der Verzierung. Der Herr Director der Blumenzucht blieb vor k Sab ſtehen und ſagte mit einem gewiſſen häuslichen tolz: „Dieſe Rüſtung, welche Sie hier ſehen, hat Raoul IV., Sire von Pont⸗Brillant, während des erſten Kreuz⸗ zugs getragen; nicht wahr, dies beweiſt, daß der Adel des Herrn Marquls nicht von geſtern herſtammt?“ In dieſem Augenblick öffnete ein betagter, ſchwarzge⸗ kleideter Mann eine von den maſſigen Thüren des Saales der Wachen, und Herr Dutilleul ſagte zum Doctor Dufour: „Ah! Doctor, hier kommt gerade Herr Legris, der Conſervator des Silbergeſchirrs vom Schloß; er iſt ein Freund von mir; ich will Sie ihm anvertrauen . . er wird Sie hier beſſer führen, als ich.“ Und er ging auf den Greis zu und ſagte leiſe zu ihm: „Mein lieber Herr Legris, das ſind Freunde von mir, welche gern das Schloß ſehen möchten; ich empfehle ſie Ihnen und werde Ihre Gefälligkeit erwiedern, wenn Ihre Bekannten meine Treibhäuſer beſuchen wollen.“ „Die Freunde unferer Freunde find unſere Freunde, mein Lieber,“ erwiederte der Herr Conſervator des Silbergeſchirrs; dann bedeutete er durch eine vertrau⸗ liche Geberde mit dem Kopf des Neugierigen, ſie mögen ihm in die Gemächer folgen, welche eine zahlreiche Diener⸗ ſchaft vollends in Ordnung brachte. Es wäre zu lang, die Wunder großartigen Glanzes aufzuzählen, welche das Erdgeſchoß dieſes Schloſſes, oder virlmehr dieſes Palaſtes enthielt: von einer Bibliothek, die viele bedeutende Städte beneidet hätten, bis auf eine Gallerie von Gemälden der größten alten und neuern Meiſter, auf welche die drei Beſuche nur einen Blick werfen konnten, denn ſie mußten dieſelbe beinahe haſtig durch⸗ ſchrelten, da der Herr Conſervator des Silberge⸗ ſchirrs, trotz des höflichen Verſprechens, das er Herrn Dutilleul gegeben, ſehr ungeduldig, ſich unſerer drei Neu⸗ gierigen zu entledigen, zu ſein ſchien. Der erſte Stock beſtand, wie es Herr Dufour Frederik und ſeiner Mutter angekündigt hatte, aus einer Reihen⸗ folge von Zimmern, welche Muſter der inneren Einrichtung vom XIV. bis zum XVIII. Jahrhundert darboten. Es war dies ein Muſeum von ganz eigenthümlichem Charakter in Folge der zahlreichen Familienportraits und der Antiquitäten aller Art, welche den verſchiedenen Mit⸗ gliedern dieſes alten und mächtigen Hauſes gehört hatten. In einem der Flügel des erſten Stockes waren die Gemächer der verwitweten Marquiſe von Pont⸗Brillant. Trotz ihres hohen Alters hielt dieſe darauf, ein eben ſo friſches, eben ſo zierliches Ameublement zu haben, als da ſie in ihrer erſten Jugend die ſchönen Tage des Hofes von Ludwig XV. durchlebte. Es war ein blendender Auf⸗ wand von Vergoldungen, von Spitzen und alten äußerſt koſtbaren Stoffen; es war eine Anhäufung von gedrehten und geſchnitzten Meubles, von Roſenholz von Porzellan von Seévres und von Sachſen. Nichts beſonders konnte rei⸗ zender ſein, als das Schlafzimmer, ausgeſchlagen mit roſenfarbigen und weißem Lampas, mit ſeinem Baldachin à la duchesse, beladen mit Büſcheln von Straußenfedern. Was das Ankleidezimmer betrifft, ſo war dies ein reizendes Boudoir, tapezirt mit zartblauem Damaſt, worauf große Sträuße von Maßlieben. Mitten in dieſem Boudvir, das, wie das Schlafzimmer, in vergoldetem Holz meublirt war, ſah man eine herrliche Pompadour mit Spiegel, verziert mit Decken und Vorhängen von genähten Spitzen aus Alengon, welche von dicken Bandſchleifen zu⸗ ſammengehalten wurden, und voll von Toilettegegenſtänden aller Art, die einen von emaillirtem Gold, die anderen von altem himmelblauem Soévres. Unſere drei Neugierigen waren eben in dieſes Zimmer eingetreten, als ein Mann mit einem hochmüthigen, von 45 Wichtigkeit aufgeblaſenen Geſicht erſchien. Dieſer Mann, der ein rothes Band am Knopfloch ſeines Oberrocks trug, war nicht weniger, als der Herr Intendant des Schloſſes und der Domänen. Bei dem Anblick der drei Fremden faltete der Herr Intendant die Stirne mit einer zugleich ſehr erſtaunten und ſehr unzufriedenen Miene. „Was machen Sie hier?“ fragte er ſeinen Unter⸗ gebenen, Herr Legris, mit gebieteriſchem Tone, „warum beſchäftigen Sie ſich nicht mit ihrem Silberzeug? .. Wer ſind dieſe Leute hier?“ Bei dieſen ungebührlichen Worten wurde Madame Baſtien wie Purpur vor Verwirrung; der Doetor richtete ſich in der ganzen Höhe ſeiner kleinen Geſtalt auf, Fre⸗ derik erröthete ungemein und rief mit halber Stimme, ſeine Mutter anſchauend: „Der Unverſchämte! . . .“ Madame Baſtien nahm raſch ihren Sohn bei der Hand und zuckte die Achſeln, indem ſie den albernen In⸗ tendanten mit einem Blick des Mitleids bezeichnete. „Herr Desmazures,“ antwortete demüthig Herr Le⸗ gris ſeinem Vorgeſetzten, „es ſind Freunde von Dutil⸗ leul; er hat mich gebeten, ihnen das Schloß zu zeigen. und ich glaubte „Das iſt unbegreiflich,“ rief der Intendant, Herrn Legris unterbrechend, „es iſt eine namenloſe Dreiſtigkeit. Das würde nicht bei Bürgern der Rue Saint⸗Denis vor⸗ fallen. So die Erſten die Beſten in die Gemächer der Frau Marquiſe einführen!“ Da machte der Doctor Dufour zwei Schritte gegen den Intendanten und ſprach mit feſter Stimme; „Mein Herr, wir, Madame Baſtien, ihr Sohn und ich, der ich der Arzt von Herrn Ditilleul bin, glaubten in der That nicht die geringſte Indiscretion dadurch zu begehen, daß wir ſein Anerbieten, uns das Schloß ſehen zu laſſen, annahmen; und wir haben auch keine begangen . Ich 46 habe mehrere königliche Reſidenzen beſucht, mein Herr, und halte es für geeignet, Ihnen zu bemerken, daß ich ſtets mit Höflichkeit von den Leuten, die ſie hüteten, auf⸗ genommen worden bin.“ „Das iſt möglich, mein Herr,“ erwiederte der Inten⸗ dant mit trockenem Tone, „doch Sie hatten ſich ohne Zweifel an denjenigen, welchem die Entſcheidung zuſtand, gewendet, um die Erlaubniß zu erhalten, dieſe Schloſſer beſuchen zu dürfen. .. Würden Sie Ihre Bitte ſchriftlich an mich gerichtet haben, an mich, den Intendanten, der ich in der Abweſenheit des Herrn Marquis allein hier Herr bin, ſo hätte ich geſehen, was zu thun geweſen wäre.“ „Wir haben den Herrn Intendanten nur noch zu bitten, er möge unſere Unwiſſenheit im Punkte der For⸗ malitäten entſchuldigen,“ ſagte Madame Baſtien mit einer ſpottiſchen Miene zu dem Wichtigthuer, um ihrem Sohn zu zeigen, wie wenig ſie ſich um die Unhöflichkeit dieſes Menſchen bekümmere. Und ſie nahm den Arm von Frederik. Der Doctor aber fügte mit höhniſchem Tone bei: „Wenn ich beſſer über die Gebräuche der Verwaltung des Herrn Intendanten unterrichtet geweſen wäre, ſo würde ich meine ehrfurchtsvolle Bittſchrift beim Herrn Intendanten eingereicht haben, um von ſeiner allmäch⸗ tigen Güte die Erlaubniß, das Schloß beſuchen zu dürfen, zu erhalten.“ „Mein Herr,“ rief der Intendant, ſich hochmüthig aufblähend, „iſt das ein Spaß?“ „So ungefähr, mein Herr,“ erwiederte der Doctor. Der Intendant machte eine Bewegung des Zorns. „Mein Herr,“ ſagte Madame Baſtien, ſich an den Intenvanten wendend, „um dieſes Geſpräch nicht mit einem Spaß zu endigen, mein Herr erlauben Sie mir, Ihnen im Ernſt zu bemerken, daß ich oft geleſen habe, man er⸗ kenne ſtets das Haus eines vornehmen Herrn an der voll⸗ kommenen Höflichkeit ſeiner Leute.“ „Nun! Madame?“ 47 „Nun! mein Herr, mir ſcheint, Sie wollen die Regel durch die Ausnahme beſtätigen.“ Es läßt ſich nicht ſchildern, mit welcher Feinheit, mit welcher anmuihrelchen Würde Marie Baſtien dieſe wohl⸗ verdiente Lectivn dem aufgeblaſenen Menſchen gab, der ſich auf die Lippen biß und kein Sterbenswörtchen mehr hören ließ. Marie nahm ſodann den Arm des Doctors und ſagte leiſe und mit halber Stimme zu ihm, ſo wie zu Frederik: „Man darf ſich hierüber nicht wundern, wiſſen wir nicht, daß man in Zauberländern zuweilen boshafte Geiſter trifft, welche jedoch ſtets einem untergeordneten Nang an⸗ gehören?.. Flüchten wir uns raſch mit der Erinnerung an die Wunder, welche der gemeine Geiſt nicht zu be⸗ ſchmutzen im Stande geweſen ſein wird.“ Eine Viertelſtunde nach dieſem Vorfall verließen Ma⸗ dame Baſtien, Frederik und der Doctor das Schloß Pont⸗ Brillant. Ebenſo aus Wohlwollen, als aus Zartgefühl für den Doctor, der ſehr peinlich von dem unangenehmen Ausgang dieſer Excurſion, deren Gedanken er ſich nun zum Vor⸗ wurf machte, berührt zu ſein ſchien, nahm Marie ganz heiter ihren Antheil an dem gemeinſchaftlichen Unfall hin und ſcherzte zuerſt über die lächerliche Wichtigkeit, die ſich der Herr Intendant gab. Hoch über der Unhöflichkeit dieſes Menſchen ſtehend, war Herr Dufvur nur unwillig geworden, weil er glaubte, dieſer Vorfall könnte Madame Baſtien einen Aerger be⸗ reiten; als er ſie aber bald wieder ganz ſorglos ſah, kehrte auch bei ihm die natürliche Heiterkeit zurück, und er er⸗ innerte an das Vorhandenſein eines gewiſſen Brodkuchens, der nebſt anderen Mundvorräthen in dem Kaſten ſeiner Carriole, eines beſcheidenen Gefährtes, das er unter der Obhut eines Kindes am Eingang der Allee des Schloſſes zurückgelaſſen hatte, aufbewahrt war. Nachdem die Freunde eine Viertelſtunde im Walde 48 gegangen waren, fanden ſie einen ſchönen mit Raſen be⸗ wachſenen und vor der Sonne durch eine Gruppe unge⸗ heurer Eichen geſchützten Platz, wo ſie ſich freudig nieder⸗ ließen, um zu frühſtücken. Frederik ſchien, obgleich noch ein wenig wivrig er⸗ egt die Heiterkeit ſeiner Mutter und des Doetors zu theilen. Zu hellſehend, um nicht wahrzunehmen, daß ihr Sohn etwas Ungewöhnliches empfand, glaubte Marie die Urſache ſeiner Stimmung zu errathen und ſcherzte ſanft über das Gewicht, das er auf die Unverſchämtheit eines albernen Verwalters zu legen ſchien. „Ah! mein ſchöner Cid .. mein muthiger Ritter,“ ſagte ſie heiter zu ihrem Sohn, indem ſie ihn zärtlich um⸗ armte, „bewahre Deinen Zorn und Dein gutes Schwert für einen Deiner würdigen Gegner... Der Doctor und ich haben dieſem ſchlecht gezogenen Bedienten eine vor⸗ treffliche Lection gegeben. Wir wollen dieſen Tag luſtig ſchließen und nur an das Vergnügen denken, das es uns lange Zeit bereiten wird, von den Schätzen aller Art zu ſprechen, die wir geſehen haben und im Geiſte in unſer liebes Häuschen mitnehmen.“ Dann laut lachend, fügte die junge Frau bei: „Sprich, Frederik!“ „Mutter.“ „Du wirſt nicht vergeſſen, morgen früh dem alten Vater André, dem Director unſerer Blumenzucht unter freiem Himmel zu ſagen, er ſoll uns einen herrlichen Strauß von Maiblümchen aus dem Walde und von Veilchen von den Wieſen machen, kurz vom Seltenſten was wir nur immer haben.“ „Ja, Mutter,“ erwiederte Frederik lächelnd. „Ferner,“ fügte die junge Frau bei, „ferner darfſt Du nicht vergeſſen, den Herrn Chef unſerer Stallungen davon in Kenntniß zu ſetzen, daß er am Nachmittag unſern ehrwürdigen Schimmel anzuſpannen 49 hat. Wähle dieſen, und zwar aus Gründen, wir fahren nach der Stadt, um Hausleinwand einzukaufen.“ „Und ich, Frau Lacherin,“ rief der Doctor mit vollem Mund, „ich bezeuge Ihnen, daß Ihre alte Marguerite, die Vorſteherin Ihrer Küchen, einen Brodkuchen gemacht hat, oh! was für einen Brodkuchen!. . Der Doctor vollendete nicht, denn er wäre beinahe erſtickt. Da entſtand ein endloſes Gelächter, und Frederik ſtrengte alle ſeine Kräfte an, um die Heiterkeit ſeiner Mutter und des Doctors zu theilen. Das Gelächter des Jünglings war in der That ge⸗ zwungen, denn er empfand ein ſeltſames und zunehmendes moraliſches Mißbehagen . . Wie zuweilen gewiſſe unbe⸗ ſtimmte, unerklärliche Symptome den nahe bevorſtehenden Einbruch einer noch verborgenen Krankheit verkündigen, ſo ſchienen unbeſtimmte, unerklärliche, noch verworrene Ge⸗ fühle in der Tiefe des Herzens von Frederik zu entſtehen und zu keimen... Der noch unentſchiedene Charakter dieſer Gefühle verurſachte indeſſen bei ihm eine Art von Scham, welche ſo inſtinktartig war, daß er, der ſonſt ſo vertrauens⸗ voll gegen ſeine Mutter, ihren Scharffinn befürchtete und zum erſten Mal in ſeinem Leben Allem aufbot, um ſie zu täuſchen, was ihm auch dadurch gelang, daß er ſeine gewöhnliche Heiterkeit bis an vas Ende des Tags heuchelte. Fünftes Rapitel. Es waren ein paar Tage ſeit dem Beſuche vvn Madame Baſtlen und ihrem Sohne im Schloſſe Pont⸗Brillant vorüber. Frederik hatte das Haus ſeiner Mutter nur verlaſſen, um zu einigen Perſonen zu gehen, die ſich in einer nicht Die ſieben Tovſünden. I. Abth. 1r Bd⸗ 4 50 minder beſcheidenen Lage als er befanden; er blieb auch Anfangs unter dem Eindruck der Blendung, die ihn beim Anblick ver zahlreichen Wunder des Schloſſes und dieſer für ihn ſo neuen königlichen Pracht getroffen hatte. Am andern Morgen aber, als der Jüngling in ſeinem Stübchen erwachte, fand er es kahl und traurig; er ging ſeiner Gewohnheit gemäß zu ſeiner Mutter, um ihr in ihrem Zimmer den Morgenkuß zu geben, und unwillkühr⸗ ich verglich er abermals die zugleich coquette und pracht⸗ volle Eleganz der Gemächer der alten Marquiſe von Pont⸗ Brillant mit der Armuth der mütterlichen Wohnung, was ihm das Herz gewaltig zuſammenpreßte. Der Zufall machte dieſen Einvruck noch weit fühlbarer für ihn. Als Frederik bei Madame Baſtien eintrat, flocht die junge Frau in der ganzen Morgenfriſche ihrer entzückenden Schönheit ihre langen braunen Haare vor einer mit glän⸗ zender Leinwand bedeckten Toilette von weißem Holz, worauf ein kleiner Spiegel mit ſchwarzen Rahmen ſtand. Frederik, der ſich erinnerte, wie der Atlaß, die Spitzen und das Gold die glänzende Toilette der verwitweten Mar⸗ quiſe von Pont⸗Brillant ſchmückten, fühlte zum erſten Mal den ſcharfen Biß des Reides und ſagte zu ſich ſelbſt, indem er um ſo weniger die Bitterkeit ſeiner Betrachtung zu überwinden ſuchte, als es ſich nicht um ihn, ſondern um ſeine Mutter handelte: „Dieſes ſo zierliche, ſo koſtbare Boudvir, das ich im Schloß geſehen, ſcheint es nicht viel mehr beſtimmt für eine reizende Perſon, wie meine Mutter, als für die acht⸗ zigiährige Marquiſe, welche ſich in ihrer lächerlichen Coquet⸗ terie darin gefällt, ihr abgelebtes Geſicht in ihren mit Se Si und Bändern umrahmten Spiegeln zu be⸗ trachten?“ Träumeriſch und ſchon gewiſſermaßen betrübt, begab ſich Frederik in den Garten. Der Morgen war herrlich; die Juliſonne machte wie ebenſo viele Kryſtallperlen die am Kelch der Blumen hän⸗ genden Tropfen reichlichen Thaus funkeln. Oft war bis 51 dahin der Jüngling mit ſeiner Mutter über die Friſche, den Glanz und den Wohlgernch einer Roſe in Begeiſterung gerathen, wenn er mit immer neuem Entzücken dieſen Schatz an Colorit, Zierlichkeit und Duft analyſirte und bewunderte .. . Die ſilberne Scheibe der Gänſeblüm⸗ chen, der ſpiegelnde Sammet der Stiefmütterchen, die luftigen Blüthenbüſche der Akacie, oder des Ebenholz⸗ baumes, Alles endlich bis auf das Heidekraut der Einöden, bis auf den Ginſter des Waldes hatte bis jetzt ſeine ver⸗ ſtändige Bewunderung erregt; doch dieſen Morgen wurden ſolchen einfachen und reizenden Blumen nur zerſtreute, bei⸗ nahe verächtliche Blicke geſpendet. Das hundertjährige Eichenwäldchen, obgleich ſo ſchattig und ſo erheitert durch das Gezwitſcher der Vögel, welche auf das Gemurmel der kleinen Cascade und des Baches zu antworten ſchienen, fand ebenfalls nur Verachtung. . Was waren dieſe hundert alte Eichen und dieſer dünne Waſſerſtrahl im Vergleich mit den unermeßlichen Schatten des Parkes von Pont⸗Brillant, welche bald von weißen Marmorſtatuen bevölkert wurden, bald ſich in ungeheuren Baſſins ſpiegelten, aus deren Mitte Najaden und Tritone von Bronze, durch die Jahre grün geworden, beſtändig tauſend Waſſergarben emporſpringen machten, deren feuchter Staub den Gipfel der rieſigen Bäume erreichte? Immer mehr traurig und nachdenkend, war Frederik bald bis zum Saume des Wäldchens gekommen. Mit betrübter Seele ſchaute er maſchinenmäßig umher. Plotzlich bebte er und wandte ſich ungeſtüm um. Er hatte, am Horizont ſich abhebend und den alten Forſt beherrſchend, das Schloß Pont⸗Brillant erblickt, das die aufgehende Sonne mit einem goldenen Lichte übergoß. Bei dieſem Anblick warf ſich Frederik in den Schatten des Wäldchens zurück, als wollte er ſein Geſicht von einer ſchmerzlichen Blendung ausruhen laſſen.. Aber, ach! . obſchon er gleichſam die Augen des Körpers vor dieſer glänzenden Erſcheinung ſchloß, führte doch das nur zu treue Gedächtniß dieſes unglücklichen Jünglings, das ihn 52 unabläſſig an die Wunder erinnerte, die er erſchaut, un⸗ ſeliger Weiſe zu neuen und ſchmerzlichen Vergleichungen, welche eine nach der anderen die naiven, für ihn bis dahin ſo reizvollen Freuden der Vergangenheit verwelken machen und vergiften mußten. Als er ſo vor der halbgeöffneten Thüre des Stalles eines alten Ackerpferds außer Dienſt vorüberging, das man zu⸗ weilen an eine bedeckte Carriole, das demüthige Gefährt von Madame Baſtien, ſpannte, hörte Frederik wiehern: es war das arme Thier, das, gewohnt, jeden Morgen von ſeinem jungen Herrn einige harte Brodkruſten zu bekommen, durch die Oeffnung der Thüre ſeinen dicken, theilweiſe unter einer zerzauſten Mähne verborgenen, gutmüthigen Kopf ſtreckte und ſo freudig ſeinen täglichen Leckerbiſſen forderte. Um ſeine Vergeßlichkeit wieder gut zu machen, riß Frederik eine Handvoll friſches Gras ab, und ließ dies aus der Fauſt den ehrwürdigen Ackergaul freſſen, dem er zugleich den groben dicken Hals ſtreichelte; doch plötzlich erinnerte er ſich der herrlichen Renn⸗ und Jagpſerde, die er im Schloſſe geſehen, er lächelte mit einem Ausdruck bitterer Demüthigung und entfernte ſich ungeſtüm von dem alten Pferd, das, erſtaunt und noch ſeine handvoll Gras zwiſchen den Zähnen haltend, lange ſeinem Herrn mit einem verſtändigen, ſanften Blick folgte. Ein anderes Mal war es eine breſthafte, betagte Frau, der Frederik jede Woche, in Ermangelung eines Al⸗ moſens an Geld, Brod und einige Früchte ſchenkte. „Nehmt, gute Mutter,“ ſagte er, indem er ihr die gewöhnliche Gabe reichte, „ich möchte Euch gern beſſer unterflützen, doch meine Mutter und ich haben kein Geld.“ „Sie ſind dennoch ſehr gut, Herr Baſtien,“ erwiederte die Bettlerin, „doch bald werde ich mir nichts mehr von Ihnen zu erbitten haben.“ „Warum dies?“ „Ah! Herr Baſtien. . . der Herr Marguis wird das Schloß bewohnen, und dieſe vornehmen Herren, das — 53 ſpendet zuweilen große Almoſen in Geld, und ich hoffe meinen Antheil davon zu bekommen, Herr Baſtien.“ Zum erſten Mal erröthete Frederik über das gering⸗ fügige Almoſen, das er bis dahin mit einer ſo ſüßen Zu⸗ friedenheit des Herzens gegeben hatte; ſpäter antwortete er auch mit einer gewiſſen Heftigkeit einem Dürftigen, der ihn anflehte: „Ihr würdet über mein Almoſen ſpotten, wendet Euch an den Herrn Marquis. . . er muß die Vorſehung der Gegend ſein . . . er!. . . er iſt reich.“ Die Seele des unglücklichen Kindes verfinſterte ſich immer mehr. . Was ihn kaum zuvor noch entzückte, nahm in ſeinen Augen eine vüſtere Färbung an.. ein trauriger, kalter Nebel, der ſich allmälig über den heiteren Horizonten, über den lachenden Perſpectiven ſeiner bis dahin ſo glücklichen Jugendjahre ausbreitete. Dieſer Einbruch des Neides in das Herz von Fre⸗ derik wird vielleicht um ſo ſeltſamer erſcheinen, je beſſer man die Vergangenheit des Jünglings kennt. Und dennoch iſt dieſe ſcheinbare Anomalie erklärlich. Der Sohn von Madame Baſtien war in einer be⸗ ſcheidenen, beinahe armen Mitte erzogen worden; doch der ausgezeichnete Takt, der zarte Inſtinet der Mutter hatten ver Einfachheit ſeiner Umgebung einen ſeltenen Cha⸗ rakter von Zierlichkeit und Würde zu geben gewußt, und dies durch jene tauſend Nichtſe, deren Geſammtheit ſo reizend iſt. So können einige Zweige von wildem Heidekraut, vermiſcht mit Feldblumen und geſchmackvoll geordnet, einen glänzenden Schmuck bilven . . . Doch die anmuthige Hand, welche einen ſo ſchönen Nutzen aus der ländlichen Flora zu ziehen weiß, ſollte ſie minder geſchickt ſein, den Glanz eines eben ſo ſeltenen, als prachivollen Straußes zu nuan⸗ eiren? Gewiß nicht! Das Gefühl des Zierlichen und des Schönen, entwickelt, verfeinert durch die Erziehung, durch die Gewohnheiten, 54 durch die Pflege der Künſte, ſetzte alſo Frederik in den Stand, mehr als irgend Jemand die Herrlichkeiten des Schloſſes Pont⸗Brillant zu bewundern, zu würdigen, und leider auch nach Maßgabe des Verlangens, das ſie ihm einflößten, zu beneiden. Hätte Frederik dagegen bis dahin in einer gemeinen Mitte, umgeben von zurückſtoßenden Gegenſtänden, gelebt, ſo wäre er, an ein rohes Daſein gewöhnt, in ſeiner Plump⸗ heit mehr verwundert, als entzückt über die Schätze des Schloſſes geweſen, und er hätte ſie ohne Zweifel nicht be⸗ neidet, da er die erhabenen Genüſſe nicht gekannt, die ſie verſchaffen konnten. Das wäre abermals die Fabel vom Hahn und der Perle geweſen. . Durch die Erziehung, durch das Herz, durch den Verſtand, durch die Manieren, vielleicht ſogar durch die Anmuth und durch die Schönheit fühlte ſich Frederik auf dem Niveau des jungen Marquis. .. abgeſehen von der Geburt und dem Reichthum, und gerade deshalb beneidete er ihn um ſo herber um die Vortheile, die der Zufall allein ſpendet. Unabläſſig mit ihrem Sohn beſchäftigt, bemerkte Ma⸗ vame Baſtien allmälig die Veränderung, welche in ihm vorging und ſich durch häufige Anfälle von Schwermuth offenbarte. Das beſcheidene Cottage erſcholl nicht mehr wie in der Vergangenheit von tollem Gelächter, veranlaßt durch jene belebten und geräuſchvollen Spiele, an denen die junge Mutter ſo freudig Theil nahm. Waren die Studien vorüber, ſo nahm Frederik ein Buch und las während der Zeit ſeiner Erholung; doch mehr als einmal bemerkte Madame Baſtien, daß ihr Sohn, ſeine Stirne auf ſeine Hand ſtützend, eine Viertelſtunde lang die Augen ſtarr auf dieſelbe Seite geheftet verharrte. Wenn Madame Baſtien in ihrer wachſenden Unruhe zu ihrem Sohne ſagte: „Mein Sohn, ich ſinde Dich traurig, in Dich ge⸗ kehrt, ſchweigſam, Du biſt nicht mehr heiter wie früher.. 55 Da antwortete Frederik, indem er zu lächeln ſuchte: „Was willſt Du, Mutter, ich bin zuweilen ſelbſt er⸗ ſtaunt über die ernſtere Wendung, die mein Geiſt nimmt. . Doch warum ſollte man ſich im Ganzen hierüber wundern, ich bin kein Kind mehr.. die Vernunft kommt.“ Frederik hatte nie gelogen, und er log. Bis dahin hatte er als Kind oder als Jüngling ſtets redlich ſeiner Mutter ſeine Fehler geſtanden, und ſie war die Vertraute ſeiner geringſten Gedanken geweſen. Doch ſchon bei der Idee, ihr die in ihm durch ſeinen Be⸗ ſuch im Schloß Pont⸗Brillant erweckten Gefühle voll Galle anzuvertrauen, oder ſie dieſelben ergründen zu ſehen, er⸗ griffen den Jüngling eine niederbeugende Scham, eine un⸗ überwindliche Angſt. Je mehr er ſich von ſeiner Mutter angebetet wußte, deſto mehr befürchtete er, ihr entartet zu erſcheinen; er wäre nicht vor dem Geſtändniß eines aus irgend einer Hinreißung entſprungenen großen Fehlers zu⸗ rückgewichen, doch er wäre lieber geſtorben, als daß er die Qualen des Neides bekannt hätte; ſo gegen ſich ſelbſt auf der Hut durch die ängſtliche Sorge von Madame Baſtien, wandte er ſeine ganze Kraft, die ganze Hart⸗ näckigkeit ſeines entſchloſſenen Charakters, alle Mittel ſeines Geiſtes an, um fortan die ſchmerzliche Wunde zu ver⸗ bergen, die ihn zu zerfreſſen anfing; doch vergebens hätte er ſich dem tiefen Scharfſinn der Zärtlichkeit ſeiner Mutter zu entziehen geſucht, wäre dieſe nicht durch den Doctor Dufour zugleich irre geleitet und beruhigt worden. „Seien Sie unbeſorgt,“ ſagte in voller Treuherzigkeit der Arzt, dem ſie den Gegenſtand ihrer Befürchtungen an⸗ vertraut hatte, „Frederik erleidet den Einfluß der kritiſchen Epoche, in der er ſich befindet. Das letzte Wachſen und die Mannbarkeit veranlaſſen häufig während einiger Mo⸗ nate ungeſtüme und ſeltſame Umſchläge im Charakter der Jünglinge; die Aufgeweckteſten, die Heiterſten we den zu⸗ weilen düſter, ſchweigſam; ſie empfinden ſodann unerklär⸗ liche Bangigkeiten, Melancholien ohne Grund, große Nie⸗ dergeſchlagenheit und ein gebieteriſches Bedürfniß des Träu⸗ 8 56 mens und der Einſamkeit. .. Ich wiederhole, beunruhigen Sie ſich nicht über dieſe ſtets geheimnißvolle und unvor⸗ hergeſehene Erſcheinung. .. Beſonders dürfen Sie nicht das Ausſehen haben, als bemerkten Sie die Veränderung, welche Sie an Ihrem Sohn wahrnehmen; er würde für Sie und für ſich in Beſorgniß gerathen; laſſen Sie die Zeit machen. Dieſe beinahe unvermeidliche Kriſe wird ihr Ziel finden, und Sie werden dann Frederik zu ſeinem ge⸗ wohnlichen Charakter zurückkehren ſehen; nur wird er eine männliche, kräftig klingende Stimme haben. Beruhigen Sie ſich; ich ſtehe für Alles!“ Der Irrthum des Doctor Dufour war um ſo ent⸗ ſchuldbarer, als die Symptome, über die Madame Baſtien erſchrack, ungemein denen glichen, deren Gegenwart man bei vielen Jünglingen, wenn ſie in das Alter der Mann⸗ barkeit eintreten, wahrnimmt. Madame Baſtien mußte ihrerſeits dieſen ſo wahr⸗ ſcheinlichen Erklärungen beitreten, denn ſie hatte die wirk⸗ i. Urſache der Veränderung von Frederik nicht errathen können. . Dieſe Veränderung hatte ſich nicht unmittelbar nach dem Beſuch im Schloſſe geäußert; es war dies im Ge⸗ gentheil allmälig und durch einen ſtufenweiſen Fortſchritt geſchehen; und als der Tag kam, wo Madame Baſtien unruhig zu werden anfing, war mehr als ein Monat ſeit dem Ausflug nach Pont⸗Brillant verlaufen; es ſchien alſo kein Zuſammenhang zwiſchen dieſer freudigen Partie und der düſteren Schwermuth von Frederik zu beſtehen, der ſich überdies alle Mühe gab, um ſein Geheimniß zu verbergen. Wie ſollte endlich Madame Baſtien vermuthen, ihr Sohn, von ihr ſelbſt erzogen und bis dahin von einem ſo edlen, ſo hochherzigen Charakter, dürfte den Neid kennen. Beruhigt durch Herrn Dufour, zu dem ſie volles Vertrauen hatte und haben mußte, in den Symptomen, die ſie beunruhigt, nur die Folge einer vorübergehenden unvermeidlichen Kriſe erblickend, war Madame Baſtien, 57 während ſie mit zärtlicher Sorge die verſchiedenen Wand⸗ lungen im Zuſtand ihres Sohnes beobachtete, beſtändig bemüht, dieſem die Traurigkeit zu verbergen, von der ſie ſich, wenn ſie ihn ſo verändert fand, ergriffen fühlte, und ſah ſeiner Geneſung mit Reſignation entgegen. Der ſo begreifliche und von Madame Baſtien getheilte Irrthum hatte unſelige Folgen. Fortan vor den beſtändigen Fragen und dem unruhi⸗ gen Scharffinn ſeiner Mutter geſchützt, konnte ſich Fre⸗ derik blindlings dem Strome überlaſſen, der ihn fortriß. Während ſo ſein demüthiges Daſein, ſeine unſchuldi⸗ gen Freuden immer mehr unter dem glühenden Hauche einer neidiſchen Vergleichung hinwelkten, ſuchte Frederik Anfangs Zerſtreuung in den Studien; bald aber wurden ihm dieſe unmoglich. . . ſein Geiſt war anderswo . .. und dann ſagte er ſich: „Was ich auch lerne, was ich auch weiß, ich werde immer nur Frederik Baſtien ſein, ein halber Bauer, zum Voraus einem dunklen, armen Leben geweiht . während dieſer junge Marquis, ohne etwas hiefür gethan zu haben, ſich der Herrlichkeit eines glorreichen, durch Jahrhunderte berühmten Namens erfreut.“ Da tauchten im Gedächtniß von Frederik die feudalen Erinnerungen von Pont⸗Brillant auf, jene Waſſengalle⸗ rien, jene Portraits, jene Wappen, die ſprechenden Be⸗ weiſe der Macht und der hiſtoriſchen Berühmtheit dieſes alten, großen Hauſes; da ſank zum erſten Mal das un⸗ glückliche Kind, grauſam gedemüthigt durch die tiefe Dunkelheit ſeiner Geburt, unter dem Gewicht einer unüber⸗ windlichen Entmuthigung nieder. „Dieſer junge Marquis,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „der ſchon müde oder gleichgültig iſt für die Herrlichkeiten, für die Schätze aller Art, die er beſitzt, während der tauſendſte Theil davon das Glück meiner Mutter, das meinige und das ſo vieler Leute bilden würde, warum, mit welchem Recht beſitzt dieſer junge Mann alle die Herrlichkeiten ? Hat er ſie durch ſeine Arbeit erworben ? Nein . nein .. 58 Um dies Alles zu genießen, um ſich damit zu ſättigen, hat er nur die Mühe gehabt, geboren zu werden Warum dies Alles ihm? nichts den Andern? Warum dort ſo viel Ueberfluß, während hier meine Mutter darauf beſchränkt iſt, den Dürftigen das Brod des Almoſens ab⸗ zuwägen?“ Dieſe ſo bitteren, ſo ſchmerzlichen Betrachtungen von Frederik über das furchtbare Mißverhältniß der menſchli⸗ chen Lebensſtellungen erregten, vergifteten noch mehr ſeinen Neid, exaltirten ihn bald bis zum Haß, und dieſen Haß ſollten neue Ereigniſſe in ſeinem Herzen feſte Wurzel faſ⸗ ſen laſſen. Sechstes Rapitel. Die erſte Periode des Neides, den Frederik empfand, war gleichſam leidend geweſen. Die zweite war ſeibſtthätig. 8 Was er nun litt, läßt ſich unmöglich beſchreiben; vieſes verborgene, in der Tiefe ſeiner Seele zuſammenge⸗ drängte Leiden hatte keinen Ausgang und wurde immer wieder belebt durch den beſtändigen, unabläßigen Anblick des Schloßes Pont⸗Brillant, das ſeinen Blicken beinahe immer begegnete, wohin er ſie wenden mochte, denn das alte Gebäude beherrſchte in der Ferne und überall den Horizont; je mehr Frederik die Schärfe der Fortſchritte ſeines Uebels fühlte, deſto mehr fühlte er die Nothwen⸗ digkeit, es vor ſeiner Mutter zu verbergen, denn er ſagte ſich in ſeiner düſteren Verzweiflung, ſolche Schmerzen 59 verdienen nur Abneigung und Widerwillen, und ſelbſt eine Mutter könne kein Mitleid dafür haben. Alle moraliſchen Affecte haben ihre körperliche Gegen⸗ wirkung. Die Geſundheit von Frederik wurde angegriffen, er verlor den Schlaf, den Appetit. Ihm, der einſt ſo leb⸗ haft, ſo thätig, wiverſtrebte der geringſte Spaziergang; um ihn ſeiner ſchweigſamen Apathie oder ſeinen düſteren Träumen zu entreißen, bedurfte es der inſtändigen, zärt⸗ lichen Bitten ſeiner Mutter. Arme Marie! wie ſehr litt auch ſie, aber in der Stille und indem ſie aus Furcht, ihren Sohn über ſie beſorgt zu machen, beſtändig zu lächeln ſuchte; doch ſie ließ den Muth nicht ſinken und erwartete mit einer Mi⸗ ſchung von Bangigkeit und ungeduldiger Hoffnung das ohne Zweifel nahe Ende der Kriſe, deren Urſache ihr der Doctor Dufour erklärt hatte. Aber, ach! wie lang und peinlich kam der jungen Frau dieſes Warten vor! welche Veränderung! welcher Contraſt! .. Auf dieſes kurz zuvor noch ſo köſtlich mit ihrem angebeteten Sohn getheilte Leben, auf die anziehen⸗ den Studien, auf die Spiele voll toller Heiterkeit, auf die von Zärtlichkeit, Vertrauen und Glück überſtrömenden Unterhaltungen folgte ein düſteres, unbeſchäftigtes, ſchweig⸗ ſames Leben. An einem Tag, am Anfang des Oktober, bei einem nebeligen Himmel, der die letzten ſchönen Tage des Herb⸗ ſtes verkündigte, waren Madame Baſtien und ihr Sohn im Studirzimmer beiſammen, nicht mehr freudig und ſcherzend wie früher.. ſondern ſchweigſam und traurig. Bleich, niedergeſchlagen, den Ellenbogen auf den Arbeitstiſch geſtützt, hielt Frederik ſeine Stirne mit ſeiner linken Hand und ſchrieb mit ſeiner Rechten langſam in ein offenes Heft, das er vor ſich hatte. Madame Baſtien, welche unfern von ihm ſaß und ſich, um ſich eine Haltung zu geben, mit einer Stickerei beſchäftigte, ließ ihre Nadel ruhen, blieb jedoch beſtändig bereit, ihre Arbeit bei der geringſten Bewegung des Jüng⸗ lings, den ſie verſtohlen anſchaute, wieder aufzunehmen. Eine nur mit Mühe zurückgehaltene Thräne glänzte in den Augen von Marie, denn ſie war tief ergriffen von dem herznagenden Ausdruck der Züge ihres Sohnes; ſie erinnerte ſich, daß kurze Zeit zuvor an ebendemſelben Tiſch die Studirſtunden für ſie und für ihren Frederik Stunden des Vergnügens, feſtliche Stunden geweſen wa⸗ ren . . Sie verglich den glühenden Eifer, mit dem er damals ſeine Arbeiten betrieb, mit der peinlichen Lang⸗ ſamkeit, mit der Entmuthigung, welche ſie in dieſem Augenblick an ihm wahrnahm ... Denn ſie ſah bald die Feder von Frederik ſeinen Fingern entfallen und ſein Geſicht einen unüberwindlichen Widerwillen, eine unbe⸗ ſiegbare Müdigkeit verrathen .. Der Jüngling, der nur mit Mühe einen ſchmerzlichen Seufzer unterdrückt hatte, verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und blieb ſo einige Minuten in ſich verſunken. Seine Mutter verlor ihn nicht eine Secunde aus dem Blick, doch wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie plötzlich ihren Sohn das Haupt erheben und, die Augen glänzend von einem düſteren Feuer, das Geſicht leicht gefärbt, die Lippen zuſammengezogen durch ein höhniſches Lächeln, raſch wieder ſeine Feder nehmen und in das vor ihm ge⸗ oͤffnete Heft mit fieberhafter Schnelligkeit ſchreiben ſah. Der Jüngling war verwandelt. Kurz zuvor noch niedergeſchlagen, erloſchen, ſchienen die Gluth, der Ge⸗ danke, das Leben in ihm zu überſtrömen; man ſah gleich⸗ ſam die Ideen unter der für die Raſchheit ſeiner Inſpira⸗ tion ungenügenden Feder zufließen, während einige unge⸗ ſtüme Zuckungen des Körpers, einige lebhafte Schläge des Fußes von einer ſtürmiſchen Ungeduld zeugten. Es ſind hier ein paar Worte der Erläuterung noth⸗ wendig. Seit einiger Zeit hatte Frederik ſeiner Mutter ſeinen Widerwillen, ſeine Unfähigkeit für jede regelmäßige Ar⸗ beit geſtanden; nur zuweilen verſuchte er, um ſich in die 61 Wünſche ſeiner Mutter zu fügen, und auch in der Hoff⸗ nung, ſich zu zerſtreuen, irgend eine Erzählung oder eine Abhandlung über einen gegebenen Gegenſtand . . Doch vergebens nahm er ſeine einſt ſo glänzende und fruchtbare Einbildungskraft in Anſpruch, vergebens ſtachelte er ſeinen Geiſt, deſſen frühreife Erhabenheit ſeine Mutter oft mit Stolz erkannt hatte. „Ich weiß nicht, was ich habe,“ murmelte dann Fre⸗ derik düſter und entmuthigt, „mir ſcheint, es hat ſich ein Schleier über meinen Geiſt ausgebreitet . . . Verzeih, Mutter, es iſt nicht meine Schuld.“ Da ſuchte dann Madame Baſtien tauſend Gründe aufzufinden, um ihren Sohn zu entſchuldigen und in ſei⸗ nen eigenen Augen wiever zu ſtärken. An dem Tag, von dem wir ſprechen, war Madame Baſtien auch darauf gefaßt, ihren Sohn bald auf die Arbeit verzichten zu ſehen; wie groß war daher ihr Er⸗ ſtaunen, als ſie ihn zum erſten Mal ſeit langer Zeit voll Eifer und Feuer ſchreiben ſah. In dieſer plötzlichen Rückkehr zu den Gewohnheiten der früheren Zeit glaubte Madame Baſtien ein erſtes Symptom des Aufhörens der Kriſe zu ſinden, deren Ein⸗ fluß ihr Sohn unterlag; ohne Zweifel fing ſein Geiſt an ſich von dem Schleier, der ihn verdunkelte, frei zu machen. Ungeduldig, zu erfahren, ob ſie ſich nicht täuſchte, ſtand Madame Baſtien auf, ging geräuſchlos auf den Fußſpitzen und benützte die Verſunkenheit ihres Sohnes, um, ohne daß er es bemerkte, zu ihm zu gelangen; dann legte ſie ganz bebend ihre Hände auf die Schulter von Frederik, küßte ihn auf die Stirne und neigte ſich, um zu leſen, was er ſchrieb. Der Jüngling bebte, als er ſich ſo gleichſam ertappt ſah, ſchloß raſch ſein Heft, wandte ſich gegen ſeine Mut⸗ ter um und ſagte mit einer ungeduldigen, beinahe zorni⸗ gen Miene: „Das iſt indiscret, meine Mutter!“ Dann riß er aus dem Heft die Blätter, die er ge⸗ 62 ſchrieben hatte, zerknitterte ſie, ballte ſie zuſammen und warf ſie in den Kamin, wo ſie bald vom Feuer verzehrt waren. Von tlefem Erſtaunen ergriffen, blieb Madame Ba⸗ ſtien einen Augenblick ſtumm, unbeweglich vor Schmerz; ſie verglich das Ungeſtüm von Frederik mit ihrer früheren reizenden Studienverbrüderung und zerfloß in Thränen. Zum erſten Mal in ſeinem Leben verwundete ſie Fre⸗ derik in ihrem Herzen. ⸗ Als Frederik ihre Zähren gewahrte, warf er ſich ihr ganz beſtürzt um den Hals, bedeckte ſie mit Liebkoſungen und Thränen und rief mit ſtockender Stimme: „Oh! verzeih', Mutter . verzeih'.“ Bei dieſen Worten, welche aus der Tiefe der Seele kamen, bei dieſem Schrei der ſchmerzlichſten Reue machte ſie ſich ſogar ihre Thränen zum Vorwurf: mußte ſie nicht der krankhaften Lage von Frederik, der einzigen Ur⸗ ſache einer ungeſtümen Bewegung, die er bitter bereute, Rechnung tragen?“ Die junge Frau bedeckte ihn ihrerſeits auch mit Küſſen, bat ihn ihrerſeits auch um Verzeihung. „Armes Kind,“ ſagte ſie, „Du leideſt, der Schmerz greift Deine Nerven an, macht Dich reizbar. Ich hatte Unrecht, mich über eine unwillkührliche Ungeduld zu be⸗ trüben, an der Dein Herz keinen Antheil hatte.“ „Nein! . oh! nein. . Mutter . ich ſchwöre es Dir.“ „Ich glaube Dir . . kann ich an Dir zweifeln, mein Frederik?“ „Ich habe dieſe Blätter zerriſſen ſiehſt Du, Mutter?“ ſagte er mit einer gewiſſen Verlegenheit, denn er log, „ich habe dieſe Blätter zerriſſen .. weil i unzufrieden damit war; das war ſchlechter, als Alles, was ich geſchrieben habe, ſeitdem ich dieſes Mißbehagen. .. dieſe Entmuthigung ohne Urſache fühle.“ „Und ich, mein Kind, war, als ich Dich zum erſten Male ſeit langer Zeit mit Eifer arbeiten ſah, ſo erfreut, 63 daß ich dem Wunſche, raſch zu leſen, was Du ſchriebſt, nicht widerſtehen konnte . . . Doch ſprechen wir nicht mehr hievon, mein Frederik, obgleich ich überzeugt bin, daß Du zu ſtreng gegen Dich geweſen biſt.“ „Nein, ich verſichere Dich.“ „Ich glaube Dir, und da Dir die Arbeit beſchwer⸗ lich iſt, ſo laß uns ausgehen.“ „Mutter,“ erwiederte Frederik niedergeſchlagen, „das Wetter iſt ſo traurig! . . . Sieh den grauen Himmel an.“ „Auf, lieber Träger,“ erwiederte Madame Baſtien ſanft lächelnd, „gibt es für uns trauriges Wetter? haben für uns nicht der Nebel im Herbſt, der Schnee im Win⸗ ter auch ihren Reiz? haben wir uns nicht daran gewöhnt, Arm in Arm dem feuchten Dunſt und der Kälte zu trotzen? Komm, komm, der Spaziergang wird Dir wohl thun. Wir haben ſeit zwei Tagen das Zimmer nicht verlaſſen. . . Das iſt ſchmählich für uns, die wir einſt ſo unerſchrockene Wanderer waren.“ „Ich bitte Dich, laß mich hier,“ entgegnete Frederik, einer unüberwindlichen Apathie nachgebend, „ich fühle nicht den Muth in mir, einen Schritt zu machen.“ „Gerade dieſe gefährliche brütende Mattigkeit will ich bekämpfen . .. Auf, mein lieber, armer, theilnahm⸗ loſer Junge . ein wenig Entſchloſſenheit . komm nach dem Teich, Du läſſeſt mich eine hübſche Waſſerfahrt in unſerem Nachen machen. Die Bewegung mit dem Ruder, die Du ſo ſehr liebſt, wird Dir wohlthun.“ 3 „Ich werde nicht die Kraft dazu haben, meine Mut⸗ „Nun! Du weißt nicht? die Holzhauer haben André dieſen Morgen geſagt, es ziehen Schaaren von Kibitzen vorüber; nimm Deine Flinte mit... wir gehen nach der Heide der Sablonnisre. . . das wird Dich beluſtigen und mich auch; Du biſt ſo geſchickt, daß es mir nie bange machte, wenn ich Dich die Flinte handhaben ſah.“ „Ich verſichere Dich.. die Jagd würde mir kein Verg nügen gewähren.“ ter. 64 „Du liebſt ſie ſo ſehr!“ „Ich liebe nichts mehr,“ murmelte Frederik unwill⸗ kührlich mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Nieder⸗ geſchlagenheit und Bitterkeit. Die junge Frau fühlte, wie ihr die Thränen abermals in die Augen traten. Frederik begriff das Bangen ſeiner Mutter und rief: „Oh! Du ... Dich liebe ich immer, Du weißt es.“ St ich weiß es ich fühie es, doch Du kannſt Dir nicht vorſtellen, mit welchem verzweifelten Ausdruck Du geſagt haſt: „Ich liebe nichts Damn, indem ſie zu lächeln und das Geſagte anders zu wenden ſuchte, um ihren Sohn nicht traurig zu machen, fügte Madame Baſtien bei: „In der That, ich weiß nicht, was ich habe, daß ich mich betrübe und . . . mein Gott! ... Dich auch bei jeder Gelegenheit beirübe .. Denn nun weinſt Du, mein Kind, mein armes Kind!“ „Laß es, Mutter, laß es, ich habe lange, nicht mehr gweint mir ſcheint, das thut wohl. Der Jüngling war ſitzen geblieben, feine Mutter kniete vor ihm und trocknete ſtillſchweigend die Thränen, die er vergoß. Er ſprach die Wahrheit . . . die Thränen erleich⸗ terten ihn . . Dieſes arme, in Galle ſchwimmende Herz erweiterte ſich ein wenig, und als Frederik, nachdem er ſeine in Thränen gebadeten Augen zum Himmel aufge⸗ ſchlagen, den Blick auf das anbetungswürdige Antlitz ſeiner vor ihm knicenden Mutter ſenkte, fah er in dieſen Zügen das Gepräge zugleich eines ſo rührenden Schmerzes und einer ſo unendlichen Güte, daß er, beſiegt durch den Aus⸗ druck dieſer göttlichen Zärtlichkeit, einen Augenblick den Gedanken hatte, ſeiner Mutter die Leiden zu erzählen, von denen er verzehrt wurde. „Ja, ja,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „ich hatte Unrecht, ihren Jorn oder ihre zu fürchten . . In 65 ihrer Engelsgüte werde ich Mitleid, Linderung, Troſt und Hülfe finden . . Schon bei dem Gedanken an dieſes Vorhaben fühlte ſich Frederik minder niedergeſchlagen. Dieſer Hoffnungsſchimmer verlieh ihm einigen Muth; nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er zu Ma⸗ dame Baſtien, die ihn mit e Sorge beobachtete: „Mutter, Du machteſt mir vorhin den Vorſchlag, auszugehen .. Du hatteſt Recht, ein kleiner Spazier⸗ gang wird mir Dieſer Entſchluß, die friſchen Thränen ihres Sohnes, die Rührung, welche ſein kummervolles Geſicht gleichſam abſpannte, erſchienen Madame Baſtien als ein gutes Vor⸗ zeichen; ſie nahm haſtig ihren Hut, ein leichtes ſeidenes Mantelet, bat Frederik, ſich auf ihren Arm zu ſtützen, und erreichte bald mit ihm die Felder. Der Jüngling wollte, wie dies häufig im Augenblick eines ernſten und peinlichen Geſtändniſſes geſchieht, die Stunde deſſelben verſchieben; dann fühlte er die Schwierig⸗ keit, einen ſolchen Gegenſtand anzugreifen; er ſuchte in ſei⸗ nem Innern, wie er es bei ſeiner Mutter entſchuldigen ſollte, daß er ihr ſo lange die Wahrheit verborgen. Endlich dachte er, zu Hauſe hätte ſeine Unterredung durch einen Dritten geſtört werden können, und es würde ſich geheimer und leichter in der Vertraulichkeit eines langen Spaziergangs durch eine einſame Landſchaft thun laſſen. Durch einen glücklichen Zufall klärte ſich das Anfangs nebelige und düſtere Wetter allmälig auf, und bald gab eine ſchöne Herbſtſonne der Natur einen lachenderen Anblick. „Mein Frederik,“ ſagte Madame Baſtien, die ihren Sohn aufzuheitern ſuchte, „man ſollte glauben, dieſe ſtrah⸗ lende Sonne trete aus ihren Wolken hervor, um Dich wie einen Freund zu begrüßen, den ſie lange nicht Und dann bemerke doch ihre Coquetterie.“ „Welche Coquetterie, Mutter?“ „Schau', wie ſie mit ihren goldenſten Die ſieben Todſünden. 1. Abth. 1r Bd. 66 alten Wachholderbaum dort am Ende des Feldes liebkoſt. . Erinnerſt Du Dich nicht?“ Frederik ſchaute ſeine Mutter verwundert an und machte ein verneinendes Zeichen mit dem Kopf. „Wie, Du haſt vergeſſen, daß ich zwei lange Tage im vergangenen Sommer im Schatten jenes alten Baumes ſaß, während Du für den alten Urbarmacher das Feld vollends bearbeiteteſt 2“ „Ah! ja . es iſt wahr,“ ſagte Frederik lebhaſt. Bei der Erinnerung an eine edelmüthige Handlung fühlte ſich Frederik auf's Neue erleichtert. .. Der Gedanke an das traurige Geſtändniß, das er ſeiner Mutter machen ſollte, kam ihm wieder peinlich vor. Die Linderung ſeines Herzens, die ihm fühlbar wurde, prägte ſich ſo ſichtbar in ſeinen Zügen aus, daß Madame Baſtien zu ihm ſagte: „Hatte ich Recht, mein Kind, daß ich Dich zu einem Spaziergang aufforderte?.. Dein armes liebes Geſicht ſcheint ſchon miner leidend „es iſt, als würdeſt Du in dieſer guten, lauen Luft wiedergeboren und ich bin überzeugt, Du fühlſt Dich beſſer.“ Ja Mutter. „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte Madame Baſtien, in einer Art von Anrufung die Hände faltend, „welch ein Glück, wenn dies das Ende Deines Unwohlſeins wäre!“ Als die junge Frau ſo die Hände faltete, machte ſie durch die Raſchheit ihrer Bewegung, ohne daß ſie es be⸗ merkte, ihr ſeidenes Mantelet, das ſie bis dahin auf den Schultern gehalten hatte, hinter ſich auf den Boden gleiten. Frederik bemerkte den Verluſt von Madame Baſtien auch nicht und ſprach: „Ich weiß nicht warum, aber ich hoffe auch wie Du, meine Mutter, daß dies vielleicht das Ende meiner Leiden ſein wird.“ „Oh! wenn Du auch hoffſt, ſind wir gerettet,“ rief Marie freudig, „Herr Dufvur hat es mir geſagt .. Dieſes ſeltſame, ſchmerzliche Mißbehagen, verurſacht durch das 67 Alter des letzten Wachſens, verſchwindet oft eben ſo plötz⸗ lich, als es gekommen iſt. . . man geht daraus hervor wie aus einem ſchlimmen Traum, und die Geſundheit kehrt durch einen Zauber zurück.“ „Ein Traum!“ rief Frederik, ſeine Mutter mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck anſchauend, „ja, Du haſt Recht, Mutter, es war ein ſchlimmer Traum!“ „Mein Kind .. was haſt Du denn? Du ſcheinſt lebhaft bewegt . .. Doch dieſe Bewegung iſt ſanft, nicht wahr 2. oh! ich ſehe es an Deinem Geſicht.“ „Ja ſie iſt ſanft .. ſehr ſanft . . . wenn Du wüßteſt . . .“ * Frederik konnte nicht vollenden. Ein zunehmender Lärmen, den ſie, ganz nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, nicht bemerkt hatten, machte, daß Marie und ihr Sohn ſich umwandten. Einige Schritte hinter ihnen ſahen ſie auf dem mit Raſen bewachſenen Weg einen Reiter, der das Mantelet von Madame Baſtien in der Hand hielt, herbeiſprengen. Der Reiter hielt ſein Pferd an, das ein Bedienter voll Eifer am Zügel faßte, ſtieg behende ab und ging auf die junge Frau zu; er hielt ſeinen Hut mit der einen Hand und das Mantelet mit der andern, verbeugte ſich vor Madame Baſtien und ſagte mit vollkommener Anmuth und Artigkeit: „Madame, ich habe von fern dieſes Mantelet von ihren Schultern gleiten ſehen und bin ſehr glücklich, es Ihnen bringen zu können.“ Nach einer neuen, tiefen Verbeugung kehrte ſodann der Reiter, der ſich mit feinem Takt dem Dank entzog, zu ſeinem Pferd zurück, ſchwang ſich in den Sattel, ließ ſein Roß, in zarter Ehrerbietung, in dem Augenblick, wo er an Madame Baſtien vorüberkam, vom Weg abgehen, folgte dem Saume eines Feldes, als befürchtete er, der jungen Frau durch die Nähe ſeines Pferdes bange zu machen, grüßte abermals und ritt im Schritt weiter. Dieſer Reiter, ein junger Mann ungefähr im Alter 68 von Frederik, von ſchönem Antlitz und äußerſt eleganter Tournure, hatte ſo viel Lebensart und Höflichkeit an den Tag gelegt, daß ihm Madame Baſtien eine Minute mit den Augen folgte und naiv zu ihrem Sohne ſagte: „Man kann unmöglich artiger und anmuthiger ſein, nicht wahr, Frederik?“ In dem Augenblick, wo Madame Baſtien dieſe Frage an ihren Sohn richtete, kam der kleine Grvom in Livree vorbei, der dem Reiter folgte und, wie dieſer, ein herrliches Vollblutpferd ritt. Der Knabe, ein ſtrenger Beobachter der Etiquette, hatte, um ſeinem Herrn zu folgen, auf dem Platze gewartet, bis eine Entfernung von fünf und zwanzig Schritten zwiſchen ihnen lag. Madame Baſtien machte dem Groom ein Zeichen mit der Hand, worauf er anhielt. „Ich bitte,“ fragte die junge Frau, „wollen Sie mir den Namen Ihres Herrn ſagen?“ „Herr Marquis von Pont⸗Brillant, Ma⸗ dame,“ antwortete der Grvom mit einem ſehr bemerkbaren engliſchen Accent. Als ſodann der Knabe in der Ferne ſeinen Gebieter ſein Pferd traben laſſen ſah, entfernte er ſich mit dem⸗ ſelben Gang. „Frederik,“ ſagte Marie, ſich gegen ihren Sohn um⸗ wendend, „haſt Du gehört? Es iſt der Herr Marquis von Pont⸗Brillant . . . Findeſt Du ihn nicht reizend? Es ge⸗ währt Freude, den Adel und das Vermögen ſo gut ver⸗ treten zu ſehen, nicht wahr, mein Kind? So vornehmer Herr und ſo eretee ſein, iſt Alles, was man verlangen kann. Aber Du antworteſt nicht, Frederik!“ fügte Madame Baſtien mit einer plötzlichen Unruhe bei, „was haſt Du denn?“ „Ich habe nichts, meine Mutter,“ antwortete er mit einem eiſigen Ton. „Ich ſehe wohl, daß Du etwas haſt, Dein Geſicht iſt nicht mehr daſſelbe, wie vorhin. . . Du ſcheinſt zu leiden ... Mein Gott! wie bleich Du geworden biſt!“ 69 „Die Sonne hat ſich ſo eben verborgen. . . und es friert mich.“ „Dann kehren wir zurück, mein armes Kind, kehren wir raſch zurück... Wenn nur die Beſſerung, die Du fühlteſt, fortwährt . . .“ „Ich bezweifle es, melne Mutter .. .“ „Du bezweifelſt es ?. mit welcher Miene Du das 1. ſagſt „Ich ſage, wie es iſt. ..“ „Du fühlſt Dich alſo minder wohl, mein armes d 7 Kind! „Oh! viel minder wohl,“ antwortete Frederik mit einer gewiſſen heftigen Bitterkeit, „es iſt ein Rückfall, ein völliger Rückfall. . . ich fühle es ... durch die Kälte ohne Zweifel.“ Und dieſer junge unglückliche Menſch, bisher von einer engeliſchen Güte, die ſeine Mutter angebetet hatte, geſiel ſich diesmal mit einer grauſamen Freude darin, die Unruhe der jungen Frau zu vermehren. Er rächte ſich ſo für den gräßlichen Schmerz, den ihm das Lob verurſacht hatte, das ſeine Mutter, in ihrer edlen Offenherzigkeit, Ravul von Pont⸗Brillant geſpendet. Ja, denn die Eiferſucht, ein Gefühl Frederik bis dahin ebenſo unbekannt, als es ihm kurz zuvor noch der Neid geweſen hatte, hatte ſeinen Groll gegen den jungen Marquis auf's Aeußerſte geſteigert. Mutter und der Sohn kehrten nach ihrem Hauſe zurück. Madame Baſtien in einer unausſprechlichen Bangig⸗ keit, Frederik in einem finſteren Stillſchweigen, denn mit einer dumpfen Wuth dachte er daran, er ſei auf dem Punkt geweſen, ſeiner Mutter das ſchmähliche Geheimniß, über das er erröthete, zu geſtehen. und dies in dem Augenblick, wo Marie dem Marquis von Pont⸗Brillant, den er ſchon mit ſeinem gehäſſigen Neid verfolgte, ſo viel Lob gewährte.. 70 Dieſe letzte und blutige Vergleichung, bet der ſich der Sohn von Madame Baſtien abermals vernichtet ſah, verwandelte in einen glühenden, unverſohnlichen Haß, die beinahe paſſive Abneigung, die ihm bis dahin Raoul von Pont⸗Brillant eingeflößt hatte. Siebentes Rapitel. Das Städtchen Pont⸗Brillant, eine ehmalige Lehn⸗ ieeet⸗ liegt einige Meilen von Blois, unfern von der vire. Eine Promenade, der Mail genannt, beſchattet von großen Bäumen, begrenzt Pont⸗Brillant im Süden; einige Häuſer ſind auf der linken Seite dieſes Boulevard gebaut, das in verſchiedenen Jahreszeiten auch als Marktfeld dient. Der Doctor Dufour bewohnte eines dieſer Häuſer. Es war ungefähr ein Monat ſeit den von uns er⸗ zählten Ereigniſſen abgelaufen. Am Anfang des Monats November, am Tag des heiligen Hubert, des Patrons der Jäger, waren die Miüſſiggänger des Städchens auf dem Mail gegen vier Uhr Nachmittags verſammelt, um einer Rückkehr von der Jagd des jungen Matauis von Pont⸗Brillant beizuwohnen. der vom Morgen an, einen Zehnender im benachbarten Wald forcirend, den großen heiligen Hubert feierte; zu Erhoͤhung der Feierlichkeit ſollten die Jäger im Triumph durch Pont⸗Brillant ziehen, um zu dem Schloß gleichen Namens zurückzukehren, das in geringer Entfernung von der kleinen Stadt lag, die es mit ſeiner eindrucksvollen Maſſe beherrſchte. 74 Die Müſſiggänger, welche über das lange Warten ungeduldig wurden, ſahen vor der Thüre des Doctor Du⸗ four ein ländliches Cabriolet mit einem Kaſten von zwei⸗ felhafter Farbe, beſpannt mit einem alten Ackergaul, halten, der ein bäuriſches, an verſchiedenen Stellen mit Schnüren zuſammengebundenes Geſchirr trug. Frederik Baſtien ſtieg zuerſt aus dieſem beſcheidenen Gefährt, deſſen Führer er geweſen war, und bot ſeiner Mutter, welche langſam den Fußtritt herunterſtieg, den Arm zur Unterſtützung. Das alte Pferd, ein Thier von großer Klughelt, ließ man in vollem Vertrauen angeſpannt, die Zügel auf dem Hals, am Cabriolet; Frederik ſtellte es nur ganz nahe an das Haus des Arztes, bei dem Madame Baſtien und ihr Sohn alsbald eintraten. Eine alte Magd ging ihnen in einen Salon voran, der im erſten Stock lag und die Ausſicht auf die öffent⸗ liche Promenade von Pont⸗Brillant hatte. „Kann mich der Herr Doctor Dufour empfangen?“ fragte Madame Baſtien die Magd. „Ich glaube wohl, Madame; nur iſt der Herr in vieſem Augenblick mit einem ſeiner Freunde zuſammen, der ſeit mehreren Tagen hier wohnt und vieſen Abend nach Nantes abreiſen ſoll; doch gleichviel, ich will dem Herrn immerhin melden, daß Sie hier ſind, Madame.“ „Ich werde Ihnen ſehr verbunden ſein,“ erwiederte Madame Baſtien, die nun mit ihrem Sohn allein blieb. Der Neid, bis auf' Aeußerſte angeſtachelt durch die Giferſucht (man hat das gerechte Lob nicht vergeſſen, das Madame Baſtien in ihrer Treuherzigkeit der vollkommenen Artigkeit des Marquis von Pont⸗Brillant ſpendete, hatte ſeit einem Monat furchtbare Verheerungen in dem Herzen von Frederik angerichtet; ſein krankhafter Zuſtand hatte ſich ſeit einem Monat dergeſtalt verſchlimmert, daß man ihn kaum mehr erkannte; ſeine Geſichtshaut war nicht mehr bleich, ſondern gelb und gallicht. Seine hohlen Wangen, ſeine großen, von einer fieberhaften Gluth ſchim⸗ 72 mernden, eingefallenen Augen, das bittere Lächeln, das beinahe beſtändig ſeine Lippen zuſammenzog, verliehen ſeinen Zügen einen zugleich leidenden und wilden Ausdruck. Seine ungeſtümen, nervigen Bewegungen, ſein kurzer, oft unge⸗ geduldiger, zuweilen harter Ton vollendeten einen pein⸗ lichen, auffallenden Contraſt zwiſchen dem, was das un⸗ glückliche Kind nun war und was es einſt geweſen. Madame Baſtien ſchien tief niedergeſchlagen, ent⸗ muthigt; ihr Geſicht, in dem ſich das Gepräge einer ſchmerzlichen Schwermuth nicht verkennen ließ, machte ihre engeliſche Schönheit noch rührender. Auf die ſüße, freudige Vertaulichkeit, auf die erguß⸗ reiche Zärtlichkeit, wie ſie einſt zwiſchen der Mutter und dem Sohne herrſchten, folgte eine kalte Zurückhaltung von Seiten Frederiks. Gelähmt von tödtlicher Bangigkeit, er⸗ ſchöpfte ſich Marie in Nachforſchungen nach der Urſache des Uebels, das ihr Kind getroffen; ſie fing an zu be⸗ fürchten, Herr Dufour hahe ſich getäuſcht, als er einer natürlichen Kriſe den phyſiſchen und moraliſchen Vorfall, der ſich an Frederik offenbarte, zugeſchrieben. Madame Baſtien wollte auch hierüber den Doctor Dufour zu Rathe ziehen, den ſie ſeit geraumer Zeit nicht mehr geſehen, da der würdige Doctor in Pont⸗Brillant durch die Pflichten und die ſüßen Freuden einer herzlichen Gaſtfreundſchaft zurückgehalten worden war. Nachdem ſie ihren Sohn traurig angeſchaut, ſagte Vie beinahe mit Angſt, als befürchtete ſie, ihn zu reizen: „ „Frederik, da Du mich zu unſerem Freund Herrn Dufour begleitet haſt, um ihn über mich um Rath zu fragen, ſo könnten wir bei dieſer Gelegenheit auch von Dir mit ihm ſprechen.“ „Es iſt unnöthig, meine Mutter, ich bin nicht krank.“ „Mein Gott. „ kannſt Du das ſagen ?.. War nicht erſt die vergangene Nacht eine lange Schlafloſigkeit für Dich? Mein armes Kind, ich habe öfters nachgeſehen, ob Du ſchliefeſt, und fand Dich immer wach, aufgeregt.. 73 „So bin ich alle Nächte . . .“ „Ach! .. ich weiß es, und dies und andere Dinge ſind es, die mich beunruhigten.“ . „Du haſt Unrecht, Dich zu beunruhigen, meine Mutter, das wird vorübergehen.“ „Ich ſlehe Dich an, Frederik, laß uns Herrn Dufour um Rath fragen. . . iſt er nicht unſer beſter Freund? Sage ihm, was Du empfindeſt, höre ſeine Rathſchläge an . „Ich wiederhole, ich bedarf keiner Berathung mit Herrn Dufour,“ erwiederte der Jüngling ungeduldig, „ich erkläre zum Voraus, daß ich auf keine ſeiner Fragen ant⸗ worten werde.“ „Mein Kind, höre mich.“ „Mein Gott ... meine Mutter, welches Vergnügen finden Sie daran, mich ſo zu peinigen?“ rief Frederik mit dem Fuß ſtampfend, „ich habe Herrn Dufour nichts zu ſagen ... Ich werde ihm nichts ſagen, Sie wiſſen, ob ich Charakter habe.“ Hier trat die Magd des Doctors ein und ſagte zu Madame Baſtien: „Der Herr Doctor erwartet Sie in ſeinem Cabinet, Madame.“ Nachdem ſie ihrem Sohn einen ſchmerzlichen Blick zugeworfen hatte, verſchluckte die junge Mutter ihre Thränen und folgte der Magd des Doctors. Allein im Salon, lehnte ſich Frederik auf den Simſen des offenen Fenſters, das, wie geſagt, auf die Promenade des Städtchens ging; jenſeits der Boulevards, die daſſelbe begrenzten, erhoben ſich einige von der Loire beſpülte Hügel, während am Horizont und den Wald beherrſchend von dem es umgeben war, das Schloß Pont⸗Brillant, in dieſem Augenblick halb von den Herbſtnebeln verſchleiert, empor⸗ ragte. Nachdem die Blicke von Frederik maſchinenmäßig an verſchiedenen Punkten umhergeſchweift waren, hefteten ſie ſich auf das Schloß. 74 Bei dieſem Anblick bebte der Jüngling . .. ſein Geſicht zog ſich zuſammen, verfinſterte ſich noch mehr, und er blieb, fortwährend auf das Fenſtergeſimſe gelehnt, in eine tiefe Träumerei verſunken. Der Sohn von Madame Baſtien war ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, daß er es weder hörte, noch ſah, als in das Zimmer, in welchem er ſich befand, eine zweite Perſon, ein Buch in der Hand, eintrat und ſich in eine Ecke des Salon ſetzte, ebenfalls ohne daß ſie Frederik zu bemerken ſchien. Henri David, ſo hieß der Eintretende, war ein Mann von ungefähr fünf und dreißig Jahren, von ſchlankem, hohem Wuchs; den energiſch ausgeprägten Zügen ſeines ſeit langer Zeit durch die Gluth ber tropiſchen Sonne ge⸗ gebräunten Geſichtes fehlte es nicht an einem Reiz, der vielleicht von einem Ausdruck anhaltender Schwermuth her⸗ rührte; ſeine große, etwas kahle, obgleich von braunem gelocktem Haupthaar umrahmte Stirne ſchien die Gewohn⸗ heit des Nachfinnens anzudeuten; ſeine lebhaften, ſchwarzen, von wohlgebogenen Brauen überragten Augen hatten einen zugleich nachdenkenden, ſanften und ſcharfen Blick. Bon einer langen Reiſe zurückgehrt, hatte David einige Tage beim Doctor Dufour, ſeinem beſten Freunde, zuge⸗ bracht. Er ſollte an demſelben Abend nach Nantes ab⸗ reiſen, wo er ſich einzuſchiffen gedachte, um eine neue Wanderung in fernen Ländern zu unternehmen. Frederik lehnte immer noch am Fenſter und verließ mit ſeinen Blicken das Schloß Pont⸗Brillant nicht. Henri David, der im Salon ſitzend las, legte ſein Buch auf ſeinen Schvoß, ohne Zweifel, um nachzudenken, ſchlug die Augen auf und erblickte zum erſten Mal den Jüngling, den er vom Profil ſah. Sogleich bebte er... Es war, als ob eine zugleich theure und ſchmerzliche Erinnerung von Neuem ſein Herz beim Anblick von Frederik zerriſſe, denn zwei Thränen glänzten ein paar Secunden in dem gerührten Auge von David.. Dann fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne, als wollte 75 er peinliche Gedanken verjagen, und betrachtete den Jüngling mit unbeſchreiblicher Theilnahme. Anfangs betroffen von der ſeltenen Schönheit ſeiner Züge, bemerkte er bald nicht ohne Erſtaunen ihren ſchmerzlichen, düſteren Ausdruck. Die Augen von Frederik verweilten ſo hartnäckig auf dem Schloß, daß David ohne Mühe den Gegenſtand er⸗ ſ den ſie unabläſſig anſtarrten, und er ſagte zu ſich elbſt: „Welche bittere Gedanken erweckt bei dem bleichen ſchönen Jüngling der Anblick des Schloſſes Pont⸗Brillant, von dem er kein Auge läßt?“ Plötzlich wurde die Aufmerkſamkeit von David durch ein Geräuſch von Fanfaren abgelenkt; dieſes Anfangs ziemlich entfernte Geräuſch kam immer näher in der Rich⸗ tung des Mail. . Nach einigen Augenblicken war die Promenade, wo ſich ſchon Neugierige in ziemlich großer Anzahl fanden, beinahe voll von einer ungeduldigen Menge, welche den Jagdzug, eine von dem jungen Marquis dem heiligen Hubert dargebrachte Huldigung, ſehen wollten. Die allgemeine Erwartung wurde nicht getäuſcht, die kräftigen Töne der Hörner ließen ſich immer geräuſchvoller vernehmen, und eine glänzende Cavalcade zog über den Mall. Der Zug eröffnete ſich durch vier Piqueurs zu Pferde in großer chamois Livree à la Francaise, mit carmeſin⸗ rothem Kragen und eben ſolchen Aufſchlägen und reich mit Silber galonnirt, den Dreiſpitz auf dem Kopf und den Hirſchfänger an der Seite; dieſe Leute blieſen nach und nach die Fanfaren des Hubertsfeſtes vom Zehnender und endlich das, was man in der Jägerſprache die ge⸗ nommene Retraite nennt (das heißt, wenn das Thier, das man gejagt, forcirt worden iſt). Dann kamen etliche und hundert Windhunde, herrliche engliſche Baſtarde, am Hals ſtets zu Ehren des heiligen Hubert, chamois und carmeſinrothe (die Farbe der Livree des Herrn der Equipagen) Bandſchleifen tragend, welche Maulaffen des Städtchens Pont⸗Brillant war dieſer Zug 76 durch das Geſtrüppe und die Dorne im Walbe, durch den die Jagd gegangen, etwas ausgefaſert und zerriſſen war. Sechs Hundediener zu Fuß, ebenfalls in großer Livree, mit ſeidenen Strümpfen und Schuhen, worauf ſilberne Schnallen, das Jagdmeſſer an der Seite, folgten der Meute und wiederholten, das Horn in der Hand, in der Weiſe eines Echo die Fanfaren der Piqueurs. Sodann kam ein Jagdfourgon; er diente als Leichen⸗ wagen für einen herrlichen, auf einem Bett von Blätter⸗ werk liegenden Zehnender, deſſen ungeheure Weidſproſſen mit langen flatternden, ebenfalls chamois und carmefin⸗ rothen Bändern geſchmückt waren. Hinter dieſem Fourgon rückten die Jäger insgeſammt zu Pferd heran, die einen in einem ſcharlachrothen Reit⸗ rock, die andern in einer Jagduniform, der des jungen Marquis von Pont⸗Brillant ähnlich. 3 Zwei Calechen, jede beſpannt mit vier prachtvollen Pferden voll Gluth und Blut und geführt von vier kleinen Poſtillons mit chamvis Atlaßweſten, folgten den Jägern. In einem von dieſen Wagen befanden ſich die verwitwete Margquiſe, ſowie zwei reizende junge Frauen in Reitkleidern, galanter Weiſe auf der linken Schulter einen Bänder⸗ knoten von den Farben von Pont⸗Brillant tragend, denn ſie waren der Jagd bis zum Hallali des Hirſches gefolgt. Die andere Caleche, ſowie ein Phaeton und ein zier⸗ licher Charabanc waren von Nichtjägerinnen und einigen Männern beſetzt, welche in Betracht ihres Alters der Jagd nur als einfache Zuſchauer beigewohnt hatten. Handpferde und Relaispferde mit Decken, worauf das Wappen des Marquis, und geführt von Stallknechten zu Pferd, beſchloſſen, den Zug. Die vollkommene Anordnung dieſer Jägerei, die Race der Hunde und der Pferde, der Reichthum der Livreen, die ausgezeichnete Haltung der Jäger, das hübſche Antlitz und die Zierlichkeit der Frauen, welche ſie begleiteten, wären überall mit Recht bemerkt worden; aber für die 77 ein wahres Schauſpiel, eine Art von Opernmarſch⸗ wobei nichts fehlte, weder Muſik, noch Trachten, noch feierliches Gepränge; die Begeiſtertſten oder die Poli⸗ tiſchſten von dieſen Bürgersleuten (viele von ihnen waren Lieferanten des Schloſſes) riefen in ihrer naiven Bewun⸗ derung: „Bravo, Herr Marquis!“ und klatſchten voll Ent⸗ zücken in die Hände. Leider wurde dieſer Triumphzug einen Augenblick durch einen Unfall geſtört, der beinahe unter den Fenſtern des Hauſes von Doctor Dufour vorfiel. Man hat das ehrwürdige Ackerpferd nicht vergeſſen, das Madame Baſtien in einem beſcheidenen Gefährt ge⸗ bracht hatte, und deſſen Weisheit man vertrauen zu können glaubte, um es angeſpannt und die Zügel auf dem Hals am Hauſe des Arztes zu laſſen. Das würdige Pferd ver⸗ diente das Vertrauen; es hätte daſſelbe wie immer ge⸗ rechtfertigt, ohne den ungewohnten Umſtand des Zuges vom Hubertsfeſt. Bei den erſten Fanfaren ſpitzte das Ackerpferd nur die Ohren und blieb ruhig; als aber der Zug vor ihm zu defiliren angefangen hatte, da trug Alles, der Schall der Hörner, die Bravos der Zuſchauer, das Geſchrei der Kinder, das Gebelle der Hunde, der Anblick der großen Anzahl von Menſchen, da trug Alles, ſagen wir, dazu bei, den würdigen Veteran der Arbeit aus ſeiner Ruhe und ſeiner gewöhnlichen Klugheit herauszutreiben; plötzlich wiehernd, wie in den ſchönſten Tagen ſeiner Jugend, fühlte er das unſelige Verlangen, ſich dem ſchimmernden Zug an⸗ zuſchließen, der ſich über den Mail bewegte. In zwei bis drei Sprüngen war das Ackerpferd, ſein altes Cabriolet fortreißend, indem es die Menge auf ſeinem Weg zurück⸗ weichen machte, wirklich bei der glänzenden Cavalcade. Sobald das Pferd bei dem Zuge war, bäumte es ſich gewaltig, hielt ſich einen Augenblick auf den Hinter⸗ füßen, fing an, wie man zu ſagen pflegt, mit ſeinen Vor⸗ derfüßen Spinett zu ſpielen, und überließ ſich dieſer unſchicklichen Freudigkeit gerade über der Caleche, in der 4 8 78 die Marquiſe von Pont⸗Brillant ſaß; ganz erſchrocken warf ſich dieſe zurück, ſchüttelte ihr Sacktuch und ſtieß ſchrille Schreie aus, was auch ihre Gefährtinnen thaten. Bei dieſem Geſchrei wandte ſich der junge Marquis um und ließ ſein Roß mit ebenſo viel Anmuth, als Kühn⸗ heit eine Volte und einen Sprung machen; dann gab er durch gewaltige Hiebe mit ſeiner Jagdpeitſche dem ehr⸗ würdigen, gar zu luſtigen Ackerpferd die Unverſchämtheit dieſer Vertraulichkeiten zu fühlen, eine harte Lection, welche mit einem Ausbruch von Gelächter und Beifallklatſchen von den über das gute Ausſehen und die cavaliermäßige Leichtigkeit von Ravul von Pont⸗Brillant entzückten Zu⸗ ſchauern aufgenommen wurde. Das arme alte Thier aber, das ſein Unrecht fühlte und ohne Zweifel den unwürdigen Mißbrauch des Vertrauens, deſſen es ſich ſchuldig gemacht, bedauerte, kehrte von ſelbſt und ganz kläglich zurück und nahm in Demuth ſeinen Platz vor der Hausthüre des Doctors unter dem Geziſche des Publikums ein, während der Feſtzug des heiligen Hubert ſeinen Weg über die Pro⸗ menade fortſetzte. Frederik Baſtien hatte von dem Fenſter aus, an dem er ſtand, dieſer Scene beigewohnt. Schtes Rapitel. Sobald der Zug auf den Mail gelangte, hatte Hal⸗ tung und Phyſiognomie von Frederik eine ſo ſeltſame Um⸗ wandlung erlitten, daß David, Anfangs durch das Geräuſch der Fanfaren an's Fenſter gezogen, plötzlich ſtehen blieb und keinen andern Gedanken mehr hatte, als den, mit einem * 79 wachſenden Erſtaunen den Jüngling anzuſchauen, deſſen Züge trotz ihrer ſeltenen Schönheit beinahe erſchreckend geworden waren. Auf das bittere Lächeln, das einen Augenblick zuvor die Lippen von Frederik zuſammenzog, während er nach dem Schloſſe Pont⸗Brillant in der Ferne ſchaute, war bei der Erſcheinung des Zuges vom heiligen Hubert ein Ausdruck ſchmerzlichen Erſtaunens gefolgt; als aber unter dem Beifallsgeſchrei einer großen Anzahl von Zuſchauern Raoul von Pont⸗Brillant in ſeinem zierlichen, mit Silber galonnirten Jagdanzug und mit vollkommener Anmuth ſein herrliches, ebenholzſchwarzes Jagdpferd reitend, vorüberkam, da nahm das Geſicht von Frederik eine völlig gelblich⸗ graue Farbe an, während ſich, auf die Fenſterlehne geſtützt, ſeine Hände ſo krampfhaft anklammerten, daß ein bläuli⸗ ches Netz aufgeſchwollener Adern unter der Weiße der Oberhaut erſchien. Es war, als hielte ein unſeliger Zauber das unglück⸗ liche Kind am Fenſter zurück und verhinderte es, ein ihm verhaßtes Schauſpiel zu fliehen. Keines von dieſen zurückgedrängten oder heftigen Ge⸗ fühlen entging David, der einer langen Erfahrung und ſeinem beobachtenden Geiſt eine tiefe Kenntniß der menſch⸗ lichen Seele zu verdanken hatte; er fühlte ſein Herz un⸗ endlich beklommen und ſagte zu ſich ſelbſt, indem er einen Blick tiefen Mitleids auf Frederik warf: „Das arme Kind . . . es kennt ſchon den Haß, denn ich bezweifle nicht, es iſt Haß, was es gegen den andern Jüngling fühlt, der den ſchönen Rappen reitet . .. Dieſer Haß, woraus mag er entſpringen?“ David ſtellte dieſe Betrachtungen an, als ſich der ko⸗ miſche Vorfall mit dem alten Ackerpferd ereignete, das unter dem Beifall der Zuſchauer ſo hart vom jungen Marquis gezüchtigt wurde. Da Frederik ſein Pferd ſchlagen ſah, wurde ſein Ge⸗ ſicht furchtbar. .. vom Zorn erweitert, waren ſeine Augen plötzlich mit Blut unterlaufen; er ſtieß ein Wuthgeſchrei 80⁰ aus, und hätte ſich in ſeinem blinden Grimm aus dem Fenſter geſtürzt, um dem Marquis nachzulaufen, wäre er nicht von David, der ihn um den Leib faßte, zurückge⸗ halten worden. Dieſes ungeſtüme Umfangen verurſachte bei Frederik eine Bewegung des Erſtaunens und rief ihn zu ſich ſelbſt zurück; als aber dieſe erſte Bewegung vorüber war, ſagte er zu David mit einer vor Zorn zitternden Stimme: 6 e ſind Sie, mein Herr?... warum berühren Sie m 2 „Sie neigten ſich ſo unvorſichtig aus dem Fenſter, mein Kind, daß Sie hinauszufallen auf dem Punkte waren,“ antwortete David mit ſanftem Tone, „ich wollte einem Unglück zuvorkommen.“ „Wer ſagt Ihnen, es wäre dies ein Unglück ge⸗ weſen?“ entgegnete mit dumpfer Stimme der Jüngling. Dann entfernte er ſich ungeſtüm, warf ſich in einen Lehnſtuhl, verbarg ſeinen Kopf in ſeinen Händen und fing an ſtille zu weinen. Die Neugierde von David wurde immer mehr er⸗ regt. . Er betrachtete mit ſtummem, zärtlichem Mit⸗ leid das arme Kind, das nun ebenſo niedergeſchlagen aus⸗ ſah, als es kaum zuvor übermäßig heftig aufgeregt war. Plötzlich öffnete ſich die Cabinetthüre des Doctors. Madame Baſtien erſchien in Begleitung von Herrn Dufour. Die erſten Worte, welche Marie, ohne David zu be⸗ merken, während ihre Augen Frederik ſuchten, ausſprach, waren: „Wo iſt denn mein Sohn 2* Madame Baſtien konnte ihn in der That nicht er⸗ blicken; der Lehnſtuhl, in den er ſich weinend geworfen hatte, war durch das Vorſtehen des Thürflügels verborgen. Beim Anblick der rührenden, engeliſchen Schönheit der jungen Frau, welche wie geſagt, kaum zwanzig Jahre alt zu ſein ſchien, und deren Züge eine außerordentliche Aehn⸗ üchkeit mit denen von Frederik boten, blieb David einige 8¹ Secunden von Erſtaunen und Bewunderung ergriffen, Gefühle mit denen ſich eine tiefe Theilnahme verband, denn er erfuhr, ſie ſei die Mutter des Jünglings, für den er ſchon ein aufrichtiges Mitleid empfand. „Aber wo iſt denn mein Sohn?“ wiederholte Ma⸗ dame Baſtien, indem ſie noch einen Schritt im Salon machte und mit unruhiger Sorge umherzuſchauen anfing. David machte ihr ein Zeichen des Verſtändniſſes, forderte ſie durch eine deutliche Geberde auf, hinter die Thüre zu ſchauen, und fügte mit leiſer Stimme bei: „Das arme Kind! . es iſt dort . . .“ Es lag in dem Ton und in den Geſichtszügen von David, als er nur die Worte: das arme Kind! ſprach, etwas ſo Sanftes, ſo Bewegtes, daß Marie, Anfangs er⸗ ſtaunt beim Anblick des Fremden, zu dieſem ſagte, als hätte ſie ihn gekannt: „Mein Gott! was gibt es? Iſt ihm etwas be⸗ gegnet?“ „Es iſt mir nichts begegnet, meine Mutter,“ erwie⸗ derte raſch der Jüngling, der, um ſeine Thränen zu trock⸗ nen und zu verbergen, den Augenblick hatte wo ihn Madame Baſtien nicht geſehen, benützt hatte. Dann verbeugte er ſich mit einer düſteren, zerſtreuten Miene vor dem Doctor Dufour, den Frederik kurz zuvor noch mit einer ſo liebevollen Herzlichkeit behandelt hatte, näherte ſich Marie und fragte: „Kommſt Du mit, meine Mutter?“ „Frederik!“ rief dieſe, indem ſie ihren Sohn bei den Fi faßte und ihn mit der ängſtlichſten Sorge an⸗ ſchaute, „Du haſt geweint!“ „Nein, nein,“ erwiederte Frederik ungeduldig mit dem Fuß ſtampfend, während er zugleich ſeine Hände von denen Mutter loszumachen ſuchte. „Komm laß uns gehen.“ „Nicht wahr, mein Herr, er hat geweint?“ fragte ſie David mit bangem Blick. Die ſieben Tobfünden. Un Abth. 1r Bo. 6 82 „Nun! ja, ich habe geweint,“ antwortete Frederik mit einem höhniſchen Lächeln, „ich habe aus Dankbarkeit geweint, denn dieſer Herr (und er deutete auf David), hat mich aus dem Fenſter zu fallen verhindert . Jetzt weißt Du Alles, meine Mutter komm . .. laß uns ehen . Und er wandte ſich ungeſtüm nach der Thüre. Nicht minder erſtaunt und bekümmert als Madame Baſtien, ſagte der Doctor Dufour zu David: „Mein Freund, was ſoll dies bedeuten?“ „Mein Herr,“ ſprach Matie zum Freund des Doe⸗ tors, verwirrt, troſtlos über die ſchlechte Meinung, die dieſer Fremde von Frederik faſſen müßte, „ich weiß nicht, was mein Sohn meint . . . ich weiß nicht, was vorge⸗ fallen iſt, doch ich flehe Sie an, entſchuldigen Sie . „Beruhigen Sie ſich, Madame, ich bin es, der der Entſchuldigung bedarf,“ antwortete David mit einem wohlwollenden Lächeln, „als ich ſo eben Ihrem Herrn Sohn bemerkte, er beuge ſich unvorſichtig aus dem Fen⸗ ſter, behandelte ich ihn ein wenig als Schüler. . . Was wollen Sie, Madame? dieſes liebe Kind iſt ganz ſtolz auf ſeine ſechzehn Jahre . . . und es hat Recht, denn in dieſem Alter, fügte David mit ſanftem Ernſte bei, „in dieſem Alter iſt man beinahe ein Mann, und man be⸗ greift noch beſſer den ganzen Zauber, das ganze Glück der mütterlichen Zuneigung!“ „Mein Herr,“ rief voll Heftigkeit Frederik, die Na⸗ ſenflügel weit ausgedehnt durch den Zorn, während ſich ſein bleiches Geſicht mit einer lebhaften Röthe bedeckte, „ich brauche keine Lectionen „ Und er ging raſch hinaus. „Frederik!“ rief Marie ihrem Sohne im Ton des Vorwurfs in dem Augenblick zu, wo er das Zimmer ver⸗ ließ; dann gegen David ihr engeliſches Antlitz wendend, worin feucht von Thränen ihre großen, ſanften blauen Augen glänzten, ſprach ſie mit rührender Anmuth: „Ah! mein Herr, ich bitte Sie noch einmal um 83 Verzeihung, Ihre wohlwollenden Worte von vorhin laſſen mich hoffen, daß Sie meinen Kummer begreifen und mir wenigſtens Ihre Nachſicht für das unglückliche Kind ge⸗ währen werden.“ „Der junge Mann leidet, man muß ihn beklagen und beruhigen,“ erwiederte David mit gerührtem Tone; „ich war vorhin betroffen von der Bläße und dem ſchmerz⸗ lichen Zuſammenziehen ſeines Geſichtes .. Doch, Ma⸗ dame, er iſt aus dem Zimmer weggegangen, verlaſſen Sie ihn nicht.“ „Kommen Sie, Madame, kommen Sie geſchwinde,“ jugte der Doctor Dufvur, Madame Baſtien ſeinen Arm etend. Getheilt zwiſchen dem Erſtaunen, das bei ihr das Wohlwollen des Fremden veranlaßte, und der Unruhe, von der ſie befallen war, folgte Marie haſtig dem Doctor, um Frederik einzuholen. Als David allein war, trat er ans Fenſter. In dem Augenblick, wo er ſich hinausbeugte, ſah er Madame Baſtien, nachdem ſie ihr Sacktuch an die Augen gedrückt hatte, ſich auf den Arm des Doctors ſtützen und in das beſcheidene Cabriolet ſteigen, in das ihr Frederik vorangegangen war, während Müßiggänger in großer An⸗ zahl, welche, nachdem der Jagdzug vorübergekommen, auf dem Mail geblieben und kurz zuvor Zeugen vom Mißge⸗ ſchick des Ackerpferdes geweſen waren, um das Gefährt her lachten und ihre Späße trieben. „Dieſes alte Roß wird die gute Lection, die ihm der S. Marquis gegeben hat, nicht vergeſſen,“ ſagte der ne. „Wie vrollig war der dicke Keucher mit ſeinem alt⸗ väteriſchen Cabrivlet auf dem Rücken, als er mitten unter die herrlichen Wagen des Herrn Marquis rannte,“ fügte ein Anderer bei. „Ah! ah!“ rief ein Dritter, „dieſes Steckenpferd wird ſich des heiligen Hubert erinnern.“ — 84 „Oh! ich werde mich auch erinnern!!“ murmelte Frederik mit einer vor Zorn zitternden Stimme. In dieſem Augenblick ſtieg Madame Baſtien mit der Hülfe des Doctors in das Cabriolet. Außer ſich über die plumpen Spöttereien, die er ge⸗ hört, peitſchte Frederik mit einer wüthenden Hand das alte Pferd, das im Galopp durch die Verſammlung rannte. Vergebens bat Madame Baſtien ihren Sohn, den Gang des Pferdes zu mäßigen, da mehrere Perſonen bei⸗ nahe niedergefahren worden wären; ein Kind, das nicht raſch genug auf die Seite trat, erhielt einen heftigen Peitſchenſchlag; eilig ſich nach dem Ende des Mali wen⸗ dend, verſchwand aber bald das Cabriolet, verfolgt von ki Geſchrei und dem drohenden Geziſche der aufgebrachten enge. Meuntes Rapitel. Nachdem der Doctor Dufour Madame Baſtien bis an ihren Wagen begleitet hatte, ging er wieder in ſeine Wohnung hinauf und fand ſeinen Freund, der ſich immer noch nachdenkend auf die Fenſterlehne ſtützte. Bei dem Geräuſch der Thüre, die ſich wieder ſchloß, trat David, aus ſeiner Träumerei erwachend, dem Arzt entgegen, und dieſer ſagte traurig, indem er von Madame Baſtien ſprach und auf die Scene anſpielte, bei der Beide Zeugen geweſen waren: „Ah! arme Frau „ arme Mutter! „ — 85⁵ „Du haſt Recht. Pierre ...“ erwiederte David, „dieſe junge Frau ſcheint mir ſehr zu beklagen.“ „Ja . und noch mehr zu beklagen, als Du Dir denken kannſt, denn ſie lebt in der Welt nur für ihren Sohn ... Beurtheile, was ſie leiden muß.“ „Ihr Sohn? . man ſollte glauben, es wäre ihr Bruder! Sie ſcheint kaum zwanzig Jahre alt zu ſein.“ „Ah! mein lieber Henri, die Gewohnheiten eines ländlichen, einſamen Lebens, der Mangel an lebhaften Aufregungen (denn die Beſorgniſſe, welche bei ihr durch ihren Sohn veranlaßt werden, find erſt vor einigen Mo⸗ naten entſtanden), die Ruhe eines Daſeins, ſo regelmäßig als das im Kloſter, erhalten lange in ihrer ganzen Friſche dieſe erſte Blüthe der Jugend, welche Dir bei Madame Baſtien auffällt.“ „Sie hat ſich alſo ſehr jung verheirathet?“ „Mit fünfzehn Jahren .. .“ „Mein Gott! wie ſchön iſt ſie!“ ſagte David, nach⸗ dem er einen Augenblick geſchwiegen, „aber ſchon beſon⸗ ders in jener zugleich jungfräulichen und mütterlichen Schönheit, welche den Jungfrauen⸗Müttern von Raphael einen ſo göttlichen Charakter verleiht.“ „Jungfrau⸗Mutter?... Du weißt nicht, wie gut Du das ausgedrückt haſt, Henri. ..“ „Wie ſo?“ „Hore mit zwei Worten die Geſchichte von Madame Baſtien, ſie wird Dich intereſſiren . . . und Du nimmſt wenigſtens ein rührendes Andenken an dieſe reizende Frau mit.“ „Du haſt Recht, mein Freund .. das wird für mich auf meiner Reiſe ein ſüßer Gegenſtand des Nach⸗ ſinnens ſein.“ „Marie Fiterval,“ ſprach der Doctor, „war die Tochter eines ziemlich reichen Banquter von Angers; mehrere unglückliche Operationen brachten ihn mit ſeinem Vermögen in eine ziemlich prekäre Lage; er ſtand damals in einer Geſchäftsverbindung mit einem Mann Namens „ „ —— 86 Jacques Baſtien, der eine in unſeren Gegenden häuſig vorkommende Speculation betrieb: er war Güter⸗ händler.“ „Güterhändler?“ „Er kaufte an gewiſſen Orten ſehr bedeutende Güter und verkaufte ſie wieder, indem er dieſelben zerſchlug, um ſie für die kleineren Landwirthe zugänglich zu machen.“ „Ich begreife.“ „Jaques Baſtien iſt, wie ich, aus dieſem Städtchen gebürtig; ſein Vater hatte ſich ein hübſches Vermögen in ſeinem Geſchäft als Notar geſammelt; Jacques war ſein erſter Schreiber. Nach dem Tode ſeines Vaters betrieb Baſtien die Speculationen, von denen ich ſo eben geſpro⸗ chen habe. Als Herr Fierval, bei dem er einige Fonds angelegt hatte, in der Klemme war, konnte er ihm, indem er dieſe Kapitalien zu ſeiner Verfügung ſtellte, einen großen Dienſt leiſten; Marie zählte damals fünfzehn Jahre, ſie war ſchön, wie Du dies geſehen haſt, und erzogen, wie es die Tochter eines Geizhalſes der Provinz ſein kann, nämlich gewohnt, ſich als die erſte Magd des Hauſes zu betrachten und beinahe alle gemeinen Geſchäfte zu be⸗ ſorgen.“ „Was Du mir da ſagſt, ſetzt mich ungemein in Er⸗ ſtaunen, Pierre! Es iſt nichts leichter, als in einem Augen⸗ blick das Erhabene der Manieren einer Frau zu beurtheilen. .. Und bei Madame Baſtien . ..“ „Nicht wahr, findet ſich nichts, was von einer plum⸗ pen Erziehung zeugen würde?“ „Nein. und mehr noch, man konnte ſich unmög⸗ lich auf eine rührendere und würdigere Weiſe ausdrücken, als es dieſe junge Frau in der peinlichen Lage gethan hat, in der ſie ſich vorhin mir gegenüber befand.“ „Es iſt wahr. .. und ich würde mich hierüber wie Du wundern, wäre ich nicht Zeuge von vielen anderen Metamorphoſen von Madame Baſtien geweſen . Sie machte alſo, ein noch ganz junges Mäbchen, einen ſo leb⸗ haften Eindruck auf unſern Güterhändler, daß dieſer eines „ 87 Tages zu mir ſagte: „„Ich habe Luſt, eine große Dumm⸗ heit zu begehen . die, ein ſehr hübſches Mädchen zu heirathen; nur wird meine Dummheit dadurch ein wenig beſchönigt, daß dieſes hübſche Mädchen albern iſt wie Stroh, aber eine Haushälterin Numero eins. Sie geht mit der Köchin ihres Vaters auf den Markt, fie verſteht ſich vollkommen auf das Einmachen von Zuckerwerk und hat nicht ihres Gleichen im Flicken von Wäſche und Strümpfen.“ Sechs Wochen nachher unterlag Marie, trotz ihres Widerſtrebens, trotz ihrer Bitten und Thränen, dem unbeugſamen Willen ihres Vaters . . . und wurde Madame Baſtien.“ „Und Herr Baſtien wußte, welchen Widerwillen er einflößte?“ „Vollkommen; vieſer Widerwillen war übrigens nur zu ſehr gerechtfertigt, denn Baſtien, der nun zwei und vierzig Jahre alt ſein mag, war und iſt noch wenigſtens ebenſo häßlich, als ich bin; aber er hat das, was ich nicht habe, die Leibesbeſchaffenheit eines Stiers: es ſind furcht⸗ bare Leute, die Leute, welche keine Haare, ſondern eine Mähne, keine menſchliche Bruſt, ſondern eine Pferdebruſt haben ... Stelle Dir einen Farneſiſchen Hercules mit viel Beleibtheit vor, denn Baſtien iſt ein gräßlicher Freſſer; füge dem eine Gleichgültigkeit gegen ſeine Perſon bei, welche bis zur Unreinlichkeit geht. Dies, was das Aeußere betrifft. In moraliſcher Hinſicht iſt es ein Burſche ſo pifſig und verſchmitzt, wie es nur immer ein Provinz⸗ advocat ſein kann; er iſt von einer fixen, unabläſſigen Idee beſeſſen, von der Idee, ſich ein großes Vermögen zu machen und Abgeordneter zu werden, wenn er, wie er ſagt, zu nichts Anderem mehr gut ſein wird .. Stellt man ihn aus dem Kreiſe ſeiner Speculationen heraus, ſo iſt er unwiſſend, brutal, ſtolz auf das Geld, das er an⸗ häuft, und unverſiegbar in plumpen Scherzen; denn wenn er auch nicht gerade dumm iſt, ſo iſt er doch wenigſtens äußerſt albern.. Sehr geneigt zum Geiz, hält er ſich für äuß erſt freigebig gegen ſeine Frau, weil er ihr eine Magd, 88 einen Gärtner, Meiſter Jacques, und ein dienſtuntüchtiges Ackerpferd gibt, um ſie nach der Stadt zu führen. Die einzige große Eigenſchaft von Baſtien beſteht darin, daß er ſich drei Viertel ſeiner Zeit auf der Reiſe und aus⸗ wärts befindet, um Güter zu kaufen. Kommt er nach ſeiner Wohnung, einem Pachthof, zurück, den er in Folge einer unglücklichen Speculation zu behalten genothigt ge⸗ weſen iſt, ſo beſchäftigt er ſich nur damit, daß er ſich ein gewiſſes herriſches Anſehen zu geben ſucht, in der Morgen⸗ dämmerung, um ſeine Culturen zu beaufſichtigen, ausgeht, auf dem Feld frühſtückt, bei Nacht nach Hauſe kommt, reichlich zu Nacht ſpeiſt, trinkt wie ein Cantor und häufig betrunken auf dem Tiſchtuch einſchläft.“ „Du haſt Recht, Pierre,“ ſagte David traurig, „dieſe arme Frau iſt unglücklicher, als ich glaubte .. Welch ein Gatte für ein ſo reizendes Geſchöpf! Doch dieſe Leute, welche, wie Herr Baſtien, ungefähr nur die Triebe des Viehs, verbunden mit dem Inſtinet der Raubſucht, beſitzen, haben zuweilen die übermäßige Liebe für das Weibchen und ihre Jungen.. Herr Baſtien liebt wenigſtens ſeine Frau und ſeinen Sohn?“ „Was ſeine Frau betrifft, ſo ſagte ich Dir vorhin, Deine Vergleichung mit der Jungfrau⸗Mutter ſei Deiner unbewußt äußerſt richtig geweſen . . . Böre, warum.. . Zwei Tage nach ſeiner Verheirathung ſprach Baſtien, der mich ſtets mit ſeinem Vertrauen verfolgte, mit der Miene eines verwunderten, zornigen Ochſen zu mir: „Ah! weißt Du, wenn ich meinem Zieraffen von einem Weibe folgte, ſo bliebe ich nun mein ganzes Leben ein verheiratheter Junggeſelle?““ Und es ſcheint in der That, daß dem ſo war, denn auf ſeine erſte und einzige Hoch⸗ zeitnacht anſpielend, ſagte Baſtien oft mit einer tiefen Miene zu mir: „„Es iſt ein Glück, daß ich in dieſer Nacht ein Kind gezeugt habe, ſonſt hätte ich nie eines be⸗ kommen.““ In ſeinem Zorn darüber, daß er ſich zurück⸗ gewieſen ſah, wollte er ſodann die arme Marie für den unüberwindlichen Widerwillen, den er ihr einflößte, be⸗ 89 ſtrafen, für einen Widerwillen, den er nie zu beſiegen ver⸗ mocht hatte, nachdem er Alles verſucht. .. Alles, hörſt Du wohl, Henri? Alles .. bis auf die Brutalität . .. bis auf die Gewaltthat, bis auf die Schläge, denn ſobald dieſer Menſch trunken iſt, kennt er ſich nicht mehr.“ „Ah! das iſt ſchändlich.“ „Ja und als ich ihm mit meiner ganzen Ent⸗ rüſtung Vorwürfe machte, antwortete er mir: „„Höre .. es iſt meine Frau, ich habe mein Recht. . . und das Ge⸗ ſetz für mich; ich habe nicht geheirathet, um Junggeſelle zu bleiben, und ein ſolcher Grasaffe ſoll mich nicht zum Nachgeben bringen.“ Und dennoch hat dieſer wilde Stier nachgegeben, weil die rohe Gewalt nichts vermag gegen den Ekel und die Abneigung einer Frau, beſonders wenn dieſe Frau, wie Madame Baſtien, mit einer un⸗ glaublichen Willensenergie ausgerüſtet iſt.“ „Sie wußte doch wenigſtens einer der ſchmählichſten, grauſamſten Demüthigungen zu entgehen, welche eine ſolche Ehe auferlegen kann .. Und dieſer Menſch, ſagſt Du, habe ſich für den unerbittlichen Widerwillen, den er ihr eingeflößt, gerächt?“ „Hoͤre, wie. Anfangs hatte er die Abſicht, ſich in Blois niederzulaſſen; der Widerſtand ſeiner Frau änderte ſein Vorhaben. „„Ah! ſo iſt es!““ ſagte er zu mir, „„nun wohl! ſie ſoll mir das bezahlen . .. Ich habe einen verfallenen Pachthof bei Pont⸗Brillant. Dieſer alberne Maulaffe ſoll ihn nicht verlaſſen. er ſoll dort ganz allein mit hundert Franken monatlich leben . . .““ Und dies geſchah . . Voll Muth, voll Refignation nahm Marie dieſes armſelige, einſame Leben an, das ihr Baſtien ſo peinlich als möglich machte, bis zu dem Augenblick, wo er die Schwangerſchaft ſeiner Frau erfuhr; da wurde dieſer rohe Burſche ein wenig milder. . . Er ließ Marie immer auf dem Pachthof; aber er erlaubte ihr, einige wenig koſtſpielige Veränderungen vorzunehmen, welche je⸗ doch durch den natürlichen Geſchmack von Madame Ba⸗ ſtien in einen lachenden Aufenthaltsort die unangenehmſte 90 Wohnſtätte der Gegend verwandelte; dann übten allmälig die engeliſche Sanftmuth, die ſeltenen Eigenſchaften dieſer reizenden Frau ein wenig Einfluß auf Baſtien aus: ob⸗ gleich immer noch groben Weſens, iſt er doch am Ende minder brutal geworden und hat ſeinen Entſchluß hinſicht⸗ lich ſeines Lebens als Ghemann⸗Junggeſelle ge⸗ faßt. „Mein Freund,“ ſagte er neulich zu mir, „ich bin als ein Glückskind geboren, meine Frau lebt, und vas iſt mir durchaus nicht ärgerlich; ſie iſt ſanft, geduldig, ſparſam, denn mit Ausnahme der Koſten für ihr Haus und ihren Unterhalt gebe ich ihr durchaus keinen Sou, und hiemit begnügt ſie ſich; ſie ſtreckt die Naſe nicht zum Pachthof hinaus und bekümmert ſich nur um ihren Sohn; ſtärbe hernach meine Frau, ſo würde ich mich auch nicht varüber grämen ... denn, Du begreiſſt? iſt man verhei⸗ ratheter Junggeſelle, ſo muß man ſeine Wildgänge haben, und das koſtet Geld, ohne NRutzen für die Wirth⸗ ſchaft . . . Mag meine Frau leben oder ſterben, ich werde mich nicht zu beklagen haben und deshalb ſagte ich vorhin, ich ſei als ein Glückskind geboren.““ „Und ſein Sohn?“ fragte David, immer mehr in⸗ tereſſirt, „liebt er ihn?“ „Baſtien iſt einer von jenen Vätern, welche die Vater⸗ ſchaft immer nur auf eine zurückſtoßende, zornige, brum⸗ mige Weiſe verſtehen .. Bei ſeinen ſeltenen Aufent⸗ halten auf dem Pachthof, und obgleich er ſich vielmehr mit der Zucht ſeines Viehs, als mit der Erziehung ſeines Sohnes beſchäftiat, findet er auch immer ein Mittel, gegen dieſes Kind in Zorn zu gerathen. Was war Folge hie⸗ von? Daß Baſtien ſo zu ſagen gar nicht im Leben ſeiner Frau und ſeines Sohnes zählt. . . Und was die Er⸗ ziehung dieſes Frederik betrifft, da muß ich Dir eine andere von den bewunderungswürdigen Metamorphoſen anführen, welche die mütterliche Liebe bei Madame Baſtien bewerk⸗ ſtelligt hat.“ „Du kannſt gar nicht glauben, Pierre,“ ſagte David 91 mit wachſender Reugierde, „Du kannſt nicht glauben, wie ſehr mich dies Alles intereſſirt.“ „Und was wirſt Du in einigen Minuten erſt ſagen?“ rief der Doctor. Und er fuhr alſo fort: „Ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren und aufgewachſen, wie ich Dir erzählte, hatte Marie Baſtien nur eine ſehr unvollkommene und ſogar plumpe Erziehung erhalten; ſagen wir es gerade heraus: zur Zeit ihrer Verheirathung war die Arme völlig unwiſſend; ſie beſaß einen nicht beſchränkten Verſtand, aber einen Verſtand, den nichts geöffnet hatte. . . Als ſie ſich Mutter fühlte, ging eine wunderbare Revolution in ihr vor . . . Die Größe der Pflichten ehrend, die ihr ihre Mutterſchaft, fortan ihre einzige Hoffnung auf Glück, auferlegte, machte es ſich Marie, troſtlos über ihre Unwiſſenheit, zur Auf⸗ gabe, in vier bis fünf Jahren Alles zu lernen, was für die Erziehung ihres Kindes, die ſie Niemand anvertrauen wollte, nothwendig wäre.“ „Dieſen Muth, dieſe mütterliche Aufopferung kann man nur bewundern,“ rief David. „Und ihr Entſchluß?“ „Ihr Entſchluß wurde muthig vollführt, obſchon ſich tauſend Hinderniſſe entgegenſtellten; mit fünfzehn und einem halben Jahr, wie ſie damals war, fühlte Madame Baſtien, um ſich zu unterrichten, die Nothwendigkeit, ſelbſt eine Lehrerin anzunehmen; als ſie die erſten Worte über vieſen Plan fallen ließ, behandelte ſie Baſtien wie eine Wahnfinnige; weit entfernt, ſich dadurch zurückſchrecken zu laſſen, beharrte ſie bei ihrem Verlangen und wußte ihm am Ende vortreffliche Gründe anzugeben, unter Ande⸗ rem den der Erſparniß, denn ſie ſagte, für zweitauſend Franken jährlich bekäme ſie eine Lehrerin, die ſie in weni⸗ gen Jahren in Allem unterrichten würde, was für die Er⸗ ziehung eines Mädchens oder eines Knaben bis zu einem Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren nothwendig wäre; wollte man dies nicht ſo einrichten, ſagte ſie, ſo müßte man, da fie entſchloſſen, ſich nicht von ihrem Kind zu 92 trennen, nach dem Pachthof Profeſſoren von Pont⸗Bril⸗ lant, oder ſogar von Blois kommen laſſen, was die Er⸗ ziehung ſehr koſtſpielig machen würde. Baſtien, nachdem er die Koſten berechnet und abgewogen, ſah ein, ſeine Frau habe Recht, und fügte ſich ihren Wünſchen. Zum Glück fand Marie in einer jungen engliſchen Lehrerin einen Schatz an Wiſſen, Verſtand und Herz. Miß Hariett (ſo hieß ſie), würdig, in jeder Hinſicht dieſes ſeltene Beiſpiel mütterlicher Aufopferung und Ergebenheit zu ſchätzen, widmete ſich mit Leib und Seele dem Auftrag, den ſie bei Madame Baſtien annahm.“ „Nein,“ ſagte David, durch die Erzählung des Doctors bis zu Thränen bewegt, „nein, ich weiß nichts Rühren⸗ deres als dieſe Mutter von fünfzehn Jahren, welche, eifer⸗ ſüchtig darauf bedacht, ihrem Kind ſelbſt das Leben der Intelligenz zu geben, ſich ſo hartnäckig den Studien widmet.“ „Was ſoll ich Dir ſagen, mein Freund?“ fuhr der Doctor fort, „trefflich unterſtützt von ihren natürlichen Fähigkeiten, die ſich raſch nach vierjährigen Arbeiten ent⸗ wickelten, welche ſie ſodann ganz allein, beſtändig mit ihrem Kind beſchäftigt, fortſetzte, erlangte die junge Mut⸗ ter gediegene Kenntniſſe in der Literatur, in der Geſchichte, in der Gevgraphie, unterrichtete ſie ſich ſo gut in der Muſik, daß ſie darin die Lehrerin ihres Sohnes werden konnte. .. machte ſich hinreichend mit der engliſchen Sprache ver⸗ traut, um ihn in dieſes Idiom einweihen zu koͤnnen, und lernte endlich von der Zeichenkunſt, was es brauchte, um Frederik in den Stand zu ſetzen, nach der Natur zu zeichen; er benützte ihre Lectionen auf eine wunderbar entſprechende Weiſe, denn es gibt wenige Kinder ſeines Alters, die ſich ſoliderer, vielſeitigerer Kenntniſſe rühmen können.. Durch ſeinen Geiſt, durch ſein Herz, durch ſeinen Charakter war er auch der Stolz und die Freude ſeiner Mutter, als ſich plötzlich eine ſeltſame Veränderung bei ihm offenbarte.. 4 Das Geſpräch des Doctors und ſeines Freundes wurde 93 hier durch die alte Magd unterbrochen, welche eintretend ſich an ihren Herrn wandte und zu ihm ſagte: „Herr Doctor, ſo eben benachrichtigt man mich, die Diligence für Nantes müſſe um ſechs Uhr hier durchkom⸗ men, und man will das Gepäcke von Herrn David holen.“ „Gut . . ich bitte Euch, laßt es forttragen,“ ant⸗ wortete Henri David der Magd, „ſagt auch, man ſoll mir melden, wenn der Wagen anhält, um umzuſpannen.“ „Ja, Herr David,“ ſagte die Magd. Und ſie fügte mit einem Ausdruck naiven Bedauerns ei: „Es iſt alſo wirklich wahr, Sie verlaſſen uns, mein guter Herr David?“ Dann ſich an den Doctor wendend: „Und Sie, Herr Doctor, Sie laſſen alſo Ihren Freund abreiſen?“ „Hörſt Du?“ ſagte Herr Dufour traurig lächelnd, „ich betrübe mich nicht allein über Deine Abreiſe.“ „Glaube mir, Honvrine,“ ſprach liebevoll David zu der alten Magd, „wenn man einen Freund wie Pierre und eine Gaſtfreundſchaft, die Eure aufmerkſame Fürſorge ſo angenehm gemacht hat, verläßt, ſo gehorcht man einer gebieteriſchen Nothwendigkeit.“ „Gut, gut, Herr David,“ ſagte die Magd, während ſie wegging, „doch es bleibt immerhin ſehr traurig, man gewoͤhnt ſich ſo raſch an brave Leute, wie Sie ſind.“ Behntes Rapitel. Noch unter dem Eindruck der Rührung, den bei ihm die Mittheilungen ſeines Freundes über Madame Baſtien veranlaßt hatten, ſchwieg David einige Augenblicke, als die Magd weggegangen war. Der Doctor war ſeinerſeits wieder traurig und nach⸗ denkend geworden. Die Erſcheinung der Magd hatte ihn daran erinnert, daß er vielleicht auf Jahre von ſeinem beſten Freund ge⸗ trennt werden ſollte. David nahm zuerſt das Wort. „Pierre, Du haſt Recht, ich werde ein reizendes An⸗ denken an Madame Baſtien mit mir nehmen. Oft wird das, was Du mir mitgetheilt, für mich ein Gegenſtand ſüßer Träumereien ſein, mit denen Du in meinen Gedan⸗ ken in Verbindung ſtehen wirſt, denn ich habe Dir hiebei einen der reinſten Genüſſe zu verdanken, die ich ſeit langer Zeit gekoſtet . .. Es iſt ſo gut, ſeinen Geiſt ruhen zu laſ⸗ ſen, ſich grauſamen Leiden durch den Gedanken des Idea⸗ len zu entſchlagen denn Madame Baſtien iſt beinahe ein ideales Geſchöpf . ..“ „Henri, ich verſtehe Dich .. verzeihe mir, daß ich nicht früher daran dachte,“ ſagte der Dortor, die Er⸗ ſchütterung ſeines Freundes gewahrend, „der Anblick dieſes Knaben von ſechzehn Jahren mußte Dich daran erinnern. . .“ Und als der Doctor fortzufahren zögerte, ſprach David niedergeſchlagen: „Ja, der Anblick dieſes Knaben erinnerte mich an venjenigen, welchen ich nicht vergeſſen kann, an meinen Ferdinandi Er war im Alter von Frederik! Dieſes ſchöne Kind ſlößte mir auch ſogleich ein tiefes Intereſſe ein, und 95 dieſes Intereſſe vermehrte ſich durch die ganze Bewun⸗ derung, die ich für die junge, ſo muthige, ſo ergebene Mutter empfinde! . . . Oh! mein Freund, dieſe Erinnerung wird mir gut und heilſam ſein. Ja, glaube mir, mitten unter dem abenteuerlichen Leben, das ich wiederzubeginnen im Begriff bin, werde ich, nach einem herben Tagmarſch in der Wüſte, die Augen ſchließen und die milde Erſchei⸗ nung dieſer Frau und ihres Sohnes heraufbeſchwören. Dieſe Gedanken werden mich zugleich zu Dir führen, mein guter Pierre, die Beſchwörung wird vollſtändig ſein .. ihren Rahmen ſoll das kleine Zimmer hier bilden, wo wir ſo lange Abende in den Ergüſſen unſerer alten Freundſchaft hingebracht haben.“ „Auch für mich, Henri, wird es, indem ich Dich reiſen ſehe, ein Troſt ſein, zu wiſſen, Du nehmeſt eine Erinnerung mehr mit Dir, und zu denken, Du intereſſireſt Dich nun, wie ich, für die edelſte Frau, die ich kennen gelernt und geliebt habe . . . Gott wolle nur, daß ſie nicht unſeliger Weiſe in ihrem Sohne geſchlagen werde, denn Du begreifſt, ihr Sohn iſt ihr Leben . . .“ „Aber wie kommt es, daß er, von ihr erzogen und trotz der Vorgänge, die Du mir aus ſeinem früheren Leben erzählt haſt, ſeiner Mutter nun Anlaß zu ernſten Beſorg⸗ niſſen gibt? Und worin beſtehen dieſe Beſorgniſſe?“ „Frederik, den Du bleich, abgemagert, düſter, unge⸗ duldig und heftig geſehen haſt, war noch vor wenigen Monaten voll Geſundheit, Friſche und Heiterkeit; es ließ ſich nichts Reizenderes, nichts Freundlicheres denken, als ſeine Manieren, nichts Evleres, als ſein Charakter . Ich könnte Dir Züge von ihm anführen, die Dein Herz ſchlagen machen würden.“ „Armes Kind!“ rief David mit einem Ausdruck zar⸗ ten Mitleids. „Ich glaube Dir, Pierre. Wie viel Schmerz, wie viel Bitterkeit iag in ſeinem ſchönen, aber bleichen und zuſammengezogenen Geſicht! Nein, nein, er iſt nicht boͤſe; er leidet an einem unbekannten Uebel,“ fügte David 96 nachdenkend bei. „Das iſt ſeltſam, in ſo kurzer Zeit in dieſem Grad unkennbar geworden!“ „Was ſoll ich Dir ſagen,“ ſprach der Doctor, „Alles wurde zugleich angegriffen, das Herz und der Geiſt! Vor Kurzem noch voll Eifer und Strebſamkeit, war das Stu⸗ dium für Frederik ein Vergnügen; er beſaß eine glänzende Einbildungskraft, frühreife Fähigkeiten. Doch Alles hat ſich dergeſtalt verändert, daß vor einem Monat ſeine Mut⸗ ter, troſtlos über die unheilbare Apathie des Geiſtes, in die er verſunken blieb, und in der Hoffnung, neue Arbeiten würden ſeine Wißbegierde ſtacheln, einen Lehrer anzuneh⸗ men beſchloß. Er ſollte Frederik Unterricht in zugleich ſeeſſenten lehrreichen und für ihn neuen Wiſſenſchaften geben . „Nun?“ „Zurückgeſtoßen durch den böſen Willen, die Härte und Heftigkeit von Frederik verließ der Lehrer nach acht Tagen das Haus.“ „Und welchem Umſtand iſt dieſe Veränderung zuzu⸗ ſchreiben?“ „Ich glaube noch, wie vor einigen Monaten, daß die düſtere Schwermuth von Frederik, ſeine Schweigſam⸗ keit, ſeine Abnahme, ſeine Entmuthigung, ſein Widerwille gegen alle Dinge, ſein ungeſtümes Weſen das Alter der Mannbarkeit zur Urſache haben. Es gibt tauſend Bei⸗ ſpiele von ſolchen Kriſen bei den Jünglingen, wenn ſie in die Mannheit eintreten. In dieſem Alter geſchieht es auch in der Regel, daß die entſchiedenen, ſcharfen Züge des Charakters klar hervortreten, daß der Mann endlich, auf den Jüngling folgend, ſich ſo zeigt, wie er eines Tages ſein ſoll; dieſes zweite Auskriechen veranlaßt bei⸗ nahe immer ernſte Abweichungen im ganzen Syſtem. Es iſt alſo wahrſcheinlich, daß Frederik gegenwärtig unter dem Einfluß dieſes Phänomens ſteht.“ „Aber dieſe ſo wahrſcheinliche Erklärung mußte Ma⸗ dame Baſtien beruhigen?“ „Ahl mein armer David, man beruhigt eine Mutter 97 nie ganz, beſonders nicht eine ſolche Mutter. Eine Zeit lang beſchwichtigten die Gründe, die ich ihr angab, ihre Herzensangſt . aber das Uebel nimmt zu und ſie iſt auf's Neue in Beſorgniß. Du kannſt Dir nicht vorſtellen, mit welcher Beredtſamkeit der Seele ſie mir noch ſo eben ihre Befürchtungen ausdrückte, mit welcher ſchmerzlichen Bitterkeit ſie ſich ſelbſt anklagte und ausrief: „„Ich bin ſeine Mutter und errathe nicht, was er hat. Es fehlt mir alſo an Scharffinn und mütterlichem Inſtinct . . . Ich bin ſeine Mutter, und er bertraut mir die Urſache des Kummers nicht, der ihn verzehrt! Ah! das iſt meine Schuld . . . es iſt meine Schuld! . . . ich bin keine wahrhaft gute Mutter geweſen . . . Eine Mutter hat immer Unrecht, wenn ſie ſich das Vertrauen eines Sohnes nicht zu erwerben weiß!““ „Arme Frau!“ ſprach David, „ſie verleumdet ſich in dem Augenblick, wo ſie ihr Mutterinſtinet, ihrer unbewußt, unterſtützt.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Gewiß, ihr Inſtinet ſagt ihr, daß, ſo wahrſcheinlich auch die Erklärung iſt, die Du ihr über den Zuſtand ihres Kindes gibſt, Du Dich dennoch täuſcheſt, denn trotz ihres Vertrauens zu Dir, trotz ihres Bedürfniſſes, Beru⸗ higung zu finden, haben Deine Worte ihre Befürchtungen nicht beſchwichtigt.“ Nachdem er einige Augenblicke nachdenkend geblieben, fuhr David gegen ſeinen Freund fort: „Das große Schloß, das man dort am Horizont ſieht, iſt es nicht das Schloß Pont⸗Brillant?“ Bei dieſer Frage, welche keine Beziehung zu dem Geſpräch zu haben ſchien, ſchaute der Doctor David mit erſtaunter Miene an und erwiederte: „Ja, es iſt das Schloß Pont⸗Brillant. Sein gegen⸗ wärtiger Eigenthümer, der junge Marquis, war unter den Jägern, welche vorhin vorüberzogen. Ihm gehörte die ſchone Jagdequipage .. Doch in welcher Verbindung.. Die ſieben Todfünden. M. Abth. 1r Bd. * 98 „Sage mir, iſt der Sohn von Madame Baſtien in der Familie Pont⸗Brillant aufgenommen?“ „Nie. . Dieſe Familie iſt ſehr ſtolz, ſie ſehen nur den Adel der Gegend, und zwar nur einen ſehr ausge⸗ wählten Adel.“ „Und kennt Frederik den jungen Marquis?“ „Wenn er ihn kennt, kennt er ihn höchſtens vom Sehen, denn ich wiederhole, der junge Marquis iſt zu hoffärtig, um ſich mit dem Sohn eines kleinen Bürgers abzugeben.“ „Iſt dieſe Familie geliebt?“ fragte David immer nachdenkender. „Die Pont⸗Brillant find ungeheuer reich. . beinahe alle Güter auf ſechs Meilen in der Runde gehören ihnen. Sie beſitzen einen großen Theil der Häuſer dieſer Stadt, wo ſie auch alle ihre Lieferanten und Handwerksleute haben. Du begreifſt, daß in Ermangelung der Zuneigung wenigſtens das Intereſſe einer beträchtlichen Anzahl von dieſer mächtigen Familie abhängiger Perſonen einen Anſchein von Achtung und Anhänglichlichkeit heiſcht; unter den Bravos und Vivats, die Du vielleicht vorhin gehört haſt, als der Marquis und ſeine Großmutter vorüberzogen, waren auch, glaube ich, ſehr wenige uneigennützig. Uebri⸗ gens wird ein Jahr ins andere eine beſtimmte Summe von der Familie für die Armen gegeben. Der Maire und der Pfarrer find mit der Vertheilung dieſes Almoſens beauf⸗ tragt; aber der junge Marquis miſcht ſich ebenſo wenig varein, als ſeine Großmutter, deren Philoſophie, wie man ſagt, die des Baron von Holbach erbleichen gemacht hätte. Stelle Dir eine vornehme Dame aus der Regentſchaft mit dem höhniſchen Atheismus und der ſchiſchen Sprache jener Zeit vor.. Doch ich wiederhole, mein Freund, warum dieſe Fragen in Beziehung auf das Schloß und die Familie Pont⸗Brillant?“ „Weil ich vorhin, als ich mit Frederik allein war, zu hemerken glaubte, daß er einen tiefen Haß gegen den jungen Mapquis hegt.“ 6 99 „Frederik, rief der Doctor ebenſo erſtaunt, als un⸗ gläubig, „das iſt unmöglich. Ich ſage Dir noch ein⸗ mal, daß er in ſeinem Leben nicht mit Herrn von Pont⸗ Brillant geſprochen hat. Ah! ah . . . Haß gegen dieſen jungen Menſchen, und was ſollte die Urſache ſein?“ „Ich weiß es nicht, doch ich bin deſſen, was ich ge⸗ ſehen habe, ſicher?“ „Und was haſt Du geſehen?“ „Das Pferd, das Frederik und ſeine Mutter hierher⸗ brachte, hatte ſich ohne Zweifel losgemacht und näherte ſich dem Zug; der junge Marquis peitſchte es, und in dieſem Augenblick hätte ſich Frederik, wäre er nicht. von mir zurückgehalten worden, leichenbleich vor Wuth zum Fenſter hinausgeſtürzt, nachdem er Herrn von Pont⸗Bril⸗ lant die Fauſt gewieſen.“ „Und um Madame Baſtien nicht zu erſchrecken, ſag⸗ teſt Du uns...“ „Frederik habe ſich unvorſichtig aus dem Fenſter ge⸗ beugt Ich wiederhole Dir, Pierre, ich habe keine Geberde, keinen Blick, keine Nuance der Phyſiognomie dieſes unglücklichen Kindes verloren . .. Es iſt Haß, ſage ich Dir, was er gegen den andern Jüngling empfindet.“ Einen Augenblick erſchüttert durch die Ueberzeugung von David, erwiederte der Doctor: S „Es mag ſein, daß Frederik bei dieſer Veranlaſſung der Heftigkeit des Charakters nachgegeben hat, der ſich in ihm zu entwickeln ſcheint; aber bedenke, Freund, daß die Veränderung, welche ſeine Mutter erſchreckt und troſtlos macht, ſchon von einigen Monaten datirt. Die Scene vorhin konnte Frederik einen Augenblick erzürnen, doch mächtig genug, um in körperlicher und geiſtiger Hinſicht ſo ſichtbar zu reagiren, muß ein Haß eine furchtbare und ſchon alte Urſache haben, während ich Dir wiederhole, daß ſich der Sohn von Madame Baſtien und der junge Marquis von Pont⸗Brillant nie geſprochen haben, daß ſie in durchaus getrennten Sphären leben, daß keine Berührung zwiſchen ihnen möglich iſt. Woraus ſollte 100 der Haß, der dieſe jungen Leute entzweien würde, ent⸗ ſtanden ſein?“ „Es iſt wahr, Dein Urtheil iſt richtig, und ich muß mich fügen,“ erwiederte David nachdenkend, „und dennoch ſagt mir irgend Etwas, Frederik unterliege einer rein mo⸗ raliſchen Kriſe.“ „Oh! was das betrifft . ich bin weit entfernt, als unſehibar die Erklärung zu betrachten, die ich Madame Baſtien gegeben habe, um ſie zu beruhigen; ich ſage wie Du: Frederik ſteht vielleicht unter dem Einfluß einer mo⸗ raliſchen Kriſe .. Dieſe Kriſe, welcher Art iſt ſie? ach! es wird ſehr ſchwer ſein, dies zu entdecken, wenn der Scharf⸗ ſinn einer Mutter bei der Nachforſchung geſcheitert iſt. Ich habe übrigens Madame Baſtien aufgefordert, ihrem Sohn ſo viel als möglich Zerſtreuung zu geben, und ihn, wenn es Noth thue, einige Monate reiſen zu laſſen. Vielleicht würden die Bewegung, die Ortsveränderung eine heilſame Gegenwirkung hervorbringen.“ „Höre, Pierre,“ ſprach David traurig, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte, „ich bedaure es bei⸗ nahe, dieſe reizende Frau bei Dir getroffen zu haben, gerade weil ſie und ihr Sohn mir eine wachſende Theil⸗ nahme einflößen.“ „Was willſt Du damit ſagen, mein Freund?“ „Offenherzig geſprochen, was kann es Traurigeres geben, als ein ebenſo tiefes, als vergebliches Mitleid zu em⸗ pfinden? Was gibt es der Sympathie und der Verehrung Würdigeres, als dieſe junge Frau, welche, obgleich ſo gräßlich verheirathet, dennoch feit langer Zeit glücklich in einer völligen Einſamkeit mit dieſem ſchönen, wie ſie, ge⸗ fühlvollen, verſtändigen Kind lebte! Und nun wird plötzlich dieſes doppelte Daſein von einem geheimnißvollen Uebel angegriffen;. . . das arme Kind ſchmachtet hin.. ſeine Mutter ſieht mit wachſendem Schmerz die Fortſchritte des unbekannten Uebels und erſchöpft ſich vergebens in Auf⸗ ſuchung ver Urſache deſſelben., Ah! ich fühle alle QOualen dieſes Schmerzes, denn auch ich habe meinen armen Fer⸗ 101 dinand bis zur Abgötterei geliebt,“ fügte David, kaum ſeine Thränen zurückzudrängend, bei, „und dieſes doppelte Unglück nicht beklagen können, ſeinen Weg fortſetzen und nur ſich fragen müſſen, was wird aus dieſem ſechzehnjährigen Kinde werden, deſſen Zukunft ſo düſter ſcheint! Oh! dieſes gezwungene . unſelige Unvermögen vor dem Uebel, das man beklagt, iſt ſtets für mich eine Marter, beinahe ein Gewiſſensbiß geweſen!“ „Oh! das iſt wahr!“ ſagte der Doctor, indem er ganz bewegt die Hände ſeines Freundes ergriff. „Wie oft haſt Du mir geſchrieben, die einzige Bitterkeit Deiner langen, ſo peinlichen, in einer ſo edlen Abſicht unternom⸗ menen Reiſen ſei die Nothwendigkeit, kalt die abſcheu⸗ lichſten Thatſachen, die barbariſchſten Sitten, die unge⸗ heuerlichſten Geſetze zu beſtätigen und zugleich anzuer⸗ kennen, Jahre, Jahrhunderte vielleicht hindurch müßten ſo viele Uebel friedlich und ungeſtoͤrt ihren Lauf fortſetzen .. Ja, ja, ich begreife, was bei Gemüthern, wie bei dem Deinigen, David, der Anblick des Uebels und die Unmög⸗ keit, es zu erleichtern, verurſachen.“ Es ſchlug drei Viertel auf ſechs Uhr auf dem Kirch⸗ thurm von Pont⸗Brillant. „Mein armer Freund, wir haben nur noch einige Minuten,“ ſagte David die Träumerei abſchüttelnd in die er verſunken war, und er reichte dem Doctor die Hand. Dieſer antwortete Anfangs nicht. Zwei Thränen entfloßen langſam ſeinen Augen, und als ihm die Erſchütterung zu ſprechen erlaubte, ſagte er: „Ach! mein armer Henri, ich ſollte mit dem Ge⸗ danken an Deine Abreiſe vertraut ſein. . . und Du ſiehſt, es gebricht mir an Muth . . .“ „Auf! Pierre, „ehe zwei Jahre vergehen, ſehe ich Dich wieder; dieſe Reiſe wird ohne Zweifel die letzte ſein, die ich unternehme ... und Du kennſt dann meine ſ ich komme zurück, um mich bei Dir niederzu⸗ aſſen . Der Doctor ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf. 10 „Ich hoffe nicht auf ein ſolches Glück ich weiß, was Du mitten in dieſem Leben der Abenteuer, der Ge⸗ fahren, denen Du Dich mit verzweifeltem Muth entgegen⸗ wirfſt, zu vergeſſen ſuchſt . denn Deine Reiſen ſind ebenſo gewagt und in ihrem Ausgang dem Glück anheim⸗ geſtellt, als die Schlachten... Welche Gefahren biſt Du nicht ſchon gelaufen!.. Und heute gehſt Du zu einer der gefahrvollſten Ercurſionen ab, die ein Reiſender unter⸗ nehmen kan .. eine Wanderung durch das Innere von Afrika . und ich ſoll mich nicht beunruhigen!“ „Habe Vertrauen zu meinem Geſtirn, mein guter Pierre; Du kennſt das Sprüchwort: „Es gibt Un⸗ glückliche, von denen der Tod nichts will,“ ſprach David mit bitterer Reſignativn. .. „Das mag Dich wenigſtens beruhigen. Glaube mir, wir ſehen uns wie⸗ der. hier. . in dieſem kleinen Zimmer.“ „Herr, Herr, die Diligence von Nantes wird eben umgejpannt.“ rief die alte Magd haſtig eintretend, „es iſt kein Augenblick zu verlieren, kommen Sie, kommen Sie.“ „Gott befohlen!“ ſprach Pierre ſeinen Freund in ſeine Arme ſchließend. „Schreibe mir nach Nantes ein letztes Wort und vergiß nicht, mir Nachricht von Madame Baſtien und ihrem Sohn zu geben. Wüßte ich dieſe Frau minder unruhig, ſo wäre dies, wie mir ſcheint, ein gutes Vorzeichen für meine Reiſe.. Lebe wohl und auf Wie⸗ derſehen, mein guter Pierre.“ „Auf Wiederſehen! Gott höre Dich!“ ſagte der Doctor und umarmte zum letzten Mal ſeinen Freund. „Nun begleite mich bis zur Deligence, Pierre, ich Dir die Hand drücken, während ich in den Wagen eige.“ Einige Augenblicke nachhet reiſte Henrt David nach Nantes ab, wo er mit der für Goree gemietheten Brigg, der Endymion, zuſammentreffen ſollte. 103 Cilftes Rapitel. Ein letzter Tropfen machtden Becher über⸗ laufen, ſagt das Sprüchwort. So machte die Scene, welche am Tage des heiligen Hubert auf dem Mail von Pont⸗Brillant vorfiel, die Galle, von der das Herz von Frederik angeſchwollen war, über⸗ laufen. In der Züchtigung, die der junge Marquis ſeinem Pferd gegeben ſah Frederik eine Beleidigung over, beſſer geſagt, einen Vorwand, der ihm ſeinen Haß gegen Ravul von Pont⸗Brillant, in der Hoffnung, an ihm ſelbſt eine wilde Rache zu nehmen, kundzugeben geſtattete. Nachdem er mit ſeiner Mutter in den Pachthof zu⸗ rückkehrt war und eine Nacht in düſteren Betrachtungen zugebracht hatte, ſchrieb der Sohn von Madame Baſtien ſchon am Morgen folgendes Billet: „Wenn Sie kein Feiger ſind, finden Sie ſich morgen beim Felſen des Grand⸗Sire mit Ihrer mit Kugeln geladenen Flinte ein; ich werde die meinige haben. Kom⸗ men Sie allein .. ich werde allein ſein .. „Ich haſſe Sie; Sie ſollen meinen Namen erfahren, wenn ich Ihnen die Urſache meines Haſſes in's Geſicht geſagt habe. „Der Felſen des Grand⸗Sire iſt ein einſamer Ort in Ihrem Walde Pont⸗Brillant. Ich werde Sie dort den ganzen Morgen, den ganzen Tag, wenn es ſein muß, erwarten, und Sie haben ſomit keine Gründe, um bei dieſem Rendez⸗vous zu fehlen.“ Dieſe beinahe wahnfinnige Herausforderung erklärt ſich nur durch das Ueberwallen des Haſſes und der Ju⸗ gend von Frederik, ſo wie vurch ſeine völlige Unerfahren⸗ 104 heit in den Dingen des Lebens und die Vereinzelung, in der er bisher gelebt hatte. Als dieſes Billet geſchrieben war, ſetzte Frederik die Adreſſe von Ravul von Pont⸗Brillant darauf, wartete auf die Stunde, wo der Briefbote durch den Pochthof kam, und dieſer nahm den für den Marquis beſtimmten Brief mit, um ihn in Pont⸗Brillant auf die Poſt zu geben. Während dieſes Tages ſtellte ſich der Jüngling, um ſeine Abſicht beſſer zu verbergen, als wäre er ruhiger als gewöhnlich. Am Abend ſagte er zu Madame Baſtien, er fühle ſich ſehr ermüdet, gedenke den ganzen andern Morgen zu ſchlafen und wünſche, daß Niemand in ſein Zimmer ein⸗ trete, ehe er aufgeſtanden. In der Hoffnung, die Ruhe würde ihrem Sohn wohlthun, beeiferte ſich die junge Mutter, ſeinem Wunſch zu entſprechen. Bei Tagesanbruch öffnete Frederik geräuſchlos das Fenſter ſeiner Stube, in die man nur durch das Zimmer ſeiner Mutter kommen konnte, nahm ſeine Flinte und gelangte um ſo leichter hinaus, als das Fenſter im Erdge⸗ ſchoß lag; da er in dieſem Augenblick nur grobes Jagd⸗ blei beſaß, ſo bat er den alten Gärtner, ihm einige Ku⸗ geln zu gießen, unter dem Vorwand, er wolle auf Wild⸗ ſchweine mit einem Pächter, dem ſie ſeine Aecker verwüſten, auf den Anſtand gehen. Die Sache kam dem Gärtner ſo glaublich vor, daß er mittelſt einigen alten Stücke Blei ein halbes Dutzend Kugeln goß, die er ſeinem jungen Herrn überließ. Dieſer begab ſich ſodann in allex Haſt nach dem Felſen des Grand⸗Sire, der in einem der ödeſten Theile des Waldes lag. Als er ſich dem Orte des Rendez⸗vous, das er dem jungen Marquis gegeben, näherte, bebte das Herz von Frederik von einer wilden Gluth, denn er war überzeugt, erzürnt über die Beleidigung und die Herausforderung, welche das Billet ſeines unbekannten Gegners enthielt, würde ſich Ravul von Pont⸗Brillant beeilen, die Be⸗ ſchimpfung zu rächen. 105 „Er wird mich tödten, oder ich werde ihn tödten,“ ſagte Frederik zu ſich ſelbſt. „Wenn er mich tödtet, deſto beſſer. .. Wezu ein für immer durch den Neid vergiftetes Daſein hinſchleppen! Wenn ich ihn tödte . . .“ Bei dieſer Betrachtung ſchauerte er. Dann, da er ſich ſeiner Schwäche beinahe ſchämte, fuhr er fort: „Nun! wenn ich ihn tödte . . . auch deſto beſſer, er wird ſich nicht mehr der Güter erfreuen, um die ich ihn beneide . . . Wenn ich ihn tödte,“ fügte das unglückliche Kind bei, indem es in ſeinen eigenen Augen den finſteren Entſchluß zu entſchuldigen ſuchte, „dann wird ſein Lurus meine Armuth und die von ſo vielen Anderen, welche noch mehr zu beklagen ſind, als ich, nicht mehr verletzen.“ In dieſe ſchwarzen Gedanken verſunken, kam Frederik bald zum Felſen des Grand⸗Sire. Man nannte ſo ſeit Jahrhunderten zum Andenken an einen der Sires von Pont⸗Brillant eine Anhäufung von Felsblöcken, welche unfern von einem der am we⸗ nigſten beſuchten Wege des Waldes lag. Kaſtanienbäume und ungeheure Tannen ragten aus der Tiefe der Felsſchluchten empor; es war ein ländlicher, einſamer Ort, voll wilder Größe; ſchon hoch am Horizont, warf die Sonne da und dort auf die Maſſen gräulichen, mit Moos bedeckten Granits ihre röthlich gelben Strahlen durch die der Blätter beraubten Bäume; der Tag kündigte ſich glänzend an, wie dies häufig gegen das Ende des Herbſtes geſchieht. Frederik legte ſeine Flinte in eine Art von natür⸗ licher Grotte, gebildet durch eine tiefe Aushöhlung, welche halb durch einen dichten Vorhang von Epheu, der an dem Spalt eines oberen Blockes Wurzel gefaßt hatte, ver⸗ ſchleiert war. Von dieſer Stelle bis zu einem Weg, genannt der Weg des Connetable, mochten es ungefähr vierzig Schritte ſein; kam der Marquis, ſo konnte er nur auf dieſem Weg kommen, der von einem Schlage begrenzt war, in welchem „ 106 ſich Frederik aufſtellte, da er von hier aus weit hinaus⸗ ſchauen konnte, ohne geſehen zu werden. Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunde vergingen .. Ravul von Pont⸗Brillant erſchien nicht. In ſeiner fieberhaften Ungeduld fand Frederik, der nicht glauben konnte, wollte, Mittel, ſich die Zögerung ſeines Gegners zu erklären: er müßte ſeinen Brief erſt am Morgen erhalten haben; er hätte ohne Zweifel einige Vorſichtsmaßregeln zu nehmen, um allein auszugehen; . vielleicht zöge er es vor, das Ende des Tages abzuwarten. Die Zeit verlief unter dieſen Bangigkeiten; ein ein⸗ ziges Mal dachte Frederik an ſeine Mutter und ihre Ver⸗ zweiflung, indem er ſich ſagte, in einer Stunde würde er vielleicht nicht mehr leben. Dieſe Betrachtung allein erſchütterte einige Augen⸗ blicke den finſteren Entſchluß des Jünglings; doch bald ſagte er zu ſich ſelbſt: „Es iſt beſſer, wenn ich ſterbe, mein Tod wird meine Mutter weniger Thränen koſten, als mein Leben, nach denen zu urtheilen, die ſie ſchon vergoſſen hat.“ Während er ſo auf die Ankunft des Marquis wartete, kam ein Wagen, der gegen drei Uhr Nachmittags vom Schloß Pont⸗Brillant weggefahren war, auf einen Kreuz⸗ weg, nach welchem die Allee des Connetable ausmündete, von der, wie geſagt, der Felſen des Grand⸗Sire nicht fern war. Dieſe Equipage, eine Art von kleiner, ſehr breiter und ſehr niedriger Wurſt, beſpannt mit zwei herrlichen Pferden, hielt bei dem Pfoſten des Kreuzweges an; zwei gepuderte Bediente ſprangen von dem Hinterſitz, auf dem ſie ſaßen, und einer von ihnen öffnete den Schlag des Wagens, aus dent die verwitwete Marquiſe von Pont⸗Brillant, trotz ihrer acht und achtzig Jahren, ſehr behende ausſtieg; eine andere Frau, welche nicht minder alt zu ſein ſchien, als die Witwe, ſtieg ebenfalls aus. Der zweite Bediente nahm unter ſeinen Arm einen von jenen tragbaren Feldſtühlen, deren ſich häuſig bei 107 ihren Spaziergängen kränkliche oder betagte Perſonen be⸗ dienen, und ſchickte ſich an, den zwei Achtzigjährigen zu folgen; doch die Marquiſe ſagte mit ihrer klaren und etwas ſchetternden Stimme zu ihm: „Bleibe beim Wagen, mein Junge, erwarte mich hier, gib den Feldſtuhl Zerbinette.“ Der Bediente verbeugte ſich, gab den Feldſtuhl der Begleiterin der Witwe, und Beide folgten der Allee des Connetable, welche, viel weniger beſucht, als die anderen, mit einem Teppich von Gras und Moos überkleidet war. Die Achtzigjährige, die mit der Marquiſe ging und von dieſer Zerbinette genannt worden war, hatte ſich mit dem Feldſtuhl belaſtet. Mit ſieben und achtzig Jahren auf den coquetten, neckiſchen Namen Zerbinette antworten erſcheint ſelt⸗ ſam, und dennoch war Zerbinette im Frühling ihres Lebens mehr als irgend Jemand würdig geweſen, dieſen Namen zu führen, der auf eine Meile nach der Kammerjungfer von Crebillon Sohn roch; aufgeſtülpte Naſe, freche Miene, große ſchelmiſche Augen, leichtfertiges Lächeln, herausfor⸗ dernde Leibesgeſtalt, zierlicher kleiner Fuß und fleiſchige Hand, dies waren einſt die Anſprüche der Zofe auf den Namen Zerbinette geweſen, mit dem man ſie getauft hatte, als ſie (vor fiebenzig Jahren) als Untercviffeuſe bei ihrer Milchſchweſter, der reizenden Gräſin von Pont⸗Brillant, eintrat. Ach! wir ſehen ſie als Witwe und Großmutter; doch in jener Zeit war die Marquiſe, mit ſechzehn Jahren im Kloſter getraut, ſchon mehr als galant, und erſtaunt über den kühnen Geiſt ihrer Untercoiffeuſe und ihre An⸗ lagen für die Intrigue, machte ſie aus Zerbinette ihre erſte Kammerfrau und bald ihre Vertraute. Der Teufel kennt die gr treiche dieſer zwei ver⸗ ſchmitzten jungen Weiber i r ſchonen Zeit! er weiß, mit welcher Ergebenheit, mit welcher Geiſtesgegenwart, mit welcher wunderbaren Einbildungskraft Zerbinette ihrer Gebieterin die vier Liebhaber, die ſie zu gleicher 108 Zeit hatte, betrügen half, abgeſehen von dem, was man damals nannte: Die Phantaſien. Die Gelegenheiten. Die Spielſchulden. Und die Curioſitäten. Man ging als Curioſttät zu den Porcherons als Kammerjungfer oder als Sträußermädchen. Man ſpricht von dem verſtorbenen Gemahl der Marquiſe nur der Erinnerung wegen: einmal gab man ſich damals nicht die Mühe, einen Gatten zu täuſchen, ſodann war der erlauchteſte Herr Hector Magnifique Raoul Anne Claude Frumence, Sire und Marquis von Pont⸗Brillant und anderen Orten zu ſehr Mann der Welt und ſeines Jahrhunderts, um der gnädigen Frau Gemahlin in irgend einer Bezie⸗ hung Zwang anzulegen. Durch dieſen Austauſch von Heimlichkeiten von Seiten der Marquiſe und von Dienſten aller Art von Seiten von Zerbinette war eine Art von vertrauter Verbindung zwi⸗ ſchen der Kammerjungfer und ihrer Gebieterin entſtanden; ſie hatten ſich nie verlaſſe, ſie waren mit einander alt geworden, und mit achtzig und ſo vielen Jahren fanden ſie ein großes Vergnügen daran, ſich der guten Tage, der ſchlimmen Streiche, der tollen Liebſchaften von einſt zu erinnern, und, es iſt nicht zu leugnen, jeder Tag hatte ſeinen Heiligen, wenn nicht mehr, in dieſem leichtfertigen Kalender. Was die Ungebundenheit der Worte oder beſſer ge⸗ ſagt, was die cyniſche Sprache betrifft, der ſich die Mar⸗ quiſe und Zerbinette bedienten, wenn ſie ſich über die frühere Zeit oder über die gegenwärtige unterhielten, — dieſe Sprache war nicht minder grell und ungeſchmückt, als die der Regentſchaft oder der Regierung von Ludwig dem Vielgeliebten, und es fand ſich zuweilen bei der Witwe jene Affectation des Pariſer Patois, wenn man ſo ſagen darf, das die meiſten vornehmen Herren in der Mitte des . 5 —,— 109 XVIII. Jahrhunderts von den Porcherons an den Hof brachten. Was die zu ſehr den Geſchmack von Marot und Ra⸗ belais athmenden Ausdrücke und Wendungen der Mar⸗ quiſe betrifft, ſo werden wir dieſelben mit der Bevob⸗ achtung des Wohlanſtands überſetzen. Die Witwe war eine kleine Alte, dürr, aber ſehr ge⸗ rade, mit der größten Sorgfalt gekleidet und beſtändig mit armeniſchem Waſſer parfumirt. Sie trug ihre Haare gekräuſelt und gepudert à la maréchale und hatte auf ihren Wangen eine Linie Schminke, die den Glanz ihrer großen ſchwarzen, trotz ihres Alters noch ſehr kecken und funkelnden Augen verdoppelte. Sie ſtützte ſich auf ein Stöckchen von Elfenbein mit goldenem Knopf und ſchnupfte von Zeit zu Zeit eine Priſe Spaniol aus einer mit Na⸗ menszügen und Medaillons verzierten Tabaksdoſe. Etwas größer als ihre Gebieterin und ebenſo mager 4* 8 als dieſe, trug Zerbinette ihre weißen Haare in Wickeln und war mit einer zierlichen Einfachheit gekleidet. „Zerbinette,“ ſagte die Witwe, nachdem ſie ſich um⸗ gedreht, um denjenigen von den zwei Bedienten anzuſchauen, der den Fußtritt herabgelaſſen hatte, „wer iſt der hübſche, große Burſche da? ich glaube, ich habe ihn noch nicht in meinem Vorzimmer geſehen?“ „Das kann ſein, gnädige Frau, er iſt einer von den⸗ jenigen, welche zuletzt von Paris angekommen ſind.“ „Aber das iſt ein ſtarker, kräftig gebauter Burſche,“ fuhr die Marquiſe fort. „Sage, haſt Du dieſe mächtige Schulterbreite geſehen, Zerbinette? Solche ſchöne Lackeien erinnern mich immer .. . „Hier unterbrach ſich die Mar⸗ quiſe, um eine Priſe Spaniol zu nehmen. „Solche ſchöne Lackeien erinnern mich immer an die kleine Teufelin, die Baronin von Montbriſon.“ „Die Frau Marquiſe macht da eine Verwirrung. es waren franzöſiſche Garden ...“ „Du haſt meiner Treue Recht. . es iſt wahr, der 110 Herzog von Biron, ihr Oberſter. .. Du erinnerſt Dich des Herrn von Biron?“ „Ich glaube wohl, gnädige Frau . Sie hatten die Erſtlinge ſeines kleinen Hauſes auf den Boulevard des Poiſſonniers und für dieſes erſte Rendez⸗vous wollten Sie ſich als Diana die Jägerin kleiden, wie auf ihrem ſchönen Portrait in Paſtel . und in dieſer Tracht waren Sie hübſch, oh! zum Entzücken hübſch . welche ſchlanke Taille .. welche weiße Schultern .. welche glänzende Augen.“ „Das iſt bei meiner Seele wahr, meine Tochter, ich hatte dies Alles und ich machte einen guten Gebrauch von dem, was mir unſer Herrgott gegeben: doch um auf Herrn von Biron zurückzukommen, ver mich als Diana ſo ſchön fand, ich weiß nicht, ob es die Erinnerung an Akteon war, was ihm Unglück gebracht hat, dieſem armen Her⸗ zog; aber vierzehn Tage nach unſerer Uebereinkunft hätten ſich die Horniſten und Piqueurs meines Enkels täuſchen und Tayau! *) über dieſen lieben Biron rufen können; ſo viel iſt gewiß, um auf meine Geſchichte zurückzukommen, Du haſt Recht, Zerbinette, was die verteufelte Baronin von Montbriſon betrifft, es waren ſo gewiß franzoͤſiſche Garden, daß Herr von Biron, ihr Oberſter, ſich beim König darüber beklagte, daß man ſein Regiment miß⸗ brauche. „„Ich will das durchaus nicht haben,““ ant⸗ wortete der gute Fürſt, „ich lege einen Werth auf meine franzöſiſchen Garden, und Montbriſon hat Geld genug von ſeiner Frau bekommen, um ihr ein eigenes Regiment zu kaufen.““ „Leider, gnädige Frau, war Herr von Montbriſon nicht fähig zu dieſer Galanterie; doch was die großen Lackeien betrifft. . Sie meinten die Frau Präfidentin von Lunel von .. *) Ein Ruf der Piqueurs bei der Parforcejagd, wenn der Hirſch geſehen wird. 11¹ „Lunel,“ unterbrach die Witwe lebhaft ihre Kammer⸗ frau, während ſie umherſchaute, um ihre Erinnerungen zu ſammeln. „Lunel!. .. Sage doch? wir find hier wirklich in der Allee des Connetable. .. nicht wahr, Zerbinette?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Unfern vom Felſen des Grand⸗Sire?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Gut Mun! erinnerſt Du Dich der Geſchichte des Fiſchadlers?“ „Der Geſchichte des Fiſchadlers? nein, gnädige „Des Fiſchadlers und des armen Präſidenten von Lunel?“ „Ich erinnere mich nur, daß der Herr Präſident wahnſinnig eiferſüchtig auf den Herrn Chevalier von Bret⸗ teville war. und er hatte Urſache dazu. Es beluſtigte die gnädige Frau auch ſtets, ſie Beide mit einander in's Schloß einzuladen.“ „Ganz richtig, meine Tochter . . darum ſpreche ich von der Geſchichte vom Fiſchadler.“ „Meiner Treue, gnädige Frau, ich will eine Ziege ⸗ werden, wenn ich weiß, was Sie mit Ihrem Fiſchadler ſagen wollen.“ „Ah! Zerbinette, Zerbinette, Du wirſt alt.“ „Ach! gnädige Frau.“ „Sprich, meine Tochter, nicht wahr, es iſt gleich⸗ gültig, ob wir dahin oder dorthin ſpazieren? Laß uns nach dem Felſen des Grand⸗Sire gehen. Es wird mich verjüngen, den armen, lieben alten Felſen wiederzuſehen .. Sage von Anno, Zerbinette?“ fügte die Marquiſe, ihre Priſe Spaniol ſchlürfend, bei, — „denn der arme Lunel und der Chevalier, das war im?“ „October 1779,“ antwortete Zerbinette mit der Ge⸗ nauigkeit des Gedächtniſſes eines Rechnungsbeamten.“ „Das wird mich clſo verjüngen. .. wer ſollte glauben, nach etlichen und ſechzig Jahren halte man es noch der 112 Mühe werth . .. Laß uns nach dem Felſen des Grand⸗ Sire gehen.“ „Gut, gnädige Frau; doch find Sie nicht müde?“ ch habe meine fünfzehnjährige Beine, und für jeden Fall trägſt Du den Feldſtuhl.“ Zwölftes Rapitel. Die zwei Achtzigjährigen folgten mit langſamen Schritten dem Weg, der nach dem Felſen des Grand⸗ Sire führte. Zerbinette ſprach, ſich an ihre Gebieterin wendend: „Ah! gnädige Frau, und wie iſt es mit dem Fiſch⸗ adler?“ „Du erinnerſt Dich, wie eiferſüchtig der Präfident von Lunel auf den Chevalier war? Ich ſagte eines Tags zu ihm: „„Sigismond, wollen Sie, daß wir dem Che⸗ valier einen herrlichen Streich ſpielen?““ „„Ich wäre darüber entzückt, Marguiſe.“ „„Aber dazu müſſen Sie das Geſchrei des Fiſchadlers vollkommen nachahmen konnen, Sigismond.“ Du kannſt Dir das Geſicht des Präfi⸗ denten bei dieſen Worten vorſtellen, meine Tochter; er er⸗ klärte mir, er habe wohl in ſeinem Leben übermäßig in der großen Kammer geſchrieen, wo er ſeinen Mortier *) hatte, aber er behaupte deshalb nicht, einen Schrei beſſer, als einen andern nachahmen zu können. „„Nun! ſo lernen Sie dieſen, Sigismond, und wenn Sie ihn kennen, wollen *) Die Sammetmütze des Parlamentspräſidenten⸗ 2 85 113 wir uns einen hübſchen Spaß mit dem armen Chevalier ma⸗ chen.“ „Meine liebe Marquiſe,“ erwiederte der Prä⸗ ſident, „ſchon dieſen Abend will ich meine Studien be⸗ ginnen, es fehlt, Gott ſei Dank! in dieſem Wald nicht an Fiſchadlern.““ „Gut, gnädige Frau,“ ſagte Zerbinette, „ich fange an, mich zu erinnern, doch unbeſtimmt; ich bitte Sie, fahren Sie fort.“ 2 „Als der Präſident ſeines Schreis ſicher war, ver⸗ abredete ich mich mit dem Chevalier .. ich gebe ihm Rendez⸗vous zwiſchen Licht und Dunkel .. warte doch, meiner Treue! irgendwo hier . ich komme ihm zuvor in Geſellſchaft des Präſidenten, den ich in einer Art von Hoͤhle, die Du dort ſehen wirſt, dort beim Felſen des Grand⸗Sire, unterbringe. „„Sigismond,““ ſage ich zu ihm) „„hören Sie mich nun wohl: der Chevalier wird kommen; Sie zählen tauſend, um ihm Muße zu laſſen, mir ſeine Qualen vorzuſeufzen . während dieſer Zeit werde ich auch tauſend zählen, doch in der Gegend von neun hundert und acht und neunzig gebe ich mir den An⸗ ſchein, als laſſe ich mich vom Chevalier erweichen . Dann ſtoßen Sie ihr Fiſchavlergeſchrei aus . .““ „Gött⸗ lich, Marguiſe, göttlich!““ „„Hören Sie mich doch, böſer Junge. Ah! mein Gott, das abſcheuliche Thier, werde ich zum Chevalier ſagen, ich bin ungeheuer abergläubiſch . Laufen Sie in's Schloß, holen Sie eine Flinte, um dieſen abſcheulichen Vogel zu ſchießen, und hernach .. werden wir ſehen!.. Der Chevalier wird laufen .. und ich, lieber Sigismond, ſuche Sie in Ihrer Grotte auf 4 „„Marquiſe, Sie ſind vir reizendſte Dämon . . %„Ge⸗ ſchwinde, geſchwinde, dort kommt der Chevalier.“ Und der arme Lunel kroch in ſein Loch und fing an zu zählen: 1, 2, 3, 4 u. ſ. w., während ich mit dem Chevalier zu⸗ ſammentraf.“ „Gut, gnädige Frau,“ ſagte Zerbinette wie wahnſinnig lachend, „ich ſehe den lieben Präſidenten vor mir, wie er Die ſieben Todſünden. 1. Abth. 1r Bd. 8 114 äugſtlich und gewiſſenhaft 4, 2, 3 zählte, während der Chevalier bei Ihnen war.“ „Ich kann Dir nicht mehr ſagen, meine Tochter, als daß ich mit dem Präſidenten verabredet hatte, mich vom Chevalier erſt in der Gegend von 998 erweichen zu laſſen . und meiner Treue, ich hatte nicht 10 .. ge⸗ zählt, als ich gar nicht mehr zählte.. Und während dieſer Zeit ahmte der Präſident, der ſein 1000 gezählt hatte, den Fiſchadler aus Leibeskräften mit ſo ſchrillem, ſo ſeltſamem, ſo wildem Geſchrei nach, daß mir der arme Chevalier plötzlich dadurch ſo ungeheuer incommodirt zu ſein ſchien, daß ich zu dem guten Jungen, um ihn für ſeine Unannehmlichkeit zu tröſten, ſagte: „„Es iſt der trſrii Fiſchadler! . . . es iſt der Fiſch⸗ adler!“ Es läßt ſich der Ton nicht wiedergeben, mit dem die Witwe die letzten Worte: es iſt der Fiſchadler! ſprach, während ſie eine neue Priſe Tabak ſchlürfte und Zerbinette in ein ſchallendes Gelächter ausbrach. „„Laufen Sie geſchwinde in's Schloß und holen Sie eine Flinte,““ ſagte ich zum Chevalier,, fuhr die Marquiſe fort, „„ich muß das Leben dieſes abſcheulichen Thiers, dieſes ver⸗ fluchten Fiſchadlers haben, ich will ihn mit meinen eigenen Händen zerreißen. Laufen Sie, ich erwarte Sie . „„Guter Gott! Marquiſe, was für eine ſeltſame Laune! die Nacht wird auch ſehr finſter werden, und Sie werden bange bekommen?““ „„Bah! Chevalier, ich bin nicht ſo feig.. laufen Sie in's Schloß und kommen Sie bald zurück.“ Es war Zeit meine Tochter, denn als ich zu dem armen Präſidenten zurücktam, verſagte ihm die Stimme und er fing an zu ſchrelen wie ein Fiſchadler, den man erwürgt .. Zum Glück kam ihm die Stimme raſch wieder.“ . „Welch eine herrliche Geſchichte, gnädige Frau! Und der Chevalier kehrte zurück?“ „Er fand uns, den Präſidenten und mich, ungefäh auf derſelben Stelle, auf der wir hier ſind. „„Kommen 1¹1⁵ Sie voch, Chevalier,““ rief ich ihm von fern zu, „„ohne den Präſidenten, den ich zufällig traf, wäre ich vor Angſt geſlorben.“ „„Ich ſagte es Ihnen wohl, Marquiſe,““ erwiederte der ſchöne Alkander; „„und der Fiſchadler?““ rief er, indem er ſeine Flinte mit einer Miene wilden Zornes ſchwang, „„und der Fiſchadler?““ „„Meiner Treue, Chevalier, ich glaube, ich habe ihm bange gemacht, denn er ſchwieg, als ich mit der Marquiſe zuſammentraf,“ antwortete der Präſident; „„doch hören Sie, mein lieber Chevalier,““ fügte der arme Lunel unſchuldig bei, „„wiſſen Sie, daß dieſes Geſchrei immer ein Ungemach verkün⸗ digt?““ Und während er dieſe Worte mit einem unend⸗ lich boshaften Ton ſprach, preßte mir der Präſident das linke Handgelenke. „„In der That, mein lieber Präſi⸗ dent, ich habe immer ſagen hören, dieſes Geſchrei ſei ſtets das Vorzeichen von etwas ſehr Schlimmem,““ entgegnete der Chevalier mit einem nicht minder ſpöttiſchen Ausdruck, während er mir das rechte Handgelenke drückte. Später, als ich mich in den frechen kleinen Komodianten Clairville verliebte, lachten wir viel über das Abenteuer mit dem Präſidenten und dem Chevalier, dem ich dann Alles er⸗ zählte. Lange Zeit blieb auch unter den Leuten unſerer Geſellſchaft: es iſt der Fiſchadler! eine Art von Sprüchwort. Was die Männer betrifft . . .“ „Ich begreife, gnädige Frau, doch ach! zur Zeit des Fiſchadlers. . . das war die gute Zeit . . .“ „Laß mich doch in Ruhe, Zerbinette, mit Deinen Ach. es wird wieder die gute Zeit ſein.“ „Wann dies, gnädige Frau?“ „Ei, bei Gott! in der andern Welt . . . Das wie⸗ derholte ich immer dem dicken, bausbäckigen Abbé Robertin, der gefräßig war wie ein Truthahn und ſich, beiläufig geſagt, für die ſchönen weißen Trüffel aus Piemont, die mir meine Coufine Doria ſchickte, hätte peitſchen laſſen. „„Ah! Frau Marquiſe,““ erwiederte mir der Abbé, wäh⸗ rend er ſich vollſtopfte, „„es iſt immer noch beſſer, an dieſe Unſterblichkeit, als an gar nichts zu glauben.“ Damit 4 ¹16 wollte ich Dir ſagen, meine Tochter, ich werde in den Ely⸗ ſäiſchen Feldern meine blühenden ſechzehn Jahre wieder⸗ ſinden und Alles, was daraus folgt, um mich deſſen abermals zu bedienen und ſo fort bis an das Ende der Jahrhunderte . . .5 „Amen! und der gute Gott erhöre Sie, gnädige Frau,“ ſprach Zerbinette mit einer gottſeligen Miene, „ſechzehn Jahre, das iſt hübſch!“ „Das ſagte ich mir vorgeſtern auch, als ich meinen Enkel anſchaute.. „Auf der Jagd, welche Begeiſterung, welche Gluth! Wie belebt war er! Welche ſchöne Ju⸗ gend. wie! meine Tochter?“ „Ein wahrer Cherubin, um der Dame Ro⸗ manzen zu ſingen,“ ſprach Zerbinette, die ihren Beau⸗ marchais auswendig kannte, „ich glaube auch, daß eine gewiſſe Vicomteſſe ..“ „Zerbinette!“ rief die Witwe, ihre Kammerfrau unterbrechend, „fieh, hier iſt der Felſen des Grand⸗Sire .. In dieſem Loche ſpielte der arme Präſident den Fiſchadler.“ „Um Gotteswillen! gnädige Frau, treten Sie nicht näher hinzu, das iſt wie eine Höhle es könnten Thiere darin ſein.“ „Ich wäre gern eingetreten, um auszuruhen.“ „Sie denken nicht daran, gnädige Frau Das muß feucht ſein wie ein Keller.“ „Es iſt wahr, meine Tochter. .. Nun! ſtelle meinen Feldſtuhl ganz nahe an dieſe Eiche, gut, in die Sonne . ſo, ſo . . . vortrefflich. Und Du, Zerbinette, wo wirſt Du Dich ſetzen?“ „Hier auf dieſen Felſen, gnädige Frau Das iſt ein wenig nahe bei der Höhle; aber ...“ „Sprich, was ſagteſt Du vorhin von der Vicomteſſe?“ „Ich ſage, gnädige Frau, ſie möchte, glaube ich, gern die ſchöne Pathin von Cherubin ſein.“ „Von Raoul?“ „Meiner Treue, gnädige Frau, das hieß immer; Herr Raoul, meinen Hut, Herr Raoul, meinen Sonnen⸗ 117 ſchirm „beſtändig Herr Ravul. . Geſtern noch, als man Herrn Raoul erſchrecken wollte, war es die Frau Vicomteſſe, welche im Sinne hatte, um ihm bange zu ma⸗ chen. Und ich habe wohl geſehen .. „Du haſt geſehen ... Du haſt geſehen Du haſt gar nichts geſehen, meine Tochter . Die Vicom⸗ uſ will ganz einfach, indem ſie ſich den Anſchein gibt, als beſchäftigte ſie ſich mit einem Kind ohne Bedeutung, ihren Dummkopf von einem Mann auf eine falſche Fährte bringen, damit er nicht ſcheu wird und ſich bäumt, wenn Herr von Montbreuil, der Liebhaber der Vicomteſſe, an⸗ kommt, denn ich habe dieſen Jungen eingeladen; es gibt nichts, was ein Schloß ſo ſehr aufheitert, als einige ganz hübſch zuſammengebrachte Paare.. Ich habe auch dergleichen eingeladen, ſo viel ich in meiner Geſellſchaft ſinden konnte; dieſe verliebten Leute . das iſt heiter, das fingt, das hüpft und ſpringt wie die Sperlinge im Monat Mai ... Wenn ich ſie nur ſehe, bringt es Freude in mein Herz und Feuer in meine Erinnerungen.. Ah! dieſe Erz⸗ dummkopfe von Chemännern, dieſe Geſichter 1. . . Damit ſage ich Dir, meine Tochter, daß Du in Beziehung auf die Vicomteſſe ganz Unrecht haſt.“ „Ich begreife .. Herr Ravul iſt für ſie ein Mantel.“ „Nichts Anderes, und ich habe meinen Enkel darauf aufmerkſam gemacht; der Unſchuldige hätte ſich können um ſo mehr dadurch fangen laſſen, als die Vicomteſſe reizend iſt.“ „Unſchuldig! . unſchuldig!“ verſetzte Zerbinette, den Kopf ſchüttelnd, „ſchon nicht mehr ſo ſehr, gnädige Frau; denn Herr Raoul iſt wie Cherubin, ſeine Liebe für eine hübſche Pathin würde dieſen ſchönen blauen Vogel nicht abhalten, mit Suſanne zu ſchäkern.“ „Das liebe Kind! wahrhaftig, Zerbinette ? Iſt unter den Kammerfrauen der Vicomteſſe etwas, was des An⸗ ſchauens werth wäre?“ „Die Vicomteſſe hat eine große Blonde mit ſchwarzen Augen mitgebracht, und dieſe hat ein Geſichtchen, aber ein 118 Geſichtchen... dabei iſt ſie weiß wie ein Schwan, fleiſchig wie eine Wachtel und ganz geſchaffen . . „Und Du glaubſt, Ravul? ...5 — „Gi! ei! gnädige Frau, das iſt die Sache ſeines Alters.“ „Bei Gott,“ rief die Marquiſe, indem ſie abermals eine Priſe Tabak nahm. „Doch bei dieſer Gelegenheit,“ ſprach ſie, nachdem fie einen Augenblick nachgedacht hatte, „Du, die Du Alles weißt, wie iſt es mit der kleinen Bür⸗ gersfrau, oder der dicken Pächterin, welche abgeſchloſſen wie eine Einſiedlerin in dem vereinzelten Neſte lebt, das an der Straße nach Pont⸗Brillant liegt? Du weißt wohl? Das Haus iſt vergittert wie eine Spalierwand und hat eine Art von Vorhalle von rohem Holz, im Geſchmack des Hirſchbehälters, den mein Sohn zu ſeiner Beluſtigung im Park errichten läßt? Frinnerſt Du Dich nicht? Mein Gott! wie einfältig biſt Du doch, Zerbinette! Wir find vor acht Tagen daran vorbeigefahren .. . „Ah! ich weiß es, gnädige Frau.“ „Nun alſo! die Einſiedlerin. .. wie heißt ſie denn?“ „Madame Baſtien, gnädige Frau.“ „Wer iſt das, Madame Baſtien?“ „Gnädige Frau,“ ſagte raſch Zerbinette, ohne ihrer Gebieterin zu antworten, „haben Sie nicht gehört?“ „Was?“ „Dort, in jener Höhle.“ Nun?“ „Es war, als rührte ſich Jemand darin.“ „Ah! Zerbinette, Du biſt toll; es iſt der Wind, der durch den Epheu ſtreicht.“ „Glauben Sie, gnädige Frau?“ „Gewiß; aber antworte mir doch.“ „Es iſt die Frau eines Güterhändlers, der Mann iſt etwas wie Einer von der ſchwarzen Bande oder ungefähr dergleichen.“ „Ah! der abſcheuliche Schurke; die Bande hat mein armes Schlößchen Saint⸗Jrénée, in der Normandie, zer⸗ 1¹9 trümmert. . ein Juwel der Renaiſſance; ſie haben keinen Stein auf dem andern gelaſſen; doch meiner Treue, zum Glück hat mir mein Sohn den Genuß verſchafft, einen von dieſen Schurken abzuprügeln!“ „Einen von den Leuten der ſchwarzen Bande, gnädige Frau?“ „Gewiß . ſielle Dir vor, daß wir mein Landgut Francheville beſuchen wollen, das ich ſeit ſechs Jahren nicht mehr betreten hatte; der Marquis ſagte zu mir: „„Meine Mutter, fahren wir durch Saint⸗Irénée, wir wollen ſehen, was davon übrig iſt.“ (Die Jacobiner hatten uns das liebe Schlößchen confiscirt, und es war der Na⸗ tionaldomäne zugefallen, wie die Schufte ſagten). Wir kommen nach Saint⸗Irénée, und finden Alles dem Boden gleich gemacht . mit Ausnahme der Orangerie, wo eines von den abſcheulichen zerſtörenden Raubthieren ſich eingegraben hatte . . . Sein böſes Geſchick wollte, daß es gerade da war, als wir auf dem Platz, wo früher das Schlößchen lag, aus dem Wagen ſtiegen. . . Mein Sohn und ich waren, wie Du Dir denken kannſt, im Feuer des Zorns. „„Mein Herr,““ ſprach der Marquis zu dieſem Menſchen, „„könnten Sie mir wohl ſagen, was für dumme Thiere die Schändlichkeit begangen haben, das Schlößchen Saint⸗Irénée, eines der wunderbarſten Baudenkmale der Provinz dem Boden gleich zu machen?““ „„Dieſe dum⸗ men Thiere, mein Herr, waren wir, ich und meine Ver⸗ bündeten „ und Sie . . . Sie ſind ein Unverſchämter, daß Sie ſo mit mir ſprechen,““ antwortete dieſes Vieh mei⸗ nem Sohn mit einem Accent, der auf eine Stunde nach dem Auvergnat ſtank. Du weißt, der Marquis war leb⸗ haft wie Pulver, ſtark wie ein Türke und muthig wie ein Löwe; er ertheilte meinem Zerſtörer eine Tracht Stock⸗ ſchläge, ah! meine Tochter, was für herrliche, ergötzliche Prügel! Es iſt mir, als genoße ich noch die Wolluſt, ſie auf den Rücken dieſes verdammten Galgenvogels fallen zu hören. „Wir werden uns auf Leben und Tod, wir werden uns auf zwei Schritte ſchlagen!““ ſchrie der Dumm⸗ 120 kopf indem er ſich die Hüften und den Rücken rieb. „„Ihr ſeid unverſchämt geweſen, und ich habe Euch Stockſtreiche gegeben, folglich find wir quitt,““ erwiederte der Marquis; „„was aber den Punkt betrifft, daß ich mich mit Euch ſchlagen ſoll, ſo habe ich meine Proben abgelegt, und ich compromittire mich nicht mit einem Burſchen Eurer Art und hienach „Gnädige Frau,“ rief Zerbinette, abermals ihre Ge⸗ bieterin unterbrechend, „ich verſichere Sie, man hat ſich in der Höhle geregt .. „Ah! wirſt Du endlich mit Deinen Schrecken ein Ende machen? Ich werde in der That ungeduldig.“ „Aber, gnädige Frau.. .“ „Was Teufels ſoll denn in der Höhle ſein ? Räuber?“ „Meiner Treue, gnädige Frau, dieſer Wald .. „Nun! meine Tochter, erinnere Dich des alten Liedes.“ Und die Marquiſe trällerte mit ihrer ſchetternden Stimme: „Lieber Räuber, ſagte Sugon. „Lieber Räuber, ſagte Marton.“ „Doch an uns, meine Tochter, wird dieſes Heimfall⸗ recht nicht geübt werden; und um auf meine Geſchichte mit den Stockſchlägen zurückzukommen, ſage ich Dir, daß mein Sohn und ich nach der Baſtonnade wieder in den Wagen ſtiegen, während unſer Cvurier und unſere zwei Kammer⸗ diener den ſchlimmen Burſchen von der ſchwarzen Bande im Reſpect erhielten. . und dann, peitſche, Poſtillon! Die ſechs Pferde unſerer Berline jagten wie der Wind fort . und haſt Du mich nicht geſehen, Schurke!“ „Sich ſchlagen mit dem Herrn Marquis,“ ſagte Zer⸗ binette, beruhigt durch den Muth ihrer Gebieterin, „er war nicht ekel, der Bürgersmann.“ „Um nun auf unſere Einſiedlerin von jenem Neſte zurückzukommen ihr ehrlicher Herr Gemahl iſt alſo von demſelben abſcheulichen Gelichter, wie der Mann mit den Prügeln?“ 121¹ „Ja, gnädige Frau; doch man ſieht ihn beinahe nie. er reiſt immer umher ... „Ah! er iſt nie zu Hauſe ? . . Doch weißt Du, Zerbinette, daß ich das ſehr ſchön finden würde!“ ſagte die Witwe nachdenkend. Dann fügte ſie bei: „Sprich, meine Tochter, iſt es wahr, daß ſie hübſch iſt, die Kleine? Wie nennſt Du ſie?“ „Baſtien.“ „Die kleine Baſtien?“ „Schön wie der Tag, gnädige Frau! Erinnern Sie ſich der Frau Marſchallin von Rubempré?“ „Ja und dieſe Kleine?“ „Iſt eben ſo ſchön, wenn nicht ſchöner.“ „Und das hat Taille?“ „Eine Nymphentaille.“ „So muß es ſein, denn Raoul ſchwatzte mir das zehnmal vor, als er ſie auf dem Felde getroffen hatte . Doch wie iſt es mit dem großen quittengelben Schöps, der bei ihr war? Wie mir Raoul ſagte, irgend ein Schlankel von einem Bruder wahrſcheinlich? Damit das nicht genirt (die Marquiſe nahm eine Priſe), könnte man es im Schloß in die Schreibſtube des Verwalters mit einem Gehalt von zwölf bis fünfzehnhundert Livres ſtecken.“ „Ah! nun aber, gnädige Frau!“ rief Zerbinette, in⸗ dem ſie ganz erſchrocken aufſtand und voll Angſt nach der Höhle ſchaute. . . „Haben Sie gehört?“ „Ja, ich habe gehort,“ erwiederte die unerſchrockene Witwe! „nun! hernach?“ „Ah! gnädige Frau, kommen Sie, fliehen wir raſch!“ „Laß mich doch in Ruhe.“ „Aber, mein Gott! gnädige Frau, dieſes Geräuſch?..“ „Ei! ei!“ ſagte die Marquiſe lachend, „es iſt wahr⸗ ſcheinlich die Seele des armen Präſidenten, der zurückkehrt, um 1, 2, 3, 4 u. ſ. w. zu zählen. Setze Dich wieder nieder und unterbrich mich nicht, oder . . .“ 122 „Ah! gnädige Frau, Sie ſind ſtets, was den Muth betrifft, ein wahrer Dragoner geweſen.“ „Bei Gott! ein ſchöner Muth, es wird irgend ein Nachtvogel, ein Fiſchadler ſein, der in dem Loch herum⸗ flattert.“ „Ah! gnädige Frau, das iſt nicht beruhigend.“ „Sprich, antworte mir, wie iſt es mit dem Schlankel, den Ravul mit der kleinen Baſtien begegnet hat? es iſt 1 wohl ein Bruder, wie?“ „Nein, gnädige Frau, es iſt ihr Sohn!“ „Ah! Ihr Sohn; aber dann . . .“ „Sie hat ſich ſehr jung verheirathet und iſt ſo wun⸗ tubu erhalten, daß ſie nicht zwanzig Jahre alt zu ſein eint.“ „So iſt es, Ravul hat ſich täuſchen laſſen, denn er ſagte zu mir: „„Großmutter, denke Dir blaue Augen ſo lang, eine Taille, daß man ſie mit zehn Fingern um⸗ ſpannen könnte, das Geſicht einer Camee, und zwanzig bis zwei und zwanzig Jahre höchſtens.““ „Nur,“ fügte das theure Kind bei, „nur find ſie ſo wenig an die Leute der guten Geſellſchaft gewöhnt, die Bürgersfrauen, daß dieſe die Augen weit aufriß und ausſah, als käme ich ihr wie ein Phänomen vor, weil ich ihr artiger Weiſe ihr Man⸗ telet, das ich aufgehoben hatte, zurückbrachte.“ „„Ei! Un⸗ ſchuldiger,“ ſagte ich zu Raoul, „„da ſie ſo hübſch war, die Kleine, und da ſie Dich mit ſo großen Augen an⸗ ſchaute, ſo hätteſt Du, ſtatt ihr das Mantelet zurückzugeben, dieſes behalten und ihr in ihre Wohnung bringen müſſen .. Dadurch wäre Dir ſogleich der Zugang geöffnet geweſen.““ „„Aber, Großmutter,““ eentgegnete mir das theure Kind ganz richtig und verſtändig, „„erſt indem ich ihr das Mantelet zurückbrachte, ſah ich, daß ſie ſo ſchön war.““ „Gleichviel, gnädige Frau, Herr Ravul hätte zu Ma⸗ dame Baſtien zwei oder drei Tage nachher zurückkehren können. ſie hätte ſich entzückt gefühlt, den Herrn Marquis zu empfangen, und wäre es nur geweſen, um die ganze 123 Bürgerlichkeit der Gegend vor Wuth berſten zu machen.“ „Das habe ich dem lieben Kind auch geſagt.. Doch Raoul hat es nicht gewagt.“ „Ein wenig Geduld, gnädige Frau . . . Er wird es wohl wagen müſſen.“ „Sprich doch, meine Tochter,“ ſagte die Witwe nach einem ziemlich langen Stillſchweigen, während ſie ſachte und mit überlegender Miene eine Priſe Spaniol ſchnupfte, „je mehr ich über dieſe kleine Baſtien nachdenke, deſto mehr leuchtet es mir aus allen möglichen Gründen ein, daß dies reizend für das liebe Kind wäre, und daß man es, wenn es ſein könnte, als einen herrlichen Fund be⸗ trachten müßte.“ „Das wollte ich Ihnen ſo eben ſagen, gnädige Frau.“ „Meiner Treue, man muß auch das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm iſt,“ ſprach die Witwe nach einem neuen Nachdenken. „Wie viel Uhr mag es ſein, Zerbinette?“ „Halb fünf Uhr, gnädige Frau,“ antwortete die Zofe, nachdem ſie auf ihre Uhr geſchaut. „Sehr gut . . . wir werden Zeit haben. Als er dieſen Morgen wegritt, um den Tag in Boncour bei den Meérinville zuzubringen, verſprach ich Raoul, ihm eine Strecke weit um fünf Uhr entgegenzufahren; laß uns auf⸗ brechen, Zerbinette. Ich will ſogleich Raoul ein Kapitel über die kleine Baſtien leſen.“ „Aber, gnädige Frau, Sie vergeſſen, daß Ravul ſeinen Reitknecht zurückgeſchickt hat, um Ihnen zu melden, er werde ſich von Brecour aus nach Montel begeben, um dort einen Beſuch zu machen, und erſt gegen ſieben Uhr zum Mittagsbrod in's Schloß zurückkehren.“ „Das iſt in der That wahr, meine Tochter, ich dachte nicht daran. Wenn das liebe Kind von Montel zurück⸗ kommt, muß es durch den Hohlweg der Vieille⸗Coupe reiten .. Ich hätte eine Todesangſt auf dem Abhang, denn ich bin äußerſt ängſtlich im Wagen geworden, und dann iſt es erſt halb fünf Uhr, und wir müßten meinem Enkel 124 zu weit entgegenfahren . Ich werde ihm eben ſo gut dieſen Abend ſeine Predigt in Beziehung auf die Ein⸗ ſiedlerin halten.“ „Auch finkt die Sonne, gnädige Frau, und die Abend⸗ kälte iſt Ihnen ſchädlich.“ „Vorwärts, Zerbinette, Deinen Arm. doch laß ihn mich noch einmal anſchauen, den armen Felſen des Grand⸗Sire.“ „Ja, gnädige Frau; doch um Gotteswillen, nähern Sie ſich ihm nicht zu ſehr.“ Trotz der Ermahnungen von Zerbinette, trat die Marquiſe noch einige Schritte näher hinzu, warf einen beinahe ſchwermüthigen Blick auf die wilde Landſchaft und ſprach: „Ah! die Felſen. das ändert ſich nicht er iſt noch, wie er vor ſechzig und ſo viel Jahren war.“ Dann, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, wandte ſich die Marquiſe heiter an Zerbinette, welche vorſichtiger Weiſe entfernt geblieben war, und ſprach: „Sage doch, meine Tochter?“ „Gnädige Frau.“ „Die gute Geſchichte mit dem Fiſchadler hat mir wieder Geſchmack an den Erinnerungen beigebracht. Ich glaube, es würde mich beluſtigen, ſo etwas wie meine Denkwürdigkeiten niederzuſchreiben . .*) „Ah! gnädige Frau, ein herrlicher Gedanke!“ „Das würde zur Belehrung für meinen Enkel die⸗ nen,“ fügte die Witwe laut lachend bei. Zerbinette theilte dieſe Heiterkeit, und man hörte noch einige Augenblicke unter dem Schweigen des Waldes das *) Vielleicht werden wir eines Tages unſeren Leſern den „Weiblichen Don Juan, oder; Denkwürdigkeiten der Marguiſe von Pont⸗Brillant“ geben, ſagt Sue in einer Note. Hält der geiſtreiche Verfaſſer der „Pariſer Myſterien“ ſeine Zuſage, ſo werden wir ſeinen „Weiblichen Don Juan“ nach ihm in deutſcher Ueberſetzung folgen laſſen⸗ 125⁵ Sen des ſchetternden Gelächters der zwei Achtzig⸗ jährigen. Als das Geräuſch aufgehört hatte, trat Frederik lei⸗ chenbleich, gräßlich anzuſchauen aus der Finſterniß der Grotte hervor, wo er verborgen geweſen und von wo er das Geſpräch der verwitweten Marquiſe von Pont⸗Brillant mit Zerbinette gehört hatte. Yreizehntes Rapitel. Bis dahin rein und keuſch, unter dem mütterlichen Auge erzogen, hatte ſie Frederik mehr geahnet, als begrif⸗ fen, dieſe abſcheulichen Pläne der Witwe und ihrer Kam⸗ merfrau in Beziehung auf Madame Baſtien, welche ſie in ihrer naiven Garſtigkeit, wenn dies ſein könnte, Ravul von Pont⸗Brillant zur Geliebten geben wollten; in ihren Augen war ſie in der That ein herrlicher Fund, wie die Marquiſe geſagt hatte, dieſe reizende ehrliche Bürgere⸗ frau, welche in der Nähe des Schloſſes wohnte, und deren Mann beinahe immer abweſend war, abgeſehen davon, daß man, damit er durchaus nicht genire, den Sohn der jungen Frau in der Schreibſtube des Schloßverwalters mit einem guten Gehalt unterbringen könnte. Der Eindruck, den dieſes Geſpräch bei Frederik zurückließ, war alſo die mehr inſtinctartige, als auf einem Schluſſe beruhende Ueberzeugung, es handle ſich um einen ſchändlichen Plan, deſſen Gegenſtand ſeine Mutter ſei, und da der junge Marquis noch an demſelben Abend Kenntniß von dieſem Plan bekommen ſollte, ſo würde er 126 ſich nothwendig zum Mitſchuldigen machen, dachte der Sohn von Madame Baſtien. Mit dieſen neuen und furchtbaren Gefühlen verband ſich bei dem Jüngling die Erinnerung an den Menſchen, der daſſelbe Gewerbe wie ſein, Frederiks, Vater getrieben hatte und, von dem jungen Marquis geprügelt, verächt⸗ lich zurückgewieſen worden war, als er Genugthuung mit den Waffen verlangte. „So würde es auch mir ergehen,“ ſagte Frederik mit einem wilden Lächeln; „Raoul von Pont⸗Brillant wird meine Herausforderung verachtet haben, wenn er nicht von Hauſe weggeritten iſt, ehe er ſie empfangen hat . Zum Glück rückt die Nacht heran. . . Der Marquis kommt allein zurück und ich kenne den Hohlweg der Vieille⸗Coupe.“ Nach dieſen Worten nahm Frederik ſeine Flinte und wandte ſich raſch nach einem andern Theil des Waldes. Der Hohlweg der Vieille⸗Coupe, durch den Ravul von Pont⸗Brillant nothwendig kommen mußte, wenn er vom Schloſſe Montel zurückkehrte, war ein tief eingegra⸗ bener Weg, mit ſehr hohen Rändern, bepflanzt mit un⸗ geheuren ſchottiſchen Tannen, deren Gipfel über dem Hohl⸗ weg ein ſo undurchdringliches Gewölbe bildeten, daß es ſelbſt am hellen Tage darin finſter war. An dieſem Abend herrſchte in dem Augenblick, wo die Sonne verſchwunden war, eine tiefe Finſterniß in der Schlucht; jede Form erſchien darin unentſchieden; zwei Männer, die einander begegnet und ſich von Angeſicht zu Angeſicht an dieſem Ort gegenüber zu ſtehen gekommen wären, würden keiner des Andern Züge zu unterſcheiden vermocht haben. . Es war ungefähr ſechs Uhr Abends. Ravul von Pont⸗Brillant ritt allein (er hatte, wie geſagt, ſeinen Grovm in's Schloß zurückgeſchickt, um die Margquiſe von der Veränderung ſeines Planes für den Tag zu benachrichtigen), Ravul ritt allein im Schritt in den Hohlweg, deſſen Finſterniß für ihn um ſo empfind⸗ 127 licher war, als er einen noch vom letzten Schimmer der Abenddämmerung beleuchteten Weg verlaſſen hatte. Nach zwanzig Minuten erlaubte ihm jedoch ſein ſchon mit der Dunkelheit vertrautes Geſicht, unbeſtimmt vor ſich eine menſchliche Geſtalt zu erblicken, welche aufrecht und unbeweglich mitten auf dem Wege ſtand. „Holla! ho!“ rief er, „tretet auf die eine oder die andere Seite des Wegs!“ „Ein Wort, Herr Marquis von Pont⸗Brillant,“ ſprach eine Stimme. „Was wollen Sie?“ fragte Ravul, während er ſein Pferd anhielt und die Züge desjenigen, welcher ihm ent⸗ gegentrat, zu erkennen ſuchte; da ihm dies aber nicht gelang, fügte er bei: „Was wollen Sie? wer ſind Sie?“ „Herr von Pont Brillant,“ ſprach die Stimme, „haben Sie dieſen Morgen einen Brief erhalten, der Sie beim Felſen des Grand⸗Sire zu erſcheinen aufforderte?“ „Nein, denn ich habe Pont⸗Brillant dieſen Morgen um acht Uhr verlaſſen.. Doch was ſoll dies Alles be⸗ deuten? Wer Teufels ſind Sie?“ „Ich bin derjenige, welcher Ihnen den Brief von dieſem Morgen geſchrieben hat.“ „Nun! mein Freund, Sie können .. „Ich bin nicht Ihr Freund,“ unterbrach ihn die Stimme, „ich bin Ihr Feind.“ „Was ſagen Sie?“ rief Ravul erſtaunt und leicht bewegt. „Ich ſage, ich ſei Ihr Feind.“ „Wahrhaftig!“ verſetzte Naoul mit ſpöttiſchem Ton, denn er war von Natur ſehr muthig; „das wird belu⸗ ſtigend. Und wie heißen Sie, mein Herr Feind?“ „An meinem Namen kann Ihnen nichts gelegen ſein.“ „Gut. Nun alſo, mein Lieher, warum halten Sie mich bei Einbruch der Nacht mitten auf der Straße an?..“ fält mir ein, Sie haben mir geſchrieben?“ „d. 128 „Um mir was zu ſagen?“ „Sie ſeien ein Feiger, wenn Sie nicht. . .“ „Elender!“ rief Raoul, mit gebieteriſchem Tone Frederik unterbrechend, indem er ſein Pferd gegen ihn antrieb. Aber der Sohn von Madame Baſtien ſchlug das Pferd von Raoul mit dem Lauf ſeiner Flinte auf den Vordertheil des Kopfes und nöthigte es ſo, ſtille zu ſtehen. Anfangs ein wenig erſchrocken, aber vor Allem un⸗ geduldig, zu erfahren, worauf der Unbekannte abzielte, beruhigte ſich Raoul raſch wieder und fragte mit einer höhniſchen Kaltblütigkeit: „Sie ſagten alſo, mein Herr Feind, Sie haben mir die Ehre erwieſen, mir zu ſchreiben?“ „Ja, um Ihnen zu ſagen, wenn Sie kein Feiger wären, würden Sie heute ſich zum Felſen des Grand⸗ Sire, allein, mit Ihrer mit Kugeln geladenen Flinte be⸗ geben, wie ich mit meiner Flinte allein kommen werde.“ Nach einer neuen Bewegung des Erſtaunens erwie⸗ derte der Marquis: „Und darf ich Sie fragen, mein Lieber, was wir, Beide allein, mit unſern Flinten dort gemacht hätten?“ „Wir hätten uns auf zehn Schritte aufgeſtellt und Feuer auf einander gegeben.“ „Teufel! Sie gehen raſch zu Werke und in welchem Zweck hätten wir uns dieſer unſchuldigen Zer⸗ ſtreuung hingegeben, mein Herr Feind?“ „Ich hätte Sie getoͤdtet, oder Sie hätten mich ge⸗ todtet.“ „Wahrſcheinlich. auf zehn Schritte, vder wir wären ſehr ungeſchickt geweſen doch damit iſt nicht Alles abgethan, daß man die Leute tödten will, mein Lieber, man muß ihnen wenigſtens ſagen, warum.“ „Ich will Sie tödten, weil ich Sie haſſe.“ „Ah! bah!“ „Spotten Sie nicht, Herr von Pont⸗Brillant, ſpotten Sie nicht.“ 129 „Das iſt ſchwierig; . . . doch ich will es verſuchen. Sie haſſen mich alſo, und aus welchem Grund?“ „Mein Name geht Sie eben ſo wenig an, als der Grund meines Haſſes.“ „Glauben Sie?“ „Ich glaube es.“ „Gut, gut . Ich bin, wie Sie ſehen, ein guter Kerl es iſt alſo abgemacht, Sie haſſen mich . nun, hernach?“ „Sie werden mich tödten, vder ich tödte Sie.“ „Ah! das iſt offenbar eine fire Idee.“ „Herr von Pont⸗Brillant, dieſe Idee iſt ſo ſir, daß ich ſie auf der Stelle ausführen will.“ „Mein Lieber, meine Großmutter hat mir verſpro⸗ chen, mich in dieſem Jahr zum erſten Mal auf einen Vall von Ozar zu führen . . Ich bin überzeugt, daß ich dort nicht ſo intriguirt werde, wie hier durch Sie.“ „Ich ſagte Ihnen, Herr von Pont⸗Brillant, wir werden uns auf der Stelle ſchlagen.“ „Hier in dieſem Hohlweg?“ „Hien „Ohne hell dabei zu ſehen?“ „Es iſt nicht nöthig, hell zu ſehen.“ „Und mit was werden wir uns ſchlagen?“ „Mit meiner Flinte.“ i einer einzigen Flinte?“ . „Za. X „Das iſt ſeltſam. Und wie werden wir das machen, mein Lieber?“ „Sie ſteigen vom Pferde.“ „Und dann?“ „Sie heben einige Kieſelſteine vom Wege auf.“ „Kieſelſteine!“ verſetzte Ravul lachend, „wie, Kieſel⸗ ſteine! wir werden uns auf Steinwürfe ſchlagen? In der That, das iſt minder tragiſch, als die Flinte es iſt im Geſchmack des Kampfes von Goliath und David Sie Die ſieben Todſünden. n. Abth. 1r Bd⸗ 9 3 130 beſitzen alſo Schleudern, mein Lieber? Schade, daß wir keinen Stich ſehen werden.“ „Ich ſagte Ihnen, Herr von Pont⸗Brillant, Sie werden einige Kieſelſteine vom Wege aufheben . . . Sie legen vieſelben in Ihre geſchloſſene Hand.“ „Ich habe es: um gerade oder ungerade zu ſpielen.“ „Die Dunkelheit hindert nicht, die Steine zu zählen. Der Gewinnende nimmt die Flinte . . . hält ſie dem Andern auf die Bruſt und gibt Feuer .. Sie bemerken, Herr von Pont⸗Brillant, daß man hiezu nicht hell zu ſehen braucht.“ Der Ton von Frederik war ſo kurz, ſo entſchloſſen, ſeine Stimme ſo bebend, daß der Marquis dieſes ſeltſame Abenteuer, ohne es ſich erklären zu können, Anfangs als ernſt nahm; dann aber erinnerte er ſich eines Vorfalls vom vorhergehenden Abend, den er im Salon ſeiner Großmutter zugebracht hatte, brach in ein ſchallendes Gelächter aus und rief: „Ah! meiner Treue, der Spaß iſt vortrefflich, ich begreife nun Alles.“ „Erklären Sie ſich, Herr von Pont⸗Brillant.“ „Das iſt ganz einfach; geſtern Abend erzählte man bei meiner Großmutter Geſchichten von Räubern, von nächtlichen Ueberfällen . man kam dazu, daß man über meinen Muth ſpottete, ich verbürgte mich ſehr laut für meine Tapferkeit, kurz ich ſpielte ein wenig den Prahler; nun hat man dies ſo angeordnet, um mich auf die Probe zu ſtellen, denn man wußte, bei meiner Rückkehr von Montel müßte ich nothwendig durch dieſen Hohlweg kom⸗ men; Sie können alſo denjenigen, welche Sie hiefür be⸗ zahlt haben, ſagen, ich habe mich, wie ich hoffe, ganz wacker aus der Sache herausgezogen, denn ich nahm, bei meinem aveligen Ehrenwort, die Sache Anfans im Ernſt Guten Abend, mein Braver, laſſen Sie mich vorüber, es iſt ſpät.. und ich werde kaum Zeit haben, in Pont⸗ Brillant anzukommen, um mich vor dem Mittageſſen umzukleiden.“ 134 „Herr von Pont⸗Brillant, das iſt kein Scherz, es iſt keine Probe.. Sie werden nicht weiter reiten, ſon⸗ dern abſteigen.“ „Genug! genug!“ ſprach Ravul gebieteriſch, „Sie haben Ihr Geld gewonnen, treten Sie auf die Seite, daß ich vorüber kann.“ „Abgeſtiegen! Herr von Pont⸗Brillant! . . . abge⸗ en!“ ſtieg „Nun wohl! ſchlimm für Sie, wenn ich über Ihren Leib reiten muß!“ rief Raoul. Und er gab ſeinem Pferde die Sporen. Frederik aber warf ſich dem Thier in die Zügel und machte einen ſo gewaltigen Ruck, daß es kurz auf ſeinen Häckſen anhielt. wagſt es, mein Pferd anzurühren, Schuft!“ rief avul. Und er hob ſeine Reitpeitſche in die Hohe und ſchlug auf den Zufall; doch fie pfiff durch den leeren Raum. „Dieſen Peitſchenſchlag. dieſe Beleidigung nehme ich als empfangen an, Herr von Pont⸗Brillant... Nun wären Sie ein elender Feigling, wenn Sie nicht auf der Stelle abſtiegen.“ Der Marquis hatte die Wahrheit geſprochen. An⸗ fangs verblüfft durch dieſes Abenteuer, glaubte er hernach, es wäre eine Probe, auf die man ihn ſtellen wollte; als er aber den herben, dumpfen Ton von Frederik hörte, der vor gedrängter Wuth zitterte, kam er auf ſeinen erſten zurück und begriff, die Begegnung ſei ernſter rt. Ravul war, wie geſagt, von Natur muthig; er war ſchon in der Welt abgerieben, wie ein Menſch von fünf⸗ undzwanzig Jahren, und hatte ſich, nach dem Beiſpiel ſeiner Großmutter, die kecke, beleidigende Verhöhnung zur Gewohnheit gemacht; obgleich es ihm unmöglich war, zu errathen, wer der Unbekannte wäre und warum dieſer Unbekannte ihn haßte und mit ſo viel Erbitterung heraus⸗ 132 forderte, antwortete Raoul, diesmal ernſt, entſchieden und mit frühreifem, geſundem Verſtand: „Hören Sie mich, Sie, deſſen Geſicht ich nicht ſehe, und der Sie mir Ihren Namen verbergen: Sie haben mich auf eine unverſchämte Weiſe herausgefordert, Sie haben mich als einen Feigen behandelt . ich wollte Sie be⸗ ſtrafen, wie man einen Landſtreicher beſtraft, von dem man an der Ecke eines Waldes beleidigt wird. .. Unglücklicher Weiſe verirrten ſich meine Hiebe wegen der Dunkelheit, doch die Abſicht gilt ſo viel als die That. Halten Sie ſich alſo für beſtraft. Wenn Ihnen dies nun nicht genügt, ſo wiſſen Sie, wer ich bin: ſchicken Sie morgen in's Schloß Pont⸗Brillant zwei ehrenhafte Männer, wenn Sie ſolche kennen was ich indeſſen nach Ihrem Beneh⸗ men bezweifle . Dieſe Perſonen werden ſich in Ver⸗ bindung mit zwei Freunden von mir, dem Herrn Vicomte von Marcilly und dem Herrn Herzog von Morville, ſetzen. Ihre Zeugen, wenn ſie annehmbar find, werden, wenn es ihnen beliebt, die meinigen zuerſt mit Ihrem Namen und dann mit der Urſache der Herausforderung, die Sie, wie Sie ſagen, heute Morgen an mich gerichtet haben, be⸗ kannt machen. Die vier Herren werden ſodann unter ſich beſtimmen, was zu geſchehen hat. Ich, was mich betrifft, bin bereit, mich ihrer Entſcheidung zu fügen .. So werden die Dinge unter wohlerzogenen Leuten abgemacht. Wenn Sie das nicht wiſſen, mein Lieber, ſo ſage ich es Shen „Keine Worte, Handlung, Herr von Pont⸗Brillant,“ ſprach Frederik keuchend, „wollen Sie ſich ſchlagen, hier auf der Stelle, ja oder nein?“ „Abermals Ihr Duell auf kleine Kieſelſteine und auf die Flinte,“ erwiederte Raoul, indem er umherſchaute und die Finſterniß zu durchdringen ſuchte, als wollte er den Ort erkennen, wo er ſich befand. „Das wird lang⸗ weilig.“ „Sie ſchlagen es aus?“ „Bei Gott!“ erwiederte Raoul, der, um dieſer Be⸗ 133 gegnung ein Ende zu machen, Zeit zu gewinnen und die Aufmerkſamkeit von Frederik abzulenken trachtete, „ich bin ſiebenzehn Jahre alt . ich liebe das Leben ich vergöttere das Vergnügen und ich ſollte mich, ohne zu wiſſen warum, der Gefahr ausſetzen, mich in der Nacht wie einen Hund in einem Hohlweg umbringen zu laſſen? Gehen Sie doch .. ſprechen Sie mir von einem ſchönen Zweikampf, beim hellen Sonnenſchein, den Degen in der Hand das laſſe ich mir gefallen doch ein Hinterhalt und zwar bei meinem erſten Duell? Sie ſind ein Narr.“ „Herr von Pont⸗Brillant, Sie ſind zu Pferde, ich bin zu Fuß. Die Nacht iſt finſter, ich kann ſie nicht in's Geſicht ſchlagen; doch die Abſicht gilt ſo viel als die That, wie Sie ſelbſt ſagten; wollen Sie ſich nun ſchlagen?“ „Fragen Sie mich das morgen „in meinem Hauſe, beim hellen Tag, und ich werde Ihnen antworten, oder Sie aus der Thüre werfen laſſen.“ „Herr von Pont⸗Brillant, nehmen Sie ſich in Acht.“ „Wovor?“ „Einer von uns Beiden muß hier auf dem Platze bleiben.. „Das werden Sie ſein ... Und hienach gute Nacht, mein Herr,“ ſprach Raoul. Und während er dieſe Worte ſagte, vrückte er ſo plotzlich und ſo kräftig ſeinem Pferd die Sporen in den Bauch, daß es, als hätte es über ein Hinderniß zu ſetzen, einen ungeheuren Sprung vorwärts machte und mit ſeiner Bruſt ſo gewaltig auf Frederik ſtieß, daß dieſer auf den Boden rollte. Als der Sohn von Madame Baſtien, noch betäubt von ſeinem Fall, ſich erhob, horte er den Galopp des Pferdes von Ravul, der ſich raſch entfernte. Nach einer erſten Bewegung des Erſtaunens dachte Frederik einen Augenblick nach, ſtieß dann einen wilden Freudenſchrei aus, hob ſeine Flinte auf, erkletterte, ſich 134 an den Stämmen der Fichten haltend, einen von den zwei beinahe ſenkrechten Abhängen des Hohlwegs und lief mit der größten Eile in den Wald, in welchem er alle Wege und Fährten kannte. Pierzehntes Rapitel. Während die ſo eben erzählten Ereigniſſe im Walde von Pont⸗Brillant vorfielen, litt Madame Baſtien eine furchtbare Angſt; getreu dem Verſprechen, das ſie am Tage vorher Frederik gegeben hatte, wartete ſie lange, ehe ſie in das Zimmer ihres Sohnes eintrat; da ſie ihn ſchla⸗ fend glaubte, hoffte ſie, er würde Erquickung in dieſer wiederherſtellenden Ruhe finden; ſo blieb die junge Mutter bis gegen ein Uhr Nachmittags in ihrem Zimmer, welches an das von Frederik ſtieß, und horchte von Zeit zu Zeit mit aufmerkſamein Ohr, um zu erfahren, ob ihr Sohn einen friedlichen Schlaf ſchliefe. Marguerite, die alte Magd, trat bei Madame Ba⸗ ſtien ein, um einige Befehle zu holen. „Sprecht leiſe und macht die Thüre ſachte zu, ſagte Marie mit halber Stimme, „nehmt Euch in Acht, daß Ihr meinen Sohn nicht aufweckt.“ „Herrn Frederik, Madame!“ erwiederte Marguerite ganz erſtaunt, „er iſt dieſen Morgen bei Tagesanbruch zu Vater André mit ſeiner Flinte gegangen.“ In das Zimmer ihres Sohnes laufen und ſich von der Wahrheit der Behauptung ihrer Magd verſichern, war die erſte Bewegung von Madame Baſtien. Frederik war in der That nicht da, und ſeine Flinte war auch verſchwunden. Indem ſie dieſen letzten Umſtand mit dem geheimniß⸗ vollen Verſchwinden von Frederik zuſammenſtellte, fühlte — — — ————.— ———— ——— 135 die unglückliche Mutter ihre Unruhe den höchſten Grad erreichen. Sie dachte, ihr Sohn habe ſich offenbar den Erklä⸗ rungen entziehen wollen, die fie in ihrem Erſtaunen, ihn mit der Flinte in der Hand zu ſehen, von ihm verlangen dürfte, und ſie wußte, daß er zu ſehr niedergeſchlagen war, um an die Jagd denken zu können. Madame Baſtien begab ſich in aller Eile nach der Wohnung von Vater André, dem Gärtner, bei dem man Frederik bei Tagesanbruch hatte eintreten ſehen; doch der Gärtner war kurz zuvor ausgegangen. Da ſie nicht wußte, welchem Weg ihr Sohn gefolgt war und welchen er auf der Rückkehr nehmen würde, ſo ging Marie an das Ende des Eichenwaldes, ſtellte ſich auf einen ziemlich hohen Erdhaufen und ſuchte ihren Sohn in der Ferne auf der Ebene zu erſchauen, jenſeits welcher der Wald von Pont⸗Brillant anfing. Die Stunden verliefen, Frederik erſchien nicht. Man war, wie geſagt, in den erſten Tagen des November. Die Sonne war im Begriff, hinter den großen Maſſen nebeliger Wolken unterzugehen, welche lange röth⸗ liche Streifen von dem düſtern, durch den Gipfel der ſchon in Schatten getauchten Waldungen gebildeten Horizont trennten. Madame Baſtien, deren Angſt immer mehr ſtieg, je mehr ſich der Tag ſeinem Ende zuneigte, durchforſchte ver⸗ gebens mit dem Blick die gekrümmten und entblößten Pfade, die ſich durch die Felder ſchlängelten. Plotzlch lief Marguerite herbei und rief ihrer Gebie⸗ terin, ſobald ſie ſie von fern erblickte, zu: „Madame .. Madame . . da kommt der Vater André, mit dem Herr Frederik dieſen Morgen geſpro⸗ chen hat.“ „Wo iſt André?“ „Madaue, ich habe ihn von ſehr fern auf dem Wege kommen ſehen wo ich meinerſeits lauerte.“ — — — 136 Ohne mehr zu hören, lief Madame Baſtien nach dem Weg, auf dem der alte Gärtner herbeikam, der ſich unter der Laſt eines ungeheuren Gebundes friſch ausgeriſ⸗ ſener wilder Roſenſtöcke bog. Sobald Madame Baſtien nahe genug bei dem Greis war, daß ihre Stimme ihn erreichen konnte, rief ſie: „André. habt Ihr meinen Sohn dieſen Mor⸗ . geſehen? . . Was hat er Euch geſagt? Wo iſt er?“ Ehe er dieſe haſtigen Fragen beantwortete, entle⸗ digte ſich André mühſam ſeines Gebundes Roſenſtöcke, die er auf die Erde ſetzte; dann erwiederte er ſeiner Ge⸗ bieterin: „In der That, Madame . .. dieſen Morgen bei Tagesanbruch iſt Herr Frederik bei mir geweſen .. wegen Kugeln „ „Wegen Kugeln?“ „Ja, um mich zu fragen, ob ich Blei hätte, um Kugeln vom Kaliber ſeiner Flinte zu gießen.“ „Ah! mein Gott,“ rief Madame Baſtien ganz zit⸗ ternd, „Kugeln. für ſeine Flinte?“ „Gewiß, Madame, und da ich noch einen Reſt von einer bleiernen Röhre hatte, ſo goß ich ein halbes Dutzend Kugeln für Herrn Frederik.“ „Aber,“ ſagte die junge Mutter mit bebender Stimme, während ſie einen tollen, furchtbaren Gedanken, der ihren Geiſt durchzuckte, zu verjagen bemüht war, „Kageln .. das war. das war alſo für die Jagd?“ „Sicherlich, Madame, denn Herr Frederik ſagte mir, Jean Frangois, Sie wiſſen, der Meier der Coudraie ..“ „Ja, ja, ich weiß es hernach?“ „Jean Frangois erzählte alſo geſtern Hertn Frederik, zwei Nächte hinter einander habe ihm eines von den Wild⸗ ſchweinen aus dem Walde ſein Kartoffelfeld ungewühlt. .. und da dieſen Abend der Mond frühzeitig aufgeht, ſo ſagte Herr Frederik, er würde auf einen Inſtand gehen, den Jean Fr anéois kenne, und das Wildſchwein erlegen.“ 137 „Das iſt aber eine furchtbare Unvorſichtigkelt,“ rief Madame Baſtien welche nur die Angſt wechſelte, „Fre⸗ derik hat nie ein Wildſchwein geſchoſſen; wenn er es fehlt, wagt er ſein Leben.“ „Haben Sie nicht bange, Madame, Herr Frederik iſt ein guter Schütze, und . . . „Mein Sohn iſt alſo in dieſem Augenblick in der Meierei der Coudraie?“ fragte Madame Baſtien, den Gärtner unterbrechend. „Man muß das glauben, Madame, da er dieſen Abend mit dem Meier auf den Anſtand gehen ſoll.“ Madame Baſtien wollte nicht mehr horen und ent⸗ fernte ſich haſtig. Die Sonne ſenkte ſich; ſchon fing die röthliche Scheibe des Mondes, der gerade voll war, an, am Horizont emporzutauchen. Die Meierei der Coudraie war eine halbe Meile ent⸗ fernt. Marie lief in aller Eile dahin, ohne daß ſie in ihrer Unruhe nur daran dachte, einen Shawl und einen Hut zu nehmen. In demſelben Maß, in welchem die Sonne verſchwand, erhob ſich der Mond, noch durch den Abendnebel ver⸗ ſchleiert, langſam über der ſchwarzen Maſſe der großen Waldungen und ergoß genug Helle, daß man beinahe eben ſo viel ſah, als am lichten Tag. Bald erblickte Marie durch eine Gruppe von Stahl⸗ weiden, von denen die Meierei umgeben war, ein Licht, k verkündigte, der Pächter ſei von den Feldern zurück⸗ gekehrt. Eine Viertelſtunde nachher trat die junge Mutter, ganz keuchend von ihrem haſtigen Lauf, bei dem Meier ein. Jean Francoits, ſeine Frau und ſeine Kinder ſaßen beim Feuer eines Reisbundes um ihren Herd. „Jean Frangois,“ ſagte Madame Baſtien raſch, „ich bitte Euch, führt mich geſchwinde an den Ort, wo mein Sohn iſt.“ 138 Dann fügte ſie mit einem Ton traurigen Vor⸗ wurfs bei: „Wie konntet Ihr ein Kind von dieſem Alter einer ſolchen Gefahr ausſetzen. .. Doch kommt, kommt, ich bitte Euch, es muß noch Zeit ſein, ihn von dieſer furchtbaren Unklugheit abzuhalten.“ Der Meier und ſeine Frau ſchauten ſich Anfangs ganz verwundert an, dann ſagte Jean Frangois: „Madame, entſchuldigen Sie . aber ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Wie „habt Ihr Euch nicht geſtern gegen meinen Sohn beklagt, ein Wildſchwein verwüſte Euch ſeit zwei Nächten Euer Feld?“ „Oh! oh! die Wildſchweine finden in dieſem Jahr zu viel Eicheln im Walde, um ſo bald herauszukommen, Madame, und, Gott ſei Dank! bis jetzt haben ſie uns nichts verwüſtet.“ „Ihr habt alſo meinen Sohn nicht aufgefordert, die⸗ ſes Wildſchwein zu ſchießen?“ „Ich, Madame? .. nie, gar nie habe ich mit ihm von einem Wildſchwein geſprochen.“ „Ihr habt meinen Sohn heute nicht hierher be⸗ ſchieden?“ „Nein, Madame.“ Bei dieſer Offenbarung blieb Marie einen Augenblick ſtumm, vom Schrecken gefeſſelt; endlich murmelte ſie: „Frederik hat André belogen . . aber . die Kugeln die Kugeln . . . mein Gott! was damit machen?“ Als der Meier die Unruhe von Madame Baſtien wahrnahm, glaubte er ſich im Stande, ſie zu beruhigen, und ſagte: „Es iſt wahr, Madame, ich habe nicht von einem Wildſchwein mit Herrn Frederik geſprochen, doch wenn Sie ihn ſuchen, ſo glaube ich zu wiſſen, wo er iſt.“ „Ihr habt ihn alſo geſehen?“ „Ja, Madame.“ — 139 „Wo dies? wann dies?“ „Madame kennt wohl die jähe Steige, eine Viertel⸗ ſtunde vom Hohlweg der Vieille⸗Coupe, wenn man nach dem Schloſſe Pont⸗Brillant durch den Wald geht?“ „Jaja; hernach „Nun, Madame, als es ſchon Nacht, aber noch hell war, kehrte ich auf dieſer Steige zurück . . . da erblickte ich Herrn Frederik, der aus dem dichten Wald hervorkam und ſchräge über die Straße lief. Er blieb einen Augen⸗ blick oben auf der Anhöhe der Steige ſtehen, als wollte er in der Richtung des Ausgangs des Hohlwegs horchen, und eilte dann nach dem großen Schlag, der die Straße auf der andern Seite begrenzt; es war ſogar der Glanz der Flinte von Herrn Frederik, was mich ihn durch die Nacht bemerken ließ, und ich ſagte zu mir: „„Halt! da iſt Herr Frederik mit ſeiner Flinte in den Waldungen des Herrn Marquis . . . das iſt zum Erſtaunen.““ „Iſt das ſchon lange her?“ „Meiner Treue, Madame, wohl eine halbe Stunde, denn der Mond brach gerade erſt hervor.“ „Jean Frangvis,“ ſprach haſtig die junge Frau, „Ihr ſeid ein braver und würdiger Mann „. . Ich ſchwebe in einer Todesangſt, Ihr müßt mich nach dem Ort führen, wo Ihr dieſen Abend meinen Sohn geſehen habt.“ Der Meier ſchaute Madame Baſtien mitleidig an und erwiederte: „Hören Sie, Madame, ich ſehe, was Sie quält. . und bei Gott, Sie haben vielleicht nicht Unrecht, beſorgt zu ſein.“ „Vollendet.“ „Gerade herausgeſagt: Sie befürchten, Frederik ſei dieſen Abend in dem Walde des Herrn Marquis auf dem Anſtand, nicht wahr? Ich! ich glaube es wie Sie, Ma⸗ dame, und offenherzig geſprochen, es iſt wohl Grund vor⸗ handen, darüber in Unruhe zu gerathen, denn der Herr Marquis iſt ebenſo unbarmherzig gegen die Wildſchützen, ebenſo eiferſüchtig auf ſein Wildpret, als ſein verſtorbener 140 Vater . ſeine Jagdhüter find teufelmäßig böſe Burſche, und wenn ſie Herrn Frederik auf dem Anſtand fänden, ginge es meiner Treue ſchlimm.“ „Ja, das iſt es, was ich befürchte,“ erwiederte leb⸗ haft Madame Baſtien, obgleich eine ganz andere, viel gräßlichere, wenn auch noch unbeſtimmte Angſt ſie befallen hatte. „Ihr ſeht, Jean Frangois,“ fügte ſie mit flehen⸗ dem Tone bei, „es iſt kein Augenblick zu verlieren .. ich muß um jeden Preis meinen Sohn zurückbringen . .. kommt. kommt. . .“ „Sogleich, Madame,“ ſagte voll Eifer der Meier und wandte ſich nach der Thüre. „Wir brauchen nur den kleinen Fußpfad im Buchweizen einzuſchlagen, dadurch ſchneiden wir viel ab und werden in einer Viertelſtunde im Walde ſein.“ „Ich danke für Eure Güte, Jean Frangois,“ ſprach Madame Baſtien gerührt, „oh! ich danke . . Schreitet voran, ich folge Euch; laßt uns geſchwinde gehen.“ „Aber, Mann,“ ſagte die Melerin zu Jean Frangvis in dem Augenblicke, wo er wegging, „wenn man dem Fußpfad folgt, muß man durch das Torfmvor gehen ... und die liebe Madame, die ſo feines Schuhwerk hat, wird furchtbar naß werden und ſich eine Krankheit holen.“ „Jean Francois, ich beſchwöre Euch, verlieren wir keinen Augenblick,“ rief Madame Baſtien. Dann ſich an die Meierin wendend: „Ich danke, gute Mutter, ich werde Euch Euren Mann ſogleich wieder zurückſchicken.“ 1 14¹ Fünfzehntes Rapitel. Als Marie und ihr Führer die Meierei verließen, ſchien der Mond, der den Nebel zerſtreut hatte, in leb⸗ haftem Glanz. Man erblickte in geringer Entfernung die großen ſchwarzen Maſſen der Bäume des Waldes, die ſich vom düſteren Azur des beſtirnten Himmels abhoben. Es herrſchte eine tiefe Stille. Auf der verhärteten Erde hörte man nur das ſonore Geräuſch der Holzſchuhe von Jean Frangvis. Er wandte ſich bald um und ſagte zu der jungen Frau, ſeinen Gang mäßigend: „Verzeihen Sie, Madame, ich gehe vielleicht zu ſchnell.“ „Zu ſchnell? nein, nein, mein Freund, Ihr könnt nie zu ſchnell gehen .. . Immer zu, immer zu, ich werde Euch olgen.“ Und nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, ſagte ſie, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Dieſe Kugeln . . was damit machen? warum dieſe Lüge? Jean Francois hat vielleicht Recht... Fre⸗ derik wollte wahrſcheinlich im Wald auf den Anſtand gehen und wird es vor mir verborgen haben . . . Doch er war geſtern den ganzen Tag ſo düſter, ſo in ſich gekehrt, daß ich nicht glauben kann, er denke an die Jagd .. Er hat ſchon ſo lange Zeit keine Flinte mehr berührt!“ Nachdem ſie einige Augenblicke gegangen waren, wandte ſich Madame Baſtien abermals an ihren Führer und fragte: „Als Ihr meinen Sohn ſahet, habt Ihr ſein Geſicht nicht bemerkt?“ Und da der Meier ſich umwandte, um ihr zu ant⸗ worten, fügte Marie bei: u „Sprecht im Gehen, und laßt uns keine Minute ver⸗ eren.“ — 142 „Ei! von fern und in der Nacht konnte ich das Geſicht von Herrn Frederik nicht bemerken.“ „Kam Euch ſein Gang nicht ungeſtüm, bewegt vor?“ „Ich kann Ihnen das nicht genau ſagen, Madame; er lief über die Steige hin, um in den Schlag zu kommen, wo er ſich ohne Zweifel auf den Anſtand geſtellt hat; das währte nicht lange .. . „Es iſt wahr ich mache tolle Fragen,“ ſagte die junge Mutter zu ſich ſelbſt. „Wie ſollte dieſer Mann das haben bemerken können?“ Dann ſprach ſie laut: „Und der Schlag, in den mein Sohn gegangen iſt, Ihr ſeid im Stande, ihn zu erkennen, Jean Frangois?“ „Oh! ſehr leicht, Madame: er iſt vierzig Schritte von dem vierarmigen Pfoſten, der die Landſtraße nach dem Schloß bezeichnet.“ „Mein Gott! Jean Frangois, wie lange iſt dieſer Weg werden wir denn nie ankommen?“ „Noch eine halbe Viertelſtunde, Madame.“ „Eine halbe Viertelſtunde mein Gott murmelte die junge Frau. „Ach! . es ereignen ſich ſo viele Dinge in einer halben Viertelſtunde.“ Marie und ihr Führer gingen mit haſtigen Schritten weiter. Mehrere Male war die junge Frau genöthigt, ihre beiden Hände an ihre Bruſt zu drücken, um die Heftigkeit der Schläge ihres Herzens, die ſich noch durch dieſen eiligen Marſch vermehrte, zurückzudrängen. Schon erblickte man ganz deutlich die Bäume am Saume des Waldes. „Madame,“ ſagte der Meier ſtilleſtehend, „wir find hier auf dem Torfmvor . . . nehmen Sie ſich in Acht, es gibt hier tiefe und gefährliche Gruben . . Soll ich Ihnen helfen?“ „Geht, geht, Jean Frangois; beſchleunigt Euren Marſch, wenn es möglich iſt, und kümmert Euch nicht um mich.“ 143 Und mit raſchem, ſicherem Schritt ging Marie durch die gefährlichen Schlammlöcher, in die ſie ſich beim hellen Tag nicht gewagt hätte. Nach einigen Minuten fragte ſie wieder: „Jean Frangois, wie viel Uhr mag es ſein?“ „Dem Mond nach muß es nicht weit von ſieben Uhr ſein, Madame.“ „Und find wir, wenn wir einmal den Wald erreicht haben, noch fern vom Schlag?“ „Höchſtens noch hundert Schritte, Madame.“ „Ihr geht in den Schlag von einer Seite hinein, Jean FranCois, und ich von der andern, und wir rufen Frederik aus Leibeskräften . Antwortet er uns nicht,“ fügte die junge Frau bebend bei, „antwortet er nicht, ſo ſuchen wir weiter, denn nicht wahr, Jean Frangois, wir müſſen ihn unfehlbar finden?“ * „Gewiß, Madame, doch wenn Sie glauben wollen, ſo rufen wir zu größerer Vorſicht Herrn Frederik nicht.“ „Warum?“ „Sehen Sie, Madame, wir könnten die Jagdaufſeher von der Runde aufmerkſam machen . . Sie müſſen alle auf den Beinen ſein, denn eine ſolche Mondhelle ſcheint wie gemacht für die Anſteher.“ „Ihr habt Recht . . wir ſuchen meinen Sohn, ohne etwas zu ſagen,“ erwiederte Marie ſchauernd. Dann verbarg ſie ihr Geſicht eine Secunde lang in ihren Händen, als ob ſie einer furchtbaren Viſion entgehen wollte, und rief: „Ah! ich werde wahnſinnig.“ And ſie folgte wieder eiligſt den Schritten ihres Führers. Doch plötzlich blieb ſie ſtehen und horchte. „Jean Frangois, habt Ihr gehört?“ „Ja, Madame, das iſt noch fern,“ „Was für ein Geräuſch iſt das?“ „Das kommt vom Ausgang des Hohlwegs 6s iſt der Galopp eines Pferdes im Walde Vielleicht . 144 iſt es der Oberjäger des Herrn Marquis. . Er ſieht ohne Zweifel nach, ob die Jagdhüter ihre Runde machen.“ Der Meier, ein kräftiger Mann, war ſo raſch ge⸗ gangen, daß er, als er endlich den Saum des Waldes er⸗ reichte, große Tropfen ſchwitzte, während Madame Baſtien ſchauerte; es war ihr, als ſtrömte all ihr Blut zu ihrem Herzen zurück und würde darin zu Eis. „Nun, Madame, wollen wir dieſen Fußweg im Holz einſchlagen, da er die Entfernung bedeutend abkürzt .. denn er führt uns gerade zu dem vierarmigen Wegzeiger; nur ſchützen Sie Ihr Geſicht mit Ihren Händen, Madame . . . nehmen Sie ſich in Acht, unter dem Ge⸗ ſtrüppe, durch das wir kommen, gibt es Stechpalmen, an denen man ſich furchtbar verletzen kann.“ Die zarten Hände von Marie, welche ſie vor ſich ausſtreckte, wurden in der That wiederholt durch die ſcharfen Spitzen der Blätter der Stechpalmen blutig geriſſen. Doch die junge Frau fühlte nichts. „Die Kugeln,“ ſagte ſie, „warum dieſe Kugeln ? ah! ich will gar nicht daran denken . ich könnte vor Angſt niederſinken . . . und ich bedarf meines ganzen Muthes.“ In dieſem Angenblick kam der Galopp des Pferdes, den man in der Ferne gehört hatte, immer näher. Dann hörte er plötzlich auf, als ob der Reiter ſein Roß in Schritt geſetzt hätte, um die jähe Steige zu er⸗ klettern. Der Meier und Madame Baſtien traten bald aus dem dichten Gehölze, das ſie durchſchritten hatten, und ge⸗ langten auf einen Rundpunkt, in deſſen Mitte ein Pfoſten ſtand, von dem vier Arme gegen vier Alleen ausliefen, welche ſich in's Unabſehbare durch den Wald erſtreckten; abwechſelnd von dem ſchwarzen Schatten der Bäume und den weißen Hellen des Mondes durchſchnitten, bot der Boden dieſer Alleen ſeltſame Contraſte von Licht und Dunkelheit. „Zwanzig Schritte von hier, auf der Höhe der Steige 145⁵ habe ich Herrn Frederik in dem Schlag, der die Straße begrenzt, eintreten ſehen,“ ſagte der Meier, indem er auf einen jungen Eichenwald deutete. „Ich will von der Rückſeite hineingehen . . und wir müſſen Herrn Frederik unfehlbar treffen, wenn er noch da iſt. Sollte ich ihn finden, ſo werde ich ihm ſagen, es ſei Ihr Wille, daß er den Anſtand ſogleich verlaſſe, nicht wahr, Madame?“ fügte der Meier mit leiſer Stimme bei. Marie machte ihm ein bejahendes Zeichen und trat mit einer unbeſchreiblichen Bangigkeit in das Gehoölze ein, während Jean Francois ſich entfernte. Man hörte nun auf dem Pflaſter der Steige den Tritt eines Pferdes ſchallen. Der Reiter war Raoul von Pont⸗Brillant, der den Hohlweg der Vieille⸗Coupe verlaſſend dieſer Straße folgen mußte. Frederik, der alle Nebenwege des Waldes kannte, war, das Gehölze gerade durchſchneidend, dem jungen Marquis, da man ſich nothwendig auf der Steige zu halten hatte, um nach dem Schloſſe zu gelangen, weit voran ge⸗ kommen. Ravul, der die ſeltſamen Ereigniſſe des Abends ganz heiter hinnahm, pfiff ein Jägerlied, während ſein Pferd langſam den an dieſer Stelle ſehr ſteilen Abhang erkletterte. Marie ſchritt in zunehmender Angſt immer weiter durch den Schlag. Sie kam bald zu einer großen vom Mond beſchienenen Lichtung. Mitten in dieſem Raume erhob ſich eine ungeheure Eiche; dichtes Moos und auf dem Boden umher zerſtreuter Abfall von Blätterwerk dämpften das Geräuſch der Tritte, die junge Frau konnte, ohne ſeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen, ſich ihrem Sohne nähern, den ſie halb verborgen durch den ungeheuren Stamm der Eiche erblickte. Was nun geſchah, geſchah ſo raſch, daß man keinen Begriff von der Geſchwindigkeit der Entwickelung zu geben Die ſteben Tovfünden. 1. Abth. 1r Bb⸗ 10 146 vermöchte; wir müſſen alſo darauf verzichten, einen Vorfall ſo ſchnell wie der Gedanke des Breiteren zu erzählen. Tief aufmerkſam und nur über ſeinem Vorhaben brü⸗ tend, hörte Frederik ſeine Mutter nicht, deren Gang ſich auf dem Moos dämpfte; barköpfig, ſtützte er ein Knie auf die Erde und hielt ſeine Flinte halb geſenkt, als erwartete er nur den Augenblick, um es an die Schulter anzulegen und zu ſchießen. Obgleich ſie dieſem unglücklichen Gedanken zu entfliehen ſuchte, hebte doch die unglückliche Mutter zu⸗ weilen vor Angſt, wenn ihr die Möglichkeit eines Selbſt⸗ mordes einfiel, und es erfüllte ſie eine gräßliche Furcht, in ihrem Geiſte durch verſchiedene Vorfälle der vorher⸗ gehenden Tage erregt. Man denke ſich die tolle Freude von Madame Baſtien, als ſie nach der Stellung ihres Sohnes den Verdacht des Meiers für gerechtfertigt halten und glauben durfte, es handle ſich nur um eine einfache Wilderei. Sogleich warf ſich die junge Mutter in einem blinden Erguß von Glück und Zärtlichkeit mit einer Art von Wuth, ohne ein Wort zu ſprechen, auf ihren Sohn. Und dies in demſelben Augenblick, wo Frederik, ſeine Flinte ſenkend, mit wildem, höhniſchem Tone murmelte: „Sieh da, der Herr Marquis.“ Frederik hatte wirklich zehn Schritte von ſich Ravul von Pont⸗Brillant erblickt, der, ganz beleuchtet vom Mond und bis um den halben Leib durch einen freien Platz des Schlages entblößt, im Schritt die Steige heraufritt und fortwährend mit völliger Gleichgültigkeit ſein Jägerlied pfiff. Die Bewegung von Madame Baſtien war ſo plötz⸗ lich, ſo ſtürmiſch geweſen, daß das Gewehr ihrem Sohn gerade in dem Augenblick, wo er Fener geben wollte, aus den Händen ſchlüpfte und auf das Moos fiel. „Meine Mutter! .. murmelte Frederik wie ver⸗ ſteinert. Dieſe Entwickelung, ſo raſch wie der Blitz, war in der Stille vor ſich gegangen. Das Schallen der Tritte des Pferdes von Ravul von 147 Pont⸗Brillant und der Ton des Liedes, das er pfiff, hatten überdies theilweiſe das Geräuſch von Madame Baſtien bedeckt. Der junge Marquis hielt indeſſen jenſeits des freien Raumes, der ihn entbloͤßt hatte, plötzlich an, hörte auf zu pfeifen, neigte ſich auf den Sattel und fragte mit feſter Stimme: „Wer iſt da?“ Dann horchte er abermals. Marie, die das furchtbare Geheimniß der Gegenwart ihres Sohnes im Wald entdeckt hatte, drückte ihre Hand auf den Mund von Frederik, umſchloß ihn mit ihren Armen . . . und horchte, ihren Athem an ſich haltend. Raoul von Pont⸗Brillant erhob ſich, als er keine Antwort erhielt, in den Steigbügeln, um von höher herab zu ſehen und nach der dicken Eiche zu ſchauen, wo er ein leichtes Geräuſch gehört hatte. Der Schatten dieſes ungeheuren Baumes und die Höhe des Schlages, der die Straße jenſeits der lichten Stelle begrenzte, über welche der junge Marquis ſchon hinausgeritten war, verhinderten dieſen zum Glück, etwas wahrzunehmen. Nachdem er noch einige Secunden gehorcht hatte, ließ Raoul, der nicht vermuthete, ſein unbekannter Feind ſei ihm hier vorangekommen, ſein Pferd im Schritt weiter⸗ gehen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Es wird ein Stück Rothwild geweſen ſein, das aus Schrecken durch den Wald gelaufen iſt.“ Dann hörten die Mutter und der Sohn, unbeweglich, ſtumm, eiskalt vor Bangigkeit, feſt an einander ange⸗ ſchloſſen, den jungen Mann wieder ſein Jägerlied pfeifen. Dieſe Töne wurden immer ſchwächer und verloren in der Ferne unter dem tiefen Schatten des aldes. Sechzehntes Rapitel. Madame Baſtien konnte nicht mehr an dem Vorhaben von Frederik zweifeln. Sie hatte ihn auf Ravul von Pont⸗Brillant zielen ſehen und ſagen hoͤren: „Sieh da, der Herr Marquis.“ Dieſer Hinterhalt kam der unglücklichen Frau zugleich ſo feig und ſo gräßlich vor, daß ſie trotz der Unleugbar⸗ keit der Thatſache noch nicht an dieſe furchthare Entdeckung glauben wollte. Frederik erhob ſich ungeſtüm, nachdem er ſich ein wenig von der durch den Anblick und das Umfangen ſeiner Mutter verurſachten Erſchütterung erholt hatte; die Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt, die Augen ſtarr und düſter, das Geſicht von einer Leichenhläfſe bedeckt, welche die bläu⸗ liche Helle des Mondes noch mehr hervorhob, blieb er ſtumm, unbeweglich wie ein Geſpenſt ſtehen. „Frederik,“ ſagte Madame Baſtien, deren Lippen ſo heftig zitterten, daß ſie eine Pauſe zwiſchen jedes Wort legte, „was machteſt Du hier mein Kind? .. Der Jüngling blieb ſchweigſam. „Du antworieſt mir nicht? . Deine Augen find ſter ſiehſt Du, mein armes Kind in der ver⸗ gangenen Nacht hörte ich Dich .. Du warſt ſo unruhig . . . Du leideſt ſo ſehr ſeit einigen Tagen .. vaß Du plötzlich von einem hitzigen Fieber von einem Delirium befallen worden ſein wirſt; . . und zum Be⸗ weis . . Du weißt nicht einmal, wie es kommt, daß Du hier biſt.. Es iſt, als erwachteſt Du aus einem Traum nicht wahr, Frederik?“ Madame Baſtien, welche lieber freiwillig die Augen 149 ſchloß, als daß ſie eine ſchreckliche Wirklichkeit erſchaute, ſuchte ſich zu überreden, Frederik ſei nicht im Befitz ſeiner vollen Vernunft. „Ja,“ fuhr ſie fort, „ich bin feſt überzeugt, daß Du kaum ein Bewußtſein von dem haſt, was ſeit Deinem Ab⸗ gang von Hauſe vorgefallen iſt nicht wahr? .. Du antworteſt mir nicht. oh! ich verſtehe, Dein armer Kopf iſt verwirrt . Komm zu Dir, mein Kind. mein Gott! beruhige Dich. Du erkennſt mich nicht mehr?. Ich bin es, Deine Mutter.“ „Ich erkenne Sie, meine Mutter.“ „Endlich!“ „Ich meine volle Vernunft. Ah! ja, nun Gott ſei Si Doch vor⸗ hin nicht. 4 „Ich habe ſie immer gehabt.“ „Nein mein armes Kind, nein.“ „Ich weiß, wo ich bin.“ „Ja, jetzt kennſt Du Dich aus, aber vorhin nicht.“ „Ich ſage Ihnen, Mutter, daß ich weiß, warum ich hierher, zehn Schritte vom vierarmigen Pfoſten, mit Kugeln in meiner Flinte, auf den Anſtand gegangen bin „Ah! . gut! das iſt es alſo,“ ſprach die Un⸗ glückliche, die ſich den Anſchein gab, als beruhigte ſie ſich, „Jean Frangois, der Meier, täuſchte ſich nicht, und er ſagte es mir wohl.“ „Er ſagte es wohl . . . was?“ „Du ſeiſt auf den Anſtand gegangen, denn er ſah Dich bei Einbruch der Nacht in dieſen Schlag eintreten, und ſprach ſogar zu ſich ſelbſt: „„Ah! das iſt Herr Fre⸗ derik, er wird ohne Zweifel in den Waldungen von Pont⸗ Brillant wildern.“ Beurtheile meine Unruhe, als ich dies erfuhr . .. Du kannſt Dir denken, Aef ſogleich mit Jean Frangois hierher . . . Denn Du biſt in der That von einer tollen Unvorſi ichtigkeit, mein armes Kind. Du weißt, „alſo nicht, daß die Jagvaufſeher des Herrn Rarquis 15⁰ Die Worte des Herrn Marquis entriſſen Frederik ſeiner furchtbaren Ruhe; er ballte die Fäuſte voll Wuth, ſchaute ſeiner Mutter mit einem wilden Ausdruck in's Geſicht und rief: „Auf den Herrn Marquis bin ich angeſtanden, ver⸗ ſtehen Sie, meine Mutter?“ „Nein, Frederik,“ erwiederte die unglückliche Frau am ganzen Leib zitternd, „nein, ich verſtehe nicht und be⸗ greife ich überdies etwas von Deinen Jagdausdrücken?“ „Ah! erwiederte Frederik mit einem gräßlichen Lächeln, „ich will mich begreiflich machen: Da ich wußte, der Herr Marquis müſſe dieſen Abend. . . bei Einbruch der Nacht hier vorüberkommen, ſo lud ich Kugeln in meine Flinte und legte mich bei dieſem Baume in Hinterhalt, um den Herrn Marquis, wenn er vorbeireiten würde, tobtzuſchießen. Begreifen Sie, meine Mutter?“ Bei dieſen furchtbaren Worten fühlte ſich Madame Baſtien einen Augenblick vom Schwindel befallen; bald aber raffte ſie ſich wieder heldenmüthig auf. Sie drückte eine von ihren reizenden Händen auf die Schulter ihres Sohnes, legte die andere auf ſeine Stirne, und ſagte mit ſehr rauher Stimme und als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt: „Wie ſein armer Kopf glüht . . er iſt noch im Delirium des Fiebers .. Mein Gott! mein Gott! wie ſoll ich ihn beſtimmen, mir zu folgen?“ Anfangs erſtaunt über die Sprache und die ſchein⸗ bare Ruhe ſeiner Mutter, nach dem ſchrecklichen Geſtänd⸗ niß, das er ihr in der übermäßigen Erbitterung ſeines Haſſes gemacht hatte, rief Frederik: „Ich ſage Ihnen, ich bin bei voller Vernunft, meine Mutter . . . ich will ebenſo ſehr Sie als mich rächen; und mein Haß, ſehen Sie, iſt . .“ „Ja, ja, mein Kind, ich glaube Dir,“ unterbrach ihn Madame Baſtien, zu ſehr erſchrocken, um die letzten Worte von Frederik zu bemerken; dann küßte ſie ihn auf die Stirne und fügte mit jenem Ton, deſſen man ſich 151 ſ wenn man den Narren nicht widerſprechen will, eht „Ja, gewiß, Du haſt Deine Vernunft... Du wirſt auch mit mir zurückkehren; es iſt ſpät und wir ſind ſchon lange in dieſem Wald.“ „Der Platz iſt gut und ich werde wieder hierherkom⸗ men,“ ſprach Frederik mit dumpfem Ton. „Gewiß werden wir wieder hierherkommen Doch Du begreifſt, wir müſſen damit anfangen, daß wir gehen, nicht wahr?“ „Meine Mutter . . treiben Sie mich nicht auf's Aeußerſte! ... „Schweige . oh! ſchweige,“ ſagte Marie plötzlich voll Angſt, während ſie eine Hand auf den Mund ihres Sohnes legte und aufmerkſam horchte. „Hörſt Du?“ flüſterte ſie, „man geht im Schlag... Oh! mein Gott! man kommt!“ Frederik hob ſeine Flinte auf. „Ah! ich weiß,“ ſagte die junge Frau, deren Beſorgniß aufhörte, als ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, „es iſt Jean Frangois, er ſollte Dich auf einer Seite ſuchen, ich auf der andern.“ Dann rief ſie mit halber Stimme: „Seid Ihr es, Jean Francovis?“ „Ja Madame Baſtien,“ antwortete der Meier, den man noch nicht ſah, wohl aber, das Aſtwerk auf die Seite ſchiebend, herbeikommen hörte; „ich habe Herrn Frederik nicht gefunden.“ „Beruhigt Euch, mein Sohn iſt da, Jean Francvis.“ „Ah! deſto beſſer, Madame Baſtien, ſagte der Meier, „denn ich habe ſo eben dort, in der Gegend des Teiches, ſprechen hören ſccherlich iſt es eine Runde der Jagdaufſeher des Herrn Marquis.“ Nach dieſen Worten erſchien der Meier in der Lichtung. Trotz der Verwegenheit ſeines Haſſes, wagte es Fre⸗ derik nicht in Gegenwart eines Fremden, die Drohungen 251 zu wiederholen, die er vor ſeiner Mutter ausgeſprochen hatte; er nahm ſeine Flinte unter den Arm und ſchickte ſc immer ſchweigſam, düſter an, Madame Baſtien zu folgen. „Ah! ah! Herr Frederik,“ ſagte der Meier, „man muß den Teufel nicht verſuchen, die Jagdaufſeher des Herrn Marquis kommen herbei; Sie ſind in einem Walde mit Ihrer Flinte in der Hand; es iſt ein herrli⸗ cher Mondſchein für die Wildſchützen . .. Das genügt, daß man Sie in Unterſuchung zieht.“ Dann ſich an Madame Baſtien wendend: „Ich will Madame vorangehen, ich kenne einen klei⸗ nen Fußpfad, der uns ganz gerade und ſchnell aus dem Schlag heraus und in eine entgegengeſetzte Richtung von der führen wird, wo man die Aufſeher hört.“ Die Kräfte von Marie waren erſchopft; ſie ſtützte ſich auf den Arm ihres Sohnes, der, immer in ſich ge⸗ kehrt, kein Wort an ſie richtete. Als ſie beim Meier ankam, bebte die junge Mutter, bleich, geſchwächt, an allen Gliedern; Jean Fran Cois wollte durchaus ſein Pferd an ſein Wägelchen ſpannen, um Marie und ihren Sohn zurückzuführen; ſie nahm die⸗ ſes Anerbieten an, denn, gelähmt durch ſo viele Erſchüt⸗ terungen, wäre ſie außer Stand geweſen, abermals zu Fuß den langen Weg zu machen, der die Meierei von ihrem Hauſe trennte, das ſie mit ihrem Sohne gegen neun Uhr Abends erreichte. Kaum zurückgekehrt, wankte Frederik, verlor er das Bewußtſein und wurde 6 von einem heftigen Nerven⸗ anfall ergriffen, der den Schrecken ſeiner Mutter auf den höchſten Grad ſteigerte; von ihrer alten Magd unterſtützt, verwandte ſie indeſſen jede mögliche Sorge auf ihren Sohn, der in ſein Zimmer gebracht und in's Bett gelegt wurde. Während dieſes krampfartigen Anfalls vergoß Frederik Thränen, obgleich ſeine Augen geſchloſſen waren. Als er wieder zu ſich kam und ſeine Mutter über ſich herabgebeugt ſah, ſireckte er die Arme nach ihr aus und 153 hielt ſie lange Zeit unter herzzerreißendem Schluchzen umfangen. Nachdem auch dieſe neue Kriſe vorüber war, erklärte er, er fühle ſich ruhiger und bedürfe beſonders der Einſamkeit und der Dunkelheit; dann wandte er ſich in ſeinem Bette um und ſprach kein Wort mehr. Mit einer ſeltenen Geiſtesgegenwart, gab Marie bei ihrer Rückkehr und während der Ohnmacht von Frederik Befehl, die Läden des Zimmers, in welchem er lag, von Außen anzunageln. Man kam in dieſes Zimmer nur durch das ihrige, wo ſie die ganze Nacht, indem ſie die Verbindungsthüre halb offen laſſen würde, zu wachen ge⸗ dachte ſie hatte alſo bis am andern Morgen keine neue Verirrung von Seiten ihres unglücklichen Kindes zu befürchten. Marie gehörte nicht zu den Frauen, welche der Schmerz lähmt und mit Unentſchloſſenheit oder Ohnmacht ſchlägt. So ſchrecklich die Entdeckung war, die ſie gemacht hatte, ſo faßte ſie dieſelbe doch, ſobald ſie allein, entſchloſſen in's Geſicht, nachdem ſie ſich hatte einen Augenblick über⸗ reden wollen, ihr Sohn ſei, als er auf das fluchwürdige Verbrechen ausgegangen, nicht im vollen Beſitz ſeiner Vernunft geweſen. „Ich kann nicht mehr zweifeln,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „Frederik hegt einen unverſöhnlichen Haß gegen den jungen Marquis von Pont⸗Brillant. Die Gefühle dieſes ohne Zweifel lange zuſammengedrängten Haſſes ſind die Urſache der Veränderung, die bei ihm ſeit einigen Mona⸗ ten eingetreten iſt. Dieſer Haß hat einen ſo hohen Grad der Eraltation erreicht, daß mein Sohn, nachdem er Herrn von Pont⸗Brillant zu tödten verſucht, vielleicht noch nicht auf dieſen gräßlichen Gedanken verzichtet hat. „So ſtehen die Dinge. „Welcher geheimnißvolle Umſtand konnte bei meinem Sohn dieſe Wuth gegen einen Jüngling ſeines Alters ent⸗ ſtehen machen und entwickeln? „Wie konnte mein Sohn, der, von mir erzogen, mich 154 noch vor Kurzem zur glücklichſten der Mütter machte, den Gedanken an ein ſolches Verbrechen faſſen? „Dies Alles iſt ſecundär; ich werde ſpäter dieſe Fragen, welche meine Vernunſt in Verwirrung bringen und mich an mir ſelber zweifeln machen, zu löſen ſuchen. „Was vor Allem und auf der Stelle Noth thut, iſt, daß ich meinen Sohn gräßlichen Verſuchungen entreiße und materiell verhindere, einen Mord zu begehen . Das iſt zunächſt das Dringendſte.“ Nach dieſer Betrachtung ſchlich ſich Marie auf den Fußſpitzen an die halbgeöffnete Thüre von Frederik, um zu horchen; ſie hörte ihn einen Seufzer ausſtoßen, wo⸗ nach er wieder in ein düſteres Stillſchweigen verſank; dann ſetzte ſich die junge Mutter an den Tiſch und ſchrieb ihrem Gatten folgen den Brief. „An Herrn Baſtien. „Schon vor einigen Tagen, mein Freund, ſchrieb ich Ihnen über die ſchlechte Geſundheit von Frederik und die Abreiſe des Lehrers, den Sie anzunehmen mich bevoll⸗ mächtigt hatten. „Der Zuſtand meines Sohnes wird immer bedenkli⸗ cher, er verurſacht mir ernſte Beſorgniſſe, und es iſt drin⸗ gend, einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen. Ich habe mich vorgeſtern mit unſerem Freund dem Doctor Dufour berathen. Er iſt der Anſicht, ſein nervö⸗ ſer, unruhiger, krampfhafter Zuſtand rühre vom Alter und Wachſen von Frederik her; er hat mich aufgefordert, dieſem armen Kind ſo viel als möglich Zerſtreuung zu verſchaffen oder, was bei Weitem vorzuziehen wäre, es reiſen zu laſſen. „Zu Letzterem bin ich entſchloſſen; in der völligen Einſamkeit, in der wir leben, wäre es mir unmöglich, Frederik irgend eine Zerſtreuung zu geben. „Ihre Geſchäfte erlauben Ihnen ohne Zweifel nicht, uns nach Hyéres zu begleiten, wohin ich meinen Sohn zu führen gedenke; jedenfalls reiſe ich mit ihm ab. Mar⸗ 3 155 guerite ſoll uns begleiten. Unſere Reiſe wird fünf bis ſechs Monate dauern; das hängt von der Beſſerung der Geſundheit von Frederik ab. . „Aus tauſend Gründen, deren Aufzählung zu lang wäre, habe ich unſere Abreiſe auf nächſten Montag beſtimmt; ich wäre morgen abgegangen, hätte ich das er⸗ forderliche Geld gehabt; aber ich habe wie gewöhnlich zu Beſtreitung der Haushaltungskoſten die Summe verwen⸗ det, die mir Ihr Correſpondent zu dieſem Behuf am Ende vorigen Monats ausbezahlte; und Sie wiſſen wohl, außer den hundert und fünfzig Franken, die Sie mir monatlich für meinen Unterhalt und für den von Frederik geben, beſitze ich kein Geld. „Ich ſchicke dieſen Brief heute Abend nach Blois durch einen eigenen Boten, dadurch werden ſechs Stunden Zeit gewonnen und Sie empfangen ihn übermorgen frühzich beſchwöre Sie, mir umgehend durch den Courier zu antworten, und mir eine Anwei⸗ ſung auf Ihren Banquier in Blois zu ſchicken; ich weiß nicht, welche Summe Sie beſtimmen werden; Sie kennen die Einfachheit meiner Lebensweiſe; berechnen Sie, was ich nothig habe, um mit Frederik und Marguerite die Reiſe nach Hyéres zu machen; fügen Sie dem die kleinen unvorhergeſehenen Ausgaben unter Weges, ſo wie das bei, was wir während der erſten Zeit unſeres Aufenthaltes dort brauchen; ich werde mich ſo ſparſam als möglich einrichten und Ihnen dann ſchreiben, wie viel unſere Ausgaben mo⸗ natlich betragen. „Ihre vielfachen Geſchäfte verhindern Sie gewöhnlich, mir zu antworten, oder verzögern wenigſtens Ihre Ant⸗ wort ſehr lange . bei dieſem Brief wird es nicht ſo Sie begreifen ſeine außerordentliche Wich⸗ tigkeit. „Ich will Sie nicht beunruhigen, aber ich muß Ihnen ſagen, der Zuſtand von Frederik bletet ſo ernſte, bedenkliche Symptome, daß dieſe Reiſe die Rettung meines Sohnes ſein kann, und hoffentlich ſein wird. 156 „Ich glaube, ich habe Ihnen ſeit bald fiebzehn Jahren genug Urſache gegeben, auf die Solidität meines Charak⸗ ters und auf meine erleuchtete Zärtlichkeit für Frederik zu zählen, um zum Voraus verſichert ſein zu dürfen, Sie werden dieſe Reiſe, ſo plötzlich ſie Ihnen auch erſcheinen mag, billigen; nicht wahr, Sie unterſtützen mit Ihrer ganzen Macht einen Entſchluß, der von der gebieteriſch⸗ ſten, dringendſten Nothwendigkeit dictirt wird? „Ich laſſe den alten André hier; er wird das Haus hüten und Sie bedienen, wenn Sie kommen; er iſt ein ſicherer Mann, dem ich in meiner Abweſenheit Alles an⸗ vertrauen kann . . . Unſere Reiſe bietet alſo in dieſer Hinſicht keine Schwierigkeit. Leben Sie wohl, ich bin ſehr unruhig und ſehr traurig. „Ich ſchließe raſch dieſen Brief, um ihn noch heute Abend wegzuſchicken. „Montag früh bei Empfang Ihrer Antwort ſchreibe ich Ihnen und bringe dann den Brief ſelbſt in Blois auf die Poſt; ich werde gegen zwei Uhr dort ſein, um von Ihrem Correſpondenten das für unſere Reiſe erforderliche Geld in Empfang zu nehmen; an demſelben Abend fahre ich mit dem Wagen nach Paris ab, wo wir nur vier und zwanzig Stunden bleiben werden, um ſodann unſere Reiſe über Lhon nach dem Süden fortzuſetzen. „Noch einmal Lebewohl. „Marie Baſtien.“ Nachdem ſie dies geſchrieben, gab Madame Baſtien Befehl, das Pferd anzuſpannen und dieſen Brief ſogleich nach Blois zu bringen. Bei der Rückkehr ſollte man durch Pont⸗Brillant fahren und ein Billet abgeben, das Marie an den Doctor Dufour ſchrieb, um ihn zu bitten, ſie am andern Tag zu beſuch en, und um ihn von der Nervenkriſe, von der Fre⸗ derik befallen worden, zu unterrichten. Als Madame Baſtien ſodann wieder allein war, nachdem ſie ſich wiederholt über den Zuſtand ihres Sohnes 157 verſichert hatte, der ſich einer ſchlafartigen Betäubung hinzugeben ſchien, dachte ſie noch weiter über den Ent⸗ ſchluß, den ſie hinſichtlich der plötzlichen Reiſe gefaßt hatte, nach und fand ihn immer mehr den Umſtänden entſprechend. Sie fragte ſich nur voll Bangigkeit, wie ſie es machen ſollte, um Frederik abzuhalten, ſie auch nur einen Augenblick bis zum Tage ihrer Abreiſe zu verlaſſen. Es ſchlug Mitternacht. Die junge Mutter war in das ſchmerzlichſte Nach⸗ ſinnen verſunken, als es ihr mitten unter dem tiefen Schweigen der Nacht vorkam, als hoͤrte ſie, zuerſt in der Entfernung, das Geräuſch des Galopps eines Pferdes auf dem Weg, der vor dem Pachthof vorüberführte, dann, als ob dieſes Pferd vor der Thüre Ihres Hauſes anhielte. Bald hatte Marie keinen Zweifel mehr. Man läutete heftig von Außen. Die Stunde war ſo auffallend, daß Madame Baſtien, welche ſich Anfangs einbildete, die Jagdaufſeher des Mar⸗ quis haben Kenntniß davon bekommen, daß ſich Frederik in Hinterhalt gelegt, und erſcheinen, um dieſen zu verhaften, daß Madame Baſtien, ſagen wir, ſich von einem Schrecken ergriffen fühlte, von einem übertriebenen, tollen, aber bei dem Zuſtande des Geiſtes, in dem ſich vie arme junge Frau befand, entſchuldbaren Schrecken; als ſie läuten hörte, ſchloß ſie auch eiligſt die Thüre des Zimmers ihres verbarg den Schlüſſel und horchte mit tiefer Seit einigen Augenblicken herrſchte ein ungewöhnlicher Lärmen im Hauſe, man klopfte an die Thüre des Zim⸗ mers von Madame „Baſti en. 5 iſt da?“ fragte ſie. Marguerite, Madame.“ „Wis wollt Ihr?“ „Madame, der Herr Doctor Dufour iſt ſo eben zu Pferde Marie athmete und erröthete über ihre tollen Be⸗ fürchtungen. Marguerite fuhr fort: „Der Herr Doctor möchte gern Madame in einer ſehr dringenden, ſehr wichtigen Sache ſprechen.“ „Bittet den Herrn Doctor, mich in der Bibliothek zu erwarten „. Bringt Licht dahin und macht ſogleich Feuer.“ „Ja, Madame.“ Doch Madame Baſtien bedachte alsbald, daß ſie ſich auf dieſe Art von ihrem Sohn entfernte, rief raſch die Magd zurück und ſagte zu ihr: „Ich werde Herrn Dufour hier in meinem Zimmer empfangen . . bittet ihn, heraufzukommen.“ „Der Doctor hier . zu einer ſolchen Stunde?“ ſagte Madame Baſtien tief erſtaunt zu ſich ſelbſt, „was kann er wollen? Es iſt unmöglich, daß er meinen Brief ſchon empfangen hat.“ Beinahe in demſelben Augenblick führte Marguerite, die ſich ſogleich wieder zurückzog, den Arzt bei Madame Baſtien ein. Die erſten Worte von Herrn Dufour beim Anblick von Marie waren: „Ah! mein Gott! . was haben Sie?“ „Ich? Doctor. nichts. . „Nichts! . rief der Arzt, indem er Marie mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen anſchaute, denn ſeit dem vorhergehenden Tag und beſonders in Folge der furcht⸗ baren Gemüthserſchütterungen des Abends hatten die Züge der jungen Frau eine tiefe, ergreifende Störung erlitten. „Nichts?“ wiederholte der Doctor, „Sie haben nichts?“ Madame Baſtien erkannte den Gedanken von Herrn Dufour an ſeinem Ton und an dem Ausvruck ſeines Ge⸗ ſichtes, und erwiederte mit einer peinvollen Einfachheit: „Ah! ja ich weiß.“ Dann legte ſie einen Finger auf ihre Lippen und 159 fügte mit halber Stimme, indem ſie die Thüre des Zim⸗ mers von Frederik bezeichnete, bei: „Sprechen wir leiſe, ich bitte Sie, lieber Doctor .. mein Sohn iſt dort er ſchläft, er hat dieſen Abend eine ſchauerliche Kriſe gehabt .. ich ſchrieb Ihnen und bat ſie, morgen zu kommen, und nun ſchickt ſie der Himmel.“ Nachdem ſich der Doctor von dem peinlichen Ein⸗ druck, der ihn beim Anblick der Veränderung der Züge von Madame Baſtien ergriffen, etwas erholt hatte, ſagte er, den Ton ſeiner Stimme dämpfend: „Da ich zur rechten Zeit komme, ſo habe ich Sie nicht zu bitten, dieſen Beſuch zu einer ſo vorgerückten Stunde entſchuldigen zu wollen.“ „Das iſt ganz gleichgültig . . . doch was führt Sie hierher?“ „Ich habe über ſehr wichtige Dinge, welche keinen Aufſchub dulden, mit Ihnen zu ſprechen. Das hat mich genthigt, mitten in der Nacht und auf die Gefahr, Sie zu beunruhigen, zu Ihnen zu kommen.“ „Mein Gott! was gibt es denn?“ „Nicht wahr, Ihr Sohn ſchläft?“ „Ich glaube . .“ „Doch wenn er nicht ſchliefe, könnte er uns hören?“ „Nein . wenn wir nahe an den Kamin treten und leiſe ſprechen.“ „Nähern wir uns dem Kamin und ſprechen wir leiſe, ſogte der Doctor, „denn es handelt ſich um ihn.“ „Um Frederik?“ „Um Frederik,“ antwortete der Doctor, und ſetzte ſich an den Kamin zu Madame Baſtien. Wegen der Entfernung und der Dicke der Thüre ſeines Schlafzimmers konnte Frederik in der That kein Wort von folgender Unterredung hören. Siebenzehntes Rapitel. Die Aeußerung des Doctor Dufour: Ich komme, um über Frederik zu ſprechen, war ſo auffallend, daß Marie, ohne ein Wort zu ſinden, den Arzt mit tiefem Erſtaunen anſchaute. Er bemerkte es und ſagte: „Ja, Madame, ich komme, um mit Ihnen über Ihren Sohn zu ſprechen.“ „Und ... in welcher Hinſicht?“ „In Betreff der moraliſchen und phyſiſchen Verän⸗ derung, die Sie an ihm wahrnehmen, und die Ihnen eine ſo grauſame Beſorgniß bereitet.“ „Ja oh! ja ſehr grauſam.“ „Man vermöchte ihn vielleicht zu heilen ..“ „Sie! mein guter Doctor?“ „Ich! nein. „Was wollen Sie damit ſagen? . Rachdem er einen Augenblick geſchwiegen, zog der Doctor einen Brief aus ſeiner Taſche, reichte ihn Ma⸗ dame Baſtien und ſagte: „Haben Sie vor Allem die Güte, dieſen Brief zu leſen, den ich heute Abend empfangen habe.“ „Dieſen Brief! und von wem iſt er?“ Immer mehr erſtaunt, nahm Marie den Brief und las, wie folgt: „Mein lieber Pierre, die Diligence hält eine Stunde an; ich benütze dieſe Gelegenheit, um Dir in Eile zu ſchreiben. „Nachdem ich Dich geſtern Abend verlaſſen, nahm der Gegenſtand unſerer letzten Unterredung alle meine Gedanken in Anſpruch; was ich geſehen, was ich durch Deine Erzählung erfahren habe, konnte nicht nur einen vorübergehenden Eindruck auf mich machen . 4 . „ 4 161 „Dieſe Nacht hindurch, dieſen Morgen noch, dachte ich alſo nur an das arme Kind von Madame Baſtien.“ Marie unterbrach ſich im Leſen, ſchaute den Doctor ganz verwundert an und fragte ihn haſtig: „Von wem iſt denn dieſer Brief?“ „Von meinem beſten Freund, von einem Mann vom erhabenſten Charakter, vom edelſten Herzen, das man auf der Welt finden kann.“ „Daß Sie ihn Ihren beſten Freund nennen, ſagt dies Alles für mich aber woher weiß er denn?“ „Sie erinnern ſich des Fremden, den Sie am Hu⸗ bertstag bei mir geſehen haben?“ „Und dem mein Sohn ſo hart antwortete?“ „Und Sie haben dieſem Mann geſagt. “ „Alles, was Ihre mütterliche Ergebenheit Bewun⸗ derungswürdiges hat. Ja, ich habe dieſe Indiscretion begangen und klage mich darüber an ... Doch ich bitte Sie, leſen Sie weiter.“ Marie fuhr fort und wiederholte mit ſcharf ausge⸗ prägter Aufmerkſamkeit die Worte: „Dieſe Nacht hindurch, dieſen Morgen noch dachte ich alſo nur an das arme Kind von Madame Baſtien. „Du weißt, Pierre, ein durch zahlreiche Beobach⸗ tungen geübter Phyfiognomiker, wurde ich ſelten getäuſcht durch die charakteriſtiſchen Schlüſſe, die ich aus gewiſſen Phyſiognomien zog. „Indem ich alſo meine Bemerkungen von geſtern, das, was ich geſehen, das, was ſich ereignete, während der Jagdzug vorüberkam, in Erwägung ziehe, gibt mir Alles die Ueberzeugung, der Sohn von Madame Ba⸗ ſtien ſei von einem unverſöhnlichen Haß gegen den jungen Graf von Pont⸗Brilklant erfüllt.“ Erſtaunt über die Wahrheit dieſer Bemerkung, welche ihr die Scene im Walde beſtätigt hatte, bebte Marie 5 bei Die ſieben Todſünden. II. Abth. 1r Bd. 11 — 162 dieſer Erinnerung, die ihren ganzen Schrecken, ihre ganze Bangigkeit wiedererweckte, verbarg ſie ihr Geſicht in ihren Händen und konnte ſich eines herzzerreißenden Schluchzens nicht erwehren. „Mein Gott! was haben Sie?“ rief der Doctor. „Ah!“ erwiederte ſie ſchauernd, „das iſt nur zu „Es iſt Haß, was Frederik fühlt?“ „Ja,“ antwortete Marie mit erſtickter Stimme. Betroffen vom Scharffinn des Freundes von Doctor Sleh las Madame Baſtien mit wachſendem Intereſſe weiter: „Dieſen Haß einmal angenommen, ſuchte ich die urſache deſſelben nicht zu entdecken .. Um hiezu zu gelangen, müßte man täglich mit dem armen Kinde zu⸗ ſammen ſein; dann würde man ohne Zweifel durch Ge⸗ duld, durch Studium, durch ſcharffinnige Beobachtung vieſes Geheimniß erfahren und die für die Heilung von Frederik unerläßliche Entdeckung machen. „In Ermangelung des Geheimniſſes fragte ich mich, ob dieſer Haß heftig, hartnäckig ſein müßte, und vb er wohl gefährliche, unſelige Folgen hätte, oder ob er vorübergehend wäre? „Eine aufmerkſame Prüfung der Phyſiognomie von Frederik, welche mir auf's Schärfſte im Gedächtniß ge⸗ blieben iſt, der Winkel ſeiner Stirne, der Umriß ſeines Kinns geben mir die Ueberzeugung, daß ſich kein ent⸗ ſchloſſenerer, hartnäckigerer Charakter finden läßt, als der des Sohnes von Madame Baſtien. „Als ſich dieſe Ueberzeugung, es ſei ein unverſöhn⸗ licher Haß ſchon tief in dem Herzen von Frederik einge⸗ wurzelt, in mir feſtgeſtellt hatte, fragte ich mich vor Allem, durch welchen ſcheinbaren Widerſpruch er, den eine Mutter wie die ſeinige erzogen, einer ſo unſeligen Leidenſchaft preisgegeben ſein könne?“ „Aber, mein Gott!“ ſagte Marie, „wer iſt denn die⸗ ſer Mann, der meinen Sohn vielleicht ſogar beſſer als wahr 163 ich ſelbſt zu kennen ſcheint?.. dieſer Mann, deſſen Scharf⸗ ſinn mich erſchreckt . denn er geht viel weiter, als Sie ſich denken können . .5 „Dieſer Mann hat viel gelitten, viel geſehen und viel beobachtet,“ ſprach der Doctor mit einem ſchwer⸗ müthigen Ausdruck. .. „Darin liegt das Geheimniß ſeiner Scharfſichtigkeit.“ Madame Baſtien beeilte ſich, weiter zu leſen. „Du ſagteſt mir, mein Freund, Frederik habe das erreicht, was Du das Uebergangsalter nennſt, näm⸗ lich die vft durch ernſte phyſiſche Störungen kritiſche und bezeichnende Lebenszeit. „Frederik kann in der That der Thätigkeit dieſer Rriſe unterworfen ſein; iſt dem ſo, ſo iſt er alſo, durch ſeinen Zuſtand, unruhig, nervös, für Eindrücke empfäng⸗ lich, ſehr geneigt für Gefühle, welche um ſo mächtiger bei ihm wirken, je mehr ſie für ihn neu ſind und daher außer⸗ halb der Vorherſehungen ſeiner Mutter und des heilſamen Einfluſſes liegen, den ſie bis jetzt auf ihn ausgeübt hat. „In der That, wie konnten die Liebe und die Klug⸗ heit von Madame Baſtien den Sohn gegen eine Gefahr ſchützen, die weder er noch ſie ahneten? Rein, nein, eben⸗ ſo wenig als ihr Sohn konnte ſie auf den ungeſtümen Ueberfall einer heftigen Leidenſchaft gefaßt ſein und dieſe zu rechter Zeit beſchwören. Nein, die ſo erleuchtete Mutter hat ſich ebenſo wenig zum Vorwurf zu machen, was heute geſchieht, als ſie es ſich vorwerfen müßte, wenn ihr Sohn als Kind von den Maſern oder als Jüngling von einer Krankheit des Wachsthums befallen worden wäre. „So iſt es auch mit der Anſchuldigung, welche Ma⸗ dame Baſtien gegen ſich ſelbſt erhebt: „Ich muß mich in irgend einer Hinſicht gegen meine Pflichten als Mutter verfehlt haben, da ich meinem Sohn nicht genug Ver⸗ trauen einflöße, daß er mir geſteht, was er empfindet.“ 164 „Ei! mein Gott . . . ich bin überzeugt, daß es Frederik vor dieſen traurigen Ereigniſſen nie an Vertrauen zu ſeiner Mutter gefehlt hat. 6 „Oh nie,“ ſprach Marie, ſich im Leſen unterbrechend, „i „Nun!“ fragte der Doctor, „ſind Sie nicht der An⸗ ſicht meines Freundes, die Vorwürfe, die Sie ſich machen, ſeien durchaus nicht gerecht?“ „Ja,“ erwiederte Madame Baſtien „ich werde nicht mit einer falſchen Beſcheidenheit gegen Sie zu Werke gehen, guter Doetor, ich erfreue mich des Bewußtſeins, meine Aufgabe als Mutter ſtreng erfüllt zu haben. Ich muß anerkennen, daß es mir durchaus unmöglich war, das Unglück, von dem mein Sohn niedergebeugt wird, zu verhindern, oder demſelben zuvorzukommen.“ „Konnte hierüber der Schatten eines Zweifels ent⸗ ſtehen?“ „Nur ein Wort, mein lieber Doctor,“ fuhr Marie, nachdem ſie einige Augenblicke geſchwiegen, fort, „Ihr Freund hat Frederik kaum ein paar Minuten geſehen, doch leider lang genug, um verletzende Worte an ſich richten zu hören . . Ein edler Geiſt iſt nachſichtig und mit⸗ leidig gegen das Aufbrauſen eines armen, kranken Kin⸗ des ich begreife das. Doch zwiſchen der wohlwol⸗ lenden Verzeihung, die ich nie vergeſſen werde, und der tiefen, überlegten Theilnahme, welche Ihr Freund für Frederik offenbart, liegt eine Kluft.. Dieſe Theilnahme, was konnte ſie meinem Sohn verſchaffen?“ „Das Ende des Briefes wird Sie hierüber beleh⸗ ren . Ich kann Ihnen indeſſen jetzt ſchon eine An⸗ deutung geben . . . Mein Freund hatte einen Bruder, der viel jünger war als er, und deſſen Erziehung ihm allein nach dem Tode von Beider Väter überlaſſen blieb. WMein Freund liebte dieſes Kind leidenſchaftlich es war die einzige Zuneigung ſeines emſigen Studien ge⸗ widmeten, einſamen Lebens. Dieſer junge Bruder hatte das Alter von Frederik; wie er war er ſchön, wie er — — 165 war er mit edlen Gaben ausgeſtattet wie er wurde er vergoͤttert, nicht von einer Mutter, wohl aber von dem zärtlichſten der Brüder.“ „Und was iſt aus ihm geworden?“ fragte Marie voll Theilnahme, als ſie die Züge des Doctors ſich ver⸗ düſtern ſah. „Dieſer junge Bruder . . . mein Freund hat ihn vor bald ſechs Jahren verloren.“ „Ah! nun begreife ich,“ rief Marie, „die ſchönen Seelen allein werden, weit entfernt, ſich durch den Schmerz erbittern zu laſſen, nur noch mitleidiger.“ „Sie ſprechen die Wahrheit,“ erwiederte der Doctor tief gerührt, „mein Freund iſt eine große Seele.“ u Immer nachdenkender, fuhr Madame Baſtien fort zu eſen: „Ich bin beinahe gewiß, daß es Frederik vor dieſen traurigen Umſtänden nie an Vertrauen gegen ſeine Mutter gefehlt hat, denn er hatte ihr nichts Strafbares zu ver⸗ bergen; je undurchdringlicher er ſich auch zu dieſer Stunde zeigt, deſto mehr muß man befürchten, daß das Geheim⸗ niß, welches er verbirgt, ein ärgerliches iſt. „Nun, da wir die Krankheit kennen, wie Du ſagen würdeſt, mein Freund, wollen wir überlegen, was die Mittel und Chancen der Heilung ſind? Man müßte vor Allem die Urſachen des Haſſes von Frederik kennen, man müßte bis zur Quelle dieſes Gefühls hin⸗ aufſteigen, um ſie zu vertrocknen, oder wenigſtens, um den gefährlichen Lauf abzulenken. „Wird man es verſuchen, dieſes wichtige Geheimniß zu ergründen? wird man es verſuchen, es durch das Ver⸗ trauen zu erlangen? „Ach! es iſt oft mit dem Vertrauen und dem Miß⸗ trauen, oder vielmehr dem Nichtvertrauen wie mit jenen erſten Eindrücken, aus denen die unüberwindlichen Antipathien oder Sympathien entſpringen. „„Frederik liebt ſeine Mutter zärtlich, er iſt dennoch für ihre Bitten taub geblieben; ſie iſt alſo nun beinahe 166 gewiß, daß er ihr ſein trauriges Geheimniß nie ſagen wird, ſei es aus menſchlicher Achtung, ſei es, um den Erfolg ſeiner Rache nicht zu gefährden, ſeiner Rache, einer unvermeidlichen Conſequenz des Haſſes, wenn dieſer ſo hartnäckig, ſo energiſch iſt, als er es bei Frederik zu ſein ſcheint.“ Während Madame Baſtien die von Henri David in der Abſicht, ihnen eine ernſtere Bedeutung zu geben, unter⸗ ſtrichenen, leider durch die Scene im Walde nur zu ſehr gerechtfertigten Worte las, zitterten ihre Hände, und fie fuhr mit bebender Stimme fort: „Es iſt alſo ungefähr nachgewieſen, daß Madame Baſtien auf die Hoffnung, durch das Vertrauen in das Geheimniß ihres Sohnes eingeweiht zu werden, ver⸗ zichten muß. „Wird ſie den Scharffinn anwenden? „Den Scharfſinn . . eine Miſchung von kalter Beobachtung, von Verſtellung und Liſt, denn um ein hartnäckig verborgenes Geheimniß zu ergattern, muß man tauſend Umwege und ſchiefe Mittel anwenden. „Tauſend Mittel, welche ihr Zweck allein entſchul⸗ digen kann So ſcheuſt Du Dich nicht, mein Freund, ſcharfe Gifte zur Heilung Deiner Kranken anzuwenden. „Wohl! denkſt Du, eine von ihrer mütterlichen Würde durchbrungene Frau wolle und könne ſich zu einer ſolchen Rolle erniedrigen? . oder vielmehr. (eine Mutter denkt wenig an ihre Würde, wenn es ſich um das Heil ihres Kindes handelt), glaubſt Du, eine Frau wie Ma⸗ dame Baſtien habe, nicht den Willen, ſondern die Macht, eine ſo zuſammengeſetzte, ſo ſchwierige Rolle zu ſpielen, welche, ich wiederhole es, ſo viel Kaltblütigkeit und ſo viel Verſtellung erfordert? „Nein, nein, die arme Mutter würde erbleichen er⸗ röthen, ſich jeden Augenblick verrathen, und trotz ihrer Entſchloſſenheit würde ſie bei jedem auf dieſem unterirdi⸗ ſchen Pfade verſuchten Schritt zaudern, ſelbſt wenn ſie wüßte, dieſer Pfad könne zum Heil ihres Sohnes führen.“ — 167 Madame Baſtien neigte ganz niedergeſchlagen das Haupt; ihre Hände, die den Brief hielten, ſielen auf ihren Schooß, zwei Thränen floßen langſam aus ihren ſtarren, nun vom Schmorz verſchleierten Augen, und ſie ſagte ſeufzend: „Er ſpricht nur zu wahr, ich erkenne meine Ohn⸗ a 114 „Ich bitte Sie, überlaſſen Sie ſich nicht ſo der Ver⸗ zweiftung!“ rief der Doctor; „mein Gott! hätte ich Ihnen dieſen Brief gebracht und würde ihn mein Freund geſchrie⸗ ben haben, hätte er es nicht zu finden geglaubt, und in der That, wie ich hoffe, gefunden, das Mittel, den Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten, die er Ihnen bezeichnet, zu begegnen? Ich beſchwöre Sie, leſen Sie vollends.“ Marie ſchüttelte traurig den Kopf und fuhr fort: „Es gibt nun, meiner Anſicht nach, zweierlei Beſchlüſſe, welche Madame Baſtien zu faſſen hat, um die Uebel zu beſchworen, die ihr mit Recht große Beſorgniſſe bereiten. „Einmal muß ſie ihren weiſen Gedanken, ſich einen Lehrer beizugeſellen, verfolgen und entwickeln. „Ich will mich hierüber näher erklären: meines Da⸗ fürhaltens würde es ſich für den Augenblick weniger darum handeln, Frederik für neue Studien zu intereſſiren, als ihn praktiſche Wahrheiten zu lehren; denn es kommt eine Epoche, wo die erleuchtetſte mütterliche Zärtlichkeit unge⸗ nügend für die Leitung eines Sohnes iſt. „Es bedarf der Wiſſenſchaft des Lebens der Männer, um einem Jüngling jene zweite Erziehung, jene männliche und ſtarke Erziehung zu geben, die ihn gegen die harten Prüfungen, gegen die gefährlichen Fort⸗ reißungen waffnet, von denen eine Frau keine Erfahrung haben kann, und vor welchen ihren Sohn zu beſchützen ihr ſehr ſchwierig werden würde. „Ein verſtändiger und zärtlicher Vater vermöchte allein dieſe heilige Aufgabe würdig zu erfüllen; doch da die Ge⸗ ſchäfte von Herrn Baſtien dieſen, wie es ſcheint, beſtändig von Hauſe fern halten, ſo braucht Frederik einen Lehrer 168 von hinreichendem Wiſſen, vor Allem aber einen Mann von Herz, von Ehre und Erfahrung, einen Mann endlich, der die beinahe furchtbare Wichtigkeit des Auftra⸗ ges, einen Jüngling zum Leben des Mannes heranzubilden, begreift. „Dieſem Lehrer, ſo wie ich ihn mir denke, wie er ſein müßte, würde es, aufgeklärt durch das Licht, das ihm Madame Baſtien über die Vergangenheit gäbe, unterſtützt durch den Einfluß, den ſie trotz aller neuerer Ereigniſſe auf ihren Sohn behalten haben muß, dieſem Lehrer, ſage ich, würde es durch Scharffinn, durch geduldiges Studium vor Allem gelingen, das Geheimniß des Haſſes von Fre⸗ derik zu ergründen; er würde ſeine Mutter in Bekämpfung, in Zerſtörung dieſes Haſſes im Herzen ihres unglücklichen Sohnes unterſtützen; dann würde er in Betreff ſeiner Er⸗ ziehung zum Mann fortſetzen, was Madame Baſtien ſo bewunderungswürdig begonnen hat; denn ihr Sohn iſt ihr, ſo zu ſagen, erſt entſchlüpft, als es, um ihn zu lenken, der feſten und erfahrenen Hand eines Mannes, ſtatt der ſchüch⸗ ternen und zarten Hand einer Mutter bedurfte.“ „Das iſt nur zu wahr,“ ſagte Madame Baſtien ſich unterbrechend, „ich fühlte dieſe Nothwendigkeit, als ich den Gedanken hatte, meinem Sohn einen Lehrer zu geben . Sie wiſſen das, mein lieber Doctor. In Verzweiflung über mein Unvermögen, ſagte ich mir, dieſer Lehrer, den ich vor Allem annahm, um eine Wiederbelebung des Ge⸗ ſchmacks für das Studium bei Frederik zu verſuchen, würde mich ſofort in der Leitung meines Sohnes unterſtützen, weil ſich mein Gatte mit ihm weder beſchäftigen kann, noch will, wie er ſollte. Dieſer Lehrer, wie Sie wiſſen, veremigte ohne Zweifel entfernt nicht alle Bedingungen, die ich bei ihm gewünſcht hätte, aber er war hinreichend unterrichtet und beſonders von ſeltener Geduld und Sanft⸗ heit. Leider haben ihn der böſe Wille, die Heftigkeiten meines Sohnes zurückgeſtoßen. „Wo könnte ich nun in der Einſamkeit, in der ich lebe, und, wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll, auf die „ 169 mäßige Summe beſchränkt, welche mein Gatte nur ungern für dieſe Ausgabe zu bewilligen, ſich herbeigelaſſen hat . wo könnte ich einen Lehrer finden, ſo wie ihn Ihr Freund ſchildert? Und wie ſollte ich es überdies machen, daß ihn Frederik in dem gereizten Zuſtand, in dem er ſich befindet, an⸗ nähme? Und dann, je mehr ein Lehrer Bewußtſein ſeines Werthes, ſeines Eifers und ſeiner Würde hat, deſto weniger wird er ſich den Heftigkeiten meines Sohnes aus⸗ ſetzen wollen. .. Ach! Sie ſehen, ich muß auf dieſes Mittel verzichten, deſſen ganzen Werth ich jedoch an⸗ erkenne.“ Und die junge Frau fuhr in dem Briefe fort: „Wenn Madame Baſtien aus beſonderen Gründen nicht ſich einen Lehrer beizugeſellen wünſcht, ſo bleibt ihr ein Mittel, das vielleicht die Seele von Frederik nicht gründlich heilen, ihn aber nothwendig von der ſiren Idee, von der er beherrſcht zu ſein ſcheint, abziehen wird; ſeine Mutter müßte nämlich ſo bald als möglich eine lange Reiſe mit ihm antreten . . „Den Entſchluß, mit meinem Sohn zu reiſen, hatte ich ſchon gefaßt,“ ſagte Marie, ſich unterbrechend . „Dieſen Abend, und in dem Augenblick, wo Sie anka⸗ men, ſchrieb ich meinem Gatten, um ihn hievon in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Ah! diesmal habe ich mich wenigſtens nicht getäuſcht, da ich über dieſen Punkt mit Ihrem Freund einverſtanden bin, und es bleibt mir demnach einige Hoffnung.“ „Ja, aber nach der Anſicht meines Freundes . . und er hat, glaube ich, vollkommen Recht, iſt eine Reiſe, wie Sie ſehen werden, nur ein Palliativmittel.“ Madame Baſtien las in der That, wie folgt: „Ich zweifle nicht an der augenblicklichen guten Wir⸗ kung einer Reiſe auf den Geiſt von Frederik; die Ent⸗ fernung vom Gegenſtand ſeines Haſſes, der Anblick neuer Orte, die tauſend Vorfälle der Reiſe, die beſtändige Ge⸗ genwart ſeiner Mutter werden Frederik nothwendig von ſeinen traurigen Gedanken zerſtreven ſie wetden ihn 170 zerſtreuen, aber ſie werden leider dieſe Gedanken nicht zerſtören. . . „Um mich kurz zu faſſen: „Die Unterſtützung eines dieſes Auftrags wür⸗ digen Lehrers muß Madame Baſtien in den Stand ſetzen, Frederik zu heilen und ihn vor der Wiederkehr der ſchlimmen Leidenſchaften zu bewahren .. „Eine Reiſe kann die moraliſche Lage von Frederik beſſern und, was äußerſt wichtig iſt, Zeit zu ge⸗ winnen erlauben eine Reiſe hängt endlich ganz allein von dem Willen von Madame Baſtien ab und läßt ſich auf der Stelle ins Werk ſetzen. „Nicht ſo iſt es bei dem Treffen eines Lehrers. Ich weiß, daß es ſchwierig iſt, ſogleich einen Mann zu fin⸗ den, der fähig wäre, dieſe Aufgabe zu begreifen, die durch die ausnahmsweiſe Lage von Frederik noch mehr erſchwert wird. Ich habe auch ſo ſehr das Bewußtſein dieſer Schwierigkeiten, daß ich, wenn Du meinen Vorſchlag für annehmbar und vor Allem für ſchicklich hältſt, glücklich wäre, mich Madame Baſtien als Lehrer von Frederik an⸗ zubieten.“ Die Verwunderung von Marie war ſo groß, daß fie ſich plötzlich unterbrach. Dann, als glaubte ſie ſchlecht geleſen zu haben, wie⸗ derholte ſie ganz laut, gleichſam um ſich von der Wirk⸗ lichkeit zu verſichern: „ . . Glücklich wäre, mich Madame Ba⸗ ſtien als Lehrer von Frederik anzubieten.“ „Ja,“ ſprach der Doctor gerührt, „und wenn er es ſagt, iſt es ſo.“ „Verzelhen Sie, Doctor,“ ſtammelte die junge Frau beinahe betäubt von dieſem Erlebniß, „verzeihen Sie, aber die Erſchütterung, die mir dieſes unerwartete, unbegreif⸗ liche Anerbieten verurſacht .. * „Unbegreiflich .. . nein ... Wenn Sie erfahren, wer derjenige iſt, welcher Ihnen dieſes Anerbieten macht, wer⸗ 17¹ den Sie beſſer als irgend Jemand das Gefühl, dem er gehorcht, zu ſchätzen wiſſen.“ „Aber ... Doctor ... ohne mich zu kennen .. „Einmal kennt er Sie . . . denn ich bin, wie ich Ihnen ſagte, ſehr indiseret geweſen „. und dann würde Sie irgend ein anderer Lehrer, der ſich antrüge, mehr kennen?“ „Aber .. Ihr Freund iſt nie Lehrer geweſen?“ „Nie . . . Doch halten Sie ihn nicht nach ſeinem Brief für einen Mann von redlichem, edlem, erleuchtetem Geiſt? Was ſein Wiſſen betrifft, ſo kann ich Ihnen da⸗ für bürgen, daß er die ſeltenſten Kenntniſſe in allen Din⸗ gen beſitzt.“, „Dieſer Brief, Doctor zeigt, wie ich Ihnen ſagte, eine tiefe Vertrautheit mit der Seele, eine ſeltene Erha⸗ benheit der Gefühle, und gerade deshalb begreife ich nicht, wie ein ſo außerordentlich begabter Mann ſich entſchließen kann, die Functionen eines Lehrers, die man ſtets als un⸗ tergeordnet betrachtet hat, zu übernehmen.“ „Er würde es im Gegentheil als Uebermuth betrachten, wenn er, ohne zu Erfüllung derſelben fähig zu ſein, dieſe Functionen, welche er mit Recht als ein Prieſterthum an⸗ ſieht, übernähme.“ Von einer unbeſchreiblichen Gemüthsbewegung er⸗ griffen, fuhr Madame Baſtien fort: „Dieſer Vorſchlag wird Dich vielleicht in Erſtaunen ſetzen, mein Freund, denn ich habe Dich geſtern Abend ver⸗ laſſen, um mich nach Nantes zu begeben, wo ich mich zu einer langen Seefahrt einſchiffen ſoll. .. Dann bin ich nie Lehrer geweſen und mein Vermögen erlaubt mir, keine Einkommensquelle in ſolchen Functionen zu ſuchen; endlich kennt mich Madame Baſtien nicht, und ich wünſche von ihr den größten Beweis von Vertrauen zu erhalten, den ſie mir geben kann: ſie ſoll mich mit ihr die Lei⸗ tung von Frederik theilen laſſen. „Iſt Dein erſtes Erſtaunen vorüber, mein Freund, ſo wirſt Du Dich erinnern, daß ich, während ich meinen 7 172 Reiſen einen nützlichen Zweck zu geben bemüht war, haupt⸗ ſächlich eine Zerſtreuung von dem ewigen Kummer ſuchte, den mir der Tod meines armen jungen Bruders ver⸗ urſachte ... Meine Reiſe nach dem Senegal kann übri⸗ gens, ohne der Sache, der ich hiebei zu dienen wünſche, Eintrag zu thun, vertagt werden. „Was meine Fähigkeit als Lehrer betrifft, ſo kann ich, wie Du weißt, um von den Wiſſenſchaften zu ſprechen, alle wünſchenswerthe Sicherheiten bieten, obgleich ich nie an einer andern Erziehung gearbeitet habe, als an der meines geliebten Fernand. „Wie habe ich mich nun in einigen Stunden der neberlegung entſchloſſen, die moraliſche Heilung von Fre⸗ derik, wenn ſie mir anvertraut würde, zu verſuchen? „Nichts kann Jedem, der mich nicht kennt, ſeltſamer erſcheinen. „Nichts kann für Dich, der Du mich kennſt, ein⸗ facher ſein. „Seit dem Tode von Fernand flößen mir alle Kinder ſeines Alters eine unbeſchreibliche Theilnahme ein Geſtern bei dem Anblick von Frederik, deſſen ſeltene Schön⸗ heit mir um ſo mehr auffiel, je düſterer, ſchmerzlicher der Ausdruck ſeiner Geſichtszüge erſchien, war ich auch tief bewegt; als ich ſodann aus gewiſſen Merkmalen die grau⸗ ſamen Gefühle dieſes armen Kindes zu errathen glaubte, empfand ich ein aufrichtiges Mitleid mit ihm. Was Du mir hernach von der bewunderungswürdigen mütterlichen Ergebenheit von Madame Baſtien erzählteſt, ſteigerte mein Intereſſe auf den höchſten Grad, und als wir uns trennten, ſagte ich Dir, es ſei mir auch diesmal grauſam, mich auf ein unfruchtbares Mitleid beſchränken zu müſſen. „Nachdem ich aber in dieſer Nacht viel über die ernſte Bedeutung des moraliſchen Zuſtandes von Frederik, über die ſtets wachſende Beſorgniß ſeiner Mutter und end⸗ lich über die Hinderniſſe nachgedacht hatte, die ſie zu be⸗ ſiegen haben würde, um die Geneſung ihres Sohnes zu erzielen, erblickte ich, glaube ich, die Mittel, zu dieſer 173 Heilung zu gelangen, und ich biete mich an, dieſelbe zu verſuchen. „Du varfſt Dich über meine ſcheinbare Großmuth nicht wundern, mein Freund. „Meiner Anſicht nach verpflichten große Un⸗ glücksfälle ebenſo ſehr, als gewiſſe glückliche Ereigniſſe. „Ich würde dem Andenken von Fernand eine fromme Ehrerbietung zu bezeigen glauben, wenn ich für Frederik das thäte, was ich für meinen Bruder zu thun hoffte; es wäre dies zugleich die heilſamſte Zerſtreuung und der ſüßeſte Troſt für meinen Kummer. „Hierin, mein Freund, liegt das ganze Geheimniß meines Entſchluſſes, und ich bin nun feſt überzeugt, daß Du Dich nicht mehr darüber wundern wirſt . . . „Wird mein Anerbieten angenommen, ſo werde ich meinen Auftrag gewiſſenhaft erfüllen. „Nach dem, was ich von Madame Baſtien weiß, muß ſie, wie mir ſcheint, beſſer als irgend Jemand den Beweg⸗ grund meines Schrittes begreifen. Wenn ich es bedenke, glaube ich auch, daß Du ihr dieſen, Anfangs nur für Dich geſchriebenen, Brief mittheilen kannſt. Du wirſt endlich die Auskunft, welche Madame Baſtien über mich verlangen dürfte, vervollſtändigen; Du kennſt mein ganzes Leben... Mit einem Wort, ſage, was Du ſagen zu müſſen glaubſt, um Madame Baſtien zu beweiſen, daß ich, moraliſch be⸗ ſonders, um in allen Ehren zu ſprechen, ihres Vertrauens würdig bin. „Antworte mir nach Nantes; es iſt unerläßlich, daß ich von heute an in acht Tagen irgend eine Ent⸗ ſcheidung habe, denn der Endymion geht am 14. dieſes Monats, wenn nicht widrige Winde eintreten, unter Segel; es handelt ſich für Madame Baſtien um einen ſehr ernſten Entſchluß. Ich habe ihr auch einen Tag der Ueberlegung mehr zu gönnen gewünſcht, und indem ich Dir von hier ſchreibe, gewinnt mein Brief beinahe vier und zwanzig Stunden. 174 „Wird mein Anerbieten zurückgewieſen, ſo führe ich meine Reiſe aus. „Der Wagen geht wieder ab .. In Eile Lebe⸗ wohl, mein guter Pierre .. ich habe nur noch Zeit, dieſen Brief zu ſchließen und Dir die Hand zu drücken. „Henri David.“ Achtzehntes Rapitel. So groß war das erprobte und gerechte Vertrauen des Doctors zu ſeinem Freund, ſo groß war die engeliſche Seelenreinheit von Marle, ſo groß endlich war die unwi⸗ derſtehliche Aufrichtigkeit des Anerbietens von David, daß es Madame Baſtien und Herrn Dufour nicht in den Sinn kam, nicht in den Sinn kommen konnte, der, wie jede erſte Bewegung eines edlen Herzens freiwillige, beſonders aber redliche und uneinnützige Vorſchlag von David dürfte einen Verführungsplan verbergen; und mehr noch, David, indem er ſein Anerbieten machte, Marie und der Doctor, indem ſie es erläuterten, dachten nicht einen Augenblick an das, was Gefährliches in dem Verhältniß eines inni⸗ gen, täglichen Vertrauens, das zwiſchen der jungen Mutter und dem Lehrer beſtehen ſollte, liegen dürfte. Nein, die Aufrichtigkeit der mütterlichen Liebe flößte Marie ein Vertrauen voll Heiterkeit . . . dem Doctor und ſeinem Freund eine Ergebenheit voll Bewunderung und frommer Ehrfurcht ein. Ais Madame Baſtien dem Doctor mit einer vor Aufregung zitternden Hand den Brief von David zurück⸗ 17⁵ gegeben hatte, ſchickte ſie ſich an zu ſprechen, doch Herr Dufour ſagte zu ihr: „Ich bitte, ein Wort; ich weiß nicht, was Ihr Ent⸗ ſchluß ſein wird, doch ehe ich ihn erfahre, glaube ich Ihnen einige Auskunft über Henri David geben zu müſſen . Sodann völlig über ihn unterrichtet, können Sie ſein An⸗ erbieten annehmen oder ausſchlagen. Sind Sie nicht meiner Meinung?“ „Nein, mein lieber Doctor,“ antwortete Madame Baſtien, als ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, „ich bin nicht Ihrer Meinung.“ „Wie ſo?“ „Entweder Eines oder das Andere entweder werde ich das Anerbieten von Herrn David annehmen, oder ich werde genöthigt ſein, es auszuſchlagen. Wenn ich es annehme, wäre es von meiner Seite gewiſſermaßen ein verletzendes Mißtrauen ſowohl gegen Sie als gegen Ihren Freund, wenn ich weiter über dieſen unterrichtet ſein wollte, als ich es bin. . . Sein Brief beweiſt mir die Schärfe ſeines Geiſtes, den Adel ſeines Herzens . In ſittlicher Hinſicht bürgen Sie mir für Ihren Freund wie für Sie ſelbſt, mein lieber Doctor, Sie, für den ich die wohlverdienteſte Hochachtung hege . .. Was könnte ich mehr wünſchen? Und dann werde ich Sie an das erinnern, was Sie mir ſo eben ſagten: welcher von den Lehrern, die ich zu wählen vermöchte, würde mir mehr Garantien bieten, als mir Herr David ſchon bietet?“ „Das iſt richtig . . . unter redlichen Leuten glaubt man ſich auf's Wort.“ „Wenn aber im Gegentheil,“ fuhr Madame Baſtien traurig fort, „wenn ich das Anerbieten von Herrn David nicht annehmen kann oder ſoll, ſo wäre es eine Art von unzarter Neugierde von meiner Seite, Ihre vertraulichen Mittheilungen über das vergangene Leben eines Mannes hervorzurufen, der mir fremd bleiben muß, obgleich er ſich durch ſeinen edlen Vorſchlag meine ewige Dankbarkeit er⸗ worben hat.“ 176 „Ich danke Ihnen in Davids und in meinem Na⸗ men für das Vertrauen, das Sie uns bezeigen, meine liebe Madame Baſtien . . . Ueberlegen Sie ſich nun die Sache . und eröffnen Sie mir dann Ihren Entſchluß. .. Nach dem Willen von David wünſchte ich Ihnen ſeinen Brief ſo bald als möglich mitzutheilen . Darum bin ich auf die Gefahr, Sie durch einen ungewöhnlichen Be⸗ ſuch ein wenig zu beunruhigen, dieſen Abend gekommen, ſtatt bis Morgen zu warten, und Der Doctor konnte nicht vollenden. Ein heftiges, krampfhaftes Gelächter ertönte im Zim⸗ mer von Frederik und machte Madame Baſtien von ihrem Sitz aufſpringen. Bleich erſchrocken. . ergriff ſie das Licht, und lief in das Zimmer ihres Sohnes, in das ſie gefolgt vom Doctor eintrat. Das Geſicht verſtört, leichenbleich, die Lippen zuſam⸗ mengezogen von einem höhniſchen Lächeln, war das arme Kind einem Anfall von Delirium preisgegeben, der ohne Zweifel von der Gegenwirkung der Creigniſſe des Abends herrührte; auf dieſes irrſinnige Gelächter folgten zuweilen unzuſammenhängende, ſeltſame Worte, unter denen unab⸗ läßig der Ausruf wiederkehrte: „Ich habe ihn verfehlt.. doch Geduld.. Geduld..“ Dieſe leider für Madame Baſtten nur zu bezeichnen⸗ den Worte bewieſen ihr, die Beharrlichkeit der Gedanken des Haſſes und der Rache von Frederik ſei ſo groß, daß ſie allein inmitten der Verwirrung ſeines Geiſtes licht blieben. Durch die beinahe providenzielle Gegenwart des Doe⸗ tor Dufour bei Madame Baſtien wurde Frederik die raſcheſte, wirkſamſte Fürſorge und Pflege zu Theil. Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag hindurch verließ der Doctor mit Ausnahme einiger Stun⸗ den, während welcher er ſich nach Pont⸗Brillant begab, den Kranken nicht, zu deſſen Häupten Madame Baſtien mit ihrer gewöhnlichen muthigen Ergebenheit wachte. „ 177 Gegen Abend trat eine merkliche Beſſerung im Zu⸗ ſtand von Frederik ein und das Delirium hoͤrte auf; das unglückliche Kind dankte ſogar mit einem ungewöhnlichen Erguß ſeiner Mutter für ihre Sorge und vergoß reichliche Thränen. Von der Verzweiflung zu einer tollen Hoffnung über⸗ gehend, bildete ſich Marie ein, die Heftigkeit dieſer Kriſe habe eine heilſame Revolution in dem Geiſte ihres Sohnes bewerkſtelligt, und er ſei gerettet. Gegen zehn Uhr Abends gab ſie den Bitten des Doctors nach, der ihr die Beru⸗ higung, die ihm der Zuſtand des Kranken gewährte, da⸗ durch bewies, daß er nach Pont⸗Brillant zurückkehrte, und willigte ein, ſich zu Bette zu legen, während ihre Magd bei ihrem Sohn wachte. Durch die Müdigkeit, durch die Aufregung der letzten Tage gelähmt, genoß die junge Mutter die erquickende Ruhe eines tiefen Schlafes, nachdem ſie die Thüre ihres Sohnes offen zu laſſen befohlen hatte. Als der Morgen kam, war der erſte Gedanke von Madame Baſtien bei ihrem Erwachen, zu Frederik zu gehen; er ſchlief . . . Sie entfernte ſich ſachte, hieß durch ein Zeichen Marguerite ihr folgen und fragte ganz leiſe: „Wie hat er die Nacht zugebracht?“ „Sehr gut, Madame; er iſt nur zweimal aufgewacht und hat mit mir geſprochen ſehr vernünftig geſpro⸗ chen, das verſichere ich Sie.“ „Und worüber hat er mit Euch geſprochen?“ „Mein Gott, Madame, über allerlei Dinge; er fragte mich zum Beiſpiel, indem er mich bat, Ihnen nichts davon zu ſagen, als ob dies etwas ſehr Schlimmes wäre, er fragte mich, wo ſeine Flinte ſei,“ „Seine Flinte?“ verſetzte Madame Baſtien, in neuer Angſt bebend. „Dieſe Flinte, Madame, mußte ich, wie Sie ſich erinnern, vorgeſtern auf Ihren Befehl verbergen „Und . fragte Madame Baſtien voll Bangig⸗ keit, „und er hat nichts beigefügt?“ Die ſieben Todſünden. U. Abth. 4r Bd. 12 178 „Nein, Madame; nur, als ich ihm antwortete, Ma⸗ dame habe die Flinte einſchließen laſſen, ſprach er: „„Ah es iſt gut, doch ich bitte Euch, Marguerite, meiner Mut⸗ ter nicht zu ſagen, daß ich an meine Flinte gedacht habe; ſie würde glauben, ſchwach wie ich bin, habe ich Jagdge⸗ danken, und das könnte ſie beunruhigen.“ Frederik, der ſich kaum von einer grauſamen Kriſe erholte, ſtand abermals unter der Herrſchaft ſeines furcht⸗ baren Rachegedankens, einer firen Idee, die ihn ſelbſt während der Störung ſeines Geiſtes nicht verlaſſen hatte. Marie war in dieſe peinlichen Betrachtungen ver⸗ ſunken, als man ihr einen Brief übergab, den der Land⸗ bote gebracht hatte. Madame Baſtien erkannte die Handſchrift ihres Gatten; es war die Antwort auf den Brief, in welchem ſie ihn von ihrem Entſchluß, Frederik reiſen zu laſſen, in Kennt⸗ niß ſetzte. Bourges d. 5. Nov. 1846. „Ich antworte Ihnen umgehend durch den Courier, wie Sie es wünſchen, und um Sie zu fragen: „1. Ob Sie toll geworden? „2. Ob Sie glauben, ich ſei gutmüthig genug, um mich alberner Weiſe zum Mitſchuldigen der einfältigſten Laune zu machen, welche je durch das Gehirn einer müßigen Frau gegangen iſt? „Ah! ah, meine Frau Gemahlin, unter dem Vor⸗ wand der Geſundheit von Frederik wollen Sie Lurusreiſen mit einer Kammerjungfer machen, nicht mehr, nicht minder als eine vornehme Dame .. Sie wollen den Winter im Süden zubringen, nichts ſonſt? Ohne Zweifel, weil es zu kalt iſt im Pachthof? und weil Sie ſich zum Sterben dort langweilen, denke ich? Und ſo wollen Sie in der Welt herumſtreichen? „Ah! wiſſen Sie, daß Sie ein wenig ſpät daran ſind, um die Närriſche, die Jugendliche, die Luſtige zu ſpielen? 179 „Wir werden höchſtens vier und zwanzig Stunden in Paris bleiben, ſchreiben Sie mir; doch ich, der ich ein alter Fuchs bin, ſehe den Faden von hier aus . .. das iſt nicht ſchlecht geſpielt, aber ich 5 habe einen hoheren Trumpf; ich errathe Ihre Karten und „ will ſie Ihnen ſagen. „Wie alle Provinzweiber, ſterben Sie vor Begierde, die Hauptſtadt zu ſehen, und Sie hätten das Mittel nicht ſchlecht gewählt, wäre ich ein ſo gutmüthiger Tropf, als Sie denken . Hätten Sie einmal Paris erreicht, ſo hieße es: Mein Sohn iſt angegriffen von der Reiſe, wir finden keinen Platz in der Diligence, ich ſelbſt bin unpäßlich, und was dergleichen alber⸗ nes Zeug iſt . worüber acht Tage, vierzehn Tage, vier Wochen hingingen, und Sie würden ſich köſtlich am Pariſer Leben ergötzen, Alles auf Koſten meiner Spar⸗ . pfennige, meiner Habſeligkeit, und dann, am Ende des Januars hieße es: Kutſcher laß laufen, wir wollen den Winter im Süden zubringen. „Wenn das nicht Tropfen ſchwitzen macht! „Ich ſage Ihnen, ſpielen Sie doch die Herzogin! die . Prinzeſſin! Ah! wahrhaftig, mein Herr Sohn bedarf der Zerſtreuung für ſeine Geſundheit? Nun! ſo mag er Fiſche mit der Angel fangen, er hat drei Teiche zu ſeiner Verfügung; er mag Kaninchen und Haſen jagen, daran fehlt es nicht im Schlage des Coudrai. Es iſt für ihn ein Bedürfniß, zu reiſen? er reiſe von der Ebene der Herbiers nach der Heide der Grand⸗Pré⸗Mühle; er nehme dieſe Leibesübung ſechsmal des Tags vor, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß er in drei Monaten eine Reiſe ſo groß als von hier nach Hyéres gemacht haben wird. „Hören Sie, Sie erregen mein Mitleid, bei meinem Ehrenwort! Wie kann man in Ihrem Alter ſo thörichte, ſo ganz und gar ungereimte Gedanken haben und beſonders mir die Beleidigung anthun, zu glauben, ich ſei genug Gimpel, um in die Falle zu gehen. ——. ————————————————— 180 „Dieſes beſtärkt mich indeſſen in dem Gedanken, daß Sie Ihren Sohn wie einen Herrn, wie einen Junker er⸗ ziehen . Sieh da, er braucht Zerſtreuung, er braucht Reiſen, der Herr Junker? Hat er nicht etwa Vapeurs und Nervenanfälle? „Seien Sie unbeſorgt, ich werde Ordnung in dieſe Vapeurs bringen; da ich nicht Zeit habe, mich mit ihm zu beſchäftigen, ſo willigte ich ein, Ihnen meinen Sohn, bis er ſiebenzehn Jahre zurückgelegt, zu überlaſſen und ihm ſchließlich noch die Lächerlichkeit eines Lehrers zu geben, gerade als ob er ein Herzog oder ein Margquis wäre. Ich habe nur mein Wort, Sie werden Ihren Sohn und irgend einen Lehrer noch fünf Monate behalten, wo⸗ nach ich Herrn Frederik Leichtfuß, zu meinem Gevatter Bridvu, dem Huiſſier, bringe, und ſtatt Zerſtreuungsreiſen nach dem Süden zu machen, wird mein Herr Sohn ſeine ſchönen weißen Hände ſchwärzen, indem er Stempelpapier vollſchreibt, wie es ſein Vater und ſein Großvater gethan haben: denn das Stempelpapier, ſehen Sie, das iſt mein Adel. Er iſt ſo viel werth, als der der Marquis. Mein Herr Sohn wird als Page in das edle Haus des durchlauchtigſten Herrn Jerome Bridou, mei⸗ nes Gevatters, als Page eintreten, und hier wird er ſeinen erſten Feldzug thun; damit ſage ich Ihnen, daß Ihre Reiſepläne hochſt unverſtändig find, und daß ich Ihnen nicht einen rothen Pfennig zu Ihrem unüber⸗ legten Streich gebe. „Ich ſchreibe umgehend an meinen Banguier in Blois, er möge ſich wohl hüten, Ihnen einen Centime vorzu⸗ ſchießen, und ich beauftrage auch meinen Freund Bofſard, den Notar von Pont⸗Brillant, der eine wahre Zeitung iſt, von allen Dächern herabzuſchreien, man ſoll Ihnen, falls Sie Jemand um Geld bitten würden, keinen Sou leihen, in⸗ dem ich nicht bezahlen werde, denn jede ohne Einwil⸗ ligung des Mannes contrahirte Schuld iſt ungültig, da die Frau als minderjährig be⸗ trachtet wird. . . Bedenken Sie das wohl, ſo lautet — — 181 das Geſetz eine Minderjährige von einunddreißig Jahren, das iſt ein wenig reif; doch da Sie Geſchmack am Schäkern bekommen, wie ein junges Mädchen, ſo muß man Sie eng und kurz zäumen. „Ich ſage Ihnen überdies, daß ich meinem Gevatter Bridou dahin Inſtructivnen und Vollmacht gegeben habe, daß man, wenn Sie die Keckheit hätten, Ihren tollen Einfall in's Werk zu ſetzen und dieſe Reiſe, indem Sie Geld von irgend Jemand entlehnen würden, zu unter⸗ nehmen, Ihnen auf der Stelle durch die Polizei nachſetzen ließe, um Sie mit Gewalt in das eheliche Domicil zurückzubringen, wozu ich voll⸗ kommen berechtigt bin, denn eine Frau darf das genannte eheliche Dach nicht ohne die Erlaubniß ihres Herrn und Meiſters verlaſſen. Sie kennen mich und wiſſen, ob ich vor der Erfüllung meiner Drohung zurückweichen würde. Sie haben Ihren Kopf, das haben Sie mir be⸗ wieſen Nun wohl, ich habe auch den meinigen .. „Machen Sie ſich nicht die Mühe, mir zu antworten; ich reiſe dieſen Abend von Bourges ab, um mich in's Unterland zu begeben, wo ich eine gute Operation wittere; die Zerſchlagung und der Verkauf in kleinen Stücken werden mich wenigſtens bis in die Mitte des Januar auf⸗ halten; ich komme dann nach dem Pachthof zurück, um an die Merz⸗Einſaat zu denken und Ihnen und meinem Herrn Sohn, wie Sie es verdienen, ein wenig ſorgfältig den Kopf zu waſchen. „In dieſer Hoffnung nenne ich mich Ihren ſehr wenig zufriedenen Gatten. „Baſtien.“ „N. S. Sie haben mir in Ihrem vorletzten Brief geſchrieben, Ihr Lehrer ſei abgereiſt; gedenken Sie dieſen Eſel durch einen andern zu erſetzen, ſo machen Sie es, wie Sie wollen, nur bekommt der Lehrer (da noch ein Lehrer auf fünf Monate geſtattet iſt) auf meine Koſten nicht mehr, als das Eſſen, die Wohnung und hundert 182 Franken monatlich, wie der Andere (ohne Wäſche, wohlverſtanden). Um Sie zu beſtrafen, müßte ich Ihnen den Lehrer ſtreichen; doch ich habe nur ein Wort und laſſe Ihnen denſelben; richten Sie es ein, wie Sie wollen, und vergeſſen Sie beſonders nicht, daß ich um keinen Preis einen von jenen Burſchen, welche beſtändig mit lateiniſchen Brocken um ſich werfen, an meinem Tiſch haben will, wenn ich daran ſitze; das beläſtigt mich. Komme ich nach Hauſe, ſo wird der genannte Lehrer in ſeinem Zimmer eſſen, oder in der Küche, wenn er die Ge⸗ ſellſchaft liebt. „Uebergeben Sie Meiſter Hurbin dieſen Brief, der ſich auf meine October⸗Ausſaaten und auf die Säuberung meines ſchönen Tannenwaldes an der Straße bezieht, den ich wie meinen Augapfel hege und pflege; Sie werden Meiſter Hurbin ſagen, er ſoll mir zu wiſſen thun, ob die Trachten meiner Mutterſchweine ſchöne Hoffnungen gewäh⸗ ren, denn ich lege einen großen Werth darauf, eine Me⸗ daille für meine Schweinezucht zu bekommen. Das iſt für mich eine Sache der Eitelkeit.“ Eine Viertelſtunde, nachdem ſie von ihrem Gatten, ihrem Herrn und Meiſter, wie er ſcherzhaft ſagte, dieſe grobe Epiſtel erhalten hatte, ſchrieb Madame Baſtien folgende zwei Briefe, welche ſogleich durch einen eigenen Boten nach Pont⸗Brillant gebracht wurden. „An den Herrn Doctor Dufour. „Mein lieber Doctor, ich bitte Sie, haben Sie die Güte, ſo ſchnell als möglich nach Nantes beifolgenden Brief zu befördern, nachdem Sie ihn geleſen und geſie⸗ gelt; unter den ernſten und peinlichen Umſtänden, in denen beſinde, ſoll Ihnen keiner meiner Entſchlüſſe fremd bleiben. „Mein Sohn hat, was das Körperliche be⸗ trifft, eine gute Nacht gehabt. „Suchen Sie mir heute vder morgen einige Augen⸗ blicke zu ſchenken. Ich werde Ihnen dann das ſagen, was 183 ich zu ſchreiben keine Zeit habe, denn es drängt mich, dieſen Brief abgehen zu laſſen. „Auf baldiges Wiederſehen, wie ich hoffe. „Glauben Sie an die Verſicherung meiner unverän⸗ derlichen Freundſchaft. „Marie Baſtien.“ Der Brief des Doctor Dufour enthielt ein unverfie⸗ gelles Schreiben folgenden Inhalts: „Mein Herr, „Mit tiefer Dankbarkeit nehme ich Ihren edlen Vor⸗ ſchlag an. „Das Alter und der moraliſche Zuſtand meines Soh⸗ nes, die Befürchtungen, die mir ſeine Zukunft einflößt, dies ſind meine Titel auf Ihre Theilnahme, mein Herr, 6 ich glaube, daß dieſe Titel in Ihren Augen heilig nd.“ „Um das Maß Ihrer Güte voll zu machen, haben Sie die Gefälligkeit, ſo ſchleunig als möglich hierherzu⸗ kommer .. Ihre Vorherſehungen in Betreff meines un⸗ glücklichen Sohnes haben ſich nicht nur verwirklicht, ſondern ſie ſind ſogar leider überſchritten worden. „Meine einzige Hoffnung beruht auf Ihnen, mein Herr; jide Stunde, jede Minute vermehrt meine Angſt. Ich bin erſchrocken über das, was trotz meiner unermüd⸗ üchen Fürſorge und Ueberwachung von einem Augenblick zum andem geſchehen kann. „Danit ſage ich Ihnen, mit welcher Ungeduld, mit welcher Bengigkeit ich Ihre Unterſtützung erwarte. „Seien Sie geſegnet, mein Herr, für das Milileid, das Sie einer Mutter angedeihen laſſen, welche nur durch ihren Sohn mit dem Leben verknüpft iſt.“ Neunzehntes Rapitel. Während der wenigen Tage, welche der Ankunft von Henri David bei Madame Baſtien vorangingen, wirkte der Zuſtand der Schwäche, der auf das nervöſe Fieber gefolgt war, ſo lähmend bei Frederik, daß er das mütter⸗ liche Haus nicht verlaſſen konnte . Die Witterung war überdies völlig winterlich geworden; ein frühzeitiger Schnee bedeckte die Erde, während ein feuchter, dichter Nebel die Atmoſphäre verdunkelte. Dieſe Umſtände, verbunden mit der Abgeſpamtheit ihres Sohnes, erleichterten die Ueberwachung von Madame Baſtien, welche ihn den ganzen Tag nicht verließ. Bei Einbruch der Nacht wurden die Läden am Fenſſer von Frederik feſt von Außen verſchloſſen, und jede Entweichung wäre ihm unmöglich geweſen, ſelbſt wenn er die Kraft gehabt hätte, eine ſolche zu verſuchen. Obgleich immer ſchweigſam und in ſich gekchrt, be⸗ mühte ſich übrigens der Jüngling, ſeine Gefühle zu ver⸗ bergen, in der Hoffnung, ſpäter die ängſtliche Bewachung ſeiner Mutter zu vereiteln; einige Male äußerte er ſogar den Wunſch, ein wenig zu muſiciren und etwas zu leſen, was ihm ſeit langer Zeit nicht begegnet war, und troz einzelner Augenblicke düſteren Brütens, in das er zuweiſen verſank, ſchien ſein Geiſt ruhiger. Eines Tags befand er ſich mit ſeiner Mutter im Studirzimmer und war eben beſchäftigt, in kleine irdene Töpfe einige Zwiebel von frühen Hyacinthen zu ſtecken, als der Wind den entfernten Ton von Hörnern und das Gebelle von Hunden herbeitrug; der junge Marquis jagte im Walde. Madame Baſtien beobachtete ihren Sohn, ohne daß dieſer es bemerkte; in einem Augenblick breitete ſich eine — 185 gelbliche Bläſſe über ſeinem Geſichte aus, ſeine Augen funkelten und ſeine Hände zogen ſich ſo krampfhaft zu⸗ ſammen, daß er einen kleinen irdenen Topf, den er hielt, zerbrach. Dann nahmen ſeine Züge wieder eine ſcheinbare Ruhe an, und er ſagte zu ſeiner Mutter, indem er zu lächeln ſuchte und auf die Trümmer des Topfes deutete: „Man muß geſtehen, ich bin ein ſehr ungeſchickter Gärtner.“ Dieſe Verſtellung, zu der Frederik bis dahin ſeine Zuflucht noch nicht genommen hatte, offenbarte einen neuen Fortſchritt und, ſo zu ſagen, eine neue Periode ſeiner trau⸗ rigen Leidenſchaft WMarie erwartete nur mit um ſo mehr Angſt die Ankunft von David. Seit der Scene des Auflauerns im Walde hatte zwiſchen der Mutter und dem Sohn keine Erklärung, keine Anſpielung auf dieſen unſeligen Vorfall ſtattgefunden. Wäre die junge Frau eine Mitſchuldige von Frederik geweſen, ſo konnte ſie keine gräßlichere Angſt ergriffen haben, wenn unwillkührlich ihre Gedanken bei dem Mordverſuch verweilten; ſie hatte ſogar dieſen traurig⸗ Vorfall dem Doctor Dufour, ihrem erprobteſten Freund, verheimlicht. Sie fragte ſich auch, ob ſie je den Muth haben würde, David dieſes Geſtändniß, deſſen gebieteriſche Nothwendigkeit ſie fühlte, zu machen. Noch andere peinliche Beſorgniſſe nahmen Madame Baſtien in Anſpruch: indem ſie ſich der hochmüthigen Härte erinnerte, mit der ihr Sohn die wohlwollenden Worte von David am Tage des heiligen Hubert aufge⸗ nommen hatte, konnte ſie nicht ohne Unruhe an die wahr⸗ ſcheinlichen Schwierigkeiten des Verhältniſſes ihres Sohnes zu ſeinem neuen Lehrer, deſſen Ankunft für Frederik noch ein Geheimniß war, denken; Madame Baſtien enthielt ſich nämlich, ihren Sohn davon in Kenntniß zu ſetzen, ſo lange ſie nicht völlige Gewißheit über ſeine Ankunft hatte. Endlich erhielt ſie ein paar Zeilen vom Doctor Dufour, nebſt folgendem Billet ſeines Freundes: „Ich nehme die Poſt, um zwanzig Stunden zu ge⸗ 186 winnen, mein lieber Pierre . .. Ich werde alſo bei Dir im Laufe des Tages, an dem Du dieſe Zeilen erhältſt, ankommen, und wir begeben uns ſodann mit einander zu Madame Baſtien.“ Es unterlag keinem Zweifel mehr, David würde in einigen Stunden eintreffen, Marie konnte es nicht mehr länger verſchieben, ihren Sohn von ihrem Vorhaben zu unterrichten. Sie befand ſich, wie geſagt, mit ihm im Studir⸗ zimmer. Frederik, der ſeinen Verſtellungsplan verfolgte, ſaß an einem Tiſch und beſchäftigte ſich damit, daß er aus dem Franzöſiſchen in's Engliſche überſetzte, eine Ar⸗ beit, mit deren Hülfe er die Spannung ſeines anderswo beſchäftigten Geiſtes verbergen konnte. „Frederik,“ ſagte ſeine Mutter zu ihm, „verlaſſe einen Augenblick Deine Bücher und komm hierher zu mir, mein Kind wir haben mit einander zu ſprechen.“ Der Jüngling erhob ſich und ſetzte ſich zu ſeiner Mutter auf ein Canapé, das an der Seite des Kamins ſtand. * Madame Baſtien nahm die Hände ihres Sohnes in die ihrigen und ſprach mit zärtlicher Beſorgniß: „Wie kalt ſind Deine Hände, mein Kind!. Siehſt Du, der Arbeitstiſch iſt zu weit vom Feuer entfernt .. Du wollteſt Dich an das Ende dieſes Zimmers ſetzen, ſtatt hier zu bleiben. . . und ſo geht es dann.“ „Wenn Du willſt, werde ich den Tiſch näher rücken, meine Mutter.“ „Ja, nachher, doch zuvor haben wir, wie geſagt, mit einander zu ſprechen.“ „Zu ſprechen? ... Worüber 2 „ „Ueber etwas ſehr Ernſtes, mein liebes Kind.“ „Ich höre Dich.“ „Die Gründe, die mich veranlaßten, einen Lehrer für Dich zu wählen, beſtehen immer noch, obgleich er uns verlaſſen hat Es gibt Kenntniſſe, die Du erlangen mußt, und die ich Dir leider nicht ertheilen kann.“ — 187 „Du weißt, meine Mutter, ich habe gegenwärtig keinen Geſchmack für die Arbeit.“ „Du müßteſt ein wenig bemüht ſein, Dich zuſammen⸗ zuraffen, dieſen Ueberdruß, dieſes peinliche Brüten, das Dich traurig macht und mir Kummer verurſacht, zu über⸗ winden.“ „Ich werde darnach trachten.“ „Ich glaube Dir. .. Doch mir ſcheint, wenn Du Jemand bei Dir hätteſt, der Dich in Deinen guten Ent⸗ ſchließungen ermuthigen, der Dich bei Deinen Arbeiten leiten würde, ſo wäre dies beſſer; was denkſt Du davon 2* „Du wirſt mich ermuthigen, und das genügt mir.“ „Ich werde Dich ermuthigen gut; doch Deine neuen Studien zu leiten wäre mir, ich wiederhole es, un⸗ möglich; ich dachte auch,“ fügte Madame Baſtien zögernd und ihren Sohn mit einem umuhigen Blick befragend bei, „ich dachte auch, es dürfte geeignet ſein, bei Dir den Lehrer zu erſetzen, der uns verlaſſen hat.“ „Wie ihn erſetzen?“ „Ja ich beabſichtigte, Dir einen neuen Lehrer zu geben.“ „Es lohnt ſich nicht der Mühe, hieran zu denken, meine Mutter, denn ich will keinen Lehrer mehr haben.“ „Wenn dies aber nöthig wäre . . . „Es iſt nicht nöthig.“ „Du täuſcheſt Dich, mein Kind.“ „Ich täuſche mich?“ „Ich habe ſchon einen neuen Lehrer für Dich ge⸗ wählt. „Du ſagſt das im Scherze?“ „Seit langer Zeit, mein armes Kind, haben wir Beide die Gewohnheit, zu ſcherzen, verloren . . und wenn ich an unſere frühere Heiterkeit denke, ſo dünkt das mir wie ein Traum . . . Doch um auf das, was ich ſo eben ſagte, zurückzukommen, Dein neuer Lehrer trifft hier „Er trifft hier ein? . 4 188 „Noch heute.“ Frederik wurde purpurroth, bebte, ſtand ungeſtüm auf, ſtampfte zornig mit dem Fuß und rief: „Und ich. ich will keinen Lehrer verſtehen Sie, meine Mutter?“ „Mein Kind, ich bitte, höre mich.“ „Ich ſage, ich will keinen Lehrer; ſchicken Sie ihn weg . es iſt unnöthig, ihn zu nehmen. Nehmen Sie ihn aber, ſo wird es mit dieſem gehen, wie mit dem andern.“ * Madame Baſtien hatte ſich bis jetzt zärtlich, beinahe flehend gegen ihren Sohn benommen, da ſie aber ihre Nachgiebigkeit nicht in Schwäche ausarten laſſen wollte, ſo ſprach ſie mit einem zugleich liebevollen und feſten Ton: „Mein Sohn, ich habe in Deinem Intereſſe entſchie⸗ den, daß Du einen Lehrer bekommen ſollſt, und ich bin feſt überzeugt, Du wirſt meinen Willen achten.“ „Sie werden ſehen . . .“ „Willſt Du damit ſagen, Du hoffeſt, dieſen neuen Lehrer durch Deinen böſen Willen und Dein aufbrauſendes Weſen zu ermüden, zurückzuſtoßen, ſo haſt Du doppelt Unrecht einmal, weil Du mich tief betrübſt, und dann, weil Herr David . . ſo heißt er . . . nicht zu den gehört, die ſich ermüden und zurückſchrecken aſſen.“ „Vielleicht „Nein, mein Kind, denn, weit entfernt, ihn zu ver⸗ letzen, flößen ihm die harten Worte, die Zornausbrüche ein zartes Mitleid voll Wohlwollen und Vergebung ein, wie er Dir ſchon bewieſen hat.“ „Mir?“ „Dir, mein Kind . denn Du haſt ihn beim Doetor Dufour geſehen.“ „Wie . . dieſer Mann . . . „Dieſer Mann . . iſt der Lehrer, den ich für Dich gewählt habe.“ „Er iſt es?“ ſagte Frederik mit einem bitteren, höh⸗ „ — 189 niſchen Lächeln. „Im Ganzen deſto beſſer; ich will lieber gegen ihn kämpfen, als gegen einen Andern. Wir werden ſehen, wer nachgibt, er vder ich.“ Madame Baſtien ſchaute ihren Sohn mehr mit Kum⸗ mer, als mit Erſtaunen an, ſie war beinahe auf ſein Aufbrauſen bei der Ankündigung des Eintreffens eines neuen Lehrers gefaßt. Obgleich feſt überzeugt von der Langmuth von Henri David, den ſie auf alle Plackereien der ſchwierigen Auf⸗ gabe, die er zu übernehmen wünſchte, vorbereitet wußte, wollte Marie doch dieſem edlen Mann einen verletzenden Empfang erſparen, der ihn ohne Zweifel nicht erzürnen, wohl aber betrüben und vielleicht ſein Intereſſe für Fre⸗ derik abkühlen würde, und ſo wandte ſich die junge Mutter unmittelbar an die Zuneigung ihres Sohnes, an der ſie bis dahin nie hatte zweifeln konnen. „Mein liebes Kind,“ ſprach ſie, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen hatte, „ich ſage Dir nur Eines und bin ſicher, daß Du mich anhörſt . . . Im Namen meiner Zärtlichkeit und meiner Ergebenheit für Dich bitte ich Dich, Herrn David mit der ſeinem Charakter und ſeinem Verdienſt gebührenden Ehrerbietung zu empfangen . Das iſt Alles, was ich von Dir verlange; ſpäter werden die Zuneigung . das Vertrauen kommen ich be⸗ zweifte das nicht und verlaſſe mich in dieſer Hinſicht auf Dein gutes Herz und auf die Sorge von Herrn David; ſollteſt Du Dich aber heute nicht ſo gegen ihn zeigen, wie ich es wünſche, ſo würde ich glauben, Du liebeſt mich nicht mehr, mein Frederik.“ Und Madame Baſtien warf ſich ihrem Sohn um den Hals und zerfloß in Thränen, denn die doch ſo einfachen Worte: ich würde glauben, Du liebeſt mich nicht mehr, drückten den ſchmerzlichſten Zweifel aus, der ihr Herz zerreißen konnte. Der Haß, der Neid, wenn ſie auch den Charakter von Frederik erbitterten, entarteten, hatten doch keine Verände⸗ rung in ſeiner Liebe für ſeine Mutter hervorzubringen ver⸗ 190 mocht; aber die Scham über die ſchlechten Gefühle, von denen er beſeſſen war, machten ihn verſchloſſen, ſchweigſam, und die Ueberzeugung, er ſei nicht mehr würdig, wie in der Vergangenheit geliebt zu werden, hielt oft auf ſeinen Lippen den Ausdruck ſeiner kindlichen Zärtlichkeit zurück. .. Diesmal aber fortgeriſſen durch den Ton und das leiden⸗ ſchaftliche Umfangen ſeiner Mutter, traten ihm Thränen des Kummers und der Rührung in die Augen; doch der Gedanke, die junge Frau wolle zwiſchen ſie und ihn einen Fremden ſtellen, die Furcht, ergründet zu werden, die Em⸗ pörung gegen eine andere Gewalt, als die mütterliche, eine Art von Eiferſucht der Zuneigung verwandelten plötzlich Frederik wieder in Eis; ſeine Thränen vertrockneten, und er machte ſich, die Augen abwendend, ſachte von den Armen der jungen Frau los. Unbekannt mit der Urſache dieſer Kälte, glaubte Marie, es ſei eine Gleichgültigkeit bei dieſem Kind eingetreten, das ſie ſo ſehr geliebt; doch da ſie noch an dieſer Offenbarung zweifeln wollte, rief ſie zitternd, beſtürzt: „Frederik, Du antworteſt nicht; hore, ich begreife warum. .. Du denkſt, ich übertreibe nicht wahr, wenn ich Dir ſage, ſollteſt Du Deinem neuen Lehrer einen ver⸗ letzenden Empfang bereiten, ſo werde ich glauben, Du liebeſt mich nicht mehr, mein Frederik . In der That, ich bedenke, daß Du glauben mußt, ich übertreibe, doch Du wirſt mich ſogleich verſtehen . . Die Ankunft dieſes neuen Lehrers gereicht meiner Anſicht nach Dir und mir zum Heil . . Siehſt Du „das iſt das Ende Deiner Qualen, welche, wie Du wohl weißt, auch die meinigen ſind; es iſt eine neue Zeitrechnung der Hoffnung und des Glücks, die für uns Beide beginnen ſoll . Deshalb ſage ich Dir, daß ich, wenn Du Dein Heil, das ich als das Heil von uns Beiden betrachte, durch einen verletzen⸗ den Empfang von Herrn David gefährden würdeſt, glau⸗ ben müßte, Du liebeſt mich nicht mehr, denn es heißt ſeine Mutter nicht lieben, ſie auf immer unglücklich und troſtlos machen wollen . . Du ſiehſt, mein theures 4 3 * 191¹ Kind, was ich Dir ſage, iſt ernſter Natur „ Nicht wahr, ich übertreibe nicht? Aber, mein Gott! Frederik! Frederik! . . . Frederik! ... Du wendeſt abermals Deine Augen ab . . . Du willſt alſo, daß der gräßliche Zweifel, den ich an Deiner Zärtlichkeit faßte, wahr ſein ſoll . . . Und ich wagte es nur ihn auszudrücken, indem ich feſt überzeugt war, Du würdeſt mich nicht vollenden laſſen, Du würdeſt über mich entrüſtet werden, daß ich nur habe vermuthen können, Du liebeſt mich nicht mehr. Und nichts . . nichts . . nicht ein Wort zu meiner Beruhigung . ein eifiges Stillſchweigen „. Du „ Du . der Du einſt ſo zärtlich . . . der Du unabläſſig an meinem Halſe hingſt! . . In des Himmels Namen! was haſt Du gegen mich? was habe ich Dir gethan? Bin ich nicht ſeit dieſer Aenderung, die mich tödtet, gedul⸗ dig, ergeben, unglücklich genug geweſen!“ Bei dieſem herzzerreißenden Ausdruck des mütterlichen Schmerzes war Frederik abermals auf dem Punkt, nach⸗ zugeben; voch er empfand noch lebhafter den Biß jener Eiferſucht der Zuneigung, welche von jeder Zärtlichkeit unzertrennlich iſt, und er ſagte mit bitterem Ton: „Nun!. . . Sie müſſen beruhigt ſein, da Sie einen Fremden gegen mich zu Hülfe gerufen haben, meine Mutter.“ „Mein Gott! mein Gott! wie kannſt Du darüber aufgebracht ſein, daß ich einen Fremden rufe . ſei doch gerecht . . . Was ſoll ich thun, was ſoll ich denken, was ſoll aus mir werden, wenn ich Dich hier vor mir nach Allem, was ich Dir ſage, gleichgültig oder höhniſch bleiben ſehe? Mein Gott! iſt es denn wahr, in einigen Monaten habe ich jeden Einfluß auf Dich, habe ich Alles verloren, bis auf die Macht der Thränen und der Bitte . Und Du willſt, daß ich ohnmächtig, Dich zu retten, nicht nach Hülfe ſchreie, nicht Jemand zu meiner Unter⸗ ſtützung herbeirufe? Unglückliches Kind! Du haſt alſo nicht mehr das Bewußtſein des Guten oder des Böſen! Richts Gutes, nichts Edles regt ſich mehr in 192 Dir!! Meine letzte Hoffnung iſt alſo verſchwunden! Es bleibt mir nichts mehr, als eine gräßliche Wirklichkeit in's Auge zu faſſen! Denn da Du mich dazu zwingſt,“ fügte Marie, bleich, außer ſich und mit einer Anfangs ſo bebenden, ſo leiſen Stimme bei, daß man ſie kaum hörte, „da Du mich dazu zwingſt, muß ich Dich an jene furcht⸗ bare Scene mahnen, die mich noch in der Erinnerung zu dieſer Stunde vor Angſt und Schrecken in Eis verwan⸗ delt. .. An jenem Abend im Walde . in jenem Walde haſt Du haſt Du tödten. feige tödten wollen. . . Oh! mein Gott! mein Sohn .. mein Sohn ein Moͤrder!“ Dieſes Wort wurde mit einer ſo gräßlichen Verzweif⸗ lung ausgeſprochen, es war von einem ſolchen Ausbruch qualvollen Schluchzens begleitet, daß Frederik erbleichte und am ganzen Leib bebte. Bei dem anklagenden, aus dem Munde einer Mutter hervorkommenden Schrei Mörder! bei dieſem furchtbaren, rächenden Worte, von dem er ſich zum erſten Mal ver⸗ folgt hörte, bekam Frederik das Bewußtſein der Größe des Verbrechens, das er hatte begehen wollen. Es wurde plötzlich Licht in dieſem unglücklichen, ſeit langer Zeit durch die ſchwarzen, berauſchenden Dünſte der bis zu ihrer höchſten Gewalt von der Eiferſucht geſtei⸗ gerten Leidenſchaften des Neides, des Haſſes und der Rache verdunkelten Geiſt, denn durch die Lobeserhebun⸗ gen, welche Madame Baſtien dem jungen Marquis von Pont⸗Brillant geſpendet, waren dieſe Leibenſchaften haupt⸗ ſächlich bis zu einem ſolchen Grade der Erbitterung auf⸗ geſtachelt worden. Ja, es wurde Licht in dem Geiſte dieſes Unglückli⸗ chen leider ein trauriges Licht, das ihm nur die Tiefe ſeiner unheilbaren Uebel zeigte, ein trauriges Licht, in welchem ſich der Jüngling als Mörder ſah und erkannte, als Mörder, wenn nicht durch die Vollendung, doch we⸗ nigſtens durch den Gedanken des Verbrechens. „Ich fühle es, meine Tage ſind auf immer durch 193 den Neid vergiftet“ dachte er. „In den Augen meiner Mutter bin ich ein Feiger, werde ich ſtets ein Feiger ſein, der ſich durch einen Mord rächen wollte.. In ihrem Mitleid gibt ſie ſich noch den Anſchein, als liebte ſie mich; doch ſie kann nur Abſcheu vor mir haben.“ Als Marie das düſtere Stillſchweigen ihres Sohnes, ſeine mit Schrecken vermiſchte Niedergeſchlagenheit, den Ausdruck zermalmender Verzweiflung, der ſein gezwun⸗ genes, höhniſches Lächeln erſetzte, wahrnahm, fragte ſie ſich mit wachſender Angſt, ob die Gegenwirkung dieſer grauſamen Stcene für Frederik eine unglückliche oder eine heilſame ſein würde. In dieſem Augenb lick trat Marguerite ein und ſagt. zu ihrer Gebieterin: „Madame, der Herr Doctor iſt ſo eben mit einem andern Herrn angekommen; fie wünſchen Sie zu ſpre⸗ chen. Hier ſind ſie . 3. „Frederik!“ rief die junge Frau, während ſie haſtig die Thränen trocknete, die ihre Wangen überflutheten, „mein Kind es iſt Dein neuer Lehrer, Herr David . Ich flehe Dich an „ Marie konnte nicht vollenden, denn der Doctor Du⸗ four trat in Begleitung von Herrn David ein. Dieſer verbeugte ſich tief vor Madame Baſtien und erblickte, als er ſich wieder erhob, die friſchen Spuren von Thränen auf dem Antlitz der jungen Frau; er be⸗ merkte auch die Leichenbläſſe von Frederik, der ihn mit mißtrauiſcher, düſterer Miene anſchaute. Der neue Lehrer würde Alles errathen hahen, hätte ihn auch nicht ein flehender Blick von Madame Baſtien über die Scene erleuchtet, welche zwiſchen der Mutter und dem Sohn vorgefallen ſein mußte. „Madame,“ ſagte Herr Dufour, der der jungen Frau zu Hülfe zu kommen wünſchte, „ich habe die Ghre, Ihnen meinen Freund Herrn Henri David vorzuſtellen.“ Madame Baſtien war ſo gelähmt von der Erſchüt⸗ Die ſieben Tovſünden. M. Abth. 1r Bd⸗ 3 194 terung, daß ſie ſich nicht von ihrem Stuhl erheben konnte, auf den ſie, ſobald ſie David gegrüßt hatte, wieder zu⸗ rückſank. „Madame,“ ſprach Henri David, „ich werde be⸗ müht ſein, mich des Vertrauens würdig zu machen, das Sie mir gütigſt ſchenken wollen.“ „Mein Sohn,“ ſagte Madame Baſtien zu Frederik mit einer Stimme, der ſie Sicherheit und Feſtigkeit zu verleihen ſuchte, „ich hoffe, Du wirſt den Bemühungen von Herrn David entſprechen, der die Leitung Deiner Studien zu übernehmen die Gefälligkeit hat.“ „Mein Herr,“ ſagte Frederik, David ins Geſicht ſchauend, „Sie treten gegen meinen Willen hier ein . Sie werden meinetwegen von hier weggehen.“ „Oh! . . mein Gott . .“ murmelte Madame Baſtien mit einem herzzerreißenden Schluchzen. Und gänzlich vernichtet von der Verwirrung, vom Schmerz, fand ſie kein Wort mehr, und wagte es nicht einmal mehr ihre Augen zu Herrn David aufzuſchlagen. Dieſer heftete auf Frederik einen Blick voll Milde und erwiederte mit einem Ausdruck engeliſcher Güte und unwiderſtehlicher Ueberzeugung: „Armes Kind . . . Sie werden dieſe Worte be⸗ reuen wenn Sie mich zu lieben anfangen!“ Frederik lächelte mit einer höhniſchen Miene und ging ungeſtüm hinaus. „Doctor, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie ihn nicht allein . rief die junge Frau und ſtreckte ihre Hände flehend gegen den Arzt aus. Sie hatte dieſe Worte nicht vollendet, als ihr Herr Dufour ein Zeichen des Einverſtändniſſes machte und Frederik auf dem Fuß folgte. — S4 oMEndae 7 * . 3