— — Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Ottmann in Gießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ( jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet (. wird. 2 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und fl für wochentlich 2 Bücher: . iücher 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 Mk. — Pf. 1 Mt. 50 Pf. — Pf. „ 5. Auswärtige Vonnenten haben für Hi und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unr 4 defecte Bucher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 Die ſieben Todſünden, ven Eugeène Sue. Erſte Abtheilung. Die Hoffart ader die Herzogin. Aus dem Franzöfiſchen von Dr. Auguſt Boller. Achtes bis eilftes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung! 1848. Erſtes Rapitel. Der Tag des großen Balles, den Frau von Mire⸗ court gab, war gekommen. Bei dieſem glänzenden Feſte ſollten die drei Bewer⸗ ber um die Hand von Fräulein von Beaumesnil mit dieſer zuſammentreffen. Die wichtige Kunde, daß die reichſte Erbin Frankreichs in die Welt eintreten ſollte, war der Ge⸗ genſtand aller Geſpräche, der Gegenſtand der allgemeinen Neugierde, und ließ die friſche und traurige Nachricht von einem Selbſtmord vergeſſen, der eine der vornehmſten Familien Frankreichs in Verzweiflung brachte. Frau von Mirecourt, die Herrin des Hauſes, war offenherzig eitel darauf, daß ihr Salon das Handgeld (wie man dies im Rothwälſch der guten Geſellſchaft nannte), von Fräulein von Beaumesnil erhielt, und wünſchte ſich in ihrem Innern Glück bei dem Gedanken, daß bei ihr die Heirath der berühmten Erbin mit dem Herzog von Senneterre geſchloſſen werden würde, denn der Mutter von Gerald ganz und gar ergeben, war Frau von Mirecvurt eine der eifrigſten Vermittlerinnen dieſer Verbindung. Dem Gebrauche gemäß in ihtein erſten Salon auf⸗ gepflanzt, um hier die Frauen bei ihrem Eintritt zu em⸗ pfangen und von den Männern begrüßt zu werden, er⸗ Die ſieben Tovſünden. M. 1 . * 2 wartete Frau von Mirecourt voll Ungeduld die Ankunft der Herzogin von Senneterre: dieſe ſollte von Gerald be⸗ gleitet werden und hatte frühzeitig zu kommen verſprochen; doch ſie kam nicht. Eine große Anzahl von Menſchen belagerte von der Neugierde angelockt, wider die Gewohnheit, dieſen erſten Salon, um vor den Andern Fräulein von Beaumesnil zu erſchauen, deren Name in Aller Mund kreiſte. Unter den heirathsfähigen jungen Leuten waren wenige, welche nicht eine ängſtlichere Sorgfalt als gewöhnlich auf ihre Toilette verwendet hatten, nicht als hätten fie ſich unmittelbar und zugeſtandner Maßen um die Hand von Fräulein von Beaumesnil beworben; doch wer weiß .. die Erbinnen ſind ſo ſeltſam! und wer kann die Folgen eines Geſpräches, eines Contretanzes, eines erſten und plotzlichen Eindrucks vorherſehen? Jeder erinnerte ſich auch, indem er einen letzten und wohlgefälligen Blick in ſeinen Spiegel warf, aller mög⸗ licher unglaublicher Abenteuer, bei denen ſich wohlbe⸗ güterte Mädchen in einen Unbekannten verliebten, den ſie gegen den Wunſch ihrer Familie heiratheten; denn alle dieſe würdigen Junggeſellen hatten mit ihrer ſtrengen Tugend nur einen Gedanken; das Heirathen. und ſie treiben den Skrupel, die Redlichkeit ſo weit, ſie liebten die Heirath ſo ſehr der Heirath wegen, daß die Braut in ihren Augen kaum noch mehr als eine Beigabe war. Jeder Junggeſelle war daher auf Mittel bedacht ge⸗ weſen, ſeinen Werth ins Licht zu ſetzen: Die Schönen, um ſich noch ſchöner, noch erobern⸗ der zu machen; die von einem weniger angenehmen oder häßlichen Aeußern, indem ſie ſich die geiſtreiche oder die ſchwermüthige Miene beilegten. Alle endlich ſagten ſich, wie man es thut, wenn man ſich in der verlockenden Falle jener deutſchen Lotterien, welche Gewinnſte von mehreren Millionen bieten, hat fangen laſſen 4 —— —— ½ „Es iſt allerdings einfältig, zu glauben, es würde mir einer von dieſen fabelhaften Gewinnſten zufallen; ich habe, ich weiß nicht wie viele Millionen von Chancen gegen mich doch man hat am Ende Gewin⸗ nende geſehen .. Was die Perſonen betrifft, aus denen die Geſellſchaft von Frau von Mirecourt beſtand, ſo waren es beinahe dieſelben, welche einige Monate früher dem von Frau von Senneterre bei Tag gegebenen Ball beigewohnt und bei vieſer Fete mehr oder minder an den Geſprächen, deren Gegenſtand der muthmaßliche Tod der Gräfin von Beau⸗ mesnil geweſen war, Antheil genommen hatten. 4 Mehrere von dieſen Perſonen erinnerten ſich auch der Neugierde, welche in jener Zeit Fräulein von Beaumes⸗ nil, damals im Ausland und Niemand bekannt, einge⸗ flößt hatte; die Mehrzahl der Gäſte von Frau von Mire⸗ court ſollte alſo an dieſem Abend die Löſung des einige Monate zuvor geſtellten Problems erhalten: War Fräulein von Beaumesnil ſchön wie ein Geſtirn, oder häßlich wie ein Ungeheuer? ſtrotzend vor Geſund⸗ heit, oder ſchwindſüchtig und abgezehrt? (und man erinnert ſich, daß die Feinſchmecker im Punkte der Erbinnen da⸗ mals behauptet hatten, es gebe in dieſer Hinſicht nichts Zarteres und Wünſchenswertheres, als eine bruſtkranke Waiſe.) „ Es ſchlug zehn Uhr. Frau von Mirecourt fing an unruhig zu werden. Frau von Senneterre und ihr Sohn erſchienen nicht, und Fräulein von Beaumesnil konnte jeden Augenblick kommen; es war aber verabredet daß Erneſtine den ganzen Abend von Frau von la Rochaigue und Frau von Senneterre umgeben ſein, und daß dieſe auf eine geſchickte Weiſe S den erſten Contretanz mit der Erbin zuwenden ollte. Jeden Augenblick folgte ſich die Geſellſchaft zahlrei⸗ cher und gedrängter; unter den Ankömmlingen erſchien auch, in Begleitung von Herrn von Ravil, Herr von 4 Mornand; er begrüßte auf das Uneigennützigſte Frau von Mirecourt, die ihn äußerſt freundlich aufnahm und, ohne vaß ſie ſo richtig zu treffen glaubte, ſehr unſchuldig zu ihm ſagte: „Ich bin überzeugt, Herr von Mornand, daß Sie ein wenig mir zu Liebe und ſehr viel um die Löwin die⸗ ſes Abends, Fräulein von Beaumesnil, zu ſehen, kom⸗ men. Der zukünftige Miniſter lächelte und erwiederte mit einer hölliſchen Diplomatie: „Ich verſichere Sie, Madame, daß ich ganz einfach gekommen bin, um die Ehre zu haben, Ihnen meine Achtung zu bezeigen und einem der reizenden Feſte bei⸗ zuwohnen, die Sie allein zu geben wiſſen.“ Hienach machte Herr von Mornand einen Bückling, 6hr ſich von Frau von Mirecourt und ſagte leiſe zu avil: „Sieh nach, ob ſie nicht in den andern Salons iſt. I„ch bleibe hier; ſuche den Baron zu mir zu bringen, wenn Du ihn triffſt.“ Ravil machte ſeinem Pylades ein Zeichen der Ein⸗ willigung und ſagte, an ſein Zuſammentreffen am vorigen Tag denkend, von welchem Herrn von Mornand etwas mitzutheilen er ſich wohl gehütet hatte, zu ſich ſelbſt: „Ah! dieſe Erbin geht ganz allein als Griſette in öde Quartiere und kehrt dann zu der abſcheulichen Lainé zurück, die ſie gefällig in einem Fiaere erwartet. Ich wundere mich nicht mehr, daß mir dieſe unwürdige Gou⸗ vernante vor vierzehn Tagen rund heraus erklärt hat, ich dürfe nicht mehr auf ihren Einfluß zählen, den ich ſo gut auszubeuten gehofft hatte. Doch zu weſſen Vortheil be⸗ günſtigt ſie dieſe Intrigue der kleinen Beaumesnil? Denn eine Intrigue muß durchaus dabei ſtattfinden. Dieſer dicke Dummkopf Mornand hat keinen Theil daran, ich hätte vas erfahren . Ich muß nothwendig das Wahre von dem Allem herausſinden, denn je mehr ich darüber nach⸗ denke, deſto mehr kommt es mir vor, als wäre hier ein Motiv, die Henne mit den goldenen Eiern krähen zu machen. . . Aufgepaßt alſo!“ In dem Augenblick, wo ſich der Cyniker in der Menge verlor, erſchien die Herzogin von Senneterre, jedoch allein und das Geſicht verſtört von einem lebhaften Aerger. Frau von Mirecourt ſtand auf, um Frau von Senne⸗ terre entgegen zu gehen, und mit jener Kunſt, welche die Frauen der Welt in ſo hohem Grade beſitzen, fand ſie Gelegenheit, mitten unter hundert Perſonen und, während ſie das Anſehen hatte, als richtete ſie an die Herzogin nur die alltäglichen Empfangsworte, mit leiſer Stimme folgendes Geſpräch mit ihr zu führen: „Und Gerald?“ „Man hat ihm dieſen Abend zur Ader gelaſſen.“ „Ah! mein Gott! was fehlt ihm denn?“ „Er befindet ſich ſeit geſtern in einem gräßlichen Zuſtand.“ „Und Sie haben mich nicht davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt, Herzogin!“ „Bis zum letzten Augenblick hatte er mir zu kommen verſprochen, obgleich er ungemein litt.“ „Das iſt zum Verzweifeln . . . Fräulein von Beau⸗ mesnil kann jeden Augenblick erſcheinen . . . und Sie hätten ſie ſogleich bei ihrem Eintritt beiſeit genommen.“ „Allerdings. . ich bin auch wie auf der Folter, und das iſt noch nicht Alles .. „Was denn noch, liebe Herzogin?“ „Ich weiß nicht, warum . . aber es ſind mir Zwei⸗ fel über die Abſichten meines Sohnes gekommen.“ „Welche Idee!“ „Er führt ſeit einiger Zeit ein ſo ſonderbares Le⸗ „Aber dann hätte er Ihnen nicht noch heute und obgleich leidend verſprochen, hierherzukommen, um ſich mit Fräulein von Beaumesnil zuſammenzufinden.“ „Ganz gewiß . und anderſeits beruhigt es mich, daß Herr von Maillefort, deſſen unerträglichen Scharf⸗ Die fieben Todſünden. M. 2 5 6 ſinn Frau von la Rochaigue befürchtete, und den mein Sohn unkluger Weiſe bei unſeren Plänen ins Vertrauen gezogen hatte . . . daß Herr von Maillefort für uns iſt, denn er kennt den Zweck des Zuſammentreffens an dieſem Abend, und er ſollte mich und Gerald begleiten.“ „Was wollen Sie, meine liebe Herzogin, dadurch geht nur eine Gelegenheit verloren; doch jedenfalls, ſobald Frau von la Rochaigue mit Fräulein von Beaumesnil kommt, verlaſſen Sie dieſelben nicht und richten Sie es mit der Baronin ſo ein, daß die Kleine nur Unbedeu⸗ tende als Tänzer annimmt.“ Und nachdem ſie ſo einige Augenblicke ſtehend geſpro⸗ chen hatten, ſetzten ſich die zwei Frauen auf einen kreis⸗ förmigen Sopha. Jeden Augenblick kamen neue Perſonen, um Frau von Mirecvurt zu begrüßen; plötzlich machte Frau von Senneterre eine Bewegung und ſagte leiſe und lebhaft zu ihrer Freundin: „Da tritt eben Herr von Macreuſe ein empfangen Sie denn dieſe Sorte?“ „Wie, meine liebe Herzogin? Ich habe ihn tau⸗ ſendmal bei Ihnen geſehen . . . und eine meiner beſten Freundinnen, die Schweſter des hochwürdigſten Herrn Biſchofs von Ratopolis, Frau von Cheverny hat mich um eine Einladung für Herrn von Macreuſe gebeten; auch wird er überall, und zwar mit Auszeichnung em⸗ itih denn ſein Werk vom heiligen Poly⸗ 3 „Ei! meine Liebe, der heilige Polykarp hat nichts bei alle dem zu ſchaffen,“ unterbrach die Herzogin un⸗ geduldig Frau von Mirecvurt; „ich habe dieſen Herrn empfangen, wie Jedermann, und bereue es, denn ich habe erfahren, daß es ein großer Schuft iſt ich ſage ſogar, daß man ihn überall wegjagen ſollte! . Man ſpricht von werthvollen Gegenſtänden, welche wäh⸗ rend ſeiner Beſuche verſchwunden find,“ ſagte Frau von Senneterre ſehr geheimnißvoll und ohne im Geringſten 1 über dieſe Lüge zu erröthen, „denn der Günſtling des Abbé Ledour war nicht der Mann, der ſich mit Baga⸗ tellen beluſtigte. „Ah! mein Gott!“ rief Frau von Mirecourt, „das iſt alſo ein Dieb?“ „Nein, meine Liebe, er entlehnt nur einen Diamant oder eine goldene Nadel von Ihnen, ohne daß es ihm einfällt, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen.“ Herr von Macreuſe, der langſam vorſchreitend mit dem Blick das Spiel der Phyſiognomie der zwei Frauen verfolgt hatte, ahnete ihre ſchlimme Stimmung gegen ihn, kam aber nichtsdeſtoweniger, während ſie noch in ihrem Geſpräch begriffen waren, auf ſie zu, begrüßte die Gebieterin des Hauſes mit ſeinem unſtörbaren Gleich⸗ gewicht und ſagte: „Madame, ich hätte die Ehre zu haben gewünſcht, mich dieſen Abend bei Ihnen unter den Auſpicien von Frau von Cheverny einzufinden, welche ſich gütigſt meiner annehmen wollte; leider iſt ſie leidend und beauftragt bei Ihnen der Dolmetſcher ihres ganzen Bedauerns zu ſein.“ „Ich bin troſtlos, mein Herr, daß mich dieſe Un⸗ päßlichkeit des Vergnügens beraubt, Frau von Cheverny heute Abend zu ſehen,“ erwiederte Frau von Mirecvurt trocken und noch unter dem Eindruck deſſen, was ihr Frau von Senneterre geſagt hatte. Doch Macreuſe ließ ſich nicht leicht aus der Faſ⸗ ſung bringen, und ſich vor der Herzogin verbeugend, ſprach er lächelnd: „Ich habe es weniger zu bedauern, daß mir dieſen Abend das wohlwollende Patronat von Frau von Che⸗ verny nicht zu Theil wird, denn es dürfte mir beinahe geſtattet ſein, auf das Ihrige zu rechnen, Frau Herzogin.“ „Ganz richtig, mein Herr,“ antwortete Frau von Senneterre mit einem Ausdruck bittern Hochmuths, „eben als Sie eintraten, ſprach ich mit Frau von Mirecvurt 8 von Ihnen, und ich beglückwünſchte ſie aufrichtig, daß ſie die Ehre hat, Sie bei ſich zu empfangen.“ „Ich erwartete nicht weniger von der gewöhnlichen Güte der Frau Herzogin, der ich ſo viele koſtbare Ver⸗ bindungen in der Geſellſchaft zu verdanken habe,“ erwie⸗ derte Herr von Macreuſe mit ehrfurchtsvollem Ton. Wonach er ſich abermals verbeugte und in den an⸗ ſtoßenden Salon ging. Der Günſtling des Abbé Ledour (des ehemaligen Beichtvaters von Frau von Beaumesnil), war als ächter Fuchs der Sacriſtei zu ſchlau, zu hellſichtig, zu argwöh⸗ niſch, um nicht bei ſeinem Beſuch bei Frau von Senne⸗ terre (der er damals ſeine Abſichten auf die Hand von Fräulein von Beaumesnil eröffnete), einzuſehen, er habe wie man im gemeinen Leben ſagt, einen Bock geſchoſſen, obgleich ihm von der Herzogin ihre Unterftützung zuge⸗ ſagt worden war. Zu ſpät machte es ſich Macreuſe zum Vorwurf, nicht bedacht zu haben, daß die Herzogin ſelbſt einen zu verheirathenden Sohn beſaß; der hochmüthige, höhniſche Empfang, der ihm nun von ihr zu Theil wurde, beſtätigte den frommen jungen Mann in ſeinem Argwohn; doch er kümmerte ſich nur wenig um dieſe Feindſeligkeit, denn nach den Berichten von Fräulein Helena von la Rochai⸗ gue glaubte er ſich ſicher, es wäre nicht nur Niemand im Antrag, um Fräulein von Beaumesnil zu heirathen, ſondern ſie hätte ſogar ihn, Macreuſe, beſonders ausge⸗ zeichnet und ungemein von ſeinem Schmerz und von ſei⸗ ner Frömmigkeit gerührt geſchienen. Voll Hoffnung, verſicherte ſich Herr von Macreuſe vor Allem, daß ſich Fräulein von Beaumesnil in keinem Salon befand, und er erwartete ihre Ankunft voll Un⸗ geduld, feſt entſchloſſen, den günſtigen Augenblick zu er⸗ ſpähen, um ſie Einer der Erſten. . der Erſte, wenn es möglich wäre, zum Tanz aufzufordern. „Hat man eine Idee von einer Unverſchämtheit, 9 wie die von Herrn von Macreuſe!“ ſagte ganz außer ſich Frau von Senneterre zu Frau von Mirecourt, als der Günſtling des Abbé Ledour ſich entfernt hatte. „Wahrhaftig, meine liebe Herzogin, was Sie mir da mittheilen, ſetzt mich im höchſten Maße in Erſtaunen: und wenn man bedenkt, daß man Herrn von Macreuſe überall als ein Muſter der Frömmigkeit und des ſittlichen Benehmens anführt! . . .“ „Ja, er iſt ein ſchönes Muſter . . . und ich könnte Ihnen noch andere Dinge von ihm erzählen.“ Doch ſich unterbrechend, rief Frau von Senneterre: „Endlich kommt Fräulein von Beaumesnil . . . Ah! welch ein Unglück, daß Gerald nicht hier iſt! . . .“ „Tröſten Sie ſich, meine liebe Herzogin, Fräulein von Beaumesnil wird wenigſtens den ganzen Abend nur von Ihrem Sohne reden hören. . . Bleiben Sie, ich will das liebe Mädchen zu Ihnen führen . . . Sie und die Baronin werden es nicht verlaſſen.“ Frau von Mirecourt ſtand auf, um Fräulein von Beaumesnil, welche in Begleitung von Herrn und Frau von la Rochaigue erſchien, entgegenzugehen: Erneſtine ging am Arm ihres Vormunds. Ein dumpfes Geſumme, veranlaßt durch die mit leiſer Stimme ausgetauſchten Worte: Das iſt Fräu⸗ lein von Beaumesnil, brachte bald eine allgemeine Bewegung in den verſchiedenen Gemächern hervor, und eine Woge Neugieriger belagerte die Thüren des Salon, wo ſich Erneſtine befand. WMitten unter dieſer Aufregung, unter dieſem durch ihre Ankunft veranlaßten Gedränge, machte die reichſte Erbin Frankreichs, ihre Augen unter den von allen Seiten auf ſie gehefteten Blicken niederſchlagend, wie man ſagt: ihren Eintritt in die Welt. Die Arme verglich bei ſich in einer verachtenden Ironie dieſe Ungeduld, dieſe Gierde, ſie zu ſehen und be⸗ ſonders von ihr bemerkt zu werden, dieſes Geflüſter der Bewunderung, das einige Geſchickte bei ihrem Vorüber⸗ 10 gehen horen ließen, mit dem völlig gleichgültigen Em⸗ pfang, der ihr am vorhergehenden Sonntag bei Madame Herbaut zu Theil geworden war; fie fühlte ſich auch im⸗ mer mehr entſchloſſen, die Gegenprobe ſo weit als mög⸗ lich zu treiben, denn ſie wollte ein für allemal wiſſen, woran ſie ſich in Beziehung auf die Würde, auf die Aufrichtigkert dieſer Welt, in der ſie zu leben beſtimmt ſchien, zu halten hätte. Zur großen Verzweiflung der la Rochaigue und mit einer plötzlichen Hartnäckigkeit, durch die ſie ſich verwirrt und beherrſcht geſehen, hatte Fräulein von Beaumesnil ſich ſo beſcheiden kleiden wollen, als da ſie bei Madame Herbaut erſchienen war; ein einfaches Kleid von weißer Mouſſeline und eine kleine Echarpe, ganz dem ähnlich, was ſie am vorhergehenden Sonntag trug, dies war die Toilette der Erbin, welche bei dieſer zweiten Prüfung mit nicht mehr, nicht weniger Vorzügen erſcheinen wollte, als bei der erſten. Erneſtine hatte ſogar den Gedanken gehabt, ſich aufs Allerlächerlichſte zu kleiden, beinahe ſicher, es würde auf allen Seiten Lobeserhebungen auf die reizende Ori⸗ ginalität ihrer Toilette regnen; doch ſie verzichtete bald auf dieſe Tollheit, weil ſie bedachte, die neue Prü⸗ fung ſei etwas Ernſtes und Trauriges. Wie dies zum Voraus unter den Damen von Mire⸗ court, von Senneterre und von la Rochaigue verabredet war, nahm Fräulein von Beaumesnil ſogleich bei ihrer Ankunft auf dem Ball, nachdem ſie mit Mühe die Grup⸗ pen, die ſich immer mehr an ihrem Wege drängten, ge⸗ führt von der Herrin des Hauſes, durchſchritten hatte, in dem geräumigen, prachtvollen Salon Platz, wo man tanzte. Frau von Mirecourt ließ Erneſtine in Geſellſchaft von Frau von la Rochaigue und Frau von Senneterre, welche die Baronin . zufällig getroffen hatte. Unfern von dem Canapé, auf dem die Erbin ſaß, fanden ſich mehrere reizende Mädchen, ebenſo ſchön und 11 viel eleganter geputzt, als die Königinnen des Balls von Madame Herbaut; doch alle Blicke waren auf Erneſtine gerichtet. „Dieſen Abend wird es mir nicht an Tänzern feh⸗ len,“ dachte ſie, „man wird mich nicht aus Mitleid auf⸗ ſordern, und alle dieſe reizenden jungen Perſonen ſetzt man wohl meinetwegen hintan.“ Während Fräulein von Beaumesnil beobachtete, ſich erinnerte und verglich, ſagte Frau von Senneterre leiſe zu Frau von la Rochaigue, leider ſei Gerald ſo krank, daß er unmöglich auf den Ball kommen könne, und es wurde verabredet, Erneſtine nur ſehr wenig und mit ſehr vorſichtig ausgewählten Perſonen tanzen zu lafſen. Um dieſes Reſultat zu erreichen, ſprach Frau von la Rochaigue zu Erneſtine: „Meine liebe Schöne . Sie koͤnnen beurtheilen, welche ſchlagende Wirkung Sie trotz der unbegreiflichen Einfachheit Ihres Anzugs hervorbringen; ich habe es Ihnen immer ohne die geringſte Uebertreibung vorherge⸗ ſagt, und Sie ſehen es wohl . . Sie werden auch mit Aufforderungen überhäuft werden . Doch da es ſich nicht geziemt, daß Sie ohne Unterſchied mit aller Welt tanzen, ſo werde ich, wenn mir eine Einladung annehm⸗ bar ſcheint, meinen Fächer öffnen; iſt das Gegentheil der Fall, ſo halte ich ihn geſchloſſen. . Sie ſchlagen es dann ab, indem Sie ſagen, Sie tanzen ſehr wenig und Sie haben ſchon zu viele Einladungen.“ Kaum hatte Frau von la Rochaigue Erneſtine dieſe Maßregel empfohlen, als man ſich zu einem Contretanz aufftellte. Mehrere junge Leute, welche vor Verlangen, Fräu⸗ lein von Beaumesnil aufzufordern, brannten, zögerten jedoch, indem ſie ſich dadurch, daß ſie Erneſtine unmittel⸗ bar im Augenblick ihres Eintritts in den Ballſaal bitten würden, mit Recht gegen den Wohlanſtand zu verfehlen glaubten. Weniger bedenklich und mehr gewandt, zögerte Herr 12 von Macreuſe nicht einen Augenblick; er durchſchritt raſch die Menge und bat mit ſchüchternem Tone Erneſtine, ſie möchte ihm die Ehre erweiſen, den eben beginnenden Contretanz mit ihm zu tanzen. Erſtaunt über das, was fie die unerhörte Frech⸗ heit von Herrn von Macreuſe nannte, neigte ſich Frau von Senneterre raſch an das Ohr von Frau von la Ro⸗ chaigue, um ihr zu ſagen, ſie moge Erneſtine durch ein Zeichen veranlaſſen, die Einladung auszuſchlagen: es war zu ſpät. Ungeduldig danach verlangend, ſich mit Herrn von Macreuſe gleichſam unter vier Augen zu finden, nahm Fräulein von Beaumesnil ſogleich ſeine Einladung an, ohne das Fächerſpiel von Frau von la Rochaigue abzu⸗ warten, ſtand zum großen Erſtaunen der letzteren auf, er⸗ griff den Arm des frommen jungen Mannes und ſtellte ſich zum Contretanz. „Dieſer Elende iſt von einer gräßlichen Unverſchämt⸗ heit, ſagte die Herzogin ganz zornig. Doch ſie unterbrach ſich plötzlich und rief mit dem Ausdruck der lebhafteſten, unerwartetſten Freude, ſich an Frau von la Rochaigue wendend: „Ah! Gott, er iſt es.“ er 4. „ „Gerald! . „Welch ein Glück!. Wo ſehen Sie ihn denn, meine liebe Herzogin?“ „Dort in der Fenſtervertiefung Armer Junge, wie bleich er iſt!“ fügte die Herzogin bewegt bei „Welches Muthes bedarf er! . Ah! wir find ge⸗ Lettet „In der That, er iſt es,“ ſagte Frau von la Ro⸗ chaigue nicht minder freudig, als ihre Freundin. „Herr von Maillefort iſt bei ihm . Ah! der Marquls hat mich nicht getäuſcht. er verſprach mir, in meinem Intereſſe zu ſein, ſeitdem er weiß, daß es ſich um Herrn von Senneterre handelt.“ 13 Während Frau von Senneterre Gerald durch ein Zeichen bedeutete, es ſei ein Platz an ihrer Seite leer, nahmen Herr von Macreuſe und Fräulein von Beaumes⸗ nil an demſelben Contretanz Antheil. Bweites Rapitel. Fräulein von Beaumesnil hatte lebhaft die Gelegen⸗ heit ergriffen, ſich Herrn von Macreuſe zu nähern; ſie zählte auf die Unterredung, um zu erfahren, ob ihr Miß⸗ trauen gegen dieſen Bewerber gegründet ſei. Sie war geneigt, es zu glauben, da der Günſtling des Abbé Ledour Fräulein Helena erklärt hatte, er habe einen plötz⸗ lichen, unwiderſtehlichen Eindruck bei ihrem An⸗ blick gefühlt. Nach der Prüfung, die ſie bei Madame Herbaut ver⸗ ſucht, wußte aber die Erbin, woran ſie ſich in Beziehung auf die plötzlichen, unwiderſtehlichen Eindrücke, die ihre Schönheit hervorbringen ſollte, zu halten hatte. Indem ſie jedoch an die verſchiedenen Umſtände dachte, welche ſie auf Herrn von Macreuſe aufmerkſam gemacht hatten, indem ſie ſich des ſo tiefen Schmerzes, den er über den Verluſt ſeiner Mutter zu empfinden ſchien, der Wohlthätigkeit, von der er durch ſeine Almoſen eine Probe ablegte, und beſonders der engeliſchen und ſeltenen Tu⸗ genden erinnerte, über welche Fräulein Helena beſtändig ſo viel Rühmens machte, wollte Erneſtine, wie man zu ſagen pflegt, klaren Wein über dieſes Muſter aller Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens haben. „Herr von Macreuſe,“ dachte ſie, „intereſſirte mich 14 ungemein. ſein Aeußeres iſt angenehm, ſeine Schwer⸗ muth rührend.. und ohne die Offenbarung von Herrn von Maillefort, der mich mißtrauiſch gegen mich ſelbſt und gegen Andere machte, hätte ich vielleicht eine Neigung für Herrn von Macreuſe gefühlt.. Verführt durch ſeine ſeltenen und hohen Eigenſchaften... von denen man mir ſo oft ſprach, meiner unbewußt dem Einfluß von Fräulein Helena gehorchend und in die Wahl mich fügend, die man mir bezeichnete, hätte ich vielleicht Herrn von Ma⸗ creuſe geheirathet, der, wie man ſagte, das Glück meines Lebens ſichern müßte. Wir wollen alſo ſehen, welche Wahl ich getroffen haben würde Ich habe ein untrüg⸗ liches Mittel, um die Wahrheit von der Lüge zu unter⸗ ſcheiden.“ Voll Vertrauen durch die Mittheilungen von Helena, Nx. hatte ſich Herr von Macreuſe, der die entſcheidende Wich⸗ tigkeit dieſer Unterredung begriff, ſeit langer Zeit vorbe⸗ reitet, ein vorſichtiges Spiel zu ſpielen. Sobald er den Arm von Erneſtine unter dem ſeinigen hatte, ſchien der junge Mann plötzlich zu beben, und Fräu⸗ lein Beaumesnil fühlte, wie ein Schauer den Arm ihres Tänzers durchlief. . Als ſie an ihrem Platze ſtanden, verſuchte es Herr von Macreuſe zweimal, Fräulein von Beaumesnil anzu⸗ reden; doch es ſchien ihm eine ſo lebhafte, ſo natürliche Gemüthsbewegung zu beherrſchen, vaß er ſehr ſichtbar er⸗ röthete. .. (der Abbé Ledour hatte ſeinen Schützling ein beinahe unfehlbares Mittel, zu erröthen, gelehrt: dieſes be⸗ ſteht darin, daß man den Kopf einige Secunden lang ſenkt, und zugleich den Athem hält.) Die ſehr geſchickt angebrachte Gemüthsbewegung nahm gerade die erſten Augenblicke des Contretanzes ein, wäh⸗ rend welcher Herr von Macreuſe nur wenige Worte mit Fräulein von Beaumesnil hätte wechſeln können. Durch ein Wunder von Kunſt und Takt fand übri⸗ gens der Stifter des Werkes vom heiligen Poly⸗ karp Mittel, nicht nur der Lächerlichkeit zu entgehen, der 15 ſich beinahe nothwendiger Weiſe ein Menſch preisgibt, welcher tanzt, während er eine tiefe Schwermuth zur Schau ſtellt, ſondern er wußte ſich ſogar in den Augen von Fräulein von Beaumesnil beinahe intereſſant zu ma⸗ chen, trotz der choregraphiſchen Bewegungen, zu denen er ſich gezwungen ſah. Herr von Macreuſe wurde dabei von ſeinem Aeußeren ziemlich gut bedient. Er war ganz ſchwarz angethan und hatte die größte Sorge auf Handſchuhe und Fußbe⸗ kleidung verwendet; der Schnitt ſeines Frackes war tadel⸗ los elegant, und der Atlaß ſeiner ſchwarzen Halsbinde ſtand vortrefflich zu ſeinem blonden, regelmäßigen Geſicht. Seiner, obſchon etwas vollen, Taille fehlte es nicht an Leichtigkeit, und der Sitte gemäß ging er nur im Takte, ſtatt zu tanzen; ſein Gang hatte ſo eine Art von gra⸗ ziöſer Langſamkeit, zuweilen gemiſcht mit plötzlichen Nieder⸗ geſchlagenheiten, als ſchleppte er das ſchmerzliche Gewicht eines großen Kummers. Zwei oder dreimal warf der fromme junge Mann auf Fräulein von Beaumesnil einen Blick der Herzenspein und zugleich der Reſignation, der zu ſagen ſchien: „Ich bin den Vergnügungen dieſer Welt fremd .. ich bin nicht am Platz bei dieſen Feſten, von denen mich mein Kummer fern hält; doch dieſem ſchmerzlichen Con⸗ traſt zwiſchen meinen Leiden und den Freuden, die mich umgeben. unterziehe ich mich, weil ich kein anderes Mittel habe, mich Ihnen zu nähern.“ Der theure Zögling des Abbé Ledour gehörte einer hohen Schule vortrefflicher Komödianten an, und in dieſer Schule bearbeitete man ſorgfältig die Mimik im All⸗ gemeinen und insbeſondere die zugleich bezeichnenden, aber beſcheidenen Blicke, die ausdrucksvollen, aber discreten Seufzer, das Ganze gehörig zugerichtet durch Verdrehen der Augen, durch zerknirſchte, gottſelige oder unſchuldsvolle und zuweilen von einer mhſtiſchen Gluth entflammte Mienen; und ſo war der Triumph von Fräulein von Beaumesnil auch in der Hinſicht vollkommen, daß ſie trotz 16 des Mißtrauens, von dem fie beherrſcht war, unwillkühr⸗ lich zu ſich ſelbſt ſagte: „Armer Herr von Maerreuſe! es iſt in der That peinlich für ihn, daß er ſich zu dieſem Ball verirrt finden muß, an welchem er, verſunken in die Verzweiflung, die ihm der Tod ſeiner Mutter verurſacht, ſo wenig Theil nehmen kann .. Doch bald gewann das Mißtrauen von Fräulein von Beaumesnil wieder die Oberhand, und ſie fragte ſich „Warum kommt er dann hierher? Vielleicht leitet ihn nur ein habgieriger Hintergedanke? In einer ſchmählichen Fuffnh vergißt er alſo ſeinen Kummer und ſeine Trau⸗ rigkeit!“ Als endlich Herr von Macreuſe einen günſtigen Augen⸗ blick fand, um ein Geſpräch von einiger Dauer mit Erne⸗ ſtine anzuknüpfen, erröthete er vor Allem abermals und ſagte dann mit ſeinem ſchüchternſten, ſalbungsreichſten und zugleich eindringlichſten Ton: „Mein Fräulein, ich muß Ihnen wahrhaftig. .. ſehr linkiſch . ſehr lächerlich vorkommen.“ „Warum dies, mein Herr?“ „Seit dem Anfang dieſes Contretanzes habe ich es noch nicht . gewagt.. ein einziges .. Wort. an Sie zu richten.. mein Fräulein. aber. die Unruhe die Fucht „Ich mache Ihnen bange, mein Herr?“ „Ach! ja, mein Fräulein.“ „Aber, mein Herr... das iſt durchaus nicht galant.“ „Ich verſtehe mich nicht darauf, Galanterien zu ſagen,“ erwiederte Herr von Macreuſe mit einer ſtolzen Traurig⸗ keit, „ich habe nur die Aufrichtigkeit für mich: ich ſpreche von der Furcht, die Sie mir einflößen . . . dieſe Furcht iſt wahr.“ „Und wodurch flöße ich Ihnen dieſe Furcht ein, mein Herr?“ . „Dadurch, daß Sie mein Leben, meine Vernunft umkehren, mein Fräulein; denn ſeit dem Augenblick 17 wo ich Sie, ohne Sie zu kennen, geſehen . hat ſich Ihr Bild zwiſchen mich und die zwei einzigen Gegen⸗ ſtände meiner religiöſen Anbetung geſtellt... Von da an bin ich ebenſo beklommen, als geblendet geblieben; bis da⸗ hin hatte ich nur gelebt, um zu Gott zu beten und um meine Mutter zu lieben und zu beklagen.“ „Mein Gott, mein Herr, wie langweilig iſt Alles, was Sie mir da erzählen. .. Das ſetzt Sie in Erſtaunen? es iſt jedoch die Wahrheit,“ fügte Fräulein von Beau⸗ mesnil bei, indem ſie von dieſem Augenblick zum Schein den gebieteriſchen, feſſelloſen Ton eines verzogenen Kindes annahm; „ich habe die Gewohnheit, Alles zu ſagen, was mir durch den Kopf geht. .. inſofern ich nicht genöthigt bin, die Heuchlerin zu machen.“ Man denke ſich, wie ſehr Herr von Macreuſe über dieſe Unterbrechung und beſonders über die Art derſelben erſtaunt war, er, der nach dem Bericht von Fräulein He⸗ lena in Erneſtine ein ganz naives .. wenn nicht gar albernes ein ganz gottesfürchtiges Kind zu finden glaubte und hoffte; nu dieſer Annahme hatte er eine, wie er dachte, ganz für den Geſchmack und das Verſtändniß eines frommen, treuherzigen Mädchens geeignete Haltung und Sprache componirt. Jedoch zu geſchickt, um ſein Erſtaunen zu verrathen, bereit, im Falle der Noth ſeine Maske zu verändern und einen Uebergang zu improviſiren, um ſich in den Grundton der Erbin zu verſetzen, erwiederte er, ein halbes Lächeln wagend (bis dahin hatte er ſich in einer ernſten und ſchwermüthigen Mitte gehalten): „Sie haben Recht, mein Fräulein, wenn Sie Alles ſagen, was Ihnen durch den Kopf geht, um ſo mehr, als nur reizende Dinge durch denſelben gehen müſſen.“ „Das laſſe ich mir gefallen, ſo iſt es mir lieber, mein Herr, denn vorhin waren ſie durchaus nicht beluſtigend.“ „Es hängt von Ihnen ab, mein Fräulein,“ ſagte Macreuſe, der diesmal ein vollſtändiges Lächeln wagte und ſo zu ſagen Stück für Stück ſein bis dahin rührendes 18 und niedergeſchlagenes Geſicht ablegte, „es wird ſtets von Ihnen abhängen, mein Fräulein, die Traurigkeit in Hei⸗ terkeit zu verwandeln; nichts iſt Ihnen unmöglich.“ „Alles hat ſeine Zeit, mein Herr. . . ich erſcheine traurig am Morgen während des Gottesdienſtes, weil die Meſſe durchaus nichts Luſtiges iſt, o nein! und ich gebe mir dann, um Fräulein Helena hinter das Licht zu führen, die Miene einer heiligen Rühr' mich nicht an; doch im Grunde lache und beluſtige ich mich ſehr gern. Ah! ſagen Sie, wie finden Sie meine Toilette?“ „Aeußerſt geſchmackvoll. . ſie contraſtirt durch ihre köſtliche Einfachheit mit dem unbändigen Putz aller dieſer Frauen; im Ganzen muß man dieſelben entſchuldigen, und Sie brauchen nicht darauf eitel zu ſein; jene haben den Putz nöthig, während Sie, mein Fräulein, deſſelben ent⸗ behren können . . Warum das, was vollkommen iſt, ſchmücken?“ „Das iſt es, was ich mir auch geſagt habe,“ erwie⸗ derte Erneſtine mit einer ganz leichten und unverſchämt überzeugten Miene, „ich dachte, mit meinem weißen Kleid⸗ chen dürfe ich ſicher ſein, alle die anderen jungen Per⸗ ſonen zu verdunkeln und ſie vor Aerger raſend zu machen. . Es iſt ſo beluſtigend, den Neid der Andern zu erre⸗ gen, ſie gehörig zu quälen.“ „Sie müſſen an dieſes Vergnügen ſehr gewöhnt ſein, mein Fräulein, und es iſt ganz einfach, daß Ihnen die Eiferſucht Anderer Freude macht, wie Ste ſo eben ſo geiſtreich ſagten.“ „Oh! ich habe nicht gerade viel Geiſt,“ enigegnete Erneſtine mit der übertriebenſten Anmaßung; „aber ich bin ſehr boshaft und kann es nicht leiden, wenn man mir widerſpricht .. Deshalb haſſe ich die alten Leute, die den jungen ſtets Moral predigen. Lieben Sie die alten Leute, mein Herr?“ „Man muß dieſe Mumien reden laſſen, mein Fräu⸗ lein, die wahre Moral iſt das Vergnügen.“ Hier unterbrach die gebieteriſche Rothwendigkeit einer 19 Figur des Contretanzes Herrn von Macreuſe; er benützte dieſe vortreffliche Gelegenheit, um ſeine Phyſiognomie völlig zu umwandeln und die heiterſte, die leichtfertigſte Miene anzunehmen; ſelbſt ſein Tanzen entſprach dieſer Umwand⸗ lung: es war belebter, leichter; der rechtſchaffene junge Mann lächelte ſich ſelbſt zu, trug ſeinen Kopf hoch und keck und richtete, wenn er eine Gelegenheit dazu fand, auf Fräulein von Beaumesnil Blicke ebenſo leidenſchaft⸗ lich, als die erſten beſcheiden und ſchüchtern geweſen waren. Während er tanzte und ſich unter dieſer neuen Phy⸗ ſiognomie darſtellte, ſagte der Schützling des Abbe Ledour zu ſich ſelbſt: „Das iſt vortrefflich; dieſe kleine Perſon iſt heuch⸗ leriſch und falſch, da ſie Fräulein von la Rochaigue über ihren Charakter irregeführt hat, oder vielmehr ich errathe dieſe vortreffliche Freundin hat wohl befürch⸗ tet, ſie erſchrecke mich, wenn ſie mir die Wahrheit über Fräulein von Beaumesnil ſage. . . Das heißt mich ſehr wenig kennen. Es iſt mir lieber, daß die Kleine albern und eitel iſt, während ſie glaubt, ſie ſei geiſtreich, reizend und im Stande, die hubſcheſien Frauen dieſes Balles zu verdunkeln: Falſchheit, Albernheit und Eitel⸗ keit. man müßte ſehr ungeſchickt ſein, um ſich nicht mit Vortheil dieſer drei vortrefflichen Hebel zu bedienen. Greifen wir nun die große Frage an! Bei einer Albernen von dieſer Stärke iſt die Zurückhaltung unnöthig und man vermöchte die Schmeichelei nicht zu weit zu treiben; die Artigkeit muß bis zur Kriecherei gehen, denn die Kleine iſt ein durch das Glück verdorbenes Kind Sie weiß vollkommen, daß ſie ſich Alles erlauben kann, und daß man ihr Alles muß hingehen laſſen, weil ſie die reichſte Erbin Frankreichs iſt.“ Und auf ſeinen Platz zurückkehrend, ſagte Herr von Macreuſe zu Erneſtine: „Mein Fräulein, Sie haben mir vorhin meine Trau⸗ rigkeit vorgeworfen. . Sie dürfen nicht glauben, ich ſei nun vollkommen heiter, doch das Glück, bei Ihnen zu 20 ſein, betäubt mich . . . und ich bedarf ſo ſehr der Be⸗ täubung!“ „Warum, mein Herr?“ „Wenn Fräulein von Beaumesnil . indem fſie mich hoffen ließ, Sie haben mich vielleicht bemerkt Sie werden mich vielleicht . . . eines Tags .. wenn Sie mich genauer kennen, für würdig erachten, Ihnen mein Leben zu weihen . . . wenn Fräulein Helena ſich getäuſcht hätte „Ah! was Fräulein Helena betrifft; mein Herr, ge⸗ ſtehen Sie, daß ſie hübſch langweilig iſt.“ „Das iſt wahr. doch ſie iſt ſo gut!“ „Oh! gut! . . . das hat ſie nicht abgehalten, mir abſcheuliche Dinge von Ihnen vorzuſchwatzen.“ „Von mir?“ „Oder, wenn Sie lieber wollen, ſo viel Gutes, daß ich mir ſagte: „„Mein Gott! wie unerträglich muß dieſer Herr mit allen ſeinen guten Eigenſchaften ſein; ein ſo vollkommener Menſch muß äußerſt läſtig werden, und dann immer in der Meſſe, oder bei frommen Werken das iſt, um vor Langeweile zu ſterben.““ Ich ſagte dies Fräu⸗ lein Helena nicht, doch ich dachte es darum nicht minder. Urtheilen Sie alſo, mein Herr, ich, die ich nur heirathen will, um frei zu ſein wie die Luft, die ich mich vom Mor⸗ gen bis zum Abend beluſtigen, ſtets in Geſellſchaft den Ton angeben, die gefeiertſte Frau von Paris ſein, und beſonders auf den Ball der großen Oper gehen will . Oh! der Ball der großen Oper, ich werde närriſch, wenn ich nur daran denke.. Wozu ſollte es mich auch nützen, ſo reich zu ſein, wie ich bin, wenn nicht, um alle Ver⸗ gnügungen zu genießen und ganz nach meinem Willen zu thun? Das iſt doch das Wenigſte!“ „Wenn man reich iſt, wie Sie,“ ſagte Herr von Ma⸗ creuſe mit Begeiſterung, „ſo iſt man überall Königin, und beſonders in ſeinem eigenen Hauſe . . . Der Mann, den Sie mit Ihrer Wahl beehren, muß, um meine Vergleichung zu verfolgen, der erſte Miniſter Ihrer Vergnügungen .. 24 was ſage ich? Ihr erſter Höfling ſein: ſtets unterwürſig, ſtets eifrig und dienſtfertig, muß er es ſich zu ſeiner ein⸗ zigen Aufgabe machen, die leichteſten Sorgen des Lebens von Ihnen entfernt zu halten und Ihnen nur die Blüthen deſſelben zu laſſen .. Der Vogel in der Luft muß nicht freier ſein, als Sie; Ihre Vergnügungen, Ihr Wille, Ihre geringſten Launen. Alles muß Ihrem Gatten heitig ſein, wenn er ſeine Pflichten begreift. Iſt er nicht der Sklave? Sind Sie nicht die Gottheit?“ „So iſt es gut, mein Herr! das ſöhnt mich mit Ihnen aus; doch nach dem, was Fräulein Helena mir von Ihnen. geſagt hat.. nach dem, was ich ſelbſt geſehen habe . „Und was haben Sie geſehen, mein Fräulein?“ „Ich habe Sie zum Beiſpiel den Armen Almoſen geben und ſogar mit ihnen ſprechen ſehen.“ „Gewiß mein Fräulein und .. ich „Ich, mein Herr, ich habe einen Abſcheu vor den Armen Sie find ſo häßlich mit ihren Lumpen . das macht einem übel.“ „Es ſind allerdings abſcheuliche Bettler, mein Fräu⸗ lein; doch man muß von Zeit zu Zeit dieſem Lumpenpack ein Almoſen zuwerfen, wie man einem hungrigen Hund einen Knochen zuwirft, daß er uns nicht beißt; das iſt reine Politik.“ „Oh! mein Herr, dann begreife ich es, denn ich fragte mich, wie Sie ſich für Leute intereſſiren könnten, die ſo widrig anzuſchauen find.“ „Ei! mein Gott, mein Fräulein,“ erwiederte Ma⸗ creuſe immer eifriger, „Sie dürfen ſich nicht über gewiſſe ſcheinbare Widerſprüche zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit wundern . Beſtehen ſie, ſo find Sie die Urſache müſſen Ste dieſelben alfo nicht verzeihen ?. Was waren vorhin meine erſten Worte? . Geſtand ich Ihnen nicht, Sie haben mein Leben umgekehrt ?. Nun wohl! ja ich hatte Kummer, ich habe keinen mehr ich war fromm es gibt für mich nur Die ſieben Todſünden. MI. 3 — 5 22 noch eine Gottheit die Ihrige! .. . Was meine Tugenden betrifft,“ fügte Herr von Macreuſe fein lächelnd bei, „ſo dürfen Sie nicht erſchrecken . . . ich werde die⸗ jenigen behalten, welche Ihnen bequem ſind, und mich überglücklich fühlen, die anderen Ihnen zu Füßen legen zu dürfen.“ 3 „Ah! das iſt ſchändlich,“ ſagte Erneſtine zu ſich ſelbſt. . „um mich zu gewinnen, ſpielte dieſer Menſch den Tugendhaften, den Gottesfürchtigen, den Wohlthätigen, den guten Sohn, und nun verleugnet er ſeine Tugenden, ſeine Mildherzigkeit, ſeine Mutter, ſeinen Gott, um mir noch mehr zu gefallen und zu ſeinem Ziel zu gelangen . . mich um meines Geldes willen zu heirathen. .. und die abſcheulichen Neigungen, die ich heuchle, finden keinen Anſtoß bei ihm, er lobt ſie . . er begeiſtert ſich für dieſelben.“ Wenig an die Verſtellung gewöhnt, konnte Fräulein von Beaumesnil, welche ſich nur mit großer Anſtrengung die Rolle, die ihr Herrn von Macreuſe entlarven helfen ſollte, zu ſpielen gezwungen hatte, ihren Ekel, ihre Ver⸗ achtung nicht verbergen, und dies verrieth ſich wider ihren Willen bei den letzten Worten von Herrn von Macreuſe. Wie alle die Leute ſeiner Schule, ſtudirte dieſer un⸗ abläßig die Phyſiognomie der Menſchen, die er überzeugen oder betrügen wollte. Der ſchmerzliche Ausdruck der Züge von Fräulein von Beaumesnil, ihr bitter verächtliches Lächeln, eine Art von ungeduldig bewältigter Entrüſtung, die ſie in dieſem Augenblick kaum verhehlte dies Alles war für Herrn von Macreuſe eine plötzliche Offenbarung. „Ich bin gefangen,“ dachte er . . „Sie mißtraute mir, ſie wollte mich auf die Probe ſtellen . . . Sie gab ſich den Anſchein, als wäre ſie albern, launenhaft, gottlos, eitel, boshaft. ohne Zweifel, um zu ſehen, ob ich den Muth hätte, ſie zu tadeln . und ob meine Liebe gegen dieſe Entdeckung Stand halten würde . . Ich bin wie ein Dummkopf in's Garn gegangen Wie Teufels 23 hätte ich auch dieſem naiven Mädchen von ſechzehn Jah⸗ ren mißtrauen ſollen! . . . Aber,“ ſprach der geliebte Schüler des Abbé Ledoux, plötzlich von einem Gedanken berührt, zu ſich ſelbſt, „wenn ſie ſo ſchlimme Neigungen geheuchelt hat, ſo müſſen alſo ihre wirklichen Neigungen gut und edel ſein? Wollte ſie mich auf die Probe ſtellen, ſo hat ſie alſo Abſichten auf mich . MNoch habe ich nicht zu verzweifeln, und ich muß nur einen großen Schlag thun.“ Dieſe Betrachtungen des frommen jungen Mannes dauerten kaum einen Augenblick; doch der Augenblick ge⸗ nii ihm, um ſich auf eine neue Umwandlung vorzube⸗ reiten. Dieſer Augenblick hatte auch für Fräulein von Beau⸗ mesnil genügt, um ihre peinlichen Gefühle zu beſchwich⸗ tigen und wieder Muth zu faſſen, damit ſie ihre Prüfung, den Macreuſe mit Schmach und Verachtung bedeckend, beendigen könnte. „Wahrhaftig, mein Herr, Sie würden mir Ihre Tugen⸗ den zum Opfer bringen?“ ſagte Erneſtine; „man kann nicht liebenswürdiger ſein. . Doch der Contretanz iſt zu Ende ſtatt mich an meinen Plag zurückzuführen, führen Sie mich gefälligſt in jene Blumengallerie, die man durch den Salon ſieht .. das muß reizend ſein.“ „Ich fühle mich zu glücklich, Ihren Befehlen zu ge⸗ horchen, mein Fräulein, um ſo mehr, als ich Ihnen, wenn Sie mir erlauben, einige letzte Worte zu ſagen habe, und dieſe Worte werden ernſter Natur ſein.“ Der Ton von Herrn von Macreuſe hatte ſich völlig verändert, er war kurz, feſt, beinahe hart. Erneſtine ſchaute den frommen jungen Mann beinahe mit Verwunderung an er war wieder traurig ge⸗ worden, wie am Anfang des Contretanzes, doch nicht mehr von einer ſchwermüthigen und rührenden, ſondern von einer ſtrengen, beinahe erzürnten Traurigkeit. Immer mehr erſtaunt über dieſe Umwandlung, welche Macreuſe während der Gangs vom Salon in die Gallerie 24 vervollſtändigte, befeſtigte, fragte ſich Fräulein von Beau⸗ mesnil nach der Urſache dieſer ſeltſamen Veränderung. Die weite Gallerie, in die ſie nun eintrat, war an den Seiten mit Gefäſſen von Stuck voll von Blumen⸗ maſſen beſetzt; an einem der Enden ſah man ein glänzen⸗ des Buffet; beinahe alle Tänzer waren in dieſem Augen⸗ blick damit beſchäftigt, daß ſie ihre Tänzerinnen an ihren Platz zurückführten, es fanden ſich daher ſehr wenig Men⸗ ſchen in dieſer Gallerie, während einiger Augenblicke, welche Herrn von Macreuſe genügten, um zu ſagen, was er Erneſtine zu ſagen hatte. „Darf ich wiſſen, mein Herr,“ fragte lächelnd, um ihre Rolle fortzuſetzen, die Waiſe, welche die plötzliche Strenge in den Zügen ihres Tänzers durchaus nicht be⸗ griff, „darf ich wiſſen, welche ernſte Worte Sie mir zu ſagen haben? Ernſt? das grenzt an das Lang⸗ weilige, wie mir ſcheint, und Sie wiſſen, ich habe einen Abſcheu vor Allem, was langweilig iſt.“ „Langweilig oder ernſt, Sie werden doch wohl die Güte haben, dieſe Worte anzuhören, mein Fräulein, denn es ſind die letzten, die Sie von mir hören ſollen.“ „Die letzten dieſes Contretanzes wahrſcheinlich?“ „Es ſind die letzten Worte, die ich Ihnen in meinem Leben ſage, mein Fräulein.“ Es lag in der Stimme, in den Zügen, in der Hal⸗ ung des frommen jungen Mannes etwas ſo Schmerzliches und ſo Stolzes, daß Fräulein von Beaumesnil darüber ganz verblüfft war. „ Doch jie erwiederte, indem ſie immer noch zu lächeln uchte: „Wie, mein Herr? ich werde Sie nicht mehr ſehen? nach dem, was mir Fräulein Helena von Ihnen geſagt hat . „Hören Sie, mein Fräulein,“ unterbrach Herr von Macreuſe Erneſtine, „es iſt mir unmöglich, mich länger zu verſtellen länger eine Sprache zu ſprechen, die nicht die meinige iſt.“ „— 25 „Welche Verſtellung meinen Sie, mein Herr?“ „Um hierherzukommen, mein Fräulein, mußte ich furchtbaren Kummer unterdrücken, denn ich hoffte Sie zu ſehen, und beſonders in Ihnen das fromme, gefühlvolle, edelherzige, reine Mädchen zu finden, das Fräulein Helena für meine Ruhe nur zu ſehr gelobt hatte . . An dieſes junge Mädchen richtete ich meine erſten Worte, die das Gepräge der Traurigkeit an ſich trugen; doch ſie wurden gleich von Anfang an mit Spott, mit Leichtfertigkeit auf⸗ genommen.“ „Was höre ich? welche Sprache?“ ſagte Erneſtine zu ſich ſelbſt, „worauf zielt er ab?“ „Da regte ſich ein gräßlicher Zweifel in meinem Innern,“ fuhr Herr von Macreuſe mit bitterem Lächeln fort. „Ich ſagte mir, mein Fräulein, Sie beſitzen vielleicht die ſeltenen Eigenſchaften, die ich anbetete und die ich bei Ihnen zu finden glaubte, nicht . . . Ich wollte mich Anfangs in eine ſo traurige Entdeckung nicht fügen . . . indem ich Ihre erſten Worte dem leichten Sinn, der Unbe⸗ ſonnenheit Ihres Alters zuſchrieb . . . Aber, ach! der Spott, die Trockenheit des Herzens, die Religionsverach⸗ tung, die Eitelkeit ſchienen mir überall bei Ihrem Geſpräch durchzudringen . . Dann wollte ich mir volles Licht verſchaſſen, und obgleich mein Herz jeden Augenblick blutete, ſtrengte ich mich doch an, mit Ihnen an Unempfindlichkeit gegen Alles, was Mitleid verdient, an Verachtung gegen Alles, was heilig iſt, zu wetteifern. .. Ich ging ſo weit, daß ich mir den Anſchein gab, als verleugnete ich, was mir theurer iſt, als das Leben, meine Religion und das An⸗ denken meiner Mutter, meiner armen Mutter“ .. (Und eine halb zurückgehaltene Thräne glänzte zu geeigneter Zeit in den Augen des Schülers des Abbé Ledour). „Das war eine Prüfung,“ dachte Erneſtine. „Ich heuchelte die laſterhafteſten Gefühle, die gott⸗ loſeſten Grundſätze,“ fügte Herr von Macreuſe mit ge⸗ drängter Entrüſtung bei .. . „doch von Ihrer Seite nicht ein Wort des Tadels nicht einmal ein Zeichen des 26 Erſtaunens! Ich trieb die Schmeichelei, die Feigheit, die Gemeinheit auf den höchſten Grad . und Sie blieben ruhig, ſiets ſcherzhaft, Sie billigten meine Worte, ſtatt die Verachtung über mich zu verhängen, die ich verdiente. . . Nun! es iſt geſchehen . Verzeihen Sie die Strenge einer Sprache, an die Sie wenig gewohnt ſind, mein Fräulein, doch wiſſen Sie, ich werde mein Leben nur einer Frau weihen, die in jever Hinſicht meiner Liebe und mei⸗ ner Ehrfurcht würdig iſt.“ Und mit einer ſtrengen, aber tief betrübten Miene verbeugte ſich Herr von Macreuſe vor Erneſtine und ver⸗ ließ das erſtaunte Mädchen. „Ah! .. Gvott ſei Dank, ich täuſchte mich!“ dachte das arme Kind voll Glück, „ſo viel Heuchelei, ſo viel Falſchheit, ſo viel Gemeinheit waren nicht möglich! .. Herr von Macreuſe war empört von dem Anſchein, den ich mir gegeben hatte, und ich ſehe, es iſt eine aufrichtige, erhabene Seele.“ Die Betrachtungen dieſes naiven Geſchöpfes, das an Liſt mit dem Gründer des Werkes vom heiligen Po⸗ lykarp nicht wetteifern konnte, wurden durch die Damen von la Rochaigue und Senneterre unterbrochen; da dieſe Fräulein von Beaumesnil mit Herrn von Macreuſe in die Gallerie eintreten ſahen, folgten ſie ihr raſch, im Glauben, das Mädchen wolle Eis am Buffet nehmen; als ſie aber die zwei Frauen allein fanden, fragte Frau von la Ro⸗ chaigue: 5 „Nun! meine liebe Schöne, was machen Sie denn da?“ „Ich wollte ein wenig hier athmen, Madame, es iſt ſo heiß im Salon!“ „Aber, meine liebe Schöne, vieſe Gallerie iſt zu kühl. Sie laufen Gefahr, den Schnupfen zu bekommen. Es iſt beſſer, wenn Sie in den Salon zurückkehren.“ „Wie es Ihnen beliebt, Madame,“ erwiederte Fräu⸗ lein von Beaumesnil, und begleitete dann die Damen von Senneterre und la Rochaigue in den Ballſaal. 27 In dem Augenblick, wo Erneſtine in den Salon ein⸗ trat, bemerkte ſie Herrn von Macreuſe, der einen troſt⸗ loſen Blick auf ſie heftete; doch er wandte ſich eiligſt um, als befürchtete er, das Mädchen könnte die ſchmerzliche Gemüthsbewegung, die er zu fühlen und verbergen zu wollen ſchien, wahrnehmen. Yrittes Rapitel. Als Fräulein von Beaumesnil in den Ballſaal zu⸗ rückkehrte, erblickte ſie unfern von dem Platz, den ſie ver⸗ laſſen hatte, Gerald von Senneterre, der an einen Thür⸗ rahmen angelehnt ſtand; er war ſehr bleich und ſchien äußerſt traurig zu ſein. Bei dem Anblick des Herzogs von Senneterre erin⸗ nerte ſich Erneſtine der Verzweiflung ihrer Freundin und fragte ſich, wie Gerald trotz ſeiner Liebe für Herminie und trotz ſeines Anerbietens, ſie zu heirathen, auf dieſen Ball komme, wo ihm durch Frau von la Rochaigue ein Zuſammentreffen mit ihr, Erneſtine, veranſtaltet worden ſei. Während Frau von Senneterre die reichſte Erbin Frankreichs an ihren Platz zurückführte, ſagte ſie zu ihr mit der reizendſten Freundlichkeit: Mein Fräulein, ich bin beauftragt, Sie im Namen meines Sohnes um eine Gunſt zu bitten.“ „Um welche, Madame?“ „Er bittet Sie, ihm den erſten Contretanz zu bewil⸗ ligen, obgleich er dieſen Abend nicht tanzt . . . denn er 28 war und iſt immer noch furchtbar leidend . es bedurfte für ihn auch eines übermenſchlichen Muthes, um auf dieſen Ball zu kommen doch er hofſte die Ehre zu haben, Sie hier zu treffen, mein Fräulein, und eine ſolche Hoff⸗ nung bewirkt Wunder.“ „Aber, Madame, wozu nützt es, mich zu engagiren, wenn Herr von Senneterre nicht tanzt?“ „Das iſt ein Geheimniß, das er Ihnen ſagen will, wenn die Menge der ehrgeizigen Tänzer, die Sie mit Auffor⸗ derungen überfallen werden, verlauſen ſein wird. Wollen Sie ſich nur gefälligſt erinnern, daß der erſte Contretanz meinem Sohn gehört, wenn Sie überhaupt ihm dieſe Gunſt zu bewilligen die Güte haben.“ „Mit dem groͤßten Vergnügen, Madame.“ „Bewahren Sie mir einen Platz neben Ihnen, meine Liebe,“ ſagte die Herzogin zu Frau von la Rochaigue, weggehend, „ich will Gerald in Kenntniß ſetzen.“ In Erwartung von Herrn von Senneterre, dachte Fräulein von Beaumesnil mit der unſchuldsvollen Zufrie⸗ denheit eines redlichen Herzens, Herr von Macreuſe habe ſie in ihren Befürchtungen getäuſcht; je mehr ſie es ſich überlegte, deſto mehr geſiel ihr das Benehmen des jungen Mannes, gerade wegen ſeiner Härte; ſie ſtellte dieſe ſtrenge Offenherzigkeit beinahe auf das Niveau des Gefühls, das ſie bei Olivier errathen zu haben glaubte, als dieſer, da er unvermuthet erfuhr, er ſei zum Officier ernannt wor⸗ den, auf Erneſtine einen Blick warf, deſſen edelmüthige Bedeutung ſie begriff. „Das find alſo zwei edle und ſchöne Seelen,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt. Doch bald wurde Fräulein von Beaumesnil dieſen tröſtlichen und ſüßen Gedanken entzogen: kaum ſaß ſie, als ſie wirklich, wie es Frau von Senneterre geſagt hatte, mitz Aufforderungen überfallen wurde; entſchloſſen, viel zu beobachten und zu horchen, nahm Fräulein von Beaumes⸗ nil alle an und unter anderen auch die von Herrn von Mornand, welcher nach der Gerald gemachten Zuſage kam. 29 Sehr ungeduldig, die Abſicht des Letzteren kennen zu lernen und zu erfahren, warum er ſie, während er nicht tanzte, engagirt hatte, wartete Erneſtine mit eben ſo viel Theilnahme, als Neugierde auf den Augenblick, wo Gerald ſich ihr nähern würde. Endlich ſah ſie ihn ſeinen Platz verlaſſen, nachdem er einige Worte Herrn von Maillefort, den Erneſtine zum erſten Mal ſeit ihrem geheimnißvollen bei Herminie wiederſah, in's Ohr geſagt atte. S Bei dem Anblick des Buckeligen konnte ſich Herminie des Errothens nicht erwehren; als ſie jedoch die Augen zu ihm aufzuſchlagen wagte, war ſie gerührt von dem Ausdruck zarter Sorge, mit dem er ſie betrachtete, und bei einem Lächeln des Einverſtändniſſes, das er an ſie richtete, fühlte ſie ſich völlig über die Verſchwiegenheit des Marquis beruhigt. Als der Augenblick, die Plätze für den Contretanz zu nehmen, gekommen war, näherte ſich Gerald Fräulein von Beaumesnil und ſagte zu ihr: „Ich komme, mein Fräulein, um Ihnen für die Zu⸗ ſage, die Sie gütigſt meiner Mutter geleiſtet haben, zu danken . . .“ „Und ich bin geneigt, ſie zu erfüllen, wenn ich erfah⸗ ren werde . . .“ „Warum ich Sie, während ich nicht tanze, für dieſen Contretanz habe bitten laſſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Mein Gott, mein Fräulein,“ ſprach Gerald, trotz ſeiner Traurigkeit lächelnd, „es handelt ſich um eine Neue⸗ rung, welche, ich bin es feſt überzeugt, viel Erfolg hätte, wenn ſie angenommen würde.“ „Dieſe Neuerung, mein Herr?“ „Für viele Perſonen, und ich geſtehe, daß ich zu der Zahl derſelben gehöre, iſt der Contretanz nur ein Vor⸗ wand zu einem Geſpräch, das eine Viertelſtunde dauert. .. Nun! warum nicht ganz einfach ſagen: Madame oder licher Süßigkeit das Herz von Fräulein von Beaumesnil 30 mein Fräulein, wollen Sie mir die Ehre erweiſen, die nächſte Viertelſtunde mit mir zu plaudern?“ „In der That, mein Herr, das wäre zuweilen beſſer für die Männer oder für die Frauen, welche zu plaudern wiſſen,“ erwiederte Erneſtine lächelnd. „Ich meinte auch nur dieſe, mein Fräulein, und da man, um zu plaudern, ſich unendlich viel behaglicher auf einem Sopha fühlt, als ſtehend, ſo würde man ſich für dieſen geplauderten Contretanz ſetzen.“ „Wahrhaftig, mein Herr, ich finde, das iſt eine ſehr glückliche Idee.“ „Und Sie nehmen ſie an?“ „Gewiß,“ antwortete Erneſtine, indem ſie ein wenig näher zu Frau von la Rochaigue rückte und dadurch Ge⸗ rald an ihrer Seite Platz machte. Da nun die Tänzer und die Tänzerinnen ihre Stelle einnahmen, ſo blieb ein großer Theil der Sitze leer. Gerald, der keinen Nachbar neben ſich hatte, konnte ſo mit Erneſtine ohne Furcht, gehört zu werden, ſprechen, während Frau von la Rochaigue, um ihrem Günſtling mehr Freiheit zu laſſen, ſich ein wenig von Fräulein von Beaumesnil entfernte und Frau von Senneterre näherte. Beide ſchienen ſo dem Geſpräch von Gerald und Erneſtine, das fie ſo viel als möglich erleichterten, völlig fremd zu ſein. Bis dahin hatte Herr von Senneterre, obgleich er viel auf dem Herzen zu haben ſchien, mit einer heiteren Sicherheit geſprochen; als er aber ſo zu ſagen mit Fräu⸗ lein von Beaumesnil allein war, drückten ſeine Züge, ſein Ton die ernſteſte, rührendſte Theilnahme aus. „Mein Fräulein,“ ſagte er zu der Waiſe mit einem innigen Ton, von dem ſie Anfangs betroffen war, „obgleich dieſen Abend leidend, wollte ich doch auf den Ball kom⸗ men, um bei Ihnen die Pflicht eines redlichen Mannes zu erfüllen.“ Bei dieſen Worten dehnte eine Ahnung von unend⸗ 31 aus. Gerald wollte Herminie nicht hintergehen; ohne Zweifel würde er ihr, Erneſtine, mittheilen, warum er noch ſich um ihre Hand zu bewerben ſchien. „Mein Fräulein,“ ſagte Gerald, „wiſſen Sie, wie man eine Erbin heirathet?“ Und als ihn Fräulein von Beaumesnil erſtaunt an⸗ ſchaute, fuhr Gerald fort: „Ich will es Ihnen mittheilen, mein Fräulein, und möchte Sie dieſe Lehre vor vlelen Fallen bewahren .. Eine Mutter . . meine Mutter, zum Beiſpiel . . . die beſte, die würdigſte Frau, erfährt, die reichſte Erbin Frankreichs ſei zu heirathen . . . Geblendet durch die Vortheile, die mir eine ſolche Heirath bringen kann, bekümmert ſich meine Mutter weder um den Charakter, noch um die Perſon dieſer Erbin . . . Sie hat ſie nie geſehen, denn die reiche Erbin iſt noch im Ausland Gleichviel, es handelt ſich darum, mir, wo möglich ein ungeheures Vermögen zu ſichern und zu dieſem Ende ſind alle Mittel gut . . . Einer Verirrung mütter⸗ licher Liebe nachgebend, läuft meine Mutter zu der Vor⸗ münderin der Waiſe; dort wird verabredet, daß die Erbin, ein armes Kind von ſechzehn Jahren, ſchwach, wehrlos, unbekannt mit den Intriguen der Welt, bei ihrer Ankunft ſo von Einflüſſen umgeben und beherrſcht werden ſoll, daß ihre Wahl nothwendig auf mich fallen müſſe. Dieſer abſcheuliche Handel wird abgeſchloſſen, Alles iſt verabredet, mein Fräulein, Alles bis auf die Art, wie ich ihr zu fäl⸗ lig vorgeſtellt werden ſoll . . . Alles . . . bis auf die mehr oder minder vortheilhafte Kleidung, die ich an dieſem Tag tragen ſoll . . . Das iſt kindiſch, aber zugleich trau⸗ rig. .. Alles iſt abgeſchloſſen . . . und ich bin von nichts unterrichtet . . . Und die Erbin, welche noch hun⸗ dert Meilen von Paris entfernt iſt, kennt mich ebenſo wenig, als ich ſie kenne! . . . Endlich kommt ſie an . . Da theilt mir meine Mutter ihre Pläne mit . . . ſie zweifelt nicht, ich werde mit Freuden der unerwarteten Chance, die ſich mir bietet, nachlaufen . . . Doch ich 32 weigere mich Anfangs und ich ſagte, was auch der Wahr⸗ heit entſprach, ich hätte keinen Geſchmack am Heirathen und würde ohne Zweifel einen ſehr ſchlechteni Ehemann geben „„Was liegt dar an?““ erwiederte meine Mut⸗ ter, „h eirathe immerhin ſie iſt ſo reich.““ Auf eine Bewegung von Erneſtine, fügte Gerald bei: „Und meine Mutter iſt doch ſo ehrenhaft und ſo ge⸗ ehrt, als irgend Jemand .. Aber wenn Sie wüßten, welchen unſeligen Einfluß das Geld ausübt „Meine Liebe,“ ſagte leiſe die Herzogin von Senne⸗ terre zu Frau von la Rochaigue, während Gerald ſo zu Erneſtine ſprach, welche ihm mit wachſendem Glück zu⸗ hörte, „meine Liebe, vernehmen Sie etwas?“ „Nein,“ erwiederte ebenſo leiſe Frau von la Rochai⸗ gue; „doch mir ſcheint, die Kleine hört Gerald mit dem größten Intereſſe zu; ich ſchaue ſie an, ohne daß ſie mich ſieht .. . Ihr Geſicht kommt mir zugleich bewegt und ſtrahlend vor.“ „Ich bin meiner Sache bei Gerald ſicher: wenn er will, iſt er unwiderſtehlich,“ ſagte die Herzogin ganz ent⸗ zückt; „die Kleine gehört uns! .. Und es war albern von mir, mich darüber zu ärgern, daß dieſer elende Ma⸗ ereuſe die Frechheit hatte, ſie zum Tanzen aufzufordern.“ „Anfangs,“ fuhr Gerald fort, „weigerte ich mich, wie geſagt, nur an dieſe Heirath zu denken .. ich han⸗ delte als ehrlicher Mann . . . dann ließen mich leider das Zureden meiner Mutter, die Furcht, ſie zu betrüben, der Aerger über einen verhaßten Nebenbuhler und, was weiß ich, vielleicht ſogar meiner unbewußt, der Köder dieſes ungeheuren Vermögens von der Redlichkeit meiner erſten Weigerung abgehen. Ich beſchloß, dieſe Erbin zu heirathen, auf die Gefahr, ſie zum unglücklichſten Geſchöpf zu machen, denn eine auf die Habgier gegründete Heirath iſt immer etwas Unſeliges.“ „Nun, mein Herr, haben Sie dieſen Entſchluß ver⸗ folgt?? „Die Unterredung mit zwei Freunden, Leuten von 33 Gemüth, öffnete mir die Augen; ich ſah, daß ich auf einem ſchlechten, meiner und derer, die mich liebten, unwürdigen Weg war; nur wurde verabredet, daß ich mich, um meine Mutter einiger Maßen in ihren Wiünſchen zufrieden zu ſtellen, mit dieſer reichen Erbin zuſammenfinden ſollte, und daß ich, wenn ich ſie ſehen, wenn ich ſie kennen lernen würde, wenn ich ſie envlich lieben würde, wie ich ein Mädchen ohne Namen und ohne Vermögen geliebt hätte, es meinerſeits verſuchen könnte, mich von ihr auszeichnen zu laſſen.“ „Nun, mein Herr, haben Sie dieſe Erbin geſehen?“ „Ja, mein Fräulein, doch es war dann zu ſpät.“ „Zu ſpät?“ „Eine ebenſo plötzlich entſtandene, als ehrenhafte und aufrichtige Zuneigung für eine Perſon, die dieſelbe verdiente, in jeder Hinſicht verdient, erlaubte mir nicht mehr, diejenige, welche ich nach dem ſehnlichſten Wunſche meiner Mutter heirathen ſoll, nach ihrem wahren Werthe zu ſchätzen.“ Bei dieſem Geſtändniß voll Redlichkeit und Zartge⸗ fühl, denn es ſchonte die Eitelkeit von Fräulein von Beau⸗ mesnil, konnte Erneſtine eine Bewegung tiefer Freude nicht mehr zurückdrängen. . Gerald liebte Herminie, wie ſie geliebt zu ſein wür⸗ dig war, und er gab einen neuen Beweis von der Erha⸗ S ſeines Charakters durch ſein Benehmen gegen Er⸗ neſtine. Das freudige Beben der Waiſe war der aufmerkſa⸗ men und eigennützigen Beobachtung von Frau von la Rochaigue nicht entgangen; ſie ſagte leiſe zu der Herzo⸗ gin von Senneterre: „Das geht immer beſſer, ſchauen Sie doch Fräulein von Beaumesnil an, wie ihre Augen glänzen, wie belebt, wie entzückt ihr Geſicht ausfieht.“ „Wahrhaftig,“ ſprach die Herzogin, ein wenig vor⸗ rückend, um Erneſtine anzuſchauen, „die arme Kleine wird beinahe hübſch, während ſie Gerald zuhört.“ „Es iſt der ſchönſte Triumph der Liebe, den Gegen⸗ ſtand, den man verführt, zu verwandeln, meine liebe Her⸗ zogin, erwiederte Frau von la Rochaigue lächelnd; „ich bin feſt überzeugt, Ihr Sohn fühlt dieſen Triumph.“ „Herr von Senmneterre,“ ſagte Erneſtine zu Gerald, „ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit und Ihren Rath, der vielleicht ſchon mehr, als Sie denken, gerecht⸗ fertigt iſt. Doch obgleich mich Ihre Gegenwarz hier zu glücklich macht, als daß ich darüber ſtaunen ſollte, möchte ich wohl wiſſen . . .“ „Warum ich trotz meines Entſchlußes dieſen Abend hierhergekommen bin, mein Fräulein? Ei! mein Gott! weil ich dieſe Gelegenheit, die einzige vielleicht, die mich in Ihre Nähe bringen konnte, benützen und ein wenig insgeheim mit Ihnen zu ſprechen mir erlauben wollte. .. Indem ich bis auf dieſen Tag meine Mutter im Irrthum ließ, dürfte ich vielleicht im Stande ſein, Sie vor vielen Plänen, wie der, an welchem ich mich beinahe einen Au⸗ genblick mitſchuldig gemacht hätte, zu bewahren, denn ich befürchte, wenige Menſchen werden ſich ſo bedenklich zeigen⸗ wie ich. Ihr Vormund und ſeine Familie werden zu allen Intriguen behülflich ſein, die ihrem Intereſſe entſprechen. um Ihr Glück, um Ihre Zukunft kümmern ſie ſich nicht!. . . Das iſt ſchmerzlich, mein Fräulein, ſehr ſchmerzlich, und es wäre mir doppelt grauſam geweſen, in Ihr Gemüth Mißtrauen und Unruhe zu bringen, hätte ich Ihnen nicht zugleich ein edles, erhabenes Herz, einen Mann bezeichnen können, der ebenſo ſehr von den Boͤſen und Feigen gefürchtet, als von redlichen Leuten geliebt wird . . Zu dieſem Mann, mein Fräulein, haben Sie Vertrauen, jegliches Vertrauen! .. Man hat ihn, glaube ich, in Ihren Augen verleumdet.“ „Sie meinen Herr von Maillefort?“ „Ja, mein Fräulein . . . Glauben Sie mir, Sie wer⸗ den nie einen ſicherern, einen ergebeneren Freund finden! Im Zweifel wenden Sie ſich an ihn . Es gibt keinen geraderen und zugleich ſchärferen Geiſt, als den ſeinigen.. 35 Von ihm geleitet, werden Ste vor allen Fallen, die man Ihnen ſtellen dürfte, und von denen Sie vielleicht ſchon umgeben ſind, bewahrt ſein.“ „Herr von Senneterre, ich werde Ihren Rath nicht vergeſſen. Ein Gefühl lebhafter Sympathie für Herrn von Maillefort folgte bei mir auf eine, einzig und allein durch unwürdige Verleumdungen veranlaßte, Abneigung, die ich bedaure.“ „Nun iſt unſer Contretanz zu Ende, mein Fräulein,“ ſagte Gerald, der zu lächeln ſuchte, „ich habe den glück⸗ lichen Umſtand, der mir geboten war, benützt. Morgen wird meine Mutter, obgleich es mich große Ueberwindung it ihr Kummer zu machen, meinen Entſchluß er⸗ ahren.“ Erneſtine fühlte ſich ſchmerzlich ergriffen bei dem Gedanken, Gerald würde vielleicht am andern Tag ſeiner Mutter ſeine Liebe für Herminie geſtehen. Wie groß würde der Zorn von Frau von Senneterre ſein! Ihr Sohn eine Waiſe ohne Namen, ohne der reichſten Erbin Frankreichs vor⸗ ziehen . Und obgleich ſie die Bedingung nicht wußte, welche die ſtolze Herminie für ihre Verheirathung mit Gerald geſtellt hatte, fühlte ſie doch wohl, mit welchen Schwie⸗ rigkeiten dieſe Verbindung verknüpft ſein müßte, und ſie erwiederte deshalb mit traurigem Ton: „Glauben Sie mir, Herr von Senneterre, daß ich in Erwiederung der edelmüthigen Theilnahme, die Sie mir bezeigen, die glühendſten, die aufrichtigſten Wünſche für Ihr Glück und für das der Perſon hege, die Sie lieben . Nun, guten Abend, Herr von Senneterre; ich hoffe, Ihnen eines Tages beweiſen zu können, wie ſehr mich das Edle Ihres Benehmens gegen mich gerührt hat.“ Der Contretanz war wirklich zu Ende, und mehrere Frauen nahmen wieder ihre Plätze in der Nähe von Fräulein von Beaumesnil. Gerald grüßte die Waiſe und ſchickte ſich an, da er 36 ſich ſehr ermüdet und ſehr leidend fühlte, den Ball zu verlaſſen. Entzückt über die günſtigen Symptome, die ſie, wie Frau von la Rochaigue, auf dem Geſichte von Erneſtine wahrzunehmen geglaubt hatte, ſagte Frau von Senneterre leiſe zur Baronin: „Meine Liebe, ſuchen Sie doch zu erfahren, welche Wirkung Gerald hervorgebracht hat.“ Frau von la Rochaigue neigte ſich an das Ohr von Fräulein von Beaumesnil und fragte: „Nun, meine liebe Schöne, nicht wahr, er iſt reizend „Oh! Madame, man kann unmöglich liebenswürdi⸗ ger ſein, unmöglich zartere, erhabenere Gefühle offenbaren.“ „Dann, meine liebe Schoͤne, ſind Sie Herzo gin von Senneterre. Das hängt nur noch von Ihnen ab Auf, ſagen Sie mir geſchwinde ein gutes Jal⸗ „Madame, Sie ſetzen mich ſehr in Verlegenheit,“ erwiederte Erneſtine die Augen niederſchlagend. „Gut, gut! ich begreife,“ ſprach entzückt Frau von la Rochaigue, denn ſie glaubte, nur eine keuſche Zurück⸗ haltung hindere Erneſtine, ſogleich zu geſtehen, daß ſie Gerald heirathen wolle. „Nun, meine Liebe,“ ſagte Frau von Senneterre zur Baronin, indem ſie ſie leicht mit dem Ellenbogen ſtieß, „nicht wahr, er hat ihr den Kopf verdreht?“ „Ganz und gar, meine liebe Herzogin; doch geben Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie uns ſchnell Herrn von Senneterre ſeinen Sieg verkündigen.“ „Ah! endlich haben wir das liebe Kind, und das iſt nicht ohne Mühe abgegangen! Gerald iſt nun der reichſte Mann Frankreichs. Was unſere kleine Privat⸗ übereinkunft betrifft, meine liebe Baronin,“ fügte Frau von Senneterre ganz leiſe bei, „ſo brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, mit welcher Pünktlichkeit, mit welcher Redlichkeit ſie gehalten werden wird Es verſteht ſich, ich habe meinem Sohn nichts davon mitgetheilt, doch ich verbürge mich für ihn!“ 37 „Sprechen wir nicht hievon, meine liebe Herzogin; nur, da Frau von Mirecourt bei dem Allem vortrefflich geweſen iſt, möchte ich Sie fragen, finden Sie nicht, daß es anſtändig wäre, ſie. . .“ „Ganz natürlich,“ ſagte Frau von Senneterre, die Baronin unterbrechend, „nichts kann billiger ſein . . . und wir reden noch darüber . . . Wir wollen nun raſch Gerald aufſuchen . . . Sehen Sie ihn?“ „Nein, meine liebe Herzogin; doch er iſt ohne Zwei⸗ fel in der Gallerie, kommen Sie.“ Dann ſich an Erneſtine wendend, ſagte Frau von la Rochaigue: „Wir laſſen Sie einen Augenblick allein, meine liebe Schöne . . . Wir wollen ganz einfach Einen närriſch vor Freude machen.“ Und ohne die Antwort von Erneſtine abzuwarten, gab Frau von la Rochaigue Frau von Senneterre ihren Arm, und Beide wandten ſich mit haſtigen Schritten nach der Gallerie. . Herr von Maillefort, der den Abgang der zwei Frauen belauert zu haben ſchien, näherte ſich Fräulein von Beaumesnil, grüßte ſie und nahm, von dem Vorrecht ſeines Alters Gebrauch machend, den durch Frau von la Rochaigue leer gewordenen Platz ein. Die ſieben Todſünden. III. 4 Piertes Rapitel. Als Herr von Maillefort neben Fräulein von Beau⸗ mesnil ſaß, ſagte er lächelnd zu ihr: „Sie haben alſo keine Angſt mehr vor mir?“ „Ah! mein Herr,“ erwiederte Erneſtine, „ich bin ſehr glücklich, daß ſich mir dieſe Gelegenheit bietet, Ihnen zu danken.“ „Für meine Verſchwiegenheit?. . . Seien Sie un⸗ beſorgt, ſie iſt feuerfeſt . . ich gebe Ihnen mein Wort, daß nie ein Menſch erfahren wird, ich habe Sie bei dem girtite bei dem beſten Geſchöpf getroffen, das ich enne.“ „Nicht wahr, mein Herr? Und daß ich Herminie kenne, La ich Ihnen zu verdanken.“ r 2 7 „Erinnern Sie ſich, daß Sie mich eines Tags vor Fräulein Helena ſehr traurige, aber leider ſehr wahre Worte hören ließen?“ 8 „Armes Kind! . . . Ich ſah Ihre Abneigung gegen mich; ich konnte nicht mit Ihnen allein ſein, und mußte Ihnen doch, während ich andererſeits über Ihnen wachte, um jeden Preis die Augen über die erbärmlichen Schmei⸗ cheleien öffnen, von denen Sie bethört, deren Opfer Sie werden konnten.“ „Nun wohl, Herr Marquis, Ihre Worte haben mir die Augen geöffnet; ich habe geſehen, daß man mich täuſchte, daß ich vielleicht auf dem Punkt war, ſo vielen lügenhaften Schmeicheleien Glauben zu ſchenken; da faßte ich einen verzweifelten Entſchluß, verſtändigte mich, um die Wahrheit über mich ſelbſt zu erfahren, mit meiner Gouvernante, und bei einem Ball, den eine ihrer Freun⸗ 39 dinnen gab, ſtellte ſie mich als eine Waiſe ohne Namen und ohne Vermögen vor.“ „Und in dieſer Geſellſchaft fanden Sie Herminie; ſie hat es mir geſagt, und ich verſtehe nun Alles .Sie wollten alſo Ihren eigenen Werth kennen lernen?“ „Ja, mein Herr.. Dieſe Prüfung war peinlich, aber nützlich; ſie lehrte mich unter Anderem den Werth und die Aufrichtigkeit des Eifers, den man dieſen Abend gegen mich kundgibt, ſchätzen.“ Und als der Buckelige, nur mit Mühe die Bewe⸗ gung in ſeinem Innern bewältigend, Erneſtine ſtillſchwei⸗ gend, tief gerührt durch die Entſchloßenheit des Mädchens anſchaute, ſagte ſie ſchüchtern: „Sie tadeln mich vielleicht, Herr Marquis?“ „Sie tadeln! armes Kind! oh! nein! .. es find nur die Menſchen zu tadeln, deren unwürdiges, niedriges Benehmen Sie zu dieſem Entſchluß gebracht hat, den ich bewundere, denn Sie wiſſen ſelbſt nicht, was Alles Erhabenes und Muthiges in Ihrem Benehmen Ein Mann von reiferem Alter näherte ſich dem Ca⸗ napé, auf welchem Herr von Maillefort neben Erneſtine ſaß, ſtützte ſich auf die Lehne und ſagte leiſe zu dem Buckeligen: 6 „Herr Marquis, die Herren von Morainville und von Hauterive ſtehen zu Ihren Befehlen, ſie warten dort bei der Thüre.“ „Sehr gut, mein Lieber; tauſend Dank für Ihre Artigkeit und für die dieſer Herren . . Sie haben ſie unterrichtet?“ „Von Allem.“ „Sie nehmen an?“ „Das iſt ganz einfach! Wie ſollte man einer ſolchen Aufforderung nicht entſprechen?“ Vortrefflich!“ ſagte der Marquis. Und ſich an Fräulein von Beaumesnil wendend: „Für welchen Contretanz ſind Sie von Herrn von Mornand engagirt?“ 40 „Für den, welchen man ſogleich tanzen wird,“ ant⸗ wortete Erneſtine, ſehr erſtaunt über dieſe Frage. „Sie hören, mein lieber Freund,“ ſprach Herr von Maillefort zu dem Herrn, der ihn vorher angeredet hatte, „der nächſte Contrekanz . . .“ „Sehr gut, mein lieber Marquis,“ ſagte der Freund von Herrn von Malllefort. „Und er ging auf die Herren von Morainville und Hauterive zu, ſprach ihnen ins Ohr, und Beide machten ein Zeichen der Beiſtimmung. „Mein liebes Kind,“ fuhr der Marquis gegen Fräu⸗ lein von Beaumesnil fort, „ohne daß es gerade das An⸗ ſehen hatte, habe ich mich doch ſeit einiger Zeit ſehr viel mit Ihnen beſchäftigt, denn ich muß Ihnen ſagen, daß ich, obgleich Sie mich in Ihrer Jugend wenig bei Ihrer ar⸗ men Mutter ſahen, doch einer ihrer Freunde, ihrer beſten Freunde war.“ „Ah! Herr Marquis, ich hätte das früher ahnen ſollen .. denn man verleumdete Sie fortwährend bei mir.“ „Das mußte ſo ſein. Nun nur zwei Worte: Herr von la Rochaigue hat mit Ihnen oft von Herrn von Mornand als einem Bewerber um Ihre Hand geſprochen und Ihnen geſagt, Sie könnten keine beſſere Wahl treffen.“ „Ja, mein Herr.“ „Armes Kind!“ ſagte der Marquis voll Mitleid und fuhr dann fort: „Fräulein Helena, die fromme, die redliche Perſon, hat dasſelbe über Herrn Celeſtin von Macreuſe, auch ei⸗ nem redlichen und frommen Menſchen, geſprochen?“ Als die Waiſe das bittere, ſpöttiſche Lächeln des Marquis bemerkte, da er der Redlichkeit und Frömmigkeit des Schülers des Abbé Ledour erwähnte, ſagte ſie zu dem Buckeligen: „Herr Marquis, Sie haben vielleicht eine ſchlimme Meinung von Herrn von Maecreuſe?“ „Vielleicht . . . nein, bei Gott! melne Meinung über ihn ſteht ſehr feſt.“ „Dieſes Mißtrauen gegen den Charakter von Herrn von Macreuſe habe ich gefühlt, wie Sie,“ ſagte Fräulein von Beaumesnil. „Ah! deſto beſſer . . . vor Allen war dieſer Elende derjenige, welcher mir am meiſten Angſt machte, ſo ſehr befürchtete ich, Sie könnten ſich von ſeiner Schlauheit und Heuchelei bethören laſſen; aber zum Glück flößen dieſe Leute zuweilen dem, was gut und rein iſt, eine inſtinet⸗ artige Abneigung ein.“ „Mein Herr, beruhigen Sie ſich,“ entgegnete Erne⸗ ſtine triumphirend, „ich kann, ich muß Sie enttäuſchen.“ „Mich enttäuſchen?“ „In Beziehung auf Herrn von Macreuſe.“ „Sie? und wie dies?“ „Weil Ihre vorgefaßte Meinung über ihn nicht be⸗ gründet iſt, mein Herr . . . Herr von Maecreuſe iſt ein redlicher und bis zur Härte aufrichtiger Mann.“ „Mein Kind, Sie erſchrecken mich ungemein,“ ſprach Herr von Maillefort mit einem ſolchen Ausdruck von Bangigkeit, daß Fräulein von Beaumesnil ſich ganz ver⸗ blüfft fühlte; „ich beſchwöre Sie, verbergen Sie mir nichts,“ fuhr der Buckelige fort. „Sie können ſich die teufliſche Schlauheit und die verworfene Gewandtheit dieſer Befreun⸗ deten der Sacriſtei gar nicht vorſtellen . . . Ich habe ſehr feine Leute hintergehen ſehen . . . urtheilen Sie ein wenig über ſich, mein armes, unſchulviges Kind.“ Betroffen über die Unruhe von Herrn von Mailleſort und voll Vertrauen zu dieſem, erzählte Fräulein von Beau⸗ mesnil mit wenigen Worten die Urſache und den Verlauf ihrer Unterredung mit dem frommen jungen Mann. „Er wird Sie errathen haben, mein Kind,“ ſagte der Buckelige. „Nach einigen Augenblicken der Ueber⸗ legung, und als er ſich gefangen ſah, wird er mit einer hölliſchen Geſchicklichkeit die Gegenpartie der Prüfung, die Sie mit ihm vornehmen wollten, verſucht haben .. Ich ſage Ihnen, dieſe Leute erſchrecken mich.“ „Ah! mein Gott!“ rief die Waiſe voll Angſt, „iſt . 42 es möglich, mein Herr? Oh! nein, nein, eine ſolche Schwärze des Gemüths! Und dann, wenn Sie ihn ge⸗ ſehen hätten, die Thränen ſind ihm in die Augen getreten, als er von dem grauſamen Kummer ſprach, den ihm der Tod ſeiner Mutter bereitete.“ „Der Tod ſeiner Mutter!“ verſetzte der Marquis, „Sie wiſſen alſo nicht . . .“ Dann ſich umwendend, fügte er bei: „Hier kommt er . . . Ah! der Himmel ſchickt ihn mir . . . Hören Sie und urtheilen Sie, liebes, theures Kind! .. Ah! Ihr Herz hat keine Ahnung von den abſcheulichen Kunſtgriffen, welche die Habgier in ſolchen Seelen zur Reife bringt.“ Dann die Stimme ſo erhebend, daß er von allen Perſonen in ſeiner Nachbarſchaft gehört werden mußte, rief der Buckelige Herrn von Marreuſe, der gerade durch den Salon ging, um Fräulein von Beaumesnil zu beobach⸗ ten, zu: „Herr von Macreuſe, ich bitte, auf ein Wort!“ Der Schützling des Abbé Ledour zögerte einen Augen⸗ blick, dieſem Ruf zu entſprechen denn er haßte und fürch⸗ tete inſtinctartig den Marquis; da er aber ſah, daß er der Gegenſtand aller Blicke war, da er ſich zugleich durch den Erfolg ſeiner Liſt bei Erneſtine ermuthigt fühlte, erhob er den Kopf mit Sicherheit, näherte ſich Herrn von Maille⸗ fort und fragte kalt: „Sie haben mir die Ehre erwieſen, mir zu rufen, Herr Marquis?“ „Ich habe Ihnen dieſe Ehre erwieſen,“ antwortete der Buckelige mit ſeiner hohniſchen Miene, während er ſitzen blieb und nachläßig ſein rechtes Bein ſchaukelte, das er über ſeinem linken Knie gekreuzt hielt, „und Sie ſind doch durchaus nicht artig gegen mich, — was ſage ich? gegen uns Alle, die wir hier find und die Ehre haben, zu Ihrer Geſellſchaft zu gehören.“ Bei dieſen Worten gruppirten ſich mehrere Perſonen 43 neugierig um die zwei Redenden, denn der angreifende, ſathriſche Geiſt des Marquis war ſehr bekannt. „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Marquis,“ ſagte Herr von Macreuſe, offenbar ſehr ärgerlich, denn er ahnete eine unerfreuliche Erklärung; „ich habe es weder an Rück⸗ ſicht gegen Sie, noch gegen irgend Jemand fehlen laſſen, nd „Mein Herr,“ unterbrach ihn der Marquis mit ſeiner klaren, ſcharfen Stimme, „mein Herr, es ſcheint, Sie haben die Unannehmlichkeit gehabt, Ihre Mutter zu ver⸗ lirren?“ „Mein Herr,“ verſetzte Herr von Macreuſe ganz er⸗ ſtaunt über dieſe Worte. „Wäre es unbeſcheiden“ fuhr der Marquis fort, „wäre es unbeſcheiden, Sie zu fragen, wann Sie Ihre ſelige Frau Mutter verloren haben . . . wenn Sie es überhaupt wiſſen?“ „Mein Herr,“ ſtammelte purpurroth der junge Mann, „eine ſolche Frage. . . „Eine ſolche Frage iſt ganz natürlich, mein lieber Herr, ſie führt den Vorwurf eines Mangels an Rückſicht herbei, über den ich mich im Namen aller Perſonen, die Sie kennen, beklage.“ „Ein Mangel an Rückſicht?“ „Gewiß! warum haben Sie nicht den Perſonen Ihrer Geſeliſchaft artiger Weiſe Mittheilung von dem ſchmerz⸗ lichen Verluſt gemacht, den Sie zu erleiden das Unglück gehabt u. ſ. w.“ „Herr Marquis,“ antwortete der Macreuſe, der nun wieder Kaltblütigkeit erlangte, „ich weiß nicht, was Sie ſagen wollen.“ „Gehen Sie doch! ich, der ich ſehr fromm bin, wie Jeder weiß, hörte Sie neulich in Saint⸗Thomas⸗d'Aquin einen Prieſter bitten, er moͤge Meſſen für die Ruhe der Seele Ihrer verſtorbenen Frau Mutter leſen.“ „Aber, mein Herr. ..“ „Aber, mein Herr, was ich ſage, iſt ſo wahr, daß es 44 Ihnen, wie es ſcheint, vor Kummer und Schmerz übel geworden iſt, als Sie in der Kapelle der Jungfrau be⸗ teten, ſo daß Ihre guten Freunde, die Küſter, Sie ohn⸗ mächtig, beinahe ſterbend .. . in ihre Sacriſtei trugen .. ein freches Gaukelſpiel von Ihrer Seite, das mich be⸗ luſtigt haben dürfte, hätte es mich nicht empört.“ Einen Augenblick niedergeſchmettert durch dieſen An⸗ griff, fand der Schützling des Abbé Ledour bald ſeine Un⸗ verſchämtheit wieder und entgegnete voll Salbung: „Jedermann, mein Herr, wird einſehen, daß ich auf einen ſo unfaßlichen, ſo betrüblichen Angriff weder ant⸗ Lorten darf, noch kann .. das Geheimniß der Gebete iſt heilig. . .“ „Das iſt wahr,“ ſprachen mehrere Stimmen . . „Herrn von Maillefort iſt nichts heilig.“ „Ein ſolcher Ausfall iſt bedauerlich.“ „Das hat man noch nie geſehen u. ſ. w.“ Herr von Macreuſe war, wie alle Leute ſeiner Art, ſtets von zahlreichen Parteigängern unterſtützt, dieſe Par⸗ teigänger hatten natürlich den größten Widerwillen gegen Herrn von Maillefort, deſſen höhniſcher Geiſt Alles, was falſch und feig war, unbarmherzig verfolgte. Es erhob ſich auch ein mißbilligendes Crescendo auf die harten Worte des Marquis. „Man hat keinen Begriff von einer ſo betrüblichen Scene,“ ſagten die Einen. „Das iſt ein unerhörter Scandal,“ ſagten die Anderen. „Eine Rohheit ohne Gleſchen,“ fügten wieder An⸗ dere bei. Ohne im Mindeſten aus der Faſſung zu kommen, ließ der Marquis dieſen Sturm vorübergehen, und wieder keck und ſicher gemacht, ſprach der Macreuſe mit frecher Stimme: „Die Theilnahme, welche mir ſo viele ehrenwerthe Perſonen bezeigen, mein Herr, überhebt mich der Unan⸗ nehmlichkeit, dieſes Geſpräch länger fortzuſetzen, und .. 4⁵ Doch der Marquis unterbrach ihn und ſagte mit einem Ausdruck niederſchmetternder Würde: „Herr von Macreuſe, Sie haben unverſchämt ge⸗ logen! . . . Herr von Macreuſe, Sie haben Ihre Mutter nicht verloren. Die fromme Perſon lebt noch, lebt ſehr, und Ihr frommer Vater auch .. . Sie ſehen, daß ich hinreichend unterrichtet bin; Sie haben alſo eine heilloſe Komödie geſpielt! Sie haben ein Gefühl verletzt, das die elendeſten Menſchen achten und ehren, das kind⸗ liche Geſühl!. . . Den Zweck aller dieſer Schändlichkeiten kenne ich . . Und wenn ich ſchweige, geſchieht es nur, weil es ſo ehrwürdige Namen gibt, daß man ſie nicht einmal neben dem Ihrigen, wenn Sie einen haben, aus⸗ ſprechen darf. . .“ Bei dieſen erſchütternden Worten des Marquis, bei der Leichenbläſſe des Macreuſe, bei ſeiner Beſtürzung, welche bewies, daß er die Wahrheit ſprach, wagten es die entſchiedenſten Parteigänger des frommen jungen Mannes nicht mehr, ſeine Vertheidigung zu nehmen, und diejenigen, welche eine inſtinctartige Abneigung gegen den Gründer des Werkes vom heiligen Polykarp hatten, ſpendeten den Worten des Marquis vollen Beifall. „Mein Herr!“ entgegnete der Macreuſe, der in ſeiner gedrängten Wuth, denn er ſah ſich entlarvt, furchtbar an⸗ zuſchauen war, „ſolche Beleidigungen . . .“ „Genug, mein Herr, genug; gehen Sie auf's Schleu⸗ nigſte von hier weg! . . . Ihr Anblick macht ehrlichen Leuten übel, und Frau von Mirecourt wird mir unendlich Dank für dieſe Execution wiſſen.. Leider ſind ſolche Erecutionen ſelten, und man müßte von Zeit zu Zeit in der Geſellſchaft ſolchen Salonſchurken, die man duldet, ihr Recht angedeihen laſſen. So widrig auch dieſe Juſtiziars- rolle ſein mag, da ſie nie irgend Jemand übernimmt, ſo S ich ſie doch heute, und ich bin noch nicht zu nde.. Bei den letzten Worten des vuca nen die Unruhe und die Verwirrung den höchſten Grad. „ 46 Der fromme junge Mann, der wohl glaubte, es handle ſich um neue Angriffe gegen ihn, und der die Erecu⸗ tion hinreichend fand, richtete ſich auf, wie ſich die Schlange unter dem Fuß, der ſie zertritt, aufrichtet, und ſagte mit ſeiner ganzen Unverſchämtheit: „Mein Herr, nach ſo groben Beleidigungen vermöchte ich nicht einen Augenblick länger in vieſem Hauſe zu ver⸗ weilen; doch ich darf wohl hoffen, daß trotz des Unter⸗ ſchiedes unſeres Alters der Herr Marquis von Maillefort morgen eine kleine Aufforderung, die ihm zwei von meinen überbringen werden, anzunehmen die Güte haben wird. „Gehen Sie, mein Herr! .. über Nacht kommt Rath! und bei näherer Ueberlegung werden Sie von Ihren ſtreitſüchtigen und nur zu lächerlichen Anmaßungen zurück⸗ kommen . .. Gehen Sie alſo!“ „Es ſei, mein Herr!. . . Um minder lächerlich zu erſcheinen, werde ich alſo meine Zuflucht zu anderen Mit⸗ teln nehmen,“ erwiederte der fromme junge Mann. Und er warf einen hoͤlliſchen Blick auf den Buckeligen und zog ſich langſam unter dem allgemeinen Erſtaunen zurück. Frau von Mirecourt, die Gebieterin des Hauſes, die ſich deſſen erinnerte, was ihr Frau von Senneterre über Macreuſe geſagt hatte, war vollkommen mit der Ereeu⸗ tion einverſtanden; doch um raſch dem durch dieſe Scene entſtandenen ſeltſamen Mißbehagen ein Ende zu machen, bat ſie mehrere ihr befreundete Herren, ſogleich den Contre⸗ tanz in Gang zu bringen. Alsbald ſuchten die Tänzer ihre Tänzerinnen auf. Die Erecutivn von Herrn von Macreuſe erfüllte Fräu⸗ lein von Beaumesnil mit Dankbarkeit gegen Herrn von Maillefort und mit Angſt vor ſich ſelbſt, wenn ſie be⸗ dachte, daß ſie dem Intereſſe, das ihr Herr von Macreuſe Anfangs eingeflößt, hätte nachgeben und einen Mann hei⸗ rathen können, der einer ſchändlichen Handlung fähig, einer Handlung, welche die tiefſte Verdorbenheit offenbarte. Mitten unter dieſen Betrachtungen ſah die Waiſe die 47 Damen von Senneterre und la Rochaigue zurückkommen, welche einige Augenblicke den von Herrn von Maillefort und Herrn von Maereuſe gebildeten Kreis nicht hatten durchdringen können und nun wieder ihre Plätze bei Erne⸗ ſtine einnahmen. Der Marquis ſtand auf, trat hinter den Sopha, neigte ſich an das Ohr von Frau von la Rochaigue und ſagte zu ihr: „Nun, Madame, ich bin, wie es ſcheint, ein ziemlich guter Bundesgenoſſe, und von der Höhe meines Ob⸗ ſervatoriums herab entdecke ich, wie ich Ihnen vor S Zeit ſagte, nicht wenige Dinge, und ſehr niedrige nge.“ , Mein lieber Marquis, ich bin ganz erſtaunt; doch ich habe Alles begriffen! Deshalb alſo hat meine abſcheu⸗ liche Schwägerin dieſes liebe, arme Kind jeden Morgen nach Saint⸗Thomas⸗d'Aquin geführt! Mit ihrer einfältigen Miene und ihrer Frömmelei iſt dieſe Helena ein wider⸗ wärtiges Geſchöpf.. Welche Falſchheit! welcher Verrath!“ „Sie ſind noch nicht zu Ende, meine ltebe Baronin, Sie wärmen nicht nur eine Natter in Ihrem Hauſe, ſon⸗ dern auch eine ehrliche Schlange.“ „Eine Schlange?“ „Ungeheuer. mit ſo langen Zähnen!“ ſagte der Marquis, indem er mit dem Blick Herrn von la Rochaigue bezeichnete, der an der Thüre ſtand und aus Langweile ſeine Zähne zeigte. „Wie! mein Mann?“ rief die Baronin, „was ſoll das bedeuten?“ „Sie werden es erfahren!. . . Sehen Sie jenen dicken Mann, der mit ſo triumphirender Miene auf uns zu⸗ ſchreitet?“ „Allerdings, es iſt Herr von Mornand.“ „Er hat Ihre Mündel zum Tanze aufgefordert.“ „Daran iſt nichts gelegen. Wir können ſie nun, ohne uns darum zu bekümmern, mit Jedermann tanzen laſſen, n — — denn wir täuſchten uns nicht, vas liebe Kind findet Herrn von Senneterre reizend.“ „Ich glaube es wohl!“ „Somit iſt ſie Herzogin von Senneterre,“ ſprach Frau von la Rochaigue triumphirend. „Herzogin von Senneterre!“ verſetzte der Buckelige, „nicht ganz!“ „Allerdings, mein lieber Marquis, die Sache iſt ent⸗ ſchieden.“ 5 „Nun,“ ſagte der Buckelige, fein lächelnd, „Sie ſind mit Geralv, mit Fräulein von Beaumesnil und mir zu⸗ frleden, nicht wahr, meine liebe Baronin?“ „Entzückt, mein lieber Marquis.“ „Das iſt Alles, was ich wollte! . Ich komme nun auf meinen dicken Mann und auf Ihre Schlange von einem Gatten zurück, deſſen ſchlaue Windungen Sie ſich werden entrollen ſehen.“ „Wie? Herr von la Rochaigue hätte es gewagt?“ „Ah! meine arme Baronin, Ihre Treuherzigkeit ſchmerzt mich auf's Tiefſte. Schauen Sie, hören Sie .. und unterrichten Sie ſich.“ Der Marquis ſprach dieſe Worte, als ſich Herr von Mornand vor Fräulein von Beaumesnil verbeugte, um ſie an die Einladung zum Tanz, die er an ſie ge⸗ richtet, zu erinnern. — 49 Fünftes Rapitel. Herr von Mornand verbeugte ſich mit ſelbſtzufriedener, übermüthiger Miene vor Fräulein von Beaumesnil und ſprach: „Das Fräulein hat wohl nicht vergeſſen, daß es mir dieſen Contretanz zugeſagt? Will das Fräulein mir die Ehre erweiſen, meinen Arm anzunehmen?“ „Das kann nicht ſein, Herr von Mornand,“ ſagte mit halber Stimme Herr von Maillefort, der ſich immer noch auf die Lehne des Canapé ſtützte, auf dem Erne⸗ ſtine ſaß. Herr von Mornand richtete ſich ungeſtüm auf, er⸗ den Marquis und fragte ihn mit hochmüthigem on: „Wie, mein Herr? Was kann nicht ſein?“ „Sie können nicht mit Fräulein von Beaumesnil tanzen, mein Herr,“ erwiederte der Buckelige immer mit halber Stimme. Herr von Mornand zuckte verächtlich die Achſeln und ſagte, ſich an Erneſtine wendend: „Mein Fräulein, wollen Sie die Güte haben, meinen Arm apzunehmen.“ Beſtürzt, verwirrt, wandte ſich Erneſtine gegen Herrn von Maillefort um, als wollte ſie ihn um Rath fragen. Der Marquis wiederholte diesmal mit lauter Stimme und mit ernſtem Nachdruck: „Fräulein von Beaumesnil kann nicht, darf nicht mit Herrn von Mornand tanzen.“ Frneſtine war ſo betroffen über den beinahe feier⸗ lichen Ausdruck von Herrn von Maillefort, daß ſie Herrn von Mornand, die Augen niederſchlagend, antwortete: „Ich bitte, mein Herr, entſchuldigen Sie mich, ich fühle mich zu müde, um mein Verſprechen zu halten.“ Herr von Mornand verbeugte ſich artig und ohne ein Wort zu ſagen vor Erneſtine; doch als er ſich wie⸗ der aufrichtete, warf er dem Buckeligen einen bezeichnen⸗ den Blick zu. Dieſer erwiederte den Blick dadurch, daß er mit dem Auge dem ergrimmten Tänzer eine der Thüren der Gal⸗ lerie bezeichnete, auf welche der Buckelige, Fräulein von Beaumesnil in lebhafter Unruhe zurücklaſſend, ſogleich zu⸗ ſchritt. Dieſe Scene war, im Gegenſatz zu der Erecution von Herrn von Macreuſe, unbemerkt vorübergegangen, denn die zwiſchen dem Marquis und Herrn von Mornand ausge⸗ tauſchten paar Worte waren beinahe mit leiſer Stimme unter der Bewegung geſprochen worden, welche ſtets die Aufſtellung eines Contretanzes begleitet. Mit Ausnahme von Fräulein von Beaumesnil, von Frau von Senneterre und Frau von la Rochaigue, den Nachbarinnen von Erneſtine, vermuthete ſo Niemand die Präliminarien einer neuen Executivn. Als Herr von Mornand dem Buckeligen in die Gal⸗ lerie nachging, wurde er von Herrn von la Rochaigue und von Herrn von Ravil angeredet, welche von einem Thüranſchlag aus mit Unruhe und ohne ſie zu begreifen die Erſcheinung des von Herrn von Maillefort veranlaß⸗ ten Vorfalls beobachtet hatten. „Nun!“ ſagte Herr von Ravil zu Herrn von Mor⸗ nand, „wie, Du tanzeſt nicht?“ „Was iſt denn vorgefallen, mein lieber Herr von Mornand?“ fragte der Baron; ves kam mir vor, als ſähe ich Sie mit dem verfluchten Buckeligen ſprechen, deſſen Frechheit und Unverſchämtheit alle Grenzen überſchreiten.“ „In der That, mein Herr,“ erwiederte der zukünftige Miniſter mit zuſammengezogenem Geſicht, „Herr von Maillefort glaubt, es ſei ihm Alles erlaubt! Eine ſolche 5¹ Unverſchämtheit muß ihr Ziel ſinden er hat es ge⸗ wagt, Ihrer Mündel zu verbieten, mit mir zu tanzen.“ „Das iſt unerträglich! .. unausſtehlich! . . . un⸗ glaublich!“ rief der Baron; „ich will meine Mündel auf⸗ ſuchen, und .. „Es iſt dies für jetzt unnöthig,“ ſagte Herr von Mornand. Und ſich an Ravil wendend: „Komm mit ich muß durchaus eine Erklärung mit Herrn von Maillefort haben er erwartet mich dort!“ „Und ich, mein lieber Graf, ich verlaſſe Sie nicht,“ ſagte der Baron. Als ſich dieſe drei Perſonen dem Buckeligen näherten, ſahen ſie um ihn Herrn von Morainville und Herrn von Hauterive und fünf bis ſechs andere Männer, welche der Marquis abſichtlich verſammelt hatte. „Herr von Maillefort,“ ſagte Herr von Mornand mit ſehr artigem Ton, „ich habe Sie um einige Worte der Erklärung zu bitten . „Ich ſtehe zu Befehl, mein Herr.“ „Dann, mein Herr, gehen wir, wenn Sie wollen, in den Gemäldeſaal; bitten Sie einen Ihrer Freunde, Sie zu begleiten.“ „Nein, mein Herr, es liegt mir daran, daß unſere Erklärung ſo viel als möglich Wiederhall haben möge.“ Wein Se „Ich ſehe nicht ein, warum Sie eine Oeffentlichkeit, die ich hervorrufe, befürchten ſollten.“ „Gut, es ſei,“ ſprach Herr von Mornand, „ich frage Sie alſo vor dieſen Herren, warum Sie ſo eben, in dem Augenblick, wo ich die Ehre hatte, Fräulein von Beau⸗ mesnil zum Tanz aufzufordern, zu dieſer jungen Perſon zu ſagen ſich erlaubten: „Fräulein von Beaumesnil kann nicht, darf nicht mit Herrn von Mornand tanzen Das ſind Ihre eigenen Worte.“ 52 „Das ſind in der That meine Worte, mein Herr, Sie haben ein vortreffliches Gedächtniß; ich hoffe, daß es Ihnen nicht ſogleich abhanden kommen wird.“ „Und ich muß Herrn von Malllefort bemerken,“ ſprach der Baron, „daß er ſich ein Recht, eine Gewalt, eine Ueberwachung anmaßt, die ausſchließlich mir zukommt, denn wenn er zu meiner Mündel ſagt, daß . . .“ „Mein lieber Baron,“ unterbrach lächelnd der Mar⸗ quis Herrn von la Rochaigue, „Sie ſind das Muſter, das Beiſpiel, das Wunder aller vergangenen, gegen⸗ wärtigen und zukünftigen Vormünder . . . Ich werde Ihnen das ſpäter beweiſen; aber erlauben Sie mir, Herrn von Mornand, dem ich zu ſeinem Gedächtniß Glück zu wünſchen die Ehre gehabt habe, zu antworten und ihn zu fragen, ob er ſich erinnere, daß ich ihm bei dem letzten Morgenball bei der Frau Herzogin von Senneterre in Be⸗ ziehung auf einen unbedeutenden Degenſtich geſagt habe, dieſe Schramme ſei eine Art von Denkzettel, beſtimmt, in ſeinem Geiſt das Datum eines Tags feſtzuſtellen, an den ich ihn vielleicht ſpäter zu erinnern haben werde.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ erwiederte Herr von Mor⸗ nand; „doch jener Streit ſteht nicht im entfernteſten Zu⸗ ſammenhang mit der Erklärung, die ich mir von Ihnen erbitte.“ „Im Gegentheil, mein Herr, dieſe Erklärung iſt die natürliche Folge jenes Streits.“ „Sprechen Sie deutlich.“ „Ich werde ſehr verſtändlich ſein. Auf jenem Ball bei Frau von Senneterre haben Sie ſich im Garten links unter Fliederbüſchen in Gegenwart mehrerer Perſonen und beſonders der hier gewärtigen Herren von Morainville und Hauterive auf die verletzendſte Weiſe die Frau Gräfin von Beaumesnil zu verleumden erlaubt . . .“ „Mein Herr! . .. „Ohne Achtung,“ unterbrach der Buckelige entrüſtet Herrn von Mornand, „ohne Mitleid für eine unglückliche, mit dem Tode ringende Frau, haben Sie dieſe auf das 53 Feigſte geſchmäht und behauptet: nie würde ein an⸗ ſtändiger Mann die Tochter einer ſo übel be⸗ rüchtigten Frau wie Frau von Beaumesnil heirathen.“ Auf eine Bewegung von Herrn von Mornand, der vor Wuth erbleichte, fragte der Margquis, ſich an die Herren von Morainville und Hauterive wendend: „Meine Herren, iſt das wahr? . hat Herr von Mornand dies in Ihrer Gegenwart geſagt?“ „Herr von Mornand hat. es in der That in unſerer Gegenwart geſagt, und es iſt uns unmöglich, die Wahrheit zu leugnen.“ „Und ich, der ich Sie hörte, ohne Sie zu ſehen, mein Herr,“ ſprach der Buckelige, „ich konnte mich, fortgeriſſen von der Entrüſtung, nicht erwehren: Elender! zu rufen.“ „Ah! Sie waren es, mein Herr,“ ſagte Herr von Mornand, wüthend, als er ſah, wie ſeinen habgierigen Hoffnungen dieſer Todesſtreich verſetzt wurde. „Ja, ich war es und deshalb ſagte ich ſo eben zu Fräulein von Beaumesnil, ſie dürfe nicht, ſie könne nicht mit Ihnen tanzen, mein Herr, der Sie öffentlich ihre Mutter verleumdet! Ich frage nun alle die Herren, die uns hören, ob ich Recht oder Unrecht gehabt habe, daß ich ſo handelte?“ Ein für Herrn von Mornand demüthigendes Still⸗ ſchweigen erfolgte auf die letzten Worte des Buckeligen. Nur Herr von Ravil nahm das Wort und ſagie mit ſpottiſcher Miene: „Der Herr Marquis von Maillefort ſpielte alſo die Rolle eines artigen Ritters, eines Paladin, und gab einen Degenſtich einem anſtändigen Mann in Form eines Denk⸗ zettels, Alles, um ihn eines Tags zu verhindern, einen Contretanz mit Fräulein von Beaumesnil zu tanzen . .“ „Alles, um Herrn von Mornand zu verhindern, Fräu⸗ lein von Beaumesnil zu heirathen, mein Herr, denn Ihr Freund iſt ebenſo habgierig, als Fräulein von Beau⸗ Die ſieben Todſünden III. 5 ⸗ 54 mesnil reich iſt, was nicht wenig heißen will, und gerade in dem Geſpräch, das ich während des Balls bei Frau von Senneterre erlauſcht habe, verriethen ſich ſchon die Abſichten von Herrn von Mornand . .. Indem er Frau von Beaumesnil verleumdete, indem er die Folgen dieſer Verleumdung bis auf ihre Tochter und ſogar auf den⸗ jenigen, welcher ſie zu heirathen verſucht wäre, zurückfallen ließ, hoffte Herr von Mornand die Mitbewerber zu ent⸗ fernen. . . Dieſe Niederträchtigkeit hat mich empört .. Daher das Wort Elender, das mir in der Entrüſtung entſchlüpfte . . . daher ein Vorwand, den ich auffand, um Herrn von Mornand die Genugthuung zu bieten, die ihm im Ganzen gebührte, daher endlich mein Entſchluß, Herrn von Mornand zu verhindern, Fräulein von Beau⸗ mesnil zu heirathen. Und es iſt mir gelungen, denn ich fordere ihn nun auf, vor der reichſten Erbin Frank⸗ reichs zu erſcheinen, und ſollte er noch zwanzig philan⸗ thropiſche Reden über den Kabeljaufang halten! ſollte er ſelbſt unter dem Patronat von Ihnen, Herr Baron, er⸗ ſcheinen, von Ihnen, dem Beiſpiel, dem Muſter, dem Wunder der Vormünder, der Sie die Zukunft Ihrer Mündel Ihrer lächerlichen Eitelkeit vpfern wollten.“ Die Worte des Buckeligen wurden mit ſtummem Er⸗ ſtaunen aufgenommen, und dieſer fuhr alſo fort: „Bei Gott! meine Herren, dieſe Unfläthigkeiten wie⸗ derholen ſich ſo oft in der Welt, daß es als gutes Bei⸗ ſpiel dienen müßte, wenn man ſie einmal brandmarken würde! . . . Wie! weil dergleichen ſchmähliche Dinge unter Leuten von guter Geſellſchaft, wie man ſagt, vor⸗ gehen, ſollten ſie unbeſtraft bleiben? Wie! es ſoll ein Ge⸗ fängniß für arme Teufel von Betrügern geben, welche im Spiel mit falſchen Karten um ein paar Louis d'or ge⸗ prellt haben, und keinen Schandpfahl für Menſchen, die durch einen falſchen Schein, durch gemeine Lügen um ein ungeheures Vermögen zu prellen ſuchen und ganz kalt die Mittel complottiren, auf immer ein armes, unſchuldiges Kind an ſich zu feſſeln, deſſen einziges Unrecht darin be⸗ 55 ſteht, daß es ein ungeheures Vermögen beſitzt und ſeiner unbewußt die verabſcheuenswürdigſte Habgier entzündet?.. Und wenn dieſe Leute ſiegen, empfängt man ſie, lobt man ſie, beneidet man ſie, rühmt man ihre Geſchicklichkeit und geräth in Begeiſterung über ihr Glück!. .. Ja .. denn mit dem Vermögen, das ſie durch unwürdige Mittel er⸗ langt haben, leben ſie herrlich, unterhalten Maitreſſen und bauen goldene Brücken für ihren Ehrgeiz... Die unglück⸗ liche Frau, die ſie bereichert hat und die durch ſie ge⸗ täuſcht worden iſt, vergießt Thränen der Verzweiflung, oder wirft ſich in ein unordentliches Leben, um ſich zu be⸗ täuben!.. Ah! meine Herren, es wird mir wenigſtens das Glück zu Theil, zwei gemeinen Intriguen ihr Recht widerfahren zu laſſen, denn Herr von Macreuſe, den ich ſo eben von hier weggejagt, hatte dieſelben Abſichten wie Herr von Mornand!. .. Sie ſehen, die redlichen Geiſter treffen ſich!“ „Du biſt angeführt wie ein Dummkopf, und das ge⸗ ſchieht Dir Recht,“ ſagte leiſe Ravil ſeinem niederge⸗ ſchmetterten Freunde in's Ohr. „In meinem Leben werde ich Dir nicht verzeihen, daß Du mich die Prämie auf die Mitgift haſt verlieren laſſen.“ Die gerechten, erhabenen, edlen Gefühle haben zu⸗ weilen ein ſolches Anſehen, daß ſich Herr von Mornand nach den heftigen Worten des Buckeligen allgemein ver⸗ dammt ſah.. Keine Stimme erhob ſich zu ſeiner Ver⸗ theidigung; zum Glück veranlaßte der ſo eben zu Ende gehende Contretanz eine Bewegung in den Salons und in der Gallerie, die dem zukünftigen Miniſter, welcher kein Wort der Erwiederung auf die niederſchmetternden An⸗ klagen von Herrn von Maillefort gefunden hatte, ſich bleich, verwirrt, in der Menge zu verlieren geſtattete. Der Buckelige kehrte ſodann zu Frau von la Ro⸗ chaigue zurück, welche noch ebenſo wenig als Erneſtine von der letzten Erecution unterrichtet war. „Sie müſſen nun durchaus Fräulein von Beaumesnil ——— —= —————— ————— 56 wegführen, ihre Gegenwart iſt nicht mehr ſchicklich hier,“ ſagte Herr von Maillefort zu der Baronin. „Ja, mein liebes Kind,“ fügte der Marquis ſich an Erneſtine wendend bei, „die unerträgliche Neugierde, die Sie erregen, würde ſich noch vermehren. Morgen ſage ich Ihnen Alles. Glauben Sie mir, folgen Sie meinem Rath, verlaſſen Sie den Ball.“ „Oh! mit freudigem Herzen, mein Herr, denn ich bin hier wie auf der Folter,“ erwiederte Erneſtine. Und ſie ſtand auf und nahm den Arm von Frau von la Ro⸗ chaigue, welche mit einem Ausdruck lebhafter Dankbarkeit zu dem Buckeligen ſagte: „Ich begreife Alles, mein lieber Marquis, Herr von Mornand war auch unter der Zahl der Bewerber?...“ „Wir ſprechen morgen hierüber; doch ich bitte Sie, führen Sie ſogleich Fräulein von Beaumesnil weg.“ „Ah! Sie ſind unſere Vorſehung, mein lieber Mar⸗ quis,“ ſagte leiſe Frau von la Rochaigue, „wie ſehr hatte ich Recht, mich Ihnen anzuvertrauen!“ „Gewiß; doch ich bitte Sie noch einmal, führen Sie Fräulein von Beaumesnil weg.“ Die Waiſe warf einen Blick der Dankbarkeit dem Buckeligen zu und verließ unruhig, beinahe erſchrocken über die verſchiedenen Vorfälle dieſes Abends, den Ball mit Frau von la Rochaigue, während Herr von Maillefort bei Frau von Mirecourt blieb, da er nicht den Anſchein haben wollte, als verließe er dieſes Haus unter dem gün⸗ ſtigen Eindruck des Erſtaunens, das ſein redliches, muthiges, entſchloſſenes Benehmen hervorgebracht hatte. Als wahrer Cyniker verließ Herr von Ravil ſeinen Freund Mornand, ſobald er den Untergang ſeiner Hoff⸗ nungen wahrnahm, in aller Eile und unter Schmähungen. Der zukünftige Miniſter warf ſich in einen Fiacre, wäh⸗ rend Ravil über das, was vorgefallen, träumend und den doppelten Unfall von Herrn von Mornand und von Herrn von Macreuſe vergleichend ſich zu Fuß entfernte. 57 Als er ſich um die Ecke der Straße wandte, wo das Haus von Frau von Mirecourt lag, erblickte Herr von Ravil beim Schein des wunderbat klaren Mondes einen Mann, der ihm bald langſam, bald mit ſieberhafter Haſt voranſchritt. Die Unruhe und der Gang dieſes Menſchen erregten die Aufmerkſamkeit des Cynikers. Er verdoppelte ſeine Schritte und erkannte Herrn von Macreuſe, den eine Art von unſeligem Zauber in der Nähe des Hauſes feſthielt, wo der Marquis geblieben, deſſen Herz er zerriſſen hätte, wenn wollen koͤnnen geweſen wäre. Einer teufliſchen Eingebung folgend, näherte ſich Ravil dem Macreuſe und ſagte zu ihm: „Guten Abend, Herr von Macreuſe.“ Der Günſtling des Abbé Ledour ſchaute empor; die Eraltation der ſchlimmſten Leidenſchaften war ſo deutlich in ſeinem leichenbleichen Geſichte zu leſen, daß ſich Herr von Ravil doppelt zu ſeinem Gedanken Glück wünſchte. „Was wollen Sie?“ ſagte ungeſtüm Macreuſe zu Ravil, den er Anfangs nicht erkannt hatte. als er ihn aufmerkſamer angeſchaut, fügte er bei: 12! Sie find es, Herr von Ravil? Verzeihen ie 12 8 Und er machte eine Bewegung, als wollte er ſeinen Weg fortſetzen; doch Herr von Ravil hielt ihn zurück. „Herr von Macreuſe, ich glaube, wir ſind gemacht, um uns zu verſtändigen und um uns zu unterſtützen.“ „Uns verſtändigen!. . . worüber, mein Herr?“ „Wir haben denſelben Haß: das iſt ſchon etwas.“ „Welchen Haß?“ „Herrn von Maillefort!“ „Sie haſſen ihn auch?“ „Auf den Tod!“ „Nun, und hernach, mein Herr?“ „Da wir denſelben Haß haben, ſo können wir auch daſſelbe Intereſſe haben.“ —— . — 58 „Ich verſtehe Sie nicht, Herr von Ravil.“ „Herr von Macreuſe, Sie ſind ein viel zu erhabener, in den Dingen der Welt viel zu ſehr gereifter Mann, um 8 ſich durch eine Niederlage entmuthigen zu laſſen.“ „Welche Niederlage?“ „Ah! ich muß Sie in's Vertrauen ziehen: ich hatte einen Dummkopf von einem Freund, dadurch nenne ich Ihnen Herrn von Mornand, der dieſelbe Erbin verfolgte, wie Sie.“ „Herr von Mornand?“ „Er hatte die Ehre.. Leider behandelte ihn wenige Augenblicke nach Ihrem Abgang der abſcheuliche Marquis, gerade, wie er Sie behandelte, und er hat dadurch die Heirath der kleinen Beaumesnil mit meinem ſchwachköpfigen Freund unmöglich gemacht .. . Daher rührt mein Haß gegen den Marquis!“ „Aber, mein Herr, was lag denn Ihnen daran, ob die Erbin Ihren Freund heirathete oder nicht heirathete?“ „Teufel! es lag mir ſehr viel daran! Ich vermit⸗ telte bei der Sache, ich unterſtützte Mornand gegen eine verſprochene Prämie von der Mitgift. .. Der verfluchte Buckelige hat alſo, indem er Mornand ruinirte, auch mich zu Grunde gerichtet. Verſtehen Sie?“ „Sehr gut.“ „Mornand iſt zu kraftlos, zu ſchwach, mit einem Worte, zu dick, um bemüht zu ſein, ſich von dieſem Schlag oder um wenigſtens in einer Rache Troſt zu ſuchen.“ „In einer Rache? Gegen wen?“ „Gegen das kleine Thierchen von einer Erbin und nebenbei gegen den Buckeligen... Doch ich bemerke Ihnen ſogleich, daß ich keiner von den ungeſchlachten Tölpeln bin, welche hlindlings auf eine unfruchtbare Rache losgehen . Ich laſſe nur eine fruchtbare Rache zu .. „Fruchtbar?“ „Productiv! .. ſehr productiv, wenn Sie lieber wol⸗ len, und zu dieſer Rache könnte ich die Elemente liefern.“ — — 59 „Sie? und welche?“ „Erlauben Sie! ich bin im Beſitz eines ſehr wichtigen Geheimniſſes „Ueber Fräulein von Beaumesnil?“ „Ueber ſie ſelbſt!. . . Dieſes Geheimniß koͤnnte ich, glaube ich, mit ſehr ſchönem Ertrag allein ausbeuten.“ „Und Sie bieten mir .. „Eine Theilung an? . . Nein! . . Sie würden mich für einen Einfaltspinſel halten, und die Einfaltspinſel lieben Sie nicht.“ „Wozu dann, mein Herr?“ „Sie haben eine ſo große Angelegenheit, wie mein Dummkopf von einem Freund, der mit Ihrem Belieben ein Politiker iſt, ſagen würde, eine ſo bedeutungsvolle An⸗ gelegenheit, wie Ihre Verheirathung mit der reichſten Erbin Frankreichs nicht ohne Unterſtützung, nicht ohne Vermittler, ohne Wahrſcheinlichkeiten des Gelingens unternommen . .. Man begeht keine ſolche Fehler, wenn man das Werk vom heiligen Polykarp gegründet hat (eine Stiftung, die mir, beiläuſig geſagt, zum Beweis dient, daß Sie ſehr ſtark ſind, und Ihnen längſt meine ganze Theilnahme erworben hat), mit einem Wort, ich wiederhole Ihnen, Sie ſind zu nervos, um ſich demüthig einem ſo verletzenden Schlag zu unterziehen. Sie haben vielleicht Mittel, ſich wieder davon zu erheben, durch andere Wege zu Ihrem Ziel zu gelangen, und ſo lange die kleine Snit nicht verheirathet iſt, hofft ein Mann wie e! es ſei! mein Herr; nehmen Sie an, ich hoffe noch?“ „Dies angenommen, ſchlage ich Ihnen vor, Ihre neuen Mittel für das Gelingen mit meinem Geheimniß in Gemeinſchaft zu bringen . Verwirklichen ſich Ihre Hoffnungen, ſo werden wir unſer Geheimniß nicht benützenz verwirklichen ſich dieſelben nicht, ſo bleibt uns mein Ge⸗ heimniß wie eine ſaftige Birne für den Durſt.. Mit einem Wort, wenn Sie heirathen, geben Sie mir eine 60 Prämie von der Mitgift . . . Wenn Sie nicht heirathen, gebe ich Ihnen eine Prämie von den Vortheilen, die mir mein Geheimniß einträgt, wenn es ſo ſteht, daß das ge⸗ nannte Geheimniß Ihre neuen Abſichten nicht zu unter⸗ ſtützen vermag .. wie ich die Gewißheit habe . und bemerken Sie wohl, ich erwähne nur der Erinnerung wegen gewiſſer Einflüſſe auf Fräulein von Beaumesnil, allerdings entſchlummerter Einflüſſe, die aber wieder er⸗ weckt werden könnten.“ „Dies Alles verdient Beachtung, mein Herr,“ er⸗ wiederte Macreuſe, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, denn er fing an zu glauben, Beide wären, wie Herr von Ravil geſagt hatte, gemacht, um ſich zu verſtändigen. „Doch ich wiederhole,“ fügte er bei, „ich müßte wiſſen, was für ein Geheimniß es iſt . wie dieſe Einflüſſe be⸗ ſchaffen ſind?“ „Geben Sie mir den Arm, mein lieber Herr von Macreuſe, ich will offenherzig mit Ihnen ſprechen, denn ich habe kein Imtereſſe, Sie zu täuſchen, wie Sie bald ſehen werden.“ Und dieſe zwei Menſchen entfernten ſich und ver⸗ ſchwanden raſch im Schatten, den ein hohes Haus auf eine Seite der Straße warf. 61 Sechstes Kapitel. Fräulein von Beaumesnil hatte Herminie verſprochen, ſie am Freitag Morgen, am andern Tag, nach dem die reichſte Erbin Frankreichs dem Ball bei Frau von Mirecourt beigewohnt, auf welchem Herr von Maillefort die Erecution mit den Herren von Macreuſe und von Mor⸗ nand vorgenommen hatte, wieder zu beſuchen. Fräulein von Beaumesnil hatte dieſen Ball ebenſo tief betrübt, als erſchrocken über die Entdeckungen, die ſie in Betreff der Bewerber um ihre Hand gemacht, verlaſſen, — abſcheuliche Entdeckungen, vervollſtändigt durch die redlichen Geſtändniſſe von Gerald über die Art und Weiſe, wie man eine Erbin heirathe. Erneſtine fühlte gleich viel Abneigung und Verachtung gegen ihren Vormund und ſeine Familie und begriff die Nothwendigkeit, einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen, da ihr ihre Verhältniſſe zu den la Rochaigue unerträglich werden mußten. Sie mußte ſich außerhalb dieſer Familie weiſe Rathſchläge, eine ſichere Stütze ſuchen. Erneſtine ſah nur zwei Perſonen, denen ſie ihr Ver⸗ trauen zuwenden konnte Herminie und Herrn von Maillefort. Doch um ſich Herminie zu eröffnen, mußte ihr Fräu⸗ lein von Beaumesnil geſtehen, wer ſie wirklich war; dieſe Offenbarung gedachte ſie zwar bald ihrer Freundin zu machen, aber ſie wollte ſich noch einmal des unſchätzbaren Glückes erfreuen, von Neuem die Beweiſe der zarten Freundſchaft zu erhalten, welche die Herzogin Erne⸗ ſtine, einer von ihrer Arbeit lebenden Waiſe, zu ſchenken glaubte. — „Wenn ſie mich nur eben ſo ſehr liebt, nachdem ſie erfahren hat, daß ich reich bin,“ dachte die Erhin voll Bangigkeit, „wenn nur bei dieſer Entdeckung das Zart⸗ 62 gefühl und der Stolz des Charakters von Herminie ihre Freundſchaft für mich nicht erkalten!“ Getreu ihrem Verſprechen und ganz glücklich, daß ſie wußte, wie ſehr Gerald der Liebe von Herminie würdig war, begab ſich Fräulein von Beaumesnil, in Begleitung von Madame Lainé, welche wie gewöhnlich auf ſie war⸗ tete, am Freitag Morgen zu der Herzogin. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß ſich am Tag nach der Execution von Herrn von Maecreuſe Fräulein Helena nicht zeigte, um die Mündel des Barons zur Meſſe zu begleiten. Wenn ſte an ihre nahe bevorſtehende Zuſammenkunft mit Herminie dachte, fühlte ſich Erneſtine nichtsdeſto⸗ weniger betrübt. Obgleich ſie die edeln Abſichten von Gerald kannte, obgleich ſie ſich bei ihrer Unterredung mit ihm am vorher⸗ gehenden Abend überzeugt hatte, daß er Herminie leiden⸗ ſchaftlich liebte, ſo ahnete doch Fräulein von Beaumesnil die zahlloſen Schwierigkeiten, die ſich der Heirath des jun⸗ S e und der armen Klavierlehrerin entgegenſtellen müßten. Dies waren die Gedanken und Gefühle von Erneſtine, als ſie zu ihrer Freundin kam; dieſe lief ihr entgegen, küßte ſie zärtlich und ſagte: „Ah! ich war ſicher, Sie würden Ihr Verſprechen nicht vergeſſen, Erneſtine.. . . Hatte ich Ihnen nicht ge⸗ ſagt, Ihre Gegenwart würde mir ſüß und tröſtlich ſein?“ „Möchte ſie es in der That ſein, meine gute Her⸗ minie. Haben Sie wieder etwas Muth gefaßt? Haben Sie Hoffnung?“ Die Herzogin ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und erwiederte: „Ich kann glücklicher Weiſe zu dieſer Stunde meinen Kummer vergeſſen . . . Sprechen wir nicht davon, Erne⸗ ſtine, ſpäter kommen wir wieder darauf zurück, wenn ich leider nichts mehr habe, um mich zu zerſtreuen.“ „Von welcher Zerſtreuung ſprechen Sie?“ 63 „Es handelt ſich um Sie, Erneſtine.“ „Um mich?“ „Ja. es betrifft eine Sache, welche vielleicht einen glücklichen Einfluß auf Ihre Zukunft haben könnte, arme, kleine, liebe Waiſe.“ „Wie meinen Sie das?“ „Ich werde Ihnen dieſes Geheimniß nicht erklären. Man hat mich gebeten, bei Ihnen die Dolmetſcherin ge⸗ wiſſer Pläne zu ſein; doch ich befürchtete, durch die Art, wie ich ſie Ihnen darſtellen würde, einen Einfluß auf Sie auszuüben, und wies es von mir, da der Entſchluß ganz und gar aus Ihnen hervorgehen ſollte, wobei ich mir in meinem Innern vorbehielt, Ihnen hernach, wenn Sie es verlangen, meinen Rath zu geben.“ „Mein Gott, Herminle, was Sie mir da ſagen, ſetzt mich immer mehr in Erſtaunen. Was für Pläne jind denn das?“ „Als wir uns das letzte Mal ſahen, .. während Ihnen der Commandant Bernard wiederholt ſeine Dank⸗ barkeit ausvrückte, bat mich Herr Olivier, ihn am andern Tag wegen einer wichtigen Mittheilung, wie er ſagte, zu empfangen. Ich habe ihn empfangen die Sache war in der That ernſt. . . er bat mich, ſeine Dolmetſcherin bei Ihnen zu ſein . doch aus den Gründen, die ich Ihnen geſagt habe, wollte ich dieſen Auftrag nicht über⸗ nehmen.“ „Ah! es betrifft alſo Herrn Olivier?“ „Ja, und ich glaubte, es wäre beſſer, wenn er ſelbſt in meiner Gegenwart mit Ihnen ſpräche, wenn Sie über⸗ haupt einwilligen.“ „Sie rathen mir alſo, Herrn Ollvier anzuhören, meine gute Herminie?“ „Ich rathe es Ihnen, Grneſtine, weil Sie, was auch kommen mag, und was Sie beſchließen mögen, glück⸗ lich und ſtolz ſein werden, ihn gehört zu haben.“ e Dann werde ich Herrn Olivier ſehen.. Doch wann es2“ 64 „Heute ſogleich, wenn Sie es wünſchen.“ „Wo iſt er denn?“ „Dort, im Garten . . . Da ich auf Ihren Beſuch heute Morgen rechnete . .. ſagte ich zu ihm: „„Kommen Sie am Freitag, Herr Olivier.. Sie warten einige Augenblicke im Garten, und wenn Erneſtine Sie zu ſehen einwilligt, laſſe ich Sie holen.““ „Nun, Herminie, ſo laſſen Sie Herrn Olivier be⸗ nachrichtigen, daß ich ihn mit Vergnügen ſehe.“ Eine Minute nachher wurde Olivier Raimond von Madame Moufflon, der Portiére, gemeldet und eingeführt. „Herr Olivier,“ ſprach Herminie, „Erneſtine iſt be⸗ reit, Sie zu hören Sie kennen meine Freundſchaft für das gute Mädchen .. Sie wiſſen auch, wie ſehr ich Sie achte . . . Sie werden ſich alſo über meine Gegenwart bei vieſer Unterredung nicht wundern.“ „Ich wünſchte Ihre Gegenwart, Fräulein Herminie . denn ich werde vielleicht an Ihre Erinnerungen zu appel⸗ liren haben.“ Dann ſich an Fräulein von Beaumesnil wendend, ſprach Olivier, ohne eine lebhafte Gemüthsbewegung zu verbergen: „Mein Fräulein, ich bevarf eines vollen Vertrauens zu der Redlichkeit meiner Abſichten, um den vielleicht ſelt⸗ ſamen Schritt zu wagen, den ich bei Ihnen verſuche.“ „Ich bin zum Voraus überzeugt, Herr Olivier, daß dieſer Schritt Ihrer, meiner und der Freundin, die uns hört, würdig iſt.“ „Ich glaube es, mein Fräulein, und will alſo in vol⸗ ler Aufrichtigkeit mit Ihnen ſprechen. Denn Sie erinnern ſich, daß Sie mir ſchon einmal für meine Offenherzigkeit Dank gewußt haben.“ „Ich war im höchſten Grade davon gerührt, Herr Olivier. Herminie kann Sie deſſen verſichern.“ „Fräulein Herminie kann Sie auch der lebhaften Theilnahme verſichern, die Sie mir einflößten, mein Fräu⸗ lein „ich ſage nicht hei dem Mitleids⸗Contretanz,“ 65 fügte Olivier lächelnd hei, „ſondern in Folge der Unter⸗ redung, die ich an jenem Abend mit Ihnen gehabt habe.“ „In der That, meine liebe Erneſtine, nach Ihrem Abgang kam mir Herr Olivier ſehr gerührt von jener Miſchung von Schwermuth, Dreuherzigkeit und liebenswür⸗ diger Originalität vor, die er in Ihrer Unterhaltung ge⸗ funden hatte. Seine Theilnahme verdoppelte ſich be⸗ ſonders, als ich ihm, ich hoffe, ohne eine Indiscretion zu begehen, ſagte, ich glaube, Sie ſeien nicht glücklich.“ „Die Wahrheit iſt nie indiscret, meine gute Hermi⸗ nie. Muß man ſein Unglück Gleichgültigen verbergen, ſo findet man dagegen einen Troſt darin, daß man es ſei⸗ nen Freunden geſteht.“ „Mein Fräulein,“ fuhr Olivier fort, „dann werden Sie vielleicht begreifen, daß in Folge aller dieſer Umſtände unſer erſtes Zuſammentreffen bei mir .. ich ſage nicht, eine jener heftigen, plötzlichen Gemüthsbewegungen, die man zuweilen empfindet ich würbe lügen . .. ſondern eine Bewegung voll Milde, gemiſcht mit einer Beſorgniß für Ihr Schickſal, hervorgebracht hat, eine Beſorgniß, welche durch die Erinnerung und die Ueberlegung ſpäter immer lebhafter bei mir geworden iſt. . . Dies waren meine Ge⸗ fühle, mein Fräulein, als Sie mit Gefahr Ihres Lebens einen Mann retteten, den ich wie meinen Vater liebe .. Ihnen zu ſagen, mein Fräulein, was ich fühlte, als ſich mit dem, was ich ſchon für Sie empfand, die Dankbar⸗ keit, die Bewunderung verband, die Ihre edelmüthige Auf⸗ opferung verdiente, Ihnen dies zu ſagen, mein Fräulein, hätte ich vielleicht nie gewagt, ohne vas unerwartete Glück, das mir begegnete.“ Nach dieſen Worten hielt Olivier, als hätte er fort⸗ zufahren gezögert, einen Augenblick inne; dann aber ſprach er weiter: „Zu dieſer Stunde, mein Fräulein, muß ich mich, muß ich auch Sie daran erinnern, daß Sie vor Allem die Aufrichtigkeit lieben.“ 66 b Herr Olivier, „ich liebe vor Allem die Aufrich⸗ tigkeit.“ „Nun wohl, mein Fräulein, offenherzig: Sie find nicht glücklich, nicht wahr, Sie haben ſich nicht über die Perſo⸗ nen zu freuen, die Sie umgeben?“ „Ach! nein, Herr Olivier, das einzige Glück, das ich ſeit dem Tode meines Vaters und meiner Mutter kennen gelernt habe, ſchreibt ſich von dem Tage meiner Vorſtellung bei Madame Herbaut her.“ „Ich möchte Sie nicht gern traurig machen, mein Fräulein,“ fuhr Olivier mit einem Ton voll Gutmüthigkeit fort, „ich möchte Sie nicht gern an das erinnern, was Peinliches, Schwankendes in der durchaus von einer un⸗ ſichern, zuweilen ungenügenden Arbeit abhängigen Lebens⸗ ſtellung liegt, und dennoch, mein Fräulein, ſo fleißig Sie auch ſein, welches Zutrauen Sie auch zu Ihrem Muthe haden mögen, dürfen Sie nicht vergeſſen, daß Sie eine Waiſe ſind . .. ohne Zweifel umgeben von ſelbſtſüchtigen, harten Herzen, welche am Tage der Noth, der Krankheit Sie vielleicht verlaſſen oder Ihnen ein demüthigendes Mit⸗ leid bezeigen würden, das noch viel grauſamer iſt, als die Verlaſſenheit.“ „Ah! . Sie täuſchen ſich nicht, Herr Olivier Härte, Verachtung, Verlaſſenheit! . . . das iſt es, was ich von den Perſonen, von denen ich umgeben bin, zu erwarten hätte, wenn ich in die Armuth verſänke.“ „Sie der Verachtung .. der Härte ausgeſetzt ..“ rief Olivier. „Oh nie!“ Und eine rührende Gemüthsbewegung überzog mit einer Wolke der Traurigkeit ſein edles, freundliches Geſicht. „Sie mein Fräulein . ..“ fuhr er fort, „Sie ſo behandelt . .. nein, nein! das darf nicht ſein, das wird nicht ſein. Ich weiß wohl, daß Sie auf die zarte Freund⸗ ſchaft von Fräulein Herminie rechnen können ... doch unter ehrlichen und armen Leuten, wie wir ſind, ſoll man ſich nicht täuſchen. Fräulein Herminie kann eines Tags eben⸗ falls Ihrer bedürfen .. Und überdies find zwei Stützen 67 mehr werth, als eine. Eine von dieſen Stützen würde ich Ihnen anzubieten mir erlauben, wenn Sie ebenſo viel Zutrauen zu mir hätten, als ich tiefe und ehrfurchtsvolle Zuneigung zu Ihnen hege.“ „Mein Herr,“ ſagte Erneſtine bebend und die Augen niederſchlagend „ich weiß nicht, ob ich darf. . .“ „Hören Sie, mein Fräulein, wenn ich noch Soldat wäre.. denn Soldat oder Unterofficier ſein, iſt ganz daſſelbe. würde ich nicht ſo ſprechen . . . Ich hätte es verſucht .. nicht meine Dankbarkeit wohl aber das Gefühl zu vergeſſen, das mir dieſe doppelt theuer macht. Würde mir das gelungen ſein? Ich weiß es nicht; doch heute bin ich Officier... das iſt für mich ein Glück. .. und dieſes Glück laſſen Sie mich Ihnen anbieten.“ „Mir. mein Herr, ein Loos, das über meinen Hoffnungen ſteht!“ ſagte Erneſtine, welche nur mit Mühe die unausſprechliche Freude, die ihr der Antrag von Oli⸗ vier bereitete, zurückzuhalten vermochte; „mir, der armen Waiſe, die ich bon meiner Arbeit lebe „Ah! mein Fräulein, wenn mir das Glück zu Theil würde, daß Sie mein Anerbieten annähmen, ſo würde ich eine heilige Schuld bei weitem nicht abtragen, ſondern eine andere gegen Sie eingehen .. denn ich hätte Ihnen das Glück meines Lebens zu danken; doch dieſe Schuld durch Ergebenheit und Liebe zu bezahlen, dürfte ich wenigſtens ſicher ſein. . . Ja, warum es nicht ſagen, warum es nicht laut ſagen? es gibt keine tiefere, ehrenhaftere Liebe, als die meinige, es gibt keine edleren, keine heiligeren Urſa⸗ chen, als die, weiche ſie in meinem Herzen erzeugt haben.“ Bei dieſen Worten, welche Olivier mit tief überzeug⸗ tem, auftichtigem, unwiderſtehlichem Ton ſprach, wurde Fräulein von Beaumesnil, deren Unruhe immer mehr zu⸗ genommen hatte, von einem köſt lichen, ihr bis dahin un⸗ bekannten Gefühl ergriffen; eine lebhafte Röthe bedeckte ihre Stirne und ihren Hals, als ſie zweimal die Augen nach dem edlen, anmuthreichen Geſichte von Olivier auf⸗ ſchlug, das nun von Reblichkeit, Liebe und Hoffnung ſtrahlte. Erneſtine hatte ſich alſo nicht in der Bedeutung des Blickes von Olivier getäuſcht, als dieſer in ihrer Gegen⸗ wart ſeine Ernennung zum Officier erfuhr. Sie ſah ſich, ſie fühlte ſich geliebt, glähend geliebt.. . und dann, unſchätzbares Glück! die Urſachen dieſer Liebe waren ſo edel, ſo augenſcheinlich, daß ſie nicht an ihrer Wirklichkeit zweifeln konnte. Und an eine ſolche Liebe glauben, begreifen, würdi⸗ gen, was Alles Erhabenes, Zartes, Reizendes darin liegt, heißt dies nicht ſie theilen, beſonders wenn man, wie Fräulein von Beaumesnil, mitten unter Befürchtungen eines ſo grauſam durch die Ereigniſſe gerechtfertigen Miß⸗ trauens gelebt hat.. eines Mißtrauens, das alle Pläne, welche die traurige Waiſe für ihre Zukunft bilden konnte, zu zerſtören drohte. Welche unausſprechliche Freude für ſie, ſich ſagen zu können: „Mich, die arme Waiſe, ohne Namen, ohne Vermo⸗ gen liebt man, weil ich mich aufrichtig, muthig und edel gezeigt habe . Und ich werde ſo wahrhaft geliebt, daß man mir eine unverhoffte Heirath anbietet, denn ſie ſichert mir ein gutes Auskommen, eine geehrte und ehrenhafte Lebenslage, mir, von der man glaubt, ich ſei beſtimmt, beengten Verhältniſſen, ja beinahe in der Armuth zu eben.“ Verwirrt, glücklich, bewegt von tauſend neuen Ge⸗ fühlen, zugleich lächelnd und erröthend, nahm Fräulein von Beaumesnil die Hand von Herminie, neben der ſie ſaß, und ſagte, indem ſie ſo ihrer keuſchen Zurückhaltung die Verlegenheit erſparte, unmittelbar auf den Antrag von Olivier zu antworten. „Oh! Sie haben Recht, Herminie, ich mußte mich auf das Anerbieten von Herrn Olivier ſtolz fühlen.“ „Und dieſes Anerbieten,“ fragte Herminie, die Ant⸗ 60 wort ihrer Freundin errathend, „nehmen Sie es an, Erneſtine?“ Mit einer Bewegung voll Anmuth und reizender Nai⸗ vetät ſiel Fräulein von Beaumesnil der Herzogin um Hals, küßte ſie zärtlich und ſagte leiſe ganz eiſe: „Ja ich nehme es an.“ Hienach blieb Erneſtine den Kopf halb an dem Buſen von Herminie verborgen, während dieſe, welche kaum die Thränen der Rührung zurückzuhalten vermochte, zu dem jungen Officier, der ſelbſt von dieſer reizenden Scene tief bewegt war, ſagte: „Erneſtine willigt ein, Herr Ollvier Ich bin darüber entzückt für Sie, und für meine Freundin . denn von dieſem Augenblick iſt ſie auf immer glücklich.“ „Oh! ja, mein Fräulein,“ rief Olivier ſtrahlend, „denn von dieſem Augenblick habe ich das Recht, mein Leben Erneſtine zu weihen.“ „Ich glaube Ihnen ich glaube an mein zukünf⸗ tiges Glück, Herr Olivier,“ ſagte Fräulein von Beau⸗ mesnil, ihren Kopf erhebend, den ſie bis jetzt auf die Schulter von Herminie gelehnt hatte. Und die Wangen leſcht gefärbt, ihre hübſchen blauen Augen von einer reinen Freude glänzend, reichte Erneſtine dem jungen Mann ihre kleine Hand. Olivier bebte, als er dieſe Hand berührte, die er nicht an ſeine Lippen zu führen wagte, die er aber mit einer zärtlichen, ehrfurchtsvollen Bewegung leicht drückte. Dann ſprach er, ohne vaß er die Thränen zu ver⸗ bergen ſuchte, die ihm in die Augen traten: „Bei dieſer redlichen Hand, die Sie mir freiwillig gegeben haben . mein Fräulein, ſchwöre ich Ihnen, und ich nehme unſere Freunvin zur Zeugin ich Ihnen, daß mein Leben Ihrem Glück geweiht ſein wird.“ Die ſieben Tovſünden. MI. 6 Siebentes Rapitel. Nach den zwiſchen Fräulein von Beaumesnil und Hlivier Raimond in Gegenwart von Herminie ausge⸗ tauſchten Verſprechungen, beobachteten die drei Perſonen dieſer Scene mehrere Augenblicke ein feierliches Still⸗ ſchweigen. Alle drei fühlten die ernſte Bedeutung deſſen, was ſich unter ihnen entwickelt hatte. „Welch ein Glück, reich zu ſein,“ dachte Olivier, „denn nun bin ich reich gegen dieſes arme Kind, das nur ſeine Arbeit als Lebensunterhalt hat... Welch ein Glück, dieſem Mädchen ein Daſein ſichern zu können, das über ihren ſchönſten Träumen ſteht!“ Seine Züge ſtrahlten vor Freude bei dieſem Gedan⸗ ken, er brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte zu Fräu⸗ lein von Beaumesnil: „Ehe ich Ihrer Einwilligung ſicher war, mein Fräu⸗ lein, wollte ich keinen Schritt bei Ihrer Verwandtin thun, welche, ich habe alle Urſache, dies zu glauben, meine Bitte gutheißen wird.. Was meinen Oheim betrifft, ſo brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß ſeine Freude ſicherlich der meinigen gleichkommt, wenn er erfährt, daß er Sie ſeine Tochter nennen darf.“ Dieſe Worte von Olivier verſetzten Erneſtine in eine große Verlegenheit; einem Aufſchwung unwiderſtehlichen Vertrauens nachgebend, das ihr ſagte, ſie würde bei Oli⸗ vier alle mögliche Bürgſchaften des Glücks und der Sicher⸗ heit finden, hatte ſie nicht an die zahlloſen Schwierigkeiten gedacht, die aus ihrem Incognito entſprangen, das ſie nicht auf der Stelle zu brechen wagte. Doch ſchon einigermaßen mit den plötzlichen Verle⸗ genheiten vertraut, die aus der Lage, welche ſie ſich — 7¹ geſchaffen, hervorgingen, antwortete Fräulein von Beau⸗ mesnil, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen: „Ich vermöchte Ihnen heute nicht zu ſagen, Herr Olivier, ob es vorzuziehen iſt, daß Herr Bernard oder daß Herminie meine Verwandtin aufſucht, um ſie von Ihren Abſichten und von meiner Einwilligung zu unter⸗ richten ich werde darüber nachdenken und Ihnen das erſte Mal, wo ich Sie wiederſehe, mittheilen, was ich für das Zuträglichſte halte.“ „Erneſtine hat Recht, Herr Olivier,“ ſagte Herminie; vnach dem, was ich von dem ſchlimmen Charakter ihrer Verwandtin weiß, muß man vorſichtig zu Werke gehen. . das iſt ein Unglück, aber die Einwilligung dieſer Ver⸗ wandtin bleibt unerläßlich für die Heirath von Erneſtine.“ „Ich verlaſſe mich ganz und gar auf Sie, Fräulein Erneſtine, und auf Sie, Fräulein Herminie, in Beziehung auf die Art und Weiſe, wie dieſer Schritt zu thun iſt .. Sicher der Einwilligung von Fräulein Herminie, kann ich in dieſem ſüßen Gedanken warten . . oh! ſehr ſüß, Fräulein Erneſtine . . . Wenn Sie wüßten, mit welcher Zufriedenheit ich an die Zukunft denke . . an unſere Zukunft denke ... Und mein braver und würdiger Oheim, wie groß wird ſeine Freude ſein, wenn er ſich von unſerer Sorge umgeben fieht. Denn nicht wahr, Fräulein Erneſtine, es wird Ihnen in keiner Hinſicht unangenehm ſein, bei ihm zu leben? . Er iſt ſo gut, er wird ſich ſo glücklich fühlen“ „Haben Sle denn nicht geſagt, Herr Olivier, er würde mich ſeine Tochter nennen? .. Oh! glauben Sie mir, ich werde eiferſüchtig bemüht ſein, dieſen Titel zu rechtfertigen.“ „Sprechen Sie, Fräulein Herminie,“ ſagte Olivier, ſich an die Herzog in wendend, „kann es nach einer ſolchen Antwort ein vollſtändigeres Glück geben, als das meinige?“ „Nein, Herr Olivier,“ erwiederte die Herzogin einen Seufzer bei dem Gedanken unterdrückend, daß auch 72 ſie eines ſolchen Glückes hätte theilhaftig werden können, wäre die Lage von Gerald eine ſo beſcheidene geweſen, wie die von Olivier, „nein, ich glaube nicht, daß es ein Glück gibt, das mit dem Ihrigen zu vergleichen iſt und verdienter wäre! Ich freue mich auch darüber für meine Freundin.“ „Ah! Fräulein Erneſtine,“ ſagte Olivier lächelnd, „wir werden keine vornehme Leute ſein, denn ein Unter⸗ lieutenant iſt im Ganzen wenig; aber eine ehrenhaft ge⸗ tragene Epaulette, nivellirt wenigſtens alle Verhältniße. und dann bin ich jung, und ſtatt einer Epaulette kann ich zwei bekommen ... ſodann Schwadronschef vielleicht Oberſter werden!“ „Ah! Herr Olivier,“ erwiederte Erneſtine ebenfalls lächelnd, „das iſt ehrgeizig.“ „Es iſt wahr es kommt mir nun vor, als würde ich vom Ehrgeiz verzehrt!. Ich wäre ſo glück⸗ lich, Sie die Achtung genießen zu ſehen, welche der Frau eines Oberſten gezollt wird ... Mein armer Oheim würde ſich für Sie . . . für mich . .. und auch für ſich ſtolz fühlen, mich zu dieſem Grad erhoben zu ſehen! . Und dann wiſſen Sie, Fräulein Erneſtine, daß wir mit unſerem Oberſtengehalt Millionäre wären . . . Welche Wonne dann für mich, Sie mit Wohlſtand, mit ein we⸗ nig Lurus ſogar zu umgeben, Sie vergeſſen zu laſſen, was Ihre Jugend vielleicht Peinliches gehabt hat, und Sie und meinen Oheim vor dem Mangel zu ſchützen, unter dem er zuweilen gelitten.“ „Ja, trotz Ihrer edelmüthigen Anſtrengung, Herr Olivier,“ ſprach Erneſtine tief bewegt, „trotz der beſtän⸗ digen Arbeiten, mit denen Sie ſich während Ihres Ur⸗ laubs beladen haben ..“ „Ah! Fräulein Herminie, Sie ſind ſehr ſchwatzhaft geweſen,“ ſagte Olivier heiter zur Herzogin. „Jedenfalls,“ erwiederte dieſe, „jedenfalls wird meine Schwatzhaftigkeit ganz uneigennützig geweſen ſein, denn als ich Erneſtine alles Gute ſagte, was ich von Ihnen wußte, 73 war ich weit entfernt, zu vermuthen, Sie dürften mich ſo bald rechtfertigen.“ „Und ich,“ ſprach Erneſtine lächelnd, „ich ſage Herrn Olivier mit der Offenherzigkeit, die er ſo ſehr liebt, daß er mich gewaltig mißkennt, wenn er glaubt, ich trage ein Verlangen nach dem Lurus, den er mir eines Tags verſpricht.“ „Und ich,“ ſagte Olivier, „ich antworte ebenſo offen⸗ herzig, daß ich furchtbar ſelbſtſüchtig bin, daß ich, indem ich Fräulein Erneſtine mit Wohlſtand und Lurus zu um⸗ geben hoffe, nur an das Vergnügen denke, das ich mir verſpreche.“ „Und ich, die ich die Vernunft in Perſon bin,“ ſprach Herminie ſchwermüthig lächelnd, „ich ſage Fräulein Erne⸗ ſtine und Herrn Olivier, daß ſie Beide Kinder ſind, wenn ſie ſich ſo mit dieſen goldenen Träumen beſchäftigen; muß ſie nicht die Gegenwart befriedigen?“ „Ah! ich geſtehe, ich habe Unrecht,“ erwiederte heiter Olivier; „man ſehe doch, wohin der Ehrgeiz führt. Ich denke daran, Oberſter zu werden, ſtatt mir zu ſagen, mein braver Oheim und ich ſeien, durch meinen Sold als Un⸗ terlieutenant, nie ſo reich geweſen wie nun. . . Beinahe tauſend Thaler jährlich. für uns Zwei . . Welche Freude ſagen zu können, für uns Drei, Fräulein Erneſtine!“ „Tauſend Thaler jährlich! .. Aber das iſt unge⸗ heuer, Herr Olivier! . . .“ rief die reichſte Erbin Frankreichs. „Wie ſo viel Geld ausgeben?“ „Arme Kleine!“ ſagte Olivier, ganz eitel auf ſeine Vornehmheit. „Ich vermuthete es, für ſie, welche bis ietzt ſo unglücklich, iſt dies ein großes Vermögen.“ Dann ſprach er laut: „Laſſen Sie es gut ſein, Fräulein Erneſtine, wir werden mit unſeren dreitauſend Franken fertig werden. Vor Allem will ich, daß Sie zum Entzücken gekleidet ſein ſollen, einfache, aber zierliche Toilette.“ „Mein Gott! welche Coquetterie, Herr Olivier!“ rief Erneſtine lachend. 74 „Keineswegs, mein Fräulein. das iſt Würde .. Die Frau eines Officiers beurtheilen Sie doch, es handelt ſich um die Ehre des Grades.“ „Wenn es ſich um die Ehre des Grades handelt,“ erwiederte Fräulein von Beaumesnil lachend, „ſo werde ich mich fügen, doch nur unter der Bedingung, daß Ihr lieber Oheim einen hübſchen Garten bekommt, da er die Blumen liebt.“ „Einverſtanden, Fräulein Erneſtine, wir werden leicht eine kleine Wohnung mit einem Garten in einem abge⸗ legenen Quartier finden . . . Denn da wir in Paris in Garniſon ſind, können wir nicht in den Batignolles wohnen und Ah! mein Gott!“ „Was haben Sie denn, Herr Olivier?“ „Fräulein Erneſtine,“ ſagte der junge Officier mit komiſchem Ernſt, „ſind Sie Bonapartiftin?“ „Ich, Herr Olivier? gewiß . . ich bewundere den Kaiſer. Doch warum dieſe Frage?“ „Ah! mein Fräulein, dann find wir verloren; mein Oheim beherbergt leider unter ſeinem Dach die unverſohn⸗ lichſte Feindin des großen Mannes.“ „Wirklich, Herr Olivier?“ „Sie werden ſchaudern, wenn Sie die gräßlichen Ge⸗ ſchichten hören, die ſie von ihm erzählt; doch im Ernſte zu ſprechen, Fräulein Erneſtine, ich habe Sie im Voraus um Ihre Nachſicht und Theilnahme für eine würdige Frau, die Haushälterin meines Oheims, zu bitten, die ihn ſeit den zehn Jahren, die ſie ihm dient, täglich mit der vor⸗ trefflichſten Pflege und Fürſorge behandelt, und . . . maßlos in Beziehung auf den corſiſchen Wehrwolf aus⸗ „Wohl! Herr Olivier, ich werde von meiner Bewun⸗ derung für den Kaiſer nur mit Ihrem lieben Oheim ſprechen, und ſie vor dieſer braven Frau verbergen . . . Sie ſollen ſehen, ich benehme mich ſo politiſch, daß ſie mich trotz meines Bonapartismus ſicherlich liebt.“ Madame Muufflon, die Portière, unterbrach, nachdem 75 ſie angeklopft hatte, das Geſpräch und überbrachte Her⸗ minie einen Brief. Als dieſe die Handſchrift erkannte, ſagte ſie der Portiöre, ſie möge einen Augenblick die Perſon, die ihr e Brief übergeben, auf den ſie antworten wolle, warten aſſen. Olivier befürchtete unbeſcheiden zu ſein; überdies drängte es ihn, zu dem Commandanten Bernand zurück⸗ zukehren, um ihm über den glücklichen Erfolg ſeines Schrittes Bericht zu erſtatten, und ſo ſprach er zu Fräu⸗ lein von Beaumesnil: „Ich kam unruhig hierher, Fräulein Erneſtine .. ich gehe durch Ihr Wohlwollen als der zufriedenſte Menſch weg . . Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, mein Fräulein, mit welcher Ungeduld ich das Reſultat Ihrer Entſchließung in Betreff Ihrer Verwandtin erwarten werde. Wenn Sie es für ſchicklich erachten, daß mein Oheim einen Schritt e ihr macht, ſo wollen Sie mich davon in Kenntniß etzen.“ „Bei unſerer nächſten Zuſammenkunft, welche hier bei Herminie ſtattfinden wird, ſage ich Ihnen, was mir als das Entſprechendſte erſcheint.“ „Nicht wahr, Sie erlauben mir, zu dieſer Zuſam⸗ menkunft meinen Oheim mitzubringen? Denn er wird Ihnen ſo viel zu ſagen haben,“ fügte Olivier lächelnd bei „er wird ein ſolches Verlangen tragen, Sie zu ſehen, daß es unklug wäre, ihn nicht beizulaſſen . . . Er wäre zu Allem fähig, um bis zu Ihnen zu dringen und Ihnen ſeine Freude und Dankbarkeit auszudrücken.“ „Herminie und ich werden Ihren Oheim nicht zu ſo furchtbaren Schritten nöthigen, denn ich bin ſelbſt ſo unge⸗ duldig, ihn zu ſprechen . .. Auf baldiges Wiederſehen alſo, Herr Olivier.“ „Auf baldiges Wiederſehen, mein Fräulein.“ Hienach ging Olivier weg und ließ die zwei Mädchen beiſammen. 76 Herminie öffnete ſodann den Brief von Herrn von Maillefort; er enthielt folgende Worte: „Es bleibt dabei, daß ich Sie morgen, Sonnabend, mein liebes Kind, zu Fräulein von Beaumesnil führe; nur werde ich Sie, wenn Sie erlauben, um drei Uhr Nachmittags abholen, ſtatt um die Mittagsſtunde, wie es verabredet war. Ein Geſchwiſterkind von mir, das Haupt meiner Familie, der Prinz⸗Herzog von Haut⸗Martel (nehmen Sie mit dem Wenigen vorlieb), iſt vor Kurzem in Ungarn geſtorben, was mir ſehr gleichgültig iſt, obſchon ich von dieſem Verwandten erbe.“ „Ich erhalte die Nachricht durch die öſterreichiſche Geſandtſchaft, zu der ich mich morgen früh wegen einiger unerläßlicher Förmlichkeiten begeben muß; was mich zu meinem großen Bedauern verhindert, Sie ſo bald, als ich es verſprochen habe, abzuholen.“ „Morgen alſo, mein liebes Kind .. Sie kennen meine Gefühle für Sie.“ „Maillefort.“ „Erneſtine, Sie erlauben mir, ein Wort auf dieſen Brief zu erwiedern, nicht wahr?“ ſagte Herminie und ſetzte ſich an einen Tiſch. Während die Herzogin an Herrn von Maillefort ſchrieb, dachte Fräulein von Beaumesnil traumeriſch mit wachſender Zufriedenheit über die Verbinvlichkeit nach, die ſie gegen Olivier eingegangen hatte. Die Herzogin antwortete Herrn von Maillefort, ſie würde ihn am andern Tag um drei Uhr, wie er es wünſche, erwarten. Dann läutete ſie Madame Muufflon und bat ſie, ihre Antwort der Perſon, die den Brief über⸗ bracht, einzuhändigen. Als die Portiere weggegangen war, kehrte Herminie zu Fräulein von Beaumesnil zurück, küßte ſie zärtlich, da fie nun mit ihr allein war, und ſagte: „Erneſtine nicht wahr, Sie ſind ſehr glücklich?“ 77 „Oh! ja, ſehr glücklich,“ antwortete Fräulein von Beaumesnil, „denn hier bei Ihnen, Herminie, widerfährt mir dieſes Glück. Welche Großmuth von Herrn Olivier, wie muß er mich ſchätzen und wahrhaft lieben, daß er mich heirathen will .. nicht wahr? er, der ſich in einer Lage befindet, welche ſo hoch über der meinigen iſt! Oh! Herminie . das würde genügen, ihn mich anbeten zu laſſen . . . Welches Vertrauen muß ich zu ſeinen Ver⸗ ſprechungen haben! Mit welcher Sicherheit kann ich nun in die Zukunft ſchauen, wie auch eines Tages meine Um⸗ ſtände ſein mögen!“ „Glauben Sie mir, Erneſtine, es kann kein Glück mehr geſichert ſein, als vas, welches Ihrer harrt. .. Ihr Leben wird ſanft und wonnereich ſein. Lieben ddel geliebt werden, gibt es ein beneidenswertheres Loos?“ Und durch eine traurige Rückkehr zu ihrem eigenen Schickſal zerfloß Herminie unwillkührlich in Thränen. Fräulein von Beaumesnil begriff Alles und ſprach mit traurigem Tone: „Es iſt alſo wahr, es iſt alſo immer eine Art Selbſt⸗ ſucht im Glück? Oh! Herminie, verzeihen Sie, wie viel mußten Sie leiden! Jedes Wort unſeres Geſprächs mit Herrn Olivier mußte Ihnen einen ſchmerzlichen Schlag verſetzen. Sie hörten nur von getheilter Liebe, vn Hoff⸗ nung, von Zukunft reden.. und auf alle dieſe Freuden dachten Sie vielleicht verzichten zu müſſen . Oh! unſere Sorglofigkeit mußte Ihnen ſehr wehe thun!“ „Nein, nein, ſagte das arme Geſchöpf ſeine Thränen trocknend, „glauben Sie mir im Gegentheil, daß Ihre Zu⸗ friedenheit heilſam und tröſtlich für mich geweſen iſt. . . Habe ich nicht dieſen ganzen Morgen meinen verzweifelten Kummer vergeſſen?“ * . „Verzweifelt!. aber warum denn ?. .. Herr von Senneterre iſt Ihrer würdig,“ rief unvorſichtig Erneſtine, die ſich ihrer Unterredung mit Gerald am vorhergehenden Tage erinnerte, „er liebt Sie, wie Sie geliebt zu werden verdienen. ich weiß es .. 78 „Sie wiſſen es, Erneſtine? .. Und woher dies?“ „Ich will ſagen .. ich bin deſſen ſicher, Herminie,“ erwiederte Erneſtine verlegen. „Alles was Sie mir von ihm erzählt haben, beweiſt mir, daß Sie für Ihre Zunei⸗ gung keine beſſere Stelle finden konnten; die Hinderniſſe, die ſich Ihrer Heirath wiverſetzen, find groß, ich weiß es, doch ſie ſind nicht unüberwindlich.“ Sie ſind es, Erneſtine ich habe Ihnen nicht mit⸗ getheilt, daß ich, was meine eigene Würde heiſcht, Herrn von Senneterre nur heirathe, wenn ſeine Mutter hieher zu mir kommt und mir ſagt, ſie gebe ihre Einwilligung zur Hei⸗ rath ihres Sohnes .. Ohne dieſes moͤchte ich um keinen Preis in dieſe adelige Familie eintreten.“ „Oh Herminie,“ rief Erneſtine, „wie liebe ich an Ihnen dieſen Stolz... Und was hat Herr von Senneterre geant⸗ wortet?“ „Hochherzige, rührende Worte. ſie ließen mich die Täuſchung vergeſſen, deren Opfer ich geweſen war. Als Herr Olivier ihm meinen Entſchluß verkündigte, antwortete Gerald, weit entfernt, erſtaunt oder erzürnt zu ſcheinen: „„Was Herminie verlangt, iſt billig; es entſpricht ihrer Würde, wie der meinigen. . . die Verzweiflung iſt feig und unfruchtbar. .. Meine Sache iſt es, meine Mutter zu nöthigen, den Werth der Frau anzuerkennen, der meinen Namen zu geben ich mich ſtolz fühle.““ „Sie haben Recht, Herminie, das find hochherzige und rührende Worte.“ „„Meine Mutter liebt mich zärtlich,““ fügte Herr von Senneterre bei, „„nichts iſt einer wahren Leidenſchaft un⸗ möglich. . . Ich werde im Stande ſein, meine Mutter zu überzeugen und zu dem Schritt zu bewegen, den Her⸗ minie von ihr zu erwarten berechtigt iſt. . . Wie ich es dahin bringe, weiß ich nicht. Doch ich bringe es da⸗ hin, weil es ſich um das Glück von Herminie und um das meinige handelt. .““ „Und dieſe muthige Entſchloſſenheit von Herrn von 79 Senneterre gibt Ihnen nicht jede Hoffnung?“ fragte Erne⸗ ſtine lebhaft. . Die Herzogin ſchüttelte traurig den Kopf und er⸗ wiederte: „Die Entſchloſſenheit von Gerald iſt aufrichtig, aber er täuſcht ſich.. Was ich von ſeiner Mutter erfahren habe, gibt mir leider die Gewißheit, daß dieſe hochmüthige Frau nie .. .“ „Nie! warum ſagen Sie nie?“ rief Erneſtine, ihre Freundin unterbrechend; „ah! Herminie, Sie bedenken nicht, daß die Liebe bei einem Mann wie Herr von Senneterre Alles vermag. Seine Mutter iſt ſtolz und hoffärtig, ſagen Sie, deſto beſſer; eine feige Demuth hätte ſie unbarm⸗ herzig gefunden; Ihr gerechter Stolz wird ſie ſchlagend berühren, wird ſie vielleicht ärgern, da ſie auch ſtolz iſt; aber ſie wird wenigſtens genöthigt ſein, Sie zu ſchätzen, zu achten Das iſt ſchon ein großer Schritt .. ihre Zärtlichkeit für ihren Sohn wird das Uebrige thun .. Denn Sie wiſſen nicht, bis auf welchen Grad ſie ihn liebt. ja ſie liebt ihn ſo blind, daß ſie ſich in elende Intriguen eingelaſſen hat, um ihn ein ungeheures Vermögen durch eine ſeiner unwürdige Handlung erkaufen zu ma⸗ chen.. Warum, da es ſich im Gegentheil darum han⸗ delte, das Glück ihres Sohnes durch einen würdigen und lobenswerthen Schritt zu ſichern, warum ſollte ihre müt⸗ terliche Liebe ſich bei dieſer edlen Aufgabe verſehen? Glauben Sie mir, Herminie, man darf nie an dem Herzen einer Mutter verzweifeln.“ „Wahrhaftig, Erneſtine, ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen. Sie ſprechen von Herrn von Senneterre und ſeiner Familie, als ob Sie dieſelben kennen würden?“ „Nun, wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll,“ antwortete Fräulein von Beaumesnil, welche dem Verlangen, ihre Freundin in ihren Befürchtungen zu beſchwichtigen und ſie durch die Hoffnung zu beruhigen, nicht widerſtehen konnte, „da ich wußte, wie ſehr Sie betrübt ſind, meine liebe 80 Herminie, richtete ich es ſo ein ... ſehen Sie, wie intri⸗ gant ich bin . . . daß ich durch meine Verwandtin Aue⸗ kunft über Herrn von Senneterre erhielt.“ „Und wie ging dies zu?“ „Sie kennt die Gouvernante von Fräulein von Beau⸗ mesnil.“ „Ihre Verwandtin?“ „Gewiß, und fie hat ſo erfahren, daß ſich Frau von Senneterre in traurige Intriguen in der Abſicht miſchte, die Heirath ihres Sohnes mit Fräulein von Beaumesnil, dieſer reichen Erbin, zu ſichern.“ „Gerald ſollte Fräulein von Beaumesnil heirathen!“ rief Herminie. „Ja; doch er hat es hochherzig ausgeſchlagen .. der Reiz dieſes ungeheuren Vermögens hat ihn gleichgültig gefunden, weil er Sie liebte.. weil er Sie leidenſchaft⸗ lich liebt, Herminie.“ „Wahrhaftig!“ rief die Herzogin entzückt, „Sie ſind deſſen, was Sie ſagen, ſicher, Erneſtine?“ „Oh! ſehr ſicher.“ „Nein . man darf ſich über eine ſolche Uneigen⸗ nützigkeit von Seiten Geralds nicht wundern,“ ſprach Herminie, deren Buſen wonniglich bebte; „aber . . .“ 4 „Aber Sie find ſehr glücklich, ſehr ſtolz. .. über dieſen neuen Beweis von Liebe, nicht wahr?“ „Oh! ja,“ rief die Herzogin, die ſich unwillkührlich der Hoffnung wieder erſchloß; „doch ich wiederhole, find Sie deſſen, was Sie mir ſagen, ſicher, Erneſtine? Armes Kind, Sie wünſchen ſo ſehr, mich glücklich zu ſehen, daß Sie vielleicht Redensarten, Gerüchte, mit denen die Unter⸗ gebenen ſo verſchwenderiſch find, als wahr aufgenommen haben. .. Doch was fällt mir ein,“ fügte Herminie mit einer gewiſſen Bangigkeit bei: „hat nach dieſen gegründeten oder ungegründeten Gerüchten Fräulein von Beaumesnil Gerald geſehen?“ „Ich glaube, meine Verwandtin ſagte mir, Fräulein von Beaumesnil habe Herrn von Senneterre ein oder 8¹ zwei Mal geſehen.. Aber was iſt Ihnen daran gelegen, Herminie 2“ „Mir ſcheint, ich werde mich morgen beengt fühlen bei dem Gedanken, es haben Heirathspläne zwiſchen Ge⸗ rald und Fräulein von Beaumesnil ſtattgefunden.“ „Was ſoll denn morgen vorgehen, Herminie?“ „Ich ſoll morgen Fräulein von Beaumesnil als Kla⸗ vierlehrerin vorgeſtellt werden.“ „Morgen?“ fragte raſch Erneſtine, ohne ihr Erſtaunen zu verbergen.“ „Leſen Sie dieſen Brief, meine Freundin, er iſt von jenem Buckeligen, den Sie bei mir geſehen haben.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Erneſtine zu ſich ſelbſt, wäh⸗ rend ſie den Brief ves Marquis las, „ohne Zweifel wird Herr von Maillefort ſeine Urſache gehabt haben, mich geſtern nicht von der Vorſtellung von Herminie in Kennt⸗ niß zu ſetzen; doch gleichviel, er hat weiſe gehandelt, daß er dieſen Augenblick beſchleunigt, denn meine Kräfte, mich gegen Herminie zu verſtellen, ſind erſchöpft. Welches Glück, ihr morgen Alles geſtehen zu konnen!“ Und ſie gab der Herzogin den Brief von Herrn von Maillefort zurück und ſprach: „Nun! Herminie, was kann es Ihnen machen, daß Heirathspläne zwiſchen Herrn von Senneterre und Fräu⸗ lein von Beaumesnil ſtattgefunden haben?“ „Ich weiß es nicht, Erneſtine; doch ich wiederhole, das bringt mich in eine falſche, beinahe peinliche Stellung gegen Fräulein von Beaumesnil, und wenn ich nicht Herrn von Maillefort ihn zu ihr zu begleiten verſprochen haite „Was würden Sie thun?“ „Ich würde auf dieſen Beſuch, der mir nun eine Art von Unruhe bereitet, verzichten.“ „Ah! Herminie, Sie haben verſprochen, Sie können nicht zurückgehen. Und dann, iſt Fräulein von Beaumesnil nicht die Tochter jener Dame, die Sie ſo ſehr liebte, die 82 ſo oft mit Ihnen von ihrem theuren Kind ſprach 2. .. Herminie, bedenken Sie dies; es wäre ſchlimm von Ihnen, wenn Sie darauf verzichten würden, ſie zu ſehen. ſind Sie das nicht wenigſtens dem Andenken ihrer Mutter ſchuldig?“ „Sie haben Recht, Erneſtine; ich muß mich zu dieſer Vorſtellung entſchließen, und dennoch . .“ „Wer ſagt Ihnen, Herminte, daß nicht im Gegentheil ein Verhältniß von Ihnen zu dieſem Mädchen für beide Theile ſüß ſein wird? Ich weiß nicht warum, ich ſehe in dieſem Beſuch viel Gutes für Sie voraus, und ich ſpreche hier ſehr eigennützig, denn jede Freundſchaft iſt eiferſüchtig .. Aber es iſt ſpät, Herminie, ich muß nach Hauſe zurück⸗ kehren.. morgen ſchreibe ich Ihnen.“ Die Herzogin blieb einen Augenblick nachdenkend und ſprach dann: „Mein Gott! Erneſtine, es iſt ſeltſam . ich kann Ihnen nicht ſagen, was in mir vorgeht. .. Die edle Un⸗ eigennützigkeit von Gerald, meine Zuſammenkunft mit Fräu⸗ lein von Beaumesnil, Ihre Betrachtung über den Cha⸗ rakter von Frau von Senneterre, welche dadurch, daß ſie ſelbſt ſehr ſtolz iſt, vielleicht die Forderungen begreifen wird, die mir meine eigene Würde auferlegt, dies Alles verſetzt mich in eine außerordentliche Unruhe; noch ſo eben in Verzweiflung, hoffe ich nun unwillkührlich .. Und Ihnen habe ich es zu verdanken, meine Freundin, daß mein armes Herz minder ſchmerzlich beklommen iſt, als in dem Augenblick, da Sie zu mir kamen.“ Wenn Erneſtine nicht die Pläne von Herrn von Maillefort geachtet hätte, obgleich ſie nicht in dieſelben eingeweiht war, ſo würde ſie den Bangigkeiten der Her⸗ zogin ein Ziel geſetzt und ihre Hoffnungen dadurch vermehrt haben, daß ſie ihr neue Beweiſe von der Liebe Geralds und von dem Adel ſeines Charakters gegeben hätte; aber da ſie dachte, es würde bald Alles aufgeklärt ſein, bewahrte ſie ihr Geheimniß und verließ Herminie. „ * * 53 Am andern Morgen holte Herr von Maillefort ſeinem Verſprechen gemäß die Herzogin ab, und Beide be⸗ gaben ſich ſogleich zu Fräulein von Beaumesnil. Achtes Rapitel. Che ſich Fräulein von Beaumesnil am Freitag Morgen zu Herminie begab, hatte ſie keine Erklärung mit Herrn von la Rochaigue und Fräuleln Helena in Beziehung auf die Herren von Macreuſe und von Mornand gehabt. Bei der Rückkehr vom Ball begab ſich Erneſtine, eine leicht begreifliſche Müdigkeit vorſchützend, in ihre Wohnung und am andern Morgen ging ſie allein mit Madame Lainé aus, um Herminie zu beſuchen. Es läßt ſich errathen, welche bittere, zornige Vor⸗ würfe zwiſchen dem Baron, ſeiner Frau und Fräulein Helena ausgetauſcht wurden, als ſie von der unſeligen Fete zurückkamen, wo ihre geheimen Beſtrebungen entlarbt worden waren. Stets überzeugt von der zukünftigen Heirath von Herrn von Senneterre und Fräulein von Beaumesnil, war Frau von la Rochaigue unbarmherzig in ihrem Triumph, den ſie noch nicht enthüllte, und überhäufte mit Spöttereien und Vorwürfen den Baron und ſeine Schweſter. Die Frömmlerin antwortete mit ſanftem, gottſeligem. Ton, der Sieg der Böſen und der Hoffärtigen ſei vor⸗ übergehend, und einen Augenblick niedergetreten, erhebe ſich der Gerechte bald wieder ſtrahlend in ſeiner Glorie. Minder bibliſch, erklärte der Baron mit einer Feſtig⸗ keit, die ſeine Frau noch nicht an ihm kannte, nach der 84 von Herrn von Maillefort hervorgerufenen beklagens⸗ werthen Scene, könne er Fräulein von Beaumesnil nicht veranlaſſen, Herrn von Mornand zu heirathen; aber er würde durchaus, ganz und gar, unwiderruflich ſeine Einwilligung zu jeder Heirath verweigern, bis Fräu⸗ lein von Beaumesnil das Alter erreicht hätte, wo ſie über ſich ſelbſt verfügen könnte. * Bei ihrer Rückkehr von Herminie wurde Erneſtine zärtlich von Frau von la Rochaigue empfangen, welche ihr, ſtets munter, lächelnd und triumphirend, mittheilte, in einem erſten Augenblick des Aergers habe Herr von la Rochaigue erklärt, er würde ſich jeder Heirath bis zur Volljährigkeit ſeiner Mündel widerſetzen; doch der Wille des Barons habe durchaus nichts zu bedeuten, und ehe vierundzwanzig Stunden vergehen, werde er ſeine Anſicht ändern und einſehen, daß keine andere Heirath für Fräulein von Beaumesnil möglich ſei, als die mit Herrn von Senneterre. Und als die Baronin beifügte, es wäre ſchicklich, wenn Erneſtine am andern Tag die Mutter von Gerald empfinge, welche bei der Erbin einen officiellen und ent⸗ ſcheidenden Schritt in Beziehung auf die beabſichtigte Heirath zu machen wünſchte, antwortete Erneſtine, wäh⸗ rend ſie die Vorzüge von Herrn von Senneterre zu ſchätzen wiſſe, erbitte ſie ſich doch einige Tage zum Ueberlegen, wodurch ſie ſich Zeit laſſen wollte, ſich mit Herrn von Maillefort und Herminie über ihre Pläne für die Zukunft zu beſprechen. Vergebens drang die Baronin in ſie, um die Ent⸗ ſcheidung von Herminie zu beſchleunigen; dieſe blieb un⸗ beugſam. Ziemlich erſtaunt und ſehr ärgerlich über dieſe Ent⸗ ſchloſſenheit, ſagte die Baronin zur Waiſe, im Angenblick, wo ſie von ihr wegging: „Ich vergaß geſtern, Ihnen mitzutheilen, meine liebe Schöne, daß ich mich mit Herr von Maillefort, der nun zu meinen beſten Freunden gehort, und auch der 85 Ihrige iſt, (Sie wiſſen, was er alles Gutes von Herrn von Senneterre ſagt), verabredet habe, Ihnen Gelegenheit zu einer vortrefflichen Handlung zu geben, zu der ich übrigens ſchon vor Ihrer Ankunft in Paris die Idee hatte: es handelt ſich um eine ehrliche und arme junge Perſon, die als Künſtlerin zu Ihrer Mutter berufen wurde z dieſe junge Perſon iſt ſehr ſtolz und in ſehr beſchränkten Ver⸗ hältniſſen; wir dachten alſo, unter dem Vorwand von Klavierlectionen könnten Sie dieſelbe unterſtützen, und wenn Sie einwilligen, wird ſie Ihnen der Marquis morgen vorſtellen.“ Man erräth die Antwort von Erneſtine, und mit welcher Ungeduld ſie die Stunde erwartete, wo ſie Her⸗ minie in Begleitung von Herrn von Maillefort empfan⸗ gen ſollte. Endlich kam der ſo ungeduldig erſehnte Augenblick. Fräulein von Beaumesnil wolite ſich an dieſem Tag durchaus ſo kleiden, wie ſie zu ihrer Freundin ging; ſie trug daher einen äußerſt einfachen Kattunrock. Bald öffnete ein Kammerdiener auf eine ceremontöſe Weiſe die zwei Thürflügel des Salon, wo ſich die Erbin gewoͤhnlich aufhielt, und meldete mit lauter Stimme: „Der Herr Marquis von Maillefort.“ Herminie begleitete den Buckeligen, und fie fühlte ſich, wie ſie es am Tag vorher Ernefüine geſagt hatte, aus mehreren Gründen ſehr unruhig über dieſe Zuſammenkunft mit Fräulein von Beaumesnil. Die Herzogin, deren Buſen lebhaft bebte, hielt auch die Augen beſtändig niedergeſchlagen; der Kammer⸗ diener hatte Zeit, die Thüre zuzumachen, ehe Herminie Erneſtine erkannte. Der Marquls ergötzte ſich ungemein an dieſer Scene, und warf einen Blick des Einverſtändniſſes Fräulein von Beaumesnil in dem Augenblick zu, wo Herminie, verwun⸗ dert über das Stillſchweigen, mit dem man ſie empfing, die Augen aufzuſchlagen wagte. Die ſieben Todſünden. II. 7 86 „Erneſtine!“ rief ſie, indem ſie einen Schritt gegen ihre Freundin that, „Sie hier?“ Und tief erſtaunt, ſchaute ſie den Marquis an, wäh⸗ rend Fräulein von Beaumesnil Herminie um den Hals ſiel, ſie mit vollem Erguß küßte, und ſich der Thränen der Freude, welche die Herzogin an ihrer Wange herab⸗ fließen fühlte, nicht erwehren konnte. „Sie weinen, Erneſtine?“ fragte, immer mehr erſtaunt, Herminie, welche noch nichts errieth, obgleich ihr Herz mit ungewohnter Heftigkeit ſchlug. „Mein Gott! was haben Sie, Erneſtine?“ ſprach Herminie, „wie finde ich Sie hier, bei Fräulein von Beau⸗ mesnil? Sie antworten nicht! Mein Gott! ich weiß nicht, warum ich ſo zittere.“ und die Herzogin ſchaute den Buckeligen an, deſ⸗ ſen Augen ſich mit Thränen befeuchteten. „Ich weiß nicht . . . doch mir ſcheint, es geht hier etwas Außerordentliches vor,“ fuhr Herminie fort. „Herr Marquis, ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir, was dies bedeutet?“ „Dies bedeutet, mein liebes Kind,“ antwortete Herr von Maillefort, „daß ich ein guter Prophet war, als ich von Ihrer Zuſammenkunft mit Fräulein von Beaumesnil ſprach und Ihnen ſagte, dieſe Zuſammenkunft würde Ihnen ein Vergnügen bereiten, das Sie nicht erwarteten.“ „Sie wußten alſo, mein Herr, ich würde Erneſtine hier finden?“ „Ich war deſſen ſicher . . .“ „Sie waren deſſen ſichers“ „Ja, das konnte nicht fehlen.“ „Warum?“ „Aus einer ganz einfachen Urſache, weil . . .“ „Weil?“ „Sie errathen es nicht?“ „Nein, mein Herr.“ „Weil die zwei Erneſtinen nur eine bilden.“ ———— —— 87 Die Herzogin war ſo weit entfernt, die Wahrheit zu vermuthen, daß ſie Anfangs die Antwort des Buckeligen gar nicht errieth und maſchinenmäßig, indem ſie ihn an⸗ ſchaute, wiederholte: „Die zwei Erneſtinen bilden nur eine?“ Als ſie aber ſah, wie ſie ihre Freundin bewegt, zit⸗ ternd, mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und unaus⸗ ſprechlichem Glück anſchaute, ſtreckte ſie die Arme nach ihr aus und rief, von Verwunderung, beinahe von Furcht ergriffen: „Fräulein von Beaumesnil!. . . wäre es möglich .. ah! mein Gott! . . . Sie ſind es!“ „Ja, ſie iſt es! . .“ rief der Buckelige in unaus⸗ ſprechlichem Entzücken; „es iſt die Tochter jener vortreff⸗ lichen Frau, die Sie ſo ſehr liebte, und für welche Sie eine ſo tiefe, eine ſo ehrfurchtsvolle Zuneigung hegten.“ „Erneſtine iſt meine Schweſter! . .“ dachte die Herzogin. Bei dieſer ergreifenden Offenbarung, bei der Erin⸗ nerung an die ſeltſame Weiſe, wie ſie Fräulein von Beau⸗ mesnil kennen gelernt, und an die ſeit ihrem erſten Zu⸗ ſammentreffen eingetretenen Umſtände, fühlte Herminie, von einer Art von Schwindel befallen, ihre Gedanken ſich verwirren; ſie erbleichte, zitterte an allen Gliedern, und Erneſtine mußte die halb Ohnmächtige auf einen Lehn⸗ ſtuhl ſetzen. 3 Fräulein von Beaumesnil kniete nun vor ihr nieder, ſchaute ſie mit einem ſchweſterlichen Blicke an, nahm die Hände von Herminie in die ihrigen und küßte ſie auf eine beinahe fromme Weiſe, während der Margquts ſtillſchwei⸗ gend dieſe rührende Scene betrachtete. „Verzeihen Sie mir,“ ſtammelte Herminie, „aber meine Vereinzelung.. meine Unruhe mein Fräulein..“ „Mein Fräulein!! oh! nennen Sie mich nicht ſo,“ rief Fräulein von Beaumesnil, „bin ich nicht mehr Ihre Erneſtine, die Waiſe, der Sie Ihre Freundſchaft verſpro⸗ chen haben, well Sie ſie für unglücklich hielten? 88 Ach! Herr von Maillefort, unſer Freund, wird Ihnen ſagen, ob ich nicht in der That ſehr unglücklich bin, und ob Ihre zärtliche Zuneigung nicht mehr als je ein Be⸗ dürfniß für mich iſt . . . Was macht es Ihnen, daß ich nicht mehr die arme kleine Stickerin bin? Oh! Herminie, der Reichthum hat auch ſein Mißliches, ſehr viel Mißliches, das ſchwoͤre ich Ihnen ... Ich bitte, erinnern Sie ſich der Worte meiner ſterbenden Mutter, die ſo oft von mir mit Ihnen ſprach . . . Oh! haben Sie Mit⸗ leid, lieben Sie mich fortwährend aus Liebe zu ihr ... „Beruhigen Sie ſich, Sie werden mir ſtets theuer ſein, doppelt theuer,“ antwortete Herminie ihrer Schwe⸗ ſter. „Doch ſehen Sie, ich kann mich kaum von meiner Unruhe, von dem Erſtaunen über das, was hier vorfällt, erholen . Für mich iſt das wie ein Traum; und wenn ich an die Art, wie ich mit Ihnen zuſammengetroffen bin, Erneſtine, und noch an tauſend andere Dinge denke, muß ich nothwendig Sie hier bei mir fühlen, um an die Wirk⸗ lichkeit deſſen, was geſchieht, zu glauben.“ „Ihre Verwunderung iſt begreiflich, mein liebes Kind,“ ſprach der Marquis, „und ich ſelbſt war, als ich Fräu⸗ lein von Beaumesnil vor wenigen Tagen bet Ihnen traf, ſo ſehr erſtaunt, daß Sie, wenn nicht der Zufall einige Secunden Ihre Blicke abgewendet hätte, mein Erſtaunen bemerkt haben müßten; doch ich verſprach Erneſtine, zu ſchweigen, und habe es bis jetzt gehalten.“ Als die erſte Erſchütterung bei Herminie vorüber war, kehrte die Ueberlegung klar und raſch bei ihr zurück, und ſie richtete in ſchneller Folge an ihre Freundin die Fragen: „Aber, Erneſtine, wie kommt es, daß Sie bei Ma⸗ dame Herbaut erſchienen find? Was für ein Geheimniß iſt dies? Warum haben Sie ſich in dieſer Geſellſchaft vorſtellen laſſen?“ Erneſtine lächelte traurig, nahm von einem Tiſch das Tagebuch, das ſie unter der Anrufung ihrer Mutter ſchrieb, brachte es Herminie, geöffnet bei der Stelle, wo ſich die . 89 Mittheilung der verſchiedenen Beweggründe fand, welche diereichſte Erbin Frankreichs genöthigt hatten, die peinliche Prüfung zu verſuchen, der ſie ſich ſo muthig un⸗ terzogen, und ſprach zur Herzogin: „Ich ſah Ihre Frage vorher, Herminte, und da mir daran liegt, daß Sie mich in jeder Hinſicht Ihrer Zunei⸗ gung würdig halten, ſo bitte ich Sie dieſe paar Zeilen zu leſen ſie werden Ihnen die Wahrheit ſagen, denn ich richte ſie an das Andenken meiner Mutter .. Herr von Maillefort, wollen Sie zugleich mit Herminie Kennt⸗ niß von dieſer Erzählung nehmen . . . Sie werden ſehen, daß, wenn ich unglücklicher Weiſe Anfangs an die unwür⸗ digen Verleumdungen Ihrer Perſon glaubte . . . Ihre vernünftige und ſtrenge Lection für mich nicht verloren gegangen iſt; ſie allein hat mir den Muth verliehen, eine Prüfung zu verſuchen, die Ihnen vielleicht ſehr ſeltſam vorkommen wird, Herminie.“ Die Herzogin nahm das Buch aus den Händen von Erneſtine. Es bot ein anziehendes Gemälde, Herminie das of⸗ fene Album in der Hand ſitzen zu ſehen, während der Marguis über die Lehne des Fauteuil geneigt, zugleich mit ihr und wie ſie ſtillſchweigend, die naive Erzählung von Fräulein von Beaumesnil las. Während der ganzen Zeit dieſes Leſens ſchaute Er⸗ neſtine aufmerkſam Herminie und den Buckeligen an, denn ſie war neugierig, beinahe unruhig, zu erfahren, ob die zwei Perſonen, in die ſie fortan entſchloßen ihr ganzes Vertrauen zu ſetzen gedachte, die Motive billigten, die ſie bei ihrem Benehmen geleitet hatten. Bald behielt ſie keinen Zweifel mehr in dieſer Hin⸗ ſicht; einige rührende, gefühlvolle Ausrufungen bürgten ihr für die Billigung von Herrn von Malllefort und Herminie. Als Beide bis zum Ende geleſen hatten, ſprach die Herzogin, Thränen der Rührung trocknend, zu Erneſtine: „Es iſt nicht mehr allein Freundſchaft, was ich für Sie fühle, Erneſtine, es iſt Ehrfurcht, beinahe Bewunderung . 90 Mein Gott! wie ſehr mußten Sie unter dieſen gräßlichen Zweifeln leiden! welches Muthes bedurften Sie, arme Kleine, um ganz allein einen ſo ernſten Entſchluß zu faſ⸗ ſen, um einer Prüfung Trotz zu bieten, vor der ſo viele Andere zurückgewichen wären! Ah! ich konnte Ihnen we⸗ nigſtens eine Zuneigung bieten, die Sie für ebenſo unei⸗ gennützig, als ächt halten mußten. Ich durfte Ihnen, Gott ſei dafür gelobt! beweiſen, daß Sie Ihrer ſelbſt wegen geliebt werden konnten, mußten.“ „Oh! ja,“ rief Erneſtine mit herzlichem Erguß, „das iſt es, was mir dieſe Freundſchaft ſo ſüß, ſo koſtbar macht!“ „Herminie hat Recht, Ihr Benehmen iſt ſchön und muthig,“ ſprach der Marquis, nicht minder bewegt. „Die paar Worte, die Sie mir in dieſer Hinſicht geſtern auf dem Ball ſagten, mein liebes Kind, belehrten mich nur unvollkommen .. Ja, ja, Sie ſind die würdige Tochter Ihrer würdigen Mutter.“ Plötzlich erinnerte ſich die Herzogin des Verſpre⸗ chens, das Erneſtine Olivier geleiſtet hatte, und rief voll Bangigkeit: „Oh! mein Gott! was fällt mir ein, Erneſtine . . . wie iſt es mit der Verbindlichkeit, vie Sie geſtern in mei⸗ ner Gegenwart gegen Herrn Olivier eingegangen haben?“ „Nun!“ antwortete Fräulein von Beaumesnil ganz einfach, „dieſe Verbindlichkeit werde ich halten.“ 91 Meuntes Rapitel. Als Herr von Maillefort Fräulein von Beaumesnil von einer Verbindlichkeit ſprechen hörte, die ſie gegen Herrn Olivler übernommen habe und halten wolle, war er ebenſt unruhig als erſtaunt, während die Herzogin er⸗ wiederte: „Wie, Erneſtine, das Herrn Olivier geleiſtete Ver⸗ ſprechen . . .“ „Nun! dieſes Verſprechen, ich wiederhole es, meine liebe Haminie, werde ich halten .. Haben Sie es nicht gebiligt, daß ich den Antrag von Herrn Olivier annahm? Haben Sie darin nicht, wie ich eine ſichere Bürgſchaft für mein zukünftiges Glück geſehen? Haben Sie nicht endlich wie ich, den ganzen Evelmuth des Anerbie⸗ tens gefühlt, das mir gemacht wurde?“ „Allerdngs, Erneſtine; doch Herr Olivier wandte ſich an die ame kleine Stickerin.“ „Wohl! warum ſollte mir zu dieſer Stunde ſein Edelmuth gerüger vorkommmen, meine gute Herminie? Warum ſollten die Bürgſchaften des Glücks, das mir dieſes Anerbieti ſicherte, nicht ebenſo gewiß ſein?“ „Was ſoll ch Ihnen ſagen, Erneſtine? . Ich finde nichts zu erwietrn. WMWir ſcheint, Sie haben Recht, und dennoch fülle ich mich unwillkührlich unruhig .. Aber hören Sie Sie können kein Geheimniß vor Herrn von Maillefort hehen?“ „Gewiß nicht, Herminie, und ich bin feſt überzeugt, Herr von Maillefet wird mein Benehmen billigen.“ 6 Margquis hatte ſtillſchweigend zugehört und nach⸗ gedacht. „Der Herr Hlivier, um den es ſich handelt,“ ſagte der Buckelige, iſt es nicht der Tänzer, der Sie aus —— 92 Mitleid aufgefordert hatte, und von dem in Ihrem Tagebuch die Rede iſt, mein liebes Kind?“ „Ja, Herr von Maillefort,“ antwortete Fräulein von Beaumesnil. „Und es iſt der Oheim von Herrn Olivier, den Er⸗ neſtine eines Tags vor einem beinahe ſichern Tod be⸗ wahrte,“ fügte Herminie bei. „Sein Oheim!“ rief der Buckelige. Dann, nachdem er einen Angenblick nachgedacht, ſagte er: „Ich begreife vie Dankbarkeit, verbunden ohne Zwei⸗ fel mit einem zärtlicheren Gefühl, das bei Ihrem Zuſam⸗ mentreffen mit dieſem jungen Mann bei Madane Her⸗ baut entſtanden iſt, ließ ihn Erneſtine, die er für berlaſſen, unglücklich hielt, den Vorſchlag . . .“ „Zu einer für eine arme Waiſe, wie ich in ſeinen Augen erſchien, unverhofften Heirath machen,“ unterbrach ihn Fräulein von Beaumesnil, „denn Herr Olivier iſt zum Officier ernannt worden, und dieſes Glück bot er der armen Stickerin. . .“ „Heißt er nicht Ollvler Raimond?“ röf der Bucke⸗ lige, als ob ſich eine Erinnerung in ſeinem Geiſte regte. „Er heißt ſo,“ erwiederte Erneſtine, „Sie kennen ihn, Herr Marguis?“ „Olivier Raimond, Unterofficier be den Huſaren und in Afrika decorirt, nicht wahr?“ „Ja. Herr von Maillefort, ſo iſt es“ „Alſo habe ich, der ich ſelten um etbas anſuche, auf die Bitte und in Geſellſchaft meines baven, guten Ge⸗ rald von Senneterre, der dieſen jungen Mann wie einen Bruder liebt, ſollicitirt,“ fügte der Luckelige mit nach⸗ denkender Miene bei. Und abermals ſich an Erneſtine vendend: „Mein Kind, es iſt der beſie Frund Ihrer Mutter, es iſt beinahe ein Vater, der mit Ihlen ſpricht .. Dies Alles kommt mir ſehr ernſt vor; ich habe bange, die Großmuth Ihres Charakters dürfte Sie zu weit geführt 93 haben. Sie haben alſo eine formliche Verbindlichkeit gegen Herrn Olivier Raimond eingegangen?“ „Ja, mein Herr.“ „Und Sie lieben ihn?“ „Ebenſo ſehr, als ich ihn ſchätze, mein guter Herr von Maillefort.“ „Ach! ich begreife, mein liebes Kind, nach den gräß⸗ lichen Offenbarungen des vorgeſtrigen Balls fühlten Sie mehr als je das Bedürfniß einer aufrichtigen, uneigen⸗ nützigen Zuneigung; ich begreife auch, daß Sie einen unausſprechlichen Reiz, ich ſage noch mehr, vielleicht wirk⸗ liche Bürgſchaften in dem edelmüthigen Anerbieten von Herrn Olivier Raimond fanden; doch deſſen ungeachtet waren Ste zum Mindeſten unklug, daß Sie ſich foͤrmlich verpflichteten. Bedenken Sie wohl! Sie kennen Herrn Oli⸗ vier erſt ſeit ſo kurzer Zeit!“ „Es iſt wahr, Herr von Maillefort. doch es brauchte nicht mehr Zeit für mich, daß ſich meine Augen öffneten, um zu erkennen, Sie lieben mich mit der zärt⸗ lichſten Theilnahme und Herminie ſei das edelſte Geſchopf der Welt. Glauben Sie mir, Herr von Maillefort, ich täuſche mich ebenſo wenig über Herrn Olivier.“ „Mein Gott! ich wünſche Ihnen zu glauben, mein Kind. Dieſer junge Mann iſt der beſte Freund von Herrn von Senneterre. Für mich iſt dies ſchon eine gute Vor⸗ annahme... Und dann habe ich mich, ehe ich mich für den Schützling von Gerald intereſſirte, aus Furcht, er könnte ſich von ſeiner Liebe für einen alten Waffengefährten verblenden laſſen, nach Herrn Olivier erkundigt.“ „Nun?“ fragten gleichzeitig Erneſtine und Herminie. „Nun, meine Kinder, der beſte Beweis von der Vor⸗ trefflichkeit deſſen, was ich über ihn erfahren habe, iſt, daß ich Herrn Olivier mit allen Kräften eines Anſehens unter⸗ ſtützte von dem ich nur ſelten Gebrauch mache.“ „Was befürchten Sie dann für mich?“ ſagte Erneſtine. „Konnte ich eine beſſere Wahl treffen? Die Geburt von Herrn Olivier iſt ehrenhaft, ſein Stand geehrt. Er iſt 94 arm. gut ... Doch ich bin nicht leider zu reich! Und dann denken Sie an die Lage von mir, einer Erbin, welche unabläſſig den abſcheulichen Machinationen ausgeſetzt iſt, denen Sie vorgeſtern erſt ihr Recht widerfahren ließen. Bedenken Sie, daß Sie, um mich vor ſo erbärmlicher Habgier zu beſchützen, wohlweiſe in mir, vielleicht un⸗ heilbares Mißtrauen erweckt haben. Wem werde ich fortan, dem furchtbaren Argwohn, ich ſei nur meines Geldes wegen bevorzugt, preisgegeben, Vertrauen ſchenken? bei wem und unter welchen Umſtänden ſoll ich je die Uneigennützigkeit, die Großmuth finden, wovon mir Herr Olivier einen ſo überzeugenden Beweis gegeben hat? Denn iſt bei dem Anerbieten, das er mir gemacht, da er mich für arm und verlaſſen hielt, nicht er der Mil⸗ lionär?“ Der Marquis ſchaute Herminie halb lächelnd an und ſagte zu ihr: „Ihre Freundin . die kleine Stickerin. . . hat auf Alles eine Antwort, und man muß geſtehen, ihre Ant⸗ worten ſind von einer Seite voll Richtigkeit, Vernunft, Vorſicht. . . und es wäre mir ſehr ſchwer, ihr zu beweiſen, daß ſie Unrecht hat.“ „Es iſt wahr, mein Herr,“ ſagte Herminie, „ich ſelbſt ſuchte ſo eben Einwendungen gegen ihr Verſprechen .. und ich finde keine.“ „Ich auch nicht, meine armen Kinder,“ ſprach traurig der Buckelige; „doch leider macht die Vernunft nicht das Recht, und wenn ich auch zugebe, es ließe ſich für Erne⸗ ſtine in der Welt keine ſchicklichere Heirath finden, als die, um welche es ſich handelt, ſo braucht ſie doch, um zu hei⸗ rathen, die Einwilligung ihres Vormunds, und bei ſeinen mir bekannten Anſichten iſt es unmoglich, daß er zu einer ſolchen Verbindung einwilligt . . . Erneſtine wird alſo mehrere Jahre warten müſſen. Das iſt noch nicht Alles: früher oder ſpäter wird Herr Olivier erfahren, daß die kleine Stickerin die reichſte Erbin Frankreichs iſt, und nach dem, was Sie mir von ihm ſagen, meine Kinder, 95 nach dem, was mir Gerald von ihm geſagt hat, iſt zu be⸗ fürchten, daß Herr Olivier in ſeinem übertriebenen Zart⸗ gefühl vor dem Gedanken zurückweicht, er konnte in den Verdacht der Habgier kommen, wenn er, ein Menſch ohne Vermögen, eine ſo reiche Erbin heirathen würde. Trotz ſeiner Liebe und ſeiner lebhaften Dankbarkeit, wird er vielleicht im Stande ſein, Alles den Bedenklichkeiten eines empfinvlichen und ſtolzen Herzens zu opfern.“ Bei dieſen Worten des Marquis, deren Richtigkeit ſie nur zu ſehr anerkannte, bebte Fräulein von Beaumesnil; eine ſchmerzliche Bangigkeit preßte ihr das Herz zuſammen, und ſie rief mit bitterem Tone: Verdammtes Vermögen!! ich werde ihm alſo immer nur Täuſchungen und Qualen zu danken haben.“ Dann fügte ſie mit flehender Stimme und auf den Buckeligen einen in Thränen gebadeten Blick heftend bei: „Ah! Herr von Maillefort, Sie waren der beſte Freund meiner Mutter, Sie lieben Herminie zärtlich .. retten Sie mich, retten Sie Herminie .. kommen Sie uns zu Hülfe, ſeien Sie unſer Schutzgeiſt, denn ich fühle es, mein Leben wird für immer troſtlos durch das Miß⸗ trauen ſein, das Sie mir eingeflößt haben. Die einzige Ausſicht auf Glück, die mir bleibt, iſt eine Heirath mit Herrn Ollivier, und Herminie wird vor Kummer ſterben, wenn ſie nicht Herrn von Senneterre heirathet. .. Noch einmal flehe ich Sie an, haben Sie Mitleid mit uns.“ „Ah! Erneſtine,“ ſagte die Herzogin zu ihrer Freundin mit einem Ton traurigen Vorwurfs, während ſie vor Verlegenheit purpurroth wurde, „ich hatte dieſes Ge⸗ heimniß nur Ihnen allein anvertraut“ „Gerald!“ rief der Marquis ganz beſtürzt über dieſe Offenbarung, indem er Herminie mit dem Blick befragte, „Gerald. .. Sie lieben ihn! Auf dieſe unwiderſtehliche Leidenſchaft ſpielte er alſo geſtern an, als er mir, da ich ſein edelmüthiges Benehmen gegen Fräulein von Beau⸗ mesnil lobte, zugleich ſagte, er lebe nur für ein ſeiner An⸗ 96 betung würdiges Mädchen .. . Ja, nun begreife ich Alles.. Liebe arme Kinder, Eure Zukunft macht mir bange.“ „Verzeihen Sie, oh! verzeihen Sie, Herminie,“ ſagte Erneſtine zu ihrer Freundin, deren Thränen ſtille floßen, „grollen Sie mir nicht, daß ich Ihr Geſtändniß ausge⸗ plaudert habe; doch auf wen ſollen wir unſer Vertrauen, unſere Hoffnung ſetzen, wenn nicht auf Herrn von Maille⸗ fort? Wer wird uns beſſer als er beſchützen, leiten, in dieſen grauſamen Tagen der Prüfungen unterſtützen können? Ach! er hat es ſo eben ſelbſt geſagt, die Vernunft iſt nicht das Recht. er geſteht zu, daß ich nach der Lage, in die mich dieſes verfluchte Vermoͤgen verſetzt hat, meine Zuneigung Niemand mit mehr Sicherheit zuwenden kann, als Herrn Olivier, und daß dennoch große Schwierigkeiten dieſe Heirath bedrohen. . . Ebenſo iſt es bei Ihnen, Her⸗ minie .. Herr von Maillefort iſt ficherlich wie ich über⸗ zeugt, vaß für Sie und für Herrn von Senneterre nur in Ihrer Verbindung, welche ebenſo bedroht iſt, wie die meinige, ein Glück möglich ſein kann.“ „Ah! meine Kinder, wenn Sie wüßten, welche Frau die Herzogin von Senneterre iſt!.. Ei! mein Gott, ich habe es Ihnen neulich geſagt, meine liebe Herminie, als Sie mich über ihren Charakter um eine Auskunft baten, deren Beweggrund ich nun einſehe . . es gibt keine Frau, welche alberner eitel auf ihren Titel ſein könnte.“ „Und dennoch will Herminie Herrn Gerald nur hei⸗ rathen, wenn Frau von Senneterre ſie beſucht und ihr ſagt, ſie gebe ihre Einwilligung zu dieſer Heirath! Nicht wahr, Herr von Maillefort, Sie billigen dieſen gerechten Stolz von Herminie.“ „Sie will das ?... Oh! das muthige, edle Mävchen!“ rief der Marquis nach einem Augenblick des Erſtaunens; „immer dieſer bewunderungswürdige Hochmuth, der ſie mir ſo lieb macht .. . Gewiß, billige ich es. .. Ein ſolcher Entſchluß zeugt von einem erhabenen, kühnen Herzen . Ah! ich wundere mich nicht mehr über die tolle Leiden⸗ 97 ſchaft von Gerald. Edle Kinder! Ihre Herzen kommen ſich an Werth gleich! Oh! das iſt der wahre Adel!“ „Herminie,“ ſprach Erneſtine, „Sie hören Herrn von Maillefort? Werden Sie mir nun abermals vorwerfen, daß ich Ihr Geheimniß ausgeplandert habe?“ „Nein, nein, Erneſtine,“ erwiederte die Herzogin mit ſanftem Ton. „Nein, nein, ich werfe Ihnen nur vor, daß Sie Herrn von Maillefort einen unnöthigen Kummer verurſacht haben, indem Sie ihn mit unglücklichen Ver⸗ bältniſſen bekannt machten, denen er nicht abzuhelfen ver⸗ mag.“ „Mein Goit! wer weiß?“ rief Erneſtine. „Sie kennen ihn nicht, Herminie. Sie wiſſen nicht, wie ſehr er zugleich Mitgefühl, Verehrung edlen Herzen, und Schrecken den Boshaften und den Feigen einflößt. Und dann iſt er ſo gut! ſo gut gegen die Leidenden, er liebte meine Mutter ſehr . Und als Herr von Maillefort, durch die Rührung überwältigt, ſeinen Kopf abwandte, um die Thränen zu verbergen, fügte Fräulein von Beaumesnil immer flehen⸗ der bei: „Oh! Herr von Maillefort, nicht wahr, Sie haben für uns die Theilnahme eines Vaters . Sind wir nicht in Ihren Augen Schweſtern durch die Zärtlichkeit und durch die kindliche Anhänglichkeit, die wir für Sie hegen? Oh! aus Mitleid verlaſſen Sie uns nicht,“ rief Erneſiine. Und ſie ergriff eine Hand des Buckeligen, während Herminie, dem hinreißenden Beiſpiel ihrer Freundin fol⸗ gend, die andere Hand des Marquis nahm und zu ihm ſagte: 8 „Ach! Herr von Maillefort, wir ſetzen unſere einzige Hoffnung auf Sie.. Die Gemüthsbewegung, die Rührung des Buckeligen erreichten den höchſten Grad. Das eine von den Mädchen, die ihn anflehten, hatte zur Mutter eine Frau, die er ſo lange geliebt. Das andere gehörte vielleicht auch dieſer Frau, denn zu ſeiner erſten Anſicht zurückkehrend, war der Marquis — ———— = — 98 ſehr oft überzeugt, Herminie ſei die Tochter von Frau von Beaumesnil. Doch wie dem auch ſein mochte, Herr von Maillefort hatte von dieſer ſterbenden Mutter den heiligen Auftrag empfangen, über Erneſtine und Herminie zu wachen . . Dieſen Auftrag zu erfüllen hatte er geſchworen; und da er die Gefühle, die ſein Herz überſtrömten, nicht länger bewältigen konnte, drückte er die zwei Mädchen leiden⸗ ſchaftlich an ſeine Bruſt und ſprach mit einer vom Schluchzen erſtickten Stimme: „Ja, jo, liebe arme Kinder, ich werde für Euch thun, was nur der zärtlichſte Vater zu thun vermöchte.“ Es iſt nicht möglich, dieſe rührende Scene zu zeichnen, die Wirkung des Stillſchweigens von einigen Augenblicken zu ſchildern, das von Erneſtine, welche von Hoffnung ſtrahlte, zuerſt mit dem Ausruf unterbrochen wurde: „Herminie, wir ſind gerettet, Sie werden Herrn Ge⸗ rald heirathen, und ich heirathe Herrn Olivier.“ Behntes Rapitel. Als Herrn von Maillefort Fräulein von Beaumesnil: „Herminie! wir ſind gerettet, Sie heirathen Herrn Ge⸗ rald, und ich heirathe Herrn Ollvier,“ rufen hörte, ſchüt⸗ telte er ſchwermüthig den Kopf und erwiederte halb lächelnd: „Einen Augenblick Geduld, meine Fräulein, faſſen Sie jetzt nicht tolle Hoffnungen, die mich ebenſo ſehr quälen würden, als Ihre Verzweiflung . . . Laſſen Sie uns ver⸗ nünftig, kalt ſprechen, meine Kinder; dadurch, daß Sie in Begeiſterung gerathen, wie Sie es thun, und mich mit 99 Ihrer Begeiſterung anſtecken, beſchleunigen wir die Dinge nicht; die Heftigkeit der Gemüthsbewegungen lähmt; man leidet, man weint nur.“ „Oh! Herr von Maillefort, dieſe Thränen find ſüß, und man darf ſie nicht bedauren,“ ſprach Erneſtine, ihre Thränen trocknend. „Nein, aber man muß ſie nicht erneuern, denn das trübt das Geſicht, und es iſt für uns Bedürfniß, meine Kinder, daß wir in unſerer Lage klar, ſehr klar ehen.“ „Herr von Maillefort hat Recht,“ ſagte Herminie, „wir wollen ruhig, vernünftig ſein.“ „Ja, ſeien wir vernünftig,“ wiederholte Erneſtine; „Herr von Maillefort, ſetzen Sie ſich hier zwiſchen uns laſſen Sie uns verſtändig, kalt reden, wie Sie agen.“ „Laſſen Sie hören,“ ſprach der Buckelige, während er ſich auf ein Canapé zwiſchen die zwei Mädchen ſetzte und eine von ihren Händen in die ſeinigen nahm; „mit wem wollen wir uns zuerſt beſchäftigen ?“ „Mit Herminie,“ ſagte Erneſtine lebhaft. „Mit Herminie gut,“ erwiederte der Marquis; „Herminie und Gerald lieben ſich zärtlich; ſie ſind eines des andern würdig. Das iſt abgemacht; doch aus einem Stolz, den ich bewundere und billige, weil keine Liebe, kein Glück ohne Würde möglich iſt, willigt Herminie nur ein, Gerald zu heirathen, wenn ſie in Beziehung auf dieſe Heirath den Beſuch der Herzogin von Senneterre em⸗ pfängt.. Es handelt ſich alſo darum, das Mittel zu finden, zu dieſem Schritt die hoffärtigſte der Herzoginnen zu bewegen. nicht mehr ..“ „Ah! Herr von Maillefort,“ ſprach Erneſtine, „Ihnen iſt nichts unmöglich . „Hört doch die kleine Schmeichlerin mit ihrer ſüßen Stimme,“ rief der Marquis lächelnd, „Ihnen iſt nichts unmöglich, Herr von Maillefort!“ 100 Und er fuhr ſeufzend fort: „Liebes Kind. . . wenn Sie wüßten, was die Eitel⸗ keit in der Selbſtſücht iſt! und dieſe zwei Worte ſchildern Ihnen Frau von Senneterre. Aber, obgleich ich kein großer Zauberer bin, muß ich e doch brruche, vieſes zweiköpfige Ungeheuer zu bezaubern.“ Ah! Herr Marguis, 4 ſprach Herminie, „wenn Sie je dieſes Wunder bewirken könnten, mein ganzes Leben. „Ich zähle darauf, mein Kind ja, ich hoffe, daß Sie mich Ihr ganzes Leben hindurch lieben werden ſelbſt wenn es mir nicht gelingen würde, das durchzuſetzen, was ich unternehmen will; denn glauben Sie mir, ich wäre ebenſo unglücklich als Sie, und dann würde ich haupt⸗ ſächlich des Troſtes bedürfen. Nun iſt die Reihe an Ihnen, meine liebe Erneſtine.“ „Oh! ich. ſagte traurig Fräulein von Beau⸗ mesnil, zmeine Lage iſt noch ſchwieriger, als die von Herminie.“ „Meiner Treue! ich weiß es nicht .. . aber ich muß Sie darauf aufmerkſam machen, mein armes Kind, daß ich mich durchaus nicht in das, was Sie betrifft, miſchen kann, ohne neue Erkundigungen über Herrn Olivier Rai⸗ mond eingezogen zu haben.“ „Wie, Herr von Maillefort,“ rief Erneſtine, „die Neeiſſen, welche Sie ſchon über ihn haben, genügen nicht?“ „Sie ſind vortrefflich in dem, was ſein Soldatenleben betrifft; da es ſich aber nicht darum handelt, ihm einen neuen Grad zu übertragen, und da man ein ſehr braver Soldat und ein ſehr ſchlechter Ehemann ſein kann, ſo werde ich mich gebührender Maßen weiter erkundigen.“ „Aber Herr von Senneterre hat Ihnen alles mög⸗ liche Gute von Herrn Olivier geſagt.. „Mein liebes Kind, man kann ein vortrefflicher Freund, ein vollkommener Kamerad ſein, und dennoch ſeine Frau unglücklich machen.“ 101 „Ah! Herr Marquis, welcher Verdacht! Bedenken Sie doch, daß mich Herr Olivier für arm hält und daß . „Dies Alles iſt herrlich .. Die Dankbarkeit.. die Großmuth. die Liebe haben ihn veranlaßt, Ihnen das zu bieten, was er als ein für Sie unerwarietes Glück be⸗ trachtet; das iſt ein erſtes, ſehr hochherziges Gefühl, und vorhin war ich ſelbſt ſo ſehr davon bewegt, gerührt, daß ich mich wie Sie und wie Herminie davon hinreißen ließ.“ „Und nun, mein Herr,“ fragte Erneſtine voll Umuhe, „ſollten Sie Ihre Meinung verändert haben?“ „Nun, mein Kind, urtheile ich nicht mehr allein mit dem Herzen, ſondern auch mit der Vernunft... und meine Vernunft ſagt mir, daß, wenn die erſte Bewegung von Herrn Olivier vortrefflich iſt, dies doch nur eine erſte Be⸗ wegung iſt. Ich bezweiſle nicht einen Augenblick, daß Herr Olivier das Verſprechen hält, das er Ihnen geleiſtet hat, daß er ſich glücklich ſchätzt, es zu erfüllen; aber ich will die Gewißheit haben, ſo weit man überhaupt einer Sache gewiß ſein kann, daß, falls Herr Olivier Sie hei⸗ rathen würde, ſein ganzes Leben mit dieſer erſten Bewegung, die ich ebenſo ſehr bewundere, als Sie, im Einklang ſtünde.“ Erneſtine konnte eine Art von ſchmerzlicher Ungeduld nicht verbergen, als ſie dieſe weiſen und klugen Worte hörte. Der Marquis fuhr mit einem zugleich ernſten und zärtlichen Tone fort: „Mein liebes Kind, das Vertrauen, das Sie in mich ſetzen, die Anhänglichkeit, die ich für Ihre Mutter hatte... das Intereſſe Ihrer Zukunft verpflichten mich, ſo mit Ihnen zu ſprechen, Sie vielleicht zu betrüben .. aber ich ſchwöre Ihnen, wenn mir Herr Olivier Ihrer würdig ſcheint, werde ich mit Leib und Seele die zahlreichen Hin⸗ derniſſe, die ſich Ihrer Heirath widerſetzen, zu beſeitigen bemüht ſein.“ „Erneſtine,“ ſprach Herminie zu ihrer Freundin, „wir Die ſieben Todſünden. IMI. 8 müſſen ein blindes Zutrauen zu Herrn von Maillefort haben,. Die Verantwortlichkeit, der er ſich dadurch un⸗ terzieht, daß er ſich unſerer annimmt, iſt ſo groß. und ſtatt die Erkundigungen, die er einziehen will, auch nur entfernt zu fürchten, müſſen Sie dieſelben im Gegentheil hervorrufen; ſie werden Ihnen ſicherlich ein Beweis mehr ſein, daß Herr Ollvier, wie ich es auch glaube, ganz Ihrer würdig iſt.“ „Das iſt richtig, Herminie, und Sie, Herr von Mail⸗ lefort, verzeihen Sie mir,“ ſprach ſchüchtern Fräulein von Beaumesnil, „ich habe Unrecht gehabt... Doch, ach! es handelt ſich vielleicht um meine einzige Ausſicht auf Glück, beurtheilen Sie meine Unruhe, meine Angſt, wenn ich be⸗ denke, daß dieſe mir entgehen könnte.“ „Um dieſe Ausſicht im Gegentheil ſicherer zu machen, ſpreche ich ſo; nehmen wir nun an, Herr Olivier vereinige die Eigenſchaften, die ich bei ihm zu finden wünſche . Vor Allem wird man Ihren Vormund beſtimmen müſſen, daß er zu dieſer Heirath einwilligt. . . Dann hat man, was, wie ich befürchte, noch ſchwieriger iſt, Herrn Olivier zu überzeugen, daß er ohne Bedenken die reichſte Er⸗ bin Frankreichs heirathen kann, da er ſie geiiebt hat, als er ſie für arm und verlaſſen hielt.“ „Ach! . nun bin ich wie Sie, Herr von Maille⸗ fort,“ ſprach Erneſtine niedergeſchlagen, „ich befürchte, Herr Olivier weigert ſich .. Und dennoch würde dieſe Weigerung einen ſolchen Seelenadel offenbaren, daß ich, während ſie mich in Verzweiflung brächte, nicht umhin könnte, ſie zu bewundern Ach! mein Gott, was iſt zu machen, Herr von Maillefort?“ „Ich weiß es nicht, mein Kind; ich will mir Alles heute Nacht überlegen und.. ich müßte ſehr unglück⸗ lich ſein, wenn ich nicht irgend Etwas fände . Ich er⸗ blicke ſchon unbeſtimmt,“ fügte der Buckelige nachdenkend bei, „ja. warum nicht? Kurz, ich muß ein wenig Ord⸗ nung in dieſes Chavs von Gedanken bringen; doch laſſen Sie uns nicht verzweifeln.“ 103 „Herr von Maillefort,“ ſprach Herminie, „glauben Sie, daß Erneſtine Herrn Olivier bald wiederſehen ſoll?“ „In den nächſten Tagen nicht.“ „Mein Gott, was wird er von mir denken?“ rief Fräulein von Beaumesnil mit traurigem Ton. „Was das betrifft,“ ſprach Herminie, „erinnern Sie ſich, Erneſtine, daß Sie ihm geſagt haben, die Verwandtin, bei der Sie wohnen, ſei von ſo ſchwer zugänglichem Cha⸗ rakter, daß Sie ſich einige Tage erbitten, um zu entſcheiden, ob Herr Olivier oder ſein Oheim bei dieſer Verwandtin um Ihre Hand nachſuchen ſollte.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Erneſtine, „das gewährt mir wenigſtens einige Tage, während welcher Herr Olivier nicht unruhig werden wird.“ „Und dieſe vorgebliche Verwandtin iſt ohne Zweifel Ihre Gouvernante, mein liebes Kind?“ fragte Herr von Maillefort. „Ja, mein Herr.“ „Und Sie find ihrer Verſchwiegenheit ſicher?“ „Ihr Intereſſe bürgt mir dafür.“ „Das iſt ſehr wichtig, denn damit wir einige Chance des Gelingens bei unſern Plänen haben, bedürfen wir voll⸗ kommene Verſchwiegenheit,“ ſprach der Buckelige, „und ich brauche Ihnen nicht zu bemerken, meine liebe Herminie, daß ſelbſt Gerald nicht wiſſen darf, daß die kleine Sticke⸗ rin, von der ihm ohne Zweifel Herr Olivier erzählt hat. Fräulein von Beaumesnil iſt ...“ „Ach! Herr Marquis, dieſes Schweigen wird mir leicht ſein. ich werde Gerald erſt an dem Tage wieder⸗ ſehen, wo ſeine Mutter bei mir geweſen iſt; geſchieht dies nicht, ſo ſehe ich ihn nie mehr,“ erwiederte das Mädchen tief niedergeſchlagen. „Auf, mein Kind, Muth gefaßt,“ ſprach der Buckelige, „ich bin kein Frömmler, doch ich glaube an den Gott der guten Leute.. Sie ſehen, er hat ſich ſchon da⸗ durch ziemlich kundgegeben, daß er uns drei vereinigte. Muth alſo.. Doch um auf Herrn Olivier zurückzukommen, 104 meine liebe Herminie. wenn Sie ihn ſehen, wie dies wahrſcheinlich iſt, ſagen Sie ihm, Erneſtine ſei ein wenig leidend Dadurch gewinne ich Zeit zum Ueberlegen, denn Alles, was ich von Ihnen verlange, meine armen Kinder, iſt, daß Sie mir nur acht Tage gönnen ... Habe ich die Dinge in acht Tagen nicht zum Guten gelenkt, ſo wird dies auf jede Weiſe unmöglich geweſen ſein.. Dann iſt es Zeit, an die Reſignation, an die Troͤſtungen zu denken .. Und hören Sie, meine Kinder, geſtehen Sie, daß, wenn Sie auf die ſo ſehr gewünſchten Heirathen verzichten müßten, dieſer grauſame Kummer Sie Beide vereinigt weniger als vereinzelt niederſchlagen würde.“ „Ah! Herr von Maillefort,“ ſprach Herminie, „ein ſo großer Kummer wäre ohne die Freundſchaft von Erne⸗ ſtine. ohne die Ihrige. der Tod geweſen.“ „Ach; meine arme Herminie,“ ſagte Erneſtine, „welche Furcht, welches Bangen während der kommenden acht Tage! Aber, nicht wahr, wir werden uns wenigſtens jeden Tag ſehen? Und noch beſſer,“ rief Fräulein von Beaumesnil, bebend vor Glück hei dieſem plötzlichen Gedanken, „wir werden uns gar nicht mehr verlaſſen.“ „Was ſagen Sie, Erneſtine?“ „Sie wohnen von heute an hier bei mir, Herminie . nicht wahr, Herr von Maillefort?“ „Erneſtine, das wäre ein großes Glück für mich,“ erwiederte Herminie erroöthend. „doch ich vermöchte es nicht anzunehmen.“ Der Buckelige errieth das Gefühl des Stolzes von Herminie; ſie hätte es als eine Art von Demüthigung betrachtet, ein müßiges, koſtbares Loben von der reichen Erbin anzunehmen, und überdies konnte der Vorſchlag von Erneſtine, geſetzt auch er wäre von der Herzogin an⸗ genommen worden, ſehr hinderlich bei den Plänen von Herrn von Maillefort ſein; er ſagte auch zu Fräulein von Beaumesnil, welche über die Weigerung ihrer Freundin ebenſo erſtaunt als betrübt war: „Mein liebes Kind ich glaube, es wäre äußerſt nach⸗ 105 theilig für meine Pläne, Ihrem Vormund und ſeiner Fa⸗ milie das Geheimniß Ihrer Zärtlichkeit für Herminie zu offenbaren; denn man würde hier nach der Urſache dieſer ſo plötzlichen und ſo vertrauten Verbindung mit der jungen Perſon forſchen, von der man glaubt, Sie haben ſie heute zum erſten Mal geſehen, und der Argwohn, der hiedurch erregt würde, könnte mich ungemein beengen.“ „Man muß alſo darauf verzichten,“ ſprach traurig Erneſtine; „doch es wäre mir ſo ſüß geweſen, dieſe acht Tage des Harrens und der Angſt mit Herminie zuzu⸗ bringen.“ „Ich theile Ihr Bedauern, Erneſtine,“ ſagte die Herzogin; „doch Herr von Maillefort weiß beſſer als wir, was unſeren Intereſſen entſpricht. und überdies hätte dieſes plötzliche Verſchwinden aus meinem Hauſe viel⸗ leicht Verdacht bei Herrn Oliver erregt, es wäre mir un⸗ möglich geweſen, ihm Nachricht von Ihnen zu geben .. Dann, meine liebe Erneſtine, dürfen wir nicht vergeſſen, daß ich von meinen Lectionen lebe und ich kann nicht acht Tage müßig bleiben.“ Bei dieſen Worten war die erſte Bewegung von Fräu⸗ lein von Beaumesnil, daß ſie die Herzogin ganz ver⸗ wundert anſchaute, indem ſie nicht begriff, Herminie könnte daran denken, fortwährend für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, nun, da ſie die reichſte Erbin Frankreichs zur Freundin hatte. Bald aber erinnerte ſich Fräulein von Beaumesnil des Zartgefühls und des Stolzes der jungen Künſtlerin, und ſie zitterte bei dem Gedanken, ſie ſei auf dem Punkt ge⸗ weſen, vielleicht für immer ihre Freundin durch ein un⸗ überlegtes Anerbieten zu verletzen. „Es iſt wahr, meine liebe Herminie,“ ſagte ſie des⸗ halb, „ich dachte nicht an Ihre Lectionen .. . Sie können dieſelben nicht verfäumen. . Aber Sie werden mich wenig⸗ ſtens unter Ihre Lieblingszöglinge aufnehmen und jeden Tag kommen, nicht wahr?“ „Oh! das verſpreche ich Ihnen,“ erwiederte Herminie, 106 um eine grauſame Laſt erleichtert, denn einen Augenblick, und ſo wie es Erneſtine geahnet, hatte die Herzogin ge⸗ zittert, ihre Freundin könnte in ſie dringen, um ſie zu be⸗ wegen, eine Gaſtfreundſchaft anzunehmen, die ſie als eine Demüthigung betrachtete. „Alſo, meine Kinder,“ ſagte der Marquis aufſtehend, „Alles iſt auf dieſe Art gut verabredet. Was Ihr Be⸗ nehmen gegen Ihren Vormund betrifft, meine liebe Erne⸗ ſtine, ſeien Sie kalt zurückhaltend, leben Sie ſo viel als möglich in Ihren Zimmern, offenbaren Sie aber kein bitteres Gefühl gegen dieſe Leute. .. Ein Eclat könnte uns Alle gefährden .. Später werden wir ſehen.“ „Herr von Maillefort,“ erwiederte Erneſtine, „ich muß Ihnen in dieſer Hinſicht mittheilen, daß Frau von la Rochaigue, immer noch überzengt, ich würde Herrn Gerald heirathen, mich heute veranlaſſen wollte, Frau von Senne⸗ terre zu empfangen. .. doch ich erbat mir einige Tage Bedenkzeit.“ „Sie haben wohl daran gethan, mein liebes Kind; morgen aber müſſen Sie Frau von la Rochaigue förmlich erklären, Sie wollen Herrn Gerald nicht heirathen .. ohne eine andere Erläuterung von ſich zu geben; das Uebrige werde ich beſorgen. „Ich werde Ihren Rath befolgen, Herr Marquis . Morgen, meine liebe Herminie, ſage ich Ihnen, um Sie ſtolz und glücklich zu machen, wie ſchoͤn und redlich gegen mich das Benehmen von Herrn von Senneterre geweſen iſt, nicht wahr, Herr von Maillefort?“ „Es war bewunderungswürdig, mein liebes Kind. Gerald hatte mich von ſeinem Vorhaben in Kenntniß ge⸗ ſetzt, und er hat ſein Verſprechen gehalten. Nun aber, meine Kinder, muͤſſen wir uns trennen.“ „Mein Gott! ſchon,“ rief Erneſtine, „laſſen Sie mir wenigſtens Herminie bis zum Abend, Herr von Maillefort.“ „Leider kann ich nicht bleiben,“ entgegnete die Her⸗ zogin, welche zu lächeln ſuchte. „Ich habe um fünf Uhr eine Lection bei Herrn Buuffard, den Herr von * 107 Maillefort kennt, und ich muß ſehr pünktlich ſein, um meine Schülerinnen zu behalten.“ „Ich habe nichts hiegegen zu bemerken, Herminie, ich muß mich beſcheiden,“ ſagte Fräulein von Beaumesnil mit einem Seufzer, denn ſie dachte an die Schwierig⸗ keiten, an die Hinderniſſe ohne Zahl, welche durch die Ar⸗ beit, zu der Herminie genöthigt war, ſich in die ſüßeſten Verhältniße ihres Lebens miſchten. „Aber wenigſtens morgen, Herminie?“ fragte ſie. „Oh! ja,“ antwortete die Herzogin. . „und i ſehe dem morgigen Tag mit eben ſo großer Ungeduld ent⸗ gegen, als Sie, das verſichere ich Sie.“ „Herminie,“ fragte plötzlich Fräulein von Beaumesnil mit bewegter Stimme, „lieben Sie mich noch eben ſo ſehr, als da Sie mich für Erneſtine die kleine Stickerin hielten?“ „Ich liebe Sie vielleicht noch mehr,“ erwiederte die Herzogin mit Begeiſterung, „denn Fräulein von Beaumesnil hat das Herz von Erneſline der Stickerin bewahrt.“ Die zwei Mädchen umarmten ſich noch einmal und trennten ſich dann. Eilftes Rapitel. Zwei Tage nach ſeiner Unterredung mit Herminie und Erneſtine ſchrieb Herr von Maillefort in Folge zweier langer Geſpräche mit Gerald, dem er keinen Schritt bei ſeiner Mutter in Beziehung auf Herminie zu verſuchen empfahl, ſchrieb Herr von Maillefort, ſagen wir, an die Herzogin von Senneterre einen Brief, in dem er ſie um 108 eine Zuſammenkunft an demſelben Tag bat, und fand ſich ſodann zur beſtimmten Stunde bei ihr ein. Von Gerald unterrichtet, ſtaunte der Marquis nicht über einen Ausdruck von Kummer, Zorn und Niederge⸗ ſchlagenheit, den er in dem Geſicht von Frau von Senne⸗ terre wahrnahm; denn an demſelben Morgen hatte ihr Frau von la Rochaigue mitgetheilt, Fräulein von Beau⸗ mesnil, obgleich ſie Herrn von Senneterre gebührender Maßen ſchätze, wolle ihn doch nicht heirathen. Bei dem Anblick des Buckeligen vermehrte ſich noch der Aerger von Frau von Senneterre, und ſie ſagte zu ihm voll Bitterkeit: „Geſtehen Sie, mein Herr, daß ich äußerſt großmü⸗ thig bin.“ „In welcher Hinſicht, Madame? „Gönne ich Ihnen nicht vas Vergnügen, den Kummer, den Sie mir verurfacht haben, verhöhnen zu dürfen?“ „Welchen Kummer meinen Sie?“ „Welchen Kummer!“ rief die Herzogin ausbrechend; „iſt es nicht Ihre Schuld, daß die Heirath meines Sohnes mit Fräulein von Beaumesnil nicht zu Stande kommt?“ „Meine Schuld?“ „Oh! ich laſſe mich nicht von Ihnen bethören, mein Herr; damit Sie deſſen ſicher ſein mögen, habe ich die Zuſammenkunft, die Sie von mir zu erbitten ſo keck waren, angenommen. Ich wollte dieſe Gelegenheit, Ihnen die Abneigung, die Sie mir einflößen, in's Geſicht zu ſagen, nicht entſchlüpfen laſſen.“ „Gut, Madame; das iſt ein Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs, wie jeder andere, und Sie zeichnen ſich in dieſer Art der Unterhaltung aus.“ „Herr von Malllefort wird mich verbinden, wenn er ſeine freche Ironie für eine andere Gelegenheit aufbewahrt,“ ſagte Frau von Senneterre mit zornigem Hochmuth; „er wird ſich wohl erinnern, daß er die Ehre hat, mit der Herzogin von Senneterre zu ſprechen!“ „Die Frau Herzogin von Senneterre wird die Gnade 109 haben mich mit der mir gebührenden Achtung zu behan⸗ deln,“ erwiederte der Buckelige mit ſtrengem Ton, „will ſie das nicht, ſo werde ich meine Worte genau nach den Worten von Frau von Senneterre abmeſſen.“ „Eine Drohung mein Herr!“ „Eine Lection. Madame ..“ „Eine Lectivn . . . mir!“ „Und warum nicht? Wie! mich, der ich der älteſte Freund Ihres Gemahis war, mich, der ich Gerald wie einen Sohn liebe, mich, der ich auf die Rückſichten, auf die Achtung Aller, hören Sie wohl, Madame, auf die Achtung Aller Anſpruch zu machen habe, mich, der ich Ihnen der Geburt nach mindeſtens gleichſtehe (ich muß Ihnen das wohl ſagen, da Sie einen ſo großen Werth auf dergleichen Erbärmlichkeiten legen), mich empfangen Sie, die Beleidigung im Mund, den Zorn im Blick, und ich ſollte Sie nicht an das erinnern, was Sie mir ſchuldig find. was Sie ſich ſelbſt ſchuldig find?“ Wie alle eitle, hoffärtige Perſonen, welche nie einen Widerſpruch zu hören gewohnt ſind, mußte Frau von Senneterre Anfangs erſtaunt, aufgebracht, und dann be⸗ herrſcht ſein von einer Sprache voll von geſundem Ver⸗ ſtand und Feſigkeit; ihr Zorn machte auch einer ſchmerz⸗ lichen Niedergeſchlagenheit Platz, und ſie erwiederte „Et! mein Herr, bringen Sie wenigſtens die Ver⸗ zweiflung in Anſchlag, welche eine Mutter ergreift, wenn fie fieht, daß vie Zukunft ihres Sohnes für immer ver⸗ loren iſt.“ „Wie verloren?“ „a, mein Herr, und zwar abermals durch Ihre uld.“ Sch „Wollen Sie die Güte haben, mir das nachzu⸗ weiſen?“ „Mein Gott! mein Herr, ich weiß nur, welchen Ein⸗ fluß Sie auf Fräulein von Beaumesnil üben. . WMein Sohn hat zu Ihnen ein Vertrauen, das er zu mir nicht hat, und wenn Sie hätten wollen, ſo wäre dieſe Heirath, 11⁰ welche Anfangs auf ſo gutem Wege ging, nicht plötzlich und ohne daß man weiß warum, abgebrochen worden .. Ja, hiebei iſt ein Geheimniß, deſſen Schlüſſel Sie allein befitzen. .. Und wenn ich bedenke, daß Gerald mit ſei⸗ nem großen Namen der reichſte Mann Frankreichs ſein könnte . . . und daß dies nicht ſo iſt, oh! dann bin ich .. ja, ich bin die unglücklichſte der Frauen und Mütter . . . und ſehen Sie, mein Herr, ich weine vor Schmerz und .. DNicht wahr, darüber ſind Sie ſehr zufrie⸗ den?“ Und die Herzogin weinte in der That. Ohne die Theilnahme, die er für Gerald und Her⸗ minie hegte, hätte Herr von Maillefort, weit entfernt, Mit⸗ leid mit dieſen lächerlichen Thränen zu fühlen, den Rücken der eiteln und habgierigen Frau zugewendet, die ſich ganz naiv für die zärtlichſte und unglücklichſte Mutter hielt, weil ſie durch alle erdenkliche Mittel ihrem Sohn ein ungeheures Vermoͤgen hatte ſichern wollen, und weil dieſer ſchöne Plan geſcheitert war; da aber der Marquis vor Allem das ſchwierige Unternehmen, dem er ſich unterzogen hatte, zu einem guten Ziele führen wollte, ſo ließ er den erſten Aus⸗ bruch eines Schmerzes, der ihn keineswegs rührte, vorüber⸗ gehen und erwiederte ſodann: „Das Geheimniß iſt ganz einfach. . . Gerald und Fräulein von Beaumesnil ſchätzen einander vollkommen; nur lieben ſie ſich nicht.“ „Ei! mein Herr, was hat die Liebe hiebei zu ſchaf⸗ fen? Werden ſolche Heirathen, wie bei den königlichen Familien, je aus Liebe geſchloſſen?“ „Sie fühlen wohl, Madame, daß ich Sie nicht um eine ernſte Zuſammenkunft gebeten habe, um mit Ihnen über die Theſe zu ſtreiten, welche ſo alt iſt wie die Welt: was iſt beſſer, eine Convenienzheirath oder eine Liebesheirath? Wir würden uns nie verſtän⸗ digen; überdies handelt es ſich um eine vollendete That⸗ ſache: die Heirath von Gerald und Fräulein von Beau⸗ mesnil iſt fortan unmöglich, das dürfen Sie mir glau⸗ 111 ben .. Die Millionen der Erbin werden nicht Ihrem Sohn zufließen .. Dieſem würdigen Jungen war übri⸗ gens auch nichts hieran gelegen.“ „Ja,“ ſprach Frau von Senneterre voll Zorn, „von dieſer albernen Uneigennützigkeit, oder vielmehr von dieſer haſſenswerthen Gleichgültigkeit gegen den Glanz ihres Namens rührt es her, daß die Repräſentanten der größten Häuſer in eine ſchmähliche Mittelmäßigkeit verfinken. So haben mein Vater und mein Gatte, indem ſie es verſäum⸗ ten, auf Mittel zu Wiederherſtellung des Vermogens zu finnen, das uns die ſchändliche Revolution geraubt hatte, meinen Sohn und meine Töchter ohne Vermögen hinter⸗ laſſen, und ich frage Sie ein wenig, wie ich in dieſen Zeit⸗ läuften meine Töchter werde verheirathen können, während wenn Gerald, gewaltig reich, ſeine Schweſtern unterſtützt hätte, dieſe wünſchenswerthe Heirathen zu ſinden im Stande geweſen wären und ich ſoll nicht in Verzweiflung ſein über den Untergang meiner Pläne, ich, die ich einen Au⸗ genblick für meinen Sohn von einem Vermogen nach dem hohen Maßſtab ſeiner Geburt geträumt habe!“ „Gut, gut, Madame. Sie lieben Gerald auf Ihre Weiſe; es iſt nicht die beſte, doch wohl oder übel, Sie lieben ihn.“ „Oh! ja, ich liebe ihn,“ ſagte Frau von Senneterre mit entſchiedenem Tone, „ich liebe ihn, wie ich ihn lieben muß.“ „Wir werden das ſehen.“ „Was wollen Sie vamit ſagen, mein Herr?“ „Vor Allem muß ich Ihnen erklären, daß Gerald leldenſchaftlich verliebt iſt, und daß ..“ Frau von Senneterre fuhr von ihrem Stuhle auf, wurde purpurroth vor Zorn und rief, ungeſtüm den Bucke⸗ ligen unterbrechend: „Das iſt ſchändlich ich vermuthete es immer . nun iſt das Geheimniß aufgeklärt .. Von meinem Sohn rührt die Weigerung her, denn dieſe kleine Beaumesnil war in ihn vernarrt! Ich habe es auf jenem Ball wohl ge⸗ 112 ſehen.. und Sie, mein Herr, Sie haben dieſer abſcheu⸗ lichen Intrigue die Hand geboten.“ Dann, als der Zorn der Frau von Senneterre ſeinen höchſten Grad erreicht hatte, rief ſie: „Ich werde meinen Sohn nie mehr ſehen; er hat weder Geiſt, noch Herz!“ Der Marquis hatte dieſen Ausbruch erwartet, er ließ ihn vorübergehen und ſagte dann: „Sie haben mich unterbrochen, Madame, und ich fahre fort. .. wobei ich Ihnen indeſſen bemerke, daß Fräulein von Beaumesnil, entfernt nicht in Gerald vernarrt, eine ſehr aufrichtige und ſehr edel angebrachte Neigung hegt.“ „Die Schamloſe!“ rief die Herzogin mit einer ſolchen Naivetät, daß der Buckelige, trotz ſeines Ernſtes, ſich eines unmerklichen Lächelns nicht erwehren konnte. „Ich ſagte Ihnen, Madame,“ fuhr er dann fort, „Ge⸗ rald ſei leidenſchaftlich in ein junges, in jeder Hinſicht die⸗ ſer Liebe würdiges Mädchen verliebt.“ „Ich bitte Sie, mein Herr, ſprechen Sie mir kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand,“ erwiederte Frau von Senneterre, eine Ruhe heuchelnd, welche das Zittern ihrer Stimme Lügen ſtrafte; „Alles iſt für immer zwiſchen mei⸗ nem Sohn und mir zu Ende ... Er kann lieben, wenn es ihm gut dünkt, er kann heirathen, wenn es ihm gut dünkt, denn er hat vas erforderliche Alter, um ſich meiner Einwilligung zu überheben; er mag, wenn er will, ſeinen Namen im Koth umherſchleppen ... Schon heute nehme ich den Namen meiner Familie wieder an, und ich werde überall laut ſagen, warum ich mich ſchäme, einen ernie⸗ drigten, entehrten Namen zu führen. .. Ich werde wenig⸗ ſtens einigen Troſt bei meinen Töchtern finden.“ Auf dieſe Worte, deren Heftigkeit ihrer Unvernunft gleichkam, erwiederte der Marquis mit ernſtem Tone: „Ihr Sohn, Madame, verſteht ſeine Pflichten gegen Sie anders, als Sie die Ihrigen gegen ihn verſtehen; er wird ſich Ihrer Einwilligung nicht überheben; er wird Sie achten, er wird Sie ehren, wie er es bis jetzt 113 gethan hat, er wird im Gegentheil nur mit Ihrer Ein⸗ willigung heirathen.“ „Wahrhaftig!“ rief Frau von Senneterre, in ein e Gelächter ausbrechend, „er erweiſt mir dieſe re? „Trotz der tiefen Liebe, die ſie für ihn fühlt, wird ihn die Perſon, um die er ſich bewirbt, nur unter einer Bedingung heirathen, unter der, Madame, daß Sie zu vieſer Perfon gehen und ihr ſelbſt erklären, Sie geben Ihre Einwilligung zu dieſer Heirath.“ „Herr von Maillefort, das iſt ohne Zweifel eine Wette, ein Scherz?“ „Es iſt eine Frage, welche über Leben und Tod Ihres Sohnes entſcheidet, Madame!“ Der Ton des Marquis und der Ausdruck ſeiner Ge⸗ ſichtszüge waren ſo bedrohlich, mächtig, daß Frau von Senneterre erſchrocken ausrief: „Was ſagen Sie, mein Herr?“ „Ich ſage, Madame, Sie ſeien eine Mutter ohne Herz, wenn Sie nicht die Bläſſe, die Niedergeſchlagenheit Ihres Sohnes ſeit einiger Zeit bemerkt haben. Und hat Ihnen nicht am Tag jenes Balles, wo ſich dieſes unglückliche Kind muthig fortſchleppte, Ihr Arzt in meiner Gegenwart erklärt, ohne die herviſchen Mittel, zu denen er ſeine Zu⸗ flucht genommen, würden Sie Gefahr laufen, Ihren Sohn durch eine Hirnentzündung zu verlieren.“ Frau von Senneterre, welche ſich allmälig von ihrer Angſt erholte und es bedauerte, daß ſie ſich einen Augen⸗ blick hatte erweichen laſſen, erwiederte mit einem Lächeln der Verachtung: „Gehen Sie doch! eine Hirnentzündung heilt man mit Aderläſſen, mein Herr, und man ſtirbt vor Liebe nur in den Romanen, und zwar in den ſchlechten Romanen.“ „Sie machen da einen ganz zärtlichen, ganz mütter⸗ lichen Scherz, Madame, und um demſelhen zu entſprechen, ſage ich Ihnen ebenſo ſcherzhaft, daß, wenn Sie nicht in wenigen Tagen und nachdem Sie alle nothwendigen Erkun⸗ 114 vigungen über die erwähnte Perſon eingezogen haben, bei ihr ben Schritt thun, den ſie von Ihnen erwartet...“ „Nun, mein Herr?“ „Nun, Madame „ daß ſich Ihr Sohn das Leben nimmt.“ „Ja,“ verſetzte Frau von Senneterre mit verdoppeltem Hohn, „wie, ich weiß nicht, in welchem Melodrama.“ „Ich ſage Ihnen, daß ſich Ihr Sohn das Leben nimmt, tolle Unglückliche!“ rief der Marquis, erſchreckend vurch tiefe Ueberzeugtheit; „ich ſage Ihnen, daß der letzte Herzog von Senneterre durch einen Selbſtmord endigen wird, wie der Herzog von Bretigny.“ Dieſe Anſpielung auf ein friſches tragiſches Ereigniß, von dem man bei Frau von Mirecourt geſprochen hatte, machte Frau von Senneterre beben . . Sie kannte die ſeltene Energie des Charakters von Gerald; es war ihr nicht entgangen, wie ſehr er unter einem Kummer litt, den er ihr verbarg; ſie hatte endlich unwillkührlich eine ſo tiefe Achtung vor dem Charakter von Herrn von Maillefort, von dem ſie wußte, er wäre unfähig, von der Möglichkeit des Selbſtmordes von Gerald zu ſprechen, hätte er nicht die Ueberzeugung, dieſes Ereigniß ſtehe bevor, daß die un⸗ glückliche Frau in ihrem Schrecken ausrief: „Ah! mein Herr! was Sie da ſagen, iſt gräßlich! Das Haus Senneterre durch einen Selbſtmord erls⸗ In dieſem Schrei ſprach die Raceeitelkeit lauter als vie Mütterlichkeit; dieſe albern, hochmüthige Frau zitterte hauptſäͤchlich und vor Allem, der Name der Senneterre, dieſes großen und berühmten Hauſes, könnte erlöſchen und zwar durch einen Act erlöſchen, den die Welt, in der ſie lebte, als ein Verbrechen bezeichnete. Der Marquis konnte ſich in den Gefühlen von Frau von Senneterre nicht täuſchen und ſagte deshalb: „Ja, wenn Sie eben ſo blind, als unbarmherzig ſind, wird der oft glorreiche, ſtets geehrte und ſchöne Name — 115 Senneterre für immer in den Thränen und im Blut ver⸗ ſchwinden.“ „Herr von Maillefort, dieſer Gedanke iſt furchtbar.. ch weiß, daß mein unglücklicher Sohn zu Allem fähig . . DOh! nein! nein! ich will nicht hieran denken⸗ Sie machen mich beben. Und wenn ich mich der Trauer, der Schmach, der Verzweiflung dieſer Familie erinnere, die das Haupt ihres Hauſes durch ein gräßliches Verbre⸗ chen hat endigen ſehen . genug genug ich würde wahnfinnig,“ rief Frau von Senneterre. Und ſie ſtreifte mit ihren Händen über ihre von kaltem Schweiß übergoſſene Stirne und fuhr dann fort: „Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß ich nicht hieran denken will . Doch ſprechen Sie, wer iſt denn dieſe Perſon? Obgleich ich in einer tödtlichen Angſt in Bezie⸗ hung auf die Wahl bin, beruhigt mich doch wenigſtens ein Umſtand, der, daß ſie fordert, ich ſoll zu ihr kommen und ihr erklären, ich gebe meine Einwilligung zu ihrer Hei⸗ rath mit meinem Sohn. Um es aber zu wagen, von mir einen ſolchen Schritt zu erwarten, muß man in einer geſellſchaftlichen Stellung ſein, daß ich durchaus keine unwürdige Liebe von Seiten meines Sohnes zu befürchten habe.“ „Gerald hat ſeine Liebe einem würdigen Gegenſtand zugewendet, wie ich Sie ſchon zu verſichern die Ehre hatte,“ erwiederte der Marquis mit ſtrengem Tone. „Ge⸗ wöhnlich glaubt man das was ich ſage „Es iſt wahr, mein Herr, Ihre Bürgſchaft muß mich beruhigen .. Ohne Zweifel werde ich nie mehr die Gelegenheit haben, den Traum zu machen, den ich für meinen Sohn geträumt hatte. Doch im Ganzen, wenn die Perſon, von der Sie ſprechen, Geburt, Verms⸗ gen hat, und .. Der Buckelige unterbrach Frau van Senneterre: „Die Perſon, von der ich ſpreche, iſt eine Waiſe, „ſie iſt Klavierlehrerin und lebt von ihren Lectionen.“ 116 von Frau von Senneterre zu ſchildern, als ſie die Worte des Marquis hörte; wäre ſie von einem elektriſchen Schlag getroffen worden, die Bewegung, die ſie machte, um aufzu⸗ ſtehen, hätte nicht ungeſtümer ſein können. „Eine Abenteurerin! eine Bübin!. . . Dieſes elende Kind mußte hiemit endigen!“ rief ſie; „welche Schmach für meinen Namen und für den meiner Töchter! Und als ſich Herr von Maillefort nicht minder leb⸗ haft erhob, um Frau von Senneterre zu antworten, fügte dieſe ihn unterbrechend bei: „Und ein ſolches Geſchöpf hat die Frechheit, zu ver⸗ langen, daß ich mich erniedrige, zu ihr zu gehen Frau von Senneterre vollendele nicht; ſie hätte ihre Lippen durch Wiederholung dieſer ungeheuerlichen, unerhör⸗ ten Zumuthung zu beflecken befürchtet; aber ſie brach in ein hohniſches, beinahe krampfhaftes Gelächter aus. Dann, als eine eiſige Ruhe auf dieſe Heftigkeit folgte, nahm Frau von Senneterre Herrn von Maillefort mit zit⸗ ternder Hand beim Arm und ſagte zu ihm: „Mein lieber Herr, hören Sie mich wohl an, ver⸗ Cs iſt nicht möglich, den Ansdruck der Geſichtszüge ſtehen Sie mich träte mein unwürdiger Sohn vor mich und ſpräche: „„Ich tödte mich vor Deinen Augen, wenn Du Deine Einwilligung verweigerſt . .“ ſo würde ich ihm antworten: „Tödte Dich! ich will Dich lieber todt, als ehrlos ſehen Ich will lieber Deinen Namen er⸗ löſchen, als ihn durch Deine Schande, durch die meinige und durch die Deiner Schweſtern fortſetzen ſehen.“ Und da der Marquis laut hierüber aufſchreien wollte, fügte ſie bei: „Herr von Maillefort. ich bin nicht erhitzt, ich bin ruhig „ich ſage Ihnen, was ich denke, ich ſage Ihnen, was ich thun würde und nach der beleidigen⸗ den Anmaßung meines Sohnes und ſeiner Genoffin, iſt es nicht mehr mütterliche Liebe, was ich für ihn fühle, es iſt nicht einmal mehr Gleichgültigkeit. es iſt Verachtung. Haß hoören Sie wohl; ija, Haß „„ Sagen 117 Sie ihm das ich werde auf meine Töchter alle Liebe übertragen, die ich für dieſen Elenden hegte.“ „Dieſe Frau würde ſo handeln, wie ſie ſpricht,“ dachte der Marquis ſchauernd; „ein weiteres in ſie Dringen wäre Lergeblich, die Vernunft würde ſcheitern im Kampfe gegen dieſe blinde Hartnäckigkeit (und der Buckelige täuſchte ſich nicht). Dieſe Frau würde mit gleichgültigem Auge ihren Sohn ſich zu ihren Füßen das Leben nehmen ſehen! Das iſt die Raceeitelkeit bis zur ſtumpffinnigen Rohheit des Thieres getrieben! Armer Gerald! arme Herminie!“ Bwölftes Rayitel. Nach einem Augenblick des Stillſchweigens, während Frau von Senneterre gleichſam bebte vor Wuth unter der gräßlichen Offenbarung, an welche ſie zu glauben ſich noch nicht entſchließen konnte, daß nämlich ihr Sohn eine von ihren Lectionen lebende Klavierlehrerin heirathen wolle, fuhr Herr von Maillefort kalt, und als ob die vorherge⸗ hende Unterredung gar nicht ſtattgefunden hätte, fort: „Madame, was halten Sie von dem Adel und dem Glanz des Hauſes Haut⸗Martel?“ Anfangs ſchaute Frau von Senneterre den Buckeligen mit ſtummem Erſtaunen an, dann ſagte ſie: „In der That, mein Herr, dieſe Frage iſt unbegreiflich.“ „Warum dies, Madame?“ „Wie, mein Herr, Sie ſehen mich ganz niedergebeugt unter dem neuen Schlag, der mich trifft, und den Sie mir beigebracht haben . unwillkührlich, ohne Zweifel,“ fügte ſie mit bltterer Jronie bei, „und Sie Die ſieben Todſünden. IMI. 9 118 fragen mich ohne allen Grund, was ich von dem Glanze des Hauſes Haut⸗Martel denke?“ „Meine Frage iſt dem Schlag, der Sie trifft, minder fremd, als Sie glauben mögen, Madame, indem ſie den⸗ ſelben zu mildern vermöchte. . . Ich wiederhole, was halten Sie von dem Haus Haut⸗Martel?“ „Ei! mein Herr, es gibt in Frankreich kein berühm⸗ teres und älteres, Sie wiſſen das beſſer, als irgend Je⸗ mand, da dieſes Haus, deſſen Agnat Sie ſfind, das Ihrige iſt.“ „Ich bin nun das Haupt dieſes Hauſes, Madame ...“ „Sie?“ rief Frau von Senneterre. Und ſeltſamer Weiſe folgte auf den bittern, zornigen Ton dieſer Frau eine Art von neidiſcher Unterwürfigkeit gegen den neuen Repräſentanten dieſer mächtigen Familie. „Aber,“ ſagte die Mutter von Gerald, „der Prinz Herzog von Haut⸗Martel, der auf ſeinen Gütern in Deutſch⸗ land ſeit der albernen Revolution von 1830 lebte?“ „Der Prinz Herzog von Haut⸗Martel iſt aus Un⸗ vorſichtigkeit ertrunken, Madame ... Und ſda er weder Brüder, noch Kinder hatte, und ich ſein Geſchwiſterkind bin, ſo muß ich wohl ſeinen Titel und ſeine Güter erben.“ „Dieſes Ereigniß iſt alſo ganz neu?“ „Ich habe die erſte Nachricht durch den öſterreichiſchen Botſchafter erhalten, und geſtern iſt mir die officielle Be⸗ ſtätigung zugekommen.“ „Alſo, mein Herr,“ ſagte Frau von Senneterre mit eiferſüchtiger Bewunderung, „Sie find nun Marquis von Maillefort, Prinz Herzog von Haut⸗Martel?“ „Gerade ſo viel, und ohne daß ich mich deshalb zu ſehr angeſtrengt habe, wie Sie ſehen.“ „Das iſt herrlich, mein Herr!“ rief die unglückliche Moonmanin, die ihren Sohn vergaß, deſſen Verzweiflung mit einem Selbſtmord endigen konnte, und ſich nur für ein neues, hohes adeliges Glück begeiſterte.. „Sie ſind u u dieſer Stunde einer der vornehmſten Herren Frank⸗ reichs?“ 119 „Mein Gott! ja, dieſe ſchöne Würde iſt mir plötzlich zugewachſen... Und wenn man bedenkt, daß ich noch ge⸗ ſtern nur ganz einfach ein guter Edelmann war; aber wie habe ich mich heute verändert! nicht wahr? Finden Sie nicht, daß ſich mein Buckel ein wenig vermindert hat, ſeitdem ich ein ſo vornehmer Mann bin?“ „ „Mein Herr, es iſt ebenſo wenig erlaubt über den Adel, als über die Religion zu ſcherzen.“ „Gewiß, es gibt genug Gegenſtände des Scherzes.. Doch ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß der Prinz Herzog von Haut⸗Martel in Uingarn ungefähr fünfzigtauſend Thaler Einkünfte aus Grundbeſitzungen, nach Bezahlung aller Schulden, hinterlaſſen hat.“ „Fünfzigtauſend Thaler Einkünfte! Obgleich man Ihr Vermoͤgen nicht genau kennt, hält man Sie doch ſchon für ſehr reich, mein Herr,“ ſagte Frau von Senne⸗ terre mit einer gewiſſen, gierigen Eiferſucht. „Bah!“ machte der Buckelige, „ich weiß auch nicht ganz genau die Summe meiner Einkünfte, und meine Pachter arme Leute, bezahlen mich, wenn ſie es können, ohne ſich zu ſehr zu Grunde zu richten; doch in ſchlimmen Jahren ziehe ich immerhin ſechzigtauſend Livres an Ab⸗ gaben und Ausſtänden ein, abgeſchen davon (das iſt für die Ehre), daß die gutmüthigen Wähler des Arondiſſement, wo ich meine Güter habe, mir die Ehre erweiſen, mich zu ihrem Abgeordneten vorzuſchlagen, nachdem eine Seuche kürzlich ihren ehrenwerthen gewöhnlichen Deputirten weg⸗ gerafft hat; Sie ſehen, daß Glück und Ehre hagelsdicht auf mich herabfallen.“ „Sie haben alſo mehr als zweimalhundert tauſend Livres Rente, mein Herr, und find dabei Prinz Herzog von Haut⸗Martel.“ „Und möglicher Abgeordneter, wenn's beliebt! Be⸗ merken Sie das wohl.“ „Das iſt eine herrliche Stellung.“ „Bei Gott! Und nicht wahr, mit meiner Geſtalt und mit meine Tournure kann ich auf die glänzendſten Partien 120 Anſpruch machen. Sagen Sie, wie Schade, daß Fräulein von Beaumesmesnil in einen ſchoͤnen jungen Mann ver⸗ liebt iſt, ſonſt wäre ſie ganz für mich geeignet geweſen.“ Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte den Geiſt von Frau von Senneterre. Nachdem ſie einen Augenblick nachgedacht hatte, ſchaute dieſe eitle und habgierige Perſon Herrn von Maillefort mit durchdringender Miene an und ſagte dann: „Herr von Maillefort, ich glaube Sie zu errathen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Mit der Frage, die Sie an mich richteten, was ich nämlich von dem Hauſe Haut Martel denke, beabſichtigten Sie eine Ausgleichung für den furchtbaren Schlag, der mich in der Perſon meines unwürdigen Sohnes trifft.“ „In der That, Madame, was ich geſagt habe, iſt die Wahrheit.“ „Nun wohl! da Sie das Haupt dieſes großen Hauſes ſind, wollen Sie ohne Zweifel nicht, daß es erlöſche?“ „Es liegt elwas Wahres hierin,“ erwiederte der Buckelige, ziemlich erſtaunt über den Scharfſinn von Frau von Senneterre, obgleich er auf tauſend Meilen nicht den wahren Gedanken der Herzogin errieth. „Ja,“ ſagte er, „ich geſtehe Ibnen, Madame, es wäre mir lieb, wenn dieſer Name nicht erlöſchen würde.“ „Und da Sie wiſſen, daß nur ein Mädchen von hoher Geburt und von frommer Erziehung im Stande iſt, dieſen großen Namen zu tragen und die heiligen Pflichten zu begreifen, die es gegen den Mann zu erfullen hätte, dem es eine ſo glänzende Stellung verdankte .. ſo denken Sie an meine älteſte Tochter und bieten mir eine Ent⸗ ſchädigung für das Unglück an, das mir die Verirrung meines Sohnes bereitet.“ „Ich! heirathen!“ rief der Buckelige noch viel mehr empört, als erſtaunt über dieſen ſchändlichen Vorſchlag von Frau von Senneterre. Doch da er wiſſen wollte, wie weit die Verblendung, die Grauſamkeit und die chniſche Habgier dieſer Raben 121 mutter gehen dürften, ſagte er, eine von jenen Weige⸗ rungen heuchelnd, mit denen man nichts Anderes will, als ſich beſiegen laſſen: „Ich! an eine ſolche Heirath denken! . . . und wenn ich daran dächte, wäre das nur möglich?“ „Ueberlegen Sie doch, Madame, in meinem Alter und beſchaffen . wie Sie ſehen! während Ihre Tochter Bertha reizend und noch nicht zwanzig Jahre alt iſt! Gehen Sie doch! ſie würde mir in's Geſicht lachen, und ſie hätte Recht.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ erwiederte voll Ernſt dieſe unvergleichliche Mutter; „einmal iſt Fräulein von Senneterre in den Gewohnheiten der Unterwürfigkeit und Ehrfurcht, wovon ſie nie abgehen wird, erzogen worden und dann weiß ſie, daß ſie arm iſt und nie eine Stellung der ähnlich finden dürfte, die Sie ihr bieten können.“ „Aber ich wiederhole, ich bin alt, ich bin häßlich, ich bin buckelig wie ein Nußſack.“ „Herr Marquis, meine Töchter ſind ſo erzogen wor⸗ den, daß ſie gleichſam die Augen zu den Gatten, die ich für ſie wähle, nicht früher aufſchlagen werden, als wenn ſie von der Hochzeitmeſſe zurückkehren.“ „Sie würden da dem armen Kind, das mich hei⸗ rathete, meiner Treue, ein hübſches Erſtaunen vorbe⸗ halten!“ „Ich wiederhole Ihnen, Herr Marquis, meine Töch⸗ ter haben keine unanſtändige Phantaſien, welche ſo weit gingen, daß ſie einen Gatten fleiſchlich ſchätzen würden .. ich bezeichne meiner älteſten Tochter meinen Willen, und das wird genügen.“ „Wenn ich dieſer unwürdigen Mutter den Abſcheu ausſpräche, den ſie mir einflößt, was würde ich dabei ge⸗ winnen?“ dachte der Buckelige; „das iſt eine böſe, un⸗ heilbare Wahnfinnige; bedienen wir uns lieber ihres Wahnfinns! ... 122 Und der Marquis ſprach laut, als er ſah, daß Frau von Senneterre mit lebhafter Angſt ſeine Antwort erwartete: „So eben, Madame, haben Sie mir geſagt, und zwar ſehr weiſe geſagt, man dürfe weder mit dem Adel, noch mit der Religion ſcherzen.“ „Ja, Herr Marquis.“ „Sie werden zugeben, daß man eben ſo wenig mit der Heirath ſcherzen darf.“ „Nein, gewiß nlcht, Herr Marquis.“ „Nun wohl! in Ihrem Wunſch, Ihre Tochter Bertha als Prinzeſfin von Haut⸗Martel zu ſehen, liegt nicht weni⸗ ger, als daß grauſam die Religion, der Adel und die Ehe, dieſe drei heiligen Dinge, wie Sie ſie nennen, verhöhnt werden ſollen.“ „Wie ſo, mein Herr?“ „Fräulein von Senneterre würde die Ehe und die Religion, vder vielmehr, und das iſt noch ſchlimmer, die Natur und den Schopfer verletzen, wenn ſie Liebe und Treue einem alten Buckeligen, wie ich, ſchwüre „ und ich würde des Adels im Allgemeinen und der Häuſer Haut⸗Martel und Senneterre insbeſondere ſpotten, wenn ich mich der Unbilde ausſetzte, Ihre erhabene Linie in der Perſon aſcheulicher kleiner Boscos, nach meinem Bilde geſchaffen, fortzupflanzen . . Das würde ohne Zweifel zum Beweis für die Refignation und die Treue meiner Frau dienen, aber es möchte zugleich der Welt die ſpaß⸗ hafteſte Meinung von unſeren großen geſchichtlichen Ge⸗ ſchlechtern geben.“ „Herr Marquis ich . . .“ „Ich weiß wohl, daß Sie mir den Buckel des Prin⸗ zen Eugen anführen werden . . . Der meinige fühlt ſich ohne Zweifel in ſeinem Innern unendlich geſchmeichelt durch die Vergleichung; doch ſehen Sie, man muß ſolchen Seltenheiten ihren Glanz nicht durch die Vervielfachung benehmen. Ich weiß Ihnen den größten Dank für Ihr 123 Anerbieten, und Fräulein Bertha wird mir nicht weniger Dank dafür wiſſen, daß ich es ausſchlage; es hängt jedoch von Ihnen ab, die Verbindung unſerer zwei mächtigen Häuſer, wie Sie ſagen, zu verwirklichen und es zu ver⸗ hindern, daß meine zweimal hundert tauſend Livres Rente aus Ihrer Familie kommen . . . Ich beeile mich, Ihnen zu bemerken, daß ich zu ſehr von meinem geringen Ver⸗ dienſt überzeugt bin, um es zu wagen, meine Augen bis zu Ihnen aufzuſchlagen, Frau Herzogin,“ fügte der Bucke⸗ lige mit einer tiefen und ironiſchen Verbeugung bei. „Einmal wäre ich für Sie der abſcheulichſte Gatte der Welt, und dann habe ich durchaus keinen Beruf für die Ehe.“ „Herr Marquis, Sie brauchen nicht mit ſolchem Eifer einem Vorſchlag entgegenzutreten, den man Ihnen nicht macht,“ ſagte die Herzogin von Senneterre mit hochmüthi⸗ gem Trotz. „Wollen Sie ſich nur etwas klarer ausdrücken, denn ich bin nicht im Stand, Räthſel zu löſen; Sie ſpre⸗ chen davon, daß unſere Häuſer vereinigt werden ſollen, daß Ihr Vermögen nicht aus meiner Familie kommen ſoll, ich verſtehe das durchaus nicht.“ „Unter uns geſagt und ohne Vorwurf, Sie waren ſehr leicht hinſichtlich einer Verbindung, als es ſich um die Heirath von Gerald mit Fräulein von Beaumesnil han⸗ delte. Beaumesnil iſt nur ein Gutsname, und der Groß⸗ vater des verſtorbenen Grafen, im Uebrigen ein ſehr arti⸗ ger Mann, war ganz einfach Herr Joſeph Vert⸗Puis, ein ungeheuer reicher Banquier.“ „Ich wußte ganz wohl, mein Herr, daß Fräulein Vert⸗ Puis von Beaumesnil in Beziehung auf Verwandtſchaft und Geburt weniger als nichts iſt . aber „ „Aber die Millionen vergoldeten Ihnen ein wenig dieſes neugeadelte Spießbürgerthum.. nicht wahr? Nichts⸗ deſtoweniger, obgleich diesmal die Millionen in ſehr gerin⸗ ger Anzahl vorkommen, da ſie ſich auf vier bis fünf be⸗ ſchränken, was halten Sie von einem folgendermaßen ab⸗ gefaßten Billet: — 124 „Der HerrMarquis von Maillefort, Prinz Herzog von Haut-Martel u. ſ. w. u. ſ. w., hat die Ehre, Ihnen Mittheilung von der Hei⸗ rath von Fräulein Herminie von Haut⸗Mar⸗ telmit dem Herrn Herzog von Senneterre zu machen.“ Im höchſten Maße erſtaunt, ſchaute Frau von Senne⸗ den Buckeligen an, ohne ihn zu begreifen; er fuhr ort: „Es würde ausdrücklich im Heirathsvertrag bemerkt, daß die männlichen Sprößlinge der genannten Ehe den Namen Senneterre⸗Haut⸗Martel zu führen hätten. Ich venke, das würde ebenſo gut klingen, als Noailles⸗Noailles, Rohan⸗Rochefort, vder Montmorench⸗Lurembvurg, und da Fräulein Herminie von Haut-Martel eine einzige Tochter iſt und ich von Wenigem lebe, ſo hätte die junge Haus⸗ haltung in Erwartung meines Todes ungefähr fuͤnfzigtau⸗ ſend Thaler Einkünfte, um auf eine würdige Weiſe den Glanz dieſer beiden erhabenen Namen zu unterhalten.“ „Wahrhaftig, Herr von Maillefort, ich verſtehe Sie turchaus nicht; Sie ſind nie verheirathet geweſen und ha⸗ ben keine Tochter.“ „Nein aber wer verhindert mich, eine zu avop⸗ tiren, ihr meinen Namen, mein Vermögen zu geben?“ „Sicherlich Niemand .. und die junge Perſon, die Sie adoptiren würden, wer ſind ihre Eltern?“ „Sie iſt eine Waiſe . . ſie iſt, wie geſagt, Klavier⸗ lehrerin und lebt von ihren Lectionen.“ „Wie!“ rief Frau von Senneterre, „das Mädchen, in das ſich Gerald vernarrt hat ... dieſe Kreatur ..“ „Genug Madame,“ ſprach der Marquis mit ſtrengem Tone, „ich dulde es nicht, daß man ſo von einer jungen Perſon ſpricht, die ich hinreichend ehre, liebe und ſchätze, um ihr meinen Namen zu geben.“ „Gut. .. mein Herr; doch was Sie mir da ſagen, iſt ſo ſeltſam . . .“ 125 „Seltſam, das mag ſein. doch nehmen Sie mei⸗ nen Vorſchlag an, ja oder nein?“ „Annehmen! . . ich ſoll als meine Schwiegertochter eine „Perſon annehmen, welche Klavierlectionen gegeben hat? „Dieſe Empfinblichkeit iſt herviſch; doch ich bemerke Ihnen, daß Ihr Sohn nichts oder wenig beſitzt, und daß Fräulein Herminie von Mailleſort, welche ſich nicht ent⸗ blodete, ehrlich, muthig von ihrer Arbeit zu leben, Herrn von Senncterre zweimalhunderttauſend Livres Einkünfte und die Verbindung mit dem Hauſe Haut-Martel bringt. .. Ich füge endlich nur der Erinnerung wegen bei, daß, wenn Sie ſich gegen dieſe Heirath ſträuben .. Ihr Sohn ſich tödtet... Ich weiß, daß Sie ihn lieber todt, als mißheirathet ſehen würden, denn die Mutter der Grac⸗ chen iſt nichts gegen Sie, was Stvicismus betrifft . . . Doch darum wird nicht minder das Haus Senncterre in Ihrem Sohn durch eine Handlung, welche das beklagens⸗ wertheſte Aufſehen erregen muß, erlöſchen, was meiner An⸗ ſicht nach noch ſchlimmer iſt, als eine Mißheirath, beſon⸗ ders wenn ſich ein Senneterre mit einer Maillefort von Haut⸗Martel mißheirathet.“ „Aber, mein Herr, man wird wohl wiſſen, daß dieſe Perſon nur Ihte Adoptivtochter iſt.“ „Ich kann Ihnen nur ſagen, Madame, daß ich mir nie eine zärtlichere, ſchönere, eine wahrhaft adeligere Tochter gewünſcht hätte.“ „Sie kennen ſie alſo genau?“ „In der That, Madame, Sie ſtellen die allerſeltſamſte Frage an mich! Glauben Sie denn, ich, ſo wie Sie mich kennen, gäbe meinen Namen einer Perſon, die dieſen Na⸗ men nicht ehren würde?“ „Aber, mein Herr,“ rief Frau von Senneterre im Tone ſchmerzlichen Vorwurfs, „nichts wird machen können, daß Ihre Adoptivtochter nicht etwas wie . eine Künſt⸗ lerin geweſen iüe 126 „Meine Adoptivtochter wird allerdings die Unſchick⸗ lichkeit begangen haben, eine Künſtlerin vom ſeltenſten Talent geweſen zu ſein, das iſt beklagenswerth. das ſchmerzt mich . . ich weine darüber. ich ſeufze doch ach! Sie kennen das Sprüchwort: Das ſchönſte Mäd⸗ chen in der Welt . .. „Und ihre Kunden find ſie in unſerer Geſell⸗ ſchaft?“ „Nein, nicht in unſerer Geſellſchaft, ſie iſt zu ſtolz hiezu. aber Herminie von Maillefort . „Mein Gvott, Marquts, Sie bringen mich in eine Verlegenheit.. . ich bin ganz beſtürzt . „Madame, ich werde, glaube ich, dieſer Verlegenheit ein Ziel ſetzen. Hören Sie mich wohl an,“ ſprach Herr von Maillefort, nicht mehr mit Jronie, ſondern mit feſtem, ernſtem Ton, „ich erkläre Ihnen, daß ich, wenn Sie Ihre Einwilligung verweigern, zu Herminie gehe, ihr mittheile, was ich für ſie zu thun beabſichtige, und ihr beweiſe, daß, wenn ſie arm, ohne Namen, und in der Furcht, es könnte ſcheinen, als wolite ſie ſich aus Ehrgeiz oder aus Habgier der Familie Senneterre aufdringen, ihrer eigenen Würde wegen von Ihnen, Madame, einen Schritt zu ihr verlangen mußte, die Adoptivtochter von Herrn von Maillefort, welche Herrn von Senneterre einen großen Namen und zweimal⸗ hunderttauſend Livres Einkünfte bringe, nicht mehr dieſelben Bedenklichkeiten haben dürfe, wie die junge Künſtlerin. Da Herminie Gerald anbetet und mein Rath voll Verſtand ſein wird, ſo wird ſie mich anhören; Ihr Sohn thut dann die vom Geſetz vorgeſchriebenen Schritte, und Alles iſt ab⸗ gemacht.“ „Mein Herr. . .“ „Ohne Zweifel wird es Gerald viel Mühe koſten, ſich Ihrer Einwilligung zu überheben, denn er liebt Sie . .. blind, das iſt das richtige Wort Doch um ihm jeden Gewiſſensbiß zu erſparen, werde ich ihm Ihre Worte wiederholen: Ich will meinen Sohn lieber todt⸗ als mißheirathet ſehen .. grauſame oder viel⸗ 127 mehr unſinnige Worte da ich Ihnen die Verſicherung gab, Gerald könne keine ehrenwerthere Perſon als die, welche er gewählt, heirathen.“ . „Mein Herr, Sie werden nicht Zwietracht zwiſchen meinem Sohn und mir ausſäen wollen.“ „Vor Allem werde ich das Glück und die Ruhe von Gerald ſichern, da Sie halsſtarrig genug ſind, ihn albernen Vorurtheilen opfern zu wollen.“ „Mein Herr, dieſer Ausvruck . . .“ „Um ſo alberneren Vorurtheilen, Madame, als Sie nach der Adoption, die ich beabſichtige, keinen Vorwand mehr haben . . Ein letztes Wort .. Wenn Sie den mütterlichen Verſtand beſitzen, ein Leben in Liebe und Frieden mit ihrem Sohn vorzuziehen und Ihnen wie ihm ein be⸗ trübliches Aergerniß zu erſparen, ſo werden Sie ſich morgen zu Herminie begeben . . indem alle Erkundigungen über dieſe junge Perſon für Sie völlig unnöthig ſind, nach dem, was ich für dieſelbe thue.“ „Ich, mein Herr, ſoll zuerſt zu dieſer Perſon gehen?“ „Sie müſſen ſich ſo weit erniedrigen.. eine Erniedri⸗ gung, welche um ſo furchtbarer iſt, als Herminie aus mir bekannten Gründen, daß ich ſie adoptire, erſt erfahren ſoll, nachdem Sie Ihren Schritt gethan haben; Sie werden alſo ganz einfach Mademoiſelle Herminie, der Klavier⸗ lehrerin, ſagen, daß Sie Ihre Einwilligung zu ihrer Hei⸗ rath mit Gerald geben.“ „Nie, mein Herr, werde ich mich zu einem ſolchen Schritt herablaſſen.“ „Bedenken Sie wohl, daß dieſer Schritt nichts Demü⸗ thigendes hat, und daß Niemand Zeuge deſſelben ſein wird, außer mir, der ich mich bei Herminie befinden werde.“ ſ „Nie werde ich mich einer ſolchen Demüthigung aus⸗ etzen.“ „Madame, ſtatt ſich von Ihrem Sehn anbeten zu laſſen, indem Sie zu einer Sache einwilligen, welche Sie nicht verhindern können, werden Sie Gerald die Augen 128 über das Maaß Ihrer Zärtlichkeit für ihn öffnen, und man wird ſich Ihrer Einwilligung überheben.“ „Aber, mein Herr, Sie können nicht verlangen, daß ich ſo in einem Augenblick einen Entſchluß von dieſer hohen Bedeutung faſſe.“ „Es ſei, Madame, ich gebe Ihnen eine Friſt bis morgen Mittag; ich komme dann und hole Ihre Antwort ein, und ſteht ſie mit der Vernunft, mit der wahren müt⸗ terlichen Liebe im Einklang, ſo gehe ich Ihnen einige Au⸗ genblicke zu Herminie voran, um bei Ihrer Ankunft dort zu ſein. Wenn nicht, ſo erkläre ich Ihnen, daß Ihr Sohn, ehe ſechs Wochen vergehen, verheirathet iſt.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich der Marquis vor Frau von Senneterre und ging weg. „Ich bezweifle nicht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „dieſe un⸗ glückliche Tolle wird den Schritt thun, den ich von ibr fordere, denn ihrer Habgier, ihrem Ehrgeiz ſchmeichelt dieſe Heirath, und darüber vergißt ſie die Unannehmlichkeit ver Adoptivn. . . Und dann wird durch einen jener, leider in unſerer armſeligen Natur häufigen, Widerſprüche dieſe Frau, welche in ihrer rohen, albernen Haleſtarrigkeit ihren Sohn zum Selbſtmord treiben würde, dabei aber ebenſo eifer⸗ ſüchtig auf ſeine Zuneigung iſt, als wäre ſie die vernünf⸗ tigſte, die zärtlichſte der Mütter . .. ſie wird einſehen, welche Anbetung ihr von Gerald zu Theil werden muß, wenn ſie frei zu ſeiner Heirath einzuwilligen ſcheint .. und ſie wird zu Herminie kommen. „Aber leider wäre für mich auf dieſe Art die Partie nur halb gewonnen,“ fuhr der Buckelige in ſeinem Innern fort. „Wird es Herminie in ihrem Stolz annehmen, meine Adoptivtochter zu werden, wenn ſie erfährt, welche Vor⸗ theile ihr dieſe Adoption bringt, und daß dieſe Vortheile allein Frau von Senneterre beſtimmt haben? Ich be⸗ fürchte, nein . . . Habe ich nicht geſehen, wie dieſe flolze junge Perſon ſich beinahe verletzt fühlte, als ihr Erneſtine das Anerbieten machte, nicht ihren Reichthum zu theilen, ſondern ihre Lectionen aufzugeben und bei ihr zu bleiben? 129 Und ſie weiß doch vielleicht, daß Erneſtine ihre Schweſter iſt, denn ich bezweifle nicht, Herminie iſt die Tochter von Frau von Beaumesnil und weiß, daß ſie es iſt. „Ich frage mich noch einmal, wird Herminie mit dieſer ſtolzen Empfindlichkeit meine Anerbietungen an⸗ nehmen? Ich bin deſſen entſernt nicht gewiß, was ich auch der Mutter von Gerald, um ſie durch Einſchüchterung zu beſtimmen, ſagen mußte: deshalb hätte ich es vorge⸗ zogen, ſie zu dieſer Heirath zu bewegen, ohne, für den Angenblick wenigſtens, zu der Adoption meine Zuflucht zu nehmen; doch dies war unmöglich: Frau von Senne⸗ terre hätte eher ihren Sohn ſich vor Verzweiflung das Leben nehmen ſeheu, als daß ſie zu ſeiner Mißheirath mit einem armen Mädchen, ohne Namen und Vermoͤgen, eingewilligt hätte; doch wenn ich es nur dahin bringe, daß Frau von Senneterre den Schritt, den ich von ihr verlange, bei Herminie, der Waiſe und Klavier⸗ lehrerin, thut.. wir werden dann weiter ſehen.“ „Gehen wir nun zu Herrn von la Rochaigue. . nach meiner Tochter Herminie. . meine Tochter Erneſtine. Ich muß dieſen unglücklichen Baron unverſehens überfallen; denn aufgebracht, wie er über mich dadurch iſt, daß ich ſeine Hoffnungen auf die Pairie durch Eatlarvung des elenden Mornand ſcheitern gemacht habe, würde er es um jeden Preis vermeiden, mich zu empfangen . . doch mit Hülfe von Erneſtine werde ich ihn überfallen können, und zum Glück für meine Pläne iſt er noch viel mehr albern, als boshaft.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch ſtieg Herr von Maillefort wieder in ſeinen Wagen und ließ ſich zu Herrn von la Rochaigue führen. Yreizehntes Rapitel. Herr von Mailllefort, der an der Thüre des Hotel la Rochaigue nach Fräulein von Beaumesnil fragte, wurde ſogleich bei Erneſtine eingeführt. „Nun?“ ſagte Erneſtine, die ihm, ſobald ſie ihn er⸗ blickte, entgegenlief, „haben Sie eine gute Nachricht für Herminie, Herr von Maillefort?“ „Ich hoffe ein wenig . . .“ „Welch ein Glück . . . Darf ich Herminie, da ich ſie bald ſehen werde, ſagen, was Sie mir mittheilten?“ „Ja. .. ſagen Sie ihr, ſie moͤge hoffen, doch nicht zu ſehr. und da Sie ſich ſelbſt vergeſſen, mein liebes Kind, ſo füge ich bei, daß die Erkundigungen, die ich über Herrn Olivier eingezogen habe, auf's Beſte ausgefallen ſind. „Ah! . ich war deſſen ſicher.“ „Ich habe ſogar einen ziemlich ſeltſamen Umſtand erfahren: daß nämlich Herr Olivier, der die Zeit ſeines Urlaubs benützt, um ſeinen Oheim zu unterſtützen, auf Ihrem Gut Beaumesnil bei Luzarches, einiger Arbeiten wegen, geweſen iſt.“ „Herr Olivier? In der That, das iſt ſeltſam.“ „Und dieſer Umſtand hat mir einen Gedanken ein⸗ gegeben, den ich für gut halte, denn obgleich ich nun, wie Sie, überzeugt bin, daß Sie keine würdigere und beſſere Wahl treffen konnten, iſt doch. . .“ „Doch?“ „Die Sache ſo ernſt . daß ich an eine letzte Prü⸗ fung gedacht habe.“ „Ueber Herrn Olivier?“ „Ja was denken Sie davon?“ 13¹ 6 Sie es, Herr von Maillefort, ich fürchte nichts ür ihn. „Und überdies ſollen Sie Zeugin von dieſer Prüfung ſein, mein liebes Kind; wenn Herr Olivier widerſteht, dürfen Sie ſich die ſeligſte, die ſtolzeſte der Frauen fühlen, und es wird kein Zweifel mehr an dem Glück Ihrer Zukunft möglich ſein . Unterliegt er im Gegentheil, ſo iſt dies ein neuer Beweis, daß die edelſten Charaktere zuweilen gewiſſen Verſuchungen nachgeben. Dann hätte auch dieſe Prüfung ein äußerſt wichtiges Reſultat.“ „Welches?“ „Nach dieſer Prüfung könnte Herr Olivier nicht mehr das geringſte Bedenken tragen, die reichſte Erbin Frankreichs zu heirathen; und Sie wiſſen, mein Kind, wie ſehr dieſe Frage zarter Empfindlichkeit uns beunruhigte.“ „Ach! mein lieber Marquis, Sie find unſer guter Genius.“ „Warten Sie noch ein wenig, ehe Sie in mir einen Halbgott ſehen, mein Kind. .. Nun zu etwas Anderem. Sie haben mir geſagt, es gebe hier eine Dienſtbotentreppe, welche zu Ihrer Wohnung führe und bis zu Ihrem Vor⸗ mund hinaufgehe?“ „Ja, mein Herr, durch dieſe Treppe empfängt er Morgens einige vertraute Freunde, die man nie meldet.“ „Vortrefflich. . ich will dieſe Treppe nicht mehr, nicht minder benützen, als ein vertrauter Freund, und dem Baron eine ſelſame Ueberraſchung bereiten .. führen Sie mich, mein Kind.“ Erneſtine ging dem Marquis voran. In dem Augenblick, wo ſie durch das Zimmer von Madame Lainé ſchritt, ſagte ſie zu dem Buckeligen: „Ich vergaß immer, Herr von Maillefort, Ihnen mit⸗ zutheilen, wie ich ohne Wiſſen meines Vormunds habe aus⸗ gehen können, um mich auf den Ball von Madame Herbaut zu begeben. Die Thüre, die Sie hier ſehen, führt zu einer anderen Geheimtreppe, welche auf die Straße hinabgeht; die Thüre unten war ſeit langer Zeit verſperrt; doch meiner 132 Gouvernante gelang es, ſie zu öffnen, und auf dieſem Weg find wir hinaus und hereingekommen.“ „Und dieſe Thüre iſt abermals verſperrt worden?“ fragte der Buckelige, dem dieſer Umſtand aufzufallen ſchien. „Meine Gouvernante hat mir geſagt, ſie habe ſie von innen geſchloſſen.“ „Mein liebes Kind. . . Ihre Gouvernante iſt eine Elende. .. ſie begünſtigte ihren geheimnißvollen Ausgang aus dieſem Haus und ihre langen Beſuche bei Herminie; hätten Sie in tadelnswerther Abſicht gehandelt, ſie würde Ihnen auch gehorcht haben; Sie dürfen ihr alſo kein Ver⸗ trauen ſchenken.“ „Ich goͤnne ihr keines, Herr von Maillefort; ſobald ich kann, werde ich, meinem Verſprechen gemäß, die Ver⸗ ſchwiegenheit von Madame Lainé reichlich bezahlen und ſie fortſchicken.“ „Dieſe Thüre, welche einen ſo leichten Zugang zu Ihnen gewährt und zur Verfügung dieſer Frau ſteht, kommt mir als etwas Schlimmes vor,“ ſagte der Buckelige nachdenkend; „Sie müſſen ſchon heute Ihren Vormund benachrichtigen, daß Sie dieſen Ausgang entdeckt haben, und Sie müſſen ihn bitten, denſelben der größeren Sicherheit wegen ſo bald als möglich vermauern zu laſſen, da Sie ſonſt genöthigt wären, die Wohnung zu verändern.“ „Ich werde thun, was Sie wünſchen, mein Herr; e Befürchtungen können Sie in dieſer Hinſicht haben? Gegründete Befürchtungen habe ich keine, mein liebes Kind: dieſe Thüre vermauern zu laſſen, iſt vor Allem eine Maßregel der Schicklichkeit, und dann eine Maßregel der Vorſicht. Das darf Sie durchaus nicht erſchrecken .. Nun, auf Wiederſehen, ich gehe zu Ihrem Vormund hin⸗ auf... Wöchte ich Ihnen bald gute Nachrichten zu über⸗ bringen haben.“ Einige Augenblicke nachher kam Herr von Maillefort auf den Ruheplatz des zweiten Stocks; im Schloſſe einer 133 Thüre ihm gegenüber ſah er einen Schlüſſel; er trat ein, folgte einem Corridor, öffnete eine zweite Thüre und be⸗ fand ſich im Cabinet von Herrn von la Rochaigue. Dieſer wandte der Thüre den Rücken zu und las in einer Zeitung den Rechenſchaftsbericht von einer Sitzung der Kammer der Pairs; als er die Thüre öffnen hörte, wandte er den Kopf um und ſah den Buckeligen, der ihm behende ein äußerſt freundliches Zeichen mit dem Kopf machte und zurief: „Guten Morgen, lieber Baron, guten Morgen.“ Herr von la Rochaigue vermochte Anfangs kein Wort zu erwiedern. In ſeinen Lehnſtuhl zurückgeworfen, hielt er ſeine Zei⸗ tung fortwährend in ſeinen krampfhaft zuſammengezogenen Händen und heftete, unbeweglich, den Mund aufgeſperrt, ſeine durch das Erſtaunen und den Zorn gerundeten Augen auf den Marquis. „Sie ſehen, Baron, ich handle als Vertrauter, ich benütze die kleinen Eingänge,“ fuhr der Buckelige mit dem heiterſten Ton fort, während er, um ſich darein zu ſetzen, ein Fauteuil zum Kamin rückte. Herr von la Rochaigue wurde purpurroth vor Zorn; doch da er gewaltig vor dem Marquis Angſt hatte, hielt er on ſich und ſagte, ungeſtüm ſich erhebend: „Es iſt unglaublich, unerhört, ganz außerordentlich, daß ich genöthigt bin, nach der Scene an jenem Tag, die K zu haben, Sie bei mir zu empfangen „ und. „Mein lieber Baron, erlauben Sie mir, hätte ich ie um eine Zuſammenkunft gebeten, ſo würden Sie es mir abgeſchlagen haben, nicht wahr?“ „Oh! gewiß, mein Herr. denn ..“ „Ich habe alſo das gute Theil erwählt, das, Sie zu überraſchen.. Haben Sie nun die Güte, ſich zu ſetzen .. und laſſen Sie uns ein wenig als Freunde plaudern.“ „Als Freunde! Sie wagen es, ſo zu ſprechen, Die ſieben Tobſünden. M. 10 4 134 Sie, der Sie, ſeitdem ich das unglückliche Vergnügen ge⸗ habt habe, Sie kennen zu lernen, mich beſtändig mit Spöttereien verfolgten, die ich übrigens nicht annehme und Ihnen mit allen meinen Kräften zurückſchicke,“ füg'e der Baron mit einem ganz parlamentariſchen Anſtand bei. „Ein Freund? Sie, mein Herr! der Sie noch kürzlich, um das Maß voll zu machen ..“ „Mein lieber Baron,“ unterbrach der Buckelige aber⸗ mals Herrn von la Rochaigue, „kennen Sie ein reizendes Vaudeville von Scribe, betiltelt der Haß einer Frau?“ „Mein Herr, ich ſehe nicht ein, in welchem Zuſam⸗ menhang . „Sie werden es ſogleich einſehen, mein lieber Baron; in dieſem Vaudeville ſcheint eine junge und hübſche Frau mit ihrem Haß einen jungen Mann zu verfolgen, den ſie im Grunde anbetet.“ „Nun, und hernach, mein Herr?“ „Nun, mein lieber Baron, mit dem Unterſchied allein, daß Sie kein junger Mann find, und daß ich keine junge Frau bin, die Sie anbetet, iſt mein Verhältniß zu Ihnen durchaus dasſelbe, wie vas der hübſchen Frau im Vaude⸗ ville von Scribe.“ * „Noch einmal, mein Herr, ich ..“ „Mein lieber Baron, eine einzige Frage: ſind Sie ein Politiker, ja oder nein?“ „Mein Herr... „Oh! es handelt ſich hier nicht um eine falſche Be⸗ ſcheidenheit, ſondern um eine gewiſſenhafte Antwort. Fühlen Sie ſich als Politiker, ja oder nein?“ Bei dieſen Worten, welche ſeinem Steckenpferd ſchmeichelten, vergaß der allzu ſchwache Baron ſeinen Groll, blies die Backen auf, ſteckte ſeine linke Hand unter den umſchlag ſeines Schlafrocks, während er mit der rechten geſticulirte, nahm eine parlamentarxiſche Stellung an und antwortete majeſtätiſch, indem er ſich ſelbſt mit religiöſer Aufmerkſamkeit zuhorchte: „Wenn die tieſſten, die ausgebreitetſten, die gewiſſen S. S. 135 hafteſten Studien über den inneren und äußeren Zuſtand Frankreichs, wenn eine gewiſſe redneriſche Leichtigkeit und. die heilige Liebe für das Vaterland den Politiker be⸗ gründen, ſo hätte ich allerdings darauf Anſpruch zu ma⸗ chen, dieſe Rolle zu ſpielen. .. ja; und ohne Sie, mein Herr, ohne Ihren unbegreiflichen Ausfall gegen Herrn von Mornand, ſpielte ich dieſe Rolle!“ rief der Baron mit verdoppelter Bitterkeit und Entrüſtung. „Es iſt wahr, mein lieber und ich geſtehe, daß ich mit unerhörtem Glück Herrn von Mornand, eine nie⸗ drige, käufliſche, verdorbene Seele, Ihre Mündel zu hei⸗ rather, und Sie, Pair von Frankteich zu werden, verhindert habe.“ „Ja, meinen lächerlichen Ehrgeiz zu befriedigen, denn Sie haben es mir in's Geſicht geſagt, und ich weiſe mit meiner ganzen Energie dieſe beleidigende Aeußerung zurück! Mein Ehrgeiz war in keiner Hinſicht lůcherlc; mein Herr.“ „Er war es in jeder Hinſicht, mein lieber Baron!“ „Ah! mein Herr, kommen Sie hierher, um mich zu beleidigen?“ „Wiſſen Sie, warum Ihr Ehrgeiz lächerlich und durchaus am unrechten Orte war? weil Sie nach einer Mitte trachteten, wo Ihr politiſcher Werth völlig nichtig, verloren gemeſen wäre.“ „Wie! mein Herr, Sie ſprechen nun von meinem poli⸗ tiſchen Werth, während Sie mich ſtets mit Ihren bos⸗ haften Witzen verfolgten?“ „Der Haß einer Frau, mein lieber Baron, der Haß einer Frau.“ Und als Herr von la Rochaigue den Buckeligen mit erſtaunter Miene anſchaute, fuhr Herr von Maillefort fort: Mein lieber Baron, Sie wiſſen, daß wir derſelben politiſchen Meinung angehören? 2 „Ich wußte es icht. mein Herr; doch ich wundere mich nicht darüber . . . Leute von einer gewiſſen Stellung 136 müſſen die geborenen, unerſchütterlichen, fortwährenden Vertreter der Ueberlieferungen der Vergangenheit ſein.“ „Deshalb entrüſtete ich mich um ſo mehr über die Richtung, welche Sie Ihrem politiſchen Benehmen gaben, indem Sie ſich um die Pairie bewarben.“ „Wiſſen Sie, mein Herr,“ ſagte Herr von la Ro⸗ chaigue, der Herrn von Maillefort mit wachſendem Intereſſe hörte, „wiſſen Sie, daß Sie mich bedeutend, unendlich, ungeheuer in Erſtaunen ſetzen?“ „Mein Gott!“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „wie blind, oder wie ſchlecht berathen iſt dieſer unglückliche Herr von la Rochaigue! Er will mit Recht die Ueberlieferungen der Vergangenheit wiederbeleben, und man muß ſagen, er hat Alles, was man hiezu braucht... Geburt, Talent, erha⸗ bene Abſichten für das Wohl des Staats, Lebensverhält⸗ niſſe, welche nicht von eingegangenen Verbinvlichkeiten ge⸗ hemmt ſind.“ Während Herr von la Rochaigue ſeine politiſchen Eigenſchaften aufzählen hörte, fing er an unmerklich zu lächeln; als aber der Buckelige innehielt, um Athem zu zu ſchöpfen, entblößten ſich die Zähne des Barons ganz und gar. Der Marquis, der dieſe Symptome innerer Zufrie⸗ denheit wahrnahm, fuhr alſo fort: „Und wo wird der Baron ſo viele ausgezeichnete Vorzüge begraben? Wo? In der Kammer der Pairs, welche von Ariſtokratie vollgeſtopft iſt? Was wird ge⸗ ſchehen? Trotz ſeines Werthes wird dieſer unglückliche Baron erſäuft werden; man wird ihn nothwendig für einen Ausgeſöhnten halten, da er der Gunſt ſeine politiſche Stel⸗ lung zu verdanken haben wird; dann werden die energiſche Offenherzigkeit, die... (entſchuldigen Sie den Ausdruck, Baron) die Derbheit ſeiner redneriſchen Begeiſterung durch Convenienzen aller Art gefeſſelt ſein.“ „Aber, mein Herr,“ rief der Baron im Ton zornigen Vorwurfs, „warum ſagen Sie mir das ſo ſpät?“ 137 Der Buckelige fuhr fort, ohne daß er Herrn von la Rochaigue gehoͤrt zu haben ſchien: „Welcher Unterſchied im Gegentheil, wenn dieſer un⸗ glückliche Baron in die politiſche Laufbahn durch die Kammer der Abgeordneten eingetreten wäre! Dahin gelangte er nicht durch Gunſt, ſondern durch die freie Wahl, durch den Willen des Volks! .. Welche Macht bekämen da nicht ſeine Worte, die Worte von ihm, dem energiſchen und getreuen Vertreter der Ueberlieferungen der Vergangenheit.. Man könnte ihm nicht mehr ſagen: „„Ihre Anſicht iſt die der privilegirten Claſſe, der Sie angehören, und nichts Anderes;““ denn der Baron würde antworten: „„Nein, dieſe Anſicht iſt die der Nation, da die Nation mich hier⸗ herſchickt!““ „Es iſt wahr, mein Herr, es iſt unendlich wahr, was Sie da ſprechen. Doch ich wiederhole, warum ſagen Sie mir das ſo ſpät?“ Wie, warum, Baron? Weil Sie ſtets ein Mißtrauen, einen ſehr unangenehmen Widerwillen gegen mich kund⸗ gaben. Geſtehen Sie das.“ „Sie thaten das im Gegentheil, Marquis! Sie ſchienen auf mich erbittert zu ſein.“ „Ich glaube es wohl... denn ich ſagte mir: Ah! der Baron iſt blind genug, um die Gelegenheit zu ver⸗ ſäumen, eine ſo ſchöne Rolle zu ſpielen! Bei Gott! er ſoll die Strafe dafür tragen: ich werde ihn ohne Unter⸗ laß verfolgen, was ich zu thun auch nicht verfehlt habe.. Dann kam der Augenblick, Sie zu verhindern, die unge⸗ heuerſte Thorheit zu begehen... und ich habe Sie ver⸗ hindert.“ „Aber, Marquis, erlauben Sie .. „Was Teufels! mein Herr, Sie gehören nicht ſich an, Sie gehören Ihrer Partei, und der Eintrag, den Sie ſich thun, jſpringt auf die Leute Ihrer Meinung zurück; im Ganzen ſind Sie nur ein Selbſtſüchtiger!“ „Mein Herr, ein Wort. ein einziges Wort.“ 138 „Ein Ehrgeiziger, der lieber ſeine Stellung der Gunſt, als der Wahl des Volks zu verdanken hat.“ „Ei! mein Herr, Sie ſprechen ſehr nach Ihrer Be⸗ quemlichkeit von der Wahl des Volks? Glauben Sie denn, eine Tribune ſei ſo leicht zugänglich, ſelbſt mit einem ge⸗ wiſſen politiſchen Werth? Und indem ich mich ſo aus⸗ drücke, wiederhole ich nur Ihre Worte. Sie wiſſen alſo nicht, daß ich ſeit zehn Jahren nach der Pairie ſtrebe, mein Herr!!“ „Bah! wenn Sie wollten, wären Sie, ehe ein Monat vergeht, Abgeordneter.“ Ich!“ „ * „Sie, Baron von la Rochaigue.“ „Ich? Abgeordneter . Das wäre herrlich, Mar⸗ guis . denn Sie haben meinen Ideen ein weites, unge⸗ heures, unermeßliches Feld gesffnet; doch ich wiederhole, Abgeordneter, wie dies?“ „Denken Sie ſich, Baron, daß es der Mehrzahl der Wähler des Arrondiſſement, wo ich meine Güter habe, ein⸗ gefallen iſt, ſich zu vereinigen und mir die Stelle ihres neuen Deputirten anzutragen.“ „Ihnen, Herr Marquis?“ „Mir in Perſon: denken Sie ſich ein wenig, welchen Begriff man ſich von dieſen Burſchen nach ihrem Reprä⸗ ſentanten machen würde? Wenn man mich ſähe, würde man ſich einbilden, ich ſei der Vertreter einer von Poli⸗ chinelle gegründeten Colonie.“ Dieſer Witz des Marquis erregte die Heiterkeit des Barons, der ſie dadurch offenbarte, daß er wiederholt ſeine langen Zähne zeigte. „Wenn mein Arrondiſſement noch eine Gebirgsgegend wäre, ſo hätte meine Wahl wenigſtens einen Sinn,“ fügte der Marquis bei, indem er mit einer ſpöttiſchen Geberde auf ſeinen Buckel deutete, um den Baron in ſeiner guten Laune zu erhalten. „In der That, Marquis,“ ſagte Herr von la Ro⸗ chaigue, deſſen Heiterkeit immer mehr zunahm, „Sie S —. ————— 139 machen die Honneurs Ihrer Perſon mit einer Anmuth, einem Geiſt . . .“ „Ei! mein lieber Baron, rufen Sie doch: Es lebe Ihr Buckel! denn Sie wiſſen nicht, was Sie ihm viel⸗ leicht Alles zu verdanken haben werden! . . was ſage ich? was unſere Meinung ihm zu verdanken haben wird!“ „Ich . . unſere Meinung wir werden etwas Ihrer. (der Baron zögerte) Höckerigkeit zu verdanken haben?“ „Höckerigkeit iſt vortrefflich parlamentariſch, Baron . Sie ſind für die Tribune geboren . und wie ich Ihnen ſagte, wenn Sie wollen, ſind Sie, ehe ein Monat ver⸗ geht, Abgeordneter.“ „Ich bitte, erklären Sie ſich.“ „Nichts kann einfacher ſein: ſeien Sie Abgeordneter an meiner Stelle.“ „Sie ſcherzen?“ „Keineswegs! ich würde die Kammer lachen machen, Sie werden ſie für ſich einnehmen; unſere Meinung wird vabei gewinnen ich mache mich anheiſchig, Sie eini⸗ gen Abgeordneten von meinen Wählern, welche ſeit Jahren die Majorität im Colleg haben, vorzuſtellen, und ich werde es dahin bringen, daß man Sie an meiner Stelle an⸗ nimmt ... Noch heute ſchreibe ich ihnen, übermorgen ſind ſie mit der Eiſenbahn hier, und in drei Tagen iſt das Wort gegeben und die Sache abgemacht.“ „In der That, Marquis, ich weiß nicht, ob ich träume oder wache; Sie, den ich bis jetzt als meinen Feind betrachtet hatte. . .“ „Der Haß einer Frau, Baron, oder wenn Sie lieber wollen, der Haß eines politiſchen Freundes.“ „Es iſt nicht zu glauben . . .“ „Nun, mein lieber Baron, gerade weil ich Ihre albernen Abſichten auf eine Pairie ſchritern gemacht habe, indem ich Sie (ohne Vorwurf) verhinderte, Ihre Mündel an einen Elenden zu verheirathen, will ich Sie unter der 140 Bedingung zum Deputirten wählen laſſen, daß ich dieſe Mündel an einen würdigen Mann verheirathe, den ſie liebt und der ſie liebt.“ Bei dieſen Worten fuhr Herr von la Rochaigue von ſeinem Stuhl auf, warf einen argwöhniſchen Blck auf den Marquis und erwiederte dann kalt: „Herr Marquis, ich war Ihr Spielzeug, ich bin wie ein Dummkepf in die Falle gegangen.“ „Welche Falle, mein lieber Baron?“ „Ihr Haß einer Frau, der vorgebliche Zorn, den Ihnen die ſchlechte Richtung meiner politiſchen Linie einfloßte, Ihre Lobeserhebungen, Ihre Vorſchläge, mich an Ihrer Stelle zum Deputirten zu machen, dies Alles verbarg einen Hintergedanken; zum Glück errathe, ent⸗ larve, entſchleiere ich ihn.“ „Sie werden unfehlbar Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten, Baron, wenn Sie immer einen ſolchen Scharfſinn offenbaren!“ „Genug des Scherzes, mein Herr!“ „Mein lieber Herr, von zwei Dingen eines; entwe⸗ der habe ich Ihrer geſpottet, indem ich Ihre politiſchen Anſprüche im Ernſt zu nehmen ſchien, oder ich fehe aufrichtig inIhnen den Stoff zu einem Staatsmann: wählen Sie eine von dieſen zwei Hypotheſen; das iſt eine Gewiſſensſache. Führen wir nun die Frage auf ihren einfachſten Ausdruck zurück: Ihre Mündel hat eine vortreffliche Wahl getroffen, wie ich Ihnen nachweiſen werde; geben Sie Ihre Ein⸗ willigung zu ihrer Heirath, und ich laſſe Sie zum Ab⸗ geordneten wählen, das iſt die ſchöne Seite der Münze.“ „Ah! ſie hat zwei Seiten?“ verſetzte der Baron hohnlächelnd. „Natürlich. Ich habe Ihnen die ſchöne gezeigt, nun kommt die häßliche: Sie, Ihre Schweſter und Ihre Frau haben auf eine unwürdige Weiſe die Vormundſchaft miß⸗ braucht, die Ihnen anvertraut worden iſt.“ B „Mein Herr „Ich beſitze Beweiſe Sie alle Drei haben ſchänd⸗ 8 141 liche Intriguen, deren Opfer Fräulein von Beaumesnil werden ſollte, angezettelt und begünſtigt ... Von dem Allem beſitze ich Beweiſe, das wiederhole ich Ihnen, und Fräulein von Beaumesnil ſelbſt wird ſich mit mir verbin⸗ den, um dieſe Ränke von Ihnen und den Ihrigen zu ent⸗ ſchleiern.“ „Und wem, mein Herr, wird man dieſe ſchöne An⸗ zeige machen, wenn's beliebt?“ „Einem Familienrath, deſſen unmittelbare Zuſammen⸗ berufung Fräulein von Beaumesnil verlangen wird. . . Den Erfolg dieſer Maßregel errathen Sie: iſt Ihre Pflicht⸗ vergeſſenheit erwieſen, ſo wird Ihnen die Vormundſchaft von Erneſtine entzogen.“ „Wir werden ſehen, mein Herr, wir werden ſehen!“ „Gewiß, Sie werden, um dies zu ſehen, ganz vor⸗ trefflich geſtellt ſein; wählen Sie nur, geben Sie Ihre Einwilligung zur Heirath, und Sie find Abgeordneter .. Weigern Sie ſich, ſo wird Ihnen die Vormundſchaft mit einem ſolchen Aufſehen, mit einem ſolchen Aergerniß ent⸗ ſeg daß Ihre ehrgeizigen Pläne für immer vernichtet nd.“ „Herr Marquis,“ erwiederte der Baron mit bitterer Ironie . . . „Sie klagen mich an, ich habe meine Mündel in einem perſönlichen Intereſſe verheirathen wollen, und ſo eben machen Sie mir den Vorſchlag, gerade das zu thun, was Sie mir vorgeworfen?“ „Mein lieber Herr, Ihre Vergleichung hat keinen Sinn; Sie wollten Ihre Mündel an einen Elenden ver⸗ heirathen . . . ich will Sie an einen Ehrenmann verhei⸗ rathen. . . Und ich ſetze einen Preis auf Ihre Einwilli⸗ gung, weil Sie mir bewieſen haben, daß man einen Preis auf Ihre Einwilligung ſetzen muß.“ „Warum dies, mein Herr, wenn die Partie, die Sie mir für Fräulein von Beaumesnil vorſchlagen, angemeſſen iſt und mir ſo erſcheint?“ „Die Partie, die ich vorſchlage, und die Fräulein von Beaumesnil wünſcht, iſt in jeder Hinſicht ehrenhaft.“ 142 „Vereinigt ſie die Bedingungen des Vermögens, der geſellſchaftlichen Stellung. . .“ „Es hanvelt ſich um einen Unterlieutenant ohne Na⸗ men, ohne Vermögen, der der wackerſte Mann iſt, den ich kenne. Er liebt Erneſtine und wird geliebt. Was haben Sie dagegen einzuwenden?“ „Was ich dagegen einzuwenden habe? Ein Menſch, der nichts beſitzt, als ſeine Uniform und ſeinen Degen, ſoll die reichſte Erbin Frankreichs heirathen! . Nie würde ich die Einwilligung zu einer ſo ungleichen Heirath geben; Herr von Mornand hatte doch wenigſtens Ausſicht, Miniſter, Botſchafter, Präſident des Miniſterraths zu werden.“ „Sie ſehen alſo wohl, mein lieber Herr, ich muß Sie dadurch zwingen, daß ich einen Preis auf Ihre Ein⸗ willigung ſetze.“ „Aber, mein Herr, wenn ich ſo aus Intereſſe handle, thue ich Ihrer Anſicht nach etwas. „Schmähliches. doch gleichviel, wenn nur das Glück von Erneſtine geſichert iſt . . „Und mich, der ich einer ſchwählichen Handlung fähig ſein foll, wollen Sie Ihren Wählern vorſchlagen!“ rief der Baron triumphirend; „ſo wollen Sie ihr politiſches Vertrauen mißbrauchen, indem Sie ihnen als Räpräſen⸗ tanten unſerer Meinung einen Menſchen geben, der 56 „Einmal ſind meine Wähler Dummköpfe, lieber Herr, und ich habe mich keineswegs um ihre Stimme beworben; ſie bilden ſich ein, weil ich Marquis ſei, müßte ich ein fanatiſcher Parteigänger des Thrones und des Altars ſein, wie ihr verſtorbener Abgeordneter. Sie ſagten mir, falls ich es ausſchlüge, bäten ſie mich, ihnen einen Mann zu bezeich⸗ nen, den ſie zum Voraus annehmen würden. Ich bezeichne ih⸗ nen einen Candidaten ihrer Meinung, der vollkommen fähig iſt, ſie zu vertreten (ich lobe Sie damit nicht, mein lieber Herr, daß ich Ihnen ſage, Sie ſeien mindeſtens ebenſo viel werth, als ihr verſtorbener Abgeordneter); das Uebrige iſt ihre Sache; denn ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß ich 143 vorhin ſcherzte, als ich von unſerer Meinungsübereinſtim⸗ mung ſprach; es war dies ein Mittel, auf das Anerbieten zu kommen, das ich Ihnen gemacht habe und hiemit wie⸗ derhole. Sie werden mich vielleicht nun fragen, warum ich, da ich die Ueberzeugung habe, daß man Ihnen die Vormundſchaft von Fräuleln von Beaumesnil entziehen könne, das nicht von Anfang thue?“ „Ja, mein Herr, ich werde dieſe einfache Frage an Sie richten,“ ſagte der Baron, immer mehr niederge⸗ beugt. „Meine Antwort wird auch einfach ſein, lieber Herr; ich glaube nicht, daß unter den Perſonen, denen dieſe Vor⸗ mundſchaft anvertraut werden dürfte, ein Mann iſt, der genug Geiſt und Herz beſäße, um zu begreifen, die reichſte ErbinFrankreichs könne einen anſtändigen Mann ohne Namen und ohne Vermoͤgen heirathen . . . Da ich nun bei einem andern Vormund ſchwerlich das Mittel der Einwirkung hätte, das ich bei Ihnen beſitze, ſo kann die Veränderung der Vormundſchaft nur eine ungün⸗ ſtige Wirkung für meine Pläne haben, obgleich ſie Ihnen einen Schlag beibringt, der nicht wieder gut zu machen iſt. Ueberlegen Sie nun und wählen Sie, morgen vor zehn Uhr erwarte ich Sie bei mir.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Marquis und ließ Herrn von la Rochaigue in der peinlichſten Verlegen⸗ heit zurück. Pierzehntes Rapitel. Es war zwei Tage, nachdem Herr von Maillefort eine Zuſammenkunft mit Frau von Senneterre und mit Herrn von la Rochaigue gehabt hatte. Allein zu Hauſe, ſchien Herminie der lebhafteſten Angſt preiegegeben; oft ſchaute ſie mit ungeduldigem Blick nach ihrer kleinen Pendeluhr; bebend bei dem geringſten Ge⸗ räuſch, wandte ſie zuweilen den Kopf nach der Thüre um. Man las in dem Geſichte der Herzogin eine Ban⸗ gigkeit, die der gleichkam, welche ſie einige Zeit zuvor, als ſie von Minute zu Minute den furchtbaren Herrn Bouffard erwartete, empfunden hatte. Und dennoch war es nicht der Beſuch von Herrn Bouf⸗ fard, ſondern der von Herrn von Maillefort, was die Auf⸗ regung des Mädchens verurſachte. Die Blumen in dem zierlichen Zimmerchen von Her⸗ minie waren erneuert worden, eben ſo die Moufſelinevor⸗ hänge der offenen Fenſter, hinter denen die auf den Gar⸗ ten gehenden grünen Sommerläden geſchloſſen waren. Die Herzogin ſchien ihre Haushaltung noch mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich beſtellt zu haben: ſie hatte ihr ſchonſtes Kleid angezogen, ein bis oben geſchloſſenes Kleid von ſchwarzer Levantine, mit einem ganz glatten Kragen und glatten Manchetten von blendender Weiße. Nur geſchmückt mit ihren herrlichen blonden, in den zarteſten Refleren glänzenden Haaren, war Herminie nie von einer edleren und rührenderen Schönheit geweſen; denn ſeit einiger Zeit war ihr Antlitz bleich geworden, ohne etwas von ſeinem blendenden Schimmer zu verlieren. Die Herzogin hatte abermals nach der Thüre hin ge⸗ horcht, und ſie glaubte ein leichtes Geräuſch von Tritten vor den geſchloſſenen Sommerläden zu hören: fie wollte 145 aufſtehen, um ſich über ihre Zweifel Licht zu verſchaffen, als der Schlüſſel ihrer Thüre ſich im Schloß drehte und Madame Muufflon Herrn von Maillefort einführte. i Kaum war dieſer eingetreten, als er zur Portiére agte: . „In einigen Augenblicken wird eine Dame nach Fräu⸗ lein Herminie fragen . . . Sie führen ſie ein.“ mein Herr,“ antwortete Madame Muufflon und ging ab. Als das Mädchen die Worte des Marquis: Es wird eine Dame nach Fräulein Herminie fragen, ging ſie raſch auf Herrn von Maillefort zu und agte: „Mein Gott! Herr Marquis .. dieſe Dame, welche kommen ſoll?“ „Sie iſt es!“ antwortete der Marquis, ſtrahlend vor Freude und Hoffnung, „ja. . . ſie wird kommen.“ Dann, als er Herminie erbleichen und an allen Glie⸗ dern zittern ſah, rief der Buckelige: „Mein Kind was haben Sie?“ „Ach! mein Herr,“ ſprach die Herzogin mit ſchwa⸗ cher Stimme, „ich weiß nicht, doch nun habe ich bange.“ „Bange .. da Frau von Senneterre bei Ihnen den unverhofften Schritt thun will, den Sie ſo würdig ge⸗ fordert?“ „Ach! Herr Marquis, zu dieſer Stunde erſt begreife ich die Vermeſſenheit, die Unſchicklichkeit vielleicht meines Verlangens.“ „Mein liebes Kind!“ rief der Buckelige mit der leb⸗ hafteſten Ungeduld, „keine Schwäche, Sie würden Alles verlieren . . . Seien Sie gegen Frau von Senneterre, was Sie von Natur find: beſcheiden ohne Erniedrigung, wür⸗ dig ohne Anmaßung, und ich hoffe, es wird Alles gut gehen.“ „Ach! Herr Marquis, als Sie mir geſtern von fern die Möglichkelt des Beſuches von Frau von Senneterre zeigten, glaubte ich eine tolle Freude zu empfinden, wenn 146 dieſe Hoffnung ſich verwirklichen würde, und zu dieſer Stunde bin ich von Furcht und Bangigkeit erfüllt.“ „Sie kommt. . . um Gotteswillen! Muth, mein Kind, und denken Sie an Gerald!“ rief der Buckelige, als er einen Wagen vor der Thüre halten hörte. „Mein Herr,“ murmelte die Herzogin mit flehen⸗ der Stimme, indem ſie den Marquis bei der Hand nahm, „haben Sie Mitleid mit mir. . . ich werde es nicht wa⸗ gen .. Oh! ich fühle mich ſterbend.“ „Das unglückliche Kind,“ dachte der Marquis, „es wird ſich ins Verderben ſtürzen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre. Frau von Senneterre erſchien. Es war elne Frau von hoher Geſtalt, ſehr mager, und ſie hatte das, was man die vornehme Miene der Welt nennt. Sie trat, den Kopf ſtolz, den Blick anmaßend, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, ein; ihr Geſicht war ſehr gefärbt, und nur mit Mühe ſchien ſie eine heftige in⸗ nere Bewegung zu beherrſchen. Es tobte in der That ein gewaltiger Aufruhr in Frau von Senneterre. Dieſe Frau, von einer albernen und unbezähmbaren Eitelkeit, hatte ihr Haus mit der feſten Abſicht verlaſſen, bei Herminie den von Herrn von Maillefort geforderten Schritt zu thun, wofür dieſer das Mädchen zu adoptiren verſprach. Frau von Senneterre hatte ſich vorgenommen, ſich nur kalt und hoflich bei dieſem Beſuch zu zeigen, der ihre Cigenliebe ſo viel Ueberwindung koſtete. .. Als aber der Augenblick dieſer Zuſammenkunft herannahte, als die⸗ ſes anmaßliche Geſchoͤpf bedachte, in einigen Minuten würde ſie, die Herzogin von Senneterre, genöthigt ſein, wie eine Bittſtellerin bei einer elenden jungen Perſon, welche von ihrer Arbeit lebe, zu erſcheinen, da empoͤrte ſich die unverſöhnliche Eitelkeit der vornehmen Dame in ihr, und der Zorn gewann die Oberhand; ſie verlor den Kopf, vergaß die beträchtlichen Vortheile, welche dieſe Heirath 147 ihrem Sohn bringen konnte, ſie vergaß, daß es im Ganzen die Adoptivtochter des Prinzen Herzogs von Haut⸗Martel war, der ſie Beſuch machte, und nicht die arme Künſtlerin, und ſo kam Frau von Senneterre zu Herminie nicht mehr mit verſoͤhnlichen Gedanken, ſondern mit dem Entſchluß, dieſe Unverſchämte zu behandeln, wie es ihre frechen An⸗ maßungen verdienen. Bei dem Anblick des hochmüthigen, feindſeligen, dumpf zornigen Geſichtes von Frau von Senneterre, errieth der Marquis, nicht minder erſchrocken als erſtaunt, den plotz⸗ lichen Umſchlag der Ideen der Mutter von Gerald, und er ſagte ſich in Verzweiflung: „Alles iſt verloren!“ Herminie hatte, wie man zu ſagen pflegt, keinen Tropfen Blut mehr in ihren Adern. Ihr reizendes Geſicht war todtenbleich geworden, ihre faſt blauen Lippen zitter⸗ ten krampfhaft .. . ſie hielt ihre ſtarren Augen geſenkt, und es war ihr unmöglich, einen Schritt zu thun, ein Wort zu finden. Was ihr auch Herr von Maillefort über die junge Perſon geſagt hatte, die er würdig genug erachtete, um ihr ſeinen Namen zu geben, ſo erwartete doch Frau von Senneterre, zu albern ſtolz, zu hartnäckig in ihren Vor⸗ urtheilen, ein kleines, freches Mädchen von hochfahrender, anmaßender Eitelkeit zu finden; die Mutter von Gerald hatte ſich auch mit ihrer verletzendſten Verachtung, mit ihrem herausforderndſten Hrechmuth bewaffnet. . . Aber ſie war völlig aus der Faſſung gebracht bei dem Anblick dieſes ſchüchternen, reizenden Geſchöpfes von ausgezeichne⸗ tem Weſen, von ſeltener, rührender Schoͤnheit, das, ſtatt die Miene frechen Triumphes anzunehmen, nicht einmal die Augen aufzuſchlagen wagte und mehr todt als lebendig bei dem Anblick der vornehmen Dame zu ſein ſchien, deren Beſuch es verlangt hatte. „Mein Gott! wie ſchoön iſt ſie!“ ſagte Frau von Senneterre zu ſich ſelbſt mit einer Miſchung von Aerger und unwillkührlicher Bewunderung. . „Alles bei ihr ſcheint 148 von vollkommener Diſtinetion zu ſein. . . es iſt wahrhaſt unglaublich. . eine ſchlimme kleine Muſiklehrerin . . . Meine Töchter ſind nicht viel beſſer.“ Dieſe verſchiedenen Gefühle von Frau von Senneterre, zu deren Beſchrelbung wir ſo lange gebraucht, nahmen nur einen Augenblick ein; kaum waren einige Secunden ſeit ihrem Eintritt bei Herminie vergangen, als die Mutter von Gerald, welche über die Verlegenheit, die ſie empfunden, erröthete, zuerſt das Stillſchweigen brach und mit hoch⸗ müthigem, hoͤhniſchem Ton zu dem Mädchen ſagte: „Mademviſelle Herminie?“ „Das bin ich ... Frau Herzogin . . .“ ſtammelte Her⸗ minie, während Herr von Maillefort dieſe Scene mit wach⸗ ſender Angſt anhörte und betrachtete. „Mademviſelle Herminie . . . Muſiklehrerin?“ fuhr Frau von Senneterre fort, indem ſie auf das letzte Wort mit geringſchätzender Affectativn einen beſonderen ſr legte, „Sie find das vermuthlich, Mademoi⸗ ſelle?“ „Ja, Frau Herzogin,“ antwortete das arme Kind, immer mehr zitternd und ohne daß es die Augen aufzu⸗ ſchlagen wagte. 6 „Nun, Mademoiſelle, Sie find, denke ich, befriedigt? Sie haben die Keckheit gehabt, zu verlangen, daß ich zu Ihnen komme . hier bin ich ..“ „Frau Herzogin . ich mußte um die Ehre bitten .. die Sie mir gütigſt erweiſen .. „Wahrhaftig?.. Und mit welchem Rechte haben S6 gewagt, ſich dieſe freche Anmaßung zu erlau⸗ ben? „Madame!“ rief der Buckelige. Aber bei den letzten beleidigenden Worten von Frau von Senneterre erhob Herminie, bis dahin furchtſam, nie⸗ vergeſchlagen, ſtolz das Haupt; ihre ſchoͤnen Züge färbten ſich leicht, ſie ſchlug zum erſten Mal zu der Mutter von Gerald ihre großen blauen Augen auf, worin eine Thräne 149 glänzte und antwortete mit einem Ton voll Sanftmuth und Feſtigkeit: „Nie, Frau Herzogin, habe ich mich berechtigt geglaubt, von Ihnen das geringſte Zeichen von Entgegenkommen zu erwarten. Ich wollte im Gegentheil einen Beweis von der Achtung geben, den mir Ihr Anſehen einflößte, Ma⸗ dame, indem ich Herrn von Senneterre erklärte, ich könne, ich dürfe ſeine Hand nur mit der Einwilligung ſeiner Mutter annehmen.“ „Und ich . . . in meiner Stellung. . . mußte mich erniedrigen, den erſten Schritt bei Mademoiſelle zu thun?“ „Frau Herzogin, ich bin Waiſe, ohne Familie . .. ich konnte Ihnen außer mir Niemand angeben, an den Sie ſich wenden ſollten, und meine Würde erlaubte mir nicht, zu Ihnen zu gehen, um Ihre Einwilligung nachzu⸗ ſuchen.“ „Ihre Würde! das iſt ſehr ſpaßhaft,“ rief Frau von Senneterre, in ihrem Innern aufgebracht, weil ſie ſich genöthigt ſah, die Zurückhaltung und die vollkommene Schicklichkeit der Antworten des Mädchens bei einer ſo ſchwierigen Veranlaſſung anzuerkennen. „Wahrhaftig, das iſt ſehr ſeltſam,“ fügte ſie, ein höhniſches Gelächter auf⸗ ſchlagend, bei, „Mademoiſelle hat ihre Würde!“ „Ich habe die Würde der Ehre, der Arbeit und der Armuth, Frau Herzogin,“ antwortete Herminie, welche diesmal Frau von Senneterre mit einer ſo edlen und ent⸗ ſchiedenen Miene in's Geſicht ſchaute, daß ſich die Mutter von Gerald ihrer Härte ſchämte und die Augen niederzu⸗ ſchlagen genöthigt war. Der Marquis beherrſchte ſich ſeit einigen Augenblicken nur mit Mühe, um nicht ſeinen Schützling zu rächen für die Unverſchämtheit von Frau von Senneterre; als er aber die edle und einfache Antwort von Herminie hörte, hielt er ſie für genugſam gerächt. „Es mag ſein, Mademviſelle,“ ſagte Frau von Senne⸗ terre mit minder bitterem Ton: „Sie haben Ihre Würde, Die ſieben Todſünden. II. 1 X 150 aber bilden Sie ſich zufällig ein, um in eines der vor⸗ nehmſten Häuſer Frankreichs einzutreten, genüge es, ehrlich und arbeitſam zu ſein?“ „Ja, Madame, ich glaube das.“ „Das iſt in der That freche Hoffart!“ rief Frau von Senneterre außer ſich. „Glaubt Mademoiſelle, dem Herrn Herzog von Senneterre, indem ſie ihn heirathet, viel Ehre zu erweiſen, und ſeiner Familie wahrſcheinlich auch?“ „Indem ich die Zuneigung von Herrn von Senneterre durch eine der ſeinigen gleichkommende Zuneigung erwie⸗ dere, glaube ich ihn ebenſo ſehr zu ehren, als er mich da⸗ durch, daß er mich bevorzugt, geehrt hat.. Was die Fa⸗ milie betrifft, Madame, ſo weiß ich, daß ſie nicht auf mich ſtolz werden dürfte, doch ich wäre mir bewußt, derſelben würdig zu ſein.“ „Gut! gut!“ rief der Buckelige, „gut, mein braves, edles Kind.“ Frau von Senneterre, obgleich fie ſich unendlich an⸗ ſtrengte, um dem durchdringenden Einfluß von Herminie zu widerſtehen, unterlag demſelben doch nothgedrungen: die Schönheit, die Anmuth, der vortreffliche Takt dieſes anbetungswürdigen Geſchöpfes übten auf die Mutter von Gerald eine Art von Zauber aus . ſie befürchtete die⸗ ſem Zauber nachzugeben, kam auch, da ſie, wie man zu ſagen pflegt, ihre Schiffe verbrennend, kurz ab⸗ ſchneiden wollte, ſogleich wieder zur Beleidigung zurück und rief voll Zorn: „Nein! nein! man ſoll nicht ſagen, ich habe mich durch die hinterliſtigen Reize einer Abenteurerin fangen laſſen, und ich habe alberner Weiſe eingewilligt, daß ſie meinen Sohn heirathe.“ Ehe der Buckelige, der eine ungeſtüme Bewegung machte und einen furchtbaren Blick auf Frau von Senne⸗ terre warf, ein Wort hatte ſagen können, erwiederte Her⸗ minie mit gebrochener Stimme, während ſchwere Thränen ihren Augen entſtürzten: —————— 151¹ „Entſchuldigen Sie mich, Madame, die Beleidigung findet mich ohne Kraft und ohne Antwort, beſonders wenn es die Mutter von Herrn von Senneterre iſt, die mich verletzt. .. Ich bitte Sie nur um eine Gnade, Madame, um die, daß Sie ſich erinnern, ich habe mich zum Vor⸗ aus in Ihre Weigerung ergeben .. es wäre auch edel⸗ müthiger von Ihnen geweſen, nicht hierherzukommen, um mich ſo niederzuſchlagen. . . Was iſt mein Unrecht, Me dame? Daß ich die Stellung von Herrn von Senneterre für eine dunkle, gewerbliche hielt, wie die meinige .. ſonſt wäre ich eher geſtorben, als daß ich mich zu einer ſolchen Liebe hätte hinreißen laſſen.“ „Wie!“ rief Frau von Senneterre, „Sie wußten nicht, daß mein Sohn .. .“ „Herr von Senneterre erſchien bei mir als ein von ſeiner Arbeit lebender Menſch. . . Ich glaubte ihm, ich liebte ihn .. ich liebte ihn redlich. .. Dann, als ich ſeine Geburt kennen lernte, weigerte ich mich, ihn ferner zu ſehen . feſt entſchloſſen, mich nie gegen den Willen ſeiner Familie mit ihm zu verbinden .. Dies, Frau Herzogin, iſt die volle Wahrheit,“ fügte Herminie mit einer zitternden und von den Thränen verſchleierten Stimme bei. „Das Opfer dieſer Liebe, über die ich nie zu erröthen haben werde, iſt gebracht... ich erwartete es, nur glaubte ich das Recht zu haben, ohne Zeugen zu leiden ... Ihre grauſamen Worte entſchuldige ich, Frau Herzogin, Sie ſind Mutter, Sie wiſſen nicht, daß ich Ihres Sohnes würdig war ... und bis in ihre Verirrung iſt die müt⸗ terliche Liebe heilig.“ Dann, nachdem ſie die Thränen getrocknet, die ihr bleiches Geſicht überſtrömten, fuhr Herminie mit geſchwächter, ſtockender Stimme fort: „Madame, wollen Sie Herrn von Senneterre ſagen, ich verzeihe ihm das Böſe, das er mir unwillkührlich zugefügt hat. Ihnen, Madame .. Ihnen.. ſeiner Mutter. ſchwöre ich. . . ihn nie wiederzuſehen .. und man muß meinem Wort glauben .. . Somit, Madame, werden Sie 152 beruhigt und zufrieden weggehen. .. Aber ich weiß nicht... was ich empfinde . . . Herr von Maillefort. .. ich... bitte Sie . . . kemmen Sie ich.. .“ Die Unglückliche konnte nichts mehr ſagen; ihre ent⸗ färbten Lippen bewegten ſich ſchwach; ſie warf einen ſier⸗ benden, verzweifelten Blick auf Herrn von Maillefort, der raſch auf ſie zueilte, ſie in ſeinen Armen auffing, beinahe leblos in einen Lehnſtuhl ſetzte, und mit einem furchtharen Ausdruck Frau von Senneterre zurief: „Ah! Sie ſollen blutige Thränen für das Böſe weinen, das Sie gethan! Gehen Sie . . . gehen Sie! Sie ſehen, daß ſie ſtirbt.“ Bleich wie eine Todte, vie Arme ſchlaff, unterſtützt durch die Lehnen des Stuhles, hatte Herminie den Kopf auf ihre Schulter ſinken laſſen. In kalten Schweiß ge⸗ badet, war ihre Stirne halb verſchleiert durch ihre dicken blonden Locken, und aus ihren halbgeöffneten Augen kamen noch einige beinahe trockene Thränen hervor, während ein Nervenzittern von Zeit zu Zeit den ganzen Körper der Unglücklichen beben machte. Herr von Maillefort konnte ſich der Thränen nicht erwehren, und er ſagte mit erſtickter Stimme zu Frau von Senneterre: „Nicht wahr, Sie freuen ſich Ihres Werkes?“ Doch wie groß war das Erſtaunen des Buckeligen, ob er plötzlich die Rührung, den Schmerz, die Reue in den Zügen dieſer hoffärtigen Frau hervortreten ſah, welche, endlich beſiegt durch die edle und ergreifende Reſignation von Herminie, ebenfalls in Thränen zerfloß und mit flehen⸗ dem Ton zu dem Marquis ſagte: „Herr von Mailllefort, haben Sie Mitleid mit mir; ich kam hierher, entſchloſſen, mein Verſprechen zu halten .. und dann empoͤrte ſich unwillkührlich mein Stolz, und ich verlor den Kepf. .. Zu dieſer Stunde bereue ich es, ſchäme ich mich, verabſcheue ich mein wahnfinniges Benehmen.“ Nach dieſen Worten lief Frau von Senneterre auf Herminie zu, hob ihren ſchwer gewordenen Kopf auf, küßte — — —— — 153 ſie auf die Stirne, ſchloß ſie in ihre Arme und ſagte mit bebender Stimme: „Die Unglückliche.. wird ſie mir je verzeihen können, Herr von Maillefort? Hülfe rufen Sie Jemand .. ihre Bläſſe erſchreckt mich.“ Plotzlich erſchollen haſtige Tritte vor der Thüre. Sie wurde ungeſtüm geöffnet. Gerald trat mit verſtörten Zügen und mit drohender Miene ein, denn vom Garten aus, wo er ſich, ohne Herrn von Maillefort und Herminie davon in Kenntniß zu ſetzen, verborgen gehalten, hatte er die grauſamen Worte ſeiner Mutter an das Mädchen gehört. „Gerald!“ rief der Marquis erſtaunt. „Ich war dort,“ ſagte Gerald, mit entflammter Miene nach dem Fenſter deutend; „ich habe Alles gehört i Doch der Herzog von Senneterre vollendete nicht, von tiefem Erſtaunen ergriffen bei dem Anblick ſeiner Mutter, welche den Kopf von Herminie an ihrem Buſen hielt. „Mein Sohn,“ rief alsbald Frau von Senneterre, „ich verabſcheue, was ich gethan habe, ich gebe meine Ein⸗ willigung zu Allem, heirathe ſie . es iſt ein Engel: möge der Himmel mir verzeihen.“ „Oh! meine Mutter .. meine Mutter,“ ſagte Gerald mit dem Ausdruck unaus ſprechlicher Dankbarkeit. Und er fiel vor Herminie auf die Kniee und bedeckte ihre Hände mit Thränen und Küſſen. „Gut gut. . .“ flüſterte der Marquis Frau von Senneterre zu; „Ihr Sohn wird Sie nun anbeten.“ Bei einer Bewegung, welche Herminie machte, die ihren ſchweren Kopf aufzuheben ſuchte, rief Gerald: „Sie kommt zu ſich.“ Und indem er ſich mit dem eindringlichſten Tone an das Mädchen wandte: „Herminie .. ich bin es . . . es iſt Gerald.“ Als Herminie die Stimme von Herrn von Senneterre hörte, bebte ſie abermals und öffnete langſam die Augen, 154 welche Anfangs ſtarr ausſahen, als erwachte ſie aus einem ſchmerzlichen Traum. Dann verſchwand allmälig der Schleier, den die Ohn⸗ macht über ihrem Geiſt ausgebreitet hatte, ſie machte ſachte ihren Kopf los, der bis dahin am Buſen bon Frau von Senneterre ruhte, und ſchlug die Augen auf. Belches Erſtaunen! . . . ſie erkannte die Mutter von Gerald, die ſie in ihren Armen hielt und mit der zärt⸗ lichſten Theilnahme betrachtete. Herminie glaubte ſich unter der Herrſchaft eines Traumes; ſie richtete ſich ungeſtüm auf, fuhr mit ihren brennenden Händen über ihre Augen, und immer ſiherer, fielen ihre Blicke zuerſt auf Herrn von Maillefort, der ſie mit unausſprechlichem Entzücken anſchaute, dann auf Gerald, der immer noch vor ihr kniete. Und mit einem nicht zu ſchildernden Ausdruck von Angſt, Furcht und Hoffnung, wandte ſie raſch den Kopf gegen Frau von Senneterre, als wollte ſie ſich verſichern, daß ſie wirklich von ihr Zeichen einer rührenden Theil⸗ nahme empfange. Gerald, der die Bewegung des Mädchens wahrnahm, ſagte haſtig: „Herminie, meie Mutter willigt zu Allem ein.“ „Ja, ja, mein Fräulein!“ rief Frau von Senneterre mit liebevollem Erguß, „ich willige zu Allem ein! ich habe mir großes Unrecht verzeihen zu laſſen, doch durch die Gewalt der Zärtlichkeit wird es mir gelingen.“ „Frau Herzogin darf ich es glauben!“ ſagte Herminie die Hände faltend .. „Mein Gott! mein Gott! wäre es möglich... Sie willigen ein . . dies Alles iſt kein Traum!“ „Nein, Herminie, es iſt kein Traum!“ rief Gerald entzückt; „wir find für immer mit einander verbunden, Sie werden meine Frau.“ „Nein, meine edle und theure Tochter, es iſt kein Traum,“ ſprach Herr von Maillefort; es iſt der Lohn für ein Leben der Arbeit und der Ehre.“ — 155 „Nein, mein Fräulein, es iſt kein Traum,“ ſagte Frau von Senneterre, „den Sie,“ fügte ſie, den Marquis auf eine bezeichnende Weiſe anſchauend, bei, „Sie, Fräulein Herminie, leben edel von der Arbeit; Sie nehme ich mit Freuden zur Schwiegertochter in Gegenwart von Herrn von Maillefort an, denn ich bin überzeugt, daß mein Sohn keine ſeiner, meiner und ſeiner Familie würdigere Wahl treffen kann ..“ Man muß darauf verzichten, die verſchiedenen Ge⸗ müthsbewegungen zu ſchildern, von denen die Glieder dieſer Scene ergriffen waren. Eine halbe Stunde nachher nahmen Frau von Senne⸗ terre und ihr Sohn liebevoll von Herminie Abſchied, und dieſe begab ſich, begleitet von Herrn Maillefort, in Eile zu Erneſtine, um ihr die frohe Kunde mitzutheilen und den Muth der reichſten Erbin Frankreichs zu unterſtützen, denn für ſie oder vielmehr für Olivier han⸗ velte es ſich um eine letzte furchtbare Prüfung. Fünfzehntes Rapitel. Während Herr von Senneterre bei ſeinem Abgang von Herminie ſeine Mutter begleitete, ſtieg Herminie, wie geſagt, mit Herrn von Moillefort in den Wagen, um ſich zu Fräulein von Beaumesnil zu begeben. Man kann ſich die koſtbaren Ergüſſe des Buckeligen und ſeiner jungen Schutzbefohlenen denken, deren unver⸗ hofſtes Glück nun geſichert war. Der Marquis kannte den Charakter vvn Frau von 156 Senneterre hinreichend, um überzeugt zu ſein, ſie wäre unfähig, die feierliche Einwilligung, die ſie zur Heirath von Gerald und Herminie gegeben, wieder zurückzunehmen; nichtsdeſtoweniger hatte Herr von Maillefort den Vorſatz, ſich am andern Tag zu Frau von Senneterre zu begeben und ihr zu erklären, er beharre mehr als je auf ſeinem Entſchluß, Herminie zu adoptiren, die er wo möglich noch zärtlicher liebe, ſeitdem er ſie ſo würdig, ſo rührend wäh⸗ rend ihrer Unterredung mit der hochmüthigen Herzogin von Senneterre geſehen. Die einzige Furcht des Marquis war, das ſtolze Mädchen könnte die Vortheile ausſchlagen, mit denen er fie zu beſchenken heabſichtigte; doch beinahe ſicher, trotz der Bedenklichkeiten von Herminie ſein Ziel zu erreichen, mußte er abermals gegen ſie ein völliges Stillſchweigen über die Adoption beobachten. Herr von Maillefort und das Mädchen ſaßen ſeit einiger Zeit im Wagen, als dieſer in Folge eines Ge⸗ dränges von Gefährten, an der Ecke der Rue de Cour⸗ celles, wo man die Bude eines Schloſſers erblickte, einen Halt zu machen genöthigt war. Plötzlich machte der Buckelige, der ſich über den Schlag hinausgebeugt hatte, um nach der Urſache des plötzlichen Anhaltens ſeiner Pferde zu ſchauen, eine unge⸗ ſtüme Bewegung des Erſtaunens und rief: „Was thut dieſer Menſch dort?“ Bei dieſem Ausruf folgte der Blick von Herminie un⸗ willkührlich derſelben Richtung, wie der des Buckeligen, und fie konnte ſich einer Geberde des Ekels und des Wi⸗ derwillens nicht erwehren, welche jedoch von Herrn von Maillefort nicht bemerkt wurde, der in dieſem Augenbück raſch den Vorhang des Schlages, an welchem er ſaß, niederließ. Indem er ſo, den kleinen ſeidenen Vorhang etwas auf die Seite ſchiebend, ſehen konnte, ohne geſehen zu werden, ſchien der Marquis Etwas oder Jemand mit un⸗ ruhiger Aufmerkſamkelt zu beobachten, während Herminie, . 157 die es nicht wagte, ihn zu fragen; den Buckeligen ganz erſtaunt anſchaute. Der Marquis hatte geſehen, und ſah noch in der Bude Herrn von Ravil, der mit dem Schloſſer, einem Mann von redlichem Ausſehen, ſprach, dem der neue Freund, oder vielmehr der neue Genoſſe von Herrn von Macreuſe einen Schlüſſel zeigte, über den er ihm Erklä⸗ rungen zu geben ſchien, welche Erklärungen der Hand⸗ werksmann ohne Zweifel vollkommen verſtand, denn er nahm den Schlüſſel und ſteckte ihn zwiſchen die Arme ſeines Schraubſtocks, während der Wagen des Marguis raſch ſeine Fahrt nach dem Faubourg Saint⸗Germain fortſetzte. „Mein Gott! Herr Marquis, was haben Sie denn?“ fragte Herminie den Buckeligen, als ſie ihn plötzlich nach⸗ denkend werden ſah. „Ich habe etwas, allerdings dem Anſchein nach Un⸗ bedeutendes geſehen, mein liebes Kind, was mich jedoch nachdenkend macht. Ein Menſch war ſo eben in der Bude eines Schloſſers und zeigte ihm einen Schlüſſel; ich hätte dieſe Sache gar nicht bemerkt, würde ich den Men⸗ ſchen mit dem Schlüſſel nicht als einen elenden, zu Allem fähigen Burſchen kennen . . . und unter gewiſſen Umſtänden geben die geringſten Handlungen ſolcher Leute zu denken.“ „Der Menſch, von dem Sie ſprechen, iſt von großer Geſtalt, und hat ein gemeines, falſches Geſicht, nicht wahr, Herr Marquis?“ „Sie haben ihn alſo auch bemerkt?“ „Ich hatte nur zu ſehr Grund dazu.“ „Warum dies, mein liebes Kind?“ Mit wenigen Worten erzählte Herminie dem Bucke⸗ ligen die vergeblichen Verſuche von Ravil, ſich ihr zu nähern, ſeit dem Tag, wo er ſie ungeſchliffener Weiſe auf der Straße angeredet hatte, als ſich das Mädchen zu Frau von Beaumesnil begab, die in jenem Augenblick bei⸗ nahe mit dem Tode rang. 8 „Wenn dieſer Clende oft in der Gegend Ihres Hauſes 158 umherſtreifte, mein liebes Kind, ſo wundere ich mich we⸗ niger darüber, daß wir ihn in einer Bude dieſes Quartiers, das er kennt, weil Sie es bewohnen, getroffen haben Doch gleichviel: was wollte er bei dieſem Schloſſer?“ fügte der Buckelige, als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche, bei. .. „Seitdem er ſich mit dieſem gemeinen Macreuſe in Ver⸗ bindung geſetzt hat, habe ich übrigens weder den Einen, noch den Andern aus dem Geſicht verloren: ein mir er⸗ gebener Mann bewacht ſie, denn dieſe Leute ſind nie ge⸗ fährlicher, als wenn ſie, wie man zu ſagen pflegt, die Podten ſpielen; nicht, als ob ich ſie fürchtete, aber ich habe bange für Erneſtine . . .“ „Für Erneſtine?“ fragte die Herzogin mit eben⸗ ſo viel Erſtaunen, als Unruhe, „und was könnte ſie von ſolchen Leuten zu befürchten haben?“ „Sie wiſſen nicht, mein Kind, daß dieſer Ravil der vertraute Helfershelfer von einem der Bewerber um die Hand von Erneſtine iſt, und daß dieſer Macreuſe auch ſchändliche Abſichten auf die reiche Beute hatte. Da ich „ ſie Beide entlarvt und öffentlich beſtraft habe, ſo fürchte ich, ihr Grimm könnte auf Erneſtine zurückfallen, ſo groß iſt ihre Wuth, daß ſie die Arme nicht zu bethören und zu ihrem Opfer zu machen im Stande waren . . . Doch ich wache über ihr. . . Und der Umſtand, daß ſich Ravil bei dem Schloſſer gefunden hat, ein Umſtand, deſſen Folgen ich noch nicht zu ergründen vermag, wird mich bewegen, um ſicherer zu gehen, meine Wachſamkeit zu verdoppeln. „In welcher Hinſicht dürfte denn dieſer Umſtand Er⸗ neſtine betreffen?“ „Ich weiß es nicht, mein liebes Kind; nur finde ich es ſonderbar, daß ſich Ravil ſelbſt die Mühe nimmt, zu einem Schloſſer dieſes öden Quartiers zu gehen. Aber laſſen wir das: es ſoll ſolchen elenden Burſchen nicht vergonnt ſein, die reinſten, die verdienteſten Freuden zu trüben. Doch meine Aufgabe iſt nur halb erfüllt; Ihr Glück iſt für immer geſichert, mein liebes Kind; moͤchte dieſer Tag ebenſo ſchön für Erneſtine ſein, wie für Sie! „ ——,— 159 Wir ſind bald bei ihrer Wohnung ... Sie werden ſich zu ihr begeben, nicht wahr? und ihr von Ihrem Glück er⸗ zählen, während ich zu dem Baron hinaufgehe, dem ich einige Worte zu ſagen habe . .. Dann komme ich wieder bei Erneſtine mit Ihnen zuſammen.“ „Mir ſcheint, Herr Marquis, ich habe Sie von einer letzten Prüfung ſprechen hören.“ „Ja, mein Kind.“ - „Betrifft ſie Herrn Olivier?“ „Allerdings, und wenn er edel, muthig daraus hervor⸗ geht, wird Erneſtine Sie nicht um Ihr Glück zu beneiden haben.“ „Und zu dieſer Prüfung hat ſie eingewilligt?“ „Ja, mein Kind, denn es handelt ſich nicht allein darum, noch einmal die Erhabenheit der Gefühle von Hlivier zu prüfen, ſondern auch, es zu verſuchen, die Bedenklichkeiten zu beſeitigen, die er haben könnte, Erneſtine zu heirathen, wenn er erfährt, daß die kleine Stickerin die reichſte Erbin Frankreichs iſt.“ „Ach! Herr Marquis, das iſt es hauptſächlich, was wir befürchten: Herr Olivier hat ſo viel Zartgefühl.“ „Durch Nachſinnen und Suchen, mein liebes Kind, habe ich, wie ich hoffe, das Mittel gefunden, uns von dieſer Furcht zu befreien. Ich kann Ihnen für jetzt nicht mehr ſagen, doch bald ſollen Sie Alles erfahren.“ In dieſem Augenblick hielten die Pferde von Herrn von Maillefort vor der Thüre des Hotel la Rochaigue. Der Bediente des Marquis öffnete den Schlag, und während Herminie ſich zu Fräulein von Beaumesnil be⸗ gab, ſtieg der Buckelige zu dem Baron hinauf, der ihn erwartete und ihm lächelnd und ſeine langen Zähne mit der zufriedenſten Miene der Welt zeigend entgegenkam. Herr von la Rochaigue hatte über die Anerbietungen und Drohungen des Marquis nachgedacht und ſich für die verführeriſchen Anerbietungen entſchieden, die ihm end⸗ lich ſein politiſches Steckenpferd zu beſteigen geſtatteten; er hatte ſeine Mitwirkung zu der Heirath von Olivier zu⸗ 160 geſagt, obgleich ihm gewiſſe Umſtände dieſer Heirath durch⸗ aus unbegreiflich vorkamen, da es der Marquis noch nicht für geeignet erachtet hatte, Herrn von la Rochaigue über die doppelte Perſon, welche Fräulein von Beaumesnil ge⸗ ſpielt, zu unterrichten. „Nun, mein lieber Baron,“ ſagte der Buckelige, „iſt Alles bereit, wie wir es verabredet haben?“ „Alles, mein lieber Ma quis . Die Unterredung wird hier in meinem Cabinet ſtattſinden . und dieſer herabgelaſ⸗ ſene Thürvorhang wird Alles vom anſtoßenden Saal aus zu hören erlauben.“ Der Marquis unterſuchte die Oertlichkeit und kehrte dann zu Herrn von la Rochaigue zurück. „Das iſt vortrefflich geordnet, mein lieber Baron; doch ſagen Sie mir, haben Sie die letzten Nachrichten über Herrn Slivier Raimond, die Ihnen noch fehlten, erhalten?“ „Ich bin dieſen Morgen zu ſeinem ehemaligen Oberſten von der Armee in Afrika gegangen. Es iſt unmöglich, von Jemand mit mehr Achtung und Lobeserhebung zu ſprechen, als Herr von Berville mit mir über Herrn Oli⸗ vier Raimond geſprochen hat.“ „Ich war hievon überzeugt; doch, mein lieber Baron, Sie ſollten ſich durch ſich ſelbſt und durch verſchiedene Quellen von den vortrefflichen Eigenſchaften meines Schütz⸗ lings verſichern.“ „Es iſt wahr, es fehlt dieſem Jungen nichts, als ein Name und Vermögen,“ ſagte der Baron, unwillkührlich einen Seufzer unterdrückend; „doch es iſt ein redlicher und würdiger junger Mann.“ „Und was Sie von ihm wiſſen, iſt noch nichts in Vergleichung mit dem, was Sie vielleicht alsbald erfahren werden.“ „Wie, ein neues Geheimniß, mein lieber Marquis?“ „Ein wenig Geduldv, und in einer Stunde werden Sie Alles wiſſen. Ah! ich hoffe, Sie haben nicht ein Wort Ihrer Frau oder Ihrer Schweſter von unſern Plänen geſagt?“ 161 „Können Sie eine ſolche Frage an mich richten, mein lieber Marquis? Habe ich nicht eine Genugthuung gegen die Baronin und Helena zu nehmen? ... Mich in dieſem Grad hintergehen! . . . Jede ihrerſeits, ohne daß ſch etwas davon weiß, eine Heirath complottiren, mich die lächerlichſte Nolle ſpielen laſſen ah! es wird wenigſtens ein Troſt für mich ſein, daß ich ſie auch demüthige und niederbenge.“ „Und beſonders keine Schwäche, Baron. Ihre Frau rühmt ſich, ſie könne machen, daß Sie Ihren Willen nach ihrem Belieben ändern, und ſagt, verzeihen Sie mir den Ausdruck, ſie führen Sie an der Naſe herum.“ „Gut, gut, wir werden ſehen: ah! man führt mich nicht an der Naſe herum!“ „Geben wir dies für die Vergangenheit zu.“ „Ich gebe gar nichts zu, Marquis.“ „Doch nun, da Sie ein Mann der Politik ſind, mein lieber Baron, wäre eine ſolche Schwäche nicht entſchuld⸗ bar, denn Sie gehören nicht mehr ſich an . . Doch in dieſer Hinſicht: haben Sie unſere drei Wahlanführer wie⸗ dergeſehen?“ „Wir hatten geſtern eine neue Conferenz . ich ſprach zwei Stunden lang über die engliſche Allianz.“ Und der Baron richtete ſich hoch auf, ſteckte die linke Hand unter den Umſchlag ſeines Rockes und nahm ſeine redneriſche Stellung an. „Ich berührte ſodann die Frage der Einführung von Hornvieh und ſtellte als Princip die religiöſe Freiheit, wie in Belgien, auf, und ich muß ſagen, die Bevollmächtigten Ihrer Wähler kamen mir entzückt vor.“ „Ich glaube es wohl, Sie müſſen ſich vortrefflich mit denſelben verſtändigen. . . und ich leiſte ihnen einen großen Dienſt, denn ſie werden in Ihnen Alles finden, was mir fehlt.“ „Ah! Marquis, Sie find zu beſcheiden.“ „Im Gegentheil, mein lieber Baron .. Sobald der Vertrag von Olivier und Erneſtine unterzeichnet iſt, ſtehe ich von meiner Candidatur ab, da Sie zum Voraus angenommen ſind.“ 162 In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und mel⸗ dete, Herr Olivier Raimond wünſche Herrn von la Ro⸗ chaigue zu ſprechen. „Bitten Sie Herrn Raimond, einen Augenblick zu warten,“ antwortete der Baron dem Diener, der wieder abtrat. „Ah! Baron, erinnern wir uns wohl. Die Sache iſt zugleich zarter und ernſter Natur,“ ſagte der Marquis, „vergeſſen Sie keine meiner Ermahnungen, und erſtaunen e beſonders durchaus nicht über die Antworten von . Herrn Olivier Raſmond, ſo außerordentlich ſie Ihnen auch vorkommen mögen; Alles wird ſich nach Ihrer Unterre⸗ dung mit ihm aufklären.“ 3 „Ich muß ſehr entſchloſſen ſein, durchaus nicht über irgend Etwas zu ſtaunen, Marquis, da ich die Art und Weiſe, wie ich mich bei dieſer Unterredung zu benehmen habe, ganz und gar nicht begreife.“ „Alles wird ſich aufklären, ſage ich Ihnen; und ver⸗ geſſen Sie die von Herrn Olivier für den Verwalter des Schloßes Beaumesnil bei Luzarches gemachten Arbeiten nicht.“ „Ich werde mich wohl hüten: auf dieſem Weg gehe ich in die Marterie ein . . . und ich beginne, beiläufig 1 geſagt, mein lieber Marquis, mit einer ausgezeichneten „Ja, aber ich bezweifle nicht, es wird aus dieſer ausgezeichneten Lüge eine glänzende Wahrheit hervorgehen! Sie werden ſie nicht zu bedauern haben, denn das, was vorgeht, hat veelleicht ebenſo viel Intereſſe für Sie, als für Fräulein von Beaumesnil, Ich will ſie aufſuchen.. und laſſen Sie, wie wir es verabredet haben, Herrn Oli⸗ vier nicht eher einführen, als bis Sie mich im anſtoßen⸗ den Zimmer wiſſen.“ 11 „Gut gehen Sie geſchwinde, mein lieber Mar⸗ 1 quis, und benützen Sie die Dienſtbotentreppe, das wird kürzer ſein. .. und Herr Olivier, der in der Bibliothek wartet, wird Sie nicht ſehen.“ —, — —, 2— 163 Der Marquis ging wirklich dieſe Treppe hinab, nach der ſich eine von den Thüren der Wohnung von Fräulein von Beaumesnil öffnete, und trat bei dieſer ein. 2 „Ah!“ rief Erneſtine ſtrahlend und die Augen noch voll von Freudenthränen . . „Herminie hat mir Alles geſagt.. . ihr Glück wird wenigſtens dem meinigen nicht fehlen, wenn ſich das meinige verwirklicht . . .“ „Geſchwinde, mein Kind, kommen Sie,“ unterbrach der Buckelige das Mädchen, „Herr Olivier iſt oben.“ „Herminie begleitet mich, nicht wahr, Herr von Maillefort? ſie wird an meiner Seite ſein und meinen Muth unterſtützen.“ „Ihren Muth?“ ſagte der Marquis. „Ja, denn nun, ich geſtehe es, bedaure ich unwill⸗ kührlich, dieſe Prüfung zugelaſſen zu haben.“ „Iſt ſie nicht auch nothwendig, um die Skrupel von Olivier zu beſeitigen, mein liebes Kind? Bedenken Sie doch, das iſt vielleicht das größte von den Hinderniſſen, die wir zu bekämpfen gehabt haben werden.“ „Ah! es iſt nur zu wahr,“ ſprach traurig Fräulein von Beaumesnil. „Auf, mein Kind, kommen Sie, kommen Sie, Her⸗ minie wird Sie begleiten . . . Sie ſoll eine der Erſten ſein, die Ihnen Glück wünſcht . . .“ „Oder .mich tröſtet,“ ſagte Erneſtine, welche ihre Befürchtungen nicht zu überwinden vermochte, „doch . mein Schickſal gehe in Erfüllung,“ fügte ſie entſchloſſen bei. „Herr von Maillefort, gehen wir zu meinem Vor⸗ mund hinauf.“ Fünf Minuten nachher kamen Erneſtine, Herminie und Herr von Maillefort in den Salon des Barons, der nur durch einen ſorgfältig geſchloſſenen Thürvorhang ge⸗ trennt war, den der Buckelige jedoch öffnete, um zu Herrn von la Rochaigue zu ſagen: „Wir find da.“ „Sehr gut!“ antwortete der Baron. Und er läutete. 164 Der Buckelige ließ den einen Augenblick aufgehobenen Thürvorhang fallen und verſchwand. „Bitte Herrn Olivier Raimond, einzutreten,“ ſagte der Baron zu einem Bedienten, der auf ſein Läuten erſchien, und bald hernach Herrn Olivier Raimond meldete. ² Als Erneſtine Olivier in das anſtoßende Zimmer eintreten hörte, erbleichte ſie unwillkührlich, nahm mit einer Hand die Hand von Herminie, mit der andern die von Herrn von Maillefort und ſagte bebend zu ihnen: „Oh! ich beſchwöre Sie, bleiben Sie bei mir, ganz nahe bei mir. . . ich fühle, es faßt mich eine Ohnmacht. .. Oh! mein Gott, wie feierlich iſt vieſer Augenblick!“ „Stille,“ flüſterte ihr Herr von Maillefort zu, „Oli⸗ vier ſpricht . . . horchen wir.“ Und bebend unter der Herrſchaft verſchiedener Ge⸗ müthsbewegungen, horchten alle Drei mit unausſprechlicher Angſt auf die Unterredung von Olivier mit Herrn von la Rochaigue. Sechszehntes Rapitel. Das Geſicht von Olivier Raimond drückte, als er bei Herrn von la Rochaigue eintrat, ein Erſtaunen, ge⸗ miſcht mit Neugierde, aus. Der Baron grüßte ihn mit höflicher Miene, be⸗ veutete ihm durch ein Zeichen, er möge ſich ſetzen, und fragte: „Habe ich die Ehre, mit Herrn Olivier Raimond zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr.“ 165⁵ „Unterlieutenant im dritten Huſarenregiment?“ „Ja, mein Herr.“ „Aus dem Briefe, den ich Ihnen zu ſchreiben die Ehre gehabt, mein Herr, erſahen Sie, ich heiße . . .“ „Herr Baron von la Rochaigue, mein Herr, doch ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen. Darf ich nun wiſſen, in welcher wichtigen und perſönlichen Angelegenheit Sie mich zu ſprechen haben?“ „Gewiß, mein Herr. . Wollen Sie mir eine ängſt⸗ liche Aufmerkſamkeit ſchenken und beſonders ſich nicht über das wundern, was Seltſames, Sonderbares, Außer⸗ ordentliches ſogar in den Umſtänden liegt, welche ich Ih⸗ nen mitzutheilen die Ehre haben werde.“ Olivier ſchaute den förmlichen Baron mit neuer Ver⸗ wunderung an, während Herr von la Rochaigue einen un⸗ merklichen Blick nach dem Thürvorhang warf, der den Salon ſchloß, in welchem Herminie, Erneſtine und Herr von Maillefort, dieſe Unterredung behorchend, verſammelt waren. „Mein Herr,“ ſprach der Baron, ſich an Olivier wendend, „Sie haben ſich vor einiger Zeit nach einem Schloß bei Luzarches begeben, um einen Maurermeiſter bei Abfaſſung der Rechnung für die Arbeiten, die er auf dieſem Gute unternommen, zu unterſtützen.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ antwortete Olivier, der nicht ſah, worauf dieſe Frage abzielte. „Als dieſe Arbeit beendigt war, blieben Sie noch mehrere Tage im Schloß, um ſich mit verſchiedenen Rech⸗ nungen und Schreibereien zu beſchäftigen, welche Ihnen der Verwalter dieſes Gutes für ihn zu machen angetragen hatte?“ „Das iſt abermals wahr, mein Herr.“ „Dieſes Schloß,“ fuhr der Baron mit wichtiger Miene fort, „gehört Fräulein von Beaumesnil, der reich⸗ ſten Erbin Frankreichs.“ „In der That, mein Herr, ich habe dies während Die ſieben Todſünden. U. 12 meines Aufenthalts auf dem Gut erfahren... Doch darf ich den Zweck dieſer Fragen wiſſen?“ „Sogleich, mein Herr; wollen Sie jedoch die Gefällig⸗ keit haben, einen Blick auf dieſes Protokoll zu werfen.“ Hiebei nahm der Baron von ſeinem Schreibtiſch ein doppeltes Blatt geſtempeltes Papier, das er Olivier über⸗ gab; während dieſer, immer mehr erſtaunt, das Papier durchlief, fuhr der Baron fort: „Sie erſehen aus dieſem Protokoll, das ein Duplicat der Verhandlung des Familienraths iſt, welcher nach dem Pinſcheiden der ſeligen Frau Gräfin von Beaumesnil zu⸗ ſammenberufen wurde, Sie erſehen, ſage ich, aus dieſem t daß ich Vormund von Fräulein von Beaumes⸗ nil bin.“ „Gewiß,“ antwortete Olivfer, dem Baron das Papier zurückgebend, „doch ich begreife nicht, von welchem In⸗ tereſſe dieſe Mittheilung für mich ſein kann.“ „Es lag mir vor Allein daran, mein Herr, Sie über meine geſetzliche, officielle, gerichtliche Stellung bei Fräulein von Beaumesnil zu unterrichten, damit Alles, was ich Ihnen in Beziehung auf meine Mündel zu ſagen mich beehren werde, in Ihren Augen von einer unleug⸗ baren, unbezweifelbaren, unverwerflichen Autorität ſein möge.“ Dieſe eintönige und wie die Bewegung eines Pendels abgemeſſene Sprache fing an Olivier um ſo mehr unge⸗ duldig zu machen, als er ſich durchaus nicht ein⸗ bilden konnte, worauf dieſe ernſten Präliminarien abzielen dürften; er ſchaute auch den Baron mit ſo verwunderter Miene an, daß Herr von la Rochaigue zu ſich ſagte: „Man ſollte in der That glauben, ich ſpreche hebräiſch mit ihm.. . Bei dem Namen von Fräulein von Beau⸗ mesnil geht ſo gar keine Veränderung in ſeinem Geſichte vor, daß er das Ausſehen hat, als kennete er ſie nicht entfernt. Was ſoll das bedeuten? Dieſer Teufel von einem Marquis hatte wohl Recht, wenn er mir ſagte, ich müſſe auf erſtaunliche Dinge gefaßt ſein.“ 167 „Dürfte ich endlich erfahren, mein Herr, in welcher Hinſicht es mich intereſſiren ſoll, ob Sie der Vormund von Fräulein von Beaumesnil find oder nicht find?“ fragte indem er eine gewiſſe Lebhaftigkeit zu bemeiſtern uchte. „Kommen wir zur Lüge und beobachten wir die Wirkung derſelben,“ ſagte der Baron zu ſich ſelbſt. Dann ſprach er laut: „Mein Herr, Sie haben ſich, wie Sie zugegeben, ziemlich lange in dem Schloß Beaumesnil aufgehalten.“ „Ja, mein Herr, ich habe Ihnen das ſchon geſagt,“ erwiederte Olivier mit einer Ungeduld, welche zu bewäl⸗ tigen ihm immer ſchwerer wurde. „Sie wußten vielleicht nicht, daß ſich Fräulein von Seni zu gleicher Zeit mit Ihnen im Schloß be⸗ and?“ „Fräulein von Beaumesnil?“ „Ja, mein Herr,“ ſprach ganz ruhig der Baron, da er dachte, er lüge mit einer ganz diplomatiſchen Gewandt⸗ heit und Dreiſtigkeit. „Abek man ſagte, das Fräulein wäre im Ausland, und überdies habe ich Niemand im Schloß geſehen.“ „Das wundert mich nicht, mein Herr,“ verſetzte der Baron mit feiner Miene; „doch es iſt eine Thatſache, daß Fräulein von Beaumesnil ſeit wenigen Tagen nach Frank⸗ reich zurückgekehrt, die erſte Zeit ihrer Trauer für ihre Frau Mutter in jenem Schloß zubringen wollte, und da ſie in der völligſten Einſamkeit daſelbſt zu leben beabſichtigte, ſo befahl ſie gänzliches Stillſchweigen über ihre Ankunft auf dem Gut.“ „Es mag ſein, mein Herr; ich konnte alſo ebenſo wenig von dieſem Umſtand erfahren, als die andern Leute, denn ich wohnte im Hauſe des Verwalters, das ziemlich weit vom Schloß entfernt liegt, von dem man mir ſagte, es ſei unbewohnt ... Doch noch einmal, mein Herr, wozu machen Sie mich hierauf aufmerkſam?“ „Ich bitte Sie, mein Herr, nicht ungeduldig zu werden,“ unterbrach der Baron Olivier, „ich bitte Sie, mir eine religiöſe Aufmerkſamkeit zu ſchenken, denn ich wiederhole, es handelt ſich um Dinge vom höchſten, vom groͤßten, vom ernſteſten Intereſſe für Sie.“ „Dieſer Menſch reizt furchtbar meine Nerven mit ſeiner Anhäufung von Beiwörtern. .. Wo will er hinaus?“ Was habe ich mit Fräulein von Beaumesnil und ihren Schloͤſſern gemein ? . . .“ fragte ſich Olivier. „Der Maurermeiſter, für den Sie mehrere Rechnungen machten,“ fuhr der Baron fort, „hat dem Verwalter nicht verborgen, der Ertrag dieſer Arbeiten, die Sie ſich während Ihres Urlaubs auferlegen, ſei beſtimmt, Ihren Herrn Oheim zu unterſtützen, den Sie mit einer kindlichen Zärt⸗ lichkeit umgeben.“ „Ei! mein Gott, wozu von ſo Einfachem ſprechen? Ich beſchwöre Sie, kommen Sie zur Sache!“ „Die Sache kommt,“ erwiederte der Baron mit einer feierlichen Geberde; „Ihr edelmüthiges Benehmen gegen Ihren Oheim iſt Fräulein von Beaumestil durch ihren Verwalter mitgetheilt worden.“ „Nun, und hernach?“ rief Olivier, deſſen Geduld zu Ende war; „was ſchließen Sie daraus? Was beabſichtigen Sie mit allen Ihren Worten?“ „Ich will Sie davon unterrichten, mein Herr, daß Fräulein von Beaumesnil eine junge Perſon von dem edelſten Charakter, von dem beſten Herzen, und als ſolche empfäng⸗ licher, als irgend Jemand, für edelmüthige Handlungen iſt. Da ſie Ihre aufopfernde Ergebenheit für Ihren Herrn Oheim erfuhr, war ſie ſo gerührt, daß ſie Sie zu ſehen wünſchte.“ „Mich? ſagte Olivier mit vollkommen ungläu⸗ bigem Ton. „Ja, mein Herr, meine Mündel wollte Sie ſehen, doch ohne von Ihnen geſehen zu werden; und mehr noch, im Einverſtändniß mit dem Verwalter, wünſchte ſie Sie mehrere Male in voller Freiheit ſprechen zu hören. Kurz, Fräulein von Beaumesnil hat das Mittel gefunden, für S 169 Sie unſichtbar, verſchiedenen von Ihren Unterredungen, ſei es mit dem genannten Verwalter, ſei es mit dem Maurermei⸗ ſter, für den Sie arbeiteten, beizuwohnen. . . Dieſe Unter⸗ redungen haben dergeſtalt in den Augen meiner Mündel die Redlichkeit, die Erhabenheit Ihrer Gefühle herausgeſtellt, daß ſie ebenſowohl von dem Adel Ihres Herzens, als von ſ perſönlichen Annehmlichkeiten berührt war, und daß „Mein Herr,“ ſagte raſch Olivier, der purpurroth wurde, „es wäre mir peinlich, zu glauben, ein Mann von Ihrem Alter und Ihrer Würde koͤnne ſich mit ſchlechten Späſſen beluſtigen, und dennoch werde ich nie zugeben, daß Sie im Ernſt ſprechen . . .“ „Mein Herr, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen das Protokoll mitzutheilen, das mich zum Vormund von Fräu⸗ lein von Beaumesnil machte, um Ihnen allen Glauben zu meinen Worten zu geben; ich habe Sie ſodann davon unterrichtet, das, was ich Ihnen zu ſagen mich beehren werde, müſſe Ihnen ſeltſam, ſonderbar, außerordentlich vorkommen, und Sie können nicht glauben, ein Mann von meinem Alter und von einer gewiſſen Stellung in einer gewiſſen Welt wage es, mit den heiligen Intereſſen, die ihm anvertraut ſind, zu ſpielen, und wolle einen ſo ehrenhaften Mann wie Sie durch einen kläglichen Spaß bethören.“ „Es mag ſein,“ erwiederte Olivier, durch die Worte des Barons beſänftigt, „ich habe Unrecht gehabt, ich ge⸗ ſtehe es, Sie einer Myſtification fähig zu halten, und dennoch .. „Ich wiederhole, wollen Sie ſich erinnern, mein Herr,“ unterbrach ihn der Baron, „ich habe Sie darauf aufmerkſam gemacht, ich werde Ihnen außerordentliche Dinge mit⸗ theilen. Ich fahre fort: Fräulein von Beaumesnil iſt ſechzehn Jahre alt und die reichſte Erbin Frank⸗ reichs. Folglich,“ fügte der Baron bei, indem er Olivier mit einer bezeichnenden Miene anſchaute und einen be⸗ ſondern Nachdruck auf dieſe letzten Worte legte, „folglich hat ſie ſich nicht um das Vermögen desienigen zu beküm⸗ mern, den ſie ſich zum Gatten wählt. Sie will vor Aem einen Mann heirathen, der ihr gefällt, und der ihr Bürg⸗ ſchaften ihres zukünftigen Glückes bietet. Was den Namen, was die geſellſchaftliche Stellung desjenigen betrifft, wel⸗ chen ſie wählen wird .. . wenn nur dieſer Name und dieſe Stellung ehrenhaft und geehrt ſind, ſo verlangt Fräulein von nicht mehr. Verſtehen Sie mich nun, mein err? „Mein Herr, ich habe Ihnen die ernſteſte Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt. .. Ich begreife vollkommen, daß ſich Fräulein von Beaumesnil nach ihrem Geſchmack, ohne ſich um Rang und Vermögen zu bekümmern, verheirathen will. Sie hat, glaube ich, vollkommen Recht; doch warum ſagen Sie mir dies Alles, mir, der ich in meinem Leben Fräu⸗ lein von Beaumesnil nicht geſehen habe, der ich ſie ohne Zweifel nie ſehen werde?“ „Ich ſage das Ihnen, Herr Raimond, weil Fräulein von Beaumesnil überzeugt iſt, Sie vereinigen alle Eigen⸗ ſchaften, welche ſie bei ihrem Gatten zu finden wünſcht; nachdem ich die ängſtlichſten Erkundigungen über Sie ein⸗ gezogen, und ich muß Ihnen bekennen, daß ich nur Vor⸗ treffliches erfahren habe, bin ich auch bevollmaͤchtigt und beauftragt, Ihnen ihre Hand anzubleten.“ Der Baron hätte noch länger ſprechen können, Olivier würde ihn nicht unterbrochen haben: erſtaunt über das, was er hörte, konnte er doch nicht an eine Myſtification von Seiten des Baron von la Rochaigue glauben, der trotz ſeiner vratoriſchen Lächerlichkeiten ein Mann von ernſtem Aeußeren, von vollkommenen Manieren war und ſich in ſehr ſchönen Worten ausdrückte; wie ſollte ſich aber ein Menſch, und wäre er auch mit der ſtärkſten Eitelkeit behaftet geweſen, und das war nicht der Fehler von Olivier, überzeugt halten, die reichſte Erbin Frankreichs habe ſich ſo plötzlich in ihn verliebt? Und ſo erwiederte Olivier: „Sie werden mein Stillſchweigen und mein Erſtaunen entſchuldigen; denn Sie ſelbſt haben mir vorher geſagt, — 171 Sie würden mir etwas ganz Außerordentliches mit⸗ theilen.“ „Erholen Sie ſich, mein Herr, ich begreife die Un⸗ ruhe, in die Sie mein Antrag verſetzt; ich füge bet. . Fräulein von Beaumesnil weiß auch vollkommen, daß Sie ihre Hand nicht annehmen können, ohne ſie geſehen und gewürdigt zu haben.. Ich werde alſo noch heute, wenn Sie es wollen, die Ehre haben, Sie meiner Mündel vor⸗ zuſtellen; mein einziger Wunſch hiebei iſt, Sie mögen in Ihren gegenſeitigen Verhältniſſen die Bürgſchaft, die Hoff⸗ nung, die Gewißheit Ihres zukünftigen Glückes finden.“ Nach dieſer Rede ſagte der Baron zu ſich ſelbſt: „Ufi es iſt beendigt. ich werde ſogleich von dem verteufelten Marquis den Schlüſſel zu dem Räthſel er⸗ halten, das mir immer dunkler vorkommt.“ Während dieſes erſten Theils der Unterredung von Olivier und dem Baron hatten Fräulein von Beaumesnil, Herminie und der Buckelige ſtillſchweigend zugehört. Herminie begriff den doppelten Zweck der Prüfung, der Herr von Maillefort Olivier unterwerfen zu müſſen geglaubt hatte; Erneſtine aber war, trotz ihres blinden Vertrauens zu der Erhabenheit der Gefühle des jungen Ofſiciers, von einer unausſprechlichen Angſt erfüllt, in der Erwartung der Antwort, die er auf den ergreifenden An⸗ trag des Barons geben würde. Ach! die Verführung war ſo mächtig! Wie wenige Menſchen wären im Stande, zu widerſtehen! Wie Viele gibt es, welche, ein Verſprechen vergeſſend, das ſie in einem erſten Erguß des Edelmuths einem armen Mädchen ohne Namen, ohne Vermögen geleiſtet, gierig dieſe Gelegenheit, ungeheure Reichthümer zu erlangen, ergreifen würden! „Oh! mein Gott, unwillkührlich habe ich Angſt. .“ ſagte leiſe Erneſtine zu Herminie und zum Buckeligen. „Das Verzichten, das wir von Herrn Olivier erwarten, überſteigt vielleicht menſchliche Kräfte. Ach! warum habe ich meine Einwilligung zu dieſer Prüfung gegeben!“ „Muth, mein Kind,“ erwiederte der Baron, „denken Sie an das Glück, denken Sie an die Bewunderung, die Sie fühlen werden, wenn ſich Olivier nicht gegen das ver⸗ fehlt, was wir von ihm erwarten. Aber ſtille, horchen wir: die Unterredung nimmt ihren Fortgang ...“ Mit einer Bewegung unwillkührlicher Angſt warf ſich Herminie in die Arme von Erneſtine, und ſo erwarteten Sehe zitternd vor Furcht und Hoffnung, die Antwort von Olivier. Dieſer konnte nicht mehr daran zweifeln, daß der Antrag, den man ihm machte, ernſt gemeint war; da er ſich aber auch durchaus nicht entſchließen wollte, ihn ſei⸗ nen Verdtenſten zuzuſchreiben, ſo ſah er darin nur eine von jenen romanhaften Launen, welche ſo häufig bei Per⸗ ſonen vorkommen ſollen, die, durch ihr ungeheures Vermö⸗ gen in eine ausnahmsweiſe Lage geſetzt, ſich ihres günſti⸗ gen Geſchicks durch Excentricitäten erfreuen wollen. „Mein Herr,“ antwortete Olivier dem Baron nach ziemlich langem Stillſchweigen mit feſter Stimme, „ſo unglaublich, ich möchte beinahe ſagen, ſo unmöglich mir der Schritt erſcheint, mit dem Sie beauftragt ſind, ſo gebe ich Ihnen doch mein Wort Mann als von Ehre, daß ich, ohne ihn mir erklären zu können, an ſeine Aufrichtigkeit glaube.“ „Glauben Sie daran, das iſt das Wichtige, das iſt Alles, was ich verlange.“ „Ich glaube alſo daran und ſuche die Motive nicht zu ergründen, welche Fräulein von Beaumesnil einen Augen⸗ blick veranlaſſen konnten, an mich zu denken.“ „Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe Sie mit dieſen Motiven bekannt gemacht.“ „Ich weiß es, doch ohne von einer lächerlichen Be⸗ ſcheidenheit zu ſein, kommen mir dieſe Motive nicht genü⸗ gend vor; denn es iſt mir unmöglich, mein Herr, nicht, die Hand von Fräulein von Beaumesnil anzunehmen . . . ein ſo ernſter Akt unterliegt tauſend unvorhergeſehenen Um⸗ ſtänden, ſondern ich .. „Ich gebe Ihnen meinerſeits mein Ehrenwort,“ ſprach der Baron mit einer feierlichen Miene, „daß es von Ihnen 173 abhängt, hören Sie wohl, ven Ihnen durchaus von Ihnen, Fräulein von Beaumesnil zu heirathen, und daß ich Sie, wenn Sie es wünſchen, ehe eine Stunde vergeht, ihr vorſtellen werde. Sie können nun nicht den geringſten Zweifel mehr über das Anerbieten haben, das ich Ihnen mache.“ „Ich glaube Ihnen, mein Herr, ich wiederhole es; ich wollte Ihnen nur ſagen, es ſei mir unmöglich, meines Theils dem Antrag, den Sie mir zu machen die Güte haben, irgend eine Folge zu geben.“ Nun war es am Barvn, zu erſtaunen. „Wie, mein Herr!“ rief er, „Sie ſchlagen es aus .. Nein, nein, ich verſtehe ohne Zweifel Ihre Antwort falſch: Sie können unmöglich ſo blind ſein, die unerhörten Vor⸗ theile, die eine ſolche Heirath bletet, nicht einzuſehen.“ „Ich will mich deutlicher ausſprechen, mein Herr. Ich weiſe dieſe Heirath durchaus von mir, während ich vollkommen anerkenne, was zu Schmeichelhaftes für mich in den wohlwollenden Abſichten von Fräulein von Beau⸗ mesnil liegt ..“ „Die reichſte Erbin Frankreichs ausſchla⸗ gen!“ rief der Baron ganz verblüfft; „mit Verachtung den unerhörten Schritt aufnehmen, den Fräulein von Beaumesnil . „Erlauben Sie, Herr Baron,“ unterbrach Olivier raſch Herrn von la Rochaigue, „ich ſagte Ihnen ſo eben, wie ſehr ich mich durch Ihren Antrag geehrt fühle .. Ich wäre auch troſtlos, wenn Sie meine Weigerung auf eine für Fräulein von Beaumesnil, die ich zu kennen nicht die Ehre habe, ſo ungünſtige Weife auslegen könnten.“ „Ich wiederhole, mein Herr, ich biete Ihnen an, ſie kennen zu lernen.“ „Das iſt unnothig, mein Herr . Ich zweifle nicht an den Vorzügen von Fräulein von Beaumesnil, aber wenn ich Ihnen Alles ſagen ſoll. ich habe eine heilige Verbindlich⸗ keit, eine Verbindlichkeit des Herzens und der Ehre . . .“ „Eine Verbindlichkeit?“ „Mit einem Wort, ich werde mich demnächſt mit einer 174 Perſon verheirathen, die ich eben ſo ſehr liebe, als ſ 3 e* t Gott des Himmels!“ rief der unglückliche Baron ganz betäubt, „was ſagen Sie mir da?“ „Die Wahrheit, mein Herr, und dieſe Erklärung wird hoffentlich genügen, Ihnen zu beweiſen, daß ich, ohne alles Vorurtheil gegen Fräulein von Beaumesnil, dem Schritt, den Sie bei mir verſucht haben, keine Folge geben kann.“ „Aber wenn die Heirath nicht zu Stande kommt, werde ich nicht Deputirter,“ dachte der Baron, ganz verwirrt durch dieſen neuen Umſtand. „Warum, des Teufels! ver⸗ langte denn der Marquis meine Einwilligung . da die⸗ ſer junge Mann, dieſer Erznarr, ein ſo fabelhaftes Glück ausſchlagen mußte . .. Und meine Mündel, die mir noch dieſen Morgen rund heraus erklärt hat, ſie wolle nur die⸗ ſen Herrn Ollvier Raimond heirathen . . . Ah! bei Gott! der Marquis ſagte mir wohl, es wäre ein Räthſel; doch alle Räthſel haben einen Schlüſſel und dieſes hat keinen.“ Der Baron, der nicht ſo auf ſeine Hoffnung auf die Abgeordnetenſtelle verzichten wollte, fuhr laut fort: „Mein lieber Herr, ich beſchwöre Sie, überlegen Sie wohl. . . Sie haben eine heilige Verbindlichkeit, gut .. Sie lieben ein junges Mädchen, vortrefflich; aber, Gott ſei Dank! Sie ſind noch frei und es gibt Opfer, die man ſeiner Zukunft zu bringen den Muth haben muß .. Ur⸗ theilen Sie doch, mein Herr, mehr als drei Millionen Einkünfte aus Grundbeſitzungen . . . das hat man noch nie ausgeſchlagen . . . und die junge Perſon, die Sie lieben, wird, wenn ſie Sie wahrhaft liebt, die Erſte ſein, die Ihnen, iſt ſie nicht furchtbar ſelbſtſüchtig, räth, ſich in die⸗ ſes unerwartete Glück zu fügen. Mehr als drei Millionen Einkünfte aus Grundbeſitzungen, mein Herr?“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, mein Herr, ich habe eine Verpflichtung des Herzens und der Ehre, und,“ fügte Oli⸗ vier mit ſtrengem Tone bei, „und zu meinem Bedauern ſehe ich, daß Sie mich, trotz der vortrefflichen Auskunft, 175 die Sie über mich erhalten haben, wie Sie ſagen, einer feigen und unmännlichen Handlung fähig halten.“ „Ah! Gott verhüte das, mein lieber Herr; ich halte Sie für den wackerſten Mann der Welt . . . Aber .. „Herr Baron,“ ſagte Olivier aufſtehend, „wollen Sie Fräulein von Beaumesnil die Gründe mittheilen, die mir mein Benehmen vorſchreiben, und ich bin zum Voraus verſichert, daß ich die Achtung Ihrer Mündel verdiene..“ „Sie verdienen ihre Achtung nur zu ſehr, mein lieber Herr, eine ſolche Uneigennützigkeit iſt einzig, bewunderungs⸗ würdig, erhaben .. „Eine ſolche Uneigennützigkeit iſt ganz einfach: ich liebe, ich werde geliebt, ich habe mein Glück, meine Hoff⸗ nung auf meine demnächſt ſtattfindende Heirath geſetzt,“ ſprach Olivier. Und er machte einen Schritt gegen die Thüre. „Mein Herr, ich beſchwöre Sie, überlegen Sie es ſich einige Tage, geben Sie nicht dieſer erſten Bewegung nach. Noch einmal: mehr als drei Millionen Einkünfte ..“ „Ich denke, Sie haben mir nichts mehr zu eroffnen,“ unterbrach Olivier den Baron, indem er ſich zum Abſchied verbeugte. „Mein Herr,“ rief der Baron troſtlos, „ich beſchwöre Sie, zu bedenken, daß Ihre Weigerung Fräulein von Beau⸗ mesnil zum Unglück gereichen wird, denn Sie fühlen wohl, daß ein Vormund, ein ernſter Mann, den Schritt, den ich bei Ihnen gethan habe, nicht thut, wenn er nicht durch die gewichtigſten Intereſſen dazu verpflichtet iſt; mit anderen Worten, meine Mündel wird über Ihre Weigerung in Ver⸗ zweiflung gerathen, vielleicht ſterben.“ „Mein Herr, ich flehe Sie an, zu berückſichtigen, in welche peinliche Lage Sie mich verſetzen, in eine Lage, die ich unmöglich länger nach dem Geſtändniß, das ich Ihnen über meine nahe bevorſtehende Hochzeit machen zu müſſen glaubte, ertragen kann.“ Und er verbeugte ſich zum letzten Mal vor dem Ba⸗ 176 Augenblick, wo er ſie öffnen wollte, bei: „Ich hätte dieſe Unterredung minder ungeſtüm zu endigen gewünſcht; wollen Sie mich entſchuldigen und mein Weggehen nur Ihrer Dringlichkeit zuſchreiben, die mich in die unangenehmſte, ich will nicht ſagen, lächerlichſte Lage der Welt verſetzt.“ Nachdem er ſo geſprochen, ging er trotz der verzwei⸗ felten Bitten des Barons hinaus. Dann lief dieſer ganz wüthend nach dem Salon, wo die zwei Mädchen und der Buckelige verſammelt waren, oͤffnete ungeſtüm den Thürvorhang und rief: „Ah! Marquis, erklären Sie mir, was das bedeutet? Wen hat man hier zum Beſten? Schlägt nicht dieſer Oli⸗ vier die Hand von Fräulein von Beaumesnil aus, die er nie in ſeinem Leben geſehen zu haben behauptet, während Sie mich verſichern, er und meine Mündel beten ſich an?“ Siebenzehntes Rapitel. Herr von la Rochaigne hatte das Ende des Erſtau⸗ nens noch nicht erreicht. Als er die Weigerung verkündigte, von der die unſicht⸗ baren Zuhörer der vorhergehenden Scene ſchon unterrichtet waren, glaubte der Baron ſie in Beſtürzung zu finden. Entfernt nicht. Eng umſchlungen, küßten ſich Fräulein von Beaumes⸗ nil und Herminie unter Ausbrüchen der tollſten Freude. „Er hat es ausgeſchlagen,“ ſprach Erneſtine mit dem Ausdruck unbeſchreiblicher Rührung. ron, wandte ſich nach der Thüre und fügte nur noch im 177 „Ah! ich ſagte es Ihnen wohl, meine Freundin, Herr OHlivier konnte uns in unſerer Erwartung nicht täuſchen,“ fügte Herminie bei. „Hatte ich Recht!“ rief der Marquis nicht minder entzückt; „habe ich nicht vorhergeſagt, er würde den An⸗ trag ausſchlagen?“ „Warum, des Teufels! haben Sie aber dann meine Einwilligung mit ſo viel Hartnäckigkeit verlangt?“ rief der Baron außer ſich; „warum haben Sie mich gebeten, Marquis, warum Sie, meine Mündel, dieſen unbegreifli⸗ en zu machen, da er ausgeſchlagen werden ollte?“ Bei dieſen Worten des Zorns trennte ſich Erneſtine vom Arme ihrer Freundin und ſagte mit ſtrahlendem Ge⸗ ſich und rührendem Ton zu ihrem Vormund: „Oh! Dank, mein Herr, Dank. . . ich bin Ihnen das Glück meines ganzen Lebens ſchuldig . . und ich ſchwoͤre Ihnen, ich werde nicht undankbar ſein!“ „Oh! das iſt unbegreiflich!“ rief der Baron, „Sie haben alſo nicht gehört . . . er weigert ſich . . er wei⸗ gert ſich. er weigert ſich!“ Oh! ja, er weigert ſich,“ ſprach Erneſtine wonnetrun⸗ ken, „edle Weigerung des edelſten der Herzen.“ „Sie ſind offenbar Narren,“ ſagte der Baron. Dann ſchrie er Erneſtine in die Ohren: „Aber dieſer Olivier heirathet . . er will nichts von Ihnen „ſeine Heirath iſt feſt beſchloſſen.“ „Gott ſei Dank!“ ſprach Erneſtine, „und es iſt nun kein Hinderniß bei dieſer Heirath mehr moglich; noch ein⸗ mal meinen Dank, Herr von la Rochaigue, nie, oh! nie werde ich vergeſſen, was Sie bei dieſer Sache für mich gethan haben.“ Der Marquis kam glücklicher Weiſe dem Baron zu Hülfe, deſſen enges Gehirn dem Zerſpringen nahe war. „Mein lieber Baron,“ ſagte er, ich habe Ihnen die Löſung des Räthſels verſprochen.“ „Ich ſchwore Ihnen, daß es die höchſte Zeit iſt, 178 Marquis, denn wenn Sie es mir nicht ſogleich löſen, werde ich ein Narr, meine Ohren brauſen . . . mein Kopf zer⸗ ſpringt . .. meine Augen flimmern ich habe den Schwindel. 4 „Nun! ſo hören Sie alſo: nicht wahr, dieſen Mor⸗ gen hat Ihnen Ihre Mündel erklärt, ſie wolle Herrn Oli⸗ vier heirathen und ſie ſehe in dieſer Heirath das Glück ihres Lebens?“ „Ah! ah! Sie fangen abermals an?“ rief der Ba⸗ ron, indem er wüthend mit dem Fuß ſtampfte. „Einen Augenblick Geduld, Baron! ich ſagte Ihnen dann, das, was Sie Vortheilhaftes von Herrn Olivier wüßten, wäre nichts in Vergleichung mit dem, was Sie von ihm ohne Zweifel erfahren würden.“ „Nun! was habe ich erfahren?“ „Iſt denn das nichts, dieſe Uneigennützigkeit, die Sie bewunderungswürdig gefunden haben? Die reichſte Er⸗ bin Frankreichs usſcäge⸗ um eine heilige Ver⸗ bindlichkeit zu halten „Ei! mein Gott, ja, das iſt herrlich, bewunderungs⸗ würdig,“ rief der Baron, „ich weiß das wohl! aber ich wiederhole Ihnen, daß ich auf der Stelle ein Narr werde, wenn Sie mir dieſe Weigerung nicht erklären, über die Sie und meine Mündel beſtürzt ſein ſollten, während Sie ſtrahlen, denn Sie wollten doch Erneſtine mit Herrn Olivier verheirathen? „Gewiß.“ „Er iſt aber wie ein Wahnfinniger darauf verſeſſen, eine Andere zu heirathen.“ „Und das iſt es gerade, was uns entzückt,“ ſprach der Buckelige. „Das iſt es, was uns entzückt,“ fügte Erneſtine bei. „Es entzückt Sie, daß er eine Andere heirathen will!“ rief der Baron außer ſich. „Allerdings,“ erwiederte der Marquis, „inſofern ſie dieſe Andere iſt. „Wer, ſie?“ rief der Baron, „wer, ſie?“ 179 „Ihre Mündel.“ „Die Andere iſt meine Mündel? was höre ich!“ „Gewiß,“ ſagte Fräulein von Beaumesnil triumphi⸗ rend, „dieſe Andere bin ich.“ „Wie geſagt, Baron, die Andere iſt Ihre Mündel,“ ſprach der Buckelige. „Ja, es iſt Erneſtine,“ fügte Herminie bei. „Das iſt doch ganz klar,“ ſagte der Buckelige. Bei dieſer Erklärung, welche für ihn noch unbegreif⸗ licher war, als alles Uebrige, ſchaute der Baron mit ver⸗ blüfften Blicken umher; dann ſchloß er die Augen, wankte und ſagte mit ſchmerzlichem Tone zum Marquis: „Herr von Maillefort, Sie ſind unbarmherzig . .. Ich glaube einen Kopf ſo ſtark, als der eines Andern, zu beſitzen, aber er iſt nicht im Stande, einem ſolchen Wirr⸗ warr zu widerſtehen. Sie verſprechen mir die Loſung des unerträglichen Räthſels, und dieſe Löſung iſt noch viel un⸗ erklärlicher, als das Räthſel ſelbſt.“ 8 „Mein lieber Baron, beruhigen Sie ſich und hören „Das geht zu weit,“ ſagte der Baron ſeufzend, „ſeit einer Viertelſtunde hore ich Sie, und nun iſt es noch ſchlim⸗ mer, als am Anfang.“ „Alles wird ſich aufklären.“ „Sprechen Sie klar.“ „Vernehmen Sie: in Folge von Umſtänden, die Sie ſpäter erfahren werden, und die im Grunde der Sache nichts verändern, iſt Ihre Mündel mit Herrn Olivier zu⸗ ſammengetroffen und hat ſich für elne von ihrer Arbeit kleine Waiſe ausgegeben. Begreifen Sie das, Ba⸗ ron?“ „Das begreife ich . . hernach?“ „In Folge von anderen Umſtänden, die Sie auch ſpäter erfahren werden, haben ſich Herr Olivier und Ihre Mündel in einander verliebt, er fortwährend im Glauben, in ihr immer eine Waiſe ohne Namen und Vermoͤgen, eine ſo unglückliche Waiſe zu ſehen, daß er ſehr edelmüthig 180 zu ſein wähne und auch geweſen iſt, indem er ihr das Anerbieten machte, ſie zu heirathen, als er zum Officier ernannt wurde.“ „Nun!“ rief der Baron ebenfalls triumphirend, in⸗ dem er ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtete, „Erneſtine und die Andere ſind nur eine und ebendieſelbe Perſon?“ „Das iſt es,“ ſprach der Buckelige. „Und dann,“ fuhr der Baron fort, während er ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte, „dann wollten Sie ſehen, ob Herr Olivier die Andere ſo aufrichtig liebe, daß er der Verſuchung, die reichſte Erbin Frank⸗ reichs zu heirathen, widerſtehe?“ „So iſt es, Baron.“ „Daher die Fabel, daß Fräulein von Beaumesnil Herrn Olivier während ſeines Aufenthalts im Schloſſe, als er wegen einiger Arbeiten dahin kam, geſehen und gehört, und ſich in dieſen würdigen Jungen verliebt habe?“ „Man mußte wohl auf eine vernünftige Weiſe durch dieſe Fabel das Anerbieten motiviren, das Sie zu machen beauftragt waren.. . und Sie haben ſich vortrefflich aus der Sache herausgezogen . . Nun! hatte ich Recht, Baron, wenn ich Ihnen ſagte, Herr Olivier ſei ein wackerer Mann?“ „Ein wackerer Mann!“ rief der Baron. „Hören Sie, Marquis, ich will nicht auf das Vergangene zurück⸗ kommen, doch ich verberge Ihnen nicht, daß ich dieſe Hei⸗ rath durchaus nicht für meine Mündel geeignet glaubte; nun aber erkläre ich, verſichere ich, verkündige ich, daß ich nach dem, was ich geſehen und gehört habe, wenn meine Mündel meine Tochter wäre, zu ihr ſagen würde: heirathe Herrn Raimond, Du kannſt keine beſſere Wahl treffen.“ „Oh! mein Herr, ich werde dieſe Worte nie ver⸗ geſſen,“ rief Erneſtine. „Und das iſt noch nicht Alles, mein lieber Baron.“ „Was gibt es denn noch?“ fragte Herr von la Ro⸗ chaigue mit einer gewiſſen Unruhe, denn er glaubte, es werde von einem neuen Wirwarr die Rede ſein, „was gibt es?“ 181 „Dieſe Prüfung hat einen doppelten Zweck.“ „Ah bah! und welchen?“ „Wir kannten ſo genau die zarte Empfindlichkeit von Herrn Olivier, daß wir glaubten, wenn wir ihm plötzlich entdeckten, die junge Perſon, die er für arm hielt, ſei Fräulein von Beaumesnil, könnte er, ein Officier durch die Gunſt des Glücks, unüberwindliche Bedenklichkeiten haben, die reichſte Erbin Frankreichs zu heirathen, obgleich er ſie geliebt, als er wähnte, ſie ſei das ärmſte Mädchen der Welt.“ „Dieſe Bedenklichkeiten würden mich nicht in Er⸗ ſtaunen ſetzen,“ ſagte der Baron; „nach dem natürlichen Stolze dieſes Jungen zu urtheilen, muß man auf Alles gefaßt ſein. Doch ich bedenke, der unangenehme Um⸗ ſtand, den Sie befürchteten, beſteht immer noch.“ „Nein, mein lieber Baron.“ „Warum nicht?“ „Das iſt ganz einfach,“ ſprach Erneſtine voll Freu⸗ digkeit, „hat es Herr Olivier Raimond nicht ausgeſchla⸗ gen, die reiche Erbin Fräulein von Beaumesnil zu heirathen?“ „Allerdings. .. doch ich ſehe nicht „Nun wohl! wie kann Herr Olivier, wenn er er⸗ fährt, wer ich bin, befürchten, man dürfte argwöhnen, er wolle, indem er mich heirathe, nur eine Geldheirath ma⸗ chen, da er zuvor meine Hand entſchieden ausgeſchlagen hat?“ „Das heißt, mehr als drei Millionen Einkünfte aus Grundbeſitzungen, und zwar mir gegenüber,“ rief der Baron, „das iſt die reine Wahrheit .. Der Gedanke iſt vortrefflich, ich mache Ihnen mein Compliment dazu, Marquis, und ſage wie Sie: hätte Herr Olivier eine noch tauſendmal ſcheuere Empfindlichkeit, ſo könnte ſie doch nicht Stand halten gegen das Dilemma: Sie haben es ausgeſchlagen, drei Millionen Einkünfte zu heirathen. .. Ihr Zartgefühl ſteht alſo über jedem Verdacht.“ „Nicht wahr, mein Herr,“ ſagte Erneſtine, „die Die ſieben Todſünden. 1II. 13 182 Scrupel von Herrn Ollvier könne unmöglich hiegegen Stand halten?“ „Das iſt entſchieden, meine liebe Mündel .. Doch dieſe Offenbarung muß am Ende früher oder ſpäter Herrn Olivier gemacht werden?“ „Allerdings,“ erwiederte der Marquis, „und ich über⸗ nehme das . Ich habe meinen Plan. wir Beide ſpre⸗ chen darüber, Baron, denn das ſteht im Zuſammenhang mit gewiſſen Umſtänden von materiellem Intereſſe, wovon die Mädchen durchaus nichts verſtehen. nicht wahr, mein Kind?“ fügte der Marquis lächelnd und ſich an Fräulein von Beaumesnil wendend bei. „Oh! durchaus nichts,“ antwortete Erneſtine, „und das, was Sie, Herr von Maillefort, und mein Oheim be⸗ ſchließen werden, nehme ich zum Voraus an.“ „Mein lieber Baron,“ ſagte der Marquis, „ich brauche Ihnen nicht vas vollkommenſte Stillſchweigen über dies Alles bis zur Unterſchreibung des Vertrags zu empfehlen, welche, ich habe meine Gründe hiezu, dem öffentlichen Aufgebvt vorangehen wird... Wir werden den Vertrag übermorgen unterzeichnen, denke ich. Was halten Sie davon, Erneſtine?“ „Ah! Herr Marquis, Sie errathen meine Antwort,“ ſagte das Mädchen lächelnd und zugleich erröthend. Dann fügte es lebhaft bei: „Doch dieſer Vertrag, mein Herr, wird nicht der einzige ſein, der zu unterzeichnen iſt.. Es gibt noch einen anderen, nicht wahr, Herminie?“ „Könnte das anders ſein?“ ſagte die Herzogin, „Herr von Maillefort, ich bin es feſt überzeugt, denkt wie ich.“ „Oh! gewiß,“ ſprach der Buckelige lächelnd. „Aber ich bitte, wer wird dieſe ziemlich ſchwierige Combination übernehmen?“ „Abermals Sie, Herr von Maillefort,“ ſagte Erne⸗ ſtine, „Sie ſind ſo gut!“ „Und dann,“ fügte Herminie bei, „haben Sie uns nicht bewieſen, daß Ihnen nichts unmöglich iſt?“ 183 „Oh! was die beſiegten Unmöglichkeiten betrifft,“ verſetzte der Marquis gerührt, „wenn ich an die Scene denke, welche dieſen Morgen bei Ihnen vorgefallen iſt, ſo varf man nicht von mir ſprechen, mein liebes Kind, ſon⸗ dern von Ihnen.“ Als Herr von la Rochaigue dieſe Worte des Bucke⸗ ligen hoͤrte, ſchenkte er der Gegenwart von Herminie mehr Aufmerkſamkeit, als er es bis jetzt gethan, und er ſagte zu ihr: „Verzeihen Sie, mein liebes Fräulein, doch Alles, was hier vorgefallen iſt, hat mich ſo ſehr zerſtreut, daß. ..“ „Herr von la Rochaigue,“ unterbrach Erneſtine ihren Vormund, indem ſie Herminie bei der Hand nahm, „ich ſtelle Ihnen hier . . . meine beſte Freundin, oder vielmehr meine Schweſter vor . . denn zwei Schweſtern lieben ſich nicht zärtlicher als wir.“ „Aber,“ ſagte der Baron ſehr erſtaunt, „wenn ich mich nicht täuſche, iſt das Fräulein . . . die Klavierleh⸗ rerin, die wir in Betracht des ausgezeichneten Zartge⸗ fühls, mit dem ſie ſich bei der Verlafſenſchaft der Gräfin von Beaumesnil benommen, gewählt haben.“ „Mein lieber Baron,“ ſprach der Marquis, „Sie haben noch viele ſeltſame Dinge in Beziehung auf Fräu⸗ lein Herminie zu erfahren.“ „Wahrhaftig!“ rief Herr von la Rochaigue, „und was für Dinge find dies?“ „Bei unſerer Unterredung nachher werde ich Ihnen ſagen, was ich Ihnen hierüber zu ſagen vermag; es ge⸗ nüge Ihnen nur, zu wiſſen, daß Ihre Mündel ihre Freund⸗ ſchaft ebenſo würdig angebracht hat, als ihre Liebe „ denn in der That, diejenige, welche Herrn Olivier Rai⸗ mond zum Gatten haben ſoll, mußte Fräulein Herminie zur Freundin haben.“ „Oh! Herr von Maillefort hat ſehr Recht,“ ſagte Fräu⸗ lein von Beaumesnil, indem ſie ſich ihrer Gefährtin nä⸗ herte, „alles Glück iſt mir auf einmal und an demſelben Tag in der beſcheidenen Abendgeſellſchaft von Madame Herbaut zugefallen.“ „Die beſcheidene Abendgeſellſchaft bei Madame Her⸗ baut,“ wiederholte der Baron, die Augen ungeheuer weit aufteißend, „wer iſt Madame Herbaut?“ „Mein liebes Kind,“ ſagte der Buckelige, als er bei den letzten Worten von Erneſtine den Baron abermals in Erſtaunen gerathen ſah. „Sie müſſen großmüthig ſein, und nicht dem Baron ein neues Räthſel zu löſen geben.“ „Ich erkläre mich im Voraus für unfähig, es zu errathen,“ rief Herr von la Rochaigue, „mein Gehirn iſt ſo erſtaunt, ſo verwirrt, ſo betäubt, als ob ich in einem Luftballon gegen die Wolken aufgeſtiegen wäre.“ „Beruhigen Sie ſich, Baron,“ ſprach lachend Herr von Maillefort, „ich will Ihnen Alles ſagen, ohne Ihre e nur im Geringſten auf die Probe zu ellen. „Wir laſſen Sie allein, meine Herren,“ ſagte Erne⸗ ſtine lächelnd; dann fügte ſie bei: „Ich glaube Sie nur darauf aufmerkſam machen zu müſſen, Herr von la Ro⸗ chaigue, daß Herminie und ich ein Complott gebilvet haben.“ „Und dieſes Complott, mein Fräulein?“ „Da es ſchon ſpät iſt und ich ſicherlich vor Freude närriſch würde, wenn ich mit meinem Glück allein bliebe, ſo hat Herminie eingewilligt, meine Wohnung bis morgen früh zu theilen. .. Wir ſpeiſen unter vier Augen zu Mit⸗ tag, und Sie mögen ſich denken, welches Feſt dies für uns ſein wird.“ „Aber das findet ſich ganz vortrefflich, meine Fräu⸗ lein,“ ſagte der Baron, „denn Frau von la Rochaigue und ich ſind genöthigt, auswärts zu ſpeiſen. Meine Fräu⸗ lein, ich wünſche Ihnen einen guten Abend.“ „Morgen, meine Kinder,“ ſprach Herr von Maille⸗ fort; „wir haben über gewiſſe Einzelnheiten mit einander zu reden, die Ihnen, deſſen bin ich ſicher, nicht mißfallen werden. 185 Die zwei Mädchen ließen die Herren von Maillefort und la Rochaigue beiſammen, gingen leicht, ſtrahlend hinab, und zogen ſich nach einem kleinen Mittagsbrod, das ſie kaum berührten ſo ſehr war ihr Herz voll Freude und Glück, in das Schlafzimmer von Erneſtine zurück, um ſich hier ganz allein allen Reizen der Erinnerung, allen Freuden der Hoffnung hinzugeben und die ſeltſamen Wechſelfälle ihrer ſchon ſo ſehr geprüften Liebe und Freundſchaft an ſich vorübergehen zu laſſen. Nach einer Viertelſtunde wurden die Mädchen von Madame Lainé unterbrochen, welche, nachdem ſie beſchei⸗ den angeklopft hatte, eintrat. „Was wollen Sie, meine liebe Lainé?“ fragte Erneſtine. „Ich hätte das Fräulein um etwas zu bitten.“ „Um was denn?“ „Das Fräulein weiß, daß der Herr Baron und die Frau Baronin auswärts ſpeiſen und erſt ſehr ſpät zurück⸗ kommen werden.“ „ „Ich weiß das nun?“ „Fräulein Helena, welche die Leute des Hotels in den Stand ſetzen wollte, den Abend zu benützen, den ihnen die Abweſenheit des Herrn Barons und der Frau Ba⸗ ronin gonnt, hat heute Morgen drei Logen im Theatre de la Gaité miethen laſſen, wo man die Maccabäer gibt. . ein Stück, das aus der bibliſchen Geſchichte entnommen iſt.“ „Und Sie wünſchen die Maccabäer auch zu ſehen, meine liebe Lainé?“ „Wenn das Fräulein meiner bis zur Stunde des Schlafengehens nicht bedürfen würde?“ „Ich gebe Ihnen Ihren ganzen Abend, meine liebe Lainé, nehmen Sie die arme Thereſe auch mit.“ „Aber wenn das Fräulein etwas vor meiner Rück⸗ kehr brauchen ſollte?“ „Ich brauche nichts . . . und es iſt ſogar unnothig, daß Sie zu meinem Schlafengehen zurückkehren . Fräulein Herminie und ich werden uns gegenſeitig als Kammerfrauen dienen .. . Gehen Sie, meine liebe Lainé, unterhalten Sie ſich gut, und Thereſe auch.“ „Das Fräulein iſt ſehr gut, und ich danke tauſend⸗ mal; ſollte übrigens das Fräulein etwas bedürfen, ſo hätte es nur an der Klingel des Vorzimmers zu ziehen . . Fräulein Helena hat Placide Befehl gegeben, herabzugehen und dem Fräulein zur Verfügung zu ſtehen, wenn es läuten würde, da alle andere Dienſtboten abweſend ſind.“ „Gut,“ ſagte Erneſtine, „ich werde Placide läuten, wenn ich etwas brauche. Guten Abend, meine liebe Lainé.“ Die Gouvernante verbeugte ſich und ging ab. Die zwei Mädchen blieben nun ganz allein in dem großen verlaſſenen Hotel, denn es fanden ſich varin nun weder Dienſtboten, noch Herrſchaft, mit Ausnahme von Fräulein Helena von la Rochaigue und Flacide, ihrer Kammerjungfer, welche nach der Vorſchrift ihrer Gebieterin zu den Befehlen von Fräulein von Beaumesnil und Her⸗ minie blieb. Achtzehntes Rapitel. Es hatte zehn Uhr Abends geſchlagen. Die Nacht war düſter, ſtürmiſch. Das Pfeifen des Windes allein unterbrach das tiefe, unheimliche Still⸗ ſchweigen, welches im Hotel la Rochaigue herrſchte, wo nur vier Perſonen blieben: Helena, ihre Kammerfrau Placide, Fräulein von Beaumesnil und Herminie. Die beiden Mädchen plauderten ſchon ſeit zwei Stun⸗ den von ihrer ſo traurigen Vergangenheit, von ihrer ſo 187 lachenden Zukunft, und es kam ihnen vor, als finge ihre Unterredung erſt an. Plötzlich unterbvach ſich Erneſtine und ſchien aufmerk⸗ ſam nach der Seite des Zimmers ihrer Gouvernante zu horchen. „Wos haben Sie denn, Erneſtine?“ fragte Herminie. „Nichts, meine Freundin,“ antwortete Fräulein von Beaumesnil .. „nichts . ich täuſchte mich wohl.“ „Sprechen Sie doch ...“ „Es war mir, als hörte ich Geräuſch in dem Zimmer meiner Gouvernante.“ „Ah! die Aengſtliche . . .“ ſagte Herminie lächelnd, „der Wind wird an einem Laden außen gerüttelt haben, und .. .“ Doch Herminie machte ebenfalls eine Bewegung des Erſtaunens, drehte raſch ihren Kopf nach der Thüre, welche das Schlafzimmer von Erneſtine von dem äußeren Salon trennte, und ſagte: „Das iſt ſeltſam, Erneſtine, haben Sie es nicht wahr⸗ genommen?“ „Daß man die Thüre außen geſchloſſen hat, nicht wahr?“ 4 Ohnt zu antworten, lief Herminie nach der Thüre, von der de Rede war. Es interlag keinem Zweifel mehr, man hatte den Schlüſſel in Schloß gedreht.“ „Mein Gott!“ rief Erneſtine, der es bange zu werden anfing . . . „Was ſoll das bedeuten?... Alle Dienſtboten ves Hotels ſind auswärts . .. Ah! . zum Glück bleibt Placide, die Kammerjungfer von Fräulein Helena.“ Und ſie näherte ſich haſtig ihrem Kamin und klin⸗ gelte wiederhult. Da erimerte ſich Herminie einer gewiſſen Unruhe, welche der Mirquis am Nachmittag, als er von der An⸗ näherung von Ravil und Macreuſe ſprach, kundgegeben hatte. Obgleich ſch die Herzogin von einem unbeſtimmten 188 Schrecken erfaßt fühlte, wollte ſie doch nicht die Angſt von Erneſtine vermehren, und ſagte zu dieſer: „Beruhigen Sie ſich, meine Freundin .. Die Perſon, der Sie läuten, wird uns ohne Zweifel das, was uns in Erſtaunen ſetzt, erklären.“ „Aber fie kommt nicht. und ich läute ſchon zum dritten Mal, daß Alles brechen ſollte,“ rief Fräulein von Beaumesnil. Und ſie fügte ganz bebend und mit leiſer Stimme bei, indem ſie auf die andere Thüre deutete, welche von ihrem Zimmer aus zu ihrer Gouvernante führte: „Hören Sie .. dort .. Oh! mein Gott! man e Herminie machte eine Geberde des Zweifels, Fräulein von Beaumesnil horchte abermals und rief bald mit neuer Angſt: „Herminie, ich ſage Ihnen, man geht.. man kommt, hören Sie .. „Schieben wir raſch dieſen Riegel vor und ſchließen wir uns ein,“ ſagte Herminie lebhaft und lief auf die kleine Thüre zu. Doch dieſe Thüre wurde ungeſtüm geöffnet, eben als das Mädchen Hand daran legen wollte. Herr von Macreuſe erſchien im Zimmer. Bei ſeinem Anblick ſtieß Herminie einen Schrei aus und warf ſich zurück, während der fromme junge Mann gegen Jemand, der in der Finſterniß des anſtoßenden Zimmers blieb, umwandte und mit dem Ton des Er⸗ ſtaunens und der Wuth ausrief: „Hölle!... Sie iſt nicht allein .. glles iſt ver⸗ oren!!“ Bei dieſen Worten erſchien eine zweite Perſon. Dies war Ravill. Als er Herminie gewahrte, rief er nicht minder er⸗ ſtaunt und zornig als ſein Genoſſe: „Die Mufikantin hier!“ Herminie und Erneſtine hatten ſich in eine der Ecken 189 des Zimmers geflüchtet, und ſich einander mit den Armen umſchlingend, als wollten ſie ſich gegenſeitig unterſtützen, zitterten ſie hier vor Schrecken, unfähig, zu ſprechen und zu handeln. Verwundert, dann wüthend über die unvorhergeſehene Gegenwart von Herminie, welche ihre Pläne ſcheitern zu machen ſchien, blieben Macreuſe und Ravil ebenfalls einige Minuten lang ſtumm und unbeweglich und ſchienen ſich mit den Blicken zu befragen, was ſie unter dieſen uner⸗ warteten Umſtänden zu thun hätten. Die Waiſen hatten trotz ihres Schreckens den Aus⸗ ruf des Erſtaunens und verzweifelten Aergers gehört, der Macreuſe und ſeinem Genoſſen entſchlüpfte, als ſie ſahen, daß Fräulein von Beaumesnil nicht allein war. Dann bemerkten die zwei Mädchen die Beſtürzung, in welche der Gründer des Werkes vom heiligen Poly⸗ karp und ſein neuer Freund einen Augenblick verſunken blieben. Dieſe Bemerkungen verliehen den zwei Schweſtern wieder einigen Muth, und mit Hülfe der Ueberlegung dachten ſie am Ende, vereinigt ſeien ſie ebenſo ſtark, als ſie ſchwach geweſen wären, hätten ſie ſich getrennt der Willkühr dieſer Elenden preisgegeben gefunden.. Fräulein von Beaumesnil, welche einſah, daß ſie ohne Zweifel die Gegenwart von Herminie von einer großen Gefahr errettete, rief dann mit einem Erguß von Dank⸗ barkeit und Zärtlichkeit, den die Angſt, die ſie fühlte, nicht zu unterdrücken vermochte: „Sie ſehen, Herminie, wie Sie der Himmel immer als den guten Engel Ihrer Erneſtine ſchickt.. Ohne Sie wäre ich verloren.“ 3 „Muth gefaßt, meine Freundin,“ erwiederte die Her⸗ zogin, „ſchauen Sie, wie beſtürzt dieſe Elenden ſind.“ „Sie haben Recht, Herminie, ein für uns ſo ſchöner Tag durfte nicht gebrandmarkt werden... Ich habe nun ein blindes Zutrauen zu unſerem Geſtirn.“ Wiederbelebt durch dieſe paar Worte, die ſie mit 190 leiſer Stimme austauſchten, ſtark beſonders durch die Hoff⸗ nung auf das ſtrahlende Glück, das ihrer harrte, beruhigten ſich die Waiſen allmälig, und Erneſtine, welche entſchloſſen das Wort nahm, ſagte zu Macreuſe und ſeinem Genoſſen: „Gedenken Sie uns nicht zu erſchrecken . . . unſere erſte Angſt iſt vorüber, Ihre Frechheit floßt uns nur noch Verachtung ein. .. In zwei Stunden kehren die Leute vom Hotel zurück, und Sie müſſen wohl ſo ſchmählich von hier abziehen, als Sie hereingekommen ſind.“ „Es iſt wahr, wir werden eine Zeit lang Ihre Ge⸗ genwart zu ertragen haben,“ fügte Herminie mit bitterem 9 3 8 8 Stolze bei; „dies werden zwei Stunden getheilt zwiſchen Verachtung und Widerwillen ſein. Fräulein von Beau⸗ mesnil und ich haben härtere Prüfungen ausgehalten.“ „Welch ein Muth! Herr von Macreuſe!“ ſagte Erne⸗ ſtine, „Sie ſchleichen ſich mit einem Genoſſen bei einem Mädchen ein, das Sie allein glauben, um irgend eine feige Rache dafür zu üben, daß Sie Herr von Malllefort, der Sie kennt, im Angeſicht Aller behandelt hat, wie Sie es verdienen!“ Macreuſe und Ravil hörten ſtillſchweigend die Ver⸗ höhnung der Waiſen an und tauſchten von Zeit zu Zeit bezeichnende Blicke. „Meine liebe Herminie,“ ſagte Fräulein von Beau⸗ mesnil, deren Geſicht ſich immer mehr aufheiterte, „ich mag Ihnen ſehr ausſchweifend erſcheinen, denn ich weiß in der That nicht, ob mich nicht alles Glück, was uns heute widerfährt, verrückt macht . . . doch dies Alles kommt mir zugleich ſo ſchändlich und ſo lächerlich vor, daß ich beinahe Luſt habe, zu lachen . . . und Sie?“ „Wenn ich es Ihnen geſtehen ſoll, Ernefline, ich finde es auch grotesk durch ſeine Plattheit . . .“ „Dieſe klägliche Verworfenheit!“ rief Fräulein von Beaumesnil mit einem treuherzigen Gelächter. „Die ohnmächtige Wuth dieſer lichtſcheuen Intriganten, welche ſtatt bange zu machen, Lachen erregen! .. das iſt in 194 der That ſehr beluſtigend!“ fügte nicht minder heiter Her⸗ minie bei. Und im Stolz, in der Kühnheit ihres Glückes, worin ſie den Muth, keck der Gefahr zu trotzen, fanden, über⸗ ließen ſich die Waiſen einem Anfall ungeheuchelter, ſieber⸗ hafter und zugleſch rachgieriger Heiterkeit; ungeheuchelt. .. denn einen Augenblick lang war die Verwunderung der beiden Genoſſen, welche ſich nicht für ſo ſcherzhaft hielten, in der That beinahe komiſch; fieberhaft. . . denn die Mädchen ſtanden unter der Herrſchaft einer übermäßigen Aufregung, welche durch vie Seltſamkeit ihrer Lage ver⸗ anlaßt wurde; rachgierig.. denn ſie haiten das Bewußtſein des Schlages, den ſie Macreuſe und Ravil beibrachten. Durch die unvermuthete Gegenwart von Herminie und durch die unbegreifliche Heiterkeit der Waiſen einen Augenblick aus der Faſſung gebracht, erholten ſich Macreuſe und Ravil indeſſen bald von dieſem vorübergehenden Eindruck. Macreuſe, deſſen zuſammengezogenes Geſicht einen immer furchtbareren Ausdruck annahm, ſagte Ravil ein paar Worte in's Ohr. Sogleich lief dieſer nach dem einzigen Fenſter, das das Zimmer von Erneſtine hatte, ſchlang um die Stange, welche zugleich vas Fenſter und die inneren Läden ſchloß, ein Stück von einer ſtählernen Kette, die er zum Voraus bereit gehalten, und verhand ſodann die zwei letzten Ringe dieſer Kette, indem er ein Schloß mit geheimem Mecha⸗ nismus daran legte. Nachdem dies geſchehen, wurde es unmöglich, von innen die Fenſter und die Läden zu offnen, um nach Hülfe zu rufen. Die Waiſen ſahen ſich ſo der Willkühr von Macreuſe und Ravil preisgegeben. Die Thüre, welche mit dem Salon in Verbindung ſtand, war von außen von der Kammerjungfer von Fräu⸗ lein Helena geſchloſſen worden, denn dieſe fromme Perſon und ihre Zofe warkn Mitſchuldige des Günſtlings des 192 Abbé Ledoux, wußten aber nichts von der längeren An⸗ weſenheit von Herminie bei Fräulein von Beaumesnil. Während ſich Ravil am Fenſter beſchäftigte, kreuzte Macreuſe, deſſen Züge die abſcheulichſten Gefühle aus⸗ drückten, ſeine Arme über ſeiner Bruſt und ſagte zu den zwei Lacherinnen mit einer furchtbaren Ruhe: „Mein erſtes Vorhaben iſt verfehlt durch die Anwe⸗ ſenheit dieſes verfluchten Geſchöpfes,“ und er bezeichnete durch eine Geberde Herminie, „Ihr ſeht, daß ich offen⸗ herzig bin! Aber ich habe Erfindungsgabe ... einen er⸗ gebenen Freund, Ihr ſeid Beide in unſerer Gewalt .. wir haben zwei Stunden vor uns und ich werde Euch be⸗ weiſen, daß ich nicht zu denjenigen gehöre, welche man lange verlacht.“ Dieſe Drohungen, der Ton und die Geſichtszüge des⸗ jenigen, welcher ſie ausſprach, das Stillſchweigen, die Ein⸗ ſamkeit, Alles mußte ſie furchtbar machen; doch werden einmal die tragiſchen Dinge komiſch genommen, ſo ver⸗ mehrt Alles, was den Schrecken vermehren zu müſſen ſcheint, das Gelächter, das bald unauslöſchlich wird. Dies war ungefahr die Wirkung, welche auf die Waiſen die Drohungen des Macreuſe hervorbrachten .. . Zum Unglück für ſeine Tragödie machte er eine unwill⸗ kührliche Bewegung, welche ſeinen Hut weit auf ſeinen Kopf zurückſchob, was dieſem breiten, wenn auch drohen⸗ den und wilden Geſicht ein ſo ſeltſames Ausſehen verlieh, daß die zwei Mädchen auf's Neue ein ſchallendes Gelächter aufſchlugen. Nun war die Reihe an dem Genoſſen von Ma⸗ ereuſe. Die Mävchen waren mit einem mehr neugierigen, als erſchrockenen Blick dem Manveuvre von Ravil gefolgt, der ſein Kettchen um die Fenſterſtange zu wenden ſich be⸗ mühte; als aber ver Augenblick kam, den Arm des Vorlege⸗ ſchloſſes durch die zwei letzten Ringe zu ſchieben, konnte Navil, der ein ſehr kurzes Geſichtdhatte, Anfangs nicht 193 hiezu gelangen, und er ſtampfte vor Zorn und Ungeduld mit den Füßen. In der Stimmung, in der ſich die beiden Mädchen befanden, rief die Verlegenheit, in der Ravil mit ſeinem Kettchen und ſeinem Vorlegeſchloß war, eine ſolche Verdop⸗ pelung krampfhafter Heiterkeit bei den zwei Schweſtern hervor, daß Macreuſe und ſein Genoſſe ſo wüthend und ſo außer ſich, als ob ſie vor hundert Perſonen beohrfeigt worden wären, den Kopf verloren, von wildem Grimm fortgeriſſen ſich auf die Mädchen ftürzten und ſie unge⸗ ſchlacht bei den Armen packten, wobei Macreuſe, das Ge⸗ ſicht leichenbleich, die Augen ſtier, Schaum auf den Lippen, den unglücklichen Hut immer zu weit zurück, aus⸗ rief: „Man muß ſie alſo umbringen, um ihnen bange zu machen!“ „Ach es iſt nicht unſere Schuld,“ entgegnete Erneſtine, beim Anblick dieſes zugleich gräßlichen und burlesken Ge⸗ ſichtes in ein neues Gelächter ausbrechend, „Sie können uns nur vor Lachen ſterben machen!“ Und Herminie bildete den Chor hiezu. In dem Augenblick, wo die zwei Elenden, wahnſinnig vor Haß und Wuth, ſich den ſchändlichſten Gewaltthaten überlaſſen wollten, öffnete ſich die von außen geſchloſſene Thüre des Salon plötzlich. Herr von Maillefort erſchien in Begleitung von Gerald und rief mit einer Stimme voll Angſt: „Beruhigt Euch, meine Kinder, wir ſind da!“ Man denke ſich das Erſtaunen des Marquis und von Gerald. Beide erſchienen bleich erſchrocken, wie Leute, welche herbeilaufen würden, um Jemand aus der größten Gefahr zu erretten, und was ſehen ſie? Die beiden Mädchen, die Wangen gefärbt, die Augen glänzend, und den Buſen bebend von einem letzten Ge⸗ lächter, während Macreuſe und Ravil bleich vor Zorn und 194 unbeweglich vor Angſt bei dieſer unerwarteten Hülfe da ſtanden. Einen Augenblick ſchrieb der Margquis die unbegreif⸗ liche Heiterkeit der Waiſen einem durch den Schrecken ver⸗ urſachten Nervenkrampf zu, doch er beruhigte ſich bald, als er Erneſtine ſagen hörte: „Verzeihen Sie, mein guter Herr von Maillefort, verzeihen Sie dieſe ausgelaſſene Heiterkeit .. und hören Sie, was vorgefallen iſt: dieſe zwei Menſchen haben ſich hier auf der Geheimtreppe eingeſchlichen.“ „Ja,“ ſagte der Marquis zu Herminie, „der Schlüfſel von dieſem Morgen. . mein Kind... Sie wiſſen .. meine Ahnungen täuſchten mich nicht.“ „Es iſt nicht zu leugnen, wir hatten Anfangs ſehr bange,“ ſprach Herminie, „als wir aber den Aerger, den Zorn dieſer Menſchen bemerkten, welche Erneſtine allein zu finden erwarteten. . .“ „Ihre Stellung kam uns ſo kläglich vor,“ fügte Fräu⸗ lein von Beaumesnil bei, „und dann fühlten wir uns Beide vereinigt ſo ſtark, daß uns das, was uns Anfangs furcht⸗ bar ſchien . . .“ „Sehr lächerlich dünkte,“ vollendete Herminie. „Nur,“ fuhr Erneſtine fort, „nur ſprach in dem Au⸗ genblick, wo Sie ankamen, Herr von Macreuſe davon, uns ein wenig umzubringen, um uns die Luſt zum Lachen zu benehmen.“ Der Marquis ſagte zu Gerald: „Wie muthig. wie bezaubernd find ſie! hat man Aehnliches geſehen?“ „Wie Sie bewundere ich dieſen Muth, dieſe hoch⸗ herzige Verachtung!“ erwiederie Gerald die Gemüths⸗ bewegung des Buckeligen theilend. „Doch wenn ich an die ſchändliche Frechheit dieſer zwei Elenden denke .. die ich nicht anſchauen will, denn ich vermöchte mich nicht mehr zu bemeiſtern, und ich würde ſie unter meinen Füßen zermalmen . . . ich . . .“ 195 „Ruhig, mein lieber Gerald,“ unterbrach der Mar⸗ quis den jungen Herzog, „wir dürfen dieſe Leute nicht mehr berühren, nicht einmal mehr mit dem Fußz. . ſie gehoͤren nun dem Aſſiſenhof an.“ Und er wandte ſich an den fiommen jungen Mann und an Ravil, welche, ihre chniſche Frechheit wieder an⸗ nehmend, dem Sturm trotzen zu wollen ſchienen, und ſprach: „Herr Macreuſe, ſeit Ihrer Verbindung mit Herrn von Ravil habe ich, da ich weiß, wozu Ihr Beide fähig ſeid, Sie durch einen mir ergebenen Mann beobachten lafſen.“ „Späherei? „verſetzte Macreuſe mit einem höhni⸗ ſchen, hochmüthigen Lächeln, „das wundert mich nicht.“ „Gewiß, Späherei,“ erwiederte der Buckelige. „Ver⸗ ſährt man anders gegen rückfällige Miſſethäter? Ihre Lage war eine intereſſante ſeitdem ich Sie an den Schand⸗ pfahl geſtellt hatte.“ „Der Herr ſcheint Juſticiar zu ſein?“ ſagte Ravil mit einem kalten Hohngelächter, „Großjuſticiar viel⸗ leicht?“ „Groß? nein,“ entgegnete der Buckelige; „ich treibe die Jyſtiz nach meiner armſeligen kleinen Geſtalt, wie Sie ſehen, und der Zufall gefällt ſich darin, mich zuweilen ſonderbar zu unterſtützen; ſo ließ mich der Zufall Sie dieſen Morgen bei einem Schloſſer erblicken. . . Sie brachten ihm einen Schlüſſel.. das erregte Verdacht bei mir, und ich ließ die Wachſamkeit verdoppeln; dieſen Abend folgten Ihnen und Ihrem Genoſſen zwei von meinen Leuten bis hierher: der eine blieb vor der Thüre, die man Sie hatte mit einem Nachſchlüſſel öffnen ſehen; der andere lief zu mir, um mich zu benachrichtigen, und ſetzte in meinem Auftrag einen Polizeicommiſſär in Kenntniß, der in dieſem Augenblick Sie unten an der Geheimtreppe er⸗ warten muß, um Sie und Ihren würdigen Freund über die Unannehmlichkeiten zu erbauen, denen ſich die Leute bloßſtellen, die ſich nächtlicher Weile mit Hülfe von Dietrichen in ein bewohntes Haus einſchleichen ..“ — — 196 Bei dieſen Worten ſchauten ſich Macreuſe und Ravil bebend an und wurden leichenbleich. „Das iſt einer von den Fällen, die ſich für die Galeeren eignen,“ fuhr der Buckelige fort, „doch Herr von Macreuſe wird dort den heiligen Vincenz von Paul ſpielen und durch ſeine chriſtlichen Tugenden die Bewunderung ſeiner Herren Collegen von der rothen Mütze erregen.“ In dieſem Augenblick vernahm man ein Geräuſch von Tritten auf der Seite des Zimmers der Gouvernante von Fräulein von Beaumesnil. „Der Herr Commiſſär hat geſehen, daß Sie nicht herabkommen,“ ſagte der Marquis zu den zwei niederge⸗ ſchmetterten Genoſſen, „und er gibt ſich nun die Mühe, heraufzukommen und Sie hier aufzuſuchen . . . das iſt ſehr hoflich von ihm.“ Die Thüre öffnete ſich wirklich beinahe in demſelben Augenblick, und ein Polizeicommiſſär, dem Agenten folgten, ſprach zu Macreuſe und Ravil: „Ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes und werde in Ihrer Anweſenheit ein Protokoll über die Thatſachen aufnehmen, deren man Sie beſchuldigt.“ „Auf, meine Kinder,“ ſagte der Marquis zu Her⸗ minie und Erneſtinie, „überlaſſen wir dieſe Herren ihren Geſchäften; wir wollen bei Frau von la Rochaigue die Rückkehr Ihres Vormunds abwarten, Erneſtine.“ „Die Angabe dieſer Fräulein iſt mir unerläßlich, Herr Marquis, und ich werde ſogleich die Ehre haben, mich zu ihnen zu begeben,“ ſagte der Commiſſär. Nach Verlauf einer Stunde wurden der Gründer des Werkes vom heiligen Polykarp und ſein Genoſſe nach dem Depot der Präfectur gebracht, unter der Anſchuldigung, ſich nächtlicher Weile mit Hülfe von Nachſchlüſſeln in ein bewohntes Haus eingeſchlichen und ſich hier Drohungen und Gewaltthaten erlaubt zu haben. Bei der Rückkehr von Herrn und Frau von la Ro⸗ chaigue wurde verabredet, daß Erneſtine und Herminie 197 Wohnung der Baronin bis am andern Tag theilen ollten. In dem Augenblick, wo er die Mädchen verließ, ſagte der Buckelige lächelnd zu ihnen: „Ich habe ſeit Kurzem viel gearbeitet.. ich habe die Angelegenheit mit den Verträgen geordnet, und ſie ſollen morgen Abend um fſieben Uhr bei Herminie unter⸗ zeichnet werden.“ „Bei mir! welches Glück!“ rief die Herzogin. „Iſt es nicht gebräuchlich, ſtets bei der Braut zu unterzeichnen?“ ſagte der Marquis abermals lächelnd“ „Und da die Liebe, die Sie verbindet, Sie und Erneſtine beinahe zu Schweſtern macht .. „ „Oh! ganz zu Schweſtern!“ ſagte Fräulein von Beaumesnil. „Wohl! Sie ſind die jüngere Schweſter,“ ſprach der Buckelige, „und die Ehrerbietung fordert es, daß die Ver⸗ träge bei der älteren unterzeichnet werden.“ Zwei Tage nachher traf Herminie wirklich, ſtrahlend, wichtige Vorkehrungen in ihrem zierlichen kleinen Zimmer zur Unterzeichnung der Verträge der reichſten Erbin Frankreichs und der Adoptivtochter des Herrn Mar⸗ quis von Maillefort, Prinzen Herzogs von Haut⸗Martel, eine Adoption, von der die arme Künßtlerin noch nicht un⸗ terrichtet worden war. Die ſieben Tobſünden. I. 14 Meunzehntes Rapitel. Herminie traf nicht allein Vorkehrungen für die Un⸗ terzeichnung ihres Heirathsvertrags und des von Erneſtine; Alles war ebenſo freudig in einer gewiſſen beſcheidenen Wohnung der Batignolles. Der Commandant Bernard, Gerald und Olivier, wollten an dieſem Abend gemeinſchaftlich unter derſelben Laube ſpeiſen, wo mehrere Monate zuvor dieſe Erzählung begonnen hat; man ſollte ſich ſodann zu Herminie begeben, um den Vertrag zu unterſchreiben. Ein herrlicher Herbſtabend begünſtigte den Plan der drei Freunde. Madame Barbangon übertraf ſich ſelbſt; zum Voraus unterrichtet, konnte ſie mit der groͤßten Sorgfalt eine Suppe bereiten, worauf ſaftige Cotelettes, ein gebratenes Huhn und geſchlagene Eier folgten, welche ihre ſchneeige Weiße in einer Vanillecreme badeten. Dieſes bürgerliche Mahl erreichte das nec plus ultra der culinäriſchen Herrlichkeiten von Madame Bar⸗ bangon, doch leider etwieſen, trotz der Vortrefflichkeit dieſes Mahles, die drei Gäſte demſelben nur wenig Ehre, da die Freude ihnen den Appetit benahm, und die Haushälterin verglich in ihrem Schmerz dieſe verzweifelte Appetitlofigkeit mit dem Soldatenhunger, von dem Gerald und Olivier ſo muthig einige Monate vorher, als ſie zweimal von der improvifirten Eſſigtunke aßen, Probe abgelegt hatten. Madame Barbangon hatte das beinahe unberührte Huhn abgetragen; ſie ſtellte auf den Tiſch der Laube die geſchlagenen Eier und ſagte durch die Zähne: „Dieſe Platte werden ſie wenigſtens leeren .. das man ohne Hunger . . . es iſt ein Gericht für Ver⸗ ebte.“ 199 „Teufel! Mama Barbangon,“ ſprach heiter der Com⸗ mandant Bernard, „das iſt eine Schüſſel, die mich an die Schneebänke von Neu⸗Fundland erinnert . . wie ſene daß wir nicht den geringſten Hunger mehr aben.“ „Sehr Schade,“ ſagte Gerald, „denn Madame Bar⸗ bancon hat ſich heute als Großmeiſterin gezeigt.“ „Das ſind geſchlagene Eier, wie man p nie ſieht,“ fügte Olivier bei, „doch wir eſſen ſie wenigſtens mit den Augen.“ Die Haushälterin, welche kaum an dieſe grauſame und letzte Schmach glauben konnte, ſprach mit einer bei⸗ nahe bebenden Stimme: „Die Herren ſcherzen?“ „Scherzen mit einer ſo ernſten Sache wie Ihre geſchla⸗ gene Eler, Mama Barbangon . der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das wagen würde,“ ſagte der Commandant. „Es iſt uns nur, da wir keinen Hunger haben, unmoglich, Ihr Meiſterwerk zu genießen.“ „Durchaus unmöglich,“ wiederholten die zwei jungen Leute. Die Haushälterin ſprach kein Wort; doch ihr zuſam⸗ mengezogenes Geſicht verrieth hinreichend die Heftigkeit ihres Aergers; ſie ergriff krampfhaft einen Teller, legte beinahe die Hälfte des Gerichtes darauf, ſetzte ihn vor den erſtaunten Commandanten und ſagte mit einem Ausdruck unwiderſtehlicher Herrſchaft: „Sie, mein Herr, Sie werden davon eſſen.“ „Aber, Mama BarbanCon .. .“ „Es gibt keine Mama Barbangon, die das aushält; das iſt das zweite Mal, daß ich in zehn Jahren geſchla⸗ gene Eier zu machen Gelegenheit gehabt habe; ich habe ſie zu Ehren der Heirath von Herrn Olivier und Herrn Gerald bereitet. „es gibt kein wenn und aber .. Sie werden davon eſſen.“ Der unglückliche Veteran, der nur feindſelige Geſichter um ſich her ſah, denn Gerald und Olivier, die Verräther, 200 ſchienen die Haushälterin zu unterftützen, der Veteran ver⸗ ſuchte einen gütlichen Vergleich. „Nun! ich werde morgen davon ſen wahrhaf⸗ tig, Mama BarbanCon.“ „Als ob ſich geſchlagene Gier aufbewahren ließen!“ verſetzte die Haushälterin, die Achſeln zuckend. „Ich kann aber nicht. „Sie werden auf der Stelle davon eſſen.“ „Aber bei des Teufels Hörnern!“ rief der Veteran, „ich kann mich doch nicht zerberſten machen . . . um. „Sie zerberſten! . mit geſchlagenen Eiern, vie ich bereitet habe!“ rief die Haushälterin mit einer Bitter⸗ keit und einem Schmerz, als ob ihr der Commandant eine tödtliche Beleidigung geſagt hätte, „Sie zerberſten! Ah! nach zehn Dienſtjahren und an einem ſo ſchönen Tag, wie heute, wo Herr Olivier eine Frau nehmen ſoll, erwartete ich nicht, daß man mich ſo behandeln würde.“ Und die gute Frau fing an zu ſchluchzen. „Ah! nun kommen gar Thränen,“ ſprach der Ve⸗ teran, „wahrhaftig, meine Liebe, bei meinem Ehrenwort, Sie ſind toll.“ „Sie zerberſten!!!, Ah! ich werde dieſes Wort lang auf dem Herzen haben.“ „Seien Sie zufrieden, ich eſſe davon, ſehen Sie, ich eſſe,“ ſprach der unglückliche Commandant, indem er ha⸗ ſtig ein paar Löffel voll verſchluckte, „fie ſind vortrefflich, gulich⸗ „Ihre geſchlagenen Eier . . . find Sie nun zu⸗ frieden?“ „Nun, ja, Herr, das befriedigt mich,“ erwiederte die Haushälterin, ihre Thränen trocknend, „eine ſo gute Ereme, ſo daß ich, während ich ſie bereitete, zu mir ſagte: ich muß mein Recept der kleinen Frau von Herrn Olivier geben; nicht wahr, Herr Olivier?“ „Gewiß, Madame Barbancon, Fräulein Erneſtine, ich bin es feſt überzeugt, wird eine gute Hausfrau ſein.“ „Und die Gurken, die ich ſie einmachen lehre . grün wie eine Wieſe, krachend wie Haſelnüſſe .. ſeien 201 Sie unbeſorgt, Herr Olivier, Sie werden ſehen, was für gute kleine Fleiſchgerichte wir Ihnen machen, wir Zwei, Ihre Frau und ich.“ Gerald, dem Herr von Maillefort das Geheimniß der doppelten Perſon von Fräulein von Begumesnil hatte an⸗ vertrauen müſſen, Gerald konnte ſich des Lachens nicht enthalten bei dem Gedanken, wie Madame Barbangon ihre Recepte der reichſten Erbin Frankreichs mit⸗ theilen würde. „Sie lachen, Herr Gerald?“ ſagte die Haushälterin, „glauben Sie etwa, meine Recepte? .. „Beruhigen Sie ſich, Madame Barbancon, ich glaube an Ihre Recepte wie an das Evangelium; ich lache, weil ich zufrieden bin. Was wollen Sie? an einem Hochzeit⸗ tag iſt das ſo natürlich!“ „Ei!“ erwiederte Madame Barbangon mit einer dü⸗ ſteren, geheimnißbollen Miene, „man hat Ungeheuer ge⸗ ſehen, die an ihrem Hochzeittag nur um ſo wilder waren.“ „Ah bah!“ „Hören Sie, Herr Gerald, wiſſen Sie, wie er ſich am Tag ſeiner Verheirathung mit Marie Louiſe benom⸗ men hat . der Ruchloſe!“ (Madame Barbangon hielt es für überflüſſig, den Gegenſtand ihrer Verwünſchung mit dem Namen zu bezeichnen). „Laſſen Sie hören, Mama Barbancon,“ ſprach der Commandant Bernard, „hernach geben Sie uns den Kaffee denn es iſt bald ſechs Uhr.“ „Nun wohl! derjenige, welchen Sie ſo ſehr lieben, war an dem Tage ſeiner Verheirathung mit Marie Louiſe ſchlimmer als ein Tiger gegen den guten kleinen König von Rom, der, ſeine Händchen faltend, mit ſeiner ſanften, ſchwa⸗ chen Stimme zu ihm ſagte: „„Papa Kaiſer, verlaſſe die arme Mama Joſephine nicht.““ „Ah! ſehr gut, ich verſtehe,“ ſprach Gerald mit der größten Kaltblütigkeit, „Sie ſprechen vom König von Rom, dem Sohn von Joſephine?“ „Gewiß, Herr Gerald, doch das iſt noch nichts in 202 Vergleichung mit dem, was unſer Ruchloſer dem heiligen Vater auf den Stufen des Hauptaltars von Notre Dame zu thun gewagt hat.“ „Ah! Teufel!“ „Und was denn?“ „Es ſcheint,“ ſprach Madame Barbangon mit. ſpruch⸗ reichem Tone, „es ſcheint, bei den Krönungen haben die Päpſte die Eitelkeit (i! im Ganzen ſchaut die Katze den Biſchof an,“ fügte die Haushälterin als Parentheſe bei), „die Päpſte haben die Eitelkeit, die Krone zu nehmen und ſelbſt auf den Kopf der Anderen zu ſetzen, wenn ſie dieſe krönen; Sie können ſich denken, wie das Ihren Buv⸗ naparte ärgerte, der ſchon wüthend war, daß er mitten im Carouſſel, vor ſeinen Verdarmten vor der alten Garde, dem Papſt den Pantoffel küſſen mußte; doch er hat ihn geküßt, der Ruchloſe, er mußte es wohl, ſonſt hätte ihm das rothe Männchen, das gegen Ruſtan und für den Papſt war, in der Nacht den Hals umgedreht.“ „Dem Papſt?“ 8 „Ruſtan?“ „Nein, meine Herren, nein, Buonaparte. Doch gleich⸗ viel, in dem Augenblick, wo ihn unſer heiliger Vater krö⸗ nen ſollte, reißt mein verruchter corſicaniſcher Wehrwolf als ein grober Burſche, wie er war, die Krone dem heili⸗ gen Vater aus den Händen, ſetzt ſich mit einer Hand auf den Kopf und ſchlägt mit der andern dem heiligen Vater die Mütze ein, als wollte er zum franzöſiſchen Volk ſagen: Eingeſchlagen die Religion, die Geiſtlich⸗ keit und Alles. .. nur mich darf man auf den Knieen anbeten . . . ſo daß durch den Gegenſchlag der arme heilige Vater mit ſeiner eingeſchlagenen Mütze über den Augen auf die Stufen des Altars fiel und in lateiniſcher Sprache der Vorſehung dankte .. Oh! Lamm von einem Menſchen! Damit wollte ich Ihnen ſagen, Herr Olivier,“ fügte die Haushälterin in Form eines Schluſſes und der Moral bei, „ich wollte Ihnen ſagen, daß es cor⸗ ſicaniſche Wehrwölfe gibt, welche die Hochzeit nur noch 203 wilder macht, während ich feſt überzeugt bin, daß Sie und Herrn Gerald die Hochzeit mit artigen Weibchen, wie die Ihrigen ſein müſſen, noch viel artiger machen wird.“ Hienach beeilte ſich die Haushälterin, den Kaffee zu holen und aufzutragen, während der Commandant Ber⸗ nard ſeine Kummer⸗Pfeife ſtopfte. Auf die Heiterkeit, welche die Geſchichte von Madame Barbancon hervorrief, folgte bei dem alten Seemann und bei den zwei jungen Leuten eine Ordnung höherer Ge⸗ danken. „Dieſe Frau,“ ſprach Gerald, „dieſe brave Frau hat trotz ihrer ungereimten Geſchichten inſofern Recht, als fie ſagt, unſere Heirath werde das, was Gutes in uns liegt, vermehren. . Mir ſcheint, das muß ſo ſein, nicht wahr, Olivier?“ Als Gerald aber ſah, daß ſein Freund in eine Art von Träumerei verſunken war, legte er ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und fragte: „Woran denkſt Du, Olivier?“ „Ich denke daran, mein guter Gerald, daß wir vor ſechs Monaten an eben dieſem Tiſch ſaßen, wo ich zum erſten Mal mit Dir von dem reizenden jungen Mädchen, genannt die Herzogin, ſprach, und wo Du lachend zu mir ſagteſt: „„Bah! die Herzoginnen ich kenne nichts Anderes ich habe genug daran! .. .““ Und nun iſt ſie durch Dich wirklich Herzogin, und zwar Herzogin von Senneterre ... Wie ſeltſam ſind doch die Geſchicke!“ „Ihr habt Recht, meine armen Kinder,“ ſprach der alte Seemann; „es liegt ein großer Reiz in einem Blick, den man auf die Vergangenheit wirft, wenn die Gegen⸗ wart glücklich iſt. Wer mir vor ſechs Monaten geſagt hätte, mein braver Olivier würde ein artiges, muthiges Geſchöpf heirathen, das mir vas Leben mit Gefahr des ſeinigen gerettet?“ „Und wer geſagt hätte,“ fügte Gerald bei, indem er Olivier aufmerkſam anſchaute, „Fräulein von Beaumes⸗ nil, von welcher wir ſo oft ſprachen, und mit der man 204 Heirathspläne für mich hatte, würde ſich in Olivier ver⸗ lieben?“ „Sprechen wir nicht mehr von dieſer Thorheit, Ge⸗ rald,“ erwiederte lachend der junge Officier, „die Laune eines verzogenen Kindes, eine Laune, welche eben ſo ſchnell, als ſie gekommen, vorübergegangen wäre.“ „Du täuſcheſt Dich, Olivier,“ ſagte Gerald mit ern⸗ ſtem Ton, „ich habe Gelegenheit gehabt, Fräulein von Beaumesnil zu ſehen und mit ihr zu reden; ich verſichere Dich, daß ſie, obgleich nicht älter, als Deine liebe, rei⸗ zende Erneſtine, doch durchaus kein launenhaftes, verzoge⸗ nes Kind iſt, ſondern vielmehr ein Mädchen voll Vernunft und Geiſt.“ „Meiner Anſicht nach,“ ſagte heiter der Commandant Bernard, „iſt Fräulein von Beaumesnil wenigſtens ein Mädchen von ſehr gutem Geſchmack, da ſie meinen Oll⸗ vier zum Mann haben wollte . doch es war zu ſpät, der Platz war ſchon von unſerer lieben kleinen Erneſtine eingenommen, welche allerdings keine Millionen mit der Schaufel umzukehren hat, wohl aber das muthigſte Herz befitzt, das ich kenne.“ „Ja, Sie haben Recht, mein Oheim,“ ſprach Olivier, „der Platz war eingenommen, oh! ſehr eingenommen .. und wäre dies nicht der Fall geweſen . ..“ „Was willſt Du ſagen?“ unterbrach ihn Gerald, der ſeinen Freund mit wachſender Aufmerkſamkeit anſchaute, zwarum hätteſt Du, wenn Dein Herz frei geweſen wäre, Fräulein von Beaumesnil nicht geheirathet?“ „Stille, Gerald, Du biſt ein Narr.“ „Warum?“ „Erinnere Dich doch deſſen, was Du ſelbſt hier an dieſem Tiſche vor einigen Monaten ſagteſt: wenn ein ge⸗ waltig reicher Mann ein armes Mädchen heirathe, weil es reizend und ſeiner würdig ſei, ſo billige es alle Welt; wenn aber ein Mann, der nichts habe, eine Frau heirathe, die ihm ein ungeheures Vermögen bringe, ſo ſei diſs 205 ſchmählich. Sind das nicht die Worte von Gerald, mein Oheim?“ „Ganz genau, mein Junge.“ „Einen Augenblick Geduld,“ rief Gerald, der unwill⸗ kührlich eine lebhafte Unruhe offenbarte, erinnere Dich auch, Olivier, daß Du, um meine Bedenklichkeiten in Be⸗ ziehung auf Fräulein von Beaumesnil zu überwinden, zu mir ſagteſt: „„Es iſt klar, daß, wenn Du trotz ihres un⸗ geheuren Vermögens dieſe junge Perſon ebenſo aufrichtig liebſt, als Du ſie, wenn ſie arm und ohne Namen gewe⸗ ſen wäre, geliebt hätteſt, ſelbſt die argwöhniſchſte Empfind⸗ lichkeit eine ſolche Heirath nur billigen könnte.““ Ich frage Sie ebenfalls, mein Commandant, ob dies nicht die An⸗ ſicht von Gerald geweſen iſt, die Sie ſogar theilten?“ „Es iſt wahr, Herr Gerald, und nichts konnte ver⸗ nünftiger und richtiger ſein, als dieſe Anſicht; doch Gott ſei Dank! wir brauchen nicht abermals dieſe ſo zarte Frage zu unterſuchen. Olivier hat als redlicher Mann gehandelt, indem er dieſe Millionärheirath ausſchlug, weil er anderswo liebte; das iſt gut, aber es iſt ganz einfach, und weder Sie, noch ich, nicht wahr, Herr Gerald, wer⸗ den uns darüber wundern, da Sie, wie Olivier, eine Hei⸗ rath aus Liebe machen.“ „Oh! aus Liebe, das iſt das richtige Wort,“ ſprach der junge Officier mit einem Herzensguß, „Erneſtine iſt ſo ſanft, ſo gut, ſo geiſtreich in ihrer Naivetät, und dann iſt das arme Kind ſo dankbar dafür, daß ein vornehmer Herr, wie ich, ſie heirathen will,“ fügte Olivier lächelnd bei; „und wenn Du wüßteſt, Gerald, welchen entzückenden Brief ſie mir geſtern geſchrieben hat, um mir zu ſagen, ihre Verwanvtin gebe ihre Einwilligung zu Allem, und wenn ich meine Abſichten nicht geändert habe, ſo würde der Vertrag heute unterzeichnet! . . . Nichts kann ſo ein⸗ fach und dennoch ſo zart und rührend ſein, als dieſer Brief, in welchem auf jeder Zeile eine ausgezeichnete Ge⸗ mütheart durchſchimmert . . . Erneſtine iſt übrigens nur ſo, 206 wie ich ſie von Anfang nach ihrer Phyſiognomie beurtheilt habe.“ * „Man kann keine anziehendere ſehen,“ ſprach der alte Seemann. „Nicht wahr, mein Oheim? Es herrſcht allerdings keine Regelmäßigkeit in ihren Zügen; . .. doch welch ein ſanfter Blick, welches reizende Lächeln, mit ihren hübſchen weißen Zähnen und dann ihre ſchönen braunen Haare, ihr zierlicher Wuchs, und ihre klelne Hand, und ihr Fuß, ſo niedlich, daß man ihn in der Hand halten kann.“ „Olivier, mein Junge,“ ſagte der Seemann, die Uhr ziehend, „durch das fortwährende Sprechen von Deiner Geliebten vergiſſeſt Du die Stunde, in der Du mit ihr zuſammentreffen ſollſt, abgeſehen davon, daß Herr Gerald Zeit braucht, um ſich zu ſeiner Mutter zu begeben, mit der er zu Fräulein Herminie zurückkehren wird.“ „Wir werden Zeit haben, mein Commandant,“ ſprach Gerald, „doch ich kann Ihnen nicht ſagen, wie glücklich ich mich fühle, Olivier ſo verliebt zu ſehen, ſo auf jede Weiſe in ſeine Erneſtine verliebt.“ „Oh! auf jede Weiſe, mein guter Gerald, nicht zu rechnen, daß ich ſie auch leidenſchaftlich liebe, weil ſie die beſte Freundin Deiner muthigen Herminie iſt.“ „Hore, Olivier,“ ſagte Gerald, „man könnte närriſch werden, wenn man an ſo viel vereinigtes Glück, an eine ſolche Seligkeit nach ſo vielen Schwierigkeiten, nach ſo vielen Hinderniſſen denkt.. Ah! mein Freund, mein Bruder, wir können wohl ſagen, daß wir zwei Schweſtern heirathen, oder daß ſie zwei Brüder heirathen, und bei dieſem Ge⸗ danken kommen mir, meiner Treue unwillkührlich die Thränen in die Augen. Auf, Olivier, umarme mich es iſt beſſer, wenn dies hier ausbricht. . . Wir würden zu albern vor den älteren Verwandten ausſehen.“ Die zwei jungen Leute umarmten ſich mit einer brü⸗ derlichen Zärtlichkeit, während der Commandant Bernard, der den Ernſt des älteren Verwandten behaupten wollte, 207 die Bewegung ſeines Innern dadurch verbarg, daß er ſeine Pfeife mit ſeltſam haſtigen Zügen rauchte. Gerald entfernte ſich in aller Eile, um ſeine Mutter aufzuſuchen und ſich mit ihr zu Herminie zu begeben. Olivier und der alte Seemann ſchickten ſich an, weg⸗ zugehen, als ſie von Madame Barbangon aufgehalten wurden, welche mit gezählten Schritten herbeikam und, auf die flachen Hände gelegt, aus Furcht ſie zu beſchmutzen, eine herrliche, ſorgfältig gefaltete und durch die Stärke furchtbar ſteife weiße Halsbinde hielt. „Was Teufels iſt das, Mama Barbangon?“ ſagte der Veteran, der ſchon Hut und Stock genommen hatte. „Mein Herr,“ antwortete die gute Haushälterin mit inniger Freude, „es iſt eine Halsbinde für Sie, eine kleine Ueberraſchung, die ich Ihnen durch meine Erſparniſſe zu bereiten mir erlaubt habe. Denn Sie haben nur Ihre alte ſchwarze Halsbinde an dieſem Tag anzuziehen, an dieſem ſchönen Tag . .. und ich dachte. .. daß .. .“ Die würdige Frau vollendete, unendlich gerührt bei dem Gedanken an die Heirath von Olivier, nicht und zer⸗ floß in Thränen. Der alte Seemann, obgleich er in ſeinem Innern ſich der Idee, ſeinen Hals in dieſen Stoff, der ſo ſteif war wie Pappendeckel, einzuzwängen, widerſetzte, war ſo gerührt von dieſer Aufmerkſamkeit ſeiner Haushälterin, daß er mit be⸗ wegtem Tone zn ihr ſagte: „Ah! Mama Barbangon . . . Das find Thorheiten .. ich muß Sie zanken!“ „Es iſt an den vier Ecken ein Jund ein B, Jacques Bernard, hineingeſtickt,“ ſagte die Haushälterin, indem ſie mit einem gewiſſen Stolz auf die Stickerei aufmerkſam machte. „Es iſt wahr, es iſt wahr, die Anfangsbuchſtaben meines Namens; ſieh doch, Olivier,“ ſagte der gute Mann, entzückt von dieſer Aufmerkſamkeit, und er fügte bei: „Bravo, gute Frau wahrhaftig, das macht mir Vergnügen, großes Vergnügen.“ 208 „Oh! ich danke, Herr,“ ſprach Madame Barbangon ganz bewegt, ganz freudig, als ob ſie die großmüthigſte Belohnung erhalten hätte; dann rief ſie: „Doch es iſt ſpät... halb ſieben Uhr vorüber .. geſchwinde, ich will ſie Ihnen anziehen ..“ „Anziehen, was, Mama Barbangon?“ „Die Halsbinde, Herr . . .“ „Mir! der Teufel ſoll mich, wenn ich ..“ Auf einen flehenden und bezeichnenden Blick von OHlivier bedachte der alte Seemann, welchen Kummer er ſeiner Haushälterin bereiten würde, wenn er ſich weigerte, ſich mit ihrem Geſchenk zu ſchmücken; andererſeits hatte der gute Mann in ſeinem ganzen Leben keine weiße Cra⸗ vate angezogen, und er zitterte bei dem Gedanken an ein ſolches Halseiſen. Doch ſeine natürliche Gutmüthigkeit trug den Sieg davon; er unterdrückte einen Seufzer, uberließ ſeinen Hals Madame Barbangon und ſprach, um ſeinen Satz auf eine für ſeine Haushälterin ſchmeichelhafte Weiſe zu endigen: „Ich wollte ſagen: der Teufel ſoll mich holen, wenn ich es Mama Barbangon abſchlage; doch das iſt zu ſchön für mich.“ „Es gibt nichts, was zu ſchön für einen ſolchen Tag wäre,“ ſagte die Haushälterin, während ſie vollends die Binde um den Hals ihres Herrn ordnete; „es iſt ſehr Schade, daß Sie, um Staat zu machen, nur dieſen alten blauen Frack haben, der von ſieben Jahren her datirt . . . Doch mit Ihrem ſchönen Kreuz des Officiers der Ehren⸗ legion, mit dieſer neuen Roſette und hübſcher Wäſche,“ fügte die Haushälterin bei, welche ſich gar ſehr in ihrem Werke geſiel, und den zwei Enden der Halsbinde derge⸗ ſtalt einen freien Aufſchwung gab, daß ſie wie zwei rieſige Haſenohren emporſtanden; „ja,“ fuhr ſie fort, „mit ſchöner, zierlich angelegter Wäſche braucht man ſich neben Nie⸗ mand zu ſchämen. Ah! Herr,“ fügte ſie bei, indem ſie einige Schritte zurückwich, um die Wirkung der Halsbinde 7 209 beſſer zu beurtheilen, „das verjüngt Sie um zwanzig Jahre, mit Ihrem friſch rafirten Bart, nicht wahr, Herr Olivier? . Und dann macht ſich das ſo wohlhabend, bei meinem Ehrenwort. . und ſie ſehen aus wie ein Notar, der ſich aus den Geſchäften zurückgezogen.“ Der unglückliche Commandant, deſſen Hals in die Cravate eingezwängt war, die ihm bis an die Mitte der Backen ging, ſtellte ſich vor einen kleinen Spiegel, welcher über dem Kamin ſeines Zimmers angebracht war, und es iſt nicht zu leugnen, der würdige Mann verſöhnte ſich ganz und gar mit der weißen Halsbinde, deren Knoten mit ſeinen Haſenohren ihm beſonders gut auszuſehen ſchien; er lächelte ſich beſcheiden zu und ſprach: „Es iſt Schade, daß einen das hindert, den Kopf umzudrehen; doch wie Mama Barbangon ſagt,“ fügte er mit einer ſchwachen Färbung von Geckenhaftigkeit bei, „es ſieht ziemlich wohlhabend und ein wenig rentiermäßig aus.“ Und der alte Seemann fuhr, meiner Treue! ſehr durch ſeine weißen, bürſtenartig geſchnittenen aare. „Mein Oheim,“ rief Olivier mit der Ungeduld des Verliebten, „es iſt drei Viertel auf ſieben Uhr.“ „Auf, mein Junge, gehen wir . . . Mama Barbancon, geben Sie mir meinen Stock und meinen Hut,“ ſprach der alte Seemann, der ſich in einem Zuge umdrehte, denn er befürchtete, die Oekonomie des herrlichen Knotens mit den Haſenohren in Unordnung zu bringen. Der Abend war herrlich, der Weg von den Batignolles nach der Rue de Mornceau ſehr kurz. Der Commandant Bernard und Olivier begaben ſich beſcheiden zu Fuße zu Herminie. Zum Glück drückte die unwillkührliche Bewegung des Gehens die rebelliſchen Falten der furchtbaren Halsbinde des Commandanten zuſammen, und wenn er weniger wohlhabend, weniger rentiermäßig ausſah, als er bei Herminie einzutreten im Begriff war, ſo that doch 210 mindeſtens nichts in dem mehr als beſcheibenen Anzug des Commandanten dem edlen Ausdruck ſeines männlichen und redlichen Geſichtes Eintrag. „ Bwanzigſtes Rapitel. Am Abend dieſes Tages, wo der doppelte Heiraths⸗ vertrag unterzeichnet werden ſollte, kam Herr Bouffard, der Eigenthümer des Hauſes, wo Herminie, ſeine Pia⸗ niſtin (wie er poſſeſſive ſagte, ſeitdem das Mädchen Fräu⸗ lein Cornelia Unterricht in der Muſik gab), kam Herr Bouffard nach ſeinem Mittageſſen in das Haus der Her⸗ zogin, um, nach dem Ausdruck dieſes würdigen Vertreters des geſetzlichen Landes, ſeine Hauptrunde zu machen, denn der Verfall des Termins vom October nahte heran. Es war ungefähr halb ſieben Uhr Abends. Herr Bouffard, der vertraulich in der Loge von Ma⸗ dame Muufflon ſaß, erkundigte ſich bei ihr, ob die ver⸗ ſchiedenen Miethsleute beim Herannahen des Ziels gut röchen. Rothwälſch der Hauseigenthümer: ob die Mieths⸗ leute beim Herannahen der unſeligen Verfallzeit nicht un⸗ ruhig ausſähen.) „Nein, Herr Bouffard,“ ſagte Madame Muufflon, „fie riechen nicht zu übel; nur der kleine Dritte ..“ „Nun! der kleine Dritte?“ fragte Herr Bouffard ängſtlich. „Als er vor drei Monaten hier einzog, war er grob wie Gerſtenbrod. und je näher das Ziel kommt, deſto hoͤflicher wird er gegen mich. Oh! er iſt von einer ekel⸗ haften Höflichkeit.“ 211 „Sie müſſen mir dieſen Burſchen überwachen, und zwar mit ſcharfem Auge, Mutter Muufflon, das iſt ver⸗ dächtig.. Ah! wie Schade, daß der ſchöne junge Mann, der das Ziel für meine Pianiſtin bezahlt hatte, nicht bei dem kleinen Dritten anbeißen wollte, er wäre nicht...“ Herr Buuffard vollendete nicht. Plötzlich erſchollen drei Schläge mit dem Klopfer ſo geräuſchvoll am Thor⸗ weg, daß Madame Moufflon und ihr Herr von ihren Stühlen aufſprangen. „Ah! ah!“ ſagte Herr Bouffard, „das iſt geklopft, wie ich ſelbſt nicht zu klopfen wagen würde, ich, der Eigen⸗ thümer meines Hauſes. Wir wollen doch ein wenig ſehen, wer dieſer Ungezwungene iſt?“ fügte Herr Byuffard bei und trat auf die Thürſchwelle der Loge, während die Por⸗ tiere die Schnur zog. „Das Thor, wenn's beliebt!“ rief eine Stentor⸗ ſtimme. Und indem er die kleine Thüre wieder zuzog, ſchien der Mann mit der Stentorſtimme ſo anzukündigen, daß man die zwei Flügel des Thorwegs öffnen müſſe, um einen Wagen einzulaſſen. Erſtaunt über dieſe Neuerung blieben Herr Bouffard und ſeine Portiére unbeweglich und mit aufgeſperrtem Mund, als ſie plötzlich aus dem Halbſchatten des Ge⸗ wölbes einen weiß gepuderten Bedienten mit der Geſtalt eines Tambourmajor, in einer mit Galonen beſetzten hell⸗ blau und jonquillenfarbigen Livree hervortreten ſahen. „Vorwärts. .. raſch das Thor geöffnet,“ ſagte un⸗ geſtüm der galonirte Rieſe. Herr Buuffard war ſo verblüfft, daß er ſich tief vor dem großen Lackei verbeugte. Dieſer aber rief: „Ah! wird das Thor wohl endlich geöffnet werden? Das iſt eine alberne Manier . . . Der Prinz wartet. . .“ „Der Prinz!“ rief Herr Bouffard, ohne ſich von der 212 Stelle zu rühren; und er verbeugte ſich abermals und noch tiefer vor dem großen Lackei. In dieſem Augenblick erſcholl ein neues, nicht minder gebieteriſches Klopfen. Madame Moufflon zog mit einer automatiſchen Be⸗ wegung die Schnur, wie ſie dieſelbe ſchlafend zog, und eine neue Stimme rief aus dem Hintergrund des Ge⸗ wölbes: „Das Thor. wenn's beliebt?“ Dann wandte ſich ein anderer Bedienter, der grün und amarantrothe Livree mit goldenen Galonen trug, nach der Loge, vor der er einen Collegen erkannte, denn er ſagte zu ihr: „Ah! Lorrain, Du biſt es?.. Ich habe ven Wagen Deines Herrn geſehen.. Nun! öffnet man nicht? Ah! find die Portiers hier in Stroh gewickelt?“ „Es iſt wahr, man ſollte glauben; ſie hätten Augen von Glas. Schau ſie doch an, ſie rühren ſich nicht.“ „Das iſt ſchön!“ ſagte der andere Lackei, „die Frau Herzogin wird nicht ungeduldig werden, ſie, die .. ſo viel Geduld hat!“ „Die Frau Herzogin?“ verſetzte Herr Byuffard, im⸗ mer mehr verblüfft, aber ſtets unbeweglich. „Ah! Gottes Donner! werdet Ihr wohl endlich ein⸗ mal öffnen?“ rief einer von den Lackeien. „Aber, mein Herr, zu wem wollen Sie denn vor Allem?“ fragte Herr Bouffard, aus ſeinem Erſtaunen heraustretend. „Zu wem verlangen Sie?“ „Zu Fräulein Herminie,“ antwortete der große Lackel mit einer gewiſſen Ehrerbietung für die Perſon, die ſein Herr beſuchen wollte. „Ja, zu Fräulein Herminie,“ fügte der Andere bei. „Die kleine Thüre unter dem Gewölbe, linker Hand,“ ſagte die Portiére. „Ich will öffnen.“ „Ein Prinz. eine Herzogin . . bei meiner Pianiſtin.“ 2¹³ Bald vernahm man neues, diesmal beinahe wüthendes Klopfen; Madame Moufflon zog die Schnur, und ein Bedienter in brauner Livree, mit himmelblauem Kragen, vermehrte dieſe Anhäufung von Lackeien und rief: „Iſt man denn hier taub oder tovt? Das Thor ge⸗ öffnet, he! das Thor!“ Herr Bouffard faßte ganz beſtürzt einen heldenmü⸗ thigen Entſchluß. Während die Portisre ſich anſchickte, bei Herminie ihre ariſtokratiſchen Beſuche zu melden, entſchloß ſich der Erſpezereihändler, die zwei Flügel des Thorwegs zu öffnen, und er hatte kaum Zeit, ſich an die Mauer zu drücken, um nicht von der breiten Bruſt zweier großer, herrlicher, an ein zierliches Coupé geſpannter Grauſchimmel getroffen zu werden, welche ungeſtüm eintraten und, geſchickt geführt von einem dicken Kutſcher mit Perücke, auf ein Zeichen von einem der Bedienten, welcher vor der Thüre von Her⸗ minie ſtand, anhielten. Ein kleiner Buckeliger und ein beleibter Mann, Beide ſchwarz gekleidet, ſtiegen aus dieſem funkelnden Wagen aus, und Madame Muufflon beeilte ſich, der Pianiſtin von Herrn Bouffard zu melden: „Herr Lervi, Notar!“ „Der Herr Prinz Herzog von Haut⸗Martel!“ Kaum war der erſte Wagen aus dem Hof gefahren, als eine ſehr ſchöne, mit Wappen verzierte Berline ein⸗ fuhr; zwei Frauen und ein junger Mann ſtiegen aus dieſem Wagen aus, und Madame Muufflon, die im Schlaf zu wandeln glaubte, meldete abermals der Pianiſtin von Herrn Bouffard: „Die Frau Herzogin von Sennelerre! „Fräulein Bertha von Senneterre! „Der Herr Herzog von Senneterre!“ Ein eleganter Brougham folgte auf die zwei erſten Wagen, eine neue Perſon ſtieg aus, und Madame Muuff⸗ lon meldete: Die ſieben Todſünden. 11I. 15 „Der Herr Baron von la Rochaigue.“ Einige Minuten nachher führte die Portiére bei Her⸗ minie minder ariſtokratiſche Perſonen ein: „Der Herr Commandant Bernard! „Herr Olivier Raimond! „Fräulein Erneſtine Vert⸗Puits! „Madame Lainé!“ Die zwei zuletzt genannten Perſonen waren beſcheiden in einem Fiacre gekommen. Hienach kehrte Madame Moufflon zu ihrem Herrn zurück, der, große Tropfen ſchwitzend, ſo lebhaft war ſeine Neugierde erregt worden, unter dem Gewölbe ſeines Thor⸗ wegs auf⸗ und abging und zu ſich ſagte: „Mein Gott! mein Gott! was können denn bei meiner Pianiſtin dieſe vornehmen Herren und dieſe hohen Damen machen? Was denken Sie davon, Mutter Moufflon?“ „Mein Herr, ich bin vor Allem ſo verblüfft, daß ich ſechsunddreißig Lichter ſehe; ich befürchte einen Blutſchlag und will meinen Kopf in das Handfaß ſtecken, um mich zu erholen. Beliebt auch vielleicht?“ „Ich habe es,“ rief der Erſpezereihändler triumphirend, zes iſt ein Concert .. meine Pianiſtin gibt ein Concert!“ „Ah! ja wohl!“ erwiederte die Portiére, „als ich das letzte Mal meldete, ſah ich, daß die Damen ihre Mantillen auf das gut geſchloſſene Klavier legten, und daß Anweſenden im Kreis aufgeſtellt waren, während der otar. . „Welcher Notar? . Es iſt ein Notar dabei?“ „Ja, mein Herr, und zwar ein herrlicher! ein dicker, ſtarker Mann; er hat zweimal ſo viel Bauch als Sie, und ich meldete ſelbſt: Herr Lervi, Notar; er ſitzt am Tiſch von Fräulein Herminie, Papiere vor ſich, und auf jeder Seite eine Kerze, wie ein Taſchenſpieler.“ „Vielleicht iſt es einer!“ rief Herr Buuffard, „oder wohl ein Kartenſchläger.“ 2¹⁵ „Ich ſage Ihnen aber, daß ich ihn als Notar ge⸗ meldet habe.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der Erſpezereihändler an den Nägeln kauend, „es iſt wahr Gleichviel, ich bleibe die ganze Zeit hier, und werde vielleicht im Vorübergehen, wenn ſie ſich wieder entfernen, etwas ergattern.“ Und Herr Bouffard ſing wieder an vor der Loge der Portiere auf- und abzugehen. Nie war, wie man ſich denken kann, eine glänzendere Geſellſchaft in dem beſcheidenen Zimmer von Herminie verſammelt geweſen. Die Künſtlerin genoß ein großes Glück, indem ſie die unerwartete Entwickelung einer durch ſo viele Prüfungen erſchwerten Liebe betrachtete; was ihr aber die unausſprech⸗ lichſte Gemüthsbewegung bereitete, war der Umſtand, daß ſie Fräulein Bertha von Senneterre, die Schweſter von Gerald, die älteſte Tochter der Herzogin, bei ſich empfing. „Ah! Madame,“ ſagte Herminie mit erſchütterter Stimme und die Augen in Thränen gebadet, denn ſie be⸗ griff die außerordentliche Zartheit des Benehmens der Mutter von Gerald; konnte dieſe ihr eine ſtärkere Genug⸗ thuung für ihre Worte am Tage vorher bieten, als wenn ſie ihre Tochter zu Herminie führte? „Ah! Madame,“ wiederholte die junge Künſtlerin, „Fräulein von Senneterre hier zu ſehen, wäre mein innigſter Wunſch geweſen, wenn ich auf dieſe Ehre zu hoffen gewagt hätte.“ „Bertha nimmt zu viel Antheil an dem Glück ihres Bruders, um nicht eine der Erſten ihre liebe Schwägerin begrüßen zu wollen,“ erwiederte Frau von Senneterre mit dem liebevollſten Ton. Dann ſagte Fräulein von Senneterre, eine reizende Perſon, denn ſie glich ungemein Gerald, mit einer be⸗ zaubernden Liebenswürdigkeit: „Ja, mein Fräulein, es lag mir daran, Sie zuerſt zu begrüßen . . . und beſonders Ihnen zu danken . . . denn mein Bruder iſt ſehr glücklich! und ich weiß es, ich ſehe es er hat tauſend Gründe, glücklich zu ſein!“ „Mein Fräulein, ich müßte noch würdiger ſein, Herrn von Senneterre das einzige Familienglück zu bieten, das ihm fehlt,“ ſprach Herminie. Und indeß die zwei Mädchen, liebevolle Worte aus⸗ tauſchend, dieſe kleine Scene verlängerten, während welcher Herminie eine Probe von vollkommenem Takt, von aus⸗ gezeichneten Manieren und einer anmuthreichen, beſchei⸗ denen Würde ablegte, ſagte der Buckelige, immer mehr von ſeiner Adoptivtochter entzückt, leiſe zu Frau von Senne⸗ terre, indem er mit einem Blick die junge Künſtlerin be⸗ zeichnete: „Nun! ſprechen Sie offenherzig, kann man ſich unter allen Umſtänden beſſer benehmen?“ „Das iſt unerhoͤrt. ſie hat den beſten und vor⸗ nehmſten Anſtand der Welt, mit einer wahrhaft bewun⸗ derungswürdigen Maßhaltung; was ſoll ich Ihnen ſagen, Marquis,“ fügte naiv und gewiſſenhaft Frau von Senne⸗ terre bei, „ſie iſt eine geborene Herzogin.“ „Und was denken Sie von dem Bräutigam von Fräulein von Beaumesnil . . . vem vertrauten Freund und Waffengefährten von Gerald?“ „Sie ſtellen mich auf eine harte Probe, Marquie,“ antwortete Frau von Senneterre, einen Seufzer unter⸗ drückend; „doch ich bin genöthigt, zuzugeben, daß er ein reizender Mann von äußerſt anſtändiger Tournure iſt; es findet beinahe kein Unterſchied zwiſchen dieſem Herrn und einem Mann unſerer Geſellſchaft ſtatt. .. Wiſſen Sie, daß es unglaublich iſt, wie ſich dieſe Claſſen abhobeln, entſchmutzen! Ah! Marquis! Marquis! ich weiß nicht, wohin es mit uns kommen wird.“ „Es wird dahin kommen, daß wir die Verträge un⸗ terzeichnen, meine liebe Herzogin, doch ich bitte Sie,“ fügte er ganz leiſe zu Frau von Senneterre ſprechend, bei, „nicht ein Wort, das den Freund von Gerald ahnen laſſen könnte, dieſes arme kleine Mädchen im Wollenmoußſelinekleid ſei Fräulein von Beaumesnil.“ „Seien Sie ruhig, Margquis, obgleich mir dies unbe⸗ 217 greiflich vorkommt, werde ich doch ſchweigen. Bin ich nicht verſchwiegen in Beziehung auf die Adoption von Herminie geweſen ?. .. Selbſt mein Sohn weiß nichts davon; doch alle dieſe Geheimniſſe werden ſich wohl beim Vorleſen der Verträge, was nun ſtattfinden ſoll, auf⸗ klären müſſen .. .“ „Das iſt meine Sache, meine liebe Herzogin,“ er⸗ wiederte der Buckelige, „ich bitte Sie nur das Geheimniß zu bewahren, bis ich Sie zum Sprechen bevollmächtige.“ „Abgemacht.“ Hienach verließ der Buckelige Irm von Senneterre, die ſich mit ihrer Tochter zu Herminie ſetzte, kehrte zum Notar zurück, der aufmerkſam die zwei Verträge zu durch⸗ leſen ſchien, und ſagte ihm mit leiſer Stimme einige letzte Worte der Empfehlung, die Herr Leroi mit einem Lächeln des Einverſtändniſſes aufnahm. Dann ſprach der Mar⸗ quis mit lauter Stimme: „Wir können, glaube ich, die Verträge leſen hören.“ „Gewiß,“ antwortete Frau von Senneterre. Die verſchiedenen Mitglieder dieſer Scene hatten ihre Plätze wie folgt: Herminie und Erneſtine, welche neben einander ſaßen, hatten, die erſte zu ihrer Rechten Frau und Fräulein von Senneterre; die zweite zu ihrer Linken Madame Lainé, in ihre ſtumme Rolle auf eine ſehr anſtändige Weiſe pielte. Hinter Herminie und Erneſtine ſtanden Olivier, Gerald, der Commandant Bernard und der Baron von la Ro⸗ chaigue, deſſen Gegenwart bei dieſer Verſammlung Olivier ſeltſam in Erſtaunen ſetzte und eine gewiſſe Unruhe in ihm erregte, obgleich er immer noch weit entfernt war, zu vermuthen, Erneſtine, die Stickerin, und Fräulein von Beau⸗ mesnil ſeien eine und dieſelbe Perſon. Herr von Maillefort war am Ende des Zimmers neben dem Notar ſitzen geblieben, der eines von den Pa⸗ pieren nahm und zu dem Buckeligen ſagte: 218 „Wir wollen, wenn es Ihnen genehm iſt, mit dem Vertrag des Herzogs von Senneterre anfangen.“ „Gewiß,“ antwortete der Buckelige lächelnd, „Fräu⸗ lein Herminie iſt älter als Fräulein Erneſtine, und man iſt ihr folglich dieſe Ehre ſchuldig.“ Der Notar verbeugte ſich leicht vor ſeinen Zuhörern und ſchickte ſich an, den Heirathsvertrag von Herminie zu leſen, als Herr von la Rochaigue aufſtand, eine äußerſt Stellung annahm und mit ernſtem Tone prach: „Ich bitte die ehrenwerthe Verſammlung um die Er⸗ laubniß, ehe der Vertrag geleſen wird, einige Bemerkungen machen zu dürfen.“ . Einundzwanzigſtes Rapitel. Zuvor ſchon erſtaunt über die Anweſenheit des Baron von la Rochaigue, wurde Olivier Raimond beinahe un⸗ ruhig, als er ihn zu den Anweſenden ſagen hörte: „Ich bitte die ehrenwerthe Verſammlung um die Er⸗ laubniß, ehe der Vertrag geleſen wird, einige Bemerkungen machen zu dürfen.“ „Der Herr Baron von la Rochaigue hat das Wort,“ ſagte Herr von Maillefort lächelnd. „Was will denn dieſer Teufelsmenſch hier thun und ſagen ?“ fragte Olivier leiſe Gerald. „Meiner Treue, ich weiß es nicht, mein guter Oli⸗ vier,“ antwortete der Herzog von Senneterre mit der un⸗ ſchuldigſten Miene der Welt, „hören wir, und wir wer⸗ den es erfahren.“ . 219 Der Baron huſtete, ſchob die linke Hand unter den Umſchlag ſeines Frackes und ſprach mit ſeinem ernſteſten Ton: „Im Namen der mir anvertrauten Intereſſen bitte ich Herrn Olivier Raimond, einige Fragen zu beantworten, die ich an ihn zu richten mir erlauben werde.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Herr,“ erwiederte Olivier immer mehr erſtaunt. „Ich gebe mir die Ehre, Herrn Olivier Raimond zu fragen, ob ich ihm nicht in meiner Eigenſchaft als Vor⸗ mund von Fräulein von Beaumesnil, hiezu beauftragt und bevollmächtigt, die Hand meiner Mündel, des Fräuleins von Beaumesnil, angetragen habe?“ Bei dieſen Worten wechſelte Erneſtine einen bezeich⸗ nenden Blick mit Herrn von Maillefort. „Mein Herr.. .“ antwortete Olivier dem Baron er⸗ röthend und ebenſo ärgerlich als verlegen über dieſe Auf⸗ forderung, welche vor mehreren Perſonen, die er nicht kannte, an ihn erging, „ich begreife weder die Nothwen⸗ noch die Schicklichkeit der Frage, die Sie an mich richten.“ „Ich bin alſo genöthigt, an die wohlbekannte Redlich⸗ keit, Aufrichtigkeit und Offenherzigkeit des ehrenwerthen Anweſenden zu appelliren,“ fuhr der Baron feierlich fort, „und ihn zu beſchwören, mir die Frage zu beantworten: Habe ich ihm die Hand meiner Mündel, des Fräuleins von Beaumesnil, angeboten, ja oder nein?“ „Nun wohl! ja, mein Herr,“ erwiederte Olivier un⸗ geduldig, „es iſt wahr.“ „Hat Herr Olivier Raimond nicht entſchieden, kate⸗ goriſch, poſitiv dieſen Antrag ausgeſchlagen?“ „Ja, mein Herr.“ „Hat mir der ehrenwerthe Anweſende nicht als Grund ſeiner Weigerung „eine früher eingegangene Ver⸗ bindlichkeit des Herzens und der Ehre, welche das Glück ſeines Lebens ſichern ſollte,“ ange⸗ 220 geben? Sind dies nicht die eigenen Worte des ehrenwerthen Anweſenden?“ „Es iſt wahr, mein Herr, und Gott ſei Dank, das, was damals für mich die theuerſte Hoffnung war, wird heute eine Wirklichkeit werden,“ fügte der junge Mann, Erneſtine anſchauend, bei. „Eine ſolche Uneigennützigkeit iſt wahrhaft unerhört,“ ſagte leiſe die Herzogin von Senneterre zu ihrer Tochter. „Der häufige Umgang mit dieſen Leuten hat unſern armen Gerald verdorben.“ Fräulein von Senneterre ſchlug die Augen nieder und wagte es nicht, ihrer Mutter zu antworten, welche noch beifügte: „Doch da dieſer heldenmüthige Herr Fräulein von Beaumesnil ausſchlägt, ſo weiß ich nicht, was ſie und ihr Einfaltspinſel von einem Vormund noch hier machen . . . Ich zerbreche mir den Kopf. .. Warten wir!“ Trotz des freudigen Stolzes, den die Oeffentlichkeit, welche dem edlen Benehmen von Olivier gegeben wurde, Erneſline verurſachte, war ſie noch nicht ganz beruhigt in Beziehung auf die Skrupel, welche in Olivier entſtehen könnten, wenn er erführe, die kleine Stickerin ſei Fräulein von Beaumesnil. „Ich habe Herrn Olivier Raimond nur noch für die Redlichkeit ſeiner Antworten zu danken,“ ſprach der Baron, indem er ſich wieder niederſetzte, „und die ehrenwerthe Ver⸗ ſammlung wolle die edlen Worte des Befragten gefälligſt im Gedächtniß behalten.“ „Was des Teufels will denn dieſer Burſche mit den langen Zähnen, der ſich ſo hreit und wichtig macht, als der Thürſteher einer Kathedrale, mit den Phraſen, die er uns zum Beſten gibt?“ fragte ganz leiſe der Comman⸗ dant Bernard Olivier und Gerald. „Ich begreife das nicht, mein Oheim, und wundere mich ebenſo ſehr als Sie, daß der Herr hier und in die⸗ ſem Augenblick an den Antrag erinnert, den er mir ge⸗ macht hat.“ 1 224 „Das kann keine andere Unannehmlichkeit haben,“ er⸗ wiederte Gerald lächelnd, „als daß es Deine theure Er⸗ neſtine noch mehr in dich verliebt macht, wenn ſie erfährt, was Du Deiner Liebe für ſie geopfert haſt ...“ „Gerade der Wiederhall, den man einer ſo einfachen Handlung gibt, iſt es, was mich ungemein ärgert,“ ſagte Olivier. „Und Du haſt Recht, mein Kind,“ fügte der alte Seemann bei. „Man thut dergleichen für ſich, und nicht für Andere.“ Dann ſich an den Herzog von Senneterre wendend: „Hören Sie, Herr Gerald, der brave, kleine Buckelige, der neben dem Notar ſitzt, iſt der Marquis, von dem Sie ſprachen, nicht wahr?“ „Ja, mein Commandant.“ „Das iſt drollig, er ſieht zuweilen boshaft aus wie ein Affe, zuweilen gut wie ein Kind .. Sehen Sie, mit welchem ſanften Wohlwollen er Fräulein Herminie anſchaut.“ „Herr von Maillefort hat ein Herz wie Sie, mein Commandant, und damit iſt Alles geſagt.“ „Stille, Gerald,“ jlüſterte Olivier; „der Notar ſteht auf, um zu leſen.“ . „Das iſt der Form wegen,“ erwiederte Gerald, „denn im Grunde liegt wenig an dieſem Vertrag; die wahren Bedingungen unſerer Liebe haben wir von Herz zu Herz mit Herminie geordnet.“ Nachdem die Bewegung der Aufmerkſamkeit und der Neugierde, welche durch die Aufforderung von Herrn von la Rochaigue veranlaßt worden war, ſich wieder beſchwich⸗ tigt hatte, begann der Notar die Vorleſung der Heiraths⸗ verträge von Herminie und Gerald. Als er nach den ge⸗ wöhnlichen Präliminarien zur Aufführung der Namen, Vornamen und Eigenſchaften der Brautleute kam, ſagte Herr von Maillefort lächelnd und mit einer Miene des Einverſtändniſſes zu ihm: „Gehen wir hierüber weg, mein Herr, wenn Sie die Güte haben wollen, wir wiſſen die Namen, und kommen 222 wir zu dem wichtigeren Punkt, zu der Beſtimmung der Fragen das Intereſſe der Brautleute betreffend: „Gut, Herr Marquis,“ antwortete der Notar und er fuhr ſort: „„Man iſt durch gegenwärtigen Vertrag übereingekom⸗ men, daß bei den genannten Ghegatten eine Trennung der Güter ſowohl in Beziehung auf diejenigen, welche ſie ſchon beſitzen, als auf die, welche ſie eines Tags beſitzen dürften, ſtatthaben ſoll.““ „Sie, mein liebes Kind,“ ſprach der Marquis zu Herminie, den Notar unterbrechend, „Sie beſtanden, als ich Ihnen geſtern die verſchiedenen Weiſen, wie die Fragen der Intereſſen zwiſchen den Ehegatten behandelt werden, auseinanderſetzte, Sie, ſage ich, beſtanden darauf, daß eine Trennung der Güter ſtatthaben ſoll, und zwar in einem außerordentlichen Zartgefühl, denn indem Sie nichts be⸗ fitzen, als das ſchöne Talent, von dem Sie bis jetzt ſo ehrenhaft lebten, ſchlugen Sie entſchieden die Gütergemein⸗ ſchaft und die Vortheile aus, welche Herr von Senneterre ſo gern von Ihnen angenommen geſehen hätte.“ Herminie ſenkte erröthend die Augen zu Boden und erwiederte: „Ich bin beinahe ſicher, mein Herr, daß Herr von Sneh meine Weigerung entſchuldigen und begreifen wird.“ Gerald verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, während Bertha, ſeine hübſche Schweſter, zu ihrer Mutter ſagte: „Wie ſehr ſtehen doch die Gefühle von Fräulein Herminie mit ihrem ſo edlen, ſo ausgezeichneten, ſo reizen⸗ den Antlitz im Einklang, nicht wahr, Mama?“ „Gewiß.. oh! gewiß,“ antwortete Frau von Sen⸗ neterre ganz zerſtreut, denn fie ſagte zu ſich ſelbſt: „mit dieſen ſchönen Zartheiten wird meine Schwiegertochter, welche nicht weiß, daß der Marquts ſie ungeheuer bevor⸗ theilt, von den Gütern mit meinem Sohn getrennt ſein; doch bah! ſie liebt ihn ſo ſehr, daß ſie, wenn ſie er⸗ 223 daß ſie reich iſt, von dieſer Verfügung wieder ab⸗ ge Der Notar fuhr fort: „„Man iſt übereingekommen, daß die männlichen Kin⸗ der, welche aus dieſer Ehe hervorgehen dürften, ſie ſowohl, als ihre Nachkommen, mit ihrem Namen Senneterre den Namen Haut⸗Martel verbinden ſollen. In dieſe Bedingung haben die genannten Chegatten auf die Bitte von Louis Auguſt, Marquis von Maillefort, Prinz Her⸗ zog von Haut⸗Martel, eingewilligt.“ Als Herminie eine Bewegung des Erſtaunens machte, ſagte der Buckelige, indem er Gerald anſchaute: „Mein liebes Kind, das iſt eine kleine Anordnung adeliger Eitelkeit, der Gerald ſeine Beiſtimmung gegeben hat, überzeugt, Sie würden nichts Ungeeignetes darin fin⸗ den, daß Ihr Sohn nebſt ſeinem erhabenen Namen den Namen eines Mannes führen ſoll, der Sie wie ſeine Toch⸗ ter betrachtet und liebt.“ Ein rührender Blick voll zärtlicher, ehrfurchtsvoller Dankbarkeit von Herminie antwortete dem Marquis, und dieſer fragte den Notar: „Dieſer Artikel iſt der letzte des Vertrags?“ „Ja, Herr Marquis.“ „Wir koͤnnen nun den Vertrag von Fräulein Erneſtine leſen,“ ſagte der Buckelige, „dann wird man die beiden Verträge unterzeichnen.“ „Gut, Herr Marquis,“ ſprach der Notar.“ „Nun iſt die Reihe an uns, mein Junge,“ ſagte leiſe der Commandant Bernard zu ſeinem Neffen, „wie Schade, daß wir nicht in den Vertrag einfügen können, ich gebe dieſem lieben Kind und Dir ein kleines Vermögen . Doch, ach! mein armer Freund,“ fügte der alte Seemann mit einer zugleich lächelnden und traurigen Miene bei, „Alles, was ich Euch dereinſt hinterlaſſe, wird die gute alte Mama Barbangon ſein . . Schönen Dank für das Hochzeitgeſchenk, nicht wahr?“ „Stille doch, mein Oheim, keine ſolche Gedanken.“ 224 „Und wenn man bedenkt, daß wir zu arm find, um dieſer lieben Erneſtine das geringſte Brautgeſchenk anzu⸗ bieten; ich hatte den Gedanken, unſere ſechs ſilbernen Be⸗ ſtecke zu verkaufen, doch Madame Barbangon wollte nicht, ſie ſagte, Deine Frau würde lieber etwas Silberzeug, als irgend einen Flitterkram haben.“ „Und Madame Barbangon hatte Recht, mein Oheim; doch ſtille.. hören Sie.“ Der Notar nahm in dieſem Augenblick den zweiten Vertrag und ſprach mit lauter Stimme: „Wollen wir die Namen auch übergehen?“ „Gewiß,“ ſagte der Marquis. „Ich komme zu dem einzigen Artikel, der die Beſtim⸗ mung über die Fragen der Intereſſen der beiden Ehegat⸗ ten betrifft.“ „Das wird nicht lange dauern,“ ſagte leiſe der Com⸗ mandant Bernard. „Mein Herr,“ ſprach Olivier lächelnd, „erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen, dieſer Artikel des Vertrags ſcheint mir überflüſſig, denn ich habe die Ehre gehabt, Ihnen geſtern zu ſagen, ich beſitze nichts, als meinen Unterlieute⸗ nantsgehalt, und Fräulein Erneſtine Vert⸗Puits beſitze auch nichts, als ihr Gewerbe einer Stickerin.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ erwiederte der Notar, ebenfalls lächelnd; „doch da manſich unter irgend einer Be⸗ ſtimmung heirathen muß, ſo glaubte ich die erwähnte als die einfachſte annehmen zu dürfen und dem Vertrag ein⸗ verleiben zu können, Sie verheirathen ſich in Gemeinſchaft der Güter mit Fräulein Erneſtine Vert⸗Puits.“ „Dann wäre es mehr in Ordnung geweſen, zu ſagen, wir heirathen uns in Gemeinſchaft der Nichtgüter,“ entgegnete Olivier heiter; „doch gleichviel, da es der Ge⸗ brauch iſt, ſo nehmen wir die Klauſel an, nicht wahr, Erneſtine?“ „Gewiß, Herr Olivier,“ antwortete Fräulein von Beaumesnil.“ „Gut alſo, Herr Notar,“ fuhr der junge Mann 2²⁵ lachend fort, „abgemacht, ich und Fräulein Erneſtine wer⸗ fen alle unſere Güter zuſammen . . . alle, ohne Ausnahme, von meiner Unterlieutenantsepaulette bis zu ihrer Stick⸗ nadel. . . eine voͤllige, gegenſeitige Schenkung!“ „Und bei der Theilung wird es keine Schwierigkeiten geben,“ flüſterte der Commandant Bernard ſeufzend. „Ah! ich habe nie ein Verlangen gehabt, reich zu ſein, wenn nicht heute!“ „Man iſt alſo dahin einverſtanden, daß der Artikel, die Gütergemeinſchaft betreffend, in den Vertrag aufge⸗ nommen werde,“ ſagte der Notar, „ich fahre fort: „„Die genannten Ehegatten heirathen ſich unter der Beſtimmung der Gütergemeinſchaft und machen ſich eine gegenſeitige und völlige Schenkung mit allen beweglichen und unbeweglichen Gütern und Werthen irgend einer Art, die ſie eines Tags durch ſich ſelbſt oder durch Erbſchaft beſitzen dürften.“ „Erbſchaft!. . . arme Kinder; mein Kreuz und mein alter Degen, das iſt Alles, was ſie von mir zu erwarten haben, Herr Gerald,“ ſagte leiſe der Veteran zum Herzog von Senneterre. „Bah! mein Commandant,“ verſetzte Gerald heiter, „wer weiß?“ Während der alte Seemann, der die Hoffnung von Gerald nicht theilte, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelte, fragte der Notar Erneſtine und Olivier: „Erſcheint Ihnen dieſe Abfaſſung entſprechend, mein Fräulein, und Ihnen auch, mein Herr?“ „Ich bin in dieſer Beziehung zum Voraus der An⸗ ſicht von Herrn Ollvier,“ antwortete Erneſtine. „Ich finde die Abfaſſung vollkommen gut,“ erwiederte Olivier immer heiter, „und ich verſichere Sie, daß Sie in Ihrem Leben in keinem Vertrag eine Klauſel aufgenommen haben werden, welche weniger einem Streit unterworfen ſein kann, als dieſe.“ . „Nun wollen wir zur Unterzeichnung der Verträge 226 ſchreiten,“ ſprach der Notar, indem er ſich mit gewichtiger Miene erhob. Frau von Senneterre, die ſich von ihrem Erſtaunen gar nicht losmachen konnte, benützte die allgemeine Be⸗ wegung, näherte ſich Herrn von la Rochaigue und fragte ihn: Ah! mein lieber Baron, können Sie mir wohl ſagen, was dies bedeutet?“ „Was denn, Frau Herzogin?“ „Der Wirrwarr, der hier geſpielt wird?“ „Frau Herzogin, dieſer Wirrwarr hätte mich beinahe wahnſinnig gemacht.“ 2 „Herr Olivier glaubt alſo, Fräulein von Beaumesnil ſei Stickerin?“ „Ja, Frau Herzogin.“ „Aber warum hat er denn den Antrag, den Sie ihm machten, ausgeſchlagen.“ „Weil er eine Andere liebte, Frau Herzogin.“ „Welche Andere?“ „Meine Mündel.“ „Welche Mündel?“ „Fräulein von Beaumesnil,“ antwortete der Baron mit einer ausgelaſſenen Freude, denn er war entzückt, einer andern Perſon die Qual zu bereiten, welche ihn der Mar⸗ quis hatte ausſtehen laſſen. „Herr Baron,“ ſprach die Herzogin von Senneterre mit hoffärtigem Ton, indem ſie Herrn von la Rochaigue vom Scheitel bis zu den Zehen maß, „wollen Sie es ſich etwa beigehen laſſen, meiner zu ſpotten?“ „Die Frau Herzogin kann nicht annehmen, ich ſei im Stande, mich ſo ſehr zu pergeſſen.“ „Aber was bedeutet dann dieſer Wirrwarr? Ich frage Sie noch einmal, wie kommt es, daß Herr Olivier hier wiederholt, er habe die Hand von Fräulein von Beau⸗ mesnil ausgeſchlagen, und daß er dennoch bereit iſt, ſei⸗ nen Heirathsvertrag mit ihr zu unterzeichnen; und dann, wie iſt es mit dem Roman von Fräulein von Beaumesnil, der Stickerin?“ 227 „Frau Herzogin, ich habe Herrn von Maillefort Ge⸗ heimhaltung verſprochen, wollen Sie ſich an ihn wenden; er hat nicht ſeines Gleichen in Löſung der Räthſel.“ Frau von Senneterre kam ganz in Verzweiflung, daß ſie vom Baron nichts erfuhr, näherte ſich Herrn von Maillefort und ſagte zu ihm: „Nun, Marguis, werde ich endlich erfahren?“ „In fünf Minuten werden Sie Alles vernehmen, meine liebe Herzogin,“ antwortete der Buckelige. Und er ſagte dem Notar ein paar letzte Worte in's Ohr. Bweiundzwanzigſtes Rapyitel. Die zum Behuf der Unterzeichnung des Vertrags Anweſenden näherten ſich dem Tiſch, auf dem die zwei Urkunden lagen, und Fräulein von Beaumesnil ſagte leiſe mit unruhigem Ton zu Herminie: „Ah! meine Freundin, meine Schweſter. . das iſt der entſcheidende Augenblick, Alles kommt an den Tag; was wird Herr Olivier denken, was wird er thun? Stünde mir die Oſſenbarung irgend eines Fehlers, den ich be⸗ gangen, bevor, ich könnte mich nicht ängſtlicher fühlen ..“ „Muth gefaßt, Eineſtine,“ erwiederte Herminie, „haben Sie alles Vertrauen zu Herrn von Maillefort.“ War es Erneſtine bange in Beziehung auf die Be⸗ denklichkeiten von Olivier, ſo fühlte ſich der Buckelige nicht mehr beruhigt hinſichtlich der Empfindlichkeit von Hermi⸗ nie, welche zu dieſer Stunde noch nicht wußte, daß ſie im Vertrag als die Adoptivtochter des Marquis von Mail⸗ lefort, Prinzen Herzogs von Haut⸗Martel aufgeführt war. 228 Der Buckelige näherte ſich daher mit einem gewiſſer⸗ maßen gepreßten Herzen dem Mädchen und ſagte: „Es iſt an Ihnen, zu unterzeichnen, mein Kind.“ Der Notar reichte die Feder, das Mädchen nahm ſie und unterzeichnete mit einer von Glück und Aufregung zitternden Hand: 5 „Herminie.“ „Nun, mein Kind,“ ſprach Herr von Maillefort, der ihr beim Schreiben zugeſchaut hatte und ſah, daß ſie die Feder dem Notar zurückzugeben im Begriff war, „warum halten Sie ſo inne?“ Und als ſein Schützling ihn ſtumm vor Erſtaunen anſchaute, fügte der Buckelige bei: „Gewiß.. fahren Sie fort. . . und unterzeichnen Sie: Herminie von Maillefort.“ „Ah! ich begreife nun Alles,“ ſagte Gerald zu ſeiner Mutter mit einer tiefen Erſchütterung, „Herr von Maille⸗ fort iſt der beſte, der edelſte der Menſchen.“ Herminie, welche den Buckeligen fortwährend ange⸗ ſchaut hatte, ohne ein Wort zu finden, ſtammelte endlich: „Aber, mein Herr, wie ſollte ich.. Herminie .. von Malllefort unterzeichnen. .. vieſer Name..“ „Mein Kind,“ erwiederte der Buckelige mit rührendem Ton, „haben Sie mir nicht oft geſagt, Sie fühlen eine ganz kindliche Zuneigung für mich?“ „Allervings, Herr Marquis.“ „Haben Sie nicht geglaubt, Sie können Ihre Dank⸗ barkeit nicht beſſer ausdrücken, als indem Sie äußerten, ich hege ganz die Fürſorge eines Vaters für Sie?“ „Ja, ja, des zärtlichſten Vaters,“ rief das Mädchen mit herzlichem Erguß. „NRun!“ ſprach der Marquis, mit einer reizenden Gut⸗ müthigkeit lächelnd, „was macht es dann Ihnen, daß Sie mei⸗ nen Namen annehmen? Haben Sie nicht ſchon verſprochen, wenn Sie einen Sohn bekämen, ſollte er dieſen Namen führen.. 2²9 Sind Sie nicht überdies durch Ihre Anhänglichkeit an durch meine Zärtlichkeit für Sie mein Adoptiv⸗ ind „Ich, mein Herr?“ rief Herminie, welche das, was ſie hörte, gar nicht glauben konnte. „Ich Ihre Adoptiv⸗ tochter!“ „Ja. erfahren Sie endlich meinen Hochmuth. Ich bin eitel darauf geweſen. ich habe Sie im Vertrag ſo be⸗ zeichnen laſſen.“ „Was ſagen Sie, Herr Marquis?“ „Hören Sie,“ ſprach der Buckelige, Thränen in den Augen und mit unwiderſtehlichem Ausdruck, „glauben Sie, ich habe rechtlich das ſtrahlende Glück verdient, zu Allen ſagen zu können: das iſt meine Adoptiptochter .. werden Sie ſich weigern, einen ſtets geachteten Namen dadurch, daß Sie ihn führen, zu ehren?“ „Ah! mein Herr,“ ſagte Herminie, welche ihrerſeits 1 der Thränen nicht zu erwehren vermochte, „ſo viel e „Nun! ſo unterzeichnen Sie alſo, böſes Kind,“ rief der Marquis, „man könnte ſich ſonſt einbilden, ein ſchönes, reizendes Geſchöpf, wie Sie, ſchäme ſich, einen armen kleinen Buckeligen, wie mich, zum Adoptivpater zu haben.“ „Ah! dieſer Gedanke! ſagte lebhaft Herminie. „So unterzeichnen Sie ... unterzeichnen Sie ge⸗ ſchwinde,“ fügte der Marquis bei. Und mit einer Bewegung voll Zärtlichkeit nahm er „ die Hand von Herminie, als wollte er ihr die Feder führen, und ſprach, während er ſich ihr näherte, zu ihr, ohne daß es Jemand hörte: „Hat nicht diejenige, welche wir beklagen, zu mir ge⸗ ſagt: „„Seien Sie ein Vater für meine Tochter?““ Bebend bei dieſer Erinnerung an ihre Mutter, be⸗ täubt von dieſem unerwarteten Antrag, beſiegt endlich durch die Rührung, durch das Erſtaunen, durch ihre Dankbarkeit Die ſieben Todſünden. UI. 16 230 für den Marquis, unterzeichnete das Mädchen mit einer vor Aufregung zitternden Hand den Vertrag: „Herminie von Maillefort.“ Die junge Künſtlerin wußte nicht, daß ſie auf dieſe Art die edelmüthige Schenkung des Buckeligen, deſſen be⸗ trächtliches Vermögen ſie nicht kannte, annahm und be⸗ ſtätigte. Der Commandant Bernard fühlte ſich ſo erſchüttert von dieſer Scene, daß er ſich dem Buckeligen näherte und zu ihm ſprach: „Mein Herr, ich bin ehemoliger Marineofſicier und Oheim von Olivier. Ich habe nur die Ehre, Sie durch all das Gute, das mir Herr Gerald von Ihnen geſagt, und von der Unterſtützung zu kennen, die Sie ihm gütigſt gewährten, um Olivier zum Officier ernennen zu laſſen . Doch was Sie für Fräulein Herminie gethan haben, zeigt ein ſo edles Gemüth, daß Sie mir Ihnen die Hand zu drücken erlauben müſſen.“ „Und zwar herzlich, mein Herr,“ antwortete der Marquis, das freundſchaftliche Zuvorkommen des Veterans erwiedernd; ich hatte auch nur die Ehre, Sie durch all das Gute zu kennen, das mein braver Gerald, der ver⸗ traute Freund von Herrn Olivier, mir von Ihnen ſagte. . ich wußte, welche Rathſchläge voll Vernunft und Zartge⸗ fühl Sie Gerald gaben, als es ſich um ſeine Verheirathung mit Fräulein von Beaumesnil handelte . . und da die Leute von Gemüth ſelten find, ſo iſt es ein Glück für mich, in nähere Verbindung mit Ihnen zu kommen... Dieſes Glück konnte mir nicht entgehen,“ fügte der Buckelige lächelnd bei, „denn Sie lieben Erneſtine und Olivier, wie ich Her⸗ minie und Gerald liebe, und ich frage Sie, welch ein ſchönes Leben wir mit dieſen zwei jungen reizenden Haus⸗ haltungen führen werden!“ „Bei Gott! Sie machen mich ſehr glücklich, Herr Marquis,“ ſagte der Veteran; „ich werde Sie alſo oft 231 ſehen . . . denn ich bin entſchloſſen, Olivier und ſeine Frau nicht zu verlaſſen.“ „Und ich bin entſchloſſen, mit meinen Kindern Gerald und Herminie zu leben, und da unſere zwei Töchter ſich wie Schweſtern lieben. „So werden ſie ſi ſich auch nicht trennen,“ ſagte der Commandant, „und dann. „Dann leben wir in Familie,“ fügte der Buckelige bei. „Bören Sie, Herr Marquis,“ rief der Veteran, „wäre ich ein Frommer, der Teufel ſoll mich holen! wenn ich nicht ſagen würde, es ſei dies das Paradies, was mir der gute Gott für meine alten Toge ſichere.“ „Ah! Herr Bernard, alle ehrliche Leute haben die⸗ ſelbe Religion, die des Herzens und der Ehre; das iſt die wahre, das iſt die gute. Doch beeilen wir uns, dieſe zwei armen Kinder ſterben vor Ungeduld, ihren Vertrag eben⸗ falls zu unterzeichnen . . .“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Commandant; dann ſich an Erneſtine wendend: „Auf, mein Fräulein, ſchreiben Sie geſchwinde unten an dieſes Stück Papier den Namen, der mir das Recht verleihen wird, Sie meine Tochter zu nennen .. . obgleich ich Ihnen das Leben verdanke,“ fügte heiter der alte See⸗ mann bei, „denn unter uns Beiden iſt es immer die ver⸗ kehrte Welt ... es ſind die Toͤchter, die den Vätern das Leben geben.“ Erneſtine nahm die Feder aus den Händen des No⸗ tars mit einer unbeſchreiblichen Angſt, welche aus ver⸗ ſchiedenen Beweggründen alle Mitglieder dieſer Scene, mit Ausnahme von Slvier und dem Commandanten Bernard, theilten. Erneſtine unterzeichnete den Vertrag: 5 „Erneſtine Vert⸗Puits von Beaumesnil.“ Dann bot ſie mit zitternder Hand die Feder Olivier. Dieſer beeilte ſich, mit unſäglichem Glück zu unter⸗ zeichnen. Doch kaum hatte er ſeinen Vornamen Olivier ge⸗ ſchrieben, als die Feder ſeiner Hand entfiel und er, einen Augenblick über den Tiſch gebückt, ſtumm, unbeweglich vor Erſtaunen blieb, denn er hielt ſich für das Spielzeug einer Täuſchung, da er über ſeinem Namen, den er zu ſchreiben angefangen, die Unterſchrift las: Erneſtine Vert⸗Puits von Beaumesnil. Die Urſache des Erſtaunens von Olivier war von der Mehrzahl der Anweſenven ſo ſehr vorhergeſehen, daß Alle einige Augenblicke ein tiefes Stillſchweigen beobachteten. Der Commandant Bernard allein erhob die Stimme und ſprach zu ſeinem Neffen: „Nun, mein Junge, was Teufels haſt Du? Kannſt Du Deinen Namen nicht mehr unterſchreiben?“ Noch mehr erſtaunt über das Stillſchweigen der an⸗ dern Perſonen, befragte der alte Seemann dieſe mit dem Blick; doch auf allen Geſichtern, und beſonders auf dem von Erneſtine und Herminie bemerkte er einen bangen, un⸗ ruhigen Ausdruck. Der Veteran ahnete nun einen ernſten Zwiſchenfall und ſagte zu ſeinem Neffen: „Olivier, mein Kind, was gibt es? Was hindert Dich, zu unterzeichnen?“ „Leſen Sie dieſen Namen, mein Oheim,“ antwortete der junge Mann, indem er mit zitterndem Finger auf die Unterſchrift von Erneſtine deutete: „Erneſtine Vert⸗Puits von Beaumesnil!“ rief der Greis, während er den Vertrag näher an ſeine Augen hielt, als könnte er an das, was er ſah, nicht glauben; dann ſich an Erneſtine wendend: „Sie, mein Fräulein . . . Sie ?.. Fräulein von Beau⸗ mesnil?“ „Ja, mein Herr,“ ſprach mit ernſtem Tone der Baron von la Rochaigue, „ich, der Vormund von Fräulein von 233 Beaumesnil, erkläre, beſtätige, verſichere, daß dieſes Fräu⸗ lein in der That meine Muͤndel iſt . . . und deshalb war meine Gegenwart hier unerläßlich.“ „Mein Fräulein,“ ſagte Olivier, der bleich geworden war, mit bebender Stimme zu Erneſtine, „entſchuldigen Sie mein Erſtaunen .. alle hier anweſende Perſonen werden es begreifen „ . Site Fräulein von Beau⸗ mesnil! . . . Sie . . . die ich für arm und verlaſſen hielt, weil Sie mir es ſagten. . . Aber zu welchem Ende dieſe Verſtellung?“ Als Erneſtine den peinlichen Ausdruck in den Zügen von Olivier wahrnahm, fühlte ſie ihr Herz dem Brechen nahe, ihre Thränen floßen, und ſie konnte nur, indem ſie mit flehender Miene ihre Hände faltete, die Worte ſprechen: „Verzeihung! . . . Herr Olivier. Verzeihung!. . Es lag eine ſo rührende Unſchuld in dieſen einzigen Worten des armen Kindes, das ſich mit bewunderungs⸗ würdiger Naivetät entſchuldigte, weil es die reichſte Erbin Frankreichs war, daß Alle, bis auf Frau von Senneterre und den Baron, köſtlich ergriffen waren; ſelbſt Olivier fühlte, wie ihm die Thränen in die Augen traten. Herr von Maillefort begriff, daß es Zeit war, die Sachlage offen herauszuſtellen und alle Bedenklichkeiten von Ollvier bis auf die kleinſten zu zerſtören, denn der Buckelige ſah klar, daß der junge Mann, mit Fug und Recht erſtaunt über das Geheimniß, mit dem ſich Fräulein von Beaumesnil bis jetzt gegen ihn umgeben hatte, grau⸗ ſam unter dem Kampfe litt, der ſich zwiſchen ſeiner Liebe und ſeinem mißtrauiſchen Zartgefühl entſpann. „Herr Olivier,“ ſprach der Marquis, „und auch Sie, Herr Commandant Bernard, wollen Sie mir einige Au⸗ genblicke Aufmerkſamkeit ſchenken, und Sie werden ein Räthſel gelöſt ſehen, das Sie in Erſtaunen ſetzen und be⸗ unruhigen muß. . . Eine Waiſe, ungeheuer reich, in ihrer Unſchuld Anfangs nicht bekannt mit den gierigen Leiden⸗ ſchaften, welche um ſie her arbeiteten, glaubte an die über⸗ 234 triebenen Lobeserhebungen, an die liebevollen Kundgebungen, welche intereſſirte Pläne verbargen, als eines Tags ein Freund ihrer Mutter, der leider nicht mehr thun konnte, Fräulein von Beaumesnil wenigſtens darauf aufmerkſam machte, es ſei Alles um ſie her Lüge, Schmeichelei, Hab⸗ gier, Niedrigkeit, und wenn ſie als der Vorwand für die eif⸗ rigen Bemühungen, mit denen man ſie überhäufe, er⸗ ſcheine, ſo ſei doch ihr ungeheures Vermögen der einzige Beweggrund derſelben; dieſe Offenbarung war furchtbar für Fräulein von Beaumesnil; von da an von der Furcht erfüllt, ſie könnte nie anders als ihrer Reichthümer wegen geliebt werden .. . fand ſie bald dieſes Miß⸗ trauen gegen Alles und gegen Alle unerträglich. . . Ohne Unterſtützung, ohne Rath, beſchloß Fräulein von Beau⸗ mesnil muthig, ihren wahren Werth zu erforſchen. Dieſe Schätzung ſollte ihr vazu dienen, daß ſie die Aufrichtigkeit der Schmeicheleien, mit denen man ſie verfolgte, zu er⸗ meſſen vermöchte. Doch wie ſollte ſie dieſe Wahrheit heraus⸗ finden? Es blieb Fräulein von Beaumesnil ein einziges Mittel: ſie mußte ſich des Blendwerks entkleiden, das die reiche Erbin umhöllte, ſie mußte ſich in einer Welt, in der ſie unbekannt war, für eine arme, von ihrer Arbeit lebende Waiſe ausgeben, und. .“ „Oh! genug, mein Herr... genug . . .“ rief Olivier mit dem Ausdruck tiefer Bewunderung, „ich errathe nun Alles. welch ein Muth! .. .“ „Sie hat dies gethan!“ rief der Commandant Bernard, indem er wie in Anbetung die Hände faltete. „Sie hat alſo jeglichen Muth!! Einer ſo peinlichen Prüfung trotzen.. ſich unter ein Rad werfen, um es zu verhin⸗ dern, daß ich zermalmt wurde...“ „Sie hören Ihren Oheim, Herr Ollvier,“ ſagte der Marquis. „Was auch zu dieſer Stunde die Lage von Fräu⸗ lein von Beaumesnil ſein mag, haben Sie nicht eine Schuld der Dankbarkeit gegen ſie zu entrichten?“ „Ah! Herr Marquis, dieſe Schuld .. dieſe heilige Schuld der innigſten Liebe hoffte ich dadurch zu bezahlen, 235 daß ich Fräulein von Beaumesnil anbot, ſie möge mein Schickfal theilen, das etwas minder unglücklich, als das ihrige... denn ich hielt ſie für arm und verlaſſen.. Doch nun bin ich . . .“ „Ein letztes Wort, Herr Olivier,“ unterbrach der Marquis den jungen Mann, „Fräulein von Beaumesnil und ich kannten und achteten Ihre ſtolze Empfindlichkeit. Uum Ihnen den geringſten Grund zu einem Vorwurf gegen Sie ſelbſt zu erſparen, kamen wir mit dem hier gegen⸗ wärtigen Herrn von la Rochaigue überein, er möge Sie in die Alternative verſetzen, daß Sie entweder ein einem Mädchen, das Sie für unglücklich hielten, geleiſtetes Ver⸗ ſprechen verletzen, oder die Hand von Fräulein von Beau⸗ mesnil ausſchlagen . . . Sie ſind edel aus dieſer für jeden Andern ſo gefährlichen Prüfung hervorgegangen; Sie haben eine fabelhaft reiche Heirath Ihrer Zuneigung für die arme kleine Stickerin geopfert. Welchen größeren Beweis von Uneigennütigkeit dürften Sie je geben können?“ „Keinen,“ ſprach der Commandant Bernard. „Ich bin eiferfüchtiger als irgend Jemand auf die Ehre von Oli⸗ vier; ich ſage ihm auch, wenn es ſchmählich iſt, eine Frau ihres Geldes wegen zu heirathen, ſo darf man doch eben⸗ ſo wenig, wenn man das beſte der Geſchöpfe aufrichtig liebt, ſich weigern, eine Verbindlichkeit der Ehre zu halten, eine heillge Schuld abzutragen . .. weil es ſich eines Tags findet, daß dieſes anbetungswürdige Kind viel Geld beſitzt. Ei, bei Gott! mein braver Olivier, nimm an, geſtern noch arm, habe Fräulein Erneſtine dieſen Morgen einen Ver⸗ wandten, einen Erzmillionär in Monvmotapa geerbt, und Alles ſei abgemacht; was Teufels! dieſer unglückliche Haufen von Millionen darf auch kein Freudenſtörer ſein.“ „Oh! ich danke, Herr Bernard!“ rief Erneſtine, indem ſie mit kindlichem Erguß dem alten Seemann um den Hals fiel, „ich danke für dieſe gütigen Worte, auf die Herr Olivier nichts zu entgegnen wiſſen wird., „Ich fordere ihn heraus, etwas zu entgegnen,“ ſprach Gerald voll Rührung die Hand ſeines Freundes ergreifend. 236 „Mit einem Wort, mein guter Olivier, erinnere Dich deſſen, was Du mir vor einigen Monaten ſagteſt, als von meiner Heirath mit Fräulein von Beaumesnil die Rede war.“ „Und dann,“ rief Herminie, „iſt es nicht immer Erneſtine, die arme kleine Stickerin, die Sie und ich, Herr Olivier, ſo ſehr liebten?“ „Mein Herr,“ fügte Frau von Senneterre bei, „die Uneigennützigkeit, von der Sie dadurch, daß Sie das An⸗ erbieten von Herrn von la Rochaigue ausgeſchlagen, eine Probe ablegten, ergreift mich dergeſtalt, daß Sie, Sie mögen immerhin Fräulein von Beaumesnil heirathen, doch ſtets in meinem Geiſte derjenige bleiben werden, welcher die reichſte Erbin Frankreichs ausgeſchlagen hat, um ein armes Mädchen ohne Namen und ohne Ver⸗ mögen zu heirathen.“ Gleichſam niedergebeugt unter den Beweiſen von Achtung und Mitgefühl, welche in ihrer Aufrichtigkeit ſo verſchiedenartig waren, empfand doch Olivier eine gewiſſe Demüthigung, daß er, der ſo arm, das ungeheure Ver⸗ mogen von Fräulein von Beaumesnil theilen ſollte; er ſagte auch: „Ich weiß, daß ich nicht berechtigt bin, mich in dem, was die Ehre und das Zartgefühl betrifft, anſpruchsvoller zu zeigen, als die Perſonen, die mich umgeben; ich fühle, daß das, was ich ſo eben von Fräulein von Beaumesnil erfahren habe, wo moglich nur meine Achtung, meine Ergebenheit für ſie vermehrt, und dennoch...“ Der Marquis unterbrach Olivier, ſeinem Gedanken entgegenkommend: „Noch ein Wort, Herr Olivier, Sie finden eine Art von Demüthigung darin, daß Sie das große Vermögen von Fräulein von Beaumesnil theilen ſollen; dieſe De⸗ müthigung würde ich begreifen, wenn Sie in den unge⸗ heuren Gütern, die Ihnen Erneſtine bringt, nur ein Mittel ſehen müßten, ſich einem unfruchtbaren, verſchwenderiſchen Mißiggang hinzugeben . . . ein Leben des Lurus und der — — 237 Zerſtreuung auf Koſten Ihrer Frau zu führen . . Oh! ja, Schmach und Schande denjenigen, welche ſo gemeine Händel eingehen! .. . Doch dies ſoll nicht Ihre Zukunft ſein, Herr Olivier... dies ſoll auch nicht die Ihrige ſein, Gerald, denn Sie wiſſen nicht und Herminie . . . meine Tochter . meine theure Tochter ... weiß auch nicht, daß ich ihr, ohne ihr ein Vermögen zu geben, welches mit dem von Erneſtine zu vergleichen wäre, zu meinen Lebzeiten ungefähr fünfzigtauſend Thaler Renten, die ich in Deutſch⸗ land geerbt habe, zuſichere.“ „Mir, Herr Marquis, ein ſolches Vermögen!“ rief Herminie. „Oh! nie nie. Ich beſchwöre Sie zu. ..“ „Horen Sie mich, mein Kind,“ ſprach der Buckelige, das Mädchen unterbrechend, „hören Sie mich auch, Herr Olivier .. Erneſtine hat auf einigen rührenden Blättern, die Sie eines Tags leſen werden, in der anbetungswür⸗ digen Reinheit ihrer Seele folgende Worte geſchrieben, die ich nie vergeſſen werde: „Ich habe drei Millionen Einkünfte! „Mir allein ſo viel Geld! warum dies? „Warum mir ſo viel, und den Andern nichts? „Die Erbſchaft iſt alſo eine große Unbil⸗ ligkeit? „Dieſes ungeheure Vermögen, wie habe ich es erworben? „Ah! durch Euern Tod, o meine Mutter! o mein Vater! „Damit ich reich bin, muß ich die zwei Weſen verloren haben, die ich am meiſten in der Welt liebte! „Damit ich reich bin, müſſen vielleicht Tauſende von Mädchen wie Herminie beſtän⸗ dig der Nothdurft, trotz eines arbeitſamen 4 und tadelloſen Lebens, ausgeſetzt ſein. . „Oh!“ fügte der Marquis mit wachſendem Eifer bei, „in dieſem edlen Ruf eines auftichtigen Herzens, in dieſen 238 Worten, ſo naiv wie die Wahrheit, welche aus dem Munde eines Kindes hervorgeht, liegt eine ganze Offenbarung . . . Ja, Sie ſprechen wahr, Erneſtine, die Erbſchaftiſt eine große Unbilligkeit. . . wenn Sie die Entſittlichung und die Laſter eines müßigen Lebens fortpflanzt .. . ja, die Erbſchaft iſt eine Geißel, wenn ſie die fluchwürdigen Leidenſchaften erregt und aufſtachelt, deren Opfer Sie beinahe geworden wären, mein armes Kind! ja, die Erbſchaft iſt eine Ruchloſigkeit, wenn ſie in ſelbſtſüchtigen Händen unermeßliche Reichthümer zuſammen⸗ häuft, welche Tauſenden von Familien die Mittel des Un⸗ terhalts und der Arbeit hätten geben können . . . vie Erbſchaft kann ſich aber auch bis zum Prieſterthum adeln, wenn der Erbe mit Eifer die heiligen, unverjährba⸗ ren Pflichten übt, welche die Menſchheit dem⸗ jenigen, der beſitzt, gegen diejenigen, welche nichts beſitzen, auferlegt; ja, die Erbſchaſt, wird ein Prieſterthum, wenn der Inhaber von ungeheuren Mit⸗ teln der Thätigkeit ſein ganzes Leben dem weiht, daß er ſie zur ſittlichen und materiellen Verbeſſerung aller derer anwendet, welche die Geſellſchaft zu Gunſten einiger Be⸗ vorzugter enterbt; und nun,“ fuhr der Buckelige mit tiefer Rührung fort, indem er die Hand von Herminie und von Olivier nahm, „ſagen Sie, meine Kinder, ſehen Sie eine Demüthigung, eine Schmach darin, daß Sie, geſtern arm, nach den Grundſätzen menſchlicher Verbrü⸗ derung reich werden? Werden Sie vor der heiligen und oft ſchwierigen Aufgabe zurückweichen, die man jeden Tag mit der erleuchtetſten Aufopferung erfüllen muß, wenn man ſich die ungeheure Ungleichheit will vergeben laſſen, welche Erneſtine in ihrer edlen Unſchuld mit den Worten charak⸗ teriſirte: „Warum mir Alles, und den Andern nichts?“ „Ah! mein Herr,“ rief Olivier voll Begeiſterung, „warum iſt das Vermogen von Fräulein von Beaumesnil nicht noch ungeheurer?“ — — ———— 239 Und er ergriff mit einer vor Glück und Freude zittern⸗ den Hand die Feder und unterzeichnete: „Olivier Raimond.“ „Endlich!“ ſagten Erneſtine und Herminie, indem ſie ſich einander in die Arme warfen. In dem Augenblick, wo Herr von Maillefort mit Herminie, die er mitnahm, denn ſie ſollte fortan bei ihrem Adoptivvater wohnen, in den Wagen ſtieg, erſchien Herr Bouffard, den eine verzweifelte Neugierde quälte, unver⸗ muthet vor den Augen des Buckeligen. „Ah! mein lieber Herr Buuffard,“ ſprach der Marquis zu dem Erſpezereihändler, „ich bin entzückt, Sie zu treffen. Man hat ſehr Recht, wenn man ſagt, die Vorſehung wende zuweilen die ſeltſamſten Mittel an, um zu ihrem Ziel zu gelangen, denn Sie find eines von dieſen ſeltſamen Mit⸗ teln, Herr Bouffard.“ „Der Herr Marquis iſt zu artig,“ erwiederte Herr Buuffard, der ſeine Augen weit aufriß, ohne ein Wort des Marquis zu verſtehen. „Wiſſen Sie Eines, lieber Herr Bouffard? Erfahren Sie, daß ohne Ihre unbarmherzige Hauseigenthümershab⸗ gier Fräulein Herminie, meine Adoptivtochter, zu dieſer Stunde vielleicht nicht Herzogin von Senneterre wäre!“ „Wie! Mademoiſelle .. Wie! meine Pianiſtin — . Tochter eines Marquis und Herzogin von Senneterre!“ ſtammelte Herr Boyffard ganz verblüfft, während der Buckelige und das Mädchen in ein glänzendes Coupé ſtie⸗ gen, das fie raſch entführte. Einige Zeit nach der Unterzeichnung der Verträge erhielten die Perſonen der Welt, wie man ſagt, zwei An⸗ zeigebillets: „Der Herr Baron von la Rochaigue hat die Ehre, Ihnen die Verheirathung von Fräu⸗ lein von Beaumesnil mit Herrn Olivier Rai⸗ mond zu verkündigen.“ „Der Herr Marquis von Maillefort, Prinz Herzog von Haut⸗Martel, hat die Ehre Ihnen die Verheirathung von Herminie von Maille⸗ fort, ſeiner Adoptivtochter, mit dem Herrn Herzog von Senneterre mitzutheilen.“ Ende. Anmerkung. Hiemit endigt die erſte Abtheilung der ſieben Todſünden (die Hoffart). Beinahe unmittelbar hierauf wird die zweite Ab⸗ theilung, der Neid (Frederie Baſtien), ein Sittenroman, fol⸗ en, den wir in der kürzeſten Zeit in der deutſchen Ueberſetzung 8 zu veröffentlichen verſprechen können⸗ ei onendae