. — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Otkmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Ml. — f. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6 Schadenersatz. 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Am Ende dieſes Tages, in deſſen Verlauf Erneſtine von Beaumesnil, ohne daß ſie etwas davon wußte, der Gegenſtand ſo vieler Begierden, ſo vieler mehr oder min⸗ der geſchickten und unrevlichen Machinationen geweſen war, erwartete das junge Mädchen allein in einem der Salons ſeiner Wohnung, die Stunde des Mittageſſens. Die reichſte Erbin Frankreichs war durchaus nicht ſchön oder hübſch: ihre zu große und zu weit vor⸗ ſtehende Stirne, ihre hervorſpringenden Backenknochen, ihr ein wenig langes Kinn, verliehen ihren Zügen viel Unre⸗ gelmäßigkeit; blieb man jedoch nicht bei dieſem erſten Anſchein ſtehen, ſo fühlte man ſich allmälig durch den Reiz ihres Mädchengeſichtes angezogen; ihre etwas zu ſtark ausgeprägte, aber glatte und alabaſterartig weiße und von herrlichem, hellkaſtanienbraunem Haar umrahmte Stirne, überragte blaue Augen von unendlicher Gutmüthig⸗ keit, während ein friſchrother Mund mit weißen Zähnen, mit einem ſchwermüthigen und zugleich treuherzigen Lä⸗ cheln für die Unvollkommenheit ihres Geſichtes um Ver⸗ zeihung zu bitten ſchien. Erſt ſechzehn Jahre alt, war Erneſtine von Beau⸗ mesnil ſehr ſchnell groß geworden; obgleich vollkommen ſchlank, gerade und geſchmeidig gewachſen, hielt ſie ſich doch, von einer von eben dieſem Wachſen herrührenden * 8 Krankheit geneſend, zuweilen leicht gebückt. .. eine Hal⸗ tung, welche übrigens die anmuthige Biegſamkeit ihres äußerſt zierlichen Halſes noch bemerkbarer machte. Mit einem Wort, trotz ihrer verjährten Alltäglichkeit würde die Vergleichung mit einer auf ihrem Stängel ſich neigenden Blume am beſten das zarte und traurige Geſammtweſen der äußeren Erſcheinung von Er⸗ neſtine von Beaumesnil ausdrücken .. Eine arme Waiſe, niedergebengt durch den Schmerz, den ihr der Tod ihrer Mutter verurſachte. Ein armes Kind, niedergedrückt unter der für ſeine Kräfte zu ſchweren Laſt ſeines ungeheuren Reichthums. Seltſamer Contraſt. es war ein Gefühl rührender Theilnahme wir möchten ſogar ſagen, zarten Mit⸗ leids. was die Phyſiognomie, der Blick, die Haltung dieſer Erbin eines beinahe königlichen Vermögens zu for⸗ dern und einzuflößen ſchien. Ein ſehr einfaches ſchwarzes Kleid, das Erneſtine trug, erhöhte noch den Gang ihrer Geſichtshaut, die ſich durch eine zartroſige Weiße auszeichnete, die Hände über ihrem Schvoß gekreuzt, den Kopf auf ihren Buſen ge⸗ neigt, ſchien die Waiſe traurig und träumeriſch. Es hatte halb fünf Uhr geſchlagen, als die Gouver⸗ nante von Erneſtine ſachte eintrat und zu ihr ſagte: „Beliebt es Ihnen, Fräulein von la Rochaigue zu empfangen?“ „Gewiß, meine gute Lainé,“ antwortete das Mäd⸗ chen, das bebend aus ſeiner Träumerei erwachte, „warum tritt Fräulein von la Rochaigue nicht ein?“ Die Gouvernante ging hinaus und kam bald wie⸗ der zurück; Fräulein Helena von la Rochaigue ſchritt ihr voran. macht hatte, welche das arme Kind, erſtaunt, beinahe betrübt, als ſie eine Dame von dem Alter von Fräulein Dieſe bigotte Perſon redete Erneſtine erſt an, nach⸗ dem ſie ihr zwei tiefe und ceremoniöſe Verbeugungen ge⸗ —————— — ————— —— 9 Helena mit einer ſolchen Unterthänigkeit eintreten ſah, eiligſt Schlag auf Schlag erwiederte. „Ich danke, Fräulein von Beaumesnil, daß ſie die Güte haben will, mir eine kurze Unterredung zu gönnen,“ ſprach Fräulein Helena mit einem förmlichen und ehr⸗ furchtsvollen Ton, wobei ſie eine dritte und letzte Ver beugung machte, Erneſtine erwiederte auch dieſe und ſagte dann ſchüchtern und verlegen: „Fräulein Helena, ich habe Sie auch um eine Ge⸗ fälligkeit zu bitten. „Mich? welche Ehre! ...“ ſprach raſch die Beſchützerin von Herrn von Macreuſe. „Mein Fräulrin, ich bitte Sie, haben Sie die Güte, mich Erneſtine zu nennen ſtatt Fräulein von Beau⸗ mesnil zu mir zu ſagen . Wenn Sie wüßten, wie läſtig mir das iſt! ..“ „Ich befürchtete, Ihnen zu mißfallen, mein Fräulein, wenn ich mich vertraulicher benehmen würde.“ „Sagen Sie zu mir: Erneſtine, und nicht: mein Fräulein. Ich bitte Sie noch einmal darum, ſind wir nicht Verwandte? Und ſpäter, wenn ich verdiene, daß Sie mich lieben,“ fügte das Mädchen mit treuherziger Anmuth bei, „nicht wahr, dann ſagen Sie: meine liebe Erneſtine?“ „Ah! Sie beſitzen meine ganze Zuneigung, ſeitdem ich Sie zum erſten Mal geſehen habe,“ antwortete Helena ſalbungsreich, ich errieth, der Verein aller bei einer jungen Perſon von Ihrem Alter ſo wünſchenswerthen chriſtlichen Tugenden, blühe in ihrem Herzen. Ich ſpreche nicht von Ihrer Schönheit, ſo idealiſch ſie auch ſein mag, denn Sie gleichen einet Madonna von Raphael. Aber,“ fügte die Gottesfürchtige, die Augen niederſchlagend bei, „die Schönheit iſt ein zerbrechliches und in den Augen des Herrn vergängliches Geſchenk, während Ihnen die Eigen⸗ ſchaften, mit denen Sie Feſchmückt ſind, Ihr Heil ſichern werden.“ Bei dieſer Lawine halb myſtiſcher Lobeserhebungen fühlte ſich die Waiſe von einer tödtlichen Verlegenheit 10 ergriffen. ſie wußte nicht, was ſie antworten ſollte und ſtammelte nur: „Mein Fräulein, ich verdiene ein ſolches Lob nicht... und „ ich weiß nicht . . .“ Dann fügte ſie, ſehr zufrieden dieſen Schmeicheleien zu entgehen, welche trotz ihrer Unerfahrenheit einen ſelt⸗ ſamen Eindruck auf ſie hervorbrachten, bei: „Sie wollen mich um etwas bitten, mein Fräulein?“ „Allerdings,“ antwortete Helena, „ich wollte Ihre i in Beziehung auf den morgigen Gottesdienſt ein⸗ holen.“ „Welchen Gottesdienſt meinen Sie, mein Fräulein?“ „Den Gottesdienſt, welchem wir jeden Tag bei⸗ wohnen werden.“ Und als Erneſtine eine Bewegung des Erſtaunens machte, fuhr Fräulein Helena mit frommem Tone fort: „Dem wir jeden Tag belwohnen werden, um eine Stunde lang für die Ruhe der Seelen Ihres Vaters und Ihrer Mutter zu beten.“ Das Mädchen hatte bis jetzt keine beſtimmte Stunde gehabt, um für ſeinen Vater und ſeine Mutter zu beten. Die Waiſe betete beinahe den ganzen Tag, das heißt beinahe jeden Augenblick dachte ſie mit frommer Ehrfurcht mit unausſprechlicher Rührung an die zwei geliebten We⸗ ſen, deren Verluſt ſie beklagte. Da ſie ſich jedoch der Einladung von Fräulein He⸗ lena nicht zu entziehen wagte, ſo antwortete Erneſtine mit traurigem Ton: „Ich danke Ihnen, daß ſie dieſe Idee gehabt haben, mein Fräulein, und werde Sie begleiten.“ „Die Meſſe um neun Uhr,“ ſprach die Andächtlerin, „wird die ſchicklichſte ſein, inſofern ſie in der Kapelle der Jungfrau ſtattfindet, der Sie i ganz beſonders frommer Ehrerbietung zugethan ſind, wie Sie mir geſtern ſagten, Erneſtine?“ „Ja, mein Fräulein, in Italien wohnte ich alle Sonntage dem Gottesdienſt in der Kapelle der Madonna 11 bei. es war auch eine Mutter . . . und ich weiß nicht, warum ich es vorzog, meine Gebete für meine Mutter an ſie zu richten.“ „Sie werden ſicherlich wirkſamer ſein, meine theure Erneſtine, und da Sie Ihre Gebete unter der Anrufung der Mutter des Erlöſers begonnen haben, ſo müſſen Sie dieſelben fortſetzen . wir werden alſo jeden Tag um neun Uhr Morgens unſere Andacht in der Kapelle der Jungfrau verrichten.“ „Ich werde bereit ſein, mein Fräulein.“ „Sie bevollmächtigen mich alſo, Erneſtine, Befehl zu geben, daß Ihr Wagen und Ihre Leute um dieſe Stunde bereit ſind?“ „Mein Wagen? meine Leute?“ „Gewiß,“ erwiederte die Andächtlerin mit Nachdruck; „Ihr mit dem Wappen geſchmückter Wagen; einer von den Lackeien wird uns in die Kirche begleiten und uns eine Sammettaſche nachtragen, in der unſere Gebetbücher enthalten ſind. Sie wiſſen, daß dies bei allen Leuten von Stand gebräuchlich iſt.“ „Wozu ſo viel Gepränge, mein Fräulein? Ich gehe nur in die Kirche, um zu beten; könnten wir nicht zu Fuße dahin gehen? In dieſer Jahreszeit bei ſo ſchönem Weiten „Welch eine bewunderungswürdige Beſcheidenheit bei ſolchem Reichthum!“ rief die Andächtlerin, „welche Ein⸗ fachheit in der Größe! Ah! Erneſtine, Sie ſind vom Herrn geſegnet! nicht eine Tugend fehlt Ihnen. .. Sie beſitzen die ſeltenſte von allen. .. Die heilige, die göttliche Demuth. . . Sie, die Sie doch die reichſte Erbin Frankreichs ſind.“ Erneſtine ſchaute Fräulein Helena mit neuem Erſtau⸗ nen an. Sie glaubte in ihrer Unſchuld nicht, ſo wunderbare Gefühle dadurch an den Tag gelegt zu haben, daß ſie an einem ſchönen Sommermorgen zu Fuß in die Meſſe zu gehen verlangte; ihr Erſtaunen verdoppelte ſich, als ſie die 12 Andächtlerin, die ſich beinahe bis zum prophetiſchen Tone begeiſterte, fortfahren hörte: „Die Gnade von Oben hat Sie berührt, meine theure Erneſtine! Oh! ja, Alles ſagt mir, der Herr habe Sie bis daher geſegnet, indem er Ihnen die Neigung zu einem muſterhaften, in den Uebungen der Frömmigkeit hingebrachten Leben verliehen, was die anſtändigen Zer⸗ ſtreuungen, die man in der Welt finden kann, nicht aus⸗ ſchließt. . . Ja, Gott beſchützt Sie, meine theure Erne⸗ ſtine und hald wird er Ihnen vielleicht ein noch ſichtbareres Zeichen ſeines allmächtigen Schutzes geben.“ Die Redſeligkeit der Frommen, der ſonſt ſchweigſamen und zurückhaltenden Frömmlerin wurde durch die Erſchei⸗ nung von Frau von la Rochaigue unterbrochen, welche minder beſcheiden als ihre Schwägerin, ohne ſich melden zu laſſen, eintrat. Nicht wenig erſtaunt, Erneſtine unter vier Augen mit Belena zu finden, warf die Baronin Anfangs einen miß⸗ trauiſchen Blick auf dieſe; aber Helena nahm ſogleich eine ſo gottſelige, ſo wenig verſtändige Maske an, daß der Arg⸗ wohn der Baronin alsbald wieder verſchwand. Die Waiſe ſtand auf und ging Frau von la Rochai⸗ gue einige Schritte entgegen; eifrig, lächelnd, geziert und voll Zuvorkommenheit ſagte dieſe zu Erneſtine auf das Zärtlichſte der Welt, indem ſie ihre beiden Hände ergriff: „Meine Liebe und Schöne, ich komme, um Ihnen, wenn Sie es erlauben, ein wenig bis zum Mittageſſen Geſellſchaft zu leiſten . denn ich bin eiferſüchtig auf das lück meiner Schwägerin.“ „Wie liebenswürdig ſind Sie gegen mich, Madame!“ antwortete Erneſtine, empfänglich für die Zuvorkommenheit der Baronin. Helena wandte ſich nach der Thüre und ſagte noch zu dem Mädchen, um die Neugierde ihrer Schwägerin zu befriedigen: „Nicht wahr, um neun Uhr morgen, das iſt abge⸗ macht?“ . „ —— 13 Und nachdem ſie freundlich gegen die Baronin mit dem Kopf genickt, entfernte ſich Helena bis zur Thüre von Fräulein von Beaumesnil zurückgeleitet. Als dieſe ſich wieder gegen Frau von la Rochaigue umwandte, ging die Baronin, da ſie die Waiſe auf ſich zukommen ſah, in demſelben Grade, in welchem ſich Erne⸗ ſtine ihr näherte, einige Schritte zurück und ſagte im Ton liebevollen Vorwurfs zu ihr: „Ah! meine liebe, kleine Schöne, Sie ſind unverbeſ⸗ ich „Warum dies, Madame?“ „Ich bin, wie ich Ihnen geſagt habe, von einer Of⸗ fenherzigkeit, oh! von einer rohen, unbarmherzigen Dffenheit; das iſt einer meiner Fehler; ich werfe Ihnen auch abermals vor ich werde Ihnen immer vor⸗ werfen daß Sie ſich nicht genug gerade halten „Es iſt wahr, Madame, unwillkührlich halte ich mich zuweilen gebückt.“ „Und das werde ich nicht dulden, meine liebe Schöne! Ja, ich werde unbarmherzig ſein,“ fügte heiter die Baronin bei. „Ich frage Sie, wozu nützt denn dieſer köſtliche Wuchs, wenn Sie ihn nicht mehr geltend machen . .. wozu nützt dieſes bezaubernde Geſicht mit den ſo zarten, ſo ausgezeichneten Zügen, wenn Sie es immer geſenkt halten es iſt doch ſo reizend anzuſchauen.“ „Madame . verſetzte die Waiſe, „nicht minder verlegen durch das weltliche Lob der Baronin, als ſie es durch die myſtiſchen Lobſprüche der Andächtlerin gewe⸗ ſen war. „Oh!. das iſt noch nicht Alles,“ ſagte die Ba⸗ ronin mit einer liebevollen Freundlichkeit, „ich muß dieſer vortrefflichen Madame Lainé einen ſcharfen Verweis geben; Sie haben bewunderungswürdige Haare und wären tau⸗ ſendmal beſſer mit engliſchen Locken friſirt. Die Art, wie Sie ihren Kopf tragen, iſt ſo natürlich, anmuthig und edel, (wohl verſtanden, wenn Sie ſich gerade halten) daß die langen Locken Ihnen vortrefflich ſtehen würden.“ X 14 „Ich war immer frifirt, wie ich es jetzt bin, Madame, und dachte nicht daran, eine Aenderung vorzunehmen, da mir dies, ich muß es geſtehen, ziemlich gleichgültig ift. „Das iſt abermals ein Vorwurf, den ich Ihnen zu machen habe (Sie ſehen, ich endige nicht): Sie müſſen coquette ſein . gewiß, ſehr coquette ... oder vielmehr, ich werde es für Sie ſein .. ich bin ſo ſtolz auf meine reizende Mündel, daß ſie die Hübſcheſte verdunkeln ſoll.“ „Nie kann mir eine ſolche Anmaßung in den Sinn kommen,“ erwiederte Erneſtine ſanft lächelnd. „Ich wollte, Sie würden ſich Anmaßungen erlauben, mein Fräulein,“ entgegnete die Baronin lachend; „ich ver⸗ ſtehe das durchaus nicht, und ich werde dieſe Eitelkeiten für Sie haben müſſen. Mit einem Wort, ich will, daß man Sie als die hübſcheſte und eleganteſte junge Perſon nennt wie man Sie eines Tags als die eleganteſte der Frauen anführen wird; . denn unter uns geſagt, ich kenne Sie erſt ſeit geſtern, meine liebe Schöne. Doch nach gewiſſen Richtungen Ihres Weſens, nach gewiſſen ſcheinbar bedeutungsloſen Kleinigkeiten, die ich an Ihnen wahrgenommen, bin ich feſt überzeugt, ich habe es Ihnen ſchon geſagt, daß Sie geboren ſind, um eines Tags eine gefeierte Frau zu werden.“ „Ich, Madame?“ verſetzte treuherzig die Waiſe. „Deſſen bin ich ſicher . . und es iſt nicht gerade diejenige eine gefeierte Frau, die es ſein will; es genügt zu dieſem Ende nicht, Schönheit, Reichthum, Geburt zu haben, Marquiſe oder Herzogin zu ſein .. obgleich dieſer letztere Titel einer Frau ein ganz beſonderes Relief verleiht, Nein, nein, man muß mit allen dieſen Vor⸗ zügen ein gewiſſes Etwas verbinden . das die Auf⸗ merkſamkeit feſſelt, gebietet . . . die Huldigungen herbei⸗ zieht und dieſes gewiſſe Etwas werden Sie haben, das läßt ſich nur zu leicht bei Ihnen errathen.“ „Mein Gott! Madame, Sie ſetzen mich ſehr in Er⸗ ſtaunen. erwiederte das arme Mädchen ganz betäubt, ganz verblüfft. 15 „Ich ſetze Sie in Erſtaunen . Das iſt ganz ein⸗ fach, Sie kennen ſich nicht, meine liebe Schöne; doch ich, die ich Sie ſtudiere, die ich Sie mit dem eiferſüchtigen Auge einer Mutter bewache . ich ſehe Alles vorher, was Sie ſein werden, und wünſche mir Glück dazu .. Es iſt ein ſo entzückendes Daſein, das Daſein einer ge⸗ feierten Frau . . ſie iſt Königin bei allen Feſten, bei allen Vergnügungen und ihr Leben geht in einem beſtän⸗ digen Zauber hin . Ah! hören Sie, damit Sie einen Begriff von der Welt bekommen, über welche Sie eines Tags zu herrſchen beſtimmt find, müſſen wir übermorgen nach den Champs⸗Ely 6es fahren es findet ein Weit⸗ rennen im Bois de Boulogne ſtatt Sie werden das ganze elegante Paris zurückkommen ſehen, das iſt eine Zerſtreuung, welche ſich vollkommen mit Ihrer Trauer verträgt.“ „Madame . . entſchuldigen Sie mich . .. doch ie großen Verſammlungen machen mir bange . . . und „Oh! meine theure Schöne,“ entgegnete die Baronin, ihre Mündel unterbrechend, „ich bin unbeugſam; Sie müſſen das für mich thun .. Auch lege ich einen großen Werth darauf, daß ich behandelt werde, wie meine vor⸗ treffliche Schwägerin . Ei! ſagen Sie mir, meine liebe chöne was haben Sie denn für morgen früh um neun Uhr mit dieſer guten Helena insgeheim verabredet?“ „Fräulein Helena will mich in den Gottesdienſt füh⸗ ren .. Madame.“ „Sie hat Recht, meine liebe Schöne; man darf ſeine religiöſen Pflichten nicht zu ſehr vernachläßigen . Doch neun Uhr iſt ſehr frühe, die Frauen der Welt beſuchen die Kirche erſt um Mittag; da hat man doch wenigſtens Zeit gehabt, eine elegante Toilette zu machen . . . und man trifft in der Kirche bekannte Geſichter.“ „Es iſt bei mir Gewohnheit, frühzeitig aufzuſtehen, adame, und da es Fräulein Helena vorzieht, um neun 16 Uhr zu gehen, ſo dachte ich, dieſe Stunde müßte auch die meinige ſein.“ „Meine liebe Schöne, ich habe Ihnen ſchon geſagt, ich werde von einer unbarmherzigen Aufrichtigkeit ſein .“ „Und dafür bin ich Ihnen dankbar, Madame.“ „Sie müſſen ſich allerdings nicht hochmüthig darauf zeigen, daß Sie die reichſte Erbin Fränkreichs find . Doch ohne dieſe Stellung dadurch, daß Sie Andere Ihrem Willen und ihren Launen zu fröhnen nöthigen, miß⸗ brauchen zu wollen, müſſen Sie ſich doch auch nicht immer beeifern, dem geringſten Wunſche Anderer entgegenzukommen. Noch einmal, vergeſſen Sie nicht, daß Ihr ungeheures Vermögen . . . „Ach! Madame,“ erwiederte Erneſtine, ohne zwei Thränen zurückhalten zu können, welche üher ihre Wangen rollten, „ich thue im Gegentheil mein Möglichſtes, um nicht an dieſes Vermögen zu denken denn es erinnert mich daran, daß ich Waiſe bin.“ „Arme, liebe Schöne,“ ſprach Frau von la Rochaigue, Erneſtine mit zärtlichem Erguſſe küſſend, „wie böſe bin ich über mich, daß ich Sie unwillkührlich traurig gemacht habe! Ich beſchwwöre Sie, trocknen Sie Ihre ſchonen Augen, ich bin tief betrübt, wenn ich Sie weinen ſehe, es ergreift mich ſchmerzlich! . . .“ Erneſtine trocknete langſam ihre Thränen; die Baro⸗ nin fuhr liebevoll fort: „Auf, mein Kind, Muth gefaßt . es iſt allerdings ein furchtbares, ein unwiederbringliches Unglück, Waiſe zu ſein, doch gerade, weil es unwiederbringlich iſt .. müſſen Sie es hinnehmen .. Sie müſſen ſich ſagen, daß Ihnen wenigſtens Freunde bleiben, und daß, wenn die Vergan⸗ genheit traurig, doch die Zukunft eine der glänzendſten iſt.“ In dem Augenblick, wo Frau von la Rochaigue die Waiſe ſo tröſtete, klopfte man beſcheiden an die Thüre: „Wer iſt da?“ fragte die Baronin. „Der Oberſthofmeiſter von Fräulein von Beau⸗ 17 mesnil,“ antwortete eine Stimme, „er bittet um die Gnade, fich ihr zu Füßen legen zu dürfen.“ Erneſtine machte eine Bewegung des Erſtaunens, die Baronin ſagte lächelnd zu ihr: „Es iſt ein Scherz von Herrn von la Rochaigue: er ſteht vor der Thüre.“ Fräulein von Beaumesnil ſuchte auch zu lächeln und die Baronin rief: „Treten Sie ein, Oberſthofmeiſter.“ Bei dieſen Worten erſchien der Baron, mehr als je ſeine langen Zähne zeigend, welche nun durch das Lächeln der Zufriedenheit, die ihm ſein Scherz einflößte, völlig ent⸗ blößt waren. Er verbeugte ſich höflich vor Erneſtine, küßte ihr die Hand und ſagte: „Iſt meine anbetungswürdige Nichte fortwährend mit mir zufrieden? Fehlt nichts bei Ihrem Dienſt? Findet ſie ihr Haus auf einem anſtändigen Fuße? hat ſie keine Unbequemlichkeiten, nichts Unpaſſendes, Ungeeignetes in ihrer Wohnung entdeckt? iſt ſie mit ihren Leuten zufrie⸗ den?“ „Ich beſinde mich vollkommen gut hier, mein Herr, zu gut ſogar,“ antwortete Erneſtine, „denn dieſe prachtvolle Wohnung für mich allein iſt . . .“ „Es iſt nichts zu ſchön, reizende Mündel,“ ſagte der Baron mit entſcheidendem Tone; „es iſt nichts zu koſtbar für die reichſte Erbin von Frankreich.“ „Ich bin beſonders glücklich und gerührt durch den liebevollen Empfang, der mir in Ihrer Familie zu Theil wird, mein Herr,“ erwiederte Erneſtine, „und ich verſichere Sie, daß das Uebrige wenig Bedeutung für mich hat.“ Plötzlich öffneten ſich die beiden Flügel der Thüre des Salon und ein Haushofmeiſter ſprach mit lauter Stimme: „Mein Fräulein, es iſt aufgetragen.“ ——— Die ſieben Todſünden. 1I. 2 FBweites Rapitel. Der Baron bot Erneſtine den Arm und führte ſie in das Speiſezimmer wohin ſich auch bald Helena begab .. etwas verſpätet durch die Abſendung eines Briefes an den Abbé Ledour, die Zuſammenkunft am andern Tag be⸗ treffend. Während des Mittageſſens war Erneſtine der fort⸗ währende Gegenſtand der Zuvorkommenheiten, der Unter⸗ thänigkeiten des Barons, ſeiner Frau, von Helena und den Bedienten, welche, wie ihre Gebieterin, ganz unter dem magiſchen Einfluß der allmächtigen Worte ſtanden, welche die Stellung der Waiſe zuſammenfaßten: die reichſte Erbin von Frankreich. Gegen das Ende des Mahles ſagte der Barvn, der ſich die allerungezwungenſte Miene gab, zu Fräulein von Beaumesnil: „Meine liebe Mündel . . Sie haben heute von den Strapazen Ihrer Reiſe ausgeruht. .. Sie müßten morgen und in den nächſten Tagen ausfahren, um ſich ein wenig zu zerſtreuen.“ „Wir haben ſchon daran gedacht, Helena und ich,“ erwiederte die Baronin; „Ihre Schweſter wird morgen früh Erneſtine in den Gottesdienſt begleiten Nach⸗ mittags kommen Mademviſelle Palmyre und Mademviſelle Barenne, um unſerer lieben kleinen Schönen die Kleider und die Hüte zu probiren, die ich geſtern zu beftellen be⸗ müht geweſen bin, und übermorgen machen wir eine Spa⸗ zierfahrt in den Champs⸗Elyſées. „Vortrefflich,“ rief der Baron, „auf dieſe Art wird der morgige Tag, ſo wie der übetmorgige ſehr gut ange⸗ wendet werden . . . Nun ſehe ich, daß ich bei der Ein⸗ theilung nicht berückſichtigt worden bin . Ich erbitte — 19 mir auch Entſchädigung an dem darauffolgenden Tag.. wollen Sie mir dieſelbe gewähren, meine liebe Mündel!..“ „Gewiß, mein Herr, mit dem größten Vergnügen,“ antwortete Erneſtine. Das Anmuthige dieſer Antwort verdoppelt noch ihren Werth,“ ſprach der Baron mit ſo überzeugtem Ausdruck, daß ſich die Waiſe fragte, was ſie denn ſo Anmuthiges erwiedert habe, als die Baronin den Baron fragte: „Laſſen Sie hören, Herr von la Rochaigue, was ſind Ihre Pläne?“ „Ah! ah!“ antwortete der Baron mit einer feinen Miene, „ich bin weder ſo gottesfürchtig, wie meine Schwe⸗ ſter, noch ſo weltlich wie Sie, meine liebe Freundin, ich ſchlage alſo unſerer liebenswürdigen Mündel einen Spa⸗ ziergang in einem der ſchönſten Gärten von Paris vor, wo eine wundervolle Sammlung blühender Roſenſtöcke ſehen wird.“ „Sie konnten keine beſſere Wahl treffen,“ ſagte Erne⸗ ſtine naiv; „ich liebe die Blumen ſo ſehr.“ „Das iſt nicht genug,“ fügte der Baron bei, „ich bin ein vorſichtiger Mann, meine liebe Mündel: iſt das Wetter ſchlecht, ſo machen wir unſern Spaziergang in herrlichen, warmen Treibhäuſern oder in einer prachtvollen Gemälde⸗ welche die Meiſterwerke der neueren Schule ent⸗ ält.“ h „Und wo finden ſich denn alle dieſe ſchönen Dinge beiſammen?“ fragte Erneſtine ganz verwundert. „Ah! meine liebe Mündel . . . Sie ſind eine wahre Pariſerin!“ rief der Baron mit einer ſelbſtzufriedenen Miene lachend, „und Sie auch, Baronin, und Du auch, meine Schweſter; an Ihrer erſtaunten Miene ſehe ich, daß Sie nicht wiſſen, wo ſich dieſes Land der Wunder findet, während es doch beinahe vor unſerer Thüre liegt.“ „In der That,“ ſagte Fräulein von la Rochaigue, „ich mag immechin ſuchen .. ich „Du findeſt es nicht? ..“ verſetzte der Baron ſirah⸗ 20 lend; „ich habe Mitleid mit Ihnen, meine Damen, alle dieſe Wunder ſind im Lurembourg vereinigt.“ „Im Lurembourg!“ rief die Baronin lachend. „Oh! meine liebe Schöne,“ ſagte ſie zu Erneſtine, „das iſt eine Falle .. eine abſcheuliche Falle. Sie wiſſen nicht, von welcher Leidenſchaft Herr von la Rochaigue für ein anderes von den Wundern des Luxembourg erfullt iſt, von dem er Ihnen etwas zu ſagen, ſich wohl hütet.“ „Und was iſt dieſes andere Wunder?“ fragte das Mädchen lächelnd. „Stellen Sie ſich vor, arme, liebe Unſchuldige Herr von la Rochaigue iſt im Stande, Sie in eine Sitzung der Kammer der Pairs zu führen unter der Vorſpiegelung von Gewächshäuſern, von Blumen und Ge⸗ mälden!“ „Ei! warum nicht, auf die Tribune der Diplomaten? Meine liebe Mündel würde ſich dort in ſchöner und guter Geſellſchaft finden,“ entgegnete der Baron, „ſie würde dort die ſeligen Frauen von Botſchaftern, von Miniſtern „Selig . . . ein reizendes Wort,“ ripf heiter die Baronin, „und woher bekommen Sie dieſe Seligſprechung, wenn's beliebt?“ Dann ſich gegen Helena wendend: „Hören Sie Ihren Bruder, meine Liebe .. welche Blasphemie!“ „Ich behaupte,“ ſprach der Baron, „ich behaupte, daß es auf der Welt keine reizendere, keine bewunderungs⸗ würdigere, keine beneidenswerthere Stellung gibt, als die der Frau eines Botſchafters oder eines Miniſters . Oh! meine theure Freundin,“ fügte der unbekannte Canning bei, indem er ſich mit dem Tone tiefer Ueberzeugung an ſeine Frau wandte, „warum konnte ich Ihnen nicht eine ſolche Stellung geben! Sie wären beneidet, von Schmeichlern umgeben, gefeiert, ein Gegenſtand allſeitiger Huldigung geweſen. Sie wären, deſſen bin ich ſicher, eine erha⸗ bene, politiſche Frau geworden . . . Sie hätten vielleicht 21 den Staat geleitet . . . Gibt es eine ſchoͤnere Rolle für eine Frau?“ „Sehen Sie, welch ein gefährlicher Schmeichler Herr von la Rochaigue iſt!“ ſagte die Baronin zu Erneſtine, „er iſt im Stand, Ihnen auch den Geſchmack an der Po⸗ litik beibringen zu wollen.“ „Mir, Madame? oh! das befürchte ich nicht,“ erwie⸗ derte Erneſtine lächelnd. „Sie mögen ſpotten, ſo lange Sie wollen,“ ſprach der Baron zu Frau von la Rochaigue; „aber ich behaupte, daß meine liebe Mündel in ihrem Weſen etwas Ueberleg⸗ tes. . Geſetztes. Ernſtes hat, was für ihr Alter ſehr merkwürdig iſt, abgeſehen davon, daß ſie unglaublich dem Portrait der ſchönen und berühmten Herzogin von Longueville gleicht, welche unter der Fronde einen ſo großen politiſchen Einfluß ausübte.“ „Ah! das iſt zu ſtark!“ rief die Baronin, ihren Gatten mit verdoppelter Heiterkeit unterbrechend. Einen Augenblick nachdenkend, theilte die Waiſe dieſe Heiterkeit nicht; ſie fand es ſonderbar, daß in weniger als zwei Stunden die drei Perſonen, von denen wir reden, nach und nach entdeckt hatten, ſie vereinigen in ſich die ſeltſamſt entgegengeſetzten Berufe: Den der frommen Frau, Den der von der Mode gefeierten Frau, Den der politiſchen Frau. Das Geſpräch wurde durch das Geräuſch eines Wa⸗ gens unterbrochen, der in den Hof des Hotels fuhr. Der Baron ſagte zu ſeiner Frau: „Sie haben heute nicht Beſuche anzunehmen ver⸗ boten?“ „Nein, aber ich erwarte Niemand, wenn es nicht etwa Frau von Mirecourt iſt, welche zuweilen, ehe ſie in Geſellſchaft geht, zu mir kommt, wie Sie wiſſen.“ „Wo wollen Sie Frau von Mirecourt, wenn es dieſe iſt, empfangen?“ „Meine liebe Schöne,“ ſprach die Baronin zu Erne⸗ 22 ſtine, „wenn es Sie nicht zu ſehr langweilt, ſo erlauben Sie mir wohl, Frau von Mirecourt in Ihrem Salon zu empfangen; es iſt eine würdige und vortreffliche Perſon.“ „Machen Sie es ganz, wie es Ihnen beliebt,“ erwie⸗ derte Erneſtine. „Laſſen Sie in den Salon von Fräulein von Beau⸗ mesnil eintreten,“ ſagte die Baronin zu einem von den Bedienten. Dieſer ging hinaus, kam bald wieder zurück und meldete: „Nach den Befohlen der Frau Baronin habe ich bei dem Fräulein eintreten laſſen. . . Doch es war nicht Frau von Mirecourt.“ „Wer war es denn?“ „Der Herr Marquis von Maillefort, Frau Baronin.“ Bei dem Namen des Marquis rief der Baron: „Das iſt unerträglich. . . Ein Beſuch zu einer ſol⸗ chen Stunde iſt eine unbegreifliche Vertraulichkeit.“ Die Baronin bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge ſich vor den Leuten Zwang anthun, und ſagte leiſe 6 n welche ſich über dieſen Vorfall zu wundern chien. „Herr von la Rochaigue liebt Herrn von Maillefort nicht, der einer der boshafteſten Buckeligen iſt, die man ſich vorſtellen kann.“ „Ein wahrer Satan,“ fügte Helena bei. „Mir ſcheint,“ ſagte Erneſtine nachdenkend, „mir ſcheint, ich habe früher bei meiner Mutter den Namen Maillefort ausſprechen hören.“ „Ei! gewiß, meine Schönſte,“ erwiedertr die Baronin, „man ſprach nicht gerade vom Marquis als von einem guten Engel.“ „Ich erinnere mich nicht, ob ich vom Marquis im Guten oder im Böſen habe reden hören,“ ſagte Erneſtine, „ich erinnere mich nur ſeines Namens.“ „Und dieſer Name iſt der einer wahren Peſt!!“ rief der Baron. 23 „Aber, Madame,“ fragte Erneſtine zögernd, „warum empfangen Sie Herrn von Maillefort, wenn er ſo böſe iſt?“ „Ah! meine liebe Schöne .. man iſt in der Welt zu ſo vielen Einräumungen genothigt, beſonders wenn es ſich um Perſonen von der Geburt von Herrn von Maille⸗ fort handelt!“ Und ſich an den Baron wendend: „Wir können unmöglich länger beim Mittagsbrod verweilen, denn man hat den Kaffee im Salon ſervirt.“ Frau von la Rochaigue ſtand vom Tiſche auf, der Baron bot, ſeinen Aerger verbergend, ſeiner Mündel den Arm und alle traten in den Salon, wo Herr von Maille⸗ fort wartete. Der Marquis hatte ſich ſeit langer Zeit ſo ſehr da⸗ ran gewöhnt, ſich in Beziehung auf ſeine tiefe und geheime Leidenſchaft für die Gräfin von Beaumesnil, welche Lei⸗ denſchaft von dieſer allein ergründet worden war, zu be⸗ wältigen, daß er beim Anblick von Erneſtine in keiner Hinſicht die Theilnahme verrieth, die ſie ihm einflößte. Nicht ohne Traurigkeit dachte er daran, daß er ſich vor der Waiſe ſo zeigen müſſe, wie er ſtets vor den Andern geweſen war: einſchneidend und ſarkaſtiſch; eine plötzliche Veränderung in ſeinen Manieren, in ſeiner Sprache, hätte bei den la Rochaigue Verdacht erregt und um Erneſtine, ihrer ſelbſt vielleicht noch unbewußt, zu beſchützen, um ſo den letzten Willen der Gräfin zu füllen, durfte er in keiner Hinſicht das Mißtrauen der Perſonen erregen, von denen die Waiſe umgeben war. Mit großem Scharfſinn ausgerüſtet, bemerkte Herr von Maillefort mit einer grauſamen Beklemmung des Herzens den ungünſtigen Eindruck, den ſein Anblick auf Erneſtine hervorbrachte, denn noch unter dem Einfluß der Verleumdungen, deren Gegeyſtand der Buckelige geweſen war, bebte die Waiſe unwillkührlich und wandte ihre Augen ab, als ſie dieſes ungeſtaltete Weſen erſchaute. So verſchiedenartig peinlich auch nun die Gefühle des Marquis waren, ſo beſaß er doch die Kraft, ſie zu ver⸗ 24 bergen; er ging, ein Lächeln auf den Lippen, den Spott im Blick, auf Frau von la Rochaigue zu und ſagte zu ihr: „Nicht wahr, meine liebe Baronin, ich bin ſehr un⸗ beſcheiden? Doch Sie wiſſen, oder Sie wiſſen vielmehr nicht, man hat ſeine Freunde nur, um bei ihnen ſeinen Fehlern den freien Lauf zu laſſen, wenn man nicht etwa,“ fügte der Margquis, ſich vor Helena tief verbeugend bei, „wenn man nicht etwa, wie Fräulein von la Rochai⸗ gue keine Fehler hot und als ein Engel der Voll⸗ kommenheit zur Erbauung der Gläubigen vom Himmel herabgeſtiegen iſt; dann iſt es noch ſchlimmer: iſt man ſo vollkommen, ſo verhängt man über ſeine Freunde die Strafe des Neides oder der Bewunderung, denn für Viele läuft dies auf Eins hinaus.“ Dann ſich an Herrn von la Rochaigue wendend: „Nicht wahr, ich habe Recht, Baron? Ich berufe mich auf Sie, der Sie das Glück haben, weder durch Vorzüge, noch durch Fehler zu verletzen.“ Der Baron lächelte, zeigte übermäßig ſeine langen Zähne und erwiederte, indem er ſeine üble Laune zu über⸗ winden ſuchte: „Ah! Marquis! . Marquis immer boshaft, aber immer liebenswürdig.“ Da es ihm nun einſiel, er könnte nicht umhin, Herrn von Maillefort ſeiner Mündel vorzuſtellen, welche den Buckeligen mit wachſender Angſt anſchaute, ſo ſagte der Baron zu Erneſtine: „Meine liebe Mündel, erlauben Sie mir, Ihnen den Herrn Marquts Lvon Maillefort, einen unſerer Freunde vorzuſtellen.“ Nachdem er ſich vor dem Mädchen verbeugt hatte, das ſeinen Gruß verlegen erwiederte, ſprach der Buckelige mit kalter Höflichkeit: „Mein Fräulein, ich fühle mich glücklich, daß ich nun einen Grund mehr habe, häufig zu Frau von la Rochai⸗ gue zu kommen.“ Und als ob er ſich durch dieſe alltägliche Redensart 25 von der Waiſe befreit glaubte, verbeugte ſich der Mar⸗ 1 quis abermals und ſetzte ſich zu der Baronin, während Herr von la Rochaigue ſeinen Aerger, langſam den Kaffee ſchlürfend, zu verkleiden ſuchte und Helena und Erneſtine unter dem Vorwand, ſie die Blumen einer Jardiniére be⸗ wundern zu laſſen, einige Schritte wegführte. Ohne daß er Erneſtine und Helena die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, verlor ſie der Marquis doch nicht aus dem Blick; er hatte ein ſehr feines Gehör und hofſte einige Worte von der Unterredung der Frömm⸗ lerin mit der Waiſe zu erlauſchen, während er mit Frau von la Rochaigue plauderte, was von Anfang nothwendig ein bedeutungsloſes Geſpräch war, denn jedes von den zwei Redenden verbarg ſorgfältig den Grund ſeiner Ge⸗ danken unter einem leichtfertigen oder alltäglichen Ge⸗ ſchwätze und ſuchte ſeinen Gegner, wie man zu ſagen pflegt, ankommen zu laſſen. Das leichte, Schwankende einer ſolchen Unterhaltung begünſtigte vortrefflich die Abſichten des Marquis; wäh⸗ rend er mit einem zerſtreuten Ohr auf Frau von la Ro⸗ chaigue hörte, horchte er mit dem andern, und zwar ſehr gierig auf Erneſtine, den Baron und Helena. Die Frömmlerin und ihr Bruder, welche den Bucke⸗ ligen ganz in ſein Geſpräch mit Frau von la Rochaigue vertieft glaubte, erinnerten die Waiſe im Verlauf ihrer Unterredung an die Zuſage, vie ſie geleiſtet, nämlich: Helena, ſie am andern Morgen um neun Uhr in den Gottesdienſt zu begleiten; Dem Baron am zweiten Tage mit ihm die Wunder des Lurembourg anzuſchauen. Obgleich nichts Außerordentliches in dieſem von Er⸗ neſtine angenommenen Entwurfe lag, dachte doch Herr von Maillefort, der gegen die la Rochaigue ſehr miß⸗ trauiſch war, es dürfte nicht unnütz für ihn ſein, wenn er von allen dieſen, ſcheinbar unbedeutenden, Umſtänden un⸗ terrichtet wäre. Er merkte ſich dieſelben ſorgfältig in ſei⸗ 26 nem Geiſte, während er mit ſeiner gewöhnlichen Leichtig⸗ keit die Gemeinplätze der Baronin beantwortete. Die Aufmerkſamkeit des Buckeligen war ſo ſeit einigen Minuten getheilt, als er, aus dem Augenwinkel ſpähend, He⸗ lena leiſe mit Erneſtine ſprechen und dieſer mit dem Blick Frau von la Rochaigue bezeichnen ſah, als wollte ſie ihr ſagen, man dürfe die Baronin nicht in ihrer Unterhaltung ſtören; bald verließen auch die Waiſe, Helena und der Baron ſachte und in der Stille den Salon. Frau von la Rochaigue nahm ihre Abweſenheit erſt bei dem Geräuſch wahr, das die Thüre machte, als man ſie wieder ſchloß. Dieſer Abgang bediente die Baronin nach Wünſchen; die Gegenwart anderer Perſonen wäre läſtig und been⸗ gend bei einer Unterredung mit dem Marquis geweſen, die ihr ſehr dringend dünkte; ſie war zu ſchlau, zu ſehr bewandert in den Dingen der Welt, um nicht, wie ſie es zu dem Baron geſagt hatte, zu ahnen, der Marquis, der nach einer ſo langen Unterbrechung in ihren Verhältniſſen, nun plötzlich wieder in ihr Haus kam, könne dahin nur durch die Gegenwart der Erbin zurückgeführt werden, auf die er nothwendig verborgene Abſichten haben müßte. Da die Leidenſchaft des Buckeligen für Frau von Beaumesnil von Niemand errathen, da ſeine letzte Unter⸗ redung mit der ſterbenden Gräfin ebenfalls geheim gehal⸗ ten worden war, ſo konnte Frau von la Rochaigue nicht dhnen, und ahnte auch nicht, welche theilnehmende Sorge der Marquis für Erneſtine hegte. Da ſie nichtsdeſtoweniger die Abſichten des Bucke⸗ ligen ergründen wollte, um ſie zu vereiteln, ſollten ſie den ihrigen entgegentreten, ſo unterbrach Frau von la Rochai⸗ gue ihr unbedeutendes Geplauder, ſobald die Thüre wie⸗ der hinter der Waiſe geſchloſſen war, und fragte den Buckeligen: „Nun! wie finden Sie Fräulein von Beaumesnil?“ „Ich finde ſie ſehr freigebig ausgeſtattet.“ 27 „Wie, Marquis, was ſoll dieſes Wort Freigebig be⸗ deuten!“ „Allerdings mit ihrem Vermögen hätte Ihre Mündel das Recht, ebenſo häßlich und buckelig zu ſein, als ich doch hat ſie einige gute Eigenſchaften?“ „Ich kenne ſie ſeit ſo kurzer Zeit, daß ich dies nicht zu ſagen vermöchte.“ „Warum dieſe Zurückhaltung? . . . Sie fühlen wohl, eei nicht komme, um Sie um die Hand ihrer Mündel zu bitten.“ „Wer weiß?“ verſetzte die Baronin lachend. . „Ich ich weiß es und ſage es Ihnen.“ „Im Ernſte, Marquis?“ rief Frau von la Rochai⸗ gue. „Ich bin überzeugt, daß zu dieſer Stunde ſich ſchon hundert Heirathsentwürfe gebildet haben.“ „Gegen Fräulein von Beaumesnil?“ „Gegen iſt ſehr hübſch. Doch hören Sie, Marquis, ich will offenherzig gegen Sie ſein.“ „Wahrhaftig!“ ſagte der Buckelige mit einem ſpöt⸗ tiſchen Erſtaunen. „Nun wohl! ich auch, laſſen Sie uns dieſen kleinen Aufwand an Offenherzigkeit machen; meiner Treue, ich bin begierig!“ Bei dieſen Worten näherte Herr von Maillefort ſei⸗ nen Stuhl dem Canapé, auf dem die Baronin ſaß. Drittes Rapitel. Nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, ſagte Frau von la Rochaigue, einen durchdringenden Blick auf Herrn von Maillefort werfend: „Marquis, ich habe Sie errathen.“ „Ah bah!“ „Vollkommen errathen.“ „Sie machen Alles vollkommen ... das ſetzt mich nicht in Erſtaunen; laſſen Sie alſo Ihre wunderbare Weiſſagung hören.“ „Aus Furcht, meinen Kummer aufs Neue zu beleben, will ich die Anzahl der Jahre nicht rechnen, während welcher Sie keinen Fuß in mein Haus geſetzt haben, Marquis . . . und nun kommen Sie plötzlich mit einem ganz ſchmeichelhaften Eifer zu mir zurück Ich, die ich eine gute Frau und keineswegs eitel bin, ich habe mir eſagt „ „Nun, Baronin, was haben Sie ſich geſagt?“ „Oh! mein Gott! ich ſagte mir ganz einfach: „Was verſchafft mir, nachdem Herr von Maillefort ohne allen Grund den Umgang mit mir abgebrochen hatte, auf's Neue das Vergnügen, ihn zu ſehen? .. Ohne Zweifel der Umſtand, daß ich die Vormünderin von Fräu⸗ lein von Beaumesnil bin, und daß dieſer vortreffliche Marquis irgend ein Intereſſe hat, zu mir zurückzukehren.“ „Meiner Treue, Baronin, das iſt ungefähr ſo .. „Wie, Sie geſtehen es?“ 3 „Ich muß wohl.“ „Sis wollen mich an meinem Scharfſinn dadurch fi machen, daß Sie ſich ſo ſchnell ergeben, Mar⸗ quis.“ „Sind wir nicht in einer vollen Schwelgerei der Offenherzigkeit begriffen?“ 29 „Das iſt wahr .. .“ „Dann will ich Ihnen meinerſeits vor Allem ſagen, warum ich plötzlich zu Ihnen zu kommen aufgehört habe. . ſehen Sie, Baronin, ich bin eine Art von Stoiker.“ „Nun! . was thut hiebei der Stoicismus?“ „Er thut ſehr viel, denn er hat mir die Kraft ver⸗ liehen, wenn mir eine Sache ungemein gefällt, plötzlich darauf zu verzichten, damit ich mich nicht durch zu ſüße Gewohnheiten verweichlichen laſſe . . . Deshalb, Baronin, habe ich plötzlich Sie zu beſuchen aufgehört.“ „Ich möchte das gern glauben, aber .. .“ „Verſuchen Sie es immerhin . . . Was meine Rück⸗ kehr zu Ihnen betrifft . . .“ „Ah! das iſt intereſſanter.“ „Sie haben ungefähr richtig errathen . . . „Ungefähr, Marquis?“ „Ja, denn obgleich ich keinen Plan hinſichtlich der Verheirathung Ihrer Nichte hatte, ſagte ich mir doch Folgendes dieſe wunderbare reiche Erbin wird der Ziel⸗ punkt einer Menge von Intriguen ſein, von denen die einen ohne Zweifel immer beluſtigender . oder immer gemeiner ſind als die andern .. Das Haus von Frau von la Rochaigue wird der Mittelpunkt ſein, nach dem alle dieſe verſchiedenen Intriguen ausmünden. Man wird ſich dort, wie man zu ſagen pflegt, in den erſten Logen finden, um alle Akte dieſes Luſtſpiels zu ſehen .In meinem Alter und ſo wie ich beſchaffen bin, habe ich keine andere Unterhaltung, als die des Beobachtens. Ich werde daher als Beobachter zu Frau von la Rochaigue ge⸗ hen Sie wird mich empfangen, weil ſie mich früher empfangen hat, und weil ich im Ganzen weder alberner, noch langweiliger bin, als ein Anderer. So werde ich von meinem Winkel aus ganz ruhig dem erbitterten Kampf der Bewerber beiwohnen; das iſt die Wahrheit; werden Sie nun den Muth haben, Baronin, mir von Zeit zu Zeit ein Plätzchen in Ihrem Salon zu verweigern, wo ich 4 30 beobachten kann, deren Preis Ihre Mündel ein ſo „Ah! Marquis,“ ſagte Frau von la Rochaigue den Kopf ſchüttelnd, „Si⸗ gehören nicht zu den Leuten, welche ohne an dem Gemenge Theil zu nehmen, zuſchauen, wie die Andern ſich ſchlagen.“ „Ei, ei! ich ſage nein.“ „Sie ſehen alſo, Sie werden nicht neutral bleiben.“ „Ich weiß es nicht, “ ſprach der Baron, der auf die folgenden Worte einen gnz beſonderen Nachvruck wählte: „doch da ich in der Welt ziemlich angeſehen bin, da ich viele Dinge weiß. da ich ſtets die Freiheit meiner Rede zu behaupten uuſe da ich einen Abſcheu vor Feig⸗ heiten habe, ſo geſtehe ich Ihnen, daß ich, wenn ich in dem Gemenge, wie Sie es nennen, meine liebe Barv⸗ nin, hinterliſtiger, oder treuloſer Weiſe einem braven Krieger, deſſen Tapferkeit meine Theilnahme erregt hätte, angreifen oder bedrohen ſehen ſollte, ihm meiner Treue mit allen Mitteln, über die ich verfügen kann, unterſtützen würde.“ „Aber, mein Herr,“ erwiederte die Baronin, ihren Aerger unter einem gezuungenen Lachen verbergend, „das iſt, erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen . .. das iſt eine Art von anhaltender Inquiſitivn. wobei Sie der Großinquifitor wären, und deren Sitz ſich in meinem Hauſe befünde. „Oh! mein Gott! bei Ihnen oder anderswo, meine liebe Baronin. Sie fühlen wohl, daß wenn ie in der Laune einer hübſchen Frau . . . und mehr als irgend Jemand können Sie ſich ſolche Launen erlauben . . wenn Sie zu Ihren Leuten ſagen würden, Sie ſeien in Zukunft nicht mehr ſür mich zu Hauſe . .“ „Ah! Marquis. können Sie das denken ?7 . „Ich ſcherze,“ verſetzte Herr von Maillefort mit trpckenem Ton, „der Baron iſt ein Mann von zu guter Geſellſchaft, um es zu dulden, daß mir Ihre Thure ohne Grund verſchloſſen würde; und er wird mir, deſſen bin 34 ich ſicher, eine Erklärung in dieſer Hinſicht erſparen .. Ich hatte alſo die Ehre, Ihnen zu ſagen, meine liebe Baronin, einmal entſchloſſen, das ſeltſame Ernigniß, wie ſich nämlichdie reichſte Erbin von Frankreich verheirathet, zu beobachten, könne ich überall den Sitz für mein Obſervatorium aufſchlagen, denn trotz mei⸗ nes Wuchſes bin ich ſo eitel, zu glauben, daß ich gerade⸗ aus von oben . und aus der Ferne ſehe.“ „Ah! mein lieber Marquis,“ ſprach Frau von la Rochaigue, welche nun wieder lächelte, „geſtehen Sie, es iſt ein Angriffs- und Vertheidigungsbündniß, was Sie mir vorſchlagen wollen.“ . „Nicht im Geringſten .. Ich will weder für Sie, noch gegen Sie ſein. Ich werde viel beobachten, und dann nach Maßgabe meines geringen Urtheils und meiner ſchwachen Mittei dieſem oder jenem zu nützen, oder Ein⸗ trag zu thun bemüht ſein . . wenn mich die Luſt dazu erfaßt, oder vielmehr, wenn Replichkeit und Gerechtigkeit dies heiſchen, denn Sie wiſſen, wie vriginell ich bin.“ „Aber warum beſchränken Sie ſich nicht auf Ihre Rolle eines Neugierigen, eines Beobachters? Warum blei⸗ ben Sie nicht neutral?“ „Weil und nicht ich, ſondern Sie haben dies geſagt, meine liebe Baronin. . weil ich leider nicht zu denjenigen gehöre, welche die Andern ſich ſchlagen ſehen können, ohne irgend einen Antheil am Gemenge zu nehmen.“ „Aber, Herr Marquis,“ ſagte Frau von la Rochai⸗ gue, „wenn (vas iſt nur eine reine Annahme, denn wir find eniſchloſſen, nicht lange vorher an eine Heirath von Erneſtine zu denken), angenommen alſo, ſagte ich, wir hätten irgend Jemand für ſie im Blick, was würden Sie thun?“ „Meiner Treue, das weiß ich durchaus nicht.“ „Stille doch, Herr Marquis, Sie ſpielen den Schlauen gegen mich Sie haben irgend einen Plan?“ „Keinen. Ich kenne Fräulein von Beaumesnil nicht 32 ich ſchlage Ihnen Niemand vor . . Ich bin alſo voll⸗ kommen uneigennützig bet meiner Rolle als Neugieriger, als Beobachter, und dann frage ich ein wenig, was macht es Ihnen, meine liebe Baronin, daß ich neugierig Lund Beobachter bin.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Frau von la Rochaigue, die wieder ihre Kaltblütigkeit gewann, „denn was können wir im Ganzen, wenn wir Erneſtine verheirathen, im Blick haben? ihr Glück!“ „Ganz gewiß.“ „Wir haben alſo nichts von Ihrem Obſervatorium, wie Sie es nennen, zu befürchten, mein lieber Marquis.“ „Nichts, durchaus nichts, meine liebe Baronin.“ „Denn wenn wir am Ende einen falſchen Weg ein⸗ ſchlagen würden. ..“ „Was auch bei den beſten Abſichten geſchehen kann.“ „Gewiß, Marquis. Sie werden dann nicht verfehlen, uns zu Hülfe zu kommen, um uns die Klippe . . . von Ihrem erleuchteten Obſervatorium herab zu bezeichnen.“ „Man iſt hiezu Beobachter,“ ſagte Herr von Maille⸗ fort, der nun aufſtand, um von Frau von la Rochaigue Abſchied zu nehmen. „Wie, Marquis,“ ſagte die Baronin mit einem ge⸗ zwungenen Weſen, „Sie verlaſſen mich ſchon?“ „Zu meinem großen Bedauern . . . ich will meine Rundreiſe in fünf bis ſechs Salons machen, um von Ihrer Erbin ſprechen zu hören. . . Sie können ſich nicht vorſtellen, wie beluſtigend. . . wie intereſſant . . wie emporend zuweilen . . . all dieſes Geſchwätze über eine ſolche Mitgift iſt, die man als ein Weltwunder betrachtet.“ „Ah! mein lieber Marquis,“ ſagte Frau von la Rochaigue, indem ſie dem Buckeligen mit der berzlichſte Miene die Hand reichte, „laſſen Sie uns im Ernſt ſpre⸗ chen. . Nicht wahr ich darf hoffen, Sie oft, ſehr oft zu ſehen .. Und da Sie dies Alles intereſſirt, Sie böſer Neugieriger, ſo werde ich Sie, ſeien Sie unbeſorgt, ſtets 33 auf dem Laufenden erhalten,“ fügte die Baronin geheim⸗ nißvoll bei. „Und ich auch,“ erwiederte Herr von Maillefort nicht minder geheimnißvoll . . „ℳch werde Ihnen meinerſeits auch Alles erzählen, und das wird köſtlich ſein . Doch bei dieſer Gelegenheit,“ fügte der Marquts lächelnd und mit einer ſehr freien Miene bei (obgleich er zu Frau von la Rochaigue ebenſowohl gekommen war, um Erneſtine zu ſehen, als um, wenn es möglich wäre, einige Auf⸗ klärungen über ein für ihn noch unerforſchliches Geheimniß zu erhalten), „bei dieſer Gelegenheit“ fügte alſo der Marquis bei, „haben Sie von einem natürlichen Kinde ſprechen hören, das Herr von Beaumesnil hinterlaſſen haben ſoll?“ „Herr von Beaumesnil?“ fragte die Baronin erſtaunt. „Ja,“ antwortete der Buckelige, denn die Frage ſo vorrückend, hoffte er bei ſeiner Nachforſchung zu demſel⸗ ben Ziel zu gelangen, ohne das Geheimniß zu gefährden, das er Frau von Beaumesnil abgelauſcht zu haben glaubte, „ja, iſt es Ihnen zu Ohren gekommen, Herr von Beaumesnil habe ein natürliches Kind gehabt?“ „Nein erwiederte die Baronin, „und das iſt das erſte Mal, daß ich etwas von dieſem Gerüchte höre. .. Zur Zeit ſprach man, glaube ich, von einem Verhältniß der Gräfin vor ihrer Verheirathung .. Auf ſie würde ſich alſo eher die Geſchichte von dieſem angeblichen natür⸗ lichen Kind beziehen; doch ich, was mich betrifft, habe nie etwas hievon ſagen hören.“ „Mag nun dieſes Gerücht ſich auf den Grafen oder auf die Gräfin beziehen,“ ſagte der Buckelige, „es iſt offenbar ein albernes Mährchen, da Sie durchaus nichts davon wiſſen, Sie, die Sie bei. Ihrer Stellung und bei Ihrer Kenntniß der Familienangelegenheiten beſſer, als irgend Jemand, von einem ſo ernſten Umſtand unterrichtet ſein müßten.“ „Ich verſichere Sie, Marquis, wir haben weder et⸗ Die ſieben Todſünden. 1. 3 34 was geſehen, noch etwas geleſen, wodurch bei uns der Verdacht hälte erregt werden können, Herr von Beau⸗ mesnil oder Frau von Beaumesnil habe ein natürliches Kind hinterlaſſen.“ Mit unendlich viel Takt und Scharffinn begabt, war Herr von Maillefort mit Recht von der völligen Unwiſſen⸗ heit von Frau von la Rochaigue in Beziehung auf die natürliche Tochter, welche die Gräfin ſeiner Vermuthung nach gehabt haben mußte, überzeugt; zu ſeinem Kummer ſah er die Fruchtloſigkeit ſeines neuen Verſuches, und er verzweifelte beinahe daran, den letzten Willen von Frau von Beaumesnil vollziehen zu können, da er nicht wußte, wie er dieſes unbekannte Kind wiederfinden ſollte. Ohne zu bemerken, wie der Buckelige ganz mit ſei⸗ nen eigenen peinlichen Gedanken beſchäftigt war, fuhr Frau von la Rochaigue fort: „Man ſagt übrigens ſo unbegreifliche Dinge in Be⸗ ziehung auf dieſe Erbſchaft. .. Hat man nicht auch von eben ſo bizarren als großartigen Legaten geſprochen, welche die Gräfin gemacht haben ſoll!“ „Wahrhaftig?“ „Das find abermals Geſchichten aus einer fabelhaf⸗ ten Welt,“ ſprach Frau von la Rochaigue mit einem nicht zu verkennenden Ton der Anſchwärzung, denn ſie war ſtets ſehr feindſelig gegen Frau von Beaumesnil ge⸗ ſinnt geweſen; „die Gräfin hat ein paar alten Dienern ſehr kärgliche Ruhegehalte ausgeſetzt und wohl auch ihren andern Dienſtboten ein kleines Gnadengeſchenk vermacht .. Hierauf beſchränken ſich die ſo herrlichen Legate.. Nur hätte die Gräſin,“ fügte Frau von la Rochaigue mit ver⸗ voppelter Bitterkeit bei, „nur hätte die Gräfin, da ſie ge⸗ rade in der Laune der Großmuth war, nicht ſo undankbar ſein ſollen, ein armes Mädchen zu vergeſſen, dem ſie doch einige Erkenntlichkeit ſchuldig war.“ „Wie ſo?“ fragte der Marquis, genöthigt, ſeine pein⸗ lichen Gefühle zu verbergen, als er die Baronin auf die 35 Art das Andenken von Frau von Beaumesnil angreifen hörte; „von welchem Mädchen ſprechen Sie?“ „Sie wiſſen alſo nicht, daß die Gräfin während der letzten Zeit ihres Lebens, den Rath ihres Arztes befolgend, eine junge Künſtlerin zu ſich kommen ließ, der ſie oft große Erleichterung in ihren Schmerzen verdankte?“ „In der That, ich habe entfernt davon ſprechen hören,“ erwiederte der Buckelige, der ſeine Erinnerungen zu ſam⸗ meln ſuchte. „Nun! iſt es nicht unerhört, daß die Gräfin dieſem armen Mädchen nicht das geringſte Legat hinterlaſſen hat? Wenn dies eine Vergeßlichkeit iſt, ſo gieicht ſie wenigſtens ganz ungeheuer der Undankbarkeit.“ Der Marquis kannte ſo gut den Seelenabel und die Herzensgüte von Frau von Beaumesnil, daß ihm dieſe Vergeßlichkeit in Beziehung auf die junge Künſtlerin un⸗ gemein auffiel. . . Nachdem er einen Augenblick nachge⸗ dacht hatte, ahnete er unbeſtimmt, daß gerade, weil dieſe Vergeßlichkeit unerklärlich ſchien, in dieſem Umſtand, wenn er der Wirklichkeit entſprach, etwas Anderes lag, als ein Mangel an Gedächtniß; er ſagte auch: „Sie ſind deſſen ſicher, Baronin, daß das Mädchen durchaus keine Belohnung von Frau von Beaumesnil er⸗ halten hat? Sie ſind deſſen vollkommen ſicher?“ „Unſere Ueberzeugung war in dieſer Hinſicht ſo ein⸗ hellig,“ antwortete die Baronin, entzückt von dieſer Gelegen⸗ heit, ſich geltend machen zu können, „daß wir, empört über die Undankbarkeit der Gräfin, aus Rückſicht für die Familie . dem Mädchen ein Billet von fünfhundert Franken ſchickten.“ „Das war gerecht.“ ern . . Und wiſſen Sie was geſchah?“ „Nein. „Die junge Künſtlerin brachte uns hoffärtig die fünf⸗ hundert Franken zurück und ſagte, ſie ſei bezahlt worden.“ „Das iſt ein Beweis von einem edlen Herzen,“ ſprach lebhaft der Marquis; „doch Sie ſehen, die Gräfin hatte die Künſtlerin nicht vergeſſen, und ohne Zweifel wird ſie 36 ihr ſelbſt irgend einen Beweis ihrer Dankbarkeit, einge⸗ händigt haben, ſtatt ihr etwas zu vermachen .. „Sie würden das nicht glauben, Marquis, wenn Sie die anſtändige, aber bezeichnende Armſeligkeit der Kleider des Mädchens geſehen hätten .. Pas that wehe, und ſie wäre ſicherlich anders gekleidet geweſen, hätte ſie irgend einen Antheil an der Freigebigkeit von Frau von Beaumesnil gehabt; die arme junge Künſtlerin, welche, beiläufig geſagt, ſchön iſt wie ein Geſtirn, erregte ſo ſehr mein ganzes Mitleid,“ fügte Frau von la Rochai⸗ gue, Empfindſamkeit heuchelnd, bei, „die Zartheit ihres Benehmens rührte mich dergeſtalt, daß ich ihr den Vor⸗ ſchlag machte, Erneſtine Muſikunterricht zu geben . . .“ „Wahrhaftig! Sie haben das gethan? Das iſt herrlich.“ „Ihr Erſtaunen iſt eben nicht ſehr ſchmeichelhaft, Marquis.“ „Sie verwechſeln die Bewunderung mit dem Erſtau⸗ nen; ich erſtaune durchaus nicht, ich kenne die Schätze Ihrer Güte, die Milde Ihres vortrefflichen Herzens,“ ſagte Herr von Maillefort, unter ſeiner gewöhnlichen Spötterei die Hoffnung verbergend, endlich dem Geheimniß, das zu ergründen er ein ſo großes Intereſſe hatte, auf die Spur zu gelangen. „Statt über meine Herzensgüte zu ſpotten, Marquis,“ fuhr Frau von la Rochaigue fort, „ſollten Sie mich nach⸗ ahmen und dem armen Mädchen unter Ihren Bekannten Lertionen zu verſchaffen ſuchen.“ „Gewiß,“ antwortete der Marquis mit einer ſchein⸗ baren Kälte in Beziehung auf die junge Künſtlerin, „ich verſpreche Ihnen, mich für Ihren Schützling zu intereſ⸗ firen. . . obgleich ich wenig Anſehen als Muſikkenner habe. Doch wie heißt die Künſtlerin und wo wohnt ſie?“ „Sie heißt Herminie und wohnt in der Rue de Monceau. ich erinnere mich der Nummer nicht, doch ich will Sie dieſelbe wiſſen laſſen.“ „Ich werde mich für Mademoiſelle Herminie ver⸗ S 37 wenden, wenn ich kann, aber unter der Bedingung der Vergeltung, ſollte ich Ihre Begünſtigung für einen Be⸗ werber um die Hand von Fräulein von Beaumesnil in Anſpruch nehmen, den ich von meinem Obſervatorium herab im Nachtheil bei dem harten Kampfe der Prätendenten ſehen würde.“ „In der That, Marquis, Sie wiſſen den Preis für Ihre Dienſte zu machen,“ erwiederte die Baronin mit einer gezwungenen Miene lächelnd; „doch ich bin feſt überzeugt, wir werden uns ſtets vortrefflich verſtändigen.“ „Und ich, meine liebe Baronin, Sie können nicht glauben, wie ſehr ich mich zum Voraus über die rührende Harmonie freue, die fortan unter uns herrſchen wird,“ fügte der Marquis mit einem ganz gutmüthigen Ton bei; „geſtehen wir, unſer Aufwand an Offenherzigkeit iſt un⸗ endlich erſprießlich für uns geweſen . . . wir haben nun das vollſte Zutrauen zu einander, nicht wahr, Baronin?“ „Gewiß, und leider iſt das Vertrauen etwas ſo Sel⸗ tenes,“ fügte die Baronin mit einem Seufzer bei. „Doch wenn es ſich trifft, wie gut iſt es! nicht wahr, meine liebe Baronin?“ „Es iſt göttlich, mein lieber Marquis. Auf baldiges Wiederſehen alſo, hoffe ich?“ „Auf baldiges Wiederſehen!“ ſagte der Marquis den Salon verlaſſend. „Verfluchter Menſch!“ rief die Baronin von ihrem Stuhl aufſpringend. Und ſie ging mit großen Schritten auf und ab und ihren ſo mühſam unterdrückten Gefühlen freien auf. „Nicht eines von den Worten dieſes hölliſchen Bucke⸗ ligen war nicht ein Hohn oder eine Drohung,“ ſagte ſie. „Es iſt wahr, er iſt ein ungeheurer Böſewicht!“ rief die Stimme des Barons, der plötzlich an einer der Thüren erſchien, deren Vorhänge er auf die Seite ob. . Piertes Rapitel. Bei dem Anblick von Herrn von la Rochaigue, der ſo in geringer Entfernung von dem Canapé erſchien, auf dem ſie während ihrer Unterredung mit Herrn von Maille⸗ fort geſeſſen hatte, rief die Baronin: „Wie, mein Herr, Sie waren da?“ „Gewiß . ich ahnete, Ihre Unterhaltung mit Herrn von Maillefort würde ſehr intereſſant, ſobald Sie Beide allein wären, ging durch den kleinen Salon und horchte hier hinter den Thürvorhängen ganz in Ihrer Nähe.“ „Nun . . Sie haben ihn alſo gehört, den ver⸗ dammten Buckeligen?“ „Ja, Madame, ich habe auch gehört, daß Sie die Schwäche hatten, ihn einzuladen, uns wieder zu beſuchen, ſtatt ihm ganz einfach ſeinen Abſchied zu geben. Sie hatten eine ſo ſchöne Veranlaſſung hiezu.“ „Ah! mein Herr, kann Herr von Maillefort nicht ebenſo gefährlich in der Entfernung, als von Nahem ſein? Er hat mir das wohl zu verſtehen gegeben, und überdies behandelt man einen Mann von der Geburt und der Be⸗ von Herrn von Maillefort nicht auf eine ſo plumpe eiſe.“ ſgi was würde denn daraus entſtehen?“ „Daraus entſtünde, mein Herr, daß der Herr Mar⸗ quis von Maillefort für eine ſolche Ungezogenheit Genug⸗ thuung von Ihnen verlangen würde. Sie haben ihn alſo nicht gehört? Sie wiſſen nicht, daß er mehrere ſtets für ſeine Gegner unglückliche Duelle gehabt hat, und daß erſt kürzlich Herr von Mornand wegen eines Scherzes von ihm gezwungen worden iſt, ſich in einem Zimmer zu ſchlagen?“ „Ich, Madame, ich wäre nicht ſo wohlwollend, ſo 39 gutmüthig, ſo einfältig geweſen, wie Herr von Mornand, ich hätte mich nicht geſchlagen .. Ah! ah!“ „Dann hätte Sie Herr von Maillefort überall ver⸗ folgt, überall mit ſeinen Spöttereien überſchüttet er würde es dahin gebracht haben, daß Sie die Schmach aus der Geſellſchaft vertrieben hätte.“ „Ah! das iſt alſo ein Ungehener, ein wüthendes Thier! . . Es gibt alſo kein Geſetz! Ah! wenn ich in der Kammer der Pairs wäre, ſo würden ſolche Aergerniſſe nicht ungeſtraft bleiben; man wäre nicht mehr der Willkühr des erſten ves beſten Gurgelabſchneiders preisgegeben!“ rief der unglückliche Baron. „Aber um Gotteswillen, was will denn dieſer verdammte Marquis?“ „Sie haben in der That ſehr wenig Scharfſinn, mein Herr. Er ſprach doch mit einer frechen Offenherzigkeit, wie mir ſcheint .. . Andere hätten Umwege genommen. wären mit Liſt zu Werke gegangen . Herr von Maille⸗ fort durchaus nicht. „„Sie wollen Fräulein von Beau⸗ mesnil verheirathen . . Ich will ſehen, wie und an wen Sie dieſelbe verheirathen, und wenn mich die Luſt ankommt, werbe ich bei dieſer Verheirathung ins Mittel treten.““ Das hatte er die Frechheit mir zu ſagen .. Und dieſe Drohung, er kann ſie halten.“ „Zum Glück ſcheint Erneſtine eine furchtbare Angſt vor dieſem abſcheulichen Buckeligen zu haben, und Helena mußte ihr ſagen, er ſei der erbitterte Feind der Gräfin geweſen.“ „Was wird das machen?. .. Nehmen wir an, wir fänden eine für uns und für Erneſtine entſprechende Partie: iſt der Marquis nicht im Stande, durch ſeine Spöttereien, durch ſeine Sarkaemen dem unſchuldigen Mädchen eine Abneigung gegen denjenigen beizubringen, mit welchem wir ſie gern verheirathen möchten? . Und er kann uns nicht nur hier dieſen und noch viele andere Streiche ſpielen, die er zu erfinnen im Stande iſt; er wird ſie uns überall ſpielen, wo er Erneſtine trifft, denn wir 40 r nicht einſperren, wir müſſen ſie in die Welt ühren.“ „Das iſt es alſo hauptſächlich, was Sie befürchten? Ich wäre ziemlich Ihrer Anſicht, wenn . .. „Ei! mein Herr! weiß ich, was ich fürchte .. eine wirkliche Furcht wäre mir hundertmal lieber, ſo be⸗ drohlich ſie auch ſein möchte .ich wüßte wenigſtens, wo die Gefahr iſt, und würde meine Vorkehrungen treffen, um ihr zu entgehen, während uns der Marquis in einer beſtändigen Verlegenheit läßt, und das kann dahin wirken, daß wir hundert ungeſchicklichkeiten begehen, daß wir uns beengt fühlen, es kann uns in den Entſchließungen lähmen, die wir in unſerem eigenen Intereſſe zu faſſen haben .. Mit einem Wort, wir müſſen uns darein fügen, zu ſagen: es iſt ein Menſch hier von teufliſchem Geiſt und Scharf⸗ finn, der Alles, was wir thun werden, ſieht vder zu ſehen und zu erfahren ſucht, und der leider tauſend Mittel hat, ſein Ziel zu erreichen . während wir nicht ein einziges Mittel haben, um uns ſeiner Ueberwachung zu entziehen.“ „Ich komme auf meinen Gedanken von vorhin zurück,“ ſagte der Baron mit einer ſehr zufriedenen Miene, „ich halte dieſen Gedanken für wahr richtig . unbe⸗ ſtreitbar .. . „Was für ein Gedanke iſt das?“ „Daß der Marquis ein ungeheurer Böſewicht iſt!“ „Guten Abend, mein Herr,“ ſagte ungeduldig Frau von la Rochaigue, indem ſie ſich nach der Thüre des Sa⸗ lon wandte. „Wie!“ rief der Baron, „in einer ſolchen Noth gehen Sie nur ſo weg, ohne alle Uebereinkunft?“ „Worüber?“ „Ueber das, was zu thun iſt.“ „Weiß ich denn etwas?“ rief Frau von la Rochaigue außer ſich und mit dem Fuße ſtampfend. „Dieſer abſcheu⸗ liche Buckelige hat mich ganz in Verwirrung gebracht, und Sie machen mich vollends einfältig mit Ihren ſchönen Reflerionen.“ 44 Nach dieſen Worten verließ Frau von la Rochaigue raſch den Salon und ſchlug mit aller Heftigkeit dem Ba⸗ ron die Thüre vor der Naſe zu. Während der Unterredung von Frau von la Rochai⸗ gue und Herrn von Maillefort geleitete Helena Fräulein Beaumesnil zurück und ſagte, als ſie die Waiſe ver⸗ eß: „Schlafen Sie wohl, meine theure Erneſtine, und bitten Sie den Herrn, daß er von Ihren Träumen die dieſes abſcheulichen Herrn von Maillefort fern alte!“ „In der That, mein Fräulein, ich weiß nicht warum, aber ich habe beinahe Angſt vor ihm.“ „Dieſes Gefühl iſt ſehr natürlich,“ erwiederte mit ſanftem Tone die Andächtlerin, „es iſt vielleicht entſpre⸗ chender, als Sie wohl denken mögen . . . denn wenn Sie wüßten . . Und da Helena ſchwieg, fragte das Mädchen. „Sie vollenden nicht, mein Fräulein?“ „Es gibt Dinge, welche ſo ſchmerzlich gegen unſere Nächſten zu ſagen ſind. mögen ſie auch verdient ſein,“ fügte die Andächtlerin mit gottſeliger Miene bei. „Dieſer Herr von Maillefort . . . „Nun, mein Fräulein?“ „Ich befürchte, Sie zu betrüben, meine liebe Erne⸗ „Ich bitte, ſprechen Sie, mein Fräulein.“ „Dieſer boshafte Marquis, da ich es nun doch einmal ſagen ſoll, war der erbittertſte Feind Ihrer theuren armen Mutter.“ „Meiner Mutter?“ rief mit ſchmerzlichem Tone Fräu⸗ lein von Beaumesnil. Dann fügte ſie mit rührender Naivetät bei: „Man hat ſie getäuſcht, mein Fräulein, meine Mutter konnte keine Feinde haben.“ ſüine 42 Helena ſchüttelte traurig den Kopf und entgegnete mit einem Ausdruck zarten Mitleids: „Theures Kind . . dieſe unſchuldsvolle Unwiſſenheit macht Ihrem Herzen alle Ehre . . . aber leider ſind die beſten, die harmloſeſten Weſen dem Grimm der Boſen ausgeſetzt. Haben nicht die Lämmer die reißenden Wölfe zu Feinden?“ „Was hatte denn meine Mutter Herrn von Maillefort gethan, mein Fräulein?“ fragte Erneſtine, Thränen in den Augen. „Sie! die liebe arme Frau, nichts . . . Jeſus mein Gott! das wäre gerade, als wollte man ſagen, das Lamm habe den Tiger angegriffen.“ „Was war aber dann der Grund des Haſſes von Herrn von Maillefort?“ „Ach! mein armes Kind, ich kann in meinen Ge⸗ ſtändniſſen nicht weiter gehen . . . Das iſt zu abſcheulich, zu gräßlich,“ antwortete Helena ſeufzend. „Ich hatte alſo Recht, dieſen Menſchen zu fürchten,“ ſagte Erneſtine mit einer gewiſſen Bitterkeit, „und dennoch machte ich es mir zum Vorwurf, daß ich mich ohne Grund einer unwillkührlichen Abneigung hingab.“ „Ah! mein theures Kind, möchten Sie nie eine we⸗ niger gerechtfertigte Abneigung haben,“ ſprach die Fromme, die Augen zum Himmel aufſchlagend. Dann fügte ſie bei: „Nun, meine liebe Erneſtine, laſſe ich Sie allein .. ſchlafen Sie wohl . . . morgen früh um neun Uhr hole ich Sie zum Gottesdienſt ab . . .“ „Morgen, mein Fräulein . . . Ach! . Sie laſſen mich mit einem traurigen Gedanken: Meine Mutter hatte einen Feind.“ „Es iſt beſſer, man kennt die Schlimmen, als man kennt ſie nicht, meine liebe Erneſtine; man kann ſich we⸗ nigſtens gegen ihre Uebelthaten ſchützen ... Gott befohlen alſo . . wmorgen früh.“ „Morgen, mein Fräulein.“ 43 Nach dieſem Abſchied entfernte ſich Fräulein von la Rochaigue ganz glücklich über die treuloſe Geſchicklichkeit, mit der ſie im Herzen von Fräulein von Beaumesnil ein grauſames Mißtrauen gegen Herrn von Maillefort zurück⸗ gelaſſen hatte. Als Erneſtine allein war, läutete ſie ihrer Gouver⸗ nante, die ihr zugleich als Kammerfran diente. Madame Lainé trat ein; ſie mochte ungefähr vierzig Jahre alt ſein, hatte eine ſüßliche Phyſiognomie und zu⸗ vorkommende Manieren, aber in ihrem Eifer lag etwas Knechtiſches, was weit entfernt war von jener Ergebenheit der guten Amme, einer naiven, unbegrenzten Ergeben⸗ heit, welche jedoch den Stempel der Würde einer uneigen⸗ nützigen Liebe an ſich trägt. „Will das Fräulein zu Bette gehen?“ fragte Madame Lainé Erneſtine. „Noch nicht, meine gute Lainé . . . Ich bitte, bringen Sie mir mein Schreibeneceſſaire.“ „Ja, mein Fräulein.“ Als das Schreibeneceſſaire in das Zimmer von Erne⸗ ſtine gebracht war, ſagte die Gouvernante: „Ich hätte dem Fräulein etwas mitzutheilen.“ „Was?“ „Die Frau Baronin hat eine Kammerfrau zum Fri⸗ ſiren und noch eine andere Kammerfrau für das Fräulein angenommen ..0 „Ich ſagte Ihnen ſchon, meine liebe Lainé, ich wolle für meine perſönliche Bedienung Niemand, als Sie und Thereſe.“ „Ich weiß das, mein Fräulein, und habe es auch der Frau Baronin bemerkt; doch ſie befürchtet, Sie ſeien nicht hinreichend bedient.“ „Sie genügen mir vollkommen.“ „Die Frau Baronin ſagte nichtsdeſtoweniger, dieſe Frauenzimmer würden im Hotel bleiben, falls Sie ihrer dennoch bedürften, und es trifft ſich um ſo beſſer, als die Frau Baronin kürzlich ihre Kammerfrau weggeſchickt hat 44 und als dieſe Frauenzimmer ihr mittlerweile dienen wer⸗ den „Dann iſt es gut,“ erwiederte Erneſtine mit gleich⸗ gültigem Tone. „Das Fräulein braucht nichts mehr?“ „Nein, ich danke.“ „Das Fräulein befindet ſich immer noch wohl in dieſer Wohnung?“ „Sehr wohl.“ „Sie iſt in der That herrlich; doch es gibt nichts, für das Fräulein zu ſchön wäre: das weiß alle elt.“ „Meine gute Lainé,“ ſprach Erneſtine, ohne auf die Bemerkung ihrer Gouvernante zu antworten, „Sie legen mir bereit, was ich zu meiner Nachttvilette brauche .. Ich gehe allein zu Bette, und Sie wecken mich morgen vor acht Uhr.“ „Ja, mein Fräulein.“ Dann, als ſie eben weggehen wollte, ſagte Madame Lainé, während Erneſtine ihren Schreibſecretär öffnete: „Ich hätte das Fräulein um etwas zu bitten.“ „Was wollen Sie?“ „Ich wäre dem Fräulein ſehr dankbar, wenn es mir morgen oder übermorgen zwei Stunden ſchenken wollte, daß ich eine meiner Verwandtinnen, Madame Herbaut, die in den Batignolles wohnt, beſuchen könnte.“ „Nun, ſo gehen Sie morgen früh dahin, während ich im Gottesdienſt bin.“ „Ich danke dem Fräulein für ſeine Güte.“ „Gute Nacht, meine liebe Lainé,“ ſagte Erneſtine und entließ ſo ihre Gouvernante, welche das Geſpräch fortſetzen zu wollen ſchien. Dieſe Unterredung gibt einen richtigen Begriff von dem Verhältniß zwiſchen Fräulein von Beaumesnil und Madame Lainé. 3 Oft hatte es dieſe vergeblich verſucht, ſich mit ihrer jungen Gebieterin vertraulich zu machen, aber bei den 45 erſten Worten der Gouvernante auf dieſem Weg ſchnitt Fräulein von Beaumesnil das Geſpräch kurz ab, dies indeſſen nie mit Härte oder Hochmuth, ſondern ſtets, in⸗ dem ſie ihr einen Befehl mit wohlwollender Freundlich⸗ keit gab. WMachdem Madame Lainé weggegangen, blieb Erne⸗ ſtine lange Zeit nachdenkend; dann ſetzte ſie ſich an den Tiſch, auf dem ihr Schreibeneceſſaire lag, öffnete es und zog ein kleines in Juchtenleder gebundenes Album, deſſen erſte Blätter ſchon voll waren, daraus hervor. Es läßt ſich nichts Einfacheres, nichts Rührenderes denken, als die Geſchichte dieſes Albums. Bei ihrer Abreiſe nach Italien verſprach Erneſtine ihrer Mutter (wie dies die Gräfin Herminie ſagte), ihr ein fortlaufendes Tagebuch ihrer Reiſe zu ſchreiben. Dieſes Verſprechen hielt Erneſtine getreulich mit Ausnahme eini⸗ ger Tage, welche auf den Tod ihres Vaters folgten, und einiger nicht minder gräßlicher Tage unmittelbar nach der Kunde von dem Tode der Gräfin von Beaumesnil. Als der erſte Schmerz ein wenig von ſeiner nieder⸗ drückenden Gewalt verloren hatte, fand Erneſtine eine Art von frommem Troſt darin, daß ſie jeden Tag an ihre Mutter zu ſchreiben fortfuhr. .. ſie bereitete ſich ſo durch die Fortſetzung ihrer rührenden Geſtändniſſe eine zugleich ſüße und traurige Täuſchung. Der erſte Theil dieſes Albums enthielt die Abſchrift der von Erneſtine an ihre Mutter zu deren Lebzeiten ge⸗ ſchriebenen Briefe. Der zweite Theil war vom erſten durch ein ſchwarzes Kreuz getrennt und enthielt die Briefe, die das arme Kind leider nicht mehr abzuſchreiben nöthig hatte. Fräulein von Beaumesnil ſetzte ſich alſo an den Tiſch, nachdem ſie die Thränen getrocknet hatte, welche der An⸗ blick dieſes für ſie mit ſo ſchmerzlichen Erinnerungen ge⸗ füllten Albums ſtets hervorrief, und ſchrieb folgende Zeilen: „Liebe Mama, ich habe Dir noch nicht geſchrieben 46 ſeit meiner Ankunft bei Herrn von la Rochaigue, meinem Vormund, weil ich mir ſo viet als möglich von meinen erſten Eindrücken Rechenſchaft geben wollte. „Und dann weißt Du auch wie ich bin: ſeitdem ich Dich verlaſſen habe, fühle ich mich, wenn ich irgendwo ankomme, ganz erſtaunt, beinahe traurig über die Verän⸗ derung; ich muß mich gleichſam an den Anblick der Dinge, von denen ich umgeben bin, gewöhnen, um die Frei⸗ heit meines Geiſtes wieder zu erlangen . . „Die Wohnung, die ich hier ganz allein inne habe, iſt ſo groß, ſo prachtooll, daß ich mich geſtern darin für verloren hielt; . . . das machte mir beinahe Angſt . . . . . heute fange ich an, mich daran zu gewöhnen. „Frau von la Rochaigue, ihr Gatte und ſeine Schweſter haben mich wie ihr Kind aufgenommen; ſie überhäufen mich mit Aufmerkſamkeiten, mit Zuvorkommen⸗ heiten, und wenn man für einen ſo guten Empfang ein anderes Gefühl als das der Dankbarkeit haben könnte, ſo würde ich mich darüber wundern, daß mich Perſonen von einem ſo ehrwürdigen Alter mit ſo viel Botmäßigkeit be⸗ handeln. „Herr von la Rochaigue, mein Vormund, iſt die Güte ſelbſt; ſeine Frau, die mich durch das Uebermaß ihrer Zärtlichkeit verderben wird, iſt ſehr heiter, ſehr leb⸗ haft; was Fräulein Helena, ihre Schwägerin, betrifft, ſo glaube ich nicht, daß es eine ſanftere und frommere Per⸗ ſon geben kann. „Du ſiehſt, meine liebe Mama, daß Du über das Schickſal Deiner armen Erneſtine beruhigt ſein darſſt; umgeben von ſo viel beſorgter Theilnahme, iſt ſie ſo glücklich, als ſie es fortan ſein kann. Mein einziger Wunſch wäre, Herr von la Rochaigue und die Seinigen würden mich beſſer kennen; dann würden ſie mich ohne Zweifel auch mit weniger Ceremonie behandeln, ſie wür⸗ den mir nicht mehr die Complimente machen, die mich in Verlegenheit bringen, und die man mir ohne Zweifel ma. chen zu müßen glaubt, im mein Vertrauen hervorzuruf 47 Die guten, die vortrefflichen Verwandten bieten Allem auf, um herauszufinden, was man einem Mädchen Lie⸗ benswürdigſtes ſagen kann. Später werden ſie hoffentlich ſehen, daß ſie mir nicht zu ſchmeicheln brauchen, um ſich meine Anhänglichkeit zu ſichern. .. Während ſie mich bei ſich aufgenommen haben, ſollte man beinahe glauben, ſie wären mir verpflichtet . Das ſetzt mich nicht in Er⸗ ſtaunen, liebe Mama, wie oft haſt Du mir geſagt: zart⸗ fühlende Leute ſcheinen ſtets dankbar für die Dienſte, die ſie leiſten zu können das Glück haben! „Ich hatte auch einige peinliche Momente, nicht durch den Fehler meines Vormunds oder ſeiner Familie, ſondern durch einen, ſo zu ſagen, gezwungenen Umſtand. „Ein Herr (mein Notar, wie ich erfahren habe) wurde mir dieſen Morgen durch meinen Vormund vorge⸗ ſtellt, der zu mir ſagte: „„Meine liebe Mündel, es iſt erſprießlich, daß Sie genau vie Summe Ihres Vermögens kennen, und dieſer Herr wird Sie davon unterrichten.““ „Dann öffnete der Notar ein Regiſter, das er mit⸗ gebracht hatte, zeigte mir die letzte ganz mit Zahlen ge⸗ füllte Seite und ſagte zu mir: „„Mein Fräulein, nach dem genauen Ergebniß der. . . Gier fügte er ein Wort bei, deſſen ich mich micht mehr erinnere), belaufen ſich Ihre Einkünfte auf die Summe von drei Millionen hundertundzwanzig tau⸗ ſend Franken ungefähr, was etwa acht tauſend Franken täglich macht. Nicht mehr als dieſes,““ fügte er lachend bei. „„Sie find auch die reichſte Erbin von Frankreich.““ „Liebe arme Mutter, das erinnerte mich ſodann an das, was ich leider nie vergeſſen kann: daß ich Waiſe und allein bin . und unwillkührlich weinte ich . . Erneſtine von Beaumesnil unterbrach ſich im Schreiben. Abermals vergoß ſie reichliche Thränen, denn für dieſes zarte, naive Kind war die Erbſchaft nur der Tod ſeiner Mutter, ſeines Vaters. Als ſie wieder etwas ruhiger war, ergriff ſie abermals die Feder und fuhr fort: „ Und dann, Mama, es iſt mir nicht möglich, Dir das zu erklären, aber als ich erfuhr, ich habe acht tauſend Franken täglich, wie der Notar ſagte, da ergriff mich ein gewaltiges Erſtaunen, beinahe mit Furcht vermiſcht ... So viel Geld . . . mir allein! . Warum dies? dachte ich. „Es kam mir wie eine Ungerechtigkeit vor. „Was hatte ich gethan, um ſo reich zu ſein? „Und die Worte, die mich weinen gemacht hatten: Sie ſind die reichſte Erbin Frankreichs, flößten mir dann auch einen Schrecken ein. Ja ich weiß nicht, wie ich Dir das erklären ſoll, doch wenn ich bedachte, ich beſitze dieſes ungeheure Vermogen, fühlte ich mich un⸗ ruhig . . . Mir ſchien, ich müßte empfinden, was die Leute empfinden, welche einen Schatz beſitzen und bei dem Gedanken an die Gefahr, die ſie laufen würden, wenn man ſie beſtehlen wollte, zittern. „Und dennoch nein . . dieſe Vergleichung iſt nicht gut, denn nie legte ich einen Werth auf das Geld, das ich von Dir und meinem Vater jeden Monat zur Befriedigung meiner Launen erhielt. „Mein Gott, liebe Mama, ich erläutere ſehr ſchlecht, was ich fühle, wenn ich an meine Reichthümer, wie ſie ſagen, denke das iſt unwillkührlich und unerklärlich; werde ich mich daran gewöhnen, anders zu denken. „Mittlerweile bin ich bei vortrefflichen Verwandten.. Was habe ich zu befürchten? das iſt ohne Zweifel eine Kinderei von meiner Seite. . . Doch wem ſoll ich Alles ſagen, wenn nicht Dir, liebe Mama? Herr von la Ro⸗ chaigue und die Seinigen ſind unendlich gut gegen mich; doch nie werde ich in einem vollkommen vertrauten Ver⸗ hältniß zu ihnen ſtehen; Du weißt, außer gegen Dich und meinen Vater, war ich ſtets von Natur ſehr zurück⸗ haltend, und oft habe ich es mir zum Vorwurf gemacht 1 49 daß ich mich nicht vertraulicher gegen meine gute Lainé benehmen könne, die doch ſeit mehreren Jahren in meinem Dienſte iſt; dieſe Vertraulichkeit iſt mir unmöglich; und dennoch bin ich vom Hochmuth weit entfernt Dann auf die Abneigung anſpielend, die ſie in Folge der Verleumdungen der Frömmlerin gegen Herrn von Maillefort fühlte, fügte ſie bei: „Ich wurde dieſen Ahend grauſam erſchüttert; doch es handelt ſich um eine ſo unwürdige Sache, daß ich ſie aus Ehrfurcht vor Dir, meine liebe Mama, nicht nieder⸗ ſchreiben will. Und dann glaube ich, daß ich nicht den Muth dazu hätte. „Gute Nacht, liebe Mama, morgen früh und an den andern Tagen werde ich um neun Uhr mit Fräulein von la Rochaigue in den Gottesdienſt gehen; ſie iſt ſo gut daß ich es ihr nicht abſchlagen wollte Doch meine wahren Gebete, liebe und arme Mama, ſind diejenigen, welche ich in der Sammlung meines Geiſtes und in der Einſamſelt verrichte Morgen früh und an den an⸗ dern Tagen werde ich unter Gleichgültigen verloren für Dich beten; doch immer, wenn ich allein bin, wie zu dieſer Stunde, wenn meine ganze Seele, wenn alle meine Gedanken ſich zu Dir erheben, bete ich zu Dir, wie man zu Gott betet .. gute und fromme Mutter!“ Nachdem ſie ihr Album wieder in ihr Neceſſaire, deſſen Schlüſſel fie beſtändig am Hals trug, eingeſchloſſen hatte, legte ſie ſich zu Bette und entſchlief, das Herz ruhiger, getröſteter, nachdem ſie ihre naiben Geſtändniſſe in den Buſen einer. nun unſterblichen Mutter ergoſſen hatte. Die ſieben Tovſünden. I. 4 Jünftes Rapitel. Am andern Morgen nach dem Tag, an welchem Herr von Maillefort Fräulein von Beaumesnil vorgeſtellt worden war, lag der Commandant Bernard mit leidender, aber ergebener Miene in ſeinem guten Lehnſtuhl, einem Ge⸗ ſchenke von Olivier, ausgeſtreckt. Durch das Fenſter ſeines Zimmers betrachtete der alte Seemann, bei einem ſchönen Sommermorgen, die Dürre ſeiner Rabatten, deren ſich das Unkraut bemächtigte; denn ſeit einem Monat hatten ſich zwei von den alten Wunden des Veterans wieder geöffnet, und das hielt ihn an ſeinen Lehnſtuhl genagelt und verhinderte ihn, ſein liebes Gärt⸗ chen zu beſorgen. Die Haushälterin, welche bei dem Commandanten ſaß, war mit einer Nähterei beſchäftigt; ſeit einigen Augen⸗ blicken überließ ſie ſich ohne Zweifel wieder ihren gewoͤhn⸗ lichen Ausfällen gegen Buvnaparte; denn ſie ſagte zu dem Veteran mit dem Ausdruck gedrängter Entrüſtung: „Ja, Herr roh roh. „ganz roh hat er es gegeſſen Wenn ihm ſeine heftigen Schmerzen ein wenig Ruhe gonnten, konnte ſich der Beteran eines Lächelns über die Geſchichten der Haushälterin nicht erwehren; er fragte auch „Was hat er roh gegeſſen, dieſer verteufelte corſi⸗ caniſche Wehrwolf, Mama Barbangon?“ „Sein Fleiſch, Herr! ja, am Vorabend des Schlacht⸗ tages hat er ſein Fleiſch roh gegeſſen! Und wiſſen Sie, warum?“ „Nein,“ antwortete der Veteran, indem er ſich müh⸗ ſam in ſeinem Lehnſtuhl umdrehte, „ich kann es nicht er⸗ rathen . „Um ſich noch wilder zu machen, der Unglückliche 51¹ um den Muth zu haben, ſeine Soldaten, und beſonders die Veliten, durch den Feind aufreiben zu laſſen,“ ſagte die grollende Haushälterin, „Alles in der Abſicht, Ka⸗ nonenfutter daraus zu machen, wie er es nannte, und ſeine Conſcription zu vermehren, um Frankreich zu ent⸗ völkern.. wo er nicht einen einzigen Franzoſen mehr ſehen wollte Das war ſein Plan!“ Bei dieſer in einem Athem geſprochenen Tirade brach der Commandant in ein treuherziges Gelächter aus und ſagte zu ſeiner Haushälterin: „Mama Barhangon, eine Frage: Wenn Buona⸗ parte nicht einen einzigen Franzoſen mehr in Frank⸗ reich ſehen wollte, über wen des Teufels hätte er dann regiert?“ „Ei! mein Gott!“ erwiederte die Haushälterin, un⸗ geduldig die Achſeln zuckend, als ob man ſie gefragt hätte, n es am Mittag Tag ſei, „er hätte über Neger re⸗ giert!“ Dies war ein ſo ſeltſamer, ſo unerwarteter Einfall, daß ein Augenblick des Erſtaunens dem neuen Ausbruch der Heiterkeit bei dem Commandanten vorher ging; dann aber rief er: „Wie über Neger?. was für Neger?“ „Die Neger von Amerika, mein Herr, mit denen er ſo gut unter der Decke ſpielte und Ränke ſchmiedete, ſo daß ſie, während er auf ſeinem Felſen ſaß, einen unter⸗ irdiſchen Canal gegraben hatten, der in Champ⸗d Aſile anfing, ſich unter Sa net⸗Helena durchſchlängelte und bei der Hauptſtadt des Reiches anderer, mit den erſten befreundeter Neger ausmündete, ſo vaß Napolevn an ihrer Spitze zu⸗ rückkehren und in Frankreich mit ſeinem verfluchten Ruſtan Alles kurz und klein hacken wollte.“ „Mama Barbancon,“ ſprach der Veteran mit Be⸗ wunderung, „noch nie haben Sie ſich auf dieſe Höhe em⸗ porgeſchwungen . „Darüber iſt nicht zu lachen, Herr... Wollen Sie 52 einen Beweis, daß das Ungeheuer beſtändig darauf bedacht war, die Franzoſen durch Neger zu erſetzen?“ „Ich bitte darum, Mama Barbangon,“ erwiederte der Veteran, ſeine mit freudigen Thränen gefüllten Augen trocknend, „laſſen Sie Ihren Beweis hören?“ „Ei! ſagte man nicht jeder Zeit, Ihr Buonaparte behandle die Franzoſen wie Neger?“ „Bravo. . Mama Barbangon.“ „Und das vient wohl zum Beweis, daß er gern ſtatt der Franzoſen lauter Neger unter ſeiner Kralle gehabt hätte.“ „Gnade. Mama Barbangon,“ rief der Comman⸗ dant, der vor Lachen in ſeinem Lehnſtuhl Krämpfe bekam, „zu viel iſt zu viel das thut am Ende wehe..“ Ein zweimaliges ſtürmiſches Läuten, das man nun vernahm, machte die Haushälterin aufſpringen; ſie verließ den Commandanten mitten in ſeinem Heiterkeitsanfall, ging raſch weg und ſagte: „Ei! das iſt Einer, der herrenmäßig klingelt!“ ünd Madame Barbancon ſchloß die Zimmerthüre des Commandanten und öffnete dem Beſuch. Es war ein dicker Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der die Uniform eines Unterlieutenants der Nationalgarde trug, eine Uniform, welche hinten ungeheuer weit auseinander ſtand und vorne über einem gewaltigen Bauch befeſtigt war, auf dem rieſige Berlocken von amerikaniſcher Frucht baumelten. Dieſer Menſch, der eine furchtbare Bärenmütze, die ſeine Augen bedeckte, auf dem Kopf trug, ſtellte eine feier⸗ liche, hochmüthige und vollkommen ſelbſtzufriedene Miene zur Schau. Bei ſeinem Anblick faltete Madame Barbangon die Stirne und ſagte, ohne daß die Würde des Grades dieſes Bürger⸗Soldaten Eindruck auf ſie zu machen ſchien, ver⸗ drießlich und mit einem Ausdruck wenig ſchmeichelhafter Verwunderung: „Wie! abermals Sie?“ „Es wäre doch zum Erſtaunen, wenn der Eigen⸗ 53 thümer (dieſes Eigenthümer wurde mit einer er⸗ habenen, unbeſchreiblichen Majeſtät ausgeſprochen und be⸗ tont), wenn der Eigenthümer nicht in ſein Haus kommen könnte .. wann.. .“ „Sie ſind hier nicht zu Hauſe, da Sie die Wohnung an den Commandanten vermiethet haben . . .“ „Wir haben den 17. und mein Portier hat meine gedruckte Quittung hierher gebracht, um mein Ziel einzu⸗ kaſſieren, aber er hat es nicht bekommen.“ „Man weiß das, Sie haben es ſeit zwei Tagen drei⸗ mal wiederholt. Will man Ihnen mit Ihrem Miethzins Bankerott machen? Man wird Sie bezahlen, wenn man iann and „Wenn man kann! man bezahlt einen Eigenthümer nicht mit ſolcher Affenmünze .. .“ „Selbſt Affe, . . Eigenthümer! Sie haben immer und ewig dieſes Wort im Munde weil Sie zwanzig Jahre Pfeffer in den Branntwein, Cichorie in den Kaffee, Sand in die Caſſonade gethan und die Lichter durch ſiedendes Waſſer gezogen haben, um, ohne daß man es ſehen konnte, vom Unſchlitt abzuzwacken, und weil Sie mittelſt dieſes Verfahrens Häuſer auf dem Pflaſter von Paris kauften, brauchen Sie nicht hochmüthig zu ſein . . . hören Sie?“ „Ich bin Specereihändler geweſen, ich habe mich durch mein Geſchäft bereichert, und deſſen rühme ich mich, Madame.“ „Dazu iſt kein Grund vorhanden .. und wie können Sie, wenn Sie ſo reich ſind, die Unverſchämtheit haben, wegen eines armſeligen Hauszinſes, des einzigen, der ſeit drei Jahren im Verzug iſt, einen braven Mann wie den Commandanten ſchinden und ſcheeren?“ „Ich kümmere mich den Teufel um das Alles... mein Geld oder ich klage!.. Das iſt zum Erſtaunen, ſie be⸗ zahlen ihren Miethzins nicht .. und brauchen noch Gär⸗ ten . dieſe Leute!“ „Hören Sie, Herr Bouffard, treiben Sie mich nicht auf's Aeußerſte, oder Sie werden ſehen!!! Sie brauchen 54 Gärten! ein braver Mann, der mit Wunden bedeckt iſt . der dieſes Gärichen zu ſeinem einzigen ärmlichen Vergnügen hat.. Wenn Sie, ſtatt auf Ihrem Comptoir zu bleiben um Ihre Kunden zu betrügen, wie der Commandant den Krieg mitgemacht und an den vier Enden der Welt, und in Rußland und überall Ihr Blut vergoſſen hätten, dann beſäßen Sie auch wohl Häuſer auf dem Pjlaſter von Paris!!! Ja, da könnten Sie lange warten. .. Ich ſage nur, was recht und billig iſt!!“ „Ich frage noch eimmal: können Sie mich heute eben ſo wenig als geſtern bezahlen?“ „Dreimal, hundertmal, tauſendmal nein; der Com⸗ mandant konnte, ſeitdem ſich ſeine Wunden wieder geöffnet haben, nur ſchlafen, wenn er Opium nahm; dieſes Arznei⸗ mittel iſt ſo theuer als Gold, und die hundert und fünfzig Franken vom Quartal find hiefür und für die Beſuche des Arztes aufgegangen.“ „Ich kümmere mich den Teufel um ihre Gründe; die Hauseigenthümer wären ſchön angeführt, wenn ſie dieſen blauen Nebel der Mielhsleute anhören würden; das iſt wie in meinem Hauſe der Rue de Monceau, von dem ich gerade herkomme. dort habe ich auch eine gute Kundin . eine Muſiklehrerin .. eine Schelmin, die auch ihren Miethzins nicht bezahlen kann, weil ſie, nach ihrer An⸗ gabe, zwei Monate krank geweſen ſein will und ihre Lec⸗ tionen nicht habe geben können. wie gewöhnlich! Lauter leerer Wind! Wenn man krank iſt, geht man in's Ho⸗ ſpital, und dann kann man ſeinen Miethzins bezahlen.“ „In's Hoſpital! heiliger Gott!.. der Commandant Bernard in's Hoſpital!“ rief die Haushälterin außer ſich.. „Wenn ich Lumpenſammlerin werden müßte, um bei Nacht zu verdienen und ihn bei Tag zu pflegen, käme der Com⸗ mandant nicht in's Hoſpital .. hören Sie . und Sie laufen Gefahr, dahin zu kommen, wenn Sie ſich nicht aus dem Staube machen ... und zwar geſchwinde, denn Herr Olivier wird zurückkommen, und der gibt Ihnen mehr 55 Fußtritte auf ihren Wanſt, als Sie Haare an Ihrer Bärenmütze haben.“ „Ich möchte wohl ſehen, wie ein Eigenthümer in ſeinem Haus ſchlecht behandelt würde .. Doch genug hiebon . . . Ich komme um vier Uhr wieder: ſind die hundert und fünfzig Franken nicht bereit, ſo klage ich und laſſe auspfänden.“ „Und ich werde mich meiner Feuerſchaufel bedienen, um Sie zu empfangen, wenn Sie wieder erſcheinen .. das iſt meine Politik!“ Und die Haushälterin ſchlug Herrn Bouffard die Thüre vor der Naſe zu und kehrte zu dem Commandanten zurück. Sein Heiterkeitsanfall war vorüber, aber ſeine gute Laune hatte ſich nicht verloren; als er ſeine Vertraute erblickte, welche, die Wangen noch entflammt von Zorn, ungeſtüm und dumpf brummelnd die Thüre zumachte, ſagte auch der alte Seemann: „Ah! Mama Barbangon, haben Sie Ihre Wuth an Buonaparte nicht erſchöpft . . . Ueber wem des Teufels find Sie denn jetzt ſo unwirſch?“ „Ueber wen? über Einen, der nicht mehr werth iſt, als Ihr Kaiſer . dieſe zwei geben ein Paar.“ „Wer iſt denn derjenige, welcher mit dem Kaiſer ein Paat gibt?“ Es iſt. Doch die Haushälterin unterbrach ſich. „Lieber, armer Mann,“ dachte ſie, „ich würde ihm den Tod in die Seele bringen, wenn ich ihm ſagte, der Miethzins ſei nicht be⸗ zahlt.. Alles ſei für die Krankheit aufgegangen.. ſelbſt ſechzig Franken von mir. .. Wir wollen auf Herrn Olivier warten, vielleicht bringt er gute Kunde.“ „Aber was Teufels! wiederkäuen Sie da, ſtatt mir zu antworten, Mama Barbangon?“ rief der alte Seemann, „iſt es eine neue Geſchichte? die vom rothen Männ⸗ chen, die Sie mir immer verſprechen?“ „Ah! gut! da kommt zum Glück Herr Olivier,“ ſagte die Haushälterin, als ſie abermals, aber diesmal ſachte 56 läuten hörte; „Herr Olivier,“ fügte ſie bei, „würde nicht klingeln, daß Alles zerſpringen ſollte .. wie dieſer Schuft von einem Hauseigenthümer.“ Nach dieſen Worten ließ Madame Barbangon den Commandanten abermals allein und lief nach der Thüre; es war wirklich der Neffe des alten Seemanns. „Nun, Herr Olivier?“ fragte die Haushälterin mit ängſtlichem Tone. „Wir ſind gerettet,“ antwortete der junge Mam ſeine in Schweiß gebadete Stirne abtrocknend; „der brave Maurermeiſter hat Mühe gehabt, das Geld zu finden, das er mir ſchuldig war, denn ich hatte ihn nicht zuvor davon in Kenntniß geſetzt, daß ich es ſo bald brauchte .. . doch hier ſind nun die zweihundert Franken,“ fügte Olivier bei und reichte der Haushälterin einen Sack. Oh! mir fällt ein Stein vom Herzen, Herr Olivier!“ „Iſt der Hausherr wieder da geweſen?“ „Der Schuft geht ſo eben weg! ich habe ihm ſchtne Grobheiten geſagt!“ „Meine liebe Madame Barbangon, wenn man ſchuſdig iſt, muß man bezahlen . . . Doch mein armer Oheim ber⸗ muthet nichts?“ „Zum Glück nichts .. der liebe Mann.“ „Ah' deſto beſſer!“ „Oh! ein herrlicher Gedanke!“ rief die Haushälterin, während ſie das Geld zählte, das ihr der Neffe ihres Herrn zugeſtellt hatte, „ein herrlicher Gedanke!“ „Laſſen Sie hören, Madame Barbangon.“ „Dieſer Schurke von einem Hauseigenthümer muß um vier Uhr zurückkommen; ich zünde in meiner Küche einen Ofen an, ich lege hundert und fünfzig Frarken hin⸗ ein, und wenn dieſes Ungeheuer Bouffard kommt, heiße ich ihn warten; ich ſiſche raſch mit der Feuerzange die glü⸗ hend heißen Geldſtücke wieder heraus, häufe ſie auf dem Tiſch auf und ſage zu ihm: hier iſt Ihr Geld, neh⸗ men ſie es. Nicht wahr herrlich, Herr Olivier? Das Geſetz verbietet das nicht?“ 57 * „Teufel! Mama Barbangon,“ erwiederte Olivier lä⸗ chelnd, „Sie wollen mit glühenden Kugeln auf den reich⸗ gewordenen Specereihändier ſchießen. Thun Sie etwas Beſſeres. ſparen Sie Ihre Kohlen... und geben Sie ganz einfach Herrn Byuffard die hundert und fünfzig Franken.“ „Herr Olivier.. . Sie ſind zu gut... laſſen Sie mich dieſem Schuft die Fingerſpitzen abbräunen.“ „Bah! er iſt mehr dumm, als boshaft.“ „Er iſt Beides, Herr Olivier. er ſtammt von einer Gans und einem Hahn her, wie das Sprüch⸗ wort ſagt.“ „Aber wie geht es dieſen Morgen meinem Oheim ? Ich bin frühzeitig ausgegangen . er ſchlief noch. und ich wollte ihn nicht wecken.“ „Es geht ihm viel beſſer, denn wir haben uns über ſein Ungeheuer geſtritten und dann wirkte Ihre Rückkehr wohlthätiger bei dem würdigen Mann, als alle Tränke der Welt... und ſehen Sie, Herr Olivier, wenn ich bedenke, daß uns ohne Ihre zweihundert Franken dieſer ſchändliche Bouffard in prei bis vier Tagen hätte aus⸗ pfänden laſſen .. und Gott weiß, was die Haushaltung werth iſt inſofern vor drei Jahren die ſechs Beſtecke und der Becher des Commandanten während ſeiner großen Krankheit aufgegangen ſind.“ „Meine gute Madame Barbangon, ſprechen Sie mir nicht hievon, ich könnte raſend werden . iſt mein Urlaub abgelaufen, ſo werde ich nicht mehr hier ſein; was heute geſchehen iſt, kann ſich erneuern und . . dann .. doch ich will nicht daran denken das iſt zu traurig.“ Die Glocke vom Zimmer des alten Seemanns et⸗ tönte. 1 — Bei dieſem Geräuſch ſagte die Haushälterin zu jungen Mann, deſſen Geſicht einen ſchmerzlichen Ausdruch annahm: „Der Commandant läutet... Um der Liebe Gottes 58 „ % willen, Herr Olivier, ſehen Sie nicht traurig aus, er würde etwas vermuthen.“ „Seien Sie unbeſorgt. .. Doch Gerald ſoll dieſen Morgen kommen, Sie werden ihn hineinführen.“ „Gut, gut, Herr Olivier; gehen Sie ſogleich zum Herrn „ich will Ihr Frühſtück bereiten. Ah! Herr Olivier,“ ſagte Sie mit einem Seufzer, „Sie müſſen ſich begnügen mit. ..“ „Brave, würdige Frau,“ ſprach der junge Soldat, ohne daß er ſie vollenden ließ. „Habe ich nicht immer genug? Weiß ich nicht, daß Sie ſich mir zu Liebe berauben?“ „Ah! bah! bah! Doch hören Sie, der Herr läutet . laufen Sie.“ Olivier trat nun wirklich in Eile bei dem alten Ve⸗ teran ein. Sechstes Kapitel. Als der alte Seemann Olivier erblickte, wurden ſeine Züge ganz freudig; da er ſich nicht von ſeinem Lehnſtuhle erheben konnte, ſtreckte er liebevoll ſeinem Neffen beide Hände entgegen und rief: „Guten Tag, mein Kind.“ „Guten Tag, mein Oheim.“ „Ah! Ich muß Dich zanken.“ „Mich, mein Oheim?“ „Gewiß... Kaum vorgeſtern hier angekommen, läufſt Du ſchon ſeit dem Frühroth umher... Dieſen Morgen erwache ich ganz glücklich, nicht allein zu erwachen, wie 59 — ſeit zwei Monaten. Ich ſchaue nach dem Bett. Kein Oli⸗ vier mehr. ſchon aus dem Neſte geflogen!“ „Aber, mein Oheim.. „Aber, mein Junge, Du haſt mir von Deinem Urlaub durch Deine Abweſenheit beinahe zwei Monate geſtohlen; eine Aufhäufung von Arbeiten bei Deinem Maurermeiſter, haſt Du mir geſagt, es mag ſein; doch durch Deinen Verdienſt in dieſen zwei Monaten biſt Du zu dieſer Stunde reich, Du mußt wenigſtens Millionär ſein. Ich will Dich auch genießen, denn ich finde, Du haſt Dir Geld genug erworben, in Betracht, daß Du für mich arbeiteſt. . Leider kann ich Dich nicht abhalten, mir Geſchenke zu machen, und Gott weiß, was Du in dieſem Augenblick mit Deinen Millionen complottirſt, Herr Mondor; doch ich erkläre Dir, daß ich, wenn Du mich nun noch ſo oft allein läßt, vor Deiner Abreiſe nichts mehr von Dir an⸗ nehme durchaus nichts mehr.“ „Mein Oheim. hören Sie mich.“ „Du haſt nur noch zwei Monate hier zuzuhringen, und dieſe will ich ganz und gar benitzen .. Wozu ar⸗ beiten, wie Du es thuſt? glaubſt Du etwa bei einer Schatzmeiſterin, wie Mama Barbangon, ſei meine Börſe nicht immer gut geſpickt? Erſt vor drei Tagen ſagte ich zu ihr: „„Nun! Frau Intendantin, wie ſteht es mit uns?““ „„Seien ſie unbeſorgt, Herr,“ antwortete ſie mir, „„wenn nichts mehr da iſt, iſt doch noch da.““ Ich hoffe, ein Kaſſier, der ſo antwortet, iſt gehorig befriedigend.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Oheim,“ erwiederte Olivier, der dieſes Geſpräch, das ihn traurig und verlegen machte, abbrechen wollte, „ich verſpreche Ihnen, Sie fortan ſo wenig als möglich zu verlaſſen. Nun zu etwas Anderem .. Können Sie Gerald dieſen Morgen empfangen?“ „Gewiß kann ich es! Ah! ah!. was für ein gutes und rechtſchaffenes Herz iſt dieſer junge Herzog! Wenn ich bedenke, daß er während Deiner Abweſenheit wiederholt mich beſucht und ſeine Cigarre mit mir geraucht 60 . hat! Ich litt wie ein Verdammter.. Doch er legte mir ein wenig Balſam auf's Blut. „„Olivier iſt nicht da, mein Commandant, und ich muß daher bei Ihnen Schild⸗ wache ſtehen,“ ſagte der würdige Junge zu mir.“ „Guter Gerald!“ rief Olivier gerührt. „Ja er iſt gut ... Denn daß ein junger Mann von der ſchönen Welt wie er ſeine Vergnügungen, ſeine Ge⸗ liebtinnen, die Freunde von ſeinem Alter verläßt, um ein paar Stunden bei einem alten Podagriſten, wie ich, zuzu⸗ bringen, iſt ein Beweis von einem guten Herzen. Doch ich bin kein Geck, Deinetwegen, mein braves Kind, hat mich Gerald beſucht, er wußte, daß er Dir damit Ver⸗ gnügen machte.“ „Nein, nein, mein Oheim, glauben Sie mir, nur Ihnen zu Liebe allein.“ „Hm! hm!“ . „Er wird es Ihnen ſogleich ſelbſt ſagen, denn er hat mir geſtern geſchrieben und ſich erkundigt, ob er uns dieſen Morgen finden würde.“ „Ah! er iſt nur zu ſicher, mich zu finden, ich kann mich nicht aus meinem Stuhle rühren, und Du ſiehſt den traurigen Beweis von meiner Unthätigkeit,“ fügte der alte Seemann bei, indem er ſeinem Neffen ſeine verdorrten und mit Unkraut überzogenen Rabatten zeigte; „mein armes Gärtchen iſt wie geröſtet durch dieſe verſengende Hitze. Madame Barbangon iſt zu ſchwach, und überdies hat meine Krankheit die würdige Frau zu ſehr abgemattet. Ich ſprach vavon, jeden Tag den Portier kommen zu laſſen und ihm ein Trinkgeld zu geben; doch da hätteſt Du ſehen ſollen, wie ich von ihr empfangen worden bin: „„Fremde in's Haus einführen,““ rief ſie, „„um Alles der Plünde⸗ rung und dem Raube preiszugeben!““ Nun, Du kennſt ſie, dieſe vortreffliche Teufelin. .. ich wagte es nicht, auf meinem Willen zu beharren . . . und Du ſiehſt, in welchem Zuſtande ſich meine vor Kurzem noch ſo blühenden Ra⸗ batten befinden.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Oheim ich bin nun 61 zurück und werde Ihr erſter Gärtner ſein,“ ſprach Olivier heiter, „ich habe ſchon daran gedacht, und hätte mich nicht ein dringendes Geſchäft frühzeitig auszugehen genöthigt ſo wäre bei Ihrem Erwachen Ihr Gärtchen vom Unkraut befreit und friſch wie ein vom Thau bedeckter Blumen⸗ ſtrauß geweſen Doch morgen früh.. genug. ich ſage Ihnen nur dieſes . .“ Der Commandant wollte Olivier danken, als Ma⸗ dame Barbangon die Thüre öffnete und fragte, ob Herr Gerald eintreten könnte. „Ich glaube bei Gott! wohl, daß er eintreten kann!“ rief freudig der alte Seemann, während Olivier ſeinem Freunde entgegen ging. Beide traten bald mit einander ein. „Endlich! Gott ſei gelobt, Herr Gerald,“ ſagte der Veteran zu dem jungen Herzog, indem er auf Olivier deutete, „endlich hat ihn uns ſein Maurermeiſter zurück⸗ gegeben!“ „Ja, mein Commandant, und das hat ſchwer ge⸗ halten,“ erwiederte Gerald, „dieſer Teufel von einem Oli⸗ vier ſollte nur vierzehn Tage abweſend ſein und nun fehlt er uns zwei volle Monate.“ „Die Aufnahme der Arbeiten des braven Mannes war ein endloſes Chaos,“ ſprach Olivier; „dann fand der Verwalter des Schloſſes meine Handſchrift gut, meine Zahlen gehörig untereinander geſetzt; er trug mir ein Rechnungsgeſchäft an und ich willigte meiner Treue ein .. Doch nun fällt mir ein,“ fügte Olivier bei, der eine Er⸗ innerung in ſich zurückzurufen ſchien, „weißt Du, Gerald, wem das prächtige Schloß gehört, wo ich zwei Monate geblieben bin?“ „Nein. Wem?“ „Der Marquiſe von Carabas!“ „Welcher Marquiſe von Carabas?“ „Der ſo reichen Erbin, von welcher Du vor meiner Abreiſe ſprachſt; erinnerſt Du Dich?“ „Fräulein von Beaumesnil!“ rief Gerald erſtaunt. 62 „Ganz richtig.. Dieſes herrliche Gut gehört ihr und es trägt ihr 120,000 Livres jährlich ein Es ſcheint, dieſe kleine Millivnärin beſitzt ſolche Güter zu Dutzenden!“ „Das iſt der Mühe werth!“ ſagte der Veteran; „doch ich komme immer darauf zurück: was kann man mit ſo viel Geld machen?“ „Ah! bei Gott ein ſeltſames Zuſammentreffen!“ rief Gerald!“ „Was iſt denn hierbei ſo ſeltſam, Gerald?“ „Der Umſtand, daß es ſich für mich um eine Heirath mit Fräulein von Beaumesnil handelt.“ „Ah! Herr Gerald,“ ſprach einfach der Veteran, „Sie haben alſo, ſeitdem ich Sie das letzte Mal geſehen, zum Heirathen Luſt bekommen? . „Du liebſt alſo Fräulein von Beaumesnil?“ fragte nicht minder naiv Olivier. Anfangs erſtaunt über dieſe Fragen, antwortete Gerald, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte: „Es iſt richtig!. Sie müſſen ſo ſprechen, mein Commandant . . . und Du auch, Olivier .. und unter allen meinen Bekannten ſeid Ihr die Einzigen. ja .. denn hätte ich zu tauſend Anderen als zu Euch geſagt: man macht mir den Vorſchlag, die reichſte Erbin von Frankreich zu heirathen, ſo würden Alle, ohne ſich um das Uebrige zu bekümmern, geantwortet haben: Sie. Das iſt eine herrliche Hei⸗ rath!“ Und nach einer neuen Pauſe fügte Gerald bei: „So iſt es mit der Rechtſchaffenheit. .. Doch wie ſelten iſt das!“ „Meiner Treue,“ ſprach der Veteran, „ich glaubte Ihnen nichts Seltenes geſagt zu haben, Herr Gerald Dlvier denkt gerade wie ich; nicht wahr, mein Junge?“ „Ja, mein Oheim. .. Doch was haſt Du denn, Gerald? Du wirſt ganz nachdenkend.“ „Es iſt wahr. hore warum,“ erwiederte der junge 63 Herzog, deſſen Züge einen ungewöhnlich ernſten Ausdruck annahmen, „ich wollte Euch, dem Commandanten und Dir, Olivier, dieſen Morgen meine Heirathspläne als guten und aufrichtigen Freunden mittheilen.“ „Was das betrifft, Herr Gerald, Sie haben keine beſſere, ſagte der Veteran. „Davon bin ich feſt überzeugt, mein Commandant; irgend Etwas ſagt mir auch, ich thue doppelt wohl daran, Euch meine Pläne anzuvertrauen.“ „Das iſt ganz einfach,“ bemerkte Olivier, „was ihn intereſſirt, intereſſirt auch uns . .“ „Hört alſo, was vorgefallen iſt,“ ſprach Gerald, in⸗ dem er die Worte ſeines Freundes mit einer wohlwollenden Geberde erwiederte: „Geſtern machte mir meine Mutter, geblendet durch vas ungeheure Vermögen von Fräulein von Beaumesnil, den Vorſchlag, dieſe junge Perſon zu heirathen. Meine Mutter behauptet, des günſtigen Er⸗ folges ſicher zu ſein, wenn ich mich ganz ihren Rath⸗ ſchlägen unterziehe .. Doch ich dachte an mein gutes Zuneſellerlelen und wies den Vorſchlag Anfangs von mir.“ „Teufel!“ rief der alte Seemann, „Sie haben keine Neigung für das Heirathen .. Millionen von Millionen ſollten Sie nicht von Ihrem Entſchluſſe abbringen.“ „Warten Sie, mein Commandant „ entgegnete Ge⸗ rald etwas verlegen, „meine Mutter war über meine Wei⸗ gerung aufgebracht .. ſie nannte mich einen Blinden, einen Wahnſinnigen, dann folgte auf ihren Zorn ein ſo tiefer Kummer, daß ich, als ich ſie über meine Weigerung troſtlos ſah „Daß Du in vieſe Heirath einwilligteſt?“ ſagte Olivier. „Ja,“ antwortete Gerald. 1 Und als er eine Bewegung des Erſtaunens bei dem alten Seemann wahrnahm, fügte Gerald bei: „Mein Commandant, mein Entſchluß ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Ja, Herr Gerald.“ 64 „Warum dies? Sprechen Sie offenherzig.“ „Herr Gerald, wenn Sie ſich herbeilaſſen, wider Ihren Willen zu heirathen,“ ſprach der Veteran mit zu⸗ gleich liebevollem und feſtem Tone, „und zwar nur, um Ihrer Mutter keinen Kummer zu machen, ſo haben Sie meiner Anſicht nach Unrecht, denn früher oder ſpäter wird Ihre Frau unter dem Zwange leiden, den Sie ſich heute auflegen . . . und man muß nicht heirathen, um eine Frau unglücklich zu machen iſt das nicht Deine Anſicht, DOlivier?“ „Gewiß, es iſt meine Anſicht.“ „Aber mein Commandant, meine Mutter, die ihre ganze Hoffnung auf dieſe Heirath ſetzt, weinen ſehen . . .“ „Aber Ihre Frau weinen ſehen, Herr Gerald .. Ihre Mutter hat wenigſtens Ihre Zärtlichkeit, um ſich zu tröſten. .. Doch Ihre Fran, eine arme Waiſe, wer wird dieſe tröſten? Niemand. oder ſie wird ſich, wie ſo viele Andere, mit Liebhabern troͤſten, welche entfernt nicht Ihren Werth haben, Herr Gerald. .. dieſe werden ſie peinigen. .. ſie werden ſie vielleicht erniedrigen . .. das iſt ein anderes vorausſichtliches Unglück für das arme Geſchöpf.“ Der junge Herzog neigte das Haupt und antwortete nicht. „Herr Gerald,“ fügte der Commandant bei, „Sie haben von uns verlangt, wir ſollen aufrichtig ſein, wir ſind es.. weil wir Sie aufrichtig lieben . .“ „Ich habe nicht an Ihrer Offenherzigkeit gezweifelt, mein Commandant; zu meiner Vertheidigung muß ich Ihnen auch ſagen daß ich, als ich zu dieſer Heirath ein⸗ willigte, nicht allein dem Verlangen, den Wünſchen meiner Mutter zu entſprrchen, nachgab. ein anderes Gefühl leitete mich, und dieſes Gefühl halte ich für ein edles ... Du erinnerſt Dich, Olivier, daß ich des Macreuſe gegen Dich erwähnte?“ „Des ſchuftigen Burſchen, der den kleinen Vögeln die Augen mit Nadeln ausſtach,“ rief der Veteran, den dieſer Umſtand beſonders widrig berührt hatte, „des Heuch⸗ lers, der nun in die ſaubere Geſellſchaft der Sacriſtane auſgenommen iſt?“ „Ihn meine ich, mein Commandant . nun wohl! er ſtellt ſich in die Reihe der Bewerber um die Hand von Fräulein von Beaumesnil.“ „Macreuſe!“ rief Olivier. „Oh! armes Mädchen .. Doch er hat keine Hoffnung, nicht wahr, Gerald?“ „Meine Mutter ſagt nein, doch ich befürchte, daß er Hoffnung hat, denn die Sacriſtei begünſtigt ihn und hilft ihm hoch hinauf.“ „Einem ſolchen Schuft ſollte es gelingen!“ rief der Veteran; „das wäre ſchändlich.“ „Und darüber entrüſtet, empört wie Sie, mein Com⸗ mandant, entſchloß ich mich, ſchon erſchüttert durch den Kummer meiner Mutter, zu dieſer Heirath, um den elenden Macreuſe aus dem Felde zu ſchlagen.“ „Aber, Herr Gerald,“ ſagte der Veteran, „Sie haben wohl bedacht, daß ein ehrlicher Junge nicht allein heirathet, um ſeiner Mutter zu gefallen und um einen Nebenbuhler aus dem Felde zu ſchlagen, und wäre dieſer Nebenbuhler auch ein Macreuſe.“ „Wie! mein Commandant,“ ſagte Gerald erſtaunt, „ſollte es etwa beſſer ſein, Fräulein von Beaumesnil dieſen Elenden heirathen zu laſſen, der nur ihres Geldes wegen nach ihr begehrt?“ „Keineswegs,“ erwiederte der Veteran, „man muß eine Schändlichkeit zu verhindern ſuchen, wenn man es und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Ge⸗ rald . 3 „Was würden Sie thun, mein Commandant?“ „Etwas ſehr Einfaches. Ich würde vor Allem Herrn Macreuſe aufſuchen und zu ihm ſagen: „Sie find ein Schuft, und da Schufte nicht Erbinnen heirathen ſollen, um ſie ganz erbärmlich unglücklich zu machen, ſo verbiete ich Ihnen und werde Sie verhindern, Fräulein von Beau⸗ mesnil zu heirathen; ich kenne ſie nicht, ich denke nicht Die ſieben Todſünden. I. 5 66 an ſie, doch ſie intereſfirt mich, weil ſie der Gefahr, Ihre Frau zu werden, ausgeſetzt iſt... und das iſt für mich ge⸗ rade, als ob ſie von einem wüthenden Hunde gebiſſen werden ſollte; ich werde alſo auf der Stelle zu ihr gehen und ſie davon in Kenntniß ſetzen, daß Sie ſchlimmer find, als ein wüthender Hund.““ „Vortrefflich, mein Oheim!“ rief Olivier. Gerald bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge den Veteran ſprechen laſſen, und dieſer fuhr fort: „Hernach würde ich ganz einfach Fräulein von Beau⸗ mesnil aufſuchen und ihr ſagen: „„Mein liebes Fräulein, ein Herr von Macreuſe will Sie Ihres Geldes wegen heirathen; das iſt eine wahre Canaille; ich werde es Ihnen beweiſen, wann Sie wollen, und zwar ihm in's Geſicht; machen Sie von dem Rath Gebrauch, er iſt uneigennützig, denn ich habe nicht den Gedanken, Sie zu heirathen; doch unter ehrlichen Leuten muß man ſich die Schurken be⸗ zeichnen.“ Ah! Herr Gerald,“ fügte der Commandant bei, „mein Mittel iſt zwar etwas matroſenartig, es iſt aber darum doch nicht ſchlecht... Denken Sie darüber nach.“ „Was willſt Du, Gerald?“ bemerkte Olivier, „das Verfahren meines Oheims iſt etwas rauh, aber es geht gerade auf das Ziel los. Wenn Du nun, Du, der Du die Welt eben ſo gut kennſt, als wir, mein Oheim und ich, ſie nicht kennen, wenn Du nun zu denſelben Reſultaten durch etwas minder gewaltſame Mittel gelangen kannſt, ſo wird das wohl beſſer ſein Immer mehr betroffen über den geſunden Verſtand und bie Offenherzigkeit ves Veterans, hatte Gerald dieſem aufmerkſam zugehört. „Ich danke, mein Commandant,“ ſagte er, indem er ihm die Hand reichte; „Sie und Du, Olivier, Ihr haltet mich im Ganzen ab, eine garſtige Handlung zu begehen, welche um ſo gefährlicher geweſen wäre, als ich ſie mit einem ziemlich hübſchen Anſchein übertüncht hatte: meine Mutter zur glücklichſten Frau machen, es verhindern, daß Fräulein von Beaumesnil das Opfer eines Macreuſe 67 würde „ dies Alles kam mir Anfangs herrlich vor .. Ich täuſchte mich ich brachte die Zukunft des jungen Mädchens, das ich ſehr unglücklich machen konnte, nicht in Anſchlag. vielleicht unterlag ich auch meiner unbe⸗ wußt dem Blendwerk der Erbſchaft.“ „In dieſem Punkte irrſt Du Dich, Gerald.“ „Meiner Treue! ich weiß es nicht .. mein armer Olivier; um vor jeder Verſuchung geſchützt zu ſein, komme ich auch auf meinen erſten Entſchluß, auf den, nicht zu heirathen zurück. Bei dieſer Veränderung der Pläne be⸗ daure ich nur Eines,“ fügte Gerald bewegt bei, „das iſt der Kummer, den ich meiner Mutter bereilen werde; zum Glück wird ſie mein Benehmen ſpäter billigen.“ „Höre, Gerald,“ ſprach Olivier, der einen Augenblick nachdenkend geblieben war, „man muß allerdings, wie mein Oheim ſagt, nicht ſchlimm handeln, um ſeiner Mutter zu gefallen. „ Doch es iſt etwas ſo Gutes um eine Mutter .. es ſchnürt einem das Herz ſo ſehr zuſammen, ſie traurig und in Thränen zu ſehen .. warum ſollteſt Du es nicht verſuchen, ſie zufriedenzuſtellen, ohne dabei etwas von Deiner Ueberzeugung als ehrlicher Mann zu opfern?“ „Gut, mein Junge,“ ſagte der Veteran; „doch wie wäre dies zu machen?“ „Erkläre Dich, Olivier.“ haſt keine Neigung für das Heirathen?“ Nein S haſt Fräulein von Beaumesnil nie geſehen?“ „Nie. „Du kannſt ſie alſo nicht lieben .. Das iſt ganz einfach. Doch wer ſagt Dir, Du würdeſt nicht, wenn Du ſie ſäheſt, verliebt werden? Das Junggeſellenleben gefällt Dir über alle Maßen; gut. Poch warum ſollte Dir Fräulein von Beaumesnil nicht den Geſchmack für den Eheſtand beibringen?“ „Es iſt wahr, Du haſt Recht, Olivier,“ rief der Veteran; „Sie müſſen das Fräulein ſehen, ehe Sie ſich entſchieden zu heirathen weigern, Herr Gerald, und viel⸗ 68 leicht werden Sie, wie Olivier ſagt, eine Neigung für den Eheſtand bekommen.“ „Unmöglich, mein Commandant, dieſe Neigung gibt man ſich nicht,“ erwiederte Gerald heiter, „das liegt im Blut. Man wird als Ehemann geboren, wie man als Einäugiger oder als Buckeliger geboren wird, und dann kommt etwas Anderes in Betracht, woran ich jetzt erſt denke: es handelt ſich um die reichſte Erbin von Frankreich.“ „Nun! was thut das?“ fragte Olivier. „Das thut viel,“ antwortete Gerald; „ich will an⸗ nehmen, Fräulein von Beaumesnil gefalle mir unendlich, ich verliebe mich in ſie ſie theile meine Liebe .. gut... Doch ſie bringt mir ein königliches Vermögen, und ich, ich habe nichts, denn meine armſelige Rente von zwölftauſend Livres iſt ein Tropfen Waſſer in dem Ocean der Rillionen von Fräulein von Beaumesnil. Nun! . . . was denken Sie hievon, mein Commandant? iſt es nicht erniedrigend, eine Frau zu heirathen, die uns Alles gibt, uns, die wir nichts beſitzen, und haben wir nicht, ſo wahr auch unſere Liebe ſein mag, das Ausſehen, als heiratheten wir aus Habgier ?7. .. Wiſſen Sie, was man ſagen wird: Fräulein von Beaumesnil wollte Herzogin werden, Gerald von Senneterre hatte keinen Sou . er verkaufte ſeinen Titel und ſeinen Namen und gab ſeine Perſon in den Kauf.“ Bei dieſen Worten ſchaute der Oheim ſeinen Reffen mit ziemlich verlegener Miene an. Gerald fuhr lächelnd fort: „Ich war deſſen ſicher, mein Commandant, es liegt in dieſer ärgerlichen Vermögensungleichheit etwas für den Stolz eines redlichen Mannes ſo Verletzendes, daß Sie dadurch wie ich berührt worden ſind;... Ihr Still⸗ ſchweigen beweiſt mir das.“ „Es iſt wahr,“ ſprach der Veteran, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, „es iſt wahr, ich weiß nicht, warum mir die Sache ganz einfach vorkäme, wenn es der Mann 69 das Vermögen brächte, während die Frau nichts tte. Dann fügte der alte Seemann treuherzig lächelnd bei: „Es iſt vielleicht eine Albernheit, was ich da ſage, Herr Gerald.“ „Im Gegentheil, mein Commandant, Ihr Gedanke wird Ihnen durch das edelſte Zartgefühl eingegeben,“ er⸗ wiederte Gerald. „Es begreift ſich, daß ein Mädchen ohne Vermögen, aber reizend, anmuthig, von guten Eigen⸗ ſchaften, einen ungehener reichen Mann heirathet. Beide ſind ſympathetiſch; doch daß ein Mann, der nichts hat, eine Frau heirathet, die Alles ha „Ah! mein Oheim, und Du, Gerald,“ ſprach Olivier, ſeinen Freund unterbrechend, dem er aufmerkſam zugehört hatte, „Ihr behandelt die Frage durchaus nicht aus dem richtigen Geſichtspunkt.“ ie ſo?“ „Ihr gebt zu, und ich gebe mit Euch zu, daß ein armes Mädchen ſehr ſympathetiſch iſt und bleibt, obgleich es einen ungeheuer reichen Mann heirathet; doch dieſe Sympathie erlangt es nur unter der Bedingung, daß es den Mann, den es heirathet, aufrichtig liebt.“ „Bei Gott!“ rief Gerald, „wenn ſich das Mädchen von der Habgier bewegen läßt, ſo wird das eine gemeine Berechnung,“ „Was es Schmählichſtes geben kann,“ fügte der alte Seemann bei. „Nun alſo,“ ſagte Hlivier, „warum ſollte ein armer Mann denn in der That, Gerald, Du biſt arm Fräulein von Beaumesnil gegenüber warum ſollteſt Du, ſage ich, tadelnswerth ſein, wenn Du dieſes Mädchen heirathen würdeſt, falls Du es trotz ſeiner Millionen lieben, falls Du es endlich lieben würdeſt, als ob es ohne Namen und ohne Vermögen wäre?“ „Ganz richtig, Herr Gerald,“ ſprach der Commandant. „Sobald man als ehrlicher Mann liebt und das Bewußt⸗ ſein hat, daß man die Frau und nicht das Geld liebt, iſt 70 man ruhig . . . was kann man ſich vorzuwerfen haben? Kurz, ich rathe Ihnen, Fräulein von Beaumesnil zuerſt zu ſehen, und hernach mögen Sie ſich entſchließen.“ „In der That,“ erwiederte Gerald, „das iſt, glaube ich, das Beſte, was ich thun kann; es gleicht Alles aus. . . Ah! ich habe bei Gott wohl daran gethan, hieher zu gehen, und mit Ihnen, mein, Commandant, und mit Dir, Olivier, über meine Pläne zu ſprechen!“ „Ah! ſagen Sie, Herr Gerald, gibt es denn wirklich nicht in Ihrer großen und ſchönen Welt eine Menge von Menſchen, welche Ihnen geſagt hätten, was wir Ihnen geſagt haben?“ „In der großen Welt?“ verſetzte Gerald, die Achſeln zuckend, dann fügte er bei: „das iſt übrigens daſſelbe beim Bürgerthum, wenn es nicht gar noch ſchlimmer iſt; überall kennt man nur ein Ding . . . das Geld.“ „Und warum des Teufels ſollten wir, Olivier und ich, gerade anders ſein, als die übrige Welt, Herr Gerald?“ „Warum?“ ſagte Gerald gerührt, „weil Sie, mein Commandant vierzig Jahre lang Ihr Seemannsleben ge⸗ lebt haben, ein rauhes und armes, gefahrvolles und un⸗ eigennütziges Leben, weil Sie bei dieſem Leben die ſtarke Gewohnheit der Reſignativn und der Zufriedenheit mit Wenigem angenommen haben; weil Sie, unbekannt mit all' den feigen Gefälligkeiten der Welt, einen Menſchen, der des Geldes wegen heirathet, als eben ſo erbärmlich betrachten, wie den, der im Spiel betrügt oder im Feuer zurückweicht; iſt das wahr, mein Commandant?“ „Bei Gott, Herr Gerald, das iſt ganz einfach. . .“ „Ja, ganz einfach . . für Sie, für Olivier, denn er hat wie ich, und länger als ich, das Soldatenleben ge⸗ führt, das die Verzichtleiſtung und die Brüderlichkeit lehrt, nicht wahr, Olivier?“ . „Braver und guter Gerald,“ ſprach der junge Mann eben ſo bewegt als ſein Freund, „doch geſtehe, Deinen natürlichen Edelmuth hat das Soldatenleben vielleicht mehr entwickelt, aber es hat ihn Dir nicht gegeben. Du allein vielleicht warſt von ſo vielen jungen Leuten Deines Range fähig, zu glauben, Du würdeſt eine Art von Feigheit be⸗ gehen, wenn Du einen armen Teufel, um ſich an Deiner Stelle tödten zu laſſen, in den Krieg ſchickteſt . Du allein haſt auch unter ſo vielen Andern Bedenklichkeiten in Bezichung auf eine Heirath, welche Alle gern um jeden Preis eingehen würden! . . .“ „Willſt Du mir nicht gar Complimente machen?“ entgegnete Gerald lächelnd. „Gut alſo, ich werde Fräulein von Beaumesnil ſehen die Umſtände mögen das Uebrige thun.. Meine Linie iſt gezogen, ich werde nicht davon ab⸗ gehen, das ſchwöre ich Euch.“ „Bravo, mein lieber Gerald!“ rief Ollvier heiter; „ich ſehe Dich verheirathet, verliebt und glücklich im Ehe⸗ ſtand; das iſt ein Glück von ſo großem Werth wie ein anderes! Und ich, der ich nichts von Deinen Plänen wußte, bat geſtern bei meiner Ankunft Madame Herbaut um Er⸗ laubniß, ihr einen würdigen Jungen, einen ehemaligen Regimentskameraden vorſtellen zu dürfen, und Madame Herbaut hatte Dich auf meine allmächtige Empfehlung angenommen.“ „Wie! ſie hatte mich angenommen,“ ſprach Gerald lachend, „Du kannſt wohl ſagen, ſie habe mich angenom⸗ men, und ich ſtehe Dir dafür, daß ich von der Erlaubniß Gebrauch machen werde.“ „Wie, Du willſt?“ „Gewiß.“ „Aber Deine Heirathspläne?“ „Ein Grund mehr!“ „Erkläre Dich.“ „Das iſt ganz einfach; je mehr ich Gründe haben werde, das Junggeſellenleben zu lieben, deſto mehr werde ich Fräulein von Beaumesnil lieben müſſen, um auf meine Vergnügungen Verzicht zu leiſten, und deſto weniger werde ich mich in dem Gefühl täuſchen, das ſie mir einflößt; es iſt alſo verabredet, Du ſtellſt mich bei Madame Herbaut vor, und um mich noch mehr . . ſtets gegen die Ver⸗ 72 ſuchung. zu ſtärken, verliebe ich mich in eine von den Nebenbuhlerinnen der berühmten H erzogin, deren Name für mich eine Vogelſcheuche iſt, weshalb ich Dich bitte, Du mögeſt Dich in ſie verlieben.“ „Gehe, Gerald, Du biſt ein Narr.“ „Sei offenherzig; glaubſt Du, ich wäre im Stand, auf Deiner Fährte zu gehen? Als ob es nur die Herzogin auf der Welt gäbe! Erinnere Dich doch jener hübſchen kleinen Frau eines dicken Proviantheamten Du hatteſt nur ein Wort zu ſagen, und ich ließ Dir dort das Feld frei. und während der Mann ſeinen Hornpiehpark be⸗ ſche „Wie, abermals eine Andere!“ rief der Commandant, ſich an Gerald wendend, „mein Neffe iſt alſo ein Wüthender?“ „Ah! mein Commandant, wenn Sie wüßten, welche Herzensrazzias er in Algerlen machte, der Ruchloſe! Der reizende Stamm von Madame Herbaut mag hübſch auf ſen Hut ſein, wenn er nicht von Olivier verheert werden oll. „Du biſt ein doppelter Narr, ich habe ja keine ſchlimme Abſicht auf dieſen reizenden Stamm, wie Du es nennſt,“ erwiederte Olivier heiter; „doch im Ernſte geſprochen, willſt Du, daß ich Dich Madame Herbaut vorſtelle2“ „Ja, gewiß,“ antwortete Gerald. Und ſich an den alten Seemann wendend, ſagte er: „Mein Commandant, Sie dürfen mich deshalb nicht für einen unbeſonnenen Menſchen halten .. Ich habe Ihren freundſchaftlichen Rath in Beziehung auf eine Hei⸗ rath angenommen, werden Sie ſagen) und ich endige die Unterredung damit, daß ich Olivier bitte, mich bei Ma⸗ dame Herbaut vorzuſtellen .. Nun! ſo ſeltſam Ihnen das erſcheinen mag, mein Commandant, ſo ſage ich Ihnen, nicht mehr im Scherze, ſondern diesmal im Ernſt, daß, je weniger ich an meinen Gewohnheiten verändere, deſto i meine Liebe für Fräulein von Beaumesnil ſein muß. „Meiner Treue, Herr Gerald,“ erwiederte der Veteran, 73 5 „ „ich geſtehe, daß von Anfang Ihre Gründe bizarr erſchei⸗ nen, doch wenn ich darüber nachdenke, finde ich ſie richtig. Es wäre vielleicht ein heuchleriſcher Vorbedacht, jetzt ſchon mit einem Leben zu brechen, das Ihnen ſeit ſo langer Zeit f „Stelle mich nun dem Stamme von Madame Herbaut vor,“ ſprach Gerald lachend. „Leben Sie wohl, mein Commandant, ich werde Sie bald und oft wieder beſuchen. Was wollen Sie?2 Nicht umſonſt find Sie mein Beichtvater.“ „Und Sie ſehen, daß ich kein ganz bequemer Burſche bin, was die Abſolution und die Gewiſſensfragen betrifft,“ erwiederte der alte Seemann. „Auf baldiges Wiederſehen alſo, Herr Gerald, Sie werden mich über Ihre Heiraths⸗ angelegenheit auf dem Laufenden erhalten, nicht wahr?“ „Ich habe nun ein Recht, mit Ihnen darüber zu ſprechen, und werde nicht verfehlen, davon Gebrauch zu machen, mein Commandant. Ah! da fällt mir ein,“ ſagte Gerald, „ich habe Ihnen über einen Auftrag, den Sie mir gaben, Bericht zu erſtatten. Du erlaubſt, Olivier?“ „Gewiß,“ ſagte der junge Soldat, ſich entfernend. „Eine gute Kunde!“ ſprach Gerald ganz leiſe, „durch meine Schritte und beſonders durch die Empfehlung des Marquis von Maillefort, iſt die Ernennung von Slivier zum Unterlieutenant beinahe geſichert.“ „Ah! Herr Gerald, wäre es möglich?“ „Wir haben die größte Hoffnung, denn man hat er⸗ fahren, daß Herr von Maillefort zum Deputirten vorge⸗ ſchlagen werden ſoll, was ſeinen Einfluß verdoppelt.“ „Herr Gerald,“ ſagte der Veteran ſehr gerührt, „wie kann ich Ihnen danken „Ich flüchte mich, mein ommandant,“ erwiederte Gerald, um ſich dem Bank des reiſes zu entziehen, „ich eile zu Olivier zurück, ein längeres Geſpräch könnte Ver⸗ dacht bei ihm erregen.“ „Ah! Du haſt Geheimniſſe mit meinem Oheim?“ fragte Olivier ſcherzhaft ſeinen Freund. 74 „ „Ich glaube wohl, Du weißt, ich bin ein ganz ge⸗ heimnißvoller Menſch. . und ehe wir uns zu Madame Her⸗ baut begeben, muß ich Dich um einen ſehr geheimen Dienſt bitten.“ „Laß hören.“ „Du, der Du das Quartier und die Gegend kennſt, wüßteſt Du mir nicht eine kleine Wohnung in einer ſehr abhelegenen Straße, jedoch innerhalb der Barriere, anzu⸗ eben?“ „Wie!“ rief Olivier lachend, „Du willſt den Faubourg Saint Germain verlaſſen und ein Batignoller werden? Das iſt reizend.“ „Höre mich doch . . Du begreifſt, daß ich, da ich 3 meiner Mutter wohne, nicht Frauen bei mir empfangen „Ah! ſehr zut! „Ich, hatte ein geheimnißvolles Abſteigequar⸗ „Ich liebe dieſes Wort, es iſt anſtändig.“ „Laß mich doch ſprechen. Ich hatte ein kleines, ſehr anſtändiges Abſteigequartier, doch das Haus hat den Eigen⸗ thümer gewechſelt und der neue iſt ſo ſtreng in Beziehung auf die Sitten, daß er mir den Abſchied gegeben hat, und meine Miethe endigt übermorgen; meine Liebſchaft iſt folg⸗ lich auf's Pflaſter geſetzt oder darauf angewieſen, ſich hinter den Vorhängen von Stadtwagen zu verbergen, und ſich dem ſpöttiſchen Lächeln der Kutſcher preisgeben iſt doch etwas Troſtloſes.“ „Im Gegentheil, das findet ſich vortrefflich; Du willſt Dich verheirathen, man hat Dir den Abſchied gegeben .. gib Deiner Liebſchaft auch den Abſchied.“ „Olivier, Du kennſt meine Grundſätze, Dein Oheim billigt ſie; ich will nicht zum Voraus etwas an den Ge⸗ wohnheiten meines Junggeſellenlebens verändern, und wenn meine Heirath nicht zu Stande käme, Unglücklicher! be⸗ denke doch, daß ich dann ohne Abſteigequartier und ohne Liebſchaft wäre. . . Nein, nein, ich bin viel zu vor⸗ 6 5 ſichtig, um eine ſolche Unordnung einreißen zu laſſen, um nicht eine Birne für den Durſt zu behalten.“ „Birne für den Durſt, das iſt ſehr hübſch. Ah! Du biſt ein Mann der Vorſicht. Wohl, ich verſpreche Dir, unter Weges die an den Häuſern angeklebten Zettel zu be⸗ trachten.“ „Zwei Zimmer mit einem Eingang, mehr brauche ich nicht.. Du begreifſt, daß ich mich ſelbſt auch umſehen werde; ſogleich wenn ich von Madame Herbaut weggehe, will ich in der Gegend umherſchlendern . denn das hat Gile übermorgen iſt das unſelige Ziel . . . kaum iſt es mir gelungen, ein paar Tage Friſt zu erhalten .. . Sage, Olivier, wenn ich hier entdecke, was ich brauche .. Ich finde in trautem Vereine wohl hier Liebe und Freundſchaft in einem Quartier. „Dieſe tiefe Betrachtung gleicht ſehr einem Schäfer⸗ ſpruch; voch immerhin, die Wahrheit bedarf keiner Zier⸗ 8 „.. Nun aber auf, mein Freund, zu Madame Her⸗ aut.“ 37 Du biſt immer noch entſchloſſen bedenke och. „Olivier, Du biſt unerträglich . ich ſtelle mich allein vor, wenn Du mich nicht begleiteſt.“ „Gut, das Loos iſt geworfen; abgemacht alſo, Du biſt Herr Gerald Senneterre, ein alter Regimentskamerad von mir.“ „Senneterre, nein, das wäre unklug; ich will mich lieber Gerald Auvernay nennen, denn ich bin auch mit dem Marquiſat Auvernay geſchmückt, ſo wie Du mich hier ſiehſt, mein armer Olivier.“ „Gut, Du biſt Herr Gerald Auvernay, einverſtanden. Ah! Teufel!“ „Was haſt Du denn?“ „Was wirſt Du zu dieſer Stunde ſein?“ „Wie, was ich ſein werde?“ „Ja, Dein Stand?“ 76 E „Mein Stand? Junggeſelle, der auf neuen Be⸗ „Ich kann Dich bei Madame Herbaut nicht als einen jungen Mann vorſtellen, der von den Renten lebt, die er beim Regiment angehäuft hat. Madame Herbaut empfängt keine Müßiggänger; Du würdeſt Verdacht bei ihr erwecken, denn die würdige Frau mißtraut teufelmäßig Leuten, welche nichts zu thun haben, als den hübſchen jungen Mädchen 15 Hof zu machen, in Betracht, daß ſie hübſche Mädchen at.“ „Des iſt ſehr beluſtigend. Nun! . was ſoll ich alſo ſein?“ „Ich weiß es nicht!“ ſe raß hören,“ ſagte Gerald lachend, „ſoll ich Apotheker e n 2* „Gut, Apotheker; laß uns gehen. Komm . „Durchaus nicht. Ich ſcherze. . . Du nimmſt das rglec an! Apotheker. welch ein gefährlicher Freund u 7 „Gerald, ich verſichere Dich, daß es ſehr artige kleine Apotheker gibt.“ „Laß mich doch in Ruhe, das gehört immer zur Pharmaceuten familie, und ich würde es nicht wagen, einem von den hübſchen Mädchen, welche zu Madame Herbaut kommen, ins Geſicht zu ſchauen.“ „Nun! Du Verrückter, ſuchen wir etwas Anderes „Schreiber eines Notars etwa . . . wie? gefällt Dir das?“ fehl „Das gefällt mir! . . meine Mutter hat einen end⸗ loſen Prozeß . . ich werde zuweilen für ſie zu ihrem Notar und ihrem Anwalt gehen. . ich werde den Schrei⸗ ber nach der Natur ſtudiren und, aus dem Regiment der Chaſſeurs dAfrique austretend, bei dem vom Gerichtsſtab eintreten. Das macht ſich vortrefflich.“ „Gut, folge mir, ich will Dich als Gerald Auver⸗ nay, Notarſchreiber, vorſtellen.“. 77 „Erſter Notarſchreiber!“ ſagte Gerald mit gewich⸗ tiger Betonung. „Ehrgeiziger!“ Bei Madame Herbaut vorgeſtellt, fand Gerald durch die Empfehlung von Olivier die liebenswürdigſte, herz⸗ lichſte Aufnahme. Am Nachmittag deſſelben Tages holte der furchtbare Herr Bouffard das Geld, das ihm der Commandant Bernard für das verfallene Ziel ſchuldig war. Madame Barbangon bezahlte ihn und widerſtand dabei nur mit großer Mühe dem boshaften Vergnügen, die Nägel dieſes ungeſchlachten Hauseigenthümers, wie ſie ſagte, ein wenig abzubräunen. Leider gab das Geld, das er empfing, ſtatt ihn min⸗ der hart bei ſeinen Einkaſſirungen zu machen, Herrn Bouf⸗ fard eine neue Energie, und überzeugt, ohne ſeine Grob⸗ heiten und hartnäckigen Verfolgungen wäre er von Ma⸗ dame Barbangon nicht bezahlt worden, wandte er ſich in aller Haſt nach der Rue de Monceau, wo Hermine wohnte, entſchloſſen, ſeine Härte gegen das arme Mädchen zu ver⸗ doppeln, um die Bezahlung des Miethzinſes, den es ihm ſchuldig war, zu erzwingen. Siebentes Rapitel. Herminie wohnte in der Rue de Monceau in einem der zahlreichen Häuſer, deren Eigenthümer Herr Bouffard war, und hatte im Erdgeſchoß ein Zimmer inne, vor dem ein kleiner Eingang kam, der unter das Gewölbe des Thorwegs führte; die zwei Fenſter öffneten ſich auf einen 78 hübſchen Garten, der einerſeits von einer lebendigen Hecke und andererſeits von einem Zaune umgeben war, welcher ihn von einer anſtoßenden Gaſſe trennte. Der Genuß dieſes Gartens gehörte zu einer ziemlich großen Wohnung im Erdgeſchoß, welche in dieſem Augen⸗ blick, wie eine andere Wohnung im dritten Stock, nicht vermiethet war, und dieſe Nichteinnahmen vermehrten noch die böſe Laune von Herrn Buuffard gegen die Mieths⸗ leute, welche mit ihren Zahlungen im Rückſtand waren. Es läßt ſich nichts Einfacheres und Geſchmackvolleres denken, als das Zimmer der Herzogin. Eine gemalte Leinwand von mäßigem Preis, aber von reizender Zeichnung und Friſche, diente als Tapete für die Wände und die Decke dieſes ziemlich hohen Zimmers; am Tag verbargen weite Draperien von demſelben Stoff den Alcoven ſowie die zwei Glasthüren des Zimmers; die eine von dieſen Thüren war die des Ankleidecabinets, die andere öffnete ſich auf den Eingan, eine Art von Vor⸗ zimmer von ſechs Quadratfuß; die Vorhänge von Glanz⸗ zitz, gefüttert mit roſa Gingan, verſchleierten halb die Fenſter, woran Mouſſelinvorhängchen mit Bandſchleifen an⸗ gebracht waren; ein Teppich von weißem Grund, beſät mit üppigen Blumenſträußen (dies war die größte Aus⸗ gabe bei der Ausſtattung geweſen) bedeckte den Boden; der Kaminſchirm, wunderbar geſtickt von Herminie, war hellblau mit einem Gewinde von Roſen und Maßlieben; zwei kleine Leuchter von ausgeſuchtem Geſchmack, nach Muſtern von Pompeji geformt, begleiteten eine Pendeluhr, beſtehend aus einem Sockel von weißem Marmor, worauf die Statuette von Jeanne d'Arc; an jedem Ende des Ka⸗ minfimſen enthielten zwei Vaſen von gefirnißtem Steingut (eine koſtbare Erfindung), von der reinſten etruskiſchen Form, große Sträuße von kürzlich erſt gekauften Roſen, welche in dieſem Zimmer ihren ſüßen und friſchen Wohlgeruch verbreiteten. Dieſe beſcheidene Schmückung des Kamins mit Stein⸗ gut und Zinkguß, folglich von keinem materiellen Werth, 79 hatte höchſtens fünfzig bis ſechzig Franken gekoſtet, doch aus dem Geſichtspunkte der Kunſt und des Geſchmacks war ſie tadellos. Dem Kamin gegenüber ſah man das Klavler von Herminie, ihren Broderwerb. Ein Tiſch mit gewun⸗ denen Säulen, der zwiſchen den zwei Fenſtern ſtand, diente, von einem alten Ständer von Nußbaumholz überragt, als Bibliothek; die Herzogin hatte hier einige Lieblings⸗ ſchriftſteller und die Bücher aufgeſtellt, die ſie als Preis in ihrer Penſion erhalten. Da und dort ſah man an der Tapete an wollenen Kreuzſchnüren in einfachen Rahmen von gefirnißtem Tannen⸗ holz, ſo glänzend als Citronenholz, einige Stiche von der beſten Auswahl; darunter bemerkte man Mignon's Sehn⸗ ſucht nach der Heimath und Mignon nach dem Himmel blickend, nach Scheffer, welche als Gegen⸗ ſtücke auf jeder Seite von Francesca von Remini von demſelben berühmten Maler hingen. In den zwei Ecken des Zimmers trugen endlich kleine Etageren von ſchwarzem Holz mehrere Statuetten von Gyps in verjüngtem Maß⸗ ſtab nach dem ausgeführt, was die griechiſche Kunſt Idealſtes hinterlaſſen hat; eine alte Commode von Roſenholz, um einen geringen Preis von einem Trödler der Batignolles gekauft, zwei hübſche geſtickte Stühle, eine Arbeit von Herminie, ſowie ein Fauteuil, überzogen mit ſchwerem grünen Atlaß, deſſen Stickereien mit ihren lebhaften Farben Blumen und Vögel darſtellten, vervollſtändigten die Ausſtattung dieſes Zimmers. Durch Verſtand, durch Ordnung und Arbeit, ſo wie durch einen ausgezeichneten Geſchmack war es Herminie gelungen, ſich um geringe Koſten dieſe zierliche und ge⸗ wählte Umgebung zu ſchaffen. Was aber die Sorgen und Einzälnheiten, welche dieſer hoffärtigen Herzogin widerſtrebt hätten, was zum Beiſpiel die Küche betrifft, ſo war Herminie dieſer Verlegenheit da⸗ durch entgangen, daß ſie ſich an die Portiére ihres Hauſes wandte, welche ſie jeden Tag gegen ein mäßiges Abonne⸗ 8⁰ ment am Morgen mit einer Taſſe Milch und am Abend mit einer vortrefflichen Suppe in Begleitung einer Platte Gemüſe nebſt einigem Obſt bediente, eine frugale Nah⸗ rung, die äußerſt appetitlich dadurch wurde, daß fie ſich durch die zierliche Reinlichkeit des kleinen Gedeckes von Herminie erhöht fand, denn wenn die Herzogin nur zwei Taſſen und ſechs Teller beſaß, ſo waren ſie doch von ausgezeichnetem Porzellan, und wenn auf ihrem runden, mit einem blendenden Tuch bedeckten Tiſch die Herzogin ihre Flaſche und ihr Glas von feinem Kryſtall, ihre zwei einzigen glänzenden filbernen Beſtecke und ihren Porzellan⸗ teller mit weißem Grund, worauf blaue und roſenfarbige Blumen ausgeſtreut, aufgeſtellt hatte, ſo erſchienen die ein⸗ fachſten Gerichte, wie geſagt, äußerſt appetitlich. Leider aber waren zum großen Kummer von Her⸗ minie ihre zwei ſilbernen Beſtecke und ihre Uhr, die zwei einzigen Gegenſtände von materiellem Lurus, die ſie be⸗ ſeſſen, als Pfänder im Mont de Piété, wohin ſie dieſelben durch die Portiére bringen zu laſſen genöthigt geweſen war; die Arme hatte kein anderes Mittel gehabt, die täglichen Koſten ihrer Krankheit zu beſtreiten und ſich eine ſchwache Summe Geldes zu verſchaffen, von der ſie lebte, in Erwartung des Honorars für mehrere Lectionen, die ſie nach einer gezwungenen Unterbrechung von beinahe zwei Monaten wieder zu geben begonnen hatte. Dieſer unſelige Rückſtand verurſachte für Herminie eine peinliche Verlegenheit und verſetzte ſie in die Unmög⸗ lichkeit; hundert und achtzig Franken zu bezahlen, die fie dem furchtbaren Herrn Buuffard ſchuldig war. Hundert und achtzig Franken! . . . Und das arme Kind beſaß nicht mehr als fünfzehn Franken, von denen es einen ganzen Monat leben ſollte. Die Thürſchwelle von Herminie war, wie man ſich denken kann, jungfräulich von jedem Männertritt. Frei und Herrin ihrer Wahl hatte die Herzogin nie geliebt... obgleich ſie, ohne es zu wollen und ſogar zu ihrem Bedauern, mehrere Leidenſchaften eingeflößt; .. ⸗ „ 81¹ Herminie war zu ſtolz, um ſich bis zur Coquetterie zu er⸗ niedrigen, zu edel, um ſich an den Qualen einer unglück⸗ lichen Liebe zu ergötzen. Keiner von ihren Seufzenden hatte alſo Herminie ge⸗ fallen, trotz der Redlichkeit ihrer Beirathsanerbietungen, Künſtler waren, wie das Mädchen, oder wohl auch Laden⸗ diener, Buchhalter u. ſ. w. ie Herzogin wollte bei der Wahl ihres Geliebten mit dem geläuterten Geſchmack, mit dem zarten Takt, der ſie charakterifirte, zu Werke zu gehen; doch es bedarf nicht der Erwähnung, daß, niedrig oder hoch, die Lage des Mannes, den ſie geliebt haben würde, keinen Einfluß auf die Liebe von Herminie geübt hätte; ſie wußte durch ſich ſelbſt (und ſie war ſtolz darauf), was man zuweilen an Erhabenheit und angeborener Diſtinctivn unter den be⸗ ſcheidenſten und prekärſten geſellſchaftlichen Stellungen findet. Was fie bis jetzt am Unangenehmſten bei ihren Bewerbern berührt hatte, waren auch jene knabenhaften, wird man ſagen, ſogar für jede Andere als für Herminie unerkenn⸗ baren, ihr aber unüberwinblich widerſtrebenden Unvollkom⸗ menheiten geweſen: hei den Einen war dies eine zu ge⸗ räuſchvolle, zu plumpe Heiterkeit; bei den Andern freie oder gemeine Manieren; bei Dieſem ein ungeſchlachter timmton, bel Jenem eine lächerliche Haltung. Einige von dieſen Zurückgewieſenen beſaßen nichts⸗ deſtoweniger Lortreffliche Eigenſchaften des Herzens oder des Geiſtes; Herminie war die erſte geweſen, die dies an⸗ erkannte; ſie hielt dieſe für die beſten und würdigſten jungen Leute der Welt; ſie geſtand ihnen vffen ihre Ach⸗ tung, 5 Noth auch ihre Freundſchaft zu, aber ihre Liebe „nein. Und nicht aus Verachtung, nicht aus einem tollen Ehrgeiz des Gemüthes wies Herminie ſie zurück, ſondern einfach, wie ſie es dieſen Verzweifelten ſelbſt ſagte; weil ſie keine Liebe für ſie fühlte, und weil ſie entſchloſſen war, Die ſieben Todſünden. I. 6 32 eher ihr ganzes Leben Jungfrau zu bleiben, als zu hei⸗ rathen, ohne eine tiefe und lebhafte Liebe zu empfinden. Und dennoch mußte Herminie, gerade wegen ihrer hochmüthigen und zarten Empfindlichkeit, mehr als irgend Jemand unter den zuweilen ſo peinlichen und beinahe un⸗ dermeidlichen Widerwärtigkeiten leiden, welche mit der Stellung eines Mädchens verbunden ſind, das allein zu leben gezwungen und nothwendig allen ſchmerzlichen Wechſel⸗ fällen preisgegeben iſt, die der Mangel an Arbeit oder die Krankheit herbeiführen können. Seit einiger Zeit hatte die Herzogin leider auf eine grauſame Weiſe die Folgen ihrer Vereinzelung und Armuth zu erfahren. Sind nun die Hoffart und der Charakter von Her⸗ minie ſo geſchildert (eine Hoffart, welche ſie ange⸗ trieben hatte, ſtolzer Weiſe, trotz ihrer drückenden Armuth, die fünfhundert Franken zurückzubringen, die ihr von der Hinterlaſſenſchaft von Frau von Beaumesnil geſpendet worden waren), ſo wird man begreifen, mit welcher Ver⸗ wirrung, mit welchem Schrecken das arme Mädchen die Rückkehr von Herrn Buuffard erwartete, denn er ſollte, wie er dies zu Madame Barbancon geſagt hatte, am Nachmittag eine letzte und entſcheidende Runde bei ſeinen ſäumigen Miethsleuten machen. Herminie ſann auf Mittel, dieſen groben und rohen Menſchen zu beſchwichtigen, doch da ſie ſchon als Unter⸗ pfand ihre zwei ſilbernen Beſtecke und ihre goldene Uhr hingegeben hatte, ſo beſaß ſie nichts Anderes mehr, was ſie hätte verpfänden können: man würde ihr nicht zwanzig Franken auf ihre beſcheidene Verzierung des Kamins ge⸗ liehen haben, von ſo gutem Geſchmack ſie auch war, und ihre Stiche, ſo wie ihre Gypsſtatuetten hatten nicht den geringſten verkäuflichen Werth. Auch die Wäſche, die ſie beſaß, würde ihr ein nur ſehr geringfügiges Darlehen ver⸗ ſchafft haben. Niedergebeugt durch dieſe troſtloſe Lage vergoß Her⸗ minie bittere Thränen; zitternd befürchtete ſie jeden Augen 83 blick, das gebieteriſche Klingeln von Herrn Buuffard zu hören. Edles Herz, erhabene Natur!.. Mitten unter dieſen grauſamen Verlegenheiten fiel es Herminie nicht einen Augenblick ein, ſich zu ſagen, ſie wäre mit einem unmerk⸗ lichen Theil des ungeheuren Ueberfluſſes ihrer Schweſter gerettet, deren koſtbare Wohnung ſie am Tage vorher be⸗ ſichtigt hatte. Dachte die Herzogin an ihre Schweſter, ſo geſchah es nur, um in der Hoffnung, ſie eines Tags zu ſehen, kn⸗ Zerſtreuung für ihren gegenwärtigen Kummer zu uchen. Und wegen dieſes Kummers klagte Herminie nur ſich ſelbſt an; wenn ſie mit Augen voll Thränen ihr zierliches Zimmerchen anſchaute, machte ſie ſich ihre tollen Aus⸗ gaben aufrichtig zum Vorwurf. Sie hätte, — dachte ſie, — für die Zukunft und die unvorhergeſehenen Fälle, wie die Krankheit und das Aus⸗ ſetzen der Stunden, ſparen, ſie hätte ſich begnügen ſollen, eine Wohnung im vierten Stock zu nehmen, Thüre an Thüre mit Unbekannten, kaum getrennt von ihnen durch eine dünne Scheidewand eine traurige, kahle Stube mit kaltem Boden und ſchmutzigen Wänden inne zu haben; ſie hätte ſich nicht ſollen durch den lachenden Anblick eines hübſchen Gartens und durch die Abſonderung des Erdge⸗ ſchoßes, die ſie vorgezogen, verführen laſſen; ſie hätte ihr Geld behalten müſſen, ſtatt es zum Ankauf von Gegen⸗ ſtänden des Lurus und des Geſchmacks anzuwenden, dem einzigen Reiz, den einzigen Gefährten ihrer Einſamkeit, welche aus ihrem Zimmer einen köſtlichen Winkel machten, wo ſie lange Zeit glücklich im Vertrauen auf ihre Jugend und ihre Arheit gelebt hatte. Wer ihr geſagt hätte, ihr, der ſo Stolzen, ſie müßte ſich den groben, aber geſetzlichen Forderungen eines Men⸗ ſchen unterwerfen, dem ſie Geld ſchuldig wäre. den ſie nicht bezahlen könnte . War dies Schmach genug? Doch dieſe zugleich ſtrengen und gerechten Vorwürfe 84 in Beziehung auf die Vergangenheit änderten nichts an der Gegenwart. Herminie ſaß ganz troſtlos, die Augen von Thränen aufgeſchwollen, in ihrem Fauteuil; bald überließ ſie ſich einer düſteren Niedergeſchlagenheit, bald bebte ſie bei dem geringſten Geräuſch. denn ſie dachte, Herr Bouffard käme wahrſcheinlich. Endlich fanden ihre peinlichen Bangigkeiten ein Ende. Ein heftiges Klingeln machte ſich hörbar. „Er iſt es es iſt der Hauseigenthümer!“ mur⸗ melte das arme Geſchöpf, an allen Gliedern zitternd. „Ich bin verloren .. fügte ſie bei. ünd ſie blieb unbeweglich vor Angſt. Ein zweites Klingeln, noch ungeſchlachter als das erſte, erſchütterte die Thüre des kleinen Eingangs, der in ihr Zimmer führte. Herminie trocknete ihre Augen, raffte ihren Muth zuſammen und öffnete, bleich, zitternd. Sie hatte ſich nicht getäuſcht. . es war Herr Byuffard. Dieſer glorreiche Repräſentant des geſetzlichen Landes erſchien, nachdem er die Uniform des Soldaten abgelegt, bürgerlich gekleidet in einen Paletotſac von grauer Farbe. „Nun!“ ſagte er zu Herminie, indem er auf der Schwelle der Thüre ſtehen blieb, die ſie ihm mit unſicherer Hand gesffnet hatte, „nun! mein Geld?“ „Mein Herr .. 6. „Wollen Sie mich bezahlen, ja oder nein?“ rief Herr Bouffard mit ſo lauter Stimme, daß er von zwei Perſonen gehört wurde. Die eine befand ſich unter dem Thorweg. Die andere ſtieg eben in den erſten Stock auf der Treppe hinauf, deren Stufen an dem Eingang der Woh⸗ nung von Herminie ausmündeten. „Zum letzten Male frage ich Sie, wollen Sie mich bezahlen, ja oder nein?“ rief Herr Bouffard mit einer Stimme, die noch lauter ſchallte als zuvor. 85 „Mein Herr, ich bitte Sie!“ ſagte Herminie mit flehendem Tone, „ſprechen Sie nicht ſo laut ich ſchwöre Ihnen, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn ich Sie nicht bezahlen kann „Ich bin in meinem Hauſe, und ich ſpreche, wie ich will. Deſto beſſer, wenn man mich hört das wird zur Lehre für andere Miethsleute dienen, denen es einfallen könnte, wie Sie im Rückſtand zu bleiben.“ „Mein Herr, ich beſchwöre Sie, treten Sie ein,“ er⸗ wiederte Herminie, die Hände faltend und ganz niederge⸗ beugt vor Scham, „ich will Ihnen erklären . „Nun! laſſen Sie hören was werden Sie mir erklären?“ rief Herr Bouffard, während er dem Mädchen in das Zimmer folgte, deſſen Thüre er offen ließ. Wenn ſo plumpe Menſchen, wie Herr Bouffard, ſich in einer ähnlichen Lage mit einem hübſchen jungen Mäd⸗ chen finden, ſo geſchieht von zwei Dingen eines; entweder haben ſie die Frechheit, einen ſchamloſen Vergleich anzu⸗ bieten, oder es flößen ihnen die Jugend und die Schön⸗ heit, weit entfernt, ſie zum Mitleid zu bewegen, eine dop⸗ pelte Unverſchämtheit und Härte ein; es iſt, als wollten ſie ſich an dieſen Reizen rächen, nach denen ſie nicht zu begehren wagen. So war es bei Herrn Brouffard; ſeine Tugend äußerte ſich in brutalem Zorn. Als er in das Zimmer von Herminie eingetreten war, fuhr der unbarmherzige Hauseigenthümer fort: „Es braucht keine Erklärungen hierüber . die Sache iſt ganz einfach; noch einmal. . . wollen Sie mich bezahlen, ja oder nein?“ „Für den Augenblick iſt es mir leider unmöglich, mein Herr,“ erwiederte Herminie, ihre Thränen trocknend, „doch wenn Sie die Güte haben wollen, zu warten „Inmer dasſelbe Lied .. ſtimmen Sie ein anderes an,“ verſetzte Herr Bouffard, die Achſeln zuckend. Dann ſchaute er mit einer höhniſchen Miene umher und fügte bei: 86 „Das iſt hübſch ſo man kümmert ſich nichts um die Bezahlung ſeines Miethzinſes und umgibt ſich mit koſtbaren Teppichen, mit Stofftapeten und Vorhängen mit Falbeln Wenn das nicht ſchwitzen macht! Ich, der ich ſieben Häuſer auf dem Pflaſter von Paris beſitze, ich habe nicht einmal einen Teppich in meinem Salon, und das Boudoir von Madame Bouffard iſt mit einer ein⸗ fachen Papiertapete ausgeſchlagen . Aber ich ſage Ihnen, man gibt ſich das Anſehen einer... Prinzeſſin.. und hat keinen Sou.“ Auf das Aeußerſte getrieben, erhob Herminie ſtolz das Haupt; vor ihrem würdigen und feſten Blick ſchlug Herr Buuffard die Augen nieder, und ſie ſprach: „Dieſes Klavier hat wenigſtens den vierfachen Werth von dem, was ich Ihnen ſchuldig bin, mein Herr .. laſſen Sie es holen, wann es Ihnen beliebt . . . Es iſt die einzige Sache von Werth, die ich beſitze... Verfügen Sie darüber. verkaufen Sie es.“ „Gehen Sie doch! . .. bin ich ein Klavierhänd⸗ ler? Weiß ich, was ich für Ihr Inſtrument be⸗ käme?. YNoch Plackereien . Gott behüte mich! Sie müſſen mir meinen Miethzins in baarem Geld und nicht in Klavieren bezahlen „Aber, mein Gött! ich habe kein Geld, ich biete Ihnen mein Klavier zum Verkauf an, obgleich ich meinen Lebensunterhalt damit verdiene . . was kann ich mehr thun?“ „Ich laſſe mich nicht hierauf ein Sie haben Geld, ich weiß es . . Sie haben Beſtecke und eine Uhr bei meiner Tante . . meine Portiére hat ſie ver⸗ pfändet .. Oh! oh! man führt mich nicht ſo hinters Licht!“ „Ach! mein Herr, das Wenige, was man mir darauf gellehen hat, war ich genöthigt, auszugeben, um .. Herminie konnte nicht vollenden. Sie ſah Herrn von Maillefort an der offen gebliebe⸗ 87 nen Thüre ſtehen, wo er ſeit einigen Augenblicken der ſchmerzlichen Scene beiwohnte. Als er vas plötzliche Beben des Mädchens wahrnahm, als er den erſtaunten Blick bemerkte, den ſie nach der Thüre warf, wandte fich Herr Bouffard um, ſah den Buckeligen und war nicht minder erſtaunt als Herminie. Der Marquis trat nun ein und ſprach zu der Her⸗ zog in, vor der er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte: „Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Fräulein, daß ich ſo bei Ihnen erſcheine; doch ich fand die Thüre offen, und da ich hoffte, Sie würden mir die Ehre einer Unter⸗ redung von einigen Augenblicken in einer wichtigen Ange⸗ legenheit bewilligen, ſo erlaubte ich mir, einzutreten.“ Nach dieſen Worten, welche mit eben ſo viel Höflichkeit als Ehrfurcht betont wurden, wandte ſich der Margquis gegen Herrn Bouffard um, den er mit einem ſo ſtolzen Blick maß, daß ſich der dicke Mann Anfangs ganz blöde, ganz eingeſchüchtert vor dem kleinen Buckeligen fühlte, und ſprach: „Mein Herr, ich habe die Ehre gehabt, das Fräulein um eine kurze Unterredung zu bitten.“ „Nun! und hernach?“ verſetzte Herr Bouffard, der ſeine Dreiſtigkeit wieder fand, „was geht das mich an S. Ohne Herrn Boyuffard zu antworten, wandte ſich der Marquis an Herminie und fragte; „Will das Fräulein die Gute haben, mir die erbetene Untertedung zu bewilligen?“ „Aber, mein Herr. „ antwortete das immer mehr Mädchen voll Verlegenheit,. . „ich weiß nicht . o „Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken, mein Fräu⸗ lein,“ ſagte der Marguis, „da unſere Unterredung durch⸗ aus vertraulicher Natur ſein muß, ſo iſt es unerläßlich, daß dieſer Herr (und er bezeichnete mit dem Blick den Hauseigenthümer) uns gefälligſt verläßt, wenn Sie ihm nicht noch etwas zu ſagen haben; in dieſem Fall würde ich mich zurückziehen. . .“ . 8⁸ „Ich habe dem Herrn nichts mehr zu ſagen,“ erwie⸗ derte Herminie in der Hoffnung, wenigſtens auf einige Augenblicke ihrer peinlichen Lage zu entgehen. „Sie ſehen, mein Herr, das Fräulein hat Ihnen nichts mehr zu ſagen,“ ſprach der Marquis mit einem ausdrucksvollen Zeichen gegen Herrn Byuffard. Doch dieſer hatte ſeine gewöhnliche Grobheit ſchon wieder erlangt; er machte es ſich zum Vorwurf, daß er ſich von dem Buckeligen imponiren ließ, und rief: „Ah! Sie glauben, man ſetze nur ſo die Leute in ihrem Hauſe vor die Thüre, ohne ſie zu bezahlen, mein Herr.. und weil Sie dieſe Frauensperſon unterſtützen...“ „Genug, mein Herr, genug,“ ſprach raſch der Mar⸗ quis, Herrn Bouffard unterbrechend; und er packte ihn mit einer ſolchen Kraft beim Arm, daß der Erxſpezerei⸗ händler, als er ſein Fanſtgelenke wie in einen Schraubſtock zwiſchen den langen und knochigen Fingern des Buckeligen zuſammengepreßt fühlte, dieſen mit einer Miſchung von Erſtaunen und Furcht anſchaute. Der Marquis lächelte ihm ſodann auf das Freund⸗ lichſte zu und ſagte mit der größten Artigkeit: „Ich bedaure unendlich, mein Herr, daß ich mich nicht länger Ihrer liebenswürdigen Geſellſchaft erfreuen kann, aber Sie ſehen, ich bin zu den Befehlen des Fräu⸗ leins, das mir gütigſt einige Augenblicke geſtattet, und ich moͤchte dieſe Gefälligkeit nicht mßbrauchen.“ Nach dieſen Worten ſührte der Marquis halb gut⸗ willig, halb mit Gewalt bis zur Thüre Herrn Bouffard, der ſich nicht wenig darüber wunderte, daß er bei einem Buckeligen dieſe körperliche Kraft und dieſe Gewalt der Sprache und der Manieren fand, deren Einfluß er ſich unwillkührlich unterwarf. „Ich gehe . . weil ich gerade in meinem Hauſe zu thun habe,“ ſagte Herr Bouffard, der nicht das An⸗ ſehen haben wollte, als wiche er dem Zwang, „ich gehe oben hinauf; doch ich komme zurück, wenn Sie ſich ent⸗ 39 fernt haben . . . Dann muß ich mein Geld bekommen .. wenn nicht . ſo werden wir ſehen.“ Der Marquis verbeugte ſich ſpöttiſch gegen Herrn Bouffard, ſchloß die Thüre hinter ihm und kehrte zu Her⸗ minie zurück. Achtes Kapitel. Betroffen über das, was ihm Frau von la Rochaigue in Beziehung auf die junge Künſtlerin mitgetheilt, welche, wie man ſagte, ſo ungerecht von Frau von Beaumesnil vergeſſen worden war, hatte Herr von Maillefort abermals ebenſo vorſichtig als geſchickt, Madame Dupont, die che⸗ malige Kammerfrau der Gräfin befragt; indem er aus dieſer Unterredung neue Umſtände über das Verhältniß von Herminte und Frau von Beaumesnil entnahm und durch ſeinen Verdacht das errieth, was der Kammerfrau entgangen war, erlangte er bald die Ueberzeugung, Her⸗ minie müſſe die natürliche Tochter von Frau von Beau⸗ mesnil ſein. Nichtsdeſtoweniger begreift man, daß der Marquis, trotz dieſer beinahe vollen Ueberzeugung, ſich vornahm, Herminie nur mit einer außerordentlichen Zurückhaltung anzugehen; es handelte ſich nicht nur um eine ärgerliche, beinahe für das Andenken von Frau von Beaumesnil be⸗ ſchämende Offenbarung, ſondern es hatte auch die Gräfin, die das Geheimniß Herrn von Maillefort, der es ſo zu ſagen ergattert oder vielmehr errathen, nicht mitgetheilt. Herminie blieb beim Anblick des Buckeligen, der ſich zum erſten Mal unter peinlichen Umſtänden bei ihr ein⸗ 90 fand, verwirrt, verblüfft, und konnte ſich die Veranlaſſung des Beſuches dieſes Unbekannten nicht vorſtellen . . Der Marquis, ſagten wir, kehrte, nachdem er Herrn Bouffard vertrieben hatte, zu dem Mädchen zurück, das bleich, bewegt, mit niedergeſchlagenen Augen beim Kamin nd. Rit einem forſchenden, ſcharfen Blick, den er auf das Zimmer der Herzogin geworfen, hatte Herr von Maillefort den Geſchmack, die Ordnung und die außerordentliche Reinlichkeit dieſer beſcheidenen Wohnung wahrgenommen; dieſe Wahrnehmung gab nebſt dem, was ihm Frau von la Rochaigue von der edlen Uneigennützigkeit des Mäd⸗ chens geſagt hatte, dem Marguis die beſte Meinung von Herminie; beinahe gewiß, in ihr die Perſon zu finden, die er mit ſo großer Theilnahme zu treffen bemüht war, ſuchte er in ihren Zügen irgend eine Aehnlichkeit mit denen von Frau von Beaumesnil, und er glaubte ſie auch wirklich zu finden. Ohne gerade vollkommen ihrer Mutter zu gleichen, da ſie, Herminie, blond war und blaue Augen hatte, und wenn die Linien des Geſichtes auch nicht ſcharf an die Züge von Frau von Beaumesnil erinnerten, beſtand doch nichtsdeſtoweniger zwiſchen der Mutter und der Tochter das, was man eine Familienähnlichkeit nennt, was beſonders auffallend für einen ſo betheiligten Beobachter, wie Herr von Maillefort, war. Unter der Herrſchaft einer Gemüthsbewegung, die man leicht begrelfen wird, näherte ſich dieſer Herminie, die ſich durch das Stillſchweigen und durch die neugierigen und zugleich gerührten Blicke des Buckeligen immer mehr beunruhigt fühlte. „Mein Fräulein,“ ſagte er endlich mit liebevollem, väterlichem Ton, „entſchuldigen Sie mein Stiliſchweigen, doch ich fühle mich ein wenig verlegen, wie ich Ihnen die tiefe Theilnahme ausdrücken ſoll, die Sie mir einflößen.“ Indem er ſo ſprach, wurde die Stimme von Herrn 91¹ von Maillefort ſo rührend, daß ihn das Mädchen immer erſtaunter anſchaute und ganz ſchüchtern erwiederte: „Aber dieſe Theilnahme. mein Herr.. „Was konnte Ihnen dieſelbe zuziehen, nicht wahr? Ich will es Ihnen ſagen, mein liebes Kind. ja,“ fügte der Buckelige, eine Bewegung von Herminie erwiedernd, bei, „ja, ich bitte, erlauben Sie mir, daß ich Sie ſo nenne: mein Alter und, ich kann es nicht oft genng wiederholen, die Theilnahme, die Sie mir einflößen, geben mir vielleicht das Recht, Sie mein liebes Kind zu nennen, wenn Sie mir dieſe Vertraulichkeit geſtatten wollen.“ „Das wird das Einzige ſein, mein Herr, wovurch ich Ihnen meine Dankbarkeit für die guten und tröſtlichen Worte, die Sie mir ſo eben geſagt haben, beweiſen kann, obgleich die peinliche Lage, in der Sie mich geſehen vielleicht . „Was das betrifft,“ unterbrach der Marquis Her⸗ minie, „beruhigen Sie ſich ich „ „Oh! mein Herr,“ unterbrach nun Herminie den Buckeligen mit hoffärtigem Tone, „ich ſuche mich wegen dieſer Lage nicht zu rechtfertigen. ich habe nicht darüber zu erröthen .. und da Sie mir aus einem Grund, den ich nicht kenne, Theilnahme bezeigen wollen, mein Herr, ſo iſt es meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, daß weder Un⸗ ordnung, noch eine tadelhafte Aufführung, noch Trägheit mich in die grauſame Verlegenheit gebracht haben, in der ich mich zum erſten Mal in meinem Leben befinde! Zwei Monate lang krank, konnte ich keine Lectionen geben, ich fange erſt ſeit einigen Tagen wieder an und bin genöthigt geweſen, die geringen Erſparniſſe, die ich beſaß, auszu⸗ geben. Dies iſt die Wahrheit, mein Herr. habe ich mich ein wenig in Schulden geſteckt, ſo war dies Folge meiner Krankheit.“ „Das iſt ſeltſam!“ vachte der Marquis, der in ſeinem Geiſte plötzlich den Tag des Hinſcheidens der Gräfin und die muthmaßliche Zeit des Anfangs der Krankheit von Herminie zuſammenſtellte. 92 „Kurze Zeit nach dem Tod von Frau von Beaumesnil muß dieſes arme Kind krank geworden ſein. .. geſchah es aus Kummer?. .. Und er ſprach laut mit dem Ausdruck rührender Theilnahme: „War dieſe Krankheit von Bedeutung, mein liebes Kind? . Haben Sie ſich vielleicht bei der Arbeit zu ſehr ermüdet?“ Herminie erröthete, ihre Verlegenheit war groß, ſie mußte lügen, um die heilige und wahre Urſache ihrer Krankheit zu verbergen; zögernd antwortete ſie: „In der That, mein Herr, ich war etwas angegriffen, darauf folgte ein Unwohlſein, eine Art von Ermattung, von Niedergeſchlagenheit... doch nun geht es, Gott ſei Dank! ganz gut.“ Die Verlegenheit, das Zögern des Mädchens fielen dem Margquis auf, der ſchon über die tiefe Schwermuth erſtaunt war, welche den Zügen von Herminie gleichſam zur Gewohnheit geworden zu ſein ſchien. „Es unterliegt keinem Zweifel mehr,“ dachte er. „Sie iſt nach dem Tod von Frau von Beaumesnil krank ge⸗ worden... Sie weiß alſo, daß die Gräfin ihre Mutter war. .. Doch warum hat dieſe bei den häufigen Veran⸗ laſſungen, die ſie mit ihrer Tochter zuſammenführen mußten, traut?“ Ganz dieſer Unſchlüſſigkeit preisgegeben, ſchwieg der Buckelige abermals; dann aber ſagte er zu Herminie: „Mein liebes Kind, ich kam hieher in der Abſicht, mit der äußerſten Zurückhaltung zu Werke zu gehen; mir ſelbſt mißtrauend. ungewiß über das Benehmen, das ich beobachten ſollte, wolite ich nur mit der größten Vor⸗ ſicht den Gegenſtand, der mich hierherführt, anfaſſen. Denn es iſt eine ſehr zarte, es iſt eine heilige Sendung .. „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr?“ „Haben Sie die Güte, mich anzuhören, mein liebes Kind. Was ich ſchon wußte .. was ich ſo eben geſehen, ihr nicht das Portefeuille gegeben, mit dem ſie mich be⸗ 93 was ich vielleicht errathen habe ... das Vertrauen endlich, das Sie mir einfloͤßen, verändert meinen Entſchluß. . ich will offenherzig mit Ihnen ſprechen, denn ich bin feſt über⸗ zeugt, daß ich mich an ein redliches und edles Geſchöpf wende. Sie kannten Frau von Beaumesnil. . Sie liebten ſie?“ Herminie konnte ſich bei dieſen Worten einer Bewe⸗ gung des Erſtaunens, vermiſcht mit Unruhe, nicht erwehren. Der Buckelige fuhr fort: „Oh! ich weiß es! Sie haben Frau von Beaumesnil zärtlich geliebt; der Kummer, Sie verloren zu haben, hat allein Ihre Krankheit veranlaßt . . .“ „Mein Herr!“ rief Herminie, erſchrocken, ihr Ge⸗ heimniß, das ihrer Mutter beſonders, beinahe einem Unbe⸗ kannten preisgegeben zu ſehen, „ich weiß nicht . was Sie damit ſagen wollen. Ich hatte für die Frau Gräfin von Beaumesnil während der kurzen Zeit, die ich zu ihr berufen war, die ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit, welche ſie verdiente... Wie Alle, die ſie kannten, habe ich ihren Verluſt aufrichtig beklagt; aber ..“ „Sie müſſen mir ſo antworten, mein liebes Kind,“ ſagte der Marquis, Herminie unterbrechend, „Sie können kein Zutrauen zu mir haben, da Sie nicht wiſſen, wer ich bin. . da Sie nicht einmal meinen Namen kennen .. Ich heiße Herr von Maillefort.“ „Herr von Maillefort,“ rief Herminie, die ſich für ihre Mutter einen an den Marquis gerichteten Brief ge⸗ geſchrieben zu haben erinnerte. „Sie kannten meinen Namen?“ „Ja, mein Herr, die Frau Gräfin von Beaumesnil fühlte ſich zu ſchwach, um zu ſchreiben, und bat mich, dies an ihrer Stelle zu thun, und der Brief.. den Sie empfangen haben . . .“ „Sie haben ihn geſchrieben?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie ſehen, mein liebes Kind, Sie müſſen nun volles Vertrauen zu mir faſſen. . . Frau von Beaumesnil hatte keinen ergebeneren Freund, als mich und auf dieſe 94 Freundſchaft von zwanzig Jahren glaubte ſie hinreichend zu dürfen, um mir einen heiligen Auftrag zu er⸗ theilen.“ „Was ſagt er?“ dachte Herminie, „ollte ihm meine Mutter das Geheimniß meiner Geburt anvertraut haben?“ Der Marquis, der die wachſende Unruhe von Her⸗ minie bemerkte und überzeugt war, er habe endlich die natürliche Tochter der Gräfin entdeckt, fuhr fort: „Der Brief, den Sie mir im Namen von Frau von Beaumesnil ſchrieben, beſchied mich auf eine ziemlich vor⸗ gerückte Stunde der Nacht zu ihr . . nicht wahr, Sie er⸗ innern ſich deſſen?“ „Ja, mein Herr.“ „Ich folgte dieſem Rufe... Die Gräfin fühlte ſich ihrem Ende nahe,“ fuhr der Buckelige mit bebender Stimme fort. „Nachdem ſie ihre Tochter Erneſtine meiner Fürſorge empfohlen hatte, bat mich Frau von Beaumesnil. .. ihr einen letzten Dienſt zu leiſten.. Sie beſchwor mich⸗ meine Sorge, mein Intereſſe zwiſchen Erneſtine und einer anderen jungen Perſon zu theilen, welche ihr nicht minder theuer ſei, als ihr Kind...“ „Er weiß Alles,“ ſagte Herminie mit einer ſchmerz⸗ lichen Niedergeſchlagenheit zu ſich ſelbſt, „der Fehler meiner Mutter iſt kein Geheimniß für ihn.“ „Dieſe andere Perſon,“ fuhr der Buckelige immer bewegter fort, „war, wie mir die Gräſin geſagt hat, ein Engel; ja, das find ihre eigenen Worte... ein Engel der Tugend, des Muthes, ein edles, wackeres Mädchen, fügte der Marquis bei, deſſen Augen ſich mit Thränen be⸗ befeuchteten, „eine arme, verlaſſene Waiſe, die ohne Unter⸗ ſtützung, ohne Hülfe, durch Arbeit, Ausdauer und Energie gegen das prekärſte, häufig peinlichſte Schickſal kämpfte. Oh!. wenn Sie gehört hätten, mit welchem Ausdruck erſchütternder Zärtlichkeit ſie von dieſem Mädchen ſprach! arme Frau! unglückliche Mutter!.. denn von dieſem Augenblick errieth ich, obgleich ſie mir, ohne Zweifel durcch die Scham abgehalten, kein Geſtändniß machte, nur eine 95 Mutter allein könne ſo ſprechen .. ſo leiden im Gedanken an das Schickſal ihrer Tochter. .. Nein, oh! nein, es war keine Fremde, die mir die Gräfin ſo dringend auf ihrem Sterbebette empfahl.“ Der Marquis, deſſen Erſchütterung den hoͤchſten Grad erreicht hatte, hielt einen Augenblick inne und trocknete ſich ſeine in Thränen gebadeten Augen. „Oh! meine Mutter,“ ſagte Herminie, die ſich zu bezwingen ſuchte, zu ſich ſelbſt, „Deine letzten Gedanken waren für Deine Tochter.“ „Ich habe der ſterbenden Frau von Beaumesnil ge⸗ ſchworen,“ fuhr der Buckelige fort, „ihren letzten Willen zu erfüllen, meine Fürſorge zwiſchen Erneſtine von Beau⸗ mesnil und dem jungen Mädchen zu theilen, das mir die Gräſin ſo dringend empfahl.. Dann übergab ſie mir dieſes Portefeuille (der Buckelige zog es aus ſeiner Taſche), welches, wie ſie mir ſagte', ein kleines Vermogen enthält, und beauftragte mich, es dem Mädchen zu übergeben, deſſen Schickſal dadurch für immer geſichert wäre . . Leider verſchied Frau von Beaumesnik, ehe ſie mir den Namen der Waiſe hatte nennen können.“ „Gott ſei gelobt! er hat nur einen Verdacht,“ ſagte Herminie mit unausſprechlichem Entzücken zu ſich ſelbſt, vich werde nicht den Schmerz haben, einen Fremden in den Fehler meiner Mutter eingeweiht zu ſehen; ihr An⸗ denken wird rein bleiben.“ „Beurtheilen Sie, liebes Kind, meine peinliche Ver⸗ legenheit, meinen Kummer; wie ſollte ich den letzten Willen von Frau von Beaumesnil vollziehen, da ich den Namen des Mädchens nicht wußte?“ ſagte der Buckelige, indem er Herminie voll Rührung anſchaute. „Ich legte mich indeſſen auf Nachforſchung . und endlich, nach vielen vergeblichen Verſuchen, habe ich dieſe Waiſe ge⸗ funden ... ſchön, muthig, edel ſo wie ſie mir ihre Mutter geſchildert, ohne ſie zu nennen .. und dieſes Mädchen ſind Sie, mein Kind mein liebes 96 Kind . . .“ rief der Buckelige und faßte Herminie bei beiden Händen. Und mit einem Erguß von Glück und unſäglicher Zärtlichkeit fügte er bei: „Ah! Sie ſehen wohl, daß ich das Recht hatte, Sie mein Kind zu nennen . . . Oh! nein . . . nie wird ein Vater ſtolzer auf ſeine Tochter geweſen ſein.“ „Mein Herr,“ erwiederte Herminie mit einer Stimme, der ſie Ruhe und Feſtigkeit zu verleihen ſuchte, „obgleich es mich Ueberwindung koſtet, Ihre Täuſchung zu zer⸗ ſtören . . . iſt es doch meine Pflicht, dies zu thun.“ „Was ſagen Sie?“ rief der Buckelige. „Mein Herr, ich bin nicht die Perſon, die Sie ſuchen,“ antwortete Herminie. Der Marquis wich einen Schritt zurück und ſchaute Mädchen an, ohne daß er Anfangs eln Wort finden onnte. Um dem fortreißenden Zuge der Offenbarung zu widerſtehen, welche ihr Herr von Maillefort gemacht hatte, bedurfte Herminie eines Heldenmuthes, der aus dem ent⸗ ſproßte, was Reinſtes, Heiligſtes in ihrer kindlichen Hof⸗ fart lag. Der Stolz von Herminie empörte ſich ſchon bei dem Gedanken, die mütterliche Schande in den Augen eines Fremden dadurch zu geſtehen, daß ſie ſich vor ihm als Tochter von Frau von Beaumesnil anerkennen würde. Mit welchem Recht konnte Herminie den Verdacht dieſes Fremden durch das Geſtändniß eines Geheimniſſes beſtätigen, das die Gräfin nicht einmal ihm, Herrn von Maillefort, ihrem ergebenſten Freund hatte anvertrauen wollen . . . eines Geſtändniſſes, das ihre Mutter ihr zu verſchweigen die Kraft gehabt hatte, als ſie ſie an ihren Buſen drückte und das Schlagen ihrer beiden Herzen ſich vermiſchte? Während dieſe edlen Gedanken ſich in Menge im Geiſte von Herminie drängten, ſuchte der Marquis, erſtaunt 97 über die Weigerung des Mädchens, deſſen Identität in Zweifel zu ziehen er ſich nicht entſchließen konnte, ver⸗ gebens die Urſache dieſes ſeltſamen Benehmens zu er⸗ rathen. Endlich ſagte er zu Herminie: „Ein Beweggrund, den ich unmöglich erforſchen kann, hält Sie ab, mir die Wahrheit zu ſagen, mein liebes Kind; welcher Beweggrund dies auch iſt, er muß edel und hochherzig ſein; . warum verbergen Sie ihn mir? dem Freunde, dem beſten Freunde Ihrer Mutter . mir, der ich zu Ihnen komme, um ihren letzten Willen zu voll⸗ ziehen?“ „Dieſes Geſpräch iſt ebenſo ſchmerzlich für Sie, als für mich, Herr Marquis,“ entgegnete traurig Herminie, „denn es erinnert mich grauſam an eine Perſon, welche ſich voll Wohlwollen gegen mich während der kurzen Zeit zeigte, wo ich zu ihr berufen war, nur als Künſt⸗ lerin und unter keinem anderen Titel, darauf gebe ich Ihnen mein Wort . Ich varf wohl glauben, daß Ihnen dieſe Erklärung genügen und mir neues Drän⸗ gen erſparen wird . . Ich wiederhole Ihnen, ich bin nicht die Perſon, die Sie ſuchen.“ Bei dieſer Erklärung regten ſich im Marquis wieder ſeine Zweifel. Doch er wollte nicht ſogleich auf jede Hoff⸗ nung verzichten und ſprach: „Nein, nein, ich kann mich nicht ſo ſehr täuſchen, nie vergeſſe ich die Beſorgniß, die Bitten von Frau von Beaumesnil für . . .“ „Erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen, Herr Mar⸗ guis, und Ihnen zu ſagen, daß Sie, vielleicht getäuſcht durch die Erſchütterung einer Ihr Herz zerreißender Scene, ſich in der Natur der Theilnahme, weiche Frau von Beau⸗ mesnil für die von Ihnen erwähnte Waife hegte, geirrt haben Um das Andenken von Frau von Beaumesnil gegen Ihren Irrthum zu vertheidigen, habe ich kein anderes Recht, als das der Dankbarkeit . doch die Ehrfurcht, Die fieben Todſünden. M. 7 * 98 welche Frau von Beaumesnil Allen einflößte, läßt mich glauben, daß ein Irrthum auf Ihrer Seite obwaltet.“ Dieſe Anſicht ſtand zu ſehr im Einklang mit den Wünſchen von Herrn von Maillefort, als daß er nicht geneigt geweſen wäre, ſich in die Bemerkung von Her⸗ minie zu fügen. Doch er erinnerte ſich der tiefen Er⸗ ſchütterung der Gräfin, als ſie ihm die Waiſe empfahl, und ſagte: „Ich wiederhole, man ſpricht nicht ſo von einer Fremden.“ „Wer weiß, Herr Margquis,“ entgegnete Herminie, den Boden Fuß für Fuß vertheidigend, „man hat mir ſo viele Beweiſe der Großmuth von Frau von Beaumesnil mitgetheilt! ihre Zuneigung für diejenigen, welche ſie unterſtützte, ſoll ſo warm geweſen ſein, daß ſie ſich auf dieſe Art zu Gunſten der Waiſe, die Ihnen empfohlen worden iſt, ausgedrückt haben wird und dann, wenn die junge Perſon ebenſo wacker, als unglücklich iſt, genügt das nicht, um die lebhafte Theilnahme zu motiviren, welche Frau von Beaumesnil für ſie hegte? Vielleicht auch war pieſer geheimnißvolle Schutz eine fromme Pflicht, die eine Freundin der Frau Gräfin von Beaumesnil anver⸗ traut hatte, wie ſie Ihnen von dieſer vermacht worden iſt.“ „Warum aber dann die förmliche Bitte, ſtets der Perſon, der ich dieſes Portefeuille übergeben ſoll, den Namen der Gräfin zu verſchweigen?“ „Weil Frau von Beaumesnil auch diesmal ihre Wohlthätigkeit verbergen wollte.“ Herminie, die ihre Ruhe, ihre Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte, beſprach ihre Gründe mit einer ſolchen Zwangloſigkeit, daß der Marquis am Ende dachte, er habe ſich getäuſcht und Frau von Beaumesnil in einem unge⸗ rechten Verdacht gehabt; da kam ihm aber ein neuer Gedanke und er rief: „Angenommen, das Verdienſt und das Unglück dieſer Waiſe ſeien die einzigen und wahren Anrechte auf die Theilnahme von Frau von Beaumesnil geweſen, ſollten 99 dieſe Anrechte nicht die Ihrigen ſein, liebes, muthiges Kind? Warum ſollte die Gräfin nicht Sie haben bezeichnen wollen?“ „Ich kannte Frau von Beaumesnil ſeit zu kurzer Zeit, um ein ſolches Merkmal der Güte von ihr zu verdienen, Herr Marquis, und dann, da mein Name nicht von ihr ausgeſprochen worden iſt, wende ich mich an Ihr Zart⸗ gefühl . Darf ich eine beträchtliche Gabe einzig und allein auf Ihre Vermuthung, ſie könnte für mich beſtimmt ſein, annehmen?“ „Ja, das wäre wahr, wenn Sie dieſe Gabe nicht verdienen würden.“ gund wie ſollte ich ſie verdient haben, Herr Mar⸗ quis 2 „Durch die Mühewaltungen, mit denen Sie die Gräfin umgaben, durch die Erleichterung, die Sie ihr in ihren Schmerzen verſchafften wie kommt es aber, daß dieſe Mühewaltungen nicht anerkannt worden ſind?“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.“ „Das Teſtament der Gräfin enthält mehrere Ver⸗ mächtniſſe . . . Sie allein ſind vergeſſen worden.“ „Ich hatte kein Recht auf ein Vermächtniß, Herr Marquis ich bin für meine Bemühungen belohnt worden.“ „Durch Frau von Beaumesnil?“ „Durch Frau von Beaumesnil,“ antwortete Herminie mit feſtem Ton. „Ja das erklärten Sie Frau von la Rochaigne, als Sie edelmüthig zurückbrachten .. „Geld, das man mir nicht ſchuldig war, Herr Mar⸗ qu 8.4 „Noch einmal, nein,“ rief Herr von Maillefort, un⸗ überwinvlich zu ſeiner erſten Gewißheit zurückkehrend .. „nein, ich habe mich nicht getäuſcht.. Inſtinct, Ahnung oder Ueberzeugung, Alles ſagt mir, Sie ſind .. „Herr Marquis,“ unterbrach den Buckeligen Her⸗ minie, die dieſer peinlichen Scene ein Ende machen wollte, . . 100 ein letztes Wort: Sie waren der beſte Freund von Frau von Beaumesnil. . . denn ſterbend vermachte ſie Ihnen die Sorge, über ihrer rechtmäßigen Tochter zu wachen .. warum hätte ſie Ihnen nicht auch anvertrauen ſollen, ſie habe noch ein anderes Kind?“ „Ei! mein Gott!“ rief unwillkührlich der Marquis, „die unglückliche Frau wird vor der Beſchämung durch ein ſolches Geſtändniß zurückgewichen ſein.“ „Ja, ich zweifle nicht daran,“ dachte Herminie voll Bitterkeit, „und ich ſollte dieſes beſchämende Geſtändniß ablegen, vor dem meine Mutter zurückgewichen iſt?“ Die Unterredung des Buckeligen mit Herminie wurde durch die Rückkehr von Herrn Bouffard unterbrochen. Die Erſchütterung des Marquis und des Mädchens war ſo groß, daß ſie Heurn Bouffard nicht einmal die erſte Eingangsthüre hatten öffnen hören. Der ungeſchlachte Hauseigenthümer ſchien gänzlich beſänftigt; ſeine freche, rohe Miene hatte einer zugleich i und duckmäuſeriſchen Phyſiognomie Platz ge⸗ macht. „Was wollen Sie noch, mein Herr?“ fragte der Marquis mit hartem Tone, „was wollen Sie hier?“ „Ich komme, mein Herr, um mich bei dem Fräulein zu entſchuldigen.“ „Sie wollen ſich entſchuldigen, mein Herr?“ fragte das Mädchen erſtaunt. „Ja, mein Fräulein, und es liegt mir daran, es vor dem Herrn zu thun, denn ich habe Ihnen in ſeiner Gegen⸗ wart vorgeworfen, daß Sie mich nicht bezahlen, und ich erkläre vor ihm, ich erkläre vor Gott und vor den Men⸗ ſchen!“ fügte Herr Buuffard bei, indem er die Hand wie zu einem Schwure aufhob, zugleich aber in ein plumpes Gelächter ausbrach, das lihm ſein Scherz eingab, „ich ſchwore, daß mir bezahlt worden iſt, was mir das Fräu⸗ lein ſchuldig war! . . . He! he!“ „Sie ſind bezahlt worden?“ fragte Herminie im höchſten Maße erſtaunt, „und durch wen, mein Herr?“ 101 „Bei Gott! . . . Sie wiſſen es wohl, mein Fräu⸗ lein erwiederte Herr Bouffard, der fortwährend auf ſeine alberne Weiſe lachte, „Sie wiſſen es wohl... welche Bosheit!!“ „Ich weiß durchaus nicht, was Sie ſagen wollen, mein Herr,“ entgegnete Herminie. „Gehen Sie doch!“ rief Herr Byuffard, die Achſeln zuckend, „als ob die ſchönen Braunen die Miethzinſe der ſchoͤnen Blonden um der Liebe Gottes willen bezahlten!“ „Es hat Sie Jemand für mich bezahlt,“ ſagte Her⸗ minie purpurroth vor Verwirrung. „Man hat mich bezahlt, und zwar in ſchönem, gutem Gold,“ antwortete Herr Bouffard, indem er aus ſeiner Taſche einige Louis d'or zog, die er in ſeiner offenen Hand ſpringen ließ. „Sehen Sie dieſe gelben Stückchen an, ſind ſie nicht ganz artig! . .. „Dieſes Gold, mein Herr,“ ſprach ganz zitternd Her⸗ minie, welche das, was ſie hörte, nicht glauben konnte, „dieſes Gold, wer hat es Ihnen gegeben?“ „Spielen Sie doch die Unſchuldige . . . das Roſen⸗ mädchen meine Kleine . . Derjenige, welcher es mir gegeben hat, iſt ein hübſcher Junge... groß, ſchlank gewachſen, braune Haare, kleiner brauner Schnurrbart, das iſt ſein Signalement.“ Der Marquis hatte Herrn Bouffard mit tiefem Er⸗ ſtaunen und mit wachſendem Schmerz ſo ſprechen hören. Das Mädchen, für das er bis dahin eine innige empfunden, war nun in ſeinen Augen gebrand⸗ markt. Nachdem er Herminie kalt gegrüßt, wandte ſich Herr von Maillefort, ohne ihr noch ein Wort zu ſagen, das Sei einer tiefen Traurigkeit in den Zügen, nach der üre. „Ah! . . .“ murmelte er mit einer Geberde des Widerwillens und der Niedergeſchlagenheit, „abermals eine Illuſion entſchwunden.“ Und er entfernte ſich. 102 „Blelben Sie, mein Herr,“ rief das Mädchen, das ihm zitternd, verwirrt vor Scham nachlief, „oh! ich flehe Sie an, ich beſchwöre Sie, bleiben Sie!!“ ₰ Meuntes Rapitel. Als Herr von Maillefort den Ruf von Herminie hörte, die ihn zu bleiben bat, ſagte er mit traurigem, ernſtem Geſicht: „Was wollen Sie, mein Fräulein?“ „Was ich will, mein Herr!“ rief ſie, die Wangen entflammt, die Augen glänzend von Thränen der Ent⸗ rüſtung und des Hochmulhs, „was ich will ... dieſem Menſchen in Ihrer Gegenwart ſagen, daß er gelogen hat.“ „Ich!“ verſetzte Herr Bouffard, „das iſt ein wenig ſtark! wenn ich die gelben Vögel in der Taſche habel⸗ „Ich ſage Ihnen, daß Sie lügen,“ rief das Mäd⸗ chen und machte mit einer bewunderungswürdigen Geberde der Hoheit einen Schritt gegen ihn, „ich habe Niemand das Recht gegeben, Sie zu bezahlen mir dieſe blutige Beleidigung anzuthun!!“ Trotz ſeiner ungeſchlachten Natur und ſeines plumpen Verſtandes, fühlte ſich Herr Buuffard bewegt, ſo unwider⸗ ſtehlich, ſo auftichtig war die ſtolze Entrüſtung von Her⸗ minie; der Hauseigenthümer wich auch zwei Schritte zu⸗ rück und ſtammelte zu ſeiner Entſchuldigung: „Bei meinem heiligen Ehrenwort, mein Fräulein, ſchwöre ich Ihnen, daß mich ſo eben, als ich die Treppe hinaufging, ein hübſcher junger Mann mit braunen Haaren anhielt und mir als Bezahlung Ihres Miethzinſes dieſes 103 Gold gab ich ſage Ihnen die Wahrheit, ſo wahr ich Bruffard heiße!!“ „Oh! mein Gott, gedemüthigt, verletzt in dieſem Grade!“ rief das Mädchen, deſſen Augen endlich die lange zurückgehaltenen Thränen entſtürzten. Dann wandte ſie ihr in Zähren gebadetes ſchönes Antlitz gegen den Buckeligen, den ſtummen Zeugen dieſer Scene, und ſprach mit bittendem Tone: „Oh! ich flehe Sie an, Herr Marquis, glauben Sie nicht, daß ich dieſe Beleidigung verdient habe.“ „Ein Marquis!!“ ſagte Herr Bouffard, und nahm raſch ſeinen Hut ab, den er bis jetzt auf dem Kopf be⸗ halten hatte. Herr von Maillefort näherte ſich Herminie, das Herz von einer grauſamen Laſt befreit, nahm ſie väterlich bei der Hand und ſprach: „Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen! mein liebes und edles Kind; erniedrigen Sie ſich nicht zu irgend einer Rechtfertigung. . . Ihre Thränen, die Aufrichtigkeit Ihres Tones, Ihre edle Entrüſtung, Alles beweiſt mir, daß Sie wahr geſprochen haben, daß Ihnen dieſer beleidigende ohne daß Sie etwas davon wußten, geleiſtet wor⸗ emiſt „Ich weiß nur ſoviel, ſprach Herr Bouffard beinahe gerührt, „daß ich, der ich gleichſam jeden Tag in mein Haus komme, dieſem ſchönen jungen Mann nie begegnet bin; aber was wollen Sie, mein liebes Fräulein, Ihr Miethzins iſt bezahlt ... das iſt nun einmal geſchehen, und Sie müſſen ſich tröſten. . . viele Andere ließen ſich ſehr gern auf dieſe Art beleidigen! He! he! he!“ fügte Herr Bouffard mit ſeinem plumpen Gelächter bei. „Dieſes Geld werden Sie nicht behalten,“ rief Her⸗ minie; „ich flehe Sie an. . . verkaufen Sie mein Piano, mein Bett, Alles, was ich beſitze; aber haben Sie Mit⸗ leid, geben Sie das Geld demjenigen, von welchem Sie es empfangen, zurück. . . Wenn Sie es behalten, fällt die Schande auf mich, mein Herr!!“ 104 * „Ah! einen Augenblick Geduld, Teufel! nicht ſo raſch!“ erwiederte Herr Bouffard; „ich fühle mich durch⸗ aus nicht dadurch beleidigt, daß ich mein Ziel einſacke; ein gutes habe ich iſt beſſer als zwei werdeich haben, und wie ſoll ich überdies dieſen ſchönen jungen Mann wieder auffiſchen, um ihm ſein Geld zu geben? Doch es gibt ein Mittel, Alles in Ordnung zu bringen .. wenn Sie ihn ſehen, dieſen Jungfernknecht, ſo ſagen Sie ihm, ich habe ſein Geld wider Ihren Willen behalten, ich ſei ein wahrer Beduine, ein Schuft von einem Hauseigen⸗ thümer .. immerzu, dreſchen Sie auf mich los, ich habe eine harte Haut, und der hübſche Junge wird wohl ſehen, daß Sie nicht bei der Sache betheiligt ſind!“ Entzückt über ſeinen Gedanken, ſagte Herr Bouffard leiſe zu dem Buckeligen: „Es freut mich, daß ich ihr dieſen Dienſt geleiſtet habe, ich konnte die Arme nicht ſo in der Verlegenheit laſſen . .. denn ich weiß nicht, wie das zugeht .. aber obgleich ſie mir einen Termin ſchuldig war, fühle ich mich doch ganz gut für ſie geſtimmt . ſehen Sie, Herr Marquis, das iſt zwar im Pech, aber ehrlich.“ „Mein Fräulein,“ ſagte Herr von Maillefort zu Herminie, welche, ihr Geſicht in ihren Händen verbergend, ſtille weinte, „wollen Sie meinen Rath befolgen?“ „Ach! mein Herr, was ſoll ich thun?“ fragte Herminie, ihre Thränen trocknend. „Nehmen Sie von mir;, der ich das Alter Ihres Vaters habe . von mir . . . der ich der Freund einer Perſon war, für die Sie ebenſo viel Achtung als Zu⸗ neigung hegten, nehmen Sie von mir ein Darlehen an, das zur Befriedigung dieſes Herrn zureicht . . Sie be⸗ zahlen es mir monatlich in kleinen Summen zurück. . . Was das Geld betrifft, das der Herr angenomtnen hat, ſo wird er das Möglichſte thun, um den Unbekannten, der es ihm gegeben, wieder aufzufinden findet er ihn nicht, ſo ſoll er dieſe Summe an das Wohlthätigkeits⸗ bureau ſeines Quartiers abgeben.“ — 105 6 Herminie hoͤrte den Marquis mit lebhafter Dankbar⸗ eit an. „Oh! ich danke, Herr Marquis, ich danke und nehme Dienſt an. Ich bin ſtolz darauf, Ihnen verbunden zu ſein.“ „Und ich,“ rief der unbarmherzige Herr Bouffard, endlich zum Mitleid bewegt, „und ich, ich nehme nichts an, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ „Wie, mein Herr?“ ſagte der Marquis. „Nein, wahrhaftig, ich nehme nichts an! man ſoll nicht ſagen, daß ich denn ich bin im Ganzen nicht ſo niederträchtig und . . . kurz, gleichviel, ich verſtehe mich, der Herr Marquis behält ſein Geld, ich ſuche den Stutzer aufzufiſchen; finde ich ihn nicht, ſo lege ich die Louis d'or in den Armenſtock . .. Ich werde Ihr Klavter nicht ver⸗ kaufen, mein Fräulein, und dennoch Zahlung erhalten. Ah! ah! was ſagen Sie hiezu?“ „Ganz guts doch erklären Sie ſich, mein braver Mann,“ erwiederte der Marquis. „Hören Sie alſo,“ ſprach Herr Bouffard, „meine Tochter Cornelia hat einen Klavierlehrer von großem Ruf. .. Herrn rigeieſ „Mit einem ſolchen Namen macht man nothwendig Lärmen in der Welt,“ ſagte der Buckelige⸗ „Und vollends auf dem Klavier, Herr Marquis! ein Mann von ſechs Fuß .. mit einem ſchwarzen Bart, wie ein Sapeur, und Händen ſo breit wie Hammelsſchultern .. Doch dieſer berühmte Meiſter koſtet mich ein wahres Hei⸗ dengeld, fünfzehn Franken für die Lection, ohne die Repera⸗ turen am Klavier zu rechnen, denn er ſchlägt zu wie ein Tauber; er iſt ſo ſtark! . . . Wenn nun das Fräulein Cornelia Lectionen geben wollte, zu fünf Franken die Marke, nein . zu vier Franken eine runde Rech⸗ nung drei Lectionen wöchentlich, das würde zwoͤlf Franken machen . ſo könnte es nach und nach von dem, was es mir ſchuldig iſt, frei werden .. und find wir 106 einmal quitt, ſo mag es mir fernerhin meinen Miethzins in Lectionen bezahlen.“ „Bravo, Herr Bouffard!“ rief der Marquis. „Nun, mein Fräulein, was denken Sie hievon?“ „Ich nehme es dankbar an, mein Herr . . . ich bin Ihnen ſehr erkenntlich, daß Sie mich in den Stand ſetzen, meine Schuld durch meine Arbeit gegen Sie abzutragen; ich verſichere Sie, daß ich Alles in der Welt thun werde, Ihr Fräulein Tochter mit meinen Lectionen zufrie⸗ den iſt.“ „Gut alſo, das iſt abgemacht,“ ſprach Herr Bouf⸗ fard . .. „Drei Lectionen wöchentlich, übermorgen anzu⸗ fangen, das wird zwölf Franken wöchentlich machen . . Bah! ſetzen wir zehn Franken, vierzig Franken monat⸗ lich . eine runde Summe?“ „Ihre Bedingungen ſind auch die meinigen, mein Herr, ich wiederhole es Ihnen.“ „Nun wohl, mein lieber Herr,“ ſagte der Marquis zu Herrn von Bouffard, „find Sie nun nicht mehr zufrie⸗ den mit ſich als vorhin, da Sie dieſes würdige, liebe Kind durch Ihre Drohungen erſchreckten?“ „Doch, Herr Marquis, doch, denn dieſe liebe Demoi⸗ ſelle verdient es .. . und dann ſehen Sie, ich werde auch von dem Koloß von einem Klaviermeiſter mit ſeinem ſchwarzen Bart und ſeinen fünfzehn Franken für die Marke befreit ſein, von dieſem Menſchen, der immer ſeine Hände auf den Händen von Cornelia hatte, unter dem Vorwand, ihr Fingerſatz zu geben.“ „Mein lieber Herr Bouffard,“ ſagte ganz leiſe der Marquis zu dem Hauseigenthümer, den er in eine Ecke des Zimmers führte, „erlauben Sie mir einen Rath.“ „Gewiß, Herr Marquis.“ „Bei einer Kunſt, die man zu ſeinem Vergnügen treibt, geben Sie einem Mädchen oder einer jungen Frau e Meiſter ... denn häufig verändern ſich die ollen.“ 107 „Die Rollen verändern ſich, Herr Marquis, wie ſo?“ „Ja, zuweilen wird die Schülerin die Miſetin, ver⸗ ſtehen Sies die Meiſterin*) des Meiſters . „Die Meiſterin des Meiſters! .. ah ſehr au oh! ich verſtehe das vollkommen .. . Das iſt drollig. he! he! he!“ aber wurde Herr Bouffard wieder ernſt und prach: „Doch ich bedenke ah! Sapperlot wenn dieſer Hereules von einem Tonnerriliuskoff. .. wenn Cornelia. „Die Tugend von Fräulein Brufard muß über fol⸗ chen Befürchtungen erhaben ſein, mein lieber Herr. Doch zu größerer Sicherheit . „Dieſer Schuft ſoll nie mehr einen Fuß über meine Schwelle ſetzen, mit ſeinem Sapeursbart und ſeinen fünf⸗ zehn Franken für die Marke,“ rief Herr Bouffard. „Ich danke für den Rath, Herr Marquis.“ Dann zu Herminie zurückkehrend, fügte Herr Bouf⸗ fard bei: „Mein liebes Fräulein, übermorgen fangen wir alſo um zwei Uhr an, das iſt die Stunde von Cornelia.“ „Um zwei Uhr, mein Herr, ich werde pünktlich ſein, das verſpreche ich Ihnen.“ „Um zehn Franken wöchentlich.“ „Ja, mein Herr, noch weniger, wenn Sie wünſchen.“ „Sie würden um acht Franken kommen?“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte Herminie, unwillkührlich lächelnd. „Gut alſo, um acht Franken, eine runde Rechnung,“ ſagte der Erſpezereihändler. „Ei! Herr Bouffard. . . ein reicher Hauseigenthümer, wie Sie, iſt viel zu vornehm hiezu,“ ſprach der Marquis. „Wie! ein wählbarer Wähler? vielleicht ſogar *) Ein unüberſetzbares Wortſpiel mit mäitresse, Meiſterin, Lehrerin, und zugleich Geliebte. 108 Officier der Nationalgarde .. denn Sie ſcheinen mir dazu ganz fähig .. Herr Byuffard erhob ſtolz das Haupt, ſtreckte ſeinen dicken Bauch vor und ſprach, indem er militäriſch grüßte: „Unterlieutenant der dritten vom zweiten der erſten.“ „Ein Grund mehr, mein lieber Herr Bouffard,“ ver⸗ ſetzte der Buckelige, „es iſt hiebei die Würde des Grades auf dem Spiel.“ „Das iſt richtig, Herr Marquis, ich ſagte zehn Fran⸗ ken und es bleibt alſo bei zehn Franken; ſtets habe ich meiner Unterſchrift Ehre gemacht. Nun aber will ich den Stutzer aufſuchen. Er ſtreift vielleicht in der Gegend meines Hauſes umher, um bald wieder zu kommen; doch ich werde ihn der Mutter Moufflon, meiner Portiére, ſignaliſiren, und ſeien Sie unbeſorgt, ſie hat ein gutes Auge und einen tüchtigen Zahn . . . Ihr Diener, Herr Mar⸗ quis übermorgen um zwei Uhr, mein Fräulein.“ Als Herr Bouffard eben weggehen wollte, wandte er ſich noch einmal um und ſagte zu Herminie: „Mein Fräulein, eine Idee . . Um dem Herrn Marquis zu beweiſen, daß die Bouffard gute Kinder find, wenn Sie einmal anfangen . .“ „Laſſen Sie Ihre Idee hören, Herr Bouffard,“ ſagte der Buckelige. „Sie, ſehen dieſen hübſchen Garten, Herr Marquis?“ Ja „Er gehört zu der Wohnung des Erdgeſchoßes Nun wohl! ich gebe ihn dem Fräulein zum Genuß, bis die Wohnung vermiethet iſt.“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ rief Herminie voll Freude, „oh! ich danke Ihnen, welches Glück gewährt es mir, daß ich in dieſem Garten ſpazieren gehen darf.“ „Wohl verſtanden, unter der Verpflichtung, ihn zu unterhalten,“ fügte Herr Byuffard bei, der ſich nun mit einer heiteren Miene entfernte, als wollte er ſich beſchei⸗ 109 den dem Danke entziehen, den ſein Vorſchlag hervorrufen müßte. „Man hat keinen Begriff, was dieſe Burſche dabei gewinnen, daß ſie zuvorkommend und großmüthig ſind,“ ſagte lachend der Buckelige, als Herr Bouffard weggegan⸗ gen war. Bald aber wurde er wieder ernſt und ſprach, ſich an Herminie wendend: „Mein liebes Kind, was ich ſo eben gehört habe, gibt mir einen ſo erhabenen Begriff vom Adel Ihres Herzens und von Ihrer Charakterfeſtigkeit, daß ich einſehe, es wäre vergeblich, auf's Neue in Beziehung auf ven Gegenſtand, der mich hierhergeführt, in Sie zu dringen. Habe ich mich getäuſcht, ſind Sie nicht die Tochter von Frau von Beaumesnil .. ſo werden Sie natürlich bei Ihrem Wi⸗ derſpruch beharren; habe ich im Gegentheil die Wahrheit errathen, ſo werden Sie fortwährend leugnen, und hierin gehorchen Sie, deſſen bin ich ſicher, einer geheimen, aber ehrenvollen Urſache . . . Ich dringe alſo nicht weiter in Sie . . . Nur noch ein Wort, ich bin tief gerührt von dem Gefühl, das Sie veranlaßt hat, das Andenken von Frau von Beaumesnil gegen einen Verdacht zu vertheidi⸗ gen, der mich getäuſcht haben kann . . . Wären Sie nicht ein ſtolzes und würdiges Geſchoͤpf, ſo würde ich Ihnen ſagen, Ihre Uneigennützigkeit ſei um ſo ſchöner, je prekärer und ſchwieriger Ihre Lage iſt. . . Und in die⸗ ſer Hinſicht, da mich Herr Bouffard diesmal des Vergnü⸗ gens, Ihnen nützlich zu ſein, beraubt hat . . verſprechen Sie mir, nicht wahr, mein liebes Kind, in Zukunft ſich nur an mich zu wenden?“ „An wen koͤnnte ich mich, ohne mich zu erniedrigen, wenden, wenn nicht an Sie, Herr Marquis?“ „Ich danke, mein liebes Kind . . . doch ich bitte, kein Herr Marquis mehr . . . Vorhin, während unſeres ernſten Geſpräches, hatte ich nicht die Muße, mich gegen dieſe ceremoniöſe Benennung zu ſträuben; doch nun, da wir alte Freunde find, kein Herr Marquis mehr .. 110 ich erſuche ſie darum, das wird herzlicher ſein, nicht wahr, es bleibt abgemacht?“ ſprach der Buckelige und reichte ſeine Hand dem Mädchen, das, ſie liebevoll drückend, ihm antwortete: „Ah! mein Herr, ſo viel Güte, ſo viel edles Ver⸗ trauen .. Das iſt ein Troſt für die Demüthigung, die ich in Ihrer Gegenwart zu erfahren hatte.“ . „Denken Sie nicht mehr hieran, liebes Kind . . dieſe Beleidigung beweiſt nur, daß der freche Unbekannte eben ſo albern als plump iſt . . . Das Andenken an ſeine Beleidigung bewahren, heißt übrigens demſelben zu viel Ehre erweiſen.“ „Siehaben Recht, mein Herr,“ erwiederte Herminie, obgleich ſie bei dieſer Erinnerung abermals vor Entrüſtung und Hochmuth erröthete, „die Verachtung, die tiefſte Ver⸗ achtung iſt es, was eine ſolche Beleidigung verdient.“ „Allerdings .. doch dieſe Beleidigung hat Ihnen leider vielleicht theilweiſe Ihre Vereinzelung zugezogen, mein armes Kind, und da Sie mir aufrichtig mit Ihnen zu ſprechen erlauben .. warum haben Sie nicht, ſtatt ſo allein zu leben, daran gedacht, ſich bei irgend einer betag⸗ ten, ehrwürdigen Frau in Penſion zu geben?“ „Mehr als einmal habe ich daran gedacht, mein Herr, doch das iſt ſehr ſchwer zu finden. beſonders . fügte das Mädchen halb lächelnd bei, „beſonders wenn man ſo anſpruchsvoll iſt, wie ich.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte der Buckelige ebenfalls läch elnd. „Sie ſind ſehr anſpuuchsvoll?“ „Was wollen Sie, mein Herr? Ich würde nur ein Unterkommen bei einer Perſon finden, deren Lebenslage eben ſo beſcheiden wäre als die meinige, und unwillkührlich bin ich ſo empfindlich für gewiſſe Erziehungsfehler und Manieren, daß ich bei manchen Gelegenheiten zu viel zu leiden hätte. Das iſt kindiſch, das iſt lächerlich, ich weiß es, denn der Mangel an Form benimmt der Rechtſchaffen⸗ heit, der Güte der Mehrzahl der Perſonen von der Clafſe, der ich angehöre und aus der ich für den Augenblick durch 111 die Erziehung herausgetreten bin, nichts; doch es gibt für mich unüberwindliche Widerſtrebungen des Gemüths, und ich ziehe es vor, allein zu leben . trotz der Ungemäch⸗ lichkeiten dieſer Vereinzelung, und dann würde ich beinahe eine Verbindlichkeit gegen die Perſon eingehen, die mich bei ſich aufnähme und ich müßte befürchten, man könnte mich das zu ſehr fühlen laſſen.“ „Dies Alles, mein liebes Kind, iſt in der That ſehr folgerecht,“ ſprach der Buckelige nach kurzem Nachdenken; „mit Ihrem natürlichen Stolz konnen Sie nicht anders fühlen und handeln, und dieſer Hochmuth, den ich an Ihnen vor Allem liebe, iſt ſicherlich Ihre beſte Schutz⸗ wache bis jetzt geweſen und wird dies immer ſein . was mich indeſſen, wohlverſtanden, nicht abhalten ſoll, mit Ihrer Erlaubniß von Zeit zu Zeit hierher zu kommen und mich zu erkundigen, ob ich Ihnen nicht auch in irgend einer Hinſicht zum Schutze dienen kann.“ „Zweifeln Sie an dem Vergnügen, das es mir berei⸗ ten wird, Sie zu ſehen?“ * „Ich würde ſie beleidigen, wenn ich daran zweifelte .. davon bin ich überzeugt.“ Als Herminie nun ſah, daß Herr von Maillefort auf⸗ ſtand, um von ihr Abſchied zu nehmen, war ſie auf dem Punkt, ſich beim Marquis nach Erneſtine von Beaumesnil zu erkundigen, die er ohne Zweifel ſchon geſehen haben müßte, aber ſie befürchtete, ſich zu verrathen, wenn ſie von ihrer Schweſter ſprechen würde, und bei Herrn von Maillefort Verdacht zu erregen. „Nun alſo!“ fagte dieſer aufſtehend, „leben Sie wohl, mein liebes und edles Kind, ich kam hierher in der Hoff⸗ nung, ein Mädchen zu finden, das ich lieben und väterlich beſchützen würde; ich kehre durchaus nicht mit leerem Her⸗ zen zurück . Gott befohlen und auf Wiederſehen!“ „Ich hoffe, auf baldiges Wiederſehen, Herr Marquis,“ ſagte Herminie mit ehrfurchtsvollem Ton. „Ei! mein Fräulein,“ rief der Buckelige lachend, „es gibt hier keinen Marquis, ſondern einen guten glten Mann, 112 der Sie liebt, oh! der Sie von ganzem Herzen liebt, ver⸗ geſſen Sie das nicht.“ „Oh! nie, nie werde ich es vergeſſen, mein Herr...“ „So iſt es gut, dieſes Verſprechen abſolvirt Sie.. Auf baldiges Wiederſehen alſo, mein liebes Kind.“ Hienach entfernte ſich Herr Maillefort, ſehr unſchlüſſig über die Iventität von Herminie, und nicht minder verlegen über das Benehmen, das er in Beziehung auf die Erfüllung des letzten Willens von Frau von Beau⸗ mesnil beobachten ſollte. Als Herminle allein war, dachte ſie lange über die verſchiedenen, im Ganzen für ſie günſtigen Vorfälle dieſes Tages nach, denn dadurch, daß ſie ein Geſchenk ausge⸗ ſchlagen, das von der zarten Fürſorge ihrer Mutter zeugte, zugleich aber auch ihr Andenken gefährden konnte, hatte ſie ſich die Freundſchaft von Herrn von Maillefort er⸗ worben. Doch etwas für den Hochmuth von Herminie Grauſames war der Umſtand geweſen, daß ein Unbekannter Herrn Bouffard bezahlt hatte. Nachdem der Charakter der Herzogin durch die Schilderung feſtgeſtellt iſt, wird man begreifen, daß, ob⸗ gleich ſie zu einem geringſchätzenden Vergeſſen entſchloſſen, für ſie mehr als für jede Andere eine ſolche Beleidigung gerade vadurch, daß ſie völlig unverdient war, lange Zeit fuhlbar bleiben mußte. „Ich galt alſo für ſehr verächtlich in den Augen des⸗ jenigen, der mich ſo zu beleidigen wagte!“ ſagte das ſtolze Mädchen mit bitterem Ausdruck, als ſie ſchüchtern an ihrer Thüre klingeln hörte. Herminie öffnete. Sie ſah Herrn Bouffard und einen Unbekannten, der ihn begleitete, vor ſich. Dieſer Unbekannte war Gerald von Senneterre. Behntes Rapitel. Als Herminie den Herzog von Senneterre erblickte, der ihr völlig unbekannt war, erröthete ſie vor Erſtaunen und ſagte mit einer gewiſſen Verlegenheit zu Herrn Bouffard: „Ich erwartete nicht, daß ich ſo bald das Vergnügen haben würde, Sie wiederzuſehen, mein Herr.“ „Ich auch nicht, mein liebes Fräulein, ich auch nicht.. Dieſer Herr hat mich genöthigt, hierher zurückzukehren.“ „Aber ich kenne den Herrn nicht...“ verſetzte Her⸗ minie immer mehr erſtaunt. „In der That,“ ſprach Gerald, deſſen ſchöne Züge eine peinliche Beklommenheit ausdrückten, „ich habe nicht die Ehre, Ihnen bekannt zu ſein, und dennoch komme ich, um mir eine Gnade von Ihnen zu erbitten. . ich flehe Sie an weiſen Sie mich nicht zurück.“ Das reizende und ſchöne Antlitz von Gerald offen⸗ barte ſo viel Treuherzigkeit, ſeine Bewegung ſchien ſo aufrichtig, ſeine Stimme war ſo eindringlich, ſeine Haltung ſo ehrerbietig, ſein Aeußeres zugleich ſo zierlich und ſo eindrucksvoll, daß es Herminie nicht einen Augenblick ein⸗ ſiel, Gerald könnte der Unbekannte ſein, über den ſie ſich ſo ſehr zu beklagen hatte; da ſie ſich überdies durch die Gegenwart von Herrn Bouffard beruhigt fühlte und ſich gar nicht einbilden konnte, welche Gnade der Unbekannte ſich von ihr erbitten dürfte, ſagte die Herzogin ſchüchtern zu Herrn Buuffard: „Wollen Sie die Güte haben, einzutreten, mein Herr.“ Gerald und dem Hauseigenthumer voranſchreitend, führte das Mädchen Beide hienach in ſein Zimmer. Der Herzog von Senneterre hatte nie eine Frau ge⸗ troffen, deren Schonheit ſich mit der von Herminie ver⸗ Die ſieben Todſünden. n. 8 11¹4 gleichen ließ, und mit dieſer Schönheit, mit dieſer bezau⸗ bernden Geſtalt verband ſich die beſcheidenſte, die würdigſte Haltung. Als aber Gerald, dem Mädchen folgend, in das Zimmer kam und an tauſend Anzeichen die eleganten Ge⸗ wohnheiten, den geläuterten Geſchmack der Bewohnerin erkannte, fühlte er ſich immer mehr verwirrt, und in ſeiner grauſamen Verlegenheit konnte er Anfangs kein Wort finden. Verwundert über das Stillſchweigen des Unbekannten, befragte Herminie mit dem Blick Herrn Bouffard, der, ohne Zweifel um Gerald zu Hülfe zu kommen, zu dem Mädchen ſagte: „Sehen Sie, mein liebes Fräulein, man muß mit dem Anfang anfangen .,. Ich will Ihnen ſagen, warum der Herr...“ „Erlauben Sie, unterbrach Gerald Herrn Buuffard. ünd er wandte ſich an Herminie und ſprach mit einer Miſchung von Offenherzigkeit und Ehrfurcht: „Ich muß Ihnen geſtehen, mein Fräulein, vaß ich mir nicht eine Gnade, ſondern eine Verzeihung von Ihnen zu erbitten habe.“ „Von mir, mein Herr?... und warum?“ fragte Herminie. „Mein liebes Fräulein,“ ſagte Herr Bouffard, indem er ihr ein Zeichen des Verſtänvniſſes machte, „Sie wiſſen es iſt der junge Mann, der bezahlt hatte... ich habe ihn getroffen.. und ... „Sie waren es, mein Herr!“ rief Herminie herrlich in ſtolzer Entrüſtung. Und ſie ſchaute Gerald in's Geſicht und wiederholte: „Sie waren es?“ „Ja, mein Fräulein, doch ich bitte, hören Sie mich an.“ „Genng, mein Herr, genug, ſo viel Frechheit habe ich nicht erwartet .. Sie heſitzen wenigſtens Muth im — 1¹⁵ Beleidigen,“ fügte Herminie mit niederſchmetternder Ver⸗ achtung bei. „Mein Fräulein, ich flehe Sie an. . glauben Sie nicht, daß .. „Mein Herr,“ unterbrach ihn Herminie abermals, doch diesmal mit bebender Stimme, denn ſie fühlte, daß ihr die Thränen der Demüthigung und des Schmerzes in die Augen traten, „ich kann Sie nur bitten, mein Zimmer zu verlaſſen .. ich bin Frau, ich bin allein. . .“ Als Herminie die Worte ich bin allein ſprach, war der Ausdruck ein ſo ſchmerzlicher, daß ſich Gerald unwillkühr⸗ lich auf's Tiefſte bewegt fühlte, und als das Mädchen den Kopf erhob und ſich wieder eine Faffung zu geben ſuchte, ſah es zwei Thränen in den Augen des Unbekannten glänzen, der ſich erſchüttert, ehrfurchtsvoll vor Herminie verbeugte und einen Schritt nach der Thüre machte, um wegzugehen. Doch Herr Bouffard hielt Gerald am Arme zurück und rief: „Einen Augenblick Geduld, Sie werden nicht ſo weg⸗ gehen!“ 3 Wir müſſen bemerken, daß Herr Bouffard im Geiſt eifügte: 6Wie iſt es denn mit meiner kleinen Wohnung im dritten!“ Sogleich wird man die Erläuterung dieſer Worte er⸗ halten, ſie thun allerdings dem edelmüthigen Benehmen des Mannes Eintrag, aber ſie zeugen vom Verſtand des Hauseigenthümers. „Mein Herr,“ ſprach Herminie, als ſie Herrn Bouß⸗ fard Gerald zurückhalten ſah, „ich bitte Sie .. „Oh! mein liebes Fräulein,“ erwiederte Herr Bouf⸗ fard, „Sie ſollen wenigſtens erfahren, warum lich dieſen braven jungen Mann hierher geführt habe ich will nicht, daß Sie glauben, es geſchehe in der Abſicht, Ihnen Kummer zu machen. Hören Sie alſo: der Zufall ließ mich dem Herrn bei der Barriere begegnen „„„Ah! ah! 116 mein luſtiger Geſelle,““ ſagte ich, „„Sie ſind mir ein hübſcher Junge mit Ihren Goldvögeln, hier find ſie, Ihre Goldvögel, und kommen Sie nicht mehr dorthin, wenn's beliebt.“ Und hienach erzählte ich ihm, auf welche Art Sie den hübſchen Dienſt, den er Ihnen geleiſtet, aufge⸗ nommen haben, und wie ſehr Sie geweint; da wurde der Herr roth, weiß und grün und ſagte ganz niederge⸗ ſchlagen über das, was ich ihm erzählt: „„Ah! mein Herr, ich habe, ohne es zu wollen, eine junge Perſon be⸗ leidigt, die durch ihre Vereinzelung noch achtbarer wird; ich bin ihr eine Ehrenerklärung ſchuldig; dieſe Ehren⸗ erklärung werde ich ihr in Ihrer Gegenwart geben, mein Herr, der Sie unwillkührlich an dieſer Beleidi⸗ gung mitſchuldig geweſen ſind. Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie.““ Meiner Treue, mein Fräulein, dieſer brave junge Mann hat mir dies auf eine Weiſe geſagt, auf eine Weiſe, die mich ganz bewegte; denn ich weiß nicht, was ich heute habe ich bin em⸗ pfindſam wie ein ſchwaches Weih. Ich fand, er habe Recht, wenn er Sie um Entſchuldigung bitten wolle, mein liebes Fräulein, und führte ihn hierher., oder vielmehr er führte mich hierher, denn er nahm mich am Arm und ließ mich mit einer Gewalt marſchiren .. Sapperlott, das war der gymnaſtiſche Geſchwindtritt, oder ich verſtehe mich nicht darauf.“ Die Worte von Herrn Bouffard hatten ſo ganz die Farbe der Wahrheit, daß ſich Herminie nicht darin täu⸗ ſchen konnte; der Billigkeit ihres Charakters Folge leiſtend und ſchon gerührt durch die Thränen, die ſie in den Augen von Gerald hatte glänzen ſehen, ſagte ſie mit einem Tone, der ihr Verlangen, dieſe für ſie ſo peinliche Erklärung zu endigen, andeutete: „Es ſei, mein Herr, die Beleidigung, über die ich mich zu beklagen habe, war eine unwillkührliche und nicht, um dieſe Beleidigung zu erſchweren, ſind Sie hierherge⸗ kommen ich glaube dies Alles, mein Herr. und ich denke, Sie ſind ſomit befriedigt“ 117 „Wenn Sie es verlangeu, mein Fräulein, entferne ich mich auf der Stelle,“ erwiederte Gerald mit trauriger und ergebener Miene, „ich werde nicht ein Wort zu meiner Rechtfertigung beifügen ...“ „Ei! mein liebes Fräulein, ſeien Sie doch ein wenig mitleidig,“ ſagte Herr Bouffard, „Sie haben mich auch wohl ſprechen laſſen . hören Sie den Herrn an...“ Der Herzog von Senneterre, der das Stillſchweigen von Herminie für eine Einwilligung nahm, fuhr fort: „Mein Fräulein, vernehmen Sie die reine Wahrheit: Ich ging vorhin durch dieſe Straße; da ich eine kleine Wohnung zu miethen ſuchte, blieb ich vor der Thüre dieſes Hauſes ſtehen, wo ich mehrere Zettel angeklebt ſah.“ „Ja, ja, und Du wirſt meine kleine im dritten miethen, dafür ſtehe ich Dir,“ dachte Herr Bouffard, der Gerald nicht ohne einen ſehr klaren vermiethlichen Hintergedanken zurückgeführt hatte. Der junge Herzog fuhr fort: „Ich verlangte die Wohnungen zu beſichtigen, und der Portiére dieſes Hauſes, die mir, wie ſie ſagte, bald nach⸗ folgen ſollte, voranſchreitend, ſtieg ich die Treppe hinauf... Als ich auf den Ruheplatz des erſten Stockes kam, wurde meine Aufmerkſamkeit durch eine ſchüchterne, flehende Stimme erregt. Dieſe Stimme war die Ihrige, mein Fräulein, Sie ſlehten gegenwärtigen Herrn an... In dieſem Augen⸗ blick, ich bekenne es, blieb ich ſtehen, nicht um eine feige Indiscretion zu begehen, das ſchwöre ich Ihnen, ſondern ich blieb ſtehen, wie man dies unwillkührlich thut, wenn man eine rührende Klage hört. Dann,“ fuhr Gerald, ſich durch eine edle Gemüthsbewegung erwärmend, fort, „dann hörte ich Alles, mein Fräulein, und es war mein erſter Gedanke, daß ich mir ſagte, eine Frau befinde ſich in einer grauſamen Lage, aus der ich ſie auf der Stelle erretten könne, und zwar ohne ihr je bekannt zu werden; und da ich beinahe in vemſelben Augenblick oben vom Ruheplatz herab, wo ich geblieben war, dieſen Herrn von Ihnen her⸗ aus und zu mir heraufgehen ſah, redete ich ihn an. 118 „Ja,“ ſprach Herr Bouffard, „Sie ſagten auf eine ſehr harte Weiſe zu mir: „Hier iſt Gold, machen Sie ſich bezahlt, mein Herr, und quälen Sie ferner nicht mehr eine Perſon, welche ohne Zweifel nur zu ſehr zu beklagen iſt.“ Wenn ich Ihnen die Sache vorhin nicht ſo erzählte, mein liebes Fräulein, ſo geſchah es, weil ich Anfangs einen Spaß machen wollte... und hernach war ich ganz verblüfft, als ich Sie ſo betrübt ſah.“ „So iſt es mit meinem Unrecht, Fräulein,“ fuhr Gerald fort; „ich gehorchte einer unwillkührlichen, vielleicht edlen Regung, deren ärgerliche Folgen ich aber nicht ge⸗ hörig berechnete; leider vergaß ich, daß das heilige Recht, gewiſſe Dienſte zu leiſten, nur erprobten Freundſchaften zuſteht. ich vergaß, daß das Mitleid ſo uneigennützig, ſo unwillkührlich es auch ſein mag, zuweilen zu einer grauſamen Beleidigung wird... Als mir dieſer Herr vor⸗ hin Ihre gerechte Entrüſtung mittheilte, mein Fräulein, klärte er mich darüber auf, was ich, ohne es zu wollen, Schlimmes gethan hatte. Ich hielt es für meine Pflicht, als ehrlicher Mann, mir Ihre Verzeihung dadurch zu er⸗ bitten, daß ich Ihnen ganz einfach die Wahrheit ausein⸗ anderſetzen würde.. Ich hatte nie die Ehre gehabt, Sie zu ſehen, ich kenne Ihren Namen nicht, ich werde Sie ohne Zweifel nie mehr ſehen . Möchten Sie meine Worte überzeugen, daß ich Sie nicht beleidigen wollte, mein Fräulein, denn zu dieſer Stunde erſt ſehe ich ganz und gar ein, welcher ſchweren Unbedachtſamkeit ich mich ſchuldig gemacht habe.“ Gerald ſprach die Wahrheit (wobei er es indeſſen nothwendig unterließ, die Beſtimmung der kleinen Woh⸗ nung zu erklären, die ihm, wie er dies Olivier anvertraut hatte, als dienen ſollte). Gerald ſprach alſo die Wahrheit, und ſeine Aufrich⸗ tigkeit, ſeige Erſchütterung, der Takt, das vollkommen Anſtändige ſeiner Erklärung überzeugten Herminie. In ihrer Treuherzigkeit hatte ſie beſonders Eines be⸗ rührt, was kindiſch erſcheinen mag, darum aber nichts⸗ 1¹9 deſtoweniger bezeichnend für ſie iſt, nämlich der Umſtand, daß der Unbekannte eine kleine Wohnung ſuchte; der Unbekannte war alſo nicht reich, er hatte ſich ohne Zweifel einer Entbehrung ausgeſetzt, um ſich auf eine ſo mißliche Weiſe großmüthig gegen ſie zu zeigen, und er hatte folg⸗ lich beinahe von Gleich zu Gleich einer Unbekannten einen Dienſt leiſten wollen. Dieſe Betrachtungen, verſtärkt vielleicht, und warum nicht? durch den Einfluß, den beinahe immer ein reizen⸗ des, offenherziges, ausdruckvolles Geſicht ausübt, dieſe Betrachtungen beſchwichtigten den Zorn von Herminie, und die am Anfang des Geſpräches ſo Hoffärtige fühlte ſich um ſo mehr verlegen, es zu beendigen, als ſie weit ent⸗ fernt, ſich nunmehr im Geringſten gegen ihn entrüſtet zu fühlen, von dem edlen Gedanken, dem er gefolgt und von dem er eine ſo redliche Erklärung gegeben, tief bewegt war. Zu offenherzig, um ihr Inneres zu verbergen, ſagte Herminie mit reizender Aufrichtigkeit zu Gerald: „Mein Herr, ich bin zu dieſer Stunde in großer Ver⸗ legenheit, denn ich muß es mir zum Vorwurf machen, daß ich eine Handlung, deren Güte ich nun zu ſchätzen weiß, ſchlecht gedeutet habe. Ich habe Sie nur noch zu bitten, mein Herr, Sie mögen die Lebhaftigkeit meiner erſten Worte vergeſſen.“ „Erlauben Sie mir im Gegentheil, Ihnen zu ſagen, daß ich ſie nie vergeſſen werde, mein Fräulein,“ erwiederte Gerald, „denn ſtets werden ſie mich daran erinnern, daß es Eines gibt, was man vor Allem bei einer Frau achten und ehren muß . . das iſt ihre Würde.“ Hierauf verbeugte ſich Gerald ehrfurchtsvoll vor Her⸗ minie und ſchickte ſich an, wegzugehen. Herr Bouffard hatte mit weit aufgeſperrtem Mund den letzten Theil dieſer Unterredung angehört, der für ihn ſo unverſtändlich geweſen war, als wenn Türkiſch geſprochen hätten. Der Exſpezereihändler hielt Gerald, der ſich nach der Thüre wandte, auf und ſagte zu ihm: „Eine Minute, mein würdiger Herr, nur eine Minute 120 Da das Fräulein nicht gegen Sie aufgebracht iſt, ſo liegt kein Grund vor, daß Sie nicht meine hübſche kleine im dritten nehmen ſollten; fie beſteht, wie ich Ihnen geſagt habe, aus einem Eingang aus zwei hübſchen Zimmern, von denen das eine als Salon dienen kann, und einer kleinen Küche . . . gewiß eine reizende Junggeſellen⸗ wohnung.“ Bei dieſem Vorſchlag von Herrn Bouffard wurde Herminie ſehr unruhig: es wäre ihr peinlich geweſen, Gerald in demſelben Hauſe mit ihr wohnen zu ſehen. Doch der junge Herzog erwiederte Herrn Bouffard: „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, mein lieber Herr, die Wohnung entſpreche mir nicht.“ „Alle Teufel! weil dieſes Fräulein gegen Sie auf⸗ gebracht war . . und weil es ärgerlich iſt, mit den an⸗ dern Miethsleuten im Hader zu leben; doch nun, da Ihnen das liebe Fräulein verziehen hat, ſind Sie im Stand, das Niedliche meiner kleinen Wohnung zu ſchätzen, und Sie werden ſie nehmen.“ „Nun werde ich ſie noch viel weniger nehmen,“ er⸗ wiederte Gerald, der hiebei das Mädchen anzuſchauen wagte. Herminie ſchlug die Augen nicht auf, doch ſie errothete leicht; denn ſie war empfänglich für die Zartheit der Wei⸗ gerung von Gerald. „Wie!“ rief Herr Bouffard ganz verblüfft, „nun, da Sie mit dem Fräulein ausgeſöhnt find, können Sie noch weniger bei mir wohnen? Ich begreife das durchaus nicht. Sie müſſen alſo bei Ihrer Rückkehr Unbequem⸗ lichkeiten in meinem Hauſe gefunden haben meine Portiere hat Ihnen doch wohl geſagt .. „Es ſind nicht gerade Unbequemlichkeiten die mich des Vergnügens berauben, bei Ihnen zu wohnen,“ erwie⸗ derte Gerald. „Ah! ich überlaſſe Ihnen die Wohnung zu zweihun⸗ dert und fünfzig Franken, gewiß eine runde Summe,“ 121¹ ſagte Herr Byuffard, „mit einem kleinen Keller, der in den Handel geht.“ „Unmöglich, mein lieber Herr, durchaus unmöglich.“ „Setzen wir zweihundert und vierzig Franken und ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Mein lieber Herr,“ ſagte leiſe Gerald zu Herrn Bouffard, „es iſt bei dem Fräulein nicht der geeignete Platz, um über den Preis Ihrer Wohnung zu verhandeln; überdies wäre jede Verhandlung unnütz.“ Hienach wandte ſich der junge Herzog abermals an Herminie, verbeugte ſich vor ihr und ſprach: „Glauben Sie mir, mein Fräulein, ſtets werde ich eine koſtbare Erinnerung an dieſes erſte und letzte Zuſam⸗ menſein bewahren.“ Das Mädchen grüßte anmuthig, jedoch ohne die Augen aufzuſchlagen. Gerald ging von Herminie weg, hartnäckig verfolgt von Herrn Buuffard, der feſt entſchloſſen war, ſeine Beute nicht loszulaſſen. Doch trotz der verführeriſchen Angebote von Herrn Buuffard blieb Gerald unbeugſam. Herr Bouffard ſetzte halsſtarrig ſeine Zudringlichkeit fort, und ſowohl um ſich von dieſem Ueberläſtigen zu befreien, als vielleicht auch, um mehr nach Muße über den ſeltſamen Vorfall, der ihn in die Nähe von Herminie gebracht, träumen zu können, beſchleunigte der junge Herzog ſeine Schritte und ſagte zu dem Hauseigenthümer, der von ſeinen Gängen äuſſerſt er⸗ müdet war, er gehe nach den Feſtungswerken. Herr von Senneterre ſchlug auch wirklich dieſen Weg ein und ließ Herrn Bouffard in Verzweiflung darüber, daß er ſeine reizende kleine im dritten zu vermiethen ver⸗ fehlt hatte. Als Gerald den ſtrategiſchen Weg der Feſtungswerke, der hier die Ebene von Monceau durchſchneidet, erreichte, wandelte er tief träumeriſch fort. Die Erinnerung an die ſeltene Schönheit von Her⸗ minie, die Würde ihres Charakters verſetzten den jungen 122 Herzog in eine wachſende Unruhe. Je mehr er ſich ſagte, er habe dieſes reizende Geſchöpf zum erſten und zum letzten Mal geſehen . . . je mehr ihn dieſer Gedanke traurig machte, deſto mehr empörte er ſich gegen denſelben. Indem er ſo analyſirte, indem er mit allen ſeinen Liebeserinnerungen das verglich, was er Plotzliches, Tiefes für Herminie fühlte, ſagte Gerald, der nichts Aehnliches in fand, mit einer gewiſſen Unruhe zu ſich elbſt: „Ah! ſollte ich diesmal im Ernſte verliebt ſein?“ Gerald hatte ſich eben dieſe Frage geſtellt, als er einem Officler vom Militärgenie begegnete, der einen Uni⸗ formsoberrock ohne Epauletten und einen Strohhut mit breiter Krämpe trug. „Halt,“ ſagte der Officier, Gerald anſchauend . „das iſt Senneterre . . .“ Der junge Herzog blickte auf und erkannte einen von ſeinen ehemaligen Kameraden von der Armee in Afrika, den Kapitän Comtvis; er reichte ihm herzlich die Hand und ſprach: „Guten Morgen, mein lieber Comtois, ich erwartete nicht, Sie hier zu finden . obgleich Sie zu Hauſe ſind,“ fügte Gerald, mit dem Blick die Feſtungswerke be⸗ zeichnend, bei. „Meiner Treue, ja, mein Lieber, wir graben tüchtig; das Werk rückt vor, ich bin der Obergeneral dieſer Armee braver Handarbeiter und Maurer, die Sie dort ſehen „ In Afrika ſprengten wir die Mauern, hier bauen wir ſie auf. .. Ah! Sie wollen alſo unſere Arbeiten anſchauen?“ „Ja, mein Lieber. die wahre Neugierde eines Pariſers, eines Müßiggängers.“ „Ah! wenn Sie wollen, ſagen Sie es unverholen, ich führe Sie überallhin . . 4 „Tauſend Dank für Ihre Artigkeit, mein lieber Com⸗ tvis ich komme in einem der nächſten Tage und erin⸗ nere Sie an Ihr Verſprechen.“ „Abgemacht, kommen Sie ohne Umſtände, frühſtücken 123 Sie in der Cantine, ich habe dort mein Quartier . das wird Sie an unſere Bivouaks erinnern auch fin⸗ den Sie einige Beduinen im Lager Ei! mein Gott! da fällt mir ein! erinnern Sie ſich an Clarville, den Lieutenant der Spahis, der in einem wunderlichen Einfall ſeinen Abſchied genommen hatte, um ſich die Moglichkeit zu verſchaffen, im Zweikampf dem Oberſten Duval die Bruſt zu durchbohren, was auch geſchehen iſt, wenn nicht gerade bei der Bruſt, doch beim Bauch?“ „Clarville?. ein braver Junge, ich erinnere mich ſeiner vollkommen.“ „Nun wohl! ſobald er ſeinen Abſchied genommen hatte, blieb ihm nur noch eine kleine Rente zum Lebensunterhalt; ein Bankerott raubte ihm auch dieſe, und wenn ich ihn nicht zufällig begegnet hätte, wäre er Hungers geſtor⸗ ben . . . Zum Glück nahm ich ihn als Conducteur an, und er hat doch wenigſtens etwas, um davon zu leben.“ „Das freut mich für den armen Jungen.“ „Ich glaube wohl um ſo mehr, als er ſich ver⸗ heirathet hat .. eine Heirath aus Liebe . . . nämlich ohne einen Sou. zwei Kinder obendrein urtheilen Sie ſelbſt .. Nun! nothdürftig kommt er aus, doch es hält ſehr ſchwer Ich habe ihn beſuc,, er wohnt in einem Gäßchen am Ende der Rue de Monceau,“ „Am Ende der Rue de Monceau?“ rief Gerald leb⸗ haft, „bei Gott! ich muß den braven Clarville auch be⸗ ſuchen.“ „Wahrhaftig! Sie werden ihm ein unendliches Ver⸗ gnügen bereiten, mein lieber Senneterre, denn wenn man unglücklich iſt, ſind die Beſuche ſelten.“ „Und die Nummer des Hauſes?“ „Es iſt nur dieſes Haus in dem Gäßchen. Sie werden ſehen, das iſt ſehr armſelig; die ganze Familie bewohnt dort zwei ſchlechte Zimmer . . . Teufel! ich höre die Glocke zum zweiten Mal,“ ſagte der Kapitän Comtois, als er ein doppeltes Läuten vernahm, „ich muß Sie verlaſſen, mein 124 lieber Senneterre, um meine Leute zuſammenzurufen; leben Sie wohl, vergeſſen Sie Ihr Verſprchen nicht.“ „Gewiß nicht.“ „Ich kann alſo dem braven Clarville ſagen, Sie wollen ihn beſuchen?“ „Ich komme vielleicht morgen.“ „Deſto beſſer. .. Sie werden ihn ſehr glücklich ma⸗ chen.. Guten Tag, Senneterre.“ „Guten Tag, mein Lieber.“ „Auf baldiges Wiederſehen. Vergeſſen Sie die Adreſſe von Clarville nicht.“ „Ich werde mich wohl hüten, ſie zu vergeſſen,“ dachte Geraid; „das Gäßchen, in dem er wohnt, muß an den Garten des Hauſes gränzen, wo ich dieſes bewunderungswürdige Mädchen geſehen habe.“ Während der Kapitän ſeine Schritte verdoppelte, um einen Haufen von Bretterhütten zu erreichen, die man in der Ferne ſah, wanderte Gerald, nun wieder allein, noch lange in einer fieberhaften Aufregung umher. Die Sonne neigte ſich, als er aus ſeiner Träumerei erwachte. „Ich weiß nicht, was aus dem Allem werden wird,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „doch diesmal, und es iſt das erſte das fühle ich, bin ich verliebt, und zwar im Ernſte verliebt.“ 12⁵ Elſtes Rapitel. Trotz des tiefen und ſo neuen Eindrucks, den Gerald von ſeinem Zuſammentreffen mit Herminie bewahrt hatte, war Gerald Erneſtine von Beaumesnil vorgeſtellt worden; denn man hatte nach den Plänen der la Rochaigue die reichſte Erbin Frankreichs entweder mittelbar oder unmittelbar mit den drei Bewerbern in Verbindung geſetzt. Es war ungefähr ein Monat ſeit dieſen verſchiedenen Vorſtellungen und dem erſten Zuſammentreffen von Gerald und Herminie, deſſen Folgen man ſpäter erfahren wird, vergangen. Es hatte elf Uhr geſchlagen. Allein in ihrer Wohnung, ſchien Fräulein von Beau⸗ mesnil in tiefes Nachdenken verſunken; ihr Antlitz hatte nichts von ſeinem unſchuldsvollen, ſanften Weſen verloren; doch zuweilen zog ein bitteres, beinahe ſchmerzliches Lächeln ihre Lippen zuſammen und ihr Blick offenbarte ſodann etwas Entſchloſſenes, was mit der Treuherzigkeit ihrer Züge im Widerſpruch ſtand. Plötzlich erhob ſich Fräulein von Beaumesnil, wandte ſich nach dem Kamin und ſtreckte die Hand nach der Klingelſchnur aus; dann hielt ſie einen Augenblick inne, als ob ſie unſchlüſſig vor einem ernſten Entſchluß zögerte. Endlich aber ſchien ſie ſich feſt zu entſcheiden und läutete. Sogleich trat Madame Lainé, ihre Gouvernante, mit unterwürſigem, eifrigem Weſen ein. „Das Fräulein braucht etwas?“ „Meine liebe Lainé, ſetzen Sie ſich.“ „Das Fräulein iſt zu gütig.“ „Ich bitte Sie, ſetzen Sie ſich und laſſen Sie uns plaudern.“ „um dem Fräulein zu gehorchen,“ ſagte die Gou⸗ vernante, ſehr erſtaunt über die Vertraulichkeit ihrer jungen 126 Gebieterin, von der ſie bis dahin immer mit einer außer⸗ ordentlichen Zurückhaltung behandelt worden war. „Meine gute Lainé,“ ſprach Fräulein von Beaumesnil mit liebevollem Ton, „Sie haben mir oft wiederholt, ich könnte auf Ihre Anhänglichkeit zählen?“ „Oh! ja, mein Fräulein.“ „Auf Ihre Ergebenheit?“ „Sie iſt Ihnen auf Leben und Tod geſichert, mein Fräulein.“ „Auf Ihre Verſchwiegenheit?“ „Ich verlange nun Eines von dem Fräulein,“ er⸗ wiederte die Gouvernante, immer mehr entzückt über dieſen Eingang, „das Fräulein ſielle mich auf die Probe, und es mag dann urtheilen.“ „Wohl! ich werde Sie auf die Probe ſtellen.“ „Welch ein Glück! .. ein Zeichen des Vertrauens vom Fräulein!“ 3 „Ja . .. ein Zeichen außerordentlichen Vertrauens, und ich hoffte, Sie werden dieſes verdienen.“ „Ich ſchwöre dem Fräulein, daß ..“ „Es iſt gut, ich glaube Ihnen,“ ſprach Erneſtine, die Gouvernante in ihren Betheurungen unterbrechend; „doch ſagen Sie mir, es ſind heute acht Tage, daß Sie mich baten, Ihnen den nächſten Abend freizugeben, um eine Geſellſchaft zu beſuchen, welche jeden Sonntag eine Ihrer Freundinnen gibt .. wie heißt ſie doch? ich habe ihren Namen vergeſſen.“ „Sie heißt Madame Herbaut, mein Fräulein; dieſe Freundin hat zwei Töchter und verſammelt jeden Sonntag einige Perſonen von ihrem Alter.. Ich glaube, ich habe dies dem Fräulein geſagt, als ich um Erlaubniß bat, dieſer Geſellſchaft beiwohnen zu dürfen.“ „Und wer ſind die jungen Perſonen?“ „Mein Fräulein,“ antwortete die Gouvernante, welche nicht einſah, worauf Fräulein von Beaumesnil abzielte, „die jungen Perſonen, die das Haus von Madame Her⸗ haut beſuchen, ſind in der Regel Ladenmädchen, oder wohl 127 auch Frauenzimmer, welche Unterricht in der Muſik ober im Zeichnen geben. Es finden ſich darunter auch Buch⸗ halterinnen von Kaufleuten. .. Was die Männer betrifft, ſo ſind dies Commis, Künſtler, Notarſchreiber aber lauter brave und anſtändige junge Leute, denn Madame Herbaut iſt ſehr ſtreng in der Wahl der Geſellſchaft, ſo⸗ wohl was Männer, als was Frauen betrifft; das begreift ſich leicht, ſie hat heirathsfähige Töchter. . . Und unter uns geſagt, mein Fräulein, ſie gibt dieſe kleinen Geſell⸗ ſchaften, um ſie unter die Hauhe zu bringen.“ „Meine liebe Lainé,“ ſprach Erneſtine, als handelte es ſich um die allereinfachſte Sache der Welt, „ich will einer von den Geſellſchaften von Madame Herbaut bei⸗ wohnen ..“ „Mein Fräulein .. .“ rief die Gouvernante, welche ſchlecht gehört zu haben glaubte, „was ſagt das Fräulein?“ „Ich ſage, ich wolle einer der Geſellſchaften von Ma⸗ Herbaut beiwohnen .. Morgen Abend zum Bei⸗ piel.“ „Ah! mei Gott!“ rief die Gouvernante ganz er⸗ ſtaunt, „iſt das des Fräuleins Ernſt?“ „Mein voller Ernſt . ..“ „Wie 2 Sie, mein Fräulein, Sie zu ſo kleinen Bür⸗ gersleuten!.. Das iſt unmöglich; das Fräulein denkt nicht daran.“ „Unmoglich? . . warum?“ „Aber mein Fräulein, der Herr Baron und die Frau Baronin werden ihre Einwilligung nicht geben.“ „Ich gedenke ſie auch nicht darum zu bitten.“ Die Gouvernante begriff noch nicht und erwiederte: „Wie! das Fräulein würde zu Madame Herbaut gehen, ohne mit dem Herrn Baron davon zu ſprechen.“ „Gewiß.“ „Aber wie werden Sie das machen, mein Fräulein?“ „Meine liebe Lainé, Sie haben mir ſo eben geſagt, ich könnte auf Sie zählen.“ „Und ich wiederhole es Ihnen, mein Fräulein.“ 128 „Wohl! morgen Abend müſſen Sie mich in der Ge⸗ ſellſchaft von Madame Herbaut vorſtellen.“ „Ich .. mein Fräulein „ in der That, ich weiß nicht, ob ich träume oder wache.“ „Sie träumen nicht; morgen Abend ſtellen Sie mich alſo bei Madame Herbaut vor.. . als eine Ihrer Ver⸗ wandtinnen. . . eine Waiſe . .“ „Eine meiner Verwandtinnen. Ah! mein Gott! ich werde es nie wagen . und...“ „Laſſen Sie mich vollenden ... Sie ſtellen mich, ſage ich, als eine Ihrer Verwandtinnen vor, welche, kürzlich erſt aus der Provinz angekommen, das Gewerbe einer „ einer Stickerin, zum Beiſpiel, treibt. Doch erinnern Sie ſich wohl, daß Sie, wenn Sie die geringſte Indiscretion, oder die geringſte Ungeſchicklichkeit begingen„ wenn man vermuthen könnte, ich ſei nicht das, was ich ſcheinen wolle, nämlich eine Waiſe, die von ihrer Arbeit lebt, nicht eine Minute mehr in meinem Dienſt bleiben würden . während Sie im Gegentheil, wenn Sie meine Inſtructionen befolgen, Alles von mir erwarten können.“ „In der That, mein Fräulein, ich falle wie aus den Wolken, ich kann mich von meinem Erſtaunen gar nicht erholen. Doch warum ſoll ich das Fräulein bei Madame Herbaut als meine Verwandtin als eine Waiſe vorſtellen? Warum nicht?... „Meine liebe Lainé, genug der Fragen kann ich auf Sie zählen, ja oder nein?“ „Oh! mein Fräulein, auf Leben und Tod.. aber.. „Keine aber. und ein letztes Wort: es iſt Ihnen nicht unbekannt, fügte das Mädchen mit einem Seufzer von ſeltſamer Bitterkeit bei, „es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß ich die reichſte Erbin Frankreichs bin?“ „Gewiß, mein Fräulein; Jedermann weiß es und ſagt es; es gibt kein ſo großes Vermögen als das des Fräuleins.“ „Wohl! wenn Sie thun, was ich von Ihnen ver⸗ lange, wenn Sie beſonders von einer unerſchütterlichen 1²9 Verſchwiegenheit find... unerſchütterlich, hören Sie wohl, ich beſtehe hierauf, denn bei Madame Herbaut muß man mich durchaus für das halten, was ich ſcheinen will, für eine von ihrer Arbeit lebende Waiſe. .. mit einem Wort, wenn mit Hülfe Ihres Verſtandes und Ihrer außerordentlichen Discretion Alles ſo geht, wie ich wünſche, ſo werden Sie ſehen, wie die reichſte Erbin Frank⸗ reichs Schulden der Dankbarkeit bezahlt.“ „Ah!“ machte die Gouvernante mit einer Geberde ſtolzer Unneigennützigkeit, „was das Fräulein ſagt, iſt ſehr ſchmerzlich für mich kann das Fräulein glauben, ich ſetze einen Preis auf meine Ergebenheit?“ „Nein; aber ich will einen Preis auf meine Dank⸗ barkeit ſetzen.“ „Mein Gott! mein Fräulein, Sie wiſſen wohl, würden Sie morgen ſo arm als ich bin, ich wäre Ihnen gleich ſehr ergeben.“ „Ich zweifle nicht im Geringſten daran, doch mittler⸗ weile, bis ich arm bin, thun Sie, was ich von Ihnen verlange . führen Sie mich zu Madame Herbaut.“ „Erlauben Sie, mein Fräulein, bedenken wir ein wenig und Sie werden ſogleich alle Unmöglichkeiten Ihres Planes einſehen.“ „Welche Unmöglichkeiten find dies?“ „Zuerſt wie wollen Sie es machen, um morgen über Ihren ganzen Abend verfügen zu können, mein Fräu⸗ lein? Der Herr Baron, die Frau Baronin und Fräulein Helena verlaſſen Sie nicht.“ „Nichts kann einfacher ſein Ich ſage morgen früh, ich habe eine ſchlechte Nacht zugebracht „ich fühle mich leidend . . Ich bleibe den ganzen Tag in meinem Zimmer . . . Um ſechs Uhr Abends ſagen Sie, ich habe mich niedergelegt und durchaus verboten, Jemand zu mir zu laſſen .. Mein Vormund und ſeine Familie haben eine ſolche Achtung vor meinem geringſten Willen, daß man meinen Schlaf nicht zu ſtoͤren wagen wird.“ Die ſieben Todſünden. 1I. 130 „Oh! darin hat das Fräulein Recht .. Niemand würde es wagen, in irgend einem Punkte Ihnen zu wider⸗ ſprechen oder gegen Ihren Willen zu handeln . Hieße das Fräulein den Herrn Baron auf dem Kopf gehen und die Frau Baronin rder Fräulein Helena ſich in der Faſten⸗ zeit maskiren, ſie thäten es ohne allen Anſtand.“ „Oh! ja, es iſt gewiß, es find vortreffliche Verwandte, voll Zärtlichkeit und Würde,“ erwiederte Erneſtine mit einem ſeltſamen Ausdruck; „nun! Sie ſehen, daß ich auf dieſe Art morgen ſchon einen ganzen Abend frei bin.“ „Das iſt etwas, mein Fräulein; doch um von hier wegzugehen? „ „Um von hier wegzugehen?“ „Ja, mein Fräulein, um von hier aus dem Hauſe wegzugehen, ohne daß uns Jemand auf der Treppe begeg⸗ net, ohne daß uns der Concierge ſieht?“ „Das geht Sie an, ſuchen Sie ein Mittel.“ „Hören Sie, mein Fräulein, es iſt leicht zu ſagen: ein Mittel . . . ein Mittel . .. „Ich ſah in der That dieſes Hinderniß vorher .. doch ich ſagte mir: meine liebe Lainé iſt ſehr verſtändig, ſie wird mir zu Hülfe kommen.“ „Gott weiß, wie gern ich doch ich ſehe nicht „ „Suchen Sie wohl ich bin immer nur die große Treppe zu mir heraufgegangen Gibt es nicht Dienſt⸗ botentreppen, welche in dieſe Wohnung führen?“ „Allerdings, mein Fräulein, gibt es Dienſtbotentreppen, voch Sie würden ſich der Gefahr ausſetzen, den Leuten vom Hauſe zu begegnen, wenn Sie nicht . ſagte die Gouvernante nachdenkend, „wenn Sie nicht den Augenblick wo die Leute ſpeiſen. . um acht Uhr, zum Bei⸗ piel. „Vortrefflich . . der Gedanke iſt ganz vortrefflich!“ „Wollen Sie ſich nicht zu ftüh freuen, mein Fräulein.“ „Warum dies?“ das möchte, mein Fräulein 13¹ „Das Fräulein muß immerhin an der Loge des Portier, eines wahren Cerberus, vorüber.“ „Das iſt wahr ... Finden Sie alſo ein anderes Mittel.“ „Mein Gott! mein Fräulein, ich ſuche, aber es iſt ſo ſchwierig!“ „Ja, aber nicht unmöglich.“ „Ah! mein Gott,“ ſagte plötzlich die Gouvernante nach kurzem Nachdenken, „eine Idee! . . .“ „Laſſen Sie geſchwinde dieſe Idee hören!“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein, noch ſtehe ich für nichts . doch es wäre vielleicht möglich Ich gehe und komme ſogleich wieder zurück, mein Fräulein.“ „Gehen Sie, ich erwarte Sie.“ Die Gouvernante entfernte ſich haſtig; die Waiſe blieb allein. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſagte ſie mit einem Aus⸗ druck des Ekels und der Traurigkeit, „dieſe Frau iſt eine käufliche, niedrige Seele wie ſo viele Andere; doch dieſe Käuflichkeit, dieſe Niedrigkeit bürgen mir wenigſtens für ihren Gehorſam und ihre Discretion.“ Nach einigen Augenblicken kam die Gouvernante mit ſtrahlendem Geſicht zurück. „Sieg, mein Fräulein!“ „Erklären Sie ſich.“ „Das Fräulein weiß, daß ſein Ankleidecabinet in mein Zimnier geht.“ „Sodann? . .. „Neben meinem Zimmer iſt eine große Stube, worin die für die Kleider des Fräuleins ſtehen.“ „Ltun?“ „Dieſe Stube hat eine Thüre, die ſich auf eine kleine Treppe öffnet, welche nicht für die Dienſtboten beſtimmt iſt und mir bis jetzt entgangen war.“ „Und dieſe Treppe, wohin führt ſie?“ „Sie führt nach einer kleinen, abgeſperrten Thüre, welche ſich, ſo viel ich beurtheilen konnte, unten im Mittel⸗ gebäude gegen die Straße öffnen muß.“ „Dieſe Thüre ginge alſo nach der Straße?“ ſagte Fräulein von Beaumesnil lebhaft. „Ja, mein Fraulein, und darüber darf man ſich nicht wundern; in beinahe allen großen Hotels dieſes Quartiers gibt es kleine Geheimthüren, welche nach den Schlafzimmern führen, weil früher. . die Frauen vom Pofe „Die Frauen vom Hofe?“ fragte Erneſtine ihre Gou⸗ vernante ſo naiv, daß dieſe die Augen vor dem unſchuldigen Blick des Mädchens niederſchlug; und Madame Lainé, welche zu weit zu gehen und ihre neue Vertraulichkeit mit Erneſtine zu gefährden befürchtete, erwiederte: „Ich will das Fräulein nicht mit Vorzimmergeſchwätz langweilen.“ „Und Sie haben Recht. Doch wenn dieſe Thüre, welche nach der Straße geht, abgeſpertt iſt, wie ſie öffuen?“ „Es kam mir vor, als wäre ſie verriegelt und von innen geſchloſſen . . Doch das Fräulein mag unbe⸗ ſorgt ſein, ich habe die ganze Nacht vor mir . . . und morgen früh hoffe ich dem Fräulein gut Aufſchluß geben zu können.“ „Morgen alſo, meine liebe Lainé . . . Müſſen Sie Ihre Freundin, Madame Herbaut, vorher dabon benachrich⸗ tigen, daß Sie ihr am Abend eine Ihrer Verwandtinnen vorſtellen wollen, ſo verfehlen Sie nicht, es zu thun.“ „Ich werde dies thun, obgleich es nicht unerläßlich iſt. Durch mich vorgeſtellt, wird das Fräulein wie ich ſelbſt aufgenommen ſein; unter geringen Leuten macht man nicht ſo viel Umſtände.“ „Das iſt abgemacht . Doch ich wiederhole zum letzten Mal ich erwarte von Ihnen die vollkommenſte ab. . „Das Fräulein mag mich aufgeben, wie eine Unglück⸗ liche verleugnen, wenn ich mein Wort breche.“ Verſchwiegenheit Ihr zukünftiges Glück hängt hievon 133 „Ich will Sie lieber belohnen. . Beſchäftigen Sie ſich mit der Thüre und . morgen alſo!“ 3 „Mein Gott! mein Fräulein, wie ſeltſam iſt dies es.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich ſpreche von dem Wunſche des Fräuleins, bei Madame Herbaut vorgeſtellt zu werden. Ich hätte nie geglaubt, das Fräulein könnte einen ſolchen Gedanken haben. Bebrigens bin ich ruhig,“ fügte die Gouvernante mit ernſter, abgemeſſener Miene bei, „ich kenne das Fräulein, es würde eine arme Frau wie mich nicht zu einem ärgerlichen, gefähr⸗ denden Schritt verleiten. .. Doch könnte ich nicht, ohne daß ich es wage, eine Frage an das Fräulein zu richten, gerade weil ich mit Niemand hierüber ſprechen darf, erfahren, warum das Fräulein . . .“ „Guten Abend, meine liebe Lainé.“ ſagte Fräulein von Beaumesnil aufſtehend und ihre Gouvernante unter⸗ prechend, „morgen früh werden Sie mir melden, was Sie bei Ihren Nachforſchungen heute Nacht entdecken.“ Zu glücklich, endlich ein Geheimniß zwiſchen ihrer jungen Gebieterin und ſich zu haben, ein Geheimniß, welches in ihren Augen das Pfand eines Vertrauens war, das ihr Glück ſicherte, entfernte ſich die Gouvernante in der Stille. Fräulein von Beaumesnil blieb allein. Nachdem die Waiſe einige Augenblicke nachgedacht hatte, öffnete ſie ihr Neceſſaire und ſchrieb, wie folgt, in ihr Album, in welchem ſie eine Art von Tagebuch ihres Lebens hielt. ein Tagebuch, das ſie in ſrommer Erinne⸗ rung an das Andenken ihrer Mutter richtete. 134 Bwälftes Rapitel. „Der Entſchluß, den ich gefaßt habe, liebe Mama,“ ſchrieb Erneſtine von Beaumesnil in ihr Tagebuch, „iſt vielleicht gefährlich. Ich habe Unrecht ich befürchte es; doch, mein Gott! von wem ſoll ich Rath verlangen? Von Dir, zärtliche Mutter ich weiß es ich habe auch Dich anrufend dieſen ſeltſamen Entſchluß gefaßt. „Ja, denn ich muß um jeden Preis Zweifel aufklären, die mich ſeit einiger Zeit martern. „Sogleich, liebe Mama, werde ich Dir ſagen, was Pläne ſind, und warum ich mich dazu entſchloſſen abe. „Seit einigen Tagen haben ſich mir viele Dinge ge⸗ offenbart . ſo neue, ſo traurige Dinge, daß mein Geiſt varüber in außerordentliche Unruhe gerathen iſt. „Kaum kann ich ein wenig Ordnung in meine Ge⸗ danken bringen, um Dich im Grunde meines Herzens leſen zu laſſen, gute und zärtliche Mutter. „Während der erſten Zeit meiner Ankunft in dieſem Hauſe hatte ich mich nur über meinen Vormund und ſeine Familie zu freuen; ich machte ihnen nichts zum Vorwurf, als ein Uebermaß von Zuvorkommenheiten und Schmeicheleien. „Dieſe Zuvorkommenheiten, dieſe Schmeicheleien hörten nicht auf, ſie vermehrten ſich im Gegentheil, wenn dies möglich iſt. „Mein Geiſt, mein Character, meine unbedeutendſten Worte, Alles wurde gelobt, Alles wurde ohne Maß über⸗ trieben. Mein Geſicht, mein Wuchs, meine Haltung, meine geringſten Bewegungen . . . Alles iſt gleich anmuthig, be⸗ göttlich; kurz, es gibt kein vollendeteres Geſchöpf, als n. 2 135 „Das fromme Fräulein Helena, das nie lügt, ver⸗ ſichert mich, ich habe das Ausſehen einer Madonna. „Frau von la Rochaigue ſagt mir mit ihrer rohen Offenherzigkeit, ich vereinige ſo viele ſeltene Vorzüge in Reizen aller Art, in Eleganz, daß ich eines Tages ohne mein Hinzuthun die am meiſten von der Mode in Paris gefeierte Frau werden werde. Nach der Anſicht meines Vormunds, eines ernſten und beſonnenen Manns, geben mir die Grazie meines Geſichtes, die Würde meiner Haltung eine auffallende Aehnlichkeit mit der unter der Fronde ſo berühmten Herzogin von Longueville. „Und weißt Du, was man mir antwortete, als ich mich in meiner Naivetät eines Tages darüber wunderte, daß ich ſo vielen Perſonen zugleich ähnlich ſein ſollte? „Das iſt ganz einfach Sie vereinigen die verſchiedenartigſten Reize in ſich, mein Fräulein, und Jeder findet bei Ihnen den Reiz, den er gerade vorzieht.““ „Und dieſe Schmeicheleien verfolgen mich überallhin, erreichen mich überall. „Ordnet der Coiffeur meinen Kopfputz, ſo hat er in ſeinem Leben kein herrlicheres Haar geſehen .. „Man führt mich zu der Modehändlerin. „„Warum eher eine Hutform wählen als die andere?““ ſagt dieſe Frau, „„bei einem Geſicht wie das des Fräuleins erſcheint Alles bezaubernd und äußerſt geſchmackvoll.“ „Die Nähterin verſichert ihrerſeits, ich ſei ſo unglaub⸗ lich zierlich gewachſen, daß ich in einen Sack geklei⸗ det den durch ihre natürlichen Vollkommenheiten bekann⸗ teſten Frauen zur Verzweiflung gereichen würde. „Sogar der Schuſter iſt, wie er ſagt, genöthigt, be⸗ ſondere Formen machen zu laſſen, da er nie einen ſo kleinen Fuß wie den meinigen zu bekleiden gehabt habe. „Der Handſchuhmacher, zum Beiſpiel, iſt offenherziger; er behauptet, ich habe ganz einfach eine Zwergshand. 136 „Du ſiehſt, liebe Mama, es fehlt nicht viel, und ich würde zu einer Erſcheinung, zu einer Curivſität. „Oh! meine Mutter, meine Mutter . nicht ſo lobteſt Du Deine Tochter, wenn Du meinen Kopf zwiſchen Deine beiden Hände nahmſt und mich auf die Stirne küſſend, zu mir ſagteſt: „„Arme Erneſtine, Du biſt weder ſchön noch hübſch doch die Reinheit und die Güte Deiner Seele ſind ſo ſichtbar in Deinem ſanften Antlitz zu leſen, daß ich für Dich den Mangel an Schönheit nicht beklage.“ „Und an dieſes Lob, das einzige, das Du mir je ge⸗ ſpendet, glaubte ich, meine Mutter! Ich war glücklich darüber, denn ich fühlte mich einfach und gut in meinem Herzen. „Aber ach. dieſes Herz, das Du ſo liebteſt, theure Mama iſt es Deiner würdig geblieben, Mama? ich weiß es nicht .. „Nie hatte ich das Mißtrauen, den Zweifel, den bit⸗ tern Hohn gekannt und ſeit einigen Tagen haben ſich dieſe traurigen und ſchlimmen Gefühle plötzlich in mir mit einer Raſchheit entwickelt, worüber ich erſtaunt und beun⸗ ruhigt bin. „Das iſt noch nicht Alles . . „Es muß etwas gefährlich Eindringendes in der Schmeichelei liegen; denn Dir muß ich Alles ſagen . Obgleich ich zuweilen die Lobeserhebungen, die man an mich verſchwendete, als übertrieben betrachtete, fragte ich mich doch, wie es käme, daß ſo viele Perſonen von verſchiedenen Verhältniſſen, die in keinem Zuſammenhang mit einander ſtünden, mich ſo einſtimmig in Allem und über Alles lobten? „Mehr noch . . Kürzlich führte mich Frau von la Rochaigue in ein Concert . . Ich bemerkte, daß Jeder⸗ mann mich anſchaute; einige Perſonen gingen ſogar auf eine abſichtlich auffallende Weiſe vor mir hin und her, und ich war doch ganz einfach gekleidet. . . Selbſt in der Kirche, wenn ich herausgehe, muß ich ſehen, daß man mich bemerkt. 137 dann ſagen mein Vormund und ſeine Familie zu mir: „„Nun! . haben wir Sie getäuſcht? Sehen Sie, welche Wirkung Sie überall und auf Jedermann hervor⸗ bringen!““ „Was konnte ich hierauf, was konnte ich auf eine i antworten, liebe Mama? Nichts Auch. „3ch geſiehe es, dieſe Lobeserhebungen, dieſe Schmei⸗ chelelen fingen an, mir ſüß vorzukommen . Ich wun⸗ derte mich weniger darüber, und wenn ich ſie zuweilen auch als eine Uebertreibung betrachtete, ſo antwortete ich mir alsbald: „„Warum iſt die Wirkung, die ich hervorbringe, wie mein Vormund ſagt, ſo einſtimmig?““ „Ah! über den Grund dieſer Einſtimmigkeit ſollte ich belehrt werden. „Höre, was mir begegnete. „Mehrere Male ſah ich bei meinem Vormund eine Perſon, von der ich bis jetzt noch nicht mit Dir ſprechen mochte: dies iſt der Marquis von Maillefort: er iſt miß⸗ ſtaltet, er hat ein höhniſches Ausſehen und ſagt Jedermann nur Bosheiten oder ironiſche Süßigkeiten, die noch ſchlim⸗ mer ſind, als ſeine Bosheiten. „Beinahe immer fand ich, dem Widerwillen nach⸗ gebend, den er mir einflößte, Mittel, den Salon kurz nach vem Eintritt dieſes bösartigen Menſchen zu verlaſſen; bei dieſen Zeichen meiner Abneigung gegen ihn wurde ich er⸗ muthigt durch die Perſonen, von denen ich umgeben bin, denn ſie fürchten Herrn von Maillefort, obgleich ſie ihn mit einer gezwungenen Freundlichkeit empfangen. „Vor drei Tagen meldete man ihn. „Ich befand mich allein mit Fräulein Helena. Den Salon ſogleich verlaſſen wäre eine zu große Unhoflichkeit von mir geweſen; ich blieb alſo und gedachte mich nach einigen Augenblicken zu entfernen. „Folgendes war die kurze Unterredung von Herrn von N 138 Maillefort und Fräulein Helena: ich erinnere mich derſel⸗ ben, als ob ich ſie noch hörte . . Ach! ich habe nicht ein Wort davon vergeſſen. „„Ei! guten Morgen, mein liebes Fräulein Helena, ſagte der Marquis mit ſeiner höhniſchen Miene, „„ich bin ſtets entzückt, Fräulein von Beaumesnil bei Ihnen zu ſehen . ſie kann ſo viel in Ihrer frommen Unterhaltung gewinnen ſie kann ſo viel Nutzen aus Ihren vortreff⸗ lichen Rathſchlägen, ſowie aus denen Ihres würdigen Bru⸗ ders und Ihrer nicht minder würdigen Schwägerin ziehen!““ „„Wir hoffen es wohl, Herr Marquis, und erfüllen in dieſer Hinſicht eine heilige Pflicht gegen Fräulein von Beaumesnil.““ „„Gewiß,““ erwiederte Herr von Maillefort mit immer ſpöttiſcherem Ton, „„gegen dieſe heilige Pflicht verfehlen Sie und die Ihrigen ſich nicht; wiederholen Sie nicht Fräulein von Beaumesnil unabläßig und aus allen Ton⸗ arten: Sie ſind die reichſte Erbin Frankreichs in dieſer Eigenſchaft find Sie folglich die wunder⸗ barſt vollendete, die univerſellſt begabte Perſon der Welt.““ „„Aber, mein Herr,““ rief Fräulein Helena, Herrn von Maillefort unterbrechend, „„was Sie da ſagen...““ „„Aber, mein Fräulein,“ entgegnete der Marquis, „ich berufe mich auf Fräulein von Beaumesnil ſelbſt.. ſie ſoll ſagen, ob nicht von allen Seiten um ſie her ein ewiges Lobconcert erſchallt, das übrigens vortrefflich von dem lieben Baron, von ſeiner Frau und von Ihnen, Fräu⸗ lein Helena, organiſirt iſt. ein reizendes Concert, bei welchem Sie Drei Ihre Partie mit einem bezaubernden Talent mit einer rührenden Selbſtverleugnung, mit einer erhabenen Unneigennützigkeit ſpielen! Alle Rollen ſind Ihnen gut: heute geben Sie als einfache Chorführer der Menge der Bewunderer von Fräulein Helena den Ton an morgen improvifiren Sie als glänzende Solos Hymnen zu ihrem Lobe, worin ſich der ganze Umfang Ihrer Mittel, die ganze Biegſamkeit Ihrer Kunſt, und be⸗ 0 — 139 ſonders die anbetungswürdige Aufrichtigkeit Ihrer edlen Herzen entwickeln.““ „„Mein Herr,“ erwiederte Fräulein Helena, welche, ohne Zweifel vor Zorn, roth wurde, „„unſere theure Mündel hat alſo keine von den Eigenſchaften, keinen von den Vor⸗ zügen, keinen von den Reizen, die man ihr ſo allgemein zuerkennt?““ „Weil ſie die reichſte Erbin Frankreichs iſt,“ ſprach Herr von Maillefort, der ſich ſpöttiſch vor mir verbeugte, „„und in dieſer Eigenſchaft hat Fräulein von Beaumesnil ein Recht auf die ſchmählichſten und be⸗ leidigendſten Schmeicheleien, beleidigend, weil ſie lügen⸗ haft ſind und einzig und allein von gemeiner Kriecherei oder von der Habgier dietirt werden.““ „Ich ſtand auf und ging hinaus, da ich meine Thränen nicht mehr länger zurückhalten konnte. „Dieſe Worte habe ich nicht vergeſſen, oh! meine Mutter! „Immer noch höre ich ſie. .. Oh! die Bosheit von Herrn von Maillefort iſt für mich eine Offenbarung ge⸗ meine Augen ſind geöffnet... ich habe Alles be⸗ griffen. . „Dieſe Lobeserhebungen aller Art, dieſe Zuvorkom⸗ menheiten, dieſe Anhänglichkeitsbetheurungen, mit denen man mich überſchüttet, die Wirkung, die ich in allen Geſellſchaften hervorgebracht habe, und ſogar die Schmei⸗ cheleien meiner Handwerksleute, dies Alles iſt an die reichſte Erbin Frankreichs gerichtet. „Ah! meine Mutter, nicht ohne Grund alſo ſchrieb ich Dir von dem ſchmerzlichen, ſeltſamen Eindruck, den ich empfand, als man mir am Tag nach meiner Ankunft in dieſem Haus auf eine ſo pomphafte Weiſe eroffnete, ich ſei die Herrin eines ungeheuren Vermögens. „Es kommt mir vor,“ ſagte ich zu Dir, „als wäre ich in der Lage einer Perſon, welche einen 14⁰ Schatz beſitzt und jeden Augenblick beſtohlen zu werden befürchtet. „Dieſen damals verworrenen, unerklärlichen Eindruck verſtehe ich nun. „Es war das unbeſtimmte Vorgefühl Furcht, jenes bangen, bitteren Mißtrauens, von dem ich unabläſſig verfolgt werde... ſeitdem meinem Geiſte beſtändig der Gedanke gegenwärtig iſt. „Einzig und allein an mein Vermögen ſind alle die Zeichen der Zuneigung, die man für mich kundgibt, alle Lobeserhebungen, die man mir ſpendet, gerichtet. . . „Oh! ich wiederhole Dir, meine Mutter, die Bosheit von Herrn von Maillefort hat wenigſtens gegen ſeinen Willen ein gutes Reſultat gehabt; allerdings habe ich durch dieſe Offenbarung grauſam gelitten und werde ich grauſam durch ſie leiden .. aber ſie erklärt mir, ſie er⸗ läutert mir, ſie geſtattet die unbegreifliche und immer mehr wachſende Abneigung, die mir mein Vormund und ſeine Familie einflößten. „Dieſe Offenbarung gibt mir wenigſtens den Schlüſſel zu der Unterwürfigkeit, zu den niedrigen, knechtiſchen Zu⸗ vorkommenheiten, womit ich überall und immer umgeben bin. „Und dennoch, theure, zärtliche Mutter, werden meine Suſ nun peinlich, ſelbſt gegen Dich ich habe es Dir geſagt .. hat mich nun die ri der Schmeichelei und der Falſchheit, in der ich gegenwärtig lebe, ſchon verdorben. oder weiche ich vor dem zurück, was Gräßliches in dem Gedanken liegt: „Alle Lobeserhebungen, alle Beweiſe von Zuneigung, die man mir ſpendet, ſind nur an mein Vermögen gerichtet. .. „Ich kann nicht an ſo viel Niederträchtigkeit, an ſo viel Falſchheit bei den Andern glauben, und muß ich es Dir ſagen: ich kann auch nicht glauben, daß ich ſo wenig werth bin... und daß ich nicht fähig ſein ſollte, die ge⸗ 141 aufrichtige und uneigennützige Zuneigung einzu⸗ ößen . „Siehſt Du, theure Mutter, ich weiß nicht mehr, was ich denken ſoll, weder von den Andern, noch von mir ſelbſt. .. Dieſer fortwährende Zuſtand des Zweifels iſt unerträglich: vergebens habe ich die Mittel, aus ihm her⸗ auszukommen, die Wahrheit zu erfahren, geſucht. Von wem ſoll ich ſie verlangen? von wem kann ich eine aufrichtige Antwort erwarten? Und werde ich nun je an die Auf⸗ richtigkeit glauben können? „Das iſt noch nicht Alles. Neue Ereigniſſe haben die . mich ſchon ſo peinliche Lage noch grauſamer ge⸗ macht. .. „Du wirſt darüber urtheilen. „Die bitteren und ironiſchen Worte von Herrn von Maillefort in Betreff der Vollkommenheiten, die ich in meiner Eigenſchaft als Erbin in mir vereinigen ſollte, ſind ohne Zweifel meinem Vormund und ſeiner Frau von Fräulein Helena mitgetheilt worden, oder irgend ein an⸗ deres, mir unbekanntes Ereigniß hat die Perſonen, von denen ich umgeben bin, genöthigt, Pläne zu beſchleunigen und vor mir zu enthüllen, denen ich bis dahin fremd ge⸗ blieben war, und die nun meine Zweifel und mein Miß⸗ trauen auf den höchſten Grad ſteigern.“ Bei dieſer Stelle ihres Tagebuchs wurde Fräulein von Beaumesnil durch ein zweimaliges beſcheidenes Klopfen an die Thüre ihres Schlafzimmers unterbrochen. Erſtaunt, beinahe erſchrocken, da ſie unter ihren trau⸗ Gedanken den Gegenſtand ihrer letzten Unterredung mit ihrer Gouvernante beinahe vergeſſen hatte, fragte die Waiſe mit zitternder Stimme: „Wer iſt da?“ „Ich, mein Fräulein,“ antwortete Madame Laine durch die Thüre. . „Treten Sie ein,“ rief Erneſtine, ſich nun erinnernd. Und als die Gouvernante eintrat: „Was gibt es denn?“ „Eine gute Kunde, eine vortreffliche Kunde, mein Fräukein.. Sie ſehen, ich habe blutige Hände, doch gleichviel!“ „Ah! mein Gott!. . es iſt wahr,“ rief Fräulein von Beaumesnil voll Angſt, „was iſt Ihnen denn ge⸗ ſchehen?.. MNehmen Sie dieſes Sacktuch .. ſtillen Sie das Blut. . .“ „Oh! es iſt nichts, mein Fräulein,“ erwiederte die Gouvernante heldenmüthig, „für Ihren Dienſt würde ich dem Tode trotzen.“ Dieſe Uebertreibung kühlte das Mitleid von Fräulein von Beaumesnil ab, und ſie ſagte: Ich glaube an Ihre muthige Ergebenheit, doch ich bitte, umwickeln Sie Ihre Hand.“ „Um dem Fräulein zu gehorchen mir liegt nichts an dieſer Wunde, denn die Thüre iſt offen, mein Fräu⸗ lein, es iſt mir gelungen, die Schrauben eines Vorleg⸗ ſchloſſes loszumachen.. eine eiſerne Stange auszuheben .. Ich habe die Thüre geöffnet, und ſie geht, wie ich ver⸗ muthete, auf die Straße.“ „Seien Sie überzeugt, meine liebe Lainé, ich werde dankbar zu ſein wiſſen . „Ah! ich beſchwöre das Fräulein, mir nicht von ſeiner Dankbarkeit zu ſprechen; bin ich nicht durch das Vergnügen bezahlt, das es mir bereitet, ihm zu dienen?.. Nur entſchuldige mich das Fräulein, wenn ich trotz ſeiner Befehle zurückgekehrt bin; doch ich war ſo ſehr er⸗ freut, daß es mir gelungen iſt.“ „Ich weiß Ihnen im Gegentheil viel Dank für dieſen Eifer wir können alſo mit voller Gewißheit unſere Pläne für morgen verabreden.“ „Oh! das iſt nun eine abgemachte Sache.“ „Wohl alſo! Sie halten mir ein ganz einfaches Kleid von weißer Mouſſeline bereit, und wenn es Nacht ge⸗ worden iſt, begeben wir uns zu Madame Herbaut, Doch ich wiederhole. die größte Verſchwiegenheit „ — 143 „Das Fräulein mag unbeſorgt ſein .. Es hat mir ſonſt nichts mehr zu befehlen?“ „Nein, ich habe Ihnen nur für Ihren Eifer zu vanken.“ „Ich wünſche dem Fräulein eine gute Nacht.“ „Guten Abend, meine liebe Lainé.“ Die Gouvernante entfernte ſich. Fräulein von Beaumesnil fuhr in ihrem Tagebuche ort. Yreizehntes Rapitel. Nach dem Abgang ihrer Gouvernante ſchrieb Fräu⸗ lein von Beaumesnil in ihr Tagebuch, wie folgt: „Um dieſe neuen Ereigniſſe verſtändlich zu machen, muß ich zur Vergangenheit zurückkehren, liebe Mama. „Am Tage nach meiner Ankunft bei meinem Vor⸗ mund ging ich mit Fräulein Helena in die Kirche; ich ſammelte mich in meinem Gebet an Dich denkend, meine Mutter, als mich Fräulein Helena auf einen jungen Mann aufmerkſam machte, der voll Inbrunſt, wie wir, an dem⸗ ſelben Altar betete. „Dieſer junge Mann war, wie ich ſpäter erfahren habe, Herr Celeſtin von Macreuſe. „Die Aufmerkſamkeit von Fräulein Helena war, wie dieſe mir ſagte, dadurch erregt worden, daß er, ſtatt wie alle Andere auf einen Stuhl niederzuknieen, auf die Platten der Kirche niedergekniet war; er betete auch für ſeine Mutter, denn wir hörten ihn hernach von dem Prieſter, der auf unſerer Seite das Almoſen einſammelte, noch ein⸗ 144 mal neun Meſſen in derſelben Kapelle für die Ruhe der Seele ſeiner Mutter verlangen. „Als wir ſodann die Kirche verließen, und im Augen⸗ blick, wo wir das Weihwaſſer nehmen wollten, bot uns Herr von Maecreuſe, der uns zum Weihkeſſel vorangegangen war, mit einer Verbeugung davon an; mehrere Arme um⸗ gaben den jungen Mann; er theilte ein reichliches Almoſen unter ſie aus und ſagte mit bewegter Stimme: „„Das Scherflein, das ich Euch gebe, biete ich Euch im Namen meiner armen Mutter, welche nicht mehr iſt. Betet für ſie.“ „In der Minute, wo Herr von Macreuſe in der Menge verſchwand, erblickte ich Herrn von Maillefort: trat er in die Kirche ein? ging er hinaus? ich weiß es nicht; Fräulein Helena, die ihn zugleich mit mir erblickte, ſchien erſtaunt, beinahe unruhig über ſeine Gegenwart. Als wir nach Hauſe kamen, ſprach ſie wiederholt von Herrn von Macreuſe, deſſen Frömmigkeit ſo aufrichtig, deſſen Milvherzigkeit ſo groß zu ſein ſcheinen; ſie kenne dieſen Herrn nicht, ſagte ſie; doch er flöße ihr viel Theilnahme ein, da er ſicherlich Eigenſchaften beſitze, welche bei andern jungen Männern in unſerer Zeit nicht zu finden ſeien. „Am andern Tag kamen wir wieder in die Kirche; wir trafen Herrn von Maecreuſe abermals: er verrichtet ſeine Andacht in derſelben Kapelle wie wir; diesmal ſchien er ſo ſehr in ſein Gebet vertieft, daß er, als der Gottes⸗ dienſt beendigt war, auf dem kalten Stein, den er beinahe mit der Stirne berührte, knieen blieb, dergeſtalt hatte ihn wohl der Schmerz angegriffen, gelähmt; bald aber ſank er gleichſam auf ſich ſelbſt zuſammen, ſtürzte ohnmächtig rückwärts und wurde in die Sacriſtei getragen. „„Unglücklicher junger Mann,“ ſagte Fräulein He⸗ lena, „„wie ſehr beklagt er den Verluſt ſeiner Mutter, welch ein gutes und edles Herz muß er haben!““ „Ich theilte die Rührung von Fräulein Helena, denn beſſer als irgend Jemand konnte ich die Leiden von Herrn von Macreuſe, deſſen ſanftes und trauriges Geſicht einen tiefen Kummer offenbarte, mitempfinden. 145 In dem Augenblick, wo ſich die Sacriſtei vor den Kirchendienern öffnete, welche Herrn von Macreuſe weg⸗ trugen, lachte Herr von Maillefort, der an ſeinem Wege ſtand, auf eine höhniſche Weiſe. „Fräulein Helena ſchien immer mehr erſtaunt und unruhig, als ſie Herrn von Maillefort zum zweiten Mal in der Kirche traf. „„Dieſer Satan,““ ſagte ſie zu mir, „kann nur in das Gotteshaus kommen, um eine Miſſethat zu verüben.““ „Am Nachmittag deſſelben Tages beſtimmte mich Frau von la Rochaigue, trotz meines Widerſtrebens, eine Spazierfahrt mit ihr und zwei von ihren Freundinnen nach den Champs⸗Elyſées zu machen; es waren ſehr viele Leute dort; unſer Wagen fuhr im Schritt und Frau von la Rochaigue ſagte plötzlich zu Frau von Senneterre: „„Meine liebe Herzogin, ſehe ich nicht dort Ihren Herrn Sohn zu Pferde?“ „„In der That, es iſt Gerald,“ antwortete Frau von Senneterre, nach dieſer Seite lorgnirend. „„Ich hoffe, er wird uns bemerken und hierher kommen, um uns zu grüßen,““ fügte Frau von Mirecourt bei. „„Oh!““ rief Frau von la Rochaigue, „„Herr von Senneterre wird nicht verſäumen, dies zu thun, da zum Glück die Frau Herzogin bei uns iſt. Ich ſage zum Glück, und ich täuſche mich,““ fügte Frau von la Ro⸗ chaigue bei, „„denn die Gegenwart der Frau Herzogin verhindert uns alles Gute zu äußern, was wir von Herrn Gerald denken.““ „„Oh! was das betrifft,““ entgegnete Frau von Sen⸗ neterre lächelnd, „„ich weiß nichts von einer mütterlichen Beſcheidenheit, nie höre ich genug Gutes Lvon meinem Sohn ſprechen.““ „„Sie müſſen ſich übrigens in dieſer Hinſicht ſehr zufrieden fühlen, wie gierig Sie auch ſein möchten,““ er⸗ wiederte Frau von Mirecourt . . . „„Doch was Herrn von Senneterre betrifft,“ fügte ſie, ſich an Frau von la Die ſieben Todſünden. II. 10 146 Rochaigue wendend, bei, „wiſſen Sie, warum Herr von Senneterre mit achtzehn Jahren als gemeiner Soldat ein⸗ getreten iſt?““ „Nein,““ erwiederte Frau von la Rochaigue; „„ich weiß in der That, daß Herr von Senneterre, trotz ſeiner Geburt als gemeiner Soldat beim Militär eintretend, ſeine Grade und das Kreuz auf dem Schlachtfeld um den Preis zahlreicher Wunden gewonnen hat. Doch ich weiß nicht, warum er eingetreten iſt.““ „Frau Herzogin,“ ſagte Frau von Mirecourt, ſich an Frau von Senneterre wendend, „iſt es nicht wahr, daß Ihr Herr Sohn als Soldat eintreten wollte, weil er es für feig hielt, einen Mann zu kaufen, um ihn in den Krieg zu ſchicken und an ſeiner Stelle tödten zu laſſen?““ „„Es iſt wahr,““ antwortete Frau von Senneterre, „„das iſt die Urſache, die uns mein Sohn angegeben, und er hat ſein Vorhaben ausgeführt, trotz meiner Thränen und der Bitten ſeines Vaters.““ „Oh! das iſt herrlich,““ rief Frau von la Rochai⸗ gue, „„nur Herr von Senneterre allein in der Welt iſt fähig, eine ſo ritterliche Entſchloſſenheit zu zeigen.“ „„Und aus dieſer einzigen Thatſache läßt ſich auf den Adel ſeines Charakters ſchließen,“ fügte Frau von Mirecourt bei. „Oh! mit gerechtem Stolz kann ich ſagen, daß es keinen beſſern Sohn gibt, als Gerald,““ ſprach Frau von Senneterre. „„Und wer ſagt: guter Sohn . .. ſagt Alles!““ rief Frau von la Rochaigue. „Stillſchweigend hörte ich dieſes Geſpräch an; ich theilte das Mitgefühl, das den Perſonen, von denen ich begleitet war, das edle Benehmen von Herrn von Senne⸗ terre einflößte, welcher eher als gemeiner Soldat eintreten, als einen Andern für ſich tödten laſſen wollte. „In dieſem Augenblick ritten mehrere junge Leute in umgekehrter Richtung an uns vorüber; ich ſah einen der⸗ ſelben halten, ſein Pferd umwenden und ſeinen Platz neben unſerer Caleche nehmen, welche ebenfalls im Schritt ging. 147 „Dieſer junge Mann war Herr von Senneterre; er grüßte ſeine Mutter. Frau von la Rochaigue ſtellte ihn mir vor; er ſagte mir einige artige Worte und ritt dann längere Zeit plaudernd neben uns her; es kam gleichſam kein eleganter Wagen an uns vorüber, ohne daß die Per⸗ ſonen, die darin faßen, irgend ein freundſchaftliches Zeichen mit Herrn von Senneterre austauſchten, der mir ein allgemeines Wohlwollen einzuflößen ſchien. „Während ſeines Geſprächs mit uns war er ſehr heiter, leicht ſpöttiſch, aber ohne Bosheit; er ſpottete nur über Lächerlichkeiten, welche für Alle offenkundig waren und vor unſern Augen vorgingen. „Kurz ehe Herr von Senneterre uns verließ, begeg⸗ neten wir einem prachtvollen Wagen mit vier Pferden, der, wie wir, im Schritt fuhr; in dem Wagen ſaß ein Mann, vor welchem ſehr viele Menſchen ehrfurchtsvoll das Haupt entblößten; er machte eine tiefe Verbeugung vor Herrn von Senneterre, der, ſtatt ſeinen Gruß zu erwiedern, ihn mit dem verächtlichſten Blicke maß .. „„Ah! mein Gott, Herr von Senneterre,“ ſagte Frau von la Rochaigue ganz beſtürzt, „„Herr du Tilleul iſt vorübergefahren.““ „„Nun, Madame?““ „„Er hat Sie gegrüßt.““ „„Es iſt wahr, dieſe Unannehmlichkeit iſt mir wider⸗ fahren,“ antwortete Herr von Senneterre lächelnd. „„Und Sie haben ſeinen Gruß nicht erwiedert?““ „„Ich grüße Herrn du Tilleul nicht mehr, Madame.““ „„Aber Jedermann grüßt ihn .50 „„Man hat Unrecht.““ „„Warum dies, Herr von Senneterre?““ „„Wie? warum? „ und ſein Abenteuer mit Frau von ..5 „Dann ſich unterbrechend, als ob ihn meine Gegen⸗ wart beengte, ſagte Herr von Senneterre, der ſich an Frau von la Rochaigue wandte: 148 „Kennen Sie ſein Benehmen gegen eine gewiſſe Marquiſe?““ „„Allerdings.““ „„Nun, Madame, ein Mann, der mit dieſer grauſamen Feigheit handelt, iſt ein Elender, und einen Elenden grüße ich nicht.““ . „„Aber in der Geſellſchaft wird er fortwährend auf's Beſte empfangen,““ entgegnete Frau von Mirecourt. „„Ja ..““ verſetzte Herr von Senneterre, „„weil er das beſte Haus in Paris macht, und weil man zu ſeinen Feten geht . daß man aber dahin geht, iſt auch eine Unwürdigkeit.“ „Ah! Herr Gerald,“ ſagte Frau von Mirecourt, „„Sie ſind ein zu großer Rigoriſt.“ „„Ich,““ erwiederte Herr von Senneterre lachend, „„ich ein Rigoriſt, welche abſcheuliche Verleumdung! .. ich will Ihnen das Gegentheil beweiſen . . Halt.. ſehen Sie den kleinen grünen Brougham, der dort iommt „„Gerald,““ rief raſch Frau von Senneterre, indem ſie mich mit dem Blick bezeichnete, denn ich hatte maſchi⸗ nenmäßig den Kopf nach dem von Herrn von Senneterre angedeuteten Wagen gewendet, in welchem eine ſehr junge und ſehr hübſche Frau fuhr, die ihm, wie es mir ſchien, mit den Augen folgte. Bei dem Ausruf ſeiner Mutter und bei dem Blick, den ſie auf mich warf, biß ſich Herr von Senneterre auf die Lippen und antwortete lächelnd: „Sie haben Recht, meine Mutter, die Engel wären zu unglücklich, wenn ſie erführen, daß es Teufel auf Erden t . 8 „Ohne Zweifel war dieſe Art von Entſchuldigung mittelbar von Herrn von Senneterre an mich gerichtet, denn zwei von den Damen ſchauten mich lächelnd an, und ich fühlte mich ſehr verlegen. „Als es Zeit war, die Promenade zu verlaſſen, ſagte Frau von Senneterre zu ihrem Sohne: 149 „„Ich ſehe Dich ſogleich wieder, Du wirſt doch mit mir zu Mittag eſſen, nicht wahr?““ „„Nein, meine Mutter, und ich bitte Sie um Ver⸗ zeihung, daß ich Ihnen nicht früher ſagte, ich habe über meinen Abend verfügt.“ „„Das iſt ein Unglück für Dich,““ erwiederte Frau von Senneterre lächelnd, „„denn ich habe für dieſen Abend über Dich verfügt.““ „„Ganz gut, meine Mutter,“ ſprach Herr von Sen⸗ neterre mit liebevollem Ausdruck, „„ich werde eine Zeile ſchreiben, um mich frei zu machen, und bin dann zu Ihren Und nachdem er uns gegrüßt, ſetzte Herr von Sen⸗ neterre, der äußerſt leicht und vollkommen anmuthig ritt, ſein Pferd in Galopp. Die Wahrnehmung über ſein Reiten machte mich traurig, denn ich wurde durch die Haltung von Herrn von Senneterre an die ſeltene Eleganz meines armen Vaters erinnert. „Wie es mir bei dieſem Zuſammenſein vorkam und obgleich er nur wenig mit mir ſprach, muß Heer von Senneterre einen offenherzigen, edlen und entſchloſſenen Charakter und eine zärtliche Ehrfurcht für ſeine Mutter haben.. Dies dachten auch die Damen, denn bis zu dem Augenblick, wo wir ſie verließen, hörten ſie nicht auf, Herrn von Senneterre zu loben. „Am andern Tag und am dritten Tag ſahen wir Herrn von Macreuſe wiever in der Kirche: ſein Schmerz ſchien nicht minder tief, aber ruhiger oder vielmehr düſterer. Zwei oder dreimal fügte es der Zufall, daß er ſeine Blicke uns zuwendete und ich weiß nicht, warum ſich mein Herz gepreßt fühlte, wenn ich ſeine ſo ſchwermüthig ſanften Züge, ſein beſcheidenes, ſchüchternes Ausſehen mit der cavalieren Leichtigkeit des Herrn Herzogs von Senneterre verglich. „Zwei Tage nach unſerer Spazierfahrt in den Champs⸗ Elyſées begleitete ich meinen Vormund in den Garten des Luxembourg, wie ich es ihm verſprochen hatte. „Wir beſuchten die Gewächshäuſer und die ſchönen 150⁰ Sammlungen von Roſenſtöcken, als ein Freund von Herrn von la Rochaigue auf uns zutrat; er ſtellte mir ihn unter dem Namen eines Herrn Baron von Ravil vor, wie ich mich erinnere. „Dieſer Herr begleitete uns einige Augenblicke, dann zog er ſeine Uhr und ſagte zu Herrn von la Rochaigue: „„Verzeihen Sie, daß ich Sie ſo bald verlaſſe, Herr Baron; doch es liegt mir daran, die bekannte Sitzung nicht zu verſäumen . „„Welche Sitzung?““ fragte mein Vormund. „„Wie! Herr Baron, Sie wiſſen nicht, daß Herr von Mornand heute ſpricht?““ „„Wäre es möglich?““ „„Gewiß; ganz Paris befindet ſich in der Kammer der Pairs, denn wenn Herr von Mornand dort ſpricht, iſt es ein Creigniß.““ „„Ich glaube es wohl, ein ſo bewunderungswürdiges Talent!““ rief mein Vormund, „„ein Mann, der unfehl⸗ bar früher oder ſpäter Miniſter werden wird.. Ah! welch ein Unglück, daß ich nicht zuvor davon unterrichtet war ... Ich bin ſicher, meine liebe Mündel, dieſe Sitzung hätte Sie intereſſirt, trotz der Tollheiten, die Ihnen Frau von la Rochaigue erzählt. Sie würde mich ganz ge⸗ wiß eines Hinterhalts beſchuldigt haben, wenn ich Sie hätte können der heutigen Sitzung beiwohnen laſſen.““ „„Aber wenn es das Fräulein nur im Geringſten wünſchte,“ ſagte Herr von Ravil zu meinem Vormund, „„ich ſtehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Baron. .. Als ich Ihnen begegnete, wartete ich eben auf eine meiner Verwandtinnen und deren Mann; ſie werden wahrſcheinlich nicht kommen; ich habe mir Billets auf die Diplomaten⸗ tribune verſchafft, und dürften ſie Ihnen angenehm ſein ““ „„Was ſagen Sie dazu, meine liebe Mündel?““ „„Ich werde thun, mein Herr, was Ihnen beliebt. auch ſcheint mir,““ fügte ich aus Rückſicht für meinen Vormund bei, „„auch ſcheint mir, eine Sitzung der Kammer der Pairs muß in der That ſehr intereſſant ſein.““ 15¹ „„Gut, ich nehme Ihr Anerbieten an, Herr von Ravil,“ ſagte raſch Herr von la Rochaigue, „„und es wird Ihnen das ſeltene Glück zu Theil, meine liebe Mündel,““ fügte er bei, „„gerade einen Tag zu treffen, wo Herr von Mornand ſprechen ſoll, das iſt eine Gunſt des Schickſals.““ „Wir beſchleunigten unſere Schritte, um den Pallaſt des Lurembourg zu erreichen. „In dem Augenblick, wo wir den Garten verließen, ſah ich in der Ferne Herrn von Maillefort, der uns zu folgen ſchien. „„Das wunderte und beunruhigte mich. „„Wie kommt es, daß ſich dieſer boshafte Menſch beinahe immer auf unſern Wegen findet?““ ſagte ich zu mir ſelbſt; „„wer konnte ihn ſo von unſern Plänen unterrichten?“ „Die Diplomatentribune, wo wir Platz nahmen, war ſchon voll von ſehr eleganten Damen; ich ſetzte mich auf eine der hinterſten Bänke zwiſchen meinen Vormund und Herrn von Ravil. „Als dieſer Jemand neben uns ſagen hörte, ein be⸗ rühmter Redner (es handelte ſich nicht um Herrn von Mornand), ſollte auch in dieſer Sitzung ſprechen, erwie⸗ derte Herr von Ravil, es trete kein anderer berühmter Redner auf, als Herr von Mornand, und dieſe Menge ſei nur gekommen, um ihn zu hören. Beinahe in demſelben Augenblick beſtieg dieſer die Rednerbühne, und alsbald trat ein tiefes Stillſchweigen ein. „Ich war nicht fähig, die Rede von Herrn von Mor⸗ nand zu beurtheilen, und größtentheils auch nicht einmal, ſie zu begreifen; es wurden Gegenſtände verhandelt, die mir völlig fremd waren; doch ich fühlte mich gerührt von dem Ende dieſer Rede, wo er mit warmem Mitleid von dem traurigen Schickſal der Fiſcherfamilien ſprach, welche am Geſtade auf einen Vater, auf einen Sohn, auf einen Gatten, im Augenblick, wo ſich der Sturm erhebt, warteten. „Der Zufall wollte es, daß Herr von Mornand, während er dieſe rührenden Worte ſprach, ſich unſerer Tribune zuwandte; ſein eindrucksvolles Antlitz kam mir 1⁵2 bewegt von einem tiefen Erbarmen für das Schickſal der Unglücklichen vor, deren Vertheidigung er gleichſam über⸗ nommen hatte. „„Er iſt bewunderungswürdig,““ ſagte halblaut Herr von Ravil, während er ſich die Augen trocknete, denn er ſchien lebhaft erſchüttert. „„Herr von Mornand iſt erhaben!!““ rief mein Vormund: „„ſeine Rede genügt, um eine Verbeſſerung für Tauſende von Fiſcherfamilien herbeizuführen.““ „Zahlreicher Beifall wurde Herrn von Mornand am Ende ſeiner Rede zu Theil; er war im Begriff, die Tri⸗ bune zu verlaſſen, als ein anderer Pair von Frankreich, mit boshaftem, hämiſchem Geſicht, von ſeinem Platz aus mit ſpöttiſchem Tone rief: „„Ich bitte die Kammer um Erlaubniß, dem Herrn Grafen von Mornand eine einfache Frage vorlegen zu dürfen, ehe er von dieſer Tribune herabſteigt und folglich ſein edles und plötzliches Mitleid für die Kabeljaufänger verdunſtet iſt.““ „„Wenn es Ihnen genehm iſt, Herr Baron,““ ſagte raſch Herr von Ravil zu meinem Vormund, „„wenn es Ihnen genehm iſt, verlaſſen wir ſogleich die Tribune wegen des Gedränges; Herr von Mornand hat geſprochen, und Jedermann wird gehen wollen, denn es kommt nichts“ Intereſſantes mehr vor.““ „Herr von la Rochaigue bot mir ſeinen Arm und in dem Augenblick, wo wir den Saal verließen, hörten wir ein allgemeines, ſchallendes Gelächter. 2 „„Ich ſehe, was das iſt,““ ſagte Herr von Ravil, „„Herr von Mornand ſchmettert unter ſeinen Sarkasmen den Unklugen nieder, der die Frechheit hatte, eine Frage an ihn ſtellen zu wollen, denn dieſer Teufel von einem Mornand hat, wenn ihn die Luſt erfaßt, Witz wie ein Dämon.““ „Mein Vormund machte mir den Vorſchlag, unſern Spaziergang fortzuſetzen und bis zum Obſerhatoire zu gehen; ich willigte ein. — 153 „Herr von Ravil begleitete uns. „„Herr Baron,““ ſagte er zu meinem Vormund, „„haben Sie Frau von Bretigny bemerkt, welche beinahe zugleich mit uns wegging?““ „„Die Frau des Miniſters? nein, ich habe ſie nicht bemerkt ..““ antwortete mein Vormund. „„Ich bedanre es für Sie, Herr Baron, denn Sie hätten eine der beſten Perſonen, die man treffen kann, ge⸗ ſehen; man hat keinen Begriff, welchen wunderbaren Nutzen ſie aus ihrer Stellung als Frau eines Miniſters zieht, wie viel Gutes ſie thut, welche Ungerechtigkeiten ſie aus⸗ gleicht, welche Unterſtützungen ſie erlangt .. . es iſt eine wahre Vorſehung.““ „„Das wundert mich nicht,““ ſagte mein Vormund, „„in einer Lage, wie die von Frau von Bretigny iſt, kann man ſo viel Gutes thun, denn ...““ „Dann ſich plötzlich unterbrechend, ſprach raſch mein Vormund zu Herrn von Ravil: „„Ah! mein Gott! iſt es nicht er, der dort in jener abgelegenen Allee geht? Sehen Sie, der Herr, der die Blumen anſchaut.““ „„Wer dies, Herr Baron?““ „„Herr von Mornand.““ „„Ja, ja.. .““ erwiederte Herr von Ravil, „„er iſt es er iſt es; er hat ſeinen Triumph von vorhin ver⸗ geſſen und erholt ſich von ſeinen großen politiſchen Arbeiten dadurch, daß er zu ſeinem Vergnügen die Blumen an⸗ ſchaut .. Das ſetzt mich nicht in Erſtaunen, denn bei ſeinem Talent, bei ſeinem politiſchen Genie iſt er der ein⸗ fachſte, der beſte Mann der Welt . .. und ſein Geſchmack beweiſt dies. Was ſucht er nach dem wunderbaren Er⸗ folg, den er gehabt hat? die Einſamkeit und die Blumen.““ „„Herr von Ravil, kennen Sie Herrn von Mor⸗ nand?““ fragte mein Vormund. „„Sehr wenig. .. ich treffe ihn zuweilen in der Ge⸗ ſellſchaft.“ 154 „„Doch Sie kennen ihn genug, um ihn anzureden, nicht wahr?““ „„Gewiß.““ „„Nun, ſo wünſchen Sie ihm Glück zu dem Sieg, den er davon getragen; wir werden Ihnen folgen und ſo den großen Mann von Nahem ſehen. Was ſagen Sie zu unſerem Complott, meine liebe Mündel?““ „„Ich werde Sie begleiten, mein Herr; man ſieht immer gern Männer, welche ſo ausgezeichnet wie Herr von Mornand zu ſein ſcheinen.““ „Hienach veränderten wir die Richtung unſeres Ganges und kamen bald, geführt von Herrn von Navil, in die Allee, in der ſich Herr von Mornand befand; auf die Complimente, welche ihm Herr von Ravil und gelegentlich mein Vormund machten, antwortete Herr von Mornand mit eben ſo viel Beſcheidenheit, als Einfachheit; einige Male richtete er das Wort mit außerordentlichem Wohl⸗ wollen an mich, und nach einem kurzen Geſpräch über⸗ ließen wir Herrn von Mornand ſeinem einſamen Spazier⸗ gang. „„Und wenn man bedenkt,““ ſprach Herr von Ravil, „„daß vielleicht, ehe ſechs Monate vergehen, dieſer Mann von ſo einfachen Formen Frankreich regieren wird. „„Sagen Sie von vortrefflichen Formen, mein lieber Herr von Ravil,““ entgegnete mein Vormund; „„Herr von Mornand hat ganz die Manieren eines hochgeſtellten Mannes; er iſt zugleich freundlich und impoſant. Bei Gott! er gehört nicht zu den geckenhaften Hohlköpfen, wie man ſo viele ſieht.. welche nur an ihre Halsbinde und an ihre Pferde denken.““ „„Und dieſe Gecken werden im Allgemeinen wenig berufen ſein, Frankreich zu regieren,““ ſprach Herr von Ravil, „„ich ſage regieren, denn Herr von Mornand würde nie ein untergeordnetes Miniſterium annehmen; er wird Chef des Cabinets ſein, das er zu bilden hat.“ „„Ei! mein Gott!““ rief Herr von la Rochaigue, „„es ſind noch keine ſechs Wochen, daß man von ihm in 15⁵ beneiergen als vom Präſidenten eines neuen Miniſteriums prach.““ „„Gott wolle es, Herr Baron! Gott wolle es für das Glück Frankreichs für den Frieden Europas .. für die Ruhe der Welt .““ fügte mit tief durchdrun⸗ genem Tone Herr von Ravil bei, der uns nun bald verließ. „Als ich mit meinem Vormund nach Hauſe zurück⸗ kehrte, dachte ich, es wäre eine ſchöne und hohe Stellung, die eines Mannes, der wie Herr von Mornand einen ſo großen Einfluß auf das Glück Frankreichs, auf den Frieden Europas und auf die Ruhe der Welt üben könnte. „Dies, meine liebe Mama, ſind die Umſtände, unter denen ich zum erſten Mal mit den Herren von Macreuſe, von Senneterre und von Mornand zuſammengetroffen bin. „Vernehmen Sie auch die Folgen dieſes Zuſammen⸗ treffens.“ Pierzehntes Rapitel. Fräulein von Beaumesnil ſetzte ihr Tagebuch mit fol⸗ genden Worten fort: „Nach einigen Tagen war es Fräulein Helena, wie ſie mir ſagte, gelungen, den Namen des jungen Mannes zu erfahren, den wir jeden Morgen in der Kirche trafen. „Er hieß Herr Celeſtin von Macreuſe. Fräu⸗ lein Helena hatte die genauſte Auskunft über ihn; ſie ſprach Anfangs viel und dann beſtändig hievon. Herr von Ma⸗ ereuſe gehörte, wie ſie ſagte, durch ſeine Verwandtſchaft und durch ſeine Verbindungen der beſten und größten Geſell⸗ ſchaft anz von muſterhafter Frömmigkeit, von engeliſcher — 156 Wohlthätigkeit, hatte er ein Werk von wunderbarer Men⸗ ſchenfreundlichkeit gegründet, und obgleich er noch jung war, wurde doch ſein Name überall mit Liebe und Ehr⸗ furcht genannt. „Frau von la Rochaigue ſprach ihrerſeits mit den größten Lobeserhebungen von Herrn von Senneterre, wäh⸗ rend mein Vormund oft eine Gelegenheit herbeiführte, um mit Begeiſterung von Herrn von Mornand zu reden. „Ich fand Anfangs nichts Auſſerordentliches dabei, vaß ich ſo oft in meiner Gegenwart Perſonen loben horte, die mir dieſes Lob zu verdienen ſchienen, nur bemerkte ich, daß die Namen der Herren von Macreuſe, von Senneterre und von Mornand von meinem Vormund, von ſeiner Schweſter und von ſeiner Frau einzig und allein in den Unterredungen ausgeſprochen wurden, welche dieſe drei Perſonen zuweilen abgeſondert mit mir hatten. „Es kam endlich der Tag, wo mir Herr von Maillefort ſo boshaft, oder vielmehr leider ſo wahr die Urſache der Zuvorkommenheiten, der Schmelcheleien, mit denen man mich umgab, erklärte. „Durch Fräulein Helena unterrichtet, befürchteten ohne Zweifel mein Vormund und ſeine Frau die Folgen dieſer Offenbarung, über die ich nur zu ſehr betroffen geweſen zu ſein ſchien; am Abend und am andern Tag enthüllten mir alle Drei abgeſondert ihre, ohne Zweifel ſchon ſeit langer Zeit feſtgeſtellten, Pläne, und gemäß der geiſtigen Beſchaffenheit und dem Charakter des Bewerbers (denn es handelte ſich nun um Bewerber), erklärte mir Jedes, ich halte das Glück meines Lebens und die Gewißheit einer beſeligenden Zukunft in meinen Händen, wenn ich heirathe „Herrnvon Macreuſe, — nach Fräulein Helena; „Herrn von Senneterre, — nach Frau von la Rochaigue; . „Herrn von Mornand, — nach meinem Vor⸗ mund. „Bei dieſen unerwarteten Anträgen waren mein Er⸗ ſtaunen, meine Unruhe ſogar ſo groß, daß ich kaum etwas „ 157 zu erwiedern vermochte; man hielt meine verlegenen Worte zuerſt für eine Art von ſtillſchweigender Einwilligung .. . und aus Ueberlegung ließ ich ſodann die Protectoren der drei Bewerber in dieſem Irrthum. „Dann wurden die Bekenntniſſe vollſtändig: „„Meine Schwägerin und mein Bruder,““ ſagte Fräu⸗ lein Helena zu mir, „„find vortreffliche Perſonen, aber ſehr weltlich, ſehr leichten Sinnes, ſehr eitel; ſie wären nicht fähig, die ſeltene Solidität der Grundſätze von Herrn von Macreuſe zu erkennen, ſeine chriſtlichen Tugenden, ſeine engeliſche Frömmigkeit zu ſchätzen . . . Sie müſſen alſo das Geheimniß für ſich behalten, meine liebe Erneſtine, bis zu dem Tag, wo Sie die Wahl, die ich Ihnen vorſchlage, weil Sie der Billigung Aller würdig iſt, getroffen haben. Stolz, geehrt durch dieſe Wahl, brauchen Sie dieſelbe dann nur meinem Bruder, Ihrem Vormund, zu eroͤffnen, der fie, ich bezweifle es nicht, gut heißen wird, wenn Sie Ihren Willen mit Feſtigkeit erklären. Sollte er ſich, gegen alle Wahrſcheinlichkeit, weigern, ſo wären wir auf andere Mittel bedacht, und wir wüßten ihn wohl zu zwingen, Ihr Glück zu ſichern.““ „„Meine arme Schweſter Helena,““ ſagte Herr von la Rochaigue zu mir, „„iſt ein gutes Geſchöpf . . ganz in Gott . . . es iſt wahr, aber ſie weiß nichts von den Dingen hienieden . . . Wenn es Ihnen einfiele, mit ihr von Herrn von Mornand zu reden, ſo würde ſie die Augen weit aufreißen und Ihnen ſagen, er habe ſich von den Eitelkeiten dieſer Welt nicht frei gemacht, er habe ein ehrgeiziges Streben nach der Macht u. ſ. w. u. ſ. w. Meine Frau iſt vollkommen; doch trennen Sie ſie von ihrer Toilette, von ihren Bällen, von ihrem welt⸗ lichen Geplauder, entfernen Sie ſie von ihren unnützen Schönen, die nur ihre Halsbinde anzuziehen und ſich friſch zu behandſchuhen wiſſen, ſo iſt ſie vollig ihrer Sphäre entrückt, weil ſie gar kein Bewußtſein der erhabenen Dinge beſitzt. .. Für ſie wäre Herr von Mornand ein ernſter, ſtrenger Menſch, ein Staatsmann, und aus der Art 158 und Weiſe, wie Sie meine Frau über die Sitzungen der Kammer der Pairs haben ſprechen hören, können Sie ſchließen, wie ſie unſere Pläne aufnehmen würde!. Dies Alles bleibe alſo unter uns, meine liebe Mündel, und iſt einmal Ihr Entſchluß gefaßt, ſo wird, da ich im Ganzen Ihr Vormund bin, und da Ihre Verheirathung von meiner Einwilligung allein abhängt, Ihr Wille auf kein Hinder⸗ niß ſtoßen.““ „„Sie können ſich wohl denken, meine liebe Schöne,“ ſprach endlich Frau von la Rochaigue zu mir, „„Sie kön⸗ nen ſich denken, daß Alles, was ich Ihnen über den Herrn Herzog von Senneterre geſagt habe, durchaus unter uns geheim bleiben muß .. In Beziehung auf das Heirathen iſt meine Schwägerin Helena von einer mehr als naiven Unſchuld, ſie kennt nur die Heirath mit dem Himmel, und was meinen Mann betrifft, ſo haben ihm die Politik und der Ehrgeiz das Hirn verrückt; er träumt nur von der Kammer der Pairs, und er iſt leider Allem, was die Mode, die Eleganz, die Vergnügungen betrifft, ſo fremd als ein Hurone; doch man lebt im Ganzen nur durch und für die Eleganz, die Mode und die Vergnügungen, beſonders, wenn es ſich darum handelt, dieſes bezaubernde Leben mit einem jungen und reizenden Herzog, mit dem liebenswürdigſten und edelſten Menſchen zu theilen; bewahren wir alſo das Geheimniß, meine liebe Schöne, und iſt der Augenblick gekommen, Ihren Entſchluß Ihrem Vormund zu verkün⸗ digen, ſo übernehme ich es.. Herr von la Rochaigue hat die Gewohnheit, der unterthänigſte Diener meines Wil⸗ lens zu ſein; ich habe ihn längſt an dieſe untergeordnete Stellung gewöhnt, und er wird Alles thun, was wir wollen. Uebrigens habe ich eine vortreffliche Idee,“ fügte Frau von la Rochaigue bei, „„ich habe eine von meinen Freun⸗ dinnen, die Sie kennen, Frau von Mirecourt, erſucht, in acht Tagen einen großen Ball zu geben. Nächſten Don⸗ nerſtag alſo können Sie bei dem öffentlichen Téte--téte eines Contretanzes die Aufrichtigkeit der Gefühle, welche Herr von Senneterre für Sie hegt, beurtheilen.“ 1⁵9 „Am Tag nach dieſer Unterredung mit Frau von la Rochaigue ſagte mein Vormund im Vertrauen zu mir: „„Meine Frau hat den glücklichen Gedanken gehabt, Sie auf den Ball zu führen, den Frau von Mirecourt gibt; Sie werden Herrn von Mornand vort finden, und es wird ihm, Gott ſei Dank! nicht an Gelegenheit fehlen, Sie von dem plötzlichen, unwiderſtehlichen Eindruck zu über⸗ zeugen, den Ihr Anblick auf ihn hervorbrachte, als wir ihm nach der Sitzung unſer Compliment über den glück⸗ lichen Erfolg ſeiner Rede machten.““ „Zwei Tage endlich, nachdem mein Vormund und ſeine Frau über ihre Ballpläne mit mir geſprochen hatten, ſagte Fräulein Helena zu mir: „„Meine liebe Erneſtine, meine Schwägerin führt Sie Donnerſtag auf einen Ball; ich hielt dies fur eine vor⸗ treffliche Gelegenheit, Sie mit Herrn von Macreuſe in Ver⸗ bindung zu bringen; obgleich dieſer arme junge Mann, den überdies der Kummer niederbeugt, keine von den leichtfer⸗ tigen Eigenſchaften beſitzt, durch die man bei einem Feſte glänzt, hat er doch eine ihm befreundete, in der Welt ſehr hochgeſtellte Dame, die Schweſter des Biſchofs von Ra⸗ topolis, beauftragt, Frau von Mirecourt um eine Ein⸗ ladung für ihn zu bitten; dieſe Einladung wurde ihm mit aller Zuvorkommenheit überſchickt; Domerſtag werden Sie ihn alſo hören, und, deſſen bin ich gewiß, Sie können der Aufrichtigkeit ſeiner Sprache nicht widerſtehen, wenn Sie erfahren, daß, wie er mir ſelbſt geſagt hat, ſeitdem er Sie in der Kirche geſehen, Ihr angebetetes Bild ihm überall⸗ hin folgt und ihn ſogar in ſeinem Gebete ſtört.““ „Auf dem Ball nächſten Donnerſtag alſo, meine liebe Mama, ſoll ich mich mit den Herren von Macreuſe, von Senneterre und von Mornand zuſammenfinden. „Hätte ich auch nicht einer Bosheit von Herrn von Maillefort die grauſame Offenbarung über den wahren Beweggrund der Gefühle der Bewunderung und der Zu⸗ neigung, die man ſo allgemein für mich äußert, zu ver⸗ danken gehabt, ſo müßten doch mein Argwohn, meine Be⸗ 160 fürchtungen durch die Heimlichkeiten, vurch die Verſtellung, durch die Falſchheit der Perſonen, von denen ich umgeben bin, erweckt worden ſein, dieſer Perſonen, welche, ohne daß die eine etwas von der andern weiß, ihre Heirathspläne ausſpinnen und ſich gegenſeitig anſchwärzen und hinter⸗ gehen, um einzeln in ihren Entwürfen zu ſiegen. Aber, ach! beurtheile meine Bangigkeit, gute und zärtliche Mut⸗ ter, nun, da dieſe zwei aufeinander folgenden Offen⸗ barungen die eine durch die andere ein neues, ernſtes Ge⸗ wicht erlangt haben! „Um dieſe Bekenntniſſe zu vervollſtändigen, theure Mutter, muß ich Dir ſagen, welche Eindrücke Anfangs die Perſonen auf mich hervorbrachten, die zu heirathen man mich bewegen will. „Bis auf dieſen Augenblick hatte ich übrigens keinen Gevanken an eine Heirath; die Zeit, in der ich an einen ſolchen Entſchluß denken ſollte, ſchien mir ſo entfernt; dieſer Entſchluß ſelbſt kam mir ſo ernſt vor, daß ich, wenn ich auch zuweilen unbeſtimmt daran dachte, mir nur Glück wünſchte, daß ich noch ſo fern von der Epoche war, wo ich mich hiemit beſchäftigen müßte, oder wo man ſich ohne Zweifel für mich damit beſchäftigen würde. „Ohne allen Hintergedanken alſo war ich gerührt von dem Schmerz von Herrn von Macreuſe, der wie ich den Verluſt ſeiner Mutter beklagte das Gute, das Fräulein Helena mir unabläßig von ihm ſagte, die Sanft⸗ heit in ſeinem von Schwermuth zeugenden Antlitz, ſeine Herzensgüte, die ſich durch ſeine vielen Almoſen offenbarte, Alles trug dazu bei, eine tiefe Achtung dem Mitleid bei⸗ zufügen, das ich für ihn empfand. „Durch die Offenherzigkeit und den Adel ſeines Cha⸗ rakters, durch ſeine Heiterkeit, durch die Anmuth, durch die Eleganz ſeiner Manieren gefiel mir Herr von Senneterre ungemein, und er hatte mir, die ich doch ſo zurückhaltend bin, beſonders ein großes Zutrauen eingeflößt, wie mir ſcheint. „Herr von Mornand imponirte mir außerordentlich 161 durch die Erhabenheit ſeines Charakters und ſeines Talents, ſowie durch den großen Einfluß, deſſen er ſich zu erfreuen ſchien; ich fühlte mich beinahe ſtolz auf die paar wohl⸗ wollenden Worte, die er, als ich mit ihm im Garten des Luxembourg zuſammentraf, an mich richtete. „Ich ſage, daß ich dies Alles empfunden habe, liebe Mama, denn zu dieſer Stunde, da ich von den Hei⸗ rathsplänen unterrichtet bin, die man mit dieſen drei Per⸗ ſonen in's Werk zu ſetzen gedenkt .. zu dieſer Stunde, da die Offenbarung von Herrn von Maillefort mich an Allem und an Allen an Jedem und an mir ſelbſt zweifeln macht vermag ich nicht mehr in meinem eigenen Herzen zu leſen. „Und vom Argwohn erfaßt und feſtgehalten, frage ich mich, warum dieſe Bewerber um meine Hand nicht auch durch die ſchmähliche Triebfeder, der alle Perſonen, von denen ich umgeben bin, gehorchen, geleitet werden ſollten? „Und bei dieſem Gedanken beunruhigt mich, ängſtigt mich Alles, was mir an ihnen geſiel, was ich an ihnen bewunderte. „Wenn dieſer Anſchein, rührend und fromm bei Herrn von Macreuſe, anmuthig und ritterlich bei Herrn von Sen⸗ neterre, impoſant und hochherzig bei Herrn von Mornand, niedrige und käufliche Seelen verbergen würde? „Oh! meine Mutter! wenn Du wüßteſt, wie gräßlich dieſe Zweifel ſind, welche das durch die Offenbarung von Herrn von Maillefort begonnene Werk des Mißtrauens vervollſtändigen! 8 „Meine Mutter meine Mutter, das iſt ſchrecklich! denn ich ſoll am Ende nicht immer mit meinem Vormund und ſeiner Familie leben, und von dem Tag, wo ich die Ueberzeugung erlange, daß ſie mich getäuſcht, daß ſie mir in einem erbärmlichen Intereſſe geſchmeichelt, werde ich für ſie nur noch eine kalte Verachtung haben. „Aber wenn ich mir ſagen ſoll, daß man mich, weil 11 Die ſieben Todſünden. M. 162 ich ungeheuer reich bin, nur meines Geldes wegen heirathen wird. .. „Wenn ich denken ſoll, daß ich unſeliger Weiſe dazu beſtimmt bin, die ſchmerzlichen Folgen einer ſolchen Ver⸗ bindung zu ertragen, nämlich .. früher oder ſpäter die Gleichgültigkeit, die Verachtung das Verlaſſen .. den Haß vielleicht. . . denn das müſſen in der Folge die Gefühle eines Mannes ſein, der gemein genug iſt, nach einer Frau im Intereſſe ſeiner Habgier zu verlangen. „Ich wiederhole Dir, meine Mutter, dieſer Gedanke iſt gräßlich er belagert mich, er beängſtigt mich, und ich wollte es verſuchen, ihm um jeden Preis zu entgehen „ „Ja, ſelbſt um den Preis einer gefährlichen, vielleicht unſeligen Handlung. „So, meine liebe Mama, wurde ich zu dem Entſchluß gebracht, von dem ich ſpreche. „Um dieſen grauſamen Ungewißheiten zu entgehen, die mich an den Andern und an mir ſelbſt zweifeln machen, muß ich endlich wiſſen, was ich bin, was ich ſcheine, welchen Werth ichhabe, abgeſehen von meinem Vermoͤgen. „Habe ich über dieſen Punkt eine feſte Anſicht, ſo werde ich das Wahre vom Falſchen, die käuflichen Schmei⸗ cheleien von dem aufrichtigen Intereſſe, das ich vielleicht durch mich ſelbſt und ohne dieſes verfluchte Vermögen ver⸗ diene, zu unterſcheiden wiſſen. „Doch um zu erfahren, was ich bin, welchen Werth ich wirklich habe, an wen ſoll ich mich wenden? Wer wird die Offenherzigkeit haben, bei ſeiner Schätzung das Mädchen von der Erbin zu trennen? „Und würde überdies ein einzelnes Urtheil ſo ſtreng oder ſo wohlwollend es ſein möchte, genügen, um mich zu überzeugen, zu beruhigen? „Rein, nein ich fühle es, ich bedarf des Urtheils, der Schätzung mehrerer nothwendig uneigennütziger Perſonen. „Aber dieſe Richter, wo ſie finden? 163 „Indem ich beſtändig hieran dachte, liebe Mama, erſann ich mir folgenden Plan: „Madame Lainé erzählte mir vor acht Tagen von kleinen geſellſchaftlichen Unterhaltungen, welche jeden Sonn⸗ tag eine ihrer Freundinnen gebe. Ich ſuchte und fand dieſen Abend das Mittel, mich morgen bei einer ſolchen Unterhaltung durch meine Gouvernante als ihre Ver⸗ wandtin, eine junge Waiſe ohne Vermögen, welche von ihrer Arbeit lebe, wie alle Perſonen, aus denen dieſe Ge⸗ ſellſchaft beſteht, vorſtellen zu laſſen. Ich bin dort Nie⸗ mand bekannt, das Urtheil, das man über mich fällt, wird ſich durch den Empfang äußern, der mir zu Theil wird; die ſeltenen Vorzüge, mit denen ich nach dem Aus⸗ ſpruche derer, welche mich umgeben, begabt bin, haben bis jetzt eine ſo plötzliche, ſo unwiderſtehliche Wir⸗ kung, wie ſie ſagen, auf ſie und auf die Perſonen, die ſie für meine Wahl bezeichnen, gemacht; ich bringe in den Geſellſchaften, die ich beſuche, eine ſo allgemeine Wirkung hervor, daß ich werde eine nicht minder ergreifende Wir⸗ kung auf die Perſonen hervorbringen, welche die beſcheidene Verſammlung von Madame Herbaut bilden. „Wenn nicht, ſo hat man mich getäuſcht ... ſo hat man mich grauſam hintergangen, man hat ſich nicht ge⸗ ſcheut, für immer meine Zukunft dadurch gefährden zu wollen, daß man meine Wahl auf Bewerber zu lenken verſuchte, welche einzig und allein durch die Habgier an⸗ gelockt wurden. „Dann habe ich einen letzten Entſchluß zu faſſen, um d Fallen zu entgehen, die man mir von allen Seiten en „Welcher Entſchluß wird dies ſein? „Ich weiß es nicht; ach! wem ſoll ich mich fortan, vereinzelt, verlaſſen wie ich bin, anvertrauen? .. „Wem? Ei! mein Gott! Dir, meine Mutter, Dir wie immer; ich werde den Eingebungen gehorchen, die Du mir zuſchickſt, wie Du mir vielleicht dieſe zugeſchickt haſt. .. Denn ſo ſeltſam ſie auch erſcheinen mag, ſo entſchuldigt 164 ſie ſich doch wohl durch die Vereinzelung, in der ich lebe. Sie geht endlich aus einem richtigen und billigen Gefuͤhl hervor: aus dem Bedürfniß, die Wahrheit zu erfahren, ſo enttäuſchend ſie auch ſein mag. „Morgen alſo, dazu bin ich feſt entſchloſſen, werde ich mich in die Geſellſchaft von Madame Herbaut begeben.“ Am andern Tag ſchützte Fräulein von Beaumesnil nach der Verabredung, die ſie mit Madame Lainé getroffen, eine Unpäßlichkeit vor; ſie entging durch eine feſte Weige⸗ rung den eifrigen Bemühungen der la Rochaigue und ent⸗ fernie ſich bei Einbruch der Nacht mit ihrer Gouvernante auf der kleinen Geheimtreppe, die mit ihrer Wohnung in Verbindung ſtand; in einiger Entfernung von dem Hotel la Rochaigue ſtiegen ſodann Fräulein von Beaumesnil und Madame Lainé in einen Fiacre und ließen ſich nach den Batignolles zu Madame Herbaut führen. Fünfzehntes Rapitel. Madame Herbaut hatte im dritten Stock des Hauſes, das auch der Commandant Bernard bewohnte, eine ziem⸗ lich große Wohnung inne; der Raum, der für die Geſell⸗ ſchaft an jedem Sonntag beſtimmt war, beſtand aus dem Speiſezimmer, wo man zum Klavier tanzte; aus dem Sa⸗ lon, in dem zwei Spieltiſche für die Perſonen ſtanden, welche nicht tanzten, und endlich aus dem Schlafzimmer von Madame Herbaut, wohin man ſich zurückziehen und wo man plaudern konnte, yhne durch das Geräuſch des Tan⸗ zes geſtört zu werden und ohne die Spieler zu ſtören. 165 Dieſe äußerſt einfache Wohnung deutete den beſchei⸗ venen Wohlſtand an, deſſen ſich Madame Herbaut, die Witwe eines Handelsmanns, die ſich mit einem kleinen, ehrlich erworbenen Vermögen aus dem Geſchäft zurückge⸗ zogen, erfreute. Die zwei Töchter dieſer würdigen Frau beſchäftigten ſich auf eine einträgliche Weiſe, die eine mit Porzellanmalerei, die andere mit Notenſtechen, wodurch dieſe junge Perſon in Verbindung mit Herminie, der Her⸗ zogin, kam, welche erwähnter Maßen auch Noten ſtach, wenn es ihr an Klavierlectionen fehlte. Man konnte ſich nichts Heitereres, nichts Lachendereres, nichts Jugendlicheres denken, als die Mehrzahl der an diefem Abend bei Madame Herbaut Verſammelten: es waren etwa fünfzehn Mädchen, von denen das älteſte nicht zwanzig Jahre zählte, alle entſchloſſen, luſtig ihren Sonntag zu endigen, den Tag des Vergnügens und der Ruhe, muthig errungen durch die Arbeit und den Zwang einer ganzen Woche, ſei es auf dem Comptvir, ſei es im Magazin, ſei es in irgend einer finſteren Hinterbude der Rue Saint⸗ Denis oder der Rue des Bourdonnais, oder endlich in irgend einer Koſtſchule. Mehrere von dieſen Mädchen waren reizend, beinahe alle mit jenem Geſchmack angezogen, den man nur in Paris in dieſer beſcheidenen und arheitſamen Claſſe findet; ihre Kleidung war überdies ſehr friſch. Die armen Mädchen, die ſich nur einmal in der Woche putzten, ſparten alle ihre kleinen Mittel der Coquetterie für dieſen einzigen Feſttag auf, der am Sonnabend ſo ungeduldig erwartet, am Montag ſo grauſam bedauert wurde. Der männliche Theil der Verſammlung bot, wie ſich dies übrigens bei allen Geſellſchaften trifft, einen minder zierlichen, minder ausgezeichneten Anblick, als der weibliche Theil; denn abgeſehen von einigen beinahe unmerklichen Nuancen, hatten die meiſten von dieſen jungen Mädchen eine eben ſo gute und anmuthige Haltung, als ob ſie dem angehört hätten, was man die beſte Geſellſchaft nennt; doch dieſe Verſchiedenheit, welche ganz den Mäd⸗ 166 chen zum Vortheil gereichte, vergaß man in Folge der traulichen Laune der jungen Leute und ihrer treuherzigen Heiterkeit, die indeſſen durch die Nähe älterer, eine ver⸗ nünftige Zurückhaltung einflößender Verwandten gemäßigt wurde. Statt erſt ſeinen Glanz gegen ein Uhr Morgens zu erlangen, wie ein Ball der großen Welt, erreichte dieſer kleine Ball ſeinen Höhenpunkt von Belebtheit und Begei⸗ ſterung ſchon um neun Uhr; denn Madame Herbaut ſchickte vieſe ganze tolle Jugend unbarmherzig vor Mitternacht weg, da ſie ſich früh am andern Morgen theils in ihrem Bureau, theils in ihrem Magazin, theils in der Penſion befinden mußte, um den Schülern Unterricht zu geben u. ſ. w. u. ſ. w. Ach! ein furchtbarer Augenblick, dieſe erſte Stunde des Montags .. wenn das Geräuſch des Feſtes vom Sonntag noch im Ohre klingt, wenn man traurig an dieſe Zukunft von ſechs langen Tagen der Arbeit, des Zwangs und der Unterwürſigkeit denkt. Aber auch, je mehr ſich dieſer ſo ſehr erſehnte Tag nähert, welche wachſende Ungeduld! welche Bebungen einer voraus empfundenen Freude . . Endlich kommt er, die⸗ ſer glückſelige Tag unter allen Tagen, und dann, welche Trunkenheit! Seltene und beſcheidene Freuden! ihr ſeid wenig⸗ ſtens nie durch die Ueberſättigung abgeſtumpft; die Arbeit, durch die man euch erkauft, verleiht euch einen den Müßi⸗ gen unbekannten Geſchmack. Doch die Gäſte von Madame Herbaut philoſophirten wenig an dieſem Tag . ſie verſchoben ihre Philoſophie auf den Montag. Eine fortreißende Polka machte dieſe unermübliche Jugend ſpringen .. So groß war der Zauber dieſer Accorde, daß ſelbſt die Spieler und die Spielerinnen, trotz ihres Alters und ihrer ernſten Beſchäftigung mit dem gel⸗ ben Zwerg oder dem Loto (den einzigen bei Madame Herbaut erlaubten Spielen), ſich ihrer unbewußt und nach 167 dem Takt der ſo beweglichen Melodie einem kleinen Schau⸗ keln auf ihren Stühlen und ſomit einer Art von ehrwür⸗ digen, fitzenden Polka hingaben, welche von der Macht der Künſilerin zeugte, die eben das Klavier ſpielte. Dieſe Künſtlerin war .. Herminie. Es mochte ungefähr ein Monat ſeit dem erſten Zu⸗ ſammentreffen des Mädchens mit Gerald abgelaufen ſein .. Hatten nach dieſem, unter dem Eindruck eines ärger⸗ lichen Vorfalls begonnenen und durch eine freundliche Ver⸗ zeihung beendigten, Zuſammentreffen noch andere Begeg⸗ nungen zwiſchen den jungen Leuten ſtattgefunden? Das wird man ſpäter erfahren. Soviel iſt gewiß, daß an dieſem Abend auf dem Ball von Madame Herbaut die Herzogin angethan mit einem Kleide von Wollemouſſeline zu zwanzig Sous, von blaß⸗ grauem Grund, mit einem dicken roſenfarbigen Bandknoten am Leibe und einem ähnlichen Knoten in ihren herrlichen blonden Haaren, von einer entzückenden Schönheit war; eine leichte Färbung belebte ihre Wangen; ihre großen blauen Augen öffneten ſich glänzend, feurig; ihre friſch⸗ rothen Lippen, in den Winkeln beſchattet von einem un⸗ merklichen goldenen Flaum, ließen, halb lächelnd, eine Linie von weißem Schmelz erſchauen, während ihr ſchöner jungfräulicher Buſen ſanft unter dem leichten Gewebe, mit dem er verhüllt war, wogte und ihr kleiner, wunder⸗ bar mit kupferrothen Atlaßſtiefelchen bekleideter Fuß be⸗ hende den Takt der fortreißenden Polka bezeichnete. Herminie war an dieſem Tag ſehr glücklich Weit entfernt, ſich als abgeſchieden von der Heiterkeit ihrer Ge⸗ fährtinnen zu betrachten, genoß Herminie das Vergnügen, das ſie ihnen bereitete; doch dieſes ſeltene und edle Ge⸗ fühl würde vielleicht nicht genügen, das Erſchließen des Lebens, des Glücks und der Jugend zu erklären, das den bezaubernden Zügen der Herzogin einen ungewohnten Ausdruck verlieh; man fühlte, wenn man ſo ſagen darf, daß dieſes köſtliche Geſchöpf ſeit einiger Zeit wußte, was Alles Reizendes, Zartes und Erhabenes in ihm lag und 168 daß es nicht ſtolz dadurch war .. aber glücklich . . . oh! glücklich . . . wie jene hochherzigen Reichen, welche entzückt find, daß ſie Schätze beſitzen ... weil ſie viel geben und ſich angebetet machen können! .. Obgleich die Herzogin ſich ganz ihrer Polka und ihren Tänzern widmete, wandte ſie doch mehrere Male bei⸗ nahe unwillkührlich den Kopf um, wenn ſie die Thüre des Vorzimmers, welche in den Ballſaal ging, öffnen hörte; dann bei dem Anblick der Perſonen, die jedesmal ein⸗ traten, ſchien ſich Herminie, vielleicht etwas ſpät, ihre Zer⸗ ſtreuung zum Vorwurf zu machen. Die Thüre that ſich abermals auf und abermals warf Herminie einen neugierigen . vielleicht ſogar ungebuldi⸗ gen Blick auf dieſe Seite. Der Eintretende war Olivier, der Neffe des Comman⸗ danten Bernard. Als ſie ſah, daß der junge Soldat die Thüre offen ließ, wie wenn ihm irgend Jemand folgte, erröthete Her⸗ minie leicht und wagte einen neuen Blick; doch ach! an dieſer Thüre, welche ſich bald hinter ihm ſchloß, erſchten ein guter dicker Burſche von achtzehn Jahren, mit ehrli⸗ chem, unſchuldigem Geſicht und apfelgrünen Hand⸗ ſchuhen. Wir vermöchten nicht zu ſagen, warum Herminie bei dem Anblick dieſes Jünglings (vielleicht haßte ſie die apfelgrünen Handſchuhe), ärgerlich zu werden ſchien . . ein Aerger, der ſich durch ein reizendes kleines Verziehen des Geſichtes und durch eine verdoppelte Lebhaftigkeit des Taktes verrieth, den ſie ungeduldig mit ihrem kleinen Fuß chlug. Au die Polka beendigt war, wurde Herminie, welche das Klavier ſeit dem Anfang der Abendunterhaltung inne hatte, von allen Seiten umgeben; man dankte ihr, man machte ihr Complimente und lud ſie beſonders zu einer Menge von Contretänzen ein; doch ſie brachte die Ver⸗ zweiftung in die Seele ihrer Bewerber, indem ſie vorgab, ſie ſei für den ganzen Abend hinkend. 169 Und man mußte den Gang ſehen, den ſich Herminie verlieh, um ihre abſcheuliche Lüge zu rechtfertigen (eine Lüge, die ſie in dem Augenblick erſonnen hatte, wo Olivier allein erſchienen war) ... Nein! nie hat eine verwundete Taube ihren kleinen roſigen Fuß mit einem natürlicher leidenden Weſen an ſich gezogen. Troſtlos über den Unfall, der ſie des Vergnügens be⸗ raubte, mit der Herzogin zu tanzen, boten die Bewer⸗ ber, auf eine Entſchädigung hoffend, ihre Arme der intereſ⸗ ſanten Hinkenden; voch ſie hatte die Grauſamkeit, die Unterſtützung der älteſten Tochter von Madame Herbaut vorzuziehen, und begab ſich mit dieſer in das Schlafzimmer, um auszuruhen und ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen, wie ſie ſagte, da die Fenſter dieſes Zimmers ſich nach dem Gärtchen des Commandanten Bernard oͤffneten. Kaum hatte Herminie am Arm von Hortenſe Herbaut den Ballſaal verlaſſen, als Fräulein von Beaumesnil in Begleitung von Madame Lainé eintrat. Die reichſte Erbin Frankreichs trug ein ſehr einfaches Kleid von weißer Mouſſeline, mit einer himmel⸗ blauen ſeidenen Echarpe; ihre Haare umrahmten in Bän⸗ dern ihr ſanftes, trauriges Geſicht. Der Eintritt von Fräulein von Beaumesnil blieb völlig unbemerkt, obgleich er während des Zwiſchenraumes zweier Contretänze ſtattfand. Erneſtine war nicht hübſch; ſie war ebenſo wenig und man ſchenkte ihr nicht die geringſte Aufmerk⸗ amkeit. Gekommen, um zu beobachten und ſich von der Prü⸗ fung Rechenſchaft zu geben, der ſie ſich unterwerfen wollte, verglich Herminie dieſen Empfang mit der ſtürmiſchen Zu⸗ vorkommenheit, mit der ſie ſich wiederholt bei ihrem Er⸗ ſcheinen in verſchiedenen Geſellſchaften aufgenommen ge⸗ ſehen hatte. Trotz ihres Muthes fühlte die Arme, wie ſich ihr Herz zuſammenſchnürte . . die Worte von Herrn von 170⁰ Maillefort fingen an durch die Thatſache gerechtfertigt zu werden . „In der Welt, die ich beſuchte wußte man meinen Namen,“ ſagte Erneſtine zu ſich ſelbſt, „und es war nur die Erbin, die man beräckſichtigte, die man umgab, um die man ſich beeiferte!“ Madame Lainé führte Erneſtine eben zu Madame Herbaut, als ihre älteſte Tochter, welche Herminie in das Schlafzimmer begleitet hatte, zu dieſer, nachdem ſie in den Salon geſchaut, ſagte: „Meine liebe Herzogin, ich muß Dich verlaſſen ich habe eine uns befreundete Dame eintreten ſehen, welche dieſen Morgen Mama geſchrieben und ſie gebeten hat, ihr heute Abend eine junge Perſon, ihre Verwandtin, vorſtellen zu dürfen. Sie kommen ſo eben an und Du begreifſt „ „Das iſt ganz einfach, gehe geſchwinde meine liebe Hortenſe, Du mußt wohl die Honneurs in Deinem Hauſe machen erwiederte Herminie, vielleicht zufrieden, in dieſem Augenblick allein ſein zu können. Fräulein Herbaut kehrte zu ihrer Mutter zurück, welche Erneſtine, die ihr von Madame Lainé vorgeſtellt wurde, mit einfacher Herzlichkeit empfing. „Ich will Sie raſch mit unſeren Gewohnheiten auf das Laufende ſetzen, mein liebes Fräulein,“ ſagte Madame Herbaut zu Erneſtine, „die Mädchen find bei den jungen Leuten im Saal, wo man tanzt, die Mamas ſind bei den Mamas im Salon, wo man ſpielt . Jedes beluſtigt ſich ſo nach ſeinem Alter und ſeinem Geſchmack.“ Dann ſich an ihre älteſte Tochter wendend, ſprach Madame Herbaut: „Hortenſe, führe das Fräulein in das Speiſezimmer, und Sie, meine liebe Freundin,“ fügte ſie zur Gouver⸗ nante bei, „ſetzen Sie ſich an dieſen Tiſch, wo gelber Zwerg geſpielt wird; ich kenne Ihren Geſchmack.“ Madame Lainé zögerte, ſich von Fräulein von Beau⸗ 171 mesnil zu trennen; do einem Blick von dieſer gehorchend, überließ ſie Erneſtine der Sorge von Fräulein Herbaut und nahm an einem von den zwei Spieltiſchen Platz. Dieſe Vorſtellung ging, wie geſagt, im Zwiſchenraum einer Polka und eines Contretanzes vor; die Herzogin war am Klavier durch einen jungen Maler, einen ſehr guten Mufiker, erſetzt worden, der bald durch ſein Vor⸗ ſpiel die Tänzer ſich an ihren Platz zu begeben einlud. Als Tochter des Hauſes und überdies ſehr lie⸗ benswürdig, ſehr hübſch, durften die Fräulein Herhaut bei einem Contretanz nicht fehlen; Olivier, der auf eine reizende Weiſe ſeine zierliche Uniform trug, welche genügt hätte, um ihn von den andern Männern zu unterſcheiden, hätte ſich auch der junge Unterofficier nicht durch die Annehm⸗ lichkeit ſeines Aeußeren bemerkbar gemacht, Olivier ſagte zu Fräulein Hortenſe, die mit Erneſtine in das Speiſe⸗ zimmer eintrat: „Fräulein Hortenſe, Sie haben nicht vergeſſen, daß dieſer Contretanz mir zugeſagt iſt? und wir müſſen, glaube ich, unſere Plätze einnehmen.“ „Ich gehöre ſogleich Ihnen, Herr Olivier,“ erwiederte Fräulein Hortenſe, und führte dann Fräulein von Beau⸗ zu einer Bank, auf der mehrere junge Mädchen aßen. „Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie ſo bald verlaſſen muß, mein Fräulein,“ ſagte ſie zu Erneſtine; „doch ich bin für den nächſten Contretanz engagirt; . .. wollen Sie auf dieſer Bank Platz nehmen, und es wird Ihnen, deſſen bin ich ſicher, nicht an Tänzern fehlen.“ „Ich bitte Sie, mein Fräulein, bekümmern Sie ſich nicht um mich,“ erwiederte Erneſtine. Die Accorde des Klaviers wurden immer dringender; Hortenſe Herbaut kehrte zu ihrem Tänzer zurück, und Fräulein von Beaumesnil nahm Platz auf der Bank. Von dieſem Augenblick an begann die Prüfung, der ſich Erneſtine muthig unterworfen hatte; neben ihr faßen fünf bis ſechs Mädchen, es iſt nicht zu leugnen, die am min⸗ 172 deſten hübſchen oder am mindeſten angenehmen der Ge⸗ ſellſchaft; ſie waren nicht zum Voraus voll Eifer wie die Königinnen des Balles aufgefordert worden, und wärteten beſcheiden, wie Fräulein von Beaumesnil, auf eine Einladung in dem Augenblick, wo der Contretanz beginnen würde. Waren nun die Gefährtinnen von Erneſtine hübſcher als ſie, oder erſchien ihr Aeußeres minder anziehend, ſie ſah, wie alle hinter einander aufgefordert wurden, ohne daß ſich Jemand um ſie bekümmerte. Ein, allerdings ziemlich häßliches, Mädchen theilte die Verlaſſenheit von Fräulein von Beaumesnil, als die Worte erſchollen: „Es fehlt ein Vis⸗à⸗vis . . wir brauchen ſogleich ein Vis⸗à⸗vis.“ Der bereitwillige Tänzer, der dieſe choregraphiſche Lücke ausfüllen wollte, war der Jüngling mit den apfel⸗ grünen Handſchuhen. Als dieſer gute dicke Junge mit den gemeinen Manieren von fern zwei verfügbare Mädchen erblickte, lief er hinzu, um eines derſelben ein⸗ zuladen; doch ſtatt ohne zu zögern eine Wahl zu treffen, um wenigſtens dem Mädchen, das ihm nicht behagte, die kleine Demüthigung, nach der Beſchauung fitzen zu bleiben, zu erſparen, beſtimmte ſich dieſer offenherzige Paris, deſſen Unentſchloſſenheit allerdings nur einige Se⸗ eunden dauerte, für die Nachbarin von Fräulein von Beau⸗ mesnil . . ein Sieg, den der Gegenſtand der Bevor⸗ zugung der apfelgrünen Handſchuhe ohne Zweifel den glänzenden Farben und der üppigen Leibesbeſchaffenheit, wodurch ſich derſelbe auszeichnete, zu verdanken hatte. So kindiſch ſie auch erſcheinen mag, ſo wäre es doch ſchwierig, die ſeltſame, Beklommenheit zu ſchildern, die das Herz von Fräulein von Beaumesnil während der raſchen Entwicklung dieſes Vorfalls folterte. Als Erneſtine die anderen Mädchen nach und nach zum Tanze aufgefordert ſah, ohne daß man ihr irgend eine Aufmerkſamkeit ſchenkte, erklärte ſie ſich, ſchon wieder 173 zu ihrer natürlichen Beſcheidenheit zurückkehrend, dieſe Bevorzugung. Doch je kleiner die Zahl der Vernach⸗ läßigten um ſie her wurde, deſto mehr nahmen ihre Bangig⸗ keit, ihre Betrübniß zu. Als aber Fräulein von Beau⸗ mesnil mit dem häßlichen Mädchen, deſſen Häßlichkeit nicht einmal durch irgend eine Eleganz der Manieren ge⸗ mildert wurde, allein geblieben war und ſich ſodann gleichſam, nachdem man ſie mit ihrer Gefährtin verglichen hatte, verachtet ſah da fühlte ſie es in ihrem Innern wie einen ſchmerzlichen Schlag. „Ach!“ ſagte das arme Kind mit unbeſchreiblicher Traurigkeit zu ſich ſelbſt, „da ich die Vergleichung mit keinem der Mädchen, die ſich neben mir befanden, und nicht einmal mit dem letzten, das man aufgefordert, habe aushalten können, ſo ſoll ich alſo nie irgend Jemand ge⸗ 3 fallen? Will man mich vom Gegentheil überreden, ſo wird man, daran kann ich nun nicht mehr zweifeln, einem niedrigen, habgierigen Hintergedanken folgen . . . Alle die jungen Mädchen, die man mir vorgezogen, find wenig⸗ ſtens verſichert, daß dieſe Bevorzugung eine aufrichtige kein grauſamer Zweifel trübt ihren unſchuldigen Triumph... Ah! nie werde ich auch nur dieſes demüthige Glück kennen lernen!“ Bei dieſen Gedanken wurde die Erſchütterung von Fräulein von Beaumesnil ſo ſchmerzlich, daß ſie einer gewaltigen Anſtrengung bedurfte, um ihre Thränen zurück⸗ zuhalten. Aber wenn ihre Thränen auch nicht floßen, ſo ver⸗ rieth doch ihr bleiches, ſanftes Antlitz ein ſo peinliches Gefühl, daß zwei Perſonen, zwei edle Herzen, nach und nach davon betroffen waren. Während Fräulein von Beaumesnil ſich dieſen grau⸗ ſamen Betrachtungen hingab, nahm der Contretanz ſeinen Verlauf; Olivier tanzte mit Hortenſe Herbaut, und das junge Paar hatte ſeinen Platz Erneſtine von Beaumesnil gegenüber. Als eine Pauſe eintrat, bemerkte Olivier, der zufällig 174 einen Blick nach den verlaſſenen Bänken warf, die demüthi⸗ gende Vereinzelung von Fräulein von Beaumesnil, welche allein nicht tanzte, und ſodann den ſchmerzlichen Ausdruck in ihren Geſichtszügen Aufrichtig hievon gerührt, ſagte Olivier leiſe zu Fräulein Herbaut: „Fräulein Hortenſe, wer iſt denn das Mädchen, das dort allein auf der langen Bank ſitzt und ſo traurig aus⸗ ſiecht? . Ich habe vieſe junge Perſon, wie mir ſcheint, noch nie hier geſehen.“ „Mein Gott! nein, Herr Olivier, ſie iſt dieſen Abend erſt von einer der Freundinnen von Mama dieſer vorge⸗ ſtellt worden.“ „Das Mädchen iſt nicht hübſch, es kennt Niemand hier, und man hat es nicht engagirt. . . Arme Kleine, wie muß ſie ſich langweilen!“ 3 „Wäre ich nicht von Ihnen eingeladen worden, Herr Olivier, und hätte nicht meine Schweſter, wie ich, andere Contretänze verſprochen, ſo würde ich bei dieſer jungen Perſon geblieben ſein, aber „Das iſt ganz einfach, Fräulein Hortenſe, Sie haben Ihre Pflichten als Herrin des Hauſes zu erfüllen, doch ich. . . gewiß, ich werde das Mädchen für den nächſt⸗ folgenden Contretanz engagiren. Es iſt peinlich, Je⸗ mand ſo verlaſſen zu ſehen.“ „Ah! ich danke für Mama und für uns, Herr Oli⸗ vier, das wird ein wahres gutes Werk, ein wahres Al⸗ moſen ſein,“ ſagte Hortenſe. Kurze Zeit, nachdem Olivier die Vereinzelung von Fräulein von Beaumesnil bemerkt hatte, kehrte Herminie, welche allein im Schlafzimmer geblieben war, in den Sa⸗ lon zurück. Sie plauderte mit Madame Herbaut, auf die Lehne ihres Fauteuil geſtützt; plötzlich aber unterbrach ſie ſich durch die Thüre des Speiſezimmers, deren Flügel offen ſtanden, ſchauend, und ſagte: „Mein Gott, Madame, wie traurig ſieht das Mäd⸗ chen dort aus, das allein auf der gro ßen Bank fitzt!“ 175⁵ Madame Herbaut ſchaute über ihre Karten weg nach der Stelle, die ihr Herminie bezeichnet hatte, und erwiederte: „Es iſt eine junge Perſon, die eine meiner Freundin⸗ nen, welche dort gelben Zwerg ſpielt, mir dieſen Abend vorgeſtellt hat. Was wollen Sie, meine liebe Herminie, da ſie heute zum erſten Mal kommt, kennt ſie noch Nie⸗ mand hier und unter uns geſagt, ſie iſt durchaus nicht hübſch; man darf ſich daher nicht wundern, daß ſie keinen Tänzer findet.“ „Aber das arme Kind kann doch nicht den ganzen Abend ſo verlaſſen bleiben,“ ſagte Herminie, „und da ich zum Glück hinke, ſo will ich mich mit der Fremden be⸗ ſchäftigen und es verſuchen, ihr die Zeit etwas minder lang erſcheinen zu laſſen.“ „Nur Sie, meine ſchöne und edle Herzogin,“ er⸗ wiederte lachend Madame Herbaut, „nur Sie denken ſo an Alles, nur Sie haben ſo gute Ideen .. Ich danke Ihnen, denn Hortenſe und Claire ſind verpflichtet, alle Contretänze mitzumachen, und dieſes Mädchen wird wohl keinen tanzen.“ „Oh! was das betrifft, Madame, befürchten Sie es nicht,“ ſprach Herminie, „ich werde ihr dieſe Unannehm⸗ lichkeit zu erſparen wiſſen.“ „Wie wollen Sie das machen, ſchone Herzogin?“ „Oh! das iſt mein Geheimniß, Madame,“ antwor⸗ tete Herminie. Und ſie wandte ſich immer hinkend . . . die Lügne⸗ i nach der Bank, auf der Fräulein von Beaumes⸗ nil ſaß. Sechzehntes Rapitel. Als Fräulein von Beaumesnil Herminie auf ſich zu⸗ gehen ſah, war ſie ſo betroffen von ihrer auffallenden Schönheit, daß ſie die Verſtellung des Hinkens, die ſich die Herzogin auferlegt hatte, um den ganzen Abend nicht zu tanzen, nicht einmal bemerkte. (Wenn man den Beweggrund dieſer bei einem jungen Mädchen ſo ſel⸗ tenen Verzichtleiſtung auf den Tanz nicht errathen hat, ſo wird man ihn ſpäter erfahren.) Wie groß war das Erſtaunen von Erneſtine, als die Herzogin, die ſich an ihre Seite ſetzte, auf das Liebens⸗ würdigſte zu ihr ſagte: „Mein Fräulein, ich bin von Madame Herbaut be⸗ vollmächtigt, Ihnen, wenn Sie es erlauben, ein wenig Geſellſchaft zu leiſten und bei Ihnen die Fräulein Her⸗ baut zu erſetzen.“ „Ah! man hat wenigſtens Mitleid mit mir,“ ſagte Anfangs Fräulein von Beaumesnil mit einer ſchmerzlichen Demüthigung zu ſich ſelbſt. Doch der Ton von Herminie war ſo ſanft, ſo auf⸗ fordernd, ihr reizendes Antlitz ſo wohlwollend, daß ſie ſich bald die Bitterkeit ihres erſten Eindrucks zum Vorwurf machte und der Herzogin antwortete „Ich danke Ihnen mein Fräulein, ſowie Madame Herbaut, daß Sie die Güte haben wollten, ſich mit mir zu beſchäftigen; doch ich würde befürchten, Sie zurückzu⸗ halten und Sie des Vergnügens zu berauben, zu S „Zu tanzen?“ ſagte Herminie, indem ſie Erneſtine lächelnd unterbrach. „Ich kann Sie verſichern, mein Fräu⸗ lein, ich habe dieſen Abend ein furchtbares Leiden am Fuß, das mich am Ball Antheil zu nehmen abhalten 177 wird; doch Sie ſehen, daß ich für dieſes große Unglück eine Entſchädigung bei Ihnen finde.“ „In der That, mein Fräulein, Ihre Güte macht mich ganz verwirrt.“ „Mein Gott, ich thue ganz einfach das, was Sie für mich gethan hätten, davon bin ich feſt überzeugt, wür⸗ den Sie mich vereinzelt geſehen haben, wie dies immer ge⸗ geſchieht, mein Fräulein, wenn man zum erſten Mal in eine Geſellſchaft kommt.“ „Ich glaube nicht, mein Fräulein,“ erwiederte Erne⸗ ſtine lächelnd, denn die liebreiche Zuvorkommenheit von Herminie verſetzte ſie raſch wieder in einen behaglicheren Zuſtand des Gemüths, „ich glaube nicht, daß Sie, ſelbſt wenn Sie zum erſten Mal irgendwo erſcheinen, je ver⸗ einzelt bleiben,“ . „Ah! mein Fräulein,“ entgegnete Herminie heiter, „nun muß ich verwirrt werden, da Sie mir ſolche Com⸗ plimente machen.“ „Oh! ich verſichere Sie, ich ſage ihnen nur, was ich denke, mein Fräulein,“ ſprach Erneſtine ſo naiv, daß die Herzogin, empfänglich für dieſes treuherzige Lob, er⸗ wiederte: „Ich danke Ihnen für das, was Liebenswürdiges in Ihren Worten liegt; ſie ſind aufrichtig und ich bezweifle es nicht aber gerecht, das iſt etwas Anderes; doch ſagen Sie mir, wie finden Sie unſern kleinen Ball?“ „Reizend, mein Fräulein.“ „Nicht wahr? es iſt ſo heiter, ſo belebt . . . wie gut man die Zeit anwendet! Was wollen Sie? es gibt nur einen Sonntag in der Woche . für uns Alle, die wir hier ſind, iſt auch das Vergnügen wahrhaft ein Vergnü⸗ gen, während es für viele Leute ein Geſchäft . .. und zwar ein höchſt anſtrengendes ſein ſell . . Mit Allem geſättigt, wiſſen ſie nicht, was ſie erſinnen ſollen, um ſich zu beluſtigen.“ Die ſieben Todſünden. 1I. 12 178 „Und glauhen Sie, daß ſie ſich wenigſtens beluſtigen, mein Fräulein?“ „Nein, denn mir ſcheint, es muß nichts ſo traurig ſein, als auf eine ſo peinliche Weiſe das Vergnügen zu ſuchen.“ „Oh! ja, das muß ſehr traurig ſein, eben ſo traurig, als eine wahre Zuneigung zu ſuchen, wenn man von Nie⸗ mand geliebt wird,“ ſagte unwillkührlich Erneſtine, über⸗ wältigt von der Herrſchaft ihrer traurigen Gedanken. Ss war ſo viel Schwermuth in dem Tone des Mäd⸗ chens und in dem Ausdruck ſeiner Geſichtszüge, als es dieſe Worte ſprach, daß ſich Herminie innig bewegt fühlte. „Arme Kleine,“ dachte die Herzogin, „ohne Zweifel wird ſie von ihrer Familie nicht geliebt; und dann muß ſie die Demüthigung, die es ihr wohl bereitete, daß ſie ſich von Jedermann hintangeſetzt ſah, noch mehr betrü⸗ ben denn ich dachte nicht daran, ſie iſt die Einzige auf dieſer Bank und vielleicht, wie ein Schauſpiel, den Spöttereien preisgegeben.“ Der Zufall beſtätigte die Befürchtungen von Herminie. Die Bewegungen des Tanzes führten vor Erneſtine das Mädchen mit den lebhaften Farben und ihren Ritter mit den apfelgrünen Handſchuhen, und die Herzogin gewahrte einige Blicke des Mitleids, welche die Bevor⸗ zugte auf die Hintangeſetzte warf. Dieſe Blicke bemerkte Fräulein Beaumesnil auch und ſie hielt ſich für den Gegenſtand ſpöttiſchen Mitleids von aller Welt. Bei dieſem Argwohn litt ſie ſichtbar. Man urtheile alſo von ihrer Dankbarkeit gegen Herminie, als vieſe, indem ſie zu lächeln ſuchte, denn jie errieth den pein⸗ lichen Eindruck von Erneſtine, zu ihr ſagte: „Mein Fräulein, wollen Sie mir erlauben, daß ich ohne Umſtände mit Ihnen umgehe.“ „Gewiß, mein Fräulein.“ „Nun, ich finde, vaß es hier furchtbar heiß iſt .. Wenn Sie wollen, ſetzen wir uns in das Zimmer von Madame Herbaut.“ „Oh! ich danke, mein Fräulein,“ ſprach raſch auf⸗ 179 ſtehend Erneſtine, während ſie auf Herminie ihr treuherzi⸗ ges Auge heftete, das eine verſtohlene Thräne befeuchtete. „Oh! ich danke!“ wiederholte ſie ganz leiſe. „Wie, Sie wollen mir danken?“ ſagte Herminie er⸗ ſtaunt, indem ſie ihr den Arm reichte, „ich habe im Ge⸗ gentheil Ihnen zu danken, da Sie meinetwegen den Ball⸗ ſaal zu verlaſſen einwilligen.“ „Und ich, ich danke Ihnen, weil ich Sie begriffen habe, mein Fräulein,“ ſprach Erneſtine und begleitete ſo⸗ dann die Herzogin in das Schlafzimmer von Madame Herbaut, wo die zwei Mädchen Niemand fanden. „Nun, da wir allein ſind,“ ſagte Herminie zu Erne⸗ ſtine, „erklären Sie mir, warum Sie mir dankten, als ich ſeben „Mein Fräulein,“ erwiederte Erneſtine, die Herzogin unterbrechend, „Sie ſind edelmüthig .. Sie müſſen offen⸗ herzig ſein.“ „Oh! offenherzig! das iſt meine gute Eigen⸗ ſchaft.. oder mein Fehler,“ antwortete Herminie lächelnd; „doch laſſen Sie hören, warum dieſer Aufruf an meine Offenherzigkeit?“ „Als Sie mich ſo eben unter dem Vorwand, es ſei im Ballſaal zu heiß, baten, Sie hierher zu begleiten ... hörten Sie auf Ihr gutes Herz und ſagten ſich: „„Dieſe arme junge Perſon iſt verlaſſen. Miemand hat ſie zum Tanzen aufgefordert, weil ſie nicht hübſch iſt . . . fie ſitzt da wie ein Gegenſtand der Verſpottung ſie leidet unter dieſer Demüthigung ... Dieſer Demüthigung will ich ſie dadurch entziehen, daß ich ſie unter irgend einem Vorwand in ein anderes Zimmer führe.“ Oh! nicht wahr, Sie haben ſich das geſagt?“ fügte Fräulein von Beaumesnil bei, welche diesmal die Thränen der Rührung die ihr in die Augen traten, nicht zu verbergen ſuchte „Geſtehen Sie, daß ich Sie errathen habe.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Herminie mit ihrer gewöhn⸗ lichen Revlichkeit, „warum ſollte ich nicht die Theilnahme zugeſtehen, die mir Ihre Lage eingeflößt hat, mein Fräulein?“ 180 „Oh! ich danke abermals,“ ſprach Erneſtine, Herminie die Hand reichend, „Sie wiſſen nicht, wie glücklich mich Ihre Aufrichtigkeit macht.“ „Und Sie, mein Fräulein,“ ſagte Herminie, die Hand von Erneſtine drückend, „da ich offenherzig ſein ſoll . .. Sie wiſſen nicht, welchen Schmerz Sie mir ſo eben be⸗ reitet haben.“ 1 „Ich 26 „Allerdings ... Als ich Ihnen ſagte, es müſſe etwas Trauriges ſein, das Vergnügen mühſam zu ſuchen, ant⸗ worteten Sie mit einem Ton, der mir das Herz zuſam⸗ menſchnürte: „„Ja, es iſt eben ſo traurig, als eine wahre Ztreſlrg zu ſuchen, wenn man von Niemand geliebt w rd.“ . „Mein Fräulein ..“ ſagte Erneſtine verlegen. „Als Sie ſo ſprachen, ſahen Sie tief betrübt aus, Sie dürfen das nicht leugnen .. habe ich Ihnen nicht das Beiſpiel der Offenherzigkeit gegeben?“ „Es iſt wahr, ich wäre undankbar, wenn ich es nicht nachahmte.“ „Wohl alſo!“ fuhr Herminie zögernd fort, „erlauben Sie mir eine Frage und ſchreiben Sie dieſelbe nicht einer unbeſcheidenen Neugierde zu . . . Sie werden viel⸗ leicht unter den Ihrigen die Zuneigung nicht finden, die Sie wünſchen dürften?“ „Ich bin Waiſe,“ antwortete Fräulein von Beaumes⸗ nil mit ſo rührendem Ton, vaß Herminie bebte und ſich immer mehr bewegt fühlte. „Waiſe!!“ ſprach ſie, „Waiſe? Ach! ich begreife Sie, denn auch ich . .“ „Sie find Waiſe! . „Jd. „Welch ein Glück! . 1.“ ſagte Erneſtine lebhaft. Doch ſogleich bevachte ſie, dieſer unwillkührliche Aus⸗ ruf müßte grauſam, oder wenigſtens ſehr ſonderbar erſchei⸗ nen, und fügte bei: 181 „Verzeihen Sie, mein Fräulein, verzeihen Sie .. ber „Nun habe ich Sie errathen,“ ſprach Herminie mit liebreichem Weſen, „welch ein Glück bedeutet: „„Sie weiß, wie traurig das Schickſal einer Waiſe iſt . und vielleicht wird ſie mich lieben vielleicht werde ich bei ihr die Zuneigung finden, die ich anderswo nicht getroffen habe.“ Iſt das ſo?“ fragte Herminie, Erneſtine ihre Hand reichend. „Nicht wahr, ich habe Sie errathen?“ „Ach! ja, es iſt wahr,“ antwortete Erneſtine, immer mehr dem ſeltſamen Zauber folgend, den die Herzogin über ſie ausübte. Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, Sie ſcheinen ſo aufrichtig, daß ich nach Ihrer Zuneigung ſtre⸗ ben werde, mein Fräulein; .. . doch das iſt nur ein Streben, ich wage nicht einmal zu ſagen, eine Hoffnung, denn Sie kennen mich kaum, mein Fräulein,“ fügte Erne⸗ ſtine ſchüchtern bei. „Und kennen Sie mich mehr?“ „Nein; doch bei Ihnen iſt es etwas Anderes.“ „Warum dies?“ „Ich bin Ihnen ſchon verbunden und bitte Sie noch. . „Ei! wer ſagt Ihnen denn, daß ich nicht glücklich wäre, Ihnen die Zuneigung, die Sie ſich von mir erbitten, im Austauſch für die Ihrige zu gewähren? Sie ſcheinen ſo beklagenswerth, ſo intereſſant,“ fuhr Herminie fort, welche ſich ihrerſeits immer mehr zu Erneſtine hingezo⸗ gen fühlte. Plötzlich aber wurde ſie nachdenkend und fügte bei: „Wiſſen Sie, daß das ſehr ſeltſam iſt?“ „Was denn, mein Fräulein?“ fragte Erneſtine un⸗ ruhig über den Ernſt in den Zügen der Herzogin. „Wir kennen uns kaum ſeit einer halben Stunde, ich weiß Ihren Namen nicht einmal, Sie wiſſen den meinigen nicht.. und wir ſind ſchon bei den Geſtändniſſen.“ „Mein Gott, mein Fräulein!“ ſprach Erneſtine mit ängſtlicher, beinahe flehender Miene, als befürchtete ſie, Herminie in Folge einer Ueberlegung von der Theilnahme, * die ſie ihr bis jetzt bezeigt, wieder abgehen zu ſehen, „warum wundern Sie ſich, daß plötzlich Zuneigung und Vertrauen zwiſchen dem Wohlthäter und dem zu Dank Verpflichteten entſtehen? Glauben Sie mir, nichts nähert, nichts verbindet mehr und ſchneller, als das Mitleid einerſeits und die Dank⸗ barkeit andererſeits.“ „Es iſt zu ſehr Bedürfniß für mich, Ihrer Anſicht zu ſein, erwiederte Herminie halb lächelnd, halb gerührt, „ich habe zu große Luſt, Ihnen zu glauben, um nicht alle Ihre Gründe anzunehmen.“ „Aber dieſe Gründe find ächte, find wahre Gründe, mein Fräulein,“ ſprach Erneſtine, ermuthigt durch dieſen erſten glücklichen Erfolg und in der Hoffnung, Herminie ihre Ueberzeugung theilen zu machen. „Und dann, ſehen Sie, die Aehnlichkeit unſerer Lage trägt noch viel dazu bei, uns einander zu nähern .. Daß wir Beide Waiſen ſind iſt beinahe ein Band.“ „Ja,“ ſagte die Herzogin, Erneſtine die Hände drückend, „es iſt ein Band, doppelt koſtbar für uns . die wir keines haben.“ „Alſo Ihre Zuneigung,“ ſagte Erneſtine voll Glück den herzlichen Druck von Herminie erwiedernd, „Ihre Zu⸗ neigung können Sie mir alſo eines Tags bewilligen?“ „Sogleich,“ antwortete die Herzogin, „ohne Sie zu kennen, war ich gerührt von dem, was Ihre Lage Pein⸗ liches hatte. . . Nun, ſcheint es mir, liebe ich Sie . . . weil man ſieht, daß Sie ein gutes Herz haben .. „Oh! Sie kennen ſich nicht denken, wie ſehr mir Ihre Worte wohl thun; ich ſchwöre Ihnen, ich werde nicht un⸗ dankbar ſein. mein Fräulein . .“ ſagte Erneſtine, doch ſich verbeſſernd, fügte ſie bei: „Mein Fräulein? . .. Nein, mir ſcheint, daß es mir nun ſchwer wäre, Sie ſo zu nennen ...“ „Und es wäre mir eben ſo ſchwer, Ihnen in dieſem ceremoniöſen Ton zu antworten,“ erwiederte die Herzo⸗ gin, „nennen Sie mich alſo Herminie, unter der Bedin⸗ gung, daß ich Sie nenne? .. 183 „Erneſtine.“ „Erneſtine!“ rief Herminie, die ſich erinnerte, daß dies ver Name ihrer Schweſter war, ein Name, den die Gräfin von Beaumesnil wiederholt vor der jungen Künſt⸗ lerin, wenn ſie der ſo theuern Tochter erwähnte, ausge⸗ ſprochen hatte. „Sie heißen Erneſtine?“ wiederholte Herminie. „Sie ſprachen ſo eben von Banden das iſt eines mehr.“ „Wie ſo?“ „Eine Perſon, die mir die ehrfurchtsvollſte Liebe ein⸗ flößte, hatte eine Tochter, welche auch Erneſtine hieß.“ „Sie ſehen, Herminie wie viel Gründe obwalten, daß wir uns lieben und da wir nun Freundinnen find, werde ich Sie mit Fragen beſtürmen, von denen die eine immer unbeſcheidener ſein wird, als die andere.“ „Und ich werde dasſelbe thun,“ ſagte Herminie lächelnd. „Erſtens was machen Sie . was iſt Ihr Be⸗ ruf, Herminie?“ „Ich bin Geſangs⸗ und Klavierlehrerin.“ „Oh! Ihre Schülerinnen müſſen glücklich ſein . . Sie jind wohl ſehr gut gegen dieſelben! „„ „Keineswegs, mein Fräulein . ich bin ſehr ſtreng,“ entgegnete heiter die Herzogin. . . „und Sie, Erneſtine, was thun Sie?“ „Ich, antwortete Fräulein von Beaumesnil ziemlich verlegen, „ich ſticke. .. und mache Tapiſſerie.“ „Und haben Sie wenigſtens hinreichend Arbeit, liebes Kind?“ fragte Herminie mit beinahe mütterlicher Beſorg⸗ 6i „Dieſe Jahreszeit iſt die todte für Arbeiten ſolcher r. „Ich bin vor Kurzem erſt aus „ der Provinz bei meiner Verwandtin hier angekommen,“ antwortete die arme Erneſtine immer verlegener, gerade aber aus ihrer ſchwie⸗ rigen Lage eine gewiſſe Sicherheit ſchoͤpfend. „Sie begreifen auch, Herminie, daß es mir noch nicht an Arbeit fehlen konnte,“ fügte ſie bei. 184 „In jedem Fall, wenn es Ihnen daran fehlen ſollte, könnte ich Ihnen, wie ich hoffe, verſchaffen, meine liebe Erneſtine.“ . „Sie? . . . Und wie dies?“ „Ich habe auch geſtickt für Kaufleute . . weil nun unter Freundinnen und armen Leuten kann man ſich bas wohl ſagen: zuweilen fehlte es mir an Lectionen und die Stickerei war meine Hülfsquelle. Da man mit meiner Arbeit in dem Hauſe, von dem ich ſpreche, das ſehr bedeutende Geſchäfte in Stickereien macht, zufrie⸗ den war, ſo blieb ich in Verbindung mit bemſelben, und ich bin überzeugt, daß Sie, von mir empfohlen, ſo wenig Arbeit es auch für den Augenblick geben mag, dieſelbe be⸗ kommen werden . . .“ „Doch da Sie auch ſticken, Herminie, ſo hieße das Sie einer Erwerbsquelle zu meinen Gunſten berauben . und wie würden Sie es machen, wenn es Ihnen wieder an Lectionen fehlte?“ ſagte Erneſtine, innig gerührt von dem edlen Anerbieten von Herminie. . „Oh! ich habe nicht nur dieſe Quelle,“ erwiederte das ſtolze Mädchen, „ich ſteche auch Noten . . Doch das Wichtigſte iſt, daß Sie ſichere Beſchäftigung haben, Er⸗ neſtine, denn ach .. Sie wiſſen es vielleicht auch, für uns, wie für Alle, welche von ihrer Arbeit leben, genügt es nicht, guten Muth zu beſitzen, man muß auch Beſchäfti⸗ gung ſinden.“ „Allerdings, denn es iſt ſonſt ein ſehr peinliches Leben; doch wie iſt das zu machen?“ ſprach traurig Erneſtine, die zum erſten Mal an das unglückliche Schickſal ſo vieler armen Mädchen dachte und ſich mit tiefer Betrübniß ſagte, ihre neue Freundin müſſe die ſchmerzliche Lage, von der ſie ſpreche, kennen gelernt haben. Jä e3 iſt peinlich, erwiederte Herminie ſchwer⸗ müthig, „es iſt peinlich, ſeine Mittel erſchöpft zu ſehen, welchen guten Willen, welchen Muth man auch haben mag! und deshalb werde ich mein Möglichſtes thun, damit Sie dieſen Kummer nie kennen lernen, meine arme 185 Erneſtine. Doch ſagen Sie mir, wo wohnen Sie, Er⸗ neſtine? Ich werde Sie beſuchen, wenn ich meine Lectionen gebe, falls es nicht zu weit von den Quartieren entfernt iſt, wohin ich berufen bin, denn leider muß ich ſehr geizig mit meiner Zeit ſein.“ Durch die Nothwendigkeit, lügen zu müſſen, vermehrt, erreichte die Verlegenheit von Fräulein von Beaumesnil den höchſten Grad; doch ſie erwiederte zögernd: „Meine liebe Herminie, es würde mich ſehr freuen, Sie bei uns zu ſehen, doch meine Verwandtin .. „Armes Kind!. ſagte lebhaft Herminie, welche auf dieſe Art, ohne es zu wiſſen, Erneſtine zu Hülfe kam, „Sie ſind nicht in Ihrem Hauſe? Ihre Verwandtin läßt es Sie vielleicht auf eine harte Weiſe fühlen?“ „So iſt es,“ erwiederte Fräulein von Beaumesnil, ent⸗ zückt über dieſe Entſchuldigung; „meine Verwandtin iſt nicht gerade boshaft, aber ſo wunderlicher Natur,“ fügte ſie lächelnd bei, „und dann brummig oh! ſo brum⸗ mig gegen Jedermann, daß ich befürchten müßte . . .“ „Schon genug,“ verſetzte Herminie ebenfalls lachend, „iſt ſie brummig, ſo iſt Alles geſagt . ſie wird nie einen Beſuch von mir bekommen . .. Aber, Erneſtine, dann müſſen Sie mich zuweilen beſuchen, wenn Sie einen Augen⸗ blick Zeit haben.“ „Ich wollte Sie darum bitten, Herminie „ich mache mir eine Freude ein Feſt aus dieſem Beſuch!“ „Sie werden mein Zimmerchen ſehen, wie niedlich und zierlich es iſt,“ ſagte die Herzogin; doch bedenkend, daß ihre neue Freundin vielleicht nicht ſo gut wie ſie wohne, verbeſſerte ſie ſich und fügte bei: „Wenn ich ſage, mein Zimmer ſei niedlich, ſo iſt das nur eine Redensart. es iſt ganz einfach .. Erneſtine hatte, ſo zu ſagen, ſchon den Schlüſſel zum Herzen und zum Charakter von Herminie; ſie ſprach auch lächelnd: „Herminie, ſeien Sie haſ „Worin, Erneſtine?“ 186 „Ihr Zimmer iſt reizend und Sie haben Ihre Worte verbeſſert, aus Furcht, mir Kummer zu machen, weil Sie dachten, es ſei mir ohne Zweifel bei meiner brummigen Verwandtin kein ſo gutes Zimmer beſchieden worden?“ „Aber wiſſen Sie, Erneſtine, daß Sie ſehr gefährlich wären, wenn man ein Geheimniß hätte,“ entgegnete lachend die Herzogin; „Sie errathen Alles.“ „Ich wußte, daß Ihr Zimmer reizend iſt; welch ein Glück, es zu ſehen!“ „Sie müſſen nicht nur ſagen; welch ein Glück, es zu ſehen! Sie müſſen ſagen: Herminie, an dieſem Tag werde ich kommen und eine Taſſe Milch mit Ihnen frühſtücken.“ „Oh! ich ſage es mit freudigem Herzen!“ „Und ich nehme es mit freudigem Herzen an; nur, wenn Sie kommen, Erneſtine, muß es um neun Uhr ſein, denn um zehn Uhr beginne ich die Runde meiner Lectionen. Laſſen Sie hören, an welchem Tag werden Sie kommen?“ Fräulein von Beaumesnil wurde dieſer neuen Ver⸗ legenheit durch die Vorſehung entzogen, die ſich unter der Geſtalt eines reizenden Huſarenunterofficiers offenbarte, der kein Anderer war als Olivier. Getreu der theilnehmenden Zuſage, die er Fräulein Herbaut geleiſtet, kam der würdige Junge aus Mitleid, um Fräulein von Beaumesnil zum nächſten Contretanz aufzu⸗ fordern. Nachdem Olivier Herminle mit zugleich ehrfurchts⸗ vollem und herzlichem Weſen gegrüßt hatte, verbeugte er ſich vor Fräulein von Beaumesnil mit vollkommener Artigkeit und legte ihr die feierliche Frage vor: „Will mir das Fräulein die Ehre erweiſen, den nächſten Contretanz mit mir zu tanzen?“ 1 ———————— 187 Siebenzehntes Rapitel. Fräulein von Beaumesnil war um ſo mehr erſtaunt über dieſe Aufforderung, als dieſelbe vorher ſchon beabſich⸗ tigt geweſen ſein mußte, da ſich Erneſtine in dieſem Augen⸗ blick nicht im Ballſaal befand; ſie zögerte auch, zu antwor⸗ ten; doch Herminie ſagte heiter zu dem Soldaten: „Ich nehme Ihre Einladung im Namen des Fräu⸗ leins an, Herr Olivier, denn es wäre im Stande, Sie des Vergnügens, mit ihm zu tanzen, berauben zu wollen, um mir den ganzen Abend Geſellſchaft zu leiſten.“ „Da das Fräulein für mich angenommen hat, ſo kann ich ſein Beiſpiel nur befolgen, fügte Erneſtine lächelnd bei. Olivier verbeugte ſich abermals und ſagte, indem er ſich an Herminie wandte: „Ich bin leider ſehr ſpät gekommen einmal weil Sie nicht mehr Klavier ſpielen, und dann, well ich erfahren habe, daß Sie nicht tanzen .. . „In der That, Herr Olivier, Sie kamen ſehr ſpät, denn wie mir ſchien, traten Sie erſt bei der letzten Polka ein, die ich ſpielte.“ „Ach! mein Fräulein, Sie ſehen in mir ein Opfer meiner Geduld und der Unpünktlichkeit eines Anderen . Ich erwartete einen meiner Freunde, der mit mir kom⸗ men ſollte.“ Hiebei ſchaute Olivier Herminie an, welche leicht er⸗ röthete und die Augen niederſchlug. „Doch dieſer Freund kam nicht.“ „Er iſt vielleicht krank, Herr Olivier?“ fragte die Herzogin, vollkommene Gleichgültigkeit heuchelnd, obgleich ſie ſich ziemlich unruhig fühlte. „Nein, mein Fräulein, er befindet ſich ganz wohl .. 188 ich habe ihn vor Kurzem erſt geſehen; doch ich glaube, daß ſeine Mutter ihn zurückgehalten hat, denn gegen den Willen ſeiner Mutter iſt der brave Junge ohne alle Stärke.“ Dieſe Worte von Olivier ſchienen die leichte Wolke zu zerſtreuen, welche von Zeit zu Zeit während dieſes Abends die Stirne der Herzogin verdüſtert hatte, und ſie ſagte mit munterem Tone: „Aber, Herr Olivier, dann ſind Sie zu ungerecht, daß Sie Ihren Freund tadeln, da er eine ſo gute Entſchuldi⸗ gung für ſich hat . „Ich tadle ihn durchaus nicht, Fräulein Herminie, ich beklage ihn nur, daß er abgehalten iſt, denn der Ball iſt reizend und ich bedaure ungemein, erſt ſo ſpät gekom⸗ men zu ſein; ich würde das Vergnügen gehabt haben, früher mit dem Fräulein zu tanzen,“ fügte Olivier artig bei, indem er ſich an Fräulein von Beaumesnil wandte, um ſie nicht außer dem Geſpräch zu laſſen. Plötzlich erſchollen im Speiſezimmer die Töne des Klaviers und die Worte: „An die Plätze, an die Plätze!“ „Mein Fräulein,“ ſagte Olibier, Erneſtine den Arm bietend, „ich bin zu Ihren Befehlen.“ Fräulein von Beaumesnil ſtand auf und wollte Olivter folgen, als ſie Herminie bei der Hand nahm und leiſe zu ihr ſagte: „Warten Sie einen Augenblick, Erneſtine .. laſſen Sie mich Ihre Echarpe in Ordnung bringen es fehlt eine Nadel.“ Und mit einer reizenden Beſorgniß tilgte die Herzo⸗ gin eine häßliche Falte der Echarpe, befeſtigte dieſe mit⸗ telſt einer Nadel, die ſie aus ihrem Gürtel nahm, glättete eine Runzel am Leibe des Kleides von Erneſtine und leiſtete endlich ihrer neuen Freundin alle die kleinen Dienſte der Eitelkeit, welche zwei gute Schweſtern unter einander austauſchen. „Nun, mein Fräulein,“ ſprach Herminie mit ſcherz⸗ haftem Ernſt, nachdem ſie einen letzten Blick auf die 189 Toilette von Erneſtine geworfen hatte, „nun erlaube ich Ihnen zu tanzen; aber hauptſächlich .. unterhalten Sie ſich gut.“ Fräulein von Beaumesnil war ſo gerührt von der freundlichen Aufmerkſamkeit von Herminie, daß ſie, ehe ſie den Arm von Olivier annahm, einen Kuß auf die Wange der Herzogin hauchte und ganz leiſe zu ihr ſagte: „Ich danke Ihnen abermals . . . ich danke Ihnen immer.“ Und zum erſten Mal glücklich ſeit dem Tode ihret Mutter, verließ Erneſtine Herminte, nahm den Arm von Olivier und folgte ihm in den Ballſaal. Von äußerſt angenehmer und ausgezeichneter Geſichts⸗ bildung, herzlich gegen die Männer, zuvorkommend gegen die Frauen, mit ſeltener Eleganz ſeine mit einem durch Tapferkeit gewonnenen Kreuz geſchmückte, reizende Huſaren⸗ uniform tragend, war der junge Unterofficier im höchſten Maaße beliebt bei Madame Herbaut, und kaum noch hint⸗ angeſetzt, machte Erneſtine Eiferſüchtige, als ſie am Arm von Olivier im Saal erſchien. Die treuherzigſten Frauen haben in Beziehung auf die Wirkung, die ſie bei anderen Frauen hervorbringen, einen merkwürdigen Scharfſinn; bei Fräuleln von Beau⸗ mesnil verband ſich mit dem Scharfſinn der feſte Wille, mit außerordentlicher Aufmerkſamkeit alle Vorfälle dieſes Abends zu beobachten; als ſie den Neid wahrnahm, den ihr die Bevorzugung zuzog, welche Olivier für fie offenbarte, vermehrte ſich nur noch ihre Dankbarkeit. Sie zweifelte nicht mehr daran: aus Herzensgüte hatte ſie Olivier für die peinliche und beinahe demüthigende Hintanſetzung, unter der ſie gelitten, rächen wollen. Dieſes Gefühl der Dankbarkeit beſtimmte Fräulein von Beaumesnil, ſich gegen Olivier vielleicht etwas min⸗ der zurückhaltend zu zeigen, als es ſich in einer ſo zarten Stellung, wie die, in welcher ſie ſich befand, geziemte. Ueberdies ſehr zutraulich gegen den jungen Soldaten da⸗ durch gemacht, daß er von Herminie freundſchaftlich be⸗ handelt zu werden ſchien, fühlte ſich Erneſtine auch ent⸗ 190 ſchloſſen, alle Folgen der Prüfung hervorzurufen, der ſie fich unterworfen.“ Als Olivier Hortenſe Herbaut Fräulein von Beau⸗ mesnil zu engagiren verſprach, folgte er nur einer Regung ſeiner edelmüthigen Natur; denn als er Fräulein von Beau⸗ mesnil von ferne ſah, fand er ſie beinahe häßlich; er kannte ſie nicht, er wußte nicht, ob ſie geiſtreich oder albern war: ſehr erfreut, einen Gegenſtand des Geſprächs in der Freundſchaft zu finden, welche Herminie und Erne⸗ ſtine zu verbinden ſchien, ſagte er zu dieſer, während einer der Pauſen, welche gezwungener Weiſe bei den Bewegun⸗ gen des Contretanzes eintreten: „Mein Fräulein . . . Sie kennen Fräulein Herminie? Nicht wahr, welch ein gutes, reizendes Geſchoöpf?“ „Ich denke durchaus wie Sie, mein Herr, obſchon ich Fräulein Herminie dieſen Abend zum erſten Mal ge⸗ ſehen habe.“ „Erſt dieſen Abend?“ „Dieſe plotzliche Freundſchaft ſetzt Sie in Erſtaunen, nicht wahr, mein Herr? Doch was wollen Sie? zuwei⸗ len ſind die Reichſten die Großmüthigſten ... ſie warten nicht, bis man ſich von ihnen erbittet . ſie bieten an .. So war es dieſen Abend bei Fräulein Herminie gegen „Ich verſtehe Sie, mein Fräulein . . . Sie kennen Niemand hier . . . und Fräulein Herminie . . .“ „Als ſie mich allein ſah, hatte ſie die Güte, zu mir zu kommen .. . dies muß Sie weniger in Erſtaunen ſetzen, als irgend einen Andern, mein Herr.“ „Und warum, mein Fräulein?“ „Weil Sie ſo eben, erwiederte Erneſtine lächelnd, „weil Sie ſo eben, wie Herminie, einem Gefühle des Edel⸗ muths, tanzenden Edelmuths, wohlberſtanden, gegen mich nachgegeben haben.“ „Des Edelmuths. . . Ah! mein Fräulein, dieſer Ausdruck. . .“ „Iſt nur zu wahr.“ 191 „Im Gegentheil.“ „Geſtehen Sie es, mein Herr, Sie müſſen, wie mir ſcheint, ſtets die Wahrheit ſprechen.“ „Sagen Sie offenherzig, mein Fräulein,“ erwiederte Olivier lächelnd, „lege ich einen Edelmuth an den Tag, wenn ich . erlauben Sie mir dieſe Vergleichung .. eine vergeſſene, unbemerkte Blume pflücke?“ „Oder vielmehr eine hintangeſetzte.“ „Es ſei, mein Fräulein . . . Doch was würde dies beweiſen, wenn nicht den ſchlechten Geſchmack desjenigen, der einem niedlichen Veilchen eine ungeheure Klapperroſe vorgezogen hätte?“ Und Olivier bezeichnete mit einem ſpöttiſchen Blick das ſtarke, dicke Mädchen, dem zu Liebe Erneſtine hintan⸗ geſetzt worden war, und deſſen lebhafte Farben in der That große Aehnlichkeit mit dem wilden Mohn hatten. Fräulein von Beaumesnil konnte ſich des Lächelns bei dieſer Vergleichung nicht erwehren; doch ſie erwiederte, den Kopf ſchüttelnd: „Ah! mein Herr, ſo liebenswürdig auch Ihre Ant⸗ wort ſein mag, ſo beweiſt ſie mir doch nur, daß ich dop⸗ pelt Recht hatte.“ „Wie ſo, mein Fräulein?“ „Sie hatten Mitleid mit mir und haben noch genug Mitleid mit mir, daß Sie es mir zu geſtehen befürchten.“ „Sie haben im Ganzen Recht, mein Fräulein, daß Sie Offenherzigkeit fordern, das taugt immerhin mehr als Complimente.“ „Ich habe dies von Ihnen erwartet.“ „Nun alſo, ja, mein Fräulein, als ich ſah, daß Sie allein nicht engagirt waren, dachte ich nur an Eines .. an die Langweile, die Sie fühlen müßten, und ich nahm mir vor, Sie zum nächſten Contretanz einzuladen. Ich hoffe, das iſt Aufrichtigkeit .. . doch Sie haben es ſo gewollt. . .“ „Gewiß, mein Herr .. und ich fühle mich hiebei ſo behaglich, daß, wenn ich es wagte ..“ . 192 „Wagen Sie es, mein Fräulein, thun Sie ſich keinen Zwang an.“ „Aber nein ... ſo offenherzig Sie auch ſein, ſo ſehr Sie mich für eine Freundin der Wahrheit halten mögen, mein Herr, ſo würde doch Ihre Aufrichtigkeit, davon bin ich feſt überzeugt, bei einer gewiſſen Grenze ſtehen bleiben.“ „Bei der, die Sie ſetzen würden, mein Fräulein, bei keiner andern.“ „Wahrhaftig?“ „Oh! ich verſpreche es Ihnen.“ „Die Frage, die ich an Sie machen will, mein Herr, wird Ihnen ſo ſeltſam, ſo keck vielleicht vorkommen . ..“ „Dann werde ich Ihnen ganz einfach ſagen, daß Sie mir ſeltſam oder keck vorkomme.“ „Ich weiß nicht, ob ich es je wagen werde ..“ „Ah! mein Fräulein,“ ſagte Olivier lachend, „nun haben Sie Angſt vor der Offenherzigkeit.“ „Das heißt, ich habe Angſt. für Ihre Aufrichtig⸗ keit, mein Herr, ſie müßte ſo groß, ſo ſelten ſein.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Fräulein .. ich bürge ſür mich.“ „Wohl, mein Herr.. wie finden Sie mich?“ „Mein Fräulein,“ ſtammelte Anfangs Olivier, der entfernt nicht dieſe überraſchende, peinliche Frage erwartet hatte, „erlauben Sie ich. . .“ „Ah! ſehen Sie, mein Herr,“ verſetzte Erneſtine heiter, „Sie wollen mir nicht ſogleich antworten; doch hören Sie, ich will Ihnen die Sache leichter machen .. Nehmen Sie an, den Ball verlaſſend, begegnen Sie einem Ihrer Freunde und erzählen ihm von allen den Mädchen, mit denen ſie getanzt haben was würden Sie von mir zu Ihrem Freund ſagen, ſollten Sie ſich zufällig er⸗ innern, daß ich eine ihrer Tänzerinnen geweſen bin?“ „Oh! mein Gott! mein Fräulein,“ erwiederte Olivier, ſich von ſeinem Erſtaunen erholend, „ich würde ganz ein⸗ fach Folgendes zu meinem Freund ſagen: „„Ich habe eine junge Demoiſelle geſehen, welche Niemand zum Tanz 193 aufforderte. .. das intereſſirte mich für ſie und ich lud ſie ein. während ich indeſſen dachte, unſer Geſpräch dürfte nicht ſehr beluſtigend ſein, denn da ich dieſe junge Perſon nicht kannte, ſo würde ich ihr nur Alltäglichkeiten zu ſagen haben ... Das war aber durchaus nicht der Fall: durch meine Tänzerin wurde unſer Geſpräch ſehr belebt und die Zeit des Contretanzes ging mir vorüber wie ein Traum.““ „„Und dieſe junge Perſon,““ würde Sie vielleicht Ihr Freund fragen, „„war ſie häßlich oder hübſch?““ „„Von fern,“ antwortete Olivier unerſchrocken, „„von fern konnte ich ihre Züge nicht unterſcheiden ... Doch als ich ſie von Nahem ſah. . . als ich ſie aufmerkſamer be⸗ trachtete, und beſonders, als ich ſie ſprechen hörte, fand ich in ihrer Phyſiognomie etwas ſo Sanftes, ſo Gutes, einen Ausdruck ſo einnehmender Offenherzigkeit, daß ich nicht mehr daran dachte, ſie hätte hübſcher ſein können. Aber,““ werde ich beifügen (immer zu meinem Freunde ſprechend), wiederholen Sie dieſe Geſtändniſſe nicht. . . denn nur die Frauen von gutem Geiſt und gutem Herzen verzeihen die Aufrichtigkeit.. „„Ich ſage dies alſo einem verſchwie⸗ genen Freund, mein Fräulein.“ „Und ich, mein Herr, ich danke Ihnen, ich bin Ihnen erkenntlich, oh! tief erkenntlich für Ihre Offenherzigkeit,“ ſprach Fräulein von Beaumesnil mit ſo bewegter, ſo ein⸗ vringlicher Stimme, daß Olivier, ſelbſt bewegt und erſtaunt, das Mädchen mit lebhafter Theilnahme anſchaute. In dieſem Augenblick endigte der Contretanz. DOlivier führte Erneſtine zu Herminie zurück, welche ſie erwartete; betroffen von dem ſeltſamen Charakter des Mädchens, mit dem er getanzt, trat ſodann der junge Unterofficier etwas träumeriſch auf die Seite. „Nun!“ ſagte Herminie liebevoll zu Erneſtine, „nicht wahr, Sie haben ſich gut unterhalten? Ich ſah es an Ihrem Geſicht.. Sie plauderten die ganze Zeit, die Sie nicht tanzten.“ „Herr Olivier iſt ſehr liebenswürdig. . . und dann, Die ſieben Todſünden. M. 13 194 daß ich wußte, Sie kennen ihn, Herminie, erregte ſogleich mein Vertrauen zu ihm.“ „Und er verdient es auch, das verſichere ich Sie, Erneſtine; es iſt nicht möglich, ein vortrefflicheres Herz, einen beſſeren Charakter zu haben; ſein inniger Freund (hiebei erröthete die Herzogin unmerklich), ſagte mir, Herr Olivier beſchäftige ſich mit den langweiligſten Ar⸗ beiten der Welt, um ſeinen Urlaub zu benützen und ſeinem Oheim, einem mit Wunden bedeckten ehemaligen Marine⸗ officier, der in dieſem Hauſe wohnt und zum Lebensunter⸗ halt nur einen kleinen ungenügenden Ruhegehalt hat, unter die Arme zu greifen.“ „Darüber wundere ich mich durchaus nicht, Herminie; ich errieth, Herr Olivier müſſe ein gutes Herz haben. „Dabei iſt er muthig wie ein Löwe, denn ſein Freund, der mit ihm in demſelben Regiment diente, hat mir mehrere Züge bewunderungswürdiger Tapferkeit von Herrn Olivier erzählt.“ „Mir ſcheint, das muß ſo ſein; ich habe mir immer vorgeſtellt, ſehr tapfere Perſonen müßten ſehr gut ſein,“ erwiederte Erneſtine. „Sie zum Beiſpiel, Herminie, Sie müſſen ſehr muthig ſein.“ Das Geſpräch der Mädchen wurde abermals durch einen Tänzer unterbrochen, der, mit Herminie einen Blick wechſelnd, Erneſtine aufforderte. Dieſen Blick gewahrte Fräulein von Beaumesnil und er machte ſie erröthen und lächeln; ſie nahm nichtsdeſto⸗ weniger vie Einladung zu dem Contretanz an, der in einigen Augenhlicken beginnen ſollte. Als der Tänzer ſich entfernt hatte, ſagte Erneſtine heiter zu ihrer neuen Freundin: „Sie haben bei mir den Geſchmack erregt, gefähr⸗ lich zu ſein, und ich werde es ganz wunderbar, meine liebe Herminie.“ „In welcher Hinſicht ſagen Sie mir das, Erneſtine „Die Einladung, welche ſo eben an mich ergangen iſt. 195 „Nun?“ „Rührt abermals von Ihnen her...“ „Abermals von mir?“ „Sie haben ſich geſagt: dieſe arme Erneſtine muß wenigſtens zweimal heute Abend tanzen nicht Jeder⸗ mann hat das gute Herz von Herrn Olivier . ich aber bin Königin hier, und ich werde einem meiner Unter⸗ thanen befehlen . . .“ Doch der Unterthan der Königin Herminie ſagte zu Fräulein von Beaumesnil: „Mein Fräulein man iſt an ſeinem Platz.“ „Auf baldiges Wiederſehen, meine Wahrſagerin,“ ſprach Herminie, freundlich mit dem Finger drohend, zu Fräulein von Beaumesnil, „ich werde Sie lehren, ſo ſtolz auf Ihren Scharfſinn ſein.“ Kaum hatte ſich Erneſtine mit ihrem Tänzer entfernt, als Olivier ſich der Herzogin näherte, neben ihr Platz nahm und ſie fragte: „Aber wer iſt denn das Mädchen, mit dem ich ge⸗ tanzt habe?“ „Eine Waiſe, die ſich mit Sticken ernährt und, wie ich glaube, nicht ſehr glücklich iſt. denn Sie können ſich nicht vorſtellen, mit welchem rührenden Ausdruck ſie mir dafür dankte, daß ich mich dieſen Abend mit ihr beſchäf⸗ tigt habe; dies hat ſogleich eine gegenſeitige Annäherung zur Folge gehabt. denn ich kenne ſie erſt ſeit heute.“ „Sie ſagte mir das, indem ſie naiver Weiſe von dem ſprach, was ſie Ihr Mitleid und das meinige nannte.“ „Arme Kleine. ſie muß ſehr mißhandelt worden ſein, wird es vielleicht noch, da ſie ſich ſo dankbar für den anihen Beweis der Theilnahme zeigt, den man ihr gibt.“ „Sie iſt dabei ſehr originell. Sie wiſſen nicht, Fräu⸗ lein Herminie, welche ſeltſame Frage ſie, meine Offen heiget autußemw. an mich gemacht hat?“ „Nein.“ 196 „Sie fragte mich, ob ich ſie häßlich oder hübſch e „Welch ein ſonderbares Mädchen!.. Und Sie ant⸗ worteten ihr?“ „Die Wahrheit, da ſie dieſelbe verlangte.“ „Wie, Herr Olivier, Sie haben ihr geſagt, ſie wäre nicht hübſch?“ „Gewiß; doch ich fügte bei (und dies war auch Wahrheit), ſie ſehe ſo ſanft, ſo offenherzig aus, daß man varüber vergeſſe, ſie hätte ſchöner ſein können.“ „Ah! mein Gott! Herr Olivier. .“ rief Herminie beinahe ängſtlich, „es war hart für ſie, dies zu hören . .. Und ſie ſchien nicht verletzt?“ „Nicht im Geringſten, im Gegentheil und dies war es, was mir hauptſächlich aufſiel. Wenn man Fragen dieſer Art ſtellt, will: ſeien Sie offenherzig, gewöhn⸗ lich beſagen: lügen Sie; während ſie mir in zwei Worten dankte, aber mit einem ſo innigen, ſo rührenden, und beſonders ſo wahren Ausdruck, daß ich mich unwill⸗ kührlich bewegt fühlte.“ „Wiſſen Sie, was ich glaube, Herr Olivier? daß die arme Waiſe ſehr hart zu Hauſe behandelt worden iſt; man wird ihr vielleicht hundertmal geſagt haben, ſie ſei häßlich wie ein kleines Ungeheuer. und da ſie, zum erſten Mal wohl in ihrem Leben, Vertrauen zu Jemand faßte, ſo wird ſie von Ihnen die Wahrheit über ſich ſelbſt haben wiſſen wollen.“ „Sie haben wehrſcheinlich Recht, mein Fräulein, und was mich wie Sie rührte, war der Umſtand, daß ich ſah⸗ mit welcher Dankbarkeit das arme Mädchen den geringſten Beweis von Theilnahme aufnimmt, wenn ſie dieſelbe für aufrichtig hält.“ „Stellen Sie ſich vot, Herr Olivier, daß ich zuweilen ſchwere Thränen in ihren Augen wahrgenommen habe. „Mir ſcheint in der That, ihre Heiterkeit muß eine bei ihr gewöhnliche Schwermuth verbergen . ſie ſucht ſich vielleicht zu betäuben.“ 197 „Und dann iſt leider ihr Gewerbe, das viel Arbeit und Zeit erfordert, durchaus nicht einträglich. Wenn ſich bei dem guten Kind die Sorgen der Armuth anderem Kummer beigeſellten . .“ „Das iſt nur zu möglich, Fräulein Herminie,“ ſprach Olivier theilnehmend, „ſie muß in der That ſehr zu be⸗ klagen ſein . . „Doch ſtille, hier kommt ſie!“ ſagte Herminie. Dann fügte ſie bei: „Ah! mein Gott! ſie zieht ihren Shawl an; man entführt ſie uns .. .“ Erneſtine, hinter der Madame Lainé mit impoſanter Miene ging, kam in der That in das Schlafzimmer und machte Herminie ein Zeichen, mit dem ſie ſagen zu wollen ſchien, ſie gehe ungern weg. Die Herzogin ſchritt ihrer neuen Freundin raſch entgegen und rief; „Wie! Sie verlaſſen uns ſchon?“ „Es muß ſein,“ antwortete Erneſtine, indem ſie mit einem kleinen hinterhältiſchen Blick Madame Lainé be⸗ zeichnete. „Sie werden aber wenigſtens nächſten Sonntag kommen, meine liebe Erneſtine? Sie wiſſen, daß wir uns ſo viel zu ſagen haben.“ „Oh! ich hoffe wohl, kommen zu können, meine liebe Herminie . . . ich ſehne mich eben ſo ſehr als Sie nach einem baldigen Wiederſehen.“ Und Erneſtine grüßte freundlich den jungen Unter⸗ officier und ſagte zu ihm: „Auf Wiederſehen, Herr Olivier.“ „Auf Wiederſehen, mein Fräulein,“ antwortete der iunge Soldat ſich verbeugend. Eine Stunde nachher waren Fräulein von Beaumes⸗ und Madame Lainé in das Hotel la Rochaigue zurück⸗ gekehrt. Achtzehntes Rapitel. Von dem Ball bei Madame Herbaut zurückgekehrt, Fräulein von Beaumesnil Folgendes in ihr Tage⸗ uch: „Gott ſei gelobt, liebe Mama, die Eingebung, der ich gefolgt bin, war gut. „Oh! welche grauſame Lection wurde mir Anfangs, welche nützliche Lehre ſodann, und welche ſüße Entſchädigung ſchließlich an dieſem Abend zu Theil! . . „Zwei Perſonen von Gemüth bezeigten mir eine wahre Theilnahme. Oh! ja, diesmal ſehr wahr, ſehr uneigennützig, denn dieſe Perſonen wiſſen wenigſtens nicht, daß ich die reichſte Erbin Frankreichs bin. „Sie halten mich für arm . . . ſie glauben, meine Verhältniſſe grenzen an die Dürftigkeit . und dann ſind ſie aufrichtig gegen mich geweſen, ich weiß es . . ich bin es feſt überzeugt, ja, ſie find aufrichtig geweſen .. „Beurtheile mein Glück . . . ich kann endlich Zu⸗ trauen zu Jemand haben, ich, die ich mißtrauiſch gegen Alles und gegen Alle geworden war, durch die Schmei⸗ cheleien der Leute, die mich umgeben. „Endlich glaubeich zu wiſſen, wasich werth bin, wasich ſcheine. „Ich bin entfernt nicht hübſch, ich habe nichts in der Welt, was mich bemerkbar machen kann, ich bin eines von den Geſchöpfen, welche unbemerkt vorübergehen müſſen, werden nicht einige mitleivige Herzen von meinem natür⸗ lich ſanften und traurigen Ausſehen gerührt. „Was ich wirklich einfloͤßen muß (wenn ich überhaupt etwas einflöße), iſt jenes Mitleid, das Gemüther von ſel⸗ tener Zartheit zuweilen bei dem Anblick eines harmloſen, — — untet irgend einem verborgenen Kummer leidenden Ge⸗ ſchöpfes empfinden. „Nähert mich das Mitleid einer dieſer auserkohrenen Naturen, ſo iſt das, was ſie an mir findet und llebt, eine große Sanftheit des Charakters, verbunden mit einem Be⸗ dürfniß gegenſeitiger Aufrichtigkeit. „Dies bin ich, nicht mehr und nicht weniger. „Und wenn ich dieſe geringen Vorzüge, die ein⸗ zigen, die ich beſize, mit den unerhörten, idealen Vollkommenheiten vergleiche, die mir die Schmeichelei ſo großmüthig zugeſteht; wenn ich an die plötzlichen, un⸗ widerſtehlichen Leidenſchaften denke, die ich Leuten eingeflößt habe, die mich nie geſprochen; wenn ich endlich an die Wirkung denke, die ich irgendwo eintretend her⸗ vorbrachte, und mich dann erinnere, daß ich bei dem Ball dieſen Abend nur aus Mitleid zum Tanzen aufgefordert worden bin, während alle die jungen Mädchen mit Hintan⸗ ſetzung meiner Perſon aufgefordert wurden, denn ich war die Häßlichſte dieſer Geſeliſchaft, oh! meine Mutter! vann fühle ich, die ich nie einen Haß gegen irgend Je⸗ mand hatte, daß ich dieſe Leute, die durch ihre gemeinen Schmeicheleien ihr Spiel mit mir getrieben haben, eben ſo ſehr haſſe, als verachte . Ich bin ganz erſtaunt über die harten, bitteren Worte, die mir in den Kopf kommen und die ich eines Tags denjenigen, welche mich täuſchen wollten, zuſchleudern werde, wenn mir eine Prüfung, der ich ſie auf dem großen Bail am Donnerſtag bei der Frau Marquiſe von Mirecourt unterwerfen will, ihre Falſchheit vollkommen bewieſen hat. „Ach! liebe Mama, wer mir vor einiger Zeit geſagt hätte, ich, die ich ſo ſchüchtern bin, würde eines Tags dieſe kühnen Entſchlüſſe faſſen? Aber die Nothwendigkeit, großem zu entgehen, verleiht den Furchtſamſten Muth und len. ⸗ „Dann kommt es mir vor, als ob mein bis jetzt gegen Alles, was Mißtrauen, Beobachtung, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, Intrigue und Liſt war, geſchloſſener Geiſt ſich 200 immer mehr für dieſe Gedanken öffnete, allerdings ſchlimme Gedanken, deren Entſchuldigung ſich aber vielleicht in meiner Verlaſſenheit findet. „Ich habe es Dir geſagt, liebe Mama, die grauſame Lection, welche ich erhalten, war wenigſtens nicht ohne Ausgleichung. „Vor Allem habe ich, deſſen bin ich gewiß, eine edel⸗ müthige und aufrichtige Freundin gefunden. Als dieſe reizende junge Perſon mich verlaſſen ſah, faßte ſie Mitleid mit meiner Demüthigung ſie kam auf mich zu . . ſie ſann auf Mittel, mich zu tröſten und dies mit eben ſo viel Güte als Freundlichkeit .. Ich fühlte für ſie die zärtlichſte Dankbarkeit „Oh! wenn Du wüßteſt, liebe Mama, was Neues, Süßes, Koſtbares für mich, die reichſte Erbin Frank⸗ reichs, die ich bis jetzt von ſo vielen lügenhaften Be⸗ theurungen überſchüttet worden bin, darin liegt, daß mir eine Perſon theuer iſt, die mich gedemüthigt geſehen hat, die mich für unglücklich hält, und mir deshalb allein die rührendſte Theilnahme bezeigt, die mich endlich um meinetwillen allein liebt. „Was ſoll ich Dir ſagen? Mit zuvorkommender Theilnahme behandelt . .. geliebt zu ſein, wegen der un⸗ glücklichen Verhältniſſe, in denen man uns vermuthet .. wie unausſprechlich iſt dies für das Herz, wenn man bis dahin nur zuvorkommend behandelt und ſcheinbar geliebt naeen der Reichthümer, in deren Beſitz man uns weiß!! „Die aufrichtige Zuneigung, welche ich diesmal ge⸗ funden habe, iſt mir ſo koſtbar, daß ſie mir Hoffnung auf die Zukunft verleiht; was kann ich, fortan einer erprobten Freundin ſicher, befürchten? . Ah! ich brauche nicht zu zittern, dieſe Freundin werde ſich eines Tags ändern, wenn ich ihr bekenne, wer ich bin!! „Was ich Dir von Herminie ſage (ſo heißt ſie), iſt auch auf Herrn Olivier anwendbar, von dem man glauben ſollte, er wäre der Bruder dieſes Mädchens durch das Herz 201 und durch die Redlichkeit. Als er ſah, daß mich Niemand zum Tanzen aufforderte, forderte er mich aus Mitleid auf, und ſeine Offenherzigkeit iſt ſo groß, daß er dieſes Mitleid nicht einmal leugnete; mehr noch, als ich ſo kühn war, ihn zu fragen, ob er mich hübſch ſinde, antwortete er mir: nein, aber ich habe ein Geſicht, das durch ſeinen ſanften und gutmüthigen Ausdruck „ Theilnahme errege. 1 „Dieſe einfachen Worte bereiteten mir ein unerhörtes Vergnügen ich fühlte, ſie müßten wahr ſein .. venn ſie ſtanden im Einklang mit dem, was Du mir ſag⸗ teſt, gute Mutter, als Du von meinem Geſicht ſprachſt; und dieſe Worte waren an die arme kleine Stickerin ge⸗ richtet und nicht an die reiche Erbin. „Herr Olivier iſt einfacher Soldat, wie ich glaube; er muß indeſſen eine ausgezeichnete Erziehung erhalten haben, denn er ſpricht vortrefflich und ſeine Manieren ſind vollkommen; dabei iſt er eben ſo gut als tapfer, und er umgibt mit einer kindlichen Pflege ſeinen alten Oheim, einen ehemaligen Marineofficier. „Oh, meine Mutter!. welche muthige Naturen ſind dies! wie behaglich fühlt man ſich bei ihnen; wie dehnt ſich bei ihrer Auftichtigkeit das Herz aus! wie gut und heilſam ſcheinen ſolche Verhältniſſe für das Gemüth zu ſein! welche ſanfte und reine Heiterkeit bei der Armuth! welche Reſignation in der Arbeit! denn alle Beide ſind arm, alle Beide arbeiten, Herminie um zu leben, Herr Olivier, um ſeinen alten Oheim bei ſeinem ungenü⸗ genden Ruhegehalt zu unterſtützen. „Arbeiten, um zu leben! „Und Herminie ſagte mir noch, es fehle zuweilen an Arbeit; denn die vortreffliche Schweſter, (oh! ich kann ſie meine Schweſter nennen), hat mir den Vorſchlag ge⸗ macht, mich einem Haus zu empfehlen, das mit Sticke⸗ reien handelt, damit ich, wie ſie ſich ausdrückte, nie er⸗ fahre, wie grauſam das Aufhoren der Beſchäftigung ſei. „Mangel an Arbeit! 202 „Ah! mein Gott! das iſt Mangel an Brod! das iſt Nothdurft! das iſt Elend! das iſt Krankheit! das iſt vielleicht der Tod! „Alle die jungen Mädchen, die ich dieſen Abend in der Geſellſchaft ſo lachend, ſo heiter geſehen habe, und die wie Herminie elnzig und allein von ihrer Arbeit leben, können alſo morgen unter allen Schauern der Armuth leiden, wenn ihnen dieſe Arbett entgeht? „Es gibt alſo Niemand, zu dem Sie ſagen können: „Ich habe guten Muth, ich habe guten Willen, gib mir nur Beſchäftigung. „Aber das iſt ungerecht! das iſt abſcheulich! Man hat alſo kein Mitleid für einander? es iſt alſo gleich⸗ gültig, daß ſo viele Perſonen heute nicht wiſſen, ob ſie morgen Brod haben werden? „Oh! meine Mutter, meine Mutter! ich begreife nun das unbeſtimmte Gefühl von Furcht, von Unruhe, das mich ergriffen hat, als man mir mittheilte, ich wäre ſo reich.. ich hatte alſo Recht, wenn ich mir mit einer Art von Gewiſſensvorwurf ſagte: „So viel Geld? mir allein? warum dies? „Wa rum mir ſo viel? nichts den Andern? „Dieſes ungeheure Vermögen, wie habe ich es erworben? „Ah! ich habe es nur erworben. . . . durch Deinen Tod, oh, meine Mutter. . durch Dei⸗ nen Tod. . oh, mein Vater! „Um ſo reich zu ſein, muß ich die Weſen verloren haben, die ich am meiſten auf der Welt liebte. „Damit ich ſo reich bin, müſſen vielleicht Tauſende von Mädchen wie Herminie beſtändig der Noth preisge⸗ geben heute freudig, morgen in Verzweiflung ſein. „Und wenn ſie den einzigen Reichthum ihrer Jahre, die Sorgloſigkeit und die Heiterkeit verloren haben, wenn ſie alt ſind wenn es ihnen nicht mehr allein an der Arbeit, ſondern auch an den Kräften gebricht, was wird dann aus dieſen Unglücklichen? 203 „Oh! meine Mutter, je mehr ich an das furchtbare Mißverhältniß zwiſchen meinem Schickſal und dem von Herminie denke, je mehr ich an alle die Schmählichkeiten, an alle die lichtſcheuen Pläne denke, deren Ziel ich bin, deſto mehr kommt es mir vor, als hinterließe der Reich⸗ thum eine ſeltſame Bitterkeit im Herzen. „Zu dieſer Stunde, wo meine Vernunft erwacht und ſich erleuchtet, muß ich wohl die Allmacht des Vermögens bei käuflichen Seelen fühlen, ich muß einſehen, bis zu welcher ſchmählichen Erniedrigung ich, ein ſechzehnjähriges Mädchen, Alles, was mich umgibt, beugen kann . Ja, denn meine Augen öffnen ſich nun und ich erkenne mit tiefer Dankbarkeit, daß mich die Offenbarung von Herrn von Maillefort allein auf den Weg dieſer Gedanken ge⸗ bracht hat, die ich, ſo zu ſagen, von Minute zu Minute in meinem Innern ſich erſchließen fühle. „Ich weiß nicht. aber es kommt mir ſo vor, liebe Mama, als drückte ich meine Gedanken nun beſſer aus, als entwickelte ſich mein Verſtand, als träte mein Geiſt aus ſeiner Erſtarrung hervor, als umwandelten ſich ge⸗ wiſſe Theile meines Charakters, und als ob dieſer, wenn er zärtlich mitfühlend für Alles bliebe, was edel und aufrichtig, dagegen entſchloßen und angreifend gegen Alles würde, was niedrig, falſch und habgierig iſt. „Ich täuſche mich nicht, man hat mich belogen, als man mir ſagte, Herr von Maillefort ſei Dein Feind ge⸗ weſen, meine theure und zärtliche Mutter; man wollte mir Mißtrauen gegen ſeinen Rath einflößen . .. Abſicht⸗ lich begünſtigte man meinen ärgerlichen Widerwillen gegen ihn, einen Widerwillen, der durch Verleumdungen veran⸗ laßt wurde, von denen ich mich bethören ließ. „Nein! nie, nie werde ich vergeſſen, ich habe den Offenbarungen von Herrn von Maillefort die Eingebung zu verdanken, daß ich zu Madame Herbaut gegangen bin in dieſes beſcheidene Haus, wo ich nützliche Lehren geſchöpft, und wo ich die zwei einzigen edlen und auf⸗ richtigen Herzen getroffen habe, die ich kennen lernte, ſeit⸗ dem ich Euch verloren . . oh, mein Vater! oh, meine Mutter! . . .“ Am andern Morgen nach dem Tag, wo ſie dem Ball von Madame Herbaut beigewohnt, läutete Fräulein von Beaumesnil ihrer Gouvernante ein wenig früher als gewöhnlich. Madame Lainé erſchien ſogleich und fragte Erneſtine: „Hat das Fräulein eine gute Nacht gehabt?“ „Eine vortreffliche, meine liebe Lainé; doch ſagen Sie mir, haben Sie, wie ich Sie geſtern Abend gebeten, die Leute meines Oheims zum Sprechen gebracht, um zu S ob man einen Verdacht über unſere Abweſenheit habe?“ „Man vermuthet durchaus nichts, mein Fräulein Die Frau Baronin hat nur dieſen Morgen ſehr früh⸗ zeitig eine von ihren Kammerjungfern geſchickt, um ſich nach Ihnen erkundigen zu laſſen.“ „Und Sie haben geantwortet?“ „Das Fräulein habe eine beſſere, obwohl etwas auf⸗ geregte Nacht gehabt; doch die vollkommene Ruhe von geſtern Abend habe dem Fräulein ſehr wohl gethan.“ „Gut, gut. Nun habe ich Sie noch um etwas Anderes zu bitten, meine liebe Lainé.“ „Ich ſtehe dem Fräulein ganz zu Befehl; nur bin ich troſtlos über das, was geſtern Abend bei Madame Herbaut dem Fräulein begegnet iſt,“ ſagte die Gouver⸗ nante mit innigem Tone, „ich war den ganzen Abend wie auf der Folter.“ „Und was iſt mir denn bei Madame Herbaut be⸗ gegnet?“ „Wie! man hat das Fräulein mit einer Gleichgültig⸗ keit mit einer Kälte aufgenommen kurz das war ſchauderhaft . denn das Fräulein iſt gewohnt, alle Welt um ſich beeifert zu ſehen, wie dies ſein muß.“ „Ah! das muß ſein?“ „Das Fräulein weiß wohl, welche Rückſichten man 205 ſeiner Stellung ſchuldig iſt.. während ich geſtern ent⸗ rüſtet, emport war. .. Ah! dachte ich bei mir, wenn man wüßte, daß dieſe junge Perſon, der man nicht die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit ſchenkt, Fräulein von Beaumesnil iſt. . da würde man alle dieſe Leute ſich auf den plat⸗ ten Bauch legen ſehen.“ „Meine liebe Lainé, ich will Sie vor Allem über meinen geſtrigen Abend beruhigen, ich war ſo entzückt darüber, daß ich den Ball am nächſten Sonntag auch zu beſuchen gedenke.“ „Wie . das Fräulein. will abermals. . „Ich bin entſchloßen und werde gehen. Doch nun zu etwas Anderem. Der Empfang, der mir geſtern bei Madame Herbaut zu Theil geworden iſt, und der Sie ſo ſehr in Harniſch bringt, iſt mir ein Beweis für die Ver⸗ ſchwiegenheit, die ich von Ihnen erwartet habe Ich danke Ihnen dafür, und wenn Sie immer ſo handeln, ich wiederhole es Ihnen, iſt Ihr Glück geſichert.“ „Das Fräulein darf überzeugt ſein, daß es nicht das Intereſſe iſt, was . . .“ „Ich weiß, was ich zu thun haben werde, doch meine liebe Lainé, das iſt noch nicht Alles: Sie müſſen Ma⸗ dame Herbaut nach der Adreſſe von einer der jungen Per⸗ ſonen fragen, die ich geſtern Abend geſehen habe. Sie heißt Herminie und gibt Unterricht in der Mufik.“ „Ich brauche mich deshalb nicht an Madame Her⸗ baut zu wenden, mein Fräulein; der Haushofmeiſter des Herrn Barons weiß ihre Adreſſe.“ „Wie?“ fragte Erneſtine ſehr erſtaunt, „der Haus⸗ hofmeiſter weiß die Adreſſe von Fräulein Herminie?“ „Ja, mein Fräulein, und erſt vor wenigen Tagen ſprach man von ihr in der Office.“ „Von Fräulein Herminie?“ „Gewiß, mein Fräulein. . . wegen des Billets von fünfhundert Franken, das ſie der Frau Baronin zurück⸗ brachte. Louis, der Kammerdiener, hat Alles durch die Thürvorhänge des Salon gehoͤrt.“ 206 „Frau von la Rochaigue kennt Herminie!“ rief Er⸗ neſtine, deren Erſtaunen und Meugierde ſich bei jedem Worte ihrer Gouvernante vermehrten. „Und dieſes Billet von fünfhundert Franken, was bedeutet das?“ „Die ehrliche junge Perſon (ich ſagte dem Fräulein, Madame Herbaut treffe eine ſehr ſtrenge Auswahl bei ihrer Geſellſchaft), dieſe ehrliche junge Perſon brachte die fünfhundert Franken zurück, weil ſie, wie ſie ſagte, von der Frau Gräfin bezahlt worden war.“ „Von welcher Gräfin 2..“ „Von der Mutter des Fräuleins.“ „Meine Mutter .. Herminie bezahlen, und warum?“ „Ah! mein Gott, ganz richtig . . . das Fräulein weiß ohne Zweifel nicht . . . man hat das dem Fräulein nicht geſagt, aus Furcht, Sie abermals traurig zu machen.“ „Wie! was hat man mir nicht geſagt? In des Him⸗ mels Namen ſprechen Sie, ſprechen Sie doch.“ „Die verſtorbene Frau Gräfin litt in ihren letzten Augenblicken ſo ſehr, daß es den Aerzten, welche alle ihre Mittel erſchöpft hatten, einfiel, der Frau Gräfin zu rathen, ſie möge es verſuchen, ob die Mufik ihre Schmerzen nicht lindern würde.“ „Oh! mein Gott . ich kann nicht glauben .. vollenden Sie, vollenden Sie . . .“ „Da ſuchte man eine Künſtlerin, und dies war . . .“ „Herminie!“ „Ja, mein Fräulein; während der letzten zehn bis zwölf Tage der Krankheit der Frau Gräfin machte Fräu⸗ lein Herminie Muſfik bei ihr .. es ſoll dies die ſelige Frau Gräfin ſehr beruhigt haben, doch leider war es zu ſpät.“ Während Erneſtine die Thränen trocknete, die dieſe traurigen, ihr bis dahin unbekannten Umſtände hervor⸗ riefen, fuhr Madame Lainé fort: „Es ſcheint, daß nach dem Tod der Frau Gräfin die Frau Baronin, welche glaubte, Fräulein Herminie ſei nicht bezahlt worden, ihr fünfhundert Franken ſchickte; 207 doch dieſe brave junge Perſon brachte, wie geſagt, das Geld zurück und behauptete, man ſei ihr nichts ſchuldig.“ „Sie hat meine Mutter ſterbend geſehen ſie hat ihre Leiden gelindert,“ dachte Erneſtine mit unausſprech⸗ licher Rührung. „Ah! wann werde ich ihr geſtehen kön⸗ nen, daß ich die Tochter dieſer Frau bin, die ſie ohne Zweifel liebte! denn wie meine Mutter kennen, ohne ſie zu lieben?“ Dann plötzlich bei einer friſchen Erinnerung bebend, ſprach das Mädchen zu ſich ſelbſt: „Doch ich entſinne mich nun . . geſtern, als ich Herminie ſagte, ich heiße Erneſtine, ſchien ſie mir betroſ⸗ fen ſie äußerte ganz bewegt, eine Perſon, welche ſie verehrt, habe eine Tochter Namens Erneſtine gehabt. Meine Mutter hat alſo mit ihr von mir geſprochen? Und um zu Herminie dieſes Vertrauen zu haben, mußte ſie meine Mutter lieben, ich hatte alſo Recht, ſie auch zu lieben. .. das iſt eine Pflicht für mich . . Oh! mein Kopf verwirrt ſich, mein Herz überſtrömt . es iſt zu viel, mein Gott! es iſt zu viel Glück.“ Thränen der Rührung trocknend, ſagte ſie zu ihrer Gouvernante: „Und dieſe Adreſſe?“ „Der Haushofmeiſter hat ſich bei dem Notar, der ihr die fünfhundert Franken ſchickte, darnach erkundigt; ſie wurde ihm gegeben, und er hat ſie im Auftrag der Fi Baronin dem Herrn Marquis von Maillefort über⸗ racht.“ „Herr von Maillefort kennt Herminie auch?“ „Ich vermöchte das dem Fräulein nicht zu ſagen; ich weiß nur, daß der Haushofmeiſter vor einem Monat die Adreſſe von Herminie zum Herrn Marquis gebracht hat.“ „Dieſe Adreſſe, meine liebe Lainé . dieſe Adreſſe!“ Nach einigen Augenblicken brachte die Gouvernante von Herminie, und Erneſtine ſchrieb ihr ſo⸗ gleich „Meine liebe Herminie, Sie haben mich eingeladen, Ihr nledliches Zimmerchen zu ſehen; ich werde Sie am Dienſtag Morgen ſehr frühzeitig beſuchen, da ich dann überzeugt ſein darf, Sie nicht in Ihren Geſchäften zu ſtören; ich freue mich unendlich, Sie wiederzuſehen, denn ich habe Ihnen tauſend Dinge zu ſagen. „Es umarmt Sie Ihre aufrichtige Freundin, „Erneſtine.“ Nachdem ſie dieſen Brief geſiegelt hatte, ſagte Fräu⸗ lein von Beaumesnil zu ihrer Gouvernante: „Meine liebe Lainé, Sie werden dieſen Brief ſelbſt auf die Poſt tragen.“ „Ja, mein Fräulein .. Und Erneſtine ſprach zu ſich: „Doch wie ſoll ich es übermorgen früh machen um allein mit Madame Lainé auszugehen? . . Oh! ich weiß es nicht, aber mein Herz ſagt mir, daß ich Her⸗ minie ſehen werde.“ „ Neunzehntes Rapitel. Am Morgen des Tags, den Fräulein von Beaumes⸗ nil für ihren Beſuch bei Herminie beſtimmt hatte, pflog Gerald von Senneterre eine lange Unterredung mit Oli⸗ vier. Die zwei jungen Leute ſaßen unter der Laube, der der Commandant Bernard ſo ganz beſonders zugethan war. Das Geſicht des Herzogs von Senneterre war ſehr bleich, ſehr angegriffen; er ſchien ſchmerzlichen Gemüths⸗ bewegungen prelsgegeben zu ſein. 209 „Mein guter Olivier,“ ſagte er zu ſeinem Freund, „Du wirſt ſie alſo beſuchen.“ „Sogleich Ich habe ſie geſtern in einem Billet um eine Zuſammenkunft gebeten . Sie hat mir nicht geantwortet, folglich willigt ſie ein.“ „Ah!“ ſagte Gerald mit einem Seufzer der Angſt, „in einer Stunde wird mein Schickſal entſchieden ſein.“ „Ich verberge Dir nicht, Gerald, dies Alles iſt ſehr ernſt. Du kennſt beſſer als ich ihren Charakter und ihren Stolz, und das, was bei jeder Andern gewiß gelingen würde, kann bei ihr eine ganz entgegengeſetzte Wir⸗ u ebe doch noch iſt kein Grund vorhanden, zu ver⸗ zweifeln . „Höre, ſiehſt Du, Olivier — wenn ich auf ſie ver⸗ zichten müßte, ich wüßte nicht, was ich thäte,“ rief Gerald mit dumpfem Tone. „Gerald . Gerald!“ „Nun, ja ich liebe ſie wie ein Wahnſinniger .. Ich habe nie geglaubt, ſelbſt die leidenſchaftlichſte Liebe könnte einen ſolchen Grad der Exaltation erreichen ... Dieſe Liebe iſt ein verzehrendes Fieber, eine fire Idee, die mein ganzes Weſen erfüllt, mich wie eine Flamme verſengt .. Was ſoll ich Dir ſagen? ... Die Leiden⸗ ſchaft durchbricht bei mir alle Dämme: ich lebe nicht pehr und Du begreifſt das, Du, der Du Herminie ennſt.“ „Ich weiß, es gibt kein edleres, kein ſchöneres Ge⸗ ſchöpf auf der Welt.“ „Olivier . . .“ ſagte Gerald, ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend, ich bin der unglücklichſte Menſch.“ „Ruhig, Gerald .. keine Schwäche rechne auf mich rechne auch auf ſie .. . Liebt ſie Dich nicht eben ſo ſehr, als Du ſie liebſt? Sei nicht ſo troſt⸗ los .. hoffe . und ſollten unglücklicher Weiſe .. .“ „Olivier!“ rief Herr von Senneterre, ſein ſchoͤnes Die fieben Tovſünden. I. 14 Antlitz erhebend, worauf man die Spur friſcher Thränen ſah, „ich habe Dir geſagt, ich könnte ohne ſie nicht leben. 6 Es wurden dieſe Worte mit einem ſo aufrichtigen Ton, mit einer ſo ſtarren Entſchloſſenheit geſprochen, daß Slivier, der die Energie des Charakters und des Willens ſeines alten Waffengefährten kannte, darob zitterte. „Um Gottes Willen, Gerald,“ ſagte er tief bewegt, „ich wiederhole, es iſt kein Grund zum Verzweifeln vor⸗ handen .. Warte doch wenigſtens meine Rückkehr ab 1. „Du haſt Recht,“ erwiederte Gerald, mit der Hand über ſeine brennende Stirne fahrend, „ich werde warten . Olivier, der ſeinen Freund nicht unter der Herrſchaft peinlicher Gedanken laſſen wollte, ſprach zu Gerald: „Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß ich mit meinem Oheim über Deinen Plan in Beziehung auf Fräulein von Beaumesnil, die Du übermorgen bei einer großen Fete treffen ſollſt, geſprochen habe; er billigt Dein Vor⸗ haben ganz und gad. „„Dieſes Benehmen iſt ſeiner wür⸗ dig,“ ſagte er zu mir Uebermorgen alſo, Gerald.“ „Uebermorgen!“ rief der Herzog von Senneterre mit ungeduldiger Bitterkeit; „ich denke nicht ſo weit; weiß ich denn nur, was ich im nächſten Augenblick thun werde?“ „Gerald, es handelt ſich um die Erfüllung einer Ehrenpflicht.“ „Sprich mir nicht von etwas Anderem, als von Her⸗ minie .. das Uebrige iſt mir gleichgültig. Was kümmere um Ehrenpflichten, während ich auf der Folter i „Du denkſt nicht, was Du ſagſt, Gerald.“ „Doch . . . ich denke das.“ „Nein . .“ „Olivier . „Aergere Dich, wenn Du willſt; doch ich ſage Dir, vaß Dein Benehmen diesmal wie immer das eines Man⸗ nes von Herz ſein wird. . . Du wirſt auf den Ball gehen, um Fräulein von Beaumesnil dort zu treffen.“ 21¹¹ „Alle Teufel . ich bin doch wohl Herr meiner Handlungen.“ „Nein, Gerald, es ſteht Dir nicht frei, das Gegen⸗ theil von dem zu thun, was redlich und gut iſt!“ „Wiſſen Sie, mein Herr,“ rief der Herzog von Senne⸗ terre bleich vor Zorn, „wiſſen Sie, daß das, was Sie mir da ſagen . .“ Doch einen Ausdruck ſchmerzlichen Erſtaunens in den Zügen von Olivier wahrnehmend, kam Gerald wieder zu ſich; er ſchämte ſich ſeiner Hitze und ſagte mit bittendem Ton zu ſeinem Freund, indem er ihm die Hand reichte: „Verzeihe, Olivier, verzeihe, in dem Augenblick, wo Du für mich den ſchwierigſten, den zarteſten Auftrag über⸗ nimmſt, bin ich ſo .. „Willſt Du Dich nicht gar bei mir entſchuldigen?“ ſagte Olivier, ſeinem Freund in die Rede fallend und ihm herzlich die Hand drückend. „Olivier, ſprach Gerald ganz niedergeſchlagen, „Du mußt Mitleid mit mir haben, ich ſage Dir, daß ich wahn⸗ ſinnig bin . . .“ Die Unterredung der zwei Freunde wurde durch die plötzliche Erſcheinung von Madame Barbangon unterbro⸗ chen, welche, unter die Laube tretend, ausrief: „Ah! mein Gott, Herr Olivier .. „Was gibt es denn, Madame Barbangon?“ „Der Commandant!“ „Nun!“ „Er iſt ausgegangen.“ „Leidend, wie er iſt?“ ſagte Olivier mit ängſtlichem Erſtaunen; „das iſt die größte Unvorſichtigkeit . und Sie haben ihn nicht abzuhalten verſucht, Madame Bar⸗ bancon?“ „Ach! mein Gott! Herr Olivier, ich glaube, der Com⸗ mandant iſt verrückt.“ „Was ſagen Sie?“ „Die Portière hat Herrn Gerald in meiner Abweſen⸗ 2¹²2 heit geöffnet, und als ich ſo eben zurückkam, lachte, ſang Herr Bernard ich glaube ſogar, daß er trotz ſeiner Schwäche geſprungen iſt . kurz, er umarmte mich und ſchrie, als ob er von der Kette losgelaſſen würde: Sieg! Mama Barbancon, Sieg!“ Trotz ſeiner Traurigkeit konnte ſich Gerald nicht ent⸗ halten, auf eine duckmäuſeriſche Art zu lächeln, als ob er das Geheimniß der plötzlichen Freude des alten Seemanns hätte; doch da Olivier wirklich unruhig zu ihm agte: „Kannſt Du das begreifen, Gerald?“ Da antwortete der Herzog von Senneterre mit der allernatürlichſten Miene: „Meiner Treue! nein, ich begreife es nicht, wenn nicht etwa der Commandant eine erfreuliche Nachricht er⸗ halten hat, und darin ſehe ich nichts Beunruhigendes.“ „Eine erfreuliche Rachricht?“ rief erſtaunt Olivier, ver vergebens ſuchte, was dies ſein könnte, „ich ſehe nicht ein, welche gute Kunde mein Oheim erhalten haben dürfte.“ „Nur ſo viel iſt gewiß, ſprach Madame Barbangon, „nachdem der Commandant Sieg! gerufen hatte, ſagte er zu mir: „„Olivier iſt im Garten?““ „„Ja, er iſt bei Herrn Gerald.“ „„Ah! Olivier iſt im Garten .. Dann geſchwinde, Madame Barbancon, Hut und Stock ich mache mich aus dem Staub . „„Wie! Sie machen ſich aus dem Staub! aber Herr,““ ſagte ich zu ihm, „„bei Ihrer Schwäche iſt es ganz unvernünftig, daß Sie ausgehen wollen.“ Doch Alles vergebens! der Commandant hat mich nicht einmal angehört; er ſprang nach ſeinem Hut und machte zwei Schritte, als wollte er Sie im Garten aufſuchen, Herr Olivier; doch plötzlich blieb er ſtehen, kehrte wieder um, trabte durch die Hausthüre fort wie ein junger Menſch und trällerte dabei ſeine ab⸗ ſcheuliche Romanze: S „Sardinen wollt'er fangen ein Seemannslied, das er nur fingt, wenn er ſehr freudig 213 iſt, Sie wiſſen das wohl, Herr Olivier. .. Und bei dem armen, lieben Herrn iſt große Freude ſehr ſelten!“ „Je ſeltener ſie iſt, deſto größer muß ſie ſein, Ma⸗ dame Barbangon,“ entgegnete Gerald lächelnd. . „In der That,“ ſagte Olivier, „ich verſichere Dich, daß mich dieſe Sache beunruhigt . . . Mein Oheim iſt ſo ſchwach ſeit ſeiner Krankheit, daß es ihm geſtern erſt, nachdem er eine halbe Stunde im Garten ſpazieren gegangen war, übel wurde, ſo müde war er.“ „Sei unbeſorgt, mein Freund, die Freude ſchadet nie.“ „Ich will immerhin nach der Ebene laufen, Herr Olivier, ſagte Madame Barbancon; „er meinte, die Be⸗ wegung in der freien Luft würde ihm beſſer thun, als ſeine Spaziergänge im Garten . .. vielleicht finde ich ihn dort .. Aber was meinte er wohl mit ſeinem: Sieg, Mabame Barbangon, Sieg! . er muß etwas Neues zum Vortheil ſeines Buuonaparte entdeckt haben.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich die würdige Haus⸗ hälterin ſchleunigſt. „Laß Dich nicht beunruhigen, Olivier,“ ſagte Gerald. „Das Schlimmſte, was dem Commandanten widerfahren kann, iſt, daß er ein wenig müde wird.“ „Ich verſichere Dich, Gerald, daß ich minder unruhig, als erſtaunt bin . . Dieſer Anfall plötzlicher Freudigkeit iſt mir ganz unbegreiflich.“ Es ſchlug neun Uhr . . . Olivier dachte an den Auftrag, den er für Gerald zu beſorgen hatte, und er ſagte zu dieſem: „Ah! es ſchlägt neun ühr. .. ich gehe zu ihr .. „Guter Olivier,“ ſprach Gerald tief bewegt, „Du vergißt Alles, was Dich intereſſirt, um nur an mich zu denken und ganz nur von meiner Liebe, von meiner Bangigkeit erfüllt, ſpreche ich in meiner Selbſtſucht nicht einmal von Deiner Liebe.“ „Wen meinſt Du?“ „Ich meine das Mädchen, das Du am Sonntag bei Madame Herbaut geſehen haſt.“ 214 „Mein guter Gerald, ich wünſchte, Deine Liebe wäre ſo ruhig als die meinige, wenn man überhaupt Liebe die natürliche Theilnahme nennen kann, die man für ein armes, nichts weniger als glückliches Mädchen fühlt, das nicht hübſch iſt, aber eine Geſichtsbildung von engeliſcher Sanft⸗ muth, eine vortreffliche Natur und ein ſehr originelles Ge⸗ plauder für ſich hat.“ „Und Du denkſt oft an dieſes arme Mädchen?“ „Es iſt wahr. . ich weiß eigentlich nicht, warumz. .. wenn ich es entdecke, werde ich es Dir ſagen. Doch nun iſt genug von mir geſprochen . . . Du haſt einen wahren Heldenmuth dadurch gezeigt, daß Du einen Augenblick Deine Leidenſchaft vergeſſen konnteſt, um Dich für das zu intereſfiren, was Du meine Liebe nennſt,“ ſagte Olivier lächelnd, um die Stirne von Gerald aufzuklären. „Dieſe edelmüthige Handlung ſoll belohnt werden. Auf, guten Muth . . . hoffe und warte auf mich.“ Herminie dachte ihrerſeits an den Beſuch von Olivier mit einer unbeſtimmten Unruhe, welche eine leichte Wolke über ihren kurz zuvor noch von Glück ſtrahlenden Zügen verbreitete. „Was kann Herr Olivier von mir wollen?“ dachte die Herzogin, „es iſt das erſte Mal, daß er mich be⸗ ſuchen zu dürfen bittet, und zwar in einer ſehr wich⸗ tigen Angelegenheit, wie er in ſeinem Brief ſagt... Dieſe wichtige Angelegenheit muß nicht ihn betreffen . . . Mein Gott! wenn es ſich um Gerald handelte, deſſen beſter Freund Herr Olivier iſt? Doch nein, geſtern erſt habe ich Gerald geſehen . . ich werde ihn heute ſehen. .. denn morgen muß er mit ſeiner Mutter über unſere Pläne ſprechen . . . aber ich weiß nicht, warum mich dieſe Zu⸗ ſammenkunft ſo ſehr beängſtigt . . . In jedem Fall will ich der Portire ſagen, daß ich für Herrn Olivier zu Hauſe bin.“ Und Herminie zog an einer Klingelſchnur, welche mit 2¹5 der Loge von Madame Moufflon, der Portiere, in Ver⸗ bindung ſtand. Auf dieſen Ruf trat die Portlère, ſich ihres Haupt⸗ ſchlüſſels bedienend, ſogleich bei dem Mädchen ein. „Madame Muufflon,“ ſagte Herminie, „es wird dieſen Ksh Jemand nach mir fragen, den Sie ſogleich ein⸗ aſſen.“ „Wohl verſtanden, wenn es eine Dame iſt, ich kenne meine Vorſchrift, mein Fräulein.“ „Nein, Madame Moufflon, es iſt keine Dame,“ er⸗ wiederte Herminie mit einer leichten Verlegenheit. „Es iſt keine Dame? dann kann es nur der kleine Buckelige ſein, für den Sie immer zu Hauſe ſind?“ „Rein, Madame Buoufflon, ich meine nicht Herrn von Maillefort, ſondern einen jungen Mann.“ „Einen jungen Mann!“ rief die Portiere, „einen jungen Mann! das iſt, bei Gott! neue Frucht! . . Es iſt das erſte Mal . „Dieſer junge Mann wird Ihnen ſeinen Namen ſagen; er heißt Olivier „Olivier nicht ſchlecht . ich werde an Oli⸗ ven denken, ich liebe ſie ungemein Olivier, Oli⸗ ven, Hlivenoͤl, das iſt ganz dasſelbe, und ich vergeſſe es nicht. . Doch wie iſt es . nicht mit dem jungen Mann denn er iſt nicht mehr jung. ich meine die große abſcheuliche Schlange ich habe dieſen Burſchen geſtern Nachmittag erſt vor der Thüre umherſtreichen ſehen.“ „Wen, Madame Moufflon?“ „Sie wiſſen, der große Dürre mit dem widerwärtigen Geſicht, der mich zum zweiten Mal verführen wollte, daß ich Ihnen ein Liebesbriefchen zuſchiebe; voch Tag Gottes! ich habe ihn das zweite Mal ſo hubſch empfangen, als das erſte Mal.“ „Ah! abermals,“ ſagte Herminie mit einem Lächeln 3 und der Verachtung bei dem Gedanken an Ravil. Dieſer Cyniker hatte es in der That ſeit ſeinem Zu⸗ 216 ſammentreſſen mit Herminie mehrere Male verſucht, ſich dem Mädchen zu nähern; doch da ihm dies nicht gelang, und da er auch die Unbeſtechlichkeit der Portiére nicht zu beſiegen vermochte, ſo ſchrieb er durch die Poſt an Her⸗ minie, und ſeine Briefe wurden mit der verdienten Ver⸗ achtung aufgenommen. „Ja, mein Fräulein, er ſtrich geſtern abermals um das Haus her,“ ſagte die Portière, „und als ich mich an die Thüre ſtellte, um ihn zu beobachten, ging er hohn⸗ lachend an mir vorüber ich aber ſprach in meinem Innern; Lache immerhin, lange Schlange, Du wirſt ver⸗ gebens lachen.“ „Leider kann ich es nicht vermeiden, mit dieſem Menſchen zuſammenzutreffen, der ſich mir zuweilen in den Weg ſtellt, erwiederte Herminie; „doch ich brauche Ihnen nicht zu empfehlen, Madame Muufflon, daß Sie ihn nie in die Nähe meiner Wohnung kommen laſſen.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Fräulein er weiß wohl, mit wem er es zu thun hat.“ „Ich vergaß, Ihnen zu ſagen,“ fügte Herminie bei, es wird dieſen Morgen ohne Zweifel auch eine junge Perſon kommen, um mich zu beſuchen.“ „Die jungen Perſonen und die Damen, das verſteht ſich von ſelbſt, mein Fräulein .. Doch ſollte der junge Mann, Berr Olivier (Sie ſehen, ich vergeſſe den Namen nicht), ſ ei Ihnen ſein, wenn die junge Perſon kommt?“ „Soll ich ſie dennoch einlaſſen?“ „Gewiß.“ „Ah! mein Fräulein,“ ſagte die Portiere, „Herr Bouffard, der ſo rauhborſtig gegen Sie war, und den Sie ſo ſanft gemacht haben, wie ein ächtes Merino, ſeitdem Sie ſeiner Tochter Lection geben, hat Recht, wenn er ſagt; „„Es gibt Roſenmädchen, welche nicht den Werth von Fräulein Herminie haben . . . oh es iſt ein Mäd⸗ chen das. 4 217 Das Läuten der Glocke ſchnitt die Lobeserhebungen von Madame Moufflon kurz ab. „Das iſt ohne Zweifel Herr Olivier,“ ſagte Her⸗ minie zu Madame Moufflon, „bitten Sie ihn, einzutreten.“ Nach einem Augenblick führte die Portiere wirklich Olivier bei der Tonkünſtlerin ein, und dieſe blieb allein bei dem vertrauten Freund von Gerald. Zwanzigſtes Rapitel. Die Unruhe von Herminie vermehrte ſich noch bei dem Anblick von Olivier; der junge Mann ſchien ernſt, traurig, und die Herzogin glaubte zweimal zu bemerken, er vermeide es, ſie anzuſchauen, als wäre er in einer peinlichen Verlegenheit, eine Verlegenheit, die ſich noch durch ein Stillſchweigen von einigen Augenblicken kundgab, das Olivier beobachtete, ehe er ſich über den Grund ſeines Beſuches ausſprach. Dieſes Stillſchweigen zuerſt unterbrechend, ſagte Herminie: t „Herr Olivier, Sie haben mich in einem Billet um eine Unterredung in einer ſehr wichtigen Angelegenheit gebeten?“ „In der That, ſehr wichtig, Fräulein Herminie.“ „Ich glaube Ihnen, denn Sie ſcheinen bewegt, Herr Olivier; was haben Sie mir denn mitzutheilen?“ „Es handelt ſich um Gerald, mein Fräulein.“ „Großer Gott!“ rief die Herzogin erſchrocken, „was iſt ihm denn geſchehen?“ „Nichts . .“ erwiederte Olivier raſch, „nichts Un⸗ angenehmes ich komme ſo eben von ihm her.“ 218 Wieder beruhigt, fühlte ſich Herminie Anfangs etwas verwirrt durch ihren übereilten Ausruf und ſagte errothend zu Olivier: „Ich bitte, wollen Sie nicht ſchlimm deuten . Doch die Offenherzigkeit und der Stolz ihres Charak⸗ ters gewannen raſch wieder die Oberhand und ſie fuhr fort: „Warum ſoll ich Ihnen im Ganzen verbergen, was Sie ſchon wiſſen, Herr Olivier? Sind Sie nicht der beſte Freund, beinahe der Bruder von Gerald? Keines von uns Beiden hat über ſeine Neigung zu erröthen. Morgen ſoll er ſeine Mutter von ſeinen Abſichten in Kenntniß ſetzen und ſich von ihr eine Einwilligung erbitten, welche zu er⸗ langen er zum Voraus ſicher iſt. Warum ſollte er ſie auch nicht erhalten? unſere Verhältniſſe ſind dieſelben... Gerald lebt von ſeinem Gewerbe, wie ich von dem meini⸗ gen unſer Lvos wird ein beſcheidenes ſein und .. Doch verzeihen Sie, Herr Olivier, daß ich ſo mit Ihnen ſpreche, das iſt der Fehler der Verliebten. Laſſen Sie hören, da Gerald nichts Unangenehmes begegnet iſt .. was kann dieſe wichtige Angelegenheit ſein, welche Sie zu mir führt?“ Die Worte von Herminie deuteten ſo viel Sicherheit an, daß Olivier jetzt erſt fühlte, wie ſchwierig der Auftrag war, den er übernommen hatte, und er erwiederte mit einem peinlichen Zögern: „Es iſt Gerald nichts Unangenehmes begegnet, Fräu⸗ lein Herminie; doch ich komme von ihm abgeſandt, um mit Ihnen zu reden.“ Einen Augenblick aufgeheitert, wurde das Geſicht der Herzogin abermals unruhig. „Herr Olivier, ich bitte, erklären Sie ſich,“ ſagte ſie, „Sie kommen im Auftrag von Gerald? Warum ein Ver⸗ mittler zwiſchen ihm und mir, und wären auch Sie, ſein veſter Freund, vieſer Vermittler? . . . Das ſetzt mich in Erſtaunen. Warum kommt Gerald nicht ſelbſt?“ „Weil es Dinge gibt, die er Ihnen zu geſtehen be⸗ fürchtet, mein Fräulein.“ 2¹9 Herminie bebte, ſie ſah plotzlich ganz verſtört aus, ſchaute Olivier ſtarr an und wiederholte: „Es gibt Dinge, welche Gerald mir zu geſtehen be⸗ fürchtet . . mir?“ „Ja, mein Fräulein.“ „Ah!“ rief das Mädchen, immer mehr erbleichend, „dann muß es etwas ſehr Schlimmes ſein, wenn er es mir nicht zu ſagen wagt?“ „Hören Sie, mein Fräulein,“ ſprach Olivier, der ſich von der peinlichſten Lage bedrückt fühlte, „ich wollte Umwege, Vorſichtsmaßregeln nehmen ... das würde nur dazu dienen, Ihre Angſt zu vermehren.“ „Oh! mein Gott!“ flüſterte das Mädchen ganz zit⸗ ternd, „was werde ich erfahren?“ „Die Wahrheit, Fräulein Herminie . . . ſie iſt mehr werth, als die Lüge.“ „Die Lüge?“ „Mit einem Wort, Gerald kann nicht länger die falſche Stellung ertragen, in die er gezwungener Weiſe durch ver⸗ hängnißvolle Umſtände und das tief gefühlte Bedürfniß, in nähere Verbindung mit Ihnen zu treten, verſetzt worden iſt . . . Sein Muth iſt zu Ende . er will Sie nicht mehr belügen und ſchickt mich, was auch geſchehen dürfte nur auf Ihre Großmuth hoffend . . . zu Ihnen, damit ich Ihnen ſage, was er ſelbſt zu geſtehen ſich fürchtet . . . denn er weiß, welchen Abſcheu Sie vor der Falſchheit hegen, und . leider hat Sie Gerald ge⸗ täuſcht . .“ „Getäuſcht . . . mich?“ „Gerald iſt nicht das, was er zu ſein ſcheint . . . er hat einen falſchen Namen angenommen und ſich für Etwas ausgegeben, was er nie war.“ „Großer Gott!“ ſtammelte Herminie im tieſſten chrecken. Und ein gräßlicher Gedanke durchzuckte ihren Geiſt. Tauſend Meilen weit davon entfernt, zu denken, Olivier könnte im vertrauten Verhältniß mit einem Gliede 220 der höchſten Claſſen der Ariſtokratie ſtehen, bildete ſich die Unglückliche ganz das Gegentheil ein; ſie dachte, Gerald habe einen falſchen Namen angenommen, ein falſches Ge⸗ werbe bei ihr angegeben, um unter dieſem Aeußeren, nicht die Niedrigkeit ſeiner Geburt oder ſeines Standes (in den Augen von Herminie machten die Arbeit und die Ehren⸗ haftigkeit alle Stände gleich), ſondern einige ſchmähliche, ſtrafbare Vorgänge ſeines Lebens zu verbergen, kurz Her⸗ minie faßte die Ueberzeugung, Gerald habe eine entehrende Handlung begangen. In ſeinem wahnſinnigen Schrecken ſtreckte auch das Mädchen ſeine beiden Hände gegen Olivier aus und rief mit ſtockender Stimme: „Vollenden Sie nicht . . . . oh! . . vollenden Sie dieſes ſchmachvolle Bekenntniß nicht.“ „Schmachvoll! . . .“ rief Olivier; „wie weil Gerald Ihnen verborgen hat, daß er der Herzog von Senneterre iſt?“ „Sie ſagen . . . Gerald . . . Ihr Freund? . „Sei der Herzog von Senneterre . jä mein Fräulein . . wir waren mit einander im Colleg . . er trat wie ich beim Militär ein . . . und ſo fand ich ihn wieder beim Regiment; ſeitdem dauerte unſere vertraute Freundſchaft fort . . . Sie errathen nun, Fräulein Her⸗ minie, aus welchem Grund Ihnen Gerald ſeinen Titel und ſeine Lebensſtellung verborgen hat. Das iſt ein Unrecht, an dem ich mich aus Unbeſonnenheit mitſchuldig gemacht habe, denn es handelte ſich Anfangs nur um einen Scherz, den ich grauſam beklage: ich ſollte Gerald bei Madame Herbaut als Notarſchreiber vorſtellen. Leider hatte dieſe Vorſtellung ſchon ſtattgefunden, als Gerald nach dem ſelt⸗ ſamen Vorfall, der ihn in Ihre Nähe brachte, bei Madame Berbaut wieder mit Ihnen zuſammentraf; das Uebrige be⸗ greifen Sie Doch ich wiederhole Ihnen, Gerald hat es vorgezogen, Ihnen die Wahrheit zu geſtehen; dieſes beſtän⸗ dige Lügen empörte zu ſehr ſeine Redlichkeit.“ Als Herminie vernahm, daß Gerald, ſtatt ein verächt⸗ 221 licher Menſch zu ſein, indem er ſich unter einem falſchen Namen verbarg, nur das Unrecht beging, daß er ſeine hohe Stellung verheimlichte, war der Umſchlag der Ideen bei ihr ſo ungeſtüm, ſo heftig, daß ſie Anfangs von einer Art von Schwindel ergriffen wurde; als aber die Ueberlegung wieder bei ihr eintrat, als ſie mit einem ſicheren Blick die Folgen dieſer Offenbarung zu durchſchauen vermochte, wirkte die Erſchütterung ſo mächtig, daß ſie bleich wurde wie eine Todte, daß ſie an allen Gliedern zitterte, daß ihre Kniee wankten und ſie ſich einen Augenblick auf den Kamin ſtützen mußte. Sobald Herminie wieder ſprechen konnte, erwiederte ſie mit tief bewegter Stimme: „Herr Olivier, ich will Ihnen etwas ſagen, was Ihnen wahnfinnig ſcheinen wird . . . So eben, ehe Sie mir Alles geoffenbart hatten, kam mir ein toller, gräßlicher Gedanke der Gedanke, Gerald habe mir ſeinen wahren Namen verheimlicht, weil er ſich einer . . ſtrafbaren . . ent⸗ ehrenden Handlung ſchuldig gemacht.“ „Ah! Sie konnten das glauben . . .“ „Ja ich glaubte das. .. Doch ich weiß nicht, ob die Wahrheit, die Sie mir über die Lage von Gerald enthüllt haben, mir nicht einen Kummer verurſacht, der mich noch mehr in Verzweiflung bringen muß, als das, was ich bei dem Gedanken, Gerald könnte ein verächtlicher WMenſch ſein, empfand.“ . „Was ſagen Sie, mein Fräulein? Das iſt unmöglich!“ „Nicht wahr, das kommt Ihnen unfinnig vor?“ ver⸗ ſetzte das Mädchen mit Bitterkeit. „Wie! . Gerald als ein verächtlicher Menſch . . „Ei! was weiß ich! Ich konnte hoffen, ihn durch die Macht der Liebe aus ſeiner Geſunkenheit emporzuziehen, ihn in ſeinen eigenen Augen, in den meinigen zu erheben, kurz ihn einem ehrenhaften Daſein zurück,ugeben; aber,“ fuhr Herminie mit tiefer Niedergeſchlagenheit fort, „zwiſchen mir und dem Herzog von Senneterre iſt nun eine Kluft befeſtigt . 222 „Oh! beruhigen Sie ſich,“ ſprach raſch Olivier, der die Wunde, die er geſchlagen, zu heilen und den Schmerz des Mädchens in Freude zu verwandeln hoffte, „beruhigen Sie ſich, Fräulein Herminie, ich habe den Auftrag, Ihnen das Unrecht von Gerald zu geſtehen, aber, Gott ſei Dank! ich habe auch den Auftrag, Ihnen zu ſagen, daß er ein Unrecht gut zu machen . . . oh! auf die glänzendſte Weiſe gut zu machen gedenkt . . . Gerald konnte Sie über den Anſchein täuſchen, aber er hat Sie nie über die Aechtheit ſeiner Gefühle getäuſcht: ſie find zu dieſer Stunde was ſie ſtets geweſen ſind; ſein Entſchluß hat ſich nicht geändert . . . Heute wie geſtern hat Gerald nur einen Wunſch, nur eine Hoffnung. . . daß Sie einwilligen möch⸗ ten, ſeinen Namen zu führen . . . Heute aber iſt dieſer Name der des Herzogs von Sennetere das iſt das Ganze.“ „Das iſt das Ganze!“ rief Herminie, bei der die Niedergeſchlagenheit einer ſchmerzlichen Entrüſtung Platz machte. „Ah! das iſt das Ganze? Es iſt alſo nichts, mein Herr, daß man meine Zuneigung mit Hülfe eines falſchen Aeußern erſchlichen hat? daß man mich in die gräßliche Nothwendigkeit verſetzt hat, auf eine Liebe zu verzichten, welche die Hoffnung, das Glück meines Lebens war, oder in eine Familie einzutreten, die für mich nur Abneigung und Verachtung haben wird? Ah! das iſt nichts, mein Herr? Ah! Ihr Freund behauptet, mich zu lieben, und er ſchätzt mich ſo wenig, daß er glaubt, ich werde mich je den zahlloſen Demüthigungen unterziehen, denen mich eine ſolche Heirath bloßſtellen würde.“ „Aber, Fräulein Herminie .. .“ „Herr Olivier, hören Sie mich .. hätte Gerald, als ich ihn nach einem erſten Begegnen, das gerade durch ſeine Seltſamkeit zu viele Erinnerungen in mir hinterließ, wiederſah, mir offenherzig geſtanden, er ſei der Herzog von Senneterre, ſo würde ich mit allen meinen Kräften einer wachſenden Zu⸗ neigung wiverſtrebt haben, und ich hätte vielleicht meine Gefühle beſiegt; in jedem Fall würde ich Gerald in mei⸗ 223 nem Leben nicht wiedergeſehen haben; ich konnte nicht ſeine Geliebte ſein, und ich wiederhole Ihnen, ich war nicht geſchaffen, um mich den Demüthigungen zu unter⸗ ziehen, die mich erwarten, wenn ich einwillige, ſeine Frau zu werden.“ „Sie täuſchen ſich, Fräulein Herminie, nehmen Sie das Anerbieten von Gerald an, und Sie haben keine De⸗ müthigung zu befürchten; er iſt Herr ſeiner Perſon. Vor mehreren Jahren hat er ſeinen Vater verloren; er wird ſeiner Mutter Alles ſagen, und ihr begreiflich machen, was dieſe Liebe für ihn iſt; will aber Frau von Senneterre falſchen Convenienzen das Glück von Gerald opfern, ſo iſt dieſer, allerdings mit Bedauern und nur nachdem er alle Mittel der Ueberzeugung erſchöpft hat, entſchloſſen, auf die Einwilligung ſeiner Mutter zu verzichten.“ „Und ich, mein Herr, werde um keinen Preis . nicht auf die Zuneigung . . . dieſe befiehlt ſich nicht. .. ſondern auf die Achtung der Mutter meines Gatten ver⸗ zichten, denn ich verdiene ſie, dieſe Achtung. . . Nie, horen Sie wohl nie ſoll man ſagen, ich ſei die Veranlaſſung zum Bruch Zwiſchen Gerald und ſeiner Mutter geweſen, und die Liebe mißbrauchend, die er für mich gehegt, habe ich mich dieſer edlen und hohen Familie aufgedrungen; nie, mein Herr. . . nie ſoll man dies von mir ſagen .. . mein Stolz will es nicht.“ Als Herminie dieſe Worte ſprach, war ſie erhaben in Schmerz und Würde. * Olivier hatte vas Herz zu ſehr am rechten Ort, um das Bedenken des Mädchens nicht zu theilen . . . ein Be⸗ denken, das er und Gerald befürchtet hatten, denn ſie täuſchten fich nicht über den unbändigen Stolz von Herminie. Nichts⸗ deſtoweniger wollte Olivier einen letzten Verſuch wagen und ſprach: „Aber, Fräulein Herminie, bedenken Sie doch, ich bitte Sie, Gerald thut Alles, was ein Mann von Ehre thun kann, indem er Ihnen ſeine Hand anbietet. Was wollen Sie mehr?“ 224 „Was ich will, mein Herr? .. Ich habe es Ihnen ſchon geſagt . .. mit der mir gebührenden Achtung behan⸗ delt werden . .. mit der Achtung, die ich von der Familie von Herrn von Senneterre zu erwarten berechtigt bin.“ „Aber, mein Fräulein, Gerald kann nur für ſich ſtehen.. Mehr verlangen wäre . .“ „Hören Sie, Herr Olivier,“ unterbrach Herminie den Freund von Gerald, nachdem ſie einen Augenblick nachge⸗ dacht hatte, „Sie kennen mich. .. Sie wiſſen, ob mein Wille feſt iſt. . .“ „Ich weiß es, mein Fräulein.“ „Wohl, in meinem ganzen Leben werde ich Gerald nicht wiederſehen, wenn nicht die Frau Herzogin von Sennetetre, ſeine Mutter, hierherkommt .. .“ „Hierher!“ rief Olivier ganz erſtaunt. „Ja .. wenn die Frau Herzogin von Senneterre nicht hierher zu mir kommt und mir ſagt, ſie gebe ihre Einwilligung zu meiner Heirath mit ihrem Sohn Dann wird man nicht behaupten, ich habe mich dieſer adeligen Familie aufgedrungen.“ Dieſe Forderung, welche in der That einen unglaub⸗ lichen Hochmuth zu offenbaren ſchien, und wirklich auch einen ſolchen offenbarte, drückte Herminie ganz einfach, ganz natürlich aus, weil das Mädchen, voll richtiger Selbſtſchätzung, das Bewufßtſein hatte, daß es nur ver⸗ langte, was man ihm ſchuldig war. Anfangs aber kam dieſe Forderung Olivier ſo über⸗ trieben vor, daß er ſich nicht erwehren konnte, Herminie in ſeinem Erſtaunen zu erwiedern: „Frau von Senneterre!. .. ſoll zu Ihnen kommen . . ſie ſoll Ihnen ſagen, ſie gebe ihre Einwilligung zu der Heirath mit ihrem Sohn. .. Sie denken nicht daran, Fräulein Herminie... das iſt unmöglich!“ „Und warum dies, mein Herr?“ fragte das Mäd⸗ chen mit einem ſo treuherzigen Stolz, daß Slivier, endlich bedenkend, was Alles Evles, Erhabenes in dem Charakter 225 und in der Liebe von Herminie lag, ziemlich verlegen ant⸗ wortete: „Sie fragen mich, mein Fräulein, warum Frau von Senneterre nicht hierherkommen könne, warum ſie Ihnen ſagen könne, ſie willige zur Heirath ihres Sohnes ein? „Ja, mein Herr.“ „Mein Fräulein, ohne von den Convenienzen der großen Welt zu ſprechen, ſcheint mir der Schritt, den Sie von einer Perſon vom Alter von Frau von Senneterre verlangen . . .“ Herminie unterbrach Olivier und ſagte mit einem bitteren Lächeln: „Wenn ich dieſer großen Welt angehoͤrte, von der Sie ſprechen, mein Herr, wenn ich, ſtatt eine arme Waiſe zu ſein, eine Mutter. eine Familie hätte, und Herr von Senneterre hätte ſich um meine Hand beworben .. läge es dann, ja oder nein, in den Convenienzen, daß Frau von Senneterre den erſten Schritt zu meiner Mutter oder zu meiner Familie thäte, um eine ſolche Heirath zu bewerkſtelligen?“ „Gewiß, mein Fräulein . . aber .. .“ „Ich habe keine Mutter, ich habe keine Familie,“ fuhr Herminie traurig fort. „An wen alſo', wenn nicht an mich, muß ſie ſich wenden, wenn es ſich um eine Heirath mit mir handelt?“ „Nur ein Wort, mein Fräulein. Dieſer Schritt von Frau von Senneterre wäre möglich, würde ihr die Heirath paſſend erſcheinen.“ „Und das iſt es, worauf ich Anſprüche mache, Herr Olivier.“ „Aber die Mutter von Gerald kennt Sie nicht, mein Fräulein.“ „Hat Frau von Senneterre von ihrem Sohn eine ſo ſchlechte Meinung, daß ſie glauben kann, er wäre im Stand, eine unwürdige Wahl zu treffen, ſo mag ſie ſich Die ſieben Todſünden. II. 15 226 nach mir erkundigen; ich habe, Gott ſei Dank, nichts zu befürchten.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Olivier, der ſeine vernünftigen Einwendungen erſchöpft hatte, „ich habe nichts hierauf zu entgegnen.“ „Hören Sie mein letztes Wort, Herr Olivier,“ fuhr Herminie fort, „entweder wird meine Heirath mit Gerald Frau von Senneterre genehm ſein, und ſie wird mir einen Beweis hievon dadurch geben, daß ſie den Schritt bei mir thut, den ich verlange, oder ſie wird mich unwürdig er⸗ achten, in ihre Familie einzutreten, und dann ſehe ich Herrn von Senneterre in meinem Leben nicht wieder.“ „Fräulein Herminie, haben Sie Mitleid mit Gerald.“ „Ah! glauben Sie mir, ich verdiene mehr Mitleid, als Herr von Senneterre,“ ſagte das Mädchen, das ſeine Thränen nicht mehr länger bewältigen konnte und ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg, „denn ich ſterbe vielleicht aus Kummer, aber ich werde wenigſtens bis zum Ende Geralds und meiner Liebe würdig geweſen ſein.“ Olivier war troſtlos. Er konnte nicht umhin, dieſen Stolz zu bewundern, obgleich er die Folgen davon, an die Verzweiflung von Gerald denkend, beklagte. Plötzlich hörte man an der Thüre des Mädchens läuten. Herminie erhob das Haupt, trocknete die Thränen, von denen ihr ſchönes Geſicht überſtrömt war, und ſagte zu Olivier, indem ſie ſich des Briefes von Fräulein von Beaumesnil erinnerte: „Es iſt ohne Zweifel Erneſtine ich hatte das arme Kind vergeſſen . . . Herr Olivier, wollen Sie die Güte haben, für mich die Thüre zu öffnen,“ fügte die Herzogin bei, während ſie ihr Sacktuch an ihre Augen drückte um die Spuren ihrer Thränen zu tilgen. „Noch ein Wort, mein Fräulein,“ ſprach Olivier mit innigem, beinahe feierlichem Tone, „Sie können ſich nicht einbilden, wie groß die Eraltation der Liebe von Gerald iſt. Sie wiſſen, ob ich aufrichtig bin. Nun! ich 227 ſage Ihnen, ich habe bange.. für ihn, hören Sie wohl ich habe bange, wenn ich an die Folgen Ihrer Wei⸗ gerung denke . Herminie bebte bei dieſen erſchreckenden Worten von Olivier. Einige Augenblicke ſchien ſie einem ſchmerzlichen Kampf preisgegeben, doch ſie ging ſiegreich daraus her⸗ vor, und ganz entkräftet durch dieſe moraliſche Marter antwortete die Unglückliche Olivier mit ſchwacher Stimme: „Es iſt mir gräßlich, Gerald in Verzweiflung zu bringen, denn ich glaube an ſeine Liebe, weil ich die mei⸗ nige kenne ich glaube an ſeinen Schmerz, weil ich den meinigen fühle, doch nie werde ich meine Würde, welche auch die von Gerald iſt, opfern . . .“ „Mein Fräulein, ich flehe Sie an „Sie kennen meinen Entſchluß, Herr Olivier ich füge kein Wort mehr bei. Haben Sie Mitleid mit mir . dieſes Geſpräch tödtet mich.“ Tief niedergeſchlagen, verbeugte ſich Olivier vor Her⸗ minie und wandte ſich nach der Thüre; doch kaum hatte er geöffnet, als er ausrief: „Mein Oheim und Sie, Fräulein Erneſtine! Großer Gott! dieſe Bläſſe . . dieſes Blut auf Ihrer Stirne, was iſt denn geſchehen?“ Bei dieſen Worten von Olivier trat Herminie haſtig aus ihrem Zimmer und lief an die Eingangsthüre. Einundzwanzigſtes Rapitel. Man vernehme, was die Urſache des Erſtaunens und des Schreckens von Olivier war, als er die Thüre der Herzogin öffnete. 1 „Bleich, das Geſicht verſtört, ſchien ſich der Kapitän Bernard nur mit Mühe aufrecht zu halten; er ſtützte ſich auf den Arm von Fräulein von Beaumesnil. Eben ſo bleich als der alte Seemann und nur in einen beſcheidenen Kattunrock gekleidet, hatte Erneſtine eine blutige Stirne, während die Knüpfbänder ihres Strohhutes loſe auf ihren Schultern flatterten. „Mein Oheim, was haben Sie?“ rief Ollvier, der ſich raſch dem Veteran näherte und ihn mit mmausſprech⸗ licher Angſt anſchaute, „was iſt denn vorgefallen?“ „Erneſtine,“ rief zu gleicher Zeit Herminie ganz er⸗ ſchrocken, „mein Gott! Sie ſind verwundet! . „Es iſt nichts, Herminie,“ erwiederte das Mädchen mit zitternder Stimme, während es zu lächeln ſuchte, „es iſt nichts .. . doch verzeihen Sie. wenn ich mit dieſem Herrn komme . ich war ſo eben .. Die Arme konnte nicht fortfahren, ihr Muth, ihre Kräfte waren erſchöpft, ihre Lippen erbleichten . . ihre Augen ſchloßen ſich, ihr Kopf ſank ſachte rückwärts, ihre Kniee wichen unter ihr, und ſie wäre ohne Herminie, die ſie in ihren Armen auffing, niedergefallen. . „Es iſt ihr übel,“ rief die Herzogin, „Herr Dli⸗ vier, helfen Sie mir tragen wir ſie in mein Zimmer .. .“ „Ich ich bin vie Urſache dieſes Unglücks!“ rief der Cemmandant Bernard mit einer ſchmerzlichen Bangigkeit. Und er folgte mit ſchwankendem Schritt, ſo groß war noch ſeine Schwäche, Herminie und Olivier, welche Erne⸗ ſtine in das Schlafzimmer trugen. 229 „Arme Kleine,“ murmelte der Veteran, „welches Herz, welcher Muth!“ Die Herzogin hatte Erneſtine in ihr Fauteuil ge⸗ ſetzt, ſie nahm ihr den Hut ab, den ſie uug eſich von ihrer reinen weißen Stirne ihre ſchönen kaſtanienbraunen Haare zurück, deren ungeheure Flechten ſich auf ihre Schultern entrollten, dann, während der beſchwerte Kopf von Fräulein von Beaumesnil von Olivier unterſtützt wurde, ſtillte Herminie mit Hülfe ihres Sacktuchs das Blut einer zum Glück leichten Wunde, welche das Mäd⸗ chen ein wenig über dem Schlafe hatte. Der alte Seemann ſtand unbeweglich und mit zittern⸗ den Lippen dabei; er hielt in ſeinen gefalteten Händen ſein kleines Sacktuch mit den blauen Vierecken und be⸗ trachtete dieſe rührende Scene, ohne ein Wort finden zu können, während ſchwere Thränen aus ſeinen Augen auf ſeinen weißen Schnurrbart fielen. „Herr Olivier, halten Sie Erneſtine, ich will friſches Waſſer und ein wenig kölniſches Waſſer holen,“ ſagte Herminie. Sie entfernte ſich und kam bald wieder mit einem zierlichen Becken von engliſchem Porzellan und einem halb mit kölniſchem Waſſer gefüllten Kiyſtallflacon zurück. Nachdem ſie die Wunde von Erneſtine leicht mit dem friſchen Waſſer, in das ſie das geiſtige gemiſcht, ausge⸗ waſchen hatte, nahm Herminie ein paar Tropfen davon in ihre Hand und ließ Fräulein von Beaumesnil dieſelben einathmen. Allmälig färbten ſich die Lippen von Erneſtine wieder, und eine laue Röthe trat an die Stelle der kalten Bläſſe ihrer Wangen. „Gott ſei gelobt! . ſie kommt zu ſich,“ rief Her⸗ minie, indem ſie die Haarflechten der Waiſe aufhob und mittelſt ihres Schildpatkammes auf ihrem Kopfe befeſtigte. Tief gerührt von dieſem Gemälde, ſagte Olivier zu der Herzogin, welche, bei dem Fauteuil ſtehend, auf 230 ihrem wogenden Buſen den Kopf von Fräulein von Beau⸗ mesnil hielt: „Fräulein Herminie, ich bedaure, daß ich Ihnen unter ſo traurigen Umſtänden meinen Oheim, den Herrn Com⸗ mandanten Bernard, vorzuſtellen habe.“ Das Mädchen erwiederte die Worte von Olivier durch eine freundliche, an den alten Seemann gerichtete „ Begrüßung. „Und ich, mein Fräulein,“ ſagte der Commandant, „ich fühle mich doppelt troſtlos über dieſen Vorfall, deſſen Urſache ich leider bin und der Sie in eine ſo peinliche Verlegenheit verſetzt.“ „Aber mein Oheim,“ fragte Olivier, „was iſt Ihnen denn begegnet?“ Während Herminie in Folge ihrer zarten Bemühun⸗ gen Erneſtine allmälig wieder zu ſich kommen ſah und ſie abermals einige Tropfen kölniſches Waſſer einathmen ließ, antwortete der Commandant Bernard Olivier mit bewegter Stimme: „Ich ging dieſen Morgen aus, während Du mit einem Deiner Freunde plauderteſt.“ „In der That, mein Oheim, Madame Barbangon ſagte mir, Sie hätten die Unklugheit begangen, trotz Ihrer außerordentlichen Schwäche auszugehen . es habe ſie aber einigermaßen beruhigt, daß Sie heiterer geſchienen, als Sie es ſeit langer Zeit geweſen.“ „Oh! gewiß,“ ſprach der Veteran lebhaft, „ich war heiter, weil ich mich glücklich fühlte . . . oh! ſehr glück⸗ lich . denn dieſen Morgen . . .“ Doch der Commandant unterbrach ſich, ſchaute Oli⸗ vier mit ſeltſamem Ausdruck an und fügte ſeufzend bein „Nein. .. nein, ich darf Dir nicht ſagen; kurz alſo, ich ging aus ..4 „Das war unvorſichtig, mein Oheim.“ „Was willſt Du ich hatte meine Gründe .. und dann glaubte ich, die Bewegung in freier Luft wäre erſprießlicher für meine Wiedergeneſung, als die beſchränk⸗ 231 ten Spaziergänge in unſerem Gärtchen. Ich ging alſo aus .. Doch da ich meinen Kräften mißtraute, blieb ich, ſtatt mich nach der Ebene zu wenden, hier in der Nähe, auf dem großen mit Raſen bewachſenen Terrain, zunächſt bei der Eiſenbahn . Als ich mich nach einer kurzen Wanderung müde fühlte, ſetzte ich mich in der Sonne oben auf eine Böſchung, welche an einer von den angelegten und gepflaſterten Straßen, auf denen es aber noch keine Häuſer gibt, hinläuft . Ich war hier ſeit ungefähr einer Viertelſtunde; als ich mich hinreichend aus⸗ geruht glaubte, wollte ich aufſtehen, um nach Hauſe zu⸗ rückzukehren ... doch dieſer Spaziergang, obgleich nicht lang, hatte meine Kräfte erſchöpft. Kaum ſtand ich, als mich ein Schwindel beſiel, meine Beine bogen ſich, ich verlor das Gleichgewicht, die Böſchung war abſchüſſig . „Und Sie fielen ..“ ſagte Olivier voll Angſt. „Ja ich ſiel die ganze kleine Anhöhe hinab: dieſer Sturz hätte nichts Gefährliches gehabt, wäre nicht ein ſchwerer mit Steinen beladener Wagen, deſſen Pferde, vom Kärrner verlaſſen, auf den Zufall marſchirten, in dieſem Augenblick vorübergekommen 4 „Großer Gott!“ rief Olivier. „Welch eine ſchreckliche Gefahr!“ rief Herminie. „Oh ja! ſchrecklich. . beſonders für dieſes liebe Mäd⸗ chen, das Sie hier verwundet ſehen .. ja verwun⸗ det dadurch, das es ſein Leben wagte, um das meinige „Wie mein Oheim . dieſe Wunde von Fräu⸗ lein Erneſtine .. . „Als ich von der Boſchung herabſiel,⸗ unterbrach der Greis ſeinen Neffen, der auf Fräulein von Beaumesnil einen Blick der Rührung und unausſprechlichen Dankbarkeit warf, „bekam mein Kopf das Uebergewicht; ich lag auf dem Pflaſter ausgeſtreckt, war außer Stands, irgend eine Be⸗ wegung zu machen, und erblickte durch eine Art von Schwindel die Pferde . . . Mein Kopf war nur noch einen Fuß vom Rad entfernt, als ich einen heftigen Schrei 232 horte „ich ſah unbeſtimmt eine Frau, welche gegen die Pferde kam, auf mich zuſtürzen . .. da verlor ich völlig das Bewußtſein. „Dann,“ fuhr der Greis mit wachſender Erſchütte⸗ rung fort, „als ich zu mir kam, ſaß ich mit dem Rücken an die Boͤſchung angelehnt . . . zwei Schritte von dem Ort, wo ich beinahe zermalmt worden wäre . . Ein Mädchen, ein Engel des Muthes und der Güte, kniete vor mir, die Hände gefaltet, noch bleich vor Schrecken und die Stirne blutig . . . Und dieſe war es,“ rief der alte Seemann, ſich gegen Erneſtine umwendend, welche nun wieder ganz zu ſich gekommen war. „Ja, Sie waren es, mein Fräulein!“ ſagte er, „Sie haben mir das Leben gerettet, indem Sie ſich ſelbſt der Todesgefahr preisgaben, Sie, armes, ſchwaches Geſchöpf, die Sie nur auf die Stimme Ihres Herzens und Ihres Muthes hörten.“ „Oh! Erneſtine, wie ſtolz fühle ich mich, Ihre Freun⸗ vin zu ſein!“ rief die Herzogin, die erröthende, ver⸗ wirrte Erneſtine an ihr Herz drückend. „Ja, ja!“ rief der Greis, „ſeien Sie ſtolz auf Ihre Freundin... Sie müſſen es ſein!“ „Mein Fräulein,“ ſprach Ollvier, ſich mit unbeſchreib⸗ licher Beklommenheit an Fräulein von Beaumesnil wendend, zich kann Ihnen nur die wenigen Worte ſagen . . . und Ihr Herz wird begreifen, was ſie zu bedeuten haben: ich bin Ihnen das Leben meines Oheims, oder vielmehr des zärtlichſt geltebten Vaters ſ „Herr Olivier,“ erwiederte Fräulein von Beaumes⸗ nil, die Augen niederſchlagend, nachdem ſie den jungen Mann erſtaunt angeſchaut hatte, „was Sie mir da ſagen, macht mich doppelt glücklich, denn ich wußte bis jetzt nicht, dieſer Herr wäre derjenige von Ihren Verwandten, von welchem Herminie vorgeſtern mit mir ſprach.“ „Und nun, mein Fräulein,“ fragte der Greis mit einem Ton voll Theilnahme, „wie befinden Sie ſich 233 Man müßte vielleicht einen Arzt holen, Fräulein Her⸗ minie . . . was halten Sie davon? Olivier würde eilen.“ „Herr Olivier, thun Sie nichts,“ entgegnete Erneſtine lebhaft, „ich habe nur ein wenig Kopfweh; die Wunde muß leicht ſein, denn ich fühle kaum etwas davon. Als ich vorhin ohnmächtig wurde, begegnete mir dies, ich ver⸗ ſichere Sie, mehr in Folge der Erſchütterung, als des Schmerzes.“ „Gleichviel, Erneſtine“ ſagte Herminie, „Sie müſſen ein wenig ruhen . . Ich glaube auch, daß Ihre Wunde leicht iſt. . . doch Sie waren ſo erſchrocken, daß ich Sie einige Stunden bei mir behalten will.“ „Oh! was dieſe Verordnung betrifft, meine liebe Herminie,“ erwiederte lächelnd Fräulein von Beaumesnil, „da willige ich von ganzem Herzen ein . . . und ich nn meine Wiedergeneſung ſo lange als möglich dauern laſſen.“ „Olivier, mein Kind,“ ſprach der alte Seemann, „gib mir den Arm, und laſſen wir dieſe Fräulein allein.“ „Herr Olivler,“ ſagte Herminie, „Herr Bernard kann bei ſeiner Schwäche unmoͤglich zu Fuße gehen . . . wenn Sie der Portire ſagen wollten, ſie möge einen Wagen holen.“ „Nein, nein, mein liebes Fräulein, mit dem Arm meines Olivier befürchte ich nichts,“ entgegnete der Greis; „die friſche Luft wird mir wohl thun . . und dann will ich Olivier den Platz zelgen, wo ich ohne dieſen Schutz⸗ engel um mein Leben gekommen wäre . . . Ich bin kein Froͤmmler, mein Fräulein, doch ich ſchwöre Ihnen, ich werde oft nach dieſer Böſchung pilgern und zu Gott in meiner Weiſe für das edle Geſchöpf beten, das mich in dem Augenblick gerettet, wo ich ſo viel Luſt zum Leben hatte.“ Und zum zweiten Mal drängte zu großem Erſtaunen von Olivier der Veteran die Worte zurück, die ihm auf die Lippen kamen: „Doch gleichviel,“ ſagte er, „ich werde alſo für meinen 234 Schutzengel beten, denn wahrhaftig,“ fügte der Veteran gutmüthig lächelnd bei, „das iſt die umgekehrte Welt. . . die Mädchen retten die alten Soldaten . . zum Glück bleibt den alten Soldaten ein Herz für die Ergebenheit und die Dankbarkeit.“ Die Augen auf das ſchwermüthige und ſanfte Antlitz von Fräulein von Beaumesnil geheftet, fühlte Olivier in ſeinem Innern eine Rührung voll Wonne; ſein Herz zitterte unter den lebhafteſten und verſchiedenartigſten Bewegungen, indem er Erneſtine betrachtete und ſich der Vorfälle ſeines erſten Zuſammentreffens mit ihr, ihrer Treuherzigkeit, der naiven Originalität ihres Geiſtes und beſonders der Be⸗ kenntniſſe von Herminie erinnerte, welche ihm mitgetheilt hatte, das Schickſal der Waiſe ſei entfernt kein glückliches. Wohl bewunderte Olivier mehr als irgend Jemand die ſeltene Schönheit der Herzogin, doch in dieſem Augenblick kam ihm Erneſtine ebenſo ſchön vor. Der junge Unterofficier war ſo ſehr verſunken, daß ihn ſein Oheim beim Arm nehmen und zu ihm ſagen mußte: „Auf, mein Junge, mißbrauchen wir nicht länger die Gaſtfreundſchaft, die mir Fräulein Herminie gütigſt ge⸗ ſtattet hat.“ „In der xha Herminie,“ ſagte Erneſtine, „da ich wußte, daß Sie ganz nahe bei dem Orte wohnen, wo der Vorfall geſchehen iſt, ſo glaubte ich . . .“ „Wollen Sie ſich nicht etwa entſchuldigen, daß Sie als Freundin gehandelt haben,“ unterbrach die Herzogin lächelnd Fräulein von Beaumesnil. „Leben Sie wohl, meine Fräulein,“ ſagte der alte Seemann. Und ſich mit innigem Tone an Erneſtine wendend, ſprach er: „Es wäre mir ſehr peinlich, wenn ich denken müßte, ich habe Sie heute zum erſten und zum letzten Mal ge⸗ ſehen . . . Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Fräulein,“ fügte der Greis, eine Bewegung der Verlegenheit von 235 Erneſtine erwiedernd, bei, „meine Dankbarkeit wird nicht unbeſcheiden ſein; nur werde ich es mir von Ihnen und von Fräulein Herminie als eine beſondere Gunſt erbitten, Sie mögen mir zuweilen. ſo ſelten, als Sie wollen. . ſagen laſſen, wann ich Sie hier treffen kann und nicht wahr, Sie werden das thun? denn damit iſt nicht Alles geſchehen, daß man ein Herz mit Dankbarkeit er⸗ ſüllt, man muß ihm auch geſtatten, ſie auszudrücken.“ „Herr Bernard,“ erwiederte Herminie, „Ihr Wunſch iſt zu natürlich, als daß Erneſtine und ich demſelben nicht entſprechen ſollten . . . An einem der Abende, die Erne⸗ ſtine frei hat, benachrichtigen wir Sie, und Sie werden uns das Vergnügen machen, eine Taſſe Thee mit uns zu nehmen.“ „Wahrhaftig?“ rief heiter der Greis; „doch das iſt immer die verkehrte Welt, es ſind die zu Dank Verpflich⸗ teten, welche von ven Wohlthätern mit Freundlichkeiten überhäuft werden; aber ich füge mich gern darein. Noch einmal ſage ich Ihnen Lebewohl und auf Wiederſehen, meine Fräulein . . . komm, Olivier.“ In dem Augenblick, wo der alte Seemann hinaus⸗ gehen wollte, blieb er wieder ſtehen; er ſchien zu zögern, dachte einige Secunden nach, kehrte wieder um und ſagte zu den Mädchen: „Hören Sie, meine Fräulein, ich kann nicht weggehen, ich darf nicht weggehen und ein Geheimniß mit mir neh⸗ men, das mich gleichſam erdrückt.“ „Ein Geheimniß, Herr Bernard?“ „Ah! mein Gott, ja, ſchon zweimal iſt es mir auf die Lippen getreten, doch zweimal habe ich mich bezwungen, weil ich zu ſchweigen verſprochen; aber im Ganzen muß wenigſtens Fräulein Erneſtine, der ich das Leben verdanke, wiſſen, warum ich ſo glücklich bin, daß ich lebe.“ „Ich denke wie Sie, Herr Bernard,“ ſagte Herminie, „Sie ſind Erneſtine dieſe Belohnung ſchuldig.“ „Ich verſichere Sie, mein Herrt,“ fügte Fräulein von 236 bei, „Ihr Vertrauen wird mich unendlich er⸗ reuen.“ „Oh! es iſt auch ein wahres Vertrauen, mein Fräu⸗ lein, denn man hat mir, wie geſagt, ſirenge Geheimhaltung empfohlen. Ja . . . und wenn ich es Dir ſagen ſoll, mein armer Olivier, um dieſes verteufelte Geheimniß beſſer zu bewahren, bin ich dieſen Morgen ausgegangen, während Du zu Hauſe warſt.“ „Warum dies, mein Oheim?“ „Weil ich trotz aller Empfehlungen der Welt in der erſten Freude über die gute Kunde, die ich erhalten, mich nicht hätte erwehren können, Dir um den Hals zu fallen und Dir Alles zu ſagen! Und ſo ging ich aus, in der Hoffnung, mich genugſam an meine Freude zu gewöhnen, um ſie Dir länger zu verbergen.“ „Aber, mein Oheim,“ ſprach Olivier, der den Veteran mit wachſendem Erſtaunen anhörte, „welche gute Kunde meinen Sie denn?“ „Der Freund, den Du dieſen Morgen zu Hauſe geſehen, hat Dir wohl nicht geſagt, daß er zuerſt mich beſucht?“ „Nein, mein Oheim... Als er mich unter der Laube glaubte ich, er käme gerade in dieſem Augen⸗ „So iſt es, wir hatten uns verabredet, Dir unſer Zuſammenſein zu verbergen . . . denn er hat mir die herrliche Nachricht gebracht, und Gott weiß, wie zufrieden er darüber war, obgleich er mir andererſeits traurig vor⸗ kam . .. Mit einem Wort, meine Fräulein, Sie werden mein Glück begreifen,“ ſprach der Veteran mit triumphi⸗ render Miene, „mein braver Olivier iſt zum Officier er⸗ nannt!“ „Ich!“ rief Olivier unit einem Erguß unbeſchreib⸗ licher Freude, „ich Officier!“ „Ah! welches Glück für uns, Herr Olivier!“ ſagte Herminie. * „Ja, mein braves Kind,“ rief der Veteran, Olivier —— — 237 die Hände drückend, „ja, Du biſt Officier, und ich ſollte das Geheimniß bis zu dem Tage bewahren, wo Du Dein Patent erhältſt, damit Deine Freude vollſtändig wäre. .. denn Du weißt noch nicht Alles.“ „Was gibt es denn noch mehr, Herr Bernard?“ fragte Erneſtine, welche an dieſer Scene lebhaften Antheil nahm. „Meine Fräulein, mein lieber Olivier wird mich lange Zeit nicht mehr verlaſſen, denn er iſt zum Officier bei einem der Regimenter ernannt, welche nach Paris in Gar⸗ niſon gekommen ſfind. Nun! Fräulein Erneſtine,“ fügte der Veteran bei, „war ich berechtigt, das Leben zu lieben, wenn ich an das Glück von Olivier, an mein Glück dachte? Begreifen Sie nun den ganzen Umfang meiner Dankbar⸗ keit gegen Sie?“ Der neue Officier blieb ſtumm und nachdenkend; eine lebhafte Erſchütterung prägte ſich in ſeinen Zügen aus; zweimal ſchaute er Fräulein von Beaumesnil mit einem neuen und ganz ſeltſamen Ausdruck an. „Nun, mein Kind,“ ſagte der Veteran erſtaunt, bei⸗ nahe ärgerlich über das nachſinnende Stillſchweigen, das bei Olivier auf ſeinen erſten Ausruf des Erſtaunens und der Freude folgte, „ich glaubte Dir großes Vergnügen zu machen, wenn ich Dir Dein Avancement verkündigen würde! Ich weiß wohl, daß es nur eine Gerechtigkeit iſt, die man Deinen Dienſten widerfahren läßt, und zwar ſpät — widerfahren läßt, aber am Ende . .“ „Oh! halten Sie mich nicht für undankbar gegen das Schickſal, mein Oheim,“ erwiederte Olivier mit tief erſchüttertem Tone, „wenn ich ſchweige, ſo iſt dies ſo, weil mein Herz zu voll iſt, weil ich an all das Glück denke, das die Nachricht in ſich ſchließt, die Sie mir mit⸗ theilen, denn dieſen Grad, ich bin es feſt überzeugt, ver⸗ danke ich der warmen Verwendung meines beſten Freun⸗ des.. Dieſer Grad geſtattet mir, lange Zeit in Ihrer Nähe zu bleiben, mein Oheim . dieſer Grad endlich,“ fügte Olivier bei, indem er abermals Erneſtine anſchaute, 238 welche, dem Blick des jungen Mannes begegnend, erröthete, „dieſer Grad iſt von unendlichem Werth für mich, weil. .. weil . . . weil Sie mir mein Avancement verkündigen, mein Oheim.“ Olivier ſagte offenbar den dritten Grund nicht, der ihm ſeinen neuen Grad ſo koſtbar machte. Erneſtine allein errieth die edlen und geheimen Ge⸗ vanken des jungen Mannes, denn ſie erröthete abermals, und eine Thräne unwillkührlicher Rührung glänzte in ihren Augen. „Und nun, mein Officier,“ fuhr heiter der alte See⸗ mann fort, „nun, da die Fräulein an dem, was uns intereſ⸗ ſirt, Theil zu nehmen die Güte gehabt haben, wollen wir ihnen danken und nicht länger unbeſcheiden ſein. . . Doch, Fräulein Herminie, vergeſſen Sie Ihre Einladung zum F nicht, Sie ſehen, daß ich ein gutes Gedächtniß ät „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, Herr Bernard, ich werde Ihnen beweiſen, daß ich ein ebenſo gutes Gedächtniß habe, als Sie,“ erwiederte Herminie freundlich. Während der Commandant Bernard einige letzte Worte der Dankbarkeit und des Abſchieds an Fräulein von Beaumesnil richtete, näherte ſich Olivier Herminie und ſprach mit leiſer Stimme und mit flehendem Tone: „Fräulein Herminie, es gibt Tage, welche zur Milde ſtimmen müſſen . .. was ſoll ich Gerald ſagen?“ „Herr Olivier,“ erwiederte Herminie, deren Stirne ſich mit tiefer Traurigkeit überzog, denn das arme Kind hatte einen Augenblick ſeinen Kummer vergeſſen .. Sie wiſſen meinen Entſchluß .. Olivier kannte die Gharakterfeſtigkeit von Herminie; er unterdrückte einen Seufzer im Gedanken an Gerald und fügte bei: „Noch ein Wort, Fräulein Herminie, wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie morgen zu einer Ihnen beliebigen Stunde in einer wichtigen Angelegenheit beſuche, die dies⸗ 239 mal ganz perſönlich mich betrifft? Sie werden mir einen wahren Dienſt leiſten.“ „Mit Vergnügen, Herr Olivier,“ antwortete die Her⸗ zogin, obgleich ziemlich erſtaunt über dieſe Bitte. „Mor⸗ gen früh erwarte ich Sie.“ „3ch vanke Ihnen, mein Fräulein, morgen früh alſo,“ ſagte Olivier. Und er entfernte ſich mit dem Commandanten Bernard. Die zwei Mädchen, die zwei Schweſtern, blieben allein. Zweiundzwanzigſtes Rapitel. Die letzten Worte, welche Olivier an Herminie rich⸗ tete, hatten den Kummer wieder erweckt, von dem fie ſich mit aller Gewalt bei der unvorhergeſehenen Ankunft von Erneſtine und dem Commandanten frei gemacht hatte. Erneſtine blieb ihrerſeits einige Augenblicke aus zwei Gründen ſchweigſam, nachdenkend: ſie war träumeriſch, einmal, weil ſie ſich der ſeltſamen Blicke erinnerte, welche Olivier, als er erfuhr, daß er Officier geworden, auf ſie warf . . . Blicke, deren rührende und edle Bedeutung ſie zu begreifen glaubte; ſodann bereitete ihr der Gedanke, ihre neue Freundin ſei die junge Künſtlerin, die man zu Frau von Beaumesnil während ihrer letzten Augenblicke berufen, ein ſchwermüthiges Glück. Die Träumerei von Erneſtine vermehrte ſich noch dadurch, daß ſie ſich verlegen fühlte, wie ſie das Geſpräch auf die rührende Sorge bringen ſollte, welche Mutter von Herminie zu Theil geworden war . . . 240 Die Gegenwart von Fräulein von Beaumesnil bei Herminie iſt ganz einfach zu erklären; als ſich Erneſtine wie gewöhnlich mit Fräulein von la Rochaigue in die Meſſe begab, hieß ſie Madame Lainé mitgehen; nach be⸗ endigtem Gottesdienſt gab ſie vor, ſie habe einige Ein⸗ käufe zu machen, und ging ſo allein mit ihrer Gouvernante weg; ein Fiaere führte ſie bis in die Nähe der Rue de Monceau, und Madame Lainé erwartete im Wagen die Rückkehr ihrer jungen Gebieterin. Obgleich das Stillſchweigen der Herzogin kaum einige Augenblicke gedauert hatte, ſagte doch Erneſtine, als ſie die düſtere, peinliche Stimmung wahrnahm, in die ihre Freundin wieder verſunken war, mit einer Miſchung von Zärtlichkeit und Schüchternheit: „Herminie, ich werde nie unbeſcheiden ſein, doch mir ſcheint, Sie ſind ſeit einigen Augenblicken ſehr traurig?“ „Es iſt wahr,“ aniwortete das Mädchen offenherzig „ich habe einen großen Kummer.“ „Arme Herminie!“ rief Erneſtine, „einen großen Kummer?“ „Ja, und ich werde Ihnen die Urſache vielleicht ſo⸗ gleich geſtehen; doch jetzt iſt mein Herz noch zu ſchmerz⸗ lich ergriffen, zu ſehr gepreßt, möchte es Ihr Einfluß ein wenig erleichtern, Erneſtine .. dann werde ich Ihnen Alles ſagen . .. doch ich weiß nicht ob ich darf.. „Warum dieſes Verſchweigen, Herminie, halten Sie mich nicht Ihres Vertrauens würdia?“ „Das iſt es nicht, armes, liebes Kind; doch Sie ſind noch ſo jung, daß ich mir vielleicht gewiſſe Vertraulich⸗ keiten nicht gegen Sie erlauben darf. . Nun, wir wer⸗ den ſehen; doch denken wir zuerſt an Sie. Sie müſſen auf meinem Bett ausruhen, Sie werden da bequemer ſein, als auf dieſem Stuhl.“ „Aber, meine liebe Herminie Ohne dem Mädchen zu antworten, ging die Herzogin auf ihren Alkoven zu und zog die Vorhänge zurück, die . 241 ſie in einem Gefühle keuſcher Beſcheidenheit ſonſt ſtets geſchloſſen hielt. Erneſtine ſah eine kleine eiſerne Bettſtätte, mit einer Fußdecke von ſehr friſch roſenfarbigem Gingang, ähnlich dem inneren Futter der Zitzvorhänge, worauf ſich eine ge⸗ ſteppte Bettdecke ausbreitete, die mit einer von Herminie geſtickten Garnitur verziert war. Der Hintergrund des Alkoven war auch mit roſenfarbigem Gingang ausgeſchla⸗ gen, und das blendend weiße Kopfkiſſen hatte eine Garni⸗ tur von Moufſeline mit genähten Spitzen. Es ließ ſich nichts Zierlicheres, nichts Friſcheres denken, als dieſes Bett, auf dem ſich Erneſtine, den Bitten der Herzogin nachgebend, halb ausſtreckte. Herminie ſetzte ſich ſodann in ihr Fauteuil, neben die Waiſe, und ſagte mit zarter Beſorgniß, indem ſie ihre Hände ergriff: „Ich verſichere Sie, Erneſtine, ein wenig Ruhe wird Ihnen wohl thun . . . Wie fühlen Sie ſich?“ „Ich fühle nur noch eine gewiſſe Schwere im Kopf...“ „Liebes Kind, welcher furchtbaren Gefahr find Sie entgangen! . „Mein Gott, Herminie, dafür iſt man mir keinen Dank ſchuldig. . . Ich dachte nicht einen Augenblick an die Gefahr. ich ſah den armen Greis von der Böſchung herabgleiten und beinahe unter das Rad des Wagens fallen ich ſchrie, ich eilte auf ihn zu, und obſchon ich nicht ſehr ſtark bin, gelang es mir doch, ich weiß nicht wie, Herrn Bernard weit genug auf meine Seite zu ziehen, um es zu verhindern, daß er nicht zermalmt wurde.“ „Wackeres, theures Kind . . . welch ein Muth! . Und Ihre Wunde?“ „Indem ich mich erhob, werde ich mich wohl am Rad geſtoßen haben Im Augenblick fühlte ich nichts . . Herr Bernard, als er wieder zu ſich kam, bemerkte, daß ich verwundet war; doch ſprechen wir nicht mehr hievon, ich habe mehr Angſt, als Schmerzen ausge⸗ Die ſieben Todſünden. M. 16 242 ſe und das heißt auf eine wohlfeile Weiſe muthig ein. Dann mit entzückten Blicken umherſchauend, fuhr das Mädchen fort: „Sie hatten Recht, wenn Sie mir ſagten, Ihr Zim⸗ merchen ſei nievlich, Herminie! Wie das friſch und zier⸗ lich iſt! und vieſe hübſchen Stiche . . und dieſe an⸗ muthigen Statuetten. . . und dieſe Vaſen voll von Blumen; mir ſcheint, das ſind von den einfachen Dingen, welche Jedermann haben könnte und Niemand hat, weil ſie der Geſchmack allein zu wählen weiß; . . . und dann, wenn man bedenkt,“ fügte vas Mädchen mit zurückgehaltener Rührung bei, „wenn man bedenkt, daß Sie ſich nur mit Ihrer Arbeit allein alle dieſe reizenden Sachen erwerben konnten. Wie ſtolz und glücklich müſſen Sie ſein! wie müſſen Sie ſich hier gefallen!“ „Ja,“ erwiederte traurig die Herzogin, „ich habe mir lange Zeit hier gefallen . „Und nun gefallen Sie ſich nicht mehr? Oh! das wäre Undank . . „Nein! das arme kieine Zimmer iſt mir immer noch theuer, ſagte lebhaft Herminie, denn ſie bedachte, daß ſie in dieſem Zimmer Gerald zum erſten Mal . . und viel⸗ leicht zum letzten Mal geſehen hatte .. Erneſtine wußte nicht, wie ſie einen Uebergang finden ſollte, der ihr das Geſpräch, ohne den Verdacht von Her⸗ minie zu erregen, auf ihre Mutter zu bringen geſtatten würde;... doch das Klavier, das ſie in dieſem Augen⸗ blick wahrnahm, kam ihr zu Hülfe, und fie rief: Ah! hier iſt das Klavier, das Sie ſo gut ſpielen ſollen... Welches Vergnügen würde es mir machen, Sie eines Tags zu hören!“ „Ich bitte, verlangen Sie das heute nicht von mir, Erneſtine bei den erſten Noten würde ich in Thränen iiſeſt . Wenn ich traurig bin, macht mich die Muſik weinen.“ 243 „Oh! ich begreife das; doch nicht wahr, ſpäter werde ich Sie horen?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Doch was die Muſik betrifft,“ fuhr Erneſtine . die ſich alle Mühe gab, um ruhig zu erſcheinen, „als ich neulich Abends bei Madame Herbaut neben mehreren jungen Perſonen ſaß, erzählte eine von ihnen, eine Dame, welche ſehr krank geweſen, habe Sie zu ſich rufen laſſen.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte traurig Herminie, welche eine Zuflucht vor ihren peinlichen Gedanken in der Erin⸗ nerung an ihre Mutter zu finden ſuchte. „Ja . . und dieſe Dame war diejenige, von welcher ich Ihnen an jenem Abend „Erneſtine, weil ſie eine Tochter hatte, die wie Sie hieß.“ „Und nicht wahr, indem die Pame Sie ſpielen hörte, wurden ihre Leiden minder heftig? „Zuweilen vergaß ſie vieelhen; doch leider genügte dieſe Erleichterung nicht, um ſie zu retten.“ „Welche rührende Sorge mußten Sie, gut wie Sie ſino, Herminie, für dieſe arme Dame haben!“ „Sehen Sie, Erneſtine, ihre Lage war auch ſo ſchmerz⸗ lich, mußte ſo ſehr die Theilnahme erregen! . . . es war ſo erſchütternd, ſie noch jung,, eine vielgeliebte Tochter beklagend, ſterben zu ſehen!. „Und fie ſprach zuweilen von ihrer Tochter mit Ihnen, Herminie?“ „Arme Mutter! ihre Tochter war ihre beſtändige, einzige und letzte Beſchäftigung; ſie hatte ein Portrait von ihr, wie ſie noch als Kind war, und oft ſah ich ſie ihre Augen voll Thränen auf dieſes Gemälde heften; dann ſcgh ſie mir, wie ſehr ihre Tochter ihre Zärtlichkeit durch ihr Gemüth verdiene. Sie ſprach auch von Briefen, die ſie beinahe jeden Tag von ihr empfange, und jede Zeile, fügte ſie dann bei, enthülle die Herzens⸗ güte dieſes geliebten Mädchens.“ „Um ſo vertraulich mit Ihnen zu Herminie, mußte dieſe Dame Sie ſehr lieben?“ 244 „Sie offenbarte ein großes Wohlwollen für mich, was ich durch eine ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit erwiederte.“ „Und die Tochter dieſer Dame .. . die Sie ſo ſehr liebte, und die Sie auch ſo ſehr liebten ... haben Sie nie das Verlangen gehabt. . . dieſe zweite Erneſtine kennen zu lernen?“ „Doch. . denn Alles, was ihre Mutter mir von ihr geſagt hatte, mußte zum Voraus mein Mitgefühl für dieſe junge Perſon erwecken; doch ſie war im Ausland .. Als 6 dann zurückkehrte, hoffte ich einen Augenblick, ſie zu ehen .. . „Wie ſo, meine liebe Herminie?“ fragte Erneſtine, ihre Neugierde verbergend. „Ein beſonderer Umſtand führte mich in die Nähe ihres Vormunds . .. er ſagte mir, ich würde vielleicht ge⸗ rufen werden, um dieſem jungen Fräulein Unterricht auf dem Klavier zu geben.“ Erneſtine bebte vor Freude .. Dieſer Gedanke war ihr bis jetzt noch nie gekommen; doch da fie in den Augen von Herminie einen Grund für ihre Neugierde haben wollte, ſo ſagte ſie lächelnd: „Sie wiſſen nicht, warum ich ſo viele Fragen über dieſes Fräulein an Sie richte? Mir ſcheint, ich wäre eiferſüchtig auf die andere Erneſtine, wenn Sie dieſelbe mehr als mich lieben würden.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ erwiederte Herminis, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. „Und warum ſollten Sie ſie nicht lieben?“ entgegnete lebhaft Fräulein von Beaumesnil, die dieſen unwillkühr⸗ lichen Ausdruck der Unruhe ſogleich wieder bereute und beifügte: „Ich bin nicht ſelbſtſüchtig genug, um das Fräu⸗ lein Ihrer Zuneigung berauben zu wollen.“ „Das, was ich von dem Fräulein weiß, die Erinne⸗ rung an die Güte ſeiner Mutter, würde ihm ſtets meine mitfühlende Theilnahme ſichern; doch leider, meine arme Erneſline, iſt mein Stolz ſo groß, daß ich ſtets befürchten — — — ————— 245 müßte, meine Zuneigung hätte ein intereſſirtes Ausſehen; das junge Fräulein iſt ſehr reich, und ich bin ſehr arm.“ „Ah!“ erwiederte mit bitterem Tone Fräulein von Beaumesnil, „Sie haben eine ſchlimme Meinung von dem Mädchen, ohne es nur zu kennen.“ „Sie täuſchen ſich, Erneſtine; ich zweifle, nach dem, was mir ihre Mutter von ihr geſagt hat, nicht an dem guten Herzen dieſer jungen Perſon .. aber bin ich nicht für ſie eine Fremde? Sodann würde ich es aus mehreren Gründen und beſonders aus Furcht, grauſamen Kummer bei ihr zu erwecken, kaum wagen, mit ihr von den Um⸗ ſtänden, die mich ihrer ſterbenden Mutter genähert, und von der Güte, die dieſe für mich gehabt, zu ſprechen. Müßte ich übrigens nicht ausſehen, als ſuchte ich mich geltend zu machen und einer Zuneigung entgegenzukommen, auf die ich kein Recht habe?“ Wie ſehr wünſchte ſich Erneſtine bei dieſem Geſtändniß Glück, Herminie geliebt zu haben, ehe ſie ihr als das be⸗ kannt, was ſie wirklich war! Und dann eine ſeltſame Aehnlichkeit, und dann befürchtete ſie nur eigennützige Zu⸗ neigungen zu treffen, weil ſie die reichſte Erbin Frankreichs war, während Herminie, weil ſie arm, bange hatte, ihre Zuneigung konnte intereſſirt erſcheinen. Die Herzogin ſchien immer mehr niedergeſchlagen ſeit der letzten Hälfte dieſes Geſprächs; ſie hatte darin eine Zuflucht gegen ihre grauſamen Gedanken zu finden gehofft, und leider ſah ſie ſich wieder zu dieſen zurückge⸗ führt, denn befürchtend, man könnte dem Eigennutz oder der Eitelkeit ihre Liebe für Gerald zuſchreiben, hatte Her⸗ minie aus dem erhabenen Stolz ihrer Armuth den Ent⸗ ſchluß geſchöpft, der beinahe unfehlbar ihre letzten Hoff⸗ nungen zerſtören mußte. Wie ſollten ſie in der That hoffen, die Frau Herzogin von Senneterre würde ſich zu dem von ihr geforderten Schritt herbeilaſſen? Aber, ach! muthig genug, um ihre Liebe der Würde eben dieſer Liebe zu opfern, fühlte Herminie darum doch 246 immer mehr, was dieſes heldenmüthige Opfer Gräßliches für ſie hatte, je mehr ſie darüber nachdachte. In einer unwillkührlichen Anſpielung ſagte ſie auch, zuerſt ein Stillſchweigen von einigen Augenblicken brechend: „Ach! meine arme Erneſtine, wer ſollte glauben, die reinſten, die edelſten Zuneigungen koͤnnten von ſchändlichem Verdacht beſteckt werden.“ Und unfähig, ſich länger zu bewältigen, zerfloß ſie in Thränen, während ſie ihr Geſicht am Buſen von Erneſtine verbarg, welche ſich erhob, ihre Freundin an ihr Herz drückte und zu ihr ſagte: „Mein Gott! . . . Herminie, was haben Sie? Ich bemerkte wohl, daß Sie immer trauriger wurden; doch ich wagte es nicht, Sie nach der Urſache ihres Kummers zu fragen . . .“ „Sprechen wir nicht mehr davon,“ erwiederte Her⸗ minie, welche fich ihrer Thränen zu ſchien, „ver⸗ zeihen Sie mir dieſe Schwäche aber peinliche Erin⸗ nerungen machten ſo eben. „Ich habe kein Recht auf Ihre Bekenntniſſe. . . doch nan leidet, Zuweilen weniger, wenn man von ſeinen Leiden ſpricht „Oh! ia. .. denn ein unterdrückter Schmerz preßt, tövtet. aber die Demüthigung. . . aber die Scham.. „Sie ſollten eine Demüthigung, eine Scham fihien Herminle... O nein! . . . nie, Sie ſind zu ſtolz hiezu.“ „Ei! iſt es nicht eine feige Schwäche, eine Schande, ſo zu weinen, wie ich es thue, nachdem ich den Muth ge⸗ habt habe, einen gerechten und würdigen Entſchluß zu faſſen?“ Und nach kurzem Zogern ſprach die Herzogin zu Erneſtine: „Mein liebes Kind .1 betrachten Sie das, was ich Ihnen ſagen werde, nicht als ein Geſtändniß. . . Ihre außerordentliche Jugend würde mir Bedenklichtelten ma⸗ chen, ſehen Sie vielmehr in meiner Erzählung eine Lection.“ „Eine Lection?“ 247 „Ja. wie ich, ſind Sie Waiſe, wie ich, ſind Sie ohne Unterſtützung, ohne Erfahrung, wer vermöchte Sie über die Fallen, über die Täuſchungen, von denen arme Leute wie wir zuweilen umgeben ſind, aufzuklären? Hören Sie mich alſo an, Erneftine .. und moͤchte ich Ihnen die Schmerzen erſparen, unter denen ich lelde.“ Hienach erzählte Herminie Erneſtine, wie ſie Gerald, mit Recht gegen ihn aufgebracht, weil er ſich das, was ſie ſchuldig war, zu bezahlen erlaubt, Anfangs mit Hoch⸗ muth und Verachtung behandelt, und wie ſie ihm dann, gerührt von dem edlen Gefühl, durch das Gerald zu ſeiner Handlung veranlaßt worden war, vergeben hatte. Herminie fuhr mit folgenden Worten fort: „Zwei Tage nachher ging ich, da ich mich der Er⸗ innerungen, welche ſchon zu piel Herrſchaft für meine Ruhe über mich gewannen, entſchlagen wollte, am Abend zu Madame Herbaut; dies geſchah an einem Sonntag; wie groß war mein Erſtaunen, als ich venſelben jungen Mann in der Geſellſchaft traf! Der erſte Eindruck, den ſein An⸗ blick auf mich hervorbrachte, war Kummer, beinahe Furcht. .. ohne Zweifel eine Ahnung; dann gab ich mich unglück⸗ licher Weiſe dem Reiz dieſes neuen Juſammentreffens hin. Nie hatte ich einen Menſchen geſehen, der wie er zugleich ſo einfache, elegante und ausgezeichnete Manieren, und einen ſo glänzenden und heiteren Geiſt beſaß, einen Geiſt, von dem er indeſſen nur mit Beſcheidenheit und dem beſten Geſchmack Gebrauch machte. Ich verabſcheue die Lobes⸗ erhebungen, er wußte es einzurichten, daß ich ſeine Schmeicheleien annahm, ſo viel Zartgefühl und Freund⸗ lichkeit legte er in dieſelben. Ich erfuhr an dieſem Abend, daß er Gerald hieß und daß er. 2. „Gerald?“ verſetzte lebhaft Erneſtine, denn es ſiel ihr ein, daß der Herzog von Senneterre, einer der Be⸗ werber um ihre Hand auch Gerald hieß. Doch ein Läuten an der Thüre, das man plötzlich vernahm, erregte die Aufmerkſamkeit von Herminie und 248 verhinderte ſie, das Erſtaunen von Fräulein von Beaumes⸗ nil zu bemerken. Bei dieſem Geräuſch erhob ſich Erneſtine von dem Bett, auf dem ſie ſaß, während Herminle, ſehr ärgerlich über den läſtigen Beſuch, ſich nach der Thüre wandte. Ein alter Bedienter übergab ihr ein Billet folgenden Inhalts: „Ich habe Sie mehrere Tage nicht mehr geſehen, mein liebes Kind, denn ich bin ein wenig leidend geweſen. Koͤnnen Sie mich dieſen Morgen empfangen? „Ihr ſtets wohlgewogener „Maillefort.“ „N. S. Machen Sie ſich nicht die Mühe, mir zu antworten; wenn Sie Ihren alten Freund empfangen wollen, ſagen Sie nur dem Ueberbringer dieſes Billets ja.“ Ganz von ihrem Kummer erfüllt, war Herminie auf dem Punkt, irgend Etwas vorzuſchützen, um den Beſuch von Herrn von Maillefort zu vermeiden; doch ſie bedachte, der Marquis, der zur großen Welt gehörte, kenne ohne Zweifel Gerald, ſie dürfte, ohne ihr Geheimniß dem Buckeligen preiszugeben, von ihm genaue Auskunft über den Herzog von Senneterre erhalten, und ſie ſagte deshalb zu dem Bedienten: „Ich werde den Herrn Marquis von Maillefort die⸗ ſen Morgen erwarten.“ Dann in ihr Zimmer zurückkehrend, wo Fräulein von Beaumesnil ihrer harrte, ſprach Herminie zu ſich ſelbſt: „Aber wenn Herr von Maillefort kommt, während Erneſtine noch hier iſt? Nun! was iſt daran gelegen, wenn ſie ihn bei mir ſieht! ſie hat nun meine Geſtändniſſe und überdies iſt das liebe Kind ſo beſcheiden, daß es mich beim Anblick eines Fremden mit dieſem allein laſſen wird.“ Herminie ſetzte alſo ihre Unterredung mit Fräulein von Beaumesnil fort, ohne ihr etwas von dem nahe bevor⸗ 249 ſtehenden Beſuch von Herrn von Maillefort zu ſagen, aus Furcht, Erneſtine könnte ſie eher verlaſſen, als ſie ſich vor⸗ genommen hatte. Preiundzwanzigſtes Rapitel. „Verzeihen Sie mir, daß ich Sie verlaſſen habe, meine liebe Erneſtine,“ ſagte Herminie zu ihrer Freundin. „Ich habe einen Brief erhalten und eine mündliche Ant⸗ wort darauf gegeben.“ „Ich bitte Sie, Herminie,“ erwiederte Erneſtine, „fahren Sie in Ihren Mittheilungen fort . Sie können ſ nicht denken, in welchem Grad mich dieſelben intereſ⸗ iren.“ 6 „Und mir kommt es vor, als erleichterte ſich mein Herz durch dieſen Erguß.“ „Sehen Sie, ich war deſſen ſicher,“ ſagte Erneſtine mit einer treuherzigen Zärtlichkeit. „Ich erzählte Ihnen alſo, in der Geſellſchaft von Madame Herbaut habe ich erfahren, dieſer junge Mann heiße Gerald Auvernay . . . Herr Olivier nannte ihn ſo, als er ihn mir vorſtellte . . .“ „Ah! er kannte Herrn Olivier.“ „Es war ſein vertrauter Freund, denn Gerald hatte in demſelben Regiment mit Herrn Olivier gedient; als er den Dienſt verließ, trat et, wie er mir ſagte, bei einem Notar ein; doch ſeit kurzer Zeit hatte er dieſe Arbeit der Chicanen, welche ſeinem Charakter nicht entſprach, ver⸗ laſſen und ſich mit dem Feſtungsbau unter einem Officier vom Genie beſchäftigt, mit dem er in Afrika bekannt ge⸗ 250 worden war . . . Sie ſehen, Erneſtine, Gerald befand ſich in einer der meinigen ähnlichen Lage, und frei, wie er, war ich ſehr entſchuldbar, daß ich mich von dieſer unſeligen Neigung hinreißen ließ.“ „Warum unſelig, Herminie?“ „Noch einige Worte, und Sie wiſſen Alles. Am andern Tag nach unſerem Zuſammentreffen bei Madame Herbaut ſaß ich in der Abenddämmerung, nachdem ich von meinen Lectionen zurückgekehrt war, in dem Garten, in welchen mir der Eigenthümer aus Gefälligkeit den Ein⸗ tritt geſtattet hatte; dieſer Garten iſt, wie Sie hier aus dem Fenſter ſehen können, von dem Gäßchen, das an dem⸗ ſeiben hinläuft, nur durch eine niedrige Hecke getrennt; von der Bank aus, auf der ich ſaß, ſah ich Gerald vor⸗ beigehen: ſtatt wie am Tage vorher mit einer eleganten Einfachheit gekleidet zu ſein, trug er eine graue Blouſe und einen breitkrämpigen Strohhut; er machte eine Be⸗ wegung des Erſtaunens, als er mich erblickte; doch weit entfernt, dadurch gedemüthigt zu ſein, daß ich ihn in ſei⸗ nem Arbeiterkleid ſah, grüßte er mich, trat er näher zu mir und ſagte heiter, er habe ſo eben ſein Tagewerk be⸗ endigt, er leite gewiſſe Abtheilungen eines militäriſchen Bauweſens, das man in der Ebene von Monceau aus⸗ führe. „„Es iſt dies halb das Gewerbe eines Architekten, hub das eines Soldaten, was mir beſſer gefällt, als die vüſtere Schreibſtube des Notars,““ ſprach er zu mir; „„was ich verdiene, genügt mir; ich habe tüchtige, brave Arbeiter zu führen, ſtatt Prozeſſe zu ſchmieren, und das iſt mir lieber.““ ich begreife dieſen Vorzug, meine liebe Her⸗ minie.“ „Gewiß ich geſtehe Ihnen auch, Erneſtine, daß mich dieſes Fügen in eine peinliche Arbeit, ich möchte bei⸗ nahe ſagen in eine Handarbeit, um ſo mehr rührte, als Gerald eine gute Erziehung genoſſen hat; er verließ mich bald an dieſem Abend und ſagte, in der Hoffnung, mich zuweilen an der Grenze meines Parkes zu treffen, ————— 251 wünſche er ſich Glück, vaß er häuſig durch dieſes Gäßchen zu gehen habe, um ſich zu einem ſeiner Kriegskameraden zu begeben, der ein kleines Haus bewohne, das man in der That vom Garten aus erblickt Was ſoll ich Ihnen ſagen, Erneſtine? . . Beinahe jeden Abend hatte ich ſo eine Unterredung mit Gerald, oft ſogar gingen wir mit einander auf den Wiesgründen ſpazieren, wo dieſen Morgen Herrn Bernard der Unfall widerfahren iſt. Ich fand bei Gerald ſo viel Offenheit, ſo viel Herzensadel, ſo viel Geiſt und Frohſinn; er ſchien mich endlich ſo hoch und, ich darf es wohl ſagen, ſo richtig zu ſchätzen, daß, als der Tag kam, wo mir Gerald ſeine Liebe erklärte und mir ſagte, er könne nicht ohne mich leben, mein Glück groß war, Erneſtine . oh! ſehr groß! denn, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte mich Gerald nicht geliebt . . . Es wäre mir unmöglich ge⸗ weſen, auf dieſe Liebe zu verzichten . und allein lie⸗ ben . ohne Hoffnung lieben,“ fügte das arme Geſchöpf, bebend und nur mit Mühe ſeine Thränen bewältigend bei, „oh! das iſt ſchlimmer als der Tod, es iſt ein ewig troſt⸗ loſes Leben.“ Doch ihre Erſchütterung überwältigend, fuhr Her⸗ minie fort: „Was ich fühlte, ſagte ich Gerald offenherzig; von meiner Seite war es nicht nur Liebe, es war beinahe Dankbarkeit, denn ohne ihn kam mir das Leben zu gräß⸗ lich vor. „„Wir ſind Beide frei,“ ſprach ich zu Gerald, „„unſere Lage iſt gleich . . . wir haben unſeren täglichen Lebensunterhalt von der Arbeit zu fordern .. und vies befriedigt meinen Stolz, denn der der Frau auferlegte Müßiggang iſt für ſie eine grauſame Demüthigung. Unſere Eriſtenz wird eine beſcheidene, vielleicht unſichere ſein; doch durch Muth, gegenſeitig unterſtützt und ſtark durch unſere Liebe, werden wir den ſchlimmſten Tagen trotzen.“ „Oh! Herminie, welch eine würdige Sprache wie glücklich und ſtolz mußte ſich Gerald fühlen, Sie zu lieben! Doch ich wiederhole, warum Ihre Thränen, 252 Ihr Kummer, da Sie ſo ſchöne Ausſichten auf Glück ge⸗ funden?“ „Nicht wahr, Erneſtine, meine Liebe war ſehr ent⸗ ſchuldbar!“ ſagte die Arme, indem ſie ihr Sacktuch an ihre Lippen drückte, um ihr Schluchzen zu bewältigen. „Nicht wahr, es war von meiner Seite eine edle und redliche Liebe? Oh! ſprechen Sie .. nicht wahr, man kann mich nicht anklagen . .. Herminie vollendete nicht, ihre Thränen erſtickten ihre Stimme. „Sie anklagen?“ rief Erneſtine, „aber mein Gott, worüber denn anklagen? Sind Sie nicht frei, wie Herr Gerald, liebt er Sie nicht eben ſo ſehr, als Sie ihn lie⸗ ben? Beide Theile find fleißig, der Stand iſt gleich . .“ „Nein,“ entgegnete Herminie niedergeſchlagen, „nein, unſer Stand iſt nicht gleich.“ „Was ſagen Sie?“ „Nein, er iſt leider nicht gleich, und darin liegt mein Unglück, denn um ihn ſcheinbar gleich zu machen, hat mich Gerald durch ein falſches Aeußeres getäuſcht.“ „Oh! mein Gott . . . wer iſt er denn?“ „Der Herzog von Senneterre.“ „Der Herzog von Senneterre!“ rief Erneſtine von Staunen und Schrecken für Herminie bei dem Gedanken ergriffen, Gerald ſei einer von den Bewerbern um ihre Hand und ſie müſſe mit ihm auf dem Ball am andern Tag zuſammentreffen. Er hintergehe alſo auf eine un⸗ würdige Weiſe Herminie, da er ſeinen Plänen einer Heirath mit der reichen Erbin Folge gebe. Herminie ſchrieb das tiefe, ſtumme Erſtaunen ihrer Freundin einer Gemüthsbewegung zu, die eine ſolche Offen⸗ barung bei ihr veranlaſſen müßte, und fuhr fort: „Sagen Sie nun, Erneſtine, bin ich unglücklich genug?“ „Oh! ein ſolcher Betrug, das iſt ſchändlich . . . Aber wie haben Sie erfahren?“ „Herr von Senneterre fühlte ſich, wie er ſagte, un⸗ fähig, länger ein Leben beſtändiger Falſchheiten zu ertra⸗ 253 gen, das ihm ſeine erſte Lüge auferlegte, und da er es nicht wagte, mir ſelbſt das Geſtändniß ſeiner Täuſchung abzulegen, ſo beauftragte er hiemit Herrn Olivier.“ „Ah! ſo hat Ihnen wenigſtens Herr von Senneterre ſelbſt dieſe Offenbarung gemacht?“ „Ja, und trotz des Schmerzes, den ſie mir verur⸗ ſachte, fand ich darin etwas von der Rechtſchaffenheit, die ich ſo ſehr an ihm liebte.“ „Seine Rechtſchaffenheit!“ rief Erneſtine mit bitterem Ton, „ſeine Rechtſchaffenheit! . . . und nun verläßt er Sie? „Weit entfernt, mich verlaſſen zu wollen, trägt er mir ſeine Hand an,“ entgegnete Herminie. „Er! . . Herr von Senneterre?“ rief Erneſtine mit neuem Erſtaunen. „Aber warum ſind Sie dann ſo in Verzweiflung, Herminie?“ „Warum?“ fragte die Herzogin, „weil eine arme Waiſe, wie ich, eine ſolche Heirath nur um den Preis der härteſten Demüthigungen erkauft.“ Herminie konnte nicht fortfahren, denn ſie hörte läuten. „Verzeihen Sie, meine liebe Erneſtine,“ ſprach ſie, indem ſie ihre Thränen trocknete und ihre Erſchütterung zu überwinden ſuchte, „ich weiß, glaube ich, wer die Per⸗ ſon iſt, welche läutet, und kann nicht umhin, ſie zu em⸗ pfangen.“ . „Dann verlaſſe ich Sie, Herminie,“ ſprach Erneſtine, während ſie haſtig nach ihrem Shawl und nach ihrem Hut griff, „obſchon es mir peinlich iſt, von Ihnen zu gehen, während Sie ſo traurig ſind . . . Sie wenigſtens, bis dieſe Perſon eingetre⸗ ten iſt.“ „Oeffnen Sie immerhin, Herminie, indeß ich meinen Hut aufſetze.“ Die Herzogin machte einen Schritt nach der Thüre; doch in einem Gefühle voll Zartheit dachte ſie an die Mißſtaltung von Herrn von Maillefort, kehrte zurück und ſagte zu ihrer Freundin: 254 „Meine liebe Erneſtine, um dem Mann, den ich er⸗ warte, die kleine Unannehmlichkeit zu erſparen, welche ihm der Ausdruck Ihres Erſtaunens beim Anblick ſeines Ge⸗ brechens verurſachen vürfte, ſage ich Ihnen zum Voraus, daß er buckelig iſt.“ . Plötzlich erinnerte ſich Fräulein von Beaumesnil, von ihrer Gouvernante gehört zu haben, der Marquis von Maillefort habe ſich die Adreſſe von Herminie geben laſſen, und eine unbeſtimmte Furcht bewog ſie, Herminie mit einer tödtlichen Angſt zu fragen: „Und wer iſt derjenige, welchen Sie erwarten?“ „Ein vortrefflicher Mann, mit dem ich durch einen ſeltſamen Umſtand bekannt geworden bin, denn er gehört der großen Welt an . Doch ich befürchte, zu lange nicht zu öffnen . . . Entſchuldigen Sie mich, meine liebe Erneſtine.“ Und Herminie verſchwand. Erneſtine blieb unbeweglich, beſtürzt. Eine unüberwindliche Ahnung ſagte ihr, Herr von Maillefort würde eintreten, ſie bei Herminie finden, und obgleich Fräulein von Beaumesnil den ſpottiſchen Worten des Marquis den Wunſch und den Willen, die Prüfung zu verſuchen, der ſie ſich bei Madame Herbaut unterwor⸗ fen, zu verdanken hatte, obgleich ſie in einem Umſchlag der Gefühle eine gewiſſe Neigung für ihn empfand, wußte ſie doch nicht, in welchem Grad ſie auf Herrn von Maille⸗ fort rechnen konnte, und ſo machte ſie dieſes Zuſammen⸗ treffen troſtlos. Erneſtine hatte ſich nicht getäuſcht. Ihre Freundin kehrte in Begleitung des Marquis zurück. Zum Glück dachte Herminie jetzt erſt daran, daß die Vorhänge ihres Alkoven offen waren, und ſie beeilte ſich, dieſelben ihrer Gewohnheit keuſchen Empfindlichkeit gemäß zu ſchließen. So wandte die Herzogin Erneſtine und Herrn von Maillefort einige Secunden lang den Rücken zu und konnte die Gemüthebewegung nicht wahrnehmen, von der vieſe zwei Perſonen ergriffen wurden, als ſie ſich einander gegenüber ſahen. Fräulein von Beaumesnil erkennend, bebte Herr von Maillefort gleichſam vor Erſtaunen; eine unruhvolle Neu⸗ gierde prägte ſich in ſeinen Zügen aus er wollte ſei⸗ nen Augen nicht trauen und war im Begriff, zu ſprechen, als Erneſtine, bleich, zitternd, lebhaft die Hände faltete und ihn mit einer ſo verzweifelten, ſo flehenden Miene anſchaute, daß die Worte auf den Lippen des Marquis erſtarben. In dieſem Augenblick wandte ſich Herminie um; das Geſicht von Herrn von Maillefort drückte nicht die geringſte Verwunderung mehr aus; er wollte ſogar Fräulein von Beaumesnil Zeit laſſen, ſich zu erholen, und ſagte: „Ich bin ſicherlich ſehr unbeſcheiden, mein Fräu⸗ lein . . ich komme vielleicht ungelegen.“ „Nie, mein Herr, glauben Sie mir, werden Sie un⸗ gelegen kommen,“ erwiederte die Herzogin, „ich bitte Sie nur um die Erlaubniß, das Fräulein zurückzubegleiten.“ „Haben Sie die Güte, dies zu thun,“ ſagte der Mar⸗ quis ſich verbengend, „ich wäre troſtlos, wenn Sie die geringſten Umſtände melnetwegen machen würden.“ Fräulein von Beaumesnil bedurfte einer großen Selbſt⸗ beherrſchung, um ihre Unruhe nicht zu verrathen; zum Glück war der kleine Eingang, der vor dem Zimmer von Herminie kam, dunkel; die plötzliche Veränderung in den Zügen von Erneſtine entging ihrer Freundin und dieſe ſprach zu ihr: „Erneſtine, nach dem, was ich Ihnen anvertraut habe, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, wie nothwendig mir Ihre Gegenwart iſt! Ach! ich glaubte nicht, Ihre Freund⸗ ſchaft ſo bald auf die Probe ſtellen zu müſſen. Ich bitte, Erneſtine haben Sie Mitleid, laſſen Sie mich nicht zu lange allein . . . Wenn Sie wüßten, wie ſehr ich leiden werde! . . Denn ich darf nicht mehr hoffen, Gerald wiederzuſehen . . . oder die Hoffnung, die mir noch bleibt, iſt wenigſtens ſo unſicher, daß ich nicht darauf zu rechnen wage. Ich werde Ihnen dies Alles erklären „. Doch ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich nicht zu lange auf Ihren Beſuch warten.“ „Oh! glauben Sie mir, daß ich ſo bald als möglich kommen werde und daß es nicht meine Schuld iſt, wenn ..“ „Ach! ich begreife . . . Ihre Zeit gehört der Arbeit, weil Sie arbeiten müſſen, um zu leben .. Das iſt wie bei mir: trotz meines Schmerzes muß ich in einer Stunde meine Lectionen beginnen . . . Meine Lectionen, mein Gott! mein Gott! und ich weiß nicht, wo ich den Kopf habe.. Doch für uns iſt es nicht genug, daß wir leiden, wir müſſen auch leben.“ Herminie ſprach dieſe letzten Worte mit ſo heftiger Bitterkeit, daß Fräulein von Beaumesnil in Thränen zer⸗ fließend ihrer Freundin um den Hals ſiel. „Oh! ich werde Muth haben, Erneſtine,“ ſagte Her⸗ minie ihre Umarmung erwiedernd, „ich verſpreche es Ihnen, ich werde mich mit der kurzen Zeit, die Sie mir ſchenken, begnügen, ich werde warten und mich erinnern,“ fügte die Herzogin bei, indem ſie zu lächeln ſuchte . . „ja, ich werde mich Ihrer erinnern und auf Ihre Rückktehr warten das wird noch ein Troſt ſein.“ „Leben Sie wohl, Herminie,“ ſagte Erneſtine mit er⸗ ſtickter Stimme, „auf baldiges Wiederſehen ſo bald, als ich kann .. . das ſchwöre ich Ihnen übermorgen, wenn es mir möglich iſt . . . Und im Ganzen, ja . vas kann ich,“ fügte die Waiſe entſchloſſen bei „ja, was auch geſchehen mag, übermorgen um dieſe Stunde rechnen Sie auf mich.“ „Dank, Dank,“ rief Herminie, Erneſtine noch einmal liebevoll küſſend, „oh! das Mitleid, das ich für Sie gehabt habe, gibt mir Ihr edles Herz zurück.“ „Uebermorgen, Herminie.“ „Ich danke, Erneſtine.“ „Gott befohlen,“ rief Erneſtine. Und ſie wandte ſich in einer unaus ſprechlichen Unruhe nach dem Ort, wo ihre Goubernante ſie in einem Fiacre erwartete. 257 In dem Augenblick, wo Fräulein von Beaumesnil von Herminie herauskam, begegnete ſie einem Mann, der langſam in der Straße auf und abging und von Zeit zu Zeit das von Herminie bewohnte Haus betrachtete. Dieſer Mann war Ravil, der, wie geſagt, zuweilen um die Wohnung der Herzogin ſtrich, an die er eine ſehr aufreizende Erinnerung ſeit dem Tage bewahrte, wo dieſer Cyniker auf eine freche Weiſe die junge Künſtlerin, als ſie in das Hotel Beaumesnil einzutreten im Begriff war, angeredet hatte. Ravil erkannte vollkommen die reichſte Erbin Frankreichs, die um ſo weniger auf dieſen Menſchen aufmerkſam war, als ſie ihn nur ein einziges Mal im Lurembourg bei der Sitzung der Kammer der Pairs, wo⸗ hin ſie Herr von la Rochaigue geführt, geſehen hatte. „Hoho! was iſt das? die kleine Beaumesnil, beinahe als Griſette gekleidet, kommt allein, bleich und wie beſtürzt aus einem Hauſe dieſes öden Quartieres,“ ſagte Ravil mit unbeſchreiblichem Erſtaunen zu ſich ſelbſt.. „Wir wollen ihr vorſichtig folgen. .. Je mehr ich es mir über⸗ lege, deſto lieber glaube ich, daß mir der Teufel ein ſolches Glück zuſchickt... Ja, ja, dieſe Entdeckung kann für mich die Henne mit den goldenen Eiern ſein ... Ah! das er⸗ quickt mein Herz und meine Seele.. Wenn ich nur daran denke, erfaßt mich ein moraliſcher Schwindel in der Art des von dem dicken Dummkopf Mornand ..“ Während Ravil ſo Fräulein von Beaumesnil folgte, ohne daß dieſe die gefährliche Späherei vermuthete, war Herminie zu Herrn von Maillefort zurückgekehrt. Die ſieben Todſünden. UM. 258 Pierundzwanzigſtes Rapitel. . Herr von Maillefort erwartete die Rückkehr von Her⸗ minie mit einer ſeltſamen Beklommenheit, indem er ſich fragte, welch ein unerklärlicher Umſtand dieſes Mädchen in die Nähe von Fräulein von Beaumesnil habe bringen können. Der Marquis wünſchte dieſe Annäherung, wie man bald ſehen wird; doch der Buckelige hatte ſie nicht ſo be⸗ abſichtigt; die Gegenwart von Erneſtine bei Herminie, die Heimlichkeit, mit der ſie ſich nothwendig, um in dieſes Haus zu gehen, hatte umgeben müſſen, die Verſchwiegen⸗ heit, um die ihn Fräulein von Beaumesnil mit ſo flehender Miene gebeten hatte, eine Verſchwiegenheit, die er nach ſeinem, wenn auch nicht mündlich ausgedrückten, Ver⸗ ſprechen halten wollte und mußte, dies Alles trug dazu bei, im höchſten Grad die Neugterde, das Intereſſe und beinahe die Unruhe von Herrn von Maillefort zu erregen, der aus ſo vielen Gründen eine väterliche Beſorgniß für Fräulein von Beaumesnil hegte. Als Herminie zurückkehrte und ſich bei ihm entſchul⸗ vigte, daß ſie ihn ſo lange habe warten laſſen, ſagte der Marquis mit der allernatürlichſten Miene: „Ich wäre troſtlos, mein liebes Kind, wenn Sie mich nicht mit der Vertraulichkelt behandeln würden, auf welche wahre Freunde Anſpruch zu machen haben; es kann übri⸗ gens nichts einfacher ſein, als daß Sie eine Ihrer Ge⸗ fährtinnen zurückbegleiten, denn dieſe junge Perſon iſt, wie ich vorausſetze ..5 „Eine meiner Freundinnen, mein Herr, oder vielmehr meine beſte Freundin .“ „Oh! oh!“ ſagte der Marquis lächelnd, „das iſt ohne Zweifel eine ſehr alte Freundſchaft?“ „Im Gegentheil, eine ſehr neue, denn dieſe Freund⸗ ſchaft iſt ebenſo plötzlich geweſen, als ſie aufrichtig und ſchon erprobt iſt.“ „— — — 259 „Ich kenne Ihr Herz und die Entſchiedenheit Ihres Geiſtes genug, mein liebes Kind, um von der Sicherheit Ihrer Wahl überzeugt zu ſein.“ „Ein einziger Zug, der erſt vor einer Stunde vorge⸗ fallen iſt, mein Herr, wird Sie den Muth und die Herzens⸗ güte meiner Freundin beurtheilen laſſen: mit Lebensgefahr, denn ſie iſt verwundet worden, hat ſie einen armen Greis einem ſichern Tod entriſſen,“ ſprach Herminie. Und ſtolz auf ihre Freundin, die ſie ſo, wie ſie es verdiente, ſchätzen laſſen wollte, erzählte ſie mit wenigen Worten das muthige Benehmen von Erneſtine gegen den Commandanten Bernard. Man erräth, wie tief bewegt ſich der Marquis bei dieſer unerwarteten Offenbarung fühlte, die ihm Fräulein von Beaumesnil unter einem ſo rührenden Anblick zeigte; er rief auch: „Das iſt wunderbar muthig und edel!“ Dann fügte er bei: „Ich war feſt überzeugt, Sie könnten Ihre Freund⸗ ſchaft nur würdig verſchenken, mein liebes Kind. .. aber wer iſt denn dieſes wackere, vortreffliche Mädchen?“ „Eine Waiſe wie ich und lebt wie ich von ihrer Arbeit: ſie iſt Stickerin.“ „Ah! . . ſie iſt Stickerin ?. . . Doch da ſie eine Waiſe iſt, lebt ſie wohl allein?“ „Nein, mein Herr, ſie lebt bei einer ihrer Ver⸗ wandtinnen, welche ſie am Sonntag Abend auf einem kleinen Ball, wo ich ſie zum erſten Mal traf, vorgeſtellt hat.“ Der Marquis glaubte zu träumen: er war einen Augenblick auf dem Punkt, zu vermuthen, Jemand von der Familie der la Rochaigue ſei bei dieſem ſeltſamen Ge⸗ heimniß betheiligt. Doch das blinde Zutrauen, das er mit Recht zu der Redlichkeit von Herminie hatte, ließ ihn dieſen Gedanken verwerfen; aber er fragte ſich, wie es Fräulein von Beaumesnil wohl gemacht habe, um auf einen ganzen Abend das Haus ihres Vormunds ohne Wiſſen des Ba⸗ rons und ſeiner Familie zu verlaſſen, und auf den Ball 260 zu gehen; er fragte ſich mit nicht geringerem Erſtaunen, durch welche Mittel Erneſtine an dieſem Morgen völlig frei über einige Stunden habe verfügen können; er be⸗ fürchtete jedoch, das Mißtrauen von Herminie, wenn er ſie weiter ausforſchen würde, zu erregen, und ſagte daher: „Es macht mich glücklich, vaß ich weiß, Sie beſitzen eine Ihrer ſo würdige Freundin; . und mir ſcheint, daß ſie nicht zu geeigneterer Zeit hätte kommen können,“ fügte der Buckelige theilnehmend bei. „Warum dies, mein Herr?“ „Sie wiſſen, daß Sie mir das Recht der Offenherzig⸗ keit eingeräumt haben.“ „Allerdings.“ „Nun wohl, ich glaube, Sie befinden ſich nicht in Ihrem gewöhnlichen Zuſtand .. Sie ſind bleich; man ſieht, daß Sie vor wenigen Augenblicken geweint haben, armes, liebes Kind!“ „Mein Herr! ich verſichere Sie ..“ „Und vas iſt mir, wenn ich es Ihnen ſagen ſoll, um ſo mehr aufgefallen, als Sie mir die zwei letzten Male, wo ich Sie geſehen, ganz glücklich vorkamen. Ja, die Zufriedenheit war in Ihren Zügen zu leſen, und dies ver⸗ lieh ſogar Ihrer Schönheit etwas ſo Glänzendes, daß ich Ihnen, wie Sie ſich vielleicht wegen der Seltenheit der Sache erinnern werden, ein Compliment über Ihre ſtrah⸗ lende Schönheit machte . urtheilen Sie ein wenig, ich, der ich der verdrießlichſte Lobſpender der Welt bin!!“ fügte der Buckelige bei, der ein Lächeln auf die Lippen von Herminie zu bringen bemüht war. Aber dieſe konnte ihre Traurigkeit nicht überwinden und erwiederte: „Die heftige Gemüthsbewegung, welche bei mir die Gefahr veranlaßte, der Erneſtine dieſen Morgen entgangen iſt, hat ohne Zweifel eine Veränderung in meinen Zügen veranlaßt.“ neberzeugt, daß Herminie unter einem Kummer litt, — — —— —— 261 den ſie verborgen halten wollte, drang der Marquis aus Discretion nicht weiter in ſie und ſprach: „Es wird alſo ohne Zweifel, wie Sie mir ſagen, mein liebes Kind, dieſe Erſchütterung des Gemüths eine Veränderung in Ihren Zügen hervorgebracht haben; zum Glück iſt die Gefahr vorüber; doch hören Sie, ich muß Ihnen geſtehen, mein Beſuch iſt intereſſirt, ſehr intereſſirt.“ „Möchten Sie wahr ſprechen, mein Herr.“ „Ich werde es Ihnen beweiſen... Sie wiſſen, mein liebes Kind, daß ich es mir zu einem Ehrenſkrupel ge⸗ macht habe, den ernſten Beweggrund, der mich zum erſten Mal hierherführte, weiter bei Ihnen zu verfolgen.“ „Ja, mein Herr . . und ich wußte Ihnen Dank, daß Sie nicht auf einen für mich ſo peinlichen Gegen⸗ ſtand zurückgekommen ſind. „Ich muß indeſſen mit Ihnen, wenn nicht von Frau von Beaumesnil, doch wenigſtens von ihrer Tochter reden,“ ſagte der Marquis, indem er einen aufmerkſamen durch⸗ dringenden Blick auf Herminie heftete, um zu enidecken (obſchon er des Gegentheils beinahe ſicher war), ob das Mädchen wüßte, ihre neue Freundin ſei Fräulein von Beaumesnil; doch er behielt nicht den geringſten Zweifel über die Unwiſſenheit von Herminie in dieſer Hinſicht, denn ſie antwortete ohne alle Verlegenheit: „Sie wollen über die Tochter von Frau von Beau⸗ mesnil mit mir reden?“ „Ja, mein liebes Kind... Ich habe Ihnen die er⸗ gebene Freundſchaft, die mich mit Frau von Beaumesnil verband, ſo wie ihre letzten Aufträge in Beziehung auf eine Waiſe, die mir troß aller Nachforſchungen bis jetzt unbekannt, unfindbar geblieben iſt, nicht verborgen; ich habe Ihnen auch die nicht minder theuren Wünſche der Gräfin in Beziehung auf ihre Tochter Erneſtine mitge⸗ theilt. Verſchiedene Gründe, welche, glauben Sie mir, von keiner Bedeutung für Sie find, machen es zu meinem ſehnlichſten Wunſch im Intereſſe von Fräulein von Beau⸗ mesnil, Sie mit dieſer in Verbindung treten zu ſehen.“ „Mich, mein Herr,“ ſprach Herminie lebhaft, im Ge⸗ danken an das Glück, ihre Schweſter kennen zu lernen; „wie ſoll ich mit Fräulein von Begumesnil in Verbindung kommen?“ „Auf eine ganz einfache Weiſe, von der man Ihnen auch, glaube ich, ſchon ſprach, als Sie ſich ſo edel gegen Frau von la Rochaigue benahmen.“ „In der That, mein Herr, man ließ mich hoffen, ich würde zu Fräulein von Beaumesnil gerufen werden, um ihr Lectionen auf dem Klavier zu geben.“ „Mein liebes Kind, die Sache iſt geordnet.“ „Wahrhaftig!“ „Ich habe geſtern Abend mit Frau von la Rochaigue geſprochen. . . Sie muß Sie heute oder morgen Fräu⸗ lein von Beaumesnil als Klavierlehrerin vorſchlagen; ich zweifle nicht daran, daß dieſe einwilligt . . . Was Sie betrifft, mein liebes Kiud, ſo ſehe ich vorerſt von Ihrer Seite die Möglichkeit einer Weigerung nicht . . .“ „Oh! entfernt nicht, mein Herr!“ „Und was ich von Ihnen für die Tochter verlange,“ ſagte der Buckelige gerührt, „verlange ich im Namen ihrer Mutter, für die Sie eine ſo zärtliche Zuneigung hegten.“ „Oh! Sie können nicht an der Theilnahme zweifeln, die mir Fräulein von Beaumesnil ſtets einflößen wird; doch da ſich mein Verhältniß zu ihr auf Mufikunterricht beſchränken muß . . .5 „Nein, nein!“ „Wie ſo, mein Herr?“ „Sie fühlen wohl, mein liebes Kind, daß ich mir nicht ſo viel Mühe gegeben hätte, um dieſe Annäherung zwiſchen Fräulein von Beaumesnil und Ihnen herbeizufüh⸗ ren, wenn ſie ſich auf gegebenen und empfangenen Klavier⸗ unterricht beſchränken müßte.“ „Aber, mein Herr ..“ „Es handelt ſich um ernſte Intereſſen, welche in keine beſſeren Hände, als in die Ihrigen, gelegt werden konnen.“ „Ich bitte, erklären Sie ſich.“ 263 „Ich werde Ihnen mehr ſagen,“ ſprach der Margquis halb lächelnd bei dem Gedanken an die ſüße Ueberraſchung von Herminie, wenn ſie Fräulein von Beaumesnil in der verwaiſten Stickerin, ihrer beſten Freundin, er⸗ kennen würde, „ich werde mich ganz erklären, ſobald Sie Ihre neue Schülerin geſehen haben.“ „In jedem Fall, mein Herr, glauben Sie mir, daß ich es ſtets als eine Pflicht betrachten werde, Ihren Ein⸗ gebungen zu gehorchen, und daß ich bereit bin, zu Fräu⸗ lein von Beaumesnil zu gehen, wenn ich zu ihr verlangt werde.“ . „Ich übernehme es, Sie ihr vorzuſtellen.“ „Oh! deſto beſſer, mein Herr.. „Und wenn Sie wollen, hole ich Sie Sonnabend am Morgen um dieſe Stunde ab.“ „Ich werde Sie erwarten und danke Ihnen, daß Sie mir die Verlegenheit, mich ſelbſt vorzuſtellen, erſparen. „Ein Wort der Empfehlung, mein liebes Kind, im Intereſſe von Fräulein von Beaumesnil . .. Niemand weiß. Niemand ſoll wiſſen, daß ihre arme Mutter mich in ihren letzten Augenblicken hat zu ſich rufen laſſen. Es ſoll auch die tiefe Zuneigung, die ich für die Gräfin hegte, unbekannt bleiben „ Sie werden vollkommenes Stillſchweigen über dieſen Gegenſtand beobachten, falls Herr oder Frau von la Rochaigue mit Ihnen über mich ſprechen würden.“ „Ich werde mich ganz in Ihren Willen fügen, mein Herr.“ „Alſo, mein liebes Kind,“ ſagte der Buckelige auf⸗ ſtehend, „am Sonnabend, das iſt verabredet. Ich mache mir eine Freude daraus, Sie Fräulein von Beaumesnil vorzuſtellen, und bin überzeugt, daß Ihnen dieſe Zuſammen⸗ kunft eine Wonne bereiten wird . .. die Sie nicht er⸗ warten.“ ₰ „Ich hoffe es, mein Herr,“ erwiederte Herminie bei⸗ nahe zerſtreut; denn als ſie ſah, daß der Marquis auf dem Punkt war, wegzugehen, wußte ſie nicht, wie ſie es 264 angreifen ſollte, um ihm eine Frage vorzulegen, mit der ſie ſich in ihrem Innern ſeit der Ankunft des Buckeligen ſe ſie ſagte daher, indem ſie ruhig zu ſcheinen uchte: „Würden Sie wohl die Güte haben, mein Herr, mir, ehe Sie weggehen, eine Auskunft zu geben, um die ich Sie bitten will?“ „Sprechen Sie, mein liebes Kind,“ erwiederte Herr von Maillefort, indem er ſich wieder ſetzte. „Herr Marquis,“ ſprach Herminie in einer tödtlichen Verlegenheit, „in der großen Welt, in der Sie leben, haben Sie wohl Gelegenheit gehabt, die Frau Herzogin von Senneterre zu treffen?“ „Ich war einer der Freunde ihres Gemahls und liebe ungemein ihren Sohn, den gegenwärtigen Herzog von Senneterre, einen der würdigſten jungen Leute, die ich kenne. Geſtern erſt,“ fügte der Buckelige gerührt bei, „geſtern erſt habe ich einen Beweis vom Adel ſeines Charakters erhalten.“ Eine leichte Röthe überzog die Stirne von Herminie, als ſie freiwillig Gerald von einem Mann, den ſie ſo ſehr achtete, wie Herrn von Maillefort loben hörte. Ziemlich erſtaunt, fuhr vieſer fort: „Doch welche Auskunft wollen Sie über Frau von Senneterre haben, mein liebes Kind? Sollte man Ihnen den Antrag gemacht haben, ihren Töchtern Unterricht in der Mufik zu geben?“ Wunderbar unterſtützt durch dieſe Worte des Buckeli⸗ gen, die ſie einer großen Schwierigkeit überhoben, der, einen Vorwand für ihre Fragen anzugeben, antwortete Herminie trotz des Widerſtrebens, das ihr die Lüge ver⸗ urſachte: „Ja, mein Herr, es hat mir eine Perſon geſagt, man würde mir vielleicht Lectionen in dieſem vornehmen Haus verſchaffen; doch ehe dieſem, allerdings noch ſehr unbe⸗ ſtimmten, Vorſchlag Folge gegeben wird, wünſchte ich zu wiſſen, ob ich bei Frau von Senneterre gewiſſe Rückſichten —— ——— 265 erwarten darf, welche mich die vielleicht übertriebene Em⸗ pfindlichkeit meines Charakters Allem vorziehen läßt .. Mit einem Wort, mein Herr, ich wünſchte zu wiſſen, ob Frau von Senneterre wohlwollender Natur iſt, und ob man bei ihr nicht jenen Stolz, jenen Hochmuth trifft, den man zuweilen bei Perſonen von ſo hoher Stellung findet?“ „Ich begreife Sie ganz wohl und bin entzückt, daß Sie ſich an mich wenden; da ich Sie kenne, wie ich Sie kenne, Sie, liebes hoffärtiges Mädchen, ſage ich Ihnen: nehmen Sie keine Lectionen in dieſem Haus an. .. die Fräulein von Senneterre ſind vortrefflich, ſie haben das Herz ihres Bruders. .. voch die Herzogin!“ „Nun, mein Herr . 4 ſagte die arme Herminie mit ſchmerzlicher Bangigkeit. „Ah! mein liebes Kind, die Herzogin iſt die auf ihren Titel eingebildetſte Frau, die ich in der Welt geſehen habe, was ſonderbar erſcheinen muß, da ſie von ſehr heher Geburt iſt. Die lächerliche Einbildung und die dumme Eitelkeit auf den Rang ſind gewöhnlich das Vor⸗ recht der Emporkömmlinge Mit einem Wort, mein gutes Kind, ich würde Sie lieber in Verbindung mit zwanzig Bouffard, als mit dieſer unerträglich anmaßenden Frau ſehen. Die Bouffard ſind ſo dumm, ſo plump, daß der Mangel an Sitte bei ihnen eher beluſtigt, als ver⸗ letzt; bei der Herzogin von Senneterre aber würden Sie die artigſte Unverſchämtheit oder die unverſchämteſte Artig⸗ keit finden, die Sie ſich vorzuſtellen vermöchten, und Sie beſonders, mein liebes Kind, die Sie einen ſo hohen Grad würdigen Selbſtbewußtſeins beſitzen, Sie würden nicht zehn Minuten bei Frau von Senneterre bleiben, ohne blutig verletzt zu werden, und nie mehr könnten Sie es über ſich gewinnen, einen Fuß in ihr Haus zu ſetzen. . . Warum alſo dort eintreten?“ „Ich danke, mein Herr,“ etwiederte Herminie, nieder⸗ geſchmettert durch dieſe Mittheilung, welche die tolle und ietzte Hoffnung, die ſie unwillkührlich bewahrt hatte, zer⸗ ſtoͤrte, die Hoffnung, gerührt von der Liebe ihres Sohnes, 266 würde ſich Frau von Senneterre vielleicht zu dem Schritt herbeilaſſen, den der gerechte Stolz von Herminſe als oberſte Bedingung ihrer Heirath mit Gerald ſtellte. Der Marquis fuhr fort: „Nein, nein, mein liebes Kind, dieſes Haus verdient Sie nicht, und in der That, Gerald von Senneterre muß ſo ſehr, als er es iſt, durch die kindliche Zärtlichkeit verblendet ſein, um nicht über die maßloſe Eitelkeit ſeiner Mutter ungehalten zu werden, und nicht zu bemerken, daß dieſe Hoffärtige ein Herz befitzt, das ebenſo trocken, als ihr Geiſt beſchränkt iſt, und daß, wenn etwas ihre Selbſt⸗ ſucht überbietet, dies ihre Habgier iſt: ich habe gute Gründe, dies zu wiſſen; ich bin auch entzückt, ihr dadurch ein Opfer zu entziehen, daß ich Sie über die Herzogin aufkläre . MNun, auf baldiges Wiederſehen, mein Kind; es freut mich ſehr, daß ich Ihnen durch dieſen Rath einen kleinen Kummer über verletzte Eitelkeit, was der ſchlimmſte Kummer für edle Herzen wie das Ihrige iſt, erſpart habe Setzen Sie mich oft in Stand, Ihnen zu etwas dienlich ſein zu können; ſo wenig es auch ſein mag, ſo macht es mich doch zufrieden, in Erwartung von Beſſerem. Am Sonnabend alſo.“ „Am Sonnabend, Herr Marquis.“ Herr von Maillefort entfernte ſich, und Herminie blieb allein mit ihrem grenzenloſen Schmerz. In dem bei uns erſcheinenden „Weltpanorama,“ 105— 122. Bändchen, iſt ferner erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Die Antillen mit beſonderer Rückſicht auf die Emancipation der Negerftlaven, geſchildert vovn . Vietor Schdlcher. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Gottl. Fink. 12. geh. 18 Bdchn. Preis 3 fl. 36 kr. oder 2 Thlr. 12 Ngr. Wenn wir hier die in Frankreich hochgeſchätzten Schriften Victor Schölchers über die franzöſiſchen und fremden Colonien der deutſchen Leſewelt in einer Ueber⸗ ſetzung übergeben und dadurch dieſem Manne, der eine in unſere Zeit kief gingrpifende Idee mit allen Mitteln eines reichen Geiſtes und mit erhabener Aufopferung geltend macht, auch in Dettſchland Anerkennung verſchaffen wol⸗ len, ſo bezahlen wir, wie wir glauben, damit eine Schuld welche Deutſchland abtragen muß. Victor Schoͤlcher iſt, wie Ruge in ſeinen „zw ei Jahren in Paris“ ſich ausdrückt, „eine der Notabilitäten der ſocial⸗demokratiſchen Partei, ein ruhiger, plaſtiſcher Eharakter, eine wahrhaft humane Geſtalt. Schölchers Name in Abſtammung iſt deutſch, er ſelbſt iſt es nicht. Er wuchs in Paris auf, wohin ſein Vater aus dem Elſaß eingewandert war. Aber wenn die Ruhe, die methodiſche Feſtigkeit, der Ernſt und die Gründlichkeit deutſche Tugenden ſind, ſo macht Schölcher ſeinem Urſprung Ehre, während die gebildete Form und das große, freie Intereſſe, der humane Beruf und die freie Bewegung in ihm die edelſten Producte Frankreichs und ſeiner Hauptſtadt ſind.“ Die Idee, der er ſein Leben geweiht hat, iſt die Emancipation, zu⸗ nächſt die Emancipation der Negerſklaven. Seine Werke über die franzoſiſchen und fremden Colonien, die hier deutſch erſcheinen, machen ihn zu einer Autorität in der Sklaven⸗ frage. Nun haben wir Deutſchen zwar keine Colonien und ſomit auch keine ſchwarzen Sklaven, allein mit Recht ſagt Ruge „dieſe Frage iſt für ihn nicht eine Speciali⸗ tät, ſie ie Freiheitsfrage, und das ethiſche ſowohl als das theoretiſche Intereſſe iſt ein ganz allgemeines.“ Dieſelben Gründe welche gegen die Befreiung der Neger geltend gemacht werden, werden auch gegen die allgemeine Verbeſſerung des Zuſtandes der arbeitenden Claſſe in Eu⸗ ropa ins Feld geführt, und die fiegreiche Logik, mit wel⸗ cher Schölcher die Nothwendigkeit unmittelbarer und gänzlicher Emancipation der Negerfklaven nachweist, findet ihre Anwendung auf alle Verhältniſſe, in denen es Be⸗ drückende und Bedrückte gibt. Seine Schriften haben alſo, abgeſehen von dem allgemeinen hiſtoriſch⸗ſtatiſtiſchen In⸗ tereſſe welches ſie darbieten, auch praktiſchen Werth für uns; beſitzen wir auch keine Colonien „ſo haben wir doch genug zu emancipiren und vor allen Dingen den einfachen Satz zu lernen, daß Reichthum, Luxus und Pracht auf einem andern Wege als auf dem der Sklaverei vieler Millionen zu ſuchen ſind, oder wenn es ſeyn muß, mit allem Reichthum der Erde die Freiheit nicht zu theuer erkauft wird.“ Stuttgart, im Februar 1848. Franckhſ ſche Verlagshandlung. —— 8 — S — ——— ⸗ . — 58 et⸗ onence