Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Feſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— —— auf 1 Monat: — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 W — Pf. „5 „ — „ — 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene ung defecte Vucher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ „ — 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 4 er Seufet als Arzt. Roman von Eugen Sue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Dritter Band. Stuttgart. Frauckh'ſche Verlagshandlungt 1857. allberger in Stuttgart. 5 — * § S 8 = * * 5 — 6 ——— — — 3 Die Schriftſtellerin. Herr Morand machte, nachdem er ſeine Stelle als Huiſſier verkauft hatte, in ſeinen freien Augen⸗ blicken Bankgeſchäftchen: er discontirte langſichtige Wechſel gegen eine mehr als übertriebene Commiſ⸗ ſion; er kaufte zweifelhafte Schuldſcheine wohlfeil auf und erlaubte ſich mänchmal auch auf Wucher zu leihen. Herr Morand und ſeine Frau hatten ihre Nichte Heloiſe Morand, die ſchon als kleines Kind eine arme Waiſe geworden, zu ſich genommen. Das Mädchen, das mit ſiebzehn Jahren aus der Penſion gekommen und ſeit etwa einem Jahr zu Tante und Onkel zurückgekehrt war, mußte die Stelle eines erſten Dienſtboten vertreten und fand häufig das Brod ihrer Gaſtfreundſchaft ſehr bitter; nicht als ob es abſolut böſe Leute geweſen wären; 4 nein, aber ſie waren egviſtiſch, gierig, und ganz be⸗ ſonders fehlte es ihnen an jenem Zartgefühl, das man die Schamhaftigkeit des Edelmuthes nennen könnte; ſie hatten kein Maß und Ziel in den An⸗ forderungen, die ſie an ihre Nichte machten; und da ſie überzeugt waren, daß dieſe trotz dem beſten Willen nie in den Stand kommen würde ihre Schuld an ſie abzutragen, ſo riefen ſie ihr unaufhörlich, wenn auch nicht mit Härte, doch wenigſtens mit einer gewiſſen plumpen und für den zum Dank verpflich⸗ teten Theil ſtets demüthigenden Selbſtgefälligkeit ihre Wohlthaten ins Gedächtniß zurück. Eines Morgens frühſtückten die Morand'ſchen Eheleute und ließen ſich von ihrer Nichte bedienen. Auf dieſe Art konnten ſie, wie ſie ſagten, ungeſtört plaudern, ohne die zudringliche Neugierde des einen oder andern Dienſtboten fürchten zu müſſen. Helviſe mußte oft aufſtehen, um die wiederholten Befehle, die ſie empfing, auszuführen; dann ſetzte ſie ſich wieder an ihren Platz, ohne den mindeſten Unwillen über dieſe beinahe ſtlaviſche Unterworfenheit zu ver⸗ rathen. Helviſe war mehr als mittlerer Größe, ſchlank, geſchmeidig, vortrefflich proportionirt, und man konnte ſie eine wirkliche Schönheit nennen; gleichwohl würde ein aufmerkſamer Beobachter noch mehr von dem ge⸗ dankenreichen und hochſinnigen Charakter dieſer edlen Phyſiognomie, als von der lieblichen Regelmäßigkeit ihrer Züge gefeſſelt worden ſein. Sie hatte üppige blonde Haare; ihr reiner weißer Teint, durchſichtig wie bei einem Kinde,röthete ſich bei der unbedeu⸗ tendſten Gemüthsbewegung; ihre blauen Augen, die 5 6 in Gegenwart von Tante und Onkel beinahe immer ſchüchtern niedergeſchlagen blieben, ſchienen, wenn ſie von dieſem Zwang befreit waren, durch ihren ſinnigen Blick eine Fülle tiefer Gedanken zu offen⸗ baren. „Wir wollen Dir gewiß nicht vorwerfen, was wir für Dich gethan haben, liebes Kind,“ ſagte Herr Morand, ein dicker Mann mit jovialem Alltagsge⸗ ſicht, zu Helviſe, „aber Deine Erziehung hat uns ſchwer Geld gekoſtet. . . Deine Unterhaltung (wie⸗ derum ohne Dir Etwas vorzuwerfen) iſt ziemlich koſtſpielig . . . Gib mir einen Teller . . . und heb meine Serviette auf . . . deßhalb würden wir es als ein unverhofftes Glück für Dich und für uns be⸗ trachten, wenn Du Dich verheirathen und dadurch aus unſeren Koſten kommen könnteſt. Denn wenn man mich wahr berichtet hat, ſo würde der bewußte Herr Dich ohne einen Liard Heirathsgut nehmen ... he he he, liebe Nichte,“ fügte Herr Morand mit einem plumpen Lachen hinzu. „Die heirathsluſtigen Herren von dieſem Schlag ſind verdammt rar!. . Und ein Mädchen muß dazu thun, um einen ſo ſchönen Vogel im Flug zu erhaſchen.“ „Helviſe weiß wohl, daß ſie eine alte Jungfer werden muß, wenn keiner ſie um ihrer ſchönen Augen willen heirathet,“ fügte Frau Morans, ein rothes, pausbackiges Melonengeſicht, wie Scarron geſagt haben würde, hinzu. „Mein Mann und ich, wir haben unſer Vermögen in eine lebenslängliche Leib⸗ rente für uns Beide umgewandelt, da wir keine Kin⸗ der haben. Wir machen keine Erſparniſſe; Du kannſt alſo nicht auf unſere Erbſchaft rechnen, liebe Nichte; „5 6 wir verſagen uns Nichts . . wir eſſen gern einen guten Biſſen und apropos . . . Du mußt die bei⸗ den Rothhühner, die ich geſtern auf dem Markte ge⸗ kauft habe, ſelbſt braten. Dieſe Gans von Jacque⸗ line bringt keinen geſcheidten Braten zu Stande.“ „Und daß Du ja die Speckſchnitten nicht ver⸗ giſſeſt“ fügte Herr Morand hinzu; „es geht mir Nichts über den Speck.“ „Ich werde NRichts vergeſſen, lieber Onkel.“ „Und eine ſchöne Brodrinde in die Abtropfpfanne.“ „Ja, lieber Onkel.“ „Du weißt alſo jetzt, liebe Richte,“ begann Frau Morand wieder, „daß Du von uns Nichts zu er⸗ warten haſt; ſuche daher eine Gelegenheit, wie ſie ſich nicht alle Tage findet, zu benützen; wir ſind aus⸗ gezeichnet gut gegen Dich geweſen, indem wir uns nach dem Tod Deiner Eltern über Dein unglückliches. Loos erbarmten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir die Ausgaben, die wir für Dich hatten, nicht bereuen; aber zeige Dich wenigſtens erkenntlich und bemühe Dich uns zu Liebe dieſem Herrn zu gefallen, der Dich, wie man uns verſichert, nehmen würde, ohne etwas Anderes als eine anſtändige Ausſteuer zu verlangen . . das wird uns dann noch einmal 1500 Franken koſten, um Dich recht auszuſtatten ... aber gleichviel .. Dein Glück geht Allem vor . .. Bring jetzt den Käſe her und ſetze die Kaffeemaſchine in Bereitſchaft.“ „Du kannſt auch mein Glas ausſpülen, denn es iſt mir ſo eben ein Bischen Salz hineingefallen, als ich meine Paſtete ſalzte,“ fügte Morand hinzu, indem er Heloiſenſein Glas gab. 7 ½ Das ſchöne junge Mädchen vollzog die ver⸗ ſchiedenen, mehr oder weniger ſclaviſchen Verrichtun⸗ gen, die man ihr anbefahl. Aber ſie that dies ſo zu ſagen beinahe mechaniſch, obwohl ohne allen Wider⸗ willen; ihr Geiſt ſchien in andern Regionen zu ver⸗ weilen. Nachdem ſie das Glas ihres Onkels ſorg⸗ fältig geſpült und die nothwendigen Anſtalten zur Kaffeebereitung getroffen hatte, ſetzte ſie ſich wieder an den Tiſch und legte ſchweigend ihre Serviette zu⸗ ſammen. Dieſe Ausſichten auf eine Hochzeit ohne Ausſteuer, die Herrn und Frau Morand ſo unend⸗ lich zuſagten, ſchienen nicht den mindeſten Eindruck auf ſie zu machen. Die Tante ſah ſie verwundert an und ſagte: „Nun, Du antworteſt uns nicht?“ „Auf was antworte ich nicht, liebe Tante?“ „Ei wie doch! auf die Heirathspläne, von denen wir ſo eben geſprochen haben.“ „Es ſind ja hloße Pläne; es iſt ja noch gar nichts Poſitives vorhanden . . .“ „Was verſtehſt Du unter poſitiv?“ verſetzte Herr Morand ungehalten; „Du gibſt immer Antworten, die weder Hand noch Fuß haben. Es iſt allerdings nicht Jedermann gegeben Geiſt zu beſitzen; aber wahrhaftig, mein armes Mädchen, Du zeigſt manch⸗ mal eine Einfalt, die nahe an Albernheit grenzt!. .. Findeſt Du denn nichts Poſitives in der Erklärung Mouſſards, die ich Dir jetzt wiederholen will, weil Du einen ſo verdammt harten Kopf haſt? Alſo Mouſſard hat zu uns geſagt: Einer meiner Freunde, ein Mann von einem gewiſſen Alter und ſehr gut conſervirt, dabei im Beſit eines recht bbſchen Ver⸗ 8 mögens, hat bei der Schließung des Muſeums Ihre Nichte Heloiſe im Sculpturenſaal geſehen „Wo Du, beiläufig geſagt, liebe Richte, wie ein Delgötze vor einer koloſſalen Frauenſtatue ſtehen bliebſt, die eine Art phrygiſcher Mütze auf dem Kopf hatte, in der Hand eine Trompete hielt und im Buch als die Marſeillaiſe bezeichnet war; wahrlich ein hübſcher Vorwurf für eine Statue,“ fügte Frau Morand mit Achſelzucken hinzu. „Ich mußte Dich am Arm ſchütteln, um Dich aus dieſer lächerlichen Betrachtung herauszureißen. Du ſahſt aus, wie wenn Du ganz blödſinnig wäreſt. Wir wollen nur hoffen, daß jener Herr Dich nicht in dieſem höchſt unvor⸗ theilhaften Augenblick geſehen hat.“ „Wahrſcheinlich nicht,“ verſetzte Herr Morand; „denn dieſer brave Mann (ich ſpreche nur Herrn Mouſſard nach) hat ein ſolches Wohlgefallen an Heloiſe gefunden, daß er ſich bereit erklärte ſie 3 heirathen, obſchon ſie keinen Sou beſitze.“ „Sie ſehen, lieber Onkel, es handelt ſich um eine bloße Vermuthung.“ „Ei, biſt Du denn ganz vernagelt? Kann dieſe Vermuthung nicht auch in Erfüllung gehen? Nimm Dich doch zuſammen, und wenn dieſer Herr die Güte hätte um Dich anzuhalten,“ kreiſchte Madame Morand fort, „ſo würdeſt Du doch hoffentlich nicht ſo einfältig oder ſo egoiſtiſch ſein eine ſolche Partie auszu⸗ ſchlagen?“ „Beruhigen Sie ſich, liebe Tante, ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um Ihnen nicht länger zur Laſt zu fallén.“ „Das iſt jetzt wieder etwas Anderes. Wirft 3 7 9 Dir denn meine Frau vor, daß Du uns zur Laſt falleſt? Wahrhaftig, Du begreiſſt ſelbſt die einfach⸗ ſten Worte nicht, und dennoch hat Deine Erziehung uns große Summen gekoſtet. Das muß ich ſagen, dieſes Geld haben wir hübſch angelegt, ohne von der liebenswürdigen Art und Weiſe zu ſprechen, wo⸗ mit Du uns Deinen Dank für alle unſere Wohltha⸗ ten zu erkennen gibſt.“ „Das alſo iſt unſere Belohnung, Mädchen?“ eiferte Frau Morand. „Nachdem wir ſo viel für Dich aus⸗ gegeben haben, wie wenn Du unſere eigene Tochter wäreſt!“ „Sie täuſchen ſich über meine Geſinnungen, Tante,“ bemerkte Helviſe ſchüchtern. „Ich werde nie vergeſſen, daß ich ſeit dem Tode meiner Eltern das Brod, das ich gegeſſen, die Kleider, die ich ge⸗ tragen, die Erziehung, die ich empfangen, Ihnen verdankt habe. Ich wiederhole Ihnen daher auch, daß ich mit Begierde die Gelegenheit ergreifen werde, die mich in den Stand ſetzt Sie wegen meiner Zu⸗ kunft nicht mehr zu beunruhigen, und Ihre große Güte, die ich ſtets in dankbarer Erinnerung behalten werde, nicht länger zu mißbrauchen.“ „Wenn es ſo iſt, ſo wird Alles aufs Beſte gehen, und ich rechne auf Dein Verſprechen,“ verſetzte Herr Morand, indem er ſich die Zähne ausſtocherte. „Ich werde noch heute zu Freund Mouſſard gehen und ihn auffordern, daß er ſeinen Herrn warm halten und ihm ſagen ſoll, Du werdeſt ihn mit der größten Freude heirathen.“ „Man könnte ihm ſogar,“ fügte Frau Morand in macchiavelliſchem Tone hinzu, „zu verſtehen geben, 10 daß unſere Richte ihrerſeits dieſen reſpectabeln Herrn wohl bemerkt habe. Leute von einem gewiſſen Alter haben es ſehr gerne, wenn man ihnen ſolche Com⸗ plimente macht das kitzelt ſie.“ „Eine vortreffliche Idee! Freund Mouſſard ſoll das Feuer ſchüren, und wir wollen das Eiſen ſchmie⸗ den, ſo lange es glüht. Und jetzt, fuhr Herr Mo⸗ rand fort, indem er ſich auf ſeinen Stuhl zurücklegte und eine Haltung ſeliger Verdauung annahm, „jetzt ſchenk uns den Kaffee ein, liebe Nichte, und während wir ihn ſchlürfen, kannſt Du uns das heutige Feuil⸗ leton vorleſen; denn das Feuilleton iſt mir beim Kaffee ganz unentbehrlich geworden.“ „Der Roman Gertrud iſt ſeit vorgeſtern zu Ende . . was wird uns unſer Journal jetzt zum Beſten geben?“ ſagte Frau Morand, indem ſie um ſich blickte. „Nun, wo iſt denn unſer Journal? Ah, richtig, ich habe es auf der Etagere gelaſſen . Hole es, liebe Nichte, und nach der Vorleſung des Journals vergiß nicht, daß Du meine geſtickten Schnupftücher bügeln und an zwei alte Flanelljacken Deines Onkels neue Aermel anſetzen mußt . . . Du verſtehſt mich . . „Jo, liebe Tante,“ antwortete Helviſe, indem ſie ihrem Onkel und ihrer Tante den Kaffee reichte. Dieſe führten ſich das würzige Getränk zu Gemüthe und warfen ſich in Erwartung der täglichen Vorleſung in ihre Stühle zurück; das junge Mädchen nahm einige Schritte von ihnen Platz, riß den Umſchlag des Journals weg, durchflog es und ſagte dann raſch: 11 „Ah, welch ein Glück, ein Feuilleton von Ele⸗ mence Hervé!“ „Ei wie,“ brummte Frau Morand, die gleich ihrem Ehegemahl der Schriftſtellerin, deren glorrei⸗ chen Namen ihre Nichte bewundernd ausgeſprochen hatte, nicht ſehr hold ſchien. „Iſt denn dieſe Cle⸗ mence Hervé nicht mehr in der Verbannung?“ „Gott ſei Dank, nein,“ antwortete Helviſe; „die⸗ ſes Feuilleton iſt von Paris datirt.“ „Nun ja, ſo wollen wir einmal ſehen, da doch kein anderes da iſt,“ verſetzte Frau Morand in ärger⸗ lichem Tone; „dieſe Schriftſtellerin da iſt mir trotz ihrer angeblichen Berühmtheit in den Tod zuwider. Wie heißt denn der Titel ihres Romans?“ „Es iſt kein Roman, liebe Tante,“ antwortete Heloiſe, deren Augen auf dem Journal hafteten, „ſondern eine Erzählung . . „Mein Gott, wie einfältig Du doch biſt! Als ob nicht Roman oder Erzählung ganz daſſelbe wäre! Nun wie heißt denn dieſer Titel?“ „Sociales Elend,“ antwortete Helviſe in ernſtem Ton. „Ah, ſehr gut, rief Herr Morand. „Der Titel ver⸗ ſpricht Etwas, das muß eine recht luſtige Lectüre werden. Sociales Elend, nun wahrhaftig, das klingt ſehr erbaulich.“ „Man ſucht eine angenehme Unterhaltung in ſeinem Journal, und nun bringt es betrübende, em⸗ pörende Schilderungen,“ bemerkte Frau Morand, „das iſt unerträglich.“ „Zum Teufel, ich leſe, um mich aufzuheitern .. ich will aufgeheitert werden . . . ich habe ein Recht das zu verlangen . . . deßhalb abonnire ich mich auf ein Journal. Da lobe ich mir das Feuilleton von vorgeſtern! Das war ſo recht nach meinem Sinn. Die Liebe im Galopp vom Major Sauſe⸗ wind. Schon dieſer Name, unter welchem die famöſe Virginie Robertin ſchreibt, verkündet etwas Luſtiges, Lärmendes und Tolles. Ich habe die Ehre die Wechſel dieſer Dame zu discontiren, die ihr ihre Buchhändler ſtatt des Honorars geben. Ich bin ganz ſtolz darauf, daß Freund Mouſſard mir dieſe Kundſchaft zugeſchoben hat. Das nenne ich einmal eine geiſtreiche Schriftſtellerin! Sie macht die Leute nicht ſchwermüthig und will ſich nicht als Weltver⸗ beſſerin aufthun. Sie iſt eine ganz prächtige Per⸗ ſon, das ſieht man ſchon an ihren Werken. Geſtern ſah ich an den Leſecabineten einen andern Roman des kurzweiligen Majors angekündigt: der moderne Cherubin. Schon der Titel allein macht Einen gelüſtig und gut gelaunt, während ſociales Elend verdammt wenig Spaß verſpricht.“ „Hoffen wir,“ ſagte Frau Morand in ſardo⸗ niſchem Tone, „daß unſer ſchätzbares Journal uns nach dem ſocialen Elend dieſer berühmten Clemence Hervé mit einer Arbeit der neuen Muſe Fräulein Maria Saint⸗Clair, von der man ſeit ihrem Gedicht die Waifen ſo viel ſpricht, guſwarten wird.“ „Nun, das iſt noch nicht das Aergſte, den Zitel die Waiſen kann man doch wenigſtens verſtehen; das Ding muß höchſt langweilig ſein, allein es iſt doch klar,“ ſagte Herr Morand; „nun frage ich Euch aber, was der Titel ihrer letzten Dichtung Reiſe 13 zweier Seelen durch die Welten bedeuten ſoll?“ „Sie iſt eine Närrin, die man einſperren ſollte,“ ſagte Frau Morand, „ſie iſt für das Tollhaus reif.“ „Zugegeben, und dennoch, würdet ihr es glauben? Mouſſard behauptet, daß die Verſe dieſes täppiſchen Mädchens ganz wahnſinnig abgehen und mit Gold aufgewogen werden; man hat in drei Tagen 10,000 Eremplare ihrer Dichtung verkauft und die Nachfrage wird immer ſtärker.“ Dann fuhr Herr Morand lachend fort: „Ha ha ha, ſeht Ihr von hier aus zwei Seelen, die Arm in Arm mit Nachtſack und Regenſchirm durch die Wel⸗ ten reiſen! Und welche Welten? Die Sterne ohne Zweifel! . . eine drollige, kurzweilige Pilgerfahrt! Vergnügungszug! — Hin und her! — Durch das elektriſche Licht vermuthlich! Welcher Unſinn!“ „Man ſollte die Leute, die ſolchen Blödſinn ſchrei⸗ ben, ſammt ihren Leſern ins Tollhaus ſperren,“ meinte Frau Morand ſalbungsvoll; „die Leſer taugen oben ſo wenig als der Verfaſſer, das iſt ja zum Er⸗ barmen.“ Helviſe hörte die albernen Bemerkungen ihres Onkels und ihrer Tante gleichgiltig an. Als ſie je⸗ doch ihren plumpen Spott über den Namen der Werke von Maria Saint⸗Clair losließen, da färbte eine leichte Röthe den durchſichtigen Teint des jun⸗ gen Mädchens, und ein Lächeln, das ſich nicht näher bezeichnen läßt, ſchwebte auf ihren Lippen. Als dann dieſe flüchtige Aufregung verſchwunden war, wandte ſich Heloiſe an Frau Morand: 14 „Liebe Tante, ſoll ich Ihnen das Feuilleton von Frau Clemence Hervé vorleſen oder nicht?“ „Nun freilich ja, man muß doch ſeine Zeit todt⸗ ſchlagen; das Feuilleton iſt eine von unſern Morgen⸗ gewohnheiten geworden. Was ließe ſich auch mit der Stunde anfangen, die wir auf dieſe Lectüre ver⸗ wenden?“ antwortete Herr Morand. „Nur befinden wir uns heute in der unangenehmen Lage von Leuten, 3 die ihren Platz im Theater vorausbezahlt haben. Wenn das Stück ſchlecht iſt, ſo ſind ſie geprellt; aber ein ſchlechtes Stück iſt immerhin beſſer als gar Nichts.“ „Und dann wird dieſe Lectüre uns nothwendig Gelegenheit verſchaffen recht weidlich über die ſociale Demokratie dieſer Clemence Hervé loszuſchimpfen,“ fügte Frau Morand hinzu. „Ich verabſcheue dieſes „ Frauenzimmer. Sie will in ihren Werken den Leu⸗ ten immer Moral predigen, ſie beſſern, ihnen die Köpfe waſchen. Man iſt freilich gezwungen dieſe Dinge zu leſen, wenn man ſie als Feuilleton erhält; ſie haben eine Art von Intereſſe, das Einen bis zum Ende fortreißt; aber hernach ärgert man ſich, man ſchämt ſich, daß man ſo wenig Charakter gezeigt und einer einfältigen Neugierde nachgegeben hat.“ „So wahr ich Morand heiße, ich gebe im Augen⸗ blick alle Clemence Hervé und alle Maria Saint⸗ Clair der Welt für dieſen luſtigen Cumpan Major Sauſewind, ſonſt Virginie Robertin genannt. Aber wenn man keine Krammetsvögel hat, muß man mit Amſeln vorlieb nehmen; lies uns immerhin das neue Meiſterwerk der erlauchteſten Clemence Hervé vor, liebe NRichte.. 15 Heloiſe begann wie folgt: Sociales Elend. Erſte Erzählung. Man muß ſicherlich weniger das Herz als die Unwiſſenheit der Menſchen anklagen, die von der Schrecklichkeit gewiſſer unglückſeliger Verhältniſſe gar keine Ahnung haben und dem Elend bloß darum nicht zu Hilfe kommen, weil ſie nicht wiſſen, wo es liegt. Ich gedenke in dieſer einfachen Erzählung und den folgenden edlen Herzen die Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, unbekanntem und der rührendſten Theilnahme würdigem Elend aufzuhelfen; der Egoiſt, der nicht helfen will, ſoll nicht behaupten können, er habe nichts gewußt: ich werde Namen und Adreſſen anfüh⸗ ren; es handelt ſich hier nicht von romanhaften Erfin⸗ dungen, ſondern von Wirklichkeiten. Ich war Zeugin Alles deſſen, was ich jetzt er⸗ zählen werde; die Thränen, die ich fließen ſah, flie⸗ ßen noch zu dieſer Stunde; ihr könnt ſie trocknen, könnt an die Stelle der Verzweiflung Hoffnung, an die Stelle der Mühſal Glück ſetzen. Ihr, die ihr dieſe Zeilen leſen werdet, gebt irgend etwas Ueber⸗ flüſſiges her, aber beeilet euch, ich bitte, beeilet euch! Ich habe meinen Obol gegeben. Bringet den e wigen im Namen der menſchlichen Brüderſchaft und Soli⸗ darität. Der Erhuiſſier und ſeine Frau hatten dieſe Ein⸗ leitung mit ſteigender Ungeduld angehört; kaum hatte Heloiſe die Worte im Namen der menſchlichen Brüderſchaft und Solidarität ausgeſprochen, ſo rief Frau Morand: 8 . 2 3 16 „Ja, ja, da haben wir's, Brüderſchaft! Solida⸗ rität! oder Tod! Wie in den ſchönen Zeiten der an⸗ dern Republik, nach welcher ſich dieſe menſchenfreund⸗ liche Clemence Hervé gewiß recht ſchmerzlich zurück⸗ ſehnt. O dieſe unverſchämte Perſon, dieſe wüthende Socialiſtin, dieſe Megäre! Die Egoiſten ſollen nicht behaupten können, ſie haben von dem Jammer, den ſie jetzt ſchildern will, Richts gewußt, denn ſie wird Namen anführen, ſie wird Adreſſen angeben. Das iſt abſcheulich, das heißt Einem das Meſſer an die Kehle ſetzen.“ „Das heißt die Bürger zum Haß gegen einander aufreizen,“ fügte der Erhuiſſier hinzu. „Ich begreiſe nicht, wie man ſo ſchreckliche Her⸗ ausforderungen dulden kann.“ „Es ſind ja nur Aufforderungen zu einer rühren⸗ den Bruderliebe,“ wandte Heloiſe ſanft ein, „denn „Du biſt eine dumme Gans, liebe Nichte, und wenn man einen ſo beſchränkten Verſtand hat wie Du, ſo hält man das Maul,“ verſetzte Frau Morand in derbem Ton. „Erlaß uns Deine abgeſchmackten Betrachtungen.“ „Ich geſtehe, ich habe Unrecht gehabt laut zu nlen, antwortete das junge Mädchen ſeufzend und em ſchwermüthigen Lächeln. Ihr Ton ſchien wandten und ihr ſie nöthigte. „Soll ich dieſe Lectüre vollenden, liebe Tante?“ fragte ſie dann. zu ſagen, daß ſie es bereue unwillkürlich das ge⸗ wöhnliche Schweigen gebrochen zu haben, wozu die gänzliche Meinungsverſchiedenheit zwiſchen ihren Ver⸗ —— — — — —— 6 17 „Nein, gewiß nicht: wir haben ſchon genug da⸗ von wir haben ſchon mehr als zu viel.“ „Bah! ... das wird immerhin ein Stündchen wegnehmen,“ erklärte Herr Morand. „Der Wein iſt angeſtochen, man muß ihn trinken ... Fahr fort, meine Nichte.“ II. Heloiſe begann, während ihre Tante leiſe vor ſich hinbrummte, das Feuilleton von Clemence Hervé weiter zu leſen: Claude Erard. Vorgeſtern kam ich durch die Rue de Bienfaiſance, eine Localität, die gewöhnlich von den ärmſten Leu⸗ ten des Faubourg du Roule bewohnt iſt. Da be⸗ gegnete ich einem kleinen Mädchen von ungefähr fünf Jahren, bleich, mager, ſchmächtig; ſie war kaum gekleidet, ihre Lumpen ließen ihre armſeligen, ſchwäch⸗ lichen Glieder durchblicken; ſie ging barfuß und hatte eine zerbrochene Taſſe in der Hand; ſie lief ſe ſchnell und vergoß bittere Thränen. „Warum weinſt Du denn, mein Kind?“ ſagte ich zu ihr. „Mama iſt ſehr krank,“ antwortete mir das kleine Mädchen ſchluchzend. „Papa glaubt, ſie werde ſter⸗ ben, und ich ſoll jetzt für einen Sou Branntwein bei dem Krämer holen.“ Ich kannte die Zähigkeit des unſeligen Vorur⸗ theils, das unter der Bevölkerung verbreitet iſt, Sue, der Teufel als Arzt. Um 5 2 18 nämlich daß den Spirituoſen gewiſſe Heilkräfte in⸗ wohnen ſollen; ich rieth alſo dem Kind ſeinen Ein⸗ kauf nicht zu machen, und verſprach dagegen ſeiner Mutter ein⸗kräftiges Getränke zu verſchaffen. Ich bat die Kleine mich in ihre Wohnung zu führen. Sie verſtand ſich dazu, obſchon ſie ſich über mein Verlangen ſehr wunderte. In wenigen Augenblicken tommen wir in ein Gäßchen, das an der Ecke des Hauſes Nr. 17 liegt. Ueber dem Eingang dieſes Gäßchens ſieht man einen großen Anſchlag, der die Worte enthält: Zu verkaufen, Demolitionen und Zimmerholz. Das Kind ging in dem ſchmalen Gang voraus; derſelbe führte zu einem andern Gang, der mit Stei⸗ nen und Abraum von einem alten Hauſe verſchüttet war, das früher am Ende dieſer Art von Hof ge⸗ ſtanden, welcher durch einen verfallenen Bretterver⸗ ſchlag vom unbewohnten Grunde getrennt war. Das Dachwerk iſt an mehreren Orten durchlöchert und droht einzubrechen; es bedeckt kaum einen mit Bal⸗ ken ausgefüllten Schuppen und ein Dachſtübchen in der Breite des Giebels; in dieſes gelangt man mit⸗ telſt einer Müllerleiter hinauf. Nichts vermag die Lraurigkeit und Hede dieſer vereinſamten Ruinen zu veranſchaulichen, wo ein düſteres Schweigen herrſcht. Dieſe gänzliche Abgelegenheit erklärte mir ſpäter die— ſchreckliche Verlaſſenheit, worin ich die Familie von Claude Erard traf. Es gibt eine gewiſſe Stufe von Elend und Entblößtheit, zu welcher die Unglücklichen ſelten herabſinken, wenw ſie Nachbarn haben. Die Armen helfen einander, ſo bedürftig ſie auch ſelbſt ſind; die traditionelle Schlechtigkeit des Menſchen iſt 19 eine Gottesläſterung; der Menſch iſt von Natur gut, mitfühlend, dienſtfertig; je precärer ſeine eigene Stellung iſt, je genauer er das Leiden aus Erfah⸗ rung kennt, um ſo mitfühlender iſt er für die Leiden, deren Zeuge er wird. Die heilige und brüderliche Solidarität iſt einer der männlichen Inſtinkte des Volkes. Ich folgte dem Kind durch den Schutt. Ich ſtieg hinter ihm die Müllerleiter hinauf, ich kam auf den äußeren Abſatz, wo eine wurmſtichige Thüre ſich öffnete. Ihr oberer Theil iſt ſchräg abgeſchnitten und entſpricht dem Winkel, welchen das Schirmdach des Schoppens bildet. Das Hinaufſteigen war eine ſchwere Arbeit geweſen; ich wollte wieder Athem ſchöpfen, bevor ich in das Stübchen trat; ich blieb einen Augen⸗ blick auf dem Abſatz ſtehen. Plötzlich hörte ich durch die ſchlecht zuſammengefügte Thüre hindurch eine rauhe Stimme, die in unſäglicher Verzweiflung einen Fluch ausſtieß. „Um Gottes Barmherzigkeit, Papa iſt zornig .. meine Brüder werden Etwas zu eſſen verlangt haben,“ murmelte das kleine Mädchen, indem ſie mich an meinem Rockſchoß feſthielt; „laſſen Sie uns nicht hineingehen, Madame, laſſen Sie uns nicht hinein⸗ gehen.“ Ich gab dem Wunſch des Kindes nach, konnte aber meiner ſchmerzlichen Neugierde nicht widerſtehen, und hielt ſtumm und unbeweglich mein Ohr an die Thürſpalten, während das kleine Mädchen weinend und zitternd ſich zu meinen Füßen ſetzte und ſich fort⸗ während an meinem Rockſchoß hielt. Nach einer ziemlich langen Pauſe hörte ich dann eine ſchwache und äußerſt ſanfte Frauenſtimme die Worte ſagen: 20 „Mein armer Claude! Warum willſt Du nicht uns Allen zuſammen ein Ende machen? Ha, ver⸗ flucht ſei der Tag, wo wir uns zum erſten Mal ge⸗ liebt haben! Verflucht ſei der Tag, wo wir uns ver⸗ heiratheten! Verflucht ſei der Tag, wo ich Mutter geworden bin! Warum biſt Du nicht ledig geblieben? Du hätteſt jetzt keine Familie auf dem Halſe.“ Bei dieſer Aufforderung zum Selbſtmorde, bei dieſer Verwünſchung, die eine Gattin, eine Mutter über die heiligſten und ſüßeſten Gefühle der Natur ausſprach, ſchauderte ich. „Madeleine,“ erwiderte Claude mit einem wil⸗ den Ausdruck, „Madeleine, führe mich nicht in Ver⸗ ſuchung.“ „Was ſoll aus uns werden?“ ſagte die Frau, „ja, was ſoll aus uns werden? Morgen werde ich vielleicht unſer viertes Kind auf die Welt ſetzen. . erſchöpft wie ich bin, habe ich keinen Tropfen Milch, um dieſes Kind zu ſtillen, tein armſeliges Stückchen Leinwand, um es einzuhüllen . . . Machen wir der Sache ein Ende! Komm her, mein guter Claude, laß uns dem Ding ein Ende machen, es iſt ſchneller geſchehen „Schweig! . .. Du machſt mich wahnſinnig .. der Kopf ſchwindelt mir .. Siehſt Du, es kann ein Unglück geſchehen und dann haſt Du es ver⸗ langt.“ „Höre, Claude, laß uns vernünftig ſprechen .. Wir werden jetzt unſer viertes Kind bekommen; vor⸗ her waren wir zu fünf— die von den drei Franken täglich leben ſollten ... So lang die Arbeit ging, nahm die Haushaltung und die Sorge für die Klei⸗ 21 nen meine ganze Zeit in Anſpruch .. ich konnte nichts verdienen . . . wir hatten oft nicht genug Brod zu eſſen, und dennoch haſt Du Dich uns zu Liebe nicht geſchont, mein armer Mann! . RNie⸗ mals Ruhe, niemals ein Sonntag! nicht einmal Spaziergänge! . .. Unſere Kinder waren ſo ſchlecht gekleidet! Ich hätte mich geſchämt ſie ausgehen zu laſſen, man hätte ſie für Bettelkinder gehalten . .. Um das Unglück voll zu machen, haſt Du ſeit zwei Monaten keine Arbeit; Du kannſt von Deinem Patron Nichts mehr verlangen . . . Er hat Dir be⸗ reits fünfunddreißig Franken vorgeſchoſſen; er hat uns aus Mitleid erlaubt in dieſem Gemäuer zu wohnen; aber bald wird man es wie das Uebrige einreißen . . . wir werden aufs Pflaſter geſetzt wer⸗ den . . . Wer wird uns dann aufnehmen wollen? .. Was wir ins Leihhaus bringen konnten, iſt— Alles dort; wir ſchulden dem Bäcker beinahe zwanzig Franken . . . Er hat heute früh der Kleinen Brod verweigert . . . Wir ſind mit Allem am Ende ... wir werden jetzt noch ein Kind mehr bekommen und ſind dann zu ſechs . . . Claude .. Sechs Perſonen zu ernähren! . . . Iſt das möglich? . Sag es ſelbſt, was ſoll aus uns werden?“ Und Madeleine ſtieß einen herzzerreißenden Seufzer aus. „Mein Gott, man muß ſich gleichwohl zu ſchicken wiſſen.“ „Mama,“ murmelte in dieſem Augenblick eine klagende Kinderſtimme, „wir haben großen Hunger.“ — „Wir können nichts dafür, Papa, werde nicht böſe,“ fügte ſogleich eine andere Kinderſtimme ängſt⸗ 22 lich hinzu. — „Du hörſt ſie,“ mein armer Mann, Du hörſt ſie,“ ſagte Madeleine. „Um Gottes Barmherzigkeit, was ſoll ich thun? Soll ich denn ſtehlen? O wenn es Nacht wäre!“ „Claude, Du machſt mir Angſt.“ „Nein . . ich würde betteln gehen . . . Aber am hellen Tag . . . Ich wage es nicht.“ „Betteln! Iſt das eine Hilfe, wenn man fünf Perfonen zu ernähren hat . Ach, Claude,“ fügte die Unglückliche in herzzerreißendem Tone hinzu, „in den acht Jahren, die wir verheirathet ſind, haben wir mehr als einmal dieſe Worte gehört: Mamao, ich habe Hunger. Da ſieh nur unſere Kinder an; ſind ſie nicht ganz mager und ſchwächlich?. .. Wenn ſie jemals groß werden, ſo werden ſie nicht einmal Kraft genug haben, um ihr Brod zu verdienen . . . Ihre Schwäche, ihr Elend wird ſie vielleicht zum Böſen treiben . . Unſere kleine Juſtine verſpricht hübſch zu werden; ſie wird es vielleicht machen, wie ſo viele andere arme Mädchen. Noch einmal, entſchließe Dich, Claude, mach dem ganzen Jammer durch eine raſche That ein Ende! . . . Es iſt ſo ſchnell ge⸗ ſchehen! . . .“ „Ha ha ha, ein Ende machen!“ rief der Unglück⸗ liche mit einem Gelächter, das mich mit Entſetzen erfüllte. „Sollen wir uns etwa hängen? Iſt nicht ſelbſt der Tod zu theuer für uns? Ein Maß Koh⸗ len koſtet acht Sous. Das geht nicht.“ „Höre, mein guter Flaude, wenn Du wollteſt... Siehſt Du . . . Wenn Du nur wollteſt .. Es wären keine Kohlen nöthig . . .“ „Keine Kohlen . . .“ 23 „Nein, wir wollen das Stroh von unſerm Stroh⸗ ſack auf den Boden legen und es ein bischen naß machen, damit es nicht flammt. . . denn ſonſt könnte es das Häuschen verbrennen . . . Aber es wird ſehr rauchen, wenn Du es mit einem Zündhölzchen an⸗ zündeſt . . . dann kommſt Du zurück und legſt Dich neben mich auf die Gurte unſeres Bettes wir drücken unſere Kinder feſt in unſere Arme, die un⸗ glücklichen Geſchöpfe! .. . und während wir ſie um⸗ faßt halten, wird der Rauch uns Alle ſehr ſchnell erſticken; der liebe Gott wird Erbarmen mit uns haben, denn er weiß, wir haben immer ehrlich gelebt, haben Niemand. ein Leid oder Schaden zuge⸗ ügt.“ „Madeleine,“ begann Claude wieder, den die ſchreckliche Geiſtesverirrung ſeiner Frau anſteckte. „Du willſt es? Du willſt es?“ Dieſe letzten Worte entriſſen mich der thatloſen Angſt, in welche das angehörte Geſpräch mich ver⸗ ſetzte. Ich ſtieß raſch die Thüre auf und trat in das Stübchen. Claude ſprang in einer Art von Schwindel auf mich zu und ſagte in unheimlichem, beinahe vrohen⸗ dem Tone zu mir: „Wer ſind Sie? Was führt Sie hierher?“ „Mein Herr,“ antwortete ich ſehr bewegt, „ich wollte . . . Claude unterbrach mich und rief wie ein Wahn⸗ ſinniger: „Sie wollen wiſſen, wer ich bin, wie ich heiße, nicht wahr? . . .“ „Mein Herr „Madame . .. Meine Familie zählt ſich in die⸗ ſer Welt nach Tauſenden und Hunderttauſenden! Verſtehen Sie mich wohl, Madame, meine Brüder, meine Schweſtern und ich, wir nennen uns die Le⸗ bensmüden.“ Nach dieſer furchtbar energiſchen Erklärung barg Claude ſein Geſicht in beiden Händen und ſank ver⸗ zweiflungsvoll auf einen Schemel neben den Häupten ſeiner Frau nieder. III. Herr und Frau Morand hörten zur großen Ver⸗ wunderung ihrer Nichte zu, ohne ſie durch übelwol⸗ lende Bemerkungen über Clemence Hervé zu unter⸗ brechen. Die einfache, aber von der jungen Vor⸗ leſerin vortrefflich betonte Erzählung dieſes ſchauer⸗ lichen Elends machte auf den Erhuiſſier und ſeine Frau einen tiefen Eindruck; trotz ihres Egoismus und ihrer Ungeſchlachtheit feuchteten ſich ihre Augen bei gewiſſen Stellen von betrübender Wirklichkeit. Die Worte zum Beiſpiel: „Mama, wir haben Hun⸗ ger, — ſei nicht böſe, Papa, wir können Nichts da⸗ für,“ entlockten den ſtumm gewordenen Verwandten Heloiſens Thränen; ſie ſchauderten, ſie ſchauten ſich „ mit Entſetzen an, wenn ſie an die furchtbare Bedeu⸗ tung der Worte dachten: Meine Brüder und ich, wir nennen uns die Lebensmüden. Helviſe, welche die Zeilſame Wirkung, die dieſe Erzählung auf ihren Onkel und ihre Tante hervorbrachte, nicht dadurch beeinträchtigen wollte, 25 daß ſie von ihrer Gemüthsbewegung förmlich Notiz nahm, weil ſie ſich ohne Zweifel dann wieder auf⸗ zuraffen geſucht hätten, Heloiſe, ſagen wir, fuhr ohne Unterbrechung fort zu leſen. Tiefe Stille herrſcht in dem Stübchen, das die Familie Claude Erard bewohnt. Der Unglückliche, der ohne Zweifel ſein unwillkürliches Aufbrauſen ge⸗ gen mich bereut, iſt ſtumm, unbeweglich, niederge⸗ ſchlagen, geſenkten Hauptes ſtehen geblieben. Dieſer Handwerker, der zerfetzte Hoſen und ein ſchlechtes graues Tricotwamms auf dem Leibe hat, dieſer Handwerker, der noch jung und dennoch ſchon kahl iſt; ſeine offene, intelligente Phyſiognomie, ſein bleiches, von Entbehrungen und Kümmerniſſen tief gefurchtes Geſicht, das ſchrecklich mager und unter einem dichten Bart halb verborgen iſt; ſeine von Thränen und Schlafloſigkeit gerötheten Augen, welche das Tageslicht, das durch eine ſchmale Spalte von oben hereindrang, kaum ertragen zu können ſchienen, — Alles das machte einen überwältigenden Eindruck auf mich. Madeleine lag in einer wurmſtichigen hölzernen Bettlade auf einem durchlöcherten Strohſack, aus welchem da und dort die Halme hervorſahen, und war mit einem ſchmutzigen zerriſſenen Tuch kaum umhüllt. Eine Blouſe und ein zerlumpter Unter⸗ rock dienten als Decke. Ihre ſchwarzen Haare, die unordentlich unter einer alten Zitzhaube hervor⸗ drangen, fielen über ihre Stirne und ihre Schultern herab und ließen ein krankhaft weißes Geſicht ſehen, das von Leiden und Jammer durchwühlt war. Die 26 letzten Aufwallungen ihres verzweiflungsvollen Ent⸗ ſchluſſes belebten noch ihr Auge, worin ein fieber⸗ hafter Glanz leuchtete; zwei kleine Jungen von ſechs bis acht Jahren, ohne Hemden, beinahe nackt und mit hervorſtehenden Knochen drückten ſich, am Fuße des Bettes ihrer Mutter ſitzend und an die Mauer gelehnt, an einander. — Das Elend iſt mir niemals in unheimlicherer, troſtloſerer Geſtalt erſchienen; ich habe außer dem Schragen, wo die Mutter lag, außer einer kleinen mit Stroh gefüllten hölzernen Kiſte, die den Kindern als Bett diente, in dieſem Dochſtübchen mit ſeinen kahlen und zerfallenen Wänden nicht ein einziges Möbel geſehen; ein ei⸗ ſerner Ofen, einige zerbrochene Gefäße, ein alter Koffer, der als Tiſch und Stuhl zugleich diente, wo Claude Erard zu den Häupten ſeiner Frau ſaß, das iſt das ganze Beſitzthum dieſer Familie. Das Kind, das mir begegnet war, näherte ſich dem Bette Madeleines und ſprach ganz leiſe mit ihr, indem es mit ſeinen Blicken auf mich zeigte. Ich brach das Schweigen zuerſt und ſagte zu Claude Erard: „Als ich ſoeben Ihr weinendes Töchterlein be⸗ gegnete, fragte ich es aus, und da ich auf dieſe Art erfuhr, daß Ihre Frau ſehr leidend ſei, ſo dachte ich, ich könnte Ihnen vielleicht nützlich werden. Ich bin alſo gekommen, verfügen Sie über mich.“ Claude Erard ſenkte ſeine Augen und konnte Anfangs vor Rührung nicht antworten; aber ein unausſprechlicher Glanz verbreitete ſich über die Züge — Madeleines. Thränen liefen über ihre Wangen herab und ſie rief mit zitternder Stimme: 27 „Meine Kinder, meine Kinder!“ Bei dieſem Aufruf ihrer Mutter, welche ihnen ihre Arme entgegenſtreckte, ſtürzten alle drei auf ſie zu und umſchlangen ſie mit ihren Armen. Die Mutter drücktéie leidenſchaftlich an ihre Bruſt und ſagte zu ihnen: „Arme liebe Kleine! Der Himmel ſchickt uns dieſe gute Dame zu, wir werden noch nicht ſterben.“ „Madame,“ ſagte Claude Erard mit Thränen in den Augen zu mir, „gegenüber einem ſo menſchen⸗ freundlichen Benehmen wie das Ihrige vergißt man ſeinen Stolz. Ich bin ſeit zwei Monaten ohne Ar⸗ beit; wir haben Alles, ſelbſt unſere Matratzen und unſer Weißzeug, ins Leihhaus gebracht; meine Frau kann jeden Augenblick niederkommen; es iſt kein Brod im Hauſe; es blieb ein einziger Sou übrig, und dieſen habe ich meinem kleinen Mädchen gegeben, damit ſie einen Tropfen Branntwein kaufen ſollte, um Madeleine ein wenig zu ſtärken, denn ſie iſt kaum eben erſt vor Schwäche in Ohnmacht gefallen. Unſer Unglück iſt nicht durch ſchlechte Aufführung verſchuldet . . . Ich bin Holzdreher und arbeite ſeit ſieben Jahren bei demſelben Patron, Herrn René, Rue du Faubourg St. Honoré Nr. 102. Madame, Sie können uns nachfragen.“ Thränen der Scham entſtürzten ſeinen Augen und er fügte mit bebender Stimme hinzu: „Zum erſten Mal in meinem Leben zwingt mich das Elend die Hand nach einem Almoſen auszu⸗ ſtrecken; glauben Sie nicht, Madame, daß meine ttn gegen Sie ſchwer auf mir laſte .. aber 28 Claude Erard unterbrach ſich. Lautes Schluch⸗ zen erſtickte ſeine Stimme. IV. „ Helviſe glaubte ihre Lectüre einen Augenblick unterbrechen zu müſſen, während ihr Onkel und ihre Tante, die ſich ihrer Rührung beinahe ſchämten, ihre feuchten Augen trockneten. Dann fuhr das junge Mädchen folgendermaßen fort: Bei der Schilderung dieſes ſocialen Elendes müſſen wir wiederholen, daß Alles daran wahr iſt, Geſpräch und Beſchreibung. Der Leſer urtheile über die Größe des Unglücks, wovon ich ein Bild entworfen habe, und über die Theilnahme, welche es ſelbſt in den Augen Derjeni⸗ gen verdient, die den Selbſtmord für ein Verbrechen halten und deßhalb Madeleine Erard einen Vorwurf daraus machen könnten, daß ſie im Fieberwahnſinn ihrer Verzweiflung als Gattin und Mutter einen Augenblick an dieſes Verbrechen gedacht hat. Dieſen Leuten werde ich ſagen: Ach, ſtellet euch einmal die Vereinſamung, die ſchreckliche Noth dieſer Familie vor. Denkt euch dieſen Vater, dieſe Mutter, er⸗ drückt durch die unerbittliche Gewißheit, daß ſie un⸗ fähig ſind jemals aus einem Abgrund des Jammers wieder emporzukommen. Sehet, wie ſie trotz über⸗ menſchlicher Anſtrengungen, vom Kampf erſchöpft und entſetzt über die Gegenwart, vor einer noch ſchrecklicheren Zukunft zurückbeben, weil das Kind, das auf die Welt kommen wird, zu ſeinem Unglück 20 geboren werden ſoll, um die bereits unerträgliche Laſt ſo vielfachen Unglücks noch zu erſchweren! . Ja, denket Euch in dieſe Unglücklichen hinein, und ihr werdet begreifen, daß eine Stunde kommen konnte, wo ſie überwältigt von Angſt für ſich und ihre Kinder nur noch im Tod eine Zuflucht hofften. Dieſe armen Verzweifelten! Dieſe armen Lebens⸗ müden, wie Claude Erard mit furchtbarer Energie geſagt hat. Ihr, die ihr durch dieſe Erzählung vielleicht ge⸗ rührt worden ſeid, vereiniget euch mit mir, um Claude Erard und den Seinigen vollends eine wirk⸗ ſame Hilfe zu bringen; ich habe ſie durch ſchweſter⸗ liche Worte wieder geſtärkt und aufgerichtet. Ich bin ihnen, ſo weit es meine beſchränkten Mittel erlauben, materiell zu Hilfe gekommen; ein berühm⸗ ter Arzt aus meiner Freundſchaft hat Madeleine noch am ſelben Tage beſucht; geſunde Speiſen haben ihr wieder Kraft gegeben; ſie liegt nicht mehr halb nackt auf dem Stroh; das Kind, das ſie gebären wird, hat ein beſcheidenes Wickelzeug zu erwarten; aber das Flend dieſer Familie iſt noch immer furchtbar. Claude Erard iſt durch Kummer und Entbehrungen entnervt; es fehlt ihm an Arbeit; er und ſeine drei Kinder ſind beinahe ohne Kleider; ihr Brot für heute iſt geſichert . . . aber morgen? aber morgen? Und gleichwohl iſt dieſer Handwerker fleißig und intelligent. Sein Benehmen iſt nach der Verſicherung ſeines ehrenwerthen Patrons, des Herrn René, Rue du Faubourg St. Honoré Nr. 102, ſtets untadelhaft geweſen. Ich habe dieſe Erkundigungen eingezogen, jedoch nicht um mich über die Moralität von Claude 30 Erard zu vergewiſſern, denn ich verdanke meiner Lebenserfahrung einen Scharfblick, der mich ſelten im Stich gelaſſen hat; deßhalb war ich auch nach kurzer Unterhaltung mit Claude Erard und ſeiner Frau überzeugt, daß beide das Mitleid und die Achtung der rechtſchaffenen Leute verdienen; aber ich beſchwöre im Namen der menſchlichen Solidarität Diejenigen, denen dieſes ſociale Elend zu Herzen ge⸗ hen ſollte, ſich bei dem Patron Claude Erards zu erkundigen und zu unſerem brüderlichen Werke mit⸗ zuhelfen. O ihr, geliebte Gattinnen, angebetete Mütter, die ihr niemals die Noth gekannt habt und, umgeben von den Gegenſtänden, die eurer Liebe ſo theuer ſind, dieſe Erzählung leſet! Ihr, die ihr lächelnd den Spielen eurer ſchönen, von Friſche, Anmuth und Heiterkeit ſtrahlenden Kinder zuſchauet; ihr, die ihr, beglückt in der Gegenwart, mit einem innig ge⸗ liebten Gatten heitere Pläne für die Zukunft ent⸗ werfet: bedenket, daß eine unſerer Schweſtern in der Menſchheit, daß Madeleine Erard als Gattin nie etwas Anderes als die bangen Verlegenheiten der Che, daß ſie als Mutter nichts als die Aengſten der Mutterſchaſt gekannt hat! . . . Für ſie gibt es nie einen Tag der Ruhe und Erholung; für ihre Kinder gibt es keine der unſchul⸗ digen Vergnügungen, die dem erſten Alter ſo theuer ſind! Unaufhörlich geguält durch die Ungewißheit des morgenden Tags, unaufhörlich geängſtigt durch das Geſpenſt des Elends, hat Madeleine nur gelebt, um ſich in Bangigkeit abzuhärmen over um zu leiden. Ach möge dieſe arme Familie euch 31 einige Augenblicke des Glückes verdanken! Mögen dieſe gequälten Seelen, verbittert durch ein ſo furcht⸗ bares Unglück, das ſie einen Augenblick an der Güte der Menſchen und an der Gerechtigkeit Gottes ver⸗ zweifeln machte, ſich den herzdurchdringenden und heilkräftigen Wonnen der Dankbarkeit erſchließen! Wer das Geſchöpf ſegnet, das euch eine brüderliche Hand hinſtreckt, der ſegnet den Schöpfer in ſeinem Werke. Ans Werk alſo, ihr Brüder und Schweſtern in der Menſchheit! Ans Werk im Namen der Solidarität, die uns Alle, bekannt oder unbekannt, arm oder reich, groß oder klein, an einander knüpft; vergeſſen wir das niemals! So lange irgendwo ein Gerechter ſeufzt, zittert die Ungerechtigkeit. So lange irgendwo ein Elend ſeufzt, iſt der Ge⸗ nuß geſtört. Glaubet mir, die Erfüllung einer großherzigen Pflicht verleiht dem Vergnügen einen neuen Wohl⸗ geſchmack und man genießt es mit heiterer Seele. Clemence Hervé. Die Erzählung von der berühmten Schriftſtellerin, welche Helviſe, deren Augen ſich mehr als einmal mit Thränen feuchteten, ihren Verwandten vorlas, machte, wie wir bereits geſagt haben, unwilltürlich einen tiefen Eindruck auf den Erhuiſſier und ſeine Frau. Dieſes Gemälde des ſocialen Elends betrübte 32 ſie zuerſt, dann erbitterte es ſie gegen Clemence Hervé. Was brauchte dieſe Perſon harmloſe alte Leute in eine düſtere Stimmung zu verſetzen? Wie durfte ſie ſich unterſtehen ihre glückſelige Ruhe durch eine ſolche Schilderung zu ſtören? Warum ihnen dieſe ſchmerzvollen Wirklichkeiten aufdecken? Was konnten ſie dafür, wenn Claude Erard und ſeine Frau, ſtatt langſam dem Tode entgegen zu ſchmach⸗ ten, ſich entſchloſſen hatten der Sache mit einem Mal ein Ende zu machen? 6 Auf dieſe Empörung des Egoismus gegen die menſchliche Solidarität folgte ſodann bei Herrn und Frau Morand ein edleres Gefühl, hervorgerufen durch den heilſamen Einfluß des Talentes der Dich⸗ terin. „Das iſt unerträglich,“ rief Frau Morand, in⸗ dem ſie ihre Wimpern wiſchte. „Ja,“ fügte ſie naiv, in einem Tone des Tadels und Mitleids hinzu, „leugnen kann man es nicht. Ich weiß jetzt, daß in der Rue de la Bienfaiſance Nr. 7 ein Claude Erard und ſeine Familie exiſtirt, und daß dieſe Leute vom Allernothwendigſten entblößt ſind; dieſe ſchreck⸗ liche Erzählung wird wie ein Alp auf mir liegen; ſie wird mir im Traum vorkommen; vor meinen Augen wird immer dieſe unglückliche Frau ſchwe⸗ ben, die ihrer Niederkunft auf dem Stroh ent⸗ gegenſieht und entſchloſſen iſt ſich mit ihrem Mann und ihren Kindern ſelbſt ums Leben zu bringen! Ich ſehe ſie ſchon vor mir mit ihrem ſchlechten Zitz⸗ häubchen, mit ihren ſchwarzen Haaren, die auf ihre Schultern herabfallen, mit ihrem blaſſen, ſterbenden Geſicht, mit ihrem armen, in elende Lumpen einge⸗ 33 hüllten Leib. . . Ja, ich werde ganz gewiß heute Nacht davon träumen. „Ich hab's ja gleich geſagt, ſchon ehe wir an⸗ fingen das verdammte Feuilleton anzuhören. Es lebe der Major Sauſewind und nieder mit Clemence Hervé,“ ſagte Herr Morand, ebenſo weich wie ſeine Frau; „ſo eben noch nach dem Frühſtück war ich luſtig wie ein Fink und jetzt bin ich auf den ganzen Tag hinein betrübt.. wahrlich eine ſchöne Sache! Statt mich heute Abend mit ganz beſonderem Appetit und mit der lockenden Ausſicht auf die zwei ſaftigen Roth⸗ hühner, deren Zubereitung wir Helviſen anvertraut haben, zur Tafel ſetzen zu können, wird mir ſicherlich jeder Biſſen gallenbitter vorkommen. Ich werde immer das Geſchrei dieſer unglücklichen Kinder zu hören glauben, welche rufen: Wir haben Hunger ... Sei nicht böſe, Papa . . . wir können nichts dafür. Nein ſo etwas iſt abſcheulich,“ fügte der Exhuiſſier hinzu, indem er mit der Spitze ſeines dicken Fingers eine Thräne abwiſchte, die von Neuem ſeine Wim⸗ per feuchtete. Das ſind ganz gewiß keine erdich⸗ teten Leiden, aber man ſollte nicht dulden, daß ſie bekannt gemacht werden.“ Heloiſe ſah mit inniger Wonne, wie gewaltig das Werk der Dichterin ſogar auf Herzen wirkte, die beinahe immer mit Egoismus gepanzert waren und ſich dieſer Einwirkung mit Gewalt zu verſchließen ſuchten; aber ſie bemeiſterte ihre Bewegung und ſchwieg klüglich, denn ſie fürchtete, ein ungelegenes Wort von ihrer Seite könnte dem Ideengang ihres Onkels und ihrer Tante auf einmal eine andere Richtung geben. Sue, der Teufel als Arzt. MI. 3 34 „Dieſe Tollhäuslerin von einer Clemence Hervé,“ fuhr Frau Morand ärgerlich fort, „beſchreibt ganz genau die Mauer, ſie ſagt den Namen und die Adreſſe der Familie, bezeichnet den Ort, wo man ſich 3 über ſie erkundigen kann. Nichts fehlt dieſer Er⸗ zählung ... Man müßte ſich ſelbſt als ein Felſen⸗ herz betrachten, wenn man nicht dieſen unglücklichen Leuten aus reiner Menſchenliebe ein wenig zu Hilfe kommen wollte.“ „Ja wäre es auch nur um ſein Herz zu erleich⸗ tern, um wieder fröhlich werden zu können wie vor⸗ her,“ fügte Herr Morand hinzu, indem er in ſeiner Taſche herumſtöberte. „Man könnte dann doch wie⸗ der mit gutem Appetit zu Mittag eſſen.“ „Höre, lieber Mann,“ ſagte Frau Morand mit einem Seufzer, indem ſie ebenfalls in ihrer Börſe ſuchte und vier Fünffrankenſtücke herauszog, „das Feuilleton dieſer Socialiſtin kommt uns jetzt ſchon auf vierzig Franken zu ſtehen. wenn die andern Feuilletons dieſem gleichen, ſo ſind wir ruinirt.“ „Ei was,“ ſagte Herr Morand, indem er die vier⸗ zig Franken in ein Stück des Journals wickelte; „durch wen ſchicken wir unſere Gabe fort, he, liebe Frau?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht . wir über⸗ laſſen dieſes traurige Geſchäft dem Portier ich » für meine Perſon möchte um Alles in der Welt die Höhle dieſer unglücklichen Leute nicht betreten. Die⸗ ſer Anblick würde mir Elel verurſachen, ſo daß ich auf vierzehn Tage krank würde.“ „Liebe Tante,“ ſagte Heloiſe ſchüchtern, „wollen — Sie mir erlauben Ihr Geſchenk zu Madame Clemence —. 35 Hervé zu tragen, da ich ja doch ausgehen und mei⸗ nen Doctor befragen muß? denn Sie wünſchen ja, daß ich ſelbſt zu ihm gehe.“ „Allerdings, dieſer Doctor iſt mir wegen ſei⸗ nes griesgrämigen Geſichtes verhaßt . . . und da Deine Krankheit. . eine eigenthümliche Krankheit wahrhaftig. . denn Du ſiehſt aus wie das Leben ſelbſt „Liebe Tante.. meine häufigen Migränen ...“ „Schon gut, ſchon gut . da aber Deine Mi⸗ gränen Dich nicht am Ausgehen hindern, und da Du behaupteſt, daß Du zu unſerem Arzte kein Ver⸗ trauen habeſt, ſo iſt es mir lieber, Du gehſt ſelbſt zu Deinem Arzte, als daß ich ihn hier ſehen muß. Ueberdies ſagt man gar verſchiedene Dinge von ihm kurz, ich wünſche Nichts, als daß mir dieſer Teufelsdoctor gar nicht unter die Augen kommt.“ „Der Herr Doctor Max war der Freund mei⸗ nes Vaters und beſuchte mich ſehr häufig in meiner Penſion; daher, liebe Tante, ſchreibt ſich mein Ver⸗ trauen zu ihm.“ „Das iſt Deine Sache.“ „Alſo, liebe Tante, erlauben Sie mir Ihre Gabe fortzutragen, wenn ich zu meinem Doctor gehe?“ „Meinetwegen, da iſt das Geld; aber komm bald zurück, damit Du meine geſtickten Schnupftücher noch bügeln kannſt.“ „Ja, liebe Tante.“ „Vergiß auch die neuen Aermel nicht, die Du an die alten Flanelljacken Deines Onkels nähen mußt.“ „Nein, liebe Tante . . .“ „Und beſonders ſorge dafür, daß die Rothhühner recht gebraten werden . Ich bezahle das Recht, ſie mir ohne Gewiſſensbiſſe ſchmecken zu laſſen, theuer genug.“ „Sie werden Ihnen weit beſſer ſchmecken, lieber 7 Onkel,“ antwortete Heloiſe; dann fügte ſie mit einem holdſeligen Lächeln hinzu: „Sie ſehen, Clemence Hervé hat ſich in ihrer Hoffnung nicht getäuſcht. Indem ſie die guten Herzen anrief, hatte ſie die Ihrigen errathen; Sie antworten großmüthig auf ihren Auf⸗ ruf. Geſtehen Sie ſelbſt, liebe Tante und lieber Onkel, eine einfache Erzählung, die einen ſo lieblichen Einfluß auf die Seele ausübt, iſt dieſe n „Die Seelen, o, o die Seelen!“ machte Herr Mo⸗ rand, indem er die Achſeln zuckte und dem jungen Mädchen ins Wort fiel; „es wäre mir weit lieber, 11 wenn Deine Clemence Hervé ſo gut wäre, unſere Seelen im Frieden und in der Freude zu laſſen, ſtatt ſie ſo abſcheulich zu verdüſtern; da gefallen mir die Faſeleien der Maria Saint⸗ Clair noch weit beſſer, dieſes tollen Geſchöpfes, das die Seelen durch die Welten, wie ſie es nennt, wandern läßt, ohne daß ſie ſich die Mühe gibt uns zu ſagen, ob ſie dieſe Fahrt im Coupé oder in der Rotonde des Firmaments zu machen haben. Ah, ah, mein Gott, wie dumm iſt das, aber es iſt doch wenigſtens noch luſtig im Vergleich mit den ſchmerzvollen Erzählun⸗ gen dieſer Clemence Hervé, die Einem das Herz zerreißen . . . Gott ſei Dañk, mittelſt unſeres Ge⸗ ſchenks von vierzig Franken können wir doch wieder ruhiger athmen.“ 37 „Gleichwohl wirſt Du eingeſtehen müſſen, daß es höchſt unangenehm iſt, je nach der Laune dieſer Frau Clemence Hervé ein leichtes oder beklommenes Herz zu haben,“ verſetzte Frau Morand mit neuem Aerger. „Das ſähe ja aus, als ob wir bloße Ma⸗ ſchinen wären.“ „Ich komme halt auf meinen alten Schluß zu⸗ rück,“ ſagte der Exhuiſſier, „es lebe der Major Sauſewind, mit andern Worten, es lebe Virginie Robertin! Die Ideen, welche dieſe hervorruft, ſind alle roſenfarbig, und wenn man ſie geleſen hat, iſt man nicht genöthigt in ſeinen Beutel zu ſtechen, außer wenn man irgend einen luſtigen Streich aus⸗ führen will. Beim nächſten Wechſel, welchen ich ihr durch die Vermittlung Mouſſards zu escomptiren habe, bringe ich dieſer geiſtreichen und luſtigen Ge⸗ vatterin das Geld ſelbſt hin.“ Heloiſe beeilte ſich zu Clemence Hervé zu gehen, um ihr die Gabe von Herrn und Frau Morand zu⸗ zuſtellen und zum erſten Male perſönlich mit dieſer berühmten Schriftſtellerin zu ſprechen, welche ſie bis⸗ her nur aus ihren Schriften und durch ihren Ruf kannte. VI. Frau Clemence Hervé genoß wohlverdientermaßen einen glänzenden literariſchen Ruf, den ſie ihrem ſeltenen ſchriftſtelleriſchen Talent, ſo wie der philo⸗ ſophiſchen und ſocialen Bedeutſamkeit ihrer Werke verdankte. Sie war die Wittwe des Joſeph Hervé, eines unſerer ausgezeichneten Geſchichtſchreiber, deſſen 38 Verdienſt nicht bloß in ſeiner Gelehrſamkeit, ſondern namentlich auch in der Tiefe ſeiner demokratiſchen Ideen und Geſichtspunkte beruhte. Herr Hervé gab der nationalen Geſchichte einen neuen Charakter; er überließ es Andern die Königskronen neu zu ver⸗ golden, die Hofmäntel wieder zuſammenzuflicken, Höflinge und Courtiſanen zu feiern, wilde Helden⸗ thaten mit alltäglicher Beredtſamkeit zu preiſen; er ging zu den lebendigen Quellen unſerer Geſchichte zurück. Er gab dem lange Zeit durch Unwiſſenheit verdüſterten Druidenglauben unſerer Väter, dieſem er⸗ habenen Glauben, dieſer ſtolzen Verläugnung des Todes, dieſer troſtreichen Verſicherung der unaufhör⸗ lichen Wiedergeburt des Geſchöpfes, wonach Geiſt und Materie, Seele und Leib, nach ihrem vorübergehen⸗ den Aufenthalt auf unſerer Erde, ewig aus einer Sphäre in die andere wandern, ſeinen ſtrahlenden Glanz wieder; er zeichnete aufs Vortrefflichſte die Folgen der Racenfeindſchaft, die ſeit der Eroberung zwiſchen den beſiegten Galliern und den ſiegreichen Franken fortbeſteht, eine Feindſchaft, die zwiſchen ihren Abkömmlingen, Leibeigenen und Herrn, Völ⸗ kern und Königen ſich fortpflanzt; einen hartnäckigen blutigen Kampf, der fünfzehn Jahrhunderte währte, und deſſen ſiegreiche Entwickelung die große Revo⸗ lution war. Herr Joſeph Hervé hatte endlich rauhe und herviſche Plebejergeſtalten, ungekannte Märtyrer, namenloſe Apoſtel des unaufhörlichen Fortſchritts der Menſchheit aus dem Staube der Gemeinde⸗ archive hervorgegraben und ans Licht gebracht: er errichtete ihnen in ſeinen Büchern ein populäres Pantheon, und ſtatt, wie ſo viele ſeiner Vorgänger 39 in eine mehr architektoniſche als religiöſe Verehrung der Kathedralen zu verfallen, widmete der große Ge⸗ ſchichtſchreiber die Inbrunſt ſeines Cultus den Stadt⸗ häuſern, dieſen Wiegen unſerer Freiheiten, dieſen alten Gemeindehäuſern, deren Glocken ſo häufig von Zeitalter zu Zeitalter das gemeine Volk und die Bür⸗ gerſchaft zum Kampf gegen ihre hundertjährigen Un⸗ terdrücker aufriefen, zu heiligen Aufſtänden, die auf den patriotiſchen Ruf dieſer Bürgermeiſter, dieſer Schöppen, dieſer Maires, der Väter unſerer Freihei⸗ ten, ausbrachen. Deßhalb verlangte er auch mit be⸗ redter Stimme vom Lande eine fromme kindliche Verehrung für dieſe antiken Gebäude, die Zeugen der hartnäckigen, unaufhörlichen Kämpfe unſerer pro⸗ letariſchen und bürgerlichen Ahnen, die von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert Schritt für Schritt mit ſo vielen Opfern und ſo viel Blut dieſe Freiheiten er⸗ kämpft haben, welche unſere unſterbliche Revolution von 1789— 1792 im Angeſicht der Welt proklamirte. Wir heben dieſe charakteriſtiſchen Züge des Genies von Joſeph Hervé beſonders hervor, weil ſie einen überwiegenden Einfluß auf den Geiſt und das Talent ſeines Sohnes ausübten, der zur Zeit, da unſere Er⸗ zählung beginnt, kaum achtzehn Jahre zählte und be⸗ reits einen ſchönen Ruf in der ſo ſchwierigen Bild⸗ hauerkunſt beſaß. Clemence Hervé hatte aus Liebe geheirathet, aus einer edlen Liebe, wozu der ſchöne Charakter und das vortreffliche Herz unſeres großen Geſchicht⸗ ſchreibers ſie begeiſterten; er hatte dieſem tiefen, un⸗ wandelbaren und bis zur Anbetung geſteigerten Ge⸗ fühl das Glück ſeines Lebens verdankt. Seine Wittwe 40 hatte ſpäter harte Prüfungen zu beſtehen, aber die Verfolgung hatte ihren Muth nicht geſchwächt, ihre Ueberzeugungen nicht verändert, ſondern nur noch feſter geſtählt; ihre friſche Seele gehörte zu denjeni⸗ gen, welche das Unglück nicht zu trüben vermag; ſie ſchöpfen aus den Widerwärtigkeiten ſtrenge Lehren, und ihre Leiden ſind fruchtbringend. Clemence Hervé ſah in ihrem Beruf als Schrift⸗ ſtellerin eine Art von Prieſterthum jedes ihrer Werke legte eine ſociale Wunde bloß oder diente zur Be⸗ ſtätigung der urſprünglichen Idee: Die Fehler oder Laſter der Frau haben ihre Ur⸗ ſachen beinahe immer und allein in ihrer Abhän⸗ gigkeit, im Müßiggang oder im Elend. Clemence Hervé wollte den Frauen die Unab⸗ hängigkeit wieder geben, ſie vor Elend und Müßig⸗ gang ſchützen, ihnen eine würdevolle Stellung ver⸗ ſchaffen, indem ſie ihnen den Zutritt zu einer Menge von Berufsarten erkämpfte, von denen ſie durch das Geſetz, durch die Gewohnheit, durch das Vorurtheil und beſonders durch die Barbarei der römiſchen Ge⸗ ſetzggebung ausgeſchloſſen ſind, welche in unſeren Geſetz⸗ büchern beinahe vollſtändig noch beſteht, über die Frauen eine bürgerliche Unfähigkeit verhängt, und ſie einer Vor⸗ mundſchaft unterwirft, die häufig demüthigend, manch⸗ mal ihren Intereſſen ſchädlich iſt und immer ihrer Würde Eintrag thut. Wenn Clemence Hervé die ihrem Geſchlecht verbotenen Berufsarten aufzählte, ſo wurde ſie ganz unwillig z. B. bei der Idee, daß. ein junges Mädchen, eine Gattin oder eine Mutter trotz ihrer mit Recht argwöhniſchen Schamhaftigkeit in Krankheitsfällen ſich nothwendig von Seiten ihres 4¹ Arztes moraliſche und phyſiſche Unterſuchungen ge⸗ fallen laſſen müſſe, die für keuſche und zartfühlende Seelen immer ſchmerzlich und verletzend ſeien; ſie fragt alſo, warum nicht die Frauen, die mit ebenſo großer, wo nicht größerer Fähigkeit als der Mann zu allen Zweigen der Heilkunſt begabt ſeien, dieſel⸗ ben zu Gunſten ihres Geſchlechtes ausüben ſollen, nachdem man ihnen erlaubt habe, die hiezu nothwen⸗ digen Studien zu machen. Clemence Hervé fragt ſich ferner, warum die Frauen, die bei der Verwal⸗ tung ihrer perſönlichen Angelegenheiten oder der An⸗ gelegenheiten ihrer Kinder häufig ſo viel Scharfſinn, ſo viel geſunden Verſtand, ſo viel Klugheit, einen ſo feinen und richtigen Takt, einen ſo durchdringenden ſchlauen Geiſt verrathen, von der Verwaltung oder Vertheidigung der bürgerlichen Intereſſen ausge⸗ ſchloſſen ſeien. Clemence Hervé verlangte, daß ſo manche in⸗ duſtrielle Gewerbe, die bloß Geduld und Geſchicklich⸗ keit erheiſchen und daher natürlich den Frauen zu⸗ zukommen ſcheinen, nicht zu ihrem großen Schaden von den Männern monopoliſirt werden ſollen. Der Gedanke der berühmten Verfaſſerin läßt ſich kurz folgendermaßen zuſammenfaſſen: Bei den reichen Claſſen wird die Frau beinahe immer durch den Müßiggang ins Verderben geſtürzt; ihre lebhaften und vielfachen Fähigkeiten, welche durch die Erziehung entwickelt ſind, aber einer nütz⸗ lichen und ehrenvollen Nahrung ermangeln, laſſen ihr keine Ruhe, ſie ſucht eine Verwendung dafür in der fieberiſchen Thätigkeit von Gefühlen, die ſtets gefährlich ſind und häufig zur Herabwürdigung füh⸗ 42 ren. Würden dieſe Frauen dagegen in den Stand geſetzt, einen anſtändigen, anziehenden und einträg⸗ ſichen Beruf auszuüben, der ihre Intelligenz beſchäf⸗ tigte, ſo würden ſie tauſend Gelegenheiten zu Fehl⸗ tritten und namentlich der ſo verletzenden Unter⸗ würfigkeit, der Quelle ſo vieler ehelichen Streitigkeiten, entgehen, jener Unterwürfigkeit, zu welcher die Frau, mag ſie auch noch ſo reich ausgeſtattet ſein, beinahe immer verdammt iſt, weil ſie ihren Gatten anbetteln muß, um die zur Beſtreitung ihrer perſönlichen Aus⸗ gaben nothwendige Summe zu erhalten. Bei den armen Claſſen, fuhr Clemence Hervé fort, iſt das Elend, das aus Mangel an Arbeit und beſonders aus der Unzulänglichkeit des Arbeits⸗ lohnes entſteht, beinahe immer die einzige und über⸗ wältigende Urſache des Verderbens einer Maſſe von unglücklichen Geſchöpfen, welche durch Entbehrungen aller Art der Schande in die Arme getrieben wer⸗ den. Da das Weib nicht wie der Mann in der Fähigkeit zu den härteſten Arbeiten eine beſtändige Hilfsquelle beſitzt, ſo müſſen alſo die Sitten und Geſetze dieſe abſcheuliche Concurrenz verhindern, welche das ſtärkere Geſchlecht zum Rachtheil des ſchwächern ausübt, indem es eine Menge von Be⸗ rufsarten treibt, die, wenn ſie der Frau vorbehalten blieben und ihr billig bezahlte Arbeiten zuſicherten, ſie vor dem Elend ſchützen könnten, das zum Ab⸗ grund der Proſtitution führt. Dieſe Ideen brachte Clemence Hervé unter das Volk und dramatiſirte ſie in der anziehenden Form von Romanen, die ein ergreifendes Intereſſe darbo⸗ ten. Sie ſchrieb mit beſonderer Vorliebe auch Kin⸗ 43 derbücher, da ſie überzeugt war, daß jede ſociale Reform zuerſt im Gemüthe der jungen Generation keimen müſſe, um dauernd und fruchtbar zu ſein. VII. Frau Clemence Hervé beſaß ein hübſches, von einem Garten umgebenes Haus, nicht weit von der Barridre Montmartre und außerhalb derſelben. Seit ihrer Verheirathung bewohnte ſie dieſen abgelegenen Sitz, wo ihr Sohn zur Welt kam und ihr Gatte ſtarb, dem ſie die zärtlichſte Erinnerung widmete, eine Erinnerung, die fortwährend durch häufige Be⸗ ſuche an der Ruheſtätte, wo unſer großer Geſchicht⸗ ſchreiber lag und wohin ſie ſich mit ihrem jungen Sohne begab, aufgefriſcht wurde. Keine Bitterkeit miſchte ſich in ihren Kummer, der eine ſüße Schwer⸗ muth hatte; denn Clemence Hervé glaubte feſt an die fortwährende Wiedergeburt der Weſen, des Gei⸗ ſtes und der Materie; wenn ſie ſich daher in Geſell⸗ ſchaft ihres Sohnes in die niedliche Laube neben dem Grab ihres Gatten ſetzte, das unter ſorgſam unterhaltenen Blumen verborgen war, ſo konnten jene falſchen und troſtloſen Gedanken von Tod, Zer⸗ ſtörung, Vernichtung und ewiger Trennung niemals die Unterhaltung zwiſchen Philipp und ſeiner Mutter trüben. Derjenige, nach deſſen geliebter Gegenwart ſie ſich zurückſehnten, war für ſie nicht todt, ſondern abweſend; die Gewißheit ihn wieder zu ſehen, ihn wieder zu treffen, in anderen Regionen an ſeiner Seite fortzuleben, verlieh ihren Gedanken einen hohen Schwung und eine vertrauensvolle Sicherheit in Be⸗ treff der Zukunft. Philipp Hervé, der damals kaum achtzehn Jahre zählte, war die Freude, der Stolz und die Hoffnung ſeiner Mutter. Seelengüte, Offenheit und Bieder⸗ keit des Charakters, ausgeſuchtes Zartgefühl, kind⸗ liche Zärtlichkeit, die bis zur Anbetung ging, eine gefällige, liebreiche und aufgeweckte Gemüthsart, — dies waren die Eigenſchaften des Jünglings, und ſie ſchienen ſich auf ſeinem reizenden Geſicht abzu⸗ ſpiegeln. Er hatte ſchon in ſeiner Kindheit ein merk⸗ würdiges Geſchick für die Kunſt verrathen, indem er mit einem einfachen Meſſer hölzerne Figürchen aus⸗ ſchnitt, worin ſich ſeine ſeltene Vegabung für die Sculptur offenbarte. Herr und Frau Hervé, die von der Wahrheit durchdrungen waren, daß im All⸗ gemeinen Jeder einen ſo zu ſagen angebornen Beruf in ſich trage, begünſtigten auf alle mögliche Arten die Entwicklung der künſtleriſchen Fähigkeiten ihres Sohnes, hielten ihn aber dabei auch zum Studium der Literatur, der abſtracten Wiſſenſchaften und be⸗ ſonders der Geſchichte an, da ſie überzeugt waren, daß dieſe verſchiedenen Kenntniſſe dem Künſtler un⸗ erſchöpfliche Hilfsquellen und hohe Inſpirationen bieten. Philipp hatte als Lehrer in ſeiner Kunſt David von Angers, einen der berühmten Meiſter, deſſen männlich ſchöne, mit dem Gepräge eines patriotiſchen Genies ausgeſtattete Werke an die ſtrenge Größe der antiken Bildhauerkunſt erinnerten. Den väter⸗ lichen Lehren getreu, welche ſein aufkeimendes Ta⸗ lent befruchteten und ihn mit einer kühnen Organi⸗ 4⁵ ſation begabten, ſuchte Philipp den Stoff für ſeine Basreliefs oder Statuen nicht in der Geſchichte Roms, Athens oder Spartas; der erſte und einzige ſeiner Zeitgenoſſen, begeiſterte er ſich an den nationalen und plebejiſchen Ueberlieferungen, die an Typen von er⸗ greifender Neuheit ſo fruchtbar und für die Bild⸗ hauerkunſt merkwürdig geeignet ſind; mit einem Wort, der junge Künſtler ſchlug den Weg ein, welchen ſein Vater ihm vorgezeichnet hatte, als er die Worte ſchrieb: „Wann wird doch der Tag kommen, wo die Denkmäler, die öffentlichen Plätze, die Spaziergänge der Städte nicht mehr mit den Bildern dieſer Könige geſchmückt ſein werden, welche häufig die Schande oder der Fluch der Geſchichte waren, ſondern mit den Statuen dieſer heroiſchen Plebejer, Leibeigenen, Bauern, Bürger oder Handwerker, welche von Jahr⸗ hundert zu Jahrhundert tapfer für dieſe Freiheiten und Rechte gekämpft und ſie uns als Erbtheil über⸗ laſſen haben?“ VIII. Die Wohnung von Clemence Hervé beſtand aus einem hübſchen viereckigen Pavillon, umgeben von einem großen Garten, an deſſen Ende Philipp ſein Atelier hatte erbauen laſſen, weil die Localitäten nicht geſtatteten, ein ſolches im Innern des Wohn⸗ hauſes einzurichten. Es iſt ein ſehr verbreitetes und, man muß es ſagen, durch den auffallenden Leicht⸗ ſinn einiger Schriftſtellerinnen ſcheinbar gerechtfertig⸗ 1 46 tes Vorurtheil, daß dieſelben, da ihre Schriften ihnen alle Zeit wegnehmen, im Allgemeinen in Bezug auf häusliche Angelegenheiten ganz unfähig ſeien, oder dieſe mit großer Verachtung behandeln und beſtän⸗ dig in einer materiellen Unordnung leben, die häufig von der moraliſchen Unordnung unzertrennlich iſt. Die vollkommene Ordnung in dem gaſtfreund⸗ lichen Hauſe von Clemence Hervé, ihr guter Geſchmack und die edle Regelmäßigkeit ihres Lebens lieferten einen neuen Beweis dafür, daß das Genie nicht im⸗ mer mit Umſicht, Sparſamkeit und guter Verwaltung des Hausweſens unverträglich iſt. Erbin eines be⸗ ſcheidenen Vermögens, das durch den Ertrag ihrer literariſchen Arbeiten ſowie der Werke ihres Gatten angewachſen war, hatte die berühmte Schriftſtellerin ſeit ihrem Wittwenſtande, wie ſo viele andere Witt⸗ wen, aufs Schlagendſte den in unſern Geſetzbüchern ſanctionirten Grundſatz widerlegt, den ſie in ihren Schriften unaufhörlich bekämpfte, daß die Frauen in Folge ihrer gänzlichen Unfähigkeit zur Verwaltung des Vermögens, das ſie ihren Gatten mitbringen, als minderjährig zu betrachten und unter Vormund⸗ ſchaft zu halten ſeien. Clemence Hervé verwaltete ihr eigenes und ihres Sohnes Vermögen aufs Vortrefflichſte, legte von ihren Einkünften zurück, lebte prunklos, aber com⸗ fortabel; ſie theilte ihre Erſparniſſe in zwei Hälften, wovon die eine für die Ausſtattung ihres Soh⸗ nes, die andere zur Erleichterung der Leiden beſtimmt war, von denen ſie ſo ergreifende Gemälde entwarf. Ihre Dienerſchaft beſtand aus einer Kammerfrau und einer Köchin; ein Waiſenknabe, den ſie aufge⸗ 47 nommen hatte, war der praktiſche Schüler Philipps, reinigte die Werkſtatt, bereitete die für die Modelli⸗ rung des Gipſes beſtimmte Thonerde vor, und be⸗ ſorgte andere Handarbeiten im Bildhauerfach. An demſelben Tag, wo Helviſe Morand ihrem Onkel und ihrer Tante das Feuilleton von Clemence Hervé vorgeleſen hatte, ſchien dieſe ſehr mit einem Buche beſchäftigt, das ſie allein in ihrem Salon las. Dieſer Salon, der zur ebenen Erde lag und unmittelbar in den Garten führte, bot keinen andern Lurus dar als den der Künſte. Man ſah hier einige gute Gemälde der alten und neuen Schule und zwei Marmorbüſten, die man dem Meiſtermeißel Davids von Angers verdankte. Die erſte ſtellte den berühm⸗ ten Geſchichtſchreiber Joſeph Hervé dar, deſſen ſchöne, ſtark charakteriſirte Züge unter einer antiken Maske gemodelt zu ſein ſchienen; die zweite Büſte war die des zehnjährigen Philipp, ein allerliebſtes Kinderge⸗ ſicht, deſſen naive Anmuth mit dem erhabenen Cha⸗ rakter des väterlichen Bildes contraſtirte. Auch ein vortreffliches Clavier war da; denn Philipp beſaß, wie auch ſeine Mutter, eine ausgezeichnete muſika⸗ liſche Bildung. Ferner ſah man einige Goldſchmids⸗ arbeiten aus der Zeit der Renaiſſance; Schmelz⸗ malereien von Limoges, elfenbeinerne Figürchen, kleine Basreliefs von Buchs, köſtlich gearbeitet und ge⸗ ſchmackvoll auf den äußerſt einfachen Etageren von Ebenholz vertheilt; endlich in der Mitte des Salons ſtand ein großer Tiſch mit intereſſanten Albums und neuen Büchern bedeckt. Unter dieſen war es der moderne Cherubin, Roman von Major Sau⸗ ſewind (Pſeudonym der Frau Virginie Robertin), 48 der die Aufmerkſamkeit von Clemence Hervé fort⸗ während feſſelte. Sie ging in ihr vierzigſtes Jahr; ihr ſinniges, ſanftes und zugleich entſchloſſenes Ge⸗ ſicht, die edle Stirne, das feine und wohlwollende Lächeln, eine merkwürdige Miſchung von Beſcheiden⸗ heit und Würde, worin ſich das Bewußtſein der Frau von mannhafter Tugend und tapferem Herzen, die zwar ihres moraliſchen Werthes gewiß war, aber an ihren Verdienſten als Schriftſtellerin und an der Legitimität ihres literariſchen Rufes aufrichtig zwei⸗ felte, in ſeinem gerechten Stolz enthüllte; vollkom⸗ mene Diſtinction der Manieren in Folge beſtändigen Umgangs mit auserleſener Geſellſchaft, der Ariſto⸗ kratie der Intelligenz und des Talentes, natürliche Grazie, hoher, eleganter Wuchs, ein äußerſt einfacher Anzug, der die Eleganz nicht ausſchloß, und eine ausgeſuchte Sorgfalt, die auf die eigene Perſon ver⸗ wendet wurde, — das war die phyſiſche und mora⸗ liſche Erſcheinung von Clemence Hervé, eine Erſchei⸗ nung von ganz eigenthümlichem Reiz, denn ſie be⸗ zauberte und imponirte zugleich. Das Geſicht der berühmten Schriftſtellerin drückte in dieſem Augen⸗ blick eine mit Angſt vermiſchte Traurigkeit aus, und je weiter ſie in dem modernen Cherubin kam, um ſo größer wurde ihr Ekel und ihre Entrüſtung; zuletzt ſchloß ſie das Buch, ſtieß es weit weg und rief: „Welch ein ſchändliches Machwerk! Und ich habe dieſen Roman in der Werkſtatt meines Sohnes ge⸗ funden! Wie! . . . Er . . . den ſein Vater und ich auf dieſe Art erzogen haben!.. . Dieſer junge Menſch, der bisher einen ſo delicaten und ſo erhabenen Ge⸗ ſchmack gezeigt hat, — er ſollte an der Lectüre die⸗ 49 ſes chniſchen Romans, worin die ſittenloſeſte Ver⸗ dorbenheit dem abſcheulichſten Skepticismus die Hand reicht, einen Gefallen finden! . . . Mein Sohn, der erſt vor einigen Tagen in ſeiner Begeiſterung für die anbetungswürdigen Poeſien von Maria Saint⸗ Clair, deren Name ein Geheimniß verbergen ſoll, jeder andern Lectüre entſagen wollte .. Er, der wirklich der ſchönen Verſe, welche dieſe neue Muſe wegen ſeiner Marſeillaiſe an ihn gerichtet hat, würdig iſt und in ſeinen Werken ſo erhabene Ten⸗ denzen beurkundet! . . .“ Und nach einer Weile nachdenklichen Stillſchwei⸗ gens fuhr Clemence Hervé fort: „Sollte ich das Geheimniß der Veränderung ent⸗ deckt haben, die ich ſeit acht Tagen mit Unruhe im Benehmen meines Sohnes entdecke, und deren Ur⸗ ſache ich vergebens ſuche? Philipp hat achtzehn Jahre; die Erziehung, die er erhalten hat, meine Sorgfalt, ſeine zärtliche Folgſamkeit bei allen Rathſchlägen, die ich ihm ertheile, unſer inniges Zuſammenleben, die Rein⸗ heit ſeiner Gefühle, heilſame Zerſtreuungen, anſtändige Vergnügungen haben ihn bis jetzt vor einer frühreifen Verdorbenheit bewahrt. Beſitzt er nicht einen ſo aus⸗ geſuchten Tact, hat er nicht eine ſo gewiſſenhafte Ver⸗ ehrung für die Heiligkeit des mütterlichen Hauſes, daß er mich ſelbſt erſucht hat ſeinen Arbeiten an⸗ zuwohnen, wenn er im Intereſſe ſeiner Kunſt ein junges Modell in ſeiner Werkſtatt empfängt! Aber Philipp hat achtzehn Jahre, ſein Blut iſt lebhaft, feurig, und dieſes abſcheuliche, nicht ohne Schwung und Talent geſchriebene Buch wendet ſich an den ſinnlichen Ungeſtüm der Jugend und ...“ Sue, der Teufel als Arzt. IM. 1 50 Sie unterbrach ſich von Neuem, ſann wiederum nach und fuhr fort: „Vielleicht täuſche ich mich jedoch! Die unerklär⸗ liche Veränderung, die ich an Philipp bemerke, kommt ganz gewiß nicht von der garſtigen Urſache her, der ich ſie zuſchreibe. Dieſes Buch, das mich ein Zu⸗ fall in ſeiner Werkſtatt finden ließ, hat ſicherlich einer ſeiner Freunde da liegen laſſen. Es iſt möglich, daß mein Sohn dieſen Roman gar nicht angeſehen hat.“ Und Clemence Hervé erhob ſich mit den Worten: „Ich will über meine Vermuthungen ins Klare kommen. Mein Sohn iſt unfähig zu lügen.“ Damit verließ die berühmte Schriftſtellerin ihren ihren Salon und begab ſich nach der Werkſtatt des jungen Bildhauers. K. Die Werkſtatt Philipps befand ſich, wie wir be⸗ reits geſagt haben, im Garten des väterlichen Hau⸗ ſes, der von andern Gärten durch eine Lehnmauer mit dicken Hagenbuchenbüſchen getrennt war. Eine zweiflügelige Thüre mit ſehr hohen Bogen verſchaffte die Möglichkeit, die großartigen Statuen des jungen Künſtlers und die Pferde, die er zuweilen bei ſeinen Studien als Modelle brauchte, durchzulaſſen. Das Innere der Werkſtatt, die durch ein großes in der Bedachung eingefügtes Fenſter ihr Licht erhielt, glich einem Muſeum. Gypſerne Modelle, welche die Mei⸗ ſterwerke der antiken Bildhauerkunſt oder der Re⸗ naiſſance, Gruppen, Basreliefs oder einzelne Figuren darſtellten, ſtunden an den hellgrünen Wänden hin. 5¹ Große Cartons, von Philipp mit ſchwarzer und rother Kreide gezeichnet, und in weiß erhöht nach den vor⸗ trefflichen Copien der Logen Raphaels im Vatican oder des jüngſten Gerichts von Michel Angelo; eine Auswahl prächtiger Radirungen von Rembrandt, eine Menge Studien nach der Natur von dem jun⸗ gen Künſtler in Hel gemalt oder auf farbiges Papier gewiſcht, bedeckten die Wände beinahe gänzlich; alte Waffen und einige Möbel aus dem ſechszehnten Jahr⸗ hundert vollendeten die Ausſchmückung dieſes Heilig⸗ thums der Kunſt, des Nachdenkens und der Arbeit; ein Basrelief, eine Gruppe und eine coloſſale Statue, eine Art von Trilogie, enthüllten die merkwürdige Frühreifheit des erſt achtzehnjährigen Philipp. Dieſes Basrelief von halber Naturgröße, ein thönernes Modell auf einem maſſiven Geſtell in einem hölzeren Rahmen, ſtellte einen Markt von galliſchen Sclavinnen dar, wo fränkiſche Krieger, Vaſallen oder Waffengenoſſen Chlodwigs, unſeres erſten Königs, dieſes barbariſchen Eroberers Galliens, der in Rheims von einem galliſchen Biſchof getauft, geweiht und geſalbt wurde, ihren Beſuch machten. Man kann ſich nichts Graziöſeres, Rührenderes, Keuſcheres und Schöneres denken, als die Geſichter der gefangenen Mädchen, nichts Mannigfaltigeres, tiefer Gefühltes und Studirtes, als ihre Haltungen, ihre Geberden, den Ausdruck ihrer Züge beim An⸗ blick der fränkiſchen Krieger, die in Geſellſchaft eines Biſchofs ſie zu kaufen kamen, weil in jener Zeit (ver⸗ geſſen wir es niemals) die Prieſter Chriſti als Auf⸗ ſtifter des fremden Eroberers, Mitſchuldige der Knech⸗ tung der erwürgten Nation, Sklaven ihres Blutes, 52 ihres Stammes kauften, verkauften, beſaßen, wie die Nachfolger dieſer Prieſter bis zum Tage unſerer un⸗ ſterblichen Revolution von 1789 Leibeigene oder Vaſallen beſeſſen haben. Unter den gefangenen Gallierinnen auf dem von Philipp Hervé modellirten Basrelief ſaßen einige in düſterer Angſt da und bargen die Geſichter in beiden Händen; andere wanden verzweiflungsvoll ihre ge⸗ feſſelten Arme; wieder andere lagen auf den Knieen und ſtreckten flehend ihre Hände nach dem Biſchof aus, einem großen dickwanſtigen Manne mit einem Galgengeſicht und herkuliſch breiten Schultern, der aus der Chronik Gregors von Tours ausgegraben zu ſein ſchien; denn ohne Zweifel war die ſeltſame geſchichtliche Phyſiognomie einer großen Anzahl der damaligen Biſchöfe dem jungen Künſtler aufgefallen. „Cantin (ſagt die Chronik), der ſich, nachdem er Biſchof geworden, ſo aufführte, daß er den allge⸗ meinen Fluch auf ſich zog *); Salone und Sagitta⸗ rius, Biſchöfe von Embrun und Gap, begannen, als ſie einmal Herren des Biſchofſitzes geworden, mit unſinniger Wuth durch Rechtsanmaßungen, Mord⸗ thaten, Ehebrüche und andere Exceſſe ſich bemerklich zu machen“ *). Der auf dem Basrelief dargeſtellte Biſchof zeigt ſich als würdiger Nebenbuhler der Cantin, der Sa⸗ lone, der Sagittarius und anderer Würdenträger der *) Gregor von Tours, Geſchichte der Franken, 4. Buch, 13. Cap. 3 **) Ebendaſelbſt B. 5, C. 12. 53 Kirche im 5. und 6. Jahrhundert; ſtatt ſich über die gefangenen Gallierinnen, ſeine Schweſtern durch Blut und Schweſtern in Chriſto, zu erbarmen, deutete der Biſchof, mit drohender und feierlicher Geberde, mit der einen Hand auf den Himmel, mit der andern auf die fränkiſchen Krieger, und befahl ihnen auf dieſe Art im Namen des Herrn ſich demüthig den fluchwürdigen Schändlichkeiten der Knechtſchaft zu unterwerfen... Und gleichwohl hatte der Gottmenſch geſagt: „Die Ketten der Sclaven werden gebrochen wer⸗ den.“ Endlich, in einer Ecke des Basrelief ſah man eine junge Mutter, deren kräftige und ſtolze Schön⸗ heit den Typus der mannhaften galliſchen Matronen des Alterthums verwirklicht, die ſich auf dem Schlacht⸗ felde als Heldinnen erwieſen, nachdem ſie mit ihren Vätern, Gatten oder Söhnen an den kriegeriſchen Berathungen Theil genommen. Die ſtolze Gallierin des Basrelief warf den fränkiſchen Kriegern einen Blick trotziger Herausforderung zu und erdolchte ſich ganz ruhig, während ihr Kind, mit einer Schnur um den Hals, leblos in ihrem Schooße lag. Nach⸗ dem ſie das Kind erdroſſelt, tödtete ſie ſich ſelbſt, um ſich und das Kind den Schmählichkeiten und Schreck⸗ niſſen der Sclaverei zu entziehen, denn ſie war ge⸗ wiß, daß ſie in beſſern Welten mit ihrem Kinde ein neues Leben beginnen würde. Die fränkiſchen Krieger und ihr Mitſchuldiger, der galliſche Biſchof mit ſeinen Prieſterinſignien con⸗ traſtirten merkwürdig mit der Gruppe der Sclavin⸗ nen; dieſe Franken mit ihrer trotzigen Haltung, mit * 54 ihrer aufrechtſtehenden durch einen Riemen auf dem Scheitel zuſammengebundenen Haaren, die gleich Pferdeſchweifen über ihre Schulter herabwallten, dieſe Franken in ihren Thierhäuten, welche ihre athletiſchen Glieder nur halb bedeckten, und auf ihre zweiſchnei⸗ digen Streitärte gelehnt, hatten unſerem Philipp als Modelle von gewaltiger Originalität und als treff⸗ liche Vorbilder für die Bildhauerkunſt gedient. Die Gruppe, die einen ganz andern Charakter darbot, als das Basrelief, zeigte das Talent des jungen Künſtlers, der bereits würdig war, den be⸗ rühmten Namen ſeines Meiſters zu ehren, in einer neuen Geſtalt. Wir haben geſagt, daß das Basrelief, die Gruppe und die Bildſäule nach Philipps Plan eine Art von hiſtoriſcher Trilogie bilden ſollten. Das Basrelief perſonificirte ſo zu ſagen die Eroberung und Knech⸗ tung Galliens durch die Franken im 5. Jahrhundert; die Gruppe perſonificirte die ſchrecklichen Folgen die⸗ ſer fremden Invaſion; die hartnäckige Feindſchaft der beiden Racen, den blutigen Kampf zwiſchen den leibeigenen Abkömmlingen der unterjochten Gallier und den herrſchenden Abkömmlingen der ſiegreichen Franken; denn die Leibeigenen, die allen Schreckniſſen des Vaſallenthums unterworfen waren, empörten ſich auch im Laufe der Jahrhunderte häufig gegen die Feudalherrſchaft. Die furchtbarſte dieſer Empörun⸗ gen war die Jacquerie im 14. Jahrhundert. Guillaume Caillet, der Anführer der Jacques, ein empörter Leibeigener, ein mittelalterlicher Spartacus, war der Held der von Philipp Hervé in natürlicher Größe dargeſtellten Gruppe. 55 Der Anführer der Jacques hatte ſeinen Fuß auf einen vollſtändig bewaffneten Ritter geſetzt, der je⸗ doch während des Kampfes ſeinen Helm verloren. Der Leibeigene war kaum mit einem Leibrock von Ziegenfell und mit zerlumpten Hoſen bedeckt, die mit einem ledernen Gürtel um ſeine kräftigen Lenden befeſtigt waren; ſeine Bruſt, ſeine Arme und Beine waren bloß, und mit der Hand ſtützte er ſich auf den Stiel einer umgekehrten Senſe; ſeine andere Hand hielt er gen Himmel empor, als wollte er Gott zum Zeugen aufrufen, daß die furchtbaren Repreſſa⸗ lien, welche die Jacques ausübten, und die durch die Ermordung des Ritters verſinnbildlicht wurden, vollkommen gerecht ſeien. Dieſer Ritter wand ſich in den Zuckungen des Todeskampfes; ſeine Phyſiogno⸗ mie, in der ſich eine ſchreckliche Wuth und eine wilde Verachtung ausſprachen, verrieth dieſen unheilbaren Racenhaß, womit die fränkiſchen Unterdrücker von Jahrhundert zu Jahrhundert die unterdrückten Gallier verfolgten. Mit einer Geberde letzter Herausforderung zeigte der ſterbende Ritter ſeinem Eintagsſieger die Friſt und ſchien ihn mit baldigen Repreſſalien zu be⸗ drohen. Trotz dieſer Drohung perſonificirte der An⸗ führer der Jacques, Guillaume Caillet, deſſen Züge wilden Siegesjubel verkündeten, die unſühnbare Rachewuth, weiche ſich in Jahrhunderten feudaler Tyrannei in den Gemüthern der Leibeigenen ange⸗ ſammelt hatte . . . Er ſchien dieſe Rache als heilig zu erklären im Angeſicht des Himmels, zu welchem er ſeinen Kopf emporgerichtet, der durch eine kühne Bewegung, welche die in ſeinem geſtempelten Hals⸗ 56 eiſen, dem ſchmählichen Brandmal der Leibeigenſchaft, zufammengedrückten Muskeln des Vaſallen ſchwellte, halb zurückgeworfen war .. die kraftvolle Zuſam⸗ menſetzung dieſer Gruppe, ihr markiger Styl, ihre großartige und geſchickte Ausführung bewieſen, daß der junge Künſtler ſich mit gleichem Erfolg an das Basrelief, ein ſo zu ſagen auf Marmor geſchriebenes epiſches Gedicht mit zahlreichen Perſonen, und an die Gruppe wagen konnte, bei der ſich das Intereſſe auf zwei oder drei Geſtalten concentrirt. Eine neuerdings im Muſeum ausgeſtellte Statue vollendete die von Philipp entworfene Trilogie; ſie war coloſſal und fünfzehn Fuß hoch. Die Wahl ſei⸗ nes Gegenſtandes zeugte wenigſtens von ſeiner groß⸗ herzigen Kühnheit; denn um dem Werk, das er ſich vorgeſetzt hatte, ſein Ungeſtüm, ſeinen blitzenden Glanz zu geben, hätte er das unvergleichliche Genie des alten Michel Angelo Buonarotti beſitzen müſſen. Dieſer allein konnte Titanen in einen Granitberg hauen, oder Moſes mitten unter die Blitze des Sinai ſetzen; mit einem Wort, die Statue perſonificirte die Marſeillaiſe und führte ihren Namen von dieſer ärgerlichen Muſe, dieſem Schrecken der Tyrannen, dieſem Rachefieber des Vaterlandes, das ſeit fünfzehn Jahrhunderten von dieſen fränkiſchen Königthümern geknechtet werde, welche dem Blute Galliens fremd und aus der Eroberung Chlodwigs hervorgegangen waren. Die Marſeillaiſe, dieſe beflügelte Sieges⸗ göttin, die, mit der Trompete an den Lippen und die Revolutionsfahne entfaltend, die Soldaten und Frei⸗ willigen der Republik in die heilige Freiheitsſchlacht führte! 57 Die Marſeillaiſe von Philipp Hervé vereinigte zwar nicht alle wünſchbaren Vorzüge, bot aber den⸗ noch ein höchſt intereſſantes Ganze dar; eine ſchöne Jungfrau mit heiterer Miene, ſtarken Armen, kräfti⸗ gem Buſen, in reicher Drapirung, mit der phrygi⸗ ſchen Mütze auf dem Haupt, ſchien ſie eben die Erde verlaſſen und ſich inmitten der Dünſte des Kampfes, in welchen ſie die patriotiſchen Bataillone führte, auf ihren mächtigen Flügeln auſſchwingen zu wollen; ſie führte ihre lange Kriegstrompete an ihre offenen, bebenden Lippen, aus welchen man den herviſchen Ruf: Zu den Waffen, Bürger! — zu vernehmen glaubte; mit der andern Hand ſchwang ſie eine Fahne, über welcher der galliſche Hohn, dieſes alt⸗ nationale Sinnbild, prangte. Dieſes Probeſtück von der hohen Begeiſterung, womit der junge Bildhauer ſeine Arbeit auffaßte, wird genügend beweiſen, daß er, getreu den edlen Beiſpielen ſeines Vaters und ſeiner Mutter, zum Glück für die Zukunft ſeines Talents nicht der ſo⸗ genannten Schule der Kunſt um der Kunſt willen angehörte, deren troſtloſer Materialismus in der Literatur, Malerei und Bildhauerkunſt weiter Nichts als eine Form- und Stylfrage erblickt, und von dem Gedanken, welcher dieſe Form, dieſen Styl beſeelt oder belebt, durchaus keine moraliſche und frucht⸗ bringende Bedeutung fordert. 58 X. In Bezug auf ſeine phyſiſchen Eigenſchaften können wir Philipp Hervé mit einem einzigen Wort charakteriſiren: er hatte die auffallendſte Aehnlichkeit mit jenem entzückenden Porträt von Raphael, das der Künſtler ſelbſt in ſeinem zwanzigſten Jahre ge⸗ malt hat, und das man im Muſeum bewundert; aber ſeit mehreren Tagen hatte die graziöſe Heiter⸗ keit des Sohnes von Clemence Hervé der Niederge⸗ ſchlagenheit, der Schwermuth, unbeſtimmten Be⸗ ängſtigungen, der Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt Platz gemacht; ſeine Bläſſe und ſeine matten Augen verriethen den ermüdenden Einfluß langer und glühender Schlafloſigkeiten; im Augenblick, wo ſeine Mutter ſich aufmachte, um ihn zu beſuchen, befand er ſich in einem Stübchen, das an ſeine Werkſtatt ſtieß; er hatte da ſeine Bibliothek, und das niedrige Fenſter ging auf eine rautenförmige Lindenpflanzung im anſtoßenden Garten hinaus. Philipp unterhielt ſich gerade mit einem jungen Menſchen, der nach der Sprache der Bildhauer zu⸗ gleich ſein Schüler und ſein praktiſcher Lehrjunge war. Er hieß Julian und war ein armer Waiſen⸗ knabe, welchen Clemence Hervé aufgenommen und bis in ſein fünfzehntes Jahr in eine Penſion gegeben. Er hatte bald glückliche Anlagen zum Zeichnen an den Tag gelegt. Dieſer Beruf und die beinahe brüderliche Zuneigung, welche Philipp, der nur ein Jahr älter war, ihm widmete, veranlaßten den Sohn des Hauſes mit Einwilligung ſeiner Mutter, Julian 59 als Schüler und Gehilfen bei den rein materiellen Arbeiten ſeiner Kunſt anzunehmen. Die Dankbar⸗ keit und Ergebenheit des Waiſenknaben gegen ſeine Wohlthäter, ſeine Gutmüthigkeit, ſeine Aufrichtigkeit und ſein tadelloſes Benehmen rechtfertigten die Ein⸗ willigung der Frau Hervé in die Wünſche ihres Sohnes; zwiſchen den zwei jungen Leuten bildete ſich ein inniger Freundſchaftsbund, herzlich und vertrau⸗ lich von Seiten des jungen Gebieters, voller Will⸗ fährigkeit von Seiten des Schülers, der trotz der freundſchaftlichen Aufforderung Philipps ſich nie da⸗ zu verſtehen wollte denjenigen zu dutzen, deſſen Talent er enthuſiaſtiſch bewunderte. Lehrer und Schüler unterhielten ſich alſo mit einander. Der erſtere ſtizzirte zögernd, mit einer ge⸗ wiſſen Verlegenheit, vielleicht ſogar mit einem Ge⸗ wiſſensbiß eine allegoriſche Gruppe, die in halb natürlicher Größe die Liebe und die Wolluſt darſtellte: die Liebe, ein ſchöner Jüngling, der ſich halb liegend auf einem Bett von griechiſcher Form befand, berührte mit ihren Lippen eine Schale, welche die beinahe nackte Wolluſt ihr reichte . Dieſe veraltete Mythologie ſchien keine glückliche Inſpira⸗ tion darzubieten. Während ſich Philipps Talent in dem Basrelief, der Gruppe oder Statue, wovon wir eine Skizze zu geben verſucht haben, zwanglos bald ſtreng und rührend, bald energiſch und keuſch ent⸗ wickelt hatte, zeigt es ſich in dem an Ausſchweifung grenzenden Werke weit ſchwächer, ja ſogar weichlich und ohne Styl. Er modellirte es aber auch nicht ohne häufige Zerſtreutheiten, er war ſeit einigen Augenblicken in eine dieſer ſtillen Träumereien ver⸗ 60 ſunken, worin er ſeinen Zurichtmeiſel ruhen ließ und die Stirne auf ſeine Hand ſtützte. Julian, ein ſehr häßlicher Junge, deſſen Häßlichkeit aber von jener naiven und ſanften Art war, welche mehr Theilnahme als Widerwillen einflößt, Julian wunderte ſich über das lange Stillſchweigen ſeines Gefährten und ſagte in liebreichem, ſchüchternem Tone zu ihm: „Herr Philipp. Sie haben alſo irgend einen großen Kummer? Schon zwanzigmal iſt mir ſeit einiger Zeit dieſe Frage in den Mund gekommen, aber um nicht indiscret zu erſcheinen, habe ich bis⸗ her geſchwiegen.“ . „Julian,“ antwortete der junge Künſtler mit be⸗ wegter Stimme, indem er die Hand ſeines Schülers zwiſchen ſeine beiden Hände nahm, „Du biſt wie ein Bruder für mich ich kann auf Deine Verſchwie⸗ genheit rechnen . . . Ich glaube, daß es mir einigen Troſt verſchaffen könnte, wenn ich Dir etwas anver⸗ traute, was ich ſonſt Niemand anvertrauen würde.“ „Nicht einmal Ihrer Mutter?“ „Meiner Mutter? .. ihr am allerwenigſten,“ antwortete Philipp mit traurigem Kopfſchütteln. „Ich fürchte Nichts mehr, als daß ſie hinter mein Geheim⸗ niß kommen könnte.“ „Barmherziger Gott, handelt es ſich denn um etwas ſo Schlimmes?“ fragte Julian mit einer Art naiver Furchtſamkeit; „wie könnten Sie ſonſt Beden⸗ ken tragen ſich Ihrer Mutter anzuvertrauen?“ „Höre mich an. Du haſt mich oft mit Be⸗ geiſterung, mit Anbetung von den Dichtungen der Maria Saint⸗Clair ſprechen gehört?“ „Ach ja. Sie kennen beinahe alle ihre Verſe 61 auswendig .. wenn Sie mir davon vordeclamir⸗ ten, kamen Ihnen oft die Thränen in die Augen, und ſo unwiſſend ich auch ſein mag, ſo wurden doch meine Augen ebenfalls naß . . . Dieſe Verſe drück⸗ ten ſo zarte, ſo rührende Gedanken aus. Beſonders ihr Gedicht die Waiſen bewegte mich in tieſſter Seele. Sehen Sie, Herr Philipp, es wäre mir ge⸗ rade ſo gegangen wie dieſen armen Kindern, wenn Ihre gütige Mutter ſich nicht meiner erbarmt hätte. Ach, Julian, ſagten Sie zu mir, welch eine Seele!. . Welch ein Herz! . . . Welch ein Genie! .. Maria Saint⸗Clair iſt nach meiner Mutter diejenige Perſon, die ich am meiſten bewundere und liebe; und gleich⸗ wohl habe ich ſie nie geſehen; ich kenne ſie nur aus ihren Werken.“ „Nun wohl, Julian, vernimm jetzt, daß ich mich ſterblich in Maria Saint⸗Clair verliebt habe.“ . „Ach du himmliſche Gütel. .. Sie, verliebt?... rief der wackere Junge, deſſen Unſchuld über dies Geſtändniß ein wenig erſchrack. Dann fügte er unter ſtarkem Erröthen mit einer gewiſſen unruhigen Beſorgniß hinzu: „Sie ſchon verliebt?“ „Ich war wie Du über dieſe Entdeckung anfangs überraſcht und beunruhigt; meine Studien, meine Zärtlichkeit gegen meine Mutter, meine Leidenſchaft für unſere Kunſt hatten bisher alle meine Augen⸗ blicke beſchäftigt, alle meine Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen; ich war der Liebe fremd geblieben, und doch iſt ſie ein göttliches Gefühl, das in unſerem Alter oft in unſerem Herzen erwacht.“ „Sie glauben, Herr Philipp?“ „Ich habe es geglaubt, als ich es ſelbſt empfand. Nachdem ich lange Zeit das Genie dieſer Maria Saint⸗Clair bewundert, die bei meiner Mutter in ſo hoher Achtung ſteht, daß ſie einmal ums andere ſagt, eine anbetungswürdige Seele müſſe dieſes an⸗ betungswürdige Talent begeiſtern, habe ich mich durch die Liebe zu ihren Werken allmälig zur Liebe für Maria ſelbſt gedrungen gefühlt; es iſt dies jedoch eine reine Liebe, ideal wie die Schriften der Perſon, die ſie mir einflößte. Was ſoll ich Dir ſagen, Julian? Als dieſes Gefühl in mir vorherrſchend zu werden an⸗ fing, bemächtigte ſich meiner auch eine gewiſſe unbe⸗ ſtimmte Qual, bie nicht ohne Reiz iſt und mich in eine ſanfte Schwermuth verſenkte. Mein ſonſt ſo ruhiger Schlaf wurde aufgeregt. Ich bekam unwill⸗ kürlich Luſt zu weinen. Ich gerieth häufig in Un⸗ ruhe, mein Blut rann heißer und raſcher durch meine Adern . Plötzliche Röthen bedeckten mein Ge⸗ ſicht .. Kurz und gut, Julien, mein Herz hatte geſprochen. . . Ich war Mann . . . Ich liebte . .. Ich liebte Maria Saint⸗Clair . . . ich lieh ihrer Perſon den himmliſchen Zauber ihres Genies.“ „Gütiger Gott, was ſagen Sie mir da?“ ver⸗ ſetzte der gute naive Julian die Hände ringend, „in unſerem Alter ſchon eine große Leidenſchaft zu em⸗ pfinden! Doch Sie beſitzen ja auch bereits ſo viel Talent, Sie ſind ſo ſchön! Sie ſind kein junger Menſch wie ein Anderer, wie ich zum Beiſpiel, der ich einen ſo curioſen Kopf habe und zu Richts tauge, als um Ihnen den Gyps anzurühren . . . Und Ihre Mutter weiß Nichts von dieſer großen Leiden⸗ ſchaft?“ 63 „Ganz natürlich weiß ſie Nichts. Wie hätte ich es je wagen können ihr meine Liebe zu geſtehen? aber ach, das iſt nicht Alles. Höre nur . Du erinnerſt Dich, daß Maria Saint⸗Clair aus Veran⸗ laſſung meiner Marſeillaiſe Verſe an mich gerichtet hat, die ihres Talentes würdig waren?“ „Ob ich mich dieſer Verſe erinnere! Ich kann ſie auswendig, ich ſage ſie im Stillen her, denn da meine ich Sie ſo zu loben, wie Sie es verdienen, und wie ich es ſelbſt nicht thun könnte, da ich viel zu einfältig dazu bin.“ „Lieber Julian, Deine gutherzige Freundſchaft iſt das beſte Lob; aber um auf Maria Saint⸗Clair zurückzukommen, als ich ihre Verſe erhalten hatte, quälte mich ein unaufhörlicher Rauſch . . . Sie zu ſehen, ſie kennen zu lernen, das wurde mein ſehn⸗ lichſtes Verlangen . . . Ich verſuchte einen Schritt.“ „Wie kühn Sie ſind, Herr Philipp! Einen Schritt, um ſie kennen zu lernen!“ „Ihr Verleger iſt zugleich der Verleger meiner Mutter . . . Ich begab mich zu ihm und fragte ihn nach der Adreſſe von Maria Saint⸗Clair, der ich ſchriftlich für die Verſe danken wollte, die ſie ſo gütig an mich gerichtet hatte. Ach mein guter Julian!“ „Nun?“ „Der Verleger der Maria Saint⸗Clair konnte mir nicht bloß ihre Adreſſe nicht geben, ſondern ver⸗ ſicherte auch, daß er ſelbſt dieſe berühmte Muſe nie geſehen habe!“ „Ihr Verleger? das iſt kaum glaublich.“ „Es iſt ein rechtſchaffener Mann; er hat mich 64 auf Ehre verſichert, daß er ſie nicht kenne . . . Seine Verbindung mit ihr ſei durch eine dritte Per⸗ ſon vermittelt worden, die er nicht nennen dürfe, da er ſich zur Verſchwiegenheit verpflichtet habe.“ „Welch ein ſeltſames Geheimniß! Und ſind Sie endlich doch dahinter gekommen?“ „Unglücklicher Weiſe, ja.“ „Wie ſo?“ „Herr Philipp,“ ſagte der Buchhändler zu mir, „ich begreife vollkommen, daß Sie Maria Saint⸗ Clair Ihren Dank auszuſprechen wünſchen, und daß meine Antwort Sie betrübt. Es vergeht kein Tag, ohne daß man mich mit Fragen über dieſe berühmte und geheimnißvolle Unbekannte beſtürmt, deren Ruf ſich ſo ſchnell weiter ausbreitet und deren Perſön⸗ lichkeit die Neugierde ſo lebhaft anregt. Ein anony⸗ mer Kritiker hat vor einiger Zeit behauptet, er werde dem Publikum dieſes Geheimniß aufdecken, das man bisher ſo vergeblich zu ergründen geſucht. Ich weiß nicht, ob der Kritiker Recht hat. Hier iſt ſein Artikel, aber ich erkläre Ihnen, daß ich ſeine Behauptungen weder billigen noch verwerfen kann, da ich Sie ver⸗ ſichern muß, daß ich in Wirklichkeit Maria Saint⸗ Clair ebenſo wenig kenne, als Sie ſie kennen.“ „Und dieſer Artikel?“ „Ach, Julian, welch eine Enttäuſchung!“ „Erzählen Sie doch weiter.“ „Neid, Haß, Galle müſſen dieſen Ausfall gegen dieſes ſo ſchöne, ſo reine und allgemein bewunderte Genie deſtillirt haben.“ „ „Welche Ungerechtigkeit, welche Schändlichkeit!“ „Dieſe abgeſchmackte und beleidigende Kritik hat 65 mich ebenſo empört, wie Dich: aber der Ruhm hat immer ſeine Verläumder und ich habe verächtlich die Achſeln gezuckt. Unglücklicher Weiſe iſt das nicht Alles.“ „Was gibt es denn ſonſt noch?“ „Dieſer Kritiker gab hierauf eine, das muß ich geſtehen, ſehr wahrſcheinliche Biographie von der falſchen Maria Saint⸗Clair.“ „Sie hätte alſo einen Namen angenommen, der nicht ihr gehört?“ „Leider iſt es noch ſchlimmer.“ „Was ſagen Sie?“ „Maria Saint⸗Clair iſt nach der Behauptung des Kritikers ein Mann.“ „Barmherziger Gott, das iſt eine ſchöne Geſchichte! Alſo, Herr Philipp, ſchlüge Ihr kaum erwachtes Herz für. Ich wage es nicht auszuſprechen . . . Ach Du himmliſche Güte, ich bekomme eine Gänſehaut!“ „Denk Dir mein Staunen! . . . Die angebliche Maria Saint⸗Clair wäre ein gewiſſer Maurice Albert Lemaheuc, ein Franzoſe, der im Jahre 1830 in Boſton geboren wurde und daſelbſt lange Zeit Laden⸗ diener ineiner Gewürzbude war. Er kam ſpäter nach Frankreich, nach Paris, wo er ſeine Poeſien geſchrieben hat. Andere umſtändliche Details ver⸗ vollſtändigen dieſe Biographie, und der Verfaſſer for⸗ dert die angebliche Maria Saint⸗Clair im Namen der Ehre und Wahrheit auf, ſeine Behauptungen öffentlich zu widerlegen; er erklärt, daß ihr Schwei⸗ gen als ein Geſtändniß betrachtet werden müßte, daß ſämmtliche Mittheilungen ſeines Artikels voll⸗ kommen wahr ſeien. Nun iſt er, ſagt mir der Buch⸗ Sue, der Teufel als Arzt. III. 5 händler, ſchon ſeit drei Monaten erſchienen, und Maria Saint⸗Clair hat nicht reclamirt.“ XI. Die beiden jungen Leute ſahen einander einen Augenblick ſchweigend an; dann rief der gute Julian naiv und mit aufrichtigem Mitgefühl: „Alſo mein lieber Herr Philipp, haben Sie ſich, ohne es zu wiſſen und zu wollen, in den Laden⸗ diener Maurice Albert Lemaheuc verliebt .. Ach, jetzt begreife ich Ihre Verzweiflung. . . welche Ent⸗ täuſchung!“ „Leider hat dieſe Entdeckung, ſie mag nun wahr oder falſch ſein, meine Liebe getödtet. Bald konnte ich nicht annehmen, daß ein Mann mit einem ſo reinen, ſo keuſchen, ſo zarten Talent begabt ſein könnte, wie es in den Waiſen bis in die Tiefe der Seele dringt, und ich hielt den Kritiker für einen Lügner. Bald dagegen, wenn ich mich der mann⸗ haſten Kraft, der gewaltigen metaphyſiſchen Bedeu⸗ tung gewiſſer Stellen in der Reiſe zw eier Seelen durch die Welten und der Stanzen über meine Marſeillaiſe erinnerte, wunderte ich mich nicht mehr darüber, daß man ſie einem männlichen Genie zuſchrieb. Aber das vorherrſchende Gefühl bei all dieſer Verlegenheit und Bangigkeit war die Furcht vor der ſchrecklichen Lächerlichkeit dieſer Leiden⸗ ſchaft, wenn, wie dies auch möglich iſt, der Verfaſ⸗ ſer dieſer bewunderungswürdigen Werke wirklich ..“ „Maurice Albert Lemaheuc iſt! Ich glaube es 67 wohl . . Man möchte ſich hundert Fuß unter die Erde verkriechen . . . Und gleichwohl fühle ich mich geneigt ihm den ſchlechten Spaß zu verzeihen, daß er einen Frauennamen annahm, auf die Gefahr hin die Leute in ſich verliebt zu machen! . . . Wenn ich an die ſchönen Verſe denke, die er Ihnen geſchrieben hat, dieſer Lemaheuc . . . Auf der andern Seite ſage ich wie Sie, Herr Philipp, das Gedicht die Waiſen enthält ſo zarte, ſo feine Gedanken, daß es etwas ganz Außerordentliches wäre, wenn ein Mann und zumal ein Ladendiener im Stande ſein ſollte „Mein Gott, auch ich habe lange nicht an die Wahrheit dieſer Biographie geglaubt, und kann noch jetzt nicht recht daran glauben, aber dieſer Zweifel allein ſchon hat meine Liebe getödtet, ohne jedoch das unwiderſtehliche Bedürfniß nach Liebe, das durch meine tolle Leidenſchaft für Maria Saint⸗Clair in meinem Herzen erweckt worden iſt, erſticken zu können, und . .“ fügte Philipp mit verlegenem Erröthen hinzu, „ich geſtehe Dir, Julian, mein Bruder, daß der Zufall dieſem unwiderſtehlichen Bedürfniß zu lieben, das ich ſchlechterdings nicht zu beherrſchen vermag, zu Hilfe gekommen iſt. Diejenige, die ich jetzt liebe, habe ich geſehen, ich kenne ſie.“ „Was ſagen Sie?“ rief Julian, wie aus den Wolken gefallen und nicht minder verlegen und roth, als Philipp. „Wie! . . . Sie lieben bereits eine Andere? .. Und der naive Junge betrachtete ſeinen Genoſſen mit einem doppelten Maß von Hochachtung und Un⸗ 68 ruhe. Er erblickte einen ſchrecklichen Verführer in ihm. Philipp fuhr mit bewegter Stimme fort: „Haſt Du in dem Garten, der an den unſern ſtößt und bis unter die Fenſter dieſer Bibliothek reicht . . . haſt Du da nicht eine junge Dame be⸗ merkt, die häufig unter den Linden ſpazieren geht?“ „Nein, Herr Philipp.. 4 „Oh, Julian, wie hübſch iſt ſie! . . . Sie hat zwar nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem himm⸗ liſchen Ideal, das ich mir von Maria Saint⸗Clair entworfen hatte, als ich noch nicht wußte, daß unter dieſem ſüßen Namen . . .“ „Der minder füße Name Lemaheuc verborgen war . . Und dieſe Dame . . . Sie haben ihr ins Geſicht zu ſchauen gewagt, Herr Philipp?“ „Ich habe noch mehr gethan . . Ich habe ihren anmuthigen Gruß, ihr zauberiſches Lächeln er⸗ widert.“ „Barmherziger Gott! Dieſe Dame hat Sie ge⸗ grüßt, ohne Sie zu kennen? . .. Sie hat Ihnen zugelächelt?“ „Ja, ſo oft ſie im Lindengang ſpazieren ging, habe ich ſie belauſcht. . . Oh, Julian, der Zauber ihres Lächelns, der Glanz ihrer leuchtenden ſchwar⸗ zen Augen hat in mein Herz eine Glut .. ein Feuer geworfen, wovon ich bisher Nichts gewußt, venn ich habe nie etwas Aehnliches empfunden, als ich Maria Saint⸗Clair mit idealer Liebe verehrte; aber vielleicht, wenn ich ſie geſehen hätte ſo wie ich ſie mir vorſtellte. . . ſo hätte ich Alles das auch empfunden ... dieſe Aufregungen, die * 69 mir jetzt ſo neu ſind . . . dieſe unſinnigen Träume, . . dieſer Ueberdruß an Allem . . . dieſe Nieder⸗ geſchlagenheit, die mich entnervt . . . Ach, Julian, eine ſchöne Geliebte zu beſitzen, . . . mit ihr von Luſtbarkeit zu Luſtbarkeit zu ziehen und alle Wonnen des Lebens zu theilen . . . Bälle, Schauſpiele, Pro⸗ menaden, allerliebſte Soupers, die bei den fröhlichen Geſängen ausgelaſſener Maitreſſen und luſtiger Ka⸗ meraden bis in den Tag hineindauern . . . umgeben von einem Schwarm liebenswürdiger Frauen zu leben, die ſich um Deine Blicke ſtreiten . . . mit der Liebe zu wechſeln, wie man mit einer Schale wechſelt . . . ſich bloß von ſeiner Laune beſtimmen zu laſſen zu ſingen, zu trinken, zu lieben . ſein Leben auf der wechſelnden Woge phantaſtiſcher Luſt dahin fließen zu laſſen . . . kurz, lediglich für die Liebe und für die Luſt zu leben! . . .“ rief der junge Bildhauer, indem er ſich in ſeinen eigenen Worten berauſchte und auf die mythologiſche Gruppe deutete, die er modellirte: „Liebe! Wolluſt! Strah⸗ lende Gottheiten der friſchen Jugend! . . . Euch möchte ich einen neuen würdigen Altar errichten . . . aber nein,“ fügte er mit einem Kopfſchütteln und einem muthloſen Blick auf ſein Werk hinzu, „dieſe Skizze iſt kalt, ohne allen Schwung! . . . Ja, ich würde ein Meiſterwerk aus dieſer Gruppe machen, wenn ich dieſes verführeriſche Weib, deren Erinne⸗ rung mich peinigt und wie Feuer in mir glüht, zur Geliebten hätte.“ Julian hörte Philipp mit ſteigender Verblüfft⸗ heit zu. Bisher hatten ſich die beiden jungen Leute, die in den gleichen Grundſätzen ſtrenger Moralität 70 erzogen worden, in ihren vertrauten Augenblicken von den Gegenſtänden ihrer Kunſt, von ihren Lec⸗ türen, ihren unſchuldigen Zerſtreuungen unterhalten, und oft gab die offene und geſunde Heiterkeit ihres Alters dieſen Geſprächen viel Leben, aber niemals war ihnen ein ausſchweifender Gedanke in den Sinn gekommen. Der gute Julian erröthete alſo wie ein junges Mädchen, als er auf einmal von der Liebe und Wolluſt, von den Gottheiten der munteren Jugend reden hörte, und er fragte ſich, wie ſein Freund ſo viele Dinge auf einmal gelernt habe. Philipp errieth ſeinen geheimen Gedanken und ſagte zu ihm: „Du wunderſt Dich, daß ich ſo gut unterrichtet bin?“ „Entſchuldigen Sie meine Freimüthigkeit, Herr Philipp; ich wundere mich nicht bloß, ſondern ich meine, ich müſſe Ihretwegen auch ein wenig er⸗ ſchrecken.“ „Vielleicht haſt Du Recht,“ antwortete der junge Künſtler mit nachdenklicher Miene, indem er plötzlich traurig wurde, „denn ſeit einigen Tagen erſchrecke ich manchmal ſelbſt über die unglaubliche Verände⸗ rung, die ich an meinen Ideen und Neigungen wahr⸗ nehme. Was ſage ich? Ich bemerke dieſe Verände⸗ rung ſelbſt in den Inſpirationen, worin ich den Gegenſtand meiner Werke ſuche,“ fügte Philipp hin⸗ zu, indem er auf die Gruppe von der Liebe und der Wolluſt deutete. „Ich mache mich zum erſten Mal an die Mythologie; dieſer Verſuch iſt nicht glücklich, geſtehe es ſelbſt, Julian.“ „Hert Philipp, ich bin ein 7¹ ſind mein Lehrer . . . Ich würde mir kein Urtheil erlauben . . .“ „Deine Eindrücke haben Dich ſelten getäuſcht, das habe ich oft geſehen; ich bitte Dich, ſprich als Freund, als Bruder mit mir.“ „Nun wohl, nein; ich finde hier das Talent nicht mehr, das ich mit ſolcher Freude an Ihnen bewun⸗ dere, mein Lehrer; dieſe Figuren ſcheinen mir ge⸗ ziert und ohne Styl zu ſein . Oh, welcher Ab⸗ ſtand gegen Ihr Basrelief mit den galliſchen Sela⸗ vinnen! Dieſer Anblick muß ſelbſt die verhärtetſten Herzen rühren und zum Mitgefühl ſtimmen . .. Und Ihre herrliche Gruppe von Jacques und dem Ritter! Wie Schade . . . Sie iſt beinahe vollendet... Sie laſſen ſie liegen.“ „Dieſer Gegenſtand beſchäftigt mich nicht mehr,“ antwortete Philipp traurig. „Ich wollte dieſes ſtrenge Werk vollenden, aber der Meißel entfiel meiner Hand. Die düſtere Kraft dieſer rauhen Figuren wurde mir zuwider. Mein Geiſt iſt jetzt mit lachenden, wol⸗ lüſtigen Bildern erfüllt, welche die Lectüre eines ge⸗ wiſſen Romans in mir wachgerufen hat.“ „Welches Romans?“ „Ich muß Dir noch ein letztes Geſtändniß ab⸗ legen: ſo wiſſe denn, daß ich drei Tage, nachdem ich dieſe charmante junge Perſon unter der Linden⸗ allee geſehen, zufällig das Fenſter dieſer Bibliothek bei Nacht offen ſtehen ließ . . . Da fand ich am Morgen auf dem Boden neben dem Fenſter ein Buch.“ „Man hatte es von außen hereingeworfen?“ „Ich glaube“ * 72 „Dieſe junge Dame vielleicht?“ „Ich hoffe es.“ „Sie hoffen es?“ „Ja, denn ſiehſt Du, Julian, dieſes Buch iſt mich eine wahre Offenbarung geworden.“ „Und was war es für ein Buch?“ „Ein Roman, der den Titel führt: der moderne Cherubin.“ fü — XI. Julian war in der dramatiſchen Literatur ſehr ſchlecht bewandert: er hatte Figaros Hochzeit weder geleſen noch aufführen geſehen, er begriff da⸗ her auch nicht, was der Titel des von Philipp an⸗ geführten Romans beſagen wollte, und wiederholte in bedeutſamem Tone: „Der moderne Cherubin!“ „Cherubin, ein junger Page, verliebt und ſchüch⸗ tern, iſt eine Perſon in einem Beaumarchais ſchen Luſtſpiel,“ antwortete Philipp; „er hat für den Hel⸗ den des Romans, von dem ich ſpreche, als Typus gedient. Die Geſchichte ſpielt in unſerer Zeit; der moderne Cherubin nennt ſich Floreſtan von Mon⸗ ronval; er hat unſer Alter, achtzehn Jahre, ein Ge⸗ ſichtchen, um welches das hübſcheſte Mädchen ihn be⸗ neiden dürfte, ebenſo viel Geiſt als Muth und ein ungeheures Vermögen; ſeine Eltern ſind 165 „Dieſe Verlaſſenheit iſt die einzige Aehnlichkeit, die ich mit dieſem Waiſen habe,“ bemerkte Julian mit einem Seufzer; „er iſt alſo wi auf ſich ſelbſt angewieſen?“ ——————— 73 „Nicht ganz; er hat einen Vormund, einen lächer⸗ lichen alten Geſellen, der ihm jeden Augenblick eine langweilige Moral vorpredigt und ſeinen Mündel zwingen will die Rechte zu ſtudiren, kurz Etwas zu arbeiten, einen Stand zu ergreifen. Floreſtan hält in einem Geſpräch, worin ſein Geiſt und ſein ſpöt⸗ tiſcher Witz auf's Schönſte funkeln, eine Lobrede auf das Far niente, verhöhnt ſeinen Vormund auf die luſtigſte Art von der Welt, und da er ſich im Beſitz eines großen Vermögens weiß, ſo findet er leicht Wucherer, die ihm Geld leihen.“ „Welch ein Bruder Liederlich . Wahrlich ein ſchöner Anfang! . . .“ „Floreſtan miethet ein Hotel, kauft Pferde und ſtürzt ſich mitten in die Vergnügungen . . Er wird vom Bedürfniß zu lieben verzehrt, aber er iſt ſehr ſchüchtern, und drei Frauen, immer eine bezaubernder als die andere, ſtreiten ſich um ſeine erſte Liebe.“ „Barmherziger Gott! Drei Frauen auf ſeinem Hals. drei Frauen!“ „Eine Herzogin, eine Tänzerin und die Nichte ſeines Vormunds, die an einen Notar verheirathet iſt. Die Herzogin iſt fünfundzwanzig Jahre alt, blaß, eine ſüperbe Brünette . . . eine wahre gebietende Juno .. Die Tänzerin iſt friſch und blond wie eine Hebe . . . Die Notarin iſt nicht minder hübſch als die beiden anderen . .. Ihre Haare ſind von jenem roth ſchillernden Kaſtanienbraun, welches Titian im Porträt ſeiner Geliebten verewigt hat. Dieſe drei Frauengeſtalten zeichnet und ſtudirt der Ver⸗ faſſer auf's Wohlgefälligſte mit allen möglichen De⸗ tails und einer Wärme der Beſchreibung, wovon 74 Du Dir keinen Begriff machen kannſt. .. Glaub mir, Julian, bei dieſer Erinnerung ſchlägt mein Herz raſcher, und Du ſiehſt, die Röthe ſteigt mir ins Geſicht.“ „Alſo dieſe drei reizenden Frauen liebten Flo⸗ reſtan alle zugleich?“ ſagte Julian mit Intereſſe und unwillkürlich von dem verführeriſchen Reiz dieſer Er⸗ zählung angezogen. — „Sie liebten ihn alle drei, aber er?. .. Wie zieht er ſich aus der Sache?... Man kann doch nicht drei Frauen auf einmal lieben. Großer Gott, ich meine, es ſei vollkommen genug an einer einzigen.“ „Du täuſcheſt Dich . . . Floreſtan liebt ſie alle Drei „Alle Drei zu gleicher Zeit?“ „Zu gleicher Zeit.“ „Ach du himmliſche Güte!“ „Er hat ſich zuerſt in die Herzogin verliebt und auf einem Schloß än der Nähe von Paris einen Sommer bei ihr zugebracht. . . Aber Floreſtan iſt ſo ſchüchtern, daß er der großen Dame ſeine Liebe nicht zu geſtehen wagt . . . Dieſe erräth ſie . . . und eines Nachts . . . ach, Julian, welch ein Gemälde, welch eine Schilderung .. . ich habe ſie wenig⸗ ſtens zehnmal geleſen . . . und jedesmal entzündet ſie mein Blut mit neuen Flammen.“ „Ei, was das für ein Buch ſein muß,“ rief Julian mit einer Art von Angſt, von Verzauberung und unwiderſtehlicher Neugierde zugleich, „und dann?. .. die beiden andern Frauen?“ „Ich komme ſogleich daran . . . Der Gemohl der vornehmen Dame . . . der Herzog, hatte die 75 Tänzerin zur Maitreſſe. Er führt ſie eines Abends heimlich in ſein Schloß, das, wie ich Dir geſagt habe, ganz in der Nähe von Paris lag.“ „Iſt's möglich, er wagt es eine Maitreſſe in das Haus zu führen, wo ſeine Frau iſt . . . die ihrerſeits ſelbſt . . .“ Und der ehrliche Julian wiſchte ſich den Schweiß, der von ſeinem Geſicht trof, und murmelte: „Mein Gott, barmherziger Gott! Wenn ich ſolche Dinge höre . . . Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.“ „Endlich befindet ſich Floreſtan, in Folge eines nächtlichen Wirrwarrs, ſtatt eines téte-àtéte mit der Herzogin auf einmal der Tänzerin gegenüber und ſie vernarrt ſich in ihn.“ „Alſo in zwei auf einmal!“ „Tags darauf kommt der Notar, als Geſchäfts⸗ mann des Herzogs, in das Schloß und bringt ſeine Frau mit, welche die Schönheiten des Parkes zu be⸗ wundern wünſcht, wo ſie mit Floreſtan zuſammen⸗ trifft. Der Herzog ſchließt zum Spaß alle beide in ein Belvedere ein, und der einfältige Notar, der zu dem unſchuldigen luſtigen Streich mithilft, wird das Oyfer deſſelben. . . Seine Frau iſt in dieſer Bel⸗ vedereſcene kein Weib mehr, ſondern eine Bacchantin ihr langes goldenes Haar wallt über ihre Schul⸗ tern.. Was ſoll ich Dir weiter ſagen . . . ich ver⸗ liebte mich abwechſelnd in alle drei Maitreſſen Flo⸗ reſtans, ohne eine Wahl treffen zu können . So bezaubernd waren ſie.“ „Herr Philipp. . es iſt mir, als hätte ich einen böſen Traum ich athme kaum . . . verdient denn eine ſolche Erzählung auch Glauben?“ 76 „Es iſt ein Roman, aber ſeine Schilderungen ſind ſo hinreißend, ſo wahr in ihrem verliebten Un⸗ geſtüm, daß beim Leſen dieſer Geiſt, dieſe glühende Wolluſt auch über mich kam, und deß ich all dieſe Wonnen theilte . . . Ich bewunderte und beneidete Floreſtan, der bald ſeine Cherubinsſchüchternheit ab⸗ legte und ein ſteptiſcher, ſpöttiſcher Don Juan voll Munterkeit, Geiſt und Frechheit wurde; er verhöhnte jede ernſte Liebe; er ſog bloß die Blumendüfte da⸗ von ein: er war unbeſtändig, flatterhaft und ſtets angebetet von ſeinen drei Maitreſſen . . . Er lief zu allen Feſten und Vergnügungen: Jedermann ſprach von ſeinem Lurus, ſeiner Eleganz, ſeiner Schönheit, ſeinen Abenteuern, ſeinen Duellen. Er warf das Gold mit vollen Händen herum, war un⸗ ermüdlich bei den Orgien, ein glanzvoller Spieler, kurz er hatte alle Fehler, aber man verzieh ſie ihm gern, — was ſage ich? — man liebte ſie ſogar wegen ſeiner Grazie, ſeines verführeriſchen Reizes und ſeiner Keckheit!“ „Welch ein Mann! . . er blendet, er bezaubert mich . . . und ich denke, wenn ich ein Mädchen wäre wahrhaftig ich .. .“ Hier unterbricht ſich Julian und beginnt dann von Neuem: „Welch ein Mann, dieſer Floreſtan. .. welch ein glücklicher Sterblicher!“ „Kurz, würdeſt Du es glauben? Seine drei Maitreſſen genügen ihm nicht mehr und er nimmt eine vierte . . .“ „Ach du himmliſche Güte, eine vierte . . .“ „Und rath' einmal, wo das launiſche Herrlein ſie ſucht?“ „Wo denn, Herr Philipp?“ 77 „Auf einem öffentlichen Ball, zu deſſen Kori⸗ phäen das Mädchen gehörte . . . Man nannte ſie Serpentine. . . Sie war eine wahre Schlange voll Bosheit, Geiſt und Argliſt, verdorben wie nicht leicht eine andere ihrer Camerädinnen in dem Pariſer Zigeunerlande. Sie war ſchwächlich, nervös und blaß, weder ſchön noch häßlich und gleichwohl, ſelt⸗ ſam genug, mit einem ſolchen Reiz ausgeſtattet, daß viele Leute ſich ihretwegen ruinirt hatten . Mit einem Wort, Floreſtan vernarrt ſich in dieſe Sirene.“ „Nun um ſo beſſer! Sie wird die drei andern armen Frauen für die Untreuen dieſes Ungeheuers von Floreſtan rächen.“ „Im Gegentheil, ſie macht dieſelben zu ihren Opfern!“ „Wie abſcheulich!“ „Serpentine, welche weiß, daß Floreſtan von der Herzogin, von der Tänzerin und der Notarin geliebt wird, ſagt zu dieſem Don Juan, der an eine leichte Eroberung glaubte: Ich ergebe mich Ihnen unter einer Bedingung, wo nicht — nicht.“ „Welche Bedingung, Herr Philipp?“ „„Sie müſſen heute noch Ihren drei Maitreſſen zur gleichen Stunde ein Rendezvous in Ihrem Hotel geben, ſagte Serpentine.“ „Und warum verlangt ſie dieſes dreifache Rendezvous?“ „Das wirſt Du ſogleich erfahren . . Floreſtan erfüllt den Wunſch Serpentines, er gibt ſeinen drei Maitreſſen ein Rendezvous . . Sie eilen herbei.“ „Die armen Frauen! Ich zittere für ſie . . 78 Dieſe Schlange wird irgend eine Schlingelei gegen ſie ausgeheckt haben.“ „Floreſtan empfängt ſie in drei beſonderen Zim⸗ mern, deren Thüren auf einen Speiſeſaal hinaus⸗ gehen, wo ein glänzendes Souper aufgeſtellt iſt. Serpentine ſteht bei der Tafel . . . Floreſtan öffnet die drei Thüren, eine um die andere, die drei Frauen treten ein.“ „Barmherziger Gott! Sie werden einander das Geſicht zerkratzen, ſie werden einander freſſen.“ „Laſſen Sie uns ſoupiren, meine Damen, ich habe mich nie in ſo guter Geſellſchaft befunden, ſagte Serpentine mit triumphirender Unverſchämtheit, in⸗ dem ſie den Pfropf einer Champagnerflaſche ſpringen läßt, zu Tiſche, und trinken wir auf meinen Geliebten auf Floreſtan! Das iſt ein Abſchiedsſouper, zu welchem ich Sie eingeladen habe, meine Damen, um Ihnen mitzutheilen, daß unſer Liebhaber Sie nicht mehr liebt. . . Wir beide reiſen noch heute Abend nach Italien ab.“ „Die unverſchämte Dirne!“ „Das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es ſonſt noch?“ „In dieſem Augenblick erſcheinen der Notar und der Herzog, der Gemahl der Herzogin und der Gönner der Tänzerin.“ „Herr Philipp, ich habe keinen Tropfen Blut mehr in den Adern.“ „Die Ankunft des Herzogs und des Notars war ein Teufelsſtreich von Serpeptine . . . Sie hatte beide von dem Verrath ihrer Frauen in Kenntniß 79 geſetzt und ihnen bemerkt, daß ſie dieſelben bei Flo⸗ reſtan finden würden.“ „Barmherziger Gott, wie kann man eine ſolche Schändlichkeit ſich nur denken!“ „Serpentine lacht laut über die Verblüfftheit ihrer Nebenbuhlerinnen. Der Herzog hat in ſeiner Wuth Degen mitgebracht. Er fordert Floreſtan, ſie gehen in den Garten, um ſich zu ſchlagen . . . Flo⸗ reſtan tödtet den Herzog im Duell und kehrt in den Salon zurück. Serpentine wirft ſich ihm an den Hals und ſagt: „Du biſt ebenſo tapfer als ſchön, ebenſo ruchlos als verführeriſch . . . ich bete Dich an! Dann wendet ſie ſich an ihre entſetzten Neben⸗ buhlerinnen: — Leben Sie wohl, meine Damen . .. Sie ſind hübſch . . . Sie werden ſich tröſten . Dies iſt die Moral des Abenteuers .. — Und Sie werden mit Ihren neuen Liebhabern über das Abenteuer lachen, fügt Floreſtan hinzu. Sodann reist er mit Serpentine nach Italien, und damit endet der Roman.“ „Herr Philipp,“ ſtammelte Julian mit verſtörter Miene, „welch eine Erzählung! Mir geht es im Kopf herum!“ „Oh,“ ſagte Philipp, „auch ich wurde von einem blendenden Schwindel befallen, als ich dieſes von ätzender Wolluſt geſchwängerte Buch las und immer wieder las . Die Dichtung nahm einen Körper an. Dieſe ſo verliebten Frauen, die Floreſtan ſo grauſam aufopfert, ich beklagte ſie; ich betete ſie an, ich hätte für einen Kuß von einer von ihnen mein Blut dahin gegeben ... Dieſer Don Juan, ich ver⸗ abſcheute ihn, nein, ich bewunderte ihn vielmehr. 80 Ja in meinen Träumen war ich ſelbſt Floreſtan. . . und meine Serpentine war dieſe reizende Unbekannte, unſere Nachbarin.“ „Herr Philipp,“ verſetzte Julian, beinahe ſtam⸗ meld, indem er ſich den Schweiß aus der Stirne wiſchte, „ich habe eine ſeltſame, eine ſchreckliche Em⸗ pfindung . . . Sie werden mich auslachen und doch iſt es wahrhaftig traurig. Ich bin ein Waiſe, über den ſich Ihre Mutter erbarmt hat; ich bin arm, häßlich, ängſtlich und dumm . . . Ich wußte es und grämte mich nicht darum . .. Ich fühlte mich glück⸗ lich in meiner Stellung bei Ihnen und nun werden Sie es glauben? . . . So arm, ſo häßlich und dumm ich bin, ſo erlaube ich mir doch dieſen Floreſtan zu beneiden. Ja ich, der ich ſo wenig Galle habe als eine Taube, ich haſſe, ich verabſcheue dieſen Floreſtan . . . Nicht weil er ein ausſchwei⸗ fender Menſch, ein Ungeheuer bei Frauen iſt, ſon⸗ dern weil ich ſelbſt niemals dieſe Vergnügungen, dieſe Wollüſte, dieſe Wonnen koſten werde, deren ſich nur ſo ſchöne, reiche, geiſtvolle und charmante junge Leute, wie dieſer Floreſtan iſt, zu erfreuen haben . .. Barmherziger Gott, zum erſten Mal in meinem Leben verwünſche ich das Daſein.“ „Wahrhaftig, ich auch!“ „Sie, Herr Philipp! Der Augapfel Ihrer Mutter, ein ſo ſchöner junger Mann, Sie, deſſen Talent be⸗ reits ſo berühmt iſt!“ „Ach, ſag ſelbſt Julian, was hilft mir meine Jugend? . . . Was hilft mir das, was Du meine Schönheit, mein Talent nennſt? In der Einſamkeit dieſer Werkſtatt wie in einem Kloſter zu leben, vom 81 frühen Morgen bis zum ſpäten Abend den Griffel oder Meißel in der Hand zu führen, iſt das auch ein Leben? Welche Vergnügungen gewähren mir denn dieſe Bildſäulen, dieſe Basreliefs, die ich durch langes Nachdenken und mit ſo ſchwerer Mühe zu Stande gebracht habe! Wenn ich ihnen manchmal einen Augenblick der Selbſtzufriedenheit verdanke, wird dieſer nicht bald vergiftet durch die zermalmende Vergleichung mit den großen Meiſtern ... Und ſelbſt wenn ich auch, nachdem ich meine Jugend und mein reifes Alter mit der Arbeit abgenutzt, ein Phidias, ein Michel Angelo werden könnte, was jedoch eine ganz unſinnige Hoffnung iſt, ſo würde ich doch für einen einzigen Tag aus dem Leben Floreſtans ihre Unſterblichkeit hingeben.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, Herr Philipp? Ich meine in dieſem Augenblick ebenſo zu denken wie Sie, und dennoch . . „Und dennoch... ſprich Julian, Du kennſt mein Leben, wie es iſt. Mit Tagesanbruch ſchließe ich mich in meine Werkſtatt ein; ich mache mich an die Arbeit, wenn die Begeiſterung ſich einſtellt, wo nicht —. und dies iſt mir leider ſchon ſo oft begegnet!. .. Ich zweifle an mir ſelbſt, ich zweifle an der Zukunft, ich ſage tief betrübt zu mir: noch jung habe ich Alles hervorgebracht, was ich hervorbringen konnte .. Verſuche, weiter Nichts! Mein Gott, ich weiß es, nach langen Stunden, nach ganzen Tagen dieſer bittern verzweiflungsvollen Muthloſigkeit kommt die Begeiſterung plötzlich wieder über mich.. Ich werde wieder lebendig, ich gewinne neuen Muth, ich hoffe von Neuem; ich glaube wieder an mich, es iſt dies Sue, der Teufel als Arzt. MI. 6 82 das glühende, ſchmerzliche Geburtsfieber eines neuen Werkes; mein Blut ſiedet, mein Geiſt exaltirt ſich; ich knete den Thon mit einer Art von Wuth: ich vergeſſe Alles. Meine Ekſtaſe verlängert ſich. Die Nacht kommt, ich zünde meine Lampe an, und oft ſinke ich, wenn die Morgenröthe kommt, erſchöpft, kraftlos, vernichtet zuſammen, aber vergebens ſuche ich die Ruhe im Schlaf; nein, nein, der Gedanke an mein unvollendetes Werk quält, verfolgt mich fort⸗ während. . er verfolgt mich bis in meine Träume .. Ich erwache . . und meine Kunſt, ein unver⸗ ſöhnlicher Tyrann, ruft mir zu: Genug der Ruhe nimm Deine unaufhörliche Arbeit wieder auf, ehrgeiziger Handlanger! Glorreicher Marmorbehauer! Arbeite, arbeite! Alſo nachdem ich bald, was ſehr ſeltene Augenblicke ſind, mit freudiger Zuverſicht, „ bald in den Todesqualen der Entmuthigung an meinen Statuen gearbeitet habe, werde ich einige hinterlaſſen, von denen man ſagen wird, Philipp Hervé war nicht ganz ohne Talent!“ — Der junge Künſtler ſchlug ein ſardoniſches Gelächter auf und fuhr fort: „Philipp Hervé war nicht ganz ohne Talent . . . Nütze alſo Dein Leben mit Deiner unbarmherzigen Arbeit ab ... Widerſtehe alſo allen Bezauberungen der Jugend in der Hoffnung, daß man vielleicht, wenn Du alt, kahl, zahnlos, breſt⸗ 2 haft, auf immer erloſchen biſt, von Dir ſage: er war nicht ohne alles Talent. Oh, eitles Trachten nach Ruhm! Ehre, Berühmtheit, läppiſche Stecken⸗ pferde großer Kinder! Mit welcher luſtigen und zugleich tiefen Philoſophie verhöhnt nicht der Verfaſſer . des modernen Cherubin eure Nichtigkeit durch — den Mund Floreſtans .. Höre, Julian... Folgende Betrachtungen ſind tief in mein Gedächtniß einge⸗ graben:“ „Ich höre, ich höre!“ „Um den flüchtigen Rauſch des Ruhmes zu koſten — ſagt Floreſtan — wie viel Sorgen, wie viel Mühen ſind nicht da nöthig! O alberne Opfer, o blödſinnige Entſagungen! Iſt dieſe glorreiche Trunkenheit we⸗ nigſtens von längerer Dauer, als diejenige, die man mit wollüſtiger Sorgloſigkeit in der Tiefe eines Kelches oder auf den Lippen eines geliebten Mäd⸗ chens ſchöpft? Nein nein! Der Ruhm iſt euch noch ſchneller ungetreu als eine ungetreue Maitreſſe! Dieſelbe Täuſchung erwartet euch, und ihr habt, o ihr Einfaltspinſel, das Opfer, aber ohne das Ver⸗ 2 gnügen. Ihr habt eure Nächte, eure Tage, eure Jahre damit zugebracht, daß ihr athemlos und keu⸗ chend der ſtolzen Spröden nacheiltet, die ſich Glorie nennen läßt! Aber kaum habt ihr ſie erreicht, ſo entwiſcht ſie euch! . Ich, ich habe meine Nächte und meine Tage bei Zauberinnen zugebracht, die wahrhaftig nicht ſpröde waren und mir nicht ent⸗ wiſchten . . O Macht der Wolluſt! Die großen Männer haben geliebt, wie ein großer Mann lieben kann und lieben muß, das heißt, ſehr einfältig . „ Die Liebe dieſer triumphatoriſchen, aber ſehr kläg⸗ lichen und oft zahnloſen Novizen erſchien ihren An⸗ gebeteten hoͤchſt lächerlich. Ach wie gern hätten ſie ihre auf ihren kahlen Schädeln vergilbenden Lor⸗ z beeren gegen das duftige ſchwarze Haar des reichen und ſchimmernden ſchönen jungen Mannes, des ———————————— 8⁴ großen Mannes der Wolluſt ausgetauſcht . . . des jungen Mannes, deſſen lasciver, glühender und kecker Blick ſelbſt die rebelliſchſten Schönen verwirrte, bezauberte und bändigte . . . der mit lächelnden Lippen, mit Freude im Herzen, den Becher in der Hand, ſein Liebchen auf dem Schooße wiegend, zwi⸗ ſchen zwei Küſſen die Jugend, den Wein, das Gold und die Liebe beſang. . . Evoe, Evoe! Luſtig, Ka⸗ meraden! Luſtig, meine tollen Genoſſinnen! Was kümmern wir uns um Ruhm und Ehre? Die Ehre iſt eine trockene, zänkiſche, langweilige und rappel⸗ köpfiſche alte Jungfer. Ueberlaſſen wir es den Ein⸗ faltspinſeln, den Alten, den Häßlichen, den Armen, den Phantaſten, ihr den Hof zu machen! Wir da⸗ gegen halten uns an die Luſt mit den roſigen Lippen, mit dem fröhlichen Gelächter, mit den geilen Augen und dem üppig ſtrotzenden Buſen . . . Ja, beim Teufel und ſeinen Hörnern! Wiederholen wir unſer altes Lied: Es lebe die Jugend, der Wein, das Gold und die Liebe!“ „Ja, ja,“ rief der arme Julian ganz betäubt und verzaubert bei dieſer ſchmählichen ſinnlichen Philo⸗ ſophie, „ja es lebe die Jugend, der Wein, das Gold und die Liebe! Ich werde niemals Gold beſitzen . . . ich werde nie die Liebe kennen lernen. Aber gleich viel; was frage ich jetzt noch nach der Ehre! Ach, Herr Philipp! Welch ein ſchöner Wahlſpruch! Welche Entdeckung! Wie konnte das Licht für uns ſo lange unter dem Scheffel verborgen bleiben!“ „Ach, Julian, was mich am meiſten in Erſtaunen ſetzt, das iſt die Thatſache, daß dieſes heitere Licht 1 85 mit ſeiner roſigen Farbe und ſeinem Silberſchein ſo ſchnell meiner Verblendung ein Ende machte, die doch ganz unheilbar ſchien . . . Bedenke nur, wie mein Vater und meine Mutter mich aus purem Ehrgeiz, den ich ihnen allein zum Vorwurf mache, zu einer beſtändigen Lüſternheit nach dieſen Steckenpferden, die man Ruhm und Ehre nennt, herangezogen haben! Ja, ich bin in einer eiſigen Strenge, in einer gottes⸗ läſterlichen Negation aller warmherzigen Inſtinkte der Jugend herangewachſen. Aber o der Macht dieſes Buches! In zwei Stunden ſind die Grund⸗ ſätze meines ganzen Lebens wie ein trüber Traum entſchwunden.“ „Gerade das verwirrt mich das ſcheint mir unglaublich, ja unmöglich zu ſein.“ . „Unmöglich? Genügt nicht ein lebhafter Sonnen⸗ ſtrahl, um den in den Wintermonaten langſam auf⸗ gehäuften Schnee in einem Augenblick zu ſchmelzen? So iſt es mir ergangen, Julian. Meine grüne Jugend lag unter einer dicken Schneedecke vergraben dieſe Schneedecke iſt unter dem durchdringenden Einfluß eines göttlichen Strahles geſchmolzen! Tauſend Blumen werden jetzt in meinem Leben auf⸗ gehen. dieſes liebliche Wunder iſt durch dieſes „ glühende Buch und die feurigen Blicke meiner ſchönen Nachbarin bewerkſtelligt werden. Ha, von dem Ideal, das ich verfolge, iſt ſie der Körper, dieſes Buch iſt die Seele.“ 2, dieſes Buch,“ verſetzte Julian mit keuchen⸗ der Neugierde, „dieſes Buch .. Herr Philipp ich bitte Sie um Alles . leihen Sie es mir . „Ich habe es nicht mehr.“ 8 86 „Wo iſt es denn?“ „Ich weiß nicht. es iſt ſeit geſtern verſchwun⸗ den vielleicht daß der Portier, als er meine Werkſtatt in Ordnung brachte, ſich durch den Titel des Romans verführen ließ und . . .“ Auf einmal unterbrach ſich Philipp, wurde feuer⸗ roth und ſeine Augen funkelten; er neigte ſich raſch gegen das Fenſter, in deſſen Nähe er ſtand, und rief: „Julian, da iſt ſie . . . da iſt ſie .. ſieh nur, wie hübſch ſie iſt.“ Julian wollte ſich eben dem Fenſter nähern, als er an die Thüre der Werkſtatt, die gegen die Ge⸗ wohnheit verſchloſſen war, klopfen hörte; er ſagte ganz leiſe: „Herr Philipp, Ihre Mutter ... ich erkenne ihre Stimme.“ Die zwei jungen Leute lauſchten. Man klopfte von Neuem an die Thüre der Werkſtatt, und ſie hörten Clemence Hervé die Worte ſagen: „Philipp, mach mir auf!“ „Ach, meine Mutter!“ ſagte der junge Bildhauer in einem Tone der Ungeduld und des Bedauerns, indem er ſich vom Fenſter entfernte, „geh, mach auf, Julian!“ Dann ſiel ihm auf einmal ſeine angefangene Gruppe, die Liebe und die Wolluſt, wieder ein, und er warf ſchnell ein grünes Tuch darüber, indem er zu ſich ſagte: „Meine Mutter darf dieſe Stüzze nicht ſehen.“ „Julian, ſei ſo gut und laß uns allein,“ ſagte Clemence Hervé, indem ſie in die Bibliothek trat und daſelbſt mit ihrem Sohne allein blieb. 87 XII. Philipp fuhr beim Anblick ſeiner Mutter vor Ueberraſchung und Unruhe zuſammen, denn er be⸗ merkte, daß ſie den modernen Cherubin in ihrer Hand hielt. „Lieber Philipp,“ begann Clemence Hervé mit ſanfter, aber ernſter Stimme, „ich bin geſtern in Deiner Abweſenheit hierher gekommen, um neue Blumen in die Vaſen auf Deinem Kamin zu ſtellen da fand ich zufällig dieſes Buch da,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihm den Band zeigte. „Schon der Titel: der moderne Cherubin, hat mir eine ungünſtige Meinung von dem Werke eingeflößt. Da ich es bei 5 Dir ſah, ſo dachte ich, Du habeſt es geleſen .. ich wollte es daher auch leſen, aber meine Entrüſtung darüber war ebenſo groß als mein Ekel, und ich fragte mich mit ſchmerzlicher Ueberraſchung, wie ein ſolches Buch in Deinen Beſitz kommen könne.“ „Liebe Mutter, ich weiß Nichts davon,“ antwor⸗ tete der junge Menſch, indem er erröthend die Augen niederſchlug. „Ich verſichere Dich, daß ich es ſelbſt nicht weiß.“ „Philipp,“ verſetzte Clemence Hervé mit freund⸗ Vorwurf, „dieſe Antwort kann nicht Dein Ernſt ein.“ „Und dennoch iſt ſie aufrichtig, liebe Mutter. Vor drei Tagen habe ich als ich Morgens da her⸗ eintrat, dieſen Band auf dem Boden gefunden; ich . hatte aus Verſehen während der Nacht das Fenſter offen gelaſſen.“ 88 Clemence Hervé wußte, daß ihr Sohn einer Lüge unfähig war; da jedoch dieſe eigenthümliche Antwort ihr auffiel, ſo trat ſie nach einem Augenblick ſtillen Nachdenkens, ohne anfangs eine unwillkürliche ängſt⸗ liche Bewegung Philipps zu beachten, an das offene Fenſter, ſah in den benachbarten Garten hinab und betrachtete die Localitäten. „Das Fenſter iſt nicht ſehr hoch,“ ſagte ſie dann, „man hat wirklich das Buch von außen hereinwer⸗ fen können . . . Dennoch iſt das Haus, zu welchem dieſer Garten gehört, ſeit langer Zeit unbewohnt. .. doch nein! die Läden ſind ja offen und ich habe ſo eben ein Frauenzimmer da unten durch die Allee gehen ſehen.“ Dann wandte ſie ſich zu Philipp, der mit jedem Augenblick unruhiger wurde, und ſagte: „Das Haus iſt alſo jetzt bewohnt?“ „Ich glaube es, Mutter.“ „Wer ſind die neuen Bewohner? . .. „Ich weiß es nicht.“ Philipp ſprach die Wahrheit. Gleichwohl be⸗ wies ſeine zunehmende Verlegenheit, daß die neuen Bewohner ihm nicht gleichgültig waren, wenn er auch ihren Namen nicht kannte. Er ſchwieg. Seine Mutter blieb einen Augenblick nachdenklich; dann ſagte ſie: „Mein Kind, weißt Du das Datum des Tages, den wir heute haben?“ Und als ſie ſah, daß ihr Sohn die Augen auf⸗ ſchlug und ſeine Erinnerungen zuſammenſuchte, fügte ſie ernſt hinzu: „Mein Sohn, ich trage heute ein Trauerkleid.“ 89 „Verzeih, verzeih, liebe Mutter,“ antwortete der junge Mann lebhaft und reumüthig; „ich hatte ver⸗ geſſen .. . „Es iſt das erſte Mal, ſeit wir Deinen Vater verloren haben, daß Du den Jahrestag dieſes Ver⸗ luſtes vergiſſeſt.“ „Ach, liebe Mutter, könnteſt Du zweifeln 22 „Nein, ich zweifle nicht an den Gefühlen der Zärtlichkeit und Verehrung, welche Du dem Anden⸗ ken Deines Vaters widmeſt . . . Erſt vor vierzehn Tagen haben wir ſeine Ruheſtätte beſucht und uns über ihn unterhalten, ohne Bitterkeit und ohneVerzweiflung, wie man mit frommem Glauben von einem abweſen⸗ den Freunde ſpricht, welchen man dereinſt in anderen Sphären wieder finden ſoll; niemals habe ich mich inniger über Deine hochſinnigen Anſchauungen ge⸗ freut, die Du von Deinem Vater ererbt zu haben ſcheinſt. Aber ſeit einigen Tagen bemerke ich an Dir gewiſſe Veränderungen, die mich beunruhigen.“ „Was willſt Du ſagen, Mutter?“ „Du biſt bekümmert, zerſtreut, haſt immer den Kopf voll.“ „Ich denke . . . an einen Gegenſtand, den ich in Basrelief behandeln will . dieſer Gedanke ... nimmt mich ganz in Anſpruch und . „Gewöhnlich bin ich die Vertraute Deiner Ar⸗ beiten und Deiner Pläne. Wir beſprechen mit ein⸗ ander die Gegenſtände, die Dich begeiſtern . . .“ „Es iſt wahr „ „Warum haſt Du mir dies Mal den Gegen⸗ ſtand, der Dich ſo ſehr beſchäftigt, nicht anvertraut? 90 Du weißt doch, wie glücklich es mich macht, mich bei Deinen Studien betheiligen zu dürfen!“ „Ich wollte Dich erſt ſpäter um Rath fragen und Philipp unterbrach ſich, weil er mit ſteigender Unruhe bemerkte, wie ſeine Mutter zuerſt ihre Blicke auf die Skizze heftete, die er klüglich mit einer grü⸗ nen Leinwand bedeckt hatte, ſodann näher trat und die Gruppe aufdeckte, mit den Worten: „Dies iſt ohne Zweifel das neue Werk, womit Du Dich beſchäftigſt?“ Aber auf einmal und beim Anblick dieſer beinahe lasciven Gruppe, welche die Liebe und die Wol⸗ luſt darſtellte, fuhr Clemence Hervé zuſammen und ihre Züge nahmen einen traurigen Ausdruck an. Ihr Herz betrübte ſich, ihre Unruhe wurde immer größer; nicht bloß ſtand dieſe Skizze offenbar tief unter den andern Schöpfungen Philipps, ſondern ſeine Mutter erblickte in der unſittlichen Wahl des Gegenſtandes eine Offenbarung; dieſe Wahl bewies ihr den verderblichen Einfluß des Romans, deſſen Lectüre die berühmte Schriftſtellerin empört hatte. Sicherlich würde ſie ſich unter andern Umſtänden ſehr gewundert haben, wenn ihr Sohn, der gewöhnt war in ſeiner Kunſt das Symbol einer großherzigen Idee oder die Perſonification einer heroiſchen That zu ſuchen, zur mythologiſchen Sinnlichkeit herabge⸗ ſtiegen wäre. Gleichwohl würde ſie darin bloß eine Künſtlerlaune, eine Verirrung von ſeinem bisher verfolgten Weg erblickt haben;-leider aber war es nicht ſo; ihr mütterlicher Scharfblick erſchrack mit Recht über die Richtung, welche Philipps Genie zu 9¹ den wollüſtigen Gegenſtänden nahm, wenn ſie die⸗ ſelbe mit einem beinahe obſcuren Buche zuſammen⸗ hielt, welches vielleicht das Frauenzimmer, deren Züge Clemence Hervé ein wenig geſehen hatte, und die ſeit Kurzem das Nachbarhaus bewohnte, mit beſtimmter Abſicht in die Werkſtatt des jungen Künſtlers ge⸗ worfen hatte. Clemence Hervé hatte gründliche Studien über das Menſchenherz gemacht; ihre Mutterzärtlichkeit klärte ſie auf; ſie kannte den Charakter, die Organi⸗ ſation ihres Sohnes; ſie wußte, wie ungeſtüm und unwiderſtehlich manchmal die erſten Leidenſchaften der Jugend ſind, welche Erziehung ſie auch erhalten haben mag. Sie war daher mit Recht ernſtlich un⸗ ruhig über die plötzliche moraliſche Verwandlung, die ſie an ihrem Sohne entdeckte; ſie vermochte ihre Herzensangſt, die auf ihren Zügen zu leſen ſtand, nicht zu verbergen, und indem ſie die Gruppe von Neuem zudeckte, ſagte ſie mit einem Seufzer: „Mein Kind, ich danke Dir, daß Du eine Skizze, deren Du Dich ſelbſt ſchämſt, wenigſtens meinen Blicken entziehen wollteſt.“ XIV. Philipp war niedergeſchlagen und mit ſich ſelbſt unzufrieden; ſeine Wangen glühten vor Beſchämung, während ſeine Mutter einen ſchmerzlich erſtaunten Blick auf die Gruppe die Liebe und die Wolluſt warf. Er ſchwieg verlegen und machte nicht einmal einen Verſuch ſein Werk zu rechtfertigen. 92 „Ach, mein armes Kind,“ begann Clemence mit Bitterkeit wieder, „die Zeit liegt alſo ſchon fern, wo die Reinheit und Hochſinnigkeit Deiner Werke dieſe geheimnißvolle Muſe, dieſe Maria Saint-Clair be⸗ geiſterte, welche Deine Arbeiten in Verſen feierte, die ihres und Deines Talentes würdig waren? Da⸗ mals riß Dich die heilige Leidenſchaft für das Schöne, für das Gute und Große zu dem Ideal hin, und jetzt biſt Du in einen plumpen Materialismus ver⸗ ſunken. Mein Gott,“ fügte Frau Hervé in großher⸗ ezigem Zorne hinzu, „ſolcher Art kann alſo der fluch⸗ würdige Einfluß eines ſchändlichen Buches ſein.“ „Was ſagſt Du, Mutter?“ „Du haſt dieſes Buch geleſen . . .“ „Ja,“ antwortete Philipp, indem er die Augen niederſchlug, „ich habe es geleſen.“ „Sei aufrichtig, welchen Eindruck hat dieſe Lec⸗ türe in Dir hinterlaſſen?“ „Ich kann Dir darauf keine beſtimmte Antwort geben, Mutter. Legſt Du nicht übrigens gar zu großes Gewicht auf einen Roman, der durch Zufall in meine Hand gerathen iſt? Kurz,“ fügte der junge Mann mit mühſam beherrſchter Ungeduld hinzu, „ich bin kein Kind mehr.“ „Nein, aber du biſt noch immer mein Kind,“ antwortete Clemence Hervé mit unausſprechlicher Zärtlichkeit, „deßhalb muß ich mit meiner gewöhn⸗ lichen Sorgfalt über Dich wachen. Ich verſichere Dich ich übertreibe die unſelige Tragweite die⸗ ſes Buches nicht. und da Du mir nicht ſelbſt den Eindruck geſtehen willſt, den es auf Dich her⸗ 93 vorgebracht hat, ſo will ich ihn Dir ſagen . . . ich bin beinahe gewiß, daß ich mich nicht täuſche.“ „Mutter, dieſes Drängen . . .“ „Höre mich an. Du wirſt in einigen Monaten neunzehn Jahre alt. Deine Erziehung, Dein ange⸗ bornes Zartgefühl, der leidenſchaftliche Eifer für Deine Studien und Arbeiten, die Erholungen, die Du bei mir findeſt, oder die heilſamen Zerſtreuungen, die wir in der Muſik, im Theater oder im Zauber einer vertrauten und ausgewählten Geſellſchaft finden; kurz, dieſes beſtändige Streben nach dem Idealen, das Du, wie ich mit namenloſer Freude ſah, aus dem Gebiete der Kunſt in die Angelegenheiten des ge⸗ wöhnlichen Lebens übertrugſt, alle dieſe Urſachen haben Dich bisher vor den Verirrungen und der frühzeitigen Verdorbenheit bewahrt, die ſo viele junge Leute Deines Alters zu Grunde richten. Was brin⸗ gen dieſe dann einſt dem jungen Mädchen zu, das ſie zur Gattin wählen? ein ſtumpfes, welkes Herz! Ja . . eines der göttlichſten Gefühle, welche das Herz klopfen machen können, die Liebe, iſt bei ihnen ſchon lang erſtickt und in ihrem Keime vertrocknet.“ Philipp bebte und ſah ſeine Mutter verwundert an. Sie fuhr fort: „Ja, die Liebe! . . dieſes Gefühl iſt in meinen Augen ſo heilig, ſo göttlich, daß ich, Deine Mutter, einen ſolchen Gegenſtand mit Dir beſpreche ich hatte ſtets gehofft und hoffe noch immer zu Deinem und meinem Glücke, daß Du ſehr jung eine Perſon Deines Alters heirathen werdeſt, welche vermöge ihres Herzens, vermöge ihrer Schönheit und ihres Geiſtes Deiner würdig und Deine erſte Liebe wäre, 94 wie Du die ihrige wäreſt. Dein Vater und ich haben uns unter ſolchen Verhältniſſen verbunden, und un⸗ ſer Leben war nur ein langer Tag des Glückes . Dich eine ſolche Heirath ſchließen zu ſehen, das war und iſt noch immer meine Hoffnung, mein Kind; denn wenn wir ſuchen, ſo finden wir ſicherlich dieſe Gattin, die ich für Dich erträumt habe, und ich glaube, ich will glauben, daß der beklagenswerthe Eindruck, den dieſes Buch auf Dich gemacht hat, vorübergehen wird.“ „Immer dieſes Buch,“ ſürmelte Philipp mit ver⸗ drießlicher Ungeduld. „Stehe ich denn noch nicht in einem Alter, wo ich das Gute vom Böſen zu unter⸗ ſcheiden weiß?“ „Mein Sohn, dem Unterricht Deiner Eltern, ſo⸗ wie den Grundſätzen, die Dein Leben bisher geleitet, haſt Du es zu verdanken, daß Du das Gute vom Böſen zu unterſcheiden vermagſt .. . wenn Du Deine geſunde und feſte Vernunft behältſt; wenn das Kochen gefährlicher Gährungsſtoffe ſie nicht trübt ... Aber Alles beweist mir, daß dieſes Buch . ja, immer wieder dieſes Buch . . . böſe Leidenſchaften in Dir wach gerufen und eine tiefe Störung in Deinen Geiſt geworfen hat. Währendich dieſe ſittenloſen Seiten las, haben die Entrüſtung einer ehrlichen Seele, die Empörung beleidigten Schamgefühls meine Stirne geröthet. Dieſe Lectüre hat auch Deine Stirne ge⸗ röthet; aber geſtehe es nur, das warme Blut und nicht die Scham bepurpurte Dein Geſicht.“ „Mutter. „D ich täuſche mich nicht! dieſes ſchändliche Buch ſucht den Geiſt zu verkehren, indem es durch 95⁵5 unfläthige Gemälde die Sinne aufreizt; es wendet ſich an die Augen, um bis in die Seele zu dringen; dieſes Buch iſt die Verherrlichung aller plumpen Gelüſte; es iſt eine unverſchämte und höhniſche Herausforderung, die man den zarten und keuſchen Gefühlen hinwirft; es gießt mit vollen Händen Spott und Galle über die Unſchuld des Herzens und ſeine edelſten Beſtrebungen aus; es iſt ferner — das muß ich anerkennen, und eben darin liegt ſeine Ge⸗ fährlichkeit — mit einer gewiſſen luſtigen, ſpöttiſchen und ſinnlichen Lebendigkeit geſchrieben, welche das Talent ergänzt. Die Ironie iſt häufig ſchneidend, das Paradoxon einleuchtend; das Laſter iſt mit rei⸗ zenden Farben gemalt: es muß die jungen Leute verführen, die, wie Du, mein armes, liebes Kind, die edle Unſchuld ihres Alters bewahrt haben; denn ach, der Zauber dieſer verderblichen Lectüren gleicht dem Rauſch von ſtarken Getränken, die um ſo mächtiger wirken, je nüchterner man zuvor gewe⸗ ſen! .. Leugne es daher nicht, Philipp, von un⸗ beſtimmten glühenden Wünſchen gequält und beſtürmt, haſt Du einen Blick der Verachtung und des Zornes auf die Vergangenheit geworfen; eine neue Welt hat ſich Deinem Geiſte dargeboten, du haſt glühend geträumt von leichten zügelloſen Liebesſpielen, von tollen Abenteuern, von lärmenden Orgien, von einem Leben voller Vergnügen, Ueppigkeit und Wolluſt. Du haſt gegen die ſtrenge und heitere Einſamkeit dieſer Werkſtatt, wo Du im Studium und in täg⸗ licher Arbeit den künftigen Ruhm Deines Namens ſuchteſt, einen Ueberdruß gefaßt und mit Mitleid darauf geblickt. Du haſt gleich dem Helden dieſes 96 Buches gerufen: Der Ruhm wiegt den Kuß einer Maitreſſe nicht auf! Es lebe die Jugend, der Wein, das Gold und die Liebe! Armes, unglückliches Kind!“ fügte Clemence Hervé in einem Tone innigen Erbarmens und mit thränenfeuchten Augen hinzu, „Du haſt Dich der Unſchuld Deiner Jugend geſchämt, Du haſt Dich der Schönheit Deiner Seele geſchämt, Du haſt Dich Deines Genius geſchämt . Du haſt Dich Deiner Mutter geſchämt . . Du haſt mich beſchuldigt, daß ich Dich dem Hochmuth meiner ehrgeizigen Zärtlichkeit aufopfere.“ „O glaube das nicht,“ rief Philipp, zu Boden geſchlagen durch den eindringenden Ton ſeiner Mut⸗ ter. „Aber ich geſtehe Dirs mit Bedauern, mit Schmerz, mit bitterer Reue, ja, ich bin einem Augen⸗ blick des Schwindels erlegen. . . ja, dieſe unſelige Lectüre hat mich zweifeln gemacht an mir ſelbſt, am Guten, am Rechten, am Wahren! Ja, ich habe zü⸗ gelloſe Wünſche in mir erwachen gefühlt . . . Ja, ich habe die Vergangenheit verflucht ... ja, ich habe gelitten .. und ich leide noch“ . fügte Philipp hinzu, indem er ſeine Thränen nicht zurückzuhalten vermochte und ſich ſeiner Mutter in die Arme fürzte — „ach, Mutter, ich bin ſehr unglücklich!“ Clemence Hervé drückte ihren Sohn leidenſchaft⸗ lich an ihren Buſen; ſie konnte nicht an ihm zwei⸗ feln; die Thränen, die er vergoß, ſeine Aufregung, ſeine Geſtändniſſe verriethen ſeine Reue. Des Er⸗ folgs ihres mütterlichen Einfluſſes in dieſem Kampf gegen die Verſuchungen des Böſen beinahe ſchon ge⸗ wiß, wollte die berühmte Schriftſtellerin ihren r ———— . — 97 Triumph vollenden und befeſtigen. Sie küßte ihren Sohn voll Rührung auf die Stirne und ſagte: „Philipp . . . mein vielgeliebtes Kind .. dieſer Tag, glaube mirs, wird in unſerem Schickſal Epoche machen . . . es iſt ein feierlicher Tag, der Deine Rückkehr zum Guten bezeichnen ſoll. Komm, laß uns dieſen Sieg, den Du über Dich ſelbſt er⸗ fochten haſt, feiern . . . Komm, mein Kind, komm!“ „Wohin, liebe Mutter?“ fragte der junge Mann überraſcht; „wohin gehen wir?“ „Unter dieſe Blumenlaube, zu dieſem heiligen Stein, zu welchem wir Beide ſo oft in tiefer Bewe⸗ gung und inniger Sammlung, mit zuverſichtlichem Glauben an die Unſterblichkeit der Weſen, gegangen ſind, um unſere Seelen neu zu ſtählen und zu er⸗ heitern in Geſprächen, bei welchen Dein Vater, ob⸗ ſchon unſichtbar für unſere leiblichen Augen, unter uns zu weilen ſchien, wo er unſere Klagen, unſere Pläne, unſere Hoffnungen, kurz alle unſere Gedanken hörte, und wir uns an dieſem theuren Glauben ſo innig erfreuten! .. Auch heute wird er Alles hören, meine zärtlichen Aufmunterungen, Dein Verſprechen Deiner glorreichen Vergangenheit treu zu bleiben und unſelige Verſuchungen künftig zu überwinden. Ach, wenn ich meinem und Deinem Herzen glauben darf, mein Kind, ſo wird ein ſolches Geſpräch an dieſem verehrten Orte, an dieſem Tag frommer Jah⸗ resfeier, einen entſcheidenden Einfluß auf Deine Lauf⸗ bahn haben, und es wird Deine großherzigen Ent⸗ ſchließungen unüberwindbar machen .. . Komm, komm, Dein Vater und ich, wir werden alle Beide Sue, der Teufel als Arzt. II. 7 98 Dir zur Seite ſtehen; ich ſichtbar für Dein Auge. .. Dein Vater ſichtbar für Deine Seele.“ Bald begleitete Philipp ſeine Mutter auf den Kirchhof Montmartre. Wenige Augenblicke, nachdem ſie gegangen waren, erſchienen Herr Robertin und ſeine Frau, die Verfaſſerin des unter dem Pſeudonym Major Sauſewind geſchriebenen modernen Cherubin, in der Wohnung von Clemence Hervé. Als die Magd ihnen ſagte, ihre Gebieterin ſei aus⸗ gegangen, antwortete Frau Robertin entſchloſſen, ſie werde die Rückkehr der berühmten Schriftſtellerin ab⸗ warten. KW Die Magd glaubte in Abweſenheit ihrer Gebie⸗ terin das Verlangen der Frau Virginie Robertin er⸗ füllen zu müſſen und führte ſie alſo nebſt ihrem Mann in den Salon im Erdgeſchoß, welchen Herr Robertin beinahe augenblicklich wieder verließ, um eine Verſäumniß gut zu machen, die ſeine Frau ihm vorwarf. Wir werden ſogleich hören, wie es ſich damit verhielt. Frau Virginie Robertin, in der literariſchen Welt unter dem Pſeudonym Major Sauſewind bekannt, gehörte zu der glücklicher Weiſe nicht ſtark vertretenen Claſſe von Schriftſtellerinnen, die ſich, in Folge der angeblichen Ueberlegenheit ihrer Intelligenz, jeder Pflicht, jeder Rückhaltung und Peinahe aller Scham entbunden glauben. Ihre Schriften, ihre Grund⸗ 1 99 ſätze und beſonders ihre ganze Art im Leben aufzu⸗ treten, erſcheinen als unverſchämte Herausforderungen, welche ſie allem Beſtehenden und Allem was reſpec⸗ tirt werden muß ins Geſicht ſchleudern. Als Töch⸗ ter, Mütter oder Gattinnen gefallen ſie ſich darin den einfachſten Regeln der Convenienz, den rührend⸗ ſten Verpflichtungen ihres Geſchlechts Trotz zu bieten, unter dem Vorwand, daß ſie ſich über die alltäg⸗ lichen Vorurtheile hinwegſetzen. Mit maßloſer irv⸗ niſcher Verachtung ſchauen ſie auf die beſcheidenen, rechtſchaffenen Frauen herab, die ſich manchmal durch ihren guten Geſchmack, durch Anmuth, Verſtand und Geiſt auszeichnen, aber das glorreiche Vorrecht nicht genießen ihren Namen an den Fenſtern der Leſe⸗ cabinette prangen zu ſehen. Die Literatinnen, von denen wir ſprechen, haben manchmal Talent, aber niemals Genie; denn das Genie legt noch größere Verpflichtungen auf als der Adel; das tiefe Gefühl für das Schöne, Gute und Rechte, ein weſentliches und vom Genie unzertrenn⸗ liches Gefühl thut ſich ſowohl in ſeinen Handlungen als in ſeinen Schriften kund, und wenn man be⸗ rühmte Frauen gewiſſen Verſuchungen erliegen ſah, von denen die unberühmteſten überwältigt werden, ſo waren ſie ſich ihrer Schwachheit wenigſtens be⸗ wußt; ſie verbargen ſie, ſuchten ſie durch Beſchei⸗ denheit, Sanftmuth, durch zartſinnige ausgeſuchte Herzensgüte vergeſſen zu machen und zu entſchuldi⸗ gen, ſtatt ohne Scham und Scheu den Ehebruch auf den Schild ihres Ruhmes zu erheben. Ein anderer hervorſpringender und weſentlicher Zug in der moraliſchen Phyſiognomie dieſer Litera⸗ 100 „ tinnen niedrigſter Gattung, deren vollendeten Typus Frau Virginie Robertin darſtellte, iſt die feindſelige Eiferſucht, welche ſie gegen die Erfolge Anderer em⸗ pfinden, und die immer größer und grimmiger wird, je berühmter die Frau iſt, deren Genie ſie erbittert * und quält. Wenn dann der Ruhm dieſer Frau 3 rein und erhaben im Glanze der Tugend ſtrahlt, ſo werden die Neiderinnen zu Hyänen, und ihr Haß iſt unverſöhnlich. So und ohne andere Urſache verfolgte Frau Vir⸗ ginie Robertin unſere Clemence Hervé, die von dem Zorn, welchen ſie einflößte, nicht die mindeſte Ahnung hatte, mit ihrem Haß. Dieſer Haß war lange Zeit ſo zu ſagen im theoretiſchen Zuſtand oder verborgen geblieben; die Verfaſſerin des modernen Cheru⸗ bin und anderer mehr oder weniger ſittenloſen Ro⸗ mane beſchränkte ſich darauf, Clemence Hervé, die ſie nicht perſönlich kannte, zu verwünſchen, und zwar bloß weil ihre Schriften einen wohlverdienten und unermeßlichen Ruf genoßen, und weil der Adel ihres Charakters ſowie die Strenge ihrer Sitten ihr die Sympathie und Verehrung der rechtſchaffenen Leute aller Parteien erwarben. Ein Zufall bot dem Major Sauſewind die Gelegenheit, ſeinen feindſeligen Reid gegen die Malerin des ſocialen Elends von der Theorie zur Praxis übergehen zu laſſen. Frau Virginie Robertin trug ihre moraliſche Un⸗ ordnung in die materiellen Dinge des Lebens über, und obſchon ihre Bücher ihr, ein Jahr ins andere gerechnet, ſechs⸗ bis ſiebentauſend Franken eintrugen, und ihr Mann, der bei einer Verſicherungsgeſell⸗ ſchaft angeſtellt war, zweitauſend Franken verdiente, 101 ſo ſteckte doch Frau Robertin, da ſie kokett war, gute Biſſen liebte, ihr Geld hinauswarf, die Haushal⸗ tungsgeſchäfte unter ihrer Würde glaubte, immer voll Schulden und mußte ſtets auf neue Mittel ſin⸗ nen; ſie konnte, wie der Kunſtausdruck lautet, die beiden Enden nicht zuſammenfügen. Sie bezahlte ihren Miethzins ſelten ohne wiederholte Drohungen mit Beſchlagnahme, da dieſe ungebildeten Tölpel von Hausbeſitzern ſich nicht dazu verſtanden, den Major Sauſewind, den pſeudonymen Verfaſſer ſo vieler zotenhaften Romane, umſonſt zu beherbergen, und ſo wenig Literaturſinn bekundeten, daß ſie von ihm wie von einem gewöhnlichen Sterblichen Miethzinſe for⸗ derten. So geſchah es denn, daß die Verfaſſerin des modernen Cherubin kurz vor der Zeit, in welche der Anfang unſerer Erzählung fällt, aus ihrer Woh⸗ nung vertrieben wurde und auf's Gerathewohl un⸗ fern der Barrière Montmartre ein Erdgeſchoß mie⸗ thete, welches an das Haus von Clemence Hervé ſtieß und ſich bis unter die Fenſter von Philipps Werkſtatt exſtreckte. Die Mutter des jungen Künſtlers war zu be⸗ rühmt, als daß ihre Nachbarn ſich nicht mit der größten Neugierde um die geheimen Details ihrer Eriſtenz, ihrer Wohnung und ihrer Familie beküm⸗ mert hätten, und kaum hatte ſich Virginie Robertin in ihrem neuen Quartier feſtgeſetzt, ſo erfuhr ſie von der öffentlichen Stimme, daß Clemence Hervé und ihr Sohn in einer arbeitſamen Zurückgezogenheit lebten und nur eine kleine Anzahl auserwählter Freunde empfingen. Die Mutter vergöttere ihren Sohn, und er hege die innigſte Verehrung für ſeine erziehe. 102 Mutter; er gehe niemals aus ſeiner Werkſtatt, ſon⸗ dern lebe daſelbſt wie ein Klausner, trotz ſeiner acht⸗ zehn Jahre, trotz ſeiner glänzenden Erfolge als Künſt⸗ ler und ſeines allerliebſten Geſichtes, worin ſeine ganze Herzenseinfalt und Unſchuld geſchrieben ſtehe, eine phänomenale Unſchuld für einen jungen Pariſer dieſes Alters; ſie müſſe ihm aber auch im höchſten Grade läſtig ſein, fügten die Pſychologen der Nach⸗ barſchaft hinzu, indem ſie Clemence Hervé beinahe vorwarfen, daß ſie ihren Sohn wie ein Mädchen Die Verfaſſerin des modernen Cherubin nahm ſolche Mittheilungen gierig auf und bebte vor Schadenfreude beim Gedanken an die Art, wie ſie die berühmte Schriftſtellerin, welche der Gegenſtand ihres Neides und ihres Abſcheus war, ins Herz tref⸗ fen und zugleich eine verliebte Laune befriedigen könne, wenn Philipp Hervé wirklich der reizende Un⸗ ſchuldige war, den die Nachbarn ihr ſchilderten. Sie hatte bald den Plan eines neuen Romans entworfen, der voll Handlung ſein und den jungen Bildhauer zum Helden haben ſollte. Sie behielt ſich den ge⸗ winnreichen Vortheil vor, denſelben ſpäter zu ſchrei⸗ ben und in einem oder zwei Octavbänden herauszu⸗ geben; denn dieſe Schriftſtellerin von mehr als locke⸗ ren Sitten ſtudirte, wie ſie, ſchamlos genug, ſelbſt ſagte, die Leidenſchaften nach der Natur; beinahe alle Helden ihrer Romane hatten ihre volle Gunſt genoſſen und ſie zählte bereits etwa zehn Romane. Der Plan der Frau Robertin war ganz einfach. Sie wollte den unſchuldigen Philipp zuerſt durch ver⸗ lockendes Augenſpiel ſterblich in ſich verliebt machen, 103 hierauf durch die mordbrenneriſche Lectüre des mo⸗ dernen Cherubin Feuer in ſeine Adern bringen, ſodann, nachdem ſie einen tiefen Eindruck auf den jungen Künſtler hervorgebracht hätte, frech zu ſeiner Mutter gehen, unter dem Vorwand eines nachbar⸗ lichen Beſuchs und der tiefen Ehrfurcht, welche ſie der glänzenden literariſchen Stellung von Clemence Hervé ſchulde. Auf ſolche Art ins Herz der feind⸗ lichen Feſtung eingedrungen, und ohne das mindeſte Bedenken über die Mittel und Ziele ihrer Pläne, worin der neidiſche Haß vielleicht noch den Sieg über die verliebte Caprice davon trug, gedachte Frau Ro⸗ bertin den Sohn ſeiner Mutter ſtreitig zu machen, ihn ihr vielleicht zu entreißen, ihn zu verderben und dadurch der berühmten Frau recht ſchmerzlich wehe zu thun. XVI. Der Plan, welchen die Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin geſchmiedet, zeugte von einer ab⸗ ſtoßenden, ſchauerlichen Schlechtigkeit, war aber, wie man ſchon am Anfang dieſer Erzählung geſehen hat, unglücklicher Weiſe ausführbar. Der Leſer erräth leicht, daß die reizende Unbekannte, deren glühende, durch die Lectüre eines verderblichen Buches noch aufgefriſchte Erinnerung unſern Philipp verfolgte, Niemand anders war als Virginie Robertin, deren traurigen literariſchen Ruf der junge Künſtler nicht kannte. Allen großherzigen und erhabenen Gefühlen gänzlich fremd, hatte ſie den tiefen Inſtinkt der böſen 104 Leidenſchaften, kannte die Macht und Triebfedern derſelben, und voll Zuverſicht auf ihre Jugend, ihre Schönheit, ihren Geiſt, ihre Verdorbenheit, ihre ſchamloſe Frechheit und beſonders auf die Kraft der Eiferſucht, welche ſie gegen die berühmte Schriftſtel⸗ lerin hegte, trug ſie, ſobald ihr die Wege genugſam gebahnt ſchienen, kein Bedenken, einen offenen Kampf mit der untadelhaften Familienmutter zu wagen, durch deren Genie ſie ſich erdrückt fühlte. Sie zwei⸗ felte nicht am Erfolg ihrer Pläne, welche auf folgenden abſcheulichen, aber nur allzu oft durch Thatſachen ge⸗ rechtfertigten Betrachtungen beruhten: Ein junger Menſch von achtzehn Jahren, un⸗ ſchuldig, eindrucksfähig, der zum erſten Mal die Glut einer ſinnlichen Leidenſchaft empfindet, wird beinahe immer, wenn auch nur auf kurze Zeit (der Major Sauſewind fragte wenig nach dauernden Liebesverhältniſſen) den ſtrengen Einfluß ſeiner Mut⸗ ter dem Einfluß einer ſchönen, jungen, verführeri⸗ ſchen und kühnen Maitreſſe opfern. Nun war Virginie Robertin jung, kühn, verfüh⸗ reriſch, und mußte beſonders einem Jungen wie Phi⸗ lipp, der bisher rein geblieben und eben deßhalb um ſo entzündlicher war, ſo erſcheinen. Die Verfaſſerin des modernen Cherubin trat juſt in ihr ſechsundzwanzigſtes Jahr; ihre Taille ver⸗ einigte trotz eines leichten Anflugs von Beleibtheit bedeutende Vorzüge; ihr Haar war ſehr braun, ihr Teint ſehr weiß, ihre ſehr rothen und etwas fleiſchi⸗ gen Lippen zeigten, wenn ſie lachte, den glänzenden Schmelz ihrer Zähne; unter ihren feingeſchweiften Brauen funkelten ſchwarzſammtene Augen, kühn, 105 durchdringend, üppig; ihre gerade und feine Naſe hatte roſige und bewegliche Flügel; ihre runden, mit Grübchen geſchmückten Wangen, ſowie ihr Kinn gaben ihrer Phyſiognomie einen pikanten und herausfordern⸗ den Reiz, der im Stande war die Augen, aber nicht das Herz zu bezaubern; denn wenn man dieſe Phy⸗ ſiognomie genauer ſtudirte, ſo entdeckte man darin die Anzeichen von Schlauheit, Frechheit, von feind⸗ ſeligem Hochmuth und wollüſtiger Verdorbenheit. So ſorgfältig Virginie immer geputzt war, ſo ſehr ver⸗ nachläſſigte ſie ihre Perſon; ihre auf's Zierlichſte ge⸗ rundeten kleinen Hände waren ſchmutzig und ihre Nägel dermaßen abgenagt, daß die Ertremität jedes Gliedes über denſelben eine Fleiſchwulſt bildete, die ekelhuft anzuſehen war. Der Major Sauſewind pflegte beim Schreiben ſo ſchrecklich an den Nägeln zu kauen, daß er bis auf's Fleiſch kam. Nachdem Virginie Robertin mit neugierigen und eiferſüchtigen Blicken den Salon der berühmten Schrift⸗ ſtellerin gemuſtert hatte, dieſen Salon, worin der gute Geſchmack, die Wohlhabenheit und die Ordnungs⸗ liebe der Dame des Hauſes ſich kundgaben, ſagte ſie, indem ſie dieſes elegante Heiligthum des Genies und der häuslichen Tugenden mit ihrer eigenen, beinahe immer nur halb möblirten, ſchmutzigen und ſchlam⸗ pigen Wohnung verglich, die auf's Deutlichſte von und von Verlegenheit zeugte, zu ſich elbſt: „Dieſe Clemence Hervé muß verdammt glücklich ſein! Aber nur Geduld! Ich bin da . . . Der Lärm ihres unverſchämten Ruhmes hat mich ſſchon lange geärgert . . . Gerathen doch all dieſe Einfaltspinſel 106 in Ekſtaſe über das, was ſie den antiken Charakter dieſer ſpröden Heuchlerin nennen! Ich habe ſie ſchon neulich in einem anonymen Artikel gehörig verar⸗ beitet und heruntergeriſſen, wie auch ihren ſeligen Gemahl, den famöſen Geſchichtſchreiber! Aber das genügt mir nicht. Ich befinde mich jetzt in einer verliebten und zugleich kampfluſtigen Laune, ich will dieſe Frau mit offenem Viſir auf Leben und Tod angreifen, und der artige Philipp Hervé ſoll die Kriegskoſten bezahlen.“ XVII. Herr Antenor Robertin war zehn Jahre älter als ſeine Frau und, wie bereits bemerkt, bei einer Verſicherungsgeſellſchaft angeſtellt. Er war ein klei⸗ nes Männchen, blond, fad, dick und bartlos. Er trug eine ſilberne Brille über ſeinen dicken, hervor⸗ ſtehenden Augen. Von Charakter war er äußerſt leicht, hatte einen unüberwindlichen Hang zur Träg⸗ heit und zeigte ſich bisweilen bis zur Dummheit leichtgläubig. Dabei war er ſehr eiferſüchtig und eines unbeugſamen Eigenſinns fähig, hatte jedoch den Argwohn und Unmuth ſeiner Eiferſucht beſtändig in ſich hineingeſchluckt oder verheimlicht; er war gar zu gut an das Joch gewöhnt, das ihm ſeit langer Zeit auferlegt worden, und hegte viel zu viel Furcht und zugleich Bewunderung für ſeine Frau, als daß er ſich jemals unterſtanden hätte eine Klage zu äußern. Auf ihm allein lagen alle häuslichen Sorgen; aber ſeine gedankenloſe Nachläſſigkeit und ſein ſchmutziges Weſen paßte vollkommen zu der Unordnung des Majors Sauſewind, der überdies den Beutel führte, mit ſeinen Buchhändlern unterhandelte, ſeine Honorare einnahm und von Herrn Robertin ver⸗ langte, daß er ihm pflichtgetreu jeden Monat ſeine Gage in die Hände lege. Manchmal mußte der gut⸗ müthige Eheherr auch die Stelle der Kindsmagd ver⸗ ſehen, denn die Mägde hielten es meiſtens in dieſer unordentlichen Haushaltung, wo ſie jeden Augenblick ausgeſcholten wurden, ſchlechte Koſt und ſehr ſelten ihren Lohn erhielten, nicht lange aus, ſondern ver⸗ ließen die Barake; dann mußte der Herr des Hau⸗ ſes ihre Stelle verſehen und ſeine Tochter Athenais, ein Kind von achtzehn Monaten, ins Bett legen, wiegen und einſchläfern, denn Frau Robertin ver⸗ ſchmähte es ſich mit dieſen groben Pflichten der Mut⸗ terſchaft zu befaſſen. Herr Robertin trat ganz athemlos in den Salon von Clemence Hervé, wiſchte ſich die Stirne ab und überreichte ſeiner Frau zwei in ein Papier einge⸗ wickelte Bände. Dabei ſagte er keuchend zu ihr: „Major!“ (Der gutmüthige Eheherr redete ſeine Frau immer ſo an, um ſie durch dieſe zarte Anſpie⸗ lung unaufhörlich an ihre literariſchen Erfolge zu erinnern.) „Major, hier ſind die Bücher, die ich zu Hauſe vergeſſen hatte; als ich heimkam, ſchrie Athe⸗ nais wie beſeſſen in ihrer Wiege . . . Unſere ver⸗ dammte Kindsmagd war bereits ausgeflogen . . . zum Henker, wenn die Katzen fort ſind, tanzen die Mäuſe.. Es iſt ein großes Glück, daß heute ein Feiertag iſt und ich nicht auf mein verdammtes Bureau mußte, das ich verabſcheue .. Ach, wenn 108 Du nur wollteſt, welch ein Schlaraffenleben könnte ich dann führen und . . .“ — Er unterbrach dieſen Gedankengang, weil er fürchtete, ſeine Frau möchte ihm wieder wegen ſeines unverbeſſerlichen Hanges zur Faulheit Vorwürfe machen. Dann fuhr er fort: „Kurz und gut, unſere verdammte Kindsmagd iſt unmittel⸗ bar nach uns fortgegangen und hat Athenais ganz allein gelaſſen. Sie ſchrie ſo, daß ſie blau wurde. Ich habe ihr ungefähr ein Dutzend Löffelvoll ganz dicken Brei eingegeben . . . Dies hat die arme liebe Kleine wieder beſchwichtigt . . . Aber ich muß noch einmal darauf zurückkommen. Hätte ich heute wie gewöhnlich in meine Spelunke von Bureau gehen müſſen, ſo hätte Athenais erſticken können; denn ich bin überzeugt, daß die Kindsmagd das Haus ſehr ſchlecht hütet, wenn Du in meiner Abweſenheit ausgehſt . . . denn .. . aber an was denkſt Du denn, Major? Hörſt Du mich gar nicht an?“ Frau Robertin, eine herzloſe Mutter, die nur an den Kampf dachte, den ſie eben gegen Clemence Hervé beſtehen wollte, blieb in Gedanken verſunken ſitzen und gab ihrem Manne keine Antwort; dieſer war an die Zerſtreutheit der Schriftſtellerin ſchon gewöhnt und ſagte zu ſich: „Vermuthlich dichtet der Major! Welch ein Genie! Sie dichtet überall! . . . Bei Tiſch, im Gehen, im Sprechen, im Träumen . . . immer dichtet ſie.“ Dann ſchlug er ſich auf die Stirne und fuhr fort: „Ja, Major, Dein Modenfeuilleton für das Abend⸗ blatt iſt in gute Hände gerathen .. Ohne mich würde das Magazin dieſer Madame Tournemine nicht demolirt, wie Du ſagſt. . . Abermals ein 109 Dienſt, den ich Dir bloß deßhalb erweiſen konnte, weil ich nicht auf mein abſcheuliches Bureau gegan⸗ gen bin . . . Ach, wenn Du wollteſt . . . ich . . . „Ei, wie,“ verſetzte Virginie lebhaft, indem ſie bei dem Namen Tournemine aus ihren Träumereien erwachte, „ei, wie, Julie muß doch gleich nach un⸗ ſerem Weggang das Manuſcript auf's Bureau des Journals getragen haben.“ „Das iſt das Erſte, was ſie vergeſſen hat.“ „Die dumme Gans!“ „Ich hatte eben Athenais ihren Brei vollends eingegeben, als ich das Manuſcript neben einem Paar Stiefelchen auf Deinem Schreibtiſch bemerkte ich habe kaum noch Zeit gehabt auf das Jour⸗ nal zu laufen.“ „Und Du biſt nicht zu ſpät gekommen?“ „Nein, nein, man hat Dein Feuilleton ſogleich in die Druckerei geſchickt, es erſcheint heute Abend und Frau Tournemine erhält ihren verdienten Lohn. Das wird ſie lehren Dir auf ſo unverſchämte Weiſe zu brummen.“ „Das impertinente Ding! Unterſteht ſich mir wegen einer lumpigen Rechnung von zweihundert Franken für ein Paar Hüte mit dem Friedensrichter zu drohen!“ „Ja bei Gott, ſie ſollte ſich glücklich preiſen, die Madehändlerin des Majors Sauſewind zu ſein! „O, ſie ſoll ihre Impertinenz theuer bezahlen; ich wette, daß ſie nach meinem Modenfeuilleton von heute Abend die Hälfte ihrer Kundſchaft verliert.“ „Hi—. hi . . . hi. . . das glaub ich wohl, 110 Major, ich muß noch jetzt darüber lachen und werde noch lange lachen,“ verſetzte Herr Robertin, indem er ſeiner Heiterkeit freien Lauf ließ. „Was für ein Geſicht dieſe einfältige Tournemine ſchneiden wird, wenn ſie in dem Journal liest: — Den Liebhabern intereſſanter Antiquitäten empfehlen wir den Laden der Frau Tournemine (hi . . . hi . . . hi. .); die Archäologen, welche die Moden der alten Zeit nach Proben, wie man ſie heut zu Tag nicht mehr findet, zu ſtudiren wünſchen, die jungen Damen, die gerne wiſſen möchten, welchen Kopfputz unſere Urgroßmütter trugen, und beſonders welchen Kopfputz man nicht mehr trägt (hi . . . hi . . . hi. . .) werden drin⸗ gend gebeten den unglaublichen Laden der Frau Tour⸗ nemine zu beſuchen; er iſt das Muſeum der foſſilen, vorſündfluthlichen Modenwaaren; er iſt das Beinhaus der alten Hüte, er iſt die Acropolis der alten Hau⸗ ben (hi Vie geiſtreich Du biſt! Wehe denen, die unter Deine Klauen fallen! Die Bude der Tournemine iſt demolirt . . Du haſt es, geſagt . . . Dieſer Schlag muß ſie rui⸗ niren . . „Ich hoffe es.“ „Und gleichwohl, Major, wäre Frau Tournemine ohne“ mich heute Abend Deiner Rache entgangen. und Du hätteſt morgen früh nicht ganz warm im Feuilleton Deine Revanche bekommen ... „Was ſoll das heißen?“ „Nun ja, wäre ich auf mein verwünſchtes Bureau gegangen, wie ich leider alle Tage thun muß. ſo hätte ich nicht. „Schon wieder!“ ſagte Virginie ihre ſchwarzen 111 Brauen runzelnd. „Immer dieſe ſchimpflichen Ge⸗ lüſte nach Faulheit . .. nach dem Far niente! Auf Ehre, Du ließeſt Dir's gefallen, wenn ich Dich wie einen Ochſen mäſtete.“ „Nun, nun, Major, werde nur nicht böſe .. . Du haſt meinen Gedanken nicht recht aufgefaßt.“ „O freilich habe ich ihn aufgefaßt und auch Dei⸗ nen Hintergedanken!“ „Du glaubſt, daß ich im Stande wäre .. . „Ich glaube einmal, daß Du von einer unerhör⸗ ten empörenden Trägheit und überdies äußerſt eigenſinnig biſt; denn was ich auch ſagen mag, ſo muß ich alle Tage Deine endloſen Wehklagen über dieſes verwünſchte Bureau hören, auf das Du um neun Uhr Morgens gehſt und von dem Du um fünf Uhr zurückkommſt . . .“ „Ach, Dein Antenor geſteht ſeine Schwäche. Ja ich möchte gern den ganzen Morgen ſchlafen, möchte gerne meinen Kaffee im Bett nehmen und mirs recht wohl ſein laſſen; aber meine allergrößte Freude wäre meine ganze Zeit bei Dir zubringen zu dürfen, Major, und Dir wie Dein Schatten überall zu folgen . . Kannſt Du mir das Uebermaß meiner Zärtlichkeit zum Vorwurf machen?“ „Du biſt ein Hallunke!“ „Ich ein Hallunke?“ „Dieſer Hintergedanke, von dem ich Dir ſo eben ſagte, und der Deiner Faulheit ſo gut zu Statten kommt, iſt ein Gedanke beleidigender Eiferſucht.“ „O, Major!“ „Du läugneſt es? das iſt ſtark . . . und erſt kürzlich noch Silvio?“ 112 „Hem, hem. Silvio „ „Haſt Du Dir nicht erlaubt zu mir zu ſagen, Du findeſt es ſeltſam, daß ich zu Silvio gehe?“ „Nein . .. wahrhaftig, nein . . . Denn Du biſt eine Schriftſtellerin . . . hem . . . hem . eine Schriftſtellerin, beſonders wenn ſie ſo hoch geſtellt iſt wie Du, genießt gewiſſe Freiheiten . . . Aber ich ſagte, wenn Du eine gewöhnliche Frau wäreſt ſo hätten Deine Beſuche bei dieſem jungen Sänger doch . . . ein wenig . .. ſonderbar ſcheinen können.“ „Es handelt ſich nicht um das, was ich ſein könnte, ſondern um das, was ich bin . . . Du haſt die Ehre der Gatte einer Frau zu ſein, die ausge⸗ zeichnete Talente beſitzt . . . Nicht ich ſage das, ſon⸗ dern das Publikum ſagt es.“ „Und es hat verdammt Recht.“ „Immerhin, nun muß ich, um ein Werk des Talents hervorzubringen, gewiſſe Perſonen ſtudiren, damit ich ſie in meinen Romanen mit Wahrheit dar⸗ ſtellen kann; es war daher durchaus nothwendig, daß ich die Gewohnheiten, die Sitten und den Cha⸗ rakter Silvios kennen lernte, weil ich einen berühm⸗ ten Sänger auf die Bühne zu bringen hatte. Ich habe daher oft, ſehr oft Silvio beſuchen müſſen, und man muß, wie Du, gänzlich vernagelt ſein, um ſich wegen rein literariſcher Beſuche Grillen zu machen; denn dieſe Beſuche waren ſo unſchuldig, daß ich Dir ſelbſt zuerſt ſagte, ich gehe ſehr häufig zu dem jungen Manne.“ „Dein Vertrauen, Major7ehrte mich allerdings 113 „Hör einmal, ſei jetzt aufrichtig. Du biſt aller⸗ dings mit einer ſchmählichen Trägheit behaftet, aber wenn ich nicht Ordnung ſchaffte, ſo würdeſt Du Dir auch noch eine barbariſche Eiferſucht erlauben, und Deinem ſtarrköpfigen Verlangen Dein Aemtchen auf⸗ zugeben liegt vielleicht nicht ſo ſehr der Wunſch nach Faulenzerei zu Grunde, als die Abſicht mich keinen Augenblick zu verlaſſen, um mich ausſpioniren zu können.“ „Ich ſchwöre Dir beim Leben unſerer Athenais daß „Halt Dein Maul und ſchwatz mir mit Deinen Albernheiten kein Loch in den Kopf. Du wirſt ge⸗ fälligſt nach wie vor auf Dein Bureau gehen, erſtens weil Deine zweitauſend Franken Gehalt nicht zu ver⸗ achten ſind, und dann weil Deine beſtändige An⸗ weſenheit mir unerträglich wäre und meine Nerven ſo reizen würde, daß ich unmöglich eine Zeile ſchrei⸗ ben könnte. .. Da wir nun zum großen Theil vom Ertrag meiner Werke leben, ſo würde dieſe Ein⸗ nahmsquelle vertrocknen.“ „Gott behüte mich, daß. „Genug, ſchweig jetzt.“ „Wie Du willſt, Major . . . Sprechen wir Nichts mehr davon, ich werde alſo auf mein fluchwürdiges Bureau gehen . . . Wo die Ziege angebunden iſt, da muß ſie weiden.“ „So weide alſo und laß mich in Ruhe!“ Herr Robertin ſenkte den Kopf, ſeufzte und ſprach kein Wort mehr. Aber ein gewiſſer tückiſcher Blick, den er auf die Schriftſtellerin ſchleuderte, zeugte von der Hartnäckigkeit ſeines Unmuths, welchen er nur Sue, der Teufel als Arzt. MI. 8 114 aus Furcht und angewohnter Unterwürfigkeit be⸗ meiſterte. XVIII. Virginie Robertin verſank bald wieder in ernſtes Nachdenken über ihren bevorſtehenden Kampf mit Clemence Hervé; ſie nahm die beiden Bücher, die ihr Mann ſo eben gebracht hatte, zog ſie aus dem Bogen Papier, worein ſie gewickelt waren, und ſagte zu ſich: „Es wird anſtändiger ſein, dieſe Bücher ohne Umſchlag zu überreichen.“ „Major,“ ſagt Herr Robertin ſchüchtern, „wirſt Du mir, ohne böſe zu werden, die Frage erlauben, was Du mit dieſem Exemplar Deines letzten Romans „Die Liebe im Galopp' zu thun gedenkeſt?“ „Ich will mein Buch dieſer ſpröden Heuchlerin Clemence Hervé überreichen: deßhalb wollte ich ſie hier erwarten.“ „Teufelsmajor,“ verſetzt Herr Robertin, der ſeinen letzten Groll bereits vergaß, voll Bewunderung für die Unverſchämtheit ſeiner Frau. „Du biſt ein wahr⸗ haft überlegenes Weſen, und welchen Muth Du be⸗ ſitzeſt! Alle Welt ſpricht mit Bewunderung und Ehrfurcht von dieſer Clemence Hervé, und Du allein behandelſt ſie, wie wenn ſie gar Nichts wäre.“ „Weil die großen Phraſen und die beſtellten Bewunderungen mir nicht imponiren. Was hat ſie denn geſchrieben, dieſe Clemence Hervé? Soge⸗ nannte moraliſche, philoſophiſche, ſocialiſtiſche Bücher, worin ſie ſich als Reformatorin aufwirft und die Schäden der Geſellſchaft, ſowie die Mittel zu ihrer Heilung bloßzulegen behauptet. Verlangt ſie nicht gar, daß, weil die Männer Aerzte ſind, die Frauen Aerztinnen werden ſollen! Sie geht ſelbſt mit gutem Beiſpiel voran, indem ſie an die Einfaltspinſel ihre literariſchen Arzneien verkauft, wie ich in dem ano⸗ nymen Artikel ſagte, worin ich ſie niedergeſchmettert und demolirt habe.“ „In dieſem Artikel, den Du ihr boshaft genug durch die Poſt zuſchickteſt?“ „Ganz natürlich, wenn man die Leute demolirt, ſo müſſen ſie es doch wenigſtens erfahren. Dieſe Clemence Hervé beſonders iſt ſo unerträglich. Sie führt beſtändig die großen Worte: Tugend, Pflicht, Ehre im Mund, und zwar weil ſie wahrſcheinlich häßlich iſt, ſo daß kein Mann es der Mühe werth gefunden haben wird ſich mit ihr zu befaſſen. Geh mir weg mit ſolchen einfältigen Phraſen. Ihre Moral iſt ihre Häßlichkeit! Ihre Tugend iſt ihr Alter! Ihre Grundſätze ſind ihre Runzeln.“ „Wie giftig er iſt, dieſer kleine Major!“ ver⸗ ſetzt Herr Robertin entzückt über den Geiſt ſeiner Frau. „Aber da Du dieſe ſpröde Schwätzerin ſo richtig zu beurtheilen weißt, warum erweiſeſt Du ihr denn die Huldigung, ihr Deinen letzten Roman die Liebe im Galopp zu überreichen?“ „Aus zwei Gründen.“ „Welche . . . ohne Indiscretion?“ „Der erſte iſt, weil ich ſie in Folge dieſer Huldi⸗ gung um Erlaubniß bitten will, ihr das Werk zu widmen, das ich ſo eben vollendet habe.“ 116 „Alles für das Vergnügen?“ 8 . „Ich finde das ſehr keck.“ „Wie ſo?“ „Dein Alles für das Vergnügen“ iſt ein kleines Meiſterwerk voll ausgelaſſener Lebensluſt, und Du glaubſt, dieſe ſpröde Schwätzerin werde die Widmung annehmen?“ „Sie muß wohl. . . Es gibt Dinge, die man nicht abſchlagen darf, wenn man ſie offen und ge⸗ radezu fordert.“ „Das iſt richtig. . . Aber Du verabſcheuſt ſie ja, Major, und Du willſt ihr dennoch einen Deiner Romane widmen?“ „Ganz natürlich, weil dieſe Widmung mir zwei oder dreihundert Franken eintragen wird.“ „Zwei oder dreihundert Franken? Wie ſoll das zugehen?“ „Nichts einfacher als das . . . Indem ich Cle⸗ mence Hervé um die Erlaubniß erſuche, ihr meinen neueſten Roman zu widmen, will ich ſie (die Heuch⸗ lerin wird mir auch das nicht abſchlagen können) zugleich bitten, mir als Antwort auf meine Widmung einige Zeilen zu ſchreiben, und mir den Abdruck der⸗ ſelben vorn in meinem Buche zu geſtatten. Das Publicum iſt ſo dumm in das Talent dieſer Socia⸗ liſtin vernarrt, daß ein Brief von ihr doppelten Werth hat. Dadurch gewinnt das Buch bei gewiſſen Einfaltspinſeln an Anſehen und geht beſſer ab; mein Verleger hat zu mir geſagt: Wenn Sie einen Brief von Clemence Hervé als Antwort auf Ihre Widmung erhalten, ſo bezahle ich Ihnen, je nach 117 der Länge dieſes Briefes, zwei oder dreihundert Franken mehr für Ihr Manuſcript.“ „Ei der Tauſend, — dann haſt Du freilich Recht, Major, dieſe Widmung hat allerdings ihren Werth. Was iſt aber jetzt der zweite Grund, der Dich ver⸗ anlaßt, Deinen Roman die Liebe im Galopp Deiner Todfeindin zu überreichen?“ Dieſer zweite Grund oder vielmehr die Haupt⸗ urſache, warum Virginie Robertin dieſen Schritt that, war der Wunſch ſich, wie ſie ſagte, in der feindlichen Feſtung einzuführen, um die Wirkung zu beurtheilen, welche ihr verführeriſches Geäugel auf Philipp hervorgebracht, und zu erkunden, ob, wie ſie nicht zweifelte, die Leſung des modernen Che⸗ rubin ihre Früchte getragen habe; aber trotz ihrer ſtolzen Verachtung gegen die Eiferſüchteleien ihres Gatten hielt ſie es nicht für paſſend, ihn über das Motiv, das ſie zu der berühmten Schriftſtellerin führte, ins Klare zu ſetzen. Sie antwortete daher, was übrigens auch wahr war: „Der Zufall will, daß wir Nachbarn von Cle⸗ mence Hervé ſind, und wir müſſen dieſen Zufall be⸗ nutzen; die Welt iſt ſo dumm, ſo ſchöpſenartig in ihrer Bewunderung, daß dieſe Frau in großem An⸗ ſehen ſteht. Wir führen uns durch die Ueberreichung meines Buchs bei ihr ein, und dadurch wird ein lebhafter Verkehr zwiſchen uns entſtehen; nun will es in den Augen der Dummköpfe bereits etwas heißen, im Geſpräch hinwerfen zu können: Neulich ſagte mir Clemence Hervé das, oder auch: Philipp Hervé, der junge Bildhauer, der bereits ſo berühmt iſt, hat mir das und das geſagt. Die Achtung und Ehrer⸗ 118 bietung, womit man dieſe Leute auf ſo dumme Weiſe umgibt, fällt dann auch auf mich zurück, und die Maulaffen werden mich ehrfurchtsvoll anſehen und ſagen: Virginie Robertin kommt zu Clemence Hervé. Dies gibt mir eine Stellung und imponirt.“ „Satansmajor, wie abgeſchlagen und pfiffig Du biſt, wie geſchickt Du dieſe Widmung und beſonders die Antwort von Clemence Hervé auszubeuten weißt! Ja, wahrhaftig, jede Zeile von ihr und noch einigen andern iſt ein wahrer Goldbarren. . . . erinnerſt Du Dich, daß Dein Buchhändler neulich zu uns ſagte: Clemence Hervé, George Sand, Frau Emile von Girardin, Daniel Stern und Maria Saint⸗Clair ſind, jede in ihrer Art, fünf Für⸗ ſtinnen der Literatur. Man ſchickt ihnen unter⸗ zeichnete Verträge in Blanco zu. Sie beſtimmen ſelbſt den Preis ihrer Werke. Maria Saint⸗Clair . . .“ Herr Robertin ſchlug ein lautes Gelächter auf und fügte dann hinzu: „Ah, ah, wenn ich daran denke, daß Maria Saint-Clair in Folge Deines Feuilletons, wo Du ſie ebenfalls demolirt haſt, jetzt für einen ehemaligen Ladenſchwengel Namens Mau⸗ rice Albert Lemaheue gilt! Welch eine gute Farce! Und beſonders welche Dreiſtigkeit! Denn unter uns geſagt, Major, Du weißt ebenſo wenig als ich, ob dieſe Maria Saint⸗Clair ein Mann oder ein Frauenzimmer iſt. Es kennt ſie ja Niemand.“ „Ich bin feſt überzeugt, daß ſie ein Frauen⸗ zimmer iſt.“ „Zum Teufel, woher kannſt⸗ Du dieſe Ueber⸗ zeugung haben?“ „Von der Antipathie und Abneigung, welche — 119 dieſe geheimnißvolle Rhapſodienfabrikantin mir ein⸗ flößt. Oh, wie habe ich mich nicht über die Lobes⸗ erhebungen, die man dem Genie dieſer Tollhäuslerin zuerkennt, geärgert und erbost! Von den einfältigen Vermuthungen, die man über ihre Jugend und ihre Schönheit aufſtellte, will ich gar nichts ſagen ... Eine ſolche Muſe ſollte durchaus jung und entzückend ſchön ſein . . . Ich habe deßhalb mit der Nadel in den Luftballon dieſer dummen Einbildungen und nicht minder dummen Bewunderungen geſtochen, indem ich verſicherte, daß dieſe Muſe mit ſtrahlender Stirne, dieſer Engel mit azurnen Flügeln ganz und gar kein Talent habe und Niemand anders ſei als ein ge⸗ wiſſer ehemaliger Ladenſchwengel Lemaheuc. Ich habe ferner die angebliche Maria Saint-Clair auf⸗ gefordert, die Thatſache zu leugnen, indem ich zum Voraus erklärte, daß ich ihr Stillſchweigen als einen Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptungen be⸗ trachten würde.“ „Dies war ſehr ſchlau von Dir, denn Maria Saint⸗Clair, die ohne Zweifel wichtige Gründe hat unbekannt bleiben zu wollen, hat kein Wörtchen ge⸗ ſagt und Dir gewonnen Spiel gelaſſen . Die Einen glauben an die Exiſtenz eines Maurice Albert Lemaheuc und die Andern wagen weder Ja noch Nein zu ſagen.“ „Hätte mein Feuilleton kein anderes Reſultat gehabt, als daß es Zweifel in den Gemüthern er⸗ regte, ſo wäre ich damit ſchon zufrieden,“ antwortete Frau Robertin mit einem Lächeln feindſeligen und triumphirenden Haſſes. „Ich habe den Engel der Poeſie mit Spott übergoſſen. Die Cretins können 120 ſie noch als Dichterin bewundern, obſchon ich ſie ſchmählich demolirt habe. Aber den möchte ich ſehen, der ſie jetzt noch als Frau idealiſiren möchte. Ich fordere Alle heraus das zu thun . . . Sie werden jetzt unwillkürlich fürchten müſſen, die anbetungs⸗ würdige Muſe ihrer Träume könnte ſich in einen pausbäckigen bärtigen Geſellen verwandeln, deſſen dicke rothe Pfoten noch von den lieblichen Wohlge⸗ rüchen der Seife und der Talglichter duften, die er ehedem in Boſton feil geboten.“ „Ah, ah, Major, welchen Zahn Du haſt, eine wahre Schlangenzunge! Niemand entgeht Deinen Biſſen, weder eine Maria Saint-Clair noch eine Clemence Hervé . . . Was noch das Drolligſte iſt, Du wirſt die Letztere tüchtig an der Naſe herum⸗ führen Dann fügte Herr Robertin mit einem verſtohlenen und heimtückiſchen Blick auf ſeine Frau in ganz un⸗ gezwungenem Tone hinzu: „Apropos, der Sohn dieſer Tugendheldin, über die Du Dich ſo hübſch luſtig machſt, hat, obgleich noch ſehr jung, bereits ein großes Talent . Du haſt mir ja doch, glaub' ich, geſagt, daß er jung ſei, unſer Nachbar?“ „Ja,“ antwortete Virginie mit einem durchdrin⸗ genden Blick auf ihren Mann, „er iſt achtzehn Jahre alt, und man ſagt, er ſei ſchön wie ein Engel.“ „Hm,“ machte Herr Robertin in immer gleich⸗ gültigerem Tone. Dann fügte er mit einem erzwun⸗ genen Lächeln hinzu: „Wird Dir dieſer Burſche viel⸗ leicht auch einmal als Held zu einem Romane dienen? He, he, wer weiß?“ 12¹ „Das könnte wohl geſchehen, denn ich habe noch nie einen jungen Bildhauer, der einzig und allein in ſeine Kunſt verliebt iſt, in Scene geſetzt; aber,“ bemerkte die Schriftſtellerin, indem ſie ihren Mann feſt anſchaute, „warum dieſe Frage, wenn ich bitten darf?“ „Warum? Damit ich mich vorbereiten kann ein neues Meiſterwerk aus der Feder meines angebeteten Majors zu bewundern, welcher alle Schriftſtellerinnen aus dem Sattel hebt und mit Clemence Hervé den Anfang machen wird. Mit welchem Stolz ſehe ich Deine Berühmtheit von Tag zu Tag zunehmen . . . Du biſt ſchon jetzt ſechs Fuß hoch, Major, Du wirſt bald zwölf Fuß haben. Du wirſt eine Jit ein Coloß werden . . . Ach, warum muß ich. „Vollende .. . „Du könnteſt böſe werden.“ ſprich!“ Was ich da ſage, Major, ſage ich nicht um meinetwillen. 4 „Ei ſo ſprich doch einmal und erkläre Dich deutlich.“ „Nun wohl, ich verſichere Dich, es iſt wahrhaft demüthigend für Dich, daß man im Publicum ſagt: Iſts möglich, daß der Mann dieſes famöſen Majors Sauſewind, der ein Meiſterwerk ums andere ſchreibt, ein elender Kanzleibeamter iſt? — Es iſt ſchmählich, es iſt abſcheulich. 6 „Ah,“ verſetzte Frau Robertin, indem ſie ſich zu⸗ ſammenhielt, „Du glaubſt alſo, daß man dies ſage?“ „Ob ich es glaube?. . Ich verſichere Dich, es iſt ein allgemeines Geſchrei. Dies ſchadet Dir un⸗ 122 geheuer. Trotz Deines Genies mußt Du die Frau eines Beamten ſein. Du, die Du einen Fürſten zum Gatten haben müßteſt, wenn der Himmel gerecht wäre! Es wäre alſo ein ungeheurer Vortheil für Deine Eigenliebe und in ietn weit paſſen⸗ der, wenn ich dieſes abſcheuliche Bureau nicht mehr betreten müßte, wo . . . ich . . .“ „Ich habe Dich da erwartet, Schlingel; wahr⸗ haftig, die Hartnäckigkeit Deiner Faulheit kommt bloß Deiner ſchmählichen Eiferſucht gleich. Siehſt Du, wie Du, bei dem Gedanken, daß der Sohn von Cle⸗ mence Hervé für mich vielleicht der Gegenſtand einer literariſchen Studie wird, auf tauſend heuchleriſchen Umwegen zu Deiner Lieblingschimäre zurückkehrſt, nicht mehr auf Dein Bureau zu gehen, um mich ſchmählich auszuſpioniren.“ „Major . . . Du täuſcheſt Dich .. „Schweig, da kommt Clemence Hervé,“ herrſchte Virginie Robertin ihrem Manne zu, als ſie Philipp und ſeine Mutter in den Salon treten ſah. Das zärtlich ernſte Geſpräch, welches Clemence Hervé und ihr Sohn am väterlichen Grabe geführt, hatte die gehofften Reſultate gehabt; die Weisheit und herzdurchdringende Sanftmuth ihrer Vorſtellun⸗ gen, die Feierlichkeit des Ortes, die große Anhäng⸗ lichkeit Philipps an ſeine Mutter, die Gewohnheit in ihr ſeine höchſte Lebensführerin zu ſehen, die rührenden Erinnerungen, die ſie hervorrief, brachten 123 ihn wieder zur Vernunft; ſein beunruhigter Geiſt, ſeine durch die Gährungsſtoffe einer gefährlichen Lec⸗ türe aufgeregten Sinne beſchwichtigten ſich, und es gelang ihm, das verführeriſche Bild der Unbekannten zu bannen, die er ſiſnigen Tagen mehrmals in dem benachbarten Garten geſehen hatte, und welche ihm die Sinnlichkeit des tollen abenteuerlichen Lebens, das in dem modernen Cherubin ſo ſchwunghaft geſchildert war, zu perſonifiziren ſchien. Philipp ſchämte ſich alſo der Art, wie er ſich hatte hinreißen laſſen, und empfand den wohlthätigen Einfluß der Rathſchläge ſeiner Mutter; neugeſtärkt und erheitert, gelobte er ihr und ſich ſelbſt entſchloſſen und auf⸗ richtig in ſeinen gewöhnlichen Arbeiten ſowie in der Liebe ſeiner Mutter die unſittlichen Verſuchungen zu vergeſſen, und dereinſt vielleicht den Zauber der keu⸗ ſchen und würdigen Liebe zu koſten, deren Entzückun⸗ gen ſie ihm ſchilderte. . Aber ach, Philipp fühlte, daß ſeine guten Vor⸗ ſätze wankten, als er ganz unerwartet im Salon ſeiner Mutter Virginie Robertin traf, die ihm in der Nähe noch hübſcher erſchien, als aus der Ferne; der junge Menſch erröthete, als er den electriſchen Schlag eines kühnen Blickes empfing, welchen Frau Robertin ihm zuſchleuderte, als er hinter Clemence Hervé eintrat. Letztere bemerkte dieſen Blick, deſſen Aus⸗ druck ihrem Scharfſinn als Frau und Mutter nicht entgehen konnte; dann erinnerte ſie ſich plötzlich, daß ſie am Morgen unter den Bäumen des Gartens, auf welchen das Fenſter von Philipps Werkſtatt ging, ein Frauenzimmer geſehen hatte, deſſen Züge ſie nicht zu erkennen vermochte. Die ſteigende Verlegenheit 124 ihres Sohnes und der Blick, den ſie ſo eben über⸗ raſcht hatte, waren für ſie beinahe eine Enthüllung. Sie glaubte alſo, Philipp habe ſich in dieſe unbe⸗ kannte Nachbarin verliebt, und ihre Unruhe erwachte von Neuem mit erhöhter Stärke, als ſie die kaum in Schranken gehaltene Dreiſtigkeit dieſer hübſchen jun⸗ gen Frau bemerkte, deren Namen ſie nicht kannte, und deren entſchloſſene Haltung, ſowie ein gewiſſes Etwas, das ſich für die geübten Augen des Beob⸗ achters verrieth, eine ungemeine Lockerheit der Sit⸗ ten und die Gewohnheiten ſchlechter Geſellſchaft zu verkündigen ſchienen. „Ach,“ ſagte Clemence Hervé zu ſich, „ſo eben noch hoffte ich mit der größten Zuverſicht meinen Sohn dem Einfluß einer unſeligen Lectüre entziehen zu können, aber jetzt zittere ich, da ich ſehe, um wie viel drohender die Gefahr dieſer Lectüre wird, wenn ſie ein verführeriſches und verdorbenes Weib zur Bundesgenoſſin hat. Aber wer iſt dieſe Perſon? Und wenn mich mein Urtheil über ſie nicht täuſcht, wie kann ſie die Frechheit haben ſich bei mir ein⸗ zufinden?“ XX. Die vorſtehenden Betrachtungen hatten ſich ſchnell wie der Gedanke Clemence aufgedrungen, während ſie von der Schwelle des Salons auf Virginie Ro⸗ bertin zuging, die ihrerſeits, gefolgt von ihrem Ge⸗ mahl, welcher einen neugierigen, aufmerkſamen und heimtückiſchen Blick auf Philipp heftete, der Dame des Hauſes entgegenkam. 125 „Madame,“ ſagte Clemence Hervé kalt, „darf ich wiſſen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen?“ „Madame,“ antwortete Frau Robertin mit einer tiefen Verbeugung, während ihr Gemahl, der hinter ihr ſtand, ein Mal ums andere ſalutirte, „ich habe mir die Freiheit genommen Ihnen in meiner Eigen⸗ ſchaft als neue Nachbarin meinen Beſuch zu machen; ich würde hinzuzufügen wagen, in meiner Eigenſchaft als Collegin, wenn nicht zwiſchen meinen beſcheide⸗ nen Verſuchen und den mit Recht ſo berühmten Werken, die man Ihrem, in der ganzen Welt be⸗ kannten Genie verdankt, ein ungeheurer Abſtand wäre; ich muß daher ſehr auf Ihre Nachſicht rech⸗ nen, indem ich Sie erſuche, gefälligſt die Huldigung eines meiner letzten Werke annehmen zu wollen.“ Mit dieſen Worten überreichte Virginie der be⸗ rühmten Schriftſtellerin die zwei Werke, die ſie aus den Händen ihres Mannes nahm, der von Neuem ein Mal ums andere grüßte und dabei beſtändig Philipp anſah. Dann blies er ſeine Backen auf und ſagte, mit triumphirendem Stolz auf die Bücher deutend, welche Clemence Hervé ſo eben in Empfang genommen hatte und auf einen in der Nähe ſtehen⸗ den Tiſch legte: „Madame, dieſer Roman führt den Titel: die Liebe im Galopp von Major Sauſewind, gebor⸗ ner Virginie Dutillet, verehelichter Robertin.“ Dabei warf er ſich in die Bruſt und fügte wohl⸗ gefällig hinzu: „Der Major iſt meine Frau!“ 126 XI. Ein Augenblick ausdruckvollen Schweigens folgte unter den handelnden Perſonen dieſer Scene, als Virginie Robertin ihr Buch überreicht hatte. Cle⸗ mence Hervé war anfangs ganz verblüfft, aber bald bebte ſie vor Ekel, Entrüſtung und Furcht. Dieſe junge Frau, die ſich ſo leichtweg unter dem Vorwand der Nachbarſchaft und literariſcher Collegialität in ein fremdes Haus einführte, war die Verfaſſerin des unſittlichen Werkes, deſſen ſchädlichen Einfluß Philipp bereits empfunden hatte; dieſe junge Frau, deren Namen und traurige literariſche Berühmtheit er aller⸗ dings bis jetzt nicht gekannt, hatte ihn durch die Reize ihrer Perſon verführt, und ſie wagte es frech in ein geachtetes und achtungswerthes Haus zu dringen, um ohne Zweifel ihrer ehebrecheriſchen Liebe Vorſchub zu leiſten; ja, ſie machte ſogar ihren Gat⸗ ten zum Zeugen, zum Mitſchuldigen oder Opfer ſo großer Schamloſigkeit. Gleichwohl hatte Clemence Hervé noch eine ein⸗ zige Hoffnung: ihr Sohn hatte ihr erſt vor einigen Augenblicken verſichert, daß er nach einem Moment gefährlichen Taumels feſt entſchloſſen ſei zu den Ge⸗ wohnheiten ſeines früheren Lebens zurückzukehren; er mußte alſo, wenn er in Virginie Robertin die Verfaſſerin des modernen Cherubin erkannte, ſich mit Verachtung von ihr abwenden. Unglückli⸗ cher Weiſe war dies nicht der Fall. Als Philipp vernahm, daß dieſe reizende Frau, deren Anblick und herausforderndes Augenſpiel ſo 127 lebhaften Eindruck auf ihn gemacht hatten, die Ver⸗ faſſerin dieſes luſtigen, ausſchweifenden und glühen⸗ den Buches ſei, dachte er, ſie müſſe, nach ihren Wer⸗ ken zu ſchließen, mit ihren Reizen einen originellen Geiſt, voll von Salz, Lauge und Heiterkeit, ſo wie einen kühnen, zu tollen Abenteuern und glühender Lebensluſt geneigten Charakter verbinden. Der Kopf des jungen Menſchen gerieth daher von Neuem in Unordnung: ſein Blut entzündete ſich abermals, die tugendhaften Entſchlüſſe, die ſeine Mutter ſo eben in ihm hervorgerufen, entſchwanden wie ein trauri⸗ ger Traum; er überließ ſich der ſüßeſten Hoffnung, er ſuchte ſich in ſeinen eigenen Augen zu entſchuldi⸗ gen oder vielmehr zu täuſchen, und erblickte in dem Beſuch, den die Schriftſtellerin bei ſeiner Mutter machte, einen rührenden Beweis von Ehrfurcht und Bewunderung. Er wünſchte ſich Glück zu dem leb⸗ haften Verkehr, der ſich ohne Zweifel zwiſchen den beiden Damen entſpinnen würde, zu ihrer Nachbar⸗ ſchaft und ihren literariſchen Beziehungen, und er vergaß im Entzücken ſeiner Hoffnung bereits den energiſchen Tadel, welchen Clemence Hervé über den modernen Cherubin und die Verfaſſerin dieſes erotiſchen Buches ausgeſprochen hatte. Frau Robertin triumphirte; ſie bemerkte die Ent⸗ rüſtung und Beſorgniß, welche Philipps Mutter kaum zu verhehlen vermochte; ſie bemerkte auch die unaus⸗ ſprechliche verliebte Hoffnung, wovon die Augen des jungen Mannes ſtrahlten. Herr Robertin ſeinerſeits freute ſich bald über die literariſchen und materiellen Vortheile, welche der Beſuch bei Clemence Hervé dem Major Sauſewind verſchaffen mußte, und lächelte 128 wohlgefällig; bald dagegen überließ er ſich den un⸗ überwindlichen Ahnungen einer Eiferſucht, deren Un⸗ muth er kaum zu verrathen wagte, und beobachtete Philipp mit peinlicher Beſorgniß. Die lächerliche, in der Regel ängſtliche, gutmüthige oder dumme Phyſiognomie des Herrn Robertin nahm dann einen ſo ſchmerzlichen Ausdruck an, daß er einiges Mit⸗ leid einflößen konnte. XXII. Clemence Hervé wußte zu wohl, was ſie ſich ſelbſt ſchuldete, um vor ihrem Sohn den lebhaften Gemüthsbewegungen, welche die Gegenwart und die Pläne der Frau Robertin ihr verurſachten, freien Lauf zu laſſen. Sie legte die zwei Bände, welche den Titel führten: „Die Liebe im Galopp“, auf den Tiſch, und indem ſie ſelbſt ſtehen blieb, um ihre ſelt⸗ ſame Beſucherin nicht zum Sitzen auffordern zu müſſen, antwortete ſie mit eiſiger Kälte: „Madame, ich kann das Buch, das Sie mir zu bringen ſich die Mühe geben, nicht ablehnen, aber meine Geſchäfte werden mir nicht erlauben es zu leſen.“ „Ach, Madame, das iſt ſehr Schade,“ verſetzte Herr Robertin, der abwechſelnd von ſeinen eiferſüch⸗ tigen Inſtinkten und von ſeiner Bewunderung für ſeine Frau beherrſcht wurde; „Sie würden in der Liebe im Galopp einen gewiſſen Schurken von Capitän Granmanche finden, der . “ „Madame,“ ſprach Virginie Robertin demüthig, 129 indem ſie ihrem Mann ins Wort fiel, „ich würde mirs wie ein Verbrechen vorwerfen, wenn ich Sie im Geringſten von Ihren Arbeiten abzöge, welche die Bewunderung der Welt ausmachen; inzwiſchen erlauben Sie mir noch zu hoffen, daß Sie vielleicht eines Tages die Güte haben werden Ihre Augen auf das höchſt unvollkommene Werk zu werfen, das ich Ihnen anzubieten mich ſo glücklich ſchätze; Sie werden mir dann gütigſt ſagen, was Sie von dieſem Buche denken; der Beifall eines ſo berühmten Ge⸗ nies wie Sie, Madame, wenn ich je das Glück hätte ihn zu verdienen, wäre eine Belohnung und eine Aufmunterung für mich. Sollten Sie dagegen ein ſtrenges Urtheil über mein Buch fällen, ſo würde ich Ihre Kritiken mit der gebührenden Ehrerbietung und Folgſamkeit annehmen, und unſere freundnach⸗ barlichen Beziehungen würden für mich einen dop⸗ pelten Werth erhalten, da ſie mir geſtatteten, von Ihren wohlwollenden und vortrefflichen Rathſchlägen Gebrauch zu machen.“ „Madame,“ ſagte Clemence Hervé lebhaft, „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Madame, daß ich mir die Freiheit nehme Ihnen ins Wort zu fallen,“ ſagte Virginie Robertin raſch; „erlauben Sie mir gütigſt nur noch ein einziges Wort; ich bin mit mei⸗ nen Indiscretionen noch nicht zu Ende, und Sie müſſen mir geſtatten, ein Buch, das ſich gegenwärtig unter der Preſſe befindet, Ihnen widmen und unter Ihren hohen Schutz ſtellen zu dürfen. Es führt den Titel: Alles für das Vergnügen.“ „Alles für das Vergnügen,“ fügte Herr Sue, der Teufel als Arzt. II. 9 130 Robertin hinzu, der ſich's zur Ehre ſchätzte, zeigen zu können, daß er der Vertraute der Werke ſeiner Frau war. „Alles für das Vergnügen heißt der Refrain einer kleinen Teufelin von Turlu⸗ dbie „Madame,“ ſagte Virginie, indem ſie ihren Gat⸗ ten von Neuem unterbrach; „ich wage zu hoffen, daß Sie nicht nur die Widmung des Buches Alles für das Vergnügen“ annehmen, ſondern mich auch mit einigen Zeilen Antwort erfreuen werden, die ich meinem Werke vorſetzen kann; ſie wären für mich eine große Ehre und für mein Werk eine ſichere Bürgſchaft des Erfolges.“ Frau Robertin ſprach dieſe Worte mit einſchmei⸗ chelnder Stimme, ſo daß Philipp, der ſie mit lebhaftem Intereſſe angehört hatte, und in ſeiner Unſchuld dieſe Redensarten heuchleriſcher Bewunderung für baare Münze nahm, glaubte, ſeine Mutter habe un⸗ willkürlich vergeſſen, ihre Bewundererin ſitzen zu heißen; er brachte daher höflich zwei Stühle, auf denen Herr und Frau Robertin ſogleich Platz nah⸗ men. Letztere dankte dem jungen Mann mit einem zauberiſchen Blick und ſagte mit koſender Stimme zu ihm: „Tauſend Dank, mein Herr! Dieſe Zuvorkom⸗ menheit von Seiten einer Perſon, deren Talent ich leidenſchaftlich verehre, iſt mir doppelt angenehm.“ Dann fügte ſie lächelnd, halblaut und in vertrau⸗ lichem Tone hinzu: „Sehen Sie, Herr Philipp, da ich doch einmal im Zuge bin ſchmählich indiscret zu ſein, ſo will ich mir auch von Ihmen eine Gunſt ausbitten, nachdem ich mir von Ihrer erlauchten 131 Mutter eine ſolche erbeten habe .. . Es würde mich unendlich glücklich und ſtolz machen, wenn Sie die Güte haben wollten meine Büſte zu modelliren.“ „Hm, hm,“ brummte bei dieſem Vorſchlag Herr Robertin, deſſen Züge ſich plötzlich verdüſterten; ſie ſchienen ſich indeß unter einem raſchen und gebiete⸗ riſchen Blick der Schriftſtellerin wieder zu erheitern, und er verſetzte mit erzwungenem Lächeln: „Dieſer Ruhm fehlte dem Major noch . . . Seine Büſte wird auf den Quais verkauft werden. Deßhalb würde es Herr Philipp ohne Zweifel vorziehen, wenn der Major ihm in Herrenkleidern ſäße, hm, hm ... und nicht als Frau . . . denn . . .“ Ein neuer Blick von Virginie unterbrach ihren Mann, und Philipp antwortete mit ſeligem Erröthen: „Madame, das Werk, das Sie von mir zu for⸗ dern die Güte haben, wird vielleicht über meine Kräfte gehen . . . aber ich werde es wenigſtens verſuchen.“ „Wie liebenswürdig Sie ſind . . . Morgen alſo unſere erſte Sitzung . . . Ich werde um zehn Uhr Morgens in Ihrer Werkſtatt ſein,“ antwortete Frau Robertin lebhaft; dann bot ſie, wie in einer Re⸗ gung treuherziger Dankbarkeit, dem jungen Bild⸗ hauer ihre Hand hin. Dieſer nahm ſie zitternd und fuhr zuſammen, als er einen ſanften Druck ver⸗ ſpürte. 132 XXIII. Clemence Hervé hatte mit lebhafter innerer Un⸗ zufriedenheit zugeſehen, wie ihr Sohn, der übrigens bloß eine Regel conventioneller Höflichkeit befolgen wollte, den Robertin'ſchen Eheleuten Stühle bot und ſie dadurch in den Stand ſetzte eine Unterhaltung zu verlängern, deren baldiges Ende ſie aus tauſend Gründen herbeiwünſchte. Sie konnte jetzt ihren Augen und Ohren kaum trauen und hatte Anfangs geſchwie⸗ gen. Ihre Beſcheidenheit ging allerdings Hand in Hand mit ihrem Genie, aber dennoch kannte ſie den ſittlichen Werth ihrer Werke gut genug, um ſich zu fragen, in Folge welcher Verirrung des Geiſtes oder welcher maßloſen Unverſchämtheit die Verfaſſerin des modernen Cherubin, nachdem ſie Philipp zur Leſung dieſes erotiſchen Buches verleitet, indem ſie es in ſeine Werkſtatt geworfen, jetzt wagen könne, ihr, Clemence Hervé, die Widmung eines Romans anzubieten, der den Titel führte: „Alles für das Vergnügen“, und ſich dafür ein öffentliches Be⸗ glückwünſchungs- oder Dankſchreiben zu erbitten. Ganz beſonders aber empörte ſie die Schamloſigkeit dieſer Frau, die ſich nicht entblödete in Gegenwart ihres Mannes dem jungen Bildhauer, unter dem Vorwand einer Kunſtſitzung, auf den folgenden Tag ein Rendezvous zu geben. So verdutzt ſie anfangs geweſen war, als ſie ſo ſchnell eine Unterhaltung ſich entſpinnen und dieſelbe ſo raſche Fortſchritte nehmen ſah, ſo feſt entſchloß ſie ſich jetzt mit Härte durchzufahren, zumal da Frau Robertin ihr Still⸗ 133 ſchweigen ganz falſch auslegte, indem ſie ſich höchſt ungezwungen an Philipp wandte und zu ihm ſagte: „Ich wage zu hoffen, daß nach dem gewöhnlichen Sprichwort: Wer ſchweigt, willigt ein, Frau Cle⸗ mence Hervé mir eben ſo viel Wohlwollen wie ihr Sohn bezeugen, daß ſie die Widmung meines neuen Romans annehmen, und mir mit einigen koſtbaren Zeilen von ihrer Hand darauf antworten wird; ich wiederhole es, daß dieſe Antwort, wenn ich ſie ver⸗ öffentlichen dürfte, mir eine ſichere Bürgſchaft des Erfolges für meinen neuen Roman Alles für das Vergnügen wäre.“ „Madame,“ antwortete Clemence Hervé mit lauter und feſter Stimme, indem ſie einen ſtrengen Blick auf Virginie warf, „ich kann die Widmung Ihres Buches nicht annehmen und ebenſo wenig Ihnen einen öffentlichen Beweis von Sympathie oder Werthſchätzung geben.“ „Wäre es unbeſcheiden, Madame, wenn ich Sie um die Urſache einer Weigerung fragen wollte, die mich ebenſo überraſcht als betrübt?“ verſetzte Frau Robertin, indem ſie ein tiefes Erſtaunen heuchelte und ihre geheime Erbitterung unter einem Anſchein von ergebungsvoller Traurigkeit verbarg, wodurch Philipp ſich täuſchen ließ, denn er ſagte zu ſich: „Die arme Frau! Ihr Kummer und ihre Be⸗ ſchämung gehen mir zu Herzen! Wie kann doch meine Mutter, die ſonſt ſo höflich und wohlwollend iſt, einen immerhin ſchmeichelhaften Beweis von Ehr⸗ erbietung mit ſolcher Härte aufnehmen?“ „Madame,“ erwiderte Clemence Hervé, „Sie 134 wünſchen die Urſache meiner Weigerung zu er⸗ fahren?“ „Ja, Madame,“ antwortete Virginie Robertin, indem ſie ſich ehrfurchtsvoll verneigte und Philipp einen langen Blick zuwarf, der ihn zu inniger Zärt⸗ lichkeit ſtimmte. „Madame,“ ſagte Clemence Hervé, „Sie ſind die Verfaſſerin eines Buches, das den Titel führt: der moderne Cherubin?“ „Es iſt eines meiner letzten Werke, Madame.“ „Ein . . . Zufall hatte dieſes Buch in die Werk⸗ ſtatt meines Sohnes geworfen,“ ſagte Clemence Hervé mit einem bedeutſamen Blick auf Virginie; „und zufällig habe ich das Buch geöffnet.“ „Sollten Sie vielleicht die Güte gehabt haben es anzuſehen, Madame?“ „Ich habe noch mehr gethan; ich habe den Muth gehabt das Werk ganz durchzuleſen.“ „Mein ſehr unvollkommenes Werk hat Ihnen ohne Zweifel mißfallen?“ „Unvollkommen? . . . Nein, Madame,“ ſagte Clemence Hervé, indem ſie Virginie das Wort ab⸗ ſchnitt, „Ihr Werk iſt vielmehr in ſeiner Art durch⸗ aus vollkommen; es verhöhnt alle edlen Gefühle; es verherrlicht alle ſchlechten Inſtincte; es preist alle plumpen Gelüſte; über die Sittenloſigkeit der Gemälde, wovon dieſes Werk wimmelt, will ich nichts ſagen . . . eine rechtſchaffene Frau wird vor gewiſ⸗ ſen Bildern roth, wendet den Kopf ab, geht vorbei, und ſpricht kein Wort.“ „Mein Gott, Madame,“ ſagte Lirginie mit er⸗ — 135 heuchelter Ueberraſchung, „ich hätte alſo, ohne es zu wiſſen, ein furchtbar gefährliches Buch ge⸗ ſchrieben?“ „O, beruhigen Sie ſich, Madame ... ſo ſchmei⸗ chelhaft auch für gewiſſe Geiſter der Glaube ſein mag, daß ſie den Genius des Böſen vertreten, wel⸗ chem gegenüber Vernunft und Tugend zitternd ihre Ohnmacht bekennen, ſo darf man dieſen Geiſtern doch ihren Irrthum, der ihrem boshaften und lächer⸗ lichen Hochmuth ſo theuer iſt, nicht laſſen. Aller⸗ dings kann die geſundeſte Organiſation für einen Augenblick dem Einfluß eines giftigen Trankes unter⸗ liegen, oder die Miasmen einer ſtinkenden Ausdün⸗ ſtung einathmen; aber Gott ſei Dank, jedes Gift hat ſein Gegengift; ein reiner Luftzug genügt, um die Atmoſphäre wieder zu läutern; alſo müſſen das Gift oder das Miasma auf die Anmaßung verzichten einen dauernden Einfluß auszuüben; ſie müſſen ſich in be⸗ ſcheidener Reſignation begnügen Erbrechen zu erregen, einige Augenblicke des Schwindels und andere vor⸗ übergehende Zufälle, deren Heilung keinem Zweifel unterliegt, zu verurſachen. Aber kehren wir zu Ihrem Roman: der moderne Cherubin, zurück, Madame, und um Sie vollſtändig über den gefähr⸗ lichen Einfluß zu beruhigen, den Sie ihm zuzuſchrei⸗ ben belieben, will ich Ihnen eine ſehr bedeutſame Thatſache anführen. Mein Sohn hat dieſes Buch geleſen „ „Wirklich, Herr Philipp?“ verſetzte Virginie ſchamlos, indem ſie ſich an den jungen Mann wandte. „Sie haben den modernen Cherubin geleſen. Nun wohl, geſtehen Sie mir aufrichtig, was denken 136 Sie von dieſem Werke, das ohne mein Wiſſen und zu meinem tiefen Bedauern eine ſo giftige Verdor⸗ benheit ausathmet?“ Philipp gerieth in große Verlegenheit; er wurde roth, ſchlug ſeine Augen nieder, ſtammelte, und ſeine Mutter übernahm es Virginie zu antworten: „Hören Sie, Madame, was mein Sohn ſo eben zu mir ſagte: Wahrhaftig, liebe Mutter, wenn ich daran denke, daß ich dieſem Roman ohne Talent, ohne Styl, ohne Beobachtung, worin Alles falſch und unmöglich iſt, Leidenſchaften, Charakter und Er⸗ eigniſſe, einigen Einfluß auf mich geſtattet habe .. dieſem Roman, der die plumpſte Sinnlichkeit predigt, worin ſich auf jeder Seite jene ſtkeptiſchen Bettel⸗ mannsſprüche, jene abgedroſchenen cyniſchen Phraſen breit machen, worüber der einfache Menſchenverſtand ſchon längſt gerichtet hat, ſo frage ich mich, wie ein ſolches Buch einen gewiſſen Eindruck, nicht auf mein Herz, ſondern auf meinen Geiſt, ausüben konnte, und ich meine von einem böſen Traum geäfft wor⸗ den zu ſein . . . Glücklicher Weiſe haben einige Worte aus Deinem Munde genügt, um dieſen Traum zu verſcheuchen und mich zu den Grundſätzen meines ganzen Lebens zurückzuführen.“ „Ach, Mutter,“ rief Philipp, purpurroth vor Unmuth und Beſchämung, „Du mißbrauchſt da...“ „Ich mißbrauche ein Geſtändniß, das Deinem Geiſt und Deinem Herzen Ehre macht, liebes Kind? Ich bereue meine Indiscretion keineswegs, ſondern freue mich vielmehr darüber; Madame wird jetzt ohne Zweifel die Gründe begreifen, warum ich die Wid⸗ mung ihres neuen Werkes, deſſen Titel Alles für — — 137 das Vergnügen allein ſchon vollkommen bezeichnend iſt, nicht annehmen kann; Madame wird endlich be⸗ greifen, daß wir Beide in unſerer literariſchen Lauf⸗ bahn ſo entgegengeſetzte Pfade wandeln, daß niemals eine Veranlaſſung zu einer Annäherung zwiſchen uns entſtehen kann . trotz unſerer Nachbarſchaft . „Ach, meine Mutter iſt wahrhaft unbarmherzig,“ ſagte Philipp zu ſich, denn die demüthige Ergebung, womit Virginie Robertin ſchweigſam und traurig die ſtrengen Worte von Clemence Hervé anzuhören ſchien, ging ihm immer tiefer zu Herzen. Herr Ro⸗ bertin ſeinerſeits dachte bei ſich: — „Ich begreife Nichts mehr, der Major bleibt ganz gelaſſen. Er läßt ſich von dieſer langweiligen Tugendheldin die härteſten Vorwürfe machen . . . Am Ende wird es doch noch übel ablaufen . . . Der Major wird zuletzt die Geduld verlieren und ſeine Krallen zeigen, eine gute Katze findet immer eine gute Ratte . . .“ — Und nach einiger Ueberlegung fuhr er fort .. . „Wir verlieren die zwei⸗ oder drei⸗ hundert Franken, welche der Major aus dem Brief von Clemence Hervé herauszuſchlagen hoffte ... Aber dafür wird auch meine Frau dieſem hübſchen Jungen nicht zur Büſte ſitzen . . . Am Ende bin ich mit dieſer Wendung der Dinge noch wohl zufrieden.“ XXIV. Nachdem Clemence Hervé der Frau Robertin be⸗ deutet hatte, daß trotz der Nachbarſchaft keinerlei Beziehungen zwiſchen ihnen ſtattfinden könnten, er⸗ 138 wartete ſie, die ſchamloſe Creatur werde ſich entfer⸗ nen; Virginie aber regte ſich nicht, ſondern verbarg ihre Wuth und ihren durch die wohlverdiente Brand⸗ markung auf's Höchſte gereizten Grimm und verſetzte mit einer Verdoppelung heuchleriſcher Ehrerbietung: „Ach, Madame, nach dem Urtheil, das Sie und Herr Philipp über mein Werk „gefält haben, muß ich ſelbſt anerkennen, daß. „Madame,“ fagte der junge Künſtler lebhaft, „bitte, glauben Sie nicht, daß. „Verläugnen Sie Ihr Urtheil nicht, junger Herr,“ verſetzte Virginie mit einem ſanften Lächeln. „Ich nehme dieſes Urtheil an, weil es auch das Urtheil Ihrer Mutter iſt. Ja, ich geſtehe es, das, was ich nur wegen der Nothwendigkeit einer Ver⸗ gleichung mein Talent zu nennen wagen möchte, hat ſich bis jetzt geſtiefelt und geſpornt mit dem Degen an der Seite und dem Federbuſch auf dem Ohr ge⸗ zeigt; kühn und galant, glich es ſo ziemlich einem ſeiner Disciplin entlaufenen Pagen, der aus der Ferne bemüht iſt in die Fußſtapfen Lord Byrons in ſeinem Don Juan, Alfred de Muſſets in ſeinen Erzählungen aus Spanien und Italien oder auch Merimees in ſeiner Clara Gazul zu treten ünd „Es iſt nutzlos, Madame, hier eine literariſche Erörterung zu verſuchen,“ ſagte Clemence Hervé mit Ungeduld. „Ich habe Ihnen geſagt, und Sie nöthi⸗ gen mich es zu wiederholen, Madame, daß es mir unmöglich iſt die Widmung Ihres Romans anzu⸗ nehmen, und da dieſes Anerbieten der einzige Grund des Beſuches war, den Sie mir gütigſt gemacht * 139 haben .. .“ fügte Clemence Hervé mit einer halben Reverenz hinzu, welche beſagte: „Da Ihr Beſuch keinen Grund mehr hat, ſo wollen Sie mich gefäl⸗ ligſt allein laſſen. — Ich werde dieſes vielleicht all⸗ zulange Geſpräch mit der Verſicherung ſchließen, Ma⸗ dame, daß es mir, ohne den Umſtand, den Sie ſelbſt hervorgerufen, und den ich niemals geſucht haben würde, nicht eingefallen wäre Ihre Werke zu kri⸗ tiſiren.“ „Ach, Madame, bereuen Sie dieſe offene und heilſame Kritik nicht,“ antwortete Virginie, indem ſie ſich in ihrem Lehnſtuhl nicht regte und einen aus⸗ drucksvollen Blick auf Philipp warf, der förmlich auf der Folter lag. Sodann fuhr ſie in einem von Dank durchdrungenen Tone fort: „Welchen Dank ſchulde ich Ihnen nicht im Gegentheil für Ihre Aufrichtigkeit, dieſe edle Eigenſchaft des Genies.. Sie geht mir zu Herzen, ſie klärt mich auf .. ſie iſt eine Offenbarung für mich. . . Ja, ſeit ich hier bin, in dieſem Heiligthum der edelſten Inſpirationen, komme ich mir ganz umgewandelt vor.“ — Bei die⸗ ſen Worten warf Virginie von Neuem einen aus⸗ drucksvollen Blick auf Philipp. — „O Dank Ihnen, Madame! O Dank! Sie haben es geſagt. Nichts iſt vergänglicher als dieſe verkehrten Beſtrebungen, welche Sie mit ergreifender Energie einem vergifte⸗ ten Trank oder mephitiſchen Miasma gleichſtellten Sie haben es geſagt: jedes Gift hat ſein Gegen⸗ gift. Ein reiner Lufthauch genügt, um die Atmo⸗ ſphäre zu läutern. Auch mir geht es bei der un⸗ widerſtehlichen Stimme des Genies und der Tugend wie Herrn Philipp, ich meine aus einem böſen 140 Traume zu erwachen, wenn ich an den beklagens⸗ werthen Gebrauch denke, den ich von meinen beſchei⸗ denen literariſchen Fähigkeiten machte . . . Ach Ma⸗ dame, ich ſchwöre Ihnen, ich werde mir Ihre Kri⸗ tiken zu Nutzen machen und meine Begeiſterung fort⸗ an in der Liebe zum Guten, zum Rechten und zur ewigen Moral ſuchen. So eben noch verglich ich mein Talent mit einem vergnügungsſüchtigen jungen Pa⸗ gen aber Ihr glücklicher Einfluß hat die Seele des jungen Pagen durchdrungen, der, Sie dürfen mir's wohl glauben, Madame, mehr kopflos und ungezogen als wirklich böſe iſt; beſchämt und reu⸗ müthig, erröthet er über ſeine bisherigen Tollheiten und hat nur noch einen einzigen Wunſch: Ihre Ach⸗ tung zu verdienen .. Wie gerne möchte ich ſagen: Ihre Zuneigung,“ fügte Virginie hinzu, indem ſie dieſe letzten Worte betonte und Philipp einen flüch⸗ tigen, leidenſchaftlichen Blick zuwarf. — „Sie haben mich umgewandelt, Madame, ich gehöre mir nicht mehr an „Ich falle aus den Wolken,“ ſagte Herr Rober⸗ tin ganz verdutzt, „der Major iſt bekehrt, er wird noch Kapuziner werden, das ſteht feſt.“ XXV. Clemence Hervé errieth den Grund der erheuchel⸗ ten Bekehrung Virginies und wurde unruhig, als ſie auf den Zügen ihres Sohnes die ſteigende Theil⸗ nahme bemerkte, welche die gewandte Heuchlerin ihm einflößte. Denn dieſer rief bald mit bewegter Stimme: 14¹ „Ach, Mutter, kann es einen ſüßeren Triumph für Dich geben als denjenigen, den Du heut ge⸗ nießeſt, wenn Du hörſt, wie Madame .. .“ „Mein liebes Kind, Du täuſcheſt Dich,“ verſetzte Clemence Hervé kalt, indem ſie ihrem Sohn in die Rede fiel. „Es iſt Madame mit dem, was ſie ſo eben geſagt, nichts weniger als Ernſt . . .“ Und indem ſie der Verfaſſerin des modernen Cheru⸗ bin einen verachtungsvollen, ſtrengen Blick zuwarf, fügte ſie hinzu: „Dieſe traurige Comödie hat bereits allzulange gedauert, Madame . . . Ich kenne den wahren Zweck Ihres Beſuches dahier . . . Ich weiß, warum Sie eine Rückkehr zu beſſeren Geſinnungen heucheln . . . Ich weiß, welche Hoffnungen Sie auf dieſen gleißneriſchen Schein bauen .. Aber Ihre Hoffnung ſoll getäuſcht werden, das verſichere ich Sie . . . Sie verſtehen mich doch?“ „Nein, Madame, nein, zu meinem großen Be⸗ dauern verſtehe ich Sie nicht,“ antwortete Frau Ro⸗ bertin ſanft und mit trefflich geſpielter Ueberraſchung; „darf ich Sie daher demüthigſt erſuchen ſich klarer auszuſprechen?“ „Madame,“ verſetzte die berühmte Schriftſtellerin mit kaum bezwungener Entrüſtung, „das heißt die Kühnheit weit treiben!“ „Ach, Mutter,“ rief Philipp im Tone ſchmerz⸗ lichen Vorwurfs, „Du biſt grauſam . . . Ei, wie! Madame nimmt Deine Kritiken mit der verdienten Ehrerbietung auf. . . Sie erkennt die Richtigkeit Deiner Rathſchläge gerne an und verſpricht Dir die⸗ ſelben zu befolgen. . . Gleichwohl ſcheinſt Du zu zweifeln ... 142 „Mein Sohn, .. ich glaube an das was glaub⸗ lich iſt, ich ſchätze was ſchätzbar iſt, und verachte verächtlich iſt . . . Verlaß Dich auf mein Ur⸗ theil.“ „Ich habe Deine Urtheile ſtets in Ehren gehal⸗ ten, liebe Mutter, weil ſie immer auf Wahrheit und Gerechtigkeit begründet waren; aber ich muß Dir mit Schmerz erklären, daß ich heute Deine gewöhnliche Billigkeit vermiſſe,“ verſetzte Philipp in zunehmen⸗ der Erbitterung und in naivem Glauben an die plötz⸗ liche Umwandlung der Frau Robertin, deren trüge⸗ riſchem Zauber er immer mehr unterlag. — „Ich beſchwöre Dich, liebe Mutter,“ fuhr der junge Mann fort, „gib unerklärliche Vorurtheile auf, die ich un⸗ möglich mit Dir theilen kann.“ „Mein Sohn, wenn Du einmal beſſer unterrichtet biſt, wirſt Du dieſe Worte bereuen.“ „Ich glaube es kaum, Mutter.“ „Bitte, Herr Philipp, kein Wort mehr,“ ſagte Frau Robertin, indem ſie ſich erhob. „Ich würde es mir zum ewigen Vorwurf machen, wenn ich, ob⸗ ſchon ganz unfreiwillig, auch nur die flüchtigſte Miß⸗ helligkeit zwiſchen Ihrer edlen Mutter und Ihnen verſchuldet hätte.“ — Sie wandte ſich auf's Neue an Clemence Hervé und fuhr fort: „Vergebens, Madame, habe ich nach der Urſache des Mißtrauens geforſcht, das Sie mir beweiſen . . . es bleibt mir nur noch eine einzige Hoffnung, daß Sie vielleicht dereinſt erkennen werden, wie grundlos Ihr Argwohn war . . Dem ſei wie ihm wolle, ſo glauben Sie, Madame, und es wird Ihnen bald beſbieſen werden, daß das Gute, das Sie geſtiftet haben, ſeine Früchte 143 tragen wird; meine nächſten Werke werden, in Er⸗ manglung von Talent, doch wenigſtens durch den Gedanken, der ſie inſpirirt, Ihrer Rathſchläge wür⸗ dig ſein . . . Ich werde niemals vergeſſen, daß ich dieſe moraliſche Umwandlung, auf die ich ſtets ſtolz ſein werde, einer erlauchten Frau verdanke, deren Genie zu den Zierden Frankreichs gehört, und deren bewunderungswürdigen Charakter die ganze Menſch⸗ heit ehrt.“ Im Augenblick, wo Frau Robertin dieſe Worte vollendete und ſich zum Weggehen anſchickte, kam die Magd herein und ſagte laut: „Fräulein Helviſe Morand wünſcht Madame zu ſprechen.“ Bald trat Helviſe ſchüchtern in den Salon von Clemence Hervé. XXVI. Die ausdrucksvolle und auffallende Schönheit Helviſens, der Zauber und die Beſcheidenheit ihrer Haltung machte auf Frau Robertin und Clemence Hervé einen bedeutenden, aber verſchiedenen Ein⸗ druck; Philipp, der von peinlichen Gedanken in An⸗ ſpruch genommen war, warf bloß einen zerſtreuten Blick auf das junge Mädchen. Dieſer Blick, dem ſie begegnete, machte ſie leicht erröthen. Sie ſenkte die Augen, nicht ohne das edle und anſprechende Geſicht des jungen Bildhauers zu bemerken, obſchon es durch geheimen Unmuth verdüſtert war. So ſeltſam es vielleicht erſcheinen mag, ſo empfand 144 Clemence Hervé in ihrer dermaligen Gemüthsſtim⸗ mung, und ohne ſich ſelbſt darüber klar zu ſein, eine Art von vager Befriedigung, als ſie dieſes un⸗ bekannte junge Mädchen, deren himmliſche Schön⸗ heit und ſchüchterne Haltung, voll von Grazie und natürlicher Diſtinction, die pikante und freche Er⸗ ſcheinung der Frau Robertin gänzlich verdunkelte, unter Philipps Augen treten ſah. Frau Robertin muſterte die Neuangekommene mit einem Ausdruck unbeſtimmter und eiferſüchtiger Unruhe. „Madame,“ begann Helviſe, indem ſie ſich mit einer Stimme von herrlichem Metall an Clemence Hervé wandte, „ich komme Ihnen meine Gabe für die Familie des Claude Erard zu bringen . . . Ich habe mit vielleicht unbeſcheidener Beeiferung dieſe Gelegenheit ergriffen Ihnen dafür zu danken, daß Sie mich in den Stand geſetzt haben dieſem großen Unglück zu Hilfe zu kommen, wovon Sie ein ſo herz⸗ ergreifendes und wahres Gemälde entwarfen.“ „Mein Fräulein,“ antwortete Clemence Hervé ſehr freundlich, „ich werde mir's ſtets zur Ehre rech⸗ nen Perſonen zu empfangen, die durch ſo edle Ge⸗ ſinnungen zu mir geführt werden.“ Dann fügte die berühmte Schriftſtellerin trocken gegen Virginie Ro⸗ bertin hinzu: „Verzeihen Sie, Madame, ich wünſche dem Fräulein einige umſtändliche Details über die Familie zu geben, für welche Sie ſich zu intereſſiren die Güte hat.“ „Adieu, Madame,“ antwortete die Verfaſſerin des modernen Cherubin mit einem tiefen Knir. Dann ſagte ſie zu Philipp mit einem traurigen Blick: „Adieu, mein Herr . . . Ich gebe Ihnen Ihr 14⁵5 liebenswürdiges Verſprechen in Betreff meiner Büſte zurück!“ „Ach, Madame, wenn es ſich ſo verhielte, ſo würden Sie mir einen tiefen Kummer bereiten,“ ſagte der Bildhauer, indem er einem ausdrucksvollen Blick ſeiner Mutter Trotz bot. „Ich bitte Sie im Gegen⸗ theil ſich gütigſt zu erinnern, daß ich Sie morgen um zehn Uhr in meiner Werkſtatt erwarte .. Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, Madame, meinen Arm bis an die Gartenthüre anzunehmen?“ Virginie Robertin bemächtigte ſich frohlockend ſeines Armes, warf Clemence Hervé einen Blick kaum verhehlter feindſeliger Herausforderung zu und ſagte mit ſüßlicher Stimme zu ihr: „Wahrhaftig, Madame, ich vermag dem liebens⸗ würdigen Drängen Ihres Herrn Sohnes nicht zu widerſtehen!“ Sodann zog ſie den Arm des jungen Mannes abſichtlich recht feſt an ſich und ging, indem ſie zu ſich ſelbſt ſagte: „Unwillkürlich beunruhigt mich die Anweſenheit dieſer ſchönen Blondine . . obgleich Philipp ſie kaum zu bemerken ſchien . . . Gleichviel Um mich ſeiner ſicher zu bemächtigen, muß ich meine Entwicklung beſchleunigen . . . Gehen wir ſtehenden Fußes zu dieſem Erhuiſſier, dieſem Wuche⸗ rer, der mir meine Buchhändlerswechſel discontirt.“ „Zum Teufel mit der Büſte,“ brummte ſeiner⸗ ſeits Herr Robertin, als er den Salon verließ. — „Morgen iſt Montag . . . Ich muß das Halseiſen des Elends wieder anlegen . . . Ich muß in mein vermaledeites Bureau zurückkehren . und während meiner Abweſenheit wird meine Frau dieſem ſchönen Sue, der Teufel als Arzt. II. 10 146 jungen Manne ſitzen . . O, wie mich das Alles ärgert und betrübt . . . Ja wenn ich nicht ſo furcht⸗ ſam und ſo dumm wäre . . . Aber ich bin furcht⸗ ſam und dumm .. . deßwegen begreife ich aber doch recht gut . . . hm . . hm. daß es Ungeheuer von Männern geben kann . . . die ſich ſo weit ver⸗ geſſen, daß ſie . . hm hm .. hm .. . ihrer zärtlichen Ehehälfte ein klein wenig Rattengift bei⸗ bringen . . . Hol mich der Teufel, ja!“ XXVII. Clemence Hervé hatte ſich durch das Benehmen ihres Sohnes auf's Tiefſte beleidigt gefühlt. Er hatte nicht bloß die Vertheidigung der Frau Rober⸗ tin übernommen, ſondern er gab ihr auch für den folgenden Tag ein Rendezvous in ſeiner Werkſtatt, vergaß alſo ſeine tugendhaften Entſchlüſſe, ließ ſich durch die gewandte Heuchelei dieſer verdorbenen Frau in die Falle locken und gab ſich von Neuem ihrem gefährlichen Einfluſſe preis. Heloiſe Morand, welche die Urſache der peinlichen Beängſtigung von Philipps Mutter nicht ahnen und ſich ihr Schweigen nicht er⸗ klären konnte, ſagte ſchüchtern, indem ſie einen Schritt that, um ſich zu entfernen: „Ich fürchte, Madame, doß ich in einem unge⸗ legenen Augenblick gekommen bin.“ „Nein, nein,“ erwiederte die berühmte Schrift⸗ ſtellerin beinahe unwillkürlich. „Ich bitte, mein Fräulein, bleiben Sie. Ich geſtehe Ihnen . . . ich ſeide und Ihre Gegenwart beruhigt mich . 147 thut mir wohl . ..“ Als das Mädchen eine Geberde der Ueberraſchung machte, fuhr ſie fort: „Meine Worte müſſen Ihnen ſeltſam vorkommen, mein Fräu⸗ lein, gleichwohl ſind ſie aufrichtig: ja, obſchon ich das erſtemal das Vergnügen habe Sie zu ſehen, ſo ſind doch die Umſtände, worin ich mich befinde, von der Art, daß die Anweſenheit einer Perſon von Herz mich beſchwichtigt und beruhigt. Was kann ich dafür?“ fügte Clemence Hervé mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln hinzu, „ich unterliege dem Geſetz der Contraſte.“ „Aber, Madame,“ verſetzte Heloiſe, zugleich ver⸗ blüfft und gerührt durch dieſes halbvertrauliche Ge⸗ ſtändniß, „ich habe nicht die Ehre Ihnen bekannt zu ſein.“ „Das edle Gefühl, das Sie hierher führt, mein Fräulein, beweist mir die Güte Ihres Herzens.“ „Ach, Madame, beurtheilen Sie mich nicht nach dieſem Act der Mildthätigkeit. Selbſt die verhärtet⸗ ſten Herzen vermöchten Ihrem Aufruf nicht zu wider⸗ ſtehen.“ Damit griff ſie in ihre Taſche und zog die vierzig Franken von Herrn und Frau Morand und noch überdies ein Billet von fünfhundert Franken heraus. Sie übergab dieſe Summe der Verfaſſerin des ſo⸗ cialen Elends und ſagte zu ihr: „Hier, Madame, iſt mein und meiner Verwand⸗ ten Beitrag für Claude Erard und ſeine Familie.“ „Ach, mein Fräulein,“ rief Clemence Hervé mit thränenfeuchten Augen. „Wenn einige edelmüthige Seelen Ihrem Beiſpiele folgen, ſo iſt dieſe arme Familie gerettet.“ 148 Aber auf einmal ſchien Clemence Hervé an dem Bankbillet, das Helviſe ihr gebracht hatte, eine ge⸗ wiſſe Eigenthümlichkeit zu bemerken. Sie betrachtete es ſehr aufmerkſam, ſann nach, fuhr plötzlich zuſam⸗ men und ſchien, indem ſie einen tief verwunderten Blick auf das junge Mädchen warf, gegen einen ge⸗ heimen Zweifel anzukämpfen. Sie fuhr fort den Bankſchein mit ſteigender Neugierde ſchweigend zu prüfen. Er war durch langen Gebrauch ſehr zer⸗ knittert und zerriſſen, aber vollkommen erkenntlich daran, daß ſeine zwei Stücke durch ein ſchmales Band von hellroſafarbigem Papier wieder zuſammengefügt und aneinander geklebt waren. Dieſes Papier kam von einem der auf Atlaß gedruckten Proſpecte, welche die Buchhändler manchmal in ihre Verlagswerke hin⸗ einlegen. Nun wollte ein eigenthümlicher Zufall, daß dies der Proſpect eines der Werke von Clemence Hervé geweſen war, deren Namen man auf dem ſchmalen roſarothen Streif auf der Kehrſeite des Bankſcheines noch leſen konnte. Heloiſe war ſehr überraſcht und beinahe beſchämt durch die aufmerkſame, ſtumme und lange Prüfung, welche die berühmte Verfaſſerin des ſocialen Elends vornahm; ſie wurde roth und ihre Ver⸗ legenheit ſteigerte ſich noch, als Clemence Hervé ſie feſt anſchaute und zu ihr ſagte: „Mein Fräulein, geſtatten Sie mir gütigſt eine Frage, die eigenthümlich und vielleicht mehr als in⸗ discret ſein mag!“ „Welche Frage, Madame?“ „Wahrhaftig, ich nehme Anſtand ſie auszuſpre⸗ 149 chen; aber wenn Sie wüßten, welche Erinnerungen der Anblick dieſes Bankſcheins in mir wachruft!“ „Wie, dieſes Bankſcheins?“ „Ich war gleich anfangs beinahe gewiß ihn an ſeinen zwei mit dieſem roſarothen Papierſtreif zu⸗ ſammengeklebten Stücken erkannt zu haben . . . da ich aber meinen Namen wiederfinde, der auf dieſem Stück eines Proſpects meiner Werke gedruckt iſt, ſo kann ich unmöglich mehr den geringſten Zweifel hegen ind „Madame,“ ſagte Heloiſe, die nicht begreifen konnte, welches Intereſſe Clemence Hervé an dieſen äußeren Anzeichen haben mochte ... „bitte, ſprechen Sie ſich gütigſt aus!“ „Noch einmal, mein Fräulein, entſchuldigen Sie die äußerſte Unziemlichkeit meiner Frage, und wenn Sie gleichwohl es für geeignet halten mir darauf zu antworten, könnten Sie mir dann ſagen, wie dieſer Bankſchein in Ihren Beſitz gekommen iſt?“ Heloiſe fuhr ihrerſeits zuſammen. Ihr himmli⸗ ſches Geſicht bepurpurte ſich zuerſt, dann erblaßte es; ſie ſchlug die Augen nieder, ſchien von einer lebhaften Angſt befangen und ſtammelte mit zittern⸗ der Stimme: „Ich. ich.. erinnere mich nicht, von wem ich den Schein erhalten habe.“ „Sie iſt's,“ rief Clemence Hervé in begeiſtertem Tone, „es unterliegt keinem Zweifel mehr! Ihre Unruhe verräth ſie . . ſie iſt's!“ 150 XVIII. Bei dieſen Worten: Sie iſt's! welche Clemence in ihrer Ueberraſchung und Bewunderung ausrief, erblaßte das junge Mädchen, erröthete von Neuem und konnte eine Bewegung der Angſt nicht bemeiſtern; ſie bemühte ſich ihre Aufregung zu beherrſchen und verſetzte mit ziemlich feſter Stimme: „Verzeihen Sie, Madame, ich begreife den Sinn Ihres Ausrufes nicht!“ „Mein Fräulein,“ ſagte die berühmte Schrift⸗ ſtellerin, „vor einigen Tagen war ich bei meinem Buchhändler, Herrn Dubreuil. Er iſt auch der Ver⸗ leger einer Perſon, deren Genie ſich neuerdings in zwei Werken kundgethan hat, die einen außerordent⸗ lichen Anklang gefunden haben. Ich will von den Poeſien der Maria Saint⸗Clair ſprechen,“ fügte Cle⸗ mence Hervé mit einem feſten Blick auf Heloiſe hin⸗ zu, welche die Augen niederſchlug. „Schon mehrere Male hatte ich, weniger noch aus Neugierde, als aus inniger Sympathie für das bewundernswür⸗ dige Talent einer ſo ſchnell berühmt gewordenen Dichterin, Herrn Dubreuil um Aufſchlüſſe über ihre Perſönlichkeit angegangen, jedoch vergebens, er blieb darüber ganz ſtumm. Aber eines Tags, als ich in ſeinem Cabinet war, plauderten wir mit einander, und während der Unterhaltung klebte er die Stücke eines in der Mitte zerriſſenen Bankſcheines mit einem roſenfarbigen Papierſtreif, der einem Proſpect meiner Werke entnommen war, zuſammen. Dieſer ſcheinbar höchſt bedeutungsloſe Umſtand iſt mir ſogleich einge⸗ 15¹ fallen, mein Fräulein, als ich das ſo vollkommen erkenntliche Papiergeld von Ihnen erhielt . . . Ich kam dadurch ſogleich auf Vermuthungen . Denn, glauben Sie mir . . . wenn man mit Rührung ge⸗ wiſſe Werke liest, worin die Seele des Verfaſſers ſich häufig ohne ſein Wiſſen in ihrer angebornen Schönheit offenbart, ſo kann man beinahe ſicher auf das Geſchlecht, das Herz, den Charakter, ich möchte ſogar ſagen, auf das Alter des Dichters ſchließen. Deßhalb mußte auch meines Erachtens die Perſon, die unter dieſem glorreichen Pſeudonym ſchrieb, ein junges Mädchen von ſtarker, erhabener Seele ſein, durchdrungen vom zärtlichſten Erbarmen für die Leiden der Enterbten . . . moraliſche und phyſiſche Leiden, deren herzzerreißender Aufſchrei das Gedicht „die Waiſen“ iſt. Dieſes junge Mädchen mußte auch einen tiefen Glauben an die Unſterblichkeit des Geſchöpfes, des Geiſtes und der Materie, des Kör⸗ pers und der Seele haben, einen mächtigen Glauben, der ſich in erhabenen Verſen, in der Reiſe zweier Seelen durch die Welten ausſprach. Ihre Züge, mein Fräulein, ſind der Spiegel Ihrer Seele, denn ich ſah Sie zum erſtenmal, und der Ausdruck Ihres Geſichts, ſowie die Handlung rührender Solidarität, die Sie hierher führte, flößten mir eine lebhafte Sympathie ein. Kurz, als Sie mir dieſen Bankſchein zuſtellten, den ich in den Händen meines Verlegers geſehen hatte, und der ohne Zweifel einen Theil des Honorars für die Werke der Maria Saint⸗Clair ausmachte, ſo führten mich all dieſe Umſtände auf die Ueberzeugung, die ich noch hege, daß dieſes junge 152 Mädchen vor mir ſtehe. Habe ich mich getäuſcht, mein Fräulein?“ „Madame . . „Ich will nicht in Sie dringen . . . Wenn ich zufällig auf Ihr Geheimniß gekommen bin, mein Fräulein, ſo verſichere ich Sie, daß ich es reſpectiren werde; wenn ich mich im Irrthum befinde, ſo werde ich die beſte Erinnerung an Sie bewahren, mein Fräulein; denn wenn Sie nicht das Genie der Maria Saint⸗Clair haben, ſo haben Sie doch ihr großmüthi⸗ ges und edles Herz.“ 7. XXX. Heloiſe Morand war aufs Tiefſte bewegt durch die herzlichen Worte und die zartſinnige Rückhaltung von Clemence Hervé. Sie beſann ſich einen Augen⸗ blick, dann aber konnte ſie einem Drang liebenswür⸗ diger Herzensergießung nicht widerſtehen und ſagte: „Nein, ich will nicht undankbar ſein. . . Ihnen, Madame, und Herrn Hervé verdanke ich die Begei⸗ ſterung zu meinen erſten Verſuchen . . . Könnte ich Ihnen meine Erkenntlichkeit ausdrücken, ohne Ihnen zu geſtehen, wer ich bin?“ „Alſo ſind Sie es!“ verſetzte die berühmte Schrift⸗ ſtellerin, deren Augen ſich feuchteten. „Sie ſind es,“ wiederholte ſie, indem ſie dem jungen Mädchen ihre beiden Hände hinbot. „Sie ſind es, deren Verſe ich ſo oft und immer wieder mit ſo ſüßem Entzücken geleſen habe? Sie ſind es, die meinem Sohn dieſe Stanzen über ſeine Marſeillaiſe zuſchickte, worin 153 er damals — hier unterdrückte Clemence einen Seuf⸗ zer — worin er damals den ſchmeichelhafteſten Lohn für ſeine Arbeiten und die koſtbarſte Aufmunterung für die Zukunft fand . . . Ach, wenn Sie wüßten, mit welchem wohlthätigen Stolz er ſich dieſe Verſe ins Gedächtniß zurückrief und ſie herſagte . . . welche Kraft er daraus ſchöpfte, um auf dem Wege zu be⸗ harren, wo ich ihn mit ſeligem Mutterſtolz wandeln ſah . . . ach, warum muß doch. . . —“ hier unter⸗ brach ſich Clemence Hervé, um ihren geheimen Schmerz zu verbergen. Dann fuhr ſie fort: „Dank für mich, Dank für meinen Sohn . . . Ach, ich beklage ihn, er darf den wahren Namen der Dichterin, deren Lob ihn entzückte und einen der Glanzpunkte ſeines Lebens bilden wird, nicht erfahren!“ „Indem ich dieſe Verſe, eine gerechte Huldigung gegen das frühzeitige Talent des Herrn Phi⸗ lipp Hervé, ſchrieb, machte es mir ebenſo große Freude ihn zu loben, wie wenn ich einen Bruder gelobt hätte, denn ich war ſtolz darauf gewiſſerma⸗ ßen ſeine Schweſter zu ſein!“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein Fräulein?“ „Habe ich nicht meine Inſpirationen bei denſelben Quellen geſucht, wo er die ſeinigen ſuchte .. in den Arbeiten ſeines berühmten Vaters und in den Ihrigen, Madame? . . . Verdanke ich nicht mit einem Worte Ihren Werken den erſten Gedanken daran, durch Arbeit meine Unabhängigkeit zu erſtreben, und die Möglichkeit mich von Verpflichtungen zu befreien, welche einem Mädchen von Selbſtgefühl, das ſich un⸗ glücklicher Weiſe ſeiner natürlichen Stützen beraubt ſieht, immer drückend ſind?“ 15⁴ „Wie, mein Fräulein, .. Ihr Vater . . . Ihre Mutter . .7 „Ich war noch Kind, als ich Beide verlor!“ „Haben Sie keine Verwandten?“ „Ich lebe bei meinem Onkel und bei meiner Tante!“ „Finden Sie vielleicht bei ihnen nicht die Zärt⸗ lichkeit und die Rückſichten, die Sie erwarten könn⸗ ten?“ „Ich werde ſtets durch die Bande der Dankbar⸗ keit an ſie gefeſſelt ſein; ich war eine arme Waiſe und ſie haben bis jetzt für meine Erziehung und meine Bedürfniſſe geſorgt; wenn ſie zuweilen meine ohne Zweifel übertriebene Empfindlichkeit verletzen, ſo geſchieht dies, glaube ich, ohne ihr Wiſſen und Wollen . . . Gleichwohl empfinde ich dieſe wieder⸗ holten Verletzungen ſo ſchwer, daß ich mich entſchloſſen habe einer Stellung zu entſagen, die mir beinahe unerträglich geworden iſt.“ „Ihre Verwandten wiſſen alſo nicht, daß Sie unter dem Pſeudonym Maria Saint⸗Clair Ihre Dichtungen veröffentlichen?“ „Nein, Madame, außer Ihnen und einem unſrer gemeinſchaftlichen Freunde weiß Niemand in der Welt, daß Helviſe Morand unter dem Namen Maria Saint⸗ Clair ſchreibt . . . Selbſt mein Verleger weiß nicht, wer ich bin!“ „Wer iſt denn der Vermittler zwiſchen Ihnen und ihm?“ „Der gemeinſchaftliche Freund, von dem ich Ihnen geſagt habe, Madame!“ „Sein Name, wenn ich bitten darf?“ 15⁵ „Der Herr Doctor Max.“ „Er iſt in der That einer meiner beſten und älteſten Freunde.“ „Ich verdanke ihm die Bekanntſchaft mit Ihren Werken, Madame, die einen entſcheidenden Einfluß auf mein Leben geübt haben.“ „Wie ſo?“ „Der Doctor Max kennt mich von meiner Ge⸗ burt an. Er beſuchte mich oft in der Penſion, wo⸗ hin ich nach dem Tode meiner Eltern gebracht wurde. Ich bedauerte ſie aufs Schmerzlichſte; meine Lage als Waiſe betrübte mich tief; ich unterdrückte meine Thränen vor meinen Camerädinnen und weinte bei Nacht; ich litt ungemein durch dieſen Zwang. Der Doctor Max rieth mir meinen Kummer zu ergießen, indem ich beinahe täglich an ihn ſchriebe; ich befolgte ſeinen Rath: dieſe Ergießungen erleichterten mein Herz . . . Ich war damals ungefähr zwölf Jahre alt, und in Folge einer eigenthümlichen natürlichen Gabe formulirten ſich meine mit der Offenheit meines Alters ausgeſprochenen Klagen ſehr häufig und ohne mein Wiſſen als ungereimte Verſe, denen es aber, wenigſtens nach der Verſicherung des Doctors Max, weder an Rythmus noch am Maß fehlte.“ „Sie ſind zur Dichterin geboren, mein Fräulein: Sie beſitzen die natürliche Gabe der Form, der Harmonie und des Wohlklanges; ich wundere mich nicht mehr über den unausſprechlichen Zauber Ihrer Verſe. Alſo hat unſer Freund, der Doctor Max, ohne Zweifel Ihre Anlage zur Poeſie erkannt und aufgemuntert?“ „Ja, Madame, er bezeichnete mir einige Gegen⸗ 156 ſtände, die ich behandeln ſollte. Sein feiner und erhabener Geſchmack war mein einziger Führer, ein ſtrenger, aber ſicherer Führer, dem ich, wie Ihnen, Madame, das Wenige verdanke, was ich bin.“ „Ihre Beſcheidenheit gleicht Ihrem Verdienſt. . . Bitte, erlauben Sie mir noch eine Frage, mein Fräulein . . . War unſer Freund der einzige Ver⸗ traute Ihrer erſten Verſuche?“ „Ja, Madame. Ich habe das Geheimniß immer beobachtet und werde es auch ferner beobachten . Ich war und bin noch immer von einer Schüchtern⸗ heit, die ich nicht überwinden kann . . . Wenn ich trotz des ungemeinen Wohlwollens, deſſen ſich meine Anfänge zu erfreuen hatten, unter meinem eigenen Namen ſchreiben müßte, ſo würde die Furcht, denſelben bei all ſeiner Dunkelheit der Heffentlichkeitverfallen, den Urtheilen, Spöttereien und Grauſamkeiten der Kritik ausgeſetzt zu ſehen, alle Begeiſterung in mir erlöſchen. Glauben Sie mir, Madame, dieſe Furcht kommt nicht von einem Gefühl des Stolzes oder der Eigen⸗ liebe her . . . „Nein, ſondern von einem außerordentlichen Zartgefühl. Sie beſitzen einen der größten Zauber des Talents, mein Fräulein: Sie haben die aus⸗ geſuchte Schamhaftigkeit deſſelben . . . Sie wollen ſich nicht der Strenge der Kritik, ſondern dem Glanze des Erfolges entziehen.“ „Ich habe kein Recht auf dieſe Erfolge ſtolz zu ſein; ich verdanke ſie den Inſpirationen, die ich aus Ihren und Herrn Hervés Werken geſchöpft; ich habe dieſelben durch unſern Freund kenneñ gelernt und ſtudirt. Dann habe ich eine tiefe, von Ihnen auf⸗ 157 geſtellte Wahrheit als Lebensgrundſatz angenommen, den ich auch praktiſch durchzuführen mich bemühen werde, nämlich daß die Frau, die ihre Bedürfniſſe durch ihre Arbeiten beſtreitet, dadurch ihre Würde ſicher ſtellt, ſich Unabhängigkeit erwirbt und in Wahrheit ihre eigene Herrin wird.“ „Dieſer Gedanke hat bei Ihnen ohne Zweifel um ſo mehr Anklang gefunden, je peinlicher Ihnen die Art von Unterworfenheit erſchien, worin Sie bei Ihren Verwandten lebten?“ „Ja, Madame, ich werde ihnen zwar niemals vergeſſen, daß ſie ſich meiner Kindheit angenommen haben, aber dennoch iſt mein einziger Wunſch ihnen nicht mehr zur Laſt zu ſein; ſie ſind zwar ſehr wohl⸗ habend, werden aber an mir nur eine Art von Dienſt⸗ boten zu verlieren glauben . . . Ihre Geſinnungen ſtehen im gänzlichſten Widerſpruch mit den meinigen; ich werde täglich gedemüthigt und verletzt; ich müßte mich fortwährend mit lächerlichen Heirathsplänen beſtürmen laſſen und. . . Aber verzeihen Sie, Ma⸗ dame, Sie beehren mich mit einer ſolchen Theil⸗ nahme, daß ich unwillkürlich .. „Bitte, mein Fräulein, vollenden Sie, ich bin ſtolz auf das Vertrauen, das Sie mir zu ſchenken die Güte haben Sie hoffen ſich alſo bald aus dem Ertrag Ihrer Arbeiten von einer Vormundſchaft frei machen zu können, die Ihnen in ſo vielen Be⸗ ziehungen peinlich iſt?“ „Ja, Madame, meine Wünſche ſind beſcheiden Ich kann von Wenigem leben Was ich bereits beſitze, ungefähr 25,000 Franken, die bei 15⁵⁸ dem Doctor Max niedergelegt ſind, könnte für meine Bedürfniſſe genügen.“ „Unter den Gründen, welche Sie zur Trennung von Ihren Verwandten veranlaſſen, mein Fräulein,“ ſagte Clemence Hervé mit einer gewiſſen Unſchlüſſig⸗ keit, „haben Sie auch den angeführt, daß man Sie mit einer lächerlichen Heirath quäle.“ „Ich bereue dieſen Ausdruck,“ ſagte Heloiſe mit einem ſanften Tone, worin ihre Herzensgüte ſich offenbarte. „Der Mann, der an mich gedacht hat, und den ich nicht kenne, läßt ſich dabei ohne Zweifel durch einen Gedanken des Mitleids leiten, denn er weiß, daß ich Waiſe bin, und glaubt mich ſehr arm; aber er iſt mehr als doppelt ſo alt als ich . . . Schon dieſer einzige Grund macht die Verbindung in meinen Augen unmöglich.“ — „Alſo, mein Fräulein, ſind Ihre Ideen über die S „Vollkommen dieſelben, welche Sie, Madame, mit einer unwiderſtehlichen Macht der Ueberzeugung, Gerechtigkeit und Wahrheit mehrere Male in Ihren Werken entwickelt haben: eine auf pecuniäres Intereſſe gegründete Ehe erſcheint mir ſchmäh⸗ lich; eine Convenienzehe bietet keine moraliſche Bürgſchaft für die Zukunft . . . Wenn ich mich je einmal verheirathen ſoll, ſo darf dieſe Verbindung nur die Weihe einer gegenſeitigen Liebe ſein, einer edlen Liebe, die aus einer anziehenden Gleichheit des Alters, der Neigungen, des Charakters und des Geiſtes entſteht . . Es muß eine Liebe ſein, welche der Perſon, die ſie empfindet, und derfönigen, die ſie einflößt, gleich würdig iſt.“ — —— 159 „Mein Fräulein,“ verſetzte Clemence Hervé mit bewegter Stimme, worin ſich eine geheime Angſt verrieth, „werden Sie mir eine Frage erlauben, die nur eine Mutter allein ſtellen kann?“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, Madame, ich bin ſtolz darauf, vermöge der Inſpirationen, die ich aus Ihren Werken geſchöpft habe, gewiſſermaßen die Schweſter des Herrn Philipp Hervé zu ſein . . . Im Namen dieſer intellectuellen Brüderſchaft und meiner Bewunderung für ſeine bereits ſo bemerkens⸗ werthen Werke habe ich ihm einige Verſe von einer unbekannten Schweſter ſchicken zu können geglaubt.. Ich bin folglich auch darauf ſtolz — gewiſſermaßen Ihre Tochter zu ſein,“ fuhr Heloife mit einem zau⸗ beriſchen Lächeln fort; „haben Sie alſo die Güte als Mutter mit mir zu ſprechen, ich werde darin einen weitern Beweis Ihres rührenden Wohlwollens erblicken!“ „Welcher Zauber, welches Herz,“ dachte Clemence Hervé, tief gerührt durch Heloiſens Antwort. Dann ſagte ſie ganz laut: „Da Sie mich dazu ermächtigen, mein Fräulein, ſo erlauben Sie mir die Frage, ob Sie bis jetzt irgend einen Heirathsplan gehabt haben?“ „Nein, Madame!“ „Sie haben alſo noch keine beſtimmte Perſon ins Auge gefaßt . . . mit einem Wort, Sie haben nie⸗ mals geliebt?“ „Niemals,“ antwortete das junge Mädchen, in⸗ dem ſie ihr ehrliches, ſchönes Auge, worin ſich die Aufrichtigkeit ihrer Seele abſpiegelte, zu Clemence Hervé aufſchlug. 160 Philipps Mutter konnte nicht umhin vor gehei⸗ mer Freude zu beben; ſie ſchwieg einen Augenblick, und da ſie der Frage, welche ſie ſo eben an die junge Muſe gerichtet hatte, ein ſcheinbares, aber nicht gerade das wahre Motiv unterlegen wollte, ſo fuhr ſie fort: „Glauben Sie mir, mein Fräulein, es iſt keine zudringliche Neugierde, ſondern eine lebhafte Sorg⸗ ſamkeit, die mich veranlaßt hat Sie um ein Be⸗ kenntniß zu bitten, deſſen ganzen Werth ich empfinde Sꝛie ſind entſchloſſen, feſt entſchloſſen, ſich von Ihren Verwandten zu trennen?“ „Ja, Madame, die Umſtände ſind von der Art, daß ich ſogar den Augenblick dieſer Trennung be⸗ ſchleunigen muß.“ „Mein Fräulein, Sie beſitzen ſo viele Vorzüge des Charakters, des Geiſtes und des Talents, Gaben, die allen andern voranſtehen, als daß ich Anſtand neh⸗ men könnte Ihnen zu ſagen, daß Sie ſchön, ausge⸗ zeichnet ſchön ſind, und wenn Sie nach der Tren⸗ nung von Ihrer Familie etwa die Abſicht und den Plan hätten allein zu leben . . .“ „Dies iſt meine Abſicht, Madame.“ „Ich hatte dieſen möglichen Fall vermuthet; in⸗ dem ich Sie alſo fragte, ob Sie irgend einen Hei⸗ rathsplan hätten, wünſchte ich zu wiſſen, ob Sie nicht daran dächten, denſelben unmittelbar nach dem Abſchied von Ihrer Familie auszuführen; in dieſem Fall wäre ich, da ich weiß, daß Sie einer unwürdi⸗ gen Wahl unfähig ſind, in Betreff Ihrer Zukunft vollkommen beruhigt geweſen. Nun verhält es ſich aber nicht ſo; Sie gedenken ſich nicht zu verheira⸗ — — 161 then, ſondern ſind entſchloſſen allein zu leben. Er⸗ lauben Sie mir deßhalb im Namen der zärtlichen Theilnahme, die Sie mir einflößten, Ihnen zu ſagen, daß Sie trotz aller Rechtſchaffenheit und der unzwei⸗ felhaften Feſtigkeit Ihrer Grundſätze doch dereinſt einen Entſchluß bereuen dürften, den ich vollkommen begreife, der aber in den Augen der Welt auffallend erſcheinen muß. Glauben Sie meiner Erfahrung. Man muß immer, wenn auch nicht um der Welt, doch um ſeiner ſelbſt willen, einige Rückſicht auf das nehmen, was man die Vorurtheile der Welt nennt .. Die Vorurtheile haben mit Recht oder Unrecht Geſetzeskraft, und wenn Sie ihnen Trotz bieten, ſo ſetzen Sie ſich ohne ein nützliches Reſultat der Ge⸗ fahr aus.“ „So feſt ich entſchloſſen bin künftig unabhängig und allein zu leben, ſo habe ich doch eingeſehen, daß dieſe Stellung für ein Mädchen meines Alters ſchwie⸗ rig und falſch wäre; ich habe dem Doctor Mar meine Beſorgniſſe anvertraut; er hat mir verſprochen, wenn der Augenblick der Trennung von meinen Ver⸗ wandten käme, unter ſeiner Freundſchaft eine Fami⸗ lie auszuſuchen, zu der ich mich zurückziehen könnte, ohne im Mindeſten gegen die Convenienz zu ver⸗ ſtoßen . . . denn ich hätte da meine Heimath und meine Unabhängigkeit, ohne irgendwie den Geſetzen der Welt, die man, wie Sie ſo richtig bemerken, im⸗ mer reſpectiren muß, Trotz zu bieten.“ „Verzeihen Sie mir, mein Fräulein, daß ich mich einen Augenblick über Ihre Abſichten getäuſcht habe,“ verſetzte Clemence Hervé freundlich und innig. „Ich hätte nach dieſer Unterredung, worin ich die Recht⸗ Sue, der Teufel als Arzt. MI. 11 162 ſchaffenheit und Hoheit Ihrer Geſinnungen ſo gut ſchätzen lernen durfte, nicht vergeſſen dürfen, daß Sie zu jenen auserleſenen Perſonen gehören, die in allen Umſtänden ihres Lebens ſtets den vollkommen⸗ ſten Tact zeigen werden.“ — Dann fügte Clemence Hervé nach kurzem Nachdenken hinzu: „Werden Sie den Doctor Max bald ſehen?“ „Ich gedenke von Ihnen hinweg zu ihm zu gehen, Madame.“ „Würden Sie die Gefälligkeit haben, mein Fräu⸗ lein, ihn in meinem Namen zu erſuchen, er möge ſobald als möglich hierher kommen? . . . Sie kön⸗ nen hinzufügen, daß dieſes Rendezvous Sie betreffe.“ „Mich, Madame?“ „Ja, und erlauben Sie mir wenigſtens für jetzt die Gründe zu verſchweigen, warum ich dieſe Be⸗ ſprechung mit unſerm alten Freunde wünſche, ob⸗ gleich dieſelbe Sie intereſſirt.“ Nach kurzer Ueberlegung fügte die berühmte Schriftſtellerin hinzu: „Nicht wahr, ich darf dem Doctor wohl ſagen, durch welchen Zufall ich Ihr Geheimniß erfahren habe ... dieſes Geheimniß wird übrigens — darauf gebe ich Ihnen mein Wort — auf's Heiligſte bewahrt werden.“ „Daran habe ich nie gezweifelt, Madame, und ich meinerſeits werde voll Freude dem Doctor Mar erzählen, mit welcher außerordentlichen Güte Sie mich empfangen haben.“ „Mit nicht geringerer Freude, mein Fräulein, werde ich unſerem Freunde die Hoffnungen anver⸗ trauen, die ich auf die Fortdauer unſerer Beziehun⸗ 163 gen gründe; denn wir werden uns jetzt oft, ſehr oft ſehen, nicht wahr?“ „Dies wäre mein lebhafteſter Wunſch, wenn ich nicht läſtig zu werden fürchtete.“ „Bitte, behandeln Sie mich als Freundin . . als alte Freundin . . . Mein Alter wenigſtens er⸗ mächtigt mich zu dieſem Wunſche . . . Ich werde Sie alſo ohne weitere Umſtände einladen, morgen früh eine Taſſe Thee mit mir zu trinken . . . Wir wollen dann recht lang mit einander plaudern. Ich habe bis dahin den Doctor geſehen und vielleicht...“ — Aber auf einmal unterbrach ſich Clemence Hervé, als ſie Philipp düſter und befangen, langſamen Schrittes in den Salon zurückkommen ſah, und ſagte ganz leiſe zu Heloiſe: „Morgen früh, nicht wahr? Sie nehmen meine Einladung an?“ „O Madame, mit dem größten Vergnügen!“ „Jetzt will ich dem Fräulein Heloiſe Morand meinen Sohn vorſtellen,“ ſagte die berühmte Schrift⸗ ſtellerin leiſe, indem ſie ſich an die junge Muſe wandte. Dann fügte ſie laut hinzu: „Mein Fräulein, erlauben Sie mir, Ihnen mei⸗ nen Sohn vorzuſtellen . . .“ Und zu Philipp gewandt, ſagte ſie: „Mein Sohn, Du wirſt Fräulein Heloiſe mit mir danken, wenn ich Dir ſage, daß ſie die Güte ge⸗ habt hat mir eine großherzige Gabe für Claude Erard und ſeine Familie zu bringen.“ „Ich danke dem Fräulein für ihre Gabe,“ er⸗ wiederte Philipp zerſtreut und verbeugte ſich vor dem jungen Mädchen, ohne ſeinen Blick auf ihr ver⸗ weilen zu laſſen; dann aher ging er weg und blät⸗ 164 terte in Albums, die auf einem Tiſche lagen, wo⸗ durch er deutlich genug zu erkennen gab, daß er die Unterhaltung mit einer Unbekannten nicht zu ver⸗ längern wünſche. Helviſe erſchrack über die düſtere Traurigkeit, die ſie auf den ſchönen Zügen des jungen Bildhauers bemerkte, und ſagte mit inniger Theilnahme ganz leiſe zu Clemence Hervé: „Mein Gott, Madame, wie niedergedrückt Ihr Herr Sohn ausſieht . . . Sollte er etwa leidend ſein?“ „Ja ſeit einigen Tagen befindet er ſich nicht in ſeinem gewöhnlichen Zuſtand,“ antwortete Elemence Hervé eben ſo leiſe, indem ſie einen Seuf⸗ zer unterdrückte. „Aber ich hoffe, daß ſein Unwohl⸗ ſein bald vorüber gehen wird.“ Dann bot ſie dem jungen Mädchen ihre Hand und ſagte: „Morgen!“ „Morgen!“ antwortete Helviſe, indem ſie mit liebevoller Verehrung die Hand drückte, welche Cle⸗ mence Hervé ihr reichte. „Leben Sie wohl, Ma⸗ dame!“ „Bitte, vergeſſen Sie nicht, den Doctor Max zu erſuchen, er möge ſo bald als möglich zu mir kommen.“ „Ich gehe augenblicklich zu ihm,“ antwortete Heloiſe. Und ſie entfernte ſich, nachdem ſie einen neuen Blick zärtlichen Mitleids auf Philipp der mit ſeiner Mutter allein zurückblieb. 165 XXX. Clemence Hervé trat, nachdem Helviſe gegangen war, auf Philipp zu, der immer beforgter und ver⸗ legener wurde, da er die Bedeutſamkeit der bevor⸗ ſtehenden Beſprechung mit ſeiner Mutter vorauszu⸗ ſehen ſchien. Dieſe redete ihn in ernſtem und zärt— lichem Tone alſo an: „Mein Sohn, ſo eben haſt Du mich zum erſten Mal in Deinem Leben, ich möchte nicht gerne ſagen, beleidigt, aber doch tief betrübt.“ „Das muß alſo ohne mein Wiſſen geſchehen ſein.“ „Ich glaube es.“ „Was habe ich gethan?“ „In einer Beſprechung, an deren Feierlichkeit ich Dich nicht zu erinnern brauche, haſt Du heute früh einen vorübergehenden Taumel bereut und ver⸗ wünſcht. Du warſt damals aufrichtig oder vielmehr Du glaubteſt Dich aufrichtig . . . Ich habe Deine Selbſttäuſchung getheilt . . . das iſt mir jetzt nicht mehr möglich! . . . „Warum, Mutter?“ „Weil der Anblick eines ebenſo heuchleriſchen als verdorbenen Weibes genügt hat, um Deine tugend⸗ haften Entſchlüſſe über den Haufen zu werſfen . und Dich dermaſſen zu beeinfluſſen .. . daß Du ... Du mein Kind, mir auf eine beleidigende Art Trotz geboten haſt . . .“ „Was ſagſt Du?“ „Ich hatte meine Entrüſtung und meinen Ekel 166 über die Schlauheit und Schamloſigkeit der Frau Robertin möglichſt zu bekämpfen geſucht und ihr be⸗ deutet, daß keine Beziehungen zwiſchen uns ſtattfin⸗ den können . . . Da gibſt Du ihr, unter dem Vor⸗ wand ihre Büſte anzufangen, in meiner Gegenwart ein Rendezvous, ein Rendezvous hier ... im väter⸗ lichen Hauſe.“ „Nein, liebe Mutter . . . Ich habe ſie erſucht in meine Werkſtatt zu kommen,“ antwortete Philipp, indem er die Augen niederſchlug; „ich würde mir nicht erlaubt haben . . .“ „Philipp. . . kann es Dir mit dieſer Antwort Ernſt ſein? Komme ich nicht unaufhörlich in Deine Werkſtatt? Wollteſt Du mich der Gefahr ausſetzen dort Perſonen zu treffen . . .“ Hier unterbrach ſich Clemence Hervé und fuhr dann in ſchmerzlichem Tone fort: „Mein Gott, dieſe Worte verbrennen mir die Lippen . . . und gleichwohl mußt Du die Wahrheit hören . . . Wollteſt Du mich der Gefahr ausſetzen dort . . . Deine Maitreſſe zu treffen!“ Mte „Sei aufrichtig. Indem Du mit Begierde auf den unverſchämten Wunſch der Frau Robertin ein⸗ gingſt, hatteſt Du einen Hintergedanken, deſſen Du Dich in dieſem Augenblicke vor mir ſchämſt ... Du hoffteſt . . . Du hoffſt noch von dieſer Frau geliebt zu werden . .. und gleichwohl haſt Du heute früh eine flüchtige Verirrung bereut und warſt empört über den cyniſchen Ton ihres Werkes.“ „Haſt Du nicht gehört, wie ſie den unſeligen Gebrauch, den ſie von ihrem Talent machte, ſelbſt 167 beklagte? Hat ſie Dir nicht verſprochen Deinen An⸗ ſichten beizupflichten, deren Erhabenheit und Richtig⸗ keit ſie anerkannte?“ „Joa, ſie hat gethan, als ob ſie ſich durch meinen Zuſpruch verändert hätte, als ob ſie ſich die Unſitt⸗ lichkeit ihrer früheren Werke zum Vorwurf machte; denn dieſe ſcheinbare Ehrerbietung gegen meine Rath⸗ ſchläge ſollte Dich täuſchen und verführen.“ „Ach, Mutter, Du biſt eine ſo rechtſchaffene, ſo großmüthige Frau, warum glaubſt Du alſo nicht an das Gute? Warum zweifelſt Du an dem unwider⸗ ſtehlichen Einfluß Deines Genies, das von Allen be⸗ wundert und verehrt wird?“ „Ich beſitze mehr Erfahrung und Menſchenkennt⸗ niß als Du, deßhalb beobachtete ich dieſe Frau und habe die herausfordernden Blicke wohl bemerkt, welche ſie mir zuwarf, als ſie Dich in die Falle ihrer ge⸗ wandten Heuchelei gehen ſah, — ihrer Heuchelei, womit ſie ihren Neid und ihren Haß verdeckte.“ „Neid und Haß! Warum denn? Sie kam freiwillig, um Deinem Ruhm eine Huldigung darzu⸗ bringen . und da kommſt Du auf ſolche argwöh⸗ niſche Vermuthungen?“ „Philipp, antworte mir offen. Du kannteſt den Namen der Frau Robertin nicht; aber Du hatteſt ſie gewiß ſchon mehrere Male in dem Garten ge⸗ ſehen, der an den unſrigen ſtößt? Du antworteſt nicht . . Dein Schweigen bekräftigt meine An⸗ nahme. Alſo Du haſt dieſe Frau ſchon geſehen? Ihr Augenſpiel hat Dich herausgefordert? . Sie gehört zu den Geſchöpfen, die ſich durch keine Ge⸗ wiſſensſerupel abhalten laſſen . Sie hat Dich 168 zu demoraliſiren gehofft, indem ſie dieſes ruchloſe Buch in Deine Werkſtatt warf.“ „Was weißt Du davon, Mutter?“ „Wer anders denn als dieſe Frau hatte ein In⸗ tereſſe dabei, Dein Blut in Wallung zu bringen, Deine Vernunft zu verwirren? Frau Robertin rech⸗ nete alſo auf dieſen Zauber, auf den Eindruck, den ihre Schönheit auf Dich gemacht hat, und um ihr Verführungswerk zu vollenden, unterſteht ſie ſich hierher zu kommen, damit ſie ſich Dir nähern kann Sie bedarf eines Vorwandes . . . Dieſen fin⸗ det ſie in unſern Nachbarverhältniſſen und in dem angeblichen Wunſch ihren neuen Roman mir zu widmen.“ „Mutter, ich kann an eine ſo argliſtige Berech⸗ nung nicht glauben . . . Und überdies, was für einen Zweck könnte ſie dabei haben?“ „Armes Kind! . . . Dieſes Weib haßt mich hun⸗ dertmal mehr als ſie Dich liebt, wenn man das Wort Liebe durch ſeine Anwendung auf ſchmähliche Capricen entheiligen darf.“ „Sie haßt Dich, ſagſt Du, und warum?“ „Weil ich Clemence Hervé bin und ſie Frau Robertin iſt ... Weil meinen Namen einige Be⸗ rühmtheit umgibt . . . Und beſonders, weil mein Name und mein Charakter mit Recht in Achtung ſtehen; kurz, ſie befeindet mich mit dem inſtinctartigen unerbittlichen Haß, womit mittelmäßige und boshafte Leute die ehrlichen Menſchen verfolgen, auf deren Ruf ſie eiferſüchtig ſind; deßhalb hofft dieſes Weib mir einen ſchmerzlichen Schlag zu verſeßen, wenn ſie zwiſchen Dich und mich Keime der Zwietracht 169 wärfe, die zwar meine mütterliche Zärtlichkeit nicht ſchwächen könnten, denn dieſe iſt unveränderlich, die aber Deiner kindlichen Zuneigung Abbruch zu thun vermöchten.“ „Mein Gott . . . Deine Worte verwirren und beunruhigen mich . . . Aber nein, nein, eine ſolch ſchwarze Bosheit iſt unmöglich! . . .“ „Philipp, lieber Philipp, glaube an meinen Scharf⸗ blick, an meine Bekümmerniß und an die unüberwindliche Abneigung, welche dieſes Weib mir einflößt; ihre Pläne ſind unheilvoll und mit kaltem Blute ausge⸗ dacht ſieh ſchon jetzt die Folgen ihres unſeligen Ein⸗ fluſſes. Welche Unbehaglichkeit, welche Unruhe, welche Unzufriedenheit in Deiner noch vor acht Tagen ſo gelaſſenen und heiteren Seele! Sag es ſelbſt, mein innig geliebtes Kind, hatte bisher auch nur das ge⸗ ringſte Wölkchen, ich will nicht ſagen unſere Zärtlich⸗ keit, denn dieſe bietet, Gott ſei Dank, allen Verſuchen ſchlechter Leute Trotz, ſondern unſere angenehmen Beziehungen in jedem Augenblick verdüſtert? Hatte ſich auch nur die unbedeutendſte Mißhelligkeit zwiſchen uns erhoben? Niemals, nicht wahr? Und jetzt ſieh Doch nein ... verſcheuchen wir dieſe traurigen Gedanken; ich ſehe, ich fühle es, meine Worte rüh⸗ ren und bewegen Dich! Ja, ich habe ganz richtig zu dieſem Weibe geſagt, jedes Gift hat ſein Gegen⸗ gift, das Erwgchen befreit uns von den böſen Träu⸗ men; die Verſunft folgt auf den flüchtigen Taumel Dieſem Taumel biſt Du erlegen . . . aber Du wirſt jetzt für immer einen Ekel und Abſcheu vor ihr faſſen. Du wirſt zu Deinem natürlichen Gefühl, zur Liebe zum Guten, Schönen und Rechten zurück⸗ 170 kehren, und wer weiß, ob Du nicht in einem Schatz unerwarteten Glückes Deine Belohnung finden wirſt? Meine Worte überraſchen Dich?“ „Ich geſtehe es.“ „Habe ich Dir nicht noch heute früh meine theuerſte Hoffnung anvertraut, in der ich mich ſo gerne ein⸗ gewiegt?“ „Von welcher Hoffnung ſprichſt Du, ich bitte Dich?“ „Dich ſehr jung mit einer Deiner würdigen Per⸗ ſon verheirathet zu ſehen, der Du ein Herz, ſo rein wie ihr eigenes, zubringen würdeſt.“ „Mutter,“ antwortete Philipp, indem er erröthend die Augen niederſchlug, „dieſe Pläne ſind vergeblich, es iſt zu ſpät.“ „Zu ſpät,“ rief Clemence Hervé, die ſich im Ge⸗ danken ihres Sohnes täuſchte. — „Zu ſpät . . . Weil Dein Geiſt und Deine Sinne einen Augenblick durch ſchlimme Aufregungen geſtört worden ſind! Iſt Dein Herz nicht frei geblieben von dieſem vorüber⸗ gehenden Fieber . . . und ſollteſt Du dieſes Fieber mit Liebe verwechſeln? Du glaubſt vielleicht geliebt zu haben . . . unſchuldiges Kind! Nein, o nein, Du haſt nicht geliebt. . . Ich ſage Dir, die wahre Liebe, dieſes göttliche Gefühl wirſt Du an den unausſprech⸗ lichen Wonnen Deiner Seele, an der Sicherheit Dei⸗ nes Gewiſſens, an neuen Veſtrebungen nach dem Idealen, an einer verdoppelten Zärtlichkeit gegen mich erkennen . . . Denn ſiehſt Du, Philipp . .. die Liebe, die dieſen Namen verdient, macht uns beſſer, größer, höher . . Und dieſes göttlichs Gefühl, Alles läßt mich hoffen, daß Du es bald kennen lernen wirſt. . 17¹ zu Deinem Glück. . zum meinigen ... zum Glück der . . .“ Hier unterbrach ſich die berühmte Schrift⸗ ſtellerin, ſtrahlend von einer geheimen Hoffnung, und fügte, indem ſie ihren Sohn mit Inbrunſt um⸗ armte, hinzu: „Nein, Du haſt nicht geliebt. . . Nein Ich könnte für Dich Herz um Herz gut ſtehen und zu der Gattin, die ich für Dich erträumt habe, wenn ich ſie je begegnete, ſagen: Mein Sohn iſt Ihrer würdig. . . Sie werden ſeine erſte Liebe ſein.“ „Mutter . . .“ „Höre mich an . . . Ohne Dir ein Geheimniß preiszugeben, das nicht mir gehört, kann ich Dir die Urſache meiner Hoffnungen anvertrauen . . . Vor⸗ her aber mußt Du ſelbſt' die Erinnerung an eine Verirrung vertilgen, deren Du Dich ſchämſt. Du mußt an dieſe Frau Robertin ſchreiben und ihr er⸗ klären, daß Deine Arbeiten Dich verhindern ihre Büſte anzufangen, und daß ſie ſich die Mühe erſpa⸗ ren könne morgen hieher zu kommen.“ — Sie legte nun Feder und Papier vor Philipp hin. — „Schreib ich will Dir dictiren!“ „Was fällt Dir ein?“ „Verlaß Dich auf mich; dieſer Brief wird ſo werden, wie er ſein muß: kalt und höflich.“ „Entſchuldige mich, Mutter: ich kann den Brief nicht ſchreiben . . . Ich will und muß das Verſpre⸗ chen halten, das ich der Frau Robertin gegeben.“ 172 XXXI. Als Clemence Hervé ihren Sohn mit feſter Stimme erklären hörte, daß er ſich weigere jede Ver⸗ bindung mit Virginie Robertin abzubrechen, da er⸗ kannte ſie die Fruchtloſigkeit ihrer Worte, welche ſie in ihrem zärtlichen Wahn für ſo überzeugend gehal⸗ ten hatte; mit blutendem Herzen ſchwieg ſie einen Augenblick, dann aber verſuchte ſie eine letzte An⸗ ſtrengung und ſagte: „Philipp . . . wenn Du Dir dieſen Brief nicht von mir dictiren laſſen willſt, ſo ſchreib ihn nach Deiner eigenen Eingebung . . . Es liegt mir NRichts daran . . . Wenn nur mein Zweck erreicht wird und Du dieſes Weib nie wieder ſiehſt.“ 8 „Ich bitte Dich um Alles, liebe Mutter . .. entſag doch Deinen ungerechten Vorurtheilen . . . Ich kann ſie unmöglich theilen.“ „Was höre ich?“ „Nein, ich kann nicht glauben und werde nie⸗ mals glauben, daß eine Perſon, welche Dir in mei⸗ ner Gegenwart ſo viel Ehrerbietung und Bewunde⸗ rung bewieſen hat, nichts als Neid und Haß unter einer heuchleriſchen Maske verberge und eine ſo harte Behandlung von Deiner Seite verdiene. . . Mutter meine gute Mutter,“ fügte Philipp zärtlich hinzu, „die unruhige Beſorgniß, womit Du mich umgibſt, trübt ohne Dein Wiſſen Dein ſonſt ſo bil⸗ liges Urtheil.“ S „Ach, unglückliches Kind, Du täuſcheſt Dich...“ „Nein, ich glaube an den unwiderſtehlichen Ein⸗ 173 fluß Deines edlen Charakters . . . Mein Gott! . . . Warum die Handgreiflichkeit des Guten leugnen, das Du ſtifteſt? Frau Robertin hat es Dir ſelbſt ge⸗ ſagt, Deine Vorſtellungen haben ſie ganz umgewan⸗ delt.“ „Nichts als Lüge und Heuchelei, ſage ich Dir! Du läſſeſt Dir von dieſer Betrügerin Sand in die Augen ſtreuen!“ „Enden wir dieſe Unterhaltung, liebe Mutter! Es iſt mir gar zu peinlich ſehen zu müſſen, daß Du eine Frau von Herz ſo behandelſt.“ „Eine Frau von Herz! dieſe Elende!“ „Ich kann ſolche Beleidigungen gegen eine Per⸗ ſon, die ich achte, nicht länger anhören,“ ſagte Phi⸗ lipp trocken, indem er einen Schritt gegen die Thüre zu machte. „Ich gehe, Mutter!“ „Du beharrſt alſo dabei dieſe Frau morgen in Deiner Werkſtatt ſitzen zu laſſen?“ „Ja!“ „Nun, ſo merke Dir das, mein Sohn; wenn Frau Robertin ſich unterſteht bei mir erſcheinen zu wollen — denn Du biſt bei mir, Du darſſt es nie vergeſſen — ſo wird ſie vor der Thüre abgewieſen. Ich werde die betreffenden Befehle ertheilen.“ „Ha, Mutter, eine ſolche Beſchimpfung!“ „Ich beſchimpfe Niemand, der es nicht verdient Ich jage bloß eine ſchamloſe Frau fort, welche Unſittlichkeit und Ehebruch hierher bringen will!“ „Es ſei, Frau Robertin wird nicht zu Dir kom⸗ men, eine unverdiente Beleidigung ſoll ihr erſpart werden!“ 174 „Willſt Du damit vielleicht auch ſagen, daß Du ſie anderswo ſehen werdeſt?“ „Mutter.. was kann Dir daran liegen, wenn ich nur meine Pflichten gegen Dich und gegen mich ſelbſt nicht verſäume?“ „Die erſte Deiner Pflichten gegen Dich und gegen mich iſt, daß Du mir gehorchſt.“ „Ich werde meine kindlichen Pflichten ſtets aufs Gewiſſenhafteſte erfüllen . . . Verlange nicht mehr von mir.“ „Ich allein kann in Deinem eigenen Intereſſe, im Intereſſe Deiner Ehre und Deiner Zukunft ſagen, was für Dich verpflichtend iſt, mein Sohn.“ „Mutter,“ antwortete Philipp mit ſteigender Er⸗ bitterung, die er mühſam beherrſchte, „ohne aus den Schranken der Ehrfurcht herauszutreten, die ich Dir ſchulde, wird es mir wohl erlaubt ſein Dir zu be⸗ merken, daß ich das Alter der Einſicht erreicht habe Ich bin mir bewußt mich Deiner Zuneigung durch Nichts unwürdig gemacht zu haben. Erlaube, daß dieſe Ueberzeugung mir genüge und mich leite.“ Clemence Hervé ſann einen Augenblick nach; dann ſagte ſie mit feſtem und ſtrengem Tone: „Du wirſt morgen Paris verlaſſen.“ „Paris verlaſſen!“ „Du wirſt mich auf einer Reiſe von etlichen Monaten begleiten.“ „Dieſe plötzliche Abreiſe . . .“ „Wird Dich den Gefahren entziehen, die ich für Dich fürchte.“ — Ue „Du weigerſt Dich, mich zu begleiten?“ 175 „Erlaub . . . „Du bedenkſt Dich?“ „Da der einzige Zweck dieſer Reiſe darin be⸗ ſtehen ſoll, mich Gefahren zu entreißen, die nach mei⸗ nem Dafürhalten gar nicht zu fürchten ſind . . .“ „So wirſt Du mir den Gehorſam verweigern?“ „Wenn dieſe Reiſe irgend einen Nutzen für Dich hätte, ſo würde ichs für eine Pflicht halten Dir zu folgen . . . Aber noch einmal, es handelt ſich bloß darum, mich vor eingebildeten Gefahren zu beſchützen .. Ich werde Dich alſo nicht begleiten.“ „Selbſt wenn ich es Dir förmlich befehlen würde ich, Deine Mutter . . . ſo würdeſt Du mir den Gehorſam verweigern?“ „Ja, ſo hart es mich auch ankäme!“ „Gerechter Gott,“ rief die berühmte Schriftſtel⸗ lerin in Verzweiflung, „ich kann alſo nicht mehr daran zweifeln . . . mein Sohn würde mich dieſem Geſchöpf aufopfern . . .“ „Und Du,“ rief Philipp ſchmerzlich, „Du wür⸗ deſt mich Deiner mütterlichen Eiferſucht aufopfern. Die Zuneigung, die man mir beweist, beunruhigt, ängſtigt und erbittert Dich ſo ſehr, daß Du bei allem Adel Deines Charakters Dich bis zur Verleumdung herabläſſeſt, um eine arme junge Frau herabzuwür⸗ digen und zu beſchimpfen, deren einziges Verbrechen in Deinen Augen darin beſtehen könnte, daß ſie einige Anhänglichkeit an mich zeigt.“ „Unglückliches Kind! Wenn er glaubt, daß ich mich durch mütterliche Eiferſucht leiten laſſe, ſo iſt er verloren,“ dachte Clemence Hervé in dem Augen⸗ blick, wo der Doctor Max in den Salon trat. — 176 „Ach, mein Freund,“ rief ſie raſch auf ihn zugehend, „der Himmel ſchickt Sie. . . Kommen Sie, kommen Sie.“ Als Philipp den Doctor erblickte, den er gewöhn⸗ lich mit herzlicher Ehrerbietung empfing, grüßte er ihn und verließ dann ſchleunigſt den Salon, wo Cle⸗ mence Hervé mit dem Arzte allein blieb und ſich mit ihm unterhielt. Der Leſer erräth den Gegenſtand dieſer Beſpre⸗ chung: eine Erzählung der verſchiedenen traurigen Ereigniſſe dieſes Tages, eine ſchmerzliche Herzenser⸗ gießung der geängſtigten Clemence, die ihren alten Freund um Hilfe und Rath anging, da ſie ſich in den ſüßen Hoffnungen, welche der Beſuch Heloiſens einen Augenblick in ihr erweckt hatte, getäuſcht ſah. Sie entſetzte ſich bei dem Gedanken, daß ihr Sohn ſich ihr entfremden könnte, um ſich dem Joch einer ſchlechten, verdorbenen Perſon zu unterwerfen, welche den Willen und die Macht hätte ihn zu demorali⸗ ſiren und zu Grunde zu richten. „Ach, meine arme Freundin,“ ſagte der Doctor, indem er nach dieſer langen Unterredung die berühmte Schriftſtellerin verließ, „faſſen wir Alles noch einmal kurz zuſammen: Philipp iſt ein naiver Jüngling ... Heloiſe Morand iſt ein Engel, die Robertin iſt ein Dämon . . . Was Sie daher auch verſuchen wollen was auch ich ſelbſt verſuchen mag . . . und ich werde Verſuche machen, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen . ſo fürchte ich in Betracht der Umſtände und der Dinge ſehr, der naive Jüngling und der Engel möchten Opfer des Dämonis werden.“ Bmeiter Theil. I. Frau Robertin ging mit Wuth und Haß im Her⸗ zen nach Hauſe. Sie war feſter als je entſchloſſen, ihr Werk der Verführung durch alle möglichen Mittel durchzuſetzen und verſprach ſich dabei Viel von den Mißhelligkeiten, die nach ihrem Weggang zwiſchen Philipp und ſeiner Mutter ausbrechen mußten. Da ſie nun ahnte, daß dieſer im peinlichen Verdruß ohne Zweifel die Einſamkeit ſeiner Werkſtatt ſuchen würde, ſo ſchickte ſie gegen Abend ihren Mann in ſein Café, wie er ſagte, um eine Partie Domino zu ſpielen. Sodann ſandte die Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin auch ihre Magd mit einem Auf⸗ trage weg und begab ſich unter die dichte Lindenallee, welche an der Seite der Werkſtatt des jungen Bildhauers den Garten begrenzte. Sie ſah ihn, wie ſie insgeheim gehofft hatte, düſter und träumeriſch an den Fenſter⸗ ſims gelehnt, und winkte ihm mit der Hand zu, in⸗ dem ſie dieſen koketten und herausfordernden Gruß mit einem zauberiſchen Blick begleitete. Philipps Sue, der Teufel als Arzt. IMI. 12 178 Angſt regte ſich von Neuem, indem er an die Drohun⸗ gen ſeiner Mutter dachte, die feſt entſchloſſen war, der Frau Robertin künftig auf eine beſchimpfende Art ihre Thüre verſchließen zu laſſen. Er winkte ihr, einen Augenblick unter den Bäumen zu warten, lief dann an ſeinen Tiſch und ſchrieb ſchnell mit dem Bleiſtift folgendes Billet, das er ſeiner ſchönen Nach⸗ barin aus dem Fenſter zuwarf: „Madame, ich bin ſehr unglücklich; meine Mut⸗ ter, deren ungerechtes Vorurtheil gegen Sie ich nicht genug beklagen kann, will nicht dulden, daß ich Sie in meiner Werkſtatt empfange. Ach, ich wage kaum zu vollenden. Sie hat ihre Rückſichtsloſigkeit ſoweit getrieben, daß ſie Befehl ertheilt hat, Sie morgen vor ihrer Thüre abzuweiſen, im Fall Sie ſich zeigen ſollten. Das Geſtändniß dieſer unverzeihlichen Maß⸗ regel verurſacht mir eben ſo viel Kummer als Scham Aber ich muß Ihnen eine Demüthigung erſpa⸗ ren, die mich zur Verzweiflung bringen würde. Ver⸗ zeihen Sie, Madame, verzeihen Sie; ich ſchreibe Ihnen mit tiefem Erröthen, mit innigem Schmerz und mit Thränen in den Augen. „Ich würde .. wenn Sie mir dieſe koſtbare Gunſt oder vielmehr dieſen vielleicht verdienten Troſt bewilligen wollten, ſelbſt zu Ihnen gehen, um Ihre Büſte zu modelliren .. O, ich bitte Sie, Madame, machen Sie mich nicht verantwortlich für ein Ver⸗ fahren, das mich ebenſo betrübt als empört . Meine einzige Hoffnung beruht auf Ihrer Nachſicht. „Philipp.“ — 6 — 179 Nachdem Frau Robertin dieſes Billet geleſen hatte, gab ſie dem jungen Mann ein Zeichen, ihr ein Bleiſtift herauszuwerfen. Sie ſchrieb ihre Antwort auf die Kehrſeite des Briefes, band ihn um einen Kieſelſtein und warf das Ganze ſehr geſchickt Philipp zu, der Folgendes las: „Theurer und liebenswürdiger Nachbar, ich ver⸗ zichte nicht ſo leicht wie Sie auf dieſe Hoffnung, die mich entzückt, auf die Hoffnung, Ihnen in Ihrer Werkſtatt zu ſitzen, dieſem Heiligthum des frühreifen Genies, das ich an Ihnen bewundere in die⸗ ſer Werkſtatt, wo Sie unter eifrigen Studien Ihre Jugend verlebt haben. „O könnte ich auch nur auf eine Stunde dort ſein, wo Sie ſtets geweſen ſind! Könnte ich Ihre Zeichnungen, Ihre Skizzen ſehen, und den glorreichen Meißel berühren, der unter Ihrer Hand den Mar⸗ mor leben und zucken macht! Könnte ich auf dieſe Art eine reiche Ernte von theuren und koſtbaren Er⸗ innerungen ſammeln, von denen ich lange, ja immer leben werde, wenn ich Sie nicht wieder ſehen ſoll.. Dies iſt mein einziger Wunſch! Werden Sie mir nicht zu ſeiner Verwirklichung helfen? „Unerklärliche Vorurtheike verſchließen mir die Thüre Ihrer Werkſtatt. . . Nun wohl, ich werde nöthigenfalls durch das Fenſter hineinkommen .. Entſchuldigen Sie dieſe Erinnerung aus dem moder⸗ nen Cherubin .. . Ihr Fenſter iſt nicht ſehr hoch Erleichtern Sie mir die Mittel, morgen früh hineinzuſteigen. Der dichte Schatten dieſes Baum⸗ ganges wird mein Aufſteigen von der Seite meiner 180 Wohnung her ſchützen; und ſollte ich den Hals dar⸗ über brechen, ſo werde ich um zehn Uhr in Ihrer Werkſtatt ſein, wie ich Ihnen verſprochen habe. „Sie ſehen, ich habe nur ein einziges Wort und ich halte es; werden Sie das Ihrige halten? „Nichts hält mich auf . . . Nichts wird mich aufhalten . . . Wer könnte Sie aufhalten? „Virginie Robertin.“ Philipp bebte, als er dieſen Brief las; er er⸗ blickte in dem ſeltſamen, romantiſchen Vorſchlag der Verfaſſerin des modernen Cherubin einen Be⸗ weis von Muth, dem er es gleichthun müſſe, wenn er nicht als der feigſte Menſch erſcheinen wolle. Er ſann nach und verſchlang Virginie, die ihm ihre glühendſten Blicke zuwarf, mit den Augen. Dann ſchrieb er ſchnell und warf auf dem gleichen Wege folgendes Billet hinaus: „Madame, es fehlt mir an Worten, um Ihnen auszudrücken, wie tief ich von Ihrem Entſchluſſe ge⸗ rührt bin. Morgen früh werden Sie ohne Gefahr in meine Werkſtatt hereinſteigen können; ich werde heute Nacht Alles vorbereiten! „Mein Gott, was habe ich denn gethan, um ſo viel Glück zu verdienen? 5 „Philipp.“ Virginie Robertin hob dieſes Billet auf und las es. Statt aller Antwort führte ſie dann die Hand an ihre Lippen, warf dem jungen Bildhauer eine Anzahl Kußhändchen zu und verſchwand hierauf im Halbdunkel der nächtlichen Dämmerung. 8 181 II. Am Tag, nachdem Frau Robertin unſerem Phi⸗ lipp verſprochen hatte, durch das Fenſter in ſeine Werkſtatt zu ſteigen, und müßte ſie auch den Hals darüber brechen, nöthigte ſie ihren Gemahl eine Stunde früher als gewöhnlich auf ſein Verſicherungs⸗ Bureau zu gehen; dann packte ſie Toilettengegen⸗ ſtände in einen Koffer, legte ihren neueſten Hut in eine Schachtel, befahl ihrer Magd, die ſich über dieſe Reiſevorbereitungen wunderte, einen Fiaker zu neh⸗ men und ſie mit ihrem Gepäck auf dem Lyoner Bahn⸗ hof zu erwarten; hierauf blieb ſie allein in ihrer Wohnung zurück und erwartete einen Beſuch, dem ſie große Wichtigkeit beilegte. Nichts Unordentlicheres und Unſaubereres als das Innere der Wohnung, welche Frau Robertin inne hatte. Sie hatte als Arbeits⸗ und als Toi⸗ lettenzimmer einen großen Salon gewählt, der auf den Garten hinausging. Es war dies ein wahres Pandämonium, wo man die verſchiedenſten Gegen⸗ ſtände da und dort auf dem Boden, auf Stühlen oder auf einem langen Tiſche ſehen konnte: Bücher, abgeſchoſſene alte Hauben, ein Waſchbecken, ein Schreib⸗ zeug, ſchmutzige Strümpfe, leere Flaſchen, abgetretene Stiefelchen, zerſprungene Teller, auf welchen die Magd das Frühſtück für die Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin brachte, die fortgeriſſen vom Feuer der Dichtung erſt ſpät Etwas zu ſich nahm. Am Fenſterſims hingen, um beim Morgenwind in der Sonne zu trocknen, die Windeln von Athenais, der 182 Tochter des Ehepaares. Ein alter Weidenkorb, der in einer Ecke ſtand, diente als Niſche für die Lieb⸗ lingskatze des Hauſes und verbreitete im Zimmer jenen ſauern, ekelhaften Geruch, der dem Katzenge⸗ ſchlecht eigen iſt. Frau Robertin ging nachdenklich, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, eine männliche Haltung, welche ſie liebte, auf und ab; dann blieb ſie einen Augen⸗ blick ſtehen, um mit bitterem Spott die unfläthige Unordnung in ihrem Zimmer zu betrachten, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Wie freue ich mich über meinen Entſchluß durch Philipps Fenſter in ſeine Werkſtatt zu ſteigen! Nicht bloß wird dieſer tolle Streich die Einbildungskraft dieſes ſcheuen Naiven erhitzen, ſondern ich entgehe ſo auch dem Uebelſtand ihn hier empfangen zu müſſen. An den Lurus, die Eleganz und Ordnung, die in ſeinem mütterlichen Hauſe herrſcht, gewöhnt, würde er in meiner Spelunke hier einen unange⸗ nehmen, abſtoßenden Eindruck empfunden haben . . . Nein, nein, eine erſte Liebe muß zierlich eingerahmt werden . .. Dieſen Rahmen werde ich erhalten, wenn dieſer Herr Worand darauf eingeht . . .“ Sie beſann ſich eine Weile und fuhr dann fort: „Welche Beziehungen können doch zwiſchen die⸗ ſem Wucherer und dieſer ſchönen Blondine Statt finden, die mir die Thüre öffnete, als ich geſtern zu ihm kam, und die ich ſchon am Morgen bei dieſer Clemence Hervé geſehen hatte? Sie nahm das junge Mädchen mit einem affectirten Wohlwollen auf, das für mich um ſo impertißenter war, je mehr es mit der hochmüthigen Unverſchämtheit und der v— v— 183 zermalmenden Verachtung contraſtirte, womit die erlauchte Tugendheldin mich zu Boden gedrückt hatte. Ha, Clemence Hervé! In Gegenwart Deines Sohnes haſt Du mich verhöhnt, beſchimpft, mit blutigen Spöttereien überſchüttet! Ha! Ich habe mich ſtellen müſſen, als ob ich mich mit feiger jäm⸗ merlicher Ergebung Deinen Beſchimpfungen unter⸗ wärfe. Ha! Ich habe meinen Stolz vor Dir demüthigen, ich habe Dir ſchmeicheln, Dich bewun⸗ dern, Dich beräuchern müſſen, während ich Dir, wenn es nicht im Intereſſe meiner Sache nothwendig geweſen wäre, Gott verdamm mich, gar zu gern die Galle ins Geſicht geſpieen hätte, wovon mein Herz überfloß! Aber Geduld . . . Geduld . .. Du wirſt heute und morgen und lange Zeit blutige Thränen weinen, Clemence Hervé, wenn nur dieſer Herr Morand ſich dazu verſteht ... Virginie Robertin unterbrach ſich, als ſie eine Klingel hörte, und rief triumphirend: „Es iſt ohne Zweifel der Wucherer! .. Wenn er das Geſchäft nicht machen wollte, ſo würde er mirs geſchrieben haben, ſtatt ſelbſt zu kommen; armer Philipp! Armer unſchuldiger Junge! Du haſt keine Ahnung von den tollen Freuden, die ich ohne Dein Wiſſen Deiner rüſtigen Jugend und unſerer flammenden Liebe zudenke! Du bildeſt Dir nicht ein, welchen Roman von Abenteuern wir mit ein⸗ ander ſpielen wollen. Victoria! Es iſt der Wucherer, Victoria!“ Unter dieſem Jubelruf eilte Frau Robertin die äußere Thüre zu öffnen, und führte bald Herrn Morand, den Onkel Heloiſens, den Erhuiſſier, der 18⁴ jetzt mit ungeheuren Zinſen Wechſel discontirte, in ihr Cabinet. II. Herr Morand hegte, wie wir bereits geſagt haben, eine fanatiſche Bewunderung für das obſcöne Talent des Majors Sauſewind und hatte, ohne Vir⸗ ginie Robertin perſönlich zu kennen, ſchon mehrere Male durch Vermittlung eines Geſchäftsagenten die langſichtigen Wechſel discontirt, die ſie an Zahlungs⸗ ſtatt von ihrem Buchhändler erhielt. Sie wußte von dieſem Geſchäftsagenten, daß der Exhuiſſier ſich nicht darauf beſchränkte ſolche Handelspapiere nach einer halbwegs geſetzlichen Taxe zu discontiren, ſon⸗ dern manchmal auch mit Wucherzinſen minderjähri⸗ gen Söhnen guter Häuſer Geld lieh: deßhalb hatte die Verfaſſerin des modernen Cherubin ſchon Tags zuvor ohne Philipps Wiſſen den Plan ent⸗ worfen, der ſich jetzt entrollen wird. Herr Morand theilte mit ſo vielen Anderen das dumme Vorurtheil, daß eine Schriftſtellerin immer in Unordnung und gänzlicher Verwahrloſung der häuslichen Geſchäfte leben müſſe. Statt ſich daher beim Anblick des Pandämoniums, wohin er der Frau Robertin folgte, zu verwundern oder einen Ekel zu empfinden, blieb er auf der Thürſchwelle ſtehen und rief: „Ja, das iſt das Wahre . . So muß es bei einer Schriftſtellerin ausſehen. Wie deutlich man ſieht, daß hier Alles der Literatur aufgeopfert wird, 185 die von Haushaltungsgeſchäften verdammt wenig wiſſen will; das iſt die wahre Unordnung des Genies, denn ohne Unordnung gibt es kein Genie. Zum Henker, eine Schriftſtellerin iſt keine Frau, die man an den Herd ſtellen darf.“ Und in tiefe Bewunderung verſunken, fuhr der Exhuiſſier fort: „Alſo hier ſind dieſe köſtlichen Romane geſchrie⸗ ben worden: die fünf Küſſe Cydaliſens, die Liebe im Galopp, der moderne Cherubin und andere luſtige, drollige, poſſirliche Meiſterwerke, die Einem die Ohren warm machen und einen Todten auferwecken könnten! Ach, Frau Robertin, der heutige Tag iſt der angenehmſte meines Lebens Ich darf alſo dieſem entzückenden Bruder Liederlich, dieſem geiſtreichen, boshaften, luſtigen, lärmenden, dieſem verliebten und lockeren Major Sauſewind ins Auge ſchauen, und ich erkläre und rufe es laut,“ rief Herr Morand voll Galanterie, „jetzt nachdem ich ihn geſehen habe, dieſen anbetungs⸗ würdigen Major, wundere ich mich nicht mehr darüber, daß er alle Köpfe verdreht, und auch der meinige würde verdammt ſchief ſitzen, wenn er nicht durch meine ehrwürdigen grauen Haare geſchützt wäre.“ „Mein Herr, Sie ſchmeicheln mir,“ antwortete Virginie ſich zierend; „es macht mich ſehr glücklich zu vernehmen, daß meine Romane Sie einigermaßen intereſſirt haben!“ „Einigermaßen intereſſirt! Wie können Sie ſo ſprechen? Nicht Intereſſe iſt es, was ich bei dieſer Lectüre empfinde, ſondern Wuth, Tollheit, Heiß⸗ 186 hunger. Ich verſchlinge Sie, Madame, ich ver⸗ ſchlinge Sie, wie ein ausgehungerter Wolf . . . Das iſt der wahre Ausdruck.“ „Dieſe verſchlingende Bewunderung erſchreckt mich ſehr, mein Herr,“ antwortete Frau Robertin mit einem koketten Lächeln, „und damit dieſer furcht⸗ bare Appetit nicht von Neuem in Ihnen erwache, wenn Sie von meinen Werken ſprechen, ſo erſuche ich Sie gefälligſt auf den Gegenſtand Ihres liebens⸗ würdigen Beſuches übergehen zu wollen.“ „So hart es mich ankommt, Madame, daß ich meine Bewunderung nicht nach Herzensluſt ergießen darf, ſo bin ich doch zu Ihren Befehlen.“ „Der liebe Herr Mouſſard, durch deſſen Ver⸗ mittlung Sie einige Wechſel zu discontiren die Güte hatten, hat mich verſichert, daß Sie ſich manchmal auf Operationen von der Art einlaſſen, die ich in dem Brief bezeichnet habe, welchen ich geſtern bei Ihnen abgab, da ich nicht das Glück hatte Sie per⸗ ſönlich zu treffen.“ „Das Glückwäre ganz auf meiner Seite geweſen, Madame.“ „Sie ſind in Wahrheit allzu galant.“ „Ich bin aufrichtig, Madame, weiter Richts.“ „Um all dieſen verbindlichen Artigkeiten ein Ende zu machen, wodurch Sie mich wahrhaft beſchämen, möchte ich Sie fragen, ob das betreffende Geſchäft ausführbar iſt.“ „Ich habe ſchon heute früh die nöthigen Schritte gethan.“ „Wie gefällig Sie ſind, mein Herr! Sie haben alſo den Notar der Frau Clemence Hervé beſucht?“ 187 „Ich komme ſo eben von ihm.“ „Er ahnt natürlich den wahren Grund nicht, warum ich Sie in meinem Brief erſuchte unter einem ſcheinbaren Vorwand Aufſchlüſſe von ihm zu erlangen?“ „Nein, Madame, dieſer Notar iſt nicht allzu reich⸗ lich mit Verſtand geſegnet und denkt an gar Nichts, he, he, he,“ antwortete der Exhuiſſier mit einem plumpen Lachen. „Als ich mit dem guten Manne ſprach, kam er mir wie der Held eines Kapitels im modernen Cherubin vor . . . das erinnerte mich an dieſen famöſen Schlingel von Floreſtan, der mit vollen Händen Geld entlehnte . . . Jedenfalls habe ich den Notar erſucht mir zu ſagen, ob das Haus der Clemence Hervé feil ſei, da ich einen Liebhaber kenne, der es ſehr theuer bezahlen würde. Wie gefällt Ihnen dieſer Vorwand? Er iſt nicht ſo ganz ungeſchickt, ſollte ich denken!“ „Er iſt im Gegentheil ſehr ſchlau gewählt, und ich bewundere Ihre Erfindſamkeit. Fahren Sie ge⸗ fälligſt fort.“ „Der Notar gab mir zur Antwort, Frau Cle⸗ mence Hervé wolle ihr Haus nicht weggeben, und ſo kamen wir beiläufig auf dieſe Schriftſtellerin zu ſprechen, die ich, nebenbei geſagt, verabſcheue und verwünſche!“ „Wirklich, mein Herr?“ „Ich ſage Ihnen, Madame, ſie iſt mein wahrer Alp. Mich ſchaudert, wenn ich nur an ſie denke .. Dieſe unverſchämte Perſon will Einen in ihren Schrif⸗ ten beſtändig Mores lehren, will Einem immer den Kopf waſchen ſie iſt eine Socialiſtin .. eine. 188 „Mein Herr .. „Madame, dies iſt meine Meinung und ich habe den Muth meine Meinungen auszuſprechen.“ „Ich bin weit entfernt Ihnen widerſprechen zu wollen, aber kommen wir auf unſere Angelegenheit zurück.“ „Der Notar und ich ſprachen alſo über dieſe famöſe Clemence Hervé. Meine Fragen ſchienen lediglich von einer Neugierde dictirt, die in Betreff einer ſo berühmten Perſon wohl begreiflich iſt: ich erfuhr alſo den genauen Beſtand ihres Vermögens, das auf 300,000 Franken geſchätzt wird, wenn man ihre Ausſtände dazu rechnet. Ihr Sohn erbt, wenn er volljährig iſt, von ſeinem Vater ungefähr 120,000 Franken!“ „120,000 Franken,“ rief Virginie mit funkelnden Blicken, „120,000 Franken!“ „Zum Wenigſten, denn die Erbſchaft des jungen Mannes beſteht in einem Gut in Beauce, deſſen niedrigſter Anſchlag 80,000 Franken iſt, und in einer Rente von einem Kapital von 43,000 Franken.“ „Scheinen Ihnen dieſe Garantien genügend, mein err?“ „So genügend, Madame, daß ich auf die Opera⸗ tion eingehe, ganz beſonders und hauptſächlich weil ich Ihnen gefällig zu ſein wünſche.“ „Man kann ſich unmöglich liebenswürdiger zeigen, als Sie, mein Herr . . . Sie leihen alſo Herrn Phi⸗ lipp Hervé . .. „25,000 Franken auf ſeine Unterſchrift: in blanco, wohlverſtanden, da er minderjährig iſt . . . Aber ich muß Ihnen bemerken, daß das Geld rar iſt. 189 Ueberdies ſetze ich mich gewiſſen Gefahren aus, wenn ich mit einem Minderjährigen contrahire. Ich glaube alſo nicht zu viel zu verlangen, wenn ich eine Com⸗ miſſion von 10,000 Franken zum Voraus weg⸗ nehme. Nun,“ fügte Herr Morand lächelnd hinzu, „was denkt der Major Sauſewind, der die liebens⸗ würdigen Tollheiten der Jugend ſo ſchön darzuſtellen verſteht, von dieſer Summe?“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ antwortete Frau Ro⸗ bertin entſchloſſen, „unter uns geſagt, der Major Sauſewind glaubt, daß man niemals zu theuer, nicht das Geld, ſondern die Vergnügungen bezahlt, welche dieſes herzerfreuende Metall der ſchönen und luſtigen Jugend verſchafft, wenn es zwiſchen ihren Fingern funkelt.“ „Das läßt ſich hören, Madame. Sie bleiben doch wenigſtens conſequent bei Ihrer epicuräiſchen Philoſophie.“ „Ich bin ein Apoſtel des Vergnügens und pre⸗ dige für meinen Heiligen.“ „Ach, Madame, wir Geldausleiher ſollten Ihnen Altäre errichten . . . Ihre Schriften machen den jungen Leuten Muth ihr Vermögen luſtig zu ver⸗ putzen; wir ſind ſehr dienſtfertig und geben dieſen liebenswürdigen Tollköpfen . . .“ „Das Werkzeug des Vergnügens, das bei Gott mehr werth iſt, als das Werkzeug der Arbeit, wovon dieſe Democſoc von Clemence Hervé uns beſtän⸗ dig vorkäut.“ „Alſo, Sie leihen ihrem Sohn? . „Fünfundzwanzig ſchöne Tauſendfrankenbillets gegen ſieben Tratten von je 5000 Franken, die er 190 in blanco acceptirt; ich habe als vorſorglicher Mann die Tratten mitgebracht. Hier ſind ſie,“ fügte der Wucherer hinzu, indem er Virginie ſieben geſtempelte Wechſel zeigte. Wollen Sie die Sache beſorgen, Madame?“ „Gewiß,“ antwortete die Verfaſſerin des mo⸗ dernen Cherubin, indem ſie gierig die geſtem⸗ pelten Wechſel nahm. Dabei ſagte ſie zu ſich: „Ha, Clemence Hervé, ich werde mich furchtbar rächen!“ W. Als Herr Morand den triumphirenden Ausdruck bemerkte, der ſich beim Anblick der geſtempelten Wech⸗ ſel ſo ſichtlich auf den Zügen der Frau Robertin aus⸗ prägte, ſagte er zu ſich: „Es ſcheint, der Major Sauſewind will dem jungen Hervé dazu behilflich ſein ſeine Thaler tan⸗ zen zu laſſen. Glücklicher Junge! Eine ſo allerliebſte Maitreſſe und Geld genug zum Hinauswerfen.“ Laut ſagte der Wucherer, der über die Sache ins Klare zu kommen wünſchte: „Ohne Zweifel werden Sie dem jungen Hervé dieſe Wechſel zuſtellen, Madame?“ „Nein, ich gebe ſie einem ſeiner Freunde, der mich erſucht hat die Sache bei Ihnen zu vermitteln. Für den Fall, daß Ihre Antwort günſtig lauten würde, ſollte ich Ihnen im Auftrag dieſes Freundes ſagen, daß der junge Hervé Sie heute um ein Uhr im Café des Lyoner Bahnhofes erwartet.“ „Nun, Madame, Sie können alſo meinem jungen — 191 Clienten zu wiſſen thun, daß er mich pünktlich beim Rendezvous finden wird; ich werde die 25,000 Fran⸗ ken mitbringen und ſie ihm gegen die ſieben Tratten zuſtellen.“ „Ganz vortrefflich!“ „Er braucht bloß unter jedes Billet zu ſchreiben: Obige Schrift anerkannt, gut für 5000 Fran⸗ ken, und zu unterzeichnen . . . Die Sache iſt ganz einfach.“ „Allerdings ſehr einfach; man kann ſich gar kein bequemeres Verfahren denken, um Geld zu be⸗ kommen.“ „Mein junger Client wird mich im Café des Lyoner Bahnhofes finden. Dort machen wir die Sache ab und er ſackt die Summe ein. Jetzt, Ma⸗ dame, muß ich . . .“ „Verzeihen Sie, mein Herr, noch ein Wort . . . Als ich geſtern Mittag zu Ihnen ging, wurde mir die Thüre von einer jungen Blondine geöffnet, die in der That ſehr ſchön iſt.“ „Es iſt meine Richte Heloiſe . . . Wir haben ſie aus Barmherzigkeit erzogen; ohne uns würde ſie verhungern; ihre Erziehung hat uns ſchwer Geld gekoſtet; aber was wollen Sie, Madame, es gibt Familienpflichten, die man übernehmen muß, wenn nicht alle Welt den Stein auf uns werfen ſoll .. Zum Glück wird meine Nichte bald einen Herrn von einem gewiſſen Alter heirathen; er nimmt ſie um ihrer ſchönen Augen willen. Wohl bekomm's dieſem würdigen Eheſtandscandidaten! Nicht als ob das Mädchen böſe wäre, aber ſie iſt griesgrämig, heim⸗ tückiſch, ſchweigſam, eine wahre Maſchine ſie iſt 192 dumm wie eine Gans, ſie ſpricht kein Wort und denkt auch gar nicht.“ „In der That iſt mir dieſes junge Mädchen trotz ſeiner bemerkenswerthen Schönheit ziemlich ein⸗ fältig vorgekommen.“ „Sie ſieht nicht bloß ſo aus, ſondern ſie iſt es auch wirklich. Man kann nicht zwei Worte hinter einander von ihr herausbringen.“ „Sie heirathet alſo?“ „Sie wird heute ihrem Zukünftigen vorgeſtellt. Die Sache iſt, Gott ſei Dank, im Blei . . . Wir brauchen dann nicht mehr für ſie zu ſorgen . Aber Madame, welches Intereſſe können Sie an die⸗ ſem armen Thierchen nehmen?“ „Ich habe ſie geſtern früh bei Frau Clemence Hervé getroffen.“ „Meine Nichte?“ „Ja . .. Ihre Schönheit war mir aufgefallen, und nun fand ich die junge Perſon zu meiner großen Ueberraſchung wieder bei Ihnen, als ich Sie be⸗ ſuchen wollte und in Ihrer Abweſenheit meinen Brief zurückließ.“ „Meine Nichte bei Clemence Hervé! Bei Gott, das iſt ſehr ſonderbar.“ — Auf einmal ſchlug ſich Herr Morand vor die Stirne und fügte hinzu: „Ja, richtig, jetzt fällt es mir wieder ein. Die Sache iſt ganz einfach. Meine Nichte wird Clemence Hervé unſer Geſchenk für eine unglückliche Familie, die ſie in ihren Schutz nimmt, direkt überbracht haben.“ „Ei wie, mein Herr, Sie, ein vernünftiger Mann, ein Mann, der das Leben ſo gut zu kennen 193 ſcheint, Sie laſſen ſich durch ſolche democratiſch ſpeia⸗ liſtiſche Hanswurſtereien dran kriegen?“ „Ja, bei Gott, ich habe es ungern genug gethan und meine Dummheit vollkommen eingeſehen; aber ſchauen Sie, Madame, geſtern als man uns ein verdammtes Feuilleton mit dem Titel Sociales Elend vorgeleſen hatte, da wurden wir, meine Frau und ich, unwillkürlich ſo weich und beklommen, daß wir, nur um uns von dieſer Art von Druck zu befreien, einfältig genug waren, jedes zwanzig Franken für dieſe Bettlerfamilie hinauszuwerfen.“ „Für welche Clemence Hervé in ihrem Feuille⸗ ton in die Trompete ſtieß? Dies macht Lärm, iſt philanthropiſch und beſonders ſehr öconomiſch,“ ver⸗ ſetzte Virginie Robertin. „Dieſe Reformatorin lädt die Einfaltspinſel zum brüderlichen Liebesmahle ein, deſſen Koſten ſie allein zu beſtreiten haben; ſie pre⸗ digt die Solidarität, die Gleichheit und andern De⸗ mocſoc⸗Unſinn, — ganz natürlich weil dieſe Tu⸗ gendheldin ebenſo hochmüthig als unverſchämt iſt, und weil alle zuſammen ſolidariſch verbunden ſind. Sie ſchildert das ſociale Elend und lebt dabei ſelber in Saus und Braus. Sie thut ſich als Cornelia auf, ſie wirft ſich in die Bruſt, ſie drapirt ſich als Mutter der Gracchen, und dabei legt ſie durch ihren Geiz, ihre dumme Strenge und ihren harten Egoismus ihrem Sohn die ſchrecklichſten Entbehrungen auf; ſie ſperrt ihn in ſeine Werkſtatt ein, zwingt ihn wie ein Taglöhner zu arbeiten, geſtattet ihm gar keine Frei⸗ heit, macht ihn ganz ſtumpfſinnig und hält ihn von allen Vergnügungen ſeines Alters fern. Was muß alſo geſchehen? Der junge Menſch, der durch . 3 Sue, der Teufel als Arzt. III. 194 die blödſinnige Strenge ſeiner Mutter auf's Aeußerſte getrieben ſieht, empört ſich, emancipirt ſich, und meiner Treu: es lebe die Jugend, das Gold, der Wein und die Liebe, wie Floreſtan in mei⸗ nem modernen Cherubin ſagt, und eines ſchönen Tages fliegt das blaue Vögelchen auf und davon.“ „Bewundernswürdig! erhaben! Das Porträt der Demooſoe iſt mit Meiſterhand entworfen,“ rief Herr Morand, „ich werde dieſes Porträt in 20000 Exem⸗ plaren abziehen, indem ich es immer vor mir her⸗ ſage und dem Nächſten Beſten vorſpreche. Wenn der liebe Gott gerecht iſt, ſo wird Clemence Hervé da geſtraft werden, wo ſie geſündigt hat! Ihr Sohn wird Alles bis auf ihren letzten Sou außzehren.“ „Und Sie, mein lieber Herr Morand, werden eines der Werkzeuge dieſer providenziellen Züchtigung geweſen ſein.“ „Ja, das will und wünſche ich, Madame. Ja, um den Abſichten der Vorſehung fortwährend zu dienen, bin ich im Stande dieſem intereſſanten jun⸗ gen Mann (natürlich immer gegen eine anſtändige Commiſſion) noch weitere 25,000 Franken zu leihen, wenn die erſten aufgebraucht ſind; und ſo fort bis zu einer Summe von 80,000 Franken.“ „Ach, mein lieber Herr Morand, welcher Talis⸗ man iſt nicht Ihre Brieftaſche! Sie öffnet ſich, o Wunder! . die gelangweilte, ſchmachtende und griesgrämige Jugend ſchnellt ſich wieder empor, und mit funkelnden Blicken, mit lächelnden Lippen und Liebe im Herzen ſtürzt ſie ſich in die fröhlichen Luft⸗ ſpiegelungen dieſes ſchönen Lebens, das wie Roſen und Gold ausſieht und bei Gott nicht länger dauert 195 als eine Maßliebe und das Bankbillet. Das Ganze dauert einen Morgen! Aber was liegt daran, wenn man an einem Morgen ganze Tage gelebt hat! Was liegt am Gewitter des Abends, wenn der Morgen herrlich geweſen iſt!“ „Bravo, bravi . . . braviſſimo!“ rief der Wu⸗ cherer entzückt. „Man ſollte dieſe Grundſätze mit goldenen Lettern ſchreiben . . . Ach, Frau Robertin, ich bewunderte Sie ſchon, ehe ich Sie kannte .. Jetzt verehre ich Sie, ich bete Sie an!“ „He, he, das iſt ja eine Erklärung!“ „Wollte Gott, aber ach, ich werde grau, ich be⸗ komme einen Bauch, und ich darf in Ihnen nicht die Frau erblicken, ſondern einzig und allein jenen bezaubernden und berühmten Bruder Liederlich, der ſich Major Sauſewind nennt.“ „Wenn ich dieſem Harpax hundert Louisdor ab⸗ lockte,“ dachte Madame Robertin. Aber nach kurzem Beſinnen ſagte ſie zu ſich: „Was würde mir das nützen . . . Ich habe meinen Philipp . . . Sparen wir Morand für die Zukunft.“ „Madame,“ ſagte der Wucherer, „Sie müſſen mir einen Gefallen thun.“ „Sprechen Sie, mein lieber Herr Morand.“ „Meine Frau iſt wie ich eine fanatiſche Ver⸗ ehrerin Ihres Talentes; wollen Sie mir erlauben ſie Ihnen vorzuſtellen?“ „Mit großem Vergnügen.“ „Das iſt noch nicht Alles: würden Sie manch⸗ mal die Güte haben unſer beſcheidenes bürgerliches Diner mit uns zu theilen?“ „Gewiß.“ 196 „Ach, Madame, Sie überhäufen uns . . . Ich Verzeihen Sie, ich raube Ihnen Ihre koſtbare Zeit. Ich beſtehle die Nachwelt.“ „Ich habe einige Correcturen zu machen . . . Aber „Das genügt, Madame . . . Ich mache mich aus dem Staub, ich eile fort, und bin hochbeglückt die Verſicherung mitnehmen zu können, daß ich Sie zuweilen wiederſehen werde.“ „Leben Sie wohl, mein lieber Herr Morand. Der junge Hervé kann alſo mit Sicherheit darauf rechnen, daß er Sie um ein Uhr im Café des Lyoner Bahnhofes treffen wird?“ „Ich werde mit meinen fünfundzwanzig Tauſend⸗ frankenſcheinen dort ſein. Ich eile zu meinem Ban⸗ kier um das Geld zu holen . . . Welch ein köſtlicher Streich, den wir dieſer Demoeſoc von Clemence Hervé ſpielen! Leben Sie wohl, Madame, und meiner Treu, es lebe der Major Sauſewind,“ rief mit Begeiſterung, indem er den Salon verließ. W Als Herr Morand ſich entfernt hatte, überließ ſich Virginie zwanglos dem Freudentaumel ihrer ab⸗ ſcheulichen Hoffnungen und den Ergießungen ihres Haſſes gegen die berühmte Frau, auf welche ſie mit Neid und Abſcheu blickte. „O, ich habe Dich, Clememee Hervé,“ rief die Verfaſſerin des modernen Cherubin; „ja, 197 diesmal habe ich Dich. Du ſollſt Alles leiden, was eine Mutter leiden kann! Dein Sohn gehört fortan mir! Er iſt jung, gutmüthig, naiv, leichtgläubig und ſchwach . . . Ich habe ihm Feuer ins Blut geworfen, er betet mich an . . . Ich raube ihn Dir heute, verſtehſt Du mich, Clemence Hervé! Ich raube ihn Dir, denn ich verführe ihn durch meine Worte, magnetiſire ihn durch meine Blicke, blende ihn durch eine Zukunft voll Liebe, Wolluſt und Ver⸗ gnügungen, die vor ſeinen Augen ſchimmern ſoll; er wird die Wechſel unterzeichnen, er wird dieſes Goldmanna ſegnen, das ihm ganz unerwartet vom Himmel herab zufällt, und mit fünfundzwanzig ſchönen tauſend Franken reiſen wir augenblicklich in die Schweiz und leben da wie die Fürſten. Sind dieſe 25,000 Fran⸗ ken aufgezehrt, ſo wenden wir uns von Neuem an den Wucherer; ſo können wir wenigſtens ein Jahr lang herrlich und in Freuden leben . .. Iſt dann die Quelle der Anlehen verſiegt, iſt Philipp ruinirt, iſt meine Caprice für ihn vergangen, ſo ſage ich zu ihm: Geh, verlorner Sohn, geh jetzt zu Mama zu⸗ rück, ſie wird Dich recht artig finden. Gefällt mir dagegen der liebe Unſchuldige noch immer, und nach der Heftigkeit meiner dermaligen Neigung zu ſchließen, wird er mir wohl lange gefallen, nun wohl, dann entſagen wir dem vornehmen Leben und beginnen ein luſtiges Strolchenleben mit einander. Wir laſ⸗ ſen's uns wohl ſein, wir flaniren in der Welt her⸗ um, ſtehlen dem lieben Gott den Tag ab, machen chulden und werden vielleicht zuweilen auch etwas arheiten. Iſt uns das Meſſer oder vielmehr der Phili⸗ ſter an der Kehle, ſo fange ich wieder an Romane 198 zu ſchreiben; Philipp hat ein prächtiges Talent, und ſtatt es zu hiſtoriſchen, heroiſchen und democratiſchen Maſchinen zu verwenden, ſoll er allerliebſte, beinahe ganz nackte Figürchen modelliren, die auf den Quais abgehen werden, wie der Weck auf dem Laden. Er wird nöthigenfalls wie ein Neger arbeiten, um Geld ins Haus zu ſchaffen; er wird der Sclave meiner Launen, meiner Wünſche ſein, weil er bald alle Laſter des Sclaven haben wird; ja, ich werde in ihm ohne Mühe ſelbſt den Schatten dieſer ſtrengen, einfältigen Grundſätze verwiſchen, womit Du ſeine Jugend ge⸗ feſſelt und verſtrickt haſt, Clemence Hervé . . . Ich werde bald und ſchnell einen Skeptiker, einen Lebe⸗ mann, einen ächten Zigeuner aus ihm gemacht haben; und wenn es Dir je gelingt mir Deinen Sohn wie⸗ der abwendig zu machen, ſo wirſt Du den Tag ver⸗ fluchen, wo Du mir ihn wieder genommen haſt. Es mag daher gehen wie es will, ob er mir bleibt oder ob er gänzlich verdorben, zu Grunde gerichtet und ſogar reumüthig zu Dir zurückkehrt, ſo werde ich Dir im tiefſten Herzen wehe gethan, ich werde mich für Deine Tugenden, für Deinen Ruhm gerächt haben, Du hochberühmte Heuchlerin!“ Nach dieſem Ausbruch ihres Haſſes ſammelte ſich die nichtswürdige Frau und fuhr fort: „Je mehr ich daran denke, um ſo feſter bin ich überzeugt, daß das Gelingen meiner Pläne . und ſie müſſen gelingen . . . meine Rache ſichern, meine Neigung zu Philipp befriedigen und meine dermalige Stellung, die unleidlich zu werden droht, auf einmal verändern wird. Mein Dummkvpf von einem Mann hat ſeinen eiferſüchtigen Argwohn lange bekämpſt 199 und verhehlt; aber jetzt ſieht ſein Verdacht aus jedem ſeiner Worte hervor; er iſt ein Vieh, er fürchtet mich, aber er iſt ſchrecklich eigenſinnig, und der In⸗ ſtinct ſeiner Eiferſucht leitet ihn und gibt ihm einen Scharfſinn, der mich beunruhigt. Er könnte mir das Leben unerträglich machen; denn man hat gar keine Idee davon, weſſen ein eiferſüchtiger Starrkopf fähig iſt; übrigens werde ich mich immer wieder mit ihm verſöhnen können, ſobald ich es für zweckmäßig er⸗ kenne; ich werde ihm, wenn ich mit Philipp abreiſe, was ich beinahe als gewiß anſehe, vom Bahnhof aus ſchreiben, daß ich für einige Zeit aufs Land gehe zu einer Freundin, und daß er meine Tochter wohl hüten ſolle; er hat 2000 Franken Gehalt, das genügt.“ Als Frau Robertin die Uhr ſchlagen hörte, horchte ſie und fügte hinzu: . „Jetzt iſt es zehn Uhr; ich muß gehen; ich habe heute früh den Baumgang bereits genau unterſucht. Philipp hat ſich eine Leiter verſchafft und unter ſei⸗ nem Fenſter aufgeſtellt. Ich werde in einem Augen⸗ blick bei ihm ſein. . . dann kommt die Hauptſcene.. Ich beſtimme ihn mir zu folgen .. . Wir ſteigen in meinen Garten hinab.. Wir eilen zur Thüre hin⸗ aus und in anderthalb Stunden rutſchen wir mit der Lyoner Eiſenbahn fort . . . Ich entführe Dir Deinen Sohn, Clemence Hervé . . . Ich bin ge⸗ rächt.“ So ſprechend entfernte ſich die Verfaſſerin des modernen Cherubin und ging raſch nach der bewußten Baumgruppe, wo ſie auf einem ſchattigen Schneckengang ankam. 200 Kurz nach dem Weggang dieſer herzloſen Mutter begann ihre Tochter, die im Nebenzimmer lag, ein armes Kind von achtzehn Monaten, das ſie mit ſo abſcheulicher Gleichgültigkeit im Stiche gelaſſen hatte, heftig zu ſchreien. Das Geſchrei wurde immer kläg⸗ licher, als Herr Robertin, der die äußere Thüre der Wohnung mit einem Hauptſchlüſſel geöffnet hatte, mit ängſtlicher und heimtückiſcher Miene in das Ar⸗ beitszimmer trat, wo er ſeine Frau zu finden hoffte. Denn kaum hatte er ſeinen Fuß auf die Schwelle geſetzt, ſo ſagte er als eine Art von Entſchuldigung: „Du haſt mich eine Stunde zu früh nach meinem Bureau geſchickt, es war noch geſchloſſen . . . ich bin alſo zurückgekommen . . . Sei nicht böſe, Major.“ W Als Herr Robertin bemerkte, daß er zu den Wänden ſprach und ihnen den eigenthümlichen Grund ſeiner Rückkehr erklärte, wollte er ſich verſichern, ob ſeine Frau ausgegangen ſei, und ging in die zwei an das Arbeitscabinet ſtoßenden Zimmer. In einem davon befand ſich das Kind, das in ſeiner Wiege zappelte und mörderiſch ſchrie. Der gute Ehemann nahm das Mädchen in ſeine Arme und ſuchte es zu beſchwichtigen, indem er es wiegte und ihm das alte Liedchen vortrillerte: „Schlaf, Kindlein, ſchlaf!“ Er unterbrach jedoch bald ſeinen Geſang mit folgendem Monolog: — 201 „Ei, ſieh da, meine Frau iſt bereits ausgegan⸗ gen! Sie hat mich eine Stunde früher in mein Bureau geſchickt, weil ſie, wie ſie ſagte, allein ſein wollte, um ſogleich einen neuen Roman anzufangen und ganz warm in den Gang zu bringen . . . und meine Gegenwart genirte ſie . . . fügte ſie mit be⸗ geiſterter Miene hinzu . . . Schlaf, Kindlein, ſchlaf! — Und dieſe verdammte Magd iſt auch davon ge⸗ laufen, ſobald meine Frau den Rücken gekehrt hat, ſtatt Athenais zu hüten, die ſie jetzt in ihrer Wiege ſchreien läßt . . . Aber wo zum Teufel iſt denn der Major hingegangen? . . . Warum hat er mich eine Stunde früher als gewöhnlich fortgeſchickt. . . Hm . . . das riecht nach nichts Gutem . . . Jetzt muß ich alſo wieder anfangen mich mit meiner Eifer⸗ ſucht zu quälen und zu martern . . Verdammt.. dieſer junge Hervé, unſer Nachbar . . . Hol der Teufel dieſe Nachbarſchaft! . . . Dieſer junge Hervé iſt ein hübſcher Burſche . . . wahrhaftig ein ſehr hübſcher Burſche . . . Meine Frau will ihm ſitzen und wenn ſie das im Kopfe hat . . . ſo wird ſie auch ſitzen . . . Sie läßt ſich durch nichts mehr davon abbringen . . . O das Teufelsweib! . .. Jetzt bin ich ganz ſicherlich ... Ich freue mich nur, daß Frau Hervé uns die Thüre gewieſen hat . . . Ja aber auf der andern Seite hat der Major trotz der harten Reden ſeiner Collegin Sammtpfötchen ge⸗ macht .. Es muß irgend eine Gaunerei dahinter ſtecken. . . Dieſer junge Mann iſt ein hübſcher Burſche, ein ſehr hübſcher Burſche.“ Dann wandte ſich Herr Robertin wieder an das Kind, das nicht aufhören wollte zu ſchreien. 202 „Sei doch ruhig, mein Püppchen . . . Schlaf, Kindchen, ſchlaf . . . Dieſes Luder von einer Magd Wir werden ſie aus dem Hauſe werfen! . . . Ja, aber ſie wird dann ihren zweimonatlichen Lohn fordern, und wir leben in einer Unordnung! Ach nicht Alles riecht nach Roſen im Handwerk des Ehe⸗ mannes einer Schriftſtellerin. Allerdings ſchmeichelt das meiner Eitelkeit gewaltig. Wenn ich in meinem Cafe ſitze, ſage ich oft zu einem Nachbar: Mein Herr, was denken Sie zu dem Roman des Majors Sauſewind? — O, o nach ſeinen Werken zu ſchließen, muß das ein herrlicher Cumpan ſein. — Nun ja, ſehen Sie mich recht an, denn ich bin ihr Mann. — Der Major iſt Ihre Frau? — Ja mein Herr, der Major Sauſewind, eine geborne Virginie Dutillier, iſt meine Frau. Dann lache ich und blähe mich auf; ich muß geſtehen, das ſind herrliche Augenblicke, aber hernach kommen andere . . . hm . . . hm . . . wie dieſer da zum Beiſpiel . . . und wo ich mit dem Munde lache und in der Seele den Tod ſitzen habe. .. Donnerwetter, warum hat mich meine Frau heute früh ſo bald fortgeſchickt? Wohin kann ſie gegangen ſein? Sie wollte den ganzen Tag nicht ausgehen . . . Dieſer junge Philipp iſt ein hübſcher Burſche, ein ſehr hübſcher Burſche . . . Ich muß immer wieder auf das zurückkommen . . . Gerade ſo war es vor zwei Monaten mit dieſem abſcheulichen Jungfernknecht, dem Sänger Silvio, deſſen Geſicht mich ebenfalls Tag und Nacht wie ein Alp quälte... Ich halte es nicht mehr aus ... Vor ſechs Mo⸗ naten wurde ich auf die gleiche-Weiſe von dem Schnurrbart dieſes großen Tölpels von einem Spahi⸗ — — — — 203 Capitän geplagt, der uns faſt aus dem Hauſe hinaus fraß, und den meine Frau in ihrem Roman die Liebe im Galopp unter dem Namen Capitän Granmanche in Scene geſetzt hat, wie ſie zu ſagen pflegt . .. Solche eiferſüchtige Alpe haben immer wie eine Art von Ahnung auf mir gelegen . .. Wer weiß, ob ſie mich nicht getäuſcht haben . .. Tod und Teufel! Wenn ich glaubte . . wenn ich überzeugt wäre... wenn ich es wagte . .. (Schlaf, Kindlein, ſchlaf) Ach ja, wenn ich es wagte aber ich wage es nicht, ich bin ſo ein Haſenfuß .. . ſo dumm. ſo ängſtlich . . . und dann immer fern von meiner Frau . . . o wenn ich daran denke, daß ſie, wäh⸗ rend ich den ganzen Tag auf meinem Bureau ſitze, ausgeht. . . Gott weiß, wohin . . . kurz und gut daß dieſes Kind, das ich wie ein Dummkopf in meinen Armen wiege, vielleicht nicht mir gehört!“ Bei dieſem Gedanken rollte eine heiße Thräne aus den Augen des Unglücklichen; er erblaßte; ſein Geſicht zog ſich zuſammen und er fuhr fort: „Hol mich der Teufel, wenn ich zu mir ſage, daß ich hintergangen werden könnte, wie ſo viele Andere, da läuft es mir eiskalt über den Rücken; meine Gallenblaſe möchte platzen . . und in ſolchen Augenblicken begreife ich . . . ſo ein gutmüthiger Gimpel ich ſonſt bin hm . . . hm . . . ich be⸗ greife . ja, wahrhaftig . . . ſchlimm genug ich kann es mir ſelbſt geſtehen . ich bin ganz allein nun wohl ja . . ich begreife, wie ein Mann in meiner Stellung dazu kommen kann, ſeinem Luder von einer Frau ein Bischen Rattengift zu geben.“ —— Bei dieſen Worten nahm das Geſicht des Herrn Robertin einen ſchrecklichen Ausdruck von heimtücki⸗ ſcher und dennoch, wenn man ſo ſagen kann, einfäl⸗ tiger Wildheit an; dann warf er auf das unſchul⸗ dige Geſchöpf, das er einwiegte und das endlich zu ſchreien aufhörte, einen argwöhniſchen unheimlichen Blick und ſummte mechaniſch mit nachdenklicher Miene vor ſich hin: „Schlaf, Kindlein, ſchlaf!“ Herr Robertin wurde durch ein wiederholtes hef⸗ tiges Geklingel aus ſeiner peinlichen Träumerei auf⸗ geweckt. „Nur der Major kann ſo läuten, als ob er Alles zertrümmern wollte,“ ſagte der gute Mann, indem er, fortwährend mit dem Kind auf dem Arme, nach der äußeren Thüre der Wohnung ging; „meine Frau kommt heim, wie wird es mir ergehen! Sie iſt im Stand und zwingt mich nach meinem Bureau zurück zu laufen. Hol mich der Teufel, ſie ſoll mich nicht hitzig machen; denn zum erſten Mal in meinem Leben Alles muß einen Anfang nehmen .. . ſpüre ich einen ſolchen Grimm in mir, daß ich . . . bei all meiner ſonſtigen Gutmüthigkeit.. im Stande wäre das Aas recht tüchtig durchzuwamſen . .. wenn ſie mir nicht ganz klar und deutlich fagt, wo⸗ her ſie kommt und warum ſie mich heute früh ſo bald fortgeſchickt hat.“ 205 VII. Herr Robertin täuſchte ſich in ſeinen Vermu⸗ thungen, und als er die äußere Thüre der Wohnung geöffnet hatte, fand er ſich einem Mann von hohem Wuchs und achletiſcher Geſtalt gegenüber, deſſen breite Hand krampfhaft mit dem Knopf einer unge⸗ heuer dicken Stechpalme zu ſpielen ſchien. Die rauhe und drohende Phyſiognomie dieſes Unbekann⸗ ten machte einen unangenehmen Eindruck auf Herrn Robertin, der ſehr höflich und mit etwas kebender Stimme fragte: „Mit wem habe ich die Ehre zu rehin mein Herr?“ „Mein Herr,“ verſetzte der Unbekannte bleich vor Zorn, ewohnt hier der Major Sauſewind?“ J „Wo iſt er?“ „Er iſt ausgegangen?“ „Das iſt Schade!“ „Wenn es ſich übrigens darum handelt ihm Et⸗ was mitzutheilen, ſo . . .“ „Es handelt ſich darum ihm Stockſchläge mitzu⸗ theilen, mein Herr!“ „Hel“ ſagte Herr Robertin, indem er zurückwich und das im Einſchlafen begriffene Kind fortwährend im Arme hielt, „Sie wollen meine Frau durch⸗ prügeln?“ „He, he, Sie ſind der Mann?“ „Ja, mein Herr, ich bin der Mann des Majors, oder wenn Sie lieber wollen, der Major iſt meine 206 Frau. Sie werden daher, wie ich nicht zweifle, be⸗ reuen von Stockſchlägen geſprochen zu haben, und...“ „Einfältiger Kerl,“ rief der Unbekannte, indem er ſeinen ungeheuren Stock ſchwang, „wenn ich Deine Lumpendirne von einer Frau nicht durchprügeln kann, wie ich mir feſt vorgenommen hatte, ſo will ich Dich durchprügeln!“ „Mein Herr, was bedeutet das? . . .“ „Das bedeutet, daß ich der Mann der Mode⸗ händlerin Tournemine bin, gegen welche Ihre Har⸗ pie von einer Frau ein Feuilleton geſchrieben hat, das im Stand iſt uns zu ruiniren, weil es unſeren Laden mit Spott und Schande überhäuft. Und warum dieſe abſcheuliche Bosheit?“ fuhr Herr Tour⸗ nemine erbittert fort; „weil wir nach länger als einem Jahr das Geld gefordert hatten, das uns Ihre Hallunkin von einer Frau für eine Lieferung von Pamela⸗Hauben ſchuldete, um die ſie uns wahr⸗ ſcheinlich gerne geprellt hätte.“ „Mein Herr, beruhigen Sie ſich, ich bitte Sie um Alles! Ich bin weit entfernt meine Frau ver⸗ theidigen zu wollen, und da ich überdies keine Pa⸗ mela⸗Hauben zu tragen pflege, ſo bin ich auch nicht verantwortlich für . . .“ „In ihr Journal zu ſchreiben, daß man in un⸗ ſerem Laden nur veraltete, foſſile, antediluvianiſche Moden finde! Uns alle unſere Kundſchaft abwen⸗ dig zu machen und einen unerſetzlichen Verluſt zu⸗ zufügen! Ha, die Lumpendirne! Und da ſie ſelbſt nicht da iſt, ſo will ich Sie dafür durchprügeln, Hal⸗ lunke!“ rief Herr Tournemine wüthend, indem er ſeinen Stock gegen Herrn Robertin erhob. Dieſer — ———— 207 aber machte ſich aus dem Kind, das wieder erwacht war und von Neuem ſchrie, eine Art von Schutz⸗ mauer und antwortete ſehr erſchrocken: „Mein Herr, das iſt ſchändlich von Ihnen! Sie wagen es eine Mutter zu bedrohen, die ihr Kind in ihrem Arme hält, denn ich vertrete für den Augen⸗ blick meine Frau in ihren mütterlichen Verrichtungen. Wenn Sie ſie übrigens durchprügeln wollen, ſo kommen Sie um Gotteswillen morgen in aller Frühe. Sie werden mir ein wahres Vergnügen bereiten, denn ich bin in dieſem Augenblick wüthend über ſie.“ Dieſer Streit hatte ſeit einer Weile einen Mann zum Zeugen, der auf der Schwelle der Thüre, welche Herr Tournemine offen gelaſſen hatte, ſtehen ge⸗ blieben war und jetzt, als er den Gemahl der Mo⸗ diſtin trotz der Berufungen des Herrn Robertin auf ſeine mütterlichen Verrichtungen von Neuem ſeinen Stock ſchwingen ſah, einſchreiten zu müſſen glaubte; er trat alſo zwiſchen die beiden Gegner und ſagte zu Herrn Tournemine, deſſen aufgehobenen Arm er ſanft zurückhielt: „Haben Sie wenigſtens Mitleid mit dem un⸗ glücklichen Kind, das dieſer Herr in ſeinen Armen hält. Bitte, beruhigen Sie ſich, Sie können dieſes unſchuldige Geſchöpf nicht ſchlagen wollen.“ „Die Vorſehung ſchickt mir einen Retter,“ ſagte Herr Robertin, indem er ſich hinter den Reuange⸗ kommenen flüchtete; „aber wer iſt es? Ich habe dieſen Herrn noch nie geſehen; er iſt ja ganz ſchwarz gekleidet, wie ein Leichenbitter.“ Herr Tournemine hielt trotz ſeines Zornes in Folge der Bemerkung des Unbekannten inne und 208 ſagte in mürriſchem Ton, indem er ſeinen furchtbaren Stock ſenkte: „Ich wollte natürlich dieſem Kinde nichts zu leide thun . . . Aber hol mich der Teufel, die Ver⸗ läumdung, die man gegen meine Frau und mich ausgeſprengt hat, ſoll nicht ungeſtraft bleiben.“ „Mein Herr,“ verſetzte der Unbekannte, „es gibt, wie mir ſcheint, ein Mittel Alles wieder ins Gleich⸗ gewicht zu bringen, ohne daß man zu Gewaltthätig⸗ keiten ſchreitet, die ſtets bedauerlich ſind.“ „Ei, zum Henker!“ rief Herr Tournemine, „Sie haben leicht reden. Dieſes Feuilleton, das in einem ſehr verbreiteten Journal erſchienen iſt, kann uns ungeheuren Schaden thun; ich habe mir vorgenom⸗ men mich zu rächen, und ich werde mich auch rächen.“ „Erlauben Sie, mein Herr, könnten Sie nicht in aller Güte auf das Gewiſſen der Frau Robertin ein⸗ zuwirken ſuchen und ſie nöthigenfalls durch die Ge⸗ richte anhalten laſſen, einen Artikel zurückzunehmen, der Ihren Intereſſen Eintrag thut?“ „Ja, das iſt wahr,“ rief Herr Robertin, „der Major ſoll in ſeinem nächſten Feuilleton erklären, Alles das ſei Nichts als ein einfältiger und abſcheu⸗ licher Scherz geweſen, und er habe die Modewaaren der Frau Tournemine nicht herabſetzen wollen, die im Gegentheil neu und äußerſt elegant ſeien.“ „Ein ſolcher Widerruf wird den Schaden, über den Sie ſich beklagen, theilweiſe wieder gut machen,“ ſagte der Fremde zu Herrn Tournemine. „Bitte, geben Sie ſich damit zufrieden.“ „Nun ja denn, es ſei,“ erklärte der Mann der 209 Modiſtin. Dann fügte er mit einem drohenden Blick auf Herrn Robertin hinzu: „Merken Sie ſich's wohl; ich laſſe mich herbei meine Züchtigung aufzuſchieben, aber wenn Ihre Harpie von einer Frau die Belei⸗ digungen und Verläumdungen ihres geſtrigen Feuille⸗ tons nicht gleich morgen auf eine Art, die uns voll⸗ kommen befriedigt, in ihrem Journal zurücknimmt, ſo hat ſie es, hol mich der Teufel! mit mir zu ſchaf⸗ fen, und ich werde ſie, ſo wahr ich Tournemine heiße, durchprügeln, daß ſie es gerne beſſer hätte.“ „Und ich,“ verſetzte Herr Robertin, „gebe mein Ehrenwort, daß ich mich der Züchtigung nicht wider⸗ ſetzen werde . . . im Gegentheil.“ „Ob Sie ſich widerſetzen würden oder nicht, das wäre ganz gleich,“ antwortete Herr Tournemine, indem er hinausging und Herrn Robertin mit ſeinem Vertheidiger allein ließ. VII. Herr Robertin beeilte ſich ſein eingeſchlafenes Kind in das anliegende Zimmer zurückzutragen und kehrte dann mit lebhafter Neugierde zu dem unbe⸗ kannten Beſchützer zurück, der ihn ſo eben vor den des Herrn Tournemine bewahrt atte. Der Fremde beobachtete ſehr aufmerkſam das Geſicht des Herrn Robertin, den er zum erſtenmal ſah, und aus der Aeußerung, die dem unglücklichen Chemann in ſeinem Streit mit dem Modehändler entfahren war, daß er ſich einer Züchtigung ſeiner Sue, der Teufel als Arzt. 111. 14 210 Frau nicht widerſetzen würde, im Gegentheil, ſchloß er, daß der kleine Mann mit dem Anſatz zur Fett⸗ leibigkeit, mit der zurückweichenden Stirne, mit dem hervorſtehenden Unterkiefer, mit den bartloſen ſchlaf⸗ fen Wangen, von äußerſt lymphatiſchem Tempera⸗ ment und folglich ſehr zur Faulheit geneigt ſein müſſe, während die anderen charakteriſtiſchen Zeichen ſeiner Phyſiognomie beinahe unzweifelhaft auf Dumm⸗ heit und Eigenſinn deuteten; die grimmige Erlaubniß, die er zum Voraus ertheilte, ſeiner Frau die ange⸗ drohte Züchtigung anzuthun, verrieth eine tiefe Er⸗ bitterung gegen dieſelbe; er ſchrieb ſie natürlich ſeiner Eiferſucht zu und gründete darauf ſein Verfahren, das er mit ihm beobachten wollte. „Ach, mein Herr,“ ſagte endlich Herr Robertin, der ſich über das Stillſchweigen ſeines unerwarteten Retters wunderte, in einem Tone tiefer Dankbarkeit, „ach mein Herr, wie ſoll ich Ihnen für den Dienſt danken, den Sie mir ſo eben geleiſtet haben, indem Sie mich von dieſem Wahnſinnigen befreiten?. „Erlauben Sie,“ ſagte der Fremde, indem er voll Ernſt die Hand des verdutzten Herrn Robertin ergriff; dann fühlte er ihm den Puls und fügte mit Kopfſchütteln hinzu: „Die Aufregung iſt lebhaft ge⸗ weſen: Sie ſind noch immer ganz fieberheiß.“ „Das iſt wohl möglich, mein Herr, aber warum dieſe Bemerkung?“ „Ich habe die Ehre Arzt zu ſein.“ „Das iſt etwas Anderes, und ich danke alſo für Ihre — —,— 211 „Ich will noch hinzufügen, daß Ihr Puls furcht⸗ bar aufgeregt iſt.“ „Das wundert mich nicht, nach dem wüthenden Anfall dieſes Tollhäuslers! dieſes Tournemine!“ „Um ſich von dieſer heftigen Erſchütterung zu erholen, müſſen Sie ſich, wenn Sie mir folgen wol⸗ len, Ruhe gönnen, viel Ruhe . . .“ „Ach, Herr Doctor,“ rief Herr Robertin, „Sie gießen mir Balſam in mein Blut! Ich werde alſo acht Tage lang daheim bleiben können, ohne auf mein verdammtes Bureau gehen zu müſſen?“ „Acht Tage .. was fällt Ihnen ein?“ „Iſt es zu viel?“ „Im Gegentheil, Sie brauchen wenigſtens einen ganzen Monat Vacanz, ſonſt ſtehe ich nicht für die bedenklichen Folgen, welche die durch die brutale Scene von vorhin in Ihrem Organismus hervorge⸗ brachte Störung nach ſich ziehen könnte.“ „Welch ein Glück! Mein Organismus iſt geſtört! Ich kann alſo einen Monat daheim bleiben, ohne auf mein verfluchtes Bureau gehen zu müſſen! Ich kann mir's einen Monat lang ganz bequem machen, kann mich hätſcheln und pflegen, um zehn, um elf, um zwölf Uhr aufſtehen. . . Ich brauche einen gan⸗ zen Monat lang mein verdammtes Weib keine Minute zu verlaſſen,“ fügte Herr Robertin beinahe unwill⸗ kürlich mit einem bittern Lächeln hinzu, indem er ſich an die verſchiedenen Ereigniſſe des Morgens erinnerte. „Nun bei Gott, ich ſegne dieſen wahn⸗ ſinnigen Herrn Tournemine, der mir dieſe Muße ver⸗ ſchafft. Herr Doctor, werden Sie die Güte haben mir eine Arznei zu verſchreiben, und ein Atteſtat 212 auszufertigen, daß es für mich durchaus nothwendig ſei einen Monat auszuſetzen?“ „Wozu dieſes Atteſtat?“ „Erſtens, um dem Major den Mund zu ſtopfen.“ „Welchem Major?“ „Dem Major Sauſewind, einer gebornen Vir⸗ ginie Dutillier, meiner Frau. . denn Sie wiſſen doch ohne Zweifel, wer ich bin?“ „Ich weiß es ſehr wohl und eben deßhalb komme ich, mein lieber Herr!“ „Wie, Sie beſuchen mich, weil ich ..“ „Weil Sie Herr Robertin ſind, und weil ich überdies die Anmaßung habe Ihnen einen Dienſt erweiſen zu wollen.“ „Mir?“ q. „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen, wenn ich bitten darf?“ „Mit dem Doctor Max.“ „Wie mein Herr, Sie wären dieſer berühmte Doctor?“ „Ihnen zu dienen, wenn es mir möglich wäre „Sie ſind allzugütig . . . Und woher kommt die Theilnahme, die Sie mir beweiſen, Herr Doctor?“ „Sie ſollen die Urſache ſogleich erfahren; aber verzeihen Sie, laſſen Sie uns unſer Geſpräch wieder aufnehmen; Sie bedürfen eines Zeugniſſes von meiner Hand, um, wie Sie ſagen, der Frau Robertin den Mund zu ſtopfen?“ . „Allerdings, und ich will Ihnen offen geſtehen, denn man kann ſeinem Arzt Alls geſtehen .. „Ein Arzt iſt eine Art von Beichtvater.“ 1 213 „So verſtehe ich's, und obgleich ich Sie heute zum erſtenmal ſehe, Herr Doctor, ſo iſt es doch merkwürdig, welches Vertrauen ich zu Ihnen habe.“ „Ich werde bemüht ſein mich dieſes Vertrauens würdig zu zeigen: ich höre Sie an.“ „Ich will Ihnen alſo geſtehen, daß meine Frau nicht leiden kann, daß ich Nichts thue; ſie ſagt un⸗ aufhörlich zu mir: Heda, ſteh doch auf, es iſt neun Uhr, Du ſollteſt bereits auf Dein Bureau gegangen ſein. Und ich geſtehe meine Schwäche . . ich ver⸗ abſcheue mein Bureau; nun begreifen Sie, daß ich mit einem Zeugniß von Ihrer Hand dem Major antworten kann: Meine Geſundheit fordert, daß ich einen Monat ausruhe . . . und . . .. „Es bleibt alſo dabei, Sie ſollen das Zeugniß erhalten. Jetzt aber ſagen Sie mir, was würden Sie von der Eriſtenz denken, von der ich Ihnen eine Skizze zu entwerfen verſuchen will?“ „Laſſen Sie hören.“ „Ihrem Bureau Valet ſagen, aufſtehen, wann es Ihnen gut däucht, Ihre Tage angenehm in einem köſtlichen Far niente zubringen; mit einem Wort, eſſen, trinken, ſchlafen, flaniren, faullenzen, die Be⸗ rühmtheit der Frau Robertin genießen und ganz be⸗ ſonders, darauf beſtehe ich . . . ganz beſonders, ſie ſo wenig als ihr Schatten verlaſſen .. denn kurz und gut, Ihre Frau Gemahlin iſt jung, hübſch. .. und die Gvastöchter können zu Fall gebracht werden, mein lieber Herr.. ſie können außerordentlich leicht zu Fall gebracht werden, mein armer Herr Robertin.“ „In welchem Ton Sie mir das ſagen! Ich be⸗ 214 komme eine Gänſehaut . . . Sollten Sie etwa meine Frau im Verdacht haben, daß ſie . . .“ „Erlauben Sie mir meine Vermuthung vollends ganz auszuſprechen. Glauben Sie nicht, daß Sie, wenn Sie Ihr Leben fortan auf dieſe Art bei Frau Robertin zubringen, ohne ſie eine Secunde zu verlaſſen, wenn Sie im Hauſe bleiben, ſo lang ſie dableibt, und aus⸗ gehen, wenn ſie ausgeht, wenn Sie ſie überall und immer, wohin ſie gehen mag, begleiten, daß Sie dann nicht bloß von jedem eiferſüchtigen Argwohn befreit würden, ſondern auch in Hülle und Fülle vom Ertrag der Arbeiten Ihrer Frau leben könnten, wie dies nicht mehr als billig iſt, denn der Dichter hat ja geſagt: Die ganze Macht liegt auf des Bartes Seite. Es iſt wahr, Sie haben keinen Bart, aber Sie hätten kraft Ihres Geſchlechtes das Recht einen Bart zu haben, und dieſes Recht genügt, um Ihnen die ar⸗ beitsloſe und üppige Exiſtenz zu ſichern, die ich Ihnen ſo eben ſtizzirt habe. Dieſe Exiſtenz kann und muß Ihnen werden, mein lieber Herr Robertin, wenn Sie die Rathſchläge befolgen, die ich Ihnen nach meinem geringen Urtheil gar zu gerne geben möchte.“ HX. Herr Robertin wurde immer verblüffter. Er konnte nicht begreifen, durch welches Wunder das Geheimniß ſeiner Faulheit und ſeiner Eiferſucht in die Hände dieſes Arztes gefallen war, den er zum erſtenmale ſah, und deſſen Rathſchläge ſo vollkommen —. 2¹5 den Empfindungen unmuthiger Erbitterung entſpra⸗ chen, die er in Folge der verſchiedenen Ereigniſſe des Morgens in ſich angeſammelt hatte. Er rief daher: „Aber Herr Doctor! Es iſt außerordentlich, es iſt unbegreiflich, daß Sie meinen geheimſten Gedan⸗ ken ſo genau erkennen können . . Zum Henker! Sind Sie denn ein Hexenmeiſter?“ „Sie haben eine zu hohe Meinung von mir; ich bin ganz einfach ein klein wenig mit Satan verwandt von den Frauen her . . . Sprechen Sie alſo ohne alle Umſtände mit mir, mein lieber Herr, und ſagen Sie mir, ob die Exiſtenz, die ich Ihnen ſo eben vorgezeichnet habe, Ihnen wirklich zuſagt?“ „Ach, Herr Doctor, mir iſt, als ſollte ich auf einmal aus der Hölle ins Paradies kommen . denn ich muß Ihnen noch ein Geſtändniß machen, da ich alles Vertrauen in Sie ſetze; ich wiederhole Ihnen, daß Sie mir ein Vertrauen einflößen, von dem Sie ſich gar keinen Begriff machen können.“ „Ich bringe dieſe Wirkung bei vielen Perſonen hervor,“ antwortete der Doctor Max beſcheiden; „ich ſchreibe dieſe Sympathie der frommen Einfalt meines Geſichtes zu. Bitte, vollenden Sie Ihr Bekenntniß!“ „Nun wohl, Doctor. Das Handwerk des Man⸗ nes einer Schriftſtellerin bringt nicht lauter Roſen mit ſich ... Ich habe manchmal .. 3. B. dieſen Morgen. . . ganz ſchreckliche Anfälle von Eiferſucht Und wenn es mir, wie Sie ſagen, möglich wäre meine Frau ſo wenig mehr als ihr Schatten zu verlaſſen . . .“ „Es hängt einzig und allein von Ihnen ab ſich 216 dieſe Exiſtenz zu verſchaffen, die Sie ſo wünſchens⸗ werth finden.“ „Wie ſoll ich dazu gelangen?“ „Wenn Sie meine Rathſchläge befolgen.“ „Was rathen Sie mir, Herr Doctor?“ „Können Sie mir eine Stunde ſchenken?“ „Zwei, wenn es ſein muß! Und warum?“ „Sie werden mich begleiten.“ „Wohin, Herr Doctor?“ „Das werden Sie ſpäter erfahren.“ „Ich folge Ihnen. . . Denn auf Ehre, Sie ver⸗ zaubern mich, und dann habe ich ja im Ganzen Nichts zu riskiren.“ „Sie riskiren Ihre theuerſten Wünſche in Er— füllung gehen zu ſehen.“ „Wenn das ſo iſt, ſo laſſen Sie uns gehen!“ „Wir werden vielleicht hierher zurückkommen müſſen.“ „In welcher Abſicht?“ „Es kann ſich um gewiſſe Nachſuchungen . . . literariſcher Art . . . handeln. Madame Robertin bewahrt ohne Zweifel die Sammlung dieſer Feuille⸗ tons auf?“ „Gewiß .. Sie müſſen da unten ſein, in dieſer Hutſchachtel. Aber warum?“ „Das werde ich Ihnen unterwegs ſagen, mein lieber Herr Robertin, denn die Zeit drängt. . . Es iſt bereits elf Uhr,“ antwortete der Doctor, auf ſeine Uhr ſehend, „wir dürfen keinen Augenblick mehr ver⸗ lieren, kommen Sie.“ „Gehen wir,“ ſagte Herr Robertin, ſeinen Hut nehmend, „ich begreife zwar von Allem dem NRichts, — — 217 aber Sie ſehen wie ein braver Mann aus, und ich übergebe mich Ihnen mit geſchloſſenen Augen.“ „Und Sie werden es nicht zu bereuen haben, denn ich bin bei Weitem kein ſo arger Teufel als man glaubt,“ antwortete der Doctor Max. Damit verließ er das Haus, ging an ſeinen Wagen zurück, der ihn erwartete, ließ Herrn Rober⸗ tin einſteigen und wollte eben gleichfalls einſitzen, als ſein Bedienter ihm zwei Briefe zuſtellte, wovon der erſte von Clemence Hervé war, zu welcher ſich ver Doctor unmittelbar vor ſeinem Beſuch bei Herrn Robertin begeben hatte. „Mein vortrefflicher Freund,“ ſchrieb ihm die berühmte Schriftſtellerin, „dieſes in größter Eile hin⸗ geworfene Billet wird Sie noch in meiner Nachbar⸗ ſchaft finden. Ein unüberwindlicher Scrupel hindert mich von Ihrem Anerbieten Gebrauch zu machen, ſo entſcheidend es auch auf dieſen Kampf des Guten gegen das Böſe, des Engels gegen den Dämon ein⸗ wirken könnte; dieſer Kampf muß mit Turnierwaffen, ehrlich und edelherzig ausgefochten werden, ſonſt würde unſer Sieg fruchtlos bleiben und keines der Reſultate herbeiführen, die wir dovon erwarten könn⸗ ten. Ich bin bis in den Tod betrübt. . . Eine ganz neue ſchmerzliche Entdeckung hat beinahe meine letzte Hoffnung ſchwinden gemacht; gleichviel . . . ſie und ich, wir werden unſere Pflicht bis zum Ende erfüllen. Sie iſt wenige Augenblicke nach Ihrem Weggang gekommen, — ein anbetungswürdiges Geſchöpf! Welch ein Herz! Welche muthvolle Zärtlichkeit!. . . Ich habe ihr Alles geſagt: ſie hat mich begriffen. .. 218 Sie opfert ſich auf, aber ich zittere und ich habe nur zu viele Gründe zu zittern. „Ich erwarte Sie zur beſtimmten Stunde, aber allein. Ich wiederhole es Ihnen, ich will ent⸗ ſchieden nicht zu dem Mittel greifen, das Sie vor⸗ ſchlagen . . . Der Erfolg, wenn er überhaupt noch möglich iſt. . . was ich bezweifle . . . muß ein mo⸗ raliſcher und kein materieller ſein. Dieſes theure Kind, das eben ſo viel Verſtand und Takt als Genie beſitzt, theilt meine Anſicht . . . Sie iſt am Wert „Leben Sie wohl! Auf baldiges Wiederſehen! „Clemence Hervé.“ Je weiter der Doctor in dieſem Briefe kam, um ſo mehr verfinſterten ſich ſeine Züge; endlich ſagte er mit ärgerlicher Ungeduld zu ſich: „Verwünſcht ſei dieſe ritterliche Großmuth! Das Bedenken der Frau Hervé iſt zu ehrenhaft, um nicht reſpectirt zu werden, aber ſie opfert die einzige ſichere Ausſicht auf Erfolg! . . . So ſei es denn! da ſie es verlangt . . . Aber ſie wird ihre mehr als zweck⸗ widrige Höflichkeit ſchmerzlich bereuen . . . Handeln wir jetzt zu meinem Privatvergnügen, das wird immer eine Art von Troſt ſein,“ dachte er mit einem ſardoniſchen Blick auf Herrn Robertin, der in einer Ecke des Wagens ſaß und bald von einer unbe⸗ ſtimmten Bangigkeit gequält wurde, bald ſich mit holden Wahnbildern einwiegte, wenn er an die Ver⸗ ſprechungen des Doctors dachte. Dieſer öffnete den zweiten Brief, den er vom Verleger der Maria Saint⸗ Clair erhalten hatte, und las wie folgt: 2¹9 „Herr Doctor! „Ich habe Ihnen eine ſehr dringende Mittheilung in Betreff des Fräuleins Maria Saint⸗Clair zu machen. Ich habe ſo eben den Herrn Baron von Hapner, Präſidenten der Wiener Academie der Wiſſen⸗ ſchaften, geſehen; er kommt mit der Poſt aus Deutſch⸗ land und iſt bei mir abgeſtiegen; ich habe ihm die Aufſchlüſſe, die er wünſcht, nicht verſchaffen können; Sie allein können ſie ihm geben. Er wird Sie den ganzen Tag im Hotel de France, Rue de Richelieu, erwarten. „Genehmigen Sie u. ſ. w.“ Als der Doctor dieſen zweiten Brief geleſen hatte, ſchien ſich ein lebhaftes Gefühl der Neugierde in ihm zu regen. Er ſann nach und ſagte dann zu dem Bedienten, der ſeine Befehle erwartete: „Man führe mich in die Rue Caumartin Nr. 13.“ „Ei, ei,“ machte Herr Robertin, der ſichtlich von einer plötzlichen und ſehr unangenehmen Erinne⸗ rung heimgeſucht wurde, „das iſt ja die Adreſſe des famöſen Sängers Sylvio.“ „Ganz richtig, mein lieber Herr, dort iſt das Reſt dieſer melodienreichen Nachtigall,“ antwortete der Doctor mit einem eigenthümlich ſchalkhaften Lächeln, und ſobald der Schlag geſchloſſen war, fuhr der Wagen raſch nach der Rue Caumartin. * X. Der Leſer hat ſogleich begriffen, daß der Doctor Map kein anderer war, als der geheimnißvolle Freund, deſſen Fräulein Morand gegen Clemence Hervé bei ihrer erſten Beſprechung mit der berühmten Schrift⸗ ſtellerin gedacht hatte. Es iſt übrigens unnöthig ihm den Doctor ausführlicher zu ſchildern, da ſich ſein Charakter im Lauf der Handlung genügend ent⸗ wickelt. Wir wollen, um das Verſtändniß unſerer Er⸗ zählung zu erleichtern, einen Rückblick auf etliche Er⸗ eigniſſe dieſes Morgens werfen, welche dem Ein⸗ ſteigen der Frau Robertin zu Philipp Hervé voran⸗ gingen. Dieſer hatte am Abend zuvor ſeinen Schüler, den naiven und gutmüthigen Julian zum Vertrauten ſeiner Pläne gemacht. Als dann die Nacht kam, trugen ſie heimlich eine der Leitern des Gärtners in die Werkſtatt. Philipp ging hinauf in ſein Zimmer, das er im mütterlichen Hauſe bewohnte, und ſchloß ſich ein, ohne ſeine Mutter zu beſuchen und ihr den gewohnten Abendkuß zu geben. Erſchöpft von einer peinlichen Schlafloſigkeit, ſtand er ſchon am frühen Morgen auf, und da er ſich abweſend melden wollte, ſo ließ er ſeiner Mutter durch die Concierge ſagen, er gehe fort und werde erſt zum Mittageſſen zurück kommen; dann ſchlich er ſich heimlich durch eine kleine Gartenthüre ein und ging in ſeine Werkſtatt zurück, wo Julian ihn erwartete. Hierauf ſchoben ſie die am Abend entwendete Leiter zum Fenſter hinaus, das ſich auf den Lindengang öffnete, banden ihren 221 oberen Theil feſt an die Geſimsſtange und ſicherten auf dieſe Weiſe die Aufſteigung der Verfaſſerin des modernen Cherubin. Je näher die Stunde des Rendezvous heran⸗ rückte, um ſo deutlicher verrieth ſich die zunehmende Bangigkeit Philipps auf ſeinem ſchönen Geſicht, das ſeine Beklommenheit und ſeine glühenden Hoffnungen gebleicht hatten. „Ach, mein Freund,“ ſagte er zu Julian, der nicht minder blaß und vielleicht noch unruhiger war als ſein junger Meiſter, deſſen Angſt er theilte. „Welche Nacht habe ich gehabt! Ich zählte jede Stunde, die mich dieſem Augenblick näher rückte, den ich zugleich herbeiſehne und fürchte . . . Wie lang⸗ ſam vergeht doch die Zeit. . . Ich kann meine Un⸗ geduld kaum bemeiſtern.“ „Ach, Herr Philipp, auch ich habe kein Auge zu⸗ gethan, ich mußte immer daran denken, daß wir uns jetzt auf den Weg zu furchtbaren Abenteuern gewor⸗ fen haben . . . nicht mehr und nicht weniger als der Held des modernen Cherubin . . So lange es ſich bloß um Erzählungen handelte, hatte mir dieſes Buch wie Ihnen den Kopf ſchwindelig ge⸗ macht; aber von der Erzählung gehen wir zur Hand⸗ lung über, und das macht mich wieder verdammt nüchtern!. . . Großer Gott, das iſt ja entſetzlich.. ein nächtliches Complott . . . Leitern . . . eine Ein⸗ ſteigung . . ein Frauenzimmer . . . und was noch ſchlimmer iſt, eine verheirathete Frau ja .. die durchs Fenſter zu Ihnen herein kommt, weil Ihre Mutter ihr das Haus verboten hat. Und Sie haben neunzehn Jahre und ich achtzehn! . . . Herr, 222 mein Gott, wir fangen ſchön an! . . . Wo werden wir ſtehen bleiben? .. ſo frage ich mich, wo wer⸗ den wir ſtehen bleiben . . .“ „Meine Mutter hat mich durch ihre Härte und Ungerechtigkeit aufs Tiefſte beleidigt,“ verſetzte Phi⸗ lipp mit einer ſchmerzlichen Erbitterung. „Meine Mutter hat mich bisher als Kind behandelt; ich bin entſchloſſen ihr fortan zu beweiſen, daß ich alt genug bin, um als Mann aufzutreten.“ „Sehen Sie, Herr Philipp,“ ſagte Julian trau⸗ rig, „Sie wiſſen es ſelbſt, daß ich für Sie durchs Feuer gehen würde, deßhalb habe ich mich auch trotz der Erkenntlichkeit, die ich Ihrer Mutter für ſo viele Güte ſchulde, auf Ihr Complott eingelaſſen, und das iſt ein großer Gewiſſensbiß für mich, Sie dür⸗ fen mirs glauben. Ich würde es noch für kein Un⸗ glück halten, wenn nur ich allein Verdruß dadurch bekäme; ich werde mich durch meinen ſchwarzen Ver⸗ rath und frevelhaften Undank dem gerechten Zorne Ihrer Mutter ausſetzen . . . Ich werde meine Strafe erleiden, ohne mich zu beklagen . .. Aber für Sie habe ich Angſt; denn an Ihrer Stelle würde ich zittern.“ „Zittern! Während dieſe muthige junge Frau mir ein Beiſpiel der Hingebung und Kühnheit gibt, die man aus der Liebe ſchöpft . . . denn ſie liebt mich, Julian!. . . Sie liebt mich . . . ich kann nicht daran zweifeln. Die Liebe allein flößt ſolchen Muth ein.“ „Das mag immerhin ſein! Sie liebt Sie! Sie müſfen ſich darauf beſſer verſtehen als ich, denn ich weiß gar nichts davon, Herr Philipp; aber ſagen — 223 Sie einmal, was ſoll aus allem dem werden? Eine Büſte läßt ſich nicht in einer einzigen Sitzung mo⸗ delliren, und dieſe Dame wird gewiß nicht alle Tage zu unſerem Fenſter hereinſteigen, wie ſie es heute thun will . . . denn am Ende . . . überlegen Sie doch das, Herr Philipp . . . ſind Sie ein Mann! .. . und ſie iſt eine Frau, die auf einer Leiter zu Ihnen hereinſteigt . . . Wir haben im modernen Che⸗ rubin nichts ſo Starkes gefunden.“ „Ach, ihre Liebe iſt es, die ihr Kraft und Muth verleiht!“ „Aber morgen und übermorgen, wo werden Sie ihr da eine Sitzung geben?“ „Ich werde nöthigenfalls anderswo eine Werk⸗ ſtatt miethen, um ſie zu empfangen!“ „Himmliſche Güte! Das Haus Ihrer Mutter verlaſſen? Sie wären deſſen fähig, Herr Philipp! Iſts möglich?“ „Frage mich nicht! Ich kann für die Zukunft nicht ſtehen; ich weiß nicht mehr wo ich meinen Kopf habe; ich habe das Fieber . . . ich brenne . . . ich leide. . . es iſt ein liebliches und doch grauſames Leiden, das mich entzückt und berauſcht. Mein Gott! wird es denn nie zehn Uhr ſchlagen? Es ſcheint mir . . . daß heute mein Schickſal ſich e wird Oh, dieſes Warten bringt mich um . . . und dennoch Der junge Bildhauer unterbrach ſich, als er eine ferne Uhr das letzte Viertel vor Zehn ſchlagen hörte. „Sie kommt,“ rief Philipp bebend, „ſie muß gleich kommen .. . Jetzt, mein lieber Julian, laß mich allein . . .“ 224 „Der große Augenblick iſt da,“ ſtammelte der arme Julian, „ich habe keinen Blutstropfen mehr in den Adern ... die Ohren ſummen mir .. . ich .. .“ „Beruhige Dich und vergiß nicht, was ich Dir aufgegeben habe.“ „Nein, nein.“ „Du ſtellſt Dich im kleinen Gartenbelvedere auf die Lauer.“ „Im Gartenbelvedere,“ wiederholte Julian me⸗ chaniſch. „Ja, Herr Philipp.“ „Von dort aus kannſt Du die ganze Allee be⸗ herrſchen, und wenn Du (was aber beinahe unmög⸗ lich iſt, da meine Mutter mich abweſend glaubth) wenn Du ſie, ſage ich, aus der Ferne auf die Werk⸗ ſtatt zukommen ſiehſt, ſo geh ihr entgegen, und da⸗ mit ſie nicht herein kommt, ſage ihr, ich habe beim Ausgehen in aller Frühe meinen Schlüſſel mitge⸗ nommen und Du habeſt den Deinigen verlegt.“ „Herr Philipp, ich werde Alles ſagen und Alles thun, was Sie wollen . . . Ich werde lügen, wie ein Zahnausreißer, ich habe es Ihnen verſprochen. Ihre würdige Mutter wird durch unſere macchia⸗ velliſchen Kniffe hinters Licht geführt,“ antwortete Julian ſeufzend, da er ſich ſelbſt in aller Aufrichtig⸗ keit als ein Ungeheuer von Treuloſigkeit betrachtete. „Ich erſchrecke wahrhaftig über meine eigene Hinter⸗ liſt und Tücke; denn ich hätte mich bis heute zu allen Intriguen und Complotten unfähig geglaubt.“ „Geh ſchnell, mein guter Julian, ſie kann jeden Augenblick kommen.“ „Adieu, Herr Philipp,“ erwiederte der ehrliche Junge, indem er ſich mit ſchwerem Herzen, ſchweiß⸗ 225 triefender Stirne, feuchten Augen und ſo unruhig, als hätte er ſeinen jungen Herrn in einer großen Gefahr gelaſſen, davon ſchlich. Und er ſtammelte im Weggehen: „Adieu . . . Gott behüte Sie . .. Ich laſſe Sie allein . . . eingeſchloſſen . . . mit einer Frau . . . die . . . zu Ihrem Fenſter hereinſteigen will . . . Barmherziger Gott . . . und Sie ſind ein Mann!“ Als Julian weggegangen war, ſchloß Philipp ſeine Werkſtatt, verriegelte ſie, und ſteckte den Schlüſ⸗ ſel in die Taſche. Einige Minuten nach zehn Uhr machte Frau Robertin, welche behend die außen ſte⸗ hende Leiter herauftletterte, Beſuch bei dem jungen Künſtler. Xl. Frau Robertin war mit einem Sprung vom Fenſterſims auf den Boden gehüpft, wo ſie geſchmei⸗ dig, graziös und leicht aufzuſchnellen ſchien; dann reichte ſie mit ſtrahlenden Augen und einem zaube⸗ riſchen Lächeln Philipp ihre reizende Hand zum Kuſſe und rief: „Endlich bin ich im Paradies meiner Träume angelangt!“ Der junge Bildhauer iſt aufs Tiefſte bewegt, er kann ſeine bange Unruhe und ſeine unüberwindliche Schüchternheit nicht beherrſchen; er wagt es kaum mit ſeinen Lippen die Hand der Schönen zu berüh⸗ ren er ſchlägt die Augen nieder und murmelt: Sue, der Teufel als Arzt. IMI. 15 226 „Madame wie kann ich Ihnen meinen Dank ausſprechen . . . Entſchuldigen Sie . . . ich . . .“ „O ich bitte,“ verſetzte Virginie Robertin, indem ſie ſich umſchaute, „geſtatten Sie mir einen Augen⸗ blick, um mich zu ſammeln! Laſſen Sie mich dieſes Heiligthum betrachten, wo Sie, noch ſo jung und ſchon ſo berühmt, ſo viele Meiſterwerke ausgedacht und geſchaffen haben.“ „Ach, wenn es mir je vergönnt wäre ein Meiſter⸗ werk zu ſchaffen, ſo wäre es ein einziges und würde aus dieſem Thon hervorgehen,“ ſagte Philipp, indem er durch die breite Thüröffnung, welche die Biblio⸗ thek von der Werkſtatt trennte, hindurch auf den Thonklumpen zeigte, den er in Bereitſchaft geſetzt hatte, um die Büſte zu modelliren. „Nie werde ich eine beſſere Inſpiration gehabt haben! Wie drängt es mich von Ihrer Güte Nutzen zu ziehen und mich ans Werk zu machen!“ Der ſchüchterne junge Mann ſehnte ſich in der That ſogleich an die Arbeit zu gehen, denn er hoffte ſich auf dieſe Art aus der Verlegenheit zu retten, welche dieſes erſte Rendezvous ihm verurſachte; er hoffte während der Beſchäftigung mit der Modelli⸗ rung der Büſte ſich eine Haltung zu geben und die nöthige Kühnheit zu gewinnen, um der Verfaſſerin des modernen Cherubin ſeine Liebe zu ge⸗ ſtehen. „Herr Philipp,“ ſagte Frau Robertin plötzlich, „iſt die Thüre Ihrer Werkſtatt auch geſchloſſen?“ „Ja, Madame!“ „Es iſt erſt zehn Uhr. Ich will Ihnen einen Theil meines Nachmittags widmen,“ fuhr die junge — — 227 Frau fort, indem ſie ſich auf einen Sopha ſetzte, der in einer der Ecken der Bibliothek ſtand, und dem jungen Bildhauer einen Wink gab, neben ihr Platz zu nehmen, was er erröthend und mit ſteigender Verlegenheit that. „Plaudern wir ein wenig, bevor wir unſere Sitzung beginnen, und vor Allem laſſen Sie uns offenherzig ſprechen. Ich werde aufrichtig ſein, werden Sie es auch ſein?“ „Zweifeln Sie nicht daran, Madame.“ „Ich nehme Sie beim Wort und ſtelle ſogleich ganz beſtimmt und ehrlich die Frage an Sie: Lieben Sie mich ebenſo, wie ich Sie liebe?“ Bei dieſer Frage, welche Frau Robertin wirklich ſo unumwunden oder vielmehr ſo ſchamlos ſtellte und mit einem leidenſchaftlichen Blick begleitete, bebte Philipp zuſammen, wurde purpurroth und ant⸗ wortete mit unſicherer Stimme: „Ach, Madame, dieſes Geſtändniß drängte ſich unaufhörlich von meinem Herzen auf meine Lippen, aber ich wagte es nicht . . .“ „Alſo. Sie lieben mich . .. Philipp und ich liebe Sie auch! Ich habe Ihnen verſprochen offen zu ſein . . . Sie ſehen . ich bin es .. .“ „Ach, Madame!“ „Warten Sie wiegen wir uns nicht mit thörichten Hoffnungen ein . . . Wir lieben uns .. . welchen Ausgang wird dieſe Liebe nehmen? Die Pflicht trennt mich auf immer von Ihnen .. . und Ihre Mutter! . . . Ach, ſie verachtet, ſie haßt mich „ „Ich bitte Sie um Alles, vergeſſen Sie den pein⸗ 228 lichen Auftritt von geſtern, der mich aufs Schmerz⸗ lichſte betrübt hat.“ „Dieſe Bitte iſt unnöthig, Philipp . . . ich ver⸗ geſſe immer das Leid, das man mir zufügt . . . ich bin weit entfernt, die Zwietracht wieder anfachen zu wollen, die ſich zwiſchen Ihrer Mutter und Ihnen entſponnen hat; ich bin die unfreiwillige Urſache der⸗ ſelben und beklage das aufs Innigſte; aber man muß nun einmal die Dinge ſo annehmen, wie ſie ſind . . . Ihre Mutter verachtet und haßt mich; ſie übt einen großen Einfluß auf Sie, Philipp . . . Ja, dieſer Einfluß muß ſehr groß ſein . . . Sie haben ſich ihm unterworfen . . . Sie werden ſich ihm ſtets unterwerfen .. . ſie wird Sie von mir abwendig machen.“ „O glauben Sie das nicht!“ „Philipp, ehe ich Sie traf, hatte ich niemals ge⸗ liebt . . . Verſtehen Sie mich wohl . . . niemals geliebt, das ſchwöre ich Ihnen! . . . Mein Mann flößte mir nur eine achtungsvolle Zuneigung ein und konnte mir nichts Anderes einflößen. Ich liebe Sie alſo, Philipp!“ fügte Virginie mit vibrirender Stimme hinzu, indem ſie ihren glühenden Blick auf den jun⸗ gen Mann heftete und ſich gegen ihn hinneigte. — „Ich liebe Sie, ſage ich Ihnen, wie eine Frau von fünfundzwanzig Jahren lieben muß, die, ſeitdem ſie Weib geworden, Schätze von Zärtlichkeit, von Hin⸗ gebung und berauſchender Wolluſt concentrirt und für einen Geliebten angeſammelt hat, der lange Zeit nicht zu finden war; eine Frau, welche den Werth ihres eigenen Herzens kennt und zu dem Mann, in den ſie leidenſchaftlich verliebt iſt, ſpricht: Ich ver⸗ 229 lange von Dir Alles oder Richts; denn auch ich gebe Alles oder Nichts.“ „Ach, mein Leben,“ rief der junge Bildhauer, von einem verzehrenden Feuer ergriffen, „mein gan⸗ zes Leben ſei Ihnen geweiht!“ „Ja, ich würde es wollen, ich würde es nehmen, Ihr ganzes Leben, mein Philipp, weil auch ich Ihnen mein ganzes Leben weihen würde .. Ja, ich würde Alles, ſelbſt dieſes Opfer von Ihnen ver⸗ langen, weil ich das gleiche Opfer für Sie bringen würde . . . Aber nein, nein! Sie müſſen mich lieben, wie ich Sie liebe, und Sie können das nicht oder ſelbſt wenn Sie es könnten, ſo würden Sie leider es nicht wagen!“ „Wie! ich ſollte es nicht wagen Ihnen mein Le⸗ ben zu weihen! Ich ſollte vor irgend einem Opfer zurückbeben! Ha, ſtellen Sie mich auf die Probe.“ „Armer Philipp!“ „O ich bitte, ich bitte!“ „Armer, theurer Philipp!“ „Mein Gott, Sie verachten mich alſo ſehr?“ „Ich Sie verachten während ich Sie doch bewundere . .. während ich Ihnen das Glück ver⸗ danke die Liebe kennen gelernt zu haben .. Ach, die Erinnerung an Sie wird, wenn wir uns nie wieder ſehen ſollten, ſtets der heiligſte Cultus für mich ſein. Wie könnte ich Sie alſo verachten, Phi⸗ lipp? O, weit entfernt! Ich reſpectire, ich ehre das edle Gefühl, das einen Abgrund zwiſchen uns gräbt!“ „Welches Gefühl?“ „Ihre rührende Verehrung für Ihre würdige 230 Mutter, deren Einfluß auf Sie ſtets unwiderſtehlich ſein wird.“ „Hat meine Mutter mir nicht verboten Sie zu empfangen? . . . und gleichwohl .. . „Und gleichwohl haben Sie die Heldenkühnheit gehabt mich durchs Fenſter hereinzulaſſen, mein tapfe⸗ rer Amadis!“ „Ach, Sie ſind unbarmherzig; aber noch einmal, ſtellen Sie mich auf die Probe!“ „Sie wollen es?“ „Ich flehe Sie darum.“ „Philipp . . . Sie werden Ihr Verlangen be⸗ reuen . . . nehmen Sie ſich in Acht . . S „Vollenden Sie, ſprechen Sie, o ſprechen Sie... Was verlangen Sie von mir?“ „Nun wohl denn, laſſen Sie uns abreiſen, Ge⸗ liebter meines Herzens,“ rief Virginie in leidenſchaft⸗ lichem Tone, indem ſie Philipp einen berauſchenden Blick zuwarf und ſo nahe zu ihm rückte, daß er den Athem der jungen Frau auf ſeiner Wange fühlte. Dann ſtand ſie plötzlich auf, nahm ihn bei der Hand und wiederholte: „Laſſen Sie uns abreiſen, mein kühner Genoſſe in Jugend und Liebesluſt .. laſſen Sie uns abreiſen!“ Abreiſen?“ verſetzte Philipp ganz verblüfft; „abreiſen? Und wohin denn?“ „In das holde Land der Liebenden und der über⸗ ſchwenglichen Wonnen!“ „Abreiſen? .. Paris verlaſſen? .. „Sie zögern?“ „Meine Mutter verlaſſen!“ „Sie lieben mich alſo nicht!“ 231 „Mein Gott, ich ſoll meine Mutter verlaſſen!“ „Leben Sie wohl, Philipp. . . Sie lieben mich nicht . . . ich hatte es Ihnen ja geſagt . . . Leben Sie wohl! Denn ich verlange Alles oder Nichts... Für das Opfer, das ich verlange, bringe ich ein gleiches Opfer dar . . . Ich forderte von Ihnen, daß Sie Ihre Mutter verlaſſen ſollen . . . ich war entſchloſſen meinen Gatten zu verlaſſen . . . Leben Sie wohl . . . noch einmal . . . Alles oder Richts, das iſt mein Wahlſpruch!“ XII. Mit dieſen Worten entfernte ſich Frau Robertin wirklich von Philipp. Dieſer ſtreckte, ſo ſehr ihn auch der Gedanke an eine Trennung von ſeiner Mutter ſchmerzte und erſchreckte, dennoch flehend ſeine Hände gegen ſie aus; denn die zauberiſche Ausſicht auf eine Reiſe in Geſellſchaft einer verführeriſchen Frau trat aufs Verlockendſte vor ſeinen durch die ſiedende Aufwallung ſeiner Sinne aufgeregten Geiſt. „Ich beſchwöre Sie,“ rief er, „hören Sie mich an. Seien Sie nicht böſe, verachten Sie mich nicht . Verzeihen Sie, verzeihen Sie . . . „Es iſt an mir um Verzeihung zu bitten, Phi⸗ lipp,“ antwortete die gewandte Heuchlerin mit ſanf⸗ ter und trauriger Stimme; „ja, verzeihen Sie mir, daß ich einen Augenblick, nicht an Ihrer kindlichen Zärtlichkeit . . . denn man kann eine Geliebte lieben und ſeine Mutter lieb haben . . . ſondern an Ihrer angewöhnten ängſtlichen Unterwürfigkeit gegenüber. 232 dem mütterlichen Willen zweifeln konnte. Dieſe Un⸗ terwürfigkeit iſt ſelbſt in ihrer Uebertreibung ach⸗ tungswerth; und ich achte ſie an Ihnen . . . Aber wie ich Ihnen gleich im Anfang unſerer Unterhal⸗ tung ſagte: Sie werden nie im Stande ſein, Sie werden es nie wagen mich eben ſo kühn zu lieben, wie ich Sie liebe . . . Und ich laſſe eine Liebe ohne Gegenſeitigkeit nicht gelten . . . Glauben Sie mir, Philipp . . . ich werde Ihnen ſtets die freund⸗ lichſte, zärtlichſte Erinnerung widmen . . . und dieſe Reiſe, die ich ſo wonnevoll geträumt hatte, wird mein erſter und letzter Herzensroman ſein . . .“ „Es war Ihnen alſo Ernſt mit dieſer Reiſe ... mit dieſen Plänen?“ „Sehen Sie, mein Freund, bevor ich Sie ver⸗ läſſe 5. „Mein Gott!“ „Hören Sie meinen Roman . . . Wir reisten ab und ich geſtehe Ihnen . . .“ fügte die Ver⸗ faſſerin des modernen Cherubin traurig hinzu, indem es ihr ſogar gelang eine glänzende Thräne in ihrem Auge hervorzubringen . . . „ja, ich geſtehe Ihnen, das Opfer, das auch ich mir auferlegte, kam mich ſchwer an . . . Sie verließen für kurze Augen⸗ blicke Ihre Mutter . . . und ich .. ich trennte mich auf immer von meinem Gatten . . . Sie dürfen ihn nicht nach ſeiner äußern Erſcheinung beurtheilen dieſe iſt ihm allerdings ungünſtig, aber wenn Sie wüßten, Philipp, welches goldene Herz, welcher edelmüthige Charakter, welches ausgeſuchte Zartge⸗ fühl unter dieſer alltäglichen, beinahe lächerlichen Hülle verborgen ſind... Aber was ſoll ich ſagen .. 233 mein Mann hat die Beſcheidenheit ſeiner vortreff⸗ lichen Eigenſchaften; ich konnte ihn nicht förmlich lieben . . . Aber ich hege gegen ihn dieſelben Ge⸗ fühle der Hochachtung und Zuneigung, von denen Sie gegen Ihre würdige Mutter beſeelt ſind. Brauche ich noch hinzuzufügen, mein Freund, daß ich den Muth gehabt hätte Ihnen meinen Gatten aufzu⸗ oypfern, indem ich mich von ihm trennte, daß ich aber niemals, o niemals ſo elend, ſo ehrlos geweſen wäre ihn einer ſchmählichen Rolle auszuſetzen! Dieſe Tren⸗ nung wäre ihm anfangs ſchmerzlich geweſen, aber er würde ſich allmälig an meine Abweſenheit gewöhnt haben . und ich bin feſt überzeugt, ich hätte bei unſerer baldigen Wiederkehr in ihm einen Freund wiedergefunden; denn ich würde mir den egviſtiſchen Gedanken Sie der Zärtlichkeit Ihrer Mutter auf lange Zeit zu entreißen wie ein Verbrechen vorge⸗ worfen haben.“ „Was höre ich . . . könnte es wahr ſein?“ „Ach, Philipp . . . Philipp . . . Mein Gott! Was für eine Meinung haben Sie denn von mir?“ fuhr Frau Robertin im Tone ſanften Vorwurfs fort. „Ich ſchlug Ihnen dieſe Reiſe vor, weil ſie unum⸗ gänglich nothwendig, ja unumgänglich nothwendig war . . Meine Abweſenheit gewöhnte meinen Gat⸗ ten bald an die Nothwendigkeit einer unwiderruflichen Trennung, und Ihre Abweſenheit gewöhnte Ihre Mutter an die Idee, daß die kindliche Zärtlichkeit die Liebe nicht ausſchließt, und daß Sie mich lieben können, ohne daß dadurch Ihrer Anbetung gegen die würdige Frau im Mindeſten Eintrag geſchieht . . „Dieſe Reiſe,“ ſiel der junge Bildhauer mit Be⸗ † 234 gierde ein, „dieſe Reiſe hätte alſo nur kurze Zeit ge⸗ dauert?“ „So kurz oder ſo lang, als mein Herr und Meiſter gewünſcht hätte,“ antwortete die Verfaſſerin des modernen Cherubin in demüthigem und koſen⸗ dem Tone; „wir kehrten dann nach Paris zurück... Sie nahmen Ihre glorreichen Arbeiten wieder auf, die mich ſo ſtolz gemacht hätten, mein Philipp . . . Sie lebten nach wie vor im mütterlichen Hauſe ... Ich miethete eine beſcheidene Wohnung nicht fern von hier, und bekehrt, aufgeklärt, gänzlich umgewan⸗ delt durch die in ihrer männlichen Strenge ſo heil⸗ ſamen Ermahnungen, die Ihre berühmte Mutter mir geſtern ertheilte, bemühte ich mich, ihre Achtung, wenn auch nicht als Weib, doch wenigſtens als Schrift⸗ ſtellerin wieder zu gewinnen . . . Ich hoffte, ſie würde mir doch eines Tags die unüberwindliche Liebe ver⸗ zeihen, die Sie mir einflößten . . . Solcher Art, Philipp, war dieſer Herzensroman, der meine theuer⸗ ſten und zärtlichſten Wünſche umſchloß.“ „Oljetzt „Noch ein Wort . . . Dieſer Roman wird . .. ich weiß es . . . im Stadium eines holden Traumes bleiben. .. Aber im Augenblick, wo ich für immer darauf verzichte, erlauben Sie mir mich noch eine kleine Weile mit einem geliebten Wahn einzuwiegen .. Dies wird mein einziger und letzter Troſt ſein...“ „Bitte . . . hören Sie mich an.“ „Wir reisten zuſammen fort,“ ſagte Virginie, indem ſie Philipp nicht zum Worte kommen ließ, ſondern mit einer Geberde völl herausfordernder Koketterie ihre hübſche Hand auf die Lippen des 235 jungen Mannes legte, der bei dieſer Berührung vor Wolluſt ſchauerte. — „Wir reisten noch heute ab.“ „Heute?“ „In einer Stunde . . . mit der Lyoner Eiſen⸗ bahn . . . Wir kamen übermorgen nach Genf .. . die Jahreszeit iſt herrlich . . . wir machten einen Ausflug in die Schweiz . . . O Philipp, mit Ihnen Hand in Hand, Seite an Seite, Herz an Herz dieſe prachtvolle Natur zu beſuchen! Auf dieſen großen Seen herumzuſegeln! . . . Luſtig über dieſe Berge und Gletſcher hinzuklettern, uns in Bewunderung, Poeſie und Liebe zu berauſchen .. . und dann als entzückender Contraſt, um uns von dieſer tauſendge⸗ ſtaltigen Alpenpracht zu erholen, deren Unermeßlich⸗ kteit uns zu Boden drückt, jene Feſte, jene blendenden Caſinos zu beſuchen, wo die Touriſten, die Elite der beſten Geſellſchaft Europas, zuſammenkommen .. wo die vepführeriſchſten Frauen . . .“ „Ach, es würde mir nicht einfallen ſie anzuſehen.“ „Aber, bei Gott, dieſe Frauen werden Sie an⸗ ſehen, lieber Philipp, ſie werden Sie freſſen, mit den Augen verſchlingen. Ich rechne wirklich darauf! Ich bin ſtolz genug auf Sie, um Sie zeigen, um mit Ihnen prunken zu wollen. Ich bin hochüthig ge⸗ nug, um zu wünſchen, daß man mein Glück beneide, und ganz beſonders bin ich von Ihren Verdienſten feſt genug überzeugt, um zu behaupten, doß Ihr reizendes Geſicht, Ihre unwiderſtehliche Grazie, die vollendete Diſtinction Ihres Benehmens, Ihre na⸗ türliche Eleganz, Ihr Geiſt, Ihr bereits berühmter Name alle Köpfe verdrehen werden, und wenn Sie 236 mir unbeſtändig ſind . . . denn das werden Sie ſein „Mein Gott, welcher Argwohn!“ „Philipp, ich ſage nicht untreu, ſondern nur unbeſtändig.“ „Wo liegt da der Unterſchied?“ „Der Unterſchied iſt ungeheuer . . . der Unge⸗ treue liebt ſeine Maitreſſe nicht mehr und läßt ſie für immer im Stich . . . der Unbeſtändige verläßt ſie einen Augenblick, vergleicht und kommt dann zu ihr zurück. Wenn Sie alſo nach irgend einer flüch⸗ tigen Unbeſtändigkeit oder, falls dieſes Wort Ihrer Ehrlichkeit weh thut, nach einer Vergleichung zu mir zurückkommen, dann werden Sie keine eiferſüchtige, zänkiſche und zornige Maitreſſe, die durch ihren eng⸗ herzigen und dummen Egoismus gehäſſig und uner⸗ träglich wird, in mir finden, ſondern Sie werden mich immer liebend, leidenſchaftlich, beglückt durch Ihr Glück, wo Sie es auch ſuchen mögen, finden; denn ich werde . . . ſo weit geht mein Stolz .. ſtets überzeugt ſein, daß alle auch noch ſo zahlrei⸗ chen Vergleichungen Sie immer zu mir zurückführen werden.“ „Wie . . . Ihre Selbſtliebe . . . „Ja, juſt meine Selbſtliebe wünſcht, ſucht und verlangt die Vergleichung, ſtatt ſie zu fürchten,“ fuhr die Verfaſſerin des modernen Cherubin mit ihrer cyniſchen Lebendigkeit und ihrer frechen Verdorbenheit fort, die ſie in dieſem Augenblick nicht mehr verdecken zu müſſen glaubte. — „Wahrhaftig, es wäre ein ſchöner Ruhm, ein ſchöner Triumph für eine Frau von ihrem Liebhaber geliebt und angebetet zu wer⸗ 237 den, wenn er ſie nicht mit Andern und zwar mit vielen Andern hat vergleichen können. Dieſe blinde, bornirte, fehlerhafte, ſcheue, foſſile, vorſündfluthliche Beſtändigkeit, an die Sie noch glauben, mein guter Philipp, war vollkommen am Platz in jenen Urzei⸗ ten, wo unſere Mutter Eva allein mit Adam das irdiſche Paradies bewohnte . . . Aber bei Gott, un⸗ ſere Mutter Eva hat Töchter und zwar reizende Töchter hinterlaſſen; und nach meiner Anſicht kann eine Frau von der Solidität der Liebe, die ſie ein⸗ flößt, niemals überzeugt ſein, ſo lange nicht der Mann, der ſie liebt, nachdem er gleich der Biene bei tauſend köſtlichen Blumen ſeinen Raub geſucht, von ſelbſt zu ihr zurückkehrt und ſagt: ich habe Dich mit allen verglichen und ziehe Dich allen vor.“ „Ei, wie, Sie ſtellen die Untreue förmlich als Syſtem auf,“ verſetzte Philipp mit einer Art von unwillkürlichem Widerwillen, obſchon halb verführt durch die empörenden Paradoxen der Verfaſſerin des modernen Cherubin; eben ſo gut könnte alſo auch eine Frau unter dem Vorwand der Verglei⸗ chung „Pfui doch, pfui! Nein, ein Mann kann unbe⸗ ſtändig ſein, ohne ſich herabzuwürdigen, aber eine Frau bedeckt ſich durch Unbeſtändigkeit mit Schmach,“ antwortete die ſchlaue Virginie; „ach glauben Sie mir, Philipp, die Beſtändigkeit, die Treue iſt für uns Frauen nicht bloß eine Pflicht, ſondern die Un⸗ treue wird uns, wenn wir lieben, ſogar phyſiſch un⸗ möglich durch das Zartgefühl, das uns angeboren iſt.. Iſt es bei euch auch ſo? Nein, ein Mann kann, ſo verliebt er auch ſein mag, den Verlockungen 238 eines pikanten, hübſchen Geſichtchens nie widerſtehen . Beruhigen Sie ſich alſo, mein lieber Philipp, und erkennen Sie wenigſtens den Vortheil meiner Phi⸗ loſophie an; wenn Sie mir treu und beſtändig blei⸗ ben, ſo werden Sie für mich eine anbetungswürdige Ausnahme ſein, die auf den Knieen verehrt zu wer⸗ den verdient. . . Sind Sie dagegen unbeſtändig, ſo werde doch ich meinerſeits treu bleiben und werde mit Glück, mit Stolz, mit Wonne zu mir ſagen: wie er mich liebt! denn er zieht mich doch allen andern vor und kommt immer wieder zu mir zurück.“ XIII. Philipp verfiel immer mehr unter die Macht der ſchamloſen Sinnlichkeit, welche Frau Robertin pre⸗ digte. Es überkam ihn eine Art von Schwindel beim Gedanken an dieſen Ausflug in das pittoreskeſte Land der Welt, den er in Geſellſchaft einer ver⸗ führeriſchen, geiſtreichen, leidenſchaftlich verliebten und dennoch ganz und gar nicht eiferſüchtigen jungen Frau machen ſollte, einer Frau, welche die Verglei⸗ chung ſo wenig fürchtete, daß ſie auf die Unbeſtän⸗ digkeiten Philipps noch ſtolz wäre. Er ſah ſich be⸗ reits von Feſt zu Feſt, von Luſtbarkeit zu Luſtbarkeit ziehen und ebenſo glänzende Erfolge erringen, wie der wollüſtige Skeptiker Floreſtan, der Held des mo⸗ dernen Cherubin. Frau Robertin errieth ihren Triumph leicht, ver⸗ barg aber ihre ruchloſe Freudé unter dem Anſchein einer ſchwermüthigen Ergebung und fuhr fort: 239 „Solcher Art war dieſer Herzensroman, den meine Liebe ſo zärtlich koste . . . Dieſer zauberiſche Traum konnte durch Sie, Philipp, zur Wirklichkeit werden . .. Denken wir nicht mehr daran ... leben Sie wohl . . .“ Sie legte die Hand über ihre Augen und wie⸗ derholte mit erſtickter Stimme: „Leben Sie wohl, leben Sie wohl für immer!“ „Ich bleibe der Ihrige, auf immer der Ihrige,“ rief Philipp berauſcht, indem er die Hand der jun⸗ gen Frau ergriff. „Reiſen wir! Reiſen wir augen⸗ blicklich ab!“ „Ach, Du liebſt mich alſo doch eben ſo innig, wie ich Dich liebe,“ rief Virginie und ſtreckte, ſchein⸗ bar unwillkürlich hingeriſſen, ihre Arme gegen Phi⸗ lipp aus, heuchelte aber auf einmal wieder eine ſchamhafte Zurückhaltung, erröthete über dieſe leiden⸗ ſchaftliche Bewegung, drückte den jungen Mann ſanft weg und murmelte in einem Ton der ſchmachtendſten Verliebtheit: „O Philipp, mein Angebeteter .. . Geduld, mor⸗ gen werden wir in Genf ſein.“ „Laſſen Sie uns gehen! Mein Kopf brennt! Ich würde ein Narr werden!“ rief der junge Bildhauer, erblaßte aber plötzlich und fügte hinzu: „Ach weh mir, es war ein Traum!“ „Ein Traum?“ „Dieſe Reiſe iſt unmöglich . . „Warum?“ „Ach, die ſtrahlendſten Hoffnungen zerſchellen immer an den Bedürfniſſen des Lebens.“ „Erklären Sie ſich!“ 240 „Nein, ach nein,“ antwortete der junge Bild⸗ hauer, purpurroth vor Scham. Virginie errieth den Grund ſeiner Beſchämung und ſagte lächelnd: 5 „Armer Philipp . . . dieſe Reiſe iſt koſtſpielig?“ „Madame, ich bitte Sie . . „Ihre kleinen Erſparniſſe als junger Mann rei⸗ chen nicht aus . . .“ „Genug . . . ich bitte Sie um Alles!“ „Beruhigen Sie ſich, mein Freund Machen Sie ſich keinen Kummer um ſolche erbärmliche materielle Details. Muß nicht unter uns Alles gemeinſchaftlich ſein?“ „Madame,“ verſetzte der junge Mann im Tone verletzten Stolzes, „ich verdiene dieſe Beſchimpfung nicht nan „Wie argwöhniſch und empfindlich Sie ſind! Sie lehnen alſo meine Anerbietungen ab?“ „Die Ehre gebietet es mir.“ „O, edelſter der Menſchen, wie ſtolz bin ich Sie zu lieben!.. . Sie ſollten alſo, wie ich vorher wußte, die Würde Ihres Charakters in Nichts verleugnen Ich ſah dieſe Weigerung vorher . . Verzeihen Sie mir. . . nicht dieſe Prüfung . . . ich war Ihres Zartgefühls gewiß . . . aber, mein holder Freund⸗ werden Sie mirs verzeihen, daß ich mich voll Wonne an dieſem Zartgefühl weiden wollte, indem ich Sie in den Fall brachte, es wieder einmal an den Tag zu legen?“ Wie „An Geld wird es Ihnen nicht fehlen .. S „Mein Gott, wo ſoll ich welches auftreiben?“ „Ich habe Alles vorhergeſehen . . . Theurer — —— 24¹ Philipp, mein Herz ſagte mirs unwillkürlich, daß Sie in dieſe zauberiſche Reiſe willigen würden; da ich nun die Verlegenheit ahnte, worin Sie ſich be⸗ finden könnten, ſo habe ich mich für alle Fälle an einen Herrn Morand gewendet, der mir die Wechſel meiner Buchhändler discontirt: ein glücklicher Zufall hat ihn heute früh zu mir geführt; er ſteht zu Ihrer Verfügung und borgt Ihnen 25,000 Franken.“ „25,000 Franken,“ rief Philipp, geblendet, wenn man ſo ſagen darf, durch das Geſchiller dieſer Summe und bereits an das Herrenleben denkend, das er da⸗ mit führen könnte; denn er gedachte ſich, gleich dem luſtigen Floreſtan im modernen Cherubin, eine üppige und tolle Exiſtenz zu gründen, die eine in ſeinen Augen bezaubernde, glühend in ihn verliebte und auf ſeine zukünftigen Erfolge ſtolze Frau mit ihm theilen ſollte. Er wiederholte alſo mit gieriger, bebender Stimme: „25,000 Franken, mir, . ſo viel Geld!“ Aber ſeine Inſtincte der Ehrlichkeit erwachten von Neuem, und er fügte beinahe verzweifelnd hinzu: „Ach mit dem Borgen allein iſt es nicht gethan, man muß es auch wieder heimbezahlen.“ „Das werden Sie leicht können!“ „Ich beſitze Nichts.“ „Sie irren ſich, mein Freund. Sie beſitzen 100,000 Franken und noch mehr.“ „Ich?“ „Dies iſt die Erbſchaft Ihres Vaters. Sobald Sie majorenn werden, bezahlen Sie Ihre Schuld an Herrn Morand; inzwiſchen aber wird er die Wechſel, die von Ihnen unterzeichnet ſind, acceptiren .. Sue, der Teufel als Arzt. MI. 16 242 Er erwartet uns in dem Café, das in der Nähe der Lyoner Eiſenbahn iſt; er wird die Summe in Gold bei ſich haben. Ich habe für alle Fälle meine Koffer auf den Bahnhof geſchickt. Sie dagegen brauchen ſich um die Ihrigen Nichts zu bekümmern; mit Geld werden Sie in Lyon Alles finden, was Sie nöthig haben. Der Zug geht um ein Uhr ab. Jetzt iſt es elf Uhr. Mein Mann iſt auf ſeinem Bureau. Sie ſchreiben Ihrer Mutter ein paar Zeilen, daß Sie für einige Tage aufs Land zu einem Freunde gehen. Wir ſteigen durch Ihr Fenſter in meinen Garten hinab; bald haben wir Paris verlaſſen und werden dann wie Floreſtan ſagen: Es lebe die Jugend, das Gold und die Wolluſt! Nur kühn, mein Geliebter! Sieh, hier haſt Du das Draufgeld auf unſere fröh⸗ liche Reiſe,“ fügte das ſchreckliche Weib hinzu, indem ſie Philipps Kopf in ihre Hände nahm und mit ihren Lippen ſeine Stirne ſtreifte. „O Dein bis in den Tod,“ murmelte der junge Mann, und wahnwitzig unter dem Eindruck dieſes brennenden Kuſſes, wollte er Virginie in ſeine Arme preſſen, aber ſie machte ſich los, ging raſch auf das Fenſter zu, an dem die Leiter ſtand, und ſagte, in⸗ dem ſie Philipp fortriß: „Komm, komm . . . uns winken Freiheit, Ver⸗, gnügungen und Liebe.“ „Endlich werde ich leben,“ rief der junge Bild⸗ hauer; dann warf er einen verachtungsvollen Blick auf ſeine Werkſtatt und ſagte: „Lebe wohl, kaltes Grab . . wo meine eiſige Jugend geſchmachtet hat . . O Ruhm, Du wiegſt den Kuß meiner Geliebten nicht auf.“ 2¹3 XIV. Nach dieſem Bannſtrahl über das Heiligthum ſeiner Kunſt, über die friedliche, ſtrenge Einſamkeit, wo die erſten Jahre ſeiner arbeitſamen Jugend ver⸗ ſtrichen waren, ging Philipp raſch auf Frau Robertin zu, welche zitternd vor Ungeduld am Fenſter ſtand und die Unterſtützung des jungen Bildhauers er⸗ wartete, um gefahrlos hinabzuſteigen. Auf einmal fährt die Thüre der Werkſtatt auf, und Julian eilt athemlos herbei; er verbirgt ſeine geheime Freude unter einer geheuchelten Beſtürzung und ruft: Herr Philipp, da kommt Ihre Mutter; ſie folgt mir!“ Und er deutete auf Clemence Hervé, die in Be⸗ gleitung von Helviſe Morand in der Thüre der Werkſtatt ſichtbar wird. „Zum Teufel mit der Mutter!“ ruft die Ver⸗ faſſerin des modernen Cherubin mit wuthver⸗ zerrten Zügen. Dann faßte ſie Philipp mit krampf⸗ hafter Hand und ſagte: „Komm, laß uns fliehen, es iſt noch Zeit!“ „Nein, es iſt nicht mehr Zeit,“ antwortete der lunge Mann, der durch die unerwartete Erſcheinung ſeiner Mutter anfangs niedergeſchmettert und wie verſteinert war. „Bleiben wir . . .“ „Philipp,“ murmelte Frau Robertin mit dumpfer, beinahe drohender Stimme, indem ſie ihm einen Blick des Zornes und der Verachtung zuwarf, „Sie zittern, ſollten Sie etwa feig ſein?“ „Ich feig? . .. das ſollen Sie ſogleich ſelbſt 24⁰ beurtheilen! . . . Meine Mutter kommt, um Sie mit Schimpf und Spott hinauszujagen . . . Nun wohl, wir wollen augenblicklich zuſammen vor ihren Augen hinausgehen, wir wollen ihr aufrechten Hauptes Trotz bieten!“ „Nichts iſt verloren!“ rief Virginie, die von Neuem zur Hoffnung erwachte. „Unſere Liebe iſt gerettet . . . wenn Du Muth haſt, angebeteter Ge⸗ liebter!“ „O, ich werde dieſen Muth haben,“ antwortete Philipp blaß und zornig, als er ſeine verliebten Hoffnungen durch die unerwartete Anweſenheit ſeiner Mutter bedroht ſah. Er verwünſchte Julian, der ſie hereingelaſſen hatte, denn ſein Schüler hätte, da er allein einen zweiten Schlüſſel zur Werkſtatt beſaß, Jedermann am Hereinkommen verhindern können. Dieſe verſchiedenen Ereigniſſe hatten ſich mit der Schnelligkeit des Gedankens zugetragen, während der kurzen Zeit, die Clemence Hervé und Helviſe Morand gebraucht hatten, um von der Schwelle bis in die Mitte der Werkſtatt zu kommen; ſie erſchienen da in dem Augenblick, wo Philipp mit Frau Robertin aus der Bibliothek trat und langſam und mit heraus⸗ fordernden Blicken ſeiner Mutter entgegenſchritt Julian, der ſich ſeines Verrathes freute und zugleich . ſchämte, ſchlich verſtohlen in den Garten hinaus und f ließ unſere vier Perſonen beiſammen. 2¹5 XV. Frau Robertin wünſchte ſich unter dieſen miß⸗ lichen Conjuncturen im Intereſſe ihrer Pläne Glück dazu, daß ſie nicht gerade preſſirt war; ſie hörte auf einer fernen Uhr elf ſchlagen, im Augenblick, wo Clemence Hervé mit Helviſen in die Werkſtatt trat. Sie erkannte dieſe fogleich, da ſie ſie Tags zuvor bei Herrn Morand geſehen hatte, und ſie konnte keine Ahnung davon haben, daß dieſes junge — Mädchen, deren Einfachheit (dem Exhuiſſier zu Folge) ſtark an Dummheit ſtreifte, und die ſich (wiederum laut dem Erhuiſſier) in acht Tagen verheirathen ſollte, die berühmte Maria Saint⸗Clair war. Gleich⸗ wohl überraſchte die Anweſenheit des jungen Mäd⸗ chens Virginie ſehr und gab ihren beobachtenden Blicken, welche ſchon durch die Haltung und die Phyſiognomie von Clemence Hervé ſehr herausge⸗ fordert wurden, neuen Stoff. Clemence Hervé legte nämlich weder Ueberraſchung noch Entrüſtung an den Tag, als ſie in der Werkſtatt ihres Sohnes dieſe unverſchämte Perſon traf, der ſie Tags zuvor eine ſo derbe Zurechtweiſung ertheilt hatte, ſondern be⸗ grüßte ſie vielmehr ſehr höflich und zeigte ſich nicht bloß ruhig und gelaſſen, ſondern ſogar äußerſt freund⸗ lich und verbindlich. Philipp war ganz verblüfft über die freundliche Gemüthlichkeit ſeiner Mutter. Er hatte erwartet, ſie würde Frau Robertin mit der größten Verachtung behandeln, und wollte in dieſem Fall ihrem Zorn und ihren Drohungen offen Trotz bieten; er ſah ſich 246 indeſſen gänzlich getäuſcht und ſeine Erbitterung nahm aus Mangel an Nahrungsſtoff allmälig ab. Der Ausdruck unausſprechlicher Güte und zärtlicher Nachſicht, der in den Zügen ſeiner Mutter lag, rührte ihn tief, und ſo ſehr er ſich gegen die Annehmlich⸗ keit dieſes Gefühls zu ſperren ſuchte, ſo überkam ihn doch eine unwillkürliche Weichheit, worin ſich Be⸗ ſchämung mit unbeſtimmten Gewiſſensbiſſen ver⸗ mengte. Dies war indeß noch nicht Alles. Wie Frau Robertin, forſchte auch er vergebens nach dem Grund der Anweſenheit von Heloiſe Morand; er hatte ſie Tags zuvor kaum ein wenig geſehen, und ihre himmliſche Schönheit erſchien ihm jetzt in ihrem ſtrahlendſten Glanz, beleuchtet durch das helle Licht, das vom Giebel der Werkſtatt hereinfiel. Ein ganz einfaches Morgenkleid ſchloß ſich elegant an die wahr⸗ haft vollendete Taille der jungen Muſe; wogende, nach der neueſten Mode ziemlich kurze Aermel ließen ihre reizenden Arme und ihre zarten Hände, die würdig waren einen neuen Praxiteles zu begeiſtern, halb bloß ſehen. Helviſe hatte ihren Hut bei Cle⸗ mence Hervé abgelegt und erſchien hier mit ihren prächtigen blonden Haaren, die in der Mitte ge⸗ ſcheitelt waren und ſich in dichten Flechten über die Stirne hinzogen. Der Anblick dieſer anbetungswür⸗ digen Perſon, welche Philipp geſtern in ſeiner pein⸗ lichen Betretenheit kaum beachtet hatte, machte einen lebhaften Eindruck auf ihn, aber, wenn man ſo ſagen darf, bloß vom künſtleriſchen Geſichtspunkte aus, denn er betrachtete ſie als Künſtler und mußte ſich geſtehen, daß nie ein menſchliches Geſchöpf der idealen Schönheit näher gekommen ſei. 247 Frau Robertin, die zu ſcharfſichtig und zu nei⸗ diſch war, um den geheimen Eindruck des jungen Bildhauers nicht zu ahnen, runzelte ihre ſchwarzen Brauen. Die vollſtändige Gelaſſenheit von Clemence Hervé, die mit jedem Augenblick verbindlicher zu werden ſchien, brachte ſie beinahe aus aller Faſſung; ſie begann an der Feſtigkeit der Entſchlüſſe Philipps zu zweifeln und fragte ſich voll Unruhe, wie ſie und ihr künftiger Liebhaber aus dieſer ſchwierigen Stel⸗ lung herauskommen ſollten, die immer verwickelter zu werden drohte, als die berühmte Schriftſtellerin ganz freundlich zu ihrem Sohn ſagte: „Lieber Philipp, das Fräulein und ich kommen, um Dich die Büſte der Frau Robertin anfangen zu ſehen . . . Du weißt, wie ſehr ich mich für Deine Arbeiten intereſſire.“ Damit ſetzte ſie ſich auf einen Lehnſtuhl und wies dem jungen Mädchen einen andern Stuhl an, in der Nähe desjenigen, welchen Philipp am Mor⸗ gen gegenüber ſeinem Thonklumpen in Bereitſchaft geſtellt hatte, als er in ſeiner Naivetät noch glaubte, daß es wirklich zu einer Sitzung mit ſeinem Modell kommen würde. „Wollen Sie gefälligſt Platz nehmen, meine liebe Heloiſe,“ ſagte Clemence Hervé. Die junge Muſe ſetzte ſich und ſagte freundlich lächelnd mit ihrer ungemein melodiſchen Stimme, die einen ihrer größten Zauber bildete, zu Philipp: „Ihre Frau Mutter hat die Güte gehabt mich zum Voraus wegen der Indiscretion zu beruhigen, die ich vielleicht begehe; in dieſem Falle wage ich zu hoffen, daß Sie mir dieſelbe verzeihen werden, hbe⸗ 248 ſonders zu Gunſten des lebhaften Intereſſes, das Ihre bereits ſo bemerkenswerthen Arbeiten einflößen. Die Büſte, die Sie eben beginnen wollen, wird, wenn ich nach einigen Ihrer Werke ſchließen darf, ihnen an Grazie, Feinheit und Zauber gleichkommen, beſonders wenn ſie ähnlich iſt, woran man nicht zweifeln darf.“ „Ich danke Ihnen für Ihr Compliment, mein Fräulein,“ erwiederte Frau Robertin mit höhniſchem Spott, „und um Ihr Wohlwollen gebührend zu er⸗ widern, will ich Ihnen bemerken, mein Fräulein, daß, wenn irgend eine Perſon durch ihre Schönheit würdig iſt Herrn Philipp als Modell zu dienen, dies wahrſcheinlich Sie ſind, und nicht ich.“ „Ach, Madame,“ ſagte Helviſe, „ich ſetze zu großes Vertrauen in den vortrefflichen Geſchmack des Herrn Philipp, als daß ich annehmen dürfte, er könnte ſich über den Werth ſeiner Modelle getäuſcht haben.“ 4 „Ihre Beſcheidenheit iſt zum Mindeſten affectirt, mein Fräulein,“ antwortete Frau Robertin ärgerlich, „da Herr Philipp Sie vermuthlich noch nicht geſehen hatte, als er, wie Sie ſagen, mich wählte.“ „Dies iſt ein weiterer Beweis für jene Art von Ahnungsgabe, die dem Talent zugeſchrieben wird. Herr Philipp ahnte, daß er, wenn er Sie wählte, Madame, keine beſſere Wahl hätte treffen können,“ antwortete Heloiſe lächelnd. Die Verfaſſerin des modernen Cherubin wunderte und ärgerte ſich immer mehr über die Be⸗ ſcheidenheit, den ſicheren Takt und die vollkommene Urbanität in den Antworten dieſes bezaubernden — — 249 jungen Mädchens, zumal da ſie daſſelbe, nach Herrn Morand, beinahe für dumm gehalten hatte. Sie ſchwieg einen Augenblick, denn ſie hatte, ohne den Zweck zu ahnen, ein gewiſſes Vorgefühl von einem geheimen Einverſtändniß zwiſchen Heloiſe und Cle⸗ mence Hervé; auch beunruhigte ſie ſich über den Er⸗ folg ihrer Pläne, als ſie ſah, mit welcher Aufmerk⸗ ſamkeit Philipp den Worten der jungen Muſe lauſchte. Philipp hatte ſich nämlich, um ſich eine Haltung zu geben und ſeine ſteigende Verlegenheit, ſowie die verſchiedenen unmuthigen Empfindungen, die auf ihn einſtürmten, zu verbergen, vor ſeinen Thonklumpen geſtellt und knetete ihn mechaniſch, wie wenn er ſich vorbereitete die Züge ſeiner künftigen Reiſegefährtin zu reproduciren. Dieſe Reiſepläne verlockten ihn noch immer; nur begann er an der gebieteriſchen Nothwendigkeit einer augenblicklichen, plötzlichen Ab⸗ reiſe zu zweifeln. Seine Mutter kam Frau Rober⸗ tin ſo freundlich entgegen, daß er aus dieſem Empfang, der ihn noch mehr rührte als überraſchte, die ſüßeſten Hoffnungen für ſeine Liebe ſchöpfte: Philipp hatte alſo unter den gegebenen Umſtänden keinen Grund oder Vorwand mehr die Sitzung plötz⸗ lich aufzuheben, zumal da die Milde ſeiner Mutter ihn gänzlich beherrſchte und er ſich unwillkürlich durch den Reiz lebhafter Neugierde in Betreff dieſer jungen Perſon zurückgehalten fühlte, die er als Künſtler bewunderte und die ſo eben durch ihre Ant⸗ worten an Frau Robertin einen ſo vollendeten Takt bewieſen hatte. Frau Virginie ihrerſeits erſchrack ernſtlich über die friedliche Wendung, welche das Geſpräch und die Dinge nahmen, und da ſie die ge⸗ 250 heimen Aufſchubswünſche Philipps ahnte, ſo beſchloß ſie, ſo lange es noch Zeit war, eine raſche Entwick⸗ lung herbeizuführen und einen entſcheidenden Schlag zu verſuchen. Sie warf alſo dem jungen Bildhauer einen ausdrucksvollen Blick zu und ſagte: „Herr Philipp, wollen Sie mir gefälligſt Ihren Arm geben? ich werde Ihnen heute nicht ſitzen.“ Dann wandte ſie ſich mit einem triumphirenden und herausfordernden Blick gegen Clemence Hervé und ſagte: „Ich bedaure unendlich, Madame, daß Sie und das Fräulein ſich hierher bemüht haben, in der Hoff⸗ nung mich poſiren zu ſehen.“ Das Wort poſiren betonte ſie ganz beſonders, um ihm eine ironiſche Bedeutung zu geben, die es im Kauderwelſch der Werkſtätten hat. „Ich werde alſo,“ fuhr ſie fort, „wenn Sie mir's gefälligſt erlauben wollen, Madame, nicht po⸗ ſiren und bin untröſtlich darüber, daß ich Sie und das Fräulein des Vergnügens beraube, das ſie ſich ohne Zweifel davon verſprochen hatten.“ Hierauf wandte ſie ſich in einem gebietenden Tone, den ſie zärtlich und vertraulich glaubte, den aber ihre ge⸗ heime Erbitterung über Philipp und ihr mühſam be⸗ zwungener, feindſeliger Aerger wider ihren Willen hart, anmaßend und hochmüthig machte, gegen den jungen Künſtler und ſagte: „Kommen Sie, mein lieber Philipp. . . Laſſen Sie uns gehen . . . Kommen Sie doch . . . Kommen Sie doch!“ Clemence Hervé erblaßte trotz all ihrer Selbſt⸗ 251 beherrſchung und warf Helviſe Morand einen angſt⸗ vollen Blick zu. XVI. Die Pſychologen haben mit Recht geſagt, daß die bedeutendſten Entwickelungen manchmal nicht bloß durch ein Wort, ſondern ſogar einzig und allein durch die Betonung dieſes Wortes herbeigeführt und entſchieden werden. Die Wahrheit dieſer Bemerkung mußte auch Virginie erleben, als ſie Philipp zu⸗ rief: „Kommen Sie, mein lieber Philipp. .. Laſſen Sie uns gehen . . . Kommen Sie doch ... Kommen Sie doch!“ Gewiß gibt es, buchſtäblich genommen, nichts Harmloſeres als dieſe Worte; aber wir wiederholen es, ihr anmaßender, harter, gereizter und hochmüthi⸗ ger Ton gab ihnen für den Sohn von Clemence Hervé folgenden Sinn: „Sie gehören mir an . . . Folgen Sie mir .. Sie ſind weiter Nichts als ein kleinmüthiger Neu⸗ ling, der wie ein Einfaltspinſel vor Mama zittert .. Vorwärts, folgen Sie mir doch .. . Sie machen mich ungeduldig . . . Ich bemitleide Sie . .“ Dies Alles mußte im Ton der angeführten Worte liegen, welche ſomit den geheimen Gedanken der Frau Robertin enthüllten; denn trotz ihrer heuchleriſchen Verſchmitztheit vermochte ſie ihren Aerger, ihren Grimm und die eiferſüchtigen Befürchtungen, welche Helviſens Schönheit ihr verurſachte, nicht zu ver⸗ 252 bergen; aber Philipp, der, wie wir bereits geſagt haben, die Dringlichkeit einer augenblicklichen Abreiſe nicht begriff, fühlte ſich nicht durch den Buchſtaben, ſondern durch den Geiſt der Worte ſeiner Schönen, ſowie durch den anmaßenden Ton, den ſie ſich er⸗ lauben zu wollen ſchien, beleidigt; er fand es demü⸗ thigend ſich vor ſeiner Mutter und vor dieſem an⸗ betungswürdigen jungen Mädchen, das ein unerklär⸗ liches Intereſſe für ihn zu faſſen ſchien, ſo tyranniſch behandeln zu laſſen. Kurz, Philipp war zwar auf einen Irrweg gerathen, aber er war nicht verdor⸗ ben, und Clemence Hervé hatte ganz Recht gehabt, als ſie ſagte: „Jedes Gift hat ſein Gegengift; nach dem flüchtigen Taumel macht ſich die Vernunft wie⸗ der geltend; ein friſcher Windhauch genügt, um eine mephitiſche Atmoſphäre wieder zu reinigen.“ Philipp war bereits wie nach einem böſen Traume wieder erwacht und begann von Neuem den mütterlichen Einfluß zu empfinden; ſeine Seele ſchwankte noch unſicher zwiſchen dem Guten und dem Böſen, wie der Geiſt zwiſchen dem Schlaf und dem Erwachen ſchwankt; aber dieſes Erwachen wurde beſchleunigt durch die Worte: „Kommen Sie, lieber Philipp . . . kommen Sie doch . . .“ oder vielmehr durch den Ton, wo⸗ mit die Verfaſſerin des modernen Cherubin dieſe Worte ſprach, die für den Sohn von Clemence Hervé beinahe eine Offenbarung waren. Clemence Hervé hatte einen Augenblick unaus⸗ ſprechlicher Angſt, welche Heloiſe mit ihr theilte. Beide fühlten, daß der Moment der Entſcheidung gekommen war. Wie groß war daher ihre Freude, als Philipp, um Zeit zu gewinnen, bevor er einen 253 entſcheidenden Entſchluß faßte, der Frau Robertin zur Antwort gab: „Verzeihen Sie, Madame . . . aber da meine Mutter die Güte gehabt hat hierher zu kommen und der von Ihnen gewünſchten Sitzung anzuwohnen, ſo wäre ich Ihnen ſehr verbunden, wenn Sie mir nur eine Stunde gewähren wollten.“ Die Verfaſſerin des modernen Cherubin ſah ein, daß ſie nach einer ſolchen Antwort Philipp nicht mehr durch einen Machtſpruch entführen konnte. Sie mußte alſo entweder augenblicklich auf eine klägliche Art mit Schimpf und Spott und ganz allein unter den Augen der triumphirenden Clemence Hervé ihren Rückzug antreten oder in die Schlinge fallen, welche ſie ſelbſt gelegt hatte; mit andern Worten ſie mußte poſiren und zwar in der lächerlichen Bedeutung dieſes Wortes. So peinlich ihr dieſer letzte Ausweg war, ſo entſchloß ſie ſich doch dazu; der erſte war ein zu grauſamer Schlag für ihren Hochmuth; über⸗ dies war es noch nicht mehr als elf Uhr, denn die verſchiedenen Zwiſchenfälle, deren Darſtellung eine ſo langwierige Entwicklung fordert, hatten ſich in wenigen Minuten zugetragen; die Lyoner Eiſenbahn fuhr erſt um ein Uhr von Paris ab. Frau Rober⸗ tin verlor alſo nicht alle Hoffnung, und im Ver⸗ trauen auf die zähe Energie ihres Haſſes, auf die reichen Mittel ihres Geiſtes, auf den ſinnlichen Ein⸗ fluß, den ſie auf Philipp ausübte, ſowie auf die Schwäche und Unſchlüſſigkeit dieſes jungen Mannes, der einer plötzlichen Umkehr fähig war, nahm ſie entſchloſſen den Kampf an, warf ihren Hut weit weg, 254 glättete ihre ſchwarzen Haare mit der flachen Hand und ſagte in ſüßlichem Tone zu Philipp: „Es ſei, mein lieber Herr Philipp. . . Ich kann Ihnen Nichts abſchlagen . . . aber unſere Sitzung darf nicht länger als bis zwölf Uhr währen . . . denn“ — fügte ſie mit einem ausdrucksvollen Blick auf den jungen Mann hinzu, „ich habe Schlag ein Uhr ein ſehr wichtiges Rendezvous, das ich nicht verſäumen darf . . .“ Sodann fragte ſie entſchloſſen: „Wo ſoll ich mich ſetzen?“ „Hier . auf dieſen Lehnſtuhl . . . wenn Sie die Güte haben wollen, Madame, . .“ antwortete der junge Bildhauer. Frau Robertin ſetzte ſich einige Schritte von ihm und die Sitzung begann. XVII. Wir wollen nur mit einigen Worten an das allgemeine Bild der Werkſtatt erinnern, wo Frau Robertin jetzt für Philipp ſaß, und die Stellung der verſchiedenen Perſonen dieſer Scene näher bezeichnen. Man ſah hier in dem lebhaften Lichte, das von dem ins Dachwerk eingefügten Fenſter hereinfiel, die letzten Werke des jungen Schülers Davids von An⸗ gers: die Gruppe von Jacques und den Ritter, das Basrelief von den gefangenen Gallierinnen und die coloſſale Statue der Marſeillaiſe; endlich auf einem Tiſche die in der letzten Zei entworfene, aber ſeit geſtern mit einem grünen Tuch verſchleierte 255 Gruppe von der Liebe und der Wolluſt. Mitten in dem großen Zimmer poſirte Frau Robertin baar⸗ häuptig auf einem Lehnſtuhl; nicht weit von ihr ſaß Heloiſe Morand. Beide befanden ſich alſo dem jun⸗ gen Bildhauer gegenüber, der vor ſeinem Thonklum⸗ pen ſtand, während Clemence Hervé, die neben ihrem Sohne Platz genommen, ſich in ſcheinbarer Ruhe mit einer Stickerei beſchäftigte, welche ſie gebracht hatte, und zu Philipp ſagte: „Mein lieber Sohn, wir können, glaub' ich, plaudern, ohne daß wir uns der Gefahr ausſetzen Dich in Deinem Arbeiten zu zerſtreuen.“ „Gewiß, liebe Mutter.“ „Ich habe überdies immer von Bildhauern oder Malern, die mit einem Porträt beſchäftigt waren, gehört, eine lebhafte Unterhaltung habe den Vortheil, daß ſie den Geiſt ihres Modells in Anſpruch nehme und ihm dadurch eine lange Weile erſpare, die ſich nur allzuhäufig auf ſeinem Geſichte abſpiegle und dem Ausdruck deſſelben ſchade . . . alſo Ma⸗ dame,“ fügte Clemence Hervé gegen Virginie hinzu, „wollen wir Sie vor langer Weile zu bewahren ſuchen, damit Ihre Büſte den liebenswürdigen und heitern Ausdruck bekommt, den ſie beſitzen muß.“ „Man kann das Zartgefühl und die Aufmerkſam⸗ keit unmöglich weiter treiben als Sie, Madame,“ erwiederte Virginie Robertin. „Seien Sie überzeugt, daß Ihre und des Fräuleins Gegenwart allein ſchon genügt, um jede Langeweile von mir fern zu halten.“ „Dieſe Verſicherung iſt allzu ſchmeichelhaft, als daß ich ſie nicht ablehnen müßte. Ich habe die vielleicht ehrgeizige Einbildung, Sie auf eine andere 256 Art als durch mein Schweigen intereſſiren zu kön⸗ nen, und ich will dies verſuchen, indem ich Ihnen eine ſehr wichtige Entdeckung mittheile, — wichtig für diejenigen Perſonen, die wie Sie, Madame, ſelbſt die Literatur cultiviren, oder, wie mein Sohn, ſie bloß lieben.“ „Von welcher Entdeckung handelt es ſich, Mutter?“ fragte Philipp, indem er die Büſte der Frau Rober⸗ tin ſtizzirte und an der Unterhaltung Theil nahm, um die widerſtreitenden Empfindungen, die ihn auf⸗ regten, bemeiſtern zu können. „Um die Entdeckung eines Geheimniſſes, welches Deine und meine Neugierde oft erregt hat, mein liebes Kind.“ „Welches Geheimniſſes?“ „Ich habe endlich erfahren, wer die berühmte Maria Saint⸗Clair iſt. Ich verdanke dieſe Ent⸗ deckung Fräulein Helviſen . . Sie weiß aus zu⸗ verläſſiger Quelle, daß unſere junge Muſe kaum achtzehn Jahre alt, Waiſe und in Paris geboren iſt „Ah, wirklich,“ verſetzte Virginie Robertin mit einem ſpöttiſchen Lächeln, indem ſie Philipp einen Blick zuwarf, welcher zu ſagen ſchien: „Ich werde dieſe Lügnerin zu Schanden machen. — Ei, wahr⸗ haftig, das Fräulein kennt dieſe hochberühmte Muſe? Die Verfaſſerin dieſer bewundernswürdigen, erhabe⸗ nen Geſänge, auf welche ſie ſich ohne Zweifel un⸗ endlich viel einbildet?“ „Einbildet? Warum ſollte ſie das?“ verſetzte Heloiſe Morand. „Der Vogel, welcher ſingt, weil 257 Gott es gewollt hat, bildet er ſich etwas auf ſeinen Geſang ein?“ „Eine Frage, mein Fräulein,“ fuhr Virginie fort, indem ſie Philipp einen neuen Blick zuwarf, welcher zu ſagen ſchien: „Geben Sie Acht, das wird recht luſtig werden. — Mein Fräulein, iſt Maria Saint⸗Clair ſchön?“ „Sie wäre es, ſagt man, Madame, wenn die Liebe zum Rechten und Guten das Geſicht verſchönte,“ antwortete Helviſe, indem ſie die Augen nieder⸗ ſchlug. Da Virginie bemerkte, daß Philipp den Ant⸗ worten des jungen Mädchens große Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, ſo verſetzte ſie ironiſch: „Ich begreife, ſie iſt häßlich?“ „Madame, man verſichert, daß ſie etwas Beſſeres als Schönheit beſitze.“ „Und worin beſteht dieſer überlegene Zauber, mein Fräulein?“ „In der Güte.“ „Eine leichte Tugend . . .“ „Für die guten Herzen ebenſo leicht, als die Bosheit für die böſen Leute iſt.“ „Die Dummköpfe, die den Geiſt haſſen, verwechſeln dieſen mit der Bosheit.“ „Dieſe Verwechslung iſt in der That ſehr ein⸗ fältig. Der Charakter des wahren Geiſtes iſt ſein Wohlwollen für das Gute und ſeine Abneigung gegen das Böſe.“ „Das Gute, das Böſe!“ verſetzte Virginie ärger⸗ lich und überraſcht durch die Antworten der jungen Muſe, die Philipps Aufmerkſamkeit immer mehr an⸗ Sue, der Teufel als Arzt. MI. 17 258 zogen. — „Das Gute . . . das Böſe . . . das iſt eine Frage des Geſichtspunktes.“ „Es iſt wahr, Madame, was kriecht, hat nicht denſelben Geſichtspunkt, wie dasjenige, was ſchwebt.“ „Was ſchwebt, mein Fräulein, das iſt ohne Zweifel dieſe famöſe beflügelte und beſternte Muſe, die in den eingebildeten Räumen hin- und her⸗ ſchweift.“ „Man ſagt, ſie ſuche ganz einfach ihre Seele zu erheben, indem ſie ſich mit großherzigen Gefühlen inſpirire.“ „Und indem ſie edle Beſtrebungen aufmuntert,“ fügte Clemence Hervé hinzu, „denn, Philipp, Du erinnerſt Dich, Maria Saint⸗Clair hat die Güte ge⸗ habt wegen Deiner Marſeillaiſe Verſe an Dich zu richten.“ „Ganz vortrefflich, das macht ſich ja höchſt drollig,“ rief Frau Robertin, indem ſie ein ſchallen⸗ des Gelächter aufſchlug. „Ei wie, mein guter Herr Philipp, Maria Saint⸗Clair hat Sie alſo mit Verſen beglückt? Und in welcher Art iſt dieſes Attentat gegen Sie verübt worden? Iſt ſie mit einer Epiſtel über Sie hergefallen? Hat ſie eine Ode auf Sie abge⸗ ſchoſſen? Hat ſie Sie mit Sonnetten durchbohrt oder mit Stanzen überſchwemmt? Ach, wenn Sie wüßten, wer der Urheber dieſes Attentates iſt, ſo würde es Ihnen doppelt ſchrecklich erſcheinen!“ „Madame! . . . Ich verdiente das Lob nicht, womit dieſe ſchönen Verſe mich beehrten; ich kann mich alſo ohne die mindeſte Verlegenheit auf die Seite meiner Mutter ſtellen, welche dieſelben ebenſo rein in der Form, als erhaben in Bezug auf den 259 Inhalt gefunden hat,“ antwortete Philipp in ernſtem Tone, denn die Spöttereien der Frau Robertin ver⸗ letzten ihn, und er dachte mit ſchwermüthiger Bitter⸗ keit daran, daß Maria Saint⸗Clair ſein erſter Liebes⸗ traum geweſen, damals als er, entzückt über das Genie dieſer unbekannten Muſe, ſich darin gefiel ſie mit einem idealen Zauber zu ſchmücken . . . Ueber⸗ dies traf es ſich, daß er in demſelben Moment, wo dieſe Erinnerung mächtig in ihm auftauchte, ſeine Blicke zufällig auf Heloiſe Morand heftete und zu ſich ſagte, er hätte der Verfaſſerin des Gedichtes über die Waiſen und der Reiſe zweier Seelen durch die Welten keine himmliſchere Schönheit zuſchreiben können, als dieſem jungen Mädchen, das er jetzt vor ſich ſah. Frau Robertin, die eine Unterhaltung, bei der ſie entſchieden im Nachtheil war, kurz abzubrechen wünſchte, ſchlug ein erzwungenes Gelächter auf und ſagte dann: „Mein Fräulein, dieſer Scherz hat lange genug gedauert; ich will Ihre Ehrlichkeit nicht in Zweifel ziehen, aber Sie haben ſich von einer Intrigantin narren laſſen.“ „Ich, Madame?“ „Ihre Freundin hat ſich für etwas ausgegeben, was ſie nicht war.“ „Wie ſo, Madame?“ „Die angebliche Maria Saint⸗Clair iſt ein Mann!“ „Wirklich?“ „Es iſt vor einiger Zeit ein ſehr geiſtreicher Artikel erſchienen, worin unwiderleglich dargethan 260 wurde, daß dieſe angebliche Muſe, die in Ermange⸗ lung von Talent die Neugierde der Einfaltspinſel durch Geheimthuerei zu erregen ſucht, weiter Nichts iſt, als ein ſchlechter Spaßmacher und überdies (nach meinem beſcheidenen Urtheil) ein ſchlechter Poet, Namens Maurice Albert Lemaheuc . . . ein in⸗ tereſſanter Troubadour, der ſeine zarte Jugend in einer Gewürzbude zugebracht hat, wo er mit vollen⸗ deter Grazie Farinzucker und Talglichter verkaufte.“ „Wirklich?“ antwortete Clemence Hervé mit einem leichten Lächeln. „Ich meine, lieber Philipp, Du habeſt mir einmal von dieſer eigenthümlichen Biographie geſagt . . .5 „Ja, meine Mutter, ich habe mit Dir davon geſprochen, und zwar mit dem ganzen Ekel, welchen dieſer platte und gehäſſige Ausfall auf das bewun⸗ dernswürdige Talent der Dichterin, deren Werke unter dem Namen Maria Saint⸗Clair erſcheinen, in mir erregen mußte; aber ich geſtehe, die genauen und umſtändlichen Details über das Leben und die Antecedentien dieſer Perſon ſchienen mir ſo ſehr das Gepräge der Wahrheit zu tragen, daß man, wenn man nicht den Verfaſſer derſelben für einen uner⸗ hört frechen Lügner erklären wollte, in Betreff der Perſönlichkeit von Maria Saint-Clair wenn auch nicht überzeugt war, doch wenigſtens ungewiß blieb.“ — Dann wandte er ſich gegen Heloiſe mit den Worten: „Wenn Sie, mein Fräulein, das Glück haben dieſe junge Perſon von ſo ſeltenem Talente zu kennen, ſo bitte ich Sie ihr meinen innigſten Dank für die Verſe auszuſprechen, Die ſie gütigſt an ———— — — 261 mich gerichtet hat. . . Ich bedauere bloß ſie nicht beſſer verdient zu haben.“ „Noch einmal, mein lieber Herr Philipp,“ ſagte Virginie mit verdoppeltem Aerger und Ingrimm, „Sie befinden ſich in einem vollſtändigen Irrthum Ich wundere mich bloß, daß das Fräulein ſich ſo lange den Spaß macht Sie darin zu erhalten.“ „Ei, Madame,“ ſagte Helviſe lächelnd, „erlauben Sie gütigſt, ich . . .“ „Nun ja, mein Fräulein, ich begreife, daß Sie, nachdem Sie ſich zum Echo gewiſſer Vermuthungen und Gerüchte gemacht haben (denn Sie ſelbſt be⸗ haupten ja Nichts), um ohne Zweifel glauben zu machen, daß Sie die Freundin einer Muſe ſeien, und um wahrſcheinlich einen Abglanz ihres Ruhmes zu genießen, es jetzt ſehr unangenehm finden dieſem Anſpruch entſagen und zugeben zu müſſen, daß Ihr Buſenfreund ein . . . Ladenſchwengel iſt. Glauben Sie mir, daß ich Ihrem Mißgeſchick das innigſte Mitgefühl widme, mein Fräulein. Gleichwohl werde ich Ihnen, ſelbſt auf die Gefahr hin Ihren Unfall noch drückender zu machen, jetzt zu bemerken geben, daß der Verfaſſer der fraglichen Biographie ſo voll⸗ kommen gut unterrichtet und ſeiner Behauptung ſo durchaus gewiß iſt, daß er die angebliche Muſe öffentlich aufgefordert hat zu behaupten und zu be⸗ weiſen, daß ſie dieſer Herr Lemaheuc nicht ſei. Sie iſt ſtumm geblieben, folglich hat ihr Schweigen den⸗ ſelben Werth wie ein förmliches Bekenntniß. . . Es thut mir unendlich Leid um Ihretwillen, mein Fräulein.“ „Aber, Madame,“ verſetzte Heloiſe mit feinem Lächeln, „ich ſetze den Fall, irgend ein boshafter 262 Menſch beſchuldige Sie die fragliche Biographie ge⸗ ſchrieben zu haben und erkläre, daß er, wenn Sie es nicht läugnen, Ihr Stillſchweigen als Bekenntniß betrachten werde . . . Bitte, was würden Sie dann thun, Madame?“ „Mein Fräulein,“ antwortete Virginie Robertin verlegen, „ich ich, „Nun mein Gott, iebe Heloiſe,“ verſetzte Cle⸗ mence Hervé, „Madame würde die Verantwortlich⸗ keit ihres Werkes übernehmen und ſich als die Ver⸗ faſſerin dieſer anonymen Kritik bekennen, wie ſie es auch wirklich iſt . .. „Madame,“ ſagte Virginie lebhaft, als ſie ſah, daß Philipp auf einmal ſeine Modellirungsarbeit einſtellte und ſie verdrießlich anſah, als wollte er ſie auffordern dieſe Beſchuldigung Lügen zu ſtrafen, „Sie werden hoffentlich nicht im Ernſt behaupten wollen, daß ich die Verfaſſerin dieſes Artikels ſei.“ „Ich möchte Ihre Beſcheidenheit gerne ſchonen, Madame,“ antwortete Clemence Hervé; „Sie erklär⸗ ten ſo eben dieſe Kritik als ſehr geiſtreich, und jetzt kommt es Sie ſchwer an, Ihre Autorſchaft bei die⸗ ſem kleinen Meiſterwerk von Atticismus, Unpartei⸗ lichkeit, Aufrichtigkeit und beſonders Wahrheit einzu⸗ geſtehen . . . Aber, Madame, Sie müſſen ſich ſchon entſchließen Lobſprüche anzunehmen, die um ſo auf⸗ richtiger ſind, als Sie dieſelben ſich ſelbſt zuerkannt haben.“ „Noch einmal, Madame, tich Artikel iſt nicht von mir „Ich bitte um Entſchulbigung er iſt von Ihnen, Madame,“ verſetzte Clemence Hervé, indem ſie aus — 263 ihrem Arbeitskörbchen ein Briefcouvert zog; dann zeigte ſie es Virginie und fügte hinzu: „Hier iſt der Beweis für meine Behauptung!“ „Was iſt das?“ rief die Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin, indem ſie ſich auf ihrem Lehnſtuhl unruhig hin und her bewegte. „Was bedeutet dieſes Papier?“ Statt zu antworten, ſagte Clemence Hervé zu Philipp: „Mein liebes Kind, ich fürchte, unſer Eifer hat uns, Helviſen und mich, zu weit geführt. Wir wünſch⸗ ten bloß die Unterhaltung ein wenig zu beleben und Madame die Langeweile zu vertreiben; aber wir ſind unwillkürlich die Urſache geworden, daß ſie ſich, wie mir ſcheint, ein wenig gar zu unruhig bewegt und nicht die Unempfindlichkeit bewahrt, die für ein Mo⸗ dell nothwendig iſt.“ „Madame,“ verſetzte Virginie bleich vor Zorn, da ſie die unſelige Wirkung, welche die mütterliche Enthüllung auf Philipp hervorgebracht, ſehr wohl bemerkte, „Sie behaupten, daß ich die Verfaſſerin dieſer Biographie ſei . . . Ich läugne es.“ „Sie läugnen es, Madame?“ „Ganz entſchieden.“ „Das iſt kategoriſch . . .“ „Sehr kategoriſch, Madame, und ich fordere Sie zum Beweiſe auf, daß ich die Verfaſſerin dieſes Ar⸗ tikels ſei.“ „Madame, ich habe bereits die Ehre gehabt Ihnen zu ſagen, daß ich Richts behaupte, was ich nicht beweiſen könne,“ antwortete Clemence Hervé. „Dieſer Umſchlag enthält zwei Feuilletons von Ihnen, 264 dasjenige, um das es ſich hier handelt, und ein anderes alle Beide ſind in Correcturbogen mit Anmerkungen von Ihrer Hand, und Sie müſſen es ein wenig Ihrer Berühmtheit zur Laſt legen, Ma⸗ dame, daß man nach Allem, was von Ihrer Feder kommt, mit einer Begierde haſcht, die wirklich an Indiscretion grenzt. Einer meiner Freunde, der Herr Doctor Max, der ſich ungemein für Autogra⸗ phen intereſſirt, hat ſich dieſe Bogen hier erſt heute früh verſchafft, indem er ſie, wohlverſtanden, Ihrem Herrn Gemahl abkaufte.“ So ſprechend zog Clemence Hervé zwei mit Durchſtrichen und Abänderungen bedeckte Correctur⸗ bogen, ſo wie man ſie bei der Reviſion dem Autor zurückſchickt, aus dem Unſchlag hervor. „Das iſt ein abſcheulicher Vertrauensmißbrauch,“ rief Frau Robertin, „das iſt eine Infamie.“ „Ich könnte Ihnen darauf folgendermaßen ant⸗ worten, Madame: Abſcheulich an der Sache iſt bloß die Beſchimpfung und Verläumdung, die man über eine Perſon ausgießt, welche das vollſte Recht, wo nicht auf die Sympathie, doch wenigſtens auf die Hochachtung aller Welt beſitzt . . . Aber vollends auch noch das Gedächtniß von Perſonen beſchimpfen, die im Grabe ruhen. . . ich will über das eine der beiden Feuilletons, welche dieſer Umſchlag enthält, nichts weiter hinzufügen und Ihnen ſeine Lectüre erlaſſen. . .“ fügte die berühmte Schriftſtellerin hin⸗ zu, indem ſie Virginie einen Blick zuwarf, welchen dieſe wohl begriff, denn es handelte ſich um das Feuilleton, worin ſie Clemence Hervé aufs Nieder⸗ trächtigſte heruntergeriſſen, mit Beleidigungen und 265 gemeinen Inſinuationen überſchüttet, und auch das glorreiche, makelloſe Gedächtniß des Herrn Joſeph Herpé zu beſudeln verſucht hatte. „Madame,“ fuhr Philipps Mutter fort, „ich könnte Ihnen ferner ant⸗ worten: Abſcheulich iſt es, wenn man ſich mit dem Schleier der Anonymität bedeckt, um den Ausbrüchen eines feindſeligen Neides freien Lauf zu laſſen und den Leſer durch perfid berechnete Lügen irre zu füh⸗ ren. Aber ich müßte fürchten, Madame, daß Ihre Züge durch dieſe Antworten den liebenswürdigen Ausdruck verlieren könnten, welchen Sie während dieſer Sitzung beibehalten müſſen. Noch ein Wort, und ich verlange, daß man mir glaube, was ich ſage: ich habe mich bei der literariſchen Indiscretion mei⸗ nes Freundes, des Herrn Doctors Max, nicht be⸗ theiligt und würde mich auch niemals dabei betheiligt haben; er hat mir dieſe Feuilletons, von denen be⸗ ſonders eines mich intereſſiren konnte, heute früh zugeſchickt. Da nun das Geſpräch auf Maria Saint⸗ Clair gekommen iſt, ſo habe ich mich durch Ihr be⸗ harrliches Abläugnen in Betreff dieſer Perſönlichkeit veranlaßt gefunden meine Behauptungen zu be⸗ weiſen.“ Frau Robertin blieb ſtumm ſitzen und mußte ihre Galle und Wuth verſchlucken. Aus Hochmuth konnte ſie es nicht wagen, unter dem Schlag der zermal⸗ menden Worte der berühmten Schriftſtellerin die Sitzung plötzlich aufzuheben und ſchmählich zu ent⸗ fliehen, weil ſie ſich dadurch in Philipps Augen mit Schande und Spottt bedeckt hätte. Die moraliſchen Qualen der Verfaſſerin des modernen Cherubin waren alſo in dieſem Augenblick ſchrecklich, und eine — —— 266 Thräne, die aber bald zurückgedrängt wurde, wie man im gemeinen Leben ſagt, glänzte in ihren großen ſchwarzen Augen. Philipp bemerkte dieſe Thräne; ſein ehrliches gutes Herz wurde unwillkürlich von Mitgefühl ergriffen, als er dieſes demüthigende Lei⸗ den ſah, das ſich in den Zügen der Frau Robertin ausſprach. Im Ganzen hatte ſie ſich ja (er wußte nämlich nicht, auf was ſeine Mutter anſpielte, in⸗ dem ſie von dem zweiten Feuilleton ſprach) weiter Nichts zu Schulden kommen laſſen, als daß ſie die Verſe der Maria Saint⸗-Clair etwa derb herunterge⸗ riſſen, eine falſche Biographie von ihr geſchrieben und dieſe literariſchen Sünden, ohne Zweifel aus Reue, geläugnet hatte. Das war allerdings im höch⸗ ſten Grade tadelnswerth, aber die Strafe war auch wirklich grauſam, und obſchon der junge Bildhauer ſich in Frau Robertin immer mehr getäuſcht fühlte, ſo entſagte er doch ſeiner verliebten Hoffnung noch nicht, und ſie flößte ihm ein zärtliches Mitleid ein. Ohne alſo von dem bisher Geſprochenen Notiz zu neh⸗ men, warf er einen ſanften, traurigen Blick auf ſie und ſagte mit leicht bewegter Stimme: „Vielleicht . . . ſind Sie müde . . . Madame Wenn Sie es wünſchen, ſo wollen wir die Sitzung beendigen.“ Bei dieſen Worten erblickte die Verfaſſerin des modernen Cherubin ein triumphirendes Lächeln, das auf den Lippen Helviſens und Clemencens ſpielte; da ſie aber zu gleicher Zeit die Rührung Philipps bemerkte, ſo verlor ſie noch nicht alle Hoffnung und dachte anfangs daran ihn unter Vorſchützung einer plötzlichen Unpäßlichkeit um ſeinen Arm und ſeine 267 Begleitung nach Hauſe zu bitten; ſie entſagte jedoch dieſem Plan wieder, weil ſie nicht ohne Grund fürch⸗ tete, daß Clemence Hervé, wenn ſie auf's Aeußerſte getrieben würde, ihren Sohn geradewegs aufhalten und ihm mittheilen könnte, daß in dem zweiten Feuilleton, mit deſſen näherer Bezeichnung ſie die Verfaſſerin dieſer Schändlichkeit verſchonen zu wollen erklärt hatte, von ihr ſelbſt und vom Gedächtniß ihres Gatten die Rede war. Frau Robertin dachte alſo, die berühmte Schriftſtellerin werde ſich durch ihren den großen Herzen angeborenen Edelmuth be⸗ ſtinmen laſſen auf immer von dieſem Feuilleton zu ſchweigen. Wenn ſie daher ihren Plänen entſagen und den Rückzug antreten mußtr, ſo wollte ſie wenig⸗ ſtens, daß dieſer Rückzug ſo ehrenvoll oder doch ſo wenig ſchmählich als möglich ausfallen ſolle. Sie machte ſich alſo über ihre Gefahr einen blauen Dunſt vor, beſchloß jeden Fußbreit Land ſtreitig zu machen, und da ſie beſonders die mitleidige Regung bei Philipp auszubeuten hoffte, ſo gab ſie ihrem Ge⸗ ſicht ſeine Ruhe wieder, nahm ihre einſchmeichelndſte Stimme, ihren rührendſten Ton, ihre beſcheidenſte Phyſiognomie an, warf dem jungen Bildhauer einen höchſt zerknirſchten Blick zu, und ſagte mit einem äußerſt ſchmerzvollen und bedeutſamen Blick zu ihm: „Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, Herr Philipp, aber es gibt Hoffnungen, denen man bis zur Erſchöpfung der menſchlichen Kraft nachhängt Ich würde alſo, ſelbſt wenn ich etwas leidend wäre, meine Leiden überwinden, das dürfen Sie mir glauben. Ich ſchätze mich allzu glücklich meine Büſte von Ihrer glorreichen Hand entworfen zu ſehen, und 268 ſo ſeltſam auch dieſe Sitzung ſein mag, die in Be⸗ ziehung auf mich, die Patientin, ſo ziemlich einem außerordentlichen und ordentlichen Folterverhör gleicht, ſo wollen wir ſie doch, ich bitte Sie, der Seltenheit wegen fortſetzen, vorausgeſetzt, daß Ihre Frau Mutter, die mich ſo zu ſagen in die Nothwendigkeit verſetzt hat zu poſiren, jetzt Nichts mehr dagegen einwendet, daß ich mich ihrem Wunſche füge.“ „Ich habe nicht das Mindeſte dagegen,“ ant⸗ wortete Clemence Hervé, welche die Phyſiognomie ihres Sohnes mit einer leichten Unruhe beobachtete. Da ſie jedoch ſehen wollte, wie weit die freche Hart⸗ näckigkeit dieſer Frau, die ſie zu Boden geſchlagen zu haben glaubte und deren Bosheit bemeiſtern zu können ſie beinahe gewiß war, gehen würde, ſo ſagte ſie: „Ich finde nichts Außerordentliches an dieſer Sitzung. Mein Sohn hat ganz einfach dem Wunſch entſprochen, den Sie geſtern in meiner Gegenwart geäußert haben, Madame.“ „Ich werde mir nicht erlauben in dieſer Bezie⸗ hung mit Ihnen zu rechten, Madame,“ antwortete Virginie in ehrerbietigem und innigem Tone, „ich will noch mehr thun, ich will die Verſchuldungen eingeſtehen, womit ich die ſtrengen Worte verdient habe, welche Sie mir ſo eben wegen meines Feuille⸗ tons über Maria Saint⸗Clair ſagten. Der erſte und meines Erachtens unbedeutendere Fehler beſtand darin, daß ich aus angeborner Kurzſichtigkeit das Talent dieſer Dichterin gänzlich verkannt und mich in meiner Kritik ſehr herb, ſehr ungerecht und äußerſt geſchmacklos gezeigt habe . . . Ich bekenne es, in⸗ dem ich mich vor dem unumſtößlichen Urtheil einer 5 269 Richterin wie Sie, Madame, beuge.. Mein zweites und ſchwereres Unrecht beſtand darin, daß ich Mit⸗ theilungen über die unter dem Pſeudonym Maria Saint⸗Clair bekannte Perſon leichtweg geglaubt habe, weil ich ſie für vollkommen wahr halten mußte . . . Ich habe daher in einem bedauernswerthen Ver⸗ trauen auf ſolche Notizen ohne mein Wiſſen eine lügenhafte Biographie geſchrieben. Endlich, Madame, habe ich, da ich dieſe Vergehen zu ſpät bereute, die ſtrafbare Schwachheit gehabt ſie zu läugnen . Darin beſtehen meine Vergehungen, Madame; ſie ſind allerdings ſchwer, aber wenn ich an den wohl⸗ wollenden Empfang denke, mit dem Sie mich heute beehrt haben. ſo wage ich noch immer auf Ihre Nachſicht zu hoffen.“ Hierauf wandte ſie ſich an Philipp und ſagte: „Verzeihen Sie, daß ich die Sitzung unterbrochen habe . . . Ich bin zu Ihrem Befehl.“ Es war ſchwer ſich mit einer perfideren Gewandt⸗ heit aus einer dornenvollen Lage zu ziehen, als Lirginie Robertin that; ihre Hoffnung verdoppelte ſich, als ſie auf den Zügen des jungen Bildhauers eine erhöhte Theilnahme bemerkte. Sie nahm wieder . 3 feſt Platz auf ihrem Stuhle und die Sitzung begann von Neuem. Heloiſe Morand ließ ſich in ihrer Her⸗ zenseinfalt durch die hölliſche Heuchelei dieſer Kreatur hintergehen, verzieh ihr ihre Beleidigungen und Lügen und ſagte, von gleichem Mitleid wie Philipp ergrif⸗ fen, zu ſich ſelbſt: „Die arme Frau, ſie iſt ſich des Böſen, was ſie gethan, doch wenigſtens bewußt.“ 270 XVIII. Frau Robertin ſuchte ihrem Geſicht einen rüh⸗ renden Ausdruck ſchwermüthiger Ergebung zu ver⸗ leihen und poſirte vor Philipp ſo gut wie möglich als Opfer. Er fuhr fort die angefangene Büſte zu modelliren, indem er die Züge im Allgemeinen und das Ganze der Linien obenhin darſtellte, aber ſich noch nicht mit den beſtimmten Umriſſen und den ge⸗ nauen Einzelheiten befaßte, welche allein die Porträ⸗ tur (man verzeihe uns dieſes alte Wort) ausmachen. In dieſem Augenblick bot daher die Thonerde weiter Nichts als die formloſe Stizze eines Frauenkopfes in bloßem Haar, ohne einen eigenthümlichen Charakter der Aehnlichkeit mit dem Original, das der junge Bildhauer darſtellen ſollte. Er knetete ſeinen Lehm nachläſſig, ohne Munterkeit, ohne amore, denn der Zuſammenſtoß der tauſenderlei widerſtreitenden Ge⸗ danken, die durch die verſchiedenen Zwiſchenfälle dieſer Sitzung hervorgerufen wurden, zerſtreute ihn allzuſehr. Eine wunderliche Sitzung! . . . Sie war für Philipp eine Gelegenheit ſeine Haltung zu zeigen; für ſeine Mutter ein Mittel eine gerechte Strafe zu vollziehen, und für Frau Robertin eine Art von Kampſplatz, den man ihr aufgedrungen, den ſie an⸗ genommen hatte und nun auch Schritt für Schritt vertheidigte. Sie flößte in dieſem Augenblick Philipp ein wahres Mitleid ein; ſeine Biederkeit und ſein Zartgefühl hatten ſich allerdings an mehreren für Virginie ungünſtigen Entdeckungen ſchwer geſtoßen, — — ii — 271 aber gleichwohl unterdrückte er manchmal einen Seuf⸗ zer, wenn er an die verliebten Streiche dachte, wo er in Folge der Duldſamkeit oder vielmehr der frechen Aufmunterung ſeiner künftigen Geliebten die Rolle des Floreſtan im modernen Cherubin hätte ſpielen können, und es that ihm in ſeiner Naivetät wenigſtens ebenſo ſehr um dieſe ſelbſt leid, als um die unbekannten Schönen, die ihm als Vergleichungs⸗ punkte hätten dienen ſollen. Dieſes Bedauern be⸗ wies deutlich, daß das, was er unſchuldiger Weiſe ſeine Liebe für Frau Robertin nannte, weiter Nichts als ein ſinnlicher Drang geweſen war, deſſen letzte Regungen er verſpürte, die jetzt eine herbe Bitterkeit, ähnlich dem widrigen Nachgeſchmack eines ätzenden Getränkes, in ihm zurückließen. Dieſe Uebelkeit der Seele, dieſe Aengſten ſeines letzten Kampfes gegen die unſeligen Verſuchungen waren auf Philipps blaſſem Geſicht zu leſen, und er fuhr traurig und niedergeſchlagen mit ſeiner Skizze fort. Seine Niedergeſchlagenheit machte indeß manch⸗ mal einem eigenthümlichen Eindruck Platz: Helviſe Morand ſaß, wie wir geſagt haben, nahe genug bei dem Lehnſtuhl, auf welchem Frau Robertin poſirte, daß der junge Bildhauer ſein Modell nicht betrachten konnte, ohne zu gleicher Zeit die junge Muſe zu ſehen, und ſo boten beide Damen einen ergreifenden Contraſt dar, zumal in dem Augenblick, wo die un⸗ terbrochene Situng wieder aufgenommen wurde. Das Licht, das aus dem oberen Fenſter herein⸗ fiel, beleuchtete Heloiſe und Frau Robertin voll⸗ ſtändig. Letztere vermochte trotz ihrer Heuchelei und ihrer ſeltenen Gewandtheit im Comödienſpielen den⸗ 272 noch die Entſtellung ihres Geſichtes nicht zu verber⸗ gen, das durch die ſchon ſeit einer Stunde anhaltende gewaltſame Gährung ihrer Galle und ihres Blutes erhitzt war; ſie ſuchte dann die ſchwermüthige Erge⸗ bung eines Opfers darzuſtellen; nun aber paßte gar nichts weniger zu dem pikanten, üppigen und kecken Charakter ihres hübſchen Geſichtchens als das de⸗ müthig geduckte Anſehen, das ſie ſich zu geben ſuchte. Ueberdies ging ſie in ihr ſechsundzwanzigſtes Jahr; ſie hatte, wie man zu ſagen pflegt, gelebt, viel gelebt... Der Scheitel ihrer Haare bot bereits mehrere Lichtungen dar: nußbraune Schattirungen umgaben krummen Säbeln gleich ihre großen ſchwar⸗ zen Augen; ihr brauner, ſchon lang etwas welker Teint erſchien in der blendenden Tageshelle erdfarbig und gelblich; man bemerkte leichte Kupferſchattirun⸗ gen darin, und einige Schrunden ritzten die rothe Oberhaut ihrer Lippen. Dieſe Mängel, die überall ſonſt beinahe unmerklich geweſen wären, fielen bei der hellen Beleuchtung der Werkſtatt ſtark ins Auge, beſonders wenn man die von Neid und Haß zuſam⸗ mengezogenen, ſowie durch Ausſchweifungen ermüde⸗ ten Züge der Frau Robertin mit dem Geſichte Helvi⸗ ſens verglich, die in der holden Erſtlingsblüthe ihrer jungfräulichen Schönheit prangte. Helbiſens Züge gewannen eben durch den Strahl des Lichtes, das z ſie übergoß, einen neuen Glanz; dieſes Licht warf gewiſſermaßen einen Silberſchein auf die glänzenden Flechten und die glatten Streifen ihres üppigen aſch⸗ blonden Haares; es koste ihr himmliſches Geſicht, deſſen Teint ſo rein und in ſeiner roſigen Weiße ſo friſch war, daß der orientaliſche Dichter es mit . „ 273 dem unbefleckten Schnee verglichen haben würde, welcher das leichte Roth einer Purpurroſe zurück⸗ ſtrahlt. Was ſollen wir ſagen? Der Glanz des Tageslichtes machte das Azur ihrer Augen noch heller, die Heiterkeit ihres Blickes noch durchſichtiger, ihre keuſche Lippe mit dem holdſeligen feinen Lächeln noch friſcher und röther. Kurz und gut, dieſer glän⸗ zende Tagesſchein erſchien als der Heiligenſchein die⸗ ſes anbetungswürdigen Geſchöpfes und dieſen Eindruck machte ſie auf Philipp, wenn er ſeine Augen gegen Frau Robertin, ſein Modell, aufſchlug und ſie dann unwillkürlich auf Heloiſen weilen ließ, deren Bemerkungen ihn oft überraſcht und entzückt hatten. So oft er das junge Mädchen betrachtete, ſchien dieſe Unbehaglichkeit, dieſe Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, die ihn quälte, ſich zu beſchwichtigen; ſein ge⸗ preßtes Herz wurde weit, wie in einer erſtickenden Atmoſphäre unſere Lungen ſich öffnen, wenn wir einen geſunden Lufthauch einathmen. Wenn er da⸗ gegen wieder auf Frau Robertin ſchaute, ſo ſtellten ſich auf einmal Unbehagen, Verlegenheit, Unſchlüſſig⸗ keit, Reue, vermiſcht mit einigem Mitleid, wieder ein, und ſeine Seele fühlte ſich von Neuem gepreßt. Aus Allem dem aber ergab ſich, daß der junge Bild⸗ hauer in Folge des Naturgeſetzes, daß Leute, die im Begriff ſtehen zu erſticken, ſich alle Mühe geben um nicht zu erſticken, ſeit der Wiederaufnahme der Sitzung unwillkürlich ſeinem Inſtinct gehorchte und Helviſe weit häufiger anſah als Frau Robertin, deren Büſte er jedoch beinahe mechaniſch zu ſlizziren fortfuhr. Sue, der Teufel als Arzt. II. 18 Clemence Hervé ahnte die geheimen Eindrücke ihres Sohnes und folgte verſtohlen den immer län⸗ ger werdenden Blicken, welche er auf Heloiſe heftete zum größten Nachtheil der Frau Robertin, die deſſen ungeachtet fortfuhr mit aller Macht als Opfer zu poſiren. Mein lieber Philipp,“ ſagte die berühmte Schrift⸗ ſtellerin, „wir haben jetzt die Gewißheit, daß Maria Saint⸗Clair, wie Madame in Folge eines Irrthums, den ſie bedauert, ſelbſt verſichert, nicht ein gewiſſer Herr Lemaheuc, ſondern ein junges Mädchen von kaum achtzehn Jahren iſt.“ „Mein Fräulein,“ verſetzte Philipp, indem er dieſe Gelegenheit benützte, um das junge Mädchen von Neuem und weniger verſtohlen anzuſchauen, „darf ich mir die Frage erlauben, ob die Auſſchlüſſe, welche Sie uns über Maria Saint⸗Clair zu ertheilen die Güte hatten, von Ihnen perſönlich herrühren oder ob Sie dieſelben von einer dritten Perſon haben?“ „Dieſe Aufſchlüſſe kommen von mir ſelbſt, Herr Philipp,“ antwortete das junge Mädchen mit einem unbemerkbaren Lächeln: „Ich habe Maria Saint⸗ Clair oft geſehen ... Ich kenne ſie ſehr genau, und ſo ſeltſam Sie dies vielleicht auch finden mögen, ſo könnte ich mich doch nicht ohne eine gewiſſe Aengſt⸗ lichteit näher über meine Beziehungen zu einer Per⸗ ſon ausſprechen . einer Perſon .. „Die ſo berühmt iſt,“ fiel Clemence Hervé ein. 275 „Meine liebe Heloiſe, Sie haben die Beſcheidenheit der Freundſchaft, wie ſo viele andere die Eitelkeit derſelben haben. Ich will deßhalb Ihrer Verlegen⸗ heit zu Hilfe kommen und hinzufügen, daß Sie auf ſo innig vertrautem Fuß mit Maria Saint⸗Clair ſtehen, daß dieſe Ihnen häufig ihre Inſpirationen mittheilt.“ Hier unterbrach ſich Clemence Hervé und fuhr dann, wie wenn ihr plötzlich eine Idee gekommen wäre, fort: „Aber da fällt mir eben Etwas ein, meine liebe Helviſe, haben Sie doch die Güte uns die neuen Verſe von Maria Saint⸗Clair zu ſagen, die Sie mit Ihrem vortrefflichen Gedächtniß behalten und mir dieſen Morgen vorgeſprochen haben.“ „Ich werde mit dem größten Vergnügen Alles thun, was Ihnen angenehm ſein kann,“ antwortete das junge Mädchen. Dann deutete ſie aber mit ihrem Blick auf Virginie Robertin und fügte hinzu „Ich fürchte bloß, daß ich mit dieſer Poeſie Madame vielleicht langweilen könnte.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein,“ antwortete die Verfaſſerin des modernen Cherubin, „ich werde im Gegentheil mit dem größten Vergnügen einige Verſe der berühmten Maria Saint⸗Clair an⸗ hören, mit welcher Sie ſo gut bekannt ſind, daß ſie Ihnen ihre Poeſien mittheilt, die Sie durch ein Wun⸗ der von Gedächtniß ſo leicht behalten.“ Bei dieſen Worten verſank Virginie, ohne ihre tiefe Ueberraſchung verbergen zu können, nachdem ſie einen durchdringenden Blick auf Helviſe geworfen, in ein tiefes Nachſinnen und bemühte ſich allerlei 276 Vermuthungen, die ſich ihr aufdrängten, zu be⸗ kämpfen, da ſie am Ende doch aufs Unzweifelhaf⸗ teſte wußte, daß dieſes reizende junge Mädchen, deſſen Schönheit ſie unwillkürlich bewunderte, die Nichte des Wucherers Morand war. „Da Madame unſer ungeduldiges Verlangen Sie zu hören theilt, meine liebe Heloviſe,“ verſetzte Clemence Hervé, „ſo erweiſen Sie uns jetzt den Ge⸗ fallen anzufangen. Wir hören mit der größten Be⸗ gierde. Welchen Titel führt dieſe Dichtung?“ „Der Titel iſt ganz einfach: die Unkehr!“ antwortete Heloiſe mit ihrer lieblich klingenden Stimme. Dann erhob ſie ſich, blieb in einer ebenſo beſcheidenen als graziöſen Haltung ſtehen und wollte eben anfangen ihre Verſe zu ſagen, als Philipp bei⸗ nahe unwillkürlich und in einem Ton, der ſich kaum bezeichnen läßt, wiederholte: „Die Umkehr.“ Und er betrachtete Helviſe von Neuem mit einem bangen Blick, während Frau Robertin ganz verblüfft, wie angenagelt, auf ihrem Lehnſtuhl ſaß und zu ſich ſelbſt ſagte: „Ei wie, ſollte ſie es wirklich ſein? Nein, nein, das iſt unmöglich!“ XX. Helviſe begann folgende Verſe zu ſprechen, welche ſie am Morgen in Folge einer langen Beſprechung mit Clemence Hervé improviſirk hatte: 277 Schau an die junge Ulme, blätterlos, Jüngſt grün und dichtbelanbt, jetzt nackt und bloß. Sonſt waren ihre Zweige, dicht mit Sproſſen Beſät, ſchon vor dem Frühling aufgeſchoſſen. Ihr hoher, grüner Wipfel wiegte lind Gekost, geſchaukelt ſich im Morgenwind. Wer ſpendete dies ſatte Grün dem Baum? Ein Quell, befeuchtend ſeiner Wurzeln Saum, Sie ſogen ein das kühle Naß, und Schaft Und Zweig durchrann der reiche Nahrungsſaft. Die ſchöne Ulme! Gelb und welk und matt, Auf einmal niederrauſchte Blatt auf Blatt. Die ſchmucke Krone, welk auf grünem Raſen Lag ſie, als wie vom Herbſtwind weggeblaſen. Denn ach! der Quell, aus dem ſie Kraft geſogen, War ihr durch lichtſchen frevle Hand entzogen. Bei dieſen letzten Verſen bebte Philipp zuſam⸗ men; er hatte die junge Muſe bisher mit Staunen, mit einem unausſprechlichen Zauber angehört; die rührende Aufregung, welche ſie empfand, und ihre poetiſche Begeiſterung verliehen ihrer himmliſchen Phyſiognomie einen ſo bewundernswürdigen Charak⸗ ter, daß der junge Bildhauer plötzlich von dem Wunſch ergriffen wurde ſie darzuſtellen, und in ſei⸗ nem Künſtlerenthuſiasmus vergaß, daß die unvollen⸗ dete Büſte, die er modellirte, der Frau Robertin ähnlich ſein ſollte. Vom heiligen Feuer ergriffen, knetet er jetzt den Thon nit fieberiſchem Eifer, er benützt ſeine erſte Skizzirungsarbeit und hat ſie be⸗ reits umgewandelt, indem er Heloiſens anbetungs⸗ würdiges Bild darin ſucht; aber als ſie dieſe letzten * 278 Verſe ausſpricht, die eine ſo unmittelbare Anſpie⸗ lung auf ſeine gegenwärtige Gemüthsverfaſſung ent⸗ halten, da bebt er zuſammen, wird roth vor Ueber⸗ raſchung und erblickt durch den durchſichtigen Schleier der Allegorie hindurch ſich ſelbſt als den Gegenſtand der Verſe, die er hört. Ein unbeſtimmter Argwohn durchdringt ſeinen Geiſt, und die Augen feſt, mit verdoppelter Aufmerkſamkeit auf die junge Muſe ge⸗ heftet, hört er ſie an, ohne ſeine Modellirungsarbeit zu unterbrechen. Frau Robertin ihrerſeits bemerkt zwar die Umwandlung, die mit der Skizze ihrer Büſte vorgegangen iſt, nicht, fühlt jedoch die in der letzten Strophe enthaltene Anſpielung ſehr wohl, und da ſie jetzt nicht mehr daran zweifelt, daß das junge Mädchen die angebliche Maria Saint⸗Clair ſelbſt iſt, ſo bleibt ſie bleich vor Wuth, niedergedonnert durch dieſe Entdeckung, ſtumm und unbeweglich ſitzen. Heloiſe wendet ſich jetzt an Philipp, heftet ihren ſchönen, von tiefer Traurigkeit erfüllten Blick auf ihn und fährt in einem ſchmerzlich zärtlichen Tone alſo fort: O Bruder, ſieh, ſo wird dein Glanz verblühn, Dein Lenz verwelkt, dein Genins wird fliehn, Der grüne Lorbeer, deines Hauptes Zier, Gelb und verdorrt zu Füßen liegt er dir. Und ſeufzen wirſt du, arm bei reichen Gaben: Weh, meine Quelle iſt mir abgegraben! Die Quelle, Freund, die Tugend wars, die Liebe Zu allem Schönen, allem Edlen, Guten: Die dich gezengt, ſie weckten dieſe Triebe Im jungen Herzen, wo ſie ſchlummernd ruhten. Ach! ihre Tochter darf ich mich nicht nennen, Doch ihre Leuchte ſah ich mir auch brennen; In ihren Werken las ich, und die Ehre Ihr Kind zu ſein verlieh mir ihre Lehre⸗ So ward ich deine Schweſter, was erſchuf Dein Meißel, meine Feder, bracht' uns Ruf, Verherrlicht haben wir in frommem Ahnen Die Vorzeit und den Glauben unſrer Ahnen. Die ſchönen Tage, ſind ſie hin für immer? Weh! Weh! du haſt um eitlen Glanz und Schimmer Entwürdigt dein Talent, befleckt die Hand Mit üppigen Bildern, ſittenloſem Tand. Bei dieſem letzten Vers deutet die junge Muſe, ſtolz von keuſcher Entrüſtung, mit ihrem Finger auf die Gruppe von der Liebe und der Wolluſt, über welche Philipp Tags zuvor ein Tuch geworfen hatte, um ſie dem Blick ſeiner Mutter zu entziehen. Dann fährt ſie mit hoffnungsſtrahlendem Blicke fort: Die freche Marmorgruppe, die den Deinen Du bergen mußt — ſieh deine Mutter weinen! — Schlag ſie entzwei; dein Genius ſchant bekümmert Hin auf das Laſterbild: es ſei zertrümmert! Weißt du, wie deine Mutter ſprach: „Ein Band Umſchlingt den Praſſer und das Kind, das eben Verhungern will!“ Die Bruderliebe ſchwand, Laß neu ſie auf in Deinen Bildern leben. Nach dieſer beredten und kräftigen Berufuug auf den demokratiſchen Glauben des jungen Bildhauers 280 ſchließt Heloiſe mit folgenden, von keuſcher Zärtlich⸗ keit eingegebenen Verſen: Gemeinſam ſei von nun an uns Gefahr Und Leid und Glück, wie ein Geſchwiſterpaar Verbunden, ringen wir nach Einem Ziel, So Bruder, wird uns jede Laſt nur Spiel. Zwei Herzen, die vereint zu Gott ſich kehren, Er wird ſie um ſo gnädiger erhören. Der Wermuthstrank wird minder herb uns dünken, Wenn Beide wir aus Einem Becher trinken. Die Stunde, Bruder! ſchlägt zum neuen Leben, Nach makelloſem Ruhme laß uns ſtreben, Sein goldner Tempel winkt uns, zum Vereine In Deine Bruderhand leg ich die meine! Bei dieſem letzten Vers vermag Helviſe ſüße Thränen nicht zurückzuhalten: ſie ſtreckt mit der Zu⸗ verſicht eines biedern und reinen Herzens Philipp ihre reizende Hand entgegen, der junge Bildhauer wirft ſich zu ihren Füßen und ruft in ſeiner Trun⸗ kenheit: „Ich bin gerettet! Meine Augen haben ſich bei der Stimme von Maria Saint⸗Elair geöffnet; ſie hat meine Rückkehr zum Guten vorhergeſagt . . . Nicht wahr, liebe Mutter, auf dieſe Art kehre ich ja auch zu Dir zurück?“ „Das iſt ſchändlich! Dieſes Stückchen iſt gar zu ſtark. .. Es iſt nicht mehr meine Büſte, ſondern die des Fräuleins, die der impertinente junge Ben⸗ gel modellirt hat,“ ruft auf einmal Frau Robertin, welche, niedergeſchmettert von Scham, bleich von Haß 281 und Neid, wüthend über die Vereitlung ihrer Pläne, die Unachtſamkeit der andern handelnden Perſonen hatte benützen wollen, um ſich heimlich aus der Werk⸗ ſtatt zu ſchleichen, aber bei dieſer Gelegenheit wie verſteinert vor der umgewaondelten Büſte ſtehen ge⸗ blieben war. Dieſe Entdeckung erbitterte die Ver⸗ faſſerin des modernen Cherubin über alle Maßen. Die ſchreckliche Megäre warf jetzt frech ihre Maske ab, und mit roth flammenden Augen, mit ſchäumenden Lippen ruft ſie, indem ſie Clemence Hervé die Fauſt zeigte: „Triumphire nicht, alte Demogſoc, und ſchlag keine Pfauenräder in Deiner mütterlichen Eitelkeit: Du haſt wahrhaftig keinen Grund dazu. Wäreſt Du fünf Minuten ſpäter gekommen, ſo entführte ich Dir Deinen Sohn; er betete mich an, hörſt Du das? hörſt Du, Maria Saint⸗Clair? .. dieſer Einfalts⸗ pinſel war eben im Begriff mir für 25,000 Franken Wechſel zu unterzeichnen. Da ſind die Tratten in blanco . . .“ — So ſprechend zerknittert Frau Ro⸗ bertin die Papiere und wirft ſie auf den Boden. — „Wir reisten in die Schweiz, und ich hätte Dir Deinen Säugling . . . Gott weiß wie, wann und wo zurückgegeben. Clemence Hervé, ſei alſo ſtolz auf das, was Du Deine Grundſätze nennſt! . Sie ſind bei Gott! ſolid . .. Du hatteſt Deinen Sohn damit aufgefüttert und vollgeſtopft, und da bedurfte es eines einzigen Buches und eines einzigen Kuſſes von mir, um den Tölpel zu verzaubern. In einem Monat hätte ich einen ächten Landſtreicher aus ihm gemacht! Er hätte dann nackte Figürchen mo⸗ dellirt.. Ha ha ha, ich mache Dir mein Compli⸗ 282 ment zu Deiner Eroberung, Maria Saint⸗Clair . .. denn man ſieht es ihm an ſeinem eingefrorenen, ſtumpfen Geſichte an, dieſer Junge unterliegt dem geiſttödtenden, gewöhnlichen Einfluß der Poeſie .. nur vergiß das nicht, Du jungfräuliche Muſe mit der ſternflammenden Stirne und den weißen Flügeln... Philipp hat mich geliebt, bevor er an Dich dachte, und ehe acht Tage vergingen, ſiehſt Du, ehe acht Tage vergingen, könnte ich Dir dieſen Gimpel wie⸗ der nehmen, wenn ich mirs in den Kopf ſetzte . . . Aber ſchönen Dank . . behalte ihn nur: Du be⸗ kommſt, erhabene Leierkratzerin, doch weiter nichts als die Ueberreſte, die der Major Sauſewind Dir gelaſſen hat .. Und nun,“ fügte Frau Robertin auf die Thüre zuſchreitend hinzu, — „nun halte euch der Teufel in ſeinem heiligen und würdigen Schutz!“ „Aber Du, Luder, Du ſollſt künftig unter mei⸗ nem heiligen und würdigen Schutz ſtehen! Halt, Major, es geht nicht ſo ſchnell . . .“ — ruft plötz⸗ lich Herr Robertin, indem er vor ſeine Frau tritt und ihr den Weg verſperrt; denn ſie hatte im blin⸗ den Parorismus ihrer Wuth nicht bemerkt, daß die Thüre der Werkſtatt, der ſie übrigens den Rücken kehrte, ſich ſo eben geräuſchlos geöffnet, und daß ihr Mann ſowie der Doctor Max und Julian von der Schwelle her ihre Abſchiedsworte an Clemence Hervé, deren Sohn und Heloiſe gehört hatten. Herr Robertin glich ganz und gar nicht mehr dem ängſtlichen, willfährigen und gutmüthigen Ehe⸗ mann, als den wir ihn bisher gekannt haben; in ſeinen Zügen lag eine eigenthümliche Miſchung von Schmerz, Zorn, Entrüſtung, unbeugſamer Entſchloſ⸗ ſenheit und inniger Befriedigung. Der Doctor, der durch die Schimpfreden der Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin über die Endentwicklung des Kam⸗ pfes zwiſchen dem Engel und dem Dämon ge⸗ nügend belehrt war, reichte Clemence Hervé die Hand und ſagte zu ihr: „So hart es mich ankam, weil ich am guten Erfolg Ihrer Pläne zweifelte, ſo habe ich doch Ihren Willen reſpektirt: der Kampf zwiſchen dem Guten und Böſen hat Ihrem Wunſche gemäß mit Turnier⸗ waffen Statt gefunden; das Gute hat durch die alleinige Macht ſeines Zaubers geſiegt,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Hand auch Heloiſen reichte, welche erröthend und ſelig über ihren unſchuldigen Triumph daſtand, während Philipp ſich noch unter dem Einfluß der Sündfluth von gemeinen Schimpf⸗ reden befand, womit Virginie ſeine Mutter, Helviſen und ihn ſelbſt überſchüttet, und mit Entſetzen und bitterer Reue daran dachte, daß dieſe Harpie keines⸗ wegs gelogen hatte, als ſie zu Clemence Hervé geſagt: „Fünf Minuten ſpäter und Philipp war mein!“ Aufs Tiefſte beſchämt und zerknirſcht, wagte der junge Bildhauer nicht mehr zu Helviſen aufzuſchauen, 284 denn es hallte ihm noch immer in den Ohren, wie die Verfaſſerin des modernen Cherubin zu der jungen Muſe geſagt hatte: „Du bekommſt weiter nichts, als die Ueberreſte, die der Major Sauſewind Dir gelaſſen hat!“ Frau Robertin ihrerſeits war höchlich überraſcht durch die unvorhergeſehene Erſcheinung ihres Man⸗ nes und ganz beſonders durch die unbegreifliche Kühnheit dieſes ſonſt ſo geſchmeidigen Eheherrn, der ſie jetzt ohne alle Umſtände ein Luder nannte und ihr in gebietendem Tone den Weg verſperrte; ſie zuckte bloß die Achſeln, und nach einem erſten Augen⸗ blicke der Verblüfftheit ſagte ſie mit einer gebieteri⸗ ſchen und verächtlichen Geberde zu ihm: „Laſſen Sie uns gehen und folgen Sie mir, mein Herr!“ Damit that Frau Robertin zwei Schritte gegen die Thüre zu, aber ihr Mann bewachte dieſelbe, ſtellte ſich ihr ganz entſchloſſen in den Weg und antwortete mit hämiſchem Gelächter: „Hahaha, laſſen Sie uns gehen, folgen Sie mir. .. Hol mich der Teufel . die Zeit der vornehmen Mienen iſt jetzt vorüber, merk dir das, Major . .. Du wirſt künftig ausgehen, wann ich will, und heimkommen, wann ich will; ich werde Dir folgen, wenn ich will, und was das betrifft, ſo kannſt Du ruhig ſein .. ich werde wollen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ rief Virginie in dro⸗ hendem Tone. „Mach augenblicklich auf, ich befehle es Dir, ſonſt . . .“ Und ſie wollte mit einer bar⸗ ſchen Bewegung ihren Mann auf die Seite drücken, um hinauszuſchlüpfen; aber er ergreift ſie brutal 285 beim Fauſtgelenke, nöthigt ſie in die Werkſtatt zu⸗ rück und ſagt: „Du wirſt hinausgehen, wann es mir beliebt, Major, vorher aber will ich mir das Vergnügen machen Dir vor dieſer Dame, deren Sohn Du ver⸗ führen wollteſt, zu ſagen, was ich auf dem Herzen habe; das ſoll eine Deiner Strafen ſein.“ „Velche Frechheit! Das iſt unerhört!“ rief Frau Robertin, die ihren Ohren kaum trauen konnte, un⸗ willkürlich, und da ſie aus der Haltung, ſowie aus dem Geſichtsausdruck ihres Mannes erſah, daß ſeine natürliche Starrköpfigkeit die Geſtalt eines unbeug⸗ ſamen Willens annahm, ſo machte ſie keinen Verſuch mehr hinauszugehen, ſondern beobachtete ein düſteres Stillſchweigen. „Und auch Sie, junger Menſch,“ — fügte Herr Robertin majeſtätiſch gegen Philipp gewendet hinzu, — „auch Sie ſollen erfahren, was für ein Geſchöpf Sie beinahe dazu gebracht hätte Ihre Mutter zu verlaſſen. . . Von den beſonderen Unannehmlich⸗ keiten, die Ihre Flucht . . . mit meiner Ludersfrau für mich gehabt hätte . . . will ich gar nicht reden, denn hm . hm . hm . . . Sie haben ſie nun einmal geliebt . . . und Sie haben Ihre erſte Liebe ſauber angebracht, junger Mann . . .“ „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte auf einmal mit tödtlicher Verlegenheit und tiefem Erröthen der ſchüchterne und gutmüthige Julian, der ſich bisher als ſtummer Zuſchauer der Scene auf der Seite ge⸗ halten hatte. — „Bitte um Entſchuldigung, mein Herr,“ wiederholte er, ſich an Herrn Robertin wen⸗ 286 dend, — „Sie befinden ſich im Irrthum . es iſt ganz und gar nicht ſo.“ „Ei wie, meine Frau hat nicht ... „Nein, ſage ich, nein . die erſte Liebe meines jungen Herrn hat nicht Ihrer garſtigen Madame gegolten. es iſt ſehr kühn von mir, daß ich von ſolchen Dingen zu ſprechen wage aber was wahr iſt bleibt wahr wenn man es weiß, ſo muß man es ſagen und ich ich“ „Welche Wahrheit, mein lieber Julian?“ fragte Clemence Hervé mit dem größten Intereſſe: „ſprich, genire Dich nicht.“ „Nun wohl, Madame, die erſte Perſon, die Herr Philipp geliebt hat, iſt die berühmte Maria Saint⸗ Clair geweſen,“ antwortete Julian, der nicht die mindeſte Ahnung von der Anweſenheit der jungen Muſe hatte. „Herr Philipp hat es mir anvertraut!“ „Was ſagſt Du?“ verſetzte Clemence Hervé leb⸗ haft, indem ſie mit einer unausſprechlichen Hoffnung Philipp anſchaute, der die Ausſage ſeines Schülers durch ein ausdrucksvolles Nicken beſtätigte. — „Mein Sohn hat alſo .4 „Er hat die berühmte Maria Saint⸗Clair leiden⸗ ſchaftlich geliebt, ohne ſie zu kennen,“ — antwortete Julian. — „Sie mußten ihn von ihr ſprechen hören, wir declamirten ihre Verſe . ich beſonders das Gedicht über die Marſeillaiſe .. ich hatte es auswendig gelernt, weil es zur Ehre meines jungen Herrn geſchrieben war. Er ſuchte ſich von dieſer an⸗ betungswürdigen Perſon ein Bild zu machen. Er träumte von ihr, er konnte nicht möhr ſchlafen. Kurz, er hatte ſich, wie er mir ſagte, ſterblich in ſie ver⸗ 287 liebt. Er konnte auch ſeiner Neugierde nicht widerſtehen, ſondern ging zu dem Buchhändler von Maria Saint⸗Clair, um Erkundigungen über ſie ein⸗ zuziehen; er bekam jedoch Nichts als ein Feuilleton, worin verſichert wurde, daß Maria Saint⸗Clair ein Mann ein ehemaliger Ladendiener ſei.“ „Dies war eine Erfindung von meiner Luders⸗ frau,“ rief Herr Robertin und fügte in einer Art von Parentheſe hinzu: „Es iſt doch merkwürdig, wie leicht ich mir's angewöhne den Major ein Luder zu nennen, nachdem ich ſo lange Zeit ſein elender Sklave geweſen.“ Dann erzählte er weiter: „Ich habe heute früh an den Doctor die Correc⸗ tur dieſes Feuilletons, ſowie eines andern abſcheulich beleidigenden Artikels gegen Frau Hervé und das Ge⸗ dächtniß ihres Mannes verkauft . . . Ja, ich habe Alles um 200 ſchöne und gute Franken verkauft, die ich eingeſackt habe, Major.“ Und Herr Robertin klopfte an ſeine Taſche. „Dieſes Geld da, ſowie Alles, was du künftig verdienſt, Major, wird Dir vor der Naſe weggetra⸗ gen werden, denn ...“ „Erzähle vollends Alles, mein lieber Julian,“ ſagte Clemence, indem ſie Herrn Robertin unterbrach, während ſeine Frau bleich und grimmig, wie krampf⸗ haft mit ihren Stiefelchen auf den Boden ſtampfte und allen Blicken frechen Trotz bot. Julian fuhr fort: „Als Herr Philipp erfahren hatte, daß Maria Saint⸗Clair ein Mann ſei oder ſein könne, ſo war das ein äußerſt ſchmerzlicher Schlag für ihn. Er 288 wagte es nicht mehr ſich dieſer Liebe hinzugeben, weil er fürchten mußte ohne ſein Wiſſen oder Wollen einen Jungen zu lieben . . . Herr mein Gott, das war furchtbar: Schon der Gedanke daran trieb uns kalten Angſtſchweiß aus . . . Mittlerweile hat Herr Philipp dieſes verdammte Buch der moderne Cherubin in der Werkſtatt gefunden . . . Ach, Ma⸗ dame Clemence Hervé . . . Welch ein Buch! Als wir es laſen, da wurden unſere Wangen roth und glühend. . . Ach, du himmliſche Güte, ich habe von Frauen geträumt, gerade wie der heilige Anto⸗ nius in ſeiner Verſuchung,“ — fügte Julian mit ſittſamem Erröthen hinzu. „Endlich . . . gerade in dieſem Augenblicke kam Madame,“ — er warf dabei einen Blick auf die Verfaſſerin des modernen Cherubin, ohne daß er ſie förmlich anzuſehen wagte, „in dieſem Augenblicke kam Madame in den Garten, um Herrn Philipp anzulocken und mit ihm zu äugeln, zu kokettiren, Poſſen zu treiben und ſchmachtende Blicke zuzuwerfen . . . Kurz und gut, ſie wollte weiter Richts als meinen Herrn verführen. Ja,“ fuhr der würdige Burſche im Tone zornigen Vorwurfs fort, indem er ſich ſogar unterſtand ſeine Augen gegen Virginie aufzuſchlagen, — „ſie wollte ihn verführen, die garſtige Perſon! während er im Grunde ſeiner Seele doch noch immer Maria Saint⸗ Clair liebte, natürlich unter der Bedingung, daß ſie kein abſcheulicher Ladenſchwengel ſei. Denn ich ſah es wohl, daß . . . daß . . . barmherziger Gott, wie ſoll ich das Alles erklären . . . ich ſah wohl, daß mein junger Herr, obſchon er wie ich auch durch dieſes verdammte Buch aufgeregt, verzaubert und ——— 289 berauſcht war, während er dieſe garſtige Madame liebte. . . ohne Vergleichung . . . unwillkürlich noch immer Maria Saint⸗Clair liebte. Nein, das iſt es nicht . . .“ fuhr Julian fort, indem er dicke Tropfen ſchwitzte und ſich an der Stirne kratzte, „kurz und gut. wie ſoll ich's nur ſagen . . . Maria Saint⸗ Clair hatte, glaube ich, zuerſt die Herzensthüre des Herrn Philipp geöffnet und befand ſich mit ſeiner vollen Einwilligung darin; ſie war ehrlich und an⸗ ſtändig hineingekommen; da berauſchte er ſich aber in dieſem modernen Cherubin . . . Die gar⸗ ſtige Madame benützte ſogleich den Augenblick und ſchlich ſich, ohne vorher anzuklopfen und wider ſeinen Willen, ganz frech ebenfalls ins Herz meines jungen Herrn ein. Da aber nein . das iſt es immer „Im Gegentheil . . . es iſt ſo, mein guter Ju⸗ lian,“ verſetzte lächelnd der Doctor Marx, indem er Heloiſe Morand beobachtete, welche die unſchuldige Pſychologie der Definitionen des armen Julian trotz ihrer ſcheinbaren Dunkelheit vollkommen zu begreifen ſchien; waren doch ſeine Erklärungen allzu unmittel⸗ bar, allzu naiv und beſonders allzu uneigennützig, als daß ſie nicht die Wahrheit hätten enthalten müſſen, und überdies wurde dieſe Wahrheit allzu deutlich durch die ausdrucksvollen Blicke beſtätigt, welche Philipp trotz ſeiner Beſchämung von Zeit zu Zeit auf die junge Muſe warf. Der Beifall des guten Doctors machte Julian neuen Muth und er ſchloß mit folgenden Worten gegen Herrn Robertin: „Alſo, mein Herr, iſt Ihre garſtige Madame „ Sue, der Teufel als Arzt. III. 19 290 bei allem Reſpect, den ich Ihnen ſchulde, nicht die erſte, die mein junger Herr geliebt hat, oder, um es noch beſſer zu ſagen, er hat ſie ganz und gar nicht geliebt . . denn er war betrunken . . . nun aber hat ein betrunkener Menſch kein Selbſtbewußtſein und das iſt es . . .“ „Das iſt es, was mich ungemein freut, weil es Dich verdammt ärgern muß, Major,“ verſetzte Herr Robertin mit bitterem Spott, „und jetzt haben wir Zwei es mit einander zu thun . . . Du haſt Un⸗ ruhe und Unglück ins Haus der Frau Clemence Hervé bringen . . . Du haſt den Sohn und die Mutter veruneinigen gewollt . . . Sie ſollen Zeugen Deiner Beſtrafung ſein. Höre mich wohl, Major!“ XXII. Frau Robertin erlitt Folterqualen, aber es war ihr unmöglich ſich dieſer Sühnung, dieſer wohlver⸗ dienten Züchtigung zu entziehen; ihr Mann würde ſie nöthigenfalls mit Gewalt verhindert haben die Werkſtatt zu verlaſſen. Die Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin fühlte ſich nicht bloß in ihrem Hochmuth aufs Tiefſte verletzt, als ſie ſich um eine ſo hartnäckig erſtrebte Rache bedroht ſah, ſondern ſie bemerkte auch mit geheimem Entſetzen eine gründliche, plötzliche, unbegreifliche Veränderung, die ſich im Charakter ihres bisher ſo ängſtlichen und gefügigen Mannes kundthat; ſie kannte ſeine Starrköpfigkeit und ſeine Eiferſucht. Sie wußte, weſſen die empör⸗ ten Feiglinge fähig ſind, wenn ſie einmal das Joch 291 der Angſt zertrümmert haben und ihre Kräfte fühlen, und das Alles eröffnete ihr ſehr ſchlimme Ausſichten in Bezug auf ihre eheliche Zukunft. Dieſe Beſorgniſſe beſonders gaben ihren Zügen ihren düſtern und unruhevollen Charakter, denn der Cynismus dieſer Frau hätte ſich aus der Verachtung und Abneigung, welche ſie Jedermann einflößte, wei⸗ ter nicht viel gemacht. Herr Robertin fuhr nach einer Pauſe fort: „Alſo, Major, höre mich wohl an . . heute früh hat mich der Herr Doctor . . . mein Engek des Heils . . in das Haus des ſchönen Sängers Sylvio geführt . . . dort habe ich aufs Unwiderleglichſte er⸗ fahren, daß, während ich auf meinem verdammten Bureau ſaß und mich wie ein Dummkopf abarbeitete dieſer Sylvio und Du . „Luder .. Hier biß Herr Robertin mit einer ſtillen Wuth, die ſeinen ſonſt ſo gutmüthigen Zügen einen unheim⸗ lichen, drohenden Ausdruck gab, die Zähne über ein⸗ ander und fuhr nach einer kurzen Pauſe fort: „Mehr will ich nicht ſagen, um dieſer Damen willen.“ * „Das iſt Alles erlogen,“ erwiderte Virginie, in⸗ dem ſie die Achſeln zuckte und ihre eherne Stirne von Neuem erhob. „Das ſind Richts als Lügen und Verläumdungen, zu deren dummem Echo Du Dich machſt.“ „ „Doctor,“ ſagte Herr Robertin, indem er die Fäuſte ballte, „Sie hören es . . . Machen Sie ſie doch zu Schanden.“ „Madame,“ ſagte der Doctor Mar, „ſehen Sie mir doch einmal ins Geſicht.“ 292 „Nun ja, ich ſehe Sie an . . . Was ſoll's?“ „Erinnern Sie ſich nicht mich ſchon geſehen zu haben?“ „Nein!“ „Das iſt möglich . . . denn als Sie wieder voll⸗ kommen zum Bewußtſein kamen, da war ich nicht mehr bei Ihnen . . . Ah, Sie werden roth . .. das Gedächtniß ſtellt ſich wieder ein?“ „Ganz und gar nicht.“ „So muß ich alſo Ihren Erinnerungen zu Hilfe kommen. Eines Tags waren Sie bei dem Sänger Sylvio. Sie bekamen einen ſo lebhaften Wortwechſel mit ihm, daß Sie von einem äußerſt heftigen Nerven⸗ zucken befallen wurden. Sylvio, der Sie ohnmächtig ſah, ſchickte in ſeiner Angſt eiligſt ſeinen Bedienten fort, um einen Arzt zu holen. Ich befand mich zu⸗ fällig im Hauſe, wo ich einen Patienten hatte; der Portier ſagte dies dem Bedienten Sylvio's. Dieſer ließ mich alſo in dem Stock, wo ich war, holen und führte mich in ſein Schlafzimmer . . . dort ſah ich eine Frau, die von ihrer Ohnmacht in einer ſolchen Unordnung der Toilette überfallen worden war, daß . aber ich will aus Rückſicht auf dieſe Damen die Discretion des Herrn Robertin nachahmen und nur noch hinzufügen, daß die Frau . . .“ „Dieſes Luder da war,“ rief Herr Robertin in ſchrecklichem Grimm, indem er ſeiner keuſchen Ehe⸗ hälfte die Fauſt zeigte. Dann aber faßte er ſich und ſagte bloß: „Geduld, Geduld!“ „Du biſt ein Eſel in Folio, Robertin, Du glaubſt an Portiersklatſchereien,“ ſagte die Verfaſſerin des modernen Cherubin mit der größten Dreiſtigkeit. — — 293 Dann warf ſie dem Doctor Max einen Vipern⸗ blick zu und ſprach: „Wer erbärmlich genug iſt ein Geheimniß aus⸗ zuſchwatzen, das er vermöge ſeines Amtes verſchwei⸗ gen muß, der verdient niemals Glauben . . . ein ſo ehrloſer Denunciant muß der tiefſten Verachtung verfallen.“ „Ja, Madame,“ antwortete der Doctor Max in einſchneidendem Tone. „Ja, wenn der Denunciant ſich durch Haß oder ein ſchmutziges Intereſſe leiten läßt, ſo iſt er ein ehrloſer Schurke: wer ein ihm an⸗ Geheimniß ausſchwatzt, iſt ein Hunds⸗ bit „So ſind Sie alſo durch ſich ſelbſt gerichtet,“ verſetzte Frau Robertin, „aber ich leugne, daß Sie mich bei Sylvio geſehen haben.“ „Ich habe Sie bei ihm geſehen, Madame, und ich habe dies aufdecken müſſen,“ ſagte der Doctor. „Derjenige iſt kein Denunciant, der ſich, um großes Unglück zu verhüten, genöthigt ſieht den Haß, das Laſter und die Heuchelei zu entlarven; derjenige iſt kein Denunciant, der, um eine herzloſe Mutter, eine ſchamloſe Ehebrecherin zu beſtrafen, einem auf ſchänd⸗ liche Art getäuſchten, verhöhnten, verrathenen Manne die Augen öffnet und das ſichere Mittel an die Hand gibt, um den fortwährenden Ausſchweifungen ſeiner Frau ein Ziel zu ſetzen und ſie ſo gut zu beſtrafen, wie ſie beſtraft zu werden verdient, und zwar ohne Lärm oder Skandal zu machen, indem er ihr die Thüre zur Reue und Beſſerung offen läßt; nein, ein ſolcher Mann iſt kein Denunciant . . . er erfüllt die ſtrenge Pflicht eines rechtſchaffenen Mannes; 29⁴ dieſe Pflicht habe ich erfüllt, Madame, und“ — fügte Herr Max mit ſeinem gewöhnlichen ſarkaſtiſchen Lä⸗ cheln hinzu, — „ich werde wenigſtens die Genug⸗ thuung haben zu glauben, daß mit Herrn Robertins Hilfe Ihr Benehmen künftig ebenſo ſittlich, ebenſo regelmäßig ſein wird, als es bisher ausſchweifend war, Madame; nein, Sie werden Ihr Kind nicht mehr einer beklagenswerthen Verlaſſenheit preisgeben, und ich habe die angenehme Ueberzeugung, daß Sie eines Tags, fortwährend mit Herrn Robertins Hilfe, ein Muſter aller Mütter und Ehefrauen werden.“ Sodann wandte er ſich an Herrn Robertin: „Haben Sie die Güte Madame zu erklären, durch welches ebenſo einfache als unſchuldige Verfahren Sie, mein lieber Herr, das befriedigende Reſultat erlangen wollen, von dem ich ſpreche.“ „Das Verfahren iſt folgendes, Major,“ — ver⸗ ſetzte Herr Robertin, der ſeinen Triumph langſam genoß und ſich ihn ſo zu ſagen ſchmecken ließ. —“ „Du haſt mich auf eine ſchändliche Weiſe geprellt und hinters Licht geführt. Ich bedaure nur Eines, nämlich daß das Verfahren hundertmal zu mild iſt; denn nach Allem, was ich jetzt von dem ſchönen Sylvio weiß, fand ganz der gleiche Fall mit dem großen Lümmel von einem Spahicapitän Statt, aus welchem Du in Deinem letzten Roman den Capitän Granmanche gemacht haſt, davon gar nicht zu ſprechen, daß dieſer Gimpel uns mit ſpaniſchen Weinen und fricaſſirten Hammelsfüßen ruinirte . . Ich ver⸗ abſcheue die fricaſſirten Hammelsſüße . . . aber dies war einmal die culinariſche Liebhaberei des Herrn Capitäns . . . und . . .“ „ — — 295 „Machen Sie's kurz, mein lieber Herr Robertin,“ ermahnte der Doctor Max; „kommen Sie zur Sache!“ „Ich bin ſchon daran, Major; denn vffenbar verhielt es ſich mit den andern Helden Deiner Ro⸗ mane gerade ſo, wie mit Sylvio und dem Capitän; deßhalb finde ich auch das Verfahren zu mild, aber immerhin . . . es genügt mir.“ „Ei ſo laß doch hören,“ verſetzte Frau Robertin, indem ſie eine cyniſche Frechheit zur Schau trug; „laß doch hören, durch welches Verfahren ich ein Muſter von einer Ehefrau werden ſoll.“ „Das Mittel iſt ganz einfach.“ Und nun ſcan⸗ dirte Herr Robertin ganz langſam die folgenden Worte: „Ich . . wer . . . de. . nicht . mehr auf mein . . . Bureau. gehen! .. 3 „Ah,“ machte die Verfaſſerin des modernen Cherubin mit verdoppelter Dreiſtigkeit, „wirklich?“ „So wahr Du die laſterhafteſte aller Frauen biſt. Da ich alſo nicht mehr auf mein Bureau gehe, ſo verlaſſe ich Dich keine Secunde mehr. Wo Du biſt, da bin ich auch; wohin Du gehſt, da gehe ich auch hin; wenn Du ausgehſt, gehe ich auch aus; wenn Du heimgehſt, gehe ich auch heim; es vergeht keine Minute Deines Lebens . . . hörſt Du .. keine Minute, ohne daß Du mich an Deiner Seite oder auf Deinen Ferſen haſt; . . . hoffe nicht mir zu entwiſchen; die Thüren werden verſchloſſen ſein, an die Fenſter laſſe ich Gitter machen . .. ha ha, Major, Du haſt Angſt,“ fügte Herr Robertin hinzu, als er ſeine Frau unwillkürlich beben ſah. „Du haſt mich lange Zeit wie einen Cretin behandelt, das war ganz recht; aber bei all meiner Dummheit habe ich 296 unter anderen einen Fehler, den ich jetzt nicht gegen alle Vorzüge der Welt vertauſchen möchte; ich bin eigenſinnig wie ein Mauleſel; ich habe mirs in den Kopf geſetzt Dich gleich Deinem Schatten nie zu ver⸗ laſſen, und auf dieſes Ziel ſoll fortan meine ganze Willenskraft, unterſtützt von dem bischen Verſtand, das ich beſitze, gerichtet ſein, und dieſes Ziel werde ich auch erreichen . . . Du glaubſt es ſelbſt, Major, denn Du biſt blaß . .. Du zitterſt.“ Virginie erblaßte und zitterte wirklich vor der unbeugſamen Entſchloſſenheit, die auf den Zügen ihres Mannes ausgeprägt war, einem ſo ergreifen⸗ den Ausdruck, daß auch Clemence Hervé, Helviſe und Philipp, die ſtummen Zeugen dieſer betrübenden Scene, davor erſchracken und trotz des Widerwillens, welchen die Elende ihnen einflößte, ſie durch dieſe zer⸗ malmenden Demüthigungen mehr als genugſam be⸗ ſtraft glaubten. Inzwiſchen bemühte ſich die Verfaſſerin des mo⸗ dernen Cherubin trotz des Schreckens, welchen die Pläne ihres Mannes ihr einflößten, deren voll⸗ ſtändige Verwirklichung ſie vorausſah, ihre Angſt zu verbergen und gute Miene zum böſen Spiel zu machen; ſie wandte ſich verächtlich gegen Herrn Ro⸗ bertin und ſagte: „Wenn Du nicht mehr auf Dein Bureau gehſth von was willſt Du dann leben?“ „Zum Henker von Deiner Arbeit, Major.“ „Du wäreſt im Stande . ..“ „Ja, ich bin im Stande daheim zu bleiben und Nichts zu thun, während Du arhéiteſt; ja, Major, Du ſollſt mich füttern, Du ſollſt mich kleiden, Du LK LK 297 ſollſt mir heizen, mit einem Wort Du ſollſt mich beher⸗ bergen; ich werde mirs wohl ſein laſſen, ohne einem andern Geſchäft obzuliegen, als daß ich Dein wach⸗ ſamer Argus bin und Dich keinen Fußbreit allein laſſe.“ „Alſo das Geld, das ich verdiene . . „Das Geld, das Sie verdienen, Madame, muß Herr Robertin in ſeiner Eigenſchaft als Oberhaupt der Gemeinde, worüber ich ihn ausdrücklich aufge⸗ klärt habe, zur Verfügung geſtellt werden,“ ſagte der Doctor Max ganz kaltblütig; „ich habe mir eine Freude daraus gemacht Ihren Herrn Gemahl dar⸗ über zu belehren, daß jeder Vertrag, den Sie mit Ihren Verlegern abſchließen und allein unterzeichnen, geſetzlich ganz und gar ungültig iſt. Da Sie das Glück haben ſich unter der Botmäßigkeit eines Gemahls zu befinden, ſo kann ſeine Unterſchrift allein dem Vertrag Geltung verſchaffen; folglich kann das Honorar für Ihre Manuſcripte geſetzlich nur von Herrn Robertin eingezogen werden.“ „Was höre ich?“ „Ei zum Teufel, das iſt ärgerlich, he Major? Aber es iſt einmal ſo,“ verſetzte Herr Robertin, ſich die Hände reibend, „und wenn Du aus Gaunerei, denn man muß ſich auf Alles gefaßt halten, hat der Herr Doctor, mein Schutzengel, zu mir geſagt, wenn Du es aus Gaunerei ſo einrichten ſollteſt, daß Du mir den Verkauf Deiner Manuſcripte geheim hältſt, ſo liegt mir daran auch nicht viel; ich habe dennoch das Recht in der chelichen Wohnung von Dir gekleidet, beherbergt und beköſtigt zu werden; auch bleibt mir immer das Recht Dich überall wie 298 Dein Schatten zu begleiten, Dir auf jedem Schritt und Tritt zu folgen.“ Zermalmt durch die Logik ihres Gatten, kaute die Verfaſſerin des modernen Cherubin in der Wuth ihre Nägel blutig, als eine der Mägde von Clemence Hervé in die Werkſtatt trat und zu dem Doctor ſagte: „Der Herr Baron von Hapner läßt fragen, ob er Herrn Max ſprechen könnte?“ „Gewiß, erſuchen Sie ihn einzutreten!“ „Es iſt auch noch ein braver Mann mit zwei Kindern da; er verlangt Madame zu ſehen,“ fügte die Magd hinzu; „er heißt Claude Erard.“ „Laſſen Sie auch Claude Erard eintreten,“ ſagte der Doctor Max zu der Magd, indem er der Ant⸗ wort der Hausfrau zuvorkam. Im Augenblick, wo der Dienſtbote ſich entfernte, nahm Herr Robertin ſeine Frau am Arm und ſagte barſch zu ihr: 2 „Vorwärts, Major . . . Deine Züchtigung ſoll ſogleich beginnen.“ „Wollen Sie gefälligſt noch einige Augenblicke hier verweilen,“ ſagte Mar zu Herrn Robertin. „Es wäre mir ſehr lieb, wenn Ihre Frau Gemahlin Zeugin deſſen wäre, was Sie jetzt ſehen werden.“ „Ich habe mich bisher bei Ihren Rathſchlägen zu wohl befunden, um ſie nicht ſtets zu befolgen. Alſo, Major, halt, wir gehen noch nicht.“ XXIII. Bald erſchien Claude Erard mit ſeinen zwei äilteſten Kindern in der Werkſtatt. Man vermochte 299 ſie beinahe nicht mehr zu erkennen; ihre Geſichter ſtrahlten vor Freude; ſie hatten ihre Lumpen abge⸗ worfen und neue Kleider angezogen. Der Hand⸗ werker ging einige Schritte vor Herrn von Hapner, einem der ausgezeichnetſten Dichter Deutſchlands, einem ſilberhaarigen Greis, deſſen Geſicht Liebens⸗ würdigkeit und Geiſt verrieth. Der Fremde hielt ein mit rothem Saffian überzogenes ziemlich großes Käſtchen in der Hand. Der Doctor Max ging dieſem neuen Beſuch eiligen Schrittes entgegen, flüſterte ihm einige Worte zu und blieb bei ihm im Hintergrund der Werkſtatt, während Claude Erard und ſeine Kinder zu Clemence Hervé vortraten, an deren Seite Helviſe und Philipp ſich befanden; weiter hinweg ſtand Herr Robertin, der ſeine Frau in einen Winkel der Werk⸗ ſtatt gedrängt hatte, trotzig und mit den Händen auf dem Rücken vor derſelben und war ſehr begierig zu erfahren, warum der Doctor ihn erſucht hatte noch einen Augenblick zu verweilen. Claude Erard, der ſeine beiden Kinder an der Hand hielt, die jetzt von Helviſe und Clemence Hervé freundlich geliebkost wurden, ſagte mit Thränen in den Augen und tief bewegter Stimme zur Verfaſſe⸗ rin des ſocialen Elends: „Madame, vor zwei Tagen war meine Frau, im Augenblick, wo ſie Mutter werden ſollte, nahe daran vor Erſchöpfung und Elend zu ſterben. Ich hatte keine Arbeit; meine vier Kinder und ich waren ohne Brod, ohne Kleider, kurz in der ſchrecklichſten Noth. Meine arme Frau und ich verzweifelten an Allem; wir waren mit Einem Wort lebensmüde geworden 300 und wollten unſerem Leben ein Ende machen .. Da kamen Sie zu uns, Madame; Sie haben uns für ehrliche Leute gehalten; Sie haben uns wieder aufgerichtet durch Ihre freundlichen Worte; Sie haben uns durch Ihre Wohlthaten wieder aufgeholfen und uns über die Gegenwart beruhigt; Sie haben zugleich auch an die Zukunft gedacht, haben unſer Unglück öffentlich erzählt und zu unſern Gunſten einen Auf⸗ ruf an mitfühlende Herzen erlaſſen . . . Heute, Ma⸗ dame, bin ich ſammt meiner Familie für weit mehr als für die nächſten Bedürfniſſe geſichert . . . Wir können ohne Furcht warten, bis ich wieder Arbeit bekomme. Seien Sie geſegnet, Madame,“ ſchloß Claude Erard, der ſeine Thränen nicht mehr zurück⸗ zuhalten vermochte, „dieſe Kinder und ich, wir kom⸗ men im Namen ihrer Mutter, welche durch Sie ge⸗ rettet worden iſt, Ihnen zu ſagen: ſeien Sie geſeg⸗ net, Madame, ſeien Sie geſegnet!“ „Nicht mich müſſen Sie ſegnen,“ antwortete Clemence Hervé gerührt, „ſondern ſegnen Sie das Gefühl brüderlicher Solidarität, welches Gott ſeinen Geſchoͤpfen ins Herz gelegt hat. Dieſes Gefühl, das ihnen, ſo verblendet ſie auch durch Unwiſſenheit, ſo verhärtet ſie durch Egoismus ſein mögen, unvertilg⸗ bar innewohnt, habe ich, wie es meine Pflicht war, wachzurufen geſucht; mein Aufruf iſt gehört worden, ich wünſche mir Glück dazu. Hoffen wir auf beſſere Zeiten, wo ſolche Aufrufe überflüſſig ſein werden; hoffen wir auf beſſere Zeiten, wo die Geburt eines Kindes, Dank der menſchlichen Solidarität, nicht mehr wie heute ein Gegenſtand der Unruhe oder Betrübniß für die ungeheure Familie der Lebens⸗ — 301 müden, um mich Ihres ſo furchtbar wahren Aus⸗ druckes zu bedienen, Herr Frard, ſondern für Jeden und für Alle eine neue Veranlaſſung zu Freude und Hoffnung ſein wird.“ „Ach, Madame,“ ſagte Herr von Hapner, in⸗ dem er am Arme des Doctors Max zu Clemence Hervé vortrat, mit inniger Rührung, „bei meiner Rückkehr nach Deutſchland, wo Ihre Werke trotz des Oſtracismus, womit eine gewiſſe Partei ſie belegt, eine ungeheure Popularität genießen, wird ſich Nie⸗ mand wundern, wenn ich dieſen Auftritt hier —“ er zeigte auf Claude Erard und ſeine beiden Kinder — „erzähle. Man weiß in Europa, Madame, daß das Genie, das mit ſo mächtiger Hand die ſocialen Wunden bloßlegt, auch einen tröſtenden Balſam darauf gießt.“ „Ha, jetzt begreife ich, warum dieſer Teufelsdoe⸗ tor mich aufgefordert hat noch einige Augenblicke zu bleiben,“ ſagte Herr Robertin zu ſich. Dann flüſterte er ganz leiſe ſeiner Frau zu: „He, Major, ſiehſt Du, in allen Ländern bewun⸗ dert und ehrt man Clemence Hervé. Das iſt mir für ihre Perſon ganz gleichgültig, allein es freut mich un⸗ gemein um Deinetwillen, weil es Dich wüthend macht.“ Die Verfaſſerin des modernen Cherubin ant⸗ wortete nicht; ſie ſah ſtarr und düſter vor ſich hin und ſagte mit einer Bitterkeit, worin die Reue keimte, zu ſich ſelbſt: „Ja. man kann es nicht läugnen! . .. Es liegt eine unwiderſtehliche Macht im Guten ... Der Name dieſer Frau, die ich beneide und haſſe, hat ſein Echo von einem Ende der Welt zum andern.“ 302 XXIV. „Madame,“ ſagte der Doctor Mar zu Clemence Hervé, „der Baron von Hapner, den ich Ihnen vor⸗ zuſtellen die Ehre habe, iſt von ſeinen Freunden in Deutſchland mit einer Sendung an die berühmte Maria Saint-Clair beauftragt, und aus Gründen, welche Sie begreifen werden, habe ich es für beſſer gehalten, wenn Herr von Hapner unſere junge Muſe bei Ihnen ſähe als in ihrer eigenen Wohnung.“ „Ich bin ganz mit Ihnen einverſtanden, lieber Doctor,“ antwortete Clemence Hervé. Sodann wandte ſie ſich gegen Herrn von Hap⸗ ner und zeigte ihm Heloiſe, welche im höchſten Grade überraſcht und betroffen mit glühenden Wangen da⸗ ſtand. „Mein Herr,“ ſagte Clemence Hervé, „ich habe die Ehre Ihnen Fräulein Heloiſe Morand, die Ver⸗ faſſerin der unter dem Namen Maria Saint⸗Clair erſchienenen Dichtungen, vorzuſtellen. Das Fräulein iſt für mich beinahe eine Tochter; Sie begreifen alſo, * ſehr ich mich für Alles intereſſire, was ſie be⸗ trifft.“ „Mein Fräulein,“ ſagte Herr von Hapner, in⸗ dem er ſich vor Heloiſe verbeugte, „Ihre Beſcheiden⸗ heit weiß ohne Zweifel nicht, daß Ihre Dichtungen die Waiſen und die Reiſe zweier Seelen durch die Welten in Deutſchland eine gewaltige Senſation hervorgerufen haben. Die erſte, die ſich durch eine wunderbare Reinheit der Form auszeichnet, hat alle Herzen gerührt und aufs Tieſſte ergriffen, ———— 303 und. Sie werden mit Vergnügen vernehmen, mein Fräulein, daß in Folge des Eindruckes, welchen dieſe hinreißende Schilderung der phyſiſchen und beſonders der moraliſchen Leiden der Waiſen hervorgebracht, mehrere Geſellſchaften auf neuen durch Ihr Werk zur Geltung gekommenen Grundlagen ſich aufgethan haben, um die von Ihnen bezeichneten Leiden zu mildern.“ Helviſe Morand war beſchämt und zugleich hoch erfreut. Sie ſchaute mit naivem Staunen bald den Doctor Max, bald Clemence Hervé an und drückte letzterer mit einer höchſt graziöſen Bewegung die Hand, als wollte ſie die Lobſprüche, die ihr ſelbſt geſpendet wurden, auf ihre geiſtige Mutter über⸗ tragen. Herr von Hapner fuhr fort: „Die Dichtung Reiſe zweier Seelen durch die Welten, eine Dichtung, deren Erhabenheit und markige Schönheiten unſer germaniſcher Geiſt bei ſeinem träumeriſchen und etwas myſtiſchen Weſen ganz beſonders ſchätzen mußte, hat einen wunder⸗ baren Anklang gefunden und einen unglaublichen Einfluß auf die denkenden Geiſter ausgeübt. Troſt⸗ reiche alte Glaubensmeinungen, auf ſolche Art popu⸗ lariſirt durch den Reiz einer anziehenden Poeſie, ver⸗ bunden mit einer Erzählung, die in ihrer wunder⸗ baren Reichhaltigkeit von gewaltigem Intereſſe iſt, haben eine Menge intelligenter Köpfe zu beſchäftigen angefangen, und was dieſen Neudruidismus, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, betrifft, ſo haben ſich brennende Discuſſionen von hohem philoſophiſchem Belang zwiſchen den verſchiedenen ſpirituatiſtiſchen Schulen Deutſchlands über dieſe Theodicee entſpon⸗ nen; doch ich ſchließe, mein Fräulein, weil ich be⸗ fürchten müßte Ihre Beſcheidenheit länger in Ver⸗ legenheit zu ſetzen; ich will nur noch hinzufügen, daß die zahlreichen Bewunderer Ihres Genies in den Hauptſtädten des deutſchen Bundes gleichzeitig eine Subſcripton eröffnet haben, um Ihnen mit die⸗ ſem Kranz, deſſen Ihre Stirne würdig iſt, ihre Huldigungen darzubringen.“ So ſprechend, überreichte Herr von Hapner He⸗ loiſen ein offenes Käſtchen, worin auf weißem Sammt ein Kranz von ausgezeichneter Arbeit zu ſehen war. Seine Zweige, die von mattem Golde waren, ver⸗ ſchwanden halb unter grün emaillirten Blättern, welche das Laubwerk des Lorbeers vorſtellten; ein großer Knoten von polirtem Gold verband die beiden Zweige, aus denen der Kranz beſtand, an ihren Enden, und auf dieſem Knoten ſtand zu leſen: Huldigung des poetiſchen Deutſchland an Maria Saint⸗Clair. Das junge Mädchen empfing das Käſtchen zit⸗ ternd vor innerer Bewegung. Herr von Hapner vollendete ſeine Sendung mit folgenden Worten: „Ich werde es als die ausgezeichnetſte Ehre mei⸗ nes Lebens betrachten, daß meine Landsleute mich dazu auserwählt haben den ehrerbietigen Tribut ihrer innigen Sympathie und Bewunderung zu Ihren Füßen niederzulegen, mein Fräulein.“ „Siehſt Du's? Hörſt Du's, Du Luder?“ ſagte Hert Robertin ganz leiſe zur Verfaſſerin des moder⸗ nen Cherubin, indem er ein außenblickliches Still⸗ —— 305 ſchweigen benützte, das auf die letzten Worte des Herrn von Hapner folgte. „Hat man auch ſchon Barone zu Dir geſchickt, um Dir im Namen Deutſch⸗ lands goldene Kränze anzubieten? Da haſt Du wie⸗ der Galle zu kauen, Major. O dieſer Teufelsdoctor hat Recht gehabt, daß er uns bleiben hieß . . . Du mußt berſten vor Bosheit.“ Virginie blieb ſtumm und düſter. Sie ſchlug nicht einmal die Augen zu ihrem Manne auf und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ja, das Gute, das Schöne, das Rechte ſind mit einer unwiderſtehlichen Gewalt ausgeſtattet. Ich kann es unmöglich läugnen! Dieſe Familie, welche Clemence Hervé ganz plötzlich durch einige Zeilen aus dem Elend gerettet hat; Deutſchland, das bei der poetiſchen Stimme von Maria Saint-Clair in Aufregung geräth und einen Geſandten zu ihr ab⸗ ordnet, um ſie zu krönen .. das ſind handgreifliche Thatſachen. Sie erbittern, ſie quälen mich, aber ſie ſind vorhanden. Ha, wie glorreich iſt doch der Cul⸗ tus der Literatur, wenn ..“ Aber Virginie wich zurück vor einer großmüthigen Idee, gegen welche ihr Hochmuth, ihr Haß und Neid ſich noch empörten, obſchon ein unbeſtimmtes Verlangen nach einem beſ⸗ ſeren Leben ſich ſeit einigen Augenblicken allmälig in ihre verhärtete Seele eingeſchlichen hatte.“ Heloiſe war, nachdem ſie das Käſtchen von Herrn van Hapner empfangen und ſeine letzten Worte ver⸗ nommen hatte, im Anfang dermaßen verwirrt, daß die Worte auf ihren Lippen erſtarben. Bald aber machten ihr die ſtrahlenden Blicke Philipps und ſei⸗ ner Mutter, die ſich aus ſo vielen Gründen ſo innig Sue, der Teufel als Arzt. III. 20 306 am Triumph der jungen Muſe erfreuten, wieder einigen Muth, und ſie antwortete dem Baron ſchüchtern: „Mein Herr, dieſer Kranz ſoll für mich nicht eine Belohnung meiner bisherigen Werke ſein, denn ſie verdienen eine ſolche nicht; aber er ſoll mir eine allmächtige Aufmunterung für die Zukunft ſein. Das Wenige, was ich bin, verdanke ich dem Herrn Doctor Max, der meine erſten Verſuche begünſtigt und ge⸗ leitet, und der Frau Clemence Hervé, die mich durch ihre Schriften dazu begeiſtert hat. Nicht das Talent iſt es, was man in mir zu krönen ſo gütig iſt, ſon⸗ dern die edlen und erhabenen Gefühle, die ich nach meinen beſten Kräften zu verdolmetſchen geſucht habe. Wollen Sie gefälligſt Ihren Freunden ſagen, mein Herr, daß es etwas gibt, was meine Dankbarkeit gegen ſie noch überſteigt, nämlich mein glühendes Verlangen mich eines Tages der Beweiſe liebevoller Theilnahme, die Sie mir heute ſchenken und die mir aus Ihrem Munde, mein Herr, doppelt koſtbar ſind, würdig zu zeigen.“ Herr von Hapner verbeugt ſich ehrerbietig; der Doctor zieht den goldenen Kranz aus dem Schrein, welchen Helviſe ihrer mütterlichen Freundin über⸗ geben hat, ſchreitet auf die ſo eben von Philipp modellirte Büſte der jungen Muſe zu und ſagt lächelnd zu dem Baron: „Wir können dieſes liebe Kind nicht nach ihrem Verdienſt bekränzen, ihre Beſcheidenheit läßt es nicht zu; aber krönen wir wenigſtens ihr Bild!“ Und der Doctor Mar ſetzte den goldenen Kranz auf die reine und edle Stirne der Püſte. — 307 XXV. „Dieſes Porträt iſt von bewunderungswürdiger Aehnlichkeit,“ ſagte Herr von Hapner. Sodann deutete er auf die Statuen und Bas⸗ reliefs des jungen Künſtlers und fügte in innigem Tone hinzu: „Die Familien ſind ſelten, wo das Genie erblich iſt. Der Sohn eines der berühmteſten Geſchicht⸗ ſchreiber und einer der ausgezeichnetſten Schrift⸗ ſtellerinnen, deren Frankreich ſich rühmen darf, ver⸗ ſpricht durch ſeine jetzt ſchon ſo bemerkenswerthen Werke dereinſt ein hervorragender Künſtler zu wer⸗ den. Ach, Madame, Sie ſind eine glückliche Mut⸗ ter! „O ja,“ antwortete Clemence Hervé mit unaus⸗ ſprechlichem Gefühl, „meine Mutterſchaft hat mich noch nie glücklicher und ſtolzer gemacht, als heute. Sie glauben gar nicht, mein Herr, wie innig ich Ihnen für die Lobſprüche danke, die Sie meinem Sohne gütigſt geſpendet, und für die ſo würdevoll ausgeſprochene Bewunderung, womit Sie ſoeben meine theure Helviſe beehrt haben, die ich als meine Tochter betrachte.“ Herr von Hapner verneigt ſich tief und will ſich eben entfernen, als Claude Erard, der ſtille und gerührte Zeuge der vorhergehenden Scenen, auf die Verfaſſerin des ſocialen Elends zutritt und zu ihr ſagt: „Madame, wir Proletarier, die wir die ſchöne Sprache nicht kennen und zu arm ſind, um unſeren 308 Wohlthätern Kränze darzubringen, wir können ihnen bloß unſer ganzes Herz weihen . . . Unſer Aller Herz ſchlägt für Sie, Madame Clemence Hervé, und unſere ſtolzeſten Wünſche wären erfüllt, wenn irgend ein Band, das Sie an uns knüpfte, uns geſtatten würde uns wo möglich noch inniger zu weihen; deß⸗ halb treten wir, die wir Ihnen bereits Alles verdan⸗ ken, noch mit einer neuen Bitte vor Sie, Madame.“ „Sprechen Sie gefälligſt, Herr Erard.“ „Meine Frau hat heute Nacht ein Mädchen ge⸗ boren. . . Mutter und Kind verdanken Ihnen ihr Leben . . Ohne Sie wären Beide verhungert . .. O, Madame, wenn Sie die Güte hätten die Pathin dieſes Kindes werden zu wollen . . . ſo gering wir ſind, ſo wenig wir vermögen, ſo würde doch dieſe Verbindung uns mit Stolz erfüllen und unſere Dankbarkeit noch erhöhen, indem ſie uns ein doppel⸗ tes Recht verliehe Ihnen unſere Hingebung zu be⸗ weiſen.“ „Sie könnten mir keinen angenehmeren Vor⸗ ſchlag machen, Herr Erard,“ antwortete Clemence Hervé; „ich werde die Pathin Ihrer Tochter wer⸗ den; aber darf ich Sie jetzt auch um eine Gunſt bitten?“ „Ach, Madame ... „Daß Sie auch meinen Sohn als Pathen Ihres Kindes annehmen . . .“ „Dank für dieſen Gedanken, gute Mutter,“ ſagt Philipp, indem er herzlich ſeine Hand dem Arbeiter reicht, der ſie nicht minder herzlich drückt. Sodann entfernt ſich Claude Erard mit ſeinen beiden Kindern in demſelben Augenblick, wo Herr 309 von Hapner vor Heloiſe und Clemence Hervé ſeine Abſchiedsverbeugung macht und zu ihnen ſagt: „Leben Sie wohl, Madame . . . leben Sie wohl, mein Fräulein. Was ich heute hier geſehen, gehört und bewundert habe, das wird, Sie dürfen mirs glauben, die beſte Erinnerung meines Lebens aus⸗ machen.“ „Leben Sie wohl, mein Herr,“ antwortete Cle⸗ mence Hervé voll Innigkeit. „Auch wir, Heloiſe und ich, werden niemals dieſen Tag vergeſſen, wo es uns vergönnt war Sie kennen und nach Verdienſt ſchätzen zu lernen.“ Herr von Hapner, Claude Erard und ſeine Kin⸗ der verlaſſen die Werkſtatt, aus welcher Philipp, der Doctor Max und Julian ſie hinausbegleiten. Erſt in dieſem Augenblick erinnern ſich und be⸗ merken Helviſe und Clemence Hervé, daß Frau Ro⸗ bertin ſich noch immer ſeitwärts in einem Winkel befindet, wo ihr Gemahl ſie ſcharf be⸗ wacht. Heloiſe und Clemence Hervé können ſich, trotz ihrer gerechten Beſchwerdegründe gegen das abſcheu⸗ liche Weib, einer Art von Mitleid nicht erwehren, indem ſie bedenken, welch peinliche Folterqualen ihre Gegnerin während der vorhergehenden Scene hatte ausſtehen müſſen. Als daher der Doctor Max, Philipp und Julian in die Werkſtatt zurückkommen, wendet ſich Clemence Hervé mit folgenden Worten an Virginie: „Sie können verſichert ſein, Madame, daß Alles was heute zwiſchen Ihnen, Fräulein Heloiſe, meinem Sohn und mir vorgefallen iſt, geheim bleiben wird. 310 Wir dürfen uns nicht wieder ſehen. Ich werde das Geſchehene vergeſſen. Thun Sie daſſelbe oder viel⸗ mehr ſuchen Sie eine Lehre darin, ſie kann Ihnen nützlich ſein. Sie ſind jung, Madame, und beſon⸗ ders ſind Sie Mutter . . . Ich will gern glauben, daß der Einfluß des Muttergefühles ſtark genug ſein wird Sie zu regeneriren, beſonders wenn Sie wäh⸗ rend Ihrer künftigen literariſchen Laufbahn einen höchſt wichtigen Gedanken ins Auge faſſen, mit dem Sie ſich bis jetzt nicht beſchäftigt zu haben ſcheinen, mit einem Worte, Madame,“ fügte Clemence Hervé in traurigem und würdevollem Tone hinzu, „bedenken Sie, daß der Tag kommen wird, wo Ihre Tochter vielleicht Ihre Bücher leſen könnte.“ Dieſe letzten Worte und der Ton, womit ſie ge⸗ ſprochen worden, bringen bei Virginie Robertin in ihrer dermaligen Gemüthsverfaſſung einen plötzlichen tiefen Eindruck hervor, und zum erſten Male denkt ſie daran, daß wirklich ihre Tochter eines Tags ohne Zweifel ihre Bücher leſen werde. XXVI. Die Mütter bleiben, wenn ſie ſich auch noch ſo wenig um die Mutterſchaft bekümmern, doch in einer gewiſſen Beziehung immer Mütter. So unkeuſch ſie ſelbſt ſein mögen, ſo haben ſie doch beinahe immer das Gefühl, daß ſie ihre Töchter zu bewahren haben. Die Verfaſſerin des modernen Cherubin und ſo vieler anderer Werke von empörender Unſittlich⸗ keit verwahrloste ihr Kind auf eine ſchändliche Weiſe 311 in ſeiner Wiege und würde es ohne Gewiſſensbiſſe gänzlich verlaſſen haben, aber gleichwohl bebt und erröthet ſie bei dem Gedanken, daß ihre ſchlüpfrigen Bücher eines Tages unter die unſchuldigen Augen ihrer Tochter kommen könnten; ja, dieſes verdorbene, neidiſche, boshafte und ſchamloſe Weib erröthet vor geheimer Scham, und zum erſten Mal vielleicht in ihrem Leben erwacht in ihr ein edles Bewußtſein der Mutterſchaft. Ihr bisher düſteres, hämiſches, feindſeliges Ge⸗ ſicht nimmt auf einmal einen milden Charakter an, und hingeriſſen von ihrer augenblicklichen aber auf⸗ richtigen Ueberzeugung, ſagt ſie jetzt ohne Verſtellung und Heuchelei zu Clemence Hervé: „Madame, ich habe mich ſchwer gegen Sie ver⸗ ſchuldet . . . ich geſtehe und bereue es; die verſchie⸗ denen Ereigniſſe, deren Zeugin ich ſoeben geweſen, Ereigniſſe, die für Sie, Madame, und das Fräulein ſo glorreich ſind, hatten mich bereits zu ernſtem Nach⸗ denken gebracht, aber Ihre letzten Worte, Madame, haben das Innerſte meiner Seele aufgeregt. Ach ja, der Tag wird kommen, wo meine Tochter viel⸗ leicht die Bücher leſen wird, die ich geſchrieben habe! . . Dieſe Worte haben das ſittliche Gefüͤhl in mir erweckt oder neu ins Leben gerufen! . . . Wenn ich ein anderer Menſch werde, ſo werde ichs Ihnen zu verdanken haben, Madame . .. Dieſe Umwandlung wird dann Ihr Werk ſein . . . Kommt ſie nicht zu Stande, ſo habe ich gleichwohl Ihnen zu danken, Madame; denn Sie haben mir wenigſtens großherzig den Weg eröffnet, wieder zu Ehren zu gelangen; und ich . 312 „Ei, was da, halt Dein Maul, Major, und ſchwatz nicht ſo viel,“ rief Herr Robertin ungeduldig und zornig. „Hältſt Du denn Madame Clemence Hervé für ſo einfältig, daß ſie ſich wieder mit der⸗ ſelben Komödie hintergehen ließe wie geſtern? Ver⸗ dammte Heuchlerin! RNein, nein, das iſt alles ver⸗ gebens . . Komm jetzt!“ So ſprechend ergreift er barſch den Arm ſeiner Frau, ſteckt ihn unter den ſeinigen und preßt ihn wie in einem Schraubſtock zuſammen, ohne daß ſie übrigens den mindeſten Widerſtand leiſtet. „Ihr Diener, meine Herrſchaften,“ ſagte er, „Ihr Diener, Herr Doctor Max, der Sie mein Engel des Heils ſind. Ich werde mein Bureau nicht mehr betreten, ich werde meine Frau keine Sekunde mehr verlaſſen und werde folglich auch nicht mehr geprellt werden, wie ſo viele Andere. Und nun, Major, rechts umkehrt! Vorwärts! Marſch! Du nannteſt Dich Major Sauſewind, und ich nenne Dich Major Luder!“ Herr Robertin entfernt ſich triumphirend und zieht mit hämiſcher Geberde ſeine Frau mit, deren letzter Blick mit einem aufrichtigen Ausdruck der Er⸗ kenntlichkeit auf Clemence Hervé verweilt. Die Verfaſſerin des ſocialen Elends, ihr Sohn, Heloiſe, Julian und der Arzt bleiben allein zurück. — „He, he,“ ſagte der Doctor Mar mit höhniſchem Gegrinſe, „die Lection war ein bischen hart, kann aber doch vielleicht durch Ihr Verdienſt, meine liebe Clemence Hervé, der Verfaſſerin des modernen Cherubin zum Nutzen gereichen . . . Die ſchlech⸗ — 313 ten Leute beſtrafen iſt eine gute That . . . ſie beſſer machen iſt noch weit verdienſtvoller. Jetzt ſind wir allein; wünſchen wir uns im Familienzirkel Glück zu der Ueberwindung des Teufels durch den Engel, einem Sieg, woran ich, ich geſtehe es in aller Demuth, einen Augenblick zu zweifeln mir erlaubt hatte.“ „Mein Kind,“ ſagte Clemence Hervé zu ihrem Sohn, „Du mußt jetzt auch erfahren, mit welcher anbetungswürdigen Hingebung dieſe theure Heloiſe ſich mir angeſchloſſen hat, um Dich Deiner vorüber⸗ gehenden Verirrung zu entreißen. Sie iſt, wie wir geſtern verabredet hatten, heute früh zu mir gekom⸗ men, und da habe ich ihr meine Beſorgniſſe anver⸗ traut. Julian . . . denn Du biſt ſchändlich ver⸗ rathen worden,“ — fügte Clemence lächelnd hinzu — „Julian hatte mich von den Einſteigungsplänen und von dem Rendezvous, das Du der Frau Robertin in Deiner Werkſtatt gegeben, in Kenntniß geſetzt .. — Wollen Sie mir meinen Sohn retten helfen?“ ſagte ich zu Heloiſe. — Iſt es nicht meine Pflicht?“ antwortete ſie mir. Iſt er nicht mein Bruder? Wenn auch nicht leiblich, doch wenigſtens geiſtig, denn ſeine Intelligenz iſt wie die meinige durch Sie befruchtet worden, Madame.“ „Ach, mein Fräulein,“ ſagte Philipp niederge⸗ ſchlagen und mit geſenkten Augen; „mehr als je verwünſche ich in dieſem Augenblick meine unſelige Verirrung.“ „Warum ſie ſo bitter bereuen, Herr Philipp?“ antwortete Helviſe ſchüchtern. „Hat dieſe Verirrung Ihnen nicht die Macht der Wahrheit bewieſen?“ 314 „Ja, und in Ihrem Munde wurde ſie unwider⸗ ſtehlich,“ verſetzte Clemence Hervé; dann wandte ſie ſich zu ihrem Sohn und ſagte: „Der Kampf zwiſchen dem Guten und dem Böſen war im Begriff zu entbrennen. Heloiſe und ich haben unſere An⸗ ſtrengungen vereinigt, und damit unſer Erfolg dauernd wurde, wollten wir ihn dem alleinigen Ein⸗ fluß der edlen Gefühle verdanken. Heloiſe hat in einer halben Stunde die ſchönen Verſe improviſirt, die einen ſo entſcheidenden Einfluß auf Dich ausge⸗ übt haben. Dann ſind wir ſelbſt zu Dir gekommen . . . Gott ſei Dank, unſere Hoffnungen ſind nicht getäuſcht worden.“ „Sie ſollen fortan nie mehr getäuſcht werden, liebe Mutter . . . ich ſchwöre Dir's. . . Du darfſt mir's glauben . . .“ „Ich für meine Perſon zweifle nicht daran,“ ſagte der Doctor Max, und fügte dann mit ſchalk⸗ hafter Gutmüthigkeit hinzu: . „Aber nach meinem geringen Dafürhalten und um dieſer Rückkehr zum Guten Kraft und Beſtand zu verleihen . . . dächte ich. . . vorausgeſetzt, daß Niemand einen beſſern Rath zu ertheilen hat, und vor Allem, wenn meine Adoptivtochter ſowie Ihre Mutter Nichts dagegen hat . . . dächte ich, ſage ich, mein lieber Junge, daß Sie gar nicht übel daran thäten Heloiſe zu heirathen. He? Was ſagen Sie zu meiner Idee?“ „Ach, Doctor,“ ruft der junge Bildhauer, bebend vor Hoffnung, als er Heloiſe die Augen aufſchlagen und mit Clemence Hervé ein Lächeln austauſchen ſieht, „Maria Saint⸗Clair iſt meine erſte, meine 315 einzige Liebe geweſen! Ich liebte ſie, ohne ſie zu en und „So wahr der liebe Gott im Himmel lebt, mein Fräulein, es iſt die reine Wahrheit, ich hab's mit angeſehen,“ ſagt Julian naiv, indem er ſeinen jungen Herrn unterbricht, um ſeine Worte zu beſtätigen und Verzeihung für ſeinen ſchändlichen Verrath zu erlangen. „Ach du mein Gott, hätten Sie Herrn Philipp hören können, ehe dieſes Geſpenſt von Le⸗ maheuc, dieſer ſchreckliche Ladendiener, meinen jungen Herrn in die tiefſte Beſtürzung verſetzt und in Eis verwandelt hatte!“ „Ich glaube Ihnen, Herr Julian,“ verſetzt die junge Muſe mit einem zauberiſchen Lächeln, „es iſt eine Wonne, eine innige Wonne für mich Ihnen zu glauben.“ „Ach, glauben Sie es, mein Fräulein,“ rief Phi⸗ lipp, „damals war es Ihre Seele, Ihr Genie, was ich bewunderte und anbetete; jetzt, nachdem ich Sie geſehen habe . . . nachdem ſo viele Bande mich an Sie knüpfen, würde die Hoffnung, — eine wenn auch noch ſo ferne Hoffnung einſt Ihre Hand an⸗ ſprechen zu dürfen, alle meine Wünſche krönen und, das ſchwöre ich Ihnen, mich eines ſolchen Glückes würdig machen.“ „Herr Philipp, als ich, ohne Sie zu kennen, Verſe über Ihre Marſeillaiſe an Sie richtete, da liebte und bewunderte auch ich Ihr Talent und die großherzigen Inſpirationen, welche Sie leiteten und jetzt . . da ich Sie kenne . „O ich bitte . . . mein Fräulein vollenden Sie,“ rief Philipp, als er Helviſe ſich unterbrechen, 316 erröthen und zögern ſah, — „bitte, ſprechen Sie doch . . . und jetzt?“ „Jetzt, Herr Philipp,“ antwortete das junge Mädchen mit bewegter Stimme, „jetzt müſſen wir, denke ich, Ihrer Mutter und meinem Adoptivvater das Geſchäft überlaſſen den Zeitpunkt einer Heirath feſtzuſetzen, welche ſie nicht weniger als wir ſelbſt zu wünſchen ſcheinen .. . und wie auch dieſer Zeitpunkt ausfallen mag, Sie haben mein Wort,“ fügte Heloiſe hinzu, indem ſie mit einer Geberde voll Grazie und Treuherzigkeit Philipp ihre Hand reichte, „Sie haben mein Verſprechen.“ „Mutter, Du hörſts,“ rief Philipp wonnetrun⸗ ken, indem er die Hand des jungen Mädchens in der ſeinigen drückte. — „Sie willigt ein, mein Gott! habe ich denn ſo viel Glück verdient!“ „Heloiſe . . mein theures Kind . . .“ ſagt Clemence Hervé, indem ſie ihre Arme gegen das junge Mädchen ausſtreckt, das ihr an den Buſen ſinkt, „wir werden uns nicht mehr verlaſſen!“ „Jetzt darf ich Sie Mutter nennen,“ antwortet das junge Mädchen ſtrahlend, während der ehrliche Julian unter Freudenthränen rief: „Großer Gott, wie vergnügt bin ich, wie ver⸗ gnügt bin ich! Da weine ich ja wie ein kleines Kind. Ich habe einen ſchwarzen Verrath gegen Sie begangen, Philipp . . . aber ob Sie mirs verzeihen oder nicht, das iſt mir jetzt ganz gleich.“ 317 XXVII. Jetzt wandte ſich Herr Max zu Clemence Hervs und ſagte: „Sie wiſſen, ich bin vollſtändig Ihrer Anſicht. Liebesehen, in der erſten Jugend zwiſchen Herzen ge⸗ ſchloſſen, die vermöge ihrer Gefühle und einer glei⸗ chen Reinheit einander würdig ſind, ſind die einzi⸗ gen, die beinahe ſichere Bürgſchaften des Glücks für die Zukunft darbieten. Der Bund dieſer Kinder wird, wenn mich meine Diagnoſe nicht täuſcht, eine Liebesehe im beſten Sinne des Wortes ſein, folglich muß man nach meinem geringen Dafürhalten dieſe Kinder verheirathen, ehe ein Monat vergeht.“ „Mein Gott, was mir da einfällt,“ ſagte die be⸗ rühmte Schriftſtellerin plötzlich voll Unruhe. „Helviſe, Sie haben mir von einer Heirath geſagt, zu welcher Ihr Onkel und Ihre Tante Sie zwingen wollten.“ „Ja, meine Mutter,“ antwortete das junge Mädchen, mit zärtlicher Betonung des Wortes Mut⸗ ter, „aber man kann in dieſer Beziehung keinen Zwang gegen mich ausüben .. ich habe mein Ver⸗ ſprechen gegeben . . ich habe nur ein einziges Wort.“ „Allerdings, liebes Kind, aber wenn Ihre Ver⸗ wandten vermöge ihrer Rechte als Vormünder ſich dieſer Verbindung widerſetzten?“ „Was höre ich,“ rief Philipp ängſtlich, „was ſagſt Du, Mutter?“ „He, he,“ grinste der Doctor, „dieſer gute Junge vergißt in ſeiner verliebten Angſt, daß, wenn ich mich einmal einer Sache annehme, ich ſie auch 318 zum gewünſchten Ende zu führen weiß. Ich bürge für die Einwilligung von Herrn und Frau Morand vor allen Dingen weil ſie, wenn ſie Helviſe verheirathen wollen, dabei keinen anderen Zweck ha⸗ ben, als ſich ihrer zu entledigen . . . es iſt ihnen ganz gleichgültig, ob ſie dieſen oder jenen heirathet aber wenn ſie ſichs je einfallen liehen ſich wider⸗ ſpenſtig zu zeigen und ihre Einwilligung zu verwei⸗ germ 5 h e ich beſitze allerlei Waffen in meiner Hand . .. Dieſer Morand iſt ein abſcheulicher Wucherer . . . Einer meiner jungen Clienten, ein vornehmer junger Herr, der wie ſo viele Andere ſein Vermögen und ſeine Geſundheit ruinirt, iſt, wie er mir geſagt hat, von dieſem Mo⸗ rand bis auf's Blut geſchunden worden. Die That⸗ ſachen liegen auf der Hand, und ich brauche dem Exhuiſſier nur mit der Juſtiz zu drohen, um augen⸗ blicklich ſeine Einwilligung zu erlangen. Und nun, meine liebe Helviſe,“ fügt der Doctor jetzt nicht mehr hämiſch, ſondern ernſt und innig hinzu, „glauben Sie mir's wohl, trotz der großherzigen Hartnäckigkeit, womit Sie mir die harte Behandlung verſchwiegen haben, die Sie von Ihren Verwandten zu erdulden hatten, wußte ich Alles ganz genau. Ich hätte, wie ich mich auch ſpäter entſchloſſen habe, ein anderes Haus für Sie ſuchen können, wo man Ihnen die Widerwärtigkeiten und qualvollen Demüthigungen, die Sie erleiden mußten, erſpart hätte; aber die Wider⸗ wärtigkeit iſt eine rauhe und heilſame Schule; ich hielt es für nützlich, daß Sie eine Zeit lang beinahe bloß die erſte Magd Ihres Onkels und Ihrer Tante waren; dieſe Unterthänigkeit, welche Sie mit der 3¹9 Feſtigkeit, Ergebung und Würde, die ich von Ihrem Charakter erwartete, auf ſich genommen, dieſe Unter⸗ thänigkeit hat für Sie den Vortheil gehabt, daß Sie praktiſch in die beſcheidenſten Details des Haushalts eingeweiht wurden. — Ja,“ fügte der Doctor lächelnd hinzu, „ja, mein lieber Philipp, dieſe ſchöne Muſe, welche den goldenen Kranz, den man ſo eben auf ihre edle Stirne gedruckt hat, ſo wohl verdient, iſt eine ebenſo vortreffliche Hausfrau wie Ihre Mutter und wird gleich dieſer einen lebendigen Beweis da⸗ für abgeben, daß das Genie ſich bei einer Schrift⸗ ſtellerin mit der Ordnung, mit der guten Oeconomie, mit der Regelmäßigkeit des häuslichen Lebens, die beinahe unzertrennlich von der Regelmäßigkeit der Sitten iſt, vermählen kann und vermählen muß. In dieſer Beziehung, meine Freunde, noch ein letztes Wort, als eine Art von Schlußmoral für die An⸗ hänger der Kunſt um der Kunſt willen, — mit andern Worten für die Anhänger der Vernachläſſi⸗ gung oder gänzlichen Verneinung des erhabenen, moraliſirenden Zweckes, den ein Schriftſteller ver⸗ folgen muß, wenn er ſeinem heiligen Beruf nicht untreu werden will. „Die Verfaſſerin des modernen Cherubin hat Kunſt um der Kunſt willen getrieben. „Die Verfaſſerin des ſocialen Elends und die Verfaſſerin der Waiſen und der Reiſe zweier Seelen durch die Welten haben ihren Werken einen nützlichen, edlen, erhabenen Zweck gegeben. Vergleichen Sie nun das Facit (bitte um Verzeihung für dieſen arithmetiſchen Ausdruch, vergleichen Sie, ſage ich, nach den Thatſachen, die wir geſtern und 320 — heute früh geſehen haben, das Facit dieſer beiden ſo verſchiedenen Literaturen. , „Das Werk der Frau Robertin hat noch weit mehr als ihre Perſon vorübergehend, nicht das Herz, ſondern den Kopf Philipps in Verwirrung gebracht; ſein bisher reines, heiteres, glückliches Leben iſt durch Muthloſigkeit, Bitterkeit, Zweifel an ſich ſelbſt, Ver⸗ achtung des Ruhmes und durch die herben Gährungs⸗ ſtoffe der böſen Leidenſchaften getrübt, vergällt, ver⸗ düſtert worden. „Das Werk von Clemence Hervé hat die Familie Claude Erard's aus einem Abgrund von Elend gerettet. „Das Werk von Maria Saint⸗Clair hat die Er⸗ richtung neuer Waiſenhäuſer hervorgerufen und jene männlichen Glaubensmeinungen, worin das galliſche Volk die ſtolze Seelenſtärke ſchöpfte, die keine andere Nation je erreicht hat, in den Herzen wiedererweckt. „Entſchuldigen Sie, mein Freund, dieſe kleine Schlußmoral; Sie aber, Philipp und Helviſe, fahren Sie fort des Namens würdig zu ſein, welchen Sie tragen .. . Munter ans Werk, wetteifernde, junge Genoſſen, mögen Ihre Statuen und Ihre Gedichte immer das Schöne, Gute und Große, was die Menſchheit darbietet, ſymboliſch darſtellen und ver⸗ herrlichen!“ Einen Monat ſpäter heirathete Philipp ſeine Heloiſe und . . . wird man es wohl glauben? .. Frau Robertin war feſt entſchloſſen ſich zu beſſern, ja was noch mehr iſt, ſie wurde wirklich eine ehr⸗ bare Schriftſtellerin. Ende der Schriftſtellerin. M— * 1 ½ N . m — 5S S14 nenqae