Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von ² 2 Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1 ollensein der Bipliothek. Die Bibliothef ſteht zur Gn⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet i ird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Ie. 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TMt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. 8 „ S 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersat?z. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 1 Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt † der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7 Ausfeihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen S der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Ceufel als Arzt. „ Roman von Eugen Fue. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Vierter Band. Schluß. =— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart⸗ I. Frau Honorine Dumesnil, fünfundvierzig Jahre alt und Mutter einer demnächſt fünfzehnjährigen Tochter, war einige Zeit vor dem Beginn dieſer Erzählung Wittwe des Doctors Dumesnil, eines berühmten Arztes und ſehr rechtſchaffenen, äber kalten und verſchloſſenen Mannes geworden, der immer in ſeine Wiſſenſchaft vertieft war und in ſeinem Haus eine ſtrenge, obwohl vernünftige Sparſamkeit verlangte. Er beſuchte keine Geſell⸗ ſchaft und ging jeden Abend ſchon um acht Uhr zu Bette, weil er beinahe jeden Morgen ſchon um drei Uhr ſeine Lampe anzündete, um zu leſen, die neueſten Werke im mediziniſchen Gebiet zu ſtudiren und ſich in Betreff der Fortſchritte ſeiner Kunſt ſtets auf dem Laufenden zu erhalten. Er mußte dieſen Studien ſeine Nächte widmen, da ſeine Tage fortwährend durch zahlreiche Krankenbeſuche oder Conſultationen in Anſpruch genommen waren. Doctor Dumesnil hatte ſeiner Frau und ſeiner Tochter immer ſehr imponirt; aber bei aller Furcht liebten und verehrten ſie ihn: ſie wußten, daß er von ſeinen Pflichten als Gatte und Vater durch⸗ 4 drungen war, aber von ſeinen wahren und nicht von jenen ſehr beſtreitbaren Pflichten, kraft deren er nach einem Tag voll Mühe und Arbeit ſeine Abendruhe und ſeine nächtlichen Stunden den Ver⸗ gnügungen ſeiner Frau und ſeiner Tochter hätte opfern und ſie ins Theater oder auf den Ball führen müſſen. Dem ſeligen Doctor zufolge lagen ſolche Willfährigkeiten gänzlich außerhalb der wah⸗ ren Pflichten des Familienvaters; er dachte, eine rechtſchaffene Frau müſſe ſich entſchloſſen in die Entbehrung der weltlichen Vergnügungen fügen, wenn ihr Mann ihr das Beiſpiel dieſer Entſagung gebe. Ohne hier die eheliche Theorie des Doctors zu er⸗ örtern, werden wir blos ihre Reſultate feſtſtellen, indem wir hinzufügen, daß ſeine Wittwe ſich über die ganze Dauer ihrer Ehe tödtlich gelangweilt hatte. Die Wittwe Dumesnil war im Uebrigen eine ſehr gute Frau in der ganzen Bedeutung des Worts, voll von Zärtlichkeit gegen ihre Tochter, von Hin⸗ gebung gegen ihren Mann, ſanft, ſchüchtern, von tadelloſen Sitten, aber von äußerſt ſchwachem Cha⸗ rakter und ziemlich beſchränktem Verſtand; nament⸗ lich fehlte ihr die Feſtigkeit des Geiſtes, die einer ſich ſelbſt überlaſſenen Perſon nothwendig iſt, um ihr Leben vernünftig einzurichten. Sie hatte harm⸗ loſe Fehler; ſie war frivol in ihren Neigungen, von einer Nachſicht, die bis an Duldung des Böſen ſtreifte, einer gerechten Strenge unfähig, ſehr zur Verſchwendung geneigt, verſtand Nichts von der Haushaltung, und ſo wäre ihr Haus gänzlich in Unordnung gerathen, ohne die unaufhörliche Auf⸗ ſicht und den unerſchütterlichen Willen ihres Man⸗ 5 nes, der ſeine Ausgaben ſtets innerhalb der ver⸗ nünftigen Schranken zu halten gewußt hatte. Nachdem dieß vorausgeſchickt worden, wird man leicht begreifen, daß Frau Dumesnil nicht abſolut eine untröſtliche Wittwe war; nichtsdeſtoweniger beklagte ſie in der Vortrefflichkeit ihres Herzens während der erſten Zeiten ihrer Wittwenſchaft ihren Mann mit aufrichtiger Pietät, da ſie mehr ein in⸗ ſtinctmäßiges Bewußtſein, als eine auf klarer Ueber⸗ legung beruhende Einſicht von dem hohen morali⸗ ſchen Werth des dahingeſchiedenen Mannes hatte. Sie widmete ihm alſo nachträglich eine ehrliche Huldigung und geſtand ſich, daß er, ſo unbeugſam er ſich in Bezug auf nutzloſe Verſchwendung und Verſchleuderung gezeigt habe, dennoch immer den Wünſchen ſeiner Frau und ſeiner Tochter entgegen⸗ gekommen ſei, ſobald ſie vernünftig geweſen. Sie geſtand ſich ferner, daß ſie ihrem Manne niemals ein verletzendes Benehmen vorzuwerfen gehabt, ſondern daß er ſie ſtets aufs Rückſichtsvollſte be⸗ handelt habe; kurz ſie ſah ein, daß ſeine Willens⸗ meinungen, worin er ſich unerſchütterlich gezeigt, ſtets auf den Grundſäßen biederer Rechtſchaffenheit geruht und ſich gewöhnlich in äußerſt wohlwollen⸗ den Ausdrücken geltend gemacht hatten. Während die Wittwe auf ſolche Art das An⸗ denken des Verſtorbenen ehrte, ſah ſie gleichwohl bald durch ihren Trauerflor hindurch eine Exiſtenz, die von ihrer bisherigen, fünfzehn Jahre lang durchgemachten, gänzlich verſchieden war. Ihr per⸗ ſönliches Vermögen belief ſich nebſt der Hinterlaſſen⸗ ſchaft des Doctors auf ungefähr hundertſechzigtau⸗ 6 ſend Franken, wovon die Hälfte ihrer Tochter, ſo⸗ bald ſie majorenn würde, zufallen und ihre Mitgift bilden ſollte. Dieſe Tochter hieß Henriette und ging in ihr fünfzehntes Jahr, als der Vater ſtarb. Sie war mit einer ausgezeichneten Intelligenz be⸗ gabt und erinnerte an gewiſſe Seiten des väter⸗ lichen Charakters: ſie hatte einen kräftigen Willen, einen geſunden Verſtand, eine kalte an ſich gehal⸗ tene, aber unüberwindliche Entſchloſſenheit; für ihr Alter war ſie ſehr ernſt und beſaß noch überdieß einen männlichen Muth, wie man ihn bei ihrem Geſchlecht ſehr ſelten findet. Die Art von Rück⸗ haltung, wo nicht von Angſt, die lange Zeit den Ausdruck ihrer Zärtlichkeit gegen ihren Vater ge⸗ mäßigt, deſſen ſtrenger Ernſt ihr ſehr imponirte, war verſchwunden, als die Jahre ihre Vernunft zur Reife brachten; und im Augenblick, wo ſie ihn verlor, begann ſie zu ahnen, daß er ſich weniger ſtreng und unzugänglich gezeigt haben würde, wenn er nicht im Intereſſe der guten Erziehung ſeiner Tochter und der Ordnung, die er in ſeinem Hauſe wünſchte, nöthig geglaubt hätte ſeine Frau, deren Schwachheit und Regelloſigkeit ſchlimme Folgen haben konnten, einzuſchüchtern und zu zügeln. Beim Tode des Doctors empfand ſeine Tochter einen tiefen, auf guter Ueberlegung beruhenden Kum⸗ mer, und bei ihrem frühreifen Verſtand ſah ſie mit einer unbeſtiinmten Unruhe der Zukunft entgegen. Da ſie die Fahrläſſigkeit, Unvorſichtigkeit und Leich⸗ tigkeit des mütterlichen Charakters kannte, ſo wußte ſie ihn auch mit einer für ihr Alter ſeltenen Rich⸗ tigkeit des Urtheils zu würdigen; allein dieſe ge⸗ 7 rechte Würdigung that der kindlichen Zärtlichkeit und Verehrung Henriettes keinen Eintrag, ſondern verdoppelte ſie vielmehr. Voll Vertrauen auf ihren Muth beſchloß ſie ihrer Mutter eine Stütze zu wer⸗ den, und widmete ihr jenes rührende Mitgefühl, welches die Kraft gegen die Schwachheit empfindet, ſo daß in Folge einer ſeltſamen Verkehrung der natürlichen Pflichten dieſes wackere, ernſthafte Kind von kaum fünfzehn Jahren manchmal daran dachte, es könne vielleicht der Tag kommen, wo ſie für die Wittwe ihres Vaters zu ſorgen habe. Frau Dumesnil liebte ihre Tochter aufs Zärt⸗ lichſte. Sie verbeugte ſich naiv vor ihrer Intelli⸗ genz und geſtand ſich mit Beſcheidenheit oder viel⸗ mehr mit einem bedeutenden Mutterſtolz ein, daß ihre Henriette ein famöſes Köpfchen ſei, ſo daß ſie ſelbſt, ihre Mutter, gar nichts Beſſeres thun könne, als ſie über alle Dinge zu befragen und ſich ſtets an ihr Gutachten zu halten. So vortrefflich dieſe maßloſe Mutterliebe im Princip war, ſo offenbarte ſie ſich doch häufig auf eine Art und Weiſe, die mehr für die Generoſität als für den Verſtand der Wittwe zeugte. Unter tauſend Zügen nür Einen. Beinahe unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes verausgabte ſie fünf bis ſechstaäuſend Franken, um ihrer Tochter eine Ueberraſchung zu bereiten, indem ſie das Zimmer der Kleinen mit einem Lurus mö⸗ bliren ließ, der um ſo unvernünftiger war, als er an die Stelle des wünſchenswerthen Comforts einen ruinirenden Ueberfluß ſetzte; Henriette, die, wie man ſich denken kann, von dieſer Ueberraſchung nicht in Kenntniß geſetzt war, machte ihrer Mutter 8 liebreiche Vorwürfe darüber und mußte dieſelben bald wiederholen, als die Mutter einen nicht min⸗ der unvernünftigen Aufkauf von prächtigen Trauer⸗ und Halbtrauerſtoffen machte, wodurch ſie die her⸗ aufkeimende Schönheit ihrer Tochter in glänzenderes Licht zu ſtellen gedachte. II. Der verſtorbene Doctor hatte unter andern Ver⸗ wandten einen ſehr weitläufigen Vetter, den er nur ſelten ſah und ſo kalt behandelte, daß dieſer Verwandte die ſprichwörtliche Zähigkeit der Schma⸗ rozer oder Tellerlecker beſitzen mußte, um einen ſolch demüthigenden Empfang ertragen zu können. Der Vetter hieß Stanislas Gabert. Subalterner Beamter einer öffentlichen Verwaltung, genoß er in gewiſſen finanziellen Kreiſen, die es mit der Wahl ihrer Vergnügungen nicht ſo genau nahmen, einen Ruf als Sänger von Romanzen, denen er, um das Zwerchfell der Herren und Damen von der Bank zu erſchüttern, die in Bezug auf grobes Salz und handgreifliche Zoten ſehr naſchhaft ſind, den Ragout jener komiſchen Liedchen beifügte, welche Herr Levaſſor in Mode gebracht hat; eine Ein⸗ ladung zum Mittag⸗ oder Abendeſſen, zuweilen auch ein Darlehen von etlichen Louisd'or, die für den Amphitryo auf immer verloren waren, bezahl⸗ ten Herrn Stanislas Gabert für ſeine luſtigen Künſte. Der verſtorbene Doctor tadelte die Hanswurſt⸗ —˙——— — 9 rolle, die ſein Vetter angenommen hatte, mit ge⸗ rechter Strenge und würde ihm, wenn er nicht ein gewiſſes Mitleid empfunden hätte, ſeine Thüre ver⸗ ſchloſſen haben; da indeß die Beſuche des Schma⸗ rozers ziemlich ſelten waren, ſo begnügte ſich der Doctor ihm durch einen eiskalten Empfang zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß er ganz und gar nicht will⸗ kommen ſei, wenn er ſich zufällig einmal bei ſeinem hochgelahrten Vetter, wie Herr Stanislas Gabert ſagte, zum Mittageſſen einlud. Herr Gabert be⸗ zahlte übrigens ſeine Zeche mit ſeiner gewöhnlichen Münze, Romanzen und komiſchen Liedchen, aber erſt wenn der Doctor ſich nach ſeiner Gewohnheit Schlag acht Uhr in ſein Zimmer zurückgezogen hatte; ſeine Frau, welche die Vergnügungen des Theaters entbehren mußte, betrachtete die Abende, wo Herrn Gaberts Talente ihre Einſamkeit erhei⸗ terten und entzückten, als wahre Feſte. Sie lachte bis zu Thränen über ſeine Liedchen, wenn er den Engländer nachmachte oder die alte Portiere ſang; aber am allerliebſten hörte ſie ihn mit ſchmachten⸗ dem Ton ſeine Romanzen girren, wobei er die Augen verdrehte und Stellungen eines ſiegreichen Troubadours annahm, worin ſeine ganze Gecken⸗ haftigkeit an den Tag kam. Henriette, die mit ihrer Mutter dieſen Poſſenſpielen anwohnte, begriff die plumpen Späſſe nicht und gähnte bei Herrn Gaberts Romanzen. Dieſer Burſche war kaum dreißig Jahre alt und hatte ein fades Milchgeſicht, eingerahmt von einem bicken ſchwarzen Backenbart; dabei hatte er eine gute Farbe, weiße Zähne, rothe Ohren und breite Schuktern. Er war beſtändig 10 vollkommen geſchniegelt und gebiegelt in ſeinen freilich etwas abgeſchabten Kleidern, und ſo erin⸗ vnerte er die Doctorin, die ſich über dieſe Aehnlich⸗ keit ſehr erfreute, an die Gliedermännchen, welche die Schneider in ihren Schaufenſtern ausſtellen. Kurz und gut, ſie erkannte in allen Züchten und Ehren — denn ſie war eine ehrſame Frau und hatte vierzig und noch mehr Jahre auf dem Rücken — in Herrn Stanislas den liebenswürdigſten und ſchönſten Jungen von der Velt. Dieſe kleinen Geſangunterhaltungen fanden, wie wir geſagt haben, in Abweſenheit des Doctors ſtatt, der ſich gewöhnlich Schlag acht Uhr zur Ruhe be⸗ gab. Eines Abends jedoch hat er ſich nicht un⸗ mittelbar ins Bett gelegt, und da er für den fol⸗ genden Tag einen Befehl zu ertheilen wünſcht, ſo will er zu ſeiner Frau zurückgehen; aber im Augen⸗ blick, wo er die Salonthüre öffnet, hört er ein ſchallendes Gelächter und lauſcht. Herr Stanislas ſang eine Poſſe, die ſich für die Ohren eines Mäd⸗ chens von vierzehneinhalb Jahren und auch für eine Frau von guter Geſellſchaft ganz und gar nicht ſchickte. Der Doctor trat plötzlich ein und erklärte ſeinem Vetter ſtreng, er erſuche ihn ſeine ungezogenen Späſſe an ſolchen Orten aufzuführen, wo man ſie dulde, und nachdem er ſich einer groben Reſpectwidrigkeit gegen Frau Dumesnil und ſeine Tochter ſchuldig gemacht, die ſo zu ſagen wider ihren Willen ſo plumpe Späſſe haben anhören müſſen, ſo erkläre er ihm hiemit, daß er ſein Haus nie mehr zu betreten habe. Herr Stanislas entfernte ſich mit geſenkten 11 Ohren und zeigte ſich nie wieder bei ſeinem Vetter. Frau Dumesnil, die ſtets unterwürfig und er⸗ gebungsvoll war, wagte kein Wort über die Aus⸗ weiſung des Romanzenſängers und fügte ſich über⸗ dieß mit vollkommener Aufrichtigkeit in die Be⸗ merkungen ihres Mannes, der ihr ohne Bitterkeit und Härte, aber feſt und überzeugend begreiflich machte, daß ihre Tochter in ihrem Alter weder Liebeslieder noch Zoten anhören dürfe. Frau. Dumesnil erkannte die Richtigkeit dieſer Bemerkung, ſehnte ſich aber nichtsdeſtoweniger im Stillen nach den ſeltenen Abenden zurück, welche dieſer aller⸗ liebſte Herr Stanislas ſo ergötzlich zu machen wußte; dann ließ ihn auch die demüthigende Ver⸗ ſtoßung in den Augen der vortrefflichen Frau als eine Art von Opfer erſcheinen, und ſchon vor ihrer Wittwenſchaft hatte ſie mehrere Male ſeufzend zu ſich ſelbſt geſagt: „Armer Herr Stanislas!“ IH. Kurz nach dem Tod des Doctors verſammelte ſich ein Familienrath, um für die junge Henriette einen Pfleger zu beſtellen. Es geſchieht häufig, daß die zu ſolchen Ver⸗ ſammlungen, die doch wahrlich ein bedeutendes Intereſſe haben, einberufenen Familienmitglieder dieſelben als langweilige Frohndienſte betrachten und deßhalb nicht hingehen. Daſſelbe war bei der erſten Familienverſammlung der Fall, die zur Er⸗ eines Vormunds für Henriette einberufen wurde. Ihre Mutter, die zuerſt im Saal des Friedens⸗ gerichtes erſchien, fand Anfangs nur einen einzigen Verwandten, einen mürriſchen Greis, der gänzlich taub warz bald kam in ſeiner Eigenſchaft als Vet⸗ ter des Verſtorbenen Herr Stanislas Gabert, der ſich ſehr pünktlich einſtellte, in der Hoffnung irgend ein Diner wegzufiſchen. Die Wittwe hatte den Romanzenſänger ſeit ſei⸗ ner Ausweiſung aus ihrem Hauſe nicht mehr ge⸗ ſehen. Sie empfing ihn mit der liebenswürdigſten Zuvorkommenheit, erinnerte ihn an jene herrlichen allzu ſeltenen Abende, wo ſie das Glück gehabt ſich an ſeinem köſtlichen Talent zu erfreuen, ſeufzte bei ihrer Anſpielung auf die Sittenſtrenge des Seligen, der den Künſten und den Künſtlern nicht ſehr hold geweſen; kurz ſie äußerte die Hoffnung, daß Herr Stanislas ſeine alte Baſe nicht vergeſ⸗ ſen werde, wenn er einige ſeiner köſtlichen Augen⸗ blicke zu vergeuden habe. Herr Stanislas, der ſehr wenig Takt beſaß und durch ſein niederträchtiges Schmarozerleben ge⸗ waltig heruntergekommen war, hätte noch Schlim⸗ meres gethan, als daß er für einige Mahlzeiten oder Louisd'or ſang oder Poſſen riß, wenn ihn die Noth in eine jener äußerſten Lagen getrieben hätte, aus welchen ſich die Halunken nur auf ver⸗ brecheriſchem Wege zu ziehen wiſſen; aber er lebte ſo gut es ging von ſeinem magern Gehalt von fünfzehnhundert Franken, der oft zur Hälfte von 13 ſeinem Schneider oder Schuhmacher mit Beſchlag belegt war, denn Herr Gabert war ein großer Freund von eleganten Kleidern, er liebte eine gute Tafel, das Theater, das Spiel, die Weiber, mit andern Worten ein verſchwenderiſches und aus⸗ ſchweifendes Leben; er hatte, wie er ſagte, glückliche Liebesabenteuer gehabt; trotz ihrer Alltäglichkeit kitzelten ſie ſeine Eitelkeit über die Maßen, und nun glaubte er ſich mittelſt ſeines Laſtträgerhalſes, ſeines dichten Backenbarts, ſeiner rothen Farbe, ſeiner Träller und Schwänke vollkommen un⸗ widerſtehlich. Da er zahlreiche grobe Gelüſte hatte, da er in ſeinem Benehmen weder Regel noch Maß kannte, ſo vegetirte er in einer beſtändigen Genirtheit, die ſtark an Elend gränzte: ſein Ge⸗ werbe als Commis ſchien ihm tief unter ſeinen Verdienſten zu ſtehen, und der Herr fand es un⸗ erträglich um neun Uhr aus den Federn zu müſſen, um auf ſein Bureau zu gehen, wenn er Morgens um vier Uhr von dieſen ſchönen Geſellſchaften zurück⸗ gekommen war, deren Zierde er bildete. Dieſer ſcham⸗ und ſittenloſe, tief geſunkene Wüſtling, der mit ſchlechten Inſtincten aller Art behaftet war und ſeine Geckenhaftigkeit bis zur blödſinnigſten Vermeſſenheit trieb, war dabei ſchlau und zäh und beſaß eine gaunerhafte Verſtellungs⸗ kunſt, die ſehr gefährlich war. Als er daher die Doctorswittwe erblickte, die ſich über ihr Zuſammen⸗ treffen mit dieſem lieben Herrn Stanislas ſo ſehr zu freuen ſchien, da durchblitzte ihn eine plötzliche dee, die ſich in ſeinem Kopf bald folgendermaßen formulirte: 14 „Mein Knicker von Vetter muß ein hübſches Vermögen hinterlaſſen haben. Ich werde in meiner Eigenſchaft als Mitglied des Familienraths bald die Summe erfahren. Wenn ſie mir zuſagt, und das wird ſie wie ſie auch ausfallen mag, da ich gar Nichts beſitze, warum ſollte ich dann dieſe gute dicke Gans von einer Doctorin nicht heirathen? Sie wird freilich bald fünfzig auf dem Rücken haben; aber ſie iſt noch immer präſentabel. Ihre blonden Haare werden nicht grau; ſie hat einen friſchen Teint, ſchöne Zähne, recht hübſche Augen, die freund⸗ lichſte Phyſiognomie von der Welt; ſie iſt von die⸗ ſem Despoten von Doctor zum leidenden Gehorſam abgerichtet worden; ſie iſt ängſtlich, ſie hat weder Willen noch Charakter; ſie wird alſo fügſam ſein und unterwürfig wie ein gut dreſſirter Hund. Sie muß ſich während ihrer Ehe ſcheußlich gelangweilt haben; ich werde vor ihren Augen die glänzende Geſellſchaft ſchimmern laſſen, wo mein Talent als Sänger geſucht iſt, und ich will ihr verſprechen ſie da einzuführen; ich werde liebäugeln; ich werde mich zärtlich, verliebt, dringend zeigen, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich die dicke Wittwe nicht verführen ſollte . . . Ich habe ſchon ganz andere verführt: ich kenne die Frauen und bin ein wahrer Teufelskerl. Sie muß ſieben bis achttauſend Franken Rente beſitzen; man kann das Einkommen verdoppeln und verdreifachen, wenn man das Kapital angreift, und dazu bin ich wohl im Stande. Ich gebe gleich nach der Hochzeit meine Entlaſſung ein und führe ein angenehmes Parti⸗ culierleben. Ich halte ein gutes Haus, eine gute 15 Tafel und Alles was dazu gehört. Es bleibt dabei. Bei Gott, ich mache die Wittwe vernarrt in mich und heirathe ſie .. Ihre Tochter iſt kaum fünf⸗ zehn Jahre alt . . ſie kann meine Pläne nicht verhindern; was ſage ich! Oh Macchiavell, der ich bin. Dieſes kleine Mädchen muß mir noch zum Fußtritt dienen; ich muß es dahin bringen, daß man mich zu ihrem Pfleger ernennt; in dieſer Stellung komme ich in unaufhörliche Berührungen mit der Wittwe und kann ſpäter doppelt feſten Fuß im Hauſe faſſen. Die Marſchordnung lautet alſo wie folgt: Ich werde zuerſt Pfleger des kleinen Mädchens und dann werde ich ihr Stiefvater. Dieß iſt mein Plan. Er muß gelingen. Ein hübſcher Burſche von dreißig Jahren hat immer Recht bei einer einfältigen Frau von fünfundvierzig bis fünfzig; ich kenne die Schönen.“ Herr Stanislas Gabert entſchloß ſich plötzlich die Wittwe zu verführen, und machte ſich gleich bei dieſem erſten Zuſammentreffen im Saal des Frie⸗ densgerichts, wo er ſich mit Frau Dumesnil und einem tauben Verwandten von ihr zuſammenbefand, ans Werk; er zog ſie bei Seite an ein Fenſter, entfaltete ſeine ſchönſten Manieren, ſeine verfüh⸗ reriſchſte Grazie, lachte um ſeine Zähne zu zeigen, glättete ſeinen ſchwarzen Backenbart, warf ſich in die Bruſt, wiegte ſich auf ſeinen Hüften, biß in ſei⸗ nen Stockknopf, äugelte, gab abgedroſchene Galan⸗ terien preis, die aber für die gute Wittwe das Verdienſt und die Friſche der Neuheit hatten; ſo⸗ dann Ping der Halunke vom Heitern zum Ernſten und Rützlichen über, ſpielte den geſetzten Mann, . 16 den von ſeinen Pflichten durchdruͤngenen Verwand⸗ ten, deklamirte über die unverzeihliche Nachläſſig⸗ keit dieſer Leute, die, nachdem man ſie zu einem Familienrath einberufen, um ſich der heiligen In⸗ tereſſen einer Minderjährigen anzunehmen, der Auf⸗ forderung keine Folge geleiſtet; denn die Sitzung mußte wirklich auf acht Tage verſchoben werden, da der alte Taube und Herr Gabert ſich allein bei der Verſammlung eingefunden hatten. Frau Dumesnil war entzückt und bezaubert von Herrn Stanislas. Sie nahm ihm zu wiederholten Malen das Verſprechen ab ſie zu beſuchen und an einem beſtimmten Tag bei ihr zu diniren; er er⸗ mangelte nicht zu erſcheinen, da er ohnehin die achttägige Friſt bis zur neuen Einberufung des Familienraths auszubeuten gedachte. Ganz beſon⸗ ders wollte er ſich den Widerwillen zu Nutze ma⸗ chen, den viele Perſonen an den Tag legen, wenn es ſich von Uebernahme einer Pflegersſtelle handelt, delicater, wichtiger und verwickelter Functionen, die eine ungemeine Verantwortlichkeit mit ſich führen in den Augen Solcher, die durchdrungen von der rührenden Solidarität, welche die Mitglieder einer Familie unter ſich verbinden muß, dieſe Art von Vicevaterſchaft, deren guter oder ſchlechter Gebrauch ſo wichtige Folgen für die Zukunft des Mündels hat, ehrlich übernehmen und ausführen; aber keines der Mitglieder der Familie Dumesnil begriff dieſe Solidarität, welche ſie unter ſich verbinden ſollte. Der verſtorbene Doctor hatte ſich ſein Leben lang gänzlich zurückgezogen und abgeſperrt; er hatte ſeine Verwandten nicht beſucht, die jetzt drei an der 17 Zahl die Mehrheit des Rathes bildeten: der eine war Herr Gabert, der zweite ein reicher Kaufmann, der dritte ein ausgezeichneter Gelehrter. Die beiden Letzteren betrachteten die Pflegſchaft, womit ſie ſich bedroht ſahen, als einen ſehr langweiligen Frohn⸗ dienſt, der ſie in ihren Angelegenheiten und Ge⸗ ſchäften gewaltig ſtören könnte. Der Kaufmann ſah ſein eigenes Vermögen als Bürgſchaft in An⸗ ſpruch genommen und ſich in ſeinen Operationen ge⸗ lähmt; der Gelehrte, der nur in ſeinen Studien lebte, glaubte, die Vermögensverwaltung für ſeine Mündel würde ihm unerſetzliche Zeitverluſte verur⸗ ſachen. Von den beiden Vettern mütterlicher Seite endlich war der Eine ein egoiſtiſcher tauber alter Mann, der ſich um die Intereſſen der Minderjäh⸗ rigen Nichts bekümmerte; der Andere, ein müßiger Rentier, zeigte ſich nicht abgeneigt die Vormund⸗ ſchaft zu übernehmen, aber Herr Stanislas Gabert benützte die achttägige Friſt, welche der zweiten Zu⸗ ſammenkunft der Verwandten voranging, dazu daß er ſie beſuchte und ihnen in Betreff der Vormund⸗ ſchaft den Ruls fühlte. Wie er erwartet hatte, fand er bei ihnen Allen, mit Ausnahme des Ren⸗ tiers, eine mehr oder weniger ſtarke Abneigung gegen dieſe Verpflichtung; er erbot ſich daher groß⸗ müthig an ihre Stelle zu treten, und ſein Anerbie⸗ ten wurde mit der lebhaften Beeiferung angenom⸗ men, womit man eine ſchwere Laſt auf fremde Schultern zu wälzen pflegt. Pochend auf dieſe Zuſicherung begab ſich Herr Gabert zu Frau Dumesnil und bot ſich ohne Wei⸗ teres zum Vormund ihrer Tochter an; entrüſtet über Sue, der Teufel als Arzt. IW. . 18 die Weigerung der übrigen Mitglieder des Fami⸗ lienrathes habe er ſich, fügte er am Schluß hinzu, entſchloſſen für ſeine junge Mündel ein zweiter Va⸗ ter zu ſein, und dieſe Worte: ein zweiter Va⸗ ter wurden mit einer Art von Geblöcke betont, das ebenſo melancholiſch und rührend war, wie wenn er den Refrain der famöſen Romanze: Ma bönne mö d d ve blöckte. Frau Dumesnil, bis zu Thränen gerührt, dankte“ Herrn Stanislas mit den wärmſten Ergüſſen. Dieſe vortreffliche Frau, die bei ihrem beſchränk⸗ ten Verſtand ausnehmend vertrauensvoll und be⸗ ſonders in Bezug auf das Gute leichtgläubig war, wie die ehrlichen Leute es ſind, glaubte den Phönir aller Vormünder gefunden zu haben: einen würdi⸗ gen, allerliebſten jungen Mann, der mit gediege⸗ nen Eigenſchaften die Annehmlichkeit verband, daß er wie eine Nachtigall ſang und eine Comik hatte, worüber man ſich zu Tod lachen konnte. Von der Wittwe warm unterſtützt, von der Mehrheit der Verwandten in der Stille vorangeſcho⸗ ben, eroberte Herr Stanislas die Vormundſchaft im Sturme. Nachdem dieſer erſte Schritt gethan war, mußte das Uebrige ſich von ſelbſt ergeben. Gabert zeigte viel Schlauheit und Gewandtheit, um zu ſeinen Zwecken zu gelangen, mit denen er nur allmählig hervortrat. Da er durch allzu große Haſt den Er⸗ folg zu gefährden fürchtete, hielt er ſich auf ſei⸗ ner Hut, gab ſich aber alle Mühe die Wittwe ver⸗ liebt zu machen, die er häufig beſuchte. Bald kam es ſo weit, daß er unter dem Vorwand von Inter⸗ „ 19 eſſen, die ſich auf die Vormundſchaft bezogen, täg⸗ lich erſchien und förmlich der Herr vom Hauſe wurde, wo er regelmäßig ein Gedecke vorfand: ge⸗ gen die Dienerſchaft, namentlich gegen eine alte Magd Namens Angelique, zeigte er ſich freundlich; gegen Henriette väterlich gütig; bei der Wittwe war er zärtlich, kokett und blendete ſie durch Aufzählung der vornehmen Leute, die er beſuchte; er kam zu Bankiers und Wechſelagenten; er erzählte von den Feſten und Bällen, zu denen er geladen wurde. „Aber,“ ſagte er ſeufzend und mit einem beſchei⸗ den leidenſchaftlichen Augenwurf auf die arme Frau Dumesnil, „er ſtand allein in dieſer glänzenden Ge⸗ ſellſchaft, ohne ein Herz, das die Schläge des ſeini⸗ gen erwiderte, ohne eine Seele, die mit der ſeini⸗ gen verſchwiſtert war,“ und andern ſentimentalen Blödſinn aus der faden Poeſie der Romanzen, die er zu girren pflegte. Er habe, fügte er hinzu, immer eine entſchie⸗ dene Neigung zur Ehe gehabt; aber er ſei arm, er lebe von ſeinem geringen Gehalt, und in die⸗ ſem eiſernen Jahrhundert verhärte ber Egoismus die Herzen dermaßen, daß ein rechtſchaffener und braver junger Mann ohne einen Sou in der Taſche mit Verachtung von dieſen ſchönen Fräulein angeſehen werde, die lediglich auf ein ihrer eigenen Mitgift ent⸗ ſprechendes Vermögen ausgehen. Im Uebrigen würde Herr Gabert, wenn er ſich je verheirathete, ſeine Huldigung einer Wittwe zugewendet haben, weil in dieſem Fall die Convenienz es nicht ver⸗ hindere als Vorſpiel zu der Ehe freundſchaftliche Be⸗ ziehungen zu unterhalten, welche den Charakter und 2 — 20 die Neigung der Perſon, um die man werbe, ken⸗ nen zu lernen und zu würdigen geſtatten. — Hier⸗ auf kam die obligate Parallele zwiſchen kopfloſen, leichtfertigen, aller Lebenspraxis ermangelnden jungen Mädchen und zwiſchen Frauen, die zu ihrer Reife, zur Majeſtät des Alters gelangt ſeien, und deren Er⸗ fahrung, Geſeztheit und ernſte Zuneigung einem Manne, der ſich nicht mit verführeriſchen aber trü⸗ geriſchen Illuſionen abgebe, alle wünſchbaren Bürg⸗ ſchaften des Glückes darbieten. Kurz und gut, Gabert, der durch die Hoffnun auf eine reiche Heirath überreizt wurde und in ſeinem gewöhnlich ziemlich beſchränkten Verſtand Mittel der Schlauheit fand, worüber er ſich ſelbſt verwunderte, ſtellte die Frage über die Altersver⸗ ſchiedenheit wie folgt. Nach ſeinem Syſtem theilte ſich das ſchöne Geſchlecht in zwei Categorien. Die jungen Frauenzimmer von achtzehn bis dreißig Jahren; die gemachten Frauen von drei⸗ ßig bis fünfzig. Nun nahm dieſer Gauner keinen Anſtand zu er⸗ klären, daß er die gemachte Frau nicht bloß im Hinblick auf die Solidität und Reife ihres Charak⸗ ters in jeder Beziehung den jungen Frauenzimmern vorziehe, ſondern daß dieſelbe auch oft durch ihre impoſante Schönheit die muthwillige Hübſchheit ſol⸗ cher jungen Püppchen gänzlich in Schatten ſtelle. Was die Männer betraf (wir halten fortwäh⸗ rend die Claſſification des Herrn Gabert feſt, der ſich, da er noch nicht dreißig Jahre zählte, liberal ſechsunddreißig beilegte, um ein Mißverhältniß des Alters zu veringern, worüber die Wittwe ſich hätte 21 3 beunruhigen können), was die Männer betraf, ſo trat derjenige, der ſein dreißigſtes Jahr erreicht hatte, in die Categorie der gemachten Männer ein und mit fünfzig Jahren in die Categorie der Greiſe. Daraus folgte, daß, da Gabert ein ge⸗ machter Mann und Frau Dumesnil (mit ihren fünf⸗ undvierzig Jahren) eine gemachte Frau war, zwi⸗ ſchen beiden, wenn auch keine vollkommene Alters⸗ gleichheit, doch wenigſtens eine vollkommene Aehn⸗ lichkeit der Categorie ſtattfand; kurz und gut, ſchloß der Hallunke als Moral der Fabel, einer ſeiner Freunde, der ſiebenunddreißig Jahre alt ſei, habe eine Wittwe von achtundvierzig geheirathet, und ihre Che ſei ein wahrer Typus von idealem Glück auf Erden. IV. Alles das war von Gabert nicht ſchlecht einge⸗ leitet, wenn man die Leichtgläubigkeit der Wittwe und den immer lebhafteren Eindruck bedenkt, den er auf ſie machte. Er ſelbſt wunderte ſich in ſei⸗ ner vermeſſenen Geckenhaftigkeit ganz und gar nicht über dieſes Gefühl, belauſchte aber aufmerkſamſt die Forſchritte deſſelben, um den Augenblick zu wählen, wo er mit ſicherer Ausſicht auf guten Er⸗ folg ſein Bekenntniß ablegen könnte. Frau Dumesnil, die ungemein vertrauensvoll und ſeelengut war, empfand wirklich eine zuneh⸗ mende Neigung zu dieſem Manne, der ſich ſo auf⸗ merkſam und zuvorkommend gegen ſie zeigte. Er Erwiderung liebe. 22 erfreute ſie mit einfältigen und veralteten Galan⸗ terien, welche ſie aber neu und geiſtreich finden mußte; er ſang ihr ſeine verliebteſten Romanzen vor und accompagnirte ſie mit ſchmachtenden oder glühen⸗ den Blicken, welche den Zunder der Unruhe in das Herz der armen Creatur warfen, die allerdings ein Weib von gemeinem Geſchmack war, da ſie ſich von den äußeren Vortheilen dieſes Zierbengels lenden ließ; aber ſie fand nun einmal Wohlgefal⸗ len an ihm. Wenn ſie daher an die ſtets ernſthafte, würde⸗ volle, höfliche, aber zuweilen ſtrenge Sprache des verſtorbenen Doctors, an ſeine herben, durch das Studium gebleichten Züge dachte und damit das rothe, jugendliche Geſicht des Herrn Stanislas ver⸗ glich, deſſen unverſiegbare Schwatzhaftigkeit in Späſ⸗ ſen, kriechenden Schmeicheleien und Galanterien überſtrömte, die von discreten Seufzern unterbro⸗ chen wurden, ſo fiel der Vergleich ſehr zum Vor⸗ theil des Romanzenſängers aus. Frau Dumesnil war zu einfach und zu beſchei⸗ den, um in Herrn Gaberts Categorien in Betreff der jungen Faueibirwer und der gemach⸗ ten Frauen, welche letztere er ſo hoch über die erſteren ſtellte, Anſpielungen auf ſich ſelbſt ſ er⸗ blicken; gleichwohl ließ ſie ſich unwillkür⸗ lich zu unbeſtimmten Hoffnungen hinreißen „ denen ſie aber bald wieder Zügel und Gebiß anlegte, weil ſie ſich, ſogar in ihren eigenen Augen, ſchrecklich lächerlich zu machen fürchtete, wenn ſie geſtände, daß ſie Herrn Stanislas mit einiger Hofinung auf 23 In den Augen der Welt gibt es nichts Lä⸗ cherlicheres als die Liebe einer Fünfundvierzigeren zu einem jungen Mann; nach unſerer Anſicht aber gibt es im Gegentheil nichts Mitleidwürdigeres als eine ſolche Liebe, wenn diejenige, welche ſie empfindet, ſich vor allen Dingen durch großmüthige Gefühle leiten läßt. So verhielt es ſich mit der Wittwe. Herr Gabert hatte aus hingebungsvoller Anhäng⸗ lichkeit die Vormundſchaft über Henriette in An⸗ ſpruch genommen und ſich entſchloſſen ihr ein zweiter Vater zu ſein; er bewies ihr eine beinahe väterliche Zuneigung; er zeigte ſich gütig, umgänglich, freund⸗ lich gegen Jedermann, uneigennützig; er war arm, ohne ſich ſeiner Armuth zu ſchämen; endlich ſtellte er die gediegenen Eigenſchaften, die er bei einer Frau ſuchte, hoch über Schönheit und Jugend. Kurz und gut, man kann ſich nichts Ehrenhafteres denken als dieſe Außenſeiten, wodurch die Wittwe ſich vollſtändig bethören ließ. Ihre Neigung zu dem Schurken mußte daher um ſo lebhafter werden, als ſie aus ehrenhaften Geſinnungen hervorgegan⸗ gen war. Eines Tags glaubte ſich Gabert ſeiner Herrſchaft ſicher genug, um. Frau Dumesnil mit tief betrübtem Geſicht ankündigen zu können, daß er ſich zu ſeinem großen Bedauern genöthigt ſehe, wenn auch nicht ſeine Beſuche gänzlich einzuſtellen, doch ſie wenigſtens für den Augenblick um Vieles ſeltener zu machen. Eben ſo überraſcht als betrübt, befragte die Witt⸗ we mit Thränen in den Augen den theuern Sta⸗ nislas um die Urſache dieſes unerwarteten Ent⸗ ſchluſſes. 24 Man ſchwatze in der Nachbarſchaft, antwortete er mit einem Seufzer, es ſei bereits von einer zweiten Verheirathung der Frau Dumesmil die Rede, und er ſelbſt werde als der zukünftige Gatte bezeichnet. Im Uebrigen könne er ſich nicht mehr täuſchen, er liebe Frau Dumesnil aufs Innigſte. Dieſe Liebe werde nun ohne Zweifel bei dem großen Mißverhältniß des beiderſeitigen Vermögens nicht getheilt werden, und Herr Gabert müſſe alſo auf die Macht der Entfernung und der Zeit rechnen, um über eine hoffnungsloſe Leidenſchaft zu trium⸗ phiren, die, wenn er ſich ihr hingäbe, ewiges Be⸗ dauern bei ihm hinterlaſſen würde. Die gute, leichtgläubige Wittwe fiel in die Schlinge, und aufs tiefſte ergriffen durch ein ſo plötz⸗ liches unvorhergeſehenes Bekenntniß, machte ſie Herrn Stanislas ſanfte Vorwürfe, daß er einen Augen⸗ blick geglaubt habe, ſeine Armuth könne dieſer Hei⸗ rath im Wege ſtehen; das einzige Hinderniß, das ſie immer geſehen habe, ſei ihr eigenes Alter; da jedoch dieſer liebe Herr Stanislas verſichere, daß die geſtandenen Frauen von dreißig bis fünf⸗ zig Jahren in phyſiſcher Beziehung keinen merklichen Unterſchied darbieten, und da überdieß noch mehrere Jahre fehlen, bis ſie die verhängnißvolle Gränze der Fünfziger erreicht habe, ſo würde dieſe Verbin⸗ dung ihre höchſte Freude und ihr höchſtes Glück ausmachen. Da es ihr indeſſen nicht unbekannt ſei, daß die Kinder erſter Ehe häufig eine Wiederver⸗ heirathung ihrer Mutter nur mit Widerwillen und Verdruß anſehen, ſo ſtelle ſie eine einzige Bedin⸗ gung, von der ſie aber nie abgehen werde, näm⸗ 25 lich die freie und aufrichtige Zuſtimmung ihrer Toch⸗ ter Henriette, der ſie ihre Heirathspläne tauſend⸗ mal opfern würde, wenn dieſelben das vielge⸗ liebte Kind auch nur eine einzige Thräne, einen einzigen Seufzer koſten ſollten. W Herr Gabert war im höchſten Grad verblüfft über dieſen Entſchluß der Wittwe, die ihre Verhei⸗ rathung von dem Willen eines fünfzehnjährigen Mädchens abhängig machte. Er verheimlichte ſeine Beſorgniſſe, glaubte aber das Gelingen ſeiner Pläne um ſo mehr in Frage geſtellt, als er noch keine Zeit gehabt harte Henriette für ſich zu gewinnen, zu welcher ſich ihre Mutter augenblicklich begab, um ſogleich ihren Entſcheid zu erfragen. „Mein Kind,“ ſagte die Wittwe zärtlich zu ihr, „dein Glück muß dem meinigen vorgehen; ich würde Alles aufopfern, wenn ich fürchten müßte Dich zu zu betrüben. Ich habe große Luſt mich mit Herrn Stanilas wieder zu verheirathen; Du kennſt ihn ſo gut wie ich; Du weißt, wie liebenswürdig und gut er iſt; er iſt Dein Vormund, er wird für Dich ein zweiter Vater ſein; er wird uns in ſchöne Geſell⸗ ſchaften führen, wo Du zu meiner Wonne und mei⸗ nem Stolz glänzen könnteſt; unſer Leben wird eben ſo heiter ſein, als es zu den Zeiten Deines Vaters, deſſen Andenken ich indeß keineswegs beleidigen will, eintönig und trübſelig war. Inzwiſchen, lie⸗ bes Kind, wenn dieſe Heirath Dir den mindeſten 26 Kummer, die geringſte Unannehmlichkeit macht, ſo geſtehe mir's offen, und ich werde darauf verzich⸗ ten; ich werde mich mit dem Gedanken tröſten, daß ich Dir einen Kummer erſpart habe. Ueberleg Dir die Sache und ſage mir morgen, ob ich Herrn Stanislas heirathen ſoll oder nicht.“ Und die Wittwe verließ ihre Tochter höchlich überraſcht und in Nachdenken verſunken. Henriette hatte, wie wir bereits geſagt, von ihrem Vater eine ſeltene Charakterfeſtigkeit, geſun⸗ den Verſtand und ernſte Beſonnenheit geerbt; mit dieſen Vorzügen verband ſie eine vollendete Seelen⸗ güte und ungemeine Sanftheit. Das junge Mäd⸗ chen war Anfangs, als ihre Mutter ihr dieſe Hei⸗ rathspläne anvertraute, ganz verdutzt; Herr Gabert hatte ſich gegen ſie als den gefälligſten und gut⸗ müthigſten aller Vormünder erwieſen; er hatte im⸗ mer ihre Gedanken zu errathen geſucht, damit ja keine Uneinigkeit ſtattfinden ſolle; er war ihren ge⸗ ringſten Wünſchen zuvorgekommen; er hatte unauf⸗ hörlich und abſichtlich die vortrefflichen Eigenſchaften ihrer Mutter geprieſen, welche er mit der achtungs⸗ vollſten Aufmerkſamkeit umgab; kurz und gut, Herr Stanislas war in Henriettes Augen ein rechtſchaf⸗ fener Mann. Als man ihr jedoch von den Hei⸗ rathsplänen ſagte, worüber ſie ſelbſt entſcheiden ſollte, da war ſie betroffen, beinahe erſchrocken über die ernſte Bedeutung des Verhältniſſes, das ihre Mutter einzugehen wünſchte; ſie ſann lange nach; und mit eben ſo viel Takt als Verſtand ſtellte ſie ſich perſönlich außerhalb der Frage, um ſie 27 blos vom Standpunkt des zukünftigen Glückes ihrer Mutter zu betrachten. Die erſte Einwendung, die ſich ihr natürlich aufdringen mußte, war die Altersverſchiedenheit bei den beiden heirathsluſtigen Perſonen; dann kam in zweiter Linie die relative Armuth des Herrn Sta⸗ nislas, der, um ſich intereſſant zu machen, häufig vor ſeiner Mündel geſagt hatte, daß er ganz be⸗ ſcheiden von ſeiner geringen Befoldung lebe. Dieſe zweite Einwendung ſchien ihr nur untergeordnete Bedeutung zu haben, da ſie zu jung und zu groß⸗ ſinnig war, um materiellen Intereſſen große Wich⸗ tigkeit beizulegen, allein ſie gab ihr dennoch viel zu denken; da ſie übrigens zu wenig Erfahrung be⸗ ſaß, um über die angenehme Oberfläche des Hal⸗ lunken hinaus zu ſondiren, ſo fragte ſie ganz ein⸗ fach, ob ihre Mutter auf Ehre und Gewiſſen Recht oder Unrecht habe ſich aufs Neue zu verheirathen, und zwar mit einem armen, ehrlichen, jungen Mann von gefälligem Charakter und guter Gemüthsart. Die Altersverſchiedenheit beſchäftigte Henriette ganz beſonders, und da ſie dieſe Sache mehr in⸗ ſtinktmäßig als mit Sachkenntniß beurtheilte, ſo fühlte ſie ſich jeden Augenblick durch ihre eigenen Betrachtungen in ihrer Zärtlichkeit und kindlichen Achtung geſtört und verletzt: ſie erinnerte ſſch, wie häufig ihre Schulfreundinnen über alte Perſonen gelacht und geſpottet, die ſich mit weit jüngeren verheiratheten; mun war ihre Mutter im Vergleich mit Herrn Stanislas alt, man mußte alſo ihre Ehe lächerlich finden; dann verknüpfte Henriette auch trotz ihrer Seelenreinheit gewiſſe unbeſtimmte Ideen — 28 von romanhafter gegenſeitiger Liebe mit der Hei⸗ rath, und es ſchien ihr unmöglich, daß ihre Mut⸗ ter bei ihrem Alter Herrn Stanislas Liebe ein⸗ flößen könne. Warum wollte er ſie alſo heirathen? That er es alſo, weil er arm und weil ſie reich war? ⸗ Der Gedanke an dieſe Niederträchtigkeit empörte das junge Madchen dergeſtalt, daß ſie es beinahe nicht wagte ihn feſtzuhalten, ohnehin da ſie keinen Grund hatte Herrn Gabert einer abſcheulichen Be⸗ rechnung fähig zu glauben; und gleichwohl ahnte ſie, daß dieſe Verbindung irgend einen unheilvol⸗ len Keim enthalten müſſe, weil der Gedanke daran in ihr gewaltſame Fragen aufregte, die für ihre kindliche Verehrung peinlich und für die mütterliche Würde verletzend waren. Henriette ließ ſich alſo mehr durch die Eingebung ihres geſunden Verſtan⸗ des als durch eine gründliche Ueberlegung der Dinge zu dem Entſchluß verleiten, ihre Mutter dringend zu bitten, daß ſie Wittwe bleiben möchte, und da ſie nicht auf den morgenden Tag warten wollte, um ihr das Ergebniß ihrer Betrachtungen mitzu⸗ theilen, ſo eilte ſie zu ihr, ſprang ihr an den Hals und rief im Tone lebhafter Zärtlichteit und unwill⸗ kürlicher Beſorgniß: „Ich bitte Dich um Alles, Mama, heirathe nicht wieder.“ Frau Dumesnil erblaßte, antwortete nichts, brach in Thränen aus und ſchloß die Tochter in ihre Arme. Damit war geſagt: „Du willſt es? Ich werde Wittwe bleiben.“ 29 Die Ergebung dieſes ſtummen Schmerzes zerriß Henriette das Herz, erſchütterte ihren Muth und führte einen Umſchlag in ihrem Geiſte herbei. Sie machte ſich Vorwürfe, daß ſie ihrer Mutter einen grauſamen Schlag verſetzt habe, ohne einen anbern Grund als unbeſtimmte Ahnungen in Betreff dieſer Verbindung, die ihr ſelbſt ganz gleichgiltig ſein konnte, da Herr Gabert ihr ſtets Theilnahme be⸗ wieſen hatte. Sie würde ihn ohne Widerwillen als Stiefvater angenommen haben, und ihr Herz ſagte ihr, daß dieſe Che der Zärtlichkeit ihrer Mut⸗ ter gegen ſie keinen Abbruch thun könnte. Dann dachte ſie auch, daß ſie ihre Befürchtungen, die hauptſächlich auf dem Mißverhältniß des Alters be⸗ ruhten, begründen und zur Wittwe ihres Vaters ſagen müßte: „Du würdeſt Dich lächerlich machen, wenn Du S Mann heiratheteſt, der weit jünger iſt als . * Henriette hätte es nie gewagt ihrer Mutter einen ſolchen Schimpf anzuthun, zumal in dieſem Augenblick, wo ſie eine ſo rührende Selbſtverläug⸗ nung bewies, indem ſie ſich in eine von der Mut⸗ terliebe gebotene Verzichtleiſtung ergab. Obſchon Henriette indeß entſchloſſen war ihren Rath voll⸗ ſtändig zurückzunehmen, ſo war ſie doch ſehr ver⸗ legen, wie ſie dieſe plötzliche Meinungsänderung erklären ſollte. Sie hielt es für möglich, als ihre Mutter, ihr mit Thränen gebadetes Geſicht ab⸗ wiſchend, zu ihr ſagte: „Ich habe nur ein einziges Wort, mein Kind: 30 Lieber ſterben als Dir den mindeſten Verdruß be⸗ reiten; dieſe Heirath wird nicht ſtattfinden.“ „Was willſt Du, gute Mutter?“ verſetzte das junge Mädchen, indem ſie vollkommen aufrichtig erſchien, „ich kann mich nicht an den Gedanken ge⸗ wöhnen in die Penſion zurückzukehren.“ „Wie!“ erwiderte Madame Dumesnil ganz be⸗ ſtürzt, „was willſt Du damit ſagen? welcher Zu⸗ ſammenhang findet zwiſchen der Penſion und dieſer Heirath ſtatt?“ „Mein Gott . .. es iſt ganz einfach: wenn Du Dich wieder verheiratheſt, ſd wirſt Du mich gewiß wieder in eine Penſion geben, wie ich ein Jahr vor dem Tod meines Vaters in einer ſolchen war.“ „Ei wie!“ rief Frau Dumesnil mit einer vor Freude zitternden Stimme, „iſt das der einzige Grund, meine Henriette, warum Du mich ſo drin⸗ gend erſuchteſt Wittwe zu bleiben?“ „Allerdings es wäre mir allzu ſchmerzlich mich von Dir trennen zu müſſen.“ „Nein, im Gegentheil,“ rief Frau Dumesnil, indem ſie wonnetrunken ihre Tochter küßte, „wie haſt Du einen Augenblick annehmen können, böſes Kind, daß es mir möglich wäre fern von Dir zu leben, während ich doch meine Heirath Deinem Willen unterſtellte, um Dir keinen Kummer zu verurſachen . . . nein, nein, meine liebe Henriette, wir werden uns nie verlaſſen.“ „Oh, in dieſem Fall, gute Mutter, da ich ver⸗ ſichert bin immer bei Dir bleiben zu können, ſehe 31 ich für meine Perſon Nichts, was dieſe Heirath verhindern könnte.“ Madame Dumesnil, die ſich durch die unſchul⸗ dige Lüge ihrer Tochter täuſchen ließ, heirathete nach Verfluß ihrer Trauerzeit Herrn Stanislas Gabert, der auf ſolche Art Vormund und Stief⸗ vater Henriettes geworden war. Nachdem dieß Alles vorausgeſchickt worden, wol⸗ len wir auf den Kern der Erzählung eingehen. VI. Seit ungefähr zwanzig Monaten hatte die Wittwe des Doctors Dumesnil ihren lieben Sta⸗ nislas geheirathet. Sie hatten eine ſchöne Woh⸗ nung in der Nähe des Boulevards de la Madeleine inne. Madame Gabert (wir werden ihr von nun an dieſen Namen geben) hatte ſeit mehreren Jah⸗ ren eine alte Magd Namens Angelique in ihrem Dienſte; ſie behielt dieſelbe bei ihrer zweiten Ver⸗ heirathung bei. Angelique wurde die Vertraute des Hauſes. Sie war mager, flink, hatte beinahe weiße Haare und einen verſtändigen, feinen, beob⸗ achtenden Blick. Eines Nachmittags gegen drei Uhr kam Ange⸗ lique in den Speiſeſaal, wo am Morgen ein Früh⸗ ſtück ſtattgefunden, das Herr Stanislas ſeinen Freun⸗ den gegeben hatte. Die Unordnung auf dem Tiſch, wo Reſte vom Deſſert und von zahlreichen Cham⸗ Pagnerflaſchen, von denen mehrere beinahe noch voll waren, wie auch einige Gläſer und zerbrochene 32 Teller herumſtanden, deßgleichen umgeworfene Stühle verkündeten, daß das Frühſtück in eine Orgie aus⸗ geartet hatte; überdieß war die Atmoſphäre des Speiſeſaals mit ſcharfen Tabaksgerüchen geſchwängert. Angelique riß ſchnell die Fenſter auf und ſagte: „Dieſer verdammte Tabaksgeſtank da! Ach wenn der ſelige Herr Doctor aus der andern Welt wie⸗ derkehrte . . . was für ein Geſicht würde er machen, der arme liebe Herr!“ Und als ſie die Unordnung auf dem Tiſch er⸗ blickte, fügte Angelique hinzu: „Welche Verſchwendung! Da ſind vier Flaſchen Champagner entkorkt; man hat höchſtens ein Glas von jeder getrunken. Dieſe Mäßigkeit läßt ſich da⸗ durch erklären, daß ein Dutzend andere gänzlich leer ſind . . . Im Uebrigen, was geht es eigentlich mich an? ich habe ſeit dem Tod des ſeligen Herrn Doctors ganz andere Dinge geſehen und mir kein Wörtchen erlaubt. Ich will meinen Platz nicht verlieren, denn ich würde keinen andern finden, da ich alt bin . . . Dienſtboten, die ſichs einfallen laſ⸗ ſen Sachen zu ſehen, die ſie nicht ſehen ſollen. welche die Augen offen halten, wenn ſie ſie ſchließen ſollten, müſſen ihre Unvorſichtigkeit und ihre Manie ihrer Herrſchaft Lehren geben zu wollen immer theuer bezahlen. Ich will durchaus auf meinem Platz bleiben; ich werde daher wie gewöhnlich meine kleinen Beobachtungen für mich behalten. Was könnten ſie auch helfen? Dieſe arme Madame würde nicht darauf hören; ſie iſt gut wie das liebe Brod, leichtgläubig wie ein Kind; ſie glaubt ſich noch immer im vollen Honigmond und findet es 33 ſtets allerliebſt, daß ihr Herr Stanislas zwei ober dreimal in der Woche ſeinen Freunden Frühſtücke zum Beſten gibt, wobei die Damen nicht zugelaſſen werden. Und an ſolchen Tagen geht ſie mit Fräu⸗ lein Henriette aus, um dieſen Lebemännern, wie ſie ſich nennen, Platz zu machen. Ei wahrhaftig, mit dem was dieſe Dejeuners koſten, ohne das Geld zu rechnen, das hernach hinausgeworfen wird, hätte man den ganzen Monat lang alle Koſten des Familientiſches beſtreiten können, und zwar ſo ehrenvoll wie zur Zeit des ſeligen Herrn Doctors. Aber immerhin, das geht Madame an; ihr Herr Stanislas ſpielt hoch und verliert, ſagt man, weit öfter als er gewinnt; überdieß belugst ihn ſein Freund, dieſer Herr Fremion, deſſen Geſicht mir ganz und gar nicht gefällt. Madame ihrerſeits hält ſich eine ſchrecklich koſtſpielige Toilette (dieß iſt ihr einziger Fehler, und er iſt ſehr unſchuldig, die arme liebe Frau!), damit ſie ihrem Manne jung vorkommen ſoll .. ich brauche mich nicht darüber zu beklagen, die abgelegten Kleider fallen alle mir zu. Dann koſten die Theaterlogen, die Sperrſitze im Concert, das Pferd, der Wagen, die Tafel, die beinahe immer offen iſt, ungeheuer viel Geld; die Köchin macht ſich ein hübſches Sümmchen zuſammen; das Haus wird ausgeplündert, Alles geht zu Grunde; ich will mir jedoch nicht die Finger damit verbren⸗ nen, daß ich den Brand löſche.. die Sache mag dauern, ſo lang ſie will aber bald wird man an den Rand des Grabens kommen, und dann wird ſicherlich Alles zuſammenpurzeln.“ Angelique unterbrach ſich, da ihr plötzlich ein Sue, der Teufel als Arzt. 1V. 3 ſo daß ich nicht nur meinen Platz verliere, ſondern 34 Gedanke gekommen war, und fuhr dann mit Angſt fort: „Aber auch ich werde in den Graben purzeln, wenn meine Gebieterin hineinfällt. Wenn ſie rui⸗ nirt iſt, was ſoll dann aus mir werden? Ich bin ſechzig Jahre vorüber; mein Geſicht läßt nach; wie ſoll ich eine Stelle finden? Das iſt noch nicht Alles. Der ſelige Herr Doctor hat mir in ſeinem Teſta⸗ ment eine Penſion von fünfundzwanzig Franken monatlich vermacht, unter der Bedingung, daß ich erſtens meiner Gebieterin und ihrer Tochter Nichts von dieſem Vermächtniß ſage, zweitens in ihrem Dienſt bleibe, drittens jeden Monat meine kleine Rente bei Herrn Robin hole, der mir das Ver⸗ mächtniß des ſeligen Herrn Doctors angezeigt hat, und endlich viertens alle Fragen beantworte, welche beſagter Herr Robin über das Treiben im Hauſe an mich richten würde. Nun macht zwar dieſer Herr jedesmal, wenn ich zu ihm komme, eine Maſſe Fragen an mich über Madame, über Herrn Ga⸗ bert und über das Fräulein, allein im Ganzen ſcheint er ſich doch Nichts um die Haushaltung zu bekümmern; er bleibt immer kalt wie eine Flaſche Mandelmilch; wenn ich z. B. zu ihm ſage, das Haus werde ausgeplündert, ſo antwortet er mir: Oh! oh! Wenn ich hinzufüge, Herr Gabert ſei ein Spieler, ein Wüſtling, ſo antwortet mir Herr Ro⸗ bin: Ah! ah! Weiter ſagt er nicht: ohl oh! ah! ah! das iſt ſein ganzes Wörterbuch. So viel iſt jedenfalls gewiß, daß Madame, wenn ſie ſich rui⸗ nirt, mich nicht in ihrem Dienſte behalten kann, N — — — ſt ⸗ 35 auch die Penſion, welche der ſelige Herr Doctor mir vermacht hat, weil dieſe mir nur ſo lang aus⸗ bezahlt wird, als ich im Dienſt meiner Gebieterin bleibe. Statt alſo meine Tage in einem guten Hauſe zu beſchließen und mit Hilfe des Vermächt⸗ niſſes vom ſeligen Herrn Doctor Erſparniſſe zu machen, werde ich im Elend ſterben. Wahrhaftig, ich bin noch recht einfältig, daß ich ganz ruhig zu mir ſelbſt ſage: Wer zu nah an den Graben geht, der ſtürzt hinein, denn wenn meine Gebieterin hin⸗ einſtürzt, ſo kann ich bei dieſer Gelegenheit den Hals brechen. Ich kann alſo nicht wünſchen, daß ſie ruinirt werde. Vielleicht iſt es noch Zeit den Radſchuh einzulegen; ja, aber dazu wäre nöthig, daß Madame mich anhörte, und das wird ſie nicht thun. Sie iſt im Punkt der Geldausgaben ver⸗ zweifelt⸗ſchwach. Zu ihrem Herrn Stanislas kann ich auch nicht gehen, um ihn zu warnen, er würde mich ſchön abfahren laſſen. Er hat Madame ihres eldes wegen geheirathet. Er verbraucht es und führt alſo nur ſeine Rolle aus. Es gibt nichts Vernünftiges hier als Fräulein Henriette, obſchon ſie noch nicht ſiebzehn Jahre alt iſt. Ich habe be⸗ ſonders ſeit einiger Zeit bemerkt, daß ſie beſorgt, bekümmert ausſieht . . Ohne Zweifel erſchrickt ſie auch über die Art und Weiſe, wie es hier zugeht, enn, wenn ſie auf ihre Mutter hörte, ſo würde ſie ſich herausputzen wie ein Reliquienkäſtchen; dieſe arme Madame ſagt den ganzen Tag zu ihr: Mein Gott, wie haushälteriſch Du biſt! ſag' mir doch, was Dir Vergnügen machen könnte. Es wäre eine ſolche Freude für mich es Dir zu geben. Und in 8 36 Wahrheit, die arme Frau würde ſich ausplündern für ihre Tochter und für ihren Herrn Stanislas. Aber Fräulein Henriette, obſchon ſie mit ihrer Mut⸗ ter häufig zankt und . . . Doch ich höte einen Wa⸗ gen in den Hof fahren, fährt Angelique fort, in⸗ dem ſie ihr Ohr hinhält und durch eines der offenen Fenſter ſieht. — Es iſt Madame, die mit dem Fräulein heimkommt. . . Nein. . . das Fräulein iſt es allein . .. die Gelegenheit iſt gut, benützen wir ſie Vielleicht wird das Fräulein Einfluß genug auf ihre Mutter haben, und ſie verhindern, daß ſie uns durch Herrn Stanislas gänzlich rui⸗ niren läßt . . . ich ſage uns; weil die Sache im Ganzen mich eben ſo gut angeht wie meine Gebie⸗ terin . . . Da kommt das Fräulein . . . wohlan denn . . . Muth gefaßt und voran mit den großen Mitteln.“ VII. Henriette Dumesnil war eine ſtarke merkwürdig hübſche Brünette von blaſſem und mattem Teint. Ihre ſchwarzen Brauen, die vielleicht allzu reich ausgeſtattet waren, denn ſie gingen über ihrer Adlernaſe beinahe zuſammen, ſowie die ſtrenge Linie ihres Mundes, würden ihrem Geſicht einen Anſchein von Härte gegeben haben, wenn ihre ſammtſchwarzen Augen nicht den Ausdruck unge⸗ meiner Sanftheit und Beſcheidenheit gehabt hätten⸗ Ihre ziemlich hohe, biegſame, aber noch etwas ſchwache Taille vereinigte vollkommene Verhältniſſe — 37 Als Henriette hörte, daß ihr Stiefvater und ſeine luſtigen Schmausbrüder weggegangen waren, ſchritt ſie durch den Speiſeſaal, ſtatt auf einem Neben⸗ gang nach ihrem Zimmer zu gehen, und nun blieb ſie beim Anblick der Unordnung auf dem mit Fla⸗ ſchen bedeckten Tiſch eine Weile ſtehen. Ein Lächeln des Widerwillens ſpielte auf den Lippen des Mäd⸗ chens; ſie zuckte die Achſeln ein wenig und wollte eben in den an ihre Wohnung ſtoßenden Salon treten, als Angelique, die noch nicht bemerkt wor⸗ den war, in traurigem Ton zu ihr ſagte: „Ach, mein Fräulein, eine ſolche Unordnung würde im Hauſe Ihres verſtorbenen Herrn Vaters niemals vorgekommen ſein.“ Die Bemerkung der alten Dienerin ſtimmte ſo vortrefflich mit den geheimen Gedanken Henriettens überein) daß dieſe eine Geberde der Ueberraſchung nicht unterdrücken konnte und Angelique feſt an⸗ ſchaute, ohne ihr zu antworten. Die Alte fuhr fort: „Sollte ich vielleicht unwillkürlich das Fräulein durch meine Betrachtung verletzt haben?“ „Nein,“ ſagte Henriette, indem ſie die Dienerin fortwährend firirte, „Ihre Betrachtung hat mich nicht verletzt, ſie hat mich überraſcht.“ „Warum das, mein Fräulein?“ „Weil es mich bedünken wollte, als ob Sie ſich wenig um die Intereſſen meiner Mutter beküm⸗ merten.“ „Ich bin nur eine Dienerin und .. „Kommen Sie in den Salon; der Tabaksgeruch bier iſt mir unerträglich.“ 38 Henriette trat in den anſtoßenden Salon. Die Dienerin folgte ihr. Sie ſetzten die begonnene Unterhaltung folgendermaßen fort. „Das Fräulein hat mir vorgeworfen, daß ich mich um die Intereſſen von Madame nicht beküm⸗ mere,“ begann Angelique; „gleichwohl verſehe ich meinen Dienſt nach beſten Kräften.“ „Ich habe mich nicht über Ihren Dienſt zu be⸗ klagen, aber es herrſcht eine abſcheuliche Unordnung hier; um nur eine einzige Thatſache anzuführen, die Köchin und der Bediente meines Stiefvaters laden täglich fremde Leute zum Eſſen ein; man könnte ſich hier in einer Herberge glauben. Dieſe Mahlzeiten dauern oft bis ſehr ſpät in die Nacht.“ „Ich ſchwöre Ihnen, mein Fräulein, daß ich nie Jemand eingeladen habe.“ „Das iſt gleichgiltig. Sie wohnen abet dieſen Geſellſchaften bei und machen ſich dadurch, ſo zu ſagen, zur Mitſchuldigen. Statt deſſen hätten Sie ſich gleich nach dem Eſſen zurückziehen ſollen. Dieß wäre von Ihrer Seite eine um ſo paſſendere Pro⸗ teſtation geweſen, als Sie ſchon ſo lange Zeit im Dienſt meiner Mutter ſtehen.“ „Ihre Mama, mein Fräulein, weiß recht wohl, daß oft ſieben bis acht fremde Perſonen am Küchen⸗ tiſch ſpeiſen; Madame ſagt, ſie ſehe es gern, wenn die Dienſtboten ſich luſtig machen.“ „Meine Mutter iſt von außerordentlicher Güte. Uebrigens ſtand es Ihnen weniger als irgend einer Andern zu, dieſe Güte zu mißbrauchen.“ „Es iſt wahr, mein Fräulein, ich hätte, ſelbſt auf die Gefahr hin mich mit den andern Dienſt⸗ 39 boten zu überwerfen, meine Meinung gerade heraus ſagen ſollen; aber ich verſichere Sie, mein Fräu⸗ lein, ſo wahr ich eine rechtſchaffene Perſon bin, das jetzige Treiben im Hauſe betrübt mich tief. Ich wollte Sie noch heute von Dingen in Kennt⸗, niß ſetzen, welche Sie ſelbſt und auch Madame ohne Zweifel nicht wiſſen.“ „Um was handelt es ſich?“ „Ihr Stiefvater hat erſt in der letzten Zeit ſehr bedeutende Summen in einem Spielhaus verloren, wohin dieſer Herr Fremion ihn ſchleppte, der ihm ſeit einiger Zeit nicht mehr von der Seite weicht und ſich ganz geberdet, wie wenn er hier zu Hauſe wäre.“ „Auf welche Weiſe haben Sie die Spielverluſte meines Stiefvaters erfahren?“ „Baudrin, der Bediente des Herrn Stanislas, ſah ſeinen Herrn mehrere Male Abends, wenn er ausging, Bankſcheine aus ſeinem Secretär nehmen, und wenn er nach Hauſe kam, hatte er keinen Sou mehr in ſeiner Taſche.“ Henriette verheimlichte ihre Ueberraſchung und Unruhe ber dieſe Mittheilung, und fuhr fort: 2 habe meinem Stiefvater Nichts vorzu⸗ ſchreiben; aber ich will wenigſtens an Ihr Ver⸗ ſprechen glauben, daß Sie ſich bei der Unordnung, die hier herrſcht, nicht mehr betheiligen wollen, da ie dieſelbe nun einmal nicht verhindern können.“ „Wollen Sie mir erlauben, mein Fräulein hnen offen meine Meinung zu ſagen?“ 6 „Sprechen Sie, Angelique.“ „Vor einigen Monaten wollten Sie, beinahe 40 gegen den Willen Ihrer Mutter, mit der Köchin abrechnen, die Ausgaben überwachen, einige Ord⸗ nung ins Haus bringen. Wz hat das geführt? zu Nichts, mein Fräulein . . iſt es wahr?“ „Ja, weil das vortreff ſüche Herz meiner Mutter ſich ſtets vor einem feſten und ſtrengen Entſchluß ſcheute, welcher allein das Uebel in ſeiner Wurzel abſchneiden könnte. Darum wurde ich zuletzt der Sache überdrüſſig und mußte darauf verzichten einer empörenden Verſchleuderung ein Ziel zu ſetzen.“ „Mein Fräulein, glauben Sie mir, es gibt für Madame nur ein einziges Mittel der Sache ein Ende zu machen: ſie muß die ganze Dienerſchaft außer mir, wenn ſie zu meiner Ergebenheit Ver⸗ trauen hat, fortſchicken, und dann ſchwöre ich Ihnen, mein Fräulein, daß ich mir alle Mühe geben werde, um Ihnen zur Wiederherſtellung einer guten Ord⸗ nung im Hauſe behilflich zu ſein; mein Alter und Ihre Unterſtützung werden mir bei den neuen Dienſtboten einige Autorität verleihen, die jetzigen aber ſind ſchon verdorben, ſie rechnen auf die un⸗ erſchöpfliche Duldſamkeit von Madame, und man mag ſagen und thun was man will, ſo bleibt es beim Alten. Wenn Madame dagegen Ernſt zeigt, ſo wird Alles gut gehen.“ „Ihr Rath iſt verſtändig,“ antwortete Henriette, nachdem ſie der Alten aufmerkſam zugehört, „man muß allerdings Ernſt zeigen. Es wird nur ſchwer halten meine Mutter zu dieſem Entſchluſſe zu brin⸗ gen; dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß es mir gelingen wird, und noch heute will ich. 41 Henriette wurde durch eine Magd unterbrochen, die in den Salon trat mit den Worten: 5 „Mein Fräulein, man bringt hier Etwas für ie.“ Sodann wandte ſie ſich an einen Commis, der außen ſtehen geblieben war, und rief ihm zu: „Kommen Sie hieher.“ Der Commis erſchien mit einem ziemlich großen Käſtchen in der Hand, das ſorgfältig in Papier ge⸗ wickelt war. „Was iſt das?“ fragte Henriette; „was brin⸗ gen Sie?“ „Ein goldenes Toilettenneceſſaire für Fräulein Dumesnil,“ antwortet der Commis, indem er ein Neceſſaire aus ſeinen Umſchlägen ablöst und auf den Tiſch ſtellt. Es war von Ebenholz, zwei Quadratfuß groß, mit Ineruſtirungen von Gold und Perlmutter geſchmückt, und in der Mitte befand ſich die Chiffre H. D. (enriette Dumesnil). „Es muß ein Irrthum ſtattfinden,“ ſagte das Mädchen zu dem Commis; „dieſer Gegenſtand iſt nicht für mich beſtimmt.“ „Sie heißen alſo nicht Henriette Dumesnil, mein Fräulein ?“ „Doch, aber ich habe dieſes Neceſſaire nicht beſtellt. .. wollen Sie es alſo wieder mitnehmen.“ „Oh, das werden Sie mir gewiß nicht befehlen, wenn Sie es einmal geſehen haben,“ antwortete der Commis, ſtolz auf den Gegenſtand, den er brachte. Damit hob er den Deckel auf und zeigte das Innere des Käſtchens, das mit granatrothem Sammt 42 ausgeſchlagen war. Ueber demſelben funkelten die Toilettenbuͤchschen und Fläſchchen in ciſelirtem Gold. „Ach, wie ſchön das iſt!“ rief Angelique ge⸗ blendet. „Sehen Sie doch, mein Fräulein, wie ſchön das iſt.“ „Mein Herr,“ ſagte Henriette immer mehr überraſcht, „noch einmal, ich verweigere die An⸗ thr dieſes Gegenſtandes; ich habe ihn nicht be⸗ tellt.“ „Aber er iſt bezahlt, mein Fräulein.“ „Wie ſo?“ „Allerdings, und es wird Ihnen wohl auch auf ein Trinkgeld nicht ankommen.“ „Ich errathe . . es iſt eine neue Tollheit von meiner vortrefflichen Mutter,“ dachte Henriette mit geheimem Verdruß. „Wohlan denn, Muth! Dieß iſt vielleicht die einzige Art ähnliche Verſchwendungen für die Zukunft zu verhindern.“ Henriette ſtellte ſich jetzt, als ob ſie das Innere des Käſtchens aufmerkſam prüfte, und fügte dann laut hinzu: „Ich wünſche einige Aenderungen in der An⸗ ordnung der Fläſchchen. Ich werde morgen in Ihr Magazin kommen und mich näher darüber ausſprechen.“ „Gleichwohl, mein Fräulein, iſt dieſer Gegen⸗ ſtund das Allerkoſtbarſte und Kunſtreichſte, wie dieſer Herr befohlen hat.“ „Dieſer Herr?“ wiederholte Henriette, gänzlich verblüfft. „Welcher Herr?“ 5 „Derjenige, der dieſes Receſſaire beſtellt und bezahlt hat, mein Fräulein.“ 43 Ein plötzlicher Gedanke ſtieg in Henriette auf. Ihr Geſicht zog ſich zuſammen, ſie runzelte ihre ſchwarzen Brauen, allein ſie beherrſchte ihre ge⸗ heime, peinliche Aufregung und ſagte kalt zu dem Commis: „Laſſen Sie mir die Adreſſe Ihres Ladens da und nehmen Sie das Käſtchen wieder mit.“ „In dieſem Fall erwarten wir Ihre Befehle, mein Fräulein,“ ſagte der Commis, indem er mit Angelique hinausging und das Neceſſaire fortnahm. VIII. Als Henriette ſich allein ſah, that ſie den Em⸗ pfindungen des Unmuths, von denen ſie gequält wurde, keinen Zwang mehr an. Sie erblaßte und eine Thräne glänzte in ihren ſchwarzen Augen. Mit fieberhafter Aufregung ſchritt ſie in dem Sa⸗ lon auf und ab und murmelte mit erſtickter Stimme: „Mein Gott! hab' Erbarmen! Befreie mich von dieſem ſchrecklichen Verdacht .. gegen ihn; ich kämpfe mit allen Kräften meiner Vernunft . . . wie ich es nur wagen konnte ihn zu faſſen . . . es iſt beinahe eine Schändlichkeit von mir, ſo abſcheulich iſt er . . aber es iſt nicht meine Schuld . . . Warum hat er ſich ſeit einiger Zeit mir ſo oft unwillkürlich aufgedrängt? Ach, dieſer beharrliche Argwohn, der mich befangen hält, hat wohl ſeine Urſachen .. . und dieſe Urſachen . . . ha, ich ſchaudere, wenn ich daran denke denn ... 8 — 44 Henriette unterbrach ſich und fuhr nach kurzer Ueberlegung fort: „Aber nein . ich täuſche mich .ich muß mich täuſchen! Meine Unerfahrenheit, meine Jugend leiten mich irre . meine natürliche Empfindlich⸗ keit beunruhigt ſich mit Unrecht und führt mich auf eine falſche Fährte . ich ſehe das Uebel da, wo es nicht iſt . . . wo es nicht ſein kann nein, nein, es handelt ſich nur um einen gänzlichen Man⸗ gel an Takt und Schicklichkeitsgefühl, wodurch eine Empfindung verdorben wird, deren OQuelle ehren⸗ haft iſt.“ Aber das junge Mädchen unterbrach ſich von Neuem und fuhr voll Bangigkeit fort: „Und dennoch, warum iſt mir dieſer Verdacht gekommen, mir in meinem Alter? . . . mir, deren Herz rein iſt, Du weißt es, oh mein Gott! Ach!.. ich ſage es mit Entſetzen, vielleicht werde ich durch den Inſtinkt meiner Zärtlichkeit, meiner Verehrung für meine Mutter gewarnt und aufgeklärt.“ Im Augenblick, wo Henriette mit ſteigender Unruhe dieſe letzten Worte ſprach, trat Frau Ga⸗ bert in den Salon und hinter ihr der Commis, der das Neceſſaire gebracht hatte und es jetzt auf einen Tiſch ſtellte. „Hier, mein Freund,“ ſagte Henriettens Mut⸗ ter, indem ſie fünf Franken aus ihrem Portemon⸗ naie zog, „da haben Sie Etwas für Ihre Mühe.“ „Fünf Franken Trinkgeld! Ach, Madame, Sie ſind allzu gütig,“ ſagte der Commis. Darauf entfernte er ſich mit einer ehrfurchts⸗ 45 vollen Verbeugung und ließ Mutter und Tochter allein. IX. Frau Gabert war nunmehr ſeit bald zwei Jah⸗ ren verheirathet und ging ſtark in ihr neunund⸗ vierzigſtes Jahr. Sie war ſehr dick geworden und ſchnürte ſich übermäßig, damit ihre Taille ſich un⸗ ter einer Art von Sammtearaco, der mit Spitzen ver⸗ ſehen war, etwas hervorheben ſollte. Ihr äußerſt eleganter Anzug paßte ſchlecht zu ihrem Alter, und die Art von Haube, die in unſern Tagen mit dem ehrgeizigen Titel Hut geſchmückt worden iſt und weit hinten an ihrem Kopf ſaß, legte ihr gutmü⸗ thiges dickes Geſicht gänzlich blos. Dieſes Geſicht war von Haaren eingerahmt, die einſt blond ge⸗ weſen, jetzt aber durch den Gebrauch des Fau dAfrique, wodurch das Eindringen der weißen Haare bekämpft werden ſollte, eine zweifelhafte Farbe bekommen hatten. 2 Kurz, die ganze Erſcheinung der Frau Gabett hatte etwas ziemlich Lächerliches; aber in Folge der unſäglichen Güte, die ſich in ihren gemüthlichen offenen Zügen abprägte, hätte dieſe arme Frau trotz ihres ertravaganten Aufzugs und ihrer greiſen⸗ haften Gedankenloſigkeit jeder Perſon von Herz Sympathie oder Mitleid einflößen müſſen. Henriettens Mutter war inzwiſchen weit entfernt ſich für unglücklich zu halten. Sie war im höchſten Grade einfach, vertrauensvoll und nachſichtig, däbei hatte ſie die beſcheidenſte Meinung von ſich ſelbſt und 46 erkannte mit innigem Danke an, daß ihr lieber Stanislas ſich nicht ganz rückſichtslos gegen ſie be⸗ nahm und ihren Neigungen in Nichts entgegentrat. Sie liebte ihn daher beharrlich, obſchon ſie ſich ſeit ihrer Verbindung zu wiederholten Malen überzeugt, daß ſie ſich in Bezug auf ſehr wichtige Punkte gänzlich verrechnet hatte, wodurch ſich indeß das Geſchöpf ganz und gar nicht beleidigt ühlte. So ſchützte Herr Gabert, der ganz und gar keine Luſt hatte die Alte (wie er ſie vertraulich in den Kreiſen nannte, die er vor ſeiner Verhei⸗ rathung beſuchte) zu präſentiren, ſeinen gänzlichen Widerwillen gegen das Geſellſchaftsleben vor, um ſich das widerwärtige Geſchäft zu erſparen ſeine Frau einzuführen; als Erſatz bot er ihr dagegen die Vergnügungen des Theaters und der Concerte an, worein ſie ſich ganz vortrefflich fügte, da dieß ihrem lieben Stanislas ſo zuſagte. Auf dieſe Art brachte Herr Gabert, beſonders ſeit einiger Zeit, häufig ſeine Abende außer dem Hauſe zu, und ſeine Frau fügte ſich auch hierein, da ſie es natürlich fand, daß ihr lieber Stanislas hingehe, wo es ihm beliebe. Warum hätte ſie ſich übrigens auch be⸗ klagen ſollen? Verbrachte ſie nicht ihre Abende aufs Allerangenehmſte in Geſellſchaft ihrer Tochter, der ſie mit innigſter Liebe zugethan war? Endlich hatte Herr Gabert vier Wochen nach der Hochzeit das eheliche Zimmer verlaſſen und ſich am andern Ende der Wohnung eingerichtet. Seine Frau erklärte ſich vollkommen und ohne alle Bit⸗ terkeit die Urſachen dieſer Trennung: indem ſie ih⸗ 47 ren theuren Stanislas, deſſen Mutter ſie ſein konnte, ſo zu lieben glaubte, wie Mann und Frau ſich lieben, hatte ſie ſich, von ihrem guten Herzen irre geleitet, wahrſcheinlch getäuſcht, und ſie nahm ſich alſo vor, ihn künftig wie einen Sohn zu lieben. Mit einem Wort, Alles erſchien ihr gonz vortreff⸗ lich, wenn ſie nur die Liebe Henriettens bewahrte, und wenn nur der theure Stanislas glücklich war. Dieſer mußte es wohl ſein, da er ſich Nichts zu verſagen brauchte und allen ſeinen Launen fröhnen konnte; er verfügte nach Gutdünken über das Vermögen ſeiner Frau, zeigte ſich übrigens ſplendid gegen ſie und verweigerte ihr niemals Geld. Sie wußte ihrem theuren Stanislas für dieſe Ge⸗ neroſität eben ſo großen Dank, wie wenn er ſein eigenes Gold verſchwendet hätte, und ſo kam es, daß Frau Gabert in Folge ihrer Gutmüthigkeit und ihres unheilbaren Optimismus ſich glücklich glaubte und fühlte, weil Alles um ſie her glücklich ſchien; das Gefühl ihres leichten und blinden Glückes ſtand gewöhnlich auf ihrer heitern Phy⸗ ſiognomie zu leſen. Gleichwohl ſchien ſie betrübt, als ſie in den Salon trat, wo ſie ihre Tochter traf, nachdem ſie im Hof dem Commis begegnet war. Sie hatte zu ihrem lebhaften Verdruß von ihm erfahren, daß Henriette das angebotene Geſchenk ausſchlug, und nun erſuchte ſie ihn mit ihr zu kommen und das Neceſſaire wieder mitzubringen; hierauf blieben, wie wir geſagt haben, Mutter und Tochter allein. 48 X. Nachdem Frau Gabert ihre Tochter mit gewohn⸗ ter Zärtlichkeit geküßt hatte, ſagte ſie in etwas be⸗ trübtem Tone zu ihr: „Mein Kind, es hat hier ſoeben ein Mißver⸗ ſtändniß obgewaltet.“ „In welcher Beziehung, Mama?“ „In Beziehung auf dieſes Neceſſaire.“ Und Madame Gabert deutete darauf mit einer Geberde. „Du haſt ſeine Annahme verweigert?“ „B. „Ohne Zweifel weil Du nicht wußteſt, woher dieſes Geſchenk kam?“ „Ich weiß es jetzt noch nicht.“ „Das iſt ganz natürlich, da man Dir eine Ue⸗ berraſchung bereiten wollte; aber wenn Du den Urheber dieſer Ueberraſchung erfahren wirſt,“ fügte Frau Gabert hinzu, indem ihr Geſicht ſich wieder aufheiterte, „wie wirſt Du dann Deine Weigerung bereuen?“ „Mama . . erlaube ich .. „Höre mich doch an der Urheber dieſer Ueberraſchung iſt . . iſt .. Du erräthſt es nicht?.. nun wohl, iſt unſer theurer Stanislas.“ Aber als das Mädchen dieſe Mittheilung mit einer ſchweigſamen Kälte aufnahm, da fügte Frau Gabert, deren Züge plötzlich eine peinliche Ueberra⸗ ſchung ausdrückten, hinzu: „Ei wie, Henriette, nicht ein Wort?“ 49 „Ich fürchte Dich durch meine Antwort zu be⸗ trüben, Mama.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Ich kann und darf dieſes neue Geſchenk von meinem Stiefvater nicht annehmen.“ „Ei, warum nicht gar? das iſt ja ganz unbg⸗ greiflich; wahrhaftig, ich falle aus den Wolken!“ rief Frau Gabert, indem ſie ihre Tochter mit ſtei⸗ gendem Erſtaunen und Verdruß anſchaute. „Und warum denn, mein liebes Kind, ſollteſt Du dieſes Geſchenk von unſerem theuern Stanislas nicht an⸗ nehmen? Du haſt ja die andern auch angenom⸗ men!“ „Es war Unrecht von mir.“ „Wie ſo?“ „Ja, ich gab mir dadurch den Anſchein, als ob ich meinen Stiefvater zu ſeiner Verſchwendung auf⸗ munterte, während ich ihn doch, wie Du weißt, oft erſucht habe ihr ein Ende zu machen.“ Willſt Du ihm nicht gar einen Vorwurf ma⸗ chen? Er liebt Dich ſo ſehr!“ Ein bitteres Lächeln ſpielte auf den Lippen des Mädchens, und ohne auf den Vorhalt ihrer Mutter zu antworten, verſetzte ſie: „Ich habe ungern genug und blos, um Dir nicht zuwider zu ſein, die Geſchenke angenommen, die mein Stiefvater mir zu machen ſich in den Kopf ſetzte.“ „Sich in den Kopf ſetzte ei, ei, mein Kind, dieſer Ausdruck iſt hart.“ „Ich kann die Beharrlichkeit, womit Herr Ga⸗ bert mir Sachen ſchenkt, deren ich gar nicht be⸗ Sue, der Teufel als Arzt. IV. 4 . 50 darf, nicht anders bezeichnen. Bald ſind es werth⸗ volle Kleider . . . bald ſind es Juwelen oder Spi⸗ tzen . ein Mädchen von meinem Alter trägt weder Juwelen, noch Spitzen, noch koſtbare Kleider; deßhalb habe ich Dich erſucht, Mama, dieſe Ge⸗ ſchenke zu behalten, von denen ich niemals Gebrauch machen werde.“ „Was ſagſt Du mir da! . . . welches Herze⸗ leid für dieſen armen Stanislas! Wenn er wüßte mein Gott, mein Gott! und ich hatte ganz ehrlich geglaubt, Du wolleſt Dir dieſe ſchönen Sa⸗ chen zu Deiner Ausſteuer aufſparen!“ „Ich habe keine Luſt zum Heirathen; mein einziger Wunſch iſt immer bei Dir zu leben, gute und zärtliche Mutter . . nur bitte und beſchwöre ich Dich, hörſt Du? ſag doch meinem Stiefvater ein für allemal ernſtlich, ſehr ernſtlich, er ſolle auf⸗ bören mir Geſchenke anzubieten, mit denen ich Nichts anzufangen wiſſe, und an denen mein Zart⸗ gefühl ſich zuletzt ſtoßen müſſe.“ „Ei, ei, meine Tochter, meine Tochter .. „Dieſes goldene Neceſſaire, deſſen Annahme ich entſchieden verweigere, hat einen bedeutenden Werth; Dein Mann hätte einſehen müſſen, daß es Ge⸗ ſchenke gibt, die man nicht . . . „Ei wie! er liebt Dich ſo zärtlich, wie wenn Du ſeine Tochter wäreſt, er iſt Dein Vormund, er iſt ein zweiter Vater für Dich, und er ſollte nicht das Recht haben Dir von Zeit zu Zeit ein Geſchenk anzubieten?“ rief Frau Gabert in ſchmerz⸗ licher Ueberraſchung. — „Henriette, liebes Kind, wenn Du wüßteſt, wie ſehr Du mich dadurch be⸗ trübſt, daß Du die Zärtlichkeitsbeweiſe von Sta⸗ nislas ſo aufnimmſt . .. ſieh, wenn ich offen mit Dir ſprechen ſoll,“ fügte die arme Frau hinzu, die ihre Thränen kaum mehr zurückhalten konnte, „ich meine ſeit einiger Zeit eine Aenderung an Dir zu bemerken .. von der ich nicht mit Dir zu ſprechen wagte weil ich fürchtete, Du möchteſt mit mir zanken. aber ſiehſt Du „das was Du mir heute ſagſt, geſtattet mir unglücklicher Weiſe beinahe keinen Zweifel mehr.“ „Bitte. betrübe Dich nicht, gute Mutter . . „ und erkläre Dich.“ „Nun wohl denn, vielleicht ohne es ſelbſt zu bemerken, ich will es glauben und glaube es auch, biſt Du gegen Stanislas ganz anders geworden; ſo hatte er z. B. beinahe ſogleich nach unſerer Heirath die Gewohnheit angenoinmen Dich zu du⸗ tzen, Dich ſein kleines Kätzchen zu nennen neulich haſt Du ihn beinahe mit Härte aufgefor⸗ dert, er ſolle Dich nicht mehr dutzen, Dich nicht mehr ſein kleines Kätzchen nennen.“ „Bei Deiner Verheirathung mit Herrn Gabert war ich kaum fünfzehn Jahre alt . . . ich war noch ein Kind; mein Stiefvater konnte mich alſo ſtreng genommen dutzen; aber jetzt ſind dieſe Vertraulich⸗ keiten nicht mehr ſchicklich; ich bin bald ſiebzehn Jahre alt.“ „Ei, warum nicht gar! wie kann es unſchicklich ſein, wenn ein Vater ſeine Tochter dutzt! Ich weiß wahrhaftig nicht, wo Du Deinen Kopf haſt.“ „Mama. Herr Gabert iſt nicht mein Vater.“ „Was macht das? Liebt er Dich ſo 52 ſehr, wie wenn Du ſeine Tochter wäreſt, und be⸗ weist er es Dir nicht auf tauſenderlei Arten? während Du . . .“ fügte Frau Gabert hinzu, de⸗ ren Thränen jetzt zu fließen begannen, „während Du . . . es iſt mir peinlich es zu ſagen . .. aber Du zwingſt mich dazu .. die Neigung dieſes theuren Stanislas mit einer zunehmenden Kälte er⸗ widerſt . . . ja, Du ſtößeſt ſogar ſeine Liebko⸗ ſungen zurück. Erſt vorgeſtern wollte er Dich auf ſeinen Schooß nehmen und küſſen, da haſt Du ihn ganz barſch und mit einem ſolchen Blick zu⸗ rückgeſtoßen, daß der arme liebe Mann gänzlich verdutzt daſaß.“ „Dein Kummer ſchmerzt mich, meine gute Mut⸗ ter, aber noch einmal, ich bitte Dich, bedenke doch, daß ich bald ſiebzehn Jahre alt bin, und daß man in dieſem Alter gewiſſe Vertraulichkeiten nicht mehr dulden kann.“ „Ei, mein Gott! Ich würde Deine Empfindlich⸗ keit begreifen, wenn es ſich um eine andere Perſon handelte . . . aber Stanislas . . . welcher Unter⸗ ſchied!“ „Main, ich „Nein nein . . . Du wirſt mit jedem Tag kälter gegen meinen Mann . . . und die Art, wie Du mir in dieſem Augenblick antworteſt, zeigt mir . . . daß Du keine Liebe mehr zu ihm haſt,“ verſetzte Frau Gabert unter einem Strom von Thränen. „Mein Gott . mein Gott . wir lebten ſo glücklich, ſo einig, ſo heiter, ſo zufrieben! und jetzt iſt unſere ganze Exiſtenz über den Haufen geworfen . Ach, das iſt der erſte Kummer, den 53 Du mir verurſachſt, liebes Kind, aber er iſt ſchmerz⸗ lich . . . wenn Du Deinen Stiefvater haſſen ſoll⸗ teſt, ſo wäre es beſſer geweſen, Du hätteſt offen zu mir geſagt: Mama, verheirathe Dich nicht wie⸗ der! und dann hätte ich nicht zum zweiten Mal geheirathet, denn ich habe auf der Welt nie einen andern Gedanken gehabt . . . als Dein Glück. Ja, ja, ich ſage Dirs und Du kannſt es mir glauben, Henriette . . . Du thuſt mir in dieſem Augenblick ſehr weh . . . aber ich verzeihe Dir.“ Und Frau Gabert verbarg ihr in Thränen ge⸗, badetes Geſicht in ihrem Schnupftuch. Xl. Henriette, durch die Thränen ihrer Mutter ſchmerzlich bewegt, ſagte voll Schrecken zu ſich ſelbſt: „Großer Gott! wenn meine arme Mutter je die Urſache des Widerwillens ahnte, den ihr Gatte mir einflößt! Suchen wir ſie zu beruhigen und von der rechten Fährte abzubringen . . . ich werde noch immer bei der Wahrheit bleiben . . . Ach! ich habe für die Zukunft nur noch eine einzige Sache zu fürchten.“ Sie bedeckte ihre Mutter mit zärtlichen Küſſen, trocknete ſo zu ſagen die Thränen derſelben mit ihren Lippen; dann ſagte ſie mit ihrer ſanfteſten eindringlichſten Stimme: „Höre mich an, Mama; ich bitte Dich um Al⸗ les, weine nicht .. haſt Du jemals an meiner Zärtlichkeit gegen Dich zweifeln können?“ „Gegen mich? nein!“ antwortete Frau Gabert, 54 indem ſie die Liebkoſungen ihrer Tochter erwiderte. „Ich weiß, wie ſehr Du mich liebſt . . . warum mußt Du . . . Du, die Du bisher ſo freundlich, ſo artig gegen Deinen Stiefvater warſt . . . mein Gott . . . ich möchte Dir keine neuen Vorwürfe machen „ aber dennoch. . .“ „Nun wohl, Mama, ich will aufrichtig ſein: ja, meine Beziehungen zu Deinem Mann ſind nicht mehr das was ſie im Anfang waren.“ „Du geſtehſt es! ..“ erwiderte Frau Gabert lebhaft; „das iſt ſchon Etwas .. . mon verſtändigt ſich immer zuletzt, wenn man offenherzig mit ein⸗ ander ſpricht. Komm, liebe Henriette, geh in Dei⸗ ner Aufrichtigkeit noch weiter Was iſt die Urſache Deines veränderten Benehmens gegen Sta⸗ nislas?“ „Mein Stiefvater vernachläſſigt ſeine Pflichten gegen Dich ſehr.“ „Gegen mich? Ei davon habe ich noch Nichts gemerkt, mein liebes Kind, das ſchwöre ich Dir, denn ich wünſche mir jeden Tag Glück dazu, daß ich ihn geheirathet habe.“ „Statt Dein Vermögen auf eine vernünftige Art zu verwalten, erlaubt er ſich die tollſten Ver⸗ ſchwendungen.“ „Wie!“ rief Frau Gabert, deren kaum noch be⸗ thräntes Geſicht ſich von Neuem erheiterte und von Hoffnung ſtrahlte, „Du haſt ihm weiter Nichts vorzuwerfen als ſeine Verſchwendung?“ „Iſt es nicht genug?“ „Henriette . . . mein Kind gib mir einen Kuß ach, welche Laſt nimmſt Du mir vom 55 Herzen! . . . Wie glücklich machſt Du mich! ... Sieh ich weine jetzt wieder . . . aber dies⸗ mal aus Vergnügen . . aus Freude!“ ſagte Frau Gabert, indem ſie ihrer Tochter an den Hals ſprang. „Gott ſei Dank! ich komme alſo mit der bloßen Furcht davon . . . Liebe liebe Toch⸗ ter. Du haſt alſo keinen Widerwillen gegen dieſen armen Stanislas? Sein einziges Unrecht in Deinen Augen iſt ſeine Verſchwendung? . . . Ich athme wieder. . . . Ha, böſes Kind! wie hatteſt Du mich erſchreckt . . . komm, noch einen Kuß für all dieſen Kummer.“ Henriette, die ſich über die gedankenloſe Freude ihrer ſchwachen unverſtändigen Mutter betrübte, gab ihr ihre Liebkoſungen heim, verſetzte aber in ern⸗ ſtem Tone: „Ich kann Deine Nachſicht in Betreff der tollen Verſchwendung meines Stiefvaters nicht theilen.“ „Was willſt Du? er iſt ſo gut, ſo generös...“ „Durch dieſe Generoſität läufſt Du Gefahr ruinirt zu werden.“ „Bah! Du biſt nicht geſcheidt, liebe kleine Zän⸗ kerin!“ antwortete Frau Gabert in heiterem Ton; „ruinirt . . . das iſt freilich ein großes Wort.“ „Mama, ſei doch vernünftig . . ſchau nur ein⸗ mal um Dich her: Dein Haus wird ausgeplündert; jeder von den Dienſtboten greift zu, wo er kann, Deine Küche iſt eine Herberge, die dem nächſten Beſten offen ſteht.“ „Das iſt wahr . . . aber was ſchadet es denn, wenn dieſe guten Leute ſich unter einander luſtig machen .. Ich höre ſie manchmal von meinem 56 Zimmer aus laut lachen, und da ſage ich zu mir: Sie lachen, folglich ſind ſie glücklich.“ „Sie beſtehlen Dich aber auf eine ſchändliche Art.“ „Andere würden uns eben ſo beſtehlen ... wir thun alſo am beſten diejenigen zu behalten die wir haben . . . Und dann haben die Dienſtboten immer eine große Anhänglichkeit an gute Herrſchaften; wir ſind ſo gut gegen ſie . . . wie wäre es möglich, daß ſie uns nicht liebten?“ „Dieſe Anhänglichkeiten kommen Dich ſehr theuer zu ſtehen. Weißt Du, wie viel Du monatlich brauchſt?“ „Nein, wahrlich nicht . .. das iſt Sache meines Stanislas; er iſt ſo artig, daß er mir die Mühe erſpart mich mit den Einzelnheiten der Haushaltung abzugeben.“ „Gleichwohl, Mama, iſt dieß Deine Pflicht, und wenn Du ſie vernachläſſigſt, ſo muß es die meinige ſein.“ „Ja freilich, Du, meine Tochter, Du willſt Nichts als immer commandiren; Du würdeſt gar Nichts hingehen laſſen, aber ſiehſt Du? Du wäreſt gar zu ſtreng, und dann hätten wir Nichts als grießgrämige Geſichter um uns her wie bei den Dienſtboten Deines Vaters.“ „Das Hausweſen meines Vaters war vollkom⸗ men anſtändig, obſchon eine weiſe Sparſamkeit über⸗ all vorherrſchte,“ antwortete Henriette in ernſtem Tonz „mein Vater ſparte für die Zukunft, Du haſt den Nutzen davon, er hat Dir einen großen Wohl⸗ ſtand hinterlaſſen.“ 57 „Mag ſein! Aber geſteh es doch ſelbſt, liebes Kind, zu den Lebzeiten Deines Vaters haben wir uns, ohne ſein Gedächtniß im Mindeſten beleidigen zu wollen, doch ſchrecklich gelangweilt.“ „Zu den Lebzeiten meines Vaters,“ erwiderte Henriette mit verdoppeltem Ernſte, „habe ich nie⸗ mals Dinge geſehen, die ich ſo eben noch hier ſehen mußte: einen Tiſch voll von Flaſchen und zerbroche⸗ nen Gläſern ... mit einem Wort, die Spuren einer Orgie.⸗ „Ei, wie Du zanken kannſt!“ ſagte Frau Ga⸗ bert lachend; „iſt es nicht ganz natürlich, daß die⸗ ſer theure Stanislas von Zeit zu Zeit ſeinen Freunden ein Frühſtück gibt, und wahrhaftig, wenn Herren unter einander frühſtücken, ſo wird es wohl anders zugehen dürfen, als wenn junge Mädchen mit einander ſchmaußen.“ „Und dieſer Herr Fremion, der ſich unaufhör⸗ lich an Deinen Tiſch einlädt?“ „Der gefällt mir auch nicht beſonders; er ſieht aus, als ob ein Teufel in ihm ſteckte, und er hat einen ſo böſen Blick. . . aber er iſt der beſte Freund von Stanislas.“ „Höre mich an, und ich verſichere Dich, daß ich im vollſten Ernſt ſpreche. Ich habe zu wiederhol⸗ ten Malen ein wenig Ordnung in das Haus zu bringen geſucht. Dieſe Verſuche ſind, erlaube mir es zu ſagen, gute Mutter, an Deiner übertriebenen Nachſicht geſcheitert, die an Schwachheit gränzt.“ Ich will das nicht läugnen. . . ich bin ſchwach, ich bin gutmüthig, wenn Du willſt, aber es iſt mir 58 ein Gräuel um ein paar Sous mehr oder weniger zu zanken.“ „Es handelt ſich nicht um ein paar Sous, Mama, ſondern um eine beklagenswerthe Verſchleu⸗ derung, und wenn Dir wirklich daran liegt, daß ich mich mit meinem Stiefvater freundlich ſtelle . .“ „Ob mir daran liegt!. . garſtiges Kind! .. wie kannſt Du zweifeln?“ „Nun, ſo gewähre mir meine Bitte.“ „Was willſt Du, liebe Henriette? „Angelique iſt hier die einzige Perſon, die noch ein wenig auf Deinen Nutzen ſieht; die Köchin und der Bediente meines Stiefvaters mißbrauchen Deine Güte auf eine ſchändliche Art; Du mußt ſie fort⸗ ſchicken.“ „Ah, mein Gott, ſie fortſchicken?“ „Ja, dagegen mußt Du Angelique behalten und ihr eine genaue Aufſicht über die neuen Dienſtboten anvertrauen, die Du nimmſt. Dann hoffe ich mit Hilfe von Angelique, und wenn Du mir in den Hauhaltungsangelegenheiten Vollmacht gibſt, endlich einmal Ordnung und Sparſamkeit einführen zu können.“ „Was Du mir ſagſt, liebes Kind! unſere Dienſt⸗ boten fortſchicken, arme Leute, die ſich ſo gut bei uns befinden und die an gar nichts Böſes denken... nie werde ich den Muth dazu haben.“ „So will ich die Sache auf mich nehmen.“ „Es iſt unmöglich . . . Stanislas hängt ſehr an ſeinem Bedienten.“ „Wenn er erfährt, daß der Kerl ein Halunke 59 iſt, ſo wird er keinen Anſtand nehmen ihn fortzu⸗ jagen.“ „Ich bezweifle es .. und dann hält er auch viel auf unſere Köchin, die er für ganz unbezahl⸗ bar erklärt.“ „Es gibt ſehr gute Köchinnen, die ehrlich ſind.“ „Mein liebes Kind, ſo richtig Deine Gründe ſein mögen, ſo könnte ich doch um Alles in der Welt nicht wagen Stanislas eine ſolche Maßregel vorzuſchlagen . . . und .. . „Mutter, liebe Mutter .. .“ ſagte Henriette in ernſtem und innigem Tone, „glaube mir, Deine un⸗ ſelige Schwäche wird Dich zu Grunde richten, wird Dich, fürchte ich, zum Ruin ins Glend füh⸗ ren „Was ſagſt Du! Du könnteſt denken?“ „Du biſt nicht reicher, nicht wahr, als mein Vater war? Nun wohl, vergleiche einmal die ge⸗ genwärtigen Ausgaben mit den früheren.“ „Das will ich nicht läugnen,“ antwortete Frau Gabert, betroffen durch die Bemerkung ihrer Toch⸗ ter; „der Unterſchied iſt groß.“ „Und wenn dieſer Unterſchied mit jedem Tag größer wird, wie es jetzt der Fall iſt, wenn die Verſchwendung zur Gewohnheit wird, was wird ann in wenigen Jahren aus Deinem Vermögen werden? es wird auf Null herabſinken, arme, liebe Mutter.“ „Großer Gott! wenn ein ſolches Unglück mög⸗ lich wäre, es wäre doppelt ſchrecklich, weil es auch Dich treffen würde . . iſt unſer Vermögen nicht gemeinſchaftlich?“ ſagte Frau Gabert voll Angſt. 60 Und da ihre Mutterliebe dießmal über ihre Schwäche und Gedankenloſigkeit obſiegte, ſo fügte ſie hinzu: „Ja, Du haſt Recht, tauſendmal Recht, und wenn ich auch nicht glauben will, daß wir einem gänzli⸗ chen Ruin ausgeſetzt ſein könnten, ſo bin ich doch wie Du der Meinung, daß wir gar viele Miß⸗ bräuche abſchaffen müſſen. Es iſt allerdings ganz ſchön, wenn man gegen ſeine Dienſtboten gut iſt; aber wenn man einmal keinen Sou mehr hat, ſo iſt nirgends Hilfe zu finden. Inzwiſchen ſiehſt Du, meine Liebe, wir können in dieſer Beziehung keinen Entſchluß faſſen, ohne zuvor mit Deinem Stiefvater Rückſprache zu nehmen .. er iſt ſo gut, ſo ehr⸗ lich, er liebt uns ſo ſehr, daß er ſich gleich mir in Deine Gründe fügen wird, kleine Keiferin, denn ich ſelbſt möchte es nicht wagen den Mund gegen ihn aufzuthun; dieſes Geſchäft mußt Du alſo ganz allein beſorgen . er wird auf Dich hören: er wird zu Allem ja ſagen, was Du verlangſt . . . er liebt Dich ſo ſehr.“ es iſt durchaus nothwendig, daß Du elbſt „Höre . . . da iſt er!“ ſagte Frau Gabert leb⸗ haft, indem ſie ihr Ohr nach einem offenen Fenſter hinhielt, das auf den Hof ging, wo man die Me⸗ lodie von drein — drein — drein pfeifen hörte. Dann wandte ſie ſich wieder an Henriette und ſagte: „Sieh, da kommt der liebe Stanislas nach Hauſe; Du mußt ihm jetzt all die vortrefflichen und weiſen Gründe vorhalten, die Du mir ſo eben angeführt 61 haſt und wenn Du den Muth dazu beſitzeſt, ſo' mußt Du ihm auch ſagen, warum Du dieſes herrliche Neceſſaire ausſchlägſt, das er Dir mit ſo großem Vergnügen angeboten hat.“ „Mutter .. ich beſchwöre Dich . .. bleib bei mir.“ 5 8 „Da iſt er ſchon,“ ſagte Frau Gabert lächelnd, indem ſie ihre Tochter küßte; „ſprich ihm Vernunft ein; ich . . . mache mich aus dem Staub.“ Frau Gabert begab ſich ſchnell in ein anſtoßen⸗ des Zimmer, deſſen Thüre in dem Augenblick zu⸗ fiel, wo Henriettens Stiefvater in den Salon trat. XII. Herr Stanislas Gabert war noch immer ein hübſcher Burſche in der gemeinen Bedeutung des Worts; ſein rothbackiges Milchgeſicht, von einem dichten ſchwarzen Bart eingerahmt, verkündete Selbſt⸗ zufriedenheit, die maßloſeſte Geckenhaftigkeit und die Zuverſichtlichkeit, die dieſer Menſch aus dem ſchöpfte, was er ſein Vermögen zu nennen be⸗ liebte. Als er in den Salon kam, war er zwar nicht gänzlich betrunken, aber doch ſehr überreizt durch die Dünſte eines ſehr ſtarken Punſches, welchen einer der Schmaußbrüder nach dem Frühſtück in einem benachbarten Café zum Beſten gegeben, wo man Billard geſpielt hatte; als er Henriette allein fand, ſchienen ſeine Züge ſich noch mehr zu beleben, ſeine Augen noch ſtärker zu funkeln. Das Mäd⸗ chen konnte eine Regung von Verlegenheit und bereitet .. 62 Furcht kaum verbergen, was jedoch ihrem Stiefva⸗ ter, deſſen Aufmerkſamkeit durch den Anblick des auf dem Tiſch ſtehenden Neceſſaire abgelenkt wurde, gänzlich entging. „Das Geſchenk muß ſeine Wirkung hervorge⸗ bracht haben,“ dachte Herr Gabert. „Ich bin heute beſonders gut aufgelegt . . . Henriette iſt al⸗ lein. ich muß ans Ziel kommen . beſſer heute als morgen. heraus mit dem Geſtändniß das ſie übrigens nicht überraſchen wird.“ Er trat auf Henriette zu, ſtreckte ſeine Arme gegen ſie aus und ſagte luſtig zu ihr: „Ei wie, man kommt alſo nicht, um Papa zu küſſen?“ „Mein Herr,“ antwortete das Mädchen kalt, indem ſie einen Schritt zurücktrat, „dieſe Vertrau⸗ lichkeiten gefallen mir nicht . . . ich habe es Ihnen ſchon einmal geſagt. .. ich wiederhole es Ihnen jetzt.“ „Wie böſe ſie iſt! ei ei, wie böſe ſie doch iſt, meine Stieftochter!“ verſetzte Herr Stanislas mit Hohnlachen. Dann that er, als ob er das auf dem Tiſch ſtehende Neceſſaire jetzt erſt bemerkte, ſtellte ſich verwundert darüber und fügte hinzu: „Ei ei, was bedeutet denn dieſes ſchöne Käſt⸗ chen da?“ „Es iſt ein Neceſſaire, das man mir in Ihrem Auftrag gebracht hat, mein Herr.“ „Es iſt wahr, ich habe Ihnen dieſe Ueberraſchung weil Sie ſehr artig ſind.“ 63 * „Ich kann das Geſchenk nicht annehmen, mein err“ „Ha?“ machte Herr Gabert ſehr verwundert über dieſe Weigerung. „Sie ſagen?“ „Ich ſage, mein Herr, daß ich dieſes Geſchenk nicht annehmen kann.“ 7 „Das iſt etwas Neues . . und warum ſchlagen Sie es aus?“ „Weil es mir nicht beliebt das anzunehmen was Sie mir anbieten, mein Herr.“ „Dieß iſt kein ſtichhaltiger Grund, meine liebe Henriette.“ „Dieſer Grund genügt mir, mein Herr.“ „Aber mir nicht.“ „Bedaure.“ Der Stiefvater blickte das Mädchen unverwandt an und überlegte; dann lächelte er auf einmal mit plumper Geckenhaftigkeit und ſagte halblaut, indem er ſich zu Henriette hinneigte: „Weiß ſchon.. . weiß ſchon . . . kleine Eifer⸗ ſüchtige.“ Das junge Mädchen begriff die Bedeutung die⸗ ſer Worte nicht, und dennoch fühlte ſie ſich beun⸗ ruhigt und erſchrack über die Beharrlichkeit ſo wie über den Ausdruck des Blickes, den ihr Stiefvater auf ſie heftete. „Hören Sie mich an, liebe Henriette,“ fuhr Herr Gabert nach einer Pauſe fort. „Seit unge⸗ fähr drei Monaten haben Sie auf einmal Ihr Be⸗ nehmen gegen mich verändert . bis dahin ließen ie ſich von mir dutzen und küſſen .. Sie nahmen meine kleinen Geſchenke an, die, wie man ſagt, die 64 Freundſchaft unterhalten; Sie waren heiter und zu⸗ vorkommend; wir gingen allein Arm in Arm mit einander aus, wenn meine Alte ihrer Migraine wegen zu Hauſe blieb . . kurz und gut, meine reizende Henriette, Sie behandelten mich damals weniger als Stiefvater . . . als Vormund . . denn als Freund .. . als guten Freund . . . nicht als ob ich wirklich Ihr guter Freund geweſen wäre ... ich hatte dieſes Glück nicht, denn Sie ſind wahrlich die reizendſte Perſon, die man ſich denken kann...“ fügte der Elende hinzu, indem er ſeiner Stieftoch⸗ ter einen Blick zuwarf, der ihren Schrecken verdop⸗ pelte und ſie verſtummen machte. — „Oh ja, Sie dürfen mir's wohl glauben . .. mehr als einmal habe ich, wenn ich Ihr hübſches blaſſes Geſichtchen, Ihre großen ſchwarzen Augen, Ihre ſchöne Brauen, Ihre prächtigen Haare betrachtete, zu mir ſelbſt geſagt: Wer wird wohl der glückliche Sterbliche ſein; der?. . kurz und gut .. . es genügt... Ich erinnere Sie alſo daran, daß Sie ſich damals an meinen Lobſprüchen gar nicht ſtießen, böſe Kleine. Aber jetzt nehmen Sie auf einmal Ihr vornehmes Geſicht an . . . Sie verbieten mir Sie zu dutzen .. Sie zu küſſen, und heute ſchlagen Sie ſogar meine Geſchenke aus, ſehen ganz betreten darein, wenn ich Ihnen Complimente mache, und ſtatt mich wie früher Herr Stanislas oder auch mein lieber Herr Stanislas zu nennen, ſagen Sie ganz kurz mein Herr, und zwar in einem ſo trockenen, ſo kalten, ſo trotzigen Tone, daß ich, wenn ich die Frauen⸗ zimmer nicht ſo gut kennte, wie ich ſie kenne —“ fügte Herr Gabert mit unverſchämtem Eigendünkel 65 hinzu, „glauben würde, es müſſe Todhändel zwiſchen uns abſetzen, aber ich laſſe mich nicht durch den Schein täuſchen, ich errathe die Urſache Ihres Aer⸗ gers, Ihres Zornes, und deßhalb wiederhole ich Ihnen: weiß ſchon, weiß ſchon, kleine Eiferſüchtige!“ XIII. Henriette hatte ihren Stiefvater angehört, ohne ihn zu unterbrechen; ſie war nahe daran vor Eckel, Abſcheu und Entſetzen allen Muth zu verlieren. Ihre argwöhniſchen Vermuthungen, wogegen ſie lange Zeit angekämpft hatte, gewannen in ihren Augen eine furchtbare Wirklichkeit; der Inſtinkt ihrer Reinheit und Unſchuld hatte ſie eines Tags ahnen laſſen, daß Nichts weniger väterlich ſei als die Lobſprüche, Vertraulichkeiten und Liebko⸗ ſungen des Herrn Gabert, trotz ſeines doppelten reſpektabeln Anrechts als Vormund und Stiefvater. Seit dieſer Zeit war ein ſchrecklicher Argwohn in ihr erwacht, und ſie hatte ſich plötzlich gegen dieſen Mann eben ſo rückhaltend gezeigt als ſie vorher freundlich geweſen, wobei ſie ſich jedoch weniger durch die Sympathie, die er ihr einflößte, leiten ließ, als durch den Wunſch ihrer Mutter angenehm zu ſein, indem ſie ſich möglichſt gut mit ihrem Stiefvater ſtellte. Dieſer hingegen wurde von ſei⸗ ner plumpen dummen Geckenhaftigkeit gänzlich ge⸗ blendet; er täuſchte ſich über die Natur der Em⸗ pfindungen, die er bei Henriette in Bezug auf ihn vorausſetzte, und faßte den Plan ein unſchuldiges Kind zu verführen, das ihm aus ſo vielen Grün⸗ Sue, der Teufel als Arzt. IV. 5 66 den heilig ſein mußte. So unglaublich dieſe ſchänd⸗ liche Vermeſſenheit ſein mag, ſo wird ſie ſich doch ſogleich erklären. Die letzten Worte, die dieſer Menſch ſoeben zu Henriette geſprochen, konnten ihr inBetreffſeiner Pläne keinen Zweifel mehr geſtatten. Da ſie jedoch fühlte, daß der Ausgang dieſes Geſprächs eine entſcheidende Wichtigkeit für ihr eigenes und für ihrer Mutter Schickſal haben mußte; da ſie ferner in der früh⸗ reifen Feſtigkeit ihres Charakters den Muth ſchöpfte ihren Unwillen zu beherrſchen, um die ganze Wahr⸗ heit, ſo ſchrecklich ſie ſein mochte, zu erfahren und ſodann einen unwiderruflichen Entſchluß zu faſſen, ſo that ſie, als ob ſie die Bedeutung der von Herrn Gabert wiederholt hingeworfenen Aeußerung: weiß ſchon weiß ſchon . . kleine Eiferſüch⸗ tige! nicht verſtände, und antwortete daher nach einem kurzen Schweigen: „Auf wen und auf was glauben Sie denn, daß ich eiferſüchtig ſei, mein Herr?“ „Auf wen?“ antwortete Herr Gabert eyniſch; „nun bei Gott, auf Ihre Mutter.“ „Warum ſollte ich auf meine Mutter eiferſüch⸗ tig ſein?“ 3 „Weil Sie glauben, daß ich ſie liebe.“ „Ihre Zuneigung zu meiner Mutter, mein Herr, kann meine Eiferſucht nicht erregen, ſondern mich im Gegentheil nur freuen.“ „Liebe, reizende Henriette, Sie ſagen dieß in einem ſo pikirten, ſo ärgerlichen Ton, daß Sie offen⸗ bar nicht aufrichtig ſind.“ Der Elende, der ſich über die Urſache des ſchreck⸗ 67 lichen Zwanges, den Henriette ſich auferlegte, täuſchte und ſie jetzt unruhig werden und erblaſſen ſah, ſagte in ſeiner albernen und abſcheulichen Gecken⸗ haftigkeit zu ſich ſelbſt: „Ich wußte es wohl, ſie liebt mich, und ſeit S Liebe ſie beherrſcht, iſt ſie wüthend über meine 4e Dann fuhr er laut fort: „Nein, meine liebe Henriette, Sie ſind nicht aufrichtig, nein.“ „In was, mein Herr, bin ich nicht aufrichtig?“ „Meine Neigung zu Ihrer Mutter macht Ihnen ganz und gar keine Freude, ſondern erbittert Sie, was Sie auch ſagen mögen . . . Oh, mich kann man nicht täuſchen, ich kenne die Weiber . . .“ „Und was wäre die Urſache meiner Erbitterung?“ „Der Aerger über das Glück einer Nebenbuh⸗ erin.“ „Sie ſprechen in Räthſeln, mein Herr.“ Sie, daß ich deutlicher rede?“ „Ja.“ „Die Spitzbübin will mich zu einem förmlichen Geſtändniß zwingen . Oh, ſie hat ein famö⸗ ſes Köpfchen . ſie wird es weit bringen,“ dachte Herr Gabert. Gleichwohl empfand er, wenn auch nicht einen Gewiſſensbiß, doch wenigſtens eine Art von un⸗ willkührlicher Verlegenheit, als er die Schändlich⸗ keit, die er vorhatte, vollſtändig enthüllen ſollte. Er zögerte einen Augenblick und ſagte dann: „Sie wünſchen es, meine liebe Henriette? ich will deutlich mit Ihnen ſprechen. Ihre Win iſt 68 bald fünfzig Jahre alt; Sie haben noch nicht ſieb⸗ zehn; Sie ſind eines der hübſcheſten Geſchöpfe, die man ſich denken kann; Sie haben den heftigen Ein⸗ druck bemerkt, den Sie auf mich hervorbrachten; denn fthen Sie, ehe ich Vormund und Stiefvater bin, bin ich Mann . . . Verſtehen Sie mich, Hen⸗ riette?“ fügte Herr Gabert mit einem Blick hinzu, welcher das junge Mädchen erröthen und zittern machte. „Den Eindruck, den Sie auf mich hervor⸗ brachten, haben Sie getheilt . . . oh läugnen Sie es nicht ich kenne die Weiber! Ich könnte Sie nöthigenfalls daran erinnern, wie artig und liebkoſend Sie damals gegen mich waren, Sie lie⸗ ßen ſich höchſt ruhig von mir küſſen, und es war Ihnen ganz und gar nicht zuwider: aber als Ihre Liebe zu mir immer größer wurde, da wurde Ihre Mutter in Ihren Augen eine Nebenbuhlerin, und Sie geben mir Ihre üble Laune über dieſe Neben⸗ buhlerſchaft zu erkennen, kleine Eiferſüchtige, indem Sie ſich immer kälter gegen mich zeigen. Dieß iſt doch klar, dächte ich?“ „Sehr klar, mein Herr.“ „ „Es kommt immer beſſer, ſie hört dieſes poſi⸗ tive Geſtändniß an, ohne auch nur zum Schein in den obligaten Zorn auszubrechen . welch ein Charakter! Oh dieſe blaſſen Mägdelein mit fingers⸗ dicken Brauen habens fauſtdick hinter den Ohren,“ dachte Herr Gabert. Er trieb jetzt die Verblendung ſeiner Gecken⸗ haftigkeit bis zum Schwindel, ergriff die Hand des jungen Mädchens und ſagte mit ſeiner zärtlichſten Stimme zu ihr: — 69 „Henriette . .. ich liebe Sie . . . und Sie lieben mich. . . Fürchten Sie Nichts wir können Henriette war ſtumm und blaß vor Entſetzen. Sie entriß ihrem Stiefvater barſch ihre Hand, als auf einmal Frau Gabert leiſe die Thüre des Ne⸗ benzimmers öffnete, auf den Zehen in den Salon hereinkam und mit lächelnder heiterer Miene heran⸗ trat. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie, „ich hielt es nicht mehr aus meine Neugierde läßt mir keine Ruhe mehr. Der heftigſte Zank muß jetzt vorüber ſein ... Nun wohl, mein Kind, haſt Du ihm tüchtig den Kopf gewaſchen? hat er Vernunft angenommen, unſer lieber Stanislas?“ XIV. Als Henriette ihre Mutter erblickte, konnte ſie ein ſchmerzliches Beben nicht beherrſchen, das ihr Stiefvater wohl bemerkte. Er ſchrieb jedoch dieſe Aufregung auf Koſten des Aergers, welchen das Mädchen darüber haben müſſe, daß die Beſprechung gerade in dem Augenblick unterbrochen worden ſei, wo ſie ein von ihr ſo zu ſagen verlangtes Geſtänd⸗ niß vernommen habe. Er konnte daher ſeine Freude über dieſe Entdeckung kaum verbergen, und indem er Henriette einen verſtändnißinnigen Blick zuwarf, antwortete er auf die heitere Frage ſeiner Frau, Tochter den Stiefvater tüchtig ausgezankt abe: „Allerdings, nieine liebe Stieftochter hat mit 70 mir gezankt ſie war wüthend wie eine junge Löwin . . aber wir haben Frieden geſchloſſen.“ „Wirklich, mein lieber Stanislas?“ „Ja, liebe Alte . . . Henriette und ich ſind jetzt vollkommen einverſtanden Siehſt Du, in allen Dingen kommt es nur darauf an, daß man ſich verſteht.“ „Ah, mein lieber Freund, welche Freude machſt Du mir, wenn Du ſo ſprichſt!“ ſagte Frau Gabert, getäuſcht durch eine abſcheuliche Zweideutigkeit und in der Meinung, das gute Einverſtändniß, wovon ihr Mann ſpreche, beziehe ſich auf eine Reduction der häuslichen Ausgaben. Dann wandte ſie ſich an ihre Tochter, auf welche ſie ihren Blick noch nicht gerichtet hatte, und fügte vergnügt hinzu: „Ich wußte es wohl, daß Hieſer theure Stanis⸗ las auf Dich hören würde er liebt Dich ſo ſehr. und „ Als ſie aber die gänzliche Entſtellung in Hen⸗— riettes Zügen bemerkte, fuhr ſie lebhaft fort: „Mein Kind, was haſt Du denn Du ſcheinſt leidend zu ſein!“ „Leidend? nein, Mama ich habe nur ein wenig Kopfweh . .. ich will deßhalb in mein Zim⸗ mer gehen und ein wenig zum Fenſter hinausſehen,“ antwortete das Mädchen. Damit entfernte ſie ſich raſch, während ihr Stiefvater ihr nachſchaute und zu ſich ſelbſt ſagte: „Die Gegenwart ihrer Mutter iſt ihr uner⸗ träglich ſie iſt wüthend . . ſie gehört mir!“ 71 X „Sie gehört mir!“ hatte Herr Gabert geſagt, indem er ſeiner Stieftochter nachblickte, denn dieſer Elende glaubte ſich wirklich am Ziel ſeiner Hoff⸗ nungen zu befinden. Dieß Alles iſt, wir wiſſen es, abſcheulich; wir ſchreiben aber auch dieſe Erzählung, um die fluch⸗ würdigen Leidenſchaften zu brandmarken, die weit häufiger als man glaubt die Familien in Jammer und Trauer verſetzen; unſere ſchon lange Lebens⸗ praxis hat uns leider mehr als einmal in ſchmerz⸗ liche Geheimniſſe eingeweiht, und ohne uns hier auf unſere perſönlichen Erinnerungen zu berufen, wenden wir uns an die Erinnerungen unſerer Leſer. Hat man nicht häufig geſehen, daß Vormünder den Einfluß und die Gewalt, welche ihnen ihre Stel⸗ lung über junge Mädchen verlieh, ſchändlich miß⸗ brauchten? Wie viele Stiefväter haben nicht, nach⸗ dem ſie, ſelbſt noch jung, eine ſchon ältere Frau, die Mutter einer Tochter aus erſter Ehe, geheira⸗ thet, die Heiligkeit des häuslichen Herdes durch eine beinahe blutſchänderiſche Liebe befleckt! Diejenigen unſerer Leſer, die einige Lebenserfahrung beſitzen, werden ſich ohne Zweifel an Thatſachen erinnern, die mit dem Gegenſtand unſerer peinlichen Erzäh⸗ lung, worin wir hiemit fortfahren, nur allzu große Aehnlichkeit darbieten. Herr Gabert empfand nicht einmal ein Gefühl der Dankbarkeit gegen das vortreffliche Geſchöpf, das ihn aus einer prekären an Elend gränzenden Lage gezogen hatte; er dachte nur daran das Ver⸗ 72 mögen ſeiner Frau und ſeiner Mündel, deſſen Ver⸗ waltung ihm anvertraut war, luſtig zu verpraſſen. Dann hatte dieſer aufs lächerlichſte in ſich ſelbſt vernarrte Geck, als er ſah, wie herrlich die Schön⸗ heit ſeiner Stieftochter ſich entwickelte, ohne Be⸗ denken, ohne Gewiſſensbiſſe ſich vorgenommen ſie zu verführen. Es gibt Naturen, die zu gleicher Zeit ſo laſterhaft, ſo abgeſtumpft ſind und der⸗ maßen alles moraliſchen Gefühls ermangeln, daß der Gedanke an ein ſcheußliches Verbrechen ſie ganz und gar nicht beunruhigt; ſie folgen brutal dem Inſtinkt ihres thieriſchen Gelüſtes und wun⸗ dern ſich ſehr, wenn es Jemand gelingt ihnen den Frevel, den ſie mit einer gewiſſen ſchrecklichen Nai⸗ vetät begehen, im wahren Lichte darzuſtellen. Herr Gabert gehörte zu dieſen Naiven; ſein Verführungscalcül war höchſt einfach. Vor allen Dingen war er überzeugt, daß der Zauber ſeiner Perſönlichkeit ihn beinahe unwiderſtehlich mache, und dann glaubte er in den unſchuldigen Beweiſen von Herzlichkeit, die ſeine Stieftochter ihm, hauptſäch⸗ lich ihrer Mutter zuliebe, gab, die Symptome einer aufkeimenden Neigung zu entdecken. Blos ihrer Mutter zuliebe hatte Henriette auch einige Ge⸗ ſchenke, beinahe ohne Kaufwerth, angenommen, in⸗ dem ſie darin Pfänder einer ſo zu ſagen väterlichen Zuneigung erblickte. Herr Gabert glaubte ſeine abſcheulichen Pläne auf dem beſten Weg des Ge⸗ lingens, und da er andere Leute nach ſich ſelbſt beurtheilte, ſo kam ihm keinen Augenblick der Gedanke, daß ſeine Stieftochter ſich mit Abſcheu von einer ſolchen Liebe abwenden könnte. Er dachte ſich nicht, 73 daß ein Mädchen von ſechzehn Jahren (dieſes Alter hatte ſie, als er die Augen zu ihr aufzuſchlagen wagte) ſich nicht überglücklich ſchätzen müßte, von ihm mit Geſchenken überhäuft zu werden und alle ihre Launen befriedigen zu können, unter der ein⸗ zigen Bedingung, daß ſie dafür einem ſehr ſchönen Jungen einige Liebe zu widmen habe, ohne von dem boshaften Vergnügen zu ſprechen ihre Mut⸗ ter im eigenen Hauſe zu beherrſchen und auszu⸗ ſtechen. Der Mann täuſchte ſich in der Beziehung nicht, daß es wirklich ſchreckliche Haushaltungen gibt, wo entartete Töchter ſich zu Mitſchuldigen ihres Stief⸗ vaters, zu fluchwürdigen Nebenbuhlerinnen ihrer Mutter hergeben und ihr tauſendfache Qualen be⸗ reiten; Herr Gabert gefiel ſich alſo in der An⸗ nahme, daß Henriette zu dieſen unnatürlichen Töch⸗ tern gehöre. Er verdoppelte ſeine Verführungs⸗ nittel; er machte immer werthvollere Geſchenke, ſeine Vertraulichkeit gegen ſeine Mündel nahm überhand, und die Liebkoſungen, welche das Mäd⸗ chen Anfangs in aller Unſchuld geduldet hatte, um durch ihre Zurückweiſung nicht ihre Mutter zu be⸗ trüben, gewannen einen ſolchen Charakter, daß das arme Kind auf einmal, gewarnt durch den In⸗ ſtinkt ihrer Schamhaftigkeit und kindlichen Liebe, eine unbeſtimmte Ahnung von der furchtbaren Wahr⸗ heit erhielt, an der ſie indeß noch zu zweifeln ſich bemühte. Dieſe Zweifel genügten, um ihr eine immer zunehmende Rückhaltſamkeit und Kälte gegen errn Gabert einzuflößen, welcher darin nur den eiferſüchtigen Unmuth des Mädchens gegen ihre 74 Mutter erblickte. Kühn gemacht durch den ver⸗ meintlichen guten Erfolg ſeines Geſtändniſſes und überzeugt, daß Henriette ihm gehöre, beſchloß er daher den Augenblick ſeines Triumphes zu be⸗ ſchleunigen. XVI. Henriette kam unter dem Vorwand des leichten Kopfwehs, worüber ſie ſich beklagt hatte, nicht zum Diner; ſie ſann lange über ihre Stellung nach, die um ſo ſchmerzlicher war, als ſie ihr ganz unent⸗ wirrbar erſchien. Was ſollte ſie unter dieſen drohen⸗ den Umſtänden thun? Wenn ſie ihrer Mutter die Wahrheit enthüllte, ſo verſetzte ſie ihr einen furchtbaren Schlag und vergiftete die ganze Zukunft der unglücklichen Frau, die verurtheilt war mit dem Manne zu leben, der einen Verführungsverſuch auf ihre eigene Tochter gemacht hatte. Sollte Henriette ihrer Mutter das abſcheuliche Geheimniß verſchweigen, nachdem ſie ihrem Stief⸗ vater offen erklärt hatte, welches Grauen, welche Verachtung er ihr einflößte? Ein anderes Hinder⸗ niß: ſie konnte trotz der Feſtigkeit ihres Charakters nicht hoffen, daß ſie Selbſtbeherrſchung genug be⸗ ſitzen würde, um ihre Empfindungen gegen den Elenden beſtändig zu verhehlen; ſie würde ſich jeden Augenblick vor ihrer Mutter verrathen, und dieſe, 3 die ſich ſchon zum Voraus durch die Kälte ihrer Tochter gegen den Stiefvater ſo unangenehm berührt fühlte, würde ſich unter tiefem Kummer und bittern 75 Thränen eine Heirath vorwerfen, von der ſie ſich ſelbſt keine Freude mehr verſprechen könnte. Nach einer Nacht banger Unentſchloſſenheit be⸗ ſann ſich Henriette jetzt lange: dann beſtimmte ſie ſich für einen Entſchluß, der zu wiederholten Malen gefaßt, aber wieder aufgegeben worden war, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Dieß iſt das Einzige was mir übrig bleibt. .. So werde ich, wenigſtens vor meiner Mutter, die⸗ ſes ſchreckliche Geheimniß verſchweigen und mir in Zukunft den Anblick eines Menſchen erſparen kön⸗ nen, deſſen Nähe mir unerträglich geworden iſt. Sobald der Tag graut, gehe ich zu meiner Mutter und theile ihr meinen unerſchütterlichen Entſchluß mit.“ XVII. Nach einem ſtärkenden Schlaf von einigen Stun⸗ den ſtand Henriette auf. Sie hatte ſo eben ihr Morgenkleid angezogen, als die alte Dienerin her⸗ eintrat. „Mein Fräulein,“ ſagte Angelique, „ich melde Ihnen, daß ich ausgehe, damit Sie ſich nicht die Mühe nehmen zu läuten, wenn Sie meiner bedür⸗ fen ſollten.“ „Gut „iſt meine Mutter auf?“ „Oh, Madame iſt bereits mit der Köchin aus⸗ gefahren.“ „Wie!“ verſetzte Henriette überraſcht, „Mama iſt ſo früh ausgegangen?“ „Ja, mein Fräulein, und ich vermuthe, daß 76 Sie geſtern mit Madame von ber Unordnung ge⸗ ſprochen haben, worüber Sie ſich beklagten. Deß⸗ halb hat Madame, damit Juſtine nicht gar zu viel in ihren eigenen Sack ſtecken kann, wahrſchein⸗ lich heute früh ſelbſt auf den Markt mitgehen wol⸗ len. aber mein Fräulein, dieß wäre nur eine halbe Maßregel ... Madame wird es ſehr bald müde werden alle Tage auf den Markt zu gehen.“ Henriette hörte der Alten nur zerſtreut zu. Der Gegenſtand ihrer Betrachtungen war von weit größe⸗ rer Wichtigkeit als die Reformpläne in Betreff der Haushaltungsausgaben. Sie antwortete daher: „Sie werden mich in Kenntniß ſetzen, ſobald meine Mutter heimkommt.“ „Ja, mein Fräulein, wenn ich überhaupt vor Madame zurückkomme .. und daran zweifle ich. . ich habe einen langen Gang zu machen ſehr lang. .. Barriere du Trone .. Herr Gabert ſchickt mich an die Barriere du Trone . . dort⸗ hin ſoll ich einen Brief tragen in meinem Al⸗ ter! wie wenn er nicht in Ermanglung anderer Domeſtiken einen Commiſſionär mit dieſem Frohn⸗ dienſt beauftragen könnte,“ fügte Angelique im Hin⸗ ausgehen hinzu, ohne jedoch von Henriette gehört zu werden, die fortwährend in tiefes Träumen verſunken war. Die alte Dienerin hatte ſeit einigen Augen⸗ blicken das Haus verlaſſen; ihre junge Gebieterin ſaß, die Stirne auf ihre Hand geneigt, mit ſtar⸗ rem Blick und ſchmerzlichem Lächeln in einem Lehn⸗ ſtuhl und hing ihren bittern Gedanken nach, als auf einmal Herr Stanislas in einem prächtigen Schlafrock, 77 friſirt, pomadirt und parfümirt, ihr Schlafzimmer öffnete. Er trat mit einer von Zuverſichtlichkeit ſtrahlenden Phyſiognomie ein. Beim unerwarteten Anblick ihres Stiefvaters bebte Henriette vor Schreck zuſammen, erhob ſich purpurroth vor Zorn und Beſchämung, zog mit der einen Hand ihr halboffenes Kleid über ihrem Buſen zu, wies mit der andern Herrn Gabert die Thüre, und rief mit einer vor Entrüſtung zitternden Stimme: „Gehen Sie hinaus, mein Herr! . .. gehen Sie augenblicklich hinaus!“ „Fürchten Sie Nichts, mein holdes Kind,“ ver⸗ ſetzte Herr Gabert, indem er entſchloſſen näher trat. „Wir ſind allein im Hauſe.“ „Allein!“ wiederholte das junge Mädchen, er⸗ blaſſend und voll Angſt vor dieſem Elenden „allein!“ „Ja, vollſtändig allein . . . alle Thüren ſind verſchloſſen . .. Beruhigen Sie ſich alſo, anbetungs⸗ würdige Henriette, und bewundern Sie meine Spitz⸗ büberei . ich habe geſtern Abend zu meiner Al⸗ ten geſagt: Ich habe auf morgen Fremion und andere Freunde zum Mittageſſen eingeladen; ich wünſche ein luculliſches Mahl; Du mußt in ället Frühe mit der Köchin auf den Markt gehen, um ſelbſt das Allerfeinſte und Delicateſte auszuwählen. Du nimmſt den Wagen, damit Du nicht müde wirſt.. Sonmit iſt alſo meine arme Alte nebſt der Köchin und dem Bedienten eingepackt; ſodann habe ich Angelique unter dem Vorwand, daß ſie einen Brief forttragen müſſe, nach der Barriere du Trone geſchickt; wir haben zwei oder drei Stun⸗ 78 den für uns. He, mein Engel .. . geſtehen Sie, daß ich ein durchtriebener Spitzbube bin, und das Prächtigſte an der Sache iſt, daß dieſes luculliſche Mahl unſer Hochzeitsſchmauß ſein wird.“ Herr Gabert öffnete ſeine Arme und trat zwei Schritte gegen ſeine Stieftochter vor. Henriette, deren Zähne krampfhaft an einander ſchlugen, wurde todesblaß bei dem Gedanken, daß ſie allein in einem abgelegenen Zimmer mit dieſem Menſchen eingeſchloſſen war; ſie konnte Anfangs kein Wort ſprechen, ſondern flüchtete ſich in eine Ecke, lehnte ſich dort an die Wand und rief endlich mit beben⸗ der Stimme: „Kommen Sie mir nicht zu nahe, oh, kommen Sie mir nicht zu nahe!“ „Ei, ich wiederhole Dir ja, daß wir Nichts zu fürchten haben, meine angebetete Henriette... Thu deßhalb doch nicht ſo ängſtlich. . . wir ſind allein, ſage ich Dir.“ Und Herr Gabert, der die Unruhe des jungen Mädchens einzig und allein ihrer Furcht zuſchrieb, daß ſie von ihrer Mutter überraſcht werden könnte, trat von Neuem einige Schritte vor; dabei mur⸗ melte er mit flammenden Wangen und wolluſtfun⸗ kelnden Augen: „Wie bezaubernd Du biſt in Deinem Morgen⸗ eid!“ Henriette ſah, daß ſie verloren war, wenn ſie ihr ängſtliches Verzagen nicht zu überwinden ver⸗ mochte. Ihre Charakterfeſtigkeit, die einen Augen⸗ worden, gewann wieder die Ober⸗ hand. 79 Sie erblickte in ihrer Nähe auf einem Arbeits⸗ tiſche eine ſehr ſpitzige Scheere und ergriff dieſelbe. WMit hochgehaltener Stirne, unerſchrockenem Blick, ausgeſpannten zitternden Naſenflügeln, Zorn und Abſcheu in allen Zügen, rief ſie dann: „Schandbube! . . Wenn Sie noch einen einzi⸗ gen Schritt thun . . . ſo ſtoße ich Ihnen dieß Ding ins Geſicht.“ Die Haltung, der Ton und die Phyſiognomie des jungen Mädchens drückten ſo energiſch ihren aufs Aeußerſte getriebenen Unmuth aus, daß ihr Stiefvater trotz ſeiner Geckenhaftigkeit endlich be⸗ griff, daß er ſich in Betreff des verliebten Eindrucks, den er bei ihr hervorgebracht zu haben glaubte, getäuſcht hatte. Er war überdieß eben ſo feig als ruchlos; die Scheere, welche Henriette als Verthei⸗ digungswaffe zu gebrauchen ſo vollkommen entſchloſ⸗ ſen ſchien, war lang und ſehr ſpitzig; Herr Sta⸗ nislas fürchtete, es könnte ihm ein Auge ausge⸗ ſtoßen oder wenigſtens eine Schmarre verſetzt werden, wenn er auf ſeinem Unternehmen beſtände, und da er auch nicht wußte, welchem Umſtand er dieſen vermeintlichen plötzlichen Umſchlag in den Geſinnun⸗ gen des Mädchens zuſchreiben ſollte, das, wie er ſich einbildete, geſtern noch ſo zärtlich gegen ihn geſtimmt geweſen, ſo trat er zurück und ſagte, ohne aus ſeinem Verdruß einen Hehl zu machen: „Ich begreife Nichts mehr . . . nun beruhigen Sie ſich doch, Henriette... Erzürnen wir uns nicht, ſondern erklären wir uns in aller Freundſchaft.. wie zum Teufel kommt es, daß ich, nachdem Sie mir geſtern ſo zu ſagen ein Liebesgeſtändniß abgedrun⸗ 8⁰ gen haben, heute eine ſolche Tigerin in Ihnen finden muß?“ „Geſtern, mein Herr, wünſchte ich zu erfahren, wie weit Ihre Schändlichkeit gehen könne heute weiß ich es.“ „Alſo . . Sie lieben mich nicht?“ „Sie ſind in meinen Augen das gemeinſte, ver⸗ worfenſte Subject von der Welt.“ „Mein Fräulein. .. dieſe Ausdrücke.. .“ „Dieſe Ausdrücke genügen nicht, um meinem Eckel an Ihrem fluchwürdigen Benehmen Worte zu geben. Meine Mutter hat Sie aus Mitleid aus einem Zuſtand der Bedrängtheit gezogen, der an Flend gränzte, als Sie für einige Diners das Handwerk eines bezahlten Hanswurſts trieben.“ „Dieſe Beſchimpfungen, mein Fräulein,“ rief Herr Gabert purpurroth vor Zorn, „dieſe Be⸗ ſchimpfungen .. .“ „Meine Mutter hat in der Leichtgläubigkeit einer redlichen und guten Seele Ihnen die Verwaltung ihres eigenen und meines Vermögens überliefert. .. Sie verſchleudern es im Spiel und in Orgien mit der Schamloſigkeit des Lakaien, der einen allzu zuverſichtlichen Herrn beſtiehlt.“ „Oh.. — nehmen Sie ſich in Acht .. unver⸗ ſchämtes Mädchen .. treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte!“ „Was ſoll das heißen, mein Herr? Sie ſind zu gemein, um nicht auch ein Feigling zu ſein; Ihre Drohungen ſind lächerlich,“ antwortete Henriette, 1 ſie ihren Stiefvater mit verächtlichen Blicken maß. 81¹ Dann fügte ſie mit Achſelzucken hinzu: „Alſo, nachdem Sie aus gemeiner, ſelbſtſüchti⸗ ger Berechnung meine Mutter geheirathet, ruini⸗ ren Sie die arme Frau nicht blos, ſondern wol⸗ len auch noch mich verführen. . mich, ihre Toch⸗ ter. mich, die ich dieſe Mutter eben ſo ſehr ver⸗ ehre als liebe! Und da Ihre Beſcheidenheit Ih⸗ ren Verdienſten gleichkommt, mein Herr, ſo haben Sie ſich natürlich eingebildet, ich könne gegen Ihre Laſtträgergrazie, gegen Ihre Hanswurſtſpäſſe, gegen Ihre beleidigenden Geſchenke nicht gleichgültig blei⸗ ben, und weil ich geſtern, bevor ich einen letzten Entſchluß faßte, die ganze Ruchloſigkeit, die ganze Niederträchtigkeit Ihrer Seele kennen lernen wollte, indem ich mir die Qual auferlegte Ihr ſchändliches Geſtändniß anzuhören, ſo erfrechen Sie ſich dieſen Morgen zu mir zu kommen! Geblendet durch eine Geckenhaftigkeit, die vielleicht noch mehr blödſinnig als infam iſt, erfrechen Sie ſich in mir eine Mit⸗ ſchuldige zu erblicken! Wahrhaftig, mein Herr, man kann ſich nicht ruchloſer und dummer zugleich zeigen!. Jetzt entfernen Sie ſich, Sie wiſſen nun, welche Hochachtung ich vor Ihnen habe, mein Herr Stiefvater und Vormund.“ XKVIII. Es iſt unmöglich die keuſche Entrüſtung, die zermalmende Hoheit, den ſpitzen Spott und die rächende Verachtung zu ſchildern, welche ſich in den Worten dieſes kaum ſiebzehnjährigen Mädchens ab⸗ prägten, die in der Ueberſpannung ihres großher⸗ Sue, der Teufel als Arzt IV. 6 — 82 zigen Zornes eine Zuverſichtlichkeit und Schärfe der Sprache fand, wie ſie in ihrem Alter nicht gewöhnlich ſind. Zu Boden geſchlagen, zermalmt, hatte Herr Stanislas ſeine Stieftochter angehört, ohne ſie zu unterbrechen; dieſer Mann war verworfen, feig und lächerlich; daraus folgt nicht, daß er nicht auch grimmig ſein konnte, er war es wirklich oder viel⸗ mehr er wurde es, als die Wirklichkeit die Stelle ſeiner getäuſchten Hoffnungen einnahm. Dieſe elenden Gecken empfinden die Wunden, die man ihrer plumpen Eitelkeit ſchlägt, ſchwerer als man ſich's denkt; deßhalb erreichte auch bei Herrn Stanislas die Wuth und bald darauf der Haß gegen ſeine Stieftochter den höchſten Gipfel, als ſie von der Laſtträgergrazie, den Hanswurſt⸗ ſpäſſen und der blödſinnigen Geckenhaftigkeit ihres vermeintlichen Verführers ſprach. Er hatte ſeine Zähne übereinander gebiſſen, ſeine Fauſt geballt, ſein Auge war von Blut unterlaufen, und wenn er den Muth gehabt hätte die Furcht zu überwin⸗ den, die Henriettes Scheere ihm einjagte, ſo würde er ſich die äußerſten Gewaltthaten gegen ſie er⸗ laubt haben; ſo aber hielt er an ſich, blieb ſtumm, und als ſeine Stieftochter ihre blutigen Vorwürfe mit den Worten geſchloſſen hatte: „Sie wiſſen jetzt, welche Hochachtung ich vor Ihnen habe, mein Herr Stiefvater und Vormund!“ da rief er mit einer vor Zorn ſtockenden Stimme: „Jetzt iſt es an mir, meine theure und liebens⸗ würdige Stieftochter! In dieſem Augenblick biſt Du ſehr höhniſch, ſehr ſtolz, nicht wahr? „ mit 83 einer Scheere in der Hand? .. . nun wohl .. höre was ich ſage . . und behalte es wohl. Ehe ein Monat vergeht, wirſt Du obſchon ich blos ein graziöſer Laſtträger, ein Spaßmacher und ein Dummkopf bin, auf Deinen Knieen mit gefalteten Händen zu mir kommen und Dich mir auf Gnade und Ungnade überliefern . . .“ „Entfernen Sie ſich, mein Herr. .. Ihr An⸗ blick empört mich und Sie ſchwatzen Unſinn.“ „Ich wiederhole es Dir, allzu theure und allzu liebenswürdige Stieftochter, daß Du Dich noch vor einem Monate mir auf Gnade und Ungnade über⸗ liefern wirſt. ich halte Dich . oder vielmehr ich werde Dich halten . .. und zwar durch Deine Mutter.“ „Was ſagt dieſer Menſch?“ „Ah, was ſagt dieſer Menſch! Dieſe Drohung geht Dir zu Herzen, he? Nun wohl, dieſer Menſch ſagt Folgendes, was Du nicht vergeſſen mußt: wenn Du nicht artig gegen mich biſt, ſo wird meine arme Alte, die ſich noch im vollen Honigmond glaubt, Bekanntſchaft mit dem rothen und ſogar mit dem ſchwarzen Mond machen.“ „Was höre ich!“ „Du zitterſt. oh, ich halte Dich! . . . Du haſt es geſagt, in meiner blödſinnigen Geckenhaftig⸗ keit täuſchte ich mich. . . Ich glaubte Dich eifer⸗ ſüchtig auf Deine Mutter, während Du ſie an⸗ beteſt. ich habe jetzt die Gewißheit darüber . Jetzt aber bürge ich Dir für Eines . nämlich daß Deine Mutter in unſerer Haushaltung ihr weißes Brod, wie man zu ſagen vM ge⸗ geſſen haben wird, denn dasjenige das ſie jetzt er⸗ wartet, wird ſo hart ſein, daß ſie ihre ehrwürdigen Kinderzähne daran ausbrechen wird, wenn Du fortfährſt Dich als eine wilde Tigerin gegen mich zu zeigen . . . Damit ſage ich Dir, meine ange⸗ betete Mündel und Stieftochter, daß die Ruhe und das Glück Deiner Mutter in Deinen Händen lie⸗ gen glaube mir, trotz meiner Laſtträgergrazie, meiner Hanswurſtſpäſſe, meiner blödſinnigen Gecken⸗ haftigkeit,“ fügte Herr Gabert hinzu, indem er un⸗ willkürlich auf Henriettes Spöttereien zurückkam, die ihn aufs Tiefſte verletzt hatten, „überlege meine Worte wohl; ich gebe Dir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, um liebenswürdig zu werden ... Du verſtehſt mich? . wo nicht, ſo ſollſt Du ſehen, wie ich von nun an mit meiner Alten umſpringen werde. Auf Wiederſehen, meine angebetete Mün⸗ del. .. auf Wiederſehen, meine vielgeliebte Stief⸗ tochter!“ ſchloß Herr Gabert mit höhniſchem Ge⸗ lächter, indem er raſch das Mädchen verließ, das er noch mit der Fauſt bedrohte. XIX. Ungefähr zwei Stunden nach der eben mitge⸗ theilten Beſprechung kam Frau Gabert in ihrem mit Eßwaaren beladenen Wagen vom Markte zurück. Henriette eilte ihrer Mutter entgegen, die ganz heiter zu ihr ſagte: „Der liebe Stanislas wird ſich rühmen können ſeinen Freunden ein wahrhaft luculliſches Mahl zu 85 geben, wie er ſagt . ich habe auf dem Jacobiner⸗ markt das Schönſte zuſammengerafft, was es an Wildpret, Fiſchen, Geflügeln und .. Jetzt erſt bemerkte ſie die entſtellten Züge ihrer Tochter und fuhr fort: „Ach mein Gott, wie blaß Du biſt! Du hatteſt alſo heute Nacht noch immer an Deiner Unpäßlich⸗ keit von geſtern zu leiden, liebes Kind?“ „Ja, Mama, ich war heute Nacht leidend; die⸗ ſen Morgen befinde ich mich beſſer. Ich habe Vie⸗ les mit Dir zu ſprechen .. .“ „Du ſagſt das ſehr ernſthaft.“ „Es handelt ſich um eine ſehr ernſthafte Be⸗ ſprechung, liebe Mutter, und ... „Noch einmal, mein armes liebes Kind, ich wiederhole es, wie blaß Du biſt!“ verſetzte Frau Gabert, indem ſie ihre Tochter unterbrach und mit zärtlicher Beſorgniß beobachtete. „Ich bitte Dich .. ſag' mir die Wahrheit . .. Du biſt kränker als Du ſcheinen willſt. . . ich will ſogleich zu einem Arzt ſchicken.“ „Es iſt unnöthig, Mama; ich leide in dieſem Augenblick nicht körperlich, ſondern an einer tiefen Traurigkeit . . ihre Urſache iſt der Gegenſtand der Beſprechung, die wir jetzt mit einander haben werden.“ „Du beunruhigſt mich. Um was handelt es ſich denn?“ „Liebe Mutter . .. Du zweifelſt nicht an meiner Zärtlichkeit, an meiner Verehrung für Dich?“ „Warum ſollte ich daran zweifeln? Es gibt kein beſſeres Herz in der Welt als das Deinige .. 86 und ich glaube an Deine treue Anhänglichkeit, wie ich an mein eigenes Leben glaube⸗⸗ „Alſo, gute Mutter, wirſt Du, was auch ge⸗ ſchehen mag, ſtets überzeugt ſein, daß ich Dich eben ſo innig liebe wie Du mich?“ „Gewiß . aber Du ſagſt, was auch ge⸗ ſchehen mag Was kann denn geſchehén?“ „Wenn wir z. B. für den Augenblick getrennt würden?“ „Getrennt! wie das?“ „Nimm einmal an, ich verlaſſe das Haus auf einige Zeit.“ „Wozu dieſe Annahme, da ſie doch nie verwirk⸗ licht wird?“ „Wer weiß . Mama.“ „Ich weiß es, ich Ich erkläre Dir ſogar, daß ich, ſelbſt wenn Du Dich verheiratheſt, von keiner Trennung wiſſen will wir werden zu vier mit einander hauſen, Du und Dein Mann, ich und der liebe Stanislas.“ „Ich mache keine Anſpielung auf Seirathspläne; dergleichen Dinge ſtehen meinen Gedanken ſo gänz⸗ lich fern, daß .. .“ und ſich unterbrechend: „Mama, was ich Dir jetzt ſagen will, wird Dir ſehr außerordentlich vorkommen.“ „Sprich weiter.“ „Weit entfernt Heirathsgedanken zu haben, möchte ich am liebſten i in die Penſion zurückkehren .. . um daſelbſt meine Erziehung zu beendigen und zu vervollkommnen.“ Frau Gabert betrachtete ihre Tochter Anfangs 87 ohne ein Wort zu ſagen, denn ſie konnte ihren Ohren kaum trauen. Dann verſetzte ſie gänzlich betäubt: „Was will das heißen . . . in Deine Penſion zurückkehren. .. Deine Erziehung vervollkommnen?“ „Das iſt doch ſehr einfach, Mamaz ich wünſche...“ „Unſinn! Biſt Du nicht unterrichtet genug? Noch einmal, ich begreife nicht, was Du mit Dei⸗ ner Penſion ſagen willſt . mir iſt als träume ich.“ „Ich geſtehe ſelbſt, daß mein Entſchluß Dich überraſchen muß; gleichwohl hoffe ich, daß Du ihm Deine Beiſtimmung nicht verſagen wirſt.“ „Henriette. Das kann nicht Dein Ernſt ſein ...“ ſtammelte Frau Gabert, deren Augen feucht wur⸗ den; „mich verlaſſen . um, wie Du ſagſt, Deine Erziehung in der Penſion zu vollenden? . Dieſe Idee haſt Du bis jetzt noch nie gehabt aus welcher Veranlaſſung kommt ſie Dir ſo plötzlich? und überdieß warum das Haus verlaſſen? Kannſt Du nicht ſo viel Profeſſoren hieher kommen laſſen, als Du nur haben willſt? Werden Dein Stief⸗ vater und ich Dir je Etwas verweigern?“ „Erlaube mir die Bemerkung, Mama, daß in den Inſtituten ein Studienplan vorliegt, den man ſonſt nirgends findet und für welchen einzelne Pro⸗ feſſoren keinen Erſatz leiſten können.“ „Alſo Du, Henriette. . die ich ſo innig liebe .. Du, die Du mein Alles biſt!“ ſagte Frau Gabert unter einem Strom von Thränen, „Du wollteſt mich der Eitelkeit aufopfern noch gelehrter zu wer⸗ den? Ich glaube das nicht . . . Ich kenne Dein Herz zu gut, meine Henriette .„ Dieſer plötzliche 88⁸ Entſchluß mich ganz allein zu laſſen iſt nicht na⸗ türlich. . es ſteckt Etwas darunter, was Du mir verbirgſt.. nein, Du ſagſt mir nicht Alles.“ Auf einmal fuhr ſie, von einer plötzlichen Idee durchzuckt, auf und rief mit einem Ausdruck zuneh⸗ menden Schmerzes: „Großer Gott, ich fürchte zu errathen ... Hen⸗ riette, ich beſchwöre Dich, ſei aufrichtig .. Du erinnerſt Dich, geſtern habe ich Dir zärtliche Vor⸗ würfe wegen Deiner zunehmenden Kälte gegen meinen Mann gemacht; Du haſt verſchiedene Gründe angeführt unter anderen ſeine Verſchwendung; inzwiſchen haſt Du ihm freundſchaftliche Vorſtellun⸗ gen darüber gemacht, er hat auf Deine Gründe gehört; Ihr ſchienet Euch verſtändigt zu haben, und jetzt kommſt Du auf einmal her und willſt Dich von uns trennen unter dem Vorwand, daß Du Deine Erziehung vollenden müſſeſt. Iſt dieß wahrſcheinlich? Siehſt Du, Henriette,“ fügte die arme Frau ſchluchzend hinzu, „ich werde zuletzt glauben, daß Du, ohne ſelbſt zu wiſſen warum, einen Widerwillen gegen Deinen Stiefvater gefaßt habeſt. Ach, wenn es ſich ſo verhielte, das würde mich für mein ganzes Leben unglücklich machen.“ „Mutter .. meine gute Mutter . . . Ich bitte Dich um Alles . betrübe Dich nicht ſo,“ ſagte Henriette mit tiefem Schmerz; „dieſe Trennung wird vielleicht nicht lange währen.“ „Nun, ſo laß mich doch wenigſtens wiſſen, was Du meinem Mann vorzuwerfen haſt „ rief Frau Gabert in peinlicher Unruhe; „wenn man ſich gegen 89 Jemand ſo entfremdet fühlt, ſo ſagt man wenig⸗ ſtens warum.“ „Es handelt ſich nicht um meinen Stiefvater .. ich habe ſeinen Namen gar nicht ausgeſprochen. „Dieſer Name würde Dir ohne Zweifel die Lippen zerſchunden haben,“ verſetzte Frau Gabert, deren Verdruß immer bitterer und reizbarer wurde. „Du biſt doch gar zu ungerecht.“ „Ich bitte Dich, höre mich an.“ „Du biſt undankbar.“ „Undankbar . ich gegen wen?“ „Gegen Stanislas.“ „Darauf habe ich Nichts zu antworten.“ „Ich glaube es wohl ... Du kämeſt in große Verlegenheit, wenn Du antworten müßteſt; er hat Dich mit Beweiſen von Zuneigung überhäuft; zum Lohn dafür läſſeſt Du Dich von dem garſtigen Vorurtheil beherrſchen, daß man in einem Stief⸗ vater einen Feind zu erblicken habe.“ Gi ich „Und ich muß für Deine Abneigung büßen! Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe, wie ſchmerzlich es mir wäre von Dir getrennt zu werden, und Alles macht Dir gar Nichts aus. i „Henriette. ſoll ich Dir Etwas fagen?. Du haſt mich nie geliebt. „Gute Mutter, dieſer Vorwurf mich, wenn er verdient wäre, ſehr ſchmerzen. aber ſo kann er mich nicht treffen .. . denn ich be ja nur für Dich, Du weißt es wohl. 4 „Ich weiß nur ſo viel, daß ich mich um Nichts in der Welt zur Mitſchuldigen Deiner unglaublichen Launen oder Deines beleidigenden Widerwillens gegen meinen Mann machen werde: Du wirſt das Haus nicht verlaſſen.“ „Wie! Du widerſetzeſt Dich?“ „Ich widerſetze mich förmlich Deiner Rückkehr in die Penſion. Und Stanislas wird ſich in ſeiner Eigenſchaft als Vormund ebenfalls widerſetzen.“ „Oh mein Vater! mein Vater! Ich habe den Schmerz über deinen Verluſt nie härter empfunden als heute,“ ſagte Henriette, indem ſie ihre thränen⸗ feuchten Augen zum Himmel erhob. „Möchteſt Du, arme theure Mutter, den ganzen Umfang unſeres Unglücks niemals erfahren!“ „Wenn Du das Andenken an Deinen Vater hervorrufſt, um damit meinen Mann zu beleidigen, ſo hätteſt Du das füglich unterlaſſen können .. Stanislas hat mich glücklicher gemacht und macht mich noch jetzt glücklicher, als ich während meiner erſten Ehe je geweſen bin.“ Henriette erröthete vor Entrüſtung und Schmerz, als ſie ihren Vater mit dem Elenden vergkeichen hörte, der ſie verführen wollte. Sie ſtand im Be⸗ griff loszubtechen und ihre Mutter aus ihrer un⸗ ſeligen Verblendung zu reißen, aber ſie wagte es nicht der unglücklichen Frau dieſen Schlag zu ver⸗ ſetzen, und betrachtete ſie einen Augenblick ſchwei⸗ gend mit innigem Mitleid. Dann kam ſie auf ihren Plan zurück und ver⸗ ſetzte mit feſter Stimme: * „Mama, zum letzten Mal, ich beſchwöre Dich .. erlaube mir auf einige Zeit in die Penſion zurück⸗ zukehren.“ 91 „Nein, nein, hundertmal nein.“ . „Nun wohl, Deine Weigerung nöthigt mich Dir zu erklären, daß ich entſchloſſen, unwidörruflich entſchloſſen bin nicht mehr unter demſelben Dach zu wohnen wie mein Stiefvater.“ „Alſo geſtehſt Du es, unglückſeliges Kind!“ rief Frau Gabert erbittert. „Du haſſeſt meinen Mann! Dein Wunſch in die Penſion zurückzukehren war blos ein Vorwand ...“ „Mag ſein. aber ich werde nicht hier blei⸗ ben . Mutter!“ „Du wagſt es . „Ich wiederhole es. keine menſchliche Macht wird mich zwingen hier zu bleiben.“ „Und ich, ich ſage Dir, daß Du hier bleiben wirſt . .. Das wird nöthigenfalls Deine Beſtrafung ſein. .. Undankbare Tochter . . . Unwürdige Tochter!“ „Mutter!“ rief Henriette, deren Gewiſſen und Stolz ſich gegen dieſe unverdienten Vorwürfe em⸗ pörten, „dieſe Worte ſind grauſam und . . .“ Aber hier unterbrach ſie ſich und fügte in ge⸗ rührtem Tone hinzu: „Nein, dieſe Worte können mich nicht verletzen. . . ich kann ſie Dir nicht einmal zum Vorwurf machen. Mein Entſchluß dieſes Haus zu verlaſſen muß Dir unerklärlich ſcheinen, arme gute Mutter . . . Mein Gott. wenn ich es wagte zu ſprechen . . . wenn ich Dir die Urſache meiner Abneigung gegen dieſen Menſchen auseinanderſetzen könnte!“ „Gegen dieſen Menſchen! Du wagſt es ſo von einem Manne zu ſprechen, der Dich mit Güte über⸗ 92 häuft hat .. deſſen Name Du nie anders als mit Hochachtung und Liebe ausſprechen ſollteſt. Geh' mir aus den Augen . . . Du biſt ein böſes Kind!“ Plötzlich aber wich der Zorn der Frau Gabert ihrem Schmerz, und ſie brach in Thränen aus, in⸗ dem ſie murmelte: „Ach! was für eine unglückliche Mutter bin ich!“ XX. Henriette konnte den Thränen ihrer Mutter nicht widerſtehen und ſich nicht darein ergeben ihre Ab⸗ neigung auf ſich gezogen zu haben. Sie ſah jetzt erſt die Gefahren des Entſchluſſes ein, den ſie ge⸗ faßt hatte, um den Zudringlichkeiten ihres Stief⸗ vaters zu entgehen. Sie hatte nämlich gehofft, daß er, wenn ſie ſich aus dem Hauſe entfernt hätte, auf Verſuche verzichten würde, die nunmehr ganz vergeblich ſein müßten, und daß ihre Mutter dann der Rache dieſes Menſchen entgehen könnte. Frau Gabert ſaß troſtlos weinend in einem Lehnſtuhl; Henriette trat auf ſie zu, warf ſich ihr zu Füßen, ergriff ihre Hände und küßte ſie zärtlich; dann ſagte ſie mit tief bewegter Stimme: „Mama verzeih mir.“ „Nein . .. laß mich in Ruhe!“ antwortete die arme Frau, obſchon ſie durch den Ton und den Blick ihrer Tochter bereits gerührt war. — „Laß mich in Ruhe, Du haſt mir ſchrecklich wehe gethan.“ „Mama .. „Nein rechne nicht auf meine Schwäche.“ * 93 „Noch einmal . verzeihe mir, gute Mutter,“ antwortete Henriette, ihre Liebkoſungen verdoppelnd. „Ich hätte in aller Aufrichtigkeit mit Dir ſprechen ſollen . . aber der Muth fehlte mir.“ Frau Gabert war entwaffnet. Sie kehrte ſich nicht an den ziemlich dunkeln Sinn der letzten Worte ihrer Tochter, ſondern zog ſie an ſich, küßte ſie mehrere Male leidenſchaftlich und ſagte zu ihr: „Du bitteſt mich um Verzeihung: ich gewähre ſie Dir, armes Kind; und auch ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dich ſo hart behandelt habe .. Aber was willſt Du . . ich . .. Hier unterbrach ſie ſich und fuhr dann fort: „Hörſt Du ich bitte Dich aufs dringendſte .. kein Wort mehr von dem was ſo eben vorgefallen iſt. Laß uns wieder glücklich werden und einig wie vorher. Dieſer verfluchte Tag ſei auf ewig vergeſſen, liebes Kind,“ fügte Frau Gabert hinzu, indem ſie ihre Tochter aufs Reue küßte. „Mein Herz war kaum noch ſo ſchmerzlich zuſammenge⸗ ſchnürt, aber an dem Deinigen geht es wieder auf. Komm, geliebtes Kind . wir ſind nicht geſchaffen um einander zu grollen ... ſondern um uns zu lieben.“ „Ja, ach ja, gute Mutter . .. und wir werden es niemals nöthiger gehabt haben auf unſere gegen⸗ ſeitige Liebe rechnen zu können . . Ich geſtehe jetzt, es war unrecht von mir. es war eine Feigheit, daß ich aus dieſem Haus fliehen wollte, ich dachte dabei nur daran mich aus einer perſönlichen Gefahr zu retten, und ich ließ Dich allein .. ohne Unter⸗ ſtützung, ohne Schutz .. Verzeih, Mutter, noch 94 einmal, verzeih mir . . . ich werde Muth haben .. und Pu auch wir werden einander euftht halten, dann werden wir Nichts zu fürchten haben .. und Beide zuſammen, Du wirſt ſchon ſehen, ver⸗ den wir ſehr ſtark ſein.“ „Was willſt Du ſagen?. . . Was ſprichſt Du von Muth? von ſtark ſein, Beide zuſammen? gegen wen werden wir ſtark ſein?“ die böſen Leute . . . gegen das Mißge⸗ i . „Ich begreife Dich nicht.“ „Mutter . Du mußt Dich auf eine unerwar⸗ tete Mittheilung gefaßt halten . . ſie iſt ſchreck⸗ lich. .. ſo ſchrecklich . ſiehſt Du. daß Du im Anfang Mühe haben wirſt daran zu glauben. Henriette wwas bedeutet das? Mein Gott. .. mein Herz ſchnürt ſich wieder eben ſo zuſammen wie vorhin . . . Deine Augen füllen ſich mit Thränen .. „Ach! Du wirſt ſchrecklich leiden. .. ſchrecklich.“ „Du machſt mir Angſt.“ „Ja, Du mußt zittern. Was ich Dir mitzu⸗ theilen habe, iſt allerdings furchtbar, liebe Mut⸗ ter. es iſt der ſchmerzlichſte Schlag, den Du empfangen könnteſt.“ „Du folterſt mich ja, unglückſeliges Kind .. ich weiß nicht mehr wo mir der Kopf ſteht. Voll⸗ ende doch wenigſtens!“ „Du wirſt auf eine ſchändliche Art getäuſcht. . hintergangen . . verrathen . . . „Von wem?“ „Von einem Manne, der Dir Alles verdankt. .. 95 und Dich mit dem ſchwärzeſten Undank belohnt . Frräthſt Du?“ „Nein . wer iſt der Mann?“ „Mein Stiefvater.“ „Wie!“ rief Frau Gabert. „Du haſt mich ſo eben um Verzeihung gebeten und fängſt jetzt von Neuem an!“ „Ich wollte dieſes Haus verlaſſen ... weißt Du warum?. weil er mich liebt . „Nun ja denn er liebt Dich. was iſt da zu verwundern? Ich predige es Dir den ganzen“ Tag vor, daß er Dich liebt.“ „Mein Stiefvater iſt in mich verliebt .. Frau Gabert trat voll Entſetzen einen Schritt zurück. Dieſe Mittheilung zermalmte ſie; ihre Au⸗ gen vergrößerten, ihre Lippen öffneten ſich, ihr Buſen wallte, ſie ſchlug die Hände zuſammen und ſtammelte: „Mein Gott! . . . ach mein Gott, hab' Erbar⸗ men mit mir.“ Henriette fuhr mit bebender Stimme fort: „Dieſen Morgen iſt mein Stiefvater, nachdem er Dich und die Dienſtboten entfernt hatte . in mein Zimmer gekommen . er hat mir ſeine fluch⸗ würdige Liebe geſtanden.“ „Das iſt nicht wahr! Du biſt eine Lügnerin!“ rief Frau Gabert, purpurroth vor Entrüſtung. Dann fuhr ſie mit einer drohenden Geberde fort „Das iſt eine Erfindung Deines Haſſes gegen meinen Mann .. Du wilſſt ihn in meinen Augen zu Grunde richten .. Du haſt dieſe Schändlichkeit 96 ausgeheckt. . . ich glaube Dir nicht ich will Dir nicht glauben . . . laß mich allein .. pack Dich „Ich wußte es, liebe Mutter,“ verſetzte Hen⸗ riette mit einem ſchmerzlichen Lächeln, „dieſe Mit⸗ theilung iſt ſo ſchrecklich .. daß Du nicht daran glauben kannſt . . .“ „Du lügſt! Mein Gott! Wie kann ein Kind von kaum ſiebzehn Jahren ſo frech, ſo perſid, ſo boshaft lügen .. . da ſiehſt Du jetzt, wohin der Haß führen kann.“ „Höre mich an.“ „Du lügſt! Es genügt Dir nicht meinen Mann zu haſſen .. Du willſt ihn auch zu einem Unge⸗ heuer in meinen Augen machen ha! . . jetzt kenne ich Dich, aber nur zu ſpät.“ „Ich beſchwöre Dich. .. hoöre mich an.“ „Abſcheulich! Ich werde ſogleich meinen Mann von dieſer Verleumdung in Kenntniß ſetzen,“ rief Frau Gabert, indem ſie auf die Thüre zuſchritt. Und mit einer drohenden Geberde gegen Hen⸗ riette fuhr ſie fort: „Unwürdige Tochter, Du wollteſt das Haus ver⸗ laſſen. nun wohl, jetzt wirſt Du es verlaſſen. . hörſt Du? Du magſt wollen oder nicht! Kehre in Deine Penſion zurück . bleib dort. ich könnte Dir jetzt nicht mehr ins Geſicht ſchauen, Du Schlange! und mein Mann ſoll ſogleich Alles erfahren.“ „Bitte, in dieſem Augenblick kein Wort von all dem an meinen Stiefvater .. . aber ich werde Dir ſpäter beweiſen, daß . 2 97 „Siehſt Du „ſiehſt Du .. Du zitterſt, Du möchteſt entlarvt werden.“ „Nun denn, liebe Mutter. da es ſein muß . ſo ſollſt Du auf der Stelle mit Deinen eigenen Ohren hören, wie mein Stiefvater mir das Be⸗ kenntniß ſeiner ſchrecklichen Liebe wiederholt.“ „Was ſagt ſie?“ „Du ſollſt ſogleich hören, wie dieſer Nenſch mir erklärt, daß Du das Opfer ſeiner Rache werden ſollſt, wenn ich ihm Widerſtand leiſte. Komm, liebe Mutter, komm, es muß ſein.“ Durch den Ton ihrer Stimme, durch ihre Ge⸗ bärde, durch den unwiderſtehlichen Einfluß der Wahrheit beherrſchte Henriette ihre Mutter dermaßen, daß dieſe ſchaudernd vor Entſetzen ſtammelte: „Barmherziger Gott! mich zur Zeugin ſolcher Abſcheulichkeiten zu machen, wäre es möglich? nein. nein. .. verlaſſe mich ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf ſteht.. Du machſt mich toll. . „Komm, Mutter, komm, arme Getäuſchte. ar⸗ mes Opfer des ruchloſeſten aller Menſchen; komm, dieſe Prüfung wird ſchrecklich ſein aber noth⸗ wendig.. meine Zärtlichkeit wird Dich tröſten .. und feſt vereint werden wir ſtark gegen ihn ſein .. komm!“ „Wohin denn?“ antwortete Frau Gabert, zit⸗ ternd und troſtlos. Sie folgte beinahe unwillkürlich ihrer Tochter, die ihr die Hand gab, und wiederholte ihre Frage: „Wohin ſoll ich gehen?“ „An einen Ort, wo ich Dich von der Fß⸗ Sne, der Teufel als Arzt. IV. 98 keit überführen kann .. ſo ſchrecklich ſie auch ſein mag Komm. . komm. Frau Gabert folgte ihrer Tochter, obſchon ſie ſich nur mit Mühe aufrecht erhielt, und ſie ver⸗ ließen zuſammen den Salon. XXI. Während Frau Gabert und ihre Tochter die eben mitgetheilte Unterhaltung hatten, beſprach ſich Herr Gabert ſeinerſeits mit ſeinem Buſenfreunde Fremion. Dieſer Menſch gehörte zu derjenigen Claſſe von Leuten, deren überflüſſige Exiſtenz ein unlös⸗ bares Problem wäre, wenn man nicht wüßte, daß die niederträchtigſte Schmeichelei, ſo plump ſie auch ausgebeutet werden mag, immer einen ſichern Er⸗ trag abwirft; mit einem Wort, Herr Fremion war der unverdroſſene Schmeichler des Herrn Gabert und verdankte es ſeinen platten Fuchsſchwänzeleien ſo wie ſeiner knechtiſchen Willfährigkeit in allen Dingen, daß er ganz üppig auf Koſten dieſes be⸗ thörten Menſchen lebte, bei welchem immer ein Couvert für ihn gedeckt war; dabei entlehnte er häufig recht runde Sümmchen von ihm und ermun⸗ terte ihn in ſeinen ſchlechten Leidenſchaften, die ſehr oft, wenn auch keiner Ermunterung, doch we⸗ nigſtens einer Aufreizung bedurften. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Herr Fremion in das Geheimniß der fluchwürdigen Liebe ſeines Freundes eingeweiht war, und daß in dieſem Au⸗ genblick ihre Unterhaltung keinen andern Gegen⸗ ſtand betraf. 99 „Du biſt ein Richelieu, ein Lauzun aber im gegebenen Fall benimmſt Du Dich wie ein Dummkopf,“ ſagte Herr Fremion mit Autorität zu ſeinem Freund. „Ich habe Dirs hundertmal erklärt es fehlt Dir eine weſentliche Eigenſchaft: näm⸗ lich die wohl erlaubte Kühnheit, die Du aus dem Bewußtſein Deines perſönlichen Werthes ſchöpfen müßteſt. Du biſt einer der ſchönſten Männer, die man ſehen kann . . . mit einem Wort, ein wahrer Spiegel von einem Liebeshelden; Du haſt die Tour⸗ nure eines Gentleman von vortrefflichen Manieren. Nicht ich ſage das, ſondern die Frauen. Sie ha⸗ ben ein gutes Urtheil und haben Dir es hundert Mal bewieſen. Du kennſt ſie vollkommen; Du biſt ſehr fein, ſehr geiſtreich, ſehr unternehmend; Du treibſt die Liebe auf Huſarenart; und das gelingt Dir; dabei biſt Du im Geldausgeben ein ſehr vor⸗ nehmer Herr, und wenn man ſieht, mit welchem edeln Anſtand Du im Spiel verlierſt oder Deinen Freunden Deine Börſe öffneſt, ſo würde man Dich viel eher für einen Marquis oder Herzog halten, als dieſe betitelten Bürſchchen, die Dir das Waſſer nicht reichen dürfen und Dir gegenüber wie Bau⸗ ernlümmel erſcheinen. Bei Gott, wenn der Zufall Dir fünfmalhunderttauſend Franken Rente gegeben hätte, ſo erkläre ich, daß Du ſie auf eine fürſtliche Art hinausgebracht hätteſt. Das iſt Deine Bilanz,“ fügte Herr Fremion hinzu, als er ſah, daß ſein Freund dieſe lächerlichen Lobſprüche voll Wonne einſchlürfte und nicht ſatt daran bekam, „und gleich⸗ wohl haſt Du, ſo ein vollendeter Rous, ſo ein ver⸗ führeriſcher Böſewicht Du biſt, ein Wn in 100 Dich ſelbſt, das Dir ungemein ſchadet, und nament⸗ lich im vorliegenden Fall, wo Du unglaublich be⸗ ſcheiden biſt oder vielmehr ſehr einfältig Dich ge⸗ berdeſt. Um ſo ſchlimmer! . . . ich ſage dieß in meiner brutalen Aufrichtigkeit. . . Du biſt einfältig genug, um am Erfolg zu zweifeln. .. Dieſes kleine Mädchen betet Dich an.. „Sie betet mich an àſie betet mich an, und doch hat ſie mich ſo eben noch aufs Unverſchämteſte behandelt.“ „Wie! Du. Stanislas! Du ein ſolcher Roué kannſt das glauben?“ „ „Zum Henker, wenn Du ſie gehört hätteſt, wie ſie von meiner Laſtträgergrazie ſprach.“ „Ei, bei Gott, das iſt bloßer Trotz.“ „Und von meinen Späſſen eines bezahlten Hans⸗ wurſtes?“ „Trotz!“ „Und von meiner blödſinnigen Geckenhaftigkeit?“ „Trotz! Trotz!“ „Ei, warum nicht gar .. . und ihre Scheere, womit ſie mir ein Auge auszuſtoßen drohte?“ „Immer, und mehr als je, bloßer Trotz!“ „Zum Henker! Was ſoll ich glauben?“ „Du ſollſt die Wahrheit glauben .. . mit andern Worten, Du ſollſt glauben, daß dieſes kleine Mäd⸗ chen in Dich vernarrt iſt. .. und Dich wahnſinnig liebt.“ „Ei ich habe es auch geglaubt . aber. „Aber Du läſſeſt Dich vom bloßen Schein tůu⸗ ſchen .. Deine verdammte Beſcheidenheit macht Dich dumm und blind. Ich, der ich glücklicher — Weiſe nicht blind bin, habe geſehen, welche leiden⸗ ſchaftliche Blicke dieſe heilige Agnes Dir verſtohlen zuwarf. . ja, und zwar noch vorgeſtern.“ „Noch vorgeſtern?“ „Allerdings nach dem Diner . . ſie ſaß am Klavier, die Stirne auf ihre Hand gelehnt, um ihre Augen zu verbergen; aber ich beobachtete ſie wohl und bemerkte ganz deutlich, daß ſie keinen Blick von Dir verwandte . . . Du konnteſt nicht eine einzige Bewegung machen, ohne daß ſie Dir folgte . . . Was ſoll ich Dir weiter ſagen? ſie verſchlang, ſie fraß Dich mit ihren Augen.“ „Ach, Fremion,“ ſagte Herr Gabert in nach⸗ denklichem Ton, „welcher Abgrund iſt doch das Wei⸗ berherz!“ „Deßhalb ſage ich Dir auch, daß Du Dich nicht an die Oberfläche der Dinge halten ſollſt; und um auf meine Bemerkungen von vorgeſtern zurückzu⸗ kommen, als Du Deinen Hut nahmſt, um mit mir fortzugehen, da ſagteſt Du zu Deiner Frau: Gute Nacht, Alte! und kniffeſt ſie dazu in ihre dicken S Du erinnerſt Dich deſſen?“ „Nun wohl, in dieſem Augenblick hätte Deine Stieftochter Dich über den Haufen geſchoſſen, wenn ihre Augen Piſtolen geweſen wären . . ſie hat Dir einen furchtbaren Blick zugeworfen. Dieſes Mäd⸗ chen da, ſiehſt Du, hat italieniſche, afrikaniſche, Wie kurz und gut die allerheftigſten Leidenſchaf⸗ en.“ „Thatſache iſt, daß dieſe Leidenſchaftlichkeit ihr in ihr blaſſes Geſicht, in ihre großen ſchwarzen / 102 Brauen geſchrieben iſt. Wenn Du ſie heute früh geſehen hätteſt. . . ſie ſah aus wie eine Tigerin.“ „Tigerin vor Eiferſucht. . . Sie iſt überzeugt, daß Du Deine Frau anbeteſt.“ „Ich habe ſie vom Gegentheil verſichert.“ „Zum Henker, mein Lieber, bei ſo leidenſchaft⸗ lichen, gebieteriſchen Naturen, wie dieſes kleine Mädchen iſt, bedarf es nicht der Worte, ſondern der Thaten . . Sie bildet ſich ein, daß Du trotz Deiner Verſicherungen die Ziege und den Kohl zu⸗ gleich behalten wolleſt . . . die Ziege, das iſt Deine Alte und das allerliebſte Kohlköpfchen iſt Deine Stieftochter.“ „Alter Spaßmacher!“ „Da Du nun zu denjenigen Männern gehörſt, bei denen ſowohl den unſchuldigen als auch den welterfahrenen Weibern Alles daran liegt, daß ſie dieſelben für ſich allein behalten, ſo war Deine Agnes heute wüthend und hat Dich mit Verach⸗ tung, mit Beleidigungen und Spott überſchüttet; in dieſem Augenblick haßte, verabſcheute ſie Dich.“ „Dieß erklärt mir den Ausdruck ihres Geſich⸗ tes.“ „Weißt Du jetzt auch, was mich wundert, Sta⸗ nislas?“ „Was denn?“ . „Daß ſie nicht mit ihrer Scheere auf Dich los⸗ gefahren iſt.“ „Hum, es fehlte wenig, ſo wäre es ſo weit ge⸗ kommen. Sie war ganz raſend.“ „Bei Gott, das iſt höchſt einfach; denn von ihrem Standpunkt aus hatte ſie alles Recht zu Dir 103 zu ſagen: Elender, Sie wagen es mir von Liebe vorzuſprechen, und doch muß ich tagtäglich Ihre Zärtlichkeit gegen Ihre Frau mitanſehen! Gehen Sie! Sie ſind ein Feigling. . . Sie fürchten Ihre Frau, weil Sie Ihr Vermögen von ihr haben.“ „Man könnte Dich für einen Propheten halten. Sie hat mir wirklich dieſen blutigen Vorwurf ins Geſicht geſchleudert.“ * „Ich erwartete es.. Aber willſt Du einen plötz⸗ lichen Umſchlag im Benehmen Deiner Agnes gegen Dich erleben? Hudle die Alte tüchtig herum dann wird die wilde Eiferſucht Deiner Stieftochter verſchwinden, und ſie wird Dich lieben, wie ſie Dich lieben muß .. . wie eine Wahnſinnige.“ „Wahrhaftig, Fremion, Du haſt Recht; ich war ein Einfaltspinſel, daß ich mich an den bloßen Schein hielt, und mein erſter Gedanke täuſchte mich nicht.. dieſe Kleine betet mich an.“ „Du ſprichſt die Wahrheit, verdammter Don Juan . jetzt benütze die Gelegenheit, und wenn ich Dir gut zum Rathe bin, ſo realiſire ſo bald als möglich Capitalien (da fällt mir gerade ein, daß ich Dich um fünfhundert Franken bitten muß, deren ich durchaus bedarf); Du entführſt Deine Agnes, Du läſſeſt die Alte in Paris, und wir verbringen den Honigmonat auf Reiſen . . . ich ſage wir, weil Du mich mitnehmen mußt, .. Ich bilde mir ein, ein guter und luſtiger Geſellſchafter zu ſein, Du wirſt herrliche Augenblicke verleben zwiſchen der Liebe und der Freundſchaft.“ „Auf Ehre, Fremion, Du biſt der einzige Menſch, der es verſteht Einem Balſam ins Blut 3 * 104 u gießen; ſo eben noch war ich wüthend, verzwei⸗ ſeue denn der Widerſtand meiner Stieftochter hatte mich dermaßen erbittert, daß ich. .. glaube ich. .. früher oder ſpäter zu einem ſchlimmen Streich fähig geweſen wäre. Ich empfand eine Miſchung von Haß, Rachſucht und ungezügelter Begierde Sie war ſo ſchön in ihrem Morgenkleid, mit ihren be⸗ lebten Wangen und funkelnden Augen. Darum ſagte ich auch zu mir, obſchon ich ſonſt nicht viel Muth beſitze .. „Du, Stanislas, keinen Muth?“ fiel der ſcham⸗ loſe Schmeichler ein, „bei Gott! Deine Beſcheiden⸗ heit gränzt an Dummheit. Du ſollſt keinen Muth haben! Du, der Du die Stärke eines Hercules und die Schönheit eines Apollo beſitzeſt der Du ein ſo militäriſches Geſicht haſt und mit Deinem dicken Backenbart ſo verwegen ausſiehſt, daß am Billard Jeder zittert, wenn Du ihm einen ſchiefen Blick zuwirfſt... Du ſollſt keinen Muth haben? . Sag doch, daß es Dir an Gelegenheit gefehlt hat Deine Tapferkeit zu zeigen, ſonſt an Nichts!“ „Das iſt möglich, denn heute früh, als ich von meiner Stieftochter wegging, würde ich, glaube ich, den nächſten Beſten erwürgt haben, der mir unter die Hand gerathen wäre, Donnerwetter!“ „Ich ſage Dir, Stanislas, wenn Du Dich in dieſem Augenblick fäheſt .. Du würdeſt Dir ſelbſt Furcht einjagen.“ Das Geſpräch der beiden Männer wurde durch Angelique, die alte Dienerin, unterbrochen. Sie trat ein, nachdem ſie am Schlafzimmer des 105 Herrn Stanislas angeklopft hatte, der ſie barſch anfuhr: „Was wollen Sie?“ „Fräulein Henriette läßt Herrn Gabert bitten gefälligſt ſogleich zu ihr kommen zu wollen, wenn es ihn nicht gar zu ſehr genire.“ Herr Gabert konnte eine Geberde der Ueber⸗ raſchung nicht unterdrücken und fragte: „Wo iſt meine Frau?“ „Madame iſt, glaube ich, ausgegangen.“ „Meine Stieftochter iſt alſo allein auf ihrem Zimmer?“ „Ja, mein Herr.“ „Schon gut . . . Sagen Sie ihr, ſie möge einen Augenblick auf mich warten.“ Sobald Angelique gegangen war, wandte ſich Herr Fremion triumphirend an ſeinen Freund mit den Worten: „Nun wohl, was habe ich Dir geſagt? Wirſt Du mir jetzt glauben?“ „Ich kenne die Weiber . . . Aber wahrhaftig, ich geſtehe es, Du ſcheinſt ſie noch beſſer zu ken⸗ nen als ich.“ „Iſt Dir die Sache jetzt klar? Kaum iſt ihre Mutter ausgegangen, ſo läßt die Stieftochter Dich holen. Du hatteſt ihr vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gegeben . . Sie iſt mit ihren Betrach⸗ tungen bald zu Ende . ſie gehört Dir, Don Juan! Noch ein Opfer . .. Du magſt eine ſchöne Anzahl auf Deinem Gewiſſen haben.. Spute Dich die Schäferſtunde wird ſogleich ſchlagen, 106 ich verlaſſe Dich... Ah! ich vergaß meine fünf⸗ hundert Franken.“ „Heute Abend beim Diner werde ich ſie Dir geben, denn ich bin im Augenblick ſelbſt auf dem Trockenen. Ich muß heute einen neuen Zinscoupon verkaufen. .. Es iſt unglaublich, wie ſchnell das Geld hinausgeht.“ „Warum biſt Du ſo ein vornehmer Herr? Ich wiederhole Dirs, Du warſt geboren, um fünfmal⸗ hunderttauſend Franken Rente zu haben; aber folge mir, mein Lieber, verkauf Alles was Du haſt, und realiſire eine tüchtige Summe Gold . . wer weiß, ob Du nicht ſchon morgen oder jedenfalls ſehr bald Deine Infantin entführen wirſt? . .. Man muß ſich auf jedes Ereigniß gefaßt halten, und zwei⸗ oder dreitauſend Louisdo'r in der Caſſe nebſt einem guten Reiſewagen vereinfachen die Ent⸗ ſchließungen ſehr.“ „Das iſt wahr.“ „Alſo ich bin auch bei der Partie, es bleibt dabei? Wie wollen wir uns luſtig machen! Dies⸗ Sache muß allerliebſt werden.“ „Du haſt es geſagt, das wahre Glück iſt zwi⸗ ſchen der Liebe und der Freundſchaft.“ „Heute Abend alſo. glücklicher Spitzbube!“ „Heute Abend,“ antwortete Herr Stanislas, indem er wohlgefällig vor ſeinem Spiegel allerlei Poſen einſtudirte. Nachdem er dann noch ſeine Haare gekämmt und ſeinen Backenbart geglättet hatte, begab er ſich eilig zu ſeiner Stieftochter. — 107 XXII. Als Herr Gabert in Henriettes Zimmer trat, ſaß dieſe an ihrem Arbeitstiſchchen, in deſſen Nähe ſich eine Thüre befand, die zu dem Weißzeugzim⸗ mer führte. Herr Gabert kam triumphirend herein, blähte ſich in ſeiner Dünkelhaftigkeit und begann mit ſpöttiſchem Lachen: „Oh, oh, ich wußte es wohl, daß man Ver⸗ nunft annehmen, daß man überlegen würde, kleine Tigerin.“ „In der That, mein Herr, ich habe überlegt.“ „Und das Ergebniß Ihrer Betrachtung, meine liebe Mündel. .. meine angebetete Stieftochter? fragte Herr Gabert, der ſeine Freude kaum bemei⸗ ſtern konnte und zu ſich ſagte: „Trotz Deines Stol⸗ zes, Du Spitzbübin, will ich Dich zwingen mir Deine Liebe zu geſtehen.“ „Mein Herr,“ antwortete Henriette laut und langſam, indem ſie jedes ihrer Worte abwog und ſehr deutlich betonte, „Sie haben mir dieſen Mor⸗ gen ein Liebesgeſtändniß gemacht, wodurch ich mich ſchwer beleidigt zu fühlen das Recht habe.“ „Weil Sie auf meine Alte eiferſüchtig ſind.“ „Was Sie da ſagen . . mein Herr iſt infam. „Ah bah!“ verſetzte Herr Gabert, durch die ver⸗ achtungsvolle Kälte des jungen Mädchens ſehr aus der Faſſung gebracht, „wenn Sie noch eben ſo ge⸗ ſinnt ſind wie heute früh, in welcher Abſicht haben Sie mich dann hieher beſchieden?“ 108 „In der Abſicht mich an Ihre Großmuth zu wenden, mein Herr . Sie ſind gewiß kein ſo böſer Menſch, wie Sie ſcheinen . . . Sie haben mir gedroht meine Mutter zum unglücklichſten Ge⸗ ſchöpfe in der Welt zu machen, wenn ich auf einer Weigerung beſtände, welche mir von der Ehre und Pflicht geboten iſt . . . Sie haben ſich einen Au⸗ genblick von einer unſeligen Leidenſchaft hinreißen laſſen . und ich zweifle nicht daran, daß Sie es bereuen „Ei, warum nicht gar? Sie ſcherzen, nicht wahr?“ . „Ich beſchwöre Sie, mein Herr . . . Haben Sie Mitleid mit mir . .. Zwingen Sie mich nicht zwi⸗ ſchen meiner Unehre und dem Unglück meiner Mutter zu wählen.“ . „Alſo, meine Liebe, rufen Sie mich hieher, um mir ganz einfach und ohne Weiteres Ihre Weige⸗ rungen unter einer andern Form zu wiederholen? Heute früh begleiteten Sie dieſelben mit Schimpf⸗ reden und Spöttereien, jetzt legen Sie ſich aufs Bitten und ſpielen die Sentimentale, um mich zu rühren . . . Das iſt der ganze Unterſchied. Ei, was ſoll das heißen? Sie treiben Ihren Spott mit den Leuten, und es iſt Ihnen ganz und gar nicht Ernſt. Wollen Sie, daß ich Ihnen ganz laut die Wahrheit ſage, die Sie ganz leiſe denken, Sie böſes Ding?“ fuhr Herr Gabert fort, indem er ſeine unerſchütterliche Zuverſichtlichkeit wieder ge⸗ wann, die einen Augenblick nothgelitten hatte. Dann fügte er in leidenſchaftlichem Ton hinzu, 109 indem er ſich gegen das Mädchen verneigte und ſich einer ihrer Hände zu bemächtigen ſuchte: „Die Wahrheit iſt, daß Du mich raſend liebſt O läugne es nicht, kleine Teufelin ich kenne die Weiber, aber Du willſt blos deßwegen mit Deinem Bekenntniß nicht herausrücken, weil Du fürchteſt, ich werde mein Herz zwiſchen Dir und Deiner Mutter theilen . . . Beruhige Dich, lieber Engel, ſprich ein Wort . . ich entführe Dich; wir laſſen meine Alte ganz in Paris, wo ſie lange warten kann, und wir verbergen unſere Liebe, wo Du nur willſt . . .“ Bei dieſen letzten Worten wollte Herr Gabert verliebt ſeinen Arm um den Leib ſeiner Stieftochter ſchlingen; dieſe aber entwiſchte ihm, fuhr auf und öffnete die Thüre des Nebenzimmers, wo Frau Gabert unſichtbar, obſchon beinahe ohnmächtig, die Unterredung belauſcht hatte. Henriette ſchloß ihre Mutter in Gegenwart ihres verblüfften Stiefvaters zärtlich in ihre Arme und rief: „Fürchte Nichts . liebe Mutter! . . Ich habe Dirs geſagt . . feſt vereint werden wir ſtark ſein gegen dieſen Elenden. . wir können ſeinem Haß und ſeiner Rache Trotz bieten.“ XXIII. Trotz ſeiner unglaublichen Geckenhaftigkeit und ſeines abſurden Vertrauens auf die Prophezeiungen und Verſicherungen, die ihm ſein Schmeichler Fre⸗ mion in Betreff der angeblichen Leidenſchaft gemacht 110 hatte, welche er, Stanislas, ſeiner Stieftochter ein⸗ flöße, konnte der Elende dießmal gegen den handgreif⸗ lichen Beweis von Verachtung und Abſcheu, womit Henriette ihn behandelte, nicht blind bleiben. Er ſah ſich zermalmt durch dieſe Enttäuſchung und wurde blaß vor Wuth. Er warf jetzt auf dieſe beiden unglücklichen Frauen einen unverſöhnlichen Haß, ſo daß ſein Geſicht ſich verzerrte und einen wilden Charakter annahm; ſeine Augen waren mit Blut unterlaufen, und die Arme über ſeiner Bruſt kreuzend betrachtete er mit grimmigem Schweigen Henriette, welche die wankenden Tritte ihrer Mutter aufrecht erhielt und die arme Alte zu einem Lehn⸗ ſtuhl führte, auf dem ſie mit einem erſtickten Geächze niederſank. Sie drückte krampfhaft die Hände ihrer Tochter, die neben ihr ſtehen blieb, und ſchien ſich auf dieſe Art unter ihren Schutz ſtellen zu wollen. Henriette hatte wirklich in dem verhängnißvollen Ernſt der Umſtände eine unglaubliche Feſtigkeit ge⸗ wonnen; ſie warf ihrem Stiefvater einen ruhigen Blick der Herausforderung zu und ſagte mit kalter Verachtung zu ihm: „Jetzt, mein Herr, entfernen Sie ſich . . . Ihre Gegenwart iſt uns unerträglich.“ „Ha, Alte!“ ſagte Herr Gabert mit dumpfer Stimme, indem er ſeiner Frau die Fauſt wies, „ha, Du haſt mich ausſpionirt! Nun wohl, im Ganzen iſt es nur um ſo beſſer. Die Stellung iſt jetzt klar und deutlich . . . Du weißt das Loos, das Dich erwartet meine Stieftochter ebenfalls .. Zwiſchen mir und euch Beiden beginnt jetzt ein Krieg auf Tod und Leben.“ „Unglückſeliger!“ ſtammelte Frau Gabert, die vor Schluchzen kaum reden konnte, „meine Tochter mein armes Kind, was ſoll aus uns werden? Ach! wir ſind verloren . dieſes Ungeheuer iſt zu Allem fähig.“ „Ja, zu Allem fähig! Du haſt es geſagt, Alte Bedenk alſo, was Dich erwartet . und was Dich betrifft . meine ängebetete Stieftoch⸗ ter . ſo ſoll mich das Donnerwetter erſchlagen, wenn ich auf meine Pläne verzichte Deine Unehre wird meine ſüßeſte Rache ſein . und ich „ werde mich rächen, Du kannſt darauf zählen.“ „Mein Gott!“ murmelte Frau Gabert, indem ſie ihre Hände faltete und zum Himmel erhob, „gü⸗ tiger Gott! hab Erbarmen mit uns.“ „Faſſe Muth, liebe Mutter,“ ſagte Henriette mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit, „beun⸗ ruhige Dich nicht um eitle Drohungen, dieſer Menſch da rühmt ſich „ „Ei, wahrhaftig!“ rief Herr Gabert, den die unempfindſame Verachtung ſeiner Stieftochter un⸗ erſchreckte, „ei wahrhaftig, ich rühme nich „Mama,“ ſagte Henriette, ohne ihrem Stief⸗ vater zu antworten, „dieſer Menſch wird Dich, wie er ſagt, zur unglücklichſten Frau machen .. Ich biete ihm Trotz .. „Ei, das wird ja ſehr intereſſant, meine ange⸗ betete Stieftochter! . . erklären Sie mir doch die Sache.“ 6 „Gerne, mein Herr; Sie haben, das erkenne ich an, ſo eben meiner Mutter einen grauſamen 112 Schlag verſetzt . . . aber bald wird ſich in Bezug auf Sie, mein Herr, die tiefe Ruhe der Verachtung und der Vergeſſenheit bei ihr einſtellen. . wir ſind alſo ſo ruhig, wie wenn Sie gar nie exiſtirt hätten; wenn meine Mutter und ich in herzlichem zärtlichem Verein zuſammenleben und einander auf⸗ recht erhalten, ſo ſagen Sie mir doch gefälligſt, mein Herr, was Sie dann gegen uns unternehmen können?“ „Ei, meine ungebetete Mündel, ich ich . wärten Sie ich „Nun ja, mein Herr,“ fuhr das Mädchen im Tone blutigen Spottes fort, „ich nehme wahrlich keinen Anſtand Sie für den elendeſten Schuft zu erklären, ich will ſogar, um die vollſtändige Wahr⸗ heit zu ſagen, hinzufügen, daß ich Sie fähig weiß die niederträchtigſten ſchwärzeſten Bosheiten auszu⸗ hecken. gleichwohl handelt es ſich nicht darum, daß man das Böſe will . . . man muß es auch können.“ „Henriette, nimm Dich in Acht! treib ihn nicht aufs Aeußerſte! murmelte Frau Gabert voll Ent⸗ ſetzen. „Jeſus Maria! . Reize ihn nicht . .. wir ſind verloren, mein armes Kind!“ „Fürchte doch Nichts, gute Mutter. ich wie⸗ derhole Dirs . ich biete dieſem Mann Trotz, ob er Dich unglücklich machen kann.“ Dann wandte ſich Henriette an ihren über dieſe verblüfften Stiefvater, und fügte inzu: Krieg iſt erklärt, ſagen Sie? Laſſen Sie hören, mein Herr . . . was werden Sie gegen 113 meine Mutter und gegen mich unternehmen? Erklä⸗ ren Sie ſich deutlich.“ „Was ich thun werde, beim Teufel!“ rief Herr Gabert, erbittert durch die unerſchrockene Kaltblü⸗ tigkeit ſeiner Stieftochter, „ha, Sie wollen wiſſen, was ich thun werde?“ „Ja,“ antwortete Henriette mit einem trotzbie⸗ tenden Blick, „ſprechen Sie ich höre.“ Sehr verlegen durch die Frage und noch immer unwillkürlich beherrſcht durch die unbeugſame Ver⸗ achtung ſeiner Stieftochter, wußte Herr Gabert An⸗ fangs nicht, was er auf die Aufforderung ſeine Rachepläne zu entwickeln antworten ſollte. Henriette, die hauptſächlich ihre Mutter zu be⸗ ruhigen wünſchte, zeigte mit dem Blick auf Herrn Gabert, zuckte die Achſeln und ſagte mit einem Lächeln des Widerwillens: „Du ſiehſt es, Mama . man braucht nur entſchloſſen auf das Geſpenſt loszugehen, ſo ver⸗ ſchwindet es Herr Gabert ſcheint mir in der That nicht ſehr erfinderiſch in Betreff dieſer Rache, womit er uns bedroht ... Die Prahlereien ſeines Haſſes gleichen vollſtändig der Lächerlichkeit ſeiner Geckenhaftigkeit . . . Ha, mein Herr, entfernen Sie ſich jetzt . . . die größte Qual, die Sie uns anthun können, iſt Ihre Gegenwart. Ich komme, wie Sie aus dieſem Geſtändniß ſehen, Ihrer ent⸗ ſchieden nicht ſehr erfindſamen Bosheit zu Hilfe.“ „Liebes braves Kind, Du gibſt mir Muth und gute Hoffnung,“ verſetzte Frau Gabert, wieder auf⸗ gerichtet durch die Zuverſichtlichkeit ihrer Tochter, „ja, ja, Du haſt es geſagt: feſt vereint S Sue, der Teufel als Arzt. W. 14 wir Beide ſtark ſein gegen dieſen Elenden. Ich hatte ihn für einen rechtſchaffenen Mann gehalten, er intereſſirte mich, ich hatte Mitleid mit ſeiner Armuth; er vergilt mir das Gute mit Böſem, er iſt mehr zu beklagen als ich.“ „Mehr zu beklagen als Du! . . . Du faſelſt, Alte!“ rief Herr Gabert erbittert, indem er endlich das Schweigen brach, zu welchem die Spöttereien ſeiner Stieſtochter ihn gezwungen hatten. „Ha, Du glaubſt am Ende Deiner Leiden zu ſein . .. Bilde Dir das nicht ein, ſie fangen erſt an. Alſo, meine angebetete Mündel . . Du forderſt mich heraus . . . Du bieteſt mir unverſchämt Trotz? Du fragſt mich, wie ich Euch wehthun könne? Nun wohl, vor allen Dingen werde ich Eure Magd fortjagen, und Ihr ſollt keine andere haben, denn ich bin der Herr hier im Hauſe.“ „Mutter, Du hörſt dieſe furchtbare Drohung,“ ſagte Henriette läcelnd; „wir ſollen keine Magd mehr haben; dafür werde ich Dich mit der zärt⸗ lichſten Pflege umgeben und Du wirſt nie⸗ mals beſſer ledient worden ſein.“ Dann wandte ſie ſich an ihren Stiefvater: „Ei, ſo ſprechen Sie doch, mein Herr, mit was drohen Sie uns ſonſt noch?“ „Warten Sie,“ ſtammelte Herr Gabert, deſſen Wuth durch die verachtungsvolle Jronie ſeiner Toch⸗ ter immer mehr geſteigert wuroe. „Ich kann woh⸗ nen wo ich will; ich werde dieſe ſchöne Wohnung aufgeben und euch Beide in ein Dachſtübchen ein⸗ quartieren, das ich ſelbſt niemals betreten werde.“ „Ei, das iſt allerlievſt! . . . Liebe Mutter, wir . 11⁵ werden alſo auf immer von der verhaßten Gegen⸗ wart dieſes Mannes befreit werden,“ ſagte Hen⸗ riette; „was können wir Beſſeres wünſchen?“ „Und dieſes Dachſtübchen werden wir miteinan⸗ der theilen, theures Kind,“ fügte Frau Gabert hinzu. „Nun dieſe Entbehrung iſt nicht gar zu groß.“ „Noch zwei oder drei Drohungen von dieſer Stärke,“ ſagte Henriette, „ſo werden wir nie in unſerem Leben glücklicher geweſen ſein.“ Dieſer letzte Spott und die verachtungsvolle Kaltblütigkeit des jungen Mädchens trieben die Er⸗ bitterung ihres Stiefvaters auf die höchſte Spitze. Mit blutrothen Augen, übereinandergebiſſenen Zäh⸗ nen und ſchäumenden Lippen trat er gegen die beiden Damen vor und machte eine ſo drohende Geberde, daß Frau Gabert einen Angſtſchrei aus⸗ ſtieß und auffuhr, um ihre Tochter mit ihrem ei⸗ genen Leibe zu ſchützen; dieſe aber nahm blitzſchnell aus ihrem Arbeitskörbchen — keine Scheere, wie ſie am Morgen gethan hatte, um ſich vor Gewaltthä⸗ tigkeiten ihres Stiefvaters zu ſchützen, ſondern ein ſehr ſcharfes Taſchenmeſſer, womit ſie ſich vor die⸗ ſer neuen Beſprechung verſehen hatte. So be⸗ waffnet ſtellte ſie ſich vor ihre Mutter, auf ihrem ſchönen Geſicht ſtand der unbeugſamſte Entſchluß zu leſen, und nun warf ſie ihrem Stiefvater einen ſolchen Blick zu, daß dieſer, der ſeiner Lebtage eine Memme geweſen, trotz ſeiner Wuth einen Schritt zurückwich, während ſeine Frau in der größten Angſt ihre Tochter an ſich zu ziehen verſuchte, in⸗ dem ſie murmelte: 8* * 116 „Nimm Dich in Acht . . . mein armes Kind! . . . Setz Dich meinetwegen keiner Gefahr aus, ich bitte Dich um Alles.“ „Fürchte Nichts, liebe Mutter; ein Mann der im Stande iſt Frauen zu bedrohen, iſt immer ein Feigling.“ Dann wandte ſie ſich an ihren Stiefvater: „Wenn Sie noch einen einzigen Schritt vor⸗ wärts thun, ſo ſtoße ich Sie nieder . . . meine Hand iſt ſchwach, aber ſie wird ſtark werden, um meine Mutter zu vertheidigen.“ Herr Gabert wagte ſich nicht zu rühren; er biß ſich in die Fäuſte und blieb ſtumm in verhal⸗ tener Wuth ſtehen. „Ach!“ murmelte Frau Gabert mit zitternder und kläglicher Stimme, „ſo wird künftig alſo unſer Leben ſein! Wir werden ſtets auf unſerer Hut bleiben müſſen, um von dieſem Manne nicht mißhan⸗ delt zu werden! Das iſt ſchauerlich. . . Ach, mein armes Kind, der Himmel ſtraft mich und klärt mich auf . . . Jetzt erſt erkenne ich den ganzen Werth Deines Vaters jetzt erſt kann ich die Größe unſeres Verluſtes ermeſſen . . . Meine neue Hei⸗ rath war beinahe eine Beſchimpfung ſeines Gedächt⸗ niſſes . ich muß jetzt die Strafe für meinen Undank und meine Verblendung erleiden . Wehe uns! wehe uns!“ „Ich beſchwöre Dich, liebe Mutter . . . keine Schwäche . . . wir haben Nichts zu fürchten . wir leben, Gott ſei Dank, nicht unter Wilden; muß nicht am Ende das Geſetz uns ſchützen? Ja,“ fügte Henriette gegen ihren Stiefvater hinzu, „ja 117 das Geſetz . . . Ich denke etwas ſpät daran, aber die Sache iſt von Wichtigkeit. Ha, Sie wagen es uns mit harten Entbehrungen zu bedrohen, Sie wollen uns in ein Dachſtübchen einquartieren? Ei, mein Herr, wenn ich darüber nachdenke, ſo ſcheint mir das einfacher Unſinn zu ſein. Sie haben das Ver⸗ mögen meiner Mutter und mein eigenes in Ihrer Verwahrung, Sie ſind Rechenſchaft darüber ſchul⸗ dig; übrigens werden meine Mutter und ich, um uns über dieſen Gegenſtand genau aufzuklären, heute noch zu einem Advokaten gehen und ihn von Ihren Drohungen ſo wie von der Veranlaſſung derſelben in Kenntniß ſetzen .. . Sie erblaſſen, mein Herr. das beweist mir, daß mein Plan gut iſt; ja, wir werden erfahren, ob Sie, nachdem Sie meine Mutter und mich wahrſcheinlich halb ruinirt haben, uns ungeſtraft ins Elend ſtürzen, ob Sie die Verachtung, welche Sie uns einflößen, durch Drohungen mit Mißhandlungen erwidern, ob Sie mich endlich in die Nothwendigkeit verſetzen dürfen meine Mutter mit dem blanken Meſſer zu vertheidigen.“ p Sie nahm Frau Gabett beim Arm und fügte inzu: „Komm, liebe Mutter; laß uns ſogleich zu einem Advokaten gehen.“ Dann maß ſie ihren Siet mit einem herausfordernden Blick und ſprach: „Wagen Sie es doch, mein Herr, Gewalt an⸗ zuwenden, um uns am Ausgehen zu verhindern.“ Herr Gabert war wirklich blaß und äußerſt un⸗ ruhig geworden, als ſeine Stieftochter ihm drohte, 118 daß ſie zu einem Advokaten gehen und ihn von ſeiner fluchwürdigen Handlungsweiſe unterrichten werde. Er wußte die Bedeutung einer ſolchen Drohung wohl zu ſchätzen, und da er ſeinen grim⸗ migen Haß gegen ſeine Stieftochter und ſeine Frau beſchwichtigen zu können hoffte, ſo beſchloß er zwar nicht ſeinen Racheplänen zu entſagen, aber ſie zu vertagen und abzuwenden. In dieſer Noth nahm er ſeine Zuflucht zur Heuchelei, die ſeiner feigen Ruchloſigkeit zu Hilfe kommen ſollte. Nachdem er ſcheinbar lange nachgedacht, bemühte er ſich ſeinen finſtern Groll zu verbergen, ſeinen Zügen einen beinahe zerknirſchten Ausdruck zu geben, und ſagte in bedauerndem Ton: „Ich geſtehe es, ich habe mich gegen Sie, meine Frau, und gegen Sie, meine Stieftochter, ſchwer vergangen . . . Ich habe mich von einer ſchlimmen Leidenſchaft hinreißen laſſen . .. Uebrigens begreife ich ſehr gut, daß wir nach ſolchen Vorgängen nicht mehr wohl zuſammen leben können; ich erbitte mir einige Tage Friſt, um irgend einen Entſchluß zu faſſen. Leben Sie von jetzt an ganz wie Sie wünſchen beiſammen;z an den Gewohnheiten des Hauſes ſoll Nichts verändert werden, nur werde ich nicht mehr hier diniren, da meine Gegenwart Ihnen verhaßt iſt. Fragen Sie jetzt, wenn Sie es für gut finden, einen Advokaten um Rath; ich bin bereit jedem Berechtigten über die Verwaltung Ihres beiderſeitigen Vermögens Rechenſchaft abzu⸗ legen; ich kann Fehler haben, aber ich bin ein rechtſchaffener Mann.“ Dieſe letzten Worte betonte Herr Gabert mit . 119 großem Nachdruck; dann verließ er ſeine Stieftoch⸗ ter und ſeine Frau, die einander in die Arme ſtürzten. „Henriette, mein geliebtes Kind Dein Ver⸗ ſtand, Deine Kaltblütigkeit, Dein Muth haben uns gerettet,“ ſagte Frau Gabert voll Rührung, indem ſie ihre Tochter zärtlich küßte. Und das leichtgläubige Geſchöpf fügte hinzu: „Wir haben von dieſem Unglücklichen Nichts mehr zu fürchten . . Er iſt ſich des Böſen, was er gethan hat, wenigſtens bewußt . .. Seine Reue iſt aufrichtig, glaube ich.“ „Gute Mutter, nimm Deinen Hut und laß uns gehen.“ „Wohin?“ „Zu Herrn Dubreuil, dem berühmten Advoka⸗ ten ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn zuwei⸗ len bei meinem Vater geſehen habe.“ „Du glaubſt alſo nicht an die Reue meines Mannes?“ Henriette ſchüttelte traurig den Kopf und ant⸗ wortete: „Der Haß dieſes Mannes gegen uns wird künftig unerbittlich ſein Ich habe ohne Furcht den Drohungen und Rohheiten meines Stiefvaters Trotz geboten . . ſeine Heuchelei erfüllt mich mit Schrecken.“ XXIV. Der Advokat Dubreuil empfing Frau Gabert und Henriette. Dieſe ſchwieg aus Scham und 120 Selbſtachtung von den obſcheulichen Verfolgungen ihres Stiefvaters, ſchloß ſich aber ihrer Mutter in der Klage an, daß er das ihm anvertraute Ver⸗ mögen verſchleudere und ſeinen Pflichten als Vor⸗ mund und Gatte nicht nachkomme.. Dieſe unvollſtändigen und vagen Anklagen konnten dem Advokaten nicht ſo wichtig erſcheinen, wie ſie es wirklich waren. Gleichwohl nahm er ſie nachdenklich auf, gab jedoch den Damen zu bemer⸗ ken, daß er ihnen keinen entſcheidenden Rath er⸗ theilen könne, bevor er Herrn Gabert in ſein Ca⸗ binet beſchieden und freundſchaftlich von den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen und Anſchuldigungen in Kenntniß geſetzt, wie auch ſeine Antworten darüber vernommen habe. Dieſe Conferenz fand ſtatt; Herr Gabert begab ſich nach einer Beſprechung mit ſeinem Freund Fremion zu dem Advokaten und errieth bald, daß die Klägerinnen keine Anſpielung auf ſeine Liebe zu ſeiner Stieftochter gemacht hatten. Er läugnete die Uebertriebenheit ſeiner Ausgaben nicht, ſägte aber, er habe dieß nur gethan, um den Neigungen“ ſeiner Frau zu willfahren; er geſtand einige Rück⸗ ſichtsloſigkeiten gegen die letztere ein, und was die Intereſſen betraf, deren Verwaltung ihm in ſeiner Eigenſchaft als Gatte und Vormund übertragen waren, ſo antwortete er mit der Zuverſichtlichkeit des rechtſchaffenen Mannes, der ungerechter Weiſe verdächtigt wird, das Geſetz enthebe ihn zwar klar und deutlich jeder Verpflichtung vor der Majoren⸗ nität ſeiner Mündel Rechenſchaft abzulegen, allein er verlange dringend ſeine gute Verwaltung recht⸗ 121 fertigen zu dürfen, und dann werde er eine Vor⸗ mundſchaft niederlegen, die man ihm durch beleidi⸗ gende Zweifel an ſeiner Rechtſchaffenheit unmöglich mache. Wenn er bis jetzt in Betreff der Haushal⸗ tungsausgaben allerdings eine bedauerliche Schwäche bewieſen habe, ſo ſei er dagegen feſt entſchloſſen künftig auf Sparſamkeit zu dringen, er werde nö⸗ thigenfalls von ſeinem Recht als Haupt der Ge⸗ meinde Gebrauch machen, die bisherige Wohnung augenblicklich aufkündigen, Pferd und Wagen ver⸗ kaufen, eine beſcheidene Wohnung miethen, wo ſeine Frau, ſeine Stieftochter und er beſcheiden leben und von einer einzigen Magd bedient werden ſol⸗ len. Da man übrigens ſo übelwollende Inſinua⸗ tionen gegen ihn erhebe, ſo werde er ſich nach Ab⸗ legung ſeiner Vormundſchaftsrechnungen wahrſchein⸗ lich entſchließen ſeiner Frau eine gütliche Trennung vorzuſchlagen. Die Gewandtheit, Verſchmitztheit und Heuchelei der Schurken werden immer größer, je dringender ihr Bedürfniß wird den Opfern ihrer Täuſchungen Glauben einzuflößen, und jo gelang es Herrn Ga⸗ bert den Advokaten, obſchon derſelbe ſehr gegen ihn eingenommen war, beinahe von ſeiner Aufrich⸗ tigkeit zu überzeugen, indem er ſich erbot die be⸗ friedigendſte Rechenſchaft über die Verwaltung des Vermögens ſeiner Stieftochter abzulegen, wenn man ihm nur die nöthigſte Friſt gönne, um die Beweis⸗ ſtücke in Ordnung zu bringen. Die Beſtimmung der Friſt ſtellte er dem Advokaten anheim. Dieſer ſchlug vierzehn Tage vor, und Herr Gabert nahm es an. 122 Zwei Tage nach dieſer Conferenz gab Herr Gabert ſeiner Frau höflich zu verſtehen, er habe Gelegenheit ihre dermalige Wohnung an einen neuen Miethsmann abzutreten, unter der Bedingung, daß man das Mobiliar an ihn verkaufe, ihn bin⸗ nen 48 Stunden einziehen laſſe und ſelbſt ein möblirtes Häuschen in einem ruhigen Stadtviertel beziehe. Herr Gabert mache großes Rühmen von den Vortheilen, welche dieſe doppelte Combination vom ökonomiſchen Geſichtspunkte aus darbiete; er habe überdieß, fügte er hinzu, ſeinem Rechte ge⸗ mäß den Vertrag unterzeichnet; ſeine Frau ſolle alſo mit ihrer Tochter und Angelique von ihrer neuen Wohnung Beſitz nehmen; er ſelbſt werde ſich ein Zimmer daſelbſt vorbehalten, wo er aus delicatem Secrupel die Werthpapiere, welche das Vermögen ſeiner Frau und ſeiner Mündel aus⸗ machen, niederlegen wolle, und im Uebrigen ſtelle er gänzlich ihrer Discretion die Entſcheidung an⸗ heim, ob er bei ihnen wohnen ſolle oder nicht. Er könne ſich über die Entfremdung, die er ihnen einflößen müſſe, nicht täuſchen, und würde ſich alſo gerne dazu verſtehen bis zur Uebergabe ſeiner Rechnungen in einem Hotel garni zu wohnen, her⸗ nach wolle er ſich gütlich von ſeiner Frau trennen. Frau Gabert und beſonders Henriette fanden dieſen Wohnungswechſel allzu raſch, ſeltſam, bei⸗ nahe beunruhigend und verlangten einige Tage Be⸗ denkzeit. Er antwortete kalt, alle Ueberlegung ſei überflüſſig; ihm allein ſtehe das Recht zu den Ort der ehelichen Wohnung auszuwählen und zu beſtim⸗ men; übrigens können ſie ja ihren Advokaten 123 darüber befragen. Sie eilten zu dieſem. Er ver⸗ ſicherte ſie, Herr Gabert bleibe vollkommen in den Gränzen ſeiner Befugniſſe; man habe ihm ja Ver⸗ ſchwendung vorgeworfen, und darum vertauſche er jetzt eine üppige Wohnung gegen eine beſcheidene; zugleich beweiſe er ſeinen Wunſch die Empfindlich⸗ keiten ſeiner Frau und ſeiner Stieftochter zu ſcho⸗ nen, wenn er auf ihr Verlangen nicht unter dem ehelichen Dache wohne, wo er das Vermögen, das er ihnen am Tag der Rechenſchaftsablegung zurück⸗ erſtatten müſſe, in Verwahrung, ſo zu ſagen, unter ihrer eigenen Obhut laſſe. Die Bemerkungen des Advokaten und beſonders die Ausſicht auf endliche Befreiung von der Gegen⸗ wart des Herrn Gabert beſtimmten ſeine Frau und Henriette Anerbietungen anzunehmen, welche ſie übrigens geſetzlich nicht hätten ablehnen können. Sie bezogen ihre neue Wohnung außerhalb der Mauern, Avenue des Termes. Herr Gabert be⸗ gleitete ſie dahin und ließ in das Zimmer, das er ſich vorbehielt, eine eiſerne Caſſe ſtellen, die nach ſeiner Behauptung die Werthpapiere enthielt, welche das Vermögen Henriettes und ihrer Mutter aus⸗ machten; den Schlüſſel zu dieſer Caſſe, ſagte er, werde er ihnen übergeben, wenn er nach Ablegung ſeiner Rechnungen ſeine Vormundſchaft abgebe; und ſeitdem zeigte er ſich nicht mehr in der Wohnung. Das Haus war klein, einfach, aber recht an⸗ ſtändig möblirt und von einem hübſchen Garten umgeben, ſo daß man zugleich in der Stadt und auf dem Lande war. Obgleich der Winter begann, ſo war den beiden Damen doch die Einſamkeit, in 124 der ſie leben ſollten, eher angenehm als unange⸗ nehm. Nach den ſchmerzlichen Aufregungen der letzten Tage empfanden ſie ein Bedürfniß nach Ruhe und Frieden, und trotz der erſten Ahnungen Henriettes, der dieſer plötzliche Wohnungswechſel eine vage Beſorgniß einflößte, glaubten ſie ſo zu ſagen, daß ſie materiell von Herrn Gabert Nichts zu fürchten hätten. Sie kannten ihn als einen Mann ohne Treu und Glauben, ohne Herz, ohne Grundſätze, ohne Rechtſchaffenheit, ſie verachteten und verabſcheuten ihn, aber ſie fürchteten ihn nicht; ſeine Drohungen hatten bei ſeiner Stieftochter nur ſchneidenden Spott und Hohn hervorgerufen. Gleichwohl täuſchten ſie ſich, wenn ſie meinten, daß ein verworfener, lächerlicher und feiger Cha⸗ rakter ſich nicht auf der Stufenleiter des Böſen bis zu den höchſten Höhen des Verbrechens erheben könne. Dieſe anſcheinenden Widerſprüche ſind in⸗ deß häufig, und Herr Gabert ſollte ein neues Bei⸗ ſpiel davon liefern. Lange Zeit durch ſeine Gecken⸗ haftigkeit geblendet in Betreff der wahren Empfin⸗ dungen, die ſeine Stieftochter gegen ihn hatte, erlangte er endlich die Gewißheit, daß ſie nur Eckel und Widerwillen gegen ihn hegte; aber ſtatt auf ſeine Pläne zu verzichten, heuchelte er jetzt und verfolgte ſie mit lichtſcheuer Hartnäckigkeit. Der unheilbare Unmuth ſeines verletzten Stolzes, wel⸗ chem die Spöttereien des jungen Mädchens ins Geſicht geſpuckt hatten, ſein grimmiger Haß und ſein Rachedurſt, noch überdieß durch eine unreine und verzehrende Flamme geſchürt, verliehen Dem⸗ jenigen, was bei dem Elenden Anfangs nur ein 125 ſinnliches Gelüſte geweſen war, die ſchrecklichen Symtome jener wahnſinnigen unerbittlichen Leiden⸗ ſchaften, welche die von ihnen Beſeſſenen zum Aeußer⸗ ſten verleiten. XXV. Frau Gabert und ihre Tochter bewohnten ſeit ungefähr vierzehn Tagen ihre neue Wohnung, ein kleines Haus gegen die Grenzen des außerhalb der Mauern gelegenen verödeten Termesquartiers. Dieſe Wohnung beſtand aus einem Erdgeſchoß, aus meh⸗ reren Zimmern, welche über halb unterirdiſchen Dependenzen lagen, und hatte oben einen Speicher; das Haus ſtand am Rand einer mit Bäumen be⸗ pflanzten Allee, der man aus Höflichkeit den Namen Straße gab, obſchon ſich in ihrer ganzen Länge nur drei Häuſer, ſämmtlich in großer Entfernung von einander, befanden. Der Winter hat begonnen. Es iſt Nacht. An⸗ gelique, die alte Dienerin, ſtrickt beim Schein einer Lampe, die auf dem Tiſch eines beſcheiden möblir⸗ ten Speiſezimmers ſteht, das durch einen Abſatz, welcher die Hausflur vorſtellt, von der äußeren Thüre getrennt iſt. Angelique unterbricht ihre Arbeit, um den Schlüſ⸗ ſel am Ofenrohr zuzudrehen, das inmitten der nächt⸗ lichen Stille ein lautes Geräuſche von ſich gibt. „Ich habe niemals einen Ofen ſo pfeifen hören wie dieſen,“ ſagt die alte Dienerin, indem ſie ſich von Neuem auf ihren Stuhl ſetzt und wieder zu 126 ſtricken anfängt; „man könnte meinen, es ſei Feuer im Rohr, was nicht ſehr beruhigend wäre, da die Holzkammer unten mit Holz und Reiſig für den Winter wohl verſehen und der Speicher zur Hälfte mit Stroh angefüllt iſt, das den letzten Miethleuten gehört; ſie hätten es mitnehmen ſollen, haben es aber vergeſſen; das iſt unangenehm, denn ein Un⸗ glück iſt gar bald geſchehen. Wahrlich man könnte eine Gänſehaut bekommen, wenn man daran denkt, daß, im Fall hier Feuer ausbräche, Alles verloren wäre und damit auch der Reſt des Vermögens von Madame und dem Fräulein, was in der Kiſte ver⸗ wahrt iſt, deren Schlüſſel Herr Gabert ihnen ohne Zweifel morgen zuſtellen wird. Endlich wird doch die arme Frau von dieſem garſtigen Menſchen be⸗ freit werden. Er hat ihr geſchrieben, daß er ſie heute Abend bei dem Advokaten treffen wolle, dem er ſeine Pflegrechnungen übergeben ſolle; hernach wird Herrn Gabert eine Penſion von zweitauſend Franken zugeſichert, und dann trennen ſie ſich güt⸗ lich von einander. Gott ſei Dank, ſie kann ſich rühmen noch gut davon gekommen zu ſein, wenn ſie blos zur Hälfte ruinirt iſt. Jedenfalls wird ihr noch immer ſo viel bleiben, daß ſie leben kann; ſie wird mich bei ſich behalten, und ich brauche keine Angſt mehr zu haben, daß ich dieſe kleine Penſion von dreihundert Franken verlieren könnte, welche der ſelige Herr Doctor mir ohne Vorwiſſen ſeiner Frau vermacht hat unter der Bedingung, daß ich ihren Dienſt niemals verlaſſe, daß ich meine Rente jeden Monat bei dieſem Herrn Robin gbhole und ihn genau von Allem unterrichte, was im 6 127 Haus vorgehe . Ich ſehe übrigens nicht, was die Mittheilungen genützt haben, die ich dieſem Herrn machte . denn er iſt immer derſelbe, und als ich geſtern bei Abholung meines heute verfalle⸗ nen Monatgeldes dieſen Herrn Robin von unſerem Wohnungswechſel in Kenntniß ſetzte, als ich ihm ſagte, daß Madame heute Abend mit ihrem Manne bei dem Advokaten zuſammentreffen werde, um ihre Rechnungen in Ordnung zu bringen und ſich dann zu trennen, da antwortete mir Herr Robin wiederum mit ſeiner unzerſtörbaren Kaltblütigkeit: Ah, oh! Nur fragte er mich um die Adreſſe des Herrn Du⸗ breuil, welcher der Advokat von Madame iſt.“ Hier unterbricht ſich Angelique plötzlich, weil ſie an der Hausthüre läuten hört. Sie ſteht auf und ſagt: „Wer mag zu dieſer Stunde hieherkommen? wahrhaftig, das Haus iſt vereinzelt, die Straße verlaſſen Es ſind hier Werthpapiere in der Kaſſe; ich öffne nicht, bevor ich weiß, wer Eintritt begehrt.“ Die Alte verläßt das Speiſezimmer, geht über einen Abſatz, der als Hausflur dient, und ruft, indem ſie ſich gegen die äußere Thüre hinneigt: „Wer iſt da?“ „Ich 6 „Wer. Sie?“ „Ich, Ihr Gebieter, Herr Gabert.“ „Das Rendezvous heute Abend bei dem Advo⸗ katen findet alſo nicht ſtatt,“ dachte Angelique, in⸗ dem ſie Herrn Gabert öffnete, der in Geſellſchaft ſeines Freundes Fremion eintrat. 128 „Mein Herr,“ ſagt Angelique, indem ſie ihrem Gebieter in den Speiſeſaal folgt, „Sie werden Ma⸗ dame nicht hier finden . . . Sie erwartet Sie bei dem Advokaten, zu welchem ſie mit dem Fräulein gegangen iſt.“ Herr Gabert antwortet der Alten Nichts, ſon⸗ dern entfernt ſich von ihr und ſagt leiſe zu ſeinem Freund: „Laß uns anfangen und die Sache kurz machen.“ „Die Kellerthüre führt in den Holzſtall,“ ant⸗ wortet Fremion; „es iſt die Sache eines Augen⸗ blicks.“ „Du haſt den Strick?“ „Ja, in meinem Paletot. . . Ich will die Alte binden, während Du ihr Dein Schnupftuch in den Mund ſteckſt.“ „Das wird das Beſte ſein, bis die Andere kommt,“ verſetzt Herr Gabert mit einem unheim⸗ lichen Lächeln. „Mach nur ſchnell.“ „Ich habe bei dem Herrn nie ein boshafteres Geſicht geſehen. Was hat er denn mit Herrn Fremion zu ziſcheln?“ ſagt die Alte mit ſteigender Unruhe zu ſich ſelbſt, als die beiden Männer auf einmal ſich umdrehen und auf ſie losfahren. Ehe ſie Zeit hat einen Schrei auszuſtoßen, iſt ſie ge⸗ bunden und hat den Knebel im Mund. Herr Gabert nimmt die Lampe und öffnet die Thüre; ſein Mitſchuldiger folgt ihm, indem er die halb ohnmächtige Angelique fortſchleppt und auf⸗ recht erhält. Links von dem mehrerwähnten Abſatz befindet ſich eine Treppe von etlichen Stufen, die zu einem 129 halb unterirdiſchen, mit Holz und Reiſig angefüllten Holzſtall führt, in deſſen Hintergrund ſich die Thüre zu einem tiefen Keller öffnet. Angelique wird von den beiden Mitſchuldigen hineingeworfen und dann eingeſperrt. Dieſelbe Treppe, die mit den unterhalb dem Erdgeſchoß gelegenen Gelaſſen in Verbindung ſteht, führt auch zum Speicher. Herr Gabert geht hin⸗ auf, nimmt zwei von den hier aufgehäuften Stroh⸗ bündeln, wirft ſie in den Holzſtall hinab und legt ſie neben den Reiſighaufen, der dicht bei einer Holzbeuge liegt. Nach Beendigung dieſer Vorbe⸗ reitungen kehrt er mit ſeinem Freund in das Speiſe⸗ zimmer zurück. XXVI. Herr Stanislas Gabert iſt ſeit vierzehn Tagen beinahe unkenntlich geworden; ſein gewöhnlich röth⸗ liches und in Folge ſeiner Verliebtheit in ſich ſelbſt oder der Befriedigung ſeiner plumpen Gelüſte hei⸗ teres Geſicht iſt blaß, marmorirt, wild, ſehr mager geworden und trägt das Gepräge eines grimmigen Entſchluſſes. Er ſetzt ſich an den Tiſch, auf dem die Lampe ſteht, die Ellbogen auf und legt ſeine Stirne in ſeine beiden Hände. Herr Fremion beobachtet ihn mit aufmerkſamem und tückiſchem Blick. Dann ſagt er nach einem kurzen Schweigen: „In dieſem Augenblick erhalten Deine Frau und Deine Stieftochter, die ſich vntit zu dem Sue, der Teufel als Arzt. IV. 130 Rendezvous bei dem Advokaten eingefunden haben, einen Brief von Dir, worin Du ihnen mittheilſt, daß Du in Folge einer plötzlichen Unpäßlichkeit ge⸗ nöthigt ſeieſt die Ablegung Deiner Rechnungen auf morgen zu verſchieben. Sie kommen ohne den mindeſten Argwohn hieher zurück; die Vereinzelung dieſes Hauſes gibt ſie in unſere Gewalt. Henriette iſt gänzlich in Deiner Hand.“ Endlich!“ rief Herr Gabert mit keuchender Stimme, „endlich ſollſt Du Deine Verachtung und Deine Beſchimpfungen mit Deiner Unehre bezahlen, Du unverſchämtes Mädchen!“ Und nach einer Pauſe fügt der Elende hinzu: „Sieh, Fremion, jetzt würde ichs bedauern, wenn Henriette mich geliebt hätte, wie Du behaupteteſt und wie ich ſelbſt im Anfang geglaubt hatte.“ „Du würdeſt es bedauern?“ „Allerdings, denn ſie würde mir freiwillig nach⸗ gegeben haben während jetzt .. . oh jetzt . Siehſt Du, ich weiß nicht, was in mir mächtiger iſt, die Begierden oder die Wuth, die dieſes verdammte Mädchen mir einflößt . . . Seit vierzehn Tagen lebe ich nicht mehr . . . meine Nächte ſind nur noch eine Folterqual ohne Schlaf . . . bald denke ich an ihren blutigen Hohn .. und da brülle ich manchmal vor Wuth, wie ein Tollhäusler, der in der Zwangsjacke ſteckt . . . In ſolchen Augenblicken iſt es mir, als müſſe ich Henriette erdroſſeln; bald glaube ich, die blaſſe ſtolze Brünette mit ihren großen Augen und ihren lapgen ſchwarzen Brauen vor mir zu ſehen .. dann nagt ein verzehrendes Fieber an mir „ſo viel Liebe und ſo viel Haß! Es ſcheint ganz un⸗ 131 glaublich und doch iſt es ſo . .. Oh! Sie bebend vor Angſt hier in meiner Gewalt zu halten! .. Sie, die mich verſpottet, die mich verhöhnt hat 7. Nein, noch einmal neint ich weiß nicht, was ſtärker in mir iſt, die Begierden oder die Wuth, die dieſes verdammte Mädchen mir einflößt.“ „Gleichviel. .. Wuth und Begierden werden ſo⸗ gleich befriedigt werden . und das haſt Du ledig⸗ lich meinen Rathſchlägen zu verdanken.“ „Ja, Du huſt mich gut berathen .. Fremion, Du biſt ein ſolider Mann.“ „Sehr ſolid .. und der Augenblick iſt gekom⸗ men, wo ich Dir erklären muß, daß meine Solidität das Solide liebt und verlangt.“ „Was ſoll das heißen?“ „Du wirſt es ſogleich erfahren . . . Aber vor allen Dingen laß uns den Thatbeſtand kurz zuſam⸗ menfaſſen. Vor vierzehn Tagen läufſt Du ganz verſtört zu mir und meldeſt mir, daß Deine Stief⸗ tochter Dich ganz und gar nicht anbete, wie wir ſo gerne geglaubt hatten, ſondern daß ſie Dich viel⸗ mehr verachte und verwünſche; ja, daß dieſes böſe Trotzköpfchen, entſchloſſen wie ein Teufel, Dir ſo⸗ gar gedroht habe bei einem Advokaten anzufragen, ob Dir wirklich das Recht zuſtehe ſie und ihre Mut⸗ ter zu ruiniren, und daß dieſer Advokat im Stande wäre gegen Dich als ungetreuen Vormund und andatar eine Klage auf Vertrauensmißbrauch, wo nicht gar Gaunerei einzureichen.“ „Wir wiſſen das; aber . „Laß mich ausſprechen . Die Klage auf Ver⸗ trauensmißbrauch beunruhigte Dich ſehr, 5 über⸗ 132 dieß hatte das verachtungsvolle Benehmen Deiner Stieftochter Deine Leidenſchaft für ſie nicht nur nicht beſchwichtigt, ſondern vielmehr bis zum Wahn⸗ witz geſteigert. .. Was habe ich da zu Dir geſagt? Es gibt ein ſicheres Mittel keine Rechnung über Deine Vormundſchaft ablegen zu müſſen .. Es gibt ein ſicheres Mittel Deine Leidenſchaft und Deinen Haß gegen das Stieftöchterchen zugleich zu befriedigen . . und zwar alles das ganz unge⸗ ſtraft. Ich will Dir ſagen, wie Du es anzugreifen haſt: Du mußt ſelbſt dem Advokaten den Vorſchlag machen, daß Du Deine Pflegſchaft abgeben wolleſt, ſobald Du Deine Rechnungen geſtellt habeſt; auf dieſe Art gewinnſt Du Zeit. .. vierzehn Tage ſind genug ... Du erklärſt, Du wolleſt eine vernünftige Sparſamkeit einführen und habeſt Gelegenheit ge⸗ funden die Miethe Deiner Wohnung abzutreten⸗ Du mietheſt ein Haus in einer abgelegenen Gegend und läſſeſt ſchon zum Voraus ein genügendes Quan⸗ tum Brennmaterialien hinſchaffen, um keinen Ver⸗ dacht zu erwecken; Du quartierſt Deine Frau und ihre Tochter in dieſer Wohnung ein, beziehſt ſie jedoch aus Rückſicht auf Deine Frau nicht ſelbſt, ſondern nimmſt blos ein Zimmer da, wo Deine Pflegſchaftspapiere und Werthe in einer eiſernen Kiſte aufbewahrt werden; wenn dann der Augen⸗ blick kommt, ſo entfernſt Du Deine Frau und ihre Tochter unter irgend einem Vorwand aus dem Hauſe, um ſie bei ihrer Rückkehr überrumpeln zu können . Ihre Magd wird in die Unmöglichkeit verſetzt ſie zu warnen und Hilfe zu holen; hernach wenn Deine Leidenſchaft und Dein Haß befriedigt 133 ſind, ſperrt man Mutter und Tochter tüchtig gekne⸗ belt hier ein und wirft ſowohl in den Keller als in den Speicher Feuer. Das Ganze kann, mit Ge⸗ wandtheit durchgeführt, für einen Unfall gelten; die Feuersbrunſt begräbt Alles, mit Inbegriff der Werthpapiere, die das Vermögen Deiner Mündel bilden, unter ihren Trümmern, und das vereinfacht Deine Rechnungsablage gar ſehr... Dieß iſt unſer Plan . . Er iſt auf dem beſten Weg der Ausfüh⸗ rung, aber, um ihn zum glücklichen Ende zu brin⸗ gen, bedarfſt Du meiner Hilfe.“ „Und dieſe Hilfe werde ich bis zum letzten Augen⸗ blick haben, mein braver Fremion.“ Der Mitſchuldige des Herrn Gabert lächelt eigen⸗ thümlich und ſagt nach einer kurzen Pauſe: „Sage mir, haſt Du die Ueberbleibſel vom Ver⸗ mögen Deiner Frau und Deiner Mündel realiſirt?“ „Ja . zweiundfünfzigtauſend Franken,“ ant⸗ wortet Herr Gabert. Dabei klopft er auf die Seitentaſche ſeines Pa⸗ letot und fügt hinzu: „Dieſe Summe iſt da. .. in meinem Porte⸗ feuille.“ „Nun wohl, mein Lieber,“ verſetzt Fremion, indem er nachläſſig ſein Kinn ſtreichelt, „wenn Du Dich meines Beiſtandes bis ans Ende verſichern willſt, ſo laß uns theilen.“ „Theilen . . . was?“ „Die zweiundfünfzigtauſend Franken.“ Herr Gabert ſcheint dieſen PVorſchlag gar nicht zu begreifen und blickt ſeinen Mitſchuldigen äußerſt verdutzt an.“ 134 Dieſer fährt ganz kalt fort: „Meine Worte ſind doch vollkommen klar und deutlich. Ich ſage, wir wollen die zweiundfünfzig⸗ tauſend Franken theilen, wo nicht .. gute Nacht! Rechne nicht mehr auf mich, und wir wollen ſehen, wie Du Dich aus Deinem Handel mit Deiner Frau und Deiner Stieftochter ziehen wirſt.“ „Halunke!“ ruft Herr Gabert, der keinen Zweifel mehr über die Forderungen ſeines Freundes haben kann — „ein Verrath.. eine Falle!“ „Ah! das Wort iſt hübſch und nimmt ſich na⸗ mentlich unter den gegebenen Umſtänden ganz aller⸗ liebſt aus. aber ... „Ich ſoll Dir fünfundzwanzigtauſend Franken geben!“ „Sechsundzwanzig . . . indem zweimal ſechsund⸗ zwanzig zweiundfünfzig ausmachen.“ „Mir auf ſolche Art das Meſſer an die Kehle ſetzen, während ich Dich ſeit meiner Verheirathung täglich bewirthet, während ich Dir vier bis fünf⸗ tauſend Franken geliehen habe, die ich nie wieder ſehen werde!“ „Nie! Du haſt vollkommen Recht; aber habe ich nicht zum Dank für Deine Schmäuſe und Dein Geld Dir geſchmeichelt, Dir ſchön gethan und nach Gefallen geredet? Habe ich nicht Dein Geſicht, Deine Tournure, Deine graziöſe Haltung bewundert, ohne von Deinem Geiſt, Deinem Muth, Deiner Feinheit und was weiß ich noch .. zu ſprechen? Siehſt Du, wenn Du meine ungeheuern Lobſprüche in Betracht ziehſt, ſo biſt Du noch mein Schuldner.“ „Doppelter Verräther!“ „ 135 „Du biſt entſchieden dumm aber . horch,“ verſetzt Herr Fremion, indem er gegen ein Ge⸗ räuſche von außen ſein Ohr hinhält, „ich meine das ferne Rollen eines Wagens zu hören. Es ſind ohne Zweifel dieſe Damen, die im Fiaker zurück⸗ kommen . . Entſchließe Dich . . . Ich ſage Dir nur noch, daß ich, wenn Du nicht augenblicklich ausbe⸗ zahlſt, Deiner Frau entgegengehe und ſie von Dei⸗ ner Anweſenheit hier, ſowie von Deinen Plänen in Kenntniß ſetze.“ „Lumpenhund!“ ruft Herr Gabert, bleich vor Wuth, indem er auf ſeinen Mitſchuldigen losſtür⸗ zen will. Dieſer aber, flink und kräftig, ſpringt zurück, zieht einen Kopfzerſchmetterer, beſtehend aus einem acht bis zehn Zoll langen mit Leder überzogenen und an beiden Enden mit einer dicken eiförmigen Bleikugel ausgeſtatteten Elfenbein, aus der Taſche, ſtellt ſich dann auf die Defenſive und antwortet, indem er ſeinen Freund mit dieſer furchtbaren Waffe bedroht: „Wenn Du mir noch einen Schritt näher kommſt, ſo ſchlage ich Dich zu Boden wie einen Ochſen.“ Herr Gabert, der ſtets feig geweſen, rührt ſich nicht und beißt in unmächtiger Wuth in ſeine Fäuſte. „Entſchließe Dich und mach's kurz,“ fährt Herr Fremion fort. „Laß uns dieſe Summe augenblick⸗ lich theilen, ſonſt verrathe ich Deiner Frau die Ge⸗ fahr, die ihr droht. Ich will ſogar. .. auf die Gefahr hin in Deinen Augen für einen falſchen Freund zu gelten. . hinzufügen, daß Deine Mün⸗ 136 del mich wider meinen Willen intereſſirt .. Ja, dieſer ſtolze und kühne Charakter gefällt mir . .. und wahrhaftig, wenn Du mich dazu zwingſt . . ſo verrichte ich gelegentlich einmal eine gute That, indem ich dieſes hübſche Mädchen vor Schande und Tod rette.“ Dann fügt Herr Fremion, indem er von Neuem nach dem Geräuſche von Außen horcht, hinzu: „Dießmal täuſche ich mich nicht . . . es iſt ganz ſicher das Geräuſche eines Wagens „ Hörſt Du's. er iſt ſchon ganz nahe.“ „Sie ſind es!“ ruft Herr Gabert, und da ſeine Habſucht von dem wilden Drang ſeiner fluchwür⸗ digen Leidenſchaften noch überboten wird, ſo zieht er ſein Portefeuille aus der Taſche und zählt mit krampfhafter Hand die Bankſcheine hin. Dann unterbricht er ſich und ſagt bebend: „Der Wagen hält an.“ „Das darf Dich nicht hindern bis auf ſechsund⸗ zwanzig fortzuzählen, mein lieber Stanislas; wir müſſen aus Klugheit dem Fiaker Zeit laſſen wögzu⸗ fahren, nachdem er dieſe Damen vor ihrer Woh⸗ nung abgeſetzt hat . .. Wir müſſen ſie alſo zwei⸗ oder dreimal läuten laſſen . . ſie werden glauben, ihre Magd ſei eingeſchlafen.“ „Nun, da haſt Du's, Halunke!“ murmelt Herr Gabert, indem er ſeine Wuth kaum bemeiſtert. Damit übergibt er ſeinem Mitſchuldigen ſechs⸗ undzwanzig Tauſendfrankenſcheine und ſteckt dann ſein Portefeuille wieder in ſeine Taſche. Man hört an der Hausthüre läuten und bald darauf das Geräuſch des wegfahrenden Wagens. 137 „Jetzt hab' wohl Acht auf das Commando,“ ver⸗ ſetzt Herr Fremion, indem er die Bankſcheine einſackt. „Die Lampe wollen wir hier laſſen und nun die Damen empfangen . . . Ich öffne ihnen die Thüre und halte mich hinter dem Flügel, ſo daß er beim Aufgehen uns Beide verbirgt . .. Deine Frau wird natürlich zuerſt hereinkommen; wir laſſen ſie ziehen und werfen uns ſogleich auf die Stieftochter . . . Du bindeſt ihr die Hände ich ſtecke ihr den in den Mund, und wenn ſie mich beißen ollte.“ Im Augenblick, wo die Klingel zum dritten Mal heftig angezogen wird, verlaſſen die beiden Mitſchuldigen das Speiſezimmer, von wo aus die Lampe einen Lichtſtrahl in das Dunkel des Abſatzes wirft, der als Hausflur dient. Herr Gabert verſteckt ſich hinter der Thüre, welche langſam von Fremkon geöffnet wird, ohne daß Frau Gabert ihn ſehen kann. Sie tritt zuerſt über die Schwelle und ſagt in ungeduldigem Ton: „Ei, ei, Angelique, haſt Du ſchon ſo feſt ge⸗ ſchlafen? Wir haben dreimal läuten müſſen.“ Henriette tritt dicht hinter ihrer Mutter eben⸗ falls ein. Auf einmal ſtürzt ihr Stiefvater über ſie her und ergreift mit dem Ruf: „Hierher, Fre⸗ mion!“ die Hände des jungen Mädchens, um ſie zu binden. Henriette iſt Anfangs wie verſteinert und regt ſich nicht; ihre Mutter aber, außer ſich vor Entſetzen, als ſie ihren Mann erkennt, deſſen bleiche grimmige Phyſiognomie in dieſem Augenblick durch die Lampe im Speiſezimmer beleuchtet wird, fällt 138 kraftlos auf ihre Kniee und faltet die Hände, ohne ein Wort hervorbringen zu können. „Mutter!“ ruft Henriette, indem ſie ſich mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihren Stiefvater wehrt, der ihre Bewegungen zu bemeiſtern bemüht iſt; „liebe Mutter . die Thüre ſteht offen .. flieh . . . ſie werden Dich tödten . . . flieh . . kümmere Dich Nichts um mich!“ Fremion hat ſich auf den Ruf ſeines Freundes Henriette genähert, die ebenfalls von dem fernen Lampenſchein beleuchtet wird und auf deren ſchönem Geſicht unerſchrockene Entſchloſſenheit zu leſen iſt, neben dem tödtlichen Schmerz beim Gedanken an die Gefahr, die ſie für ihre Mutter fürchtet, welcher ſie von Neuem zuruft: * „Flieh, liebe Mutter, flieh!“ Der herzzerreißende Ton des Mädchens, ihre in dieſem Augenblick ſo rührende Schönheit, ihr Muth, denn ſie vergaß ſich ſelbſt, um nur an die Rettung ihrer Mutter zu denken, machen einen er⸗ ſchütternden Eindruck auf Fremion. Es überkommt ihn auf einmal eine jener Anwandlungen von Mit⸗ leid, denen ſelbſt die verhärtetſten Naturen manchmal zugänglich ſind; zugleich fürchtet er für ſich ſelbſt die Folgen des Verbrechens, deſſen er ſich mitſchul⸗ dig machen ſoll, und da er endlich eine vortreffliche Gelegenheit ſieht ſeine Geldgier zu befriedigen, ſo wirft er ſich auf Gabert, zieht, ſtatt ihm den hart⸗ näckigen Widerſtand Henriettes bezwingen zu helfen, ſein Mordinſtrument aus der Taſche und verſetzt ihm mit dieſer furchtbaren Waffe einen wüthenden Schlag auf den Schädel, indem er ruft: 139 „Elender. Du unterſtehſt Dich dem Fräulein Gewalt anzuthun!“ Henriettes Stiefvater, der unverſehens getroffen worden iſt, gibt keinen Schrei, keinen Seufzer von ſich; ſeine Beine biegen ſich, er ſinkt rückwärts zu⸗ ſammen und fällt ſchwer zu Boden wie der Ochſe unter der Keule des Metzgers. Henriette ſpringt zu ihrer Mutter, die vor Schreck ihr Bewußtſein verliert, kniet neben ſie nieder und hält ſie in ihren Armen, ohne zu bemerken, daß Fremion, über ſeinen ſterbenden Mitſchuldigen hin⸗ gebeugt, deſſen Taſche durchſtöbert, das Portefeuille mit den andern ſechsundzwanzig Bankſcheinen her⸗ auszieht und ſich aneignet. Dann wendet er ſich an Henriette mit den Worten: „Dieſer elende Gabert hat Sie Beide ruinirt: es bleibt Ihnen kein Sou von Ihrem Vermögen mehr übrig! Und nachdem er Alles verpraßt hat, wollte er Ihnen den abſcheulichſten Schimpf anthun und ſodann das Haus in Brand ſtecken. . Ihre Dienerin liegt geknebelt im Keller .. Leben Sie wohl, mein Fräulein . . . Ich hoffe, daß ich, indem ich Sie vertheidigte, auch Ihre Mutter von dieſem abſcheulichen Schurken befreit habe, der, wie mirs nicht mehr lange zu leben hat .. Und ich 6 Aber hier unterbricht ſich Fremion beim Anblick einer neuen Perſon, die auf der Schwelle der offen gebliebenen Thüre erſcheint und ſo eben aus einem Wagen geſtiegen iſt, deſſen Annäherung von den handelnden Perſonen bei dieſer tumultuariſch ſchreck⸗ lichen Scene nicht gehört worden. 140 Herrn Gaberts Exmitſchuldiger ſtößt den neuen Ankömmling heftig auf die Seite, erreicht die Thüre und ſtürzt ſich in die Avenue hinaus, wo er mit⸗ ten in der Finſterniß verſchwindet. „Wer Sie auch ſein mögen, kommen Sie meiner Mutter zu Hilfe .. ſie ſtirbt!“ ruft Henriette ſchluchzend und außer Stands ihre gänzlich in Ohn⸗ macht gefallene Mutter noch länger zu halten. Sie lehnt dieſelbe nach beſten Kräften an die Wand, während die Perſon, an die ſie ſich gewendet hat, in mitfühlendem innigem Ton ihr antwortet: „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein ich werde Ihrer Mutter beiſtehen können . ich bin Arzt ich heiße Doctor Max.“ XXVII. Drei Tage nach dieſem Abend, in deſſen Verlauf Herr Stanislas Gabert von ſeinem Freund Fre⸗ mion einen tödtlichen Schlag auf den Schädel empfangen hatte, woran er bald nach der unvor⸗ hergeſehenen Ankunft des Doctors Mar ſtarb, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben, unterhielt ſich der Doctor mit Henriette Dumesnil und ihrer Mut⸗ ter, als ſie alle Drei in dem beſcheidenen Salon . Hauſes in der Avenue des Termes beiſammen aßen. Die Wittwe des Herrn Stanislas Gabert, der am Abend zuvor begraben worden, trug aus Con⸗ venienzrückſichten Trauer; ihre ſehr entſtellten Züge zeugten von einem beinahe verzweifelten Kummer, 141 nicht als ob ſie den Tod des Elenden beklagt hätte, der ſie in Verzweiflung geſtürzt, ſondern weil ſie nicht ohne Schauder der ſchrecklichen Zukunft ent⸗ gegenſehen konnte, welche dieſer Vermögensverluſt für ihre Henriette bereitete. Dieſe ſaß ruhig, feſt, voll Vertrauen in ihre kindliche Liebe, mit verdoppelter Zärtlichkeit gegen ihre Mutter neben ihr, und bemühte ſich ſie durch ihre Blicke, ſowie durch den heitern Ausdruck ihrer Phyſiognomie zu beruhigen. Der Doctor ſeinerſeits ſtand, die Hände hinter ſeinem Rücken gekreuzt, am Kamin und beobachtete aufmerkſam die Wittwe und ihre Tochter, während er zu ihnen ſagte: „Ja, meine Damen, der Zufall hat mich nach Wunſch bedient. Vor drei Tagen riß mir beinahe vor Ihrem Hauſe ein Strang an meinem Geſpann, und während mein Kutſcher den kleinen Unfall wie⸗ der gut machte, ſtieg ich aus. Da Ihre Hausthüre offen geblieben war, ſo hörte ich jetzt einen ſtarken Lärm und eine Stimme, es war die Ihrige, mein Fräulein, die um Hilfe rief. Ich eilte herzu und war ſo glücklich Ihrer in Ohnmacht gefallenen Frau Mutter die erſte Hilfe zu bringen, und ſpäter con⸗ ſtatirte ich, daß Ihr ganz und gar keiner Klage würdiger Stiefvater in Folge eines Schädelbruches ſtarb. Endlich, Madame, vernahm ich, daß Sie den Namen eines meiner ehrenwertheſten Collegen, des verſtorbenen Herrn Doctors Dumesnil getragen hatten, und daß das Fräulein ſeine Tochter war. Dieſer Umſtand erhöhte natürlich die ehrerbietige Theilnahme, welche Sie mir einflößten, als ich die⸗ 142 2 ſen Mann, der Anfangs der Mitſchuldige Ihres Gatten geweſen war, Ihnen erklären hörte, daß derſelbe Sie gänzlich ruinirt habe.“ „Ach, es iſt nur allzu wahr! Ach, es wird mich tödten!“ murmelte Frau Gabert unter lautem Schluchzen. „Henriette . . . mein armes Kind, meine Blindheit hat uns Beide ins Verderben ge⸗ ſtürzt. Großer Gott! Dich im Elend zu ſehen und zwar einzig und allein durch meine Schuld . das iſt ſchrecklich, ich wiederhole es Dir, es wird mich ins Grab bringen.“ „Schon wieder dieſe Vorwürfe, die Du Dit ſelbſt machſt und die mir ſo wehe thun,“ ſagte Henriette. Dann wandte ſie ſich an den Arzt: „Mein Herr, Sie ſind bald beinahe ein Freund für uns geworden . . . Bitte, vereinigen Sie ſich mit mir, um meine Mutter zu beruhigen und zu beſchwichtigen; ſagen Sie ihr, daß ſie ſich ſolcher Befürchtungen entſchlagen ſolle, die eben ſo peinlich als ungegründet ſind . . .“ „Mich beſchwichtigen . „ mich beruhigen . . ach, unglückliches Kind, was ſoll denn aus uns werden?“ rief Frau Gabert mit herzzerreißendem Schluchzen. „Wenn unſere letzten Mittel erſchöpft ſind, ſo werden wir dem tiefſten Elend anheimfallen, und ich werde Dich von Allem entblößt ſehen .. Du wirſt frieren . . vielleicht Hunger leiden.“ „Liebe Mama, Deine beunruhigte Zärtlichkeit ſollte die Schwierigkeiten unſerer Lage nicht über⸗ treiben; ſie iſt allerdings mißlich, aber nicht ver⸗ zweifelt. nicht wahr, Herr Doctor?“ „Man muß allerdings niemals verzweifeln,“ ant⸗ wortete der Doctor Max traurig. „Aber ohne die Beſorgniſſe Ihrer Frau Mutter gänzlich zu theilen, muß ich Ihnen doch erklären, daß mir die Zukunft für Sie beide beunruhigend erſcheint.“ „Beunruhigend. es iſt ſchrecklich, daß man es ſagen muß!“ verſetzte Frau Gabert. „Mein armes Kind ſucht mich und ſich ſelbſt zu täuſchen aus Mitleid mit mir, die ich all dieſes Unheil ver⸗ ſchuldet habe.“ „Dich zu täuſchen, Mutter! laß uns ein wenig überlegen Laß ſehen, was für Hilfsmittel bleiben uns noch? Das Silbergeſchirr und einiges Geſchmeide, das Du beſitzeſt; dann die Geſchenke, die mir dieſer Mann anbot . ich nahm ſie nicht an, aber Du haſt ſie behalten . Nehmen wir an, wir verkaufen das Alles und realiſiren eine Summe von ſieben bis achttauſend Franken iſt das zu viel? Setzen wir fünftauſend Franken .viertauſend . . . wenn Du willſt. Dieſe Be⸗ rechnung hat nichts Uebertriebenes, im Gegen⸗ „Nun wohl, armes Kind! . und hernach?“ „Genügt das nicht, liebe Mutter, um uns auf lange Zeit jeder Sorge für die Zukunft zu enthe⸗ ben?“ „Wie? Dieſe viertauſend Franken? Ach, liebes Kind . „Laß uns berechnen, Mama: der Miethzins für dieſes Haus iſt auf ein Jahr vorausbezahlt, alſo kommt auf dieſes Jahr ſchon eine Ausgabe weni⸗ ger. Mit Kleidern und Weißzeug ſind wir ſo ver⸗ ——— —— 144 ſehen, daß wir für einige Zeit Richts zu kaufen brauchen; es bleiben uns alſo viertauſend Franken, und davon können wir wenigſtens vier Jahre leben, allerdings ſehr ſparſam, und wir müſſen uns ohne unſere Magd behelfen, aber man lebt doch ... und bei Dir zu leben, Mutter, iſt immer ein Glück.“ „Aber wie lebt man? man muß ſich tauſend Entbehrungen gefallen laſſen, die um ſo härter ſind, je mehr man an Wohlhabenheit gewöhnt war. Ich ſage dieß nicht um meinetwillen . . . Gott iſt mein Zeuge.. ſondern um Deinetwillen, mein armes Kind. Ich fürchte ſo ſehr Dich leiden zu ſehen; und endlich werden unſere Hilfsmittel ſich eines erſchöpfen, und was ſoll dann aus uns wer⸗ en?“ „Ich hoffe ſehr, Mama, daß unſere Hilfsmittel ſich nicht nur nicht erſchöpfen, ſondern vielmehr ver⸗ größern werden.“ „Und auf was Art, mein Fräulein?“ fragte der Doctor Max, welcher die Selbſttäuſchungen Hen⸗ riettes keineswegs zu theilen ſchien. Wie wollen Sie Ihre Hilfsmittel vergrößern?“ „Durch meine Arbeit, Herr Doctor,“ antwor⸗ tete das junge Mädchen mit feſter Stimme. Dann wandte ſie ſich an ihre Mutter: „Glaubſt Du denn, daß ich in meinem Alter müßig bleiben werde?“ 2 „Und was wirſt Du thun, mein Kind? Mit welchen Arbeiten wirſt Du Dich beſchäftigen?“ „Kann ich nicht nähen und ſticken? Kann ich nicht, Dank der Erziehung, die ich genoſſen habe, Muſikunterricht ertheilen oder die erſte Erziehung 145⁵ eines jungen Mäbchens leiten? Was weiß ich? Kann ich nicht, da ich einmal feſt entſchloſſen bin mich und meine Mutter auf eine ehrenhafte Art durchzubringen, mit Sicherheit darauf rechnen, daß es mir gelingen werde? Ich frage das Sie, Herr Doctor.“ „Mein Fräulein,“ antwortete der Doctor, „Sie wenden ſich bei einem ſehr mißlichen Umſtand an meine Aufrichtigkeit; es wäre höchſt unrecht von mir, wenn ich Ihnen die Wahrheit verſchweigen wollte.“ „Hörſt Du.. arme Henriette hörſt Du den Herrn Doctor?“ „Ach, mein Fräulein, mein Beruf weiht mich in das Geheimniß gar manchen Elends ein; dieſe Stickereien und Näharbeiten, auf welche Sie zäh⸗ len, wiſſen Sie, was dieſelben ganz ausgezeichne⸗ ten Arbeiterinnen eintragen, die ſich zuweilen acht⸗ zehn bis zwanzig Stunden des Tags damit abmühen und ihre Lebenskraft, ihre Geſundheit ohne Gnade und Barmherzigkeit dabei einbüßen? Dieſe armen Mädchen verdienen damit ſo viel, daß ſie, ich will nicht ſagen, davon leben können, aber doch nicht geradezu verhungern müſſen.“ „Ach mein Gott! Henriette, Du hörſts!“ ſagte Frau Gabert ſeufzend; „Du hörſts . . wenn unſere letzten Mittel erſchöpft ſind, ſo ſind wir verloren.“ „Nein, nein,“ verſetzte das junge Mädchen, ſich gegen das Unglück ſteifend, „Gott kann das Rind nicht verlaſſen, das ſein und ſeiner Mutter Leben durch ſeine Arbeit zu friſten verlangt.“ Sue, der Teufel als Arzt. Iw. 10 146 Der Doctor antwortete Nichts auf dieſe letzten Worte Henriettes und fuhr fort: „Was Ihre Hoffnung auf Muſikſtunden oder auf eine Stelle als Erzieherin eines jungen Mädchens betrifft, mein Fräulein, ſo würden Sie dieſe Hoff⸗ nung als ſehr precär anſehen, wenn Sie wüßten, wie viele Perſonen, die den Unterricht als Beruf gewählt haben, oft ſo wenig Beſchäftigung finden.“ „Du hörſts, armes Kind, Du hörſts. ..“ „Ach, Mutter, der Herr Doctor ſieht die Zu⸗ kunft gar zu ſchwarz.“ „Ich ſehe richtig, mein Fräulein, und Sie dür⸗ fen mirs glauben, daß ich Ihre und Ihrer Frau Mutter Lage recht beurtheile. . . Sie werden einige Zeit ſehr öconomiſch leben können, um Ihre letzten Hilfsquellen möglichſt zu ſchonen; aber wenn die⸗ ſelben einmal erſchöpft ſind. .. glauben Sie mir, ich übertreibe nicht . dann wird Ihnen die Zu⸗ kunft unter den ſchwärzeſten Farben vor die Augen treten.“ . . „Ach wehe mir! wehe mir!“ rief Frau Gabert mit krampfhaftem Schluchzen; „wäre ich nicht ſo dumm, ſo blind, ſo gottlos geweſen mich zum zweiten Mal mit dieſem Elenden zu verheirathen, ſo hätten wir wie früher im Wohlſtand leben kön⸗ nen, Du hätteſt eine anſtändige Mitgift erhalten und einen Deiner würdigen Mann geheirathet. Aber nein!“ rief die Wittwe mit verdoppeltem Herzeleid, „ſtatt ſtolz zu ſein auf den Ehrenmann, deſſen Wittwe ich war . ſtatt ſeinem Gedächtniß treu zu bleiben, habe ich mich in meinem Alter durch die plumpen Schmeicheleien eines jungen Mannes fan⸗ ——— ——— — 147 — gen laſſen, der es nur auf mein Vermögen abſah und ſich über mich luſtig machte; ich habe die Schwachheit ... die Schändlichkeit begangen dieſem unbekannten Menſchen die Vormundſchaft über meine Tochter anzuvertrauen! Und er hat ſie ruinirt und er hat ſie verführen gewollt! Er wollte ſich durch ein Verbrechen von uns befreien!. .. Ach, warum hat dieſer Elende mich am Lében gelaſſen! Wehe mir! Ich habe mein Kind ins Elend geſtürzt. .. Gott iſt gerecht... Ich fühle es, ich werde all dieſe Küm⸗ merniſſe nicht überleben . . . es iſt mir, als müſſe mein Herz zerſpringen.“ „Mutter!. .. Was ſagſt Du?“ rief Henriette erſchrocken, als ſie die Wittwe erblaſſen und ihre beiden Hände an ihr Herz legen ſah, wie wenn ſe plötzlich einen ſchmerzlichen Stoß empfangen ätte. Dann wandte ſie ſich an den Arzt: „Herr Doctor. .. ſehen Sie, wie blaß meine Mutter wird, ihre Augen ſchließen ſich mein Gott, erbarme Dich meiner,“ fügte das junge Mäd⸗ chen hinzu, indem ſie zu den Füßen der Frau Ga⸗ bert niederkniete und ſie in ihren Armen feſthielt. „Mutter antworte mir doch!“ Die arme Frau wäre ohne die Pflege des Doe⸗ tors beinahe ihrer heftigen Verzweiflung unterlegen. Dieſer zog die Büchſe mit homöopathiſcher und folglich miecroſcopiſcher Arznei, die er ſtets bei ſich trug, aus der Taſche, machte eine unendlichſte Doſe von einem kräftigen Arzneimittel zurecht, goß einige Tropfen davon in ein Löffelchen von vergoldetem Silber, führte es Frau Gabert an die S und 1 65 148 ſagte zu Henriette, die in Thränen zerſchmelzend ihre Mutter in ihren Armen hielt: „Dieſe ſchrecklichen Gemüthserregungen erſticken, das Blut ſtrömt nach ihrem Herzen. . dieſer Schlag würde vielleicht tödtlich, wenn...“ „Großer Gott!“ rief das junge Mädchen er⸗ ſchrocken, „meine Mutter!“ „Oh, beruhigen Sie ſich, edles und muthvol⸗ les Kind,“ verſetzte der Doctor mit bewegter Stimme. „Sehen Sie die Bläſſe läßt nach, ſie ver⸗ ſchwindet .. Ihre Mutter ſchlägt die Augen wie⸗ der auf, ihre Geneſung iſt jetzt geſichert. . denn auf ihre Beſorgniſſe um die Zukunft wird jetzt ſo⸗ gleich eine glückliche Gewißheit folgen.“ Dann ſagte er zu Frau Gabert, die ſich all⸗ mählig erholte: „Madame, entſchlagen Sie ſich jetzt dieſer Be⸗ ſorgniſſe, die Ihre Verzweiflung ausmachen ... Sie ſind noch ſo reich wie früher . .. Ihr Ruin iſt wieder gut gemacht Sie beſitzen noch zu dieſer Stunde mehr als fünfzigtauſend Thaler im Vermögen.“ „ XXVIII. Bei dieſen Worten, welche der Doctor Max im Tone unwiderſtehlicher Aufrichtigkeit ausgeſprochen, fahren Henriette und ihre Mutter zuſammen und ſchauen einander verblüfft an, da ſie vor Ueber⸗ raſchung ihren Ohren kaum trauen. Endlich ruft Frau Gabert mit bebender Stimme: . T. 149 „Was ſagen Sie, Doctor? Unſer Ruin wäre wieder gutgemacht? .. Iſt das ein Traum? . Nein, nein es iſt unmöglich . Sie täu⸗ ſchen uns.“ „Madame, glauben Sie an mein Wort als ehrlicher Mann, ich ſpreche die Wahrheit,“ verſetzte der Doctor mit großem Ernſt; „wenn ich Sie in dieſem Augenblick und nach der Criſis, welche Sie ſo eben durchgemacht haben, täuſchen wollte, ſo könnte dieß Ihnen den Tod bringen Glauben Sie mir alſo . . Sie und Ihre Tochter ſind noch eben ſo reich, als Sie vor dieſer unglückſeligen Heirath waren.“ „Großer Gott! Ich möchte Ihnen gerne glau⸗ ben und ich glaube Ihnen auch aber durch was für ein Wunder?“ „Die vorherſehende Sorgfalt eines Vaters und eines Gatten, Madame, hat dieſes Wunder be⸗ werkſtelligt.“ „Bitte „ vollenden Sie.“ „Der Herr Doctor Dumesnil hat Sie Beide noch von ſeinem Grabe aus beſchützt.“ „Mein Vater!“ „Mein Gatte!“ „Madame, da er die Schwäche Ihres Charak⸗ ters und die unſeligen Folgen, die ſich daraus er⸗ geben könnten, fürchtete, ſo glaubte er die Hälfte ſeines Vermögens verſtecken zu müſſen, und hat mir unter dem Siegel des Geheimniſſes fünfzigtau⸗ ſend Thaler als Fideicommiß übergeben. Dieſe Summe ſteht zu Ihrer Verfügung, Madame.“ Henriette und ihre Mutter, die nicht mehr an 150 der Wahrheit zweifeln können, ſtürzen einander un⸗ ter heißen Thränen in die Arme. Dann ſinkt das Mädchen auf die Kniee und ruft mit gefalteten Händen: „Oh, beſter der Väter . .. ſei geſegnet, ſei geſegnet! . . . Dank Deiner ſchützenden Weisheit wird Mama am Leben bleiben und von nun an glücklich leben.“ „Ach! Ich habe das Recht verloren den Namen dieſes ſo weiſen und ſo guten Mannes zu tragen, der, wie Sie ſo eben ſagten, Herr Doctor, uns noch von ſeinem Grabe aus beſchützt,“ verſetzte Frau Ga⸗ bert im Tone ſchmerzlichen Bedauerns. Nachdem die Aufregung von Mutter und Toch⸗ ter beſchwichtigt war, ſagte Herr Max zu ihnen: „Und jetzt ſollen Sie erfahren, unter welchen Umſtänden dieſes Fideicommiß mir übertragen wor⸗ den iſt. Ich hatte nicht die Ehre meinen Collegen Dumesnil genau zu kennen; ich war blos hie und da bei Conſultationen mit ihm zuſammengetroffen, aber ſo ſelten dieſe Gelegenheiten waren, ſo hiel⸗ ten wir doch längere Beſprechungen, welche ihm ohne Zweifel ein Vertrauen eingeflößt haben, auf das ich ſtolz bin. Einige Zeit vor ſeinem Tode kam er zu mir, und ich habe hier hinzuzufügen, meine Damen, daß ich im Intereſſe der Genauig⸗ keit meines Verichtes über die Scrupel meiner Be⸗ ſcheidenheit mich hinwegſetzen und Sie an die eige⸗ nen Worte des Herrn Doctors Dumesnil erinnern will. Sie lauteten wie folgt: . „Mein lieber College, wir haben ſelten mit ein⸗ ander zu thun gehabt und uns nicht oft mit einan⸗ . 151 der beſprochen: aber dieſe wenigen Beſprechungen und gewiſſe Handlungen von Ihnen genügten mir, um Sie ſo hoch in meiner Achtung und in meinem Vertrauen zu ſtellen, als nur je ein Menſch ſtehen kann; Sie ſind der Einzige, den ich um einen großen Dienſt anſprechen könnte und möchte, und zwar im Namen unſerer wiſſenſchaftlichen Collegialität ſo wie des rührenden Intereſſes, das meine Frau und meine Tochter verdienen, denn mein Tod, deſſen raſches Herannahen ich fühle, wird ſie bald ihrer natürlichen Stütze berauben.“ Henriette und ihre Mutter wechſelten einen Blick der innigſten Rührung. Der Doctor fuhr folgen⸗ dermaßen in ſeiner Erzählung fort: „Beifolgende von meiner eigenen Hand geſchrie⸗ bene Notiz, welche Sie meiner Frau und meiner Tochter dereinſt vorlegen werden, fügte Herr Doe⸗ tor Dumesnil noch hinzu, wird Ihnen die Art des Dienſtes begreiflich machen, den ich von Ihnen er⸗ warte.“ Damit zog Doctor Max aus ſeinem Porte⸗ feuille ein Couvert, öffnete es und las den beiden Damen, die immer gerührter und aufmerkſamer wurden, folgende Verfügung vor: „Ich, Joſeph Dumesnil, Doctor der Medicin, ſchreibe heute, an Geiſt und Körper vollkommen geſund, wie folgt: „Die tödtliche Krankheit, die mich ergriffen hat und deren Fortſchritte ich tagtäglich ſtudire und em⸗ pfinde, wird mich in ſechs Wochen oder ſpäteſtens zwei Monaten wegraffen. Da ich nun meines nahen Endes gewiß bin, ſo wünſche ich die Zukunft meiner Frau und meiner Tochter, der Gegenſtände meiner zärtlichen Beſorgniß, ſo gut als möglich ſicher zu ſtellen . . . „Armer Vater. . er fühlte, er ſah, daß er ſtarb!“ verſetzte Henriette, die ihre Thränen nicht bemeiſtern konnte. „Und ſeine letzten Gedanken waren alle uns gewidmet.“ „Ach! Erſt jetzt, da er nicht mehr iſt, lerne ich ſeinen Werth ſchätzen, den ich ſo kange verkannt hatte; ich geſtehe es, dieß wird mein ewiger Ge⸗ wiſſensbiß ſein,“ fügte Frau Gabert hinzu. „Er fühlte, daß er ſtarb! und ſein inniges Wohlwollen ſet ſich nie verläugnet bis ans Ende ſeines Le⸗ ens.“ „Seine großmüthige feſte und aufrichtige Seele, ſein vortrefflicher Charakter, ſeine väterliche Vor⸗ ſicht werden Ihnen von Neuem in ihrer ganzen Größe vor die Augen treten . . Hören Sie .. und Ihre dankbare Verehrung gegen ihn wird noch größer werden,“ ſagte der Doctor Max, indem er fortfuhr die letzten Willensmeinungen des Herrn Du⸗ mesnil vorzuleſen. Sie lauteten wie folgt: „Meine Frau iſt die beſte der Frauen; ihr Herz iſt vortrefflich, ſie liebt ihre Tochter über Alles in der Welt und hat mir ſtets ihre Anhäng⸗ lichkeit bewieſen; aber die ungemeine Schwäche ihres Charakters, ihre gefällige und oft blinde Güte, ihr leichtgläubiges Vertrauen, ihr Hang zu unnö⸗ thigen Ausgaben, ihr gänzlicher Mangel an Ord⸗ nungsſinn und Sparſamkeit, ihre vollſtändige Un⸗ kenntniß der Geſetze, welche die Privatintereſſen re⸗ gieren, geben mir die Ueberzeugung, daß ſie, wenn 153 ſie einmal Wittwe iſt und frei über ihr und ihrer Tochter Vermögen verfügen kann, in kurzer Zeit ſich ſelbſt ruiniren oder ſich ruiniren laſſen wird. „Das iſt noch nicht Alles; meine Frau hat ſich während ihres Lebens, ohne ſich jemals zu beklagen und ohne jemals die Sanftheit ihres Charakters im Mindeſten zu verläugnen, in eine zurückgezogene, eintönige, aller weltlichen Vergnügungen erman⸗ gelnde Exiſtenz ergeben, ſo wie mein Hang zur Einſamkeit und die Nothwendigkeiten meiner Stu⸗ dien und meines Berufes ſie mit ſich führen. „Meine Frau hat ſich alſo während meines Le⸗ bens ſehr gelangweilt; daraus wird beinahe un⸗ zweifelhaft folgen, daß ſie ſich nach meinem Tode wird ſehr amüſiren wollen. „Dieſer Wunſch iſt natürlich und ich hätte Nichts dagegen einzuwenden, wenn ich nicht wüßte, daß meine Frau unfähig iſt ihre Ausgaben ver⸗ nünftig einzurichten. Nach meiner Anſicht iſt es beinahe gewiß, daß ſie ſich juſt wegen ihrer Cha⸗ rakterſchwäche aufs Neue verheirathen wird; ſeit zwanzig Jahren gewöhnt ihren eigenen Willen dem meinigen unterzuordnen, im Gefühl der Unfähigkeit ihrem Leben eine ſichere Richtung zu geben, von Natur aller Entſchloſſenheit und Initiative erman⸗ gelnd, wird ſie einen Führer ſuchen und natürlich einen ſolchen wünſchen, der mir in allen Punkten unähnlich iſt. „Ich war ernſthaft, ſtreng, ungemüthlich, ein Stubenhocker; ich hielt mein Haus auf einem an⸗ ſtändigen Fuß, aber ohne von meinen Gewohnhei⸗ ten der Ordnung und Sparſamkeit abzugehen. 154 „Meine Wittwe wird beinahe nothwendig ihre Wahl auf einen weltlich geſinnten, luſtigen und verſchwenderiſchen Gatten lenken, der wahrſcheinlich jünger ſein wird als ſie. „Nun iſt es für mich erwieſen, daß die Folgen einer ſolchen Verheirathung für meine Frau und für meine Tochter unheilvoll ſein werden.“ Frau Gabert konnte nicht umhin zuſammenzu⸗ beben, als ſie erkannte, mit welchem Scharfblick ihr erſter Gatte die Zukunft vorhergeſehen hatte, und ſie ſagte ſeufzend zu Henriette: „Mein Kind, ich muß vor Scham und Reue erröthen, indem ich die Richtigkeit der Vorherſehun⸗ gen Deines Vaters eingeſtehe . . . Leider iſt dieß eine ſehr ungenügende Sühne für mein vielfaches Unrecht.“ „Deine Güte und Dein Glauben an das Gute haben Deinen Irrthum allein verſchuldet, liebe Mutter, und dieſer Güte hat mein Vater alles Recht widerfahren laſſen,“ antwortete das junge Mädchen. Der Arzt las folgendermaßen weiter: „Meine Tochter Henriette wird ohne Zweifel ihr fünfzehntes Jahr noch lange nicht erreicht ha⸗ ben, wenn ich ſterbe; ſie iſt ein großherziges und wackeres Kind, von kräftigem Charakter, von früh⸗ reifer Vernunft, von geſundem Verſtand und ern⸗ ſtem Geiſt; wenn meine Tochter bei meinem Tod achtzehn Jahre zählte und es mir möglich wäre die 155 Mutter unter ihre Vormundſchaft zu ſtellen, ſo hätte ich für Beide nicht die mindeſten Beſorgniſſe. „Aber Henriette wird, wenn ſie mich verliert, kaum aus den Kinderjahren ſein, und aus zärtlicher Achtung vor ihrer Mutter wird ſie den Wünſchen derſelben in Betreff ihrer zweiten Ehe nicht im Mindeſten entgegentreten, ſelbſt wenn dieſe Ehe die theuerſten Gefühle ihres Herzens verletzen ſollte.“ „Gott ſei Dank, Dein armer Vater wußte Deine edlen Eigenſchaften eben ſo richtig zu ſchätzen, wie er meine beklagenswerthe Schwäche kannte,“ ſagte Gabert, indem ſie ihrer Tochter einen Kuß gab. Dann wandte ſie ſich an Herrn Mar: „Entſchuldigen Sie, Herr Doctor, daß wir Sie ſo oft unterbrechen.“ „Der Pfleger meiner Tochter wird nothwendig unter meinen Verwandten oder denen meiner Frau gewählt werden. Keiner von ihnen verdient mein Vertrauen in dem Grad, daß ich in Betreff der Verwaltung des Vermögens meiner Tochter voll⸗ kommen beruhigt wäre, indem das Geſetz die heili⸗ gen Intereſſen der Minderjährigen auf eine un⸗ glaubliche Art vernachläſſigt und geſtattet, daß ihr Vermögen ohne alle Controle und Bürgſchaft dem Gutdünken der Pfleger überlaſſen wird, bis ſie majorenn werden und dann gegen die Pflegſchaſt einen Recurs ergreifen können, der beinahe immer illuſoriſch iſt, beſonders wenn der Pfleger Nichts beſitzt. —— 156 „Aus dem Vorſtehenden ergibt ſich nach meiner Anſicht augenſcheinlich Folgendes: „Meine Frau wird ſich bald nach meinem Ab⸗ ſcheiden aufs Neue verheirathen, und da ſie unge⸗ mein gut, vertrauensvoll und leichtgläubig iſt, ſo wird ſie vermuthlich eine nicht ſehr verſtändige Wahl treffen und in wenigen Jahren ſich ſelbſt ruiniren oder ſich ruiniren laſſen. „Um das Unglück, das ich vorherſehe, nach be⸗ ſten Kräften wieder gutzumachen, faſſe ich folgenden Entſchluß: „Mein Vermögen beläuft ſich mit Inbegriff des Zubringens meiner Frau auf ungefähr dreimal⸗ hundertzwanzig tauſend Franken. „Man wird bei meinem Tode nur ungefähr fünfzigtauſend Thaler bei mir finden. „Am heutigen Tage übergebe ich hundertſiebzig⸗ tauſend Franken als Fideicommiß in die Hände meines Collegen, des Doctors Max, unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit. „Wenn meine Befürchtungen nicht in Erfüllung gehen, wenn meine Frau Wittwe bleibt oder ſich mit einem rechtſchaffenen Mann verheirathet, ſo daß ſie keine tolle Verſchwendung treibt und ihr Ver⸗ mögen unangetaſtet erhält; wenn die Vormundſchaft über meine Tochter rechtſchaffenen Händen anver⸗ traut wird, bis ſie in das Alter kommt, wo ſie ei⸗ nen Gatten wählen kann, wenn dieſe Verbindung ihr alle wünſchenswerthen Ausſichten auf Glück bietet, ſo wird der Herr Doctor Max, der vermöge ſeines vortrefflichen Urtheils und ſeiner genauen Kenntniß der Menſchen und der Dinge dieſe Reſul⸗ 157 tate aufs Richtigſte würdigen wird, ſobalb er keinen Zweifel mehr an der Sicherheit der Zukunft meiner Frau und Tochter behält, ihnen das anvertraute Fideicommiß zuſtellen, d. h. Jeder fünfundachtzig⸗ tauſend Franken. „Wenn dagegen meine Beſorgniſſe in Erfüllung gehen; wenn meine Frau in ihrer zweiten Ehe Unglück oder Ruin findet; wenn der Vormund mei⸗ ner Tochter ſeine Pflichten verletzt, ſo wird Doctor MWax die ihm anvertraute Summe auf diejenige Art, die ihm als die geeignetſte erſcheint, anwen⸗ den und dafür forgen, daß dieſer Nothpfennig nicht unſinnig verſchwendet werde, ſondern beide vor Elend ſchütze. „Sollte dieſer letzte Fall eintreten, ſo wünſche ich, daß der Herr Doctor Max meine Frau lange genug dem Elend und Verderben ins Auge ſchauen laſſe, daß die Prüfung etwas hart und die Lection möglich iſt. „Da der Herr Dockor Max meiner Frau und Tochter gänzlich unbekannt bleiben und dennoch von den verſchiedenen Vorkommniſſen in ihrem Pri⸗ vatleben unterrichtet ſein ſoll, ſo habe ich (in Er⸗ manglung von etwas Beſſerem) ein Mittel ausge⸗ dacht, welches die Zuverläſſigkeit der für ihn noth⸗ wendigen Notizen und das Geheimniß, womit ſie umgeben werden ſollen, in Einklang bringt. Meine Frau hat ſeit langen Jahren eine gewiſſe An⸗ gelique in ihrem Dienſt, ſie liebt dieſe Dienerin und ich glaube, daß dieſelbe hinwiederum an ihre Ge⸗ bieterin anhänglich iſt. Der Herr Doctor Max könnte nach meinem Tode, um unſer Geheimniß 158 zu bewahren, dieſe Angelique zu ſich beſcheiben und ihr mittheilen, daß ich ihr eine lebenslängliche Penſion von dreihundert Franken vermacht habe unter der Bedingung, daß ſie im Dienſt meiner Wittwe bleibe, ein vollſtändiges Stillſchweigen über dieſes Vermächtniß beobachte, jeden Monat ihre Penſion bei ihm abhole und alle ſeine Fragen in Betreff ihrer Gebieterin beantworte. Auf ſolche Art würde der Herr Doctor Max häufig ſichere Aufſchlüſſe über meine Frau und Tochter erhalten, ohne in irgend einem perſönlichen Verkehr mit ihnen zu ſtehen. . „Ich bitte den Herrn Doctor Max die noth⸗ wendigen Vorkehrungen zu treffen, damit für den bedauerlichen Fall ſeines Ablebens die mit ſo viel Hingebung und Edelmuth übernommene Sendung, wenn ſie noch nicht vollendet iſt, kraft ſeines Te⸗ ſtaments einem Manne ſeiner Wahl anvertraut werde. Wenn dieſer letztere Wunſch nicht erfüllt werden kann, ſo würde das dem Herrn Doctor Max übergebene Depoſitum nach ſeinem Tod mei⸗ ner Frau und Tochter zurückerſtattet. „Wenn der Herr Doctor Max es für geeignet hält meinen letzten Willen in Ausführung zu brin⸗ gen, ſo iſt die gegenwärtige Schrift meiner Frau und Tochter zu überreichen; und ich zweifle nicht daran, daß ſie gleich mir den innigſten Dank dem edelmüthigen und großherzigen Manne widmen werden, der beinahe ohne mich zu kennen und lediglich in Folge der rührenden Theilnahme, welche ihm das Schickſal einer Wittwe und Waiſe ein⸗ * . — „ ——— — —— 1 159 flößte, einen ſo delicaten und wichtigen Auftrag übernommen hat. „Vollſtändig von meiner eigenen Hond geſchrie⸗ ben am heutigen Tag u. ſ. w. u. ſ. w. Dr. Joſeph Dumesnil.“ Henriette und ihre Mutter hörten mit frommer Sammlung die Vorleſung dieſes Aktenſtückes an. Es erklärte ihnen die geheimnißvolle und beſtändige Beſorgtheit des Doctors Max, welcher unter dem Namen Robin durch Vermittlung Angeliques be⸗ ſtändig von den verſchiedenen Zwiſchenfällen ihres häuslichen Lebens unterrichtet worden war. „Jetzt, Madame,“ fügte der Doctor zum Schluß hinzu, „werden Sie begreifen, daß ich, als ich durch Angelique Herrn Gaberts Ernennung zum Vormund von Fräulein Henriette ſowie Ihre Hei⸗ rathspläne erfuhr, nicht einſchreiten durfte; die Vormundſchaft war unwiderruflich, und meine Rath⸗ ſchläge in Betreff einer Verbindung, welche Sie ſo ſehnlich wünſchten, wären vergeblich geweſen. Auch theile ich vollſtändig die Anſichten und Hoffnungen des Herrn Dumesnil, daß eine Prüfung, ſo hart und lang ſie auch ſein möge, auf Sie, Madame, einen heilſamen Einfluß ausüben könnte. Wenn nun Herr Gabert nicht die gerechte Strafe für ſeine fluchwürdigen Pläne erlitten hätte, ſo würde ich, nachdem ich Sie einige Tage lang einer furchtba⸗ ren Wirklichkeit gegenüber gelaſſen, ich würde, ſage ich, eingeſchritten ſein, um Sie zu einer Trennung von Tiſch und Bett zu beſtimmen, die man auch mittelſt Aufbeckung der abſcheulichen Attentate, welche dieſer Elende auf ſeine Stieftochter machte, unfehl⸗ den Täuſchungen, Unglücksfällen und Quälereien 160 bar erlangt hätte; und dann hätte ich im Verein mit einem Advokaten das Vermögen, das ich Ihnen zurückerſtattete, gegen jeden künftigen Angriff ſicher geſtellt. Nun will ich Ihnen auch noch ganz kurz und dießmal der Wahrheit gemäß die Art und Weiſe erklären, wie ich vorgeſtern hiehergekommen bin. Als ich von Angelique hörte, daß Herr Ga⸗ bert Sie zu Ihrem Advokaten beſchieden hatte, um Ihnen, wie er ſagte, Ihr und Ihrer Tochter Ver⸗ mögen zurückzugeben, da ahnte ich ſogleich eine Schlinge; ich begab mich zu Ihrem Advokaten und erfuhr dort, daß Sie, weil die Beſprechung ver⸗ ſchoben worden, nach Hauſe zurückgekehrt ſeien; ich fuhr bald hinter Ihnen her, um einen Brief für Angelique abzugeben, welche ich für den fol⸗ genden Tag zu mir beſcheiden wollte. Das Ueb⸗ rige wiſſen Sie .. Jetzt, Madame, erlauben Sie mir, in Rückſicht auf das Vorrecht meines Alters, einige Worte Moral. Aus den Ereigniſſen, deren Opfer Sie und Fräulein Henriette beinahe gewor⸗ den ſind, ergeben ſich zwei bedeutungsvolle Lehren. Die erſte, die leider nur allzu oft durch ſchmähliche oder ſchauerliche Thatſachen conſtatirt wird, welche manchmal ſcandalös unter die Leute kommen, manch⸗ mal aber auch im Geheimniß der Familien begra⸗ ben bleiben, dieſe erſte Lehre lautet wie folgt: Eine Frau, welche, nachdem ſie das Alter der Reife überſchritten, einen Mann heirathet, der viel jün⸗ ger iſt als ſie, beſonders wenn ſie eine Tochter hat, ſetzt dieſe Tochter und ſich ſelbſt wo nicht mit Ge⸗ wißheit, doch wenigſtens mit Wahrſcheinlichkeit all 161 aus, unter denen Sie ſo ſchrecklich gelitten haben. Die zweite Lehre, welche übrigens Herr Doctor Dumesnil ſehr richtig bezeichnet hat, heißt: Indem das Geſetz die heiligen Intereſſen der Minderjäh⸗ rigen über alle Maßen verwahrlost und vergißt, ſetzt es dieſelben blindlings der (immer möglichen) Unredlichkeit des Vormunds aus. Denken Sie ſich eine Waiſe, die noch in der Wiege liegt; der Vor⸗ mund kann ohne alle Garantie und Controle ganz nach Gutdünken über das Vermögen ſeines Mün⸗ dels ſchalten und walten, bis er ſeine Volljährig⸗ keit erreicht hat. Zwanzig Jahre lang kann der Vormund ganz ungeſtraft nach Belieben das Ver⸗ mögen ſeines Mündels gebrauchen und mißbrauchen, er kann es, wenn er will, verſchwenden, und nach zwanzig Jahren ſteht der ausgeplünderten Waiſe nur ein illuſoriſcher Recurs gegen ihren Plünderer offen. Wäre es nicht vielmehr Sache einer ſchützen⸗ den, vorſorgenden, auf ſtrenge Nothwendigkeit ge⸗ gründeten Geſetzgebung entweder dem Friedensrich⸗ ter, als dem offiziellen Präſidenten aller Familien⸗ räthe, oder einem Beamten der Civilgerichte das Recht und die Pflicht zu übertragen ſich häufig un⸗ verſehens, durch Beweiſe und unverwerfliche Akten⸗ ſtücke, von der guten oder ſchlechten Verwaltung des Vormunds zu überzeugen? Ohne dieſe Be⸗ ſtimmung ermangelt das Vermögen des Minder⸗ jährigen aller Garantie, da der Vormund die Ab⸗ legung ſeiner Rechnungen bis zur Volljährigkeit ſeines Mündels verſchieben und ſich auf dieſe Art Sue, der Teufel als Arzt. MV. 11 5 162 geſetzlich aller Aufſicht, allen Nachforſchungen von Seiten der Betheiligten ſelbſt entziehen kann. Ent⸗ ſchuldigen Sie, Madame, dieſe Morallehre, auf welche ich durch die vorliegenden Umſtände gebracht worden bin. Sie haben mich, und ich wünſche mir doppelt Glück dazu, in den Stand geſetzt die letzten Willensmeinungen des Herrn Dumesnil zu voll⸗ ſtrecken und mich zu überzeugen, daß die Lection Ihnen, Madame, ſeinem Wunſche gemäß nützlich geweſen iſt. Was Sie betrifft, mein Fräulein, ſo ſind die Hoffnungen, welche er auf die Feſtigkeit Ihres Charakters, auf die Bravheit Ihres Herzens, auf die Frühreifheit Ihres Verſtandes gründete, in Erfüllung gegangen . kurz und gut, Ma⸗ dame, ſo viele peinliche Täuſchungen Ihnen auch die Vergangenheit gebracht haben mag, ſo werden Sie doch, das weiß ich, niemals vergeſſen, daß Sie es der Vorſorge des vollendeten Biedermannes, deſſen Namen Sie gettggen haben, ſowie den bit⸗ tern und heilſamen Früchten der Erfahrung ver⸗ danken, wenn Ihre und Fräulein Henriettes Zu⸗ kunft eben ſo friedlich als glücklich ſein wird.“ „Ach, Herr Doctor,“ antwortete Frau Gabert mit Thränen in den Augen und im Tone der tiefſten Rührung: „Erſt von heute an traure ich wirklich von Herzen um den Vater meiner Tochter, denn erſt heute habe ich ſeinen wahren Werth würdigen und ſeine zarte Fürſorge ſowie ſeine unausſprechliche Güte ſchätzen gelernt; glauben Sie daher, daß die Trauer in meiner Seele ewig ſein wird.“ — 163 „Ach ja, ewig wie unſere Verehrung für das Andenken des theuren Dahingegangenen, wie meine Zärtlichkeit gegen Dich, liebe Mutter; ewig endlich wie unſere Erkenntlichkeit gegen Sie, Herr Doctor Max,“ ſagte Henriette, indem ſie ihm herzlich die Hand reichte. Ende.