6 6 6 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Giefen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1₰ SLeih und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe 6 ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.“ 2 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 S Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ₰ auf 1 Monat: — Pf. 1 Mt. 50 Pf. 4 Mt. — f. 1. 5 , 5. 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Der Herr Herzog von Sénancvurt ſtammte unmittelbar von einer der älteſten und berühmteſten Familien Frankreichs ab. Noch jung zur Zeit der erſten Reſtauration, hatte er bei dem gedient, was man das rothe Haus von König Ludwig XVII. nannte; ſpäter war er bei den Gardes du corps eingereiht worden; doch ohne Beruf für den Militär⸗ ſtand verließ er dieſen und heirathete eine reiche Erbin, von einem, wie der ſeine, großen ariſtokra⸗ tiſchen Namen. Von dieſer Che entſproßten zwei Kinder, Tancred und Valentine von Sénancourt. Lange lebte er als vornehmer Herr, hielt ſich in der ſchönen Jahreszeit auf ſeinen Gütern auf und be⸗ Sue, der Teufel als Arzt. II. 1 2 * wohnte im Winter ſein prächtiges ererbtes Hotel, das in der Rue de Grenelle⸗Saint⸗Germain lag. Die Mutter des Herzogs, die Frau Herzogin Witwe von Sénancourt, brachte Anfangs regelmäßig 3 jedes Jahr ein paar Monate in Paris bei ihrem Sohne zu; ſo wie ſie aber im Alter vorrückte, wur⸗ den ihre Reiſen immer ſeltener, und ungefähr zwölf Jahre vor dieſer Erzählung verließ ſie das Schloß Sénancourt und die ihr Witthum bildenden großen Beſitzungen nicht mehr. Einer müßigen Exiſtenz müde, legte ſich Herr von Sénancourt nach und nach auf die Induſtrie, wie man heut zu Tage ſagt. Ein wackerer Mann in allen Dingen, ein Mann von einer ängſtlichen Redlichkeit, war er bieder und wohlwollend, ſein Geiſt aber war ziemlich beſchränkt in ſeinem Umfange. Fromm, ſanft, untadelhaft, doch ohne eine Ini⸗ tiative, mit einem Wort ohne Charakter, hatte Frau von Sénancourt keinen andern Willen, als den ihres Gatten; ſie liebte ihn, ſowie ihre zwei Kinder, welche die lebhafte Zuneigung, die ſie ihrem Vater und ihrer Mutter einflößten, wohl verdienten. Tancred, ihr Sohn, war damals zweiundzwanzig Jahre alt, Valentine zählte ſiebzehn. Dieſe Familie lebte glück⸗ lich, friedlich, in zärtlichem Vereine. Dieſes Glück, dieſe Ruhe wurden geſtört, wie es die Folge unſerer Erzählung darthun wird. M Der Herr Herzog von Sénancourt bewohnte, nachdem er kurze Zeit vorher ſein Haus in der Rue 3 de Grenelle verkauft hatte, ein modernes, reizendes Haus im Quartier der Champs⸗Elyſées. Wir wer⸗ den den Leſer in den Hauptſalon von dieſem Ge⸗ bäude, einen Salon von äußerſter Coquetterie ein⸗ führen. Das Getäfel iſt weiß, erhöht durch vergol⸗ detes Simswerk; die hellgrünen Damaſtvorhänge, die Gegenvorhänge von Guipure, verziert mit Vo⸗ lans von engliſchen Spitzen und Bandknoten; große Vaſen von chineſiſchem Porzellan als Jardinières dienend und ganz mit Blumen gefüllt; Fauteuils und Canapés von vergoldetem Holz; Meubles von Boule endlich vervollſtändigen die Ausſtattung. Meh⸗ rere am Täfelwerk hängende Familienportraits in ovalen Rahmen ſtellen hohe Officiere, Kirchenfürſten, Frauen von Hofe und Aebtiſſinnen vor, Perſonen nur dem ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert angehörend, obgleich der Glanz des Hauſes Sénan⸗ court zur Zeit der Kreuzzüge zurückgeht. Dieſem engen Salon mit ſeinem niedrigen Pla⸗ fond und ſeiner modernen Eleganz gebricht es an Umfang, an Majeſtät. Es ſcheint dies auch die Schätzung eines Greiſes mit weißen Haaren und gutmüthigem, naivem Geſichte zu ſein. Er heißt Dupont und iſt vertrauter Kammerdiener der Frau Herzogin Mutter, wie man in der Familie die Mutter von Herrn von Sénancourt nennt, um ſie von ihrer Schwiegertochter der Herzogin zu unter⸗ ſcheiden. Dupont iſt einer von jenen Typen der häuslichen Ergebenheit und Treue, welche in unſeren Tagen ſelten geworden ſind. Am Abend vorher mit ſeiner Gebieterin (der Herzogin Witwe von Sénancourt, 4 deren erſter Kammerdiener er iſt), angekommen, be⸗ trachtet er ſeit einigen Augenblicken die moderne Eleganz der Wohnung, und er ſagt, den Kopf ſchüt⸗ telnd, zu ſich ſelbſt: „Dieſer Salon iſt möglichſt hübſch! es iſt eine Bonbonniore, doch das riecht nach Flitterkram! Ah! welch ein Unterſchied gegen die ungeheuren Zimmer unſeres alten Schloſſes Sénancourt mit dem antiken Täfelwerk von geſchnitztem Eichenholz, mit den hoch⸗ ſchäftigen Tapeten, die großen Schlachten von Ale⸗ rander oder mythologiſche Gegenſtände vorſtellend! Wahrhaftig, dieſes reizende Häuschen, das der Herr Herzog kürzlich gemiethet hat, würde bequem in Sénancourt in n alten Saale der Wachen, mit ſeinen vier Kaminen, tanzen. In der That, ohne Uebertreibung, ich würde viel geräumiger im Herde von einem dieſer zehn Fuß hohen Kamine wohnen, als in dem Zimmer, wo ich heute Nacht geſchlafen, — da ſie in Paris die Güte haben, dies ein Zimmer zu nennen!“ fügte Dupont mit einer ſpöttiſchen Miene bei: „Ich erſtickte. . . Die Luft muß hier äußerſt koſtſpielig ſein, daß man ſo ſparſam damit iſt!“ Der Monolog von Dupont wird durch den Ein⸗ tritt von Frau Boyer, der Beſchließerin vom Hauſe des Herzogs, unterbrochen. Ungefähr fünfzig Jahre alt, iſt Frau Boyer ſehr beleibt; ihre Zungenfertig⸗ keit, ihre Pariſer Dreiſtigkeit und die Lebhaftigkeit ihrer Geberden bieten einen piquanten Contraſt mit der harmloſen, ruhigen Gemüthlichkeit des aie Kammerdieners. 5 geſchickt; es iſt gerade die Stunde ſeiner Conſulta⸗ tionen.“ „Dann wird man ihn zu Hauſe finden?“ „Zu Hauſe? Nie! Kann ſich irgend Jemand rühmen, in die Höhle des Teufels als Arzt gekommen zu ſein?“ „Der Herr Doctor iſt alſo immer noch ſo origi⸗ nell wie früher?“ „Seine Originalität nimmt immer mehr zu und wird immer ſchöner, mein lieber Dupont.“ „Glücklicher Weiſe iſt er nichtsdeſtoweniger der beſte Arzt von Paris, und die Frau Herzogin Mutter hat alles Vertrauen zu ihm behalten. Gvit ſei Dank, dieſe Unpäßlichkeit von geſtern wird, wie ich glaube, keine ernſte Folgen haben. S beſſer bei Ma⸗ dame, denn ſie hat heute Morgen ſchon ihre Kam⸗ merfrau Brigitte angeſchnarcht. Das iſt ein gutes Zeichen; das beweiſt, daß Madame zu ihrem natür⸗ lichen Zuſtande zurückkehrt.“ „6 iſt wahr, trotz ihrer achtundſiebzig Jahre hal die Frau Herzogin noch eine Stimme, einen Blick, eine Behendigkeit! Seit faſt zehn Jahren hatte ich ſie nicht geſehen, und ich habe ſie verjüngt ge⸗ funden. Aber, mein lieber Dupont, woher kam denn der wüthende Zorn Ihrer Gebieterin?“ „Oh! der kam von weit her! Die Frau Herzogin hat ſeit unſerer Abreiſe von Sénancourt nicht auf⸗ gehört zu poltern.“ „Und die Urſache dieſer Aufregung?“ „Iſt die Eiſenbahn,“ antwortete ſeufzend Dupont, „es iſt dieſe verfluchte Eiſenbahn!“ „Wie ſo?“ 6 „Als die Frau Herzogin plötzlich den Entſchluß faßte, ſich nach Paris zu begeben, um ihren Sohn, den Herrn Herzog, zu ſehen, glaubte ich ganz ein⸗ fach, ſie werde ſich auf die Eiſenbahn ſetzen; man hat ſie kürzlich vollendet, und ſie durchſchneidet, bei⸗ läufig geſagt, unſern ungeheuren Park von Sénan⸗ court. Welch ein unwiederbringliches Unglück Ein Park von mehr als ſechshundert Morgen mit Eichen bepflanzt, die der Mehrzahl nach ein Daſein von wenigſtens zwei Jahrhunderten haben!“ „Ah! mein lieber Dupont, der öffentliche Nutzen vor Allem! Und die Frau Herzogin mußte einſehen, „Sie! ah ja wohl! Als die Ingenieurs in Sénan⸗ court ankamen, um mitten durch unſern Park ihre hölliſche Eiſenbahn zu bauen, da befahl Madame, ihnen die Gitter des Schloſſes vor der Naſe zu ſchließen. Sie drangen auf den Eintritt. Bah! Poſſen! Nun beklagten ſie ſich beim Maire und ver⸗ langten ſeine Vermittelung; der Herr Maire kam mit ſeiner Schärpe...“ „Dann öffneten ſich die Gitter?“ „In Gegentheile! Die Frau Herzogin lief herbei, um ſelbſt unſeren Municipalbeamten durch das Gitter des Ehrenhofes Vernunft zu lehren; ſie fragte ihn, ob die Ingenieurs mit den Leuten ihren Spaß treiben, daß ſie ſich anmaßen, ihren Park Sénancourt, einen der herrlichſten Orte Frankreichs, angelegt vom be⸗ rühmten Lenötre, entzwei ſchneiden zu wollen. Wo⸗ nach Madame den Herrn Maire, ſeine Schärpe und die Ingenieurs zum Henker jagte!“ „Welche Frau! welch eine entſetzliche Frau!“ 7 „Vom Gegenſtande des Streites unterrichtet, erſchien der Herr Pfarrer ebenfalls beim Gitter und predigte der Frau Herzogin die Reſignativn, den Gehorſam gegen die Geſetze.“ „Der Herr Pfarrer war wohl glücklicher als der Maire?“ „Glücklicher in ſo fern, daß, ſtatt ihn zum Henker zu ſchicken, wie ſie es beim Herrn Maire gethan hatte, die Frau Herzogin den Pfarrer bat, ſie in Ruhe zu laſſen und zu ſeiner Herde zurückzukehren. Als der Maire ſo alle Mittel einer Uebereinkunft erſchöpft ſah, erklärte er der Frau Herzogin, er werde die Gendarmerie requiriren und die Gitter des Schloſſes mit Gewalt öffnen laſſen.“ „Da hat aber Ihre Gebieterin nachgegeben?“ „Keines Weges!“ „Wie! ſie hätte es gewagt, der Gendarmerie zu trotzen der Gen ar n 61 „Bei Gott! Madame gab unſeren Jagdaufſehern, unſern Piqueurs und allen Leuten des Schloſſes Befehl, ſich zu bewaffnen. Oh! die Frau Herzogin hatte das Anſehen einer Amczone!“ „Güte Gottes! ein Aufruhr! eine Schlacht!“ „Ja, und alle Hagel! wir fürchteten die Schlacht nicht!“ erwiederte Dupont mit einem heldenmüthigen Ausdrucke. „Wir waren wie die Löwen! Die Frau Her⸗ zogin wird, trotz ihres aufbrauſenden Charakters, an⸗ gebetet in der Gegend, deren Liebe Frau von der guten Hülfe ſie iſt; ihre Leute gingen für ſie ins Feuer. Wir waren im Ehrenhofe, ungefähr dreißig Diener, um Madame verſammelt. Sie wich nicht um eine Sohle zurück. . . oh! nein!.. Wir . 8 waren Alle bewaffnet bis auf den Küchenmeiſter und ſeine Küchenjungen, als die Gendarmen mit ihren Carabinern erſchienen.“ „Mit ihren Carabinern! Ah! mein lieber Freund, es überläuft mich ein kalter Schauer!“ „Bei meiner Treue! das ſollte garſtig werden, als einer von den Gutsnachbarn von Madame, der Herr Marquis von Beauregard, den ſie ſehr lieb hat, zu Pferde ankam und zu parlamentiren verlangte. Madame willigte ein, ihn anzuhören. Er ſetzte ihr auseinander, mit Gewalt widerſtehen heiße gewiß ihre Leute dem Gefängniß und ſehr ſchweren Strafen preisgeben, denn dem Geſetze werde immer die Macht bleiben. Da befahl die Frau Herzogin, befürchtend, es könnte uns Unglück widerfahren, die Gitter des Schloſſes zu öffnen, und der Kampf endigte, weil die Streiter mangelten. Aber, alle Hagel! wir waren unerſchütterlich entſchloſſen!“ „Ich gehe nicht von dem ab, was ich geſagt habe: welch eine entſetzliche Frau! mit achtundſiebzig Jah⸗ ren! Das iſt ein wahrer Drache!“ „Hienach, meine liebe Boyer, begreifen Sie, welchen Zahn, welchen ungeheuren Zahn die Frau Herzogin gegen die Eiſenbahnen im Allgemeinen und gegen die von Sénancourt insbeſondere behalten hat. Ich glaubte auch, ſie werde mich erwürgen, als ich, da ich erfuhr, ſie wolle ſich nach Paris begeben, ſie ganz unſchuldig fragte, ob ſir mit der Eiſenbahn reiſen werde. Auf dieſe Frage gerieth Madame in einen weißen Zorn, und ſie warf nrr als ein Verbrechen den Gedanken vor, „ſie,““ wie ſie ſagte, „„mit dem Erſten dem Beſten in dieſe abſcheulichen Wagen ſetzen 9 zu wollen, deren Lärm allein ſie in Verzweiflung bringe, wenn ſie das Rollen des Zuges durch ihren unglücklichen Park höre.“ Sie befahl mir auch, nach ihrer Gewohnheit, zu reiſen, ſechs Poſtpferde für ihre Berline und einen Klepper für unſern Cou⸗ rier zu beſtellen.“ „Seit der Vollendung der Eiſenbahnen müſſen aber faſt alle Poſtſtativnen von Pferden entblößt ſein?“ „Gewiß! Ich ſagte Ihnen auch, auf dem ganzen Wege habe die Frau Herzogin nicht n ihrem Zorne nachgelaſſen; bald waren nur drei Pferde verfügbar, bald nur zwei, und dabei mußte man noch Stunden lang auf die Relais warten, weil ſie beim Dienſte auf den Feldern verwendet wurden. Sodann, ſtatt unſerer früheren Poſtillons mit dickem Zopfe, mit ſchweren Stiefeln, mit blauen, ſilberverbrämten Jacken, die uns mit Windeseile fuhren, wenn man, wie Madame, fünf Livres Trinkgeld bezahlte, ſaßen Bauern in Blouſen und mit Holzſchuhen auf den Pferden, und zwanzigmal wären wir beinahe um⸗ geworfen worden.“ „ „Nun erkläre ich mir den Zorn Ihrer Gebie⸗ terin, mein lieber Dupont.“ „Leider hatte Madame mehr als Zorn zu er⸗ dulden,“ erwiederte traig der alte Diener; „der Zorn geht vorüber, voch der Kummer . . .“ „Welcher Kumm „Auf der letzt Station, ehe wir nach Paris kommen, fragt *) Lorrain, unſer Courier, in dem Augenblicke, wo er zu Pferde ſteigen will, wohin wir gehen.“ „Ei!““ ſagte ich zu ihm, „wir gehen nach dem Hotel Sénancourt, in der Rue de Grenelle⸗ Saint⸗Germain.““ „Sie wußten alſo nicht . .“ „Laſſen Sie mich vollenden, mein lieber Boyer, laſſen Sie mich vollenden. Wir fahren alſo ab, Brigitte in der Berline mit der Frau Herzogin, ich auf dem Hinterſitze. Wir durchſchneiden Paris und kommen mit Einbruch der Nacht in die Rue de Grenelle; ich erkenne das Hotel Maillebvis, das unnitiMvein Hotel Sénancourt liegt. Ich rufe den Poſtillons zu, ſie ſollen halten, ich ſteige von meinem Sitze, und ich ſehe unſern Courier, der ſein Pferd am Zaume hält, mit ganz verdutzter Miene auf mich zu kommen; er ſagt zu mir: „„Ah! Herr Dupont, das iſt eine ſchöne Geſchichte! das Hotel iſt nicht mehr hier.““ „Natürlich, da es der Herr Herzog verkauft hat. Eine herrliche Speculation! denn nachdem man das Hotel abgeriſſen, hat man eine neue Straße durch ſeinen ungeheuren Garten geführt. Das iſt ganz einfach!“ „Ah! Sie finden das einfach? Nun wohl! ich hätte Sie an meiner Stelle ſehen mögen, als ich mich dem Wagenſchlage näherte, um der Frau Her⸗ zogin zu antworten, die uns voll Ungeduld zurief: Was iſt das? Warum hier anhalten? Warum 2 fährt mein Wagen nicht beimeinem Sohne ein „Ihre Gebieterin war alſo nicht vom Verkaufe des Hotels unterrichtet?“ „Eil! leider nicht! denn ſie hing an dieſem Ge⸗ bäude wie an ihrem Augapfel.“ 11 „Das Hotel gehörte aber dem Herrn Herzog?“ „Ganz richtig! doch deſſen ungeachtet wollte ſeine Mutter (ſie beſaß immer den Muth einer Löwin! 5 eine noch ganz junge Witwe zur Zeit der erſten Re⸗ volution, nicht emigriren und trotzte allen Gefahren, um vor dem Sequeſter dieſes Hotel und ihre Güter im Anjou, im Berri und im Dauphiné zu ſchützen. Ja, die Frau Herzogin iſt dreimal vor das Revolutionstribunal geſtellt worden, und drei⸗ mal haben ihr ihre Geiſtesgegenwart, ihre Entſchloſ⸗ ſenheit und die guten Gründe, die ſie anzuführen wußte, Freiſprechung von den gegen ſie erhobenen peinlichen Anklagen erwirkt. Ich Fußte Alles das, ich wußte, wie ſehr dieſes Hotel ihren Erinnerungen theuer war; ich hätte auch gern hundert Fuß unter der Erde ſein mögen, als ich der Frau Herzogin mittheilen mußte, das Hotel ſei abgeriſſen, und auf ſeiner Stelle habe man eine neue Straße durchge⸗ führt.“ „In der That, mein lieber Dupont, Sie mußten in großer Verlegenheit ſein.“ „Endlich nehme ich mein Herz in beide Hände und ſage zur Frau Herzogin: „„Meine Pathe...““ (ich bin ihr Täufling, und ich nenne die Frau Her⸗ zogin bei den großen Veranlaſſungen meine Pathe),“ fügte der gute Menſch mit einem naiven, vertrau⸗ lichen Tone bei. „Madame unterbrach mich auch ſogleich und brummte gegen Brigitte: „„Gut! er nennt mich ſeine Pathe, er wird eine Dummheit gemacht haben!““ „Ha! ha! ha!“ rief lachend die Kammerfrau, „dieſer gute Dupont!“ 12 „Sie lachen? Nun! ich, ich gebe Ihnen die Ver⸗ ſicherung, daß ich durchaus keine Luſt hatte, zu lachen. Endlich ſpreche ich zitternd: „„Meine Pathe, der Wagen fährt nicht beim Herrn Herzog ein, weil . weil .. ſein Hotel nicht mehr hier iſt.““ „„Was ſingt er wieder?““ ſagt Madame zu Bri⸗ gitte. „„Träumt dieſer Menſch ganz wach? Ihr werdet ſehen, daß einer von den Pariſer Maulaffen das Hotel Sénancourt in die Taſche geſteckt hat!““ „Der Gedanke iſt ſpaßhaft,“ verſetzte Frau Boyer lachend; „ſehr drollig, ſehr drollig!“ „Das iſt in der That ſehr drollig!“ rief Dupont ungeduldig; „was aber durchaus nicht drollig war, das iſt das Geſicht der Frau Herzogin, als ſie die Wahrheit erfuhr! Unſer Courier hatte ſich bei einem Weinhändler der Rue de Grenelle erkundigt und vernommen, der Herr Herzog habe, nachdem er das Hotel verkauft, dieſes Haus hier gemiethet; am Ende theilte ich dieſe Kunde der Frau Herzogin mit.“ „Güte Gottes! wie groß mußte ihr Zorn ſein, mein armer Dupont?“ „Sie täuſchen ſich,“ erwiederte der alte Diener ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. „Ah! gefiele es dem Himmel, daß Madame in Zorn gerathen wärel.. Doch nein, ſie iſt erröthet, erbleicht; eine Thräne rollte in ihren Augen, ſie ſenkte die Stirne und blieb ſtillſchweigend; plötzlich aber ſagte ſie mit einem ſchweren Seufzer und mit bebender Stimme zu mir: „„Dupont, kehren wir nach Sénancourt zurück.““ „„Ah! Frau Herzogin!““ erlaubte ich mir auszu⸗ rufen, „„ah! meine Pathe! Sie machen fünfzig Meilen, um den Herrn Herzog und ſeine Kinder zu 13 ſehen, und Sie wollen nur ſo wieder abreiſen, ohne einen Fuß auf die Schwelle des Herrn Herzogs ge⸗ ſetzt zu haben!““. .. WMochten nun meine Worte einen Einfluß auf ſie üben, oder hatte ſie ſchon ihren Entſchluß geändert, — nach einem neuen Stillſchweigen ſagte ſie zu mir: „„Man führe mich zu meinem Sohne!““ „Leider waren der Herr Herzog und ſeine Kin⸗ der, Herr Tancred und Fräulein Valentine, ſchon in die Oper gefahren. Madame hatte ſich nach der Touraine begeben, um dort einige Tage bei einer Verwandten zuzubringen. Man rechnete nicht auf den Beſuch der Frau Herzogin Mutter, und das Hotel iſt ſo klein, daß man keine Wohnung für ſie vorbehalten. Was wollen Sie? man glaubte, ſie werde ihre Güter im Anjou nicht mehr verlaſſen. Da ſie ſich nun bei ihrer Ankunft zu Bette legen wollte, ſo nahm ich es auf mich, ihr das Zimmer von Madame zu geben, weil ich nicht an der Billi⸗ gung des Herrn Herzogs zweifelte. Bei ihrer Rück⸗ kehr von der Oper vernahmen er und ſeine Kinder in der That zu ihrem großen Bedauern, müde von der Reiſe, wolle die Frau Herzogin vor dieſem Mor⸗ gen Niemand mehr ſehen. Der Herr Herzog hat ſich ſchon zweimal erkundigen laſſen, ob ſie wach ſei, und ob er bei ihr erſcheinen könne.“ „Madame hat eine ſehr unruhige Racht ge⸗ habt. Brigitte wachte bei ihr, und hat mich ſo eben auf Befehl von Madame beauftragt, wie ich Ihnen ſagte, den Herrn Doctor Mar holen zu laſſen, der früher ihr gewöhnlicher Arzt war, und deſſen Vater.. 14 beiläufig geſagt, ein großer Jacobiner!., ſie zur Zeit der Revolution gekannt hat.“ „Der Herr Doctor muß bald kommen; Sie brauchen auch keine Beſorgniſſe über die Folgen der Unpäßlichkeit Ihrer Gebieterin zu faſſen, da ſie ſich ſchon beſſer befindet.“ „Allerdings, doch in ihrem Alter iſt eine Un⸗ päßlichkeit immer etwas Ernſtes. Sie, die trotz ihrer achtundſiebzig Jahre ſo wohl war wie der Pont⸗Neuf! Warum muß auch der Herr Herzog das unglückliche Hotel verkauft haben? Dieſer Verkauf, ſehen Sie, iſt ein grauſamer Schlag für ſeine Mutter geweſen.“ „Hören Sie doch, mein lieber Dupont, der Herr Herzog hat ſich in die großen Geſchäfte geworfen..“ „Die Staatsgeſchäfte ſind kein Grund, um...“ „Die Staatsgeſchäfte? darum handelt es ſich wohl, bei meiner Treue!“ „Wie!“ verſetzte Dupont naiv, „mit welchen Geſchäften kann ſich denn ein ſo vornehmer Herr wie der Herr Herzog befaſſen?“ „Ha! ha! ha!“ ſagte die Kammerfrau, mit einem ſchallenden Gelächter; „dieſer arme Dupont! man ſieht doch, daß er von ſeinem gothiſchen Schloſſe im Anjou kommt! Ah! mein Lieber, wenn Sie Herrn Coquard kennen würden!“ „Herrn Coquard!“ wiederholte Dupont mit einem Ausdrucke erhabener Verachtung; „was iſt das, Herr Coquard?“ — „Das iſt einer der Aſſociés des Herrn Herzogs, ein ſehr liebenswürdiger Mann; ich ziehe ihn bei Weitem Herrn Louis Morel vor, einem andern Aſ⸗ ſocié des Herrn Herzogs, der aber ausſieht...“ 15 „Ei! was erzählen Sie mir da?“ fragte der gute Mann verdutzt; „der Herr Herzog aſſocirt mit Coquard, mit Morel? aſſoeirt mit ſolchen Namen? und wofür denn?“ „Wofür? ei! für ſeine induſtriellen Geſchäfte. Der Herr Herzog hat ſich, wie Herr Coquard ſagt, mit Dampf in die induſtriellen Geſchäfte geworfen.“ Der alte Diener, als er Frau Boyer verſichern hörte, der Herr Herzog von Sénancourt, ein ſo vor⸗ nehmer Mann, erniedrige ſich dergeſtalt, daß er ſich mit Induſtrie beſchäftige, der alte Diener wich einen Schritt zurück, ſperrte die Augen weit auf, und rief kaum glaubend, was er hörte: „Der Herr Herzog! in... die . . in .. du.. ſtri.. ellen .. Ge.. ſchäfte!“ „Bei Gott!“ antwortete entſchieden Frau Boyer: „der Herzog iſt im vollen Strome der Speculationen! Er hat ſein ganzes Vermögen in den Werkſtätten, in den Manufacturen, in den Eiſenbahnen angelegt! ferner in den.. .“ „In den Eiſenbahnen!“ wiederholte der alte Mann, der die Hände zum Plafond erhob, indeß ſein Geſicht ein frommes Entſetzen ausdrückte; „in den Eiſenbahnen! von denen die Frau Herzogin nicht kann ſprechen hören, ohne vor Zorn beinahe zu er⸗ ſticken! Was Sie mir da ſagen... iſt es denn bei Gott möglich? Wie . der Herr Herzog...“ „Wenn Sie mir nicht glauben, nehmen Sie die erſte die beſte Zeitung, und Sie werden bei den Anzeigen in zollgroßen Buchſtaben leſen: Eiſen⸗ bahn von u. ſ. w., Verwaltungsrath, Präſident, der Herzog von Sénancourt; oder auch: Geſell⸗ 16 ſchaft der Tabake von Conſtantine, Präſident der Compagnie, der Herr Herzog von Sénancourt; Gérant, Herr Coquard; oder: Geſellſchaft zu Ausbeutung des Gaſſenkothes von Paris, Präſident des Verwaltungsraths, abermals der Herr Herzog von Sönancourt u. ſ. w., u. ſ. w.“ „Was ſagt ſie mir da?“ ſtammelte Dupont wie verſteinert. „Der Herr Herzog.. im Gaſſenkothe ... von Paris!“ „Das iſt Zuckerwerk, mein lieber Dupont,“ er⸗ wiederte Frau Boyer, indem ſie mit der Zunge über ihre Lippen ſtrich; „wahres Zuckerwerk!“ „Pfui! pfui!“ rief der gute Mann; „puh!“ „Ein vortreffliches, ein äußerſt vortreffliches Ge⸗ ſchäft, ſage ich Ihnen, mein Lieber; die Actien nego⸗ ciren ſich mit einer Prämie von 120 Franken! Der Herr Herzog hat die Güte gehabt, mir drei zu bewil⸗ ligen! Das iſt eine herrliche Anlage! Glauben Sie mir, wenn Sie Erſparniſſe haben, befolgen Sie mein Beiſpiel; machen Sie dieſelben einträglich. Ich werde Sie mit dem guten Herrn Coquard in Ver⸗ bindung bringen: das iſt ein Goldmann!“ „Träume ich! wache ich!“ ſtammelte der würdige Diener, und er fügte mit einem ſchmerzlich bewegten Tone bei: „Ah! meine gute und ehrwürdige Pathe! Sie, die Sie ſo ſtolz, ſo ſehr vornehme Dame ſind! der Herr Herzog Ihr Sohn Pariſer Gaſſenkothhändler!“ Ahnend, wie grauſam die Ueberraſchung für ſeine Gebieterin ſein werde, wenn ſie erfahre, was für Geſchäfte ihr Sohn treibe, fällt Dupont ganz niedergeſchlagen in einen Lehnſtuhl und hält ſein 17 Taſchentuch an ſeine Augen, denen Thränen ent⸗ quellen. II. Nach dem Beiſpiele vom Herrn des Hauſes war Frau Boyer längſt vertraut mit den Agiotage⸗ und Speculationsideen, über welche der alte Dupont ſo ſehr erſchrak. Die treuherzige Betrübniß des guten Menſchen, die ihr tief lächerlich dünkte, nicht begrei⸗ fend, war auch Frau Boyer nahe daran, einem neuen Anfalle von Heiterkeit nachzugeben; doch aus Rückſicht für ihren alten Freund bewältigte ſie ſich, und ſie ſagte nur die Achſeln zuckend: „Bei meinem Ehrenworte! mein lieber Dupont, Sie ſehen aus, als kämen Sie von Congo zurück! Speculiren in unſeren Zeiten nicht Große und Kleine? Nimmt nicht Jedermann Actien? Oh! glücklich ſind noch diejenigen, welche bekommen können! Ich, Dank ſeie es den Rachſchlägen von Herrn Coquard, ich bin, ſo wie Sie mich ſehen, zugleich im Norden, im Süden und im Weſten. Es fehlt mir nur noch Oſt.“ Immer ſitzend, wiederholt Dupont erſtaunt: „Sie iſt zugleich im Norden . . . im Süden .. und im Weſten! . . .“ „Kürzlich,“ fährt die Beſchließerin fort, „kürzlich bin ich, trotz der Warnung von Herrn Coguard, aus dem Alten Berge ausgetreten, um mich in das thieriſche Schwarz und in das Zinkweiß zu ſtecen och „Sie iſt aus einem alten Berge ausgetreten, um Sue, der Teufel als Arzt. II. 2 18 ſich in das Weiße und das Schwarze zu ſtecken? .. Ah! die Unglückliche! ſie iſt berauſcht!“ rief der gute Mann plötzlich aufſtehend; „ſie hat getrunken . . Gott verzeihe mir . . . ſie hat getrunken!“ „Doch ich erwarte die Baiſſe, um wieder zu mei⸗ nem Alten Berge zurückzukehren! Dann gehe ich nicht mehr heraus!“ fuhr Frau Boyer ganz begei⸗ ſtert fort. Und ſich ungeſtüm an Dupont wendend: „Hören Sie, da iſt ein Schlag zu risquiren; wollen Sie, trotz der Hauſſe, mit mir hiebei eintreten?“ „Eintreten . .. wo dies?“ rief der gute Mann wie beſtürzt; „wo dies? . wo ſoll ich eintreten?“ „In den Alten Berg.“ „Kehren Sie dahin zurück, und gehen Sie be⸗ ſonders nicht mehr aus Ihrem Alten Berge heraus!“ erwiederte Dupont außer ſich. „Sie iſt toll zum Binden! ſie wird mich wahnſinnig machen!“ „Mein Gott! wie einfältig iſt doch dieſer Du⸗ pont! er begreift gar nichts!“ ſagte Frau Boyer. Und Valentine von Sénancourt erblickend, welche in den Salon eintrat, fügte ſie bei: „Hier iſt Made⸗ moiſelle. Kommen Sie, mein Lieber, ich werde Sie Herrn Coquard vorſtellen; er wird Sie auf das Laufende bringen; er kommt alle Morgen zum Herrn Herzog.“ „Gehen Sie zum Teufel!“ antwortete der alte Diener, ſeine in Schweiß gebadete Stirne abwiſchend. „Wenn ich Sie nur höre, werde ich tropfnaß!“ 19 Fräulein Valentine von Sénancourt iſt ſiebzehn Jahre alt. Man kann ſich nichts Reizenderes, als ihr Geſicht, nichts Diſtinguirteres, Anmuthigeres, als das Geſammtweſen ihrer Perſon vorſtellen. Sie wendet ſich liebreich an den alten Diener, der ſie bei ihrer Geburt geſehen, und ſagt zu ihm: „Es freut mich ſehr, Dich wiederzuſehen, mein guter Dupont. Wie befindet ſich dieſen Morgen meine Großmutter? Hat ſie von den Strapazen ihrer Reiſe ausgeruht? Kann ich zu ihr gehen, um ſie zu umarmen? Aber was haſt Du denn?“ fügt Valen⸗ tine von Sénancourt bei, da ſie Dupont aufs Neue ſeine Stirne abwiſchen ſieht. „Es ſcheint Dir un⸗ wohl zu ſein?“ „Ich bitte Mademviſelle um Verzeihung,“ er⸗ wiederte der gute Mann noch ganz betäubt; „doch dieſe Boyer mit ihrem Norden, ihrem Süden, ihrem Weiß, ihrem Schwarz, ihrem Berge, ihrem Coquard wahrhaftig, ich weiß nicht mehr, was ich rede.“ „Frau Boyer!“ ſagte zur Beſchließerin ſehr er⸗ ſtaunt Fräulein von Sénancourt: „erklären Sie mir die Urſache der Aufregung dieſes guten Dupont.“ „Ich bitte Mademviſelle inſtändig, ſich nichts um mich bekümmern zu wollen,“ verſetzte haſtig der alte Diener. „Ich hatte eine Art von Schwindel; das geht vorüber. Ich will mich erkundigem, ob die Frau Herzogin Mutter Mademoiſelle empfangen kann.“ „Geh geſchwinde,“ rief Fräulein von Sénan⸗ court, „geh geſchwinde, mein lieber Dupont, denn 20 es drängt mich ſehr, meine Großmutter zu um⸗ armen.“ Frau Boyer nähert ſich verſtohlen Dupont, der ſich mit einer verſtörten Miene nach der Thüre wen⸗ det, und ſagt leiſe zu ihm: „Kommen Sie, mein Lieber, ich will Ihnen er⸗ klären, wie der Alte Berg . . .“ „Laſſen Sie mich in Ruhe!“ ruft Dupont wü⸗ thend. „Alle Hagel! ich werde Ihnen beweiſen, daß die Leute aus dem Anjou keine Champag⸗ ner ſind.“ Und der würdige Diener geht zornig ab, gefolgt von Frau Boyer; dieſe lächelt mit einem ſpöttiſchen Mitleid und ſagt zu ſich ſelbſt: „Der gute arme Mann iſt völlig dumm gewor⸗ den; ſo iſt es, wenn man in der Provinz lebt.“ V. „Die liebe Großmutter,“ ſagte Valentine von Sénancourt zu ſich ſelbſt, als ſie allein war, „mit welcher Freude werde ich ſie wiederſehen! Sie war ſo gut, ſo heiter! ſie verdarb uns, Tancred und mich, in unſerer Jugend ſo ſehr! Und dann ſcheint mir die Gegenwart dieſer guten Großmutter ein gün⸗ ſtiges Vorzeichen zu ſein. Sie kommt gerade am wichtigſten, glücklichſten Tage meines Lebens! Ja, ich habe wohl überlegt,“ fügte Valentine nach einem Augenblicke des Stillſchweigens bei, „ich habe ſeit vierzehn Tagen überlegt; mein Entſchluß iſt gefaßt, feſt gefaßt . . . Ah! ich weiß offenbar ein Geheim⸗ niß zu bewahren! . . . Dieſes Geheimniß, es hat 21 mich viel Anſtrengung gekoſtet, es meinem Vater, meiner Mutter, und beſonders dieſem lieben Tancred zu verſchweigen, Tancred, meinem natürlichen Ver⸗ trauten, der übrigens, wie ich glaube, errathen hat, Valentine von Sénancourt vollendet nicht, und in ihre Träumereien verſunken bemerkt ſie auch nicht die Gegenwart ihres Bruders, der in den Salon eintritt. Tancred von Sénancourt iſt zweiundzwan⸗ zig Jahre alt; ſeine Züge bieten viel Aehnlichkeit mit denen von Valentine: er iſt groß, ſchlank, ſeine Phyſiognomie iſt äußerſt einnehmend. Er nähert ſich ſeiner Schweſter, die er ihren Gedanken entzieht, und ſagt freundlich zu ihr: „Guten Morgen, liebe Schweſter. . . Unſere Großmutter iſt alſo noch nicht aufgeſtanden?“ „Ich habe ſo eben Dupont beauftragt, ſich zu erkundigen, ob ſie uns empfangen könne.“ „Es iſt ärgerlich, daß wir ſie geſtern Abend, als wir von der Oper zurückkehrten, nicht umarmen konnten; doch ſie hatte ſich ſchon zu Bette gelegt.“ „Sie mußte ſo müde ſein! Bedenke doch, mein Bruder, eine Reiſe von ungefähr ſechzig Meilen! und ſie iſt faſt zwei Tage unter Weges geblieben!“ „Arme Großmutter . .. ſie würde ſich dieſe ganze Strapaze erſpart haben, hätte ſie die Eiſenbahn ge— nommen.“ „Was willſt Du, Tancred? in ihrem Alter ver⸗ zichtet man nicht leicht auf ſeine Gewohnheiten; ſie iſt gewohnt, in ihrem Wagen zu reiſen; dann hätte ſie ohne Zweifel die Geſchwindigkeit der Eiſenbahn erſchreckt.“ 22 „Sie, die ſo muthig .. ſie, die es während der Revolution, während der Schreckensregierung gewagt hat, nicht zu emigriren!“ „Oh! welchen Muth mußte man haben, um den Ge fahren dieſer entſetzlichen Zeiten zu trotzen!“ „Glücklicher Weiſe werden dieſe Zeiten nicht wie⸗ derkehren; was es Gutes, Nützliches bei der Revo⸗ lution gehabt hat, bleibt Jedermann im Allgemeinen erworben .. .“ Lächelnd fügte der junge Mann bei: „Dir, liebes Schweſterchen, insbeſondere.“ „Warum mir?“ „Gewiß,“ erwiederte Tancred aufs Neue lächelnd; „Du biſt der Revolution viel Dank ſchuldig. Vor der Revolution wäre Herr Louis Morel trotz ſeines Verdienſtes, ſeines Geiſtes, ſeines edlen Charakters, der ſeltenen Eigenſchaften ſeines Herzens und der Annehmlichkeiten ſeines Aeußeren nicht zu einer Ver⸗ traulichkeit mit dem Het Herzog von Sénancourt gelangt. „Ah! böſ er Bruder!“ ſagte Valentine lächelnd und erröthend, während Tancred fortfuhr: „Vor der Revolution würde ſich Fräulein von Senancourt, eine junge Dame von einer der höchſten Familien Frankreichs . . . einen Herrn Louis Morel bemerkend unwürdig zu erniedrigen geglaubt haben.“ „Tancred! Tanered!“ „Vor der Revolution würde der Sohn von Herrn von Senancourt für einen Narren gegolten haben, wäre es ihm eingefallen, die Schweſter von einem ... Herrn Louis Morel zu heirathen.“ „Was ſagſt Du?“ ruft Valentine mit dem Aus⸗ drucke eines tiefen Erſtaunens. „Sollte es wahr ſein?“ 23 „Liebe Valentine, Du haſt mir nie ein Geſtänd⸗ niß gemacht, doch ich habe in Deinem Herzen geleſen; ja, faſt täglich durch ſeine zahlreichen Geſchäftsbe⸗ ziehungen zu unſerem Vater hieher geführt, hat Herr Louis Morel, jung, von einem einnehmenden Aeuße⸗ ren, einer der trefflichſten Ingenieure, welche aus der polytechniſchen Schule hervorgegangen ſind, ein Ehrenmann in der vollen Bedeutung des Wortes, allmälig auf Dich einen lebhaften Eindruck hervor⸗ gebracht. Dieſes Gefühl habe ich begriffen, oh! ja, ich habe es um ſo beſſer begriffen, als es mich ſelbſt für die Schweſter von Herrn Louis Morel erfüllte.“ „Welch ein Glück!“ ruft Valentine mit einem Ausbruche reiner Freude; und Tancred ümarmend wiederholt ſie: „welch ein Glück! Du liebſt Sidonie Morel? Mir ſcheint, Du rechtfertigſt meine Zunei⸗ gung für ihren Bruder. Nun wohl! ja, ich liebe ihn; die Stunde, Dir nichts zu verbergen, iſt gekom⸗ men. Höre mich an: heute vor vierzehn Tagen, als ſich Herr Louis Morel zufällig mit mir allein be⸗ fand, ſagte er einfach, würdig zu mir: „Fräulein Valentine, ich habe die Ehre, Ihnen und Ihrer Fa⸗ milie ſeit bald zwei Jahren bekannt zu ſein. Erlau⸗ ben Sie mir, Ihren Herrn Vater um Ihre Hand zu bitten? Ich werde dieſe Bitte in vierzehn Ta⸗ gen an ihn richten, wenn Ihnen dieſe Friſt zuſagt. Bis dahin wollen Sie überlegen. Sind dieſe vier⸗ zehn Tage abgelaufen, ſo werden Sie wich gütigſt von Ihrem Entſchluſſe durch ein bejahendes oder verneinendes Zeichen mit dem Kopfe bei der erſten Gelegenheit, wo ich mit Ihnen zuſammentreffe, un⸗ terrichten. Ich erwarte von Ihnen nur einen Ge⸗ — — 24 fallen: den, meinen Antrag vor Ihren Eltern voll⸗ kommen geheim zu halten; ich wünſchte lebhaft, daß ſie ihn nur durch mich erfahren würden, ſollten Sie einwilligen; wenn nicht, ſo möchte ich ihnen gern die Nothwendigkeit, mir durch eine Weigerung zu antworten, erſparen.““ Ich habe Herrn Louis Mo⸗ rel verſprochen, zu überlegen und das Geheimniß zu bewahren; abgeſehen von Dir, habe ich mein Wort gehalten, und ich nehme Dich zum Zeugen,“ fügt Volentine treuherzig bei, „ja, ich nehme Dich zum Zeugen, Du haſt errathen, ehe ich Dir etwas ſagte.“ „Das beſchwöre ich vor dem Himmel und vor den Menſchen!“ erwiedert lächelnd der junge Mann. „Doch was iſt der Erfolg Deiner Reflexionen?“ „Du fühlſt, wie ſchwer es war, ganz allein einen ſolchen Entſchluß zu faſſen.“ „Allerdings.“ „Ich habe auch damit angefangen, daß ich mich alles Lobes erinnerte, das mein Vater täglich vor uns Herrn Louis Morel ſpendet, und, Gott weiß! ich hatte nur unter meinen Erinnerungen zu wählen.“ „Und dennoch, liebe Schweſter, während er Herrn Morel ſo würdig ſchätzt, als er es thun muß, kann er dieſen verdammten Herrn Coquard nicht entbeh⸗ ren. Sein Ruf ſoll durchaus nicht rein ſein; zwan⸗ zigmal war ich auf dem Punkte, dieſen Gegenſtand bei meinem Vater in Angriff zu nehmen; doch die Furcht, ihn in ſeinem Vorurtheile für ſeinen Herrn Coquard zu verletzen, hat mich immer zurückgehalten.“ „Ah! der abſcheuliche Menſch! ebenſo gemein, ais frech vertraulich! Ich hege gegen Niemand Ver⸗ achtung, doch dieſer Herr flößt mir einen unüber⸗ 25 windlichen Widerwillen ein!“ verſetzte Valentine mit einem Ausdrucke des Ekels. „So wenig als Du be⸗ greife ich, wie mein Vater ſein Vertrauen zwiſchen zwei ſo unähnlichen Perſonen theilen kann: ein Herr Coquard und Herr Morel, ſo zurückhaltend, ſo be⸗ ſcheiden, ſo diſtinguirt! Und dann welch ein edles Herz! Ah! Tanecred, weißt Du, was mich, außer den Verdienſten von Herrn Morel, zu ſeinen Gun⸗ ſten beſtimmt hat? Das iſt ſeine rührende Liebe für ſeine Schweſter! Nachdem Beide Waiſen ge⸗ worden waren, hat er ſie, obgleich noch jung, mit einer faſt väterlichen Fürſorge umgeben; ehe er durch die großen Entdeckungen, die er ſeinem Genie ver⸗ dankt, zu Vermögen gelangte, verwendete er Alles, was er erwarb, darauf, daß er ſeiner Schweſter eine vortreffliche Erziehung geben ließ, und als ſie aus der Penſion austrat, behielt er ſie bei ſich; er lebte nur für ſie. Seitdem er meine Mutter um Erlaub⸗ niß gebeten, ihr Sidonie vorſtellen zu dürfen, habe ich ſie oft geſehen, und immer traten mir die Thrä⸗ nen in die Augen, wenn ich ſie von ihrem Bruder, von ſeiner anbetungswürdigen Zärtlichkeit für ſie reden hörte. Was ſoll ich Dir ſagen, Tancred? nach langer Ueberlegung ſchien mir, ich vermöchte nie einen beſſeren, einen redlicheren Mann als Herrn Louis Morel zu heirathen.“ „Ich bin vollkommen Deiner Anſicht; denke Dir auch meine Freude, als geſtern Sidonie (gegen Dich kann ich vertraulich reden), als geſtern Sidonie mir geſtand, ſie liebe mich; Du kennſt ſie, Du kannſt ſie beurtheilen, meine Schweſter? nun, ich verſichere Dir, ihre ſeltene Schönheit, ihre ausgezeichneten Talente 26 haben allerdings einen lebhaften Eindruck auf mich gemacht; was mich aber ganz beſonders verführt hat, das iſt der Adel ihres Herzens, das iſt die Sanft⸗ heit und die Feſtigkeit ihres Charakters, das iſt jene reizende Lebhaftigkeit des Geiſtes, die ſich bei ihr mit einem unbeugſam geraden, redlichen Urtheile, mit einem vortrefflichen geſunden Verſtande verbindet.“ „Du wirſt mir von Sidonie nie mehr Gutes ſagen, als ich von ihr denke, und ich liebe ſie nun doppelt, da Du ſie liebſt, theurer Bruder. Welch ein Glück! derjenige und diejenige, welche wir lieben, ſind, weit entfernt, einander fremd zu ſein, durch die zarteſten Bande vereinigt!“ „Und endlich, Gipfel des Glückes! wir ſind ſicher, unſere Wahl von unſeren Eltern gebilligt zu ſehen. Kürzlich erſt, als Herr Louis Morek einwilligte, mich als Theilhaber bei dem induſtriellen Unternehmen zuzulaſſen, bei welchem er ſeine bewunderungswür⸗ dige Entdeckung ins Werk geſetzt hat, ſagte mein Vater in meiner Gegenwart zu ihm: „„Mein Freund, mein Sohn gehe in den Fußſtapfen von Ihnen, einem der Männer, welche Frankreich zur Ehre gereichen; er entſpreche würdig dem Vertrauen, das Sie ihm bezeigen, und der theuerſte Wunſch meines Herzens iſt erfüllt.““ „Lieber, lieber Bruder!“ ruft Valentine bewegt und entzückt, „wie glücklich und ſtolz machſt Du mich, indem Du mir dieſe Worte meines Vaters mittheilſt! Ich will nicht gegen Dich im Rückſtande bleiben: Du ſollſt erfahren, in welchem Grade meine Mutter Si⸗ donie ſchätzt.“ „Ohl ſprich geſchwinde, geſchwinde!“ ——— 27 „Vor der Abreiſe von Mama, vor acht Tagen, kam Fräulein Morel mit ihrem Bruder hieher, und während er mit unſerem Vater in ſeinem Cabinet ſprach, begab ſie ſich zu uns; ich ſpielte Klavier; Mama bat ſie, über ein Thema von Chopin, das ſie leidenſchaftlich liebt, zu improviſiren. Sidonie ent⸗ ſprach ihrem Wunſche mit vollkommener Einfachheit. Meine Mutter, welche ſie nie gehört, war voll Be⸗ wunderung. „„Aber, mein Fräulein,““ ſagte ſie zu ihr, „„Sie beſitzen ein Talent erſten Rangs; Sie machen mich eiferſüchtig. Meine Tochter wird immer nur eine Schülerin gegen Sie ſein.“ „„Madame,““ antwortete Sidonie mit einer reizenden Beſcheiden⸗ heit, „„ich habe Lectionen von Herrn Chopin erhal⸗ ten; ich verdanke einzig und allein dieſem Glücke, das Fräulein Valentine gefehlt hat, die Complimente, die Sie mir zu machen ſo gütig ſind.““ „Ich erkenne Sidonie an dieſer Antwort.“ „Dann kam das Geſpräch auf die Gemäldeaus⸗ ſtellung.“ „Sidonie wußte vortrefflich von Malerei zu ſpre⸗ chen; ſie malt bezaubernde Landſchaften, welche von den Kunſthändlern ſehr geſucht werden; ſie bezahlen dieſelben theuer, und ihr Ertrag wird zu guten Wer⸗ ken und zu Beſtreitung ihrer Toilette verwendet, denn Sidonie ſetzt eine Art von Stolz darein, ſich ſelbſt zu genügen.“ „Dieſer Umſtand war mir unbekannt; er vermehrt noch die Achtung und die Zuneigung, die mir Fräu⸗ lein Morel ſchon einflößte. Das Geſpräch war alſo auf die Gemäldeausſtellung gefallen. Mama erhob die heute ſo ſehr ſtreitige Frage: über das Schöne 28 und das Häßliche in den Künſten, über das Ideale und den Realismus, wie man ſagt. Sidonie faßte die Frage vortrefflich zuſammen und antwor⸗ tete mit ihrer gewöhnlichen Beſcheidenheit meiner Mutter: „„In Ermangelung der nothwendigen Kennt⸗ niſſe, um mich über einen ſolchen Gegenſtand aus⸗ zuſprechen, ſcheint es mir, Madame, daß nach der einfachen Vernunft die Kunſt, in ihrer edelſten Be⸗ deutung genommen, ſich anſtrengen muß, das Ideale zu erreichen, um die Seele durch die Beſchauung des Schönen zu erheben. Der Realismus oder die ängſt⸗ liche Reproduction der Natur, ſelbſt der häßlichen, ſelbſt der ungeſtalten, iſt nur bei Portraits anwend⸗ bar. Die Häßlichkeit von Sokrates, die Mißſtaltung des Prinzen Eugen ſchlagen in dieſem Falle in das Gebiet der Kunſt ein, weil ſie berufen iſt, getreu für die Nachwelt das Bild dieſer großen Männer wiederzugeben.““ „Sage, Valentine, iſt dieſe Antwort nicht ein Beweis von ausgezeichnetem Verſtand?“ „Ich war auch davon ergriffen; man konnte un⸗ möglich einen äußerſt richtigen Gedanken beſſer aus⸗ drücken... Am andern Tage, als in Deiner Abwe⸗ ſenheit mein Vater uns, Mama und mich, um ſie zu beſichtigen, in die Werkſtätte von Herrn Louis Morel führte, machte uns Sidonie die Honneurs des Hauſes ihres Bruders mit ſo viel Anmuth, mit ſo viel Zuvorkommenheit, mit ſo viel Takt, daß meine Mutter, ſobald wir weggingen, zu mir ſagte: „„Meine liebe Valentine, ich habe vergebens in meinem Gedächt⸗ niß geſucht: ich erinnere mich keiner Perſon, welche Fräulein Morel hinſichtlich des vollkommenen Anſtands 29 und der Diſtinction der Manieren übertreffen kann; es iſt in ihr eine Miſchung von Unſchuld und Geiſt, von Beſcheidenheit und Würde, die ich Dir, mein Kind, nicht genug als Beiſpiel zu geben vermöchte.““ „Gute, theure Mutter! Oh! die Vortrefflichkeit ihres ſo ſehr geſchätzten Urtheils iſt mir nie mehr erwieſen geweſen.“ „Mit einem Worte, geht nicht aus Allem dem für uns hervor, daß unſere Wahlen ſicherlich von un⸗ ſerer Familie gebilligt werden?“ „Wer könnte daran zweifeln?“ „Oh! ich gewiß nicht. Ich bin auch feſt ent⸗ ſchloſſen, heute. . am verhängnißvollen Ziele meiner Ueberlegungstage,“ fügte Valentine lächelnd bei, „ich bin entſchloſſen, Herrn Morel zu antworten, ich er⸗ mächtige ihn, ſeine Bitte meinem Vater vorzutragen.“ „Schweſterchen, ſei ſo artig und beauftrage mich, Dein Botſchafter zu ſein.“ „Bei Herrn Louis Morel?“ „Ich werde ſogleich zu ihm gehen; laß mich ihm eine Kunde mittheilen, die ihn entzücken wird.“ „Von Herzen gern, lieber Bruder, denn, darf ich es Dir geſtehen? obgleich es alle meine Wünſche verwirklichen ſoll, dieſes feierliche Ja oder dieſes be⸗ jahende Nicken mit dem Kopfe, in Ermangelung des Wortes, ſetzt mich ein wenig in Verlegenheit; ich weiß Dir auch unendlich Dank für Dein Anerbieten.“ „Beeile Dich nicht, mir zu danken, ich handle als Egoiſt.“ „Wie ſo?“ „Ich werde das Glück, das Deine Antwort Herrn Louis Morel verurſachen wird, benützen, um ihn um — 30 die Hand ſeiner Schweſter zu bitten, und ihn erſu⸗ chen, dieſer Bitte auch die Einwilligung unſerer Eltern zu verſchaffen.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ rief Valentine. Dann fügte ſie bei: „Ah! Tancred, welch ein gro⸗ ßer Tag für uns iſt dieſer Tag!“ Das Mädchen hatte eben dieſe letzten Worte ge⸗ ſprochen, als die Frau Herzogin Witwe von Sénan⸗ cvurt bei ihren beiden Enkeln eintrat. vh Die Frau Herzogin Witwe von Sénancourt war, wie ſie es ſelbſt ſagte: eine Frau der alten Zeiten. Der Herrſchaft beklagenswerther, unheilbarer Vor⸗ urtheile unterworfen, beſaß ſie indeſſen hohe Eigen⸗ ſchaften, welche häufig den Perſonen ihrer ariſtokra⸗ tiſchen Kaſte gemein ſind eine außerordentliche Frei⸗ gebigkeit, eine bis zur Aengſtlichkeit getriebene Selbſt⸗ würde, den Cultus der Ahnen, die beſtändige Sorge für die Ehre der Familie und die religiöſe Hoch⸗ achtung, die man ſeinem Namen ſchuldig iſt; ein oft übertriebenes, unvernünftiges Gefühl in Beziehung auf die Urſachen, wenn nicht der Schande, doch der Geſunkenheit, wodurch der Glanz vom Wappen eines Edelmanns getrübt ſein kann, das aber wenigſtens aus einem unbeugſamen Charakterſtolze, der ſichern Schutzwache gegen die Gemeinheiten, die Niederträch⸗ tigkeiten und die ſchändlichen Abtrünnigkeiten, ent⸗ ſpringt. Ueber achtundſiebzig Jahre alt, iſt die Herz gin Witwe von Sénancourt noch ſchlank und rüſtig 31 ihre weißen, à la maréchale gepuderten, auf ihren Schläfen gekräuſelten Haare ſind halb verborgen unter den Barben ihrer Haube; ihre Habichtsnaſe, ihre großen grauen Augen mit dem Adlersblicke, deren Glanz das Alter noch nicht geſchwächt hat, der geiſtvolle, energiſche Umriß ihres Mundes, der noch mit ſeinen zweiunddreißig Zähnen vom weißeſten Schmelze bewaffnet iſt, die ſtolze Haltung ihres Kopfes geben ihrer Phyſiognomie einen merkwürdigen Cha⸗ rakter von Feſtigkeit, Verſtand und Adel. Mit einem Worte hätte Saint⸗Simon geſagt: „Die Frau Herzogin von Sénancourt hatte die „vornehmſte Miene der Welt, ging auf den Wolken und „war in jeder Hinſicht das, was man ſich Vorneh— „mes und höchſt Betiteltes vorzuſtellen vermöchte, „wobei ſie ſich eben ſo ſehr über dem großen Haufen „der Damen von Hofe zeigte, als dieſe über den „Frauen, welche einfach von Stande, ſind.“ Ganz vom Intereſſe ihrer Unterredung in An⸗ ſpruch genommen, haben Tanered und Valentine von Sönancvurt die Gegenwart der Herzogin Witwe nicht bemerkt. Sie bleibt ein paar Schritte von den jun⸗ gen Leuten ſtehen und wirft dahin und dorthin be⸗ trachtende Blicke auf die am Tafelwerk hängenden Familienportraits. Die Abweſenheit eines bedeuten⸗ den Bildes wahrnehmend, bebt ſie dann vor Erſtau⸗ nen und ſpricht ungeſtüm mit lauter Stimme: „Wo iſt denn mein ſchöner Tizian?“ Bei dieſen Worten unterbrechen Tancred und Valentine ihr Geſpräch, wenden ſich raſch um, und da ſie ihre Großmutter erblicken, laufen ſie voll Eifer auf ſie zu. 32 „Guten Morgen, Großmama,“ ruft Valentine; „wie glücklich ſind wir, Sie in Paris zu ſehen!“ „Wir erwarteten ungeduldig die Stunde des Auf⸗ ſtehens meiner Großmutter,“ fügt Tanecred bei, der ehrerbietig die Redeform der dritten Perſon, ſich an ſeine Großmutter wendend, gebraucht. „Meine Großmutter fühlt hoffentlich nichts mehr von den Strapazen der Reiſe?“ Die Herzogin Witwe umarmt zärtlich eines nach dem andern die jungen Leute und ſagt zu ihnen: „Ich danke, meine Kinder; meine Nacht iſt nicht zu ſchlecht geweſen.“ Sodann Tanered und Valen⸗ tine mit liebevollem Intereſſe betrachtend: „Ihr habt gehalten, was Ihr verſprachet: Valentine iſt reizend, und Du biſt der hübſcheſte Junge der Welt gewor⸗ den, mein lieber Tancred. Doch ſage, Tancred, wo iſt mein Tizian?“ „Meine Großmutter meint ohne Zweifel das Portrait des Marſchalls Tanered von Sénan⸗ court?“ „Ja... Wo iſt denn dieſes Bild?“ „Großmama,“ antwortet Valentine, „dieſes Por⸗ trait des Marſchalls zu Pferde hatte eine ſolche Di⸗ menſivn, daß es, als wir das Hotel der Rue de Grenelle verließen, um dieſes Haus zu bewohnen, unmöglich war, das genannte Bild, beim kleinen Raume der Zimmer, hier unterzubringen.“ „Man hat es verſucht, dem Gemälde einen Platz in einem dieſer Salons zu geben,“ fügt Tancred bei; „doch der Rahmen berührte einerſeits den Boden und andererſeits den Plafond.“ „Da ließ mein Vater die Leinwand vom Rah⸗ 33 men losmachen,“ ſagt Valentine, „man rollte ſie ſorgfältig auf und brachte ſie. ..“ „In eine Dachkammer!“ ruft die Herzogin Witwe mit Entrüſtung, indem ſie auf die jungen Leute, welche ſtillſchweigend und verlegen da ſtehen, ihre vor Zorn funkelnden, großen grauen Augen heftet. Tan⸗ ered wagt es, ihr zu erwiedern: „Mein Vater hat die Leinwand des Portraits in eine Stube bringen laſſen, welche zum Aufbewahren der Meubles dient.“ „Gewiß! das iſt höchſt einfach: in die Geräth⸗ kammer das Andenken an die Ahnen!“ verſetzt die Großmutter mit einem Ausbruche bitteren Zornes, „in die Geräthkammer die Erinnerungen an Ruhm und altes Ritterthum!“ „Gute Großmama,“ bemerkt Valentine ſchüch⸗ tern, „dieſes Portrait war ſo groß, daß man es nicht konnte.. .“ „Ja, ja,“ ruft die Herzogin Witwe mit verdop⸗ pelter Bitterkeit, „ja, ſelbſt in der Malerei iſt die Größe der Menſchen der alten Zeiten unverträglich mit der Kleinheit der Dinge dieſes abſcheulichen Jahrhunderts! Das iſt augenſcheinlich, das iſt offen⸗ kundig! Ich würde gewiß nicht das Gegentheil be⸗ haupten. Ha! ha! ha!“ fügt die Herzogin in ein höhniſches Gelächter ausbrechend bei, „wie dumm, wie dumm war er doch, dieſer arme Marſchall Tan⸗ cred von Sénancourt, daß er ſein Blut jür ſeinen König vergoß! Denn ſtellt Euch vor, in der Schlacht bei Marignan .. . Doch ich bedenke: ſolltet Ihr zu⸗ fällig wiſſen, daß es eine Schlacht bei Marignan gegeben hat?“ Sue, der Teufel als Arzt. II. 3 34 „Ja, meine Großmutter, dieſe Schlacht iſt am Anfange der Regierung von Franz I. geſchlagen worden.“ „Wahrhaftig! wer hat Euch den Namen dieſes ritterlichen Königs gelehrt *)?“ verſetzt die Großmut⸗ ter immer höhniſch; „das iſt bei meiner Treue er⸗ ſtaunlich.. . In der Schlacht bei Marignan alſo war Franz l., der nach ſeiner Gewohnheit als ein wah⸗ rer Kriegsmann ſtritt, von einer Reiterſchaar um⸗ zingelt; der Marſchall Tancred, da er ſeinen tapfern König in großer Gefahr ſieht, ſprengt, ſchon verwun⸗ det, auf ihn zu, befreit ihn und bekommt zwei Büch⸗ ſenſchüſſe; ſie zerſchmettern ihm einen Arm und einen Schenkel, und er fällt halbtodt unter ſein Pferd, wie dieſes am ganzen Leibe voller Wunden.“ „Es iſt uns durch meinen Vater wohl bekannt, mit welchem Ruhme ſich unſer Ahnherr bedeckt hat,“ erwiedert Tancred. „Dieſer Ruhm, man ehrt ihn hier auf eine ſon⸗ derbare Art!“ ſpricht die vornehme Dame kaum ihre Aufregung bewältigend. „Nun, ich vollende . Einige Zeit nach der Schlacht bei Marignan beauf⸗ tragte Franz I., der ſich mit ſeinem Hofe in Fon⸗ tainebleau befand, Tizian mit dem Portrait des Mar⸗ *) Der Verfaſſer dieſer Erzählungen ſchließt ſich durch⸗ aus nicht der von der Herzogin von Sénancvurt für Franz l. ausgeſprochenen Bewunderung au für Franz I., dieſen gekrönten Gladiator, einen der ausſchweifendſten, grauſamſten, heuchleriſch⸗ fanatiſchſten Könige, welche die Blätter der Ge⸗ ſchichte Frankreichs befleckt haben. 3 * 5 u 35 ſchalls von Sénancourt auf ſeinem muthigen Schlacht⸗ roſſe ſitzend; dieſes Portrait war eines der Meiſter⸗ werke des berühmten Malers, und mit ſeiner könig⸗ lichen Hand den Pinſel von Tizian ergreifend, ſchrieb überdies Franz l. unten an die Leinwand folgende zwei Verſe: . 3 Titien t'immortalise, ö chevalier sans peur; Francois te doit la vie, il Técrit avec heur*). „Ja, Großmama,“ ſpricht Valentine, „wir haben oft dieſe rührenden Verſe unten am Portrait des Marſchalls geleſen.“ „Und die Verſe und das Bild ſind in der Dach⸗ kammer!“ verſetzt die vornehme Dame. „Und das iſt die Verehrung, die man für die Ahnen hegt! Der Marſchall ſagte ſich im gerechten Stolze auf ſeinen wohlverdienten Ruhm: „„Mein Portrait, ge⸗ malt von Tizian und verherrlicht durch zwei Verſe von meinem Herrn Franz I., mein Portrait wird die Ehre meines Namens ſein! das Beiſpiel meines Hau⸗ ſes! der Stolz meiner Nachkommen!““ Ruhig! ruhig, guter Mann! Ihr faſelt! Tugend meines Le⸗ bens! wir haben ſchön geſorgt, ja, wir haben ſchön geſorgt für die Ehre unſeres Hauſes! Steigt ge⸗ ſchwinde in die Geräthkammer hinauf und verbergt Euch dort, guter Mann! Es iſt kein Platz hier für Euch; das iſt Eure Schuld. .. Ihr ſeid zu groß!“ — — *) Tizian macht Dich unſterblich, Ritter ohne Furcht; Franz verdankt Dir das Leben, er ſchreibt es mit Glück. 36 „Gute Großmama!“ entgegnet Valentine, „ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß mein Vater .. .“ „Ah! mein Gott!“ ruft die Herzogin Witwe mit beißendem Spotte, „wenn Ratten in der Geräthkam⸗ mer wären! Wenn dieſe abſcheulichen Thiere den Herrn Marſchall von Sénancourt freſſen würden! ſagt doch, meine Kinder, wißt Ihr, daß dies ſehr unhöflich gegen den guten Mann wäre! Er, der Einer der berühmteſten Feldherren ſeines Jahrhun⸗ derts war, unter dem Zahne der Ratten endigen!.. nachdem er dem Büchſenfeuer von Marignan ent⸗ kommen!“ Ein Kammerdiener tritt in den Salon ein und meldet: . „Der Herr Doctor Max fragt, ob ihn die Frau Herzogin empfangen könne?“ „Gewiß er komme!“ antwortet die vornehme Dame dem Kammerdiener, der ſogleich wieder abgeht; und ſie fügt bei: „Er wird eine wunderbare Kur machen, der Teufel als Arzt, wenn er mich von meiner Entrüſtung heilt!“ Und die Augen zum Plafond aufſchlagend, ruft die Herzogin: „Tugend meines Lebens! welch eine Zeit! welch eine Zeit!“ „Großmama,“ ſagt ganz betrübt Valentine, die die Herzogin kaum anzuſchauen wagt, „wir wollen unſern Vater benachrichten, daß er ſich zu Ihnen begeben kann.“ „Einen Augenblick Geduld!“ erwiedert die vor⸗ nehme Dame mit ungeſtümem, zornigem Tone; „ich will Niemand empfangen, ehe ich den Doctor Mar zu Rathe gezogen habe. Man wird mich hier vor Wuth ſterben machen!“ 37 „Ihre Ankunft erfüllte uns mit Freude, liebe, gute Großmama,“ ſpricht Valentine mit Thränen in den Augen; „warum muß.. .“ Sie vollendet nicht; die Thränen erſtickten ihre Stimme. Trotz ihres Zornes gerührt, ſagt die Her⸗ zogin zu den zwei jungen Leuten, die ſie auf die Stirne küßt: „Nun, umarme mich, Valentine, und Du auch, Tancred. Nicht Euch klage ich an, arme Kinder; Ihr ſeid, was man aus Euch gemacht hat! Ich bin ſehr mürriſch, ſehr brummig geweſen, nicht wahr? Was wollt Ihr?. Alles, was ich hier ſehe, verſetzt mich in eine Wolfslaune. Lauft raſch davon, Ihr könntet ſonſt von Curer Großmutter gefreſſen werden.“ Das Geſpräch der Herzogin Witwe und der zwei jungen Leute wird durch den Eintritt des Doctors Mar unterbrochen. Er grüßt Tancred und ſeine Schweſter; dieſe entfernen ſich leiſe die Worte wech⸗ ſelnd: „Guter Gott! mein Bruder, wie zornig iſt heute unſere Großmutter!“ „Daran iſt der Marſchall von Sénancourt Schuld, der vor dreihundert Jahren geſtorben. Wir können auch, bei meiner Treue, ohne Furcht gegen ihnſ chmähen. Aergere Dich nicht, ich laufe zu Herrn Louis Morel.“ „Und ſage ihm ganz entſchieden: ja,“ antwor⸗ tet Valentine ihrem Bruder. Beide laſſen ihre Großmutter in Geſellſchaft des Doctors Max. 38 VII. Die Herzogin von Sénancourt Witwe ruft aus, da ſie den Doctor Max erblickt: „Kommen Sie doch, Doctor, es geht immer ſchlech⸗ ter bei mir!“ „Ich habe auf der Treppe Dupont getroffen, Madame,“ erwiedert der Doctor Max . . . „Dieſer treue Diener hat mir die Urſache der ſchmerzlichen Gemüthsbewegung erzählt, von der Sie geſtern Abend ergriffen wurden, als Sie bei Ihrer Ankunft die Zerſtörung vom Hotel Sénancourt erfuhren. Ihre Unpäßlichkeit iſt mehr moraliſch, als phyſiſch, Madame.“ „Es mag ſein, doch ich leide darum nicht weni⸗ ger. Das Benehmen meines Sohnes iſt unwürdig.“ „Was wollen Sie, Madame? herrſcht eine Seuche, ſo werden oft die geſündeſten Organiſationen von der Anſteckung erfaßt. Doch, was Sie betrifft, Ma⸗ dame,“ fügt der Doctor Marx der Herzogin den Puls fühlend bei, „meine Verordnung wird ſehr einfach ſein: Sie nehmen einen Aufguß von Orangenblättern, worein man ein paar Tropfen Aether miſcht, und Sie kehren hauptſächlich und ſo raſch als möglich zu der reinen, geſunden Luft des Anjou zurück, ſonſt laufen Sie Gefahr, Madame, der Epidemie zu entgehen.“ „Welcher Epidemie?“ „Wir nennen ſie febris aurea.“ „Laſſen Sie Ihr Kauderwälſch, Doctor, und pie chen“ Sie Franzöſiſch.“ fragliche Epidemie, Madame, iſt das Gold⸗ 39 „Welches Goldfieber? Iſt das ein Scherz?“ „Nichts kann ernſter ſein, Madame, als meine Worte,“ erwiedert der Doctor Mar mit einem ſpöt⸗ tiſchen Phlegma. „Die Epidemie iſt erwieſen; ſie durchläuft die Straßen: die am wenigſten Hellſehen⸗ den ſind betroffen von ihren Symptomen. Dieſe Symptome ſind: allgemeine Unruhe beim Kranker . ängſtliche Phyſiognomie, entflammter Blick, ver⸗ zehrendes Fieber, lebhafte Erregung des Gehirns oft vom Schwindel, vom Delirium gefolgt; wäh⸗ rend dieſer faſt permanenten Anfälle iſt der Kranke Illuſionen, ſeltſamen Luftſpiegelungen unterworfen, welche dieſem durch den glühenden, unauslöſchlichen Durſt nach Gold verurſachten Fieber eigenthümlich; es wird ſpeciell charakteriſirt durch die häufig theil⸗ weiſe, zuweilen völlige Suspenſion jeder Bewegung des Herzens und durch eine faſt abſolute Vernichtung des moraliſchen Sinnes. Entſchuldigen Sie, Madame, dieſe Phyſiologie.“ „Fahren Sie fort,“ ſprach die vornehme Dame traurig und nachdenkend, „fahren Sie fort.“ „Dies ſind alſo die allgemeinen Symptome der Cpidemie; ſie bietet dabei die Sonderbarkeit, daß ſie alle Klaſſen der Geſellſchaft angreift, von der nie⸗ drigſten bis zu der höchſten. So würde man zum Beiſpiel begreifen, daß ein armer Teufel, ohne Heller und Pfennig, von Natur für das Goldfieber durch das Elend prädisponirt wäre; doch nein: der Reich⸗ thum, der Wohlſtand, der Rang ſchützen durchaus nicht vor der Anſteckung; was man beſitzt, iſt nichts in Vergleichung mit dem, was man zu beſitzen trachtet; das iſt eine Wuth, ein Delirium.“ 40 „Dieſes Paris iſt alſo eine Hölle geworden!“ ruft die Herzogin Witwe. Man nennt Sie den Teufel als Arzt; das iſt Gerechtigkeit: Sie üben Ihre Kunſt im Höllencentrum.“ „Arme Frau der alten Zeiten!“ dachte der Doe⸗ tor vom Mitleid bewegt. „Suchen wir ſie auf Offen⸗ barungen vorzubereiten, welche, wenn ſie zu plötzlich daon betroffen würde, nachtheilig für ſie wären.“ Und er fügte laut bei: 5 1 „Was ſoll ich Ihnen ſagen? Ich kenne, Sie, Madame, kennen einen vornehmen Mann, einen ſehr vornehmen Mann, der ungefähr hunderttauſend Livres Renten von liegenden Gütern hat; die Epidemie er⸗ faßt ihn, er verkauft die ererbten Grundbeſitzungen, das Hotel ſeiner Väter, realifirt beträchtliche Kapi⸗ talien, legt ſie in den Eiſenbahnen, in den Fabriken, in der Ausbeutung des Tabaks, in ſeltſamen Indu⸗ ſtrien an; denn in Paris wird Alles ausgebeutet, Alles bis auf den Koth der Stadt! . . . In unſern Tagen übt man das alte Sprüchwort: „„Das Geld riecht nicht ſchlecht!““ „Tugend meines Lebens!“ ruft die Herzogin Wite ich Doch ſich bewältigend, ſpricht ſie mit ruhigem, feſtem Tone: „Doctor, keine Umſchweife; reden Sie gerade heraus, ich werde im Stande ſein, Alles zu hören. Gott ſei Dank! die Jahre haben die Kraft meines Charakters noch nicht geſchwächt. Ich habe das Recht, von Ihrer alten Freundſchaft eine unbegränzte Offenherzigkeit zu fordern. Dieſer vornehme Mann, 4¹ der Tabak verkauft und mit dem Kothe von Paris handelt. . iſt mein Sohn?“ „Was wollen Sie, Madame? die Epidemie .. .“ „Der Scherz iſt grauſam, mein Herr. . .“ „Frau Herzogin, weniger zu dieſer Stunde, als je, würde ich mir erlauben, die Ihnen gebührende tiefe Ehrfurcht zu vergeſſen,“ erwiedert der Doctor Rar mit innigem Tone. „Ich begreife, was Sie eiden müſſen. Ich begreife, wie ſehr. . . aus Ihrem Geſichtspunkte. . Ihr Stolz dadurch verwundet ſein muß, daß Herr von Sénancourt ſo vom Adel ſeines Geſchlechtes abfällt. Ich würde vielleicht dieſe Wunde weniger ſchmerzlich machen, Madame, wenn ich Ihnen verſichere, daß der Herr Herzog von Sénancourt unglücklicher Weiſe, faſt unwillkürlich von dem Be⸗ reicherungsfieber befallen, das ſo viele Opſer macht, mehr krank, als ſchuldig iſt. So ſehr Ihre Beſchwer⸗ den gegen ihn gegründet ſind, er iſt, Madame, glau⸗ ben Sie meiner alten Erfahrung, er iſt und wird immer ſein ein grundredlicher Mann.“ „Ich weiß nicht, ob mein Sohn noch ein redlicher Mann iſt, doch ich weiß, daß er kein Edelmann mehr iſt.“ Und ſich unterbrechend, da ſie eine Perſon im Salon erſcheinen ſieht, fragt die vornehme Dame, dem Doctor den Eintretenden bezeichnend: „Wer iſt dieſer Menſch, der ſich erlaubt, hier einzutreten, ohne gemeldet worden zu ſein?“ VII. Dieſer Menſch, der ſich erlaubte, vertraulich in den Salon von Herrn von Sénancourt einzutreten, 42 ohne ſich zuvor melden zu laſſen, war Herr Coquard, ein zweideutiger Induſtriemann, einer von jenen ver⸗ wegenen Speculanten, welche immer an den äußer⸗ ſten Gränzen des Strafcoder hingehen. Herr Coquard iſt vierzig Jahre alt, ſeine Häßlichkeit iſt zurückſtoßend, ſeine Phyſiognomie gemein und verſchmitzt; ſeine kleinen durchdringenden Augen funkeln unter den Gläſern ſeiner goldenen Brille; er iſt ſorgfältig, geſchmacklos gekleidet, trägt an ſeinem Hemde g Brillantknöpfe und an allen Fingern Ringe; er hält ſeinen Hut auf dem Kopfe, trotz der Gegenwart der Herzogin von Sénancourt. Dieſe, da ſie einen Menſchen erblickt, der ſich ſo grob gegen die einfach⸗ ſten Geſetze der Höflichkeit verfehlt, befragt mit einer Art von Beſtürzung den Docktor mit dem Blicke. „Madame,“ antwortet mit halber Stimme der er der ärgerlichſten Charaktere daß ſie eine ſolche Störung im moraliſchen Sinne vieler wackeren Leute hervor⸗ bringt, daß ihr angeborenes Zartgefühl nicht mehr verletzt wird durch die Berührung mit berüchtigten, gemeinen Menſchen, die ſie als Genoſſen ihrer Be⸗ reicherungsgier annehmen.“ „Alſo, Doctor, dieſe Gattung da.. .“ „Dieſe Gattung da, Madame, iſt Herr Coquard, ein Menſch von verdächtigem Rufe, der ſich in den großen Geſchäften umhertreibt, einer von den Mit⸗ arbeitern von Herrn von Sénancourt, welcher, wie ich befürchte, von dieſem Schelme bethört wird.“ † „Eitt ſolcher Bauer tritt mit dem Hute auf dem Kopfe hier ein,“ murmelt die vornehme Dame in dem Augenblicke, wo Herr Coquard, dem die ſtolze Si 43 Phyſiognomie der Herzogin, welche er nicht kennt, imponirt, endlich den Hut abnimmt und verblüfft ein paar Schritte von der Thüre ſtehen bleibt; doch bald wieder zu ſeiner natürlichen Unverſchämtheit zurückkehrend, geht er entſchloſſen auf die Herzogin und den Doctor zu und ſagt zu dieſem: „Guten Morgen, Doctor! Ich bin eingetreten, e gemeldet zu ſein; ich glaubte hier dieſen lieben zog zu treffen.“ „Dieſen lieben Herzog!“ wiederholt beiſeit zornig die vornehme Dame, „dieſen lieben Herzog!“ „Er und ich, wir handeln hier ohne Umſtände,“ fähri Herr Coquard fort, während er ſich breit in einen Lehnſtuhl ſetzt. „Ich will ihn erwarten.“ „Da man hier ohne Umſtände handelt, Doctor,“ ſpricht die Herzogin Witwe, „ſo thun Sie mir den Gefallen .. . dieſem Herrn, zu ſagen . . . er ſoll gehen und uns in Ruhe laſſen.“ „„Was bedeutet das?“ ruft frecher Weiſe Hert Coquard, immer ſitzend. „Wie, Madame, Sie. „Ich ſpreche von Ihnen und nicht mit Ihnen!“ erwiedert die vornehme Dame, Herrn Coquard über ihre Schulter mit einer ſouverainen Verachtung meſſend. Und ſie wendet ſich an den Doctor. „Ich bitte, heißen Sie dieſen Menſchen weggehen.“ „Alle Wetter! Madame!“ ruft Herr Coquard „ich finde es ſeltſam, daß . . .“ „Herr Coquard, keine Impertinenzen!“ unter⸗ bricht ihn der Doctor Max. „Sie haben die Ehre, mit der Frau Herzogin Witwe von Sénancourt zu ſprechen.“ 44⁴ „Was liegt mir daran! Glauben Sie, ich werde mich auf eine unverſchämte Art vor die Thüre ſetzen laſſen?“ „Endigen wir!“ ſpricht die vornehme Dame. „Doctor, einen Klingelzug, und die Leute meines Sohnes werden dieſen ungehobelten Burſchen hinaus⸗ werfen.“ „Mich hinauswerfen! mich!“ ruft Herr Coquart wüthend. „Sie wären ſo verrückt, zu .. Ah! alte Tolle..“ Dieſer Streit wird unterbrochen durch die Ankunft des Herrn Herzogs von Sénancourt. Er iſt ſechzig Jahre alt; ſein Geſicht iſt edel und ſchön. Da er die letzten Worte von Herrn Coquard, deſſen An⸗ weſenheit er kaum bemerkt, nicht gehört hat, ſo wendet er ſich voll Eifer gegen ſeine Mutter; er macht eine Bewegung, um ihre Hand zu nehmen und ſie an ſeine Lippen zu ziehen; doch bleich, ſtolz, zornig, weicht die Herzogin Witwe zurück. Herr von Séngn⸗ court ſchaut ſie mit einem peinlichen Erſtaunen an. „Mein Herr,“ ſpricht kalt die vornehme Dame, „wir ſind nicht allein hier.“ „Sie erlauben, Doctor?“ ſagt Herr von Sénan⸗ court; und Herrn Coquard wahrnehmend: „Ahl guten Morgen, mein Lieber! Wollen Sie mich in meinem Cabinet erwarten; meine Mutter wünſcht mit mir allein zu ſein.“ „So benützen Sie die Gelegenheit, mein lieber Herzog, um Ihrer Mutter zu ſagen, ſie ſei ver⸗ teufelt unhöflich,“ erwiedert Herr Coquard mit ver⸗ haltenem Zorne, und boshaft lächelnd fügt er bei: — 45⁵ „Ich habe Ihnen Neues mitzutheilen . . . ich werde auf Sie warten: doch beeilen Sie ſich.“ Wonach der unverſchämte Menſch geräuſchvoll die Thüre ſchließend abgeht. „Woher mag der Zorn von Coquard rühren?“ fragt ſich Herr von Sénancourt immer mehr erſtaunt. „Was iſt denn zwiſchen meiner Mutter und ihm vorgefallen?“ Der Doctor ſagt zu der Herzogin Witwe, von ihr Abſchied nehmend: „Madame, vergeſſen Sie nicht meine Verord⸗ nung: einen Aufguß von Orangenblättern, ein paar Tropfen Aether, und kehren Sie ſo bald als möglich nach dem Anjou zurück. Suchen Sie,“ fügt er leiſe bei, „ſuchen Sie beſonders Herrn von Sénancourt zu beſtimmen, daß er auf die Geſchäfte verzichtet und Sie nach Ihren Gütern begleitet. Es iſt für ihn mehr als Zeit, Paris zu verlaſſen.“ Und zum Her⸗ zog, der ſich verlegen ſeiner Mutter nähert: „Die Geſundheit Ihrer Frau Mutter bietet nichts Beun⸗ ruhigendes, mein Herr; doch es wäre gut, wenn ſie ihren Aufenthalt hier nicht verlängern würde.“ Der Doctor Max grüßt Herrn von Sénancourt und läßt ihn mit ſeiner Mutter allein. KX. Die Herzogin Wittwe hat ſich nach dem Abgange des Doctors Max geſetzt; man lieſt auf ihrem edlen Geſichte ſchmerzliche Empfindungen. Ihr Sohn ſagt zu ihr mit einem Ausdrucke von tiefer Ehrfurcht und von Kummer: 46 „Meine Mutter, wir ſind nun allein; erlauben Sie mir, Ihnen die Betrübniß auszuſprechen, in die mich Ihr Empfang verſetzt, der ſo verſchieden von dem, welchen ich erwarten durfte. Werden Sie die Güte haben, mir die Urſache einer Kälte mitzutheilen, die mir äußerſt ſchmerzlich iſt?“ Die vornehme Dame hat einen Augenblick ge⸗ ſchwiegen, ohne den Kopf gegen ihren Sohn umzu⸗ wenden; endlich heftet ſie aber ſtarr ihre von zornigem Stolze funkelnden grauen Augen auf ihn und ſpricht mit einem Ausdrucke bitteren Vorwurfs: „Mein Herr, im Jahre 93, — das ſind über ſechzig Jahre her, — war ich Witwe, ich zählte achtzehn Jahre, und Sie waren kaum geboren worden; ich erſchien zum dritten Male vor dem Revolutions⸗ tribunal, nachdem ich mehrere Monate im Gefäng⸗ niß zugebracht und Alles erduldet hatte, was eine Frau meiner Art im Gefängniß erdulden kann; zum dritten Male ſpielte ich um meinen Kopf: wiſſen Sie, warum, mein Herr?“ „Meine Mutter!“ „Ich war bei der Emigration meiner Familie, meinen Freunden nicht gefolgt, weil ich, einer Todes⸗ gefahr trotzend, Ihre Güter zu ſchützen hoffte, mein Herr. Ich habe ſie Ihnen mit Gefahr meines Lebens erhalten. Was iſt daraus geworden?“ „Beruhigen Sie ſich, meine Mutter; weit ent⸗ fernt, mein Vermögen zu verſchleudern, werde ich es bald mehr als verdoppelt haben. Ich habe viel⸗ leicht Unrecht gehabt, Sie nicht vom Verkaufe meiner Beſitzungen zu unterrichten; doch ich dachte durchaus 47 nicht, dieſe kleinen Geſchäftsdetails verdienen Ihre Aufmerkſamkeit.“ „Sie ſprechen goldene Worte,“ erwiedert die Herzogin Witwe mit höhniſchem Tone. „In der That, ich miſche mich in das, was mich gar nichts angeht. Vergeben Sie dieſe indiscrete Neugierde meinem Alter. Die Greiſe werden neugierig wie die Kinder.“ 8 „Ich bitte, meine Mutter . . .“ „Sie werden, ſagen Sie, bald Ihr Vermögen verdoppelt haben? Ich verneige mich vor Ihrer Arithmetik und vermöchte ihr nur Beifall zu ſpenden. Wie, mein Herr! Sie haben aus Gierde das alte Hotel verkauft, wo Sie geboren ſind, wo Ihr Herr Vater geboren iſt! Sie haben die Güter verkauft, wo ſo viele Generationen hindurch der Name, den Sie zu tragen die Ehre haben, geſegnet, verehrt wurde! Sie verbannen in die Dachkammer das Por⸗ trait der Ahnen, die der Ruhm Ihres Hauſes ſind! Sie ſagen ganz richtig: das ſind kleine Geſchäftsde⸗ tails! ſie verdienen gar nicht meine Aufmerkſamkeit; doch (entſchuldigen Sie die Freiheit meiner Frage), doch die ſchönen, großen Summen, die Sie aus dem Verkaufe Ihres Erbgutes bezogen, Sie haben dieſelben ohne Zweifel ehrlicher Weiſe zu fünf, zu ſechs, zu ſieben Procent angelegt, wie der wackere Harpagon? Das iſt meine ſüßeſte Hoffnung. Statt als vorneh⸗ mer Mann neun Monate des Jahres auf Ihren Gütern und drei Monate in Paris im Ihrem Hotel zu leben, widmen Sie ſich dem Handel im Allge⸗ meinen und dem mit Tabak und dem Kothe von Paris insbeſondere; das iſt ſehr gut und ſicherlich ſehr ehrenwerth; doch Sie raffen wenigſtens in dieſem Kothe viel Gold zuſammen?“ „Ihre Strenge iſt groß und muß groß ſein, meine Mutter. In der Tiefe des Anjou lebend, ſind Sie fremd geblieben der wunderbaren Bewegung, welche in unſerer Zeit ohne Unterſchied alle Klaſſen der gGeſellſchaft auf dem Wege der Induſtrie vorwärts treibt. Sie wiſſen nicht, meine Mutter, daß ver⸗ möge der wachſenden Eutwickelung des öffentlichen Reichthums und der Bedürfniſſe, die er erzeugt, Alles in einem unerhörten Verhältniß ſich vertheuert hat. Da mir die Einkünfte von meinen Gütern nicht mehr erlaubten, in Paris meinem Range gemäß zu leben, ſo mußte ich die Clemente meines Vermögens völlig verwandeln. Und. „Verzeihen Sie, mein Herr: wenn mich meine Erinnerungen nicht täuſchen, ſo beſaßen Sie bei Ihrer Verheirathung Ihr Gut Mérinville im Dauphiné, Ihr Gut Chateauneuf im Berri, Ihr Hotel in der Rue de Grenelle in Paris; Ihre Frau Gemahlin hatte Ihnen als Mitgift ihren Wald von Bourgueil gebracht; dieſe Güter bildeten für Sie ein Einkommen von mehr als hunderttauſend Livres.“ „Das iſt wahr, doch heut zu Tage iſt ein ſolches Vermögen unzureichend, um einen gewiſſen Sa ſtand zu halten.“ „Ich bin nur eine arme Witwe, ich lebe vom 3 Korne meiner Felder und vom Holze meiner Waldungen 3 1 dennoch gebe ich mir die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß ich in Sénancourt immer ein Haus von fünfundzwanzi 4 bis dreißig Perſonen, ein Dutzend Pferde in mein Ställen, zehn Gaſtzimmer meinen Freunden anzu⸗ 49 bieten und eine vortreffliche Küche gehabt habe; da⸗ bei dulde ich nicht, daß es einen Dürftigen auf meinen Beſitzungen gibt; ich geſtatte meinen Pächtern in ſchlechten Jahren Nachlaſſe; ich habe gewöhnlich zwei⸗ tauſend Louis d'or Reſerve in meiner Kaſſe, und mein Intendant, der mich nothwendig beſtiehlt, ſchätzt auf achtzigtauſend Livres ein Jahr ins andere die Eip⸗ künfte von Sénancourt.“ „Allerdings, hätte ich acht bis neun Monate des Jahrs auf meinen Gütern gelebt, ſo würde mir mein ererbtes Vermögen ſtreng genommen genügt haben; doch . „Doch der Koth von Paris hat ſo viel Reiz! Ah! mein Herr, ich hoffe wohl, daß mein Enkel Tancred, mit ſeinem ganz von Ritterlichkeit prunkenden Vor⸗ namen, in ſeiner Eigenſchaft als männlicher Erbfolger Ihr Kothlehen erben wird.“ „Dieſer grauſame Spott. . .“ Wiſſen Sie, daß es ein großes Glück für Ihr Haus iſt, daß Sie einen Sohn haben, denn in Er⸗ mangelung eines männlichen Erben würde das ſo eben genannte ſchöne Lehen ein Kunkellehen, und dadurch würde meine Enkelin Valentine kothig.“ „Ah! meine Mutter, konnte ich vorherſehen, Ihr unerwarteter Beſuch, von dem wir hofften, er müſſe uns ſo viel Glück bereiten, werde eine Erklärung von ſolcher Bitterkeit herbeiführen?“ „Erlauben Sie, Herr Kothiger. „Sie ſind unbarmherzig.“ „Es iſt in der That ſchlechter Ton, ſich gegen⸗ ſeeitig ſeine Titel zu geben; ich werde alſo einfach die Ehre haben, Ihnen zu ſagen, mein Herr, was Sue, der Teufel als Arzt. H. 4 50 Urſache meines Kommens iſt, und nach dem, was ich hier geſehen und gehört, habe ich ſehr bange, daß meine Befürchtungen gerechtfertigt ſind.“ „Welche Befürchtungen?“ „Seitdem ich auf meinen Gütern lebe, mein Herr, haben Sie mir regelmäßig jeden Monat ge⸗ ſchrieben; Sie hatten die Güte, mich von der Ge⸗ ſundheit Ihrer Frau Gemahlin und der Ihren zu unterrichten; Ihre Kinder gaben Ihnen, wie Sie beifügten, jede wünſchenswerthe Befriedigung; Sie beſchränkten hierauf Ihre Correſpondenz; ich wußte alſo durchaus nichts vom Verkaufe Ihrer Güter und von Ihren ruhmwürdigen Handelsgeſchäften. Ge⸗ wiſſe Umſtände erweckten indeſſen Beſorgniſſe bei mir. Ach! ſeitdem dieſe abſcheuliche Eiſenbahn meinen ſchönen Park von Sénancourt entzwei geſchnitten hat, weiß ich übrigens, daß man in dieſen Zeiten weder mehr Herr in ſeinem Hauſe, noch darin im Frieden — zu ſterben ſicher iſt. Ich war alſo beunruhigt, als ich vor einigen Tagen von einem meiner Verwalter erfuhr, Fremde ſeien mit Inſtrumenten verſehen ge⸗ kommen, um Meſſungen in der Gegend des Pacht⸗ hofes von Mareuil, der ganz nahe beim Schloſſe liegt, vorzunehmen. Mein Verwalter fragte die Leute, was ſie machen. Worauf ſie antworteten, „ſie meſſen auf Befehl des Herrn Herzogs von Sénancourt,“ und Einer von ihnen ſprach ſogar, glaube ich, von Dampfmaſchine ... Ich habe aber die Schwäche, daß ich einen unüberwindlichen Abſcheu gegen dieſe gräß⸗ lichen Maſchinen hege, deren Pfeifen mich in Ver⸗ zweiflung bringt, wenn ſie durch meinen Park fahren. Ich beſchloß alſo, mich ſogleich nach Paris zu begeben. 5¹ um Sie, mein Herr, zu fragen, mit welchem Rechte Sie Meſſer zu Aufnahmen auf meine Güter ſchicken, und was ſie mit ihren Dampfmaſchinen meinen?“ „Die von mir nach Sénancourt abgeſchickten Per⸗ ſonen waren beauftragt, die Ratur des Bodens vom Pachthofe von Mareuil zu ſtudiren und ihn zu meſſen.“ „In welcher Abſicht?“ „Meine Mutter, auf die Gefahr, mich abermals Ihrem Geſpötte auszuſetzen, ſage ich Ihnen, daß eine vortreffliche Speculation zu machen iſt, wenn man in Sénancourt eine Fabrik errichtet . . .“ „Wie beliebt?“ verſetzte die vornehme Dame be⸗ ſtürzt; „was ſagen Sie?“ „Ich ſpreche von der Errichtung einer Runkel⸗ rübenzuckerfabrik oder . . . “ „Träume ich?“ fragte ſich die Herzogin, „Wie!.. er würde es wagen . . .“ „Verzeihen Sie, meine Mutter, dieſe Fabrik..“ „Tugend meines Lebens! Sie ſind ein . . . “ Doch ſich bewältigend, fügt die vornehme Dame bei: „Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort, ich bin begierig, Sie zu hören.“ „Hätten Sie die Güte gehabt, mich anzuhören, ohne ſich zu ärgern, meine Mutter, ſo würden Sie bald erkannt haben, daß das Unternehmen, welches ich im Auge habe, große Vortheile bietet, aus denen Sie, brauche ich dies beizufügen? wie ich denNutzen ziehen werden.“ „Ah! mein Herr,“ erwiederte die Herzogin mit einer ironiſchen Dankbarkeit, „welche Güte! Sie ſind in der That herrlich!“ 52 „Erlauben Sie . . . ſo fremd, ſo feindlich ge⸗ ſinnt Sie den induſtriellen Speculationen ſind, die⸗ jenige, von welchen die Rede iſt, wird, deſſen bin ich ſicher, Ihre Nachſicht verdienen; ich ſage mehr, Ihren Beifall.“ „Das iſt unzweifelhaft.“ „Hören Sie alſo, meine Mutter, was mein Plan bei Errichtung dieſer Fabrik auf dem Territorium des Pachthofes von Mareuil iſt, deſſen vortrefflicher Boden ſich beſonders günſtig für den Anbau von Wurzeln zeigt: man wird Runkelrübenzucker fabri⸗ eiren, wenn die Weine wohlfeil find; werden ſie aber theuer, wie dies häufig ſeit der Traubenkrank⸗ heit geſ ſchieht, was machen wir dann? Ei! mein Gott! wir fabriciren ſtatt des Zuckers Alkohol.“ Es iſt nicht möglich, den Ausdruck des Geſichtes und des Tones der vornehmen Dame zu ſchildern, als ſie, nachdem ſie mit offenem Munde ihren Sohn angehört hatte, wiederholte: hob „Mit andern Worten, meine Mutter,“ erwie⸗ dert Herr von Sénancourt, „wir fabriciren Run⸗ kelrübenbranntwein; ſo daß unſere Güter, auf dieſe Art cultivirt und nicht mehr mit Cerealien, acht bis zehn Procent tragen werden, ſtatt höchſtens drittehalb; Sie müſſen geſtehen, meine Mutter, das iſt eine herrliche Operation.“ „Herrlich! herrlich!“ „Und dann . . . ich beſchwöre Sie, ſehen Sie in meinen Worten nicht die Zurückforderung eines Rechtes nichts kann von meinem Geiſte ſo weit 53 entfernt ſein; ich ſetze einfach ein Factum ausein⸗ ander. „Laſſen Sie das Factum hören.“ „Ich meine, Ihre Stellung als Nutznießerin von Sénancourt könne kein Hinderniß gegen die Grün⸗ dung dieſer Fabrik ſein, da dieſe Fabrik die Ein⸗ künfte des Pachthofes von Mareuil nicht nur nicht vermindert, ſondern ſie verdreifacht, und Sie, wenn Sie mit mir dieſen Mehrwerth theilen, noch einen bedeutenden Nutzen haben werden.“ „Haben Sie Alles geſagt?“ „Ja, meine Mutter.“ „Wenn ich das, was Sie mir mitzutheilen mich würdigen, wohl verſtehe, ſo iſt Ihr lobenswerther Ehrgeiz noch nicht befriedigt; es genügt Ihnen weder mit dem Kothe von Paris zu handeln, noch Tabak zu verkaufen; Sie trachten danach, Zucker und Brannt⸗ wein zu verkaufen, ungefähr wie ein Gewürzkrämer?“ „Meine Mutter . . . “ „Abgeſehen davon, daß Ihre Bude in Sénan⸗ court errichtet werden ſoll, — im Angeſichte des Schloſſes, wo Einer Ihrer Vorfahren acht Tage lang Ludwig XIV. zum Gaſte gehabt hat!“ „Erlauben Sie, ich . . . „Dieſer Herzog von Sénancourt, mein Herr, deſſen Portrait hier . . .“ ſagt die Witwe, indem ſie ſich gegen das Täfelwerk des Salon umdreht: doch die Abweſenheit des Bildes wahrnehmend, fügt ſie bei: „Gut! da dieſer auch zu groß war, ſo iſt er ohne Zweifel dem Marſchall Tancred auf den Boden nachgefolgt . . . Dieſer Herzog von Sénan⸗ court, mein Herr, war wie Sie ehrgeizig, doch, 54 erlauben Sie mir, zu bemerken, ehrgeizig auf eine andere Art. Nicht zufrieden, als Generallieutenant der königlichen Heere ſein Blut in zehn Schlachten vergoſſen und den Beinamen der rechte Arm von Herrn von Turenne verdient zu haben, dieſer Herzog von Sénancourt, der eben ſowohl Staatsmann als Feldherr, bewarb ſich um die Ehre, die er auch er⸗ langte, Frankreich bei Seiner Katholiſchen Majeſtät zu vertreten, und wurde Botſchafter von König Lud⸗ wig XIV. in Spanien, von wo er das goldene Vließ für ſich und die Grandeza für ſein Haus mitbrachte, denn ich nehme mir die Freiheit, Sie daran zu er⸗ innern, mein Herr, daß Sie Grand von Spanien ſind. In dieſer Hinſicht erkenne ich mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Befriedigung, daß man in Ihrer Fa⸗ milie nicht derogirt, Jeder auf ſeine Weiſe, das ver⸗ ſteht ſich! denn nicht damit zufrieden, Frankreich edel als Kothiger zu dienen, verkaufen Sie Tabak an Ihre Mitbürger! Das iſt nicht genug: entflammt durch das Beiſpiel Ihrer Ahnen, fühlen Sie das einem Sönancourt ſo natürliche Verlangen, den Kun⸗ den Zucker und Branntwein feil zu bieten.“ „Meine Mutter, es iſt mir ſchmerzlich, Sie mir vorwerfen zu hören . . .“ „Vorwürfe, Ihnen? Gott behüte mich, mein Herr! Sind Sie nicht der Beſte der Söhne! treiben Sie die Großmuth nicht ſo weit, daß Sie mich mit Ih⸗ rem ergötzlichen Handel aſſociren, um mich einen kleinen Profit einſacken zu laſſen? Doch mir fällt ein: eröffnen Sie Ihren Laden in Sénancourt, ſo würde meiner Anſicht nach Ihr Wappen mit Ihrer Herzogskrone darüber ſehr hübſch in Form eines 55 Schildes figuriren. Und da mir daran gelegen iſt, daß ich die Gratification, mit der ſie mich beehren, verdiene, ſo würde ich meinen Platz am Zähltiſch nehmen, oder Branntwein an meine Bauern ver⸗ kaufen. Es käme eine Menge, an den Markttagen beſonders. Die Herzogin Witwe von Sénancourt den Kunden einſchenkend! Schon deshalb käme man von zehn Meilen in der Runde. Der Verbrauch würde ſich hiedurch bedeutend vermehren. Das iſt auch eine ſehr ſchöne Speculation! Sollten Sie nicht daran gedacht haben?“ „Meine Mutter, erlauben Sie mir, Ihnen zu wiederholen, Sie beurtheilen die Dinge aus dem Geſichtspunkte der Vergangenheit, Sie müſſen ſie ſo beurtheilen; ich beurtheile ſie aus dem Geſichtspunkte der Gegenwart, und. „Hören Sie mich wohl an,“ erwiedert die vor⸗ nehme Dame mit kurzem Tone und mit einem Aus⸗ drucke, der die unbezwingliche Entſchloſſenheit ihres Charakters offenbarte: „Sollten Sie je. . . hören Sie? ſollten Sie je das Vergeſſen der mir ſchuldi⸗ gen Achtung ſo weit treiben, daß Sie es wagten, dieſem Einfalle, Ihre Fabrik auf meinen Gütern zu errichten, Folge zu geben, (mag dies Ihr Recht ſein oder nicht, darum bekümmere ich mich wenig), ſo würde ich meinen Leuten Befehl ertheilen, auf eine ſo ungeſchlachte Weiſe die Perſonen zu empfangen, die von Ihnen, um dieſes Etabliſſement auszuführen, abgeſchickt wären, daß ſie nicht mehr dahin kämen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort als redliche Frau!“ „Meine Mutter, ich hoffe, Sie werden nie zu ſolchen Mitteln Ihre Zuflucht zu nehmen haben. 56 Ich bitte, wollen Sie ſich erinnern, welchen Ge⸗ fahren Sie nicht nur Ihre Leute, ſondern auch ſich ſelbſt ausgeſetzt hätten, wären Sie bei der Aus⸗ ſteckung der Eiſenbahn durch Ihren Park dabei be⸗ harrt, vergebens Gewalt anwenden zu wollen, um ſich einer geſetzlichen Verpflichtung zu entziehen.“ „Ich bin einmal ſchwach geworden, ich werde diesmal nicht ſchwach werden, und, Tugend meines Lebens! wenn es ſein muß, wird man die Herzogin Witwe von Sönancourt im Alter von achtundſiebzig Jahren ins Gefängniß gehen ſehen, weil ſie ſich ei⸗ ner Abſcheulichkeit ihres Sohnes widerſetzen wollte.“ „Ich kenne die unbeugſame Feſtigkeit Ihres Cha⸗ rakters, meine Mutter, doch ich weiß gewiß, Sie werden meine Lage berückſichtigen. Dieſe iſt: im Glauben, von einem Rechte Gebrauch machen zu können, und beſonders überzeugt, die Errichtung dieſer Fabrik außerhalb des Schloſſes könne Ihnen in keiner Hinſicht unangenehm ſein, habe ich dieſes Geſchäft mit mehreren Aſſociés abgeſchloſſen, mein Wort, meine Unterſchrift gegeben; ich befände mich in einer unentwirrbaren Verlegenheit, müßte ich auf dieſes Unternehmen verzichten, und ich bin ent⸗ ſchloſſen, nicht darauf zu verzichten.“ Bei dieſen Worten ihres Sohnes bebt die Her⸗ zogin Witwe und ſchweigt einen Augenblick. Die vornehme Dame, da ſie ihren Sohn gegen ſie ſeinen Entſchluß, eine Fabrik in der Rähe des Schloſſes zu errichten, ausſprechen hört, fühlt ſich ſchmerzlich betroffen, nicht in ihrem Stolze, ſondern im Herzen. Sie bewältigt aber ihre Gemüthsbe⸗ wegung und erwiedert: — 57 „Ich glaube nicht ein Wort von dem, was Sie mir da ſagen, mein Herr.“ „Meine Mutter, ich ſchwöre Ihnen, daß .. „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, Sie ſpotten. Sie wollen mich glauben machen, bekannt mit mei⸗ nem Entſchluſſe, die wenigen Tage, die mir bleiben, in Sénancourt zuzubringen und im Frieden auf meinen Gütern zu ſterben, haben Sie nicht wenigſtens die nahe Stunde meines Todes abwarten können, um bei mir Ihre Fabrik zu errichten?... Nein, mein Herr, ich will nicht glauben, ich werde nie glauben, Sie haben ſich kalt die Alternative geſtellt: „„Ent⸗ weder wird meine alte Mutter, obgleich ſie ſich da⸗ gegen empört, die Nähe meiner Fabriken dulden ... oder ſie wird gehen und anderswo ſterben, fern von den Orten, die ihr aus ſo vielen Gründen theuer ſind.“ Ah! mein Herr, Ihr Herz iſt vertrocknet durch den Durſt nach Gewinn, ich gebe es zu; Sie werfen illuſtre Erinnerungen, glorreiche Beiſpiele Ihres Hauſes weg, ich geſtehe es; Sie widmen ſich aus Habgier gemeinen Geſchäften, ich erkenne es; aber, mein Herr, Sie ſind am Ende kein Ungeheuer von Selbſtſucht: Sie haben im Grunde Ihres Ge⸗ müthes die kindliche Ehrfurcht bewahrt.“ „Ich wiederhole Ihnen, meine Mutter,“ entgeg⸗ net Herr von Sénancourt Anfangs ſchmerzlich an⸗ gegriffen, dann aber einer Bewegung unwillkürlicher Ungeduld nachgebend, „ich habe meine Unterſchrift für dieſes Geſchäft gegeben. Gott iſt mein Zeuge, daß ich anders gehandelt haben würde, hätte ich den wahrhaft unbegreiflichen Widerwillen, den Ihnen die Nähe dieſer Fabrik verurſacht, vorherſehen können; „ 58 doch die Sache iſt geſchehen; es würde mich, wollte ich den Vertrag brechen, bedeutenden Schadenerſatz koſten; ich kann mich aber nicht zu Grunde richten, um, erlauben Sie mir, Ihnen dies zu ſagen, leere Vorurtheile zu befriedigen.“ „Alſo,“ verſetzt die vornehme Dame entrüſtet, „alſo die Ehre, die kindliche Ehrfurcht ſind in Ihren Augen Vorurtheile?“ „Ei! meine Mutter, ich bin von meinem Jahr⸗ hundert! Wir leben nicht mehr in den Zeiten, wo man einen Edelmann als entehrt betrachtete, weil er ſich dem Handel widmete.“ „Mein Herr, was den Edelmann entehrt, iſt nicht der Handel, es iſt die ſchmähliche Habgier, von der Sie beſeſſen ſind. Treibt ein Menſch ohne Geburt, ohne Erbgut Handel, um ſich zu be⸗ reichern, ſo thut er wohl daran, und wenn er ſich ehrlich benimmt, ſo achte ich ihn.“ „Ich lege den höchſten Werth auf Ihre Achtung; ich glaube derſelben nicht unwürdig zu ſein .. .“ „Meine Achtung Ihnen, der Sie, nicht zufrieden mit einem bedeutenden ererbten Vermögen, das mehr als genügend, um als vornehmer Herr zu leben, nur darauf bedacht ſind, eine unerſättliche Habgier zu befriedigen! Meine Achtung Ihnen, der Sie die⸗ ſer Gierde die fromme Ehrfurcht vor dem väter⸗ lichen Hauſe, die Ruhe meiner letzten Tage, die Zu⸗ kunft Ihrer Kinder opfern, denn nichts iſt weniger von Beſtand, als dieſe tollen Speculationen, die mir eben ſo viel Widerwillen als Furcht einflößen.“ „Sie ſprechen von meinen Kindern. Mein Gott, Mutter, würde ich mich auf den Genuß meines er⸗ 59 erbten Vermögens beſchränkt haben, ſtatt auf die Vermehrung deſſelben bedacht zu ſein, wie hätte ich Tancred und Valentine ausſtatten können? Was hätte ich Jedem zur Verheirathung gegeben? höch⸗ ſtens zwanzig bis fünfundzwanzig tauſend Livres! Kann man in unſern Tagen mit einer ſolchen Mit⸗ gift ſeine Kinder anſtändig verheirathen?“ „Was höre ich! Ah! der Doctor Max ſprach die Wahrheit: das iſt Schwindel, das iſt Wahnwitz! Valentine und Tancred, jung, reizend, voll guter Eigenſchaften, mit einem der ſchönſten Namen Frank⸗ reichs geſchmückt, und mit fünfundzwanzig tauſend Livres Einkommen ausgeſtattet, keine anſtändige Ver⸗ heirathung finden! Tugend meines Lebens! was für ein abſcheuliches Jahrhundert iſt denn das? Es iſt nicht das Fieber der Habgier, von dem es ver⸗ zehrt wird: Fieber iſt zu edel; es iſt der Ausſatz, es iſt die Krätze, es iſt das Gemeine im Häßlichen! und ich ziehe das Entſetzliche dem Gemeinen, den Tiger der Kröte vor! Gott vergebe mir, ich ziehe, glaube ich, die Zeit der Schreckensregierung dieſer ſchändlichen Epoche vor. Das war gräßlich, aber groß, 93! Ich haßte Robespierre; ich konnte ihn nicht verachten. Er ſchnitt die Köpfe ab, nicht die Börſen, und blieb rein, unbeſtechlich. Maſſacrirten uns die Jacobiner, ſo liefen ſie mit bloßen Füßen an die Gränze, um zu kämpfen, als Helden, als Wüthende zu ſterben, nicht um ſich zu pereichern, ſondern für den Triumph einer Idee, ihrer hölliſchen Republik. Oh! mein Herr, ich habe dieſen furcht⸗ baren Tagen getrotzt, um Ihr Erbe zu ſchützen, und beim Gedanken, mein Tod würde Sie als Waiſe 60 zurücklaſſen, hat oft mein Herz vor Bangigkeit ge⸗ ſchauert, vor Angſt gebebt, aber nie, nie iſt es mir damals wie heute vor Verachtung und Ekel übel geworden.“ Herr von Sönancourt bleibt niedergeſchmettert durch dieſe erſchrecklichen Worte ſeiner Mutter, deren funkelnden Blick er nicht aushalten kann. Plötzlich horcht der Herzog gegen außen, wo man den Lärmen eines lebhaften Streites hört. Beinahe in demſelben Augenblicke öffnet ſich die Thüre heftig vor einer neuen Perſon, gegen die ſich vergebens ein Kam⸗ merdiener wehrt, um ihr den Weg zu verſperren. X. Dieſe neue Perſon, welche ſo gewaltſam beim Herrn Herzog von Sönancourt eindrang, war Herr Louis Loubin, ein Mann von reiferem Alter, ſehr anſtändig gekleidet; ſein, dem Anſcheine nach, offe⸗ nes, treuherziges Geſicht zeugte von einer großen Aufregung. Die letzten bittern Empfindungen der Herzogin weichen dem Erſtaunen verurſacht durch dieſen Lärmen, der ſo ärgerlich für die vornehme Dame, welche die Ruhe, die Ordnung und die Ehr⸗ erbietung um ſich her herrſchen zu ſehen gewohnt iſt. Ihr Sohn macht raſch ein paar Schritte gegen Herrn Loubin und fragt zugleich den Kammerdiener: „Was für ein Lärm iſt das?“ „Dieſer Herr wollte mit Gewalt herein,“ erwie⸗ dert der Kammerdiener; „ich ſagte ihm doch, der Herr Herzog ſei nicht ſichtbar.“ „Mein Herr,“ ſpricht mit ſtolzem Tone Herr 61 von Sénancourt, indem er einen Schritt gegen Herrn Loubin macht, „es iſt unbegreiflich, daß Sie ſich erlaubten, ſo meine Thüre zu forciren! Wer ſind Sie? was wollen Sie?“ „Wer ich bin?“ antwortet der Eindringling mit wachſendem Zorne. „Ich bin Loubin! und zu mei⸗ nem Unglück Actionär Ihrer erbärmlichen Conſtan⸗ tine⸗Tabake! Was ich will? Mein Geld!“ „Ihr Geld?“ verſetzt Herr von Sénancourt ſehr erſtaunt. „Was ſoll das bedeuten, mein Herr?“ „Wie! was das bedeuten ſoll?“ ruft Herr Lou⸗ bin. „Ah! weil Sie und Ihr Herr Coquard mir ganz das Ausſehen von zwei Robert Macaire haben, halten Sie mich für einen Gogo?...“ „Mein Herr,“ ſpricht lebhaft der Herzog von Sénancourt, in Verzweiflung, ſeine Mutter Zeuge dieſes neuen Vorfalls zu ſehen, „vergeſſen Sie, von wem Sie reden?“ „Glauben Sie nicht, Sie können mir mit Ihrem Titel imponiren, mein Herr!“ entgegnet Herr Lou⸗ bin; „obgleich Herzog, bleiben Sie doch verantwort⸗ lich für die Handlungen der Geſellſchaft, deren Prä⸗ ſident Sie ſind. Ich bin ein ehrlicher Familienvater; dieſer Titel iſt ſo viel werth als ein anderer, ver⸗ ſtehen Sie wohl, Herr Herzog?“ „Mein Herr!“ „Voll Vertrauen zu Ihrer Ehrenhaftigkeit, habe ich in Ihren Tabaken meine Erſparniſſe, die Früchte meiner Arbeit angelegt, welche die Ausſteuer meiner Kinder ſein ſollten. Und nun verbreitet ſich das Gerücht, dieſes Geſchäft, bei dem ich mich im Glan⸗ ben an Ihren Namen betheiligt habe, könnte wohl 62 nur eine niederträchtige Prellerei ſein, und in dieſem Falle wären wir betrogen.“ Die Herzogin Witwe hat dieſes Geſpräch mit einer ſchmerzlichen Verwunderung angehört. Bei den letzten Worten des Actionärs, der Herrn von Sénancourt der Mitſchuld an einer niederträchtigen Prellerei bezüchtigt, bebt die vornehme Dame, drückt ihre Hände an ihr Geſicht, und wendet ſich dann bleich und wie beſtürzt nach der Thüre. „Meine Mutter!“ ruft mit Bangigkeit Herr von Sönancourt, indem er auf die Herzogin zugeht, „ich bitte! hören Sie mich an! glauben Sie nicht .. Die Herzogin Witwe wendet ſich entrüſtet, drohend um; mit einer niederſchmetternden Geberde verbietet ſie ihrem Sohne, ihr zu folgen. Und Herr von Sénancourt bleibt tief betrübt allein mit dem Actio⸗ när der Conſtantine⸗Tabake. X. Herr Loubin, nachdem er aufmerkſam und ſtill⸗ ſchweigend die Herzogin Witwe und ihren Sohn be⸗ obachtet hatte, lächelt; die verſtellte Entrüſtung, von der ſein Geſicht belebt war, macht einem Ausdrucke ie Schlauheit Platz, und er ſagt zu ſich ſelbſt: „Ah! die Mutter iſt hier? Deſto beſſer! das ſteht mir an!“ Dann nimmt Herr Loubin die Maske des ent⸗ rüſteten ehrlichen Mannes wieder an und ſpricht laut zu Herrn von Sénancourt, der noch von ſeinen pein⸗ lichen Eindrücken niedergebeugt iſt: 63 „Mein Herr! Sie müſſen zur Stunde .. . „Gehen Sie!“ ruft der Herzog außer ſich; „gehen Sie, mein Herr! Haben Sie Reclamationen zu ma⸗ chen, ſo wenden Sie ſich an den Verwaltungsrath; bei ſeiner erſten Verſammlung wird er Ihnen ant⸗ worten.“ „Dann wird es wohl Zeit ſein!“ verſetzt Herr Loubin. „Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, es verbreitet ſich das Gerücht, Ihre Geſellſchaft für Conſtantine⸗Tabake, mit dem angeblichen Fonds von zwei Millionen, repräſentire keine hunderttauſend Franken. Ich komme alſo im Namen der Mehrzahl der Actionäre und als ihr Bevollmächtigter, um mich des Zuſtandes der Dinge zu verſichern. Man ſpricht von officiellen, aus Algerien überſandten Documen⸗ ten, welche mißlich für Sie wären. Ich habe noch keine genauere Kenntniß von dieſen Nachrichten er⸗ halten, doch unſere Beſorgniß iſt groß! Wir haben im Vertrauen auf Ihren Namen, den wir für höchſt ehrenwerth halten mußten, unſere Kapitalien in Ihrem Unternehmen angelegt; ich erkläre Ihnen aber, mein Herr, wir laſſen uns nicht bei lebendigem Leibe rupfen, ohne zu ſchreien.“ „Ei! mein Herr, iſt es meine Schuld, wenn Sie albernen Gerüchten Glauben ſchenken? Habe ich mich nicht ſelbſt mit ſehr beträchtlichen Kapitalien bei die⸗ ſem Unternehmen betheiligt? Ich hielt es glſo, ich halte es noch für vortrefflich.“ „Einverſtanden, Herr Herzog,“ erwiedert Herr Loubin, der ſich nach und nach zu beſchwichtigen ſcheint; „doch dieſe beunruhigenden Gerüchte haben eine ſolche Conſiſtenz erlangt, daß es für Sie eben 6⁴ ſo wichtig iſt als für uns, zu beweiſen, ſie entbehren jeder Begründung.“ Der Kammerdiener kommt wieder in den Salon und meldet ſeinem Herrn: „Herr Louis Morel wünſcht den Herrn Herzog zu ſprechen.“ „Bitten Sie ihn, einzutreten,“ antwortet Herr von Sénancourt. Und ſich an Herrn Loubin wendend: „Mein Herr, wollen Sie heute Abend um fünf Uhr wiederkommen; ich bin ſicher, Ihnen dann be⸗ weiſen zu können, daß die Gerüchte, denen Sie mit einer unbegreiflichen Leichtigkeit Glauben geſchenkt haben, eben ſo albern, als verleumderiſch ſind.“ „Heute Abend alſo, Herr Herzog,“ erwiedert Herr Loubin mit einer ſcheinbaren Treuherzigkeit. „Sie begreifen, ich verlange nichts Anderes, als an die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens zu glauben; und iſt ſie mir klar erwieſen, wie Sie mich hoffen laſſen, ſo werde ich mich beeilen, die Ausdrücke zu⸗ rückzunehmen, durch die Ihre Empfindlichkeit verletzt ſein mußte. Doch Sie werden meiner Furcht in Gegenwart von ſo beunruhigenden Gerüchten Rech⸗ nung tragen. Ich bin ein ehrlicher Familienvater; ich habe bei dieſem Unternehmen die Ausſteuer mei⸗ ner Kinder angelegt, und ich . „Mein Herr, ehe Sie ſich zum Echo dieſer beun⸗ ruhigenden Gerüchte machten, hätten Sie Erklärun⸗ gen, Beweiſe abwarten müſſen, die Sie, ich wieder⸗ hole es, völlig beruhigen werden.“ „Mein Herr Herzog,“ ſpricht Herr Loubin, in⸗ dem er ſich verbeugt, „ich werde die Ehre haben, bald wiederzukommen.“ 65 „Gut, mein Herr.“ In dieſem Augenblicke wird Herr Louis Morel vom Kammerdiener eingeführt. „Wetter!“ ſpricht Herr Loubin, während er ſich nach der Thüre wendet, zu ſich ſelbſt, „wenn nur dieſer verteufelte Herzog Herrn Morel nicht um Rath fragt! er iſt ein reicher Mann, redlich, aber ſehr ge⸗ wandt in Geſchäften; er könnte Alles verderben. Zum Glücke,“ fügt Loubin abgehend bei: „zum Glücke iſt Herr Coquard da . . . er iſt gut da! und das Uebrige geht ihn an.“ XII. Herr Louis Morel, damals ungefähr ſechsund⸗ zwanzig Jahre alt, einer der ausgezeichnetſten Zög⸗ linge der polytechniſchen Schule, hatte Anfangs die Laufbahn eines Ingenieurs der Bergwerke ergriffen, ſodann aber auf dieſe officielle Stellung verzichtet, um ſich ausſchließlich der Ausbeutung einer, auf die Induſtrie anwendbaren, ſcientiviſchen Entdeckung zu widmen, die er ſeinem Genie zu verdanken hatte. Begabt mit einem eben ſo anziehenden als diſtin⸗ guirten Aeußern, verband Herr Louis Morel mit den delſten Eigenſchaften des Herzens einen eminenten Geiſt und einen Charakter von ſeltener Erhabenheit. Der junge Mann war in dieſem Augenblicks von einer tiefen Gemüthsbewegung ergriffen, indem er bedachte, daß das Glück ſeines Lebens und das ſei⸗ ner Schweſter von ſeiner nahen Unterredung mit Herrn von Sénancourt abhing, an den er einen doppelten Heirathsantrag richten wollte. Sue, der Teufel als Arzt. I. 5 66 Anfangs eben ſo erſtaunt als aufgebracht über die unvorhergeſehenen Reclamationen von Herrn Lou⸗ bin, beruhigte ſich nach und nach der Herzog, ſeiner Redlichkeit, ſeiner Ueberzeugung von der Vortrefflich⸗ keit des Unternehmens der Conſtantine⸗Tabake vertrauend; er betrachtete die vom Actionär erwähn⸗ ten Gerüchte als das Reſultat der Manveuvres eines Speculanten, welcher danach trachte, für den Augenblick die Actien der Geſellſchaft, deren Präſident er war, herabzuſetzen, um ſie en baisse zu kaufen; indeſſen, des ärgerlichen Eindrucks gedenkend, der gegen ihn im Geiſte ſeiner Mutter bleiben mußte, welche Zeuge der beleidigenden Anſchuldigungen des Activnärs ge⸗ weſen war, und hierüber in Betrübniß verſunken, empfing Herr von Sénancourt Louis Morel mit einer unwillkürlichen Zerſtreuung, von der er jedoch bald das Bewußtſein hatte. Er reichte ihm auch herzlich die Hand und ſagte: „Verzeihen Sie, mein Freund, doch Sie wiſſen, ich bin in einen ſolchen Strom von Geſchäften ge⸗ ſchleudert . .. nicht wahr, Sie entſchuldigen mich, daß ich ſo zerſtreut war?“ „Ich ſtehe zu Ihren Befehlen, mein Herr,“ er⸗ wiedert Louis Morel, ſich ehrerbietig verbeugend. „Ich hätte mit Ihnen über einen wichtigen Gegen⸗ ſtand zu reden . . . Darf ich es wagen, Sie zu bit⸗ ten, momentan Ihre Thüre ſchließen zu laſſen, damit wir nicht geſtört werden?“ „Gewiß, mein Freund,“ antwortet Herr von Söénancourt, indem er die Klingelſchnur zieht. „Es erwartet mich Jemand in meinem Cabinet, doch ich bin zu Ihrer Verfügung.“ 67 Und zu dem Kammerdiener, der gerade einge⸗ treten iſt: „Bitten Sie Herrn Coquard, noch einige Augen⸗ blicke in meinem Cabinet auf mich warten zu wollen.“ „Ja, Herr Herzog.“ „Sagen Sie bei der Thüre, ich ſei für Niemand zu Hauſe, durchaus für Niemand.“ Und ſich gegen Herrn Morel umwendend: „Nun ſind wir allein, mein lieber Freund; um was handelt es ſich?“ XIII. Louis Morel ſammelt ſich einen Augenblick und ſpricht dann zu Herrn von Sénancourt mit ernſtem und leicht bewegtem Tone: „Herr Herzog, ſeit mehr als zwei Jahren habe ich die Ehre, in Geſchäftsverbindung mit Ihnen zu ſtehen. Ich habe Ihr Vertrauen, ich wage es bei⸗ zufügen, Ihre Achtung verdient.“ „Und meine Freundſchaft, meine lebhafte Freund⸗ ſchaft. Sie ſind einer der Männer, die ich liebe, die ich am meiſten ehre, mein beſter Morel.“ „Ihre Aeußerung ermuthigt mich . . „Ermuthigen, wozu?“ „Sie mit dem Gegenſtande dieſer Unterredung bekannt zu machen. Erlauben Sie mir, Herr Her⸗ zog, Ihnen mit ein paar Worten meine Lage aus⸗ einander zu ſetzen. Mein Vater hat mir, in Erman⸗ gelung von Vermögen, einen geachteten Namen hin⸗ terlaſſen.“ „Herr André Morel war eines der ausgezeich⸗ netſten Mitglieder der Academie der Wiſſenſchaften, 68 und Sie, mein Freund, gehen würdig in ſeinen Fuß⸗ ſtapfen. Doch warum rufen Sie Familienerinnerun⸗ gen herbei?“ „Ich bin im Begriffe, Ihnen dies zu erklären, Herr Herzog. Mein Vater hat uns, meine Schwe⸗ ſter und mich, als arme Waiſen zurückgelaſſen.“ „Ihr Benehmen gegen Ihre Schweſter iſt bewun⸗ derungswürdig geweſen. Die Erziehung, die Sie ihr geben ließen, hat ſie zu einer der vollendetſten jungen Perſonen gemacht, die ich kenne, und kürzlich erſt führte Frau von Sénancourt Valentine als Muſter Ihre reizende Schweſter an.“ Lächelnd erwiedert Louis Morel: „Abermals eine Ermuthigung, Herr Herzog.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Erlauben Sie mir, mit zwei Worten zu vollen⸗ den. Die induſtrielle Entdeckung, mit der Sie gütigſt Ihren Sohn aſſpeirten, hat mich über meine Hoff⸗ nungen bereichert. Ich beſitze ungefähr achtmalhun⸗ derttauſend Franken. Ich beſtimme die Hälfte dieſer Summe meiner Schweſter zur Ausſteuer.“ „Oh! mein Freund,“ ſpricht der Herzog bewegt, indem er Louis Morel die Hand reicht, „ich müßte nicht überraſcht ſein durch das, was Sie mir ſagen, dieſe zarte Großmuth hat nichts Erſtaunliches für den, der Sie kennt, der Sie ſchätzt. Dennoch muß ich Ihnen geſtehen, dieſer ſchöne Zug vermehrt, wenn es möglich iſt, meine Zuneigung für Sie, meine tiefe Achtung für den Adel Ihres Charakters.“ „Dieſe ſo ſchmeichelhaften Worte von Ihnen, Herr Herzog, von Ihnen, deſſen hohe Stellung. ..“ „Meine Stellung?“ erwiedert der Herzog von 69 Sénancourt gemüthlich, „meine Stellung? Eil mein Gott! es iſt die Ihre. Bin ich nicht ganz einfach wie Sie ein Mann der Induſtrie? Ah! mein lieber Freund, warum ſind alte beklagenswerthe Vorurtheile leider noch ſo zäh bei gewiſſen Geiſtern? Gott ſei Dank, ich gehöre nicht zu dieſen Geiſtern; ich gehe mit meinem Jahrhundert, und ich ſchätze es mir zum Ruhme! Aber meine Mutter . . . meine Mutter! Sollten Sie es glauben? ſie macht mir als eine ſchmähliche Verletzung der Würde meiner Geburt die Speculationen zum Vorwurf, welche ... Doch ver⸗ zeihen Sie, mein Freund, laſſen Sie uns zu unſerer Unterredung zurückkehren. Sie haben mir Ihre edel⸗ müthige Abſicht, Ihre Schweſter auszuſtatten, mit⸗ getheilt: ſollten Sie dieſelbe nächſtens zu verheira⸗ then gedenken?“ „Ja, Herr Herzog.“ „Glücklich unter den Glücklichen wird derjenige ſein, welchen ſie gewählt hat! Und dieſe Wahl . .. wen hat ſie getroffen?“ „Den Bruder einer jungen Perſon, die ich ſeit zwei Jahren liebe, und um deren Hand ich mich zu bewerben wage.“ „Eine doppelte Heirath? . das wäre reizend! Ah! welche Wünſche hege ich für Ihr Glück! Doch ich bedenke, Sie kommen vielleicht, um mich zu bit⸗ ten, ich möge den Eltern des jungen Mannes und der jungen Perſon bezeugen, was ich cles Gute von Ihnen halte?“ „Herr Herzog „ „Nicht wahr, ich habe errathen? Nun wohl! mein Freund, ich werde einfach der Familie, in die 70 Sie einzutreten wünſchen, ſagen: Ich möchte einen Schwiegerſohn und eine Schwiegertochter haben, welche ſo vortrefflich begabt wären, wie Herr Louis Morel und ſeine Schweſter.“ „Ah! Herr Herzog!“ ruft Louis Morel mit Er⸗ guß, „ich glaube kaum, was ich höre . „Was haben Sie denn? Dieſe Gemüthsbewe⸗ gung . dieſe Unruhe . . .5 „Die Worte, die Sie ausgeſprochen . . .“ „Welche Worte?“ „Oh! laſſen Sie mich dieſelben wiederholen,“ ſpricht Louis Morel entzückt; „ſie ſind das Unter⸗ pfand des Glückes meiner Schweſter und des meinen! Haben Sie nicht geſagt, Herr Herzog: „„Ich möchte einen Schwiegerſohn und eine Schwiegertochter haben, welche ſo vortrefflich begabt wären, wie Herr Louis Morel und ſeine Schweſter?““ „Allerdings, das iſt mein Gedanke!“ „Oh! Dank Ihnen!“ erwiedert Louis Morel mit —, einem Ausdrucke der tiefſten Erkenntlichkeit; „Dank Ihnen! Sie erfüllen meine theuerſten Wünſche.“ „Wie das?“ „Die junge Perſon, die ich ſeit zwei Jahren mit der innigſten, mit der ehrfurchtsvollſten Liebe liebe, iſt. . . Fräulein Valentine.“ „Meine Tochter!“ verſetzt Herr von Sénancourt erſtaunt; „meine Tochter!“ „Sie hat mir gütigſt erlaubt, Sie um ihre Hand zu bitten.“ „Volentine?“ „Ja, Herr Herzog, ſie theilt das Gefühl, das — 71¹ ſie mir einflößt, wie meine Schweſter die Zuneigung theilt, die Herr Tanered für ſie fühlt.“ „Wie!“ ſagt der Herzog von Sénancourt beſtürzt, „Tancred . . er auch?“ „Dieſen Morgen iſt er zu mir gekommen, um mich um die Hand meiner Schweſter zu bitten und mir mitzutheilen, Fräulein von Sénancourt ermäch⸗ tige mich, den Schritt zu verſuchen, welchen ich bei Ihnen zu thun die Ehre habe, und den Sie zum Voraus mit eben ſo viel Güte als Nachſicht aufnah⸗ men, indem Sie mir die Worte erwiederten, die mein Herz vor Freude ſpringen machen. Ah! ſie ſind für mich der ſüßeſte Lohn meiner Arbeiten, meiner An⸗ ſtrengungen, um den Namen meines Vaters würdig zu tragen, um mich ſtets als rechtſchaffener Mann zu benehmen! Sagten Sie nicht: „„Ich möchte einen Schwiegerſohn und eine Schwiegertochter haben, welche ſo vortrefflich begabt wären, wie Sie und Ihre Schweſter, Herr Louis Morel?““ Ich bitte, Herr Herzog, entſchuldigen Sie meine tiefe Gemüthsbe⸗ wegung .. das Wort fehlt dem Ausdrucke gewiſſer Gefühle.“ Louis Morel hat dieſe Worte mit gebrochener Stimme ausgeſprochen, er drückt die Hand an ſeine von Thränen befeuchteten Augen und ſchweigt einen Moment. XIV. Der Herzog von Sönancourt hatte den jungen Induſtriemann mit wachſendem Erſtaunen angehört, und wie aus den Wolken fallend, fragte er ſich, ob 72 Louis Morel den Verſtand verliere. Er! ſich um die Hand von Fräulein von Sénancourt bewerben! Die Möglichkeit einer ſolchen Heirath annehmen, war das nicht von Seiten des jungen Mannes das Ueber⸗ maß von Dünkel oder Verrücktheit! „Ah! wir leben in ſeltſamen Zeiten!“ ſagte nai⸗ ver Weiſe zu ſich ſelbſt Herr von Sénancourt, als Louis Morel mit einer vor Aufregung bebenden Stimme fortfuhr: „Verzeihen Sie, Herr Herzog, zuweilen drückt uns der Kummer eben ſo ſehr als das Glück zu Boden, und . . .“ „Mein lieber Herr Morel,“ erwiedert der Herzog von Sénancourt mit innigem Tone, „ich habe Ihnen eine Million Entſchuldigungen zu machen.“ „Wie! mein Herr?“ „Ich bedaure, durch Worte, deren Sinn Sie nicht genau begriffen, den Anſchein gehabt zu haben, als ermuthigte, verwirklichte ich Hoffnungen, welche, glau⸗ ben Sie das mir,“ und er drückt dem jungen Manne liebreich die Hand, „welche zu zerſtören mir höchſt peinlich iſt.“ „Was höre ich?“ „Oh! gewiß, wenn ich meine Kinder verheirathen wollte, ſo möchte ich gern bei meinem Schwiegerſohne und bei meiner Schwiegertochter die ſeltenen Ver⸗ dienſte finden, die Sie ſowie Ihre Fräulein Schwe⸗ ſter auszeichnen; doch Tancred und Volentine ſind noch zu jung, als daß ich an ihre Verſorgung den⸗ ken könnte.“ Im Herzen getroffen durch eine Weigerung, die er aus vielen Gründen ſo wenig vorherſah, findet 73 Louis Morel in der erſten Betäubung ſeines Schmer⸗ zes kein Wort zu erwiedern und bleibt niedergeſchla⸗ gen durch dieſe erſchreckliche Enttäuſchung. Herr von Sénancourt aber, ein vortrefflicher Menſch, trotz ſeines Raceſtolzes, wurde in voller Auf⸗ richtigkeit vom Mitleid ergriffen durch den Kummer von Louis Morel, den er wirklich für den bravſten Mann der Welt hielt, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Armer Junge! es ſchmerzt mich tief, daß ich ihm Kummer verurſache, aber was antworten auf einen exorbitanten, unerhörten Antrag? Zum Glücke iſt meine Weigerung auf einen ſcheinbaren Vorwand gegründet und hat nichts Verletzendes. Doch wie konnten ſich Tancred und Valentine, ſo gut geboren, ſo gut erzogen, dergeſtalt vergeſſen, daß ſie die un⸗ ziemlichen Prätenſionen von Herrn Morel und ſei⸗ ner Schweſter geſtatteten? Wahrhaftig, man muß in unſeren Tagen leben, um einem ſolchen Umſturze der legitimen Schranken beizuwohnen, die ſich zu jeder Zeit zwiſchen den verſchiedenen Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft erhoben haben! Es gibt alſo keinen Unter⸗ ſchied, keinen Rang, keine Geburt mehr? Alles iſt alſo verwirrt, umgekehrt? Wohin gehen wir, das frage ich, wohin gehen wir?“ XV. Die Enttäuſchung von Louis Morel war ſo grau⸗ ſam, es ſchien ihm ſo entſetzlich für ihn und für ſeine Schweſter, für immer auf ihre theuerſten Hoff⸗ nungen zu verzichten, daß er mit bebender Stimme erwiederte: 74 „Herr Herzog, ich appellire an Ihre Aufrichtig⸗ keit, feſt überzeugt, daß ſie ſich mir nicht entziehen wird. Sie lehnen die Bitte ab, die ich an Sie zu richten die Ehre habe, weil, ſagen Sie, Fräulein Valentine und Herr Tancred zu jung ſeien, um zu heirathen?“ „Gewiß, mein lieber Herr Morel, und das wer⸗ den Sie ſelbſt zugeben. Mein Sohn iſt kaum zwei⸗ undzwanzig Jahre alt, meine Tochter achtzehn; das ſind Kinder.“ „Mehr als irgend Jemand, mein Herr, weiß ich, wie der väterliche Wille verehrt, befolgt werden muß. Die zu große Jugend von Fräulein Valen⸗ tine und Herrn Tancred, ſagen Sie, ſei das einzige Hinderniß gegen ihre Heirath? In dieſem Falle.. werden wir, meine Schweſter und ich, voll Ehrfurcht für Ihre Entſcheidung, voll Glauben an ein un⸗ veränderliches Gefühl, voll Vertrauen zur Zukunft warten.“ — „Mein lieber Herr Morel,“ antwortet Herr von Sénancourt verlegen, „Sie haben an meine Offen⸗ herzigkeit appellirt: es iſt meine Pflicht, vollkommen aufrichtig mit Ihnen zu reden. Ich habe Ihnen geſagt, wie ſehr ich Sie und Ihr Fräulein Schwe⸗ ſter hochſchätze; meine Weigerung darf Sie alſo durch⸗ aus nicht verletzen. In dieſer Ueberzeugung erkläre ich Ihnen, ohne anzuſtehen, daß die doppelte Hei⸗ 3 rath, an die Sie zu denken die Güte hatten, immer unmöglich ſein wird.“ — — Getäuſcht in ſeiner unbeſtimmten letzten Hoffnung, bebt Louis Morel und beugt völlig niedergeſchlagen 75 das Haupt. Bewegt durch dieſen ſtummen Schmerz, ſagt Herr von Sénancourt zu ſich ſelbſt: „Ah! ich brauche Muth, um würdig die ſtrengen Pflichten des Familienvaters zu erfüllen.“ Und er ſpricht laut: „Ich vermöchte Ihnen nicht zu oft zu wieder⸗ holen, mein lieber Herr Morel, wie ſehr ich troſtlos darüber bin, daß ich Ihren Antrag nicht gutheißen kann, doch ich habe ſeit langer Zeit andere Abſichten für die Verſorgung meiner Kinder. Ich glaube, daß Sie ein wackerer Mann in der vollen Bedeutung des Wortes ſind; ich weiß, was man Alles von der Erhabenheit und Feſtigkeit des Charakters Ihrer Schweſter erwarten darf; ich bezweifle auch nicht, die peinliche Nothwendigkeit, in der ich mich ſehe, Ihre Anerbietungen nicht genehm zu halten, berückſichtigend, werden Sie und Fräulein Morel im Herzen meiner Kinder eine entſtehende Neigung erlöſchen laſſen, die ſie bei der großer Jugend natürlichen Beweglichkeit bald vergeſſen werden.“ „Sie ſchätzen hierin meine Schweſter und mich, wie wir verdienen, daß Sie es thun, Herr Herzog,“ erwiederte edel Louis Morel; „es wäre unwürdig von uns, nicht redlich, völlig auf jede Hoffnung zu verzichten.“ Der junge Mann ſchickte ſich an, wegzugehen, nachdem er ſich vor Herrn von Sénancourt verbeugt hatte; doch dieſer hielt ihn bei der Hand zurück und ſagte zu ihm: „Mein lieber Freund, Sie werden mir nicht die Beleidigung anthun, einen Augenblick zu bezweifeln, 76 daß die Verweigerung in keiner Hinſicht etwas an meiner tiefen Achtung für Sie ändert?“ „Ich glaube es leicht,“ antwortet Louis Morel mit Würde, während Herr von Sénancourt, immer in ſeinen Händen die Hand des jungen Mannes be⸗ haltend, beifügt: „Es verſteht ſich auch von ſelbſt, daß unſere Ge⸗ ſchäftsbeziehungen fortdauern werden?“ „Es wird ſein, wie Sie es wünſchen, mein Herr.“ „Nur werden Sie, ſtatt ſich die Mühe zu ge⸗ ben, täglich zu mir zu kommen, mir erlauben, daß ich zu Ihnen gehe?“ „Ich werde immer zu Ihrer Verfügung ſein, mein Herr.“ „Sodann werden Sie begreifen, nicht wahr, daß es nicht mehr ſchicklich wäre, wenn mein Sohn Ihr Aſſocié bliebe? Ihr Fräulein Schweſter wohnt in Ihrem Hauſe, und...“ „Sie kommen meinem Gedanken zuvor, mein Herr; ich wollte Ihnen bemerken, daß meine Aſſo⸗ ciation mit Herrn Tancred nicht mehr möglich ſei.“ „Aber,“ ſpricht lebhaft Herr von Sénancourt, der unter ſeiner ariſtokratiſchen Befangenheit ſeine induſtriellen Intereſſen nicht vergaß, „aber es ver⸗ ſteht ſich auch, daß ich die Anlage meiner Kapitalien in Ihrer Fabrik immer behalte?.. Das Geſchäft iſt vortrefflich,“ fügt naiver Weiſe der Herzog bei; dann ſich verbeſſernd: „und es iſt mir beſonders daran gelegen, daß ſich keine unſerer früheren Ver⸗ bindungen löſt.“ „Wie es Ihnen beliebt, mein Herr.“ 77 Plötzlich öffnet ſich die Thüre des Salon, und Herr Coquard tritt ungeſtüm ein und ruft: „Bei meiner Treue, Herr Herzog, die Geduld hat Gränzen! ich bin es müde, eine Ewigkeit in Ihrem Cabinet zu warten.“ „Verzeihen Sie, ich ſprach über wichtige In⸗ tereſſen mit Herrn Morel.“ Und dem jungen Manne freundlich die Hand reichend: „Morgen! Ich werde Sie bei Ihnen aufſuchen, lieber Freund.“ Louis Morel nimmt die Hand des Herzogs nicht an, verbeugt ſich vor ihm und geht ab, indem er zu ſich ſelbſt mit Bitterkeit ſagt: „Oh! der Raceſtolz! man vergißt ihn einen Au⸗ genblick, wenn es das Intereſſe, die Gewinnſucht ge⸗ bieten! Fahret hin, Illuſionen!. arme Schweſter!“ XVI. Herr von Sénancvurt, der mit Herrn Coquard allein geblieben, iſt Louis Morel mit dem Blicke ge⸗ folgt. „Er hat die Hand, die ich ihm reichte, nicht ge⸗ nommen; er iſt erzürnt,“ dachte der Herzog; „doch er iſt ein zu wackerer Mann, um in pecuniärer Hin⸗ ſicht unſere Verbindung zu brechen. Das iſt meine beſte Anlage: faſt vierzehn Procent.“ „Ah! mein lieber Herzog,“ ſpricht Coquard, „kann man endlich mit Ihnen reden?“ „Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um mit Ihnen über eine Angelegenheit zu reden, welche ziem⸗ lich ernſt, wenigſtens dem Anſcheine nach, ich be⸗ 78 zweifle es nicht. Wiſſen Sie, was in Betreff un⸗ ſeres Tabakgeſchäftes vorgeht?“ „Oh! ich weiß es wohl!“ ſagt Herr Coquard zu » ſich ſelbſt, und er fügt laut bei: „Um was handelt es ſich denn?“ „Einer von den Hauptintereſſenten bei unſerer Geſellſchaft iſt, wie er ſagt, bevollmächtigt von der Mehrzahl der Actionäre, vorhin zu mir gekommen und hat unbegreifliche Vorwürfe an mich gerichtet, behauptend, es ſeien die ärgerlichſten Gerüchte hin⸗ ſichtlich unſeres Unternehmens im Umlaufe. Das hat mich Anfangs beunruhigt; doch ich beſchwichtigte mich, indem ich bedachte, daß es ſich offenbar um ein Börſenmanveuvre handelt. Man muß nichts⸗ deſtoweniger dieſen Verdacht kurz abſchneiden; er kann „ moraliſch und materiell meinem Namen und unſeren Intereſſen großen Nachtheil bringen.“ „Ah!“ ſagte Coquard zu ſich ſelbſt, „ah! Herr Herzog, Deine Mutter wollte mich vor die Thüre werfen laſſen! und die vor dem hölliſchen Doctor Max, der ganz Paris kennt und meine Demüthigung von Haus zu Hauſe tragen wird! Gut! ich will den ſaftigen Früchten des Lärmfiſchfangs *) die Süſ⸗ ſigkeiten der Rache beifügen. Mein Gevatter Loubin hat die Wege angebahnt... Vorwärts!“ Herr von Sénancourt, da er Herrn Coquard ſtillſchweigend bleiben und Merkmale einer wachſen⸗ *) Chantage, Fiſchfang, wobei man Lärmen macht, um die Fiſche zu veranlaſſen, in die Retze zu gehen. 79 den Aufregung affectiren ſieht, ſchaut ihn mit Er⸗ ſtaunen an und ſagt zu ihm: „Sie ſcheinen beunruhigt; was haben Sie?“ „Was ich habe,“ erwiedert Herr Coquard aus⸗ brechend; „Bézuchet iſt eine abſcheuliche Canaille!“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Oh! mein armer Herzog!“ „Wie?“ „Wir ſind grauſam betrogen worden; heute Mor⸗ gen habe ich hierüber Gewißheit erlangt; das wollte ich Ihnen in aller Eile mittheilen.“ Und mit ver⸗ doppeltem Zorne: „Schurkiſcher Bézuchet!“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Der Actionär von vorhin beklagte ſich mit vollem Rechte; unſere Conſtantine⸗Tabake ſind eine Schwin⸗ delei, ein offenbarer Betrug!“ Einen Augenblick ſtumm vor Beſtürzung, ruft Herr von Sénancourt: „Großer Gott! was höre ich?“ „Dreifache Canaille Bézuchet,“ verſetzt Herr Co⸗ quard. „Heilloſer Schwindler!“ „Aber, mein Herr, Sie verlieren den Verſtand!“ ſpricht, nachdem er eine Minute überlegt hat, Herr von Sénancourt, da er nicht an dieſe unerwartete Offenbarung glauben kann. „Sie vergeſſen alſo die ſo genauen Notizen, die Studien, die Anſchläge in Betreff der Cultur und der Werthverleihung der Pflanzungen? die Zeugniſſe unterzeichnet von ehrenwerthen Pflanzern von Algerien, welche ver⸗ ſichern, der Ertrag dieſer Tabake könne ſich jähr⸗ lich auf fünf bis ſechsmal hunderttauſend Livres belaufen? Dieſer Bezuchet endlich, Ihr Freund, 80 hat er nicht, nachdem er mehrere Reiſen an Ort und Stelle gemacht, dem Verwaltungsrathe die befrie⸗ digendſten Berichte über den Stand der Dinge vor⸗ gelegt?“ „Lauter Lügen, Betrügereien, Erfindungen von dieſem elenden Bézuchet! Er hat meine Argloſigkeit und die Ihre, mein lieber Herzog, benützt! Es ſcheint, mißtrauiſche Actionäre haben an den Präfecten von Algier geſchrieben. Er hat die Pflanzung durch Sachverſtändige ſchätzen laſſen; ſie kann jährlich nur für vier bis fünftauſend Franken abſcheulichen Tabak ertragen.“ „Iſt es möglich!“ ſtammelt Herr von Sénan⸗ court erbleichend; „aber, mein Herr, was Sie mir da ſagen, iſt entſetzlich!“ „Es iſt ſchändlich! und ich weiß nicht, wie man ſo bald hinter die Prellerei gekommen iſt! Doch der Menſch von vorhin, der ſchon, auf dem Wege dieſer traurigen Entdeckung, als Bevollmächtigter der Mehr⸗ zahl der Actionäre erſchienen iſt, muß ein Herr Loubin ſein. Sämmtliche Actien, außer den Ihrigen, mein armer Herzog, denn ich habe kürzlich die meinigen an ihn verkauft, ſind in ſeinen Händen; er hat ſie von allen Seiten zuſammengekauft, im Glauben, ein gutes Geſchäft damit zu machen. Denken Sie ſich ſeine Wuth, wenn er nicht mehr wird daran zwei⸗ feln können, daß er betrogen iſt!.. Ich kenne ihn er iſt ein ſtörriger Menſch; er iſt im Stande, gegen Sie und gegen mich eine Klage wegen Prellerei an⸗ hängig zu machen.“ 5 „Eine Klage wegen Prellerei gegen mich!“ ruft 81 Herr von Sénancourt erſchrocken; und er ſchwankt und fällt vernichtet in ſeinen Lehnſtuhl. Herr Coquard betrachtet den von ihm Bethörten mit einer höhniſchen Freude und ſagt zu ſich ſelbſt: „Ja, mein ſchöner Herzog, Du wirſt zur Zucht⸗ polizei gehen, wenn Du nicht, wie ich wohl hoffe, um den Scandal zu unterdrücken, Löſegeld bezahlſt; ſonſt kommſt Du mit mir auf die Bank der ſechſten Kammer, nicht mehr und nicht weniger als ein Be⸗ trüger, Herr Herzog! Was iſt mir daran gelegen! ich kann wohl im ſchlimmſten Falle dieſe Unannehm⸗ lichkeit risguiren, um für meinen Theil ein hundert⸗ tauſend Franken vom Schadenerſatz einzuſacken, den Du an die von Herrn Loubin vertretenen Actionäre zu bezahlen verurtheilt werden wirſt, weigerſt Du Dich, zu blechen, um ſeine Verfolgungen zu hemmen.“ Die Entrüſtung, der Zorn folgen bald auf die Niedergeſchlagenheit bei Herrn von Sénancourt, und außer ſich ſtürzt er auf Herrn Coquard zu, packt ihn beim Kragen und ſchreit: „Elender!“ „Mein Herr, Sie beleidigen mich!“ erwiedert Herr Coquard, indem er ſich anſtrengt, um der Ge⸗ walt von Herrn von Sénancourt zu entgehen; wie⸗ der Meiſter ſeiner ſelbſt geworden, ſtößt dieſer den Schuft mit einer Geberde der Verachtung von ſich und ſagt betrübt zu ihm: „Sie haben mich zu dieſem abſcheulichen Geſchäfte veranlaßt.“ „Bin ich nicht ſo ſehr compromittirt als Sie? Ich bin, wie Sie, als Gérant mit gerichtlichen Verfol⸗ gungen bedroht... Das iſt die Geſchichte!“ Sue, der LTeufel als Arzt. I. 6 82 „Das iſt ja gräßlich!“ ruft Herr von Sénan⸗ court mit einem Ausbruche des tiefſten Schmerzes. „Sie haben meine Leichtgläubigkeit, meine Geſchäfts⸗ unerfahrenheit und mein Vertrauen zu Ihnen miß⸗ braucht! Ich bin ein redlicher Mann! das wiſſen Sie wohl, mein Herr! Ich konnte der Lockung un⸗ geheurer Gewinne, die Sie mich erſchauen ließen, nachgeben, doch ich hielt die Gewinne für recht⸗ mäßig. Ich glaubte, dieſes Unternehmen ſei ein ehren⸗ haftes, da ich es mit meinem Namen bedeckt habe. Ich werde meinen guten Glauben beweiſen. Man verurtheilt einen Mann nicht, ohne ihn zu hören, und die Richter . . . die Richter . . .“ murmelt Herr von Sénancourt, zu Boden gedrückt durch die Scham .. „Ich, ich vor einem Gerichte als Betrüger erſcheinen!.. Ah! meine Mutter, meine Kinder!“ fügt der Herzog bei, der ſeine Thränen nicht mehr zurückhalten kann. „Verflucht ſei der Tag, wo mich die Gewinnſucht in die Induſtrie geworfen hat!“ „Dieſer erbärmliche Herzog verliert den Kopf!“ ſagt Herr Coquard zu ſich ſelbſt, indem er den in ſeinen Schmerz Verſunkenen betrachtet; „er verſteht nichts von den Geſchäften; man wird ihn mit Haut und Haar freſſen! Jeder von uns wird ſein Stück bekommen!“ Und er ſpricht laut, ſich vor die Stirne ſchlagend: „Mein lieber Herzog, es kommt mir eine Idee, eine Idee, die uns, Sie und mich, vor einer Anklage und vor der Verurtheilung wegen Prellerei retten kann.“ „Was ſagen Sie?“ ruft Herr von Sénancourt, bebend vor Hoffnung. „Sprechen Sie! ſprechen Sie!“ 83 „Ja, das iſt es!“ verſetzt Herr Coquard, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hat. „Mein lieber Herzog, wir ſind gerettet!“ „Gerettet!... Wie dies?“ „Das Mittel iſt unfehlbar; doch Sie müſſen ſich auspfänden.“ „Mich auspfänden?“ „Sich mit den durch den verhaßten Loubin ver⸗ tretenen Actionären abfinden, und die Sache iſt un⸗ terdrückt!“ „Auf welche Art mich abfinden?“ „Nichts kann einfacher ſein: die Actien ſind zum Kapital von fünfhundert Franken ausgegeben wor⸗ den; eine erſte Einzahlung von zweihundert Franken iſt effectuirt, thut dreimalhunderttauſend Franken in runder Summe für die ausgegebenen Actien, ohne die Ihrigen zu rechnen. Bezahlen Sie vor morgen dieſe Summe an den habſüchtigen Loubin zurück, und er wird keine Klage gegen Sie anhängig machen.“ „Die Summe iſt aber bedeutend; ich beſitze ſie nicht, und in dieſer Zeit einer Handelskriſe iſt es, was auch mein Vermögen ſein mag, nicht möglich, in vierundzwanzig Stunden ein Anlehen von hun⸗ derttauſend Thalern zu finden! Ich habe keine Güter mehr! Alle meine Kapitalien, mit Ausnahme von vierzigtauſend Franken, welche bei meinem Banquier liegen, ſtecken in der Induſtrie! Ich habe meine letzten Eiſenbahn⸗Coupons verkauft, um ihren Ertrag bei der Fabrik von Herrn Louis Morel anzulegen. Ich kann von ihm meine Fonds nicht von heute auf morgen zurückverlangen, und ſie belaufen ſich kaum auf die Hälfte der Summe, die ich brauche. Ueber⸗ 84 dies.. warum ſollte ich dieſe Summe opfern? Ah! ich werde kein ſolcher Thor ſein! Ich habe mein Ge⸗ wiſſen für mich!.. Habe ich irgend einen Theil an dieſen Schurkereien genommen? Habe ich nicht auf⸗ richtig an die Wirklichkeit, an die Ehrlichkeit des Un⸗ ternehmens geglaubt? Habe ich nicht ſelbſt Kapita⸗ lien dabei angelegt? Ich bin ſchändlich hintergangen worden. . es mag ſein! ich habe leichtſinnig, unbe⸗ dachtſam vielleicht gehandelt, daß ich mich nicht durch mich ſelbſt der Genauigkeit der Operationsgrundlagen verſicherte, das mag abermals ſein! Doch man ver⸗ urtheilt einen redlichen Mann nicht als Betrüger, weil ſein Glaube irre geführt worden iſt, weil ihn ſeine Ungeſchicklichkeit in Geſchäften leichtſinnig hat handeln laſſen. Nein, nein, ich werde dem Gerichte beweiſen, daß ...“ ₰ „Sie werden dem Gerichte Alles beweiſen, was Sie wollen, oder vielmehr, was Sie können, mein lieber Herzog,“ erwiedert Herr Coquard mit einem höhniſchen Lächeln, „doch Sie werden vor Allem vor der Zuchtpolizei, auf der Bank der Spitzbuben, zwiſchen zwei Gendarmen erſcheinen müſſen, und ganz Paris wird erfahren, der Herr Herzog von Sénan⸗ court ſei, wenn nicht überwieſen, doch ſtark im Ver⸗ dachte der Prellerei, und ſollten Sie auch freigeſpro⸗ chen werden, mein armer Herzog...“ „Wehe mir!“ruft Herr von Sénancourt ſchauernd, „wehe mir! dieſer Menſch ſagt die Wahrheit; ſelbſt wenn ich freigeſprochen werde, bleibt mein Name für immer befleckt.“ Die Unterredung des Herzogs und ſeines Aſſoeié wird durch den Kammerdiener unterbrochen. 85 „Ein Herr, der auf fünf Uhr zum Herrn Her⸗ zog beſchieden iſt, verlangt ihn ſogleich zu ſprechen.“ „Das iſt der Actionär von vorhin,“ ſagt Herr von Sénancourt niedergeſchlagen zu ſich ſelbſt; „was ihm antworten?“ „Laſſen Sie den Herrn eintreten!“ ruft Herr Coquard raſch dem Kammerdiener zu. Dieſer geht ab, und bald erſcheint Herr Loubin. Er wirft ſeinem Genoſſen einen Blick des Verſtänd⸗ niſſes zu und ſpricht dann mit verſtelltem Zorne: „Ah! ich finde Sie alſo auch, Herr Coquard! Heilloſer Burſche, der Sie ſind! Preller!“ „Mein Herr,“ erwiedert mit Würde Herr Co⸗ guard, „nehmen Sie dieſen Ausdruck zurück, der ſich auf eine unhöfliche Weiſe für mich deuten läßt, und . „Doppelter Schuft! wagen Sie es, mir ins Ge⸗ ſicht zu ſchauen!“ ruft Herr Loubin; dann ſich an den Herzog wendend: „Mein Herr, vorhin hatte ich nur Zweifel hinſichtlich der Prellerei, deren Opfer zu ſein wir befürchteten; leider iſt auf den Zweifel die Gewißheit gefolgt. Seit meinem letzten Beſuche habe ich Kenntniß von jenen officiellen Documenten er⸗ halten; ich bringe Ihnen ein beglaubigtes Duplicat davon, damit Sie die Sache prüfen,“ fügt er bei, indem er auf den Tiſch einen Pack Papiere legt. „Dieſe Documente beweiſen auf eine unwiderkegbare Art, daß die Geſellſchaft, deren Präſident Sie ſind, deren Gérant Herr Coquard, nichts Anderes iſt, als eine ungeheure Prellerei! Was haben Sie zu ant⸗ worten?“ „Mein Kopf iſt ganz verwirrt!“ ruft der Herzog 86 von Sénancourt außer ſich. „Laſſen Sie mich! ent⸗ fernen Sie ſich!“ „Wie! mein Herr, das iſt Alles, was Sie mir zu antworten haben?“ „Sie ſind alſo ohne Erbarmen?“ ruft mit ſchmerz⸗ lichem Tone der Herzog. „Ich ſage Ihnen, daß ich nicht bei Sinnen bin!“ „Herr Herzog von Sénancourt,“ ſpricht ernſt Herr Loubin, „bringen Sie mir morgen um zehn ühr nicht die Summe von dreimalhunderttauſend Franken als den Betrag meiner Einzahlungen und derer der Actionäre, die ich vertrete, ſo iſt um Mit⸗ tag unſere Klage wegen Prellerei bei Gericht anhän⸗ gig gemacht!“ Und nachdem er eine Karte auf den Tiſch geworfen, auf welchen ſich Herr von Sénancourt, die Stirne in den Händen, mit den Ellenbogen ſtützt, * fügt er bei: „Hier iſt meine Adreſſe: Herr Loubin entfernt ſich, macht Herrn Coquard ein Zeichen, ihm zu folgen, und während er mit ihm aus dem Salon auf den Fußſpitzen weggeht, fragt er ſeinen Genoſſen: „Wird er bezahlen?“ „Bei Gott!“ Nach dem Abgange der zwei Schelme allein, bricht Herr von Sénancourt in ein herzzerreißendes Schluch⸗ zen aus und ruft: „Entehrt!!“ 3 87 Bweite Abtheilung. Die Herren Coquard, Loubin und Böézuchet ge⸗ hörten zu der gemeinen Klaſſe der Vormacher, welche beſtändig auf Gimpel lauern. Herr von Sénancourt konnte kaum ihren Netzen entgehen; es fehlte dem Complotte der drei Schelme durchaus nicht an Ge⸗ ſchicklichkeit: Loubin, der einige Mittel beſaß, machte ein abſcheuliches Unternehmen: die Conſtantine⸗ Tabake, ausfindig, wurde um geringe Koſten Herr deſſelben, und da er ſcheinbar dieſer Prellerei fremd bleiben wollte, ſo wählte er Böézuchet zu ſeinem Na⸗ menleiher, zu ſeinem Strohmann, beauftragte ihn, die auf dieſe Angelegenheit bezüglichen Papiere zu fälſchen, Zahlen zu gruppiren, ehrenwerthe Zeug⸗ niſſe in Betreff des Ertrags der Ausbeutung zu er⸗ dichten u. ſ. w. Nachdem die Dinge ſo vorbereitet waren, erhielt Herr Coquard den Auftrag, die zukünftige Geſell⸗ ſchaft in Commandite unter einem wunderbar gün⸗ ſtigen Lichte vorzuſtellen. Wenig erfahren, glaubte der Herzog und mußte glauben an die Wirklichkeit der Umſtände, welche von Coquard verſichert und durch herrliche Berichte von Bézuchet beſtätigt wurden, der ſich nach Alge⸗ rien begab und neue Beweiſe von der Vortrefflich⸗ keit des Unternehmens überſandte. Es wurde in 1 88 Actien geſetzt. Herr von Sénancourt nahm und bezahlte eine große Anzahl davon. Coauard machte ſich anheiſchig, die andern zu vertheilen, gab aber nur einige aus; die übrigen blieben in den Händen der drei Schelme. Die Seltenheit dieſer Actien, das induſtrielle Speculationsfieber, deſſen Schwindel ſo viele Geiſter ergriff, der als ſo ehrenwerth bekannte Name von Herrn von Sénancourt endlich, dem Präſidenten der Geſellſchaft der Conſtantine⸗Tabake, lancirten von Anfang an das Unternehmen. Beé⸗ zuchet als Kaſſier der Geſellſchaft legte ſeine Bücher zur Gutheißung Herrn von Sénancourt vor. Dieſer gab, vertrauensvoll wie ein redlicher Mann und überdies völlig unwiſſend im Rechnungsweſen, ſeine Unterſchrift ohne Prüfung mit einem bei jedem An⸗ dern als ihm unverzeihlichen Leichtſinne. Die von ſeinen Einlagen herrührenden Summen dienten da⸗ zu, den Actionären eine erſte fabelhafte Dividende zu bezahlen. Dann kam der Augenblick, den Biſſen zu eſſen, nach dem cyniſchen Ausdrucke von Herrn Coquard, mit andern Worten Herrn ven Sénancourt zu beweiſen, das Unternehmen ſei eine ungeheure Prellerei, für die er ſolidariſch werde, ihn durch Drohungen mit entehrenden Klagen zu erſchrecken, und ihn ſo zu nöthigen, zu bezahlen, um einem Strafproceſſe zu entgehen. Die Rollen wurden ausgetheilt, Loubin, nicht minder Schurke als ſeine Genoſſen, doch einen Werth auf das legend, was er ſein Anſehen nannte, und vollkommen geſchützt vor gerichtlichen Verfolgungen, übernahm es, die verletzten Actionäre zu vertréten. Bezuchet unterzog ſich der Rolle des Sündenbocks, F. † 89 und Coquard ſollte die des Geprellten ſpielen. Die zwei Letzteren und beſonders Coquard risquirten, ſie wußten das, auch die eorrectionelle Strafe, welche * eintretenden Falles Herrn von Sénancourt treffen würde. Sie waren muthig entſchloſſen, dieſe Un⸗ annehmlichkeit zu erdulden, ſicher, einen guten Theil von dem Schadenerſatze zu erhalten, welchen Herr von Sénancourt, allein zahlungsfähig, an Lvubin, den Beſitzer faſt ſämmtlicher Actien, zu entrichten noth⸗ wendig verurtheilt werden würde; doch nach der Hoffnung der drei Genoſſen würden die Dinge nicht bis zu dieſer ärgerlichen Extremität gehen; um einen Scandal zu unterdrücken, deſſen Wiederhall ſeinen Namen entehren müßte, würde ſich Herr von Sénan⸗ cvurt auspfänden; der Streich wäre geſpielt, wie dieſe drei ehrlichen Induſtrieritter ſagten, wonach ſie einen andern Gimpel auszubeuten ſuchen würden. — IM. Am andern Morgen nach dem Tage, wo Herr „ Loubin ſein Ultimatum Herrn von Sénancourt be⸗ deutet hatte, faßte Frau Boyer, die Beſchließerin, deren ausſchweifende Begierden in Betreff der Spe⸗ culation den armen alten Dupont, den vertrauten . Kammerdiener der Herzogin Witwe, erſchreckten, faßte Frau Boyer, ſagen wir, welche nachdenkend im Solon ihrer Herrſchaft ſtand, alſo die Ereigniſſe des erhergehenden Tages und des Morgens zuſammen: eit geſtern Abend geht hier etwas Außeror⸗ dentliches vor. Bei ſich eingeſchloſſen, weint Fräu⸗ ein Valentine nur, wie mir ihre Kammerfrau ge⸗ * 90 ſagt hat; Herr Tancred iſt nicht minder troſtlos; der Herr Herzog ſcheint ganz niedergeſchmettert zu ſein; er iſt heute Nacht erſt ſehr ſpät nach Hauſe gekom⸗ men und dieſen Morgen zu Fuße bei Tagesanbruch ausgegangen; Dupont endlich iſt mit einer geheim⸗ nißvollen Miene, einen Brief in der Hand, bei der Frau Herzogin Mutter eingetreten.“ Hiebei bezeich⸗ net Frau Boyer durch eine Geberde eine der Sei⸗ tenthüren des Salon. „Was bedeutet Alles dies? Wenn nur unſere Werthe nicht gefallen ſind!“ Der Monolog von Frau Boyer wird unterbro⸗ chen durch Dupont, der aus dem Schlafzimmer der Herzogin Witwe herauskommt. Der gute Mann ſcheint einer tiefen Beſorgniß preisgegeben zu ſein, und während er ſich der Beſchließerin nähert, be⸗ trachtet er ſie, ſtatt ihr wie am Tage vorher gereizte, erſchrockene Blicke zuzuſchleudern, mit einer Art von Bewunderung gemiſcht mit Unruhe, und ſpricht den Kopf ſchüttelnd zu ſich ſelbſt: „Es iſt wahrhaftig eine erſtaunliche Frau, dieſe Boyer!“ Dann fügt er laut bei: „Ah! Sie da, meine Liebe?.. Ich ſuchte Sie gerade. 6 „Was für ein Brief war es, den Sie Gebieterin gebracht haben?“ „Ein Brief von Herrn Tancred, aber ich.. WVie, er ſchreibt an ſeine Großmutter, zu ihr ju gehen und mit ihr zu ſprechen?“ „Wie es ſcheint!“ erwiedert der alte Diener, und er ruft mit Begeiſterung, „Ah! meine liebe Boyer, ich habe heute Nacht kein Auge zugethan! Ich träumte wach! Das war Ihre Schuld, verſuchende Schlange! Ich hatte den Alp, indem ich an Ihre Anlagen, an —. — 9¹ Ihre Actien dachte! Ihr Nord, Ihr Süd, Ihr Weſt, Ihr Schwarz, und beſonders Ihr Alter Berg nah⸗ men fantaſtiſche Geſtalten an, bildeten eine Art von Hexenrunde und lockten und neckten mich! Sie ſtell⸗ ten den Alten Berg in Fleiſch und Knochen vor! Sie hatten eine Höhe von hundert Fuß, ein Kleid von Banguebillets zuſammengenäht und als Haube eine Goldſtange. Ah! Sie machen mir bange! Sie haben mich behert, verteufeltes Weib!“ „Sie warfen mir aber geſtern vor, ich halte die Leute aus dem Anjou für Champagner?“ „Was wollen Sie? ich begriff Ihre Worte nicht:; ich kam aus der Tiefe unſerer Provinz, wo dieſe Wunder, die Sie mir ſeit geſtern Abend erklärt haben, unbekannt ſind; Sie haben mich bezaubert, geblendet. Wiel. wahrhaftig? er wäre möglich, daß mir meine Erſparniſſe zehn, fünfzehn, zwanzig Procent tragen würden?“ „Wenigſtens. . allerwenigſtens!“ „Welch ein Dummkopf war ich! Ich begnügte mich damit, daß ich der Frau Herzogin ſagte, wenn ich eine gewiſſe Summe zuſammengebracht hatte, die mir unſer Intendant gegen Gold auswechſelte: „„Meine Pathe, wollen Sie mir erlauben, daß ich meinen kleinen Schatz in Ihre Caſſette lege?““ Und ſich aufblähend, fügt der gute Mann mit einer naiven Wichtigkeit bei: „Ich habe meine Ecke in der Caſſette der Frau Herzogin, deren Schlüſſel ſie mir immer anvertraut.“ „So daß Ihr Schatz dort wie ein Einfaltspinſel ſchlief, ſtatt Ihnen Junge zu bringen?“ „Mein Gott! ja... der Schuft! Aber wie dumm 92 war ich, ich wiederhole, wie dumm!.. Sie müſſen mich im Ganzen entſchuldigen, meine liebe Boyer, ich bin nie intereſſirt geweſen; es lag mir nichts am Gelde; ich erſparte, weil es einem an nichts fehlt bei der Frau Herzogin, und weil man in Sénancourt keine Gelegenheit zu Ausgaben hat; abgeſehen da⸗ von, daß die Diener bei uns ſicher ſind, Brod für ihre alten Tage zu haben.“ „Sprechen wir von Geſchäften . . . Laſſen Sie hören; wie hoch belaufen ſich Ihre Erſparniſſe?“ „Auf hundert und neunundſiebzig Louis d'or.“ „Welche Vortheile ſind da verloren! und wenn man bedenkt, daß Sie dieſe Summe im Nu verdop⸗ pelten konnten!“ „Sie verdoppeln!“ ruft Dupont die Hände fal⸗ tend und die Augen aufreißend, „ſie verdoppeln?“ „Verdreifachen!“ „Verdrei .. fachen! Ah! Sie machen ſich über mich luſtig, meine Liebe!“ „Sie können die Summe verdreifachen, ſage ich Ihnen, wenn Sie beim thieriſchen Schwarz ein⸗ treten. Das iſt das, was es in dieſem Augenblicke nebſt dem Alten Berge Beſtes gibt, abgeſehen von den Tabaken des Herrn Herzogs, welche vortreff⸗ liche Gewinne geben werden. Leider habe ich meine Coupons an dieſen guten Herrn Coquard wiederver⸗ kauft, doch der Herr Herzog hat viele Actien behal⸗ ten, und auf die Empfehlung der Frau Herzogin Mutter können Sie einige von ihm erlangen. Das iſt ein Goldgeſchäft!“ „Gold! immer Gold!“ ruft Dupont mit Begei⸗ —— ,— ſterung, „überall Gold! ſeitdem Sie mir die Augen 93 geöffnet haben, liebe Boyer, ſehe ich nur Gold, träume ich nur Gold! Wohl frage ich mich, was ich mit ſo viel Gold machen werde! Ich beſtimmte meine Erſparniſſe für meine in Angers verheirathete Nichte, ein braves, würdiges Geſchöpf, das ich un⸗ gemein liebe; doch, bei meiner Treue! hören Sie, wenn die Speculation meine hundert und neunund⸗ ſiebzig Louis d'or verdoppelt, dann iſt es etwas An⸗ deres: das wird bedeutend, und ich behalte meinen Schatz.“ Nur komme ich darauf zurück... ich, der ich ſo wenig Bedürfniſſe habe, und dem es an nichts bei der Frau Herzogin fehlt: was werde ich mit ſo viel Geld machen?“ „Geduld, Geduld, je mehr man hat, deſto mehr will man haben.“ „Was Sie da ſagen, iſt wahr, meine liebe Boyer; ich war nicht intereſſirt, und mir ſcheint, ich werde wie Harpagon bloß beim Gedanken, dieſen herrlichen Nutzen einzuſacken. Ja, mir ſcheint, wenn ich einen Gewinn gemacht habe, werde ich einen zweiten machen wollen, und immer ſtärker, immer ſtärker. Wetter! ich war nur ein Dummkopf! ich will nun auch Spe⸗ culant werden. Ah! ein ſchönes Wort: Speculant!.. ich werde Speculant ſein!“ „Dieſer liebe Dupont! ſeine Augen glänzen wie Lichter; er hat das heilige Feuer!“ — „Wahrhaftig, ich brenne ſchon vor Begierde, meine Gewinne zu betaſten. Sie ſagen, das Beſte, was es gebe, ſei das thieriſche Schwarz, der Alte Berg und die Tabake des Herrn Herzogs?“ Ich wiederhole Ihnen, das iſt wahres Zucker⸗ werk. Verlangen Sie von der Frau Herzogin Ihre 94 Erſparniſſe zurück, und vorwärts mit der Specu⸗ lation!“ „Das bringt mich in eine furchtbare Verlegen⸗ heit,“ erwiedert der gute Mann, indem er ſich am Ohre kratzt, „wie ſoll ich es wagen, mein Geld von der Frau Hetzogin zu verlangen? Ich habe ſo eben nicht den Muth gehabt, die Sache nur mit einem Worte bei ihr zu berühren.“ „Hier kommt gerade Ihre Gebieterin,“ verſetzt Frau Boyer, auf die Herzogin Witwe deutend, welche aus dem anſtoßenden Zimmer heraustritt. „Auf, friſch gewagt! Ich erwarte Sie in meinem Zimmer. Fordern Sie Ihre Kapitalien von der Frau Herzogin, und ich führe Sie ſchleunig zu Herrn Coquard.“ Die Beſchließerin geht aus dem Salon weg und läßt Dupont allein mit ſeiner Gebieterin. II. Die Frau Herzogin Witwe von Sénancourt tritt langſam, den Brief von Tanered und von Valentine leſend, den ihr Dupont überbracht hat, in den Salon ein. Obſchon bleich, angegriffen durch eine lange Schlafloſigkeit und durch ſchmerzliche Reflexionen, offenbart doch das Geſicht der vornehmen Dame eine unbeſiegbare Charakterfeſtigkeit; die Herzogin lieſt den Brief vollends, ſeufzt und murmelt: „Arme Kinder!“ Seine Gebieterin beobachtend, ſagt Dupont zu ſich ſelbſt: 2 „Ich weiß nicht, wie ich ſie angehen ſoll, um mit ihr von meinem Schatze zu ſprechen .. und —,— 95 andererſeits drei bis vierhundert Louis d'or haben, ſtatt hundert und neunundſiebzig, das iſt wohl eine An⸗ ſtrengung werth. Auf, Muth! ich will die Frau Herzogin „meine Pathe““ nennen, wie bei den großen Veranlaſſungen.“ Und er fügt laut bei: „Meine Pathe!“ „Was gibt es?“ fragt die Herzogin Witwe un⸗ geduldig, „was willſt Du?“ „Meine Pathe, ich . . .“ „Sprich, was für eine Dummheit haſt Du ge⸗ macht, daß Du mich Deine Pathe nennſt?“ „Es iſt mir lieber, daß mir die Frau Herzogin das ſagt: das bereitet ſie vor,“ dachte Dupont, und er antwortet: „Meine Pathe, ich möchte Sie gern um etwas bitten.“ „Um was? Sprich doch!“ „Meine Pathe weiß, daß ich meine Erſparniſſe in ihrer Caſſette niederzulegen pflege?“ „Nun?“ „Die Caſſette iſt in Paris geblieben. Doch wenn es mir meine Pathe erlauben wollte, ſo würde ich von den zwölftauſend Franken in Gold, die von der Summe übrig ſind, welche mir die Frau Herzogin auf die Reiſe mitzunehmen befohlen hat, meine hun⸗ dert und neunundſiebzig Louis d'or Erſparniſſe eziehen..“ „Haſt Du Geld nöthig?“ „Hm! . hm! ich möchte gern . das heißt, e ich „Sie machen mich ſehr ungeduldig mit Ihren Eſeleien, Herr Dupont, das muß ich Ihnen be⸗ merken.“ „Schließen wir die Augen und ſtürzen wir uns un⸗ 96 erſchrocken in die Gefahr,“ ſagt der alte Diener zu ſich ſelbſt, und mit einer großen Zungenfertigkeit fügt er laut bei: „Meine Pathe, ich möchte gern mein⸗ Erſparniſſe verdoppeln, verdreifachen durch eine kleine Speculation, mit Ehren zu melden, ein kleiner Spe⸗ culant werden . . . und ... „Was ſagt er?“ ruft die Herzogin Witwe zornig. „Er auch!“ „Nur dreiſt! das große Wort iſt heraus!“ dachte Dupont, und er ſpricht mit verdoppelter Keckheit: „Ja, meine Pathe, ich möchte mich gern, wie die Boyer ſagt, in die Tabake des Herrn Herzogs, in den Alten Berg, in das thieriſche Schwarz werfen, um zu „Es iſt hier ein ſchwarzes Thier dicker Dumm⸗ heit, das ſich erlaubt, mir einen Berg von Albern⸗ heiten vorzuſchwatzen,“ erwiedert die Herzogin Witwe, den guten Mann mit einem zugleich ſpöttiſchen und zornigen Blicke meſſend. „Sie meine ich, Herr Du⸗ pont, verſtehen Sie mich wohl? Tugend meines Lebens! Dieſer Schöps, der kaum vierundzwanzig Stunden hier iſt, iſt ſo verrückt wie die Andern!“ „Verzeihen Sie, meine liebe Pathe,“ ruft Du⸗ pont zitternd und bereuend, „ich möchte Sie um kei⸗ nen Preis ärgern, doch die Boyer verſichert unter Anderem, „die vortrefflichen Tabale des Herrn Her⸗ zogs. Unglückliche hat gewettet, er wolle mich vor Zorn erſticken machen,“ verſetzt die vornehme Dame außer ſich. „Erfahren Sie alſo, dreifacher Einfaltspinſel mit weißen Haaren, was Sie ſo höchſt vernünftig und paſſend die „„Tabake des Herrn Her⸗ zogs““ nennen, iſt wahrſcheinlich eine ſchändliche Schurkerei, deren erſtes Opfer er ſelbſt ſein wird! Nach dieſer ſchönen Speculation beurtheilen Sie die anderen, Herr Speculant! Gehen Sie und verber⸗ gen Sie ſich in irgend einem Winkel!“ „Iſt es um Gotteswillen möglich, meine gute Pathe?“ „ſtammelt Dupont verdutzt; „dieſe Boyer hat. Geien Sie, gehen Sie! erſcheinen Sie nie wie⸗ der vor mir. „Erbarmen, meine gute Pathe . . .“ „Tag Gottes!“ ruft die Herzogin Witwe unge⸗ ſtüm, „werden Sie mich in Ruhe laſſen? Hinaus, ſage ich . . . ich bin gewohnt, daß man mir ge⸗ horcht!“ „Dieſe hölliſche Verſucherin iſt an Allem Schuld,“ ruft Dupont in Verzweiflung. „Sie täuſchte mich, alle Wetter!“ fügt der gute Mann, während er wü⸗ thend abgeht, bei. „Die Boyer weiß nicht, was ein von den Ketten gelaſſener Angevin *) iſt. Ich will ſie ſchlagen.“ Nach dem Abgange ihres alten Dieners blieb die Herzogin Witwe einen Augenblick nachdenkend, dann rief ſie mit einem Ausdrucke des Zorns und des Ekels: „Ah! welchen Abſcheu habe ich vor dieſer ver⸗ daminten Stadt! Eine lette Unterredung mit meinem Sohne, und ich verlaſſe, um nie mehr dahin zurück⸗ zukehren, dieſes gräßliche Paris. Man athmet hier *) Einer aus dem Anjou. Sue, der Teufel als Arzt. I. 7 98 eine vergiftete Luft. Es iſt alſo Niemand vor der Anſteckung geſchützt? Der Doctor ſprach alſo die Wahrheit? Wie! dieſer alte Dupont, die Redlichkeit, die Uneigennützigkeit ſelbſt, iſt ſchon verdorben durch die Habgier! Tugend meines Lebens! bliebe ich länger hier, ich würde, glaube ich, an mir ſelbſt zweifeln.“ Und das Popier wieder nehmend, deſſen Leſung ſie unterbrochen hat: „Leſen wir vollends den Brief dieſer armen Kinder: „„Meine Schweſter und ich, gute Großmama, wir wollten Ihnen lieber ſchreiben, als daß wir es wagten, Ihnen unſere Geſtändniſſe mündlich zu ma⸗ chen. Wir hoffen Alles von Ihrer Nachſicht und Ihren guten Rathſchlägen. In Abweſenheit unſerer Mutter können wir uns an Sie allein wenden. Ach! wir rechnen nur noch auf Ihre Theilnahme, auf Ihr Mitleid, denn wir ſind ſehr unglücklich. „„Glauben Sie, liebe Großmama, an die zärt⸗ liche und tiefe Ehrfurcht Ihrer Enkelin und Ihres Enkels.““ Die Herzogin Witwe legt nachdenkend den Brief auf einen Tiſch, an welchem ſie ſitzt. Die Thüre des Salons öffnet ſich ſachte. Va⸗ lentine und Tancred erſcheinen; ſie bleiben, leiſe ſich berathend, einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen. „Mein Bruder,“ ſpricht Fräulein von Sénan⸗ court, „glaubſt Du, unſere Großmutter habe unſe⸗ ren Brief geleſen?“ „Ja, ſie hat ihn ſo eben auf den Tiſch gelegt.“ „Sieht Großmama ſehr. ärgerlich aus?“ „Ich kann von hier ihr Geſicht nicht ſehen.“ „Ah! welche Zeit!“ ruft tief erſchüttert durch 99 peinliche Reflexionen die Herzogin Witwe, indem ſie eine ungeſtüme Bewegung macht. „Welche Geſell⸗ ſchaft! welche Sitten!“ „Mein Gott!“ flüſtert Valentine, „die gute Groß⸗ mama ſcheint zornig zu ſein. Ich wage es nicht, ſie anzureden. Ziehen wir uns zurück, mein Bruder.“ „Nein, Muth! Was wagen wir im Ganzen?“ „Ach! das iſt wahr; wir können nicht unglück⸗ licher werden, als wir ſind. Komm, Tancred, Du wirſt zuerſt ſprechen.“ Tancred von Sénancourt und ſeine Schweſter gehen ſchüchtern auf die Herzogin zu, welche immer in ihre Gedanken verſunken iſt. Sie bemerkt die Ge⸗ genwart der jungen Leute erſt, da ſie nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt ſind, und ſchaut ſie an, ohne ein Wort zu ſagen. „Valentine und ich,“ ſpricht Tancred verlegen, „wir kommen, um unſere Großmutter zu fragen, ob ſie die Güte gehabt hat, den Brief zu leſen, den wir ihr zu ſchreiben uns die Freiheit nahmen?“ „Gewiß, ich habe dieſen Brief geleſen, meine lieben Kinder.“ „Großmutter hat geſagt: „„Meine lieben Kin⸗ der,““ flüſtert Valentine ihrem Bruder zu. „Das iſt ein gutes Zeichen.“ „Ich hoffe es,“ erwiedert Tanered ebenfalls leiſe. „Muth, meine Schweſter!“ „Setzt Euch zu mir,“ ſpricht liebreich die Her⸗ zogin Witwe, „und laßt uns von dem reden, was Euch intereſſirt, meine lieben Kinder.“ 100 M Beruhigt, ermuthigt durch die wohlwollenden Worte ihrer Großmutter, ſetzen ſich die zwei jungen Leute an ihre Seiten. Sie betrachtet ſie mit Zärt⸗ lichkeit und ſpricht zu ihnen: „Alſo, meine Kinder, Euer Herr Vater wider⸗ ſetzt ſich durchaus dem, daß Du, Valentine, dieſen Herrn Louis Morel heiratheſt, und Du, Tancred, dieſe Demoiſelle Morel? Dem zu Folge kommt Ihr in Eurem Grame, um mich zu fragen, was zu be⸗ ſchließen ſei?“ „Ja, Großmama,“ erwiedert traurig Valentine, „wir haben es Ihnen geſchrieben: wir hoffen nur noch auf Sie.“ „Vor Allem, meine Kinder, nehme ich in ſämmt⸗ lichen Punkten und mit geſchloſſenen Augen Eure Apologie dieſes Herrn und ſeiner Schweſter an; ich erinnere mich vollkommen, daß ein Mann, wel⸗ chem ich allen Glauben ſchenke, mein alter Freund der Marquis von Beauregand, oft mit mir mit un⸗ endlich viel Lob und Achtung von einem Schulkame⸗ raden ſeines Sohnes, der heute Artillerie⸗Kapitän, geſprochen hat, welcher Kamerad Morel hieß, und eine Schweſter hatte, von der man ſagte, es ſei ein vortreffliches Weſen. Es heidelt ſich aber um eben dieſe Morel . . .“ „Gewiß, Großmama,“ antwortet raſch Valentine, „es ſind dieſelben Perſonen. Sie ſehen, wir haben die Wahrheit geſagt. Ah! wenn Sie Herrn Louis Morel und ſeine Schweſter kennen würden!“ 101 „Dann würde ſich meine Großmutter vielleicht noch mehr für uns intereſſiren,“ fügt Tancred bei; „denn ſie würde erkennen, wie ſehr unſere Wahlen durch den Werth der Perſonen, die wir lieben, ge⸗ rechtfertigt ſind.“ „Ich bezweifle es nicht. Mein Enkel und meine Enkelin ſind unfähig, ihre Liebe Unwürdigen zu ſchenken. Ihr einziges Unrecht, und das iſt groß, iſt, daß ſie die Pflichten, die ihnen ihre Geburt auf⸗ erlegte, vergeſſen haben; doch das Herz iſt ſo be⸗ ſchaffen, daß man ein ſolches Vergeſſen geſehen hat, immer ſehen wird.“ „Oh! Großmama!“ ruft Valentine, immer mehr einer ſüßen Hoffnung nachgebend, „der Himmel hat uns den Gedanken, uns an Sie zu wenden, einge⸗ geben.“ „Mein Gott! meine Kinder, ich werde Euch ganz einfach ſagen, wie man in der vergangenen Zeit die Dinge zu Aller Zufriedenheit ordnete. Was aber früher ſchicklich und würdig war, muß es auch noch heute ſein.“ „Gewiß,“ verſetzt Tancred, die Hoffnung ſeiner Schweſter theilend. „Ah! Großmutter, Sie ret⸗ ten uns!“ „Vernehmt alſo, wie die Dinge zu meiner Zeit geſchahen.“ V. „Ja, meine Kinder,“ wiederholte die Herzogin Witwe, nachdem ſie Tancred und Volentine, welche ihre Antwort wie ein günſtiges Orakel erwarteten, abermals geküßt hatten; „ja, meine Kinder, vernehmt, wie ſich die Dinge zu meiner Zeit zutrugen. Eine junge Perſon von Deinem Stande hatte eine von ihrer Familie verworfene, aber durch das Verdienſt von demjenigen, welcher der Gegenſtand derſelben war, gerechtfertigte Wahl getroffen: ſie wußte zugleich dem Gefühle ihres Herzens treu zu bleiben, den Willen ihrer Familie zu achten und den Wohlan⸗ ſtand nicht zu verletzen.“ „Und wie dies, Großmama?“ „Nichts kann einfacher ſein,“ erwiedert die Her⸗ zogin Witwe: „die junge Perſon trat ins Kloſter.“ „Gut! und dann?“ fragte Valentine naiv. „Und dann?“ „Und dann?“ „Ja, Großmama; denn wenn ich Sie recht ver⸗ ſtehe, ſo trat die junge Perſon vorerſt auf einige Tage ohne Zweifel ins Kloſter . . . Doch nachdem ſie ins Kloſter eingetreten, was machte ſie?“ „Nun, ſie blieb im Kloſter!“ antwortet die vor⸗ nehme Dame; „ſie bot ihre unveränderliche Liebe dem Herrn zum Opfer, und brachte ſo die Nothwen⸗ digkeiten ihres Standes, die Wahl ihres Herzens und die dem väterlichen Willen gebührende Achtung in Uebereinſtimmung.“ „Oh! mein Gott!“ ruft Valentine beſtürzt und mit ihrem Bruder einen Blick ſchmerzlicher Enttäu⸗ ſchung wechſelnd, während die Großmutter alſo fortfuhr: „Was den Edelmann betrifft, der wie Du, mein lieber Tancred, leidenſchaftlich eine ehrbare und rei⸗ zende junge Perſon liebte, die er nicht heirathen 103 konnte, weil es ihr an Geburt fehlte, ſo verlangte er ſeine Aufnahme in den Malteſer-Orden; er er⸗ hielt ſie leicht, legte das Gelübde ewigen Cölibats ab und bekriegte die Ungläubigen auf den Galeeren des Königs, wodurch er auf eine ehrenhafte Weiſe ſeiner Liebe treu blieb, ohne ſeinen Rang zu ver⸗ letzen. Dies, meine Kinder, — Ihr müßt es ſelbſt ſagen, — war anſtändig, rührend und ritterlich.“ „Aber, Großmutter,“ entgegnet Tancred, nicht weniger als ſeine Schweſter in ſeinen Hoffnungen getäuſcht „erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, däß „Ohne Zweifel willſt Du mir einwenden, mein liebes Kind, der Malteſer⸗Orden und die Gelübde ewigen Cölibats ſeien aufgehoben? Das iſt leider wahr; doch man führt, wie mir ſcheint, immer Krieg in Africa, und es hängt ganz und gar von Dir ab, Dein Leben lang ledig zu bleiben, wie es von Dei⸗ ner Schweſter abhängt, ins Kloſter zum Heiligen Her⸗ zen einzutreten, das heute noch exiſtirt und von Frauen aus den beſten Familien bevölkert iſt!“ „Mein Bruder Soldat werden!“ ruft Valentine mit Thränen in den Augen; „Gefahr laufen, ſich in Africa tödten zu laſſen! ich ins Kloſter eintreten! ach! gute Großmama, das ſind die Rathſchläge, die Sie uns geben!“ „Meine Kinder,“ erwiedert die vornehme Dame im Tone liebevollen Vorwurfs, „konntet Ihr anneh⸗ men, ich werde Euch rathen, Eurem Herrn Vater ungehorſam zu ſein?“ „Ungehorſam ſein! nein,“ antwortet Tancred, „doch wir hofften, unſere Großmutter werde ſich 104 herbeilaſſen, bei unſerem Vater zu vermitteln, um ihn von einem ungerechten Vorurtheile abzubringen da „Bei meiner Treue!“ ruft die Herzogin Witwe, „ich erwartete nicht, von Ihnen gewählt zu werden, um Krieg gegen das zu führen, was Sie die Vor⸗ urtheile nennen, mein Herr Enkel! Dieſe Vorur⸗ theile,“ fügt die vornehme Dame mit ſtrengem Tone bei: „ich nenne ſie die Achtung für Sie ſelbſt und für die Ehre Ihres Hauſes!“ „Mein Gott! Du haſt ſie geärgert,“ ſagt Va⸗ lentine leiſe zu ihrem Bruder; und ſich an ihre Groß⸗ mutter wendend: „Liebe Großmama, täuſchen Sie ſich nicht über die Worte von Tancred. Er wollte Ihnen nur ausdrücken, wie tief und ſchmerzlich uns die Weigerung unſeres Vaters in Betreff dieſer Hei⸗ rath überraſcht hat.“ „Eine ſchöne Entſchuldigung!“ verſetzt die Her⸗ zogin Witwe; „das iſt gerade eine ſehr impertinente Ueberraſchung!“ „Erlaubt mir meine Großmutter eine Frage?“ „Es ſei! Sprechen Sie, mein Enkel.“ „Was meine Großmutter Valentine und mir vor⸗ wirft, iſt, wir vergeſſen, daß Herr Louis Morel und ſeine Schweſter nicht von einem dem unſern gleichen Stande ſind?“ „Gewiß, und Eure Halsſtarrigkeit hinſichtlich einer ſolchen Mißheirath iſt nicht zu entſchuldigen.“ „Wir ſind allerdings ſehr ſtrafbar, Großmama,“ erwiedert ſchüchtern Valentine; „doch wir verdienen Ihre Nachſicht; denn geſtehen Sie, wie konnten wir das Bewußtſein von dieſer Standesungleichheit haben, ———— 105 von der Sie reden? Meine Mutter führte mir jeden Tag Sidonie Morel als Beiſpiel an.“ Nun auch ſehr verlegen, antwortet die Herzogin Witwe nichts. Tancred wechſelt mit ſeiner Schwe⸗ ſter einen Blick des Verſtändniſſes und fügt bei: „Mein Vater, als er mich bei der Fabrik von Herrn Louis Morel aſſocirte, ſagte zu ihm: „ „Ah! mein Freund, mein Sohn gehe in Ihren Fußſtapfen, und meine Wünſche werden erfüllt ſein.““ „In der That,“ fragt ſich die Herzogin Witwe, immer ſtillſchweigend, „was kann ich hierauf ant⸗ worten?“ „Und dann, Großmama,“ verſetzt Volentine, „wenn Herr Louis Morel, wie man ſagt, Induſtriel iſt. . . iſt es unſer Vater nicht gleichfalls?“ „Wie ſollten wir denken,“ ſagt Tancred mit Bitterkeit, „wie ſollten wir denken, nachdem er uns das Beiſpiel von dem gegeben, was meine Groß⸗ mutter das Vergeſſen unſeres Ranges nennt, werde unſer Vater dieſen Rang nun anrufen, um unſere theuerſten Hoffnungen, in denen wir durch ihn gleich⸗ ſam ermuntert worden ſind, zu zerſtören?“ „Und ſo verkettet ſich Alles!“ ruft ungeſtüm die vornehme Dame; „und ſo erzeugt das Böſe im⸗ mer das Böſe! und ſo lehrt die Verachtung unſerer eigenen Würde die Anderen die Verachtung der ihri⸗ gen! Im Ganzen haben dieſe Kinder in ihrer Un⸗ vernunft . . . Recht.“ „Oh! liebe gute Großmutter!“ ruft Valentine, der Herzogin um den Hals fallend, „wie nachſichtig ſind Sie!“ „Meine Großmutter gibt es ſelbſt zu,“ fügt 106 Tancred ſeine Großmutter ebenfalls umarmend bei: „man vermöchte uns nicht verantwortlich für einen Fehler zu machen, der nicht der unſere iſt.“ „Laßt mich in Ruhe, abſcheuliche Kinder!“ er⸗ wiedert gerührt die Herzogin, indem ſie ſich ſanft von den Umarmungen der zwei jungen Leute los⸗ macht: „es fehlt mir gewiß nicht an der Luſt, Euch auszuſchelten; aber kann ich es mit gutem Gewiſſen? Man ſehe doch ein wenig, wie es meinem Sohne anſteht, die Bitte dieſes Herrn Morel zurückzuweiſen und den vornehmen Mann zu ſpielen? ſich in ſeinen Raceadel, in die Illuſtration des Hauſes Sénancourt zu verſchanzen? Er handelt mit dem Kothe von Pa⸗ ris, verkauft Tabak, und wenn ich nicht Ordnung in die Sache brächte, ſo würde er dieſen hübſchen Geſchäften das mit Zucker und Branntwein beifügen. Ah! der Herr Herzog von Sénancourt müßte ſich im Gegentheile geehrt halten, ſehr geehrt, durch das Geſuch von Herrn Louis Morel. Gegen dieſen höchſt ſchätzbaren Herrn iſt mein Sohn in der Induſtrie nur kläglicher Stümper! So weit ſind wir nun! arme Kinder gibt man dem Unglücke preis, weil ſie unſchuldiger Weiſe das Beiſpiel ihres Vaters befolgt haben!“ „Ach! das iſt unſer Verbrechen, gute Großmama,“ verſetzt Valentine ſeufzend. „Wir ſahen unabläſſig meinen Vater Herrn Louis Morel mit einer ſo herz⸗ lichen Vertraulichkeit empfangen, daß . „Ja! ſie iſt ſehr bequem und beſonders ſehr auf⸗ richtig, dieſe Vertraulichkeit!“ ruft die Herzogin mit bitterer Ironie. „Handelt es ſich darum, Geld zu gewinnen, ſo ſteckt man ſein Wappen in die Taſche, 107 man hängt ſeinen Titel an den Nagel; man macht ſich zu Allem bei Allen; man behandelt den Erſten den Beſten als guten Kameraden. Eingeſchlagen, Gevatter! topp! wir ſind gleich! auf Du und Du!! wir ſind Leute von demſelben Werthe! und los auf die Thalerſäcke! Iſt aber das Jägerrecht gemacht, iſt der Gewinn im Sacke, und der arme Teufel läßt es ſich einfallen, die gute Kameradſchaft des Her⸗ zogs im Ernſte zu nehmen: Ah! das iſt etwas An⸗ deres! der Herr Herzog richtet ſich hoch auf, wirft ſich in die Bruſt, faltet die Stirne, ſetzt ſich auf ſeine Herzogskrone, und ſchaut von oben herab die⸗ ſen Mann an, der ſich von ſeinen Gleichheitsbetheu⸗ rungen bethören ließ!“ „Alſo, Großmutter,“ ruft Tancred mit Freude, „wir dürfen hoffen, daß unſere Heirath.. .“ „Eure Heirath!“ erwiedert die Herzogin Witwe außer ſich; „Eure Heirath! Wenn ich nur daran denke, fühle ich mich empört! Aber, Tugend meines Lebens! ich wollte, ſie fände ſtatt, dieſe ſchöne Hei⸗ rath, und ich würde mit allen meinen Kräften dazu antreiben, und wäre es nur, um meinen Sohn in ſeiner erbärmlichen Eitelkeit zu ſchlagen... denn er hat das Recht, ſeine Würde anzurufen, verloren.“ Die Herzogin Witwe wird durch ihren Sohn unterbrochen, der, bleich, aufgeregt, haſtig eintritt. *. N Betroffen von der Bläſſe und der Verſtörung des Geſichtes ihres Vaters, das von einer finſtern 108 Verzweiflung zeugt, laufen Tancred und Valentine auf ihn zu, und Valentine ruft: . „Großer Gott! mein Vater, was iſt geſchehen?“ „Mein Vater,“ fragt Tancred, nicht minder be⸗ ſorgt als ſeine Schweſter, „ſollteſt Du ſchlimme Nachrichten von unſerer Mutter erhalten haben?“ „Nein, Gott ſei Dank!“ erwiedert der Herzog von Sénancourt mit erſtickter Stimme; „nein, meine Kinder, mit dieſem Unglück ſind wir wenigſtens ver⸗ ſchont.“ Dann ſeinen Sohn und ſeine Tochter voll Innigkeit küſſend: „Meine Kinder, meine armen Kinder!“ „Was iſt denn vorgefallen?“ ſagt die Herzogin Witwe erſtaunt und beunruhigt zu ſich ſelbſt. „Die Bläſſe meines Sohnes, ſeine Thränen, dieſe ſchmerz⸗ lichen Umarmungen . . . Oh! ich habe eine Todes⸗ angſt!“ „Mein Vater,“ ſpricht Valentine immer in den Armen des Herzogs und weinend, „ſind die Hei⸗ rathsprojecte, die Du zurückweiſen zu müſſen glaub⸗ teſt, die Urſache Deines Kummers, ſo werden wir, Tancred und ich, das ſchwöre ich Dir, nie mehr hievon reden, was es uns auch koſten mag.“ „Oh! eher als Dich zu betrüben, lieber Vater, würden wir auf das Glück unſeres Lebens verzich⸗ ten, und wäre es geſichert!“ fügt Tancred bei. „Es handelt ſich nicht um Eure Heirath. Laßt mich, meine Kinder, ich muß mich auf der Stelle mit Eurer Großmutter beſprechen.“ Bei dieſen Worten von Herrn von Sénancourt entfernen ſich die zwei jungen Leute traurig, und Tancred ſagt leiſe zu ſeiner Schweſter: 109 „Welch ein unerwartetes Unglück hat denn un⸗ ſern Vater betroffen?“ „Ich weiß es nicht, Tancred, doch ich zittere.“ VI. Die Herzogin Witwe iſt mit ihrem Sohne allein geblieben. Trotz ihrer beklagenswerthen Kaſtenvorurtheile, trotz ihres ſtolzen, unbeugſamen Charakters, trotz ihrer Heftigkeit und ihres ſarkaſtiſchen, herben Geiſtes, war ſie die Zärtlichſte der Mütter; nur glaubte ſie eine ſcheinbare Zurückhaltung bei ihren mütterlichen Gefühlen beobachten zu müſſen, überzeugt, daß ihr maßloſer Erguß, faſt immer in ärgerliche Vertrau⸗ lichkeit ausartend, die kindliche Ehrfurcht ſchwäche. Sie betrachtete mit einer wachſenden Bangigkeit Herrn von Sénancourt. Sogleich nach dem Abgange ſeiner Kinder iſt dieſer auf die Thüre zugegangen und hat die Riegel vorgeſchoben; dann raſch zurückkehrend, ſpricht er mit bebender Stimme zu ſeiner Mutter: „Meine Mutter, die Augenblicke ſind gezählt. Ich bitte Sie inſtändig, haben Sie Mitleid und hö⸗ ren Sie mich an, ohne mich zu unterbrechen; Sie werden mir nie niederſchmetterndere Vorwürfe machen, als die, welche ich mir in der vergangenen Nacht gemacht habe, einer Nacht entſetzlicher Schlafloſigkeit und der ſchmerzlichſten Gewiſſensbiſſe.“ „Sie erſchrecken mich! Was haben Sie mir denn mitzutheilen?“ „Fortgeriſſen durch die unſelige Gewinnſucht, die ſich ſo vieler Geiſter bemächtigt hat 110 „Endlich geſtehen Sie es!...“ „Ich geſtehe es mit Scham; ich geſtehe es mit der Verzweiflung in der Seele. Dieſes demüthige Geſtändniß, wird es mir nun Ihre verdienten Sar⸗ kasmen erſparen?“ „Mein Sohn,“ erwiedert die vornehme Dame, „die NRiedergeſchlagenheit, in der ich Sie ſehe, die traurigen Ahnungen, von denen mein Herz gefoltert wird, laſſen in meinem Geiſte wenig Platz für die Jronie.“ „Denken Sie nicht, ich habe nur aus perſönlicher Habſucht dieſem unglücklichen Speculationsfieber nach⸗ gegeben. Nein, meine Mutter, ich ſchwöre es Ihnen bei Gott! Zu dieſer Stunde, wo ich zu Ihnen ſpreche, wie zu meinem Richter, werden Sie mir glauben: der Wunſch, das Erbe meiner Kinder zu vermehren, war eines der mächtigſten Motive meiner Gewinn⸗ gierde.“ „Ich will Ihnen glauben ... ich glaube Ihnen.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen? Es ſchien mir auch, mit Recht oder mit Unrecht, ich handle erſprießlich, wenn ich mir Beſchäftigung gebe, ſtatt mich darauf zu beſchränken, daß ich meine Einkünfte im Müßig⸗ gange verzehre. Ich habe mich alſo einzig und allein mit induſtriellen Unternehmungen beſchäftigt, denen ich bis dahin fremd geblieben war; ach! ich dachte, der gute Wille, die Thätigkeit, die Rechtſchaffenheit könnten meine Unerfahrenheit ergänzen. Alles ſchien einen meinen Wünſchen günſtigen Erfolg zu haben; mein angeſehener Name, mein Rang, mein Vermö⸗ gen ebneten mir alle Wege; ehrenwerthen Geſell⸗ ſchaften dünkte es vortheilhaft für ihre Intereſſen, 1¹¹ ſich unter mein Patronat zu ſtellen. Der Zufall brachte mich in Verbindung mit einem unterrichteten, redlichen, in jeder Hinſicht ausgezeichneten, durch eine Entdeckung, die er ſeinem Genie verdankte, reich gewordenen jungen Manne, Herrn Louis Morel.“ „Mit ihm, der ...“ Doch ſich unterbrechend, ſagt die Herzogin Witwe: „Fahren Sie fort.“ „Sollten Sie Herrn Louis Morel kennen, meine Mutter?“ „Fahren Sie fort.“ „Herr Louis Morel war oft mein Führer; ſeine ängſtliche Ehrlichkeit, ſein Scharffinn, ſeine ſeltenen Geſchäftskenntniſſe ſchützten mich lange vor Gefahren, in die mich meine Leichtgläubigkeit, mein Vertrauen und der Mangel an Uebung in den für mich ſo neuen Dingen ſtürzen konnten. Leider beſchränkte ich mich nicht auf die Speculationen allein, die mir Herr Louis Morel rieth, ſichere, redliche Specula⸗ tionen, welche als ſolche keinen übermäßigen Gewinn brachten. Ein Elender ſchlich ſich bei mir ein. Die⸗ ſer Betrüger verbarg unter dem Aeußeren einer plumpen Treuherzigkeit die ſchwärzeſte Argliſt, die frechſte Verruchtheit... Er hat mich zu Grunde ge⸗ richtet.“ „Das iſt der Menſch von geſtern, den ich wollte aus Ihrem Hauſe jagen laſſen?“ „Ja, meine Mutter. Er bot mir eine ſcheinbar ebenſo erlaubte, als herrliche Speculation an. Ge⸗ blendet, getäuſcht, glaubte ich dergeſtalt an die Sicherheit des Unternehmens und an die ungeheuren Gewinne, die es bringen müßte, daß ich bedeutende Kapitalien bei dieſer Geſellſchaft anlegte, deren Di⸗ 112 rection ich übernahm, wodurch ich mich moraliſch für ihre Acte verbindlich machte. Anfangs ging Alles gut; doch geſtern kam einer der Actionäre.. .“ „Er kam und erklärte Ihnen in meiner Gegen⸗ wart, es ſeien die ärgerlichſten Gerüchte über dieſes Unternehmen im Umlaufe.. .“ „Dieſe Gerüchte waren gegründet, das Unter⸗ nehmen, das ich in meiner Leichtgläubigkeit als ehrenwerth betrachtet hatte, war in Wirklichkeit eine heilloſe Betrügerei... Ich bin ſolidariſch bei dieſer Schändlichkeit!“ „Großer Gott!“ „Das iſt noch nicht Alles,“ ſpricht Herr von Seénancourt bebend und mit einer gebrochenen Stimme: „ich bin mit gerichtlicher Verfolgung wegen Prellerei bedroht!“ „Unglücklicher!“ ruft die Herzogin Witwe mit Entſetzen. Die vornehme Dame, welche ihrer furchtbaren Gemüthserſchütterung nicht widerſtehen kann, ſtützt ſich auf den Tiſch und fällt dann vernichtet in einen Lehnſtuhl; ſie ſcheint einer Ohnmacht nahe. Der Herzog von Sénancourt erblickt auf dem Tiſche den Flacon ſeiner Mutter, nimmt ihn und läßt ſie Salze einathmen. Sie kommt zu ſich und ſcheint ihre Le⸗ bensgeiſter zuſammenzuraffen. Ihr Sohn folgt allen ihren Bewegungen mit einer grauſamen Angſt. „Im Angeſichte des Todes, und ich habe ihn in der Nähe geſehen, hat mich nie eine ſolche Ohnmacht erfaßt, murmelt die Herzogin Witwe mit einer ſchmerzlichen Niedergeſchlagenheit; „doch vor der 113 Schande meines Sohnes bricht Alles in mir!. .. meine Kräfte entſchwinden.“ Und ihre zitternden, ehrwürdigen Hände zum Himmel erhebend, fügt die vornehme Dame wei⸗ nend bei: „Herr, warum haſt Du meine Tage ſo ſehr ver⸗ längert?... Oh! erbarme Dich meiner! rufe mich bald zu Dir zurück. Ich habe zu viel gelebt, mein Gott! ich habe zu viel gelebt!“ „Oh! Verzeihung, Mitleid, meine Mutter!“ ruft der Herzog von Sénancourt zu den Füßen der Herzogin niederknieend. „Wehe mir! vielleicht werde ich in den Augen der Welt entehrt ſein, doch in Ihren Augen darf ich nicht, will ich nicht entehrt ſein! Nein! ich werde es nicht ſein, wenn Sie mich anhören wollen, wenn Sie mir glauben wollen!“ Herr von Sénancourt bleibt vor ſeiner Mutter auf den Knieen und kann kaum ſein Schluchzen zu⸗ rückhalten. VII. Die Stirne geſenkt, das Geſicht in Thränen ge⸗ badet, hat die Herzogin Witwe einige Augenblicke geſchwiegen. Plötzlich erhebt ſie das Haupt und ruft mit einem Erguſſe mütterlichen Vertrauens: „Sie, mein Sohn, Sie zu einer Schändlichkeit fähig!. Nein! nein! das iſt unmöglich! Ich weiß, in welchen Grundſätzen ich Sie erzogen habe. Sie haben ſich als Edelmann erniedrigt, Sie haben einer verabſcheuenswerthen Gewinnſucht nachgegeben, doch ich würde bei meiner Seele ſchwören, pß S ſich Sue, der Teufel als Arzt. I. 114 wenigſtens nie gegen die Redlichkeit vergangen haben! Nein, nein! mein Sohn iſt noch ein ehr⸗ licher Mann!“ „Oh! meine Mutter!“ erwiedert Herr von Sé⸗ nancourt, indem er aufſteht und der Witwe voll Innigkeit die Hände küßt: „Sie verleihen mir den Muth, dieſes grauſame Geſtändniß zu vollenden; ich vollende es.. Ein einziges Mittel blieb mir, um den gerichtlichen Verfolgungen zu entgehen, wie mir der Elende, von dem ich mich bethören ließ, geſagt hatte: mich mit dem Vertreter der Actionäre dadurch abfinden, daß ich ihm dreimal hunderttauſend Franken gebe „Ich athme!... Was ſind dreimal hunderttauſend Franken gegen .. .“ „Achſ warten Sie, meine Mutter. Dieſe Summe, ich beſaß ſie nicht .. .“ „Mein Gott! Sie haben mich alſo getäuſcht! Sie ſind alſo zu Grunde gerichtet?“ „Weit entfernt! Doch alle meine Kapitalien ſtecken in induſtriellen Unternehmungen. Mein Kopf geräth in Verwirrung, ich weiß mir nicht zu rathen, laufe geſtern Abend zu meinem Advocaten und ſetze ihm die Dinge auseinander. Folgendes war ſeine Antwort: „„Trotz Ihres evidenten guten Glaubens haben Sie mit übermäßigem Leichtſinne gehandelt; Ihr blindes Vertrauen hat-Sie zum Opfer und in den Augen des Geſetzes zum Mitſchuldigen einer Bande von Spitzbuben gemacht. Glauben Sie mir, fügen Sie ſich in das Geldopfer, das ſie fordern, ſonſt werden Sie der Prellerei angeklagt. Sind Sie genöthigt, ſich vor einem Tribunal zu rechtfer⸗ 11⁵5 tigen, ſo kann Ihr guter Glaube moraliſch aus die⸗ ſen betrüblichen Debatten hervorgehen; was aber auch die Nachſicht der Richter ſein mag, Sie werden einem ſehr ſcharfen Tadel nicht entgehen, mit dem Ihr Name immer befleckt bleiben muß.““ Das waren die Worte meines Advocaten. Und da,“ fügt Herr von Sönancourt mit einer düſtern Nie⸗ dergeſchlagenheit bei, „da fühlte ich, daß ich ver⸗ loren war.“ „Muth, mein Sohn,“ erwiedert die Herzogin mit Feſtigkeit, „Muth! Ich habe wohl, und ich ſchöpfe ihn aus der Ueberzeugung, daß Sie zu einer Nie⸗ derträchtigkeit unfähig ſind. .. Vollenden Sie...“ „Entſchloſſen zu dem Opfer, das mir mein Ad⸗ vocat rieth, laufe ich zu meinem Banquier; er über⸗ gibt mir vierzigtauſend Franken, meine einzigen verfügbaren Kapitalien, und verweigert mir mit Bedauern jeden Vorſchuß, da meine beträchtlichen Anlagen in der Induſtrie, wie er ſagt, völlig ent⸗ werthet werden können, wenn die Handelskriſe ſich verlängere. Unter den Perſonen, in deren Unter⸗ nehmungen meine Fonds ſtecken, ohne daß es mir möglich iſt, ſie von einem Tage auf den andern zu⸗ rückzufordern, hätte Herr Louis Morel vielleicht allein eingewilligt, meine Kapitalien herauszugeben. Es kam mir einen Augenblick der Gedanke, mich an ihn zu wenden, doch . . .“ „Nach Ihrer Weigerung von geſtern wurde ein ſolches Verlangen unmöglich.“ „Sie wiſſen? ... „Ihre Kinder haben mir Alles geſagt. Ich bitte, fahren Sie fort: ich bin auf der Folter.“ 116 „Nachdem ich mir die hunderttauſend Thaler, die man von mir forderte, nicht hatte verſchaffen können, kehrte ich dieſen Morgen um ein Uhr nach Hauſe zurück,“ fuhr Herr von Sénancourt fort, dem ſeine Mutter mit Bangigkeit zuhörte. „Wozu ſoll ich von meinen Thränen, von meiner Troſtloſigkeit, von meinen Gewiſſensbiſſen in dieſer traurigen Nacht ſprechen? Sie errathen das. Bei Tagesanbruch ging ich aus, entſchloſſen zu einem . . . ſchmählichen Schritte: ich begab mich zu Herrn Coquard! Ich ſagte ihm, ich wolle die Summe bezahlen, ich bat ihn, ich flehte ihn an . . . ach! meine Mutter, ich flehte dieſen Elenden an, mir nur Zeit zu bewilligen und auf Abſchlag vierzigtauſend Franken in Empfang zu nehmen, die ich ihm anbot. Frecher Weiſe die Maske abwerfend, antwortete mir dieſer Menſch: „„Sie haben vierzigtauſend Franken gefunden, Sie werden wohl dreimal hunderttauſend zu finden wiſſen! Wir halten Sie! wir werden Sie nicht loslaſſen! wir werden Ihnen keine Friſt bewilligen: ſie könnte uns nachtheilig ſein; binnen zwei Stunden ſpäteſtens werden Sie uns dreimal hunderttauſend Franken be⸗ zahlen, ſonſt iſt am Mittag eine Klage wegen Prel— lerei gegen uns Beide anhängig gemacht.““ Kaum hat Herr von Sénancourt dieſe Worte vollendet, da ſchlägt es Mittag auf der Pendel⸗ uhr. Die Herzogin Witwe ſchauert und fragt: „Wie viel Uhr hat es geſchlagen?“ Dann nähert ſie ſich haſtig dem Kamine, ſchaut auf die Pendeluhr und ruft: „Mittag!“ Und ſie wendet ſich zitternd von einer unausſprechlichen Bangigkeit an ihren Sohn: 117 „Sie haben wenigſtens Zeit gehabt, dieſe Summe dem Schufte zu bringen?“ „Dieſe Summe, wo hätte ich ſie gefunden, meine Mutter?“ „Unglückliches Kind,“ verſetzt die Herzogin Witwe mit Schrecken und Verzweiflung. „Du haſt alſo vergeſſen, daß mein Silberzeug, meine Diamanten in Sénancourt über fünfzigtauſend Thaler werth ſind, abgeſehen von den zwei bis dreitauſend Louis d'or meiner Caſſette?“ Und ſie unterbricht ſich plötz⸗ lich gegen die Thüre des Salon horchend: „Höre! mir ſcheint, man hat geklopft! . ..“ Die Herzogin und ihr Sohn ſchweigen; ſie hören auf's Neue beſcheiden an die Thüre klopfen. „Wer iſt da?“ fragt Herr von Sénancourt mit unſicherer Stimme, „wer klopft?“ „Ich, Lapierre,“ antwortet von außen ein Kam⸗ merdiener; „ich bringe ein geſtempeltes Papier, das ein Gendarme dem Concierge für den Herrn Herzog übergeben hat.“ „Wenn es das wäre!..“ ruft Herr von Sénan⸗ court ſchauernd. „Ah! ich zittere. Welche Schande! meine Leute werden erfahren! Ah! das heißt den Kelch der Schmach bis auf die Hefe leeren.“ Der Herzog öffnet die Thüre und winkt dem Diener, ſich zu entfernen. Nachdem er ein Papier von ihm empfangen, wirft er einen Blick darauf: „Ein Mandat, heute vor dem Inſtructionsrichter zu erſcheinen. . .“ Der Herzog fällt vernichtet in einen Lehnſtuhl und bricht in ein herzzerreißendes Schluchzen aus: „Entehrt, meine Mutter, entehrt!“ 118 „Mein Sohn, mein armes Kind!“ Faſt erſtict durch das Schluchzen, umſchlingt die vornehme Dame ihren Sohn mit den Armen; Beide halten ſich weinend einige Augenblicke umfan⸗ gen, ohne ein Wort ausſprechen zu können. H. Ueberzeugt von der Unſchuld ihres Sohnes war die Herzogin Witwe von Sénancourt nicht die Frau, die ſich auf unfruchtbare Wehklagen beſchränkte. Sie drückt ihren Sohn zum letzten Male an ihre Bruſt, trocknet dann ihre Thränen und ſagt, ihren Stolz, ihre Entſchloſſenheit, ihren gewöhnlichen Muth wieder⸗ findend, kurz und mit feſter Stimme zu ihrem Sohne: „Verlange ſogleich Deinen Wagen.“ „Meinen Wagen . . . und warum?“ „Wir werden uns zu dieſem Richter begeben.“ „Sie meine Mutter? Sie?“ „Wer würde denn beſſer als eine Mutter ihren Sohn vertheidigen? Ich werde zu dieſem Richter ſagen: „„Mein Herr, ich bin die Herzogin Witwe von Sẽé⸗ nancourt; mein Wort iſt ſo viel werth als eine Hand⸗ lung, meine Verſicherung ſo viel als ein Eid; der Herzog von Sénancourt, mein Sohn, iſt vor Allem unſchuldig, und, mehr noch, nicht fähig der Schänd⸗ lichkeit, der man ihn bezüchtigt! Ich mache mich ver⸗ bindlich, ehe acht Tage vergehen, durch meinen In⸗ tendanten die von dieſen Spitzbuben geforderten dreimal hunderttauſend Livres bezahlen zu laſſen! Es ſei alſo Alles beendigt, mein Herr, und ich bitte, nehmen Sie in Zukunft nicht ſo leichtſinnig Bezichte — 119 an, welche eben ſo lächerlich als gehäſſig. Mein Sohn hat die Ehre, dem Hauſe Sénancorurt anzuge⸗ hören, deſſen Wahlſpruch iſt: Kühn, redlich! Dieſen Wahlſpruch haben die Sénancourt ſeit Jahrhunderten nie verletzt, was Sie aus der Geſchichte Frankreichs, die Sie ohne Zweifel geleſen, hätten entnehmen können; mein Sohn aber hat ſich gegen ſein Ge⸗ ſchlecht nicht vergangen!““ Und indem ſie ſich gegen die Thüre wendet, fügt die vornehme Dame bei: „Komm, mein Kind!“ „Oh! die Beſte, die Nachſichtigſte der Mütter!“ ruft der Herzog, der Witwe mit zarter Ehrfurcht die Hand küſſend, „meine Dankbarkeit. . .“ „Was ſprichſt Du von Dankbarkeit, mein Kind? Ich bin gerecht, ich hatte das Recht, ſtreng zu ſein, und ich bin es geweſen, als ich Dir Deiner Geburt unwürdige Geſchäfte vorwarf; aber, Tugend meines Lebens! nie werde ich dulden, daß man die Ehre Deines Hauſes antaſtet, wenn Du ſie, trotz Deiner Verirrungen, geachtet haſt. Komm! komm!“ „Meine Mutter, Ihre anbetungswürdige Güte zerreißt mir das Herz. Ach! Sie vermögen nichts für mich!“ „Was ſagſt Du?“ „Die Geſetze ſind in unſern Tagen für Alle gleich! Die Juſtiz hat ſich dieſer unglücklichen Klage bemäch⸗ tigt, und ſo achtenswerth Ihre Verſicherungen, Ihre Bürgſchaften auch ſind, nichts vermag nun den Gang der Unterſuchung aufzuhalten; meine Schande iſt entſchieden! Und dennoch bin ich ein ehrlicher Mann,“ fügt Herr von Sénancourt mit dem ſchmerzlichſten Tone bei. „Ach! meine Kinder! meine armen Kinder!“ 120 „Gerechter Gott! wie! die Verſicherung, das heilige Wort einer Mutter .. .“ „Alles wird vergeblich ſein! Die Klage iſt an⸗ hängig gemacht. Die Unterſuchung muß ihren Lauf haben.“ Und mit einem Schluchzen ſpricht Herr von Sénancourt: „Vor einem Gerichte auf der Bank der Gauner, der Diebe erſcheinen, ich! ich! Meinen Kindern einen gebrandmarkten Namen hinterlaſſen!“ „Keine Hoffnung mehr!“ murmelt die vornehme Dame halb ohnmächtig: „Alles iſt verloren! Die . Ehre des Hauſes Sénancourt iſt befleckt! Ich habe zu lange gelebt, mein Gott! Kürze, v Herr, die we⸗ nigen Tage da, die mir bleiben, ab!“ Der Kammerdiener öffnet die Thüre des Salon und meldet, Louis Morel, der auf der Schwelle bleibt, voranſchreitend, ſeinem Herrn: „Herr Louis Morel verlangt auf der Stelle den Herrn Herzog zu ſehen. Es handelt ſich um eine ſehr dringende Angelegenheit.“ X. In einen Schmerz verſunken, der faſt an Ver⸗ rückung des Geiſtes gränzt, antwortet der Herzog von Sénancourt dem Kammerdiener, welcher ihm Herrn Louis Morel meldet: „Gehen Sie; ich kann Memand ſehen!“ „Sie werden, wie ich hoffe, meine Unbeſcheiden⸗ heit entſchuldigen, Herr Herzog,“ ſpricht Louis Morel indem er ſich dem Herzog von Sénancourt nähert, „ich bringe Ihnen in Eile eine glückliche Nachricht.“ „Eine glückliche Nachricht!“ wiederholt Herr vvn 12¹ Sénancourt, einer unausſprechlichen Bangigkeit preis⸗ gegeben. „Welche Nachricht?“ „Das Abſtehen von der gerichtlichen Verfolgung, deren Gegenſtand Sie waren,“ antwortet der junge Mann. „Ich komme ſo eben vom Juſtizpalaſte. Der Unterſuchungsrichter hat mir dieſen Brief für Sie übergeben.“ Kaum glaubend, was er hört, nimmt Herr von Sénancvurt raſch den Brief, den ihm Louis Morel übergibt, und lieſt laut mit zitternder Stimme: „„Nach dem Abſtehen der Kläger, und beſonders in Folge befriedigender Erklärungen und überzeugen⸗ der Beweiſe gegeben von ſo ehrenwerthen Männern wie der Herr Doctor Max und Herr Louis Morel, beeile ich mich, dem Herrn Herzog von Sénancourt anzukündigen, daß er es unterlaſſen kann, ſich in mein Cabinet zu begeben, und dieſe ärgerliche Ange⸗ legenheit als abgemacht betrachten mag.““ Kaum hatte Herr von Sénancourt dieſen Brief zu Ende geleſen, da werfen ſich, einer unwillkürlichen Bewegung nachgebend, der Herzog und ſeine Mutter einander in die Arme. Ihre Umarmungen, ihre Ausrufungen, ihre Freudenthränen bringen die tiefſte Rührung bei Louis Morel hervor; er ſagt ſich aber mit einer bittern Traurigkeit: „Meine Schweſter und ich, wir werden allein an dieſem Tage unglücklich ſein!“ Xl. Der Herzog von Sönancourt, nachdem er ſich wie ſeine Mutter dem Entzücken über ein unverhofftes Glück 122 überlaſſen hat, wendet ſich gegen Louis Morel um und ruft mit Erguß: „Mein Freund! mein Retter!“ „Ich habe meine Pflicht als ehrlicher Mann er⸗ füllt, Herr Herzog,“ antwortet Louis Morel einfach und würdig, „ich habe Sie gegen eine ſchändliche Ver⸗ leumdung vertheidigt.“ „Ah! Herr Louis Morel,“ ſpricht die vornehme Dame, deren Geſicht noch in Thränen gebadet iſt, zmeine Thränen werden beredter ſein, als meine Worte. Sie haben die Ehre meines Sohnes ge⸗ rettet! Wie werden wir je dieſe Schuld abtragen können? Die Segnungen des Himmels mögen Sie beſchützen!“ „Mein Freund,“ ruft Herr von Sénancourt, „mein ganzes Leben wird nicht hinreichen, um .. . Doch verzeihen Sie, ich will den ganzen Umfang der Dienſte kennen, für die ich Ihnen ſowie dem Herrn Doctor Max zu Dank verpflichtet bin. Durch welche Mittel konnten Sie das Verzichten auf die Klage von dieſen Elenden erlangen?“ „Geſtern Abend erfuhr ich die Gerüchte, die ſich über Ihr unglückliches Unternehmen mit den Con⸗ ſtantine⸗Tabaken verbreiteten. Einer meiner Freunde, der ſchon von Herrn Coquard bethört worden war, von deſſen abſcheulichem Rufe ich nichts wußte, ſonſt hätte ich Sie längſt über ihn unterrichtet; einer meiner Freunde, ſage ich, ließ mir durch die genaue Mittheilung, die er mir machte, keinen Zweifel über das ſchändliche Manoeuvre, deſſen Opfer Sie werden ſollten. Ich begab mich heute Morgen zu einem dieſer Schufte, Namens Loubin. Obgleich er ſeine 8 3 123 Klage ſchon anhängig gemacht hatte, ſprach ich doch mit ihm eine Sprache, die dieſen Elenden hören zu laſſen, Herr Herzog, Ihre Unerfahrenheit in den Geſchäften Ihnen nicht erlaubt hätte; ich bewies ihm ganz klar, daß er Sie allerdings zu Grunde richten könne, daß aber ſeine Schurkerei und die ſeiner Ge⸗ noſſen werde entſchleiert werden. Kurz, mittelſt eines Vergleichs erlangte ich von ihm das Abſtehen von der Klage, und ich nöthigte ihn, dieſe Urkunde ſo abzu⸗ faſſen, daß er Ihrer vollkommenen Redlichkeit die glänzendſte Anerkennung zollte. Mit dieſem Schrift⸗ ſtücke verſehen, begab ich mich in aller Eile zum Unterſuchungsrichter. Er war durch einen glücklichen Zufall einer meiner Jugendgeſpielen; ich hoffte bei ihm unſer altes Verhältniß zu Unterſtützung der Güte Ihrer Sache geltend zu machen. Ueber den Platz des Juſtizpalaſtes gehend, begegnete ich dem Doctor Mar. Er war vom ECriminalgerichte über eine Frage der gerichtlichen Arzneikunde gehört worden; ich glaubte ihn ohne Indiscretion, und da ich weiß, wie ſehr Sie der Doctor ſchätzt, Herr Herzog, von den Schändlichkeiten, deren Gegen⸗ ſtand Sie waren, unterrichten und ihm ſagen zu können, ich hoffe dieſelben, die Unparteilichkeit des Beamten, den ich ihm nannte, anrufend, zu ver⸗ eiteln. Der Doctor Max unterbricht mich und fragt: „„Kennen Sie dieſen Beamten?““ „„Ich habe ihn lange nicht mehr geſehen, doch er war mein Freund in der Kinderzeit,“ antwortete ich dem Doctor. „„Trotz dieſer Jugendfreundſchaft könnten Sie ſich in Ihrer Hoffnung täuſchen, denn er iſt eben ſo ſtreng als gerecht. Ich will Sie begleiten; ich werde Sie 124 im Vorzimmer des Cabinets von unſerem Beamten erwarten; erlangen Sie nicht, was Sie wünſchen, ſo benachrichten Sie mich.“ „Haben ſich die Befürchtungen unſeres Freundes verwirklicht?“ fragt die Herzogin Witwe Herrn Louis Morel. „Hatten Sie ſeine Mitwirkung nöthig?“ „Ja, Frau Herzogin.“ „Alſo, mein Freund, dieſer Beamte war ſchon gegen mich eingenommen?“ „Nicht gerade, Herr Herzog; nachdem er mich aber aufmerkſam angehört hatte, verſicherte er mir, die Aufklärungen, die ich ihm in Betreff dieſer ärger⸗ lichen Angelegenheit gebe, laſſen noch in ſeinem Geiſte Zweifel über die Ratur Ihrer Mitwirkung. Er fügte dem zu Folge bei, die Gerechtigkeit müſſe ihren Lauf haben, und trotz meiner dringenden Vorſtellungen behauptete er die Nothwendigkeit Ihres Erſcheinens vor dem correctionellen Gerichte.“ „Da, Herr Morel,“ ſagt die vornehme Dame, „da mußten Sie die Vermittelung unſeres alten Freun⸗ des in Anſpruch nehmen?“ „In der That, Madame, und ohne den ſelt⸗ ſamen, albernen Gerüchten Glauben zu ſchenken, welche dem Doctor Mar den Beinamen der Teufet als Arzt eingetragen haben, war ich ſehr erſtaunt über das, wovon ich Zeuge wurde.“ „Dieſer Teufelsdoctor mächt immer ſeine Streiche,“ verſetzt lächelnd die Herzogin Witwe. „Was iſt dann vorgefallen, Herr Morel?“ „Als ich aus dem Cabinet des Unterſuchungs⸗ richters wegging, geſtand ich dem Doctor Mar den ſchlimmen Erfolg meines Schrittes; er lacht auf ſeine 125 ſpöttiſche Art und ſagt zu mir: „„Gehen wir wie⸗ der hinein; ich ſtehe Ihnen für das Gewinnen Ihrer Sache; halten Sie mich aber darum nicht für den Doctor Mephiſtopheles.““ „Welch ein ſeltſamer Menſch iſt doch dieſer liebe Doctor!“ ſpricht der Herzog von Sénancourt. „Und wie hat er erlangt, was man Ihnen verweigert hatte?“ „Als ich in das Cabinet des Unterſuchungsrich⸗ ters zurückkam, bemerkte ich, wie ſehr dieſer bewegt war, da er den Doctor Max erblickte; er empfing ihn mit eben ſo viel Freude und Ehrfurcht, als Würde, und fragte ihn, was er wünſche. „„Herr von Sénancourt iſt der redlichſte Mann, den ich kenne,““ antwortete der Doctor, „„und ich habe zu viel Vertrauen zu Ihrer Billigkeit, zu Ihrer Er⸗ leuchtung, mein Herr, um nicht ſicher zu ſein, Sie werden einen Proceß aufgeben, der von Spitzbuben gegen den von ihnen Betrogenen anhängig gemacht worden iſt.“ Der Beamte erwiederte ebenfalls unſerem Freunde, die Gerechtigkeit müſſe ihren Lauf haben, doch ſei er bereit, jede Erklärung anzuhören, welche ſein Gewiſſen erleuchten könne. „„Dann erlauben ſie mir, mein lieber Kunde, verſetzte der Doctor Max, „„daß ich die Erinnerung an geleiſtete Dienſte anrufe und Sie, im Namen dieſer Erinnerungen, dringend bitte, aufs Neue Herrn Louis Morel in Betreff der fraglichen Angelegenheit hören zu wollen; er hat vielleicht einige beſondere Umſtände vergeſſen, ohne welche Sie nicht hinreichend über die Sache, die er bei Ihnen vertheidigte, auf⸗ geklärt worden ſind.““ Dem Wunſche unſeres 126 Freundes nachgebend,“ fährt Louis Morel fort, „wie⸗ derholte ich meine vorhergehenden Erklärungen un fügte denſelben einige Facta über die notoriſche Be⸗ trügerei von Herrn Coquard und Conſorten bei. Der Richter ſchien ſehr ergriffen vom Werthe dieſer neuen Mittheilungen und ſagte mir mit einem Aus⸗ drucke des Vorwurfs: „„Warum haben Sie mir nicht ſogleich dieſe wichtigen Details gegeben? Es iſt nun augenſcheinlich, daß die Juſtiz die Mitſchuldige von Elenden würde, wollte ſie ihre Verfolgungen unter⸗ ſtützen.“ Auf der Stelle ſchrieb und übergab mir der Beamte den Brief, den ich Ihnen, Herr Herzog, zu bringen die Ehre gehabt habe.“ Herr von Sénancourt und ſeine Mutter ſchauen ſich einen Augenblick ſtillſchweigend an, Beide ſehr gerührt und beſonders tief dankbar für dieſe neue Teufelei des Doctors Max. „Sie ſehen, mein Herr Herzog,“ fügt Lvuis Morel bei, „Sie verdanken hauptſächlich dem Doctor Max den glücklichen Erfolg des Schrittes, den ich Anfangs vergebens verſucht hatte. Der entſcheidende Einfluß, den er auf den Geiſt des ehrenwerthen Be⸗ amten geübt hat, entſpringt gerechter Weiſe aus dem tiefen Gefühle der Dankbarkeit, das er ihm einflößt. Seiner ſorgſamen Behandlung, ſeiner Hingebung, ſeiner ſo ſelten fehlenden Wiſſenſchaft hatten vor ein paar Jahren die Frau und. die Tochter dieſes Rich⸗ ters das Leben zu verdanken.“ „Ah! Herr Morel, nie werde ich dieſen Beweis der Zuneigung vergeſſen, die unſer alter Freund für uns hegt,“ erwiedert die Herzogin Witwe; „doch von dieſem Schritte hatten Sie die Initiative, und ————— 127 unſere Dankbarkeit gegen Sie wird nicht minder groß und ewig ſein.“ „Dann fällt mir ein,“ fügt der Herzog von Sénan⸗ court bei, „das Abſtehen, das Sie von dieſen Elen⸗ den erlangt haben, mein lieber Morel, konnten Sie ihnen nur um den Preis einer bedeutenden Summe entreißen? Sie forderten von mir hunderttauſend Thaler.“ „Ich erkannte, daß Sie ſich in der Nothwendigkeit befanden, ſich in ein Opfer zu fügen, um dieſe är⸗ gerliche Geſchichte zu unterdrücken; doch es war viel geringer, als Sie vermuthen. Sie hatten die Güte, Fonds in meiner Fabrik anzulegen . wir werden ſpäter rechnen,“ erwiedert Louis Morel; und er verbeugt ſich vor der Witwe, und ſagt dann zu Herrn von Sénancourt: „Guten Tag, Herr Herzog.“ „Wie, Sie verlaſſen uns?“ verſetzt traurig der Herzog. „Ah! mein Freund, der Ausdruck unſerer Dankbarkeit iſt Ihnen alſo zur Laſt?“ „Mein Sohn,“ ſpricht die vornehme Dame mit innigem Tone, „mit dem Herzen bezahlt man . wenn man ſie je bezahlen kann .. . Herzensſchulden. Der ergebenſte, der zärtlichſte, der auf die Ehre Ihres Namens eiferſüchtigſte Verwandte hätte nicht mehr für Sie gethan, als Herr Louis Morel.“ „Ohl nein, meine Mutter!“ „Wir müſſen alſo fortan, im Namen unſerer ewigen Dankbarkeit, Herrn Louis Morel lieben, ehren, als ob er ein Mitglied unſerer Familie wäre. Ich bin aber der Anſicht, daß die Familienheirathen..“ „Meine Mutter, vollenden Sie nicht Sie kom⸗ men meinem Gedanken zuvor. Laſſen Sie mir die 128 Ehre, das Glück, diesmal unſerem Freunde nicht mehr unter der Form eines Wunſches, ſondern einer Gewißheit zu ſagen: „Mein lieber Morel (und der Herzog reicht dem jungen Manne herzlich die Hand), ich bin glücklich, ich bin ſtolz, zum Schwiegerſohne und zur Schwiegertochter Sie und Ihre reizende Schweſter zu haben!““ „Was höre ich? Ah! Herr Herzog, Sie erfüllen die theuerſten Wünſche meines Herzens! Und den⸗ noch weiß ich nicht, ob ich diefes Anerbieten nun annehmen kann, darf.“ „Wie, mein Freund, Sie würden es ausſchlagen?“ „Mein Sohn, das Zartgefühl von Herrn Morel kommt ſeiner Großmuth gleich. Er befürchtet, der Beweis von Ergebenheit, durch den er ſich ſo eben um Sie tief verdient gemacht, könnte Ihnen, nach Ihrer Weigerung von geſtern vielleicht eigennützig ſcheinen?“ „Ich geſtehe es, Madame,“ erwiedert Louis Morel mit Würde, „es wäre mir grauſam .. ſehr grau⸗ ſam, zu denken, der Dienſt, den ich Herrn von Sénan⸗ court zu leiſten zu glücklich geweſen bin, könnte mit dem leichteſten Verdachte eines perſönlichen Hinter⸗ gedankens befleckt werden.“ „Und ich, deren Wort nicht zweifelhaft iſt, Herr Morel,“ ſpricht die Herzogin Witwe, „ich verſichere Ihre Uneigennützigkeit.“ „Großer Gott! wer könnte daran zweifeln, meine Mutter?“ S „Ich füge bei, daß ich, was mich betrifft, nicht den Umſtand abgewartet habe, der uns auf immer gegen Sie verpflichtet, mein Herr, um Ihre Heiraths⸗ 129 pläne zu billigen . . (aus einem gewiſſen Geſichts⸗ punkte, wohlverſtanden .. . meine Offenherzigkeit legt mir dieſen Vorbehalt auf) . .. zu billigen, ſage ich, und mich zu entſchließen, ſie zu unterſtützen.“ „Wäre es wahr, Madame?“ „Sehen Sie,“ antwortet die Herzogin Witwe, da ſie auf der Thürſchwelle Tancred und Valentine erblickt, welche einzutreten zögern, „ſehen Sie, hier ſind die lieben Zeugen meines.. ich geſtehe es, ein wenig verzweifelten . . . Entſchluſſes.“ Und ſich an die jungen Leute wendend: „Kommt näher, meine Kinder.“ XIM. Immer beunruhigt durch die Traurigkeit, deren Ausdruck ſie kurz zuvor in den Zügen ihres Vaters wahrgenommen haben, laufen Fräulein von Sénan⸗ court und Tancred auf die Stimme ihrer Großmut⸗ ter eiligſt hinzu, und dieſe ſagt zu ihnen: „Umarmt zuerſt Euren Vater; Eure Liebkoſungen werden ihm ſüß ſein.“ „Oh! ſehr ſüß!“ ruft Herr von Sénancourt, und in einer tiefen Gemüthsbewegung ſtreckt er die Arme gegen ſeine Kinder aus, und er küßt ſie mit einer verdoppelten Zärtlichkeit. „Ach! ich habe nie mehr gefühlt, wie innig ich Euch liebe!“ „Welch ein Glück!“ erwiedert Volentine; „Du ſcheinſt nicht mehr betrübt wie heute Morgen?“ „Mein Vater,“ fügt Tancred bei, „die Freude ſtrahlt auf Deinem Antlitz.“ Sue, der Teufel als Arzt. M. 3 130 „Ja, ja, die Freude ſtrahlt auf meinem Antlitz, und bald wird auch bei Euch...“ „Meine Kinder,“ ſpricht die Herzogin Witwe, Herrn von Sénancourt unterbrechend, „ſagt mir: als Ihr mir heute Morgen ſchriebet, um mir Euren Kummer über die Weigerung Eures Vaters in Be⸗ treff Eurer Doppelheirath anzuvertrauen, was habe ich Euch da gerathen?“ „Großmama,“ antwortet Valentine naiv, „Sie haben mir gerathen, ins Kloſter zu gehen, wie man dies früher that, um dem Gefühle meines Herzens treu zu bleiben und meinem Vater nicht ungehorſam zu ſein.“ „Meine Großmama hat mir gerathen, Soldat in Africa zu werden,“ fügt Tancred ſeufzend bei. „Ich ſollte ledig bleiben, weil man nicht mehr, wie vor Jahren, das Gelübde ewigen Cölibats in den Maltheſer⸗Orden eintretend ablegen und gegen die Stte auf den Galeeren des Königs ſtreiten ann „Und wahrhaftig,“ ſpricht lächelnd die Herzogin Witwe, „Ihr ſchienet mir keinen, durchaus keinen Geſchmack an dieſem ergebenen oder ritterlichen Ver⸗ zichten nach der Mode der alten Zeit, wozu ich Euch rieth, zu finden... Was ſagte ich Euch ſodann hin⸗ ſichtlich der Weigerung, die Euer Herr Vater Euren Heirathsplänen entgegenſetzte?“ „Großmama, erwiedert Valentine verlegen, „ich wage es nicht.. „Ich will die Verantwortlichkeit meiner Worte übernehmen, denn ich bin St. Johannes Chry⸗ 13¹ ſoſtomos *), und ich werde im Weſentlichen vor Herrn Louis Morel und vor meinem Sohne (es iſt gut, daß er dieſe Wahrheiten erfährt) wiederholen, was ich Euch, meine Kinder, vorhin geſagt habe: nämlich, mir ſcheine es mindeſtens ſeltſam, daß der Herr Herzog von Sénancourt, der ſelbſt Induſtriemann geworden, äußerſt Induſtriemann .. ſich in die Würde ſeines Ranges verſchanzen wolle, welche nur nch Eitelkeit ſei . . . um die Anträge eines andern Induſtriels abzulehnen, die Anträge von Herrn Louis Morel, einem vollkommen ehrenwerthen, höchſt ausgezeichneten jungen Manne; woraus ich ſchloß, ich würde mit allen meinen Kräften zu Eurer Hei⸗ rath antreiben.“ „In der That, Großmama,“ erwiedert Valentine, einen ſchüchternen Blick auf Louis Morel werfend, „das ſind Ihre Worte geweſen.“ „Ja,“ fügt Tancred einen Seufzer unterdrückend bei, „und dieſe Worte hatten uns viel Hoffnung ge⸗ geben. „Sie ſehen, Herr Morel,“ ſpricht die Herzogin itwe, „ſchon vor dem Beweiſe der rührenden Er⸗ gebenheit, die Sie meinem Sohne bezeigt haben, ſchien mir ſeine Weigerung ungerecht und, mehr noch, ſehr unlogiſch. Ich werde indeſſen nicht ſo weit gehen, daß ich Ihnen ſage, trotz der Logik, trotz Ihrer Vor⸗ züge und derer Ihrer Fräulein Schweſter ſtoßen dieſe Heirathen nicht in mirund zwar ſehr ſtark an Ideen an, die ich nie, nein nie werde mit Vorurtheilen ) Goldmund. 132 vermengen laſſen! Was wollen Sie, Hetr Morel, ich bin eine greiſe Frau der alten Zeiten, erzogen in gewiſſen, nach meiner Anſicht immer ehrwürdigen, Grundſätzen und treu den Ueberzeugungen, die ich mir zur Ehre ſchätze, und die ſich mit dem Alter eingewurzelt haben. Doch Sie werden mir auch glauben, Herr, wennich beifüge, daß zu dieſer Stunde., 3 und Sie begreifen meinen Gedanken, nicht wahr?“ ſpricht die vornehme Dame, indem ſie ſich mit einem ausdrucksvollen Blicke an den jungen Mann wendet, „daß ich zu dieſer Stunde eine tiefe Befriedigung bei Ihrer Heirath mit meiner Enkelin und bei der von Fräulein Morel mit meinem Enkel fühle.“ „Wie, Großmama,“ ſtammelt Valentine erſchüt⸗ tert, entzückt und kaum glaubend, was ſie hört, „un⸗ ſere Heirath? Mein Gott! dürfen wir hoffen...“ „Mein Vater,“ ruft Tancred, nicht minder er⸗ griffen und entzückt als ſeine Schweſter, „Sie wür⸗ den einwilligen?“ „Ja, meine Kinder,“ antwortet der Herzog von Sénancourt mit Erguß, „ich gebe meine Einwilligung zu dieſer Heirath; ſie iſt meine Freude, meine Hoff⸗ nung; ich bin zum Voraus ſicher, daß auch Eure Mutter, der ich heute noch ſchreiben werde, einwilligt. Verzeiht Ihr mir die paar Augenblicke des Kum⸗ mers, die ich Euch verurſacht habe?“ Sodann Louis Morel die Hand reichend: „Verzeihen Sie mir auch meine erſte Weigerung, mein Freund?“ „Ah! Herr Herzog,“ erwiedert Louis Morel tief bewegt, „meine Schweſter und ich, wir werden Ihnen das Glück unſerer Zukunft zu verdanken haben.“ Dupont tritt in dieſem Augenblicke dem Doctor 133 Mar voranſchreitend und dieſen meldend ein. Dann bleibt der gute alte Diener beiſeit ſtehen und ſagt mit kläglichem Tone zu ſich ſelbſt: „Ich wage es nicht, meiner Pathe ins Geſicht zu ſchauen. Sie hat mich ein ſchwarzes Thier ge⸗ nannt! nie iſt ſie ſo weit gegangen. Dieſe ruchloſe Boyer iſt Schuld an meiner Schmach!“ XIII. Herr von Sénancourt und ſeine Mutter ſind leb⸗ haft dem Doctor Max ein paar Schritte entgegen⸗ geeilt. Er kann auf den Geſichtern der vorneh⸗ men Dame und ihres Sohnes den Ausdruck einer unausſprechlichen Dankbarkeit leſen. Der Herzog nimmt den Arzt bei der Hand und ſagt leiſe, aus Furcht, von ſeinen Kindern gehört zu werden, zu ihm: „Sie haben mir die Ehre gerettet!“ „Ahl mein alter Freund,“ fügt die Herzogin ge⸗ rührt bei, „ohne Sie, ohne Herrn Louis Morel un⸗ terlag ich dieſem gräßlichem Schlage!“ „Ich bitte, ſprechen Sie leiſer, Madame,“ ver⸗ ſetzt der Doctor Max, „Ihr Enkel und Ihre Enkelin könnten Sie hören.“ „Ja, mein lieber Doctor, wir kehren nach Sénan⸗ court zurück,“ ſagt laut die vornehme Dame, die ſich den Anſchein gibt, als ſetzte ſie das leiſe begon⸗ nene Geſpräch fort; dann, indem ſie ſich Valentine und Tancred nähert: „Ich nehme meinen Sohn und meine Enkel mit. Ich habe, wie ich hoffe, Ihre Verordnung Punkt für Punkt befolgt?“ 13⁴ „Vortrefflich, Frau Herzogin,“ erwiedert der Doctor Max. „Die Kur wird vollſtändig ſein...“ „Und um ſich ihrer Dauer zu verſichern, werden Sie Ihre Kranken auf achtundvierzig Stunden ver⸗ laſſen,“ ſagt Herr von Sénancourt; „Sie werden der Hochzeit meiner Kinder anwohnen. Valentine hei⸗ rathet meinen vortrefflichen Freund Louis Morel, und ſeine reizende Schweſter verbindet ſich mit Tan⸗ cred. Ich verzichte für immer. . . oh! ja für immer auf die induſtriellen Geſchäfte! Mein lieber Schwie⸗ gerſohn hat wohl die Güte, noch einige Tage in Paris zu bleiben, um meine Liquidation zu beſorgen und die Rückkehr meiner Frau abzuwarten, die er zu uns nach Sénancourt führen wird.“ „Bravo! Flieht, flieht Alle, und zwar geſchwinde!“ ruft der Arzt; „die herrſchende Cpidemie verdoppelt ihre Intenſität!“ „Ach! Doctor, wem ſagen Sie das?“ erwiedert die Herzogin Witwe auf Dupont deutend, der mit einem kläglichen Geſichte bei der Thüre ſteht. „Hat nicht dieſer gute Menſch, den Sie hier ſehen, und er iſt, nebenbei bemerkt, noch viel treuer, noch viel ehrlicher, noch viel ergebener, als er dumm iſt, was nicht wenig beſagen will und ſeinem Herzen ſehr zum Lobe gereicht...“ „Ah! Frau Herzogin!“ verſetzt Dupont mit einer beſcheidenen Verlegenheit, indem er ſich bis auf den Boden verbeugt. „Ah! Madame, Ihr Diener iſt ganz beſchämt durch Ihre Güte.“ Und der gute Menſch ſagt ganz freudig und Thränen in den Augen zu ſich ſelbſt: „Meine Pathe hat mir verzie⸗ hen!“ 135 „Ja, Doctor,“ ſpricht die Herzogin, „ſollten Sie es glauben? mein alter Diener war in weniger als vierundzwanzig Stunden ſchon zum Narren gemacht, wie die Anderen. Dieſer äußerſt behutſame Neuling⸗ ſpeculant unternahm es, von mir ſeine Erſparniſſe zurückzufordern, um zu...“ „Oh! meine Pathe!“ ruft Dupont flehend, be⸗ ſchämt, verwirrt, „um Gottes Willen haben Sie Mitleid mit Ihrem armen Täufling.“ „Gut, es ſei! und laß ſogleich durch meinen Cou⸗ rier ſechs Poſtpferde für meine Berline beſtellen. Vergiß nicht, von den Leuten meines Sohnes die Leinwand der Portraits vom Herrn Marſchall Tan⸗ cred und vom Herzog Gaſton zu fordern. Die armen Ahnen! wir nehmen ſie mit uns. Es iſt Platz für ſie in den alten Sälen des Schloſſes Sénancourt Ihre großen, ehrwürdigen Bilder werden vor Wohl⸗ behagen beben, befinden ſie ſich wieder in der feu⸗ dalen Wiege ihres kriegeriſchen Geſchlechtes.“ „Ich beſtelle raſch die Poſtpferde,“ erwiedert Dupont abgehend. „Der Teufel hole Paris und die Boyer obenein!“ XW „Vor Ihrer Abreiſe, mein Herr,“ ſpricht der Doctor Max, dem Herzog von Sénancourt einen bezeichnenden Blick zuwerfend, „erinnern Sie ſich, daß die Coquard greuliche Schufte ſind!“ „Ach! Sie haben nur zu Recht, mein alter Freund!“ „Wie! mein Vater, Sie ſind endlich belehrt über 136 dieſen Menſchen?“ fragt Tancred lebhaft. „Oh! wie oft habe ich in Betreff des Herrn Coquard die Wahrheit auf den Lippen gehabt! Doch ich befürch⸗ tete, Sie zu verletzen.“ „Geſtern, mein Freund, haben wir den ſchlagen⸗ den Beweis von der Schurkerei dieſes Elenden er⸗ halten,“ erwiedert Herr von Sénancourt. „Da ich nicht ſtark genug bin, um gegen die Coquard zu kämpfen, ſo habe ich auch beſchloſſen, auf die Spe⸗ culationen zu verzichten und in Sénancourt mit meiner guten Mutter und mit Euch, meine Kinder, zu leben.“ „Dieſer Beſchluß iſt weiſe, Herr Herzog,“ ſpricht der Doctor Max, „und es geht hieraus eine kleine Moral hervor, die ich mit zwei Worten entwickeln werde, wenn es die Frau Herzogin erlaubt.“ „Reden Sie, lieber, guter Doctor,“ erwiedert die vornehme Dame; „Sie haben abermals bewie⸗ ſen, daß Sie eben ſo ſehr der Arzt der Seele, als des Leibes ſind.“ „Ich werde mir alſo die Freiheit nehmen, Ma⸗ dame, zu den vornehmen reichen Leuten zu ſagen: „„Lebet auf Euren Gütern, da Euch der Zufall der Geburt und des Vermögens Güter gegeben hat: dort werdet Ihr vor der herrſchenden Epidemie ge⸗ ſchützt ſein; dann ſind auch, abgeſehen von den grau⸗ ſamen Widerwärtigkeiten, denen Euch Eure Uner⸗ fahrenheit in dieſen Speculationen ausſetzt, wo Ihr eine raſche Zunahme des Reichthums ſucht, dieſe Speculationen durchaus nicht Eure Sache; ſie ver⸗ langen eine Bildung, Kenntniſſe, Anlagen, und be⸗ ſonders ſpecielle Gewohnheiten. Es herrſcht eine 137 völlige Disharmonie zwiſchen den vertraulichen Be⸗ ziehungen, die die Induſtrie von denjenigen fordert, welche ſich ihr widmen, und Euren ariſtokratiſchen Traditionen; Ihr verbergt ſie immer, ohne je dar⸗ auf verzichten zu können; früher oder ſpäter kommt die Stunde, wo unwillkürlich der Adelige, unter dem Induſtriemann vordringend, mit Recht diejenigen verletzt, welche ſich gegen Euch auf dem Fuße einer vollkommenen Gleichheit glauben müſſen. Nothwen⸗ dig erwachen dann in ihnen feindſelige, oft für Eure Intereſſen ſehr mißliche Gefühle. Sodann iſt dieſe Art von Gleichheitsheuchelei, die Euch die Gewinn⸗ ſucht auflegt, ungeſund; alle Heucheleien verderben allmälig die angeborene Reinheit der Seele. Wollt Ihr dagegen, reiche, vornehme Herren, Eure Muße nützlich anwenden und noch reicher werden? Lebet auf Euren Gütern! lebet auf Euren Gütern! Ge⸗ braucht Eure Einkünfte dazu, daß Ihr den Ackerbau, dieſe nährende Mutter des Landes, aneifert, ent⸗ wickelt! Seid durch Euer Beiſpiel die landwirthſchaft⸗ lichen Erzieher Eurer Gegenden! Führt zuerſt mit großen Koſten, wenn es ſein muß, die herrlichen Entdeckungen ein, die man der modernen agronomi⸗ ſchen Wiſſenſchaft verdankt, und bringt ſie nach einem großen Maßſtabe zur Anwendung; Eure Nachbarn werden Eure Erfahrungen benützen! die Routine wird dem Wiſſen, die Ungemächlichkeit dem Wohl⸗ ſtande Platz machen! Nicht eine Heide von Euren Beſitungen liege brach! Reicht den Enterbten, die Euch umgeben, nicht ein entwürdigendes Almoſen, ſondern das edle, redlich erworbene Brod des Loh⸗ nes; erhebt, verſittlicht dieſe Enterbten durch die 138 Unterweiſung; im Namen der göttlichen Vernunft anerkennet ihre Rechte, für ihre Arbeit reichlich an dem Ertrage dieſer Erde, die ſie fruchtbar machen, Theil zu nehmen. Das wird von Eurer Seite eine gute Handlung, ich ſage mehr, ein Act der Gerech⸗ tigkeit ſein. Ja, Frau Herzogin,“ fügt der Doctor auf eine Bewegung der vornehmen Dame antwor⸗ tend bei, „ich habe geſagt, ein Act der Gerechtigkeit, denn, vergeſſen Sie das nie, nach und nach Sklaven, Leibeigene oder Lehnsleute Ihrer Familien ſeit der Eroberung Galliens, haben die Väter der Bauern von heute Jahrhunderte hindurch durch ihre harten Arbeiten Ihre Erbgüter befruchtet! Dieſe gezwunge⸗ nen, erdrückenden Arbeiten, ohne Belohnung für den Lehnsmann, productiv für den Herrn allein, reprä⸗ ſentiren zu dieſer Stunde eine ungeheure, in Ihren Gütern vergrabene Summe, nämlich den unbezahl⸗ ten oder wenigſtens unvollſtändig bezahlten Lohn von mehr als zwanzig Generationen, welche für Ihre Vorfahren an den Mühſeligkeiten geſtorben ſind! Sind Sie alſo keine Dankbarkeit dieſen leibeigenen Generationen ſchuldig, welche unſere unſterbliche Re⸗ volution befreit hat?“ „Ah! der abſcheuliche Jacobinerdoctor! Seht, wie er unvermerkt zu ſeinem Ziele kommt!“ ruft die vor⸗ nehme Dame mit einem Ausdrucke komiſchen Zornes. „Man hat ſehr Recht, ihn den Teufel als Arzt zu nennen, denn er wird in der-Unbußfertigkeit ſter⸗ ben. Es iſt mir, als hörte ich ſeinen Vater, das Conventsmitglied.. ihn, der ein Königsmörder!. ein Ungeheuer! und dennoch, man muß es geſtehen, ein höchſt rechtſchaffener Mann! Das begreife, wer kann! — 139 „Haben wir gegenſeitig die Nachſicht, die man ſich unter Beſiegten ſchuldig iſt!“ erwiederte der Doctor lächelnd mit jenem traurigen und zugleich ſpöttiſchen Lächeln, das oft ſeine Lippen umſchwebte. „Bleiben wir alſo treu, Sie Ihren monarchiſchen Traditionen, ich meinen demokratiſchen Traditionen; flüchten wir uns, ich in die Zukunft, Sie in die Ver⸗ gangenheit; glauben Sie aber mir, tröſten wir uns, ſtärken wir uns, indem wir das ſuchen und ſchätzen, was Schönes, Gutes, Redliches in der Gegenwart iſt. Im Ganzen iſt die Gegenwart, trotz zu zahl⸗ reicher Beiſpiele, nicht in den Coquards, den Lou⸗ bins, den Bezuchets und anderen Plejaden von abſcheulichen Schurken incarnirt. Und dann haben die entſetzlichſten Peſten nur eine Zeit. Die gegen⸗ wärtige Cpidemie hat eine gute Anzahl von Louis Morel verſchont! Dieſe Ueberzeugung gebe uns Allen, die wir ehrliche Leute ſind, Vertrauen und Hoffnung; das Goldſieber wird ſich abnutzen, vor⸗ übergehen, wie die Cholera vorübergegangen iſt! Das Uebel iſt in dem ewig fortſchreitenden Leben der Menſchheit nur ein Zwiſchenfall; das Gute, das Ge⸗ rechte, das Wahre, das Rechte ſind unſterblich. Die Sterne ſcheinen nach ihrer Verfinſterung glänzender als zuvor zu ſtrahlen. Aber,“ ſpricht der Doctor Max lächelnd, „um von meinem Feuerhimmel herab⸗ zuſteigen, ohne Gefahr zu laufen, mir den Hals durch einen zu ungeſtümen Uebergang zu brechen, füge ich bei: Viele Herzen waren hier heute Morgen ver⸗ düſtert, in Verzweiflung; hat nicht das Strahlen einer einzigen guten und gerechten Handlung genügt, 140 um ſie aufzuheitern?. Und nun wollen mir die Zu⸗ hörer meinen endloſen Sermon verzeihen!“ „Er wird nicht unfruchtbar ſein, mein lieber Doctor,“ erwiedert Herr von Sénancourt. „Mein Sohn und ich, wir werden, wie die Engländer ſagen, Gentlemen⸗farmers. Wir werden die Güter meiner Mutter bauen und andere, die wir kaufen, um Sénancourt noch zu vergrößern.“ „Und ich,“ ſpricht die vornehme Dame, „indeß ich fortwährend dieſen Jacobiner von einem Doctor Mephiſtopheles verwünſche, werde mich, um mich nicht von meinen Kindern zu trennen, zum Helden⸗ muthe erheben. Ich trage unſerem Freunde Louis Morel den Pachthof von Mareuil an, um ſeine .. um ſeine Werkſtätte zu errichten .. . nun wohl, ja, das ſchwere Wort iſt heraus. . . um ſeine Werkſtätte, ſage ich, an der Stelle der abſcheulichen Zucker- und Branntweinfabrik zu errichten, welche mein Sohn eichtir hat., wenn er ſich darein fügen kann und will.“ „Sie zweifeln daran, meine Mutter? Unſer Freund Louis Morel willigt ein, die Liquidation meiner Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen; er wird hoffentlich das Mittel finden, meine Aſſociés zufrieden zu ſtellen. Es fragt ſich nur, ob er ſeine Werkſtätte nach Sénancourt verlegen kann.“ „Nichts iſt leichter, Herr Herzog,“ erwiedert Louis Morel. „Die Ausdehnung, welche mein Geſchäft ge⸗ winnt, nöthigt mich, ein viel geräumigeres Local zu wählen, als das, welches ich vor den Thoren von Paris habe, und dieſe Nähe iſt durchaus nicht un⸗ erläßlich für mein Etabliſſement; ſeine Producte wer⸗ 14¹ den überdies bequem vermittelſt der Eiſenbahn, welche durch Sénancourt geht, erpedirt werden.“ „Die Eiſenbahn!“ ruft die vornehme Dame. „Ah! Sie erneuern meine Schmerzen, mein armer Herr Morel. Dieſe verdammte Eiſenbahn hat mei⸗ nen ſchönen, von Lenotre angelegten Park entzwei geſchnitten. Nun ... das freudige Geſchrei meiner Urenkel wird es vielleicht verhindern, daß ich das Knirſchen und Aechzen dieſer hölliſchen Maſchinen höre, welche, wenn ſie durch meinen Park fahren, mich ver⸗ höhnend zu pfeifen und mir zu ſagen ſcheinen: „„Es iſt vorbei mit den alten Zeiten!““ Aber dieſer Teu⸗ felsdoctor behauptet mit Recht, Leute wie Sie, Herr Morel, verſöhnen mit der Gegenwart.“ „Ah! Madame,“ verſetzt Louis Morel mit ehr⸗ furchtsvollem, innigem Tone, „wäre es möglich, die Vergangenheit nach Ihnen zu beurtheilen, wie ſehr würden Sie dieſelbe beklagen, ſegnen und verehren machen!“ „Die Pferde, welche die Frau Herzogin befohlen, ſind im Hofe,“ meldet Dupont von der Thürſchwelle aus, und er fügt leiſe bei: „Endlich verlaſſen wir dieſes verdammte Paris, wo mich durch die Schuld der verruchten Boyer meine gute Pathe als ſchwar⸗ zes Thier behandelt hat!. .. Dieſe Worte habe ich noch auf dem Herzen!“ „Geſchwinde, geſchwinde, meine Kinder!“ ruft die Herzogin Witwe, „trefft ſchleunigſt Eure Anſtal⸗ ten zur Abreiſe, und vorwärts, Poſtillon, nach Sénan⸗ court!“ Und dem Doctor die Hand reichend, ſpricht bewegt die vornehme Dame: „Gott befohlen, lieber alter Freund! doch auf Wiederſehen; Sie müſſen 14² der Hochzeit meiner Enkel beiwohnen, Sie werden ihnen Glück bringen, denn im Ganzen ſind Sie der beſte Teufel, den es auf der Welt gibt!“ „Der gute Gott höre Sie, Frau Herzogin!“ er⸗ wiedert der Teufel als Arzt. Und mit einem gerührten Blicke dieſe ſelige Fa⸗ milie betrachtend: „Die Cur iſt vollſtändig! Glückliche Reiſe den guten Leuten.“ Ende der vornehmen Dame. II. Emilie Fambert oder die Lorette. Herr Georges Ducantal, Handelsmäkler, thätig, ſparſam und redlich, redlich wenigſtens in ſo weit es die Nothwendigkeiten dieſer Transactionen erlauben, wo derjenige, welcher am Theuerſten verkauft und das größt⸗ möglichſte Quantum mittelmäßiger oder verdorbener Waaren abzuſetzen weiß, als ſehr geſchickt angeſehen wird, — Herr Ducantal heirathete noch ſehr jung eine Frau von engeliſchem Charakter und die beſte, die thätigſte Haushälterin. Er hatte von dieſer Ehe zwei Töchter, Laure und Sophie, die er ſo gut, als es ihm nur immer möglich, in den Grundſätzen der Ordnung und der ſtrengſten Sittlichkeit erzog; ſie entſprachen ſeinen Bemühungen, ſeinem Beiſpiele, und in dem Augenblicke, wo dieſe Erzählung beginnt, 14⁴ kamen die Töchter der Mutter durch das Herz, durch die Anmuth ihres Geiſtes, durch ihre Beſcheidenheit, durch den Verein jener liebenswürdigen und ſoliden Eigenſchaften gleich, welche die ehrbare Frau bil⸗ den. Laure und Sophie fügten ſich ohne einen Schatten des Bedauerns in eine Mittelmäßigkeit des Daſeins gemiſcht mit ziemlich harten Entbehrungen, welche um ſo leichter angenommen wurden, als ſie dieſelben heiter mit einer zärtlich geliebten Mutter theilten. Herr Ducantal verdiente ungefähr, durch emſige Arbeit, in den einträglichſten Jahren vier bis fünf⸗ tauſend Franken; doch, als vernünftiger Vater, als vorſichtiger Gatte, erſparte er jährlich etwa die Hälfte dieſer Summe, die er durch Anlagen nach und nach capitaliſirte, um ſeinen Töchtern eine kleine Mitgift und ſich ſowie ſeiner Frau das Brod und die Ruhe ihres Alters zu ſichern. Vermöge der Thätigkeit von Madame Ducantal und ihren Kindern und der er⸗ finderiſchen Hülfsquellen dieſer vortrefflichen Wirth⸗ ſchafterin, lebte die Familie allerdings in völliger Unwiſſenheit hinſichtlich des Ueberfluſſes, beſaß aber das Nothwendige. Herr Ducantal war trotz ſeiner ungeſchlachten, gemeinen Manieren im Grunde ein guter Mann, ein wenig brutal, oft aufbrauſend, ge⸗ wöhnlich nicht ſehr mittheilſam; er liebte aufrichtig, und wie er ſie lieben konnte, ſeine Frau und ſeine zwei Töchter, und er faßte, wenn er Abends ganz abgemattet an ſeinen demüthigen Herd zurückkehrte, ſeine Pflichten alſo zuſammen: „Ich gelte hier für einen Geizhals, einen Knau⸗ „ſer, einen Lederzähen; doch ich bekümmere mich 145 „nichts um das was wird man ſagen. Ich „werde meine Töchter ausſteuern, und nachdem ichwie „ein Neger bis zum Alter von ſechzig Jahren gear⸗ „beitet habe, kann ich mich mit meiner Frau ruhig „aufs Land, in die Umgegend von Paris, zurückzie⸗ „hen, und ich werde in einer Ecke meines Kellers „ein paar Flaſchen alten Wein meinen Schwieger⸗ „ſöhnen anzubieten haben, wenn ſie jede Woche den „Sonntag bei uns zubringen.“ Zum Unglück für dieſe weiſen, beſcheidenen Pläne ergriff die herrſchende Cpidemie, auf welche der Teufel als Arzt in der vorhergehenden Erzählung anſpielte, das Goldfieber, auch Herrn Ducantal. Einer ſeiner Freunde, wie er Handelsmäkler, realiſirte ungeheure Gewinne an der Börſe. Dieſes Beiſpiel wurde un⸗ heilbringend für Herrn Ducantal; eine hartnäckige, wüthende Habgier bemächtigte ſich ſeiner. Er beſaß ungefähr ſechzigtauſend Franken, die Frucht zwanzig⸗ jähriger Erſparniſſe; er ſpielte und ſteckte ſechsmal hunderttauſend Franken in die Taſche. Sein erſter Gedanke war, dieſen unverhofften Glückstreffer gut zu benützen, ſeine Töchter reichlich auszuſteuern und ſich ein ſchönes Gut zu kaufen, wo er im Frieden mit ſeiner Frau von ſeinen Einkünften leben würde. Aber gerade durch ſein Weſen wird das uner⸗ laubte Vermögen (und wir wiſſen keines, welches unerlaubter wäre, als das, deſſen unreine Quelle das Spiel oder das Agio ſind, da ſelbſt das Geſetz die Börſenſchulden nicht anerkennt), das un⸗ erlaubte Vermögen, ſagen wir, wird verhängnißvoll verderblich; es entwickelt, es erregt ſchmähliche Be⸗ gierden, indem es plötzlich den Gewinnenden die Sue, der Teufel als Arzt. U. 10 146 Leichtigkeit verſchafft, ihre unordentlichen Reigungen zu befriedigen. Dies war der unſelige Einfluß der erſten Gewinne von Herrn Ducantal, einem Manne noch in der vollen Kraft des Alters und von einem heftigen Temperamente. Seine ſchlimmen, ſinnlichen Leidenſchaften nahmen, bis dahin ſowohl durch ſeine Redlichkeit, als durch die Unmöglichkeit, ſie zu be⸗ friedigen, im Zaume gehalten, einen erſchrecklichen Aufſchwung. Nicht zufrieden mit ſeinen bedeutenden Profiten, ſpielte er aufs Neue mit neuen günſtigen Erfolgen, und ſeine wunderbare Bereicherung vor ſeiner Familie verbergend, um die unbeſchränkte Ver⸗ fügung über ſein Vermögen zu behalten, und beſon⸗ ders um ſeine Frau und ſeine Töchter nicht an Ge⸗ nüſſe, an Herrlichkeiten zu gewöhnen, deren dem Zu⸗ falle unterworfene Vergänglichkeit ſein geſunder Ver⸗ ſtand erkannte, ſtürzte ſich Herr Ducantal zügellos in eine zweideutige Welt beſtehend aus Faiſeurs, an der Börſe glücklichen Agioteurs und ausſchwei⸗ fenden Frauen. I. Madame Ducantal und ihre Töchter ſaßen an dieſem Abend, nach ihrer Gewohnheit, im chelichen Schlafzimmer beiſammen. Dieſes äußerſt reinliche Zimmer war mit Sparſamkeit meublirt: verſchoſſene Vorhänge von gelbem Zitz; grirne geblümte Tapeten, deren Farbe die Sonnenhitze ſtellenweiſe beſchädigt hatte; Commode, Secretär und Bett von Nußbaum⸗ holz; kleine Pendeluhr von Alabaſter und zwei Vaſen von demſelben Stoff auf dem Kamine, in welchem 147 zwei halb unter einem Aſchenhaufen vergrabene Brände rauchen. Laure und Sophie arbeiten beim Scheine einer mitten auf einem runden Tiſche ſtehenden Lampe. Madame Ducantal, ungefähr vierzig Jahre alt, iſt ſchwächlich und von kleinem Wuchſe: ihr bleiches, ein wenig kränkliches Geſicht iſt beſonders merkwür⸗ dig durch einen Ausdruck von engeliſcher Sanftmuth. Ihre beiden Töchter, von denen die eine achtzehn Jahre, die andere zwanzig zählt, ſind hübſch; ihre Phyſiognomie iſt anziehend und unſchuldig; ſie ſind beſchäftigt, ein, übrigens ſchon ſehr abgetragenes, Kleid von Wollenſtoff zu wenden und zu fagon⸗ niren; ihr Anzug iſt äußerſt beſcheiden; ihre kleinen Hände, die ſich durch eine zierliche Rundung aus⸗ zeichnen, ſind geröthet und aufgeſprungen durch die Haushaltungsarbeiten, die ſie mit der Dienerin des Hauſes theilen. „Schweſterchen,“ ſagt Laure zu Sophie, „lege doch ein Scheit ins Feuer; es iſt ſo kalt, ſo kalt!“ „Mein Kind,“ entgegnet Madame Ducantal, ſich an Sophie wendend, welche aufſteht, „rücke nur die Brände zuſammen; es iſt ſpät, Dein Vater kann nach Hauſe kommen; Du weißt, daß er ein großes Feuer nicht gern ſieht.“ „Mutter, wegen eines Scheites mehr oder we⸗ niger wird Papa nicht zanken!“ „Zanken .. nein, meine Kinder; doch er hält mit Recht auf eine weiſe Sparſamkeit; er würde viel⸗ leicht finden, es ſei zu viel Feuer hier.“ Si ruhig, Fröſtling,“ ſpricht heiter Sophie zu ihrer Schweſter, während ſie ſchürt, „ich will die 148 Gluth ſo in Ordnung bringen, daß Du das Scheit nicht vermiſſen ſollſt, und Papa wird uns nicht vorwerfen können, wir wollen das Haus anzünden.“ „Ah! die gute Gluth!“ ruft Laure, indem ſie ihre erſtarrten Hände an das Feuer hält; „es muß außen ſchneien, denn es iſt ſehr kalt im Zimmer.“ Sodann, während ſie ſich ſetzt, fügt ſie bei: „Nun ſind meine Finger erwärmt, nehmen wir unſere Arbeit wieder auf; Du wirſt finden, liebe Sophie, unſere gewendeten Kleider werden ganz neu und höchſt zierlich ausſehen.“ Sophie wirft ihrer Schweſter einen Blick des Verſtändniſſes zu und ſpricht lächelnd, die Augen auf Madame Ducantal geheftet und ihre Worte lang⸗ ſam betonend: „Wir wären wie Modedamen gekleidet, könnten wir uns. bis zur Garnitur von Gagathknöpfen für den Leib erkühnen.“ „Welch ein vortrefflicher Gedanke, Sophie! Oh ja! ein ſolcher Leib würde unſere armen Kleider mit ihrem ſo . . . ehrwürdigen Alter hübſch verjüngen!“ „Ah! meine & Kinder,“ erwiedert Madame Ducan⸗ tal lächelnd und leiſe, als befürchtete ſie, gehört zu werden „Ihr werdet die Garnitur von Gagath⸗ knöpfen bekommen.“ Die zwei Mädchen klatſchen in ihre Hände, ſprin⸗ gen vor Freude von ihrem Stuhle auf und küſſen zärtlich ihre Mutter. „Wie gut biſt Du, Melachen! wie gut!“ „Du verdirbſt uns!“ fügt Laure bei; „unſere Kleider werden, Dank ſei es Dir, wahrhaft reizend ſein.“ 4 149 So ſprechend, kehren die Mädchen an ihren Platz zurück und nehmen munter und emſig ihre Arbeit wieder auf; Madame Ducantal aber ſagt zu ihnen: „Fragt Euch Euer Vater, woher die Garnitur Knöpfe komme, ſo werden wir ſagen .. “ und die gute Mutter wiederholt verlegen: „Wir werden ſa⸗ gen „Mein Gott! wir werden ſagen, wir haben die Garnitur mit dem gekauft, was wir an unſeren drei Franken wöchentlich erſparen.“ „An unſern fünf Franken, Sophie, an unſern fünf Franken.“ „Ja, die zwei Franken von Mama dazu gerech⸗ net; Papa weiß aber nichts hievon, und wir können nur von unſern drei Franken ſprechen.“ „Das iſt richtig.“ „Liebe Kinder, Euer Vater würde Euch gern mehr geben, aber. . .“ „Ei! Mama, er gibt uns, was er kann.“ „Du fügſt dieſem noch etwas bei, liebe Mama; worüber ſollten wir uns beklagen?“ „Euch beklagen, arme Kinder!“ erwiedert Ma⸗ dame Ducantal mit Erguß, „Euch beklagen! Nein, nein, Ihr wißt Euch mit Wenigem zu begnügen; nie ſprecht Ihr ein Wort des Bedauerns oder des Nei⸗ des aus. Ihr ſeid thätig, fleißig; Ihr unterſtützt unſere Dienerin, Ihr arbeitet wenigſtens ſo viel als ſie; Ihr ſchneidet, Ihr näht Eure Kleider; Ihr waſcht, Ihr bügelt Eure Strümpfe, Eure Taſchentücher, Eure Koller, um die Koſten der Wäſche zu erſparen; kurz, Ihr ſeid wahre kleine Wirthſchafterinnen. Deſſen ungeachtet, wenn man thun könnte, was man gern 150 möchte, würde ich Euch lieber einmal in meinem Leben nach meinem Geſchmacke von einer guten Nähterin gekleidet ſehen. .. Was wollt Ihr? eine Mutter hat ihren Stolz; doch...“ fügt Madame Ducantal ſeuf⸗ zend bei, „Jeder nach ſeinem Looſe.“ „Wir ſind ſehr zufrieden mit dem unſern, gutes Mamachen; nur, wenn eine Mutter ihren Stolz hat, haben die Töchter, ich ſage nicht ihren Stolz, doch..“ „Vollende, mein Kind.“ „Nun wohl! wir finden, daß es nicht vernünftig von Dir iſt, ſchwach wie Du biſt, dreimal in der Woche Morgens um ſechs Uhr außzuſtehen, um mit Catherine in die Halle zu gehen, — manchmal trotz eines abſcheulichen Wetters, nicht wahr, Laure?“ „Gewiß, denn in dieſer Jahreszeit beſonders iſt das Pflaſter ſo ſchlüpfrig! Mein Gott! ein Unfall iſt nur zu ſchnell geſchehen!“ „Man kauft in der Halle ſeinen Bedarf viel wohlfeiler, man hat mehr Auswahl. Darum hat Euer Vater...“ Doch ſich verbeſſernd, fügt Madame Ducantal bei: „Darum zieht es Euer Vater vor, wenn ich mit unſerer Dienerin in die Halle gehe.“ „Einverſtanden, Mütterchen, es iſt Erſparniß, in der Halle zu kaufen, doch warum ſollten Laure und ich nicht an den Platz gehen, um das Nöthige ein⸗ zukaufen?“ „Wir haben es Dir ſchon ſo oft angetragen, Mutter.“ „Ich habe Euch geſagt, und wiederhole Euch, es iſt nicht ſchicklich, daß ſich zwei junge Mädchen von Eurem Alter unter all dieſes Volk der Hallen miſchen. Wenn Ihr wüßtet, was für Leute das ſind!“ Und — 15¹ indem ſie zu lächeln ſucht, ſetzt Madame Ducantal hinzu: „Ah! die Händlerinnen ſcheuen ſich oft nicht, einem gemeine, garſtige Grobheiten zu ſagen, wenn man um den Preis deſſen, was ſie verkaufen, feilſcht! Ich frage Euch auch ein wenig, wie Ihr Euch dabei anſtellen würdet?“ „Und ich frage Dich ein wenig, ob es nicht für uns ein troſtloſer Gedanke iſt, daß Du Gefahr läufſt, auf dieſe Art beleidigt zu werden?... Ich gedenke auch,“ fügt Sophie entſchloſſen bei, „ich gedenke, hierüber mit unſerem Vater ſpäteſtens morgen zu ſprechen; ich werde ihm ſagen, es ſei unklug von Dir, Dich dem auszuſetzen, daß...“ „Gottes Güte!“ ruft Madame Ducantal, ohne ihren Schrecken verbergen zu können, „laß Dir das entfernt nicht einfallen! Dein Vater würde ſich ein⸗ bilden, es ſei mir zuwider, auf den Markt zu gehen. Sophie, ich verbiete es Dir, hörſt Du? nein, ich bitte Dich, ich beſchwöre Dich, nicht ein Wort hievon zu Deinem Vater. Mein Gott! mein Gott!“ „Armes Mamachen!“ ruft Laure, während ſie aufſteht und ſich raſch Madame Ducantal nähert, „Du zitterſt ja ganz!“ „Mutter,“ ſpricht Sophie auch aufſtehend, „ich werde Papa nichts ſagen, ich ſchwöre es Dir.“ Und ſie küßt zärtlich ihre Mutter, die ihr er⸗ wiedert: „Abſcheuliches Kind! Du haſt mir eine Angſt gemacht!“ In dieſem Augenblicke ſchlägt es Mitternacht auf der Alabaſteruhr des Schlafzimmers. 152 „Mitternacht!“ ſagt Laure, „ſchon Mitternacht! Wie die Zeit beim Arbeiten raſch vergeht!“ „Mein Mann wird heute Nacht abermals nicht nach Hauſe kommen,“ dachte traurig Madame Du⸗ cantal, und ſich an ihre Töchter wendend: „Ihr müßt Euch ſchlafen legen, meine Kinder, es iſt ſpät.“ „Du willſt nicht, daß wir mit Dir wachen und den Vater erwarten?“ „Seit einiger Zeit iſt Euer Vater mit Geſchäf⸗ ten überhäuft,“ antwortet Madame Ducantal ver⸗ legen. „Er hat mir geſagt, wenn er nicht um Mit⸗ ternacht zurüc ſei, werde er ohne Zweifel die Nacht hindurch mit ſeinem Aſſocié arbeiten, wie ihm dies ſchon mehrere Male begegnet iſt.“ „Zu oft! denn ſiehſt Du, er wird ſich am Ende krank machen, wenn er die Nächte ſo zubringt, der arme Vater!“ „Glücklicher Weiſe hat er eine kräftige Geſund⸗ heit,“ fügt Laure bei. „Allerdings; Ihr könnt auch ohne Beſorgniß ſein. Gute Nacht, meine Kinder; ruht aus, denn ſeit heute Abend um ſechs Uhr ſeid Ihr beſchäftigt, beim Scheine der Lampe zu nähen, und das ermüdet die Augen grauſam.“ „Gute Nacht, Mamachen!“ ſagen Sophie und Laure, indem ſie Madame Ducantal küſſen; „gute Nacht, ſchlafe wohl!“ „Und, meine Kinder, ich bitte Euch beſonders inſtändig, kein Wort zu Eurem Vater über meine Gänge nach der Halle!“ „Sei unbeſorgt; ich mache es mir nun beinahe 153 zum Vorwurfe, daß ich dieſen Gedanken gehabt habe, und dennoch . .. Nun, gute Nacht, Mama.“ Die zwei Mädchen verlaſſen das Schlafzimmer. Madame Ducantal ſetzt ſich nach ihrem Abgange an den Tiſch, zerfließt in Thränen und ſchweigt lange; dann ſpricht ſie mit dem ſchmerzlichſten Tone: „Es iſt vorbei, meine Töchter und ich, wir ſind nichts mehr für meinen Mann! Er bringt nun faſt alle ſeine Tage und ſeine Nächte auswärts zu. Mein Gott! ſeitdem ich kränklich geworden bin, hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, mein Mann habe vielleicht eine Geliebte; ich bin nur eiferſüchtig auf ſeine Zuneigung für mich und meine Kinder; ich beklagte mich nie; ich fügte mich in die ſtrenge Spar⸗ ſamkeit, die er uns auferlegte; ich litt manchmal, weil Laure und Sophie oft gewiſſen Entbehrungen unterworfen ſind; doch mein Mann bezeigte uns wenigſtens, obſchon er nicht ſehr mittheilſam iſt, einige Zärtlichkeit; er ſchien ſich zu Hauſe zu gefal⸗ len, während man ſeit mehreren Monaten glauben ſollte, wir ſeien ihm zur Laſt, und er habe einen Widerwillen gegen ſein Haus gefaßt! Ich thue mein Möglichſtes, damit meine Kinder dieſe Veränderung im Benehmen ihres Vaters nicht bemerken. Ich war ſchon furchtſam, nun aber wage ich es nur noch zit⸗ ternd mit meinem Manne zu ſprechen .. Kaum habe ich den Muth, ihm ins Geſicht zu ſchauen. Ach! mein Gott! was wendet ihn ſo von uns ab?.. Ein ſchlechtes Weib vielleicht.“ Und die Familienmutter zerfließt in Thränen in der Einſamkeit ihres ehelichen Gemaches. II. Emilie Lambert (ein pſeudonymer Name) war eine von den von der Mode am meiſten begünſtigten Loretten von Paris. Geboren von fleißigen Hand⸗ werksleuten, welche durch ihre Arbeit für die Be⸗ ſtreitung der Bedürfniſſe ihrer Tochter reichlich Sorge trugen und deren Lehre bei einer ſehr geſchätzten Nähterin bezahlten, verfiel Emilie Lambert in einen ungeordneten Lebenswandel, in Folge ihrer Träg⸗ heit, ihrer Eitelkeit, ihres unmäßigen Hanges für die Vergnügungen und beſonders durch die Hoffnung, eine heftige Habgier zu befriedigen. Man fühlt noch eine Art von Mitleid, von ſchmerz⸗ licher Theilnahme für die unglücklichen Geſchöpfe, welche verhängnißvoller Weiſe durch die Verlaſſen⸗ heit, durch die Unwiſſenheit, durch die Noth, durch ein gezwungenes Feiern oder durch einen Lohn, der außer allem Verhältniß zu den ſtrengſten Nothwen⸗ digkeiten des Lebens iſt, der Ausſchweifung gleich⸗ ſam preisgegeben werden. Dieſe haben beinahe im⸗ mer das Bewußtſein ihrer Schande und verbergen ſie in der Tiefe garſtiger Höhlen oder im nächtlichen Schatten der übel berufenen Gaſſen. Sie leben im Kothe, in den Lumpen und ſterben noch jung im Allgemeinen ſchwindſüchtig oder zerfreſſen durch die brennende Schärfe der Spirituoſen, weil ſie von der Trunkenheit das ephemere Vergeſſen ihres erſchreck⸗ lichen Daſeins fordern. Doch es gibt Andere, deren Infamie nicht einmal die ungenügende Entſchuldigung der Verlaſſenheit, des 155⁵ Elends, des Hungers hat; ihre kalte Verdorbenheit iſt überlegt, ihre Schande iſt geſchickt in der Be⸗ rechnung. Häufig weniger ſchön, weniger jung, als ihre zerlumpten Schweſtern, — iſt ihr mächtigſter Reiz der Preis, den ſie koſten. Geſättigt, überdrüſſig der tollen Verſchwendungen eines frechen Luxus, fetirt, umſchmeichelt, beſungen, poetiſirt (ſie haben ihre Panegyriker, ſie haben ihre Dichter), ſtellen dieſe ihre Verworfenheit beim hellen Sonnenſcheine, im vollen Theater zur Schau. Die ehrlichen Frauen betrachten ſie, die Schamröthe auf der Stirne und zuweilen den Neid im Herzen ja, den Neid im Her⸗ zen! Das iſt traurig, aber es iſt ſo! Ja, ſo groß iſt ſchon ſeit Jahren die Entartung der Sitten, daß die redlichen Frauen, wenn ſie ihre Gatten, ihre Brüder, ihre Väter, ihre Freunde einen beinahe ausſchließ⸗ lichen Cultus dieſen ſchamloſen Gottheiten weihen ſehen, zuweilen einen Augenblick von bitteren Ge⸗ fühlen des Neides oder der Eiferſucht gegen ihre ge⸗ meinen Nebenbuhlerinnen ergriffen werden. Dieſe unzüchtige Entfaltung des Laſters, welche doppelt unheilvoll und abſcheulich, weil ſie von Herr⸗ lichkeit ſtrahlt, hat immer die Parteigänger von dem, was eine gewiſſe Schule den allgemeinen Wohl⸗ ſtand nennt, vor Behagen ſich aufblähen gemacht. In ihren Augen wird die von Edelſteinen blendende Buhlerin eine von jenen fruchtbaren Ueberflüſſig⸗ keiten, eine von jenen unverwerflichen Zahlen ſein, welche die Entwickelung des öffentlichen Rei conſtatiren. Das Raiſonnement dieſer Bordell⸗Heconomiſ 156 iſt ſehr einfach (ſolche Frauen haben ihre Deconomi⸗ ſten, wie ſie ihre Dichter haben). Sie ſagen: „Je mehr es herrlich unterhaltene Loretten geben wird, deſto mehr wird man Geld verzehren. „Um ungeheuer Geld zu verzehren, muß man ungeheuer gewinnen. „Man kann nun dieſe fabelhaften Gewinne nur durch eine ungeheure Bewegung der Geſchäfte rea⸗ liſiren. „Es findet folglich eine ungeheure Bewegung der Geſchäfte ſtatt. „Es lebe alſo das Geld . . . es leben die Lo⸗ retten!“ Dieſe Apotheoſe der Unſittlichkeit zur Höhe eines öconomiſchen Syſtems erhoben; dieſe Verherrlichung des Laſters, unter der Bedingung, daß es geſchmückt iſt; dieſer Cultus der Gierde, unter der Bedingung, daß ſie glücklich iſt; dieſes lebendige und unſelige Beiſpiel der reichen und triumphirenden ſchlechten Aufführung: dieſe verletzende Herausforderung un⸗ abläſſig an allen Orten den redlichen Gefühlen zu⸗ geſchleudert, ſind ſie nicht immer flagrante Beweiſe der Entwürdigung der Geiſter, der Verderbniß der Sitten geweſen? Dieſer moraliſche Eiter verlangt ein herviſches Gegenmittel. Das Eiſen und das Feuer ſind allein wirkſam gegen den Brand. Ver⸗ ſuchen wir es in dieſer Erzählung, die Wunde zu ätzen, auf die Gefahr, den Kranken ſchreien zu ma⸗ chen, wie der Teufel als Arzt ſagen würde. W Emilie Lambert, eine von den am meiſten von der Mode begünſtigten Loretten von Paris, hat eine koſtbare Wohnung inne, deren Boudoir beſonders mit einem unglaublichen Lurus, mit einem unerhör⸗ ten Aufwande meublirt iſt. Es iſt ungefähr ein Uhr Nachmittags. Halb auf einer Chaiſe⸗longue von ver⸗ goldetem Holz und mit hochrothem Atlaß überzogen liegend, trägt die Lorette eine Morgentoilette von außerordentlicher Eleganz. Dieſe junge Frau, gegen ſechsundzwanzig Jahre alt, vollendet in ihren For⸗ men wie eine griechiſche Statue, iſt von einer blen⸗ denden Schönheit. Seltſamer Weiſe ſcheinen der Azur ihrer Augen, die blendende Weiße ihrer Haut, ihre roſige Incarnation einer Blonden anzugehören, und ihre Haare ſowie ihre Augenbrauen ſind doch pechſchwarz: ihre Wimpern allein haben eine aſch⸗ blonde Nuance. Der Ausdruck der Phyſiognomie von Emilie Lambert iſt der der Langweile, der Trägheit, der Kälte und der Dummheit. Die Lorette ſetzt ein mit einer andern jungen Frau Namens Juliette angefangenes Geſpräch fort. Juliette iſt mehr als beſcheiden gekleidet; ihr Ge⸗ ſicht iſt gleichſam vernäht durch die tiefen Narben von friſchen Blattern. „Nun,“ fuhr Juliette gegen Emilie Lambert fort, „dieſe verdammten Blattern hatten mich ſo häßlich gemacht, daß er mich verließ. Es bleibt mir nichts mehr, als ein mageres Mobiliar; ich bin auch ..“ „Dann nimm mein Anerbieten an,“ erwiederte 15⁸ Emilie mit einem Protectorstone; „ich behalte Dich als Geſellſchaftsdame bei mir; das iſt gute Manier; ich werde nicht mehr allein in meinem Wagen ſein, wenn ich auf den Champs⸗Elyſées ſpazieren fahre; und dann im Theater wirſt Du Dich zu mir, vorne in meiner Loge, ſetzen.“ „Um als dunkle Gegenſtellung zu dienen. Ich bin ſo häßlich geworden,“ dachte Juliette mit bitte⸗ rem Gefühle. „Doch die Nothwendigkeit! .. .“ Und ſie ſprach laut: „Ich nehme Dein Anerbieten mit Dank an, gute Kleine. Ah! Dein Herr Ducantal iſt alſo ein Cröſus?“ „Er gewinnt Millionen an der Börſe.“ „Und ſein Geſicht, ſein Alter?““ „Ungefähr fünfzig Jahre, eher häßlich als ſchön, Bauch, ſehr rother Teint, röthlich blonde Haare, ver⸗ liebt wie ein Narr, das iſt ſein Signalement.“ „Und der Herzensfreund?“ „Der Herzensfreund?“ erwiederte Emilie Lam⸗ bert, die Achſeln zuckend, „ah! die Liebe, welche Dummheit! Ich habe hübſch Zeit, an die Liebe zu denken!“ „Womit bringſt Du denn Deine Zeit zu?“ „Ich bringe ſie damit zu, daß ich mich beluſtige,“ antwortete gähnend die Lorette; „ich befriedige alle meine Launen; ich werfe das Geld zum Fenſter hin⸗ aus; ich verdunkle die Frauen der Geſellſchaft und beſonders unſere Damen, bei Tage auf den Champs⸗ Elyſées durch meine Equipage, am Abend im Thea⸗ ter durch meine Toiletten; und dann die Soupers, das Lanzknecht! . . . Kurz, ich habe keinen Augen⸗ blick für mich!“ 159 „Ich kann nicht müde werden, Deine Wohnung zu bewundern!“ ſagte Juliette umherſchauend. „Welch ein Luxus! mein Gott! welch ein Luxus!“ „Ah!l ja wohl!“erwiederte Emilie Lambert mit einem Ausdrucke bitteren Neides; „Luxus? Ich wohne wie eine Bürgersfrau im Vergleiche mit Helene. Sie hat ein Hotel, ein herrliches Hotel, das ſie allein bewohnt; zehn Wagenpferde, einen Piqueur zur Be⸗ aufſichtigung ihres Stalles, einen dicken engliſchen Kutſcher mit Perücke, zwei gepuderte Lackeien hinter ihrem Gallacvupé, und fährt ſie in ihrer Caleche aus, ſo geſchieht es immer vierſpännig à la Dau⸗ mont. Mit einem Worte, ſie macht einen Prinzeſ⸗ ſinnen⸗Aufwand, dieſe Helene! Ihr Herr Desma⸗ zures hat, um ſie zu meubliren, fünf⸗ bis ſechsmal hunderttauſend Franken ausgegeben, während Herr Ducantal höchſtens elende hunderttauſend Franken aufgewendet hat! Ich hege auch einen Abſcheu vor meiner Wohnung, ſeitdem ich das Hotel von Helene geſehen habe!“ „Ihr Herr Desmazures iſt alſo coloſſal reich?“ „Er iſt glücklich an der Börſe, das iſt das Ganze. Uebrigens laſſe ich Ducantal keine Ruhe, bis er mir ein Hotel gegeben hat . . . Helene hat wohl eines!“ fügte die Lorette, einen leichten Huſtenanfall unter⸗ drückend, bei. „Nun huſteſt Du wieder, meine gute Kleine!“ „Ich werde mich heute Nacht erkältet haben, als wir die Maiſon⸗d'Or verließen, wo wir nach der Oper zu Nacht ſpeiſten. Ducantal hat ſogar etwas ſehr Gutes gemacht. Man ſpielte nach dem Souper; einer von dieſen Herrn ließ unter den Tiſch ein Vier⸗ 160 zig⸗Franken⸗Stück fallen; geht nicht dieſer Knauſer auf allen Vieren, um ſein Goldſtück zu ſuchen! Du⸗ cantal nimmt ein Fünfhundert-Franken⸗Billet, dreht es zuſammen, zündet es an einer Kerze an, und ſagt zu dem Herrn, indem er ſich bückt: „„Ich will Ihnen leuchten!““ „Teufel! wie nobel! Das iſt ein Fund für Dich, ein ſolcher Cröſus!“ „Er liebt mich wie ein Beſeſſener. Beim Sou⸗ per war er in Verzweiflung, da er mich huſten hörte. Er mußte heute den berühmten Doctor Max um Rath fragen und ihn bitten, mich im Verlaufe des Tags zu beſuchen.“ „Es ſcheint, das iſt ein ſeltſamer, faſt erſchreck⸗ licher Menſch.“ 8 „Der Doctor Max?“ „Ja. Der Arzt, der mich bei meinen Blattern behandelt hat, ſagte mir, der Doctor Max kenne ganz Paris. Er iſt der Arzt der Reichſten, wie der Aerm⸗ ſten; doch man erzählt von ihm Dinge .. . nun, ur⸗ theile ſelbſt: man hat ihm den Beinamen der Teu⸗ fel als Arzt gegeben.“ „Das iſt drollig . . .“ „Nicht ſo drollig . . . Ich wiederhole Dir: er iſt ein faſt erſchrecklicher Mann.“ „In wie fern erſchrecklich?“ „Man ſagt, er wiſſe eine Menge von Geheim⸗ niſſen, und nichts entgehe ihm- Zum Beiſpiel . . . Niemand vermuthet, daß Du blond warſt, ehe Du Dir die Haare ſchwarz färben ließeſt, und, unter uns geſagt, ich begreife dieſe Laune von Dir nicht; Du 161 hatteſt das ſchönſte aſchblonde Haar, das ich geſehen, d „Ich wiederhole Dir, ich laſſe mir die Haare färben, weil ich es piquant finde, den Teint und die Augen einer Blonden, die Haare einer Brünette zu haben,“ verſetzte die Lorette mit Ungeduld und einer leichten Verlegenheit. „Reden wir nicht mehr hievon; Du haſt mir die Sache geheim zu halten verſprochen; ich zähle auf Dich, und ich werde für Deine Ver⸗ ſchwiegenheit dadurch erkenntlich ſein, daß ich Dich als Geſellſchaftsdame annehme.“ „Es iſt nicht das Intereſſe, was mich leitet, meine gute Kleine; bei uns iſt es nun auch auf Leben und Tod. Nur befürchte ich, daß dieſer Teufelsdoctor Mar, der Alles erräth, bemerkt, daß Du blond biſt.“ „Bah!“ „Und wenn er auch erriethe, daß Du den Na— men gewechſelt haſt, und daß .. . „Du machſt mich bedeutend ungeduldig, meine Liebe! immer wiederkäuſt Du daſſelbe. Ich habe meinen Namen gewechſelt, weil ich, wie ich Dir ſagte, einen Canaillennamen hatte: Mabeleine Froquet. Kann man Madeleine Froquet heißen?“ „Das iſt richtig. Aber ſage, meine liebe Kleine, dieſer Name Madeleine Froquet erinnert mich an Jemand . . .“ „An wen?“ „An Theodor, Deine erſte Liebe.“ „Eine hübſche Erinnerung!“ „Haſt Du Theodor ſeit jener Zeit wiederge⸗ ſehen?“ „Nie,“ erwiederte mit gleichgültigem Tone Emilie Sue, der Teufel als Arzt. U. 14 162 Lambert; „ich weiß nicht einmal, was aus ihm ge⸗ worden iſt.“ „Er liebte Dich ſo ſehr.“ „Er! ein abſcheulicher Lügner, der mir meine erſte Liebe geſtohlen hat! denn wenn man dieſes Ungeheuer hörte, ſollte er mir tauſend Franken mo⸗ natlich geben, mich mit Juwelen bedecken; wir ſoll⸗ ten alle Luſtbarkeiten von Paris genießen, einen Wa⸗ gen haben; ich, ein Neuling und in der Unſchuld meiner ſiebzehn Jahre, glaubte ſeinen Verſprechun⸗ gen; dieſen Theodor nach dem Anſcheine beurtheilend, denn er war immer vortrefflich gekleidet, entweiche ich heimlich von meinen Eltern, welche, wie man mir geſagt hat, vor Gram geſtorben ſind, und gehe zu Theodor. Ah! meine Liebe, was für eine abſcheu⸗ liche Prellerei! ich war betrogen! Er bewohnte zwei ſchlechte Zimmer im vierten Stocke. Dieſer Bettelkerl war Commis in einer Modewaarenhandlung. Wäh⸗ rend der zwei Monate, die ich bei ihm zuzubringen dumm genug war, welcher Lurus! welche Schmäuſe! welche Vergnügungen! An den Sonntagen ein Mit⸗ tageſſen zu vierzig Sous das Couvert im Palais⸗ Royal; ſodann einen Platz auf der zweiten Gallerie in einem kleinen Theater, und zum Abendbrod ein Stück Fladen beim Kuchenbäcker des Gymnaſe ge⸗ kauft; abgeſehen davon, daß wir bei ſchlechtem Wet⸗ ter als Cquipage ich meine Ueberſchuhe und Theodor ſeinen Regenſchirm hatten. Ich danke für die Erin⸗ nerung! ſie iſt ſchmeichelhaft!“ „Und nach Deinem Verhältniß mit Theodor, wie iſt es Dir ergangen?“ „Ich bin gereiſt,“ antwortet ungeſtüm die Lo⸗ 163 rette, welche leicht erröthet. „Wahrhaftig, meine Liebe, Du biſt tödtend mit Deinen Fragen.“ „Oh! ärgere Dich nicht, meine gute Kleine; aus Theilnahme für Dich habe ich . . .“ „Es iſt gut, es iſt gut . . . ſchon genug!“ Jenny, das Kammermädchen von Emilie Lam⸗ bert, tritt in dieſem Augenblicke ein. „Madame, hier iſt ein Brief von Herrn Mali⸗ corne; und dann iſt die Ladenjungfer der Weißzeug⸗ händlerin von Madame mit Muſtern da.“ „Sie ſoll warten,“ erwiederte hoffärtig Emilie Lambert. Und ſie las den Brief, den ihr Kammer⸗ mädchen ihr übergeben. V. Einen hinterhältiſchen, giftigen Blick auf die Lo⸗ rette werfend, ſagte Juliette zu ſich ſelbſt: „Emilie muß glauben, ich ſei mehr, als ich es bin, von gewiſſen Umſtänden ihres Lebens unterrich⸗ tet, daß ſie mir mildherzig anbietet, ſie wolle mich als Geſellſchaftsdame zu ſich nehmen. Ich weiß, daß ſie blond iſt, daß ſie Madeleine Froquet heißt; hierin liegt aber nichts Gefährdendes für ſie. Sie muß alſo ein anderes Geheimniß haben . . . Ich werde es zu entdecken ſuchen und Nutzen daraus ziehen.“ „Dieſer liebe Malicorne!“ ſprach laut die Lorette, nachdem ſie den Brief, den ſie in der Hand hielt, geleſen hatte, „er iſt immer galant!“ „Meine gute Kleine,“ fragte Juliette lächelnd, „wäre etwa dieſer Herr Malicorne ein Verwandter der berühmten Malicorne⸗Pillen?“ 164 „Er iſt es ſelbſt.“ „Er ſoll ſehr reich ſein?“ „Ungeheuer reich. Denn ohne zu rechnen, was ihm ſeine Pillen eintragen, hat er ein unverſchämtes Glück bei ſeinen Speculationen; man nennt ihn Lu⸗ cullus, oder den Hofmann, weil er ſich das Anſehen eines Marquis gibt. Er ſchickt mir ſeine Loge in der italieniſchen Oper für heute Abend. Unter uns, er macht mir ein wenig den Hof.“ „Und Dein Herr Ducantal iſt nicht eiferſüchtig?“ „Einmal iſt Malicorne häßlich wie eine Nacht⸗ eule, und dann verwandelt er die Sache in einen Scherz und ſagt mir ganz laut in Gegenwart von Ducantal: „„Ah! meine Holde, ruiniren Sie mir geſchwinde dieſen Ducantal; ich ſchreibe mich als ſei⸗ nen Nachfolger ein.““ „Madame,“ meldete Jenny, in das Boudvir zu⸗ rückkehrend, „dieſe Ladenjungfer hat noch andere Com⸗ miſſionen zu machen, und wenn Madame es wünſcht, ſo wird ſie wiederkommen.“ „Hat man eine ſolche freche Perſon geſehen! Sagen Sie ihr, ſie ſoll mir ihren Carton bringen,“ erwiederte die Lorette. Und ſich an Juliette wendend: „Du wirſt mich heute Abend in die italieniſche Oper begleiten. Ich gebe Dir eines von den Kleidern, die ich nicht mehr anziehe; laß Dich mit Deinen Haaren friſiren und ſei um ſechs Uhr hier; Du kannſt mit mir zu Mittag ſpeiſen; wir-werden ſpäter hin⸗ ſichtlich deſſen, was ich Dir Gehalt biete, überein⸗ kommen.“ „Nie werde ich Deine Güte für mich vergeſſen.“ „Und ſei beſonders reinlich chauſſirt.“ 165 „Sei unbeſorgt, ich werde Dir keine Schande machen.“ Juliette geht, den Neid und den Haß im Herzen, ab, und ſagt zu ſich ſelbſt: „Welche Demüthigung! Ah! wenn ich mich rä— chen könnte!“ VI. Einen Augenblick nach dem Abgange von Juliette tritt eine Ladenjungfer, einen Carton in der Hand haltend, in das Boudoir der Lorette ein und macht ihr erröthend eine beſcheidene Verneigung. Dieſes Mädchen iſt ſehr hübſch; die Unſchuld, die Schüch⸗ ternheit ſind auf ſeinem friſchen Geſichte zu leſen. „Sie hatten alſo große Eile, Mademoiſelle?“ ſagte mit herbem Tone Emilie Lambert; „Sie konn⸗ ten vielleicht nicht warten? Wahrhaftig, das iſt un⸗ glaublich!“ „Verzeihen Sie, Madame,“ ſtammelte das Mäd⸗ chen, purpurroth vor Verwirrung, ich ic ch hatte andere Commiſſionen, und .. „Genug! genug! Laſſen Sie dieſe Muſter von Hauben, von Taſchentüchern und von Morgenge⸗ wändern ſehen.“ „Ich hoffe, Madame wird mit dieſen mehr zu⸗ frieden ſein, als mit denen, welche man ihr ſchon geſchickt hat,“ erwiederte das Mädchen, den Inhalt des Carton auslegend; „das iſt, was wir Reichſtes haben.“ „Der Herr Doctor Max kommt, um Madame zu beſuchen,“ fagte Jenny zur Lorette, den Teufel als Arzt meldend und ihm vorangehend. 166 „Das iſt alſo eines von den Idolen unſerer Zeit! aber auch welche Zeit!“ dachte der Doctor Mar in das Boudoir eintretend . . . Und er wandte ſich an die Lorette: „Madame, man hat mich erſucht, zu Ihnen zu kommen.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Herr Doctor; erlauben Sie mir, einen Blick auf dieſe Muſter zu werfen.“ „Dieſe Perſon macht keine Umſtände!“ ſagte der Teufel als Arzt zu ſich ſelbſt. Und Emilie Lambert, welche die Stickereien, die ihr die Ladenjungfer zeigt, anzuſchauen beſchäftigt iſt, aufmerkſam beobachtend, fügte er beiſeit bei: „Das Geſicht dieſer Cvurtiſane iſt mir nicht unbekannt. Wo habe ich ſie denn ſchon geſehen? Ihre ausgezeichnete Schönheit ruft in mir eine Erinnerung zurück, welche einige Jahre alt iſt . . Doch nein, nein; ich täuſche mich ſicherlich, und den⸗ noch . . . Oh! ich werde meine Zuflucht zu meinem Tagebuch aus jener Zeit nehmen, um meine Zwei⸗ fel aufzuklären.“ „Ah! Mademoiſelle,“ rief die Lorette, nachdem ſie einen verächtlichen Blick auf die Stickereien ge⸗ worfen hatte, „Sie treiben offenbar Ihren Scherz mit den Leuten!“ „Madame, ich .. .“ „Es kann nichts Abſcheulicheres geben, als das, was Sie mir da bringen.“ „Madame, die Taſchentücher ſind doch fünfhun⸗ dert Franken das Stück werth. Die Nachthauben haben denſelben Preis, und man kann die Peignoirs nicht unter achthundert Franken jedes geben.“ „Was macht das mir! Sie müſſen wahrhaftig 167 einen ſehr harten Kopf haben, Mademoiſelle. Ich wiederhole Ihnen, daß das nicht reich genug für mich iſt.“ „Mademviſelle,“ ſagte der Doctor Marx zu der Ladenjungfer, „erlauben Sie mir eine Frage: Wie viel haben Sie Gehalt?“ „Mein Herr,“ erwiederte das Mädchen erröthend und verblüfft, „mein Herr, ich . . .“ „Fünf bis ſechshundert Franken jährlich, nicht wahr?“ „Ja, fünfhundert Franken, mein Herr.“ „Welch ein Original!“ ſagte zu ſich ſelbſt Emilie Lambert, während der Doctor Max an die Laden⸗ jungfer gewendet fortfuhr: „Ihr Leben iſt ein arbeitſames, ehrliches, ob⸗ ſchon Sie hübſch, ſehr hübſch ſind, Mademoiſelle. Ich bin Phyſiognomiker.“ „Mein Herr,“ verſetzte das Mädchen, immer mehr verlegen, „ich weiß nicht. . .“ „Aber, mein Herr,“ ſagte die Lorette ungedul⸗ dig, „Ihre Complimente an dieſes Mädchen .. „Offenherzig geſprochen, Mademoiſelle,“ fuhr der Doctor fort, ohne daß er die Bemerkung von Emilie Lambert zu hören ſchien, „nicht wahr, Sie haben Mühe, zu begreifen, wie ein Taſchentuch vom Werthe von fünfhundert Franken . . . fünfhundert Franken, Ihr Gehalt von einem Jahre . . . Madame nicht prächtig genug für ſie ſcheinen kann?“ Und ſich an die Lorette wendend: „Was wollen Sie! dieſe armen Geſchöpfe, welche auf eine ehrenhafte, müh⸗ ſame Weiſe das Brod verdienen, das ſie eſſen, haben die Inconvenienz, daß ſie ſich keine genaue Idee 168 von den erſten Nothwendigkeiten des Luxus machen. Dieſe Treuherzigen,“ fügte der Doctor die Achſeln zuckend bei, „dieſe Unſchuldigen bilden ſich ein, ſechs⸗ tauſend Franken für ein Dutzend Taſchentücher be⸗ zahlen, die Ihnen nicht zum Schnäuzen dienen, ſei etwas Ungeheures, denn wären die Gewinne ihres Magazins hunderttauſend Franken jährlich, ſie wür⸗ den ſich doch auf die beſtimmte Portion ihres mageren Gehaltes beſchränkt ſehen.“ „Ich frage aber noch einmal,“ entgegnete mit wachſender Ungeduld Emilie Lambert, „was geht das mich an, mein Herr?“ „Gehen Sie, Mademoiſelle, und ſündigen Sie nicht mehr,“ ſagte der Doctor Max zur Ladenjungfer. „Erfahren Sie, daß es nichts zu Schönes, nichts zu Reiches für Madame gibt, aus dem vortrefflichen Grunde, weil ſie iſt . . . was Sie nicht ſind, was Sie nie ſein werden .. . verſtehen Sie, Mademoiſelle? Was Teufels! es wird immer geſellſchaftliche Unter⸗ ſchiede geben!“ Und der Doctor flüſterte der Lorette in Form einer Vertraulichkeit zu: „Dieſe kleinen Mädchen, wenn ſie hübſch ſind, dürfen ſich nicht aus ihrem Stande entfernen . . . das könnte beklagens⸗ werthe Concurrenzen herbeiführen.“ „Mir ſcheint, es iſt ſehr unverſchämt gegen mich, was er da ſagt, dieſer Teufelsarzt!“ dachte Emilie Lambert, während die Ladenjungfer, die ſich ſo zu ſagen für die Impertinenzen der Courtiſane durch die Worte des Doctors Max gerächt fühlte, ihre Muſter zuſammenlegend ſanft lächelte; dann ver⸗ neigte ſie ſich vor Emilie Lambert, um von ihr Ab⸗ ſchied zu nehmen, und ſprach: 7 169 „Wir werden uns bemühen, Madame zu befrie⸗ digen; ich bringe morgen Alles, was man Reichſtes finden kann.“ „Das iſt unnöthig; ich werde mich anderswo verſehen, Mademoiſelle . . .“ „Aber, Madame, wir werden uns beſtreben, z „Es iſt gut . . . Gehen Sie.“ „Armes Mädchen!“ dachte der Doctor Max mit dem Blicke der Ladenjungfer folgend, „hat ſie einen Augenblick dieſe freche Creatur um ihren Luxus be⸗ neidet, ſo wird der Neid ohne Zweifel der Verachtung Platz gemacht haben.“ Der Doctor Max vollendete dieſe Betrachtung, als Herr Ducantal geräuſchvoll eintrat und Emilie Lambert auf die Stirne küßte. VII. Herr Ducantal gleicht in allen Punkten dem Portrait, das ſeine Geliebte von ihm entworfen: röthlich blond, unterſetzt, corpulent, kräftig gezimmert; man lieſt in ſeinen gemeinen Zügen die unverſchämte Dreiſtigkeit des Neubereicherten, der ſich berechtigt glaubt, ſeine Laſter zur Schau zu ſtellen. Herr Ducantal, nachdem er die Lorette, welche ſehr är⸗ gerlich geworden iſt, geküßt hat, wendet ſich an den Doctor Max: „Wie finden Sie unſere liebe Kranke? Ich habe Ihnen geſagt, daß ſie heute Nacht und dieſen Mor⸗ gen viel gehuſtet.“ „Ja, in Folge einer leichten Erkältung,“ erwie⸗ 170 derte der Arzt, der Lorette den Puls fühlend: „kein Fieber, die Haut iſt friſch und geſchmeidig; Madame muß ſich nur warm kleiden und ein wenig Gerſten⸗ waſſer mit Honig trinken.“ „Du hörſt, Minette, was Dir der Doctor vor⸗ ſchreibt? Du mußt Dich gut einhüllen, Dich nicht der Kälte ausſetzen.“ „Es iſt gut,“ antwortete die Lorette verdrießlich, „ich habe es gehört. . .“ „Nun, Herr Ducantal,“ ſagte der Doctor Mar mit ſpöttiſchem Tone, „wie gehen die Geſchäfte?“ „Das iſt unglaublich, Doctor! Man hat das nie geſehen! Die Speculation führt Wogen von Gold herbei. Man braucht nur zu ſchöpfen. Frankreich iſt ein Californien, ein Auſtralien, ein Peru! Welche Zeit, Doctor! Wer in unſern Tagen nicht Millionär wird, iſt ein Dummkopf.“ „Offenbar . .. Das iſt auch eine ſchöne Gele⸗ genheit, Ihre Töchter zu verheirathen, und beſonders ſie auszuſteuern, Herr Ducantal.“ „Mein Herr,“ erwiederte Herr Ducantal verle⸗ gen und mit einem ſichtbaren Aerger, „ich...“ „Und die vortreffliche Madame Ducantal, wie be⸗ findet ſie ſich?“ fragte der Doctor Max, ohne von ſeinem ironiſchen Phlegma abzuweichen; ſodann ſich mit einer vertraulichen Miene an die Lorette wendend: „Sie vermöchten ſich nicht vorzuſtellen, was für eine Frau Madame Ducantal iſt: das Ideal der Familien⸗ mutter! Ah! mein Herr, Sie häben eine edle, wür⸗ dige Lebensgefährtin!“ „Ei, mein Herr!“ rief Ducantal, als er ſah, 17¹ daß Emilie Lambert vor Zorn purpurroth wurde, „Sie ſprechen von meiner Frau, ohne ſie zu kennen.“ „Es iſt wahr, ich habe nicht die Ehre, ſie per⸗ ſönlich zu kennen, doch ich behandle eine Dame, die in Ihrem Hauſe wohnt; von dieſer Dame, deren Urtheil ich ungemein ſchätze, habe ich die Details über Ihre vortreffliche Frau, über Ihre Töchter Laure und Sophie, Schätze der Anmuth, der Unſchuld und der Tugend!“ Und indem er ſich abermals an die Lorette wandte, fügte der Doctor bei: „Welch ein glüͤcklicher Mann iſt dieſer liebe Herr Ducantal! Eine muſterhafte Gattin und anbetungswürdige Töchter. Wie ſehr, Madame, müſſen Sie von ſeinem häus⸗ lichen Glücke gerührt ſein!“ „Ich kümmere mich den Teufel darum!!“ rief Emilie Lambert, deren Zorn immer mehr zunahm. „Was geht mich das Innere des Hauſes von Herrn Ducantal an?“ 5 „Ha! Minette,“ ſprach Herr Ducantal, der ſich zu lachen anſtrengte, „was für ein ſchlechter Spaß⸗ macher iſt dieſer Teufelsdoctor! Oh! Malicorne ſagte es mir wohl: „„Der Doctor Max iſt einer der aus⸗ gezeichnetſten Aerzte von Paris, doch es iſt Mephi⸗ ſtopheles in Fleiſch und Knochen; er hat eine hölliſche Zunge; man wird zuweilen von ſeinem kalten Spotte überrumpelt und aus der Faſſung gebracht.“ Mich bringt man nicht leicht aus der Faſſung, und ich werde dem Herrn Doctor antworten: „Ich habe eine reizende Geliebte, weil das mir anſteht, und ich finde es ſeltſam, daß . . .““ „Bei meiner Ehre!“ erwiederte der Doctor Mar ſich an die Lorette wendend, „bei meiner Ehre! dieſer 172 liebe Herr Ducantal bildet ſich ein, ich komme hier⸗ her, um ihm ſein geſetzwidriges Glück vorzuwerfen, ihm eheliche Moral zu predigen, ihn an ſeine Pflichten als Familienvater zu erinnern . . ihn, der ſie be⸗ wunderungswürdig erfüllt!“ „Alle Teufel!“ rief Ducantal, der die Geduld verlor, „es iſt genug des Scherzes!“ „Ich ſcherze nicht, mein Herr, ich behaupte, was ich geſagt habe,“ entgegnete der Doctor Max. Und ſich wieder an die Lorette wendend: „Stellen Sie ſich vor, ſo verſchwenderiſch und prachtliebend dieſer liebe Herr ſich hier zeigt, eben ſo ſparſam zeigt er ſich zu Hauſe.. vielleicht mehr als ſparſam. Wiſſen Sie aber, warum? Um ſeine Töchter in Grundſätzen der Ordnung, der Sparſamkeit zu erziehen, um aus ihnen . und das iſt ihm nach Wünſchen geglückt rechtſchaffene, in ihren Neigungen beſcheidene, fleißige, gemüthliche, verſtändige Frauen, mit einem Worte, vortreffliche Haushälterinnen zu machen .. Nun! Madame, hatte ich Unrecht, bei dieſem lieben Herrn Ducantal die Weisheit, die Klugheit des Fa⸗ milienvaters zu loben?“ „In der That, es iſt nicht möglich, ſich zu är⸗ gern . .. Uebrigens wozu?“ ſagte ſich Ducantal. Und er ſprach laut: „Ah! Doctor, man hat nicht Unrecht gehabt, Sie den Teufel als Arzt zu taufen, denn Sie haben eine hölliſche Bosheit!“ In dieſem Augenblicke meldete Jenny der Lorette: „Herr Malicorne wünſcht Madame zu ſprechen.“ „Er trete ein, dieſer liebe Malicorne!“ antwor⸗ tete Ducantal heiter, „er trete ein, dieſer verhaßte Nebenbuhler!“ 173 VII. „Herr Malicorne iſt häßlich wie eine Nachteule,“ hatte Emilie zu Juliette geſagt. Das war wahr; es ließ ſich nichts Häßlicheres, aber auch nichts Unverſchämteres finden, als die Häßlichkeit von Herrn Malicorne. Er erſchien im Boudvir, „indem er ſich das Anſehen eines Marquis gab,“ immer nach den Worten von Emilie Lambert, welcher er artig die Hand küßte. „Ei! guten Morgen, Herr Malicorne,“ ſagte zu ihm der Doctor Max. „Was machen Ihre Pillen?“ „Ich verkaufe ungeheuer, doch ich nehme nie; ich werde auch fett und reich. Ah! Doctor, ich hoffe, Ihre Gegenwart iſt von keiner ſchlimmen Vorbedeu⸗ tung? Unſere reizende Emilie iſt ohne Zweifel nur leicht unpäßlich; ſonſt würde das ſehr meinen Plänen entgegen ſein. Ich kam, meine liebe Schöne, um Sie heute Abend, nach der italieniſchen Oper, zum Souper einzuladen.“ „Doctor,“ fragte Ducantal, „kann Madame, ohne eine Unvorſichtigkeit zu begehen, dieſe Einladung annehmen?“ „Es wäre beſſer, wenn ſich Madame enthielte.“ „Was für Freudenſtörer ſind doch dieſe Aerzte!“ rief Herr Malicorne. „Ei, bei Gott! Doctor, wenn Sie befürchten, Ihre ſchöne Kranke könnte ſich eine Abſchweifung von der Diät erlauben, ſo ſpeiſen Sie mit uns zu Nacht. Sie werden ſie beaufſichtigen, Sie furchtbarer Mann, der Sie ſind.“ 174 „Zum Teufel, Malicorne!“ dachte Ducantal; „dieſer höhniſche Doctor iſt mir unerträglich.“ „Ein Souper ſtört mich in meinen Gewohnheiten,“ antwortete der Doctor, den geheimen Aerger von Ducantal wahrnehmend; „doch ich bin zu allen Opfern fähig, handelt es ſich darum, über die koſtbare Ge⸗ ſundheit von Madame zu wachen.“ „Um Mitternacht alſo in der Maiſon⸗ Dorée, lie⸗ ber Doctor,“ ſagte Malicorne; „wir werden dort einige Paare Frohleber und Frohleberinnen ſein; ich bezahle eine verlorene Wette: hundert Flaſchen Cham⸗ pagner.“ „Sie werden immer ein ſehr vornehmer Mann ſein, mein lieber Herr Malicorne.“ „Doctor, ich habe nur eine Prätenſion: daß ich die Kunſt, gut zu leben, gründlich kenne und übe.. Genießen iſt meine Moral, das Vergnügen mein Geſetz, der glückliche Erfolg mein Gott! Ich laſſe nur zwei Klaſſen von Leuten zu. „Die ehrlichen Leute und die Schurken?“ „Ah! Sie ſtellen ſich naiv, Doctor Mephiſtopheles,“ erwiederte Herr Malicorne hohnlächelnd und die Ach⸗ ſeln zuckend. „Ehrliche Leute, Schufte, Laſter, Tu⸗ gend, Pflicht, Recht, Gewiſſen! ſonore Worte, weil ſie leer ſind! verjährtes Lexicon! gothiſches Voca⸗ bularium! Wer iſt ein ehrlicher Mann? wer iſt ein Schurke? Wo iſt das Fabrikzeichen . . . wie Herr Biétry ſagen würde? Wo endigt der Schurke? wo fängt der ehrliche Mann an? Das iſt unbeſtimmt, das iſt nebelhaft. Ich, ich laſſe mich nicht mit Phra⸗ ſen e ich will die Cvidenz, das Factum haben .. Ich kenne alſo nur glückliche oder un⸗ 175 glückliche Leute, geſchickte oder ungeſchickte Leute, Leute von Geiſt und Dummköpfe.“ „Es leben alſo die Leute von Geiſt und zum Henker mit den Dummköpfen!“ rief Herr Ducantal. „Woraus folgt, daß man ſagen könnte: glücklich wie ein Schurke? . . . Ei! ei! das hat man geſehen, das ſieht man und wird man ſehen,“ ſprach der Doctor Max, und zur Lorette: „Vergeſſen Sie meine Verordnung nicht, Madame: ſich warm kleiden und Gerſtenwaſſer mit Honig trinken.“ „Ah! Doctor, es iſt abgemacht,“ ſagte Herr Malicorne. „Sie ſind heute Abend von unſerer Ge⸗ ſellſchaft beim Souper, um unſere reizende Kranke zu bewachen? Sie werden heitere Gäſte finden.“ „Lauter Leute . . . von Geiſt, nicht wahr?“ ver⸗ ſetzte der Doctor Max mit ſeinem ſpöttiſchen Lä⸗ cheln. Und abgehend: „Heute Abend, lieber Herr Malicorne!“ Sobald ſich der Arzt entfernt hatte, ſagte die Lorette mit bitterem Tone zu Herrn Ducantal: „Ich erkläre Ihnen, daß Ihr Doctor Mar meine Nerven entſetzlich reizt. Er ſoll keinen Fuß mehr hierher ſetzen.“ „Es iſt einer der ausgezeichnetſten Aerzte von Paris, und ich glaubte wohl zu thun, wenn ich ihn Dir ſchicke, Minette . . .“ „Laſſen Sie mich in Ruhe; Sie ſind unerträglich.“ „Ein Streit? bravo!“ rief Malicorne freudig, „meine Actien ſteigen! ich habe Chancen! Auf, meine Reizende, ſetzen Sie geſchwinde dieſen abſcheulichen Ducantal vor die Thüre . . . dieſen Burſchen zu 176 Grund zu richten würde nach dem Willen meiner Liebesungeduld zu lange dauern.“ „In Erwartung meines Ruins,“ ſagte Herr Du⸗ cantal, in ſeiner Taſche ſtörend, „iſt hier ein Pa⸗ quetchen von tauſend, um Minette Wickeln zu machen.“ „Ah! . . .“ erwiederte nachläſſig und gähnend Emilie Lambert. „Wie viel iſt darin?“ „Schau hinein, Neugierige.“ Die Lorette zählte gierig die Banquebillets und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Ich werde ſie gegen Louis d'or wechſeln, das wird mir hunderttauſend Franken in Gold für meinen Sparpfenning vollſtändig machen.“ „Ich entfliehe!“ rief heiter Herr Malicone, „ich wollte durch einen Streit begünſtigt bei der Reizenden meine Erklärung wagen; doch das Paquet von tauſend ſchlägt mich wieder; das iſt ein goldener Ziegel, der meiner Liebe auf den Kopf fällt! Ich werde die Baiſſe abwarten.“ „Oh! ja . . die Baiſſe,“ verſetzte Ducantal, ſich die Hände reibend, „zählen Sie darauf! Flach geſchlagen, die Baiſſiers! Hauſſe, Hauſſe . . . und immer Hauſſe! Der Ballon iſt geſchleudert, er wird nicht mehr anhalten . . . Hören Sie wohl, mein ruchloſer Nebenbuhler?“ „Unglücklicher! bringen Sie mich nicht in Ver⸗ zweiflung, ich bin im Stande . . . eine Schachtel von meinen Pillen zu verſchlucken!“ und Emilie die Hand küſſend: „Vergeſſen Sie meine Einladung nicht . heute Abend, meine Allerſchönſte.“ „Nein, ich verabſcheue Sie! Was für eine Idee 177 haben Sie gehabt, daß Sie den verdammten Doctor eingeladen!“ „Wir werden ihm ein Räuſchchen anhängen und den Teufel in luſtiger Laune ſehen! Das wird poſſir⸗ lich ſein! Adieu, Ducantal,“ fügte Malicorne das Boudoir verlaſſend bei, „adieu, verhaßter Neben⸗ buhler! Die Baiſſe wird meine Liebe krönen!“ K. Herr Ducantal, der mit Emilie Lambert allein geblieben iſt, näherte ſich dieſer, nahm ihre Hand und ſagte mit liebkoſendem Tone: „Iſt Minette noch böſe?“ „Laſſen Sie mich!“ antwortete ungeſtüm die Lo⸗ rette. „Sie denken vielleicht, es ſei angenehm, mir von dieſem Arzte die Tugenden Ihrer Frau und Ihrer Töch⸗ ter ins Geſicht werfen zu hören? Im Grunde kümmereich mich den Teufel um ihre Tugenden! Doch dieſer Herr glaubte mich zu ärgern . . . Dem ſetzen Sie mich aus!“ „Höre, Minette,“ ſprach Herr Ducantal, wäh⸗ rend er die Hand der Lorette nehmen wollte, „ſei artig. Iſt es meine Schuld, wenn . . „Ich wiederhole, laſſen Sie mich,“ rief Emilie Lambert, Ducantal zurückſtoßend, „ich bin wüthend...“ „Wie! ſo eben gab ich Dir doch . . .“ „Nicht etwa Peru! elende fünfundzwanzigtauſend Franken! Sie werden ſie mir vielleicht vorwerfen?“ „Nein, gewiß nicht, aber . . .“ „Was macht das im Ganzen mir, wenn man Sie für einen Knicker hält?“ „Mich!“ Sue, der Teufel als Arzt. I. 12 178 „Helene hat mich geſtern Abend beſucht. Wiſſen Sie, was ſie zu mir ſagte: „„Es iſt ziemlich ſauber bei Dir, doch auf Deiner Treppe riecht es peſtilen⸗ zialiſch nach Zwiebelſuppe.““ „Daran iſt dieſe verdammte Portière Schuld,“ rief Herr Ducantal, „ſie hat die Wuth der Zwiebel⸗ ſuppe.“ „Wenn das Ihre Entſchuldigung iſt, ſo iſt ſie ſon⸗ derbar. . . Helene fügte bei: „„Ich begreife nicht, wie Dich Dein Herr Ducantal in einem ſolchen Loche laſſen kann. Er muß viel weniger Geld gewonnen haben, als man behauptet. Es ſcheint, Desmazures hat Recht, wenn er ſagt: — Man ſpricht von den Mil⸗ lionen von Ducantal, das iſt ein Scherz. Er hat ein paarmal hunderttauſend Franken an der Börſe zuſammengeknauſert, und nicht mehr! —““ „Dieſer Zieraffe Helene hat das geſagt?“ „Sie ſagt es nicht allein. Man glaubt, Sie wollen reicher ſcheinen, als Sie ſind . . . Im Gan⸗ zen kenne ich die Wahrheit über Ihre Angelegen⸗ heiten nicht!“ „Wie, Du auch, Minette, Du zweifelſt, daß...“ „Ich bin wie Malicorne, ich kenne nur die That⸗ ſache. Helene hat ein Hotel, das ſie allein bewohnt, das iſt eine Thatſache; ich habe nur eine Wohnung von zwei Liards, das iſt eine andere Thatſache; wor⸗ aus ich ſchließe, daß Desmazures reich genug iſt, um Helene ein Hotel zu geben, und daß Sie, um mir eines zu geben, zu arm oder zu filzig ſind .. Wählen Sie nun zwiſchen filzig und arm, das iſt Ihre Soache.“ „Ah! meine Herren Reider!“ rief Ducantal mit 179 Bitterkeit, „ah! mein Vermögen beſchränkt ſich auf einige elende hunderttauſend Franken, die ich an der Börſe zuſammengeknauſert! Ah! Mademoiſelle Helene, Sie finden, es rieche peſtilenzialiſch nach Zwiebel⸗ ſuppe auf der Treppe meiner Geliebten! Ah! Des⸗ mazures iſt reicher, als ich! Minette, kennſt Du ein Hotel, das zu verkaufen iſt?“ „Es gibt ein reizendes mit einem Garten auf den Champs⸗Elyſées. Ich fahre jeden Tag daran vorbei.“ „Wo liegt dieſes Hotel?“ „In der Allee; das dritte Haus rechts nach dem Rondell.“ „Sehr gut,“ ſagte Herr Ducantal, indem er ſeinen Hut nahm, „ich gehe auf der Stelle .. .“ „Wirklich!... Du willſt?“ „Dieſes Hotel kaufen, ich armer Knauſer, der ich bin!“ „Mein dicker Mimi, ich bete Dich an!“ rief die Lorette, Herrn Ducantal um den Hals fallend. „Helene und ihr Desmazures werden vor Aerger berſten.“ Die Kammerjungfer ſtörte dieſen Erguß der Dankbarkeit von Emilie Lambert; ſie übergab Herrn Ducantal einen Brief und ſagte zu ihm: „Mein Herr, es iſt vom Telegraphen.“ „Meine Correſpondenz durch die Privattelegra⸗ phie,“ murmelte Ducantal. Und er nahm den Brief, entſiegelte ihn, las und rief ſtrahlend: „Es ſind in dieſer Nachricht drei Franken Hauſſe! 180 eine Million zu gewinnen!... Minette, Du ſollſt ein Hotel mit einem Wintergarten haben.“ „Mit einem Wintergarten!... Helene hat keinen: ſie wird darüber weinen!“ „Sind wir noch aufgebracht gegen unſern unglück⸗ lichen Knauſer?“ „Nein, lieber Dicker,“ erwiederte Emilie Lam⸗ bert. Und ſich zierend, fragte ſie: „Wie, George, Du gehſt ſchon?“ „Teufel! ich muß auf die Börſe kommen vor ihrer Eröffnung, um meine Neuigkeit auszubeuten,“ antwortete Ducantal. Und haſtig abgehend rief er: „Drei Franken Hauſſe! drei Franken Hauſſe!“ „Ein Hotel! einen Wintergarten!“ ſagte hierauf zu ſich ſelbſt die Lorette mit einem hoffärtigen Ent⸗ zücken. „Ich gebe einen Ball zur Einweihung und lade alle dieſe Damen ein. Ich allein werde einen Wintergarten haben... Wie werden ſie wüthen!... Blumen müſſen in Maſſe da ſein, das wird duften, und ich werde zu Helene ſagen: „„Findeſt Du, daß das immer noch peſtilenzialiſch nach Zwiebelſuppe riecht?““ „Madame,“ meldete Jenny ihrer Gebieterin, „es iſt ein junger Mann da; er wünſcht Madame zu ſprechen; er nennt ſich Herr Theodor, und ...“ „Antworten Sie, ich ſei ausgegangen,“ erwie⸗ derte raſch die Lorette; „ich kann dieſen Herrn nicht empfangen.“ S „Verzeihen Sie, ich trete trotz des Verbots ein,“ rief Theodor, der dem Kammermädchen gefolgt war. 18¹ e Herr Theodor war ein ſehr hübſcher junger Mann von dreißig Jahren, mit Eleganz gekleidet; ſeine angegriffenen Züge bezeichneten einen frühzei⸗ tigen Mißbrauch der Vergnügungen. Er näherte ſich voll Eifer der Lorette, doch dieſe hielt ihn durch eine theatraliſche Geberde zurück und ſagte mit herbem, trockenem Tone: „Mein Herr, Sie wollen mich compromittiren.. Ich bitte Sie, ſogleich zu gehen.“ „Wie, Emilie, ſo empfängſt Du mich?“ „Vor Allem, mein Herr, verbiete ich Ihnen, mich zu duzen; ſodann erkläre ich Ihnen ſchleunigſt, daß Sie für mich ſind, als ob ich Sie nie gekannt hätte!“ „Ich, Deine erſte Liebe?“ „Wagen Sie es, Sie, der Sie mich ſchändlich betrogen haben, von jener Zeit zu ſprechen?“ Emilie ich „Ob Sie etwas ſagen oder nichts, das iſt einer⸗ lei; ich liebe Einen, und Sie werden mir das Ver⸗ gnügen gewähren, auf der Stelle zu gehen.“ „Ich bitte, hören Sie mich an.“ „Sie machen mich am Ende ungeduldig. Ver⸗ geſſen Sie mich, wie ich Sie vergeſſen habe. Das iſt leicht.“ . Emilie, Sie können mein Glück gründen,“ rief Herr Theodor mit flehendem Tone. Und vor der Lorette auf die Kniee fallend: „Sie können den glüh⸗ endſten meiner Träume verwirklichen; Sie können...“ „Welche Frechheit! Stehen Sie auf, mein Herr! 182 Wenn Jemand hereinkäme, wäre ich verloren! Sie wagen es, von mir zu verlangen, daß ich Ihr Glück mache, nachdem ich Ihnen geſagt habe, ich liebe Einen!“ „Sie ſprechen von Herrn Ducantal,“ erwiederte Theodor, immer knieend, „von dieſem Manne, der...“ „Genug, mein Herr! Ja, ich liebe Herrn Du⸗ cantal, ich bete ihn an! Iſt das klar? Werden Sie endlich aufſtehen?“ „Ei, bei Gott!“ erwiederte Theodor, während er aufſtand, „ich bete ihn auch an.“ „Wird er ein Narr?“ fragte ſich die Lorette. „Sie beten Herrn Ducantal an?“ „Ja, ich bete ihn an! ich verehre ihn! ich be⸗ wundere ihn!“ rief der junge Mann mit einer wach⸗ ſenden Begeiſterung; „ich bewundere ihn, dieſen Gott der Speculation! Mein glühendſter Wunſch iſt, von fern... oh! von ſehr fern in ſeinen Fußſtapfen zu gehen, die Goldkrümchen aufzuleſen, die er auf ſei⸗ nem Wege läßt, und Ihnen einen guten Theil von meinem Gewinne anzubieten, willigen Sie ein, mich Herrn Ducantal zu empfehlen! Emilie, ich flehe Sie an, ein Wort der Empfehlung bei ihm, und Sie machen mich zum Glücklichſten der Menſchen! Sie gründen, ich wiederhole es Ihnen, das Glück meines Lebens!“ „Wie! Sie wollten nicht mit mir von Liebe ſprechen?“ „Die Liebe? gehen Sie doch! das iſt gut für die Einfaltspinſel! Ich trachte nach dem Soliden. Als ich erfuhr, Sie ſeien die Königin von dieſem kühnen Speculanten, einem der Fürſten der Börſe, ſagte 183 ich mir auch: „Vielleicht wird Emilie, in Erinne⸗ rung an die vergangene Zeit, die Güte haben, mich bei Herrn Ducantal zu unterſtützen, und ich werde meinen Nutzen mit ihr theilen.“ „Da es ſich nicht um Liebe handelt, ſondern um die Theilung von Nutzen, ſo iſt es etwas Anderes. Was kann aber Herr Ducantal für Sie thun?“ „Ich habe einen elenden Platz als erſter Commis. Mein Patron hat allerdings meinen Gehalt auf vier⸗ tauſend fünfhundert Franken erhöht; doch ich frage Sie, Emilie, Sie, die Sie nun die anbetungswür⸗ digen Berauſchungen von Paris kennen, kann man in dieſer Zeit mit viertauſend fünfhundert Franken jährlich leben? Einfältigere als ich ſind zum Glücke in einem Nu emporgehoben worden! Ich bin thätig, unternehmend, gewandt, wenig bedenklich, gut zu Allem, bereit zu Allem, und wenn Herr Ducantal, durch Ihre Empfehlung, mir in den Geſchäften vor⸗ wärts helfen wollte, warum ſollte ich nicht reich werden, wie ſo viele Andere? Oh! Emilie, wenn Sie wüßten, welchen unlöſchbaren Durſt nach Luxus, nach Genüſſen in uns armen Teufeln der Anblick dieſer kühnen Abenteurer, dieſer verwegenen Spe⸗ culanten erregt, welche geſtern noch in den dürftig⸗ ſten Umſtänden waren und heute im Reichthum ſchwimmen! Warum wir nicht ebenſo gut als ſie? Was fehlt uns? Iſt es di Kühnheit? iſt es die Entſchloſſenheit, um jeden reis emporzukommen? Nein, nein! Wir werfen alberne Vorurtheile von uns! Wir heulen mit den Wölfen! Was uns fehlt, was mir fehlt, das iſt die Gelegenheit! und mit Ihrer Hülfe kann ich ſie im Fluge ergreifen, dieſe 18⁴ eigenſinnige Gottheit! Emilie! Emilie! Sie können mir mit einem Worte die goldenen Thore des Glückes öffnen! Sie ſind glücklich genug, daß Sie nichts mehr zu wünſchen haben. Seien Sie großmüthig, reichen Sie die Hand einem alten Freunde; er wird nicht undankbar ſein, er wird ſeinen Gewinn mit Ihnen theilen!“ „Der Wagen von Madame wartet,“ meldete Jenny ihrer Gebieterin. „Geben Sie mir eine ſehr warme Mantille,“ er⸗ wiederte die Lorette; ſo dann ſich an Herrn Theodor wendend: „Ich werde von Ihnen mit Herrn Ducan⸗ tal ſprechen, doch unter der ausdrücklichen Bedin⸗ gung, daß Sie nie mehr mein Haus betreten; Sie könnten mich compromittiren.“ „Ich werde mich wohl hüten! Das hieße auch die Unterſtützung compromittiren, die Sie mir bei Herrn Ducantal bewilligen. Dank, Dank, meine beſte Emilie; zählen Sie auf meine ewige Dankbar⸗ keit. Ich ſchwöre Ihnen, Sie werden mich nie wie⸗ derſehen!“ „Doch wir theilen den Nutzen, wenn ſich Herr Ducantal für Sie intereſſirt?“ „Emilie, halten Sie mich für undankbar?“ „Das ſind Worte . . . Empfehle ich Sie bei Herrn Ducantal, ſo werden Sie mir Scheine für eine ge⸗ wiſſe Summe machen.“ „Ich bin bereit: hier iſt meine Adreſſe,“ erwie⸗ derte Herr Theodor, indem er der Lorette ſeine Karte gab .. „Schreiben Sie mir, ſobald Sie mir etwas Poſitives mitzutheilen haben. Adieu, liebe Emilie.“ „Adieu.“ 185 Xl. An demſelben Tage, gegen ſechs Uhr Abends, bereitete Sophie, die ältere von den Töchtern von Herrn Ducantal, ein Stück alte Leinwand ausfaſernd Charpie. Von Zeit zu Zeit horchte ſie mit Beſorg⸗ niß gegen eine von den Seitenthüren des beſchei⸗ denen Salon, und ſie ſagte mit bewegter Stimme: „Arme, gute Mutter! welch ein entſetzlicher Un⸗ fall! Sie konnte getödtet werden!“ Und ihr Taſchen⸗ tuch an ihre Augen driückend, fügte Sophie bei: „Mein Gott! wenn ich bedenke, daß ſie ausgegangen war, um die verdammte Garnitur Gagathknöpfe zu kaufen!“ In dieſem Momente kommt Laure, vorſichtig eine nahe Thüre ſchließend, zu ihrer Schweſter. Dieſe fragt ängſtlich: „Wie befindet ſich Mama?“ „Beſſer. . ſie ſchlummert,“ erwiederte Laure. Und ſie fiel in Thränen zerfließend Sophie um den Hals und ſprach: „Ich wagte es nicht, vor unſerer Mutter zu weinen.“ „Du erſchreckſt mich! Es ſteht alſo ſchlimmer bei ihr, als Du mir ſagſt?“ „Nein, nein, ich ſchwöre Dir; ſie ruht.“ „Woher kommt es dann, daß Deine Thränen ſich verdoppeln?“ . „Ach! Sophie, wenn Du wüßteſt!“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Wenn Mama nur nichts gehört hat!“ „Nichts gehört? Wann?“ 186 „Als man ſie in den Laden brachte, wo ſie die erſte Hülfe erhielt.“ „Ach! unter allen unſern Beſorgniſſen iſt es mir noch nicht eingefallen, Dich nach den Einzelheiten über dieſes grauſame Ereigniß zu fragen. Sprich, ich beſchwöre Dich, meine liebe Laure!“ „Wir waren alſo ausgegangen, Mama und ich, um die Garnitur Knöpfe zu kaufen, die ſie uns ge⸗ ben wollte. Es hat heute Nacht geſchneit, das Pfla⸗ ſter war naß und ſchlüpferig . . .“ „Und aus Furcht, von Papa geſcholten zu wer⸗ den, hat die Mama nicht gewagt, einen Fiacre zu nehmen?“ „Ja,“ antwortete Laure mit Bitterkeit, „er ver⸗ weigert ihr einen Fiacre, und doch.. .“ Sie vollen⸗ det nicht und drückt ihr Taſchentuch an ihre Augen. „Laure!“ ſagte Sophie, „gutes Schweſterchen, was haſt Du wieder zu weinen?“ „Du ſollſt es erfahren,“ erwiederte Laure ihre Thränen abwiſchend. „Das Pflaſter war, wie ge⸗ ſagt, ſehr ſchlüpferig. Unſere arme Mutter iſt, wie Du weißt, weder ſehr ſtark, noch ſehr flink; ich ſtand ihr bei, ſo gut ich konnte, indem ich mich mit mei⸗ ner andern Hand auf meinen Regenſchirm ſtützte. Wir kamen vor die Rue de la Pair; viele Wagen kreuzten ſich auf der Chauſſée. Mama ſagte zu mir: „„Mein Kind, wir können nicht über das Boulevard gehen, wenn wir uns am Arme führen; geh' voran, ich werde Dir folgen.“ Ich, da ich keine Wagen zu nahe bei uns ſah, verſuchte den Uebergang, und nach ein paar Schritten wandte ich mich um, um zu ſehen, ob Mama komme. In dieſem Augenblicke 187 fuhr raſch ein ſehr ſchöner Wagen heran. Mama gewahrte ihn, zögerte Anfangs, und entſchloß ſich dann, über das Boulevard zu gehen, aber ach! zu ſpät. .. ſie wollte laufen, die Deichſel dieſes Wagen ſtieß ſie, warf ſie nieder .. .“ „Ah!“ rief Sophie ſchauernd, „ah! das iſt gräßlich!“ Die beiden Mädchen blieben einen Augenblick ſtumm vor Erſchütterung; dann fuhr Laure mit be⸗ bender Stimme fort: „Ich ſah unſere Mutter unter die Füße der Pferde rollen . . . ich ſtürzte hinzu ohne Ueberle⸗ z „Muthige Schweſter!“ ſagte Sophie, Laure küſſend. „Theure Schweſter!“ „Was ging in dieſem Augenblicke vor? Ich weiß es nicht; ich war nicht mehr bei Sinnen, ich fühlte nur, daß ich fiel, und hörte Mama ausrufen: Mein Gott! erbarme Dich meines Kindes!““ „Sie vergaß ſich, um nur an Dich zu denken! Durch ein Wunder biſt Du nicht verletzt worden ... Arme Laure! haſt Du wirklich keine Nachwehen von dieſem Falle?“ „Nein, ich bin ein wenig ſteif, ſonſt nichts; doch im erſten Augenblicke machte der Schrecken, daß ich das Bewußtſein verlor. Als ich wieder zu mir kam, war ich mit Mama in einem Weißwaarenmagazine, wohin man uns gebracht hatte; die Herrin des Ma⸗ gazins und die Ladenjungfern gaben uns alle mög⸗ liche Pflege, und Eine von ihnen .. .“ „Vollende . . .“ „Wenn es Mama nur nicht gehört hat, wie ich!.. 188 Eine von ihnen ſagte halblaut mit Entrüſtung zu den Andern: „Iſt es nicht ſchändlich, die Pferde der Loretten arme Frauen niederwerfen zu ſehen? Dieſe ſchöne Equipage gehört der Maitreſſe von Herrn Ducantal, der Millionen an der Börſe ge— wonnen hat!““ Sophie bebte vor Beſtürzung. Ganz niederge⸗ beugt, ſchwiegen die zwei Mädchen, und erſt nach einigen Augenblicken der Ueberlegung ſagte Sophie zu ihrer Schweſter: „Meine Liebe, es handelt ſich nicht um unſern Vater: das iſt nicht möglich!“ „Ich möchte es gern glauben.“ „Er iſt unfähig, Mama ſo zu hintergehen. Und dann, wenn er ſo viel Geld gewonnen hätte, wäre er wohl ſo ſtreng bei den Ausgaben des Hauſes?“ „Das habe ich mir auch geſagt, und dennoch befürchte ich, daß es ſich um ihn handelt, und be⸗ ſonders, daß Mama die Worte der Ladenjungfer ge⸗ hört hat.“ „Was läßt Dich das vermuthen?“ „Als ich mit unſerer Mutter in den Fiacre ſtieg, den man geholt hatte, zerfloß ſie in Thränen, küßte mich und ſagte: „„Meine Kinder, meine armen Kin⸗ der!““ „„Du leideſt alſo viel von Deiner Wunde an der Stirne?““ fragte ich, „„Ah! wenn es nur das wäre!““ antwortete ſie faſt unwillkürlich. So⸗ dann fügte ſie ohne Zweifel die Worte, die ihr entſchlüpft, bereuend bei, vielleicht, um mich von der Spur abzubringen, ihre Wunde ſei nichts gegen die Beſorgniſſe, die ſie uns verurſache.“ 189 Laure unterbrach ſich, horchte nach außen und ſagte mit furchtſamem Tone leiſe zu ihrer Schweſter: „Das iſt die Stimme von Papa; er ſpricht mit Catherine; ſie erzählt ihm ohne Zweifel, was vor⸗ gefallen iſt.“ „Oh! Laure,“ erwiederte bebend Sophie, „nun macht mir die Gegenwart meines Vaters bange.“ Herr Ducantal tritt ungeſtüm ein, er ſcheint ſehr ärgerlich zu ſein. Bei ſeinem Anblicke wechſeln ſeine Töchter einen unruhigen, ängſtlichen Blick. „Es iſt alſo Eurer Mutter ein Unfall begeg⸗ net?“ ſagte Herr Ducantal zu ſeinen Töchtern? „Ja, Papa.“ „Zum Glücke wird dieſer Unfall keine Folgen haben,“ verſetzte Herr Ducantal mit einer Art von Gleichgültigkeit. „Catherine hat mir mitgetheilt, der Arzt ſcheine vollkommen beruhigt.“ „Mein Vater, der Herr Doctor Max hat ge⸗ ut „Wie!“ rief Herr Ducantal ebenſo erſtaunt, als aufgebracht; „wie! der Doctor Mar! Warum hat man nicht Herrn Dubreuil, unſern Arzt, geholt?“ „Die Portière ſagte uns, der Herr Doctor Max ſei bei einer Dame, welche im Hauſe wohnt, und wir..“ „Schon genug! Wie befindet ſich nun Cure Mutter?“ „Sie ſchlummert.“ Herr Ducantal, deſſen ſichtbar ſchlimme Laune immer mehr zunimmt, wendet ſich nach der Thüre des Schlafzimmers. Die zwei Mädchen wechſeln einen Blick der Bangigkeit. Entſchloſſener, macht Sophie einen Schritt gegen Ducantal. nicht ab, zuckte die Achſeln und trat in das Schlaf⸗ 190 „Mein Vater. . . es iſt.. meine Mutter.. .“ „Was?“ fragte ungeduldig Herr Ducantal. „Sprich doch!“ „Mama ſchlummerte ſo eben, und wir glauben, Sß Herr Ducantal wartete das Ende des Satzes immer ſeiner Frau ein. 5 XII. Die Familienmutter ſchlummerte, an ihr Kopf⸗ kiſſen angelehnt, die Stirne von einer mit Blut ge⸗ färbten Binde umgeben; ihr bleiches, ſanftes Geſicht trug die Spuren friſcher Thränen an ſich, ihre Züge offenbarten, trotz ihrer momentanen Betäubung, einen tiefen Kummer; beim Geräuſche der Tritte ihres Mannes erwachte Madame Ducantal plötzlich, bebte vor Angſt, wandte ihre Augen ab und unter⸗ drückte einen ſchmerzlichen Seufzer. Herr Ducantal ſetzte ſich an das Bett ſeiner Frau und ſagte mit ziemlich liebevollem Tone zu ihr: „Meine liebe Geneviève, Du biſt alſo gefallen?“ „Ja, mein Freund.“ „Du wollteſt unvorſichtiger Weiſe über das Boule⸗ vard gehen?“ „Ich bin nicht flink; ein Wagen kam ſehr raſch, ich glaubte Zeit zu haben, ihm auszuweichen ... Zum Unglück glitſchte mein Fuß aus.“ „Wie kann es Dir aber auch in Deinem Alter einfallen, zu laufen?“ „Ich lief nicht, mein Freund, ich...“ 191 „Gott ſei Dank! Du wirſt mit dem Schrecken da⸗ von kommen. Wie fühlſt Du Dich?“ „Mein Kopf iſt ſchwerfällig und mit Schmerzen behaftet.“ „Das iſt ganz einfach . . . nach einem ſolchen Falle!“ „Ich befürchte nur, daß Laure, die, als ſie mir, das liebe Kind!. .. beiſtehen wollte, auch gefallen iſt, ſpäter die Rückwirkung ihres Falles fühlen wird!“ Bei dieſen Worten konnte Madame Ducantal ihre Thränen nicht zurückhalten. Ihr Mann zuckte leicht die Achſeln und erwiederte: „Wahrhaftig, Geneviève, Du biſt nicht vernünf⸗ tig, daß Du Dich ſo ängſtigſt. Ich habe Laure ſo eben im Salon geſehen: ſie ſcheint mir durchaus nicht leidend.“ „Mein Gott!“ ſagte ſchluchzend Madame Du⸗ cantal, die nicht den Muth hatte, ihren geheimen Gedanken auszudrücken, „nicht allein wegen Laure weine ich!“ „Warum weinſt Du denn? .. was haſt Du?“ „Ach! mein Gott!“ murmelte Madame Ducantal, ihr Schluchzen unterdrückend, „ich . ich.. .“ Sie vollendete nicht und drehte den Kopf nach der Seite des Alcovens. Herr Ducantal, welcher ungeduldig zu werden anfing, bewältigte ſich indeſſen und ſprach mit einer Nuance von Jronie: „Ah! Du fängſt an Dich als Märtyrin aufzu⸗ ſtellen!“ „Ich ſtelle mich nicht als Märtyrin auf .. . aber „Nun?“ 192 Madame Ducantal ſchwieg einen Moment. Als⸗ dann, da ſie dem Blicke ihres Mannes nicht mehr zu trotzen wagte, antwortete ſie, das Geſicht immer gegen die Tiefe des Alcovens gewendet: „Ich will Dir keine Vorwürfe machen; doch wenn wir, Deine Tochter und ich, ſtatt bei dieſem ſchlech⸗ ten Wetter zu Fuße zu gehen, in einem Fiacre aus⸗ gefahren wären, ſo hätten wir uns nicht in die Gefahr geſetzt, von . . . dieſem Wagen zermalmt zu werden.“ „Das iſt etwas Neues!“ ſagte Herr Ducantal mit mürriſchem Tone. „Du wirſt in Zukunft Equi⸗ page haben müſſen? Du glaubſt wahrſcheinlich, Du ſeiſt eine Herzogin?“ „Ich verlange keine Gquipage; nur bemerke ich Dir, daß ich eine ſchwache Geſundheit habe, mein Freund; ich gehe Sommer und Winter auf den Markt mit unſerem Dienſtmädchen, um die Aus⸗ gabe zu vermeiden . . . und ..“ „Thun nicht alle Frauen von Ihrem Stande daſſelbe? Teufel! Sie werden ſehr delicat, meine Liebe!“ „Gott iſt mein Zeuge, daß ich dies nicht ſage, um mir die Mühe zu erſparen; wenn ich aber be⸗ denke, daß ich heute hätte getödtet werden können. . durch dieſen Wagen, und daß meine armen Töchter.. Waiſen blieben...“ „Wie... Waiſen! ... und ich? ich zähle alſo für nichts?“ Bei dieſer grauſam naiven Antwort ſchluchzte Madame Ducantal aufs Neue. Ihr Gatte ſtand ungeduldig auf, ſtampfte mit den Füßen und ballte 193 die Fäuſte; dann ſtrengte er ſich aber an, um ſich zu beherrſchen, kam zum Bette zurück und ſagte: „Ah! was Teufels haben Sie denn heute? was kommt Sie denn an? Sprechen Sie geradezu aus, was Sie ſagen wollen!“ Madame Ducantal wandte nun erſt ihren Kopf gegen ihren Mann um, ſetzte ſich auf und erwie⸗ derte, in der mütterlichen Liebe den Muth, ſeinem Zorne zu trotzen, ſchöpfend, mit einer ſchmerzlichen Bitterkeit: „Nun denn!.. da ich gerade heraus ſprechen ſoll... auf die Gefahr, was auch geſchehen mag .. es iſt mir verhaßt, meine Töchter tauſend Entbeh⸗ rungen erdulden, wie Mägde arbeiten zu ſehen ... während. .. während .. .“ „Vollenden Sie doch!“ rief Herr Ducantal ſehr erſtaunt. „Laſſen Sie hören: während?“ „Während eine Andere,“ fügte Madame Ducan⸗ tal entſchloſſen bei: „ein ſchlechtes Weib . .“ „Was?“ rief Ducantal, indem er ſeiner Frau einen niederſchmetternden Blickzuſchleuderte, „was?.. Sie ſagen .. „Tödten Sie mich auf der Stelle, wenn Sie wollen,“ erwiederte unerſchrocken die Familienmutter, „Sie ſollen aber wenigſtens erfahren, daß wir, Ihre Tochter und ich, vorhin beinahe durch den Wagen einer Frau, die Sie unterhalten, zermalmt worden wären!“ „Geneviève!“ rief Ducantal entſetzlich und das ſchwächliche Handgelenk ſeiner Frau ſchüttelnd, „Ge⸗ neviöve, Du ſollſt mir das bezahlen!“ Ohnmächtig, außer ſich vor Schrecken, fiel Ma⸗ 13 Sue, der Teufel als Arzt. II. 194 dame Ducantal auf ihr Kopfkiſſen zurück. Plötzlich öffnete Sophie die Thüre des Schlafzimmers und ſagte: „Mama, der Doctor Mar iſt da.“ „Verfluchter Arzt!“ dachte Herr Ducantal. „Woher weiß meine Frau, daß ich Emilie unter⸗ halte?“ XII. Der Doctor Max näherte ſich dem Bette von Madame Ducantal; er beobachtete aufmerkſam ihre Züge, während er ihr den Puls fühlte. Sophie und Laure, welche hinter dem Arzte ins Zimmer einge⸗ treten waren, ſuchten in ſeiner Phyſiognomie zu leſen, was er von der Geſundheit ihrer Mutter denke; ſie bemerkten mit Beſorgniß ihr von friſchen Thränen gebadetes Geſicht und das krampfhafte Zittern, das ſie ſchüttelte. „Der Puls iſt ſehr lebhaft,“ ſagte der Doctor Max in ſeiner Hand die der Familienmutter haltend; und zu Herrn Ducantal: „Madame hat alſo ſo eben eine heftige Aufregung erlitten?“ „Ich.. ich weiß nicht,“ antwortete Herr Du⸗ cantal verlegen, „ich bin erſt vor einem Augenblicke gekommen.“ „Gleichviel, mein Herr!“ verſetzte der Doctor Max, einen durchdringendeu Blick auf Herrn Du⸗ cantal heftend. „Sie werden ſich ohne Zweifel über⸗ mäßig wegen der Folgen des Unfalls, deſſen Opfer Madame beinahe geworden wäre, beunruhigt haben? Sie werden durch den Ausdruck Ihrer Bangigkeiten einen lebhaften Eindruck auf ſie gemacht haben. Das iſt ganz und gar nicht vernünftig. Sie werden mir ſagen, die erſchrockene Zärtlichkeit überlege nicht; hierauf antworte ich Ihnen, mein lieber Herr, daß man in gewiſſen Fällen ſelbſt die Beweiſe der rüh⸗ rendſten Zuneigung mäßigen muß. .. Beruhigen Sie ſich übrigens, Madame läuft keine ernſte Gefahr, beſonders wenn man ſie mit ſtarken Gemüthsbewe⸗ gungen verſchont.“ Und ſich an Sophie wendend: „Mein Fräulein, wollen Sie mir geben, was ich brauche, um einige Verordnungen zu ſchreiben, die Sie gefälligſt ausführen wollen.“ Sophie brachte dem Doctor eine Feder, Tinte und Papier, dann trat ſie, wie Laure, an das Bett von Madame Ducantal. Dieſe zitterte vor Angſt und wagte es nicht, ihre Augen zu ihrem Manne aufzuſchlagen; ſie nahm in ihre Hände die ihrer Töchter und ſagte leiſe zu ihnen: „Bleibet um Gottes willen da! bleibet da! laßt mich nicht allein mit Eurem Vater!“ „Die höhniſche Kaltblütigkeit von dieſem Teufels⸗ arzte bringt mich in Verzweiflung,“ dachte Ducantal. „Ich werde ihm aber ſogleich den Marſch machen!“ „Mademoiſelle,“ ſagte der Doctor, indem er ſich an Sophie wandte und ihr die Verordnung gab, die er geſchrieben, „dieſe Vorſchriften müſſen pünkt⸗ lich befolgt werden. Ihre Frau Mutter wird, wie ich hoffe, eine ruhige Nacht haben. Guten Muth, Madame Ducantal. Ich werde mir die Ehre geben, Sie morgen zu beſuchen.“ Herr Ducantal nahm ungeſtüm ſeinen Hut und folgte dem Doctor. In dem Augenblicke, wo Beide 196 das Zimmer verließen, fielen Laure und Sophie ihrer Mutter um den Hals; dieſe umſchloß ſie, ſitzend, mit ihren Armen und murmelte unter ihrem Schluchzen: „Was wird aus uns werden, meine armen Kin⸗ der? Euer Vater iſt wüthend gegen mich! wie wird es uns ergehen?“ XV. Herr Ducantal begleitete den Doctor in den anſtoßenden Salon. In dem Momente, wo der Arzt wegzugehen ſich anſchickte, ſagte Herr Ducantal bleich vor Zorn zu ihm: „Mein Herr, ich habe meinen gewöhnlichen Arzt; es iſt unnöthig, daß Sie wieder hierher kommen. Was bin ich Ihnen für Ihre Beſuche ſchuldig?“ „Für welche?. . für die, welche ich Ihrer Mai⸗ treſſe gemacht habe, oder für die, welche ich Ihrer Frau gemacht habe?“ „Mein Herr!“ rief Ducantal wüthend, „dieſer Scherz .. „Leiſer, Madame Ducantal könnte es hören,“ entgegnete der Doctor Max unempfindlich. „Was unſere Rechnungen für Beſuche betrifft, ſo werden wir ſie heute Abend in der Maiſon⸗Dorée in Ord⸗ nung bringen. Nicht wahr, man wird Sie dort ſehen?... Das Souper wird ſehr heiter ſein... Auf Wiederſehen, mein Herr.“ Die folgende Scene ereignet ſich in einem der Salons des Reſtaurant zur Maiſon⸗Dorée. Die Tafel iſt herrlich ſervirt. Die Gäſte des Souper ſind Emilie Lambert, Helene und vier andere Loretten von Rufe, in Begleitung ihrer Unterhal⸗ ter, an der Börſe reich gewordener Lebemänner, wie die Herren Ducantal, Malicorne, Desmazures; der Doctor Max hat allein ſeine beobachtende Kaltblü⸗ tigkeit unter dieſem Mahle bewahrt, das zur Orgie ausartet; die Weindünſte, das treffliche Eſſen, die Belebtheit des Schmauſes, die heiteren oder obſcönen Scherze haben alle Köpfe eraltirt. Herr Ducantal hat in ſeinem Glaſe den Aerger erſäuft, den ihm Anfangs der Anblick des Doctors Max verurſacht hatte; die Mäßigſten von den Gäſten ſind halb trun⸗ ken; die Frauen ſind in glänzenden Toiletten; das Liſchtuch iſt mit Blumen von ihren ungeheuren Sträußen beſtreut; das Souper geht ſeinem Ende zu, und dennoch ſieht man auf einem nahen Tiſche eine beträchtliche Anzahl noch voller Flaſchen Cham⸗ pagner aufgeſtellt. Ein Lebemann, aufſtehend, mit dem Glaſe in der Hand. Ich trinke auf Lucullus Malicorne, unſern Am⸗ phitryon! Mehrere Stimmen. Ja, ja, auf Lucullus Malicorne! Desmazures. Ich trinke auf Malicorne, doch nicht auf Lucul⸗ lus. Ich proteſtire gegen Lucullus! 198 Ducantal. Erklären Sie ſich, mein Lieber. Desmazures. Ich erkläre mich: Malicorne hat uns eingeladen, hundert Flaſchen Champagner, alten Sillery von 1834, zu fünfzehn Franken die Flaſche, zu trinken. Das heißt, bei meiner Ehre, wohlfeil als Lucullus auftreten! Malicorne. Wo iſt Ganymed? Ich verlange Ganymed! Holla! he! Kellner des Olymps! ſchenkt unſern Gott⸗ heiten Rectar erſter Qualität ein. . . vom Kometen⸗ jahre! Helene. Sie prahlen, Lucullus, doch Desmazures hat Recht. Ja, in Ermangelung von Beſſerem verſchluckt man Champagner, wie man Ihre Pillen verſchluckt, das iſt aber Canaillenwein! Das iſt der Wein der Ladenburſche und der Griſetten! Emilie Lambert. Der Wein der ehrlichen Frauen bei einer Luſt⸗ partie. Eine Lorette. Der Wein der kleinen jungen Leute bei ihrem erſten Wechſelbriefe. Mehrere Stimmen. Ah! ah! ah! grfallener Lucullus! entarteter Lucullus! Desmazures. Reſpect dem unglücklichen Amphitryon! Laſſen wir ſeine Aſche in Frieden! Ich, Desmazures, lade Sie auf morgen hierher zum Abendbrode ein. Man 100 wird hundert Flaſchen Conſtantiawein trinken, zu vierzig Franken die Flaſche. Zahlreiche Stimmen. Bravo, Desmazures! Ruhm und Ehre Desma⸗ zures! Es lebe Desmazures! Emilie Lambert, leiſe zu Ducantal mit Verdruß. Schauen Sie dieſe einfältige Helene an! wie ſie ſich aufbläht, da ſie Desmazures ſo ſprechen hört! Sie hätten die Idee, mit Conſtantiawein zu ſoupiren, nicht gehabt! Ducantal, ſich vor die Stirne ſchlagend, leiſe zu Emilie. Desmazures wird nur ein Knauſer gegen mich ſein; Du ſollſt es ſehen. Caut.) Ich gebe am näch⸗ ſten Donnerſtag Souper in dem Hotel, das ich heute für Emilie gekauft habe. Emilie Lambert. Sage doch, Helene, es wird ein Wintergarten bei meinem Hotel ſein; ja, ein Wintergarten. Helene, mit Aerger. Wahrhaftig? Nun wohl! meine Liebe, das wird immer nur eine Melonenglocke . . im Vergleiche mit dem Wintergarten der Champs⸗Elyſées ſein. Emilie, beiſeit. Die Unverſchämte! Ducantal. Ich lade Sie alſo Alle zum Souper bei Emilie ein. Hören Sie den Küchenzettel: Kohlſuppe, Ka⸗ ninchengibelotte, Fleiſchſchnitten, Kalbsbraten, Sa⸗ lat, Marolle⸗Käſe und Wein zu fünfzehn Sous. Mehrere Stimmen. Ha! ha! hal. .. Das iſt drollig!. .. Spaßvogel Ducantal!. .. Auf, Luculus III! 200 Ducantal. Doch dieſer Wein zu fünfzehn Sous wird abge⸗ zogen in Caraffen von venczianiſchem Glas zu hun⸗ dert Franken das Stöck; dieſes leckere Mahl wird Ihnen in einem Service von altem Sovres von zwanzigtauſend Franken geboten werden, und nach dem Abendbrode zerbricht man das Tafelgeſchirr. (Emilie mit triumphirender Miene anſchauend) Ich habe es geſagt! Mehrere Stimmen. Ja, ja! wir werden Alles zerbrechen! . . . Tod dem alten Soövres! .. Desmazures hat Malicorne zu Boden geworfen! Ducantal hat Desmazures zu Boden geworfen! Es lebe Ducantal! Emilie Lambert, Ducantal köſſend. Es lebe mein Dicker! ich bete ihn an! (Zu Helene) Du wirſt nicht bei den Fleiſchſchnitten fehlen, meine Liebe? Das wird nach Zwiebeln riechen, wie in meiner alten Wohnung; doch Du wirſt nachſichtig ſein, meine Kleine. Der Doctor Max. Wäre ich, wie Sie, Millionär, ſo würde ich Sie ganz einfach zum Frühſtück in einer Sennhütte ein⸗ laden, wo ich Ihnen Schwarzbrod, Eier, Butter und Milch in hölzernen Näpfen ſervirt böte. Dieſer ländliche Imbiß würde mich etwa dreißig Millionen koſten; aber bah! man ſchont keine Ausgabe, wenn es ſich darum handelt, wahre Freunde zu bewirthen. Malicorne. Das iſt eine Charade. Ich verlange die Auf⸗ löſung. 201 Alle Gäſte. Die Auflöſung, Doctor! Die Auflöſung der Charade. Der Doctor Max. Die Sennhütte läge in Paris, auf dem Boule⸗ vard des Italiens .. Eine Lorette. Eine Sennhütte auf dem Boulevard des Italiens? . Der Doctor Max. Nichts kann einfacher ſein. Ich würde um jeden Preis ungefähr zwei Morgen Flächenraum in dieſem reichen Quartier kaufen. Malicorne. Aber, Teufelsdoctor, mit Recht ſo genannt! zwei Morgen Terrain im Quartier des Italiens? das würde Millionen und Millionen koſten! Der Doctor Max. Natürlich! Ich würde alle Häuſer vom Giebel bis zum Keller niederreißen, die Erde aufgraben, umackern, düngen laſſen, und mitten auf dieſen zwei Morgen eine Sennhütte bauen. Ein Theil würde mit Roggen eingeſäet: dies für das Schwarzbrod zum Frühſtück; ein anderer würde Heu erzeugen: dies für die Nahrung der Kuh, welche Milch und Butter gäbe. Das unter einem Strohdache, in hölzernen Näpfen gebotene ländliche Frühſtück müßte alſo ungefähr dreißig Millionen koſten. (Ausbruch von Geſchrei und Beifallsklatſchen: „Bravo, Doctor! . . . Es lebe der Doctor! .. Hurrah für den Teufel als Arzt! Er war allein im Stande, dieſe hölliſche Verſchwendung zu erſinnen!“) 202 Der Doctor Max. Ueben Sie auf dieſe nützliche und beſonders frucht⸗ bare Art den Prachtaufwand, dann werden Sie wahr⸗ haft auf der Höhe der erhabenen ſocialen Function ſein, die Ihnen der Reichthum auferlegt, und Sie werden die Segnungen der Menſchheit verdienen! Helene. Amen! Malicorne. Nach Anhörung des Doctors Mephiſtopheles, er⸗ kläre ich, daß ich nach meiner innerſten Ueberzeugung ein Prieſterthum erfüllt habe, indem ich Sie einge⸗ laden, hundert Flaſchen Champagner zu trinken. (Zu Helene mit gereiztem Tone): Canaillenwein, aber alten! Helene. Sagen wir einen alten Canaillenwein und ſpre⸗ chen wir nicht mehr davon! trinken wir beſonders nicht mehr davon! denn Sie ſind äußerſt pillig mit Ihrem Champagner, Malicorne. Desmazures. Der Doctor ſpricht die Wahrheit: wir erfüllen ein Prieſterthum! wir ſind die Oberprieſter des Lurus! Emilie Lambert. Und wir die Prieſterinnen. Eine Lorette. Der Ranelagh und Mabille ſind unſere Tempel. Helene.— Der Ranelagh, da widerſpreche ich nicht; aber Mabille! pfui! meine Liebe! pfui doch! dasiſt fade! Wer geht zu Mabille? Die Friſettes, die Rigolettes, die Roſe⸗ Pampon und andere Lärmvögel mit ihren Brididis ge⸗ 203 ſchmückt. Alles dies cancanirt vor einer Gallerie von ehrlichen Frauen, welche hierher kommen, um dieſe Gauklerinnen tanzen zu ſehen, und innerlich tanzen.. da ſie nicht officiell an dieſen Orten polken können. Desmazures. Es iſt eine Thatſache, daß es erſtaunlich viele Frauen gibt, die ſich moraliſch und phyſiſch der Lo⸗ rette zuwenden. Helene. Das iſt wahr. Sie copiren unſere Moden wie wüthend darauf verſeſſen. Bei meinem Wort! ehr⸗ würdige Familienmütter geben ſich ein ganz ent⸗ blößtes Anſehen, ſetzen ihren Hut zurück, machen einen kleinen Chahut“) und rauchen unternehmend eine Cigare, in der Hoffnung, ihre Männer bei ſich zu behalten. Vergebliche Anſtrengungen! Sie werden nie, wie wir, das Laſter und den Schick haben! Emilie Lambert. Uebrigens ſind wir es, die den Handel beleben. Was laſſen ſie denn die Kaufleute verdienen, dieſe Maulaffen, welche tugendhaft ihren Topf abſchäumen? Der Doctor Max. Bei Gott! da Madame Ducantal und ihre Töch⸗ ter gewendete Kleider tragen, auf den Straßen zu Fuße gehen! (Zu Emilie Lambert): Ihre Pferde hätten kürzlich beinahe dieſe Damen zertreten; ich frage Sie, in wie fern ihre reizenden Tugenden, die Vortreff⸗ *) Unanſtändiger Tanz. 204 lichkeit ihres Herzens, ihr Zartgefühl zur Entwicke⸗ lung des öffentlichen Reichthums beitragen? Ducantal, erzürnt. Längſt, mein Herr Doctor, mißfallen mir Ihre Späße, und .. Der Doctor Max. Meine Herren, unſer ehrenwerther Tiſchgenoß iſt ſehr ſtark im Verdachte, er fühle eheliche Gewiſſens⸗ biſſe! Der Familienvater dringt unter der Haut des Lebemanns durch! Helene. Ich verlange, daß Ducantal auf der Stelle für tugendhaft erklärt und als Tugendhafter lebensläng⸗ lich die Sonne aufgehen zu ſehen verurtheilt werde! Mehrere Stimmen. Ha! ha! ha! bravo, Helene! . . . Ducantal be⸗ graben! Malicorne. Ich eröffne eine Subſcription für das Grabmahl des verſtorbenen Ducantal beſtimmt. Man wird auf dem Steine leſen: „Hier liegt, der ein guter Gatte und Vater war. Wanderer, trinket für ihn!“ Emilie Lambert, leiſe zu Ducantal mit Zorn. Sie ſehen aus wie ein Gimpel! Schauen Sie Helene an: ſie lacht ſich halb todt über Sie ... Antworten Sie doch wenigſtens etwas! Ducantal Ich verlange mein Glaubensbekenntniß abzulegen und dem Doctor zu antworten, der ſich nie mehr Mephiſtopheles gezeigt hat, als bei dieſer Gele⸗ genheit. . 205 Mehrere Stimmen. Antworten Sie! . .! Hören wir ihn an. Ducantal. Man iſt ſeiner Haushaltung das Nothwendige ſchuldig und ſeiner Geliebten den Ueberfluß das iſt mein Charakter. Mehrere Stimmen. Ducantal iſt auferſtanden! . . . es lebe Ducan⸗ tal! . . . Er iſt würdig, dem Sonnenaufgange nicht beizuwohnen. Der Doctor Max. Ich ſchätze mich glücklich, die redliche Antwort unſeres Tiſchgenoſſen hervorgerufen zu haben, und ich bringe einen Toaſt auf den Ueberfluß. Auf den Ueberfluß, dieſes Nothwendige der civiliſirten Nationen! Alle. Ja, ja, trinken wir auf den Ueberfluß! Der Doctor Marx. Zurück mit dieſen Knauſern, mit dieſen Lumpen⸗ kerlen, dieſen Barbaren, dieſen Wilden, dieſen Mo⸗ hicanern, welche die Enormität lehren: „Niemand hat ein Recht auf den Ueberfluß, ſo lange nicht Jeder das Nothwendige hat!“ Alle. Nieder mit den Barbaren! Nieder mit den Wilden! Malicorne. Ich trinke um ſo lieber auf den Ueberfluß, als hier noch fünfzig volle Flaſchen Champagner ſtehen. Emilie Lambert. Wir haben aber genug von Ihrem Champagner! 206 wir haben zu viel! Laſſen Sie uns alſo in Ruhe!.. Und verlangen Sie etwas Anderes! Desmazures. Ich widerſetze mich dem, daß Malicorne Con⸗ ſtantiawein verlangt: dieſen will ich mir für das morgige Souper vorbehalten. Helene. Malicorne, verlangen Sie von dem alten Madeira, der zweimal die Reiſe nach Indien gemacht haben ſoll; und dazu Cigaren! Alle. Ja ja! Madeira und Cigaren! Emilie Lambert. Und dann machen wir ein Lanzknecht oder ein Eiſenbahn. (Zu Ducantal): Du haſt Geld? Ducantal. ⸗ Bei Gott! Malicorne. Ich erkläre, daß, ehe ich Madeira verlange, die hundert Flaſchen Champagner getrunken ſein müſſen. Helene. Teufel! wie langweilig iſt dieſer Menſch mit ſeinem Champagner! Emilie Lambert. Eine Idee! Machen wir den Thee von Madame Gibou mit dieſem Champagner! Alle. Ah! ah! vortrefflich! — ja, machen wir den Thee von Madame Gibou. 207 Malicorne klingelt. Bravo, meine Reizende! dieſe Idee iſt anbetungs⸗ würdig! Ein Kellner tritt ein. Der Herr hat geklingelt? Malicorne. Kellner, einen Keſſel . . . was Sie Größtes haben! Der Kellner. Ich will in der Küche einen holen. Er ſchickt ſich an, wegzugehen.) Malicorne. Warten Sie doch, Kellner, wir brauchen überdies einige Ingredienzen, um dieſen Wunderthee vollkom⸗ men zu machen. Bringen Sie mit dem Keſſel drei mit Trüffeln gefüllte Faſane. Helene. Ferner fünf ſchöne Ananas und ein hübſches Päckchen Lichter. Eine Lorette. Zwölf Dutzend grüne Auſtern mit den Schaalen! Eine Lorette. Ich verlange, daß man dieſer Sache, um ſie nahrhaft zu machen, dreißig Hammelscotelettes bei⸗ füge, aber mit Brodkrumen beſtreut, das iſt ſehr weſentlich. Emilie Lambert. Und dann ſechs Körbe Erdbeeren und eben ſo viele Litres Pflückerbſen. Der Kellner. Madame, die Erdbeeren und die Pflückerbſen 208 ſind in dieſer Jahreszeit ſehr theure S Man hat Ihnen ſchon ſolche ſervirt, und. Malicorne. Kellner, mein Freund, Sie ſind nur ein Schöps! * Ich bezahle. Ich bin bekannt hier, denke ich? Der Kellner. 3 Oh! ja, mein Herr, und ich werde Ihnen brin⸗ gen, was dieſe Damen verlangen. Helene. Warten Sie . . . Es fehlt bei dem Ragout ein Dutzend Bündel Zwiebeln. (Zu Emilie Lambert): Nun! wie artig bin ich, meine Liebe? . . . Das wird Dich an den Geruch auf der Treppe Deiner Wohnung erinnern. Eine Lorette. Einen Augenblick Geduld! Die Sache wird fad — ſein, wenn man nicht ein Dutzend Töpfe Senf da⸗ rein miſcht. Helene. Die baumwollene Mütze des Küchenmeiſters da⸗ zu, und das wird köſtlich werden. Malicorne, ernſt. Sie hören, Kellner? man verlangt die Mütze des Kochs; man wird ſie auf die Rechnung bringen. Vorwärts, beeilen Sie ſich und kommen Sie bald zurück! Der Kellner geht unter unauslöſchlichem Gelächter, Geſchrei, Stampfen und den Acclamationen der Gäſte zu Ehren des Thees von Madame Gibau ab. Malicorne. Zu Hülfe, um die Flaſchen zu nſ Alle ſtehen auf, den Doctor Max ausgenommen, — — — 209 der trotz ſeines geheimen Ekels unempfindlich bleibt. Die Pfröpfe fliegen; ihr Knallen vermiſcht ſich mit dem Gelächter der Gäſte. Mehrere Kellner kommen und bringen einen ungeheuren kupfernen Keſſel und die verlangten Gegenſtände, die baumwollene Mütze des Küchenmeiſters mitbegriffen. Malicorne wirft mit einem unſtörbaren Ernſte, der die Heiterkeit der Anweſenden verdoppelt, die von den Kellnern her⸗ beigebrachten verſchiedenen Ingredienzen in den Keſſ el. Malicorne. Und nun, Achtung auf das Commando! Jedes nehme eine Flaſche! lle. Wir ſind bereit. Malicorne. Gießet ein. Der Inhalt der Flaſchen wird in den Keſſel ge⸗ goſſen; er iſt bald bis an den Rand gefüllt; das Fleiſch, die mit Trüffel gefüllten Faſane, die Auſtern in der Schaale bleiben untergetaucht; doch man ſieht auf der Oberfläche der Flüſſigkeit die grünen Erbſen, die Lichter, die Ananas, die Erdbeeren, die Zwie⸗ beln und die Mütze des Küchenmeiſters ſchwimmen; die Heiterkeit hat ihren höchſten Grad erreicht und wird krampfhaft. Helene. Ein Gedanke! (Sie ſpricht leiſe mit Desmazures und lacht dabei, um zu erſticken.) Desmazures, lebhaft. Durchaus nicht! ich widerſetze mich. Maolicorne. Kellner! der Koch ſetze den Keſſel aufs Feuer, Sue, der Teufel als Arzt. II. 11 210 er laſſe dies protzeln, und . . . Ach! ich Unglücklicher! ich vergaß das Salz, den Pfeſſer und Citronenſaft. Alle, lachend. Ha! ha! ha! Malicorne. So! . .. Nun nehmen Sie das fort, Kellner; ſagen Sie dem Koch, er ſoll die Sache eine Vier⸗ telſtunde protzeln laſſen, und ſerviren Sie heiß! Emilie Lambert. Bei dem Allem bleiben noch etwa zwanzig Fla⸗ ſchen; man müßte doch damit ein Ende machen. Helen e, zu einem der Kellner, der abgehen will. Kellner, zwei Gießkannen! Der Kellner, verdutzt. Madame, es ſind keine hier. Helene. Welch eine erbärmliche Schenke! Man findet nicht einmal eine Gießkanne in dieſer Garküche! Der Kellner. Ah! verzeihen Sie, Madame, es fällt mir ein! Wir haben Gießkannen, mit denen man im Sommer das Trottvir zu begießen pflegt. Helene. Bringen Sie dieſelben. (Zu Desmczures): Das wird das Seitenſtück vom Thee-von Madame Gibou ſein. Der Doctor Max. Was dieſen Thee betrifft, — ich verlange einige 2¹¹ Worte der politiſchen Oeconomie *) vortragen zu dürfen. (Ausbruch von Geſchrei und Geziſche.) Helene. Erfahren Sie, Doctor, daß wir die Politik haſſen und die Heconomie verabſcheuen. Alle. Ja, ja! Nieder mit der Oeconomie!.. Nieder mit der Politik!.. Nieder mit dem Doctor! Der Doctor Max. Verzeihen Sie, ich wollte Ihnen die Bewunde⸗ rung ausdrücken, die Sie mir einflößten, aber ... Mehrere Stimmen. Das iſt etwas Anderes! .. Sprechen Sie! ſpre⸗ chen Sie! — hören wir den Teufel als Arzt an! Der Doctor Max. Sollten Sie es glauben? Lumpenkerle claſſificiren alſo die Ausgaben: die einen ſind nach ihrer Be⸗ hauptung productiv, fruchtbar, moraliſch, Allen nützlich; die anderen unproductiv, unfruchtbar, egviſtiſch, verderblich, ſichere Merkmale der Entwür⸗ digung und der Verdorbenheit der öffentlichen Sitten. Mehrere Stimmen. Das iſt eine Predigt!... Genug, genug! Nieder mit der Predigt!... Der Doctor altert!... der Doctor wird Einſiedler! Der Doctor Max. Einen Augenblick Geduld! unterſcheiden wir: nicht ich bin es, der ſo ſpricht, es ſind die genann⸗ *) Des Folgenden wegen mußten wir dem franzöſi⸗ ſchen Ausdruck für Staatswirthſchaft nahe bleiben. 5 2¹2 ten Lumpen, und ich antworte ihnen: Ah! Schufte! ah! Spitzbuben! ah! gemeines Pack! Mehrere Stimmen. So iſt es gut!.. Auf! ſtriegeln Sie, hauen Sie dieſe Burſche, Doctor! Der Doctor Max. Und ich antworte ihnen: Schufte! Lumpen! Bauernkerle! ah! Ihr behauptet, die Wuth der Spe⸗ culation und des Bedürfniſſes eines wahnſinnigen Lurus, den ſie erzeugt, ſei die Schmach, der Ruin der Nationen, weil ſie in ihnen den moraliſchen Sinn zerſtöre! weil der trügeriſche Köder eines leichten und ungeheuren Gewinnes unerſättliche Begierde er⸗ wecke; weil dieſe ausſchweifenden Begierden, den Menſchen auf dem verdächtigen Wege der Speculatio⸗ nen forttreibend, in ihm die häuslichen Tugenden zu nichte machen, ihm Gewohnheiten des Fleißes, der Geduld, der Redlichkeit entreißen, ihn von pro⸗ ductiven Arbeiten abwenden, aus denen er ein mäßi⸗ ges, aber geſichertes Einkommen zieht. Ah! Ihr behauptet, dieſe Wuth, ſich zu bereichern, ſchon von Herrn Guizot gepredigt, der beim Bankett von Liſieur die berufenen Worte ſprach: Bereichert Euch! vernichten in den Gewiſſen die einfachſten Begriffe von Gut und Böſe, von Gerecht und Ungerecht, von Dein und Mein, von Recht und Pflicht! Ah! Ihr behauptet, Jeder unterliege dann der hölliſchen Be⸗ drängung des abſcheulichen, verzehrenden Gedankens: genießen um jeden Preis! per fas et nefas! Hierauf, dreifache Tölpel, antworte ich: Man gewinnt Geld, wie man kann, man gibt es aus, wie man will. 1— 7— 213 Mehrere Stimmen. Bravo! Doctor! . .. Sie ſprechen die Wahrheit! Der Doctor Max. Höret, Ihr Tölpel, werde ich beifügen, nehmen wir zum Beiſpiel den heute Abend ſo ſinnreich hier bereiteten Thee von Madame Gibou. Dieſer ſelt⸗ ſame Thee und das Souper beſonders werden viel⸗ leicht zweihundert Louis d'or gekoſtet haben; dieſe zweihundert Louis d'or productiv angewendet, wer⸗ det Ihr mir entgegnen, hätten den Lohn und das Brod von zwanzig Familien einen Monat lang ge⸗ ſichert . Helene. Schließen Sie, Doctor. Sie werden ungeheuer langweilig; Sie ſind nicht mehr poſſirlich. Alle. Ja! ja! .. Genug! Schließen Sie, Doctor, das iſt zum Sterben! Der Doctor Max. Ich ſchließe, indem ich genannten Tölpeln ant⸗ worte: Ja oder nein, hat man heute Abend für zwei⸗ hundert Louis d'or gekauft, verbraucht? Das iſt augenſcheinlich! Hiebei alſo, wie bei tauſend anderen Luxusausgaben, werden dieſe Damen zur Conſum⸗ tion, folglich zur Production, folglich zur Wohlfahrt des Handels angetrieben haben; fahret alſo fort, o Prieſterinnen des Luxus! fahret fort religiöſer Weiſe Euer Prieſterthum zu erfüllen. Gebet aus, ver⸗ ſchwendet; wie der Schnee in der Sonne, zerſchmelze das Gold in Euren Piieen Snen und die Nach⸗ welt wird von Euch ſagen. 214 Der Kellner, zurückkehrend. Hier ſind die Gießkannen. (Ausbruch allgemeinen Gelächters, hervorgebracht „ durch das Quidproquo des Kellners.) Der Doctor Max. Wahrlich, meine Herren, dieſer Burſche, welcher er⸗ ſcheint mit ſeinen Gießkannen, beſtimmt, was zu be⸗ gießen? den Asphalt! welches Symbol! kommt ge⸗ rade recht für meinen Redeſchluß. Ja, die Nachwelt wird von Euch, o Prieſterinnen des Lurus, ſagen: Sie ſind die Gießkannen geweſen, aus denen in gol⸗ denen Wogen der öffentliche Reichthum ausgelau⸗ fen iſt! Helene, eine von den Gießkannen nehmend. Teufelsdoctor, ſtille! (Zu den Gäſten) Achtung auf das Commando! Ergreift die Flaſchen! Alle. Es iſt geſchehen . . . Wir ſind fertig. Helene Füllt die Gießkannen! (Die Gießkannen werden, unter der tollſten Hei⸗ terkeit der Gäſte, mit Champagner gefüllt.) Helene nimmt eine von den Gießkannen, Desmazures nimmt die andere und öffnet ein Fenſter des Salon. Außen . iſt die Nacht eiskalt und ſtocfinſter; es ſchneit. Helene ſchüttet auf die Straße den Inhalt der Gießkanne und ſingt: I pleut, jl pleut, bergére, 1. Du champagn' de Sillry! + 4 215 Alle Gäſte, im Chor. 1 pleut, il pleut, bergére, Du champagn' de Sill'ry*)! Eine Kindsſtimme erhebt ſich ſchnatternd und ſchwach von unten. Nehmt Euch doch in Acht da oben! es iſt ſchon kalt genug! Desmazures, den Inhalt der Gießkanne ausſchüttend. Heffne den Schnabel, Dummkopf, und ſchluck! Du haſt nie ein ſolches Feſt gehabt.. Alle im Chor. Il pleut, il pleut, bergère, Du champagn' de Sill'ry! Emilie Lambert. Und nun Madeira, Cigaren, Karten und vor⸗ wärts mit dem Lanzknecht! Es rolle die Eiſenbahn bis zum Tage! Alle. Vorwärts mit dem Lanzknecht! Es rolle die Eiſen⸗ bahn bis zum Tage! Ducantal. Das iſt hoffentlich ein wahres Balthaſarsmahl! Der Doctor Max, abgehend und einen erſchrecklichen Blick auf die Gäſte werfend. Wann Mene Mene Thekel Upharſin! *) Es regnet, es regnet, Schäferin, Champagner von Sillery. 216 XVI. Das Mene Thekel Upharſin ließ für Ducantal nicht lange auf ſich warten, nach dem für ein Bal⸗ thaſarsmahl erklärten Souper, das Malicorne einigen Mitgliedern von jener, zum Glücke exceptio⸗ nellen, Welt gegeben hatte, die ſich außer allem Ge⸗ ſetze der Moral hält und aus Mercadents und Loretten beſteht. Drei Tage ſind verlaufen. Es iſt zehn Uhr Abends; Herr Ducantal tritt in ſeinen Salon ein, deſſen Thüren er doppelt ſchließt; ſein Geſicht iſt leichenbleich, finſter, drückt eine tiefe Verzweiflung aus; er ſetzt ſich halb auf den Rand eines Tiſches, und unbeweglich, die Arme gekreuzt, die Stirne geſenkt, ſtarrt er lange mit glühendem, düſterem Auge den Boden an. Endlich ſpricht er mit dumpfem Tone: „Zu Grunde gerichtet!. .. Die Baiſſe hat mich überrumpelt, umgebracht!. .. Ich wollte geſtern in der Hoffnung, mich wieder zu erholen, einen letzten Schlag verſuchen . . . Mein Wechſelſenſal verlangte eine Sicherheit . . . Ich habe Alles verkauft, was mir blieb . . . Alles! bis auf die ſilbernen Beſtecke meiner Haushaltung, bis auf die Uhr meiner Frau! Abermals die Baiſſe! . . . ich bin im Verluſte von zweimal hunderttauſend Franken. Es bleibt mir nicht ein Sou.“ Er zieht aus ſeiner Taſche ein Paar Piſtolen und legt ſie auf ſeinen Schreibtiſch. 1— —— 217 „Und das iſt die Verwendung meiner letzten zehn Franken!“ Herr Ducantal bleibt lange in ſeine Betrachtun⸗ gen verſunken. Dann ballt er krampfhaft ſeine Fäuſte und ruft mit Wuth: „Ich habe über ſechsmal hunderttauſend Franken dieſer niederträchtigen Emilie geſchenkt oder für ſie ausgegeben! Ich weiß, daß ſie bei ſich mehrere tau⸗ ſend Louis d'or hat. Sie liebt das Gold ſo ſehr!. . Die Schändliche hat mir tauſend Franken verweigert.. Ich bin feige! eine von dieſen Piſtolen müßte für ſie ſein, die andere für mich!. .. Bah! ſie hat ihr Handwerk getrieben!“ „Zu Grunde gerichtet! kahl geſchoren, zum Tode verurtheilt! enthauptet!“ fuhr Herr Ducantal nach einer langen Pauſe, ein höhniſches Gelächter auf⸗ ſchlagend, fort. „Elfmal hunderttauſend Franken ohne Deckung, das iſt meine Bilanz. Ha! ha! ha! ſie iſt hübſch, meine Bilanz! Du biſt nun ein ſchö⸗ ner Kerl, Ducantal, Du glücklicher Speculant! Welch ein Triumph für meine Nebenbuhler, für meine Nei⸗ der, für dieſen Desmazures beſonders! Wie wird er ſelig ſein. Ich höre ihn von hier ausrufen: „„Ich ſagte es Euch wohl, dieſer Ducantal war nur ein Hungerleider!““ Blut und Teufel! wenn ich ihn hier hätte, dieſen Desmazures, ich würde ihn um⸗ bringen wie einen Hund, ehe ich den Sprung mache, da ich doch ſpringen muß...“ Herr Ducantal verſinkt wieder in den Abgrund ſeiner Gedanken, und nach einem neuen Stillſchwei⸗ gen ſpricht er: „Was thun? was thun? Meine Differenzen nicht 218 zahlen? Wenn es nur das wäre, das iſt die Eſels⸗ brücke! Doch nachher? Ich werde müſſen wieder ar⸗ beiten wie ein Neger? Mein Mäklermetier wieder⸗ aufnehmen? Und wo es wiederaufnehmen? nicht in Paris: das iſt nun unmöglich! ich werde alſo in die Provinz gehen müſſen. Und dann überdies kann ich nicht mehr arbeiten, ich habe die Gewohnheit ver⸗ loren! Ah! mich lendenlahm vom Morgen bis zum Abend bei der Kundſchaft laufen, um Waaren abzu⸗ ſetzen! verächtliche Behandlung, Anſchnauzen er⸗ dulden! Welch ein Handwerk! Mich abſchinden, um mit großer Mühe vier bis fünftauſend Franken jähr⸗ lich zuſammenzuraffen, ich, der ich das Millionär⸗ leben gekoſtet habe! ich, der ich das Geld zum Fen⸗ ſter hinauswarf! ich, der ich eine Frau wie Emilie unterhalten habe!“ Bei dieſer Erinnerung bebt Herr Ducantal und ruft: „Grauſame Creatur! wie ſchön war ſie! ſo friſch! ſo roſig! die Farbe eines Kindes! ein Modell! Ich ſehe ſie noch in ihrem vergoldeten, von den Wohl⸗ gerüchen der Blumen erfüllten Boudoir!“ Plötzlich ſchauert Herr Ducantal; er hat ſchüch⸗ tern außen an die Thüre klopfen hören; er horcht und ruft dann ungeſtüm: „Wer iſt da?“ „Papa, wir ſind es,“ antwortet die Stimme von Laure, „ich und Sophie.“ „Legt Euch zu Bette,“ ruft Herr Ducantal be⸗ wegt ſeinen Töchtern zu; „bleibt nicht hier, geht!“ „Wir wollten uns nur erkundigen, ob Du nicht . 4. 6* 4 21¹9 etwas braucheſt,“ erwiedert die Stimme von außen; „meine Schweſter und ich, wir haben bange...“ „Wollt Ihr mich in Ruhe laſſen!“ ruft Herr Ducuntal mit dem Fuße ſtampfend! „Ich ſage Euch, Ihr ſollt zu Bette gehen!“ Eine lange Stille folgt auf dieſe Worte; die Züge von Herrn Ducantal, bis dahin durch die Wuth verzerrt, ſpannen ſich ab; er ſeufzt und murmelt: „Was wird nun aus meinen Töchtern werden?.. aus ihnen und ihrer Mutter? Ah! was Gene⸗ viéve betrifft, da bin ich ruhig! ich kenne ſie! Meine Frau wird ein paar Monate abzehren, dann iſt es vorbei. Doch meine Töchter?. .. Ihr Oheim, ihr einziger Verwandter, der ihnen bleiben wird, iſt arm, mit Familie belaſtet, und . zart wie eine Eiſenſtunge! er wird meine Töchter auf dem Pflaſter laſſen. Was werden ſie machen? .. Ah! wenn ſie wie die Anderen .. Ducantal vollendet nicht, ſchauert, und bei dem Entſetzen, das ihm dieſe letzte,— wenn auch unmög⸗ liche, — Conſequenz ſeiner eigenen ſchlechten Auffüh⸗ rung verurſacht, fügt er bei: „Was ich da befürchte, iſt gräßlich!... Ich hatte bis jetzt nie hieran gedacht .. Ich war alſo ver⸗ dorben, verfault bis ins Mark meiner Knochen?“ Er fällt auf einen Stuhl, ſtützt ſeine Ellenbogen auf den Tiſch, verbirgt ſein Geſicht in ſeinen Hän⸗ den und bleibt lange in ſeine Gedanken verſunken. Dann fährt er mit wachſender Rührung fort: „Mein Gott! und es hat eine Zeit gegeben, wo ich ſie liebte! Ja, ich war hart, ſtreng gegen ſie, 220 ich hielt ſie ſehr knapp, doch im Grunde liebte ich ſie. Ich ſparte, ich lebte von wenig. Wir entbehr⸗ ten, um ihnen eine kleine Mitgift zu ſämmeln. Sie verheirathen, uns, ihre Mutter und mich, mit einem beſcheidenen Wohlſtande auf das Land zurückziehen, das war damals mein Trachten; es gab mir den Muth zur Arbeit . . . Wenn ich am Abend, von der Anſtrengung ermattet, nach Hauſe kam, hatte ich kaum geklingelt, als ich ihre Stimmen rufen hörte: „„Es iſt Papa! es iſt Papa!““ Und Beide wett⸗ eiferten, wer mir die Thüre öffnen, mir zuerſt um den Hals fallen könnte! Arme Kinder! . . Ich ver⸗ zog ſie doch nicht; wenn ſie mich liebten, ſo geſchah es aus gutem Herzen; oh! ja, aus ſehr gutem Herzen!“ Herr Ducantal weint heiße Thränen; dann rich⸗ tet er ſich plötzlich auf und bricht in ein Gelächter aus. Dieſes krampfhafte, höhniſche Gelächter iſt gräßlich. „Ha! ha! ha! weine, weine, Dummkopf! es iſt Zeit! Sage doch, Emilie, Dein Dicker weint über das Lvos ſeiner Faaamilie! Dieſe Schlange Helene wird mich für tugendhaft erklären, mich, wie an jenem Abend, verurtheilen, lebenslänglich die Sonne aufgehen zu ſehen! Oho! Ihr Leute,“ fügt der Elende wie in einer Verſtandesverwirrung bei, „oho! Ihr Leute, vergeßt nicht die Grabſchrift: „„Hier liegt Ducantal, ein guter Gatte und ein guter Vater! Wanderer, trinket für ihn!““ Ha! ha! ha!“ Sein Seſh wird erſchrecklich und er ſtammelt: „Oh! ich eide!“ In dieſem Augenblicke klopft man aufs Neue 4. ℳ 221 außen an die Thüre, diesmal klopft man aber mit haſtigen Schlägen; man hört die zitternde Stimme von Madan Ducantal, welche ruft: „Georges, um des Himmels willen, öffne uns „Geht!“ antwortet Ducantal außer ſich, „geht! Laßt mir doch endlich Frieden!“ „Georges,“ ruft die Stimme von Madame Du⸗ cantal, zuſammengepreßt durch die Angſt, „die Die⸗ nerin hat uns ſo eben geſagt, ſie habe den Kolben einer Piſtole aus Deiner Taſche hervorſtehen ſehen. .“ „Papa!“ fügen die von Thränen erſchütterten Stimmen von Laure und Sophie bei, „Papa! wir ſind da, auf den Knieen vor der Thüre, öffne uns!..“ „Gibſt Du uns kein Gehör,“ ruft die Stimme von Madame Ducantal, „ſo laſſe ich einen Schloſſer holen!.. Wir kommen wider Deinen Willen hinein!.. Georges, mein armer Freund, verzweifle nicht! Wir haben Alle Muth . . . wir werden Alle arbei⸗ ten . . . Zähle auf uns . . . Wir werden dem Miß⸗ geſchicke.. dem Elend, dem gräßlichſten lend trotzen! Doch, im Namen des lebendigen Gottes, ſei barm⸗ herzig und öffne uns! ..“ Die herzzerreißenden Stimmen von Sophie und Laure wiederholen mit Angſt und Schrecken: „Heffne uns um des Himmels willen, mein Va⸗ ter, mein guter Vater!“ Ducantal, da er ſeine Frau ihm drohen hörte, ſie werde einen Schloſſer holen laſſen, iſt nach ſeinen Piſtolen geſtürzt. Er nimmt eine mit der einen Hand, während er mit der andern ſeine Weſte und ſein Hemd auf die Seite ſchiebt und ſeine Bruſt ent⸗ 1 222 blößt, hält den Lauf des Gewehrs unter das Herz und ſpricht mit keuchender Stimme: „Ich muß ein Ende machen!“ Sodann ſchauernd: „Ich bin voll Leben . . . und in einem Augen⸗ blicke. der Tod!.. Bah!“ fügt er mit einer entſetz⸗ lichen Entſchloſſenheit bei, die abſcheuliche Formel jener Sybariten anwendend, welche das Vergnügen über die Pflicht ſtellen: „bah! ich habe geſpielt!!!“ Der Schuß geht los. Ducantal fällt rückwärts, zerarbeitet ſich einen Augenblick, ſetzt ſich leichenbleich und blutig auf; er röchelt dumpf, die Arme aus⸗ ſtreckend, als wollte er den leeren Raum umfangen; dann fällt er krampfhaft erſtarrend wieder nieder. Er verſcheidet. n Das verzweifelte Geſchrei der Familienmutter und ihrer Töchter folgt auf den Knall des Piſtolenſchuſſes und wird außen gehört. XVI. Am andern Tage 4 dem Selbſtmorde von Ducantal ſchrieb Emilie Lambert, noch ſchöner in ihrem Morgengewande, als glänzend geputzt, halb in ein Peignoir von geſtickter Mouſſeline gehüllt, folgendes Briefchen *): „Mein lieber Malicorne, Sie kennen den Unfall, der geſtern unſerem armen Ducantal widerfahren iſt. *) Im Franzöſiſchen mit zahlloſen Schreibfehlern geſpickt. 3 223 Sie haben auf die Baiſſe gewartet, ſie iſt gekommen. Wen es trifft, der nehme ſich ſeinen Theil davon. „Ihnen Freundſchaft in Erwartung von Beſſerem. Ich zähle wohl darauf. „Emilie Lambert.“ Nachdem dies geſchrieben war, klingelte die Lo⸗ rette, legte den Brief zuſammen und verſiegelte ihn. „Madame hat geklingelt?“ fragte Jenny ein⸗ tretend. „Laſſen Sie dieſen Brief ſogleich zu Herrn Ma⸗ licorne tragen,“ antwortete Emilie Lambert, „und bereiten Sie mein Bad.“ Die Lorette hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als ſie plötzlich, während ſie raſch ihr Peignoir auf ihrem Buſen kreuzte, mit eben ſo viel Erſtaunen als Zorn ausrief: „Wie iſt dieſer Teufelsmenſch hier hereingekom⸗ men?“ Dieſer Ausruf war an den Doctor Mar gerich⸗ tet, welcher unmittelbar hinter der Kammerjungfer in das Boudoir eindrang“ „Schicken Sie Ihre Dienerin weg,“ ſagte mit gebieteriſchem, hartem Tone der Doctor Mar zu Emilie Lambert; „ich muß mit Ihnen ſprechen.“ „Jenny, rühren Sie ſich nicht von der Stelle!“ rief die Lorette, und den Arzt auf eine unverſchämte Weiſe meſſend: „entfernen Sie ſich ſogleich von hier!“ „Ah! wahrhaftig?“ verſetzte der Doctor Mar. „Nun wohl! Madeleine Froquet, hören Sie, was ich Ihnen ſagen werde.“ Bei dieſen Worten zitterte, erbleichte die Lorette 22⁴ ganz beſtürzt; ſie ſchaute den Doctor mit einer wach⸗ ſenden Bangigkeit an und ſtammelte: „Jenny, laſſen Sie uns allein!“ Die Kammerfungfer entfernte ſich, einen erſtaun⸗ ten, neugierigen Blick auf ihre Gebieterin werfend, welche mit dem Doctor Mar allein blieb. Dieſer ſprach mit kurzem, einſchneidendem Tone: „Madeleine Froquet, Sie ſind eine Diebin!“ „Unverſchämter! Sie wagen . „Modeleine Froquet, Sie ſind zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt worden.“ „Das iſt nicht wahr!“ „Madeleine Froquet, Sie haben nur zwei Jahre von Ihrer Strafe erſtanden; Sie ſind ſodann aus dem Centralgefängniß von Montpellier entwichen.“ „Es iſt alſo der Teufel, dieſer Arzt? Wie iſt er von meiner Verurtheilung unterrichtet?“ dachte die Lorette, deren Geſicht vor Schrecken leichenbleich wurde. Da ſie indeſſen dem Doctor noch durch Verdoppelung ihrer Frechheit zu imponiren hoffte, ſo erwiederte ſie: „Sie ſind feig genug, durch Ihre ſchändlichen Lügen eine wehrloſe Frau zu beſchimpfen. Ich ver⸗ achte Sie!“ „Maodeleine Froquet, Sie haben das reiche Por⸗ tefeuille eines Engländers geſtohlen; Sie reiſten mit ihm in der Diligence von Bordeaur nach Montpel⸗ lier. Wegen dieſes Diebſtahls verurtheilt, find Sie aus dem Gefängniß entwichen- Sie waren damals blond, Sie haben Ihre Haare, Ihre Augenbrauen gefärbt, Sie haben den Namen Emilie Lambert an⸗ genommen und ſo die Polizei in ihren Nochforſchun⸗ gen irre geführt.“ 225 „Das iſt falſch, erzfalſch! Sie halten mich für eine Andere! und Sie ſind ein Grobian!“ „Madeleine Froquet, brauſen Sie nicht auf und hören Sie mich wohl an: Ich war zu einer Conſul⸗ tation nach Montpellier durch mehrere meiner Col⸗ legen berufen; einer derſelben, der Oberarzt des Ho⸗ ſpitals vom Centralhauſe, machte mir den Vorſchlag, einer ſehr ſchweren Operation beizuwohnen, die er an einer Strafgefangenen vorzunehmen habe. Sie hatten ſich krank geſtellt, um ins Hoſpital gebracht zu werden; dieſer weniger bewachte Ort ſchien Ihnen günſtig für Ihre Entweichung. Sie fand ſtatt. Ich habe es durch die Zeitungen erfahren; doch Sie wa⸗ ren noch im Hoſpital, als ich von dort wegging. Ihr Bett ſtand in der Nähe von dem der Gefangenen, welche man operiren ſollte; Ihre merkwürdige Schön⸗ heit fiel mir auf. Ich fragte und erfuhr die Urſache Ihrer Verurtheilung. Als ich Sie vor vier Tagen hier ſah, hatte ich einigen Verdacht über Ihre Iden⸗ tität; ich wollte ihn aufklären, wenn ich nach Hauſe käme, indem ich mein Tagebuch hinſichtlich meiner Reiſe nach Montpellier befragen würde. Dieſes Tage⸗ buch fand ich Anfangs nicht wieder; geſtern Abend glücklicher, habe ich aus dieſem Momento folgende Stelle ausgezogen. Hören Sie.“ Der Doctor Max zog aus ſeiner Taſche ein No⸗ tizbuch, während die Lorette, vernichtet durch den Schrecken, krampfhaft bebte und ein Wort zu arti⸗ culiren unfähig war. Der Arzt öffnete ſein Notiz⸗ buch und las: „17. Juni 1849. — Hoſpital des Centralhauſes „von Montpellier, — Operation, u. ſ. w. u. ſ. w. — Sue, der Teufel als Arzt. U. 15⁵ 226 „Nota. Neben dem Bette des Subjectes eine ſehr „junge blonde Frau, eine der ausgezeichnetſten Schön⸗ „heiten, die ich gefunden habe. Name: Madeleine „Froguet. Alter: 20 Jahre. — Verurtheilt wegen „Diebſtahls u. ſ. w. u. ſ. w. Phyſiognomiſche Be⸗ „merkungen: Stirne eingedrückt, Spalte der Lippen „geſenkt, und andere Symptome gemeiner, ſchlimmer „Inſtincte u. ſ. w.“ Der Doctor ſteckte unempfindlich ſein Notizbuch wieder in ſeine Taſche, kreuzte ſeine Arme auf ſei⸗ nem Rücken, heftete einen unerbittlichen Blick auf Emilie Lambert, und fuhr dann mit ſeinem höhni⸗ ſchen Lachen fort: „Hal ha! Sie haben gehört, Madeleine Fro⸗ quet?“ Bleich vor Angſt, fiel die Lorette vor dem Arzte auf die Kniee, und murmelte mit flehender Stimme: „Gnade! zeigen Sie mich nicht an.“ „Das will ich, unter einer Bedingung.“ „Unter welcher? Oh! ſprechen Sie, ſprechen Sie „Sie haben hier oder anderswo Geld?“ Ein Blitz der Freude glänzte in den Blicken der Lorette; ſie hielt den Doctor für fähig, ſein Wiſſen zu verkaufen, erhob ſich und ſagte mit einer ſcham⸗ loſen Dreiſtigkeit: „Da werden wir uns verſtändigen können. Wie viel wollen Sie?“ „Hunderttauſend Franken.“ „Wie! . . was ſagen Sie?“ „Ich ſage hunderttauſend Franken. . und zwar auf der Stelle.“ „Hunderttauſend Franken!“ wiederholte die Lo⸗ 1“ 4— — — 227 rette, einen Schritt zurückweichend. „Sind Sie ein Narn? Ich „Madeleine Froquet, Sie lieben das Gold ſehr, Sie müſſen hier eine bedeutende Summe haben. Zäh⸗ len Sie ſogleich hunderttauſend Franken, oder ich gebe Sie zur Stunde beim Gerichte an.“ „Verruchter!“ rief mit Wuth die Lorette, die ſich nicht in das Hingeben einer ſolchen Summe fügen konnte, und ſie ſagte: „Nein, nie! Zeigen Sie mich an, wenn Sie wollen . . .“ „Nun wohl! ich gehe . . .“ „Einen Augenblick. . .“ murmelte Emilie Lam⸗ bert, ganz verwirrt vor Schrecken. „Wollen Sie zwanzigtauſend Franken?“ „Hundert! .. „Gut, ich laſſe mir zur Ader „. Fünfzigtau⸗ ſend Franken in Gold ich habe ſie hier in mei⸗ nem Secretär .. . „Hundert „Gehen Sie zum Teufel! Lucifersarzt! Würde es ſich um meinen Kopf handeln, ich gäbe Ihnen nicht einen Liard mehr!“ „Madeleine Froquet, Sie werden nach Montpel⸗ lier zurückkehren und Ihre fünf Jahre Zuchthaus vollends erſtehen . . . Zwei von fünf bleibt drei! Ha! ha! Sie werden dieſe drei Jahre im Central⸗ hauſe in grauem Kittel, mit Holzſchuhen, die Haare geſchoren und der ſtrengen Diät des Gefängniſſes unterworfen zubringen . . . Ha! ha!“ So ſprechend, wandte ſich der Doctor gegen die Thüre. Die Lorette ſtürzte ihm nach und rief: „Sechzigtauſend Franken?“ 228 „Hundert!“ antwortete der Doctor Max, der ſich immer weiter entfernte, ohne den Kopf gegen die Lorette umzudrehen. Emilie Lambert zögerte noch; doch beſiegt durch die Nothwendigkeit, rief ſie den Doctor zurück; ſie öffnete ſodann das Sicherheitsſchloß einer eiſernen Caſſette, welche im Innern eines Schrankes von Ro⸗ ſenholz ſtand, zog aus dieſer Caſſette ein Kiſtchen von Schildpatt hundert Rollen jede von fünfzig Louis d'br enthaltend, betrachtete dieſe mit einem ſchmerzlichen Bedauern, und ſagte in dem wo ſie das Kiſtchen übergeben ſollte: „Wer ſteht mir dafür, daß Sie mich nicht ver⸗ rathen, wenn Sie mein Geld haben? Geben Sie mir Ihr Wort, daß . „Maveleine Froquet, 36 gebe einer Diebin mein Wort nicht.“ „Ja oder nein?“ „Nehmen Sie alſo, alter Satan!“ rief die Lo⸗ rette ſchäumend vor Wuth; und ſie warf das Schild⸗ pattkäſtchen auf einen Tiſch. Der Doctor Mar nahm aufs Gerathewohl zwei von den Goldrollen, öffnete ſie, verſicherte ſich mit einer unſtörbaren Kaltblütigkeit ihres Inhalts, ſtand auf, trug die Summe mit ſich fort und ſagte, wäh⸗ rend er ſich entfernte, zu der Lorette: „Hal ha! dieſe hunderttauſend Franken wer⸗ den für immer die Witwe Ducantal und ihre zwei Töchter vor der Noth ſchützen.“ Ende der Lorette. 65 7S SA oenqne