— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr vis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. — Pf. „ „ „ „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefeete Bucher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzr werden. — Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— ſ Der Teufel als Arzt. Roman von Eugene Sur. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Erſtes bis viertes Bändchen. — Stuttgart. Franckh 'ſche Verlagshandlung. 1855 =— Erſte Serie. Die Frau von Tiſch und Bett getrennt. Die vornehme Dame. — Die Lorette. — Die Schrift⸗ ſtellerin. — Die Schwiegertochter. Einleitung. Ein ſeltenes Genie hat den hinkenden Teufel heraufbeſchworen; wir vermöchten nicht die maßloſe Prätenſion zu haben, auch nur von fern dem un⸗ nachahmlichen Leſage auf dem Wege des Wunder⸗ baren folgen zu wollen; nichtsdeſtoweniger beſchwören wir auch den Teufel. Unſer Teufel hat indeſſen nichts Phantaſtiſches; wir haben ihn gekannt, wir haben ihn geliebt, geehrt, denn trotz ſeiner Bizarrerien war er ein großer Bie⸗ dermann. Eine Wirklichkeit, modificirt nach der Anfor⸗ derung unſerer Fabel und den Bedürfniſſen Sue, der Teufel als Arzt. I. 1 2 Erzählung angepaßt, iſt immer der Keim unſerer lite⸗ rariſchen Werke geweſen. Der Teufel als Arzt eriſtirte vor einigen Jah⸗ ren in Paris. Leicht zu würdigende Rückſichten unter⸗ ſagen mir ſogar, den durchſichtigen Schleier des Anfangs⸗ buchſtabens zu gebrauchen. Doch ich bin überzeugt, die charakteriſtiſchen Züge der Figur, die ich zu ſkizziren ver⸗ ſuchen will, werden den Perſonen, welche ich vor zehn bis zwölf Jahren in einer Welt traf, für die ich das beſte Andenken bewahrt habe, nicht aus dem Gedächt⸗ niſſe gekommen ſein. Der Doctor A., ein mit Recht berühmter Arzt, ein Mann von ſeltenem Wiſſen und ein tiefer Beob⸗ achter; begabt mit einer lebhaften, vriginellen Einbil⸗ dungskraft; ein geiſtreicher, anziehender Plauderer, bekannte und affectirte beſonders eine große Bewun⸗ verung für gewiſſe geheime Wiſſenſchaften, welche da⸗ mals in Deutſchland, ſeinem Vaterlande, ſehr beliebt, ſehr in der Mode waren. Er ſprach von dieſen My⸗ ſterien mit einem Glauben, mit einer Begeiſterung, mit einer Poeſie, daß er hiedurch auf die kälteſten oder ſteptiſchſten Leute Eindruck zu machen im Stande war. Nie werde ich das kniſternde Feuer ſeiner kleinen ſchwarzen Augen, ſein ſeltſames, bald mildes und fei⸗ nes, bald höhniſches und bitteres, Lächeln vergeſſen. Uueber der ausdrucksvollen Beweglichkeit ſeiner Phy⸗ ſiognomie vergaß man ſeine Häßlichkeit: er war häß⸗ lich und ſchon alt. 3 Die Frauen befonders fanden ein außerordent⸗ 3 liches Vergnügen daran, die wunderbaren Geſchichten des Doctors . zu hören, Geſchichten in Betreff der Zaubermacht, die er zu beſitzen behauptete, und der faſt erſchrecklichen Hülfsmittel ſeiner Kunſt, die ſich ver⸗ doppelten durch die Kenntniß jener geheimen Wiſſen⸗ ſchaften, deren Adepten er Einer war. Er konnte nicht nur (wie er verſicherte) die unheilbaren Krank⸗ heiten heilen, ſondern auch bei den geſundeſten Leuten der Wiſſenſchaft unbekannte Beſchwerden erzeugen, „um,“ fügte er auf ſeine ſeltſame Weiſe lachend bei, „um ſeine Collegen in Verzweiflung zu bringen und beſonders durch das unüberwindliche Band der Dank⸗ barkeit die Leute, die er auf eine beinahe wunderbare Art heilte, an ſich zu feſſeln.“ Dieſe und viele andere Tollheiten, ausgeſprochen mit einem außerordentlichen Geiſte, unterſtützt durch, wenn nicht unverwerfliche, doch wenigſtens ſcheinbare Beweiſe, wurden gierig angehört. Wie oft habe ich nicht junge, reizende Frauen bis um zwei Uhr oder drei Uhr Morgens um den Theetiſch verweilen ſehen, ohne müde zu werden, dem Doctor K. zuzu⸗ hören, wonach ſie den Salon verließen und zu einan⸗ der ſagten: „Geſtehen Sie, meine Liebe, ſollte man nicht glau⸗ ben, der Doctor . ſei der Teufel in Perſon?“ „Gewiß, Mephiſtopheles iſt auferſtanden!“ Der Beiname der Doctor Mephiſtopheles oder der Teufel als Arzt blieb allgemein dem Dyr⸗ tor A. Fügen wir bei, daß er ſpeciell der Arzt der 4 Frauen war. Er vollbrachte wahrhaft außerordent⸗ liche Curen. Das Wunderbare hat für die menſchliche Schwäche einen ſo unglaublichen Reiz! (Sehen wir nicht in die⸗ ſem Jahre 1854 Leute, welche im Beſitze ihrer Ver⸗ nunft zu ſein ſcheinen, mit einem unſtörbaren Ernſte die Exiſtenz von Drehtiſchen, Klopfgeiſtern, u. ſ. w. u. ſ. w. behaupten!) Das Wunderbare, ſagen wir, hat einen ſo unglaublichen Reiz! Man läßt ſich ſo gefällig von ſich ſelbſt dupiren, daß, durchaus ohne zu glauben, der Doctor X. ſei der Teufel in Perſon, viele Leute naiv ſagten: „Es iſt etwas daran.“ Es ſchwebte endlich über dieſem ſeltſamen Manne irgend etwas Geheimnißvolles. „Ich habe zum Doctor K. ein unwillkürliches, unwiderſtehliches Vertrauen,“ ſagte eines Tags zu mir Madame L. von R., eine Frau von trefflichem Geiſte. „Es wäre mir, ſelbſt wenn ich wollte, unmöglich, einen andern Arzt als ihn zu haben. Sein Blick, ſein Ton beherrſchen mich.“ Das Volksſprüchwort: „Man ſoll nicht mit dem Feuer ſpielen,“ wird immer richtig ſein; das Vertrauen zum Wunderbaren, man mag es einflößen, man mag es befördern, man mag es erleiden, hat immer ſeine Gefahren. Man ſehe in unſeren Tagen, wie geſchickt, wie ſehr geſchict gewiſſe Leute aus den Drehtiſche aus den Klopfgeiſtern und anderen ähnlichen Ab vitäten Nutzen ziehen. Sagen Euch dieſe Leute nie 5 mit einem Anſcheine von Vernunft: „Die Klopfgeiſter ſind ausgebannt, es gibt alſo Geiſter, man muß ſie alſo beſchwören, dieſes in Betreff ſeiner Beſchwörun⸗ gen ſo ſehr verleumdete, ſo ſehr geſchmähte Mittelalter hatte alſo Recht!“ Von der Beſchwörung zum Scheiterhaufen iſt aber ein unheilbringender Abhang. Man trug zur Zeit, von der ich rede, nicht dar— auf an, den Doctor x. zu beſchwören oder zu ver⸗ brennen; mehrere von ſeinen Collegen jedoch, welche auf ſeine oft wunderbaren Curen neidiſch waren und ſich darüber ärgerten, daß ſie ihn voll Zuvorkommen⸗ heit in einer Elitegeſellſchaft, wo er alle ſeine Abende zubrachte, empfangen ſahen, Weltleute, welche eifer⸗ ſüchtig auf ſeine Succeſſe in der Unterhaltung, ſchlechte Spaßmacher endlich, die den ſataniſchen Ruf des Doctors Mephiſtopheles übertrieben, verbreiteten all⸗ Imälig über ihn bizarre oder gehäſſige Gerüchte, die ſich in folgendem Geſpräche zuſammenfaſſen, von dem man annehmen muß, es finde zwiſchen einem der An⸗ hänger und einem der Verleumder des Doctors . ſtatt: „Dieſer Doctor F. iſt entſchieden der Teufel in Perſon.“ „Ihre Behauptung ſcheint mir gewagt; ich würde mich höchſt erkühnen, zu ſagen: Es iſt der Doctor des Teufels.“ „Weil er hauptſächlich der Arzt der Frauen iſt.“ „Das Wort iſt piquant. Indeſſen „Ich wiederhole, dieſer Menſch iſt von einer höl⸗ liſchen Bösartigkeit.“ „Man führt von ihm Züge von ſeltſamem Edel⸗ muthe an.“ „Heuchelei!“ „Und ſeine wahrhaft außerordentlichen Curen?“ „Wie erlangt er ſie?“ „Sie muthmaßen vielleicht, der Teufel leiſte ihm Beiſtand?“ „Bei meiner Treue! ich ſollte es glauben.“ „Sie würden alſo mit dieſem guten Doctor ein Auto da Fe machen?“ „Dieſer gute Doctor! ein ſolcher Menſch!“ „Was haben Sie ihm vorzuwerfen?“ „Ei! ſeien Sie aufrichtig: werden Ihnen nicht von hundert Perſonen, die mit Ihnen über den Doc⸗ tor . ſprechen, neunundneunzig ſagen: Es iſt der Teufel, der Doctor X.?“ „Das iſt wahr, doch dieſe Redensart beweiſt nicht, däß „Sagt man nicht auch: Nur dieſer Teufel von einem Doctor Mephiſtopheles weiß Dies oder Jenes? Er weiß Alles, er hat Alles geſehen, und er gibt zu verſtehen, er wiſſe noch viel mehr, als er zu wiſſen ſcheint!“ „Das iſt ganz einfach. Die Aerzte von Profeſ⸗ ſion beſitzen ſo viele Geheimniſſe, beſonders wenn ſie wie dieſer gute Doctor. . . „Dieſer gute Doctor!“ 7 „Laſſen Sie mich vollenden. Beſonders, ſage ich, wenn ſie die ſociale Leiter von der Manſarde bis zum Hotel, vom Gefängniß bis zum Theater, vom Hoſpital bis zum Boudoir, vom Irrenhauſe bis zur Kneipſchenke durchlaufen haben, und wenn man ſich vornehmlich dem Studium von mehr moraliſchen als phyſiſchen Krankheiten, an denen ſo viele Frauen leiden, gewidmet hat. Es iſt alſo nicht zum Ver⸗ wundern, daß der Doctor ſo zahlreiche Geheimniſſe beſitzt!“ „Die Frauen ſind ſo ſchwatzhaft!“ „Abermals ein Witz! . . Hat übrigens der gute Doctor dieſe Geheimniſſe je mißbraucht?“ „Immer der gute Doctor! Man darf nur ſein ſataniſches Geſicht betrachten . . . es verräth dieſen Menſchen!“ „Sein Blick iſt beobachtend, ſein Lächeln zuweilen ironiſch; doch . . .“ „Sagen Sie hölliſch, mein Herr, hölliſch! Me⸗ phiſtopheles allein hatte die Gabe dieſes entſetzlichen Lächelns!“ „Was haben Sie ihm perſönlich vorzuwerfen, dieſem armen Doctor?“ „Armer Doctor! Dann ſagen Sie auch: Armer Tiger! arme Schlange!“ „Führen Sie doch Thatſachen an.“ „Sie wollen Thatſachen?“ „Ja, ich bitte.“ „Es gibt ungeheure, gräßliche!“ „Welche?“ „Welche?“ „Nun wohl! mein Herr, man ſpricht von Frauen, welche teufliſchen Verblendungen, Beherungen unter⸗ worfen waren; man ſpricht von Männern, die ſich von leichten Unpäßlichkeiten befallen ſahen, welche plötz⸗ lich nicht nur unheilbar, ſondern der Wiſſenſchaft un⸗ bekannt wurden; man ſpricht von Familien, die durch unbegreifliche Ereigniſſe in Beſtürzung gerathen ſind; doch ich ſchweige, meine Haare ſträuben ſich vor Entſetzen! Sie wollten Thatſachen, hier ſind über⸗ ſchwänklich monſtruoſe, denke ich!“ „Verzeihen Sie . . ein Beiſpiel . . . Sie ſpre⸗ chen alſo von Frauen, welche teufliſchen Blendwerken unterworfen geweſen ſind?“ „Das iſt abſcheulich!“ „Können Sie den Namen von einer Einzigen der Frauen, von denen die Rede iſt, anführen, das Blend⸗ werk, deſſen Opfer ſie geweſen, ſpecificiren?“ „Mein Herr, Sie fühlen wohl, wenn man den Namen der Frau und die Art des Blendwerks an⸗ geben könnte, ſo hätte dieſer hölliſche Doctor längſt die Strafe für ſeine ſataniſchen Machinationen erlitten; doch vermöge ſeiner Schlauheit ſind die Thatſachen nicht hinreichend erwieſen, daß man ihn bei Gericht belangen könnte.“ „Alſo Sie, ein Mann von geſundem Verſtande, 9 glauben, der Doctor F. ſtehe in regelmäßigem Ver⸗ kehre mit dem Teufel“? „Oh! das wäre einfältig!“ „Warum und wie ſchreiben Sie aber dann dieſem unglücklichen Doctor eine teufliſche Macht zu?“ „Was weiß ich?“ „Und dennoch . . . „Es iſt unmöglich, das zu erklären, und dennoch muß etwas daran ſein.“ „Oh! gewiß, es ſind Salongerüchte, Klatſchereien, wobei das Lächerliche dem Gehäſſigen den Rang ſtrei⸗ tig macht. Der Doctor F., und er hat ſehr Unrecht, läßt ſeiner wunderlichen, phantaſtiſchen Einbildungs⸗ kraft freien Lauf. Man nimmt, oder gibt ſich den Anſchein, als nähme man ſeine Einfälle im Ernſte, ſo daß man, mit Hülfe der Verleumdung und der Leichtgläubigkeit, aus ihm eine Art von finſterem, lichtſcheuem Schreckbilde geſchaffen hat.“ „Ich behaupte, daß es ein hölliſcher Menſch in moraliſcher und phyſiſcher Beziehung iſt, ohne ihm darum eine übernatürliche Macht zuzuſchreiben. Das iſt meine Meinung über den Doctor R., und ich werde nicht davon abgehen.“ Man begreift, gerade die Albernheit dieſer vagen, geheimnißvollen Gerüchte machte ſie gefährlich, weil ſie unwiderlegbar wurden. Man kann nicht gegen Geſpenſter kämpfen. 6 Der Doctor K., um dieſen Gerüchten ein Ziel zu — * 10 ſetzen, unternahm eine ziemlich lange Reiſe, und der Teufel als Arzt verließ Paris. Dies iſt im Keime die Wirklichkeit, welche, wenn unſer Wunſch ſich nicht vereitelt ſieht, die Per⸗ ſon beleben wird, die als Band für die verſchiedenen Cpiſoden dienen ſoll, die wir hier zu veröffentlichen gedenken. Brauchen wir beizufügen, daß der Doctor F. in keiner Hinſicht ſolidariſch für das Leben und die Tha⸗ ten von unſerem Teufel als Arzt iſt, denn man wird ihn manchmal furchtbare Entſchlüſſe faſſen ſehen, über die das Gewiſſen des Menſchen allein Richter bleibt; doch abgeſehen ſogar von der Driginalität des Charakters, deſſen wir uns erinnert haben, und deſſen humoriſtiſche, geiſtreiche Excentricität wir nie wieder⸗ zugeben vermögen, ſchien es uns, gerade die Natur der Verbindungen und Beziehungen des Arztes (be⸗ ſonders des Frauenarztes), der unabläſſig im Verkehr mit allen Klaſſen der Geſellſchaft lebt und nothwendig in ſo viele Familiengeheimniſſe, in ſo viele unbekannte Schmerzen eingeweiht iſt, könne in Relief, ins Licht, aus einem gewiſſen Geſichtspunkte, die ſchärfſten Typen der zeitgenöſſiſchen Frau ſetzen, und wir hoffen, dieſe Erzählungen werden nicht ohne Moral ſein. Savoyen, — Annech⸗le⸗Vieur, 10. Juni 1854. Eugdne Sue. . Adele Verneuil oder die Frau von Tiſch und Bett getrennt. . Madame Adele Verneuil, ungefähr dreißig Jahre alt und verheirathet an Herrn Verneuil, Ge⸗ neraldirector einer bedeutenden Adminiſtration, iſt nicht regelmäßig ſchön; ihre Perſon bildet aber ein Ganzes voll Diſtinction; ihr mehr als mittlerer Wuchs iſt bezaubernd; die Geſpielinnen von Adele, zur Zeit ihrer erſten Jugend, nannten ſie die Sylphide. Sie hat dieſen zierlichen, zarten, faſt ſchwächlichen Anſchein be⸗ wahrt; ihre hell kaſtanienbraunen Haare, ihr reiner, durchſichtiger, roſig blaſſer Teint, ihre klar blauen Augen, der ſchwermüthige, ſanfte Ausdruck ihrer Züge, ihre ernſte Anmuth, ein gewiſſes Etwas endlich, was eine nervöſe, für Eindrücke ſehr empfängliche Organi⸗ ſation offenbart, verleihen dieſer liebenswürdigen jun⸗ 12 gen Frau einen unausſprechlichen Reiz, der nur fühl⸗ bar iſt für jene kleine Anzahl von Elitemenſchen, welche . ein Ideal ſuchen, das ihrer Anſicht nach hoch über der plaſtiſchen Schönheit. Fügen wir ſogleich bei, daß die Einfachheit, der gute Geſchmack, der Mangel an aller Prätenſion, die Beſcheidenheit bis zur Unkenntniß ihres eigenen Wer⸗ thes getrieben von Adele Verneuil bis auf den Schatten den Gedanken, ſich als ideales und folglich faſt immer unbegriffenes Geſchöpf aufzuſtellen, entfernten. Nein, Adele Verneuil iſt vor Allem natürlich und auf⸗ richtig; ihre Schüchternheit, eine leichte Nuance von, ſo zu ſagen, angeborener Traurigkeit, ohne irgend etwas Bit⸗ teres, laſſen ſie die friedliche Einſamkeit des häuslichen Herdes dem geräuſchvollen Leben der Welt vorziehen, wo ſie der Rang ihres Gatten einführen konnte; die Sor⸗ gen ihres Hausweſens, die Erziehung ihrer Tochter (ihr Sohn blieb im Collége), die Lecture, ein wenig Muſik, — eine Erholung, die ſie mit einer gewiſſen Sammlung des Gemüthes, und wenn ſie ſich allein fand, genoß, — dies war die Verwendung der Tage von Adele Verneuil. Sie erfüllte würdig ihre Gat⸗ tinpflichten, ſchwärmte für ihre Pflichten als Mutter und vergötterte ihre Kinder. Setzen wir hinzu, daß ihr redlicher Charakter zu denjenigen gehörte, welche die Ungerechtigkeit, die Gemeinheit und die Lüge um ſo mehr befremden und verletzen müſſen, als ſie in ihrer edlen Unſchuld bis zur Blindheit den Unglauben in Betreff des Böſen treiben. Es gibt Niederträchtigkeiten, Abſcheulichkeiten, welche die edlen, erhabenen Geiſter nur zugeben, nur glauben, wenn plötzlich die Gewißheit ſie erleuchtet und 13 niederſchmettert; an das Gute aus Natur, aus In⸗ ſtinct, aus Bedürfniß und Aehnlichkeit glaubend, gelangen ſie mit einem Male zur Entdeckung des Böſen ohne den Uebergang des Mißtrauens und des Verdachtes, denn ſie ſind unfähig zu der geduldigen, aufmerkſamen Verſtellung, welche, mit einem discre⸗ ten, ſchlauen Blicke den Fortſchritt einer ſchlimmen Handlung beſpähend, ihre völlige Entwickelung ab⸗ wartet, um die Maske abzuwerfen und loszubrechen. Man hat es längſt geſagt, und nichts iſt wahrer, als das Volksſprüchwort: „Um das Böſe zu argwohnen, muß man fähig ſein, es ſelbſt zu begehen!“ Das iſt Adele Verneuil. Es hat elf Uhr Morgens geſchlagen. Die Züge der jungen Frau drücken in dieſem Augenblicke eine tiefe Bangigkeit aus; ihre Tochter Emma, zwölf Jahre alt, liegt auf dem Canapé des Salon, der dem Schlafzimmer vorhergeht. Dieſes Kind von einem frühreifen Verſtande, von einem bezaubernden Ge⸗ ſichte, in welchem man eine der der Mutter gleiche nervöſe Empfindlichkeit lieſt, iſt einer lebhaften Auf⸗ regung preisgegeben; die Fieberhitze gibt, ihre Wangen purpurroth färbend, ihrem Blicke einen ungewöhn⸗ lichen Glanz; ſie hat ungeſtüm weit von ſich eine Bettdecke geſchoben, von der ſie halb umhüllt iſt. Auf einem niedrigen Stuhle an der Seite ihrer Tochter ſitzend, hält Madame Verneuil eine ihrer kleinen Hände in den ihrigen, betrachtet ſie mit einem Blicke 6. Sorglichkeit und ſagt zu ihr mit ängſtlichem one: 14 „Emma, wie glühen Deine Hände! Ich bitte, wirf nicht dieſe Decke zurück.“ Dann ſie wieder auf ihrer Tochter zurecht richtend: „Du könnteſt frieren.“ „Im Gegentheil, Mama, ich habe heiß.“ „Dieſes Fieber iſt ſo heftig! Armer Engel! ich bitte Dich inſtändig, bleibe bedeckt!“ „Ja, Mama, da Du es wünſcheſt.“ „Liebes, liebes Kind,“ ſpricht Adele, ihre Tochter zärtlich küſſend, „immer folgſam und ſanft! Aber ich frage noch einmal, was kann die Urſache Deiner plötzlichen Unpäßlichteit ſein? Geſtern hatte ich Dich geſund und munter zu Bette gebracht. Du haſt alſo eine ſchlechte Nacht gehabt?“ Bei dieſer ſchon von ihrer Mutter wiederholten Frage wird Emma unruhig, erröthet, ſchlägt die Au⸗ gen nieder, und antwortet mit unſicherem Tone: „Nein, Mama, ich habe keine ſchlechte Nacht gehabt.“ „Das iſt unbegreiflich. Du haſt alſo gut ge⸗ ſchlafen?“ „Ja, das verſichere ich Dir.“ „Du haſt Dich alſo erſt dieſen Morgen bei Dei⸗ nem Erwachen leidend gefühlt?“ „Ich weiß es nicht,“ erwiedert das Kind, deſſen Verlegenheit immer mehr zunimmt, „ich erinnere mich nicht.“ „Du weißt es nicht? Und als ich dieſen Morgen nach meiner Gewohnheit in Dein Zimmer eintrat, mein Engel, fand ich Dich liegend, in Thränen zer⸗ fließend.“ „Ich litt.“ „Woher kam aber dieſes Leiden? Was verur⸗ — — 15 ſachte daſſelbe? Von welcher Stunde an fühlteſt Du es 7“ S „Mein Gott! Mama,“ murmelt Emma mit einer fieberhaften, ſchmerzlichen Ungeduld, „wie quälſt Du mich!“ „Oh! Emma, Emma!“ verſetzt Adele. Doch kaum hat ſie dieſe Worte liebevollen Vorwurfs aus⸗ geſprochen, da ruft das Kind, deſſen Augen in Thränen ſchwimmen: „Verzeih, Mama, verzeih, küſſe mich!“ „Arme Kleine!“ erwiedert Madame Verneuil, die Stirne von Emma mit Küſſen bedeckend. „Ich weiß, wie ungeduldig Dich das Unbehagen machen muß, denn Du biſt ſo nervös! Deine Lippen ſind vertrock⸗ net: willſt Du trinken?“ „Oh! ja, ich habe großen Durſt!“ „Warum ſagteſt Du es nicht?“ Adele tritt an ein Guséridon, auf dem eine Carafe und eine Taſſe ſtehen; ſie bemerkt, daß dieſe Carafe leer iſt, klingelt raſch und kehrt zu ihrer Tochter zurück. „Liebes Kind, Dein brennender Durſt zeugt von der Hitze Deines Fiebers. Ich hätte Dich vielleicht zu Bette legen ſollen.“ „Nein, ich bitte, ich will lieber hier bei Dir ſein.“ „Gott ſei Dank! unſer alter Freund, der Doctor Marx, muß bald kommen,“ ſpricht Madame Verneuil; und bei ſich ſelbſt fügt ſie bei: „Vergebens ſuche ich den Grund der plötzlichen Unpäßlichkeit dieſer Armen zu errathen, und beſonders mir zu erklären, woher es ommt, daß ſie ſich ſträubt, mir die Urſache ihrer hränen heute Morgen zu geſtehen . ſie iſt immer 16 ſo aufrichtig!“ Dann ſteht Adele auf und bewegt aufs Neue lehhaft die Klingel. „Wo iſt denn Charlotte? Ich klingle ihr ſchon zum zweiten Male!“ Und zu Emma zurückkehrend: „Hoffen wir, der Doctor Mar werde ſcharfſinniger ſein, als ich. Der Himmel gebe, daß dieſe Unpäßlichkeit keine ernſte Folgen hat!“ P Charlotte, die Kammerfrau von Madame Ver⸗ neuil, tritt in dieſem Augenblicke ein. Dieſe Dienerin, fünfundzwanzig Jahre alt, groß und ſtark, iſt auffallend reich beleibt; ihre Haare und ihre Augenbrauen ſind pechſchwarz; ein brauner Flaum ſchattirt ihre rothen, fleiſchigen Lippen, die Weiße ihrer Zähne iſt glänzend, ihr Teint ſchimmert von übermäßiger Friſche; ihr lebhaftes ſchwarzes Auge, ihre leicht aufgeſtülpte Raſe, ihr Kinn mit Grübchen machen ihre, übrigens ge⸗ meine, Phyſiognomie ſehr anlockend. Mit Coquetterie gekleidet, trägt Charlotte am Halſe eine goldene Kette und eine Uhr; ein mit friſchen Bändern verziertes, weit zurückgeſetztes Häubchen läßt den leicht krauſen Wellenſcheitel ihrer dichten Haare ſehen; eine weiße Schürze ſchmiegt ſich ihrer, trotz der Breite ihres Oberleibes, ziemlich feinen Taille an; ihr ein wenig kurzes ſeidenes Kleid entblößt einen hübſchen, trefflich mit dunkelgrünen Stiefelchen chauſſirten Fuß; um die Zartheit ihrer Haut bei Ausübung ihrer häuslichen Pflichten zu ſchonen, hat Charlotte endlich in der Höhe der erſten Fingerglieder abgeſchnittene Handſchuhe an. Beim Anblicke dieſer ungeſtüm und mit verdrieß⸗ 17 licher Miene eintretenden Dienerin wendet ſich das kranke Kind raſch mit einem Ausdrucke ſchmerzlichen Unwillens gegen die Lehne des Canapé um. Dieſe Bewegung entgeht Madame Verneuil. Sie ſagt mit ſanftem Tone zu ihrer Kammerfrau: „Ich mußte zweimal klingeln. Sie wiſſen doch, Charlotte, daß meine Tochter leidend iſt.“ „Ei!“ erwiedert mürriſch Charlotte, „kann ich überall zugleich ſein?“ „Füllen Sie dieſe Flaſche mit Limonade und .. „Wie, Madame! es iſt keine halbe Stunde, daß ich Limonade gebracht habe!“ „Da Sie ſich ſo ungeneigt zeigen, mir zu ge⸗ horchen, ſo holen ſie Zucker und Citronen,“ verſetzt Madame Verneuil mit unſtörbarer Sanftmuth und Geduld; „ich werde den Trank ſelbſt bereiten.“ „Oh! ja, Mama, bereite die Limonade ſelbſt, das iſt mir lieber!“ ruft Emma, die das Geſicht beſtändig gegen das Canapé gewendet hält, um die Dienerin nicht zu ſehen, deren Gegenwart ihr peinlich zu ſein ſcheint. „Es ſoll geſchehen, mein Kind,“ antwortet Adele, erſtaunt über die Bewegung und die Worte ihrer Tochter, und ſie fügt bei: „Charlotte, holen Sie mir geſchwinde die Citronen.“ „Sie ſind ſchön verzogen, Mademviſelle Emma!“ ſpricht die Dienerin mit bitterer Betonung; „Sie haben tüchtige Launen!“ „Emma iſt leidend, wie Sie ſehen, Charlotte,“ entgegnet Madame Verneuil mit Güte; „ihre unſchul⸗ dige Krankenfantaſie kann Sie durchaus nicht ver⸗ letzen.“ Sue, der Teufel als Arzt. I. 2 18 „Oh! es iſt gut, Madame, es iſt gut ich hatte Unrecht!“ „Sie ſind ein ſchlimmer Kopf! . . . Holen Sie raſch, was ich von Ihnen verlangt habe.“ „Ei, mein Gott! man geht ſchon,“ erwiedert die Kammerfrau, ungeſtüm abgehend. „Der Charakter dieſer Perſon wird äußerſt wider wärtig, im Grunde iſt es aber ein gutes Geſchöpf,“ ſpricht Madame Verneuil, die Achſeln zuckend; und ſich Emma nähernd, die ſich nach dem Abgange der Kammerfrau wieder gegen ihre Mutter umgedreht hat: „Gedulde Dich ein wenig, lieber Engel, ich werde die Limonade bald bereitet haben . Doch warum wollteſt Du nicht, daß Charlotte dies beſorge?“ „Oh! Mama, wenn Du wüßteſt! Arme Mama!“ ruft Emma; und ſie ſchlingt ihre Arme um den Hals ihrer Mutter, zerfließt in Thränen, ſcheint von er ſchrecklichen Erinnerungen bedrückt, unterbricht ſich und verbirgt ihr Geſicht am Buſen von Madame Verneuil. Immer mehr beunruhigt, iſt dieſe im Be⸗ griffe, ihre Tochter nach der Urſache ihrer Thränen und ihrer tiefen Gemüthsbewegung zu fragen, da meldet Charlotte den Doctor Max. . Der Doctor Mar iſt ungefähr ſechzig Jahre alt; ſeine große, kahle, wie Elfenbein glänzende Stirne ragt über die Höhle des halb durch dicke ſchwarze Brauen bedeckten Auges vor, und durch den Schatten, den dieſe Brauen werfen, funkelt ſein Blick ein knoch 19 ges Geſicht mit olivenfarbigem Teint, Habichtsnaſe, hervorſtehendes Kinn, ein Lächeln bald von cordialer Gutmüthigkeit, bald von einer höhniſchen Grauſamkeit, dies ſind die charakteriſtiſchen Züge der Phyſivgnomie des Doctors. Er genießt eine europäiſche Berühmt⸗ heit; er hat außerordentliche Curen vollbracht, mehr als einen von den Aerzten aufgegebenen und ſchon mit dem Leichentuche bedeckten Sterbenden ins Leben zurückgerufen. Der Doctor wendet, je nach den Um⸗ ſtänden, die gewöhnliche Pharmakopöe an, ſucht aber vorzugsweiſe ſeine Heilmittel in der Homöopathie, wobei gewiſſe geheimnißvolle Wirkungen ans Wunder⸗ bare zu gränzen ſcheinen. Er bereitet ſelbſt ſeine Toxika, welche faſt immer mit ſchlagenden Eigenſchaf⸗ ten begabt ſind, und trägt gewöhnlich eine infinite⸗ ſimale Apotheke in einer Schachtel von der Größe einer Tabaksdoſe bei ſich. Er bewohnt ein einzeln ſtehendes Haus in der Nähe der Barrière d'Enfer. Seine Conſultationen gibt er außer ſeinem Domicile, in das Niemand eingedrungen iſt. Er hat unfern von ſeiner Wohnung ein paar Zimmer gemiethet; hier empfängt er ſeine Kunden, eine ungeheure und höchſt verſchiedenartige Kundſchaft; er iſt zugleich Arzt eines Hoſpitals, eines Theaters und eines Gefängniſſes. Er beſucht unentgeldlich die armen Leute und läßt ſeine Bemühungen theuer denjenigen bezahlen, welcher ſie reichlich belohnen kann. So gutmüthig er ſich gegen die mit ſeinem Geiſte und ſeinem Herzen ſym⸗ pathiſirenden Perſonen zeigt, ebenſo grauſam beißend oder hinterhältig ſpöttiſch zeigt er ſich hinſichtlich der ſeiner Achtung unwürdigen Leute. Die, ſo zu ſagen, verborgene Macht, die er der Homöopathie entlehnt, 20 von welcher er unglaubliche Reſultate erlangt hat, ſein einſames, excentriſches Leben, ſeine ergreifende Phyſiognomie, die magnetiſche Wirkung ſeines Blickes, ſeine wunderbaren Curen, ſeine Kenntniß einer Menge von intimen Geheimniſſen, die er ſeinem Verkehre mit Leuten von allen Ständen verdankt, Geheimniſſe, von denen er, wie man ſagt, unter gewiſſen äußerſten Umſtänden ohne Bedenken und ohne Mitleid Gebrauch und Mißbrauch macht, andere unbeſtimmte, ſonderbare Gerüchte in Betreff ſeltſamer, furchtbarer Handlungen haben ihm den fantaſtiſchen Beinamen der Doctor Mephiſtopheles oder der Teufel als Arzt eingetragen. Charlotte iſt wieder abgegangen, nachdem ſie Citronen und eine Zuckerbüchſe gebracht und Beides nebſt einer Flaſche voll Waſſer auf ein Tiſchchen ge⸗ ſtellt hat. Madame Verneuil iſt bei Annäherung des Doctors Max aufgeſtanden, und während ſie ſich beeilt, den Saft der Citronen in die Carafe auszudrücken und Waſſer und Zucker dazu zu thun, ſpricht die junge Frau zum Arzte: „Wie ſehr weiß ich Ihnen Dank für Ihren Eifer, mein Freund. Emma iſt plötzlich heute Morgen un⸗ päßlich geworden, nachdem ſie indeſſen, wie ſie ſagt, ruhig geſchlafen. Sie hat yiel Fieber und iſt ſehr angegriffen; ſie hat ſchon eine Carafe Limonade wie dieſe g 2 33 . 2¹ Adele Verneuil füllt eine Taſſe mit dem Tranke, den ſie bereitet hat, und bringt ſie ihrer Tochter. „Trink, lieber Engel!“ Emma leert die Taſſe und gibt ſie ihrer Mutter zurück. Der Doctor tritt hinzu, ſetzt ſich auf den Rand des Canapé, wo Emma liegt, nimmt eine ihrer Hände, befragt ihren Puls und betrachtet ſorgſam prüfend ihre Züge. Der Doctor Max war der innige Freund der Familie von Madame Verneuil; er hat ſ bei ihrer Geburt geſehen und nennt ſie vertraulich Adele. Die junge Frau erwartet ängſtlich, ſtillſchweigend, die erſten Worte des Arztes. Das Kind ſchaut ihn zutraulich an. „Ich finde den Puls von Mademoiſelle Emma ſehr aufgeregt,“ ſpricht der Doctor nach einer auf⸗ merkſamen Prüfung, und er fügt lächelnd bei: „Ich ſage Mademoiſelle weil dieſer ehrerbietige Titel einem großen zwölfjährigen Mädchen gebührt.“ Dann ſeine Hände auf die Stirne und die Schläfe des Kin⸗ des legend: „Die Stirne iſt glühend die Puls⸗ adern ſchlagen heftig. Sie ſagen, meine liebe Adele, unſere kleine Kranke habe vollkommen gut geruht?“ „Nicht wahr, mein Kind?“ „Ja, Mama.“ „Nach der Stärke dieſes Fiebers, das nun ſeinen Parvrysmus erreicht hat, muß der Anfall gegen neun Uhr dieſen Morgen begonnen haben.“ „Ich bin in der That zu dieſer Stunde, lieber Freund, nach dem Abgange meines Mannes ins Mi⸗ niſterium, in das Zimmer meiner Tochter eingetreten; „ 22 ich fand ſie in Thränen. Seit dieſem Augenblicke hat das Fieber immer zugenommen.“ „Emma iſt, wie Sie, ſehr nervös, ſehr für Ein⸗ drücke empfänglich, meine liebe Adele; woraus ich ſchließe, daß ſie dieſen Morgen vor neun Uhr eine lebhafte Gemüthsbewegung, eine heftige moraliſche Erſchütterung erlitten haben muß, welche wohl ſtark auf ihre Einbildungskraft, auf ihr Gehirn reagirt hat. Vielleicht iſt es die Folge einer Bewegung des Schreckens? Liebes Kind,“ fügte der Doctor, ſich an Emma wendend, bei, „Sie haben ruhig heute Nacht geſchlafen, — gut; doch dieſen Morgen müſſen Sie von irgend einem unvorhergeſehenen, außerordentlichen Umſtand betroffen worden ſein.“ „Nein, nein,“ erwiedert Emma, ebenſo in Er⸗ ſtaunen geſetzt als beunruhigt durch den Scharfſinn des Arztes, deſſen beobachtenden Blick ſie vermeidet; „ich bin aufgewacht, dann habe ich plötzlich ein ſtarkes Kopfweh empfunden.“ „Hm, hm! das iſt kaum wahrſcheinlich! Auf! ſagen Sie Ihrem alten Freunde die Wahrheit, und. das wird Ihnen leicht ſein, Emma: Sie lügen nie.“ „Theurer, geliebter Engel, Du hörſt unſern Freund? Du, die Du immer ſo aufrichtig biſt, könn teſt uns die Wahrheit verbergen 2 „Mein Gott! Mama, ich habe nichts zu verber⸗ gen, nichts zu ſagen. Ich leide, das iſt das Ganze.“ Der Doctor Mar ſchüttelt den Kopf und wechſelt mit Adele Verneuil einen bezeichnenden Blic. In dieſer Secunde bringt Charlotte ihrer Gebie terin einen Brief. 23 „Hier iſt ein Brief für Madame; man wartet auf Antwort.“ V. Madame Verneuil lieſt den Brief, den Charlotte ihr übergeben hat. Die Dienerin erblickend, hat ſich das Kind aufs Neue ungeſtüm gegen die Lehne des Canapé, auf dem ſie liegt, umgedreht; dieſe Be⸗ wegung iſt dem Doctor Mar nicht entgangen; er hat auch den Blick der Furcht, ſogar des Widerwillens wahrgenommen, den auf Charlotte Emma geworfen, und obgleich dieſe ihm den Rücken zuwendet, neigt er ſich doch gegen fie, befragt abermals ihren Puls, und um die Zahl der Pulsſchläge zu berechnen, zieht er aus ſeiner Taſche ſeine Secundenuhr und bleibt in dieſe Unterſuchung verſunken. 3 Madame Verneuil fährt fort mit einem Gefühle ſichtbaren Erſtaunens den Brief, den ſie empfangen, zu leſen. Beide Hände in den Taſchen ihrer Schürze, ver⸗ räth Charlotte auf eine freche Art ihre Ungeduld, daß ſie ſtehen bleiben ſoll, dadurch, daß ſie leicht mit ihrem Stiefelchen auf den ſonoren Boden ſtößt. Der Doctor Max, während er den Puls von Emma befragt, wirft einen ſcharfen, forſchenden Blick auf die Kammerfrau. Dieſe erröthet unwillkürlich, wendet ſich um und ſchaut durch eines der Fenſter des Salon. „Es unterliegt keinem Zweifel mehr!“ dachte der Arzt, mein Verdacht täuſchte mich nicht.“ 24 „Ich erwartete entfernt nicht die Ankunft dieſer theuren Florence,“ ſpricht Madame Verneuil, indem ſie neben ſich den Brief legt, den ſie geleſen. Und zu ihrer Kammerfrau: „Antworten Sie, ich werde heute Madame Hermann empfangen, wenn ihr das an⸗ ſtehe.“ „Ja, Madame,“ erwiedert Charlotte, und bei ſich fügt ſie, während ſie abgeht, bei: „Was hat er denn, dieſer Teufelsdoctor, daß er einen bis ins 3 der Augen forſchend anſchaut? Sein Blick hat mi unwillkürlich beängſtigt.“ VI. Unmittelbar nach dem Abgange der Dienerin nähert ſich Madame Verneuil dem Canapé und befragt den Doctor Max mit einer unruhigen Miene. „Nun, mein Freund, was denken Sie von .. „Warten Sie, meine liebe Adele, warten Sie, ich bin in dieſem Augenblicke mit einer ſehr wichtigen Un⸗ terſuchung beſchäftigt,“ erwiedert der Doctor, aufs Neue ſeine Uhr und den Puls von Emma zu Rathe ziehend. Ein Stillſchweigen von einigen Minuten herrſcht im Salon; dann ſteckt der Doctor ſeine Uhr wieder in die Taſche und ſpricht zu ſich ſelbſt: „Ehe Charlotte kam, ſchlug der Puls des Kindes fünf und ſiebenzig bis achtzig Mal in der Minute; doch vom Eintritte der Dienerin an, und während der Zeit, da ſie hier geblieben iſt, haben ſich plötzlich die Schläge auf mehr als hundert vermehrt. Charlotte — 25 hat ſich entfernt, der Puls fällt wieder, die Aufregung nimmt ab; Charlotte iſt offenbar dem Umſtande, von dem Emma heute Morgen lebhaft bewegt worden iſt, nicht fremd. Ich glaube dies um ſo mehr, als ſie ihren Widerwillen beim Anblicke der Dienerin nicht verbergen konnte. Was für ein Geheimniß iſt das?“ Und laut ſich an das Kind wendend: „Meine liebe Kleine, Sie haben ſich über Char⸗ lotte ſchwer zu beklagen?“ Der Doctor bemerkt das Erſtaunen von Emma und wiederholt mit noch entſchiedenerem Tone: „Sie haben ſich über Charlotte zu beklagen; ſie iſt die Urſache des ſchmerzlichen Eindrucks, den Sie heute Morgen empfunden.“ „Das muß ſein!“ ruft Adele lebhaft. „Vorhin wollte meine Tochter nicht, daß ihr Charlotte ihre Limonade bereite. Ich gab mir keine Rechenſchaft von dieſem Widerwillen: er iſt mir nun erklärt.“ Und ſich gegen Emma neigend: „Ich beſchwöre Dich, was iſt vorgefallen? Sage mir die Wahrheit, mein Engel!“ „Mein Gott! Mama, der Doctor weiß Alles!“ ruft Emma mit zitternder Stimme; „es iſt alſo wirk⸗ lich der Teufel!“ Unfähig, ſich anders als durch eine übernatürliche Deutung das von Doctor Max, um zur Kenntniß eines Theiles der Wahrheit zu gelangen, angewendete Mittel zu erklären, betrachtete ihn Emma mit einem Ausdrucke des Erſtaunens und einer zunehmenden Angſt, welche ihre Mutter dadurch zu beſchwichtigen ſich bemühte, daß ſie verſicherte, es ſei nichts Teuf⸗ liſches in der Wiſſenſchaft des Doctors; aber ſchon 3 * 26 lebhaft betroffen durch die Entdeckung des Geheimniſ⸗ ſes, das ſie ſeit dem Morgen hartnäckig verſchwiegen hat, eraltirt ſich die Einbildungskraft von Emma immer mehr. Die Heftigkeit des Fiebers verdoppelt ſich, und, die Wangen entflammt, das Auge funkelnd, die Lippen trocken und bebend, vom Alpe einer ſchreck⸗ lichen Erinnerung bedrückt, ſetzt ſich bald das Kind halb auf, deutet auf den Doctor Mar und ruft in einer Art von Geiſtesverwirrung: „Ich fürchte mich vor ihm! Oh! um zu wiſſen, was er von Charlotte weiß, muß er der Teufel ſein!“ Und ſich unterbrechend, fügt ſie mit herzzerreißendem Tone bei: „Geliebte, arme Mutter, ich kann Dir die Wahrheit nicht mehr verbergen. Ach! es iſt ſo ſchlimm, was ich gethan habe! Und dann . . . Deinetwegen wagte ich nicht, es zu ſagen . . . weil . . . weil ... ſiehſt Du, das iſt gräßlich! Doch Du willſt es, Du willſt es!“ „Großer Gott! mein Freund, ſie erſchreckt mich!“ flüſtert Madame Verneuil, da ſie die Verſtörung in den Zügen ihrer Tochter wahrnimmt, welche abwech⸗ ſelnd die Scham, das Mitleid, den Schrecken aus⸗ drücken. Emma fährt aber haſtig, mit ſeberbeſtn Tone fort: „Du wilſt, daß 3 Alles ſage? Nun wohl, die⸗ ſen Morgen, bei Tagesanbruch, erwachte ich; ich wünſchte frühzeitig aufzuſtehen, um an den Pantoffeln zu arbei⸗ ten, die ich für Papa ſticke. Ich konnte meine Läden nicht allein öffnen und rief Charlotte; ſie antwortete mir nicht: ich wollte ſie aufwecken; ich dachte, ſchlaſe ich nähere mich ihrem Zimmer und erb 27 Licht durch das Schloß. Ich höre eine Stimme. Dieſe Stimme war die von Papa. Er lachte, doch nicht ſehr laut.“ 5 Bei dieſen Worten bebt Madame Verneuil und bleibt ſtumm vor Beſtürzung. „Schändlich!“ ſagt zu ſich ſelbſt der Doctor Max⸗, kaum glaubend, was er hört. „Wie! dieſer vorgeblich Fromme!“ „Liebes Kind! Du haſt Dich getäuſcht!“ entgeg⸗ net kalt Madame Verneuil nach einem erſten Augen⸗ blicke der Betäubung; „was Du ſagſt, iſt unmöglich.“ „Nein, nein, ich habe mich nicht getäuſcht,“ er⸗ wiedert Emma ſchauernd und immer mehr aufgeregt. „Ich habe die Stimme von Papa erkannt; Anfangs glaubte ich, er ſei aus ſeinem Zimmer gekommen, um Charlotte einen Auftrag zu geben, da Mama vielleicht unpäßlich geworden; als ich ihn aber lachen hörte „ Und beide Hände an ihre glühende Stirne preſ⸗ ſend, unterbricht ſich Emma wieder einen Augenblick; dann fährt ſie mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke fort: „Mein Gott! wie weh thut mir der Kopf! Mir ſcheint, ich weiß nicht mehr, was ich ſage ... Dann habe ich etwas Abſcheuliches gethan, ſo abſcheulich, daß ich es Dir nicht zu geſtehen wagte, Mama ich horchte an der Thüre, ich ſchaute durch das Schlüſſelloch, und ich habe Papa wohl erkannt.“ „Mein Kind,“ ſpricht Madame Verneuil, während ſie dem Doctor einen ausdrucksvollen Blick zuwirft, „ich verſichere Dir, daß Du Dich täuſchſt.“ Emma aber, bei der die ſieberhafte Aufregung nahe daran war, ſich bis zum Delirium zu ſteigern, 28 hört ihre Mutter nicht, antwortet ihr nicht und fährt mit keuchender Stimme fort: „Papa ſagte lachend zu Charlotte: „„Du weißt wohl, daß ich Dich hundertmal mehr liebe als meine Frau!.. Sprich mir alſo nicht von ihr. .. Meine Frau, das biſt Du... Die Andere?. ich wollte, ſie wäre todt!. dann würdeſt Du die Herrin hier!““ Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, verliert Emma das Bewußtſein, ihr Geiſt trübt, verwirrt ſich, ihr Ge⸗ ſicht drückt Schrecken aus, und, dem Delirium preisge⸗ geben, wiederholt ſie mit gebrochener Stimme: „Hörſt Du, Mama? er möchte gern, daß Du todt wäreſt. Oh! ich habe bange! . rette Dich!. rette Dich! es iſt Papa! wie böſe er ausſieht!.. Er lacht fliehe! Mama, rette Dich, er lacht! .. Oh! dieſe Charlotte, ſie macht mich zittern! Zu Hülfe! zu Hülfe! Gnade für Mama! Gnade!“ VII. £ Niedergeſchmetter von dieſer Entdeckung der Un⸗ utichteit des Vaters durch ſein Kind, waren Madame Verneuil und der Doctor Max vor Allem darauf be⸗ dacht, Emma zu Hülfe zu kommen, welche, einem Schreckensſchwindel preisgegeben, vom Canapé herab⸗ ſpringen wollte. Adele hält ſie zurück, umſchlingt ſie mit den Armen, bedeckt ſie mit Küſſen und murmelt mit bebender Stimme: „Mein Gott! erbarme Dich meiner, meine Loch⸗ ter ſtirbt. 4 „Seien Sie ohne Furcht,“ erwiedert der 2uor 29 1* Max, der der jungen Frau das Kind zurückhalten hilft. „Das Leben Ihres Kindes läuft nicht nur keine Ge⸗ fahr, ſondern ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß die Kriſe, die Sie erſchreckt, bald vorüber ſein wird. Auf dieſe heftige Verrückung des Gehirns wird eine tiefe Ermattung folgen. Sie müſſen vor Allem die arme Kleine zu Bette bringen. Ich will ſo⸗ gleich eine Verordnung ſchreiben und ſie zum Apo⸗ theker ſchicken; er wohnt nur zwei Schritte von hier. Noch einmal ſage ich Ihnen, ſeien Sie ohne Furcht. Faſſen Sie Muth, und bringen wir vor Allem Emma in Ihr Bett.“ Ein wenig beruhigt durch die Worte von Doctor Mar, hebt Madame Verneuil, obgleich zart und ſchwächlich, ihre Tochter in ihren Armen auf, die müt⸗ terliche Liebe verdoppelt ihre Kräfte, und ſie trägt Emma in ihr Zimmer ſo leicht, als ob ſie ein Kind aus der Wiege genommen hätte. Der Arzt klingelt, ſetzt ſich an einen Tiſch, wo ſich findet, was er zum Schreiben braucht, und faßt in Eile ſeine Verordnung ab. Charlotte erſcheint auf den Ruf der Glocke. VIII. Der Doctor Max, nachdem er ſeine Verordnung geſchrieben, übergibt dieſe Charlotte, wobei er einen feſten, durchdringenden Blick auf ſie heftet. „Gehen Sie ſogleich zum Apotheker; Sie werden zurückbringen, was er Ihnen gibt.“ 8 Das iſt das zweite Mal, daß dieſer Teufelsatzt 30 mich bis ins Weiße der Augen beſieht. Sein Blick macht eine ſonderbare Wirkung auf mich! Nie bin ich einem ſolchen Blicke begegnet,“ dachte die Dienerin; und ſie ſpricht laut: „Steht es ſchlimmer bei der Kleinen?“ „Gehorchen Sie und kommen Sie ſchnell zurück,“ antwortet mit hartem Tone der Doctor Max; und er folgt eiligſt Madame Verneuil ins anſtoßende Zimmer. „Ei! man geht ſchon zum Apotheker!“ ruft Char⸗ lotte, während ſie ſich nach der Thüre wendet. „Ich bin es entſchieden überdrüſſig, mir von Jedermann befehlen zu laſſen!“ fügt ſie bei; „ich werde es alſo nie von Verneuil erlangen, unterhalten zu ſein! Oh! wir wollen das ſehen! . . . Doch ich wiederhole, was für einen abſcheulichen Blick hat dieſer Teufelsdoctor!“ Einige Angenblite nach dem Abgange der Die⸗ nerin kommt der Doctor Max in den Salon zurück und ſagt, mit ſich ſelbſt ſprechend: „Adele iſt beruhigt; die Aufregung ihrer Tochter beſänftigt ſich allmälig. Das habe ich erwartet. Die Erſchöpfung mußte auf das Delirium folgen; jed Gefahr wird mittelſt eines kleinen Aderlaſſes und Trankes, den die Dienerin holen gegangen iſt, b tigt ſein. Wir wollen ſie hier erwarten; ihre Gege wart allein wäre hinreichend, die Kriſe dieſes ar Findes zu erneuern.“ * Im Salon auf⸗ und abgehend, ruft dann d Luctr Max mit einer bittern S 31 „Und dieſer Verneuil wird ſeine Oſtern mit Ge⸗ pränge in Notre⸗Dame halten! Ah! die Heuchelei die⸗ ſes Jahrhunderts iſt ſchändlich! Lüſternheit und Schein⸗ heiligkeit! Andächtler und Luchſe! eine Goldſtange und die Disciplin von Tartuffe!“ Das ſind die Symbole der Zeit!“ Und nach einem langen Stillſchweigen fährt der Doctor ſeufzend fort: „Arme Adele, ein Engel! ich habe ſie bei ihrer Geburt geſehen. Nie verdienten eine reinere Seele, ein redlicheres Herz, ein erhabenerer Geiſt die Achtung und die Liebe eines ehrlichen Mannes. Warum ſind ihre Eltern der entſtehenden Neigung, die ſie einſt für ihren Vetter Erneſt Beaumont fühlte, entgegengetre⸗ ten! Der geheimnißvolle Inſtinct des Glückes zog dieſe zwei Kinder zu einander hin; beide zählten ſech— zehn Jahre; daſſelbe angeborne Zartgefühl, derſelbe Geſchmack, daſſelbe Aufſtreben zum Schönen, zum Guten, zu einem gewiſſen Ideal im Leben. Glücklich wäre ihre Zukunft geweſen; darauf wollte ich ſchwö⸗ ren! ich kenne die Menſchen! Doch nein, Erneſt Beau⸗ mont, eine Waiſe, beſaß nur ein mäßiges Erbtheil; ſein Beruf beſtimmte ihn für die Künſte. Oh! wie oft haben mich ſeine naiven Hoffnungen, rein, edel, wie alle ſeine Gedanken, bis zu Thränen gerührt. Seine Couſine Adele heirathen, ſein Leben zwiſchen der Liebe einer angebeteten Frau und dem Studium der Werke des Alterthums, theilen; mit unermüdlichem Eifer Suc⸗ ceſſe verfolgen, auf die ſie noch mehr ſtolz geweſen wäre, als er, dieſer ſüße Traum konnte eine Wirklich⸗ keit werden. Doch was iſt ein Künſtler in Anwart⸗ ſchaft? Mit einem Vermögen von drei bis viertau⸗ ſend Franken Rente, welche ſociale Stellung bringt er 32 ſeiner Frau? welche Garantie bietet er für ſeine zu⸗ künftige Berühmtheit? Die Familie von Adele beeifert ſich auch, ihr die Nichtigkeit einer ſolchen Verbindung darzuthun, für immer die entfernte Hoffnung dieſer zwei jungen Leute durch eine förmliche, vorgreifende Weigerung zu zerſtören. „In Verzweiflung hierüber, verzichtet Erneſt auf die Malerei, engagirt ſich als Freiwilliger an Bord eines Handelsſchiffes, wird Kapitän eines Fahrzeugs für weite Seereiſen, ſegelt unabläſſig umher, und hat, ſeitdem er Seemann geworden, Adele nicht wiederge⸗ ſehen. Dieſe ihrerſeits hat, dem Drängen ihrer Fa⸗ milie nachgebend, muthig ihre Neigung für Erneſt bekämpft, beherrſcht. Später hat ſie, ohne ein Wider⸗ ſtreben, wie ich glaube, aber auch ohne Liebe dieſen Herrn Verneuil geheirathet. Sie wollte hauptſächlich den lebhaften Wunſch ihrer Eltern befriedigen, guter Leute, welche geblendet waren von der Ehre, die ihnen dieſer Menſch dadurch erwies, daß er ſie um Tochter bat, während dieſe doch eine Mitgift von fünf⸗ zig tauſend Thalern beſaß. Doch wie dem Blendwerte von Herrn Verneuil widerſtehen, der ſicher war, er werde Director ſeiner Adminiſtration werden? und er iſt es geworden. Die Leute dieſer Art erreichen Alles. Uebrigens ein geſetzter, ernſter Mann, vom Notar garantirt; ein Menſch von Ordnung und guten Sit⸗ ten; ich geſtehe, ſein ernſtes, abgemeſſenes Aeußere ſeine Zurückhaltung, ſeine freundliche und delicate Sprache haben mir imponirt; ſodann ein eher ſchönes als häßliches Geſicht, ungefähr dreißig Jahre Summa die Rinde eines ehrenhaften Mannes. war auch weit entfernt, den Eltern von Adele v 33 dieſer Heirath abzurathen. Sie hat ſich immer als eine tadelloſe Gattin, als die zärtlichſte, leidenſchaft⸗ lichſte der Mütter gezeigt, einzig und allein beſchäftigt mit der Sorge, ihre Kinder aufzuziehen, und ſpäter mit der Bildung ihrer Tochter; die Welt fliehend; glücklich, geſammelt in der friedlichen Einſamkeit des häuslichen Herdes lebend; vielleicht im tiefſten Geheim⸗ niß ihres Herzens ein melancholiſches Andenken an ihre erſten Mädchenträume und an ihre Neigung für Erneſt Beaumont bewahrend. Das iſt übrigens von meiner Seite nur eine Vermuthung! nie hat mich ein Wort von ihr die Beharrlichkeit dieſer Erinnerung annehmen laſſen. Habe ich ſie nicht voll Gefälligkeit, Hingebung und Zuneigung für ihren Gatten Tag und Nacht bei ihm wachen ſehen, während der langen Krankheit, von der ich ihn vor drei Jahren gerettet! Und heute .. Oh! ich ſchaudere! ich erblicke einen Abgrund von Uebeln, und habe diesmal kein Mittel, ſie zu beſchwören. Ich vermag nichts gegen dieſen Verneuil. Ihn entlarven hieße die Gefahr verdoppeln. Ich kenne nun den Menſchen!“ Die ſchmerzlichen Betrachtungen des Doctors wer⸗ den durch die Rückkehr von Charlotte unterbrochen. „Hier, mein Herr, iſt, was Sie verlangt haben,“ ſpricht die Dienerin zum Arzte, indem ſie ihm zwei Fläſchchen übergibt. „Wie geht es der Kleinen?“ Der Doctor kann den Ausdruck des Elels, den ihm der Anblick von Charlotte einflößt, nicht verber⸗ gen. Er iſt auf dem Punkte, loszubrechen; er droht ihr mit dem Finger; doch, ſich bewältigend, tritt er in das anſtoßende Zimmer ein und ſagt: Sue, der Teufel als Arzt. I. 3 34 „Nein, keine Unklugheit. . .“ Und mit einer tie⸗ fen Bitterkeit fügt er bei: „Einer ſolchen Creatur ſieht ſich die anbetungswürdigſte Frau geopfert!“ „Es geht offenbar hier etwas Außerordentliches vor,“ dachte Charlotte. „Sollte dieſer Teufelsdoctor wirklich ein Zauberer ſein? Sollte er zufällig vermu then, daß ... Doch wie ſollte er vermuthen? wer ſollie ihn unterrichtet haben?.. Bei Gott! man erzählt von ihm ſo ſeltſame Dinge! .. er könnte wohl... Boh! das ſind Geſchichten! Gleichviel! ich werde Herrn Verneuil, ſobald er von ſeiner Adminiſtration zurüc kommt, benachrichten, damit er auf ſeiner Hut 3 Ich, was mich betrifft, ich würde einen Eclat nich fürchten .. im Gegentheil! Doch er, er iſt ſo zagha ſo ſcheinheilig! Nun,“ ſagte die Dienerin abgehend „er wird ſich auf die eine oder die andere Art ent ſcheiden müſſen.“ 4 X. Der Doctor Max und Adele, nachdem ſie ung⸗ fähr eine halbe Stunde bei Emma geblieben ſind, kon men, vorſichtig gehend, in den Salon zurück. „Gott ſei Dank! Ihre Tochter iſt ruhig, ſie ſchläft zählen wir auf dieſen wiederherſtellenden Schlaß ſpricht der Doctor Max zu Madame Verneuil. Dan da er ſieht, daß ſie noch einmal auf der Thürf des Zimmers ſtehen bleibt und nach dieſer Seite e letzten Blick der Beſorgniß wirft: „Arme Frau, muthige Mutter! ganz nu Bangigkeiten hingegeben, die ihr der Zuſtand i 35 Tochter einflößt, hat ſie mit keinem Worte auf die grauſame Entdeckung von heute Morgen angeſpielt.“ „Mein Freund,“ ſagt Adele zum Doctor nach einem ziemlich langen Stillſchweigen, „ſeitdem ich meinen Vater verloren, ſind Sie die Perſon geweſen, für die ich am meiſten Verehrung, zu der ich am mei⸗ ſten Vertrauen gehabt habe.“ „Meine liebe Adele, Sie können unter allen Um⸗ ſtänden Ihres Lebens auf mich rechnen.“ „Ich weiß es. In der peinlichen Lage, in der ich mich befinde, will ich auch mit Ihnen, mein Freund, ganz laut denken. Ich verberge mir nicht die Schwere des Ereigniſſes von heute Morgen. Durch ein Ver⸗ hängniß, das ich beklage, iſt meine Tochter gleichſam Zeuge der Ausſchweifungen ihres Vaters geweſen Sonſt wäre mein Benehmen ganz einfach; ich würde handeln, wie in einem ſolchen Falle eine Frau, die ſich ſelbſt achtet, handeln muß. Ich würde dieſe Die⸗ nerin wegſchicken; ich würde mich nicht erniedrigen, ein Wort des Vorwurfs zu Herrn Verneuil zu ſagen.“ „Er, deſſen Aeußeres ſo ernſt iſt, er, deſſen ſchein⸗ bare Frömmigkeit bis zur Affectation geht! Und nichts konnte Sie bis jetzt dieſes ſchmähliche Verhältniß ver⸗ muthen laſſen?“ „Nie iſt es mir in den Sinn gekommen, nie wird es mir hoffentlich in den Sinn kommen, eine Gemein⸗ heit bei Leuten zu argwohnen, die ich liebe, die ich ſchätze, und ſtets habe ich für meinen Mann eine lie⸗ bevolle Achtung gehegt; ich erfüllte würdig meine Pflichten gegen ihn; er erfüllte würdig die ſeinen ge⸗ gen mich; er trat meinem Hange für die Einſamkeit nicht entgegen. Ich habe die Erziehung meiner Toch⸗ 36 ter zu übernehmen gewünſcht, um ſie immer bei mir zu behalten: er hat meinen Wunſch gebilligt. Eine einzige leichte Uneinigkeit hat ſich zwiſchen uns in Be⸗ treff meines Sohnes erhoben. Ich hätte ihn gern ebenfalls zu Hauſe behalten mögen; ſeine Erziehung wäre unter meinen Augen gemacht worden; mein Mann beſtand darauf, daß Louis ins Collége eintreten ſollte. Ich mußte anerkennen, daß in dieſem Falle der Wille meines Mannes mehr gelte als der meine⸗ Bis jetzt konnte ich alſo mit meinem Manne nur zu⸗ frieden ſein. Ich habe ihn ganz mit meinem Willen geheirathet; hiebei entſprach ich allerdings den wieder holten dringenden Bitten meiner Familie, doch ich nahm ſeine Wahl frei und ſie vollkommenn ſchätzend an. Ihnen, der Sie mich ſeit meiner Kindheit kennen, ſagen, ich habe nicht in meiner erſten Jugend eine andere Verbindung erſchaut, gehofft, Ihnen dies ſagen, mein Freund, hieße lügen, und ich lüge nicht. Doch hat ſich zuweilen das Andenken an meinen Vetter Erneſt Beaumont meinem Geiſte dargeboten, ſo war die Natur dieſer Erinnerungen ſo, daß ich, ohne zu erröthen, meinen Mann und meine Kinder anſchauen konnte.“ „Ich kenne die Reinheit Ihrer Seele, meine liebe Adele.“ „So, mein Freund, iſt mein Leben friedlich, glück lich und nach meinem Geſchmacke geweſen; dieſes Glück, ich verdanke es theilweiſe Herrn Verneuil; ich kon nicht zweifeln, ich will nicht einmal zweifeln an Achtung, an ſeiner ernſten Zuneigungfür mich. Soda woher ſollte mir der Verdacht gekommen ſein? habe keine Veränderung im Benehmen meines 2 37 nes gegen mich bemerkt, außer daß vor ungefähr zwei Jahren, — das war, ich erinnere mich nun, um die Zeit, wo dieſe Dienerin bei mir eintrat, — Herr Ver⸗ neuil gewünſcht hat, es ſollten unſere Zimmer getrennt ſein. Was ſoll ich Ihnen noch mehr ſagen, mein Freund? Die Gefühle, oder vielmehr die Außenſeite einer Frömmigkeit, die er von Tag zu Tag mehr zur Schau ſtellte, ohne mich zu nöthigen, ihm nachzu⸗ ahmen, — ich laſſe ſeiner Toleranz Gerechtigkeit wider⸗ fahren, — mußten von mir bis auf den Schatten den Zweifel an der Regelmäßigkeit der Sitten meines Gat⸗ ten fern halten. Was dies betrifft, ich weiß es wohl, eine Frau von Verſtand muß einen großen Theil der Nachſicht für gewiſſe Verirrungen machen, und ſehr oft, ich geſtehe es, wird durch ihre Gemeinheit dieſe Nachſicht äußerſt leicht; ich würde ſie bis zum Stillſchweigen der Verachtung treiben, wäre nicht un⸗ glücklicher Weiſe meine Tochter in die Unſittlichkeit ihres Vaters eingeweiht worden. Hierin liegt, wie mir ſcheint, die Gefahr. Die Rathſchläge Ihrer Er⸗ fahrung, Ihrer Freundſchaft werden mir auch unent⸗ behrlich.“ Und aufs Neue nach dem Schlafzimmer hinhor⸗ chend, fügt Madame Verneuil, indem ſie ſich auf den Fußſpitzen gegen die Thüre wendet, bei: „Ich will mich verſichern, ob Emma immer noch ſchläft.“ „Edles Herz!“ dachte der Doctor Max, der der jungen Frau mit einem gerührten Blicke folgte. „Nie haben die Vernunft, die Selbſtachtung, die Nachſicht, die Selbſtverleugnung eine würdigere Sprache ge⸗ ſprochen!“ Xl. Nachdem ſich Madame Verneuil verſichert hatte, ihre Tochter ſchlafe ruhig, näherte ſie ſich wieder dem Doctor Max und ſagte zu ihm: „Emma ſchläft einen tiefen Schlaf. Ach! nun iſt es ihr Erwachen, was ich befürchte! es ſind ihre Fra⸗ gen; es iſt beſonders der Eindruck, den auf ſie die Gegenwart ihres Vaters machen wird, wenn er ſie „ zum erſten Male ſeit heute Morgen wiederſieht. Mein Freund, rathen Sie mir . . . Was thun? mein Gott! was thun? Wiſſen Sie, wovor ich bange habe? Daß dieſe arme Kleine den Widerwillen, den ihr Vater ihr fortan einflößen muß, nicht beſiegen kann . . und daß er eine Abneigung gegen dieſes Kind faßt. Ach!“ fügte die junge Frau weinend bei, „das wäre das Unglück meines Lebens!“ „Muth, meine liebe Adele; die Lage iſt allerdings ſehr ernſt, doch man muß ſie in Ueberlegung ziehen, ſtatt zu verzweifeln. Ja, Ihr trefflicher Verſtand be⸗ urtheilt die Dinge ſehr richtig; ja, das Aergerlichſte von Allem dem iſt, daß Ihre Tochter die von Ihrem Gatten an Charlotte gerichteten Worte hat ſagen hören: „„Ich wollte, meine Frau wäre todt. Du würdeſt die Herrin hier.““ Dieſe abſcheulichen Worte wiederholte Ihr armes Kind vorhin jeden Augenblick ſeines Offenherzig geſprochen, mein Freund, ich ve daß Herr Verneuil meinen Tod im Ernſte g wünſcht hat,“ erwiedert die junge Frau. Un 39 fügt mit einem Lächeln des Ekels bei: „Das ſind Liebesredensarten, würdig ſolcher Liebesverhältniſſe.“ „Es mag ſein! Doch Emma, begabt mit einem lebhaften, frühreifen Verſtande, tief für Eindrücke em⸗ pfänglich, liebt Sie, wie Sie ſie lieben, mit Vergöt⸗ terung. Noch zu jung, um die Uebertreibung dieſer beklagenswerthen Worte zu erkennen, wird ſie dieſelben für aufrichtig halten, und für ſie wird daraus immer hervorgehen, „„ihr Vater betrachte ſeine Dienerin als ſeine wahre Frau, und er möchte Sie gern todt ſehen.““ „Ah! mein Freund, Sie erſchrecken mich!“ „Meine liebe Adele, man muß vor Allem den Dingen auf den Grund gehen; dann ſucht man Nutzen daraus zu ziehen .. . ja, und vielleicht .. .“ ſagt der Doctor Mar nachdenkend, „vielleicht. . .“ „Wie! Sie hoffen?“ „Kommen wir auf Emma zurück. Ich theile Ihre Beſorgniſſe; ich befürchte, ſie kann die Angſt, vielleicht ſogar die Abneigung, die ihr Vater ihr fortan ein⸗ flößen wird, nicht überwinden. Man müßte alſo aus dem Geiſte dieſes Kindes die erſte Urſache ſeines Grolles zu tilgen ſuchen.“ „Bedenken Sie, mein Freund? Das iſt un⸗ möglich.“ „Wer weiß!“ „Was ſagen Sie?“ „Bin ich nicht der Teufel als Arzt und als ſolcher mit einer übernatürlichen Macht begabt?“ „Mein Freund, ich bitte, laſſen Sie uns ernſthaft reden * „Nun wohl! hören Sie meinen Plan; doch ſein — 40 Gelingen iſt ganz und gar dem Abgange von Char⸗ lotte untergeordnet.“ „Sie wird heute noch von hier weggehen: mein Entſchluß iſt gefaßt.“ „Doch Ihr Gatte?“ Ich werde ihm ohne Zorn, ohne Bitterkeit ſagen, ich wiſſe .. .“ „Oh! nehmen Sie ſich in Acht, meine liebe Adele! nehmen Sie ſich in Acht! Gott iſt mein Zeuge, ich billige, ich bewundere zu ſehr Ihre edle Nachſicht, als daß es mir einfallen ſollte, die Dinge gehäſſiger zu machen; doch im Intereſſe Ihrer Ruhe, Ihrer Zukunft muß ich Sie daran erinnern: Herr Verneuil iſt ein Heuchler. Nichts aber iſt unter gewiſſen Umſtänden gefährlicher, ungeſchickter, als den Heuchlern ihre Maske abzureißen. Da ſie dann keine Rückſichten mehr zu beobachten haben, ſo werden ſie zu Allem fähig.“ „Was alſo thun? Ich kann doch dieſe Dienerin nicht in meinem Hauſe behalten: ihre Gegenwart wird fortan meiner Tochter verhaßt, unerträglich ſein!“ Ich bin auch der Anſicht, daß Charlotte auf der Stelle entlaſſen werden muß; doch kein Wort zu ihr, oder zu Ihrem Gatten, was ſie auf die Vermuthung bringen kann, Sie ſeien von Allem unterrichtet. Iſt es nicht leicht, einen glaubwürdigen Vorwand zu fin⸗ den, um einen Dienſtboten zu entlaſſen?“ „Der Vorwand oder vielmehr der gerechte Grund dieſer Entlaſſung iſt gefunden. Charlotte benimmt ſich ſeit einiger Zeit ſehr ungezogen. Ich ſchrie dieſe Frechheit der Lebhaftigkeit ihres Charakters zu Nun aber bin ich entſchloſſen, ſie beim erſten unge 41 bührlichen Worte, das ſie mir erwiedert, zu bitten, von hier wegzugehen.“ „Vortrefflich! und um dieſer Maßregel mehr Nach⸗ druck zu geben und beſonders jeden Verdacht aus dem Geiſte Ihres Gatten zu entfernen, werden Sie Char⸗ lotte vor Zeugen, vor mir, zum Beiſpiel, entlaſſen. So daß im Nothfalle mein Zeugniß Herrn Verneuil in dem Gedanken, die Ungezogenheit dieſer Dienerin ſei die einzige Urſache ihres Abganges geweſen, be⸗ ſtärken könnte.“ „Sie ſehen für Alles vorher, vortrefflicher Freund! Dieſes Mädchen wird alſo von hier weggehen; doch die Gefahr, die ich fürchte, beſteht immer noch.“ „Sie befürchten, Emma werde ſich nicht enthalten können, ihrem Vater Widerwillen zu bezeigen?“ „Ach! ja „Hören Sie mich, meine liebe Adele. Ich nehme an, Charlotte ſei entlaſſen. Emma iſt ſchon von der Gegenwart einer der Perſonen befreit, deren Anblick ſie am grauſamſten an ihre Entdeckung von heute Morgen erinnert hätte; es wäre ſodann viel leichter, und das iſt meine Abſicht, Ihre Tochter zu überreden, was ſie bei Tagesanbruch in dem an das ihrige an⸗ ſtoßenden Zimmer geſehen und gehört, ſei nur ein Traum ihrer durch die Heftigkeit eines Fieberanfalls, der ſich ihrer in der Nacht bemächtigt, verwirrten Ein⸗ bildungskraft geweſen.“ „Ah! mein Freund, Sie retten uns.“ „Meine arme Adele, keine übertriebene Hoffnung; das Mittel iſt gewagt.“ Vertrauen Sie mir, mein Freund, um es zum guten Ziele zu führen; ich ſtehe hiefür.“ 42 „Täuſchen Sie ſich nicht, Ihre Tochter iſt ſehr verſtändig; es wird vielleicht ſchwierig ſein, ſie zu überzeugen, ſie ſei das Spielzeug einer Illuſion ge⸗ weſen.“ „Nein, nein.“ „Es iſt wahr, liebe Eingebildete, verſucht man dieſes Mittel binnen einigen Stunden, ſo wird der Geiſt von Emma, noch abgeſpannt durch die Erſchlaf⸗ fung, welche auf die Exaltation des Fiebers folgt, und geſchwächt durch den leichten Aderlaß, den ich bei ihr vorgenommen, nicht ſeine gewöhnliche Hellſichtigkeit wiedererlangt haben.“ „Das iſt augenſcheinlich.“ „Augenſcheinlich, nein, aber wahrſcheinlich, und hierauf rechne ich; denn ſchon heute Morgen hatte ſie, ſo zu ſagen, nicht mehr das Selbſtbewußtſein, als ſie „ dieſe unſelige Offenbarung vollendete: man darf alſo hoffen, die erſte Unruhe ihres Erwachens benützend eine ſolche Verwirrung in ihre Erinnerungen vom Tage zu bringen, daß Emma ſich in der That über⸗ zeugt, die Wirklichkeit ſei nur ein Traum.“ „Sie wird es glauben, mein Freund!“ rief die junge Frau, ſtrahlend vor Hoffnung; „ja, ſie wird es glauben, wenn ich es ihr verſichere! Armer Engel! Sie hat ſo viel Vertrauen zu meinen Worten. Oh die Lüge iſt heilig bei einem ſolchen Anlaß. Eine Vater die Zärtlichkeit, die Achtung ſeines Kindes wi dergeben!“ „Adele,“ ſprach der Doctor, „Sie ſind die n digſte, die edelſte Frau, die ich kenne.“ Was thue ich denn, wenn nicht meine die vorübergehende Verirrung ihr 43 Vaters verbergen; meinen Mann nicht wiſſen laſſen, daß ich von ſeiner Sittenloſigkeit unterrichtet bin; ihn nicht zwingen, vor mir zu erröthen; die Heiligkeit des chelichen Herdes vor Anſchuldigungen bewahren, von denen er nie befleckt werden darf; die Ruhe nach der Aufregung, die Sicherheit nach der Furcht wiederfin⸗ den; mit Glück in meiner Einſamkeit die Erziehung eines geliebten Kindes fortſetzen; ah! mein Freund, um ein ſolches Reſultat zu erlangen, iſt man zu Wun⸗ dern fähig; und um was handelt es ſich? um etwas ganz Einfaches: Emma überzeugen, ſie erinnere ſich nicht der Wirklichkeit, ſondern eines Traumes ihres Fieberanfalls! Sie werden mich beim Werke ſehen, mein Freund!“ fügte die junge Frau mit einem un⸗ beſchreiblichen Lächeln bei. „Es wird uns gelingen, ſage ich Ihnen. Ah! Sie haben das Genie des Her⸗ zens! Dieſes Rettungsmittel erſinnen!“ „Dieſes Mittel, haben Sie es nicht gefunden liebe Adele?“ „Ich 2“ „Was iſt der erſte Schrei Ihrer edlen, zarten Seele geweſen, als Ihnen heute Morgen Ihr Kind dieſe ſchändlichen Dinge offenbarte? „„Mein Kind, was Du mir da ſagſt, iſt unmöglich! Du täuſchſt Dich!“ riefen Sie aus, um nicht in den Augen ſeiner Tochter den Mann zu erniedrigen, der Sie beſchimpfte. Ich hoffe, Ihre edle Inſpiration zu verwirklichen, nicht mehr!“ Pbötzlich wird die Thüre geräuſchvoll geöffnet, und bharlotte tritt, das Geſicht purpurroth, das Auge ſlammend vor Zorn ein und ruft; ſich? ruft Charlotte, den Doctor mit einer Art von zor⸗ Achtung gegen den Herrn Doctor Max ſo gröblich verletzt, daß es mir unmöglich iſt, Sie länger in mei 44 „Madame, ich komme, um Ihnen zu ſagen, daß Ihre Köchin eine Canaille iſt!“ XII. Der Doctor Max, da er Charlotte in heftiger Aufregung in den Salon ſtürzen ſieht, reibt ſich die Hände und ſagt leiſe zu Madame Verneuil: „Ah! bei Gott! dieſe Dirne konnte nicht gelegener kommen. Wir ſuchten einen Anlaß; hier iſt er „Mademoiſelle, warum all dieſer Lärm?“ fragt Madame Verneuil mit ſtrengem Tone ihre Kammer⸗ frau. „Wiſſen Sie nicht, daß meine Jochter ſchläft?“ „Was macht das mir? Bilden Sie ſich zufällig ein, Madame, ich werde mich durch die Dummheiten Ihrer Köchin zu Tode ärgern laſſen?“ Meine Beſte, Sie ſind ſehr unverſchämt,“ ſpricht der Doctor Mar. „Madame müßte Sie auf der Stelle aus dem Hauſe jagen.“ „Was geht das Sie an! In was miſchen Sie nigen Furcht meſſend. „Gehen Sie zum Teufel! das iſt Ihr Patron! alter Hexenmeiſter!“ „Schweigen Sie, Mademviſelle, ſchweigen Sie verſett lebhaft Madams Verneuil. Ich habe lang zu lange Ihre Ungezogenheiten ertragen; meine G duld war erſchöpft! Sie haben überdies ſo eben d nem Dienſte zu behalten.“ 45 „Wie?“ ſtammelte Charlotte beſtürzt; „wie! Sie ſchicken mich weg?“ „Morgen früh werden Sie mein Haus verlaſſen.“ „Ah! Sie jagen mich fort!“ ruft Charlotte mit einem Ausbruche des Zorns; „ah! Sie jagen m fort!.. und noch in vierundzwanzig Stunden! ob ich eine Diebin wäre!“ * „Hinaus!“ ſpricht gebieteriſch der Doctor Mar „man risquirt, daß Sie durch Ihr Geſchrei das arme kranke Kind aufwecken!“ Bei dieſen Worten tritt Adele raſch an die Thüre des anſtoßenden Zimmers, wirft einen beſorgten Blick in dieſes, kommt dann zurück und ſagt: „Gott ſei Dank, meine Tochter ſchläft fort⸗ während.“ Bleich und bebend, unfähig, ein Wort auszuſpre⸗ chen, betrachtete Charlotte den Doctor Max, deſſen teufliſcher Bosheit ſie ihre Entlaſſung zuſchrieb, voll Grimm. „Sie haben mich gehört, Mademviſelle,“ ſagt Madame Verneuil; „Sie werden morgen dieſes Haus verlaſſen, und bis dahin verbiete ich Ihnen, wieder vor mir zu erſcheinen.“ Charlotte richtet ſich hoch auf, ſchleudert ihrer Ge⸗ en Blick des Haſſes, der Drohung und der etung zu und ſpricht mit einer dumpfen vor Wuth gebrochenen Stimme: „Madamte, wenn Jemand von hier weggejagt ſein o werde ich es nicht ſein, hören Sie? Erinnern deſſen! und Sie auch, alter Satan! Erin⸗ ſich!“ fügt die Dienerin bei, indem ſie dem ie Fauſt weiſt; und ſie geht ſo ungeſtüm ab, 46 8 daß ſie an Joſephine, die Köchin, ſtößt, mit der ſie auf der Thürſchwelle zuſammentrifft. „Wie böſe iſt ſie!“ dachte Joſephine. „Wie böſe iſt dieſe Charlotte, weil ſie ſich vom Herrn unter⸗ ſtützt fühlt.“ Und ſich an Adele wendend; „Madame Hermann fragt, ob ſie Madame . chen könne.“ „Ich hatte dieſes Rendez⸗vous vergeſſen,“ erwie⸗ dert die junge Frau. „Joſephine, bitten Sie die Dame, einen Augenblick warten zu wollen.“ „Ja, Madame.“ „Meine liebe Adele, ich verlaſſe Sie,“ ſagte der Doctor nach dem Abgange von Joſephine. „Faſſen wir uns kurz . . . „Mein Freund, Sie haben die freche Drohung dieſer Perſon gehört?“ „Das iſt Zorn, Brutalität, nicht mehr. Ich wollte behaupten, daß Ihr Gatte, wenn er die Urſache der Entlaſſung von Charlotte erfährt, es nicht wagen wird, ſich Ihrem Willen zu widerſetzen. Wir müßten bemüht ſein, unſern Plan bei Emma vor der Rück kehr von Herrn Verneuil zum Ziele zu führen. Um welche Stunde kommt er vom Miniſterium nach Hauſe?“ „Gewöhnlich um fünf Uhr.“ „Ich werde um drei Uhr wieder hier ſein; die ſchon ſehr merkliche Beſſerung, welche ſich im Zuſtande Ihrer Tochter ergeben hat, wird hoffentlich zunehmen, und wir werden es verſuchen, ſie zu überreden, ſie ſe heute Nacht das Spielzeug der Träume ihre Gehirns geweſen.“ — 47 Der Doctor reichte Adele die Hand. „Alſo auf baldiges Wiederſehen.“ „Ja, mein Freund, mein Retter. Ah! ich ver⸗ gaß „ fügte Madame Verneuil bei, als ſie den Doctor ſich entfernen ſah; „würden Sie die Gefällig⸗ keit haben, eine Dame, welche im Speiſezimmer war⸗ tet, zu bitten, eintreten zu wollen? Dieſer Beſuch iſt mir im gegenwärtigen Augenblicke unangenehm, Madame Hermann iſt aber eine meiner Freundinnen aus der Kindheit und von der Penſion. Ich habe ſie ſeit mehreren Jahren nicht geſehen. Ihr Familien⸗ name iſt Florence Duperron. Sie müſſen ſich erin⸗ nern, ſie bei meiner Mutter getroffen zu haben ... „Wie, dieſe Madame Hermann . . .“ „Woher kommt Ihr Erſtaunen?“ „Madame Hermann iſt von ihrem Manne ge⸗ trennt; der Proceß, der dieſer Trennung vorherge⸗ gangen iſt, hat in Marſeille einen ärgerlichen Wieder⸗ hall gehabt.“ „Was ſagen Sie mir da? Florence wohnte in der That in Marſeille, ich wußte aber nicht...“ „Jeder Sünde ſei Vergebung! Madame Hermann hat ſich vielleicht gebeſſert; doch nach den Verhand⸗ lungen des Scheidungsproceſſes zu urtheilen, iſt dieſe Perſon nicht ſehr würdig, von Ihnen empfangen zu werden, meine liebe Adele. Nun iſt es zu ſpät, ihrem Beſuche zu entgehen. Glauben Sie mir aber, empfan⸗ gen Sie Madame Hermann nicht mehr. Gott befoh⸗ len, auf baldiges Wiederſehen!“ „Florence von ihrem Manne getrennt!“ ſagte Adele Verneuil nach dem Abgange des Doctors zu ſich 48 ſelbſt. „Ich glaubte, ſie ſei ſo glücklich. Wahrhaftig, ich kann mich von meinem Erſtaunen nicht erholen. Nach dem, was mir der Doctor Max mittheilt, wird mir dieſe Zuſammenkunft, die ich leider nicht vermei⸗ den kann, peinlich werden; doch es wird wenigſtens die letzte ſein. Sehen wir, ob meine Tochter immer noch ſchläft,“ fügte die junge Frau bei. Und nach kurzer Abweſenheit zurückkehrend: „Emma ſchläft einen tiefen Schlaf; ihr Athem iſt immer weniger beklemmt. Dank, mein Gott! Dank!“ Ungefähr im Alter von Adele Verneuil, ſcheint Madame Hermann vermöge der jugendlichen Friſche ihres Geſichtes kaum zwanzig Jahre zu zählen. Sie iſt mit einer Eleganz vom beſten Geſchmacke gekleidet; ihre feine, regelmäßige Schönheit iſt entzückend; ein wenig Körperfülle thut der Vollkommenheit ihrer Taille keinen Eintrag; ihre lachende, glückliche, bis zum Uebermaße bewegliche Phyſiognomie offenbart eine un⸗ beſonnene Treuherzigkeit, eine außerordentliche Leichtig⸗ keit des Charakters, aber auch die Abweſenheit jeder Falſchheit, jedes böſen Inſtinctes; es iſt die Aufrichtig⸗ keit in der Inconſequenz; es iſt die Ausdehnung von leichten und nicht verderbten Sitten; man erräth in dieſer jungen Frau eine angeborene Güte, ein edles Naturell, das ärgerliche Verirrungen noch nicht zu verſchlimmern vermocht haben. Mit einem Worte, wie Adele Verneuil in ihrer keuſchen Gemüthlichkeit das Ideal der Frau der Pflicht bietet, ſo bietet Florence Hermann in ihrer wollüſtigen Entfaltung den Typus der ſinnlichen Frau, welche ihr Organismus (würde der Doctor 49 Mar ſagen) wenigſtens ebenſo ſehr als die Schwäche ihrer Moralität faſt unfähig machen, gegen ihre Hin⸗ reißungen zu kämpfen. XIII. Madame Verneuil verbirgt kaum die Verlegenheit, die ihr der Beſuch von Florence Hermann verurſacht, und betrachtet dieſe Anfangs ſtillſchweigend, — nicht minder geblendet von ihrer Schönheit, als peinlich erſtaunt über das lachende ungezwungene Weſen dieſer Frau, auf der eine ärgerliche Vergangenheit laſtet. Bewegt durch das Vergnügen, eine Gefährtin aus ihrer erſten Jugend wiederzuſehen, und überdies wenig Beobachterin, bemerkt Florence die Kälte ihrer Freun⸗ din nicht, und umarmt ſie mit einem ſo zärtlichen Erguſſe, daß Adele, gerührt von dieſen Liebkoſungen, tauſend Erinnerungen an eine ihrer Zeit innige Ver⸗ bindung in ſich wiedererwachen fühlt und nicht den Muth hat, bei der Strenge ihres Empfanges zu be⸗ harren. „Wie glücklich bin ich, Dich wiederzuſehen, liebe Adele!“ ſagt Florence Hermann. „Mein einziger Gedanke bei meiner Ankunft geſtern in Paris iſt ge⸗ weſen: Dich wiederſehen, Dich, meine beſte Freun⸗ din!“ Dann Adele mit einer liebevollen Neugierde betrachtend: „Du biſt immer reizend! Du biſt immer die Sylphide! Nur ſcheint mir Deine Phyſiognomie ernſt geworden zu ſein.“ Ich habe zwei Kinder, meine liebe Florence.“ Sue der Teufel als Arzt. I. 4 5 50 „Kleine Engel deſſen bin ich ſicher; ſie müſſen Dir gleichen. Oh! Du biſt ſehr glücklich, daß Du Kinder haſt!“ „Dieſes Glück hat ſeine Wolken; in dieſem Au⸗ genblicke iſt meine Tochter ſehr leidend.“ „Arme Freundin, wahrhaftig? Und was hat ſie denn, dieſe theure Kleine?“ „Einen heftigen Fieberanfall. Doch Gott ſei Dank! nun geht es beſſer.“ „Das entzückt mich. Und Dein anderes Kind, iſt es auch ein Mädchen?“ „Nein, es iſt ein Knabe; er iſt im Collége.“ „Ich wiederhole, Du biſt ſehr glücklich, daß Du Kinder haſt. Ah! wenn ich Kinder gehabt hätte!“ fügt Florence ſeufzend bei; „ich wäre vielleicht nicht von meinem Manne getrennt. Denn Du weißt nicht, ich bin von meinem Manne ſeit drei Jahren geſchieden.“ „Florence,“ erwiedert ernſt Madame Verneuil, „ich habe ſo eben erſt durch Zufall dieſen grauſamen Umſtand Deines Lebens erfahren.“ „Oh! ja, grauſam, ſehr grauſam. Das ſchien mir Anfangs ſo gräßlich, daß ich mich tödten wollte; ich habe mich auch ins Waſſer geſtürzt.“ „Großer Gott!“ „Ohl ich that das, wie man zu ſagen pflegt, von Herzen gern! Doch es war nur drei Fuß tief Waſſer in dem Baſſin, wo ich zu ertrinken hoffte. Und ſo kam ich mit einem ſtarken Schnupfen davon. Im Ganzen geſtehe ich Dir nun offenherzig, ich will lieber leben, als todt ſein. Es iſt ſo gut, ſo ſchön, ſo hei⸗ ter, das Leben!“ 51 „Ich ſehe, daß Du weniger zu beklagen biſt, oder vielmehr mehr zu beklagen biſt, als ich dachte.“ „Vielleicht wohl,“ antwortete unbeſonnen Madame Hermann, ohne den Sinn der Erwiederung ihrer Freundin zu ergründen. „Mit zwei Worten die Geſchichte meiner Trennung. Ich hatte Charles aus Liebe ge⸗ heirathet. Er war reizend und, obgleich von deutſcher. Abſtammung, liebenswürdig, witzig wie ein Franzoſe. Sein Vermögen kam dem meinigen gleich. Von Allen geachtet als einer der ehrenwertheſten Kaufleute von Marſeille. Zärtlich, zuvorkommend, aufmerkſam gegen mich . . Höre, Geliebte, ich vermöchte nie genug Gutes von ihm zu ſagen: ich betete ihn an, und dennoch habe ich ihn betrogen!“ „Ah! Florence!“ „Ja, ich betete Charles an, und ich habe ihn betrogen. Ich hatte ihn jedoch zum Voraus davon in Kenntniß geſetzt, und ich habe wenigſtens dieſen Troſt für mich!“ „Wie?“ erwiedert Madame Verneuil tief erſtaunt, „Du haſt ihn davon in Kenntniß geſetzt, daß . . .“ „Mit einem Worte, ich geſtand ihm aufrichtig meine lebhafte Angſt, ihn eine lange Reiſe in Deutſch⸗ land unternehmen zu ſehen. Ich bat Charles inſtän⸗ dig, mich mitzunehmen, und verbarg ihm nicht, daß ich die Einſamkeit fürchte. Er lachte; er glaubte, ich ſcherze, während ich ſo ernſthaft ſprach, daß ich weinte. Ah! ich kenne mich auch ſo gut! Ich fürch⸗ tete die Abweſenheit meines Mannes, die Einſamkeit, die Langweile, die Unthätigkeit, was weiß ich? Kurz, ich hatte eine Ahnung von dem Unglück, das geſchehen iſt. Was willſt Du? ich verberge meine Schwäche 52 nicht ich muß irgend Jemand lieben, nicht in der Entfernung, ſondern da, wo ich ſelbſt ſeufze.“ „Wie! iſt die Erinnerung nicht immer gegenwärtig in einem wahrhaft liebenden Herzen?“ „Dem Herzen einer Sybphide wie Du, liebe Adele, kann die Erinnerung genügen, doch bei mir iſt es etwas Anderes! . . . Immerhin bleibt gewiß, daß es ein wenig Schuld meines Mannes iſt. . und auch die Deine, wenn ich ihn betrogen habe.“ „Meine Schuld?“ „Gewiß .. . Du erinnerſt Dich Deines Vetters Erneſt Beaumont?“ „Ich habe ihm das beſte Andenken bewahrt, ob⸗ ſchon ich ihn ſeit bald vierzehn Jahren, wo er ſich eingeſchifft hat, nicht mehr geſehen.“ „Sei glücklich, Du wirſt ihn bald, vielleicht heute wiederſehen.“ „Meine liebe Florence,“ erwiederte Madame Ver⸗ neuil mit einer ſtrengen Würde, „Herr Erneſt Beau⸗ mt „Oh! das iſt ein ſehr ceremoniöſes „„Herr Erneſt Beaumont!““ verſetzte lachend Florence Hermann; „warum ſagſt Du nicht einfach „„Erneſt?““ Du biſt nie ſehr zu vertraulichen Bekenntniſſen geneigt gewe⸗ ſen; trotz Deiner Zurückhaltung habe ich aber einſt errathen, daß Du ihn liebteſt.“ „Ich habe keinen meiner Gedanken zu verheim⸗ lichen,“ antwortete Madame Verneuil mit einem Tone ruhiger Sicherheit. „Ja, zur Zeit meiner erſten Ju⸗ gend hatten mein Vetter Beaumont und ich an Möglichkeit einer Heirath gedacht; meine Familie unſeren Plan nicht gebilligt. Herr Erneſt Bea 53 iſt bei der Marine eingetreten. Ich habe mich mit meinem freien Willen verheirathet . . . Ich wieder⸗ hole, daß ich das beſte Andenken für meinen Vetter bewahrt habe, und ich will gern glauben, ich glaube, daß er dieſes Andenkens ſtets würdig iſt.“ „Er iſt entzückend, meine liebe Adele; das iſt ein wahrer Romanheld!“ „Verzeih,“ unterbrach Adele, „Du haſt mir ſo eben ein paar Worte geſagt, die mich betrüben.“ „Welche Worte?“ fragte Florence. „Deiner Meinung nach wäre ich der Urſache Deiner Trennung nicht fremd geweſen. Das iſt ohne Zweifel ein Scherz! In jedem Falle iſt er traurig, denn dieſe Scheidung und ihre Folgen werden immer für Dich ein unwiederbringliches Unglück ſein.“ „Du wirſt mein Raiſonnement ſogleich begreifen; es iſt ſehr einfach. Hätte ich Dich nicht gekannt, ſo würde ich Deinen Vetter Erneſt nicht gekannt haben, und hätte ich Deinen Vetter Erneſt nicht gekannt ...“ „Wie! er iſt es?“ „Nein, nein, er iſt es nicht,“ antwortete lachend Florence; „beruhige Dich, liebe Eiferſüchtige!“ „Florence!“ ſagte lebhaft und ſtreng Madame Verneuil, „dieſe Leichtfertigkeit der Worte ..“ „Es iſt wahr, ich habe Unrecht, ich bin eine Un⸗ beſonnene,“ erwiedert Madame Hermann mit einem Ausdrucke ſo aufrichtigen Bedauerns, daß ſie ihre Freundin entwaffnet. „Ich habe Dich ohne eine böſe Abſicht verletzt; zanke mich und verzeih mir.“ „Ich muß wohl, Tolle, verſetzt Madame Ver⸗ neuil, und ſie fügt halb lächelnd bei: „Die Zeit hat Dich in Deiner Unbeſonnenheit nicht gebeſſert; Du 54 biſt in moraliſcher und phyſiſcher Hinſicht immer noch zwanzig Jahre alt.“ „Soll ich mich hierüber beklagen, Geliebte? Ich weiß nicht. Nun, Du haſt mir vergeben; ich ſetze mein Raiſonnement fort. Würde ich, ſage ich, Deinen Vetter Erneſt nicht gekannt haben, ſo hätte ich Leon nicht kennen lernen.“ „Leon?“ „Ja, Leon! um deſſen willen ich Charles ver⸗ geſſen habe! Ah! meine theure Adele, welch ein Ro⸗ man! ich vollende ihn mit zwei Worten: Mein Mann war ſeit acht Tagen abgereiſt; ich hatte alle Thränen geweint, die ich während meiner ſchlafloſen Nächte weinen konnte, und dieſe lange Trennung fing kaum an! Sie ſollte drei Monate dauern. Drei Monate! ein Jahrhundert, wenn man liebt! Müde, zu weinen, ging ich einſam, wie eine Seele im Fegfeuer, am Ufer des Meeres ſpazieren; ich hoffte hier vielleicht die Poeſie der Abweſenheit zu finden, um meinen Kum⸗ mer zu mildern; aber, ach! ich mochte immerhin die am Geſtade verſcheidenden Wogen, die am Horizont hinfliehenden Wolken, den auf den Wellen ſich wie⸗ genden Eisvogel u. ſ. w. u. ſ. w. betrachten, ich kam wieder darauf zurück, daß ich mir ſagte: Die Wogen, die Wolken, die Eisvögel geben mir meinen Char⸗ les nicht! Ich werde ihn erſt in drei Monaten wiederſehen! Kurz, ſtatt mich zu tröſten, machte die⸗ ſes großartige, melancholiſche Schauſpiel der Einſam⸗ keit des Meeres meine Einſamkeit noch troſtloſer! Ich zerfloß in Thränen; ich verzweifelte, als ich, unter mei⸗ ner Verzweiflung, am Ufer Herrn Erneſt Beaumon landen ſah. Sein Schiff lag im Hafen vor Anker, 55 Das Geſicht Deines Vetters iſt ſo merkwürdig, nicht durch ſeine Schönheit vielleicht, ſondern durch den Aus⸗ druck ſeiner Züge . . . Unter uns geſagt, ich habe nie den ſeinigen ähnliche Augen getroffen, Augen von einem ſanften Blau, mit ſo ſchwarzen, ſo langen Wimpern, und .. .“ „Ich bitte Dich, Florence, kürze die Einzelhei⸗ ten ab.“ „Nun, ich habe ſogleich Erneſt erkannt. Er war übrigens um einen Fuß gewachſen, und ſein Teint, ſtatt wie einſt ſo weiß zu ſein wie der eines Mädchens, hatte ſich gebräunt, wie der eines alten Matroſen, ohne von einem leichten ſchwarzen Barte zu ſprechen, der ihm vortrefflich ſtand.“ „Abermals!“ ruft Madame Verneuil, ohne ihre Ungeduld zu verbergen. „Du haſt einen ſeltſamen Geſchmack für die Signalements!“ „Was willſt Du, es gibt Phyſiognomien, von denen man betroffen iſt, und die man nie mehr ver⸗ gißt. Die Deines Vetters gehört zu dieſer Zahl, die meinige aber durchaus nicht, denn ich war genöthigt, mich zu nennen, daß er mich erkannte. Da überhäufte er mich mit Fragen über Dich; er war von Deiner Heirath unterrichtet, denn er erkundigte ſich bei mir mit einer gewiſſen Unruhe, ob Du glücklich ſeiſt. Wor⸗ auf ich antwortete, ich hoffe es .. Doch mir fällt ein, liebe Adele, biſt Du glücklich? iſt meine Hoffnung eine Wirklichkeit?“ „Ich bin ſehr glücklich.“ „Ah! deſto beſſer. Nun, nachdem ich alle Fragen beantwortet, deren Gegenſtand Du von Seiten Deines Vetters warſt, ſchlug ich ihm natürlich vor, mich zu 56 beſuchen; er nimmt es an und benützt mein Aner⸗ bieten, um mir einen jungen Mann vorzuſtellen, der ihn begleitete, und der ganz glich .. .“ * „Du wirſt mir wohl dieſes neue Signalement er⸗ laſſen.“ „Ich ging in dieſe Details ein, weil es ſich um Herrn Leon Dumirail handelte. . . . Er war es. Er reiſte als Touriſt an Bord des Schiffes Deines Vetters. Beide machten mir am andern Tage einen Beſuch. Herr Erneſt ſprach viel mit mir von Dir. Herr Leon ſchaute mich unabläſſig an; er kam am zweiten Tage allein wieder, und ſagte mir, Herr Erneſt ſei nach Indien unter Segel gegangen, er aber ver⸗ zichte auf ſeine Reiſepläne, da er es vorziehe, in Mar⸗ ſeille zu bleiben. Er iſt dort geblieben, ich habe ihn oft wiedergeſehen, zu oft,“ fügte Madame Hermann ſeufzend bei. „Ach! meine arme Geliebte, Du erräthſt das Uebrige.“ „Leider!“ „Oh! ja,“ ſprach Florence mit einer ſo wahren Gemütbserſchütterung, daß ihr bewegliches, reizendes Geſicht ſich plötzlich verdüſterte und eine tiefe Traurig⸗ keit ausdrückte, „oh! ja, dieſer Fehler war ein großes Unglück, denn bei der Rückkehr meines Mannes . Doch Du wirſt mir vielleicht nicht glauben, und den⸗ noch iſt es die Wahrheit: warum ſollte ich lügen?“ „Vollende.“ — „Nun wohl, als ich Charles wiederſah, da ehre meine Liebe mit ſeiner Gegenwart zurück, ſo lebhaft, lebhafter als in der Vergangenheit; denn ich hatte eine große Schuld mir vorzuwerfen, zu ſühnen. ſcheint Dir unglaublich?“ 57 „Unglaublich, nein, da Du es ſagſt, doch unbe⸗ greiflich.“ „Immerhin iſt es gewiß, daß der Anblick meines Mannes, ſein zärtlicher, vertrauensvoller Empfang nach dieſer langen Trennung mir einen Abſcheu vor mir ſelbſt einflößten! Ich hatte ihn niederträchtig, ohne Scham, ohne Skrupel betrogen! Plötzlich fühlte ich auch einen ſo ſchmerzlichen, ſo verzweifelten Ge⸗ wiſſensbiß, daß ich Charles ſchluchzend um den Hals fiel; ich geſtand ihm offen meinen Fehler, von dem er nicht die leiſeſte Ahnung hatte, und . ..“ Hier unterbricht ſich Florence und drückt ihr Ta⸗ ſchenkuch an ihre in Thränen gebadeten Augen; dann fügt ſie mit bebender Stimme bei: „Adele, die Trennung iſt vor drei Jahren ge⸗ ſchehen, und Du ſiehſt, bei dieſer Erinnerung weine ich noch.“ „Die Aufrichtigkeit Deiner Reue rührt mich, meine arme Florence,“ erwiedert Madame Verneuil bewegt; „trotz Deiner Verirrungen iſt wenigſtens Dein Herz gut geblieben.“ „Oh! was das betrifft, ja; wenn ich zahlreiche Fehler habe, ſo bin ich doch wenigſtens nicht böſe,“ ſpricht Florence ihre Thränen abwiſchend. „Ah! hätte ſich Charles nachſichtig gegen mich benommen, ſo war ich gerettet! ich hätte ihn geſegnet, angebetet wie einen Gott! Ihn abermals betrügen nach einer ſo edlen Verzeihung, nie würde ich den Gedanken, den Muth hiezu gebabt haben! Doch nein, ſtatt empfänglich für das freiwillige Geſtändniß meines Fehlers zu ſein, hat er mich mit der ſchimpflichſten Verachtung behandelt. Dieſe Verachtung, ich verdiente ſie, das fühlte ich. Ganz — 53 von Sinnen, ſtürzte ich mich auch in das Baſſin un⸗ ſeres Gartens, wo ich ſtatt des Todes, den ich ſuchte, nur einen Schnupfen fand, abgeſehen davon, daß ſich meine Haare mit den Binſen im Baſſin vermengt hatten, ſo daß ich, als man mich aus dem Waſſer zog, einer Najade glich.“ Die Züge von Madame Hermann erheitern ſich wieder allmälig; ſie lacht. „Was für eine ſonderbare Frau bin ich doch! So eben weinte ich, nun lache ich; aber man iſt, was man iſt; dagegen gibt es kein Mittel, nicht wahr, Adele?“ „Ich befürchte es.“ „Noch am Tage des Bekenntniſſes meiner Schwäche, hat mein Mann ſeine Klage wegen Ehebruchs an⸗ hängig gemacht. Ich wollte nichts leugnen. Es kommt zu einem ſcandalöſen Proceſſe; meine Scheidung von Tiſch und Bett wird ausgeſprochen; ich gelange wieder in den Beſitz meiner Mitgift, ungefähr zwanzig⸗ tauſend Livres Einkünfte, und werde, wie Leon, zu ſechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Ich habe dieſe Zeit in einem Krankenhauſe zugebracht, denn der Kum⸗ mer hatte mich ſehr krank gemacht. Nach Ablauf meiner Strafzeit ſind Leon und ich nach Italien ab⸗ gereiſt. Ah! liebe Adele, welch eine entzückende Reiſe! Mailand! der Comer See! Venedig und ſeine Gon⸗ deln! Wir blieben mit Leon ganze Nächte in den Gondeln beim herrlichſten Mondſcheine. Was willſt Du! Von meinem Manne verſtoßen, ſuchte ich einen Troſt, ein Zuflucht, eine Zukunft in der Liebe von Leon. Oh! ich ſchwöre es Dir, ich hätte mich nie von ihm getrennt, denn ich verlange nichts Anderes als 59 treu zu ſein! vorausgeſetzt, daß man es mir iſt und mich nicht verläßt. Doch in Neapel hat ſich Leon in eine Sängerin des St. Carlotheaters verliebt und mich verlaſſen.“ „Oh! das iſt ſchändlich!“ „Nicht wahr? Und das war um ſo ſchlimmer, als ich nur einen Wunſch hatte: meine Tage bei ihm zubringen, beſchließen. Ich habe auch lange über ſeine Untreue geweint. Doch es iſt keine Galle in meiner Seele ich ſuchte Leon zu entſchuldigen, indem ich mir geſtand, es ſei im Ganzen nichts Außerordent⸗ liches dabei, daß er mir Fiorina (ſie hieß Fiorina), eine ver erſten Sängerinnen Italiens und ſchön wie der Tag, vorgezogen. Ich mußte endlich wohl meinen Entſchluß bei dieſem Mißgeſchicke faſſen und mich zu tröſten ſuchen. Eine von ihrem Manne geſchiedene Frau ohne Kinder hat kein Band mehr. Mein Oheim und meine Tante wollten mich nicht wiederſehen. Ich verließ Neapel, und in Rom in Rom „Warum unterbrichſt Du Dich?“ „Dein Mitleid für mich wird ſich vielleicht in Verachtung, in Widerwillen verwandeln.“ „Woher ſollten bei mir dieſe Verachtung, dieſer Widerwille kommen, Florence?“ „Troſtlos über das Verlaſſen von Leon, hatte ich keine Thränen mehr zu weinen. Ich langweilte mich zu Tode; doch glaube mir, meine letzte Verbindung, die ich Dir kaum zu geſtehen wage, wird nur mit mei⸗ nem Leben enden.“ „Oh! die Unglückliche! ſie iſt verloren!“ ſagte Madame Verneuil ſchmerzlich ergriffen zu ſich ſelbſt; 60 „ „ſie iſt verloren. Und die Milde ihres Gatten konnte ſie retten!“ „Adele,“ ſprach Madame Hermann mit furcht⸗ ſamem Tone, „Du verachteſt mich?“ „Ich beklage Dich, armes Weib!“ 3 „Wenn Du wüßteſt, welche Zuneigung Franz von Hasfeld für mich hat! Er iſt Ungar, voll Gemüth und Redlichkeit; wir haben uns verſprochen, uns immer zu lieben.“ Die einen Augenblick verdüſterte Stirne von Florence klärt ſich aufs Neue auf, und ſie fährt, der Beweglichkeit ihrer Eindrücke nachgebend, fort: „Franz und ich, wir haben einen köſtlichen Aus⸗ flug durch Ungarn und durch Tyrol unternommen. Welch ein wildes Land! was für pittoreske Gegenden! Wir durchreiſten die Gebirge zu Pferde. Ich kleidete mich als Mann. Die ungariſche Nationaltracht iſt⸗ reizend. Franz fand, ſie ſtehe mir zum Entzücken. Wir bewunderten ſodann die herrlichen Ufer des Rheins, auf dem wir hinabfuhren. Von da begaben wir uns nach dem Havre, um die Seebäder zu gebrauchen. Errathe nun, wer eine der erſten Perſonen iſt, die ich in dieſem Hafen getroffen habe? Dein Vetter, Herr Erneſt. Er kam von Jle de France an.“ „Meine liebe Florence,“ verſetzt Madame Verneuil mit einer leichten Verlegenheit, „ich . . .“ „Meine Bekenntniſſe langweilen Dich?“ „Nein, ſie betrüben mich tief, und . „Beruhige Dich, ich werde nicht mehr von mir ſprechen, ſondern von Deinem Vetter.“ „Allerdings,“ erwiedert Adele, ihre peinliche Un⸗ geduld bewältigend, „ich vermöchte allerdings nicht —— — 61 gleichgültig bei dem zu bleiben, was eine meiner Zu⸗ neigung und meiner Achtung würdige Perſon betrifft, ah „Dann laß mich vollenden, Du wirſt es nicht be⸗ reuen, mich angehört zu haben. Die erſte Frage von Erneſt, als er mir begegnete, war wieder: „„Und Adele?““ Denn er war ſeit unſerem letzten Zuſam⸗ mentreffen in Marſeille beinahe immer zu Schiffe geblie⸗ ben. Ich antwortete ihm, ſeit langer Zeit habe ich keine Na chricht von Dir. Ich erfuhr von ihm, er habe im Sinne, nur einen Tag in Paris zuzubringen, um Dich zu ſehen, dann werde er wieder in See gehen. Er hat uns ſehr oft beſucht während unſeres Aufent⸗ haltes im Havre. Franz ward ganz begeiſtert für Dei⸗ nen Vetter, und ich auch, doch in allen Ehren,“ fügt Madame Hermann lächelnd bei. „Du kannſt Dir nicht vorſtellen, wie intereſſant er zu hören iſt, wenn er von ſeinen Reiſen erzählt! Welch ein zugleich rei⸗ zender und erhabener Geiſt! Wir ſind an Bord ſei⸗ nes Schiffes gegangen. Er hat, — denn er hat ſich ein ſehr ſchönes Vermögen erworben, — er hat dieſen prächtigen Dreimaſter gekauft, um zu Hauſe zu ſein, wie er uns ſagte; und errathe, welchen Namen er ſei⸗ nem Schiffe gegeben?“ „Ich weiß es nicht.“ „Er hat ihn die Adele getauft.“ „Ich geſtehe, Florence, ich bin gerührt von dieſer freundſchaftlichen Frinnerung.“ „Wenn Du ſäheſt, Geliebte, mit welcher Coquet⸗ terie er dieſes Schiff geſchmückt hat! Sein Rumpf iſt weiß und azurblau angemalt. Ich wette, Du ziehſt die blaue Farbe allen andern vor?“ „Das iſt wahr.“ „Ich war deſſen ſicher! Das Hintertheil des Schiffes iſt köſtlich geſchnitzt, und man lieſt daran in großen goldenen Buchſtaben auf blauem Grunde: Adele.“ „Armer Vetter!“ ſagte Madame Verneuil ſchwer⸗ müthig lächelnd, indeß Florence fortfuhr. „Herr Erneſt wird von ſeinen Matroſen angebetet. Er ſoll bei verſchiedenen Veranlaſſungen Proben von Heldenmuth und Seelengüte abgelegt haben. Einmal, unter Anderem, fällt bei einem ſehr ſchlechten Wetter ein armer Schifſsjunge ins Meer; Dein Vetter wirft ſich, trotz einer Todesgefahr, in die Wellen, und es gelingt ihm, das Kind zu retten.“ „Edles, muthiges Herz!“ dachte Madame Ver⸗ neuil; „er hat ſich nicht geändert.“ „Ein ander Mal wurde ſein Schiff von Seeräu⸗ bern an der Küſte von Japan angegriffen. Der Lieu⸗ tenant ſagte uns, Herr Erneſt habe bei dieſem heftigen Kampfe eine unglaubliche Kaltblütigkeit und Uner⸗ ſchrockenheit gezeigt. Ohne⸗ihn, ohne die Begeiſterung, die er ſeinen Leuten einflößte, wäre die Mannſchaft niedergemetzelt worden. Dein Vetter hat bei dieſem mörderiſchen Angriffe zwei ſchwere Wunden bekommen.“ „Mein Gott!“ rief Adele, „und die Folgen dieſer Wunden, ſind ſie ſeiner Geſundheit nachtheilig ge⸗ weſen? „Nicht, daß ich wüßte,“ erwiederte Florence, „denn als wir, Franz und ich, das Geſpräch auf dieſen Kampf bringen wollten, hat Erneſt mit einer feinen Beſchei⸗ denheit der Converſation eine andere Richtung gege⸗ ben. Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß er während der 63 langen Stunden ſeiner Fahrten die Malerei fortgeſetzt hat. Wir haben an Bord ſein Zimmer beſichtigt: das iſt ein wahres Muſeum. Man findet die Anſichten von allen Ländern, die er durchreiſt hat, und Genre⸗ bilder mit einem bewunderungswürdigen Talente gemalt.“ „Es muß in der That nichts intereſſanter, anzie⸗ hender ſein, als dieſe Gemälde. Wie lobe ich es, daß mein Vetter eine Kunſt cultivirt, für die er ſo viel Beruf in ſich fühlte.“ „Sein Beruf hat ihn nicht getäuſcht. Franz, der ein Kenner von Gemälden iſt, ſagte mir, Dein Vetter ſei ein Künſtler erſten Ranges. In dieſer Hinſicht habe ich eine ſeltſame Bemerkung gemacht. Er hat neben ſeinem Zimmer ein Cabinet, das als Bibliothek dient; hier hing am Täfelwerk ein durch beide Flügel ge⸗ ſchloſſener Rahmen, ein Gegenſtück des Portraits der Mutter von Herrn Erneſt bildend. Ich fragte ihn, was dieſer geheimnißvolle Rahmen enthalte. Er er⸗ röthete, lächelte traurig und umging es, mir zu ant⸗ worten. Nun wohl, ich wollte wetten, meine Liebe, dieſer Rahmen enthält Dein Portrait, gemalt aus der Erinnerung, und ich . . .“ „Meine liebe Florence, ich habe Dich mit Ver⸗ gnügen angehört, ſo lange ſich Deine Erzählung auf intereſſante Einzelnheiten über die Laufbahn von Herrn Erneſt Beaumont beſchränkte. Was die, meiner An⸗ ſicht nach wenig begründete, Annahme betrifft, der Rahmen, von dem Du ſprichſt, enthalte mein Por⸗ trait, — ich vermöchte ſie nicht zuzugeben; ich bitte Dich, nicht bei einem ſolchen Gegenſtande zu be⸗ harren!“ — 64 Mein Gott! wie ſtreng biſt Du! „Wie, die Liebe dieſes armen Erneſt iſt Dir nicht. „Genug, genug!“ erwiederte eriſt Verneuil. „Ich habe eine zu hohe Meinung von Herrn Beau⸗ mont, um nicht ſicher zu ſein, daß er ſich nie erlaubt hat, ein Wort in Beziehung auf das Gefühl zu ſagen, das Du ihm beharrlich mit einem unbegreiflichen Leichtſinne andichteſt.“ „Oh! allerdings ſcheinbar, erkundigte er ſich nach Dir im Namen des Intereſſes, zu dem Eure Fami⸗ lien⸗ und Freundſchaftsbeziehungen berechtigten; er ſprach von Dir nur mit einer außerordentlichen Zurück⸗ haltung; unwillkürlich aber, wenn er Deinen Namen nannte, befeuchtete ſich oft ſein Auge mit Thränen.“ „Meine liebe Florence, Du ſcheinſt mir einen ſehr wichtigen Umſtand völlig zu vergeſſen. „Welchen denn?“ „Daß ich nicht mehr Mademviſelle Adele Regnier, ſondern Madame Verneuil heiße.“ „Was iſt denn Schlimmes daran, wenn ich Dir ſche. „Es gibt Nuancen, die Du nicht oder nicht mehr erfaſſen kannſt, meine liebe Florence; das betrübt mich; es ſei alſo nicht mehr zwiſchen uns von Herrn Erneſt Beaumont die Rede.“ „Deine Bemerkung iſt richtig, ſehr richtig,“ ſagte Madame Hermann mit ihrer gewöhnlichen Offenher⸗ zigkeit; dann, nach einigen Augenblicken der Ueber⸗ legung „ich bin eine Unbeſonnene! Sollte man nicht glauben, ich erſcheine hier, um Dir eine Erklärung im Auftrage Deines armen Vetters zu machen? Ein ſolcher Gedanke von mir wäre ſo verletzend für Dich, — 65 fur ihn, und ich füge bei, ſo ſchmählich für mich, daß Du mir hoffentlich glauben wirſt, er ſei mir nie in den Sinn gekommen. Adele,“ ſprach die junge Frau mit innigem Tone, „ich bin leichtſinnig, unbedacht in meinen Worten geweſen, doch ich gab einzig und allein dem Vergnügen nach, Dir mitzutheilen, die Ab⸗ weſenheit, weit entfernt, ſie zu ſchwächen, ſcheine eher die Zuneigung Deines Vetters für Dich vermehrt zu haben. Das iſt mein Verbrechen, verzeih es mir!“ „Von Herzen gern,“ antwortete Madame Ver⸗ neuil. Und nach der Pendeluhr ſchauend, ſagte ſie verlegen; „Es iſt bald drei Uhr; ich erwarte meinen Arzt. Ich bitte Dich, mich zu entſchuldigen; meine Tochter iſt, obſchon ſich ihr Zuſtand gebeſſert hat, immer noch leidend.“ „Liebe Adele, muß man unter Freunden nicht ohne Umſtände handeln? Guten Tag . . . Wann kann ich Dich wieder ſehen? Dein Empfang hat mich tief gerührt. Du biſt edelmüthiger, als meine Familie.“ Und eine Thräne trat in die Angen von Madame Hermann. Ja, ein ſolcher Empfang von Seiten einer ſo ehrenwerthen Frau wie Du erhebt mich, ermuthigt mich wieder. Du haſt meine aufrichtige, oh! ſehr auf⸗ richtige Beichte gehört. Du mußteſt erkennen, wenn ich unverzeihliche Fehler begangen habe, ſo haben mich die Umſtände, die unſelige Schwäche meines Charak⸗ ters hingeriſſen. Ich geſtehe Dir, da ich weiß, wie feſt Dein Charakter, wie ſicher Deine Freundſchaft iſt, ſo habe ich ſehr auf Deine guten Rathſchläge, auf Deine Unterſtützung, auf Deinen heilſamen Einfluß gerechnet! Mein Gott! im Guten wie im Schlimmen Sue der Teufer als Arzt. I. 5 66 bin ich ſelten etwas Anderes, als das, was man aus mir macht. Bewillige mir nur ein paar Stunden von Zeit zu Zeit: ich werde nicht überläſtig ſein; Du wirſt mich ſehr glücklich machen und ein gutes Werk thun; wahrlich, Adele, wahrlich!“ Madame Hermann ſpricht dieſe letzten Worte mit ſo viel Beſcheidenheit und mit ſo vertrauensvollem Erguſſe, daß ihre Freundin ebenfalls ihre Augen ſich von Thränen befeuchten fühlt. „Arme Frau! ſie rührt mich, und dennoch ... nein, nein, das iſt unmöglich!“ denkt Madame Ver⸗ neuil; und ſie erwiedert laut: „Meine liebe Florence, ich habe zahlreiche Pflich⸗ ten zu erfüllen; die Geſundheit meiner Tochter wird von mir unabläſſige Pflege heiſchen; ich beſchäftige mich allein mit ihrer Erziehung. Es wäre alſo zu meinem großen Bedauern ſchwierig für mich, Dir die Zeit, zu der wir uns wiederſehen können, zu be⸗ ſtimmen.“ „Adele, das iſt eine Ausrede,“ verſetzt Madame Hermann ſchmerzlich betrübt und unfähig, ihre Thrä⸗ nen zurückzuhalten; „ich bin unwürdig, von Dir em⸗ pfangen zu werden . . .“ „Höre mich an,“ ſpricht Madame Verneuil, die Hände von Florence liebreich in den ihrigen drückend. „Wäre ich Witwe und ohne Kinder, ſo würde ich Dich mit Vergnügen empfangen; ich würde es als eine Pflicht betrachten, Dein Vertrauen zu erwiedern; es ehrt uns Beide. Ja, ich denke wie Du, die un⸗ ſelige Schwäche Deines Charakters, die Umſtände und beſonders die unwiederbringliche Strenge Deines Man⸗ nes, der Dich retten, durch die Nachſicht wieder z 67 Ehren bringen konnte, haben Dich vom rechten Wege abweichen gemacht. Du kannſt noch darauf zurück⸗ kehren, trot ſchwerer Verirrungen. Ich beklage Dich hundertmal mehr, als ich Dich tadle. Nur laß mich Dich an einen Umſtand erinnern, der mir das Herz zerreißt: auf Deinen Scheidungsproceß iſt eine Ver⸗ urtheilung gefolgt. Florence, meine arme Florence, bedenke, ich habe eine Tochter von zwölf Jahren; wäre Deine Gegenwart bei mir ſchicklich?“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Madame Hermann betroffen von der Bemerkung ihrer Freundin. „Lebe wohl, Adele, entſchuldige mich. Ich vergaß (ach! ich vergeſſe ſo viele Dinge!) ich vergaß eine der ſchmerz⸗ lichſten Conſequenzen meiner Lage! Sie hat eine Kluft zwiſchen mir und den Frauen befeſtigt, die mir eine hülfreiche Hand reichen, mich wiederbefeſtigen, mich leiten konnten, denn indem ich hierher kam, hoffte ich. ..“ Doch da ſich ihre Augen abermals in Thränen baden, unterbricht ſich Florence und fügt nur mit be⸗ bender Stimme bei: „Lebe wohl, Adele, Du wirſt mich nicht mehr ſehen. Verzeih mir die Unbeſcheidenheit meiner Bitte.“ „Dein Kummer ſchmerzt mich tief, meine arme Florence. Dh! ich ſchwöre Dir, nur meine Pflichten als Mutter, als Gattin allein können mich „Und Du entſchuldigſt Dich noch!“ verſetzt Ma⸗ dame Hermann, ihre Freundin voll Innigkeit um⸗ armend. „Offenherzig geſprochen, kannſt Du vor Dei⸗ ner Tochter, vor Deinem Manne eine wegen Ehebruchs zu ſechs Monaten Gefängniß verurtheilte Frau em⸗ pfangen?“ — Und die Achſeln zuckend: „Höre, ich weiß gar nicht, wo ich den Kopf hatte, ich war toll 68 Die Thüre des Salon öffnet ſich. Der Doctor Mar tritt ein und ſchreitet langſam vor. Bei ſeinem Anblick läßt Madame Hermann ihren Schleier nieder⸗ fallen, um die Spur ihrer Thränen zu verbergen, und ſie ſagt zu ihrer Freundin, indem ſie ihr die Hand reicht: „Lebe wohl, meine liebe Adele.“ „Gott befohlen!“ antwortet traurig Madame Ver⸗ neuil, „lebe wohl, meine liebe Florence.“ Madame Hermann wendet ſich nach der Thüre. Der Doctor Max verbeugt ſich vor ihr. Sie erwiedert ſeinen Gruß durch eine Verneigung und geht ab. In dieſem Augenblick hört man im anſtoßenden Zimmer vie Stimme von Emma, welche ihrer Mutter ruft. Mein Freund,“ ſpricht lebhaft Adele, „meine Tochter iſt erwacht.“ „Der Augenblick iſt günſtig, benützen wir ihn,“ antwortet der Doctor, „kommen Sie, kommen Sie.“ XIV. . Madame Verneuil und der Doctor Mar treten in das anſtoßende Zimmer ein, wo Emma liegt. Eine außerordentliche Bläſſe und eine tiefe Erſchöpfung ſind bei dem Kinde auf die Farbe und die Aufregung des Fiebers gefolgt. „Gott ſei Dank, lieber Engel, Du haſt lange ge⸗ ruht,“ ſpricht Adele, indem ſie ihre Tochter küßt und ſich an ihr Bett ſetzt: „Deine Aufregung ſcheint be⸗ jänftigt .. Wie befindeſt Du Dich nun?“ Beſſer, Mama,“ antwartet Emma nit ſchacher 69 Stimme und einem noch ſchwerfälligeren Geiſte. „Wie viel Uhr iſt es?“ „Es iſt bald vier Uhr,“ erwiedert der Doctor Max; und ſich an Madame Verneuil wendend, fügt er mit halber Stimme, aber laut genug, um von dem Kinde gehört zu werden, bei: „Sie fragt nach der Stunde. Das ſind nach dem Anfalle von heute Nacht die erſten vernünftigen Worte, die Ihre Tochter geſprochen hat, meine liebe Adele.“ Dieſe Bemerkung des Arztes ſetzt Emma in Er⸗ ſtaunen; ſie ſucht ihre Erinnerungen zu ſammeln, ſchaut umher und ſagt: „Wo bin ich denn? Oh! ich liege im Bette von Mama.“ Und nach einigen Augenblicken des Nach⸗ denkens fügt das Kind bei: „Mir ſcheint, ich erinnere mich, daß dieſen Morgen . . . .“ „Lieber Engel!“ unterbricht Madame Verneuil, „Dein Vater und ich, wir haben Dich heute Nacht hierher getragen, als Du von einem heftigen Fieber⸗ anfalle ergriffen wurdeſt.“ „Mein Vater?“ wiederholt Emma erſtaunt, heute Nacht?“ „Ja, Morgens gegen zwei Uhr. Charlotte kam ganz erſchrocken und meldete uns, Du ſeiſt laut ſpre⸗ chend aufgeſtanden. Armes Kind, es war eine Ver⸗ rückung des Gehirnes „Charlotte . heute Nacht?“ wiederholt Emma aufs Neue immer mehr erſtaunt. „Du ſagſt, Ma⸗ ch ſage, lieber Engel, Du habeſt heute Nacht eine Verrückung des Gehirnes gehabt; Du erkannteſt Niemand mehr. Du hieltſt Charlotte für mich; Du 70 ſagteſt, ſie ſei die Frau Deines Vaters, er wolle mich todt ſehen! . . . was weiß ich! .. . Dein Fieberwahn war erſchrecklich!“ Emma ſetzt ſich auf, befragt ihr noch durch die Schlafſucht, welche auf das Delirium gefolgt iſt, ge⸗ trübtes Gedächtniß und ſchaut ihre Mutter mit ihren großen Augen voll Verwunderung an. Der Doctor Max macht Adele ein Zeichen des Verſtändniſſes und ſpricht: WVie ſehr haben Sie uns beängſtigt, liebe Emma! Man hat mich in Eile geholt; der Tag graute. Als ich hierher kam, hatte Ihr Delirium den höchſten Grad erreicht. Bald glaubten Sie ſich unter Engeln zum Himmel emporgehoben, bald wie mich hinabgezogen zum großen Teufel der Hölle, in Betracht meines an⸗ geblichen vertrauten Verhältniſſes zu dieſer lichtſcheuen Perſonnage; bald glaubten Sie Ihren Vater im Zim⸗ mer Ihrer Bonne zu ſehen; bald fingen Sie an zu lachen wie eine Tolle, weil Sie bei einer Vorſtellung von Polichinelle im Guignol⸗Theater zu ſein wähnten: und dann zerfloßen Sie plötzlich in Thränen; Sie ſchienen in Zwiſchenräumen uns, Ihre Mama und mich, wiederzuerkennen; Sie erzählten uns dann ich weiß nicht was für eine ſeltſame Viſion, welche die andern zu beherrſchen ſchien, und nach dieſer hätte Ihr Vater den Tod Ihrer Mutter gewünſcht. er, er, der Sie, wie wir, mit der zärtlichſten Fürſorge, mit den eifrigſten Bemühungen umgab, ſeitdem ſi Ihr Fieberanfall erklärt hatte.“ „Endlich, mein Engel, beſänftigte ſich Dein lirium durch einen Aderlaß, den unſer alter Freund hei Dir vorgenommen hat.“ F 71 „Einen Aderlaß!“ verſetzte Emma immer mehr befremdet; „welchen Aderlaß?“ „Armes Kind! nun erſt kommſt Du zu Dir; Du hatteſt ſeit heute Nacht das Bewußtſein verloren, der⸗ geſtalt, daß Du nicht einmal bemerkteſt, wie Dir unſer guter Doctor zur Ader ließ. Schau Deinen Arm an.“ Emma ſchaut erſtaunt ihren Arm an und befragt dann abermals ihre Erinnerungen, kaum fähig, durch die Trübung ihres Geiſtes zu entwirren, was daran Wahres oder Falſches iſt. Sie zögert noch, als eine Illuſion das, was am Tage vorgefallen, zu betrachten. Da jedoch die Thatſache, deren Zeuge ſie geweſen, ſich mit Augenſcheinlichkeit wieder vor ihr Gedächtniß ſtellt, ſo ſagt ſie: „Aber, Mama, bei Tagesanbruch, als ich auf⸗ ſtand, um Charlotte zu wecken, da . „Mein Kind,“ unterbricht der Doctor, dieſen Morgen, bei Tagesanbruch, waren Sie nicht in Ihrem Zimmer, ſondern Sie lagen ſeit mehr als zwei Stun⸗ den hier im Bette Ihrer Mutter.“ „Nein,“ erwiedert Emma, ihr Gedächtniß an⸗ ſtrengend, „nein, heute Morgen war ich in meinem Zimmer, deſſen erinnere ich mich wohl: ſpäter kam Mama; es war heller Tag; ich weinte; ſie brachte mich in den Salon und legte mich auf das Canapé; ja, ich erinnere mich, und . „Sage mir, mein Kind, erinnerteſt Du Dich, daß man Dir zur Ader gelaſſen?“ Nein, Mama.“ „Ich habe Ihnen aber vorhin, in Gegenwart hrer Mutter, zur Ader gelaſſen, Emma; ſehen Sie nur Ihren Arm an.“ 72 „Es iſt wahr,“ erwiedert das Kind, „es iſt wahr; ich träumte alſo?“ „Gewiß. Sie können auch in keiner Hinſicht dem trauen, was Sie Ihre Erinnerungen nennen. Ihre Mutter wird es Ihnen ſagen, wie ich, das ſind fieber⸗ hafte Träumereien: ſie trügen Sie.“ „Wäre es möglich!“ murmelt Emma in ihrer naiven Leichtgläubigkeit; „ſollte ich Alles dies ge⸗ träumt haben? Und dennoch ſcheint es mir ja, mir ſcheint,“ fügte ſie nachdenkend bei „doch ich glaubte nicht, man habe mir zur Ader gelaſſen, und es iſt dennoch geſchehen.“ Das Kind ſchweigt einen Augenblick und fragt dann mit einem Erguſſe treuherzigen Vertrauens: „Iſt das wahr, Mama, was Du da ſagſt?“ „Ja, mein Kind.“ wahr?“ „Sehr wahr.“ „Im Ganzen, warum ſollteſt Du mich täuſchen, Mutter?“ „Das frage ich: warum ſollte ich Dich täuſchen?“ „Das iſt richtig. Du ſchwörſt mir alſo, daß ich geträumt habe?“ „Ja, lieber Engel.“ „Du ſchwörſt es mir, ſo wahr, als Du nih liebſt?“ „So wahr, als ich Dich liebe. Wirſt Du mir nun glauben?“ „Oh! Mama, wie ſollte ich Dir nicht glauben?“ rief Emma, ihre Arme gegen Madame Verneuil aus⸗ ſtreckend. „Welch ein Glück! es war ein Traum! Papa wird mir nicht mehr bange machen! ich werde ————— —— —————— — ——— — 73 ihn ſo ſehr lieben können, als ich ihn bis daher liebte.“ „Theures Kind!“ ſpricht Adele, ihre Tochter voll Innigkeit umarmend, „wenn Du wüßteſt, welche Freude mir Deine Worte bereiten!“ Joſephine tritt in dieſem Augenblicke ein und meldet: „Der Herr iſt ſo eben nach Hauſe gekommen; er erwartet Madame in ſeinem Cabinet.“ „Reden Sie leiſe,“ ſagt der Doctor Max halblaut; und er führt Joſephine auf einige Entfernung vom Bette zu einem Fenſter, wo er ſie fragt: „Haben Sie, Joſephine, Ihrem Herrn die Thüre aufgemacht?“ „Nein, Charlotte.“ „Hat ſie lange mit Herrn Verneuil geſprochen?“ „Nein, nicht lange, Herr Doctor; denn ich bin kaum einen Augenblick, nachdem der Herr geklingelt hatte, aus der Küche herausgetreten. Da iſt Char⸗ lotte ins Speiſezimmer zurückgegangen.“ „Iſt Ihr Herr von der Unpäßlichkeit ſeiner Tochter unterrichtet?“ „Ich glaube nicht; ſonſt wäre der Herr ohne Zweifel ſogleich hierher gekommen, während er im Gegentheil in ſein Cabinet ging und zu mir ſagte „„Bitten Sie Madame, zu mir zu kommen: ich habe mit ihr zu ſprechen.““ „Meine liebe Adele,“ ruft der Doctor, „ich bitte, auf ein Wort!“ Und ſich gegen Joſephine wendend: „Gehen Sie zu Emma.“ 74 Adele kommt mit ſtrahlendem Geſichte zum Doctor und ſagt leiſe zu ihm: „Emma glaubt uns, mein Freund; ſie glaubt uns! Haben Sie ſie gehört? „Ich werde meinen Vater eben ſo ſehr lieben können, als ich ihn bis daher liebte!““ Wir ſind gerettet!“ „Ich hoffe es,“ erwiedert auch leiſe der Doctor Max. „Ihr Gatte iſt ſo eben nach Hauſe gekommen. Charlotte hat ihm die Thüre geöffnet: ſie konnte einige Worte mit ihm wechſeln und hat ihm ohne Zweifel mit⸗ getheilt, daß Sie ſie weggejagt; Herr Verneuil erwartet Sie in ſeinem Cabinet.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Freund, ich werde Ihren Rath nicht vergeſſen und ruhig ſein. Das wird mir leicht werden: ich bin ſo glücklich!“ „Alſo kein Wort gegen Ihren Gatten, das ihn könnte auf die Vermuthung bringen, Sie wiſſen ..“ Doch der Doctor bebt und fügt bei: „Ach! mein Gott! ich bedenke „ „Was iſt es?“ „Emma iſt von uns überredet worden, ihr Vater habe heute Nacht bei ihr gewacht. Er wird ſie ohne Zweifel beſuchen; ſie wird ihm danken für ſeine zärt⸗ liche Fürſorge; das Erſtaunen, das er kundgeben wird, kann die Zweifel Ihrer Tochter wiedererwecken, ſie über die Wahrheit aufklären.“ „Oh! Sie erſchrecken mich!“ „Denn welche Urſache wollen Sie für die Unpäß⸗ lichkeit Ihrer Tochter angeben, wenn Ihr Gatte Sie fragt?“ „Es gibt einen Gott für die Mütter!“ ruft Ma⸗ dame Verneuil nach kurzem Nachdenken, und ſie fährt — 75 ſtrahlend fort: „Beruhigen Sie ſich: mein Mann wird Emma ſelbſt verſichern, er habe heute Nacht bei ihr gewacht! Würde eine ſolche Verſicherung nicht die letz⸗ ten Zweifel meiner Tochter zerſtreuen, wenn ſie noch behalten könnte?“ „Wie hoffen Sie aber? . „Oh! das iſt mehr als eine Hoffnung, es iſt eine Gewißheit. Ich eile zu Herrn Verneuil, und ſogleich,“ fügt ſie voll Glück lächelnd bei, „und ſogleich werden Sie anerkennen, daß ich keine Anmaßende war.“ „Es iſt mir unmöglich, Sie zu erwarten: eine Conſultation nimmt mich gebieteriſch in Anſpruch. Ich werde heute Abend wiederkommen.“ „Und Sie werden meinen Mann und mich bei meiner Tochter finden, und dieſe zärtlicher gegen ihn, als in der Vergangenheit.“ „Ich glaube Ihnen. Gott muß die guten Mütter beſchützen. Heute Abend alſo, liebe Adele.“ Madame Verneuil tritt, nach dem Abgange des Doctors, an das Bett ihrer Tochter. „Ich verlaſſe Dich auf einen Augenblick, lieber Engel; Joſephine wird bis zu meiner Rückkehr bei Dir bleiben.“ „Oh! Mutter, nun, da ich weiß, daß ich ge⸗ träumt habe, ſcheint es mir, ich bin geheilt.“ „Sogleich werde ich mit Deinem Vater zurück⸗ kommen; aber kein Wort, hörſt Du wohl? kein Wort von Deinen abſcheulichen Träumen über ihn, denn Du würdeſt ihn grauſam betrüben!“ „Ich glaube es wohl! armer Vater!“ „Du verſpricht wir alſo, nicht mit ihm von der 76 traurigen Viſion zu reden, die Dir einen ſo lebhaften Kummer verurſacht hat?“ „Oh! ſei ruhig, Mama: ich mache ſie mir genug zum Vorwurfe, meine ſchlimmen Träume! Mein ein⸗ ziger Wunſch iſt, dieſen guten Vater herzlich zu küſſen. * Bringe ihn mir geſchwinde“ „Er und ich werden in einigen Augenblicken bei Dir ſein, mein Engel,“ erwiedert Madame Verneuil. Und ſie begibt ſich eiligſt zu ihrem Gatten. XV. Herr Verneuil erwartete ſeine Frau in ſeinem Cabinet, wo er nachdenkend auf- und abging. Dieſer Mann war ungefähr zweiundvierzig Jahre alt, etwas feiſt, bleich und aufgedunſen; ſeine ſpär⸗ lichen mattblonden Haare fingen an zu ergrauen: ſeitdem er aber ſeine Dienerin anbetete, verbarg er die Blöße ſeines Schädels unter den gekräuſelten Löckchen eines künſtlich angepaßten falſchen Toupet. Seine ge⸗ wöhnlich ernſte, hochmüthige, kalte Phyſiognomie, in der ſich eine Affectation frommer Strenge ausdrückte, verrieth in dieſem Augenblicke eine verhaltene Gereizt⸗ heit und eine lebhafte Bangigkeit. Durch Charlotte von ihrer Entlaſſung unterrichtet, wußte er nicht, ob ſein ſchmählicher Verkehr mit dieſer Madame Verneuil bekannt war. Ziemlich wenig anziehend, verzehrt von dem Ehr⸗ geize, den höchſten Rang bei ſeiner Adminiſtration zu erreichen, und unfähig, ſeine übermäßige Schüchternheit bei den Frauen zu beſiegen, verdankte Herr Verneuil 77 viel mehr dieſen Umſtänden, als der Feſtigkeit ſeines moraliſchen Sinnes, eine Regelmäßigkeit der Sitten, welche zehn Jahre nach ſeiner Verheirathung Lügen geſtraft wurde. Nie war er in Adele verliebt geweſen. Dieſe ſchwächliche, zarte Natur, ſo empfindlich wie die Sinnpflanze und wie dieſe bei der leichteſten Reibung ſich zuſammenziehend, konnte nur einem dem ihrigen würdigen Herzen die in ihrer Seele vergrabenen Schätze von Zärtlichkeit und leidenſchaftlicher Liebe, von denen ſie kaum ſelbſt das Bewußtſein hatte, ent⸗ hüllen. Lange Zeit anſtändig gegen ſie, aber keine Liebe fur ſie fühlend, erblickte ihr Gatte zuweilen durch die unerfahrenen Träume der Regelloſigkeit ſeines Geiſtes ein Ideal, das Charlotte eines Tags verwirk⸗ lichen ſollte. Dieſer ſchönen, großen, ſchon bei ihrem Eintritt in den Dienſt von Madame Verneuil ver⸗ dorbenen Perſon fehlte es nicht an Scharfſinn. Sie entdeckte bald die geheime Neigung ihres Herrn und errieth, eine unüberwindliche Schüchternheit, verbunden mit der Furcht vor einer demüthigenden Verachtung, halte Herrn Verneuil allein ab, das Geſtändniß ſei⸗ ner Flamme zu machen. Wir ſagen abſichtlich ſeine Flamme, weil nie eine heißere, unreinere Flamme die Seele eines Heuchlers, der Neuling in der Aus⸗ ſchweifung, entzündete. Erklären ſich dieſe ungeordneten Leidenſchaften zum erſten Male bei einem Manne, der zur Reife des Alters gelangt iſt, ſo ſind ſie von einer unglaub⸗ lichen Heftigkeit und Zähigkeit; ihre Herrſchaft wird um ſo unwiderſtehlicher, als diejenigen, welche der⸗ ſelben unterworfen ſind, bis dahin in einer relativen Gemüthlichkeit gelebt haben. 78 Charlotte, als eine gewandte Frau, überdies un⸗ terſtützt durch die Verderbtheit ihres Inſtinctes, dieſe wüthende Leidenſchaft und die unüberwindliche Schüch⸗ ternheit ihres Herrn ahnend, erſparte ihm das, was er vor Allem fürchtete: die Verlegenheit eines Ge⸗ ſtändniſſes; die Dankbarkeit von Herrn Verneuil war tief und mußte unveränderlich ſein. Endlich beſaß er ſein Ideal; dieſes Ideal überſtieg die kühnſten Träume des vierzigjährigen Schülers. Ah! dieſe Details ſind nicht anziehend, wir wiſſen es, doch ſie. ſind unerläßlich für die getreue Schilde⸗ rung des Charakters, den wir zeichnen; dieſe Details ſind wahr, wie es Tauſende von analogen That⸗ ſachen beweiſen. Dieſer ehebrecheriſche Verkehr zwi⸗ ſchen der Dienerin und dem Herrn des Hauſes, dieſe gemeinen Befleckungen des häuslichen Herdes, faſt vor den unſchuldigen Augen der Kinder begangen, leider oft entdeckt und gezwungener Weiſe ertragen von der der Achtung, der Liebe würdigen Hausmutter ſind zu häufige, zu ſchändliche Acte, als daß ihre Brandmar⸗ kung redliche Herzen nicht befriedigen ſollte. Solche Acte erzählen, heißt aber ſie brandmarken; ſie brand⸗ marken iſt die Pflicht des Moraliſten. Die Leidenſchaft von Herrn Verneuil für Char⸗ lotte entwickelte ſich von Tag zu Tag ſtärker. Adele, in Anſpruch genommen von der Erziehung ihrer Toch⸗ ter, ein tiefes, blindes Vertrauen zu der Ehrenhaftig⸗ keit ihres Gatten hegend, der in ſeinem fälſchlich ſtrengen Aeußeren beſtändig, wie in ſeiner verbor⸗ genen Verderbniß Fortſchritte machte, Adele, wie ge⸗ ſagt, an das Gute aus Inſtinct, aus Bedürfniß, aus Aehnlichkeit glaubend, konnte die Ausſchweifungen * 75 — von Herrn Verneuil entfernt nicht vermuthen. Der Einfluß von Charlotte auf ihn wurde allmächtig. Er faßte eine geheime Abneigung gegen ſeine Frau und erkaltete für ſeine zwei Kinder, für die er bis dahin eine lebhaſfte Zuneigung gehabt hatte. Er verſchwen⸗ dete das Geld, die Geſchenke an ſeine Dienerin. Sie ſcheiterte indeſſen immer an der unerſchütterlichen Wei⸗ gerung ihres Herrn, äußerte ſie gegen ihn den Wunſch, von ihm außerhalb des ehelichen Domicils unter⸗ halten zu werden. Dieſer moderne Tartuffe hielt mit Gepränge ſeine Oſtern in Notre „Dame, affec⸗ tirte ſtrenge Sitten und zeigte ſich als einer der wü⸗ thendſten Vertheidiger der Moral, der Familie u. ſ u. ſ. w. Er erachtete es aber für gewagt und gefährlich, in Betreff ſeiner Heuchelei, eine Maitreſſe zu unterhal⸗ ten; man erfährt Alles in Paris, und man kann ſich nicht vorſtellen, zu welchen Opfern ein Heuchler fähig wird, um ſeine Maske zu erhalten; die Bequemlichkeit dieſes ehebrecheriſchen Umgangs war endlich einer ſeiner Hauptvortheile in den Augen von Herrn Verneuil. Er blieb alſo unbeugſam hinſichtlich des Unterhal⸗ tens von Charlotte. Trotz ihres hartnäckigen Verlangens, aus ihrer Lage herauszukommen, bedient zu werden, ſtatt zu dienen, fügte ſich Charlotte. Sehr verſchmitzt und ſehr habgierig, wußte ſie, ſie könne anderswo nicht denen von Herrn Verneuil gleiche Freigebigkeiten finden; ſie kannte ihn genug, um verſichertzu ſein, er werde lieber, was es ihn auch koſten dürfte, auf ſie verzichten, als ſie außer ſeinem Hauſe verſorgen. Charlotte rächte ſich für die Weigerung ihres Herrn dadurch, daß ſie bis zur Verwegenheit frech gegen Madame Verneuil wurde 80 welche ſie verwünſchte, kraft des entſetzlich einfachen Gedankens, daß, „wenn Madame Verneuil ſtürbe, ſie, Charlotte, die wahre Herrin des Hauſes würde,“ nach den Verſprechungen, die ihr halb ſcherzhaft, halb ernſt Herr Verneuil oft wiederholt hatte, in der Ab⸗ ſicht, noch enger an ſich dieſes Geſchöpf durch eine ent⸗ fernte und unbeſtimmte Hoffnung, deren Verwirklichung durchaus nicht unmöglich, zu feſſeln. Madame Ver⸗ neuil war ſo ſchwächlich und von einer ſo zarten Ge⸗ ſundheit! RvI. Herr Verneuil erwartet alſo ſeine Frau in ſeinem Cabinet, wo er langſam, die Hände hinter ſeinem Rücken gekreuzt, auf- und abgeht. Er iſt von jenem dumpfen, kalten Zorne beſeſſen, der furchtbarer, als die aufbrauſende Hitze. Sein bleiches, aufgedunſenes Geſicht hat indeſſen einen ruhigen Anſchein. Das einzige Zeichen der Heftigkeit ſeines inneren Grimmes iſt zuweilen ein unwillkürliches Zuſammenziehen der Kinnbacken. Adele tritt bei ihrem Manne mit einer ruhigen Sicherheit ein; ihre Züge ſtrahlen von Glück; es iſt ihr gelungen, aus dem Geiſte ihrer Tochter bis auf den Schatten den Verdacht der väterlichen Schande zu entfernen. Herr Verneuil, da er ſeine Frau erblickt, bewäl tigt ſich, nimmt eine ſüßliche Maske an und ſpricht; „Meine liebe Freundin . ich . . . „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche“ ——— 81 verſetzte Adele, „ich muß Ihnen aber vor Allem etwas zugleich Trauriges und Glückliches mittheilen.“ „Was iſt das?“ „Emma iſt bedeutend unwohl geweſen; ich füge ſchleunigſt bei, daß durch die vortreffliche Behandlung unſeres Freundes, des Doctors Max, das liebe Kind nun außer Gefahr iſt.“ „Gott ſei gelobt!“ erwiedert Herr Verneuil mit Salbung; „ſeine Barmherzigkeit hat mir eine grau⸗ ſame Prüfung erſpart! Meine Tochter liegt ohne Zweifel zu Bette,“ fügt er bei, indem er einen Schritt gegen die Thüre macht; „ich will das arme Kind be⸗ ſuchen.“ „Ich begreife Ihre Ungeduld; wollen Sie dieſelbe einen Augenblick mäßigen,“ verſetzt Adele lächelnd: „es handelt ſich um ein Complott.“ „Ein Complott?“ „Dieſen Morgen wurde Emma von einem hef⸗ tigen Fieberanfalle in Begleitung von Delirium er⸗ griffen.“ „Das iſt ſeltſam! Geſtern Abend befand ſie ſich vortrefflich.“ „Emma iſt, wie Sie wiſſen, ſehr nervös. Der Doctor Max vermuthet, dieſes Fieber habe ſich in Folge der Qual eines peinlichen Traumes, eines Alps, wie man im gemeinen Leben ſagt, gebildet.“ „Dann erkläre ich mir die Urſachen dieſer Un⸗ päßlichkeit; doch das Complott, von dem Sie ſprechen, liebe Freundin?“ „Hören Sie. Als Emma nach Beſänftigung ihres eliriums allmälig wieder zum Bewußtſein kam, ſtrengte ſie ſich an, ihre Erinnerungen zu ſammeln; 6 Sue, der Teufel als Arzt. I. 3 82 ſie vermengte die Viſionen ihres Fiebers mit der Wirklichkeit und überredete ſich, ich habe ſie heute Nacht in mein Zimmer getragen, wo Sie, wie ich, auf das Zärtlichſte und Eifrigſte um ſie bemüht ge⸗ weſen ſeien.“ „Armes Kind!“ ſpricht Herr Verneuil; und er dachte mit einer geheimen Freude⸗ „Meine Frau hat offenbar keinen Verdacht in Beziehung auf Charlotte.“ „Sie ſehen, bis in ihrem Delirium hält Emma den Gedanken an Ihre väterliche Zärtlichkeit feſt. Der Doctor Max glaubt, und Sie werden ohne Zweifel auch ſeiner Anſicht ſein: um unſere Tochter nicht da⸗ durch zu erſchrecken, daß man ihr das Bewußtſein von der Schwere des Anfalles, von dem ſie ergriffen wor⸗ den, gebe, ſei es klug, ſie in ihrem Irrthume zu laſſen. Sonſt könnte, betroffen von der Idee, ſie habe delirirt, die Einbildungskraft der Armen ſich abermals eraltiren, und der Doctor würde die Folgen dieſer Aufregung fürchten.“ „Der Rath des Doctors ſcheint mir vortrefflich: man muß ihn befolgen.“ „Wenn wir nachher zu Emma gehen, ſo werden Sie alſo durchaus nicht erſtaunt über die Dankbarkeit ſcheinen, die ſie Ihnen für die rührende Fürſorge, mit der Sie ihr beigeſtanden, bezeigen wird.“ „Weit entſernt, erſtaunt zu ſcheinen, werde ich ſie glauben laſſen, ich habe in der That in der vergan genen Nacht bei ihr gewacht. Das iſt freilich eine Lüge, und ich hege einen frommen Abſcheu vor den Lügen, doch . . . „Doch,“ unterbricht Adele lächelnd und glücklich über das Gelingen ihrer unſchuldigen Liſt, „doch der 83 Zweck heiligt die Mittel. Es handelt ſich im Ganzen darum, unſere Tochter vor einem Rückfalle zu bewah⸗ ren, deſſen Folgen verderblich für ſie ſein könnten . Ich habe Ihnen nun noch einen ziemlich unwichtigen Vorfall mitzutheilen, von dem Sie indeſſen unkter⸗ richtet ſein müſſen.“ „Was iſt das?“ „Dieſen Morgen,“ antwortet Adele mit dem Ausdrucke einer vollkommenen Gleichgültigkeit, „dieſen Morgen glaubte ich Charlotte entlaſſen zu müſſen.“ XVII. Herr Verneuil behielt ſeine unſtörbare Ruhe und ſagte mit gleichgültigem Tone zu ſeiner Frau: „Ah! Sie haben Charlotte entlaſſen?“ „Ja, mein Freund.“ „Aus welchem Grunde, meine liebe Freundin, haben Sie ſie entlaſſen?“ „Charlotte iſt thätig und eine ſehr gute Nähterin, ſie treibt aber die Lebhaftigkeit ihres Charakters bis zum Vergeſſen jeder Schicklichkeit. Ich hatte mich bis jetzt nachſichtig gegen ihre Impertinenzen gezeigt, doch dieſen Morgen hat ſie auf eine ſo grobe Weiſe die Achtung gegen den Herrn Doctor Max verletzt, daß es mir unmöglich war, ſie länger in meinem Dienſte zu behalten. Ich bat ſie, morgen früh aus dem Hauſe zu gehen.“ „Meine Frau hat, wie ich mir vorſtellte, keinen Verdacht,“ ſagte Herr Verneuil zu ſich ſelbſt. Und er ſprach laut äußerſt liebreich: „Ich weiß, wie innig 84 und wohlbegründet Ihre Freundſchaft für unſern gu⸗ ten Doctor iſt; ich, meines Theils, werde nie vergeſ⸗ ſen, daß er mich mit Gottes Hülfe vor drei Jahren von einer tödtlichen Krankheit gerettet hat. Er iſt der Einzige von den Pariſer Aerzten, zu dem ich Ver⸗ trauen hege; heute hat er unſerer Tochter die Geſund⸗ heit wiedergegeben; damit ſage ich Ihnen, daß ich ebenſo tief als Sie die Beleidigung fühle, über die ſich unſer vortrefflicher Freund zu beklagen hat.“ Herr Verneuil, nachdem er dieſe Worte geſprochen beobachtet duckmäuſeriſch ſeine Frau. Um eine große zu Herrn Verneuil: Laſt erleichtert, denn ſie erwartete nicht, ohne Streit die Entlaſſung der Dienerin zu erlangen, ſagt Adele „Ich bin ſehr gerührt von dieſem neuen Beweiſe Ihrer Achtung für den Doctor Max.“ „Iſt es nicht billig, ihm eine gerechte Genug⸗ thuung für die Beleidigung zu gewähren, die er er⸗ duldet hat, beſonders wenn er dieſe Genugthuung fordert?“ „Er fordert ſie im Namen ſeiner verletzten Würde.“ „Er fordert ſie durchaus. .. liebe Freundin?“ „Durchaus.“ „Dann ſoll der Doctor befriedigt werden. Char⸗ lotte wird gewiß, trotz ihres ſchlimmen Charakters, ihre Lebhaftigkeit bereuen; wir werden ihr einſchärfen, daß ſie an unſern alten Freund, und zwar in unſerer Gegenwart. oh! man vermöchte ſich bei einem ſol⸗ chen Falle nicht ſtreng genug zu zeigen!. wir wer⸗ den ihr einſchärfen, daß ſie an den Doctor in unſerer Gegenwart die förmlichſten Entſchuldigungen richtet.“ 85 „Entſchuldigungen!“ verſetzt Adele erſtaunt und unruhig. .. „Der Doctor Max wird ſich nicht mit Entſchuldigungen begnügen.“ „Meine Liebe, erlauben Sie mir, Ihnen dies zu ſagen, Sie ſind im Irrthum.“ „Ich wiederhole und verſichere: der Doctor Mar wird die unmittelbare Entlaſſung dieſes Mädchens fordern.“ „Nein, liebe Freundin, nein!“ erwiedert Herr Verneuil mit honigſüßem Tone. „Unſer Freund iſt, trotz ſeines ſataniſchen Rufes, nicht ſo ſehr Teufel, als man ſagt; ich kenne die Großmuth ſeines Charakters; er wird ſeinem Grolle, ſo gerecht er iſt, nicht ein armes Geſchöpf opfern, ihm ſein Brod nehmen, es weggejagt, auf das Pflaſter geworfen ſehen wollen! Nein, nachdem er einer erſten Bewegung des Zornes nachgegeben, wird unſer guter Doctor das vom Cvan⸗ gelium gebotene Vergeſſen der Beleidigungen üben.“ Trotz des ſüßlichen Ausdruckes ihres Gatten fängt Adele an zu ahnen, er werde ſich der Entfernung der Dienerin widerſetzen. Doch ihre Befürchtungen ver⸗ bergend, ſpricht die junge Frau mit Ruhe: „Sie übertreiben ſonderbar, wie mir ſcheint, die Uebel der Lage von Charlotte nach ihrem Abgange von mir. Beruhigen Sie ſich: ſie wird leicht ein Unterkommen ſinden.“ Ei! allerdings wird ſie leicht ein Unterkommen finden, doch wo dies, theure Freundin? wo dies?“ Was weiß ich?“ erwiedert Adele, ohne eine Be⸗ wegung der Ungeduld unterdrücken zu können. „Was liegt mir daran? Dieſe Dienerin wird ſich unterbrin⸗ gen, wo ſie will! wo ſie kann!“ 86 „Ah! liebe Freundin,“ entgegnet Herr Verneuil * mit Salbung, „ich geſtehe, hieran erkenne ich nicht dieſe Richtigkeit des Geiſtes, dieſe beſtändige Sorge für die ehrenhaften Endzwecke des Lebens, dieſe Liebe für die guten Sitten, welche gewöhnlich bei Ihnen ſo merkwürdig! Wie! wenn ich Sie mit der Bangigkeit eines redlichen Mannes frage: Bei wem wird ſich Charlotte unterbringen? errathen Sie nicht, daß ich ſagen will: „„Bei was für einer Art von Perſonen wird Charlotte eintreten? Mit einem Worte: werden dieſe Perſonen ehrbar, von reinen Sitten ſein?““ „Wie!“ ſtammelt Adele erſtaunt, „das iſt das WMotiv Ihrer Furcht?“ ————— „Gewiß,“ antwortet Herr Verneuil, ohne daß er das Erſtaunen ſeiner Frau zu bemerken ſcheint, „das iſt das Motiv meiner Furcht in Betreff der Zukunft dieſer armen Dienerin, und dieſe Furcht, ich bezweifle es nicht, werden Sie nach einigen Augenblicken der Ueberlegung theilen. Je ſtrenger Ihre Grundſätze ſind, deſto mehr ſind Sie der Uebung der Tugend zu⸗ gethan, liebe Freundin, und deſto mehr müſſen Sie bange haben, daß Charlotte vom geraden Wege ab⸗ weicht; dieſe Art von Vormundſchaft liegt jeder chriſt⸗ lichen Frau ob, und Sie vermöchten ſich nicht eifer⸗ ſüchtig genug auf die Ausübung dieſes frommen Patronats zu zeigen . . . Unſere Dienerin iſt jung, und es hat mir, obſchon ich mich nie fleiſchlichen Be⸗ merkungen hingebe, geſchienen . . . vielleicht täuſchte ich mich . . . es hat mir geſchienen, es fehle ihr nicht an Annehmlichkeiten; ſie ſcheint ſich ſogar, Gott ſei Dank bis daher, vor jeder Unreinheit bewahrt zu haben, denn, wir müſ en ihr dieſe Gerechtigkeit widerfuht —— — — — — . 87 laſſen, Charlotte geht nie aus, empfängt nie Beſuche: ihre Aufführung iſt tadellos, ich glaube dies mit Ver⸗ gnügen. Warum iſt aber ihre Aufführung tadellos geweſen? Ei! mein Gott! weil, providentiell in unſer Haus gebracht, dieſe Dienerin unabläſſig vor den Augen das Beiſpiel Ihres Lebens und, ich wage es, dies beizufügen, des meinen gehabt hat; weil wir, Sie und ich, würdig, fromm, unſere Hausvater- und Hausmutterpflichten erfüllten! Und Sie, liebe Freun⸗ din, Sie würden ohne Mitleid für dieſes arme, ach! wie jedes Weſen fehlbare Geſchöpf Charlotte aus un⸗ ſerem Hauſe, dieſer Zuflucht gegen die Hinveißung der ſchlimmen Leidenſchaften, ſchicken wollen! Sie würden es wagen, muthwillig dieſes rechtſchaffene Mädchen ſeinem Verderben auszuſetzen! Nein, nein, Sie wer⸗ den dies nicht wollen, oder vielmehr, der Doctor Mar wird dies nicht wollen. Ihr Stillſchweigen beweiſt mir, daß Sie die Richtigkeit meiner Vemerkungen an⸗ erkennen. Das rührt mich, ohne mich zu überraſchen. Sie werden ſich alſo mit mir verbinden, um es bei unſerem alten Freunde dahin zu bringen, daß er ſich mit den Entſchuldigungen unſerer Dienerin begnügt⸗ nicht wahr?“ Herr Verneuil, deſſen aufmerkſamer Blick in der Phyſiognomie ſeiner vor Erſtaunen ſtummen Frau ihre geheimen Gedanken zu leſen ſuchte, fügte zärtlich, indem er ſie bei der Hand faßte, bei: „Könnte unſer Freund einer Bitte von Ihnen widerſtehen? er müßte ein mit dreifachem Erze gepan⸗ zertes Herz haben! er wäre alſo unempfindlich, un⸗ barmherzig! er würde alſo den ſeltſamen Beinamen der Teufel als Arzt verdienen! Denn er würde 88 ſich bei dieſer Veranlaſſung von einer hölliſchen Bos⸗ heit zeigen. Doch nein, er wird, deſſen bin ich ſicher, Ihrer Bitte nachgeben. Sie werden ihn um die Be⸗ gnadigung von Charlotte erſuchen, das iſt abgemacht: denn nach dem alten Sprüchworte: „Stillſchweigen gilt für Einwilligung!““ XVIII. Erſchrocken, niedergeſchmettert, hatte Madame Verneuil nicht die Kraft gehabt, ihren Gatten zu unterbrechen. Sie fühlte inſtinctartig, daß ein Mann, der im Stande, die ehrwürdigſten Gefühle zu profa⸗ niren, um, ſich mit ſo abſcheulicher Heuchelei auf⸗ vutzend, ſeinen ehebrecheriſchen Vetkehrz erbergen, ein entſetzlicher Mann wurde. Sie bezweifelte es nicht mehr; er ſtand unter der Herrſchaft, nicht einer plum⸗ pen, ephemeren Verirrung, ſondern einer Leidenſchaft, die ſich gerade durch die Schamloſigkeit, durch die Frechheit der Lügen offenbarte, zu denen er ſeine Zuflucht nahm, um jeden Verdacht aus dem Geiſte ſeiner Frau zu entfernen. Dies war Anfangs die Abſicht von Herrn Ver⸗ neuil geweſen, in der Hoffnung, für ſeine Dienerin Vergebung zu erlangen und ſie unter dem ehelichen Dache zu behalten; doch zu ſchlau, um nicht die ſtill⸗ ſchweigende Beſtürzung von Adele wahrzunehmen, ſchloß er hieraus, ſie wiſſe die Wahrheit, wolle ſie aber nicht enthüllen, ſei es nun aus Rückſicht gegen das Urtheil der Welt, ſei es aus verächtlichem Mitleid für ihn. Da griff er plötzlich die Sache anders an und, ——,— 89 die Frechheit der Heuchelei über die Gränzen des Mög⸗ lichen hinaus treibend, ſtrebte er danach (man wird bald ſehen, in welcher Abſicht) ſeine Frau dahin zu bringen, daß ſie es verſuche, ihn des Betrugs zu überführen und offen des Ehebruchs mit Charlotte zu bezüchtigen. XIX. „Mein Herr,“ ſprach endlich Madame Verneuil, indem ſie den Ekel und den Schrecken, den ihr Gatte ihr einflößte, zu beherrſchen ſuchte, „mein Herr, Sie haben mein Stillſchweigen falſch gedeutet: ich werde nicht nur keinen Schritt bei Herrn Doctor Max thun, um mir ſeine Nachſicht zu Gunſten dieſer Dienerin zu erbitten, ſondern ich widerſetze mich förmlich dem, daß ſie hier bleibt.“ „Ah! liebe Freundin, Sie, die Sie gewöhnlich ſo edelmüthig, zeigen bei dieſer Sache eine ſehr große Härte des Herzens, und.. .“ „Hören Sie, mein Herr, da ich es Ihnen ſagen muß, ſo ſehr es mir widerſtrebt, mich über Unver⸗ ſchämtheiten zu beklagen, die ich verachte: die Würde unſeres Freundes iſt nicht allein hiebei betheiligt; meine Würde iſt ſo ſchwer verletzt, als ſie es nur immer ſein kann.“ „In welcher Hinſicht iſt ſie verletzt?“ „Als ich Charlotte erklärte, ſie habe mein Haus zu verlaſſen, wiſſen Sie, was ſie mir antwortete?.. „Madame, wenn Jemand von hier weggejagt wird, ſo werden Sie es ſein, und nicht ich!““ 90 Charlotte konnte ſich nicht in dieſem Grade ver⸗ geſſen.“ „So viel Frechheit und Unverſchämtheit müſſen Ihnen in der That unglaublich ſcheinen, mein Herr. Dies war aber die Antwort von Charlotte. Sie wird alſo von hier weggehen . . . Ich würde Sie zu beleidigen glauben, wollte ich länger bei dieſem Gegen⸗ ſtande beharren.“ „Meine liebe Freundin, das iſt viel Aufbrauſen wegen einer Kleinigkeit! Ich gebe wirklich zu, daß Charlotte die Achtung gegen Sie verletzt hat; ſie wird ihr Unrecht erkennen, und überdies . . .“ „Ich erkläre Ihnen, mein Herr, daß mir Ent⸗ ſchuldigungen nicht genügen werden, und ſollten Sie mich bezüchtigen, es mangle mir an chriſtlicher Liebe, ſollten Sie mir vorwerfen, ich ſetze die Tugend dieſer Perſon gefährlichen Zufällen aus: ich jage ſie fort.“ „Sie zeigen eine große Erbitterung gegen einen —— unglücklichen Dienſtboten,“ entgegnet Herr Verneuil unempfindlich; „wahrhaftig, Sie ſind von einer Un⸗ duldſamkeit . . „Wie! ich ſoll dulden . .“ „Eine Frau von geſundem Verſtande (und es war mir angenehm, zu glauben, Sie gehören zu dieſen Frauen, liebe Freundin), duldet oder bemitleidet we⸗ nigſtens Albernheiten, welche an den Wahnſinn grän⸗ zen,“ erwiedert Herr Verneuil, die Achſeln zuckend. „Es kann aber nichts Alberneres, Unſinnigeres geben, als die Worte von Charlotte. Was will das beſagen: „Sie, Madame, werden es ſein, und nicht ich, die man von hier wegjagt?““ Das iſt ganz einfachdumm! das iſt vegüct Hat Charlotte das Recht oder S — 91 Macht, Sie aus dem Hauſe zu jagen? Muß Sie eine ſolche Drohung nicht vor Mitleid lächeln machen? Unter welchem Motive, unter welchem Vorwande könnte Charlotte hofſen, es dahin zu bringen, daß Sie durch mich von hier weggejagt würden?.. Antworten Sie, liebe Freundin, antworten Sie doch!“ Das zunehmende Entſetzen ſeiner Frau gewah⸗ rend, ſagt Herr Verneuil zu ſich ſelbſt, indem er ſie ſcharf anſchaut: „Wird ſie es endlich wagen, mich ins Geſicht an⸗ zuklagen? Die Gelegenheit iſt doch ſchön!“ Adele blieb ganz darniedergeſchlagen von dieſer doppelten Frechheit. Ihren Mann ſie fragen hören, unter welchem Vorwande Charlotte hoffen könne, ſie, Madame Verneuil, aus dem ehelichen Hauſe jagen zu machen, das war zu viel! Das Entſetzen, das dieſer Menſch, der ſo ruhig, ſo abgemeſſen, ſo Herr ſeiner ſelbſt, ſeiner Frau einflößte, lähmte dieſe, machte ſie ſtumm. „Sie antworten nichts?“ ſpricht kalt Herr Ver⸗ neuil. „Ich ſchließe gern aus dieſem Stillſchweigen, daß Sie die Unvernunft Ihrer letzten Worte einſehen. Wollen Sie mich alſo in Zukunft mit der Erzählung Ihrer Streitigkeiten mit Ihrer Kammerfrau verſcho⸗ nen? Ich bitte, ermüden Sie mich nicht mit dieſen Armſeligkeiten. Ich bin ein ernſter Mann.“ Und ſich gegen die Thüre wendend: „Ich will meine Tochter beſuchen.“ „Ihre Tochter!“ ruft Adele, aus ihrer Betäubung 92 hervortretend. „Erfahren Sie alſo, daß die Geneſung, die Geſundheit, das Leben von Emma gefährdet ſein werden, wenn dieſe Dienerin hier bleibti“ „Ah! Madame, verlieren Sie den Kopf?“ „Ich wiederhole Ihnen, und wenn es ſich um meine Tochter handelt, werden Sie mir vielleicht glau⸗ ben, ich wiederhole Ihnen, daß die Gegenwart dieſer Dienerin für Emma fortan unerträglich iſt.“ Das bis dahin unempfindliche Geſicht von Herrn Verneuil belebt ſich; er heuchelt eine Bewegung der Ungeduld, ſtampft mit dem Fuße und ruft: „Wahrhaftig, das iſt das Uebermaß der Verir⸗ rung! Alſo, Madame, wahrſcheinlich um die Laune eines verzogenen Kindes zu befriedigen, würden Sie ein ehrliches Mädchen wegſchicken, dem Sie perſönlich nicht den Schatten eines vernünftigen Vorwurfs zu machen haben?“ „Mein Gott!“ erwiedert, die Augen zum Plafond aufſchlagend, Adele, die ſich noch anſtrengt, um das Grauen, das ihr Mann ihr einflößt, zu überwinden, und nicht ohne Kampf dem Bedürfniſſe, dieſen entſetz⸗ lichen Heuchler in ſeinem Betruge zu beſchämen, wider⸗ ſteht, „Sie wollen mich alſo aufs Aeußerſte treiben?“ „Oh! danach trachte ich!“ dachte Herr Verneuil, und er fügte laut bei: „Was bedeutet das, Madame, Sie aufs Aeußerſte treiben?“ „Der Himmel iſt mein Zeuge, ich mäßige mich, ſo viel ich kann!“ erwiedert Adele. Und, einen A genblick ſich ſammelnd, fährt ſie mit faſt flehende Tone fort: 93 „Mein Herr, ich habe bis jetzt nach meinen beſten Kräften meine Pflichten gegen Sie erfüllt; als Sie vor drei Jahren zwiſchen Leben und Tod ſchweb⸗ ten, habe ich einen Monat nie Ihr Bett verlaſſen. Sie haben mir oft wiederholt, ich mache Ihr Leben glück⸗ lich. Nun wohl! wenn Sie mir einige Dankbarkeit ſchuldig zu ſein glauben, ſo bitte ich Sie inſtändig, bewilligen Sie mir die Entlaſſung dieſer Dienerin! Nehmen Sie an, ich gebe hiebei nicht nur dem Ge⸗ fühle meiner verletzten Würde, ſondern auch einem unüberwindlichen Widerwillen nach, einem wenig mo⸗ tivirten Widerwillen, werden Sie ſagen? es mag ſein; nehmen Sie ſogar an, ich gebe einer Laune nach, es mag abermals ſein; doch .. .“ „Wie! Madame,“ ruft Herr Verneuil, allmälig ſich belebend, „Sie konnten glauben, ich werde mich zum Mitſchuldigen eines Widerwillens machen, deſſen Albernheit Sie ſelbſt zugeſtehen! Ich! meine Tochter in ihren Launen aufmuntern? Launen, welche Sie ſelbſt tadeln! Ich, ein Biedermann, ich, ein Chriſt, ſollte dieſen Launen, dieſem unſinnigen Widerwillen ein harmloſes, redliches Geſchöpf opfern? ich ſollte dulden, daß man ſie wie eine Elende von hier weg⸗ jagt?“ Ich ſage Ihnen noch einmal, mein Herr, dieſe Perſon wird von hier weggehen!“ „Sie wird nicht gehen.“ „Es iſt mir alſo nicht erlaubt, eine Dienerin, die mir mißfällt, aus meinem Hauſe zu jagen?“ „Nein!“ „Mein Herr!“ „Erfahren Sie, Madame, daß ich allein hier 94 Herr als Haupt der Genoſſenſchaft bin; beharren Sie nun bei Ihrem Willen, Charlotte wegzuſchicken, ſo werde ich ihr ſagen: Bleiben Sie. Und ſie wird bleiben.“ „Gegen meinen Willen?“ „Gegen Ihren Willen.“ „Aber „Ich habe das Recht, in meinem Hauſe die Dienſt⸗ boten zu behalten, die mir anſtehen; Charlotte ſteht mir an, und ich behalte ſie.“ „Mein Herr!“ ruft Adele mit einer vor Entrüſtung zitternden Stimme, „die menſchliche Geduld hat Grän⸗ zen: nehmen Sie ſich in Acht!“ „Endlich wird ſie mich des Chebruchs bezüchtigen!“ dachte Herr Verneuil. Und er rief laut: „Eine Dro⸗ hung mir, der, mit Gottes Hülfe, bis jetzt als red⸗ licher Mann gelebt hat!“ „Sie rufen Gott an!.. Ah! mein Herr, nehmen Sie ſich in Acht! er hört Sie!“ „Oh! ja, er ſieht mich, er hört mich!“ erwiedert Herr Verneuil mit geheuchelter Exaltation: „Von Gott gehört, von Gott geſehen werden, das iſt meine brün⸗ ſtigſte Hoffnung, wenn ich jeden Morgen andächtig meine Seele durch das Gebet zu ihm erhebe!“ „Heuchelei und Ruchloſigkeit!“ ruft außer ſich Adele, denn ſie vermag nicht länger ihre Entrüſtung zu bewältigen. „Das iſt zu viel!“ „Madame. ..“ Die junge Frau ſchleudert auf ihren Mann einen Blick niederſchmetternder Verachtung und ruft ihm zun „Dieſen Morgen waren Sie im Zimmer von Charlotte. Meine Tochter iſt zufällig aufgeſtanden, 95 hat Sie durch das Schloß der Thüre geſehen und gehört!“ „Teufel!“ dachte Herr Verneuil. „Das iſt ernſt. Das Zeugniß dieſes verdammten Kindes kann mich in Verlegenheit bringen.“ XX. Herr Verneuil beſaß, wie die meiſten vollendeten Heuchler, die Eigenſchaften eines vortrefflichen Schau⸗ ſpielers. Die niederſchmetternde Anklage, die ihm ſeine Frau, nach ſo vielen Herausforderungen, endlich ins Geſicht geſchleudert hatte, wie er das gehofft (obſchon er nicht zu erfahren erwartete, ſeine Tochter ſei Zeuge ſeiner Ausſchweifungen geweſen), ſchien ihn Anfangs in eine Erſtarrung zu verſetzen; er faltete die Hände, riß die Augen auf und wich, den Mund weit aufge⸗ ſperrt, die Züge verſtört durch ein bewunderungs⸗ würdig geſpieltes, ſchmerzliches Erſtaunen, zwei Schritte zurück, wankte, fiel in einen Lehnſtuhl, ſank gleichſam auf ſich ſelbſt zuſammen, drückte ſeine Hände an ſein Geſicht und ſtammelte mit einer erloſchenen Stimme: „Ah! ich geſtehe, eine ſo abſcheuliche Verleum⸗ dung drückt mich zu Boden, tödtet mich!“ „Sie werden mir nicht mehr imponiren!“ erwie⸗ derte Adele mit einer eiſigen Verachtung. „Ich weiß nun, wie weit Ihre Heuchelei gehen kann. Ja, heute Morgen ſagten Sie zu dieſer Dienerin in ihrem Zim⸗ mer: „„Du biſt meine Frau, meine wahre Frau; die Andere, ich wollte, ſie wäre todt, Du würdeſt die Her⸗ rin hier.““ 96 „Herr! Herr!“ murmelte der Heuchler, einen zer⸗ knirſchten Blick zum Plafond erhebend, „Du prüfſt mich grauſam. Dein Wille geſchehe!“ „Genug, mein Herr, genug: erſparen Sie ſich neue Ruchloſigkeiten; ich wiederhole Ihnen, ſie ver⸗ möchten mich nicht zu täuſchen. Unglücklicherweiſe Zeuge Ihrer Ausſchweifungen und grauſam betroffen von dieſer beklagenswerthen Entdeckung, iſtmeine Toch⸗ ter von einem heftigen Fieberanfalle ergriffen worden. Ah! als verwirrt vor Schmerz und Schrecken dieſe Arme mir Ihre Schändlichkeiten offenbarte, da zitterte ich bei dem Gedanken, ſie werde auf immer die Liebe, die Achtung, die ſie Ihnen ſchuldig war, verlieren. Gott ſei Dank, dieſe Gefahr iſt beſchworen, mein Herr.“ „Was höre ich?“ dachte Herr Verneuil. „Es iſt mir gelungen, Emma zu überreden, das, was ſie heute Morgen geſehen und gehört, ſei nur ein Traum ihres verwirrten Gehirns geweſen. Sie wer⸗ den alſo nicht vor Ihrer Tochter zu eröthen haben, mein Herr.“ „Vortrefflich!“ ſagte Herr Verneuil zu ſich ſelbſt; „Alles bedient mich nach Wünſchen. So viel hoffte ich nicht! ich bleibe Herr der Lage.“ XXI. „Ja, mein Herr,“ fuhr Adele fort, „durch die Liſt, die der Doctor und ich angewendet haben, um Emma zu überreden, ſie habe ſich getäuſcht, werden Sie Ihr Kind ſo zärtlich, ſo ehrerbietig gegen Sie wie in der Vergangenheit wiederfinden; doch unter 97 einer Bedingung, daß Emma dieſe Dienerin nie mehr ſieht. Ihre Gegenwart würde im Geiſte meiner Toch⸗ ter kaum verwiſchte Eindrücke wiedererwecken. Ich breche aber hievon ab, mein Herr; was ich in Betreff der unmittelbaren Entlaſſung von Charlotte beifügen könnte, wäre überflüſſig. Sie haben ſich zu dieſer Entlaſſung, was es Sie auch koſtet, entſchloſſen. Ich habe Alles verſucht, um Sie in Unwiſſenheit darüber zu laſſen, daß ich Ihr trauriges Geheimniß beſitze; ich mußte gegen meinen Willen und mit einem tiefen Kummer Sie entlarven. Ich ſage mit einem tiefen Kummer, weil ich Sie ſchätzte, weil ich Sie liebte, mein Herr; weil es mir endlich nach einer zwölfjährigen Ehe peinlich iſt, auf dieſe Gefühle einer liebevollen Achtung, mit der ich Sie beehrte, zu verzichten. Dieſe Geringſchätzung, glauben Sie mir, wird viel weniger verurſacht durch eine ſchmähliche Ausſchweifung, über die ich die Augen ſchließen wollte, als durch die Frech⸗ heit einer Heuchelei, welche mich noch mi hrecken erfüllt. Ich will indeſſen glauben, mei „ daß Sie zu beſſeren Gefühlen zurücklehren en. Iſt dem ſo, ſo biete und verſperche ich Ihnen das Vergeſ⸗ ſen der Vergangenheit. Wiſſen Sie ſich in Zukunft würdig der Zärtlichkeit und der Achtung Ihrer Toch⸗ ter zu zeigen, die ich Ihnen zurückgegeben! Was die perſönliche Beleidigung betrifft, über die ich mich zu beklagen habe, — es iſt mir mehr als leicht, ſie Ihnen zu verzeihen: ſie flößt mir nur eine tiefe Verach⸗ tung ein.“ Herr Verneuil hatte bis dahin geſchwiegen: er ſtellte ſich, als ginge er allmälig aus der Nieder⸗ Sue, der Teufel als Arzt. I. „ 98 geſchlagenheit hervor, in die ihn die Anſchuldigung von Adele verſenkt zu haben ſchien, und plötzlich los⸗ brechend, als könnte er nicht länger ſeine Entrüſtung, ſein Entſetzen beherrſchen, rief er: „Iſt es genug der Frechheit! .. Können die Treu⸗ loſigkeit, die Lüge noch w eiter gehen?“ Erſchrocken über den Ausdruck der Züge ihres Gatten, glaubt Adele kaum, was ſie hört, und ſie wiederholt maſchinenmäßig die Worte⸗ „Die Treulvſigkeit? .. die Lüge?“ „Die ſchwärzeſte, die unreinſte Verleumdung hat mich in meinem Hauſe, an meinem Herde betroffen!“ fährt Herr Verneuil mit kläglichem Tone fort. „Was iſt der Zweck dieſer ungeheuren Verleumdung? Weiß ich es? .. Doch er muß gräßlich ſein! oh! ſehr gräß⸗ lich! da eine Mutter . . . Gott des Himmels! eine Mutter! . es verſucht, die Unſchuld ihres Kindes zu verderben, es zum Mitſchuldigen einer Mochination zu machen, deren Opfer der Vater ſein ſoll.“ „Was ſagt er?“ murmelt Adele. „Wie! er würde es wagen . .“ „Oh! doch die Vorſehung wacht,“ ſpricht Herr Verneuil mit einem Auſſchwunge frommer Ueberzeu⸗ gung. „Eine ſolche Miſſethat kann nicht in Erfüllung gehen. Die Hand Gottes erſcheint, die Unſchuld des Kindes widerſteht den abſcheulichen Eingebungen einer entarteten Mutter; das Kind antwortet: „ Nein, ich glaube Ihnen das nicht! . . . nein, Sie lügen! mein Vater iſt unſchuldig an den Schändlichkeiten, de⸗ ren Sie ihn bezüchtigen!““ „ „Die Verruchtheit des Heuchlers verurſacht Ma⸗ — 99 dame Verneuil eine Art von Blendung, und ſie ſtam⸗ melt ganz beſtürzt: „WMein Gott! habe Mitleid mit mir! mein Ver⸗ ſtand geräth in Verwirrung.“ „Unglückliche!“ ruft Herr Verneuil, indem er ſeine Frau ungeſchlacht beim Arme packt und ihn mit Wuth ſchüttelt, „kommen Sie zum Bette Ihrer Tochter, wie⸗ derholen Sie in ihrer Gegenwart Ihre ſchändliche Anklage!“ Leichenbleich, ſtrengt ſich Adele, deren Schrecken. den höchſten Grad erreicht, an, um dem brutalen Drucke ihres Mannes zu entgehen, und ſie ſagt ſchau⸗ ernd zu ihm: „Ah! mein Herr, ich weiß nicht mehr, woran ich bin! Sie machen mich wahnſinnig!“ „Ah! meine Tochter iſt Zeuge meiner Ausſchwei⸗ fungen geweſen! ah! ſie hat mich die Heiligkeit ehelichen Herdes beflecken ſehen! Kommen Sie doch, heilloſe Lügnerin! kommen Sie doch zu dieſem harm⸗ loſen Kinde . . klagt es mich an, ſo bekenne ich mich als ſchuldig!“ „Das iſt zu grauenhaft,“ ruft Adele mit Ent⸗ ſetzen. „Dieſer Menſch, er weiß durch mich, daß meine Tochter der einzige Zeuge war, den er zu fürchten hatte; er weiß, daß ich ſie durch eine fromme Lüge getäuſcht habe, und . . .“ „Ehrloſe Verleumderin!“ „Ich! ich! mein Gott!“ „Auf die Kniee!“ ſchreit Herr Verneuil, und er ſchüttelt das Handgelenke ſeiner Frau mit einer ver⸗ doppelten Wuth; „auf die Kniee, Elende!“ 83 100 „Aber, mein Herr Sie thun mir weh! . . Sie machen mir bange!“ „Auf die Kniee! Bitten Sie Gott um Verzeihung für Ihre verleumderiſche Anklage!“ „Zu Hülfe!“ ruft Adele mit einer durch den Schrecken erſtickten Stimme, „zu Hülfe.“ „Auf die Kniee! und geſtehen Sie Ihre fluchwür⸗ digen Lügen!“ „Er wird mich tödten!“ ſtammelt die junge Frau, deren Zähne vor Angſt klappern, und ihre erſchöpften Kräfte zuſammenraffend ruft ſie zum letzten Male mit herzzerreißendem Tone: „Zu Hülfe!“ „Man muß ſie doch ſchreien hören. Die Köchin muß bald herbeilaufen,“ dachte Herr Verneuil. Und er wiederholte mit erſchrecklicher Stimme: „Auf die Kniee, Schändliche!“ Dann padt er Adele bei den Schultern und wirft ſie mit einer ſolchen Heftigkeit auf ihre Kniee, daß beim Fallen der Kopf der jungen Frau an eine der Ecken des Schreibtiſches ſtößt; ihr Blut fließt, ſie ſinkt zuſammen und verliert das Bewußtſein, noch mit ſchwacher Stimme murmelnd: „Zu Hülfe! . . zu Hülfe! . 5 Alles dies iſt gräßlich, doch es iſt logiſch und von einer hölliſchen Geſchicklichkeit. Folgendes war der Zweck des Heuchlers. Seine Frau zwingen, ihn des Ehebruchs zu be⸗ züchtigen, und ſicher, daß er keinen Zeugen mehr zu fürchten habe, (da Emma durch eine ſromme mütter⸗ liche Liebe getäuſcht worden), würde Herr Verneul über Verleumdung ſchreien, in Hitze gerathen und ſich . 101 ſchweren Mißhandlungen gegen ſeine Frau überlaſſen, und da er wußte, ſie ſei unfähig, ſich darein zu fügen, ferner bei ihm nach ſolchen Beſchimpfungen zu leben, ſo würde er ſie nöthigen, eine Scheidung zu ver⸗ langen, für welche dieſe ſeiner Behauptung nach durch abſcheuliche Verleumdung hervergerufenen Mißhand⸗ lungen eine ſehr annehmbare Urſache wären. Nach⸗ dem die Scheidung ausgeſprochen, würde Herr Ver⸗ neuil Charlotte behalten, denn der Mann der ſtreng⸗ ſten Sitten könnte wohl eine Dienerin haben, ohne die Moralität zu verletzen. Aber, wird man ſagen, warum willigte Herr Verneuil, ſtatt ſich zu einer ſo ernſten Extremität, wie es eine Scheidung iſt, zu entſchließen, nicht einfach zur Entlaſſung von Charlotte ein, mit dem inneren Vor⸗ halte, heimlich ſeinen Umgang mit ihr fortzuſetzen? Vor Allem hatte ſich, wie wir ſchon erwähnt, Herr Verneuil bis dahin immer geweigert, Charlotte zu unterhalten, weil er mit Recht die ſcandalöſe Veröffentlichung dieſer Unſittlichkeit befürchtete; ſodann ein noch mehr entſcheidender Grund: Madame Verneuil flößte ihm nunmehr den unerbittlichen Haß ein, mit dem Heuchler die Leute verfolgen, die ſie entlarvt ha⸗ ben. Er ſollte in Zukunft darauf verzichten, ſich in ſeine Strenge vor ſeiner Frau zu hüllen, beſtändig einen Dämpfer auf die ſo tugendhaft ſonore und devote Sprache ſetzen, die er ſich zur Gewohnheit ge⸗ macht hatte. Die Tartuffes verkörpern ſich aber ſo vollkommen mit ihrer Rolle, daß ſie für ſie unwillkür⸗ lich eine zweite Natur wird; ſobald ſie überzeugt ſind, man wiſſe, ſie ſpielen eine Rolle, fühlen ſie ſich auch in einem Zuſtande der Beengung, unerträglichen 102 Mißbehagens, denn es erfolgt daraus auf ihrer Seite eine unüberwindliche Abneigung gegen die Zuſchauer. Dies ſollte nun fortan die Lage von Herrn Verneuil in Beziehung auf ſeine Frau ſein. In ſeiner aus⸗ ſchweifenden Leidenſchaft für Charlotte endlich haßte er den Zwang, den ihm jeden Augenblick die Achtung vor dem ehelichen Domicil auferlegte; eine Schei⸗ dung ſchien ihm alſo das einzige Mittel, frei ſeine gemeine Liebe mit Wahrung ſeiner Maske der Strenge zu befriedigen, denn der ſtrengſte Mann konnte eine Dienerin haben, ohne in irgend einer Hinſicht die Sitt⸗ lichkeit zu verletzen. Was ſeine Kinder betrifft, ob⸗ gleich Herr Verneuil ſich ſehr gegen ſie erkaltet fühlte, ſo hoffte er (wie man ſpäter ſehen wird), ſie bei ſich zu behalten. Aus dieſen Motiven wollte ſich der Heuchler um jeden Preis von ſeiner Frau trennen. XXII. „Sie hat ſich beim Fallen verwundet,“ ſagte alſo zu ſich ſelbſt Herr Verneuil, ſeine blutig, leblos auf dem Boden ausgeſtreckte Frau betrachtend. „Deſto beſſer! dieſe Wunde vermehrt die Schwere der Miß⸗ handlungen, die ſie mir zum Vorwurfe machen wird, die ich zugeſtehen, aber der Entrüſtung des durch eine ſchändliche Verleumdung verletzten ehrlichen Mannes zuſchreiben werde.“ Dann horchend: „Endlich kommt man. Ihr Geſchrei iſt hon worden! Ich brauche Zeugen!“ —,— „— —,— 103 Die Thüre des Cabinets wird in der That unge⸗ ſtüm geöffnet. Ein junger Mann von hohem Wuchſe ſtürzt ins Zimmer, ſieht Adele mit hlutiger Stirne ohne Bewegung auf der Erde ausgeſtreckt, läuft auf ſie zu und ſpricht: „Ich täuſchte mich nicht! ihre Stimme rief: Zu Hülfe!“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragt Herr Verneuil tief erſtaunt beim Anblicke des Unbekannten, während Jo⸗ ſephine, unmittelbar hinter dem Fremden herbeilaufend ausruft: Oh! mein Gott! Was iſt das? Arme Madame! der Herr ſchlägt ſie.“ Der Unbekannte hatte Adele, welche immer ohne Bewußtſein, aufgehoben; er legte ſie, mit Hülfe von Joſephine, auf ein Canapé; dann ſchreitet er, bleich vor Entrüſtung, auf Herrn Verneuil, der noch ſtumm und unbeweglich vor Erſtaunen, zu und ruft: Feiger Mörder! Ihre Frau lag hier zu Ihren Füßen, um Hülfe rufend . „In was miſchen Sie ſich?“ entgegnet ihm kalt der Heuchler; „mit welchem Rechte treten Sie bei mir ein? wer ſind Sie?“ „Ich bin Erneſt Beaumont, Schiffskapitän und Vetter Ihrer Frau. Geſtern hier angekommen, wollte ich ſie ſo eben beſuchen. Ich habe von der Thüre aus ihre Stimme erkannt, und bin zum Glücke herbei⸗ geeilt, denn ohne uhiuen Sie ſie vielleicht getödtet, Elender!“ ð Erneſt Beaumont, in deſſen Zügen eine tiefe Ver⸗ zweiflung ausgedrückt iſt, wendet ſich wieder gegen Ma⸗ dame Verneuil um, und da er Joſephine das in Wel⸗ len von der Stirne ihrer Gebieterin fließende Blut ſtillen ſieht, kniet er vor ſeiner Couſine nieder und ſpricht, die Augen in Thränen gebadet: „Unglückliche Frau! Adele! meine liebe Adele!“ Herr Verneuil iſt Erneſt Beaumont mit tücki⸗ ſchem Blicke gefolgt und er ſagt mit einem häßlichen Lächeln zu ſich ſelbſt: „Wahrhaftig, Alles bedient mich heute nach Wün⸗ ſchen! Ein Vetter iſt immer compromittirend; iſt überdies ein ſehr hübſcher Junge!“ Sodann ſich langſam dem jungen Seemanne nä⸗ hernd, der immer noch bei ſeiner Couſine kniet, ſpricht Herr Verneuil mit Würde: „Mein Herr, ich würde gern an die Unſchuld Ihrer früheren Beziehungen zu Madame Verneuil glauben, doch die hier gegenwärtige Dienerin iſt Zeuge und wird im Nothfalle bezeugen können, daß Sie, nachdem Sie mich gröblich beleidigt, in meiner Ge⸗ genwart meine Frau Ihre liebe Adele zu nennen ſich erlaubt haben . . . Hienach, mein Herr, laſſe ich Sie mit Ihrer lieben Adele.“ Und Herr Verneuil geht, indem er ſich die Hände reibt, aus ſeinem Cabinet. „Was ſagt dieſer Menſch? was iſt ſeine Abſicht?“ fragte ſich Erneſt Beaumont, indeß Joſephine ausrief: „Gott ſei geprieſen, die arme Madame kommt wieder zu ſich!“ Auf dem Canapé ſich Mavaß Ver⸗ neuil langſam aufgeſetzt greift mit ihren Hän⸗ den an ihre blutige Stirne, ſchauert, ſammelt allmälig wieder ihre Lebensgeiſter, ſchaut mit einem trüben „— „— fernten Eventualitätei 105 Blicke umher, und ruft dann, ihren Vetter erkennend, der zu ihren Füßen kniet: „Was ſehe ich? . Erneſt! . . Wo bin ich?“ XXIII. Madame Verneuil, ein Opfer der berechneten Bru⸗ talitäten ihres Mannes und unterſtützt von ihrem Vetter Erneſt Beaumont, der ſie zum erſten Male ſeit, fünfzehn Jahren wiederſah, bat dieſen, nachdem ſie völlig wieder zum Bewußtſein gekommen war, ſie allein zu laſſen, mit dem Verſprechen, ſie werde ihn benach⸗ richtigen, ſobald ſie ihn empfangen könne. Adele hatte noch an demſelben Abend eine lange Unterredung mit dem Doctor Max. In Folge reiflicher Erwägung drang er in ſie, daß ſie eine Scheidung von Tiſch und Bett, motivirt durch die Gewaltthätigkeiten, deren ſich Herr Verneuil ſchuldig gemacht, fordere. Sie zögerte lange, weil ſie nicht nur das unvermeidliche Aergerniß eines Eheproceſſes, ſondern hauptſächlich die Folgen fürchtete, welche ein ſolcher Proceß für die Zukunft von Emma haben mußte. Es würde der Augenblick, ſie zu verheirathen, kommen, und beinahe immer er⸗ heben ſich widrige Hinderniſſe, ernſte Nachtheile aus der delicaten Lage einer jungen Perſon, deren Mutter von ihrem Manne n lebt. Um aber dieſen ent⸗ uszuweichen, mußte ſich Ma⸗ dame Verneuil darein fügen, in der Gegenwart die Anweſenheit von Charlotte in ihrem Hauſe zu ertra⸗ gen, die Unverſchämtheiten dieſer Perſon zu dulden, und ihre Tage bei Herrn Verneuil zuzubringen, deſſen ſchwarze Heuchelei ſich mit ſo großer Verruchtheit of⸗ fenbarte. Der Scharfſinn des Doctors Max, der den Dingen immer gerade auf den Grund ging, hatte die Wahrheit durchſchaut. „Ihr Gatte hatte nur einen Zweck, indem er Sie mißhandelte: er wollte Sie zwingen, ſich von ihm zu trennen,“ ſagte der Arzt zu der jungen Frau. „Ver⸗ eiteln Sie ſein geheimes Verlangen, ſo wird er Ihr Daſein unerträglich machen; Ihre, ſchon grauſam ge⸗ prüfte, ſchwächliche Geſundheit wird einer unabläſſigen Qual nicht widerſtehen, und Sie werden die Hoffnung Ihres Mannes verwirklichen; denn er wünſcht nichts Anderes, als Sie todt zu ſehen . . . wie er mit einer abſcheulichen Schamloſigkeit zu dieſer Dienerin ſagte. Fügen Sie ſich alſo in eine fatale Nothwen⸗ digkeit und erhalten Sie ſich für Ihre Kinder; ihre Liebe wird Sie tröſten; Ihre Exiſtenz kann friedlich und glücklich ſein nach Ihrer Scheidung.“ Adele ergab ſich der Weisheit dieſer Rathſchläge. Der Doctor Max ſuchte ſogleich Herrn Verneuil auf, entlarvte ihn, behandelte ihn mit der härteſten Ver⸗ achtung und machte ihm dann den Vorſchlag, in eine Trennung auf dem Wege der Güte zu willigen, um das Aergerniß zu vermeiden. Der Heuchler ſprach, als ein beleidigter Biedermann, aus einem ſehr hohen Tone, erklärte dem Doctor, er breche für immer mit ihm, um was ſich der Doctor wenig bekümmerte, und ſchlug eine gütliche berin aus; er wollte eine gerichtliche Entſcheidung eer hatte ſeine Abſichten), ſonſt würde er, wie er ſagte, ſeine Frau bei ſich behalten. Der Doctor Max mußte dieſes Ultimatum an⸗ nehmen. Es wurde verabredet, daß ſchon am andern 107 Tage das Scheidungsgeſuch vom Advocaten von Ma⸗ dame Verneuil angebracht werden und ſie, ſowie Emma, ſich in das Kloſter der Engliſchen Fräulein bis zum Ausgange des Proceſſes zurückziehen ſollte. Die fleckenloſe Gattin, die tadelloſe Familien⸗ mutter verließ das Haus, und in dem Augenblicke, wo ſie über die Thürſchwelle ging, ſagte Charlotte zu ihr: „Nun, Madame, wer von uns Beiden iſt von hier weggejagt?“ XXIV. 5 Bis zum Ende ihre Selbſtwürde und die der Un⸗ ſchuld ihrer Tochter ſchuldige Achtung bewahrend, ver⸗ barg Madame Verneuil Emma die Urſachen dieſer nahe bevorſtehenden Trennung; ſie ſchrieb dieſelbe den Folgen eines lebhaften Streites mit ihrem Manne zu, eines Streites, ſetzte ſie hinzu, wobei ſie zu ihrem großen Bedauern nicht die wünſchenswerthe Mäßigung beobachtet habe, und wonach die zwei Gatten ſich ent⸗ ſchloſſen, von einander entfernt zu leben. Sie beſchwor ihre Tochter, ſie nie über dieſen traurigen Gegenſtand zu befragen, um ihr ſo peinliche Erinnerungen zu erſparen. Mit einem frühreifen Verſtande begabt, kam Emma auf ihre erſte Ueberzeugung in Betreff der Anweſen⸗ heit von Herrn Verneuil im Zimmer von Charlotte und der hiebei von ihm ausgeſprochenen Worte zurück. Dieſe einen Augenblick mit den Viſionen ihres geſtör⸗ ten Geiſtes vermengten Umſtände, welche aber fortän für ſie erwieſen blieben, ſchienen ihr das Motiv der 108 Trennung ihrer Eltern zu ſein. Den mütterlichen Wünſchen mit ihrer gewöhnlichen Folgſamkeit gehor⸗ chend, beobachtete ſie übrigens ein beſtändiges Still⸗ ſchweigen über ihren geheimen Gedanken. In einem vollkommenen Gefühle des Wohlan⸗ † ſtandes ſuchte Erneſt Beaumont ſeine Couſine während ihres Aufenthaltes im Kloſter nicht wiederzuſehen; er enthielt ſich ſogar, ihr zu ſchreiben, erkundigte ſich aber täglich nach ihrer Geſundheit beim Doctor Max. Nach dem Rathe des Letzteren beauftragte Madame Verneuil mit ihrer Sache einen ausgezeichneten Advocaten voll Tact, Redlichkeit, Maßhaltung, empfahl ihm unab⸗ läßig, nicht ein Wort zu ſagen, das die Debatten auf⸗ regen oder ihnen einen ärgerlichen Wiederhall geben könnte, die Dinge einfach auseinanderzuſetzen, Alles zu beſeitigen, was das ſchmähliche Verhältniß von Herrn Verneuil mit ſeiner Dienerin betraf, und das Scheidungsgeſuch einzig und allein durch die Mißhand⸗ lungen zu begründen, deren ſich ihr Gatte gegen ſie in Folge eines lebhaften Streites ſchuldig gemacht. Der Vertheidiger von Madume Verneuil gehörte zu denjenigen, welche das Bewußtſein ihres Prieſter⸗ thums haben; er begriff, er bewunderte das edle Zart⸗ gefühl, die Würde ſeiner Clientin, und verſprach ihr, ihrem Wunſche gemäß zu handeln, trotz des Abſcheus, den ihm die ſchändliche Heuchelei von Herrn Verneuil einflößte. Er werde ſich enthalten, dieſen Menſchen zu entlarven, nicht aus Mitleid, ſondern aus Rücſicht für ſeine Kinder, da ſie früher oder ſpäter Kenntniß von dieſen gerichtlichen Verhandlungen bekommen könnten. Der Tag der Sitzung wurde anberaumt in Ueber⸗ einſtimmung mit dem Advocaten Fripart, dem Rechts⸗ 109 anwalte von Herrn Verneuil, welcher Advocat Fripart vollkommen entſchloſſen ſchien, der Mäßigung ſeines Collegen nachzuahmen, auf jede verletzende Perſönlich⸗ keit zu verzichten und ſich auf das von beiden Ehe⸗ gatten reclamirte Trennungsgeſuch zu beſchränken. Dieſe Adele Verneuil von ihrem Advocaten gegebene Ver⸗ ſicherung beſchwichtigte ein wenig ihre Befürchtungen; ſie war übrigens genöthigt, ſich zu Bette zu legen, dergeſtalt hatten grauſame Prüfungen ihre Geſundheit erſchüttert. Zweite Abtheilung. T. Fünfzehn Jahre der Abweſenheit, der Reiſen, der Einſamkeit hatten, weit entfernt, die Liebe von Erneſt Beaumont für ſeine Couſine zu ſchwächen, dieſe Liebe nur tiefer in ſeinem Herzen eingewurzelt; er erwartete mit einer unbeſchreiblichen Bangigkeit den Ausgang des Scheidungsproceſſes; er wollte ſich in die Sitzung begeben, um das Urtheil ſprechen zu hören, und be⸗ harrte bei dieſem Entſchluſſe trotz der wiederholten dringenden Vorſtellungen des Doctors Max. Dieſer kannte, und zwar mehr als genug, den Ruf des Ad⸗ vocaten Fripart. Er gehörte zu jener (lücklicher Weiſe 1 S 110⁰ erceptionellen) Gattung von Juriſten, welche eines Tags mein Freund Alphonſe Karr ſo richtig, ſo geiſtreich mit dem energiſchen Beiworte Verſchlinger-Advoca⸗ ten brandmarkte. Beſchützt durch die Unverletzlichkeit ſeiner Robe, ſchmähte und verläſterte Fripart ſeine Gegenpartei frech und ungeſtraft; die Beleidigung, die Lüge, der Spott, die Verleumdung, noch furchtbarer gemacht durch eine unbeſtreitbare Beredtſamkeit, waren ſeine ge⸗ wöhnlichen Waffen. Er rühmte ſich auch in ſeiner nicht ſehr ciceronianiſchen Sprache, daß er die Clienten ſeiner Gegner bei lebendigem Leibe ſchinde. Ein vollendeter Heuchler in falſcher Frömmig⸗ keit, ein wahrer Weihwedel in Galle getaucht, verdankte auch Meiſter Fripart ſeinem doppelten Rufe eines Tar⸗ tuffe und eines Leuteſchinders das Vertrauen von Herrn Verneuil, der ihn mit ſeiner Vertheidigung be⸗ auftragte. Sie verſtanden ſich und ſympathiſirten außer⸗ ordentlich. Herr Fripart erklärte, er ſei nur ein Schüler in der Verläſterung und Verleumdung, als ihm ſein Client einige Notizen, die bei der Gerichtsverhandlung hervorzuhebenden Hauptargumente bezeichnend, vorge⸗ legt hatte, bei welcher Verhandlung Madame Verneuil nicht nur bei lebendigem Leibe geſchunden, ſondern entehrt, beſpieen, beſchimpft und mit der kothig⸗ ſten Schmach bedeckt werden ſollte. Der Doctor Max ahnte dieſe Schändlichkeiten, und vollkommen ungläubig für die Höflichkeitsverſicherungen von Meiſter Fripart, befürchtete er einen heftigen Aus⸗ bruch von Erneſt Beaumont, würde er ſchändlicher Weiſe eine in ſeinen Augen einer religiöſen Anbetung wür⸗ dige Frau heſchimpfen hören. Er ermahnte ihn auch 111 ſogleich, ſich nicht in die Sitzung zu begeben; doch der Seemann nahm keine Rückſicht auf die Bemerkungen ſeines alten Freundes und lief Einer der Erſten in den Gerichtsſaal an dem Tage, wo die Sache von Madame Verneuil gegen ihren Gatten verhandelt werden ſollte. Der Advocat der jungen Frau ſetzte die Dinge mit ebenſo viel Mäßigung, als Wohlanſtand aus ein⸗ ander und gründete die Nothwendigkeit der Scheidung einzig und allein auf die Unverträglichkeit der Gemüther und die ernſten Mißhandlungen, denen ſich Herr Verneuil überlaſſen, in einem Augenblicke des Aufbrauſens, welchen er ohne Zweifel beklage, der aber das Zuſammenwohnen der zwei Gatten fortan unmöglich mache. Die Frechheit der Schufte, ſagt man, bringt oft eine Art von Blendung beim redlichen Manne hervor. Die Frechheit von Herrn Verneuil, der ſich durch den Mund des Advocaten Fripart ausdrückte und auf das Scheidungsgeſuch antwortete, blendete, verblüffte Anfangs den Advocaten von Madame Verneuil; er glaubte zu träumen, als er hörte, wie ſein College be⸗ müht war, die Reinſte, die Edelſte der Frauen durch Inſinuationen von einer gehäſſigen Treuloſigkeit, durch empörende Verleumdungen, durch Anſchuldigungen, deren Falſchheit allein ihrer Schwärze gleichkam, zu brandmarken. Als ſodann die Entrüſtung des redlichen Mannes auf das Erſtaunen folgte, unterbrach er Herrn Fripart und rief: „Gegenüber von Angriffen dieſer Art muß ich dem Tribunal die wahre Urſache des Scheidungsgeé⸗ ſuches enthüllen. Der Client von Maitre Fripart un⸗ 112 terhielt mit ſeiner Dienerin ein ehebrecheriſches Ver⸗ hältniß; immer ruhig und würdig, beſchränkte ſich Madame Verneuil darauf, daß ſie ihrem Gatten dieſen ſchmählichen Verkehr vorwarf, wobei ſie ihm indeſſen, wenn er zur Entlaſſung dieſes Dienſtboten einwillige, das Vergeſſen und die Verzeihung der Vergangenheit verſprach. Wüthend, ſich entlarvt zu ſehen, hat ſich ſodann dieſer Mann Thätlichkeiten gegen ſeine Frau überlaſſen.“ Herr Fripart zeigte ſich in ſeiner Replik würdig des Vertrauens und der Sympathie ſeines Clienten. Wir werden ein intereſſantes Muſter von dieſer Replik geben, während welcher Erneſt Beaumont, der Anfangs ſeinen Platz bei der Advocatenbank hatte, manchmal ſein Blut kochen, die Röthe eines gerechten Zornes zu ſeiner Stirne ſteigen fühlte; befürchtend, er könne nicht Herr über ſich bleiben, flüchtete er ſich auch in die Tiefe des Saales, von wo aus er den Schluß der Rede von Maitre Fripart hörte, den dieſer in Form eines Réſumé der Debatten vortrug. Dieſes Réſumé war, wie folgt: „Ich bitte das Gericht noch um einige Minuten Aufmerkſamkeit. „Wer iſt Herr Verneuil? „Wer iſt Madame Verneuil? „Was iſt die reſpective Sittlichkeit ver zwei Gatten? „Was verlangen ſie endlich? „Wer iſt Herr Verneuil? Ah! ich bezweifle nicht, das Gericht wird mir Dank wiſſen, wenn ich aufs Neue hei einigen charakteriſtiſchen Zügen dieſer edlen, ſtrengen, impoſanten Geſtalt verweile! Ich ſpreche 113 nicht von der hervorragenden adminiſtrativen Thätig⸗ keit meines Clienten; ich ſpreche nicht von den langen und ehrenvollen, den Intereſſen des Landes geweihten Dienſten; ich ſpreche nicht von der hohen geſellſchaft⸗ lichen Stellung, zu der er mit dem Beifalle Aller ge⸗ langt iſt. Nein, ich ſpreche nicht hievon: der Staats⸗ beamte muß aus der Debatte entfernt bleiben. „Doch Platz dem Privatmanne! „Oh! vor dem Privatmanne verbeuge ich mich in frommer Ehrfurcht, mit einer religiöſen Gemüthsbe⸗ wegung, und ich rufe: Zurück, ſchändliche Verleumder! zurück! oder fallt reumüthig vor dem Biedermanne, vor dem unbeſcholtenen Familienvater, vor dem Chri⸗ ſten nieder!.. Dieſer Chriſt, den Ihr mit Galle ge⸗ tränkt habt, und der, vor den Altären knieend, ſeine Seele Gott darbietend, für ſeine Brüder betet, betet für die Böſen, betet für Sie, Frau Verneuil! ja, hö⸗ ren Sie? er betet für Sie, dieſer ehrwürdige Mann, den Sie mit Galle getränkt haben!“ Und mit einer herrlichen oratoriſchen Bewegung hüllte ſich Maitre Fripart in ſeine Toga und gab ſich den Anſchein, als wendete er ſich an Madame Ver⸗ neuil, welche im Kloſter der Engliſchen Fräulein mit dem Wechſelfieber behaftet und den tiefen Bangigkei⸗ ten, die ihr die Gegenwart und die Zukunft verurſach⸗ ten, das Bett hütete. Bei dieſer Interpellation, deren Gegenſtand die abweſende Adele war, fühlte Erneſt Beaumont aufs Neue ſeinen Zorn gähren, und er hatte Mühe, an ſich zu halten, als Meiſter Fripart ſeine redneriſche Figur alſo fortſetzte: Sue, der Teufel als Arzt. 1. 8 114 „Ja, Ihr beleidigter Gatte hat gebetet, betet und wird beten für Sie, Frau Verneuil! Ohl ich weiß es, ich ſehe Ihre argliſtige Antwort vorher, was ſage ich? ich ſehe ſie vorher, ich höre ſie, ich ſehe Sie! Sie richten ſich leichenbleich auf, das Auge entflammt von Haß, von Zorn, Schaum vor dem Munde, die Fäuſte krampfhaft geballt, und Sie rufen mit einer vor Wuth keuchenden Stimme: „Mein Mann hat mich ermorden wollen!““ „Sie ermorden, Frau Verneuil! Wir haben Sie ermorden wollen!. . wir! .. wir, deren ganzes Leben das edelſte Schauſpiel bietet, das die Bewunderung der rechtſchaffenen Leute hervorrufen kann? Wir ha⸗ ben Sie ermorden wollen, Frau Verneuil? Schänd⸗ liche Verleumdung! Ei! Sie, hören Sie wohl, und ich ſage es mit einer mächtigen, rächenden Stimme: Sie, ja, Sie haben uns ermorden wollen!“ Bei dieſer entſetzlichen Behauptung ward Erneſt Beaumont auch betroffen von der Blendung, welche die Frechheit der Schufte oft beim redlichen Manne hervorbringt. Und Maitre Fripart fuhr alſo fort: „Leugnen Sie es nicht, Frau Verneuil, oh! leug⸗ nen Sie es nicht! ja, Sie haben uns ermorden wol⸗ len; ich behaupte die Anklage; ich thue etwas Beſſe⸗ res, ich beweiſe ſie.“ „Er beweiſt es!“ dachte Erneſt Beaumont ganz verwundert; „ich habe dieſe arme Adele, welche blu⸗ tig, leblos zu den Füßen ihres Mannes lag, aufge⸗ hoben, und ſein Advocat will beweiſen, daß ſie es iſt, die Herrn Verneuil hat ermorden wollen!“ Ach der junge Seemann kannte nicht die Hülfs⸗ quellen der Einbildungskraft, die Subtilitäten der ————— 115⁵ Taſchenſpielerſtücke gewiſſer Redegaukler, er blieb auch ganz verblüfft, als Maitre Fripart mit ſchallender Stimme fortfuhr: „Doch ich höre Sie, Frau Verneuil! Sie unter⸗ brechen mich mit einem Gebrülle der Wuth, und Sie ſchreien: „„Lüge! Ich, ich habe meinen Gatten ermorden wollen? Welcher Waffe hätte ich, ein ſchwaches Weib, mich denn bedient, um ein ſolches Verbrechen zu ver⸗ ſuchen?“ „Ah! Sie fragen mich, welcher Waffe Sie ſich bedient haben, Frau Verneuil? Nun wohl, ich will es Ihnen ſagen! Hören Sie. Sie haben ſich der nie⸗ derträchtigſten, der mörderiſchſten, der verrätheriſchſten, der vergiftetſten von allen Waffen bedient! einer Waffe, deren Wunde unvertilgbar oder tödtlich iſt; dieſe Waffe, ich habe ſie genannt .. . es iſt die Ver⸗ leumdung! „Ja, ja, mit dieſer furchtbaren Waffe haben Sie uns in dem geſchlagen, was wir Theuerſtes beſitzen: unſere Ehre, die Achtung der redlichen Leute, die wohl⸗ verdiente Verehrung, mit der uns unſre Kinder um⸗ gaben! „Ja, ich ſage es mit Schrecken, mit Entſetzen, es gab einen Tag, unſeliger Tag! wo Sie den unreinen Macchiavellismus und die erſchreckliche Frechheit ſo weit trieben, daß Sie uns eines ehebrecheriſchen Um⸗ gangs mit unſerer Dienerin bezüchtigten!! daß Sie uns anklagten, wir haben es unter dem ehelichen Dache, unter Ihren Augen, faſt unter den unſchuldigen Au⸗ gen unſerer Kinder gewagt. . . „Doch es iſt genug! es iſt zu viel! Ich werfe 116 einen Schleier über dieſes häßliche Gemälde; ich habe, um es auszumalen, weder Ihre Verdorbenheit, noch Ihre Schamloſigkeit, Frau Verneuil! Nein, ich halte inne; doch es wird mir übel vor Ekel und Entrüſtung; der heilige Zorn des beſchimpften redlichen Mannes reißt mich fort, verwirrt mich, wie er dieſen edlen Herrn Verneuil fortgeriſſen, verwirrt hat, als er, durch Sie von einer vergifteten Waffe getroffen, um einen niederträchtigen moraliſchen Mord zurückzuſtoßen, im Falle der Nothwehr, wie es nur einen in der Welt geben kann gewaltſam fern von ſich, mit gereizter Hand, die Schändliche ſtieß! Ich ſage die Schänd⸗ liche, hören Sie wohl, Frau Verneuil?. die ſchänd⸗ liche Creatur, welche nach viel mehr, als nach ſeinem Leben, welche nach ſeiner Ehre als Biedermann und nach ſeinen Tugenden als Familienvater trachtete. „Nun wohl, ja, ſie von ſich ſtoßend, dieſe Schänd⸗ liche, der Erbitterung nachgebend, die ihm eine abſcheu⸗ liche Verleumdung verurſachte, wandte Herr Verneuil ſo viel Gewalt bei dieſer inſtinctartigen Bewegung der Selbſterhaltung an, daß die Verleumderin bei ihrem Falle an die Ecke eines Tiſches ſtieß und ſich an der Stirne leicht verwundete. „So, Frau Verneuil, ſo haben wir Sie ermorden wollen! Unſere Heftigkeit, wir geſtehen ſie, wir bedauern ſie, wir beklagen ſie mit der Demuth, mit der Auf⸗ richtigkeit eines Chriſten; wir ſuchen nicht einmal dieſe Heftigkeit, mit ſo vielen Gründen die Heiligkeit unſerer Entrüſtung anrufend, zu entſchuldigen! Nein, wir be⸗ kennen ehrlich unſer Unrecht. „Oh! warten Sie doch, Frau Verneuil; überlaſ⸗ 2 2 117 ſen Sie ſich nicht einer unzüchtigen und unſeligen Freude. Warten Sie! Unſer redliches Bekenntniß er⸗ mächtigt uns, das Ihrige zu fordern, und wir fordern es von Ihnen gebieteriſch, oh! wir haben das Recht hiezu! wer iſt der ſchöne junge Mann, der am Tage dieſer beklagenswerthen Scene ſich in das eheliche Do⸗ micil eingeſchlichen hat?“ So perſönlich in die Sache hereingezogen, verdop⸗ pelte Erneſt Beaumont ſeine Aufmerkſamkeit, und ſein Zorn nahm immer mehr zu. „Ja,“ fuhr Herr Fripart mit gebieteriſchem Tone fort, „wer iſt der ſchöne junge Mann, der, ſollte man es glauben? man wird es glauben, ich verſichere es, das Factum iſt für die Debatten erwieſen .. wer iſt der ſchöne junge Mann, der, in Gegenwart Ihres verehrungswürdigen Gatten, ſich verliebt Ihnen zu Füßen wirft, Frau Verneuil, und Sie ſeine Adele nennt! ſeine liebe Adele! ja, ſeine liebe Adele! O, Schande! o, Schamloſigkeit! „Elender!“ rief Erneſt Beaumont. Die Stimme von Erneſt Beaumont gelangte nicht bis zu den Ohren der Richter, erſtickt, wie ſie dies war, durch den Zorn und mehr noch durch den Schmerz, den Namen einer Frau, die er mit einer frommen Chrfurcht umgab, verleumdet, den Schmähungen, dem Geſpötte der anweſenden Menge preisgegeben zu hören. Seine Aufregung wahrnehmend, wechſelten mehrere Nachbarn des jungen Seemanns halblaut einige Worte; er ſah ſich beobachtet, es gelang ihm abermals, ſich zu beherrſchen, und Herr Fripart fuhr fort: „Ah! ich höre Ihre Antwort, Frau Verneuil. Sie rufen mit einer heuchleriſchen Züchtigkeit hier 118 nahm der Advocat zur Steigerung der Heiterkeit der Zuhörer eine Falſettſtimme an), Sie rufen aus: „Ich! oh! oh! welch ein Gräuel! dieſer ſchöne junge Mann iſt einfach mein Vetter, mein Vetterchen! ein ſüßer Freund aus meiner Kinderzeit! ich habe ihn ſeit fünfzehn Jahren nicht mehr geſehen. Unfre Ver⸗ wandtſchaftsbande berechtigten ihn, mich ſeine Adele, ſeine theure Adele, ſeine angebetete Adele, ſeinen Schatz, ſeine Liebe, ſein Kleinod, ſein Alles zu nennen!““ Herr Fripart articulirte dieſe letzten Worte mit einem ſo grotesken Ausdrucke, daß das ganze Audito⸗ rium in ein ſchallendes, lange anhaltendes Gelächter ausbrach. Außer ſich, ſtürzte Erneſt Beaumont in der Rich⸗ tung der Advocatenbank vor, als ein Mann von ehr⸗ würdigem Geſichte, der bei den elenden Späſſen von Meiſter Fripart unempfindlich geblieben war, den am Arme zurückhielt und leiſe zu ihm agte: „In Ihrem Intereſſe, mein Herr, warten Sie wenigſtens das Ende der Sitzung ab.“ „Ihr Rath iſt gut, mein Herr, ich werde warten,“ erwiederte der Seemann, bleich vor Wuth, und er wartete. Herr Fripart, nachdem er ſo geiſtreich durch einen Falſettton die Stimme von Madame Verneuil nach⸗ geahmt, fuhr, ſobald die Heiterkeit der Zuhörer ſich beſänftigt hatte, alſo fort: „Gut, Frau Verneuil, dieſer Herr iſt Ihr Vetter; ich will gern einen gefälligen Schleier auf die Ver⸗ gangenheit werfen, die bis zu Ihrem fünfzehnten Jahre 1¹9 zurückgeht; ich will gern nicht bei Conjecturen eines erſten Fehlers verweilen. .. der vielleicht, ich erkenne dies, wenn nicht der Milde, doch des Mitleids wür⸗ dig .. Sie waren damals ſo jung, und der Vetter iſt gewöhnlich ein Bürſchchen von ſo verführeriſchem Naturell!“ Dieſer Scherz von Meiſter Fripart erregte neues Gelächter bei den Zuhörern. Erneſt Beaumont biß ſich bis aufs Blut auf die Lippen; doch er hatte ſich gelobt, das Ende der Sitzung abzuwarten; er wartete. „Nun!“ fuhr Herr Fripart fort, „ich will wohl glauben, daß eine gewiſſe Zuneigung, die Sie Ihrem Gatten zu bezeigen ſchienen, nicht aus der Reue über eine ſchuldbefleckte Vergangenheit und aus Ihrer Dankbarkeit für eine erhabenere Großmuth entſprang; ja, es gefällt mir für einen Augenblick, Alles dies zu glauben, Frau Verneuil. „Ich ſage Ihnen jedoch: „Wir haben im Havre die genauſten Erkundigungen eingezogen, und wir wiſſen mit Sicherheit, daß das Schiff dieſes Herrn Adele heißt. Das Tribunal wird aber die ungeheure Unziemlichkeit dieſer Benennung ſchätzen.“ Ein Schwindel der Wuth machte den jungen See⸗ mann wanken; er lehnte ſich an die Wand an, wäh⸗ rend der Advocat ausrief: „Das iſt noch nicht Alles: wir wiſſen, daß ſich in einem der Zimmer, die dieſer Herr an Bord be⸗ wohnt, ein geheimnißvoller Rahmen ein Portrait enthaltend findet. Dieſes Portrait muß das Ihre ſein, iſt das Ihre, Frau Verneuil! „Sie leugnen das Factum? 120 „Ich behaupte es! Für mich iſt die Vermuthung ſo gewiß, als die Augenſcheinlichkeit. „Das iſt noch nicht Alles! Warten Sie! .. Ich verbiete Ihnen, mich zu unterbrechen, Frau Verneuil; ich verbiete es Ihnen,“ fügte Herr Fripart, ſeine red⸗ neriſche Figur fortſetzend, bei, indem er durch eine ſtrenge Geberde die durch ihren Advocaten ver⸗ tretene Angeklagte gleichſam an ihre Bank zu nageln ſchien. „Sie werden mich bis zum Ende anhören, Frau Verneuil, und Sie werden gerecht beſtraft ſein! Dieſer Herr beſitzt alſo Ihr Portrait und nennt Sie in Ge⸗ genwart Ihres ehrwürdigen Gatten ſeine liebe Adele! Das iſt noch nichts, warten Sie! Die Gegenwart Ihres Vetters in Ihrem Hauſe, welche mit dem Tage und der Stunde der abſcheulichen Verleumdung zu⸗ ſammentrifft, zu deren Opfer Sie Ihren Gatten machen wollten, enthüllt mir einen Abgrund hölliſcher Com⸗ binationen, und ich ſage Ihnen ins Geſicht: „Frau Verneuil, Sie ſtanden in geheimem Brief⸗ wechſel mit dieſem Herrn! „Frau Verneuil, Sie haben im Finſtern mit die⸗ ſem Herrn ein Complott angezettelt, ein ſchändliches Complott, deſſen Gelingen faſt ſicher war! „„Welches Complott?““ rufen Sie ganz erſtaunt über unſern Scharfſinn, „„welches Complott?““ „Ah! welches Complott, Frau Verneuil? Hören Sie: Sie wollten (es iſt Ihnen leider geglückt), Sie wollten aufs Aenßerſte Ihren würdigen, edlen Gatten durch eine grauſame Verleumdung treiben und ihn ſo nöthigen, ſich gegen Sie ernſten Mißhandlungen zu überlaſſen; Sie haben Ihren Vetter vom Tage und 12¹ der wahrſcheinlichen Stunde dieſer beklagenswerthen Scene in Kenntniß geſetzt, um einen gefälligen Zeu⸗ gen in dieſem Herrn zu finden. „Sagen Sie, iſt das Complott ſchwarz genug? wagen Sie es, daſſelbe zu leugnen, Frau Verneuil? Nein, Sie werden es nicht wagen, Sie wagen es nicht; Sie ſchweigen; ich nehme Ihr Stillſchweigen zu Protocoll. „So gedenken Sie mit Hülfe dieſer abſcheulichen Manveuvres eine Scheidung hervorzurufen, zu erlan⸗ gen, welche, Ihre Freiheit Ihnen wiedergebend, Ihnen geſtattet, frecher, ſchamloſer Weiſe mit Füßen Ihre Gattinpflichten zu treten und mit dieſem Herrn ein ehebrecheriſches Verhältniß anzuknüpfen ich will nicht ſagen wiederanzuknüpfen. „Seien Sie zufrieden, Frau Verneuil, Ihr Com⸗ plott, ich muß es anerkennen, war von einer macchia⸗ velliſtiſchen Geſchicklichkeit. „Gehen Sie wieder zu Ihrem Mitſchuldigen! eilen Sie, ſich in ſeine Arme zu werfen. „Der redliche Mann, den Sie im Herzen getrof⸗ fen haben, der redliche Mann den Sie mit Schmach bedecken wollten, wird nicht mit Ihnen um die Tren⸗ nung feilſchen, Frau Verneuil; er wünſcht dieſe Tren⸗ nung eben ſo ſehr als Sie, mehr als Sie! Ihre Gegenwart wäre fortan für ihn ein unerſchöpflicher Gegenſtand gerechten Widerwillens undtiefenSchmerzes. „Seien Sie alſo frei, Frau Verneuil; Ihr un⸗ glücklicher Gatte wird die Mildherzigkeit ſo weit trei⸗ ben, daß er den Himmel bittet, er möge Ihnen die Strafe für Ihre ſchlimme Aufführung erlaſſen. Doch X 122 glauben Sie mir, triumphiren Sie nicht in Ihrer ſataniſchen Freude und hören Sie Folgendes: „Die Geſellſchaft, durch Sie beleidigt, wird nicht nachahmen, darf nicht nachahmen dem himmliſchen Mitleiden Ihres Gatten, der Ihnen verzeiht und für Sie betet! Frau Verneuil, die Geſellſchaft wird Sie mit Verachtung, mit Ekel aus ihrem Schooße auswer⸗ fen, und das Geſetz wird gegen Ihre ſchändlichen Zügelloſigkeiten den rechtſchaffenen Mann zu ſchützen wiſſen, der Ihnen leider ſeinen Namen nicht entziehen kann. Dieſen Namen werden Sie nicht ungeſtraft proſtituiren! Frau Verneuil, wiſſen Sie, zu Ihrer Richtſchnur, daß die geſetzlich von Tiſch und Bett ge⸗ ſchiedene Frau immer den Strafen unterworfen bleibt, mit denen der Ehebruch bedroht iſt. „Und nun trotzen Sie, wenn Sie wollen, in Ih⸗ rer Frechheit den göttlichen und menſchlichen Geſetzen! Gehen Sie, Frau Verneuil, entfernen Sie ſich! Ver⸗ ſchwinden Sie aus unſern von Thränen gerötheten Augen; wir verlangen vom Geſetz nur eine Gunſt, die, den Frieden unſeres Herdes wiederzufinden, unſere Kinder in der ſtrengen Uebung der chriſtlichen Tugen⸗ den zu erziehen und unter den ſüßen Tröſtungen un⸗ ſerer jungen Familie zu vergeſſen, daß es auf der Welt eine Frau gibt, die unſern Namen führt und ohne Zweifel entehrt! „Ich habe es geſagt. „Dieſe Gunſt, oder vielmehr dieſe Gerechtigkeit, die wir verlangen, wir erwarten ſie von der von der hohen Weisheit des Tribunals unzertrennlichen Billig⸗ keit; wir hegen alſo die feſte Hoffnung, daß es ge⸗ ſchieden von Tiſch und Bett die Frau Adele Regier, 123 Gattin des Herrn Theodor Verneuil, erklären wird, und daß in Gegenwart der durch meine unzulängliche Rede entſchleierten ärgerlichen Thatumſtände der Sohn und die Tochter von Herrn Verneuil dieſem anvertraut bleiben werden, da die offenkundige Unſittlichkeit ihrer Mutter für ihre Jugend das abſcheulichſte Beiſpiel werden und auf immer ihre Unſchuld verderben müßte!“ Das Gericht ſprach in derſelben Sitzung die Scheidung von Tiſch und Bett der Eheleute Verneuil. aus; doch, gegen die Schlüſſe von Maitre Fripart, ſollte Emma der Sorge ihrer Mutter, und Louis der Sorge ſeines Vaters anvertraut ſein; Madame Ver⸗ neuil ſollte überdies die Befugniß haben, ihren Sohn im Collége, wo er ſeine Erziehung erhielt, zu beſu⸗ chen, und ſie ſollte auch verlangen können, daß er alle vierzehn Tage einige Stunden am Sonntag bei ihr zubringe. I Maitre Fripart ging aus der Sitzung, ſich die Hände reibend, weg. Ein robuſter Mann, im kräftig⸗ ſten Alter, hatte er ein ſcheinheiliges, zuweilen leb⸗ haftes, ſardoniſches Auge; in dieſem Moment jubilirte das Geſicht unſeres Verſchlinger⸗Advocaten, um uns des energiſchen Ausdruckes von unſerem Freunde Alphonſe Karr zu bedienen; er koſtete die Lobeserhe⸗ bungen von Mehreren ſeiner Collegen, welche ſeine Rede angehört. Nie hatte er ſich ihrer Anſicht nach beredter, geſchickter, einſchneidender, witziger gezeigt. 124 Die arme Madame Verneuil würde ſogleich bei leben⸗ digem Leibe geſchunden bleiben. Herr Fripart ergötzte ſich an dieſen Lobſpenden, einen Gang durchſchneibend, der vom Gerichtsſaale nach der Salle des Pas⸗Perdus führte, als er einen jungen Mann von hoher Geſtalt, mit ſtark charakteriſtiſchem Geſichte, ſehr bleich, aber ſehr ruhig auf ſich zukommen ſah. Dieſer junge Mann grüßte höflich und ſagte mit einer leicht bebenden Stimme: „Ich habe die Ehre, mit Maitre Fripart zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr,“ antwortet der Advocat, ſtill⸗ ſtehend wie diejenigen von ſeinen Collegen, welche ihn begleiten. „Was iſt zu Ihren Dienſten?“ „Mein Herr, ich heiße Erneſt Beaumont; Madame Adele Verneuil iſt meine Couſine.“ Dieſe bezeichnenden Worte, die Bläſſe des See⸗ manns, ſeine ſichtbar beherrſchte Gemüthsbewegung wirken ergreifend auf die Collegen von Maitre Fripart, und, eine Erklärung ahnend, bilden ſie einen Kreis um die zwei Sprechenden. „Ah! Sie ſind Herr Erneſt Beaumont?“ erwie⸗ dert Maitre Fripart mit einem leicht ſpöttiſchen Tone. „Nun, mein Herr, was wollen Sie von mir?“ „Mein Herr, ich weiß, welche Rückſichten man einem Advocaten ſchuldig iſt, wenn er ſich ſelbſt achtet und ſich in den Gränzen ſeines Rechtes hält; ich muß Ihnen aber bemerken, mein Herr, daß Sie dieſe Gränzen ſo eben überſchritten haben; Sie haben ſich erlaubt, mich auf eine beſchimpfende Art in den Pro⸗ ceß von Madame Verneuil hereinzuziehen. Ich habe 125 nun nie einen Menſchen beſchimpft und dulde von keinem Menſchen eine Beſchimpfung.“ „Was ſoll das beſagen, mein Herr?“ „Verzeihen Sie, Maitre Fripart, noch zwei Worte, und ich endige. Es gibt in Paris Gerichtsiournale; Sie werden mir alſo den Gefallen thun, heute an eines dieſer Journale einfach Folgendes oder das Gleichlautende zu ſchreiben.“ Hienach lieſt Erneſt Beaumont mit lauter Stimme folgenden Zeilen, die er mit Bleiſtift geſchrieben atte: „„Mein Herr, meinen Clienten vertheidigend, ſind mir in der Hitze der Improviſation Worte ent⸗ ſchlüpft, welche der dem edlen Charakter und den Pri⸗ vattugenden von Madame Verneuil gebührenden Ach⸗ tung Eintrag thun könnten. Dieſe Worte bereue ich, und ich beeile mich, redlich anzuerkennen, daß Ma⸗ dame Verneuil würdig iſt aller Rückſichten der tiefſten Verehrung.““ Bei dieſem ganz ungewöhnlichen Verlangen des jungen Seemanns, das mit feſter Stimme geſtellt wird, kreiſt ein Gemurmel des Erſtaunens unter den Colle⸗ gen des Advocaten Fripart. Er legt ihnen durch eine freundſchaftliche Geberde Stillſchweigen auf und fragt, ſich an Erneſt Beaumont wendend, ſpöttiſch: „Iſt keine Nachſchrift bei dieſer Epiſtel?“ „Nein, mein Herr.“ „Das iſt wahrhaftig ein Glück. Ah! Herr Erneſt Beaumont, ſollten Sie mich entſchieden für einen Dummkopf und für einen Mann ohne Treue und Ueberzeugung halten?“ Maitre Fripart, ich vermöchte Ihnen hierauf 126 nicht aufrichtig zu antworten, ohne aus den Gränzen der Höflichkeit, die ich mir vorgeſetzt habe, herauszu⸗ treten.“ „Mit anderen Worten, Herr Erneſt Beaumont, Sie bilden ſich ein, mit dem Briefe, welchen zu ſchrei⸗ ben Sie mir zumuthen, werde ich meine Vertheidi⸗ gungsrede vom Anfange bis zum Ende Lügen ſtrafen?“ „Wenn Ihre Rede gelogen hat, und ſie hat ge⸗ logen, ſo iſt es Ihre Pflicht, ehrlich das zu bekennen, was ich aus Höflichkeit einen unwillkürlichen Irrthum nennen will.“ „Mein Herr,“ entgegnet mit höhniſchem und zu⸗ gleich hoffärtigem Tone Herr Fripart, „behalten Sie wohl, was ich Ihnen ſage: wir ſind hier im Heilig⸗ thume der Juſtiz. Ich habe die Ehre, der Advocaten⸗ zunft anzugehören; als Mitglied der Advocatenzunft bin ich Niemand Rechenſchaft über meine Worte ſchul⸗ dig, als dem Präſidenten des Tribunals, vor dem ich plaidire. Außerdem, und geſchirmt durch die Unver⸗ letzlichkeit meiner Toga, weiſe ich mit der Verachtung, die ſie verdienen, mindeſtens ſehr unſchickliche Recla⸗ mationen zurück. Hienach, mein Herr, bin ich Ihr Diener.“ Maitre Fripart macht einen Schritt, um ſich zu entfernen; doch die Paſſage des engen Ganges wird ihm durch Erneſt Beaumont verſperrt, der ſich breit dem Advocaten gegenüberſtellt und ihn fragt: „Maitre Fripart, wollen Sie, ja oder nein, den Brief ſchreiben, welchen ich fordere, mich an Ihr Ge⸗ wiſſen wendend, von dem ich noch glauben will, es ſei durch Verleumdungen hintergangen worden, zu deren Echo Sie ſich gemacht haben?“ 127 „Oh! mein Herr, der Scherz dauert unendlich viel zu lange!“ „Sie weigern ſich, Ihre Verleumdungen Lügen zu ſtrafen?“ „Ich weigere mich förmlich, einen Satz, ein Wort, ein Komma von meiner Rede zu widerrufen. Iſt das klar?“ „Sehr klar! In dieſem Falle, Maitre Fripart, zwingen Sie mich, Genugthuung zu verlangen und Ihnen hiezu nöthigen Falles das Muß durch Mittel aufzuerlegen, welche anzuwenden ich zu meinem großen Bedauern mich genöthigt ſehen würde: ich verlange alſo förmlich Genugthuung für Beleidigungen, die Sie mir öffentlich zugefügt haben.“ „Drohung mit Thätlichkeiten! ein Duell!“ er⸗ wiedert der Advocat in ein Gelächter ausbrechend und die Achſeln zuckend. „Sie ſind wahrhaftig reizend, mein lieber Herr. Ah! das iſt zu ſpaßhaft: laſſen Sie mich paſſiren.“ „Maitre Fripart,“ ſpricht Erneſt Beaumont, deſſen bis dahin durch übermenſchliche Anſtrengung beherrſchte Geduld erſchöpft war, „Maitre Fripart, nehmen Sie ſich in Acht, ich bin entſchloſſen, von Ihnen durch alle mögliche Mittel eine Genugthuung für Ihre Beleidi⸗ gungen oder einen Widerruf Ihrer Verleumdungen zu erwirken.“ „Gehen Sie doch! Sie ſind ein Dummkopf! Sie werden mir nicht länger den Weg verſperren!“ ruft Maitre Fripart, purpurroth vor Zorn; und mit kräf⸗ tigem Arme ſtößt er ſo heftig den jungen Mann zurück, daß dieſer ein paar Schritte fortſtolpert. Der brutale Angriff des Advocaten ruft eine — 128 beklagenswerthe Scene der Gewaltthätigkeit hervor. Außer ſich, vergißt ſich unglücklicher Weiſe Erneſt Beaumont ſo weit, daß er Maitre Fripart beohrfeigt. Einer von den Collegen von dieſem läuft nach dem Poſten des Juſtizpalaſtes, um die Wache zu holen. Man nimmt ſogleich ein Protocoll über das flagrante Vergehen auf, verhaftet Erneſt Beaumont zur Stunde, und er wird ſpäter zu ſechs Monaten Gefängniß als angeklagt und überwieſen der „Thätlichkeit gegen ein Mitglied der Advocatenzunft bei Gelegenheit der Aus⸗ übung ſeiner unter den Schutz des Geſetzes geſtellten Functionen“ verurtheilt. III. Der Scheidungsproceß von Herrn und Madame Verneuil hatte, wie alle Proceſſe dieſer Art, einen ſcandalöſen Wiederhall; die Gerichtsjournale gaben die Vertheidigungsreden. Die des Advocaten von Adele brachte keinen Effect hervor und ſollte keinen machen; ſie war voll Mäßigung, Anſtand, und frei von aller verletzenden Perſönlichkeit, abgeſehen von einer Unter⸗ brechung, welche der Entrüſtung des Vertheidigers der jungen Frau entriſſen wurde, der außer ſich gerieth, als er die angeblichen chriſtlichen Tugenden von Herrn Verneuil loben hörte, und dem gerechten Verlangen, dieſen Heuchler zu entlarven, nachgab. Man hat geſehen, mit welcher Kunſt Maitre Fripart die von ſeinem Gegner hingeſchleuderte Ehebruchsbezüchtigung zuruckſchob. Seine Rede hatte einen großen Succeß; ſie gab der öffentlichen Bosheit 5 129 reichliches Futter, und vermöge ſeiner treuloſen Ge⸗ ſchicklichkeit kehrte er auf eine freche Weiſe die Rollen um: der Angeklagte wurde der Ankläger, gehäſſiger Verdacht ſchwebte über dem unbeſcholtenen, vorwurfs⸗ freien Leben von Madame Verneuil. Die abſcheulichen Einfälle dieſes Advocaten, — von einer, wir haben es ſchon geſagt, glücklicher Weiſe exceptionellen Gattung, — die Einfälle in Beziehung auf Erneſt Beaumont erſchienen als die allerergötzlichſten und beſonders als die überzeugendſten Witze. Dieſe alberne Plumpheit befleckte in den Augen der am wenigſten Böswilligen den Ruf einer ſo vieler Theilnahme und Achtung würdigen Gattin und Mutter. Die Sippſchaft der falſchen Frömmler — männ⸗ licher und weiblicher Tartuffes, — welche, man muß es anerkennen, die Solidarität ihrer Verbrüderung be⸗ wunderungswürdig üben, proclamirte Herrn Verneuil als Märtyrer einer ſchändlichen Verleumdung; für dieſe war Adele Verneuil, nach ihren Verdienſten, bei lebendigem Leibe geſchunden, wie Maitre Fri⸗ part ſagte. Herr Verneuil glaubte ſeiner Frau, mit der Poſt und unter Unſchlag, die Rede von Herrn Fripart zuſchicken zu müſſen, welcher eine Notiz über die von Erneſt Beaumont an dieſem Advocaten verübten Thät⸗ lichkeiten beigefügt war; Thätlichkeiten, die vom Geſetze gewiß mit mehreren Monaten Gefängniß beſtraft werden würden, wie das Gerichtsjournal ſagte. Man kennt den Charakter von Madame Verneuil, die Zartheit, die Erhabenheit ihrer Gefühle, und be⸗ ſonders ihre Furcht vor dem Scandal, eine Furcht, Sue, der Teufel als Arzt. I. 9 130 welche denjenigen natürlich, deren Beſcheidenheit, deren Schüchternheit rührenden Tugenden gleichkommen; man wird ſich alſo vorſtellen, wie grauſam die junge Frau bei dem Gedanken litt, ſie ſei der Gegenſtand der Spöttereien, der Verachtung oder des Widerwillens einer höhniſchen, oberflächlichen Welt, welche der Mehrzahl nach nur zu ſehr geneigt, an alle Gemein⸗ heiten, an alle Schlechtigkeiten zu glauben und ſich ſchmählich ſtkeptiſch bei dem zu zeigen, was edle Ge⸗ fühle betrifft. Madame Verneuil erſchrak, wenn ſie bedachte, die Rede von Maitre Fripart, ein Gewebe von ſchmutzigen Verleumdungen, könnte eines Tags ihren Kindern zu Augen kommen, und ſpäter, wenn es ſich darum han⸗ delte, ihre Tochter zu verheirathen, würde vielleicht die mütterliche Schmach auf Emma zurückfallen und ihre Zukunft gefährden. Die Verurtheilung von Erneſt Beaumont endlich, der einem bedauerlichen Ausbruche der Entrüſtung — — nachgegeben zu haben ſchuldig, vermehrte noch den ſchmerzlichen Kummer der jungen Frau; ſie wurde ſchwer krank im Kloſter der Engliſchen Fräulein und verdankte ihr Leben nur den hingebenden Bemühungen des Doctors Max. Bei ihrer Wiedergeneſung verließ ſie das Kloſter, um eine Wohnung in einem einſamen, abgelegenen Quartiere zu nehmen, und ſie ſuchte das Vergeſſen ihrer Leiden und unausſprechliche Tröſtungen in ihrer Zärtlichkeit für ihre Tochter und in der ſüßen Erfüllung ihrer Mutterpflichten. Herr Verneuil behielt, wie man ſich denken kann, Charlotte bei ſich, da der Mann der ſtrengſten Sitten, ohne die öffentliche oder Privatmoralität zu verletzen, — — 131 ſein Haus unter die Aufſicht einer Beſchließerin ſtellen konnte. Dies war die neue Würde, zu der ſich Char⸗ lotte erhob; ſie hatte eine Köchin unter ihren Befehlen, wurde gebietende Dienerin und erlangte eine unumſchränkte, unwiderſtehliche Gewalt über ihren Herrn. IV. Sechs Monate ſind verlaufen, ſeitdem das Urtheil im Scheidungsproceſſe von Madame Verneuil geſpro⸗ chen worden iſt. Sie iſt wieder in den Beſitz ihres Heirathsgutes — ungefähr achttauſend Franken Rente — eingetreten. Sie hat eine beſcheidene Wohnung im Quartier du Luxembourg inne, und Joſephine, ihre Köchin, eine redliche Frau von reiferem Alter und ganz ihrer Gebieterin ergeben, iſt in ihrem Dienſte geblieben. Der Nachmittag iſt vorgerückt. Die Thüre und die Fenſter der im Erdgeſchoſſe liegenden Wohnung von Madame Verneuil ſind gegen ein Gärtchen geöff⸗ net, deſſen Genuß ſie der Geſundheit ihrer Tochter zuträglich erachtet hat. Der Salon, wo ſich die fol⸗ genden Scenen ereignen, dient auch als Arbeitscabinet für Emma; ihre Erziehung iſt fortwährend der Gegen⸗ ſtand der ſorgſamen Bemühungen ihrer Mutter. Ein Klavier, ein Schreibtiſch, eine Bibliothek, in der die Bücher des Kindes aufgeſtellt ſind, zeugen von der emſigen Beſchäftigung der Inhaberinnen dieſer Woh⸗ nung. Meubles und Tapeten von gutem Geſchmacke, friſch geſchnittene, die Vaſen des Kamins ſchmückende Blumen geben dieſem friedlichen Aufenthaltsorte einen Charakter eleganter Einfachheit; man bemerkt durch die Fenſter die Gebüſche und die Raſen des Gartens, und am Horizont zeichnen ſich die grünen Maſſen der großen Bäume des Luxembourg. Der Scheidungsſpruch hat entſchieden, Louis ſollte der Sorge ſeines Vaters, Emma der ihrer Mutter anvertraut bleiben, und dieſe könnte verlangen, daß ihr Sohn, der ſich im Collége befand, bei ihr alle vierzehn Tage einige Stunden am Sonntag zubringe. Dieſer Tag war ein Sonntag. Die zwei Kinder, welche im Garten unter der Aufſicht von Joſephine ſpielten, treten in den Salon ein. Louis erreicht ſein elftes Jahr; er iſt zwei Jahre jünger als ſeine Schweſter und ſcheint in dieſem Au⸗ genblicke mit ihr zu ſchmollen; Emma ſetzt ſich, das Geſicht in Thränen gebadet, an ihren Schreibtiſch und ſtützt ſich, ihr Taſchentuch vor ihre Augen haltend, mit den Ellenbogen darauf; nicht minder betrübt, bleibt ihr Bruder am andern Ende des Salon und blättert, am Klavier ſtehend, in einem Muſikhefte. In ihr Schmollen verſunken, haben die zwei Kinder die Tritte ihrer Mutter nicht gehört, welche aus ihrem Zimmer kommt, deſſen Thüre offen ſteht. Peinlich erſtaunt, da ſie ihre Kinder in Thränen und ſich pon einander entfernt haltend ſieht, bleibt Ma⸗ dame Verneuil einen Augenblick auf der Schwelle des Salon und beobachtet, bemüht, im Geiſte die Urſache der Zwiſtigkeit von Louis und Emma zu ergründen, dieſe mit einer beſorgten Neugierde. Adele iſt ſehr bleich; ihr Kummer, die Krankheit, die ſie kurz zuvor überſtanden, haben ihre Züge tief 133 angegriffen; doch ihre Bläſſe und der ſchwermüthige Ausdruck ihrer Phyſiognomie machen die junge Frau noch intereſſanter. Ihr weißes Mouſſelinekleid, die durchſichtige, halb um ihren anmuthigen, zarten Hals geſchlungene Echarpe verleihen ihrer Perſon etwas Dunſtiges, Luftiges; nie hat ihr Anſehen mehr den Beinamen Sylphide gerechtfertigt, den ihr ihre Ge⸗ ſpielinnen zur Zeit ihrer erſten Jugend gaben; ihre, einen glänzenden Wellenſcheitel bildenden, kaſtanien⸗ braunen Haare zeichnen das Oval ihrer reizenden Stirne; ihre blauen Augen ſcheinen vergrößert durch die leichte Vertiefung ihrer Wangen; ihre mattweißen Hände laſſen, beinahe durchſichtig geworden, unter der Oberhaut das bläuliche Netz der Adern erſchauen⸗ Madame Verneuil, nachdem ſie ſtillſchweigend ihren Sohn und ihre Tochter betrachtet hat, ſeufzt, denn ſie befürchtet, das Motiv ihrer Uneinigkeit errathen zu haben; dann ſtrengt ſie ſich an, um eine lachende Miene anzunehmen, und geht auf ſie zu. „Meine Kinder, ich glaubte, Ihr wäret noch im Garten: ich wollte Eure Spiele nicht ſtören.“ Emma ſteht auf, wiſcht verſtohlen die Spur der Thränen ab, die ſie vergoſſen hat, ſteckt ihr Tuch in die Taſche ihrer Schürze und ſucht heiter zu ſcheinen, um ihre Mutter nicht zu betrüben, der ſie ſich nähert. Louis bleibt immer verdrießlich beim Klavier und blättert fortwährend in dem Muſikhefte. W Madame Verneuil ſetzt ſich auf ein Canapé. Emma eilt auf ihre Mutter zu und ruft dann mit einem liebkoſenden Tone: „Komm doch, mein Bruder, komm und ſetze Dich mit mir zu Mama!“ Adele, die ihren Sohn unbeweglich und ſchmol⸗ lend ſtehen bleiben ſieht, fragt leiſe ihre Tochter, indem ſie lächelt: „Es findet alſo eine erſchreckliche Verdrießlichkeit zwiſchen Euch ſtatt?“ „Ich bin nicht erzürnt,“ erwiedert Emma, deren Herz noch von Thränen angeſchwollen iſt; „ich habe geweint, Mama, das iſt das Ganze.“ Und da ihre Augen wieder feucht werden, ſo wendet ſie den Kopf ab, um ihre Gemüthsbewegung vor ihrer Mutter zu verbergen. „Louis,“ ſprach Madame Verneuil, „warum bleibſt Du fern von uns?“ Da ſich aber ihr Sohn nicht nähert, ſo fügt ſie bei: „Hörſt Du mich nicht, liebes Kind? Komm doch hierher und ſetze Dich an meine Seite.“ Louis entſchließt ſich endlich und nähert ſich lang⸗ ſam und mit geſenktem Kopfe; er nimmt Platz zur Linken ſeiner Mutter. Dieſe, ſobald er ſich geſetzt hat, zieht ihn, wie ihre Tochter, an ſich, umſchlingt Beide mit ihren Armen, nähert ſie einander, daß ihre Ge⸗ ſichter ſich beinahe ſtreifen, und ſagt dann mit gerühr⸗ tem Tone: K 135 „Küßt Euch ſogleich, und es ſei nicht mehr die Rede von Eurem abſcheulichen Zwiſte!“ „Oh! von Herzen gern,“ erwiedert Emma, wäh⸗ rend ſie mit den Lippen die Stirne ihres Bruders ſucht; dieſer entſchlüpft aber durch eine leichte Bewe⸗ gung des Kopfes der Liebkoſung, und ſeine Schweſter ſagt traurig: „Du ſiehſt, Mama, er will verdrießlich bleiben.“ Das Herz wird Madame Verneuil beklommen; doch in der Hoffnung, dieſen kindiſchen Zwiſt dadurch zu beſänftigen, daß ſie ſich den Anſchein gebe, als nähme ſie ihn nicht im Ernſte, ſetzt ſie ihren Sohn auf ihren Schooß und ſagt zu ihm, indem ſie aber⸗ mals zu lächeln ſich anſtrengt: „Es ſcheint, daß es ſich entſchieden um etwas ſehr Gewichtiges handelt, da ſich der geſtrenge Herr Louis ſo widerſpänſtig zeigt! Sprecht, meine Kinder, vertraut mir die Urſache dieſes wüthenden Streites.“ „Mama!“ ruft Emma lebhaft, „ich ..“ „Fräulein Emma,“ entgegnet Madame Verneuil, „laſſen Sie den geſtrengen Herrn Louis ſich zuerſt erklären; denn, wenn ich mich nicht irre, iſt er der Beleidigte.“ „Ja, Mama, denn vorhin, im Garten unter der Laube, hat Emma mir vorgeworfen, ich ſei ein Herz⸗ loſer!“ „Louis, Louis! das habe ich nicht geſagt . .. „Oh! biſt Du nicht eine Lügnerin! Haſt Du mir nnicht geſagt: „Du müßteſt herzlos ſein, um Char⸗ lotte mehr zu lieben, als Mama, weil Charlotte Dich mit Leckereien vollſtopft!““ 136 Bei dem verhaßten Namen dieſer Dienerin ſchauert Madame Verneuil auf eine ſchmerzliche Weiſe, und ſie wünſcht den, aus ſo vielen Gründen beklagens⸗ werthen, Streit kurz abzuſchneiden; doch eiferſüchtig, ſich in ihren Augen zu rechtfertigen, vereiteln ihre Kinder ihre Hoffnung auf Verſöhnung, geben ihrem bis dahin vor ihr bewältigten Grolle nach, und ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengt, um ihnen Stillſchweigen auf⸗ zuerlegen, der Streit entſpinnt ſich wieder mit wach⸗ ſender Lebhaftigkeit. „Siehſt Du, Mama?“ ruft Emma, „mein Bruder geſteht es ſelbſt! Ich habe ihm nicht geſagt: er ſei ein Herzloſer, ſondern er wäre es, wenn er Char⸗ lotte Dir vorzöge.“ „Gleichwohl haſt Du mir noch vorgeworfen, ich höre Papa und Charlotte zu, wenn ſie garſtige Dinge von Mama ſagen.“ „Meine Kinder, ich bitte Euch inſtändig . . .“ „Oh! das iſt wahr, Mutter, ich leugne es nicht! Ich habe Louis geſagt: wenn Papa und Charlotte ſchlimm von Mama reden, müßteſt Du ihnen ant⸗ worten: „Sie werden mich nie abhalten, meine Mutter zu lieben . . . im Gegentheil . . .““ „Ich möchte Dich wohl ſehen, ob Du es wagen würdeſt, das Papa und Charlotte zu ſagen.“ „Ja, ich würde es ihnen ſagen,“ ruſt Emma pur⸗ purroth im Geſichte, „ja, ich würde es ihnen ſagen .. . Du haſt alſo kein Herz?“ „Emma . . . Louis .. . ich beſchwöre Euch .. höret mich . . .“ „Es iſt Mademoiſelle Emma ſehr leicht, die An⸗ dern zu beſchuldigen, es fehle ihnen an Herz,“ erwiedert Louis zornig; „heute Morgen hat mich Charkvtte bis auf's Blut gepfetzt, weil ich ſagte: „„Welch ein Glück! es iſt heute der Sonntag von Mama!““ „Man ſagt das, was man auf dem Herzen hat . . . und man läßt ſich pfetzen, hörſt Du wohl, mein Bruder?“ „Ich habe keine Befehle von Dir zu empfangen.“ „Geh! Du biſt ein Garſtiger!“ „Und Du eine Garſtige!“ „Und Du ein Herzloſer, das werde ich am Ende glauben!“ „Und Du eine Boshafte!“ „Meine Kinder, meine Kinder!“ ruft Madame Verneuil ſchmerzlich betrübt über dieſen Streit, den ſie vergebens zu unterbrechen verſucht hatte, „Ihr wollt mich alſo unglücklich machen, mir Thränen erpreſſen? Mein Gott! iſt es nicht traurig genug, von einander getrennt zu leben? müſſen auch noch die ſpärlichen Tage, wo wir alle Drei vereinigt ſind, getrübt werden? Ich bitte Euch als um einen Gefallen, liebe . . liebe, angebetete Kinder,“ fügt Adele bei, indem ſie Emma und Lyuis an ihre Bruſt ſchließt und ſie mit Küſſen bedeckt, „ich flehe Euch an, laßt uns nie von dem reden, was außer dieſem Hauſe geſchieht und geſprochen wird; . . . denken wir nur an das Glück, beiſammen zu ſein. Scht, liebe Kleine, in Eurem Alter gibt es Dinge, die Ihr noch nicht begreifen könnt! Darunter iſt die Trennung von Eurem Vater und von mir. Vielleicht haben wir Beide gegenſeitiges Unrecht ge⸗ habt; in einigen Jahren werdet Ihr im Stande ſein, das zu ſchätzen; bis dahin aber lieben wir uns, tröſten wir uns, und ſtatt uns zu entzweien, ſchließen wir 1 138 uns wohl . . . wie in dieſem Augenblicke, ſchließen wir uns wohl alle Drei wohl an einander an.“ Und dieſe Worte ſprechend, preßt Adele leiden⸗ ſchaftlich ihre beiden Kinder an ihre Bruſt, bedeckt ſie mit Liebkoſungen, und ruft dann: „Ja, ſo alle Drei, Herz an Herz, bieten wir den Böſen Trotz!“ Bei dieſen zärtlichen Worten vergeſſen Emma und Louis ihre kindiſchen Anſchuldigungen, und in einer gemeinſchaftlichen Rückkehr der Liebe ſuchen, be⸗ gegnen ſich ihre Lippen: der Friede iſt am mütter⸗ lichen Buſen geſchloſſen. „Verzeih, Brüderchen,“ ſagt Emma, „verzeih, daß ich Dich herzlos genannt habe.“ „Nein, ruft Louis heldenmüthig und der Be⸗ weglichkeit der Eindrücke ſeines Alters nachgebend, „nein, Du hatteſt Recht, ich war ein Herzloſer, und wenn ſie es ſich noch einmal einfallen läßt, von Mama Schlimmes zu reden, dieſe Charlotte, ſo werde ich ihr ſehr beträchtliche Fußtritte geben. Oh! mir gilt es gleich!“ „Louis, mein Louischen,“ erwiedert Emma, „ge⸗ fährde Dich nicht. Du machſt mir bange, Du ſiehſt ſo wüthend aus.“ — Joſephine bringt in dieſem Augenblicke auf einem Brette das Veſperbrod der Kinder und ſagt: „Geſchwinde, Herr Louis, Sie haben nur Zeit, zu veſpern: beeilen Sie ſich, der Portier, der Sie holt, um Sie zu Ihrem Vater zurückzuführen, iſt da; er wartet auf Sie, er hat Eile, weil er noch einen Gang machen muß.“ Uns ſchon trennen! Ah! wie ſchnell ſind — 189 dieſe Stunden vergangen!“ murmelt ſeufzend Madame Verneuil. Und ſie ſteht auf, um beim Veſperbrode ihrer Kinder zu präſidiren. 5 Emma ißt kaum; doch ihr Bruder, der ſchon nicht“ mehr an ihren Streit denkt, überläßt ſich ohne Zwang ſeinem Koſtſchülerappetit, und er wendet ſich mit vollem Munde an Joſephine und ſagt zu ihre „Du müßteſt uns ein ander Mal mit Reiscro⸗ quetten bewirthen. Charlotte liebt ſie ſehr; ſie läßt die Köchin von Papa machen: das iſt vortrefflich!“ „Nun, ich würde an der Stelle der Köchin Ma⸗ demviſelle Charlotte ſchön abführen!“ erwiedert Jo⸗ ſephine. „Hat man das je geſehen! die miſcht ſich darein, Befehle zu geben, eine Solche! .. „Joſephine, ich bitte, genug über dieſen Gegen⸗ ſtand,“ verſetzt raſch Madame Verneuil; dann hebt ſie Louis von ſeinem Teller auf, läßt ihn auf ihren Schvoß ſitzen, umſchlingt mit einem ihrer Arme ſeinen Hals und ſagt zu ihm: „Auf, mein Kind, wir müſſen Abſchied nehmen; Deine Schweſter und ich, wir wer⸗ den Dich am nächſten Donnerſtag im Collége, Nach⸗ mittags in Deiner Recreationsſtunde, beſuchen.“ „Ah! nein, Mama, nicht Donnerſtag.“ „Warum nicht?“ „Weil mir Charlotte heute geſagt hat, ſie werde an dieſem Tage kommen und mir einen Kirſchkuchen bringen, aber groß! oh! ſehr groß!“ „Dann, mein Kind,“ erwiedert Madame Ver⸗ neuil, ihren ſchmerzlichen Eindruck verbergend, „dann wollen wir Dich am Mittwoch beſuchen; wir gewinnen hiebei, denn wir werden Dich einen Tag früher un armen. Sei bis dahin vernünftig, befriedige D⸗ 140 Lehrer, arbeite beharrlich, ſei gut, und lüge beſonders nie. Der aufrichtige, arbeitſame und gute Menſch wird von Jedermann geliebt und geehrt. Nun Gott befohlen, mein Kind!“ Und ihn voll Innigkeit um⸗ armend: „Suche während dieſer vierzehn Tage gute Plätze in Deiner Claſſe zu erlangen; Du wirſt Deine Schweſter und mich ſehr glücklich machen, und ich ver⸗ ſpreche Dir ein ſchönes Buch, in dem Du die Ge⸗ ſchichte der Kinder leſen wirſt, welche in Deinem Alter ſehr ausgezeichnet waren durch ihr Wiſſen und be⸗ ſonders durch die edlen Eigenſchaſten ihres Herzens.“ „Oh! Dank, Mama. Sind Bilder in dieſem Buche?“ „Ja, das Portrait von dieſen berühmten Kin⸗ dern *).“ „Welch ein Glück! Somit werde ich in vierzehn Tagen, wenn ich gut arbeite, ein ſchönes Buch und eine Paſtete haben!“ fügt unbeſonnen Louis bei, der ſchon ſeine Drohung mit beträchtlichen Fußtritten in Beziehung auf Charlotte vergißt . . . Ja, Du weißt nicht, Mama? Charlotte hat mir geſagt: „„Ich werde Dir eine große Paſtete ſchenken; das wird vor Neid wüthend diejenigen von Deinen Kameraden machen, deren Eltern zu arm ſind, um ſie mit ſolchen Leckerbiſſen zu bewirthen. Deine Kameraden werden Dir ſchmeicheln, werden Dir Deine Lectionen einblaſen, 3 3 Buch, auf welches Engone Sue hier an⸗ ſpielt, iſt auch im Franckh'ſchen Verlage unter dem Titel: „Die berühmten Kinder, nach Michel Maſſon bearbeitet von Dr. Au guſt 5 Zoller, erſchienen. — 141 um von Deiner Paſtete zu bekommen; doch ich öeh⸗ ſie Dir nur, wenn Du in den nächſten vierzehn T Ta⸗ gen, ſo oft ich Dich im Collége beſuche, nicht ein ein⸗ ziges Mal ſprichſt von Deiner . . .““ Trotz ſeiner Unbeſonnenheit vvitendete S nicht; er glaubte, er habe nicht errathen laſſen, was er durch ein zu ſpätes Schweigen verbergen wollte; doch Adele und ihre Tochter ergänzten im Geiſte den unterbrochenen Satz. Das Herz von Madame Verneuil brach aufs Neue, und es wurde ihr übel vor Eckel bei dem Ge⸗ danken, welche gemeine, abſcheuliche Mittel man an⸗ wandte, um ihr unglückliches Kind zu verderben und in ihm ſeine kindliche Anhänglichkeit bis auf das Wort zu unterdrücken. „Madame,“ ſagte Joſephine, in den Salon zurück⸗ kehrend, „der Portier vom Herrn wird ungeduldig; er muß um fünf Uhr wieder zu Hauſe ſein, und es iſt halb fünf Uhr.“ „Oh! dann gehe ich auf der Stelle!“ ruft Louis, indem er haſtig ſeine Mütze holt. „Ich würde zu ſehr gezankt von Charlotte und von Papa, wenn ich zu ſpät käme! ſie würden mich ſicherlich auf trockenes Brod ſetzen, und das wäre hübſch Schade, denn Char⸗ lotte hat mir geſagt, es gebe beim Mittageſſen einen gebratenen Truthahn, eine Klößchentorte und Me⸗ ringuen! Adieu, Mama!“ fügte das Kind ſeiner Mutter die Stirne darbietend bei. „Adieu, Emma! Ihr werdet mich am Mittwoch in der Erholungsſtunde be⸗ ſuchen, nicht wahr?“ „Ja, mein Kind,“ erwiedert, ihren Sohn küſſend, Adele, die kaum ihre Thränen zurückzuhalten vermag. „Gott befohlen!“ 142 „Auf Wiederſehen, Emma,“ ruft Louis, ſeine Schweſter küſſend. „Ich laufe, es iſt ſo ſpät.“ „Gewiß, gehe geſchwinde, geſchwinde!“ ſpricht bitter Emma, indem ſie mit dem Blicke ihrem Bruder folgt, der aus dem Zimmer eilt, „renne! denn bliebeſt Du einige Minuten länger bei uns, ſo würdeſt Du Gefahr laufen, Deinen Theil am Truthahn, an der Torte und an den Meringuen zu verlieren!“ „Ich glaube es wohl!“ erwiedert naiv Louis, während er haſtig abgeht. „Adieu, Mama; Adieu, meine Schweſter!“ VI. Sogleich nach dem Abgange von Louis fiel Emma Madame Verneuil um den Hals und rief ſchluchzend: „Mein Bruder liebt uns nicht mehr.“ „Beruhige Dich, lieber Engel, beruhige Dich; keine Uebertreibung!“ ſagte die junge Frau die Lieb⸗ koſungen ihrer Tochter erwiedernd. „Hätte mir die Zeit nicht gefehlt, ſo würde ich Deinem Bruder be⸗ greiflich gemacht haben, — und er hätte mich begriffen, denn ſein Herz iſt gut, — der ſcheinbare Eifer, mit dem er uns, dem Mittageſſen zu Liebe, zu verlaſſen ſich beeile, könne uns in unſerer Zuneigung verletzen; die Vernunft, das Gefühl der Schicklichkeit werden ſpäter kommen. Dieſer liebe Louis iſt noch ein Kind!“ „Muß man denn ſo groß ſein, um ſeine Muttter zu lieben? Muß man denn ſo vernünftig ſein, um Dich einer unwürdigen Dienerin vorzuziehen?“ „Emma .. — 143 „Siehſt Du, Mama, um Dich nicht zu betrüben, komme ich nie auf dieſen Gegenſtand zurück, doch längſt iſt es für mich Gewißheit, daß ich nicht geträumt habe, als ich meinen Vater zu Charlotte ſagen hörte: „„Du biſt meine wahre Frau. Ich wollte, die Andere wäre todt: Du würdeſt dann Herrin hier.““ „Ich bitte Dich inſtändig, laß uns von etwas Anderem reden.“ „Du biſt allerdings nicht todt, doch Du wäreſt beinahe geſtorben, liebe, arme Mutter!“ fuhr entrüſtet Emma fort, ohne auf die Bitte ihrer Mutter Rückſicht zu nehmen. „Ja, es iſt nicht ihre Schuld, daß Du nicht vor Gram geſtorben biſt! Iſt Charlotte nicht die Herrin bei meinem Vater? Wenden ſie nicht Louis von ſeiner Liebe für uns ab? Wie! ſie ſagen ihm unabläſſig Schlimmes von Dir, und er duldet es! Er findet es nicht empörend, wenn man ihm eine Leckerei unter der Bedingung verſpricht, daß er nicht einmal Deinen Namen nenne? Und er iſt fähig, ihn nicht zu nennen, Deinen Namen, in der Hoffnung, ſeine Eßgierde zu befriedigen. Louis, Louis, der uns vor ſechs Monaten ſo ſehr liebte: ſiehſt Du, was ſie aus ihm gemacht haben?“ „Aber, mein Kind, Du täuſchſt Dich.“ „Nein, nein, ich täuſche mich nicht! Nun! deſto ſchlimmer für Louis und für meinen Vater! lieben ſie uns nicht mehr, ſo liebe ich ſie auch nicht mehr! Sie bereiten Dir zu viel Leiden! Oh! meine geliebte Mutter, wir werden ihrer wohl zu entbehren wiſſen.“ Einem zunehmenden Schmerze preisgegeben, ver⸗ ſucht es Madame Verneuil, die Eraltation ihrer Toch⸗ 144 ter zu beſänftigen; da läuft Joſephine mit freudiger Miene herbei und ruft: „Oh! Madame, dieſer würdige Herr iſt da; er ver⸗ langt Sie zu ſehen.“ „Von wem ſprechen Sie, Joſephine?“ „Von dem wackern Herrn Erneſt Beaumont, der an dem Abend, wo ...0 „Es iſt gut . . . Ich erwartete in der That Herrn Beaumont; bitten Sie ihn, einzutreten.“ „Armer, junger Mann!“ ſagte Joſephine, wäh⸗ rend ſie ſich entfernte, „er kommt ohne Zweifel aus dem Gefängniß, wo er ſeit ſechs Monaten war! Gleichviel, er hat ſich immerhin die Genugthuung ver⸗ ſchafft, eine Prügelſuppe einem ſchurkiſchen Advokaten zu geben, der dieſe arme Madame Verneuil mit Ver⸗ achtung behandelt hat, wie der Herr Doctor Max ſagt.“ „Emma,“ ſprach Madame Verneuil, ohne die geringſte Verlegenheit zu zeigen, „ich habe lange mit der Perſon zu reden, welche von Joſephine gemeldet worden iſt.“ „Wer iſt es denn, Mama?“ „Einer unſerer Verwandten, Herr Erneſt Beau⸗ mont.“ „Ich habe nie von ihm ſprechen hören.“ „Er iſt Sceman und reiſt ſeit ungefähr fünfzehn Jahren auf dem Meere.“ „Ich verlaſſe Dich, Mama; ich will ein Buch nehmen und in unſer Zimmer gehen.“ „Wäreſt Du nicht beſſer dort, bei den Fenſtern des Salon, unter den Bäumen? Das Wetter iſt ſo ſchön. 145 „Oh! ich ziehe es bei Weitem vor, im Garten zu bleiben.“ „Warum wollteſt Du dann in unſer Zimmer gehen?“ „Ich befürchtete, Dir läſtig oder indiscret zu ſein, Mama.“ „Deine Gegenwart iſt mir nie läſtig, wird mir nie in irgend einer Hinſicht läſtig ſein,“ erwiedert Madame Verneuil, deren zarte reine Seele ſchon bei dem Gedanken erſchrickt, ihre Tochter könnte glauben, ſie ſei ſtörend bei der Zuſammenkunft, die ſie, Adele, mit Erneſt Beaumont haben ſollte. Emma nimmt ein Buch aus der Bibliothek, kommt dann zu ihrer Mutter zurück, bietet ihr die Stirne dar und ſagt zu ihr: „Höre, Mama, es war ein Unrecht von mir, gegen Dich zu äußern, ich wolle Louis nicht mehr lieben, einmak, weil Dich das betrübt hat, und dann, weil ich im Grunde fühle, daß es mir ſehr ſchwierig wäre, dieſes arme Brüderchen nicht mehr zu lieben. Du haſt Recht, es iſt ein Kind.“ Nachdem ſie dieſe letzten Worte mit einem naiven Nachdrucke geſprochen, küßt Emma ihre Mutter und wendet ſich gegen den Garten, deſſen Schwelle ſie zu überſchreiten im Begriffe iſt. Sie bleibt ſtehen beim Anblicke von Erneſt Beaumont, macht ihm, indem ſie ihn neugierig anſchaut, eine tiefe Verneigung und läßt ihn allein mit Madame Verneuil. 6 Sue, der Teufel als Arzt. I. 10 PE Erneſt Beaumont iſt ungefähr von demſelben Alter wie Adele. Voll Edelſinn, Muth, Rechtſchaffen⸗ heit; ein vollendeter Seemann, ein ausgezeichneter Künſtler, reich an verſchiedenartigen Kenntniſſen, Früchten der Muße ſeiner langen Fahrten, hat er faſt alle Küſten des Erdballes nicht nur als erfahrener Schiffer, ſondern auch als Maler, als Botaniker, als Geolog, als Hiſtoriker, als Dichter beſucht. Die Le⸗ bendigkeit ſeiner Einbildungskraft ſollte ihn tief em⸗ pfänglich für die große Poeſie des Meeres und die wechſelreichen Schönheiten ſo vieler fernen Länder ma⸗ chen, die er während ſeiner langen Reiſen durchwan⸗ derte. Seine phyſiſche Organiſation bietet viele Vergleichungspunkte mit der von Madame Verneuil: ſchlank, hoch gewachſen, mehr nervös, als robuſt, von einem mehr anziehenden, als regelmäßig ſchönen Ge⸗ ſichte, das aber das Gepräge von Offenherzigkeit und Energie an ſich trug und ſich beſonders, wie Florence Hermann ſagte, durch ſeine hellazurblauen Augen be⸗ franſt mit Wimpern ſo ſchwarz wie ſeine Brauen, ſeine Haupthaare und ſein leichter Bart auszeichnete. Seine blauen Augen, die glänzende Weiße ſeiner Zähne bildeten einen ſeltſamen Contraſt nicht ohne Reiz mit der bronzeartigen Nuance ſeines durch die Seeluft und die Sonne der Tropenländer dunkler gefärbten Teints; mit einem Worte, wie es Florence Hermann, eine ſehr erfahrene Kennerin, auch ſagte: die Perſon des jungen 147 Seemanns gehörte zu denjenigen, welche man unmöglich vergeſſen kann, wenn man ihnen einmal begegnet iſt. VII. Erneſt Beaumont hat am vorhergehenden Tage Sainte⸗Pélagie verlaſſen, ein Gefängniß, wo er ſich ſeit dem Streite mit Maitre Fripart befand, in Folge deſſen er die verleumderiſche Frechheit des Ver⸗ ſchlinger⸗Advokaten kräftig gezüchtigt hatte, — eine aus dem Geſichtspunkte der menſchlichen Mäßigung ſehr bedauekliche Gewaltthat. Das Geſicht des jungen Seemanns drückt eine kaum beherrſchte Glückſeligkeit aus; doch plötzlich wird er traurig betroffen von der Veränderung der Züge von Madame Verneuil. Sie bemerkt den peinlichen Eindruck ihres Vetters und. reicht ihm herzlich die Hände. „Erneſt, nicht wahr, Sie finden mich ſehr verän⸗ dert? Doch ſprechen wir von Ihnen, mein Freund. Die Verurtheilung, die Sie erlitten, iſt über Sie ver⸗ hängt worden, weil Sie zu lebhaft meine Vertheidigung übernommen haben. Mein Gott! wie verdrießlich mußten für Sie dieſe ſechs Monate der Einſamkeit ſein! Erneſt, Erneſt, Sie antworten mir nicht?“ „Nein, ich ſchaue Sie an. Und dann, hören Sie, in dieſem Augenblicke bedrängt mich unwillkürlich ein ſchlimmer Gedanke.“ „Sie, mein Freund?“ „Ja, dieſer Gedanke iſt zugleich grauſam und an⸗ maßend.“ „Wahrhaftig? Armes, redliches, edles Herz!“ . 148 „Anmaßend und grauſam iſt mein Gedanke, weil das in Ihren Zügen ausgeprägte Leiden mir nicht allen Kummer verurſacht, den es mir verurſachen müßte . . . Nein, denn ich habe Anmaßung genug in meiner Liebe, um mir zu ſagen: „„Durch ſorgſame Bemühungen, durch Ergebenheit, durch Zärtlichkeit würde ich dieſem, — heute ſo niedergeſchlagenen, ſo ſchmerzlich angegriffenen, — theuren, reizenden Ge⸗ ſichte eine glückliche Heiterkeit wiedergeben.““ Während er dieſe letzten Worte ſpricht, iſt die Stimme von Erneſt Beaumont erſchüttert, ſeine Thrä⸗ nen fließen langſam über ſein männliches, gebräuntes Geſicht, und nach einem Augenblicke des Stillſchwei⸗ gens, deſſen Bewegung von Madame Verneuil getheilt wird, fügt er bei: „Oh! dieſer Tag läßt mich fünfzehn Jahre in der Vereinzelung, im Kummer zugebracht vergeſſen. Dieſe Vereinzelung, dieſer Kummer hatten jedoch für mich einen ſeltſamen Reiz. Oh! wenn Sie wüßten, Adele, wenn Sie wüßten .. „Sprechen Sie, ſprechen Sie, Ihre befreundete Stimme iſt ſo ſüß für mich!“ erwiedert Madame Ver⸗ neuil, gleichſam gebrochen, gelähmt durch das Glück; „ich habe nur die Kraft, Ihnen zuzuhören. Sprechen Sie, Erneſt, ſagen Sie Alles.“ „Ja, fünfzehn Jahre lang habe ich faſt immer auf dem Meere gelebt, und dennoch hatte dieſe unge⸗ heure Einſamkeit einen ſeltſamen Reiz für mich. Oh! wie oft, auf dem Verdecke meines Schiffes, bei Nacht, die Augen auf die Sterne geheftet, welche auch über Frankreich ſtrahlten, ſagte ich, mir an Frankreich denkend Sie iſt dort! ſie iſt dort! Sie könnten nicht — 149 glauben, Adele, wie ſehr dieſes beſchauliche Leben, unter den Oceanen zugebracht, das Gefühl der Liebe entwickelt, erhöht; ein tiefes Gefühl, unbegränzt wie das Meer und wie das Meer abwechſelnd ruhig und bewegt. Ja, ich hatte in meiner Verzweiflung Augen⸗ blicke der Ruhe; ich liebte dann, um zu lieben, um des einzigen und göttlichen Glückes willen, zu lieben. Ich liebte ohne Hoffnung, doch ich liebte Sie. Alles ſchien dann um mich her zu lächeln. Kam der Sturm, ſo wiegte er mich; das Ungewitter hatte ſeine Ruhe, der „ Donnerſtrahl ſeinen Glanz. Die wirkliche Welt ver⸗ ſchwand vor meinen Augen. Der Raum trennt mich von Adele, ſagte ich zu mir ſelbſt; unauflösliche Bande feſſeln ſie anderswo; ich werde ſie ohne Zweifel nie wiederſehen; mein Andenken hat ſich in ihrem Geiſte verwiſcht oder wird vielleicht darin erlöſchen; aber trotz des Vergeſſens, trotz des Raumes, trotz der Bande, die ſie feſſeln, liebe ich ſie, liebe ich ſie! Keine menſchliche Macht kann mich verhindern, ſie zu lieben, kann aus meinem Herzen dieſes angebetete Bild, dieſe theuren Erinnerungen reißen! Adele! Sie waren hier immer hier. . . Nun . . . Sie werden lächeln . . .“ „Oh! ſprechen Sie, Erneſt, in dieſem Augenblicke vergeſſe ich auch Alles, was ich ſeit ſechs Monaten gelitten habe.“ „Die Liebe, ſehen Sie, Adele, beſteht aus Größen und aus Kindereien, aus tiefem Glauben und aus Aberglauben. Ich hatte, und ich wiederhole, Sie werden lächeln . . . ich hatte meinem Schiffe Ihren Namen gegeben. Durch dieſe Fiction wurden Sie die Gefährtin meiner Reiſen, meines Geſchickes; fortan unzertrennlich, waren wir mit einander den Zufällen 150 des Glückes oder des Unglücks preisgegeben! Dieſe Illuſion verblendete den glühendſten Wunſch meines Herzens. Auch war ich, ſollten Sie es glauben? auch war ich glücklich, ſtolz, meine Matroſen, gute Leute, naiv wie das Kind, muthig wie der Mann, der jeden Tag ſein Leben aufs Spiel ſetzt, ich war glück⸗ lich, ich war ſtolz, ſie unter einander mit dem Hoch⸗ muthe des für ſein Schiff leidenſchaftlich eingenomme⸗ nen Seemanns ſagen zu hören: „Oh! die Adele iſt ohne Gleichen! Vergebens entfeſſelt ſich das Meer, brüllt der Orkan: die Adele benimmt ſich als eine Brave und thut wacker ihre Pflicht!““ Gute Leute! hätten ſie Sie gekannt, ſagen ſie, Adele, wür⸗ den ſie Sie beſſer geſchätzt haben, Sie, die muthige Frau der Pflicht? Was ſoll ich beifügen? Anbetungs⸗ würdige Schwächen und heilige Größen der Liebe! herzzerreißende Leiden und unausſprechliche Freuden! ſi dieſer fünfzehn Jahre habe ich Alles ge⸗ itten, Alles erfahren. In Ihnen liebte ich das Ideal meines Lebens. Oh! wie oft hat mir der Anblick Ihres, von mir aus dem Gedächtniß gemalten, Por⸗ traits unbeſchreibliche Gemüthsbewegungen verur⸗ ſacht! .. Das waren Sie! . . Ihre reizenden Augen, Ihr ſchwermüthiger, ſanfter Blick, Ihre ſo edle und ſo reine Stirne, Ihr ſeltenes, feines Lächeln, das ſo geizig mit dem Schatze ſeiner Perlen, Ihr zarter weißer Hals, dieſe Sylphidengeſtalt, leicht und ge⸗ ſchmeidig wie ein Rohr; ich ſah Sie, Adele, ſo wie ich Sie zu dieſer Stunde ſehe . . . ſchön in jener Schönheit, welche die Seele vor den Augen ent⸗ zückt!.. Ich liebte Sie, wie ich Sie zu dieſer Stunde 151 liebe, doch ich verzweifelte, und heute hoffe ich. Sie ſind frei, Adele, und mein Leben gehört Ihnen!“ ⸗ IX. Madame Verneuil hatte Anfangs Erneſt Beau⸗ mont in eine köſtliche Extaſe verſunken angehört; ſie fühlte ſich geliebt, wie ſie es zu ſein verdiente, wie ſie ſelbſt liebte. Fünfzehn Jahre lang hatte die Liebe, beinahe ohne ihr Wiſſen, in der tiefſten Tiefe ihrer Seele gebrütet, war ſie hier gewachſen, und wenn ſie ſich zuweilen träumeriſch in der Erinnerung an ihre erſte Neigung wiegte und dann der Name Erneſt wie ein Seufzer von ihrem Herzen zu ihren Lippen auf⸗ ſtieg, ſo erſtickte ſogleich die ſtrenge und zugleich ſanfte Stimme ihrer Gattin- und Mutterpflichten das ent⸗ fernte Echo der Vergangenheit. Als ſie aber den ſo beſtändig, ſo edel, ſo heiß liebenden Seemann wieder⸗ ſah, der ſo ſchön von jener Schönheit, die das innere Strahlen der Leidenſchaft unwiderſtehlich macht; als ſie endlich dem Schlage, dem elektriſchen Funken des Blickes begegnete, den er auf ſie heftete, da fing ihre ſo lange unter der Aſche glimmende Liebe Feuer. Sie empfand plötzlich, wie ſie nie empfunden hatte; ihre nervöſe, empfängliche Organiſation wurde mächtig er⸗ ſchüttert durch ein unbekanntes, berauſchendes Gefühl. Ihre Röthe, ihr verlängertes Stillſchweigen, ihr feuchter, verſchleierter Blick, das heftige Klopfen ihres Herzens verriethen Adele bald, und, wie Erneſt Beau⸗ mont ſagte, der Engel, das Ideal ſeines Lebens, vér⸗ körperte ſich vor ſeinen Augen in die liebende Frau. 152 Doch plötzlich der unabweisbaren Süßigkeit ihrer Gefühle entriſſen, ſollte Adele Verneuil zu den ver⸗ zweiflungsvollen Wirklichkeiten ihrer Lage zurückgerufen werden. „Sie ſind nun frei, Adele; ich liebe Sie, und . mein Leben gehört Ihnen!“ hatte Erneſt Beaumont, Madame Verneuil mit Anbetung betrachtend, geſagt; als er ſodann ihr Stillſchweigen, ihre Unruhe, die Färbung ihrer Wangen wahrnahm, ergriff er die glühenden Hände der jungen Frau, bedeckte ſie mit Küſſen, warf ſich ihr zu Füßen und flüſterte: „Oh! Du liebſt mich ſo leidenſchaftlich, als ich Dich liebe.“ Madame Verneuil, da ſie auf ihrer Hand die Lippen von Erneſt fühlte, ſchien plötzlich zu erwachen, erhob ſich ungeſtüm, ſchaute erſchrocken umher und ſagte: „Erneſt, ſtehen Sie auf! . . meine Tochter iſt im Garten . . . Großer Gott! wenn ſie ſehen würde! wenn ſie Sie geſehen hat!“ Betroffen von der Bangigkeit von Adele, ſteht der junge Seemann raſch auf, macht zwei Schritte gegen die Thüre des Gartens, wirft einen Blick hinaus und kommt zurück. „Beruhigen Sie ſich, Ihre Tochter ſitzt dort unter einer Laube und lieſt; es iſt nicht möglich, daß ſie uns von dem Orte aus, wo ſie ſich befindet, bemerken konnte.“ 6 ——— 153 Madame Verneuil fällt gelähmt in ein Fauteuil zurück und hält beide Hände vor ihr Geſicht. Erneſt nähert ſich ihr raſch. „Ich bitte, mein Freund, ſetzen Sie ſich auf dieſen Stuhl, fern von mir.“ „Warum ſo fern?“ „Emma iſt ja dort im Garten,“ antwortet die junge Frau mit einer neuen Bangigkeit. „Wollen Sie denn, daß ich vor meiner Tochter erröthe? Erneſt nimmt betrübt einen Stuhl und ſtellt ihn ein paar Schritte von dem Fauteuil, ww Madame Verneuil ſitzt; ſie wiſcht zu wiederholten Malen ihre Thränen ab und ſagt dann mit ängſtlichem Tone: „Em kann jeden Augenblick hereinkommen, mich in Thränen ſehen, mich befragen. Mein Gott! was ihr antworten?“ „Adele, beſchwichtigen Sie Ihre Furcht, zitter Sie nicht ſo, ich . * „Erneſt, hören Sie mich an. Vorhin habe ich, beinahe unwillkürlich, der Süßigkeit, Sie zu hören, dem Glücke, zu fühlen, daß Sie mich liel n, wie ich Sie liebe, mit allen Kräften meiner Seele, nachge⸗ geben. Möchten Sie mich meine Aufrichtigkeit nicht bereuen machen.“ „Oh! Sie können zweifeln . . .“ „Nein, ich habe Vertrauen zu Ihnen . . . Sie ein Mann von Herz, ein Mann von Ehre. Wir en ein eenüe mit unſerer im Herzen. Keine „ Illuſionen was wird unſer Benehmen ſein? Faſſen wir B Schwäche die Gegenwart, die Zukunft ins Auge. ſind ei 154 „Adele! nie ſind die Gegenwart, ſtrahlender für zwei innig liebende Herzen geweſen!“ „Zur Sache! Was wird unſer Benehmen ſein?“ „Wollen Sie einen ſehr oft von mir geliebkoſten Traum kennen?“ „Erneſt, vergeſſen wir unſere Träume!“ „Dieſer Traum, iſt er nicht zur Wirklichkeit ge⸗ worden? Dieſe Wirklichteit iſt: Sie und ich, wir verlaſſen, des Wohlanſtands wegen, Paris, wir ver⸗ bergen unſere Liebe in der Tiefe einer Einſamkeit. Doch, was ſoll ich beifügen, Adele? wir erfüllen ſo das Gelübde unſerer erſten Jugend; es iſt das meines garzen Lebens geblieben.“ wir verlaſſen Paris,“ erwiedert Madame Dann, nachdem ſie einen Augenblick ge⸗ wiegen, fragt ſie, Erneſt feſt anſchauend: „Und meine chter?“ „Oh! das wird eine der ſüßeſten, der theuerſten Freuden kunſerer Einſamkeit ſein. Wir werden mit einander Erziehung dieſes reizenden Kindes vollen⸗ den. alter Freund, der Doctor Max, ich oft im enn, beſucht hat, hat mich davo richtet, wie ſehr Emma Ihre Zärtlichkeit ver ſetze auch nur ein Wort hinzu, Adele ich werd lieben, als ob ſie das Kind unſerer Liebe „Ich glaube es, mein Freund, ich weiß es,“ Madame Verneuil tief gerührt. „Ja, Sie Emma der zärtlichſte Vater, und ich könnt der Welt kein Glück dem gleich vorſtellen, went eie und ich, die Erziehung dieſes Kindes theilen den. Ihr Wiſſen iſt umfaſſend und ig, die Erhabenheit Ihres Herzens iſt auf dem iveau „ 8 ——— 155 Ihres Verſtandes; nie wäre meine Tochter würdigeren Händen, als den Ihrigen anvertraut geweſen. Aber, Erneſt,“ fügt Adele mit ſchmerzlich bewegter Stimme bei, „in den Augen meiner Tochter . . . ſie iſt drei⸗ zehn Jahre alt und kein Kind mehr; ihr Geiſt iſt frühreif, — was werden Sie in den Augen meiner Tochter früher oder ſpäter ſein, Sie, der Sie unter einem Dache mit uns leben werden?“ „Adele ich. „In den Augen meiner Tochter werden Sie mein Liebhaber ſein!“ „Dieſe Furcht .. „Ich ſage Ihnen, ttiſ früher oder ſpäter würde die Wahrheit von meiner Tochter entdeckt, und ich ſtürbe vor Scham vor ihr.“ „Sie ſind aber gerichtlich von Ihrem Gatte ge⸗ ſchieden . . Sie ſind frei . . und das Geſetz . „Das Geſetz! .. Kennen Sie es, das Geſetz Oh! Sie haben jene ſchändlichen Verleumdungen ge⸗ hört, die Ihr Herz em örten, armer Erneſt! Was ſagte der Advocat: „„Frau Verneuil, Sie wollten durch Ihre lügneriſchen Anſchuldigungen Ihren Gatten aufs Aeußerſte 5 um eine Scheidung herbeizu⸗ führen und ſich J sſchweifungen zu überlaſſen. Nehmen Sie ſich aber in Acht! das Geſetz beſchützt die Ehre des Mannes, wenn auch von ſeiner Frau geſchieden iſt““ So daß wir, Sie und ich, würde unſere Einſamkeit vom wachen Haſſe meines Gat⸗ ten entdeckt, wie Florence Hermann verurtheilt wer⸗ nkönnten, zu. „Vollenden S uct Adele, vollenden Sie nicht! Das iſt gräßlich! Doch nein, nein, dieſe Befürchtun⸗ 156 gen ſind ungegründet. Verlaſſen wir Frankreich, gehen wir nach America: dort werden wir nichts vom Haſſe Ihres Gatten zu befürchten haben, und . . .“ „Aber meine Tochter?“ Stillſchweigend und troſtlos, verbirgt Erneſt Beau⸗ mont ſein Geſicht in ſeinen Händen. N 6 ₰ Madame Verneuil theilte die ſtumme Niederge⸗ ſchlagenheit von Eyneſt Beaumont. Was ſie in dieſem Augenblicke litt, war grauſam. Sie verzichtete, ſie mußte verzichten auf ein unausſprechliches Glück: ihr „Daſein zwiſchen den zwei ihrem Herzen theuerſten Perſonen theilen. Fortan bei ihnen leben, in einer durch die Liebe verſchönerten Einſamkeit, vom Studium, von den Künſten und ſelbſt von den belehrenden Er⸗ zählungen der zahlreichen Reiſen von Erneſt Beau⸗ mont die Vervollſtändigung der Erziehung von Emma verlangen; ſie heranwachſen, ſich entwickeln, ſich unter einem doppelten und edlen Einfluſſe vervollkommnen und eine kindliche Liebe für den redlichen Mann, für den Mann von Gemüth fühlen ſehen, den ſie, Adele Verneuil, anbetete, ja, das wäre die Verwircklichung des Ideals ihres Lebens geweſen. Doch bei der un⸗ erbittlichen Stimme der Pflicht verſchwand die bezau⸗ bernde Viſion. Die muthige Frau brach zuerſt dieſes ſchmerzliche Stillſchweigen und ſprach mit bebender Stimme; „Armer Erneſt! Ihre Leiden, ich fühle ſie .. mir aber bleibt ein äußerſter Troſt, meine Kinder!. 157 Ich ſprach nur von Emma, weil ich das Recht habe, ſie immer bei mir zu behalten; doch ichhabe einen Sohn, und ich liebe ihn eben ſo ſehr als ſeine Schwe⸗ ſter. Es iſt mir erlaubt, ihn hier zweimal im Monat zu empfangen, und jede Woche beſuche ich ihn in ſei⸗ nem Collége. Ich muß kämpfen, ich werde immer kämpfen müſſen gegen die verderblichen Verſuche, deren Gegenſtand dieſer Knabe iſt, und die auf ſeine ange⸗ borenen guten Eigenſchaften nachtheilig wirken können. Man trachtet durch entſittlichende Mittel danach, in ihm das für das Herz des Menſchen heilſamſte Gefühl: die Liebe für ſeine Mutter, zu erſticken. Erneſt, mein Freund, ich frage Sie, könnte ich, dürfte ich, wenn ich Ihre Geliebte wäre, verlangen, daß mein Sohn zu mir käme? Welches Beiſpiel würde er hier finden?“. „Mein Gott, das heißt zu viel leiden!“ rief Er⸗ neſt Beaumont. „Ach! Sie lieben mich nicht ſo ſehr, als ich Sie liebe!“ Auf dieſen Vorwurf antwortet Madame Ver⸗ neuil, ihr bitteres Leid verbergend, mit einer engeliſchen Sanftmuth: „Was müßte ich thun um Ihnen zu beweiſen, daß ich Sie eben ſo ſehr liebe, als Sie mich lieben?“ „Iſt es denn ſo ſchwer, im Verborgenen lebend und ſich mit Geheimniß umgebend, die gehäſſige Wachſamkeit Ihres Gatten zu vereiteln und ...“ „Die vertrauensvolle Unſchuld meiner Tochter zu täuſchen?“ „Nein,“ erwiederte Erneſt Beaumont verlegen, e „Sie vollenden nicht, gutes, edles Herz! Ah! die Unwürdigkeit empört Sie! Die gehäſſige Wach⸗ 15⁸ ſamkeit meines Gatten vereiteln, haben Sie geſagt, Erneſt? Vergeſſen Sie, daß ich mich bei dieſem ge⸗ meinen Kampfe der Liſt gegen den Haß bis zum Ni⸗ veau dieſes Menſchen erniedrigen würde? Nun wohl! es ſei! Ich würde aus meiner Liebe den Muth zu einer ſolchen Erniedrigung ſchöpfen . . . aber ich ſage noch einmal: und Emma! wie dem Scharfſinne ihrer Zärtlichkeit entgehen? Sie ſprechen von Verborgen⸗ heit, von Geheimniß. Vernehmen Sie, mein Freund: Folgendes iſt mein Leben, ſeitdem ich von meinem Gatten getrennt bin. Emma theilt mein Schlafzim⸗ mer. Wir ſtehen frühzeitig auf. Ich gebe ihr ihre Lectionen bis zur Stunde unſeres Frühſtücks; dann, wenn es das Wetter erlaubt, gehen wir im Luxem⸗ bourg ſpazieren, denn ſie erreicht ein Alter, wo die Leibesübung unerläßlich für ſie iſt, und in dieſem Garten findet ſie gewöhnlich einige Gefährtinnen, mit denen ſie ſpielt. Wir kehren zurück; ich ertheilte Emma ihren Muſikunterricht; eine belehrende Lecture führt uns ſodann bis zur Stunde unſeres Mittageſſens. Wonach wir, in dieſer Jahreszeit, einen neuen Spa⸗ ziergang machen; wir kommen in der Dämmerung wieder hierher, und es beſchäftigen uns Nadelarbeiten den Abend hindurch, um welche Zeit der Doctor Max uns faſt täglich beſucht. Nach ſeinem Abgange legen wir uns zu Bette. Dies iſt unſere häusliche, beſchäf⸗ tigte Exiſtenz. Emma iſt gewohnt, mich nicht einen Augenblick zu verlaſſen; ich gehe nie ohne ſie aus. Rufen mich einige Einkäufe nach außen, ſo iſt es für ſie ein Vergnügen, mich zu begleiten Nun frage ich Sie, mein Freund, was könnte ich ihrer liebevollen Neugierde antworten, wenn meine Tochter mich meine 159 Gewohnheiten plötzlich oder allmälig aufgeben ſehen und, meine häufigen Abweſenheiten wahrnehmend, mich nach der Urſache derſelben fragen würde? Sie würde mich fragen, warum ich ſie nicht mehr mitnehme? Ich müßte alſo Liſt gebrauchen, lügen, der unſchuldigen Leichtgläubigkeit des Blickes von dieſem Kinde trotzen! Erneſt, Sie kennen mich; glauben Sie, es ſei mir möglich, mich in dieſem Grade herabzuwürdigen? Nein, das denken Sie nicht.“ „Ihre Tochter würde aber durchaus nichts wiſſen, Adele, wenn ...“ „Oh! gewiß, nichts kann für mich leichter ſein, als ſie zu hintergehen; ſie würde blindlings meinen Lügen glauben. Arme Emma! ſie hat ein ſo frommes Ver⸗ trauen zu mir! und dieſes Vertrauen ſollte ich un⸗ würdig mißbrauchen? .. . Hören Sie, Erneſt, ein einziges Beiſpiel: Von einem Rendez⸗vous zurückkeh⸗ rend, das Sie mir gegeben, komme ich nach Hauſe; meine Tochter ſpringt mir an den Hals, und in ihrer zärtlichen Vertraulichkeit fragt ſie mich: „„Mutter, woher kommſt Du!““ Was ſoll ich ihr antworten?“ Dieſe von Madame Verneuil mit einer bewun⸗ derungswürdigen Einfachheit ausgeſprochenen Worte bringen den letzten Hoffnungen von Erneſt Beaumont einen tödtlichen Schlag bei; Thränen entfließen ſeinen Augen, und in ſeiner tiefen Niedergeſchlagenheit mur⸗ melt er: „Oh! wehe mir!“ „Ja, wehe Ihnen, mein Freund! wehe unſerer Liebe! doch Ehre uns, die wir das achten, was es Heiligſtes auf der Welt gibt: das blinde Vertrauen eines Kindes zu ſeiner Mutter.“ 8 160 Erneſt Beaumont ſammelt ſich, ſchweigt aufs Neue eine Zeit lang, und ſpricht dann mir bebender Stimme: „Adele, ich werde auf der Höhe Ihres Muthes ſein. Ich geſtehe, trotz der ſelbſtfüchtigen Sophismen der Liebe, finde ich nichts zu erwiedern. Wenn Sie mir ſagen: „„Halten Sie mich für fähig, zu lügen, mich in den Augen meiner Tochter zu erniedri⸗ gen? . Nein, nie werden Sie ſich in dieſem Grade erniedrigen: das vermöchte ich nicht zu bezwei⸗ feln. Dieſe unbeugſame Redlichkeit Ihrer Seele ver⸗ urſacht meine Anbetung für Sie. Mit welchem Rechte ſollte ich mich beklagen? Ich kann Sie nur bewun⸗ dern und es verſuchen, Ihnen gleich zu kommen. Glau⸗ ben Sie mir alſo, Adele: nie werde ich ein Wort ausſprechen, das Ihre Tochter nicht hören könnte; es ſei mir aber wenigſtens in ihrer Gegenwart erlaubt, Sie oft zu ſehen, und um Bedenklichkeiten zu ſchonen, deren Zartheit ich fühle, werde ich ſogar, wenn Sie es wünſchen, für meine Beſuche die Stunde wählen, zu der unſer Freund, der Doctor Max, Sie jeden Tag beſucht! .. Oh! welchen Reiz werden dieſe langen Abende bei Ihnen, bei Emma und bei unſerem alten Freunde zugebracht bieten! . . Aber wie! Sie ant⸗ worten nicht? Sie wenden den Blick ab 2.. Adele! Adele! dieſen letzten Troſt, Sie würden ihn mir ver⸗ ſagen? .. Nein!“ ruft Erneſt Beaumont ſchmerzlich ergriffen vom Stillſchweigen der jungen Frau; „nein, Sie werden mir das nicht verweigern! .. Himmel und Erde! ſagten Sie mir es, ich würde es nicht glauben!“ 161 XII. Madame Verneuil, da ſie den verzweifelten Aus⸗ ruf von Erneſt Beaumont hört, ſcheint von einer un⸗ beſchreiblichen Gemüthsbewegung ergriffen, erbleicht, erröthet abwechſelnd, und nach einer äußerſten Anſtren⸗ gung gegen ſich ſelbſt ſpricht ſie: „Hören Sie mich an, Erneſt: ich könnte Ihnen⸗ antworten, Ihre Beſuchs, ſo ehrenwerth ſie ſeien, wür⸗ den bald, auf eine ärgerliche Weiſe gedeutet, die Ver⸗ leumdungen, mit denen mich Herr Verneuil brandmar⸗ ken wollte, zu rechtfertigen ſcheinen.“ „Hätten Sie nicht die Stimme Ihres Gewiſſens?“ „Ja, mein Gewiſſen würde dieſen Verleumdungen trotzen, und ... „Warum dann dieſe letzte Weigerung, die mir das Herz zerreißt, die mich tödtet?“ „Hören Sie mich weiter, Erneſt. Ich könnte Ih⸗ nen ſagen: Eine von ihrem Manne geſchiedene Frau muß, beſonders wenn ſie eine Tochter hat, bis zur Aengſtlichkeit die Ehrenhaftigkeit ihres Lebens treiben. Unſer vertraulicher Ungang würde, wenn auch vor⸗ wurfsfrei, ärgerlichen Gerüchten Entſtehung geben, de⸗ ren Opfer meine Tochter wäre, müßte ich einmal daran denken, ſie zu verheirathen. Doch im gegenwärtigen Augenblicke vergeſſe ich Alles dies .. „Mein Gott! das iſt zum Verzweifeln! Wel⸗ cher unbekannte Beweggrund nöthigt Sie denn, mir Sue, der Teufel als Arzt. I. 11 162 den äußerſten Troſt, den ich mir von Ihnen erflehe, zu verweigern?“ Madame Verneuil zögert einen Augenblick, zu antworten, neigt ihr kaum zuvor noch bleiches, nun aber purpurrothes Geſicht auf ihren bewegten Buſen, erhebt dann plötzlich die Stirne, wirft Erneſt einen Blick zu, der ſeine Seele in Trunkenheit verſetzt, reicht ihm die Hand und ſpricht zu ihm: „Erneſt, rühren Sie meine Hand an; nicht wahr, ſie glüht?“ * „Adele!“ ruft der junge Mann, außer ſich durch den Druck dieſer reizenden Hand. „Erneſt, haben Sie mich je ſo geſehen?“ frast ihn Adele. Und die zühe der jungen Frau, ihre in Zärtlich⸗ keit ſchwimmenden Augen, die Schläge ihres Herzens offenbarten ſo viel Liebe, daß Erneſt ausrief: „Adele! Du liebſt mich! . Du liebſt mich „Ja, ich liebe Dich wahnſinnig, hörſt Du, Er⸗ neſt?. ich liebe Dich, um an mir ſelbſt zu zweifeln! Oh! wenn ich Dich wiederſähe, würde ich meine Toch⸗ ter vergeſſen, und ich wäre verloren!“ Verrückt, nicht mehr an die Gegenwart von Enma im Garten denkend, ſtürzt Erneſt zu den Füßen von Madame Verneuil; da hört er plötzlich die ernſte Stimme von Doctor Max mit einem Ausdrucke tiefen Mitleids die letzten Worte von Adele wiederholen: „Wenn ſie Sie wiederſähe, Erneſt, würde ſie ihre Tochter vergeſſen, und ſie wäre verloren! wahr, die arme Frau! die muthige Frau“ 163 XIII. Der Doctor Max trat durch die Thüre des Gar⸗ tens in dem Augenblicke ein, wo Madame Verneuil, in ihrer Tugend, in ihrem Entſchluſſe, ein herviſches Opfer zu bringen, die Stärke zu einem ſolchen Ge⸗ ſtändniſſe findend, zugleich ſo würdige und ſo leiden⸗ ſchaftliche Worte ſprach. 8 Erneſt Beaumont und Adele bebten, als ſie die Stimme des Doctors hörten. Die junge Frau lief auf ihn zu. „Mein Freund, mein Vater, Sie haben meine Worte gehört: ich brauche nicht darüber zu erröthen.“ „Zu erröthen! nein, nein; ſeien Sie ſtolz auf dieſe Worte. Und Sie auch, Erneſt, ſeien Sie ſtolz darauf!“ fügt der Doctor bei. „Nie hat die Liebe einer redlichen Frau einen edleren Ausdruck gefunden.“ „Nach einem ſolchen Geſtändniſſe ſollte ich auf ſie verzichten!“ ruft Erneſt Beaumont mit einem erſchrecklichen Ungeſtüm, und einer Art von Schwindel preisgegeben, ergreift er die Hände von Adele, welche wieder bleich und zitternd geworden. „Wie! ich habe Dich geliebt! ich habe fünfzehn Jahre lang gelitten! ich habe von dieſer zugleich ſo bitteren und ſo ſüßen Liebe gelebt! ich habe nur einen tröſtenden Gedanken gehabt ... Dich . . . Dich . . . immer Dich! .. ich finde Dich hier wieder frei . . . Du theilſt meine Leidenſchaft . . . Du machſt mir das Geſtändniß . Dein Blick verzehrt mich. . . und ich ſollte auf Dich verzichten! Himmel und Erde! nein! Du wirſt —— 164 mein ſein! ich ſchwöre es bei Gott! Du wirſt Deine Pflichten, Deine Tochter vergeſſen, Du wirſt Alles vergeſſen! und wider Deinen Willen wirſt Du glück⸗ lich ſein!“ 6 „Ah! Erneſt!“ murmelt Adele faſt ohnmächtig, „ich hatte zu viel Ihrem Herzen, Ihrem Muthe vertraut.“ „Mein Freund,“ ſpricht der Doctor Max, „kom⸗ men Sie zu ſich; ſchauen Sie ſie doch an, Sie brin⸗ gen ſie in Verzweiflung, Sie tödten ſie.“ Doch der Seemann hört den Doctor Mar nicht und fährt gegen Adele ſort: „Ah! Du fürchteſt meine Gegenwart! nun wohl! ich werde mich an Deine Schritte hängen! Ich werde hier ſein! unabläſſig hier! Jedes Mittel wird mir gut dünken, um mich Dir zu nähern, gegen Deinen Willen! Ich werde bei dieſem Kampfe ſiegen, weil bei dieſem Kampfe Dein Herz für mich ſein wird, was Du auch denken, was Du auch ſagen, was Du auch thun magſt! Ja, ich werde im Stande ſein, Dich durch die Macht der Liebe, hörſt Du wohl, durch die Macht der Liebe die Opfer vergeſſen zu laſſen, die Du mir gebracht haben wirſt . . . und eines Tags . .. „Mein Herr! oh! achten Sie wenigſtens dieſes Kind!“ rief Madame Verneuil erſchrocken, vernichtet, indem ſie mit einer zitternden Hand auf ihre Tochter deutete, welche an der Thüre des Gartens erſchien. Erneſt Beaumont wird durch die Gegenwart von Emma zu ſich ſelbſt zurückgerufen; es gelingt ihm, ſeine Gemüthsbewegung zu beherrſchen, er ſucht ſeinen Zügen einen ruhigeren Anſchein zu verleihen, verbeugt ſich aber, um die Verſtörung ſeines Geſichtes zu ver⸗ bergen, tief vor Madame Verneuil, wendet ſich dann 165 mit einem Schritte ſo ſchwankend wie der eines Trun⸗ kenen nach der Thüre und verläßt ganz verwirrt den Salon. XIV. Angetrieben von dem Verlangen, die Aufmerk⸗ ſamkeit von Emma, welche über den ungeſtümen Ab⸗ gang von Erneſt Beaumont ganz erſtaunt iſt, zu zer⸗ ſtreuen, nimmt der Doctor das Mädchen raſch bei der Hand und führt es ziemlich weit von ſeiner Mutter weg, um dieſer Zeit zu geben, ihren ſchmerzlichen Ein⸗ druck zu beherrſchen; dann ſagt er, mit einer geheim⸗ nißvollen Miene lächelnd: 3 „Liebe Emma, wollen Sie mir einen wahren Ge⸗ fallen thun?“ „Von Herzen gern, Herr Max. Was wün⸗ ſchen Sie?“ „Erinnern Sie ſich der reizenden Melodie von Schubert: die Glocke, welche Sie vorgeſtern Abend geſpielt haben.“ „Gewiß.“ „Ich habe dieſe Melodie einem kranken Mädchen verſprochen. Als Kranke iſt die Arme ſehr ungedul⸗ dig. Es iſt heute Sonntag, die Muſikalienmagazine ſind geſchloſſen; zu meinem großen Bedauern könnte ich dieſen Abend dem Mädchen die Melodie nicht brin⸗ gen, die es gern entziffern möchte, um ſich ein wenig bei ſeinen Leiden zu zerſtreuen. Sie ſchreiben die Noten vortrefflich, kleine Emma. Seien Sie ſo artig, mir ſogleich dieſes Stück von Schubert zu copiren.“ 166 „Mit Vergnügen; doch mir fällt ein: warum wol⸗ len Sie nicht lieber mein Notenheft mitnehmen?“ „Ich würde es vorziehen, das Stück geſchrieben zu bekommen; es wird ſo einen Duft von Neuheit haben, der von meiner jungen Kranken ſehr geſchätzt werden muß; denn ſtellen Sie ſich vor, ich habe die Ruchloſigkeit ſo weit getrieben, ſie glauben zu machen, die Melodie, von der ich ſpreche, ſei ungedruckt.“ „Oh! dann will ich ſogleich die Abſchrift be⸗ ſorgen.“ „Ich werde ſie heute Abend abholen. Tauſend Dank, liebes Kind.“ „Die Copie ſoll gemacht werden, ſo gut ich nur immer kann,“ erwiedert Emma, und ſie geht an den Fachkaſten, der ihre Muſikalien enthält und ruft heiter von fern ihrer Mutter zu: „Mama, ich will ein Muſitſtück für unſern guten Doctor ſchreiben. Ich werde mir ſo viel Mühe geben, daß die Abſchrift den Anſchein haben ſoll, als wäre es gedruckt. Du wirſt ſehen! Du wirſt ſehen!“ Emma nahm das Heft mit und ließ ihre Mutter allein mit dem Arzte. XV. Madame Verneuil füllty niedergsbeugt durch den Schmerz und gebrochen durch die Gemüthsbewegung, in einen Lehnſtuhl. Der Doctor Max ſetzt ſich von Mitleid ergriffen zu ihr. „Ich habe Ihre Tochter auf eine Stunde entfernt, um Ihnen Zeit zu geben, ſich vor ihrer Rückkehr zu — — 167 beruhigen. Muth, liebe Adele, Muth! ich bin über⸗ zeugt, es wird Ihnen nicht daran mangeln.“ „Ich hoffe es, mein Freund, doch ich ſchaudere noch über das Aufbrauſen von Erneſt . .. Mich be⸗ drohen! er! mein Gott! er!“ „Oh! von allen Fiebern iſt das Liebesfieber das wahnſinnigſte! Dieſer Unglückliche, als er Sie verließ, war wahnſinnig! Glauben Sie mir, er wird zu ſei⸗ nem edlen Naturell zurückkehren; er wird die grau⸗ ſamen Nothwendigkeiten, die Ihnen Ihre Pflichten auflegen, begreifen, ſchätzen und es bedauern, Sie be⸗ trübt zu haben. Ich habe ihn oft in ſeinem Gefäng⸗ niſſe beſucht und in ihm den rechtſchaffenen Mann gefunden, der der Jüngling zu werden verſprach. Er hat von Ihnen mit der Achtung, mit der Anbe⸗ tung geſprochen, die Sie verdienen, ohne mir ein Wort von ſeinen geheimen Hoffnungen zu ſagen, doch ſie verriethen ſich unwillkürlich. Ich hatte Anfangs den Gedanken, ſeine Illuſionen zu zerſtören, ihn die traurige Wirklichkeit ins Auge faſſen zu laſſen . . .“ „Ach! mein Freund, Sie hätten mir die Noth⸗ wendigkeit erſpart, Erneſt einen grauſamen Schlag beizubringen.“ „Nein,“ erwiederte der Doctor, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd, „Erneſt hätte meinen Worten keinen Glauben geſchenkt. Er hätte immer von meiner kalten Vernunft an Ihr Herz appelliren wollen; die Zuſam⸗ menkunft, die Sie mit ihm gehabt haben, war für ihn unerläßlich. Hat ſich die Aufregung ſeines Geiſtes be⸗ ſänftigt, ſo wird er die ergreifende Wahrheit der Worte anerkennen, die Ihre Gegenwart, Ihre Zukunft zuſammenfaſſen: „„Sähe ich Sie wieder, Erneſt, ſo 168 würde ich meine Tochter vergeſſen, und ich wäre ver⸗ loren.““ Er kennt Sie, Adele, er wird auf Hoffnun⸗ gen verzichten, in denen er ſich gewiegt hatte. Er wird aufs Reue Frankreich verlaſſen.“ Und als er Madame Verneuil beim Gedanken an dieſe Trennung in Thränen zerfließen und ihr Geſicht in ihrem Taſchentuche verbergen ſah, ſagte der Doctor Max, deſſen Augen feucht wurden, mit Bitter⸗ keit zu ſich ſelbſt: „O menſchliche Gerechtigkeit! o blinde Themis! Dein Schwert hat aufs Gerathewohl dieſe zwei edlen Herzen geſchlagen, nachdem es die Knoten zerhauen, die eine unbeſcholtene Gattin an ein Ungeheuer von Ruchloſigkeit und Heuchelei feſſelten! Sie wird viel⸗ leicht an ihrer Wunde ſterben, dieſe junge Frau, weil ſie ehrlich iſt, weil ſie rein iſt, weil ſie rein bleiben und nicht vor ihren Kindern erröthen will. Ja, ſie wird vielleicht ſterben, weil ſie ihre Liebe den heiligen Pflichten der Mutterſchaft opfert.“ Madame Verneuil weinte lange; der Doctor Max betrachtete ſie in einer ſtummen Sammlung des Geiſtes; allmälig verſiegten die Thränen der jungen Frau; ſie ſagte zu ihrem alten Freunde: „Dieſe Thränen haben mich erleichtert; ich fühle mich ruhiger, und ich bin, wie Sie, faſt ſicher, daß ſich Erneſt in eine unglückliche Nothwendigkeit ergeben wird. „Ja, Sie ſind nun ruhiger. Meine liebe Adele, faſſen Sie Ihre Lage entſchloſſen ins Auge. Ich weiß, welche Verheerungen der Gram in einer Organiſation, wie die Ihrige iſt, hervorbringen kann; Sie würden 169 mir ernſte Beſorgniſſe einflößen, wären Sie nicht die Mutter, die Sie ſind; doch Sie werden ſich ſagen: „„Ich muß für meine Tochter leben““ und ich ſtehe Ihnen dafür, Sie werden leben, weil es Ihre Pflicht iſt, zu leben.“ „Ach! ja, denn was würde ohne mich aus Emma?“ „Was aus ihr würde? die Märterin dieſer ge⸗ meinen Magd!“ „Mein Gott!“ „Denken Sie unabläſſig hieran, meine liebe Adele; dieſer Gedanke wird Ihnen die Kraft zu leben geben.“ „Oh! ich glaube, ich würde aus dem Grabe her⸗ vorkommen, um meine Kinder zu beſchützen!“ rief Madame Verneuil in ihrer frommen mütterlichen Be⸗ geiſterung. „Sehe ich nicht ſchon, was man verſucht, um Louis von mir zu entfremden und ſein glückliches Naturell zu verderben? Oh! mein Freund, ich fühle ich muß für meine Tochter, für meinen Sohn leben.“ „Gewiß, Sie werden leben, und ich werde es nicht an meiner theilnehmenden Fürſorge ermangeln laſſen.“ „Würdiger Freund!“ „Es iſt mein Beruf, die Leute ſo viel als mög⸗ lich am Sterben zu verhindern. Habe ich nicht vor drei Jahren Ihren ſchändlichen Mann von der Herz⸗ krankheit geheilt, die ihn beinahe weggerafft hätte! So daß dieſer Elende nun im Stande iſt, hundert Jahre zu leben! Er hat, ſo zu ſagen, ein Langlebens⸗ patent, weil die vortreffliche, heilſame Diät, die er nach meinen Vorſchriften befolgt, und ſtets befolgen wird, 170 beſorgt, wie er iſt, für ſein verabſcheuenswerthes Daſein, ihn nicht nur vor der Rückkehr ſeiner erſten Krankheit, ſondern auch vor einer Menge anderer Lei⸗ den bewahren wird.“ „Er lebe lange! Der Himmel iſt mein Zeuge, nie werde ich an den Tod von irgend Jemand denken, und handelte es ſich um meinen grauſamſten Feind. Ich verlange von Herrn Verneuil nur das Vergeſſen und die Ruhe.“ „Nun, was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Das Un⸗ glück will, daß ich für jetzt bei dieſem abſcheulichen Schufte keines von den Thätigkeitsmitteln habe, welche vft. . und ſich unterbrechend fügt der Doctor Mar bei: „Sprechen wir von Ihnen und von Erneſt.“ „Ach! wie muß er leiden!“ „Ja, er wird Anfangs ungeheuer leiden, denn .. .“ „Warum ſchweigen Sie, mein Freund?“ „Meine liebe Adele, ſo ſchwächlich Sie ſind, Sie gehören zu den Frauen, welche in gewiſſen Augen⸗ blicken der Ueberreizung viel ertragen können; Sie befinden ſich in einem dieſer Augenblicke; leeren wir heute den Becher der Bitterkeit bis auf die Hefe.“ „Ich glaubte ihn geleert zu haben.“ „Noch nicht.“ „Großer Gott! was haben Sie mir noch zu ſagen?“ 2 Der Doctor Max ſammelte ſich aufs Neue und ſprach dann. XVI. „Wiſſen Sie,“ ſprach der Doctor, „wiſſen Sie, in welcher moraliſchen Lage ich Sie zu ſehen wünſchte, liebe Adele, und zwar im Intereſſe Ihrer Geſundheit, Ihrer Ruhe, der Zukunft Ihrer Tochter und des Glückes von Ihnen Beiden?“ „Sprechen Sie, mein Freund,“ „Ich möchte Sie vor Allem überzeugt ſehen, Ihr Gatte werde hundert Jahre leben.“ „Sie prophezeien ihm ein langes Leben; ich glaube Ihnen.“ „Das iſt noch nicht Alles: die guten Leute nen⸗ nen mich den Teufel als Arzt. Wo Rauch iſt, da iſt auch Feuer,“ fügte der Doctor Max mit ſeinem ſeltſamen Lächeln bei. „Und, ohne den geringſten Ver⸗ kehr mit Satan, habe ich oft mit Hülfe meiner kleinen Privatmittel mehr als einen teufliſchen Streich minder abſcheulichen Schurken als dieſem Verneuil geſpielt. Der Zufall der Verhältniſſe iſt aber ſo, daß er ſich zu dieſer Stunde außer dem Bereiche meiner Klaue befindet.“ „Ich habe meine Hoffnung immer nur auf Ihre Zuneigung und die Weisheit Ihrer Rathſchläge ge⸗ ſetzt. Es iſt mir bekannt, man gefällt ſich darin, ſelt⸗ ſame Gerüchte über Sie, mein Freund, zu verbreiten. Ich ſchenkte dieſen Gerüchten um ſo weniger Glauben, als ich immer in Ihnen den redlichen, edelmüthigen und vorzugsweiſe hingebenden Mann gefunden habe.“ „Sie mußten mich ſo finden, liebe Adele; nicht 172 Ihnen gegenüber werde ich mein Haupt mit den tra⸗ ditionellen Hörnern ſchmücken und den Pferdefuß an⸗ ſchnallen. Hienach fahren wir fort. Wir ſind alſo darüber einig, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach Ihr Gatte ſehr lang leben wird. Ich möchte Sie nun gern für immer auf Erneſt verzichten ſehen, und . . .“ „Iſt dieſes Opfer nicht vollbracht, mein Freund?“ „Es wird völlig unwiderruflich ſein, wenn Sie den Gedanken angenommen haben, früher oder ſpäter werde Erneſt eine andere Frau lieben . . . Sie beben, meine Adele? Oh! ich täuſche mich nicht, ich ver⸗ wunde in dieſem Augenblicke eine der empfindlichſten Fibern Ihres Herzens! Doch ich habe es Ihnen ge⸗ ſagt, leeren wir heute den Kelch der Bitterkeit. Mor⸗ gen wird Ihr tröſtender Engel, Ihre Emma, anfan⸗ gen, Sie die Leiden dieſes Tages vergeſſen zu machen.“ „Mein Freund, ich vermöchte Ihnen meiner Ge⸗ danken nicht zu verbergen; die Unbeſtändigkeit von Erneſt „ „Würde Ihnen einen entſetzlichen Schlag bei⸗ bringen? oder vielmehr, Sie halten dieſe Untreue nicht für möglich. Nicht aus Stolz, ſondern aus Vertrauen zur Liebe von Erneſt?“ „Das iſt wahr.“ „Sagen Sie mir . . . Sie haben Madame Her⸗ mann vor ungefähr ſechs Monaten geſehen?“ Tief erſtaunt über dieſe Frage, die ihr ganz außer der Unterredung zu liegen ſchien, antwortete Adele einfach: „Ja, und bei meiner Zuſammenkunft mit Florence habe ich dieſer offenherzig die Gründe auseinander⸗ geſetzt, die mich zu meinem innigen Bedauern abhal⸗ 173 ten, ſie ferner zu empfangen. Ihre aufrichtige Reue, ihr Vertrauen zu mir rührten mich ungemein. Doch in welcher Hinſicht, mein Freund, ſprechen Sie von Madame Hermann?“ „Sie hat oft, ſehr oft Erneſt in ſeinem Gefängniſſe beſucht.“ 2 So plötzlich durch den Doctor Max vonden häufigen Zuſammenkünften von Florence Hermann und Erneſt Beaumont unterrichtet, war Madame Verneuil An⸗ fangs ganz beſtürzt, und kaum glaubend, was ſie hörte, ſtammelte ſie: „Wie! Madame Hermann? .. .“ „Hat, ich wiederhole es Ihnen, oft, ſehr oft Erneſt in ſeinem Gefängniſſe beſucht. Der Graf Franz be⸗ gleitete allerdings Madame Hermann.“ „Dieſe wiederholten Beſuche ſind darum nicht minder ſeltſam,“ erwiederte mit bebender Stimme Madame Verneuil, zum erſten Male ins Herz gebiſſen von der Schlange der Eiferſucht. Doch ſie ſtrengte ſich an, um ihren Verdruß zu verbergen, und ſagte: „Sie werden zugeben, mein Freund, das Be⸗ nehmen von Madame Hermann iſt höchſt ſonderbar.“ „Sonderbar? Nein! faßt man den Charakter von Madame Hermann auf, wie er ſein ſoll! Sie ſchickte auch jeden Tag Erneſt Blumen, Früchte der Saiſon, neue Bücher; ſie überhäufte ihn mit einem Worte mit zarten Aufmerkſamkeiten. Endlich machte ſie ihm den Vorſchlag, eine Wohnung in dem Hotel garni einzunehmen, wo ſie wohnt.“ „Und,“ fragte Madame Verneuil erbleichend, „Erneſt hat dieſen Vorſchlag angenommen?“ „Ja, es lag ihm wenig daran, ob er in dem einen oder andern Hotel wohnt; und überdies, von ſeiner Liebe für Sie erfüllt, betrachtete Erneſt die Zu⸗ vorkommenheiten von Madame Hermann als einen Beweis einer Theilnahme, zu der die Herzlichkeit ihrer früheren gegenſeitigen Beziehungen berechtigte, wäh⸗ rend ein zärtlicheres Gefühl . . .“ Der Doctor unterbrach ſich, da er die Augen von Madame Verneuil ſich mit Thränen füllen und ihre zitternden Lippen durch ein ſchmerzliches Lächeln zuſammengezogen ſah. „Arme Adele,“ fügte der Arzt dann bei, „Sie leiden grauſam. Ja, obgleich ſie Erneſt unbekannt iſt, reizt, empört, verwundet Sie die Liebe dieſer Frau für ihn!“ „Nun wohl! ich geſtehe es, ich leide!“ rief Adele mit einem herzzerreißenden Ausdrucke, „ich leide, und dieſes Leidens ſchäme ich mich! Es iſt eine Beleidi⸗ gung gegen Erneſt. Ihn, deſſen Herz ſo hoch geſtellt iſt, für fähig halten, er könnte ſich ſo weit erniedrigen, daß er . . . Nein, nein! Soll er mich eines Tags vergeſſen, ſo wird die Urſache dieſes Vergeſſens nicht . . . eine Madame Hermann ſein.“ „Täuſchen Sie ſich nicht; ſie hat vor drei Tagen ihre Verbindung mit dem Grafen Franz gebrochen; Florence hat keine Rückſichten zu beobachten, hat nichts zu verlieren, und ſie iſt ſehr ſchön!“ „Es mag ſein! Sie iſt ſchön, bewunderungs⸗ würdig ſchön!“ erwiederte Madame Verneuil, ſchon vom feindſeligen Zorne der Eiferſucht erfaßt; „doch eben ſo verdorben, als ſie ſchön iſt, wird Madame 1765 Hermann Erneſt nie etwas Anderes „als Verachtung und Ekel einflößen.“ „Meine liebe Adele,“ fuhr der Doctor Max mit einem Ausdrucke trauriger Ueberzeugung fort, „glau⸗ ben Sie meinen Worten: ich bin alt, ich kenne die Menſchen. Erneſt hat fünfzehn Jahre lang unwill⸗ kürlich einer unbeſtimmten Hoffnung nachgehangen. Was hoffte er?. . . Er wußte es ſelbſt nicht! Doch, nahe oder fern, ſollte ſeine erſte Zuſammenkunft mit Ihnen über ſein Loos entſcheiden. Dieſe Zuſammen⸗ kunft hat heute ſtattgefunden; ſie iſt entſcheidend; ruhiger geworden, wird Erneſt die Nothwendigkeit, auf Sie zu verzichten, erkennen; er wird morgen vielleicht abreiſen; Madame Hermann wird dieſen Bruch be⸗ nützen. Sie iſt im Stande, ihm zu folgen ſich an ſeine Schritte anzuhängen; die Hingebung, die auf⸗ richtige, exaltirte Liebe rühren oft die verhärtetſten Her⸗ zen, und Sie wiſſen, wie gut und edelmüthig Erneſt iſt.“ „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte ſchluchzend Madame Verneuil. „Ich glaubte doch Alles gelitten zu haben, was man leiden kann!“ „Dieſes Leiden wird das letzte ſein, meine liebe Adele, und bald wird Ihre Vernunft über Ihren Kummer ſiegen. Schauen Sie der Wirklichkeit ins Ge⸗ ſicht. Können Sei Erneſt heirathen? Nein. Können Sie ſeine Geliebte ſein? Nein. Können Sie ihn täglich bei Ihnen, auf vertrautem Fuße, empfangen? Nein. Ergeben Sie ſich alſo, gewöhnen Sie ſich alſo an den Gedanken einer der unglücklichen Folgen Ihres Bruches: die Liebe von Erneſt für eine andere Frau, oder die Liebe einer andern Frau für Erneſt. Meine Worte ſind ungeſchlacht, grauſam, ich weiß es. Poch 176 . ich erfülle das, was es Peinlichſtes bei der Pflicht gibt, die meine Freundſchaft mir auferlegt; der Becher iſt endlich leer! Sie fühlen in dieſem Augenblicke die Bitterkeit des Trankes. Morgen werden Sie ſeine heilſamen Wirkungen erkennen.“ Joſephine unterbricht die Unterredung des Doctors mit Madame Verneuil; ſie übergibt dieſer einen Brief, den man für ſie gebracht hat. XVII. Aus Furcht, von ihrer Dienerin in Thränen ge⸗ ſehen zu werden, hat Madame Verneuil, während ſie den Brief empfängt, den Kopf abgewendet. Sie wirft einen Blick auf die Adreſſe, ſobald ſich Joſephine ent⸗ fernt hat, und ſagt dann raſch zum Doctor: „Mein Freund, ein Brief von Erneſt!“ „Ich bezweifle nicht, er entſchuldigt ſich wegen der tollen Worte von vorhin,“ verſetzt der Doctor, der die junge Frau gierig den Brief leſen und eine tiefe Rüh⸗ rung kundgeben ſieht. „Ja,“ antwortet Adele, „er beklagt ſeine vor⸗ übergehende Verirrung; er wird abreiſen, wenn ich es verlange, und bittet mich nur um die Gunſt einer letzten Zuſammenkunft. Verweigere ich ſie ihm, er⸗ hält er vor Einbruch der Racht kein Wort der Er⸗ wiederung von mir, ſo wird er heute Abend Paris verlaſſen, nach dem Havre zurückkehren, ſich aufs Neue einſchiffen, und ich ſoll ihn nie wiederſehen! . Seine letzte Hoffnung iſt, ich werde wenigſtens ein gutes Andenken für ihn bewahren.“ 177 Madame Verneuil ſpricht dieſe letzten Worte mit ſtockender Stimme; dann läßt ſie den Brief zu ihren Füßen fallen und verbirgt ihr Geficht in ihren Händen. Der Doctor Max beobachtet Adele ſtillſchweigend und geht dann behutſam weg, ohne daß die junge Frau ſeinen Abgang bemerkt. „Arme Betrübte!“ ſagte der Arzt zu ſich ſelbſt; „ich mußte ihr peinliche, aber nothwendige Wahrheiten begreiflich machen; ich habe ſie beſonders auf eine un⸗ vermeidliche Zuſammenkunft vorbereitet, die ihr ohne die Vorſicht, die ich angewendet, einen entſetzlichen Schlag beigebracht haben würde.“ Der Doctor Max verläßt den Salon. Adele, welche immer noch in ihre ſchmerzlichen Gedanken ver⸗ ſunken iſt, weiß aber nichts hievon. * XVIII. Nach einem langen Stillſchweigen läßt Madame Verneuil ihre Hände, die ihr Geſicht verbergen, wie⸗ der niederfallen, und da ſie den Doctor noch immer bei ſich glaubt, ſagt ſie: „Ah! mein lieber Freund, ich bin von Schmerz erfüllt; durch eine Weigerung auf die letzte Bitte von Erneſt antworten, und dennoch . . . es muß ſein . . . es muß ſein . . . das Opfer wird vollſtändig werden. Doch nun erſt die Abweſenheit des Arztes wahr⸗ nehmend: „Dieſer vortreffliche Freund hat die ſtrenge Sprache der Pflicht, der Vernunft mit mir geſprochen. Er wollte ohne Zweifel keinen Einfluß durch ſeine Gegen⸗ Sue, der Teufel als Arzt. I. 12 S 178 wart auf den Entſchluß üben, den ich in dieſem ent— ſcheidenden Augenblicke faſſen muß., Und die junge Fra verſinkt wieder in den Ab⸗ grund ihrer Betrachtungen. Ach! ſie erduldete für ſie nneue Empfidungen: die der Eiferſucht. So vielem ſchon erlittenem Kummer hatte ſich die moraliſche Qual, der Gedanke beigeſellt: „Eine andere Frau werde vielleicht bald ihren Platz im Herzen von Erneſt ein⸗ nehmen.“ Und dieſe Frau war Florence Hermann. Frühet, in der guten alten Zeit der Feu— dalherrſchaft, hat man bei den Minnehöfen, — dieſen Höfen der Sittenverderbniß, dieſen Aſſiſen der ſchamloſeſten Ausſchweifung, dieſen frechen Parla⸗ menten des Ehebruchs, — hat man viel über die Frage geſtritten: „Ob es für eine von ihrem Liebhaber verlaſſene Frau ſchmerzlicher ſei, ſich einen Gegenſtand von grö⸗ ßerem Werthe oder von geringerem Werthe als ſie vorziehen zu ſehen?“ . Dieſe ernſte Frage iſt ſchwebend geblieben, trotz der zahlloſen Reden dafür und dawider, welche ſorg⸗ fältig vom Kanzelliſten der allerhöch ſten Freude einregiſtrirt und in den Archiven der Sene⸗ ſchallei der Majorane niedergelegt worden ſind. Die redliche, reine Seele von Madame Verneuil entſchied die Frage alſo: „Es wäre mir gräßlich, zu glauben, Florence werde mir im Herzen von Erneſt nachfolgen; ſeine Liebe für eine beſſer als ich liebende, beſſer als ich begabte, mich durch die Eigenſchaften ihrer Seele in den Schatten ſtellende Frau wäre entſchuldbar, gerecht⸗ 179 fertigt in meinen Augen: ich wäre endlich beruhigt über das Glück, über die Zukunft von Erneſt. Doch bei dem Gedanken, er könnte ſich dergeſtalt erniedri⸗ gen, daß er eine ſittenloſe Frau lieben würde, zittere ich für ihn und erröthe ich für mich. Die beſtändige Zuneigung, die ich für ihn hegte, wäre alſo, wenn nicht betrogen, doch wenigſtens ſchlecht angebracht ge⸗ weſen? Ein Menſch, der im Stande, ohne Unterſchied mich oder Madame Hermann zu lieben, war meiner Liebe nicht würdig, iſt meines Beklagens nicht würdig.“ So ſchloß Adele Verneuil nach der Logik ihres' Charakters; doch trotz dieſes Schluſſes war das, was die junge Frau Anfangs litt, grauſam. Bald zu ihrem wahren Werthe die ſeltene Schön⸗ heit von Madame Hermann ſchätzend, geſtand ſie ſich mit ihrer natürlichen Billigkeit, trotz ihrer beklagens⸗ werthen Verirrungen werde Florence, noch intereſſant durch ihre Anfälle von Reue, durch ihre Aufſchwin⸗ gungen zum Guten, ſehr anziehend durch die beweg⸗ liche Lebhaftigkeit ihres Geiſtes, eine um ſo gefähr— lichere Nebenbuhlerin, als ſie von allen Banden, von jeder Bedenklichkeit frei ſei; und dann ſah ſich Adele über Florence völlig vergeſſen. Bald im Gegentheile voll tiefen Vertrauens zur Beſtändigkeit von Erneſt Beaumont, erlitt Adele eine andere Qual, wenn ſie an den Abgrund von Ver⸗ zweiflung dachte, in den dieſer Unglückliche gefallen war, nachdem er die Trunkenheit der ſüßeſten Hoff⸗ nungen hatte kennen lernen. Dieſe Alternativen von Zweifel und Glauben waren Anfangs entſetzlich für Madame Verneuil; denn allmälig, wie es der Doctor vermuthete, fing die ſtrenge 180 Stimme der Vernunft an den Tumult dieſer unfrucht⸗ baren Aufregungen zu beherrſchen. Adele wiederholte immer die Worte ihres alten Freundes, Worte, ſo un⸗ erbittlich als das Verhängniß: „Kann ich Erneſt hewathen? „Nein! „Kann ich ſeine Geliebte ſein? „Nein! „Kann ich ihn als Freund empfangen? „Nein! „Nein, nein! denn ich habe ihm die Wahrheit ge⸗ ſagt: „„Sähe ich Dich eines Tags wieder, ſo würde ich meine Tochter vergeſſen, und ich wäre verloren!““ Nachdem ſie ſo ihr Geſchick befragt, wozu ſollte Adele ſich entſcheiden? Für immer auf Erneſt verzichten; Die völlige Nutzloſigkeit, ſich vergeblich, auf eine ſchmerzliche Weiſe, mit der Frage zu beſchäftigen, vb Madame Hermann oder irgend eine andere Frau eines Tages werde von Erneſt Beaumont geliebt oder nicht geliebt werden, anerkennen; Endlich keinen Kampf gegen das Unmögliche verſuchen und ſich muthig in ihr Schickſal fügen. Dieſe muthige Reſignation konnte, trotz des vor⸗ trefflichen geſunden Sinnes von Madame Verneuil, nicht frei ſein von der Rückkehr unwillkürlicher und grauſamer Herzzerreißungen. Sie wußte es, ſie fühlte es. Lange, noch ſehr lange würde ohne Zweifel das Andenken an Erneſt in ihrem Herzen bluten; voch ſie hatte als tröſtenden Balſam für ihre Wunden die Zärtlichkeit ihrer Tochter, das Bewußtſein der Erfül⸗ lung einer großen Pflicht und die Selbſtachtung. 181 Nach der Erwartung des Doctors Max fühlte Madame Verneuil ſchon in ſich jene Art von Ruhe, welche noch ſchmerzlich, aber wenigſtens erträglich, — die gewöhnliche Folge des gefaßten Entſchluſſes. Sie war entſchloſſen, Erneſt Beaumont abreiſen zu laſſen, ohne ihn wiederzuſehen, denn ſie fürchtete die Gefahren einer ſolchen Unterredung. Wie groß war aber ihre Beſtürzung, als ſie Joſephine, welche in den Salon eintrat, melden hörte: „Madame Hermann verlangt Sie ſogleich zu ſpre⸗ chen; ich habe ſie gebeten, in den Garten zu gehen.“ „Wie!“ rief Adele erſtaunt, „Sie haben ſie ein⸗ geführt, ohne mich zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen?“ „Ich habe vielleicht Unrecht gehabt; doch dieſe arme Dame war ſo bleich, ſo zitternd, ihre Miene war ſo flehend, als ſie Madame zu ſprechen verlangte, daß ich nicht das Herz hatte, ihr den Eintritt zu ver⸗ weigern.“ „Dieſe Frau hiégg“ fragte ſich Adele erſchrocken. „Was will ſie von mir?⸗ XIX. Der Doctor Marx hatte, damit dieſe Zuſammen⸗ kunft, die er vorherſah, und deren Folgen er befürch⸗ tete, nicht einen zu unerwarteten, zu heftigen Schlag Madame Verneuil beibringe, dieſelbe von der Liebe von Florence für Erneſt Beaumont unterrichten zu müſſen geglaubt. Die erſten Symptome dieſer Liebe gingen zu der 182 Epoche zurück, wo Madame Hermann und der Graf Franz im Havre mit dem jungen Seemanne zuſam⸗ mentrafen und mit ihm in eine enge, vertrauliche Verbindung traten. Der Reiz ſeines Geiſtes, ſein Edelſinn, ſein Muth, ſein anziehendes Geſicht, und beſonders die tiefe, zarte und discrete Zuneigung, die ihn für Adele Verneuil erfüllte, brachten auf Madame Hermann einen lebhaften Eindruck hervor, der ſich in folgendem Gedanken zuſammenfaßte: „Wie glücklich muß man ſein, wird man ſo ge⸗ liebt!“ In der That, trotz ihrer bezaubernden Schönheit, der heiteren Lebhaftigkeit ihrer Einbildungskraft, ihrer natürlichen Gutmüthigkeit und der Zärtlichkeit ihrer Zuneigungen, war Florence bis dahin nicht glücklich in der Liebe geweſen. Sie betete ihren Gatten an, obgleich ſie ihn be⸗ trogen hatte, wie ſie eines Tages zu Madame Ver⸗ neuil ſagte. So parador dieſe Behauptung ſcheint, ſie war wahr: die Vereinzelung, die Langweile, das unwiderſtehliche Bedürfniß, zu lieben, die Aufmerkſam⸗ keiten, die Verfolgungen eines jungen und verführe⸗ riſchen Mannes, eine beklagenswerthe Charakter⸗ ſchwäche, das völlige Vergeſſen des Pflichtgefühls hat⸗ ten Madame Hermann ſtrafbar gemacht, und dennoch (nach Maßgabe ihrer Moralität) betete ſie ihren Gatten an, und ſie drückte vortrefflich dieſes magne⸗ tiſche Gefühl aus, das von der Anweſenheit des gelieb⸗ ten Gegenſtandes abhängt, als ſie zu ihrer Freundin ſagte: „Meine Liebe für Charles iſt mit ſeiner Anwe⸗ ſenheit bei mir zurückgekehrt.“ — 183 Bei dieſem Umſtande zeigte ſich Madame Hermann redlich und würdig, indem ſie offenherzig, unter dem Drucke der Reue und ihrer Gewiſſensbiſſe, einen Feh⸗ ler geſtand, den ſie mit Hülfe der Lüge und der Ver⸗ ſtellung zu verbergen hoffen durfte. Mit Recht aller⸗ dings in ſeiner Zuneigung verletzt, aber unfähig, die Tiefen des menſchlichen Herzens zu ergründen, war Herr Hermann unerbittlich, ſtatt ſich zur Höhe einer edlen und verſtändigen Verzeihung zu erheben und ſo die Wiederherſtellung der Ehre undder Sittlichkeit ſeiner Frau zu begünſtigen. Ihre aufrichtige Reue, das Geſtändniß ihres Fehlers erſchienen ihm als ein Uebermaß von Frechheit, von Schamloſigkeit, und er jagte die ehebrecheriſche Gattin ſchimpflich aus ſeinem Hauſe. Madame Hermann war alſo dieſes erſte Mal— unglücklich in der Liebe. Dieſes Unglück ſollte ſich wiederholen; ihr Schuldgenoß verläßt, die einfachſten Begriffe von Ehre vergeſſend, auf eine unwürdige, ſchändliche Weiſe dieſe junge Frau, welche fortan ohne eine andere Stütze als ihn, ohne eine andere Zuflucht, als die Beſtändigkeit des Mannes, der ſie ins Ver⸗ derben geführt hat. Zärtlich, ergeben, bietet Franz von Hasſeld ſeine Tröſtungen der Verlaſſenen an; dieſe erhält, kurze Zeit nach ihrer Ankunſt in Paris, die Beweiſe von einer vorübergehenden, aber verletzenden Untreue. Florence iſt zum dritten Male unglücklich in der Liebe, eine Strafe des Verhängniſſes für ihre Sittenloſig⸗ keit. Diejenigen, welche die Erfahrung ein wenig in die Geheimniſſe der Leidenſchaften eingeweiht hat, wiſſen, daß, abgeſehen von unendlich ſeltenen, die 184 Regel beſtätigenden Ausnahmen, alle außer den be⸗ ſtehenden ſocialen Geſetzen geſchloſſene Verbindungen nothwendig unheilbare Trübſale oder unheilbare Ver⸗ derbniſſe herbeiführen werden. Wenn Madame Hermann ihre Freundin um ihr Glück beneidete und ſich ſagte: Wie glücklich iſt Adele, daß ſie von einem Manne wie Erneſt Beaumont ge⸗ liebt wird!“ ſo war ſie doch nicht eiferſüchtig auf die⸗ ſelbe. Der Unbeſonnenheit und beſonders der Güte ihres Charakters nachgebend, beeilt ſie ſich im Gegen⸗ theil, kaum in Paris angekommen, zu Adele zu gehen und ſie mit einer aufrichtigen Freude zu überzeugen, die Abweſenheit, ſtatt die Liebe ihres Vetters zu er⸗ kalten, habe ſie noch glühender gemacht. Dieſe Mit⸗ theilungen werden mit einer ſtrengen Würde von Madame Verneuil aufgenommen; nachdem ſich ſo ihre unerſchütterliche Ehrfurcht für ihre Pflichten vor den Augen von Florence kundgegeben hatte, dachte dieſe, zur Zeit der Untreue des Grafen Franz, ſie könne, ohne das Vertrauen ihrer Freundin zu verrathen und ohne Gefahr zu laufen, ſie zu betrüben, ſich in aller Sicherheit ihrer Reigung für Erneſt hingeben nach dem Raiſonnement: „Adele vermöchte es nicht ſchlimm zu finden, daß ich ihren Vetter liebe, da ſie ihn nicht lieben will.“ Fortan beruhigt hinſichtlich des einzigen Seru⸗ pels, der im Stande war, den Schwung ihrer neuen Leidenſchaft zu hemmen, überließ ſich Madame Her⸗ mann ohne Rückhalt einem Gefühle, das ihr bis dahin unbekannt, denn es beherrſchte gleichmäßig ihre Sinne, ihren Geiſt und ihr Herz. Mit einem Worte, zum erſten Male in ihrem Leben liebte ſie vollſtändig. 185 Dieſe Liebe wuchs, entwickelte ſich, wurzelte ſich tief in der Seele von Florence ein. Während der häufigen Beſuche, die ſie in Gefängniſſe des Seemanns in Geſellſchaft des Grafen Franz machte, — Zuſam⸗ menkünfte, deren Zeuge der Doctor Max oft war, — ſaugte Madame Hermann, wie das alte Mährchen ſagt, die Liebe durch alle Poren ein. In die Trun⸗ kenheit ſeiner Hoffnungen verſunken, hatte Erneſt Beaumont keine Vermuthung von der wachſenden Leidenſchaft, die er einflößte, denn er ſchrieb die lieb⸗ reichen Aufmerkſamkeiten von Madame Hermann einem ganz freundſchaftlichen Intereſſe zu. Gleichfalls getäuſcht, faßte der Graf Franz keinen Verdacht; er glaubte, ſeine Untreue ſei ſeiner Gelieb⸗ ten unbekannt, und war von ihr unterrichtet von den geheimen Gefühlen des Seemanns für ſeine Couſine. Allein ſcharſſichtig, verfolgte der Doctor Max mit einem aufmertſamen Auge die Fortſchritte der Leiden⸗ ſchaft der jungen Frau. Er ſah, noch unklar, dieſe Leidenſchaft werde vielleicht ſchmerzlicher, aber wenig⸗ ſtens entſchieden, unwiderruflich das Verzichten von Adele auf Erneſt machen. Drei Tage, ehe dieſer das Gefängniß verließ, begab ſich der Doctor Max zu Madame Hermann. Eine Art von Vertraulichkeit hatte ſich zwiſchen ihnen in Folge ihres häufigen Zu⸗ ſammenſeins in Sainte⸗Pelagie gebildet; er war alſo durchaus nicht erſtaunt, als er von Florence ihren Bruch mit Franz von Hasfeld erfuhr, ein ſpäter Bruch, auf eine ungeſtüme Weiſe motivirt durch die frühere Untreue des Grafen, der ſich übrigens als ein galan⸗ ter Mann ohne Gegenbeſchuldigungen entſernte. — „Madame,“ ſagte dann der Doctor Mar zu 186 Florence, „Sie ſind wahnſinnig in Erneſt Beaumont verliebt.“ . „Das iſt wahr,“ erwiederte Madame Hermann. Und mit ihrer gewöhnlichen Aufrichtigkeit eröff⸗ nete ſie ihr Herz dem Doctor Max. Er wurde zugleich überzeugt und von Mitleid ergriffen. Dieſe junge Frau liebte mit allen Kräften ihrer Seele, wie ſie nie geliebt hatte. „Madame,“ fragte der Doctor Max, „was hoffen Sie von dieſer Liebe?“ „Ich kann Ihnen jetzt nicht antworten,“ verſetzte Florence. „Ich werde erfahren, ob ich hoffen darf oder verzweifeln muß, wenn Herr Erneſt Beaumont, nachdem er das Gefängniß verlaſſen, ſeine erſte Zu⸗ ſammenkunft mit Adele gehabt hat . . . Ueberdies will ich ſie beſuchen.“ „Sie werden Madame Verneuil beſuchen?“ „Ja, und verweigert ſie mir den Eintritt, ſo werde ich ihr ſchreiben.“ „Was gedenken Sie ihr denn zu ſagen oder zu ſchreiben?“ fragte der Doctor Mar ſehr erſtaunt, denn ſein gewöhnlicher Scharfſinn ließ ihn im Stiche. „Was kann der Zweck dieſer Zuſammenkunft oder dieſes Briefwechſels mit Madame Verneuil ſein?“ „Mein lieber Dyetor,“ erwiederte traurig Madame Hermann, „das iſt mein Geheimniß.“ Dieſes Geheimniß ſuchte der Doctor Max, trotz ſeiner tiefen Kenntniß der menſchlichen Seele, verge⸗ bens zu errathen; doch er dachte, mit Beſorgniß, an die grauſame Prüfung, welche Adele ohne Zwei⸗ ſel würde auszuſtehen haben. Madame Hermann abrathen, ſich zu ihrer Freundin zu begeben oder ihr 187 zu ſchreiben, daran durfte man nicht denken. Auch wollte der Doctor, wie er es offenherzig Madame Ver⸗ neuil erklärt hatte, dieſe ganz und gar at nungsloſe Liebe verzichten ſehen. Wa Gegenſtand des Beſuches ſein mochte, mi man ſie bedrohte, er ſchien den weiſen Rathſchlägen des Doctors günſtig ſein zu müſſen; er hielt es alſo für erſprießlich, mittelbar Adele auf den Beſuch vorzube⸗ reiten, den er zugleich fürchtete und wünſchte, indem er ſie von der Liebe von Florence für Erneſt Beau⸗ mont überzeugen würde. Dieſer hatte eine Wohnung' in demſelben Hötel garni wie Madame Hermann inne. Sie hatte den ganzen Tag auf ſeine Rückkehr mit einer unausſprechlichen Angſt gelauert, denn ſie fühlte, ſie dürfe hoffen oder müſſe verzweifeln, je nach dem Reſultate der erſten Zuſammenkunft von Adele und Erneſt. Als er nach dieſer erſten Zuſammenkunft bleich, beſtürzt, die Augen von Thränen geröthet, nach Hauſe kam, begegnete er auch auf der Schwelle ſeiner Thüre Madame Hermann, die ihn zitteund nach der Urſache ſeines Kummers fragte. „Ich bin der unglücklichſte Menſch der Welt!“ antwortete Erneſt Beaumont mit einem krampfhaften Schluchzen. „Adele ſtößt mich zurück. Beklagen Sie mich beklagen Sie mich!“ Florence ſtieg raſch in den Wagen, ließ ſich zu Madame Verneuil fahren und trat in den Salon hinter der Dienerin von Adele in dem Augenblicke ein, wo dieſe von Erſtaunen und Schrecken ergriffen, ausrief: „Dieſe Frau hier!. . was will ſie von mir?“ Madame Hermann, als ſie vor den Augen ihrer alten Freundin erſchien, kam unter dem Eindrucke edler Gedanken; ihre hochherzigen Gefühle machten ihre Schönheit ſo rührend, daß Madame Verneuil, plötzlich ihr Verzichten auf Erneſt Beaumont vergeſ⸗ ſend, in Florence nur eine verhaßte und furchtbare Nebenbuhlerin ſah; ſie trat auch, die Stirne zorn⸗ entbrannt, mit einem beleidigenden Lächeln auf ſie zu und ſagte: „Madame, Ihre Gegenwart hier iſt ſeltſam: der Wohlanſtand, die Selbſtachtung verbieten mir, Sie zu empfangen, — das iſt Ihnen wohl bekannt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Florence mit demüthi⸗ gem, ſanftem Tone, „Du haſt es mir geſagt, und ich habe eingeſehen, ich ſei nicht mehr würdig, von Dir empfangen zu werden; doch. . . „Madame, verſchonen Sie mich mit dieſem Duzen; es kann nun keine Vertraulichkeit mehr zwiſchen uns beſtehen.“ „Dein Empfang iſt hart, Adele; was habe ich Dir gethan?“ „Madame, ich bitte Sie wiederholt, mich nicht mehr zu duzen?“ „Gut,“ ſagte Florence ſeufzend, „ich glaubte nicht Sie hiedurch zu verletzen.“ „Ich weiß nicht, was der Zweck Ihres Beſuches iſt, Madame; welcher es aber auch ſein mag, ich muß Sie daran erinnern, daß wir fortan in keiner Bezie⸗ 189 B hung mehr zu einanver ſtehen dürfen. Meine Tochter kann überdies jeden Augenblick hereinkommen, und ich möchte mich nicht dem ausſetzen, daß ſie erröthen müßte, wenn ſie von mir erführe, Madame, was Sie ſind.“ „Ich bin eine ſehr beklagenswerthe Frau, Adele,“ erwiederte traurig Florence, indem ſie ihre ſchönen Augen aufſchlug, deren melancholiſcher und zugleich zärtlicher Blick Madame Verneuil, trotz ihrer gehäſſi⸗ gen Eiferſucht, rührte. „Ach!“ dachte ſie mit einer geheimen Verzweiflung, „wenn ſie Erneſt ſo anſchaut,! wenn ſie ſo mit ihm ſpricht, wie wird er ihr wider⸗ ſtehen können?“ „Ich bin eine ſehr beklagenswerthe Frau,“ hatte Florence geſagt, „und ich komme, um Sie zu bitten, mit gefalteten Händen zu beſchwören, Sie in der gan⸗ zen Aufrichtigkeit meiner Seele anzuflehen, Sie mögen Mitleid mit Einem haben, der noch viel mehr zu be⸗ klagen iſt, als ich.“ „Von wem ſprechen Sie, Madame?“ „Von Ihrem Vetter Erneſt Beaumont.“ „Wie! Sie wagen es ... „Adele! er iſt ſo unglücklich! Wenn Sie ihn vorhin geſehen hätten, als er nach Hauſe kam! welch ein gräßlicher Schmerz! welche finſtere Verzweiflung! ſein armes, bleiches, verſtörtes Geſicht! ſeine von den Thränen gerötheten Augen! Was ſoll ich Ihnen ſagen, Adele! Es war herzzerreißend! Haben Sie doch Mitleid mit ihm. Er liebt Sie, ſehen Sie, wie nie ein Mann geliebt hat, weil er nie eine Frau finden wird, welche nur würdig wäre, mit Ihnen verglichen zu werden. Warum ihn zurückſtoßen, in Verzweiflung 190 ſtürzen? Sind Sie nun nicht geſchieden von Ihrem Manne? Sind Sie nicht frei?“ „Gerechter Gott! kann man die ſchwarze Heuchelei weiter treiben!“ rief Madame Verneuil mit einem Ausbruche des Ekels und der Entrüſtung. Dieſe Frau kommt und fleht mich an, ich möge Mitleid mit Herrn Erneſt Beaumont haben . . . und ſie liebt ihn!“ „Woher wiſſen Sie . ..“ „Gleichviel! . . Sie lieben ihn, ſage ich Ihnen ... Sie haben dieſe Frechheit!“ „Nun wohl! ja . . . ich liebe ihn leidenſchaftlich, und dennoch ſage ich Ihnen: „„Adele, haben Sie Mitleid mit ihm . . . Er verdanke Ihnen das Glück ſeines Lebens . . und ich werde meine Liebe zu ver⸗ geſſen ſuchen!““ Florence Hermann ſprach dieſe letzten Worte mit ſtockender Stimme, zerfloß in Thränen und ſchwieg. Wäre Madame Verneuil nicht durch eine wach⸗ ſende Eiferſucht verblendet geweſen, ſo hätte ſie die Aufrichtigkeit der Worte und der Gefühle von Florence erkannt, — einer ſeltſamen Frau, im Uebermaße be⸗ weglich und gleichſam ſprungweiſe zu der edelſten Hin⸗ gebung oder zu den ärgerlichſten Verirrungen fähig; Adele ſah aber in dem Schritte von Madame Her⸗ mann nichts als Unverſchämtheit und Heuchelei; der Widerwille machte ihr übel, die Verachtung empörte ihr Herz, und ſie antwortete ihrer ehemaligen Freun⸗ din mit einer niederſchmetternden Geringſchätzung; „Dieſe lächerliche, abſcheuliche Komödie hat zu lange gedauert, Madame; Sie haben die Gabe der Thränen und der Gemüthsbewegungen nach Belieben, doch Sie werden mir erlauben, das Beiſpiel Ihres 191 Gatten zu beſolgen. Er kannte Sie ohne Zweiſel, wie ich Sie nun kenne. Er hat ſich von Ihrer ge⸗ heuchelten Reue nicht bethören laſſen und Sie mit Recht aus ſeinem Hauſe gejagt. Ich bitte Sie alſo, Madame, von hier wegzugehen, denn, erfahren Sie, es gibt etwas noch Verächtlicheres, als das Vergeſſen jeder Pflicht, jeder Scham: das iſt die gemeine Parv⸗ die der edlen Gefühle; man befleckt dieſelben, wenn man ſie affectirt, iſt man, Madame was Sie ſind.“ „Zum zweiten Male, Adele, werfen Sie mir vor,“ was ich bin; das iſt Ihr Recht. Eine Kluft, ich weiß es, trennt uns, und als Sie mich vor ſechs Monaten mit Nachſicht empfingen, verbarg ich Ihnen nichts von meiner Vergangenheit: Sie haben mich getröſtet, wiedergeſtärkt, indem Sie mir verſicherten, ich ſei eben ſo ſehr zu beklagen, als zu tadeln.“ Ich war damals Ihr Spielzeug; ich will es heute nicht mehr ſein.“ „Warum ſo viel Härte, ſo viel Verachtung, Adele? Ach! was iſt mein Verbrechen? Daß ich für einen Mann, der würdig, auf den Knieen angebetet zu werden, die Liebe fühle, die Sie ſelbſt fühlten.“ „Dieſe Vergleichung, Madame, iſt einfach das Uebermaß von Unverſchämtheit.“ „Dieſe Vergleichung wäre von meiner Seite das lebermaß von Unverſchämtheit, hätte ich einen Augen⸗ lick den Gedanken gehabt, mein Verdienſt mit dem Ihrigen zu vergleichen .. Doch fern von mir ſei dieſer Gedanke! Ich habe große Fehler!“ ie ſind beſcheiden.“ * „Ich habe Laſter, ich geſtehe es, doch ich beſiße — 192 eine gute Eigenſchaft, eine einzige: die Offenherzigkeit, und ich ſchwöre Ihnen, indem ich hierher komme und zu Ihnen ſage: „Haben Sie Mitleid mit Ihrem Vetter! . . .““ bin ich aufrichtig.“ „Sie wagen es abermals . . .“ „Arme Adele! .. die Eiferſucht . . 32 „Das iſt zu viel! .. ich eiferſüchtig auf Sie? Ich treibe die Demuth nicht bis auf dieſen Grad, Madame!“ „Eiferſüchtig auf mich, nein . . . doch auf Herrn Erneſt.“ „Madame! . . .“ Hören Sie mich an, Adele. Sie verachten, Sie verwerfen meine Freundſchaft, die aus unſeren er⸗ ſten Jugendjahren herrührt; Sie halten ſie für ge⸗ heuchelt: Sie täuſchen ſich. Die Aufrichtigkeit dieſer Freundſchaft, meine natürliche Ehrlichkeit verleihen mir die Kraft, das größte Opfer zu vollführen, das eine Frau einer andern bringen kann . .. das ihrer Liebe! So wahr Gott mich ſieht und hört, wieder⸗ hole ich Ihnen aus dem Grunde meines Herzens: „„Stoßen Sie venjenigen nicht zurück, welchen ich liebe; ſeien Sie glücklich mit ihm; Ihr ſeid Eurer ge⸗ genſeitig würdig.“ Ich bewundere Ihre Großmuth, Madame; Sie verzichten auf ein Herz, das Ihnen nicht gehört, das Ihnen nie gehören wird!“ „Oh! ich weiß es wohl,“ erwiederte demüthig Florence, „und wenn Sie unbarmherzig gegen Herrn Erneſt ſind, ſo werde ich danach trachten, nicht es dahin zu bringen, daß er mich liebt . . . nie kann ich 193 es wagen, hierauf Anſpruch zu machen. ich werde danach trachten, daß er ſich von mir lieben läßt.“ „Dieſe Anmaßung, Madame ... „Sie täuſchen ſich abermals, Adele; ich ſetze ein⸗ zig und allein auf das Mitleid von Herrn Erneſt Beaumont meine letzten Hoffnungen. Er iſt ſo gut, ſo edelmüthig! hat er nicht ſein Leben gewagt, um einem armen Kinde, das dem Ertrinken nahe, das Leben zu retten? Vielleicht wird er auch Mitleid mit meiner tödtlichen Pein haben! vielleicht wird er meine Liebe dulden. Ah! ſeine anbetungswürdige Seelen⸗ güte, ſein Mitleid, das iſt meine äußerſte Hoffnung!“ „Dieſe Hoffnung, ſo unbeſtimmt ſie in der That ſein muß, es koſtet mich Ueberwindung, ſie zu zer⸗ ſtören, Madame; doch das wohlverdiente Intereſſe, das ich für Sie hege, verpflichtek mich, Sie liebreich darauf aufmerkſam zu machen, Madame, daß unter gewiſſen Umſtänden das Mitleid gezwungener Weiſe durch die Verachtung erſtickt wird.“ „Vielleicht wird es ſo ſein, Adele,“ antwortet Madame Hermann, deren Sanftmuth, deren aufrich⸗ tige Demuth ſich nicht verleugnen. „Meine frühere Aufführung verdient die Verachtung; was iſt aber der glühendſte Wunſch meiner Seele? Iſt es, den Namen von Herrn Erneſt Beaumont zu führen? ſeine geehrte, ehrenwerthe Gefährtin zu ſein? Dieſer Wunſch wäre wahnſinnig. Mein Traum wäre, zu ſein . . mein Gott! was Ihr Vetter wollte, daß ich für ihn wäre: ſeine Dienerin am Ende; er würde mich wegſchicken, wann es ihm beliebte; braucht er mich zu achten, um mir das zu bewilligen?“ Suer der Teufel ols Arzt. I. 13 194 „Ich weiß wohl, Madame, wie wenig Ihnen an der Werthſchätzung der redlichen Leute liegt; dieſe ſtolze Verachtung darf mich nicht in Erſtaunen ſetzen: die Urſache davon iſt bekannt; doch unſer völlig un⸗ nützes Geſpräch hat ſchon zu lange gedauert.“ „Noch ein Wort, Adele, und ich entferne mich; ein Wort im Intereſſe Ihres zukünftigen Glückes. Sie werden dann vielleicht erkennen, daß dieſe Unter⸗ redung nicht unnütz geweſen iſt.“ „Ihre Rathſchläge, Madame ..“ „Warum ſie verachten, wenn ſie weiſe ſind? Hö⸗ ren Sie, Adele, ſo fremd ich auch der Tugend, dem Pflichtgefühle bin, mein Inſtinct ſagt mir, das Hin⸗ derniß, das unüberwindliche Hinderniß, das Sie von Herrn Erneſt Beaumont trennt und ſein und Ihr Un⸗ glück machen wird, ſei Ihre Tochter. Sie würden eher ſterben, als vor ihr zu erröthen haben. Ich weiß, wie unerſchütterlich bei Ihnen die Selbſtachtung iſt: es gibt, wie mir ſcheint, ein ehrenhaftes Mittel, Ihre Liebe und ihre Pflichten in Einklang zu bringen; geben die Eltern, welche Ihren Kindern in der aller⸗ tiefſten Zärtlichkeit zugethan ſind, dieſe Kinder nicht in Penſion? warum wollen Sie nicht eben ſo bei Ihrer Tochter handeln? Sie könnten ſie jeden Tag ſehen und .. .“ „Ihre Rathſchläge, Madame, ſind das, was ſie ſein müſſen; ſie ſetzen mich daher durchaus nicht in Erſtaunen; es gibt Gefühle, die Ihnen nothwendig fremd ſind. Ich bitte Sie, mich allein zu laſſen, Madame.“ „Adele, überlegen Sie. Ohne mich in irgend einer Hinſicht mit Ihnen zu vergleichen, fühle ich nun, 195 wie gräßlich es ſein muß, auf Herrn Erneſt Beaumont zu verzichten. Sie haben eine zarte Geſundheit, arme Adele! Sie werden vielleicht den Folgen eines un⸗ heilbaren Kummers nicht widerſtehen!“ „Genug, Madame, genug! Ich bitte, verſchonen Sie mich mit Ihrer Mildherzigkeit.“ „Sie, die Sie ſo ehrlich! Sie unterſcheiden die Ehrlichkeit nicht von der Lüge,“ erwiederte Florence mit dem Ausdrucke eines ſchmerzlichen Bedauerns, und die Augen in Thränen gebadet. „Sie zweifeln an meiner Zuneigung, und ſie iſt ächt und wahr;“ nichts hat ſie verändern können, — weder die Härte, noch die Ungerechtigkeit Ihres Empfanges, noch Ihre blutige Verachtung. Nein, nein! die ſchmerzliche Theilnahme, die Sie mir einflößen, verdoppelt ſich noch. Ich ſchwöre Ihnen zum letzten Male, Adele, mein Schritt bei Ihnen hatte nur einen Zweck: Sie inſtändig zu bitten, Sie mögen glücklich ſein, Sie an⸗ zuflehen, Sie mögen nicht gegen eine unüberwindliche Liebe kämpfen. Doch ich geſtehe Ihnen mit derſelben Offenherzigkeit: beharren Sie dabei, daß Sie Herrn Erneſt Beaumont zur Verzweiflung bringen wollen, ſo werde ich mir, indem ich ihm zu gefallen ſuche, keine Niederträchtigkeit, keinen Verrath gegen eine alte Freundin vorzuwerfen haben, da ich Sie wenig⸗ ſtens redlich zum Voraus davon in Kenntniß geſetzt, daß. „Oh! gewiß, Madame. Wie Sie mit der Offen⸗ herzigkeit, mit der Unſchuld, welche von Ihrem Cha⸗ rakter unzertrennlich, Ihren Gatten freimüthig, zärt⸗ lich davon in Kenntniß ſetzten .. Sie werden ſeinen Namen im Kothe des Ehebruchs herumſchleppen.“ . 196 „Ah! Sie ſind unbarmherzig!“ rief Florence ſchmerzlich verwundet durch dieſen letzten Hohn. In dieſem Augenblicke trat Joſephine ein und ſagte: „Mademoiſelle Emma ſchickt mich, um ein Blatt Notenpapier zu holen, damit ſie die Abſchrift, die ſie für den Herrn Doctor macht, wiederanfangen kann.“ „Deffnen Sie zuerſt dieſer Dame die Thüre,“ antwortete Adele; „Sie werden ſodann meiner Tochter das Papier geben, das ſie zu haben wünſcht.“ Und mit einer ſcheinbaren Höflichkeit ſich an Flo⸗ rence wendend, der ſie eine Halbverneigung macht: „Leben Sie wohl, Madame.“ „Leben Sie wohl,“ erwiederte Madame Hermann. Und ſie warf auf ihre ehemalige Freundin einen troſtloſen Blick und ging dann, gefolgt von Joſephine, ab. Dieſe kam bald wieder zurück, nahm aus einer e ein Blatt Notenpapier und ließ ihre Gebieterin allein. XXI. Madame Verneuil erlangt nach und nach die einen Augenblick durch die Gährungsſtoffe der Eifer⸗ ſucht und die verhaßte Gegenwart einer Nebenbuhlerin getrübte Klarheit und Richtigkeit ihres Geiſtes wieder. „Florence iſt aufrichtig, ruft die junge Frau, „ja, ſie iſt aufrichtig! ſie liebt Erneſt genug, um den Muth zu haben, ihre Liebe der meinen zu opfern! Ah! die Eiferſucht! die Eiferfucht!. das iſt gräßlich! Ich wußte nicht, daß ich böſe, ungerecht; und ſo eben 197 ſchlug ich dieſe unglückliche Frau durch Verachtung, Sarkasmen, Beleidigungen zu Boden! Was war ihr Verbrechen? Sie flehte mich mit gefalteten Händen an, ich möge Mitleid mit Erneſt haben; und wenn ich ihren dringenden Bitten widerſtand, was hoffte ſie? ſich von ihm lieben zu machen? Nein, ſie hoffte, er werde ſich vielleicht von ihr lieben laſſen. Ah! er wird ſie lieben! er wird ſie lieben! ſie iſt ſo ſchön, und unter der Herrſchaft einer edlen Gemüthsbewegung werden ihre Schönheit, ihr Ton, ihr Blick unwider⸗ ſtehlich. Ich fühlte es vorhin wohl; ich war auch wüthend. Vergebens demüthigte ſie ſich in der Auf⸗ richtigkeit ihrer Seele; ich ſchlug ſie ohne Erbarmen, ohne Unterlaß. Ach! wenn ich ſie wider meinen Wil⸗ len ſo ſchön, ſo rührend gefunden habe, wie wird es bei Erneſt ſein! er wird ſie lieben. Ei! was liegt an der Vergangenheit! ſie kann nicht ſeine Frau ſein; man verlangt keine Tugenden von ſeiner Liebſchaft! Und ſie hat es geſagt, er iſt mehr als irgend Jemand empfänglich für die Herzensgüte; das Herz von Flo⸗ rence iſt gut geblieben, das wird ihre mächtigſte Ver⸗ führung ſein! Denn, wer weiß? dieſe Liebe, die ein⸗ zige wahre, die ſie bis jetzt empfunden, kann ſie verwandeln, in den Augen von Erneſt wieder zu Chren bringen! Sie hat nichts zu verlieren, nichts zu ſcheuen. Ohne Skrupel, ohne Bande, ohne Kinder, kann ſie ſich ihm weihen, ihn zur See, auf ſeinen wei⸗ ten Reiſen begleiten, ihn zerſtreuen, erheitern durch die Lebhaftigkeit, die Munterkeit ihres Geiſtes während der langen Stunden der Fahrt. Er iſt dreißig Jahre alt . und Florence iſt ſo ſchön! So wird ſich un⸗ ter ihnen eine Verbindung anknüpfen, welche Beide 198 von Anfang für ephemer halten; die Gewohnheit wird ſie dauerhaft machen; allmälig wird ſich Erneſt von mir löſen; mein Andenken wird ſeinem Herzen noch ſüß bleiben, aber unbeſtimmt, ſchwankend, halb verwiſcht wie die Erinnerung an einen Traum .. Und ich .. . ich!“ fügt Adele mit einer durch das Schluchzen gehemmten Stimme bei: „ich! . . . immer tiefer in den ſchwarzen Abgrund meiner Verzweiflung mich verſenkend, werde ich. . .“ Hier unterbricht ſich Madame Verneuil und wiſcht ihre Thränen ab; dann fährt ſie mit einer feſteren Stimme fort: „Doch nein! nein! .. . ich, ich habe meine Toch⸗ ter, meinen Engel des Troſtes. . . Ja, und dennoch, mein Gott! ich fühle es, es iſt Platz in meinem Her⸗ zen für dieſe zwei Anbetungen; die eine ſchließt die andere nicht aus. Seit ſechs Monaten habe ich meine Fürſorge, meine Zärtlichkeit für Emma verdoppelt; doch es blieben mir einſame Stunden; der Gedanke an Erneſt füllte ſie aus, ein oft bitterer, troſtloſer Gedanke .. doch er war es! er war es! Und dann, obgleich meine Stirne bei dieſer Erinnerung erröthet, wenn ich an den Eindruck der Lippen von Erneſt auf meine Hand denke, fühle ich eine Art von Schwin⸗ del! .. Ich bin noch jung, ich liebe mit allen Kräften, mit aller Macht meines Seins! .. Ahl ich log nicht, als ich zu ihm ſagte: „„Laß mich, wenn ich Dich wie⸗ derſähe, würde ich meine Tochter vergeſſen, und ich wäre verloren!““ Nach einem langen Stillſchweigen ruft Madame Verneuil, die Wange belebt, das Auge feucht, den Buſen wogend: 199 „Und warum verloren? Bin ich nicht moraliſch frei? Habe ich nicht fünfzehn Jahre lang meinen Pflichten das geheime Gefühl meiner Liebe geopfert? Machen mich nicht das ſchändliche Benehmen meines Mannes und meine Scheidung zur Herrin meiner Handlungen? Kann die gehäſſige Wachſamkeit von Herrn Verneuil nicht durch das Geheimniß irre geleitet werden, mit dem ſich die Liebe, die ſich achtet, umgibt und umgeben muß! Ich bin im Ganzen toll! Wozu dieſe unfruchtbare Qual, dieſes alberne Märterthum, das ich mir ſelbſt auflege? Meine Pflichten? Habe. ich ſie nicht muthig erfüllt? Ich habe nun keine gegen meinen Gatten mehr zu beobachten. Bin ich nicht berechtigt, endlich für mich, für meine Liebe zu leben?“ Plötzlich aber ſchauert Adele; ſie ſammelt ſich und ſpricht niedergeſchlagen: „Ja. wenn ich von meinen Gattinpflichten befreit bin, ſo bin ich es doch nicht von meinen Mutterpflich⸗ ten. Ah! ich ſagte es vorhin zu Erneſt . . . ohne meine Kinder würde ich Allem Trotz bieten. Und dieſe Florence, welche beklagte, daß ſie keine Kinder habe!“ fügt Madame Verneuil mit Bitterkeit bei; dann bebend und ganz niedergeſchmettert vor Ver⸗ wirrung: „Mein Gott! der Gedanke, der mir da kommt, iſt gräßlich! Bin ich denn wahnwitzig? Emma! mein Engel! Du, die mich getröſtet, wiedergeſtärkt hat! Du, der ich das Vergeſſen meines Kummers zu verdanken gehabt habe! Du, für die ich lebe, durch die ich lebe! Mein Gott! wäre ich ſchon ſo weit, daß ich Deine Geburt beklagen würde? Nein, nein! Oh! ſich weiß es, die Heftigkeit meiner Liebe für Erneſt 200 macht, daß ich Dich vielleicht noch mehr vergöttere, denn für Dich, liebes, unſchuldiges Geſchöpf, leide ich: und ich würde nicht leiden, verdienteſt Du nicht, ſo ſehr geliebt zu werden ..“ Madame Verneuil weint, bleibt abermals nach⸗ denkend, und fährt dann mit einer fieberhaften Exal⸗ tation fort: „Und dennoch . nein, nein, das iſt ſtärker als ich, ich kann mich nicht, ich werde mich nie an den Gedanken gewöhnen können, Erneſt liebe eine andere Frau. Unſer alter Freund täuſcht ſich trotz ſeiner Er⸗ fahrenheit in Dingen des Herzens; ſicher der Treue von Erneſt, hätte ich vielleicht muthig dieſes Verzichten angenommen. Doch mir jeden Augenblick ſagen: „Florence, weil ich es gewollt, Florence iſt zu dieſer Stunde bei ihm!““ Nein, das iſt mir unmöglich! ich kann es nicht! ich will es nicht! nein, Erneſt wird dieſe Frau nicht lieben; mich ſoll er lieben; ſonſt, ich fühle es wohl, werde ich vor Verzweiflung ſterben, und ich kann noch nicht ſterben! Ich muß für meine Kinder leben! Ich werde nicht vor ihnen zu erröthen haben: Louis iſt im Collége, und Emma. . nun wohl! ich werde dieſes theure Kind in Penſion bringen. Warum nicht? warum den Rath von Florence ver⸗ achten? wird das in irgend einer Beziehung meine Zärtlichteit für meine Tochter vermindern? Es iſt gerade in dieſer Straße hier vor meiner Thüre, ein vortreffliches Inſtitut. Ich werde Emma jeden Tag; eher zweimal als einmal beſuchen, und dann, die Arme, ſie lebt hier ſo vereinzelt! ohne Geſpielinnen von ihrem Alter. Sie iſt ſo glücklich, wenn ſie bei unſerem Spaziergange im Garten des Lurembourg —— — — 201 Koſtſchülerinnen findet und ihre Spiele theilen darf! Hat mir der Doctor Max nicht für ſie häuſige Leibes⸗ übung empfohlen? Auch beſitze ich nicht alles für eine Lehrerin nothwendige Wiſſen; durch mich allein beendigt, wäre die Erziehung von Emma unvollſtän⸗ dig; indem ich ſie immer bei mir zu behalten wünſchte, gab ich einem gewiſſen Egvismus nach; ich liebte ſie mehr um meinetwillen, als um ihretwillen. Mein Gott! ich täuſche mich nicht; dieſe Art von Trennung, — denn im Ganzen genommen iſt es keine, da ich Emma ein⸗ oder zweimal jeden Tag ſehen werde, — dieſe Trennung wird ihr Anfangs einigen Kummer verurſachen; doch in ihrem Alter ſind die Eindrücke ſo beweglich, daß ſie ſich raſch an dieſe Veränderung der Eriſtenz gewöhnen wird. Die Zuneigung ihrer Gefährtinnen?., ſie werden den armen Engel ſo ſehr lieben! . . . ihre ſanfte Heiterkeit wird bald bis auf die Spur ihr Leid verwiſchen. Sie wird alle ihre Sonntage, alle ihre Ferien hier bei mir zubringen; nie werde ich an ſolchen Tagen Erneſt ſehen oder empfangen. Louis wird alle vierzehn Tage nach ſei⸗ ner Gewohnheit kommen. Ja, ja, Alles läßt ſich ſo vereinbaren Florence hatte Recht, hundertmal Recht! Die arme Frau! was wird aus ihr wer⸗ den? Oh! ich kenne ſie: ſie wird ihren Troſt in einer andern Liebe finden; ſie gehört nicht zu den Frauen, welche lange verzweifeln!“ So wie Madame Verneuil, der Hinreißung einer unbeſiegbaren Leidenſchaft nachgebend, ſich auf dieſe Art in einem Entſchluſſe befeſtigte, welcher in ihren Augen ihre mütterlichen Pflichten und die Befriedi⸗ gung ihrer Liebe in Einklang brachte, erheiterten ſich 202 ihre kummervollen, troſtloſen Züge wieder? ſie drückten bald das Gefühl eines Glückes aus, das kein Ge⸗ wiſſensbiß trübt, denn in Folge neuer Reflexionen ſpricht Adele mit feſter, erleichterter Stimme: Ich befrage mich mit einer unerbittlichen Strenge: der Entſchluß, den ich faſſe, weit entfernt, ſie zu ſchwächen, verdoppelt, wo möglich, meine Zärtlichkeit für meine Kinder; ich fühle mich eine ſo gute Mutter, als in der Vergangenheit. Oh! ich ſagte es wohl, es iſt Platz in meiner Seele für dieſe zwei Liebes⸗ neigungen .. . Erneſt, mein Erneſt, beſänftige Deinen Kummer, verzweifle nicht mehr! . . Mein Gott! wie glücklich wird er ſein! Er ſollte Paris noch heute Abend verlaſſen, empfing er keinen Brief von mir!“ Den Blick ſtrahlend, obgleich halb verſchleiert durch eine Thräne der Freude, geht Adele an einen Tiſch und ſchreibt mit einer von einer köſtlichen Auf⸗ regung zitternden Hand; „Erneſt, reiſen Sie nicht; ſeien Sie morgen zur Mittagſtunde im Garten des Luxembourg vor dem Gitter des Obſervatoriums. „Morgen auf immer! „Adele.“ Madame Verneuil legt dieſes Billet zuſammen und verſiegelt es, hält es an ihre Lippen, drückt einen leidenſchaftlichen Kuß darauf und ſpricht voll Trunken⸗ heit: „Gehe, liebes Papierchen, Bote des Glückes Erneſt wird dir den Kuß, den ich dir aufgedrückt. zurückgeben.“ 203 Madame Verneuil wendet ſich nach der Thüre und legt die Hand an die Klingelſchnur, um Jo⸗ ſephine zu rufen und ſie zu beauftragen, den Brief ſogleich zu Erneſt Beaumont zu bringen. Plötzlich tritt Emma in den Salon ein, küßt ihre Mutter und ſagt fröhlich zu ihr: „Sieh, Mama, die ſchöne Abſchrift, die ich ſo „ eben für den Doctor Max vollendet habe, nachdem ich ſie zweimal wiederangefangen; ich hoffe, unſer Freund wird zufrieden ſein.“ Adele iſt beim Anblicke ihrer Tochter erbleicht; ſie ſchauert, ihre Kniee zittern ſo heftig, daß ſie ge⸗ nöthigt iſt, ſich auf ein Fauteuil zu ſetzen; dann ver⸗ dunkelt ſich ihr kaum zuvor noch ſo glänzender Blick... Und die Augen immer auf Emma geheftet, die ihre Mutter mit einem beſorgten Erſtaunen anſchaut, zerreißt die junge Frau langſam das Billet, das ſie geſchrieben, läßt die Stückchen des Briefes zu ihren Füßen fallen, und unfähig, ihre Thränen zurückzu⸗ halten, welche auf ihr bleiches Geſicht rieſeln, ſtreckt ſie die Arme gegen ihre Tochter aus. Emma wirft ſich ihrer Mutter mit einem innigen Erguſſe an den Hals und ruft erſchrocken: „Mein Gott! Mama, Du weinſt, was haſt Du denn?“ „Nichts . Ich liebe Dich!“ antwortet Adele Verneuil mit einer erhabenen Einfachheit. Die Gegenwart ihrer Tochter erinnerte dieſe mu⸗ thige Frau an ihre in der Hinreißung der Leidenſchaft einen Augenblick vergeſſenen Pflichten. Das Opfer war vollbracht! 204 Erneſt Beaumont verließ Paris noch an dem⸗ ſelben Abend, ohne Madame Verneuil wiedergeſehen zu haben. Yritte Abtheilung. Zu ihren mütterlichen Pflichten durch die Gegen⸗ wart ihrer Tochter zurückgerufen, vollbrachte Madame Verneuil heldenmüthig das Opfer ihrer Liebe; der Doctor Max theilte ihr mit, nachdem er vergebens bis zum Abend auf die Antwort gewartet, um die er ſie gebeten, ſei Erneſt noch an demſelben Tage mit Poſt in Begleitung von Florence Hermann abgereiſt. Dieſer letzte Schlag hätte Adele beinahe getödtet. Nie waren ihre düſterſten, troſtloſeſten Vorherſehungen bis zu dem Gedanken gegangen, ihr Andenken könnte ſo ſchnell einer ſittenloſen Frau geopfert werden. In dieſer faſt brutal raſchen Untreue den Beweis einer für ſie ſchimpflichen Verachtung und der Entwürdigung des Charakters von einem Manne erblickend „den ſie bis dahin ſo hoch geſtellt, war Madame Verneuil ebenſo ſchmerzlich angegriffen, als entrüſtet; aber, ach! trotz ihres Bewußtſeins der Verachtung, der Entwür⸗ digung von Erneſt, konnte die unglückliche Frau, und 0 — * . 205 das war ihre beſtändige Marter, dieſe Liebe nicht aus ihrem Herzen reißen; ſie machte ſich dieſelbe als eine ſchmähliche Schwäche zum Vorwurfe; ſie verfluchte ſich. Und dennoch erſchien, während der Einſamkeit ihrer langen ſchlafloſen Stunden, das Bild von Erneſt und Florence, lächelnd und verliebt, unbeſiegbar vor ihrem Geiſte. Gab ſie in Augenblicken einem peinlichen, bewegten Schlafe nach, ſo verfolgten ſie dieſe verhaß⸗ ten Viſionen im Traume. Ihre Tage gehörten ihrer ochter, die ſie mit einer verdoppelten Zärtlichkeit liebte, alle ihre Nächte aber gehörten ihrem unheil⸗ baren Schmerze. Die, aus Stolz beherrſchten, Leiden richteten tiefe Verheerungen in der ſchwächlichen Organiſation von Madame Verneuil an. Der Doctor Max folgte mit Bangigkeit den Fortſchritten dieſer abzehrenden Krank⸗ heit, der er hundertmal eine acute Krankheit vorge⸗ zogen hätte, welche, ſo zu ſagen, einen Körper geboten haben würde, gegen den die Wiſſenſchaft mit Vortheil kämpfen konnte. Adele, deren Geſundheit von Tag zu Tag mehr abnahm, fand in ihrer mütterlichen Liebe Energie genug, um ſich beſtändig, wie früher, der Erziehung von Emma zu widmen und vor dieſer ihre Uebel zu verbergen. Getäuſcht durch das ſanfte Lächeln von Madame Verneuil, durch ihre fieberhafte Thätig⸗ keit, wurde Emma einen Verfall nicht gewahr, der faſt unbemerkbar für ihre Augen, weil ſie fortwährend bei ihrer Mutter lebte. Hellſehender, bat der Doctor ar die junge Frau inſtändig, einige heilſame Zer⸗ ſtreuungen in einer Reiſe zu ſuchen, da er eine Luft⸗ veränderung als unerläßlich betrachtete; doch ſie este eine unüberwinvliche Hartnäckigkeit den Wünſchen 206 ihres alten Freundes entgegen und wollte Paris nicht verlaſſen. Dieſer Salon, wo ſie eine Stunde lang Erneſt wiedergeſehen, wo ſie ſich zum erſten Male Frau gefühlt hatte, wurde für Madame Verneuil ein Heiligthum, aus welchem ſich zu entfernen ſie weder die Kraft, noch den Willen hatte; oft in ihren ſchlaf⸗ loſen Nächten, während ihre Tochter den tiefen Schlaf ibres Alters ſchlief, ſtand Adele auf, ging in dieſen Salon, ſetzte ſich dahin, wo Erneſt geſeſſen hatte, und weinte bitterlich über die Untreue, über den ſchwar⸗ zen Undank von demjenigen, den ſie nicht lieben konnte. Zuweilen auch öffnete ſie ihr Klavier und ſang, da ſie befürchtete, ſie könnte ihre Tochter auf⸗ wecken, mit halber Stimme, ihren Schmerz in klagen⸗ den, verſchleierten Tönen aushauchend. Allmälig erloſch aber ihre Stimme in den Thränen; ihre An⸗ fangs glühenden, dann eiskalten Hände blieben träge auf den elfenbeinernen Taſten, und mit ſtarrem Blicke, in ihre Erinnerungen verſunken da ſitzend, wurde ſie durch die erſte Helle der Morgendämmerung zu ſich ſelbſt zurückgerufen; ſie ſuchte dann wieder ihr ein⸗ ſames Lager, in der Hoffnung, hier die Ruhe, das Vergeſſen zu finden, ſah jedoch abermals in ihren Träumen Erneſt und Florence, — Florence ſchöner als je! Endlich, ungefähr ein Jahr nach dem Abgange des jungen Seemannes, fühlte Madame Verneuil, durch den Kummer verzehrt, und bis zu dieſer Zeit wenigſtens durch eine nervöſe, ſcheinbare Energie auf⸗ recht erhalten, plötzlich ihre Kräfte völlig entſchwinden; ſie war genöthigt, ſich zu Bette zu legen; von dieſem Augenblicke den finſteren Ahnungen ihres nahe bevor⸗ — 207 ſtehenden Endes preisgegeben, erlitt ſie eine neue Qual im Gedanken an die Zukunft ihrer Tochter. „Was wird aus meinem armen Kinde nach mei⸗ nem Tode werden?“ fragte ſich Adele. „Ach! Emma wird der Gegenſtand des Widerwillens ihres Vaters, die Märterin dieſer ſchändlichen Magd ſein!“ Unter dem Drucke dieſer Furcht wurde die Ver⸗ zweiflung von Madame Verneuil erſchrecklich; ſie ſah ein Verbrechen in der unwürdigen Liebe, die ſie tödtete; ſie klagte ſich an, ſie ſei eine ſchlechte Mutter, feig, ſchwach, daß ſie weder den Muth, noch die Tu⸗ gend habe, eine herabwürdigende, wahnſinnige Leiden⸗ ſchaft zu beherrſchen, zu vergeſſen! grauſame Zer⸗ reißungen der Seele, welche dieſe Unglückliche durch den Gedanken zuſammenfaßte, der immer ihrem Geiſte gegenwärtig, ſeitdem ſie im Halbdunkel das Heran⸗ nahen eines langſamen Todeskampfes erſchaute: Meine Liebe iſt ein Selbſtmord geweſen! So bleibt durch meine Schuld meine Tochter ohne Stütze, ohne Schutzwehr, der Willtür eines Geſchickes, das mich erſchreckt, preisgegeben.“ Madame Verneuil ſtrengte ſich dann an, das Leben wieder feſtzuhalten, und bat den Doctor unter Schluchzen flehentlich, ſie zu heilen. Sie würde eine Reiſe unternehmen, wenn es ſein müßte; ſie würde ſich zu Allem entſchließen, in der Hoffnung, ihre Tage zu verlängern und ihre Tochter nicht der Ver⸗ laſſenheit preiszugeben. Es war zu ſpät! Adele be⸗ fand ſich in einem ſolchen Zuſtande der Entkräftung, e die Strapazen einer Reiſe ihren Tod beſchleunigt ätten. Troſtlos, bekämpfte der Doctor Mar die Erſchöpfung 208 von Madame Verneuil durch die Anwendung von erregenden und herzſtärkenden Mitteln, durch die ſie ephemere Kräfte erlangte, und obgleich im Bette lie⸗ gend, beſchäftigte ſie ſich noch mit der Erziehung von Emma, welche ſo ihre gewöhnlichen Lectionen erhielt; oft beunruhigt durch die zunehmende Schwäche ihrer Mutter, ließ ſie ſich immer wieder durch die verſtellte Ruhe des Doctors Max beſchwichtigen. Herr Verneuil genoß, nach den Vorherſehungen des Arztes eine vortreffliche Geſundheit, — mehr als je der Herrſchaft von Charlotte untergeben und dieſe Herrſchaft liebend. Charlotte hatte abwechſelnd die Drohung und die Schmeichelei bei Louis angewendet; ſie hatte bei ihm gemeine, grob ſinnliche Begierden erweckt, entwickelt, welche reichlich von ihr befriedigt wurden, ſobald er ſich als ſchlechter Sohn zeigte, und ſo war es ihr gelungen, ihm eine wachſende Abneigung gegen ſeine Mutter und ſeine Schweſter einzuflößen⸗ Da ſie nicht vor der Furcht zurückwich, die Unſchuld dieſes unglücklichen Knaben zu verderben, jo überredete ihn die Herrin⸗Magd, Madame Verneuil, mit Recht aus dem ehelichen Hauſe gejagt, habe einen Lieb⸗ haber gehabt. Zu Unterſtützung dieſer ſchändlichen Verleumdungen ließ Charlotte Louis die Rede des Advocaten Fripart leſen. Madame Verneuil erlitt bald die Reaction der, vergebens von ihr bekämpften, gehäſſigen Ränke. Es kam der Tag, wo dieſes arme, von Schmerzen ge⸗ peinigte, gemarterte Herz einen letzten Schlag erhielt. Den Wiverwillen wahrnehmend, den ſie ihrem Sohne einflößte, fühlte Adele eine Art von Erleichterung, als —— 209 die immer weniger häufigen Beſuche von Louis ganz aufhörten. Sie hatte die Zuneigung ihres Kindes verloren! IH. Madame Verneuil hat ſeit mehr als zwei Moyna⸗ ten ihr Bett nicht verlaſſen; ſie iſt nur noch der Schatten von ſich ſelbſt; ihr Leben ſcheint in ihren glänzenden Augen concentrirt, ſie haben den Anſchein einer übermäßigen Größe, dergeſtalt ſind ihre Wangen hohl, abgemagert. Durch die Sorgfalt von Emma iſt die Betttoilette ihrer Mutter von einer gewiſſen Coquetterie; ihr ſchönes hellkaſtanienbraunes Haar iſt in einem Wellenſcheitel getrennt, der halb durch eine, mit hellblauen Bändern garnirte, hübſche Spitzenhaube verborgen wird; ihre Bettjacke iſt von einer außer⸗ ordentlichen Friſche und mit Bändern von derſelben Nuance wie die der Haube verziert. Madame Verneuil ſitzt an zwei über einander gelegte Kiſſen angelehnt; man hätte können das Licht durch die durchſichtige Haut ihrer kleinen Hände, welche ſo weiß wie die einer Todten, erſchauen; nie hat ſie ſo viel gelitten, als in der abgelaufenen Nacht. Auf ihre ſchmerzlichen Aufregungen folgt eine Art von Erſtarrung, der Vorläufer des Todeskampfes, und von dieſem Todes⸗ kampfe hat Madame Verneuil das Bewußtſein; doch es bleibt ihr eine Pflicht zu erfüllen: ſie muß ihrer Tochter ihre letzten Rathſchläge geben, indem ſie ihr jedoch verbirgt, daß ſie ſich ſterben fühlt. Sue, der Teufel als Arzt. I. 210 Der Doctor Max unterſtützte die Kräfte der Kranken nur noch mit Hülfe von herzſtärkenden Mitteln; da ſie ſich vor ihrer Unterredung mit Emma ein wenig ſtärken will, ſo bittet auch Madame Verneuil Jo⸗ ſephine, welche oben an ihrem Bette ſitzt, ihr ein paar Löffel voll von einem auf einem Tiſchchen ſtehenden Tranke zu geben. Die Dienerin gehorcht, ſtellt das Fläſchchen wieder auf den Tiſch und ſagt dann zu ihrer Herrin mit einem Ausdrucke liebreichen Vor⸗ wurfs: „Alſo, meine arme Madame, Sie halten mich für eine Träge?“ „Sie ſind die beſte, die muthigſte Frau, meine liebe Joſephine, doch ich will Ihren Muth und Ihre Güte nicht mißbauchen. Seit zwei Monaten bringen meine Tochter und Sie abwechſelnd die Nächte bei mir zu; Sie werden am Ende der Müdigkeit unter⸗ liegen.“ „Mademviſelle Emma, das leugne ich nicht, Ma⸗ dame, doch ich, ich habe mich nie beſſer befunden. Nein, denn vor der Krankheit von Madame ſchlief ich zu viel, das machte mich ſchwerfällig, während ich nun behende und aufgeweckt bin, wie ein Fink; ich ſchwöre auch, Madame, daß es unnöthig iſt, die gute graue Schweſter hierher kommen zu laſſen, und . . . „Ich wiederhole, meine liebe Joſephine, ich will Ihre Ergebenheit nicht mißbrauchen; meine Tochter hat an die Superiorin der Schweſtern geſchrieben, um es zu erlangen, daß eine von ihnen Ihre Bemühungen bei mir theile. Dieſe guten Schweſtern ſind gewohnt, die Kranken zu pflegen; die Mitwirkung von derjeni⸗ 211 gen, welche ich heute erwarte, wird Ihnen die An⸗ ſtrengung erleichtern.“ „Gut! Madame, doch ich, was mich betrifft, ich würde noch Wochen und Wochen bei Ihnen wachen, ohne es zu fühlen.“ Emma tritt in dieſem Augenblicke in das Zimmer ihrer Mutter ein; ſie bringt einen großen Strauß von Roſen, die ſie im Garten gepflückt. Sie hat ihr vier⸗ zehntes Jahr zurückgelegt; ſie iſt von ſchlanker Geſtalt und ſehr gewachſed. Emma, deren Verſtand immer dem Alter vorangeeilt war, iſt kein Kind mehr, ſie iſt ein Mädchen; die harte Schule des häuslichen Kummers, ihre zunehmenden Beſorgniſſe in Betreff der Geſundheit ihrer Mutter haben ihrem Charakter, ihrem Geiſte eine frühe Reife und ihren anmuthigen Zügen einen ſanften Ernſt verliehen; die Erziehung, die Rathſchläge, die Beiſpiele von Madame Verneuil haben ihre Früchte getragen; ihre Tochter hat, trotz ihrer zarten Jugend, eine große Feſtigkeit der Seele erlangt; es iſt bei ihr das Pflichtgefühl ſchon ſtark eingewurzelt. Joſephine ſteht, ſobald ſie Emma erblickt, auf und ſagt zu ihr: „Während Sie bei Madame bleiben, will ich mich mit der Haushaltung beſchäftigen.“ Die würdige Frau geht ab und läßt Adele Ver⸗ neuil mit ihrer Tochter allein. „Das Mittel, das ich ſo eben genommen, bringt ſeine Wirkung hervor,“ ſpricht Madame Verneuil zu ſich ſelbſt; „ich fühle mich ſtärker; möchte mich dieſe Kraft nicht vor dem Ende meiner Untertedung mit 212 Emma verlaſſen! Möchte ich ihr beſonders verbergen können, daß ich mich ſterben fühle!“ III. Emma war das Gefährliche der Krankheit ihrer Mutter nicht unbekannt; aber getäuſcht durch den Doctor Max, war ſie weit entfernt, die traurige Wirklichkeit zu ahnen. Sie ſetzte ſich an den Rand des Bettes von Madame Verneuil, breitete auf der Decke die vom Thau feuchten Blumen, welche ſie ſo eben im Garten gepflückt hatte, aus und ſagte dann lächelnd: „Mutter, ich nehme den reizenden Gebrauch der Italienerinnen an, welche ihrer Madonna Blumen als Huldigung anbieten . . . Du biſt meine Heilige.. Hier iſt meine Opfergabe“ „Ich danke für Deine liebenswürdige Aufmerk⸗ ſamkeit, gutes Kind; die ſchönen Roſen! welch ein ſußer Wohlgeruch! und dennoch iſt es Schade, daß man ſie abgeſchnitten. Arme Blumen! ſie werden bald ſterben!“ Der Ausdruck von Madame Verneuil, als ſie das Wort ſterben ſprach, machte, daß Emma eine Thräne in die Augen trat; doch ſchon mit einer großen Selbſtbeherrſchung begabt, bewältigte das Mädchen ſeine Gemüthsbewegung, um ſeine Mutter nicht zu betrüben, und erwiederte: „Mama, ehe die Jahreszeit der Roſen vorüber iſt, wirſt Du ihren Duft im Garten einathmen, ohne daß man nöthig hat, ſie von ihren Stängeln zu löſen.“ 213 „Das hoffe ich, lieber Engel, denn mir ſcheint, ich werde bald im Stande ſein, aufzuſtehen.“ „Wahrhaftig? die vergangene Nacht, in der Jo⸗ ſephine bei Dir gewacht hat, iſt alſo beſſer geweſen, als die anderen?“ „Sie war vortrefflich, mein Kind. Ich habe ein paar Stunden einen tiefen Schlaf geſchlafen.“ „Welch eine glückliche Veränderung! ruft Emma ſtrahlend; „Du biſt gerettet, Mutter!“ wiederholt das Mädchen, Adele mit Trunkenheit küſſend. „Unſer guter Doctor Max ſagte mir geſtern erſt (ich geſtehe es Dir nun): „„Könnte Ihre Mutter den Schlaf wiederfinden, ſo wäre ſie außer Gefahr.“ Du biſt alſo außer Gefahr.“ „Ich glaube es wie Du.“ „Oh! dieſer Augenblick läßt mich meine Beſorg⸗ niſſe, meine Bangigkeiten vergeſſen,“ ſagt Emma. Und aufs NReue ſich den Ausbrüchen ihrer Freude über⸗ laſſend, bedeckt ſie die Hand von Madame Verneuil mit Küſſen und fügt dann bei: „Zu dieſer Stunde kann ich Dir geſtehen, wir ſind in der That zuweilen ernſtlich beunruhigt geweſen.“ „Und ich auch, mein Kind, ich war beunruhigt, ohne es Euch zu ſagen; ich täuſchte mich nicht über meinen Zuſtand. Weißt Du aber, was mich tief be⸗ trübte, wenn ich an meinem Aufkommen verzweifelte? Das war meine Furcht, Dich über meine traurige Lage aufzuklären, wenn ich Dir die letzten Rathſchläge einer zärtlichen und vorſichtigen Mutter geben würde; denn in dem Augenblicke, wo ich Dich verließ, meine Emma, hätte ich Dich ſehr vereinzelt gelaſſen.“ „Mutter, meine Mutter, denke nicht hieran! Sieh, 214 ſchon bei dieſem Gedanken allein weinſt Du! Und trotz meiner Freude, fühle ich die Thränen in meine Augen treten.“ „Ah! meine Thränen ſind ſüß, mein Kind: die Hoffnung, das Glück machen ſie fließen. Sie erleich⸗ tern mich.“ „Oh! Mama, zum Glücke werden es die letz⸗ ten ſein.“ „Ja, die letzten,“ wiederholt Madame Verneuil mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke, der ihrer Tochter entgeht; und die mit dem Tode Kämpfende, der es durch eine übermenſchliche Anſtrengung zu lächeln ge⸗ lingt, fügt bei: „Wie furchtſam war ich! Ich hielt mich für ſterbend, und ich kehre zum Leben zurück. . . Doch was willſt Du, meine geliebte Emma? ich konnte mich nicht ohne zu ſchaudern fragen, was aus Dir geworden wäre, wenn Du mich verloren hätteſt.“ „Ich bitte, entfernen wir dieſen Gedanken; er iſt zu peinlich!“ „Nein, ich verſichere Dir, dieſen Gedanke flößt mir nun das Gefühl ein, das uns antreibt, von einer ver⸗ gangenen Gefahr zu reden. Man verweilt dabei mit einer Art von Befriedigung und einer Dankbarkeit gegen die Vorſehung, der man ſeine Rettung ſchuldig iſt. Indem ich bei dieſem Gegenſtande beharre, gebe ich vielleicht einer der wunderlichen Krankenlaunen nach . . . was ſage ich?“ fügt Madame Verneuil abermals lächelnd bei, „nicht Krankenlaune, ſondern Laune einer Wiedergeneſenden.“ „Undnach der Wiedergeneſung die Geſundheit! Oh! Mama, wie ſchön wird der Tag ſein, wo wir Arm in Arm unſern erſten Spaziergang im Garten des Luxem⸗ bourg machen.“ „Die Jahreszeit wird ſchon vorgerückt ſein, mein liebes Kind; die Blätter werden abgefallen ſein.“ „Wie? wir ſind im Monat Juni; ich hoffe wohl, Du wirſt ſpäteſtens am Ende des Auguſts völlig ge⸗ heilt ſein.“ „Du glaubſt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Das iſt im Ganzen möglich. Ich ſagte Dir alſo, meine liebe Emma, wenn Du mich verloren hſ „Ich bitte Dich, füge Dich in eine Laune einer Wiedergeneſenden.“ „Nun wenn Du willſt „ „Wenn Du mich verloren hätteſt! armer Engel, was wäre Deine Lage geweſen? Höre: Dein Vater brachte Dich in Penſion; das war nicht meine Furcht; doch im Alter von achtzehn oder neunzehn Jahren rief er Dich wahrſcheinlich zu ſich zurück, und in Vor⸗ herſehung dieſes Umſtandes hätte ich Dir meine Rath⸗ ſchläge gegeben, in . in dem Augenblicke, wo ich Dich auf immer verlaſſen hätte!“ Trotz ihrer Selbſtbeherrſchung betont Madame Verneuil die Worte: „Dich auf immer verlaſſen!“ ſo daß Emma ſchauert und, in Thränen zerfließend, die Hände gefaltet, ausruft: „Habe Mitleid, ſprich nicht ſo, meine Mutter.“ „Oh! das abſcheulice K Kind! ſo ſeine Grammatik vergeſſen! eine junge Perſon von vierzehn Jahren die bedingte Zeit mit der gegenwärtigen verwechſeln! . 216 Und wenn ich Dir ſage: Dies wäre Deine Lage ge⸗ weſen, dies wären meine Rathſchläge geweſen, wirſt Du, liebe Grammatikvergeſſerin, unruhig und betrübſt Du Dich, als ſpräche ich in der gegenwär⸗ tigen Zeit.“ Adele gibt ihrer Tochter dieſen grammatikaliſchen Verweis mit ſo viel Ruhe und Heiterkeit, daß, hätte Emma einige Zweifel über die verſtellte Beſſerung der Geſundheit ihrer Mutter behalten, dieſe Zweifel ſogleich verſchwunden wären. Völlig beruhigt, ſagt auch das Mädchen, durch ſeine Thränen lächelnd: „Das iſt wahr, Mama, ich habe gegen die Gram⸗ matik geſündigt! Nein, nein, Gott ſei Dank! die Ver⸗ gangenheit iſt nicht die Gegenwart!“ „Sehr gut.. . und in Zukunft conjugire beſſer, liebe Tochter,“ erwiedert Madame Verneuil, die in ſich die Kraft findet, den Scherz fortzuſetzen. „Doch ſprechen wir im Ernſte und kommen wir auf Dich zurück, mein Kind. Was mich alſo hauptſächlich beunruhigte, war der Gedanke, mit achtzehn Jahren würdeſt Du aus der Penſion kommen, um bei Deinem Vater zu woh⸗ nen . Und meine Beſorgniſſe . . . dieſe Frau . .. die bewußte Frau verurſachte ſie.“ „Dieſe ſchändliche Charlotte!“ „Ja, und da bei Dir die Vernunft dem Alter vorangegangen iſt, ſo darf ich Dir nicht länger ver⸗ bergen, daß unſer Freund, der Doctor Max, und ich Dich einſt über das, was Du in Betreff dieſer Per⸗ ſon gehört und geſehen, haben täuſchen wollen.“ „Deſſen war ich ſicher.“ . „Aber weißt Du, welcher Beweggrund uns ver⸗ anlaßte, Dich ſo zu täuſchen? Das Verlangen, in Dir 217 nicht die Achtung zu ſchwächen, welche Du Deinem Vater ſchuldig warſt, ſchuldig biſt und ſchuldig ſein wirſt, was auch kommen mag,“ „Die Achtung, vielleicht; die Liebe, nie!“ „Emma!“ „Nein! nein! mein Vater hat Dich zu viel wegen dieſer verächtlichen Creatur leiden laſſen. Und mein Bruder? Siehſt Du, was ſie aus ihm gemacht haben! Wir ſind ſo weit gekommen, es nicht zu bedauern, daß wir ihn nicht mehr ſehen, dergeſtalt betrübten uns der ſchlimme Charakter, die Trockenheit des Herzens bei ihm, der ſonſt ſo zärtlich gegen uns!“ „Louis iſt noch ſehr jung; eines Tages wird, wie ich hoffe, ſein gutes Naturell die Oberhand ge⸗ winnen; ſeien wir nachſichtig gegen ihn. Was ihm gefehlt hat, das ſind gute Rathſchläge wie die, welche ich Dir in dem Augenblicke, wo ich Dich verlaſſen ſollte, gegeben hätte; ich hätte zu Dir geſagt: Mein geliebtes Kind, wenn Du aus der Penſion trittſt, in die Du ohne Zweifel gebracht werden wirſt, mußt Du die, nicht erloſchene, ſondern durch eine lange Tren⸗ nung erkaltete Zuneigung Deines Vaters wiedererlan⸗ gen. Glaube mir, trotz einiger Verirrungen liebt ein Vater ſeine Kinder immer, und wenn Du in Folge von Umſtänden, welche meine Rückkehr zur Geſundheit unwahrſcheinlich macht . . . bei Deinem Vater hätteſt wohnen ſollen, ſo würdeſt Du, meinen Ermahnungen nachlebend, bald in ſeiner Zärtlichkeit den Platz, der Dir gehört, wieder eingenommen und Dir erhalten haben; Du würdeſt Dich von Anfang gegen ihn nur ehrerbietig und voll Folgſamkeit gezeigt haben; die auf Deinem Herzen laſtende Vergangenheit legte Dir 218 dieſe Zurückhaltung auf. Was jene Dienerin betrifft, meine Emma, ſo hätte Dir Deine Selbſtachtung ge⸗ boten, zu ſcheinen, als wüßteſt Du durchaus nichts von ihrer Stellung im väterlichen Hauſe. Du hätteſt in Beziehung auf dieſe Perſon eine ſtrenge Kälte kund⸗ gegeben, und würde ſie ſich ſo weit vergeſſen haben, daß ſie Dich beleidigt hätte, ſo wäre eine ſtillſchwei⸗ gende Verachtung Deine Rache geweſen. So, mein Kind, hätten die erſten Zeiten Deines Aufenthalts bei Deinem Vater ſein müſſen. Doch allmälig mußten auf Deine Zurückhaltung gegen ihn von Deiner Seite ſchüchterne Zuvorkommenheiten, zarte Aufmerkſamkeiten folgen, von denen er nothwendig gerührt geweſen wäre. Dann hätte der vollkommene und beharrliche Takt Deines Benehmens in einer ſo ſchwierigen Lage, der milde Reiz Deiner Gegenwart, Deine zugleich edle und ſanfte Reſignation unmerklich die Zuneigung Dei⸗ nes Vaters für Dich erweckt; Deine ſo liebende Seele hätte mit Erguß die geringſte Rückkehr ſeiner Zärt⸗ lichkeit erwiedert; jeder Schritt, den er zu Dir gemacht hätte, würde ihn von dieſer Dienerin entfernt haben, deren Herrſchaft ſo durch Deine reizenden Tugenden, durch Deine kindliche Anhänglichkeit untergraben, zer⸗ ſtört worden wäre, und Dein Vater kam ganz zu Dir zurück, wie Du zu ihm zurückkamſt. Glaubſt Du das nicht, meine Emma? begreifſt Du wohl? billigſt Du meine Rathſchläge?“ „Oh! ja, Mutter, ich fühle Ihre würdevolle Weis⸗ heit; das wäre vielleicht das einzige Mittel geweſen, die Zuneigung meines Vaters wiederzuerlangen.“ „Nicht wahr, oh! nicht wahr, Du hätteſt ſie be⸗ folgt, dieſe Rathſchläge?“ 2¹9 „Kannſt Du daran zweifeln?“ „Gott ſei Dank! nein, ich zweifle nicht daran! und dieſe Gewißheit wäre für mich ein letzter Troſt geweſen; ich hätte Dich faſt beruhigt über Deine Zu⸗ kunft verlaſſen . . .“ „Mama, nun weinſt Du abermals! Siehſt Du, wie es Dich betrübt, zu denken ... „Mich betrüben? . . . weil ich nun die Gewiß⸗ heit habe, daß, wenn ein Unglück ſich ereignet hätte . . . ich wenigſtens beinahe ohne Furcht über Deine Zu⸗ kunft geweſen wäre! das ſoll mich betrüben, liebes Kind? Dieſe Thränen ſind im Gegentheil ſüß, theurer Engel! laß ſie fließen. Ich vollende. Es handelte ſich alſo darum, bei Deinem Vater die paar Jahre zuzubringen, welche Deiner Verheirathung vorhergegan⸗ gen wären. In dieſer Hinſicht hatte ich noch lebhafte Befürchtungen; doch ich konnte nur dem Inſtincte Deines ſo edlen, ſo redlichen, ſo reinen Herzens ver⸗ trauen, das Deine Wahl leiten würde, und ich rech⸗ nete darauf, daß Dir Deine vortrefflichen Eigenſchaf⸗ ten die Liebe eines ehrlichen Mannes verdienen müßten.“ Höre, Mutter, dieſes Geſpräch greift Dich an oder macht einen zu lebhaften Eindruck auf Dich,“ verſetzte Emma ein wenig beunruhigt. „Deine Stirne iſt feucht,“ fügte das Mädchen bei, indem es mit ſei⸗ nem Taſchentuche die kalten Schweißtropfen abwiſchte, welche in der That auf der Stirne von Adele perlten. * V. Erſchöpft durch ſo viele anhaltende Gemüthsbe⸗ wegungen kämpfte Madame Verneuil mit Heldenmuth gegen das Herannahen des Todes, der ſchon ihre Stirne vereiſte; doch befürchtend, Emma zu erſchrecken, ſtrengte ſich die arme Märterin der mütterlichen Pflich⸗ ten an, die Erſchütterung ihrer Stimme zu verbergen oder zu erklären, und ſie erwiederte: „Du haſt Recht, mein Kind, dieſes Geſpräch macht einen lebhaft Eindruck auf mich . . .“ „Du ſiehſt es wohl, Mutter.“ „Aber gerade dieſer Eindruck iſt das Leben, das bei mir zurückkehrt, es iſt mein Blut, das raſcher in meinen Adern kreiſt. Beruhige Dich, meine Emma, geſtern hätte ich nicht ſo mit Dir ſprechen, nicht die⸗ ſen Eindruck empfinden können . . . Uebrigens nur noch ein paar Worte, und ich beſchließe das Geſtänd⸗ niß der Befürchtungen, von denen ich gequält war. Ich ſagte mir auch . . . denn in ſolchen Augenblicken, ſiehſt Du, liebes Kind, ſucht eine Mutter für Alles vorherzuſehen! . ich ſagte mir auch: „„Nehmen wir an, wie doch nicht wohl möglich, die Liebe meines Gatten für ſeine Tochter ſoll eines Tags völlig in ihm erlöſchen; er werde weder gerührt, noch zum Mit⸗ leid bewegt durch die Reſignation des theuren Kin⸗ des; er verbinde ſich gegen ſie mit dieſer Dienerin, um ihr das väterliche Haus verhaßt, unerträglich zu „Oh! Mutter, Mutter!“ 221 „Ich weiß, das war unmöglich doch in meiner ängſtlichen Fürſorge ſah ich für Alles bis auf die Unmöglichkeiten vorher, und ich ſagte mir: „Was wird meine Tochter in dieſem verzweifelten Falle thun müſſen?““ „Ich ſchaudere bei dem Gedanken an dieſe ent⸗ ſetzliche Annahme.“ „Was wird meine Tochter thun müſſen?““ wie⸗ derholt mit geſchwächter Stimme Madame Verneuil, welche Anfangs wiederbelebt durch, das herzſtärkende Mittel, ihre Kräfte erſchöpft fühlte. „Meine Tochter iſt muthig, ſie wird Alles erdulden, ohne ſich zu be⸗ klagen, bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren. Ach! das iſt lange, mein armes Kind! doch es iſt am Ende ein Ziel. In dieſem Alter wirſt Du geſetzlich das väterliche Haus verlaſſen und Deinen Theil an meinem Erbe fordern können. Dann, — und ver⸗ giß das nicht, mein Kind, wenn ſich eines Tags dieſe Vorherſehungen verwirklichen, vergiß das nicht, — dann wirſt Du das Haus Deines Vaters verlaſſen, ohne ihn zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen: Du wirſt Dich zu unſerem alten Freunde, dem Doctor Max, zurückziehen; er wird Deine Rechte vor Gericht geltend machen . . . und . . . und .. .“ „Großer Gott!“ ruft Emma erſchrocken, „was haſt Du denn? Deine Augen ſchließen ſich! . . Mut⸗ ter! Mutter! iſt Dir unwohl?“ Joſephine tritt in dieſem Augenblicke ein; ſie ſchreitet einer grauen Schweſter voran, deren Geſicht durch ihren Schleier verborgen iſt. „Madame,“ ſpricht Joſephine, „hier iſt die gute Schweſter.“ Zu ſich ſelbſt zurückgerufen durch den Angſtſchrei ihrer Tochter und befürchtend, ſie zum Zeugen ihres Todes zu machen, findet Madame Verneuil in dieſer Furcht einen letzten Aufſchwung von Energie; ſie ſetzt ſich in ihrem Bette auf und ſpricht mit einer ziemlich feſten Stimme: „Emma, laß mich mit dieſer guten Schweſter allein.“ Einma, die es nicht wagt, ungehorſam gegen die Befehle ihrer Mutter zu ſein, da ſie von dieſer mit einer Ungeduld ausgeſprochen worden ſind, über welche ſie ebenſo erſtaunt, als betrübt iſt, entfernt ſich mit Jo⸗ ſephine. Kaum ſind ſie weggegangen, da fällt Ma⸗ dame Verneuil ohnmächtig auf ihr Kopfkiſſen zurück und ſagt nur noch mit erloſchener Stimme zur Nonne: „Meine Schweſter, dieſes Mittel . . . Ich fühle mich ſterben . . .“ Die Nonne beeilt ſich, in einen ſilbernen Löffel ein paar Tropfen von dem auf einem Tiſchchen ſtehen⸗ den Tranke zu gießen, nähert ſich dann Adele und neigt ſich über ſie; doch dieſe ſchaut ſie mit Erſtaunen ſtarr an und ruft: „Was ſehe ich? Florence“ e Die heftigen, unerwarteten Gemüthsbewegungen ſind im Allgemeinen niederſchmetternd, treffen ſie eine ſo ſchwächliche, ſo erſchöpfte Perſon, wie es Ma⸗ 223 dame Verneuil war; zuweilen aber ruft gerade die Heftigkeit der Erſchütterung die verſcheidende Lebens⸗ kraft wieder ins Daſein zurück. Es war ſo mit dem Eindrucke, der Adele beim Anblicke ihrer ehemaligen Freundin ergriff, welche ganz unerwartet im Gewande einer barmherzigen Schweſter bei ihr erſchien. Madame Hermann war immer bezaubernd; die Strenge der klöſterlichen Tracht verlieh ſogar der ſel⸗ tenen Schönheit der jungen Frau einen piquanten, neuen Reiz. Der weite und beſcheidene Schnitt ihres Kleides von grobem Bure verbarg nicht ganz die Eleganz und den Reichthum einer vollkommenen Taille, welche, weit entfernt durch die ſtrenge Lebensart des Kloſters abgemagert zu ſein, vielmehr einige Beleibt⸗ heit gewonnen hatte; eine Haube von tadelloſem Weiß umrahmte das roſige, friſche Geſicht von Schwe⸗ ſter Florence, und obgleich nach der Regel ihre be⸗ wunderungswürdigen ſchwarzen Haare völlig verbor⸗ gen waren unter der leinenen Binde, die ſich eng an ihre hübſche Stirne anſchloß, war doch die Regel⸗ mäßigkeit ihrer Züge ſo groß, daß die Kahlheit dieſes Kopfzeuges den Reizen ihres Geſichtes durchaus nichts ſchadete. Haben wir nöthig, zu bemerken, daß wir ohne die gebieteriſche Anforderung der logiſchen Ausführung der Charaktere, deren Moral, wie wir hoffen, aus dieſer Erzählung hervorſpringen wird, einen andern Typus von dieſen guten Schweſtern gewählt hätten, die wir beim Werke in den Bagnos, in den Gefäng⸗ niſſen, in den Hoſpitälern geſehen, und von denen wir das rührendſte, das achtungsvollſte Andenken bewahrt haben. Trotz gewiſſer Vorbehalte in Betreff der reli⸗ 224 giöſen Orden (Vorbehalte, deren Auseinanderſetzung uns hier unmöglich iſt), ſchätzen wir, bewundern wir ſo ſehr als irgend Jemand die evangeliſche, vft hel⸗ denmüthige Hingebung, von denen ſo viele gute Schweſtern das Beiſpiel gegeben haben. Iſt damit geſagt, unter dieſen frommen Frauen ſeien keine, welche, wie Florence Hermann, den Schleier nehmen, nachdem ſie die weltlichen Aufregungen und Täuſchungen haben kennen lernen? Weit entfernt hie⸗ von, wiſſen wir perſönlich; es gibt Frauen, welche im Glanze des Reichthums, in der Blüthe der Jugend und der Schönheit auf die Anbetungen, auf die Luſt⸗ barkeiten einer ausgewählten Geſellſchaft verzichtet ha⸗ ben, in der Hoffnung, im Kloſter den Troſt für leider oft unheilbaren Kummer zu finden. Wir geſtehen, es ſind vielleicht dieſe Frauen, welche, die Raffinements eines eleganten und koſtbaren Lebens verlaſſend, um die Kranken zu tröſten, um die häßlichen Wunden der Galeerenſklaven und der Diebe zu verbinden, es ſind vielleicht dieſe Frauen, ſagen wir, welche uns, wenn nicht am meiſten Ehrfurcht, voch wenigſtens eine lebhaftere Sympathie einflößen; ſie trennen ſich von allen Ueberflüſſen, von allen De⸗ licateſſen des Lurus, um ſich (relativ) harte Entbeh⸗ rungen aufzulegen, ſtatt im klöſterlichen Leben die Exiſtenz zu finden, die (immer relativ) ſüß und be⸗ haglich der ſo elenden Tochter des mit Familie be⸗ laſteten Proletariers, welcher ſeines Brodes am andern Tage nicht ſicher, oder dem armen Landmädchen er⸗ ſcheint, das, mit Lumpen bedeckt, nicht nach ſeinem Hunger eſſen kann und durch die Unwiſſenheit oder 225 die für ihr Geſchlecht erdrückenden Arbeiten ſtumpf⸗ ſinnig gemacht iſt. Nachdem wir dies geſagt, ſetzen wir unſere Er⸗ zählung fort. VI. Madame Verneuil, die ihr nahes Ende vorher fühlte und ihrer Tochter das Schauſpiel ihres Todes⸗ kampfes zu erſparen hoffte, wollte mit der guten Schweſter allein bleiben, und in dieſer Nonne hat ſie Florence Hermann erkannt, der ſie ſich durch Erneſt Beaumont geopfert geglaubt hatte. Dieſes niederſchmetternde Zuſammentreffen hat momentan die verſcheidenden Kräfte von Adele über⸗ mäßig erregt; ihre ehemalige Freundin hat ſie ein paar Löffel voll von einem herzſtärkenden Tranke neh⸗ men laſſen; wiedergeſtärkt, aber gleichſam noch des Athems beraubt durch die Beſtürzung, ſitzt die Kranke mit ſtarren Augen an ihre Kiſſen angelehnt und hat noch kein Wort geſprochen. Schweſter Florence, er⸗ ſchrocken über die Sypmtome des Todes, die ſie in den Zügen von Madame Verneuil lieſt, hat ihr, immer edles und mitleidiges, Herz brechen gefühlt; ſie zer⸗ fließt in Thränen, fällt am Bette der Sterbenden auf die Kniee, ergreift eine von ihren marmorkalten Hän⸗ den, bedeckt ſie mit Thränen und Küſſen, und mur⸗ melt mit einer durch das Schluchzen gehemmten Stimme: „Adele! Adele! mein Gott! Dich Sue, der Teufel als Arzt. J. wiederfinden!“ 226 Madame Verneuil macht eine ſchwache Anſtren⸗ gung, um ihre Hand aus denen von Schweſter Flo⸗ rence zu ziehen, wendet ſich gegen den Alcoven um und ſpricht mit ſchmerzlichem, gereiztem Tone: „Laſſen Sie mich! Ihr Anblick thut mir weh!“ „Ich beſchwöre Dich, Adele, höre mich an.“ „Ich ſage Ihnen, Ihre Gegenwart thue mir weh! laſſen Sie mich im Frieden ſterben!“ „Adele!“ „Erneſt hat Sie geliebt . . . ich ſterbe . . . was wollen Sie mehr?“ „Du ſollſt die Wahrheit erfahren: Erneſt hat mich nie geliebt.“ Bei dieſen Worten ſchauert Madame Verneuil, ein Blitz der Freude glänzt in ihren Augen; bald er⸗ wiedert ſie aber mit dem Ausdrucke eines bitteren Zweifels: „Sie täuſchen mich! Sie wollen meine letzten Au⸗ genblicke minder ſchmerzlich machen!“ „Ich Dich täuſchen! ich in einem ſolchen Augen⸗ blicke lügen! lügen unter dem Gewande, das ich trage!“ ruft Schweſter Florence. Und von knieend, wie ſie war, ſteht ſie auf, ſetzt ſich auf den Rand des Bettes von Madame Verneuil, neigt ſich, immer in den ihrigen eine von den Hän⸗ den ihrer Freundin behaltend, zu dieſer und ſpricht: „Liebe Adele, willſt Du, kannſt Du mich an⸗ hören?“ „Wozu?“ „Um die Wahrheit kennen zu lernen.“ „Sind Sie nicht mit Erneſt von Paris abge⸗ reiſt?“ 227 „Ja, ich bin mit ihm in ſeinem Wagen abge⸗ reiſt, doch er war dergeſtalt niedergeſchlagen, vernich⸗ tet, daß er, als ich ihm den Vorſchlag machte, ihn zu begleiten, und er mir dies geſtattete, nicht das Be⸗ wußtſein ſeiner Worte hatte.“ „Ich ſoll glauben . . .“ „Du ſollſt die Wahrheit glauben. Ich wieder⸗ hole Dir, verwirrt, beinahe wahnſinnig durch die Verzweiflung, hatte Erneſt kein Bewußtſein von ſich ſelbſt am Anfange unſerer Reiſe; ruhiger geworden, ſchien er aus einem Traume zu erwachen, und er war ſo erſtaunt, mich an ſeiner Seite zu ſehen, daß ich die Ereigniſſe des vorhergehenden Tages in ſein Gedächt⸗ niß zurückrufen mußte; da fing er aufs Neue an zu weinen; ſeine Thränen erleichterten ihn, er dankte mir für die Theilnahme, die ich für ihn hege, und ſchrieb ſie meiner Freundſchaft für Euch Beide zu. Brauche ich Dir zu ſagen, in welchen Ausdrücken er von Dir ſprach? . . Du erräthſt es: kein Wort des Vorwurfs iſt aus ſeinem Munde gekommen; er begriff die Noth⸗ wendigkeit des Opfers, das Dir Deine Mutterpflichten auferlegten.“ „Sollte das wahr ſein? armer Erneſt! Mein Gott!“ „Seine Liebe für Dich, ſein herzzerreißender Kum⸗ mer ſind der einzige Gegenſtand unſeres Geſpräches bis nach dem Havre geweſen, wo ſein Schiff, die Adele, vor Anker lag. „„Ich reiſe noch heute Abend ab,“ ſagte er zu mir; „„leben Sie wohl, liebe Ma⸗ dame Hermann: nie werde ich den Beweis von Zunei⸗ gung vergeſſen, den Sie mir gegeben haben. Sehen Sie eines Tages Adele wieder, ſo verſichern Sie ihr, meine 228 letzten Gedanken werden für ſie ſein. Sie iſt meine einzige Liebe geweſen, ſie wird meine einzige Liebe bleiben. Noch einmal, Gott befohlen!““ Er drückte mir die Hand, und ſeitdem habe ich ihn . . . nie wie⸗ dergeſehen!“ Die Erzählung von Schweſter Florence war in allen Punkten aufrichtig. Der unwiderſtehliche Ton der Wahrheit durchdringt, überzeugt Madame Ver⸗ neuil; ſie dreht langſam den Kopf gegen ihre Freun⸗ din um, welche mit Glück den unbeſchreiblichen Aus⸗ druck ihrer Züge bemerkt. „Er iſt abgereiſt und Du haſt ihn nie wieder⸗ geſehen!“ verſetzt Adele. „Doch Deine Liebe?“ „Meine Liebe?“ antwortet Schweſter Florence, deren Augen plötzlich Thränen entſtürzen, „meine Liebe? Ach! ich habe es nicht gewagt, ſie Erneſt zu geſtehen.“ „Arme Frau! Du liebteſt ihn doch leidenſchaftlich. Ich fühlte es an der gehäſſigen Eiferſucht, die Du mir damals einflößteſt.“ „Ja, ich liebte ihn leidenſchaftlich. Kein Beden⸗ ken hätte mich zurückhalten können, doch vor dem ſo rührenden, ſo heiligen Schmerz, den ihm Eure Tren⸗ nung verurſachte, iſt mein Geſtändniß auf meinen Lippen geblieben, weniger noch vielleicht, weil ich die Fruchtloſigkeit dieſes Geſtändniſſes fühlte, als weil es mir unter dieſen traurigen Umſtänden eine Entheili⸗ gung geſchienen hätte.“ „Florence, Dein Herz iſt edel geblieben trotz Dei⸗ ner Fehler. Ach! wie mache ich mir die Härte meines Empfangs zum Vorwurf, als . .. 229 „Vergiß das, wie ich es ſelbſt vergeſſen habe, Adele.“ „Ich errathe nun den Beweggrund Deines Ein⸗ tritts in einen religiöſen Orden.“ „Ich glaubte, ich werde vor Schmerz ſterben, als ich von den Fenſtern des Gaſthauſes, wo wir, Erneſt und ich, abgeſtiegen waren, ſein Schiff, zu dem er ſich zurückbegeben, unter Segel gehen, ſich entfernen und verſchwinden ſah. Das war bei Sonnenuntergang. Ich blieb einen Theil der Nacht an meinem Fenſter und ſchaute durch meine Thränen auf das Meer hin⸗ aus. Dann ergriff mich plötzlich eine Art von Schwin⸗ del, ich wurde ohnmächtig, und am Morgen fand mich eine Dienerin auf dem Boden ausgeſtreckt. Sechs Wochen ſchwebte ich zwiſchen Leben und Tod in einem Zimmer dieſes Gaſthauſes. Ich kannte Niemand im Havre und war gar ganz verlaſſen.“ „Arme Florence!“ „Glücklicher Weiſe wurde ich am Ende meiner Krankheit von einer guten alten barmherzigen Schwe⸗ ſter gepflegt; ſie überhäufte mich mit Beweiſen ihrer Zuneigung: es gründete ſich ein inniges Vertrauen zwiſchen uns. Du weißt, ich verſtelle mich nicht; ich erzählte ihr mein ganzes Leiden; Schweſter Martha, ſo hieß ſie, erwiederte mein Vertrauen durch das ihrige. Sie hatte auch, zur Zeit ihrer Jugend, als ſie noch in der Welt lebte (ſie gehörte zur beſten Ge⸗ ſellſchaft), ſie hatte auch einen großen Herzenskummer erlitten, und zuerſt die Beſänftigung, dann das Ver⸗ geſſen ihrer Leiden in der Religion gefunden. Du kennſt die Lebhaftigkeit, die Beweglichkeit meiner Ein⸗ drücke. Dieſes Leben der Mildherzigkeit, der mhſti⸗ — 230 ſchen Liebe, der aufopfernden Hingebung hat mich ver⸗ führt, und, wie Schweſter Martha, forderte ich vom Kloſter das Vergeſſen des grauſamſten Herzeleids, das ich empfunden . . . Ich habe die Beſänftigung . . . wenn nicht das Vergeſſen, in den ſechs Monaten ge⸗ funden, ſeitdem ich bei den Schweſtern eingetreten bin. Ich habe den Schleier genommen, nachdem ich völlig wieder zur Geſundheit zurückgekehrt war. Zuweilen langweile ich mich wohl ein wenig, weil Schweſter Florence unterbrach ſich, erſtickte einen Seufzer, der ihren Buſenſchleier aufquellen machte, und fügte dann bei: „Geſtern endlich ſagte mir unſere Superiorin, eine Dame verlange eine Schweſter, um bei ihr zu wachen, dieſe Dame heiße Madame Verneuil, und ich ſei beſtimmt, mich zu ihr zu begeben. . . Aber, Adele, ich befürchte Deine Aufmerkſamkeit ermüdet zu haben, Du biſt ſo ſchwach!“ „Nein, oh! nein, liebe Florence! Wenn Du im Gegentheil wüßteſt, wie ſehr mir Deine Worte wohl gethan haben! welche ſchmerzliche Laſt ſie von meinem Herzen genommen! Was ſoll ich Dir ſagen? es iſt vielleicht eine Illuſion, doch ich fühle mich beſſer!“ Es war keine Illuſion. Eine der gräßlichſten Betrübniſſe von Madame Verneuil war geweſen, ſich auf eine ſchimpfliche Weiſe von Erneſt Beaumont, am Tage ihres Bruches mit ihm, vergeſſen zu glauben. Nachdem die Urſache ver⸗ ſchwunden war, ſollten ihre Wirkungen, ſich zu mil⸗ dern ſuchen, doch leider ſehr ſpät, denn die Krank⸗ heit von Adele war nicht weniger phyſiſch, als mora⸗ 231 liſch; davon dieſes ſchwache Beſſerſein, das ſie in ſich gegen das Fortſchreiten des Todes kämpfen fühlte. In dieſem Augenblicke öffnet ſich die Thüre ihres Schlafzimmers, und Emma, welche mit Eifer einen Vorwand, zu ihrer Mutter zurückzukehren, ergriffen hat, nähert ſich, einen Brief in der Hand haltend, ihrem Bette. „Mama, hier iſt ein Brief für Dich Der Doctor Max iſt ſo eben angekommen; er wäre ſchon hier, doch der Portier fragt ihn um Rath.“ „Emma,“ ſpricht Madame Verneuil mit einem ſanften Lächeln, „unſer Freund und Du, liebes Kind, Ihr werdet zufrieden ſein, ich fühle mich beſſer, wirk⸗ lich beſſer.“ „Oh! Mutter!“ ruft das Mädchen entzückt und ſchon beruhigt, „wir werden uns alſo in unſern frohen Hoffnungen dieſen Morgen nicht getäuſcht haben?“ „Die Gegenwart der guten Schweſter hat uns, glaube ich, Glück gebracht, ſagt Adele, indem ſie einen gerührten Blick auf Florence wirft. „Doch dieſer Brief, woher kommt er, mein Kind“ „Der Briefträger hat ihn gebracht,“ „Ich bitte Dich, lies ihn.“ „Ja, Mama,“ erwiedert Emma, während ſie das Schreiben entſiegelt; und ſie fügt bei: Sieh, es iſt ein Stück von einer Zeitung in dem Briefe.“ Emma legt auf ein Tiſchchen in ihrer Nähe das in dem Briefe eingeſchloſſene Bruchſtück von einer Zei⸗ tung und ſchickt ſich an zu leſen; aus Discretion ſagt aber Schweſter Florence zu Adele: „Madame, ich will mich auf einige Augenblicke zurückziehen.“ „Nein, nein, meine Schweſter, bleiben Sie; ich habe weder vor meiner Tochter, noch vor Ihnen Ge⸗ heimniſſe. Lies dieſen Brief, mein Kind.“ Das Mädchen lieſt mit lauter Stimme, wie folgt. „„Madame, „Ein unbekannter Freund macht ſich ein Ver⸗ gnügen und eine Pflicht daraus, Ihnen dieſes Stück vom Journal von Nantes mitzutheilen, worin Sie Nachrichten finden werden, die Sie außerordentlich in⸗ tereſſiren müſſen. Das Schiff Adele, befeheigt von Ihrem verſtorbenen alten Liebhaber, iſt mit Mann und Maus untergegangen, bei . . .““ Emma vollendet nicht. Sie hatte gleichſam maſchinenmäßig die letzten Worte: Befehligt von Ihrem verſtorbenen alten Liebhaher,“ geleſen. Doch auf einen erſtickten Schrei ihrer Mutter, — ein letzter Schrei eines ſterbenden Geſchöpfes, — ent⸗ fällt der Brief ihren Händen; ſie ſtürzt ſich auf das Bett von Madame Verneuil, ohne die plötzliche Bläſſe 3 von Schweſter Florence zu bemerken; niedergeſchmet⸗ 233 tert durch die Kunde vom Tode des Mannes, den ſie insgeheim noch liebt, bleibt dieſe Anfangs vor Be⸗ ſtürzung unbeweglich, doch bald wieder zu ſich kom⸗ mend, beeilt ſich Florence, Madame Verneuil beizu⸗ ſtehen, welche leichenbleich, leblos auf ihre Kiſſen zu⸗ rückgefallen iſt. Emma ergreift die eiskalten Hände ihrer Mutter, und da ſie ihre getrübten Augen ſich unter ihren Lidern ſchließen ſieht, bricht ſie in ein Stöhnen der Angſt aus. Die Thüre öffnet ſich. Der Doctor Max, ſobald er Schweſter Florence und Emma auf das Bett von Ma⸗ dame Verneuil geneigt erblickt und ihr herzzerreißen⸗ des Schluchzen hört, erräth die traurige Wahrheit. Er eilt hinzu und befragt den Puls von Adele. Er ſchlägt nicht mehr! So bleich als die Sterbende ruft der Doctor Mar mit ſchmerzlichem Tone: „Einen Spiegel! einen Spiegel!“ In ihre Verzweiflung verſunken, deren Ausbruch die Stimme des Doctors bedeckt, hören ihn Schweſter Florence und Emma nicht. Joſephine, die dem Arzte gefolgt iſt und am längſten ihre Kaltblütigkeit behält, verſchwindet einen Augenblick und bringt dann dem Doctor einen Spiegel; er hält ihn an die blau gewor⸗ denen Lippen von Madame Verneuil . . . Ach! aus ihrem leicht geöffneten Munde kommt kein Hauch mehr hervor. Der Spiegel bleibt glänzend. „Nichts!“ murmelt der Doctor Max. Und er verbirgt ſein Geſicht in ſeinen Händen und läßt den Spiegel zu ſeinen Füßen fallen. „Mein Gott!“ ruft Schweſter Florence unter ihrem krampfhaften Schluchzen, „todt!“ 234 „Es iſt nicht wahr! meine Mutter iſt nicht todt!“ ſchreit Emma wahnſinnig. Und ſie wirft ſich auf den Leib von Madame Verneuil, umſchlingt ihn mit ihren Armen, bedeckt Geſicht mit Küſſen und ruft in ihrer Verzweif⸗ ung: „Meine Mutter! meine Mutter! nicht wahr, Du biſt nicht todt?“ VIII. Unterrichtet von der beängſtigenden Bedenklichkeit der Krankheit ſeiner Frau, hatte Herr Verneuil durch Charlotte den anonymen Brief in Betreff des Schiff⸗ bruches von Erneſt Beaumont ſchreiben laſſen. Mit Hülfe dieſes Briefmordes gedachte der liebreiche Mann Witwer zu werden und entſchloſſen, dem: Was wird man darüber ſagen? zu trotzen, ſeine Dienerin zu heirathen. Seine unfläthige Leidenſchaft für dieſe Per⸗ ſon gränzte an den Wahnſinn. Der langſame Todes⸗ kampf von Adele gewährte ihm allerdings entſchiedene Hoffnung, doch man ſieht die Sterbenden von ſo weit zurückkommen! Er brauchte alſo eine Gewißheit: den Sarg und das Grab! War ſeine Frau in den Sarg genagelt, in ihr Grab eingeſchloſſen, ſo würde er den zärtlichen Wunſch ſeines Herzens erfüllen und Char⸗ lotte an den Altar führen können. Wie groß war auch die Freude von Herrn Verneuil, als er am Mor⸗ gen, auf ſeinem Bureau, in einer Zeitung einen Aus⸗ zug aus der Gazette de Nantes fand, welche ſtt gende ergötzliche Kunde brachte: 235 „Der Dreimaſter die Adele, Kapitän Erneſt Beaumont, iſt auf der Fahrt nach dem Havre durch einen entſetzlichen Sturm auf die Riffe der Küſte von Bretagne geworfen worden. Das Schiff, ſowie Mann⸗ ſchaft und der Kapitän ſind untergegangen u. ſ. w.“ Die Vorſehung bediente nach Wünſchen Herrn Verneuil. (Die abſcheulichſten Schurken glauben an eine Art von Vorſehung, welche ihnen eigenthümlich; ſie ſind ſehr zärtlich gegen ſie, ſie rufen ſie an, ſie fuchsſchwänzen ihr, ſie danken ihr, wie Ludwig XI. an ſeine Reliquien glaubte, ſie anrief, ihnen dankte, am Tage vor einer Ruchloſigkeit, oder am Tage nach einer ſolchen.) Aus dem Journal die koſtbare Nachricht heraus⸗ ſchneiden, ſein Miniſterium kaum eine Stunde, nachdem er hier angekommen, wieder verlaſſen, nach Hauſe lau⸗ fen, um Charlotte zu beauftragen, den anonymen Brief noch an demſelben Tage zu ſchreiben und an die Adreſſe von Madame Verneuil zu ſchicken, das war der erſte Gedanke von Herrn Verneuil. . Doch die Vorſehung der ehrlichen Leute ſpielte einen Streich von ihrer Art dieſem ſchändlichen Heuch⸗ ler. Er geht raſch zu ſeiner Wohnung hinauf, klingelt und klingelt wieder und wieder. Niemand antwortet ihm. Charlotte oder die Köchin müßte doch hier ſein, denkt er. Nach fünf Minuten öffnet endlich Charlotte ihrem Herrn die Thüre und ſcheint ſehr erſtaunt über ſeine unerwartete Rückkehr. Herr Verneuil bemerkt die ſelt⸗ ſame Phyſiognomie ſeiner Dienerin, ihr glänzendes Auge, ihre entflammte Wange. Dieſe durchtriebene Weibsperſon erräth das Erſtaunen ihres Herrn und ruft im Tone mürriſcher Vertraulichkeit: „Der Teufel hole Sie! Sie haben mich aufge⸗ weckt. In der vergangenen Nacht habe ich kein Auge geſchloſſen, weil mich ein wahnſinniges Kopfweh plagt. Ich fing an einzuſchlafen: Ihre verfluchte Klingel hat mich plötzlich aufgeweckt. Dieſer Maulaffe, die Vie⸗ toire, wird auf dem Markte herumſchlendern. Ich glaubte, ſie ſei in der Küche, und beeilte mich nicht, Ihnen die Thüre zu öffnen.“ Dieſe ſehr wahrſcheinlichen Lügen nahm Herr Ver⸗ neuil als Wirklichkeit an; er war ſo ſtrahlend über den tödtlichen Schlag, den er ſeiner Frau beizubringen gedachte, daß er die Erklärungen von Charlotte nicht bekrittelte, und ſagte heiter zu ihr: Schließe die Thüre und folge mir, Lolotte. (Er nannte ſie vertraulich Lolotte.) Er trat in ſein Cabinet ein, das an das Vor⸗ zimmer ſtieß, und ließ ſeine Dienerin den bewußten Brief ſchreiben. Durch ihn vom Zwecke und von den wahrſcheinlichen Folgen dieſer feigen Grauſamkeit un⸗ terrichtet, ſprang Charlotte vor Freude und Hoffnung. „Lolotte,“ ſagt Herr Verneuil, Du wirſt nun den Brief auf die Poſt bringen; das Bureau iſt nur ein paar Schritte von hier.“ Eine große Verlegenheit verbergend, erwiedert Charlotte zärtlich: „Oh! wir wollen mit einander gehen. Ich werde den Brief auf die Poſt bringen und Ihnen dann bis ans Ende der Straße nachſchauen. Ich ſehe Sie ſo gern gehen! Sie haben eine ſo ſchöne Haltung.“ Der Herr von Lolotte lächelt mit einer eitlen Miene, kneipt ihr in die Wangen und antwortet: „Trage geſchwinde den Brief fort; ich erwarte Dich!“ „Wie! Sie erwarten mich? wo dies?“ Hier „Aber, Herr. . .“ „Gehe raſch und komm noch raſcher zurück, Liebchen.“ Charlotte begriff, länger den Befehlen ihres Herrn widerſtehen, ſei unmöglich; ſie ſagte mit einſchmei⸗ chelndem Tone: „Stellen Sie ſich ans Fenſter, um mich bis an die Brieflade gehen zu ſehen. Sie lieben meine Tour⸗ i eben ſo ſehr, als ich Ihre ſchöne Haltung liebe.“ „Ein vortrefflicher Gedanke!“ erwiedert Herr Ver⸗ neuil, indem er das Fenſter ſeines Cabinets öffnet. „Geh geſchwinde, Liebchen!“ Die Dienerin geht haſtig ab; nach einem Augen⸗ blicke beſinnt ſich aber ihr Herr eines Anderen, folgt ihr raſch nach und erreicht ſie, da ſie ſchon die Hand an den Knopf vom Schloſſe des Speiſezimmers gelegt hat, das an das Vorzimmer anſtößt: Charlotte behält jedoch ihre Geiſtesgegenwart und ruft, die Achſeln zuckend: Wo Teufels habe ich denn meinen Kopf? Ich irrte mich in der Thüre!“ „Verrücktes Geſchöpf! ich wollte Dich beauſtragen, dem Portier zu ſagen, er möge antworten, ich ſei i wenn ein Beſuch erſcheine. Beeile IX. Herr Verneuil begleitet bis auf den Ruheplatz die Dienerin und ſchließt hinter ihr die Eingangsthüre; dann wendet er ſich nach ſeinem Cabinet, um ſich ans Fenſter zu ſtellen und hier die Perſpective der Tour⸗ nure von Lolotte zu genießen; doch an der Schwelle des Speiſezimmers vorbeigehend, hört er ein furcht— bares Nieſen, das zwar entfernt, aber um ſo geräuſch— voller, je mehr es unterdrückt worden iſt. Bei dieſem Geräuſche dringt Herr Verneuil unge⸗ ſtüm in das Speiſezimmer ein, bemerkt die Ueberreſte eines kräftigen Frühſtücks, und durch die halb geöff⸗ nete Thüre des Zimmers von Charlotte erſchaut er etwas Roth und Blaues, ſtößt dieſe Thüre vollends auf und befindet ſich einem rieſigen, ungeheuer be⸗ ſchnurrbarteten und momentan mit einem gewaltigen Schnupfen behafteten Carabinier gegenüber. Dieſer Hercules, deſſen Haupt ein meſſingener Helm mit ro— ther Raupe bedeckte, ſchnallte die weiße Kuppel ſei⸗ nes ſtählernen Säbels um ſeine hellblaue Jacke, deren Azur ſtark gegen das Roth ſeines weiten Beinkleides abſtach. Wenig Coloriſt und in dieſem Augenblicke beſonders wenig empfänglich für die Harmonie der Nuancen und die militäriſche Zierlichkeit der Uniform, bleibt Herr Verneuil Anfangs ganz betroffen vor Erſtaunen. Das Erſtaunen macht aber der Wuth Platz, und leichenbleich ſtürzt er auf den Carabinier los. Dieſer packt ſeinen Gegner bei ken, hält ihn feſt, während er ſich rückwärts gegen 239 die Thüre wendet, und ſagt mit ſpöttiſchem Tone zu ihm: „Ah! Herr! ſeien Sie artig! Ruhe, Sapperment! Ruhe doch!“ Auf der Thürſchwelle angelangt, ergreift ſodann der herculiſche Soldat, da er kein anderes Mittel ſieht, um ſich ſeines vor Wuth brüllenden und ſich krüm⸗ menden Nebenbuhlers zu entledigen, dieſen mit dem Arme um den Leib, hebt ihn auf, ſchleudert ihn ein paar Schritte von ſich auf den Rücken nieder und wiederholt dabei: — „Ruhe, Herr, Sapperment! Ruhe doch!“ Wonach der Carabinier die Thüre doppelt ſchließt, im Speiſezimmer vor dem noch wohl verſehenen Tiſche ſtehen bleibt, ſeufzt, Zug um Zug ſein Glas und das von Charlotte, welche beide noch voll, leert, ſeine Zunge an ſeinen Gaumen ſchnalzen läßt, — ein Symptom des Beifalls für den alten Chambertin, den er gekoſtet, — ſeinen dicken Schnurrbart mit ver⸗ kehrter Hand abwiſcht und das Zimmer verläßt; bald begegnet er Charlotte, welche athemlos die Treppe heraufſteigt, und er ſpricht ungefähr alſo zu ihr: „Dein Herr iſt wüthend; er wollte mich beißen; ich habe ihn auf dem Rücken und am Nagel in Dei⸗ nem Zimmer gelaſſen, das ihm als Arreſtſtube dient. Du wirſt mir in die Kaſerne ſchreiben, wann ich wie⸗ der kommen kann. Das geſchieht nicht ſogleich! Du weißt, daß ich Brigadier werde; ich muß eine Cau⸗ tion von zwei hundert neun und ſiebenzig Franken, drei und vierzig Centimes beim Quartiermeiſter hin⸗ terlegen. Das findet ſich nicht im Schritte eines Pferdes. Wir werden uns wiederſehen, wenn ich es gefunden habe. Adieu, meine Liebſte!“ V Und nachdem er mit großem Ernſte dieſe wunder⸗ bare Flauſe ausgekramt hatte, ſtrich der Carabinier ſeinen Schnurrbart in die Höhe, lächelte Charlotte zu, nahm ſeinen Säbel unter den Arm, wiegte ſich auf den Hüften und ſtieg, indem er die Sporen an ſeinen Abſätzen auf den Stufen klirren ließ, ſiegreich die Treppe hinab. 0 Entdeckung der Flatterhaftigkeit von Charlotte durch den Doctor Max von einer Herzkrankheit geheilt wor⸗ den, deren Folgen tödtlich ſein konnten; doch die Wiſ⸗ ſenſchaft des Arztes und die zuträgliche Diät, von der Herr Verneuil, ſehr beſorgt für ſeine Geſundheit, nicht abging, hemmten die Fortſchritte des Uebels 6 und neutraliſirten daſſelbe. Zum Verſtändniſſe dieſer Erzählung müſſen wir beifügen: die krankhaften Affec⸗ tionen des Herzens gehören zu denjenigen, welche ſich mit einer niederſchmetternden Heftigkeit njcpe wenn eine tiefe Erſchütterung das Blut übermäßig in dieſes Organ fließen macht; die Entdeckung der Flatterhaftigkeit von Charlotte peitſchte nun das Blut von Herrn Verneuil bis zur Gährung; er hegte nicht nur eine ausſchweifende Leidenſchaft für dieſe Perſon, ſondern im Glauben, er könne die Dankbar⸗ keit, die Zuneigung, die Anhänglichkeit, die ſie ihm ſchuldig ſei, nach den Opfern aller Art, welche er ihr Prachte, ermeſſen, lebte er auch der feſten Ueberzeu⸗ gung, er werde von ihr angebetet, und er nahm ir Herr Verneuil war ungefähr fünf Jahre vor der 241 Ernſte ihre plumpen Schmeicheleien, wenn ſie ihm „Du biſt ein ſehr ſchöner Mann, und trotz Dei⸗ ſagte: ner vierzig Jahren bin ich ganz in Dich vernarrt.“ Sodann ſind die Heuchler, gewöhnt an die Ach⸗ tung, an die Ehrerbietung, die ſie geſchickt mittelſt ihrer Verſtellung erſchleichen, mehr als irgend Jemand für die Verachtung, für die Lächerlichkeit empfindlich: woraus folgt, daß der Carabinier, der ſeinen Wein trank und Charlotte den Hof machte, Herrn Verneuil mit einer gräßlichen Lächerlichkeit gleichſam bedeckte.. Seine raſende Liebe machte ihn endlich unbändig eifer⸗ 1 ſüchtig, und gerade in dem Augenblicke, wo er ſeine Frau tödtlich zu treffen hoffte, um ſeine Dienerin zu heirathen, erdreiſtete ſich dieſe Meſſalina u. ſ. w. Niedergeſchmettert durch ſo viele Täuſchungen, fühlte Herr Verneuil das Blut nach ſeinem Herzen mit einer ſtürmiſchen Heftigkeit fließen, und als nach einiger Ueberlegung Charlotte, ſicher der Herrſchaft über ihren Herrn und entſchloſſen, ihm, wie man im 3 gemeinen Leben ſagt, den Stuhl vor die Thüre zu ſetzen, keck in ſein Zimmer eintrat, fand ſie den Elen⸗ dden auf dem Boden ſitzend, das Geſicht leichenbleich und unter ſeinen beiden Händen ſein Herz zuſammen⸗ preſſend, deſſen haſtige, erſchreckliche Pulsſchläge ihn zu erſticken drohten. Der Ausdruck ſeines völlig ent⸗ ſtellten Geſichtes war ſchon ſo, daß Charlotte zu ſich ſagte: „Er iſt im Stande, abzufahren! Oh! der Schuft! eer hat nie ein Teſtament machen wollen! DDna indeſſen der Inſtinct der Erhaltung ſeiner Perſon in dieſem Augenblicke bei ihm jedes andere . Sue, der Teufel als Arzt. I. 16 242 Gefühl überwog, ſo murmelte Herr Verneuil, als er ſeine Dienerin erblickte, nur mit keuchender Stimme: „Einen Arzt, einen Arzt!“ Charlotte, welche auf einige Stunden die Köchin entfernt hatte, um ruhig mit ihrem Carabinier ſchmauſen zu können, befand ſich allein zu Hauſe. Sie ging zum Portier hinab und beauftragte ihn, ohne ſich weiter zu erklären, ſchleunigſt einen Arzt zu holen. Der Portier kannte keinen andern, als den Doctor Max, den gewöhnlichen Arzt von Herrn und Madame Verneuil vor ihrer Scheidung. Er begab ſich alſo in Eile, nicht zum Doctor, denn Niemand drang bei ihm ein, ſondern nach ſeinem Conſultationszimmer. Hier verſicherte der erſte Zögling des berühmten Arztes dem Boten, er werde den Doctor Max bei Madame Verneuil treffen, und er fügte bei: „Wollen Sie zugleich dieſen Brief dem Herrn Doctor Max übergeben; er iſt ſehr preſſant!“ Der Portier übernimmt den Auftrag, bringt dem Doctor Max den Brief, den er erhalten hat, und bittet ihn, auf der Stelle zu Herrn Verneuil zu kommen, der plötzlich ſehr ſchwer erkrankt ſei. Der an den Doctor adreſſirte Brief war alſo abgefaßt: „Mein Freund, ich komme ſo eben in Paris an. Ich bin allein wie durch ein Wunder dem Schiffbruche entgangen, bei dem meine ganze Mannſchaft das Leben verloren hat. Ein Traum, eine finſtere Ahnung führten mich nach Frankreich zurück. Erwarten Sie mich um ſechs Uhr. Ich werde Ihnen Alles ſagen. „Von Herzen der Ihrige 32 „Erneſt Beaumont“ — ———— 243 Kurz vor der Ankunft des Portier von Herrn Verneuil bei deſſen Frau hatte ein Ereigniß ſtattge⸗ funden, das wunderbar, unmöglich ſcheinen dürfte, würden nicht von der Wiſſenſchaft analoge Thatſachen beſtätigt. Der Doctor Max glaubte, Adele ſei geſtorben. Der Schmerz, den er hierüber empfand, benahm ihm Anfangs ſeine gewöhnliche Kaltblütigkeit; doch bald bedenkend, daß zuweilen ein gewiſſer augenblicklicher Stillſtand des Lebens alle ſcheinbare Symptome des Todes bietet, wollte er noch nicht verzweifeln, und er machte mit feſter Hand einen tiefen Einſchnittan der Sohle von einem der Füße der jungen Frau; ihr Bein bebte faſt unmerklich, offenbarte aber wenigſtens das Gefühl des Schmerzes. Da bei dieſem Beweiſe von Lebensfähigkeit ein Hoffnungsſchimmer in der Seele des Doctors erwachte, ſo wandte er, unterſtützt von Schweſter Florence (Emma war in einem dem Wahn⸗ ſinne nahen Zuſtande) die wirkſamſten Mittel an, um es zu verſuchen, Adele zum Daſein zurückzurufen, als er den Brief von Erneſt Beaumont und die Nachricht vom plötzlichen ſchweren Erkranken von Herrn Verneuil erhielt. Raſch von einer Idee ergriffen, lächelte der Doctor Mar diesmal, wir müſſen es geſtehen, mit einer hölli⸗ ſchen Miene . . . befahl, ſogleich ſeinen erſten Zögling zu holen, und gab demſelben, da er wußte, daß er auf den Eifer, auf die Kenntniſſe und die Pünktlichkeit des jungen Mannes zählen konnte, die genauſten Inſtruc⸗ tionen in Betreff der Behandlung, deren Gegenſtand * die Sterbende ſein ſollte, und ließ ſich in größter Eile nach der Wohnung von Herrn Verneuil fahren⸗ XI. Charlotte und die Frau des Portier haben Herrn Verneuil in ſein Zimmer gebracht und ins Bett gelegt. Einem Erſticken, das vollkommen dem eines Ertrinken⸗ den ähnlich, preisgegeben, kann dieſer Ruchloſe nur von Zeit zu Zeit mit ſtockender Stimme die Worte vernehmen laſſen: „Den Arzt!.. den Arzt!. ich. .. ich ſterbe!“ „Und er hat ſein Teſtament nicht gemacht!“ dachte Charlotte, welche am Bette ihres Herrn ſtand und einen Blick zornigen Vorwurfs auf ihn heftete. „Oh! daß er ſein Teſtament nicht hat machen wollen!“ Die Dienerin überließ ſich abermals dieſem für ihr Herz troſtloſen Gedanken, als die Thüre des Zimmers ſich öffnete. Der Doctor Max näherte ſich raſch dem Bette von Herrn Verneuil. Charlotte, da ſie den Arzt erblickt, den ſie haßt, ruft frecher Weiſe: „Nicht Sie hat man verlangt; gehen Sie!“ Herr Verneuil vergißt in dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke ſeinen Widerwillen gegen den Doctor, deſſen Mühewaltungen ihn ſchon einmal auf eine faſt wun⸗ derbare Art von einer ähnlichen Krankheit geheilt haben, und murmelt, indem er ſchwach ſeine flehenden Hände bewegt: „Doctor, retten Sie mich! .. retten Sie mich!“ Der Doctor Max wirft einen aufmerkſamen, durchdringenden Blick auf das Geſicht des Kranken, zieht aus ſeinem Rocke eine Brieftaſche, nimmt daraus 245 eines von ihren Blättern, ſchreibt ein paar Worte mit Bleiſtift, übergibt das Papier der Dienerin und ſpricht zu ihr: „Tragen Sie auf der Stelle dieſes Billet nach meinem Conſultationszimmer; mein zweiter Zögling wird Ihnen eine Schachtel übergeben; Sie bringen dieſe mir zurück. Beeilen Sie ſich!“ „Der Doctor kann meinen Herrn retten,“ ſagt Charlotte zu ſich ſelbſt; „ich bin dabei intereſſirt, daß er lebt, da er ſein Teſtament nicht gemacht hat. Iſt Verneuil wieder geſund, ſo wird er meiner nicht ent⸗ behren können; er muß wohl meinen Carabinier ver⸗ ſchlucken.“ So denkend, eilt Charlotte fort und läßt den Doctor Max allein mit ſeinem Kunden. XII. Unmittelbar nach dem Abgange von Charlotte verwandelt ſich die, bis dahin ernſte, Phyſiognomie des Doctors Max: ſeine kleinen ſchwarzen Augen funkeln von einer boshaften Freude; ein Lächeln von ſardoni⸗ ſcher Grauſamkeit zieht ſeine Lippen zuſammen, und in dieſem furchtbaren Augenblicke erinnert der Aus⸗ druck der Züge des Doctors ſehr an ſeinen Beinamen: der Teufel als Arzt. Er nähert ſich dem Bette von Herrn Verneuil, fühlt ihm den Puls, läßt ein ſcharfes Hohngelächter vernehmen und ſagt: „He! he! mein Herr, ein ſtarker Aderlaß kann Sie retten!“ Der Doctor Max ſprach die Wahrheit; ein Ader⸗ 246 laß, auf der Stelle vorgenommen, rettete unfehlbar den Kranken. „Ah! ich bin gerettet!“ ruft Herr Verneuil, einen Seufzer der Erleichterung und unausſprechlicher Hoff⸗ nung ausſtoßend. Dann ſtreckt er, trotz ſeiner Schwäche, mühſam einen ſeiner Arme aus ſeinem Bette, ſtrengt ſich an, den Aermel ſeines Hemdes zurückzuziehen, und wiederholt: „ich bin gerettet!“ Der Doctor Max, deſſen Phlegma erſchrecklich iſt, kreuzt ſeine Hände auf ſeinem Rücken und fragt mit einem neuen Hohngelächter: „Ei! ei! mein Herr, glauben Sie an Gott?“ Herr Verneuil ſchlägt ſeine Augen mit einer gott⸗ ſeligen Miene und voll Inbrunſt zum Plafond auf, deutet auf ſeinen Arm und murmelt: „Den Aderlaß ich er . erſticke!“ „Mein Herr,“ erwiedert der Doctor unbeweglich wie eine Bildſäule, „mein Herr, glauben Sie an die Unerſchütterlichkeit des Willens des Allmächtigen? Mein Herr, glauben Sie, daß der Menſch, in der Demuth ſeiner Natur, in ſeiner religiöſen Ehrfurcht vor den Beſchlüſſen des Cwigen, dieſe annehmen muß? ſich ihnen durchaus, blindlings unterwerfen muß? es endlich nie verſuchen darf, ſie zu bekämpfen, will er ſich nicht einer gottloſen Meuterei, einer ruchloſen Empörung ſchuldig machen?“ Auf dieſe verhörartige theologiſche Tirade ant⸗ wortet Herr Verneuil, bei dem das Erſticken immer näher rückt: a ich glavube Alles dies . . .; doch den Aderlaß. ich er. ſticke.“ — — —— — — — — — 1 — —— — 247 „Alſo ſind Sie, mein Herr, und ich vollkommen einverſtanden über dieſen Hauptpunkt: der Menſch muß ſich in den göttlichen Willen ſchicken!“ verſetzt unem⸗ pfindlich der Doctor Max, der die Hände beſtändig auf dem Rücken gekreuzt hält. „Gott ſchlägt Sie nun heute: ich werde mich nicht zwiſchen die Gerechtigkeit Gottes und Sie ſtellen, mein Herr! Er hat ſeine Ab⸗ ſichten, ſie mögen in Erfüllung gehen; will er Sie retten, ſo rette er Sie; was er will, kann er auch. Ich, ich werde Ihnen nicht zur Ader laſſen. He! he! nein, nein, ich werde Ihnen durchaus nicht zur Ader laſſen.“ „Barmherzigkeit!“ ruft Herr Verneuil, und wie galvaniſirt durch den Schrecken, richtet er ſich auf und wirft auf den Doctor einen Blick wahnſinniger Angſt; immer kürzer und beklemmter, fängt der Athem an ihm auszugehen; er kann kaum unter pfeifenden Aus⸗ hauchungen die Worte artikuliren: Teufel ddieſer Arzt 6 iſt Sätan! Herr Verneuil fällt auf ſein Lager zurück; ſein bleiches Antlitz wird leichenartig. „Mein Herr,“ ſpricht der Doctor, der fortwährend ſeine Hände hinter ſeinem Rücken gekreuzt hält, „vor einem Jahre beklagte ich es bitter, daß ich Ihnen ein⸗ mal das Leben gerettet hatte und keine Macht gegen Sie beſaß, denn Sie ſind ein Ungebeuer der Heuchelei, ein abſcheulicher Böſewicht! Mein Herr, Sie haben mit Galle und grauſamen Verleumdungen eine enge⸗ liſche Gattin gekränkt. Sie haben ſie heute tödten 248 wollen: ein anonymer Brief war Ihre vergiftete Waffe.. Mein Herr, Gott beſtraft Sie . .. ich ver⸗ beuge mich ich werde Ihnen nicht zur Ader laſ⸗ ſen .. . He! He! nein, nein, ich werde Ihnen nicht zur Ader laſſen!“ „Ster. ben!“ Dieſes Wort kommt wie ein Röcheln zwiſchen den Lippen von Herrn Verneuil hervor; er fühlt die letzten Erſtickungen der Asphyrie, welche ſteigt, ſteigt wie die überſchwemmende Woge, und der mit dem Tode Rin⸗ gende wiederholt mit kaum vernehmbarer Stimme: „Ster. ben!“ Unerbittlich zieht der Teufel als Arzt ſeine Uhr aus der Taſche, heftet ſeine Augen auf das Ziffer⸗ blatt und erwiedert: „Mein Herr, Sie haben noch zehn bis zwölf Se⸗ cunden zu leben .. Zählen wir.“ Unter der unheimlichen Stille dieſes Sterbezim⸗ mers hört man dann, nur unterbrochen durch die ha⸗ ſtigen ah! ah, des Verſcheidenden, deſſen Leben erliſcht, wie aus Mangel an Luft die Flamme erliſcht, die unverſöhnliche Stimme des Doctor Mar ſo die letzten Augenblicke vom Daſein dieſes Elenden zählen: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn..“ In dem Augenblicke, wo der Doctor Max das Wort dreizehn ausſpricht, dringt der letzte Athemzug aus der Bruſt von Herrn Verneuil hervor. Erſtirbt. .. er iſt todt. „He! he!“ ſpricht der Teufel als Arzt, indem er ſeine Uhr wieder in ſeine Taſche ſteckt und einen 249 ruhigen Blick auf den Leichnam wirft. „Was ich ge⸗ than habe, mußte ich thun: mein Gewiſſen iſt im Frieden.“ Mein Herr,“ ruft Charlotte, welche athemlos herbeiläuft, „hier iſt die Schachtel.“ „Es iſt zu ſpät,“ erwiedert der Doctor Max, wäh⸗ rend er ſich raſch nach der Thüre wendet, „Dein Herr iſt todt, ſchändliche Dirne!“ „Sacrelot!“ ruft Charlotte, dieſen Fluch dem ſol⸗ datiſchen Wörterbuche ihres Carabiniers entlehnend, „er iſt ohne Teſtament geſtorben!“ „Hel he! dieſer liebe Mann, er hat Dich betrogen, abſcheuliches Weibsbild,“ verſetzt der Doctor Mar mit einem ſchallenden Gelächter höhniſcher Freude, das Charlotte vor Wuth ſpringen macht, indeß der Teufel als Arzt, haſtig das Zimmer verlaſſend, zu ſich ſelbſt ſagt: „Wenn mich meine ſchwache Hoffnung nicht täuſcht, ſo wird Adele leben.“ „Geſtorben ohne Teſtament!“ wiederholt Char⸗ lotte; dann mit den Zähnen knirſcheud und gegen den Leichnam ihres Herrn die Fauſt ausſtreckend: „Elender Wicht!“ XIII. Der Doctor Max, während er Herrn Verneuil ſter⸗ ben ließ, ſagte zu ſich ſelbſt: „Gelingt es mir, Adele zum Daſein zurückzuru⸗ fen, ihr nur für einige Augenblicke das Selbſtbewußt⸗ ſein zu geben, ſo iſt ſie gerettet! . . Ihre Witwen⸗ ſchaft, die Rückkehr von Erneſt, der dem Schiffbruche entgangen, werden dieſes Wunder bewirkt haben.“ Wir laſſen dies gelten; wir werden weiter gehen: Der Tod eines heuchleriſchen Schurken konnte allein dem Leben eine engeliſche Frau wiedergeben, ihre Heirath mit einem ihrer würdigen Manne ſichern, und dennoch war der Doctor Max, indem er dieſen heuchleriſchen Schurken ſterben ließ, den er retten konnte, einer Abſcheulichkeit in den Augen der ewigen Moral ſchuldig. Der vom Doctor höhniſch angerufene Vorwand: „Er könne ſich nicht zwiſchen dem Schuldigen und der providentiellen Strafe ins Mittel legen;“ Dieſer Vorwand iſt ein ſchlimmer Scherz. Es gibt nichts Entſetzlicheres, als dieſe unerbittlichen, der grauſamen Seite des Judaismus entlehnten Sophis⸗ men, und dennoch wird die ruchloſe Doctrine: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, noch lange angewendet werden. Ja, ſo lange die Unwiſſenheit, das Elend, die Unterdrückung auf der Erde währen, wird immer die verhängnißvolle Stunde der Repreſſalien kommen, welche ſo legitim ſind, als die Rache, wenn die Rache legitim iſt. Ja, es wird immer die verhängnißvolle Stunde kommen, wo die Unterdrückten, dann ihrerſeits Unterdrücker, nothgedrungen das entſetzliche Wieder⸗ vergeltungsrecht, dieſe Gerechtigkeit der Barbarei, dieſe ungeheuerliche Gerechtigkeit, üben werden. Oh! das Böſe durch das Böſe erwiedern! ſeiner⸗ ſeits die Frevelthat begehen, die man mit Recht ver⸗ flucht hat! vom Opfer Henker werden! das iſt verab⸗ X 251 ſcheuenswerth aus dem Geſichtspunkte des Gefühls! das iſt wahnſinnig aus dem Geſichtspunkte der Vernunft! Das Leben des Menſchen iſt heilig, unverletzlich! Einen Verbrecher tödten, ſo groß auch ſeine Verbre⸗ chen ſein mögen, heißt ihm auf immer den Weg der Reue, der Büßung, vielleicht der zukünftigen Wieder⸗ einſetzung in den Stand der Ehre verſchließen. „Dieſer verhärtete Böſewicht hätte aber nicht bereut!“ Woher wißt Ihr das? Und trotz dieſes entſetz⸗ lichen Zweifels tödtet Ihr . .. tödtet Ihr! Nachdem wir dieſe Vorbehalte aufgeſtellt haben, wollen wir unſere Erzählung ſchließen. Der Doctor wurde in ſeiner Hoffnung nicht ge⸗ täuſcht. Adele, ſo zu ſagen auferweckt durch ein doppeltes Wunder der Wiſſenſchaft und des Glückes, erlag nicht der Unermeßlichkeit dieſes Glückes, als ſie zugleich ihre Witwenſchaft und die Rückkehr von Er⸗ neſt Beaumont, der dem Schiffbruche entkommen, erfuhr. Abergläubiſch, wie es die leidenſchaftlich verlieb⸗ ten Leute ſind, hatte der Seemann während eines Aufenthaltes in Braſilien im Traume Adele todt, in ihr weißes Leichentuch gehüllt geſehen. Sie rief ihn aus der Tiefe ihres noch offenen Grabes. Bedrängt von einer unüberwindlichen Ahnung, ging Erneſt Beau⸗ mont wieder nach Frankreich unter Segel; ſein Schiff 252 ſcheiterte an der Küſte von Bretagne .. . Das Uebrige weiß man. Die Wiedergeneſung von Madame Verneuil, welche durch ſo viele heftige Erſchütterungen erſchöpft war, erforderte mehrere Monate; doch ihre Heilung vollendete ſich unter dem ſouveränen Einfluſſe der glücklichen Liebe und jener unausſprechlichen Seelenheiterkeit, welche das Bewußtſein der unter grauſamen Prüfun⸗ gen erfüllten Pflicht verleiht. Einer der erſten Gedanken von Adele war, ihren Sohn zu ſich zurückzurufen, und, Dank ſei es ihrer ſanft eindringenden Zärtlichkeit, Louis kehrte, vortreff⸗ lich von der Natur begabt, zu ſeiner angeborenen Her⸗ zensgüte und ſeiner erſten und tiefen Liebe für ſeine Mutter und ſeine Schweſter zurück. Ungefähr ein Jahr nach dem Tode von Herrn Verneuil heirathete ſeine Witwe, verſchönert durch das Strahlen der Glückſeligkeit, Erneſt Beaumont. Da der Verluſt ſeines Schiffes von der Seeaſſecuranz ge⸗ deckt worden war, ſo beſaß er etwa fünfundzwan⸗ zigtauſend Livres Einkünfte, welche in Verbindung mit dem Vermögen ſeiner Frau ihnen eine reichliche Exiſtenz ſicherten. Sie bewohnten, aus Neigung, ein um ſich nicht von ihrem alten Freunde, dem Doctor Mar, zu entfernen, von dem ſie nie vermutheten, er ſei der paſſive Mörder von Herrn Verneuil geweſen. Emma und Luuis fühlten für Erneſt Beaumont, als ſie ihn zu ſchätzen vermochten, eine lebhafte und vertrauensvolle Zuneigung; es geſchah, wie er es Adele verſprochen hatte: „Die Kinder von Adele wa⸗ ren ihm ſo theuer, als ob es die Kinder ihrer beider⸗ im Weichbilde von Paris liegendes reizendes Landhaus, * 253 ſeitigen Liebe geweſen wären.“ Und er übernahm ſpeciell die Erziehung von Louis, den er als redlicher Mann heranbildete. Der Doctor Max beſuchte vft die zwei Eheleute. Als ſie ihn eines Tags betrübt fanden, erkundigten ſie ſich nach der Urſache ſeines Bekümmerniſſes; er zog aus ſeiner Taſche eine Zeitung, und nachdem er Louis und Emma entfernt hatte, las er Adele und Erneſt Folgendes vor: „Ein beklagenswerthes Aergerniß hat in einem der Hoſpitäler von Paris ſtattgefunden: eine junge Nonne, Schweſter Florence , ſeit zwei Monaten dem Krankendienſte beigegeben, hat ſich in einen jungen dramatiſchen Künſtler verliebt, der durch ſeine Armuth in dieſes Hoſpital einzutreten genöthigt worden war. Ihre klöſterlichen Gelübde brechend, hat Schweſter Flo⸗ rence * die Flucht mit dieſem Schauſpieler ergriffen, der merkwürdig ſchön und der Verfaſſer von mehreren Poeſien, welche nicht ohne Verdienſt, ſein ſoll. Fügen wir ſogleich bei, daß dieſes beklagenswerthe Aergerniß ohne Beiſpiele in den ſo ehrenwerthen Jahrbüchern des religiöſen Ordens war, zu dem Schweſter Florence zu gehören die Ehre hatte, u. ſ u ſio „Unglückliche Florence!“ ſagte Adele ſeufzend, „ich kannte die Beweglichkeit ihres Charakters, und ich ahnte die kurze Dauer ihres religiöſen Berufes.“ 1 „Armes Geſchöpf!“ fügte Erneſt bei, „ſie iſt nun in die Ausſchweifung zurückgefallen! Wo wird ſie nun anhalten?“ „Ach! vielleicht auf der letzten Stufe der Schande,“ erwiederte traurig der Doctor Mar. „Iſt es nicht ein 254 grauſamer Gedanke: durch eine edelmüthige Verzeihung konnte ihr Gatte zu rechter Zeit dieſe junge Frau retten, und ſpäter, wenn die Eheſcheidung beſtan⸗ den hätte, hätte ſie in einer legitimen Verbindung die finden können? Ah! die Eheſcheidung, die Eheſchei⸗ dung! Die Wiederaufhebung dieſes ſo weiſen, ſo vorſichtigen, ſo ſchützenden republikaniſchen Geſetzes wird, Alles läßt es mich befürchten, eine von den nothwendigen Urſachen der völligen Entwürdigung von Madame Hermann geweſen ſein; immer tiefer in den Abgrund des Laſters ſich verſenkend, wird ſie die guten Eigenſchaften ihres Herzens verlieren, welche ſie, trotz ihrer Fehler, intereſſant machten. Was ſage ich, ſo tief ſie fallen mag, haben wir das Recht, ſie zu tadeln? Iſt ſie nicht das Opfer einer verhängniß⸗ vollen Nothwendigkeit? „„Aber,““ wird man ſagen, „ſie mußte wie Sie, Adele, ſich ergeben, leiden und ſterben!““ Nein, der Zweck der Geſchöpfe Gottes iſt nicht das Leiden; nein, es iſt ein Verbrechen, den ewigen Geſetzen der Natur widerſprechende Verleugnungen aufzulegen; mit einem Worte, liebe Adele, Sie und Florence, Sie perſonifi⸗ eiren die zwei Haupttypen der von ihrem Manne getrennten Frauen. „Die Eine (das ſind Sich, leidenſchaftlich einen ihrer würdigen Mann liebend, ergibt ſich darein, eher mit einem übermenſchlichen Heldenmuthe zu ſterben, als ihre Pflichten zu verletzen. „Die Andere (das iſt Florence), gibt, trotz ihres Befriedigung für ihre unwiderſtehlichen Reigungen redlichen, edelmüthigen Charakters, der Hitze ihres —— —— 255 Blutes nach, einer unbeſiegbaren lentſchuldigen Sie das gelehrte Wort), organiſchen Hitze. „Sie, weil die Eheſcheidung nicht mehr beſteht, haben Sie, arme Adele, grauſame moraliſche Qualen ausgeſtanden, an denen Sie beinahe geſtorben wären. Florence wird vielleicht ihre Tage im Kothe einer un⸗ fläthigen Ausſchweifung beſchließen. „Und ich,“ fügte im Geiſte der Doctor Mar bei, „und ich mußte im Ganzen eine Art von Mord be⸗ gehen . . . indem ich dieſem abſcheulichen Heuchler zur Ader zu laſſen mich weigerte. Ich könnte allerdings antworten: „Wenn die Vorſehung, wie man verſichert, ſich „offenbar bei den Dingen hienieden in das Mittel „ſchlägt, wurde dieſer ruchloſe Heuchler nicht auf eine „legitime Art von der Hand Gottes getroffen? Mit „welchem Rechte hätte ich mich dieſer himmliſchen „Strafe widerſetzen wollen? „Doch das ſind Poſſen von mir dieſem Ver⸗ neuil gegenüber angerufen, für das Bedürfniß mei⸗ ner Sache, wie Maitre Fripart ſagen würde,“ fügte der Doctor Max bei. „Ich habe vollkommen das Bewußtſein der Bedeutſamkeit, des Gewichtes mei⸗ ner Handlung; ich habe wiſſentlich und ganz den Um⸗ ſtänden gemäß gehandelt; ich habe in die Wagſchaale das Leben eines Schurken und das eines tadelloſen, vorwurfsfreien Geſchöpfes gelegt, ich habe ängſtlich das Für und das Wider in meinem Gewiſſen eines ehrlichen Mannes und mit vollkommener Seelenheiter⸗ keit abgewogen, — was ſage ich! mit einer ausge⸗ ſprochenen Befriedigung habe ich dieſen Böſewicht ſterben laſſen, den ich retten konnte. Kurz, wenn ich 256 gefündigt habe, an wem iſt die Schuld? An der Wiederaufhebung der Eheſcheidung. Ende von Adele Perneuil 6 oder die Frau von Tiſch und Bett getrennt. ²) *) „Die vornehme Dame“ wird demnächſt im Bell. Auslande folgen. 78