Leihbiblio deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: thek auf 1 Monat: 1 Mr. — Pf. 1 50 Pf. 2 Pf. . 3 „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Mädchen hatte einen roſa gefütterten Stroh⸗ hut mit ſchmalem Rande „unter dem lange kaſtanien⸗ braune Locken hervorquollen, und war in einen ſchotti⸗ ſchen Tartan gehüllt. . Zwei ſehr junge Leute von angenehmem Geſicht, elegant gekleidet, Mützen auf dem Kopfe und ihr Reiſe⸗ neceſſaire in der Hand haltend, plauderten ſtehend ein paar Schritte von dem Mädchen und ſchauten es zu⸗ weilen mit einer Bewunderung an, welche zu augen⸗ ſcheinlich war, um ehrerbieti zu ſein; ſie ſchienen muth⸗ willig, ſpöttiſch und wechſelzen ohne Zweifel einige Scherze, deren Gegenſtand die Reiſende war, denn ſie lachten oft ziemlich laut, indem ſie dieſelbe verſtohlen betrachteten. In ihrer Nähe befand ſich ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der an einem der Bureaur wartete, bis man ohne Zweifel einer Reclamation ent⸗ Miß Mary. 1 r geknüpfte Cravate, ſein ſchwarzer earrirter Oberrock, ſeine haſelnußfarbigen Bein⸗ kleider, ſeine Kamaſchen von derſelben Farbe, der Stock, den er in der Hand hatte, die ängſtliche Reinlichkeit ſeines Anzugs gab ganz das Aeußere eines eng⸗ liſchen Kutſchers, d iorée verlaſſen. Er verſtand das Franzöſiſche, denn bei einem von den Scher⸗ zen, welche die zwei jungen Leute wechſelten, ein ohne Zweifel ein wenig lebhaſter Scherz, wandte er ſich um, erröthete und ſchaute die Reiſende, die die Muthwilligen wahrſcheinlich bezeichnet hatten, an. Doch in dieſem Augenblick gingen ſie aus dem Bureau der Diligence weg, und der Eine von ihnen ſagte lachend zum Andern: „Deine Sicherheit, zu triumphiren, iſt etwas an⸗ maßend.“ „Bah! eine kleine Miß, allerdings reizend, die mir aber ganz das Ausſehen einer Kammerfrau hat, welche nach Frankreich kommt, um Glück zu ſuchen.“ „Gleichviel, ich halte die Wette.“ „Ein Bracelet von fünfundzwanzig Louis d'vr.“ „Wenn Du verlierſt, wird das Bracelet die ſchönen Arme von Juliette ſchmücken.“ „Wenn ich gewinne, wird es der erſte Juwel im Schmuckkäſtchen dieſes köſtlichen Geſchöpfes ſein.“ „Angenommen.“ Und ſie entfernten ſich. Traurig und nachdenkend, hatte die Reiſende den zwei jungen Leuten keine Aufmerkſamkeit geſchenkt; ſie wurde ihrer Träumerei durch die Stimme des Mannes mit dem ſchwarzen Ueberrock und den haſelnußfarbigen Kamaſchen entzogen, der, indem er ſich ihr raſch näherte, als könnte er das, was er ſah, nicht glauben, engliſch 1 ausrief: 3 „Gvott erhalte mich! Miß Maryl« Hochachtung den Hut ab. William !« ſagte das Mädchen, nicht minder er⸗ ſtaunt. „Sie hier, mein guter William? ich glaubte Sie in Paris.“ . „Ich komme von dort, Miß Marh. Doch Sie ſind alſo in Frankreich mit Ihrer Fämilie 2“ „Nein, William; mein Vater, meine Mutter und meine Schweſtern ſind in Dublin geblieben. Ich begebe mich allein nach Paris.“ „Sie reiſen nach Paris allein. . . Sie, Miß Mary2“ rief William. Und er ſchaute die junge Miß mit wachſender Ver⸗ wunderung und Unruhe an. Ein krauriges Lächeln ſchwebte über ihre Lippen, und ſie erwiederte: „Mein guter William, ich will in vollem Vertrauen mit Ihnen ſprechen. Sie ſind einer der älteſten und treueſten Diener unſerer Familie geweſen, Sie haben mich ganz klein geſehen.“ „Ja, Miß Marh, denn als Sie fünf Jahre alt waren, führte ich an der Longe Old Scamper, das gute alte Shetlands Pony, während Sir Lawſon, Ihr Herr Vater, Sie auf dem Sattel ſitzend hielt.“ „Nun denn! mein Vater wurde völlig durch den Vankerott eines Freundes, für den er ſich verbürgt, zu Grunde gerichtet; Lawſon Cottage und ſeine Güter wurden verkauft. Es bleibt meinem Vater nichts, gar nichts, als eine beſcheidene Gerichtsſchreiberſtelle in Dublin. Sein Amt, das er durch eine unerwartete Gunſt erlangt hat, gibt ihm kaum ſo viel, daß er mit meiner Mutter und meinen Schweſtern leben kann. Ich komme in die⸗ ſes Land, um Erzieherin zu werden. Ein unverhoffter Zufall hat mich eine Stelle durch die Vermittelung des franzöſiſchen Conſuls in Dublin, mit dem mein Vater in glücklicheren Zeiten in vertrautem Umgang ſtand, finden laſſen.“ Und er nahm ehrerbietig mit der Miene der tiefſten 3 „ * »Sir Laſon zu Grunde gerichtet, die Cottage ver⸗ kauft, Alles verkauft!“ verſetzte William, mit Schmerz die Hände faltend. „Wie, Miß Mary! Sir Lawſon hat nicht einmal Glen Artley, ſein treffliches Jagdpferd, behalten? Er hat Black Fly, Ihre ſchöne ſchwarze Vollblutſtute, die ich ſelbſt für Sie dreſſirt, veräußert? Und die Wagenpferde? Auch verkauft! Und bie herrlichen Zugpferde, und die Kühe von Durham, und die Herden von Aſhley und die Meute für den Fuchs? Auch verkauft, Alles verfauft! Gott erhalte mich! Miß Marh, was ſagen Sie mir da? Nein, das iſt nicht zu glauben! Sir Lawſon ruinirt, er, einer der reichſten Grundbeſitzer der Grafſchaft! Nein, das iſt nicht zu glauben!“ „Wie Ihnen, William, hat mir dieſe Vermögens⸗ veränderung Anfangs unglaublich geſchienen z dann ſind mir die Reſignation, der Muth gekommen.“ „Und Sie reiſen ſo allein, Miß Mary? Iſt es mög⸗ lich, ganz allein, ohne eine armſelige Kammerfrau!“ „Meine Mutter und meine Schweſtern bedienen ſich ſelbſt; ich werde es machen wie ſie. Doch ich glaubte, Sie haben ſich in Paris niedergelaſſen, William 2 „Ach! Miß Mary, ich bin dafür beſtraft worden, daß ich den guten Rath von Sir Lawſon nicht befolgt und ſeinen Dienſt verlaſſen habe, als mir eine kleine Erb⸗ ſchaft aus den Wolken zufiel. Verflucht ſei meine Toll⸗ heit, daß ich mich mit meinem Vetter Toby aſſpeirt habe, um in Paris mit ihm Handel mit irländiſchen Pferden zu treiben! Das Glück hat ſich gegen uns ge⸗ wendet: ich habe Alles verloren. Und wiſſen Sie, Miß Marh, wohin ich nun wollte? Da ich nichts von dem Unglück Ihrer Familie wußte, ſo wollte ich nach Law⸗ ſon Cottage im Vertrauen zu der Güte Ihres Herrn Vaters, der mir geſagt hatte: „William, Ihr ſeid ein zu ehrlicher Mann für das Gewerbe eines Pferdehändlers. Erinnert Euch deſſen, was ich Euch ſage: man wird Euch betrügen, und Ihr werdet Eure kleine Erbſchaft aufzehren; doch da Ihr mir zwanzig Jahre treu gedient habt, und da Ihr ein trefflicher Menſch ſeid, ſo wird ſich immer für Euch ein Platz in Lawſon Cottage finden, wenn Ihr, wie ich befürchte, das Wenige, was Ihr beſitzt, verliert.““ »Armer William! zum Glück wird es Ihnen, bei Ihrer Ehrlichkeit und Ihrem Verſtande, leicht ſein, in ein gutes Haus einzutreten.“ „Oh! Miß Mary, daran denke ich nicht, ich denke an die lange Reiſe, die Sie ganz allein in einem öffent⸗ lichen Wagen unternehmen ſollen, Sie, die Sie Ihre theuren Eltern nie verlaſſen haben,“ „Ich habe es Ihnen geſagt, William, der Muth iſt bei mir mit dem Ruin meiner Familie gekommen.“ „Oh! Miß Mary, wenn mir nur ſo viel bliebe, — um meine Reiſe bis Paris bezahlen zu fönnen, ich würde Sie um Erlaubniß bitten, Ihnen bis zum Orte Ihrer Veſtimmung folgen zu dürfen, ſelbſt wenn ich Groom oder Stallknecht bei meiner Ankunft werden müßte, um das Nothwendige für meine Rückkehr nach Irland zu verdienen.“ „Sie ſind ein guter, würdiger Menſch, William; ich bin gerührt, ſehr gerührt von Ihrer Ergebenheit; ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen.“ Ah! mein Gott! da fällt mir ein,« ſprach der alte Diener mit einer Verdoppelung ſchmerzlicher Theil⸗ nahme, valles Unglück kommt alſo zugleich! und Ihr Vetter, Miß Mary, Ihr Vetter, der Kapitän Douglas 2“ Die junge Miß erröthete, erſtickte einen Seufzer, ihr ſanftes, reizendes Antlitz drückte einen bittern Kum⸗ mer aus, und ſie antwortete mit zitternder Stimme: „Mein Vetter ſoll in zwei Jahren aus Indien zurückkommen; wir haben kürzlich Nachricht von ihm erhalten.“ „Ja, und in einem Jahr ſollten Sie ſich heirathenz denn der Kapitän hatte ſich mit Ihnen verlobt, Miß Marh; dieſe Verlobung war die Freude des Hauſes Ihres Vaters geweſen, der, um ſie zu feiern, allen Leuten des Hauſes und des Gutes ein Feſt gab. So kann alſo dieſe von Ihrer Familie ſo ſehr gewünſchte Heirath fehlſchlagen, Miß Marh, und dennoch, nein ... warum ſollte ſie nicht ſtattfinden?“ „Mein Vetter Douglas iſt nun zu reich und wir ſind zu arm und zu ſtolz, daß dieſe Verbindung möglich wäre, William,“ ſagte Miß Mary. Hienach, da ihr der Gegenſtand dieſes Geſpräches ohne Zweifel peinlich war, denn die Thränen traten ihr in die Augen, wandte ſie den Kopf ab, ſchwieg eine Minute und ſprach dann mit ruhigerer Stimme: „Ich bin glücklich, Sie getroffen zu haben, William; wenn Sie nach Dublin gehen, können Sie meiner Fa⸗ milie Nachricht von mir geben und ihr ſagen, Sie haben mich vollkommen geſund im Augenblick meiner Abreiſe von Calais geſehen.“ »Ah! Miß Mary, ſo allein reiſen! das iſt es, was mich erſchreckt.“ „Warum? es iſt nichts Erſchreckliches bei dieſer Reiſe. Ich bin allerdings allein, doch von Dublin hierher hatte ich mir zu meinen Reiſegefährten nur Glück zu wünſchen.“ „Oh! in England iſt man gewohnt, junge Fräulein allein reiſen zu ſehen.“ „Gewiß; ich habe aber immer ſagen hören, in Frankreich werde nichts mehr reſpectirt, als eine Frau allein und ohne Schutz.“ „Ah! Miß Mary,“ rief William ſeufzend, indem er ſich der Scherze und der Wette der zwei jungen Leute erinnerte, „wenn Sie wüßten, ich verſtehe das Franzöſiſche nicht ſehr gut; doch ich verſtehe es genug, um gewiſſe Dinge zu begreifen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, William 26 In dieſem Augenblick, und während Miß Mary und der alte Diener ihr Geſpräch am Ende des Saales fortſetzten, trat ein anderer Reiſender geräuſchvoll, athem⸗ los, geſchäftig, gefolgt von einem Commiſſionär ein, — 7 den er bitter über ſeine Langſamkeit ausſchalt, obgleich der Laſtträger ſich unter dem Gewichte eines Koffers, zweier Nachtſäcke und mehrerer Körbe, Kiſten und Päcke bog. Dieſer Reiſende war ein dicker Mann von unge⸗ fähr ſechzig Jahren, von einer widerwärtigen, verdrieß⸗ lichen, lächerlichen Phyſiognomie; unmittelbar hinter ihm traten vier junge Leute ein, alle viel weniger elegant gekleidet, als die zwei Wettenden, deren Scherze den ehr⸗ lichen William erröthen gemacht hatten. Dieſe Neuein⸗ tretenden kamen von einem reichlichen Frühſtück her. Die Belebtheit ihrer Geſichtshaut, das Schallen ihrer Stimmen, ihre häufigen Anfälle von Heiterkeit, ſowie einige tanzende Willensäußerungen hinreichend ange⸗ deutet durch ein gewiſſes Wiegen ihres Körpers, zeugten von dem geringen Maße ihrer Nüchternheit. „Wie Schade, v Ihr vollendeten Schalupper,“ ſagte einer von ihnen, „daß wir von hier bis Paris getrennt ſind, und daß zwei von uns im Innern, zwei in der Rotonde der Diligenee ſitzen.“ „Da mir meine Mittel die Wolluſt des Innern nicht erlauben,“ verſetzte ein Anderer, „ſo eröffne ich eine Nativnalſubſeription, um eine Verbindung von der Ro⸗ tonde zum Innern durchzubrechen, damit wir nach un⸗ ſerem Belieben auf dem ganzen Wege aufſchneiden können.“ »Unterzeichnet für die Durchbrechung des Innern!“ riefen ſeine Gefährten; „unterzeichnet!“ »Oho! Schalupper!“ ſagte plötzlich mit leiſer Stimme einer von dieſen heiteren Burſchen, indem er auf den dicken Mann deutete, der ganz athemlos eingetreten war und ſich dem Bureau eines Kaſſiers der Anſtalt genähert hatte; „ſeht doch den alten Wanſt! wie poſſierlich ſieht er aus mit ſeiner ſchwarzen ſeidenen Mütze, mit ſeiner Kappe mit dem langen Schilde, mit ſeinem weiten Reiſe⸗ rock und ſeinen Pelzſtiefeln.“ „Welch ein Glück für Tournaquin, wenn dieß unſer Sechster im Innern wäre.“ „Welch ein Geſicht, um Poſſen zu treiben!“ „Ich eröffne eine Nationalſubſtription, um ihn an den Wirthstafeln auf der ganzen Reiſe ungeheuer zum Beſten zu haben, denn er hat das Ausſehen eines Wüthenden.“ „Wüthender! welche Wonne! O Alter „komm mit uns, wenn Du ein Wüthender biſt . wir werden Dir die Mittel geben, um Dich in Uebung zu erhalten.“ Der Greis näherte ſich, wie get dem Kaſſier und hatte mit ihm mit lauter Stimme folgendes Ge⸗ ſpräch, an welchem die vier munteren Burſche ein wachſendes Intereſſe zu nehmen ſchienen: »Man hat für mich von meinem Gaſthauſe aus vor einer Stunde einen Platz beſtellt,“ ſagte der dicke Mann. „Für welchen Beſtimmungsort2“ „Bei Gott .. für la Botardiore.“ »Ich weiß nicht, wo la Botardiere iſt, mein Herr.“ „Wie!“ verſetzte der mürriſche Greis, zornig über die geographiſche Unwiſſenheit des Kaſſiers, „das iſt eine ſpaßhafte Frage . . la Botardiére .. iſt in la Bo⸗ tardiéere, wie Paris in Paris iſt; ich wiederhole Ihnen, daß man vor einer Stunde von meinem Gaſthauſe aus hier geweſen iſt, um einen Platz im Innern des Wagens zu beſtellen, der nach Paris geht, von wo ich die Bili⸗ nach Tours nehmen werde, um mich von da nach a Botardiére zu begeben.“ Bei dem oft wiederholten Worte la Botardiére en Gebrumme, Grunzen, halb erſticktes Gelächter am Ende ſo geräuſchvoll aus der Gruppe der vier luſti⸗ gen Burſche hervor, daß ſich der Alte, die Stirne faltend, gegen ſie umwandte. Da machten ihm alle Vier gleich⸗ zeitig, freundlich lächelnd, den militäriſchen Gruß, er aber drehte das Geſicht wieder dem Kaſſier zu, der, er in ſeinem Blatte nachgeſehen hatte, zu ihm agte: „In der That, mein Herr, man hat Aufgeld für — 9 Sie gegeben und den ſechsten Platz, den einzigen, der noch im Innern übrig iſt, für Sie beſtellt.“ „Wie! ich werde nicht eine Ecke haben, die Ecke rechts auf dem Hinterſitz? Ich erkläre, daß ich nur die⸗ ſen Platz nehme.“ „Unmöglich, mein Herr; ich wiederhole Ihnen, daß nur der ſechste Platz übrig iſt.“ „Wie! ein Mittelplatz auf dem Vorderſitz, rückwärts, Sie treiben Ihren Spaß mit den Leuten!“ „Dann reiſen Sie nicht, mein Herrz; Sie verlieren dabei nur Ihr Aufgeld.“ „Aber das iſt abſcheulich! das iſt eine wahre Be⸗ raubung! Die Reiſenden ſo betrügen! Einen Angenblick! es ſind Frauen im Wagen?“ „Nur eine einzige Dame.“ „Immer beſſer . . es fehlte ſonſt nichts mehr! bei den Wirthstafeln die beſten Stücke für Madame. Iſt es warm: laßt die Fenſter nieder; iſt es kalt: zieht ſie auf. Die Vorausſicht ſolcher Launen empört einen! Nun! ſo reiſen Sie nicht, ſagt man uns, verlieren Sie Ihr Aufgeld! Das iſt artig! In welches Weſpenneſt habe ich mich geſteckt! Eine hübſche Reiſe! Sie fängt gut an! Liebenswürdige Perſpective, ergötzliche Zukunft! abgeſehen von der Annehmlichkeit, ſich mit den Erſten den Beſten zuſammenzufinden, und Gott weiß,“ fügte der zornſüchtige Greis bei, indem er einen ſchiefen Blick auf die vier Gefährten warf, welche mit den Augen nicht von ihm ließen, „Gott weiß, was für eine gräu⸗ liche Geſellſchaft man in einem öffentlichen Wagen zu treffen Gefahr läuft!“ „Mein Herr, nehmen Sie den Platz? ja oder nein?“ „Ich nehme ihn, mein Herr. Muß ich nicht nach la Botardièere kommen! Ich nehme dieſen Platz, weil ich, das Meſſer an der Kehle, dazu gezwungen bin, wenn ich nicht mein Aufgeld verlieren will; doch ich proteſtire, und ich hoffe überdies, es wird unter meinen Reiſegefährten Leute geben, welche wohlgezogen und 10 ehrerbietig genug gegen einen Mann von meinem Alter ſind, um nicht zu dulden, daß ich mit meinen weißen Haaren als Sechster rückwärts fahre.“ „Sie werden mit den anderen Reiſenden überein⸗ kommen, wie Sie wollen, mein Herr. Ihr Name, wenn es Ihnen gefällig wäre 26 „Odoard Foſephin de la Botardidre, wohn⸗ haft im Schloſſe la Botardiére, Gemeinde la Botardiére.“ Kaum hatte der zornſüchtige Greis ſo ſeinen Namen und ſeine Vornamen aufgeſagt, als die vier munteren Burſche, welche durch das Schallen ſeiner immer grim⸗ migeren Stimme nicht ein Wort von ſeinem Geſpräch mit dem Kaſſier verloren hatten, in ein fürchterliches Gelächter ausbrachen; der Schloßherr von la Botardiére wandte ſich mit einer impoſanten Miene gegen ſie um und ging ungeſtüm hinaus, nachdem er den Preis ſeines Platzes bezahlt hatte. „ „Joſephin iſt herrlich,“ ſagte einer von den jungen Leuten. „Ich will Joſephin auf der Ferſe folgen, um länger ſeinen Anblick zu genießen.“ „Ich eröffne eine Nativnalſubſeription, um Odvard einen Haarzopf zu machen⸗“ „Ich unterzeichne unter der Bedingung, daß der Zopf à la Botardiére aufgeſteckt wird.“ Und alle Vier gingen unmittelbar hinter dem Greiſe hinaus, ſchlichen auf den Fußſpitzen, wiegten die Hüften und trällerten im Chor: „Bon! bon de la Botardière! Bon! bon de la Botar- diére!“ Die Tollen hatten ſich eben entfernt, als die zwei Wettenden wieder in das Bureau eintraten. Während die ſo eben erwähnten Scenen vorfielen, hatte ſich Miß Mary, da ſie wahrnahm, mit welchen Reiſe⸗ gefährten ſie bis Paris zuſammen ſein ſollte, lange leiſe mit William beſprochen; ſie ſah immer mehr un⸗ ruhig, traurig aus; plötzlich ſchien ſie einen Entſchluß zu faſſen, der ſie viel Ueberwindung koſtete, und näherte 1¹ ſich einem von den zwei Wettenden, den ihr William bezeichnet hatte. Abgeſehen von ſeiner Muthwilligkeit, die er durch ſeine leichtſinnigen Worte in Betreff der Fremden geoffen⸗ bart hatte, ſchien er, wie ſein Freund, ein junger Mann von ſehr gutem Anſtand zu ſein; ſein Geſicht war an⸗ genehm; ſeine Tournure höchſt ausgezeichnet. Miß Mary wandte ſich in vortrefflichem Franzöſiſch an ihn und ſagte mit einer Miſchung von Verlegenheit, Sanft⸗ muth und Würde, die ihrem reizenden Antlitz einen äußerſt rührenden Ausdruck verlieht „Mein Herr, wollen Sie die Güte haben, mir eine kurze Unterredung zu bewilligen.“ Sehr erſtaunt und noch mehr entzückt über dieſen Vorfall, warf der junge Mann auf ſeinen Freund einen Blick, welcher ſagen wollte: Meine Wette iſt zum Voraus gewonnen. Dann verbeugte er ſich vor Miß Mary und folgte ihr ein paar Schritte zu einem Fenſter, wo Wil⸗ liam ſtand. Der junge Mann war Anfangs aus der Faſſung gebracht, als er einen Dritten bei ſeiner Unterredung mit der hübſchen Fremden ſah, und beſonders einen Dritten, der Kutſcherskamaſchen trug. Doch da er ver⸗ muthete, die junge Engländerin ſei eine Kammerfrau, welche ihr Glück ſuche, lo wunderte er ſich weniger, ſie gleichſam unter dem Schutze des Mannes mit den Kamaſchen zu ſehen. Er verbeugte ſich indeſſen aber⸗ mals vor Miß Mary und ſagte: „Madame, ich bin zu gluͤcklich, Ihren Befehlen zu entſprechen. „Mein Herr, ich habe nicht die Ehre, Ihnen be⸗ kannt zu ſein, doch im Vertrauen auf die franzöſiſche Großmuth wage ich es, Sie um einen Dienſt, einen großen Dienſt zu bitten.“ „Madame, verfügen Sie über mich,“ antwortete der junge Mann, der zu bemerken anfing, daß ſich für 12 eine Kammerfrau die junge Miß vortrefflich franzöſiſch und mit einem ausgezeichneten Anſtand ausdrücke. „Mein Herr,“ fuhr Miß Maryh fort, „ich bin eine Irländerin; Unglücksfälle, welche meiner Familie wider⸗ fahren ſind, die dieſer würdige, vortreffliche Diener, — und ſie deutete auf William — zwanzig Jahre nicht verlaſſen hat, haben mich in die Nothwendigkeit verſetzt, in Frankreich die Funetionen einer Erzieherin anzuneh⸗ men. Dieſe lange Reiſe würde mich nicht beunruhigen, wenn alle Perſonen, mit denen ich die Fahrt zu machen beſtimmt bin, ſo vollkommen wohlerzogen wären, wie Sie, mein Herr, ich bezweifle es nicht; doch leider trifft man zuweilen Leute, welche nicht ahnen, was Alles Peinliches und darum Ehrwürdiges in der Lage eines Mädchens iſt, das zum erſten Mal das väterliche Haus verläßt und allein im fremden Lande zu reiſen ſich genöthigt ſieht.“ „Mein Fräulein,“erwiederte der Muthwillige, immer mehr erſtaunt und verwirrt, „ich denke nicht, daß es einen Menſchen gibt, der elend genug wäre, um es an Achtung gegen Sie ermangeln zu laſſen.“ „Ich weiß, mein Herr, daß eine Frau, gegen welche man die Achtung verletzt, ſich am Ende immer Reſpect verſchafft; doch dieſe Ertremität iſt ſo demüthigend, ſo erniedrigend für ein gut geſchaffenes Herz, daß es mir ſchmerzlich wäre, mich auf dieſelbe angewieſen zu ſehen; ich erlaube mir auch, mein Herr, mich an Sie zu wen⸗ den, ſo ſeltſam Ihnen ohne Zweifel der Dienſt ſcheinen mag, den ich von Ihrem guten Herzen, von Ihrer Recht⸗ ſchaffenheit erwarte.“ „Ich bitte, ſprechen Sie, mein Fräulein,“ erwiederte der junge Mann, unterjocht durch die rührende Würde dieſer Worte, „ich wäre tauſendmal glücklich, Ihnen einen Dienſt leiſten zu können, welcher es auch ſein mag.“ „Wir ſollen zu Sechs in dem Wagen ſein, in wel⸗ chem wir fahren; es findet ſich keine andere Frau dabei, als ich; erlauben Sie, mein Herr „daß ich bis Paris 13 für Ihre Schweſter gelte; ich ſpreche hinreichend Fran⸗ jeſiſch, um dieſe erdichtete Verwandtſchaft wahrſcheinlich zu machen. Willigen Sie hiezu ein, mein Herr, ſeien ſie edelmüthig, und ich ſage Ihnen mit unſerer alten iriſchen Offenherzigkeit; ich werde Ihnen ewig dank⸗ bar ſein. Dieſer treue Diener, vor dem ich meine Bitte an Sie richte, wird wenigſtens meinem Vater und meiner Mutter mittheilen können, meine Reiſe habe glücklich begonnen.“ 33 Es lag in dieſer Sprache, in der ſanften, ein wenig fremdartigen Betonung, die ihr einen neuen Reiz gab, etwas ſo Freimüthiges, ſo Edles, daß der junge Reiſende bewegt, gerührt durch die Aufforderung an ſein Herz, ſich aufrichtig ſeine erſten, wenig ehrenhaften, Vellei⸗ täten zum Vorwurf machte und Miß Marh mit ehrer⸗ bietigem, innigem Tone antwortete: „Ich fühle mich zu ſehr geſchmeichelt von dem Vertrauen, mit dem Sie mich gütigſt beehren, als daß ich es nicht verſuchen ſollte, mich deſſelben würdig zu machen; ich werde, ſo gut ich nur immer kann, meine Bruderrolle bis Paris ſpielen.“ Nach der Gemüthsbewegung, die in den Zügen des jungen Mannes ſichtbar wurde, konnte Miß Mary nicht umhin, ihn für aufrichtig zu halten. Sie erwiederte mit dem Ausdruck einer ruͤhrenden Dankbarkeit: „Mein Herr, wenn Sie noch Ihre Mutter, wenn Sie eine Schweſter haben, ſagen Sie ihnen, was Sie heute für eine Fremde gethan, und ſie werden Sie noch mehr lieben.“ Und mit jener Treuherzigkeit, dem unter⸗ ſcheidenden Zuge des iriſchen Charakters, reichte Miß Mary dem jungen Mann ihre kleine Hand und fügte bei: „Ich danke, mein Herr, ich danke; Miß Lawſon glaubt an Ihr Wort.“ „lUnd Miß Lawſon,“ erwiederte der junge Mann, leicht die Hand der jungen Fremden berührend, „Miß Lawſon kann verſichert ſein, daß Theodor von Favrolle nie ſeinem Verſprechen untreu geworden iſt.“ „Oh! Dank, Herr Gentleman, oh! Dank!“ rief in ſeinem Jargon der gute William, der dieſer Seene ſtill⸗ ſchweigend und gerührt beigewohnt hatte. „Meine Herren und Damen, halten ſie ſich bereit, einzuſteigen,“ ſagte einer von den Angeſtellten des Bureau. „Mein guter William,“ ſprach Miß Mary, während Herr von Favrolle aus Beſcheidenheit ſich entfernte und wieder zu ſeinem Freunde begab, „Sie werden ohne Zweifel nach Dublin zurückkehren 2“ „Ja, Miß Mary,“ antwortete der würdige Mann, „ich habe einige Bekannte und hoffe mein Unterkommen zu finden.“ „Ich bitte, William, beſuchen Sie ſogleich bei Ihrer Ankunft meinen Vater; er war ſo beſorgt, ſo troſtlos bei dem Gedanken, mich allein weggehen zu laſſen, daß er mich begleitet hätte, würde nicht die Aus⸗ gabe für dieſe Reiſe, ſo zu ſagen, meiner Mutter und meinen Schweſtern ihr Brod von einem ganzen Monat geraubt haben.“ „Gott erhalte mich! Miß Mary, Sie höre ich vom Brode Ihrer Mutter und Ihrer Schweſtern ſprechen!“ Und er trocknete ſeine Thränen. „Man muß der Lage, die uns das Schickſal berei⸗ tet, in's Geſicht ſchauen können, William; Sie werden meinem Vater ſagen, welchen Entſchluß ich in Beziehung auf einen meiner Reiſegefährten gefaßt habe; das war, wie mir ſcheint, das Beſte, was ich thun konnte, wenn ich das glaube, was Sie mir entdeckt haben, mein guter William, obgleich Ihre Unerfahrenheit in der franzöſi⸗ ſchen Sprache Sie vielleicht, ich hoffe es, ein wenig hinſichtlich der Bedeutung der Worte dieſes jungen Mannes getäuſcht hat.“ „Ohlich habe mich wohl nicht getäuſcht, Miß Maryz doch dieſer Gentleman wird, an ihren Worten erkennend, daß Sie eine Lady ſind, bereut haben. Möchte er ſein Verſprechen halten und Sie beſchützen. Denn die Anderen, welche, ſingend und tanzend, hinter dem alten „ —— Manne hinausgegangen ſind, machen mir bange für Si Miß Mary .. Warum verſchieben Sie Ihre Reiſe nicht?“ „Als ich ſah, daß ich die einzige Frau im Wagen ſein ſollte, dachte ich hieran; doch die Plätze auf morgen und übermorgen ſind genommen; ich müßte drei Tage länger hier bleiben. Und das Leben im Gaſthaus iſt theuer für meine kleine Börſe,“ ſagte Miß Mary ſanft lächelnd; ves bleibt mir gerade nur genug, um an meinen Be⸗ ſtimmungsort zu kommen, wenn ich meine Mittel ſehr zu Rathe halte. Doch ſeien Sie unbeſorgt, William, dieſe jungen Leute, welche ſangen und tanzten, kommen mir mehr närriſch, als böſe vor, und in jedem Fall wird ihnen der Schutz, den mir Herr von Favrolle gewähren will, Achtung einflößen. . . Meine Bitte iſt vielleicht kühn geweſen. Mein Vater und meine Mutter werden das beurtheilen. Sie ſagen ihnen, William, Sie haben mich in Calais ganz geſund geſehen. Verſichern Sie meine Eltern, ich ſei voll Reſignation und Muth. Sagen Sie ihnen auch, ich werde bei unſerem erſten Aufenthalt in einer Stadt wieder ſchreiben. Sagen Sie Roſa, Eveline und Naney, ihre Schweſter Mary denke zärtlich an ſie und der kleinen Arabella,“ fügte das Mädchen mit Thränen in den Augen lächelnd bei, „wenn ſie hübſch vernünftig ſei, werde ihr die große Schweſter eine hübſche Puppe aus Franfreich für den Weihnachis⸗ tag dieſen Feſttag der Kinder in unſerer theuren Heimath, ſchicken!“ »Oh! Miß Mary, ich ſehe ſie noch, dieſe armen grünen Weihnachtsbäume beladen mit Kerzen, Blumen und Geſchenken, im großen Salon von Lawſon Cot⸗ tage! Welche Frende! welches Feſt im Hauſe jedes Jahr!“ 2 „Dieſe ſchönen Zeiten ſind nicht mehr, William .. Sagen ſie Allen, die ich liebe, trotz ihrer Abweſenheit ſeien ſie immer bei Mary.“ B „Gott erhalte mich!!! Miß Mary, Sie gehen in. 16 Condition zu Fremden!“ rief der würdige Mann, der ſeine Thränen nicht mehr zurückhalten konnte; „nein, nein, ich kann mich nicht, ich werde mich nie an dieſen Gedanken gewöhnen können! Wenn ich bedenke, als ich Sie zum letzten Mal zu Hauſe ſah, waren Sie zu Pferde züiſch Sir Lawſon und dem Kapitän Douglas, 5 und ſo heiter, ſo glücklich, während Ihre Mutter und Ihre Schweſtern in der hübſchen grünen Caleche, beſpannt mit zwei ſchönen Grauſchimmeln, Turner und Singler, ſaßen, die der kleine Jhany als Poſtillon führte!.. Sie machten eine Landpartie an einem ſchönen Junimorgen!“ „Ich werde dieſe früheren Zeiten nicht beklagen, wenn ich eines Tags zu meinem Vater und meiner Mutter zurückkommen und ſie weniger unglücklich finden kann. Hören Sie, mein lieber William, wiſſen Sie, was mir nach dem Kummer, mich von meiner Familie zu entfernen, am meiſten wehe thut? Unſere grüne Erin, unſer Irland verlaſſen zu müſſen. Ich habe nie beſſer, als heute, da ich von ihm ſcheide, gefühlt, wie theuer uns unſer Heimathland iſt!“ „Meine Herren und Damen, ſteigen Sie ein pieſi einer von den Angeſtellten, „beeilen Sie ſich!“ Und als er den kleinen ledernen Koffer von Miß Mary noch zu ihren Füßen ſah, fügte er ungeſchlacht bei: „Aber ſuhun⸗, Ihr Gepäcke ſollte längſt auf der Imperiale ein ?“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ erwiederte Miß Mar 3 ein wenig verwirrt, „ich wußte es nicht.“ Bei dem ungeſchlachten Anrufen des Angeſtellten war William vor Zorn ſo roth geworden, wie der Kamm eines Streithahns, und er ballte ſeine beiden Fäuſte, als wollte er ſich zum Boren bereit halten; doch ein Blick von Miß Mary beſchwichtigte den Zorn des wür⸗ digen Mannes, er nahm in eine Hand den Nachtſack und lud den Koffer auf ſeine Schulter. In dieſem Augenblick näherte ſich Herr von Favrolle dem 47 Mädchen mit doppelter Höflichkeit und Ehrerbietung und agte: 66 „Ich wäre troſtlos, ſollte ich die Vorrechte meiner Rolle mißbrauchen, doch es würde mir gut dünken, wenn Sie mir die Ehre erweiſen wollten, meinen Arm der Wahrſcheinlichkeit wegen anzunehmen.“ „Gewiß, mein Herr,“erwiederte Miß Marh lächelnd, »ich nehme ihn mit Vergnügen an.“ Dann ſagte der junge Mann, auf ſeinen Freund deutend: »Mein Fräulein, ich bin genöthigt geweſen, meinen Reiſegefährten in's Vertrauen zu ziehenz erlauben Sie, daß ich mir die Ehre gebe, Ihnen denſelben vorzuſtellen: Herr Georges von Montfort.“ Der Gefährte des jungen Mannes verbeugte ſich achtungsvoll vor Miß Mary, welche ſeinen Gruß erwie⸗ derte, und alle Drei begaben ſich, gefolgt von William, in den Hof, wo die Diligence angeſpannt war.“ Herr von Favrolle bot Miß Marh die Hand, um ihr einſteigen zu helfen, nachdem das Mädchen ein letztes Lebewohl an William gerichtet hatte. Da ſprach dieſer, deſſen Wangen in Thränen gebadet waren, zu dem jun⸗ gen Mann in ſeinem ſchlechten Franzöſiſch und mit einer zitternden Stimme: „Herr Gentleman, ich bitte Sie inſtändig, wachen Sie wohl über Miß Marh. Ihr Vater, Sir Lawſon, Esquire, war einer der reichſten Grundbeſitzer ſeiner Grafſchaft; er hatte acht herrliche Pferde in ſeinem Stall, alle vom reinſten iriſchen Blut, Herr Gentleman, und eine Meute von fünfundzwanzig Forhounds für den Fuchs, Herr Gentleman. Sie ſehen, daß Miß Mary eine junge Lady iſt, welche verdient, daß man ſich für ſie intereſſirt.“ So naiv die Empfehlung des wackern William war, der ſein Bedauern und ſeine Theilnahme auf ſeine Weiſe und aus ſeinem Geſichtspunkte als Kutſcher, Pferde⸗ und Hundeliebhaber ausdrückte, dieſe Empfehlung Miß Marh. 1. 2 18 konnte einen glücklichen Einfluß haben; viele Leute ſind ſo beſchaffen, daß ſie ſich um ſo mehr für das Unglück intereſſiren, je mehr ihm ein großer Reichthum voran⸗ gegangen iſt. Herr von Favrolle antwortete William: „Seien Sie unbeſorgt, mein würdiger Mann, ich werde gegen Miß Marh alle meine Pflichten eines Bruders, und zwar des ergebenſten, ehrfurchtsvollſten Bruders erfüllen.“ Der junge Mann glaubte nicht, er würde ſeine Schweſter ſo bald zu beſchützen haben; er ſah ſie am Wagenſchlag wiedererſcheinen und hörte ſie lächelnd zum“ Condueteur ſagen: „Mein Herr, Sie hatten mir, glaube ich, geſagt, mein Platz ſei im Fond rechts?“ „Ja, Madame.“ „Mein Herr, dieſer Platz iſt von einem Reiſenden beſetzt, der ſchon tief ſchläft; jeder Platz iſt mir gleich⸗ ültig, nur befürchte ich meinerſeits, den einer andern erſon einzunehmen.“ Und ſie ſtieg wieder aus dem Wagen, während der Conducteur einſtieg, und man hörte folgendes Geſpräch: „Mein Herr,“ ſagte der Conducteur, „Herr Reiſen⸗ der, das iſt nicht Ihr Platz, das iſt der einer Dame. He! dort, antworten Sie doch!“ „Nehmen Sie ſich in Acht! Conducteur, Joſephin de la Botardiére ruht.“ „Ich eröffne eine Nationalſubſeription, um ihn, während er ſchläft, auf die Stirne zu küſſen.“ „Oh! er iſt alſo taub,“ ſagte der Conducteur.“ Ich bitte Sie, wecken Sie ihn doch auf, meine Herren, wir müſſen abfahren.“ „Conducteur, Sie ermächtigen mich, Odoard im Namen des öffentlichen Wohls aufzuwecken?“ Dann ſchrieen dieſe Tollen mit voller Lunge und einem entſetzlichen Lärmen: „Feuer! es brennt in la Botardiere!“ 19 „Joſephin, höre mein gräßliches Geſchrei!“ „Odoard, antworte auf mein Brüllen!“ „Joſephin, öffne Deine theuren Augen!“ „Odvard, ſpiegle Deine Augen in den meinigen.“ Mein Herr, ich bitte,“ ſprach Miß Mary zu ihrem vorgeblichen Bruder, denn ſehr ärgerlich über dieſe Prä⸗ ludien, welche eine ſtürmiſche Reiſe zu verkündigen ſchie⸗ nen, fing Herr von Favrolle an die Stirne zu falten, vich wiederhole Ihnen, jeder Platz iſt mir gleichgültig. Es wäre mir unendlich leid, ſollte ich die Urſache des geringſten Streites ſein.“ och Herr von Favrolle ſprang in den Wagen und ſah den Schloßherrn von la Botardiére verſchanzt hinter einer Feſtung von Mänteln, Nachtſäcken und Paquets, ſo daß man nur den oberen Theil des Kopfes bedeckt mit einer bis über die Augen herabgezogenen ſeidenen Mütze, worauf noch eine Kappe ſaß, gewahren konnte; trotz des erſchrecklichen Getöſes, das um ihn herrſchte, und der unmenſchlichen Schreie, mit denen man ſeine Ohren beſtürmte, drang ein geräuſchvolles Schnar⸗ chen aus den breiten Naſenlöchern des Greiſes hervor. Um dieſer burlesken Seene ein Ende zu machen, ſchüt⸗ telte Herr von Favrolle Herrn de la Botardiére Anfangs ſanft, dann heftig genug, daß der vermeintliche Schläfer nicht länger ſeine Verſtellung fortſetzen konnte; er rief ſeris wie Einer, der plötzlich aus dem Schlafe auf⸗ ährt: „Ich finde es unbegreiflich, daß man es wagt, mich ſo aufzuwecken! Wer erlaubt ſich, meine Ruhe zu ſeren 246 Und ſich an Herrn von Favrolle wendend: S wollen Sie, mein Herr? Ich kenne Sie nicht. Dann zog er ſeine Mütze noch tiefer über die Au⸗ gen, drückte ſich abermals in die Ecke und ſagte: „Das iſt in der That unerträglich!“ „Mein Herr,“ erwiederte Herr von Favrolle, indem er mit der größten Kaltblütigkeit die des 20 Gepäckes dieſes Läſtigen vornahm und es auf die Vor⸗ derbank legte, eine Operation, die den hartnäckigen Uſurpater nöthigte, die Augen zu öffnen, „mein Herr, ich muß die Ehre haben, Ihnen zu bemerken, daß Sie den Platz meiner Schweſter einnehmen, und ich zweifle nicht an Ihrem Eifer, ihr denſelben abzutreten.“ Die Erſcheinung von Herrn von Favrolle im Wa⸗ gen, ſeine höfliche, aber entſchiedene Sprache dämpften ein wenig die Ausgelaſſenheit der Lacher, und Herr de la Botardière rief, indem er ſich an den Beſchützer von Miß Mary wandte: „Mein Herr, mit welchem Rechte legen Sie Hand an meine Effecten? Ich habe zuerſt von dieſem Platze Beſitz ergriffen: das iſt ſchlimm für die Säumigen; ich behalte meine Ecke, meine weißen Haare ermächtigen mich dazu.“ „Niemand achtet mehr als ich die weißen Haare, mein Herr,“ erwiederte Herr von Favrolle, „aber ich habe die Ehre, Ihnen zu wiederholen, daß dieſer Platz meiner Schweſter gehört; Sie werden alſo, wie ich hoffe, die Güte haben, die Ecke zu verlaſſen; ſonſt erkläre ich Ihnen mit aller Ihrem Alter gebührenden Schonung, daß ich, wenn Sie ſich weigern, der Gerechtigkeit meiner Forderung zu entſprechen, zu meinem großen Bedauern genöthigt ſein werde, Sie zu zwingen.“ „Abſcheuliche Reiſe!“ rief der mürriſche Greis, während er wüthend aufſtand. „Oh! wann werde ich in la Botardiére angekommen ſein?“ „Bei meiner Treue!“ ſagte unwillkürlich Herr von Favrolle, „ich wünſche Ihnen, wie Sie ſelbſt, aufrichtig eine baldige Ankunft.“ Dann wandte er ſich gegen die Verfolger des Greiſes um und ſprach mit dem herzlichſten Tone zu ihnen: „Meine Herren, ich reiſe mit meiner Schweſter, erlauben Sie mir, daß ich von Ihrer Artigkeit ein wenig Mäßigung in der Sprache während dieſer langen — —— — 24 ehr erwarte. Ich werde Ihnen äußerſt dankbar dafür ein.“ „Wie, mein Herr!“ erwiederte einer von den Lachern, „das iſt nicht mehr als billig. Achtung vor den Damen.“ „Wir würden daſſelbe fordern,“ ſagte ein Anderer, „wenn wir unſere Schweſter bei uns hätten. Seien Sie ruhig, mein Herr, wir lachen gern, aber wir wiſſen, was man einer jungen Perſon ſchuldig iſt.“ „Ich danke, meine Herren,“ antwortete Herr von Favrolle, „ich erwartete nicht weniger von Ihnen.“ Und er ſtieg wieder aus dem Wagen und ließ Miß Mary einſteigen; dieſe nahm ihren Platz im Fond rechts im Wagen. Ihr vorgeblicher Bruder ſetzte ſich an ihre Seite, und ſein Freund vor ſie. In dem Augenblick, wo das Mädchen zum letzten Mal zum Abſchied William, der ſeine Thränen trocknend da ſtand, zugewinkt hatte, fuhr die Diligenee raſch ab, während einer von den Lachern der Rotonde ſeinen Kopf aus dem Wagenſchlag ſtreckte und mit einer Falſetſtimme hinausrief: „Vorwärts, Poſtillon, vorwärts, wir werden nie nach la Botardiere kommen.“ (Ende des Prologs.) II. Herr und Frau von Morville, Eigenthümer eines ſchönen Gutes in Tyuraine, wohnten hier ſeit einigen Jahren. Herr von Morville, früher Officier von höherem Grade bei der Cavalerie, war ein Mann von fünfund⸗ vierzig Jahren, von einem edlen, ſauften und noch an⸗ genehmen Geſicht, obgleich ſeine Bläſſe andeutete, daß er ſich keiner guten Geſundheit erfreute. Eine von ſeinen alten Wunden, die ſich wieder geöffnet hatte, führte in der That zuweilen beſchwerliche Vorfälle herbei, die er ſo gut als möglich vor ſeiner Frau verbarg. Ein wenig jünger als Herr von Morville, war dieſe nicht hübſch, aber die Lebhaftigkeit, die Anmuth ihrer ausdrucksvollen Phyſiognomie erſetzten die Schönheit, die ihr fehlte. Eines Morgens (ungefähr acht Tage, nachdem Miß Mary Calais verlaſſen hatte), trat Herr von Morpille in den Salon ſeiner Frau einz er ſagte zu ihr, indem er einen offenen Brief deutete, den er in der Hand hielt: „Meine liebe Louiſe, ich habe, wie wir es geſtern Abend verabredet, an meinen Bruder geſchrieben. Ich bringe Dir den Brief; wir werden ihn mit einander durchleſen, und ich ſchicke ihn ab, vorausgeſetzt, daß nach Ueberlegung nicht anderer Anſicht geworden iſ 4 3 „Nein, mein Freund, weit entfernt, denn ſeitdem wir dieſen Entſchluß gefaßt haben, iſt es mir, als hätte ich eine Laſt weniger auf dem Herzen.“ „Höre alſo, was ich meinem Bruder ſchreibe.“ „Mein Gott! wenn der Brief nur nicht zu ſpät nach Dublin kommt!“ 23 „Ich hoffe, er wird wenigſtens noch zur rechten Zeit ankommen. Ich adreſſire ihn durch den in Kurzem abgehenden Courier an das Miniſterium der auswärti⸗ gen Angelegenheiten; er wird übermorgen in der Nacht in Paris ſein und muß in vier bis fünf Tagen beim Conſulat in Dublin anlangen, wenn die Ueberfahrt von England nach Irland nicht durch das ſchlechte Wetter verzögert wird, was wohl möglich iſt. Ich ſchreibe alſo an meinen Bruder.“ Und Herr von Morville las folgenden Brief: „Mein lieber Auguſt, dieſer Brief wird Dich ſehr in Erſtaunen ſetzen; er ſchließt auf eine von meinem Briefe vom 19. völlig entgegengeſetzte Art; aber nach langer und reiflicher Erwägung ſind wir, Louiſe und ich, von der Entſcheidung, die wir Dir als definitiv in Beziehung auf Miß Mary gegeben hatten, wieder abgegangen. Bei jedem Andern, als bei Dir, würde ich das Bedürf⸗ niß fühlen, zu erklären, daß dieſer Umſchlag, ſo unge⸗ ſtüm er Dir ſcheinen mag, weder dem Leichtſinn, noch einer ärgerlichen, zur Gewohnheit gewordenen Unent⸗ ſchloſſenheit bei den wichtigen Dingen des Lebens zuge⸗ ſchrieben werden dürfe. Du kennſt mich, Du keunſt die Charakterfeſtigkeit von Louiſe, Du weißt, daß ihre Zu⸗ neigung für unſere Alphonſine eben ſo zärtlich als er⸗ leuchtet iſt: Du begreifſt alſo, daß wir wichtige Motive haben müſſen, um heute nicht mehr zu wollen, was wir mit Dankbarkeit vor acht Tagen annahmen; mit einem Wort, wir verzichten förmlich darauf, Miß Mary zur Erzieherin zu haben; wir verzichten darauf mit Bedauern, mit großem Bedauern; Alles, was Du uns von dieſer jungen Perſon geſchrieben, gab uns zum Voraus für ſie eben ſo viel Sympathie als Achtung, denn meine Frau und ich, wir haben ein unbegrenztes, blindes, oder vielmehr ſehr verſtändiges Vertrauen zu Deinem vor⸗ trefflichen Urtheil, zu Deinem vollkommenen Takt. Miß Mary war nach Deiner Behauptung eine Erzieherin, wie man nur ſelten eine findet. Dabei ſagte es uns 24 ganz beſonders zu, daß Fräulein Lawſon, da ſie bis jetzt keine andere Erziehung gemacht hat, als die ihrer Schweſtern, ſomit nicht entſchieden einer Partei ange⸗ hören und ohne pädagogiſche Gewohnheit ſein mußte. „Wir hatten alſo die Dienſte von Miß Mary an⸗ genommen, weil ſie uns in allen Punkten anſtändig war: gewohnt an das ruhige und reine Leben auf dem Lande, wo ſie ihre Jugend zugebracht, erzogen durch einen Vater vom ehrenwertheſten Charakter, durch eine Mutter von erhabenem Geiſt und vortrefflichem Gemüth; vollkom⸗ men muſikaliſch, zum Entzücken zeichnend, von einer ſo⸗ liden, umfaſſenden Bildung; gleich tadeklos das Fran⸗ zöſiſche, das Italieniſche, wie das Engliſche ſprechend; von einem ſanften, gleichmäßigen und feſten Charakter von einem Geiſt voll Liebreiz und Heiterkeit (vor dem großen Unglück, das ihre Familie betroffen); ich ſage noch einmal, mein Freund, Du hatteſt uns einen Scha 6 entdeckt und wir hatten ihn angenommen. Wenn ich ſo bei den ſeltenen Eigenſchaften von Fräulein Lawſon verweile, ſo geſchieht es, um Dich zu überzeugen, daß wir dieſelben würdigen, wie ſie gewürdigt werden müſ⸗ ſen, und daß wir, wenn wir auf dieſen Schatz verzich⸗ ten, dies thun, weil wir uns endlich nach einer langen und reiflichen Erörterung entſchloſſen haben, fortan keine Erzieherin mehr für Alphonſine zu nehmen. 3 „Dir die Urſache dieſes Entſchluſſes zu ſagen, mein Freund, würde mich zu weit führen. Wir denken, Du wirſt, wenn Du es für geeignet erachteſt, den vorher⸗ gehenden Theil dieſes Briefes der Familie von Miß Mary mittheilen können; wir drücken hier in aller Aufrichtig⸗ keit unſer lebhaftes Bedauern und unſere gerechte Hoch⸗ achtung für dieſe junge Perſon aus. Sage Herrn und Madame Lawſon, wir ſeien tief gerührt von dem Ver⸗ uen, welches ſie uns dadurch bezeigt, daß ſie uns Miß Mary bewilligt haben, welche in unſerem Hauſe eine wahre Familie gefunden hätte. Du meldeteſt uns in 25 Deinem letzten Briefe in Antwort auf den, wo wir definitiv Dein Anerbieten Fräulein Lawſon betreffend annahmen, ſie werde in vierzehn Tagen von Dublin abreiſen. Dieſer Brief muß rechtzeitig genug bei Dir ein⸗ treffen, daß die Familie von Miß Mary auf eine ent⸗ ſprechende Weiſe von unſerer Entſcheidung in Kenntniß geſetzt werden kann. Ich hätte Dir früher in dieſer Hinſicht zu ſchreiben gewünſcht, aber ich wiederhole Dir, erſt geſtern Abend ſind wir, Louiſe und ich, nach langen Erörterungen einig geworden. „Meine Frau und meine Tochter umarmen Dich. Gerard iſt in die Rhetorik eingetreten. Am Ende des Schuljahrs wird er zu uns kommen, und erſt in zwei Jahren ſchicke ich ihn nach Paris, um ſeine Rechtsſtu⸗ dien zu beginnen. Er iſt noch nicht achtzehn Jahre alt, und es iſt mir nicht unangenehm, daß er ein wenig unter meinen Augen reift, ehe ich ihn den Stürmen des Quartier Latin ausſetze; Du kannſt Dir die Freude ſei⸗ ner Mutter denken denn Du weißt, ob wir es lie⸗ ben und ob wir Gründe haben, es zu lieben, dieſes brave Kind. „Mein Oheim la Botardiére iſt in einer Angele⸗ genheit nach Dünkirchen gegangen; ki unſerer Ein⸗ wendungen wollte er aus Pſnn allein und in der Diligence reiſen; er wird bald auf ſein Gut zurückkom⸗ men und wir werden ihn, wie gewöhnlich, als Nachbar oft hier haben; ich ſehe Dich die Stirne falten, denn Du liebſt es nicht ſehr, wie Du ſagſt, zu Botardia⸗ riſiren. doch wahrhaftig, Du biſt ungerecht: trotz ſeines ein wenig wunderlichen, ein wenig egviſtiſchen Charakters hat unſer Oheim ſein Gutes. „Ich ſage nicht wie Du, boshafter Geiſt, unſer Oheim müſſe ſorgfältig, man weiß nicht wo, verborge⸗ nes Gut haben, inſofern der liebe Gott nicht ſo uner⸗ trägliche Geſchöpfe ohne irgend einen Erſatz erfinde. Ich antworte Dir, Herr Skeptiker, daß dieſer Erſatz ganz 26 gefunden iſt. Der Oheim Grognon*) iſt der Bruder unſerer vortrefflichen und betrauerten Mutter, das genügt in unſeren Augen und in den Deinigen, was Du auch ſagen magſt, um ihn von allen Widerwärtigkeitsſünden zu abſolviren, ſelbſt von derjenigen, welche Du ihm am wenigſten verzeihſt: vom Mißbrauch, den er mit ſeinen weißen Haaren treibt. Das iſt ein wenig wahr und es erinnert mich daran, daß er, als ich beim Regiment war, die Wuth hatte, mich immer mit ſich in's Theater zu ſchleppen. Er zeigte ſich häufig gegen ſeine Nachbarn ſehr unbeguem und herausfordernd, doch bei der geringſten Bemerkung rief er: „Mein Herr, Sie beleidigen meine weißen Haare! Mein Neffe hier, Officier bei den Dragonern, wird Sie an Ihren Platz weiſen!“ — So war dieſer theure Oheim Schuld, daß ich zwei bis drei Degen⸗ ſtiche in Vertheidigung meines Leibes gegeben oder em⸗ pfangen habe. Wie dem auch ſein mag, für den, wel⸗ cher ihn zu nehmen weiß, hat er wahrhaft Gutes, und, ohne eine käufliche Seele zu haben, kann ich unſern Oheim nicht verhindern, ſehr reich, Junggeſelle zu ſein und uns in ſeinen heiteren Augenblicken zu ſagen, es mache ihm eine Freude, zu denken, immer zunehmend durch ſeine Oekonomie (ich ſehe Dich lachen, Un⸗ dankbarer), werde ſein Vermögen das Erbtheil Deiner Kinder und der meinigen ſein. „Gewiß, die Habgier hat keinen Antheil bei den Rückſichten, die wir gegen ihn beobachten; wäre er mor⸗ gen arm wie Hiob, ſo würden wir doch mit verdoppelter Zuvorkommenheit und Ehrerbietuhg den Bruder unſerer vielgeliebten Mutter aufnehmen. „Gott befohlen, mein lieber Auguſt. Unſere Ein⸗ ſamkeit wird uns immer theurer, und wir freuen uns bei dem Gedanken, daß in zwei Jahren unſere angehäuften *) Murrkopf. 27 Erſparniſſe eine ſchöne und gute Mitgift für unſere Alphonſine gebildet haben werden. Der Augenblick rückt heran, wo wir darauf bedacht ſein müſſen, dieſes liebe Kind häuslich zu verſorgen, und in dieſer Hinſicht erin⸗ nerſt Du Dich eines meiner alten Freunde und Regi⸗ mentskameraden, des Herrn von Favrolle? Ich habe ihn kürzlich in Paris getroffen, wo ich einige Tage zubrachte; wir ſprachen von der Familie, denn er hat einen Sohn von zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, der mit Gerard in einem Collége geweſen iſt. Dieſer war unter den Kleinen, während der Sohn von Favrolle unter den Großen war. „Deine Tochter iſt ſechszehn Jahre alt,““ ſagte Favrolle zu mir, „„warum ſollten wir nicht einſt daran denken, ſie mit meinem Sohn zu verheirathen 2““ Ein Luftplan, wirſt Du mir ſagen, doch Favrolle hat große Güter im Norden, er iſt ein vollkommen wackerer Mann, und wenn ſein Sohn ihm gleicht . . . Aber genug hievon: ich will Dir hier nicht die Fabel von dem Milchmädchen und dem Milch⸗ topf wiederholen. Das Wichtige iſt, daß wir vor Allem Alphonſine eine gute Mitgift ſichern; wir ſtreben dar⸗ nach, ohne deshalb das geringſte Opfer zu bringen; wir leben hier als eine hohe Herrſchaft mit dem vierten Theil von dem, was wir in Paris ausgegeben haben; die Zurückgezogenheit iſt ſo zur feſten Gewohnheit bei uns geworden, daß man wohl überzeugt ſein kann, wir wer⸗ den, wenn die Mitgift von Alphonſine gemacht und voll⸗ kommen iſt, an der von Gerard zu arbeiten aufangen. „Du haſt uns beinahe auf Deine Gegenwart, ſowie auf die Deiner Frau und Deiner Kinder für das nächſte Frühjahr hoffen laſſen; wir zählen Alle darauf, Frau Pivolet mit einbegriffen, welche uns fortwährend in unſeren Mußeſtunden ergötzt und zuweilen ungeduldig macht durch ihre fabelhaften Erfindungen und Phan⸗ taſien, über die Du ſo oft bis zum tollſten Gelächter erſtaunt warſt. Zum Glück hat unſere Alphonſine, in⸗ dem ſie die Milch dieſer wenig wahrhaften Amme ein⸗ 28 ſaugte, nicht dieſe wunderbare Macht der Uebertreibung geerbt, mittelſt welcher die unverbeſſerliche Pivolet die Zaubergabe hat, eine Milbe in einen Elephanten und ein Nießen in einen Donnerſchlag zu verwandeln. „Noch einmal Lebewohl, mein Freund, wir zählen blindlings auf Dich als unſern Dolmetſcher bei Miß Mary und ihrer Familie; Du wirſt uns entſchuldigen und ſogar bei ihr vertheidigen, ſollte Miß Mary irgend etwas Unverbindliches in der Veränderung unſerer In⸗ tentionen finden, welche ſich in den zwei Worten zuſam⸗ menfaſſen: Wir ſind entſchieden, keine Erzie⸗ herin mehr für Alphonſine zu nehmen; jonſt hätten wir mit Glück, mit Dankbarkeit die Bemühungen von Fräulein Lawſon angenommen. „Umarme zärtlich für uns Deine Frau und Deine Kinder und antworte mir umgehend. „Herzlich Dein Bruder „A. von Morville.“ MI. Frau von Morville, nachdem ſie ſtillſchweigend den Brief ihres Mannes angehört hatte, ſagte zu ihm: „Dieſer Brief iſt vortrefflich, mein Freund, und wenn ich auch eine außerordentliche Empfindlichkeit bei Miß Lawſon und ihrer Familie annehme, ſo iſt dieſe Emfind⸗ lichkeit doch durch die Art, wie Du im Ganzen den wirk⸗ ſn Stand der Dinge darſtellſt, ſo viel als möglich ge⸗ chont.“ „Meine liebe Louiſe, Du biſt alſo ganz entſchieden? Ich kann dieſen Brief abgehen laſſen? Bedenfe, nach einer ſo förmlichen Zurücknahme wäre es nun unmöglich, Miß Lawſon wieder zu verlangen.“ „Was ſoll ich Dir ſagen, mein Freund, ich habe einen abſcheulichen Fehler: ich bin eine eiferſüchtige Mut⸗ 29 ter! Nein, ſiehſt Du, ich vermöchte Dir nie auszudrücken, was ich Alles in der Stille während dieſer letzten drei Jahre gelitten habe: unabläſſig als Dritte eine Freinde zwiſchen mir und meiner Tochter ſehen!“ „Louiſe, Louiſe,“ erwiederte Herr von Morville mit dem Ausdruck eines ſanften Vorwurfs, „ich habe Dich oft in dieſer Hinſicht ausgezankt. Aus einem vortreff⸗ lichen Gefühle, Deiner Anbetung für Deine Tochter her⸗ vorgegangen, iſt dieſe Eiferſucht nicht vernünftig. Wie ſo viele andere Frauen, haſt Du nicht die genügende Er⸗ ziehung erhalten, um Deine Tochter in der Muſik, im Zeichnen, in den fremden Sprachen zu unterrichten; das iſt ein kleines Unglück; man muß ſich darein fügen.“ „Nein, das iſt . das iſt ein großes Unglück, mein Freund. Ahl wie oft habe ich über meine Unfü⸗ higkeit geweint! Eine Mutter müßte ihrer Tochter die Nahrung des Geiſtes geben, wie ſie ihr das Leben des Leibes gibt.“ „Das müßte man wohl mehr wünſchen; es wäre auch beſſer geweſen, wenn ich hätte Gerard erziehen kön⸗ nen; wir würden ihn bei uns behalten haben; doch ich wiederhole Dir, der Unmöglichkeit ſetzen wir die Reſig⸗ nation entgegen; wir bewohnen dieſes fünfzehn Meilen von Tours entfernte Gut und konnten daher keine Pro⸗ feſſoren für Alphonſine hierher kommen laſſen; wir muß⸗ ten eine Lehrerin in das Haus nehmen; thaten wir dies nicht, ſo hätten wir unſere Tochter durch ihre Erziehung tief unter allen jungen Perſonen ihrer Geburt bleiben ſehen, und für die Zukunft wäre dies wichtig geweſen. Viele Männer ſuchen in unſern Tagen, und zwar nicht ohne Grund, bei ihrer Frau die Annehmlichkeitstalente, eine umfaſſende, vielſeitige Bildung.“ 3 „Dieſe Talente, dieſe Bildung beſitzt Alphonfine „Sie beſitzt ſie ungefähr.“ „Sie kann allein arbeiten und wird nichts von dem verlieren, was ſie gelernt hat.“ „Ich hoffe es; doch wir dürfen uns nicht verleug⸗ nen, ihre Erziehung iſt entfernt noch nicht vollendet.“ „So viele Frauen wiſſen weniger als ſie.“ „Gewiß, und beſſer als irgend Jemand haſt Du mir immer bewieſen, theure, gute Loniſe, daß die Er⸗ hahenheit des Charakters und die Güte des Herzens Er⸗ ſatz für Alles gewähren können.“ „Nun alſo 2« verſetzte Frau von Morville. Dann fügte ſie lächelnd bei: „Dieſes nun alſo? iſt allerdings ſehr hoffärtig, mein Freund; doch ich wende es auf meine Tochter an, und ich will ſie viel lieber etwas weniger gelehrt ſehen, als die Qual einer albernen, aber ſchmerzlichen Eiferſucht rdulden. Kurz, ſoll ich es Dir ſagen, die Liebe zur Geſellſchaft, die Du bei mir ermuthigſt, ſtatt ſie zn tadeln. * „Warum ſollte ich Dich tadeln, liebe Louiſe,“ ſprach liebevoll Herr von Morville, „iſt es nicht natürlich, daß Du einige Zerſtreuung in der Geſellſchaft unſerer Nachbarn ſuchſt? Dein Leben wäre ſonſt ſo einſam, ſo traurig!“ »Dieſes Leben, Du erträgſt es wohl.“ „Ich ertrage es nicht nur, ſondern es ſagt mir ſogar zu; meine Geſundheit iſt nicht ſehr kräftig; ich liebe die Zurückgezogenheit, die Studien, doch ich wäre nicht Barbar genug, um Dich Deiner Vergnügungen zu berauben, weil es andere ſind, als die meinigen.“ „Wahrhaftig, mein Freund, trotz meines Geſchmackes für die Welt, würde ich die Vergnügungen weniger auf⸗ ſuchen, wenn ich meine Tochter mehr für mich hätte; ja, und ſehr oft laſſe ich mich hinreißen, einige Tage länger bei unſern Nachbarn zu bleiben, weil ich mir ſage: Im Ganzen bedarf meine Tochter meiner nicht; hat ſie nicht ihre Erzieherin? und dann wird mein Herz von Eiferſucht zernagt.“ „Höre, Louiſe, konnteſt Du ernſtlich auf unſere letzte Erzieherin, die arme Plle. Lagrange, eiferſüchtig ſein? 3¹ Konnteſt Du die Zuneigung, welche Deine Tochter für ſie hatte, mit der vergleichen, die ſie für Dich hegt!“ „War meine Tochter nicht öfter mit ihrer Erzieherin, als mit mir, ſchlief ſie nicht bei ihr, lebte ſie nicht be⸗ ſtändig bei ihr? Theilte nicht Mlle. Lagrange Alles mit ihr, bis auf die damals beinahe noch kindiſchen Spiele von Alphonſine, was mir mein Mutterernſt nicht erlaubte? War nicht .. .“ „Warum unterbrichſt Du Dich?“ „Nun ja, ſo peinlich es zu geſtehen iſt, ich kann ge Dir zu dieſer Stunde ſagen, da wir entſchloſſen ſind, keine Erzieherin mehr zu nehmen, denn im Ganzen bin ich keine böſe Frau.“ „Oh. nein!“ „Oh! nein? Du weißt es nicht und ich auch nicht. * Das macht Dich lachen; Du haſt Unrecht, denn war es ein gutes oder ein ſchlimmes Gefühl, daß mich, nicht ein Bedauern, ſondern eine Art von beinahe gehäſſigem Neid erfaßte, da ich eine Fremde meine Tochter lehren ſah, was ſie nicht zu lehren vermochte? War es ein gutes Gefühl, wenn ich mir mit Bitterkeit ſagte: Dieſe Fremde ſteht über mir in den Augen meiner Tochter in einer gewiſſen Hinſicht, denn gegen dieſe Erzieherin bin ich, die ich weder die Muſik, noch das Zeichnen, noch eine fremde Sprache, noch ſo viele andere Dinge verſtehe, eine Unwiſſende, eine Dumme, und trotz ihrer Zärtlichkeit für mich muß meine Tochter das Gefühl meiner Nichtigkeit haben 26 „Louiſe,“ ſagte lachend Herr von Morville, „das iſt Uebertreibung nach Art von Frau Pivolet, nimm Dich in Acht!“ »Mein Freund, Du haſt Unrecht, daß Du ſcherzeſt; ich ſpreche im Ernſte von tollen, aber grauſamen Leiden, von denen ich mich zu zerſtreuen ſuchte, indem ich zahl⸗ reiche Einladungen von unſeren Nachbarn annahm, während Du mit Deinen Büchern allein hier bliebſt. Dieſe Leiden, Du haſt ſie nicht geahnet; ich ſchämte * 3 mich derſelben, ich ſuchte ſie zu bezingen, nichts von dem, was ich empfand, durchdringen zu laſſen, denn dieſe arme Mile. Larange war das gute Lamm Gottes; unwillkürlich aber vergaß ich mich zuweilen in Bitter⸗ keiten, in albernen Ironien, welche jedoch ihr Ziel tra⸗ fen; ich ſah es an der plötzlichen Traurigkeit dieſer vortrefflichen jungen Perſon, und das iſt noch nicht Alles „ Herr von Morville hatte Anfangs beinahe ſcherzend ziſe ſeiner Frau aufgenommen, doch er ſ ien n ebenſo betrübt als erſtaunt und ſagte: . „Louiſe, Du ſprichſt ſo? Du, deren vortreffliches Herz ich ſo oft geſchätzt, bewundert habe!“ Ihr Männer, Ihr werdet nie etwas von dem Herzen einer Mutter verſtehen; zum Glück ſind nicht alle Mütter wie ich; doch ſo wie ich bin, ſo bekenne ich mich; d wirſt auch nicht begreifen, daß es eine andere Eifer⸗ ſucht von mir war, meine Tochter eben ſo ſehr als mich unter ihrer Etzieherin zu ſehen, mir zu ſugen: dieſes arme Mädchen, geboren in der Loge eines Portier, da der Vater von Wlle. Lagrange Hausmeiſter der Penſion war, wo ſie erzogen worden iſt, dieſes arme Mädchen ohne Namen, ohne Vermögen iſt und wird ſein in allen Dingen der Kunſt und des Wiſſens unendlich mei⸗ ner Tochter überlegen, welche eines Tags fünfzigtauſend Livres Einkünfte bekommen wird! Soll ich Dir etwas noch Schlimmeres geſtehen? Was mich dieſe arme Mlle. Lagrange dulden ließ, iſt der Umſtand, daß ſie häßlich war wie die ſieben Todſünden; wäre ſie hübſch oder hübſcher als Alphonſine geweſen, ſo hätte ich unwill⸗ kürlich einen Haß gegen ſie gefaßt. „Kurz, ich muß es mir wohl geſtehen, das Reſul⸗ tat von Allem dem iſt geweſen, daß Mlle. Lagrange das Haus unter dem Vorwand geſchwächter Geſundheit u verlaſſen verlangt hat .. ein wahrer Vorwand. ſuprigen⸗ darf ich mir die Gerechtigkeit widerfahren kaſſen, ich hätte eher bis zum Ende gelitten, als dieſe 3 vortreffliche Perſon weggeſchickt, ich war von einem peinlichen Gewiſſensbiß befreit, da ich ſie durch unſere dringenden Empfehlungen in einem guten Hauſe unter⸗ gebracht wußte.“ „ch! Louiſe, wie ſehr haben wir Recht gehabt, Miß Marh auszuſchlagen; das arme Mädchen! wenn es zufällig hübſch geweſen wäre! was ich nicht weiß, denn ich muß ſagen, bis jetzt hat mir dies bedeutungs⸗ los geſchienen „Miß Marh? Ach! ich geſtehe nun, aus tauſend Gründen hätte ich ihr Mlle. Lagrange mein Gott, dies Alles iſt kindiſch, lächerlich, abſcheRlich ſogar, ich weiß es, denn Dir, zu dem ich ein blindes Vertrauen hege, habe ich den größten Theil dieſer bit⸗ teren Empfindungen, deren ich mich ſchäme, verborgen, noch glücklich, wenn ſie nur mich gepeinigt! Doch nein, Vlle. Lagrange hat ohne Zweifel die tauſend hinter⸗ hältiſchen Plackereien nicht aushalten können, und ſie verließ das Haus; ich mochte es immerhin, in meiner Reue, ſie verletzt zu haben, verſuchen, ſie ihren Kummer durch Zuvorkommenheiten, durch einige Geſchenke ver⸗ geſſen zu machen, das war ein ſchüchternes Herz, und mit ihrer unveränderlichen Sanftmuth fand ſie das Mittel, ohne bei mir anzuſtoßen, die Entſchädigungen, die ich ihr bot, nicht anzunehmen. Dies ſind aber die Folgen meines unglücklichen Charakters; es wäre eben ſo bei Fräulein S denn ich verberge es mir nicht, dieſes Zurückweiſen von unſerer Seite Hier unterbrach ſich Frau von Morville, und ſie fügte dann mit einem Ausdruck von Aufrichtigkeit, der ihrem ſo belebtem Geſichte einen rührenden Zauber verlieh, bei: „Nein, im Ganzen bin ich keine böſe Frau, ich fühle es wohl. Auch bemerke ich zum Glück zur rechten Zeit, daß wir etwas ſehr Wichtiges in dem Brief an Deinen Bruder vergeſſen haben.“ „Was denn?“ Miß Marh. 3 „ „Eine Nachſchrift.“ „Worüber?“ „Dein Bruder hat uns geſagt, der Platz, den wir Fräulein Lawſon anbieten, werde nicht nur zwei bis drei Jahre die Eriſtenz dieſer jungen Perſon ſichern, ſon⸗ dern beinahe die Geſammtſumme ihres Gehaltes ſolle von hier nach Dublin geſchickt werden, um ihrer Mutter und ihren vier Schweſtern, armen Geſchöpfen, welche ſehr zu beklagen ſind, zur Unterſtützung zu gereichen.“ „Louiſe, da Dein vortreffliches Herz von ſelbſt die⸗ ſem Einwurf entgegenkommt, ſo geſtehe ich Dir, daß das Einzige, was mich bei der Veränderung unſeres Ent⸗ ſchluſſes peinigte, der Gedanke war, dieſe ſo ſehr der Theilnahme würdige Familie einer Hülfsquelle beraubt u ſehen, auf welche ſie gerechnet hatte. Ich hatte ſcor das Mittel geſucht, um „ „ „Vollende nicht, mein Freund, dabei blutet mir das Herz Doch höre meinen Plan: wir wollen zweitauſend vierhundert Franken jährlich auf den Ge⸗ halt von Miß Mary verwenden. Nicht um Erſparniſſe zu machen, haben wir auf ſie verzichtet.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Gäbe es kein Wittel, dieſe Familie zu bewegen, als theilweiſen Erſatz, ich will nicht ſagen als Ent⸗ ſchädigung, die zweitauſend vierhundert Franken auf zwei bis drei Jahre anzunehmen?“ „Unmöglich, Du haſt den Brief meines Bruders ge⸗ leſen: nichts iſt ehrenhafter ſtolz, als der Charakter von Herrn Lawſon; er würde nicht nur kein Almoſen annehmen, ſondern er wäre grauſam verletzt von einem ſolchen Anerbieten.“ „Wie fehlt Dir in dieſem Augenblick die Einbil⸗ dungskraft von Frau Pivolet, mein armer Freund!“ ſagte lächelnd Frau von Morville. „Du machſt mir Luſt, ſie holen zu laſſen.“ „Erkläre Dich.“ S. „Bin ich ſo unvernünftig, daß ich daran denke, 35 Herrn Lawſon oder ſeiner Tochter ein jährliches Almoſen anzutragen? Gibt es nicht andere Mittel, um zu machen, daß dieſer Dienſt angenommen wird? Und in dieſer Hinſicht ſage ich, es fehle Dir die Einbildungskraft von Frau Pivolet und mir auch, ich muß es geſtehen; denn bis jetzt finde ich nichts. Doch warte nur... ſieh ein wenig . Wenn man nur den magiſchen Namen von Pivolet ausſpricht, kommen die Erfindungen. Alphon⸗ ſine fängt an Engliſch zuſ ſprechen; Dein Bruder, dem Du unſere Verlegenheit in einer Nachſchrift mittheilen wirſt, muß ein paar gute engliſche Bücher, welche noch nicht in's Franzöſiſche überſetzt ſind, ſuchen und finden; begreifſt Du2“ „Ein vortrefflicher Gedanke! Er wird Miß Mary Sen ſie zwiſchen den Zeilen für Alphonſine zu über⸗ etzen.“ „Und wir werden für dieſe Arbeit den Preis beſtim⸗ men, der uns beliebt; das mißtrauiſchſte Zartgefühl wird nichts hiegegen einzuwenden haben.“ „Ach! Frau Louiſe, und Sie ſagen, Sie ſeien zu⸗ weilen eine böſe Frau!“ Nein; doch es iſt immer vernünftiger, man ver⸗ meidet die Gelegenheiten, zu fehlen. Du billigſt alſo meinen Gedanken 26 „Ich gehe, um ſchleunigſt das Poſtſeriptum beizufü⸗ gen und meinen Brief zu verſiegeln.“ In dem Augenblick, wo Herr von Morville den Sa⸗ lon ſeiner Frau verlaſſen wollte, trat Fräulein Alphonſine von Morville bei ihrer Mutter ein. vMein Kind,“ ſagte ihr Vater lächelnd, „ich ſchreibe an Deinen Oheim; haſt Du keinen Auftrag an ihn, keine Contrebande von ihm zu verlangen? Du weißt, er betitelt ſich: der Schmuggler von Fräulein von Morville. Ein Conſuk von Frankreich! So iſt es, wenn man eine Nichte hat!“ „Nein, mein Vater, ich will nicht ſo vft die Güte des lieben Oheims mißbrauchen; ich bitte S6 nur, ihn, 36 ſo wie meine Tante und ihre Kinder herzlich von mir zu grüßen.“ „Oh! das iſt ſchon geſchehen; dann habe ich nur noch meinen Brief zu ſchließen, wohlverſtanden, nachdem ich ihm unſer Poſtſeriptum beigefügt,“ ſagte er, ſich an ſeine Frau wendend, die er mit ſeiner Tochter allein ließ. V. Fräulein von Morville war ſechszehn Jahr alt; ſie glich viel ihrer Mutter. Ohne hübſch zu ſein, fehlte es ihrem Geſichte doch weder an Anmuth, noch an Aus⸗ druck; man las darin beſonders die Reinheit ihrer Seele und die Offenherzigkeit ihres Charakters. ihr Vater weggegangen war, ſagte Fräulein von Morville zu ihrer Mutter: „Mama, bezieht ſich der Brief, den mein Vater an meinen Oheim geſchrieben hat, auf Miß Lawſon?“ „Ja, mein Kind.“ „Es iſt nun entſchieden, ſie kommt? „Oh! mein Gott, welch ein ſchwerer Seufzer!“ ſagte Frau von Morville lächelnd. „Du fürchteſt alſo; ſehr die Ankunft Deiner neuen Erzieherin?“ „Fürchten, das iſt ſtark; doch wenn ich die Wahl häie „Laß hören!“ „Ich würde lieber ohne Erzieherin bleiben.“ „Die arme Mllle. Lagrange war doch keine Ty⸗ rannin.“ „Sie! oh! nein. Es gab keinen beſſeren Charakter als der ihrige; und dann war ſie ſo liebevoll gegen mich, eine wahre Schweſter.“ „In der That, Ihr konntet einander kaum entbeh⸗ ren, meine Alphonſine, und Du warſt viel öfter mit ihr, als mit mir.“ 37 „Das iſt ganz einfach; die Zeit meiner Studien .. „Und während Deiner Recreativnen auch.“ „Konnte es anders ſeyn? Hätteſt Du mit mir Lau⸗ fen oder Federball oder ſogar mit der Puppe geſpielt? Denn weißt Du, noch vor zwei Jahren ſpielte ich mit der Puppe?“ „Und Mlle. Lagrange ſpielte mit Dir. Ihre Ge⸗ fälligkeit war grenzenlos, dieſe Gerechtigkeit muß man ihr widerfahren laſſen.“ „Ja, wenn ich ſie durch meine Arbeit befriedigt hatte; ſonſt war ſie ſtreng. Doch auch immer gerecht, und ſo gut, ſo ſchüchtern, mit Allem zufrieden, nie ſich beklagend.“ „Ich weiß im Ganzen nicht, worüber ſie ſich hätte beklagen können. Doch Du bedauerſt es, ſie verloren zu haben?“ „Gewiß. Denn ehe man wieder eine ähnliche Leh⸗ rerin findet . .. Deine Miß Lawſon wird ihr nicht an Werth gleich kommen.“ „Du glaubſt?“ „Mama, ich verſichere Dich, daß Du Mlle. Lagrange nie erſetzen wirſt. Beurtheile doch; ein ſo guter Cha⸗ rakter, und dann ſo unterrichtet, ſo viel Talent für die Muſik, für die Malerei . und wie weiß ſie, um zu lehren, ſich immer unſerer Faſſungskraft anzupaſſen, zu uns herabzuſteigen!“ „Wie, herabſteigen ?“ »Ach! Mama, was das Wiſſen betrifft, ſo wird ſie immer, ſo zu ſagen, eine Fürſtin gegen mich ſein. Und ſie war doch die Tochter des Portier der Penſion, wo ſie erzogen worden! ſie verbarg ſich das nicht im Mindeſten!“ Weit entfernt hievon, affectirte ſie ein wenig, wie mir ſcheint, von ihrer niedrigen Geburt zu ſprechen.“ „Sie, affectiren! Oh! Mama, das iſt ein Irrthum. Wenn ſie zufällig von ihrer Familie ſprach, ſo geſchah es, weil das Geſpräch hierauf kam. Uebrigens höre, 38 wäre Mlle. Lagrange ſtolz geweſen, ſo hätte ſie das Recht dazu gehabt.“ „Stolz, worauf? Doch nicht auf ihr Geſicht, das arme Mädchen .. „Nein, das iſt wahr; aber weißt Du, daß es ſehr ſchön iſt, Erzieherin zu ſein, ſich ſo durch ſeine Arbeit ſelbſt genügen und noch ſeine Familie unterſtützen zu können? Ich frage Dich ein wenig, wie ich es, zum Beiſpiel, an ihrer Stelle machen würde, Mama?“ 1 „Die Antwort iſt ſehr einfach, liebes Kind. Wäreſt Du an der Stelle von Vllle. Lagrange, ſo würdeſt Du es machen wie ſie und wie ſo viele andere junge Per⸗ ſonen voll Muth, Wiſſen und Herz; Eigenſchaften, welche Mlle. Lagrange beſaß, denn Du weißt, mein liebes Kind, wir hatten die größte Achtung für ſie. „Allerdings, Du warſt vortrefflich gegen ſie, mein Vater auch, und ich, ich liebte ſie wie eine Schweſter.“ „Dergeſtalt, daß ich Dich während der erſten Tage, die auf ihre Abreiſe folgten, oft weinen ſah und Dich ſeitdem traurig finde; die Geſchichten Deiner Amme Pi⸗ volet, und ſie feiert nie, unterhalten Dich kaum ein wenig.“ „Was willſt Du, Mutter, ſich trennen nach drei Jahren des vertraulichſten Umgangs, das läßt Kum⸗ mer zurück.“ „ „Dieſe Empfindſamkeit macht Deinem Herzen Ehre; doch mir ſcheint, meine Alphonſine, Du und ich, wir können in unſerer Zärtlichkeit die Mittel finden, uns über die Abreiſe einer Fremden zu tröſten.“ „Eine Fremde!“ verſetzte Alphonſine naiv, „ſage doch eine Freundin, eine Schweſter.“ „Gut! Aber eine Mutter . . . kommt doch wenig⸗ ſtens einer Freundin, einer Schweſter ſogar gleich.“ „Läßt ſich das vergleichen?“ ſagte das Mädchen mit einer bezaubernden Anmuth, ſeine Mutter küſſend; „ver⸗ hindert es einen, wenn man ſeine Schweſter liebt, ſeine Mutter anzubeten?“ 39 „Liebes Kind,“ erwiederte Frau von Morville mit einer füßen Gemüthsbewegung, „nie habe ich an Dei⸗ ner Zärtlichkeit gezweifelt; nur weiß ich, daß eine Mut⸗ ter, ſo ſehr ſie auch geliebt ſein mag, ſchwer eine Ge⸗ fährtin für ihre Tochter ſein kann.“ „Mein Gott! nein, das iſt etwas ſo ganz Anderes.“ „Ich weiß es, mein Kind.“ „So biſt Du, nicht wahr, Mama, gegen mich ſo liebe⸗ voll als möglich; Du flößeſt mir aber immer Ehrfurcht ein; es gibt tauſend Nichtſe, tauſend Tollheiten, tauſend Alhernheiten, wenn Du willſt, die ich Dir nie zu ſagen wagen würde, während ſie uns beluſtigten und bis zu Thränen mit der armen Lagrange lachen machten; und dann die endloſen Plaudereien in den Erholungsſtunden, unſere Spiele ſogar, denn ſie war ſehr Kind, wenn ſie ſich dazu hingab; Alles dies machte, daß mit ihr die Zeit der Studien verging wie ein Traum und die der Erholung wie ein Blitz.“ „Allerdings,“ ſprach Frau von Morville mit einem gezwungenen Lächeln, denn dieſe eiferſüchtige Mutter litt, trotz aller Anſtrengungen ihres geſunden Verſtandes .. „und ich . ich erfreute mich der Geſellſchaft dieſer Fräu⸗ lein nur bei unſerer Promenade vor Tiſche oder am Abend bis zur Theeſtunde . Dann gingſt Du ſchlafen 8 im Zimmer Deiner Erzieherin. Doch kommen wir auf Miß Mary zurück.“ „Ich bitte Dich, Mama, ſprich nie hievon, es wird immer noch Zeit genug ſein, daran zu denken, wenn ſie e angekommen iſt.“ „Warum dieſes Vorurtheil ?“ Weil ich ſie von hier aus ſehe, Deine Miß Marh: eine große Engländerin mit kalter, verdrießlicher Miene, und wenn ſie je ſo geſellig wird, um ſich zu einem Lächeln herbeizulaſſen, ſo lange Zähne zeigend .. „Das Portrait iſt nicht ſchmeichelhaft.“ »Wäre ſie übrigens ein Phönir, nie wird ſie für mich meine Mademviſelle Lagrange erſetzen⸗ Ich — — — „ S — 40 ſage Dir auch zum Voraus, ich ſtehe Dir durchaus nicht dafür, daß ich Peu⸗ Miß Mary befriedige . „Höre, mein Kind, ich will Dich ſehr glücklich machen.“ „Wie dies 2“ „Der Brief Deines Vaters an Deinen Oheim ſagt die Ankunft von Miß Mary ab.“ „Wahrhaftig! welch ein Glück!“ rief das Mädchen freudig. Dann ſch beſinnend: „Und ich weiß nicht ein⸗ mal, ob ich mich freuen ſoll, ich werde vielleicht beim auſch verlieren. Du haſt alſo Jemand im Auge, um Miß Mary zu erſetzen?“ „Nein, nein, wir haben Niemand.“ „Niemand?“ „Dein Vater und ich, wir haben beſchloſſen, daß Du fortan keine Erzieherin mehr haben ſollſt. Biſt Du nun zufrieden ?“ „Oh! gewiß!“ Dann mit Ueberlegung: „Aber Mama, wer wird denn meine Erziehung vollenden?“ „Du ſelbſt, mein Kind. Du biſt nun ſtark genug in der Muſik, Du zeichneſt gut, Du verſtehſt genug das Engliſche und das Italieniſche, um ſelbſt zu arbei⸗ ten. Wenn ich ſage allein, nein, ich werde meine Ent⸗ ſchädigung nehmen,“ ſprach zärtlich Frau von Morville, — „ich werde Dich nicht verlaſſen. Leider bin ich nicht im Stande, eine Erzieherin zu erſetzen, doch ohne muſt⸗ kaliſch zu ſein, habe ich ein ſo gutes Gehör, daß ich Dich wohl darauf aufmerkſam machen kann, wenn Du Noten überſpringſt oder falſch jingſt; ich kann nicht zeichnen, aber ich werde wohl ſehen, ob das, was Du copirſt, mehr oder minder Deinem Modell gleicht. Was die Geſchichte und die Geographie betrifft, ſo werde ich mit Büchern die Kenntniſſe erſetzen können, die mir leider fehlen. Und dann,“ fügte Frau von Morville mit rührender, beinahe bis zu Thränen bewegter Stimme bei, „Du wirſt nachſichtig ſein, nicht wahr? Du wirſt meinen guten Willen berückſichtigen; kurz, ich werde mir 3 1 4¹ Mühe geben, daß Du Dich nicht zu ſehr nach Deiner Erzieherin zurückſehnſt.“ „Du wirſt ſie mir im Gegentheil zurückgeben,“ rief das Mädchen voll Innigkeit, indem es ſeiner Mutter um den Hals fiel; „ich werde ſie in Dir lieben, wie ich Dich in ihr lieben werde.“ „Und ich werde nicht nur Deine Arbeiten theilen,“ ſagte Frau von Morville, indem ſie mit unausſprech⸗ luhem Glück die Umarmung ihrer Tochter erwiederte, „ſondern ich werde auch Beine Recreationen theilen. Du wirſt ſehen, daß ich nicht ſo ſehr Mutter bin, als es den Anſchein hat, und daß ich ganz wie eine Andere heiter, lachend, eine gute Geſellſchafterin ſein kann. Und dann, die zuweilen verlängerten Abweſenheiten, die ich machte, um den Einladungen unſerer Freunde in der Nachbarſchaft zu entſprechen, und über die Du Dich ſo freundlich beklagteſt, ich werde ſie nicht mehr machen. Alle meine Augenblicke ſollen Dir gewidmet ſein; kurz, ich werde danach trachten, die verlorene Zeit wieder zu gewinnen.“ Plötzlich wurden geräuſchvolle Tritte und Schreckens⸗ ſchreie im anſtoßenden Salon hörbar; Frau von Mor⸗ ville und ihre Tochter ſtanden beſorgt auf und ſahen verwirrt, beſtürzt, eine dicke, kleine Frau eintreten, welche mehr zu rollen als zu gehen ſchien; ſie trug einen Schlüſſelbund an ihrem Gürtel und ihre gefaltete Haube ließ die ewige Friſur eines Tour ſo ſchwarz wie Tinte ſehen. So war Frau Pivolet, früher Amme von Al⸗ phonſine und nun Beſchließerin. Sie trat haſtig ein, ſtreckte die Hände zum Himmel empor und rief: „Oh! Madame, welch ein Unglück! Herr de la Bo⸗ tardiere! Welch ein gräßliches Ereigniß 36 Und ohne mehr zu ſagen, fiel ſie in einen Lehnſtuhl und warf ihren Kopf zurück, als wäre ſie ohnmächtig. Immer mehr beängſtigt, obgleich ſie ſchon mehrere Male durch die Uebertreibungen der Beſchließerin bethört wor⸗ 42 den waren, näherten ſich dieſer Frau von Morville und ihrer Tochter, und ihre Gebieterin ſagte lebhaft zu ihr: „In des Himmels Namen! Frau Pivolet, ie Sie . Was iſt vorgefallen? was iſt Herrn de la Bo⸗ tardiere begegnet?“ „Mein Oheim iſt alſo von der Reiſe zurück?“ fragte das Mädchen ſeine Amme. „Antwortet doch!“ „Oh! Madame, oh! mein Fräulein,“ erwiederte die Beſchließerin mit einer ſchmerzlichen Niedergeſchlagenheit den Kopf ſchüttelnd: „es iſt vorbei!“ „Was iſt vorhei?“ „Es iſt entſetzlich! . . . Der unglückliche Herr de la Botardière. Er hatte (mit Achtung von ihm zu ſpre⸗ chen) einen ſehr ſchlimmen Charakter. . . aber der arme liebe Mann, ein ſolches Schickſal!“ „Mein Oheim iſt alſo hier?“ rief das Mädchen. „Ein ſo ſchönes Alter!“ verſetzte Frau Pivolet mit kläglichem Ton. „Noch ſo friſch für ſein Alter!“ „Endigen Sie doch,“ ſagte Frau von Morville. „Es iſt abſcheulich, uns ſo in der Angſt zu halten. Sprechen Sie, was iſt geſchehen 2“ „Verzeihen Sie, Madame, doch die Erſchütterung. .. das entſetzliche Schauſpiel!“ »Mama, ich habe keinen Blutstropfen in den Adern.“ „Ich auch nicht, das verſichere ich Dich. Sprechen Sie doch, Frau Pivolet.“ „Ich war ſo eben im Ehrenhofe des Schloſſes,“ er⸗ wiederte die Beſchließerin mit keuchender Stimme, während ſie ſich die Stirne abwiſchte, „ich ſehe von fern in der Allee einen jonquillefarbigen Charabane kommen . . .« „Den Wagen meines Oheims?“ „Mit ſeinem großen Schimmel, den er, ach! der arme liebe Mann! Ronecevaur nannte!“ „Wie? den er nannte?“ rief Frau von Morville voll Schrecken die Hände faltend. „Aber Sie denken nicht an das, was ſie ſagen!“ 43 „Hören Sie, Madame, hören Sie: Ich ſehe alſo von fern den jonquillefarbigen Charabane beſpannt mit Roncevaur kommen; er trabte ſehr raſch, gegen ſeine Gewohnheit.“ „Welch eine Marter! Vollenden Sie doch!“ . „Der Charabanc kam immer näher; er war viel⸗ leicht nicht mehr fünfzig Schritte vom Gitter des Schloſ⸗ ſes entfernt, als . als .. Oh! Madame!“ „Weiter!“ „Piff! paff! Verdeckte Schurken feuern ich weiß nicht wie viel Flintenſchüſſe auf Herrn de la Botardiére und ſeinen jonguillefarbigen Charabane ab.« „Auf meinen Oheim ſchießen . .. aber das iſt un⸗ möglich!“ „Unmöglich! geſiele es Gott, Madame! Bei dieſer Artillerieſalve geht Roncevaur durch, rennt wie ein Raſender in den Ehrenhof, bleibt mit dem Chara⸗ banc am Weichſtein des Thores hängen, zerbricht ihn in tauſend Stücke, und ich ſehe zu meinen Füßen rol⸗ len ich muß ſogar Blut an mir haben... ich ſehe zu meinen Füßen rollen den unglücklichen Herrn de la Botardiere, von wenigſtens zehn Flintenſchüſſen ver⸗ wundet, die Glieder zerſchmettert, den Kopf ganz zer⸗ ſtückelt und den letzten Seußzer aushauchend . Da bi ich „Sie ſind toll!“ rief Frau von Morville, „und ich bin abermals einfältig genug, um mich von Ihren Lü⸗ gen und Uebertreibungen hintergehen zu laſſen!. . . Ich höre die Stimme meines Oheims.“ Man hörte in der That die zänkiſche Stimme von Herrn de la Botardiere, der im anſtoßenden Zimmer, deſſen Thüre bald geöffnet wurde, ſagte: „Das iſt möglich, doch ich verlange, daß man die⸗ ſen Burſchen fortjagt, und zwar auf der Stelle.“ Und Herr de la Botardiére erſchien in der vollen Majeſtät ſeiner Wohlbeleibtheit, durchaus nicht von zehn Flintenſchüſſen durchbohrt, ohne daß ihm ein Glied zer⸗ 44 ſchmettert oder der Kopf zerſtückelt worden. Nur ſein Hut bot, ſchmählich niedergedrückt, voller Beulen, miß⸗ ſtaltet, ein phantaſtiſches Ausſehen, und dieſer Kopfputz verlieh dem zornigen Geſichte des Greiſes einen ſeltſa⸗ men Anblick. „Oh! mein Oheim,“ rief das Mädchen, während es Herrn de la Botardiére umarmte, „welche Angſt haben Mama und ich gehabt! Zum Glück iſt es nichts!“ „Wie! es iſt nichts!“ rief der Greis. „Mein Pferd durch einen Flintenſchuß erſchrecken, das iſt nichts!“ „Mein Oheim,“ ſagte Frau von Morville, „einer von unſeren Leuten hat pf Flinte losgeſchoſſen, ohne vorherzuſehen . . .“ „Mir gleichviel! Darum iſt nichtsdeſtoweniger Ron⸗ cevaur im Galopp fortgerannt und ſo gewaltig an den Weichſtein beim Gitter angefahren, daß ich beinahe um⸗ geworfen worden wäre, und daß durch den Stoß mein Hut Er iſt gut zugerichtet wie Sie ſehen), unter das Rad gefallen iſt. So daß, wenn Roncevaurx nicht von ſelbſt vor der Falltreppe angehalten hätte, ich nicht weiß, was geſchehen wäre. Ich lief Gefahr, unter den Rädern zermalmt zu werden. Ah! das nennt man nichts . . hier? „Mein Oheim, das iſt allerdings viel zu viel,“ er⸗ wiederte Frau von Morville, „Alphonſine wollte ſagen, das ſei wenig gegen das Unglück, das hätte geſchehen können.“ Fräulein von Morville, während ihre Mutter ſo mit dem Greiſe ſprach, näherte ſich Frau Pivolet, welche ganz gleichgültig blieb, und ſagte zu ihr im Tone des Vorwurfs: „Das iſt abermals eine von Deinen Seſubungenz eine von Deinen Uebertreibungen! Schämſt Du Dich in Deinem Alter nicht, daß Du ſo lügſt?“ „Mein Fräulein, ich habe Ihren Oheim in Stücken geſehen, was man in Stücken geſehen haben nennt. Nur 45 hat er wohl auf der Stelle Schweizer Wundwaſſer ge⸗ trunken. ünd ich werde nie dieſen neuen Beweis von der Wirkſamkeit dieſes Wundwaſſers vergeſſen. Ich gehe raſch, um die Wohnung von Herrn de la Botar⸗ diere in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen.“ Bienach ging die Beſchließerin in aller Ruhe, ohne den geringſten Gewiſſensbiß, hinaus. Herr de la Botardiére warf ſich nach dem Abgang von Frau Pivolet in einen Lehnſtuhl und rief: „Mein Neffe, ich erkläre Ihnen, ich kehre ſogleich nach la Botardiére zurück, wenn der Burſche, der Ron⸗ eevaur erſchreckt hat, nicht auf der Stelle jortgeiagt wird. Dieſer Halunke ſah mich, er hat boshafter Weiſe ge⸗ ſchoſſen, als ich in ſeine Nähe kam.“ „Mein Oheim, verzeihen Sie: Robert war hinter der Mauer von einem Eingangspavillon: er konnte Sie nicht wahrnehmen.“ „Vortrefflich, Madame! nehmen Sie Partei für Ihre Leute gegen mich!“ Und ſich gegen die Thüre wendend: „Man laſſe mir Roncevaux auf der Stelle an⸗ ſpannen!“ „Mein Oheim, ich bitte!“ ſagte Frau von Morville, indem ſie den Greis bei der Hand nahm und ſich wie⸗ der zu ſetzen nöthigte. „Es kann Ihnen nicht Ernſt ſein mit Ihrer Drohung.“ „Ich wiederhole Ihnen, meine Nichte, einer von uns Beiden, ich oder dieſer Burſche, geht von hier weg und zwar zur Stunde.“ „Gut, mein Oheim,“ verſetzte Herr von Morville, „Robert wird gehen. Erlauben Sie mir nur, Ihnen 46 zu bemerken, daß er Familienvater iſt, daß er drei Kin⸗ der und eine alte Mutter hat.“ „Iſt das ein Grund, ſchändlicher Weiſe Roncevaur ſcheu zu machen und mich der Gefahr auszuſetzen, die Glieder zu brechen? Teufel! mein Neffe, Sie ſind milde gegen diejenigen, welche es auf die Knochen Ihres Oheims abgeſehen haben!“ „Sie ſollen zufrieden geſtellt werden, mein Oheim,“ ſprach Herr von Morville, indem er einen Blick des Einverſtändniſſes mit ſeiner Frau wechſelte. „Robert wird gehen.“ „Es iſt nicht genug damit, daß man ſagt: Er wird gehen; er muß noch heute, in meiner Gegenwart gehen.“ „Ja, mein Oheim, er wird noch heute abgehen; ich will ſogleich meinem Verwalter Befehle in dieſer Hinſicht geben. Darf ich mich nun nach dem Reſultat Ihrer Reiſe erkundigen? Sie ſind ohne Zweifel erſt ſeit Kurzem wieder in la Botardiére zurück?“ „Seit zwei Tagen, Gott ſei Dank! ich glaubte nie mehr nach Hauſe zu kommen, ſo groß war meine Un⸗ geduld, das Ziel dieſer verfluchten Reiſe zu ſehen!“ „Sie ſind alſo nicht zufrieden geweſen?“ „Zufrieden! Tod und Hölle! ich werde mich lange dieſer Reiſe erinnern! ſie iſt, bei meiner Treue, eben ſ angenehm geweſen, als der Empfang, der mich bei Ihnen erwartete!“ „Mein Gott! mein Oheim,“ ſagte Frau von Mor⸗ ville, „ſollten Sie beinahe umgeworfen worden ſein?“ „Gefiele es dem Himmel! Vielleicht hätte dieſe freche Weibsperſon einen guten Schlag bekommen, der ſie 3 ſammt ihrem Ritter unter Weges zurückgehalten hätte; Beide wären wenigſtens nicht mein Alp von Calais bis Paris geweſen.“ „Mein Oheim, Sie werden ohne Zweifel eine von jenen ärgerlichen Begegnungen gehabt haben, denen man häufig in den öffentlichen Wagen ausgeſetzt iſt 2* „Häufig? nein, bei Gott!“ rief der Greis mit einem 47 Ausdruck zornigen Widerſpruchs; „ich glaube nicht, daß man hauig ſolchen frechen Weibsperſonen in Begleitung von ſo unverſchämten Bengeln begegnet!“ Frau von Morville, befürchtend, das Geſpräch könnte eine für die Beſcheidenheit ihrer Tochter wenig ſchick⸗ liche Wendung nehmen, ſprach leiſe zu ihr: 6 „Mein Kind, ſieh nach, ob ſich Frau Pivolet mit de Einrichtung der Wohnung Deines Oheims be⸗ ſchäftigt.“ Das Mädchen ſtand auf und ging hinaus. Herr von Morville ſagte lächelnd, um Herrn de la Botardiere wieder in gute Laune zu bringen: „Mein Oheim, es ſcheint, Sie haben eine Diligenee⸗ Tugend getroffen.“ „Eine Tugend! ſagen Sie eine Straßenläuferin, mit zwei Stutzern zur Seite, von denen der eine, der Bevorzugte, der Geliebte, ohne einen Schatten von Ehr⸗ furcht für meine weißen Haare, von einer Frechheit ohne Gleichen mir gegenüber während der ganzen Reiſe ge⸗ weſen iſt, zum großen Jubel der Dirne, die ihn ermu⸗ thigte. Ja, ich diente als Spielzeug, als Zielſcheibe für die ganze Wagengeſellſchaft. Da ich oft laut meinen Wunſch, bald nach la Botardiére zu kommen, geäußert hatte, ein gewiß ſehr natürlicher Wunſch, wenn man in eine ſo abſcheuliche Geſellſchaft eingepfercht iſt, ſo fragten dieſe dummen, frechen Reiſenden den Conducteur auf jeder Station: „„Iſt hier la Botardiere? wir ſind noch nicht in la Botardiére angekommen? wann werden wir denn in la Botardiére ankommen?““ Die Unverſchämten! doch da ich meine Zunge nicht in meiner Taſche habe, ſo bezahlte ich ſie mit gleicher Münze.“ „Wahrhaftig, verſetzte Frau von Morville, „ein ſolcher Mangel an Achtung gegen einen Mann von Ihrem Alter iſt zugleich feig und grob.“ „Ja, ſo iſt die heutige Jugend.“ „Zum Glück, mein gibt es Ausnahmen.“ „Nein!“ 48 „Ah! lieber Oheim,“ erwiederte Herr von Morville lächelnd, „Sie werden wohl eine Ausnahme zu Gunſten meines Sohnes Gerard machen.“ „Er! wenn er am Arme einer Weibsperſon hängt, wie der ungezogene Bengel, von dem ich ſpreche, ſo wird er nicht beſſer ſein, als die Anderen.“ „Wir werden wenigſtens darauf hinwirken, daß er keine ſo ſchlechte Geſellſchaft beſucht,“ ſagte Herr von Morville. „Und Sie werden ungeheuer Recht haben, wenn Sie können. Stellen Sie ſich vor, daß die Freche, von der ich rede, ohne die geringſte Achtung für meine wei⸗ ßen Haare, damit angefangen hat, daß ſie zuerſt ihren Jungfernknecht gegen mich losließ, um den Eckplatz in Anſpruch zu nehmen und mich ſo zu nöthigen, als Sechster ruͤckwärts zu fahren, was ich von ganzer Seele haſſe! An den Wirthstafeln wurde die Weibsperſon im⸗ mer zuerſt bedient: das war wie eine Verſchwörung wiſchen ihr, ihren zwei Stutzern und den andern Rei⸗ ſi „um mir nur die Reſte zu laſſen, und das iſt noch nicht Alles: einer von den ſchlechten Burſchen, zu denen wir verdammt waren, ſagte bei jedem Mahl; „„Kellner, ſerviren Sie mir ein Huhn à Ia Botardière! einen Lendenbraten à la Botardiére! einen Aal à la Botardière!““ Und dieſe Dummköpfe lachten! Wie witzig das in der That war! Ein anderes Thier hatte nur den ewigen faden Spaß im Munde: „„Ich eröffne eine Nationalſubſeription, um das Portrait des Herrn de la Botardiére in allen Diligencen als das Emblem des angenehmen Reiſenden aufhängen zu laſſen!““ und dergleichen Unverſchämtheiten! Wir ſtiegen wieder in den Wagen und zum Nachtiſch wurde ich mit dem Anblick, mit dem Geflüſter, mit dem Lächeln und mit Allem dem, w daraus folgt, zwiſchen der Weibsperſon und ihrem Hofß macher (ich verſchleiere noch vor meiner Nichte) regalirt ſo vft ich dieſen hölliſchen Wagen verließ oder in den⸗ ſelben zurücktehrte, richtete ich es aber auch ſo ein, daß 49 ich dieſer Unverſchämten die Füße zertrat! doch ſie wagte es nicht, einen Ton von ſich zu geben, denn trotz ihres würde ich ihr hübſch den Teufel ausgetrieben aben.“ „Wahrhaftig, mein lieber Oheim,“ ſprach Frau von Morville entrüſtet, „es iſt beklagenswerth, daß man denken muß, eine ehrliche und anſtändige Frau könnte in einem öffentlichen Wagen mit ſolchen Crenturen zu⸗ ſammentreffen.“ „Und das Schöne an der Sache iſt, daß dieſe Aben⸗ teurerin ihren Galan für ihren Bruder ausgab.“ „Bei einem ſo ſchamloſen Benehmen iſt eine ſolche Lüge eine zugleich vergebliche und abſcheuliche Pro⸗ fanation.“ 2 „Bei Gott! dergleichen Creaturen kümmern ſich viel um ſolche Bedenklichkeiten; doch da ich den Betrug ver⸗ muthete, ſo fragte ich den Conducteur nach dem Namen des Stutzers. Er ſieht auf ſein Blatt und lieſt: Herr Theodor von Favrolle.“ „Sie ſagen, mein Oheim?2“ „Ich ſage, Theodor von Favrolle! Sollten Sie zu⸗ fällig dieſen Unverſchämten kennen, der mit ſeiner Weibs⸗ perſon den abſcheulichen zweiköpfigen Alp bildete, wel⸗ cher mich bis Paris verfolgt hat 2 „Ich kenne dieſen jungen Mann nicht, mein lieber Oheim; doch wenn er der Sohn von Herrn von Favrolle, dem ehemaligen Oberſten meines letzten Regiments, iſt, ſo iſt ſein Vater einer von meinen alten Freunden. Ich ſchrieb gerade dieſen Morgen an meinen Bruder, als ich bei meiner letzten Reiſe nach Paris Herrn von Favrolle, den Vater, dort Bir fen „habe er lachend zu mir geſagt: „„Warum ſollten wir unſere Kinder nicht mit einander verheirathen, wenn ſie das Alter haben 266 Ah! bei meiner Treue! ... Ihre Tochter hätte da eine ſchöne Partie! Dabei fühlen Sie wohl, daß es nach dem, was zwiſchen dieſem Frechen und mir vorge⸗ MWiß Marh. 4 5⁰ fallen iſt, wenn Sie Ihren Plänen Folge geben würden, eine Schändlichkeit wäre!“ „Mein Oheim, ich bitte, hören Sie mich.“ „Wie, ich ſollte dieſem Alp entgangen ſein, um ihn bei Ihnen wiederzufinden? Tod und Teufel!.. Sie würden mich in Ihrem Leben nicht wiederſehen.“ „Mein Herr, erhigen Sie ſich, ich beſchwöre Sie,“ ſagte Frau von Morville; „mein Mann ſpricht von einem einfachen, in der Converſation hingeworfenen Wort ... Alphonſine iſt übrigens noch nicht in dem Alter, um zu heirathen.“ „Und wenn ſie im Alter wäre, Madame? „Mein Oheim hat Recht, Louiſe,“ ſprach haſtig Herr von Morville; „ohne Rigvriſt zu ſein, und obſchon ich wohl weiß, daß die Jugend, wie man zu ſagen pflegt, austoben muß... geſtehe ich Ihnen doch, mein Hheim, daß mir das, was Sie mir von dieſem jungen Favrolle mitgetheilt haben, eine ärgerliche Meinung von ihm gibt. .. Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, ſi mit einem ſolchen Cynismus benehmen, auf eine grobe Weiſe die Achtung gegen einen Mann von Ihrem Alter verletzen . „Und wenn Sie den Vater dieſes Bengels wieder⸗ ſehen,“ ſagte der zankſüchtige Greis, „machen Sie ihm meine Complimente über ſeinen Herrn Sohn und deſſen Straßenläuferin, eine wahre Buhlſchweſter, eine von je⸗ nen Creaturen, welche den Namen wie den Liebhaber wechſeln; denn während der Conducteur auf dem Blatte den Namen dieſes Herrn von Favrolle las, ſchaue ich.. und da nur dieſe unverſchämte Weibsperſon im Wagen war, ſo erlange ich den Beweis, daß ſie einen gli Namen angenommen hat. Bemerken Sie aber wohl, ſie iſt eine Franzöſin, denn ſie ſpricht Franzöſiſch wie Sie und ich. Was ſie nicht abhielt, ſich Fräulein Lawſon zu nennen .. Nun! wie,“ rief Herr de la Botardiére als er ſeinen Neffen und ſeine Nichte von ihren Stühle aufſpringen und ſich ganz erſtaunt anſchauen ſah, „w 5¹ haben Sie denn? Was iſt denn ſo Außerordentliches in dem, was ich Ihnen ſage? Iſt es denn unerhört, daß eine franzöſiſche Abenteürerin einen engliſchen Namen angenommen hat?. .. So antworten Sie doch, Sie ſtehen da wie zwei Granitſäulen.“ „In der That, mein Oheim, wir ſind ganz ver⸗ wirrt,“ erwiederte Herr von Morville. Dann ſich an ſeine Frau wendend: „Begreifſt Du etwas hievon? „Mein Freund, das iſt unmöglich; es waltet ein Irrthum, eine Verwechſelung ob,“ ſagte Frau von Mor⸗ ville; „der Name Lawſon iſt auch, wie ich glaube, ziemlich gewöhnlich in England.“ „Welcher Irrthum?“ fragte Herr de la Botardieére, „welche Verwechſelung? wovon ſprechen Sie? Ah! ſpielen wir mit abgebrochenen Worten?“ „Verzeihen Sie, mein Oheim,“ ſagte Herr von Morville, „Sie ſind ganz ſicher, auf dem Blatte den Namen von Fräulein Lawſon geleſen zu haben?“ „Ah! hält man mich für blind? weiß ich, was ein L, ein a, ein w, ein ſ, ein o und ein n zuſammen machen? denn ich habe Gründe genug, um dieſen Teu⸗ felsnamen nicht zu vergeſſen.“ „Und Sie ſind ſicher, daß dieſe Perſon eine Fran⸗ zöſin iſt?“ „Wenn ich Ihnen ſage, daß ſie Franzöſiſch ſpricht wie wir!“ „Kam ſie von England?“ fragte Frau von Mor⸗ ville mit Bangigkeit. „Hat ſie die Reiſe mit Ihnen von Dünkirchen ge⸗ macht, mein Oheim?“ fügte Herr von Morville mit nicht weniger Bangigkeit bei, „oder haben Sie ſie nur in Calais getroffen 2“ 3 „Spottet man am Ende meiner hier!“ rief der zornſüchtige Greis, während er aufſtand. „Wie! ich lage Ihnen, dieſe Abenteurerin ſei Schuld an der grau⸗ ſamſten Reiſe geweſen, die ich je in meinem Leben ge⸗ macht „und man überhäuft mich mit Fragen über ſie! 4* 52 Das heißt, bei Gott! zu ſehr ſein Spiel mit meiner Ge⸗ duld treiben!“ In dieſem Augenblick trat Frau Pivolet ein, nicht mehr beſtürzt, wie ſie eingetreten, um den kläglichen Tod von Herrn de la Botardiére, den zehn Schüſſe durchbohrt, zu verkündigen, ſondern geheimnißvoll, ſcheu, auf den Fußſpitzen gehend, um ſich ihren Gebietern zu nähern, zu denen ſie ganz leiſe, als befürchtete ſie, au⸗ ßen gehört zu werden, ſagte: „Herr. . Madame .4 „Nun? was gibt es2“ rief Herr von Morville laut und ſehr ungeduldig; „was wollen Sie, Frau Pivolet?“ Doch ihr geheimnißvolles Weſen verdoppelnd, ſtreckte die Beſchließerin ihre beiden Arme und ihre beiden Hände vorwärts und ſenkte ſie mehrere Male, als wollte ſie ihren Gebietern ſtill zu bleiben empfehlen, ging auf den Zehen weiter, trat ganz nahe zu Herrn von Mor⸗ ville und ſagte noch leiſer zu ihm: „Stille! ſtille! Herr, es iſt ein außerordentliches, unerhörtes Ereigniß.“ Frau von Morville, welche ſeit langer Zeit die Phantaſien und Uebertreibungen ihrer Beſchließerin kannte, durch die ſie ſich eine Stunde vorher abermals hatte hintergehen laſſen, und überdies, wie ihr Mann, ſehr beunruhigt hinſichtlich des Zuſammentreffens von Herrn de la Botardiere mit einer Demoiſelle Lawſon, Frau von Morville blieb unempfindlich bei den geheimnißvollen von Frau Pivolet und ſagte trocken zu ihr: „Ich bitte, ſprechen Sie ohne alle dieſe Vorſichts⸗ maßregeln und dieſe lächerlichen Pantomimen; Sie wiſſen, daß Sie ſich vorhin erſt eingebildet haben, Sie ſehen das, was nicht war .. Sie verſtehen mich? Ich fordere Sie alſo auf, ſprechen Sie, und zwar geſchwinde.“ Aber Frau Pivolet ließ ſich nicht durch ſo Wenig einſchüchtern; ſie fuhr alſo immer mit leiſer Stimme fort, doch diesmal, indem ſie ſich ſehr diplomatiſch an 53 den Oheim ihrer Gebieter wandte, um ſich einen min⸗ der gegen ihre gewöhnlichen Fabeln eingenommenen Zu⸗ hörer zum Voraus zu ſichern: „Ah! Herr de la Botardiére, wenn Sie wüßten. .. welch ein unbegreifliches Abenteuer!“ »Was!“ verſetzte der Greis, „was Teufels haben Sie denn, Frau Pivolet, daß Sie ſo die Augen ver⸗ drehen? Was für ein Abenteuer iſt es 2“ „Stellen Sie ſich vor, vor zwei Stunden hatte Herr von Morville einen Brief nach dem Flecken geſchickt.“ „Und dann?“ „Durch Jofeph.“ „Hernach? weiter doch! man muß Ihnen die Worte, eines um das andere herausziehen!“ ſagte der Greis, während Herr und Frau von Morville, in ihrem In⸗ nern immer mehr von der beunruhigenden Offenbarung ihres Oheims in Anſpruch genommen und irgend einen Streich nach der Art von Frau Pivolet vermuthend, ihren Worten wenig Aufmerkſamkeit ſchenkten. . Zoſeph hat alſo dieſen Brief weggebracht,“ fuhr die Beſchließerin fort, „doch ſtatt für ſeinen Auftrag zu Pferde zu ſteigen, hat er den Dienſtwagen genommen und dabei die Frau des Verwalters, welche ein Geſchäft im Flecken hatte, mit ſich geführt.“ »Nun, was iſt dabei ußerordentliches 2“ »Warten Sie doch, Herr. Joſeph fährt weg, er kommt im Flecken an; er iſt alſo im Flecken mit dem Dienſtwagen.“ »„Gehen Sie zum Teufel!“ rief Herr de la Botar⸗ diere; „Sie machen mich ungeduldig mit Ihren Wieder⸗ holungen.“ „Verzeihen Sie, Herr, doch das iſt ſo unglaublich! Nun! Joſeph iſt alſo im Flecken; er ſtellt ſeine Pferde in's Wirthshaus, da kommt die Diligence von Paris an.“ „Der Teufel hole die Diligeneen und diejenigen, welche darin ſind.. wenn ich außen bin!“ 54 „Ah! Herr, Sie glauben nicht, wie treffend Sie ſprechen.“ „Warum?“ . „Sie werden es einſehen, Herr. Während die Di⸗ ligence anhält, ſieht man mit leiſen Tritten eine Frau, in einen Mantel gehüllt, das Geſicht durch einen dicken Schleier verborgen, ausſteigen. Ihre Reiſegefährten, Männer mit langen Bärten und von einer galgenmäßi⸗ gen Phyſiognomie, ſchienen dieſer Frau mit den Augen zu folgen; es ſcheint ſogar, daß ſie ihr in dem Augen⸗ blick, wo ſie den Wagen verließ, geheimnißvolle Zeichen machten, und man will bemerkt haben, daß Einer von ihnen einen ungeheuren Dolch trug.“ „Einen Dolch?“ rief Herr de la Botardiére, der ſich ſchon an der Leimruthe von Frau Pivolet fangen ließ, „und dieſe verſchleierte Frau?“ „Dieſe verſchleierte Frau machte ihrerſeits ein ge⸗ heimnißvolles Zeichen dem Condurteur, und ſogleich . und ſogleich . . .. „Nun, was geſchieht?“ „Der Conducteur hebt von der Imperiale den Koffer der verſchleierten Frau herab . „Bei Gott! das iſt ganz einfach; und ich, ich ſperrte den Mund vor Neugierde auf!“ „Nein, Herr, das iſt nicht ganz einfach, denn dieſer Koffer war wohl gleichſam von viereckiger Form, aber merkwürdig durch eine Art von Schriftzeichen, ohne Zweifel kabaliſtiſcher Art, in vergoldeten Nägeln. End⸗ lich, nachdem der Koffer herabgehoben iſt, tritt die ver⸗ ſchleierte Frau mit einer außerordentlichen Miene in das Wirthshaus ein, und mit leiſer Stimme, indem ſie ſich mit dem tiefſten Geheimniß zu umgeben ſcheint, fragt ſie, wo das Schloß Morville liege und ob man ſie da⸗ hin führen könne, gleichviel, um welchen Preis, wofür ſie Summen geboten haben ſoll! aber Summen! kurz, Alles, was man wollte!“ Ziemlich erſtaunt, horchten Herr und Frau von Mor⸗ werde er ihn übernehmen . .. Dann, Herr,“ ſprach lang⸗ 55 ville aufmerkſamer bei dieſen Worten auf die Erzählung ihrer Beſchließerin, denn ſie wußten, daß, man muß ihr dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, alle ihre fabel⸗ haften Uebertreibungen immer auf einer wirklichen That⸗ ſache beruhten: ſie verwandelte die Milbe in einen Ele⸗ phanten, aber die Milbe exiſtirte; ſie improviſirte, um einem den Schwindel zu machen, über irgend ein Thema, doch das Thema beſtand. „Ah!“ ſagte Herr de la Botardiere, immer mehr intereſſirt, „dieſe verſchleierte Frau fragte nach der Adreſſe des Schloſſes Morville 2“ „Ja, Herr, doch immer, ohne den Schleier zu lüf⸗ ten, immer, indem ſie ſich mit den geheimnißvollſten Vorſichtsmaßregeln umgab, und beſonders, indem ſie ſich um keinen Preis von ihrem Koffer trennen wollte.“ „Iſt es denn etwas Erſtaunliches, daß ſie ihren Koffer behalten will?2“ „Aber, Herr, wer weiß, was in dieſem Koffer ſein kann? Denn man hat Koffer geſehen, deren Inhalt „Frau Pivolet,“ unterbrach Frau von Morville ihre Beſchließerin, „wenn Sie ſich nicht kurz faſſen, wenn Sie fortfahren, auf dieſe Art unſere Geduld und die meines Oheims zu mißbrauchen, ſo werde ich ihm durch Ihre letzte Erzählung beweiſen, welches Vertrauen man zu Ihren Geſchichten und beſonders zu Ihrer Manie, Etwas aus Nichts zu machen, haben darf.“ Dieſe Drohung brachte eine gewiſſe Wirkung auf hervor, denn ſie fuhr ohne Umſchweife ort: „Joſeph befand ſich im Wirthshauſe, als die ver⸗ ſchleierte Frau nach der Adreſſe des Schloſſes fragte .. Er ſagt der geheimnißvollen Unbekannten, er ſei der Kutſcher von Herrn von Morville, er habe die Frau ſeines Verwalters nach dem Flecken gefahren, er erwarte ſie, um ſie zurückzubringen, und wenn die verſchleierte Frau einen Auftrag für das Schloß zu geben habe, ſo 56 ſam Frau Pivolet, zum Voraus über die Wirkung triumphirend, die ſie hervorbringen würde, „dann erwie⸗ derte die geheimnißvolle Unbekannte Joſeph, man erwarte ſie im Schloſſe Morville, und ſie werde die Rückkehr der Frau des Verwalters benützen, um mit ihr hierher zu fahren, doch immer, ohne daß ſie ſich um irgend einen Preis von ihrem Koffer trennen wollte.“ Sehr erſtaunt, denn ſie erwarteten keinen Beſuch, hatten Herr und Frau von Morville die Beſchließerin nicht unterbrochen. Nun aber fragte Herr von Mor⸗ ville raſch: „Und was hat Joſeph gethan?“ „Joſeph, als er in dieſem Augenblick Madame Dubreuil, die Frau des Verwalters, kommen ſah, ſagte er ihr, was die geheimnißvolle Unbekannte verlangte; Madame Dubreuil antwortete, da die verſchleierte Dame im Schloſſe erwartet werde, ſo werden ſie mit einander fahren.“ „Wie!“ rief Herr von Morville, „dieſe Dame iſt alſo mit Madame Dubreuil hier eingetroffen 2“ „Verzeihen Sie, Herr,“ antwortete Frau Pivolet, welche nicht ſo leicht ihre Beute losließ und nicht ſo ſtracks die Entwicklung ihrer Geſchichte gab, „ich muß Ihnen ſagen .. „Dieh⸗ Dame iſt alſo im Flecken geblieben?“ ver⸗ ſetzte Frau von Morville. „Sie werden es ſehen, Madame. Erlauben Sie, daß ich vollende.“ „Und Sie erwarteten Niemand hier?“ fragte Herr de la Botardière ſeinen Neffen und ſeine Nichte, „Sie erwarteten nicht einen Beſuch?“ »Nein, mein Oheim,“ antwortete Herr von Mor⸗ ville; „es dünkte mir auch nicht ſehr wahrſcheinlich, dieſe Dame würde hierher kommen. „Doch,“ fügte er, ſich an Frau Pivolet wendend, bei: „doch was iſt aus der Dame geworden? vollenden Sie.“ 3 „Da ihr Frau Dubreuil den Vorſchlag machte, mit 57 ihr nach dem Schloſſe zu kommen . . . Ah! ich vergaß etwas ſehr Wichtiges: außer ihrem Koffer und ihrem Nachtſack hielt die verſchleierte Unbekannte immer in ihrer Hand eine Art von Etui von Saffian, von der Länge und Breite eines großen Blattes Briefpapier, ſehr flach und .4 „Aber was liegt denn an dieſen Lappereien!“ rief ungeduldig Herr von Morville. „Dieſe Dame iſt alſo im Flecken geblieben?“ „Herr, wenn Sie ſo über mich herfallen, werde ich nie herauskommen; ich weiß ſchon nicht mehr, wo ich war.“ „Oh! welche Geduld!“ rief Herr von Morville, „welche Geduld!“ „Ah! ich habe es,“ ſagte Frau Pivolet. „Als Ma⸗ dame Dubreuil der verſchleierten Unbekannten den Vor⸗ ſchlag machte, ſie in's Schloß mitzunehmen, ſchien ſie immer mehr beſorgt um ihren Koffer, und ſie bat inſtän⸗ dig, ihn hinter dem Wagen aufzupacken, in den ſie mit Madame Dubreuil einſtieg, und Beide „Sind alſo hierher gekommen!“ fiel Herr de la Vo⸗ tardiere ein; „warum ſagen Sie das nicht ſogleich? Zum Teufel mit der Pivolet!“ „Und die Dame,“ fragte Herr von Morville leb⸗ haft; „wo iſt ſie? Antworten Sie doch! Iſt ſie bei Madame Dubreuil geblieben? Iſt ſie hier2“ Frau Pivolet ſchaute rings umher, ſuchte haſtig in ihrer Taſche, zog eine Karte heraus und ſagte, die Stimme dämpfend: „Die Unbekannte iſt unten im ſelen; ſie hat mir dieſe Karte für Madame gegeben.“ Herr von Morville ſtampfte mit dem Fuße, riß Frau Pivolet die Karte aus der Hand und las ganz laut und maſchinenmäßig: „Miß Mary Lawſon.“ 58 E Bei dem Namen von Miß Lawſon, den er auf der Karte geleſen, ſchrieen Herr von Morville, ſeine Frau und Herr de la Botardiere beinahe gleichzeitig aus ver⸗ ſchiedenen Tonarten auf. „Sie wird vor der Zeit, wo ſie abreiſen ſollte, Ir⸗ land verlaſſen haben!“ rief Frau von Morville. „Es kann unmöglich dieſelbe Perſon ſein, die mein Oheim in der Diligence getroffen hat,“ rief Herr von Morville in einer tödtlichen Angſt. „Das iſt zu ſtark!“ rief Herr de la Botardiére ent⸗ rüſtet. „Wie! dieſe Straßenläuferin, mein Alp, ver⸗ folgt mich bis hierher? Welche Frechheit! welche Un⸗ verſchämtheit!“ „Wie! die geheimnißvolle Dame,“ rief Frau Pi⸗ volet, welche keines von dieſen Worten fallen ließ, „das iſt eine Straßenläuferin? Ich vermuthete es.“ Und ſich an Frau von Morville wendend: „Madame, wenn das eine Räuberin wäre! Die finſteren Männer, bis unter die Zähne mit Dolchen, Piſtolen und Kara⸗ binern bewaffnet, die ihr kabaliſtiſche Zeichen gemacht haben, als ſie aus der Diligence ausſtieg, das ſind Räu⸗ ber! Sie ſind mit einander einverſtanden Das Schloß iſt einſam, abgelegen. Sicherlich werden wir heute Nacht ermordet! Es iſt um uns geſchehen! Ah! meine arme Herrſchaft, es iſt um uns geſchehen!“ Und es nicht viel, daß Frau Pivolet „Mör⸗ der!“ gerufen hätte. Herr und Frau von Morville waren ſo verwirrt, ſo beängſtigt, daß ſie Frau Pivolet ihren Improviſatio⸗ nen den Lauf geben ließen. Da ſie von ihren Gebietern keine Antwort erhielt, wandte ſie ſich auch gegen Herrn de la Votardiére um, faßte ihn ungeſtüm mit einer zit⸗ ternden Hand beim Arm und ſagte zu ihm: „Mein Herr, denken Sie nicht auch, das ſei eine 59 Räuberin? Sie hat verborgene Gifte in ihrem ſaffia⸗ nenen Etui, entzündbare Stoffe in ihrem Koffer. Darum wollte ſie ſich nicht davon trennen. Alles erklärt ſich; das Schloß wird heute Nacht verwüſtet, in Brand ge⸗ ſteckt werden; es wird nichts als Aſche davon übrig bleiben!“ Es fehlte nicht viel, daß Frau Pivolet „Feuer!“ gerufen hätte. „So viel iſt gewiß!“ rief der grollſüchtige Greis, „ich verlange, daß dieſe Abenteurerin auf der Stelle von hier weggejagt wird.“ „Ich eile, Ihre Befehle zu vollziehen, Herr, ich will alle Dienſtboten bewaffnen laſſen,“ rief heldenmüthig die Beſchließerin; „ihre Genoſſen ſind vielleicht nicht fern; das ſind die Ruchloſen, welche auf Herrn de la Botardière geſchoſſen haben werden! Wie doch alle Ver⸗ brechen an den Tag kommen! Das iſt die Vorſehung! Ein Diener ſoll mit verhängten Zügeln nach dem Flecken reiten, um Gendarmerie zu holen,“ fügte Frau Pivolet bei. Und ſie ſtürzte nach der Thüre, doch Herr von Mor⸗ ville hielt ſie am Arm zurück und ſagte zu ihr: „Bleiben Sie da!“ . Dann ſich an Herrn de la Botardiére wendend: „Mein lieber Oheim, von zwei Dingen eines ent⸗ weder iſt die Perſon, welche unten wartet, Fräulein Mary Lawſon, die wir Anfangs auf die Empfehlung meines Bruders Auguſt angenommen tten, und dann kann es unmöglich die Perſon ſein, der Sie ge⸗ reiſt ſind.“ „Warum denn unmöglich?“ „Weil Auguſt, den Sie kennen wie ich, mein Oheim, uns als Erzieherin für meine Tochter nur eine vollkommen ehrenwerthe Perſon hat ſchicken können.“ „Ihr Bruder Auguſt,“ verſetzte der Greis, „ein ver⸗ branntes Gehirn, ein Unbeſonnener! Eine ſchöne Bürg⸗ 60 ſchaft, bei meiner Treue! Er hat ſich ohne Zweifel ganz einfach durch dieſe Seiſ betrügen laſſen!“ Ich bitte um Verzeihung, mein Oheim,“ entgeg⸗ nete Frau von Morville mit fanftem, aber feſtem Ton, „wir ſind überzeugt, daß bei einem ſo zarten, ſo wich⸗ tigen Umſtand mein Schwager mit der äußerſten Vor⸗ ſicht zu Werke gehen mußte, und daß ſeine Wahl vor⸗ trefflich war.“ „Alſo,“ ſchrie der Greis außer ſich, „ich bin alſo ein Einfaltspinſel, ein Blinder . . ein Dummkopf .. unfähig, eine vernünftige und ehrliche Perſon von einer ſchamloſen zu unterſcheiden, die mir während dieſer höl⸗ liſchen Reiſe tauſend Plackereien bereitet hat! „Wir ziehen das, was Sie uns erzählt, nicht in Zweifel, mein Oheim,“ erwiederte Herr von Morville; „nur findet es ſich, daß es zwei Demoiſelles Lawſon gibt: die eine, welche ſo eben hier angekommen iſt und ohne Zweifel einen Empfehlungsbrief von meinem Bru⸗ der mitgebracht hat, und eine andere Frau, die mit Ihnen gereiſt iſt und ſich in dieſem Augenblick ich weiß nicht wo, mir gleichviel, befindet.“ „Offenbar,“ ſprach Frau von Morville, „offenbar iſt dies das einzige Mittel, ſich zu erklären, was ge⸗ ſchieht: der Name Lawſon iſt ohne Zweifel ſehr gewöhn⸗ lich in England.“ „Zum Teufel mit den Lawſon!“ rief der Greis. „Wenn ſie ſich alle gleichen, ſo ſind die beſten gut zum Erſäufen.“ Die Thürz des Salon wurde plötzlich geöffnet. Fräulein von Mötville trat haſtig ein und rief: „Mein Vater! Mama! Sie wiſſen nicht? .. Miß arh iſt angekommen! ſie iſt unten im Salon; ich habe ſo eben mit ihr geſprochen.“ „Wie! Du haſt ſie ſchon geſehen?“ fragte Frau von Morville. „Ich trat in den Salon ein, um die Wohnung für meinen Oheim bereit halten zu laſſen: da erblickte ich 61 eine junge, hübſche Perſon, oh! ſo hübſch, daß ich ganz ergriffen war, um ſo mehr, als ich nicht Jemand dort zu finden erwartete. Sie ſteht auf, tritt auf mich zu und ſagt franzöſiſch mit ſchüchterner, ſanfter Miene zu mir: „Ich habe vielleicht die Ehre, mit Fräulein von Morville zu ſprechen?““ „„Ja, mein Fräulein.“ Da zieht ſie aus einem kleinen ſaffianenen Etui, das ſie in der Hand hält, einen Brief, reicht ihn mir und ſagt: „„Haben Sie die Güte, mein Fräulein, Frau von Morville, der ich ſchon meine Karte geſchickt, dieſen Brief von Herrn Auguſt von Morville, Conſul in Dublin, zu übergeben.““ Bei dieſen Worten erinnere ich mich der Erzieherin, welche der Vater meines Bruders uns zuſenden ſollte, und ich antworte: „„Sie ſind ohne Zweiſel Miß Mary Lawſon?““ „Ja, mein Fräulein; ich habe Dublin ein wenig früher verlaſſen, als ich An⸗ fangs beabſichtigte, und vor acht Tagen die Diligence von Calais genommen.““ „Sie iſt es!“ rief Herr de la Botardiére; „ſie iſt es „Mein Oheim,“ ſprach raſch Herr von Morville zu dem Greiſe, „denken Sie an meine Tochter! Ich bürge mit meiner Ehre dafür, daß Sie ſich in einem völligen Irrthum befinden. Ich bitte Sie auch, vergeſſen Sie nicht, daß Miß Marh von dieſem Augenblick an die Er⸗ zieherin von Alphonſine iſt.“ „Ah! ich täuſche mich!“ verſetzte der Greis. Und er näherte ſich Fräulein von Morville, welche, ohne den Sinn der Worte zu rrſtehe ſie zwiſchen ihrem Vater und Herrn de la Botardiste hatte wechſeln hören, Beide mit erſtaunter, beſorgter Miene anſchaute, und fragte: Du ſagſt, meine Nichte, dieſe junge Perſon habe die Diligenes in Calais vor acht Tagen genommen?« „Ja, mein Oheim, ſie hat es mir ſo eben erzählt.“ „Wie iſt ſie von Geſichte?“ i „Oh! hübſch zum Bewundern, und ſie ſieht ſo ſanft, 62 ſo gut aus! Höre, Mama, ſtelle Dir Wlle. Lagrange . mit der Schönheit dazu vor.“ „Schön, ich leugne das nicht,“ erwiederte ungeſtim der Greis. „Und ihre Haare, welche Farbe haben ſie 2“ „Hell kaſtanienhraun.“ „So iſt es. Und die Augen blau?“ „Ja.“ „Sie hat einen roſa gefütterten Strohhut?“ a „ mein Oheim. Sie haben ſie alſo auch ge⸗ ehen? „Ich habe wahrſcheinlich die Ehre gehabt. Nicht wahr, ſie trägt einen ſchottiſchen Tartan mit weißen und grünen Vierecken und ähnliche Stiefelchen?“ „Ja, mein Oheim,“ antwortete das Mädchen immer mehr erſtaunt, während Herr de la Botardière, mit grau⸗ ſamer, triumphirender Miene lächelnd, ſich gegen Herrn und Frau von Morville umwandte und zu ihnen ſagte: „Nun! ich war blind, ich war in einem völligen Irrthum begriffen! Sie verbürgten ſich mit Ihrer Ehre, mein Herr Neffe!“ „Mama,“ ſagte, während ſie Frau von Morville den Brief, den ſie von Miß Marh empfangen, übergab, Alphonſine immer mehr beſtürzt, da ſie die zornige Miene ihres Oheims ſah, „hier iſt die Empfehlung von meinem Oheim in Dublin. Wirſt Du nicht mit dem Vater hinabgehen, um Miß Mary zu empfangen? Sie wartet ſchon ſo lange allein.“ „Mein Kind,“ erwiederte haſtig Herr von Morville, als er wahrnahm, daß ſein Oheim bei dem Gedanken, man könnte Fräulein Lawſon empfangen, im Begriff war, loszubrechen, „ich bitte Dich, gehe und leiſte Miß Marh ſ 3 Deine Mutter und ich werden Dir ſogleich olgen.“ Das Mädchen ging hinaus, ehe Herr de la Botar⸗ diere ein Wort hatte finden können; bald aber rief er mit einem Ausbruch wüthender Entrüſtung: „Wie! nach dem, was Sie mir geſagt haben, wü rden 63 Sie mir die Beleidigung anthun, dieſe Creatur zu em⸗ pfangen? Tod und Teufel! wenn ich das glaubte!“ „Frau Pivolet,“ ſagte mit ſtrengem Tone Herr von Morville, welcher bis jetzt die Gegenwart der Be⸗ ſchließerin vergeſſen hatte und ſie nun mit leiſen Tritten wegſchleichen ſah, ohne Zweifel, um hinabzugehen und die Räuberin zu betrachten, oder um den Leuten des Hauſes dieſes neue und geheimnißvolle Ereigniß mitzu⸗ theilen, „Sie werden, wenn es Ihnen gefällig iſt, in dieſes Cabinet eintreten.“ und er öffnete die Thüre eines an den Salon an⸗ ſtoßenden Cabinets. „In dieſes Cabinet?“ rief Frau Pivolet wider⸗ ſtrebend, „und warum 2“ „Um darin zu bleiben, bis ich ſie herauskommen laſſe. Gehen Sie geſchwinde!“ fügte Herr von Morville gebieteriſch bei, indem er die Thüre öffnete und die Be⸗ ſyieerin am Ellenbogen fortſchob, „hinein! hinein!“ „Aber, Herr, das heißt mich einſperren!“ rief Frau Pivolet mit kläglichem Tone, während ſie indeſſen den Befehlen ihres Herrn gehorchte. „Das heißt mich ein⸗ ſtecken! mir Feſſeln aulegen! mich in das unterirdiſche Gefaͤngniß des Schloſſes ſtürzen! und dann habe ich noch nicht gefrühſtückt, Herr! Sie wollen mich alſo den des Hungers preisgeben! mich umkommen laſſen! mich . Die letzten Worte von Frau Pivolet gingen leider für die Zuhörer verloren, denn Herr von Morville ſchob ſie in das Cabinet, deſſen Thüre er doppelt ſchloß; dann näherte er ſich Herrn de la Botardiere und ſagte mit ehrerbietigem, aber feſtem Tone zu ihm; „Mein Oheim, ich wende an Ihre Recht⸗ ſchaffenheit, an Ihre Zuneigung für uns, und wenn es ſein muß, werde ich das Andenken meiner ſo verehrten Mutter anrufen, um Sie inſtändig zu bitten, uns bei einem eben ſo ſchwierigen, als für uns unerklärlichen Umſtand zu unterſtützen.“ * 64 „Unerklärlich! nach dem, was ich Ihnen geſagt habe? nach dem, was Ihnen Ihre Tochter mitgetheilt hat? ſpottet man meiner? Wie! Sie würden noch den geringſten Zweifel in Betreff der Identität dieſer Straßen⸗ läuferin, meines Alps, hegen?“ „Ich bin nun überzeugt, mein Oheim, wenn ich nicht an Aehnlichkeiten, die es nicht gibt, oder an ein Zuſammenwirken unerhörter Umſtände glauben ſoll, ich bin überzeugt, daß Sie mit der Miß Lawſon gereiſt ſind, die wir erwarteten, und daß ſie zu dieſer Stunde unten im Salon iſt.“ „Nun! alſo? jagen Sie ſie aus Ihrem Hauſe, und damit habe die Sache ihr Ende! das hat nur zu lange gedauert.“ . „Wollen Sie dieſen Brief meines Bruders Auguſt entſiegeln und leſen?“ „Wozu ſoll das nützen 26 „Ich erſuche Sie, ich bitte Sie inſtändig darum, mein Oheim.“ Der Greis zuckte mit gereizter Ungeduld die Achſeln, las den Brief, während Herr und Frau von Morville leiſe ein paar Worte wechſelten, und ſagte dann: „Nun! was beweiſt denn dieſer Brief? Er beweiſt gar nichts, wenn nicht, daß Ihr Bruder ſich von einer Intrigantin hat betrügen laſſen.“ „Hierin, mein Herr,“ entgegnete Frau von Mor⸗ ville, „hierin ſind wir ganz anderer Anſicht, als Sie. Miß Lawſon kann keine Intrigantin ſein, iſt keine!“ Herr de la Botardiére glaubte nicht wohl gehört zu hahen und ſagte: „Wiederholen Sie mir das ein wenig.“ „Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken,“ erwiederte Frau von Morville: „wir ſind überzeugt, daß mein Schwager in der Wahl der Erzieherin, die er uns zu ſchicken die Güte gehabt hat, nicht getäuſcht worden iſt.“ „Ho! ho!“ rief der Greis mit höhniſchem Tone, „daraus folgt, daß ich ein Lügner bin, und daß ich 65 gerade wie es Frau Pivolet thun würde, Alles, was icch über dieſe Weibsperſon und ihren Galan erzählte, erfunden habe?“ „Ich bitte, ärgern Sie ſich nicht, mein lieber, guter Dheim,“ ſagte Herr von Morville zu dem Greiſe ebenſo ehrerbietig, als liebevoll, jedoch mit einer gewiſſen Ver⸗ legenheit. „Wir ſind zwiſchen zwei Klippen: entweder müſſen wir als unwürdig eine von meinem Bruder empfohlene junge Perſon wegiagen „oder glauben, Ihre Erinnerungen ſeien nicht völlig getreu in Betreff meh⸗ rerer Umſtände Ihrer Reiſe mit Miß Lawſon.“ „Ich rede alſo aberwitzig? Ich bin kindiſch geworden? Warum verlangen Sie nicht ſogleich meine Mundtodt⸗ erklärung?“ „Erlauben Sie,“ ſagte Herr von Morville, „es kommt oft vor, daß uns unſere Erinnerungen mehr oder minder gegenwärtig ſind. Hieraus entſtehen oft unwillkürliche Irrthümer.“ „Es könnte auch ſein,“ fügte Frau von Morville bei, „daß Sie, auf eine ſehr natürliche Art erbittert durch die Unannehmlichkeiten einer beſchwerlichen und ärger⸗ lichen Reiſe, in einer Miß Lawſon wenig günſtigen Stimmung des Geiſtes geweſen ſind, und daß Sie, ge⸗ täuſcht durch den Anſchein . . .“ »Anſchein! während dieſer freche Herr von Favrolle mich trotz meiner weißen Haare während der ganzen Reiſe auf den Antrieb dieſer Schamloſen mit Grobheiten überſchüttet hat 2“ „Der Umſtand einer vorgeblichen Geſchwiſterſchaft zwiſchen Herrn von Favrolle und Miß Maryh ſcheint mir allerdings unbegreiflich, mein Oheim. Indeſſen verzeihen Sie, daß ich hiebei beharre: ſind Sie ganz ſicher, daß Ihr Gedächtniß in dem, was die mehr als unanſtändigen Vertraulichkeiten betrifft, die Sie zwiſchen Miß Marh und Herrn von Favrolle bemerkt haben wollen, genau iſt2“ „Tod und Hölle!“ rief der Greis mit zornigem, Miß Mary. 5 66 entrüſtetem Tone, „ich glaube, man beleidigt mich in einem Grade, daß man an meinen Worten zweifelt! Mich ein Verhör ausſtehen laſſen! Das iſt eine Ver⸗ —meſſenheit. . .“ „Aber, mein Herr,“ ſprach lebhaft Frau von Mor⸗ ville, „es handelt ſich, wie Ihnen mein Mann geſagt hat, für uns darum, ſchmählich eine junge Perſon von hier wegzujagen, die wir für höchſt ehrenwerth zu halten alle Urſache hatten. Ich bin Mutter, mein Herr, und in dieſem Augenblick fühle ich Alles, was ich fühlen müßte, wenn ich meine Tochter verleumdet ſehen würde.“ „Ich, ein Verleumder, Madame!“ rief Herr de la Botardiere außer ſich. „Ah! ſo behandelt man mich!“ Und er ſtand auf, zog ſeine Uhr und ſagte: „Es iſt zwei Uhr, ich gehe in mein Zimmer. Wenn dieſe Straßenläuferin nicht in meiner Gegenwart bis drei Uhr weggejagt wird, ſo kehre ich nach la Botarviére zurück, und in meinem Leben werden Sie mich nicht wiederſehen. Ich müßte dies auf der Stelle ausführen, aber aus Rückſicht für das Andenken meiner Schweſter, das Sie angerufen, will ich Mitleid mit Ihnen haben, und ich gebe Ihnen Zeit zum Ueberlegen. Doch nehmen Sie ſich in Acht! iſt einmal mein Entſchluß gefaßt, ſo wird mich weder Bitten, noch Flehen erweichen! Das wird ein ewiger Bruch ſein. Adieu, mein Herr, ich erwarte Ihre Entſcheidung.“ „Noch ein Wort, mein Herr,“ ſprach Herr von Morville mit einem Ausdruck voll Würde; „es wäre mir tief ſchmerzlich, auf Ihre Freunvſchaßt zu verzichten; doch ich hätte den Muth, mich eher in dieſes grauſame Opfer zu fügen, als irgend Jemand der Schmach zu über⸗ „ohne ihm die Mittel zur Rechtſertigung zu geben.“ „Nach Ihrem Belieben,“ ſagte Herr de la Botar⸗ dière, „in einer Stunde werde ich Sie in den Stand ſetzen, dieſen Heldenmuth zu beweiſen, Herr Don Qui⸗ rotte der Straßenläuferinnen!“ 5 — 67 „ Und der ſtörriſche Greis ging wüthend aus dem Salon weg. Als Herr und Frau von Morville allein waren, rief Herr von Morville: „Wahrhaftig, ich bedurfte meiner ganzen gewohnten Ehrſurcht gegen den Bruder meiner Mutter, um an mich zu halten; er iſt von einer Heftigkeit, von einer Halsſtarrigkeit, welche alle Grenzen überſchreitet; ſein Charatter wird unerträglich.“ „Allerdings, mein Freund, iſt mir die unerwartete Ankunft von Miß Mary im höchſten Grade unangenehm. Ich habe dieſen Morgen mit voller Offenherzigkeit mit Dir geſprochen; ich hatte ſodann mit Alphonſine eine Unterredung, aus der ich die ſüßeſten Hoffnungen ſchöpfte; die ganze Zutunft iſt nun in Frage geſtellt, und ich bin unwillkürlich ſchmerzlich betrübt; aber es wäre unwürdig von uns, wenn wir blinolings den Fordernngen Deines Oheims nachgeben würden.“ „Begreiſſt Du etwas von dieſer Sache?“ „Sein Verlangen, den armen Robert wegen eines unwillkürlichen Fehlers wegzujagen, iſt für uns ein neuer Beweis von dieſem eigenſinnigen, ſtörrigen Geiſt, der immer ſchlimmer wird; ohne den, ich geſtehe, unbe⸗ greiflichen Umſtand der erdichteten Verwandtſchaft von Miß Mary und dem jungen Herrn von Favrolle, würde ich mir vollkommen erklären, daß Dein Oheim gegen dieſe junge Perſon eine Abneigung gefaßt hat, weil ſie die unwillkürliche Urſache von einer Menge von Unan⸗ nehmlichkeiten und ohne Zweifel abgeſchmackten Spöt⸗ tereien geweſen ſein wird, die er 69 aber durch ſein egviſtiſches, despotiſches, zornſüchtiges Weſen zugezogen at.“ „Ei! mein Gott, ja! das iſt immer die Geſchichte, an die ich dieſen Morgen Auguſt erinnerte: wenn mich mein Oheim mit ſich in's Theater nahm, machte er ſich unerträglich für ſeine Nachvarn, und bei der en . 5 68 * Entgegnung verſchanzte er ſich hinter ſeine weißen Haare und ſchob mich vor.“ „Und da er bei der unglücklichen Reiſe, die ihn in der Erinnerung in Verzweiflung bringt, Dich nicht bei ſich hatte, um ihn zu unterſtützen, ſo wird er ſich tauſend Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Ich begreife das. Aber die erdichtete Verwandtſchaft von Fräulein Lawſon und Herrn von Favrolle? Dieſe Sache muß wahr ſein; Dein Oheim kannte den jungen Mann nicht und er hat uns ſeinen Namen geſagt. Dann die unanſtändigen Vertraulichkeiten zwiſchen dem ausgelaſſenen Menſchen und Fräulein Lawſon? Ich gebe zu, daß Dein Oheim doch dies, mein Freund, iſt nichtsdeſtoweniger ernſt.“ 3 „Wie ſoll man aber denken, Auguſt ſei auf eine ſo unbegreifliche Weiſe in Beziehung auf Miß Lawſon hintergangen worden?“ „Sollte er nicht, beſeelt von dem Verlangen, einer unglücklichen Familie ſu Hülfe zu kommen, die Augen über viele Dinge geſchloſſen haben?“ „Louiſe, bedenkſt Du? es handelte ſich um eine Er⸗ zieherin für unſere Tochter, und mein Bruder, ein Mann von Verſtand und Herz, ſollte ſo leichtſinnig geweſen ſein, zu. . Oh! nur der Verdacht allein wäre eine Beleidigung!“ „Gut. Doch die erdichtete Verwandtſchaft mit dieſem zwanzigjährigen Laffen 2“ „Lyuiſe, wir können Fräulein Lawſon nicht länger warten laſſen. Unſer Zaudern, ſie zu empfangen, muß ihr unbegreiflich, verletzend ſcheinen; ſtellen wir uns an ihren Platz; ſie iſt zweihundert Meilen von ihrer Heimath entfernt, allein; ſie kommt in einem Hauſe an, wo ſie auf einen wohlwollenden Empfang zu zählen berechtigt iſt, und wir laſſen ſie mehr als eine Stunde unten! Das iſt ein grauſamer Mangel an Rückſicht; wir müſſen auf der Stelie einen Entſchluß faſſen.“ 69 . „Welchen? Den, ſie über die Thatſachen, welche Dein Oheim behauptet, zu befragen?“ „Das wäre eine Beleidigung gegen ſie.“ „Aber, mein Freund, wir müſſen doch in Erwägung ziehen, was uns Dein Oheim mitgetheilt hat. Ich, was mich betrifft, werde vor Allem meine Tochter nie einer Perſon anvertrauen, über der der geringſte Verdacht. ſchweben kann.“ „Ich eben ſo wenig; doch ich frage noch einmal, was iſt zu beſchließen? Bedenke doch, daß ſie uns erwartet, daß jede Minute Verzug ihre Lage und die unſere ſchwie⸗ riger und peinlicher macht.“ „Ei! mein Gott! ſie mag warten! Das iſt unan⸗ enehm für ſie!“ rief Frau von Morville mit einer ſrc Ungeduld; „doch warum hat ſie ſo geeilt, hieher zu kommen?“ „Ah! Louiſe, das iſt hart, das iſt ungerecht! Miß Lawſon wird ſich in ihrem Eifer beeilt haben, zu uns zu kommen.“ „Du haſt Recht, was ich da geſagt habe, iſt ab⸗ ſcheulich. Die arme Perſon, ſie hat wohl dieſen für ſie unerwarteten Platz zu verfehlen befürchtet! Höre, ich ſage Dir, daß ich mich zuweilen nicht mehr kenne. Oh! dieſes Mädchen muß unter einem ſchlimmen Geſtirn geboren ſein, daß es hieher gekommen iſt.“ Das Geſpräch von Herrn und Frau von Morville wurde hier durch den Eintritt ihrer Tochter unterbrochen. „Wie, mein Kind,“ ſagte Herr von Morville im Tone des Vorwurfs zu ihr, „Du läſſeſt Fräulein Lawſon allein, ſtatt ihr, bis wir kommen, Geſellſchaft zu leiſten?“ „Verzeih', mein Vater,“ erwiederte ſchuchtern das Mädchen, „ich glaubte, wohl zu thun; wenn Du wüßteſt, wie von Augenblick zu Augenblick dieſe arme Demoiſelle verlegener wird! ſie ſcheint eben ſo erſtaunt, als beängſtigt, daß ſie weder Sie, noch meine Mutter ſieht; es macht mir das Herz ganz ſchwer; nicht als ob ſie mir ihr Erſtaunen über Ihre Vernachläſſigung in irgend einer 70 Hinſicht bezeigt hätte; ſie ſprach im Gegentheil von meinem Oheim in Dublin und ſeiner Familie mit der lebhafteſten Dankbarkeit; aber ich bemerkte bald, daß, als ſie Sie nicht kommen ſah, ihr Geſicht immer trau⸗ riger wurde, ich glaubte ſogar eine Thräne in ihren Augen zu gewahren. Dann nahm ich es auf mich, zu ihr zu ſagen: „Mein Fräulein, Sie dürfen ſich nicht darüber wundern, daß Mama und mein Vater noch nicht zu Ihnen herabgekommen find: es iſt einer von meinen Oheimen, der ſo eben von der Reiſe angelangt, und den ſie ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen, bei ihnen.““ „Gut, liebes Kind,“ ſprach zärtlich Herr von Mor⸗ ville, „Dein Herz hat Dich vortrefflich bedient.“ „Ich glaube es, mein Vater, denn meine Worte ſchienen Miß Lawſon um eine große Laſt zu erleichtern; ihr Geſicht klärte ſich gleichſam auf, und es kam mir vor, als ſchaute ſie mich mit einer dankbaren Miene an; als ſie ſah, daß ich aufſtand, ſagte ſie auch zu mir: „„Ich beſchwöre Sie, mein Fräulein, bemühen Sie meinetwegen Herrn und Frau von Morville nicht; es iſt ſo natürlich, daß ſie bei einem Verwandten bleiben, der von der Reiſe ankommt!““ Deſſen ungeachtet aber habe ich mich beeilt, Sie zu holen, und ich kann Ihnen nur die Verſicherung geben, daß ich durchaus nicht mehr vor Miß Mary bange habe, und es freut mich beinahe, daß Ihr Brief an meinen Oheim in Dublin, wovon ich natürlich nichts zu ihr geſagt, zu ſpät abgegangen iſt, denn mir ſcheint, Miß Mary wird mich über den Verluſt von Mlle. Lagrange tröſten.“ „Meine liebe Louiſe,“ ſagte Herr von Morville zu ſeiner Frau, „wir können nicht umhin, Miß Mary zu empfangen.“ „Aber, mein Freund,“ verſetzte Frau von Morville, indem ſie ihrem Mann ein Zeichen des Verſtändniſſes machte, „haſt Du auch wohl überlegt?“ „Sei unbeſorgt, ich habe Alles überlegt,“ erwiederte Herr von Morville, der ſeiner Frau ebenfalls durch ein 71 Zeichen bedeutete, er habe verſtanden. „Gehen wir in den Salon hinab.“ In dem Augenblick, wo Herr und Frau von Mor⸗ ville das Zimmer verlaſſen wollten, ſagte ihre Tochter: „Oh! mein Gott! mein Vater, haſt Du dieſes Stöhnen im Cabinet gehört?“ „Das iſt Frau Pivolet,“ antwortete Herr von Mor⸗ ville; „ich weiß, was das bedeutet; Du, erwarte uns in Deinem Arbeitszimmer.“ „Sie werden mit Miß Marh zu mir kommen, daß meine Zeichnungen, meine Hefte zeige, nicht wahr?“ „Erwarte uns immerhin, mein Kind,“ antwortete Herr von Morville ſeiner Tochter, welche ſogleich weg⸗ ging. 8,Aber, mein Freund,“ ſprach Frau von Morville, „was wirſt Du Miß Lawſon ſagen 2“ „Ich habe meinen Plan, wir werden Alles auf⸗ klären können, ohne ſie in irgend einer Beziehung zu verletzen.“ Hienach befreite Herr von Morville Frau Pivolet aus ihrem Kerker, den ſie, klägliche Seufzer aus⸗ ſtoßend, verließ. Sie ſchickte ſich ohne Zweifel an, ein Längeres über das herrliche Thema, ihren Abgang aus den unterirdiſchen Gefängniſſen des Schloſſes, wo ſie den gräßlichen Qualen des Hungers preisgegeben worden, zu improviſiren. Aber Herr von Morville ſprach mit kurzem, ſtrengem Tone zu ihr: „Vernehmen Sie wohl, was ich Ihnen ſage, Frau Pivolet: Sie haben vorhin meinen Oheim von einer Perſon, mit welcher er gereiſt iſt, ſprechen hören; in Folge eines Irrthums hat er ſie mit Fräulein Lawſon, welche ſo eben angekommen, verwechſelt. Ich erkläre Ihnen, wenn Sie gegen irgend Jemand ein einziges von den Worten, die mein Oheim in einem Augenblick der Täuſchung geſprochen, zu wiederholen ſich erlauben, ſo werden Sie nicht vierundzwanzig Stunden bei mir bleiben. Unterbrechen Sie mich nicht; ich vergeſſe nicht, daß Sie Amme meiner Tochter geweſen ſind und daß Sie mir tren gedient haben. Ich werde für Ihre Be⸗ dürfniſſe reichlich Sorge tragen, aber ich wiederhole Ihnen, ich fange an Ihrer Lügen und Ihrer Tollheiten müde zu werden. Bei Ihrer erſten Unbeſonnenheit dieſer Art verlaſſen Sie mein Haus, um nie mehr dahin zurückzukehren; erinnern Sie ſich an Dupont, der dreißig Jahre im Dienſte meiner Mutter geweſen war; er mißbrauchte auch unſere Nachſicht. Nachdem ich ihm eine Penſion geſichert, habe ich ihn in ſeine Heimath zurückgeſchickt. Ich ſage Ihnen nur ſo viel.“ Nach dieſen Worten, mit einem feſten Tone geſpro⸗ chen, der nicht den geringſten Zweifel über die Ver⸗ wirklichung der Drohung, die er an Frau Pivolet ge⸗ richtet, übrig ließ, begab ſich Herr von Morville ſchleu⸗ nigſt mit ſeiner Frau zu Miß Mary. Kaum hatten ſich ihre Gebieter entfernt, als Frau Pivolet ausrief: „Er würde es machen, wie er ſagt, er hätte die Grauſamkeit, mich fortzuſchicken und anderswo mit einer guten Penſion leben zu laſſen, und, wie dieſen unglück⸗ lichen Dupont, würde er mich auf den Boden der Ver⸗ bannung werfen! Das iſt die Dankbarkeit der Herr⸗ ſchaften! Oh! Du wirſt mir dies Alles bezahlen, ſchöne Engländerin!“ VII. Perr und Frau von Morville fanden Miß Marh im Salon ſitzend. Sie ſtand auf und ging ihnen mit einer Haltung voll Beſcheidenheit und Anmuth ent⸗ gegen. ½ Mein Fräulein,“ ſagte Herr von Morville mit einer etwas gezwungenen Miene zu ihr, „wollen Sie t i 73 uns entſchuldigen, daß wir ſo lange geſäumt, uns zu Ihnen zu begeben.“ „Mein Herr, ich wußte durch Fräulein von Mor⸗ ville, daß Sie einen Ihrer Verwandten empfingen, der von der Reiſe angekommen.“ „Ja, mein Fräulein,“ erwiederte Herr von Mor⸗ ville, während er ſeiner Frau einen bezeichnenden Blick zuwarf, den Miß Mary nicht bemerkte, denn ſie hielt die Augen ſchüchtern niedergeſchlagen; „ich glaube johar⸗ daß mein Oheim, Herr de la Botardisre, die Ehre gehabt hat, mit Ihnen von Calais zu reiſen.“ Beim Namen des widerwärtigen Greiſes ſchien Miß Lawſon erſtaunt, aber ihre Züge verriethen nicht die ge⸗ ringſte Verlegenheit. Sie ſchlug die Augen zu Herrn von Morville auf und ſagte einfach zu ihm: „Ah! mein Herr, ich befürchte, unwillkürlich dieſe Reiſe Ihrem Herrn Oheim vielleicht unangenehm ge⸗ macht zu haben.“ ie denn, mein Fräulein 2“ fragte Frau von Mor⸗ ville. „Madame, ich denke, dieſe Einzelheiten, die mich perſönlich betreffen, verdienen Ihre Aufmerkſamkeit nicht.“ „Im Gegentheil, mein Fräulein,“ ſagte Herr von Morville, „nichts, was Sie intereſſirt, kann uns gleich⸗ gültig ſein.“ „Mein Herr,“ erwiederte Miß Mary, vallein in Calais angekommen, war ich ſehr in Verlegenheit, da mir ein alter Diener meiner Familie, den ich zufällig im Bureau der Diligence fand, einige Zeeſ⸗ über die möglichen Folgen meiner Reiſe eingeflößt hatte.“ „Welche Beſorgniſſe, mein Fräulein?“ fragte Frau von Morville. „Dieſer alte Diener hatte zwei junge Leute, welche mit mir reiſen ſollten, leichtſinnig in Beziehung auf mich ſprechen hören,“ erwiederte Miß Mary erröthend. „Sie ſahen mich allein, ſie kannten mich nicht, und der Eine von ihnen verbarg ſogar, in der Unbeſonnenheit ſeines Alters, gewiſſe Hoffnungen nicht . . . welche wenig ehrenhaft für ihn, wenig ſchmeichelhaft für mich.“ „Ah! das iſt ſchändlich!“ rief Herr von Morville. „Nichts iſt heiliger, als eine Frau allein und ohne Schutz.“ „Ich muß ſogleich beifügen, mein Herr,“ fuhr Miß Marh fort, „derjenige von den zwei jungen Leuten, welcher ſich Anfangs ſo ſeltſam in mir getäuſcht, hat mich, da er auf eine edle Art während der ganzen Reiſe den ſchlimmen Gedanken eines Augenblicks wieder gut gemacht, durchaus nicht einen Schritt berenen laſſen, der Ihnen ohne Zweifel ſeltſam ſcheinen wird.“ „Welchen Schritt, mein Fräulein?“ „Zum erſten Mal in meinem Leben allein reiſend, erfuhr ich, es ſei keine andere Frau, außer mir, im Wa⸗ gen; dabei wenig beruhigt durch die geräuſchvolle Heiter⸗ keit von mehreren meiner Reiſegefährten und unterrichtet von einigen Worten, welche einem der jungen Leute, von denen ich geſprochen, entſchlüpft waren, übertrieb ich mir vielleicht die Folgen ihrer Unbeſonnenheit und befürchtete beſonders, ich geſtehe es, zu dem für eine Frau ſo demüthigenden, ſo ſchmerzlichen äußerſten Mit⸗ tel, an die ihr ſchuldige Achtung erinnern zu müſſen, zu greifen genöthigt zu ſein, und ſo bat ich geradezu offenherzig denjenigen von den zwei jungen Männeru, welcher mich ſo leicht beurtheilt, mich während dieſer langen Reiſe unter ſeinen Schutz ju nehmen. Und da⸗ mit dieſer Schutz ſo anſtändig als möglich erſcheinen würde, machte ich Herrn von Favrolle, das iſt ſein Name, den Vorſchlag, mich für ſeine Schweſter auszugeben. Er willigte ein, und ich muß Ihnen ſagen, Madame, ich werde nie vergeſſen, mit welcher zarten Güte, mit wel⸗ chem vollkommenen Takt Herr von Favrolle ſeine Bru⸗ derrolle geſpielt hat. Sie ſehen, Madame, dieſer Schritt war kühn von meiner Seite aber 4 „Ich begreife ihn ſehr gut!“ erwiederte eiligſt Frau S 75 von Morville, gerührt zugleich von der Aufrichtigkeit von Miß Mary und der peinlichen Lage, in der ſie ſich hatte befinden müſſen. „Ich geſtehe, trotz meines Alters, hätte ich Todesangſt, allein in einem öffentlichen Wagen zu reiſen, und ich hätte gehandelt wie Sie, mein Fräu⸗ lein, wenn mir dieſer glückliche Gedanke gekommen wäre. Nur mit dem Unterſchied,“ fügte Frau von Morville lächelnd bei, „daß ich Herrn von Favrolle gebeten hätte, für meinen Sohn gelten zu wollen.“ „Mein Fräulein,“ ſagte Herr von Morville, „wir bedauern ungemein, daß wir die erſte Urſache einer Reiſe geweſen ſind, welche widrige Erinnerungen in Ihnen zurücklaſſen konnte.“ „In der That, mein Herr, da ich nun weiß, daß Herr de la Botardiére einer von Ihren Verwandten iſt, kann es mir nur peinlich ſein, zu denken, beſchützt durch Herrn von Favrolle, habe meine Gegenwart in dem Wagen, wo ich Ihren Herrn Oheim getroffen, vielleicht für ihn die Unannehmlichkeiten der Reiſe vermehrtz leider haben unſere Reiſegefährten nur zu ſehr vergeſſen, daß es der Anſtand heiſcht, einige Widerwärtigkeiten mit Stillſchweigen zu übergehen, ſtatt ſich dafür mit Spötte⸗ reien zu rächen, welche um ſo bedauerlicher, wenn ſie an einen betagten Mann gerichtet ſind.“ „Unter uns geſagt, mein Fräulein,“ ſagte lächelnd Herr von Morville, „ich kann Ihnen geſtehen, daß mein Oheim von keinem vollkommen leichten Charakter iſt. Sie haben dies wahrnehmen, vielleicht darunter leiden können. Wir haben vor dem Bruder meiner Mutter alle Ehrfurcht, die er verdient; doch wir wiſſen aus Er⸗ fahrung, daß er ſich gewiſſen Heftigkeiten überläßt.“ „Die ſein Alter dulden machen muß,“ erwiederte mit ſanftem Tone Miß Mary; „ich für meine Perſon, und dazu wünſche ich mir zu dieſer Stunde doppelt Glück, vergaß auch nicht einen Augenblick, daß Ihr Herr Oheim weiße Haare hatte, wie mein Vater; es iſt nur ärgerlich, daß bei zwei oder drei Vorkommenheiten Herr von Favrolle, ich will nicht ſagen auf das Aeußerſte gebracht, ſondern minder geduldig, als er hätte ſein ſol⸗ ien, ſo ſehr ich in ihn drang, einige etwas lebhafte Worte nicht zurückhalten konnte, welche indeſſen, das verſichere ich Sie, nie die Mäßigung überſchritten haben, die ſich ein Mann von Anſtand vorzuſchreiben weiß.“ „Was Sie mir von Herrn von Favrolle mittheilen, ſetzt mich nicht in Erſtaunen, mein Fräulein,“ ſagte Herr von Morville; „ſein Vater iſt einer meiner älteſten Freunde, durch und durch ein Ehrenmann. Ich würde mich gewundert haben, wenn ſich ſein Sohn, abgeſehen von einer ärgerlichen Unbeſonnenheit in Beziehung auf Sie, die er übrigens auf eine edle Weiſe wieder gut gemacht, nicht als ein vollkommen galanter Mann ge⸗ zeigt hätte.“ „Ah! mein Herr, da Sie den Vater von Herrn von Favrolle kennen,“ ſagte Miß Mary mit ihrer gewöhn⸗ lichen unſchuld und Redlichkeit, „Sie werden wohl die Güte haben, mir ſeine Adreſſe zu geben; ich will ſie meiner Mutter ſchicken, der ich alle Vorfälle meiner Reiſe geſchrieben habe, und ſie wird glücklich ſein, Herrn von Favrolle ihre ganze Dankbarkeit ſir das edelmüthige Benehmen ſeines Sohnes gegen mich bezeigen zu können.“ „Gewiß, mein Fräulein,“ ſagte Herr von Morville, „Ihr Wunſch iſt zu lobenswerth, als daß ich mich nicht beeifern ſollte, ihm zu entſprechen.“ „Das iſt nicht Alles, mein Herr,“ fuhr Miß Marh lächelnd fort, „ich habe noch eine Bitte an Sie zu rich⸗ ten: wollen Sie die Güte haben, mich Ihrem Herru Oheim vorzuſtellen, ich werde es mir angelegen ſein laſ⸗ ſen, ihm zu beweiſen, daß ich nicht die geringſte Erinne⸗ rung mehr von ſeinen Heftigkeiten bewahre, welche in⸗ deſſen bei einer, ohne Zweifel durch die Strapazen einer langen Fahrt und einer unbequemen Reiſe ein wenig reizbar gewordenen, Perſon von ſeinem Alter ſehr ent⸗ ſchuldbar ſind.“ „Ich bin überzeugt, mein Fräulein,“ erwiederte 77 Herr von Morville, „mein Oheim wird eifrig bemüht ſein, ſein Unrecht gegen Sie zu bedauern.“ „Großer Gott! mein Herr, das iſt nicht mein Ge⸗ danke. Alles iſt vergeſſen; ich wünſche nur das Wohl⸗ wollen Ihres Herrn Oheims zu verdienen, wie ich das aller Perſonen einer Familie zu verdienen wünſche, gegen die ich und meine Familie zu ſo großer Dank⸗ barkeit verpflichtet ſind.“ „Mein Fräulein .4 „Warum wollen Sie das von ſich ablehnen? Ich wünſche im Gegentheil Sie zu überzeugen, daß meine Stellung bei Fräulein von Morville für meine Familie und für mich ein unverhoffter Troſt bei ehrenhaften Un⸗ glücksfällen iſt; je mehr Sie, mein Herr, ſowie Frau von Morville von dem, was wir Ihnen verdanken, durch⸗ drungen ſein werden, deſto mehr werden Sie, wie ich hoffe, ſicher ſein meines Entſchluſſes, nach meinen beſten Kräften meine Pflichten bei Ihrer Fräulein Tochter zu erfüllen, eine übrigens ſüße Aufgabe, wenn ich nach den wenigen Augenblicken urtheile, die ich mit ihr zuge⸗ bracht habe.“ . Wir wußten durch meinen Bruder, mein Fräulein, wie koſtbar die Hülfe ſein würde, die Sie uns bei Vollen⸗ dung der Erziehung von Alphonſine leiſten wollen.“ „Da wir von Ihrem Herrn Bruder ſprechen, mein Herr,“ ſagte Miß Mary, „erlauben Sie mir, daß ich mich eines Auftrags entledige, den er mir für Frau von Morville gegeben hat.“ Und Miß Mary überreichte, nachdem ſie es geöffnet, der Mutter von Alphonſine das vielerwähnte ſaffianene Etui, welches die Einbildungskraft von Frau Pivolet ſo ſehr erregt hatte, und von dem ſie vermuthete, es ent⸗ halte gräßliche Gifte. Kaum hatte Frau von Morville einen Blick auf den Inhalt des Etui geworfen, als ſie mit einer ent⸗ zückten Miene, indem ſie ſich an ihren Mann wandte, ausrief: nn 78 eieh doch, wie ähnlich meine Schwägerin und ihre zwei Kinder ſind. Das iſt treffend!“ „In der That,“ ſagte Herr von Morville, „das lebt und athmet.“ „Und dieſe zwei Engel,“ fügte Frau von Morville vei, „wie glücklich ſind ſie auf dem Schooße ihrer Mut⸗ ter gruppirt! Welch ein entzückendes Gemälde!“ „Ich habe nichts ſo Aehnliches und Reizendes ge⸗ ſehen,“ ſprach Herr von Morville, während er, wie ſeine Frau, mit verdoppelter Bewunderung dieſe köſtliche Aquarelle anſchaute, welche eben ſo merkwürdig durch die Grazie der Haltung, durch die Reinheit der Zeich⸗ nung und die Feinheit des Colorits, als durch die ge⸗ treue Reprodurtion der Züge. „In der That, Dein Bruder Auguſt verdirbt mich. Er konnte mir kein Geſchenk machen, das mich mehr entzückt hätte,“ ſagte Frau von Morville, welche nicht müde wurde, die Aquarelle anzuſchauen. Dann ſich gegen Miß Mary umwendend: „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, daß Sie es gütigſt übernommen haben, mir dieſes Portrait zu brin⸗ gen. Aber wiſſen Sie, daß Sie in Irland Künſtler erſten Ranges beſitzen!“ 1 „Wie ſo, Madame2« fragte naiv Miß Mary, welche in ihrem beſcheidenen Weſen zu ſehr durch die ihrer Malerei geſpendeten Lobeserhebungen in Verlegenheit gebracht worden war. „Allerdings,“ erwiederte Frau von Morville, aber⸗ mals das Portrait anſchauend, „dieſe Aquarelle iſt von einem ſeltenen Verdienſt.“ „Wahrhaftig, Madame, Sie vermehren noch meine Verwirrung,“ ſagte Miß Mary erröthend, „dieſe Aqna relle iſt mein Werk.“ „In der That, mein Fräulein?“ rief Frau von Morville. „Sie beſitzen ja ein äußerſt merkwurdiges Talent für die Malerei.“ . „Madame, Sie ſind zu nachſichtig; das einzige Per⸗ 79 dienſt dieſer Aquarelle iſt vielleicht die Aehnlichkeit. Ihre Frau Schwägerin hat die Güte gehabt, mir einige Sitzungen vor meiner Abreiſe von Dublin zu bewilligen; ich konnte keine glücklichere Gelegenheit finden, um es zu verſuchen, in Ihren Augen das zu rechtfertigen, was der Bruder von Herrn von Morville in Beziehung auf meine Fähigkeit im Zeichnen Ihnen ſchreiben mochte.“ „Ein ſolches Talent, mein Fräulein, überſteigt, ich „alle unſere Hoffnungen,“ ſagte Frau von orville. Man hörte nun im anſtoßenden Zimmer, dem Stu⸗ diencabinet von Fräulein von Morville, ein Vorſpiel auf dem Clavier, dann ein Thema von Mozart, welches das Mävchen in Erwartung ihrer neuen Erzieherin zu ſpie⸗ len anfing. „Das iſt ohne Zweifel Fräulein von Morville?“ fragte halblaut Miß Mary, während ſie aufmertſam horchte. „Ja, mein Fräulein,“ antwortete Frau von Morville. Miß Lawſon horchte ziemlich lange mit ſichtbarer Befriedigung, bezeichnete dabei unwillkürlich den Tact mit der Spitze ihres hübſchen Fußes und ſagte leiſe: „Gut ſehr gut . . das iſt nur ein wenig zu raſch Gut vortrefflich! Oh! abermals zu raſch; die Noten treten nicht genug hervor. Doch u — beſſer; bravo, dieſe Paſſage iſt tadellos ausge⸗ ührt. „Mein Fräulein,“ ſagte Frau von Morville entzückt über die aufrichtige Billigung von Miß Mary, wäh⸗ rend Alphonſine fortſpielte, „Sie ſind alſo zufrieden ?“ „Sehr zufrieden, Madame. Es ſind Sätze zum Bezaubern und mit einem vortrefflichen muſikaliſchen Gefühle gegeben; andere ſchwierigere ermangeln ein wenig des Studiums und der Klarheit.“ Dann ſtand Miß Mary auf und ſagte lächelnd zu Frau von Morville, indem ſie mit dem Blick die Thüre des Arbeitscabinets bezeichnete: 12 Sie „Erlauben Sie, Madame, daß ich ſchon meine Funetionen beginne.“ „Wir wären hierüber unendlich erfreut,“ erwiederte Herr von Morville; „nur müßten wir Ihre Freundlich⸗ keit zu mißbrauchen befürchten. Es iſt vielleicht für Sie ein Bedürfniß, ein wenig zu ruhen.“ „Durchaus nicht, mein Herr. Ich bin zu glücklich, bei Ihrer Fräulein Tochter ein der Vollkommenheit ſo nahe ſtehendes Talent zu finden, um nicht den Wunſch zu hegen, es ihr ſo bald als möglich zu ſagen.“ Hienach traten Herr und Frau von orville mit Miß Mary in das Studiencabinet einz Alphonſine, als ſie Miß Lawſon erblickte, verließ das Clavier erröthend. „Ich habe Sie dieſes Stück von Mozart ſpielen hören, mein Fräulein,“ ſagte Miß Mary. „Ich wünſche Ihnen Glück und erlaube mir, Ihnen einige Bemer⸗ kungen zu machen. Sie ſehen, daß ich Eile habe, mich ſtreng zu zeigen, oder vielmehr, nicht ich bin ſtreng, Ind es, denn die Vollkommenheit einer großen An⸗ ahl Paſſagen kritifirt ſtreng diejenigen, welche Sie nicht ſorgfültig ſtudirt haben. Wollen wir dieſes Stück wieder anfangen?“ „Mit Vergnügen, mein Fräulein,“ ſagte Alphonſine, während ſie ſich entzückt über das freundliche Wohl⸗ wollen von Miß Marg wieder an's Clavier ſetzte. Dieſe machte dem hen Mädchen, während es abermals das Stück ſpielte, Bemerkungen voll Richtigkeit, Geſchmack und Wiſſen, welche tiefe muſikaliſche enntniſſe offen⸗ barten; um die Praxis mit der Theorie zu verbinden, bat ſie ſodann Fräulein von Morville, ihr einen Augen⸗ blick ihren Platz abzutreten, und führte daſſelhe Stück auf die mriüti Art aus, wobei ſie Fräulein von Morville die Stellen bezeichnete, auf welche ſich ihre Rritiken bezogen hatten, ſie auf die Verſchiedenheit auf⸗ merkſam mache, mit der ſie bei der Ausführung zu Werke ging, und envlich ſo viel Talent, ſo viel Beſch⸗ denheit, ſo viel Güte an den Tag legte, daß Herr und 8¹ Frau von Morville, ganz unter dem Zauber der Bes⸗ wunderung, jeden Moment erſtaunte Blicke wechſelten. Ein Diener, der in das Studiencabinet eintrat, ſagte zu Herrn von Morville: „Herr de la Botardiére bittet Sie, in ſein Zimmer kommen zu wollen.“ Bei dieſer Erinnerung an etwas völlig von ihm Vergeſſenes, ſchaute Herr von Morville auf die Pendel⸗ uhr? ſie zeigte drei Uhr an, und der jähzornige Greis hatte ſeinem Neffen Friſt bis drei Uhr gegeben, um ſich zu entſcheiden, ob er Robert, den Jäger, und Miß Mary⸗ die S aus dem Hauſe jagen wolle oder nicht⸗ Als ſie den Namen von Herrn de la Botardiere ſagte Miß Lawſon lächelnd zu Herrn von Mor⸗ ville: „Ich bitte, mein Herr, wollen Sie ſich meines Wun⸗ ſches und Ihres Verſprechens in Betreff Ihres Herrn Oheims erinnern.“ „Ja, mein Fräulein,“ erwiederte Herr von Mor⸗ ville nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit. Und er ließ ſeine Frau und ſeine Tochter bei Miß Mary und be⸗ gab ſich zu ſeinem Oheim. Herr de la Botardiere ging mit einer zornigen Unruhe in ſeinem Zimmer umher. Als er ſeinen Reffen erblickte, fragte er ihn ungeſtüm: „Iſt dieſe Straßenläuferin abgegangen?“ „Mein Oheim, erlauben Sie „ „Keine Erklärung. Iſt ſie abgegangen, ja oder nein?“ „Nein, mein Oheim, und ich komme 4 „Kein Wort mehr!“ Herr de la Potardiére lief an den Kamin und zog heftig an der Klingelſchnur. „Mein Oheim, Sie werden mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß man die Leute wenigſtens anhört, ehe man äußerſte Entſchlüſſe faßt; ſchenken Sie mir einige Augenblicke Aufmerkſamkeit, und Sie werden ſelbſt Miß Marg⸗ 6 . 8² erkennen, wie wenig Ihre Vorurtheile gegen Miß Marh gerechtfertigt ſind.“ Als in dieſem Augenblick ein Bedienter auf den . Flingel erſchien, ſagte Herr de la Botardiere u ihm: „Man ſpanne auf der Stelle Roncevaux an und führe meinen Wagen vor die Freitreppe.“ Der Bediente entfernte ſich wieder. „Mein Oheim,“ ſprach Herr von Morville mit innigem Tone, „Sie werden nicht auf immer mit uns einzig und allein, weil ich mich als redlicher Mann be⸗ nehme, brechen wollen.“ „Das Wort iſt reizend! Ah! Sie nennen das Red⸗ lichkeit! Mich, wenn ich hierher komme, der Unannehm⸗ lichkeit ausſetzen, mit meinem Alp, mit dieſer Scham⸗ loſen zuſammenzutreffen, die ihren Galan für ihren Bruder ausgibt!“ „Miß Lawſon hat uns auf die natürlichſte Weiſe erklärt, warum ſie genöthigt geweſen, Herrn von Favrolle zu bitien, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen und ſie während der Reiſe als ſeine Schweſter zu behandeln.“ . Herr de la Botardiére brach in ein höhniſches Ge⸗ lächter aus und rief: „Bei Gott! mein Herr Neffe, Sie ſind ein großer Einfaltspinſel! In Ihrem Alter geben Sie ſich noch ſolchen Mährchen hin.“ „Mein Oheim, ich beſchwöre Sie, bewilligen Sit Miß Mary eine Unterredung von zehn Minuten, und Sie werden erkennen, wie ſehr Sie in Beziehung auf ſie im Irrthum ſind.“ „Herr von Morville!“ rief der Greis außer ſich, „dieſer Vorſchlag iſt von einer Frechheit, welche an die Unverſchämtheit grenzt!“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ erwiederte Herr von Morville, der kaum an ſich zu halten vermochte, „dieſer Vorſchlag iſt der eines Mannes, der ſich nicht entſchlie⸗ ſen fann und will, eins abſcheuliche Ungerechtigkeit * 83 begehen, wie viel es ihn auch koſtet, ſich der Gefahr auszuſetzen, die Freundſchaft des Bruders ſeiner Mutter zu verlieren.“ »Oh! ja wohl, Freundſchaft! man macht ſich eiwas aus der Freundſchaft des guten la Botardiére!“ rief der Greis mit verdoppelter Jronie. „Was man zu verlieren be⸗ fürchtet, das iſt die Erbſchaft des Oheims. Und dennoch müſſen Sie heute für ſich und für Ihre Kinder auf meine Erbſchaft verzichten! Hören Sie, Herr Don Quirotte der Straßenläuferinnen?“ Bei dieſen harten, für ſeinen gerechten Stolz ſo verletzenden Worten blieb Herr von Morville einen Augenblick von einer ſtummen Entrüſtung ergriffen. In dieſem Moment trat Frau von Morville ein und ſagte zu Herrn de la Botardière: „Mein Oheim, ich habe Ihren Wagen angeſpannt vorüberführen ſehen; es iſt nicht möglich, daß Sie uns ſo verlaſſen!“ „Ha! ha!“ rief der Greis höhnend, „ſeht Ihr, wie man bange hat, dieſe verdammte Erbſchaft könnte im ſtarken Trab von Roncevaur entwiſchen! Sagt doch, wird Alphonſine nicht auch kommen und ſich an den Rockſchvoß des theuren Oheims hängen, um ihn anzu⸗ flehen, er möge ſich nicht mit der Erbſchaft aus dem Staube machen 2“ Erſtaunt über die Worte des Greiſes, ſchaute Frau von Morville ihren Mann an, als wollte ſie ihn nach der Urſache eines ſolchen Empfangs fragen. Herr von Morville ſagte mit feſter Stimme zu ihr: „Louiſe, im Namen Deiner Würde, im Namen der meinigen, kein Wort mehr! Das wäre nun eine Nie⸗ drigkeit.“ »Eine Niedrigkeit!“ verſetzte Frau von Morville, immer mehr erſtaunt. „Was willſt Du damit ſagen, mein Freund 26 2 »„Ich will Ihnen die Sache erklären,“ erwiederte Herr de la Botardiére. „Stellen Sie iF vor, daß 84 Ihr Mann entſchieden ein Held der Uneigennützigkeit iſt, meine Theure! Ich wünſche Ihnen hiezu Glück . .. Ich habe ihm die Alternative geſtellt, zwiſchen mir und der Straßenläuferin, die ſich über Euch Alle luſtig macht, ju wählen. Das hieß mit klaren Worten ſagen: Wäh⸗ en Sie zwiſchen ihr oder ſechszigtauſend ſchönen Livres Einkünfte, was das Gut la Botardiéère werth iſt, meine Erſparniſſe, die Ihr nach meinem Tode erben werdet, nicht zu rechnen.“ „Ah! mein Herr!“ rief Frau von Morville mit Entrüſtung; dann ſich an ihren Mann wendend: „Du haſt Recht, mein Freund, ein Wort mehr wäre eine Niedrigkeit.“ Der Diener öffnete die Thüre und meldete dem Greis: „Der Wagen des Herrn iſt vorgefahren.“ Dann ent er ſich wieder. Herr de la Botardiére nahm ſeinen Nachtſack in die Hand und wandte ſich nach der Thüre; doch ehe er über die Schwelle ſchritt, ſprach er zu Herrn von Morville: „Ich habe noch Mitleid mit Ihnen und ſtelle Ihnen zum letzten Mal die Wahl zwiſchen meiner Erbſchaft und der Entlaſſung einer Intrigantin anheim, welche Sie hintergeht und aus Ihrer Tochter ein ſchlechtes Ge⸗ ſchöpf machen wird.“ „Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr, wenn ich nicht die Ehre habe, Sie bis zur Freitreppe zurück⸗ zubegleiten,“ antwortete ihm Frau von Morville mit einem Ausdruck vollkommener Würde. Und ſie ver⸗ neigte ſich, um von ihm Abſchied zu nehmen. „Gut,“ ſagte Herr von Morville, ihr die Hand reichend, „gut, Louiſe.“ Herr de la Botardière eilte hinaus und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Bald hörte man das Geräuſch eines Charabanc, der ſich ſchleunigſt entfernte. 85⁵ VIII. Nach dem Abgang von Herrn de la Botardiére ſchwiegen Herr und Frau von Morville einige Augenblicke. „Dieſer Bruch iſt allerdings ärgerlich, mein Freund,“ ſagte endlich Frau von Morville zu ihrem Gatten; „es iſt uns nicht möglich, Deinen Oheim wiederzuſehen, aber wir haben unſere Pflicht gethan.“ „Ich danke Dir, edle und redliche Frau,“ erwiederte Herr von Morville, indem er ſeiner Frau voll Innig⸗ keit die Hand drückte; „ich danke Dir, daß Du 6 würdig bis auf den Gevanken eine ſchmutzige und feige Einräumung gegen die Laune eines von einem unglaublichen Vorurtheil verblendeten Mannes zurück⸗ gewieſen haſt.“ Konnte ich anders handeln, mein Freund, nach den ſo natürlichen, ſo offenherzigen Erklärungen von Miß Lawſon über einen Vorfall ihrer Reiſe, der uns Anfangs unerklärbar ſchien? Und überdies iſt, ſo weit wir bis jetzt beurtheilen konnten, Dein Bruder eher unter der Wahrheit in dem Lobe, das er gegen uns Miß Mary geſpendet hat, geblieben.“ „Gut, Lyuiſe, gut, und immer beſſer!“ »Was willſt Du damit ſagen, mein Freund?“ „Höre, ich geſtehe Dir, nach dem Unſtern, der Miß Lawſon hierher führte, welche wir nicht meyr erwarteten, nach unſerer Unterredung von heute Morgen, in welcher Du mir ſo peinliche Geſtändniſſe gemacht haſt, deren Uebertreibung ich nun zu meinem Glück erkenne, be⸗ fürchtete ich, die Ankunft von Miß Mary würde nicht von Dir aufgenommen werden, wie ſie es geweſen iſt. Ich befürchtete, ohne die alhernen Vorurtheile meines heims gegen dieſe junge Perſon zu theilen »Mein Freund,“ unterbrach Frau von Morville ihren Mann, „ich bin, wie Du weißt, ganz eine Frau der erſten Bewegung, welche bei mir immer der Ueber⸗ legung vorzuziehen. Ich habe Dir nicht verborgen, die Ankunft von Miß Lawſon iſt mir aus mehreren Grün⸗ den ſehr ärgerlich, ich will nicht ſagen betrüblich, ge⸗ weſen. Ich bin mit Dir in einer für ſe wenig günſtigen Stimmung in den Salon hinabgegangenz aber es iſt mir unmöglich geweſen, dem Zauber der Offenherzigkeit dieſer zugleich ſo beſcheidenen und ſo würdigen Perſon zu widerſtehen. Was ſoll ich Dir ſagen? ich war unwillkürlich verſucht, ihre ſeltene Schönheit zu bewun⸗ dern, welche indeſſen Alphonſine beinahe häßlich erſchei⸗ nen läßt.“ „Ah! Louiſe,“ verſetzte lächelnd Herr von Morville, „ich bin ein blinderer oder vielmehr hellſehenderer Vater als Du; ich verſichere Dich, daß das ausdrucks⸗ volle und liebenswürdige Geſicht von Alphonſine nichts ebe der regelmäßigen Schönheit von Miß Mary ver⸗ iert.“ „Mein Freund, Du ſprichſt von Uebertreibung; das iſt eine zu ſtarke! Fräulein Lawſon iſt eine von den merkwürdigſt ſchönen Perſonen, die ich je geſehen, und“ in der That, es iſt nicht gerecht, ſie mit Alphonſine zu vergleichen.“ „Weit entfernt! Ich hüte mich wohl, ſie zu ver⸗ gleichen. Wozu? Alphonſine hat ihren Reiz, Miß Mary hat den ihrigen. Gibt es nicht Leute, welche ebenſo reich, ebenſo glücklich ſind mit zehntauſend Livres Ein⸗ künften, als andere mit hunderttauſend?“ „Alphonſine und ihr Bruder werden nun wenigſtens dieſem Glück nicht mehr ausgeſetzt ſein.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Ich kenne Deinen Oheim. Sein Entſchluß wird unerſchütterlich ſein: ſomit verliert heute jedes von unſern Kindern wenigſtens fünfundzwanzig bis dreißigtauſend Livres Einkünfte.“ „Das iſt ein Unglück . doch was läßt ſich da⸗ gegen machen?“ „Sicherlich nichts; was geſchehen iſt, iſt geſchehen; aber Du wirſt mir wenigſtens zugeſtehen, daß Miß 87 Lawſon nicht durchaus das iſt, was man einen Glücks⸗ vogel nennen kann.“ „Louiſe, Du ſprichſt ſo, Du, die Du auf eine ſo würdige Weiſe den letzten verletzenden Worten eines Oheims entgegengetreten biſt 2“ „Ei! mein Gott, mein Freund, ich bereue nicht, was ich geſagt habe, ich würde wahrſcheinlich noch auf dieſelbe Art handeln; doch Du wirſt mich nicht abhal⸗ ten, zu bedenken, daß, wenn die Billigkeit und die Un⸗ eigennützigkeit ſchöne Gefühle ſind, ſie zuweilen ein we⸗ nig viel koſten.“ „Ich will Dich im Gegentheil abhalten, zu be⸗ denken, meine liebe Louiſe,“ entgegnete liebevoll Herr von Morville. „Du haſt es ſelbſt geſagt, und das iſt wahr, Deine erſten Gefühle ſind vortrefflich. Warum? weil Du dem Impulſe Deines edlen Herzens folgſt; doch zuweilen könnte die Ueberlegung Alles verderben? ich werde alſo nicht dulden, Frau Loutiſe, daß Sie über⸗ begen,“ fügte Herr von Morville mit einem Lächeln voll Feinheit und Gemüthlichkeit bei: „ja, ich werde genug Trann ſein, um Sie zu verhindern, dieſe erſten immer ſo gerechten, ſo Ihrer Seele zu bereuen.“ Wenn Du dieſe Macht beſitzeſt, mein Freund, ſo werde ich Deine Tyrannei ſegnen; denn Du haſt Recht, ich bin, wie Du, empört geweſen über den verletzenden Argwohn Deines Oheims gegen uns und über ſeine Ungerechtigkeit gegen Miß Mary. So eben jedoch habe ich dieſer armen Miß beinahe den Verluſt dieſer Erb⸗ ſchaft für unſere Kinder zum Vorwurf gemacht. Welch eein ſeltſames Ding iſt doch das menſchliche Herz!“ „Gewiß; doch dieſe Contraſte, dieſe Inconſequenzen, dieſe durch die Ueberlegung herbeigeführten plötzlichen Umſchläge in der Art, zu ſehen und zu fühlen, haben nichts Aergerliches, wenn ſie unter uns vorkommen. Wir wiſſen Beide, was wir im Grunde des Gemüthes haben Stelle Dir aber im Gegentheil vor, der ungerechte Gedanke, Miß Marh den Verluſt dieſer 88 Erbſchaft vorzuwerfen, ſei Dir vor ihr entſchlüpft! Beurtheile, meine liebe Louiſe, welch ein ſchmerzlicher Schlag für eine zarte und erhabene Seele, wie es die ihrige ſein muß!“ „Das wäre abſcheulich von meiner Seite geweſen!“ „Ja, denn Miß Mary befindet ſich in der Alterna⸗ tive, entweder Alles zu ertragen, Alles ſtillſchweigend zu dulden, oder einen Platz zu verlaſſen, der ihrer Fa⸗ milie Lebensunterhalt geben ſoll.“ „Armes Mädchen! ſie iſt wahrhaftig zu beklagen!“ „Du ſagſt mir, Deinen ſchlimmen Gedanken von vorhin beklagend: Welch ein ſeltſames Ding iſt doch das menſchliche Herz! und ich begreife Bich, weil ich Dich ſeit zwanzig Jahren kenne und zu ſchätzen weiß; aber offenherzig geſprochen, theure Louiſe, wirſt Du Miß Mary durch die Reflexion: Welch ein ſelt⸗ ſames Ding iſt doch das menſchliche Herz! zu tröſten, ſie eine grauſame Wunde vergeſſen zu machen glauben?“ „Nein, nein, ſie wäre mit Recht ſchmerzlich verletzt. Ah! mein Freund, welch ein Unglück, daß unſer Brief an Deinen Bruder zu ſpät abgegangen iſt!“ „Nein, Louiſe, wir müſſen im Gegentheil dieſen Unſtern als ein Glück annehmen, durch das die Erzie⸗ hung von Alphonſine eben ſo vollendet ſein wird, als ſie leider unvollſtändig geweſen wäre; ich habe ein wenig wider meinen Willen Deinem Wunſche, keine Erzieherin mehr anzunehmen, nachgegeben; doch ich hege Vertrauen genug zu Deiner mütterlichen Liebe, um überzeugt zu ein, daß Du Dir jeden Tag zur Ankunft von Miß Mary Glück wünſchen wirſt.“ „Mein Freund, ich fühle die Richtigkeit Deiner Bemerkung. Aus Rückſicht für Deinen Bruder, für meine Tochter, für mich ſelbſt, und beſonders für dieſe, Allem nach der Theilnahme junge Perſon iſt es für mich eine Pflicht, ihre Lage ſo glücklich als mög⸗ lich zu machen. Nur,“ fügte Frau von Morville lächend 89 bei, „nur bin ich entſchloſſen, eine von meinen Eroberun⸗ gen zu behalten.“ „Welche?“ „Seit dem Abgange von Wlle. Lagrange ſchläft meine Tochter in einem der Zimmer unſerer Wohnung, ſtatt das Zimmer im zweiten Stock neben dem ihrer früheren Erzieherin inne zu haben; ich bin entſchloſſen, Alphon⸗ ſine bei uns zu behalten: dabei werde ich eine gute Stunde Beſitz am Morgen und am Abend gewinnen, ich unverbeſſerliche und unerſättliche Mutter, die ich bin.“ Vortrefflich! meine liebe Louiſe, nichts kann natür⸗ licher ſein. Da Miß Mary bei ihrem Eintritt hier dieſe Gewohnheit als eine angenommene ſieht, ſo wird ſie es ganz einfach finden, wenn Alphonſine, gegen den ziemlich allgemein eingeführten Gehrauch, nicht ein an das ihrer Erzieherin anſtoßendes Zimmer bewohnt.“ „Doch ich bedenke, mein Freund, es iſt bald die Stunde des Mittagsmahles; ich weiß nicht, ob Frau Pivolet für die Wohnung von Miß Mary beſorgt ge⸗ weſen iſt.“ „Ich will Frau Pivolet klingeln,“ erwiederte Herr von Morville, indem er an der Klingelſchnur zog, „und ihr noch einmal beveuten, daß ſie die Unmäßigkeit ihrer Zunge und ihrer Einbildungskraft in Beziehung auf Miß Lawſon zu zügeln habe; denn, auf ihre Weiſe einige von den ungerechten Anſchuldigungen meines Oheims gegen Miß Mary auslegend, würde die uner⸗ trägliche Pivolet ebenſo abgeſchmackte als unangenehme Beſchichten aufbauen.“ „Zum Glück, mein Freund, würden ſo alberne und beſonders von ſo tief unten ausgegangene Reden nie zu den Ohren von Miß Lawſon gelangen. Doch Du haſt Recht, wenn Du ſehr ſtreng mit Frau Pivolet ſprichſt.“ Die Beſchließerin trat in dieſem Augenblick mit einer traurigen Miene ein; ſie war darauf bevacht, ſich die düſtere Phyſiognomie eines kürzlich den unter⸗ irdiſchen Gefängniſſen der Schloſſes ent⸗ riſſenen Opfers zu geben. „Frau Pivolet,“ ſagte ihre Gebieterin zu ihr, „ſind Sie beſorgt geweſen, das Zimmer und den kleinen Salon von Fräulein Lawſon in Ordnung zu bringen 2“ „Von Fräulein Lawſon?“ fragte die Beſchließerin, als ob ſie aus den Wolken fiele. „Wie, Madame? das Zimmer von Fräulein Lawſon?“ „Ja, das Zimmer der Erzieherin meiner Tochter,“ erwiederte ungeduldig Frau von Morville; „Sie ſehen aus, als kämen Sie aus der andern Welt zurück.“ „Madame, ohne aus der andern Welt zu kommen, wohin ich vorhin, erſchöpft durch den Hunger, beinahe gegangen wäre,“ antwortete Frau Pivolet mit einer gezwungenen Miene, indem ſie einen furchtſamen Blick auf das Cabinet warf, in dem ſie eingekerkert geweſen war, „iſt es mir doch wohl erlaubt, nicht zu wiſſen, daß das Fräulein eine neue Erzieherin hat, welche Fräulein Lawſon heißt. Sie wiſſen Beide, daß es nicht meine Gewohnheit iſt, mich nach dem zu erkundigen, was mich nichts angeht.“ „Ich wünſche, daß Sie bei dieſem Willen der Zurück⸗ haltung und der Diseretion beharren mögen,“ ſprach Herr von Morville mit ernſtem Tone, „denn geben Sie wohl Acht, ich wiederhole Ihnen, Frau Pivolet, wenn Sie ſich einfallen laſſen, aus Fräulein Lawſon den Tert Ihrer lächerlichen Geſchichten zu machen (und ich ſage Ihnen zum Voraus, daß ich das Ohr auf der Lauer haben werde), ſo bleiben Sie nicht vierundzwanzig Stun⸗ den hier. Es iſt mir ſehr peinlich, auf dieſen Gegen⸗ ſtand zurückzukommen, denn ich kenne Ihre Anhänglich⸗ keit fuͤr uns und Ihre gewiſſenhafte Ehrlichkeit: ich hoffe auch, daß Sie mich nicht in die harte Nothwen⸗ digkeit, ſtreng gegen Sie zu verfahren, verſetzen werden.“ „Sie können verſichert ſein, daß ich mich nach Ihren Befehlen richten werde, gnädiger Herr,“ erwiederte die Beſchließerin mit einer Demuth voll Salbung; „ich 91¹ geſtehe mein Unrecht und bitte den gnädigen Herrn und die gnädige Frau nun, mir Zeit und Gelegenheit zu — geben, es wieder gut zu machen.“ „Schön, Frau Pivolet,“ erwiederte Frau von Mor⸗ ville. „Sie werden alſo Julienne davon in Kenntniß ſetzen, daß ſie mit dem Dienſte bei Miß Mary beauf⸗ tragt iſt.“ „Ja, gnädige Frau.“ „Sie werden auf der Stelle die Wohnung von Fräulein Lawſon in Bereitſchaft ſetzen laſſen; wachen Sie darüber, daß man ein gutes Feuer in ihrem Zim⸗ mer anzündet, denn es iſt ſeit langer Zeit nicht bewohnt zeeſet und es herrſcht heute Abend eine feuchte, eiſige älte.“ „Die Befehle der gnädigen Frau ſollen vollzogen werden. Man wird ohne Zweifel das Bett von Fräu⸗ lein Alphonſine im zweiten Zimmer machen müſſen, wie zur Zeit von Wlle. Lagrange 2“ „Nein, meine Tochter wird bei mir bleiben.“ „Das iſt etwas Anderes.“ „Vergeſſen Sie auch nicht, in das Zimmer von Miß Mary eine Theekanne und eine Theebüchſe zu ſtel⸗ len; ſie iſt Engländerin und hat ohne Zweifel die Ge⸗ wohnheit, oſt Thee zu trinken.“ Der gnädige Herr und die gnädige Frau können verſichert ſein, daß ihre Befehle vollzogen werden,“ er⸗ wiederte Frau Pivolet mit einer ganz in Süßigkeit ein⸗ gemachten Miene. Und ſie ging hinaus und ließ ihre Gebieter völlig überzeugt von ihrer Reue und ihrem * guten Willen in Beziehung auf Miß Mary zurück. Als Frau Pivolet ihre Herrſchaft verließ, beſchäftigte ſie ſich damit, daß ſie in ihrer fruchtbaren Einbildungs⸗ 92 kraft ein höchſt macchiavelliſches Complott in Betreff der ſchönen Engländerin, wie ſie ſagte, anzuzetteln ſuchte. Sie begab ſich zuerſt in die Weißzeugkammer, deren Oberaufſicht ſie hatte, öffnete die Schränke und wählte darin ein Paar feine Betttücher, dann ein anderes Paar unter dem, was ſie Gröbſtes, Rauhſtes unter den Bett⸗ tüchern für die Dienſtboten finden konnte, nahm den Pack unter ihren Arm, wandte ſich nach dem Zimmer der neuen Erzieherin und ſagte: „Dieſe Bettücher werden noch zu gut für Dich ſein, ſchöne Engländerin! Wenn Du Zich beklagſt, (Du wirſt Dich nicht beklagen, denn Du ſiehſt mir viel zu ſtolz hiefür aus), ſo ſage ich, Julienne habe ſich in den Tü⸗ chern geirrt. Dieſe abſcheuliche Kopfhängerin La⸗ grange hat wohl andere geſehen. Ah! Ihr dummen Thiere! Ihr kommt und nehmt im Hauſe den erſten Rang nach der Herrſchaft ein und verweiſt mich auf den zweiten. Ah! Ihr ſpeiſt mit der Herrſchaft, während ich, die ich hier ſeit fünfzehn Jahren Vertraute und wohl ſo viel werth bin als Ihr, in der Office ſpeiſe. Ah! Ihr reißt meine Alphonſine an Euch, ſie, die ich mit meiner eigenen Milch genährt habe, und Ihr glaubt, Frau Pivolet, welche gar nicht dumm iſt, werde das dulden? Nein, nein, es muß mit dem Teufel zugehen, wenn ich, nachdem ich die erſte Erzieherin, über welche ſich nichts ſagen ließ, denn ſie war zu häßlich, mit Na⸗ delſtichen aus dem Hauſe vertrieben habe, nicht die zweite daraus vertreibe, dieſe ſchöne Straßenläuferin, wie es der wackere Herr de la Botardiere bewieſen, den die Intrigantin ſchon mit meiner Herrſchaft entzweit hat. Er iſt wüthend weggegangen, denn er hat zu Baptiſt, welchen er im Vorhauſe traf, geſagt: „„Ich werde me mehr einen Fuß in dieſes Haus ſetzen!“ Und er iſt in ſeinen jonquillefarbigen Charabane eingeſtiegen und hat dem unglücklichen Roncevaur ſo viele Peitſchenhiebe gegeben, daß dieſer einen Galopp angeſchlagen. Wenn aber Herr de la Botardiére nie mehr einen Fuß hierher 93 ſetzt, ſo wird er, das iſt ſicher, den Herrn und die Frau, und nothwendig auch meine kleine Alphonſine enterben. Tag Gottes! ſchöne Engländerin! Und Du glaubſt, das werde nur ſo hingehen? Nein, nein, an's Werk, und zwar ſchon dieſen Abend.“ So ſprechend, begab ſich die Beſchließerin in das früher von Fräulein von Morville benützte Zimmer, welches in der Nähe von dem ihrer Erzieherin lag; durch einen kleinen Salon getrennt, waren dieſe zwei Zimmer bequem eingerichtet, aber ſeit langer Zeit nicht mehr bewohnt worden, und da der Spätherbſttag kalt und regneriſch geweſen, ſo herrſchte eine eiſige Kälte darin; um dieſe Ungemächlichkeit ſo viel als mög⸗ lich zu vermehren, riß Frau Pivolet die zwei Fenſter des früher von Fräulein von Morville bewohnten Zim⸗ mers weit auf, in der Abſicht, die Feuchtigkeit des Regens, welcher zu fallen anfing, eindringen zu laſſen; dann, nachdem ſie das Beit mit groben Tüchern überzogen hatte, ließ ſie den Kamin ohne Feuer, hütete ſich wohl, auf eine Conſole die Theekanne und die Theebüchſe, die ſie gebracht hatte, zu ſtellen, verſicherte ſich nur, daß Kerzen in den Leuchtern waren, betrachtete dann mit einer Art von Befriedigung dieſes kalte, traurige Zimmer, worin ſich der Herbſtwind verfing, und ſagte: „Wer nichts wagt, gewinnt nichts! Wenn es mir heute Abend gelingt, die ſchöne Engländerin in dieſes Zimmer als das ihrige zu führen, wird ſie ſich der erſten Nacht im Schloſſe Morville erinnern ... Aber ich darf mich nicht gefährden: nothwendig werden Alphon⸗ ſine oder ihre Mutter ſich durch ſich ſelbſt verſichern, daß ich die Befehle, die man mir gegeben, vollzogen habe.“ Da begab ſich Frau Pivolet mit einem hölliſchen Macchiavellismus in das wirklich für die Erzieherin be⸗ ſtimmte Zimmer, legte die feinen Leintücher im Bette auf, machte ein gutes Feuer im Kamin, ſchloß ſorg⸗ fältig die Fenſter und die Vorhänge, ſieilte die Thee⸗ kanne und die Theebüchſe ſo, daß ſie ſehr in's Auge 94 fielen, und vollzog endlich hinſichtlich dieſes Zimmers alle Befehle, die man ihr gegeben. Bald kam Frau von Morville, da dieſe ſich durch ſich ſelbſt verſichern wollte, daß das Zimmer von Miß Mary anſtändig geordnet und eingerichtet ſei, um dieſe zu em⸗ pfangen, wenn ſie ſich in ihre Wohnung zurückziehen würde. „Ich habe das lieber ſelbſt beſorgt, um ſicher zu ſein, daß nichts vergeſſen würde,“ ſagte die Beſchließerin zu Frau von Morville. „Das iſt ein Eifer, für den ich Ihnen Dank weiß, Frau Pivolet,“ erwiederte ihre Gebieterin, welche bald wieder wegging. Frau Pivolet ſchloß das Zimmer, wo das Feuer angezündet war, ſteckte den Schlüſſel in ihre Taſche, durchſchritt den kleinen Salon, der die zwei Zimmer von einander trennte, und da ſie an Alles dachte, öffnete ſie, als ſie die Wohnung verließ, welche in einen langen Corridor erleuchtet von mehreren Fenſtern führte, zwei von dieſen, die ſie ſchlagend ließ, wobei ſie berechnete, und ſie täuſchte ſich nicht, der Wind würde ein paar Scheiben zerbrechen. Nachdem dieſe lichtſcheuen Vorbe⸗ reitungen beendigt waren, ging ſie zum Eſſen und war⸗ tete voll Bangigkeit auf den Augenblick, wo ſich Fräu⸗ lein Lawſon in ihr Zimmer begeben würde. Als die Stunde, den Thee zu ſerviren, gekommen war, nahm Frau Pivolet, welche wußte, ihre Herrſchaft würde bald zu Bette gehen, eine angezündete Kerze und ſtellte ſich in ein Billardzimmer, das Fräulein Lawſon durchſchrei⸗ ten mußte, um in das Veſtibule und von da hinauf in ihr Zimmer zu gelangen. Frau Pivolet triumphirte, wenn die Erzieherin ſich allein in ihr Zimmer begab, was indeſſen wenig wahrſcheinlich, denn Frau von Mor⸗ ville, oder mindeſtens ihre Tochter, mußte, in der erſten Nacht beſonders, Miß Mary bis an ihre Thüre beglei⸗ ten, ſowohl aus Rückſicht, als um ihr zu zeigen, wo ſie wohnte. 5 95 Groß war alſo die Verlegenheit von Frau Pivolet; ſie zählte auf den Zufall und ihre Einbildungskraft, welche ſie ſchon dadurch, daß ſie einen von den Män⸗ teln von Fräulein von Morville geholt, in Contribution geſetzt hatte; ſie trug ihn zuſammengelegt unter einem Arm und hielt mit der andern Hand ihre angezündete Kerze; bald öffnete ſich die Thüre des Salon, und die Beſchließerin hörte die Stimme von Frau von Morville zu Miß Mary ſagen: „Da Sie mir durchaus nicht erlauben wollen, mein Fräulein, daß ich Sie begleite, um Sie in Ihre Woh⸗ An zu führen, ſo wird Alphonſine meine Stelle ver⸗ reten.“ Das Mädchen kam in der That mit Miß Lawſon heraus, welche zu Alphonſine ſagte: „Ich bitte, mein Fräulein, machen Sie ſich nicht dieſe Mühe.“ „Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich muß Sie vor Allem belehren, wo Ihre Wohnung iſt, und dann will ich mich durchaus verſichern, ob nichts bei Ihnen fehlt, obgleich Mama vor dem Mittagsmahle oben geweſen iſt.“ „Sie ſehen, es iſt unnöthig, daß Sie ſich bemühen, da Ihre Frau Mutter ſchon für mich beſorgt zu ſein die Güte gehabt hat.“ Mein Fräulein,“ ſagte nun Frau Pivolet zu Al⸗ Lor indem ſie ihr ihren Mantel bot, „bedecken ie ſich.“ Wie! einen Mantel, um hinaufzugehen? Was fillt Dir ein ?2“ „Mein Fräulein, ich weiß nicht, wer unglücklicher Weiſe zwei von den Fenſtern im Corridor offen gelaſſen hat; der Sturm hat alle Scheiben zerbrochen, und der Wind und der Regen peitſchen in den Gang herein .. Sie würden Gefahr laufen, ſich einen heftigen Schnupfen, eine Bruſtentzündung zu holen.“ Fräulein Alphonſine,“ ſagte Miß Mary lächelnd, „ich übernehme ſogleich entſchieden meine Rolle als 96 Schulmeiſterin und fordere von Ihnen, daß Sie nicht weiter gehen.“ „Miß Marh, wenn Sie wüßten, wie ſehr meine Amme in Allem, was ſie ſagt, übertreibt!“ „Ich verſichere Sie, mein Fräulein, daß ich nicht übertreibe,“ verſetzte die Beſchließerin ſchaudernd im Rückblick auf die Kälte. „Ich bin durch den Corridor gegangen und fühle mich noch ganz erſtarrt. Beur⸗ theilen Sie alſo, Sie, die Sie eine ſo zarte Bruſt haben!“ „Ich! Du träumſt?“ Frau Pivolet wandte ſich nun ehrerbietig an Miß Mary und ſagte: Mein Fräulein, dürfte ich Sie nicht bitten, Fräu⸗ lein Alphonſine abzuhalten, Sie in Ihre Wohnung zu begleiten; es iſt ſehr warm im Salon, und der eiſige Luftzug da oben könnte dem Fräulein ernſtlich ſchaden.“ „Liebe Alphonſine,“ ſagte Miß Mary mit unwider⸗ ſtehlichem Tone, „ich fordere nicht mehr. ich bitte Sie inſtändig als um eine Gefälligkeit, ſtehen Sie davon ab, mich zu begleiten.“ Aus Furcht, läſtig zu ſein, gab Fräulein von Morville dem Wunſche von Miß Maryh, obwohl ungern, nach und ſagte zu ihr: „Nehmen Sie wenigſtens dieſen Mantel, mein Fräu⸗ lein, da es, wie meine Amme behauptet, ſo ſchrecklich iſt, durch den Corridor zu gehen.“ „Ich werde alſo den Mantel nehmen,“ erwiederke lächelnd Miß Mary. Und während Frau Pivolet ſich beeilte, ihr dieſes Kleid auf die Schultern zu legen, reichte ſie anmuthig Fräulein von Morville die Hand und Wy zu ihr: „Gute Nacht! morgen alſo!“ „Oh! morgen frühzeitig,“ antwortete Alphonſine; „Sie werden ſehen, mein Fräulein, daß ich keine Träge bin.“ Dann fügte ſie ſeufzend bei; „Hören Sie, Miß Mary, ich bin überzengt, daß ich heute Nacht kein Auge ſchließen werde.“ 97 „Und warum?“ „Ich werde ſo unruhig ſein, wenn ich an die Prü⸗ jung denke, die Sie mich morgen wollen durchmachen aſſen!“ „Mir ſcheint, Sie brauchen in dieſer Hinſicht keine Angſt zu haben.“ „dh1 glauben Sie nicht, Miß Mary, es ſei eine Befangenheit der Eigenliebe, was mich ſo unruhig macht. Mein Goit, nein, denn mir ſcheint, nicht ich werde vor die Schranken geſtellt?“ „Wer denn? „Sollte es nicht, bis auf einen gewiſſen Grad, Mlle. Lagrange, meine frühere Erzieherin, ſein, die mich ge⸗ lehrt hat, was ich weiß und die ich ſo ſehr liebte. Ich habe es Ihnen geſagt, Miß Mary, ich werde auch morgen, indem ich alle meine Kräfte aufbiete, um Sie bei dieſer Prüfung zu befriedigen, an ſie den⸗ ken, und für ſie werde ich glücklich ſein durch Ihr Lob, wenn ich es verdiene.“ Miß Mary war bis zu Thränen gerührt von dem 5 ausgedrückten Zartgefühl, und ſie ſagte zu dem ädchen: „Ich bin zum Voraus überzeugt, daß ich ebenſo entzückt von Ihnen ſein werde, als Mlle. Lagrange. Gute Nacht alſo.“ „Erlauben Sie mir nur, daß ich Sie bis zur Haus⸗ flur begleite, Miß Mary.“ „Ja, aber nicht weiter.“ „Sie wollten durchaus nicht, daß ich Ihnen eine von den Kammerfrauen von Mama ſchicke2“ Mein, ich danke tauſendmal, ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.“ „In jedem Fall werden Sie es Frau Pivolet ſagen, wenn Sie etwas brauchen.“ „Gewiß, mein Fräulein,“ erwiederte Miß Marh. Und die zwei Mädchen, denen die Beſchließerin mit Miß Mary. Ri 98 Zimmer und kamen in eine wahrhaft eiskalte Hausflur. „Geſchwinde, geſchwinde, kehren Sie zurück,“ ſagte Miß Lawſon, indem ſie Fräulein von Morville verhin⸗ derte, über die Thürſchwelle zu ſchreiten. „Gute Nacht, Miß Mary,“ erwiederte ſie, während ſie ſich zurückzog, „gute Nacht. Ich erwarte Sie morgen frühzeitig in meinem Studiencabinet.“ „Morgen alſo, Fräulein Alphonſine,“ ſagte Miß Mary, „ich werde ſehr frühzeitig zu Ihnen kommen.“ Dann folgte ſie Frau Pivolet, ſtieg eine breite lange Treppe hinauf, und kam in einen Corridor, in den der Regen wirklich durch die zerbrochenen Scheiben eindrang. Die Beſchließerin trat nun in den kleinen Salon, welcher die Zimmer trennte, übergab Miß Marh ihren Handleuchter, deutete auf die Thüre von einem der zwei Zimmer und ſagte zu ihr: „Das iſt Ihre Wohnung, mein Fräulein,“ und auf die andere Thüre deutend, „Fräulein Alphonſine be⸗ wohnte dieſes Zimmer in der Nähe des Ihrigen zur Zeit von Mlle. Lagrange, ihrer früheren Erzieherin, aber es ſcheint, nun will die gnädige Frau nicht, daß Fräulein Alphonſine hier ſchläft. Die gnädige Frau will das Fräulein lieber bei ſich behalten,“ und fie legte einen beſonderen Nachdruck auf dieſe Worte und fügte bein „Nun hat die gnädige Frau ohne Zweifel ihre Gründe hiefür. Ich habe die Ehre, dem Fräulein eine gute Nacht zu wünſchen.“ Dann verneigte ſie ſich tief, und als ſie wegging, ſagte ſie zu ſich ſelbſt: einem Handleuchter voranging, durchſchritten mehrere — Beklagt ſie ſich morgen über ihr Zimmer, ſo ſage ich, ſie habe ſich getäuſcht und ein Zimmer für das andere genommen; doch e ſie wird ſich ihrer erſten Nacht im Schloſſe Morville erinnern, dieſe Eng⸗ länderin, die mich in die unterirdiſchen Gefängniſſe hat werfen laſſen!“ Und ſie entfernte ſich, nachdem ſie, wie in der Zer⸗ ſtreuung, die Thüre des kleinen Salon geſchloſſen hatte⸗ 99 Miß Mary wandte ſich, mit ihrem Leuchter in der Hand, nach der Thüre, die ihr die Beſchließerin bezeich⸗ net hatte, öffnete ſie und trat in das Zimmer ein; da aber die Fenſter durch die ſinnreiche Pivolet offen ge⸗ laſſen worden waren, ſo verfing ſich der Wind ſogleich im Zimmer, löſchte die Kerze aus, welche Miß Mary in der Hand hielt, und ſie befand ſich in einer tiefen Finſterniß und fühlte, wie ihr der Regen, durch den Nordoſtwind von außen hereingejagt, das Geſicht peitſchte. X. Das Zimmer, in das Miß Mary eintrat, war in völlige Finſterniß verſunken; die offenen Fenſter ließen nur in ſeltenen Zwiſchenräumen unſichere Scheine ein⸗ dringen, welche durch die an einem herbſtlichen Himmel hinlaufenden ſchweren Regenwolken durchglitten. Die junge Erzieherin entſchloß ſich ſogleich, umzu⸗ kehren, um die Thüre des Corridor zu erreichen, durch den ſie Frau Pivolet eingeführt hatte; aber dieſe hatte, wie geſagt, in ihrer vorſichtigen Rache, die Thüre ge⸗ ſchoſen „und als ſich Miß Mary überzeugte, daß ſie dieſelbe nicht öffnen konnte, hörte ſie kein Geräuſch mehr außen. Sie wagte es nicht, zu rufen: der Ehrenhof, auf den das Fenſter ihres Zimmers ging, war verlaſſes MWiß Mary ſah ſich alſo genöthigt, die Hauptrubles ihrer neuen Wohnung umhertappend zu Kerſuchen, ſchloß das Fenſter, und nach einem inbrötigen Gebet, in dem ſie den Himmel um die Krg anflehte, das lange Opfer der Ergebenheit undoer Verbannung, das von dieſem Tag anfing, zu vobringen, ſandte ſie ihre Bedanken, wie ein letztes Lebeohl, denjenigen zu, welche ſie liebte; dann ſuchte ſie d Ruhe erſien Nacht 100 zwiſchen den Tüchern zu finden, mit denen Frau Pivolet ihr Bett verſehen hatte. Es hatte die ſechste Stunde des Morgens auf der Uhr des Schloſſes geſchlagen. Der Tag fing an zu grauen. Miß Mary ſtand auf, fand in dem Cabinet, das vor ihrem Zimmer kam, ihr Reiſeſchreibzeug, hüllte ſich, ſo gut ſie konnte, in ihren Mantel und begann, ſchaudernd vor Kälte, kaum beleuchtet durch die Däm⸗ merung eines gräulichen Tags, zu ſchreiben. Nicht nach Dublin war dieſer Brief, datirt vom Schloſſe Morville, gerichtet. Sie hatte ſich, wie geſagt, nachdem ſie den größern Theil ihrer Reiſe vollendet, ſogleich nach ihrer Ankunft in Paris, beeilt, ihre Mutter zu beruhigen. Der folgende Brief, den ſie ſchrieb, war die Erfüllung eines Verſprechens: „Lieber Herr Henry, „Aus Frankreich ſchreibe ich Ihnen, vom Schloſſe Morville, wo ich wahrſcheinlich mehrere Jahre meines Lebens zubringen ſoll. Als ich Ihnen den Ruin meiner Familie, den Schiffbruch aller meiner Hoffnungen, mit⸗ theilte, ſagte ich Ihnen, an dem Tag, wo mein Schick⸗ ſal beſtimmt wäre, würde ich Ihnen wieder ſchreiben; ich thue es mit Vergnügen, weil ich Ihnen, indem ich Sie die ganze Wahrheit kennen lehre, mehr Muth ein⸗ zuflößen hoffe. Ja, lieber Herr Henry, indem ich Ihnen mittheile, daß ich nicht ſo unglücklich bin, als Sie be⸗ fürchten konnten, werde ich Ihnen den Gedanken ein⸗ geben, mir Ihre Glücksumſtände auch zu ſagen, denn obgleich wir nicht gegenſeitig dieſe Glücksum⸗ ſade theilen ſollten, werden ſie uns doch nicht alle ver⸗ ſagt ſer und ſie werden nicht minder lebhaftgefühltwerden. chin nun Erzieherin in der Familie Morville, welche einigeMeilen von Tours wohnt. Herr von Morville iſt der Kuder des franzöſiſchen Conſuls in Dublin, und ich kom an, verſehen mit allen Empfeh⸗ lungen, mit allen Rathhlägen, die ich der Freundſchaſt des Conſuls für meine Vater zu verdanken habe. — 101 Mein Zögling, Fräulein Alphonſine von Morville, iſt reizend; ich werde, wenn ich mich nicht täuſche, nur die Entwickelung der glücklichſten natürlichen Anlagen zu unterſtützen haben. Ihr Oheim in Dublin hatte j richtig beurtheilt; ich unterſchreibe aber nicht, was er lachend zu mir ſagte: „Vom ganzen Hauſe meines Bruders,“ wiederholte er mir oft, „iſt Abphonſine, Ihre Schülerin, vielleicht die Perſon, welche am wenigſten einer Exzieherin bedürfen würde ℳℳ In dieſer Kritik iſt mehr Geiſt, als Richtigkeit. „Herr von Morville iſt ein Mann, bei welchem man von Anfang an das freundſchaftlichſte Wohlwollen und die beſten Manieren wahrnimmt; obgleich noch jung, muß er ungefähr fünf und vierzig Jahre alt ſein; er trägt in ſeinem Geſichte ein leichtes Gepräge von Leiden. Ziemlich oft, hat mir der Conſul geſagt, der ihm mit der zärtlichſten Freundſchaft zugethan iſt, ziemlich vft ſteht er heftige und lange anhaltende Schmerzen in Folge von Wunden aus, die er im ſpaniſchen Feldzug und bei mehreren Duellen, in die er ſich nie freiwillig eingelaſſen, erhalten hat. Der ſchlechte Zuſtand ſeiner Geſund⸗ heit nöthigt ihn vft, in ſeinem Zimmer zu bleiben; dann iſt ſeine einzige Beſorgniß, ſeine einzige Furcht, ſeine Familie traurig zu machen und ſie abzuhalten, an einigen in der Provinz ziemlich ſeltenen Vergnügungen Theil zu nehmen; es iſt, Sie werden es zugeſtehen, es iſt nicht möglich, einen lebenswürdigeren Fehler' zu haben. Der Bruder von Herrn von Morville macht ihm indeſſen dieſe Verleugnung beinahe zum Vorwurf. Da er auf dieſe Art ſeine Frau gleichſam gezwungen hat, ohne ihn in der Welt ſich ein wenig frivolen Zerſtreuungen hinzugeben, ſo befürchtet der Conſul, durch ſeinen Bru⸗ der ermuthigt, unterhalten, werde dieſer Hang für Zer⸗ ſtreuungen bei Frau von Morville ihrem Gatten häufig ein ſehr einſames, ſehr trauriges Leben machen. „Frau von Morville zählt nicht mehr als ſechs und 102 dreißig Jahre; ihre Kinder allein verrathen ihr Alter; denn ihr holves, heiteres Geſicht, die Friſche, die ihr eine leichte Beleibtheit verleiht, bewahren ihr einen Reiz zweiter Jugend, der ſie noch ſehr angenehm macht; mit einer munteren Offenherzigkeit gibt ſie übri⸗ ens eine unvollſtändige Bildung zum Beſten, welche ihre geſellſchaftlichen Gewohnheiten und ihre vortreff⸗ lichen Manieren nicht vermuthen laſſen würden. Viel⸗ leicht, mein lieber Henry, würden Sie finden, es fehle ihr ein wenig an jenem Ernſte, der einer Familien⸗ mutter ſo wohl anſteht; aber Sie find ſtreng, und ich bin geneigt, der vollkommenen Anmuth viel einzu⸗ räumen. „Das letzte Glied iſt ein, noch auf ein Jahr ab⸗ weſender, Sohn, Herr Gerard, den ſein Oheim, der Conſul, beinahe ebenſo ſehr liebt und ſchätzt, als ſeine reizende Nichte. 2 „Sie ſehen, mein lieber Herr Henry, wie viel Aus⸗ ſichten ich, unter ſo würdigen Perſonen, habe, mich einer ſanften, leichten Eriſtenz zu erfreuen, ohne Mühe das unſchätzbare Vergnügen zu erreichen, meinen innigſt ge⸗ liebten Vater zu unterſtützen. „Ich habe Ihnen alle Einzelheiten angegeben, weil ich überzeugt bin, ſie werden zur Erleichterung dis Schmerzes beitragen, den Ihnen mein letzter Brief ver⸗ urſachen mußte; wenn ich Ihnen indeſſen ſelbſt unſere Trennung ankündigen wollte, ſo that ich es in der Ueber⸗ zeugung, jede andere Perſon würde Ihnen dieſelbe auf eine weniger tröſtliche Art mitgetheilt haben. Ich habe bange vor Ihrer Antwort; ich fürchte den Ausdruck Ihres Bedauerns. Ehe ich ſie erhalte, beeile ich mich auch, Ihnen etwas beruhigendere Nachrichten zu geben. Wenn ich dann Ihre Antwort leſe, werde ich mir ſagen: In dieſem Augenblick iſt er ſchon weniger unglücktich, als da er die Zeilen, welche vor mir liegen, geſchrieben hat. „Die tägliche Wiederkehr meiner Pflichten, de — ————— 103 Gedanke, daß ich jeden Monat nach der beſcheidenen Wohnung, wo mein Vater, meine Mutter und meine drei Schweſtern beiſammen leben, einen Brief, den ſie gemeinſchaftlich leſen, und den eine kleine Summe be⸗ en ſoll, welche mein Vater immer der Frucht ſeiner Arbeit beifügen wird, abſchicken kann, Alles dies, lieber Henry, wird für Sie, wie für mich, den Schmerz einer verlorenen Zukunft mildern. Gott ſei Dank, die Ver⸗ gangenheit bleibt uns ganz; das Andenken an ſie hat nichts Bitteres. Ich erinnere mich mit einer ſüßen Wonne, wie gut Sie immer gegen mich geweſen ſindz wie ich Sie, noch ein Kind, mit einer Zuneigung ge⸗ miſcht aus Ehrſurcht und Vertrauen liebte. Entſinnen Sie ſich, wie Sie mich das, was ich Schlimmes thun konnte, bereuen machten, indem Sie mir zu dem Guten, was mir zu thun gelungen war, Glück wünſchten? „Kann ich heute, ohne zu große Furcht, die Ver⸗ autwortlichfeit einer Erziehung übernehmen, ſo verdanke ich das Ihnen; die Fortſchritte, die ich im Studium von mir ſelbſt und in den Künſten gemacht habe, ver⸗ danke ich dem Wunſche, Ihnen zu gefallen; wenn Sie mir die Hand drückten und mit Ihrer ſanften, ernſten Stimme zu mir ſagten: Mary, ich bin zufrieden⸗ da glaubte ich meine ganze Belohnung empfangen zu haben, und Sie haben mir doch eine viel ſüßere Be⸗ lohnung vorbereitet: die, heute meinen geliebten Eltern einen ſchwachen Theil von dem, was ſie für mich ge⸗ than, zurückgeben zu können. Meinen Dank, lieber Herr; entſchuldigen Sie, ich hatte nie hieran gedacht, ich fühle für Sie etwas noch Zärtlicheres, etwas noch Ehrfurchtsvolleres! Mit welcher Seelenheiterkeit öffne ich Ihnen mein ganzes Herz. . „Wenn ſeit ſo vielen Jahren entworfene Pläne un⸗ möglich geworden ſind, ſo habe ich Ihnen doch wenig⸗ ſtens nicht zu ſchreiben: Vergeſſen Sie mich, lie⸗ ben wir uns nicht mehr. Was für mich, mit dem Gutheißen unſerer Familien, ein bezaubernder Traum 104 iſt, was, warum ſollte ich zögern, es zu ſagen? iebe, eine heilige und tiefe Liebe geweſen iſt, welche die ſüßen und ernſten Pflichten der Gattin heiligen ſoll⸗ ten, wird, durch die Strenge des Schickſals, eine leb⸗ hafte und aufrichtige Zuneigung von Bruder und Schwe⸗ ſter. Lieben wir uns weniger? Werde ich weniger Vergnügen haben, Ihre Succeſſe, Ihr Vorrücken, Alles, was Sie glücklicher und mich ſtolzer machen kann, zu erfahren? Ermuthigen Sie mich doch auch auf dem neuen Wege, auf den mich die Vorſehung geführt hat, und eines Tages, bei Ihrer Rückkehr nach Europa, wenn wir je zuſammentreffen, werden Sie mir abermals die Hand reichen und mir ſagen können: Mary, ich bin zufrieden! „Gott befohlen, lieber Herr Henry, ich bin und werde bleiben Ihre aufrichtige und ſehr wohlgeneigte Couſine und Freundin.“ Miß Marh, während ſie dieſen Brief ſchrieb, war Lon der Kälte des Morgens ganz erſtarrt. Oft hatte ſie in dem kahlen, leeren Zimmer umhergeſchaut und ihren Geiſt zu einſt glücklichen Tagen zurückgelenkt; öfter noch hatte ſie ihre Feder niedergelegt, um ihre Thränen zu trocknen; ſie hatte zu ſchreiben aufgehört und ihren Muth wieder zuſammengerafft, damit ſich ihre Traurigkeit nicht in ihrem Briefe an ihren Vetter Henry offenbare. Es hatte ſieben Uhr geſchlagen; ſie legte haſtig ihren Brief zuſammen und berührte ihn leicht mit den Lippen. Ein keuſches, zärtliches Lebewohl einer reinen Seele. Sie ſchaute unbeweglich dieſes Papier an, das ſie noch in der Hand hielt, und das in Hände kommen ſollte, die ſie nicht mehr drücken würde; eine Thräne war auf den Umſchlag gefallen und ließ ihre Spur darauf zurück. Miß Mary jürchtete und wünſchte, dieſes ſtumme Zeugniß werde einen Schmerz verrathen, den ſie zu verbergen geſucht hatte. Die junge Erziehe⸗ rin wurde der Bitterkeit ihrer Gedanken durch ein plötz⸗ liches Geräuſch entzogen. Der Schlüſſel drehte ſich raſch 105 zweimal im Schloſſe der Corridorthüre, dann ging man mit leiſem Tritt durch die erſte Stube, aber nicht in der Richtung des Zimmers, das Miß Mary inne hatte. Sie hörte eine nahe Thüre öffnen und dann einen Ausruf der Verwunderung. Sehr erſtaunt, öffnete ſie ſchleunigſt ihre Thüre und erblickte Alphonſine auf der Schwelle der Wohnung, wo, am Tage vorher, alle von Frau von Morville befohlenen Vorbereitungen ge⸗ troffen worden waren. „Aber, Miß Mary!“ rief Alphonſine, „wo haben Sie denn die Nacht zugebracht?“ „Hier,“ erwiederte die Erzieherin, indem ſie ſich um⸗ wandte und auf ihr Zimmer deutete. „Mein Gott! iſt es möglich? bin ich blind?“ rief eine dritte Stimme, die von Frau Pivolet, welche begierig, ſich an ihrem Werke zu weiden, an der Thüre des Corridor erſchienen war. „Ich bin ganz verwirrt, wie vom Donner gerührt. Das Fräulein in dieſem Zimmer! Dahinter muß eine Hererei ſein, ein ungeheu⸗ ſ teufliſcher Taſchenſpielerſtreich. Das hat man ge⸗ ehen . . . „Ich weiß nicht, was Du mit Deinen Taſchen⸗ ſpielerſtreichen ſagen willſt,“ verſetzte Alphonſine unge⸗ duldig; „aber es iſt unbegreiflich, es iſt troſtlos, daß Miß Mary die Nacht in dieſem Zimmer zugebracht hat, wo nichts zu ihrem Empfang vorbereitet war.“ „Ach Fräulein Alphonſine, ich kann nicht glauben, was ich ſehe,“ rief Frau Pivolet. „Ich betaſte mich, ich kneife mich, um mich aufzuwecken; denn ich muß ſchlafen, träumen. Ach! mein Gott, ich bin vielleicht Somnambule.“ * „Pivolet, Du biſt unerträglich!“ „Wie, mein Fräulein, Sie wollen mir nicht erlau⸗ ben, niedergeſchmettert zu ſein, wenn ich dieſen Morgen die arme liebe Demoiſelle in einem Zimmer ſinde, das nicht das ihrige iſt? Stellen Sie ſich doch vor, daß pichts, gar nichts, in dieſer Wohnung angeordnet und vorbereitet 106 war: keine Kerzen, kein Feuer, und ich erinnere mich, daß das Fenſter ganz weit offen ſtand; es regnete, es ging ein entſetzlicher Wind! Ach! meine liebe Demoiſelle! Sie mußten hübſch frieren. Ich weiß ſogar nicht ein⸗ mal, ob das Bett mit Leintüchern verſehen war. Ah! ja, ich erinnere mich, man hat vor einigen Tagen grobes und noch obendrein ganz neues Tuch aufgelegt: ein wahres Reibeiſen! Die arme Demoiſelle! welch eine grauſame Nacht hat ſie zugebracht!“ „Ich habe in der That wenig geſchlafen,“ erwiederte lächelnd die Erzieherin. „Miß Mary, wie ſehr habe ich mich bei Ihnen zu entſchuldigen!“ ſagte Alphonſine mit innigem Tone, in⸗ dem ſie die Hände des Mädchens ergriff. „Was mußten Sie von meiner Mutter und mir denken? Glauben Sie nicht, daß wir es in dieſem Grade an den gebüh⸗ renden Rückſichten gegen Sie haben fehlen laſſen. Aber,“ fügte Alphonſine bei, indem ſie ſich gegen die Amme umwandte, „ich erinnere mich nun, Du warſt beanftraht Miß Marh in ihr Zimmer zu führen. .. Wie iſt das?“ „Ah! mein Fräulein,“ rief plötzlich die Beſchließerin mit einer ſo ſcharf klingenden Stimme, daß die beiden Mädchen darüber erbebten, „ah! mein Fräulein, ich habe es nun ich errathe es wird Licht .. das iſt ein Blitz, ein wahrer Blitz, ich bin geblendet ..“ „Mein Gott! Pivolet, wie abſcheulich biſt Du mit Deinem Geſchrei und Deinen Uebertreibungen!“ verſetzte Alphonſine. „Erkläre Dich einfach, und beſonders auf⸗ richtig. Ich fordere Dich hiezu auf; meine Mutter würde mit Recht ſehr aufgebracht gegen Dich ſein, wenn Deine Nachläſſigkeit Schuld an der ſchlimmen Nacht wäre, welche Miß Mary zugebracht hat.“ „Ich bitte Sie, theure Alphonſine, ſprechen wir nicht mehr hievon,“ ſagte die Erzieherin; „es wird nur ein Mißverſtändniß in Betreff des Zimmers, das ich bewohnen ſollte, ſtattgefunden haben! Nicht ein Wort über meinen kleinen Unfall zu Frau von Morville; ich . 107 würde es unendlich bedauern, wenn ich Ihrer vortreff⸗ lichen Amme den geringſten Vorwurf zuzöge.“ „Und ich, mein Fräulein!“ rief Frau Pivolet, „ich will mich durchaus in den Augen Aller rein waſchen, ich will wenigſtens ſo weiß erſcheinen, wie ein Schwan, ich will nicht durch irgend einen Verdacht bei meinem Dienſt geſchwärzt ſein, denn ich würde den Tod dieſem vorziehen; ja, wenn es ſein muß, werde ich meinen Kopf auf das Schaffot tragen! Aber „Pivolet, meiner Mutter wirſt Du zu antworten haben.“ „Und ich werde antworten wie Bayard: Ohne Furcht und ohne Tadel, mein Fräulein. Hören Sie mich . vernehmen Sie, was geſchehen iſt folgen Sie wohl: ich bin mit Mademoiſelle die Treppe herauf geſtiegen . ich ging voraus, um ihr zu leuchten .. ich war natürlich Mademoiſelle gegenüber, da ſagte ich zu ihr: Hier iſt Ihr Zimmer. . hier . links. . Ma⸗ demviſelle wird geglaubt haben, ich ſpreche von ihrer Linken, während ich von der meinen ſprach. ſo daß das iſt ganz klar ... ein Wickelkind würde es verſtehen ſo daß Mademoiſelle, ſtatt zur Thüre links zu gehen .. zu meiner Linken .. das heißt, zu ihrer Linken . nein, zu ihrer Rechten. das heißt doch. .. zu ihrer Linken .. oder vielmehr nein, zu meiner Rechten natürlich in dieſes Zimmer eingetreten iſt und ſo iſt es.“ Alles erklärt ſich auf das Beſte,“ ſagte lächelnd die Erzieherin: „ich habe einfach eine Thüre für die andere genommenz; ich wiederhole Ihnen auch, meine liebe Alphonſine, ich würde es ſehr bedauern, ſollte meine Frau Pivolet die geringſte Unannehm⸗ lichkeit verurſachen. Wir werden kein Wort von dieſer erſchrecklichen Nacht zu Frau von Morville ſagen! Laſſen Sie uns in ihr Arbeitsrabinet hinabgehen; um Ihre Prüfung vorzunehmen, und ich verſpreche Ihnen 108 ſo aufmerkſam im Zuhören, ſo unbarmherzig im Tadeln zu ſein, als ob ich ganz vortrefflich geſchlafen hätte.“ Nachdem ſie ſo geſprochen, zog ſie heiter Alphonſine durch den langen Corridor fort. Frau Pivolet ſchaute ihnen nach und murmelte zwiſchen ihren Zähnen: Ah! Du beklagſt Dich nicht, ſchöne Engländerin! ah Du machſt die Stolze! ah! Du haſt Geduld! Guti gut! Du haſt das Ende noch nicht erreicht.“ XI. Es ſind ungefähr drei Monate ſeit der Ankunft von Miß Mary im Schloſſe Morville vergangen. Der Vater von Alphonſine ſitzt träumeriſch in einem kleinen Salon und wartet auf die Stunde des Frühſtücks; dem Aus⸗ drucke leichten Leidens, den man gewöhnlich in ſeiner, übrigens ſo offenen, Phyſiognomie wahrnimmt, hat ſich eine Art von Zwang beigeſellt, wenn er ſich in der Mitte ſeiner Familie befindet. Allein und dieſem Zwange nicht unterworfen (wir ſtellen ihn dem Leſer in einem dieſer ſeltenen Augenblicke vor), ſcheint Herr von Mor⸗ ville tief betrübt zu ſein. Er durchblättert maſchinen⸗ mäßig ein Album und murmelt folgende Worte mit einem Ausdruck tiefer Bitterkeit: i „Iſt es möglich mit Jahren! ich, ein Familienvater . . . ich, ein Mann von Herz und Ehre.. ja, und ich werde mich nie gegen die Ehre verfehlen Dafür kann ich zum Glück ſe hen . Das iſt meine Stärke.“ Dann zuckte er die Achſeln und fügte bei: „Für ich ſtehen! kecke Anmaßung! Hätte ich vor drei Monaten Entrüſtung genug, oder vielmehr Spott genug für denjenigen gehabt, welcher mir geſagt haben würde, heute, in meinem Alter .. . Oh! ich bin ſehr 5 109 ſtrafbar oder ſehr wahnſinnig, wahnſinnig vielleicht, doch ſtrafbar, worüber? Soll dieſes Geheimniß nicht auf wiß in der tiefſten Tiefe meines Herzens vergraben bleiben? Oh! ich würde vor Schaam ſterben, wenn je meine Frau, meine Tochter, und Miß Marh beſonders mein Geheimniß errathen könnten! Nein, nein! oh! das wäre die ſchrecklichſte Strafe, welche der Himmel über mich zu verhängen vermöchtet Mich ſtrafen! Eil großer Gott, was habe ich gethan! Was iſt mein Verbrechen? Iſt es mein Fehler, wenn ich ſehe, wenn ich höre, wenn ich bewundere, wenn ich dankbar bin? iſt es mein Fehler, wenn ein gräßliches Verhängniß mich zu dieſer gefährlichen Vertraulichkeit alle Augenblicke nbthigte iſt es mein Fehler, wenn ich meine Tochter, meine ver⸗ götterte Tochter, in Talenten, im Wiſſen zunehmen ſehe? wenn ihr Charakter und ihr Geiſt jeden Tag an An⸗ muth, an Erhabenheit, an Zartheit gewinnen? iſt es mein Fehler, wenn ich mit Entzücken die anbetungs⸗ würdigen Eigenſchaften meines Kindes immer mehr durch einen ebenſo erleuchteten, ebenſo feſten, als ſanften und reizenden Einſtuß entwickelt ſehe? Kann ich endlich um⸗ hin, eine lebhafte und zarte Dankbarkeit derjenigen zu weihen, welche mein Vaterherz ſo glücklich, ſo ſtolz macht? Nein, nein, das Gegentheil von dem, was ich empfinde, wäre ein verabſcheuenswerther Undank. Nein, ich bin weder ſtrafbar, noch wahnſinnig, ich bin gerecht. Nein, ich habe nicht über meine Gefühle zu erröthen; ich täuſche mich nur über ihre Tendenz. Ohl es iſt das Herz eines Vaters, was in meiner Bruſt ſchlägt!“ Bei dieſem Gedanken klärte ſich die Wolke, welche die Züge von Herrn von Morville verdüſterte, einen Augenblick aufz bald aber verſank der Vater von Alphon⸗ ſine wieder in ſeine Niedergeſchlagenheit, und er fuhr mit verdoppelter Bitterkeit fort: „Wenn meine Dankbarkeit väterlich und heilig iſt⸗ woher kommt es denn, daß ſie auf mir laſtet wie ein Gewiſſensbiß? Warum bei mir dieſe Unruhe, dieſe Be⸗ 11¹⁰ fangenheit, dieſer Zwang in Gegenwart meiner Frau und meiner Tochter? Warum dieſe Träumereien, dieſe unwillkürlichen Zerſtreutheiten, die ich zum Glück durch die Folge meines kränklichen Zuſtandes erklären kann, deſſen Ernſt meine Frau und meine Tochter ſeit ſo vie⸗ len Jahren bei meinen Vorſichtsmaßregeln und meiner Selbſtbeherrſchung nicht kennen? Warum dieſes wach⸗ ſende Bedürfniß der Einſamkeit? . Traurige Ein⸗ ſamkeit, die ich ſuche, um ohne Zwang darin zu leiden! Und dennoch fühle ich mich gegen meine Frau ſo liebend, ſo ergeben als in der Vergangenheit. Ach! mein Herz iſt ein Abgrund!“ In dieſem Augenblick hörte Herr von Morville die Stimme ſeiner Frau, welche in den Salon eintrat; er bebte, ſtand auf und ſuchte wieder ſeine gewöhnliche Phyſiognomie anzunehmen. „Ich wiederhole Ihnen, Frau Pivolet,“ ſagte Frau von Morville zu der Beſchließerin, welche ihr folgte, „ich wiederhole Ihnen, daß Sie, nach Ihrer Ge⸗ wohnheit, wieder nicht bei Verſtand ſind, und daß ſolche Albernheiten beklagenswerthe Reſultate herbeiführen kön⸗ nen. Ich mache Herrn von Morville zum Richter.“ „Aber, Madame, es iſt unnöthig, dem gnädigen Herrn zu ſagen . „Es iſt im Gegentheil ſehr nöthig; er wird Sie tüchtig ausſchelten wegen dieſer neuen Narrheit. Es fehlte Ihnen ſonſt nichts „Um was handelt es ſich, meine liebe Louiſe 2“ fragte Herr von Morville. „Mein Freund, ich ging vorhin durch den Hof der Oekonomiegebäude; da ſhe ich Frau Pivolet in ſehr belebter Unterredung mit dem Vater Chenot.“ „Dem alten Schäfer?“ „Ganz richtig; und ich höre ihn zu Frau Pivolet, die er mit einem ehrfurchtsvollen Staunen anſchaute, ſagen: „Durch dieſes Mittel wird alſo der Zauber, den man der Mutter Chenot angethan hat, zerſtört 1¹¹ werden 2“6 „Gewiß, und ich würde die Hand darauf in's Feuer ſtrecken!““ antwortete Frau Pivolet.“ „Gnädige Frau ich will Ihnen erklären „Haben Sie die Güte, mich reden zu laſſen, Frau Pivolet; ich muß Herrn von Morville durchaus von dieſer neuen und gefährlichen Tollheit unterrichten.“ „Gnädige Frau, ich habe meine Großmutter ſagen ören ℳ 2 „Schweigen Sie!“ verſetzte trocken Herr von Mor⸗ ville. „Wovon iſt die Rede, Vater Chenot?““ fragte ich den alten Schäfer,“ fuhr Frau von Morville fort. „Stellen Sie ſich vor, Madame,““ antwortete er mir, „„meine arme Frau iſt ſeit bald einem Jahre bettlägerig; ſie kann ſich nicht rühren; wäre ſie mit Stricken an ihr Bett gebunden, ſo würde ſie ſich ebenſo wenig be⸗ wegen. Ich habe ihr die Mittel gegeben, die ich mei⸗ nen kranken Schafen gebe .. Nichts hat genützt! Frau Pivolet erkundigte ſich vorhin nach meiner armen Frau; ich antwortete ihr, ſie habe ein Uebel, das man nicht zu erkennen vermöge, da ich es nicht erkenne.““ „Da ſagte ich,“ rief ungeſtüm Frau Pivolet, „da ſagte ich zum Vater Chenot . und ich verberge mich nicht, ich habe den Muth meiner Meinung, und ich würde zur Noth die Märterin derſelben, ja, die Märterin!“ „Werden Sie ein Ende machen!“ verſetzte Herr von Morville ungeduldig. „Wollen Sie wieder mit Ihren albernen Uebertreibungen anfangen?“ „Gnädiger Herr, ich übertreibe nicht. Gott behüte mich davor! Hören Sie, was ich ganz einfach zu dem alten Schäfer geſagt habe: „„Vater Chenot, da die Mutter Chenot krank iſt an einem Uebel, das Niemand kennt, ſo könnte es wohl ſein, daß man ſie behert hat; es gibt höſe Perſonen, die nicht das Ausſehen haben, als rührten ſie einen an, die einen nicht kennen, und die dennoch die Gewalt beſitzen, die Menſchen zu be⸗ zaubernz dieſe böſen Perſonen nennt man Hexen.““ 1¹2 „Wie!“ rief Herr von Morville, „Sie ſind albern oder boshaft genug geweſen, um dieſem armen Mann ſolche Ideen in den Kopf zu ſetzen?“ „Ich bitte, mein Freund,“ ſagte Frau von Mor⸗ ville, „höre bis zum Ende. Du wirſt ſehen, bis zu welchem Grade iet neue Narrheit ärgerlich ſein könnte.“ „Die Wahrheit, gnädige Frau, iſt nie ärgerlich,“ ſagte die Beſchließerin. „Ich habe meine Großmutter ſagen hören, ſie habe eine ächte Hexe, welche um ſo je ſchöner ſie war, verbrennen ſehen. Sie ritt alle Frei⸗ tage zum Herentanz auf einem großen Beſenſtiel, einzig und allein, um auj eine abſcheuliche Weiſe die Thiere und die Menſchen des Landes zu beheren, wofür man ſie zum Dank hat röſten laſſen! und das war gar wohl gethan! Kurz, gerade in dieſer Gegend, ja, gnädiger Herr, gerade in der Gegend, wo wir ſind, Sie wißen es, wie ich (und dieſe Offenbarung iſt ein Lichtſtrahl für den armen Vater Chenot geweſen, der zu den Alten der Gemeinde gehört) . es iſt, an den Park anſtoßend, ich erfinde das nicht, es iſt dort ein Teich, den man noch heute den Teich des gepeitſchten Weibes nennt, das gepeitſchte Weib, auch eine Hexe, über welche man dieſe Züchtigung verhängt hat, nachdem man ſie wei oder dreimal gehörig hatte untertauchen laſſen, um ſe Menſchen und Thiere beheren zu lehren das iſt Geſchichte, Herr. Ich habe alſo ganz einfach zum Vater Chenot geſagt: „Es muß Jemand die Mutter Chenot behert haben. Ihr habt nur Eines zu thun: nehmt eine dicke Kröte während des Vollmonds; bindet ihr die Hinterpfoten mit ſieben Hanffaſern zuſammen; ſteckt ihr in den Rücken ſieben Nadeln im Kreuze; ſetzt ſie auf eine glühende Schaufel, macht ſiebenmat die Runde um Eure und ruft dabei ſiebenmal; Barrabas! Ihr ſeid ſicher, daß die Mutter Chenot von dem Zauber, den man ihr angethan, befreit ſein wird, und Ihr werdet ſie wie ein Kaninchen traben ſehen; 1¹³ wenn nicht, ſo hat man ihr einen Zauber erſter Art angethan, und wir werden ſehen.“ „Wahrhaftig, dieſe Creatur weiß nur zu erſinden, um ſich immer unerträglicher zu machen,“ rief Herr von Morville, ſeine Frau anſchauend. in En Dann wandte er ſich gegen Frau Pivolet um und agte: „Sie wollen alſo meine Geduld ermüden? Sie wollen durchaus, daß ich Sie aus dem Hauſe jage?“ „Mich fortjagen! mich in die Fremde verbannen! Mein Gott! weil ich aus Gutherzigkeit die arme Mutter Chenot zu heilen verſuche!“ ſ „Gehen Sie!“ rief Herr von Morville; „gehen Sie! Sie ſind eine elende Närrin! Sagen Sie Jacques, er ſoll ſogleich aufſitzen, nach dem Flecken reiten und den Arzt bitten, zu kommen. Ich werde ihm Ihre neue Narrheit mittheilen, damit er, wenn er dieſe arme Frau beſucht, die er fortan zu pflegen hat, ſie, ſowie ihren Mann, beruhigt und, indem er ſie heilt, ihr die Al⸗ bernheit Ihrer Betrügereien nachweiſt.“ „Gnädiger Herr, nach meinem Wiſſen und Ge⸗ wiſſen glaube ich, daß der Doctor ſein Lateiniſch dabei verlieren wird, während eine dicke Kröte ...“ Herr von Morville unterbrach Frau Pivolet, indem er ihr die Thüre mit einer ſo gebieteriſchen Geberde daß die Beſchließerin ſich raſch aus dem Staube machte. „Du haſt Recht, Louiſe,“ ſagte Herr von Morville, „ichts iſt gefährlicher, als ſolche Albernheiten unter dieſen unwiſſenden und leichtgläubigen Geiſtern zu ver⸗ breiten. Es können daraus Erbitterungen von einer rohen Blindheit entſtehen.“ „Zum Glück haſt Du ein vortreffliches Mittel ergriffen, umdieſe Narrheiten abzuſchneiden. Unſer Arzt wird durch die Heilung der armen Frau den dummen Erfindungen der Pivolet ihr Recht angedeihen laſſen. Oh! mein Freund, laß Dich durch dieſe neue Ausſchweifung des Miß Mary. 8 1¹4 tollen Weibes nicht übermäßig angreifen. Du ſcheinſt bekümmert?“ „Nein, doch dieſe Tolle macht mich ungeduldig, reizt mich im höchſten Grade, und ich ſehe nicht einz was mich abhält, mich von ihr zu befreien.“ „Im Grunde iſt ſie eine gute Frau und ſehr treu, ſie betet Alphonſine an, und unſer liebes Kind würde ihren Verluſt beklagen. Denken wir alſo nicht mehr hieran, und höre,“ fügte lächelnd Frau von Morville bei, „auf die Gefahr, Dir ein wenig Pivolet zu ſcheinen oder das Anſehen zu haben, als wollte ich ſ⸗ entſchuldigen, muß ich Dir ganz leiſe geſtehen, daß ich beinahe bin wie ſie. Ja, ich ſelbſt glaube an die Zau⸗ herinnen!“ „Was willſt Du damit ſagen ?“ „Oh! doch an die guten Zauberinnen! oder wenn Du lieber willſt, und das iſt weniger niedrig, ich glaube an die guten Geiſter, an die guten Engel.“ „An die guten Engel?“ „Miß Mary, zum Beiſpiel.“ „Nun, Louiſe?“ „Iſt das nicht ein guter Geiſt, ein guter Engel, eine gute Zauberin? Hat ſie mich nicht bezaubert? Hat ſie nicht aus mir, die ich einſt eine eiferſüchtige Mutter war, die vernünftigſte, die verſtändigſte Mutter, die Du kennſt, gemacht? Gewiß, denn haſt Du ſeitdem wir uns des Gluͤckes erfreuen, dieſe reizende junge Perſon bei uns zu haben, geſehen, daß ich mich einmal, auch nur ein einziges Mal eiferſüchtig auf die immer mehr wachſende Zuneigung, welche Alphonſine für ſie offenbart, gezeigt? daß ich mich, immer für Alphonſine, eiferſüch⸗ tig auf die Schönheit von Miß Mary gezeigt? Mit einem Wort, haſt Du mich, abgeſehen von einer kleinen Rückkehr übler Laune in Betreff der Art, wie Dein unbarmherziger Oheim in la Botardiére unſere arme Alphonſine, welche ihm zu ſeinem Namenstage Glück wünſchen wollte, hat empfangen laſſen, auch nur die 1¹⁵ geringſte Anſpielung auf den Verluſt dieſer Erbſchaft machen hören einer im Ganzen für unſere Kinder beträchtlichen Erbſchaft? .. Nein, nicht wahr? Ich ſage Dir auch, daß Miß Mary mich bezaubert hat! Das iſt der gute Geiſt des Hauſes ich erkenne mich ſelbſt nicht mehr ... Ihre ſo merkwürdigen Talente, auf welche ich neidiſch zu ſein befürchtete, ich bewundere ſie, ich liebe ſie, weil unſere Tochter einen außerordent⸗ lichen Nutzen daraus zieht; denn in der That, mein Freund, geſtehe, die Fortſchritte von Alphonſine ſind unbegreiflich.“ „Unbegreiflich.“ „Wie kalt Du das ſagſt!“ „Oh, nein.“ »Oh, doch, und in dieſer Hinſicht, mein Freund, finde ich Dich nicht gerecht gegen Miß Mary.“ „Mich 2“ * „Ja, ſeit einiger Zeit erſcheinſt Du gezwungen, ber fangen in ihrer Gegenwart.“ „Nicht im Geringſten.“ „Oh! ich habe gute Augen. Kurz, ſehen wir ſie zeichnen oder hören wir ſie ſingen, wenn ſie Alphonſine Lectionen gibt, ſo ſind nur ich und dieſes liebe Kind da, man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, nur wir Beide ſind da und finden immer Worte des Lobes für Miß Mary. Du, Du bleibſt in Deiner Ecke und ſpendeſt Deinen Beifall höchſtens mit dem Ende der Lippen.“ »Meine liebe Louiſe, da ich weiß, daß Miß Mary von einer außerordentlichen Beſcheidenheit iſt, ſo be⸗ fürchte ich, ſie durch meine Lobeserhebungen in Ver⸗ legenheit zu bringen.“ „Dann muß ſie uns, Alphonſine und mich, ſehr ſchlecht erzogen finden, denn unſere Lobeserhebungen verſiegen nicht,“ verſetzte Frau von Morville lachend. Es jindet, wie Du begreifſt, liebe Freundin, ein gewiſſer Unterſchied ſtatt zwiſchen dem ertheilt . — 1¹6 von Frauen und dem Lobe ertheilt von einem Mann.“ „Ein Mann!“ rief Frau von Morville mit einem ſchallenden Gelächter. „Biſt Du ein Mann für Miß Mary? Iſt ein Vater ein Mann? Herr von Morville erröthete unwillkürlich; er war im Begriff, doppelt verlegen zu antworten, als Alphon⸗ ſine, mehrere Briefe in der Hand haltend, in den Salon eintrat. „Der Brieſträger“ ſagte heiter Alphonſine, wäh⸗ rend ſie nach und nach die Briefe, die ſie in der Hand hatte, austheilte, „einer für Dich, Mama er iſt von Saint⸗Cyr geſtempelt .. Das kommt ohne Zweifel von Frau von Noirfeuille. Einer von Paris für Dich, mein Vater ... Ein anderer, abermals von Paris . .. Doch dieſen behalte ich, er iſt von meinem lieben, arti⸗ gen Bruder Gerard .. Noch einer für Dich, mein Pater er kommt vom Schloſſe la Botardiére . Mein Oheim drückt Dir ohne Zweifel ſein Bedauern aus, daß er ſich nicht zu Hauſe befunden, als ich bei ihm geweſen, um ihm zu ſeinem Namenstag Glück zu wünſchen. Dieſer letzte Brief von England endlich iſt für Miß Mary; ich eile, ihr denſelben zu überbringen. Sie iſt immer ſo glücklich, wenn ſie Nachrichten von ihrer Familie erhält! Dann werde ich meinen Brief leſen . Dieſer liebe Gerard, wie artig iſt er, daß er mir geſchrieben hat,“ fügte Alphonſine bei. 3 Und ſie lief haſtig weg, um ihrer Erzieherin den Brief aus England zu bringen. Herr und Frau von Morville folgten mit den Augen dem leichten Laufe ihrer Tochter. Als ſie verſchwunden war, erbrach Herr von Morville den von la Botardiere geſtempelten Brief und ſagte zu ſeiner Frau⸗ 3 „Wir wollen ſehen, wie mein Oheim ſeinen gral“ ſamen Mangel an Rückſicht gegen Alphonſine, welche, indem ſie ſich an ſeinem Namenstag zu ihm begab, eine Pflcht erfüͤllte, erklärt und entſchuldigt.“ Und Herr von Morville las wie folgt: 117 „Mein Neffe (Sie können ſich denken, daß dieſe Worie nur durch Ihr Geburtsrecht bleiben, da ich leider nicht machen kann, daß Sie nicht der Sohn meiner Schweſter ſind), ich gehe nicht zu Ihnen, weil ich bei Ihnen treffen würde: „1) Eine lebendige Beleidigung (die Stra⸗ ßenläuferin, deren Laffen während dieſer verdammten. Reiſe aus meinen weißen Haaren und aus dem edlen Namen la Botardiére einen Gegenſtand frechen Spottes zu machen gewagt haben) „2) Weil ich bei Ihnen treffen würde eine Gefahr (dieſen Robert, der durch ſein unſchickliches Schießen Roncevaur, in dem boshaften Vorbedacht, mich den Hals brechen zu machen, erſchreckt hat). „Wiſſen Sie alſo, mein Neffe, daß ich, indem ich Sie meiner Gegenwart beraubte, durchaus nicht Sie, Sie und die Ihrigen, veranlaſſen wollte, zu mir zu kommen; wären Sie gekommen, ſo hatte ich Befehl ge⸗ geben, Sie nicht zu empfangen. Es wäre wenigſtens einiger Muth von Ihrer Seite geweſen, wenn Sie ſich hierher begeben hätten, um dieſer Weigerung die Stirne zu bieten; Sie haben lieber Ihre Tochter geſtict (welche ohne Zweifel von der fraglichen Siraßenläuferin ſchon völlig verdorben worden iſt); ſie ſollte mir ſchmeicheln, unter dem Vorwand, in meiner Perſon den heiligen Joſephin, meinen Patron, zu feiern, in Wirklichkeit aber in der hinterliſtigen und boshaften Abſicht, meine Erbſchaft zu erhalten. „Ich verberge Ihnen nicht, daß ich empört bin von den intereſſirten Schleichereien um meine Perſon. Das Geſetz hat Namen, um für die genannten heuchleriſchen Schleichereien in Beziehung auf reiche Verwandte vor⸗ zuſehen und ſie zu beſtrafen. Ich eröffne Ihnen über⸗ dies, daß ich mein Teſtament gemacht habe, welches mit folgenden Worten beginnt: „Ich enterbe meinen Neffen Adolph von Motvilie, ſeine Leibeserben und Erbberech⸗ 118 tigten Alles deſſen, was das Geſetz ihm zu entziehen mir geſtattet, und erkläre zum Voraus, daß, wennich durch ein nachfolgen⸗ des Codicill ihm etwas vermachen würde, dieſes Vermächtniß null und nichtig wäre, da es nur die Wirkung der Manveuvres wäre, welche der Coder mit Captatio bezeichnet. „NB. Ich bemerke Ihnen auch, daß ich in den nächſten Ferien Gerard, deſſen wilddiebiſche und unehrer⸗ bietige Gewohnheiten ich kenne (wie der Vater ſo der Sohn), verbiete, auf meinen Gütern zu jagen; meine Leute haben zu dieſem Ende die ſtrengſten Befehle; ich will durchaus nicht, daß man „unter dem Vorwand von Nepotismus, meine weißen Haare beleidigt, in⸗ hnpnn meine jungen Rebhühner und meine Haaſen ießt. „Gott befohlen. Ich verbleibe (gegen meinen Wil⸗ len) Ihr Oheim, „Odoard Joſephin de la Botardiére.“ Herr von Morville warf den Brief auf den Tiſch und ſagte: „Zum Glück iſt Alles dies lächerlich genug, um nicht verdrießlich zu ſein; hoffen wir, daß unſere anderen Briefe uns dieſes traurige Zeug vergeſſen laſſen werden.“ Herr und Frau von Morville entſiegelten jedes den Brief, der an daſſelbe gerichtet war. Frau von Mor⸗ ville, nachdem ſie den ihrigen, ein einfaches Villet, ge⸗ leſen, blieb nachdenkend, während ihr Mann den ſeini⸗ gen vollends las. Als er geendigt hatte, näherte ſich ihm ſeine Frau und ſagte: „Mein Freund, Alphonſine hatte Recht; dieſer Brief iſt von Frau von Noirfeuille; es iſt eine Einladung; es ſoll in Saint⸗Cyr am Ende der Woche große Het⸗ jagd, Komödie, Ball ſtattfinden; drei volle Tage, welche nur eine Reihenfolge von Beluſtigungen und Feſten ſein werden.“ — ——— 1¹9 „Nun! Louiſe, Du mußt dahin gehen.“ „Ohne Dich?“ 2 „Du weißt, daß der Herbſt nie ſehr günſtig für meine Geſundheit iſt. In dieſer Jahreszeit fürchte ich auch immer einen Ortswechſel, eine Veränderung meiner Gewohnheiten.“ „Mein Freund, ich bin feſt entſchloſſen, ich will nicht ſo allein in die Geſellſchaft zu unſern Nachbarn gehen. Das war gut zur Zeit meiner Eiferſucht gegen die arme Mlle. Lagrange, ich ſuchte mich zu betäuben⸗ aber heute bin ich ſo vollkommen glücklich, daß ich der Zerſtreuung nicht mehr bedarf.“ „Louiße, wilſſ Du mir das Leid anthun, Dich der Vergnügungen zu berauben, die Du liebſt, nicht mit Deinen Verwandten, mit Deinen Freunden Verbindungen zu unterhalten, welche ein völliges Zurückziehen immer abkühlt, wenn es dieſelben nicht ganz zerſtört? Meine Freundin, ich bitte Dich, Du wirſt mir einen Kummer erſparen, wenn Du zu Frau von Noirfeuille gehſt und bei ihr die drei Tage zubringſt, denen ich ſodann durch Deine Erzählungen beiwohnen werde.“ „Höre, mein Freund: ſeit dem Abgang von Vlle. Lagrange ſchläft Alphonſine bei mir; jeden Abend ge⸗ lang ich wieder in den Beſitz meiner Tochter; ſo habe ich mich mit Hülfe des guten Genius von Miß Mary, denn ſie iſt wenigſtens eben ſo ſehr meine Erzieherin ge⸗ weſen, als die von Alphonſine, von meiner Eiferſucht ge⸗ heilt. Es würde mich auch zu viel Ueberwindung koſten, mich von meinem theueren Kinde zu trennen.“ „Es handelt ſich nur um eine Trennung von drei Tagen. Während Deiner Abweſenheit wird Alphonſine ihr altes Zimmer bei Miß Mary wieder einnehmen.“ „Wahrhaftig, ich würde es vorziehen, nicht zu dieſem Feſte zu gehen.“ „Louiſe, übertreiben wir nichts! Vor drei Monaten, als Bu keine Erzieherin mehr zwiſchen Dir und Deiner Tochter haben wollteſt, gab ich Deinem Wunſche nach, 12⁰ und zwar wider meinen Willen, denn ich war überzeugt, die Aufgabe, die Du übernehmen wollteſt, würde Pein⸗ Kräfte überſteigen. Zum Glück iſt Miß Mary gekom⸗ men. Seit drei Monaten haſt Du Deine Tochter nicht einen Tag verlaſſen; heute fordert Dich die Welt, von der Du ſo ſehr geliebt wirſt, zurück. Warum dieſe Ein⸗ ladung ausſchlagen ?“ »Du willſt, daß ich ſie annehme?“ ſagte lachend Frau von Morville, „nimm Dich in Acht! ich bin im Stande, mich ſehr, aber ſehr in Noirfeuille zu beluſtigen. Du weißt, mit welcher Herzlichkeit wir dort immer auf⸗ genommen ſind.“ „Und darum bitte ich Dich, und im Nothfall,“ fügte Herr von Morville lächelnd bei, „im Nothfall be⸗ fehle ich Dir, dieſe Gelegenheit, Dich ein wenig zu be⸗ luſtigen, nicht zu verſäumen.“ „Du willſt es 2“ »Ich verlange es.“ „Ich werde gehorchen, Tyrann, der Du biſt! Doch was für einen Brief haſt Du ſo eben geleſen? Du ſcheinſt nicht damit zufrieden.“ „Es iſt beinahe eine ſchlimme Nachricht, die ich Dir mitzutheilen habe.“ „Was denn 24 „Ein Plan, auf deſſen Gelingen wir oft und ſeit langer Zeit gehofft haben.“ „Der Heirathsplan mit Herrn von Favrolle2“ „Wir müſſen darauf verzichten.“ »Das wäre bedauerlich. Doch was iſt die Urſache dieſer Veränderung? „Hier, lies.“ Frau von Morville nahm den Brief und ſchaute mit einem beſorgten Eifer nach der Unterſchrift; es war die von Herrn von Favrolle, dem ehemaligen Oberſten des Regiments, in welchem Herr von Morville gedient hatte. 12¹ „Iſt denn in dieſer Familie ein Unglück geſchehen, mein Freund?“ „Nein, dem Himmel ſey es edankt! Doch lies.“ Frau von Morville las halblaut folgenden Brief: „Mein Freund, ich ſchreibe weder vft, noch lange, Du weißt es; das ſchönſte Muſter der Beredtſamkeit hat mir immer die Meldung eines Poſtenführers geſchienen, der auf ſein Blatt: Nichts, ſchreibt; aber trotz meiner rhetoriſchen Grundſätze und meiner Faulheit werde ich Dir wenigſtens eine Seite ſchreiben. Du wirſt ſehen, daß unter Leuten von Ehre die Sache ſchon der Mühe werth iſt. „Du erinnerſt Dich eines der Luftſchlöſſer, wie es die guten Leute, die man Väter nennt, machen? — Du haſt einen Sohn? — Du haſt eine Tochter? — Ver⸗ heirathen wir ſie miteinander. — Das geht!“ „Keines Wegs, mein alter Kamerad, das gehtnicht mehr. Zum zweiten Mal macht mich mein Sohn Theodor völlig irre. Früher wollte er nicht in die Militärſchule eintreten. Für ihn, den Sohn der Kugel, war doch der Stand eines Soldaten eine ziemlich ſchöne Laufbahn. Ich faßte indeſſen meinen Entſchluß, denn ich bedachte, im Ganzen würde mein Sohn bei mir bleiben. Er war übri⸗ ſen nicht müßig? er liebte die Künſte; er ſchmierte Land⸗ ſchaften, Figuren, und dabei war er heiter wie ein Rapin*); ich liebte Alles dies. Er bat mich vor einem Jahr, mit einem ſeiner Kameraden eine Reiſe machen zu dürfen, um die holländiſche Schule zu ſtudiren mir ganz recht! Doch bei ſeiner Rücktehr, welche Enttäuſchung! Ich glaube, der Teufel ſoll mich holen, man hat mir meinen Sohn in Holland ausgewechſelt; ich erkenne ihn nicht mehr! Er lacht nicht mehr, er ſpricht nicht mehr, und vom Morgen bis zum Abend zeichnet er mit Kohle Frauenköpfe unter *) Ein nur in der franzöſiſchen neue enie Ausvruck, mit dem ein Schüler in den Künſtn, beſonders in der Malerei bezeichnet wird. 122 dem Vorwand von Venus, von Diana und anderen Gottheiten. Ich habe Unrecht, wenn ich ſage Köpfe, es iſt immer daſſelbe Geſicht, heute von vorn, morgen von Profil, übermorgen zu drei Vierteln und ſo fort. Er kommt nicht aus dieſem heraus; ich kann nicht ſagen, daß der Kopf häßlich iſt, weit entfernt. Aber er wird mir am Ende unerträglich. Mit einem Wort, ich glaube, daß dieſer Junge wahnſinnig verliebt iſt, — in wen? wirſt Du mich fragen, mein alter Kamerad. Hierauf antworte ich Dir, daß einer ſeiner Freunde mich verſichert hat, bei ſeiner Rucktehr aus Holland habe ſich der Unglückliche in eine Griſette des Quartier Latin*) vernarrt. Du begreiſſt, daß ich hierüber meinem Sohn Regimentsmoral geleſen habe, er iſt ſtumm geblieben wie eine zerſprungene Trommel; ich wollte eine geſchickte Diverſion bei ihm bewerkſtelligen und ſprach von unſeren Heirathsplänen mit Deiner Tochter. Ein klägliches Manveuvpre, mein alter Kamerad! mit einem entſetzlichen Verluſt zurück⸗ geſchlagen! Er hat ſich in eine unzugängliche und un⸗ überſteigbare Weigerung verbarricadirt⸗ . „Ich ſehe mich nun genöthigt, Dich von meiner Niederlage zu unterrichten, damit Du über Deine Tochter verfügſt. Sie verdient entſchieden etwas Beſſeres, als meinen Wahnſinnigen. Es gibt Augenblicke, wo ich ihn wahrhaftig zu allen Teufein ſchicken würde, wäre es nicht im Grunde der beſte Junge der Welt, und hätte ich nicht unwillkürlich Mitleid mit ihm, wenn ich ihn ſo traurig und verändert ſehe. Mein alter Kamerad, wir müſſen alſo auf die Hoffnung, Beide an einem Tag Großväter zu werden, verzichten; das iſt Schade! es hätte mich beluſtigt, Dich zu umarmen und zu Dir zu ſagen: Großpapal „Gott befohlen! ich muß Dich ſehr lieben und mich meines Sohnes gewaltig ſchämen, daß ich eine ſolche Strähne für Hich abgeſpult habe. Wenn Du zufällig Bekanntlich das Studenten⸗Quartier in Paris. 123 mit Deiner Frau von mir geſprochen haſt, ſo ſage ihr, ich ſei ihr ergebenſter Diener. Gib mir Deine Hand, ich ſchüttle ſie wie ein Alter von der Bidaſſpa.“ „Du ſiehſt,“ ſprach Herr von Morville, „wir müſſen auf dieſe Heirath verzichten, und darüber bin ich ſehr betrübt.“ „Dieſer Bruch iſt allerdings bedauerlich, mein Freund. Ich tröſte mich indeſſen beinahe darüber, wenn ich be⸗ denke, daß wir uns, nachdem der Plan feſtgeſtellt ge⸗ weſen wäre, in Folge eines wiederholten Zuſammenſeins von Herrn von Favrolle mit Alphonſine in einer noch unangenehmeren Lage hätten befinden können.“ „Wie ſo?“ „Hätteſt Du nicht können genöthigt ſein, an Herrn von Favrolle zu ſchreiben: „Mein lieber Freund, Dein Sohn gefällt meiner Tochter nicht, und da das Glück von Alphonſine Allem vorgeht, ſo bitte ich Dich, Theo⸗ dor zurückzurufen und anzunehmen, wir haben dieſe Heirath nie gut geheißen.““ Hätteſt Du es vorgezogen, wenn der Bruch von unſerer Seite ausgegangen wäre2“ „Nein,“ erwiederte Herr von Morville nachdenkend, es iſt vielleicht beſſer, daß die Dinge ſo gekommen ſind.“ Wir laſſen Frau von Morville vollends ihren Mann über dieſe Unannehmlichkeit tröſten und folgen Alphonſine, welche den Brief von Gerard, ihrem jungen Bruder, Rhetoriker von Louis⸗le⸗Grand, den wir noch nicht kennen, zu leſen im Begriffe iſt. Der Briefwechſel dieſer zwei jungen Leute war ein naiver Austauſch ihrer Gefühle und beſchränkte ſich auf Neuigkeiten aus dem engen Kreiſe, in dem ſie, der Eine im Collége, die Andere im Schloſſe Morville, lebten. „In der That, meine liebe Alphonſine,“ ſchrieb Gerard, „Du machſt mich neidiſch mit Deiner tollen Heiterkeit, die ſich über Alles beluſtigt; ich hätte nie geglaubt, daß das einzige Jahr, das unſere Geburten 124 trennt eines Tags eine ſolche Verſchiedenheit in unſerer Art, zu ſehen, herbeiführen könnte. Du biſt noch bei wahren Kindereien, während bei mir jeden Tag die Vernunft kommt; und jeden Tag zieht mich mein Geiſt weit vom Collége fort. Unter dieſen albernen Pflichten, unter dieſen großen Phraſen abgedruckt von den Schriftſtellern vergangener Zeiten, welche nur ein mittelmäßiges Intereſſe einflößen, denke ich bei⸗ nahe unwillkürlich an die Zukunft, an die Stellung, die ich in der Welt einnehmen werde. Es iſt etwas in mir, was immer wenig im Einklang mit dem ſteht, was man hier ſagt und thut; die Spiele, denen ich mit Leiden⸗ ſchaft mich hingab, erregen mein Mitleid; ich würde meine Erholungsſtunden ganz allein hinbringen, nähme ich nicht von Zeit zu Zeit Antheil an ernſten Unterhaltun⸗ gen, welche unter ſich einige Zöglinge der Philoſophie haben. (Im nächſten Jahre werde ich in die Philoſophie eintreten.) Entſchuldige dieſe Parentheſe in der Manier von la Botardiére. „Du biſt ſehr glücklich, Alphonſine, mit Deiner Miß Mary, welche Deinen Arbeiten ſo viel Intereſſe verleiht! Ich finde unter unſern Profeſſoren und Lehrern Niemand, der ſich mit ihr vergleichen läßt; wie glücklich wäre ich, ſie zu kennen! Bilde Dir indeſſen nicht ein, ich glaube an die Aehnlichkeit des Portraits, das Du mir von ihr entwirfſt; in Deinen Briefen findet ſich die ganze Ueber⸗ treibung eines für ſeine Schulmeiſterin begeiſterten klei⸗ nen Mädchens: Du kennſt nur ſie, und da Du nicht über die Welt nachgedacht haſt, ſo begabſt Du ſie mit allen Vollkommenheiten; ich werde dies Alles übrigens durch mich ſelbſt beurtheilen, und dann wollen wir Du müßteſt unſern guten Vater beſtimmen, mich nicht das ganze Jahr hier zu laſſen; mir ſcheint, unter der Leitung meines Vaters und mit Hülfe ſeiner Bibliothek würde ich nützlicher arbeiten, als im Collége; ſei alſo bemüht, darauf hinzuwirken, daß man mich ſo bald als möglich zu Euch zurückberuft. 12⁵ „Umarme für mich meinen Vater und meine Mutter, und ſage Pivolet guten Morgen. Wüthet mein Groß⸗ oheim la Botardiére immer noch? „N. S. Du wirſt nicht mehr über meine heiſere Stimme ſpotten, welche weder hinauf, noch hinab konnte: mein Meiſter hat mir erklärt, ich beſitze einen vollen Baryton, und ich könnte die für Tamburini geſchrie⸗ benen Partieen ſingen.“ Alphonſine ſchenkte der ſchwermüthigen Färbung, die in der Correſpondenz ihres Bruders hervorzutreten an⸗ fing, wenig Aufmertſamkeit; ſie dachte nur an die Par⸗ tituren, die ſie von Paris verlangen ſollte, und machte ſich eine Freude daraus, bald mit Gerard zu ſingen. Wir werven die an dieſem Tage nach dem Schloſſe Morville gebrachte Correſpondenz vollends erſchöpfen und zu dieſem Ende in das Zimmer von Miß Mary gehen. Die Erzieherin ſitzt an ihrem Schreibtiſch, ihre ſchöne Stirne auf ihre beiden Hände geſtützt. Sie ſchaut einen offen auf ihrem Bureau liegenden Brief an und weint ſtille. Dieſer Brief von Henry Douglas, damals in In⸗ dien, wo er als Artillerie⸗Officier diente, iſt von ihm an Madame Lawſon geſchickt worden; die Correſpondenz der zwei Verlobten achtend, hat dieſe an ihre Tochter den Brief geſchickt, der ſich ſo mit dem gekreuzt, welchen Miß Marh am Tage ihrer Ankunft im Schloſſe Mor⸗ ville an Henry Doüglas geſchrieben hatte. Folgendes iſt der Inhalt dieſes Briefes: „Liebe Miß Mary, Ihr Brief hat mich grauſam betrübt. Wie! Ihr würdiger, geehrter Vater iſt ge⸗ nöthigt geweſen, Lawſon⸗Cottage, wo ich Sie ſo glücklich geſehen, zu verkaufen und ein beſcheidenes Amt anzunehmen, um ſeiner Familie den Lebensunterhalt zu verſchaffen? In dem Augenblick, wo er dem Alter der Ruhe ſo nahe war, iſt er nun genöthigt, ſeine einzige Hülfsquelle in einen vielleicht fuͤr die Bedürfniſſe der⸗ 126 jenigen, welche er liebt und beſchützen ſoll, ungenügen⸗ den Arbeit zu ſuchen. „Ihr Entſchluß, die Functionen einer Erzieherin anzunehmen, um Ihrerſeits Ihre Familie zu unterſtützen, hat mich tief gerührt; das iſt ein muthiger Gedanke; ich habe hieran Ihr Herz und Ihren Charakter erkannt. Auch diesmal ſage ich Ihnen aus dem Grunde meiner Seele: Miß Mary, ich bin zufrieden, ich bin ſtolz auf Sie. „Ich muß indeſſen mit meiner gewöhnlichen Auf⸗ richtigkeit mit Ihnen ſprechen, liebe Miß Mary. Es iſt eine ſhr zarte Stellung, die Stellung einer Erzieherin, wenn ſie, wie Sie, die Reize des Aeußern mit denen des Geiſtes und der Talente vereinigt. „Gott ſoll mich behüten, daß ich Sie erſchrecken, entmuthigen will! aber ich bin Ihnen die Wahrheit ſchuldig. Ihrer Feſtigkeit, Ihrer Rechtſchaffenheit ſicher, bezeichne ich Ihnen die Klippen, Sie werden ſie vermei⸗ den, wenn Sie dieſelben kennen. Ich weiß noch nicht, wer die Perſonen ſind, bei denen Sie leben ſollen. Ihr erſter Brief wird mich ohne Zweifel über dieſen Punkt belehren. Wie dem auch ſein mag, und ohne jetzt ſchon ein Urtheil über das zu fällen, was nur eine ſeltene und providentielle Ausnahme wäre, muß ich Ihnen zum Voraus ſagen, liebe Miß Mary, was gewöhnlich di Folgen der ganz beſondern Lage ſind, in welcher ſich die Erzieherin unter der Familie befindet, wo ſie zugelaſſen iſt; ich mache mich bei dieſer Gelegenheit zum Peſſi⸗ miſten, Sie errathen, warum. Eine von den Gefahren Ihrer neuen Stellung, die Ihnen kindiſch vorkommen wird, während ſie mir ſehr ernſt dünkt, iſt dieſe: ie werden ohne Zweifel zwiſchen der Eiferſucht der Diener des Hauſes und, wenn nicht der Verachtung, doch wenigſtens der beziehungsweiſen Superiorität der Gebieter zu leben haben; die Erſten, welche dann Ihre Vorzüge nicht begreifen, werden ſich über den Dienſt 127 empören, den man ihnen für Sie auferlegt, weil Sie nicht das Recht haben, ihnen zu befehlen, das heißt weil Sie dieſelben nicht bezahlen. Die Gebieter, wenn ſie bei Ihnen glänzende Eigenſchaften erkennen, werden dieſe mit Stolz zur Schau ſtellen, ohne Ihnen darum einen Grad Achtung mehr zu bewilligen; ſie werden Sie hinreichend durch Ihren Gehalt belohnt glauben; ich würde für Sie vielleicht mehr die Erbitterung der Diener, als den Stolz der Gebieter fürchten: es gibt keine kleine Feinde; dann kommen unabläſſige Demüthigungen vor, welche aber von ſo tief unten aus⸗ gehen, daß man genöthigt iſt, ſie ſtillſchweigend zu dul⸗ den, ſo ſchmerzlich ſie auch ſein mögen. Würdig ohne Hochmuth, freundlich ohne Vertraulichkeit, zurückhaltend ohne Kälte, bleiben Sie ſtreng in der Erfüllung Ihrer Pflichten eingeſchloſſen, iſoliren Sie ſich von Anfang an klug mitten unter der Familie, in die Sie eintreten; Ihre Treuherzigkeit und Ihre Gutmüthigkeit würden Sie ſchon in den erſten Tagen dahin bringen, daß Sie dieſelbe als Ihre eigene Familie betrachteten? Sie könnten für ein Herz wie das Ihrige traurige Verrechnungen zu erfahren haben. „Dieſes Mißtrauen iſt peinlich, ich weiß es wohl, wird eine Art von Leere um ſie her ſchaffen, aber es „Sollten Sie ſich zu Ihrem Unglück nicht von einer großen Zärtlichkeit für das Kind, das man Ihnen an⸗ vertrauen wird, erfaßt fühlen, ſollten die Süßigkeiten dieſer geiſtigen Mutterſchaft nicht die tauſend Wider⸗ wärtigkeiten, die bitteren Verdrießlichkeiten, welche Sie vielleicht auszuſtehen haben, ausgleichen, ſo zögern Sie nicht, liebe Miß Mary, verlaſſen Sie ein Haus, wo Sie unter ſo traurigen Auſpicien eingetreten wären; ihre Exiſtenz würde unerträglich. „Es gibt noch eine andere ernſte Gefahr, die ich Ihnen auch bezeichnen muß: wofern nicht die Mutter hres Zöglings etwa kein anderes Kind hat und Wittwe 12⁸ iſt, müſſen Sie in vertrautem Umgang mit einer, viel⸗ leicht zahlreichen, Familie leben; Sie werden in täg⸗ lichem Verkehr mit den Verwandten des Mädchens ſein, deſſen Bildung Sie Ihre Sorgfalt widmen. Noth⸗ wendig betrachten e dann einige von dieſen Menſchen, auf Ihre Vereinzelung inmitten einer Welt, in der man Sie immer wie eine Fremde behandeln wird, ſpeculirend, als eine Beute, die ihren Launen durch die Verlaſſenheit oder die Langweile, in welche ſie Sie verſunken glau⸗ ben, zufalle; ſie werden Sie allein, ohne Beiſtand ſehen; ſie werden ſich darin gefallen, Sie als über die Nied⸗ rigkeit Ihrer Stellung ſchmerzlich betrübt anzunehmen; ſie werden ſich einbilden, ſie thun ein Werk der Barmherzigkeit, wenn ſie Ihnen zum Troſt ihre verführeriſchen Huldigungen anbieten; vielleicht, ſind ſie noch mehr verdorben, werden ſie ihre Keckheit⸗ nach der traurigen Nothwendigkeit richten, in der Sie ſich befinden, nach der Nothwendigkeit, ſich einen Platz zu erhalten, den Sie, ihre Verfolgungen offenbarend, verlieren würden. „Das können die Gefahren Ihrer neuen Lage ſein, liebe Miß Mary. Ich habe mich nicht geſchent, das Gemälde dunkel zu halten. Hören Sie, warum. „Haben Sie das Glück, eine Familie zu treffen, welche im Stande iſt, Sie zu ſchützen, arme, theure Seele, und es gibt rrtehn⸗ Herzen, ſo wird Ihre Dankbarkeit gegen ſie um ſo lebhafter ſein, je größer Ihre Befürchtungen geweſen ſind. „Sollten Sie im Gegentheil unwürdigen Bedrän⸗ Pungen ausgeſetzt ſein, ſo ſind Sie wenigſtens von den efahren in Kenntniß zee die ich Ihnen bezeichne, denn Ihre Unwiſſenheit hinſichtlich der ſchlimmen Leiden⸗ ſchaften der Welt hätte Ihnen vielleicht die Gefahren bis zu dem Tage verborgen, wo Ihr Stolz tief verletzt wor den wäre. „Nun, meine liebe Miß Mary, ein paar Worte über das, was mich betrifft; ich glaube mich, ich fühle 129 eben ſo ſehr gegen Sie verbunden, heute, da der Ruin Sir Robert Lawſon, Ihren Vater, heimgeſucht hat, als da er noch Lawſon⸗Cottage und ſeine ſchönen Prai⸗ rien beſaß. Unſere Verheirathung iſt unter unſern Eltern abgemacht; wir ſind Verlobte. Nichts hat ſich in meinem Entſchluſſe geändert, nichts darf ſich an dem Ihrigen geändert haben. Ich ehre zu ſehr meinen Vater, — um mir nur die Vermuthung zu erlauben, er ſehe nun das geringſte Hinderniß gegen unſere Verbindung. Ich habe immer ſeine Autorität geachtet, weil er mir immer befohlen hat, was gerecht war. Ich bin noch ganz bereit, ihm zu gehorchen, wenn er zu mir ſagen wird? Mein Sohn Henry, heirathe die Tochter dieſes redlichen Mannes, der ſein Vermögen der Freundſchaft und der Ehre geopfert hat; ſei ſtolz, in eine ſo edle Familie einzutreten. Mein Vater hat mir befohlen, nur nach Europa zurückzukehren, wenn ich den Grad eines Artillerie⸗ Commandanten hätte. Ich bleibe hier, um dieſes Avance⸗ ment zu verdienen; ſobald ich es erlangt habe, bitte ich Ihren Vater um Erlaubniß, Sie bei der Familie zu holen, wo Sie Erzieherin ſein werden. „Verfallen Sie nicht mehr in das fehlerhafte Ur⸗ theil, über das ich erſtaunt bin, da ich die Solidität Ihres Geiſtes kenne: glauben Sie nicht mehr, ein ehr⸗ licher Mann, der mit einem ehrlichen Mädchen verlobt iſt, das er nicht minder zärtlich liebt, als er von ihm geliebt wird, könne je ſeine Verbindlichkeit unter dem elenden Vorwand zuruͤcknehmen, dieſes Mädchen ſei arm geworden. „Leben Sie wohl, Marh, ich liebe Sie. »Henry Douglas.“ „Armer Henry!“ dachte Miß Mary, „wie groß werden ſeine Freude und ſein Erſtaunen beim Empfang meines Briefes geweſen ſein, in welchem ich ihm die vor⸗ treffliche Familie, bei der ich ſeit drei Monaten lebe, zu ſchildern ſuche! Wie ſehr wird er die Ungerechtigkeit Miß Marh. 9 ſeiner Befürchtungen erkennen! Ah! um das Maaß ſeines Glückes voll zu machen, will ich ihm noch heute ſchreiben: „„Seien Sie zufrieden, lieber Herr Henry, die glücklichen Hoffnungen meines erſten Briefes ſind verwirklicht, übertroffen worden! Man umgibt mich hier mit den zarteſten Rückſichten! Jeder bemüht ſich, mich vergeſſen zu laſſen, daß ich eine Fremde in der Familie bin. Herr von Morville, ſeine Frau, ſeine Tochter ſind Verwandte, Freunde für mich.““ „Nur,“ fügte die Erzieherin ſeufzend bei, „nur werde ich dieſem theuren Henry nicht ſagen, daß er ſich bei ſeinem vortrefflichen Urtheil nicht völlig irren konnte. Ach! es iſt viel Wahres in dem, was er für mich von der Erbitterung gewiſſer Dienſtboten gegen die arme Erzieherin befürchtete! Aber Henry, ſowie alle diejenigen welche mich lieben, ſollen nie etwas von den herben Thränen wiſſen, die ich oft insgeheim vergieße. Nein, es gibt keine kleine Feindes eine niedrige und blinde Bosheit kann mit der Zeit ein ſcheinbar ebenſo fried⸗ liches, als glückliches Leben unerträglich machen.“ XII. Frau von Morville ſollte an dieſem Tag abreiſen, um der Einladung von Frau von Noirfeuille zu ent⸗ ſprechen. Miß Mary, Alphonſine und ihre Mutter, die ſich ſchon zum Frühſtück im Speiſeſaal verſammelt hatten, wunderten ſich, daß Herr von Morville noch nicht von ſeinem Zimmer herabgekommen war. 4 „Ah! da kommt endlich mein Vater!“ ſagte Al⸗ phonſine, als ſie Tritte auf der Treppe hörte. Und ſie ſtand auf, um ihm enigegeiii Herr von Morville trat ein; er war bleich; ſein Augen ſchienen durch friſche Thränen geröthet und das Leiden eingeſunken. „Was haſt Du denn, mein Freund?“ fragte lebhaft Frau von Morville; „Du biſt alſo heute Nacht krank geweſen 2“ „Ich, Louiſe? dem Himmel ſei es gedankt, nein!“ antwortete Herr von Morville, indem er zu lächeln ſuchte und Alphonſine auf die Stirne küßte. Dann grüßte er, vor ihr vorübergehend, Miß Mary auf eine freund⸗ ſchaftliche Art und ſetzte ſich an ſeinen gewöhnlichen Platz, während man ein ängſtliches Stillſchweigen beobachtete. „Was geht denn dieſen Morgen hier vor?“ fragte Herr von Morville mit einer gezwungenen Heiterkeit. „Man ſchweigt, man ſchaut ſich an?“ „In der That, mein Freund,“ erwiederte zögernd Frau von Morville, „ich finde Dich ſeit geſtern Abend ſehr verändert.“ . „Ei! ich bin entſchieden weder mehr jung, noch kräftig,“ antwortete lächelnd Herr von Morvillez „ich kann nicht eine kleine Nachtſchwärmerei wagen, ohne daß es alle Welt bemerkt. Darum muß ich ein Verbrechen ge⸗ ſtehen, welches ich nicht länger zu verbergen vermöchte. Ja, ich geſtehe, daß ich, fortgeriſſen von einer höchſt anziehenden Lecture und von dem Wunſche beſeelt, einige Auszüge aus dieſem Buche zu machen, erſt ſehr ſpät ſchlafen gegangen bin. Vergebens habe ich dieſen Mor⸗ gen Alles dadurch, daß ich im Bett geblieben, wieder einzubringen geſucht: ich konnte die Spuren meines Verbrechens beleidigter Geſundheit nicht ver⸗ heimlichen.“ Keine Antwort erfolgte Anfangs auf dieſe Worte, wie es geſchieht, wenn man an dem, was man hört, zweifelt. Das Stillſchweigen wurde durch Frau von Mor⸗ ville unterbrochen. „Mein Freund,“ ſagte ſie, „ich werde heute Abend nicht abreiſen.“ Ah! Louiſe, das heißt zu ſtreng eine Unvorſichtig⸗ t beſtrafen, die ich nicht für ein i hieit. Wie! meine Strafe wäre, daß Du Dich eines Ver⸗ gnügens beraubteſt?2“ „Ich kann mich nicht entſchließen, in der Unruhe, in der ich mich über Deine Geſundheit befinde, von hier wegzugehen.“ „Willſt Du lieber bleiben und mir einen Kummer bereiten? Und überdies, liebe Loniſe, wer ſagt Dir, Du habeſt eine Beſorgniß mit Dir zu nehmen? Es iſt erſt zehn Uhr, und heute Abend kannſt Du beruhigt ab⸗ reiſen, das verſpreche ich Dir; und wirſt Du mir nicht in jedem Fall die reizendſte kleine Krankenwärterin zurück⸗ laſſen, die ein Leidender je geträumt haben mag?“ Und er lächelte und ſchaute ſeine Tochter an, die ihm um den Hals fiel. „Oh! Mutter,“ rief Alphonſine, „ſei unbeſorgt, ich bürge Dir für ihn.“ „Und ich erkläre mich zum Voraus für geneſen,“ ſagte Herr von Morville. „Um meine Heilung zu be⸗ p zahlen, will ich auch Miß Mary bitten, Dir Urlaub bis zum Mittagsmahl zu geben, mein Kind; Du wirſt ſ Mutter bei ihren letzten Anſtalten zur Reiſe unter⸗ tützen.“ Dieſe Scene war von Miß Marh mit einer Theil⸗ nahme gemiſcht mit Beſorgniß über die Geſundheit von Herrn von Morville beobachtet worden; denn auch ſie war betroffen von dem Ausdruck des Leidens, den ſie in den Zügen des Vaters von Alphonſine wahrnahm; doch gegen das Ende des Frühſtücks, als Frau von Morville ſich durch das Zureden ihres Mannes hatte über⸗ zeugen laſſen, wurde nichts an dem Reiſevorhaben geär dert, unter der Bedingung indeſſen, daß die Beſſerung zu der ſich Herr von Morville ſchon Glück wünſchte, an⸗ dauernd wäre, und Alphonſine begleitete ihre Mutter in ihr Zimmer, um ſie bei ihren Vorkehrungen zur Abreiſe zu unterſtützen. 5 Die Stunden, in denen ſie für ſich allein lebe konnte, benützend, ging Miß Mary im Parke ſpazieren 133 und träumte von ihrer Familie und von ihrem Bräuti⸗ gam, dieſem ſo redlichen, ſo ergebenen Mann, von dem ſie durch die Hälfte der Welt getrennt war. Hinter einer Buchenhecke, an der ſie ſo nachdenkend hinwandelte, glaubte ſie ein unterdrücktes Huſten zu hören, aber ganz ihren Erinnerungen hingegeben ſetzte ſie ihren Spaziergang fort. Als ſie das Ende der Allee erreicht hatte, kehrte ſie um und ging auf der andern Seite der Buchenhecke zurück; ihr leichter Tritt, gedämpft durch den dichten Raſen, machte kein Geräuſch, ſo daß ſie ſich, ohne daß man ſie hatte hören können, vor einer kreis⸗ foörmigen Vertiefung befand, in der eine Marmorbank angebracht war; hier ſah ſie zu ihrem Schrecken Herrn on Morville halb insgeſrecht und an ſeinen Mund in von Blut getränktes Sacktuch drückend. Miß Mary wollte einen Schrei ausſtoßen; aber Herr von Morville ſtürzte auf ſie zu, nahm ſie beim Arm und ſagte leiſe zu ihr: „Stille! um des Himmels willen!“ „Aber Sie brauchen Hülfe 4 „Hüten Sie ſich, zu rufen!“ „Frau von Morville .. „Vor ihr beſonders will ich verbergen, was mir begegnete.“ „Alſo, mein Herr, Sie haben ſie vorhin getäuſcht, als ſie ſagten, Sie ſeien minder leidend 2« „Seit zwanzig Jahren täuſche ich ſie ſo!“ Miß Mary machte abermals eine Bewegung, um nach dem Schloſſe zu gehen, doch Herr von Morville ſchlug ſeine Augen flehend zu ihr auf und ſagte mit geſchwächter Stimme: „Haben Sie Mitleid! verlaſſen Sie mich nicht!“ Getheilt zwiſchen der Furcht und dem Mitleid, ſetzte ſch Miß Mary neben Herrn von Morville, ohnmächtig, ihm beizuſtehen und ſchmerzlich bewegt, da ſie ihn lei⸗ den ſah. »Wie ſehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, 134 MWiß Mary,“ ſagte er, nachdem er einige Minuten ge⸗ ſchwiegen. „Welch ein trauriges Schauſpiel gebe ich Ihnen! Aber ich fühle es, die Kriſe iſt ihrein Ende nahe. Gott ſei Dank! es iſt nur das, in dieſer Jahres⸗ zeit beinahe periodiſche, Reſultat einer Wunde, die ich vor langer Zeit erhalten habe und, wie Sie ſehen, zu überleben entſchloſſen und gewohnt bin. Aber ich bitte, ſ Sie ſich von der Unruhe, die ich Ihnen verur⸗ acht. „Wenn ich ſelbſt die Güte, mit der mich Ihre Familie überhäuft hat, vergeſſen könnte, mein Herr, ſo würde doch der Anblick Ihrer Leiden meine Angſt ent⸗ ſchuldigen. Doch woher kommt die Beharrlichkeit, mit der Sie Frau von Morville durchaus nichts von einer Unfall wiſſen laſſen, deſſen Folgen ſo ernſt ſein können? „Ich habe das Glück gehabt, bis jetzt vor meiner Frau und meiner Tochter die Symptome eines Uebels zu verbergen, das, wie ich glaube, gefahrlos iſt, aber der Zärtlichkeit derjenigen, welche ich liebe, Beſorgniſſe einflößen würde. Und dann, was wollen Sie! ich kenne keine traurigere Lage, als die eines Mannes, der, nachdem er ſc um die Zuneigung und die Hand einer Frau beworben und dieſe erhalten hat, ihr dagegen be⸗ ſtändige Befürchtungen für ein Leben gibt, das ſie un⸗ abläſſig bedroht glaubt. Dieſen abſcheulichen Egvismus habe ich nicht. Nein, ich habe nicht den Muth gehabt, eine junge Frau zu unaufhörlicher Bangigkeit zu ver⸗ urtheilen und ſie ſo fern von einer Welt zu halten, die ihr gefällt und die ſie entzückt. Sagen Sie, Miß Mary, was für ein Leben wäre am Lehnſtuhle des Kränklichen das Leben von Frau von Morville und meiner Tochter geweſen? Jeden Tag mein Geſicht befragen, um zu wiſſen, ob es erlaubt ſein werde, an dieſem Tag im Hauſe zu lächeln! Nein, nein, ich wiederhole, ich habe eine ſolche Exiſtenz meiner Familie nicht auferlegen wollen. Durch meine Vorſichtsmaßregeln, durch meine Selbſtbeherrſchung vermochte ich ihnen bis jetzt die Kennt⸗ niß dieſes traurigen Geheimniſſes zu erſparen; Sie haben es durch den Zufall entdeckt, Miß Mary. Ich flehe Sie an, enthüllen Sie es nicht! Ihr Mitleid mit einem vorübergehenden Uebel würde auf immer zwei ſo zärt⸗ liche, mir ſo ergebene Herzen in Unruhe und Angſt verſetzen. Fügen Sie nicht einen Gewiſſensbiß meinem Kummer bei!“ „Einen Gewiſſensbiß! ſagen Sie, mein Herr?“ „Wenn man das Geheimniß meines zurückgezogenen Lebens ergründete, würde nicht die Welt, welche mit ſo großer Strenge die Erfüllung der Pflichten fordert, über die ſie doch ſo oft ſpottet, Frau von Morville toller erſtreuung, ſtrafbarer Gleichgültigkeit bezüchtigen?... Der Kummer meiner Vereinzelung würde ſich um den ganzen Tadel vermehren, den ich ihr zugezogen hätte. Ich bitte Sie auch wiederholt, kein Wort über dieſen Vorfall, deſſen Folgen von keiner Bedeutung ſein werden.“ Welche Frau hätte nicht die Zartheit dieſer Selbſt⸗ verleugnung gewürdigt? Miß Mary begriff zu ſehr die Heiligkeit der Familie, um ihre Gemüthsbewegung zu verbergen, und Herr von Morville erblickte eine Thräne in den Augen des Mädchens. „Sie beklagen mich,“ ſagte er, indem er zu lächeln ſuchte. „Sie haben Unrecht, mich zu beklagen, wenn es nicht der Vergangenheit wegen geſchieht; denn ſollte ich in Zukunft einiger Hülfe bedürfen, ſo habe ich doch nun wenigſtens ein Weſen, das ich um dieſe Hülfe bitten könnte, ohne Jemand von meiner Familie zu er⸗ ſchrecken. Sie verſprechen mir alſo die Geheimhaltung, Miß Mary?“ „Ich verſpreche ſie Ihnen, mein Herr,“ antwortete die Erzieherin mit ernſtem, innigem Ton. „Ich ver⸗ ſpreche ſie Ihnen, bis Sie mich bevollmächtigen, bitten ſogar, Frau von Morville von dieſem Geheimniß zu unterrichten, das Niemand mehr als ſie zu kennen be⸗ 136 rechtigt iſt, denn Ihre Zurückhaltung gegen ſie iſt bei⸗ nahe eine Beleidigung.“ „Was ſagen Sie, Miß Mary?“ Doch die Erzieherin horchte plötzlich und fügte dann bei: 46 höre die Stimme von Alphonſine; ſie ſucht mich. „Ich bitte, gehen Sie ihr entgegen, Miß Marh, damit ſie mich nicht in dieſem Zuſtand der Schwäche und der Bläſſe ſieht. Seien Sie unbeſorgt, Miß Marh, dieſe Kriſe iſt ſchmerzlich geweſen, aber ſie hat mich er⸗ leichtert. Ich ſchwöre Ihnen, daß ich mich beſſer fühle.“ Die Erzieherin, als ſie Alphonſine immer näher kommen hörte, ging ihr raſch entgegen und führte ſie auf die entgegengeſetzte Seite der Buchenhecke. Herr von Morville hatte die Wahrheit geſagt. Er fühlte eine augenblickliche Erleichterung verurfacht gerade durch die Kriſe, unter der er gelitten. Seine Züge nahmen allmälig ihre gewöhnliche Ruhe wieder an, und ſeine Frau, am Morgen ſo beſorgt, reiſte am Abend völlig beruhigt ab. Als der Wagen bei der Wendung der Allee des Schloſſes verſchwunden war, küßte Herr von Morville ſeine Tochter und ging in ſeine Zimmer hinauf. Al⸗ phonſine und ihre Erzieherin nahmen ihre gewöhnlichen Arbeiten wieder vor. An dieſem Abend war Miß Mary weniger aufmerkſam bei den Fragen ihrer Schülerin; ſie horchte, denn ſie befürchtete jeden Augenblick, ein Lärm würde verkündigen, der Zuſtand von Herrn von Morville verſchlimmere ſich. Dieſer bis jetzt gegen ſie ſo wohlwollende Mann, der allein und insgeheinr litt, aus Furcht, ſeine Familie zu ängſtigen und zu betrüben, flößte ihr ein tiefes, beinahe kindliches Mitleid ein⸗ Sie dachte an die Einſamkeit, in der er während der Ab⸗ weſenheit von Frau von Morville leben ſollte, eine Einſam⸗ keit, welche für ihn noch am Abend dieſes Tages begann, 137 wo er ſo viel gelitten, wo er vielleicht noch litt, fern von ſeiner mit ihren Lectionen beſchäftigten Tochter. Sie unterbrach auch ſelbſt die Arbeit ihrer Schü⸗ lerin und ſprach zu ihr: „Alphonſine, Sie haben dieſen Morgen zu Ihrer Mutter, welche abzureiſen Anſtand nahm, geſagt: „ „Sei unbeſorgt, Mama, ich werde über meinem Vater wachen, ich bürge Dir für ihn!““ Dieſer Gedanke war gut, warum führen Sie ihn nicht aus?“ „Mein Gott, Miß Mary,“ erwiederte Alphonſine, indem ſie ihre Erzieherin ängſtlich anſchaute, „ſollte mein Vater krank ſein?“ „Ohne krank zu ſein, iſt er ſeit einigen Tagen un⸗ püäßlich; die Abreiſ⸗ Ihrer Mutter raubt ihm die paar vertraulichen Stunden, deren er ſich bei ihr erfreute; fönnten Sie Herrn von Morville nicht fragen laſſen, ob es ihm angenehm wäre, wenn Sie bei ihm ar⸗ beiteten 2“ „Sie würden es erlauben?“ „Von Herzen gern.“ „Welch eine gute Idee!“ rief entzückt das Mädchen. „Doch Sie, Miß Marh?“ 3. „Ich begleite Sie natürlich, damit Ihre Arbeiten nicht unterbrochen werden.“ Nach einigen Augenblicken brachte ein Bedienter von Herrn von Morville die Antwort, er nehme mit Freuden das Erbieten an, und Alphonſine ſchritt zu dem, was ſie ihren Auszug nannte, mit jenem Eiſer und jener Heiterkeit, welche in dieſem Alter ein Feſt aus einer Ortsveränderung machen. Bald war man im Cabinet von Herrn von Morville eingerichtet, er ſaß an der Ecke des Kamins, Miß Mary ſaß Alphon⸗ ſine gegenüber an einem Tiſch, auf dem eine Lampe ſtand, welche an die drei Perſonen ein durch einen grünen Schirm gemildertes Licht vertheilte. »Miß Mary,“ ſagte Herr von Morville lächelnd, „ich will Alphonſine nicht ſtören und ſie auszanken 138 machen: während ihrer Lection werde ich das Buch wieder nehmen, mit welchem ich meinen Abend unter vier Augen zuzubringen gedachte; ich werde ſehr ver⸗ nünftig, aber ſehr glücklich ſein, liebes Kind, daß ich Dich ſo bei mir habe,“ fügte er, ſeiner Tochter die Hand reichend, bei. »Ah! mein Vater, welch ein reizender Abend!“ ſagte Alphonſine, während ſie ihre kleine Arbeits⸗ haushaltung auf dem Tiſche ordnete und ſich vol⸗ lends feſtſetzte. Dann fügte ſie bei: „Guter Vater, bei unſerer Uebereinkunft in Betreff des Stillſchweigens habe ich vergeſſen, mir das Recht vorzubehalten, Fragen an Miß Mary über meine Aufgabe zu richten. Iſt e noch Zeit, dies zu reclamiren 2 „Gewiß, mein Kind.“ »Ich habe gerade Miß Mary über eine Sache zu fragen, die mich ſehr in Verlegenheit bringt.“ Um Herrn von Morville eine ſanfte Zerſtreuung zu verſchaffen, wollte die Erzieherin, daß Alphonſine ſeloſt die Löſung finde, die ſie ſuchte, und indem ſie ſie von Deduetion zu Deduction durch geiſtreiche Umwege führte, ließ ſie ihre Schülerin die Geſammtheit der Kenntniſſe, welche ſie erlangt, durchlaufen. Anfangs horchte Herr von Morville nicht; bald aber war er betroffen von einigen Fragen völlig außer⸗ halb der Routine der gewöhnlichen Studien; nicht ſo hatte er gelernt: er lauſchte mit einer wachſenden Auf⸗ merkſamkeit. Wenn Miß Marh mit Geſchicklichkeit fragte, ſo antwortete ihre Schülerin auf eine ſcharfe, beſtimmte, erleuchtete Art. Das Gedächtniß gab nicht allein die Antworten von Alphonſine ein; 5 Scharf⸗ ſinn, hatte ihr Urtheil einen großen Antheil an der Wür⸗ digung, welche immer auf die in der Erörterung begrif⸗ fene Thatſache folgte. Immer mehr intereſſirt, wandte ſich Herr von Mor⸗ ville auf ſeinem großen Lehnſtuhl um, um in ſeiner 3 Freude und in ſeinem Stolze dieſes Kind, deſſen Fort⸗ 3 139 ſchritte ſo raſch wurden, und das ſich ſo richtig und ſo verſtändig ausdrückte, beſſer zu betrachten. Er ſchaute in einer Art von ſanften Sammlung des Geiſtes Al⸗ phonſine an; ſie war nicht ſchön, nicht einmal hübſch, aber in ihrem reinen, friſchen Geſichte lag das Gepräge jener heiteren Unſchuld, jener reizenden Glückſeligkeit, welche der Schönheit die Wage halten. Um raſcher in der Gegenantwort bei der Erörterung mit ihrer Erzie⸗ herin zu ſein, war Alphonſine aufgeſtanden; ihr vollen⸗ deter Wuchs hob ſich vortheilhaft hervor; ihr großes, ſchwarzes, ſanftes Auge glänzte an dieſem Abend noch ſeuriger und munterer als zuvor; ihr Teint war belebt von einem leichten Roth, und wenn ſchwierige Fragen famen, ſchlug ſie mit einer Bewegung voll natürlicher Anmuth die Augen zum Plafond auf und warf von ihrer Stirne ihre langen kaſtanienbraunen Locken zurück, als ob ſie ihren Geiſt beengt hätten. In die Betrachtung ſeines Kindes verſunken, ver⸗ gaß Herr von Morville den peinlichen, wie ein Gewiſ⸗ ſensbiß bittern Zwang, den er ſeit einiger Zeit in Ge⸗ genwart von Miß Mary empfand; er horchte voll Gierde auf Alphonſine, ängſtigte ſich leiſe über die vorgelegte Frage und triumphirte in ſeinem Innern über die ge⸗ fundene Antwort; dann wandte er ſich gegen Miß Mary und ſchien mit der Geberde und dem Blick zu agen: „Ich danke, ich danke Ihnen, der ich für dieſen Genuß für das Herz eines Vaters verpflichtet bin.“ In dieſem Augenblick trat Frau Pivolet ein. Sie war nicht von der improviſirten Abendunterhaltung unterrichtet worden, und es ergriff ſie auch eine Art von Erſtaunen, als ſie Miß Marh mit Alphonſine im Ca⸗ binet von Herrn von Morville ſitzen ſah, der ſie nicht mit dem Blicke verließ. Die Beſchließerin hatte unter ihren Attributen die Sorge, die Wäſche von Herrn von Morville zu beauf⸗ ſichtigen; man wird ſich daher nicht wundern, wenn man 140⁰ ſie langſam durch das Cabinet ſchreiten und in das Schlafzimmer eintreten ſieht. Als Frau Pivolet verſchwunden wor, ſagte Alphon⸗ ſine, welche nichts von ihrem Triumphe wußte, ſchüch⸗ tern zu Herrn von Morville: „Mein Vater, habe ich gut geantwortet?“ „Vortrefflich, mein Kind; Du haſt alle meine Hoff nungen übertroffen.“ „Wie zufrieden bin ich!“ rief das Mädchen, in die Arme von Miß Mary ſtürzend. „Oh! mein Vater!“ fuhr ſie fort, indem ſie anmuthig am Halſe ihrer Er⸗ zieherin hängen blieb und ihr erröthendes Geſicht voll Glück Herrn von Morville zuwandte, „Du weißt nicht daß ich, wenn ich Dich befriedigt habe, dies der lieben MWiß verdanke: es iſt ſo füß, mit ihr zu lernen! . Sie macht, daß man Alles liebt, Alles anbetet ... Aufgaben, Studien, Elavier, Zeichnen, Geſchichte, kurz Alles, bis auf die Arithmetik! Beurtheile ein wenig, die Arithmetik anbeten! Was willſt Du! ſie würde einen Alles, was ihr gefällt, lieben machen; ich fordere ſie auch heraus, es zu verhindern, daß man ſie liebt!“ „Alphonſine,« rief Miß Mary lachend, „ich habe Sie ſolche Schmeicheleien nicht gelehrt.“ „Meine Tochter ſagt ganz einfach, was wir den⸗ ken,“ verſetzte Herr von Morville, der bis jetzt noch nichts mit Miß Mary geſprochen hatte. Er wollte ein paar Worte des Dankes beifügen, als er Geräuſch an der Thüre ſeines Cabinets hörte. „Wer iſt denn da?“ fragte er erſtaunt. „Es iſt Pivolet,“ antwortete Alphonſine; „haſt Du ſie nicht ſo eben durch das Zimmer gehen ſehen?“ „Was machen Sie da, Frau Pivolet 2“ ſagte Herr von Morville, indem er ſich nach der Thüre umwandte⸗ „Gnädiger Herr,“ antwortete die Beſchließerin, welche, die Arme beladen mit einem Haufen Wäſche erſchien, „ich bin es; ich erfülle meine Pflicht.“ 1 1 141 „Sie könnten dieſe Beſchäftigung auf morgen ver⸗ ſchieben.“ „Gnädiger Herr,“ antwortete Frau Pivolet mit Tone, „man iſt des kommenden Tages nie ſicher.“ „Gut!“ ſprach Herr von Morville, der wieder einige Heiterkeit in den füßen Genüſſen, die ihm zu Theil ge⸗ worden, gefunden hatte, „Sie, die Sie ſo gut die Ge⸗ heimniſſe der Magie kennen, müſſen auch ein wenig Geiſterbeſchwörerin ſein und die Zukunft vorherſehen: morgen iſt alſo kein Geheimniß für Sie.“ Wir, Pivolet,“ rief Alphonſine lachend, „Du biſt Magierin? das iſt köſtlich!e Ihr Herr Vater hat mich mit der Verbannung bedroht, mein Fräulein, wenn ich mich der magiſchen Recepte bediene, um den Zauber zu beſchwören, mit dem eine teufliſche, böswillige Perſon die Frau eines armen Mannes geſchlagen hat,“ erwiederte Frau Pivolet mit kläglichem Tone; „ich kann alſo nicht auf Ihre Frage antworten, mein Fräulein .. die Verbannung ſchwebt über meinem Haupte ... ich beuge mich .. ich werfe mich nieder.“ Wenn die Frau des alten Schäfers nicht auf dem Wege der Geneſung wäre, Frau Pivolet,“ ſagte Herr von Morville, „und wenn folglich Vater Chenot nicht den Unſinn Ihrer Herereien erkannt hätte, ſo würde ich, wie Sie wiſſen, durchaus nicht über einen ſolchen Ge⸗ genſtand ſcherzen . .. Doch ſind die Tollheiten nicht gefährlich, ſo habe ich einige Nachſicht für dieſelben.“ „Wer überlebt, wird ſehen, gnädiger Herr,“ erwie⸗ derte Frau Pivolet mit geheimnißvollem Tonez; „die Frau des Vater Chenot iſt nicht geheilt, weit entfernt. Ich will mich nicht der Verbannung ausſetzen. Ich werde auch den Mund feſt geſchloſſen halten.“ „Und Sie werden Recht haben, Frau Pivolet.“ „Ich bin geboren, um zu gehorchen und zu ſchweigen, 142 gnädiger Herr, Sie, um zu befehlen und zu ſprechen; ich verneige mich,“ antwortete die Beſchließerin, indem ſie einen tiefen Knir vor ihrem Herrn machte; dann warf ſie einen ſchiefen, hinterhältiſchen Blick auf Miß Mary und fügte bei: „Wer es erlebt, wird ſehen. Ich kehre zur Beſichtigung meiner Wiſche zurück. . . Wer es erlebt, wird ſehen.“ Und ſie ging wieder in das Schlafzimmer. »Miß Mary,“ ſprach Herr von Morville lächelnd, „Frau Pivolet iſt ſehr zu rechter Zeit für Ihre Beſchei⸗ denheit eingetreten .. Sie hat die Dankſagung unter⸗ brochen, die ich an Sie richtete . .. Aber beruhigen Sie ſich, ich werde, wenn Sie es erlauben, Ihrer Fra Mutter ſchreiben, was wir Alles für Sie fühlen.“ „Oh! mein Vater, was für ein guter, reizende Gedanke!“ rief Alphonſine, indem ſie ihre Erzieherin küßte, die ihre Liebkoſungen mit vollem Erguß erwie⸗ derte; „ich bin überzengt, Miß Mary wird dieſe Lobes⸗ erhebungen nicht ausſchlagen! Ihr Vater, ihre Mutter, ihre Schweſtern, von denen ſie oft mit mir geſprochen, werden glücklich ſein, wenn ſie erfahren, wie ſie hier ge⸗ liebt iſt! Denken ſie an Miß Mary, ſo iſt dieſe nicht undankbar, o nein! ſie iſt durch den Geiſt immer bei ihnen. Zuweilen beſchuldige ich auch Miß Mary, ſie ſei nicht hier, ſondern in Irland, in ihrem Irland! Dann, Du weißt das nicht, Vater, dann, um ein Still⸗ ſchweigen über dieſe heimlichen Ausflüge zu erlangen, nimmt jie mich mit ſich, mein Gott, ja! Während Du uns ruhig in unſerem Zimmer glaubſt, machen wir vei⸗ zende kleine Reiſen nach der grünen Erin, deren Na⸗ men Miß Mary mit Begeiſterung und Rührung aus⸗ ſpricht.“ „Ach! mein Kind,“ ſprach Herr von Morville, „ dieſem edlen, ſo unglücklichen und ſo ſchönen Lande hat Miß Mary eine Familie zurückgelaſſen, für welche ſich ſo hochherzig geopfert!“ Die zwei Mädchen waren umſchlungen geblieben — — 143 WMiß Marh erhob nicht ihren Kopf, der ſich auf die Stirne von Alphonſine, wo ihre Lippen geruht hatten, ſtützte; aber ihre Hand gegen Herrn von Morville aus⸗ ſtreckend, ſchien ſie zugleich ein Lob und eine ſchmerz⸗ tche Erinnerung zurückzuweiſen. Es herrſchte einige Augenblicke ein tiefes Still⸗ ſchweigen. Frau Pivolet kam aus dem anſtoßenden Zimmer und ging durch das Cabinet, ohne bemerkt zu werden, wie jene drohenden Perſonen des Drama, welche der Zuſchauer im Hintergrunde des Theaters gehen ſieht, die aber unbemerkt von den Schauſpielern des Stückes über die Bühne ſchreiten. „ Alphonſine brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte zu Herrn von Morville: „Ich befürchte, Miß Mary dadurch, daß ich von ihrem Irland ſprach, betrübt zu haben.“ „Nein, nein, liebes Kind,“ erwiederte raſch und mit innigem Erguß die junge Irländerin, indem ſie die Thränen zu verbergen ſuchte, die ihr in die Augen traten, „dieſe Erinnerungen an die Heimath und an die Familie ſind immer ſüß für das Herz.“ „Wahrhaftig, liebe Miß Mary, Sie grollen mir nicht?“ ſagte Alphonſine lächelnd; „nun! ſo beweiſen „ Sie es mir.“ „Oh! von Herzen gern . Was ſoll ich thun?“ „Mir meine gewöhnliche Belohnung gewähren, wenn Sie heute Abend mit mir zufrieden geweſen ſind „Es iſt an Herrn von Morville, hierauf zu ant⸗ worten,“ erwiederte Miß Mary; „er hat unſeren Lectiv⸗ nen beigewohnt, und für Sie wird, wie ich hoffe, mein liebes Kind, ſeine Würdigung ſo viel bedeuten, als die meinige. „Ich finde, daß Alphonſine jede mögliche Belohnun verdient hat,“ ſprach Herr von Morville. „Doch ieß Belohnung, worin beſteht ſie?“ 4 „Wenn meine Aufgaben beendigt ſind und Miß Mary mit mir zufrieden iſt,“ erwiederte Alphonſine, 144 „ſo lieſt ſie mir, um den Tag zu beſchließen, ein Stück vor, das ſie gewählt hat, und für heute hatte ſie mir den Abſchied und die Abreiſe von Joeelyn zu leſen ver⸗ ſprochen.“ „Das läßt mich bedauern, daß ich das Werk nicht hier habe,“ ſagte Herr von Morville; „ich hätte, wie Du, meinen Antheil an der Belohnung bekommen . .. und ich habe doch kein anderes Recht darauf, als das Glück, das ich heute Abend genoſſen.“ „Ich aber, die ich ein vorſichtiges Mädchen bin,“ verſetzte heiter Alphonſine, indem ſie den Band aus ihrem Arbeitskorbe zog, „ich habe dieſen lieben Joerlyn mitgebracht, ich geſtehe es, feſt entſchloſſen, das Ver⸗ gnügen, das mir verſprochen war, zu verdienen.“ S Und ſie reichte den Band ihrer Erzieherin, dieſt zögerte aber, ihn zu nehmen. „Ich bitte Sie als um eine Gefälligkeit, Miß Mary,“ ſagte Herr von Morville, „widerſetzen Sie ſich dem Wunſche von Alphonſine nicht. Das liebe Kind möge, wenn es mich heute Abend verläßt, nicht bedauern, hierher gekommen zu ſein und den Abend bei mir zu⸗ gebracht zu Miß Marh nahm das Buch und blätterte darin, um die angekündigte Stelle zu ſuchen. „Du erinuerſt Dich, Vater,“ ſagte Alphonſine, wäh⸗ rend ſie ein Stühlchen nahm und ſich zwiſchen ihren Vater und ihre Erzieherin ſetzte, „Jveelyn hat erfahren, daß ſeine Schweſter genöthigt iſt, auf eine Heirath zu verzichten, die ihr Wunſch war; das kleine Vermögen der Familie macht, unter zwei Kinder vertheilt, ihre Mitgift zu ſchwach. Dieſer vortreffliche Bruder erklärt, damit ſeine Schweſter eine anſtändige Mitgift habe, ſei⸗ ner Mutter, er wolle Prieſter werden und auf die Welt verzichten; doch um ſich in das Seminar zu begeben, wartet er, bis ſeine Schweſter geheirathet hat. Sei einziges Verlangen iſt, in dem Glücke ſeiner Schweſter den Lohn für das Opfer zu finden, das er ſich auferlegt 145 und deſſen Geheimniß Niemand beſitzt. Wir ſind ſo weit, und ich erinnere mich der zwei Verſe, welche die Erzählung von der Heirath ſeiner Schweſter endigen. Et je disais tout bas, dans mon coeur satisfait, Ce bonheur est à moi, car c'est moi qui Fai fait. *) Bei dieſen Worten erinnerte ſich Herr von Morville mehrerer Züge von rührender Aehnlichkeit zwiſchen der Lage von Jorelyn und der von Miß Mary, denn ſie verließ auch ihre Familie, um ſie zu unterſtützen; er ſchickte ſich alſo an, die Vorleſung des Gedichtes mit verdoppel⸗ tem Intereſſe zu hören, gelehrig für das kleine Zeichen des Verſtändniſſes, das ihm Alphonſine machte, um ihm Sſeen zu empfehlen. Wiß Marh begann mit einem Tone voll Natur die Leſung dieſes letzten Tags, den der zukünftige Prieſter im mütterlichen Hauſe zubringt, wo Alles mit ſeinem traurigen Abſchied ſympathiſiren zu wollen ſcheint. Die ſanfte, wohlklingende Stimme der jungen Irländerin eignete ſich vortrefflich für dieſe Leſung, und ihr Aus⸗ ruck wurde von einer ſchmerzlich ergreifenden Melan⸗ cholie, als ſie die Stelle ſprach: Quand on se rencontrait, on n'osait pas se parler, De peur qu'un son de voix ne vint vous rér6ler Le sanglot dérobé sous le tendre sourire, Et ne ſit 6clater le coeur qu'un mot déchire; On allait, on venait; mére, soeur, à l'ecart, Préparaient à genoux les appréts du départ, Et chacune, les mains dans le coffre enfoncées, Cachait, avec ses dons, une de ses pensées. On s'asseyait ensemble à tahle, mais en vain, Les pleurs se faisaient route et coulaient sur le pain. *) Und ich ſagte ganz leiſe in meinem zufriedenen dhe Guc gehört mir, denn ich habe es geſchaffen. 8 **) Wenn man ſich begegnete, wagte man es nicht, Miß Mary. 10 . 146 Die arme Miß Mary kämpfte muthig gegen ihre Erſchütterung; ſie wollte nicht den Anſchein haben, als ſuchte ſie eine perſönliche Anſpielung in dieſem von dem roßen Dichter entworfenen Gemälde; je mehr aber ihr on die Wirklichkeit dieſer Gefühle ausdrückte, deſto mehr durchdrangen ſie dieſe, ihrer Lage ſo entſprechenden, Gefühle, und ſie bedurfte eines ſeltenen Muthes, um ihre Thränen zurückzuhalten. Herr von Morville und ſeine Tochter horchten mit einem unbeſchreiblichen Reize auf die erhabenen Verſe; dem Genius zum Dolmetſcher dienend, drückte Miß Marh ſeine Gedanken, ſeine Klagen, ſeine zen aus. 2 Anfangs an den Lippen ihrer Erzieherin hängend, theilte Alphonſine bald ihre Erſchütterung; ihre Thränen ſloſſen, und bei den zwei Verſen des letzten Lebewohls: Son baiser lentement sur mon front descendit Pt je n'entendis pas ce qu'elle répondit *) . t das Mädchen ſchluchzend ſeinen Kopf auf den Schooß von Miß Marh, während Herr von Morville ſeine Thränen ſelbſt nicht zurückhalten konnte. mit einander zu ſprechen, aus Furcht, ein Stimm⸗ ton könnte das unter dem zärtlichen Lächeln geheim ehaltene Schluchzen erie und das Herz zer⸗ pringen machen, das ein Wort zerreißt. an ing hin und her; Mutter, Schweſter trafen bei⸗ eit auf den Knieen die Anſtalten zur Abreiſe, und, die Hände in den Koffer vertieft, verbarg jede mit ihren Gaben einen von ihren Gedanken. Man ſetzte ſich gemeinſchaftlich 3 Tiſche, doch vergebens, Se brachen ſich Bahn und floſſen auf das rod. *) Ihr Kuß ſenkte ſich langſam auf meine Stirne herab, und ich hörte nicht, was ſie antwortete. 147 Die Erzieherin ſchloß nun halb ihr Buch, ließ eine von ihren reizenden Händen auf die braunen Haare von Alphonſine fallen und ſchlug ihre von Thränen ge⸗ füllten Augen zum Himmel auf. Es trat ein langes, tiefes Stillſchweigen ein. Dieſe drei Perſonen hatten ſich verſtanden, ohne ein Wort zu wechſeln. Alphonſine, deren Eindrücke be⸗ weglicher waren, mußte zuerſt dieſe Erſchütterung über⸗ winden, und ſie rief mit einem Tone des Bedauerns indem ſie nach der Uhr ſchaute: »Zehn Uhr!“ „Schon!“ ſagte Herr von Morville. „Ich habe noch eine große Lection in der Geſchichte für morgen früh zu ſtudiren,“ ſprach Alphonſine. „Ich werde Miß Mary bitten, Dich zu entſchul⸗ digen, mein Kind,“ erwiederte ihr Vater, indem er ſie auf die Stirne küßte; „ich möchte übrigens noch eine andere Bitte an ſie richten.“ „Welche, mein Herr?“ „Miß Marh, ich habe einen ſo guten Abend zu⸗ Wie glücklich wäre ich, wenn ihm der morgige gliche!“ „Nichts kann leichter ſein, mein Herr; wir werden wiederkommen, wenn Sie es wünſchen.“ „Wir wünſchen es Alle,“ rief freudig ſyonſe. „Ich danke Ihnen aus Herzensgrund, iß Mary ſagte Herr von Morville, „ich danke Ihnen.“ Und er geleitete die zwei Mädchen bis zur Thüre ſeiner Wohnung. Als Herr von Morville zurückkam und ſich allein fand, warf er ſich in einen Lehnſtuhl, verbarg ſein Ge⸗ ſicht in ſeinen Händen und murmelte ſchmerzlch: »Meine Tochter, mein guter Engel iſt verſchwun⸗ den Ihre keuſche Reinheit hält mich nicht mehr in den Schranken der Ehrfurcht meine väterliche Zärt⸗ lichkeit zieht mich nicht mehr von meiner wahnſinnigen Leidenſchaft abz ich ſoll allein bleiben den Erinne⸗ 0* 148 rungen an dieſen Tag, an dieſen Abend .. Ha! wehe mir! wehe mir, wenn ich je mein unſeliges Ge⸗ heimniß verrathen würde! XIII. Während der Abweſenheit von Frau von Morville wurden die Abendlectionen von Miß Mary Alphonſine in der Wohnung ihres Vaters gegeben; die neuen egenſeitigen Beziehungen verdoppelten die Vertraulich⸗ eit dieſer drei Perſonen unſerer Erzählung. In S 6 wart ſeiner Tochter, ſeines guten Engels, wie er ſie nannte, hätte es Herr von Morville, ganz nur der väterlichen Liebe hingegeben, nicht gewagt, dieſe ſeligen Freuden durch die Einmiſchung eines ſchlimmen Gedan⸗ kens zu entwürdigen, zu brandmarken; doch in der Einſamkeit, die er ſuchte, und wo er nicht die Gegen⸗ wart von Alphonſine oder von ihrer Erzieherin zu fürch⸗ ten hatte, überließ er ſich ſeiner ebenſo tiefen, als mit einer Art von bitteren Freude verborgenen Leidenſchaft und betrachtete, gleichſam mit Vergnügen, die ſchmerz⸗ lichen Verheerungen, welche ſie in ſeiner Seele anrichtete. Die Erzieherin war mit einem zu erhabenen, zu reinen Chärakter ausgerüſtet; ſie glaubte zu ſehr an das e und an die Heiligkeit der Familie, um den geringſten Verdacht hinſichtlich einer Liebe zu faſſen, die ſie erſchreckt hätte; übrigens verrieth durchaus nichts, weder in den Worten, noch in den Blicken von Herrn von Morville, dieſe Liebe. Wenn ihm, trotz ſeines Zwan⸗ ges voll Ehrfurcht und der Aufmerkſamkeit, mit der er gleichſam jedes ſeiner Worte abwog, ein zu lebhaft lieb⸗ reicher Ausdruck entſchlüpfte, ſo ſchrieb ihn Miß Marh natürlich der väterlichen Dankbarkeit zu. Herr von Morville theilte oft die Spaziergänge ſeiner Tochter und ihrer Erzieherin; Alphonſine ging 149 mit der vollen Heiterkeit ihrer ſechzehn Jahre hin und her, lief, ſprang und ließ ſo zuweilen ihren Vater und Miß Mary einige Minuten allein beiſammen. Eine von dieſen augenblicklichen Abweſenheiten von Alphonſine benützend, ſagte eines Tags Herr von Mor⸗ ville zu Miß Mary, mit der er von Frau von Mor⸗ ville ſprach: „Als ich, noch jung, den Dienſt verlaſſen hatte und mich zu verheirathen gedachte, träumte ich nur von dieſer EFriſtenz, wo zwei in einem gemeinſchaftlichen Glück vereinigte Herzen Alles in ſich ſelbſt finden und kaum außerhalb ſeltene Zerſtreuungen ſuchen. Dieſes Leben ewiger Glückſeligkeit entging mir ſchon in den erſten Tagen meiner Ehe: die Welt hatte wenig Reize für mich; eine andere Urſache, die Sie kennen, Miß Mary, der Wunſch, vor meiner Familie die Zerrüttung meiner Geſundheit zu verbergen, entfernte mich noch mehr von rauſchenden Vergnügungen. Nach Verlauf eines Jahres hatte ich begriffen, daß ich auf die ſüße Eriſtenz, die ich mir verſprochen, verzichten mußte; aber ich war ein zu biederer Mann, ich liebte zu ſehr meine Frau, um ihr meinen Geſchmack aufzuerlegen. Ihr einziges Unrecht war, daß ſie das Leben nicht auf dieſelbe Weiſe begriff wie ich; ich unternahm muthige Anſtrengun⸗ gen, um meinen Charakter geſchmeidig zu machen? ich war ziemlich hitzig „ 4 „Waren Sie nicht vom Blute der la Botardiére 2“ ſagte Miß Mary mit einem boshaften Lächeln. „Ich war nicht Lerche mit demſelben Ungeſtüm behaftet wie mein ſchrecklicher Oheim,“ erwiederte Herr von Morville mit einem gezwungenen Lächeln, denn er wun⸗ derte ſich, daß er nicht mehr die Theilnahme des Mäd⸗ chens erregt und gefeſſelt hatte, „aber ich hatte eine gewiſſe Hiße des Bluts, die der Militärſtand nicht mil⸗ dern ſolltet ich legte mir dann eine unſtörbare Sanftmuth auf; die Gewohnheit des Befehlens machte einer uner⸗ müdlichen Willfährigkeit Platz. Was ſoll ich Ihnen 15⁰ ſagen: durch Selbſtbeherrſchung bin ich ſo geworden, wie Sie mich ſehen, Miß Mary. Doch iſt es die Ge⸗ walt, die ich meinen Neigungen, meiner Natur an⸗ gethan? Ich weiß es nicht; wenn ich nicht mehr unter dem glücklichen Einfluß der Gegenwart meiner Tochter ſtehe, gebe ich zuweilen Anfällen düſterer Ent⸗ muthigung nach, ich wage es ebenſo wenig mit Frau von Morville von den moraliſchen Kriſen, als von den krankhaften Kriſen, denen ich unterworfen bin, zu ſpre⸗ chen. Sie ſehen, Miß Mary, bei ſeltenen Elementen für das Glück, iſt mein Leben zuweilen mitleidenswürdig.“ Die Erzieherin, welche fortwährend an der Seite des Vaters von Alphonſine ging, antwortete nicht. Beunruhigt durch dieſes Stillſchweigen, ſprach Herr von Morville zuerſt wieder. „Miß Mary,“ ſagte er, „ich mißbrauche vielleicht die Zuneigung, die Sie immer für unſere Familie an den Tag gelegt haben, indem ich Ihnen über dieſen unbeſtimmten Kummer vorrede; ich hätte Ihnen einfach für die glücklichen Augenblicke danken müſſen, die ich jeden Abend zwiſchen meiner Tochter und Ihnen zu⸗ bringe; ich würde es bedauern, wenn ich Sie durch ein Bekenntniß betrübt hätte, Sie, die Sie nli perſönlich ſo viele Gegenſtände der Betrübniß und des Ku E de r hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten. „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr, daß ich ge⸗ ſchwiegen habe,“ ſagte Miß Mary, während ſie weiter ging; „wenn ich nicht ſprach, ſo geſchah es, weil ich eine Frage an mich richtete.“ „Welche, Miß Mary?“ „Ich fragte mich, wenn Frau von Morville zu meiner Rechten geweſen wäre, wie Sie zu meiner Linken ſind, und ſie würde Ihre Bekenntniſſe gehört haben, mein Herr, was ſie ihrerſeits hätte antworten können.“ „Ich glaube nie einen Vorwurf von Frau von 15¹ WMorville verdient zu haben . ich verdiene nie einen von ihr.“ . „Vorhin, als Sie von Ihrem unbeſtimmten Kum⸗ mer ſprachen, in der That, ſehr unbeſtimmt, erlauben Sie mir, Ihnen das zu ſagen, mein Herr, da Ihnen der Himmel eine Frau wie die Ihrige, eine Tochter wie Alphonſine gegeben hat, waren Sie bewegtz ich glaubte Thränen in Ihrer Stimme zu errathen; aber es hat einen Augenblick gegeben, wo Frau von Morville auch Sr „bitterer vielleicht als die Ihrigen, vergoſſen hätte „Was wollen Sie hiemit ſagen, Miß Mary?“ „Wenn, als Sie auf jene krankhaften Kriſen an⸗ ſpielten, die Ihren Widerwillen gegen die Welt noch vermehrten, Frau von Morville in Sie gedrungen wäre, wenn ſie die Wahrheit, die Sie mir anvertraut, erfah⸗ ren hätte, glauben Sie, ſie hätte nicht mit Staunen und Schmerz die Offenbarung dieſes traurigen Geheim⸗ niſfes aufgenommen? Wäre ſie nicht befügt geweſen, von Ihnen Rechenſchaft über Ihr Stillſchweigen im Augenblick Ihrer Verheirathung zu fordern? Sie haben nichts von dem, was Ihr Vermögen betraf, der Familie von Frau von Morville verborgen; und ihr; ihr haben Sie nicht geſagt, was ein Leben intereſſirte, von dem Sie ihr die Hälfte boten!“ 6 S „Damals waren die Wiederkehren dieſer Kriſen ſelten, ſie hatten nichts Beunruhigendes; ich wollte vor Allem meiner Frau Beſorgniſſe erſparen,“ erwiederte Herr von Morville, auf dieſe Art weit von den Ideen zurückgeworfen, zu denen er ſich, ohne Berechnung, hatte fortreißen laſſen. „und mit welchem Rechte, mein Herr, machen Sie ſo Frau von Morville, ohne ihr Wiſſen, beinahe ſtrafbar?“ „Strafbar?“ rief Herr von Morville. a, mein Herr, ſtrafbar! Müſſen Sie die Pflege, die Sie erleichtern kann, die Zerſtreuungen, die Sie aus dieſer Entmuthigung herauszuziehen vermögen, nicht 152 von Frau von Morville fordern? Vergleicht nicht zuweilen, wenn Sie ſie inſtändig gebeten haben, an den Freuden der Welt Theil zu nehmen, Ihr, ich gebe es u, unwillkürlich ungerechter, Geiſt die Feſte durch die ie ſich beluſtigt, mit der Verlaſſenheit, in der Sie ſich befinden? Dann erkaltet, wider Ihren Willen, vielleicht Ihre Zuneigung für ſie, und verdient ſie dieſe Erkal⸗ tung? Oh! nein! glauben Sie das nicht. Unterrichtet von dem Uebel, das Sie ihr verbergen, wäre ſie für Sie noch zärtlicher ergeben, noch ſinnreicher liebend ge⸗ weſen. Warum zweifeln Sie an ihr „ehe Sie ſie ge⸗ prüft haben?“ . „Miß Mary!“ rief abermals Herr von Morville, „ich habe nie an dem Herzen meiner Frau gezweifelt.“ „Sie iſt es auch nicht, die ich anklage. Denn die⸗ ſes Geheimniß, das ein Zufall mir enthüllt hat, konnte es nicht fremden Perſonen bekannt ſein, durch das Ge⸗ rücht verbreitet, durch die Nachrede verſchlimmert werden? So daß man beim Eintritt in die Salons, in welche ſich Frau von Morville mit der Heiterkeit eines vorwurfs⸗ freien Gewiſſens begibt, um ſie her gemurmelt hätte: vIhr Gatte leidet allein, und ſie iſt hier! Ihr Gatte ſtirbt vielleicht, und ſie putzt ſich, ſie plaudert, ſie lacht, ſie überläßt ſich den Freuden dieſer Welt 4 Wiſſen Sie, mein Herr, daß es grauſam iſt, ein Frauenherz ſolchen Verleumdungen auszuſetzen2“ »Miß Mary, Sie ſind ſtreng. Der Beweggrund meines Stillſchweigens gegen Frau von Morville 4 „Geht von einem Gefühle voll Edelmuth aus, ich weiß es, mein Herr. Doch da Sie mir erlauhen, in voller Aufrichtigkeit mit Ihnen zu ſprechen „Oh! ich beſchwöre Sie darum.“ „Es iſt etwas Verletzendes gerade in Ihrem Edel⸗ muth, denn es heißt ſie unter ihren ernſten Pflichten als Mutter und Gattin glauben, wenn Sie ihr, ohne ihr Wiſſen, das Glück, dieſelben zu erfüllen, verweigern! Mein Gott! wem müſſen wir unſere Schmerzen, unſern 153 Kummer anvertrauen, wenn nicht gerade denjenigen, welche der Himmel in unſere Nähe geſtellt hat, um unſere Leiden zu theilen, um ſie zu verſüßen, um uns Troſt in denſelben zu gewähren? Glauben Sie mir, mein Herr, behaupten Sie nicht eine ſolche Zurückhaltung gegen Frau von Morville, verſprechen Sie mit „Warum unterbrechen Sie ſich, Miß Mary 2“ „Weil ich in meinem Alter und in meiner Stellung kein Recht habe, ein Verſprechen von Ihrer Seite zu erwarten.“ „Würden Sie Anſtand nehmen, mir wenigſtens zu rathen 2“ „Nein, ich bitte Sie auch inſtändig im Namen Ihrer Zuneigung für Frau von Morville, thun Sie ihr nicht die Beleidigung an, ihr länger das Geheim⸗ niß, das ich durch Zufall erfahren habe, zu verbergen.“ „Miß Marh,“ erwiederte Herr von Morville mit innigem Tone, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich bei der erſten Kriſe meiner Frau Alles anvertrauen werde.“ In dieſem Augenblick kam Alphonſine nach einem Lauf, der ſie bis an das Ende der Allee geführt hatte, in der ihr Vater und Miß Mary ſpazieren gingen, zu dieſen „Mein Herr,“ ſagte leiſe Miß Mary, Herrn von Morville das Mädchen bezeichnend, „hier iſt noch Jemand, für den ich einen Theil an Ihren Leiden in Anſpruch zu nehmen vergaß.“ Alphonſine erhielt noch an demſelben Tag einen Brief von ihrem Bruder; nachdem ſie denſelben geleſen, legte ſie ihn auf ihren Arbeitstiſch; dann, als ſie ſich wieder zu ihrer Zeichnung ſetzte, rief ſie unwillkürlich mit einer Art von Ungeduld: „Wie ſonderhar iſt er, dieſer Gerard!“ Alphonſine,“ ſprach Miß Marh, „Sie ſagen das mit einer beinahe ärgerlichen Miene?“ — 154 „Es iſt wahr! ſeine Briefe ſind durchaus nicht mehr, was ſie waren. Im vorigen Jahr erzählte er mir noch auf eine ſo drollige Weiſe alle Tollheiten, die man im Collége ſagte, die Streiche, die man den Leh⸗ rern ſpielte, und ſogar das dumme Zeug, das er ſelbſt erfand, denn er war in dieſer Hinſicht oft ſehr bei Mitteln; heute hat er (wenigſtens in ſeinen Vriefen) eine unzufriedene, verdrießliche Miene. Ich glaubte ihm eine große Freude zu bereiten, wenn ich ihm verkündigte, mein Vater willige dazu ein, daß er aus dem Collége austrete; ich theilte ihm auch mit, meine Mutter werde ihn bei ihrer nächſten Reiſe nach Paris abholen und hierher führen. Aber der böſe Bruder ſagt mir kaum ein paar Worte über dieſe guten Nachrichten. Und das iſt noch nicht Alles; es iſt dabei noch etwas Wichtigeres.“ »Wahrhaftig, Alphonſine? Das wird ernſt.“ „Scherzen Sie nicht, liebe Miß Mary; was mir Gerard ſchreibt, iſt ſehr abſcheulich. Stellen Sie ſich vor, er ſpottet über mich wegen der Abende, die wir bei meinem Vater zubringen; er ſagt, wir müſſen ihn mit unſern Studien hübſch langweilen.“ „Ah!“ rief Miß Marh lächelnd, „das iſt ein we⸗ nig Neid.“ „In der That, ſehr wohl möglich. Und was die verdrießliche Laune betrifft, die ich ihm vorgeworfen habe, wiſſen Sie, Miß Marh, was mir mein Bruder ant⸗ wortet?“ „Was antwortet Herr Gerard?“ „Er werde Mann, und in demſelben Maße, in dem, ſich ſeine Vernunft bilde und entwickle, erſcheinen ihm alle Dinge unter einem andern Lichte. Ich frage Sie ein wenig, Miß Marh, Herr Gerard werde Mann? welche Anmaßung mit ſiebzehn und einem halben Jahr! Ach! wenn das der Anfang eines Mannes iſt, daß er verdrießlich, mürriſch wird, wie wird es dann ſein, wenn er völlig Mann geworden?“ „Liebes Kind,“ verſetzte die Erzieherin, lächelnd 155 über das Schmollen von Alphonſine, „ich befürchte, Ihre Zeichnung wird ein wenig unter Ihrer Ungeduld gegen Herrn Gerard leiden.“ „Meine Zeichnung! das erinnert mich gerade an einen andern ſehr ſchlechten Spaß meines Herrn Bru⸗ ders. Iſt es meine Schuld, wenn ſeine Lehrer, wie er ſagt, häßlich und mürriſch ſind? Man ſollte glauben, er ſei neidiſch darüber, daß ich ebenſo glücklich bedacht bin, als er ſchlecht bedacht iſt. Wagt er es nicht, Alles, was ich ihm von Ihnen, Miß Mary, erzähle, in Zweifel zu ziehen! Geht er endlich nicht heute in ſeinem Briefe ſo weit, daß er mir mit einem ſehr unverſchämten Ton, der mich empört hat, ſchreibt: „„Kann ſie wirklich ein wenig zeichnen, Deine Miß Mary? „Das wird ſehr beunruhigend für meine Profeſſoren⸗ Eitelkeit,“ erwiederte lachend die Erzieherin; „aber, liebes Kind, warum ſprechen Sie denn immer von mir in Ihrem Briefwechſel mit Ihrem Bruder?“ „Von wem kann ich denn ſprechen, wenn nicht von meinem Vater, von meiner Mutter, von Ihnen, Miß Mary, von allen denjenigen, welche mich umgeben und die ich liebe 2“ „Beruhigen Sie ſich; wenn Herr Gerard hier iſt, werden Sie Frieden mit ihm machen, und ich hoffe, er wird ihn auch mit mir machen.“ „Ah! ich wüßte wohl ein Mittel, um uns an ihm ſ rächen. Es würde ſich um eine Verſchwörung han⸗ deln.“ „Soll ich dabei betheiligt ſein?“ „Gewiß.“ Wenn ich eine Rolle dabei ſpielen ſoll, ſagen Sie mir, worin das Complott beſtände.“ „Es müßte ein Portrait werden.“ „Das Portrait von wem?“ „Von mir, Miß Mary.“ „Und für wen 2“ „Für meinen Bruder. Ich würde das Portrait, 156 ohne etwas davon zu ſagen, am Kamin des Zimmers von Gerard aufhängen, und er fände es dort am Tage ſeiner Ankunft.“ „Und dieſes Portrait, wer würde es machen?“ „Sie, liebe Miß Maryz und dann würde ich zu Herrn Gerard ſagen „„Nun! mein Herr, finden Sie, daß ſie ein wenig zeichnen kann, meine Miß Mary? Ich hoffe, das wäre eine gute Rache!“ „Eine vortreffliche, und würdig Ihres Herzens, liebes Kind! Ich würde auch nichts Ungebührliches darin ſehen, daß ich in dieſes Complott einginge, aber Ihre Mutter müßte mich um Ihr Portrait für Herrn Gerard erſuchen.“ »Oh! wenn es ſich nur darum handelt, meine gute kleine Miß Marh, dieſer böſe Bruder wird ſeine Ueber⸗ raſchung haben, und er wird nicht mehr fragen, ob Sie zeichnen können. Welches Glück! ich ſehe ſchon ſeine beſchämte Miene, wenn er mein Portrait in der Hand hält und es mit Bewunderung betrachtet.“ Als Frau von Morville von ihrem Ausfluge zu Frau von Noirfeuille zurückkam, fand ſie nichts an den friedlichen Gewohnheiten dieſes Familienlebens, in das wir den Leſer einzuweihen verſucht haben, verändert. Herr von Morville war, wie immer, zärtlich, zuvor⸗ kommend gegen ſeine Frau; Alphonſine machte heiter ihrer Mutter einen artigen Krieg über ihre Abweſen⸗ heit, die ſich um einige Tage über das feſtgeſetzte Ziel verlängert hatte. Miß Marh hatte die mütterliche Eifer⸗ ſucht von Frau von Morville begriffen, doch ſie wußte ſich durch Tact und ſinnreiche Zartheiten Verzeihung für die wunderbaren Fortſchritte ihres Zöglings zu ver⸗ ſchaffen. So vergingen die Tage, die Monate; Herr von Morville, zu ſehr Mann von Ehre und zu ſcharfſichtig, um je etwas von ſeiner tollen Leidenſchaft zu erwarten, zu ſiher ſeiner ſelbſt, um ſie zu verrathen, benützte alle Gelegenheiten, um, in Anweſenheit ſeiner Frau oder 157 ſeiner Tochter, die Gegenwart, den Geiſt und die Talente von Miß Mary zu genießen. — War er dann allein, ſo überließ er ſich ohne Zwang den grauſamen Träu⸗ mereien dieſer hoffnungsloſen Liebe, über die er erröthete und die zum Glück Niemand errieth. Zwiſchen der immer mehr wachſenden Zuneigung, die ſie für Alphonſine hegte, den Erinnerungen an ihre Familie und an Henry Douglas getheilt, lebte die Er⸗ zieherin in dieſer kleinen Welt ſo glücklich, als ſie es, ſern von denjenigen, welche ſie in Dublin zurückgelaſſen, ſein konnte, und ertrug mit einer ſtoiſchen Reſignation die Folgen des gegen ſie von Frau Pivolet und den Dienſtboten des Hauſes gebildeten Bündniſſes; dieſe vor aller Augen verborgenen Leiden, welche man ſpäter kennen lernen wird, waren grauſam und unauf⸗ hörlich, aber zu ſtolz, zu edelmüthig, um ſich zu be⸗ klagen, ſtrengte ſich Miß Mary an, glücklich zu er⸗ ſcheinen, und ſetzte ihr Aufopferungswerk fort. Ihr Zau⸗ ber wirkte mächtig auf Frau von Morville, welche ſo ällmälig von ihrer mütterlichen Eiferſucht geheilt wurde, indem Miß Marh immer bei Alphonſine darauf drang, daß ſie alle Zeit ihrer Erholungsſtunden bei ihrer Mut⸗ ter zubrachte. Es iſt auch zu bemerken, die Complimente, welche Frau von Morville von ihren Nachbarn über die merkwürdigen Fortſchritte ihrer Tochter, die ſie anbetete, empfing; der ſchmeichelhafte Neid, den in der Geſell⸗ ſchaft der Befitz einer ſo ausgezeichneten Erzieherin, wie Miß Mary, erregte; die Veßheidenheit voll Takt und Anſtand, mit der ſich dieſe immer in den Hin⸗ tergrund zu ſtellen wußte, um ihren Zögling geltend zu machen, befriedigten ſo ſehr den mütterlichen Stolz von Frau von Morville, daß ſie in der jungen Irlän⸗ derin nicht mehr eine Nebenbuhlerin von Alphon⸗ ſine ſah. Handelte es ſich darum, eine Spazierfahrt in der umgegend zu machen, oder einem ländlichen Feſte mit einigen nach dem Schloſſe gekommenen Perſonen bei⸗ 15⁸ zuwohnen, ſo hatte Miß Marh immer einen vortreff⸗ lichen Vorwand, um dieſen Zerſtrenungen fremd zu bleiben, ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen und Alphon⸗ ſine der Beaufſichtigung ihrer Mutter zu überlaſſen, wodurch ſie Frau von Morville das eiferſüchtige Mißver⸗ gnügen erſparte, ihre Erzieherin umgeben von Hul⸗ digungen zu ſehen, welche ihr ein an ihrer Tochter be⸗ gangener Raub geſchienen hätten. Wir wiederholen, durch ihren vortrefflichen, vernünftigen Geiſt hatte Miß Marh alle Klippen (wenigſtens die ſichtbaren) ihrer Lage zu vermeiden und jene ſo ſchwierige Mitte zwiſchen der Sanftmuth, welche anzieht, und der Würde, welche Ehr⸗ furcht einflößt, zu finden gewußt. . Gegen die Mitte des Juni beabſichtigte Frau von Morville nach Paris zu gehen, um dort ihren Sohn zu holen und ihn nach dem Schloſſe zurückzuführen, wo er ſeine Ferien zubringen ſollte. Am Vorabend dieſer Abreiſe, während Alphonſine ihr bei einigen noth⸗ Anſtalten hiezu half, ſagte ihre Mutter heiter zu ihr: „Biſt Du im Stande, ein Geheimniß zu be⸗ wahren 2 „Oh! Mama, kannſt Du daran zweifeln 2“ „Dieſes Geheimniß wirſt Du ſelbſt gegen Miß Mary bewahren?“ „Das iſt ſchwieriger; doch wir zwei, ſie und ich, wir würden es uns nicht entſchlüpfen laſſen, dafür hafte ich Dir.“ „Auch gut. Deine Lehrerin ſoll früher oder ſpäter in's Vertrauen gezogen werden. Ich laſſe Dir alſo in Beziehung auf ſie volle Freiheit, meine Alphonſine, doch . von Allem dem nicht ein Wort zu Deinem Vater; ihn müſſen wir überraſchen.“ „Dann ſei unbeſorgt!“ 6 „Dieſen Winter und dieſes Frühjahr habe ich, wie Du weißt, von unſeren Freunden und unſeren Ver⸗ wandten zahlreiche Einladungen erhalten; es iſt mir 15⁰ der Gedanke gekommen, hier ein Feſt gerade an dem Tage meiner Rückkehr aus Paris mit Grrard zu geben. Ich habe ſchon Alles mit Frau Pivolet und dem Gärtner verabredet; das wird reizend ſein; Dein Vater wird durchaus nichts wiſſen .. . bis zum Augenblick der Ankunſt der Gäſte.“ „Oh! Du haſt Recht . das wird reizend ſein!“ „Wir werden es ſo einrichten, daß wir Gerard wäh⸗ rend des Feſtes in ſein Zimmer hinaufgehen laſſen; dann erſt wird er das köſtliche Portrait finden, welches Miß Mary von Dir gemacht hat ... um dieſem Schmäh⸗ ſüchtigen zu beweiſen, daß Deine Erzieherin ein wenig zeichnen kann.“ „Immer beſſer!“ „Doch ich möchte, daß Du auch eine hübſche Rolle bei dem Feſte hätteſt .. und daß Du bewundert wür⸗ deſt, meine Alphonſine!“ „Ich, guter Gott! bewundert! denke nicht daran 6 „Ich denke im Gegentheil ſehr daran, und ich bin im Voraus ſtolz auf die Wirkung, die Du hervorbrin⸗ gen wirſt.“ Ich Wirkung hervorbringen! wahrhaftig, Mama, ich falle aus den Wolken.“ „Aber höre mich doch. Bei der letzten großen Abend⸗ unterhaltung, die uns Frau von Noirfeuille gegeben, hat ihre Tochter Flavie, welche in der Muſik viel weniger ſtark iſt, als Du, denn ſie hat keine Miß Mary zur Erzieherin, auf dem Clavier ein Stück geſpielt, das vom größten Succeß begleitet warz wenn Du geſehen hätteſt, mit welchem Ent ücken Frau von Noirfeuille, dieſe ſelige Mutter, die Glückwünſche Aller über das Talent ihrer Tochter empfing, ſo würdeſt Du begrei⸗ ſen, liebes Kind, daß auch ich mich über einen ſolchen Triumph freuen kann. Du haſt durch die Bemühungen von Miß Mary außerordentliche Fortſchritte gemacht, und man wird nicht Beifall genug für meine kleine Virtuoſin finden.“ 8 160 Aber, Mama, ich habe nie vor irgend Jemand Clavier geſpielt!“ „Deſto beſſer! deſto beſſer! die Wirkung wird viel größer und unerwarteter ſein! Mir ſcheint, ich höre chon von allen Seiten ſagen: „Welches Talent beſitzt Fräulein von Morville! wer hätte das je geglaubt, wenn man ſie ſo beſcheiden ſah! das iſt wahrhaft außer⸗ ordentlich!““ Und das Beifallflatſchen wird wieder an⸗ fangen. Denke Dir dann mich, Alphonſine .. ich be⸗ fürchte nur, daß ich weine wie eine Wahnſinnige.“ »Arme, theure Mama, wie liebſt Du mich!. ..“ „Ich liebe Dich; nichts iſt einfacher. Alle Mütter machen es wie ich, doch nicht alle Mütter haben das Recht, ſtolz auf ihre Töchter zu ſein.“ „Ach! theure Mama, ich habe ſehr bange, Du täuſcheſt Dich über den Triumph, den Du von mir erwarteſt.“ „Warum denn?“ „Du willſt, daß ich öffentlich Clavier ſpiele 2“ „Ich träume nur hievon.“ „Leider iſt die Muſik, die ich kenne, nicht von der Art, daß ſie die geringſte Wirkung hervorzubringen ver⸗ mag. Die Welt, die ſich beluſtigt, liebt, glaube ich, nicht ſehr die Sonaten von Mozart und Beethoven.“ „Ich verſtehe nicht viel von der Muſik, aber ich glaube nicht, daß Dich Miß Mary lauter langweilige Etuden gelehrt hat.“ „Was willſt Du, Mama? ſie iſt nicht darauf be⸗ „mich glänzen zu laſſen, ſondern mich zu unter⸗ richten.“ „Wozu nützt es dann, ſo viel zu ſtudiren?“ „Um zu lernen, um zu wiſſen.“ »Wiſſen, wiſſen, ſehr gut!.. Aber die Welt muß wenigſtens erfahren, daß man weiß.“ „Oh! mein Gott! wenn nur Ihr, Du und mein Vater, zufrieden ſeid, ich, ich verlange nicht mehr, und Miß Mary auch nicht.“ 46¹ „Das iſt möglich; doch ich bin anſpruchsvoller.“ „Aber, Mama 4 S „Alphonſine, ich will es ich bitte Dich darum!“ „Dann werde ich Miß Mary erſuchen, daß ſie die Güte hat, mir ein Stück zu bezeichnen.“ „Mir ſcheint, Du kannſt es wenigſtens bei dem was ich wünſche, auf mich ankommen laſſen.“ „Bei der Muſik?“ „Gewiß, bei der Muſik. Ich bin, glaube ich, be⸗ ſugt, meinen Geſchmack zu haben, wie eine Andere.“ „Ja, Mama.“ „Ich ſprach von Flavie, der Tochter von Frau Noirfeuille. Ich habe ſie ein Werk ſpielen hören, das noch ganz neu von großem Effect iſt. Dieſes Werk iſt von Thalberg.“ . „Ah! mein Gott! von Thalberg!“ rief Alphonſine, mit Schrecken die Hände faltend; „von Thalberg! Du weißt alſo nicht, daß alle Compoſitionen dieſes Mannes äußerſt ſchwierig ſind und eine Geſchicklichkeit im Vor⸗ trage erfordern, die ich nie beſitzen werde! Meine Hand iſt zu klein bei dieſen Uebungen, welche man wahre Kraftſtücke nennen kann; das iſt nicht mein Feh⸗ ler. Miß Mary iſt keine Schmeichlerin, wie Du weißt; ſie ſagte mir auch kürzlich noch, wenn ich arbeite, werde ich wohl gut in der Muſik werden, aber nie ausgezeichnet im Vortrage.“ „Es handelt ſich nicht um das, was Miß Mary denkt, und Du brauchſt nicht ihre Autorität anzurufen, um meinem Wunſche entgegenzutreten.“ „Mama entſchuldige mich; ich wollte Dich nicht ärgern.“ „Gut alſo! Doch es iſt unbegreiflich, daß ich bei Dir dieſen Widerſtand finde. Die Tochter von Frau von Noirfeuille, deren Erzieherin entfernt nicht das Talent von Miß Mary beſitzt, hat die größte Wirkung mit dem Stück von Thalberg herporgebracht. Du kannſt, wenn Du willſt, denſelben Succeß erlangen, doch da Miß Marh. 1¹ 162 kommen von Deiner Seite endloſe Einwendungen! Das iſt unerträglich! Das Erſte, was Dich Miß Mary leh⸗ ren müßte, wäre, wie mir ſcheint, Deiner Mutter zu gehorchen!“ Bei dieſen Vorwürfen konnte ſich Alphonſine eini⸗ ger Thränen nicht erwehren. Ihre heftigen Worte be⸗ reuend, zog Frau von Morville ihre Tochter in ihre Arme, legte ſie, ſo groß ſie war, auf ihren Schooß und küßte ſie voll Innigkeit. Das arme Kind vergaß ſeinen vorübergehenden Kummer, um die Zärtlichkeit ſeiner Mutter zu erwiedern. Dieſe leichte Wolke verging, und Alphonſine ſagte halb lächelnd, trotz der Thränen, welche noch in ihren Augen rollten, zu ihrer Mutter: „Sobald Du in Paris angekommen biſt, wirſt Du mir das Stück ſchicken, das Du liebſt, und ich werde es für den großen Tag ſtudiren.“ Frau von Morville reiſte ab und ſchickte die Par⸗ titur erſt nach mehreren Tagen. Es waren Variationen von Thalberg über Mo ſes von Roſſini. Miß Mary war betrübt über dieſe Wahl, als ſie dieſe Sündfluth von Noten durchlief, welche zuweilen fordern, daß beive Hände nach einander in derſelben Melovie die Wirkung ihrer Behendigkeit entwickeln. Doch da Alphonſine ihre Unterredung mit ihrer Mutter Miß Mary erzählt hatte, ſo fügte ſich dieſe ünd ließ ihre Schülerin den Moſes ſtudiren. Sie Reiſe von Frau von Worville dauerte nur ziug: Tage; ſie kehrte bald mit ihrem Sohne Gerard zurück. 163 XIV. Gerard, der am Morgen um ſechs Uhr mit ſeiner Mutter von Paris angekommen war, hatte ſich ſogleich in das Zimmer ſeines Vaters begeben, wo ſich Alphon⸗ ſine befand. Nachdem man die erſten Umarmungen ausgetauſcht, betrachtete das Mädchen mit einer naiven i ſeinen Bruder, den es ſeit einem Jahr nicht geſehen. „Aber ſieh doch, mein Vater, wie groß Gerard ge⸗ worden iſt,“ ſagte Alphonſine, indem ſie ſich aufrichtete und ihre linke Schulter der rechten des jungen Mannes näherte. „Du läſſeſt Dir alſo den Schnürrbart wachſen, mein Bruder? Er iſt niedlich, er iſt fein, doch er iſt noch nicht das, was man einen Wald nennt. Komm doch ein wenig an das Licht, zum Fenſter. Mama, Du haſt nicht bemerkt? ſeine Augen ſind nun dunkelblau. Ich liebe ſie von dieſer Nuance. Es iſt etwas Ausge⸗ zeichnetes, blaue Augen und braune Haare.“ Gerard gab ſich gefällig der Prüfung ſeiner Schwe⸗ ſter hin. Es war ein hübſcher, ſchlank gewachſener Junge von bald achtzehn Jahren, deſſen matte, glatte Geſichtshaut ſich bei der geringſten Gemüthsbewegung mit einem lebhaften Roſa färbte. Frau von Morville und ihr Sohn zogen ſich zurück, um in Erwartung des Frühſtücks ein wenig zu ruhen. Erſt zu dieſer Siunde ſollte Gerard Miß Mary ſehen, deren Namen er ſeit ſeiner Ankunft im Schloſſe nicht ein einziges Mal ausgeſprochen hatte; aber zur Wieder⸗ vergeltung hatte ihm Alphonſine oft mit triumphirender Miene wiederholt: „Du wirſt ſie nun kennen lernen, meine Miß Mary! Du wirſt ſie ſehen! Du wirſt ſie ſehen!“ Ohne Zweifel, um beſſer zu ſehen, unterwarf Gerard ſeine Toilette bedeutenden Veränderungen, wobei er ſorgfältig Alles beſeitigte, was an 5 Schüler 164 erinnern konnte. Als er im Salon erſchien, ohne daß er mit dem Blick zu ſuchen wagte, ob ſich Miß Mary hier fände, ſagte auch Alphonſine lachend zu ihm: Wie ſchon biſt Du ſo, Gerard! Bu ſiehſt nicht mehr aus wie ein Lyreiſt, ſondern wie ein wahrer junger Mann Was für eine ſchöne Halsbinde! Dieſe Weſte von weißem Bazin mit Perlmutterknöpfen iſt ſehr ele⸗ gant; und gefirnißte Stiefel, Gott verzeihe mir! gefir⸗ nißte Stiefel, Du biſt wahrhaft vollkommen! Nun, ohne Dir zu ſchmeicheln, ich liebe Dich viel mehr ſo, als mit Deiner blauen Uniform, Deinem runden Hut, Deinen dicken Schnürſchuhen und Deinen blauen baumwollenen Strümpfen.“ Bei dieſen Erinnerungen an den früheren Zuſtand, welchen ſeine Schweſter, herzlich lachend, hervorrief, wurde Gerard um ſo mehr dunkelroth, als er, die Au⸗ gen aufſchlagend, Miß Mary zwei Schritte von ſich er⸗ blickte. Er machte eine tiefe Verbeugung. „Herr Gerard,“ ſagte ſie vertraulich zu ihm, „Ihre liebe Schweſter hat mir ſo oft von Ihnen, von Ihren Studien, von Ihren Spielpartien und ſogar von Ihren Penſums *) erzählt, daß wir ſchon alte Bekannte ſind.“ Dieſe Anſpielungen auf die Vergangenheit im College ſchmeichelten Gerard nicht außerordentlich; er war auch während des ganzen Mahls ſehr kalt gegen die Erzieherin, die er jedoch verſtohlen anſchaute, ſo oft er es, ohne von ſeiner Schweſter geſehen zu werden, verſuchen konnte. Am Ende des Fruhſtüͤcks ſprach Frau von Morville ein Wort, das für den Augenblick die Freude, welche ihre Tochter über die Rücktehr ihres Bruders empfand, in Eis verwandelte. „Alphonſine,“ ſagte ſie, „wie ſteht es mit Moſ es26 „Ah! Mama,“ erwiederte ſeufzend das arme Kind, *) So nennen die Franzoſen die Strafaufgaben der Schüler. D. Ueberſ. 165 ich habe ihn jeden Tag aus Leibeskräften ſtudirt, und heute noch werde ich mit Miß Mary daran arbeiten. Sie wird Dir ſagen, daß ich mein Möglichſtes gethan habe.“ „Ich laſſe dem Eifer und den Anſtrengungen von Alphonſine volle Gerechtigkeit widerfahren,“ erwiederte die Etzieherin; Ddoch dieſe Partitur „Ich kenne ſie,“ verſetzte raſch Frau von Morville, Miß Mary unterbrechend; „dieſes Stück muß viel Effect hervorbringen; ich will durchaus, daß es meine Tochter ſpielt, und ſie wird es ſpielen.“ Nach dem Frühſtück nahm Alphonſine den Arm ihres Bruders, führte ihn bei Seite und ſagte halblaut: „Nun?“ „Was 2 verſetzte Gerard mit der unſchuldigſten ih der Welt. „Was willſt Du ſagen, Alphon⸗ ine26 „Und Miß Mary?“ „Ah! Miß Mary „Ja, wie findeſt Du ſie? „Nicht übel,“ antwortete der junge Mann, indem er eine ſpöttiſche, ungezwungene Miene anzunehmen ſuchte; „nein, wahrhaftig, ſie iſt nicht zu übel fur eine Schulmeiſterin.“ * — Da das Geheimniß gewiſſenhaft gegen Herrn von Morbille bewahrt worden war, ſo erführ er erſt zur Stunde des Mittagsmahls, als er von einer geſchickt durch ſeine Frau angeordneten langen Promenade zu⸗ rückkehrte und die zahlreichen Vorbereitungen ſah, daß am Abend ein Feſt im Schloſſe ſtattfinden ſollte. Er ſpen⸗ dete der Idee von Frau von Morville ſeinen Beifall, obgleich er in der Stimmung des Geiſtes, in der er ſich befand, die Einſamkeit dem Geräuſche der Welt vorge⸗ zogen hätte. Gerard, nachdem er ſich verſtohlener Weiſe mit einem furchtbaren Herzklopfen in die Wohnung von Frau von 166 Morville geſchlichen hatte, um von der mütterlichen Toilette eine Stange Cosmetique zu entwenden, von der er eine große Hülfe erwartete, um ſeinem entſtehenden Bart eine dunklere, männlichere Farbe zu geben. Gerard war in ſein Zimmer um ſich an⸗ zukleiden; er zerknitterte fünf bis ſechs Halsbinden, deren Knoten er nicht mehr gut genug gemacht fand, und zerſprengte zwei Paare ſtrohfarbene Handſchuhe, wobei er ſich der finſteren Weiſſagung des Handſchuhmachers erinnerte: „Mein Herr, Sie nehmen viel zu kleine Hand⸗ ſchuhe.“ Endlich, nachdem er eine halbe Stunde im Zimmer auf- und abgegangen war, um neue und zu enge Schuhe zu brechen, warf er einen letzten Blick in den Spiegel und ging mit der entſetzlichen Angſt, 3 er könnte unter vier Augen mit Miß Mary zuſammen⸗ treffen, hinab. Er ſtieß auch einen Seußzer der Er⸗ leichterung aus, als er ſah, daß ihm ſein Vater und ſeine Mutter im Salon waren. Alphonſine erſchien bald; ſie trug mit ihrer naiven Anmuth eine köſtliche Toilette, die ihr ihre Mutter von Paris mitgebracht hatte. Miß Mary trug ein einfaches Kleid von weißer Mouſſeline, das ihre Schultern halb entblößt ließ; ſie hatte weder ein Band, noch eine Blume in ihren Haaren, deren lange ſeidene Locken ihr Geſicht umrahmten. Frau von Morville war aber ſchmerzlich ergriffen von einer eiferſüchtigen Bewunderung, indem ſie die junge Irlän⸗ länderin betrachtete, deren Reize ſie doch nicht in Er⸗ ſtaunen ſetzen durften; aber mochte nun, ſo leicht ſie war, die Veränderung in der Toilette von Miß Mary ihre blendende Schönheit noch mehr hervorheben, oder ſchaute Frau von Morville, ſo zu ſagen, ihre Erzieherin mit den Augen der Perſonen an, die, da ſie ſie nicht kannten, bald über dieſe reizende Perſon in ein Ent⸗ zücken gerathen ſollten, die Mutter von Alphonſine empfand eine lebhafte Regung des Neids. Sie maß Miß Mary mit einem beinahe zornigen Blick und konnte 167 ſich nicht enthalten, mit einer Art von ſchlecht verhehlten Bitterkeit, auf den Schnitt des Kleides, der die reizenden Arme und die nicht minder reizenden Schultern des Mädchens entblößt ließ, anſpielend, zu ſagen: „Ein geſchloſſenes Kleid mit langen Aermeln wäre vielleicht ſchicklicher geweſen, mein Fräulein.“ „Sie haben wohl Recht,“ antwortete mit ſanftem Tone das Mädchen, „aber ich beſitze kein anderes Putz⸗ kleid außer dieſem . Auf dieſe Antwort, welche an die Armuth von Miß Mary erinnerte, wußte Frau von Morville nichts zu erwiedern, aber ſie verfluchte insgeheim die ärgerliche Idee, daß ſie dieſes Feſt hatte geben wollen, bei welchem ihre Erzieherin, die, wie geſagt, bis jetzt immer darauf bedacht geweſen war, ſich bei Seite zu halten, eine große Senſation hervorbringen konnte. Ganz und gar erfüllt von dem furchtbaren Hinter⸗ gedanken, ſie ſei zu dem Thema von Moſes verurtheilt, näherte ſich die arme Alphonſine langſam dem Clavier, um die verhängnißvolle Partitur darauf zu legen; ſie hörte die unverbindliche Bemerkung ihrer Mutter über die Toilette von Miß Mary nicht, und ſagte mit einer beinahe flehenden Stimme: „Mama, es iſt immer noch beſchloſſen, ich werde Moſes ſpielen?“ Und ſie konnte ſich eines ſchweren Seufzers nicht erwehren und warf auf ihre Erzieherin einen flehenden Blick, der zu ſagen ſchien: „Verwenden Sie ſich zum letzten Mal für mich, um mich dieſer Marter zu entreißen.“ Die Erzieherin begriff die Qual von Alphonſine und ſagte halblaut zu Frau von Morville: „Meine Pflicht als Erzieherin und meine Zuneigung für Alphonſine ermächtigen mich, in voller Aufrichtig⸗ keit mit Ihnen zu ſprechen, Madame.“ „Nuni mein Fräulein 3 „Madame, ich befürchte, daß die Ausführung des Moſes durch Alphonſine etwas zu wünſchen übrig läßt.“ „Dann werden Sie ſie nicht hinreichend haben ar⸗ beiten laſſen,“ erwiederte trocken Frau von Morpille. „Ein günſtiger Erfolg für Alphonſine, wenn er möglich geweſen wäre, würde mich zu glücklich gemacht haben, als daß ich nicht jede Sorgfalt darauf verwendet hätte, ſagte die Erzieherin, immer mehr erſtaunt über die zunehmende Bitterkeit von Frau von Morville, welche ſie bis dahin mit ſo viel Wohlwollen behandelt hatte. „Glauben Sie mir, Madame, Alphonſine hat ſich dabei nichts vorzuwerfen.“ „Dann, mein Fräulein, bin ich genöthigt, zu glau⸗ ben, daß von Ihrer Seite Sorgloſigkeit, ich möchte nicht ſagen, böſer Wille, da ich das Stück gewählt habe, ſtattgefunden hat.“ „Madame, erlauben Sie . . .« „Mein Fräulein, ich werde nie erlauben, daß man ſich eine Art von boshaftem Vergnügen daraus macht, meine Tochter in Oppoſition gegen mich zu ſetzen . . .“ „Ich bitte. .. Madame 4 „Und da Sie von Ihren Pflichten ſprechen, wiſſen Sie, daß es die Pflicht einer Erzieherin iſt, ſich den Perſonen, die ihr ihr Vertrauen bewilligen, angenehm zu machen,“ fügte Frau von Morville bei. Und ſie folgte ihrem Sohne und ihrem Mann, die ſie einigen zum Feſte eingeladenen Perſonen entgegen⸗ gehen ſah, und ließ Miß Mary mehr erſtaunt als be⸗ trübt über die harten Worte zurück, welche glücklicher Weiſe nicht zu den Ohren von Alphonſine gelangt waren. Die Salons des Schloſſes Morville füllten ſich; alle dieſe Nachbarn von ſechs bis ſieben Meilen in der Runde, denen die herzlichſte Aufnahme zu Theil wurde, kannten ſich, da ſie ſich gegenſeitig in Paris oder auf dem Lande empfingen, fanden ſich mit neuem Vergnügen wieder und gaben ſo dieſer Verſammlung ein familien⸗ . 169 artiges Ausſehen, das die Hartnäckigkeit, mit der Frau von Morville das Talent ihrer Tochter zur Schau ſtel⸗ ſen wöllte, entſchuldigen konnte. Gerard traf auf jedem Schritte junge Leute, die ihn bis dahin ein wenig als Schüler behandelt hatten, nun aber, da ſie ihn der Botmäßigkeit entwachſen wuß⸗ ten und ſein Kinn von einem entſtehenden Barte be⸗ ſchattet ſahen, ihn zu ihrer Unterhaltung zuließen und ihre wohlwollenden oder tadelnden Bemerfungen über die Frauen oder die Mädchen, welche nach und nach an ihnen vorüberzogen, nicht vor ihm verbargen. In dem Augenblick, wo Gerard, ganz ſtolz auf ſeine Einwei⸗ hung, mit ſeinen Freunden in einen andern Salon eintrat, wurde er bei der Thüre durch einen Elegant, Herrn von Blancvurt, einen jungen Mann ſehr nach der Mode, ſelbſt anderswo als in der Touraine, auf⸗ gehalten. Das Ausgezeichnete ſeiner Manieren, die Leichtigkeit, mit der er mit den Frauen ſprach, die Coqueiterien, die ſie für ihn entwickelten, ſein Ruf als ein Mann von Liebesglück, der bis zu den Ohren von Gerard gedrungen war, flößten dieſem eine tiefe Be⸗ wunderung für Herrn von Blancourt ein. Der Eriyceiſt war alſo ſehr eitel, als ihn Herr von ſner vertraulich beim Arm nahm und zu ihm agte: Mein lieber Gerard, wer iſt denk die junge Per⸗ ſon, die ich zum erſten Mal hier ſehe? ſchauen Sie, dort; ſie iſt einfach nur mit ihren Haaren friſirt und ſrägt ein Kleid von weißer Mouſſeline; Sie ſehen ſie nicht? Ihr Fräulein Schweſter ſpricht in dieſem Augen⸗ blick mit ihr.“ Gerard erhob ſich ein wenig auf den Fußſpitzen und ſchaute in der Richtung, die ihm Herr von Blan⸗ court bezeichnete; dann fiel er wieder auf die Ferſen nieder und antwortete: „Dieſe junge Perſon? .. das iſt die Erzieherin meiner Schweſter.“ 170 Und er wollte ſich entfernen, doch Herr von Blan⸗ court hielt ihn zurück. „Wie!“ ſagte er zu Gerard mit dem Ausdruck der lebhafteſten Bewunderung, „dieſes reizende Geſchöpf iſt Erzieherin? Nie hat eine Herzogin mehr Grazie und ein vornehmeres Ausſehen gehabt! Welch eine anbetungs⸗ würdige Taille! Und dieſer Teint ſo roſig und ſo rein! Sie wuß Engländerin ſein; das iſt ein wahres Keepſake's Geſicht. Nein, in meinem Leben habe ich nichts ſo Rei⸗ zendes und Diſtinguirtes geſehen!“ Dann lächelte Herr von Blancourt, Gerard, der bis unter das Weiße der Augen erröthete, feſt anſchauend, und ſagte halblaut zu ihm: „Ah! das iſt die Erzieherin des Hauſes! Glücklicher Junge! . . . Ach! den Unſchuldigen die vollen Hände!“ Hienach ging Herr von Blancourt, um ſie zu be⸗ grüßen, einem jungen Mann und einer jungen Frau, die er in den Salon hatte eintreten ſehen, eifrigſt ent⸗ gegen und ließ Gerard in einer ſeltſamen Unruhe zurück. Einige St! ſt! welche aus dem Hauptſalon kamen, und ein paar auf dem Clavier angeſchlagene Accorde verkündigen, daß die Folterſtunde von Alphonſine, die zur Partitur von Moſes verurtheilt, gekommen iſt. Um das Inſtrument ſind die Mütter gruppirt, welche immer, wenigſtens dem Anſcheine nach, für den Sieg der Mäd⸗ chen conſpiriren; dann die Freundinnen von Alphonſine, die, eine offene Kabale bildend, mit einer kleinen ent⸗ ſchloſſenen Miene zu ihr ſagen: „Muth! habe keine Furcht, das wird gut gehen!“ Neben der armen Sünderin iſt Miß Mary; in dieſem erſchrecklichen und feierlichen Augenblick kunn ſiß, ſich nicht von ihrer Schülerin trennen, deren Angſt F theilt; Frau von Morville gibt das Signal. Alphon⸗ ſine ſchaut mit einem verzweifelten Blick ihre Erzieherin an, die ihr unter dem Clavier die Hand gedrückt hat, und der Vortrag des Moſes beginnt. Man muß ſehr ledigen Standes ſein und kein 17¹ Mitleid mit armen durch den Willen ihrer Eltern dem Clavier gewidmeten Kindern fühlen, um ſie zu ſo unbändigen Partituren wie die von Moſes zu ver⸗ urtheilen. Der berühmte Thalberg iſt nun verheirathet, wir wären ſehr verſucht, zu glauben, daß er Kinder hat, denn wir haben ſeit einigen Jahren nicht ſagen hören, daß er ähnliche Folterwerkzeuge herauszugeben fortge⸗ fahren. Ach! wer würde nicht erſchrecken, wenn er dieſe unglücklichen Finger ſieht, die ſich ausſpannen, ausrecken, um Sprünge zu erreichen, welche die Ratur verbietet? Wer würde nicht ſchauern beim Anblick dieſer Arme, die ſich kreuzen, dieſer Hände, die ſich verfolgen, jagen, egenſeitig Eingriffe in ihre Rechte thun, ſich auf tau⸗ Arten verwickeln und verdtehen? Während dieſer entſetzlichen Gymnaſtif hat die junge Verurtheilte nicht die Zeit, an die Muſik zu denken; wir werden den Leſer auch nicht überraſchen, wenn wir ihm ſagen, daß die Züge von Alphonſine ein unſägliches Leiden ausdrückten und daß man die Melodie des Stückes, das ſie ſpielte, durch die furchtbaren Verzierungen, von denen es ſtrotzte, nicht zu unterſcheiden vermochte. Einer litt vielleicht noch grauſamer, als Alphonſine, das war Gerard; da er ſeine Schweſter zärtlich liebte, ſo ſprach er bei ſeinen Nachbarn eine Anklage über die Wahl des Stückes aus und ſagte mit eben p viel Aer⸗ ger, als Verlegenheit: „Alle dieſe Erzieherinnen ſind ſo; um glauben zu machen, ſie haben Talent, geben ſie ihren Schülerinnen Stücke, welche ihre Kräfte überſteigen. Meine Schweſter z wie die Andern, das Opfer dieſer Eitelkeitsmanie.“ Frau von Morville fühlte ſich doppelt verletzt, als Herrin des Hauſes und als Mutter: ihre eiferſüchtige Gereiztheit gegen Miß Mary vermehrte ſich nach Maß⸗ des Mißlingens bei Alphonſine und des Geflüſters ervorgebracht durch die ſeltene Schönheit ihrer Erzie⸗ herin; gleichſam im Fluge die Blicke der Bewunderung zuffangend, welche die Männer auf die junge Irländerin 172 warfen, bezwang Frau von Morville kaum ihren Ver⸗ druß und verfluchte das Feſt. Als aber die Marter von Alphonſine beendigt war, hörte man einiges ſpärliche Beifallklatſchen: ach! das kam von den anderen armen zum Clavier Verurtheilten, welche aus Corpsgeiſt eine von ihren Gefährtinnen un⸗ terſtützten; als Alphonſine aufſtand und ihre Hände noch klatſchen ſah, ſagte ſie auch halblaut und mit rei⸗ zender Naivetät zu ihnen: „Nicht wahr, Sie applaudiren zu meiner Befreiung? Sie haben Recht. Nun, es iſt vollbracht!“ Das liebe Kind empfand nicht in ſeiner Niederlage den Kummer der getäuſchten Eitelkeit oder der Dreiſtig⸗ keit, welche ſcheitert; genöthigt, zu gehorchen, hatte Al⸗ phonſine alle ihre Kräſte aufgeboten, um ſo gut, als ſie es nur immer vermochte, zu gehorchen, und es war ihr nicht geglückt. Nichts Anderes! Dabei hatte ſie einen ſüßen Troſt in den Worten von Miß Mary ge⸗ deren Aufrichtigkeit ſie nicht in Zweifel ziehen onnte: . „Liebes armes Kind, Sie haben beſſer geſpielt, als ich zu hoffen gewagt hätte.“ Abgeſehen von der Gruppe der anderen jungen zum Clavier Verurtheilten, war alle Welt kalt, verlegen ge⸗ blieben. Peinlich angegriffen, hatte Gerard den Salon verlaſſen. Frau von Morville befand ſich in einer ſeltſamen Lage. Nicht nur war ihr mütterlicher Stolz grauſam verletzt durch den Fiasco ihrer Tochter, ſondern ſie befürchtete auch für ſich eine Art von Lächerlichkeit, denn ſie dachte, man würde vielleicht Miß Mary nach ihrer Schülerin beurtheilen, und dieſe ausgezeichnete Lawſon, dieſe Perle der Erzieherinnen, dieſer unvergleichliche Schatz, den ſie zu beſitzen das Gluck hatte, und von dem ſie ſo oft bei ihren Nachbarn ſprach, würde nach Maßgabe des geringen Succeſſes von Alphonſine nur ſehr mittelmäßig tarirt werden. Ihrer Gewohnheit ge⸗ mäß, gab ſie auch einer erſten Bewegung nach, deren Folgen ſie nicht berechnete, ſtand ungeſtüm auf, näherte ſich Miß Mary und ſagte halblaut mit hoffärtigem Weſen ju ihr: „Mein Fräulein, ich hoffe, Sie werden ſich an's Clavier ſetzen und ſo beweiſen, ich habe in der Erzie⸗ herin meiner Tochter keine ſo ſchlechte Wahl getroffen, als man es in dieſem Augenblick glauben könnte, wenn man die Lehrerin nach der Schülerin beurtheilen würde.“ „Oh! Madame, erwiederte Miß Mary mit flehendem Ausdruck, „erſparen Sie mir dieſe Aufgabe.“ „Fräulein Lawſon,“ ſprach mit lauter Stimme und mit gebieteriſchem Tone Frau von Morville, „ſetzen Sie ſich an's Clavier, wir hören Sie.“ „Ja, ja, mein Fräulein, wir hören Sie,“ wieder⸗ holten die jungen Verurtheilten, in der Hoffnung, der Parter, die ſie für ſich befürchteten, dadurch zu eutge⸗ hen, vaß ſie eine andere arme Sünderin an ihrer Stelle ſchicken würden. Alphonſine, ehe ſie zu ihren Gefährtinnen zurück⸗ kehrte, die ſie zu ſich riefen, damit ſie ſich in ihre Mitte ſtelle, neigte ſch an das Ohr ihrer Lehrerin und ſagte leiſe zu ihr: it „Ich bitte Sie, Miß Mary, machen Sie, daß man mich vergißt.“ Obgleich verletzt durch den gebieteriſchen Ton, mit dem ihr Frau von Morville ſich an's Clavier zu ſetzen be⸗ fohlen hatte, gehorchte die junge Irländerin, feſt ent⸗ ſchloſſen, jeden Anſchein von Kampf zwiſchen ihr und ihrer Schülerin zu vermeiden. Weit entfernt, ein Effect⸗ ſtück zu ſpielen, ſn ſie auch ein Adagio von Haydn an. Völlig fremd der ſeiner Tochter unter dem Vor⸗ wand von Moſes auferlegten Folter, kehrte Herr von Morville, der ihrem Vortrag nicht beigewohnt hatte, in dieſem Augenblick in den Salon zurück, und aus Wohl⸗ anſtändigkeit hütete ſich Jeder, ihm etwas von dem Miß⸗ glücken des Spieles von Alphonſine zu ſagen. Er konnte 174 alſo ohne Befangenheit ſich dem Vergnügen hingeben, das er ſchon bei den erſten Accorden empfand, welche Miß Mary hören ließ — ein Vergnügen, das bald die ganze Verſammlung theilte. Die Thuͤre des Salon, ww die Circulation einen Augenblick zuvor frei war, ver⸗ ſperrte ſich raſch mit Liebhabern, welche mit vorgeſtreck⸗ tem Halſe und geſpanntem Ohr horchten. Gerard ſelbſt, der ſich in einem anſtoßenden Zimmer befand, unterlag dem allgemeinen Eindruck, und das ängſtliche Stillſchwei⸗ gen, das nun plotzlich herrſchte, erlaubte ihm, die zarteſt geperlten Noten zu hören. Der Zauber dieſer Muſik, die einen Sinn hat, die eine Idee formt, welche Jedermann auffaßt, begreift und liebt, war überall eingedrungen; ſchwache Liebhaber, welche kurz zuvor noch den Tact zur Unzeit ſchlugen, wunderten ſich über ihren rhythmiſchen Inſtinet und wieg⸗ ten ihren Kopf im richtigen Zeitmaß. Man war er⸗ ſtaunt, daß man ſo viel Vergnügen an einer ſo einfachen Sache fand; man war noch mehr erſtaunt, als man ſah, daß der Compoſiteur gerade in dem Augenblick, wo ſeine Idee vollſtändig war, angehalten hatte, ohne es ſich zu erlauben, einen Tact über die Phraſe beizufügen. Man klatſchte indeſſen noch nicht Beifall; viele Perſonen wa⸗ gen es nie, ihre Billigung zu ertheilen, ehe ſie den Na⸗ men des Künſtlers wiſſen, deſſen Triumph zu verkün⸗ digen ſie zögern; aber nach dem beifälligen Geſumme, das ſich von allen Seiten erhob, konnte man ſich nicht über den Succeß von Miß Mary täuſchen. Alphonſine, die kaum ihre Freude z ügeln wußte, wandte ſich raſch und mit ſtrahlendem Geſichte zu ihren Gefährtinnen um und ſchien zu ihnen zu ſagen: „Das iſt noch nichts; Ihr werdet die Folge hören.“ Frau von Morville ſollte an dieſem Tage von einer Reue zur andern übergehen. Miß Mary hatte nicht mehr nur einen Schönheitstriumph: ihr ſeltenes Talent erregte allgemeine Begeiſterung; dieſe Begeiſterung hatte ſie, Frau von Morville, ſelbſt hervorgerufen, indem ſie —— ſagten: 17⁵ mit unklugem Hochmuth Miß Mary Clavier zu ſpielen befohlen. Der doppelte glückliche Erfol verwundete grau⸗ ſam den Stolz der Mutier von Alphonſine, doch ſie mußte ſtillſchweigend die neue Qual ertragen; konnte ſie ihrer Erzieherin einen Vorwurf machen, daß ſie ihre Befehle hatte? as Wohlwollen ihrer Zuhörer machte Miß Marh nicht ehrgeiziger; ſie fing eine Serie von drei Walzern von Beethoven an, von denen jever nicht mehr als vier Linien hat. Am Ende des erſten ſtand Gerard auf und rief: „Das iſt köſtlich!“ Und er trät an die Thüre, wo er Herrn von Mor⸗ ville erblickte, und fragte: „Mein Vater, wer iſt denn am Clavier?“ „Miß Mary,“ antwortete Herr von Morville, bei⸗ nahe ohne den Kopf umzuwenden, denn der zweite Walzer fing an. Alles ſtand unter dem Zauber eines unbe⸗ ſchreiblichen Vergnügens, und als nach einem letzten Aecord Miß Mary das Clavier verließ, erſcholl allgemei⸗ ner Beifall; man war aufgeſtanden, man befragte ſich über dieſes ſo erhabene, ſo neue Talent; mehrere Per⸗ ſonen beeiferten ſich, der Erzieherin ihre Complimente zu machen. Miß Mary war betreten und beinahe betrübt über dieſe Lobeserhebungen. Sie ahnete den Verdruß, den ſie Frau von Morville verurſachen mußten, deren Geſicht einen um ſo lebhafteren Aerger verrieth, als mehrere von ihren Freundinnen um die Wette zu ihr „Sie haben Recht, Ihre Erzieherin iſt eine Perle.“ „Ein wahrer Schatz!“ „Wie glücklich ſind Sie, daß Sie eine ſolche Vir⸗ toſin 4u Ihren Befehlen haben“ „Sie müſſen ſie ſehr theuer bezahlen?“ Miß Mary hoffte dieſen leichten Tumult benützen zu können, um den Salon zu verlaſſen und nicht ſo der Beſchauung preisgegeben zu ſein, doch ſie rechnete ohne 175 Alphonſine; eben ſo erfreut, noch mehr ſogar erfreut über dieſen Sueceß, als wenn es der ihrige geweſen wäre, lief Alphonſine zu Miß Mary, küßte ſie zärtlich und blieb, die Arme anmuthig um ihren Leib geſchlungen und den Kopf auf ihre Schulter geneigt, einige Augenblicke bei ihr; das liebe Kind vergaß völlig ſeine Niederlage und dachte nur an den Triumph von Miß Mary. Unter denjenigen, welche um die Erzieherin verſammelt, dieſer um die Wette Glück wünſchten, befand ſich Herr von Blancourtz er ſprach ſeine Complimente mit eben ſo viel Eifer als Anſtand gegen ſie aus. Gerard theilte den allgemeinen Enthuſiasmus, er näherte ſich erröthend Miß Mary und ſuchte zum Voraus die Phraſe, die er an ſie richten würde, als er Herrn von Blancourt bei dem Mädchen erblickte, das ihm mit Be⸗ ſcheidenheit antwortete. Das Herz beklommen, bewun⸗ derte er weniger die Gewandtheit und die Manieren des eleganten jungen Maunes, — er behandelte ihn in ſei⸗ nem Innern als Gecken, — und er blieb ganz traurig ſtehen und fragte ſich, ob er die Kühnheit haben ſollte, ein paar ſchüchterne Worte des Lobes nach den, ohne Zweifel ſehr geiſtreichen, Lobeserhebungen von Herrn von Blancourt anzubringen, oderſ ob er ſich der Gefahr aus⸗ ſetzen ſollte, für einen Unhöflichen in den Angen von Miß Mary dadurch zu gelten, daß er ein Stillſchwei⸗ gen beobachten würde, das affectirt erſcheinen konnte. Er fämpfte in ſich mit dieſer Verlegenheit, als ein Bedien⸗ ter, zu dem Alphonſine ein paar Worte geſagt hatte, ſich ihm näherte und Herrn Gerard im Auftrage jeiner Schweſter bat, er möge die Güte haben, ihr aus ſeinem Zimmer einen Gegenſtand zu holen, den ſie auf ſeinem Kamin vor ſeiner Pendeluhr habe liegen laſſen. Beinahe glücklich über dieſen offenen Ausweg aus ſeiner Unentſchiedenheit, entfernte ſich Gerard raſch. Unter allen Zuhörern von Miß Mary war keiner ſo völlig unterjocht geweſen, wie Herr von Morville; er hatte nicht nur noch nie die kleinen Meiſterwerke, die ſie mir, wer dieſes Portrait gemalt hat.“ 177 ſo köſtlich vorgetragen, gehört, ſondern er ſtand unter dem Einfluß der elektriſchen Erſchütterung, die ſich von einem allgemeinen Enthuſiasmus zu entbinden ſcheint und die Macht der Empfindungen verdoppelt. Der Triumph von Miß Mary war für Herrn von Morville eine Art von Eniſchuldigung für ſeine tolle geheime Leidenſchaft. Als Alphonſine, die ihn von fern erblickte, ihre Hand gegen ihn ausſtreckte, folgte er auch dieſem Rufe, glücklich, ſich mit ſeiner Tochter verbinden zu können, um ſeinen Lob⸗ tribut der Erzieherin zu entrichten. Er wollte ſich wieder von den zwei Mädchen entfernen; Alphonſine hielt ihn mit einem boshaften Lächeln zurück und ſagte zu ihm: „Vater, ich bitte Dich, bleibe noch einen Augenblick.“ Er hatte nicht lange zu warten: es durchſchritt Einer die Menge voll Eifer und ging gerade auf die Gruppe zu, zu der Herr von Morville gehoörte. Das war Gerard, der einen Rahmen in der Hand hielt. „Ah! mein Vater,“ ſagte er, als er näher kam, „ah! meine Schweſter, welch eine reizende Ueberraſchung!“ „Was denn?“ fragte Herr von Morville. „Stelle Dich doch, als wäreſt Du nicht vom Com⸗ plott,“ ſagte Gerard zu ſeinem Vater, indem er ihm den Gegenſtand reichte, den er in ſeiner Hand hielt. „Das Portrait von Alphonſine!“ rief Herr von Morville. „Ja, ihr Portrait, ihr Portrait zum Entzücken aus⸗ geführt. Sieh, das iſt Alphonſine; ſie lebt, ſie athmet.“ „In der That,“ ſagte Herr von Morville, das Por⸗ trait betrachtend. Dann rief er: „Ich kenne nur eine Perſon, deren Talent auf der Höhe dieſes Werkes ſteht.“ „Wer denn 26 fragte Gerard, während das Portrait in einer um die Erzieherin gebildeten Gruppe von Hand zu Hand ging. „Ja, mein Vater, ich bitte Dich, ſage Alphonſine nahm ihre Erzieherin bei der Hand, machte einen kleinen neckiſchen Knir vor Gerard und ſagte lachend zu ihm: Wiß Mary. 12 178 „Dieſe hat mein Portrait gemalt.“ „Miß Mary!“ rief Gerard. „Ja, mein Herr,“ antwortete Alphonſine. Und ſie fügte ganz leiſe, aber ſo, daß es die junge Irländerin auch hören konnte, bei: „Ich hoffe, Sie werden mir nun nicht mehr ſchrei⸗ ben: „„Zeichnet ſie ein wenig, Deine Miß Mary?““ Die Erzieherin lächelte bei dieſer Bosheit ihres Zög⸗ lings, und Gerard, der ſich durch ſeine Schweſter ver⸗ rathen ſah, konnte, verwirrt, unzufrieden über ſich ſelbſt, nur ein paar Worte der Entſchuldigung und des Dankes ſtammeln, wobei er noch mehr erröthete, als er bis da⸗ her erröthet war; er vermochte ſich ſogar einer leichten Bewegung der Ungeduld nicht zu erwehren, als er das Portrait ſeiner Schweſter wieder aus den Händen von Herrn von Blancourt nahm, der ihm, indem er es ihm zurückgab, in's Ohr ſagte: „Sie ſind, bei Gott! ein glücklicher Sterblicher! dieſes köſtliche Geſchöpf macht für Sie insgeheim das Portrait Ihrer Schweſter, und es iſt beinahe das Ihrige, denn Sie gleichen ihr. Ah! junger Mann! junger Mann! wenn ſie wüßten . . Hier unterbrach er ſich, und er fügte dann bei: „Aber, ach! ach! ich habe es Ihnen geſagt: den Un⸗ ſchuldigen die vollen Hände.“ Bei dieſer zweiten Anſpielung auf ſeine Unſchuld ſtemmte Gerard die Fauſt in die Hüfte, nahm eine ſtolze Stellung an, denn er erinnerte ſich zu rechter Zeit, daß ihm ſeit zwei Jahren der berühmte Bertrand Lectionen im Fechten gab, und ſuchte ein ſehr ungebührliches Wort der Erwiederung für Herrn von Blancourt. Während der arme Gerard aber ſeine Ungebührlichkeit noch ſuchte, wandte ihm der junge Elegant den Rücken zu, und er hörte ihn zu Miß Mar ſagen: Mein Fräulein, iſt man eine ſo vortreffliche Ton⸗ künſtlerin, wie Madame Malibran, ſo iſt es nicht er⸗ — 179 laubt, Portraits zu malen wie Frau von Mirbel. Bei meinem Ehrenwort, das heißt die Vorzüge in allen Genres wucheriſch anhäufen und die Frauen demüthi⸗ gen, die nichts für ſich haben, als die ausgezeichnetſte Schönheit.“ „Mein Gott! iſt er glücklich, dieſer Herr von Blan⸗ court, daß er auf der Stelle ſo hübſche Dinge findet!“ dachte der arme Gerard mit einer ſchmerzlichen Ent⸗ muthigung, als er die Alltagsphraſen des unwiderſteh⸗ lichen Elegant hörte. „Ich muß Miß Mary albern ſcheinen. Ich habe ihr nicht einmal ein Wort über ihre Talente ſagen und ſo für das Portrait meiner Schwe⸗ ſter danken können.“ Auf das Concert folgte ein Ball. Frau von Mor⸗ ville hatte ein Orcheſter von Tvurs kommen laſſen; viele Tänzer hatten ſich vorgenommen, Miß Mary aufzufor⸗ dern, aber ihre Enttäuſchung war groß, denn ſie ſuchten vergebens in den Salons. „Madame,“ hatte die Erzieherin zu Frau von Mor⸗ ville geſagt, die ſie auf einige Augenblicke in ein abge⸗ legenes Voudvir geführt, „erlauben Sie mir, daß ich mich zurückziehe. Ich fühle mich müde, leidend. Der Ball wird ohne Zweifel ſehr lange dauern, wollen Sie es gut heißen, daß ich ihm nicht beiwohne.“ „Wahrhaftig, liebe Miß Mary, Sie wollen nicht auf dem Balle bleiben?“ antwortete haſtig Frau von Morville, ohne ihre freudige Ueberraſchung zu verbergen; und einen liebevollen Ton annehmend, der ſehr mit den harten Worten contraſtirte, die ſie einige Augenblicke vorher an das Mädchen gerichtet hatte, fügte ſie bei: „Ich billige es ganz, daß Sie dem Balle nicht beiwoh⸗ nen, liebe Miß Mary, wenn dies Ihr Wunſch iſt. Nur, da Sie die Güte haben, ſich meine Einwilligung zu rbitten, erlauben Sie mir, eine Bedingung hiefüͤr zu ſellen.“ „Welche, Madame?“ „Nicht wahr, Sie vergeſſen, Sie vergeben mir die kleine Regung übler Laune, die ich nicht überwinden konnte, und die Sie ohne Zweifel verletzt hat; das Miß⸗ glücken von Alphonſine wird vielleicht meine Entſchul⸗ digung in Ihren Augen ſein.“ „Madahne „An dieſem Mißglücken bin ich Schuld, liebe Miß MWarh, ich beeile mich, es anzuerkennen. Ich hatte als wahre Ignorantin dieſes ungluckliche Stück von Moſes gewählt und immer mit der Halsſtarrigkeit der Ignoranz gefordert, daß es meine Tochter vortrage. Ihre Vor⸗ herſehungen haben ſich verwirklicht. Trotz Ihrer vor⸗ trefflichen Lectionen, trotz Ihres Eifers iſt Alphonfine, das arme Kind, bei dieſer Aufgabe, die ihre Kräfte über⸗ ſtieg, geſcheitert. Ich hatte weder den geſunden Ver⸗ ſtand, noch den guten Geſchmack, mir die Lächerlichkeit meiner mufikaliſchen Wahl zu geſtehen, und ich habe mich ſo weit vergeſſen, daß ich harte Worte zu Ihnen geſagt, deren ich mich zu dieſer Stunde ſchäme ver⸗ zeihen Sie mir dieſelben, liebe Miß Mary.“ „Ah! Madame, ich bitte, keine Entſchuldigungen⸗ Ich erinnere mich nur deſſen, was Sie leiden mußten, als Sie Alphonſine bei dieſer Sache nicht dem, was Sie von ihr erwarten konnten, entſprechen ſahen, ohne daß darum Grund vorhanden war, ſie zu tadeln.“ „Miß Mary! Miß Mary!“ rief Fräulein von Mor⸗ ville, welche ganz freudig zu ihrer Mutter und ihrer Erzieherin gelaufen kam. „Sie verbergen ſich alſo? alle Welt verlangt nach Ihnen, ſucht Sie, ich habe für Sie, ich weiß nicht wie viel, Einladungen für den erſten Contre⸗ tanz. und den erſten Walzer; würde der Ball zwei Tage dauern, Sie könnten nicht allen ihren Tänzern, in Hoffnung, Genüge leiſten“ „Liebes Kind, ich bin ſehr ſelbſtſüchtig,“ erwiederte lächelnd Miß Mary; „Sie werden das Opfer dieſer Tanzwuth ſein: ich habe den Ball nie geliebt, und Ihre 181 Frau Mutter billigt es gütigſt, daß ich in mein Zim⸗ mer gehe.“ „Wie, Miß Marh, Sie nehmen nicht wenigſtens einige Contretänze an?“ „Nicht einen.“ 6 „Nicht einen? Oh! doch, einen werden Sie gewiß annehmen, liebe Miß: Gerard wagt es nicht, Sie auf⸗ ufordern; er hat mir geſtanden, Sie machen ihm hngſt, und er beauftragt mich, Sie für ihn einzu⸗ aden.“ „Nun, ich verſpreche Ihnen, liebes Kind, mit Herrn Gerard ſo viele Contretänze zu tanzen, als er nur immer von mir verlangen will.“ „Ah ich danke Ihnen, liebe Miß Marh, ich danke Ihnen,“ rief Alphonſine, während ihre Mutter die Er⸗ zieherin mit Erſtaunen und Bangigkeit anſchaute. „Ich lauſe, um meinem Bruder dieſe gute Kunde zu bringen. Wie glücklich wird der arme Gerard ſein!“ „Ein Wort, Alphonſine,“ ſagte Miß Mary, indem ſie Fräulein von Morville bei der Hand nahm. „Ich verſpreche die Contretänze, aber wir werden ſie mit ein⸗ ander morgen, wann Sie wollen, tanzen. Gute Nacht, liebes Kind; unterhalten Sie ſich aufs Beſte.“ Hiernach verſchwand Miß Mary, trotz der dringen⸗ den Vitten von Alphonſine. Die junge Irländerin hatte mit ihrem gewöhnlichen Taet die eiferſüchtige t von Frau von Morville er⸗ rathen, welche, als der Ball begann, befürchtete, ihre Tochter würde abermals durch ihre Erzieherin verdunkelt werden. Als dieſe ihr den Wunſch, nicht dem Feſte bei⸗ zuwohnen, eröffnete, hatte Frau von Morville, welche übrigens hierin ihrer gutherzigen Natur entſprach, auch aufrichtig ihr Bedauern darüber ausgedrückt, daß ſie einer erſten Bewegung der Gereiztheit nachgegeben. Der Ball währte bis zum Tag. Alphonſine nahm mit der Munterkeit ihres Alters daran Theil. Gerard tanzte nicht, er ging einen Theil der Nacht im Parke 182 umher. Bei Sonnenaufgang ſah er die letzten Wagen der Gäſte wegfahren. „Endlich!“ ſagte er mit einem Seufzer der Erleich⸗ terung. „Nun ſind ſie fort! Wenn nur der unaus⸗ ſtehliche Herr von Blancourt nicht hier Nachbarſchaft hal⸗ ten will! Ich weiß nicht, warum ich dieſen Menſchen nun ſo ſehr haſſe!“ * XV. Das im Schloſſe Morville gegebene Feſt hatte, aus verſchiedenartig perſönlichen Gründen, ſo wenig ange nehme Folgen für einige von ſeinen Bewohnern gehabt, daß ſie mit Vergnügen zu den friedlichen Gewohnheiten ihres Familienlebens zurückkehrten. Eines Morgens, einige Tage nach dem Ball, als Herr von Morville mit ſeiner Frau, ſeinem Sohne, ſei⸗ ner Tochter und Miß Mary allein war, ſagte er zu Frau von Morville: „Ich habe mir, als ich Gerard für die zwei Jahre, die er hier zubringen ſoll, ehe er ſeine Rechtsſtudien in Paris nnt „zu uns berief, Pflichten gegen ihn auß⸗ erlegt. Er muß ſeinen Unterricht vervollſtändigen; wid⸗ mete er ſich allein der Arbeit, ſo würde er weniger Ge⸗ ſchmack daran finden; wir werden alſo mit einander arbeiten; was ich ein wenig vergeſſen habe, lerne ich wieder mit ihm; ſeine glücklichen Erfolge werden mir dann doppelt theuer ſein, da ſie ein wenig mein Werk ſind. Gerard hat meine Pläne gebilligt, und wir wer⸗ den Beide ebenſo viel Vergnügen als Intereſſe bei dieſer Beſchäftigung haben.“ Frau von Morville und Alphonſine ſpendeten die⸗ ſem Plan, der ihnen für längere Zeit die Gegenwart eines Sohnes und eines Bruders ſicherte, von Herzen Beifall. Herr von Morville fuhr fort: * 183 „Doch ich werde nicht allein für meine Aufgabe ge⸗ nügen; ich kann Gerard bei ſeiner claſſiſchen Lectüre leiten, ich kann ſogar meine mathematiſchen Kenntniſſe von Saint⸗Cyr wieder heraufbeſchwören; aber ich habe nie etwas Anderes, als das geometriſche Zeichnen ſtudirt: nicht zu dieſem Studium neigt ſich Gerard durch ſeinen Geſchmack; er hat mir ſogar geſtanden, er fühle Luſt in ſich zur Malerei. Sie ſehen alſo, Miß Mary,“ ſprach Herr von Morville, indem er ſich unmittelbar an die Erzieherin wandte, „Sie müſſen uns zu Hülfe kommen. Erlauben Sie Gerard, den Lectionen ſeiner Schweſter beizuwohnen, Ihren vortrefflichen Rath zu benützen; das wird nur der geringſte von den Dienſten ſein, für die wir Ihnen ſo ſehr verbunden ſind, doch er wird, wenn es möglich iſt, unſere Dankbarkeit noch vermehren.“ MWiß Mary pflichtete dieſem Plau durch ein bejahen⸗ des Nicken mit dem Kopfe bei. Entzückt über dieſen Gedanken, fortan ihren Bruder als Wetteiferer und Ar⸗ zu haben, ſagte Alphonſine, die Unermüd⸗ iche: „Das iſt noch nicht Alles, es fehlt noch ein Artikel vei dem Vertrag, den der Vater und der Sohn mit einander abgeſchloſſen haben“ „Und wie heißt dieſer Artikel?“ „Herr Gerard wird gleichfalls der Geſangslection von Fräulein Alphonſine beiwohnen und ſei es, um ſie im Accompagniren zu üben, ſei es, um ſie bei den Duetten und Terzetten zu unterſtützen, zu ihrer Ver⸗ fügung die Barytonſtimme ſtellen, welcher er ſich ſeit einiger Zeit zu erfreuen das Vergnügen hat.“ Bedarf es der Erwähnung, daß ſich Miß Mary mit ihrer gewöhnlichen vorkommenheit dem Wunſche von Alphonſine fügte? Die Pläne, die m entworfen, wurden pünktlich befolgt; man zog daraus allen wünſchenswerthen Nutzen, die Familie lebte in einer vollkommenen Eintracht; Frau — — 184 von Morville ſchien auf ihre Eiferſuchtskriſen ganz und gar verzichtet zu haben; ſie hatte ſogar die ie deren vortrefflichen Geiſt und ſeltenen geſunden Verſtand ſie immer mehr ſchätzte, gebeten, Gerard, deſſen Laune ſich zuweilen ungleich, verdrießlich und ſchweigſam zeigte, einigen guten Rath zu geben; ſie hatte ſie beſchworen, von der Herrſchaft Gebrauch zu machen, welche die Er⸗ zieherin von Tag zu Tag mehr über den Sohn von Frau von Morville zu gewinnen ſchien. Es ließ ſich in der That nichts Eifrigeres, nichts Gelehrigeres denken, als Gerard in ſeinen Beziehungen zu Miß Mary; ſeine Fortſchritte in der Muſik, im Zeich⸗ nen waren ebenſo raſch, ebenſo merkwürdig, als es die ſeiner Schweſter geweſen. Die Künſte, ſagte er, haben wirklich mehr Reiz für ihn, als die literariſchen und claſſiſchen Arbeiten, mit denen er ſich mit ſeinem Vater beſchäftige. Machte ihm aber Miß Mary, wenn ſie mit Gerard und Alphonſine ſpazieren ging, denn er war bei allen Erholungen, bemerkbar, er müßte durch größere An⸗ ſtrengung die Bemühungen ſeines Vaters für ſeinen Unterricht anerkennen, ſo verſprach Gerard eine aus⸗ nahmsweiſe Woche nur für elaſſiſche Studien, und er hielt Wort; doch unter der Bedingung, daß ſich die Stunde der Lection im Zeichnen verlängerte und daß ihn Miß Mary ein Solo oder irgend ein Stück, deſſen En⸗ ſemble er gefährdete, ſtudiren ließe. Unter den glücklichen Veränderungen im Charakter von Gerard hatte ſeine Familie ohne Bangigkeit be⸗ merkt, daß er von ſtürmiſch und hitzig ruhig und träu⸗ meriſch geworden war. 3 einem poetiſchen Verſuch gegaten, von dem der Autor Miß Mary Mittheilung gemacht hatte. Die Form war virgiliſch, eine Elegie im Dialog; weniger ſchäferartig, als ſein claſſiſches Muſter, aber etwas mehr verliebt. Miß Marh verwarf ſich als Richterin und forderte ſo⸗ Dieſe Träumerei war insgeheim, bis zu 185 gleich den Autor auf, dieſen erſten Verſuch ſeinem Vater mitzutheilen, deſſen vortrefliche Meinung er erwarten müſſe. Da Gerard der Erzieherin die Meinung von Herrn von Morville nicht mittheilte, ſo war nicht mehr die Rede von Elegien. Der junge Dichter verſuchte in⸗ deſſen auch noch eine Romanze, zu der er die Muſit romponirte. Auf ſeine Bitte ſang Miß Mary die Me⸗ lodie, ohne die Worte zu ſprechen, und verheſſerte ihm mit großer Sorgfalt die Harmoniefehler. Gerard war noch weniger glücklich in ſeiner erſten Zeichnung nach der Natur. Eines Tags glaubte die Erzieherin zu bemerken, daß Gerard, welcher während der Lection ſei⸗ nen Platz ſeiner Schweſter gegenüber hatte, von der er durch einen breiten Tiſch getrennt war, worauf der Fuß der Modelle ruhte, ſehr häufig die Augen nach der Seite wandte, wo ſie, Miß Mary, gewöhnlich bei Alphonſine ſaß; der Stift des jungen Künſtlers ſchien dann auf einem kleineren, am oberen Ende des Carton liegenden Papier L. laufen; der Zufall wollte, daß Miß Mary, als ſie Gerard ſeine Zeichnung nach einigen Bemerkun⸗ gen zurückgab, den arton fallen ließ. Beim Fallen öffnete er ſich, und alle Papiere, die er enthielt, flogen auf den Boden. Alphonſine beeilte ſich, ſie aufzuheben, ehe Gerard ſeinen Platz hatte verlaſſen können; er wollte eines an ſich reißen, das ſeine Schweſter in der Hand hielt und lächelnd betrachtete, als dieſe, dem Griffe der Hand Bruders ausweichend, freudig und lachend ausrief: „Oh! Miß Mary, Ihr Portrait!“ . „Gib doch, Alphonſine,“ ſagte Gerard, bis über die Ohren erröthendz „gib mir doch dieſes Papier zurück Du biſt unerträglich!“ Die Reclamatione von Gerard kamen zu ſpät; ſchon war die Zeichnung unter den Angen der Erzieherin, und dieſe nahm das Recht, zu unterſuchen, ob ihr Zög⸗ ling ihr Ehre machte, in Anſpruch. „Es iſt etwas daran .. obgleich er nicht geſchmei⸗ 186 chelt hat,“ ſagte Alphonfine, welche über die Schulter ihrer Lehrerin ſchaute, während Gerard ſtumm vor Ver⸗ wirrung an ſeinen Platz zurückgekehrt war. „Bas Ganze iſt ziemlich gut,“ erwiederte Miß Marh lächelnd, „aber die Einzelheiten ſind nicht ge⸗ nügend feſtgeſtellt.“ Und indem ſie ſo ſprach, ſchien die Erzieherin, ſich ihres Stifts bedienend, kräſtiger die Umriſſe und die Flächen des Geſichts hervorzuheben. Beim erſten ſchrie Alphonſine laut auf, aber Miß Mary wandte ſi mit einem boshaften Blinzeln der Augen gegen ſie um und ſagte: „Liebe Alphonſine, werden Sie mir nicht erlauben, an der Skizze von Herrn Gerard die Verbeſſerungen vorzunehmen, zu denen ich doppelt berechtigt bin, einmal als Modell und ſodann beſonders als Zeichenmeiſterin.“ Während ſie ſo ſprach, hatten ſich der Kopfputz des Portraits und das Portrait ſelbſt unter dem leichten Stifte von Miß Mary verwandelt. Alphonſine hielt eine Hand auf ihren Mund, um eine furchtbare Lachluſt zu unterdrücken; ſtumm und troſtlos, wagte es ihr Bruder nicht, die Augen aufzuſchlagen. Das von Miß Mary uͤnternommene Werk der Ver⸗ wandlung war vollendet. „Das iſt von einer wunderbaren Aehnlichkeit!“ rief Alphonſine; „es iſt ganz ausgezeichnet!“ Und ſie ergriff das Papier, legte es ihrem Bruder unter die Augen und rief ihm in's Ohr: „Pivoletſ es iſt eine wahre Pivolet! eine herrliche Pivolet! aus dem Leben gegriffen. Schau', wie maje⸗ ſtätiſch ſie iſt! Sie ſieht aus, als ſänne ſie über eine neue Erfindung nach. Das iſt köſtlich!“ Dann nahm ſie die Skizze weg, von der Gerard mit einer ſchmerzlichen Verwirrung die Augen abgewandt hatte, und lief hinaus. . Als die Lection beendigt war, brachte Miß Mary die Cartons in Ordnung, ehe ſie das Studiencabinet 187 verließ. Erſtaunt über das Stillſchweigen und die Un⸗ beweglichkeit von Gerard wandte ſie ſich um: der arme Schuldige war nicht von ſeinem Platze aufgeſtanden; große Thränen liefen über ſeine Wangenz er ſchien ſo gedemüthigt, ſo troſtlos, daß Miß Marh die unſchuldige Vosheit, die ſie ſich erlaubt, bereute; ſie ſagte auch zu dem Bruder ihres Zöglings voll Freundlichkeit und Güte, indem ſie ihm herzlich die Hand reichte „Herr Gerard, ſchließen wir Frieden. Ich verſpreche Ihnen, meinen ſchlimmen Streich dadurch zu ſühnen, daß ich von morgen an dem Portrait Ihrer Frau Mutter arbeite, welches ich Ihnen als Seitenſtück zu dem von Alphonſine anbieten werde. Um dieſen Preis ver⸗ zeihen Sie mir vielleicht, daß ich einen Augenblick die Züge von Frau Pivolet angenommen habe.“ Oh Miß Mary, rief Gerard, die reizende Hand ergreifend, die ihm die Erzieherin ſchweſterlich reichte, „oh! Miß Mary, welche Güte! Wenn Sie wüßten, dieſes Portrait, das ich von Ihnen gemacht habe „ich habe unwillkürlich . 6 „Wie, Herr Gerard!“ verſetzte lachend das Mädchen, „Sie haben unwillfürlich mein Portrait gemacht? ich geſtehe, das mildert ein wenig Ihren Fehler. Ich ver⸗ ſpreche auch, Ihnen diesmal keine ſchlechte Note zu geben,“ fügte Miß Mary mit großem Ernſte bei. Und ſie verließ das Studienzimmer, in welchem Gerard allein zurückblieb. „Ah!“ rief er in Verzweiflung, „ich werde für ſie nie etwas Anderes ſein, als ein Schüler! Mein Gott! mein Gott! wie gern möchte ich ſterben.“ Alphonſine, welche die in Pivolet verwandelte Skizze mitgenommen, traf bald die Beſchließerin in der Weiß⸗ zeugkammer. „Sieh, ſchau' und bewundere,“ ſagte ſie zu ihrer Amme, „ich hoffe, Du biſt zufrieden?“ „Wahrhaftig, Sie haben das gezeichnet, Fräulein Alphonſine 2“ verſetzte die Pivolet, wohlgefällig ihr Bild 188 anlächelnd. „Man iſt ein ſchlechter Richter von ſich ſelbſt, doch das ſcheint mir ſehr ähnlich.“ „Du ſetzeſt bei mir ein Talent voraus, das ich noch nicht habe.“ „Es iſt alſo Herr Gerard, der das Portrait gemacht hat?“ fragte die Beſchließerin. „Der Grund iſt von ihm, wenn Du willſt,“ erwie⸗ derte Alphonſine. „Doch die vortreffliche Hand, die dieſem Portrait die Aehnlichkeit, das Leben gegeben hat, iſt die Hand von Miß Mary.“ „Wahrhaftig! ſie hat die Gewogenheit, das Portrait einer armen Frau meiner Art zu machen?“ verſetzte Frau Pivolet mit einer heuchleriſchen Demuth; „das iſt ein Beweis von einem guten Herzen, und da die guten Handlungen früher oder ſpäter belohnt werden .. Nun, genug!. Geduld, wer es erlebt, wird ſehen.“ „Wie? was wird man ſehen? Du haſt nur noch dieſes Wort im Munde.“ „Mein Fräulein, ich kann Ihnen nicht mehr hierüber ſagen. Man würde mich als Kartenſchlägerin behandeln. Erinnern Sie ſich, wie mich Ihr Vater angeſchnauzt hat, weil ich behauptete, die Aerzte werden die Frau des alten Schäfers, Sie wiſſen, die Mutter Chenot, nicht heilen ?“ „Ja, die Mutter Chenot,“ verſetzte lachend Alphon⸗ ſine; „nicht wahr, man hatte ſie behert?“ „Auf eine ſo entſetzliche Art, mein Fräulein, daß das, was ich vorherſagte, geſchehen iſt: die Beſuche des Arztes haben nichts die Mutter Chenot iſt immer noch an ihr Bekt gefeſſelt.“ „Aus einem ganz einfachen Grunde: die Heilung muß ohne Zweifel ſehr langſam gehen.“ 5 „Gut! gut!“ „Du glaubſt alſo beharrlich, meine arme Pivolet, man habe die Frau des alten Schäfers behext? Wie kann man in Deinem Alter ſolche Mährchen glauben.“ „In meinem Alter weiß man viele Dinge.“ 189 „Aber Du Tolle, weißt Du denn nur, was eine Beherung iſt? Und dann, wer ſoll dieſes arme Weib behert haben?“ „Wer?“ „Ja.“ „Sie fragen mich, wer die arme Mutter Chenot behert habe?“ „Ja, ſprich.“ „Eine böswillige, teufliſche Perſon, wie alle Per⸗ ſind, welche arme Leute beheren. Darüber lachen ie 20 „Oh! von ganzem Herzen.“ „Genug, ich verſtehe mich; wer es erlebt, wird ſehen.“ * „Pivolet, ich erkenne Dich nicht mehr; Du wirſt von einer entſetzlichen Zurückhaltung und Weisheit,“ ſprach lachend das Vunge Mädchen. „Du biſt nun troſtlos geizig in Betreff der herrlichen Erfindungen, mit denen Du ſonſt ſo verſchwenderiſch warſt. Du verſetzeſt uns nicht mehr in jenes koſtbare Erſtaunen, das uns ſo ſehr beluſtigte. Du biſt ſeit einiger Zeit ſchweigſam wie ein wahrer Verſchwörer.“ „Geduld, mein Fräulein, wer es erlebt, wird ſehen. Ich behalte dieſes Portrait von Miß Mary, es wird mich an ſie erinnern,“ fügte die Beſchließerin mit einem ſeltſamen Lächeln beiz „es wird mich verhindern, ſie zn vergeſſen. Ich will ſie mit vier Nadeln auf die Tapete meines Zimmers nageln.“ „Wie2“ verſetzte Alphonſine mit einem ſchallenden Gelächter, „Du willſt meine arme Miß Mary mit vier Radeln annageln 2“ „Sie haben Recht, mein Fräulein, es iſt nicht genug an vier Nadeln, es müßten hundert, es müßten iauſend ſein, und man müßte ſie bis an den Kopf ein⸗ ſchlagen.“ 4 „Vortrefflich!“ ſagte Alphonſine, deren Heiterkeit 190 ſich immer mehr ſteigerte, „daran erkenne ich meine Pivolet von einſt.“ „Wer es erlebt, wird ſehen,“ brummte die Be⸗ ſchließerin, den Kopf ſchüttelnd. Die Erſcheinung von Miß Mary, welche ihren Zögling ſuchte, unterbrach das Geſpräch von Alphonſine und Frau Pivolet; als die zwei Mädchen wieder weg⸗ gegangen waren, murmelte die Beſchließerin mit einer tief zornigen Miene: „Ja, ja, ſchöne Engländerin! nicht allein Dein Portrait durchbohre ich mit Nadelſtichen, ſondern auch Dich ſelbſt! Du biſt zu ſtolz, um auszuſehen, als fühl⸗ teſt Du ſie, dieſe Nadelſtiche, und auch zu ſtolz, um Dich je darüber zu beklagen, was mir geht wie ein Handſchuh. Vor Allem habe ich Dich gezwungen, Dich ſelbſt zu bedienen, indem ich Thereſe dazu abrichtete, daß ſie Dir ihren Dienſt unerträglich machte. .. Nadel⸗ ſtiche! Du liebſt es, Morgens Deine Taſſe Thee zu nehmen: bald lege ich keinen Zucker in Deine Zucker⸗ büchſe, bald ſtecke ich kleine Stückchen Koth in Deine Theebüchſe. Nadelſtiche! Die Betttücher, die ich Dir gebe, mache ich gefliſſentlich ſehr feucht, und ich verleihe ihnen einen ſehr ſchlechten Geruch, indem ich ſie am Abend mit einem leicht mit Geſchirrwaſſer getränkten Schwamm überfahre! Jacques iſt beauftragt, Deine Stiefelchen u wichſen; er bringt ſie mir von Zeit zu Zeit, wenn e neu ſind, und ich mache daran bei der Sohle einen kleinen Ritz mit einem ſehr ſchneidenden Feuerſtein: das ahmt den Schnitt eines Kieſelſteins nach, und da Du zu ſtolz biſt, um geflickte Stiefelchen zu tragen, ſo richte ich Dich in Lederwerk zu Grunde, ſchöne Engländerin, inſofern Du Dich von Deinem Lohne unterhalten mußt. Du haſt noch im vorigen Monat drei Paare Stiefelchen gebraucht. Nadelſtiche! Nadelſtiche! Du biſt ganz artig geputzt, haſt aber, obgleich Du Dir das Anſehen einer Herzogin gibſt, ſo wenig Weißzeug, daß man genöthigt iſt, für Dich jede Woche im Hauſe zu waſchen. Ich 194 habe mich mit Marianne verſtändigt, vaß ſie bei Deiner Wäſche Javelle⸗Waſſer nimmt, wodurch Dein Weißzeug vald wie Zunder wird, ſo ſehr verbrennt es dieſes Waſſer⸗ Wonach es Marianne ganz artig auf dornige Hecken ausbreitet, um es trocknen zu laſſen. Sie gibt es Dir auch durchbrochen geſtickt zurück . Nadelſtiche! Eine Folge hievon iſt, daß Du Dir in der vorigen Woche Leinwand, um Dir ein Dutzend neue Hemden zu machen, kaufen mußteſt, und aus Geiz haſt Du ſie während Deiner Nächte ſelbſt. geſchnitten und genäht. Ich habe es wohl an Deinen Kerzen geſehen und darum auch Jacques geſagt, er ſolle ein paar Tage keine mehr in Deine Leuchter ſtecken. Das hat Dich quälen müſſen.. Nadelſtiche! Vorgeſtern hat er Dir endlich wieder auf⸗ geſteckt, aber wir ſind beſorgt geweſen, die Döchte in das Waſſer zu tauchen, ehe Du ſchlafen gegangen biſt. Das wird abermals eine verlorene Nacht für Dich geweſen ſein. .. Nadelſtiche! Und was das Eſſen betrifft, da ineife ich Dich auch! Mein Freund Julien, der Haus⸗ hofmeiſter, bedient Dich, und er gibt Dir immer nur die ſchlechteſten Stücke von den Gerichten, die Du nicht liebſt, und er vergißt immer, Dir von den Schüſſeln zu ſerviren, die Du liebſt.. So der Plumpudding, zum Beiſpiel, dieſe Speiſe Deiner Heimath, welche unſere Herrſchaft, um Dir zu ſchmeicheln, in der Küche zu be⸗ ſtellen die Gemeinheit begangen hat, Du bekommſt, wenn er viermal auf die Tafel gebracht wird, nicht einmal von dieſem engliſchen Ragout, und bemerken zufällig der Herr, oder die Frau, oder das Fräulein, daß Du nicht bedient biſt, und man ſagt zu Dir: „„Wie, Miß Mary, Sie eſſen keinen Pudding?““ ſo antworteſt Du eher, als daß Du äußern würdeſt, man habe Dich ver⸗ geſſen, mit Deinem verteufelten Hochmuth: „„Ich danke Ihnen, ich habe keinen Hunger“ Doch im Grunde wütheſt Du vor Lüſternheit.. Nadelſtiche! Nadelſtiche! So iſt es, wenn man die Prinzeſſin gegen die Dienſt⸗ boten ſpieit und ſie durch Trinkgelder demüthigt⸗ welche Almoſen gleichen! Haſt Du nicht die Frechheit gehabt, ihnen jedem fünf Franken für ihr Neujahr zu geben, während die gutmüthige Mile. Lagrange zehn Franken gab und ſehr vertraulich war. Das hat es indeſſen nicht verhindert, daß man ihr auch viel Schabernak ſpielte, weil wir dieſe Amphibien von Erzieherinnen nicht lieben, welche weder Fiſch, noch Fleiſch, weder Herren, noch Diener ſind und uns durch ihre Stellung verachten; aber das, was die Lagrange auszuſtehen hatte, waren Roſen gegen das, was Du ausſtehſt, und was Du aus⸗ ſtehſt, werden nur Roſen ſein gegen das, was Deiner harrt . Doch der Tag iſt noch nicht gekommen; ich weiß, was ich weiß; ich habe ein gutes Auge und ein gutes Ohr . nichts entgeht mir. Geduld! Geduld! die Sache iſt noch nicht diß⸗ und ich kann mich nicht vor die Thüre ſetzen laſſen . . Doch genug! . . Wer es erlebt, wird ſehen.“ Frau Pivolet, indem ſie dieſen Rückblick auf die Vergangenheit warf, übertrieb nicht. Wiß Mary war ſeit ihrem Aufenthalte im Schloſſe Morville dieſen tauſend kleinen Plackereien ausgeſetzt geweſen, über welche ſie geſchwiegen, ſowohl aus Würde, als aus Mitleid mit den Dienern, deren Entlaſſung aus dem Hauſe ein Wort von ihr auf der Stelle hätte herbei⸗ führen können. Die einzigen Verfolgungen, von denen ſie ſchmerzlich ergriffen geweſen, waten diejenigen, welche ſie zu fortwährenden Ausgaben für ihren Unter⸗ halt nöthigten, denn um die durch die Bosheit ver⸗ lorenen vder verſchlechterten Gegenſtände zu erſetzen⸗ mußte ſie von ihrem Gehalt nehmen, den ſie gewiſſen⸗ haft für ihre Familie auf die Seite legte. Das Herz blutete ihr, wenn ſie bedachte, daß dieſe Ausgaben die ſchon beinahe ungenügende Summe, welche ſie jeden Monat ihrem Valer ſchickte, ſchmälerten. Nie indeſſen hatte Miß Mary, aus Furcht, ſie über ihr Schickſal zu betrüben, die Ihrigen oder Henry Douglas von den fortwährenden Feindſeligkeiten, deren Gegenſtand ſie im 193 Schloſſe Morville von Seiten der Leute des Haufes war, in Kennitniß geſetzt. Oft, ſehr oft während der Nacht hatte ſie bittere Thränen verſchluckt, aber in Gegenwart von Herrn und Frau von Morville zeigte ſie immer ein freundliches, zufriedenes Geſicht. So ging der erſte Theil der Prophezeiungen von Henry Douglas in Erfüllung. Die Zukunft ſollte beweiſen, daß der Bräutigam von Miß Mary alle die grauſamen Prüfungen vorher⸗ ſeſehen, denen die junge Erzieherin unterworfen zu ſein eſtimmt war. XVI. Gegen den n des September, ungefähr drei Monate nach dem im Schloſſe Morville gegebenen Feſte, ſollte bei Frau von Noirfeuille eine große Jagderöffnung, gefolgt von einem Ball, ſtattfinden. Frau von Mor⸗ ville war mit ihrer ganzen Familie eingeladen worden, ſowie auch Miß Mary, dieſe Perle der Erzieherinnen, dieſe reizende Virtuofin, die man zu beſitzen hoffte. Miß Maryh nahm die Einladung aus zwei Gründen nicht an: einmal, um nicht die mütterliche Eiferſucht von Frau von Morville zu erregen, die ſich ſo grauſam verletzt durch den Surceß ihrer Erzieherin hei dem Concerte gezeigt, wo dieſe nothgedrungen ſich hatte . 2 laſſen; ſodann, weil ſeit einiger Zeit ihre Ge⸗ undheit geſtört war. So ſehr Miß Mary die hinter⸗ hältiſchen Bosheiten verachtete, deren Gegenſtand ſie un⸗ abläſſig war, ſo groß auch ihre Selbſtbeherrſchung ſein mochte, dieſe jaußn Nadelſtiche, wie Frau Pivolet ſagte, wurden am Ende eine ſchmerzliche Wunde für die arme Fremde. Zu dieſen peinlichen Empfindungen ge⸗ ſellte ſich das Heimweh. Ohne ſich von dieſem Ein⸗ druck Rechenſchaft zu geben, kam es ihr ſodann vor⸗ Miß Mary. 13 wenn man ſich ſo ausdrücken darf, als verdichtete ſich von Tag zu Tag die Atmoſphäre um ſie her. Sie fühlte ſich beengt, gepreßt; ihr Inſtinet ſagte ihr, ihre Stellung in dieſem Hauſe werde eine falſche. Nie hatte indeſſen Herr von Morville ein Wort an ſie gerichtet, das von der ehrerbietigſten Wohlanſtändigkeit abwich, und ſie konnte die tolle Leidenſchaft nicht ahnen, welche der Vater von Alphonſine mit ſo viel Sorgfalt und Selbſt⸗ beherrſchung verhehlte. Hellſehender in Beziehung auf Gerard, hatte Miß Mary, ohne darüber zu ſehr in Be⸗ wegung zu gerathen, und beinahe, indem ſie ſich dazu Glück wünſchte, den günſtigen Einfluß wahrgenommen, den ſie auf den Bruder von Alphonſine ausübte, denn aus dieſem Einfluß hatte ſie bis jetzt einen vortrefflichen Nutzen zu ziehen gewußt. Einmal hatte ſich Gerard, um den Beifall von Miß Mary zu verdienen, in ſeinen Studien vervollkommnet, dann hatte er ſich unmerklich u jenen höflichen und zuvorkommenden Manieren, zu jenen Zartheiten der Lebensart geformt, die man ſich nicht mehr abgewöhnt, wenn man ſie am Eingang ſeiner Laufbahn angenommen hat. Ohne entfernt zu glauben, ſie habe dieſem Züngling, Liebe eingeflößt, die Lehrerin an ſich gewiſſer Maßen verlegen in ihrem Ver⸗ hältniß zu ihm zu fühlen; ſie ſah ſich genöthigt, ihn weniger als Kind zu behandeln. Mit einem Wort, hätte ſie ſich nicht in der gebieteriſchen Nothwendigkeit befun⸗ den, ihre Stelle zu behalten, um ihre Familie zu unter⸗ ſtützen, Miß Mary würde dieſes Haus, nicht ohne ein lebhaftes Bedauern, ſich von Alphonſine zu trennen, ver⸗ laſſen haben. Dieſe Unruhe, dieſe unbeſtimmten, aber peinlichen Befürchtungen ſtörten am Ende, verbunden mit den von uns aufgezählten Urſachen, die Geſundheit der Erzieherin. Doch ſ bewahrte muthig das Geheim⸗ niß ihrer Leiden. Sie geſtand nur eine leichte Unpäß⸗ lichkeit, ein genügender Grund, um ihre Weigerung, die Einladung von Frau von Noirfeuille anzunehmen, zu entſchuldigen. 195 Herr von Morville ſchützte ſeinerſeits ſeine geregelten Gewohnheiten, welche für ſeine Geſundheit ſo nothwen⸗ dig, vor; überdies jagte er ſeit langer Zeit nicht mehr. Was Gerard betrifft, ſo wollte er, als angehender Nim⸗ rod, wie er ſagte, ſtatt ſich in einer Menge vollendeter Schützen zu verlieren, die ihm ſeinen Ruhm und ſein Vergnügen rauben würden, lieber ohne Gepränge mit einem von den Aufſehern ſeines Vaters die Jagd auf dem Grunde von Morville eröffnen, auf dieſe Art ſicher, nicht ein Gegenſtand des Geſpöttes zu ſein, den Rath eines erfahrenen Jägers zu haben und Wildpret nach Hauſe zu bringen. Pire war wenigſtens der im Ganzen wahrſcheinliche Grund, den Gerard angab, um ſeine Mutter und ſeine Schweſter nicht zu begleiten. Es wurde alſo verabredet, daß Frau von Morville und Alphonſine allein zu Frau von Noirfeuille gehen ſollten. Herr von Morville, Gerard und Miß Mary würden während der zehn Tage, welche die Feſte der Jagderöffnung dauern ſollten, im Schloſſe bleiben. Wir werden ſpäter ſagen, wie dieſe Feſte auch als Vorwand für ein gewiſſes, ſeit langer Zeit insgeheim von Herrn und Frau von Morville vorbereitetes, Zuſammentreffen dienen ſollten. Alphonſine machte bei dieſer Gelegenheit ihren Ein⸗ tritt in die Welt; ſie verlangte hiebei Rath von ihrer Mutter, von Miß Mary, und vierzehn Tage voraus träumte ſie von den Vergnügungen, die ſie erwarteten. Eiines betrübte indeſſen das liebe Kind: Miß Mary ſchien leidend, ihre Bläſſe, die Abnahme ihrer Kräfte, die ſie trotz ihres Muthes nicht verbergen konnte, beun⸗ ruhigten die Familie Morville; doch die Erzieherin ver⸗ ſicherte, ihre Unpäßlichkeit ſei nur ſehr leicht. Die Ab⸗ weſenheit von Alphonſine, fügte die Erzieherin bei, werde ihr erlauben, acht Tage Ferien zu nehmen, und dieſe völlig ungeſtörte Ruhe werde ihre Geſundheit wieder⸗ herſtellen. Nachdem ſie zärtlich Miß Mary 1 reiſte 196 Alphonſine mit ihrer Mutter ab; von dieſem Augen⸗ blick an ging die Erzieherin nicht mehr aus ihrem Zim⸗ mer. Jeden Morgen und mehrere Male im Tage ließ ſich Herr von Morville nach ihrer Geſundheit erkundigen, und obgleich ſich Miß Mary wiederholt geweigert hatte, den Rath eines Arztes zu hören, willigte ſie doch am Ende ein, denjenigen zu empfangen, welchen ihr Herr von Morville ſchickte. “ „Miß Mary,“ ſagte der Doetor, „hat, ohne ernſtlich krank zu ſein, voch ein ſehr ſtarkes Fieber. Dieſes Fieber iſt beunruhigend, beſonders als Symptom, da mehrere gefährliche Krankheiten auf dieſe Artt anfangen. Wenn aber das Fieber aufhört, wird die Unpäßlichkeit keine Folgen haben.“ Gerard, der nur durch ſeinen Vater Kunde von der Erzieherin erhielt, benützte den Vorwand der Abweſen⸗ heit, den ihm ſein angeblicher Geſchmack für die Jagd bot. Er ging am Morgen weg, kam erſt am Abend zurück, wollte von Niemand begleitet ſein und entſchul⸗ digte ſich mit ſeiner Ungeſchicklichkeit, wenn er immer wieder mit leerer Jagdtaſche zurückkam. Das Mahl ging ſchweigſam und traurig zwiſchen Herrn von Mor⸗ ville und ſeinem Sohne vorüber; ſorgenvoll, beklommen, ſchienen Beide bange zu haben, ſich gegenſeitig über die urſache dieſer Beklommenheit zu befragen, welche doch weder dem Einen, noch dem Andern entgehen konnte. Der Bericht des Arztes über die Geſundheit von Miß Mary trug allein die Koſten der Unterhaltung. Wenn das Mahl vorüber war, ſagte Gerard, er ſei ermüdet von der Strapaze des Tages, und Herr von Morville begab ſich in ſein Zimmer. So folgten ſich die Tage. Die Geſundheit von Miß Mary fing an ernſtliche Beſorgniſſe bei dem Arzt zu erregen. Er ſprach von der Möglichkeit eines typhus⸗ artigen Fiebers. Die Erzieherin ſchrieb von ihrem Betite aus Herrn von Morpille und bat ihn, ſeine Frau nicht von der Bedeutung ihrer Unpäßlichteit in Kenntniß zu 497 ſetzen, da ſie Alphonſine zu beunruhigen und ſo ihren Ver⸗ gnügungen Eintrag zu thun befürchte. Herr von Mor⸗ ville fügte ſich in den Wunſch von Miß Marh. Uebri⸗ gens wäre ihm unter ſolchen Umſtänden die Gegenwart . Frau und ſeiner Tochter auch peinlich geweſen. Von Zeit zu Zeit ſchrieb Alphonſine an ihren Bruder, ſie ſprach dann mit einer naiven Begeiſterung von den Vergnügungen, die ſich um ſie her folgten, und entwarf ihm auch das Portrait von mehreren Gäſten des Schloſſes . Noirfeuitle. In dieſer Hinſicht ſchrieb ſie ihm ſo in einem ihrer letzten Briefe: „Unter den bei Frau von Noirfeuille eingeladenen Perſonen iſt eine beſonders, welche meiner Mutter ſehr gefallen hat, ſie kannte ſie ſchon dem Rufe nach (dieſe Perſon iſt ein Herr). Was mich die Anſicht von Mama über dieſen Herrn beinahe theilen ließ, war der Umſtand, daß ich erfahren habe, er ſei Dein Schul⸗ kamerad geweſen; doch da er fünf bis ſechs Jahre älter iſt, als Du, ſo war er bei den Großen, als Du noch bei den Kleinen warſt. Hoffe nicht, daß ich Dir ſeinen Namen ſage, denn ich bin gerade im Zuge, Ge⸗ heimniſſe zu ſpielen, ſelbſt bei dem Unbekannten, der es übrigens nicht lange für Dich ſein wird, denn meine Mutter hat ihn eingeladen, wenn er das Schloß von Frau von Noirfeuille verläßt, mit Dir einige Tage zu⸗ zubringen, damit Ihr Eure Bekanntſchaft erneuert. Man hat uns geſagt, ſeit einem Jahre ei der Unbekannte in eine finſtere Traurigkeit verſunken geweſen, aber es wird jetzt nicht mehr viel davon ſichtbar, und abgeſehen von eeiner gewiſſen Schwermuth, welche mit der geräuſchvollen Heiterkeit der anderen Perſonen contraſtirt und mir 33 durchaus nicht mißfällt, kann man ſich unmöglich liebens⸗ 1 würdiger, zuvorkommender zeigen, als dieſer Herr. Ich 3 finde auch, es war eine ſehr gute Idee von meiner Mutter, daß ſie ihn eingeladen hat, einige Zeit bei uns zuzubringen. Mein Vater wird von dieſer Einladung durch denſelben Courier, der Dir dieſen Brief bringt, * 198 unterrichtet werden; frage aber meinen Vater nicht nach dem Namen, den ich Dir verberge: er hat Befehl, Dir nichts zu ſagen und auch noch zwei andere Geheim⸗ niſſe zu verſchweigen. „Lebe wohl, Deine Neugierde möge Dich ſehr pla⸗ gen; das iſt ein Mittel, Dich unſere Rückkehr wünſchen u laſſen. In dem Brief, den ich an Miß Mary ge⸗ ſheichen habe ich vergeſſen, ihr zu ſagen, Jedermann hier beauftrage mich mit Complimenten für ſie. Ich bin ganz ſtolz darauf, und ich ſchicke ſie mit meinem Geiſte an gute und reizende Freundin, die mir die Studien ſo ſüß und die Jahre der Arbeit ſo glücklich gemacht hat. Sage ihr endlich, wie immer, daß ich ſie aus dem Grunde meines Herzens liebe.“ Herr von Morville erhieit durch denſelben Courier folgenden Brief von ſeiner Frau. „Ich hoffe, mein Freund, daß Alles nach unſeren Wünſchen gelingen wird; ich glaube, daß wir, wie ich Dir ſchon in meinem letzten Briefe geſagt habe, unſerem Entſchluß immer mehr Beifall zollen müſſen; er war klug; und im ſchlimmſten Falle, wenn nichts abge⸗ ſchloſſen würde, hätten wir die Empfindlichkeit Deines alten Freundes und ſeines Sohnes, von dem ich wahrhaft entzückt bin, geſchont. Doch, Gott ſei Dank, wir dürfen dies nicht mehr befürchten; Herr Theodor von Favrolle iſt vollkommen offenherzig geweſen, und geſtern haben wir gründlich geſprochen. Ich wiederhole Dir hier, was er mir ungefähr geſagt hat: „„Ich verberge Ihnen nicht, Madame, ich bin mehr als ein Jahr von einer tiefen Leidenſchaft beherrſcht ge⸗ weſen, von einer Leidenſchaft, welche ebenſo wahnſinnig, als ſie unglücklich und unnütz geweſen iſt, da die Perſon, die ſie mir eingeflößt, nie eiwas davon erfahren hat. Mein Vater ſprach mit mir zu jener Zeit wiederholt von Heirathsplänen: ich habe das immer zurückgewieſen, einmal, weil ich verliebt war, und dann, weil es mir 199 unwürdig eines redlichen Mannes ſchien, zu heirathen, ohne ſein Herz frei zu haben. „Mit Hülfe der Zeit und der Ueberlegung erkannte ich die Tollheit dieſer Liebe, ſie erloſch allmälig, und es bleibt mir nur noch ein außerordentlicher Ueberdruß des Junggeſellenlebens und ein glühendes Verlangen, die füßen Freuden der Familie zu koſten. Als mich mein Vater in dieſer Stimmung ſah, kam er auf ſeinen Lieb⸗ lingsplan, meine Heirath mit Fräulein von Morville, zurück. Ich nahm dieſe Hoffnung mit Freuden an, vor⸗ ausgeſetzt, ich wäre auch Fräulein von Morville genehm, wobei ich natürlich nicht zweifelte, ſie beſitze alle wün⸗ ſchenswerthen Eigenſchaften. Meine Hoffnung iſt über⸗ troffen; ich werde auch als den ſchönſten Tag meines Lebens denjenigen betrachten, wo ich die Ehre habe, in Ihre Familie einzutreten. In Einklang mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl, glaubte mein Vater, es wäre, ehe man Fräulein Alphonſine mit Ihren Plänen bekannt machte, gut, wenn ſie mich ſehen und kennen lernen würde, nicht als einen Bewerber um ihre Hand, ſondern als einen Fremden, um meine Empfindlichkeit zu ſcho⸗ nen, ſollte ich nicht das Glück haben, Ihrer Fräulein Tochter zu gefallen. Ich fühlte die ganze Zartheit die⸗ ſes Verfahrens, Madame; ich bin Ihnen innigſt dank⸗ bar dafür. Meine Einladung zu einem unſerer gemein⸗ ſchaftlichen Freunde, Herrn von Noirfeuille, war ein vor⸗ trefflicher Vorwand für dieſes Zuſammentreffen. Möchte es mir günſtig ſein!““ „Ich antwortete Herrn von Favrolle, was der Wahr⸗ heit entſprach: Alphonſine, welche ich geſchickt befragt⸗ finde ihn ganz nach ihrem Geſchmack und ſei von den Zuvorkommenheiten, die er ihr bezeigt, gerührt geweſen⸗ Die Arme, bis daher ziemlich unbekümmert um den Schnitt ihrer Kleider und um ihre Friſur, verwendet nun große Sorgfalt auf ihre Toilette. Sie beſchäftigt ſich viel mit dem, was Herr von Favrolle von ihr denkt oder ſpricht, und ihr erſter Blick iſt immer für ihn, ſo⸗ 200 bald er in den Salon eintritt. Ueberhaupt ſagen ſich Beide vollkommen zu. Dieſen Morgen noch bat mi Herr von Favrolle inſtändig, Alphonſine unſere Abſich⸗ ten mitzutheilen, indem er mich verſicherte, die Prüfung habe lange genug gedauert, und ſei er einmal von uns als Freier angenommen, ſo werde er ein wenig mehr Vertraulichkeit bei Alphonſine genießen, und er könne dann offenherzig mit ihr ſprechen. Alles dies wurde mit ſo guten Worten und mit ſo innigem Tone von ihm ausgedrückt, daß ich, trotz meines Verſprechens, mein Wort nicht zu geben, ohne mich mit Dir zu berathen, auf dem Punkte war, Herrn von Favrolle ja zu ſagen. „Ich erwarte alſo, um dieſes Ja zu ſagen, Deine Genehmigung durch den nächſten Cvurier. Ich erwarie ſie mit um ſo größerer Ungeduld, als eine gewiſſe Madame Desmazures, welche eine Tochter zu verheirathen hat, mir ihr Netz nach Herrn von Favrolle ausgeworfen zu haben ſcheint. Sie belagert ihn, ſie macht Jagd auf ihn, und da ihre Tochter ſehr hübſch und durchaus nicht ſchüchtern iſt, ſo wäre es mir lieber, wenn unſere Hei⸗ rathspläne abgeſchloſſen und öffentlich bekannt gemacht würden; das würde der Hitze von Madame Desmazures einen Zügel anlegen. „Vernimm noch einen andern Beweis, daß Herr von Favrolle Alphonſine entfernt nicht mißfällt. Du weißt, die Arme hat nie Bosheiten über irgend Jemand geſagt. Nun wird ſie bitter, wenn ſie von dieſer Ma⸗ dame Desmazures und beſonders von ihrer Tochter ſpricht, welche Herrn von Favrolle auf eine höchſt unanſtändige Weiſe anzulocken ſucht: das geht ſo weit, daß ich heute Morgen unſere liebe Tochter ganz in Thränen gefunden habe. Ich fragte ſie nach der Urſache ihres Kümmers; ſie ſchützte Migräne vor, aber ich erinnerte mich, daß geſtern Abend dieſe freche kleine Desmazures in dem Augenblick, wo man nach dem Clavier tanzen wollte, die Unverſchämtheit gehabt hatte, zu Herrn von Favrolle, der mit uns plauderte, zu fagen: 20¹ „Nun! Herr von Favrolle, Sie vergeſſen, daß ich Ihnen den erſten Contretanz bewilligt habe?““ „Dieſer arme Herr von Favrolle, dem man ſo die Piſtole auf die Bruſt ſetzte, war wohl genöthigt, die Aufforderung dieſer Unverſchämten anzunehmen, aber er ſagte leiſe zu mir: ch bitte Sie, zu glauben, Madame, daß ich, wenn ich hätte tanzen wollen, zuerſt Fräulein Alphonſine gebe⸗ ten haben wurde, mir zu erlauben, ſie zu engagiren.““ „Unſere arme Tochter war den ganzen Abend auf den Tod betrübt, denn, unter uns geſagt, ich glaube, ſie wird ſehr eiferſüchtig werden. Dieſen Morgen fand ich ſie, ich wiederhole es Dir, ganz in Thränen⸗ „Du ſiehſt, mein Freund, wir müſſen uns beeilen, einen Entſchluß zu faſſen. Die Noirfeuille dringen in mich, ihnen noch einige Tage zu gewähren. Ich ſehe nichts hiegegen einzuwenden. Du wirſt entſcheiden; doch ich geſtehe Dir, ich möchte meinen Aufenthalt hier lange ge⸗ nug ausdehnen, um Madame Desmazures vor Neid ber⸗ ſten zu machen. Sie entblödet ſich nicht, ihre freche Toch⸗ ter, welche im Stande iſt, Männer zu engagiren, denen es nicht einfällt, mit ihr tanzen zu wollen, den Leuten an den Kopf zu werfen. Wäre einmal Herr von Favrolle bei uns als Bräutigam zugelaſſen, ſo würden alle Desmazures der Welt, da ſie ſehen müßten, daß nichts für ſie zu machen iſt, wüthen. Das wäre ihre Strafe, und, bei meiner Treue, ich würde mich mit großer Wonne daran ergötzen. „Gott befohlen, mein Freund, küſſe Gerard und antworte mir umgehend. „L. von M.“ „Ich vergaß Anfangs, mich nach Miß Mary zu erkundigen, deren Unpäßlichkeit hoffentlich keine Folgen haben wird; dann habe ich Dir eine tolle Idee von Alphonſine mitzutheilen. Du weißt, daß Herr von Favrolle der Beſchützer von Miß Mary während ihrer Reiſe von Calais nach Paris geweſen iſt, und daß ſie oft von ihm mit uns in Gegenwart von Alphonſine mit 202 ebenſo viel Achtung, als Dankbarkeit geſprochen hat. Kannſt Du Dir vorſtellen, was das liebe Kind ausge⸗ dacht hat? Es hat Herrn von Favrolle verborgen, Miß Maryh ſei ſeine Erzieherin, um ſich an der Ueberraſchung von Beiden zu weiden, wenn ſie bei uns zuſammentreſ⸗ fen und ſich erkennen würden. Das iſt eine Kinderei, gegen die ich keinen Einwurf zu machen wußte; ich habe es auch auf mich genommen, Alphonſine zu verſprechen, Du und ich würden ihre Mitſchuldigen ſein. — Ah! ich vergaß noch ein anderes Geheimniß! ich habe unſerer Verabredung gemäß Herrn von Favrolle eingeladen, einige Tage bei uns zuzubringen. Alphonſine, welche weiß, daß er mit Gerard in der Schule geweſen iſt, wünſcht, Du mögeſt dieſe Einladung nicht bekannt machen, um ſich an der Ueberraſchung ihres Bruders zu ergötzen. Ich habe abermals verſprochen, Mitſchul⸗ dige zu ſein; verrathe alſo unſer Geheimniß nicht und aniworte mir beſonders raſch. Die Desmazures ſind mir unerträglich mit ihren frechen Prätentionen.“ Herr von Morville gab ſeine Einwilligung zu dem, was ſeine Frau forderte? ihr Aufenthalt bei Frau von Noirfeuille verlängerte ſich, und die beabſichtigte Heirath zwiſchen Alphonſine und Herrn von Favrolle wurde ver⸗ öffentlicht. Herr von Morville ſah auch nichts Ungeeig⸗ netes darin, daß er ſich zum Mitſchuldigen bei den zwei Ueberraſchungen machte, welche ſeine Tochter ihrer Erzie⸗ herin und Gerard bereiten wollte. Miß Mary, nachdem ſie ſchwer krank geweſen, war in voller Geneſung begriffen, als Frau von Morville, ihre Tochter und Herr von Favrolle von Frau von Noir⸗ feuille zurückkamen. Die doppelte Ueberraſchung fand ſtatt. Gerard fühlte ſich ſehr glücklich, einen alten Schul⸗ kameraden im Bräutigam ſeiner Schweſter, Herrn von Favrolle, zu erkennen, und dieſer war Jun ie als er in der Frzieherin ſeiner Braut das Mädchen erkannte, in das er ſo lange und ſo heftig verliebt geweſen war⸗ 203 XVII. Der Park von Morville war im Norden begrenzt von einem nicht breiten, aber tief eingebetteten Finß, deſſen raſch ſtrömendes Waſſer einen ziemlich hohen Fel⸗ ſen, eine Art von natürlicher Mauer beſpülte, auf der ſich ein aus mehreren Zimmern beſtehender Pavillon er⸗ hob, wo ſich die Familie Morville oft auf ganze Tage einfand, um das umfaſſende, köſtliche Panorama zu ge⸗ nießen, das man an dieſem Ort überſchaute. Um dieſe Jahreszeit bot die Landſchaft einen trau⸗ rigen, düſteren Anblick; ihres Grüns beraubt, bildeten die Bäume ſchwarze Maſſen an dem durch die Winter⸗ nebel verſchleierten Horizont. Man war in den erſten Tagen des Februars. Trotz der ſtrengeren Temperatur, empfing der ſorgfältig erwärmte Felſenpavillon zahl⸗ reiche Beſuche; doch dieſe Beſuche, ſtatt ſich mit einander dahin zu begeben, wie Leute, die ihre Vergnügungen dadurch verdoppeln, daß ſie vieſelben theilen, ſchienen ſich beinahe zu meiden, wenn ſie an dieſen ſtillen Ort kamen, der mit zwei Treppen, einer äußeren und einer inneren, verſehen war, die zu einem Belvedere führten. Herr Theodor von Favrolle ſaß ſeit einer Viertel⸗ ſtunde in der Bibliothek, welche im erſten Stocke lag; nach langem Zaudern hatte er ein Billet geſchrieben, das er in ſeiner Hand hielt; er ſtand auf, um es einem Bedienten zu übergeben, der in einem kleinen Veſtibule wartete. „Beſorgen Sie dieſen Brief,“ ſagte er, indem er auf den auf die Adreſſe geſchriebenen Namen deutete; „Sie werden mir die Antwort zurückbringen; ich erwarte ſie hier.“ Der Bediente entfernte ſich. Herr von Favrolle wandte ſich um und wollte in die Bibliothek zurückkeh⸗ un da ſah er ſich dem Bruder von Alphonſine gegen, er. 204 Gerard war nicht mehr der Schüler, der ſich das Ausſehen einer, durch das friſche Colorit ſeines Geſichtes Lügen geſtraften, armſeligen Melancholie geben wollte. Nein, in ſeinem bleichen, abgemagerten Geſichte las man ſchon die Spuren eines wahren Schmerzes; es war nichts mehr in ihm vom Kinde oder vom Schüler übrig: es war der junge Mann, der das Leben durch das Leiden einweihte. „Theodor, ich erwartete Dich,“ ſagte er zu Herrn von Favrolle. „Du erwarteteſt mich? Dich habe ich alſo ſo eben auf gehört, welche nach dem Belvedere führt?“ „Nein.“ „Ich hätte doch gewettet, Du verhehleſt Deine Auf⸗ fahrt dadurch, daß Du auf den Spitzen Deiner ſchwe⸗ ren Jagdſchuhe geheſt.“ 3 Gerard ſtreckte einen gewöhnlich beſchuhten Fuß ge⸗ gen ihn aus und ſagte: „Einer von den Leuten des Hauſes wird zum Bel⸗ vedere hinaufgeſtiegen ſein.“ »„Gleichviel,“ verſetzte Herr von Favrolle; „doch wenn Du mich erwartet haſt, ich bin ſeit einer Viertelſtunde hier: warum tratſt Du nicht ein?“ vIch hörte, daß Du Deinem Bedienten auf einen Brief zu warten befahlſt; ich wollte mit Dir allein ſein, um mit Dir zu ſprechen.“ »Teufel,“ erwiederte Herr von Favrolle mit einem ein wenig gezwungenen Lächeln, „es ſcheint, es handelt ſich um etwas Ernſtes?“ . Um etwas ſehr Ernſtes,“ antwortete Gerard mit entſchiedenem Tone. Während ſie ſo ſprachen, traten die zwei jungen Leute in die Bibliothek, das Hauptzimmer des Pavillon ein, das durch drei nach dem Lande gehende Fenſter er⸗ leuchtet war. In einer von den Ecken ſah man eine von den langen Hängematten von Lima⸗Baumwolle, in denen man durch ein ſanftes Schaukeln in heißen Sommer⸗ 205 tagen den Schlaf ſucht; an anderen Stellen ſchienen breite und tiefe Lehnſtühle zur Lecture oder zur Träu⸗ merei einzuladen. Hier verſammelte ſich in glücklicheren Tagen die Familie Morville oft, um gemeinſchaftlich ein ausgewähltes Werk zu leſen oder um ſch nach dem Spa⸗ ziergang den ſüßen Ergießungen einer vertraulichen Con⸗ verſation hinzugeben. Herr von Favrolle ſetzte ſich an einen Tiſch, auf dem ein offenes Buch lag, das er nicht geleſen hattes Gerard nahm unfern vom Bräutigam ſeiner Schwefier Platz, ſtützte ſeinen Ellenbogen auf den Tiſch, legte ſeine Stirne in ſeine Hand und ſchwieg. „Gerard,“ ſagte Herr von Faprolle, vich höre Dich.“ „Am Ende des Herbſtes,“ ſprach Gerard mit ern⸗ ſtem Ton, „haſt Du meine Mutter und meine Schweſter bei Fran von Noirfeuille getroffen; ein alter Plan Dei⸗ nes Vaters und des meinigen hat ſich theilweiſe verwirk⸗ licht; Du haſt um die Hand meiner Schweſter gebeten; ſie wurde Dir bewilligt. Bald verbreitete ſich das Ge⸗ rücht, Herr Theodor von Favrolle werde Fräulein Morville heirathen; dies, ich wiederhole es Dir, ſiel Ende des letzten Herbſtes vor.“ „Wozu dieſe Erinnerungen?“ „Höre mich weiter. Als Du mit meiner Schweſter verlobt warſt, lud Dich meine Mutter ein, einige Zeit hier zuzubringen. Du hatteſt früher auf einer Reiſe die Erzieherin von Alphonſine getroffen; aus Kinderei wollte ſich dieſe mit der Ueberraſchung beluſtigen, welche Dir das unerwartete Zuſammentreffen mit dieſer jungen Per⸗ ſon verurſachen würde. Meine ganze Familie nahm an dieſem unſchuldigen Complott Theil. Es kam der Augen⸗ blick, den meine Schweſter mit ſo großer Sorgfalt vor⸗ bereitet hatte, der Augenblick, wo ſie, herzlich lach Dich und ihre Erzieherin beim Frühſtück einander ſtellte. Die Veränderung, welche in Deinen Zügen ging, war tief und plötzlich.“ 5 206 „Du beobachteteſt mich alſo ſehr aufmerkſam?“ ſagte Herr von Favrolle mit Bitterkeit. Dieſe Frage ſchien Gerard einen Augenblick verlegen ſu ite z doch er antwortete, ohne die Augen aufzu⸗ agen: „Meine Schweſter hatte zu oft von der Ueberraſchung geſprochen, welche ſie von dieſem Zuſammentreffen er⸗ wartete, daß nicht Jeder hätte neugierig die Wirkungen dieſes doppelten Erſtaunens beobachten ſollen.“ „Da hat Jeder wahrnehmen können, mit welcher völligen Gleichgültigkeit mich Miß Mary empfing.“ „Ich ſpreche nicht von Miß Mary,“ erwiederte Gerard mit einem gewiſſen Stolze, bebend bei dem zum erſten Mal in dieſer Unterredung ausgeſprochenen Namen; „ich ſpreche von Dir, Theodor, und die Gegenwart der Erzieherin meiner Schweſter hat Dich, wie ich geſehen, in eine tiefe Verlegenheit und Unruhe verſetzt.“ „Gerard!“ ie Herr von Favrolle, „das gleicht ſehr einem Verhöre, einem Verhöre, das um ſo ſeltſamer iſt, als ich das Collége verließ, da Du Lateiniſch zu ſtammeln aufingſt; mit einem Wort, ſeit ſechs Jahren bin ich ein Mann und vor ſechs Monaten warſt Du noch ein Schüler.“ „Vor einiger Zeit hätten mich ſolche Worte ge⸗ demüthigt oder gereizt,“ verſetzte Gerard trübſinnig; „heute, ich geſtehe es Dir, habe ich das Herz voll von ſo neuen, von ſo großen Dingen, daß jede knabenhafte Eitelkeit in mir erloſchen iſt . Ja, und Du kannſt ſogar verächtlich lächeln, wie in dieſem Augenblick, ohne mich zu verletzen.“ „Gut!“ erwiederte Herr von Favrolle, betroffen durch den 3 von Gerard. „Das iſt Ernſt! ſprechen wir im rnſte. „Das thue ich ſeit dem Anfang unſerer Unterredung. Bei Deiner Ankunft in unſerer Familie herrſchten darin der Friede und das Glück; zu dieſer Stunde, welcher Unterſchied! mein Vater iſt düſter und niedergeſchlagen, 207 Alphonſine hat die Macht verloren, ihn zu zerſireuen, er duldet mich kaum, und wenn wir allein ſind, macht mich ſein Stillſchweigen eiskalt und ſtumm; meine Mutter ſcheint einem geheimen Kummer preisgegeben; meine Schweſter iſt nicht mehr zu erkennen; jeden Tag nehmen ihre Schwäche, ihre Bläſſe zu; ſie bleibt oſt in ein duſteres Stillſchweigen verſunken, dem ſie unſere Zärt⸗ lichkeit nicht zu entreißen vermag. Vergebens hat der Arzt verſichert, er ſehe nichts Beängſtigendes in dem kränk⸗ lichen Zuſtande von Alphonſine; mich beunruhigt, er⸗ ſchreckt dieſer Zuſtand.“ Herr von Faprolle unterbrach Gerard dadurch, daß er aufſtand, un die äußere Thüre des Pavillon zu öffnen, denn er hatte ein Geräuſch von Schritten gehört, die ſich näherten. Die jungen Leute ſahen in der That bald den Bedienten eintreten, dem Herr von Favrolle eine halbe Stunde vorher einen Auftrag ertheilt hatte; doch in dem Augenblick, wo er ſprechen wollte, hieß ihn ſein Herr durch einen Wink ſchweigen und ging mit ihm aus der Bibliothek, deren Thüre er zumachte. Mein Billet?“ ſagte er leiſe, indem er die Augen nach dem anſtoßenden Zimmer wandte, als wollte er ſich daß ihn Gerard nicht hören könne; „mein e Billet? Ich habe es ſelbſt übergeben.“ „Die Antwort?“ „Miß Mary wird um Mittag hier ſein.“ „Hier? in dieſem Pavillon?“ a, gnädiger Herr. Sie hat geſagt: Im Felſen⸗ vavillon.“ „Es iſt gut; nicht ein Wort von Allem dem,“ flüſterte Herr von Favrolle. Und er kehrte in die Bibliothek zurück. Als der Bediente den Pavillon verließ, ſagte ſich ſelbſt: „Frau Pivolet wird herrliche: Ah! mein Gott! ſſen, wenn ich ihr die Sache erzähle.“ 208 Herr von Favrolle fand Gerard in derſelben Stel⸗ lung wieder, in der er ihn verlaſſen; aber ſein Geſicht ſchien noch mehr angegriffen, als am Anfang der Unter⸗ redung. „Theodor,“ ſprach ver junge Mann, ohne die Augen aufzuſchlagen, „wenn ich Dich fragte, was für eine Bot⸗ ſchaft es 6, die Du vor mir zu verbergen ein ſo großes Intereſſe habeſt, wenn ich Dich dies im Namen des Slückes von uns Allen fragte, würdeſt Du mir ant⸗ worten 2“ „Nein,“ erwiederte Herr von Favrolle mit trock⸗ nem Tone. Beide ſchwiegen. Nach einem Augenblick fuhr Ge⸗ rard ruhig fort: „Vorhin ſprach ich von dem Unglück, das auf unſe⸗ rer Familie laſte, welche vor Deiner Ankunft in dieſem Hauſe ſo glücklich geweſen; ich ſprach von dem Kummer, der langſam meine Schweſter tödte.“ „Offenherzig geſtanden, Gerard,“ erwiederte Herr von el „nachdem er einige Augenblicke gezögert, „Du aſt Deinen Tag ſchlecht ſ um mir keß Geſtänd⸗ niſſe zu machen, ich will nicht ſagen, dieſe Vorwürfte, denn ſie wären albern.“ „Ich habe dieſen Tag nicht gewählt,“ erwiederte Gerard ſehr ernſt, „nein, ich habe ihn nicht gewählt; ich habe gewartet, bis das Unglück der Meinigen, ſich mit dem verbindend, was ich litt, das Maaß voll ge⸗ macht haben würde; dann habe ich mir geſagt: Es iſt Zeit! Ich habe Dich um dieſe Unterredung gebeten, und ſch erkläre Dir: Du biſt die Urſache von dem Uebel, unter dem diejeuigen, welche mir theuer ſind, heute leiden.“ 36 „Ich Du!“ Dein Vater, Deine Mutter hätten Dir ge⸗ „Sie haben mir nichts geſagt; ich liebe ſie, ich errathen.“ 205 „Du täuſcheſt Dich.“ „Ich täuſche mich nicht. Mit Deinem Vater durch eine alte Freundſchaft verbunden, wagt es mein Vater, durch Bedenklichkeiten voll Zartgefühl zurückgehalten, ebenſo wenig als meine Mutter, in Dich zu dringen, Du mögeſt endlich den Tag für eine ſchon ſo lange verab⸗ redete Heirath feſtſtellen. Sie wagen es noch weniger, zu Dir zu ſagen: Alles iſt abgebrochen! denn meine arme Schweſter liebt Dich! liebt Dich leider leivenſchaft⸗ lich. Antworte nun, iſt es ehrenhaft von Dir, daß Du beharrlich die Zeit Deiner Verehelichung mit Alphonſine unbeſtimmt verſchiebſt? Und wenn Du entſchloſſen biſt, ſie nicht zu heirathen, haſt Du das Recht, länger hier zu bleiben?“ „Stille mit dieſen Fragen,“ rief Herr von Favrollez „zwinge mich nicht, darauf zu antworten.“ „Ich will keinen Streit; das würde mich von mei⸗ nem Ziele entfernen. Ich frage Dich noch einmal, ge⸗ denkſt Du, ja oder nein, eine Heirath abzubrechen, welche Dein Vater und der meinige als feſt beſtimmt betrach⸗ ten mußten 2“ „Mein Entſchluß iſt immer derſelbe.“ „Meine Schweſter zu heirathen?“ „Ja.“ „Wann?“ „Später.“ 2 „Setze eine Zeit, einen Tag feſt.“ „Kann man, wenn Deine Schweſter ſo leidend iſt, wie Du ſelbſt ſagſt, den Hochzeittag feſtſetzen?“ „Iſt dieſer Tag bezeichnet, ſo wird ſie zur Hoffnung, zum Leben wiedergeboren werden.“ „Du biſt ein Kind.“ „Das heißt nicht antworten; Dein Zaudern tödtet meine Schweſter; dieſes Zaudern höre auf, die arme Alphonſine faſſe wieder Vertrauen zu Deinen Verſpre⸗ chungen, und ich ſage Dir, ſie wird die Geſundheit, das Glück wieder finden.“ Miß Mary. 14 2¹⁰ „Nun denn, ich werde mich mit Deinem Vater ver⸗ ſtändigen, um den Tag zu beſtimmen.“ „Gut! gehen wir auf der Stelle zu meinem Vater.“ „Nicht heute.“ „Warum nicht?“ „Weil mir das nicht beliebt.“ „Das iſt eine Ausflucht.“ „Ei, alle Teufel! eine Ausflucht, es mag ſein!“ rief Herr von Favrolle, durch die Hartnäckigkeit von Gerard auf das Aeußerſte getrieben; „glaubſt Du denn am Ende, Einer, der gerade der Schule entſprungen, werde mir ſeinen Willen auferlegen? Ich bin zu gut eweſen, daß ich Dich angehört und mit Ernſt behandelt abe! Ah! glaubſt Du, ich ſei Dein Tölpel? Meinſt Du, unter dieſem ſchönen Anſchein durchdringe ich nicht den Grund Deines Gedankens? Würdeſt Du, wenn ich zu Dir ſagte: Sieh' in mir nicht Deinen Nebenbuhler; ich denke nicht daran, Dir bei Deiner jungen Liebe hin⸗ derlich zu ſein, — würdeſt Du ſo warm die Partei Deiner⸗ Schweſter nehmen? Ah! Du ſchweigſt nun, Du er⸗ rötheſt!“ „Ich habe weder zu ſchweigen, noch zu erröthen: meine Zukunft iſt frei.“ „Und meine Freiheit, iſt ſie denn ſo ſehr verpfän⸗ det, daß ich ſie nie mehr zurücknehmen kann?“ „Du geſtehſt es endlich, Du willſt mit meiner Schwe⸗ ſter brechen 2 „Du geſtehſt es endlich, es iſt die Eiferſucht, was Dich ſo glühend dieſe Heirath wünſchen läßt ?“ „Ah! das iſt zu viel!“ rief Gerardz und er ſprang von ſeinem Stuhle auf, ſtellte ſich vor Favrolle, der au aufgeſtanden war, und fügte bei: „Herunter mit den Masten! Theodor, Du liebſt Miß Mary!“ „. „Ich liebe ſie auch.“ „Schlimm für Dich!“ 21¹¹ „Wenn zwei Männer dieſelbe Frau lieben, was ma⸗ chen ſie 2“ „Narren bringen ſich um.“ „Dann bin ich ein Narr.“ „Und ich, ich werde es.“ „Wann alſo 2“ „Heute Abend!“ Plötzlich öffnete ſich die Thüre der Bibliothek und Miß Mary erſchien.“ XVII. Die zwei jungen Leute waren ganz beſtürzt beim Anblick von Miß Mary, dieſe aber ging mit vollkomme⸗ ner Ruhe auf ſie zu, öffnete das Fenſter und ſagte: „Entſchuldigen Sie, meine Herren, Fräulein Alphon⸗ ſine hat ein paar Angenblicke hier zuzubringen gewünſcht, um dieſen ſchönen Wintertag zu genießen.“ Herr von Favrolle und Gerard wechſelten einen aus⸗ drucksvollen Blick, als wollten ſie ſich fragen, ob die Erzieherin die Herausforderung noch habe hören können, die ſie bei ihrem Eintritt in die Bibliothek gewechſelt; doch nichts bezeichnete in der Stimme oder in der Hal⸗ tung des Mädchens Unruhe oder Bangigkeit. „Herr von Favrolle,“ ſprach Miß Marh mit dem allernatürlichſten Tone, „haben Sie die Güte, mir das Canapé näher zum Fenſter ſtellen zu helfenz Fräule von Morville wünſcht in dieſem Pavillon auszuru 4 Während Herr von Favrolle Miß Mary den Dien leiſtete, den ſie von ihm forderte, i⸗ wendend, fort „Ihre Schweſter fährt in der Caleche ſtatiete das r ſchwach, mattet; Sie müßten zu ihr gehen und ſie R* 2. 212 Gerard ſchaute Herrn von Favrolle an, der ſich, ohne ein Wort zu ſagen, langſam damit beſchäftigte, daß er die Kiſſen vom Canapé von einer Stelle zur andern legte; jener zögerte, auch nur für einen Augen⸗ blick ſeinen Nebenbuhler allein mit Miß Mary zu laen⸗ Als dieſe das Zögern von Gerard bemerkte, ſagte ſie freundlich zu ihm: „Wollten Sie nicht Alphonſine Geſellſchaft leiſten ?“ Gerard lief weg, doch ohne die Thüre zuzumachen. Kaum war er außen, als Herr von Favrolle ſich raſch Miß Mary, welche Alles zum Empfang der jun⸗ gen Kranken anzuordnen fortfuhr, näherte und halblaut mit geheimnißvollem Tone zu ihr ſagte: „Ich habe Ihre Antwort erhalten, mein Fräulein; Sie werden kommen, nicht wahr 2“ „Mein Herr,“ antwortete die Erzieherin einfach, „ich verſpreche immer nur das, was ich halten will.“ „Sie werden alſo um Mittag kommen ?« „Um Mittag,“ wiederholte Miß Mary laut, wäh⸗ rend ihr feſter, reiner Blick Herrn von Favrolle die Augen niederſchlagen machte. „Mittlerweile, mein Herr, wotlen Sie mich ällein hier laſſen, da Fraulein von Mor⸗ ville ungeſäumt kommen wird.“ Erſtaunt über den eiſigen Empfang von Miß Marh, der ſeiner Anſicht nach durchaus nicht mit dem Rendez⸗ vous, das ſie ihm bewilligte, im Einklang ſtand, ver⸗ beugte ſich Herr von Favrolle und wiederholte halblaut: „um Mittag!“ In dieſem Augenblich trat Frau Pivolet, ohne Anfaſgs Herrn von Favrolle und Miß Mary, die ſich bei einem Fenſter befanden, zu ſehen, raſch ein und wandte ſich nach dper Thüre des Belvedere. Bei der Bewegung, welche Herr von Favrolle machte, um weg⸗ zugehen, drehte die Beſchließerin den Kopf um und blieb wie erſtaunt, Jemand in der Bibliothek zu finden, ſtehen. Der junge Mann war ſchon weggegangen⸗ als 213 ſie noch unbeweglich, die Erzieherin mit einer boshaften Neugierde anſchauend, daſtand. „Fräulein von Morville ſetzt ohne Zweifel ihre Spazierfahrt fort 2 fragte ſie Miß Mary. „Alphonſine,“ erwiederte Frau Pivolet mit unge⸗ ſtümem Tone, „Alphonſine weint!“ „Sie weint!“ wiederholte Miß Mary mit Beſorg⸗ niß. „Was iſt ihr denn begegnet?“ „Es begegnet ihr . daß Sie ſie lange nicht mehr weinen machen werden, verſtehen Sie!“ „ „Was wollen Sie damit ſagen, Frau Pivolet 2“ „Nun iſt es an uns Beiden!“ rief die Beſchließe⸗ rin, ohne der Erzieherin zu antworten; und ſie ging mit einer ſo drohenden Miene auf ſie zu, daß Miß Mary unwillkürlich ein paar Schritte rückwärts that, ein Vortheil, den fogleich die Beſchließerin benützte, um einen Schritt mehr vorwärts zu thun. MWiß Mary, welche bedauerte, daß ſie einer erſten Bewegung unwillkürlicher Furcht nachgegeben, ſah i ihrem Bereiche einen Tiſch, auf den ſie bei ihrem Ein⸗ tritt ihren Arbeitskorb geſtellt hatte, denn ſie gedachte ſich mit ihrer Stickerei zu beſchäftigen, während Alphon⸗ ſine auf dem Canapé ausruhen würde. Sie ſetzte ſich dann an dieſen Tiſch mit einer Kaltblütigkeit, über die ſich Frau Pivolet ſehr verwunderte, nahm ihren halb geſtickten Mouſſelineſtreifen, hob ihre Nadel an's Licht, um den Faden durchzuziehen, und ſagte zu der Be⸗ ſchließerin: „Um was handelt es ſich, Frau Pivolet?“ „ Als die Amme von Alphonſine ſchon von die Erzieherin durch eine einfache Haltung ei Scene in ein gewöhnliches Geſpräch verwandel war ſie völlig aus der Faſſung gebracht; doch de zurückgedrängte Zorn brach bald aus, und ie rief: — „Sie glauben alſo, man komme nur ſo von der Fremde, von einer Inſel, denn Sie ſind im Ganzen 2¹4 eine Inſulanerin! prägen Sie ſich das wohl in den Kopf, meine liebe Demviſelle! Sie glauben, man komme in ein Haus, wo man nie von einem hat ſprechen hören, und nehme den beſten Platz neben der Herrſchaft, bei Tiſche, im Salon, überall ein! Sie glauben, man bemächtige ſich ganz allein eines Kindes, das eine An⸗ dere geſtillt hat, wie ich es geſtillt habe, ich! und das gehe hin, ohne daß wackere Leute, welche ſeit zwanzig Jahren da ſind, ſich gedemüthigt und geärgert fühlen! Ah! nein, nein, ſchöne Inſulanerin!“ „Frau Pivolet,“ erwiederte Miß Mary mit einer unſtörbaren Ruhe, „ich bitte, wollen Sie ein wenig auf die Seite treten; Sie ſtehen am Fenſter und maskiren das Licht.“ „Wenn ich das Licht maskire,“ rief die Beſchließe⸗ rin, während ſie nichtsdeſtoweniger aus Gewohnheit Wiß Mary gehorchte und auf die Seite trat, „wenn ich das Licht maskire, ſo gibt es Inſulanerinnen, welche ihr Benehmen maskiren, welche die Zierpuppen ſpielen und, um anzufangen, denn wir ſind nicht beim Ende, und, um anzufangen, einen Liebhaber in Indien haben! He! he! das iſt bequemer, das gibt ein Anſehen und beengt beſonders diejenigen nicht, welche gern ſeine Stelle . . . die Stelle von dieſem Geliebten in Indien einnehmen möchten!“ Bei dieſer Plumpheit blieb Miß Mary unempfind⸗ lich, doch ihr Herz ſchnürte ſich ſchmerzhaft zuſammen⸗ als ſie auf dieſe Art ihr ſo reines, je edles Gefühl, den einzigen Troſt ihrer Prüfungstage, entheiligen hörte. Die Thränen traten ihr in die Augen, eine Sekunde lang hatte ſie den Gedanken, den Platz Frau Pivolet zu überlaſſen und zu Alphonſine zu gehen, doch durch ihre Würde zurückgehalten, blieb die Erzieherin im Pa⸗ villon und arbeitete an ihrer Stickerei fort, obgleich ein leichtes Zittern ihre Hand bewegte. uu ſo mehr aufgebracht über die verächtliche Ruhe von Miß Mary, je ſchwerer ſie dieſe zu verwunden ₰ 7 2¹⁵ Pyofe hatte, ſprach die Beſchließerin mit verdoppelter Bitterkeit weiter: „Da aber ein Liebhaber in Indien ein wenig fern iſt „ſo gibt es Inſulanerinnen, welche es vorziehen, mehr in der Nähe zu lieben . Da lockt man die Tochter an, man ſchmeichelt der Mutter und macht ſie S man liebe ſo ſehr das Fräulein, daß ſie ohne Hefahr das Schloß verlaſſen könne, und man iſt ſchon ſo gut mit dem Manne einverſtanden, daß man ſogleich am erſten Abend der Abweſenheit der Frau raſch, raſch in das Zimmer des gnädigen Herrn huſcht, aus wel⸗ chem man nur weggeht, weil man doch wohl das Kind, das Einen beläſtigt, zu Bette bringen muß.“ Miß Mary glaubte bis dahin allein im Beſitze des Geheimniſſes der traurigen Leidenſchaft von Herrn von Morville, einer ebenſo tiefen als zurückhaltenden Leiden⸗ ſchaft, geweſen zu ſein. Die Erzieherin war alſo pein⸗ lich ergriffen, da ſie das Geheimniß in der Gewalt der Beſchließerin ſah, welche ſogleich fortfuhr: „Bald aber ſagt man ſich: Bah, ein Vater, das iſt zühe, und dann, wozu kann das führen? Zu einem kleinen Ruhegehalt, während ein hübſcher Junge, Neu⸗ ling, wie ein Jüngferchen, das iſt ſolid, das iſt reich, das heirathet. Und nachdem man den Vater angeködert, ködert man den Sohn des Hauſes an.“ Der Schlag war zu heftig: Miß Marh ſprang aufz doch kaum ſtand ſie, als ſie ihre Beine wanken ſhhut die Kraft wollte ſie verlaſſen, elende Verleumdungen ſollten ſie unter den Augen der Tollen niederſchlagen, welche, ſchon triumphirend, mit einem höhniſchen Lächeln zu ihr ſagte: „Nun! was haben Sie denn, ſchöne Inſulanerin? man ſollte glauben, Sie befänden ſich unwohl.“ „Ich bitte, ſehen Sie nach, ob mein Knäuel Baum⸗ wolle nicht zu Boden gefallen iſt,“ erwiederte mit der ruhigſten Stimme die arme Gemarterte, welche ihre Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte. 216 Frau Pivolet gab, wie immer, ihrer Gewohnheit, zu gehorchen, nach und bückte ſich, um den Knäuel unter dem Tiſch zu ſuchen; doch ſie erhob ſich unge⸗ ſtüm wieder und ſagte, als ob ſie überlegt hätte: „Ah! ich bin ſehr dumm, vaß ich Ihnen gehorche. Bin ich Ihr Dienſtbote? Nein, nein, im Gegentheil, Sie werde ich als meine Magd behandeln, denn ich weiß alle Ihre Geheimniſſe: ſie ſind artig! Rechnen wir ein wenig, Inſulanerin: erſtens der Liebhaber in Indien, zweitens Herr von Morville, drittens der arme unſchuldige Herr Gerard, viertens denn es gibt einen viertens der Herr von Favrolle heißt, welchen Sie meiner armen Alphonfine ſtehlen zu wollen ſo kleinlich ſind. Doch, Tag Gottes! ſo wahr ich Pivolet bin! .. „Sie wagen es, ſo Luſpre en, Unglückliche!“ rief eine vor Zorn zitternde Stimme. Die Beſchließerin wandte ſich um und ſah Gerard eintreten, der ihre ſo ungeſchlacht an Miß Mary gerich⸗ teten Worte gehört hatte. Er war im Begriff, in Vor⸗ würfe auszubrechen, als mit einer würdevollen Geberde die Erzieherin den Grimm von Gerard beſchwichtigte; dann jagte ſie zu ihm: „Sie haben Ihre Schweſter verlaſſen, Herr Gerard?“ „Ja, Miß Mary; die Promenade ſcheint ſie an⸗ zugreifen, und dann iſt Alphonſine ſo ſchweigſam und traurig, daß ich nicht gern allein mit ihr bleiben möchte; in dieſem Augenblick verſtehe ich es, wie ich befürchte, nur ſchlecht, ſie zu zerſtreuen. Ich komme auch, um Sie zu bitten, Sie mögen die Güte haben, mich ju ihr zu begleiten.“ iß Mary willigte voll Eifer ein. Sie rettete ſo ihre Würde, indem ſ nicht vor den albernen Anſchul⸗ digungen von Frau Pivolet zu fliehen ſchien; ſie nahm aß⸗ den Arm von Gerard an, und, mit gebrochenem Herzen, im Geiſte gemartert bei dem Gedanken an den unheilvollen Gebrauch, den Frau Pivolet von den Ge⸗ heimniſſen, welche ſie ergründet, machen könnte, verließ 217 das arme Mädchen haſtig den Pavillon mit dem Bru⸗ der von Alphonſine. »Gehe, gehe, ſchöne Inſulanerin,“ ſprach die Amme, indem ſie Miß Mary mit dem Blicke folgte, „ſie wer⸗ den lange bluten, die Madelſtiche, die ich Dir mitten in's Herz verſetzt habe! Ah! Du kommſt hierher und ſtiehlſt mir die Neigung meiner Alphonfine! Geduld! Du biſt noch nicht am Ende, das iſt nur der An⸗ fang.“ Dann ging ſie ſachte an eine von den Thüren des Pavillon und fügte bei: „Dieſes alte Vieh, der Vater Chenot, muß da ſein, da ich ihn beſchieden habe. Die Inſulanerin und der arme unſchuldige Herr Gerard ſind bei meiner Treue zur rechten Zeit weggegangen.“ Nachdem ſie ſo geſprochen, öffnete Frau Pivolet vorſichtig die Thüre und rief: „Vater Chenot? Vater Chenot 2 Auf dieſen Namen antwortete das ſchwere Geräuſch zweier großer Holzſchuhe, welche auf der nach dem Bel⸗ vedere führenden äußeren Treppe ſchleppten; dann erſchien ein Mann als Schäfer gekleidet. Er ſtützte ſich auf einen langen Stab; ſein Geſicht bezeichnete einen völ⸗ ligen Mangel an Verſtand, und er ſchaute Frau Pivolet mit einer Miene blödſinniger Ehrfurcht an. „Vater Chenot,“ ſprach die Beſchließerin mit ge⸗ heimnißvoller, feierlicher Miene, „der Augenblick iſt ge⸗ kommen, es iſt nicht zurückzuweichen.“ „Nein, Frau Pivolet.“ „Ich habe Euch hierher beſchieden, um Alles wohl zu verabreden, denn die Zeit drängt; ich wußte nicht, daß man hierher kommen würde; Ihr habt wohl daran kethn⸗ daß Ihr, als Ihr Jemand hörtet, zum Belvedere inauf gegangen ſeid.“ „Ja, Frau Pivolet, ich habe mich da hinauf ge⸗ flüchtet, als ich ſah, daß man hierher kam.“ „Seid Ihr wohl zur Sache entſchloſſen?“ „Auf den Tod entſchloſſen! Frau Pivolet, das dauert ſchon zu lange. Meine arme Frau iſt wie 218 ein altes Schaf, welches das Fußweh an allen vier Pfoten hat; ſeit mehr als zwei Jahren rührt ſie ſich nicht von ihrem Bette; Sie haben mir verſprochen, die bewußte Sache werde die Mutter Chenot von der Hexe⸗ rei, die man ihr angethan, befreien; das iſt mir ge⸗ nehm.“ „Das muß Euch um ſo mehr genehm ſein, mein braver Mann, als Ihr es vergebens mit der Kröte ver⸗ ſucht habt.“ „Ja, Frau Pivolet, ich habe ihr die Nadeln in den Rücken geſteckt und dabei ſiebenmal wie ein Raſen⸗ der Barrabas geſchrieen. Nun! die Mutter Chenot hat ſich ebenſo wenig bewegt, als ein Klotz.“ „Ein Beweis, daß man etwas Anderes braucht, um den Zauber zu brechen, den ihr die Hexe angethan hat.“ „Sicherlich.“ „Und ſeht, Vater Chenot, Ihr ſeid nicht der Ein⸗ zige, der unter den Künſten der Here zu leiden hat, und wenn man ſie machen ließe, ſo wäre vehanin das Departement, Frankreich, die ganze Welt behrrt.“ „Es iſt gewiß, daß Jean Louis n kleinen Eſel verloren hat.“ „Hererei! hölliſche Hexerei!“ „ünd die Mutter Jeanne hat zweimal in einer Woche ihre Kuh angeſchwollen geſehenz ich weiß wohl, daß es Leute im Dorfe gibt, welche ſagen, die Herereien, das ſeien Dummheiten, und wenn die Kuh der Mutter Jeanne angeſchwollen geweſen ſei, ſo habe ſie zu viel grünen Klee gefreſſen gehabt.“ „Diejenigen, welche dies ſagen, Vater Chenot, find Thiere, denen man Hafer als Futter geben ſollte, oder es ſind von jenen ſchlimmen Leuten, welche weder an Gott, noch an den Teufel, noch an ſonſt Etwas glauben.“ „Es iſt eine Thatſache, daß Grand'Pierre und Sylvain, welche ſagen, es gebe keine Zauberei, lieber am Sonntag auf ihrem Felde arbeiten oder ihre Pfeife im Schatten rauchen, als in die Meſſe gehen.“ —— 2¹⁰ „Seht Ihr die Ketzer! Ich war davon über⸗ zeugt. Sie werden auf dem Schaffot endigen. Mittler⸗ weile gebe ich Euch mein heiligſtes Wort, daß die gräß⸗ lichen Uebel, von welchen ſeit einiger Zeit das Dorf heimgeſucht iſt, Hexereien der ſchlimmſten Art find.“ „Ich glaube Ihnen, Frau Pivolet; Sie leſen in Büchern, und wir ſind nur arme Leute.“ „Vater Chenot,“ ſprach die Beſchließerin mit einer tiefen Miene, „damit eine Sache endige, muß man ſie aufhören machen. Iſt das wahr?“ „Sie ſprechen goldene Worte, Frau Pivolet.“ „Um den Zauber aufhören zu machen, den die Hexe der Mukter Chenot, dem Eſel von Jean Louis und der Kuh der Mutter Jeanne angethan hat, muß man die Hexe zwingen, dieſen Zauber zurückzunehmen, Ihr begreift das?“ „Ja, Frau Pivolet, Sie wiederholen mir das immer. Doch glauben Sie, ſie werde ſich bewegen laſſen, ihren Zauber zurückzunehmen?“ „Oh! gewiß, wenn Ihr mit einer furchtſamen Miene zu ihr ſagt: Erweiſen Sie mir die Freundſchaft, den Zauber zurückzunehmen, dann wird die Here über Euch ſpotten. Doch wenn Ihr die großen Mittel an⸗ wendet, oh! ſeid unbeſorgt, jie wird ihren Zauber zurück⸗ nehmen, und zwar ſo ſchnell als möglich“ „Gut, gut, wir werden ſie anwenden, die großen Nittel, Frau Pivolet; ich, Jean Louis, ſein Junge, die Mutter Jeanne und ihre zwei Töchter, wir ſind zu Allem entſchloſſen, ah! ja wohl, zu Allem!“ „Und der Deich des gepeitſchten Weibes iſt da, um Euch zu beweiſen, daß man nicht mit Süßig⸗ keiten die Heren zwingt, den Zauber, den ſie armen Leuten anthun, zurückzunehmen. „Ich wiederhole Ihnen, Frau Pivolet, wir ſind zu Allem entſchloſſen. Geſtern Abend, in meiner Schäferei, haben wir zu einander geſagt: Nun iſt's genug, das muß ein Ende nehmen, potz Wetter!“ 22⁰ »Um dieſe Verſicherung zu erhalten, Vater Chenot, habe ich Euch hierher kommen laſſen. Es iſt alſo abge⸗ macht; vorwärts mit den großen Mitteln!“ „Es iſt abgemacht.“ „Seid Ihr bereit 2“ „Wir ſind bereit.“ „Es muß bei Nacht geſchehen, weil die Werke des Teufels bei Nacht gemacht und beſonders vernichtet werden.“ „Das iſt klar wie der Tag.“ „Ich werde Euch durch den kleinen Robin, den ich in Eure Schäferei ſchicke, benachrichtigen laſſen.“ „Und ich werde in einem Nichts von einer Zeit meine Leute verſammelt haben.“ „Vielleicht heute Abend.“ „Je eher, deſto beſſer, denn ich verlange vom guten Gott und vom Schickſal durchaus nichts Anderes, als daß meine Frau ſich rührt.“ „Sie wird ſich rühren, Vater Chenot, ſie wird ſich rühren, ich ſetze meinen Kopf zum Pfand; doch iſt ein⸗ mal der Augenblick gekommen, dann wenigſtens keine Schwäche.“ „Seien Sie unbeſorgt.“ „Die Herxe wird ſich ſträuben.“ „Man hat ſeine Fauſt.“ „Sie wird ſchreien“ „Man läßt ſie ſchreien, wie!“ „Sie wird weinen, ſie wird ſtöhnen, ſie wird ihr Flötenſtimmchen annehmen, die Ruchloſe, um zu Euch zu ſagen: Meine Freunde! meine guten Freunde! laßt mich! habt Mitleid mit mir!“ zUnd man wird ihr antworten: Und Du, Here, haſt Du Mitleid mit dem Eſel von Jean Louis und der Kuh der Mutter Jeanne gehabt?“ „Vater Chenot,“ rief die Beſchließerin mit Begei⸗ ſterung, „Ihr wäret würdig, ein Alter von der Alten, . —— 22¹ ein wahrer Brummbär zu ſein, Ihr verdientet das Ehrenkreuz.“ „Oh! ich verlange nicht ſo viel, wenn nur mein armes Weib ſich rührt. ich werde zufrieden ſein.“ Frau Pivolet horchte, und als ſie das Rollen eines Wagens hörte, ſagte ſie raſch zu dem alten Schäfer, indem ſie auf die Thüre deutete, durch welche er ein⸗ getreten war: „Geſchwinde, Vater Chenot, da hinaus, und geht die kleine Treppe hinab. Es iſt alſo abgemacht, bei d. erſten Nachricht, die ich Euch durch den kleinen in geben laſſe .4 — „Werden wir bereit ſein!“ „Und ſobald die Mutter Chenot von der Hexerei befreit iſt, wird ſie ſpringen wie ein Aal,“ fügte Frau Pivolet bei, indem ſie den Schäfer raſch hinaus ſchob, wonach ſie die Thüre hinter ihm zumachte. Eeinige Augenblicke nachher trat Fräulein von Mor⸗ ville in Begleitung von Gerard und Miß Mary in die Bibliothek ein. XIX. Fräulein von Morville trat in die Bibliothek, auf der einen Seite unterſtützt durch Miß Mary, auf der andern durch Gerard, ein. Die Arme war nicht mehr ſoi erkennen; von einem fieberhaften Feuer glänzend, chienen ihre Augen noch größer in ihrem mattbleichen, durch das Leiden ausgehöhiten Geſichte. Immer unter⸗ ſtützt durch ihren Bruder und ihre Erzieherin, ſetzte ſie ſich an's Fenſter auf das Canaps; dann ſtreckte ſie ſich darauf aus, legte ihren Kopf auf die Kiſſen und ſchloß die Augen, ohne einen Blick auf die Landſchaft zu werfen, die ſich jenſeits des Fluſſes entrollte. 22² „Alphonſine,“ fragte ſie Miß Marhy, „ſind Sie gut ſo2“ Meine Schweſter, brauchſt Du noch etwas?“ ſagte Gerard. Als aber ſeine Schweſter ſchwieg, fügte er bei⸗ „Wenn es Dir lieber iſt, ſo werden wir ſogleich in den Park zurückkehren.“ „Nein, ich will lieber hier bleiben,“ antwortete Alphonſine mit ſchwacher Stimme. „Meine Schweſter, ſoll ich den Wagen wegſchicken? . ird Dich in zwei Stunden wieder abholen.“ „ Nein,“ antwortete Alphonſine, indem ſie den f gegen den Rücken des Canapé umdrehte. Dann ſprach mit einer Art von ungeduldigem, fieberhaftem Zögern: „Schicke den Wagen weg, ich werde zu Fuße gehen.“ Gerard wandte ſich nach der Thüre, aber ſeine Schweſter ſagte zu ihm: „Nein, nein, es iſt mir lieber, wenn der Wagen bleibt ich fühle mich zu ſchwach, um zu gehen.“ Die drei Zeugen dieſer krankhaften Launen blieben „ſtill. Nach einem Augenblick ſagte Alphonſine: „Ich möchte gern allein ſein.“ Gerard entfernte ſich traurig, Frau Pivolet folgte ihm, nachdem ſie einen gerührten Blick auf Alphrnſhn und einen Blick triumphirenden Zorns auf Miß Mary geworfen hatte. Dieſe blieb allein bei Fräulein von Morville, welche nun ziemlich ruhig ausſah; ihre ge⸗ ſchloſſenen Augenlider, ihr bewegungsloſes Geſicht, ihr gleichmäßiger Athem ſchienen anzudeuten, daß ſie dem Schlafe nachgab, zu dem die Müdigkeit durch die Spazierfahrt Luſt erregt hatte. Miß Mary, welche ſtand und eine Hand oben auf das Canaps ſtützte, wo Al⸗ phonſine ruhte, ſchaute ſie voll Zärtlichkeit an; dann bückte ſie ſich, um Alphonſine auf die Stirne zu küſſen, doch dieſe wandte ſich ungeſtüm auf dem Canapé um — und ſagte mit kurzem Tone: „Ich ſchlafe nicht.“ 223 Und ſie ſchloß abermals die Augen und nahm ihre erſte Unbeweglichkeit wieder an. . „Sie ſchlafen nicht, Alphonſine?“ erwiederte Miß Mary ſchmerzlich erſtaunt. „Sie haben gefühlt, ich würde ſie küſſen, und Sie entfernten ſich von mir?“ „Ja,“ antwortete trocken das Mädchen, ohne ihre Augen zu öffnen und die Lage zu verändern, „es iſt wahr, ich wollte mich von Ihnen entfernen. „Und warum weiſen Sie meine Liebkoſungen ſo zurück?“ „Weil ich Sie nicht mehr liebe.“ „Was ſagen Sie?“ rief Miß Marh, die das, was ſie hörte, nicht glauben konnte. „Sie lieben mich nicht mehr?“ „Nein.“ „Und warum? Und ſeit wann? Dieſen Morgen noch dankten Sie mir voll Innigkeit für meine Be⸗ mühungen.“ MWorgen wußte ich nicht, was ich jest. weiß.“ „Was wiſſen Sie, mein Kind?“ „Nennen Sie mich nicht mehr Ihr Kind, dieſes Wort thut mir wehe.“ „Alphonfine, ich bitte, was iſt die Urſache von dieſer Veränderung, die mich verwirrt und troſtlos macht?“ „Sie fragen mich das 2“ „Ich frage Sie das mit gefalteten Händen. Doch antworten Sie mir nicht ſo mit geſchloſſenen Augen; man ſollte glauben, Sie fürchten ſich, mich anzuſchauen.“ „Wenn ich die Augen ſchließe, um Sie nicht zu ſehen, ſo geſchieht es, weil Sie mir bange machen.“ „Sie haben bange vor mir, Alphonſine! Ueberlegen Sie Ihre Worte,“ c5 Miß Mary erſtauntz; dann fügte ſie leiſe bei: „Armes Kind Das Fieber ſtört viel⸗ leicht ihre Vernunft! .. „Oh! ich habe meine ganze Vernunft,“ verſetzte Alphonſine, welche die von Erzieherin gefüſterten Worie gehört hatte. „Leider habe ich meine ganze Ver⸗ nunft.“ „Dann, Alphonſine, ſprechen Sie, in des Himmels Namen, offenherzig; Sie ſpannen mich auf die Folter. Was haben Sie ?“ „Was ich habe? Ich bin eiferſüchtig,“ erwie⸗ derte Alphonſine. Und während ſie dieſe Worte ſprach, welche wie ein herzzerreißendes Schluchzen aus ihrer Bruſt hervor⸗ drangen, ſetzte ſie ſich ungeſtüm auf, öffnete die Augen und ſchaute ihre Erzieherin ſtarr an. Erſchreckt durch dieſe unerwartete Bewegung, wich Miß Mary einen Schritt zurück und rief mit Schmerz: „Sie, Alphonſine, eiferſüchtig auf mich?“ „Ja! eiferſüchtig auf Sie! Herr von Favrolle liebt Sie. Dieſen Morgen hat er Ihnen geſchrieben, und Sie haben ihm Rendezvous hier gegeben. Pivolet hat es mir geſagt; ſie hat den Bedienten von Herrn von Favrolle Ihnen den Brief bringen ſehen. Wollen Sie das leugnen?“ . „Ich lüge nie, Alphonſine,« erwiederte Miß Mary mit ſanftem Tone. „Herr von Favrolle hat mir heute Morgen geſchrieben und ich habe ihm Rendezvous in dieſem Pavillon gegeben.“ „Sie ſehen wohl,“ murmelte das Mädchen in Thrä⸗ nen zerfließend und ſein Geſicht in ſeinen Händen ver⸗ bergend; „er liebt Sie, und Sie lieben ihn.“ Ohi das arme Kind! Ich begreife nun Alles ſgte Riß Mary zu ſich ſelbſt. „ ein Gott, vergib mir, daß ich zu ſehr in meinen eigenen Kummer ver⸗ ſunken geweſen pin. Er hat mich abgehalten, die Ur⸗ ſache der Leiden dieſes theuren, unſchuldigen Geſchöpfes zu errathen.“ und ſie kniete vor Alphonſine nieder, welche immer noch in ihren Händen ihr in Thränen gebadetes Ge verbarg, und ſagte zu ihr „Mein Kind, hören Sie mich?“ — 22⁵ „Nein, laſſen Sie mich, ich ſage Ihnen, daß Sie mir bange machen .. Ich will Sie nicht ſeheu,“ mur⸗ melte Alphonſine, ohne ihr Schluchzen zurückhalten zu können. „Sie! mich ſo täuſchen . mir ſo wehe thun, mir, die ich Sie ſo ſehr liebte! Ah! warum ſind Sie nach Frankreich gekommen? Meine Mutter hatte Recht, daß ſie Sie nicht haben wollte! Es iſt ein verfluchter Tag, der Tag, an dem Sie in unſer Haus eingetreten ſind.“ „Alphonſine, ſprechen Sie nicht ſo mit mir, Sie würden mir meinen ganzen Muth rauben, und ich be⸗ darf deſſelben; denn die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, iſt ſchwerer, als ich gedacht. Bis jetzt in Ihrem Innern verſchloſſen, iſt Ihr Schmerz endlich an das Licht getreten; bei ſeinem erſten Ausbruch mußte er ungerecht und grauſam ſein. Oh! armes Kind, Sie haben mir ſehr wehe gethan,“ ſagte Miß Mary. und ihre Thränen floſſen unwillkürlich. „Und ich, leide ich nicht?“ verſetzte Alphonſine, heiße Thränen weinend. „Ja, Sie leiden an Schmerzen, welche ſeltſam für Ihr Alter! Sie haben mich ungerecht angeſchuldigt. Doch bald, liebes Kind, werden Sie die Ungerechtigkeit Ihres Verdachts erkennen; dieſen zu zerſtören wird die ttzte Pflicht ſein, die ich zu erfüllen haben werde.“ WMiß Mary wurde durch die unerwartete Rückkehr von Gerard unterbrochen. Er trat langſam ein und blieb einen Augenblick zögernd auf der Thürſchwelle; dann ſchien er eine hef⸗ tige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt zu machen und ging mit nachdenkender, ernſter, beinahe feierlicher Miene auf die zwei Mädchen zu. Von dem Geſichtsausdruck des jungen Maunes be⸗ troffen, befragte ihn die Erzieherin mit dem Blick; er ſchwieg einige Secunden, ſein dur en Kummer bleich Geſicht färbte ſich lebhaft, dann wandte er ſich mit bebender Stimme, ohne daß er die Augen zur Miß Mary. 15⁵ 226 Erzieherin aufzuſchlagen wagte, an ſeine Schweſter und agte: . „Alphonſine, Du wollteſt mit Miß Mary allein ſein; ich habe Anſtand genommen, zu Dir zurückzukeh⸗ ren; aber ich geſtehe, mein Muth iſt zu Ende, ein Ge⸗ heimniß laſtet auf mir; es bildet das Unglück meines Lebens. Dieſes Geheimniß hätte ich Miß Marh, einen Augenblick des Alleinſeins mit ihr benützend, anvertrauen können . ich habe es vorgezogen, ohne Umſchweife und... vor Dir mit ihr zu ſprechen; vielleicht wird ſie meinen Schritt würdigen, und dann . liebt ſie Dich zärtlich. Ich hoffe, daß ſie vermöge dieſer Zärtlichkeit mich, Deinen Bruder, anhören wird, ohne böſe zu werden.« Alphonſine, als ihr Bruder von der Zärtlichfeit von Miß Mary für ſie ſprach, bebte, lächelte mit Bit⸗ terkeit und wandte den Kopf ab, um ihre Thränen zu verbergen, indeß die Erzieherin den jungen Mann mit einem wachſenden Erſtaunen anſchaute und zu ihm ſagte: „Erklären Sie ſich, Herr Gerard, was für ein Ge⸗ heimniß haben Sie mir anzuvertrauen?“ Der Bruder von Alphonſine erröthete abermals; ſein ſchönes Geſicht drückte eine tiefe, ſchmerzliche Ban⸗ gigkeit aus. Er wollte ſprechen, aber die Erſchütterung erſtickte ſeine Worte; ſeine Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nenz dann warf er ſich bei dem Canapé, auf dem Al⸗ phonſine ruhle, auf die Kniee, küßte ſie, verbarg ſein Geſicht in ihrem Schooß und murmelte mit einer durch die Thränen gehemmten Stimme: Meine Schweſter, meine gute Schweſter „ ich flehe Dich an, ſage Miß Mary, daß ich ſie liebe.“ „Du!“ rief das Mädchen mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen; und ſie umſchlang ihren Bruder mit ihren Armen, vermiſchte ihre Thränen mit den ſeinigen und ſprach: „Ah! Mene Bruder wir ſind Beide ſehr unglücklich!“ P Und ſo umſchlungen, das Geſicht im Schooße vor 227 einander verborgen, preßten ſich die zwei Kinder krampf⸗ haft und weinken ſtille, Gerard furchtſam, niederge⸗ ſchlagen, als ob er eine böſe Handlung begangen hätte, Alphonſine ſchmerzlich ergriffen von der Offenbarung der Liebe ihres Bruders, welche Liebe neues Unglück zu weiſſagen ſchien. Tief gerührt von dem Zartgefühl und der Redlich⸗ keit von Gerard, der gleichſam das Geſtändniß ſeiner reinen und aufrichtigen Liebe unter den Schutz der Un⸗ ſchuld von Alphonſine ſtellte, betrachtete Miß Mary den Bruder und die Schweſter mit unausſprechlicher Rüh⸗ rung und Theilnahme, nur darauf bedacht, ſie, den Einen von einer tollen Liebe, die Andere von einer tol⸗ len Eiferſucht zu heilen. Gerard, der auf ſeine brennenden Wangen die Thrä⸗ nen von Alphonſine fließen fühlte, hob den Kopf empor und ſagte zu ihr: „Du weinſt?.. Du beklagſt mich alſo?“ „Ob ich Dich beklage, armer Bruder!“ verſetzte das Mädchen mit ſchmerzlicher Bitterkeit; „oh! ja, denn Du kennſt diejenige nicht, welche Du liebſt. Sie iſt zum Unglück von uns Allen hier!“ „Alphonſine, was ſagſt Du? Sie, Miß Mary, welche gegen Dich ein Engel der Güte iſt!“ „Miß Mary,“ ſprach Alphonſine ſchluchzend; „ſie ein Engel der Güte! O mein Gott!. .. Du weißt alſo nicht, daß . Die Erzieherin legte ſanſt ihre Hand dem Mädchen aſben Mund und mit beinahe flehendem Aus⸗ ruck: „Mein Kind, ich beſchwöre Sie, nicht ein Wort mehr, Sie würden ſpäter die Ungerechtigkeit Ihres Ver⸗ dachtes bereuen. Ich bitte Sie, hören Sie mich an, und Sie auch, Herr Gerard. Wir ſind alle Drei in einer falſchen, unſerer unwürdigen Ste haben wir den Muth, der Wahrheit ins Geſicht hü ſchnuen. Dann werden wir dieſe gegenſeitige Achtung, gegenſeitige 2²8 Zuneigung wiederfinden, welche nichts hätte ſtören müſ⸗ ſen, welche nichts fortan ſtören wird, wenn wir uns mit Offenherzigkeit erklärt haben.“ Alphonſine machte eine Bewegung grauſamen Zwei⸗ fels, die Miß Mary nicht entging; aber ſie fuhr fort, indem ſie die Hände von Gerard und die ſeiner Schwe⸗ ſter, trotz ihres Widerſtandes, in die ihrigen nahm: „Sprechen wir in voller Aufrichtigkeit mit einander, wir können es. Ich, ich bin beinahe eine alte Jungſer,“ fügte ſie mit einem ſchwermüthigen Lächeln bei; „Sie, Herr Gerard, Sie ſind ſchon ein junger Mann, und Alphonſine wird bald eine Frau ſein, denn ſie wird bald heirathen.“ Ohne Miß Mary anzuſchauen, bezeichnete die Schwe⸗ ſter von Gerard bei dem Worte Heirath durch ein Be⸗ ben die ſchmerzliche Ungeduld, die ihr dieſe Anſpielung auf ihre zerſtörten Hoffnungen verurſachte. Die Erzie⸗ herin unterbrach ſich nur einen Augenblick und ſprach dann weiter: „Erklären wir uns ohne Rückhalt, ohne etwas zu verſchweigen; ſagen wir ſogar das, was uns verletzen könnte; iſt der Ausoruck zu bedauern, ſo werden wir wenigſtens wiſſen, woran wir uns hinſichtlich der That⸗ ſachen zu halten haben. Vollen Sie das, Alphonſine?“ „Wozu!“ erwiederte das Mädchen. „Ich,“ ſagte Gerard, der einer unbeſtimmten Hoff⸗ nung nachgab, „ich mache mich verbindlich, nicht ein Wort auszuſprechen, das gegen meinen Gedanken wäre oder dieſen verhehlte.“ Und er wartete voll Bangigkeit auf die erſte Frage, welche Miß Mary an ihn richten würde. 8 „Herr Gerard,“ fragte die Erzieherin, „habe ich, als Sie bei Ihrem Vater ankamen, Ihre Aufmerkſam⸗ feit auf mich zu ziehen geſucht?“ „Miß Mary, erwiederte Gerard erſtaunt, „ich habe das nicht geſagt“ 229 „Ich beſchuldige Sie auch nicht, es geſagt zu haben, „ich frage Sie nur, ob ich es gethan?“ „Nie, oh! nie.“ „Habe ich, Ihrer Eitelkeit ſchmeichelnd, Ihr Wohl⸗ wollen zu gewinnen geſucht?e „Entfernt nicht, Miß Mary, ich habe Sie immer im Einklang mit meinem Vater mich tadeln, wenn ich ſchlimm handelte, oder mich zum Guten ermuthigen ſehen. Zuweilen haben Sie ſich ſogar ſehr ſtreng gegen mich gezeigt.“ „Noch eine Frage, Herr Gerard, hahe ich, nachdem ich wohlwollend, freundlich gegen Sie geweſen, plötzlich, indem ich mein Benehmen änderte, Kummer, Verdruß bei Ihnen hervorzurufen geſucht 2“ „Nein, gewiß nicht, Miß Mary, oft bin ich ent⸗ fernt geblieben, weil ich Sie von Perſonen umgeben ſah .. deren Gegenwart mich unwillkürlich betrübte. Wenn ich aber zu Ihnen zurückkehrte, war Ihr Empfang immer derſelbe; Sir ſchienen nichts von den Gründen zu vermuthen, dir mich von Ihnen entfernten oder zu Ihnen zurückführten. Ach! ich geſtehe es, gerade die deſtändige Gleichheit Ihrer Laune bereitete mir oft einen lebhaften Kummer.“ „Herr Gerard, Sie beſchnldigen mich alſo keines Kunſtgriffs der Coquetterie? Sie geſtehen zu, daß ich nichts geihan habe, um in Ihnen die Liebe zu erwecken, welche Sie ſo eben Ihrer Schweſter geoffenbart? Sie werden anerkennen, nicht wahr, daß, wenn Ihnen dieſe Liebe Leiden verurfacht hat, ich wenigſtens daran un⸗ ſchuldig bin? h Miß Mary, es iſt nicht Ihre Schuld, wenn ich Sie liebe.“ „Meine theure Alphonſine,“ ſprach Miß Mary, in⸗ dem ſie ſich an das Mädchen wandte, das unbeweglich dieſem Verhöre beiwohnte, ohne noch zu errathen, wohrn die Erzieherin Gerard führen wollte, „finden Sie, daß 230 Ihr Bruder der Wahrheit gemäß geantwortet hat? Thei⸗ len Sie ſeine Meinung in Beziehung auf mich?“ „Mir ſcheint, ja,“ antwortete Alphonſine zögernd. „Und nun, Herr Gerard,“ fuhr Miß Mary fort, „ſprechen wir in voller Aufrichtigkeit; weichen wir nicht vor dem Ausdruck irgend einer Wahrheit zurück, ſo be⸗ ſchämend, ſo peinlich ſie auch ſein mag,“ fügte das Mädchen erröthend bei. „Sie lieben mich.. Was war Ihre Hoffnung? Haben Sie geglaubt, ich würde Ihre Geliebte werden 2“ „Ah! Miß Mary,“ erwiederte der junge Mann mit einem Tone ſchmerzlichen Vorwurfs: „ſo eben haben Sie gehört, wie ich meine Schweſter anflehte, ſie möge Ihnen ſagen, daß ich Sie liebe, und Sie denken, ich ſei fähig eines ſo ſchändlichen Gedankens!“ „Ich glaube Ihnen, Herr Gerard,“ erwiederte Miß Marh, indem ſie dem jungen Mann herzlich die Hand drückte. „Ich wollte weder Sie, noch mich ſelbſt durch einen für Sie ſchimpflichen Zweifel beleidigen; aber ich habe Ihnen geſagt, es gibt im Leben Stellungen, deren Conſequenzen man auf eine offene, ſogar rohe Art er⸗ örtern muß, um zu der Wirklichkeit der Dinge zu ge⸗ langen. Ich glaube Ihnen alſo. Ja, Sie haben mich eliebt, wie ich geliebt ſein muß, ich, die ich es nicht hätte ein wollen; Sie haben mich geliebt mit der ganzen Reinheit einer redlichen Seele. Sie haben nichts von mir erwartet, was meines Charakters und des Ihrigen unwürdig wäre, davon bin ich überzeugt. Sagen Sie mir nun: was hofften Sie26 * „Was ich hoffte?“ rief Gerard erſtaunt über dieſe Frage; dann ſich an ſeine Schweſter wendend: „Du hörſt ſie, Alphonſine? Miß Mary fragt mich, was meine Hoffnung geweſen.“ Und mit bewegter, zitternder Stimme antwortete er der Erzieherin: „Mein Gott, ich hoffte mich mit Ihnen zu verheirathen, mein Leben bei Ihnen und meiner Schweſter zuzubringen.“ „Dieſer Wunſch ehrt mich, Herr Gerard, den 231 ſeht aus einem edlen und reinen Gefühle hervor; doch denken, und man hätte hundertmal das Herz betrifft, ſondern was das Alter betrifft. Beiſpiele zu geben, und dieſes Vertrauen würde ich einer tollen Leidenſchaft zu verdanken hätte!“ fen. „Was ſoll aus mir werden?“ Si von Miß Mary den Abgang einer Nebenbuhlerin. Hand ihres Zöglings ergriff, „wie ſehr haben Ankündigung meines prechen Sie: iſt es Ihnen nicht ne man würde echt, es zu denken, mein Alter ſchicke ſich nicht zu dem Ihrigen? Sie ſind kaum achtzehn Jahre alt und ich bin ſechsundzwanzig; ja, gerade ſo viel,“ fügte ſie mit einem reizenden leich⸗ ten Lächeln bei. „Ich habe es Ihnen geſagt, die Offen⸗ herzigkeit iſt nothwendig. Ich bin alſo eine alte Jungfer, und Sie ſind beinahe ein Kind, nicht was den Verſtand, dann, Herr Gerard, bedenken Sie wohl: ich wäre in Ihre Familie gekommen, berufen durch ihr Vertrauen, um Ihrer Schweſter ein wenig Wiſſen, Grundſätze, durch verrathen, daß ich Sie Ihrem Vater, Ihrer Mut⸗ ter entführte! Ich hätte meine Heimath, alie diejenigen, welche ich liebe, einzig und allein in der Hoffnung verlaſſen, um ſie durch die ehrenhaften Früchte meiner Arbeit zu unterſtützen, und ich käme in meine Familie mit einem Vermögen zurück, das ich nur dem Zufall, „Aber, Miß Mary, Sie lieben mich alſo nicht, Sie werden mich nie lieben!“ rief Gerard, ſchmerzlich ergrif⸗ „Sie ſollen werden oder vielmehr bleiben mein Freund,“ antwortete die Erzieherin mit rührendem Tone, „und ich hoffe, Sie werden mich in gutem Anden⸗ ken behalten, denn ich verlaſſe dieſes Haus. Ich gehe. i Miß Mary „. Sie gehen?“ riefen gleichzeitig Gerard und Alphonſine; der Erſte niederge⸗ geſchlagen, ſeine Schweſter mit Erſtaunen und einer Art von unwillkürlichen Freuden; denn ſie ſah in dem Abgang „Armes Kind,“ ſprach Miß Mary, indem ſie die Sie gelit⸗ ten, Sie, die Sie mich ſo zärtlich liebten! Schon die Abgangs beſänftigt, beruhigt Sie.“ 232 Dann wandie ſie ſich an Gerard, deſſen Augen ſie voll Bangigkeit befragten, und ſagte mit einem unbeſchreib⸗ lichen Zauber: „Nicht wahr, Sie lieben mich mit einer edeln Zuneigung? Nun denn! ich wende mich an Ihr Herz, das ſo gut, ſo zart! Sprechen Sie, mein Freund: hätten Sie den Muth, es zu bedauern, daß ich glücklich bin, wenn mich das Glück in meiner Familie erwartet, zu der ich zurückkehre2“ Dieſer Aufruf an die Zartheit ſeiner Zuneigung, das ſüße Wort: mein Freund, das Gerard bewies, wie ſehr ihn Miß Mary ſchätzte, waren ein Anfang eines Troſtes. Doch Alphonſine konnte kaum an die Worte ihrer Erzieherin glauben; ſie heftete auf Miß Mary einen durchdringenden Blick, ſuchte in ihrem Geſichte zu leſen, ob ſie ihr nicht eine trügeriſche Hoffnung gebe, und wie⸗ derholte maſchinenmäßig? „Iſt es wirklich wahr, Sie gehen von hier weg?“ „Einmal,“ erwiederte Miß Mary, „einmal ſetzt Ihre nahe bevorſtehende Heirath dem Auftrag, den Ihre Eltern mir anvertraut, ein natürliches Ziel Gerard machte eine Zweifel andeutende Bewegung des Kopfes und Alphonſine ſagte mit einer ſanften Nie⸗ dergeſchlagenheit: „Sie wiſſen wohl, daß dieſe Heirath nicht mehr möglich iſt.“ vb „Ich hege eine ganz entgegengeſetzte Hoffnung; doch was auch mag, meine Abreiſe he lich beſchloſſen.“ Dieſe Worte zerſtörten die letzten Zweifel von Al⸗ phonſine. Doch von einer neuen Furcht befallen, ſchob ſie die Hand ihrer Erzieherin zurück, wandte ihr in Thrä⸗ nen gebadetes Geſicht ab und rief: „Wenn Sie reiſen, ſo wird Ihnen Herr von Favrolle folgen, Sie wiſſen das wohl; er wird Ihnen folgen .. und mein Bruder, mein armer Bruder wird vor Kum⸗ mer ſterben. Die Erzieherin erwiederte mit zartem, innigem Ton: 233 »Nein, Herr von Favrolle wird mir nicht folgen; nein, Ihr Bruder wird nicht vor Kummer ſterben. Ich zähle genug auf die Redlichkeit ſeines Geiſtes und ſeines Herzens, um überzeugt zu ſein, daß er edel auf eine unmögliche Heirath verzichten wird; ja, denn außer den urſachen, von welchen ich ſo eben mit Ihrem Bruder Fhren gibt es noch eine andere entſcheidendere Ur⸗ a e.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ riefen gleichzeitig die zwei Kinder; „erklären Sie ſich, Miß Mary.“ „Meine liebe Alphonſine,“ antwortete die Erzieherin, „der Unterſchied unſeres Alters, der Ernſt meiner Fune⸗ tionen hatten bis jetzt unter uns ein Verhältniß feſtge⸗ ſtellt, bei welchem ich nur mit einer mit Zurück⸗ haltung gemiſchten Liebe reden konnte; gewiſſe Ge⸗ ſpräche waren mir natürlich unterſagt, und dennoch hatte ich das Herz voll von dem, was Ihnen anzuvertrauen ſe ſüß für mich geweſen wäre. Heute, mein armes Kind, hat Ihnen der Kummer Jahre gegeben; meine Auto⸗ rität bei Ihnen iſt im Begriff, aufzuhören; Sie ſollen nicht mehr mein Zögling ſein, wollen Sie meine Freun⸗ din ſein 2“ „Ich!« erwiederte Alphonſine, unwillkürlich dem Zaubet dieſer Stimme nachgebend, welche ſie ſtets mit ſo großer Freude gehört, und dennoch einem Gefühle des Mißtrauens unterliegend. „Ich! Ihre Freundin!“ „Ja, theure Kinder,“ ſprach Miß Mary, indem ſie abwechſelnd Gerard und Alphonfine anſchaute, „denn ich werde der Ehre meines Freundes und der Zärtlichkeit meiner Freundin ein Geheimniß anvertrauen können, das ich bis jetzt habe verſchweigen müſſen.“ „Und dieſes Geheimniß,“ verſetzte Alphonſine, deren Augen vor Ungeduld glänzten, „diefes Geheimniß, laſſen Sie es hören.“ 5 WMiß Mary neigte ſich zu den zwei Kindern herab, Slus die Augen nieder und ſagte erröthend mit halber Stimme: 234 „Ich liebe auch.“ Gerard bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen, um ſeine grauſame Erſchütterung zu verbergen, denn dieſes einzige Wort von Miß Marh zerſtörte die letzte Hoff⸗ nung, die er unwillkürlich hegte; doch Alphonſine bebte und rief, Miß Mary die Hände drückend: „Nicht Herr von Favrolle iſt es, den Sie lieben?2“ „Nein,“ antwortete die Erzieherin, ihren redlichen, ſchönen Blick auf Alphonſine heftend, welche noch zu zweifeln ſchien. „Nein, es iſt nicht Herr von Favrolle, den ich liebe.“ Der Verdacht von Alphonſine verſchwand; ſie ſchloß Miß Mary in ihre Arme und bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen. Gerard erhob das Haupt und ſagte, indem er ſei⸗ nen tiefen Kummer zu bewältigen ſuchte, ſchüchtern mit erſtickter Stimme: „Miß Marh, ich bitte, ein letztes Wort! Sie lieben! . . .“ Die Thränen unterbrachen ſeine Worte. „Iſt es lange daß Sie lieben?“ „Ehe ich meine Familie verlaſſen, war ich mit demjenigen, welchen ich liebe, verlobt,“ antwortete Miß Mary; „meine Mutter und mein Vater ſegneten uns.“ „Mein armer Bruder,“ rief Alphonſine, indem ſie Gerard küßte, der in der Stille weinte, „Muth. . Ach! Miß Mary liebte Einen, ehe ſie Dich kannte! „Ja, Du haſt Recht, meine Schweſter. Ich werde Muth haben,“ verſetzte der junge Mann, ſein ſchönes, in Thränen gebadetes Geſicht erhebend. Und er ſchaute die Erzieherin an und fügte bei: „Glauben Sie mir, Miß Mary, ich werde Ihrer Freundſchaft, ich werde Ihres Vertrauens würdig ſein.“ „Ich zähle darauf, mein Freund,“ ſprach Miß Mary, Gerard herzlich die Hand drückend. „Soll ich Ihnen auch alle meine Hoffnungen ſagen, mein Freund? Die Reiſen ſind nützlich für Ihr Alter; vielleicht kommen Sie eines Tags nach Irland und dann . . dann wer⸗ 235 den Sie den wackern Mann kennen lernen, für den ich Sie um eine brüderliche Zuneigung bitte; glauben Sie mir, er verdient ſie.“ „Ah! Miß Mary,“ antwortete Gerard, indem er ehrerbietig die Hand der Erzieherin an ſeine Lippen zog, „der von Ihnen gewählte Mann von Herz wird immer von mir geachtet ſein.“ „Miß Mary,“ ſagte lebhaft Alphonſine, „ich höre Jemand im nächſten Zimmer. Man kommt.“ „Es iſt ohne Zweifel Herr von Favrolle. Ich habe ihm, wie ich Ihnen geſagt, Rendezvous hier gegeben.“ Bei dieſem Namen, der die Eiſerſucht von Alphon⸗ ſine und Gerard wiedererweckte, bebten Beide; der junge Mann fuhr mit ſeinen Händen an ſeine Angen und ver⸗ fuchte es, die Spur ſeiner Thränen zu verwiſchen, aus Furcht, ſie ſeinen Nebenbuhler ſehen zu laſſen. Dieſes Gefühl der Verlegenheit errathend, ſagte die Erzieherin zu Alphonſine: „Mein Kind, gehen Sie mit Ihrem Bruder auf der Treppe des Belvedere weg, und Muth, ich baue eine gute Hoffnung für Sie auf meine Unterredung mit Herrn von Favrolle. Er kommt! Geſchwinde! geſchwinde! gehen Sie.“ „Ach! gute Miß Mary,“ antwortete Alphonſine, während ſie, auf den Arm ihres Bruders geſtützt, ſich entfernte, „ich bin nur halb glücklich und getröſtet.“ „Muth, mein Kind. Heute noch, wenn ich meinem Eeen glaube, werden Sie ganz glücklich und getröſtet ein.“ In dem Augenblick, wo der Bruder und die Schwe⸗ ſter auf der Treppe des Belvedere weggegangen. waren, erſchien Herr von Favrolle an der Thuͤre der Bibliothek. 236 XX. Herr von Favrolle trat mit beherzter, eniſchloſſener Miene ein und ſagte zu Miß Mary: „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, daß Sie mir eine Unterredung bewilligt haben, auf welche ich ſo großen Werth lege.“ „Ich glaube wie Sie, mein Herr, daß dieſe Unter⸗ redung eine große Wichtigkeit haben wird.“ „Sie errathen alſo ihren Gegenſtand? „Vielleicht, mein Herr.“ „Dann, mein Fräulein, komme ich ohne Umſchweife zur Sache: Ich liebe Sie; das iſt albern, das iſt wahn⸗ ſinnig, ich leugne es nicht; doch ich habe Sie vor zwei Jahren geliebt; ich habe mich mit Mühe geheilt, weil ich Sie für mich verloren glaubte; ich habe Sie wieder geſehen und noch leidenſchaftlicher, noch toller geliebt, als das erſte Mal. Sagen Sie, was Ihnen anſteht, denken Sie, was Sie wollen! ich liebe Sie! Diesmal müſſen Sie es wohl hören: ich liebe Sie; ich finde, daß ich Recht habe, Sie zu lieben, und ich will Sie immer lieben.“ „Herr von Favrolle,“ antwortete Miß Mary mit einer würdigen, rührenden Einfachheit, „es ſind beinahe zwei Jahre (Sie haben mich ſo eben daran erinnnert), als ich mich, befürchtend, leichtfertig von Reiſegefährten behandelt zu werden, welche mir minder wohlerzogen ſchienen als Sie, an Ihre Artigkeit, an Ihre Redlichkeit wandte; Sie bewilligten mir einen Schutz voll Zartge⸗ fühl; ich habe eine innig dankbare Erinnerung hieran bewahrt; ich denke, Sie haben es ebenſo wenig vergeſ⸗ ſen, wie ſeltſam auch das Geſtändniß ſein mag, das Sie mir ſo eben gemacht.“ 3 „Dieſes Geſtändniß hat nichts Beleidigendes für Sie, Miß Mary; kann die höchſt geſtellte Frau dadurch verletzt werden, daß man ſie liebt, dadurch, daß man mit ihr von dieſer Liebe ſpricht?“ 237 „Die Beharrlichkeit eines Geſtändniſſes wird ver⸗ letzend, mein Herr, wenn die Frau zu dem Manne, der ſich um ſie bewirbt, ſagt: Mein Herr, ſo ſchmeichelhaft Ihre Liebe ſein kann, ich vermöchte ſie nicht zu er⸗ wiedern.“ „und das ſagen Sie mir?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie lieben mich alſo nicht?“ „Nein, und ich bitte Sie als um eine Gefälligkeit, das Geſpräch zu ändern.“ „Ohne Zweifel, Miß Marh, würden Sie mehr Mit⸗ leid mit einem ſchmachtenden und weinenden Verliebten empfinden; ich habe das durchgemacht, ja, ich habe ge⸗ ſchmachtet, ich habe geweint, als ich in Paris von Ihnen getrennt wurde; ich bin in Verzweiflung gerathen, weil nichts ſo traurig, ſo troſtlos iſt, als eine Unmöglichkeit; doch nun ſehe ich Sie, nun ſpreche ich mit Ihnen, nun bin ich bei Ihnen: offenherzig geſtanden, will ich aber, ſtatt meine Stärke, meine Energie in einer unfruchtbaren Verzweiflung abzunutzen, dieſe Energie lieber anwenden, um Sie zu erlangen, um die Hinverniſſe zu brechen, die uns trennen. Ein anderes Benehmen wäre von meiner Seite Schwäche oder Wahnſinn; da ich jedoch weder ſchwach, noch wahnſinnig, obgleich leidenſchaftlich verliebt bin, ſo will ich, daß Sie mich lieben, und Sie werden mich lieben.“ „Herr von Favrolle, ich bemerke zu meinem Leidweſen, daß ſich ein Geſpräch, welches ich als ſehr ernſthaft an⸗ ſehe, in Betracht meiner nahe bevorſtehenden Abreiſe und deſſen, was ich Ihnen zu ſagen habe, dem Scherz⸗ haften zuwendet.“ „Ah! Sie glauben, das ſei ein Scherz? „Offenherzig geſprochen, mein Herr, ich vermöchte dieſe Komödie eraltirter Liebe nicht anders zu bezeichnen.“ Das Wort Komödie iſt mir lieber. Miß Mary, Sie ſind näher bei der Wahrheit, als Sie glauben, denn viele Komödien endigen mit einer Entführung.“ 238 „Eine Entführung!“ verſetzte Miß Marh, welche unruhig zu werden anfing, denn dieſer Ton ausſchwei⸗ fender, aber entſchloſſener Leidenſchaft beraubte ſie aller ihrer Vortheile. „Finden Sie mir doch ein anderes Mittel, aus der Lage der Dinge herauszukommen! Ich entſchlüpfe aller Welt, und Sie bleiben mir.“ „Mein Herr, denken Sie an das Haus, in dem Sie ſind?“ „Ganz richtig; ich habe auch Eile, es zu verlaſſen⸗ Miß Mary, ich bemerke Ihnen ſogleich, ich weiß aus⸗ wendig alle Einwürfe, die Sie mir machen können. Sie werden mir nichts von Fräulein von Morville ſagen, was ich mir nicht ganz laut, ganz leiſe, bei Tag, bei Nacht geſagt habe; ich habe ſie reizend gefunden, das iſt ganz natürlich: es war etwas in ihr wie ein Refler von Ihnen; bei meiner Ehre, ich hätte ſie auch, wenn ich Sie nicht wiedergeſehen, mit großem Vergnügen geheirathet, und ſie würde, ich glaube es, ſehr glücklich mit mir gelebt haben, denn ich bin im Ganzen ein rechtſchaffener Mannz doch gerade als rechtſchaffener Mann geſtehe ich, daß ich Fräukein von Morville, da ich ſie ſr nicht mehr liebe, auch nicht heirathen will. Ihr ater, ihre Mutter, ihr Bruder, ſo ritterlich er iſt, wür⸗ den ſie durchaus das Unglück dieſes armen Kindes wol⸗ len? Und überdies, wäre dieſe Heirath nach dem Aer⸗ gerniß noch möglich?“ „Welches Aergerniß, mein Herr?“ „Das Aergerniß Ihrer durch mich vollbrachten Entführung.“ 3 „Sie kommen auf dieſe Entführung zurück?“ „Ich habe keinen andern Gedanken. Immer als rechtſchaffener Mann, betrachte ich es auch als meine Pflicht, Sie davon in Kenntniß z ſetzen, daß ich Sie entführen werde, damit Sie nicht mehr Angſt haben, als ſich geziemt. Mein Plan iſt feſigeſtellt, Alles iſt bereit. Doch ich geſtehe, ein Wort, das Sie am Anfange 239 dieſer Unterredung geſagt haben, bringt eine kleine S in meine Entwürfe.“ „Meinen Sie hiemit, daß ich an Ihre Ehre appellirt habe, mein Herr?“ fragte Miß Mary, welche über die Entſchloſſenheit, die in den Zügen von Herrn von Fa⸗ vrolle zu leſen war, zu erſchrecken anfing. „Liebe Miß Mary, Sie brauchen durchaus nicht an meine Ehre zu appelliren: werden Sie nicht meine Frau ſein? Rein; was eine kleine Störung in meine Pläne bringt, iſt Ihre nahe bevorſtehende Abreiſe.“ „Sehr nahe bevorſtehend.“ „Ich bin Ihnen äußerſt dankbar für die Nachricht, die Sie mir gegeben, Miß Mary,“ antwortete Herr von Favrolle, der nun umherſchaute, als hätte er die Oert⸗ lichkeit aufmerkſam unterfucht. „Die Eile Ihrer Abreiſe nöthigt mich durchaus, meinen Plan abzuändern.“ Und indem er dies ſagte, lief er an die Thüre der Treppe des Belvedere, ſchloß ſie zu, ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche und kehrte zu der Erzieherin zurück, welche immer mehr beängſtigt ausrief: Mein Herr, werden Sie mir Ihr ſeltſames Be⸗ tragen erklären?“ „Nichts kann einfacher ſein, mein Fräulein; Sie begreifen, daß Sie, ſo nahe auch Ihre Abreiſe ſein mag, Morville nicht vor heute Abend zu verlaſſen vermöchten. Der Tag rückt nun vor und es genügt mir, daß vor Einbruch der Nacht meine Vorkehrungen beendigt ſind, und ſie werden es ſein. Hören Sie mit zwei Worten meinen Plan: viele Perſonen ſind heute in dieſen Pa⸗ villon gekommenz es iſt alſo wahrſcheinlich, daß er keine neue Beſuche mehr empfangen wird; in jedem Fall, wenn ich Sie einmal hier eingeſchloſſen habe „ „Mich hier eingeſchloſſen!“ „Ja, mein Fräulein; doch ich bitte, wollen Sie mich nicht unterbrechen. Sind Sie einmal hier einge⸗ ſchloſſen, ſo würden Sie vergebens rufen: die Fenſier von dieſem Zimmer gehen nach dem Fluß, wo Niemand 240 vorüberkommt. Ihr Rufen wäre alſo vergeblich. Wenn ich Sie in dieſem Pavillon laſſe, ſchließe ich die Thüre des Erdgeſchoſſes und nehme den Schlüſſel mit. Es wird in dieſer Jahreszeit um fünf Uhr Nacht. Man ſpeiſt im Schloſſe erſt um ſieben Uhr zu Mittag. Das gibt mir eine genügende Zeit, um zu handeln. Denn Ihre Abweſenheit kann erſt bemerkt werden, wenn man ſi zweiten Mal zum Mittagseſſen geläutet hat. Ich habe mich ſchon mit Pferden und einem Wagen ver⸗ ſehen. Dieſer erwartet mich bei Einbruch der Nacht an einer der kleinen Thüren des an dieſen Pavillon an⸗ ſtoßenden Parkes. Ich komme zurück mit meinem Kam⸗ merdiener, einem ſicheren, verſchwiegenen, ergebenen Mann, ergeben genug, um mir Ihren Widerſtand be⸗ ſiegen zu helfen, wenn Sie mich, was ich nicht glauben will, Miß Marh, in die beklagenswerthe Nothwendigkeit verſetzen, Gewalt anzuwenden, um ſie bis zu meinem Wagen zu führen. Doch ich bin zum Voraus überzeugt, Sie fügen ſich. Sie gehen mit mir. Wir halten zwei Meilen von hier, mitten im Walde von Saint⸗Löger, bei der Witwe eines Forſtwarts an „. Sie iſt benachrichtigt und bietet uns eine beſcheidene Gaſtfreundſchaft. Ein Zimmer ſteht zu Ihrer Verfügung. Sie ſchließen ſich darin ein, denn ich ſchwöre Ihnen bei meiner Ehre, Miß Mary, bei keiner Gelegenheit werde ich die Rückſichten, die Achtung, die ich Ihnen ſchuldig bin, verletzen. Mein einziger Zweck iſt, Sie hinreichend durch den Anſchein zu compromittiren, daß Sie genöthigt ſind, mir Ihre Hand zu geben. Wir bleiben alſo fünf bis ſechs Tage im Hauſe des Forſtwarts. Wonach wir, da Ihre Bedenklichkeiten beſiegt ſind, deſſen bin ich ſicher, wieder erſcheinen. Mein Vater iſt entzückt von dem Streich und nimmt es auf ſich, ſeinen alten Kame⸗ raden zu beſchwichtigen. Ihre Familie, welche Gretna Green kennt, begreift, daß wir ein Inſtitut, das uns leider in Frankreich fehlt, durch etwas Anderes erſetzt haben; Sie bewilligen mir Ihre Verzeihung und Ihre 24⁴ Hand, denn mein ehrfurchtsvolles Benehmen hat Sie gerührt, beſänftigt; wir ſind vereinigt, und mein ganzes eben iſt dem Beweiſe gewidmet, daß die albernſten Wittel zum Glück führen können.“ Herr von Favrolle drückte ſich mit ſo viel Sicher⸗ heit aus, die Einzelnheiten ſchienen ſo klar, der Plan ſo ausführbar, trotz ſeiner Kühnheit, daß Miß Mary, nachdem ſie verächtlich gelächelt, zu zittern. anfing. Die Nacht rückte heran. Um dieſe Jahreszeit ſind die Felder verlaſſen, und um in den Wald von Saint⸗Léger zu gelangen, brauchte man keiner beſuchten Straße zu fol⸗ gen. Miß Mary konnte alſo nicht auf eine Hülfe rechnen. 2 Alles entging ihr zugleich. Aufrecht erhalten durch die Hoffnung einer nahen Rückkehr zu den Jhrigen, durch die Gewißheit, in Dublin Henry Douglas zu finden, der dort angekommen ſein mußte, hatte ſich Miß Mary noch am Morgen geſchmeichelt, alle die Leiden⸗ ſchaften, die ſie ohne ihr Wiſſen und Hinzuthun erregt, ju verſähnen, die gegen ſie eingenommenen oder irre ge⸗ eiteten Geiſter zu ſich zurückzuführen und ſo vom Schloſſe Morville, Freunde n zu ſcheiden⸗ Sie hatte zu viel auf ihren Muth, auf ihre Kaltblütig⸗ keit, auf die Revlichkeit ihrer Abſichten, auf die Güte ihrer Sache gerechnet: Herr von Favrolle war im Be⸗ griffe, ihr Leben zu brechen. Sie wollte einen letzten Verſuch wagen, ſtreckte ihre ſlehend gegen Herrn von Favrolle aus und ſagte zu ihm: „Mein Herr, es iſt unmöglich, daß Sie bei einem ſo abſcheulichen Plan beharren. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein Fräu⸗ lein,“ erwiederte Herr von Favrolle, „der Tag neigt ſich, die Augenblicke find koſtbar, entſchuldigen Sie daß ich Sie allein laſſe.“ Und mit einem Sprung war er bei der Thüre der Bibliothek, um Miß Mary an Geſchwindigkeit zuvor⸗ Miß Mary. 16 242 zukommen und ſie einzuſchließen; voch kaum hatte er die Thüre geöffnet, als er ſich einem kräſtigen, unterſetzten Mann gegenüber ſah, der einen gelblichen Reiſerock und beſpornte, mit Koth bedeckte Stolpſtiefel trug. Herr von Favrolle wich betroffen von der Ueberraſchung zurück und hörte in demſelben Augenblick Miß Mary mit eben ſo viel Erſtaunen als Freude ausrufen: „William! mein guter William! Ah! der Himmel ſchickt Sie.“ Herr von Favrolle erkannte nun den engliſchen Kutſcher, der ihm zwei Jahre vorher ſo dringend die junge Reiſende, welche mit der Diligence von Calais abging, empfohlen hatte. Zitternd vor Aufregung bei dem Anblick von William, der ihr ohne Zweifel Na hrich⸗ ten von Irland brachte, hatte Miß Marh nicht die Kraft, dieſem treuen Diener entgegenzugehen; ſie ſtützte ſich auf die Lehne eines Stuhles. Seinen heftigen Aerger ver⸗ bergend, verbeugte ſich Herr von Favrolle ehrerbietig vor ihr und ſagte: „Mein Fräulein, das erfordert bedeutende Abän⸗ derungen bei dem bewußten Plan; ich werde mich mit neuem Eifer damit beſchäftigen. Ich habe das Glück von zu nahe geſehen, um mich entmuthigen zu laſſen.“ Und er verbeugte ſich abermals, ging hinaus und ließ Miß Mary allein mit William. XXl. Mach dem Abgange von Herrn von Favrolle über⸗ wältigte Miß Marh allmälig vie Aufregung, die ihr die unvorhergeſehene Ankunft von William verurſachte, und ſie ſagte zu dieſem wackern Diener, der ſie mit Entzücken betrachtete: Sie kommen von Dublin, William? Wie geht 243 es meinem Vater? und meiner Mutter? und meinen Schweſtern 2“ „Es geht Allen gut, ſehr gut,“ erwiederte William, während er mit der umgekehrten Hand ſeine Thränen abwiſchte. „Sie haben ſie noch kürzlich geſehen, nicht wahr, William? Die Rachrichten, die Sie mir bringen, ſind neu?“ „Ja, Miß Mary, denn ich ſah Ihre liebe Familie alle Tage. Durch die Protection, die mir Herr Lawſon bewilligte, was Vertrauen zu mir gab, konnte ich auf Credit einen Wagen kaufen, den ich vermiethe und fahre; die Geſchäfte ſind nicht ſchlecht. Meine Remiſe iſt in der Vorſtadt, ganz nahe bei der Wohnung Whrer Familie, und da ich jeden Tag beinahe durch alle Quartiere der Stadt komme, ſo frage ich Miſtreß Lawſon nach ihren Aufträgen; ich erſpare dadurch den jungen Fräulein Gänge, welche ſie ermüden würden.“ „Braver William! Arme Schweſtern! Sie verdienen wohl wenig?“ »Oh! ſie ſind geſchickte Arbeiterinnen geworden: ſie malen kleine Guirlanden, fleine Bäume, kleine Flüſſe auf Fächer, und ich höre die Kaufleute, denen ich ſie zuweilen bringe, wenn jie dieſelben betrachten, ſagen: „Oh! hübſch! Oh! ſehr hübſch!““ Da verlange ich, daß ſie theurer bezahlen, und ſchon zweimal habe ich einen höheren Preis erhalten,“ fügte illiam bei. und durch ein ſchallendes Gelächter bezeichnete er, wie ſehr er ſelbſt mit ſeiner Geſchicklichkeit zufrieden war; dann fuhr er fort: „Oh! das Haus hat ein viel beſſeres Ausſehen, als zur Zeit Ihrer Abreiſe, Miß. Mit Hülfe deſſen, was Sie Ihrer Familie ſchicken, hat man einige begueme Meubles für Ihren Vater und Ihre Mutter kaufen können. Uebrigens wiſſen Sie, wie Miſtreß Lawſon eine Wirthſchaft führt. Ah! Sie werden jn ſein, 244 wenn Sie Ihre theure Familie wiederſehen, zu der wir Sie zurückführen.“ Dieſes wir ſiel Miß Mary auf. Der würdige Diener hatte nicht die Gewohnheit, von ſich in der erſten Perſon des Pluralis zu ſprechen. Eine Hoffnung, die ſie ſich als wahnſinnig vorwarf, machte das Herz des Mädchens ſpringen, und ſie heftete einen bangen Blick auf William, der, ohne es zu wiſſen, den geheimen Ge⸗ danken der Erzieherin beantwortend, alſo fortfuhr: „Wenn ich ſage, wir, ſo muß ich mich erklären, Miß Mary. Neulich am Abend hatte ich den Wagen frühzeitig eingeſtellt und war zu Miſtreß Lawſon ge gangen, um ihr über die Aufträge, die ich beſorgt, Be⸗ richt zu erſtatten. Herr Lawſon las ſeine Zeitung, Ihre Schweſtern waren mit Malen beſchäftigt, Ihre Mutter nähte an Weißzeug, und die kleine Arabella hatte ſich längſt ſchlafen gelegt. Plötzlich klopft man an die Haus⸗ thüre. Da Ihre Familie nie Jemand empfängt, ſo ſchien dieſer Beſuch ein wenig außerordentlich. Doch Ihre älteſte Schweſter nimmt eine Kerze und geht hinab, un zu öffnen. „„Wenn das nur keine Ungluͤcksbotſchaft iſt!““ ſagt Ihre arme Mutter zu Ihrem Vater, doch dieſer antwortet: „„Haben wir keine Furcht, meine liebe Frau, denn ſeit einiger Zeit liegt die Hand Gottes nicht mehr ſchwer auf uns.““ Doch ich war unruhig, denn ich hörte Ihre Schweſter, welche hinabgegangen war, um die Thüre zu öffnen, ſehr ſchnell, ohne zu ſprechen, wieder die Stufen heraufkommen, und ich hörte auch von Zeit zu Zeit etwas wie ein Geräuſch von Eiſen, das bei den Wendungen der Treppe an die Wand ſchiug. Endlich erſcheint Ihre Schweſter in der Thüre und bleibt ſtehen, ohne ſprechen zu können, ſo bewegt war ſie, und hinter ihr erblicke ich einen großen jungen Mann in der Uniform eines Artillerie⸗Commandanten.“ „Henry!“ rief Miß Mary, welche, trotz ihrer ge⸗ heimen Ahnungen und der redneriſchen Vorſichtsmaß⸗ regeln des guten William, von dieſer Kunde ſo tief er⸗ 2⁴5 ſeifen war, daß ſie einige Augenblicke ſchwieg; dann agte ſie mit einem ruhigeren Tone: „Alſo Herr Henry Douglas hat ſich bei meiner Familie eingefunden. Nicht wahr, er iſt wie früher empfangen worden ?“ „Gewiß, Ihre beiden Schweſtern haben vor Freude laut aufgeſchrieen und ſind ihm entgegengelaufen; Ihre Mutter, welche auch hatte auſſtehen wollen, fiel in ihren Stuhl zurück, ſo bewegt war ſie, und Herr Lawſon reichte, nicht minder ergriffen, Herrn Henry die Hand; dieſer drückte ſie in ſeinen Händen und ſagte zu Ihrem lieben Vater: „Verzeihen Sie, mein Oheim, daß ich Sie ſo ſpät beſuche; das Schiff, auf dem ich die Fahrt gemacht habe, iſt am Tage angekommen; mein erſter Beſuch galt mei⸗ nem Vater, der auf dem Lande iſt; ich bin dann hieher um eine andere meinem Herzen nicht minder heilige Pflicht zu erfüllen.““ Das waren ſeine Worte, Miß Mary,“ fügte William bei; „ich horchte mit allen meinen Ohren und täuſche mich nicht um ein Wort.“ „Fahren Sie fort, guter William,“ erwiederte das Mädchen, das der naiven Erzählung mit einem unaus⸗ ſprechlichen Glück zuhörte und durch den Geiſt dieſer rührenden Seene beizuwohnen ſich bemühte; „fahren Sie fort; vergeſſen Sie nichts, keinen Umſtand; wenn Sie wüßten, mit welchem Glück ich Sie höre!“ „Oh! Miß Mary, ich werde nichts vergeſſen: ich ſche und höre noch Alles dies, als ob ich dabei wäre. „Lieber Henry,““ ſprach Herr Lawſon, „„Sie haben hoffentlich meinen Schwager völlig geſund getroffen 266 „„Ja, mein Herr,“ antwortete Herr Heüry, „„doch mein Vater hat mich nur eine Stunde bei ſich behalten und dann mit den Worten weggeſchickt: Beeile Dich, Henry, Du wirſt noch zur rechten Zeit in die Vorſtadt kommen, um meine Schweſter und ihren Mann zu ſehen. Wenn ſie erführen, Du ſeiſt in Dublin eingetroffen, und Du habeſt gezögert, ſie zu beſuchen, ſo könnten ſie einen 246 Zweifel über unſer Benehmen haben, und dieſer Zweifel wäre eine Schande für uns.““ „Ihr Vater ſchaute Herrn Henry mit einer er⸗ ſtaunten Miene an, als wollte er von ihm die Erklärung dieſer Worte verlangen, Miß Mary; doch Ihr Vetter ließ nicht lange auf dieſe Erklärung warten; er wandte ſich an Ihre Eltern und ſprach: „„Herr und Miſtreß Lawſon, ermächtigt durch das Wohlwollen meines Vaters, des Sir John Douglas, bitte ich Sie um die Hand von Miß Marhy, Ihrer geliebten Tochter, und um die Er⸗ laubniß, ſie in Frankreich abholen und zu Ihnen zurück⸗ führen zu dürfen.““ Die Erzieherin konnte ſich ihrer Thränen nicht mehr erwehren, aber ſie bedeutete William durch ein Zeichen, er möge in ſeiner Erzählung fortfahren. „Da antwortete Ihr Vater: „„Lieber Henry, ich bewillige Ihnen die Hand unſerer frommen Tochter, und ich ſegne Euch Beide in meinem Herzen.““ Ihre Mutter ſprach nicht, Miß Mary, ſie that etwas Beſſeres, ſie ſen Herrn Henry an ihre Bruſt und gab ihm einen angen Kuß auf die Stirne. Dann kam die Reihe an Ihre Schweſtern, die ihn um die Wette umarmten, und ſch, ich war glücklich bei dem Gedanken, Sie würden zu den Ihrigen zurückkehren; doch ich wußte noch nicht alle Freude, die mir an dieſem Abend zu Theil werden ſollte. Als der erſte Augenblick vorüber war, ſprach Herr Henry: „„Mein lieber Oheim, wenn Sie erlauben, werde ich ſchon morgen abreiſen, um nach Frank⸗ reich und dem Schloſſe Morville zu gehen.““ „„Ich genehmige das ſehr gern, lieber Henry,“““ erwie⸗ derte Ihr Vater, „„und ich werde Ihnen einen Brief mitgeben, in dem ich Herrn und Frau von Morville für alle Güte, die ſie für unſer theures Kind gehabt haben, danke.““ „Wiel er wird alſo kommen?“ rief Miß Mary, während ſie ihr Sacktuch von ihrem Geſicht entfernte, um 2¹¹ ſchneller in den Augen von William die Antwort, die ſie erwartete, zu leſen⸗ „Einen Augenblick Geduld, Miß Mary, Sie haben mich nach den einzelnen Umſtänden gefragt, wollen Sie dieſelben auch hinſchlich deſſen, was mich betrifft, an⸗ hören. Als Herr Henry die Erlaubniß, Sie hier abzu⸗ holen, erlangt hatte, fügte er bei: „Mein lieber Oheim, Sie werden es ohne Zweifel beſſer finden, wenn ich nicht unverſehens vor Miß Mary, die mich noch nichit erwartet, und vor Herrn und Frau von Morville, die mich nicht kennen, erſcheine. Es wäre zweckmäßig, wenn mir Jemand voranginge, deſſen Gegenwart Miß Mary mit dem Gedanken ihrer Rückkehr hieher und meiner baldigen Ankunft vertraut machen würde, und wenn William, den ich dort in ſeiner Ecke erkannt habe, mich begleiten will, ſo wird er mir als Courier dienen.““ Brauche ich Ihnen zu ſagen, Miß Mary, daß ich den Vorſchlag mit freudigem Herzen annahm? Am andern Tage übergab ich meinen Wagen einem Kameraden und folgte Herrn Henry, feſt überzeugt, als Courier einige Stunden Glück voraus zu ahen „ da ich Sie vor ihm ſehen würde.“ „Aber wo iſt er denn? wo haben Sie ihn gelaſſen? wird er ſogleich fommen ?“ fragte Miß Mary, in deren Freude ſich allmälig Beſorgniß bei dem Gedanken an die ſo peinlichen, ſo ſchwierigen Umſtände miſchte, in denen ſie ſich in Beiihung, auf die Familie Morville und Herrn von FavrMe befand. „Ich habe Herrn Heury in Tours verlaſſen, er ſoll von dort um drei Uhr abreiſen, und mit den ſchlechten Poſtpferden, die man einem in dieſem Lande gibt, wird er erſt am Abend ankommen.“ „Es wäre zu ſpät,“ ſagte Miß Mary mit ſich ſelbſt ſprechend. William,“ fügte ſie bei, „wie ſeltſam Ihnen auch mein Entſchluß ſcheinen mag, wir dürfen Herrn Henry nicht bis hieher kommen laſſen; wir müſſen ihm entgegengehen.“ 248 „Miß Marh, Sie haben nur zu befehlen; ich, ich habe nur mit geſchloſſenen Augen zu gehorchen.“ »Hat Ihnen Herr Henry Douglas nichts für mich übergeben 2“ „Entſchuldigen Sie mich, Miß, die Freude ſtört ein wenig die Regelmäßigkeit in Beſorgung der Aufträge. Hier iſt vor Allem ein Brief für Sie, und hier iſt der⸗ jenige, welchen Herr Lawſon an Herrn und Frau von Morville geſchrieben hat, um ihnen anzukündigen, daß er Sie zu ſich zurückruft.“ „Hat man Sie im Schloſſe geſehen 2“ fragte Miß Marh, während ſie das Billet entſiegelte, in welchem ihr Henry Douglas mittheilte, nachdem er den Grad er⸗ halten, mit welchem er nach Europa zurückkommen ſollte, habe er Gelegenheit gehabt, ſeine Ueberfahrt zu beſchlen⸗ nigen und die Zeit, die er in ſeinen letzten Briefen be⸗ zeichnete abzukürzen; dieſes Billet gehe ihm nur um einige Stunden voran. Als William ſah, daß Miß Marh den Brief von Henry Douglas zum dritten Mal zu leſen anfing, glaubte er die Frage des Mädchens beantworten zu können. „Bei meiner Ankunft im Schloſſe,“ ſagte er, „fragte ich nach Miß Mary Lawſon bei einem Bedienten „der mich mit großer Aufmerkſamkeit anſchaute. Er ſagte ein paar Worke zu einer dicken Frau, welche ſich im Hofe befand und nach dieſer Seite deutete „während ſie mich auch ſehr aufmerkſam anſchaute. D Bediente kehrte zu mir zurück, hieß mich ihm folgen i führte mich in dieſen Pavillon.“ „Sie ſind zu Pferde gekommen?“ „Ja, Miß, als ein wahrer Courier, und der Poſtillon hat ſogleich die zwei Pferde zurückgebracht. Herr Henry Douglas wird mit dem Wagen ankommen „den er in Calais gemiethet.“ „Haben Sie in Saint⸗Hilaire, aufder letzten Station, bemerkt, ob dort ein Wagen iſt, über den man verfügen könnte 2. 249 ſeh „Ja, Miß, ich habe im Hofe eine Reiſecaleche ge⸗ ehen.“ Die Unterredung von William und Miß Mary wurde durch den Eintritt von Herrn von Morville unter⸗ brochen. Er ſah noch ſorgenvoller, noch ſchwermüthiger als gewöhnlich aus. Er ſchien erſtaunt über die Ge⸗ genwart von William und ſagte zu der Erzieherin: „Alphonſine iſt mit ihrem Bruder nach Hauſe P kommen .. Die Nacht rückte heran, Miß Mary. Da ich wußte, daß Sie in dieſem Pavillon geblieben, und da ich Sie nicht zurückkommen ſah, ſo wurde ich ein wenig unruhig.“ „Mein Herr, ich danke Ihnen für dieſes Zeichen Ihrer Theilnahme,“ antwortete die Frzieherin, die nach kurzer Ueberlegung einen Entſchluß gefaßt hatte. „Ich möchte Sie gern um eine Gefälligkeit bitten.“ „Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Fräulein.“ Viß Marh bezeichnete Herrn von Morville Pa⸗ pier und Federn, welche auf dem Liſche lagen, und ſagte: »Würden Sie wohl die Güte haben, Ihrem Kut⸗ ſcher zu befehlen, dieſem alten Diener meiner Familie (und ſie deutete auf William) einen Wagen und ein Pferd zur Verfügung zu ſtellen ?“ Erſtaunt über die Bitte von Miß Marh, war Herr von Morville im Begriff, eine Frage an ſie zu richten, doch bedenkend, die Erzieherin wünſche ohne Zweifel nicht vor einem Fremden das zu erklären, was in der Bitte, die ſie an Herrn von Morville gethan, Selt⸗ ſames lag, ſetzte ſich dieſer an den Tiſch, ohne etwas zu ſagen, ſchrieb den Befehl und übergab ihn Miß Mary. Das Mädchen ging ſogleich auf William zu, der bei der Thüre geblieben war, reichte ihm das Pa⸗ pier und ſagte engliſch: Mein guter William, gehen Sie auf der Stelle in's Schloß: übergeben Sie dieſen Befehl dem Kutſcher; ſobald der Wagen bereit iſt, führen Sie ihn an das Ende der Allee, hier, rechts vom Pavillon. Befragen —————— — 250 Sie die Leute, ſo antworten Sie, Sie vollziehen die Befehle von Herrn von Morville ... Ah!“ fügte ſie bei, indem ſie noch ein paar Zeilen auf ein Papier ſchrieb, „Sie werden nach der Kammerjungfer von Fräu⸗ lein Alphonſine fragen und ſie bitten, in den Wagen die in dieſer Note verzeichneten Gegenſtände zu tragen.“ William empfing die zwei Papiere; er betrachtete ſie Anfangs mit einer gewiſſen Verlegenheit, denn ſo eben erſt im Schloſſe Morville angekommen, ſchienen ihm die verſchiedenen Aufträge, die man ihm ertheilt, ſchwer auszuführen, doch im Vertrauen auf ſeinen Eifer und ſeinen Verſtand ging er weg, um die Befehle von Miß Mary zu vollziehen. Einige Schritte vom Pa⸗ villon begegnete er Frau Pivolet. Sehr erbaut über 1 die Ankunft von William im Schloſſe und über den verlängerten Aufenthalt der Erzieherin im Felſenpavillon, begab ſich Frau Pivolet gerade dahin, doch als ſie von ferne Herrn von Morville auch nach dieſem abgelegenen Orte zuſchreiten ſah, verbarg ſie ſich in einem Gebüſche, ließ ihren Herrn vorübergehen, folgte ihm dann und ſagte: „Kein Zweifel, ein Rendezvous! Ich würde ſogleich die gnädige Frau davon unterrichten, wäre mir nicht daran gelegen, zu erfahren, ob der Mann mit dem weißen Reiſerock und den Stolpſtiefeln noch bei der In⸗ ſulanerin iſt.“ Frau Pivolet wurde über dieſen Gegenſtand bald belehrt. Als ſie William erblickte, der aus dem Pavil⸗ lon kam, ging ſie auf ihn zu und bot ihm mit dem allerfreundlichſten Tone ihre Dienſte an, die der würdige Diener um ſo lieber annahm, als er ſehr in Verlegen⸗ heit war, wie er die Befehle von Miß Mary vollziehen ſollte. Er foigte alſo Frau Pivolet nach dem Schloß, und mit einer triumphirenden Freude ſagte die Be⸗ ſchließerin zu ſich ſelbſt: S „Alles geht gut! Benachrichtigen wir vor Allem die gnädige Frau, daß ihr Gemahl ein Rendezvous mit der Inſulanerin hat, und ſchicken wir dann raſch den 25¹ kleinen Robin zum Vater Chenot hinab. Ah! diesmal wirſt Du mir nicht entſchlüpfen, ſchöne Engländerin.“ Während ſich die Beſchließerin mit ihren Complotten beſchäftigt, kehren wir nach dem Felſenpavillon zurück, wo Herr von Morville allein mit Miß Mary geblieben iſt. XXII. Die Nacht rückte immer näher Herr von Morville und Miß Mary befanden ſich allein im Felſenpavillon. Kaum war William weggegangen, als Herr von Morville zu der Erzieherin ſagte „Miß Mary, die einfachſte Schicklichkeit hielt mich ab, Sie vor einem Fremden zu fragen, wozu der Wagen verwendet werden ſollte, welchen zu Ihren Befehlen zu ſtellen ich zu glücklich bin. Darf ich nun, ohne un⸗ beſcheiden zu ſein, eine Frage in dieſer Hinſicht an Sie richten ?2“ * „Ich würde Ihrem Wunſche ſogleich entſprochen haben, mein Herr, wären Sie mir nicht zuvorgekommen⸗ ich werde mich des Wagens bedienen, um mich nach Tours zu begeben, und von dort werde ich nach England abreiſen.“ Herr von Morville bebte; dann ſchaute er die Er⸗ zieherin an, denn er konnte nicht an das, was er hörte, glauben, und rief: „Wie! Miß Mary, Sie ſagen 4 5 „Ich ſage, mein Herr, daß ich nach England zurück⸗ kehre, wohin ich durch meine Familie gerufen werde „Sie wollen gehen! das iſt unmöglich! Eine ſo plötzliche, ſo unerwartete Abreiſe!“ „Ich bitte, mein Herr, ſehen Sie in dieſer plötz⸗ lichen Abreiſe nicht einen Mangel an Rückſicht und Achtung gegen Sie. Nein, denn vor der Ankunft des würdigen — — — 252 Dieners, der mich von den Abſichten meiner Familie unterrichtet hat, war ich entſchloſſen, abzureiſen, und glauben Sie mir, es bedurfte ernſter, ſehr ernſter Gründe, um mich zu einem ſolchen Entſchluß zu nöthigen.“ „Abreiſen!“ rief ſchmerzlich Herr von Morville, ohne ſeine Aufmerſamkeit auf die Schlußworte von Miß Mary zu richten; „abreiſen! wie! das wäre das letzte Mal, daß ich Sie ſehen, daß ich mit Ihnen ſprechen würde! Oh! das iſt unmöglich! Man tödtet nicht ſo einen Men⸗ ſchen mit einem Schlag; denn Sie wiſſen wohl, daß Sie mich tödten, Sie wiſſen wohl, daß ich nicht ohne Sie leben kann, Sie wiſſen, daß ich Sie liebe!“ „Ah! mein Herr, mein Herr!“ rief Miß Mary purpurroth vor Verwirrung, „Hicht eine Sylbe mehr! Ich will dieſe verletzenden Worte nicht gehört haben.“ „Oh! ſagen Sie nicht, Sie wiſſen nichts von mei⸗ ner unglücklichen Liebe. Es iſt Ihnen bekannt, welcher unwiderſtehliche Zauber mich zu Ihnen hingezogen hat, welches Glück es mir bereitete, Ihnen mein Leben, meine geheimen Gedanken, ſogar meine Fehler, mein Unrecht zu enthüllen! Eine furchtſame Zurückhaltung folgte auf dieſe erſte Hinreißung; doch das war der Kampf der Achtung, der Ehre gegen eine unſelige Lei⸗ denſchaft. Ah! die Spuren dieſes Kampfes mußten nur zu ſichtbar für Ihre Augen ſein! Wie, Sie haben die Urſache dieſer düſteren rezt nicht errathen, die mich die Einſamkeit aufſuchen ließ, wo ich mich von jedem Intereſſe, von jeder Zuneigung abſonderte? Und dieſe ſchlafloſen Nächte, die ich damit hinbrachte, daß ich meine Thränen verſchlang, daß ich mir noch die Fol⸗ gen dieſer unglücklichen Liebe übertrieb, um ſie zu bän⸗ digen? Wie! Sie haben nichts errathen, nichts in meinen Zügen, in meinen durch die Zähren und die Nacht⸗ wachen gerötheten Augen geleſen? Mein Gott! mein Gott! ich ſoll ſo viel ... 6 viel gelitten haben und nicht einmal den Troſt beſitzen, mir zu ſagen: Man weiß, daß ich gelitten, und man beklagt mich vielleicht.“ ——— —— 25⁵³ Während Herr von Morville ſo ſprach, ſank er auf einen Stuhl zurück. Erſchrocken über die Heftigkeit der Worte, die ſie gehört, wagte es Miß Mary einen Augen⸗ blick nicht, zu antworten, aus Furcht, noch mehr dieſen zum erſten Mal mit einem ſo erſchrecklichen Ungeſtüm ausbrechenden Schmerz zu reizen. „Sie klagen mich an, mein Herr,“ ſagte endlich die Erzieherin mit dem Tone ſtrengen und würdigen Vor⸗ wurfs, „Sie klagen mich an, während mein einziges Unrecht iſt, daß ich Vertrauen zu Ihrer Ehre, zu Ihrer Redlichkeit gehabt habe!“ Herr von Morville ſchaute bei dieſen Worten empor; Miß Mary fuhr fort: „Ja, denn nie, oh! nie, mein Herr, hätte ich Sie für fähig gehalten, Ihre Pflichten gegen mich zu ver⸗ geſſen. und dieſe Pflichten waren ſo nehieterſch, ſo heilig, als die meinigen gegen Ihre Familie. Sie kann⸗ ten mein Unglück, Sie waren mir Mitleid ſchuldig; Sie kannten meine Ehrlichkeit, Sie waren mir Achtung ſchuldig; Sie wußten, daß ein Heirathsplan, gegründet auf eine Zuneigung aus der frühſten Jugendzeit, durch das Mißgeſchick der Meinigen zerſtört worden war, Sie waren mir Theilnahme ſchuldig. Alle dieſe für einen Mann von Herz heiligen Pflichten haben Sie ſo eben grauſam verletzt, mein Herr.“ „Ach! bin ich denn ſo ſtrafbar?“ verſetzte Herr von Morville mit ſchmerzlicher Niedergeſchlagenheit, „iſt es mein Fehler, wenn in der Eintönigkeit meines Daſeins eine Perſon erſchienen iſt, deren Talente, deren Er⸗ ziehung, deren Charakter von Allen P wurden? iſt es mein Fehler, wenn der Zufall, indem er Ihnen ein Geheimniß meines Lebens preisgab, mein Vertrauen gegen Sie verdoppelt hat? iſt es mein Fehler, wenn dieſes Vertrauen ſich in Zuneigung verwandelt hat? und dieſe Zuneigung, habe ich Sie mit derſelben durch Mittel bekannt gemacht, welche die Ehre verwirft? 254 Habe ich es verſucht, Ihren Geiſt zu verderben, Ihr Herz zu verführen? Nein, nein, ich habe gelitten, in der Stille gelitten, allein gelitten, viel gelitten, und mein Verbrechen, welches iſt es? .. daß ich Ihnen das Geſtändniß dieſes Leidens an dem Tage mache, wo Sie mich auf immer einer unheilbaren Verzweiflung preiszugeben im Begriffe ſind.“ ie Worte und die Haltung von Herrn von Mor⸗ ville offenbarten einen ſo wahren, ſo tiefen Schmerz, daß Miß Mary, ſtatt ihm mit der Bitterkeit der belei⸗ digten Würde zu erwiedern, in ihm nur eine ſchwache und kranke Seele ſah, die man nicht reizen, ſondern wieder ſtärken und heilen mußte. Sie antwortete alſo Herrn von Morville: „Seien Sie zufrieden, mein Herr, ich Sie; ich fühle für Sie nicht das innige, das edle Mitleid, das ein rührendes und unverdientes Unglück einflößt, wohl aber das traurige Mitleid, das die Abnahme, die Ohnmacht eines Geiſtes einflößt, der, während er das Bewußtſein vom Böſen hat, nicht die Kraft zum Guten beſitzt .. Sie, ein Mann von phyſiſchem Muth, Sie haben keinen moraliſchen Muth: eine ſtrafbare, wahn⸗ ſinnige Leidenſchaft bemächtigte ſich Ihres Herzens, und ſtatt ſie zu bekämpfen, zu beſiegen, wiſſen Sie nur ſich ihr zu unterwerfen und ſich insgeheim in der düſteren Unthätigkeit eines unfruchtbaren Lebens zu beklagen; Sie, dem Gott eine Familie zu führen, zu leiten ge⸗ geben hat!“ Mein, nein, Miß Mary, ich bin nicht ſchwach gegen dieſe Leidenſchaft geweſen. Ich habe gekämpft, ich habe mich in dieſem Kampfe erſchöpft, und Sie würden nie etwas davon erfahren haben, hätten Sie mir nicht heute geſagt: Ich gehe!“ „Und während Sie, Ihre Kräfte in dieſem Kampfe erſchöpfend, in ſich ſelbſt verſunken, gleichgültig gegen das, was um Sie her vorging, alle Ihre Pflichten ver⸗ geſſend, nichts von der Unordnung und dem Unglück 255 wußten, wovon Ihr Haus bedroht war, ſah ich dieſe Mißgeſchicke. Ich verſuchte es, ſie zu beſchwören. Mein Herr, es wäre auch, ſelbſt wenn ich nicht den Wünſchen meiner Verwandten, die mich zu ſich zurückberufen, zu gehabt hätte, meine Abriiß unerläßlich ge⸗ weſen.“ „Habe ich recht verſtanden 26 rief Herr von Mor⸗ ville. „Ich, ſagen Sie, ſei die Urſache Ihrer Abreiſe 2“ „Indem ich dieſes Haus verlaſſe, mein Herr, fliehe ich die Folgen Ihrer beklagenswerthen Verblendung.“ Herr von Morville ſchaute Miß Mary mit Erſtau⸗ nen an. Sie fuhr fort: „War es nicht an Ihnen, mein Herr, der Sie durch die Erfahrung gereift ſind, vorherzuſehen, Ihr Sohn könne einem unwillkürlichen Gefihſe nachgeben? War es klug, war es ſchicklich, ihn unabläſſig dadurch mir zu nähern, daß Sie ihn einem Theile der Studien ſeiner Schweſter ſich anſchließen ließen? Nein, nein und ge⸗ ſchah es nur aus Rückſicht für meine Lage, Sie muß⸗ ten Ihren Sohn nicht einer Gefahr ausſetzen, welche Ihnen zu bezeichnen gerade meine Würde mich ver⸗ hinderte.“ ² Was ſagen Sie!“ rief Herr von Morville ſchauernd, „Gerard liebt Sie 26 Wenn es ſo wäre, mein Herr, wen müßte Ihr Sohn anklagen, Sie oder mich? Mich, die ich in meinen Beziehungen zu ihm die äußerſte Zurückhaltung beobach⸗ tet habe, vder Sie, deſſen ſtrafbare Unvorſichtigkeit dieſes unglückliche Kind den hinreißenden Antrieben ſeines Al⸗ ters überließ? In Ihrer unentſchuldbaren Verblendung vermutheten Sie alſo nicht einmal, Ihr Sohn ſei auch von einer wahnſinnigen Leidenſchaft erfüllt, die ihn zu Ihrem Nebenbuhler mache!“ „Er! mein Sohn! mein Nebenbuhler!“ rief Herr von Morville niedergeſchmettert von Scham und Reue; und er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen und mur⸗ melte: „Ah! das iſt zu viel! das iſt zu viel“ * Miß Mary fuhr fort: „Und Ihre Tochter? iſt ſie mehr als ihr Bruder der Gegenſtand Ihrer Sorgfält geweſen? Das Hin⸗ ſchmachten, die Abnahme des armen Mädchens, hat dies Ihren Verdacht, Ihre Beſorgniſſe über die wirkliche Urſache der Krankheit von Alphonſine erregt?“ Herr von Morville ſchaute Miß Mary mit einem Frſtaunen voll Bangigkeit an und ſagte dann: „Wiſſen Sie nicht, daß der Arzt den kränklichen Zuſtand von Alphonfine Nervenanfällen zuſchreibt?“ „Die wachſame Zärtlichkeit eines Vaters, mein Herr, hätte bald den Irrthum des Arztes errathen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Sie haben alſo keinen Verdacht, keinen Ar wohn geſchöpft, mein Herr, als Sie Herrn von Favrolle im⸗ mer wieder die Zeit ſeiner Verheirathung mit Ihrer Tochter vertagen ſahen ?“ „Der Geſundheitszuſtand von Alphonſine erklärt nur zu ſehr den Aufſchub, den ihre Heirath erlitten hat.“ „Aber die Urſache, die wahre Uurſache der Leiden Ihrer Tochter, mein Herr, iſt die Eiferſucht.“ „Alphonſine eiferſüchtig! mein Gott, auf wen?“ „Auf mich, mein Herrz doch Gott ſei Dank, ich habe ſie enttäuſcht.“ „Alphonſine eiferſüchtig auf Sie, Miß Mary?“ verſetzte Herr von Morville mit wachſendem Erſtaunen. „Und was iſt die Urfache von dieſer Eiferſucht?“ „Herr von Favrolle.“ „Er liebt Sie 2“ . „Er glaubt mich zu lieben, doch es iſt nichts daran⸗ Dieſe vorübergehende Neigung, einen Augenblick gereizt durch meine Gleichgültigkeit, wird bald bei Herrn von Favrolle erlöſchen: er wird zum wahren Wunſche ſeines Herzens zurückkehren, und Alphonſine wird in einer baldigen Heirath das Vergeſſen ihres Kummers, die Verwirklichung ihrer theuergen Hoffnungen finden. Und nun, mein Herr, bedenken Sie, welche furchtbare Ver⸗ 257 antwortlichkeit auf Ihnen laſten würde, wenn, was Gott verhüten möge, das Glück, die Zukunft Ihrer Kinder auf immer gefährdet wäre!“ Herr von Morville hatte Miß Mary mit zuneh⸗ mendem Schmerz, mit geſteigerter Scham und verdop⸗ pelten Gewiſſensbiſſen angehört. Bald brachte der heil⸗ ſame Einfluß der Worte der Erzieherin, ſeine Gegen⸗ wirkung bei ihm hervor; er erhob ſeine bis dahin unter der Beſchämung gebeugte Stirne, und der träge, leidende Ausdruck ſeiner Züge machte einer ruhigen und würdi⸗ gen Entſchloſſenheit Platz. Er reichte ſeine Hand der Erzieherin, und als dieſe zögerte, ſie zu nehmen, ſprach er mit feſtem, innigem Tone: „Miß Mary, weiſen Sie dieſe Hand nicht zurück, es iſt die eines Mannes, der, nachdem ex ſchwach, nach⸗ dem er feig genug geweſen, um ſeine heiligſten Pflichten ju vergeſſen, aus einem ſchmerzlichen Traume erwacht. ie Täuſchung hört auf, die Wirklichkeit erſcheint; Ihre Enthüllungen öffnen mir die Augen, ich erkenne, wie ſehr ich ſtrafbar geweſen bin; ich erkenne die traurige Verantwortlichkeit, die ich mir gegen meinen Sohn, gegen meine Tochter zugezogen, welche leider Rechen⸗ ſchaft von mir über ihre zu früh gewelkte Zukunft for⸗ dern könnten. Sie, ſie, welche alle Ausſichten auf ein wünſchenswerthes Glück in ſich vereinigten! Die Lection iſt grauſam, doch ſie wird nicht unfruchtbar ſein. Meine ganze Energie, meine ganze Vernunft, die ganze Zärt⸗ iichteit, die ich für meine Kinder fühle, immer gefühlt habe, jollen angewendet werden, um mein Unrecht gut zu machen. Ich ſchwöre es Ihnen,“ fügte Herr von Morville bei, indem er abermals herzlich die Hand der Stit in ſeiner Hand drückte; „ich ſchwöre es, Miß „Uund ich glaube Ihnen,“ antwortete die Erzieherin mit einem Ausdruck unſäglichen Glücks; „ja, ich glaube an dieſen heiligen Eid!“ „Ein Eid ſo unwürdig, ſo ſchändlich als der Miß Marh. 17 Mund, der ihn auszuſprechen wagt!“ rief die zornige Stimme von Frau von Morville, welche, durch Frau Pivolet von dem Rendezvous von Miß Mary und Herrn von Morville unterrichtet, nach dem Pavillon gelaufen und in die Bibliothek in dem Angenblick ein⸗ getreten war, wo, während Herr von Morville in ſeiner Hand die Hand der Erzieherin hielt, Miß Mary mit bewegtem, innigem Tone zu ihm ſagte: „Ich glaube an dieſen heiligen Eid.“ Frau von Morville legte dieſe Worte als einen Liebesſchwur aus. Ein begreiflicher Irrkhum, wenn man an die Angebereien von Frau Pivolet und an den Zufall denkt, welcher wollte, daß die Unterredung von Herrn von Morville und Miß Marh in dieſem ein⸗ ſamen Pavillon bei Einbruch der Nacht ſtattfand. XXIII. Trotz des Halbdunkels, das der Eintritt der Nacht im Pavillon verbreitete, bemerkte Herr von Morville die Bläſſe des Geſichtes ſeiner Frau und den Ausdruck ſete Eraltation in ihren Zügen. ehr noch erſtaunt, als verletzt durch die beleidi⸗ genden Worte, die der Zorn Frau von Morville entriſ⸗ ſen, blieb Miß Mary ruhig und würdig. „Man hat mich alſo nicht getäuſcht!“ rief unge⸗ ſtüm die Mutter von Alphonſine, während ſie abwech⸗ ſelnd Herrn von Morville und ihre Er ieherin anſchaute, „ein Rendezvvus am Abend! in dirſem einſamen Pa⸗ villon mit der Erzieherin Ihrer Tochter! Ah! mein Herr . mein Herr! wenn Sie alle Scham verloren haben, denken Sie wenigſtens an Ihre Kinder.“ „Louiſe!“ ſprach Herr von Morville, „ich bitte Sie inſtändig, kommen Sie zu ſich, der Zorn verwirrt Ihren 2⁵9 Geiſt! Wie! auf die lügenhafte Ausſage einer elenden Tollen können Sie glauben!“ . „Mein Herr, ich glaube das, was iſt ſehe, und ich ſehe in dieſem Pavillon meinen Mann ganz allein mit ſeiner Geliebten.“ „Madame,“ erwiederte Herr von Morville, „ich weiß, was man der blinden Heftigkeit Ihres Charakters zu gut halten muß, aber ich werde es nicht dulden, daß Sie ſo in meiner Gegenwart Fräulein Lawſon beleidi⸗ gen, verleumden.“ „Mein Herr,“ ſprach raſch Miß Mary, »wenn Sie die Achtung für mich hegen, die ich verdiene, ſo be⸗ ſchwöre ich Sie, vertheidigen Sie mich nicht; es würde mich ſchmerzen, die Urſache eines ärgerlichen Streites zwiſchen Ihnen und Frau von Morville zu ſein.“ „Das iſt reizend !“ rief die Mutter von Alphonſine mit einem höhniſchen Gelächter. „Mittelſt des guten Ein⸗ klangs in der Ehe möchte das Fräulein gern in voll⸗ fommener Ruhe die unwürdige Rolle fortſetzen, die es bei mir ſpielt!“ „Louiſe,“ ſagte Herr von Morville, trotz einer flehen⸗ den Geberde von Miß Mary, „Sie verlieren den Ver⸗ ſtund! Sie beleidigen das, was es Edelſtes, Reinſtes auf der Welt gibt!“ „Madame,“ ſprach Miß Mary, Herrn von Morville unterbrechend, zu deſſen Frau, »es gibt ſo abſcheulichen, ſo wahnſinnigen Verdacht, daß er eine redliche Seele nicht verletzen kann; Sie ſind in dieſem Angenblick nicht Herrin Ihrer ſelbſt. Ich ſage Ihnen nichts auf Worte, die Sie dald bereuen werden. Durch einen zweijährigen Aufent⸗ halt hier habe ich Sie kennen lernen, Madame, und wenn ich zuweilen, ohne mich zu beklagen, unter der Lebhaf⸗ tigkeit Ihrer erſten Bewegungen gelitten habe, ſo bin ich doch auch oft Ihre Herzensgüte zu ſchätzen im Stande geweſen.“ „Genug, mein Fräulein, genug! Glauben Sie mich durch Ihre heuchleriſchen, niedrigen Sin be⸗ thören zu können? Glauben Sie mir durch dieſe ver⸗ ſtellte Reſignation Stillſchweigen aufzuerlegen 26 „Ich habe keinen andern Wunſch, als Sie von Ihrem Irrthum zu überzeugen. Reden Sie alſo, Ma⸗ dame, ich höre Sie und Ihnen, Sie nicht zu unterbrechen.“ Dieſes Verſprechen und die Kaltblütigkeit von Miß Mary brachten Frau von Morville Anfangs aus der Faſſung; wie es bei allen Perſonen von einem heftigen Charakter geſchieht, ſchöpfte ihr Zorn neue Nahrung im Widerſtand und im Widerſpruch, aber oft erloſch er vor dem Stillſchweigen und der Ruhe. Doch ihre Eiferſucht, ihr kindiſcher, vielfacher Groll, und beſonders ihre Ueher⸗ zeugung von dem zärtlichen Verhältniß ihres Gatten und ihrer Erzieherin genügten für den Ausbruch des Zorns von Frau von Morville, und ſie rief: „Gut, mein Fräulein, Sie ſollen befriedigt werden, und da Sie, ſowie Herr von Morville, mir gütigſt zu ſprechen erlauben, ſo werden Sie Alles erfahren, was ich auf dem Herzen habe, und ſogleich werde ich Ihnen ſa⸗ gen, daß Sie ganz allen Ihres Gleichen ähnlich ſind; einmal in unſere Familien eingeführt, meine Fräulein, nehmt Ihr den Geſchmack, die Gewohnheit des Wohl⸗ ſtands an, auf welche zu verzichten Euch ſo viel Ueber⸗ windung koſtet, und um dies zu verewigen, ſucht Ihr Euch durch alle Mittel, redliche oder unredliche, eine Stellung zu ſchaffen, die Eure Functionen überlebt; die junge Perſon, die man Euch anvertraut, iſt der erſte Gegenſtand des Netzes, das Ihr ausſpannt;z ihre Er⸗ ziehung dient Euch als Vorwand, um ſie von ihren Verwandten abzuſondern, um ſich ihrer zu bemächtigen, in der Abſicht, eine gelehrige Sklavin aus ihr zu Se mit dem Vorbehalt, ſpäter ihre unentbehrliche Rath⸗ geberin zu ſein, oder im Nothfall ihre wenig bedenkliche Kupplerin. Um zu dieſem Ziele zu gelangen, muß man beſonders die Mutter, die nur ihre Kinder zu lieben weiß, entfernen und mit Hülfe, ohne Zweifel in dieſer 261 edlen Abſicht, erworbener Talente unter einer demüthi⸗ genden Vergleichung die Gattin niederdrücken, deren Ein⸗ ſtuß man beim Manne fürchtet. Nichts kann leichter ſein, man iſt jung, ſchön, verführeriſch; der Mann iſt einer Verführung aller Augenblicke ausgeſetzt; er iſt ſchwach, man iſt verſchmitzt, heuchleriſch, hartnäckig, und bald wird das Familienhaupt beherrſcht durch eine Fremde, ſeine Frau, ſeine Kinder der Tyrannei einer Creatur unterwerfen, welche ſo die einzige Gebieterin des Hauſes wird. Unglücklicher Weiſe, ſehen Sie, mein Fräulein, finden ſich zuweilen Frauen, die, allerdings außer Stand, an Reizen, an Anmuth, an Talenten mit der Erzieherin zu kämpfen, die ſie bezahlen, ſich am Ende über die Frechheit und Schamloſigkeit gewiſſer Anmaßungen em⸗ pören und ihnen durch folgendes höchſt einfaches Mittel ein Ziel ſetzen: An einem ſchönen Morgen, oder viel⸗ mehr an einem ſchönen Abend ſagen ſie zu der Erzieherin, deren Pläne enthüllt ſind Fräulein Lawſon, ich bin in meinem Hauſe!“ Und Frau von Morville, die den Parorismus des Zorns erreicht hatte, bezeichnete Miß Mary mit einer verletzenden Geberde die Thüre. „Mein Fräulein, ich bin in meinem Hauſe, und ich „ »„Halten Sie ein, Madame!“ rief das Mädchen mit einem ſo eindrucksvollen, ſo ſtolzen Tone, daß Frau von Morville nicht endigte, Hnicht ein Wort mehr, in Ihrem eigenen Intereſſe, nicht in dem meinigen, denn es gibt Beleidigungen, die mich nicht treffen können.“ 6 „In meinem Intereſſe!“ verſetzte Frau von Morville; „was wollen Sie damit ſagen, mein Fräulein? iſt das eine Drohung?“ „Es iſt eine Bitte, Madame, ich will, indem ich aus Ihrem Hauſe ſcheide, die Liebe Ihrer Familie und Ihre Achtung, Madame, mit mir nehmen; ja, Ihre Achtung. Darum bitte ich Sie, nicht einer Hinreißung nachzugeben, die Sie bitter bereuen würden. Darum bitte ich Sie, mich anhören zu wollen.“ „Meine Achtung mitnehmen? Ah! Sie halten 262 mich alſo für ſehr albern oder ſehr feig, Fräulein Law⸗ ſon? meine Achtung! Ihnen, die Sie das Unglück, die Trübſal in unſere Familie gebracht haben, von dem erſten Tage Ihrer Ankunft, wo meine Kinder von Ihrem Oheim enterbt worden ſind, bis heute, wo Sie mir die Liebe meines Mannes rauben.“ „Madame, Sie bezüchtigen mich, ich wolle Ihnen die Liebe von Herrn von Morville rauben und ich trachte darnach, in Ihrem Hauſe zu herrſchen. Hören Sie meine Antwort: ehe eine Viertelſtunde vergeht, werden Sie zu dieſem Pavillon den Wagen kommen ſehen, den vorhin Herr von Morville zu meiner Verfügung geſtellt hat, um damit nach Tours zu fahren, von wo aus ich mich nach England begeben werde.“ „Sie reiſen!“ rief Frau von Morville, von einem tiefen Erſtaunen ergriffen; dann fügte ſie bei: „Nein, nein, das iſt eine Lüge oder eine Falle!“ „Louiſe,“ ſprach Herr von Morville, „vor einer Stunde habe ich auf die Bitte von Miß Mary dem Kutſcher den Befehl zugeſchickt, anzuſpannen und den Wagen zu bringen. Er wird in einem Augenblick bei der Thüre des Parks ſein.“ Frau von Morville, deren Zorn, ſo zu ſagen, nicht mehr wußte, woran er ſich halten ſollte, war ganz aus der ſhſung gebracht durch die Ankündigung der Abreiſe von Miß Mary. 9 Ich geſtehe nun, Madame,“ ſagte die Erzieherin, „meine Gegenwart in Ihrer Familie hat Unglück herbei⸗ geführt, das ich tief bedaure, denn ich bin die unwill⸗ kürliche Urſache davon.“ „Unwillkürlich oder nicht,“ rief Frau von Morville, „Sie ſind ein Unglücksvogel, wie ich vor zwei Jah⸗ ren bei Ihrer Ankunft hier Herrn von Morville ſagte, der, in Vorausſicht ohne Zweifel, ſchon Ihre Partie gegen mich nahm.“ „Madame, wenn Herr von Morville ſo handelte, gab er einem natürlichen Gefühle der Billigkeit nach. 263 War es gerecht, mich verantwortlich zu machen für Un⸗ glück, von dem ich, ich wiederhole es, die unwillkürliche hrſache bin?“ „Und auf wen, mein Fräulein, wird alſo dieſe Ver⸗ antwortlichkeit zurückfallen ?“ „Ich habe dieſe Frage nicht hervorgerufen, Madame; meine Würde, meine Pflicht heiſchen, daß ich mit der äußerſten Aufrichtigkeit antworte. Vor Allem erlauben Sie mir, nicht an den Unglücksvogel, an dieſes ärgerliche Verhängniß zu glauben, das ſich an meine Perſon anhängen würde.“ „Die Thatſachen ſind einmal da, mein Fräulein, ſie beſtehen leider für Sie.“ „Ja, Madame, die Thatſachen beſtehen. Nur glaube ich, daß meine Gegenwart in einer anderen Familie nicht dieſelben Thatſachen hervor ebracht hätte. Ich bitte, wollen Sie mich vollenden lußen,“ fügte Miß Mary, eine Bewegung der Ungeduld von Frau von Morville erwiedernd, bei: „Glauben Sie, wenn ich mich, trotz vieſes vorgeblichen, von meiner Perſon unzertrennlichen Verhängniſſes in der Mitte einer Familie befunden hätte, wo die ernſten Pflichten von Jedem ſtreng beobachtet worden wären, wo gewiſſe Verſchiedenheiten des Ge⸗ ſchmacks, der Charaktere, ſtatt ſich immer mehr ohne Zwang zu entwickeln, beherrſcht, im Zaume gehalten worden wären durch den Gedanken an das Beiſpiel, das man den Kindern zu geben, an die Wachſamkeit, die man bei ihnen zu üben hat, glauben Sie, offenherzig geſprochen, Madame, glauben Sie, das Unglück, das man mir vorwirft, wäre geſchehen 20 „Das Fräulein wirft uns alſo vor, mir, meine Mutterpflichten, Ihnen, mein Herr, Ihre Vaterpflichten mißkannt zu haben? „Und Fräulein Lawſon hat Recht, Louiſe,“ ſprach Herr von Morville mit ernſtem Tone. „Ich habe Unrecht gehabt, mich gan der Gewohnheit der Abſonderung hinzugeben, und ſtatt Ihr ſo vft wiederholtes Anerbie⸗ 264 ten, meine Neigung für die Einſamkeit zu theilen, aus⸗ zuſchlagen, hätte ich es vielmehr annehmen müſſen; mittelſt einiger gegenſeitiger Einräumungen hätte ich der Welt etwas mehr gevopfert und Sie hätten ihr etwas weniger geopfert; ſtatt ganze Monate von einander entfernt zu bleiben, ſtatt uns jedes der Exiſtenz, die wir vorzogen, zu überlaſſen und, ich muß es ſagen, nur eine ſecundäre Aufmerkſamkeit der Erziehung unſerer Kinder zu ſchen⸗ ken, hätten wir ſie beſtändig mit unſerer Sorgfalt um⸗ geben müſſen, und heute hätten wir uns vielleicht nicht zum Vorwurf zu machen 4 „Verzeihen Sie mir, daß ich Sie unterbreche, mein Herr,“ ſprach Miß Mary lebhaft; „fern von mir ſei jeder Gedanke an eine unfruchtbare Anſchuldigung; ich wollte nur Frau von Morville überzeugen, mit ihrem geſunden Verſtande und ihrem guten Herzen könne ſie nicht an das unheilbringende Verhängniß meiner Ge⸗ genwart in dieſem Hauſe glauben.“ „Mein Fräulein, ich weiß nur, daß wir vor Ihrer Ankunft hier Alle ganz glücklich und ruhig waren,“ er⸗ wiederte Frau von Morville mit Bitterkeit, „und heute gehen Sie und laſſen uns im Kummer zurück.“ „Ah! Madame, der unglücklichſte Tag meines Le⸗ bens wäre der, an dem ich Ihre Familie mit der ſchmerz⸗ lichen Ueberzeugung, mein Name werde in derſelben verflucht, verließe.“ „Ei! mein Fräulein, das ſind Phraſen und nichts Anderes. Ich will wohl glauben, daß man Sie, wenn Sie wirklich von hier wegzugehen beabſichtigen und dieſe Abſicht vorher ſchon bekannt war, in dem, was Herrn von Morville betrifft, verleumdet hat; doch es iſt nicht minder wahr, daß meine Kinder durch ihren Oheim enterbt ſind, daß meine Tochter an einer Entkräftungs⸗ krankheit ſtirbt, und daß mein Sohn unkenntlich iſt.“ „Noch ein Wort, Madame. Sie haben mich zu ſich berufen, um die Erziehung Ihrer Tochter zu voll⸗ ₰ . * 265 enden; ich wende mich an Ihre Redlichkeit: habe ich meine Aufgabe mit Ehren erfüllt?“ „Mein Gott, mein Fräulein, ich ſage das Gute wie das Böſe. Ja, Sie haben die Erziehung von Al⸗ phonſine über unſere Hoffnungen vollendet, doch es han⸗ delt ſich nicht um dieſes.“ „Ich bin aber nur zu Ihnen gekommen, Madame, um die Erziehung Ihrer Tochter zu vollenden; ich könnte mich auch darauf beſchränken: da ich meine Pflichten zu Ihrer Zufriedenheit erfüllt habe, ſo ſei ich über jeden Vorwurf erhaben; doch das genügt mir nicht, Madame, und ich wiederhole Ihnen, ich will nicht den Kummer, das Unglück hier laſſen; ich vergeſſe nicht, mit welchem Wohlwollen ich in Ihrer Familie aufgenommen wor⸗ den bin.“ „Ich ſage Ihnen aber noch einmal, mein Fräulein, das ſind Phraſen, und die ſchönen Phraſen verhindern es nicht, daß meine Kinder von ihrem Oheim enterbt worden ſind!“ „Herr de la Botardière wird von dieſem ärgerlichen Entſchluß wieder abgehen, Madame, ich wage es bei⸗ nahe, Ihnen dies zu verſprechen.“ „Sie, mein Fräulein?“ „Ja, Madame.“ Frau von Morville lächelte mit einer höhniſchen Miene, zuckte die Achſeln und fügte bei; . „Ohne Zweifel werden Sie auch meiner Tochter wie durch einen Zauber die Geſundheit zurückgeben?“ „Ich hoffe es, Madame, denn ich habe ſchon ihre Heilung begonnen. Glauben Sie mir, als ich Ihnen ſo eben, indem ich Sie inſtändig bat, beleidigende Worte auf Ihren Lippen zurückzuhalten ſagte, ich wolle bei meiner Entfernung von hier Ihre Achtung, Ihre Liebe mit mir nehmen, ſprach ich die Wahrheit; und ich bin feſt überzeugt, Sie werden mir dieſe Achtung, dieſe Liebe bewilligen, ſobald der Friede und das Gluck wieder in Ihrem Hauſe herrſchen.“ 266 „Oh! gewiß,“ verſetzte Frau von Morville mit einem Ausdruck des Zweifels und der Bitterkeit; „doch mitt⸗ lerweile kann ich mich nicht enthalten, den Zufall zu verfluchen, der Sie hierher führte.“ Der ungeſtüme Eintritt von Frau Pivolet, welche William nur einige Schritte voranging, unterbrach das Geſpräch. Die Beſchließerin wandte ſich an Miß Mary und ſagte mit geſchäftiger Miene zu ihr: „Mein Fräulein, Alles iſt bereit. Der Wagen hält am Ende der Allee; ich habe Alles hineingelegt, was mir Thereſe übergeben hat, Ihren Koffer, Ihren Hut, Ihren Shawl, Ihren Mantel, denn es iſt kalt, ſehr kalt; die Nacht wird rabenſchwarz ſein, und Sie müſſen ſich wohl einhüllen, mein liebes Fräulein.“ „Miß Marh,“ ſprach Herr von Morville mit be⸗ wältigtem Tone, „Sie wollen von hier abreiſen, wir ehren Ihren Wunſch; laſſen Sie uns aber wenigſtens die Hoffnung, daß wir Sie wiederſehen werden.“ „Ich weiß es nicht, mein Herr; doch ich hoffe, ehe ich Frankreich verlaſſe, das Verſprechen zu erfüllen, das ich ſo eben Frau von Morville zu leiſten die Ehre ge⸗ habt habe.“ Rach dieſen Worten verneigte ſich die Erzieherin vor Frau von Morville. Einer Rückkehr ihrer guther⸗ iiten Natur nachgebend, war dieſe auf dem Punkt, Miß ary zu bitten, ihre Abreiſe zu verſchieben; doch vom Stolz und vom Groll unterjocht, erwiederte ſie trocken durch einen Halbgruß den Abſchied der Erzieherin, wäh⸗ rend, mit gebrochenem Herzen, Herr von Morville ſie immer ruhig und würdig, gefolgt von Frau Pivolet und von William, weggehen ſuh⸗ Indeß Miß Mary durch die Allee lief, welche zu der Thüre des Parkes führte, wo ſie der Wagen erwar⸗ tete, deſſen Laternen angezündet waren, ſagte Frau Pi⸗ volet triumphirend zu ſich ſelbſt: „Endlich, ſchöne Engländerin, biſt Du weggejagt, doch Du weißt nicht, was Deiner am Teiche des ge⸗ 267 peitſchten Weibes harrt. Der Vater Chenot und ſeine Leute ſind in Kenntniß geſetzt, das Licht der Laternen wird ſie von der Annäherung des Wagens benachrichtigen, der Kutſcher wird ſie machen laſſen, und was Deinen Inſulaner von einem Engländer betrifft, ſo wird er allein gegen Sechs ſein.“ In dem Augenblick, wo ſie in den Wagen ſteigen wollte, fragte Miß Marh den Kutſcher: „Joſeph, wie weit iſt es von hier nach dem Städt⸗ chen Saint⸗Hilaire?“ „Zwei Stunden, mein Fräulein.“ „Und von Saint⸗Hilaire nach dem Schloſſe la Bo⸗ tardiére?“ „Eine kleine Meile, mein Fräulein.“ „Könnte ich wohl morgen im Wirthshauſe von Saint⸗Hilaire, wo ich übernachten werde, einen Wa⸗ gen finden, um mich nach dem Schloſſe la Botardière zu begeben ?“ „Ja, mein Fräulein.“ „Dann, Joſeph, führen Sie mich, ſtatt mich nach Tours zu führen, nach Saint⸗Hilaire.“ „Ja, mein Fräulein,“ ſagte der Kutſcher, zu dem William aufſtieg. „Wie! ſie ſchlägt den Weg nach Saint⸗Hilaire ein?“ rief mit verzweifeltem Tone Frau Pivolet, welche dieſen Befehl hatte geben hören und den Wagen raſch ſich entfernen ſah; „ſie werden alſo nicht den Weg machen, wo Vater Chenot die ſchöne Engänderin erwartet! Ha! doppelte Schurkin, Du wirſt mir Alles bezahlen!“ 268 XXIV. Das Schloß la Botardiére mit ſeinen ſchwarzen Mauern, ſeinen grauen Läden, ſeinen mit ſtehendem Waſſer gefüllten Gräben, ſeinem ſchweigſamen Hof und ſeinem beinahe immer geſchloſſenen, verroſteten eiſernen Gitter hatte, wie ſein Eigenthümer, ein völlig ungaſtfreund⸗ liches Ausſehen. Am Morgen nach dem Tage, wo Miß Mary das Schloß Morville verlaſſen hatte, ſaß Herr de la Botar⸗ diere unfern von ſeinem Feuer und las vollends ſeine Zeitung; ein im Halbzirkel mitten in einer großen Stube mit grauem, traurigem, kahlem Getäfel ausgebreiteter Windſchirm beſchützte den Greis gegen die Luſtſtrömun⸗ gen, welche durch die Ritzen der vier großen Fenſter mit kleinen Scheiben, woran Vorhänge von gelbem Kattun angebracht waren, eindrangen; in ein Wamms und eine Hoſe von ehemals weißem Molton gekleidet, ein Foulard, unter dem einige dochtartige graue Haare vordrangen, unordentlich um den Kopf gebunden, erfreute ſich Herr de la Botardiere um ſo behaglicher der Wärme ſeines Herdes, als ſeine Beine vor der zu großen Hitze des Feuers durch pappendeckelne Schienen, welche die Stelle von Stolpſtiefeln erſetzten, beſchirmt waren. So in ſeinen Lehnſtuhl verſenkt, die Füße auf den Feuerböcken, genoß Herr de la Botardiére die verdrießliche Wonne der Einſamkeit. „Es iſt wahr,“ ſagte er, „es iſt wahr, ich beluſtige mich nicht ungeheuer. Meine Tage ſind lang, meine Ahende nehmen kein Ende; doch welches Glück, zu den⸗ ken, daß man allein iſt, daß Niemand kommen wird, um einen in üble Laune zu verſetzen, daß man nicht von Beſuchen beläſtigt werden wird, die uns mit ihrem müſſigen Treiben foltern oder umbringen; daß man lebt, wie man will, nach ſeinem Gefallen, nach ſeinem Belieben ausgeht oder nach Hauſe kommt, ſich für Nie⸗ 269 mand in Unkoſten ſetzt! Wenn mein Reffe mit ſeiner Familie kam oder wenn ich nach Morville ging, da war es etwas Anderes, ich weiß es wohl: es gab zuweilen gute Tage. Ich konnte frei ſprechen? ich ſagte jeder Perſon der Familie gehörig den Beſche id; Niemand wagte es, mir etwas zu entgegnen. Ein Vortheil, den man nur bei Verwandten findet, welche unſere grauen Haare zu ehren wiſſen, denn außerdem mriß man ſehen, wie man aufgenommen wird, wenn man die Leute mit der Wahrheit bewirthet. Welche Püffe hekommt man da! das iſt um einem die Aufrichtigkeit zu verleiden! Während ich in Morville brummen, nörgeln, zehnmal daſſelbe ſagen konnte, ohne Widerſpruch. Aber gut! ich bin ein Dummkopf, daß ich mich nach dieſen Leuten zurückſehne, die nur undankbare Habgierige ſind. Mit welchem Glück ſage ich mir: Sie ſind gepeinigt, wüthend, daß ich ſie enterbt habe! Es vergeht kein Tag, an dem ſie nicht den Verluſt meines Vermögens beklagen. Und dann, im Ganzen, wenn ich zu ihnen käme, würden ſie zu mir kommen, ſie würden mir Ueberraſchungsbeſuche machen, wie ſie das nannten, und nichts war mir ver⸗ haßter, unerträglicher, als Beſuche, welche mir aus den Wolken in dem Augenblick zufielen, wo ich keine er⸗ wartete. Doch Gott ſei Dank, nun bin ich von dieſen abſcheulichen Aergerniſſen, von dem Alp, der mein Leben vergiftete, befreit.“ Auf dieſe der Welt von Herrn de la Botardiére zugeworfene Herausforderung antwortete das ſchrille Ge⸗ räuſch der Pfeife des Thürſtehers. Man meldete noch ſo nach dem alten Gebrauche die ſeltenen Beſuche des Schloſſes la Botardiére.) Bei dieſem Geräuſch ſprang Herr de la Botardiére von ſeinem Stuhle auf, faltete die Stirne mit drohender Miene und rief: „Wer wagt es, zu mir zu kommen, wenn ich Nie⸗ mand erwarte!“ Ambroiſe, ein alter Diener, ebenſo wunderlich als ſein 270 Herr und dabei ſehr taub, trat mit ſchleppendem Gang in die Stube ein, ſtreckte den Kopf über den Windſchirm und meldete: „Herr, es iſt ein Beſuch da.“ „Ich empfange Niemand,“ brummte Herr de la Botardière, während er ſich wieder in der Tiefe ſeines Lehnſtuhles feſtſetzte. „Herr, es iſt eine Demviſelle,“ fuhr Ambroiſe fort, der nicht eine Sylbe von der Antwort ſeines Gebieters gehört hatte, „es iſt eine engliſche Demviſelle.“ „Eine Engländerin2“ „Sie kommt vom Schloſſe Morville.“ „Eine Engländerin und ſie kommt vom Schloſſe MWorbille!“ wiederholte Herr de la Botardiére mit zor⸗ nigem Erſtaunen. „Das iſt unmöglich . .. ſo viel Frechheit!“ „Und dieſe engliſche Demviſelle heißt Miß Mary,“ fügte Ambroiſe bei⸗ „Die Bübin! die Abenteurerin von der hölliſchen Reiſe von Calais!“ rief Herr de la Botardiére auf⸗ ſtehend. „Wie! ſie wagt es, mich bis hierher zu ver⸗ folgen!“ „Ja, Herr, ich will ſie hier eintreten laſſen,“ ſagte Ambroiſe, der die Abſicht ſeines Herrn begriffen zu haben glaubte und ſich nach der Thüre wandte. „Ambroiſe!“ ſchrie der Greis, „verfluchter Tauber! höre mich doch, ich will nicht, daß. . „Ich höre wohl, Herr,“ antworkete der Diener, in⸗ dem er die Thüre öffnete; und er rief mit mürriſchem Tone: „Treten Sie ein, mein Fräulein.“ Nach einem Augenblick, als Ambroiſe eines von den Blättern des Winsſchirms auf die Seite geſchoben hatte, ſah ſich Herr de la Botardiere Miß Mary gegen⸗ über, welche, in den durch den Windſchirm gebildeten Halbzirkel eintretend, zu dem Greiſe ſagte: „Ich darf wohl hoffen, mein Herr, daß Sie meinen 271 Beſuch in Rückſicht auf den Beweggrund, der mich hier⸗ her führt, entſchuldigen werden.“ „Es gibt keinen Beweggrund für einen Beſuch, mein Fräutein, den ich als außerordentlich, als exorbi⸗ tant, als vermeſſen feinvlich, als unbegreiflich heraus⸗ fordernd bezeichnen könnte, bezeichnen muß.“ „Herausfordernd das iſt das richtige Wort, mein Herr,“ verſetzte Miß Mary mit einem ſanften, anmuthigen Lächeln; „ich komme, um die Großmuth Ihres Herzens herauszufordern, und ich bin ſicher, daß Sie auf dieſe Berausſderung antworten werden.“ „Sie täuſchen ſich, mein Fräulein,“ entgegnete ſtörrig der Greis, „ich bin durchaus nicht großmüthig; ich möchte, beim Teufel! wiſſen, wo Sie Proben von meiner Großmuth geſehen haben?“ „Das iſt, als ob Sie mir ſagten, mein Herr, Sie exiſtiren nicht, weil Sie zurückgezogen in dieſer Einſam⸗ keit, unſichtbar für diejenigen leben, welche Sie lieben und verehren. Ich will alſo glauben, ich glaube an die Güte Ihres Herzens. Iſt das ein großes Verbrechen?“ Miß Marh betonte dieſe letzten Worte mit ſo viel Feinheit und Anmuth; ſie war ſo ſchön und ſo reizend, daß trotz ſeines mürriſchen, verdrießlichen Cha⸗ rakters Herr de la Botardiére nicht umhin konnte, zu bemerken, die Gegenwart dieſes jungen, köſtlichen Ge⸗ ſchöpfes ſcheine ſeine düſtere, trübſelige Einſamkeit, wenn man ſo ſagen darf, errären⸗ Doch mit einer unbeſtimmten Furcht ſich gegen dieſen Gedanken ſträu⸗ bend, antwortete er mit ſauertöpfiſcher Miene: „Mein Fräulein, ich habe wenig Geſchmack für die Converſation; Sie haben ſich bei mir eingeführt; was wollen Sie 2“ „Oh! mein Gott, mein Herr, das Allereinfachſte der Welt; ich wünſche, daß Sie Ihre Zuneigung, Ihre Zärtlichkeit Ihrer Familie wieder ſchenken.“ „Wahrhaftig!“ rief wie beſtürzt Herr de la Botar⸗ diere, der an das, was er hörte, nicht glauben konnte; 272 dann fuhr er mit wachſendem Zorn fort: „Nun, das iſt gut! Das iſt ſcharf, das iſt gerade heraus; Andere hät⸗ ten redneriſche Unſchweife gebraucht, um dieſe Unge⸗ heuerlichkeit von fern anzufündigen; doch Sie „Oh! ich,“ verſetzte lächelnd Miß Mary, „in meiner Eigenſchaft als angehender Advocat auf die Güte meiner Sache und auf die Billigkeit meines Richters zählend, überdies damit bekannt, daß derſelbe zu den feſten Gei⸗ ſtern gehört, welche leere Worte nicht täuſchen, ich gehe gerade auf die Sache los.“ „Immer beſſer! Sie verlangen alſo ganz einfach von mir, mein Fräulein, daß ich meine Freundſchaft meinem Reffen und ſeiner Familie wieder ſchenke2“ „Ja, mein Herr.“ „Und auch (da Sie auf ſo gutem Wege ſind), daß ich meinem Neffen mein Vermögen hinterlaſſe?“ „Natürlich! „Ah! Sie finden das natürlich, mein Fräulein,“ rief Herr de la Botardiére. Und er ſchlug ein höhniſches Gelächter auf und fügte bei: „Gut! Ich liebe zuweilen, ganz wie ein Anderer, das, was bizarr iſt, und es iſt etwas ſehr Bizarres, eine abſcheuliche Sache vertheidigen zu hören durch einen Advocaten 4 „Den man nicht liebt?“ verſetzte Miß Mary mit einem ſanften Lächeln, den Greis unterbrechend. „Doch, mein Herr, die Billigkeit verlangt wenigſtens, daß man dieſen Advocaten, den man nicht liebt, anhört.“ „Oh! ſprechen Sie, ſprechen Sie. Sie haben es geſagt: Ich bin einer von den feſten Geiſtern, die man nicht mit leeren Worten täuſcht.“ Trotz dieſer triumphirenden Behauptung, bemerkte der Greis, daß ſein Ohr ſeit langer Zeit an die wenig angenehmen Töne der Stimme von Ambroiſe und ſeinen anderen Dienſtboten gewöhnt, eine Art von Vergnügen beim Hören des friſchen und weichen Organs des Mäd⸗ chens empfand; obgleich ſehr entſchloſſen, ſich ſtörrig, unbeugſam zu zeigen, ſah indeſſen Herr de la Botardiére 273 nichts Ungebührliches darin, daß er ſich an der Har⸗ monie dieſer bezaubernden Stimme ergötzte, und er ſagte zu Miß Mary: „Ich höre Sie, mein Fräulein; ich bin neugierig, zu erfahren, womit Sie anfangen werden. Sie werden ohne Zweifel, um mich gut für Sie zu ſtimmen, vor Allem von der abſcheulichen Reiſe von Calais ſprechen.“ „Wenn ich davon ſpräche, mein Herr, ſo geſchähe es nur, um mein Bedauern auszudrücken, das Bedauern, daß ich nicht daran gedacht habe, mich während dieſer Reiſe unter Ihren Schutz zu ſtellen.“ „Da hätten Sie einen ſchönen Gedanken gehabt.“ „Wenn ich mich an Ihre Artigkeit gewandt hätte, ich, eine Fremde und ohne Stütze, würden Sie mich zurückgewieſen haben ?“ „Ich weiß es bei meiner Treue nicht.“ „Sie ſagen nicht nein, und Sie haben Recht, denn trotz Ihres ungeſtümen, zänkiſchen, oft ungerechten Weſens iſt Ihr Herz gut.“ „Bah! bah! Sie wollen mich durch Schmeicheln verlocken.“ „Weil ich von der Güte Ihres Herzens ſpreche2“ „Gewiß.“ aben Sie nicht Ihre Schweſter geliebt, zärtlich geliebt „Ah! dieſe, ja,“ erwiederte der Greis, einer unwill⸗ kürlichen Rührung nachgebend. „Oh! ja, ich habe ſie geliebt, ſehr geliebt!“ „Ich glaube es, mein Herr, Ihre Bewegtheit ſagt es hinreichend.“ . Sie täuſchen ſich, mein Fräulein,“ erwiederte haſtig Herr de la Botardiere, befürchtend, Miß Maryh einen Vortheil über ſich erringen zu laſſen, „ich bin durchaus nicht bewegt.“ „Warum es leugnen 2“ „Ich ſehe Sie kommen, Sie würden daraus, daß ich meine Schweſter zärtlich geliebt habe, ſchließen, ich Miß Mary. 18 274 müſſe gleichfalls meinen Neffen, ſeine Frau und ſeine Kinder lieben .. Doch, bei Gott! das iſt etwas An⸗ deres,“ ſagte der Greis mit wachſender Gereiztheit. „Undankbare Habgierige, welche nur an meine Erbſchaft denken!“ „ „Mein Herr, das ſind ſchlimme, ungerechte und unvernünftige Worte.“ „Mein Fräulein!“ rief Herr de la Botardiére, „es iſt das erſte Mal, daß man es wagt, mir in's Geſicht. „Die Wahrheit zu ſagen, nicht wahr, mein Herr? Das iſt meine Gewohnheit, ich kann ſie nicht ändern, doch ich bitte, wollen Sie mir antworten: was iſt die urſache Ihres Bruches mit Herrn und Frau von Mor⸗ ville geweſen? Meine Ankunft bei ihnen.“ „Gewiß!“ . „Hätten ſie eingewilligt, mich nicht zur Erzieherin zu nehmen, ſo würden Sie nicht mit Herrn und Frau von Morville gebrochen haben.“ „Nein.“ „Mit einem Wort, einzig und allein meine Gegen⸗ wart im Schloſſe verhinderte Sie, wieder dahin zu kom⸗ men?“ „Ja, mein Fräulein, ja.“ „Mein Herr, dann widerſetzt ſich nichts dem, daß Sie den theuerſten Wünſchen Ihrer Familie entſprechen: ich habe das Schloß Morville verlaſſen und werde nicht mehr dahin zurückkehren.“ „Wie! Sie ſind nicht mehr Erzieherin bei meinem Neffen2“ „Nein, mein Herr; doch noch ein Wort, Sie werfen Herrn von Morville die Habgier vor, die ihn, wie Sie ſagen, nach Ihrem Erbe begehren mache? Wenn dem ſo wäre, wenn Herr von Morville und ſeine Frau käuf⸗ liche Seelen wären, hätten ſie einen Angenblick gezögert, mich zu opfern, als Sie zu ihnen ſagten: „„Ich enterbe Euch, wenn Ihr Miß Lawſon behaltet?“ 275⁵ „Was beweiſt das? daß ſie lieber nach ihrem Kopfe handeln, als mich beerben wollten.“ „ „Wir ſind nun ſchon ſehr nahe daran, uns zu ver⸗ ſtehen: Ihr Neffe und ſeine Frau ſind nicht mehr hab⸗ gierige, eigennützige Leute, ſondern Leute, welche, wie Sie ſagen, nach ihrem Kopfe handeln wollten; welche, mit einem Wort, nicht aus ihrem Hauſe, ohne ihr eine Rechtfertigung zu erlauben, eine arme junge Fremde jagen wollten, die, im Austauſch für die Erziehung, die ſie ihrem Kinde geben ſollte, das Brod für einen Vater, für eine Mutter und drei Schweſtern forderte, welche ſie in der frommen Hoffnung, ihr Unglück minder ſchmerz⸗ lich zu machen, verlaſſen hatte. Sagen Sie, mein Herr, ſagen Sie,“ ſprach Miß Mary mit einem eindringlichen Tone, der Herrn de la Botardière unwillkürlich bewegte, „haben ſich Herr und Frau von Morville dadurch, daß ſie ſich gegen mich billig gezeigt, gegen Sie vergangen?“ „Mein Fräulein, wenn die Dinge ſich ſo verhalten, ſo geſtehe ich ... Aber ſich beſinnend und gegen den Zauber von Miß Mary kämpfend, deſſen Einfluß er unterlag, rief der Greis ungeſtüm: „Und überdies, warum haben mir mein Neffe und ſeine Frau nicht Alles, was Sie mir da ſagen, geſchrieben 2“ „Sie haben ihre Kinder zu Ihnen geſchickt, mein Herr; Sie haben ſich geweigert, ſie zu ſehen; was konnten nach einem ſolchen Empfang Herr und Frau von Morville thun? Sie hatten ſie im Verdachte der Habgier, ihre Würde widerſetzte ſich anderen Verſuchen der Annäherung: Sie hätten einen habſüchtigen Hinter⸗ gedanken darin ſehen können.“ „Ich leugne es nicht, doch ... „Noch ein Wort, mein Herr. Sie erkennen, daß Ihre Verwandten, als ſie ſich weigerten, Ihrem Ver⸗ langen nachzugeben, einem ehrenwerthen Gefühle ge⸗ horchten; unglücklicher Weiſe war Ihnen meine Gegen⸗ wart, meine Perſon verhaßt.“ 18* 276 „Verhaßt! verhaßt! mein Fräulein, das Wort iſt zu ſtark.“ Mißfällig, wenn Sie es vorziehen.“ „Mißfällig! noch weniger, mein Fräulein!“ „Unangenehm, läſtig!“ „Oh! nein, mein Fräulein, durchaus nicht.“ „Kurz, ich habe das Schloß Morville verlaſſen; warum ſollten Sie noch länger gegen das edle Gefühl kämpfen, das Sie zu einer Familie hinzieht, die Sie ſtets mit Zärtlichkeit uud Verehrung umgeben hat?“ „Wie! Sie halten mich für ſchwach genug, daß ich dieſe Undankbaren wiederzuſehen wünſchen ſollte2“ „Ich glaube, mein Herr, daß kein Tag vergeht, an welchem Sie ſich nicht ſagen: „Ah! was für eine gute Zeit war es, als ich nach dem Schloſſe MWorville ging! Ich benahm mich zuweilen mürriſch, zänkiſch, e dieſe Brummereien, die mich nicht abhielten, der beſte Menſch der Welt zu ſein, entfernten Niemand von mir; man empfing mich immer mit eben ſo viel Herzlichkeit als Ehrfurcht.“ Und man hatte Recht, mein Herr, denn dieſer Zänker war für Herrn von Morville der Bruder einer angebeteten Mutter, und unter der einzigen Be⸗ dingung, ſich lieben, verehren zu laſſen, hatten Sie das Recht, ganz nach Ihrem Belieben zu zanken.“ „Mein Fräulein, erlauben Sie „ „Nein! nein! dieſem ſanften Familienleben können Sie nicht eine Vereinzelung vorziehen, die auf Ihnen laſtet! Oh! leugnen Sie es nicht, Sie ſehnen ſich nach den früheren Verhältniſſen zurück, die Ihnen die zarte Ehrerbietung von Herrn von Morville, ſeiner Frau und ihren Kindern ſo theuer machte! Seien Sie aufrichtig, mein Herr. Was für ein Daſein führen Sie hier? Ein kaltes, farbloſes, eintöniges Leben, ohne Reiz für die Seele, ohne Zauber für den Geiſtz unzufrieden mit ſich und den Andern, ſind Ihre beſten Tage diejenigen, wo Sie nichts von Ihrer verdrießlichen Langweile zer⸗ ſtreut. Ueberlaſſen Sie dieſe düſteren, einſiedleriſchen —— —— 277 Gewohnheiten denjenigen, welche ein trauriges Schick⸗ ſal der unausſprechlichen Süßigkeiten der Familie be⸗ raubt hat; genießen Sie dieſelben, und ſeien Sie nicht undankbar gegen Gott!“ Der Greis hatte Miß Mary mit einer wachſenden Gemüthsbewegung angehört; die Anmuth, die Freimü⸗ thigkeit, der Geiſt, die rührende Schönheit des Mädchens machten auf ihn einen eben ſo tiefen als unerwaßteten Eindruck. * „Mein Fräulein,“ rief er plötzlich, nachdem er einige Augenblicke überlegt hatte, „wollen Sie aufrichtig auf meine Fragen antworten?“ „Ich vermöchte Ihnen nicht anders zu antworten.“ „Ich bin kein Dummkopf, ich kenne meinen Neffen, und was auch meine Beſchwerden gegen ihn ſein mögen, ich geſtehe, daß es ein Mann von vortrefflichem Urtheil iſt; ich hatte ſehr ärgerliche Vorurtheile gegen Sie; hat Sie aber mein Neffe zwei Jahre als Erzieherin behalten, ſo waren meine Vorurtheile falſch; ich weiß überdies von Fremden, daß Sie aus ſeiner Tochter eine voll⸗ kommene Perſon gemacht haben.“ „Ich hoffe, mein Herr, Sie werden bald im Stande ſein, Alphonſine zu beurtheilen.“ „Das iſt es nicht, um was es ſich handelt. Warum verlaſſen Sie das Schloß? Miß Mary, Sie ſind aufrichtig: ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie, ohne etwas zu ver⸗ kleiden.“ „Mein Herr, ich verlaſſe das Schloß Morville aus zwei Gründen: einmal, weil die Erziehung von Alphon⸗ ſine beinahe heendigt iſt; ſodann . . „Sie zögern ... Der zweite Grund iſt, weil Sie bei meinem Reffen nicht behandelt worden ſind, wie Sie es zu ſein verdienten.“ „Mein Herr . ..“ „Sie haben Sie unglücklich gemacht, ich vermu⸗ thete es.“ „Wollen Sie mich anhören.“ 278 „Wollen Sie mich anhören, mein Fräulein!“ rief der Greis mit wachſender Bitterkeit. „Ah! ſie haben Sie unglücklich gemacht? das wundert mich nicht, aber ſeien Sie ruhig, wenn Sie wollen, ſollen Sie gerächt werden, und ich auch.“ „Mein Herr, ich verſtehe Sie nicht.“ „Miß Mary, Sie ſind eine ehrliche, rechtſchaffene Perſon.“ „Ich glaube das verſichern zu können.“ „Sie ſind ohne Vermögen?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie lieben auf das Innigſte Ihre der Theilnahme ſo würdige Familie?“ „Oh! mit allen Kräften meiner Seele.“ „Sie wären entzückt, Vater, Mutter, Schweſtern ſo glücklich als möglich zu ſehen?“ „Das iſt mein theuerſter Wunſch.“ „Nun denn, Miß Mary, Sie haben ein Mittel, das Glück Ihrer Familie, das Ihrige zu ſichern, und Sie werden noch oben darein das Vergmügen haben, ſich an meinem ruchloſen Neffen zu rächen, der die Ihnen gebührenden Rückſichten verletzt hat.“ „Wahrhaftig, mein Herr, ich „Miß Mary,“ rief Herr de la Botardiére, indem er einen beſchämten Blick auf ſeinen moltonenen Anzu warf, „ſo lächerlich angethan, wie ich bin, kann i mich nicht begreiflich machen; laſſen Sie mir Zeit, mich zu raſiren, mich anſtändig zu kleiden, und dann. Und er lief nach der Thüre, öffnete ſie halb und rief: „Ambroiſe! Ambroiſe! erwarte mich in meinem Schlafzimmer.“ Raſch wandte ſich Herr de la Botar⸗ diere hierauf wieder zu der Erzieherin um, die ihn mit wachſendem Erſtaunen anſchaute, und fügte mit trium⸗ phirender Miene bei: „Entſchuldigen Sie mich, Miß Mary, daß ich Sie allein laſſe, ich komme in einer Viertelſtunde zurück, und dann werde ich mich katego⸗ riſch erklären.“ Und nachdem er dieſes Nebenwort auf 279 eine Weiſe, die er für ſehr bezeichnend hielt, betont hatte, verließ Herr de la Botardiére haſtig die Stube und tief: „Ambroiſe! Ambroiſe! Er hat mich nicht gehört! Verfluchter Tauber Und er ließ Miß Mary erſtaunt über dieſen unge⸗ ſtümen Abgang zurück. „Ich verſtehe nichts von den Worten von Herrn de la Botardiere,“ ſprach das Mädchen zu ſich ſelbſtz „wohin iſt er gegangen? warum läßt er mich allein? Ich bedauere, daß ich nicht Zeit gehabt, ihm zu ſagen, ich habe Henry gebeten, mich hier abzuholen, um ſo⸗ dann nach England abzureiſen; unwillkürlich befürchte ich eine neue Unbeſonnenheit von Herrn von Favrolle, und ich glaube, ich habe keine große Indiseretion gegen Herrn de la Botardiére dadurch begangen, daß ich bei ihm meinem natürlichen Beſchützer Rendezvous ge⸗ geben.“ In dieſem Augenblick hörte Miß Mary den im Hofe ſchallenden Tritt eines Pferdes. „Er iſt es! es iſt Henry!“ rief ſie; „er wird dem Wagen vorangeeilt ſein, um früher zu mir zu kommen.“ Und da ſie nicht an der Ankunft ihres Bräutigams, von dem ſie ſeit drei Jahren getrennt geweſen, zweifelte, ſo klopfte ihr Herz ſo heftig, ſie fühlte ſich ſo tief be⸗ wegt, daß ſie nicht die Kraft hatte, eine Bewegung zu machen, obgleich ſie im anſtoßenden Zimmer Tritte hörte, die nur die von Henry Douglas ſein konnten. Wie groß war aber das Erſtaunen von Miß Mary, als ſie, ſtatt ihres ſo ungeduldig erwarteten Bräutigams, in die Stube, hleich, abgezehrt, Herrn von Favrolle ein⸗ treten ſah, deſſen mit Koth befleckte Kleider andeuteten, daß er einen langen Ritt gemacht hatte. 280 XXV. Eben ſo grauſam in ihrer Erwartung getäuſcht, als erſchrocken über die unvorhergeſehene Ankunft von Herrn von Favrolle, wurde Miß Mary todesbleich und konnte ſich eines Angſiſchreis nicht erwehren. Herr von Favrolle ging, höhniſch und entſchloſſen, auf ſie zu und rief: . „Endlich, mein Fräulein, treffe ich Sie, nachdem ich Sie eine ganze Nacht geſucht habe. Offenherzig ge⸗ ſtanden, es iſt mir nicht unangenehm, dieſen Morgen meine Genugthuung für geſtern Abend zu nehmen; be⸗ ruhigen Sie ſich indeſſen: trotz meiner Gereiztheit, deren Motive Sie begreifen, werde ich keine von den Ihnen gebührenden Rückſichten verletzen; aber ſo ehrerbietig und voll Anſtand Sie mich finden werden, eben ſo ent⸗ ſchloſſen in Betreff des Vorhabens, das ich Ihnen er⸗ öffnet habe und von dem mich keine menſchliche Macht abbringen ſoll, werden Sie mich auch finden.“ Vernichtet durch dieſen unvorhergeſehenen Schlag, ſank Miß Mary auf einen Stuhl, verlor allen Muth und murmelte mit einer unter den Thränen ſtockenden Stimme: „Ah! mein Herr, wenn Sie wüßten, was ich aus⸗ ſtehe, Sie hätten Mitleid mit mir!“ „Mein Gott! mein Fräulein, ich bin weder ein Tyrann, noch ein Elender. Ich weiß nicht, was es in dem Hauſe, wo wir geſtern waren, für Sie zu einer Ehrenſache machen konnte, mich nicht zu hören; aber hier ſind Sie frei, ich komme, um mein Schickſal zu erfahren, und ich werde Sie nicht eher verlaſſen, als bis es unwiderruflich durch Sie entſchieden iſt, nicht leichtſinnig, ſondern mit reiflicher Erwägung .“ Miß Mary bebte: ſie hatte im Hofe das Geräuſch einer Poſtchaiſe gehört. Es unterlag keinem Zweifel mehr, diesmal war es Henry Douglas, der ſie abholen 281 wollte. Die Erzieherin fühlte ſich einen Augenblick vom Schwindel befallen, indem ſie an das Unglück dachte, von dem ſie bedroht war; als ſie wieder zu ſich kam, ſah ſie bei der Stubenthüre das männliche und ruhige Geſicht von Henry Douglas erſcheinen; es führte ihn nicht Ambroiſe ein, ſondern ein anderer Diener, der ſich über dieſes Zuſammentreffen von Beſuchen, welche ſonſt ſo ſelten im Schloſſe la Botardiére, ſehr wunderte. „ WMiß Mary, als ſie ihren Bräutigam erblickte, gab einen halberſtickten Schrei von ſich; ihre Augen hefteten ſich voll Zärtlichteit und Angſt auf das ernſte, ſchöne Antlitz ihres Vetters, den ſie ſo lange nicht geſehen. Der Kapitän Henry Douglas ging auf die Erzieherin die ganze Entfernung, welche von ihm trennte, zu, denn ſie hatte nicht die Kraft, einen Schritt zu machen, und reichte ihr ſeine beiden Hände, in die Miß Mary die ihrigen fallen ließ, ohne ein Wort zu ſagen, wäh⸗ rend ſtille Thränen ihr Geſicht überflutheten. Herr von Favrolle war von tiefem Erſtaunen er⸗ griffen bei dieſer unerwarteten Scene. Henry Douglas drehte den Kopf, erblickte ihn zum erſten Mal, machte, in ſeinem Innern beklagend, daß er die Bewegung ſeines Gemüths einem Dritten preisgegeben, einen Schritt rückwärts und verbeugte ſich vor Herrn von Faprolle mit einer Artigkeit, welche beinahe eine Entſchuldigung für einen unwillkürlichen Mangel an Rückſicht warz dann bezeichnete er mit einer Geberde Miß Mary und ſagte einfach, edel zu Herrn von Favrolle: „Mein Herr, ſeit drei Jahren hatte ich meine Cou⸗ ſine, Miß Lawſon, nicht geſehen. Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihre Gegenwart nicht bemerkt habe,“ fügte er abermals ſich verbeugend bei. Beinahe ſicher, er ſtehe einem Nebenbuhler gegen⸗ über, aber dennoch gewiſſen Gewohnheiten guter Lehens⸗ art nachgebend, von denen man ſich ohne Grobheit nicht frei machen kann, erwiederte Herr von Favrolle den Gruß des Kapitäns und ſtammelte einige von den un⸗ 282 bedeutenden Worten, die man nicht vollendet, wenn man höflich ſein will, ohne daß man weiß, was man ſagen ſoll. Wiß Marh war voll Bangigkeit den Blicken der zwei jungen Leute gefolgt; ſie glaubte durch kühne Of⸗ fenherzigkeit eine Gefahr, deren drohenden Ernſt ſie fühite, beſchwören zu können. Sie faßte daher einen verzweifelten Entſchluß, ging auf Herrn von Favrolle zu und ſagte, indem ſie Henry mit dem Blicke be⸗ zeichnete: „Mein Herr, ich habe die Ehre, Ihnen meinen Vetter, den Kapitän Douglas, vorzuſtellen. Er war in glücklicheren Zeiten mit mir verlobt worden, und trotz des Unglücks, das meine Familie betroffen, hat er nicht aufgehört, mich zu lieben; er holt mich in Frankreich ab, damit wir in England unſere Verbindung ſchließen und den Segen meines Vaters empfangen können.“ „Wen habe ich die Ehre zu begrüßen?“ ſagte der Kapitän Douglas, die Erzieherin mit dem Blicke be⸗ fragend. „Herrn von Favrolle,“ antwortete Miß Mary, „den Sohn eines Freundes von Herrn von Morville, deſſen Tochter, meine liebe, würdige Schülerin, er bald heira⸗ then wird.“ „Mein Fräulein,“ verſetzte mit Bitterkeit Herr von Favrolle, bleich vor Aerger und Zorn, „da Sie Ihre Stellung gegen dieſen Herrn ſo klar hervorgehoben ha⸗ ben, ſo glaube ich die meinige nicht minder klar be⸗ zeichnen zu müſſen.“ Dann fügte er ſich an Henrh wen⸗ dend bei: „Es iſt wahr, mein Herr, ich bin einen Augenblick als Bewerber um die Hand von Fräulein von Morville angenommen worden, doch in ihrer Fa⸗ milie habe ich Miß Mary wiedergefunden, mit der ich vor zwei Jahren von Calais nach Paris zu reiſen die Ehre hatte, und . . . „Wie, mein Herr, Sie ſind es?“ unterbrach Henry Douglas lebhaft Herrn von Favrolle mit einem Aus⸗ 283 druck herzlicher Dankbarkeit. „Sie haben über Fräulein Lawſon mit der Sorgſamkeit eines Bruders während dieſer langen Reiſe gewacht? Ah! mein Herr, wie glück⸗ lich bin ich, Ihnen die ganze Dankbarkeit der Familie von Miß Marh für Ihr zartes, edles Benehmen aus⸗ ſprechen zu können. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand drücke .. .4 So ſprechend, reichte der Kapitän Herrn von Favrolle die Hand. Aber ein dumpfes, entferntes Geräuſch, dem ähnlich, welches ein eingeſchloſſener Menſch macht, der an die Thüre klopft, damit man ihm öffne, erregte die Aufmerkſamkeit der drei Perſonen, und ſie wandten un⸗ willkürlich den Kopf nach der Seite, von wo das Ge⸗ räuſch ausging, das aus einer Hausflur in der Nähe der Stube, in der ſie ſich befanden, zu kommen ſchien. Doch ein ſolcher Zwiſchenfall konnte ſie nicht lange den ernſten oder leidenſchaftlichen Gefühlen entziehen, von denen ſie bewegt waren. Miß Mary hatte mit Schrecken bemerkt, daß in dem Augenblick, wo ihr Bräutigam ſo herzlich ſeine Hand Herrn von Favrolle geboten, dieſer, weit entfernt, das freundſchaftliche Entgegenkommen zu erwiedern, verächtlich den Kapitän Douglas meſſend gelächelt hatte; dem Kapitän war jedoch die hochmüthige, angreifende Haltung ſeines Nebenbuhlers entgangen, da er ſich in dieſem Augenblick in der Richtung des ent⸗ fernten Geräuſches umgewandt hatte. Indeſſen unter⸗ ſtützt durch einen letzten Schimmer von Hoffnung, ſagte Miß Mary, als Herr von Favrolle und Henry Douglas ihre augenblickliche Zerſtreuung vergeſſen hatten, haſtig zu ihrem Bräutigam: „Ja, Herr von Favrolle hat ſich gegen mich wäh⸗ rend der Fahrt von Calais nach Paris voll brüderlicher Aufmerkſamkeit gezeigt, und meine erſte Sorge iſt es geweſen, meiner Mutter zu ſchreiben, wie freundlich mir Herr von Favrolle ſeinen Schutz während dieſer langen Reiſe bewilligt.“ „Erlauben Sie mir alſo, mein Herr, daß ich Ihnen die Hand drücke,“ verſetzte herzlich der Kapitän, indem er abermals Herrn von Favrolle die Hand reichte, „und daß ich gegen Sie die Dankbarkeit der Familie von Miß Mary und die meinige ausſpreche.“ „Mein Herr,“ entgegnete hoffärtig Herr von Favrolle, während er einen Schritt zurückwich, ſtatt das freund⸗ ſchaftliche Entgegenkommen des Bräutigams von Miß Mary zu erwiedern, vehe ich Ihnen die Hand drücke, muß ich Sie von gewiſſen Umſtänden unterrichten, welche auf mein Zuſammentreffen mit Fräulein Lawſon bei unſerer Reiſe von Calais nach Paris gefolgt ſind. Wenn Sie mich angehört haben, werden Sie, wie ich, anerkennen, daß der Ausdruck Ihrer Dankbarkeit mindeſtens vor⸗ eilig iſt.“ MWiß Mary vermochte ſich kaum aufrecht zu halten, ſie ſah die Gefahr, die ſie gern um jeden Preis hätte beſchwören mögen, immer mehr wachſen. Sehr erſtaunt über die Antwort von Favrolle, die er noch nicht als eine Beleidigung auslegte, befragte der Kapitän Douglas Miß Mary mit dem Blick, um die Urſache des ſeltſamen Empfangs von Herrn von Favrolle zu errathen, dem er indeſſen mit einer artigen Würde antwortete: „Es wäre mir ſchwer, peinlich ſogar, zu glanben, ich irre mich, wenn ich Ihnen für Ihre Höflichkeit gegen Fräulein Lawſon danke.“ „Mein Herr,“ erwiederte Herr von Favrolle, Fräu⸗ lein Lawſon hat Ihnen die Wahrheit geſagt; der Plan einer Verheirathung zwiſchen mir und Fräulein von Morville wurde allerdings feſtgeſtellt; was ſie Ihnen aber nicht geſagt hat, iſt, daß, als ich ſie im Schloſſe Morville wiederfand, die glühende und achtungsvolle Liebe, die ſie mir während unſerer Reiſe von Calais nach Paris eingeflößt, leidenſchaftlicher als je abermals er⸗ wachte. Ich bin auch zu Allem entſchloſſen . . . Hören Sie, mein Herr, ich bin zu Allem entſchloſſen, um Fräu⸗ lein Lawſon zu heirathen.“ „Nun denn, mein Herr,“ antwortete der Kapitän 285 Douglas mit vollkommener Ruhe, nachdem er ſeinen Nebenbuhler aufmerkſam angehört hatte, „ich ſehe in Ihren Worten nur den Beweis von einem für Sie und für Miß Mary ſehr ehrenwerthen Gefühle. Sie lieben ſie? das wundert mich durchaus nicht. Ich kenne ihren ganzen Werth. Sie wünſchen ſie zu heirathen? das wundert mich um ſo weniger, als ich denſelben Wunſch hege, wie Sie; es fragt ſich nur, ob meine Couſine Sie vorzieht.“ „Mein Herr!“ rief Herr von Favrolle, immer mehr gereizt durch die Kaltblütigkeit ſeines Gegners, „ich liebe Miß Mary ebenſo ſehr und auf eine ebenſo ehren⸗ hafte Weiſe, als Sie ſie lieben; mein Name kommt dem Ihrigen, meine Stellung in der Welt kommt der Ihri⸗ gen gleich, und ich ſehe nicht ein, warum Sie mir vor⸗ gezogen werden ſollten.“ „Was dies betrifft, haben Sie vollkommen Recht, mein Herr,“ erwiederte der Kapitin Douglas mit ſeinem brittiſchen Phlegma. „Ihre Artigkeit gegen Fräulein Lawſon während Ihrer Reiſe mit ihr beweiſt, daß Sie ein galanter Mann ſind, und daß Sie nur auf eine ſehr ehrenhafte Weiſe eine wie Miß Mary der Achtung ſo würdige Perſon zu lieben vermöchten. Was Ihren Namen und Ihre Stellung in der Welt betrifft, ſo müſſen ſie äußerſt anſtändig ſein, da Ihnen Herr und Frau von Morville die Hand ihrer Tochter bewilligten. Wir haben alſo in dieſer Hinſicht gleiche Anſprüche auf die Zunei⸗ ung von Miß Mary; aber frei in ihrer Wahl, gewährt ſie mir den Vorzug. Dieſe Bevorzugung hat nichts Verletzendes für Sie; ich ſehe auch in der That nicht ein, warum Sie die Hand ausgeſchlagen haben, die ich Ihnen, das verſichere ich Sie, herzlich angeboten.“ „Mein Herr,“ rief Herr von Favrolle, außer ſich durch das ruhige, verſtändige Weſen von Henry ouglas, „in Frankreich drückt man einem Nebenbuhler nur die Hand, nachdem man redlich mit ihm den Degen gekreuzt hat.“ 286 „Ah! mein Herr,“ rief, ſich an Herrn von Favrolle wendend, Miß Marh, während ſie ein ſchmerzliches Schluchzen nicht mehr zurückhalten konnte, „was habe ich Ihnen denn gethan?“ Der Kapitän Douglas ſuchte mit der Geberde und dem Blick den Schmerz von Miß Mary zu beſänftigen und ſprach mit kalter Würde zu Herrn von Favrolle: „In Frankreich, wie in England, mein Herr, ſpre⸗ chen wohlerzogene Männer, wie wir Beide ſind, nie leichtſinnig ernſte Worte aus, beſonders wenn dieſe Worte mit großem Unrecht eine der tiefſten Achtung würdige Perſon beunruhigen können.“ Und mit einem Blick ſchien Henry Douglas zu Herrn Favrolle zu ſagen: „Ich werde zu Ihren Befehlen ſein, wann es Ihnen beliebt, doch ängſtigen Sie nicht Miß Mary.“ Dann fuhr er, ſicher, von ſeinem Nebenbuhler verſtan⸗ den worden zu ſein, fort: „Ich glaube wie Sie, mein Herr, daß Nebenbuhler, welche ernſte Urſachen der Feindſchaft haben, an die Waffen appelliren können und müſſen; doch ich bin über⸗ ſeugt, daß Sie, der Sie wie ich die Angſt von Fräu⸗ ein Lawſon, welche ſich im Sinne Ihrer Worte getäuſcht hat, zu zerſtreuen wünſchen, auch wie ich ſagen werden, nichts in unſerer Lage könne den Entſchluß, den ſie zu fürchten ſcheint, motiviren.“ „Ich ſage das wie Sie, mein Herr, denn nicht weniger als Ihnen iſt mir daran gelegen, die Furcht von Fräulein Lawſon zu zerſtreuen,“ antwortete Herr von Favrolle, ſeinen Satz zweideutig betonend, um damit ſeinem Nebenbuhler zu verſtehen zu geben, er errathe ſeine Gedanken. Von einem gräßlichen Zweifel befreit, trocknete Miß Mary ihre Thränen, und im Erguß ihrer Freude ſagte ſie zu Herrn von Favrolle mit einer vor Aufregung zittern⸗ den Stimme: „Entſchuldigen Sie mich, daß ich an Ihrem Herzen gezweifelt habe.“ 539 287 Herr von Favrolle verbeugte ſich, mit einer gezwun⸗ genen Miene lächelnd und nur mit Mühe ſeinen Zorn verbergend, als daſſelbe Geräuſch, das ſchon einmal die Aufmerkſamkeit der drei in der Stube verſammelten Perſonen erregt hatte, abermals hörbar wurde. „Es muß Jemand in einem von den nächſten Zim⸗ mern eingeſchloſſen ſein,“ ſagte Herr von Faprolle; kaum hatte er dieſe Worte als, während das Ge⸗ räuſch immer noch hörbar war, Alphonſine und Gerard raſch in die Stube eintraten. Das Mädchen warf ſich in die Arme ſeiner Erzieherin und rief: „Hier iſt ſie! hier iſt ſie, die theure, gute Miß! Wir werden ihr wenigſtens Lebewohl ſagen können!“ „ XXVI. Beim Anblick von Fräulein von Morville und in der Lage, in der er ſich gegen Miß Mary und Henry Douglas befand, fühlte Herr von Favrolle ſeine Stellung, welche ſo falſch, ſo peinlich, daß er unwillkürlich hinter den Windſchirm zurückwich, wodurch er für den Augen⸗ blick Alphonſine und Gerard entging. Ohne die Gegenwart von Heurh Douglas zu be⸗ merken, hatte ſich Alphonſine bei ihrem Eintritt in die Arme ihrer Erzieherin geworfen; ſie küßte dieſe zärtlich und ſagte zu ihr: . »Ah! die böſe Miß, die ſo abreiſt, ohne uns wenig⸗ ſtens den Troſt zu laſſen, ihr Lebewohl zu ſagen!“ „Erſt dieſen Morgen,“ fügte Gerard bei, „als wir den Kutſcher meines Vaters befragten, erfuhren wir, daß Sie im Wirthshauſe von Saint⸗Hilaire über Nacht geblieben. Alphonſine und ich ſtiegen dort aus und hörten, Sie haben ſich hierher führen laſſen.“ „Und auf die Gefahr, dem Zorne unſeres Oheims zu trotzen, ſind wir hierhet gekommen, um Sie bei ihm 2 288 aufzuſuchen,“ ſagte Alphonſine. „Doch,“ fügte ſie, indem ſie ſich umwandte, bei, wo iſt er denn, dieſer furchtbare und theure Oheim? Ich fühle mich zu Allem ent⸗ ſchloſſen, um Das Mädchen vollendete nicht, denn es hatte den Kapitän Douglas bemerkt. Alphonſine betrachtete ihn einige Secunden lang ſtillſchweigend, dann ſchaute ſie mit einem durchdringenden Auge Miß Maryh an und ſagte mit einem reizenden Lächeln: „Ich errathe, er iſt es, nicht wahr 26 Nach dieſen Worten ging ſie auf den Bräutigam ihrer Erzieherin mit einer Leichtigkeit zu, wie ſie beinahe eine große Einfachheit begleitet, und ſprach zu ihm: „Mein Herr, Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie ſeit geſtern Morgen,“ fügte ſie bei, indem ſie einen Blick des Verſtändniſſes auf ihre Erzieherin warf, „denn ſeit geſtern Morgen weiß ich, daß Miß Marh Ihnen alles Glück, das ſie verdient, zu verdanken haben wird.“ Und indem ſie ſo ſprach, reichte Alphonſine Douglas freundlich ihre Hand; er hielt ſie einen Augenblick in der ſeinigen und antwortete mit dem Ausdruck ſanften Ernſtes: „Und ich kenne Sie auch, mein Fräulein; ich weiß, daß Sie der theure und ſüße Stolz meiner Couſine ſind; ihre gunſe Familie kennt Sie, und noch vor fünf Tagen wiederholten mir ihr ehrwürdiger alter Vater, ihre Mutter, ihre Schweſtern in dem Augenblick, wo ich nach Frankreich abreiſte „„Sagen Sie der liebenswürdigen Alphonſine von Morville, daß wir ſie als eine Tochter, als eine Schweſter umarmen, und daß wir nie vergeſſen werden, wie ſehr ſie durch die Güte ihres Herzens, durch die Zartheit ihrer Seele die Aufgabe der armen Ver⸗ pannten, die nun zu uns zurückkehrt, leicht und reizend gemacht hat.““ Nachdem er dieſe liebevollen Worte geſprochen, ver⸗ 289 beugte ſich Henry Douglas und küßte ehrerbietig dem Mädchen die Hand. Alphonſine erröthete, Thränen glänzten in ihren Augen, und ſie ſagte zu Miß Marh: „Sie haben alſo in Ihren Briefen von mir ge⸗ ſprochen?2“ „Wie ſollte man nicht denjenigen, welche man liebt, alles Glück anvertrauen, das uns begegnet?“ antwortete die Erzieherin zärtlich Alphonſine. Immer vor den Augen der zuletzt Angekommenen verborgen und ganz ſeiner ſchmerzlichen Aufregung preis⸗ gegeben, fühlte ſich Herr von Favrolle beinahe unwill⸗ kürlich geſchmeichelt von der Ehrfurcht, welche Henry . dieſem Mädchen, das er hätte heirathen ſollen, ezeigte. Miß Marh nahm ſodann Gerard bei der Hand, ſtellte ihn dem Kapitän vor und ſagte: „Herr Gerard von Morville, der Bruder meiner lieben Alphonſine.“ „Wir ſind auch alte Bekannte, obgleich wir uns nie geſehen, mein Herr,“ ſprach Henry mit herzlichem Tone; „Fräulein Lawſon hat mir oft alles Gute ge⸗ ſchrieben, was ſie vom Bruder ihres Zöglings dachte; ich werde mich glücklich ſchätzen, Herr Gerard, wenn Sie mir Ihre Freundſchaft mit eben ſo viel Vergnügen be⸗ willigen, als ich Ihnen die meinige anbiete.“ Nicht minder erſtaunt, als gerührt, da er erfuhr, Miß Mary habe in ihren Briefen mit ſo viel Lob von ihm geſprochen, daß ein Mann vom Alter des Kapitän Douglas ſeine Freundſchaft verlangte, fand er in dieſem Beweiſe liebreicher Werthſchätzung einen ſanften Troſt für den bittern Kummer, den ihm ſeine tolle Liebe für Miß Mary verurſacht hatte. Er ſchaute ſie und Al⸗ phonſine mit einem Blicke an, den Beide verſtanden, und antwortete Douglas: »Mein Herr, vft ſagte Miß Mary meiner Schweſter und mir, immer belohne uns die Achtung der Menſchen Miß Marh. 156 e 290 von Herz für unſere guten Gefühle und für unſere muthige Reſignation in den ſchwierigen Augenblicken unſeres Lebens . Ich erwartete nicht, ſo bald die trefflichen Worte von Miß Mary verwirklicht zu ſehen.“ „Ich auch nicht, Herr Henry, und Sie machen den Bruder und die Schweſter ſehr ſtolz, ſehr glücklich,“ ſagte Alphonſine mit einer freundlichen, beinahe heiteren Miene, welche ein tiefes Erſtaunen bei Miß Mary erregte, denn in dieſem Augenblick dachte ſie an die Liebe des Mäd⸗ chens für Herrn von Favrolle. Das Erſtaunen der Erzieherin entging Alphonfine nicht; ſie machte ihr ein Zeichen des Verſtändniſſes und ſagte mit einem ſanften Lächeln: „Ich errathe die Urſache Ihres Erſtaunens, Miß Mary; ſehen Sie, ſeit geſtern ſind viele Dinge vorge⸗ gangen.“ „Iſt das ein Geheimniß, liebes Kind?2“ „Oh! nein. So habe ich geſtern Abend, als ich glaubte, ich würde Sie nicht wiederſehen, viel geweint, viel nachgedacht; ich dachte, mein Leben werde ſich verändern, da ich bis jetzt immer in Ihnen, liebe Miß Mary, eine Füh⸗ rerin deboht hatte, auf die ich ebenſo ſehr hörte, als ich ſie liebte; wiſſen Sie, womit ich ſodann die erſte Nacht unſerer Trennung zubrachte? ich rief in mein Gedächtniß zurück und fand in meinem Herzen wieder Ihre Lectio⸗ nen, Ihre Rathſchläge; Sie hatten mir dieſelben mit einer ſo liebreichen Zärtlichteit gegeben, daß ſie mir in der Zeit nur reizende Geſpräche zu ſein ſchienen. Beur⸗ theilen Sie mein Glück, als ich an meinen guten Ent⸗ ſchlüſſen, an meinem Muthe fühlte, daß dieſe von Ihnen ſeit zwei Jahren ausgeſtreuten Keime ſich in mir ent⸗ wickelt und ihre Früchte getragen hatten. Da, meine liebe Miß Mary, habe ich zum erſten Mal die Erzie⸗ hung, die ich Ihnen verdante, begriffen und geſegnet. Und wollen Sie einen ganz neuen Beweis, Herr Henry, von dem heilſamen Einfluß der Beiſpiele, der Lehren von Miß Mary? Stellen Sie ſich vor, daß ein unſeli⸗ . „ 4 2 * C 294 ger Tag gekommen iſt, wo ich, würden Sie es glauben, eiferſüchtig geweſen bin, ja, eiferſüchtig auf ſie 4ℳ In der Secunde, wo Alphonſine dieſe Worte ſprach, warf die Erzieherin einen Blick voll Bangigkeit nach dem Windſchirm, hinter dem ſich Herr von Favrolle ver⸗ borgen hielt, während, ſich nun erinnernd, daß dieſer Fräulein von Morville hatte heirathen ſollen, der Kapi⸗ tän Douglas die Unruhe der Erzieherin theilte. „Wenn ich dieſe Eiferſucht geſtehe,“ fuhr Alphonſine mit einer rührenden Naivetät fort, „ſo geſchieht es ebenſo ſehe um mich dafür zu beſtrafen, daß ich dieſem abſcheu⸗ ichen Gefühle nachgegeben habe, als um der Redlichkeit von Miß Mary und dem Muthe, den ich aus ihren Lehren geſchöpft, zu huldigen; oh! ohne ſie hätte ich lange an dem gräßlichen Uebel der Eiſerſucht gelitten! aber Miß Mary hatte mir nur ein Wort zu ſagen, und ich habe ihr geglaubt. Wie ſollte ich ihr nicht glauben? Und das iſt noch nicht Alles, Herr Henry, Sie werden erkennen, wie nützlich für mich der Einfluß der kheuren Miß geweſen iſt.“ „»Mein Kind,“ ſagte die Erzieherin, wie der Kapi⸗ tän Douglas immer mehr beunruhigt bei dem Gedan⸗ ken an Herrn von Favrolle, da ſie ſah, welche Wendung das Geſpräch nahm, „wozu reden Sie von der Vergan⸗ genheit 2 „Wozu, liebe Miß Marh?“ verſetzte Alphonſine. „Um ganz laut vor dem, welcher Sie ſo würdig liebt, Alles zu ſagen, was ich Ihnen zu verdanken habe, da⸗ mit er Sie noch mehr liebt Als ich erfuhr, Herr Henry, man habe Miß Mary mir vorgezogen, empfand ich Anfangs ebenſo viel Schmerz als Demüthigung. Doch meine Vernunft, mein Herz, mein Muth beſiegten bald dieſe ſchlimmen Gefühle. Ich fragte, wie ich mich habe empören, ſogar nur wundern können über den Vorzug, den man Miß Mary gewähre. War ſie mir nicht in allen Dingen überlegen, im Wiſſen, im Talent, im Geiſt, im Liebreiz, in der Schönheit? Ich ſah bald ein, 292 bei der Wahl zwiſchen dem Lichte und ſeinem Reflere habe Herr von Favrolle Miß Mary vorziehen müſſen.“ Bei dieſen Worten ſuchte Henry Douglas maſchi⸗ nenmäßig mit den Augen ſeinen Nebenbuhler. Aber immer mehr dem Zauber des Mädchens unterliegend, das er einen Augenblick verſchmäht hatte, horchte Herr von Favrolle mit wachſendem Intereſſe. Alphonſine, die ſich in der Bewegung des Kapitäns getäuſcht, fuhr miv fort: „Ich werde Ihr Erſtaunen mit zwei Worten auf⸗ hören machen. Eine Heirath iſt zwiſchen mir und dem Sohne eines alten Freundes meines Vaters beſchloſſen worden. Ueber dieſe Heirath war ich glücklich, oh! ſehr glücklich! Aber Herr von Favrolle, der Miß Marh bei mir wiedergefunden, hat mich ihretwegen vergeſſen. Was kann einfacher ſein? Sie beſonders, Herr Henry, wird dieſe Bevorzugung nicht in Erſtaunen ſetzen.“ „Liebe Alphonſine,“ ſagte die Erzieherin, gerührt von dieſen Worten, „wie edel iſt Ihr Herz!“ „Haben Sie mich nicht beſcheiden ſein gelehrt, Miß Marhs Haben Sie mich nicht auch gelehrt, daß es vft im Leben beſſer iſt, zu handeln, als ſich paſſiv zu erge⸗ ben? Was habe ich ſodann gethan? Nachdem ich er⸗ kannt, daß Herr von Favrolle, ohne ſtrafbar zu ſein, Sie mehr lieben konnte, als mich, habe ich gefühlt, es ſei meiner Pflicht, meiner Würde angemeſſen, Herrn von Favrolle ſein Ehrenwort zurückzugeben, das er gegen meine Familie verpfändet hatte.“ „Was 2 rief Gerard, „Du willſt?“ „Wie!“ verſetzte Alphonſine mit einem Ausdruck freundſchaftlichen Vorwurfs ihren Bruder unterbrechend, „Du wunderſi Dich darüber, daß ich zuerſt eine Verbin⸗ dung breche, welche in anderen Zeiten, unter anderen umſtänden beſchloſſen worden iſt? Was willſt Du, armer Bruder, Alles hat ſich geändert; einſt voller Glücks⸗ verheißungen, iſt heute dieſer Plan nur ein Gegenſtand des Zwangs, der Beklemmung für Herrn von Favrolle. 6 4 293 „Weil Herr von Favrolle ſein Wort gebrochen hat,“ verſetzte Gerard bitter; „das iſt ſeine Schuld.“ „Armer Bruder!“ erwiederte Alphonſine mit gerühr⸗ tem Tone, indem ſie ſo auf die Liebe anſpielte, die er ſelbſt für Miß Mary gefühlt hatte, „ich kann nicht um⸗ hin, aufrichtig diejenigen zu beklagen, welche ohne Hoff⸗ nung lieben oder geliebt haben ... Die Abreiſe von Miß Mary wird Herrn von Favrolle einen grauſamen Schlag beibringen, und in ſeinem Kummer werde ich ihm wenigſtens einen zarten, peinlichen Schritt bei un⸗ ſern Eltern erſparen, indem ich ihm ſein Wort zurück⸗ ebe. Möchte er eine Gefährtin finden, die ihn ebenſo ſhr liebt, als ich ihn geliebt hätte! Und warum ſollte ich nicht ſagen, daß ich ihn liebe?“ ſprach mit bewegter Stimme Alphonſine, eine Geberde ihrer Erzieherin er⸗ wiedernd, welche an Herrn von Favrolle, den unſicht⸗ baren Zeugen dieſer Scene, dachte. Bis zu Thränen gerührt von dieſer ſo naiven, ſo würdigen, ſo ergebenen Liebe, fing Herr von Favrolle an die wahnſinnige Laune, der er vielleicht das Glück ſeines Lebens geopſfert, grauſam zu bereuen, und er horchte mit einer unbeſchreiblichen Gemüthsbewegung auf dieſes Kind, in dem er alle die ſeltenen Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens wiederfand, die er bei Miß Mary anbetete. Alphonſine fuhr, ſich an die Erzieherin und an Gerard wendend, fort: „Ja, warum ſollte ich nicht geſtehen, daß ich Herrn von Favrolle liebe? Hießet Ihr vor vier Monaten nicht Alle, mein Vater, meine Mutter und ſelbſt Du, mein Bruder, mich ihn lieben? Hat er denn ſeitdem die Eigenſchaften verloren, die man an ihm rühmte? muß er weniger geſchätzt, weniger geehrt werden, weil er Miß Mary geliebt hat? Nein, nein, eine ſolche Bevorzugung erhebt ihn im Gegentheil in meinen Augen, und ich wünſchte Herrn von Favrolle von ſeinem Verſprechen zu entbinden .. 294 „Er fleht Sie an, mein Fräulein, ihm zu erlauben, die Verbindlichkeiten nicht zu verletzen, welche gegen Ihre Familie einzugehen er ſo glücklich geweſen iſt!“ rief Herr von Favrolle, während er von dem Orte, wo er ſich bis jetzt verborgen gehalten, hervortrat und auf Alphonſine zuſchritt. Das Mädchen konnte einen Schrei des Erſtaunens nicht zurückhalten und verbarg ſeine Röthe und ſeine Verwirrung am Buſen von Miß Mary, in deren Arme es ſich warf. „Du hier!“ rief Gerard; „Du hier, Theodor! Du warſt da?“ „Ja, ja, ich habe Alles gehört,“ erwiederte Herr von Favrolle, ſeine Thränen trocknend; „ja, ich habe Alles gehört, mein Bruder. Ah! die Edle, die Muthige! Und ich konnte ſie mißkennen! Gerard, glaubſt Du, daß ſie mir verzeiht? Oh! ich würde mrin ganzes Leben dem Beſtreben weihen, ſie den Kummer, den ich ihr verurſacht, vergeſſen zu machen.“ „Ich will ſie um Deine Begnadigung bitten, mein lieber Theodor, und ich habe gute Hoffnung,“ ſagte Gerard, indem er ſich ſeiner Schweſter näherte, welche, umſchlun⸗ gen von den Armen von Miß Mary, ihr Geſicht an deren Schulter verbarg. Herr von Favrolle aber ging auf den Kapitän Douglas zu und ſagte: „Mein Herr, unter Leuten von Herz ſchämt man ſich nicht, ſein Unrecht zu geſtehen: ich geſtehe das meine und bitte Sie, es zu vergeſſen.“ „Es iſt ſchon te „ mein Herr; ich erinnere mich nur noch Ihrer Artigkeit gegen Fräulein Lawſon bei ihrer Ankunft in Frankreich. Ich hatte Ihnen in meiner Dankbarkeit meine Hand gereicht; erlauben Sie mir, ſie ihnen abermals zu reichen.“ Herr von Favrolle drückte dem Kapitän Douglas herzlich die Hand, als Alphonſine, mit der Gerard leiſe geſprochen, ohne daß ſie den Kopf, den ſie auf die Schul⸗ ter ihrer Erzieherin lehnte, zu erheben wagte, mit be⸗ 295 wegter Stimme die Worte flüſterte, welche Herr von Favrolle hörte: „Theure Miß Mary, gleiche ich Ihnen, daß er mich lieben kann? Sagen Sie es mir, ich werde Ihnen glauben.“ Die Erzieherin wollte eben antworten, als Herr und Frau von Morville eintraten. Herr von Favrolle lief auf ſie zu und rief: „Mein Herr, ich beſchwöre Sie im Namen des Glückes meines Lebens, und ich darf wohl nun ſagen, im Namen des Glückes Ihrer Tochter, vergeſſen Sie einen Augenblick der Verirrung, des Wahnſinns, und geben Sie Ihre Einwilligung zu meiner Heirath mit Fräulein Alphonſine.“ Dieſe rührende Scene wurde unterbrochen durch das Schallen der Stimme von Herrn de la Botardière, den man im anſtoßenden Zimmer, deſſen Thüre Herr und Frau von Morville offen gelaſſen, ſchreien hörte. XXVII. Herr und Frau von Morville, ihre Kinder, Miß Mary, Douglas und Herr von Favrolle ſchauten ſich an, beſorgt über den Eintritt von Herrn de la Botardiére, der wüthend zu ſein ſchien, nach folgenden Worten des zornſüchtigen Greiſes zu urtheilen, welcher ſeinen Diener im anſtoßenden Zimmer auszuſchelten fortfuhr: „Elender Ambroiſe! Hölliſcher Tauber, mich eine Stunde lang eingeſchloſſen laſſen!“ „Herr,“ erwiederte Ambroiſe, „der Wind hatte die Thüre des Vorzimmers zugeſchlagen und ſo die Thüre von außen geſchloſſen, derheſtaltz daß Sie nicht hinaus konnten. Iſt das meine Schuld?“ 296 „Aber ich klopfte und pochte, um mir die Fänſte zu zerſchlagen, verfluchter Tauber!“ „Es iſt nicht möglich, Herr, daß Sie ſo ſtark ge⸗ klopft haben, denn ich habe nichts gehört, wenn nicht ein ganz ſchwaches Geräuſch. Ich glaubte, es ſei ein Laden, der ſchlage. Wenn Sie gehörig geklopft hätten, ſo würde ich Ihnen geöffnet haben.“ „Hat man einen Begriff von einem ſolchen Thier? er macht mir Vorwürfe. Antworte: iſt das Fräulein im Zimmer geblieben?“ „Wie beliebt?“ „Ich frage Dich, ob Miß Marh im Salon ſei?“ rief Herr de la Botardiere mit ſeiner mächtigſten Stimme, „hörſt Du mich diesmal?“ „Sie ſchreien hiefür ſtark genug, Herr; man würde Sie auf eine Meile hören. Ja, dieſes Fräulein iſt mit allen Andern im Salon.“ „Wie, alle Andere!“ verſetzte Herr de la Botar⸗ dière erſtaunt. „Welche Andere?“ „Wie beliebt, Herr?“ Doch, ohne Ambroiſe zu antworten, trat der Greis haſtig in den Salon, wo er ſich mit Miß Mary allein glaubte, denn, das Geſpräch von Ambroiſe und ſeinem Herrn benützend, hatte ſie die Andern gebeten, ſich hin⸗ ter dem durch den Windſchirm gebildeten Halbzirkel ver⸗ borgen zu halten. Herr de la Botardiére brummte auch zwiſchen ſeinen Zähnen: „Was Teufels ſingt mir der taube Burſche, dieſer Ambrviſe, von ſeinen Andern vor?“ Bald aber nahm er wieder ſein freundliches Lächeln an, grüßte mit ſeiner galanteſten Miene und ſagte: „Liebe Miß Mary, ich kann Ihnen nun meine Worte erklären . . . Ich hätte Sie weniger lange allein gelaſ⸗ ſen, ohne die Dummheit dieſes ekenden Taubohrs Am⸗ broiſe, der mich eine Stunde eingeſchloſſen gehalten hat.“ Die Erzieherin, welche bemerkte, daß Herr de la Botardière ſeinen Molton vom Morgen gegen einen = 297 ſchwarzen Frack und eine Halsbinde von einer Weiße ſo blendend als die ſeiner Weſte vertauſcht hatte, und ſich dabei der letzten Worte des Greiſes erinnerte, errieth den Sinn derſelben; ſie hatte nur noch den Groll von Herrn de la Botardiere in Beziehung auf Herrn und Frau von Morville zu überwinden, um das Verſprechen, das ſie den Eltern von Alphonſine gegeben, zu erfüllen. Die Hoffnung auf den Sieg verdoppelte den Muth von Miß Mary, und ſie ſagte zu dem Greiſe, der, ein Lächeln auf den Lippen, ſich anſchickte, ihr die Urſache der Ver⸗ wandlung ſeines Voltons in ein ſchwarzes Kleid zu erklären: „Mein Herr, iſt es Ihnen gleichgültig, wenn wir unſer Geſpräch im anſtoßenden Zimmer fortſetzen?“ „Allerdings, mein Fräulein, doch .. „Dann, mein Herr, ſeien Sie ſo gut, mich dahin zu begleiten,“ ſagte Miß Mary, indem ſie Herrn de la Botardiére voranging, denn ſie befürchtete, ſeine Eitel⸗ keit würde unheilbar verletzt ſein, wenn er bald erführe, ſeine Unterredung mit der Erzieherin habe verborgene Zeugen gehabt. „Liebes Fräulein,“ ſprach Herr de la Botardiére, als er in dem an den Salon anſtoßenden Zimmer mit MWiß Mary allein war, „ein galanter Mann muß ſi in den Willen, ich ſage ſogar in die Launen der Damen fügen, da Sie es, ſtatt unſere Unterredung im Salon fortzuſetzen, ſie hier fortzuſetzen vorziehen; vernehmen Sie alſo mit zwei Worten, was ich Ihnen zu eröffnen habe. Ich bin ſechzig Jahre alt und habe ebenſo viele tauſend Livres Gutseinkünfte, als Jahre. Meine Ein⸗ ſamkeit würde mir nun doppelt unerträglich ſcheinen, wenn ich ſie nicht mit Ihnen theilte. Ich werde Ihre Familie mit den ihr gebührenden Rückſichten und mit dem Wohlwollen, das ſie verdient, aufnehmen, wenn ſie ſich bei uns niederlaſſen will; mit einem Worte, liebe Miß, wollen Sie Frau Baronin de la Botardiére werden?“ 298 „Mein Herr, ehe ich auf einen für mich ſo ehren⸗ vollen Antrag antworte 6 Fräulein, die Ehre iſt ganz auf meiner eite. „Ich wünſchte zu wiſſen, ob Ihre Einſamkeit wirk⸗ lich ſo ſehr auf Ihnen laſtet, als Sie behaupten.“ „Liebe Miß Mary, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, ich langweilte mich am Ende wie ein Todter, ja, denn bei unſerer erſten Unterredung hatten Sie in meinem Herzen eine falſche Eitelkeit geleſen, die mich abhielt, Ihnen die traurige Wahrheit zu geſtehen.“ „Ich bitte, mein Herr, überlegen Sie Ihre Worte; ich würde es ſehr bedauern, wenn ſie nicht aufrichtig wären.“ „So wahr, als ich mit dem Namen Joſephin getauft worden bin, das Leben war nicht für mich auszuhalten. Wenn Sie wüßten, was es iſt, in meinem Alter der Willkür alberner Diener anheimgegeben zu ſein, wie die⸗ ſer taube Ambroiſe einer iſt, der mich o eben erſt auf die Gefahr, mich vor Zorn erſticken zu machen, einge⸗ ſchloſſen gelaſſen hat!“ „Das iſt nur ein Zufall, mein Herr, und ich be⸗ 5 immer, Ihr Entſchluß iſt nicht hinreichend über⸗ egt.“ „Liebe Miß Mary, ich ſchwöre Ihnen „Erlauben Sie, Sie ſprechen von Ihrem Wunſche, meine Familie ſich bei Ihnen niederlaſſen zu ſehen, und on dem Glück, das Sie in der Traulichkeit dieſes ſüßen Perkehres finden würden?“ Gewiß, das iſt nur mein Traum, mein einziger Wunſch!“ „Sie haben aber doch eine Familie, und Sie ſind zwei Jahre von ihr entfernt geblieben? Wie ſoll ich glau⸗ ben, daß „Liebe Miß Marh,“ unterbrach Herr de la Botar⸗ diere die Erzieherin, „ich will Ihnen mit einem Worte 5 —— 299 beweiſen, daß ich für die Süßigkeit eines Familiengefühls empfänglicher bin, als Sie glauben.“ „Laſſen Sie dieſen Beweis hören, mein Herr.“ „Sie wiſſen, welche gerechte Beſchwerden ich gegen meine Familie habe 2“ „Ich gebe die Gerechtigkeit dieſer Beſchwerden durch⸗ aus nicht zu, mein Herr.“ „Gleichviel! . . . Trotz der Beſchwerden, die ich mit Recht oder mit Unrecht gegen meinen Neffen hatte, war ich hundertmal auf dem Punkt, ihm zu verzeihen und zu ihm zu ſagen: „„Leben wir als Freunde, wie früher.““ Eine falſche Scham hat mich zurückgehalten.“ „Mein Herr, ich unterwerfe mich dem Ausdruck der Aufrichtigkeit Ihrer Worte; es ſei, ich glaube Ihnen. Der Gipfel Ihrer Wünſche wäre alſo, fortan Ihr Leben unter einer von Zärtlichkeit und Verehrung für Sie erfüllten Familie zuzubringen?“ „Ja, mit einer jungen und reizenden Perſon wie Sie, theure Miß Mary, welche wie Sie voll Anmuth, Talent und Verſtand „Angenommen, es ſei dem Portait nicht ſonderbar geſchmeichelt, mein Herr, glaube ich, daß Ihr Wunſch vollkommen zu verwirklichen iſt.“ „Ah! liebe Miß!“ „Doch noch ein Wort, mein Herr; der Gegenſtand iſt ſehr zarter Natur, und Sie kennen meine Offen⸗ herzigkeit.“ „Ich kenne ſie, ich bewundere ſie, ich bete ſie an, liebe Miß!“ „Sie haben mir Ihr Alter genannt?“ „Sechzig Jahre.“ „Ich bin vierundzwanzig alt.“ „Der Unterſchied iſt allerdings groß.“ „Sehr groß; ich würde Sie auch unwürdig täu⸗ ſchen, und überdies würden Sie mir nicht glauben, wenn ich Ihnen ſagte, eine Frau von meinem Alter könne Liebe fühlen .. 300 S „Für einen Greis! Wie, liebe Miß Mary, Sie hal⸗ ten mich für lächerlich, für närriſch genug, daß ich eine ſolche Anmaßung haben ſollte? Nein, nein, für die anz väterliche Zuneigung, die ich Ihnen anbiete, werde ich von Ihrer Seite nur eine ganz kindliche Zuneigung erwarten.“ „Vortrefflich, mein Herr; um uns alſo kurz zu faſſen, wenn ich Sie recht verſtehe, iſt es Ihr einziger Wunſch, die ſüßen Freuden der Familie bei einer jun⸗ gen und reizenden Perſon voll Anmuth, Talent und Verſtand zu genießen, welche für Sie die Zärtlichkeit, die Sorgſamkeit einer Tochter für ihren Vater hätte2“ „Ja, ja, liebe Miß Mary! Das iſt mein einziger Wunſch, das iſt mein Traum!“ rief Herr de la Botar⸗ diere mit Entzücken, indem er ſich anſchickte, vor der Erzieherin auf die Kniee zu fallen; doch Miß Mary kam zu rechter Zeit dieſer galanten Kniebeugung zuvor, nahm Herrn de la Botardiére bei der Hand, führte ihn nach dem Salon zurück, wohin er ihr maſchinenmäßig, obgleich ein wenig erſtaunt, folgte, und ſagte mit innigem Tone zu ihm: „Mein Herr, Niemand wird etwas hievon erfahren, ich aber werde nie den ſo ehrenvollen Antrag, den Sie mir ſo eben gemacht haben, vergeſſen; ich kann ihn leider nicht annehmen, denn ſeit drei Jahren bin ich verlobt mit einem Manne, den ich zärtlich liebe und den ich demnächſt heirathe. Aber Sie werden bei Ihnen eine Familie vereinigt finden, welche nur zu glücklich iſt, Sie mit ihrer Zärtlichkeit, mit ihrer Ehrfurcht zu umgeben, und ein junges Mädchen voll Anmuth, Talent und Verſtand, das Sie treu wie einen Vater zu lieben verlangt.“ Während ſie dieſe Worte geſprochen, die Herrn de la Botardiere in das tiefſte Erſtaunen verſetzten, hatte Miß Mary den Greis an den Salon geführt; ſie öffnete die Thüre und ſagte: W- 301 „Alphonſine! Gerard! umarmen Sie Ihren lieben Oheim.“ Kaum hatte Miß Marh ſo geſprochen, als das Mädchen mit ſeinem Bruder hinzu lief und dem Greiſe, der bald auch von Herrn und Frau von Morville um⸗ geben war, um den Hals fiel. Der Anblick ſeiner Familie, die er ſo wenig bei ſich zu treffen erwartete, war ein letzter Schlag für Herrn de la Botardiere. Die Weigerung von Miß Marh hatte ihm einen tiefen Kummer verurſacht, und ehe er dieſen Schmerz überwunden, war er zehnmal in die Arme von Alphonſine, von ihrem Bruder und von Herrn von Morville geſchloſſen geweſen, welche tief be⸗ wegt zu ihm ſagten: „Lieber, guter Oheim, endlich ſind Sie uns wieder⸗ gegeben!“ So wunderlich, ſo mürriſch, ſo grollſüchtig der Greis auch war, dieſe Beweiſe von aufrichtiger Zuneigung rührten ihn um ſo mehr, als er zur Rührung durch ſeinen Schmerz über die Weigerung von Miß Marh geſtimmt war. Für dieſen Kummer fand er auf der Stelle einen Troſt in dem liebevollen Eifer ſeiner Familie! ſeine Augen füllten ſich auch unwillkürlich mit Thränen; er ſchloß Alphon⸗ ſine und Gerard in ſeine Arme und ſagte zur Erziehe⸗ rin mit einem Tone traurigen Vorwurfs: „Ah! Miß Mary, Miß Mary!“ „Habe ich mein Verſprechen nicht gehalten ?“ er⸗ wiederke Miß Mary mit ihrem ſanften Lächeln. „Sind Sie nicht in der Mitte einer Familie, die Sie liebt? Drücken Sie an Ihr Herz nicht ein Mädchen, das Sie wie einen Vater werth hält?6 „Wohlan!“ ſprach der Greis, ſeinem Neffen die Hand reichend, „Alles iſt vergeſſen. Ihr würdet mich alſo ein wenig lieben, Ihr Leute, trotz meines Gezänks?“ „Wir werden Sie lieben, mein theurer Oheim, unter der Bedingung, daß Sie uns viel ſchelten.“ 302 „Dann ſeid unbeſorgt, ich werde mir Eure Zunei⸗ gung zu erhalten wiſſen,“ erwiederte der Greis. Hierauf ging er auf Herrn von Favrolle zu, den ihm Herr von Morville vorſtellen wollte, und rief: „Mein Alp von der Reiſe von Calais!“ „Herr Theodor von Favrolle, der Bräutigam meiner Tochter, lieber Oheim,“ ſagte Herr von Morville. „Ich gehöre nun zur Familie,“ ſagte der zukünf⸗ tige Gatte von Alphonſine, ſich vor Herrn de la Botar⸗ diere verbeugend, „ich habe auch ein Recht auf Ihr Schelten; mein einziges Verlangen iſt, die verhängniß⸗ volle Reiſe von Cakais zu ſühnen, auf der ich Ihnen wider meinen Willen zu mißfallen das Unglück ge⸗ habt habe.“ „Gut, gut, Herr Duckmäuſer,“ erwiederte der Greis, „ich verzeihe Ihnen unter einer Bedingung: daß man bei der Hochzeit meiner Nichte junge Hühner à la Botardisre ſervirt, wie die Galgenſtricke, Ihre Genoſſen, ſagten . Sie erinnern ſich dieſer unver⸗ ſchämten Burſche, Miß Mary?“ fügte der Greis bei, indem er ſich gegen die Erzieherin umwandte, die er, den Kapitän Douglas an der Hand haltend, auf ſich zukommen ſah. „Noch eins!“ rief Herr de la Botardiere. „Ei! hat ſich denn heute alle Welt Rendezvous in meinem Hauſe gegeben?“ „Ja, mein Herr, und dieſes Rendezvous hat das Glück von aller Welt zur Folge gehabt,“ antwortete MWiß Mary. „Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Henry Douglas, meinen Bräutigam, vorzuſtellen, der mich auf Befehl meines Vaters aus Frankreich abholt.“ Der Kapitän Douglas verbeugte ſich vor dem Greiſe, in deſſen Geſicht abermals Traurigkeit zu leſen warz er ſagte auch ſeufzend iü Bräutigam von Miß Mary: „Ah! mein Herr Sie ſind glücklich. Sie heirathen eine würdige Perſon.“ Miß Mary machte Alphonſine ein Zeichen, das dieſe e— —— 303 begrif⸗ ſie nahm den Greis bei den Händen und ſprach zu ihm: „Mein guter Oheim, wir werden oft von Miß Mary reden.“ „Ich hoffe es wohl,“ erwiederte der Greis, ſeine Nichte umarmend; „denn ich glaube, Miß Marp iſt ein wenig die Erzieherin von uns Allen geweſen. „Ahi mein Oheim, Ihre Worte ſind vielleicht wah⸗ rer, als Sie glauben,“ ſagte Herr von Morville mit bewegter Stimme, indem er einen Blick an Miß Mary richtete, der ſie zugleich um Verzeihung zu bitten und ihr ſeine Dankbarkeit auszudrücken ſchien. „Das An⸗ denken von Miß Mary wird uns Allen theuer ſein!“ 1 Einige Augenblicke nach einem rührenden Abſchied waren Herr und Frau von Morville, ihre Kinder, Herr von Favrolle und Herr de la Botardieère auf der Frei⸗ treppe des Schloſſes verſammelt; das Herz übervoll, folgten Alle mit einem betrübten Blick einer Poſtchaiſe, P deren Bock der würdige William geſtiegen war. Bei der Biegung der Allee, die ſich vor dem Haupt⸗ eingang ausſtreckte, ſchwang Miß Mary, indem ſie ſich aus dem Wagenſchlag herausneigte, noch einmal ihr Sack⸗ tuch zum letzten Lebewohl . ann kehrten die unerwarteten Gäſte von Herrn de la Botardière in's Schloß zurück. Einen Monat ſpäter in Dublin, in dem Augen⸗ blick, wo nach der in der Kirche ausgeſprochenen hochzeit⸗ lichen Einſegnung, die Freunde und die Familie von Henry Douglas und Miß Mary ſich hinzudrängten, um die Trauungsurkunde zu unterzeichnen, ſnin ſich auch zwei Frauen ein. Die Aeltere ſchrieb in das Regiſter: Louiſe von Morville. Die Jüngere: Alphonſine von Favrolle. — „304 Der Kapitän Douglas, der beim Geiſtlichen ſtand, te mit dem Finger ſeiner von Glückwünſchenden belagerten Frau dieſe Worte. Miß Marh gab einen Freudenſchrei von ſich, empfing in ihren Armen ihren reizenden Zögling und ſah bei Alphonſine Frau von Morville. „Erwarteten Sie uns nicht 2“ fragte ſie leiſe Alphon⸗ ſine; „von allen denjenigen, welche Sie lieben, liebe nicht ich Sie am meiſten, Sie, die Sie mich glücklich ſein gelehrt haben? iſt nicht mein einziger Reiz, daß ich Ihnen gleiche?2“ Endr. 1 M 578 eis vehndue