* . — etbibliothet de ſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: . für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 M. 50 Pf. 2 M. — Pf. „3 „ 3 „ — „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 ſerelt⸗ Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen, auch däfür zu ſtehen häben. ſ. — — — ———————— 1 ₰ —— — ——— —— Caſanovas Memviren. Seitenſtück Martin der Findling. Roman von SO S0E. O Liebe, ſußes Labſal aller Leiven Der Sterblichen, du wonnevoller Rauſch Vermählter Seelen! Welche Freuden Sind deinen gleich? Wieland. Vierter Band. Ueue Ausgabe. Mit Stahlſtich. Teipzig, Berger's Buchhandlung. 1849. Rie Erſtes Capitel. Ein Blumenglöckchen Vom Boden hervor War früh geſproſſet In lieblichem Flor. Göthe. Leopoldine. Wehend wie ein junges Reh ſchlüpfte das Mädchen die Trep⸗ pen hinauf und hatte den Kellner, welcher vorauseilte, damit die Gäſte ihre Zimmer offen fänden wenn ſie hinaufkämen, im⸗ mer noch neben ſich. Sie ſprach Engliſch, und da dieſes nicht ver⸗ fangen wollte, begann ſie lachend mit dem Franzöſiſchen ihrem Herzen Luft zu machen, aber auch für dieſe Laute hatte der Kellner keine Ohren, und nun redete ſie ihn in gebrochenem Deutſch an. Das ging eher; jetzt gab doch der Menſch wenig⸗ ſtens einzelne vernünftige Antworten. In wenig Augenblicken waren beide Damen vor den Augen des Nachſchauenden ver⸗ ſchwunden, aber dieſer ſtand immer noch' da wie ein Träumen⸗ der und ſchaute ſtarr die Treppe hinauf. Der Kutſcher, welcher die beiden Damen gefahren und der Caſanova IV. 1 Caſanova. Bediente, welcher das Hintertheil des Wagens gedeckt hatte, waren unten in der Hausflur emſig beſchäftigt das Gepäck ab⸗ zuladen, welches der fremden Herrſchaft gehörte, und es hinauf in die Zimmer ſpediren zu laſſen, in denen dieſe ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatten. Caſanova beeilte ſich, von dieſem Umſtande Nutzen zu ziehen; er ging die wenigen Stufen, welche er aufwärts geſtie⸗ gen war, wieder herunter und verſuchte es ein Geſpräch mit den beiden Leuten anzuknüpfen. „Ihr kommt wohl weit her?“ fragte er den Kutſcher auf Deutſch. Keine Antwort — der vierſchrötige Kerl glotzte dem Fra⸗ genden nur mit unbeſchreiblichem Erſtaunen in's Geſicht, dann arbeitete er fort als wenn er nichts gehört hätte. Dieſelbe Frage Engliſch wiederholt hatte zur Folge, daß ein einſylbiges „Ja“ in eben jener Sprache ſich über die Lip⸗ pen des Kutſchers zwängte, welches aber auch alles war was er aus dem Menſchen herauszubringen vermochte. „Stockfiſche, die Ihr ſeid!“ rief Caſanova ärgerlich; „wenn Ihr in deutſchen Landen reiſt, was lernt Ihr nicht Deutſch? Iſt's nicht eine Flegelei, wenn Ihr verlangt daß ſich ſo und ſo viele Tauſende Euretwegen die Mühe geben ſollen Euer Engliſch herkauen zu lernen, oder was ſoll's heißen?“ Zu ſeinem wahren Glücke hatte er dieſe Rede wieder in — — Begebenheiten eines Weltmannes. 7 ſeinem geläufigen Deutſch gehalten, denn hätte er Engliſch ge⸗ ſprochen, ſo würde der handfeſte Kutſcher, welcher ſo ſchon eine ſo bösartige Miene machte wie eine ärgerliche Bulldogge, nicht verfehlt haben mit ſeinen Fäuſten darauf zu antworten, wie es ſeiner Meinung nach Herkommen und Schicklichkeit ver⸗ langten. In dieſem Augenblicke kamen noch drei Reiter herange⸗ ſprengt, ebenfalls Reiſende und Engländer noch dazu, denn ſie lärmten laut, und alles was ſie ſprachen waren einige beliebte engliſche Phraſen, die Caſanova recht wohl verſtand, aber um keinen Preis vor einer feiner fühlenden Geſellſchaft überſetzt haben würde. Der Kutſcher und die Reiter ſchienen bekannt zu ſein, denn kaum hatten die letztern ihn erblickt, als ſie auch von ihren Pferden ſprangen und ihn von allen Seiten mit ihren Fragen beſtürmten. Sie verlangten Zimmer im erſten Stock und wollten die⸗ ſes allein zu ihrer Dispoſition haben. Als ihnen der Wirth bemerklich machte, daß dort ſchon ein ältlicher Herr und zwei Damen einquartirt wären, auch gegenwärtiger Herr — er deu⸗ tete auf Caſanova — ein Logis in ebenderſelben Etage ſchon früher mit ihm beſprochen hätte, nahm der eine von den drei Britten das Wort, indem er ſagte: „Ach was, wir bezah⸗ len; das ganze erſte Geſtock wollen wir haben; die Damen kön⸗ Caſanova. nen dort bleiben, aber die Herren müſſen weichen. Was koſtet's? Werde mit den Herren ſprechen.“ „Wenn aber dieſe Herren nicht wollen?“ fragte Caſa⸗ nova, den dieſer Uebermuth ärgerte; „wenn ſie für alles Gold der Welt ihre Stuben nicht aufgeben mögen, was dann, mein Herr? Werden Sie wohl eingeſtehen, daß man niemanden zwin⸗ gen kann ſein Zimmer zu räumen, wenn er es bezahlt hat und bleiben will, oder muß ich Ihnen das erſt ſagen?“ „Miß Leopoldine Mills kann bleiben,“ erwiederte der hartnäckige Gentleman, aber die Andern müſſen weichen — und wenn ſie nicht wollen, ſo ſollen ſie ſchon dazu gebracht werden; verlaſſen Sie ſich darauf, mein Herr!“ Verächtlich wendete der auf dieſe Weiſe Beleidigte den Andern den Rücken und verlangte in die Stube tretend ohne Umſtände den Schlüſſel zu ſeinem Zimmer in der erſten Etage, welcher ihm auch augenblicklich von dem Kellner übergeben wurde, der natürlich nichts davon wußte, daß die Engländer auf alle Zimmer in dieſer Höhe ſpeculirten. Die Andern ſtritten ſich in der Hausflur immer noch mit dem Wirthe; ſie ſuchten ihm begreiflich zu machen, daß er ihnen, die ſie ja alles bezahlen wollten was man verlangte, für ihre Pfunde und Guineen einräumen müßte was ſie haben wollten; ſie wurden immer lebhafter und dringender, je weniger ihre Bekehrungsverſuche wirken wollten, und am Ende kam ein Schreien he Met * * — —— Begebenheiten eines Weltmannes. 9 und Durcheinanderrufen zu Wege, daß kein Menſch wußte, was es eigentlich hier gab oder um was es ſich handelte. Die Gäſte in der Stube hörten aufmerkſam mit an, was jene vor der Thüre durcheinander ſchrien, aber ſie konnten nicht klug daraus werden, wofür ſich der Gaſthalter im Augenblicke entſchieden hatte. Da trat die ältere der beiden Damen herein und fragte auf gut Deutſch, welcher von den Herren der Beſitzer dieſes Hauſes wäre. Caſanova, ſchnell bei der Hand, erklärte ihr mit all ſei⸗ nem einſchmeichelnden Weſen, das er aufbot, um ſich gleich anfangs einen guten Stand zu verſchaffen, der Wirth wäre nicht hier, ſondern draußen, wo er ſich mit den Gentlemen herum⸗ zankte, welche verlangten, daß außer den beiden Damen, deren eine Leopoldine Mills heißen müßte, alle Gäſte das erſte Stockwerk räumten und beſagten Herren Platz machten. „Ach, um des Himmels willen, das darf nicht geſchehen!“ rief die ältliche Dame raſch aus; „wer ruft mir den Wirth? Schnell, ich muß mich in's Mittel ſchlagen!“ „Sie wünſchen, Madame!“ rief Caſanova voll ritter⸗ lichen Anſtandes; „wohlan, hier mein Wort; ich werde Mittel finden Ihre Wünſche in's Werk zu ſetzen. Laſſen Sie mich machen.“ „Ich bin Ihnen viel Dank ſchuldig, mein Herr,“ antwor⸗ 10 Caſanova. tete jene mit freundlicher Verbeugung dem muthigen Ritter; „dieſe Zudringlichen haben uns ſchon ſechs Tage von Station zu Station verfolgt, immer nehmen ſie daſſelbe Logis wie wir, immer reiten ſie neben unſerm Wagen her, reden hinein und machen meiner Leopoldine verliebte Anträge, die nicht ſelten in's Unanſtändige ausarten, und kommen wir endlich in's Quar⸗ tier, ſo entblöden ſie ſich nicht auf unſer Zimmer zu dringen, oder wenn dieſes verſchloſſen iſt, ſo machen ſie in den Neben⸗ zimmern, welche ſie ſich gewöhnlich zu verſchaffen wiſſen, und auf dem Saale ſolchen Lärm, daß wir kein Auge ſchließen kön⸗ nen. Das letzte Mal trugen ſie eine große Tafel vor unſre Thür, an welcher ſie zechten und das tollſte Zeug trieben, bis der frühe Morgen ſie endlich zur Ruhe brachte. Denken Sie ſich unſre Lage!“ „Aber, Madame, was in aller Welt kann dieſe Menſchen zu ſolch einem Betragen veranlaſſen?“ fragte der Ritter; „mir iſt es völlig unbegreiflich, wie Leute von Gefühl und Bildung, wozu ſich doch wohl jene rechnen, ſich ſo weit vergeſſen können, daß ſie Damen Ihres Ranges auf Schritt und Tritt verfolgen, obſchon ſie wiſſen, daß dieſe Damen keinen Beſchützer bei ſich haben, welcher ſich ihrer gegen brutale Gewaltthätigkeiten wie dieſe annehmen könnte.“ „Ich kann Ihnen nichts weiter ſagen, mein Herr,“ erwie⸗ derte die Dame, „als daß dieſe Menſchen nun einmal eine fire Begebenheiten eines Weltmannes. 11 Idee im Kopfe haben, welcher ſie nicht widerſtehen können. Sie zanken ſich oft unter einander ſelbſt und mißhandeln ſich bis auf's Blut; worüber glauben Sie wohl? Lachen Sie, wenn Sie können, oder bedauern Sie uns lieber, weil der Eine im⸗ mer für einen glühendern Verehrer meiner Leopoldine gel⸗ ten will als der Andre. — Nehmen Sie hiervon ab, wie ge⸗ führlich die Nähe dieſer Menſchen für uns ſein muß.“ „Kelluer,“ wendete ſich Caſanova an den Gerufenen, „jetzt geben Sie mir zwei Zimmer und zwar ſo, daß eins der⸗ ſelben die Damen von der einen, das andre von der andern Seite deckt. Sie wohnen in Numero...?“ fragte er die Dame. „Nummer drei und vier,“ antwortete dieſelbe. „So geben Sie mir zwei und fünf,“ befahl der Beſchützer in feſtem Tone; „gleich die Schlüſſel her — wie geſagt zwei und fünf will ich haben. — Wohnt ſonſt noch jemand in der Etage?“ Der Kellner hatte nicht den Muth, dieſem beſtimmt aus⸗ geſprochenen Verlangen zu widerſprechen; er reichte dem Manne, welcher ſich benahm als wäre er gar nicht gewohnt ſich etwas, worauf er beſtand, abſchlagen zu laſſen, die geforderten Schlüſſel und bemerkte bei bieſer Gelegenheit, daß allerdings noch ein bejahrter Herr, ein Franzos, in Numero ſieben wohnte und ſomit nur Nummer acht noch übrig wäre, wenn es den Herren 12 Caſanova. Lords etwa dennoch einfallen ſollte, ſich in die erſte Etage einzuzwängen. „Nun, dieſe Pièce können wir ihnen nicht füglich verwei⸗ gern,“ rief Caſanova aus; „ich denke aber ſie werden ſich nicht einfallen laſſen von dieſer Gelegenheit Gebrauch zu ma⸗ chen. Rufen Sie jemand, Kellner, welcher meine Effecten an Ort und Stelle ſchafft — ſie müſſen noch unten liegen.“ „Zu dienen, mein Herr, ein Theil davon iſt bereits in Nummer fünf,“ ſprach der Kellner. „Hier durch dieſe Seitenthür kann man unbemerkt in das obere Stockwerk gelangen, nicht?“ fragte der Gaſt wieder. „Allerdings, aber Sie müſſen durch die Küche und dann durch die Schlaſſtuben des Hausknechts und des Stubenmäd⸗ chens.“ „Thut nichts; begleiten Sie mich, Madame,“ rief der fremde Ritter ſeiner Dame zu, welcher er zugleich den Arm reichte; „indeß dieſe hier ſtreiten, ſetzen wir uns in Beſitz des fraglichen Terrains, und kommen ſie endlich, um thatſächlichen Proteſt einzulegen, ſo iſt es ein fait accompli, eine fertige That⸗ ſache, welche wir ihren unbegründeten Anſprüchen entgegenhal⸗ ten können und gegen welche ſich nicht viel mehr ſagen und thun läßt.“ Lachend ſchritt er mit der Dame zur Seitenthüre hinaus, von der andern Seite aber kam der Wirth, welcher ſich vor Begebenheiten eines Weltmannes. 13 dem Zuſetzen ſeiner drei Bearbeiter nicht anders mehr zu retten wußte, die ihm auch auf dem Fuße folgten, immer fort demonſtrirend, immer fort mit den Händen vagirend, als ob ſie den wörtlichen noch thätliche Entſcheidungsgründe beifügen wollten. „Um des Himmels willen, meine Herren,“ ſchrie der Be⸗ drängte, indem er ſich auf den Abſätzen umdrehte, damit er nach allen Seiten hin die, welche ihn umſchwärmten wie Ko⸗ ſaken eine Feſtung, einigermaßen abwehren könnte, „ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich doch wenigſtens zur Be⸗ ſinnung kommen, ich kann ja keinen vernünftigen Entſchluß faſſen, ich weiß ja nicht wo mir der Kopf ſteht, wenn Sie ſo ohne Aufhören in mich hineinſchreien.“ „Ja, aber die Stuben,“ rief der Erſte dem Wirthe hart auf den Leib tretend. Daſſelbe that der Zweite. „Zwanzig Pfund für den Tag, nicht?“ rief er; „hier ſind zwanzig Pfund für's Erſte.“ „Der Handel iſt abgemacht, ja,“ ergänzte der Dritte die Reden ſeines Collegen; „zwanzig Pfund iſt viel Geld, ſehr viel Geld hier zu Lande, aber die Etage iſt unſer.“ Wieder ſtand der Wirth in der Mitte der Zudringlichen, welche ihn nicht aus dem Garne ließen. „Nun meinetwegen,“ rief er voller Verzweiflung aus, 14 Caſanova. „meinetwegen, ich habe ja für meine Perſon nichts dagegen, wenn es die andern Herren zufrieden ſind — machen Sie es mit dieſen aus.“ „Ha, prächtig! Victoria, Brown und Oliphant!“ rief jetzt der Jüngſte von den Dreien, ein gewiſſer Landstown; „kommt, meine Jungens, wir müſſen reine Wirthſchaft machen und die Feſtung im Guten oder Böſen einnehmen!“ Wie toll ſtürzten ſie zur Thüre hinaus und ließen den Wirth, welcher wie im Angſiſchweiße gebadet war, nebſt den übrigen Gäſten in der Stube zurück. Man hörte ſie die Treppe hinauf lärmen, denn Einer ſchrie immer lauter als der Andre, bis ſie an die Zimmerthüren gekommen ſein mochten, an denen ſie ihre Eroberungskünſte verſuchen wollten. Zwei und drei war aber leider verſchloſſen, alſo mußte Nummer vier zunächſt herhalten. Hier jedoch trafen die Gent⸗ lemen bloß ſolche Gegenſtände, welche einer weiblichen Inſaſſen⸗ ſchaft gehören mußten, und ſchloſſen ſehr richtig, daß alſo hier entweder ihre angebetete Leopoldine oder deren Begleiterin, vor welcher ſie indeß weniger Reſpect hatten, einquartirt ſein mußte. Sofort wendeten ſie ſich gegen Nummer fünf, um hier ihre Kräfte zu verſuchen. Sie fanden dieſes Zimmer offen und traten ohne weiteres ein, ſo daß ſie ſelbſt das Anklopfen unterließen. „Mein Herr,“ rief Landstown dem Manne zu, welchen Begebenheiten eines Weltmannes. 15 er hier ganz gemächlich auf dem Sopha hingeſtreckt ſah und welcher ſich nicht rührte, außer daß er den Kopf ein wenig nach der Thüre herumdrehte, „Sie werden vermuthen, weshalb wir hier ſind, und uns verzeihen, wenn wir Ihnen eines Ge⸗ ſchäfts wegen, welches bald abgethan ſein wird, läſtig fallen.“ „Soll mich freuen, meine Herren, wenn dieſes Geſchäft bald abgethan ſein wird,“ entgegnete der Mann trocken, „denn ich fühle wirklich das Bedürfniß jetzt der Ruhe zu pflegen und bin nicht ſonderlich zu Geſchäften aufgelegt.“ „O, ſehen Sie, mein Herr, es iſt nichts weiter,“ belehrte ihn Oliphant voll gemüthlicher Naivität, „wir bitten Sie bloß, uns dieſes Ihr Zimmer zu überlaſſen und ſich eine Treppe höher ein andres zu nehmen, weiter iſt es nichts. Es wird Ihnen leicht werden, unſern Wunſch zu erfüllen, nicht wahr?“ „Allerdings, mein Herr, ich könnte wenn ich wollte, allein ich will nun cben nicht, ſehen Sie, und das iſt leider das ein⸗ zige Hinderniß, an welchem Ihre Bemühungen ſcheitern müſſen,“ gab der Andre zurück. „Aber, mein Herr,“ fuhr der hartnäckige Unterhändler, ohne ſich im geringſten irren zu laſſen, in ſeiner Rede fort, „wenn Sie leicht können, warum thun Sie es nicht? Sehen Sie, ich würde es unhöflich finden, wenn mir jemand einen großen Gefallen thun wollte, welcher überdies mit barer Münze Caſanova. bezahlt werden ſollte und ihn mir bloß deshalb nicht thäte, weil er eigenſinniger Weiſe nicht wollte.“ „Ich dagegen würde ein Anſinnen wie das Ihrige min⸗ deſtens mit keinem beſſern Namen belegen,“ entgegnete Caſa⸗ nova; „ich ſehe nicht ein, weshalb ich Ihnen meine Zimmer überlaſſen ſoll, da ich Ihr Geld nicht haben mag und Ihre Freundſchaft nicht brauchen kann.“ „Meine Zimmer? Sagten Sie nicht ſo?“ fragte der Spre⸗ cher weiter; „das heißt alſo Sie haben mehr als ein Zimmer inne, denn im andern Falle würden Sie geſagt haben mein Zimmer und nicht meine?“ „Allerdings,“ antwortete der Boshafte kalt; „ſehen Sie, hier in Numero fünf wohne, in Nummer ſechs ſchlafe ich — überdies habe ich noch Nummer zwei unter meinem Verſchluß, weil ich meine Kiſten und Kaſten nicht alle hier in dieſen Räu⸗ men haben kann, und wenn ich's könnte, nicht haben wöchte, denn ich liebe das nicht.“ „In Nummer drei und vier aber, wer wohnt denn das“ fragte der Engländer ganz ruhig weiter. „Zwei Damen, eine ältere und eine jüngere,“ lautete die Antwort. „Schon richtig,“ rief Landstown nachdenklich; „es iſt Miß Leopoldine mit der Donna. Aber wiſſen Sie wohl, mein Herr, daß Sie unſern vereinten Wünſchen dennoch nach⸗ 6 Begebenheiten eines Weltmannes. 17 geben werden, wenn ich Ihnen ſage, daß wir nicht eher nach⸗ zulaſſen entſchloſſen ſind, als bis wir unſern Plan durchgeſetzt haben? Wiſſen Sie das oder muß ich's Ihnen erſt bemerklich machen?“ „Wir werden ja ſehen,“ antwortete der Andre ſpöttiſch; „indeß glaube ich Ihnen beſtimmt verſichern zu können, daß Sie dieſes Mal die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben und an den Unrechten gekommen ſind, denn, mein Herr, auch ich muß Ihnen ſagen, daß ich feſt entſchloſſen bin alle Mittel an⸗ zuwenden, welche mir zu Gebote ſtehen, um Ihre Zudringlich⸗ keiten von der Hand zu weiſen.“ „Das werden Sie nicht können,“ ſprach der Unermüdliche Landstown, welcher, trotzdem daß er der jüngſte von ſeinen Landsleuten war, dennoch das Amt eines Wortführers über ſich genommen hatte, „und übrigens ſind es ja gar keine Zudring⸗ lichkeiten, wir wollen Ihnen bloß begreiflich machen, daß es zu Ihrem eignen Beſten iſt, wenn Sie uns gegen eine ſehr anſtändige Entſchädigung Ihre Zimmer überlaſſen.“ „Wenn ich aber nicht will?“ ſchrie der Beunruhigte, deſ⸗ ſen Zorn entbrannte, als ihm die Inſulaner gar nicht vom Halſe gehen wollten; „wer will mich zwingen?“ „Wir würden uns dazu genöthigt ſehen, wenn vernünftige Gründe gar nicht anſchlagen ſollten, was ich indeß zu Ihrer eignen Ehre nicht glauben will.“ Caſanova IV. 2 W Caſanova. „Herr, jetzt reißt mir der Faden der Geduld,“ antwortete Caſanova, indem er von ſeinem Lager aufſprang und nach einem tüchtigen Stocke im Winkel ſuchte; „entweder Sie ent⸗ fernen ſich augenblicklich, oder bei Gott es geſchieht ein Un⸗ glück.“ „O, mäßigen Sie ſich,“ rief Landstown gelaſſen, „es iſt nicht nöthig daß Sie ſo auffahren. Erlauben Sie nur, daß ich dem Kellner klingle.“ „Glauben Sie, ich habe Fiſchblut in den Adern wie Sie?“ antwortete der Zornige; „in mir kocht es wie ſiedende Lava.“ Der Kellner, welcher dieſe Zimmer über ſich hatte, kam herein und fragte was die Herren beföhlen. „Man bringe unſer Gepäck herauf!“ gebot ihm der Britte in aller Ruhe; „hier in dieſes Zimmer.“ „Herr,“ rief Caſanova, „was denken Sie, was unter⸗ fangen Sie ſich? Dieſes gimmer iſt mein und ich werde nicht dulden, daß irgend ein Zweiter, wer er auch ſei, ohne meine Bewilligung ſich deſſen bedient. Ich laſſe nichts über dieſe Schwelle und ſollte ich die Vertheidigung meines Eigenthums mit dem Leben bezahlen müſſen; ich ſchlage Ihnen Ihre Koffer in kleine Stücke und den Inhalt werfe ich zum Fenſter hinaus auf die Straße.“ „Das wird nicht gehen, denn lederne Kſet laſſen ſich, wie Si wohl begreifen werden, nicht ſo leicht zerſchlagen, weil Begebenheiten eines Weltmannes. 19 das Leder nachgiebt, wie Sie wiſſen werden,“ antwortete der Gentleman voller Ruhe und mit einer Gleichgültigkeit, welche dem Andern, trotzdem daß er auf's äußerſte erzürnt war, den⸗ noch ein Lächeln abnöthigte. Der Letztere wendete ſich, um dieſe Geberde, bei welcher ihn die Gegner leicht wie bei ſeiner ſchwachen Seite hätten packen können, nicht ſehen zu laſſen, gegen das Fenſter, ſo daß er den drei Engländern den Rücken zukehrte. „Ich werde hier wohnen,“ rief Landstown zufrieden; „Numerv eins und zwei kann Oliphant beziehen.“ „Um Vergebung, Numero eins iſt nicht bewohnbar, weil es friſch decorirt wird,“ fiel ihm der Kellner in's Wort. „Auch gut, ſo iſt Oliphant diesmal bloß mit einem Zimmer zufrieden,“ fuhr der Sprechende in ſeinen Anordnungen mit gleichmäßigem Tone fort, „und ſieben und acht muß dann unſer Alphons Brown einnehmen.“ „Um Vergebung,“ ließ ſich der Kellner abermals verneh⸗ men, „dort wohnt ſchon jemand, ein Herr aus Frankreich, wel⸗ cher ſchon länger als drei Wochen hier iſt.“ „Hat nichts zu ſagen,“ äußerte Landstownz „ſchaff' nur das Gepäck herauf, mein Junge, das Uebrige wird ſich ſchon geben.“ „Kopfſchüttelnd entfernte ſich der Kellner, als er dieſen 2* Caſanova. Befehl erhalten hatte, und theilte ſelbigen unten andern dienſt⸗ baren Geiſtern mit, welche ſich beeilten ihn auszuführen. Jetzt entfernten ſich auch die drei Britten, um die übrigen Zimmer zu erobern, in der Meinung mit dem, welchen ſie auf einen Augenblick verließen, wären ſie bereits auf's Reine. Auf dem Saale hörte Caſanova die Stimme, welche bisher mit ihm verhandelt hatte, nach einem Schloſſer rufen, welcher in Ermangelung der Schlüſſel ſeine Kunſt an den Schlöſ⸗ ſern verſuchen ſollte. Da jedoch nicht im Augenblicke einer kam, weil es doch eine bedenkliche Sache geweſen wäre, wenn der Eigenthümer des Gaſthofes dieſen Tollköpfen zu ſolch einem Beginnen behülflich hätte ſein wollen, ſo entfernte ſich der ent⸗ ſchloſſene Inſulaner in eigner Perſon um einen Mann, wie er ihn brauchte, herbeizuholen. Caſanova ſah ihn von ſeinem Fenſter aus über die Straße und in eine Schloſſerwerkſtatt gehen; bald darauf kam der Menſch mit einem Zweiten, welcher in bloßen Hemdeärmeln war, wieder heraus und grüßte voller Freundlichkeit nach den beiden Frauen hinauf, welche aus dem Fenſter ſahen. Nicht lange, ſo wurden die Tritte der Kommenden wieder auf dem Saale laut und ſogleich befahl Landstown dem her⸗ beigerufenen Geſellen das Schloß hier zu öffnen. Jetzt war es die höchſte Zeit. Caſanova eilte herzu, wehrte dieſem Frevel und rief dem verdutzten Menſchen, Begebenheiten eines Weltmannes. 21 welcher eben ſeine Dietriche anwenden wollte, ein kräftiges „Halt“ zu. „Wo Du Dich unterſtehſt!“ ſprach er und hielt den Schlüſſel in der Hand, welcher zu dem fraglichen Zimmer paßte; „hier iſt der Schlüſſel; Du ſiehſt alſo daß dieſes Zimmer mir gehört; ich ſage Dir, wo Du öffneſt, dann wehe Dir!“ „Ja, es iſt der Schlüſſel,“ ſagte der Mann der ihn be⸗ ſichtigt hatte und ſeine eigne Arbeit wiedererkannte, „und da kann ich nicht aufmachen.“ „Was koſtet's?“ fragte Landstown trotzig dazwiſchen, indem er ſeine Börſe zog und mit den Geldſtücken klimperte, welche in derſelben enthalten waren. „Hier iſt von keinem Bezahlen die Rede, Herr!“ rief der Handwerksmann; „was würde es mir helfen ob Sie mich auch noch ſo reichlich bezahlten, wenn ich dann mein Geſchäft aufgeben müßte und noch obendrein die Schande hätte?“ Trotz alles Zuredens entfernte ſich der Mann und ließ die hochherzigen Söhne Albions in ihrer Rathloſigkeit allein ſtehen. Ganz kaltblütig näherte ſich jetzt Richard Oliphant der verſchloſſenen Thüre und führte einen Schlag gegen dieſelbe daß ein Feld ſogleich in die Stube hineinflog; durch dieſes Menoeuvre wurde natürlich ein Loch, welches groß genug war daß die drei Bundesgenoſſen einer nach dem andern den Kopf hineinſtecken und ſich umſehen konnten. 22 Caſanvva. „Sie haben ja gar keine Effecten drin!“ wendete ſich Landstown voll Entrüſtung gegen Caſanova; „welch ein unwürdiges Benehmen das, uns mit Lügen zu hintergehen, mein Herr!“ „Mein Koffer ſteht denk' ich deutlich genug da,“ recht⸗ ſertigte ſich jener kurz und barſch; „wollen Sie gefälligſt Ihre blöden Sehwerkzeuge etwas anſtrengen, ſo wird er ihnen nicht entgehen. Uebrigens aber, meine Herren, benehmen Sie ſich wie wilde Thiere, welche keine Schranken der Geſetze anerkennen, und Sie wiſſen doch gewiß daß bei Ihren eignen Landsleuten das Sprichwort gilt „mein Haus, meine Burg,“ können alſo denken daß die Geſetze diesſeit des Canals ebenfalls jedermann in ſeiner häuslichen Ruhe vor irgend einem Einbruche räube⸗ riſcher Gewaltthat ſchützen müſſen.“ * Dieſe Wahrheit war denen, welchen ſie zum Anhören ge⸗ geben wurde, unleidlicher als dem Jagdhunde die Töne der Muſik; ſie hätten heulen mögen wie ſolch ein vierbeiniger Ge⸗ hülfe des Jägers und hielten ſich die Ohren zu, aber ſie be⸗ harrten dennoch bei ihrem Beſchluſſe ſich hier einzudrängen, wenn ſie auch einſehen mochten, daß ſie Unrecht hatten und ſehr ſchwer zu ihrem Ziele gelangen würden. Demzufolge begaben ſie ſich in corpore zu dem Franzoſen, welcher jedoch, ſobald er von dem Vorhaben dieſer Menſchen Wind bekommen hatte, ſo klug geweſen war, augenblicklich bie Begebenheiten eines Weltmannes. 23 Thür zu verſchließen und nun in hartnäckigem Stillſchweigen verharrte, mochten die Engländer nun bitten und flehen, ver⸗ ſprechen und drohen ſoviel ſie Luſt hatten. „Gut,“ ſagte Landstown endlich; „aber Ihr ſollt's bereuen, Ihr unhöflichen Geſchöpfe, Ihr ſollt ſehen was wir thun werden.“ Lachend ging Caſanova in ſein Zimmer und ließ dieſe Menſchen allein ſtehen. Durch das Schlüſſelloch iedoch beob⸗ achtete er ſie in ihrem weitern Beginnen. Die Mantelſäcke und Koffer brachte der Hausknecht her⸗ aufgetragen und warf ſie, wie wenn es altes Eiſen geweſen wäre, an dem weiter kein Schaden geſchehen konnte, den Eigen⸗ thümern vor die Füße. „Ves,“ ſagte er beim letzten Päcktchen, das er auf dieſe Weiſe von ſeiner Achſel ſpedirte, und glotzte jenen eben ſo ſtarr in's Geſicht als ſie ihm zuſahen. Es war dieſes das einzige Wort Engliſch, welches er in ſeiner langen Hausknechtspraris profitirt hatte, und er verfehlte nie es anzuwenden, wenn er In⸗ ſulaner vor ſich merkte, welche dieſes Ves verſtanden. Trotz ſeiner Grobheit erhielt er dennoch ein anſehnliches Trinkgeld und ſodann den Auftrag Tiſche, Stühle und Matratzen, Wein und Waſſer, Speiſen und Tiſchgeräthe heraufzubeſorgen. Indeſſen ſuchte Landstown, welcher mit ſeinen Lands⸗ leuten heimlich geſprochen hatte, nach einem Packete, welches er 24 Caſanova. kaum gefunden hatte, als er es öffnete und drei Inſtrumente, Poſaune, Triangel und Obve, daraus hervorlangte. Er ſelbſt griff zum Triangel, Oliphant verſuchte die Poſaune, wäh⸗ rend Brown die Oboe nahm. Eine ſchadenfrohe Siegesfteude leuchtete aus den Augen dieſer drei Menſchen, welche ſich eine geraume Zeit lang an⸗ ſahen, ehe ſie ihr herz⸗ und ohrzerreißendes Concert eröffneten. Die Töne, welche ſie ihren Inſtrumenten entlockten, woren wirk⸗ lich abſcheulich und geeignet jeden Menſchen, dem die Natur nicht wie den Engländern in der Regel alles muſikaliſche Gehör verſagt hat, meilenweit zu vertreiben; überdies kam hier noch in Betracht, daß dieſe drei Inſtrumente eine widerwärtige Har⸗ monie geben mußten. Oliphant ſchöpfte die Bruſt voll Athem, Brown des⸗ gleichen, Landstown gab das Zeichen zum Anfange und augenblicklich wurden drei Töne laut, bei deren ſchrecklichem Zuſammenklange jeder Zuhörer hätte in Ohnmacht fallen mögen. „Meine Herren, ich bitte Sie doch um des Himmels wil⸗ len,“ rief die Begleiterin Leopoldinens, welche ſogleich zu den Mufikanten heraustrat, „ſtellen Sie dieſen Lärm ein, oder ich muß mich beim Wirthe beſchweren, welcher obrigkeitliche Hülfe herbeirufen wird, um uns vor Ihren Zudringlichkeiten ſicher zu ſtellen.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 25 „O—h!“ rief Landstown langgedehnt aus und ſchlug herzhaft an ſein Inſtrument, welches noch am beſten klang, weil es ſich nicht verſtimmen ließ. Dazu warf er den Kopf in die Höhe und ſtarrte der Frau ſtumm in's Geſicht. „Meine Herren, werden Sie aufhören oder nicht?“ fragte die Dame gereizt von dieſer Unhöflichkeit. „Nein!“ entgegnete der Triangelſchläger beſtimmt und lachte ſie höhniſch aus. „O doch, Sie werden aufhören!“ rief Caſanova, wel⸗ cher mit einem Degen in der einen und mit einer Doppelpiſtole in der andern Hand jetzt aus ſeinem Zimmer heraustrat und feſten Schrittes auf die läſtigen Muſikanten losging. „Ich mache mich verbindlich Ihnen die Ohren und Naſen abzuſchnei⸗ den, wenn Sie fortfahren ſich wie ausgelaſſene Buben zu be⸗ tragen.“ Der Hausknecht brachte einen Tiſch, ein Kellner drei Stühle, ein Andrer Weinflaſchen und einen Korb mit Tellern. Es wurde aufgetragen und die Muſikanten legten, ohne auf die beiden Andern zu achten, welche ihnen ihre Kunſtleiſtungen ver⸗ leiden wollten, die Inſtrumente bei Seite. Wie Heißhungrige und halb Verdurſtete ſielen ſie über die Teller und Fla⸗ ſchen her — weder Caſanova noch die Dame konnten ein Wort aus ihnen herauslocken, ja dieſe Menſchen waren unhöf⸗ lich genug den Fragenden geradezu in's Geſicht zu kauen. Caſanova. Caſanova bedachte ſich nicht lange; das Piſtol ſteckte er ein, hierauf erſah er ſich eine paſſende Gelegenheit, griff nach der Poſaune, raffte ſodann Triangel und Oboe vom Boden auf und floh mit ſeiner Beute in ſein Zimmer, welches er hinter ſich zuſchloß. Wie jener Koſak ſeinem Gefangenen nachſah, der auf ſein Pferd geſprungen war und davonritt, weil er wußte daß er bloß zu pfeifen brauchte um das Pferd zum Umkehren zu bringen, mochte der Fliehende auch das Aeußerſte anwenden, ſo ſahen die drei Engländer dem nach, welcher mit ihren In⸗ ſtrumenten davoneilte. Sie hielten ruhig ihre Mahlzeit, dann begaben Sie ſich mit langſamen Schritten nach der Thüre, hin⸗ ter welcher ſie ihren Gegner wußten, und baten ihn mit aller Höflichkeit, derſelbe möchte doch die Gewogenheit haben, ihnen ihr Eigenthum herauszugeben. Jener verſprach es, aber unter der Bedingung daß auch ſie ſich anheiſchig machten forthin Ruhe zu halten. „Nein!“ antwortete Oliphant ganz ruhig und Lands⸗ town wiederholte ſein erſtes Geſuch nochmals. 31½ „Ich habe Ihnen bereits die Bedingung genannt, unter welcher Sie Ihre Inſtrumente wiedererhalten können,“ rief es von innen. „Keine Bedingung, Sir!“ entgegnete manz „Sie haben uns unſer Eigenthum genommen, Sir, und wir verlangen die⸗ ſes unbedingt zurück, denn es iſt unſer unbedingtes Eigenthum, Begebenheiten eines Weltmannes. 27 Sir, wenn Sie das gefälligſt erlauben. — Wollen Sie nach⸗ geben?“ „Nein, nimmermehr!“ rief jener. „Gut dann, ſo hängen Sie,“ antwortete Landstown und entfernte ſich. Bald darauf kam er mit einer Magiſtratsperſon, welcher er ſeine Angelegenheit vorgetragen hatte, zurück und im Namen des Geſetzes wurde nun dem Eingeſchloſſenen befohlen aufzu⸗ machen und Rede zu ſtehen. Jener öffnete ſogleich. „Wer ſind Sie?“ fragte er den Vierten, welcher zu dem vortrefflichen dreiblättrigen Kleeblatte jetzt noch hinzugekom⸗ men war. „Es gnüge Ihnen zu erfahren, mein Herr, daß ich hier⸗ orts mit der Handhabung der Geſetze und Aufrechthaltung der Ordnung betraut bin,“ gab jener kurz zur Antwort. „Nun aber haben Sie dieſen Herren entwendet, was dieſelben Ihnen nicht laſſen wollen, und Sie ſehen wohl daß es mir obliegt, mich etwas genauer nach dem Sachverhältniſſe zu erkundigen.“ „Mein Herr!“ entgegnete der Angeſchuldigte, „Sie wer⸗ den mein Verfahren ganz vernünftig finden, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe Leutchen erſtlich ſchon mehrere Stationen eine Dame nebſt ihrer jüngern Reiſegefährtin auf wirklich unanſtän⸗ dige Weiſe verfolgen, zweitens daß ſie mit aller Gewalt uns, 28 Caſanova. die wir hier in dieſer Etage bereits Quartier genommen hatten, als ſie ankamen, vertreiben wollten, und daß ſie endlich, da wir uns nicht vertreiben ließen, vermittelſt dieſer drei Inſtru⸗ mente einen Lärm machten, welcher unausſtehlich war. Da ſie nun auf vernünftiges Zureden nicht hörten, ſo habe ich ſie be⸗ handelt wie ſie es verdienten, nümlich wie ungezogene Knaben, welchen man aus den Händen nimmt womit ſie nicht ſpielen ſollen. Iſt's Ihnen nun klar?“ „Freilich, meine Herren,“ wandte ſich der Aufgeklärte nun an die Gentlemen, indem er mit Mühe das Lachen unterdrückte, während jene die Sache ganz ernſthaft nahmen und ihn mit Geſichtern anſahen, als wenn es ſich hier um ſonſt etwas han⸗ delte, „freilich, das dürfen Sie nicht; friedliche Menſchen in ihrer Ruhe zu ſtören iſt nicht erlaubt, und ich bitte Sie Ihre Inſtrumente zurückzunehmen, aber Ihre Muſikaufführungen an dieſer Stelle ja zu unterlaſſen, indem ich mich ſonſt genöthigt ſehen würde Sie zur Haft zu bringen, wenn Sie dieſem wohl⸗ gemeinten Rathe etwa dennoch nicht nachkommen ſollten. Sie können ſich ja ein Zimmer geben laſſen wo Sie wollen, und wenn Sie dort ſpielen, wird Ihnen niemand ein Wort ſagen.“ „Nein, Sir!“ antwortete der junge Mann; „ich heiße Landstown, wie Sie wiſſen werden, und muß auf meinem guten Rechte beſtehen. Wer ſtiehlt, muß hängen, Sir, bedenken Sie das; hängen muß, wer da ſtiehlt —“ Begebenheiten eines Weltmannes. 29 „Meine Herren, ich ſage Ihnen, daß Sie weiter nichts zu thun als ſich ruhig zu verhalten haben,“ gebot der Andre in geſtrengem Tone; „werden Sie noch einmal hier Lärm ma⸗ chen, denn Muſik kann man das nicht nennen, was Sie Ihren Inſtrumenten entlocken, ſo werde ich keinen Augenblick ſäumen Sie gebührend in Strafe zu nehmen. Ich ſpaße nicht — das merken Sie ſich.“ Der Sprechende entfernte ſich. „Wollen Sie gefälligſt Ihre Inſtrumente nehmen und ſich ebenfalls entfernen?“ fragte Caſanova. Ohne ein Wort zu verlieren oder nach ihrem theuren Eigenthume auch nur einen Finger auszuſtrecken, gingen die Britten zur Thüre hinaus, welche Caſanova hinter ſich zu⸗ ſchloß. Zweites Capitel. O ſüßer Sternenſchimmer Der Liebe, Strahl der Nacht, der wöſtend mir erſchien, So ſcheideſt Du ſchon jetzt? Ernſt Schulze. Das Abendbrod bei Leopoldine Mills. Au der Sturm auf dem Saale ſich einigermaßen gelegt hatte, klopfte es leiſe an Caſanova's Thür; es ſchien Leopol⸗ dinens Begleiterin zu ſein, welche ſich ebenfalls hinter Schloß und Riegel geflüchtet hatte und nun die Seitenthür benutzte, um mit ihrem Beſchützer in Verbindung zu treten. „Haben Sie eine Minute für mich übrig, mein Herr?“ rief eine weibliche Stimme durch das Scſes welche Ca⸗ ſanova zu kennen glaubte. „Wenn Sie befehlen einen ganzen Tag, Madame!“ ant⸗ wortete er halblaut die Lippen an das Schlüſſelloch legend. „So öffnen Sie; die Thüre, welche uns trennt, muß von Ihrer Seite verriegelt ſein,“ fuhr die Stimme fort, und Ca⸗ ſanova, nicht gewohnt ſich ſo etwas zweimal ſagen zu laſ⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 31 ſen, ſchob den Riegel zurück, worauf die Thüre mit leichter Mühe ſich aufthat. „Zuvörderſt meinen aufrichtigſten Dank für Ihren groß⸗ müthigen Beiſtand!“ ſagte die Dame, welche ſich ihrem Retter mit verbindlicher Miene jetzt näherte; „Sie glauben nicht, dieſe Menſchen — ach, wenn⸗ Sie wüßten — und von ihnen los⸗ kommen kann man nicht.“ „O, das wäre zu machen!“ rief jener; „vernehmen Sie, wie ich mir die Sache denke. Die Uebermüthigen ſcheinen mir mit Ihrem Kutſcher und Lakaien auf ſehr vertrautem Fuße zu ſtehen. Als ſie ankamen, waren dieſe Beiden gerade mit ihrem Gepäck beſchäftigt und man ſah augenſcheinlich, daß ſie jene erwartet hatten. Sobald Sie daher auch nur ein Wort davon fallen laſſen, welchen Weg Sie einſchlagen wollen, ſo erfahren es auch jene ſaubern Herren und folgen Ihnen natürlich nach. Ich rathe Ihnen daher, daß Sie Ihren Wagen irgendwohin vorausſenden und ſich ſelbſt auf der Poſt weiter befördern laf⸗ ſen. In dieſem Falle würde ich, an den Sie nur Ihren Kut⸗ ſcher zu weiſen brauchten, gern bereit ſein, ihn nach einigen Ta⸗ gen aufzuſuchen und die Richtung einſchlagen zu laſſen, welche Sie genommen hätten. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich will mir die Sache überlegen — darf ich Sie zum Abendbrod bei uns einladen?“ Jener ſchwieg, etwas unangenehm von dem erſten Satze Caſanova. berührt, welcher beinahe herauskam als ſetzte die Dame einen Zweifel in ſeine Ehrlichkeit; nach einigem Bedenken nahm er jedoch die Einladung an, indem er ſich zur rechten Zeit ein⸗ zufinden verſprach. „Jetzt muß ich jedoch für eine Welle: um Entſchuldigung bitten,“ fuhr er fort; „ich möchte dieſe unſeligen Inſtrumente dem Wirthe ausliefern, der ſie ihren Eigenthümern wieder zu⸗ ſtellen mag, ſobald ſie dieſelben fordern.“ Die Dame empfahl ſich und Caſanova nahm die drei Gegenſtände des vorigen Streites unter den Arm, mit welchen er ſich zu dem Wirthe in das Gaſtzimmer verfügte. Nachdem dieſes abgemacht war, begab er ſich auf die Straße, um einen Spaziergang zu machen und friſche Luft zu ſchöpfen. Er war noch nicht weit gegangen, als er des guten Cal⸗ culators anſichtig wurde, welcher ſeine Ehehälfte am Arme füh⸗ rend ebenfalls ſein Haus verlaſſen hatte, um ſich eine Zeit lang an der friſchen Luft zu erquicken. Ach Magdalena, wie ſanft ſchritt ſte an der Seite ihres geliebten Gatten einher und mit welcher Selbſtzufriedenheit grüßte dieſer nach rechts und links, wenn jemand den Hut vor ihm abzog! Als die Eheleute jedoch den Verruchten erblickten, welcher ihr Haus vor kurzer Zeit verlaſſen hatte, änderte ſich ihr Be⸗ nehmen plötzlich. Herr Porring machte ein Geſicht wie ein Eiſenfreſſer und Madame nicht minder, jedoch ſie ſuchte den Begebenheiten eines Weltmannes. 33 Zornmuth ihres Gemahles zu beſchwichtigen und ihn zu bere⸗ den, daß er ſtolz und voll ſchweigender Verachtung an jenem Unwürdigen vorüberſchritte, welcher mit ſeiner Frevlerhand das Heiligthum ihres Ehebundes anzutaſten gewagt hatte. Porring der gewiſſenhafte Calculator jedoch hörte und ſah nicht, das Blut ſtieg ihm zu Kopfe und deshalb verſchwen⸗ dete Magdalena ihre Beredtſamkeit vergeblich an ihn. Ca⸗ ſanova wich ihnen nicht aus, er ſtand vor ihnen und heftete einen freien offenen Blick auf das Geſicht des unglücklichen Hahnreis. Eben wollte er vorüberſchreiten, als jener, ohne ſich von ſeiner Frau fortziehen zu laſſen, ſtillſtand und ein ſto⸗ ckendes „Halt“ aus ſeiner gepreßten Bruſt hervorſtammelte. „Was wollen Sie?“ fragte der Andre ruhig, indem er that als ſähe er die Frau gar nicht, die doch deutlich genug neben ihrem Manne ſtand. „Was ich will, Verwegener?“ ſtammelte der Mann athem⸗ los vor Wuth; „das fragen Sie noch? Haben Sie nicht mein tugendhaftes Weib verführen wollen? Sind Sie nicht auf die ſchmachvollſte Weiſe, wie Sie es verdienten, zurechtgewieſen wor⸗ den und deshalb ausgezogen, weil Sie den Anblick der gekränk⸗ ten Unſchuld und die Hoheit ſolcher Tugend nicht hatten ertragen können? Ich werde Sie zu finden wiſſen, mein Herr, ja ja, das werde ich, verlaſſen Sie ſich darauf, denn ich habe Caſanova 1V. 3 34 Caſanova. Freunde, mächtige Freunde, welche mir ihren Beiſtand nicht verſagen werden.“ „Mein Herr, Sie ſind wahrſcheinlich toll geworden ſeit wir uns nicht geſehen haben!“ antwortete der Andre. „Ich ſage Ihnen daß kein Wort wahr iſt von allen denen, welche Sie jetzt vorbrachten — ich ſage Ihnen daß Ihre ſaubere Ehehälfte —“ „O komm, Porring, komm, ich bitte Dich um alles in der Welt!“ fiel die Dame bei dieſen Worten ein und trock⸗ nete ſich die Augen; „ich falle in Ohnmacht wenn Du mich nicht fortführſt, ich kann den Anblick dieſes Mannes nicht er⸗ tragen.“ Mit aller Gewalt zog ſie ihren Mann fort; Caſanova blieb ſtehen und ſah ihnen lachend nach. Porring jedoch drehte ſich noch einmal um und machte vor allen Leuten eine ſehr verſtändliche und bemerkbare Pantomime mit der geballten Fauſt. Ruhig hob der Bedrohte ſeinen Stock in die Höhe und gab durch dieſes telegraphiſche Zeichen zu verſtehen, was der Andre zu erwarten hätte, wenn er ſich's einfallen ließe, etwa zu Thätlichkeiten ſeine Zuflucht zu nehmen. Ruhig ſpazierte er weiter bis die Zeit herannahte, wo er ſich zu dem Abendbrod bei den Damen einſtellen ſollte, zu deren Beſchützer er ſich aufgeworfen hatte und deren vertrauterer Freund Begebenheiten eines Weltmannes. 35 er zu werden hoffte. Er hatte ſich einen leidlichen Hunger ge⸗ holt und verfügte ſich geradenweges an Ort und Stelle. Als er anklopfte, rief eine ſilberhelle Mädchenſtimme „her⸗ ein,“ und war er ſchon von dieſen Tönen wunderbar berührt, ſo verlor er faſt alle Faſſung als die Thür geöffnet wurde und er Leopoldinen vor ſich ſah. „Sein Sie uns willkommen, großmüthiger Freund,“ redete ihn das ſiebzehnjährige Mädchen mit holdſeliger Freundlichkeit an, „und nehmen Sie mit dem vorlieb, was wir Ihnen bie⸗ ten können.“ „O Fräulein, wo Sie ſind, muß Einem ſchon wohl wer⸗ den!“ entgegnete er; „und die ſchönſte Blume, welche Alteng⸗ land hervorgebracht hat, iſt zu beſcheiden wenn ſie die geringſten Zweifel in die Allmacht ihrer Reize ſetzt.“ „Schmeichler, der Sie ſind, wenn Sie das mir ſagen!“ rief ſie neckiſch; „aber zum Glück bin ich kein Gewächs, wel⸗ ches aus Altenglands Boden gekommen iſt, ſondern ich bin eine Blüthe, die in den unermeßlichen Landſtrichen des freien Amerika ſich entfaltet hat.“ „Eine Amerikanerin?“ fragte der Jüngling überraſcht; „und Sie haben ſich nicht gefürchtet vor dem toſenden Meere, welches den alten Continent von dem jungen Lande der Frei⸗ heit trennt?“ „Wie ſollt' ich?“ erwiederte das Mädchen; „mein Leben 3* — 36 Caſanova. ſteht in Gottes Hand, mag ich nun feſten Boden unter meinen Füßen haben oder mich dem zerbrechlichen Fahrzeuge anvertrauen, welches auf den Gewäſſern des Meeres ſchwimmt. Ohne große Beſchwerden habe ich die Seereiſe gemacht und durchſchweife nun ſchon ſeit mehrern Jahren dieſen Continent nach allen Richtungen wie ein Zugvogel, der nirgends eine bleibende Stätte findet.“ „Ein Glück für mich,“ rief er wieder; „vielleicht hätte ich Sie niemals geſehen und die ſchönſte Stunde meines Lebens nicht genoſſen, wenn dieſe raſtloſe Sehnſucht nicht in Ihrem Herzen gewaltet hätte und Sie mit einem feſten Wohnſitze zu⸗ frieden geweſen wären. Wohin wollen Sie von hier aus, wenn man fragen darf?“ „Nach Italien zunächſt, zu meinem Oheim väterlicher Seite, dem einzigen Verwandten, welcher mir noch übrig iſt.“ „Sie ſind eine Waiſe?“ fragte er theilnehmend. „Seit meiner Kindheit!“ ſagte ſie mit einem Anfluge von Schwermuth; „meine Mutter hab' ich nie gekannt, mein Vater ſtarb auf einer Reiſe nach einer fernen Pflanzung, welche er angekauft hatte, als ich kaum ſieben Jahre zählte.“ „Alſo Ihre Begleiterin iſt nicht Ihre Mutter?“ fragte er. „Nein, das nicht, aber ſie hat ſo viel an mir gethan wie eine Mutter und hat mich ebenſo lieb, aber ich ſie auch — meine Mutter war eine Deutſche aus Penſylvanien und ihre Begebenheiten eines Weltmannes. 37 beſte Freundin Miſtreß Temple wollte ſie nicht verlaſſen, als ſie zu meinem Vater in ihre neue Heimath zog. Da die treffliche Mutter geſtorben war, lag der guten Jennh die Er⸗ ziehung des kleinen Mädchens, das ihre Freundin nachließ, allein ob, denn der Vater konnte ſich, von Geſchäften überhäuft, nicht damit befaſſen und wußte mich in guten Händen. Auch er ſtarb wie geſagt, und die kleine Leopoldine ſtand nun ganz allein.“ „So haben Sie ſich gänzlich von den jenſeitigen Landen losgeſagt und ſind entſchloſſen, hier bei uns einen Mann, der Ihrer Liebe werth iſt, zu beglücken?“ fragte er. „Das Letztere weiß ich nicht!“ ſagte ſie halblaut und vor Scham erröthend; „auf den erſten Punkt muß ich mit Nein antworten, denn mein Onkel läßt durch zuverläſſige Leute meine Ländereien in Amerika verwalten und wiberſetzt ſich entſchieden, wenn er aufgefordert wird ſie zu verkaufen.“ Miſtreß Temple trat jetzt ein und begrüßte den Gaſt mit aller Zuvorkommenheit, welche derſelbe verdiente; ſie bat ihn Platz zu nehmen und rechnete es ihrem Zöglinge als eine Unhöflichkeit an, daß dieſe Aufforderung nicht früher geſche⸗ hen war. „Das hatte ich ganz vergeſſen, liebe Mutter!“ entgegnete Leopoldine unbefangen; „mit keiner Solbe hab' ich daran gedacht!“ Caſanova. „Gieb Dich zufrieden, Kind!“ rief die freundliche Dame, indem ſie ihrer lieblichen Leopoldine liebreich die Wangen ſtreichelte; „der Herr nimmt es nicht übel; ſetzen Sie ſich, mein Freund, hoffentlich werden wir bald näher mit einander bekannt.“ „Mir ſehr ſchmeichelhaft, ſehr ehrenvoll!“ erwiederte der Jüngling freudetrunken; „möchte ich mich Ihres ſchätzbaren Wohlwollens nur würdig zu machen verſtehen.“ „Sie ſind es ſchon!“ rief die Dame; „Sie haben uns hinreichende Beweiſe Ihres Edelmuthes gegeben und können ſich darauf verlaſſen, daß wir nie vergeſſen werden was Sie für uns gethan haben.“ Caſanova verneigte ſich gegen die Sprechende und dieſe fuhr ſogleich fort ſich zu erkundigen, wo die Gentlemen ſein müßten, welche ihnen ſchon ſeit ſo und ſo lange als höchſt läſtige Geſellſchaft auf jedem Schritte gefolgt waren. Die kurze Auskunft, welche ſie hierauf erhielt, beſagte, daß dieſe Herren jetzt in der Unterſtube ſäßen, wo ſie ihr Mög⸗ lichſtes thäten, um ihren Aerger in einem tüchtigen Rauſche zu vergeſſen. Während aufgetragen wurde, hatte der Jüngling Gelegen⸗ heit die beiden Frauen näher in's Auge zu faſſen. Jenny Temple war ſchon in dem Alter, daß ſie recht gut Leopol⸗ dinens Mutter hätte ſein können, aber dennoch verbreitete ſich Begebenheiten eines Weltmannes. 39 eine gewiſſe Anmuth über ihre ganze Perſon und die Roſen ihrer Schönheit waren keineswegs Lerwelkt. Ihr dunkelblondes Haar war kunſtreich und geſchmackvoll geordnet, ihre Stirn hoch und ihre Augen hatten noch nichts von dem Feuer ver⸗ loren, welches ſeit ihrer frühen Jugend dieſelben verklärt hatte. Den⸗ noch war ſie geſetzt in ihrem Benehmen, ihr Verſtand war aus⸗ gebildet und ſcharf, aber zugleich ſprach ſich eine Weichheit des Gefühls und, eine Empfänglichkeit des Herzens in ihrem Weſen aus, welche jedermann, der ſie auch nur oberflächlich kannte, für ſie einnehmen mußte. Ihre Kleidung war einfach, für ihre Jahre ſogar etwas zu matronenartig, indeß gerade dieſer Um⸗ ſtand hob ihre Schönheit deſto mehr hervor. Dagegen war Leopoldine die junge Roſe, welche ihren Buſen kaum zur Hälfte unter der ſcheinenden Sonne des Lebens aufgethan hatte; ſie ſchien mehr noch in den Träumen der Kindheit zu leben als in der Wirklichkeit; ihre ganze Erſchei⸗ nung war der eines zarten Engelweſens vergleichbar, welches man nicht mit rauher Hand betaſten durfte, wenn es nicht als⸗ bald dahinſterben ſollte, wie die junge Blüthe, wenn der kalte Nordwind ſie angehaucht hat, vorzeitig dahinwelkt. Das hoch⸗ blonde Lockenhaar hatte ſie aufgelöſ't und es quoll in reicher Fülle hernieder bis über den weißen Nacken, den es bedeckte, die ſchelmiſchen Augen leuchteten in klarerem Blau als der reinſte Sommerhimmel, das ſanfte Incarnat der Wangen war 40 Caſanova. wie angehaucht mit friſchem Roſenthau, der auf der Blume liegt, und der niedliche Mund zeigte zwei Reihen blendend wei⸗ ßer Zähne, die ſichtbar wurden, ſobald ſich die ſchönrothen Lippen auseinanderthaten. Eine Perlenſchnur mit einem fun⸗ kelnden Steine trug fie um den Hals, deſſen Haut ſo zart und weich ausſah wie gebleichtes Wachs oder weißer Sammet. Der Buſen war züchtig verhüllt, ihre ganze Geſtalt aber eher klein als groß zu nennen. Aber in allen ihren Gliedmaßen herrſchte ein ebenmäßiges Verhältniß, bei dem die ſchaffende Natur jede Linie in Obacht genommen zu haben ſchien. Beſonders ſchön aber war ihre Hand geformt, ſo weich, ſo voll war dieſe Hand, ach der Beſchauer dieſes Kunſtwerkes hätte dieſe Hand an die Lippen drücken mögen, um ohne je wieder loslaſſen zu müſſen, ſich von der Schönheit volltrinken zu können. Der Hand ent⸗ ſprach der niedliche Fuß, welcher jetzt gerade, wo der huldvolle Engel ganz arglos auf dem Divan ſaß, unter dem Saume des ſeidenen Gewandes hervorkam und ſich dann zurückzog, worauf er wieder ganz durch Zufall ſichtbar wurde. „Alſo nach Italien gedenken Sie, meine Freundinnen, wenn ich Ihnen anders dieſen Namen geben darf?“ fragte der galante Ritter, der eine Weile ſich ſelbſtvergeſſend ſtill dageſeſſen und ſich an der Schönheit Leopoldinens ergötzt hatte. „Und wohin dachten Sie jetzt?“ fragte das Mädchen neckend. b Begebenheiten eines Weltmannes. 41 „Ich?“ entgegnete er verlegen; „ich war mit meinen Ge⸗ danken in eben jenem Lande, nach welchem das Ziel auch mei⸗ ner Reiſe geht.“ „Herrlich, herrlich, das iſt ja herrlich!“ rief das Mäd⸗ chen, welches mit Händeklatſchen aufſprang und ſich vor den Jüngling hinſtellte, „dann müſſen wir miteinander reiſen; nicht wahr, liebe Mutter, Du biſt auch der Meinung?“ „Nun ja doch, liebes Kind!“ entgegnete die mütterliche Freundin; „aber Du darfſt nur nicht gleich zu heftig werden, mußt Dich mäßigen, mußt an Dich halten lernen. — Sehen Sie, mein Herr, das müſſen Sie meiner Leopoldine zu Gute halten, ſie iſt ein reines Kind der Natur und was ſie im Herzen hat, muß über die Zunge — welche Städte geden⸗ ken Sie zu beſuchen?“ „Wie mir's einfälit, Madame!“ antwortete jener leicht, denn er hatte bemerkt, daß die Dame etwas unangenehm von der Unvorſichtigkeit ihres Pfleglings berührt worden war; „Ve⸗ rona zum Beiſpiel, Mailand, Rom, Venedig, wie geſagt, ich binde mich an keine Reiſeroute, ſondern folge den Eingebungen meiner Laune, allein zufällig dürfte doch Verona der nächſte Ort ſein, auf welchen ich losſteuern werde, einestheils weil ich dieſe Stadt mit ihrer Umgegend noch nicht genau genug kenne, anderntheils weil ich dort einen Freund vermuthe, auf deſſen Wiederſehen ich wirklich ſehr geſpannt bin. Ich habe ihn ſeit Caſanova. fünf Jahren nicht geſehen und er hat mich auf den 8. Oetober beſtellt, wo wir uns, er aus Frankreich, ich aus Deutſchland kommend, in einem namhaften Gaſthofe treffen wollen.“ „Verona!“ rief Leopoldine bedeutungsvoll, indem ſie ihre Erzieherin anſah; „nach Verona wollen wir auch und nahe dabei wohnt Onkel Mills, welcher es gern ſehen würde, wenn wir unſern herzhaften Vertheidiger mitbrächten und ihm vorſtellten.“ „Es iſt der Bruder von Leopoldinens verſtorbenem Vater,“ erklärte Jenny Temple jetzt; „derſelbe, welcher in oberſter Inſtanz die Angelegenheiten meines lieben Mündels zu leiten hat — ein würdiger Mann und ein reicher Mann, überall geachtet und trotz ſeiner weißen Haare an Leib und Seele noch kräftig wie ein Jüngling. Aber ich bitte, langen Sie zu, Sie rühren ja keinen Biſſen an — darf ich Ihnen vorlegen?“ „Bemühen Sie ſich nicht, ſchätzbare Freundin!“ rief Ca⸗ ſanovaz „ich werde mich ſelbſt bedienen und Sie verzeihen, wenn ich mich ganz nach meinem Appetite richte.“ Er ſchenkte ſich Wein ein, er langte ſich Speiſen zu wie es ihm einfiel, ja er nahm ſich die Freiheit Leopoldinen um eine Schüſſel zu bitten, welche etwas fern von ihm ſtand, während ſie jener zur Hand war. Lächelnd ergriff ſie die Schüſſel, ſtand auf und hielt ſie ihm hin, indem ſie hart an ſeinen Stuhl trat. Begebenheiten eines Weltmannes. 43 Er ſah zu ihr empor, ihre Blicke trafen ſich als glühen⸗ dere Strahlen denn bisher, Leopoldine fing an zu zittern und hätte bei einem Haare das Gefäß zu Boden fallen laſſen, wenn ſie nicht noch ſoviel Beſinnung gehabt hätte, es augenblicklich wieder auf den Tiſch zu ſetzen. Der Jüngling vergaß ſogar zu danken und wegen ſeiner Freiheit um Entſchuldigung zu bitten; er langte ſich von dem Salate, welchen ihm Leopoldine gebracht hatte, ſoviel zu, daß nur noch ein Drittel in der Schüſſel zurückblieb. Jetzt ſendete er einen verſtohlenen Blick nach ihr, welche ihm gegenüber ſaß — er ſah daß ſie roth geworden war und die Gabel nur nebenbei handhabte, um ihre Verlegenheit zu verbergen, er ſah daß ſie nur zum Scheine aß und dieſer Um⸗ ſtand rückte ſie in ſeinen Augen nur um einen Grad näher an die Verklärten, welche keine groben Speiſen und Getränke mehr brauchen, wie es bei den Menſchen der Fall iſt. So ein zartes Geſchöpf wie dieſe Leopoldine war erinnerte er ſich kaum geſehen zu haben. Thereſe war ſchön geweſen, Röschen nicht minder, auch Marianka, das un⸗ verdorbene Kind der Natur, ſtand ihm in ſeiner ganzen Schön⸗ heit vor der erinnernden Seele, aber ſo etwas Engelgleiches hatte doch keine von allen in ihrem Weſen gehabt wie dieſe Leopoldine. Ueberhaupt ſtreifen Frauen, ſeien ſie übrigens noch ſo ſchön, noch ſo zart, einen guten Theil von dem Nimbus 44 Caſanova. ihrer Reize mit eignen Händen ab, wenn ſie in Geſellſchaft ihres Anbeters oder auch wohl ihrer Anbeter recht herz⸗ haft von allen Schüſſeln zulangen, als hätten ſie ſeit einem Tage keinen Biſſen über die Lippen gebracht — ſie finken zu dem gewöhnlichen Menſchen herab, der ißt und trinkt und ver⸗ daut, während ein natürliches Gefühl, von welchem ſie ſich ſelbſt nur dunkle Rechenſchaft geben konnte, Leopoldinen in die⸗ ſem Augenblicke vor ſolchem Mißgriffe bewahrte. Die ältere Dame, welcher das eingetretene Stillſchweigen läſtig wurde, verſuchte es jetzt ein lebhafteres Geſpräch in den Gang zu bringen, indem ſie ſich mit der Frage an Caſanova wendete, was für einen Berufter ſich gewählt hätte? „Keinen!“ lautete die Antwort, und Leopoldine, welche ihn bei obiger Frage ſcharf und mit glühenden Blicken ange⸗ ſehen hatte, ſaß nun vollends wie auf Kohlen, denn ſie wußte, daß die Fragende ganz nach Anſicht ihrer Landsleute von einem jungen Manne nicht viel hielt, welcher Kräfte zur Arbeit zwar hat, aber dieſe Kräfte nicht anwenden mag. „Keinen?“ fragte jene verwundert; „wie ſo das? Einen müſſen Sie doch verſolgen, mein Herr?“ „Laſſen Sie ſich erklären, Madame!“ rief der Jüngling mit einem Schimmer von Spott in ſeinem Weſen, „wie ich es meine, wenn ich Ihnen antworte, ich habe mir keinen Le⸗ bensberuf gewählt; ich meine es ſo: da mir alle jene Sphären, Begebenheiten eines Weltmannes. 45 in welche ein ſogenannter Berufszweig die Menſchen einzwängt, zu eng ſind, da ich für meinen Geiſt freie Bewegung brauche, wie der Adler ſich in den grenzenloſen Himmel erheben muß ehe er ſeine kräftigen Flügel nach Herzensluſt ausbreiten kann, ſo habe ich byſchloſſen ein freies ſelbſtſtändiges Leben zu führen, ein Leben, welches mir erlaubt jeden Moment zu benutzen und zu genießen, wie ich es für gut finde. Unthätig bin ich nicht, nein, nur thätig auf eine andre Art als es die andern Leute ſind — mag mich die Pedanterie einen Faullenzer nennen oder einen Tagedieb — mir gilt das gleich, denn glücklicherweiſe bin ich in der Lage und der Synüthöverfuſſ ung, daß ich mir nichts daraus zu machen brauchs.“ „Sonderbar in der That!“ entgegnete die Dame mit einem eigenthümlichen Lächeln, welches im Ganzen andeutete, daß ſie keineswegs die Anſichten ihres neuen Freundes theilte; „bei uns in Amerika würde jeder Mann, welcher in Ihre Fußſtapfen treten wollte, allgemeinen Anſtoß geben. Nur erſt diesſeit des Oeeans habe ich eine Menſchenklaſſe kennen lernen, welche nicht arbeitet und dennoch mehr von den Gütern des Lebens genießt und in größerer Achtung ſteht als die Arbeiter, welche mit ihren Händen ſchaffen müſſen Tag für Tag, nur um das trockne Stück Brod zu bekommen, welches ſie zur Ernährung ihres Leibes unumgänglich nöthig haben.“ „Laſſen wir das, Madame!“ entgegnete der Angegriffene, Caſanova. welcher vor Verlegenheit roth geworden war, „Sie berühren hier geſellſchaftliche Verhältniſſe, Mißſtände möchte ich ſagen, welche ſich nicht gut ändern laſſen. Wie die Sachen jetzt ſte⸗ hen, ſo iſt noch kein Ende einer langen Kette von Ungerech⸗ tigkeiten abzuſehen, welche ſchwer auf der Menſchheit laſten, das muß man zugeben, aber Sie werden ebenfalls nicht in Ab⸗ rede ſtellen, daß es beſſer iſt, man zieht ſich völlig vom Staate und was darum und daran hängt zurück, als wenn man ſeine Krüfte an eine Sache verſchwendet, von deren Verwerflichkeit man doch in der innerſten Seele überzeugt iſt.“ Die ältere Zuhörerin wiederholte ihre vorige Pantomime; über die Wünſche des Sprechenden nachſinnend ſchwieg ſie über das bisherige Thema und langte ſich dafür von dem Geflügel zu, welchem man eine Schüſſel auf dem Tiſche eingeräumt hatte. Leopoldine dagegen hatte da geſeſſen und zugehört, als ob ſie die Fragen, welche andeutungsweiſe berührt wurden, gar nicht verſtände; jetzt folgte ſie dem Beiſpiele ihrer Erzieherin und nur ein langer fragender Blick aus ihren Augen begegnete dem des Jünglings, welcher behutſam vom Teller auf und zu der ſchönen Maienroſe herüberſchaute, welche kaum zur Hälfte erſt ihren Buſen aufgethan hatte. Man führte den kräftigen Biſſen zum Munde, man trank einen Schluck Wein dazwiſchen, aber das Geſpräch ſtockte, weil Begebenheiten eines Weltmannes. 47 keins von den drei Speiſenden den Faden wieder aufnehmen wollte. Da wurde es auf einmal auf dem Vorſaale laut; man hörte deutlich zwei verſchiedene Stimmen, die eine des Kellners, welche mit einer andern abwechſelte, die wenigſtens Caſanova zu kennen glaubte. „Aber es geht nicht!“ rief der Kellner; „laſſen Sie es bis morgen; Sie können ja wiederkommen, denn es wird Ihnen denk' ich doch niemand davonlaufen.“ „Nichts damit, ich will und muß zu ihm!“ kreiſchte die andre Stimme, „und hätte er ſich hinter neun eiſernen Thüren verſchloſſen; ich ſage Dir, ich muß zu ihm!“ Die Streitenden waren bis hart vor die Thüre gekommen, die letztere wurde aufgeriſſen, und wer denkt ſich das Erſtaunen der Speiſenden, als ein Mann hereingeſtürzt kam, deſſen ganze Erſcheinung wirklich die barockſte von der Welt war. Caſanova erkannte augenblicklich ſeinen lieben Por⸗ ring in der Perſon, welche den Damen beiderſeits vollkommen unbekannt war, und wollte ſich eben erheben, um mit Hülfe des Kellners oder vermöge ſeiner eignen Kräfte den ungebetenen Gaſt zur Thüre hinaus und die Treppe hinabzuwerfen, als die⸗ ſer mit dem Ausrufe: „Ha, da iſt er, da hab' ich Dich, Du Verräther!“ auf ihn losgeſtürzt kam. Mit einem Angſtſchrei ſprangen die Frauen empor und 48 Caſanova. retirirten ſich in den entfernteſten Winkel der Stube, denn der Herr Calculator hatte ganz das Anſehen eines Wahnſinnigen, welcher aus der Anſtalt entſprungen iſt, wo man ihn ſicher aufgehoben zu haben glaubte. Ueberdies hatte er einen blanken Degen in der Hand und ſomit war es allerdings kein Spaß, mit ihm allein oder überhaupt in ſeiner gefährlichen Nähe zu ſein. „Sind Sie verrückt, Porring?“ rief Caſanova, wel⸗ cher dem Stoße ſeines Gegners mit vieler Gewandtheit ausge⸗ wichen war und jetzt mit demſelben um die Waffe rang. In kurzer Zeit hatte er ſeinen Zweck erreicht, der Degen war ſein und ſogleich trat er zwei Schritte zurück, um ſich den wüthenden Menſchen vom Leibe zu halten. . „Wagen Sie einen Schritt auf mich zu,“ rief er jenem zu, „und ich renne Ihnen dieſe Klinge ohne alle Barmherzig⸗ keit durch den Leib! Was wollen Sie in dieſem Aufzuge hier, ſagen Sie?“ Der arme Calculator ſtand mit ſeinen herabhängenden Strümpfen, in ſeiner Nachtjacke und ſeiner Schlafmütze, unter welcher die ſpärlichen langen Haare unordentlich hervorhingen, da und lachte vor Wuth, weil er nichts Andres zu thun wiſ⸗ ſen mochte. „ODu heilloſer Verführer!“ rief er dann unter Zähneknir⸗ ſchen; „und Du fragſt noch was ich hier will? Züchtigen will Begebenheiten eines Weltmannes. 49 ich Dich, für Deine Frevelthaten ſollſt Du büßen. Oder haſt Du Dich nicht in mein Haus eingeſchmuggelt, nicht in mein Vertrauen geſtohlen, haſt Du nicht meine tugendhafte Ehege⸗ ſponſin, meine Perle, meine Magdalena verführen wollen und vielleicht wirklich verführt? Bekenne, Ungeheuer, erröthe, laß Dir die gleißende Maske, welche Du vor Deiner ſcheußlichen Seele haſt, herunterreißen, ha, laß mich der Welt in Dir den Teufel zeigen, welcher aus dem unterſten Abgrunde der Hölle heraufgeſtiegen iſt und nun umhergeht wie ein grimmiger Löwe, um alles zu verſchlingen, was er von himmliſchem Samen auf dieſer Erde antrifft.“ „Beſter Porring, ohne mich auf Ihre Faſeleien weiter einzulaſſen, ſage ich Ihnen bloß daß Sie ein Narr ſind!“ er⸗ wiederte Caſanova, welcher den aufglimmenden Zorn in ſei⸗ ner Bruſt mit Mühe unterdrückte; „ein Narr, welcher ſich von einem verworfenen Weibe, denn ich kann Ihre Frau nicht anders nennen, blindlings gängeln läßt. Thun Sie mir den Gefallen, thun Sie ihn ſich ſelbſt, dieſes Zimmer zu verlaſſen begeben Sie ſich in Ihr Haus, wo Sie niemand ſehen kann, und ſchlie⸗ ßen Sie die Thüre hinter ſich zu — dann laſſen Sie Ihrer Tollheit freien Lauf; wenn Sie ausgetobt haben, werden Sie ſchon zur Beſinnung kommen.“ „O Du verſtockter Böſewicht!“ rief der Andre mit der Geberde eines Zeloten der, ſeiner Sache ganz gewiß, einen ver⸗ Caſanova 1V. 4 50 Caſanova. ruchten Sünder eben ſeiner hölliſchen Majeſtät ſelbſt übergiebt, „iſt nicht der gottesfürchtige und fromme MWieſching heute in meinem Hauſe eingetroffen und hat mir von Deinem Wan⸗ del Kunde gegeben? O er kennt Dich, ſein klarer Blick hat Dich längſt durchſchaut; alles was gut, alles was heilig iſt, ſuchſt Du zu vernichten, darum verlachſt Du den Glauben, wel⸗ cher uns ſelig macht, darum taſteſt Du die göttliche Einrich⸗ tung der Ehe an wo Du kannſt; jetzt erſt begreife ich, was Du früher manchmal äußerteſt, jetzt erſt habe ich Licht über Deine wahre Geſinnung — weiche von mir, Satan, weiche von hier, ich werde dem heiligen Manne Kunde von der An⸗ weſenheit eines Ungeheuers bringen, wie Du biſt, und er mag durch ſein Gebet dieſe entweihte Stätte ſäubern, welche Dir zum Aufenthaltsorte dienen mußte.“ „Ah ſo!“ rief der, an welchen dieſe erbauliche Anrede gerichtet war, lachend, „ſo ſtehen die Sachen! Der liebe Mie⸗ ſching und Compagnie haben die Hände im Spiele! Dann freilich iſt nicht viel zu machen, denn dieſe Leute lügen mit frecher Stirne und werden nicht roth, wenn ſie auch handgreif⸗ liche Unwahrheiten behaupten müſſen. Weiß denn der liebens⸗ würdige Mieſching, daß Sie mich aufgeſucht haben und hier ſind?“ „Weiß? Nichts weiß er!“ entgegnete der Calculator, „er würde mich nicht in die Nähe eines Teufels in Menſchengeſtalt Begebenheiten eines Weltmannes. 51 gelaſſen haben, ſondern ſelbſt gegangen ſein, um dieſen Teuſel durch ſeine Gebete zu vertreiben. Dieſen Abend kam er zu uns; er fand uns, mich und meine tugendhafte Gemahlin, weinend am Tiſche ſitzen; ermüdet wie er war, fragte er was wir hätten, und da ich ihm erzähle welch ein entſetzliches Un⸗ glück uns betroffen hat, ruft er aus: „Ja dieſer Menſch iſt eine wahre Ausgeburt der Hölle; dem wäre beſſer, wenn ein Mühl⸗ ſtein an ſeinen Hals gebunden und er verſenkt würde im Meere, da es am tiefſten iſt.“ Ich nahm mir dieſe Worte zu Ge⸗ müthe, es arbeitete in mir mit göttlicher Kraft, endlich kommt der Entſchluß zum Durchbruch, der Geiſt giebt mir ein, mich für meinen chriſtlichen Mitbruder zu opfern und den Spießge⸗ ſellen der Hölle von dieſer Erde zu vertilgen, den Verderber wieder in den Abgrund hinunter zu ſtoßen, aus welchem er her⸗ aufgeſtiegen iſt, um überall Unglück anzurichten, wohin er ſei⸗ nen Fuß ſetz. Ich ſage nichts, ich behalte meine Gedanken für mich, denn meine Frau und mein Freund würden das große Opfer nicht angenommen haben, welches ich der Menſchheit und Ihnen alſo auch mit bringen wollte. Jene gehen zu Bette, ich ſchicke mich an ihrem Beiſpiele zu folgen, aber da ergreift mich der Geiſt mit wunderbarer Gewalt und reißt mich fort, das große Werk zu vollbringen.“ „Und nun iſt Dein Unternehmen geſcheitert, armer Wahn⸗ 4* 52 Caſanova. ſinniger!“ rief Caſanova ſpottend; „alſo war es nicht von Gott.“ „O die Macht des Böſen hindert auch oft das beſte Werk!“ klagte jener kleinmüthig; „ich kann nicht dawider, wenn Teufel mit Dir im Bunde ſtehen.“ „Genug des Unſinnes für jetzt“ unterbrach Caſanova dieſe Rede kurz; „Du wirſt Dich zu dieſer Thüre hinaus, durch welche Du ungebetener Gaſt hereindrangſt, wieder entfernen, oder ich will Dir Beine zum Gehen machen. Fort, immer fort — immer zurück, nichts da — nicht ſtill geſtanden!“ rief er kurz abgebrochen, indem er mit der flachen Klinge ſehr wohl berech⸗ nete und wirkſame Hiebe nach ſeinem Gegner führte, welcher bei jedem ſolchen Manveuvre einen Schritt rückwärts ſprang, ohne daß er jedoch Zeit hatte, ſich in weitern Verwünſchungen gegen ſeinen Feind auszuſprechen. Nur eine Teufelsbeſchwörung rief er noch in das Zim⸗ mer zurück, als er den Vorſaal glücklich erreicht hatte, dann ſtürzte er die Treppe wieder hinunter und war verſchwunden. „Aber was war das? Was hat das zu bedeuten?“ fragte Jenny Temple, welche mit ihrer jungen Pflegetochter ſich in die Mitte des Zimmers hervorwagte, ſobald der Eingedrun⸗ gene ſich wieder entfernt hatte; „ich begreife nicht — aber Sie müſſen ſehr intereſſante Bekanntſchaften angeknüpft haben, ſeit Sie hier ſind?“ Begebenheiten eines Weltmannes. 53 „Nichts von alle dem!“ gab ihr der Jüngling verdrieß⸗ lich zur Antwort und ſtellte zugleich das erbeutete Gewehr in die Ecke; „Sie ſahen ja, der Menſch war verrückt und wußte nicht was er ſprach. — Die Sache iſt kurz dieſe. Ich nahm meine Wohnung in ſeinem Hauſe und verließ dieſelbe wieder, ſobald ich den unausſtehlichen Zudringlichkeiten ſeiner Frau nicht gut mehr ausweichen konnte. Dieſes geſchah vor kurzem — nun ſucht er mich hier auf, weil ihm ein Frömmler von der erſten Sorte, der mich haßt, ohne hinreichenden Grund dazu zu haben, wahrſcheinlich den Kopf verdreht hat. Es iſt der⸗ ſelbe Mieſching, welchen er erwähnte. Das iſt alles.“ „In dieſem Falle kann ich Sie nur beklagen, mein Herr!“ äußerte Miſtreß Temple voller Würde; „wollen wir die Tafel abräumen laſſen?“ fragte ſie Leopoldinen, an welche ſie ſich jetzt wendete, in kaltem feierlichem Tone. „Meinetwegen — ja,“ antwortete das Mädchen halblaut; „mir iſt aller Appetit vergangen, ich bin recht ſehr erſchrocken.“ Die Andre ging zur Klingel, welche an der Stubenthür befindlich war, und ſchellte, worauf der Kellner erſchien und fragte, was die Herrſchaft zu befehlen hätte. „Man räume den Tiſch ab!“ antwortete Mrß. Temple in ſanftmüthigem Tone, welcher von ihrem bisherigen gar ſon⸗ derbar abſtach; „und dann“ hier beſann ſie ſich einen Augen⸗ 54 — Caſanova. blick, dann fuhr ſie fort: „ ja, der Kutſcher mag herauf⸗ kommen.“ Die Unterhaltung war von dieſem Augenblicke an eine ziemlich froſtige; die Damen ſpielten die Zurückhaltenden, denn Leopoldine beobachtete das Benehmen ihrer Rathgeberin voller Aufmerkſamkeit und copirte es ihrerſeits ſo genau als möglich. Caſanova, durch ſolches Benehmen beleidigt, ließ ſich's deutlich merken, daß er alles Andre, nur dieſes nicht ver⸗ dient zu haben glaubte. Nachdem Schüſſeln und Flaſchen hinaus waren, trat der Kutſcher herein und wartete an der Thüre auf Verhaltungs⸗ befehle. Mrß. Temple ließ ihn nicht lange darauf warten. „Morgen mit dem Frühſten,“ ſagte ſie, „brechen wir von hier wieder auf. Der Kutſcher hat dafür zu ſorgen, daß Pferde und Wagen bereit find, ferner hat er dem Wirthe zu ſagen, daß er uns unſre Rechnung noch dieſen Abend ſchreibt, endlich ſich gegen niemanden von den Herren — man wird ſchon wiſ⸗ ſen, welche gemeint ſind — eine Sylbe verlauten zu laſſen daß wir reiſen, denn wir würden es Beide ſehr übel vermerken, wenn die Geſchwätzigkeit die Verrätherin gemacht hätte und wir wie⸗ der, wie ſeit einiger Zeit alle Tage, auch den morgenden in der Begleitung reiſen müßten, welche uns ſchon ſo manche un⸗ ruhige Stunde gemacht hat.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 55 „Und wohin geht unſer Weg, wenn ich fragen darf?“ äußerte der Menſch mit ſchlecht verhehlter Neugierde; „ich möchte mich doch erkundigen, wo wir füttern und ausruhen können.“ „Wird ſich morgen finden; gute Nacht!“ fertigte ihn jedoch Mrß. Temple ab und deutete hierdurch genugſam an, daß er entlaſſen wäre. Als dieſe Geſchäfte abgemacht waren, nahm Caſanova das Wort, indem er ſeinen Stuhl ſo rückte, daß er vor beide Damen zu ſitzen kam, welche ihm in's Geſicht ſehen mußten, wenn ſie den Kopf nicht in ganz gezwungener Lage ſeitwärts halten wollten. „Meine Damen!“ begann er ernſthaft, ja beinahe ſtreng, „ich muß fürchten, daß Ihnen meine Gegenwart läſtig wird, und bin recht gern bereit Sie davon zu befreien. Dies ſoll den Augenblick geſchehen, wenn Sie mir zuvor noch erlaubt haben, einige Fragen an Sie zu thun, welche Sie mir mög⸗ lichſt aufrichtig beantworten mögen.“ Während Leopoldine bei dieſen Worten feuerroth wurde und hin und her rückte, als ſäße ſie auf lauter Nadelſpitzen, huſtete Jenny Temple bloß einmal und ſagte dann mit abſicht⸗ lichem Zwange, den ſie durch ihre freundliche Miene wie däm⸗ pfenden Schlagſchatten hindurchſchauen ließ: „O, ich bitte, Sie thun uns Unrecht.“ „Nicht doch!“ rief jener; „was Ihre Worte ſagen, das 56 Caſanova. ſrraft Ihr ganzes Benehmen offenbar Lügen, Madame; ſo jung ich ausſehe, ſo gut kenne ich doch die Menſchen und verſtehe die Hieroglyphenſchrift der Geberden vortrefflich zu leſen. Alſo ich verlaſſe Sie binnen hier und einer Viertelſtunde. Aber ſa⸗ gen Sie mir, was war es, was dieſe unerklärliche Veränderung in Ihrer Geſinnung gegen mich hervorgerufen hat? Ich kann mir's zwar denken, aber Sie ſollen meine Vermuthung zur völ⸗ ligen Gewißheit erheben helfen, damit ich weiß woran ich mit 3 Ihnen bin.“ „Mein Herr, denken Sie ſich in unſte Lage,“ begann die Führerin Leopoldinens nach einigem Befinnen ihre Erklä⸗ rung; „meiner Obhut iſt dieſes liebe Kind anvertraut; wir rei⸗ ſen ohne männliche Begleitung durch fremde Länder, bloß ver⸗ trauend auf den Schutz der Geſetze, welche auch dem Schwachen zu Hülfe kommen müſſen, ſobald ein Stärkerer ſich ſeiner Ueber⸗ legenheit auf ungerechte Weiſe gegen ihn zu Nutze machen will. Meine Leopoldine iſt eine junge Blume, deren Rein⸗ heit noch kein Anhauch der Verführung getrübt hat — alle Farben prangen hier noch in urſprünglicher Friſche. Nun den⸗ ken Sie ſich die letzten Auftritte, deren unfreiwillige Zuſchaue⸗ rinnen wir werden mußten — mein Herr, Sie werden keinen Augenblick anſtehen einzuräumen, daß unter ſolchen Umſtänden von einem nähern Umgange zwiſchen uns nicht die Rede mehr ſein kann.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 57 „Und wirklich reicht der Windhauch hin, welcher aus dem Munde eines Elenden kommt, der halb wahnſinnig iſt, die Ueberzeugung von meinem unbeſcholtenen Wandel, von meinem guten Herzen und dienſtbefliſſenen Willen gegen Sie in Ihrer Seele umzuſtoßen? Sind Ihre Grundſätze nicht feſter? Iſt das Gebäude Ihrer Ueberzeugung ein ſolches Kartenhaus?“ rief Ca⸗ ſanova entrüſtet. „O Madame, Sie hatten ſich nicht in mir, wohl aber ich mich in Ihnen getäuſcht; nun aber täuſchen Sie ſich in mir. — Ich ſchwöre es Ihnen zu, es thut mir weh, daß ich mich von Ihnen verkannt ſehen muß, aber mein Stolz verbietet mir länger in Ihrer Nähe zu bleiben. Leben Sie wohl, Miſtreß Temple — leben Sie wohl, Miß Leopol⸗ dine Mills, und Sie, vergeſſen Sie eines Mannes nicht ganz, welcher es beſſer mit Ihnen meint als Sie denken.“ „Jenny Temple verbeugte ſich kalt und förmlich bei die⸗ ſem Abſchiede; Leopoldine ſtand voller Verwirrung auf und reichte dem Scheidenden die rechte Hand, zwiſchen deren Fingern ſte einen Ring hielt, welchen ſie in Gedanken abgezogen hatte. Er ergriff dieſe Hand und preßte dieſelbe an die Lippen — unvermerkt ließ das Mädchen den Ring in die ſeinige gleiten, dann riß ſie ſich los und ſtürzte in das andre Zimmer. „Leben Sie wohl!“ wendete ſich der Jüngling, welcher ſich wieder emporrichtete, an Mrß. Temple und ſchritt die Caſanova. Verbeugung derſelben weiter keines Blickes würdigend zur Thüre hinaus. Auf ſeinem Zimmer angelangt, klingelte er ſogleich dem Kellner und beſtellte ſich bei dieſem, dem er ſeine Befehle ent⸗ gegenrief, als ſelbiger kaum die oberſte Treppenſtufe hinter den Füßen hatte, ein Abendbrod ſo laut, daß es ſeine Nachbarinnen hören mußten. Er wollte Ihnen hierdurch zu verſtehen geben, daß ſie wenigſtens unhöflich geweſen wären, als ſie den Tiſch ſo ohne weiteres, ohne ihn nur ein Wort zu fragen, hatten abräumen laſſen. Er ſchloß ſich dann ein und berührte die drei Schüſſeln kaum oberflächlich, welche man ihm heraufge⸗ bracht hatte. Seine Stimmung war eine ganz eigenthümliche. Zorn, Stolz, Liebe, Hoffnung, das Gefühl der Verachtung, der Rach⸗ ſucht bildeten ein Gemiſch durcheinander, in welchem jeden Au⸗ genblick der eine oder der andre Miſchungsſtoff vorzuherrſchen ſchienen. Er wußte ſelbſt nicht, wie er mit ſich daran war. Den Ring, welchen er von Leopoldinen erhalten hatte, legte er vor ſich auf den Tiſch und bemerkte ſchon die beru⸗ higende Kraft dieſes Talismans, den ihm die Liebe gegeben hatte. Er nahm den Ring zwiſchen die Finger, ſeine Hand zit⸗ terte und führte das Kleinod an die Lippen, welche einen hei⸗ ßen Kuß darauf drückten. Dann probirte er, an welchen Finger Begebenheiten eines Weltmannes. 59 der Ring paßte, er ging gerade an den kleinſten ſeiner linken Hand — die goldene Schlange, welche dieſen Ring bildete, ſchob er ſo weit und feſt an den Finger als es ging, dann be⸗ trachtete er ihn ſtillſchweigend und küßte die Gabe Leopol⸗ dinens noch von Zeit zu Zeit recht inbrünſtig. „Du zürnſt mir nicht, Geliebte!“ rief er aufſpringend; „nein, Du nicht, wir haben uns verſtunden, wir haben uns gefunden, und wenn wir uns jetzt laſſen müſſen — wir finden uns wieder, wir werden uns umſchlingen und keine Macht der Erde ſoll uns auseinandertrennen; denkt dieſe grämliche Zucht⸗ meiſterin etwa, ſie wird mich mit ihren ungeſchickten Händen von dem Kleinode abhalten, das ſie weder zu hüten noch zu ſchätzen verſteht? Bei Gott, nein, das ſoll ſie nicht, ich will ihr beweiſen was die Liebe kann, beweiſen was ich im Stande bin und ſollte ich alle Welt gegen mich allein in die Schran⸗ ken fordern.“ In höchſter Aufregung warf er ſich auf das Sopha, in deſſen Ecke er zu ruhen ſuchte; allein es ließ ihn nicht ruhen, er ſprang wieder empor und eilte mit unruhigen Schritten durch das Zimmer. Er ſchoß mehr als er ging und im Nebenzim⸗ mer mußte man ſeinen Gang deutlich hören können, woran er jedoch in dieſem Augenblicke nicht dachte. Auf einmal ſtand er ſtill, ein ſeliges Lächeln ſchwebte wie 60 Caſanova. ein Himmelsglanz über ſeinem Geſicht, er ſchloß die Augen, um ſeinen innern Gefühlen gang ungeſtört nachzuhängen. „Wie ſchön ſie iſt, die friſche Maienroſe!“ rief er hin⸗ ſchmelzend und ſchwieg dann ein Weilchen. „Wie goldne Sterne ſtehen die gelben Früchte in den grünen Blättern — horch! da kommt ein lauer Wind, der wieder Liebe flüſtert — ein hängendes Paradies iſt's, in welchem der Fuß wandelt, und das Paradies, welches ſich aus dem blauen Himmel zur Erde niederſenkte, hat ſeinen Engel mitgebracht. Im dämmerhellen Laubgange ſchwebt der Engel weiter — ſieh, jetzt berührt ſein Fuß den Boden, o wie er leuchtet dieſer Boden und wie die Blumen aus ihm hervorſproſſen! Und ein Menſch mit ſeinem liebetrunkenen Herzen in der Bruſt, ein Menſch ſteht von fern und ſieht ſehnſüchtig nach der heiligen Stelle hin, wo jener Engel iſt — welch ein unbeſchreibliches Lächeln winkt ihm zu, dem Antlitze des Himmelsboten näher zu kommen! Ohne Wahl, ich habe Dich, Leopoldine!“ fuhr er plötzlich wieder fort, „und niemand ſoll uns wieder von einander reißen!“ Bei dieſen Worten breitete er ſeine Arme aus, als ob wirklich jemand zugegen wäre, den er umfangen wollte. Dann ſtarrte er wehmüthig eine Zeitlang vor ſich hin und ſchien ganz ſelig zu ſein. Nach einiger Zeit ſtreckte er ſich abermals auf ſein Sopha, phantaſtiſchen Träumen nachhängend, die indeſſen zuletzt in einen ſanften Schlummer übergingen. Begebenheiten eines Weltmannes. 61 Während er noch ſchlief, war es ihm als ob er einen Reiſewagen abfahren hörte; er wollte in die Höhe, aber er ſank wieder zurück, denn ein lächelnder Engel drückte ihm die halb offenen Augenlider wieder zu und hielt ſie mit ſeinem weichen Finger feſt. Als er erwachte, war ſein Erſtes daß er nach der Auf⸗ wartung klingelte. Er fragte ſogleich, ob die fremden Damen im Nebenzimmer ſchon abgereiſ't wären und erhielt zur Ant⸗ wort, daß ſie ſchon vor einer Stunde, da es kaum Tag ge⸗ worden, das Gaſthaus verlaſſen hätten. Er ſtellte ſich an's Fenſter, ſüßer Erinnerung hingegeben. Da bemerkte er plötzlich einen ſchwarzen Punkt am gegenüber⸗ liegenden Berge. es war der Reiſewagen, welcher Leopol⸗ dinen und die grauſame Tugendwächterin in die Ferne hin⸗ ausführte! Während er überlegte, was er zu thun hätte, um ſeine junge Geliebte bald wiederzuſehen, klopfte es an die Thür und herein trat eben jener Mieſching, deſſen Ankunft ſchon geſtern der Calculator Porring verkündigt hatte. Der Mann trug ſeine gewöhnliche Leichenbitterkleidung auch auf der Miſſions⸗ reiſe, auf welcher er eben begriffen war; ſein Benehmen war ebendaſſelbe und die devote Verbeugung auch nicht ein Haar⸗ breit anders als jene geweſen war, mit der er ſich zum erſten 62 Caſanova. Male bei dem lebensluſtigen Weltkinde zu empfehlen geſucht hatte, vor welchem er jetzt wieder ſtand. „Der Herr erleuchte Ihre Seele und regiere Ihr Herz!“ rief der Apoſtel ſalbungsvoll, aber mit dem Ausdrucke einer Würde, die er innerlich fühlen mochte; „er erweiche Ihr ver⸗ ſtocktes Herz und beuge Ihren harten Sinn, denn ſonſt ſind Sie verloren!“ „Hören Sie einmal, mir wäre es lieb, wenn Sie ver⸗ nünftig redeten,“ rief ihm Caſanova zu, eine Taſſe Thee ſchlürfend; „wenn Sie nicht wollen oder nicht können, ſo ge⸗ hen Sie auf der Stelle, woher Sie gekommen ſind, ober ich werfe Sie die Treppe hinunter, daß Sie das Aufſtehen ver⸗ geſſen! Was wollen Sie von mir?“ „Es gilt ein gutes Werk, welches Sie, und nur Sie mir vollbringen helfen können,“ nahm der Prophet das Wort, in⸗ dem er auf einmal ganz anders ſich geberdete; „hören Sie mich. Sie haben die Gemahlin des Prinzen, die Prinzeſſin Thereſe, wie ich genau weiß, gekannt und mit derſelben auf vertrauterem Fuße geſtanden, als ſich wohl geſchickt hätte, wenn Sie beiderſeits die Heiligkeit der geſetzlichen Ehe vollkommen in's Auge hätten faſſen wollen. Indeß was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ändern.“ „Was redeſt Du da?“ fragte der Andre aufbrauſend; — Begebenheiten eines Weltmannes. 63 „glaubſt Du einen Narren vor Dir zu haben oder einen Schur⸗ ken, oder was ſoll Dein Eingang ſein?“ „O, brauſen Sie nicht auf!“ entgegnete Mieſching, indem er furchtſam zurückwich; „was ich ſage iſt gut gemeintz Sie ſollen es, wenn ich zu Ende bin, mir ſelbſt zugeſtehen und danken müſſen; aber hören Sie mich an — Sie können meine Behauptung nicht in Abrede ſtellen, wenn Sie ehrlich zu Werke gehen wollen, aber zu einer ſündhaften Lüge will ich Ihnen keinen Anlaß geben, denn ich kann dies Umgang haben. Hö⸗ ren Sie alſo weiter und dann urtheilen Sie. Der Prinz iſt entſchloſſen ſeine Gemahlin zu verſtoßen und ſeine Schande in einem abgelegenen Schloſſe zu begraben, wel⸗ ches noch entfernter von allem Verkehre der Menſchen liegt als Drachenfels, ihr bisheriger Aufenthaltsort. Nur unter einer Bedingung würde er ſie wieder zu Gnaden annehmen.“ „Närriſches Zeug!“ rief Caſanoba dazwiſchen; „dieſe Bedingung ſoll ich erfüllen, ich errathe ſchon! Nicht? Iſt's nicht ſo?“ „Es iſt an dem, und deshalb mit Ihnen zu unterhandeln bin ich hier!“ ſprach der Andre lauernd. „Wenn der unglücklichen Dame damit geholfen iſt,“ äu⸗ ßerte Caſanova, „ſo bin ich gern bereit, mich allem zu un⸗ tetziehen, was Ehre und gutes Gewiſſen mir zu thun erlauben; heraus alſo mit der Sprache, und faſſe Dich kurz, guter Freund!“ Caſanova. „Der Prinz,“ fuhr der Bote in ſeiner Auseinanderſetzung fort, „nimmt hauptſächlich, ja man kann wohl ſagen zur Zeit noch einzig und allein daran Anſtoß, daß ein Andrer vertraute Briefe von der Hand ſeiner Gemahlin in den Händen hat, durch deren Vorzeigung er ihn und ſie blamiren kann, ſo oft es ihm beliebt. Dieſe Documente nun verlangt er ausgeliefert, und das iſt die Bedingung, unter welcher er allein alles ver⸗ geſſen will, was Sie ſich gegen ihn haben zu Schulden kom⸗ men laſſen.“ „Das iſt luſtig!“ lachte der Zuhörer; „aber wer bürgt mir dafür, daß dieſes auch die reine Wahrheit iſt? Und wie, wenn ich nun gar keine Briefe von jener Dame in den Händen hätte? Wie wäre dann zu helfen?“ „Dann müßte das Recht ſeinen Lauf haben und die Sün⸗ derin würde ihre Luſt in dem verdienten Kerker büßen müſſen,“ verſetzte der Bußprediger. „Uebrigens leſen Sie ein Schreiben, welches der regierende Fürſt an meinen Vetter den Doctor ge⸗ richtet hat; Sie werden ja ſeine Hand oder wenigſtens ſein Wappen kennen; daraus werden Sie erſehen ob ich wahr rede oder nicht.“ Bei dieſen Worten griff der Mann in ſeine große Rock⸗ taſche und zog mehrere Papiere aus derſelben hervor, von welchen ihm eins entfiel, ohne daß er's bemerkte. Er ſuchte lange un⸗ ter den Papieren herum, dann überreichte er dem Andern eins —— —— — Begebenheiten eines Weltmannes. 65 davon, welches wie ein Brief zuſammengebrochen war. Jener las es aufmerkſam, indem er an manchen Stellen das laut nachſprach, was die fürſtliche Feder auf das Papier gemalt ha⸗ ben ſollte; endlich war er fertig und gab dem Eigenthümer ſeinen Brief zurück. „Ich ſehe,“ ſagte er, „daß der Fürſt allerdings dieſes Anfinnen geſtellt hat und dieſer Umſtand bürgt mir dafür, daß dieſes auch die auftichtige Geſinnung des Prinzen iſt. Indeß jetzt kann ich mich zu nichts entſchließen, kommen Sie wieber zu mir — dieſen Nachmittag oder dieſen Abend, dann werde ich Ihnen ſagen können, was ich zu thun entſchloſſen bin.“ „Ich werde nicht ermangeln; zu helfen iſt Chriſtenpflicht!“ rief der Mann Gottes, „und wir müſſen vergeben und vergeſ⸗ ſen, was Eins von uns geſündigt hat, denn wir ſind alle ſchwache Menſchen.“ „Sparen Sie Ihren Athem; ich weiß das ſchon und brauche mir's deshalb nicht erſt von Ihnen ſagen zu laſſen,“ entgegnete Caſanova, indem er dem Andern das Geleite nach der Thür gab; „alſo dieſen Nachmittag — Adieu!“ „Wie er zurückkam, erblickte er den Brief, welcher dem Frömmler aus der Taſche gefallen war, und da er nicht wußte, wem derſelbe angehörte, vielleicht in der Meinung, er hätte ihn ſelbſt verloren, hob er ihn auf und las ihn. Caſanova IV. 5 Caſanova. Aber wer ſchildert ſein Erſtaunen, als er ſah, daß eben der Fürſt, welcher jenen erſten Brief geſchrieben haben ſollte, dieſen zweiten, der ganz anders lautete, an den frommen Doc⸗ tor, Mieſching's Vetter, geſchrieben hatte. „Mein Herr Doctor,“ ſchrieb der Fürſt, „Ich erſuche Sie ernſtlich, daß Sie gewiſſe Verhält⸗ hältniſſe, welche die Prinzeſſin Thereſe betreffen, nicht fer⸗ ner berühren. Sie haben ſich keineswegs in Dinge zu miſchen wie dieſe, denn wenn die Seelſorger beſonders von öffentlicher Kanzel ſolche Sachen beſprechen dürften, ſo würde bald alle Achtung vor dem angeſtammten Herr⸗ ſcherhauſe dahin und alle Moral aus der Kirche verbannt ſein. Begnügen Sie ſich mit der einfachen Thatſache, mein Herr, daß die Prinzeſſin Thereſe dem Lande einen Thronerben geſchenkt hat, deſſen Erziehung ich ſelbſt übernehmen werde, weil mir überaus viel daran liegt, daß der Knabe gedeihe und einſt ein geſunder kräftiger Mann, ein Mann, der einen geſunden Geiſt in einem ge⸗ ſunden Leibe hat, die Zügel der Regierung in ſeine Hand nehmen könne. Dafür danken Sie Gott, und laſſen Sie wie geſagt andre Dinge an ihren Ort geſtellt ſein. Ich kann Ihnen die gemeſſene Verſicherung geben, daß ich die Mutter und das Kind als theure Unterpfänder für die Begebenheiten eines Weltmannes. 67 Fortdauer unſers Stammes betrachte, in deſſen Rechte un⸗ ter obwaltenden Umſtänden ſchwerlich ein andrer Stamm treten dürfte, für welchen gewiſſe fromme Leute Tag und Nacht beten und intriguiren. Nehmen Sie ſich dieſe Winke ad notam, mein lieber Doctor, indem Sie keinen Augen⸗ blick vergeſſen Ihren wohlaffectionirten Ludwig Alfred.“ „Und dieſe Hand?“ rief der Leſende, indem er das Pa⸗ pier mit aufmerkſamen Blicken prüfte; „dieſe Hand kenne ich ia — hat nicht der Schreiber dieſes Briefes —“ Er ſtockte eine Weile, dann ſprach er abgebrochen weiter: „Meine Mutter hat jene Briefe nachgelaſſen!“ rief er, „es iſt dieſelbe Hand — bei Gott, mir geht ein Licht auf — raſch hervor, ihr Boten, die ihr ein räthſelhaftes Schickſal ent⸗ hüllen könnt und werdet — raſch hervor aus Eurem Ver⸗ ſtecke!“ Mit ungeduldiger Haſt ſchob er zwei Koffer auf die Seite, welche vor einem dritten ſtanden, deſſen Inhalt jetzt in Augen⸗ ſchein genommen werden ſollte. Er konnte den Schlüſſel dazu nicht ſogleich finden und kramte in den Effecten, welchen er ihren Platz auf dem Tiſche und theilweiſe in dem Secretär angewieſen hatte, mit beiden Händen herum, ſo daß zuletzt 5. 68 Caſanova. alles bunt durcheinander lag. Plötzlich hielt er inne und rief lachend: „Thor ich! Der ungeberdige Menſch ſucht die Brille, die er auf der Naſe hat!“ Er zog den Schlüſſel aus der Weſtentaſche und machte ſich ſogleich über den Koffer her, welcher die Papiere in ſich ſchloß, deren Wichtigkeit ihm jetzt erſt vollkommen einleuchtete. Drittes Capitel. E — Da haben wir's ertappt! Ein fein Arcanum! Wieland. Weitere Aufhellung. Wi haſtig langte er aus dem geöffneten Leberkoffer ein Päckt⸗ chen Papiere nach dem andern hervor und legte es bei Seite, ſobald er ſah daß es nicht enthielt was er jetzt brauchte — er war bis auf den Boden gekommen und hatte das verhäng⸗ nißvolle Blatt immer noch nicht gefunden, welches den Schleier zerreißen ſollte, der über ſeine Herkunft ausgebreitet war. Der Brief dagegen, welchen Mieſching verloren hatte, lag auf dem Sopha und ſollte als das Gegenſtück zu eben jenem dienen, welcher die Handſchrift ſeines Vaters enthalten ſollte. „Und jetzt erſt, jetzt erſt fällt mir's ein,“ ſagte er immerfort ſu⸗ chend, „o blöder Menſchenverſtand, der Du taſtend in der Welt herumtappſt und Dich aus dem Labhrinthe der Schickſalsfäden Caſanova. nicht herausfinden kannſt, wenn Dich nicht der Zufall bei der Hand nimmt und auf die rechte Fährte geleitet!“ So begleitete er ſeine Handlungen mit lauten Gedanken, wie im Schauſpiele das Orcheſter zu Pantomimen ſpielt; er hielt mit Sprechen inne, als er ein unſcheinbares Päcktchen auf⸗ hob, welches mit einem rothſeidnen Faden zuſammengebunden war und deſſen Stärke etwa der Breite einer Sud gleichkom⸗ men mochte. Er athmete hörbar, denn die Bewegung, welche ihn in dieſem Augenblicke ergriff, war eine der heftigſten, die es geben konnte. . Er band den Faden auf, er lüftete den Umſchlag von blauem Papier und hielt mehrere Briefe in der Hand, welche bereits vor langer Zeit geſchrieben waren und zum Theil ſchon vergilbt ausſahen. Sofort ließ er alles ſtehen und liegen und verfügte ſich mit den Schreiben auf das Sopha, wo er jedes einzelne durchlas. „Theure Caroline!“ las er den erſten Brief auseiander⸗ faltend „Das iſt meiner Mutter und das meines Vaters Hand! Ha,“ rief er den Brief, welcher mit Ludwig Alfred unterſchrieben und von Mieſching verloren worden war, da⸗ gegenhaltend, „ha, das iſt eine Hand, eine und dieſelbe Hand — und hier wie dort ein Name — ſo unterſchreibt ſich kein Ofſicier — o und ich Blödſichtiger, mit keinem Athemzuge Begebenheiten eines Weltmannes. 71 daran zu denken, daß dieſe Blätter Fingerzeige des Schickſals für mich ſein ſollten!“ Er durchlas den Brief von bis zu Ende 3ö einmal. „Die Zeit trifft!“ rief er ſodann; „der Brief iſt geſchrie⸗ ben acht Tage nach meiner Geburt — und dieſer verächtliche Spion, dieſer Schleicher mußte mich erſt aufmerkſam darauf machen, dieſer Mieſching mußte mich erſt mit der Naſe dar⸗ auf drücken, daß der Fürſt wie jeder andre Menſch eine eigen⸗ thümliche Handſchrift ſchreibt, die man unter allen Umſtänden wieder erkennt — und doch hat mir eben dieſer Fürſt geſchrie⸗ ben, und doch habe ich ſeine Briefe geleſen — und nicht daran zu denken!“ „Theure Caroline — unſer Sohn,“ las er abgebrochen weiter, „mir recht, daß Du ihn nach Deinem Namen Carl genannt haſt — werde ſorgen.. ein treuer Freund, den ich in Italien kennen lernte und wohnen weiß, ſoll ihn erziehen —“ Dieſen Brief legte er bei Seite und durchlas die andern, welche ebenfalls an dieſelbe Caroline geſchrieben waren und ſpätere Data trugen. Ein einziger war noch übrig, doch dieſer war nicht an Carolinen geſchrieben, ſondern an den Mann, welcher den Jüngling erzogen hatte, der eben mit geſpannter Aufmerkſamkeits das Feld des Lebens, welches hinter ihm lag, durchſchweifte. „ 3 Caſanova. „Das biſt Du, mein väterlicher Freund!“ rief er aus. „Ich werde nie vergeſſen, was Du an meinem Sohne gethan haſt,“ ſchrieb der Briefſteller; „ſei ſein Freund, und ſtirbſt Du, ſo laß ihn bei der Meinung, welche wir ihm verabredetermaßen über ſeine Herkunft beigebracht haben. Es iſt ſo meiner An⸗ ſicht nach am beſten für ihn. Anweiſungen findeſt Du in Ve⸗ nedig bei unſerm Banquier — dieſe ſollen die Zukunft meines Sohnes ſichern; ſorge, daß die Summen in zuverläſſigen Ren⸗ tenbriefen oder Staatspapieren angelegt werden.“ Stumm las er das Schreiben bis zu Ende, dann ſprang er auf und breitete die Arme aus, als wollte er die ganze Welt an ſeine Bruſt preſſen. Vor lauter Freude wußte er nicht was er anfangen ſollte. Da trat ganz unerwartet der Kellner ein, aber der freude⸗ trunkene Jüngling, deſſen Augen vor Freude ſtrahlten, während das Geſicht ſich röther gefärbt hatte, bemerkte den Menſchen gar nicht. Dieſer machte ein ſonderbares Geſicht; es ſchien als hielte er den Unbekannten wenigſtens für halb toll; als gewöhnlicher Menſch nahm er auch zu einem ganz gewöhnlichen Mittel ſeine Zuflucht, um ſeine Anweſenheit kund zu geben: er hielt die Hand vor den Mund und huſtete. Der Andre drehte ſich erſchrocken um. „Befehlen der Herr Frühſtück?“ fragte der Kellner. „Nein, nichts!“ rief Caſanova ärgerlich und verwirrt; Begebenheiten eines Weltmannes. 73 „doch ja, warte noch,“ verbeſſerte er ſich den Augenblick barauf ſelbſt, indem er haſtig im Zimmer auf⸗ und niederſchritt; „ja, ich will frühſtücken, etwas Geflügel, kalt verſteht ſich, Wein — ſtarken lieb' ich — geh' nur, geh' nur, laß mich allein, Du weißt ja was Du zu wiſſen brauchſt.“ Die Haſt, mit welcher dieſe Worte geſprochen wurden, war demjenigen, an welchen ſie gerichtet waren, ebenſo unbe⸗ greiflich als einem Tauben die Zauberkraft der Töne, nach wel⸗ chen ſich die fröhlichen Tänzer drehen, oder dem Blinden der Schmelz der Farben, aus welchem ſich das Auge nicht ſatt trin⸗ ken kann. Die Bewegung jedoch, welche der Sprechende nach der Thüre zu machte, war leicht zu deuten und deshalb begriff ſie jener auch im Augenblicke; er entfernte ſich, denn er ver⸗ muthete nicht mit Unrecht, daß er, wenn er dieſes nicht frei⸗ willig und gleich thäte, im nächſten Augenblicke hinausgeſchoben oder geſtoßen werden würde. Das verlangte Frühſtück wurde nach einer Weile herunter⸗ gebracht, aber nicht der Kellner brachte es getragen, welcher ein unfreiwilliger Zeuge von Caſanova's Aufregung gewor⸗ den war, ſondern ein andrer. Es war jenem lieb, daß ſich der erſte Kellner nicht wieder vor ihm ſehen ließ; wenn man von jemandem belauſcht worden iſt, ſo betrachtet man ihn un⸗ willkührlich als einen Feind, der ſich in den Beſitz eines Ge⸗ heimniſſes geſetzt hat, das er nicht erfahren ſollte. Ein dunkler 74 Caſanova. Inſtinet ſagt es auch den Horchern und Spähern leiſe in's Ohr, wie der Belauſchte gegen ſie geſinnt iſt; wenn ſie nun klug ſind, ſo gehorchen ſie dem dunklen Gefühle, welches ſie leiten will. Von dem Frühſtücke rührte der Aufgeregte nicht viel anz zwei Biſſen Brod mit Fleiſch waren alles, was er über die Lippen brachte; er war zu dem trägen Geſchäfte des Eſſens zu unruhig. Aber von dem ſtarken Weine, welchen die Flaſche enthielt, ſchenkte er ſich mehrere Gläſer voll und ſtürzte ſie in einem Zuge hinunter. „Starke Leidenſchaft und ſtarker Wein!“ rief er; „ſo lieb' ich's — aber was nun thun?“ Er wurde nachdenklicher, ſenkte den Kopf auf die Bruſt, ſchlug die Arme auf dem Rücken übereinander und ſchritt ge⸗ meſſenen Ganges auf und ab. „Ich ſollte hineilen zu ihm,“ ſagte er überlegend, „un mich in ſeine Arme werfen und an ſeine Bruſt fliegen; Vater, ſollte ich rufen, Vater, biſt Du's? Sieh, ich bin es, ich din Dein Sohn, der Dich lieb hat. O, wie ſchön wäre das; und des Herzens Zuge will ich folgen!“ Wieder ſchwieg er, wieder begann er ſein Nachdenken, dann öffnete er den Mund auf's neue, aber in anderem Sinne als vorhin. „Und dennoch — nein,“ ſagte er kalt und ſchneidend, Begebenheiten eines Weltmannes. 75 „es geht nicht, ſie mögen mich nicht haben, denn ſie können mich nicht brauchen — weil ich — ſtill, ſtili, vorlauter Arg⸗ wohn; der Vater ſah, daß ſein Sohn unmöglich ſein Nachfol⸗ ger werden könnte — wohlan, ſo verſuchte er's, ob es mit dem Sohne dieſes Sohnes — alſo ſeinem Enkel nicht zu er⸗ möglichen wäre — es iſt gegangen, es iſt geglückt — ich be⸗ greife jetzt vollkommen — begreife auch daß es heißt: vorſichtig, guter Freund! denn es giebt Leute, welche Euch ſehr auf den Dienſt lauern; in der That, ſolche Leute giebt's, und ein Bote von ihnen hat ſchon den Weg zu Dir gefunden — ja ja, Du ſrommer Friedensſtifter, der Du mit mir umzugehen gedenkſt wie die Katze mit der Maus, ich habe die Wolfshaut erkannt, welche Du unter Deinem Schafspelze haſt, und werde mich hü⸗ ten auf Deine Pläne einzugehen. Daß er mir nicht über den Hals kommt,“ rief er abbrechend; ſodann machte er ſich daran, die Papiere wieder einzupacken, welche unordentlich in der Stube umherlagen. Als er mit dieſem Geſchäft fertig war, ſchloß er den Koffer zu, ſteckte den Schlüſſel ein und ſetzte ſich an das Schreibepult, aus welchem er ein Heft hervorlangte und zu durchblättern be⸗ gann. Es war ſein Tagebuch, in welchem er mit einfacher Dinte das was ſein Herz jeweilig bewegte oder ſeine Seele er⸗ griff, abzumalen und zu firiren pflegte. „Ihr Bilder aus den ſchönſten Stunden,“ rief er, „ihr 76 Caſanova. Blüthen von den wonnevollſten Maientagen meines Lebens, da ſteht ihr alle noch friſch und duftig vor meinem Auge, nur nicht lebendig mehr wie ihr aus dem Boden ſchoßtet, ſondern auf weißer Marmorfläche — erkaltet nicht, ihr lieben Kinder, und ſeid ihr erſtarrt, ſo ſoll das Feuer meiner Seele euch wär⸗ men, bis der ſtarre Tod von euren Gliedern thaut und ihr wie⸗ der zu leben anfangt wie ihr lebtet nach der Stunde eurer Geburt. Ein neuer Bruder kommt jetzt zu euch, er reiht ſich an euch an — und dieſer Tropfen Zeit, der jetzt verronnen iſt, könnt' ich ihn mit ſeiner Farbe, ſeinem Klange, ſeinem Dufte, mit den tauſend Infuſionsthierchen zitternder Gedanken, die ich in ihm fühlte, hierher ſchreiben! Jetzt iſt's ſo hell vor mir und hinter mir — erſt war ich das Küchlein, das noch im Eie ſteckt, jetzt habe ich mich durch die Schale gepickt und ſehe mit beiden Augen in den klaren Tag.“ Er hatte die Feder eingetaucht und hielt ſie unſchlüſſig in der Hand, denn er getraute ſich nicht zu ſchreiben. Jeder An⸗ fang ſchien ihm zu matt. Mit aufgehobener Hand ſann er hin und her, ſeine Gefühle in Worte zu faſſen wollte ihm nicht gelingen. „Sonderbar, ſeltſam!“ rief er emporſpringend und ſchleu⸗ derte die eingetauchte Feder auf das Buch; „ſonderbar, das Herz iſt zu voll, es will überlaufen, das Gefühl iſt ſo warm, ſo lebendig, alles ſteht mir ſo gegenwärtig vor der Seele und Begebenheiten eines Weltmannes. der Strom der Gedanken will ſich nicht auf das Papier leiten laſſen. Werde ruhiger — ach, ein Dintenfleck!“ rief er wieder an den Secretär tretend und das Tagebuch betrachtend, „auch gut; eine ſehr bedeutungsvolle Zeichenſchrift; ein ganzes Faß voll Dinte könnte ich in Worte auflöſen, zu einem Faden von ſo und ſoviel Schriftzügen ausſpinnen . ..“ Er nahm die Feder wieder auf, entſchloſſen ſetzte er ſich hin und rief ſchreibend: „Ein Dintenfleck, ſo wie er iſt, giebt das ſprechendſte Mo⸗ nument ab — der Denkſtein redet auch nach tauſend Jahren noch, welchen wir an merkwürdigen Stellen erblicken — hier neben dieſem ſchwarzen ſtehe der Tag und die Stunde — das reicht hin.“ Er hatte geſchrieben, legte das Löſchblatt in das Buch, welches er zuſchlug, und erhob ſich wieder vom Stuhle, um ſich auf's neue ſeinen Gedanken zu überlaſſen. Ohne daß er's merkte war der Mittag herangerückt; durch ein ſehr vernehmliches Pochen an der Thür wurde er in ſeinen Gedanken unterbrochen. „Herein!“ rief er und blickte geſpannt nach der Richtung, aus welcher die anmeldenden Klänge gekommen waren. Herein trat Mieſching, wrelcher geſchmeidig war wie ein Ohrwürmchen und gar nicht aufhören wollte mit ſeinen Verbeugungen. 78 Caſanova. „Sind Sie auf einmal zum Weltkinde geworden, welches ſich nach den Geſetzen der Höflichkeit richtet wie andre Men⸗ ſchenkinder, oder was iſt mit Ihnen?“ fragte Caſanova ſpot⸗ tend, ohne einen einzigen Bückling zu erwiedern, welchen der Schleicher an ihn verſchwendete. Dieſe Anrede fruchtete; der Fromme nahm ſeine gewöhn⸗ liche Weiſe wieder an und eröffnete dem Andern, daß er ge⸗ kommen wäre, die bewußten Papiere in Empfang zu nehmen und mit ihnen die Ruhe und das Glück Thereſens in die Reſidenz zu bringen. „Sie wiſſen alſo ganz gewiß, mein Herr,“ fragte der Andre, „es iſt außer allem Zweifel, daß der Fürſt im Ein⸗ verſtändniſſe mit dem Prinzen jenen Weg einzuſchlagen entſchloſ⸗ ſen iſt, um ein Verhältniß wieder herzuſtellen, welches außer⸗ dem völlig abgebrochen werden mußte?“ „Wie können Sie noch den leiſeſten Zweifel hegen?“ gab Mieſching ſalbungsvoll zur Antwort, „nachdem Sie den Brief des hohen Herrn geleſen haben? Trauen Sie Ihren Augen nicht und wollen Sie ihn nochmals leſen, ſo nehmen Sie ihn hin, hier iſt er. Ich würde ein directeres Schreiben überbracht haben, allein ich mußte über Hals und Kopf abreiſen, weil wir erfahren hatten, wo Sie ſich dermalen aufhielten, und nicht wiſ⸗ ſen konnten, wie lange Sie an demſelben Orte bleiben würden. Sie begreifen, man kann in ſolchen Fällen nicht lange Um⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 79 ſtände machen und rafft in aller Eile zuſammen, was man für nöthig hält.“ „Das begreife ich allerdings,“ erwiederte Caſanova lächelnd, „ich ſelbſt habe manche Reiſe gemacht — man nimmt auch zuweilen Dinge mit, welche man beſſer zu Hauſe gelaſſen hätte, um ſie nicht zu verlieren — das kann auch oft der Fall ſein.“ Warum nicht?“ antworte Mieſching, welcher nicht wußte wie er dieſe Rede nehmen ſollte, „der Menſch iſt ein kurzſich⸗ tiges Geſchöpf, das, wenn es Gott nicht leitet, in den Abgrund ſtürzt, welcher ſich bei jedem Schritte vor den Füßen öffnet.“ „Sie ſind ganz meiner Meinung, guter Freund,“ fiel Ca⸗ ſanova ein; „aber Sie werden ſich wundern wenn Sie er⸗ fahren, daß ich Ihnen keine Briefe aushändigen werde und daß Sie den weiten Weg umſonſt gemacht haben. .. Wundern Sie ſich? Nun, thun Sie es nach Herzens-Luſt, ich gebe Ihnen hierin völlige Freiheit.“ „Nein, das kann, das darf nicht ſein!“ rief der nachdem er ſeine Faſſung wiedergewonnen hatte. „Ich ſage Ihnen, Sie müſſen und werden mir die bewußten Papiere aus⸗ händigen. Sonſt ſind Sie nichts als ein verſtockter Sünder, ein großer Frebler, welcher die Tugend eines beklagenswerthen Weibes untergraben hat und nun nicht einen Finger rühren mag, um das Opfer ſeiner Lüſte vom Untergange zu retten. 80 Caſanova. Dieſe That ſchreit um Rache zum Himmel wie das rauchende Blut, welches an der Hand des Mörders klebt, alle Flüche, die der Himmel hat, fallen wie tauſend ſchlagende Blitze auf das Haupt herab, welches zwiſchen den Schultern ſolch eines Frev⸗ lers ſteht“ „Verſprechen Sie mir auf Ihr heiliges Ehrenwort, daß dieſer Brief, welchen Sie in der Hand halten und welchen ich Sie nochmals vorzuleſen bitte, wirklich von des Fürſten Hand iſt, ſo werde ich vielleicht andern Sinnes,“ rief Caſanovaz; „die Verwünſchungen konnten Sie übrigens für Leute aufheben, wo dieſelben beſſer angebracht waren als bei mir. Verſprechen Sie mir?“ „Ich betheure vor Gott und allem was heilig iſt,“ ſprach Mieſching feierlich, ſich von ſeinem Sitze erhebend und die Rechte wie zum Schwure in die Höhe ſreckend, „daß dieſer Brief von dem Fürſten ſelbſt herrührt — und nun raſch zur Sache, ich brenne vor Begierde, meinen Mitchriſten nützlich zu werden.“ „Warten Sie, gleich ſoll Ihr brennendes Verlangen ge⸗ ſtillt werden!“ antwortete der Andre bedeutungsvoll und ſchritt, als er dieſe Worte ſagte, auf ſeinen Secretär zu. Er ergriff einen Brief, welcher dort lag, eben jenen, welchen Wieſching dieſen Morgen verloren hatte, ohne es jedoch bis jetzt zu be⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 81 merken, und ging denſelben in der Hand haltend auf den Frömm⸗ ler zu. „Aber dann lügt dieſer Brief,“ donnerte er dem entlaru⸗ ten Betbruder in's Geſicht, „einer von beiden iſt nachgemacht... Ei, was wirſt Du bleich, was zitterſt Du am ganzen Leibe? Meineidiger Schurke, weſſen haſt Du Dich unterfangen? Gieb her den Beweis Deiner Schande, laß ſehen welches die nach⸗ gemachte, welches die echte Handſchrift iſt — dieſen Zügen da ſieht man das Erkünſtelte an ſiehſt Du wie dieſe Buchſtaben alleſammt die unverkennbaren Zeichen der Echtheit an ſich tra⸗ gen, während jene eine Unſicherheit und ein Schwanken zeigen, welche die Hand des Verfälſchers nur zu deutlich verrathen? Siehſt und geſtehſt Du das auch ein, he?“ MWit dreiſter Stirne benahm ſich Mieſching, welcher ſeine Faſſung nur einen Augenblick lang verloren hatte, in ſeiner ge⸗ wohnten Weiſe. „Wie?“ rief er mit erheucheltem Staunen, „wie? Du wagſt es, Verruchter, an der Wahrheit meiner Worte zu zweifeln, Du wagſt es die Betheuerungen eines Mannes Lügen zu ſtra⸗ fen, dem Du nicht würdig biſt die Schuhriemen aufzulöſen? Die hölliſchen Mächte haben Dich verblendet, eine Todſünde ſollſt Du auf Deine Seele laden, die letzte und ſchwerſte von allen, welche das Maß voll macht und Dich den hölliſchen Gewalten unwiderbringlich überliefert. Wie, Du entblödeſt Dich Caſanova IV. 6 82 Caſanova. nicht, zu jener Todſünde noch die hinzuzufügen, daß Du einen Mann verunglimpfeſt, welcher durch ſein Beiſpiel den Menſchen ein Muſter werden ſoll, damit ſie in aller Gottſeligkeit wan⸗ deln, bis ſie der Herr zu ſich ruft?“ „Spare Deine Worte, Heuchler,“ erwiederte der Geſchol⸗ tene zornig; „glaubſt Du mich durch Deine albernen und ver⸗ meſſenen Reden einzuſchüchtern? Glaubſt Du, Du habeſt Einen vor Dir, der am Leibe ein Mann geworden, am Geiſte ein Kind geblieben ſei? Aber leugnen kannſt Du nicht, daß Du dieſen Brief nachgemacht haſt — ich weiß, in weſſen Intereſſe dieſes geſchehen iſt, denn der zweite und zwar der echte Brief, der, welchen der Fürſt wirklich ſelbſt geſchrieben hat, ſagt es zu deutlich, als daß man auch nur einen Augenblick darüber in Zweifel ſein könnte. Ich will Dir jetzt ſagen, wie ich mir den Hergang der Sache denke. Du mußteſt abreiſen, ehe Du die nachgemachte Handſchrift fertig hatteſt — das Muſter, nach welchem Du ſchriebſt, war aber der Brief, welchen Du verlorſt und ich zu Deinem Unglück finden mußte — auf der Reiſe ſchriebſt Du den andern fertig und ſickteſt den echten in Deine Taſche. Iſt's nicht ſo? So ſprich doch, Mann des Erbarmens, Du brauchſt Dich ja nicht zu ſchämen, denn die Leute ſehen und hören Dich nicht und von mir biſt Du ja vollkommen entlarvt — nun wird's?“ „O die Verſtocktheit, welche die Handlungen der Heiligen Begebenheiten eines Weltmannes. 83 nach dem Maßſtabe der eignen Schlechtigkeit abmißt!“ rief der hartnäckige Lügner; „wiſſe daß ich kein Jota von meinen Wor⸗ ten fallen laſſe, daß ich bei meiner Ausſage bleibe Wort für Wort und jeden, welcher an der Wahrheit derſelben zweifelt, für einen Lügner, für einen Gottloſen, für einen Bundesgenoſ⸗ ſen deſſen erkläre, der da ein Lügner war vom Anfange und Leib und Seele verdirbt.“ „Bube Du!“ rief der Andre erzürnt; „es iſt eine Roh⸗ heit einen Menſchen zu ſchlagen, aber Du verdienſt eine fühl⸗ bare Züchtigung, denn für jedes ſtrafende Wort biſt Du zu ſchlecht und die dicke Maske der Frechheit, welche Du vor Dei⸗ nem Geſichte trägſt, läßt keinen Schimmer von Scham durch⸗ dringen — eine Hornhaut iſt über Deine Seele gewachſen — daß das Schickſal mit Bauſteinen beladene Frachtwagen über Dich gehen ließe, Du verhärteter, Du ſcheinheiliger Sünder — da, nimm das, nimm das und das — es iſt der Lohn, der Dir gebührt.“ Der Sprechende ſchlug den Frommen mehrmals mit der flachen Hand in's Geſicht, daß es laut durch's Zimmer ſchallte; jener wußte für den Augenblick nicht wie ihm geſchah noch was er machen ſollte, und drehte ſich auf die Seite wie Einer, welchem man plötzlich eine Kanne Waſſer über den Kopf ge⸗ goſſen hat. „Nun geh'!“ rief Caſanova außer ſich vor Aerger, 8 n 6* Caſanova. indem er mit der Züchtigung inne hielt; „geh' und wage es nicht Dich je wieder bei mir blicken zu laſſen, denn ich ſchwöre es Dir zu, es ſoll Dir nicht gut gehen, wenn Du Deine ver⸗ ächtliche Perſönlichkeit mir wieder zu nahe bringſt.“ „O, ich leide, ich dulde,“ entgegnete Mieſching, wel⸗ cher ſeinen ſchnaubenden Athem nicht ganz im Zügel halten konnte; „ich dulde um Gottes Willen, aber es wird die Zeit noch kommen, wo ich, auf den Thron ber Herrlichkeit erhöht, Dich, deſſen ruchloſe Hände mich anzutaſten wagten, am Orte der Greuel wimmern ſehe und bitten höre, daß ich nur den äußerſten Finger meiner Rechten in kühles Waſſer tauchen und einen Tropfen auf Deine Zunge träufeln möchte. Brennen wird die Zunge des Frevlers und Quellen werden aus ſeines Her⸗ zens Tiefen auflodern, Quellen wie Feuerflammen und freſſende Schlangen, und keine Linderung der Pein wird's geben und kein Ende der Marter wird ſein in alle Ewigkeit.“ Mit dieſer Verwünſchung ging der Gemißhandelte zur Thür hinaus und ließ den innerhalb der vier Wände allein, welchen er dem Satan, dieſem Fürſten der Hölle, mit dem er ſich mehr als mit Gott und ſeinem Heilande zu ſchaffen machte, ſo eben übergeben hatte. „Dieſe Buben!“ rief Caſanova, als er wieder allein war, „vor nichts ſcheuen ſie ſich, vor keiner Sünde beben ſie zurück. Schade nur, daß man ſich noch über ſie ärgert, ſie —— — Begebenheiten eines Weltmannes. 85 ſind's nicht werth, nicht ein Wort ſind ſie werth, geſchweige denn einen Tropfen Galle, der uns das Blut bitter macht.“ Er zog ſich an und begab ſich hinunter in das Gaſt⸗ zimmer. Hier ſah es ziemlich leer aus, denn die Fremden waren ſämmtlich in dem Gartenſaale, wo für gewöhnlich zu Mittag geſpeiſ't wurde. Nur ein Gaſt, ein Mann in mittlern Dreißigen, ſaß mit nachläſſig vorgeſtreckten Beinen und übereinandergeſchlagenen Armen in einer Ecke und blies den Rauch einer Havannacigarre, die er im Munde hatte, gedankenlos vor ſich hin in die Luft. Er trug Civilkleidung, allein man ſah es ihm auf den erſten Augenblick an, daß er Soldat war. Er ſchien den Eintreten⸗ den erſt gar nicht zu bemerken, denn er erwiederte deſſen ſtumme Verbeugung nicht einmal mit einem Kopfnicken, dann aber ſtand er auf und grüßte jenen, gleich als wenn er ihn vorhin gar nicht geſehen hätte. Nach und nach entſpann ſich ein Geſpräch ziſchen den beiden Männern, welches immer lebhafter und wärmer wurde, je länger es dauerte. „Sie werden hier logiren?“ fragte Caſanova, als die Unterhaltung etwas in's Stocken gerathen war. „Allerdings — nur gehe ich nicht gern mit vielen Leu⸗ ten um und würde es vorziehen, mit Ihnen auf Ihrem Zimmer Caſanova. zu eſſen, wenn Sie nichts dawider haben, indem das meinige noch ziemlich in Unordnung iſt.“ „Mir recht.“ „Abgemacht, beſtellen wir!“ rief der Officier. „Ich gehe voraus, laſſen Sie ſich zu mir führen,“ ſprach Caſanova, der ſich wirklich entfernte. „Wer iſt der einzelne Herr, der im Zimmer ſitzt?“ fragte er den Kellner, welchem er vor der Thür begegnete. „Der mit dem rothen Schnurrbarte?“ „Eben der.“ „Papterka hat er ſich in's Fremdenbuch geſchieben und iſt Major in — — ſchen Dienſten.“ „Weiter weiß niemand etwas?“ „Er kannte den geiſtlichen Herrn, der bei Ihnen geweſen iſt, und hat mir zwei Flaſchen Wein aufzuheben gegeben, die ich in meinem Verſchluſſe habe.“ — „So?“ rief Caſanova etwas frappirt, „kannte er den? Eine flüchtige Reiſebekanntſchaft ohne Zweifel, weiter wird's nichts ſein.“ „Mit Ihrer Erlaubniß!“ wendete der Andre ein, „danach ſah es nicht aus, ſie mußten ſich genau kennen.“ „Auch gut, deſto beſſer wollt' ich ſagen,“ äußerte Caſa⸗ novaz „der Fremde braucht nicht zu erfahren, daß ich nach ihm gefragt habe, verſtanden?“ Begebenheiten eines Weltmannes. 87 „Ja, wohl verſtanden.“ Jetzt klingelte der Fremde inwendig und die beiden Spre⸗ chenden treunten ſich, Caſanova um auf ſein Zimmer zu eilen, der Kellner um nach dem Begehren des Gaſtes zu fragen. Als der Erſte oben angelangt war, machte er ſich aller⸗ hand Gedanken über das merkwürdige Zuſammentreffen mit einem Manne, welcher äußerlich gar nichts von einem Frommen an ſich hatte, der That nach aber doch mit jener Secte in Ver⸗ bindung ſtehen mußte, denn ſonſt hätte ihn Mieſching nicht mit ſeinem Vertrauen beehrt. „Wollen ihn ankommen laſſen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt, „werden ja ſehen, ob ſie wieder eine Mine in Bereitſchaft ha⸗ ben, mit der ich in die Luft gehen ſoll.“ Ein Kellner trat ein und deckte; unmittelbar hinter dem⸗ ſelben kam auch der Officier, welcher ſich nochmals entſchul⸗ digte, daß er einem Urhekannten auf dieſe Weiſe vielleicht zur Laſt fiele.“ „Im Gegentheil!“ erwiederte Caſanovaz „ich mache mir ein Vergnügen daraus, in Ihrer Geſellſchaft ein Mittags⸗ brod einzunehmen — iſt's gefällig, ſo ſetzen wir uns.“ Beide nahmen Platz am Tiſche und der Major begann in Ermangelung andern Zeitvertreibes mit ſeinem Meſſer Brod⸗ figuren zu ſchneiden, welche er, ſobald eine fertig war, zum 88 Caſanova. Munde führte. Caſanova fand dieſe Unterhaltung höchſt langweilig, ließ den Mann aber gewähren und begnügte ſich, die Thätigkeit ſeiner Hände lächelnd mit den Augen zu ver⸗ folgen. Unverſehens blickte der Major vom Tiſchtuche empor, ſeine Augen begegneten denen Caſanova's — er erſchrak inner⸗ lich und es zuckte ein heimlicher Schauer über die ganze Ober⸗ fläche des Mannes. Ha, was ſollte das bedeuten? Auch Ca⸗ ſanova erſchrak, er konnte ſich nicht erklären weswegen, aber ein unwiderſtehliches Gefühl regte ſich mahnend in ſeiner Bruſt, er glaubte es inwendig rufen zu hören: „Sei auf Deiner Hut, nimm Dich vor dem in Acht!“ Nun erſt trat das unheimliche Weſen in der Perſon des Majors vollkommen hervor, nun erſt fielen dem jungen Manne die Schuppen von den Augen. Ein verlegenes Lächeln war der nächſte Uebergang zu der einzuleitenden Unterhaltung, welche danp guch begonnen und ſo fortgeführt wurde. Der Major kam eben aus der Reſidenz, welche Caſa⸗ nova hatte verlaſſen müſſen; er wußte ein Langes und Breites von den Naturſchönheiten, von den Menſchen, welche er bort „ hatte kennen lernen, von den Kunſtſchätzen und hunderterlei an⸗ dern Gegenſtänden zu erzählen, auch von der Geſchichte mit Thereſen hatte er munkeln hören, that jedoch, als wäre er Begebenheiten eines Weltmannes. 89 über dieſen Punkt noch nicht recht im Klaren, und um der Sache die Krone aufzuſetzen, richtete er die ganz naive Frage an ſeinen Tiſchgenoſſen, ob dieſer ſich ebenfalls einige Zeit dort aufgehalten hätte und wie es ihm vorgekommen wäre. „Allerdings, längere Zeit!“ entgegnete Caſanova, „und gefallen hat mir's außerordentlich, das kann ich nicht anders ſagen.“ „Schöne Weiber giebt's dort, bei meiner armen Seele,“ rief Papterka, „und wenn Einer dort kalt bleibt, der muß von Holz ſein — denken Sie ſich wie mir's ging — nun ich bin einmal nicht von Holz, bei Gott nicht, zumal wenn ich ein Glas Wein getrunken habe — Aprops da wir vom Weine reden, ich habe unten zwei Flaſchen belicaten Rebenſaft — Tockaher Ausbruch — dem Kellner in Verwahrung gegeben, wollen wir ſie ausſtechen? He da, Burſche, geh', ſage unten, man ſollte Dir die zwei Flaſchen Wein geben, welche ich ein⸗ geſetzt habe, und bringe ſie herauf.“ „Ich beraube Sie ungern,“ unterbrach ihn der Andre, „und ein leichter Wein iſt mir lieber; indeß ein Glas, aber auch nur ein einziges, nehme ich an.“ „Lieber gar bloß!“ rief Papterka; „wir werden ja ſehen; nach dem erſten kommt das zweite und ſo fort bis zum letzten — der infame Kellner ſteht immer da wie ein Maulaffe und fängt jedes unſrer Worte auf; ſchicken wir den Flegel fort, 90 Caſanova. ſobald vollſtändig ſervirt iſt, damit wir ungenirt plaudern kön⸗ nen. Alſo wie mir's gegangen iſt, wollte ich erzählen. Hören Sie. Kaum bin ich in der Reſidenz warm geworden, ſo wirft auch eine liebenswürdige Fiſcherin ihre Netze und Angelhaken nach mir aus, ich beiße richtig an und bei einem Haare hätte mich der kleine Teufel ſo feſt umſponnen, daß an ein Loskom⸗ men nicht zu denken geweſen wäre. Ich gehe nämlich eines Morgens, wo mich die lange Weile plagte, in den Anlagen umher, welche der Reſidenz zu ihrer ſchönſten Zierde gereichen; wie ich ſo an dem Teiche hinſchlendere, welcher ſich durch die Gebüſche und Bäume dahinzieht, komme ich auch an eine Gar⸗ tenthür, die offen ſteht. Ich laſſe das Waſſer mit ſeinen ſpie⸗ lenden Fiſchen hinter mir und trete in den Garten hinein. Himmel, welch eine Blumenpracht! Mit Worten läßt ſich nicht ſchildern, was die Natur hier auf einem kleinen engbegrenzten Raume zuſammengedrägt hatte. Ich denke gar nicht daran, daß ich mich in dem Privateigenthume eines Menſchen befinden könne, welcher vielleicht gar nicht Luſt hatte, jemandem den Zu⸗ tritt zu geſtatten, und gehe ſo rüſtig vorwärts. Ganz im Hin⸗ tergrunde ſteigt das Land zu einem ſanften Hügel an, welcher mit Obſtbäumen bepflanzt iſt; ich gehe dahin, bleibe aber auf einmal ſtehen wie angewurzelt, dort linker Hand in der Laube liegt ein Weib hingegoſſen, ein Weib, ſchöner als die Phan⸗ taſie eins hätte malen können, und wenn ſie ihren Pinſel in — — ———— Begebenheiten eines Weltmannes. 91 die Gluthfarben orientaliſcher Liebe getaucht hätte. Das lange Haar wallte in üppiger Fülle auf ihre Schultern nieder, der linke Arm hing nachläſſig herunter und hielt eine Guitarre feſt, welche unten den Boden berührte, der rechte war quer über den Buſen gelegt, ſo daß die marmorweiße Hand bdie linke Seite der Bruſt berührte.“ Hier hielt der Erzähler inne, denn ſo eben wurde der Wein gebracht und die Suppe aufgetragen. „Haſt Du von Deinem Herrn ausdrücklichen Befehl er⸗ halten, unſer Geſpräch zu behorchen, daß Du hier ſtehen bleibſt wie eine Schildwache?“ fragte der Major den Kellner, welcher ſich an die Thür poſtirt hatte; „ich bächte Du hätteſt wenig⸗ ſtens Schicklichkeitsgefühl genug, daß Du einſäheſt wie unartig es iſt, wenn —“ „Verzeihung, mein Herr,“ erwiederte der Andre, „ich werde Ihrem Wunſche gemäß draußen warten; haben Sie die Güte zu klingeln, ſobald Sie mich nöthig haben.“ Somit entfernte er ſich. „Unverſchämtes Volk das!“ rief der Major; „alſo ich ſtehe von der Gewalt dieſer Schönheit wie angedonnert ſtill; ich war nicht fähig ein Glied zu rühren, aber unwillkührlich zitterte ich am ganzen Leibe. O, ſinnverwirrende, herzbethörende Gewalt, die meine ganze Seele faßte, als ich dieſes Weib er⸗ 92 Caſanova. blickte — es zog mich hin zu ihr, es war als wäre ich von Eiſen und ſie der Magnet, von deſſen gewaltiger Kraft ich an⸗ gezogen würde, und doch konnte ich nicht vorwärts, der Schrecken — ich war vor ihrer Schönheit erſchrocken — Bhatte mich gelähmt. Wie ich ſo ſtehe und bebe, erhebt ſie ſich, er⸗ blickt mich und lächelt mir entgegen; ein ganzer Himmel voll tauſend leuchtender Sonnen that ſich in dieſem Momente vor meinen Augen auf; mit ausgebreiteten Armen hätte ich hinein⸗ ſtürzen mögen wie ein Weltkörper, der Licht und Wärme braucht, auch in den Himmel hineinbrauſ't, unbekümmert darum ob er irgendwo auftreffen und wie ein Waſſertropfen, der aus ſchwind⸗ lichen Höhen auf einen Stein fällt, zerſtäuben kann... Aber Sie trinken ja nicht — wir wollen uns in die Flaſchen thei⸗ len; die nehme ich, nehmen Sie dieſe da — eingeſchenkt.“ Er ſchenkte ſich ein, der freigebige Weinſpender, er ſtürzte das Glas mit einem Male hinunter und forderte durch beredte Blicke ſeinen Tiſchgenoſſen auf ein Gleiches zu verſuchen. Caſanova willfahrte ihm, aber bloß zur Hälfte, denn er ſchenkte, dem Weine nichts Gutes zutrauend, zwar ſein Glas voll, trank aber bloß einen kleinen Schluck davon. Er gab vor, über dem Eſſen liebte er ein Glas friſches Waſſer mehr als ein Glas Wein, und wäre es Tokaher, aber nach dem Eſſen pflegte er ein Fläſchchen auszuſtechen. Indeſſen ließ es ſich Begebenheiten eines Weltmannes. 93 doch nicht anders thun, er mußte zwei volle Gläſer von jenem Weine trinken, denn der Major ſtieß öfters mit ihm an und nöthigte ihn auf dieſe Weiſe Beſcheid zu thun. Da er keine nachtheilige Wirkung ſpürte, verminderte ſich überdies ſein Ver⸗ dacht, er gewann wieder Vertrauen und ſchenkte ſich das dritte Glas freiwillig ein. Sie waren eben bei dem Nachtiſche und der Major hatte ſeine Erzählung von dem erſten Abenteuer, das er in jener Reſidenz gehabt haben wollte, immer noch nicht beendigt, denn er ſchmückte jeden einzelnen Umſtand abſichtlich mit den üppig⸗ ſten Farben aus. Sie war aus der Laube getreten, fuhr er fort, auf ihn zugekommen, ihre Freundlichkeit hatte dem Halb⸗ lebloſen die Seele wiedergegeben, ſie hatte ihn mit ſich in die Laube genommen, er war ihr gefolgt — und ach, wie gern! und weiter erzählte er haarklein alles das, was ferner zwiſchen Beiden vorgefallen war bis zu jenem Aeußerſten — über welches wir den Schleier des Stillſchweigens ziehen. Caſanova war wirklich von den üppigen Bildern, die wie dunkelrothe Leuchtkugeln eins nach dem andern in die Höhe geſtiegen kamen, erregt worden — aber dem Sprecher durfte er nicht in's Geſicht ſehen, denn ſobald er dieſes that, glaubte er einen Geiſt aus der unterſten Hölle zu erblicken, der erſt Caſanova. hinter dem Manne ſtand, dann aber ſich über ſeine Perſon her⸗ legte, ſo daß dieſe nicht mehr ſichtbar war. Jetzt aber mit einem Male, jetzt wo er das dritte Glas zur Hälfte geleert hatte, fühlte er eine merkwürdige Schwere in ſeinen Gliedern, beſonders die Augenlider wollten ihm zufallen und in den Arm⸗ und Beingelenken ſchien Blei zu liegen, wel⸗ ches dieſelben niederzog. Er erſchrak als er dieſe Bemerkung machte, er beobachtete ſich in der Stille immer aufmerkſamer und mit jeder Minute ſah er die ſchreckliche Gewißheit deut⸗ licher, daß er einen Schlaftrunk bekommen hatte. Lauernd ſaß der Major ihm gegenüber, jede ſeiner Bewegungen beobachtete er von der Seite und der unheimliche ſcheue Verrätherblick, mit welchem er dieſes that, ſteigerte die Furcht und das Grauen Caſanova's nur noch mehr. Er entſchloß ſich alle ſeine Kräfte anzuſtrengen, um die Macht jenes Mittels zu überwäl⸗ tigen — er ſtürzte haſtig mehrere Gläſer Waſſer hinunter, aber wie er auch rang, wie er auch kämpfte — die Wirkung des Schlaftrunkes wurde immer unwiderſtehlicher und er fühlte ſich dem Erliegen nahe. Wer beſchreibt die Angſt, welche ſeine Seele jetzt erfaßte, der heiße Schweiß trat ihm auf die Stirne und die bebende Lippe konnte kein Wort mehr hervorſtammeln. „Was ſoll ich thun?“ dachte er ſchon über dem nicht⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 95 lichen Abgrunde des Schlafes ſchwebend, in welchen er begra⸗ ben werden ſollte; „ein guter Engel gebe mir einen Ent⸗ ſchluß ein.“ „Ich fürchte, Ihr Tokaher Ausbruch ſchadet mir!“ rief er unvorſichtig genug dem Major zu; „weswegen miſchten Sie den Schlaftrunk darunter? Ich rufe die Dienerſchaft, ich will allein ſchlafen.“ „Welch eine Beleidigung, mein Herr!“ erwiederte der Andre aufſpringend; „glauben Sie, ich werde es dulden, daß Slie Ihren unwürdigen Verdacht vor jenem gemeinen Menſchen ausſprechen?“ Zugleich zog er einen blinkenden Dolch aus ſeiner Bruſt⸗ taſche und drang damit auf den Wehrloſen ein. „Mörder, Mörder!“ ſchrie dieſer, indem er ſich hinter den Tiſch retirirte; „Mörder, zu Hülfe!“ „Schrei nicht, Schurke!“ drohte der Major, indem er ſeinen Gegner zu erreichen ſuchte, „die Spitze dieſes Dolches iſt vergiftet, und wenn ich Dir die Haut damit ritze, biſt Du „ ein Kind des Todes, ehe die Uhr die neue Stunde ſchlägt.“ Caſanova, welchem die Größe der Gefahr wieder Leben gab, wußte jedoch ſich ſo zu wenden, daß der Tiſch immer zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem drohenden Feinde blieb; er warf mit Fleiß die Stühle um und ſchrie dazu ſo laut er konnte.“ 96 Caſanova. Dieſer tolle Lärm lockte endlich Menſchen herbei; es waren mehrere auf der Straße ſtehen geblieben, welche nach dem Fen⸗ ſter im erſten Stockwerke des Gaſthofes hinaufſchauten, aus dem der Hülferuf erſchallte, überdies hatte man auch ſchon in der Hausflur gehört wie es oben zuging, und der Hausknecht ſäumte keinen Augenblick, durch ſeine Dazwiſchenkunft den Streit zu ſchlichten. Da Menſchen herbeikamen, war es freilich mit dem Plane des Majors Papterka ſo gut als zu Ende. Ein fremder Officier, welcher ſich unter den Nahenden befand, trat gleich nach dem Hausknechte in's Zimmer und erkannte ſeinen Mann. „Ah, Herr Major,“ rief er aus, „Sie find's! Was ha⸗ ben Sie mit dieſem Herrn vor, wenn man fragen darf?“ „Hölle und Teufel,“ ſchrie der Major „et mich bei meiner Ehre an.“ Zugleich ergriff er die Flaſche mit dem verdächtigen Weine und ſchleuderte ſte mit ſolcher Gewalt zu Boden, daß ſie in kleine Stücken zerſprang und der Inhalt in den Teppich ſickerte. „Bei Ihrer Ehre? Freilich ein kitzlicher Punkt das, wo Sie nicht viel vertragen können,“ bemerkte lächelnd aber mit beißendem Spotte der Officier, „nur iſt es dann, dächt' ich, Sitte, daß man ſeinem Gegner mit ehrlichen Waffen und nicht mit ſolchen, welche bei dem feigen Banditenvolke der Italiäner üblich ſind, zu Leibe geht.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 97 „Was kann ich dafür, wenn ich im Augenblicke gereizt aufbrauſe und die kalte Ueberlegung verliere, vermöge deren man genau abzuwägen im Stande iſt, was ſich ſchickt oder was einen Gran zuviel wiegt?“ ſchrie der Major. „Mein Herr, ereifern Sie ſich nicht, wozu nützt das!“ gab ihm der Officier zur Antwort; „Sie werden es aber für gut finden, meinem Rathe zu folgen, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie jetzt dieſes Zimmer verlaſſen ſollen, wenn Sie anders nicht wünſchen, daß ich Dinge zur Sprache bringe, worüber Sie erröthen müßten, ſowie zu anderweiten Maßregeln greife, die Ihnen in keinem Falle erwünſcht kommen würden. Alſo gehen Sie.“ „Hinaus mit Ihnen!“ ſchrien mehrere Stimmen, und na⸗ mentlich der Hausknecht, welcher wie der Haushahn auf ſeinem Hofe ſein Recht in ſeinem Hauſe behaupten wollte, war einer der vorderſten, die Miene machten Hand an den Bedrohten zu legen. „Wagt es Einer, Ihr Schurken!“ donnerte ihnen jener entgegen; „wenn ich auch allein ſtehe und zwanzig gegen mich habe, ſo fürchte ich mich doch nicht — Platz da, rechts und links; ich gehe, mein Herr,“ wendete er ſich an den Officier, indem er die Uebrigen mit beiden Elbogen auf die Seite ſchob und nach der Thür ſchritt, „ich gehe, aber um Sie in einer Caſanova 1V. 7 98 Caſanova. Stunde vor dem Thore zu erwarten, welches ich Ihnen werde nennen laſſen.“ Bei den letzten Wechſelreden war Caſa nova ſeiner Sinne nicht ganz mehr mächtig geweſen und hatte ſie nur halb ver⸗ ſtanden; wie ein fernes Geräuſch, deſſen verhallende Töne mit ihren äußerſten Schwingungskreiſen an ſeine Ohren ſchlugen, war es ihm vorgekommen; er ſah den Major noch durch die Thüre gehen, dann fielen ihm die Augen zu und er ſchlief einen langen und feſten Schlaf. Er erwachte erſt am andern Morgen wieder, und als er die Augen aufſchlug, ſah er, daß man ihm einen Wächter ge⸗ geben hatte. Dieſer entfernte ſich, ſobald der Schlafende er⸗ wacht war, und dafür ſtellte ſich der fremde Officier im Zim⸗ mer ein, welcher den Major ſo nachbrücklich abgefertigt hatte. Der wackere Mann eröffnete dem dankbaren Jünglinge, daß jener ein Menſch von ſehr zweideutigem Charakter wäre — erſt Spie⸗ ler von Profeſſion, hätte er ſich von dieſem Handwerke zurück⸗ gezogen und ſtände nun als geheimer Agent mit einer frommen Partei in Verbindung, von deren Zwecken alle Welt nicht die beſte Meinung hätte. Wie der Ratz vom Taubenhauſe hätte er ſich davon gemacht, niemand wüßte wohin er ſeinen Weg genommen hätte. Begebenheiten eines Weltmannes. 99 Der Officier ſagte ferner, daß er nur ſo lange gewartet hätte, bis ſein Schützling aufgewacht wäre — jetzt müßte er weiter reiſen. Nach einem kurzen herzlichen Abſchiede trennten ſich Beide. 7* Viertes Capitel. — Hundert iſt wohl große Zahl; Aber, Liebchen, laß einmal, Laß es Hunderttauſend wagen Dich von Thron und Reich zu jagen! Hunderttauſend, welche Zahl! Sie verlören allzumal. Bürger. Nach Verona. „Mach Verona!“ rief der Gerettete, dem der Schrecken im⸗ mer noch durch die Glieder zitterte, „nach Verona, dem hei⸗ ligen Lande der Liebe, wo Romeo's und Juliens Aſche modert und wo der helle Stern mich hinzieht, welcher einen neuen ſchönern Tag über mich heraufführt — dort iſt kein Winter, und der Frühling reift die Feigen, welche der Herbſt dem Win⸗ ter übergab, der ſie nicht reifen konnte. Der Reben Fülle rankt ſich um Fels und Mauer hoch empor und Cactus und Agaven drängen ſich aus den Ritzen der Berge wie ſpringende Quel⸗ len — zwiſchen den grauen Oliven erhebt ſich ſtolz die immer⸗ grüne Pinie und die ſchlanke Cypreſſe hemmt die Fluth der lauen Lüfte, daß ſie rauſchen muß. Ha, und ein Himmel über dieſem Lande — tief blau iſt dieſer Himmel und rein wie ein — Begebenheiten eines Weltmannes. 10½ Krhſtall — Leopoldine, Leopoldine, ich komme — denkſt Du auch an Deinen Freund?“ „Aber ſollte ich nicht erſt zu ihm, zu meinem — was ſtockt mir das Wort auf den Lippen, was will es nicht her⸗ aus?“ rief er weiter. . „zu meinem Vater?“ ergänzte er mit ſichtlichem Zwange die obige Frage; „zu meinem Vater? Nun ja, ſo iſt's — er iſt es ja — aber ſie wollen mich nicht, und mich anzubieten bin ich zu ſtolz — fort von hier, fort in ein ſchönes Land, wo andre Sterne glänzen.“ Noch an dieſem Tage reiſ'te er ab — unterwegs nahm er ſich kaum ſoviel Zeit, daß er einen Biſſen aß, ſeiner Unge⸗ duld waren auch die ſchnellſten Pferde noch zu langſam; daß er unter dieſen Umſtänden von den Ortſchaften, welche er paſ⸗ ſiren mußte, nicht viel Notiz nahm, iſt wohl nicht zu verwun⸗ dern. Er reiſ'te Tag und Nacht unausgeſetzt und ein Trink⸗ geld über das andre trieb die Poſtillone zur größten Eile. So gelangte er eines Tages mit ſinkender Sonne an das Thor einer umfangreichen mittelalterlichen Stadt, deren hoch⸗ ragende Thürme er ſchon in der Ferne geſehen hatte. Das prächtige Thor ließ die Ausſicht auf einen ſchönen Platz frei, welcher ſich ſchon mit Menſchen füllte, die auf irgend ein Schau⸗ ſpiel warten mochten — weiterhin erblickte man die koloſſalen Ueberreſte eines altrömiſchen Bauwerkes. „Verona!“ ſagte der Poſtillon und fuhr, nachdem er 102 Caſanova. kurze Zeit im Thore gehalten hatte, ſeinen Paſſagier hinein in die Stadt. In dem vornehmſten Gaſthofe nahm der Reiſende Quar⸗ tier und richtete ſich alsbald ein, ſo gut es gehen wollte. Dieſe Beſchäftigung behagte ihm jedoch nicht lange; ungeduldig wie er war ſchloß er ſein Zimmer ab und begab ſich hinaus auf die Straße, wo er ſich unter die Menſchenmenge miſchte, welche in einem Zuge nach der Richtung hinwogte, in welcher er ge⸗ kommen war. Er gelangte auf dieſe Weiſe an den großen freien Platz, deſſen Dimenſionen ſchon vorhin ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatten, es war der Platz Bes, auf welchem ſich heute wie alle Tage die ſchöne Welt der volkreichen Stadt durcheinanderbewegte, um die Militärmuſik mit anzuhören, welche hier allabendlich zum Beſten gegeben wurde. Mitten in dieſem bunten Treiben⸗fühlte er ſich jedoch ein⸗ ſamer als auf dem ſtillen Zimmer; niemanden kannte er, nie⸗ mand kannte ihnz die Andern redeten mit einander, ſie lachten, ſie erzählten; er trieb ſich an den Leuten und die Leute trieben ſich an ihm vorüber, ohne daß beide Theile ſehr Notiz von einander nahmen. Endlich begann die Mufik — aber leider wurden lauter Märſche geſpielt, welche gerade zu ſeiner jetzigen Stimmung am wenigſten paßten. Aergerlich kehrte er in ſeinen Gaſthof zurück, Begebenheiten eines Weltmannes. 103 wo er ſich an die Wirthstaſel ſetzte, um ſeinen hungrigen Ma⸗ gen, den er mit ſeinen Forderungen ſchon lange auf die Zukunft vertröſtet hatte, endlich zufrieden zu ſtellen. Einige Franzoſen, Edelleute von altem echten Blut und der entſprechenden Geſinnung führten ein lautes Geſpräch; un⸗ glücklicherweiſe ſaß der eine Hauptredner gerade an Caſa⸗ nova's Seite, während der andre an der entgegengeſetzten Seite der Tafel Platz genommen hatte. Die Folge davon war, daß dieſe Herren, wenn ſie einander verſtehen wollten, ziemlich laut ſprechen mußten, ein Uebelſtand, dem ſich leicht würde haben abhelfen laſſen, wenn jene ſich bequemt hätten, bei einander Platz zu nehmen. Das Geſpräch war aber nicht bloß ſtörend, ſondern auch noch obendrein albern im höchſten Grade. Dieſe Menſchen unterhielten ſich nämlich im zuverſichtlichſten Tone von ihren angebornen Rechten der Canaille gegenüber und ſprachen zu wiederholten Malen die erbauliche Hoffnung aus, daß ſie ſammt ihrem Herrn und Gebieter, in deſſen Perſon ſie ein Muſter von edler Ritterlichkeit rühmten, in ihre wohlbegründe⸗ ten Rechte wieder eingeſetzt werden würden. „Ha!“ rief ein junger Milchbart, der ſeine Cigarre aus einer Lilie von weißem Silber rauchte, „ha, wir werden es ihnen anſtreichen, dieſen plumpen Plebejern, welche keine ritter⸗ liche Ader in ihren vierſchrötigen Leibern haben — man ſoll Wunder der Tapferkeit ſehen, denn unſre Damen werden uns 104 Caſanvva. begeiſtern, wenn wir das Schwert für die gerechte Sache aus der Scheide ziehen. Stoßen Sie mit mir an, mein lieber Carabes, mein Freund, mein Vorbild!“ „Marquis Dorneval,“ nahm der lange hagere Mann in ſilbergeſticktem Fracke und koſtbarer Weſte bedächtig das Wort, indem er ſein Glas in die Höhe hob, „ich ſtoße mit Ihnen an in Betracht Ihres guten Willens, muß Ihnen aber bemerklich machen, daß ich Marquis Charles von Carabes zu titu⸗ liren bin und daß es ſich in guter Geſellſchaft nicht ſchickt, einen Mann von meinen Würden ſo kurzweg wie einen Duz⸗ bruder anzureden.“ „Ha, Marquis!“ rief der Andre hitzig aufbrauſend, „ich bin Edelmann wie Sie und glaube nicht, daß eine kleine Ver⸗ traulichkeit von meiner Seite Sie beleidigen kann. Wäre das der Fall, ſo würde ich einen Schimpf für meine Perſon darin erblicken und dieſen blutig rächen müſſen.“ „Bei Leibe nicht, mein guter Marquis Dorneval,“ nahm der Bedächtige das Wort wieder; „wie kann mir das einfallen? Der gute Ton nur war's, worauf ich halten wollte, und Sie ſehen wohl, daß wir dieſes müſſen, wenn wir die fei⸗ nere Umgangsſprache, wie ſie doch zu einem wahrhaften Hof⸗ leben in der Zukunft nöthig ſein wird, uns nicht ganz abge⸗ wöhnen wollen.“ Aus Aerger über ſolches Gerede, das er mit anhören Begebenheiten eines Weltmannes 105 mußte, aß Caſanova ſo haſtig als er immer konnte. So⸗ bald er geſättigt war, ſtand er vom Tiſche auf und ließ ſich ſeinen Wein an ein beſondres Tiſchchen nächſt dem Fenſter bringen, wo er wenigſtens ungeſtört denken konnte, was er Luſt hatte. Er ließ den Wirth zu ſich rufen und beſtellte bei dem⸗ ſelben für den folgenden Tag einen kundigen Führer für Stadt und Umgegend. „Ich ſtelle Ihnen gleich einen vor, welcher heute frei ge⸗ worden iſt,“ ſagte der Mann zu ſeinem Gaſte; „die engliſche Familie, welcher er diente, iſt eben abgereiſ't. Domenico, Domenico!“ rief er nach der Thüre gehend. Domenico kam herein und der Wirth führte denſelben zu Caſanova, der ſich mit ihm verfländigen ſollte. Der Cicerone war ein gewandter Burſche, der im Umgange mit Leuten aller Nationen ſich Menſchenkenntniß und Sprachfertig⸗ keit genug erworben hatte, um auch geſteigerteren Anforderungen zu genügen. Dabei war er nicht ungebildet, beſonders in der Geſchichte bewandert, und kannte die Stadt und Umgegend in⸗ und auswendig, wie er ſich ausdrückte. Man war bald über die tägliche Bezahlung mit einander einig und ſchon am näch⸗ ſten Morgen wollte man einen Ausflug machen, um die herr⸗ lichen Landſitze zu beſehen, welche in der Nähe lagen und Ca⸗ ſanova's Aufmerkſamkeit ganz beſonders erregten. 2 106 Caſanova. „Beſitzt nicht ein gewiſſer Herr Mills ebenfalls ein Land⸗ haus bei Verona?“ fragte Caſanova wie von ungefähr. „Mills? Mills?“ entgegnete der Cicerone nachſinnend; „mir iſts ſo — ja richtig, ich hab's; mein Vetter, welcher wie ich die fremden Herrſchaften herumführt, hat vor kurzer Zeit einer Miß Mills und ihrer Gouvernante gedient — ſie wohnen nicht weit von hier und ich will mich erkundigen.“ Kaum hatte ſich der Cicerone verabſchiedet, als ein Mann hereintrat, welcher ſich für einen Zollbeamten ausgab und dem erſtaunten Caſanova bemerklich machte, daß er ſeinen Koffer öffnen möchte, indem man ihn in dem Verdachte hätte, ſteuer⸗ pflichtige Waare eingeführt zu haben. „Ich habe nichts!“ rief dieſer aufſpringend; „ich weiß nicht, was Sie zu dieſem Verdachte berechtigt; ich öffne meine Zimmer nicht, Sie mögen machen was Sie wollen.“ „So ſehe ich mich genöthigt Gewalt zu brauchen, mein Herr,“ ſagte der Zollbeamte mit unerſchütterlicher Ruhe. „Thun Sie das, wenn Sie glauben daß Sie es verant⸗ worten können,“ rief der Andre hitzig; „ich wende mich ſogleich an die Behörde und Sie werden ſehen, daß es nicht in Ihrer Macht ſteht, die Ruhe rechtſchaffener Menſchen nach Ihrem Be⸗ lieben zu ſtören.“ „Ich thue bloß meine Schuldigkeit, mein Herr, weiter nichts,“ erwiederte jener wie vorhin; „aber es iſt auch keine Begebenheiten eines Weltmannes. 107 Gewalt der Erde im Stande mich meinen Pflichten ungetreu zu machen. Wollen Sie alſo öffnen oder ſoll ich den Schloſſer herbeirufen laſſen, daß dieſer aufmacht?“ Caſanova beſann ſich einen Augenblick; es fiel ihm ein, daß Leute dieſer Art eine kleine Doſis von dem Metalle, das die Welt regiert, urplötzlich andern Sinnes macht — er griff in die Taſche und ließ ſoviel von klingender Münze in die Hand des Unerbittlichen hineingleiten, als er für hinreichend hielt, ihn zu beſchwichtigen. „Glauben Sie mir auf mein Wort, daß ich nichts Zoll⸗ bares bei mir habe?“ fragte er dann in zuberſichtlichem Tone. Jener, der das Geſchenk bereitwillig entgegengenommen und ſo unbemerkt als immer möglich in ſeiner Taſche aufge⸗ hoben hatte, machte eine bedenkliche Miene. „Es iſt freilich meine Pflicht,“ ſagte er zögernd, „Denun⸗ ciationen zu berückſichtigen, welche Ihren Namen genannt und auch angegeben haben, was Sie Zollbares bei ſich führten. Allein Sie geben mir Ihr Wort und die Wahrhaftigkeit dieſer Ausſage erlaubt meinem Gewiſſen nicht länger zu zweifeln. Der Herr, welcher draußen in der Hausflur wartet, hat Sie denuneirt — leben Sie wohl, Gott behüte ſie.“ Der Mann entfernte ſich, Caſanova folgte ihm auf dem Fuße. Aber wie erſtaunte er, als er hinaustrat und dort niemanden anders als den ſaubern Papterka, dieſen Menſchen, 108 Caſanova. welchen er in der innerſten Seele verabſcheute, zu Geſicht bekam. „Biſt Du es, Schurke?“ rief er zornentbtannt; „biſt Du mir nachgereiſt, Du Schlange, und willſt mich auf dieſe Weiſe fangen?“ Er faßte den Menſchen bei der Gurgel und drückte ihn mit aller Kraft gegen die Wand. „Laß mich los, Klopffechter!“ keuchte jener; „was hab' ich mit Dir zu ſchaffen?“ „Er wollte mit hinauf auf mein Zimmer gehen?“ fragte Caſanova den Beamten, welcher dieſer Scene in aller Ruhe zugeſehen hatte; „ich hätte alle Koffer auſſchließen müſſen, er hätte in der Schnelligkeit — behend iſt er wie eine Schlange — etwas wegnehmen und damit fortlaufen können; o, ich durch⸗ ſchaue Dich. Jetzt gehſt Du, und wo Du es wagſt, mir wie⸗ der zu nahe zu kommen —“ „Ich wüßte nicht, wen ich fürchten ſollte!“ lachte der Andre ingrimmig; „ich bin durch gute Fürſprecher ſo leidlich acereditirt.“ Somit ging der freche Menſch von dannen und ließ ſei⸗ nen Gegner ſtehen. Dieſer befahl ſogleich, man ſollte niemanden auf ſein Zim⸗ mer laſſen, wer es auch ſein möchte. Wollte ihn jemand ſpre⸗ chen, ſo ſollte man ihn herunter in das Geſellſchaftszimmer Begebenheiten eines Weltmannes. 109 rufen, wo er ſchon ſelbſt ſehen würde, was er zu thun oder zu laſſen hätte. Er verfügte ſich zu Bette, denn er fühlte Verlangen nach einem weichen Lager, weil er ein ſolches ſchon ſeit langer Zeit hatte entbehren müſſen. Aber kaum katte er einige Stunden geſchlafen, als er wieder aufwachte, denn ein ſchreckliches Ge⸗ witter, eins von denen, welche nur die heißere Sonne des Sü⸗ dens auszukochen im Stande iſt, ſtand am Himmel und ſendete Fluthen von Regen auf die Erde hernieder, Donnerſchlag folgte auf Donnerſchlag und die flammenden Blitze ſchlugen durch die finſtere Nacht, als wollten ſie die Welt an allen Enden an⸗ zünden. Bis der Tag dämmerte konnte er kein Auge ſchließen — innerlich zitternd ſchlich er an's Fenſter und ſchaute hinaus in die dunkle Wetternacht, welche alle Augenblicke von einem an⸗ ders gefürbten Blitzſtrahle durchhellt wurde. Endlich erhob ſich der Sturm — er nahm die ſchwarze Wolkendecke unter ſeine gewaltigen Flügel und trug ſie weiter um die geängſtigte Stadt von ihrem Schrecken zu erlöſen. Früh bei guter Zeit trat der Cicerone in die Stube, wel⸗ cher meldete, daß er geſtern Abend noch erfahren hätte, wo Herr Mills ſeinen Landſitz hätte. „So wollen wir heute dahin aufbrechen.“ 110 Caſanova. „Heute?“ fragte Domenico; „wollen Sie nicht erſt die Schönheiten der Stadt ſelbſt beſehen?“ „Nichts damit, die laufen uns nicht davon!“ rief der Ge⸗ fragte; „wir beſuchen Mills.“ „Dann rathe ich Ihnen, daß Sie ſich in mittelalterlicher Tracht dahin begeben,“ ſagte der verſtändige Domenico; „es liegt dieſer Landſitz im Bereiche der Gegend, wo heute ein Feſt gefeiert wird. Es iſt ein altes Herkommen, eine Art von Mas⸗ kerade im Freien und in den Häuſern, zum Andenken, wie man ſagt, an eine Begebenheit, welche ich Ihnen erzählen will.“ „So ſchaffe mir einen Anzug, wie Du denkſt!“ entgegnete Caſanova voller Ungeduld; „brauchſt Du Geld, hier iſt wel⸗ ches, aber beeile Dich.“ Der Diener nahm den Beutel, welcher ihm dargeboten wurde und entfernte ſich. Als er zurückkam, brachte er einen Schneider mit, welcher Kleider aller Art zu verleihen hatte, auch nach Befinden deren verkaufte, und dieſer trug ein Packet mit den verlangten Klei⸗ dungsſtücken unter dem Arme. Alles paßte wie angegoſſen — der Handel wurde richtig gemacht und im zugemachten Wagen trat Caſanova mit ſeinem Cicerone wenige Augenblicke dar⸗ auf die Reiſe an. Unterwegs erzählte der Cicerone, was es mit jenem Feſte für eine Bewandtniß haben ſollte. In uralter Zeit, noch ehe Begebenheiten eines Weltmannes. 111 die Welfen und Gibellinen Italien durch ihre Kämpfe verwü⸗ ſteten, ſei ein feindliches Heer in das Land gedrungen und habe geſengt und gebrannt nach Hetzensluſt. Da wiäre der General zufällig zu einem Maskenballe gekommen, welchen die Bewohner jenes Landſtriches, ſich ſicher glaubend, unter ſich gehalten hät⸗ ten. Ohne ihn zu kennen wären alle ihm freundlich entgegen⸗ gekommen, und dieſer Umſtand hätte den ſonſt ſo harten Mann bewogen, die ganze Landſchaft mit ſeinen ferneren Beſuchen zu verſchonen. Der General hat Enzio geheißen und iſt mäch⸗ tiger geweſen als Theodorich der Oſtgothenkönig, welcher in Verona reſidirte, und die ſchöne Donna, welche ihn zum Chriſtenthume bekehrt haben ſoll, nennt man Julie Gap pola, die ſeine Gemahlin wurde. Wer nun an dieſem Tage ohne Maske ſich ſehen läßt, der wird unerbittlich in eine graue un⸗ bequeme Jacke geſteckt, in der er den ganzen Tag paradiren muß; man verſpottet ihn und überdies muß er ſich auch aus⸗ löſen.“ Der geſprächige Cicerone begann, als er mit dieſer Aus⸗ einanderſetzung fertig war, eine neue, denn er war der feſten Ueberzeugung, daß er in der Perſon ſeines Begleiters einen der aufmerkſamſten Zuhörer vor ſich hätte. Dieſer aber war bloß halb bei dem eifrigen Erzähler, welcher mit ſeiner Zunge die Samenkörner ausſtreute und hoffte, daß ſie auf fruchtbaren Bo⸗ den fallen würden. Caſanvva's Gedanken waren ſchon weit 112 Caſanova. vorausgeeilt. Sie ſchufen ſich ein Landhaus mitten in einer paradieſiſchen Gegend, ringsum ſchwollen Berge empor, welche von dichten Bäumen bedeckt waren; die Ebene, in welcher das alterthümliche Prachtgebäude ſtand, war wie ein blühender Gar⸗ ten, grüne Grasflächen wechſelten mit Blumenbeeten und Mhr⸗ then bildeten Gebüſche — ach, und dort im Fenſter ſtand ein liebes Engelskind und ſchaute lächelnd in ſein Paradies hinaus, in welches ein wohlbekannter Wandersmann ſo eben hereinge⸗ treten war. Von ferne klangen die Inſtrumente und die Stim⸗ men der Menſchen miſchten ſich immer lauter unter die Muſik — er winkte — ſie erwiederte ſeinen Wink mit dem Schnupftuche, welches ſie in dem Winde flattern ließ; ehe die Muſikanten und Sänger, die man immer deutlicher hörte, ganz herangekommen waren, ſchlüpfte er durch die Pforte in das Schloß, er ſaß ſicher und geborgen im heimlichen Zimmer an der Seite der Geliebten. Unter hundert andern Geſtalten wiederholte er denſelben Stoff; der Cicerone mochte reden was er wollte, Caſanova war nicht gegenwärtig. So verging die Zeit; plötzlich hielt der Wagen an und Domenico, welcher den Schlag aufgemacht hatte, äußerte, daß ſie hier an Ort und Stelle wären. Caſanova, freudig erſchrocken, zitterte leiſe — er ſtieg aus dem Wagen mehr wie ein Träumender als wie ein Wachen⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 113 der, und ließ ſich von Domenico am Arme führen, als ob er das Gehen erſt wieder lernen müßte. Der Wagen hielt vor einem Wirthshauſe, welches in ge⸗ ringer Entfernung von der Landſtraße an einem ſanft anſchwel⸗ lenden Hügel lag. Die Thüre ſtand offen, denn die Wirths⸗ leute hatten heute viel hin⸗ und herzugehen; ſaß doch vor dem Hauſe alles ſchon voll von Masken — links im Hintergrunde tanzten die Dirnen und die muntern Burſche um einen mäch⸗ tigen Kaſtanienbaum nach dem Takte der Muſik — weiter nach dem Vordergrunde zu waren Bänke und Tiſche geſetzt, auf wel⸗ chen Krüge und Gläſer ſtunden; die Menſchen gingen umher, neckten ſich, unterhielten ſich, trieben es ein jeder nach ſeinem Gelüften. Als man der beiden Kommenben anſichtig wurde, entſtand eine Pauſe, der Lärm ſtockte, denn man mußte ſich doch feſt beſtimmen, wie man dieſe Gäſte aufnehmen wollte. Zwei Jüng⸗ linge, welche vom Tanze etwas ausruhen wollten, ſprangen den Beiden entgegen, jeder nahm Einen am Arme und führte ihn mitten durch die jubelnde Menge bis zum Tanzplatze, wo man ihnen einen Strauß gab und ein Mädchen zuführte, mit dem ſie tanzen mußten. Domenico hatte nicht die beſte Maske gewählt und mußte deshalb einige Spöttereien hinnehmen, welche ihm beſonders ſeiner Duenna wegen nicht ſonderlich behagten. Caſanova hingegen machte ſich in ſeinem Mantel und Barett Caſanova 1v. 8 114 Caſanova. vortrefflich, man bewunderte ihn allgemein und zwar bisweilen ſo laut, daß er es hören mußte und ſich darüber ärgerte. Er hatte ein wunderſchön gebautes Mädchen zur Tänzerin erhalten. Die ſchlanken Formen fügten ſich ſo geſchmeidig in jede Richtung und eine Grazie war in ihrem ganzen Benehmen, daß er ſich unwiderſtehlich von ihr angezogen fühlte. Nur ihr Antlitz konnte er nicht zu ſehen bekommen, denn ſie trug eine hüßliche Maske, welche das Geſicht einer alten Hexe vorſtellte. „Warum haſt Du dieſe häßliche Maske gewählt, ſchöner Engel?“ fragte der Fremde ſeine Tänzerin, indem er ſie mit ſanfter Gewalt aus der Reihe der Tanzenden auf die Seite zog; „laß mich die Schale abnehmen und den blinkenden Edel⸗ ſtein, den ſie als Kern umſchließt, mit den Augen betrachten.“ „Nichts da!“ antwortete ſie ſchäkernd, indem ſie ihn auf die voreilige Hand ſchlug, welche ſchon nach der Maske griff, um dieſelbe herunterzunehmen. „Warte, ich will Dir's zeigen, was Du zu thun und zu laſſen haſt.“ „Gehen wir ein wenig auf und ab,“ fuhr er im ein⸗ ſchmeichelndſten Tone fort, „mir wird warm und ich möchte in's Kühle.“ „Das mag eher ſein,“ erwiederte ſie; „komm, dort um den Hügel herum, in die Pinienallee eingebogen, noch funfzig Schritte gemacht und wir ſitzen auf einer kühlen Steinbank unter dem dunkeln Schatten uralter Bäume, die ihre dichten Begebenheiten eines Weltmannes. 11¹5 Aeſte wie ein Laubdach über uns hreiten. Kannſt Du auch plaudern, wie wir Mädchen es gern haben?“ „O, und ob es ich kann!“ antwortete er; „Du ſollſt ſehen, liebe Taube.“ „Aber hübſch artig und nicht ungezogen, ſonſt ſetzt's etwas,“ unterbrach ſie ihn; „woher biſt Du denn? Aus Verona, nicht wahr?“ „Freilich komm ich aus Verona,“ ſagte er mit abſichtlicher Zweideutigkeit im Fortgehen zu ihr. „Dacht' ich's doch gleich,“ rief ſie ſcherzend; „aber Ihr hochgelehrten Herren aus der Stadt ſeid immer ſo gut und macht Euch über uns einfache Landmädchen luſtig — ſchön thut Ihr, ach gar zu ſchön, ſo lange wir's hören; kaum habt Ihr den Rücken gewendet, ſo geht auch das Auslachen los, ja, ja, leugne nur, immer leugne, ich glaube Dir's doch nicht.“ „Und darin thuſt Du Unrecht, weißt Du das auch?“ fragte er; „es giebt nichts Schöneres als ſolch eine blühende Roſe, die in der freien friſchen Luft gewachſen iſt, und nichts Widerwärtigeres, als ein ſieches Stubengewächs, das die Kunſt mühſam aus einer Hand voll Erde gezogen hat. Die warme Sonne konnte es nur ſtundenweiſe beſcheinen, es iſt matt gefärbt, und dieſelbe Kunſt, welche es erzeugte, muß nun auch künſtliche Schminke ſchaffen, um die matten Farben etwas zu heben.“ „Ei, allerliebſt!“ rief das Mädchen freudig überraſcht und 8* 116 Caſanova. ſchäkernd; „ſteh doch, wie beredt Du biſt! Du mußt ein Ken⸗ ner ſein oder Du biſt ein vollendeter Heuchler — hierher ge⸗ ſehen mit den Augen — Du haſt ja die Maske vor und wenn Du errötheſt, ſo ſehe ich's nicht, die Augen werden ja nicht roth, hier ſieh mir in's Auge — war das Deine wahre Mei⸗ nung, was Du vorhin ſagteſt?“ „Wie kannſt Du daran zweifeln?“ entgegnete er; „ich ſchwöre Dir's zu, daß ſie es iſt, was willſt Du mehr?“ Sie waren unter dieſen Wechſelreden bis in die Pinien⸗ allee gekommen, von welcher ſie vorhin geſprochen hatte, und ſahen das Wäldchen vor ſich, deſſen ebenfalls Erwähnung ge⸗ ſchehen war. In dieſem Augenblicke aber wurde ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von einem alterthümlichen Bauwerke gefeſſelt, welches in geringer Entfernung lag und ebenſowohl einem Schloſſe als einer Feſtung glich. Man ſah es auf den erſten Anblick, daß hier für Jahrhunderte gebaut worden war. Nach der Vorder⸗ fronte zu ſchließen, welche ſich von dieſer Seite präſentirte, mußten die Gebäude ſehr weitläufig ſein, denn der Baumeiſter hatte einen ſo auffallenden Sinn für Ebenmaß kund gegeben, daß dieſer einen Seite die andre entſprechen mußte oder der Be⸗ ſchauer irrte ſich ganz und gar in ſeiner Anſicht. „Was iſt das für ein Gebände?“ fragte Caſanova, dem bereits ein Licht aufzugehen begann, beklommenen Herzens. „Was wird's ſein?“ rief das Wäbchen lachend; „ein alter Begebenheiten eines Weltmannes. 117 finſterer Kerker iſt's, ein feuchtes modriges Schloß mit manns⸗ dicken Mauern, in welchem ein alter grämlicher Uhu niſtet, der keinem Menſchen das liebe Leben gönnt.“ „Du machſt mich neugierig,“ ſagte er; „wie heißt er denn und wer iſt er denn?“ „Mills heißt er und iſt ein Engländer,“ berichtete ſie ihm; „er läßt ſich nicht hören und nicht ſehen und läßt nie⸗ manden vor ſich, er müßte denn einmal ganz abſonderlich guter Laune ſein. Dazu iſt er ſteinreich — ſiehſt Du, liebe Maske, aber neugierig mußt Du nicht ſein, denn das ſchickt ſich kaum für eine Nachtigall und ein junges Mädchen, die gern alles wiſſen möchten, aber nicht für einen geſcheidten Herrn wie Du einer biſt.“ „Kleiner Narr!“ rief er und gab ihr einen ſanften Schlag auf die entblößte Schulter; „und was ſchadet's denn wenn wir plaudern, erzähle nur fort, denn Du erzählſt allerliebſt. Ich muß lachen, wenn ich mir den närriſchen Kauz denke, wie er daſitzt und Grillen fängt.“ „Ach ja, der Grillenfang iſt ein närriſcher Zeitvertreib,“ fuhr ſie fort, „ich kann mir's ſo recht lebhaft vorſtellen, wie es die Grillenfänger machen. Um und um lacht die herrliche Erde und prangt mit ihren Schätzen, die Blumen blühen und die Blüthen duften, die Bäume find grün, die Sonne ſcheint ſo warm und die lauen Lüfte klingen in lieblichen Melodien — 118 Caſanova. da ſitzt ein Menſch mitten in der ſchönen Welt wie ein Laub⸗ froſch, der auf Fliegen lauert — ſeine Stirn iſt gerunzelt, ſein Geſicht ſieht grämlich, ſchnapp, da hat er eine Grille, die er haſtig hinunterſchlingt, da wieder eine, da noch eine — und ſo fängt er um ſich herum nach Herzensluſt — ach, der Thor! Nun glaubt er mit vollem Rechte ſeufzen, jammern und lamen⸗ tiren zu können.“ „Das iſt die luſtige Seite,“ unterbrach Caſanova, der mehr erforſchen wollte, dieſe Herzensergießungen ſeiner Beglei⸗ terin, „aber bedenke einmal, ſolch ein Menſch hat vielleicht Frau und Kinder oder ſonſtige Angehörige, nun gönnt er niemandem eine frohe Stunde, weil er ſelbſt keine hat, und verbittert mit dem Wermuth ſeiner Grämlichkeit allen Menſchen den kleinſten Tropfen Zeit — iſt das nicht traurig für die, welche um ihn ſein müſſen, welchen ſeine Wünſche vielleicht Befehle ſind?“ „Freilich wohl,“ ſprach das Mädchen, indem die Stimme nachdenklich ſtockte, „und mich dauert nur das junge Fräulein, ſie iſt erſt kurze Zeit hier, aber er hütet ſie wie ein Drache, daß ſie kaum friſche Luft ſchöpfen kann.“ „So? Haſt Du ſie geſehen?“ fragte Caſanova mit ſchlecht verhehlter Neugier. „Freilich wohl!“ gab ſie unangenehm überraſcht zur Ant⸗ wort; „das erſte Mal gleich, wie er ſie am See herumführte — er zeigte ihr alles, und dabei hofmeiſterte er ſie unaufhörlich, Begebenheiten eines Weltmannes. 119 wenn ſie etwa zu luſtig umherhüpfte; als ſie ein Blümchen brach, ich ſah's wie ſie ſich niederbog und es an die Lippen drückte — machte er ein Geſicht, von dem die Fiſche geſtorben wären, wenn er in's Waſſer geſehen hätte — ich dachte, warte, alter Sauertopf, ich will Dir's eintränken. Ich blieb ſtehen wo ich ſtand, ſie mußten an mir vorüber, wenn ſie nicht die ſchönſte Partie unbeſucht laſſen wollten. In der Schnelligkeit ordnete ich meinen Strauß und erwartete meinen Mann. Je näher er kam, deſto grämlicher wurde ſein Geſicht und er ſchien nicht übel Luſt zu haben wieder umzukehren. Jedoch das Fräulein ging, ohne ſich an ihren Herrn Ritter zu kehren, immer vor⸗ wärts und grüßte mich freundlich, wahrſcheinlich glaubte ſie der Strauß wäre für ſie beſtimmt. Nichts weniger als das! Ich hatte andre Pläne. Indeſſen kam mein Mann heran, ich trat auf ihn zu und überreichte ihm den Strauß mit einem höflichen Knir und einer Freundlichkeit, mit welcher man einen Geliebten nur anſehen kann. Er ſah mich an, als wüßte er gar nicht wie ihm geſchähe, ohne ein Wort zu ſagen griff er in die Taſche, um mir ein Stück Geld zu geben, wie man es einem Bettler reicht, der anſprechend am Wege ſteht. Ich ſiel ihm in den Arm und rief: „Nichts da, mein Herr, Geld nehme ich nicht, denn ich brauche keins, aber da Ihr mich einmal auszahlen wollt, ſo thut's in einer Münze, wie ich ſie verlange. Münzt einen Kuß und zahlt mir ihn auf die Lippen. „Dat 120 Caſanova. is indiſch Neſch'n!“ murmelte der Jammermann zwiſchen den Zähnen und ſchritt weiter, indem er mir den Rücken kehrte. Das Fräulein folgte ihm.“ „Ich muß ihn ſehen, dieſen Sonderling,“ rief Caſanova, „muß ſehen, ob ihm nicht auf irgend eine Weiſe beizukom⸗ men iſt.“ „Ah ſo!“ erwiederte die Dirne lachend; „ich verſtehe, den Eſel meint man und auf die Säcke ſchlägt man. Das Fräu⸗ lein iſt ein hübſches Püppchen und ich verdenke Dir's gar nicht, wenn Du von dieſem Magnete Dich ziehen läſſeſt. Was denn? Ein grämlicher Alter iſt ſchon zwei Stunden lang auszuſtehen, wenn man hoffen kann, daß nach dieſer Geduldsprobe der ſüßeſte Lohn nicht ausbleiben wird. Schlaukopf, der mir zu entwiſchen gebenkt, während ich ihm doch in allen Schlangenwindungen folge und ihn auf der Stelle ertappe, wenn er eine Lüge ſagt.“ „Nun, was iſt's weiter?“ entgegnete Caſanova, dieſer Unterhaltung müde; „ich geſtehe es, das Mädchen fängt an mein Intereſſe zu erregen. Ich gehe nach dem Schloſſe.“ „Auch gut, laß mich allein, ſchöne Maske!“ rief ſie trotzig; „wenn Du mich auch bis hierher gelockt haſt, was thut das weiter! Ich kann ja allein zurückgehen und muß es mir ſchon gefallen laſſen, wenn man mich höhniſch fragt, wo ich meinen Liebhaber verloren habe! Es iſt einmal nicht anders.“ „So gerathe nur nicht gleich in Wuth, Du kleiner Sprüh⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 121 teufel,“ ſagte er zu ihr; „ich will Dich ja zurückführen, aber dann laß mich meiner Laune nachgehen, wenn Du mich nicht begleiten willſt.“ „Ach was liegt mir am Zurückführen?“ erwiederte ſie nur noch grimmiger; „wenn Du mich dann verlaſſen willſt, bin ich nicht beſſer daran. Du magſt es lieber gleich hier thun, geh' immer zu dem alten Eulenneſte, ich finde den Weg allein und auch wohl einen Schäfer, der treuer iſt als Du.“ Sie drehte ſich raſch um und eilte den Weg zurück, wel⸗ chen Beide gekommen waren. Caſanova wollte ihr nach, allein er hatte kaum zehn Schritte gethan, als er in der Mei⸗ nung, der Riß wäre unheibar, umkehrte und auf das Schloß losſchritt. Der Weg führte durch ein herrliches Thal, einen wahren Paradiesgarten. Er ſchlängelte ſich in mannigfachen Biegungen durch Wieſen und Beete, bei Bäumen und Büſchen vorüber, endlich vor dem Schloßthore erreichte er ſein Ende. Die großartigen Verhältniſſe, deren Ebenmäßigkeit in der Entfernung ſo deutlich in die Augen geſprungen war, wurden ie näher der Wanderer kam, immer unfaßlicher, dafür aber trat die Maſſenhaftigkeit des Gebäudes deſto auffallender hervor. Ringsum herrſchte Todtenſtille, nur die Schwalben, welche ihre Neſter auf die Simſe und Vorſprünge des Mauerwerks geklebt hatten, belebten die Luft, durch welche ſie dahinſchoſſen wie glei⸗ 122 Caſanova. tende Pfeile und zwitſcherten oder nach Fliegen ſchnappten. Es ſchien als wäre hier die Heimath des Friedens. Caſanova nahm die Maske vom Geſicht und ſteckte ſie zu ſich. Er ſtand lange unbeweglich da und betrachtete die ſtummen Mauern, auf welchen die heiße Sonne lag, deren Strahlen beinahe ſichtbar zurückprallten — er war zweifelhaft, ob er den bedenklichen Schritt wagen und durch die angelehnte Pforte ſchreiten oder lieber wieder umkehren ſolite. Die Neugier ſiegte. Zögernd öffnete er die Pforte und war zufrieden, daß die Thürangel keine Muſik machte; er blieb ſtehen und ſchaute ſich nach allen Seiten um, ob die Luft auch rein wäre. Niemand ließ ſich ſehen, es ſchien gar nicht, als ob Menſchen hier wohnten. Zur linken Hand erblickte er eine finſtere Treppe, welche zu einer Galerie führen mußte, die er ebenfalls bemerkte. Dieſe Galerie lief rings auf dem Dache eines niedrigen Gebäudes herum, deſſen Zweck ſchwer zu errathen war. Keine Fenſter waren zu ſehen, keine Oeffnung ließ ſich entdecken; der Fremde forſchte nicht weiter, ſondern ſtieg die dunkle Treppe hinauf, bis er oben anlangte. Schon auf den letzten Stufen war es ihm, als hörte er Muſik — der Weg wurde heller, die leitenden Töne deutlicher, mit hochklopfendem Herzen begrüßte er den hellen Tag wieder; Begebenheiten eines Weltmannes. 123 er befand ſich auf der Plattform des ſteinernen Gebäudes, wel⸗ ches ihm von unten wie ein verſchloſſenes Räthſel vorgekom⸗ men war. Eine Frauenſtimme hörte er die letzten Worte eines eng⸗ liſchen Liedes ſingen, dann ſchlugen die Finger noch zwei Schluß⸗ accorde an und begannen das Vorſpiel wieder. Welche Ahnung ergriff ihn — er glaubte die Stimme zu erkennen. Wie ein Dieb, der fürchtet auf der That ertappt zu wer⸗ den, ſah er ſich rings um — er war allein und nun faßte er ſich ein Herz, nach der Ecke vorwärts zu gehen, woher die locken⸗ den Töne erklangen. Ein ſteinernes Geländer lief rings um die Plattform herum, es hatte halbe Mannshöhe und war ziem⸗ lich kunſtvoll ausgearbeitet. Zwiſchen zwei dickeren Steinſäulen ſtanden allemal zwei andre, welche wohl dreimal weniger Umfang hatten als eine von den erſten; zwei volle Halbkreiſe waren ineinandergeſchlun⸗ gen, ſo daß ſie ſich nach oben öffneten, und zwei Viertelhalb⸗ kreiſe liefen in derſelben Richtung nach beiden Seiten. So entſtanden drei Felder in jeder ſolchen Abtheilung, in deren jedem wieder ein herzförmiges Wappen angebracht war. Gegenüber hob ſich das mächtige Hauptgebäude, an wel⸗ chem die übrigen hingen wie Glieder an dem Leibe; gerade unter den Füßen hatte man den geräumigen Schloßhof. Der Geſang ſchien verſtummt zu ſein, allein Caſanoba 124 Caſanvva. ſchritt, da er einmal begonnen hatte, auf ſein Ziel los. Er trat in die Ecke der Plattform, welche am weiteſten in den Hof vorſprang und deshalb die Ausſicht nach allen Seiten frei ließ — er wäre beinahe zurückgetaumelt, als er den erſten Blick hinüber in die Säulenhalle geworfen hatte, vor welcher ein Springbrunnen ſeine kühlende Fluth in die Lüfte ſprudelte, ſo daß das Sonnenlicht einen Regenbogen bilden konnte. Dort ſtand ſie, dort ſtand Leopoldine, die Hand finnend auf die Saiten legend, denen ſie ein Lied entlocken wollte, ohne jetzt noch recht zu wiſſen welches. Alle ſeine Gedanken richtete er auf dieſen einen Punkt — ſonſt ſah er nichts und hörte nichts, und wenn der Himmel donnernd zuſammengebrochen wäre, er würde es nicht eher gemerkt haben, als bis ihn die ſtürzenden Trümmer begraben hätten. Auf den Zehen ſchlich er ſich vollends bis hart an die Eckſäule, ſtützte ſich mit dem rechten Arme auf das Geſims und nun ſchaute der Mann in ſeinem pelzverbrämmten Mantel und dem Barett mit der weißen Feder vorn in den Hof hin⸗ unter und nach der Sängerin hinüber, welche ſich von ſolch einem Zuhörer ihrer ſtillen Geſänge nichts träumen ließ. Es war ihm als ergriffe ein ſüßer Wolluſttaumel alle ſeine Sinne — er hörte nicht was ſie ſang, nur undeutliche Töne vernahm er, denn der hellere Sinn des Auges, welches er auf Begebenheiten eines Weltmannes. 125 die liebe Geſtalt heftete, nahm alle ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch und drängte den des Gehörs zürück. Dort ſtand ſie im vollſten Glanze der Schönheit, dieſe reine Roſe, von deren Blättern noch keine zudringliche Hand das Thauhäutchen des jungen Morgens hinweggewiſcht hatte, dort ſtand ſie und er durfte ſie betrachten, durfte dieſelbe Luft athmen wie ſie — ſo daß vielleicht ein Wellchen dieſer Luft, welches um ihre Lippen geſpielt hatte, herüber zu ihm geſchwommen kam und ſich an ſeine Lippen legte! Sie war faſt etwas mit Schmuck überladen und er hätte es lieber geſehen, wenn ſie bloß in ihre eignen Reize gekleidet geweſen wäre. Aber auch ſo ſah ſie reizend, auch ſo nahm ſte alle ſeine Sinne, ſein ganzes Herz mit dem Willen und Den⸗ ken gefangen. Das blonde Seidenhaar war in Locken geordnet, welche zu beiden Seiten herniederwallten; auf der Stirne hin⸗ gen nur einige kleinere Locken unter dem ſchwarzen Stirnbande mit ſeinem goldenen Rande hervor; ein theurer Schmuck von 3 Perlen und Edelſteinen zog ſich an einer höhern Stelle über den Kopf und auf beiden Seiten hielten zwei Schleifen von ſchwarzem Bande mit goldener Einfaſſung den Haarputz in Ordnung. Die reichen Ohrglocken funkelten in der Sonne, deren Strahlen hell in den Bogengang hineinfielen und ſich in den geſchliffenen Edelſteinen tauſendfältig brachen. Um den ſammetweichen Hals ſchlang ſich eine kleinere Kette, über die 126 Caſanova. Schultern lief eine zweite, deren Enden über die Bruſt her⸗ unterhingen. Wie eine ſtrahlende Göttin ſtand ſie da, dieſe niebliche kleine Sängerin, dieſer Engel, dem der Mann dort auf der Plattform kniend hätte die Hände küſſen mögen, wenn er auch den gefährlichen Sprung auf das Pflaſter hinunter hätte wagen müſſen, um an ſein Ziel zu gelangen. Unbeweglich lehnte er an dem kühlen Steine, unbeweglich ſtarrten ſeine Augen hinüber. Der theure Schmuck, alle dieſe Edelſteine, alle dieſe Perlen waren doch bloßes Beiwerk, bloßer Plunder, wenn man ſie gegen dieſe Augen und gegen dieſe Lip⸗ pen hielt, welche wie Sterne und lebendige Roſen mitten in jenem Himmelsgeſicht ſtanden. „Ach ja,“ rief er klopfenden Herzens, „ach ja, in Deinen Augen liegt der Himmel mit tauſend Seligkeiten, das iſt der tiefſte Born der Wonne, den auch die unerſättlichſte Begierde nicht bis zum Boden leer ſchöpfen kann — und dieſe Lippen, Levpoldine... Leopoldine, was hab' ich Dir gethan, daß Du mich um meinen armen Verſtand bringſt, daß Du mich zum Kinde machſt? Ich möchte los und kann es nicht, mit tauſend ehernen Ketten zieht mich's zu Dir — zu Dir!“ Er war außer ſich; in der Hitze der Leidenſchaft bog er ſich zurück, ohne zu bemerken, daß jemand mit ſehr vernehm⸗ baren Tritten auf ihn losgegangen war. Begebenheiten eines Weltmannes. 127 „Was wollen Sie hier?“ fragte eine eintönige Stimme hinter ihm. „Was Sie hier wollen?“ wiederholte dieſelbe Stimme, als die erſte Frage ihre Wirkung verfehlt hatte; „hören Sie nicht?“ Der Gefragte drehte ſich um und ſah einem kleinen dicken Manne verdutzt in ſein weinrothes Angeſicht, ohne jedoch eine Antwort hervorbringen zu können. „Wollen Sie wohl Rede ſtehen?“ begann der Mann von neuem, indem er hart an den Unbekannten herantrat. „Im Weigerungsfalle würde ich Mittel zu finden wiſſen, um indis⸗ crete Menſchen aus meiner Nähe zu entfernen.“ „Mein Herr, verzeihen Sie, wenn ich eine kleine Un⸗ ſchicklichkeit beging!“ rief der Andre mit der Haſtigkeit eines Verlegenen; „ich ſehe dieſes Schloß, ich finde die Thüre hier offen, ich tappe die finſtere Treppe herauf und verweile eine Zeitlang in's Anſtaunen dieſer großartigen Verhältniſſe verſun⸗ ken — wie geſagt, mein Herr, wenn es eine Unſchicklichkeit von meiner Seite war, ſo war es eine kleine und verzeihliche.“ „Eine Unſchicklichkeit war's,“ gab der Weinrothe zur Ant⸗ wort, „aber eine große und unberzeihliche, ſehen Sie, mein Herr, das muß ich Ihnen ſagen. Was wollen Sie in dieſem Aufzuge hier?“ „Nun freilich, mein Aufzug iſt etwas phantaſtiſch,“ nahm 128 Caſanova. Caſanova lachend das Wort, um den verzweifelten Starrkopf auf andre Gedanken zu zu bringen, „iſt nicht ſo praktiſch als der Ihrige, mein Herrz Ihr grauer Rock iſt vom feinſten Tuche und ſitzt Ihnen vortrefflich, Ihre Kopfbedeckung iſt leicht und angemeſſen — Sie ſind ein Gentleman vom beſten Schrot und Korn und ich freue mich Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ „Wie können Sie ſich unterſtehen, in meiner Gegenwart zu lachen?“ fragte der Gentleman auf's tiefſte entrüſtet; „und was wollen Sie in dieſem Aufzuge hier?“ fügte er in dem⸗ ſelben einſylbigen Tone wie vorhin hinzu. „Mein Herr, ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß mich der Zufall hierher geführt hat!“ gab ihm Caſanova zur Ant⸗ wort. „Was da, Zufall! Zufall giebt es nicht!“ entgegnete der Graurock, der hartnäckig auf ſeinem Kopfe ſtehen blieb. „Nun, oder nennen Sie es anders!“ rief der Jüngling; „ich kann Ihnen aber ſagen, daß ich mir gar nichts dabei dachte, als ich die Treppe heraufſtieg. Thu' ich eine Fehlbitte, wenn ich Sie um die Erlaubniß erſuche, daß ich mich, ſoweit ich Ihnen nicht läſtig werde, in dieſem Schloſſe umſehen darf? Ich füge hinzu, daß ich feſt entſchloſſen bin, mein Herr, kein Wort weiter zu verlieren, falls Sie mir dieſe Bitte abſchlagen ſollten.“ „Ich — werde — ſie — abſchlagen!“ entgegnete der Begebenheiten eines Weltmannes. 129 Beſitzer des Schloſſes, wofür Caſanova jetzt ſeinen Geſell⸗ ſchafter erkannte. Kaum hatte er jedoch dieſe Worte geſagt, als ein heilloſer Lärm unten im Schloßhofe laut wurde, aus welchem man ein buntes Durcheinander von engliſchen, franzöſiſchen und italiäni⸗ ſchen Flüchen heraushören konnte. „Was iſt das, was iſt das?“ fragte der Gentleman kaltblütig. Ein Diener, welcher außer Athem heraufgeſtürzt kam, be⸗ richtete in abgebrochener Rede, daß ein Trupp Franzoſen unten verſammelt wäre, welche alle darauf beſtänden, den Hausherrn zu ſprechen, und ſich nicht abweiſen laſſen wollten, ehe man ihnen das Schloß gezeigt hätte. „Warten Sie, mein Herr, Sie ſollen das Schloß ſehen, ich verſpreche es Ihnen jetzt!“ wendete ſich Mills an Ca⸗ ſanovaz „kommen Sie mit, aber jene müſſen hinaus — ich kann die Franzoſen nicht leiden.“ Der Jüngling, überraſcht wie er war, warf noch einen Blick nach der lieben Sängerin, aber er ſah ſie nicht mehr, ſie war verſchwunden; dann folgte er, das Herz voll ſchöner Hoff⸗ nungen, dem grauröckigen Sonderlinge die Treppe hinunter. Kaum waren ſie unten im Hofe angelangt, ſo wurden ſie auch ſchon von den lebhaften Rittern altadligen Blutes umringt und mit Fragen und Bitten überſchüttet. Caſanova 1V. 9 130 Caſ anova. „Meine Herren,“ rief Mills gelaſſen, „ich finde Ihr Betragen mindeſtens zudringlich und erſuche Sie, daß Sie ſich gefülligſt entfernen mögen, denn Sie werden die Erlaubniß nicht von mir erhalten, um welche Sie mich angehen, wohl aber wird dieſer Herr,“ er deutete auf Caſanova, „in meiner Beglei⸗ tung die Sammlungen in Augenſchein nehmen.“ „Ha, mein Herr!“ rief Dorneval, welcher vortrat, „ha, wiſſen Sie, wen Sie vor ſich haben?“ „Nein, iſt mir auch gleich!“ antwortete Mills boshaft. „Was? Sie behandeln uns wie Stallbuben?“ zürnte der Andre; „ha, das fordert blutige Rache! Ich ſage Ihnen, Sie werden es bereuen, nicht höflicher gegen uns geweſen zu ſein, Sie werden es bitter bereuen, ha, wiſſen Sie das? Das wer⸗ den Sie, und ich bedaure Sie im voraus, denn es kommt die Zeit, wo fich eine Unhöflichkeit gegen uns nicht wieder wird gut machen laſſen, ſondern ſchwer gebüßt werden muß.“ „Höre, Paul Jones,“ wendete ſich der gelaſſene Mills an ſeinen Diener. „Ja, Sir, ich höre!“ antwortete dieſer in aller Ruhe. „Rufe das Geſinde, Paul Jones, Du verſtehſt mich doch?“ befahl der Erſtere, indem er einen unbeſchreiblichen Blick auf die Franzmänner fallen ließ, in welchem ganz die Färbung lag, welche der Sonnenſchein hat, wenn er durch Wetterwolken dringt. — Begebenheiten eines Weltmannes. 131 Nicht lange, ſo kamen einige ſtämmige Burſche mit Hetz⸗ peitſchen in der Hand und ſtellten ſich neben ihren Gebieter, indem ſie mit verlangenden Geſichtern auf den Befehl warteten, ſich über die Rücken der Herren Franzoſen zu erbarmen. Jetzt hielt es Caſanova für ſeine Pflicht, einem ärger⸗ lichen Scandale vorzubeugen, und ſchlug ſich demzufolge ohne weiteres in's Mittel. „Meine Herren!“ redete er die Marquis und Barone und wer weiß was ſie ſonſt noch ſein mochten, mit aller Energie an, „wer Sie auch ſein mögen, ſo ſehen Sie doch hoffentlich ein, daß Sie kein Recht haben, die Wohnung dieſes Gentleman zu betreten, wenn Ihnen berſelbe die Erlaubniß dazu ſchlechter⸗ dings nicht ertheilen will. Folgen Sie meinem Rathe, entfer⸗ nen Sie ſich, denn wenn der Gentleman gegen unwillkommenen Beſuch ſein Hausrecht braucht, ſo kann ihn kein vernünftiger Menſch darum verdenken.“ „Ha, welche Schmach!“ rief Dornevalz „ha, wie das gerächt werden ſoll, blutig, blutig! Ich gehe an Seine Majeſtät, ſie wird nicht dulden, daß ihre getreuſten Diener auf dieſe Weiſe beſchimpft werden — ſie wird unſer gutes Recht ſuchen und finden, und dann wehe dem Elenden, welcher es gewagt hat den ſchuldigen Reſpect gegen unſre Perſonen alſo aus den Augen zu ſetzen.“ 9 132 Caſanova. Somit ſtürmte der Ritter ohne Furcht und Tadel zum Thore hinaus; ſeine Begleiter folgten ihm. „Es find Franzoſen, wie Sie ſehen!“ wendete ſich Ca⸗ ſanova nach dieſem glücklichen Ausgange eines Zwiſtes, der gefährlicher zu werden brohte, an Mills, „Franzoſen, welche lieber ihr Vaterland meiden und auf den ruhigen Beſitz ihrer Güter Verzicht leiſten, als daß ſie die neue Ordnung der Dinge anerkennen, welche ſeit der jüngſten Umwälzung in Kraft ge⸗ treten iſt.“ „Ja!“ gab der einſylbige Gentleman zur Antwort, „Fran⸗ zoſen. Iſt's gefällig?“ ſetzte er nach einigem Beſinnen hinzu, „ich habe Ihnen mein Wort gegeben — ſchließt die Cabinette auf — thu' Du es, Paul Jones. Kommen Sie, Sir, in die Gemäldegalerie.“ Voraus ſchritt er und Caſanova mußte ſchon wohl ober übel nachfolgen. Die Gemälbegalerie lag im erſten Geſtocke des Hauptge⸗ bäudes. Es war ein ziemlich großer Saal, welcher Kunſtwerke von hohem Werthe neben manchem Stümperwerke enthielt. Kaum hatten Beide zwei Gemälde betrachtet, als die Thüre ſich auf⸗ that und Leopoldine, wie ſie Caſanova mit der Gui⸗ tarre in der Hand erblickt hatte, hereingehüpft kam. „Onkel, lieber Onkel!“ rief das Mädchen munter. ſowie Begebenheiten eines Weltmannes. 13³3 ſie aber den Fremden erblickt hatte, ſtand ſie ſtill und verneigte ſich mit ſchamhaftem Erröthen. „Mein Fräulein, wenn ich ſtöre, ſo thut es mir unenblich leid!“ redete ſie Caſanova an, indem er auf ſie zueilte; „befehlen Sie, ſo entferne ich mich augenblicklich.“ „O nein, bleiben Sie, im Gegentheil!“ antwortete Leo⸗ poldine, deren Befangenheit ſich gab, ſobald der Gaſt ſie ſo freundlich anredete. „Sir, Sir,“ rief der Onkel jetzt aus, „ich muß Ihnen ſagen, Sir, daß Miß Leopoldine Mills nicht zu meinen Cabinetsſtücken gehört, die ich Fremden zeige, ſondern ſie iſt meine Nichte und Erbin, wenn Sie erlauben.“ „O, und doch könnte kein Maler größere Reize auf die todte Leinwand zaubern, als die Natur in dieſe holde Engels⸗ geſtalt gelegt hat,“ erwiederte Caſanova verbindlich, indem er ſich gegen die erröthende Jungfrau verbeugte. „Das ſind Sachen für ſich, mein Herr, und dieſe Reize gehen niemanden etwas an als den künſtigen Gemahl der Miß Leopoldine Mills!“ bemerkte der Onkel trocken. „Sein Sie ſo gefüllig und betrachten Sie dieſe Gemälde — Mrß. Temple wird wohl auf ihrem Zimmer ſein?“ fragte er die Nichte hierauf bedeutungsvoll, um ihr zn verſtehen zu geben, was ſie jetzt machen ſollte. 134 Caſanova. „Aber Onkel!“ rief ihm Leopoldine ſchmollend zu, „Sie find heute wieder ſo garſtig wie immer.“ „Wie, Miß?“ fragte jener, „garſtig? Sagten Sie nicht garſtig? Das iſt mir doch ſehr auffällig! Garſtig? Ha —“ „Lieber, guter, beſter Onkel!“ rief Leopoldine weiner⸗ nerlich, indem ſie ſich an den Zürnenden mit beiden Armen anhing, „ich kenne ja den Herrn; es iſt derſelbe, welcher uns von jenen fatalen Engländern befreite, Sie wiſſen ſchon.“ „Engländern? Fatalen? Ein Engländer muß Dir nie fatal ſein, Kind!“ wies ſie der gemeſſene Onkel zurecht; „übermüthig ſind ſie geweſen, ja, das geb' ich zu, aber fatal? Nein, das geht nicht.“ Caſanova hatte ſich geſtellt als hörte er nicht, was hin⸗ ter ſeinem Rücken geſprochen wurde und unabläſſig eine Land⸗ ſchaft betrachtet, welche zufällig ein Lieblingsſtück von Onkel Mills war. Dieſer, über ſolche Delicateſſe und den guten Geſchmack ſeines Beſuchers höchſt erfreut, trat jetzt mit Lev⸗ poldinen an der Hand heran und ſah dem Beſchauenden auf⸗ merkſam zu. Eine ſeltſame Situation das! Caſanova be⸗ trachtete das Gemälde und hatte doch auch wieder alle Auf⸗ merkſamkeit hinter ſich, damit ihm ja nichts davon entginge, was ſich hinter ſeinem Rücken zutrug, er ſelbſt wurde wieder von den beiden andern Menſchen beobachtet, welche ſich außer ihm noch hier befanden. — Begebenheiten eines Weltmannes. 135 „Herrlich, vortrefflich!“ rief Caſanova, als er lange genug unverwandt auf das Kunſtwerk geblickt hatte, und drehte ſich nach jenen um; „wie theuer mögen Sie das bezahlt haben! Dieſe Perſpective, dieſer Baumſchlag — der blaue Duft, wel⸗ cher zwiſchen den Zweigen ſchwimmt — und das Waſſer, os ſieht feucht, als könnte man hineingreifen voder es trinken.“ „Sehr ſchön!“ nahm Mills das Wort, als der Spre⸗ chende ſtillſchwieg; „Sie haben meinen Geſchmac. Aber hören Sie, mein Herr, was ich Ihnen zu ſagen habe. Sie waren ſo großmüthig, ſich der beiden Damen anzunehmen, ohne daß Sie dieſelben kannten, ja?“ „Iſt nicht der Rede wertb, Sir!“ antwortete Caſanovaz „ich that, was ich für meine Schuldigkeit hielt, weiter nichts, und würde es wieder thun, ſobald mir eine ähnliche Gelegen⸗ heit vorkäme.“ „Sehr gentil! Sie thaten Ihre Schuldigkeit, aber wir müſſen auch die unſre thun,“ rief Mills ſehr ernſt und ge⸗ rührt; „empfangen Sie meinen Dank und die Verſicherung meiner Freundſchaft. Ich werde es Ihnen nie vergeſſen, was Sie an meiner Nichte und deren Freundin gethan habenz ſo⸗ wie Sie mich brauchen, rechnen Sie auf mich. Es thut mir nur herzlich leid, daß ich nicht gleich anfangs wußte, wen ich vor mir hatte. Leopoldine mag Ihnen Geſellſchaft leiſten, 136 Caſanova. indeß ich gehe Anſtalten zu treffen — Sie bleiben doch heute bei uns?“ Der Eingeladene antwortete durch eine freundliche Ver⸗ beugung; Onkel Mills entfernte ſich und ließ das Pärchen allein. „Sie waren ſchnell verſchwunden!“ eröffnete Caſanova das Geſpräch mit dem erröthenden Mädchen, „und ich war un⸗ tröſtlich.“ „Wirklich?“ fragte ſie halblaut und trat an's Fenſter, als wenn ſie die gefährliche Nähe des bildſchönen Mannes fürch⸗ tete, der bereits ihr Herz erfüllte. „Zweifeln Sie?“ rief er; „würde ich auf Flügeln des Windes Ihnen nachgeeilt ſein, Sie Engel an Milde und Schön⸗ heit, würde ich das, wenn mich nicht ein unauflösliches Band an Ihre Perſon feſſelte?“ „Mein Herr, bitte, ſehen Sie die Gemälde an.“ „Was könnte mich mehr bezaubern als der Anblick eines lebendigen Meiſterwerkes, welches ich vor mir ſehe — Leo⸗ poldine, o dieſe ſammetweiche Hand, Leopoldine, o, ich könnte hier ſtehen bis zum Tode — hier in Ihr Anſchauen verſunken würde ich's nicht merken, wenn der ſtille Bruder des Schlafes mich in ſeine Arme nähme.“ Die Jungfrau lehnte ſich zitternd und pocerthend in das nächſte Bogenfenſter, durch deſſen kunſtreich gearbetete Felder Begebenheiten eines Weltmannes. 137 das Tageslicht in den Saal hereinſtrömen konnte, in welchem ſie mit dem gefährlichen Manne allein gelaſſen worden war; ſie rang nach einem Entſchluſſe, wollte ſich losreißen, wollte entfliehen, denn ſie ſah ſchon im Geiſte, wie dieſer verführeriſche Mann einen Sieg nach dem andern über ſie davontrug, bis er ſie endlich völlig niederwarf, bis das letzte Bollwerk gefallen war, welches ihre Tugend und ihre Freiheit noch beſchützte. Ach, aber jetzt davoneilen — das war ſie nicht im Stande, eine geheimnißvolle Macht hielt ihre Füße an den Boden ge⸗ feſſelt, ſie blieb und ſuchte ſich anderweitig ſicher zu ſtellen und die Angriffe von ſich abzuwehren, welche von jenem aus⸗ gingen. „Leopoldine, theurer Engel!“ flüſterte er ihr in's Ohr, indem er verſuchte, ſeinen Arm ſanft um ihre Taille zu legen; „Leopoldine, mein Abgott, verſage mir ein Glück nicht länger, ohne welches das Leben keinen Werth für mich hat.“ „Was wollen Sie? Was ſagen Sie?“ fragte die Hoch⸗ erglühende, indem ſie ſeinen Arm zurückdrückte und die geſenkten Augen emporrichtete, ſo daß ſie ihm gerade in das Geſicht ſah. Aber dieſe kühne ſtolze Haltung konnte ſie nicht lange behaup⸗ ten, ſie wurde nur noch verlegener und ſuchte mit ihren Blicken wieder am Boden, was ſie in ſeinem Geſichte nicht fand, näm⸗ lich Faſſung und Ruhe. 138 Vaſanova. „Deine Liebe will ich, Dein Herz ſoll mein ſein — gieb mir's, Theure!“ rief er nur noch einſchmeichelnder und drin⸗ gender; „laß mich Deinen Sklaven ſein und ſei Du meine Freundin.“ Dieſe Worte hatten eine gewaltſame Wirkung zur Folge, welche in dem Benehmen des Mädchens jetzt ſichtbar wurde. Sie machte eine Bewegung mit dem Körper, als wollte ſie um⸗ ſinken, ſchwankte wieder auf die andre Seite wie ein entwur⸗ zelter Baum, welchen der Wind herüber und hinüber beugt; ſte hatte wirklich den feſten Boden unter den Füßen Lerloren. Es war ihm gelungen, ſeinen Arm um ihren Leib zu legen, er drückte ſie erſt ſanft, dann immer feſter an ſich; ſie wehrte ihm nicht, ſie war ſchon zu ſchwach dazu. Leopol⸗ dine lag ſchon an ſeiner Bruſt und weinte, worüber wußte ſie ſelbſt nicht, und es fehlte nur noch, daß er ſie vollends ganz unterwarf — da wurde die Stimme des Onkels vor der Thüre laut, welcher einige nachträgliche Befehle die Treppe hinun⸗ terrief. „Ungelegener hätte der gute Onkel freilich nicht kommen können, als er jetzt dem Pävchen kam, welches ſich in der Bil⸗ dergalerie mit ganz andern Dingen als mit Gemälden beſchäf⸗ tigte. Sie erſchraken vor dieſem Tone wie vor der Poſaune, welche zum Weltgerichte bläſſt — mit einem Hauche ſeines Mundes hatte der argloſe Mills alle die Paradiesgärten, welche Begebenheiten eines Weltmannes. 139 vor den Augen der Liebenden in voller Blüthe ſchwebten, hin⸗ weggeblaſen, er hatte ſie aus allen den Himmels geſtürzt, in welchen ſie ſo ſelig waren — ach, hätte er's gewußt, was er ſeiner geliebten Leopoldine raubte, er wäre nicht gekommen, er hätte ihr's gelaſſen, hätte ihr dieſe Minute von überſchweng⸗ licher Seligkeit ſicher nicht genommen. Caſanova, ſchnell gefaßt und wie immer, wenn es galt etwas zu bemänteln, voller Erfindſamkeit, zog die Jungfrau ſchnell vor ein Landſchaftsgemälde und begann ſich über den Kunſtwerth dieſes Stückes lebhaft mit ihr zu unterhalten. „Hierin gebe ich Ihnen durchaus nicht Recht, mein Fräu⸗ lein!“ rief er, ohne daß jene begriff, wie ſie im Augenblicke zu dieſem Geſpräche kam; „ſehen Sie dieſen Baumſchlag und ſagen Sie, ob Sie ihn irgendwo treuer nachgeahmt finden kön⸗ nen. Ich behaupte nein — aber was ich Ihnen zugeſtehen muß, iſt, daß mir dieſer Fuß ebenfalls verzeichnet ſcheint, wie Sie ſehr richtig bemerkten. Aber eine intereſſantere Frage wäre die, wie die Himmelsgegend in dieſem Gemälde gedacht ift. Was meinen Sie?“ Leopoldine konnte keine Antwort finden, denn ſie hatte Mühe genug, das ſturmbewegte Herz in Ruhe zu halten, und hörte kaum, was der Urheber dieſer ihrer Aufregung ihr vor⸗ redete; an ein Verſtehen war nicht zu denken. Dafür aber horchte der Onkel Mills, welcher anſchei⸗ 140 Caſanova. nend von den beiden Leutchen unbemerkt hereingetreten war, deſto aufmerkſamer auf die gelehrte Rede, welche an ſeine ge⸗ liebte Nichte gerichtet wurde. Er ſchlich ſich auf den Zehen bis hinter den Rücken des beredten Kunſtkenners und rieb ſich die Hände vor Freude, denn ſeine Gemälde waren ſein Stecken⸗ pferd und wer ihn gewinnen wollte, durfte ſich nur den An⸗ ſchein geben, als wäre er ein Sachverſtändiger und könnte ſich nicht ſatt ſehen an dieſen unvergleichlichen Kunſtſchätzen. Auf jedermann, welcher ſich nicht als Kunſtkenner zu legi⸗ timiren vermochte oder aus Beſcheidenheit nicht wollte, ſah der gute Herr Mills mit einer Geringſchätzung herab, welche an Mitleiden grenzte; einen ſolchen betrachtete er nur wie einen halben Menſchen — wer aber an der Richtigkeit ſeiner Urtheile und an ſeiner Einſicht zweifelte, wer es wagte ihm Irrthümer nachzuweiſen, ſo daß ſich kein Widerſpruch mehr erheben ließ, der hatte es mit ihm verdorben zeitlebens. „Ja, ja,“ ſagte Herr Mills jetzt plötzlich laut, indem er dem Sprechenden auf die Schulter klopfte, „ja, ich ſehe, Sie haben Geſchmack, haben Geiſt, junger Mann; es freut mich in der That, daß Sie unſre gute Leopoldine unter⸗ richten, thun Sie das ſo oft Sie Luſt haben und ſich die Ge⸗ legenheit dazu bietet, denn unter uns geſagt, iſt das Dämchen zwar leidlich ſchön, aber was hilft das? In Hinſicht auf die Kunſt iſt ſie ſehr, ſehr weit zurück — nicht einmal mit Begebenheiten eines Weltmannes. 141 den äußerſten Lippen hat ſie aus dem geweihten Kelche getrun⸗ ken, welchen unſichtbare Hände aus dem Innerſten des Tempels herausreichen, damit die Schüler und Lernenden daraus trinken ſollen — und dennoch, ſehen Sie, wäre es mein ſehnlichſter Wunſch, wenn Sie ſich bequemen wollte zu ſtudiren. Die Geſetze der Perſpective, die Verhältniſſe der Farben und ihre Wirkungen — ſiehſt Du, geliebtes Kind, das find lauter Dinge, von welchen Du nichts verſtehſt, und doch find ſie ſo wichtig, daß man ſte kennen muß, wenn man nur einigermaßen richtig urtheilen will.. O, ihr allmächtigen Götter, über dieſes ver⸗ wünſchte Volk,“ unterbrach Herr Mills dieſe Rede, indem er auf das Fenſter zueilte, durch welches die verwünſchten Töne einer Muſik herein in den Saal drangen, welche einige Muſikan⸗ ten unten im Hofe ſo eben angeſtimmt hatten, „gewiß eine Faullenzerbande aus den deutſchen Gemeinden — ja richtig, da haben wir's.“ „Aber die dreizehn deutſchen Gemeinden haben ihr Gebiet meines Wiſſens gerade in der entgegengeſetzten Richtung von Verona“ entgegnete Caſanopaz „es ſind wohl Leute aus der hieſigen Gegend.“ „Ach nein, das Volk iſt maskirt, ſehen Sie ſelbſt!“ rief Herr Mills, indem er ſich die Ohren zuhielt und durch das geöffnete Fenſter hinunter auf den Hof ſprach: „So hört doch auf mit Eurem vermaledeiten Gedudel!“ ſchrie er; „ſo hört 142 Caſanova. doch auf, ich will Euch ja Geld geben, nur thut mir den Ge⸗ fallen und ſchert Euch baldigſt zum Teufel; von Eurer Muſik bekommt man ja Ohrenzwang. O, fluchwürdiges Schickſal — ob dieſe Mordbrenner ſtill ſind! Nein, ſie ſind nicht ſtill, ſie blaſen darauf los, als müßte es ſo ſein — o, ich bitte, ich beſchwöre Euch, Ihr Quälgeiſter, Ihr Vamphre, Ihr Ungeheuer. haltet ein, foltert mich nicht länger mit Eurer grauſamen Muſik!“ Wie lächerlich dieſes Benehmen des Herrn Mills auch war, ſo hütete ſich C aſ anova dennoch, dem Kitzel, den er im Kehlkopfe fühlte, nachzugeben und zu lachen. Der Eifer, mit welchem der Andre ſeine Reden vorbrachte und dazu geſticulirte, als hätte er Queckſilber in Händen und Füßen, verrieth ſeine Aufregung nur zu deutlich und hätte ſich jemand unterſtanden, ihm in ſolcher Stimmung entgegenzutreten, gewiß er würde übel angekommen ſein. „Wiſſen Sie, mein werthgeſchätzter Freund, woher dieſe Muſikanten ſein werden?“ wendete ſich Caſanova jetzt an den Gentleman; „mir füllt eben ein, was mir der Führer er⸗ zählte, welchen ich auf einige Zeit in meine Dienſte genommen habe, und falls Ihnen damit gedient ſein ſolite, ſo bin ich gern bereit.. 4. 2 nur erſt dieſe Muſik fort, ſonſt fangen die noch an zu heulen!“ unterbrach Herr Mills dieſe Rede — Begebenheiten eines Weltmannes. 143 „hört, Ihr Schurken da unten,“ ſchrie er mit ſtarker Stimme, ſo daß er die Muſik übertönte, „hört doch, was ich Euch ſage. Ich mag ja in des drei Teufels Namen nichts von Eurem Ge⸗ dudel wiſſen, ich danke Euch ja nicht dafür und will Euch gern etwas geben, daß Ihr nur aufhört.“ Ungehemmt floß der Strom der Töne fort — die Muſi⸗ kanten, welche mitten in den ſchlagenden Wellen ſtanden, wur⸗ den von den Worten nicht erreicht, die an ſie gerichtet waren, denn eben dieſe Wellen abſorbirten jene, wie eine ſchwächere Wellenlinie, die auf dem Waſſerſpiegel dahinläuft, von der ſtärkern verſchlungen wird. Die Ungeduld Herrn Mills' er⸗ reichte ihren Gipfel. „O,“ rief er aus und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen, „v, allmächtiger Himmel, was ſendeſt Du dem Men⸗ ſchen nicht für Prüfungen — und mir, warum ſendeſt Du mir dieſe Muſik, gerade dieſe Muſik — kommen Sie, kommen Sie, mein Freund, ich bitte, ich beſchwöre Sie, wir wollen dieſe Teufel in Menſchengeſtalt todtſchießen, wollen ſie mit Hunden forthetzen und dann die Thore verriegeln — o, daß es dahin kommen mußte!“ Eben trat jetzt eine Maske in ſpaniſcher Tracht herein und ſchritt gravitätiſch auf den Gentleman zu, welcher noch immer wehklagte und zum Fenſter hinaus ſchimpfte. „Sennor,“ redete der Spanier den erſtaunten Mills an, 144 Caſanova. „Sennor, Sie werden wiſſen, welch ein Feſt wir heute feiern; ich mache mir das Vergnügen, Sie einzuladen, daß Sie nebſt Ihrer geehrten Familie daran Theil nehmen.“ „Ich weiß mit Ihrer Erlaubniß nicht, was für ein Feſt Sie feiern, und mag es auch nicht wiſſen,“ verſetzte Mills ärgerlich; „aber Eins iſt's, um was ich Sie bitte, nehmen Sie dieſe abſcheulichen Muſikanten mit fort, wenn Sie, wie ich ver⸗ muthe, mit ihnen zuſammenhängen, und verſchonen Sie mich mit Ihrer Gegenwart für alle Zukunft.“ „Sennor, dieſes Betragen iſt ſehr unhöflich, wie ich Ihnen bemerken muß,“ ſprach der Spanier, „und könnte leicht unan⸗ genehme Folgen nach ſich ziehen. Ich beſtehe darauf, daß Sie, oder wenn Sie durchaus nicht wollen, ein andres Mitglied Ihrer Familie an dem Feſte Theil nehme, denn wir find nicht gewohnt, daß man unſre Einladungen ſchnöde zurückweiſ't. Um die Bedeutung dieſer Feier vollkommen zu faſſen, müſſen Sie den Urſprung derſelben wiſſen.“ „Ihr Götter, ich will ihn nicht wiſſen, ich mag mit Euch nichts zu ſchaffen haben!“ ſchrie Mills; „laßt mich in Frie⸗ den und geht hin, woher Ihr gekommen ſeid.“ „Das thun wir nicht anders, als wenn jemand von Ihrer Familie, wohlverſtanden, von Ihrer Familie, nicht von Ihrer Dienerſchaft, mit uns geht,“ erwiederte der Spanier feſten Tones; „Sie ſind uns dieſen Beweis von Achtung ſchuldig.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 14⁵ Caſanova hatte indeſſen heimlich mit Leopoldinen geſprochen und dieſe trat jetzt auf den Onkel zu, dem ſie den Antrag machte, daß ſie das Feſt beſuchen wollte, wenn es nun einmal nicht anbers ginge. Herr Mills willigte endlich ein, obwohl es nicht geringe Mühe gekoſtet hatte, ihn dahin zu bringen. In Cafanova's und Jenny Temple's Begleitung ſollte ſie gehen dürfen. Caſanova 1v. 10⁰ Fünftes Capitel. Im Schatten ſah ich Ein Blümchen ſtehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Aeuglein ſchön. Ich wollt' es brechen, Da ſagt' es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen ſein? Göthe. Die Masken. Leopoldine trat ebenſo ſchnell, als ſie davongeeilt war, wieder in den Saal, wo ſie die drei Männer zurückgelaſſen hatte, und forderte den ihr beſtimmten Begleiter auf, ihr zu folgen⸗ Mrß. Temple, verſicherte ſie, ſtände unten und wartete. Der Spanier und Caſanova verabſchiedeten ſich durch eine ſtumme Verbeugung von Herrn Mills, dem man durch Einſtellung der ihm unleidlichen Mufik die Ruhe wiedergegeben hatte. Unten an der Treppe ſtand Mrß. DTemple oder vielmehr eine verhüllte Geſtalt, welche Caſanovn für dieſelbe halten Begebenheiten eines Weltmannes. 147 zu müſſen glaubte. Ein ſchwarzes Gewand reichte vom Kinne, unter dem es ſchloß, bis auf die Fußſpitzen, vom Geſichte war nichts zu ſehen, denn der ſeidne Hut verdeckte einen Theil deſ⸗ ſelben, und was dieſer nicht that, vollendete ein dichter Schleier, welchen die Dame herabgelaſſen hatte. Auf einen Wink des Spaniers ſetzten ſich die Muſikanten, welche auf dem Hofe gewartet hatten, in Bewegung, er ſelbſt aber hielt ſich in der Nähe der beiden Damen. Auf die ga⸗ lanteſte Art bot er den Arm der ſchwarzgekleideten Maske und Caſanova, ſeinem Beiſpiele folgend, ſtellte Leopoldinen denſelben Antrag. Die Schwarze jedoch ſchlug ſich entſchieden in's Mittel, ſie wies ihrerſeits das Anerbieten des Spaniers zurück und hinderte auch Leopoldinen das ihres Ritters an⸗ zunehmen, ſo gern dieſe es auch gethan hätte. Caſanova ſah daraus, daß er es hier mit einer heimlichen Feindin zu thun hatte, und richtete klüglich ſein Benehmen danach ein. Zwar wußte er nicht, was ihm die Dame übel genommen haben konnte und hätte demnach auf andre Gedanken kommen müſſen; der Verdacht, welchen der Herr Calculator Porring gegen ihn erregt hatte, mußte beſchwichtigt ſein, denn dafür ſprach die Aufnahme, die ihm von Seiten Herrn Mills' zu Theil ge⸗ worden war, und dennoch betrug ſich die gute Temple auf dieſe merkwürdige Weiſe. — Schweigend ſchritten die beiden Männer hinter den Frauen 10* 148 Caſanvva. her, welche ohne ſich umzuſehen in gleichem Schritte vorwärts gingen. Enblich war der Schauplatz des Vergnügens erreicht, der Tanz war im vollſten Gange und die Muſikanten, welche jetzt von ihrer Erdedition zurückkamen, ſchloſſen ſich wieder an ihre Kunſtgenoſſen an, die bisher allein aufgeſpielt hatten. Caſanova ergriff, ohne erſt lange um Erlaubniß zu bitten, Leopoldinens Arm und führte ſie zum beginnenden Reigen; ein Harlekin kam auf die Begleiterin des jungen Mäd⸗ chens zu, um dieſe zu beſchwichtigen, denn ſie machte wirklich Miene, den ihr entriſſenen Pflegling zurückzufordern. Der Har⸗ lekin jedoch machte ſeine Sache ſo brav, als er nur gekonnt hätte, wenn es ihm geheißen worden wäre; es war ein luſtiges junges Blut; er ſah gleich wo der Haken war und ſein theil⸗ nehmendes Gemüth ließ ihn alles aufbieten, um einen Andern ſeine Freude ungeſtört genießen zu ſehen. In hunderterlei poſſirlichen Sprüngen umkreiſ'te er die ſchwarze Dame, kam ihr immer näher und näher zu Leibe, endlich hatte er ſich ganz genähert und fiel ihr nun zu Füßen, in welcher Stellung er ihr eine grotesk⸗komiſche Liebeserklärung machte. Es hatte ſich ein Kreis von Masken um dieſe beiden Hauptgeſtalten gebildet, welcher in ein ſchallendes Gelächter ausbrach, ſobald die Geſticulationen des Verliebten von neuem be⸗ gannen. O, dieſe Seufzer, dieſe Bewegungen der Arme und des Kopfes, ſie waren herzzerreißend, wenn man ſie mit anſah⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 149 nur für Mrß. Temple hatten ſie nichts Ergötzliches, ſondern dieſe ärgerte ſich ſo darüber, daß ſie den Tag darauf noch Gift und Galle war. Während der ganze dichtgedrängte Zuſchauerkreis in hellem Lachen ſchwamm, ſtand wie geſagt Mrß. Temple wie auf Kohlen; ein Glück, daß man ihr Geſicht nicht ſehen konnte. Sie wollte ſich entfernen, allein der zudringliche Harlekin hatte ihre linke Hand gefaßt und hielt ſie feſt, die Zuſchauer würden ſie ohnedies auch ſchwerlich fortgelaſſen haben, denn ſie hatten Luſt noch länger zu lachen und zwar auf Koſten eben dieſer armen ſchwarzen Dame. Während dieſes auf einem Raſenplatze nicht weit von den Tanzenden vor ſich ging, flog Caſanova mit ſeiner Leopol⸗ dine durch die Reihen dahin, als wenn er von unſichtbaren Flügeln getragen würde. Die übrigen Masken wurden auf die⸗ ſes ſchöne Paar aufmerkſam und gaben ſich wechſelſeitig zu ver⸗ ſtehen, daß ſie gern wiſſen möchten, wer die beiden wären, ſo⸗ wie ſie ſich ihr Wohlgefallen deutlich merken ließen, welches ſie an jenen fanden. Auf einmal trat eine gar wunderliche und auffüllige Ge⸗ ſtalt auf, welche Aller Augen auf ſich zog. Es war ein hoher ſtarker Mann, der ſich ganz ſchwarz gekleidet hatte, ſelbſt ſeine Geſichtsmaske war ſchwarz und nur die ſchweren goldnen Treſ⸗ ſen, welche ſeinen kurzen Mantel zierten, hatten eine andre Farbe. „ 1⁵⁰ Caſanova. Sein Schritt war ernſt und gemeſſen, er ſchien ſich nicht um das Feſt und nicht um die Tanzenden zu bekümmern und trotz⸗ dem daß er maskirt war dennoch in ſeiner gewöhnlichen Rolle zu ſein. Zwei funkelnde Augen, welche leuchteten wie das helle Feuer, rollten bei jedem Schritte hin und her; als er bis zu Caſanova kam, ſtand er einen Augenblick ſtill, ſah ihn ſtarr an und ließ eine Todtenblume hinter ſich zu Boden fallen, da er wieder fortging. Er ſetzte ſeinen Weg mitten durch die Tan⸗ zenden und Spazierenden fort, ohne ſich aufhalten zu laſſen, und ſogar der Harlekin, welcher ſeine Späße an ihm probiren wollte, wich ſcheu zurück, denn der Mann begegnete ihm mit ſolch einer eiſigen Kälte, ſah ihn ſo ernſthaft an, daß ihm das Blut in den Adern erſtarrte. Man ſah ihm nach, ging ihm aber nicht nach und ſo kam es, daß er endlich verſchwinden konnte, ohne daß jemand wußte wohin er gekommen war. Selbſt außer Athem hatte Caſanova ſeine Tänzerin, welche es ebenfalls war, zu einem Raſenſitze geführt, der ein recht idlliſches Ruheplätzchen abgab. Hier ließ er ſich mit ihr nieder, hier trat der geheimnißvolle Schwarze auf ihn zu und be⸗ dachte ihn mit dem ſonderbaren Geſchenke einer Todtenblume. Caſanova hob die Blume ſogleich auf und ſah dem Abgehenden kopfſchüttelnd nach. „Was ſoll das heißen?“ fragte er laut genug, daß ihn — Begebenheiten eines Weltmannes. 151 jener verſtehen konnte, allein vergeblich, denn der Unbekannte ſchritt ohne ſich umzuſehen von dannen. Gleich darauf kam eine Blumenhändlerin, welche ein nied⸗ liches Körbchen mit Sträußen am Arme trug und dieſe zum Verkaufe ausbot. „Was koſtet dieſer Strauß?“ fragte Caſanova, indem er einen auswählte, welcher aus einer aufgeblühten und einer noch halb geſchloſſenen Roſe gebunden war. Duftende Veilchen bildeten die Einfaſſung der königlichen Roſen und als letzter Rand waren dem Tableau lebhaft grüne Blätter beigegeben. „Feſte Preiſe hab' ich nicht!“ antwortete die Händlerin mit verſtellter Stimme; „was man mir giebt, kommt in dieſe Büchſe und wird von mir den Vätern von der Fortpflanzung des Glaubens abgeliefert. Ich gebe auch nicht wieder heraus.“ „Ah ſo! Sieh doch, was Du für eine gute Katholikin biſt,“ antwortete Caſanova lachend; „laß doch einmal ſehen — biſt Du ſchon unter Ketzern geweſen?“ „Gott behüte mich!“ antwortete das Mädchen erſchrocken; „die ſind ja ſchon bei lebendigem Leibe ewig verdammt und haben Krallen und Schwänze wie die Teufel — hu!“ „Reiche die Büchſe her — ſo; ſiehſt Du, einen Ducaten hab' ich Dir hineingeſteckt,“ ſprach er jetzt und ließ wirklich einen Ducaten hininfallen; „nun darf ich wohl das Sträuß⸗ chen da meiner Dame ſchenken. Alſo die Ketzer ſind ſolche 15⁵2 Caſanova. erſchreckliche Geſchöpfe, wie Du mir ſagſt. Woher weißt Du denn das?“ „Ja, Pater Anſelm hat mir's geſagt, und der iſt ein ſrommer kluger Mann, der alles weiß!“ erwiederte das Mäbchen. „Ja, ja, ich merke ſchon aus Deinen Reden, daß der gute Vater Anſelm ein ganzer Mann ſein muß!“ fuhr Ca⸗ ſanova fort. „Freilich, ein Heiliger, dem nur der Böſe oft nachſtellt, weil er durch ſeine Frömmigkeit viel Abbruch erleiden muß,“ äußerte jene. „Wie denn ſo? Wie ſtellt der Böſe dem guten Pater nach?“ „Zum Beiſpiel kürzlich hat er ihm einen Streich geſpielt, an welchem ſich die ganze Gemeinde ſehr erbaut hat. Er nimmt die Geſtalt des heiligen Mannes an und legt ſich ſo zu der Gaſtwirthin in's Bett; ihr Mann kommt dazu und prügelt den Teufel, den er in ſeiner Verblendung auch richtig für den Herrn Pater hält, zum Hauſe hinaus — und eben will er ſich über ſeine Frau hermachen, um dieſe ebenfalls zu ſchlagen, als eine Nachbarin hereintritt und fragt: „Wie riecht es aber bei Euch? — nach Schwefel und Pech — ich komme eben aus der Kirche, wo mir der Pater Anſelm Beichte gehört hat.“ „Pater Anſelm?“ fragte der Mann; „ja, Pater An⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 253 ſelm,“ ſagt die Nachbarin, und mit einem Male geht dem Manne ein Licht auf. Der, welchen er fortgeprügelt hatte, war ihm ganz ſonderbar vorgekommen, jetzt riecht auch er den Schwefelgeruch, jetzt beſinnt er ſich, daß der Mann gar keinen Leib gehabt hatte wie andre Menſchen und weinend fällt er ſeiner Ehefrau um den Hals, die er um Verzeihung bittet. Nicht lange, ſo kommt auch der fromme Anſelm dazu, welcher es den Leuten noch deutlicher macht, wie die Sache zugegangen ſein mußte. Die Leute haben dem lieben Gott unter Thränen gedankt, daß er ſie ſo glücklich aus der großen Gefahr hat, in welcher ſie ſchwebten.“ „So ſo!“ ſagte Caſanova zu der Blumenverkäuferin, „Dein Pater Anſelm muß die Sache gut eingefädelt haben, daß der Einfaltspinſel von einem Gaſtwirthe io ſo hat be⸗ trügen laſſen.“ „Herr, redet nicht ſo, das iſt Sünde!“ rief das Mäbchen entſetzt; „ſagt das ja nicht, denn dann ſeid Ihr ein Ketzer, ein Ungläubiger, der nicht in den Himmel kommen kann und wenn er tauſend Jahre an ſeiner Pforte wartete.“ „Höre, liebes Kind,“ unterbrach ſie Caſanova, indem er ſie bei der Hand nahm, „betrachte mich einmal recht;“ er lüftete die Maske, dann fuhr er fort: „Sehe ich aus wie ein Menſch und gefalle ich Dir?“ 154 Caſanova. „Warum nicht?“ gab ſie zur Antwort; „ſolch ein hüb⸗ ſcher Mann.“ „Fühle meine Hände an; nicht wahr, ſie ſind von Fleiſch und Bein wie die Deinigen? Sie ſind warm wie die Deinigen, denn ich habe rothes warmes Blut wie Du, aber nicht ſo hart wie Deine, denn ich habe nicht ſolche Arbeit wie Du. Iſt das nicht richtig?“ „Freilich iſt's richtig — aber was ſoll mir das?“ „Das wirſt Du ſehen — fühl' einmal dieſe Maske hier an,“ fuhr er fort, indem er die Katholikin an Leopoldinen wies; „nicht wahr, das iſt eine Frauensperſon wie Du?“ „Nun ja, ein wunderliebes Jüngferchen,“ antwortete die Gefragte. „Wir reden wie Du, eſſen und trinken wie Du, tanzen wenn es die Zeit erlaubt, und arbeiten wenn es nothwendig iſt — kurz wir ſind in allen Stücken Dir gleich, nur in einem; nicht, Du biſt keine Ketzerin, wir aber ſind Ketzer.“ „Ketzer? Was? O weh! rief das Mädchen zurücktretend und erbebte am ganzen Leibe; „was wird der Herr Pater ſagen, wenn ich ihm das Geld bringe, welches ich von Euch habe? Ihr Teufel, Ihr zwei Teufel — Ihr Verdammten!“ „Geh zu Deinem Pater und ſage ihm,“ rief Caſanova, der aufſtand und die Schimpfende davonjagte, „ſag' ihm, ein Fremder und zwar ein Ketzer hätte behauptet, er wäre ein Lüg⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 15⁵ ner, und wartete hier zur Stelle auf ihn, um es ihm in's Ge⸗ ſicht zu beweiſen. Sag' ihm das.“ „Welch ein verderblicher Wahnglaube!“ wendete er ſich zurückgekehrt an Leopoldinen; „dieſes Mädchen war ein ſanftes Kind und in ſeiner Befangenheit ſogar liebenswürdig, aber man hat ſie zur raſenden Furie gemacht, die bereit iſt, unter der Herrſchaft ihres Irrwahns dem erſten beſten Ketzer den Dolch durch die Bruſt zu ſtoßen. Dieſes Volk von fatani⸗ ſirten Bettlern lebt ein mehr thieriſches Leben — und die Wölfe, welche Schafskleider übergezogen haben, befinden ſich trefflich dabei. Ueber das alles iſt der Strauß aber doch recht ſchön, nur leider für die Königin meines Herzens nicht ſchön genug — Leopoldine, hier ſteck' ich die Todtenblume mit⸗ ten in die friſchen rothwangigen Roſen — Liebe bis zum Tode und Treue ſoll's heißen — wollen wir dort auf der Wieſe ein wenig luſtwandeln, oder ziehen Sie es vor, dem Laufe des Baches zu folgen, welcher ſich am Bergabhange hinunterzieht?“ flüſterte er ihr haſtig in's Ohr, als er bemerkte, daß ſich Mas⸗ ken näherten, welche ihn beobachten wollten. „Mir gleich viel — wo mag Mrß. Temple ſein?“ „Ach, laſſen wir die — die bekommen Sie ſchon zeitig genug wieder zu ſehen. Was mag ich ihr gethan haben, daß ſie ſo kalt gegen mich iſt? Hat ſie nichts geäußert?“ „Nicht, daß ich mich beſinnen könnte.“ 156 Caſanova. „Leopoldine, hintergehe mich nicht — ſieh, jetzt er⸗ tappe ich Dich Falſche.“ „Wie ſo? Ertappen? Wobei ertappen?“ „Auf einer Lüge — Leopoldine, und wenn Du nur einen Funken Liebe zu mir im Herzen fühlſt, dann ſagſt Du mir immer die lautere reine Wahrheit. — Was hat ſie? Her⸗ aus mit der Sprache!“ „Ich weiß ja aber nichts.“ „Hat ſie Dich nicht hin und wieder vor mir gewarnt? Was ſagte ſie, als ich Euch in jenem Gaſthofe verlaſſen hatte? Beſinnſt Du Dich nicht auf dieſes und jenes?“ „Doch ja!“ nahm Leopoldine zögernd das Wort, „ſie ſagte: Meine Leopoldine, nimm Dich in Acht, das iſt ein ſehr gefährlicher Menſch. Hüte Dich vor ihm und laß Dich nicht mit ihm ein, und wenn wir ihm im Leben wieder begegnen ſollten, ſo kehre ihm den Rücken, ohne daß Du ihn anſiehſt. Er ſcheint es auf Dich abgeſehen zu haben.“ „Nun, meine Leopoldine, iſt denn das etwas ſo Straf⸗ bares, wenn ich es auf Dich abgeſehen habe?“ fragte er ein⸗ ſchmeichelnd; „thu' ich Dir denn etwas Böſes, wenn ich Dich liebe mehr als nich ſelbſt? Was warnt ſie Dich vor Deinem Glück, als wenn es Dein Unglück wäre? — nein, nein, höre nicht auf ſie, höre auf mich, denn ich habe Dich lieber als ſie Dich haben kann, lieber als Vater und Mutter und Bruder Begebenheiten eines Weltmannes. 157 und Schweſter zuſammengenommen habe ich Dich, ich, in deſ⸗ ſen Buſen das treuſte Herz auf Erden für Dich ſchlägt.“ Unvermerkt hatten ſie den ſchattigen Gang erreicht, wel⸗ cher ſich neben dem Bache hinzog. Sie hielten gleichen Schritt; er hatte ſeinen Arm um ihre Hüfte, ſie ihren um die ſeinige ge⸗ ſchlungen. Mit der freien Hand hielt ſie den Blumenſtrauß, an welchen ſie den Geber zuweilen riechen ließ und öfter noch roch ſie ſelbſt daran — ihre hauptſächlichſte Aufmerkſamkeit ſchenkte ſie jedoch den Reden, welche der Begleiter an ſie richtete. „Ja, ſchöne Worte ſind das freilich!“ fiel ſie ihm endlich in die Rede; „aber darf man ihnen trauen? Jennh hat mir geſagt, den Schwüren eines Mannes wäre niemals zu trauen. „Meinen aber mußt Du trauen, Leopoldine, das ver⸗ lange ich von Dir, Du mußt meinen Schwüren trauen!“ rief er trotzig; „willſt Du wohl ſagen, daß Du mir glaubſt, oder ſoll ich an Deiner Liebe irre geworden verzweifeln?“ „Wer wird denn verzweifeln?“ rief ſie ſcherzhaft; „ich müßte grauſam ſein, wenn ich das zugeben wollte; wir wollen bis auf weiteres die ſchönen Worte für haare Münze nehmen — aber hört es, mein Freund, bloß bis auf weiteres — und ſehr bedeutende Vorſchüſſe werden auf dieſe abſchlägige Bürgſchaſt. nicht zu erhalten ſein — ich hoffe, wir verſtehen uns.“ „Der Banquier legt ſein Geld ſicher an, wenn er's bei 158 Caſanova. mir unterbringt; das ſoll gut rentiren, ich will dafür ſorgen, das verſpreche ich.“ „Der Banquier läßt beſtens danken, er will ſein Geld lieber ſelbſt verwalten, denn er geht lieber ganz ſicher als halb, und hat genug, ſo daß er ſich nicht nach einigen Procenten Zuwachs ſo ängſtlich zu ſehnen braucht.“ „Der Bangquier muß belehrt werden, er iſt kein Mann, der ſich auf die Actienſpeculation und die Rentenbriefe der Liebe verſteht.“ „Zu gut, mein Freund, zu gut — aber brechen wir ab, denn der Banquier iſt nicht mehr zu Hauſe, ſondern eben auf die Börſe gegangen, um ſich nach den Courſen zu erkundigen. Adien, Herr Banquier.“ Sie machte einen zierlichen Knicks, als gäbe ſie wirklich jemandem den Abſchied, und wendete ſich ſodann zu ihrem Be⸗ gleiter um, mit welchem ſie ein andres Geſpräch anknüpfte. Immer ferner klang die Muſik, nach deren Takte ſich das luſtige Völkchen drehte, ſie wich in den Hintergrund zurück — aber dafür rauſchten die Wellen des Windes wie ein murmeln⸗ der Bach, da ſie ſich an den Pinien und Ulmen brachen, welche ſchlank aufgerichtet und in dichtgedrängten Reihen bei einander ſtanden. Ein ganz andres Concert miſchte ſeine Klänge in dieſe einfache Muſik, welche die Natur ſelbſt macht — es wollte Abend werden und deshalb ſtimmten die Fröſche bereits ihre Begebenheiten eines Weltmannes. 159 Fagottkehlen, indem ſie die Köpfe ſpähend aus dem nahen Teiche hervorreckten, um zu ſehen, ob es bald Zeit wäre, mit der Muſik anzufangen. Die Nachtigall ſpielte die Soloſtimme — ſie ſaß ganz nahe bei dem luſtwandelnden Paare in einem dich⸗ ten Gebüſche von wilden Roſen. Solche Stunden, wo alles um und um in einer Wonne blüht, wo das Menſchenherz bis auf den tiefſten Grund hin⸗ unter den ſanften Zauber nachzittert, o wie verführeriſch ſind ſie, wie leicht gleitet der unſichere Fuß und ſchmelzen die Grund⸗ ſätze der Tugend tropfenweiſe dahin bis nichts meyr davon übrig iſt — die berauſchten Sinne laſſen den Menſchen gar nicht zur Befinnung kommen — er handelt und weiß ſelbſt kaum daß er eben handelt. Die gleichgültigſten Gegenſtände müſſen den Stoff zur Unterhaltung abgeben, denn eine unſägliche Be⸗ klommenheit umſtrickt die Herzen — aber mag man reden ſo trivial man will, die zitternde Stimme und der ſtockende Athem find zu beredte Verräther, welche die Zungen ſich nicht binden laſſen, ſondern es ausplaudern, daß hinter dem Vorhange der Gleichgültigkeit und Kleinlichkeiten das Feuer bereits in vollen Flammen brennt, welches im nächſten Augenblicke Leib und Seele ergreifen muß. „Wir möchten wohl zurückgehen, denn es will dunkel werden!“ unterbrach Leopoldine ein Stillſchweigen, während * 160 Caſanova. deſſen ſie jedoch an der Seite ihres Begleiters immer vorwärts geſchritten war. Und warum jetzt ſchon, holder Engel?“ entgegnete er ihr; „der Abend iſt ein wahrer Zauberklang, der wie ein reiner Goldtropfen aus dem Himmel herniederfällt — hören Sie wie die Blätter ſäuſeln — und jene Nachtigall — mitten in blü⸗ hendem Gebüſche hat ſie ihren Platz genommen, um uns die tiefſten Geheimniſſe ihres Herzens vorzuſingen — und dort das flammende Abendroth — wir ſind im Paradieſe, in einem Him⸗ mel auf Erden; was wollen wir die Schwelle dieſes glücklichen Heiligthumes überſchreiten und unter die Menſchen hinaustreten, wo das Unglück wohnt und der Haß und der Neid — ehe es unabweislich nothwendig iſt.“ „Mir greift's wie dunkle Ahnung an das Herz,“ antwor⸗ tete Leopoldine ängſtlich; „es iſt als ſollte ich nicht, und folge ich dem ſüßen Zuge, der mich immer tiefer in das La⸗ bhrinth hineinführt. ..“ „Mir iſt's, als müßte ich!“ rief er freudig raſch; „das Schickſal führt den Menſchen unerbittlich wie es will; er muß vollbringen was er ſoll; mag er ſich noch ſo lange ſträuben, ehe er's denkt, ſieht er unter der Hand, die er im Traume auf⸗ gehoben hat, die That ſertig werden, welche für dieſe Minute ſeine Aufgabe war. Leopoldine, es giebt ein Schickſal, dem wir nicht entrinnen können; danken wir Beide dieſem Schick⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 161 ſale, denn es iſt in dieſem Augenblicke uns gnädig, es führt uns einander in die Arme — und wollteſt Du dem Zuge jener unſichtbaren Mächte widerſtrebend Dich feſt am Boden halten, Dich mit den Händen anklammern, damit Du nicht mit fort⸗ geriſſen würdeſt, Leopoldine, der Strom würde Dich los⸗ reißen und doch in meine Arme ſchleudern.“ Bei dieſen Worten war er ſtehen geblieben, zuletzt preßte er das vor Angſt und Wonne bebende Mädchen heftig in ſeine Arme und hielt ſie ſtumm eine glückliche Minute lang an ſeiner Bruſt. Er fühlte wie ſie zitterte, er bemerkte wie gewaltſam der Buſen arbeitete und dieſe Wahrnehmung vermehrte nur ſeine eigne Leidenſchaft. Ihr ganzes Weſen ſchien ein einziger glü⸗ hender Kuß zu ſein, den er in ſeinen Armen hielt und an deſ⸗ ſen Schwingungen er ſich weiden konnte wie an den Klängen eines Engelliedes. Auf einmal jedoch riß ſie ſich los, ſoweit dieſes nämlich die kräftigen Arme geſtatteten, welche ſie umſchlungen hielten. Sie richtete das glühende Geſicht empor. „Halt' ein, halt' ein!“ rief ſie; „ich bitte Sie, mein Freund,“ ſetzte ſie, ihre Aufregung noch mehr bezwingend, hinzu, „gehen Sie nicht weiter. Was wird Mrß. Temple ſagen, wenn ich — ich muß zu Mrß. Temple... thun Sie mir den einzigen Gefallen und begleiten Sie mich zurück, damit wir wieder unter Menſchen kommen.“ 4 Caſanova IV. 11 162 S Caſanova. „Ach, laß doch die Menſchen!“ rief er dagegen; „laß doch dieſe verhaßten Geſchöpfe, was haben die mit Deinem und meinem ſtillen Glücke zu ſchaffen, Du theure Freundin? Sie verſtehen die Sprache unſter Herzen nicht, und wenn ſie ſehen, daß wir aus dem Götterkelche der Liebe uns einen ſüßen Rauſch getrunken haben, ſo werden ſie neidiſch und begeifern uns mit dem Gifte ihrer Reden, das ihnen auf der Zunge ſitzt — die⸗ ſes elende Geſchlecht, das immer von dem Höchſten ſchwatzt und dieſes Höchſte verfolgt und verhöhnt, ſobald es in ſeiner reinſten Glorie vor ihm zur Erſcheinung kommt. O, laß die ja wo und wie ſie ſind, und menge Dich nicht unter ſie, wenn Du nicht mußt. Die kleine Hütte in ſtiller Einſamkeit iſt das Pa⸗ radies, wo die Blume des Glückes blüht — ringsum ſtehen Bäume, liegen Wieſen und Felder, fließen klare Quellen — in der Hütte wohnen zwei glückliche Menſchen, melche für ein⸗ ander leben und kein giftiges Wort bleicht die Farbe der Blü⸗ then wie ein Peſthauch — das glückliche Paar ſind wir Beide.“ „Schwätzer, Schwätzer, wohin gerathen Sie?“ fragte Leo⸗ poldine verlegen; „Sie malen da ein Bild, das doch ewig keine Wahrheit werden wird — ein wahres Schäferleben, wie es auf Erden niemand finden kann.“ „Und doch wird's Wahrheit werden!“ entgegnete er; „ſieh nur, der Platz iſt ja ſchon vorhanden, ſchon abgeſteckt und Begebenheiten eines Weltmannes. 163 ausgemeſſen, auf welchem wir unſer Luftſchloß wirklich aus greifbaren feſten Stoffen aufbauen können. Wer hindert uns, nun Hand an's Werk zu legen?“ Sie blieben vor einer hohen Ulme ſtehen, welche auf einem freien Platze allein ſtand und ihre Krone in der rothen Abend⸗ ſonne wiegte. Eine Weinrebe war an dem Stamme in die Höhe geklettert und hatte ihre biegſamen Arme um die Aeſte geſchlungen, welche ſich oben vom Stamme abbreiteten; die vollen Trauben hingen theilweiſe in unerreichbarer Höhe nie⸗ derwärts. „Leopoldine, ſiehſt Du wohl?“ fragte er ſie bedeut⸗ ſam, indem er ihre Aufmerkſamkeit auf dieſes Shmbol hinlenkte, welches die Natur unbewußt geſchaffen hatte. „Was lenkt den Willen des Menſchen? Sein eigner Antrieb? Armſeliger Be⸗ helf — er geht ſeinen Pfad in gleichem Schritte dahin, es kommen ihm Dinge vor die Augen, deren fließende Kette er nicht beſtimmen kann, ſie rufen Gedanken in ſeine Seele, ſie wecken Funken in ihm auf, die bisher geſchlummert haben, und ſo wird er beſtimmt. Wie dieſe Rebe ſich um den Stamm und um die Aeſte geſtrickt hat, ſo ranke Dich an mir empor; bei Gott, es wird mir eine ſüße Wonne ſein, die liebe Laſt zu tragen und in der Sonne unſres Glücks die vollen Trauben reifen zu ſehen, welche aus der treibenden Rebe hervorwachſen. 11* Caſanova. Mit Leib und Seele bin ich Dein, was willſt Du nicht eben ſo mein ſein?“ Sie antwortete nicht, ſondern wendete ihr glühendes Antlitz ſeitwärts, aber ſie ließ es geſchehen, daß er ſie beim Weiter⸗ gehen immer feſter an ſich drückte, bis er ſie ganz feſt hatte. Der Abend wurde immer dunkler, das Gehölz immer dichter, aber die beiden Luſtwandler fühlten nicht, daß die Lüfte ſich mehr und mehr abgekühlt hatten — ihr ganzes Weſen ſtand ja in lichten lohen Flammen. Nach einer glücklichen Stunde glaubte er am Ziele ſeiner Wünſche zu ſein, allein er fand einen unerwarteten Wiberſtand, der ſo entſchieden war, daß er auch den verzweifeltſten Angriffen nicht nachgab. Gerade auf dem Punkte, wo ſie dem Erliegen am nächſten war, raffte Leopoldine mit einem Male alle ihre Kräfte zuſammen, die matten Grundſätze richteten ſich mit aller Gewalt, die einer armen Seele zu Gebote ſteht, wieder empor und das Gebäude ihrer Tugend ſtand wieder feſt wie ein Dom, welcher von mächtigen Strebepfeilern getragen wird, auf denen ſeine Laſt ſicher ruhen kann. „Leopoldine,“ rief er beinahe erzürnt, „Du biſt hart, Du biſt grauſam; wie kannſt Du bei dieſer Gluth, die mich verzehrt, ſo kalt bedächtig bleiben?“ „O, ſchilt mich nicht,“ entgegnete ſie ſanft bittend; „be⸗ denke nur, an Deiner Liebe liegt mir alles, das hab' ich Dir Begebenheiten eines Weltmannes. 165 ja geſagt — aber ſollſt Du mich wirklich lieben, ſo wie ich es will, dann mußt Du mich auch achten — und was müßte ich in Deinen Augen ſein, wenn ich Deine Achtung verloren hätte? Glaube mir, der Kampf war nicht leicht für mich — und hätte mir die Liebe nicht Rieſenſtärke verliehen, ich hätte ihn verloren — zum zweiten Male wag' ich's nicht — komm, komm zurück, und raſch, gleich auf der Stelle zurück, damit wir unter Menſchen kommen, ehe ſich das verhängnißvolle Gefecht auf's neue zu entſpinnen Zeit hat.“ Gewaltſam machte ſie ſich von ihm los; er ſah daß es ihr Ernſt war, denn er wußte recht wohl das mädchenhafte Sträuben, welches bloß zum Scheine iſt, von der Energie zu unterſcheiden, welche ein entſchloſſenes Handeln charakterifirt, das ernſtlich gemeint iſt. Mit Widerwillen gab er ihrem Ver⸗ langen nach; er ging mürriſch und ſchweigend neben ihr her. Sie verſuchte es mehrmals, ihn zu beſänftigen, und richtete deshalb die ſüßeſten Schmeichelworte an ihn, allein es wollte ihr anfangs nicht gelingen, den ſtarren Sinn des Enttäuſchten zu brechen; er antwortete einſylbig und mißmuthig auf ihre Re⸗ den und nahm nicht einmal ihren Arm, um ſie zu führen. So kamen ſie endlich wieder in's Freie, wo ſich das Be⸗ nehmen Caſanova's ſchon der Schicklichkeit wegen von ſelbſt änderte. Er wurde wieder freundlich, und wer nicht wußte, was zwiſchen ihm und ſeiner Begleiterin vorgegangen war, der Caſanova. ahnte nichts von der Kälte, welche jene mehr als einmal durch ſeine Freundlichkeit hindurchblicken ſah. Der Tanzplatz war von bunten Lampen, die man in gro⸗ . ßer Anzahl an Bäumen und Stöcken befeſtigt hatte, hell er⸗ leuchtet — oben über der dunklen Luft hing die helle Sternen⸗ decke mit der blanken Mondampel. Sie waren ganz nahe gekommen und wurden ſchon von den Tanzenden geſehen. Sie hörten eben noch die letzten Worte eines Liedes, wel⸗ ches ein Improviſator vorgetragen hatte. Tauſend Augen blicken nieder Hoch vom Himmel auf die Erde, Tauſend ſehn von unten wieder Auf zur hellen Sternenheerde. Und des Mondes Silberpracht Schwimmt zu oberſt auf der Nacht. Stille Nacht mit ſchnellen Schritten Weiter trägt die Sternendecke, Daß ihr Fuß mit ſeinen Tritten Keinen Schläfer auferwecke. Zu der Stunden flücht'gem Klang Klingt ein leiſer Engelſang. So ſprach der Improviſator, und als er geendet hatte, klatſchten ihm die Umſtehenden ihren Beifall. In dieſem Augenblicke fühlte Leopoldine eine Hand Begebenheiten eines Weltmannes. 167 auf ihrer Achſel, ſie drehte ſich raſch um und Mrß. Temple ſtand vor ihr. „Ich habe lange vergeblich ſuchen müſſen!“ redete Mrß. Temple die verlegen zu Boden ſchauende Leopoldine an. In dem Tone, mit welchem ſie dieſes that, lag etwas wie ein. Vorwurf, aber zugleich war eine Milde in den Ernſt gemiſcht, welche wohlthuend vermittelte, ſo daß man keinen Stachel von dieſen Worten im Herzen fühlte. Leopoldine antwortete nicht auf die Anrede ihrer Pfle⸗ gerin und Hüterin, ſondern ſpielte an einem Bande, welches an ihrem Buſen herunterhing. Dieſes Band bog ſie hin und her, ſie rollte es zuſammen und wieder auf und that überhaupt als hätte ſie mit dieſem höchſtwichtigen Geſchäft ſo alle beiden Hände vollauf zu thun, daß ihr für andre Kleinigkeiten, wie zum Beiſpiel zu einer Antwort auf die an ſie gerichteten Fragen, keine arme Secunde übrig bliebe. Mrß. Temple beobachtete die Pflegetochter ſcharf, ließ ein Auge auf den Mann fallen, welcher neben derſelben ſtand, jedoch zufällig ſo, daß er die Unterredung nur halb verſtehen konnte, und wußte bald woran ſie war. Sie ſchwankte eine Weile darüber bei ſich, ob ſie ihre Gedanken für ſich behalten und einen gelegenern Zeitpunkt ab⸗ warten, oder ob ſie dem augenblicklichen Drange ihres Herzens nachgeben ſollte. Caſanova. Sie entſchied ſich für das Erſtere; ſie ſchwieg. Das bunte Drängen und Treiben wurde immer lauter, immer abwechſelnder und nahm die Sinne unwillkührlich mit ſich fort, wie die Wellen des ſchießenden Fluſſes einen Kahn mit dahinreißen, ſobald ſie ihn einmal gepackt haben. Der Tänzer wurden immer weniger, bis zuletzt gar niemand mehr Luſt hatte ſich im Kreiſe und um ſeine eigne Arxe zu drehen, dafür aber wandte man ſich immer zahlreicher zu den Pantomimen⸗ ſpielen und kunſtreich geordneten Aufzügen, welche jetzt in die Mode kamen. Die Mußik begleitete dieſe Spiele mit ſchwung⸗ vollen Accorden, welche ſie in paſſenden Momenten einſetzte. Man hätte denken ſollen, man lebte in einer Feenwelt, ſo wun⸗ derſam war die ganze Seenerie ringsum. Die grünen, gelben, rothen und blauen Lampen warfen ihren gefärbten Schein auf die Aeſte und Blätter und dem Menſchen ließen ſie benſelben in's Geſicht fallen; alles bekam auf dieſe Weiſe ein ungewöhnliches Anſehen und beſonders das ſonſt ſo gleichmäßige Grün der Bäume ſpielte in allen Ton⸗ arten der Farbenſeala, die es geben konnte. „Sie ſind ſo ſchweigſam, meine Damen?“ ftagte Caſa⸗ nova, indem er ſich hauptſächlich zu Mrß. Temple wendete, welche er gewinnen wollte; „ſagt Ihnen dieſes Spiel der neckiſchen Launen nicht zu, oder hat Sie ſonſt etwas unangenehm berührt?“ Begebenheiten eines Weltmannes. 169 „Nichts von alle dem!“ gab ihm Mrß. Temple zur Antwort; „können wir nicht Zuſchauer ſein ohne zu plau⸗ dern?“ „Wollen wir nicht mitſpielen?“ nahm Caſanova das Wort wieder; „ſehen Sie dort — närriſcher Gedanke, dort bringt ein Narr mit ſeiner Schellenkappe die Göttin der Liebe geführt — und die Unterthanen dieſer geſtrengen Herrſcherin ſchreiten gefeſſelt hinter der Anführenden her — noch mehr Narren, noch mehr Narren — Mrß. Temple, mein ſchönes Fräulein,“ hierbei wendete er ſich an Leopoldinen, „wollen wir uns nicht anſchließen?“ „Um keinen Preis, mein Herr!“ erwieberte Mrß. Temple ſtreng; „wie könnte ich das heiligſte Gefühl, welches bie Men⸗ ſchenbruſt nur hegen kann, die himmliſche Liebe, dadurch profa⸗ niren, daß ich ſie mit der Schellenkappe der Narrheit in Ver⸗ bindung brächte!“ „Sehen Sie doch den Harlekin!“ rief jener dagegen, ohne auf den Vorwurf zu achten, welchen ihm Mrß. Temple ge⸗ macht hatte; „wie ernſthaft nimmt er die Sache, wie gravitätiſch ſchreitet er neben ſeiner Göttin daher und ſie lächelt ihm ſo unausſprechlich liebevoll zu, als wären Beibe durchaus für ein⸗ ander — ich glaube, die Leute haben Recht, meine Damen, die Liebe hat die Thorheit zur Schweſter.“ „O, was Sie nicht ſagen, mein Herr!“ entgegnete Mrß. 170 Caſanova. Temple nur noch ſpitziger als vorhin; „eine äußerſt erbau⸗ liche Anſchauungsweiſe, das muß ich geſtehen; was ſagt Leo⸗ poldine dazu, meine liebe Leopoldine?“ Der Ausdruck, mit welchem die letzte Frage gethan wurde, war der der innigſten Zuneigung und ging warm, wie er aus dem Herzen kam, dem jungen Mädchen wieder bis in das innerſte Herz hinein. Sie war aufgeregt; von der ſeltſamſten Bewegung ergriffen, ſtürzte ſie auf die Freundin zu und ſchloß ſie in die Arme. „Nein, nein, das iſt nicht wahr!“ rief ſie laut weinend; „bei Gott nicht, es iſt keine Narrheit.“ „Was iſt Dir, mein Kind?“ fragte Mrß. Temple ver⸗ wundert; „Du biſt ja ganz außer Dir.“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ fiel ihr Caſanoba in die Rede; „beurtheilen Sie dann, meine verehrungswürdige Freun⸗ din, ob ich ein Kenner des menſchlichen und reſpective weib⸗ lichen Herzens bin, oder ob ich ſchweigen muß, wenn es gilt einen Faden von dem räthſelhaften Knäuel loszuwinden, der in des Menſchen Bruſt pulſirt. Denken Sie ſich einen Engel wie Ihre Leopoldine da — das ahnende Herz in der Bruſt ſchlummert wie eine verſchloſſene Roſenknoſpe, die ſich dem Tage noch nicht geöffnet hat. Wie ferne Klänge ſchlägt wohl ein Gedanke an die äußern Wände, aber er bringt kaum einen Schatten von dem, was wirklich iſt, zur Anſchauung — nun Begebenheiten eines Weltmannes. 171 kommt die warme Frühlingsſonne der Liebe und läßt ihren erſten goldnen Strahl auf die junge Roſenknoſpe fallen — dieſe erbebt vor Wonne bis in's Innerſte, ganz von ſelbſt ſchließt ſich ein Blatt nach dem andern auf — ha, jetzt iſt es voll⸗ ſtändig geſchehen, jetzt fällt der Widerſchein der ganzen ſonnen⸗ beleuchteten Welt mit all ſeiner Herrlichkeit, all ſeinem ver⸗ führeriſchen Zauber auf das Herzblättchen, welches der Mittel⸗ vunkt alles Fühlens iſt — es zittert in leiſen träumeriſchen Klängen — aber da kommt die kalte Proſa mit ihrem eiſigen Athem und haucht das warme Blättchen an — ein ſchriller Klang, wie wenn eine Saite entzweiſpringt.. ach, die liebe Blume iſt erſchrocken durch und durch, der eiskalte Spott, dieſes feind⸗ ſelige Element, hat ſie mit ſeiner ſchärfſten Spitze an der empfind⸗ lichſten Stelle berührt — das iſt es geweſen, Mrß., weiter nichts.“ „Mein Herr, das war ſehr geiſtreich, allein ich muß in der That bekennen, daß ich nicht einſehe, wie ich es verſtehen ſoll,“ rief Mrß. Temple. „Ganz im allgemeinen, zweifelsohne, verehrungswürdigſte Freundin, nicht anders als ſo!“ entgegnete Caſanova mit leichtem Spotte. „Aber ſehen Sie nur dorthin,“ lenkte er ſo⸗ gleich wieder um, „dorthin geſehen, die Vorſtellung wird immer mannigfaltiger, Bacchus geſellt ſich zur Venus, und anſtatt des Narren ſchreitet Amor mit den ſicher treffenden Pfeilen 172 Caſanova. neben der Göttin der Liebe einher, der Bogen iſt geſpannt — welchem Herzen mag das Geſchoß beſtimmt ſein! Die Sache wird ernſthaft, wie ich ſehe — Hercules und Omphale — dieſer gewaltige Gott der Sklave eines ſchönen Weibes — ſehen Sie ihn dort? Vergeſſen hat er all ſeine Mannheit, die Kraft ſei⸗ nes Armes iſt gelähmt und er nimmt die Spindel zur Hand. Und hören Sie, was man im Chore ſingt?“ Man ſang wirklich ein kurzes Lied und zwar folgendes: Auf die Frauen. Natur, die Stieren Hörner ſchuf Und die dem Roſſe gab den Huf, Dem Haſen ſchnell zu Fuß zu ſein, Den ſcharfen Zahn verlieh dem Leu'n; Sie, die die Fiſche ſchwimmen hieß und ihren Flug den Vögeln ließ; Die gab dem Manne den Verſtand: Was ſie noch für die Frauen fand? Sie ſchenkt' der Schönheit Allgewalt Für Spieß' und Speere mannigfalt — Denn Feuer zwingt und Eiſenſtahl Die Frau, die ſchön iſt, allzumal. „Wie finden Sie das?“ fragte Caſanova ſeine Begleite⸗ rinnen, als der Zug vorüber und der Geſang zu Ende war. „Uebertrieben wenigſtens!“ antwortete Mrß. Temple, welche es heute darauf angelegt zu haben ſchien, mit allem Möglichen unzufrieden zu ſein. Begebenheiten eines Weltmannes. 173 „Und doch iſts wahr, wenn irgend etwas —“ entgegnete der Jüngling, durch dieſe Antwort in Feuer gebracht. „Es iſt ein altes Lied; von einem Griechen rührt es her, von deſſen Leibe kein Stäubchen mehr bei dem andern iſt, aber das Lied iſt geblieben, denn es war ſo warm und ſo wahr gefühlt, daß es die Menſchen ſogleich aufgriffen — eine Generation ſang es der andern zu und ſo iſt es, wie ein fallendes Blatt von einem Baume durch die langen Zwiſchenzeiten bis zu uns herüber⸗ gekommen. Jedes Geſchöpf hat ſeine Gabe von der Natur, dieſer gütigen Mutter, mit auf den Lebensweg bekommen — der Mann den Verſtand und was die Frau? Die Allmacht der Schönheit — wollen Sie es anders oder etwas Beſſeres ſagen? Sie werden es ſchwerlich im Stande ſein . . Aber was iſt das wieder? Dort führen ſie den Zug der Eumeniden auf, die den Oreſtes unſtät durch alle Lande peitſchen — häßliches — nein, ſchrecklich⸗ſchönes Schauſpiel! — Heda, Harlekin, auf ein Wort,“ rief er mit unterdrückter Stimme einem Harlekin zu, der in der Nähe ſtand, worauf dieſer herangehüpft kam; „ſeid Ihr denn ganz griechiſch geworden, daß Ihr lauter ſolche Sachen darſtellt? Wer ſind denn die Masken dort?“ „Schüler aus Verona!“ flüſterte der Gefragte und eilte hüpfend in den dunkeln Hintergrund zurück, aus welchem er hervorgetreten war. Auch die Pantomime, welche die Masken darſtellten, ver⸗ Caſanova. ſchwand auf Augenblicke in der Dunkelheit, welche den verhüll⸗ ten Raum umgab wie das Meer eine ſonnige Inſel, dann tauchte ſie wieder auf, um wieder zu verſchwinden, bis fſie endlich nicht wieder zum Vorſchein kam. „Die Lampen ausgelöſcht, das Spiel iſt nun zu Ende!“ rief Caſanova, von jener Darſtellung mächtig angeregt; „ſo gaukelt der Menſch gleich einem Irrlichte eine Weile auf der Bühne dieſer Welt herum, ein Schattenſpiel an den Couliſſen⸗ wänden — woher er kam, wohin er ging, der zitternde Schat, ten? Aus der Nacht kam er und in die Nacht verſchwand er und er iſt nicht mehr da — hinweggewiſcht, hinweggewiſcht bis auf die letzte Spur.“ Das unheimliche Gaukelſpiel, das er vor ſeinen Augen geſehen hatte, rief auch wunderliche Gedankenbilder in ſeiner Seele hervor. War's doch, als wenn ſich die ſchwarze Luft⸗ maſſe, welche den erhellten Schauplatz umfloß wie eine ein⸗ ſchließende Mauer, von ſelbſt zu lauter abenteuerlichen Geſtalten formte, die eine Weile vor den ſehenden Augen der Zuſchauer hin⸗ und herſchwebten und dann wieder in ihre Urmaſſe zer⸗ rannen. Die beiden Frauen waren noch mehr afficirt, ihnen war die ganze Welt, aus deren Bereiche der Stoff für jene Darſtellungen entnommen war, fremder, darum aber kam ihnen alles unbegreiflicher und wunderbarer vor und machte einen um ſo größern Eindruck auf ihr Gefühl. Leopoldine ſtand mit Begebenheiten eines Weltmannes. 17⁵ bem rechten Arme auf ihre Erzleherin gelehnt regungslos da und ſchaute mit weitgeöffneten Sinneswerkzeugen in das Schau⸗ ſpiel hinein, welches ſich wie eine Fluth von Wundern Welle nach Welle an ihr vorüberwälzte. Der lebhafte Eindruck, welchen ſie dabei empfand, drängte die Erinnerung an das, was ſie in der nchſten Vergangenheit erfahren hatte, allmählich in den Hintergrund — ſie war ganz Auge, ganz Ohr, ſie ſpähte neugierig vorwärts und hatte nicht Zeit rückwärts zu denken. Die Lampen begannen ſchon düſterer zu brennen und der weiße Streif im Oſten verkündete wie ſchon tauſendmal, ſeit die Erde ſteht, den heraußziehenden Tag. Eine kühle Luft erhob ſich und dieſer erfriſchende Athemhauch des Morgens wirkte er⸗ quickend auf die übernächtigen Geſichter, deren fieberhaftes Bren⸗ nen er merklich milderte. Die Vögel hatten ſich von hier ge⸗ flüchtet und ruhigere Orte aufgeſucht, daher begann in der Ferne, ſowie der Tag das Auge nur halb geöffnet hatte, ein ſchmetterndes Concert, eine Mettenmuſtk, welche noch wäh⸗ rend der Dämmerung und vor dem Beginnen des eigentlichen Hochamtes aufgeführt wird. „Ich werde Sie nach Hauſe geleiten, meine Damen,“ wendete ſich Caſanova jetzt an ſeine Begleiterinnen, „bann aber hierher in die Herberge zurückkehren. Vermelden Sie Herrn Mills meinen freundlichen Gruß und ich würde ſo frei ſein, Caſanova. 176 mich bei ihm zu Gaſte zu laden, ſobald ich mich durch eine Stunde Schlaf wieder geſtärkt hätte. In dieſem Augenblicke kam der Harlekin, welcher Mrß. Temple gleich zu Anfange ſo ungalanter Weiſe ſeine Huldi⸗ gungen dargebracht hatte, in tollen Sprüngen herangeſetzt; er trieb, was er erreichen konnte, durch Schläge vorwärts. Wie eine langbeinige Spinne griff er mit Armen und Füßen nach allen Seiten hin aus, theilte Streiche aus wie er ſah und mit groteskem Humor declamirte er zu dieſer Action folgende Verſe, die er, ſie immer unter ſich verſchlingend, wiederholte. Des Narren Lied. Die Lampen verlöſchen, die Spiele ſind aus, Und nun geht der Narr wie die Närrin nach Haus, Und häutet ſich dort von dem ſcheckigen Kleid, Denn ſchon iſt das Bette zum Schlafen bereit; Dann kommen die Träume und was er geſehn, Sieht leiſeren Nachhalls er nochmals geſchehn. Das Leben der Menſchen iſt auch nur ein Spiel — Verlöſchen die Lampen, ſo ſind wir am Ziel. Ach, tollt das den Tag über heiſa juchhei, Und wie bald iſt's verrauſcht und wie bald iſt's vorbei! Zu Bette, zu Grabe, herab das Gewand, Laßt hinter dem Rücken den Plunder und Tand: Die Lampen verlöſchen, die Spiele ſind aus Und nun muß der Narr mit der Närrin nach Haus! Dieſer Burſche ſchien es recht eigentlich auf die drei Men⸗ ſchen abgeſehen zu haben, welche etwas ſeitab von dem beleb⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 177 teſten Tummelplatze Poſto gefaßt hatten, um von hier aus deſto ungeſtörter beobachten zu können, was man vornahm. Er um⸗ kreiſ'te die Gruppe zweimal, indem er immer ſeine Verſe dazu recitirte und den Vortrag derſelben mit taktmäßigen Pritſchen⸗ ſchlägen begleitete; als er die Runde zum dritten Male machte, war er ganz nahe an die Andern gekommen, und zwar ſo nahe, daß er ſie mit ſeinem hölzernen Scepter erreichen konnte. „Und nun muß der Narr wie die Närrin nach Haus!“ rief er, zugleich aber fühlte auch Caſanova einen Schlag auf einem Theile ſeines Körpers, welchen man in unſern über⸗ feinen Zeiten nicht gern bei dem rechten Namen nennt, während der fromme Kirchenvater Theodoret in einer ſeiner geiſtlichen Abhandlungen gerade dieſen Theil des menſchlichen Körpers ohne Anſtoß zu erregen beſchreiben durfte, um zu erweiſen, wie zweckmäßig der Schöpfer alles eingerichtet habe. „Du biſt ſehr dreiſt, Burſche!“ rief der Geſchlagene, in⸗ dem er ſich raſch umdrehte und den Andern am Arme faßte; „aber unterſtehe Dich nicht, die Damen, welche Du bei mir ſiehſt, anzurühren.“ „Laß mich los, Verwegener!“ gebot der Harlekin; „weißt Du nicht, daß ich eine geheiligte Perſon bin, ſo lange dieſe MWhſterien dauern, die Du nicht ungeſtraft antaſten darfſt?“ „Mhſterien dauern? Wie ſo Myſterien? Was faſelſt Du von Myſterien?“ fragte jener, indem er den lachenden Regenten Caſanova IV. 12 178 Caſanova. im Gebiete der Ausgelaſſenheit freigab. „Kann ich Dich wohl nach einer Stunde dort in der Herberge treffen? Wir trinken eine Flaſche zuſammen und die vom Beſten.“ „Nach einer Stunde, topp!“ antwortete die Maske, wel⸗ cher dieſes Anerbieten ſehr willkommen zu ſein ſchien; „ſchlag⸗ ein, Mann, ich für meinen Theil komme.“ Weg war er, der neckiſche Kauz, ehe man es dachte, und Caſanova bot ſeinen Damen die Arme, um ſie, die eine rechts, die andre links, nach dem Schloſſe zu geleiten. Das Geſpräch, welches Caſanova mit ſeinen Begleiterinnen unterhielt, wollte nicht ſo recht lebhaft und herzlich werden, und er war nahe daran, ſeinen Mißmuth darüber merken zu laſſen. Zum Glück ſtand er vor der Schloßthüre, ehe ſeine Verſtimmung den höchſten Grad erreicht hatte — er war froh daß er ſeiner Herr geblieben war und jetzt Abſchied nehmen konnte, ohne das Mißfallen der Mrß. Temple und Leopoldinens durch einige ſcharfe Worte herausgefordert zu haben. Auf dem Rückwege hatte er ein Gebüſch zu paſſiren, durch welches ſich der ſchmale Fußſteig dahinzog, bis er wieder auf das freie Feld ausmündete, welches bloß mit Gartenfrüchten und Blumen beſetzt war. Kaum hatte er fünf Schritte gethan, als eine Maske aus dem Hinterhalte hervor und mit gezücktem Dolche in der Hand auf ihn losſtürzte. Begebenheiten eines Weltmannes. 179 „Verräther, hier Deinen Lohn!“ keuchte eine weibliche Stimme und der Arm war ſchon daran den Stoß zu führen, welcher in die Bruſt des Mannes eindringen und dort das zarte Lebenspflänzchen bei der Wurzel abſtechen ſollte. Im Augenblicke ſprang der Bedrohte auf die Seite und hatte Geiſtesgegenwart genug, den Degen mit ſammt der Scheide, in der er ſtak, zu ſeiner Vertheidigungswaffe zu machen. Die Angreifende aber drang deſto wüthender auf das Opfer der Rachſucht ein, das ſie ſich auserſehen hatte, und ließ keinen Zweifel mehr übrig, was ſie beabfichtigte. „Tigerthier, das Du biſt!“ donnerte der Andre; „halt ein oder ich durchbohre Dich wie Du biſt.“ „Thu's, wenn Du kannſt!“ kreiſchte die Frau; „aber daran mußt Du.“ „Wollen doch ſehen, warte!“ entgegnete Caſanova, welcher wohl merkte, mit wem er es zu thun hatte. Zugleich ſuchte er mehr Flucht zu gewinnen und die Angreiferin ſich weiter vom Leibe zu halten; er trat raſch zwei Schritte rechts, jene ſtürzte nach, er aber ſchwenkte in demſelben Zuge wieder links und gewann ſo die nöthige Freiheit, um den Degen aus der Scheide zu ziehen. Nun ging er mit blanker Waffe auf ſeine Feindin los, welche er auch durch zwei bis drei ſchnelle Paraden wehrlos machte. Er hatte ihr den Dolch glücklich Caſanova. aus der Hand geſchlagen und ging ihr nun gerade aus zu Leibe. „Was ſpringſt Du auf mich los wie eine blutdürſtige Tigerkatze auf ihre Beute?“ rief er. „Was hab' ich Dir gethan?“ Zitternd vor Wuth ſtand das Frauenzimmer da und ballte die Fäuſte, ohne eine Solbe zu antworten. Sie warf vielmehr ſcharfe Blicke nach dem Dolche, welcher nicht weit von ihr am Boden lag, und holte ſchon aus, um dieſes Mordinſtrument wieder an ſich zu reißen. Aber ehe ſie den beabſichtigten Satz machen konnte, hatte er ſchon errathen was ſie im Schilde führte und darauf Bedacht genommen, daß ſie nicht zum Zweck gelangen konnte. Er ſetzte nämlich den Fuß ganz kaltblütig auf den ſcharf geſchliffenen Stahl und ſchob ihn noch mehr bei Seite, bis er ihn endlich ſo weit in die Gebüſche hinein hatte, daß man erſt ſuchen mußte, ehe man ihn finden konnte. „Haſt Du gehört, daß ich Dich gefragt habe, Du Furie?“ nahm er jetzt wieder das Wort; „ich will wiſſen, was Du gegen mich haſt! Du biſt jetzt entwaffnet, und laß Dir nun nicht etwa beikommen, Deinen blutdürſtigen Angriff zu erneuern; den Dolch behalte ich. Was that ich Dir?“ Hartnäckig verweigerte die Maskirte ihre Antwort. Trotz und Wuth ſtritten ſich in ihr um die Oberherrſchaft, aber zu Begebenheiten eines Weltmannes. 181 machen war nichts mehr, das mochte ſie einſehen, und deshalb drehte ſie ſich jählings um und ging von dannen. Der Andre, feſt entſchloſſen dieſe Feindin nicht ſo wohl⸗ feilen Kaufs davonzulaſſen, hob den Dolch ſchnell vom Boden auf, ſteckte ihn zu ſich und eilte dann der Fliehenden mit ſchnel⸗ len Schritten nach. Er hatte ſie auch bald eingeholt und packte ie, ſobald er nahe genug gekommen war, mit ſeiner linken Hand am rechten Arme. „Halt doch,“ rief er ihr in's Ohr, „ſo kommſt Du nicht davon! Steh' erſt hübſch Rede, dann wollen wir ſehen, was zu thun iſt.“ „Laß mich los!“ knirſchte ſie; „laß mich los, oder ich ſchwöre Dir's zu, daß Du am Giſfte meiner Rache morgen verenden ſollſt.“ „Ha ha!“ lachte er; „Worte ſind keine Pfeile und Deine Rache fürcht' ich nicht — die Maske ab!“ Er gab ſeinen Worten auf der Stelle Nachdruck durch die That und ſo entſpann ſich ein hitziger Ringkampf zwiſchen Beiden, welcher damit endete, daß die Frau unterlag. Unter ſeinem gewaltigen Arme fiel ſie endlich zu Boden und nun war ſie gänzlich in ſeine Gewalt gegeben. „Stich mich todt, Barbar!“ rief ſie reſignirt aus; „renne mir die Klinge durch den Leib, ich blute ſo ſchon.“ „Er ließ ſich nicht irre machen, ſondern kniete ihr auf 182 Caſanova. beide Arme, um ſie vollkommen feſt zu haben, dann machte er ſich daran, die Maske vor dem Geſichte zu löſen. „Die Maske lüfte nicht,“ rief ſie flehentlich bittend; „ſonſt mach' mit mir was Du willſt, die Maske nur laß mir vor dem Geſicht.“ Er aber hatte ungerührt von ihren Bitten ſchon gethan was ſie abwenden wollte — er ſah in ein zornglühendes, aber ſo ſchönes Frauengeſicht, wie er ſich ſelten geſehen zu haben erinnern konnte. Sprachloſes Erſtaunen machte ihn eine Minute lang ſtarr und ſteif — ihre Blicke ſchoſſen wie giftige Pfeile aus den rollenden Augen und kochende Wuth hob den vollen Buſen wie wildbewegte Fluth in die Höhe. „Immer ermorde mich nur vollends!“ rief ſie; „was hin⸗ dert Dich, Deiner Heldenthat die Krone aufzuſetzen?“ „Ich Dich morden?“ erwiederte er entflammt; „ich Dich? Eher ſiterb' ich ſelbſt einen tauſendfachen Tod — Du biſt ſo ſchön! Was greifſt Du nach dem ohnmächtigen Dolche, um den ſtärkſten Mann zu bezwingen? Die Allmacht Deiner Schönheit bezwingt ihn gewiſſer als jener, es léuchtet wie mächtige Don⸗ ner aus Deinen Augen, ſie werfen nieder wen ſie treffen, und ſtände er wie der Felſen feſt, der ſeine Wurzeln tief hinunter in die Erde ſchlingt. Vergiebſt Du mir, ſchöne Frau? O, ich ill Dein Sklabe ſein, ſanft will ich ſein wie das ſchneeweiße Lamm, das Du am ſeidenen Bande führſt — ich will ihm Begebenheiten eines Weltmannes. 183 folgen dem Zuge dieſer lieben and, wie der Säugling der Amme gehorcht — o, aber vergieb, vergieb, was ich Dir that, ich kannte Dich nicht — jetzt erſt ſeh' ich Dich.“ Er warf ſich neben ſie in's Gras, er ergriff ihre rechte Hand und führte ſie an ſeine Lippen, dann brannten unzählige ſeiner heißeſten Küſſe auf ihrem Munde — ſie ließ es geſchehen, ohne ſich nur im mindeſten zu ſträuben. Als ſie jedoch die Linke erhob, um ihn zu faſſen, bemerkte er daß ſie blutete. „Du biſt verwundet,“ rief er aus; „gieb, gieb — o, daß dieſes theure Blut verrinnen muß — ich bin der Schuldige — laß Dich verbinden, laß mich die Wunde küſſen; das Seuer der Liebe heilt jegliche Wunde, auch die tiefſte.“ Er unterſuchte die blutende Stelle, welche er mit ſeinem Schnupftuche abwiſchte, und es ergab ſich, daß es eine leichte Verletzung war, aus welcher das Blut hervorſtrömte; in der Hitze des Kampfes hatte ſie ſich an dem Degen geritzt, welchen er anfänglich noch in der Hand behalten hatte, aber ihre Ver⸗ wundung nicht bemerkt, weil ſie einzig darauf Bedacht genommen hatte, wie ſie ſich losmachen könnte. Jetzt verband derſelbe Mann, welcher die Wunde geſchlagen hatte, ſeine Feindin, deren zornſprühendes Geſicht ſich ſchon merklich abgeklärt hatte. Sie ſah mit huldvollem Lächeln zu, wie er ſich Mühe gab, ſie hörte ſeine Bitten und Beſchwörungen 184 Caſanova. ſchon ſehr theilnehmend an und einmal vergaß ſie ſich ſo weit, daß ſie ihm einen Kuß, den er ihr gegeben hatte, doppelt zurückgab. Schon wurde die Landſchaft von Menſchen belebt — man hörte Stimmen in der Nähe, welche von Landleuten kamen die ihre Aecker bearbeiteten. „Hier können wir nicht bleiben!“ rief ſie, als der Verband beendet war; „entfernen wir uns.“ „Wo treffen wir uns wieder, wo ſehe ich Dich, wenn ich Dich finden will?“ fragte er leidenſchaftlich. „Liegt Dir ſoviel an einer Frau, die Dich beinahe zur Leiche gemacht hätte?“ fragte ſie lächelnd. „Alles, das Leben und mehr — ſage nur — ſei mein — o, ſage mir, wo und wie!“ drängte er. „Nun wohlan, vor dem Thore Verona's, durch welches wir von hier aus paſſtren müſſen, ſoll morgen eine alte Frau ſtehen, welche Blumenſträuße feil hält; die fragſt Du — ſie wird Dich führen,“ antwortete ſie; „ich erwarte Dich, mein ſüßer Freund — aber vor den Leuten dort in der Herberge thun wir fremd; ich bin nicht das Landmädchen, welches ſoviel von den albernen Mills zu erzählen wußte; das war nur Maske, ſo falſch wie dieſe ganze Mummerei, doch Du magſt ſelbſt ſehen und hören, wenn Du kommſt — und Du kommſt doch?“ Begebenheiten eines Weltmannes. 185 „Freilich komme ich, heute lieber als morgen.“ „Heute nicht, ja nicht, ich erwarte einen griesgrämigen Alten, der morgen dahin nachreiſ't, wohin mein Mann ſchon voraus iſt, dann ſind wir ſicher — jetzt bleib' hinter mir, und wohl zu merken, hübſch fremd gethan, ſobald uns Leute ſehen.“ „Adieu!“ rief er und drückte einen herzinnigen Kuß auf ihre Lippen. „Ade, Ade, auf Wiederſehen!“ erwiederte ſie, den Kuß zurückgebend; dann eilte ſie voraus, um eher anzulangen als er. Er ging wieder eine Strecke zurück, um ihr hinlänglichen Vorſprung zu laſſen; als er ſich umſchaute, erblickte er ſie ſchon nicht mehr. „Sonderbar, ſonderbar!“ rief er, den Kopf ſchüttelnd, wobei ein tiefſinniges Lächeln über ſeine Züge ſpielte; „wer hätte das gedacht, vor einer Stunde noch gedacht? — ſie kennt mich nicht, ich habe ſie in meinem Leben nicht geſehen, wir finden uns, wir ſchlingen uns aneinander, vielleicht reißen uns die ſchießenden Wellen der Zeit, auf welchen wir vorwärts ſchwim⸗ men, wieder voneinander, ehe der Baum des Jahres einen Ta⸗ gesring angeſetzt hat — wer kann's wiſſen, wer vorausſehen?“ In Gedanken verloren drehte er ſich um und ging lang⸗ ſamen Schrittes auf die Herberge los, in welcher er ſeinen — 186 Caſanova. Cicerone ſammt dem Fuhrwerke zurückgelaſſen hatte und von Freund Harlekin erwartet wurde. Schon von ferne hatte ihn der dienſtbefliſſene Domenico, der unter der Thüre ſtand, wahrgenommen und hielt es für ſeine Pflicht, dem Nahenden entgegenzugehen. „Guten Morgen, guten Morgen, lieber Herr!“ rief der Cicerone ſchon in einer Entfernung von mehr als funfzig Schritten; „haben nicht geſchlafen, ſind übernächtig, ich kenne das, bin es auch ſo halb und halb, aber für ein Bette iſt geſorgt.“ „Ach, mit dem Schlafen wird nicht viel werden,“ ant⸗ wortete der Andre lächelnd; „ich werde aus zwei Tagen dieſes⸗ mal wohl nur einen machen müſſen.“ S4 „Hat ſich was,“ bemerkte Domenico; „da drinnen fſitzt ein Taugenichts, der behauptet, er hätte die Erlaubniß, auf Ihre Rechnung zu trinken und läßt ſich nicht irre machen, wenn ich ihm auch tauſendmal ſage, daß das nicht möglich iſt, daß das eine Unſchicklichkeit von ſeiner Seite iſt, daß das —, kurz und gut ich weiß nicht, was ich mit dem Kerl anfangen ſoll. Mir kam's vor, als tränke er mir zum Hohne nur deſto mehr, und deshalb mochte ich gar nicht in der Stube bleiben und dieſen Scandal mit anſehen.“ „Ach, wohl Signor Harlekin!“ rief der Andre voll guter Laune; „mag er ſich's ſchmecken laſſen, ich habe ihn allerdings eingeladen, eine Flaſche mit mir auszuſtechen.“ . Begebenheiten eines Weltmannes. 187 So waren Beide bis an das Wirthshaus gekommen und traten ohne Umſtände zu machen hinein. Harlekin hatte kaum bemerkt, daß ſein zukünftiger Zechkumpan gekommen war, als er auch heiter und vergnügt, wie es nur ein Menſch ſein kann, welcher einige ſtarke Züge aus dem Becher mit Traubenblut gethan hat, aufſtand, ein Glas vollſchenkte und auf jenen zuſchritt. „Heda, willkommen beim Weine!“ rief er aus; „ſetzt den Rand an die Lippen und leert den goldnen Feuertrank bis auf den letzten Tropfen.. ſo, ſo muß es ſein.. den Becher in der Hand durch dieſes Leben wandeln, heißt ſich den Himmel auf die Erde zaubern.“ Caſanova hatte das Glas bis auf die Nagelprobe aus⸗ getrunken und ſetzte ſich zu ſeinem neuen Bekannten an den Tiſch. Dieſes Geräth ſtand in einer Fenſterbrüſtung, ſo daß man die Ausſicht gerade nach dem Platze hatte, welcher den geſtrigen Tag und die letzte Nacht über einen Theil des Schau⸗ platzes für die Maskenzüge gebildet hatte. Hier ſpannten die Reiſenden aus, wenn ſie eine Weile raſten wollten, hier wurde Verſammlung gehalten, wenn das junge Landvolk der Umgegend eine Luſtpartie verabreden wollte, hier ſtand jetzt eine elegante Kutſche, vor deren offenem Schlage ein icheſleibtte Lakai wartete. Caſanova ahnte wohl, auf wen man warten möchte, 188 Caſanova. nämlich auf die Dame, mit welcher er das letzte Rencontre gehabt hatte, allein er vermied ſorgfältig jeden Schein von Neugierde, welcher eine mehr als gewöhnliche Theilnahme hätte verrathen können. Ganz gleichgültig fragte er ſeinen Trinkgenoſſen, was er zu der Kutſche ſagte. „Nichts, oder nicht viel!“ antwortete dieſer in gering⸗ ſchätzigem Tone; „aber Ihr wolltet wiſſen, was es mit den Myſterien für eine Bewandtniß hätte — hört nun.“ „Mit Verlaub, das weiß der Herr ſchon aus meinem Munde,“ mengte ſich Domenieco in's Geſpräch; „das kann niemand genauer ſagen als ich, wenn Ihr's erlaubt, Herr Saufaus.“ „Domenico, Domenico, haſt doch ſonſt Takt!“ wendete ſich Caſanova lachend an den Gereizten; „laß doch den Herrn — und wie reich der Lakai gekleidet iſt,“ ſagte er dann zu dem Harlekin, „ſehen Sie ihn nur an, äußerſt ge⸗ ſchmackvoll. . .“ „Reiche Leute können gut Geſchmack haben, 's iſt keine Kunſt, wenn man die Kiſten und Kaſten voll hat. Aber die MWyſterien, ſeht, das iſt ſo. In alter Zeit gab es geheime Ge⸗ ſellſchaften, in welchen ſich die beſten Menſchen jeder Generation vereinigten, um ſich durch gemeinſamen Umgang weiter zu bil⸗ den, ſowie auf ihre Zeitgenoſſen mit vereinten Kräften einzu⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 189 wirken. Die größten Männer waren darin eingeweiht, ich er⸗ innre bloß an die Eleuſinien . .“ „Schon gut, ſchon gut,“ unterbrach Caſanova dieſe Rede; „unerträglicher Schwätzer, der redet, was ich nicht hören mag und ſchweigt, wenn er ſprechen ſollte,“ dachte er bei ſich und „ſehen Sie dort, ſie ſteigt ein,“ rief er laut, indem er ſich nach dem Fenſter wendete, durch welches man eine reich⸗ gekleidete Dame in den Wagen einſteigen ſah, welcher im Au⸗ genblicke davonfuhr. „Es iſt eine reiche Frau!“ rief der Harlekin gleichgültig; „was iſt's weiter? Aber weiter im Terte. Cicero zum Bei⸗ ſpiel, Ihr kennt doch den alten Heiden Cicero? Wie kann ich nur ſo fragen? So ein netter Burſche ſollte den Cicero nicht kennen, Teufel auch, den Cicero! Ja ſeht, der war ein Einge⸗ weihter. Er ſagt in ſeinen Tuſculaniſchen Disputationen, im erſten Buche, das Capitel weiß ich nicht anzugeben, 's iſt aber auch nicht nöthig, ja, da ſagt er: denn Du weißt ja, weil Du eingeweiht biſt, daß alle diejenigen, welche für Götter gehalten werden, hier von uns aus in den Himmel gegangen ſind — Shlla, Pomponius Attikus, der römiſche Kaiſer Aurelius waren Wiſſende; Aeſchhlus, der griechiſche Trauerſpieldichter, hatte in einem Chore ſeiner Furien etwas von den Geheimniſſen ver⸗ rathen, oder ſollte es wenigſtens vor dem Volke zur Darſtellung gebracht haben — er war ein Eingeweihter und mit Mühe 190 Caſanova. entging er dem Tode. Dieſe Mhſterien verloren mit dem Eintritt der chriſtlichen Zeit ihre öffentliche Geltung und haben ſich dennoch bis heute forterhalten, wie Du uns geſtern und dieſe Nacht die tiefſten Wahrheiten in ſinnlich wahrnehmbaren Bil⸗ dern darſtellen ſahſt.“ „Mit Verlaub, das iſt nicht wahr!“ entgegnete Dome⸗ nico, dem das Schweigen jetzt unmöglich geworden war; „ich pflege mir nicht von der Wahrheit, die ich bei mir habe, das Herz abdrücken zu laſſen, aber die Sache iſt anders. Ein grau⸗ ſamer Eroberer kam einſt vor langer Zeit in dieſe Gegend, damit er Land und Leute verdürbe. Man kannte ihn in dieſer Pflege nicht, nahm ihn aber bei einem Maskenballe ſehr gut auf; er, gerührt von dieſer herzlichen Gaſtfreundſchaft, verſchonte Land und Leute — das iſt die Sache, und zum Angedenken wird noch heute das Feſt gefeiert — das ſagt nur getroſt nach, denn anders iſt's nicht.“ „Erzähle Du nur wie ich's erzählt habe,“ erwiederte der Andre, „und verlaß Dich darauf, daß ich Recht habe — heda, trinkt doch!“ wendete er ſich an Caſanova, der ganz in Träumen verſunken keine Shlbe von dem gehört hatte, was zwiſchen den beiden Andern geſprochen worden war. „In der That ſehr ſchön!“ rief er aus dem Traume auf⸗ wachend; „dieſe Grazie, dieſe Anmuth, wie die Göttin der Schönheit ſelbſt.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 191 „Wer denn, wenn man fragen darf?“ entgegnete der Har⸗ lekin voll komiſcher n „hört, Freundchen, ich glaube, ich glaube —“ Caſanova's Augen wurden ſchon gläſern, aber nicht eine Wirkung des Weines war dieſe veränderte Färbung, ſon⸗ dern die ſonſt ſo hellglänzenden Flächen matteten ſich ab, weil der Schlaf ſeinen verhüllenden Schleier über die Sonne des Lebens zog, die in Wachen den ganzen Menſchen überleuchtet. Er hörte wohl, daß jener zu ihm geſprochen hatte, aber er nahm ſich ſchon nicht mehr die Mühe darüber nachzudenken, was dieſes geweſen war. „Ja, ja, meine Herren, Sie haben Beide in Ihrer Art Recht“ rief er wie ein Träumender, dann legte er beide Atme auf den Tiſch und ſich mit dem Kopfe daraufz er war einge⸗ ſchlafen, ehe ihn der Harlekin von der Schwelle in das ruhige Schlummerland zurückreißen konnte. „Wer einmal hinüber iſt,“ rief Domenico dem Harlekin zu, welcher Miene machte den Schlafenden zu ſtören, „wer einmal hinüber iſt, den muß man ohne Noth niemals eher her⸗ ausrufen, als bis er ſelbſt wieder zurückkommt; ich bitte, Sig⸗ nor, daß Ihr dieſes bei jetzigem Falle gebührend in Obacht nehmen wollet.“ Mit einem ſtechenden Seitenblicke beantwortete der Andre dieſe Frage, ſchenkte ſich den Wein, welcher noch in der Flaſche 192 Caſanova. befindlich war, vollends ein, und da er ihn bis auf den letzten Tropfen getrunken hatte, ſchickte er ſich gleichfalls an, ein Schläf⸗ chen zu machen. Der Wirth und Domenico entfernten ſich hierauf — kurze Zeit nachher ſchlich der Harlekin, welcher ſich vorſichtig und mit einer gewiſſen Scheu in ſeinem Weſen rings umſah, über die Hausflur, ſtahl ſich durch die Thüre und war ver⸗ ſchwunden. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. — Sechstes Capitel. Wie lief es ab? Heraus Damit! Nur kurz und flar! Wieland. In dem kleinen Gaſthauſe einer Seitenſtraſte von Verona ſaß eine Treppe hoch ein etwa ſechsunddreißigjähriger Bürgersmann, welcher, ſeiner Gewohnheit gemäß, den Rauch einer Havannacigarre über ſeinen rothen ſoldatiſchen Schnurrbart wegblies. Es war der ſaubere Herr Bapterka. Seine Blicke flogen abwechſelnd nach beiden Straßenenden. Dabei murmelte er in den Bart hinein: „Es kommt kein Teufel . . . Lieber wollte ich noch am grü⸗ nen Tiſche ſtehen .. Indeſſen gehe ich nicht von dannen, der Burſche muß dran! . . . Bleibt der Faſelhans Giovanne weg, kommt die fortgejagte Frau von Roſſi nicht, ſo werde ich klügere Leute zu bewaffnen wiſſen . . .“ So weit war er in ſeinem Selbſtgeſpräche gekommen, als Jemand leiſe die Thür öffnete und den Kopf vorſichtig durch die Spalte ſteckte. „Nur herein, nur ſchnell herein, guter Giovanni!“ ſagte Caſanova W. 13 Caſanova. Bapterka zu dem Harlekin von geſtern — denn dieſer eben lugte in's Zimmer — „haſt Du Augen und Ohren offen gehabt!“ „Die Ohren ſtets, die Augen nicht immer . . .“ Sm „Nicht alle Leute ſchlafen, welche die Augen ſchließen. So⸗ bald ich bemerkte, daß der Ketzer durch Wein und Schlaf völlig überwältigt war, ſchlich ich mich davon und Sie ſehen mich hier.“ „Gut,“ ſagte der vorgebliche Major zufrieden, „und wo haſt Du ihn eingelullt?“ „Ich bin die ganze Nacht um ihn herumgeſchlichen, bis es mir gelang, ihm eine Einladung in die nahe Herberge abzunöthi⸗ gen. Dort lag er noch vor Kurzem, den Kopf in beide Arme ge— ſtützt, in der Gaſtſtube.“ „Und was wird er dann vornehmen!“ „Wie ich in Erfahrung brachte, kehrt er bald nach dem grauen Schloſſe zurück, um ſeiner Dulcinea den Hof zu machen.“ „Unſere Freunde ſind davon unterrichtet?“ „Zwei derſelben ſind in vollem Laufe.“ „Nimm einſtweilen dieſe wenigen Goldſtücke und erinnere Dich, daß nach vollbrachtem Werk eine große Belohnung folgt. Jetzt eile auf Deinen Poſten!“ „Ich eile. Könnte ich ihm nur ſchon zurufen: Zn Bette, zu Grabe, herab das Gewand, Laß hinter dem Rücken den Plunder und Tand!“ Begebenheiten eines Weltmannes. 195 Hiermit empfahl ſich der Burſche und ſchlich ebenſo vorſichtig aus dem Hauſe, als er hereingekommen war. Bapterka zündete ſeine Eigarre wieder an und lauerte auf's Neue am Fenſter. Obgleich er lange umſonſt wartete, ſo erhob ſich ſeine Bewegung diesmal doch nicht bis zu einem Selbſtge⸗ ſpräch. Wenn ein Angler ſchon einen tüchtigen Fiſch gefangen hat, ſitzt er wieder ſtundenlang, ohne laut zu murren. Plötzlich klopfte es und herein trat ein Kerlchen mit durch⸗ dringenden Augen. Sowie er ſeinen Mann vor ſich ſah, fragte er heimlich: „Sind wir allein?“ „Völlig allein. Mit wem habe ich die Ehre?“ „Ich bin ein Almoſenſammler des frommen Paters An⸗ ſe „Setzen Sie ſich gefälligſt. Sie kennen mich!“ „Mein frommer Herr hat Sie mir gezeigt und mich nachher mit Ihrem heiligen Vorhaben bekannt gemacht. Er läßt Ihnen ſagen, daß dem Unchriſten ſein Geſchick bereits durch eine Todten⸗ blume angekündigt iſt, denn, ſagt mein frommer Herr, ſelbſt der ärgſte Ketzer kann ſich noch bekehren, wenn er ſich dem Tode nahe ſieht.“ „Haben Sie ſonſt noch einen Auftrag?“ „Daß mein Herr alles Geräuſch zu vermeiden wünſcht und 13* Caſanova. Ihnen daher (hierbei griff er zur Stubenthür hinaus) dieſe Wind⸗ büchſe zuſtellen läßt.“ „Meinen beſten Dank dem ehrwürdigen Vater! Sagen Sie ihm, er ſolle ſich nicht in mir getäuſcht haben.“ Als ſich der Almoſenfammler eben entfernte, trat eine ver⸗ ſchleierte Dame ein, welcher Bapterka haſtig entgegenging. „Nun!“ fragte er geſpannt. „Mißlungen für diesmal. Aber wo die Gewalt nicht ſiegt, wird die Liſt ſiegen.“ Der Major ergriff ihre beiden Hände, aber ſie trat mit einem kurzen Schrei zurück und drückte am linken Handgelenk. Den Verband bemerkend, ſagte er haſtig: „Wie! Verwundet? Alſo wirklich gekämpft?“ „Es bedeutet nichts. Lieber dieſe Wunde, als das ewige Herzeleid, in der Nähe eines Mannes zu leben, welcher keine mei⸗ ner Eigenſchaften zu ſchätzen wußte. In ſeinem Zorne hat der Himmel einen Mann zum Cavalier gemacht, welcher den aufgeho⸗ benen Rächerarm vom Leibe des Verführers abwendet! Er büße es, daß er mich muthwillig verſtieß!“ „Er büße es!“ bekräftigte Bapterka; „und auf welche Art meinen Sie?“ „Morgen früh ſucht er vor dem Thore eine alte Blumen⸗ verkäuferin auf und — Sie haben zu beſtimmen, wohin er ſich führen laſſen ſoll.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 197 „Er wird ſich führen laſſen? . . . Ah, ich verſtehe, um ſeiner Meinung nach in Ihre Arme zu fliegen.“ „So iſt es.“ „Schön, er ſoll umarmt werden, wenn auch nicht ſo ſanft, als Sie es zu thun vermöchten. Laſſen Sie ihn morgen früh in dieſes Haus hier kommen. Der Wirth iſt ein Fuchs, welcher die Hühner eine Stunde weit wittert.“ „Wiſſen Sie auch, daß unſer Mann ziemlich ſtark iſt?“ „Dieſes Gewehr da wird uns einen Ringkampf erſparen.“ Bei dieſen Worten langte er die Windbüchſe aus dem Win⸗ kel vor, die er ſoeben erhalten hatte. Aus den Augen der Dame leuchtete eine hölliſche Frende bei dieſem Anblicke, denn der Mann, welcher einſt durch ihren Gatten aus den Händen des Majors ge⸗ rettet worden war und welcher ſie ſoeben von einem Spaziergange einſam hatte zurückkehren laſſen, ſchien ſeinem böſen Geſchicke nicht mehr entgehen zu können. Noch ziemlich lange blieb die liebeheuchelnde Furie bei dem getrenen Diener der Obſeuxanten. Ohne zu unterſuchen, was ſie noch gethan oder verabredet haben, wenden wir uns wieder zu dem Manne, gegen welchen ſo viele Intriguen angeſponnen wurden. Caſanova war in dem Gaſthauſe an der Landſtraße uur ein paar Minuten mit dem Elbogen aufgeſtemmt ſitzen geblieben, dann hatte er ſich ſogleich nach dem ſogenannten grauen Schloſſe, dem Wohnſitze des wunderlichen Herrn Wills, aunf den Weg Caſanova. gemacht; denn das Blut ſtürmte ſo gewaltig durch ſeine Adern, daß an einen erquickenden Schlaf ohnehin nicht zu denken war. Er ging über den Schauplatz der geſtrigen Fröhlichkeit, ohne mehr als obenhin der verſchiedenen elaſſiſchen Aufzüge zu gedenken, welche an ſeinem Ange vorübergegangen waren, indem ſein ganzes Den⸗ ken durch ganz andere Dinge in Anſpruch genommen war. Die ſchöne Unbekannte, welche in der Herberge mit dem Namen der Reichen belegt worden war, nahm nur einen geringen Theil ſeiner Gefühle in Anſpruch, denn einmal hatte der gegen ihn verſuchte Meuchelmord etwas Unheimliches in ſeinem Herzen hinterlaſſen und dann — wollte er ſie ja auch erſt am andern Morgen ſprechen. Nein, ſein ganzes Herz war voll von dem Gedanken an die auf⸗ blühende Roſe, welche durch ihre Dornen nur noch reizender ge— worden war. Unter Gedanken an ſie war er um den Hügel herum und durch die Pinienallee gekommen — jetzt ſaß er auf der Steinbank, wo er die Dame mit der häßlichen Maske ſo tödtlich beleidigt hatte. Im kühlen Schatten vergraben, ſtemmte er das Haupt in die hohle Hand und all die ſchönen Bilder der jüngſten Vergangen— heit gingen an ſeiner Seele vorüber. Noch klang in ſeinen Ohren der erſte Ton der Stimme Leopoldinens, als ſie ihn zum Ein— treten in ihr Zimmer einlud; noch hörte er die ſanfte Stimme ihre Schickſale erzählen, noch ſah er ſie auf die Frage erröthen, ob ſie in Europa eder in ihrem amerikaniſchen Vaterlande einen Mann —— — —— — —— —.—— — Begebenheiten eines Weltmannes. 199 mit ihrer Hand beglücken werde. Ach, und welch' eine ſchlanke, zarte Geſtalt! Das hochblonde, gelockte Haar neben den klaren, blauen Augen, die friſche, zarte Wange neben dem roſigen Munde! Und von dieſem engelgleichen Weſen hatte er noch einen Ring am Finger! . . . Bei dieſem Gedanken ſank ſeine linke Hand von der Stirn zum Munde herab, er drückte einen herzlichen Kuß auf jenes Kleinod . In dieſem Augenblicke vernahm CEa ſanova ferne Fuß⸗ tritte. Er fuhr von der Bank empor, denn er wußte ſich von Feinden umgeben, wenn er auch nicht die ganze Gefahr ahnte, die ihm drohete. Als er jedoch ſeinen Mann erkannte, ſetzte er ſich ruhig wieder hin und wartete, bis ihn der Ankömmling er⸗ reicht hatte. Es war Domenico, welcher ſich ſchon in der Ent⸗ fernung einiger Schritte ſo vernehmen ließ: „Mein Herr, ich habe drüben im Wirthshanſe ſagen hören „Nun, Beſter, nimm Dir nur Zeit! Was haſt Du denn ſagen hören?“ „Ein verdächtig ausſehender Menſch ſagte zu einem ſeiner Bekannten: Wir kommen zu ſpät! Der Angeredete antwortete: Was der Tag nicht ſieht, wird die Nacht nicht verrathen! Der dritte Freund fügte hinzu: Er iſt unſer!“ „Und glaubſt Du denn, ſie würden in Deiner Gegenwart ſo geſprochen haben, wenn ſie es auf mich abgeſehen hätten?“ Caſanova. „Ach, ich habe vergeſſen zu ſagen, daß ich mich ſchlafend ſtellte. O, mein Herr, ich bin ganz ſicher, daß man auf Sie zielte!“ Caſanova klopfte dem treuen Cicerone auf die Achſel, reichte ihm ein Goldſtück und ſprach: „Gehe, guter Freund, und trinke ein Fläſchchen auf meine Geſundheit! Während der Nacht ſehen wir uns im Wirthshauſe und am Morgen begleiteſt Du mich in die Stadt. Leb' wohl!“ Domenico ſtellte ſich, als ob er dem Befehle nachkommen wollte, bog aber, ſobald er von Caſanova nicht mehr geſehen wer⸗ den konnte, rechts in das Gebüſch ein und folgte ſo in einiger Ent⸗ fernung. Caſanova hatte Muth, wie wir wiſſen, aber ganz ohne Ein⸗ druck waren die Worte ſeines Cicerone doch nicht geblieben. Als er ſich zum Weitergehen anſchickte, lüftete er unwillkührlich den Dolch in ſeinem Gürtel und ſchaute ſich ringsum. Dann ging er, auf's Neue ſeiner Leopoldine gedenkend, langſam über die bekannten Wieſen, die Gärten und Gebüſche, bis er plötzlich am Schloß⸗ thore ſtand. Jetzt fiel es ihm mit doppelter Schwere auf's Herz, daß er Mrß. Jenny Temple nicht zu verſöhnen vermocht hatte. Konnte ſie nicht dem alten grämlichen Schloßherrn alles verrathen haben, was ſie wußte! Hätte nur der unglückliche Hanswurſt die Zornesflammen nicht ohne Noth noch angeblaſen! Doch eine kecke —— —— Begebenheiten eines Weltmannes. 201 Stirn, ein nothwendiges Stück der weltmänniſchen Gewandtheit, und dann ein paar gehörig angebrachte Schmeichelreden, dies, hoffte Caſanova, werde ihn bald wieder accreditiren und ſeinen Zweck endlich erreichen laſſen. Ohne ſich länger zu beſinnen, griff er nach der Handhabe am Pförtchen — es war verſchloſſen. Er klopfte; es antwortete Nie⸗ mand. Er trat einige Schritte zurück, um Jemanden in einem der hoch oben befindlichen runden Fenſter zu erſpähen; vergeblich: nur die Schwalbenneſter klebten noch an den Geſimſen und ihre Bewoh⸗ ner ſchoſſen in gewohnter Weiſe durch die Luft. Im Schloſſe ſelbſt und in deſſen Umgebung herrſchte die lautloſeſte Stille. Eben war er im Begriff ſein Klopfen verſtärkt zu wiederholen, als er Jeman⸗ den über die Steinſtufen der ihm bekannten finſtern Treppe herab⸗ kommen hörte. Er trat ſtill auf die Seite und wartete. Bald drehte ſich ein Schlüſſel im Schloſſe, die Pforte ging auf und her⸗ aus trat ein etwa vierzigjähriger Mann mit ſonnenbraunem Geſicht, welcher beim Anblick des Fremdlings wieder zurückgehen und wahr⸗ ſcheinlich das Thor auf's Neue verſchließen wollte. Caſanova faßte ihn raſch bei der Hand und fragte: „Iſt der Schloßherr zu ſprechen!“ „Laſſen Sie mich los, Herr, antwortete der Gefragte barſch, indem er ſich frei machte; „Herr Mills iſt für iemanden zu prechen,“ „Und doch,“ entgegnete der hartnäckige Pilger, dem Manne Caſanova. einige Goldſtücke in die Hand drückend, „und doch muß ich mit ihm ſprechen. Giebt es kein Mittel!“ „Ich kenne keins. Den Gefallen wollte ich Ihnen wohl thun, ihm Ihr Anliegen mitzutheilen.“ „Nein, nein, ich muß ihn durchaus perſönlich vor mir haben.“ Laſſen Sie mich nur hier eintreten; alles Uebrige ſei meine Sache.“ „Das darf ich nicht, bei Verluſt meines Dienſtes. Ich war vorhin dabei, als Herr Mills das Schloß an meinen Herrn verkaufte. . .“ „Wie! Er hat das Schloß verkauft? ... Wer iſt Dein Herr?“ „Monſignor Beato, ein reicher Partienlier.“ „Nun?“ „Eine der Verkaufsbedingungen war, daß bis zur Abreiſe des Herrn Mills kein Fremder, überhaupt durchaus Niemand, in's Schloß gelaſſen würde. . .“ „Wohin reiſ't Herr Mills!“ „Das hat er nicht geſagt. Jedenfalls an denſelben Ort, wohin ihm die Damen vorausgegangen ſind.“ „Die Damen ſind nicht mehr im Schloſſe?“ „Es iſt Niemand darin, als die beiden alten Herren mit ihrer getreuen Dienerſchaft.“ „Welchen Weg ſchlugen die Damen ein?“ „Das zu ſagen, iſt mir bei Dienſtentlaſſung verboten.“ — Begebenheiten eines Weltmannes. „Um ſo dringender habe ich mit Herrn Mills zu ſprechen,“ ſagte Coſanova, plötzlich an dem Diener des Partieuliers vor⸗ überlaufend und in's Schloß eindringend. Verblüfft ſah ihm der Mann mit dem Schlüſſelbunde nach, denn er hatte eine ſolche Keckheit nicht vermuthet. Endlich eilte er die dunkeln Stiegen nach, erreichte aber ſeinen Mann erſt auf der Plattform. „Herr,“ ſchrie er, ihn am Rocke faſſend, „Sie machen mich unglücklich! Was wollen Sie denn um Gotteswillen!“ „Ich muß wiſſen, welchen Weg die Schloßdamen eingeſchla⸗ gen haben,“ antwortete Caſanova, ſich freundlich umdrehend und dem Geängſteten noch mehrere Goldſtücke überreichend. Hat der Belagerer die Laufgräben noch nicht eröffnet, ſo ge⸗ währt er der Beſatzung freien Abzug mit klingendem Spiel; iſt aber ſchon Breſche geſchoſſen, ſo müſſen die Belagerten ſchon klein zugeben. Der Diener des Monſignor Beato begnügte ſich jetzt mit der Frage: „Bin ich auch ſicher, daß Sie mich nicht verrathen!“ „So ſicher wie der Mond vor menſchlichen Dieben.“ „Nun, ſie ſind direct nach Genus gereiſ't, wo Miß Leopol⸗ dine ihren Oheim erwartet.“ „Und in Genna werden ſie bleiben?“ „O nein, ſie werden nach Amerika gehen.“ „In welche Stadt!“ Caſanova. „Weiß ich nicht.“ „Es wird aber wohl Zeit haben!“ „Wie ich nicht anders weiß, tritt auch Herr Mills noch heute die Reiſe an. .. Doch, mein Herr, ich bitte Sie inſtändigſt, verlaſ⸗ ſen Sie dieſen Ort! Ein längeres Verweilen hilft Ihnen nichts und mich kann es .. .“ „Du haſt Recht, wackrer Mann,“ antwortete Eaſa nova, ihm die Hand zum Abſchied reichend; „lebe ſo glücklich Du kannſt in dieſem Steinhaufen!“ Hierauf ſchritt unſer Held die Treppe wieder hinab, zum Thore heraus und auf dem Wege weiter, den er gekommen war. Nur eine kurze Strecke hatte er zurückgelegt, als Domenico aus dem Gebüſch an ihn herantrat und ihn um Erlaubniß bat, mit ihm zum Wirthshauſe zurückkehren zu dürfen. Erfreut über die⸗ ſes glückliche Zuſammentreffen, fragte Caſanovga ſeinen treuen Cicerone: „Biſt Du in Genua bekannt!“ „Ich habe mich zwölf Jahre dort aufgehalten.“ „Wohlan, ſo wirſt Du Dich eiligſt dahin begeben und ſorg⸗ ſam erforſchen, in welchem amerikaniſchen Hafen die Familie Milts zu landen gedenkt. Hier haſt Du Geld, um anſtändig leben zu können, bis ich von Venedig zurückkomme, wo ich ein dringendes Geſchäft zu ordnen habe.“ „Sehr wohl.“ 6 . — Begebenheiten eines Weltmannes. 205 „Niemand darf Deine Abreiſe bemerken.“ „Soll nicht ſchwer halten, mein Herr.“ „Nach einigen Tagen treffe ich Dich!“ „In der goldnen Traube zu Genua.“ Gern hätte ſich nun Domenico nach den nähern Umſtänden aller dieſer Unternehmungen erkundigt, aber er wußte ſchon, daß Caſanova nichts weiter zu ſagen pflegte, als was er freiwillig offenbarte. Auf dem Wege bis zum Wirthshauſe wiederholte er daher ſeine Warnungen vor den Gefahren, welchen der gute Herr entgegenzugehen ſchien. Dieſer hörte kaum darauf, ſo voll war er von dem Verlangen, auch diesmal wie ſonſt ohne Ausnahme ſeinen Zweck zu erreichen. In der Herberge war der Wirth mit ſeinen Leuten ganz al⸗ lein. Caſanova nahm einen Wagen mit zwei Pferden zu ei⸗ nem Ausfluge in die Umgegend, während Domenico, höchſt er⸗ freut, daß ſein freigebiger Herr weder die Gegend um das graue Schloß, noch Verona ſelbſt betreten wolle, nach der entgegengeſetzten Richtung abfuhr. Die Geldangelegenheiten mit dem venetianiſchen Banquier waren bald geordnet und Caſanova flog nach Genua zurück. Hier erfuhr er, daß die Familie Mills nach New⸗York unter Se⸗ gel gegangen ſei. Caſanova. So weit geht das Manuſeript des Weltmannes, welches uns ſo vollſtändig in die Hände gefallen iſt, daß auch der bekannte Dinte⸗ fleck darin nicht fehlt. Aber auch keine andern Nachrichten kom⸗ men uns zu Hilfe. Wir bedauern alſo, nicht ſagen zu können, welche Schickſale die gefühlvolle Thereſe nebſt ihrem fürſtlichen Gemahl Ludwig Alfred und dem Thronerben betroffen haben, wte es dem ſchönen Röschen und der anmuthigen Marianka zuletzt noch ergangen iſt, ob der Calculator Porrin g und ſeine hübſche Magdalena fortan ein ruhiges Leben geführt, was die From⸗ men im Lande noch alles ausgeführt haben u. ſ. w. Ja, noch mehr thut es uns leid, nicht einmal die letzten Schickſale unſeres Helden ſelbſt mittheilen zu können. Was wir davon in Erfahrung gebracht haben, beſteht kürzlich in Folgendem: Caſanova entließ den treuen Domenico mit reichlicher Bezahlung und beſtieg dann das erſte Schiff, welches nach New-York unter Segel ging. Das Schiff, auf welchem er die Reiſe machte, der Adler genannt, war etwa zehn Wochen ſpäter in New⸗York eingetroffen, aber in der Paſſagierliſte iſt kein Caſanova aufzu⸗ finden geweſen. Nun wird er ſich allerdings einen andern Namen beigelegt haben, aber von dem Banguier in Venedig, welchem doch der künftige Wohnort unſres Weltmannes angezeigt werden ſollte, iſt bisher auch kein einziger Wechſel verlangt worden. Aus alledem glauben wir ſchließen zu dürfen, daß der viel— bewegte Mann durch irgend einen Zufall um's Leben gekommen Begebenheiten eines Weltmannes. iſt. Sollte uns über kurz oder lang die Fortſetzung ſeines Tage⸗ buches zukommen, ſo werden wir nicht ermangeln, es zu einer Fortſetzung dieſer Geſchichte zu benutzen. Wäre er aber wirklich todt, ſo müßten wir uns auch tröſten; denn Seinesgleichen giebt es noch genug in der Welt, die wir im Nothfall copiren könnten. —— ——— — — — — — — oeqne