Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 5 6duard Oktmann in Gießen, hloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ei eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und ibe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. ution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und t beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.— —— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wk. — f. 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Goethe. — Der Lieferant. „Heda“ rief der Koch im Schloßhofe dem Thorwärter zu, „wißt Ihr denn nicht, wo in aller Welt ein Spanferkel zu bekommen iſt? Ihr wißt doch ſonſt alles!“ „Soll mich. .,!“ antwortete der Gefragte, „was hab ich mit Spanferkeln zu thun?“ „Daß Dich alle Plagen Aeghptens...!“ mengte ſich der lange gelbhäutige Kammerherr in's Geſpräch dieſer Beiden, indem er den Koch anſah; „ein Spanferkel muß geſchafft wer⸗ den und ſollten wir das halbe Lund umkehren; die Gnädige beſteht einmal darauf und ich habe Befehl — nun, was ſtehſt Du hier im Schloßhofe?“ fuhr er fort; „denkſt Du hier wird Dirs in der flachen Hand wachſen? Marſch hinunter! Ich will Leute ausſchicken, die in andern Richtungen nachfragen ſollen..“ Caſanova III. 1 Caſanova. Eben wollte der Koch dieſem Befehle nachkommen und der Kammerherr mehr Leute herbeirufen, als ein Bauersmann mit einem großen Korbe am Arm durch das Thor hereinge⸗ treten kam und mit kecken Schritten vorwärts ging. „Wer biſt Du? Was willſt Du hier?“ fuhr der Kam⸗ merherr den Kommenden an; „zurück oder ich laſſe Dich in den unterſten Keller bei Waſſer und Brod einſchließen. ..“ Zu rechter Zeit grunzte das junge Thier, welches in dem Korbe ſtak, und beſänftigte durch ſeine unartieulirte Rede, mit der es doch ſagte „Ich bin ein Spanferkel!“ den Zorn des Kammerherrn beſſer als es die wohlgeſetzteſte Periode ge⸗ konnt hätte, die von Caſanova — denn er war es, den man alſo bewillkommnete — vorgebracht worden wäre. D kann ich ja wieder umkehren!“ rief der Bauer trotzig und machte ſchon Anſtalt ſeine Drohung ins Werk zu ſetzen. Die Reihe klein zuzugeben kam jetzt an den Kammerherrn und den Koch. „So bleib' doch!“ rief der Erſtere; „laß ſehen, guter Freund, was Du da im Korbe haſt!“ ließ ſich der Andre ver⸗ nehmen, indem er zugleich auf den Abgehenden zueilte und den Inhalt ſeines Handkorbes unterſuchte. „Bei Gott dem Allmäch⸗ tigen, ein prächtiges Spanferkel! Da ſehen Sie nur, gnädiger Herr, ſehen Sie, ob es nicht eine wahre Pracht iſt!“ Begebenheiten eines Weltmannes. 7 „Was ſoll das Thier koſten?“ fragte der Kammerherr den Eigenthümer des Spanferkels. „Ich mag's nun gar nicht an Euch verkaufen,“ gab ihm dieſer trotzig zur Antwort; „lieber will ich's ſelber eſſen.“ „Aber Du mußt es hergeben!“ rief der Abgewieſene zorn⸗ ſprühend; „ſage nur was Du dafür haben willſt!“ „Ich will doch ſehen wer mich zwingen ſoll!“ antwortete der Bauer mit dem alten Trotz und mit ſo lauter Stimme, daß es im ganzen Hofe ſchallte; „es müßte doch nicht Recht und Gerechtigkeit im Lande mehr ſein, wenn das ungeſtraft hingehen ſollte!“ „So nimm doch Vernunft an, Menſch!“ redete der Kam⸗ merherr jetzt in den Andern hinein; „es iſt ja Dein eigner Vortheil. .. verlange nur viel, recht viel dafür, es iſt uns gleich, aber laß uns Dein Thier, denn eine hohe Perſon hat gerade leidenſchaftlichen Appetit nach ſolch einem Braten. ..“ „Was geht das mich an!“ antwortete der Bauer, der hartnäckig bei ſeinem Satze blieb; „gelt, wenn Ihr uns nicht braucht, Ihr vornehmen Herren, ſeht Ihr uns über die Achſel an, aber wenn Noth an den Mann geht, dann iſt der dumme Bauer wieder gut genug! Gehorſamer Diener, ſo gar dumm ſind wir auch nicht! Wir ſind auch nicht ſo vergeßlich wie die Katze, die ſchon nicht mehr weiß, wenn ſie über den Strohhalm hinüber iſt, was ſie gedacht hat als ſie noch vor ihm ſtand. ——— 8 Caſanova. „Was giebt's denn da?“ fragte eine Frauenſtimme im Rücken, worauf ſich die Streitenden alleſammt im Nu herum⸗ drehten. „Zu dienen, gnädige Frau!“ nahm der Kammerherr das Wort; „es iſt ein verdrießlicher Handel. Eben wollen wir Boten ausſenden, um für Höchſtdero Appetit herbeizuſchaffen was derſelbe erheiſcht, als das Ungefähr dieſen Mann herein⸗ führt, welcher gerade das bei ſich hat, was wir ſuchen... und nun — urtheilen Sie ſelbſt — nun will er's uns nicht ver⸗ kaufen!“ „Wohl zu merken,“ nahm Caſanova ſeine Rolle ge⸗ treulich fortſpielend jetzt das Wort, indem er an Thereſen — denn dieſe war es, welche obige Frage gethan hatte — heran⸗ trat, „wohlzumerken, gnädige Frau, weil mich Dero gnädiger Herr Gemahl fo barſch anließen, daß es mich verdrießen mußte, wollte ich ihm das Spanferkel nicht ablaſſen. Unſereiner iſt doch ſo zu ſagen auch ein Menſch, der Gefühl im Leibe hat...“ „Nut, aber wenn ich Dich bitte, guter Freund,“ ſagte Thereſe zu dem fremden Manne herantretend mit freundlichem Lächeln und milder Stimme, „mir thuſt Du's wohl zu Gefal⸗ len, wenn Dich auch der Herr dort, welcher mein Gemahl nicht iſt, vorhin beleidigt hat.“ „Sie, gnädige Frau, können verlangen von mir was Sie „ — —Begebenheiten eines Weltmannes. 8 6 wollen,“ ſagte der Bauer mit herzlicher Stimme; „da iſt's Thierchen; verzehren Sie es geſund!“ „Nun, ich will dankbar ſein,“ fuhr Thereſe fort dieſen Scherz weiter zu ſpinnen, „ich nehme Dein Geſchenk an, aber ich ernenne Dich hiermit zum Lieferanten aller Delicateſſen, welche auf meine Tafel kommen, und verpflichte Dich alle Tage bei mir vorzuſprechen, um meine Wünſche zu vernehmen. . .“ „Hier, guter Freund,“ wendete ſie ſich an den Koch, dem ſie den Handkorb mit dem Spanferkel übergab, welchen ihr Caſanova noch halten half; „und Du, guter Freund,“ redete ſie zu dem Bauer weiter, „folge mir; Du kannſt neben mir her gehen, um zu vernehmen was mir etwa einfällt, wäh⸗ rend ich das Schloß in Augenſchein nehme... Ja, Herr Kam⸗ merherr,“ ſagte ſie zu dem Genannten, „ich habe Luſt die ſo lange verſchobene Inſpection des Schloſſes heute vorzunehmen; ſorgen Sie deshalb, daß ich alle Thore offen finde!“ Schweigend verbeugte ſich der Kammerherr und eilte die erhaltenen Befehle zu vollführen. Ein Wink von Thereſens Hand gebot dem vermeintlichen Bauer zu bleiben und an ihrer Seite im Hofe auf⸗ und abzugehen. In den Gebäuden des Schloſſes hörte man Schlüſſel raſ⸗ ſeln und Thüren gehen, eilfertige Leute ſprangen die Gänge dahin und öffneten jeden Verſchluß — Thereſe und der Ge⸗ 10 Caſanova. liebte gingen in gleichem Schritte über den Hof hin und auf eine große Taüre zu, welche jetzt ebenfalls aufſprang. Eine breite geräumige Treppe führte in's erſte Stockwerk; hier nahm die Aufſteigenden ein großer Vorplatz auf, wo der Kammerherr bereits wartend der Ankunft ſeiner Gebieterin ent⸗ gegenſah. „Gnädigſte!“ rief er geſchmeidig, als er dieſe ſammt ihrem Begleiter, den er übrigens keines Blickes würdigte, die Treppe heraufkommen ſah, „es iſt der Ritterſaal, wie er ſeit alten Zeiten heißt; belieben Sie einzutreten!“ „Schon gut,“ erwiederte dieſe; „und Du kennſt dieſe Art von Schwämmen genau?“ wendete ſie ſich zu dem neu creirten Lieferanten. Wie mich ſelbſt,“ antwortete dieſer; „ich weiß auch die Flecke wo ſie am beſten wachſen...“ „Beſorge mir deren morgen oder übermorgen,“ ſagte ſie hierauf, indem ſie gerade die Schwelle zu dem erwähnten Rit⸗ terſaale überſchritt. „Befehlen Sie daß ich Ihnen die Bildniſſe erkläre?“ fragte der Kammerherr mit ſeiner gewöhnlichen Unterwürfigkeit. „Erſparen Sie ſich dieſe Mühe,“ antwortete die Prin⸗ zeſſin; „ich werde ſchon ſelbſt ſehen und nehme es überhaupt nicht ſo genau. . . wenn Sie Luſt haben, ſo bleiben Sie mei⸗ netwegen draußen. ..“ Begebenheiten eines Weltmannes. 11 Ausdrücke wie „wenn Sie Luſt haben“ und dergleichen nimmt man aus dem Munde einer fürſtlichen Perſon, auch wenn ſie anders gemeint ſind, ſtets als Befehle; der Kammerherr that es auch in dem jetzigen Falle, denn er war zu ſehr Hof⸗ mann als daß er es anders gekonnt hätte, und ntjee ſich demgemäß. „Aber wie lange wird das gehen?“ fragte Caſanova die Geliebte, mit der er nun allein war. „Laß Du nur mich machen, lieber Mann!“ erwiederte ſie „Du ſiehſt ja, daß ich ohne nicht leben kann, daß ich Dich ſehen muß oder verzweifeln.. „Thereſe, theure faſſe Dich!“ rief er; „Du biſt ſo heftig, ſo leidenſchaftlich als ſonſt nie, und dazu biſt Du blaß, als wenn der Gram an Deinem Leben nagte. Sage, was iſt Dir?“ „Mein theures Leben, Du haſt mir gefehlt!“ rief ſie, indem ſie ſich mit dem vollſten innigſten Ausdrucke der Liebe in ſeine Arme warf und ſeine Lippen küßte und ſeine Wangen ſtreichelte und mit ihren von Thränen überquellenden Augen in die ſeinen ſah; „Du, meines Lebens Sonne ſchienſt nicht über meinem Haupte, und da mußten denn die Farben der armen Blume ſchon verbleichen.“ Die alten ernſthaften Ritterbilder, welche in den Trachten ihres Zeitalters an den Wänden umher hingen, ſchauten auf Caſanova. das Paar, welches ſich in der Mitte des Saales umſchlungen hielt, mit unverwandten Geſichtern; alles war ſtill, nur die beiden Liebenden flüſterten ſich die Geheimniſſe ihres Herzens in die Ohren. „Sieh nur, ſieh nur wie viele Augen auf uns gerichtet ſind!“ rief Caſanova auf einmal, indem er nach den Bild⸗ niſſen zeigte; „iſts doch als brennten die Farben auf der Leinwand und als ſähen lebendige Augen dem Schauſpiele unſrer Liebe zu!“ Beinahe erſchrocken drehte ſie ſich um; da hingen die Bilder der alten Selden, die in gar manchen blutigen Schlachten gekämpft hatten, und ſchauten mit ihren glänzen⸗ den aber ſeelenloſen Augen dennoch als ob ſie lebten in die Luft hinein. Die Augenſterne ſchienen ſich zu bewegen und ſelbſt die Mienen, die auf die glatten Flächen gezeichnet waren, bekamen vor den Augen der liebebebenden Frau gewiſſermaßen Leben; ein Bildniß namentlich richtete die todten Sehſterne, die in den Augenhöhlen unheimlich glühten, auf die Beiden andern, die aus dem Frauengeſichte ihm entgegen leuchteten... ach, das war ein tödtlicher Blick, warm und kalt zugleich wie keiner ſonſt, der je aus einem lebendigen Auge kam; aber auch ſo feſt, ſo unerbittlich feſt wie ein blanket Speer, deſſen Spitze ſcharf auf des Herzens Mittelpunkt gerichtet iſt und dem man Begebenheiten eines Weltmannes. 13 nicht ausweichen kann, ſo ſehr man auch nach beiden Seiten hin⸗ und herzittert. Selbſt in den Armen des liebewarmen Freundes, ſelbſt an der glühenden Bruſt des Geliebten überlief es Thereſen wie kaltes Fröſteln. „Sieh, ſieh nur wie er mich anſieht!“ rief ſte aus; „die ſengenden Blicke, die mir durch meine Seele bohren, ob ſie ſchon auf bloßer Leinwand liegen .. Ich habe Dich, ich habe Dich!“ fuhr ſie nach einer Minute, während welcher ſie dem Bilde des Ritters ſtarr in die Augen geſehen hatte, weiter fort und klammerte ſich an ihren Freund nur noch enger an, „was fürchte ich die Todten, welche wohl hundert Jahre und länger ſchon Staub und Aſche ſind!“ „Und weißt Du wohl, daß auch aus dieſem Bilde die Seele zur Seele ſpricht?“ rief er, indem er einen heiligen Kuß auf ihre Lippen drückte und ſie herzinnig in die Arme preßte. „Staub iſt der Menſch geworden, der dieſe Maske, wie ſie noch als ein ſtummer Traumgedanke auf dieſer Leinwand hängt, vor ſeiner Seele hatte, ſo lange er auf dieſer Bühne mitſpielen mußte, über welcher als Theaterlampe die Sonne hängt; Staub aber iſt nicht der Gedanke, der in den Zügen jener Maske lag, und ſo ſieht ſie Dich an, ein todter Abriß eines Lebenden, der jetzt nicht mehr bei uns iſt... Glaubſt Du, die Liebe ſtirbt in die⸗ 14 Caſanova. ſem Leben und läßt ſich je vergeſſen, ſobald ſie wahr gewe⸗ ſen iſt?“ Ihr flammender Blick ſenkte ſich in ſein Auge wie der Blitz, der aus ſonnenhellem Himmel in die blaue Spiegelfläche des Meeres fällt. „Nein, nein,“ rief ſie aus, ſobald ſie ſich von jenem feſ⸗ ſelnden Magnete losgemacht hatte, „die Liebe ſtirbt nicht, ich fühle es! Sie ſtirbt ewig nicht, und wenn ich in der Luft zer⸗ gehe wie ein verklingender Ton, der ſeine letzten Wellen ſchwä⸗ cher und ſchwächer ſchlägt, die letzte Schwingung meines ganzen Weſens iſt Liebe, iſt Liebe, ach zu Dir, mein ſüßer Freund!“ Mit beiden Armen hatte ſie ihn umſchlungen, im Feuer ihrer Leidenſchaft gleitete ſie an ihm herunter und ſank bis auf die Knie. „Sieh dort!“ rief ſie in feierlichem Tone, wobei ſie auf das Bild hindeutete, welches den Anlaß zu dieſer Unterhaltung gegeben hatte; „ſieht er nicht ſo geiſterhaft auf uns herab, als wollte er das Bündniß unſrer Liebe mit ſeinen jahrhun⸗ dertalten Blicken ſegnen? Unheimlich muß Dir's werden, wenn Du denkſt, ich könnte je die heiligen Schwüre brechen, die eine Geiſterhand geſegnet hat, und ach mich ſchaudert's faſt vor Wonne: der Mann iſt Dein, für alle Ewigkeiten Dein, mag er nun wollen oder nicht, hat er ſich doch mit Leib und Seele Begebenheiten eines Weltmannes. 17 kam mir ſo vor, es war mir als müßte es wahr ſein und ginge nicht anders.“ „Eitler Wahn!“ erwiederte er mit beruhigterem Herzen; „laß ihn fahren, Du thuſt mir Unrecht damit!“ „Und wenn es nun nicht eitler Wahn wäre!“ zhhnt ſie auf's neue; „wenn Du mich doch kalt verrathen könnteſt! Carlo, Earlo, wenn Du im Stande wäreſt mich in den Armen einer Andern dennoch — und wäre es auch nur auf Augenblicke — zu vergeſſen .. .“ „Nun, bei Gott!“ rief er heftig und gereizt, „wenn Du denn durchaus nicht anders willſt, ich kann Dir den Gefallen ich gehe hin zur 8 Dirne, das 6. in Ich dächte doch, vu hätteſt tuge genug Zeit gehabt mich kennen zu lernen.. beim Himmel, reize mich nicht mehr, oder ich thue was ſpäter vielleicht uns Beide gereut.. .“ Nach dieſem Worte wendete er ſich um und kehrte der erſtaunten und erſchrockenen Frau den Rücken zu. Sie wußte keine Worte zu finden um den bangen Gefühlen ihres Herzens Luft zu machen, nur beide Hände preßte ſie gegen die Bruſt, als thäte ihrs dort weh, und das Geſicht durchzuckte eine Miene des Schmerzes, als ob jemand ihr in dieſem Augen⸗ blicke mit einem ſcharfen Stahle mitten durch das warme Herz geſtoßen hätte. Caſanova III. ½ 2 Caſanova. „Was?“ ſagte ſie endlich mit zitternder Stimme, da ſie mühſam ſoviel Faſſung wieder errungen hatte als nöthig war, um ſich auszuſprechen; „was iſt das? Carlo, mein Freund, das thue nicht, alles ſonſt nur das nicht, ich bitte Dich! Bleib hier, ſei wieder freundlich und vergieb Deiner reuigen Thereſe, welche nur aus Liebe zu Dir fehlte, wenn ſie ja gefehlt hat...“ Das Bewußtſein ſeiner Schuld machte ihn trotzig; er ant⸗ wortete ihr nicht ſondern betrachtete in ſtummem Grimme vor ſich hinſchauend ein Bildniß nach dem andern, wie ſie der Reihe nach unter und neben einander aufgehangen waxen. „Und biſt Du unverſöhnlich, harter Mann?“ rief ſie, indem ſie an ihn herantrat und ſeine Hand zu faſſen verſuchte, welche er ihr auch nach einigem Widerſtreben endlich ließ; „o mit meinen Bitten und mit meinen Thränen will ich Dich be⸗ ſtürmen, bis Du endlich doch weich wirſt, wenn Du nicht der fühlloſe Felſen biſt, welcher mitten in der Brandung des Meeres ſteht und nicht weicht und nicht wankt, mögen auch die Wellen und Winde bei Tag und Nacht unabläſſig an ihn ſchlagen; o mit beiden Armen will ich mich an Deinen halsſtarrigen Nacken hängen und zichen und ziehen bis ich ihn beuge. Mein lieber Mann!“ rief ſie nach einem kurzen Schweigen, plötzlich den weichſten und wehmüthigſten Ton der flehenden Liebe an⸗ ſchlagend; „mein einziger Freund, wirſt Du der Freundin nicht vergeben, wenn ſie wie eine reuige Büßerin an die Pforten Begebenheiten eines Weltmannes⸗ 19 Deines Herzens klopft und bittet, daß Du ihr nur in einem ſchlechten Winkelchen einen Platz vergönnſt?“ Abermals keine Antwort, nur ein ingrimmiges Lächeln umſpielte die Mundwinkel des Mannes. „Carlo, mein Carlo,“ rief ſie, als ſie dieſes gewahrte, mit ſchneidendem Tone, „Carlo, wüßteſt Du wie Du mir das Herz zerſchneideſt! Gewiß Du würdeſt anders handeln! Aber Du weißt es nicht, Du fühlſt es nicht, daß dieſe eiſige Kälte mir weher thut, als eine Wunde, die Du mir mit dem ſchärfſten Dolche langſam in's Herz gebohrt hätteſt. Nur das nicht, nur dieſe Kälte nicht, ſonſt alles, ich will es ertragen. Mein lieber Mann, biſt Du unerbittlich und noch dazu wegen einer Kleinigkeit, welche ich Dir von ganzem Herzen abbitte?“ fragte ſte abermals in ſanftem flehendem Tone; „küſſe mich, ſonſt küſſe ich Dich. . Mit der rechten Hand hielt ſie ſeine linke gefaßt, ihr linker Arm hob ſich empor, er ließ es geſchehen daß ſie den⸗ ſelben um ſeinen Nacken ſchlang und ihn niederzog... der Kuß der Verſöhnung, den ſie ihm auf dieſe Weiſe entgegen⸗ brachte, ließ ſich nicht mehr zurückweiſen — er drückte ihr den⸗ ſelben auf den Mund und eine lange Weile hielt ſie ihn in dieſer Stellung. Kaum war auf dieſe Weiſe das frühere Verhältniß in ſeiner ganzen Innigkeit wieder zwiſchen beiden Liebenden her⸗ — 3 Caſanova. geſtellt, als ſie aufſchraken, denn ſite hörten außen vor dem Saale Stimmen und unter dieſen eine, welche Beiden nur zu wohl bekannt war. „Was iſt das?“ rief ſie aufgeſchreckt; „eile, eile, mein Freund, Du mußt fort, wir ſind vertathen.. . wo ſuche ich Dich?“ „In der Mühle!“ rief er nach der Thüre flüchtend, welche auf der andern Seite aus dein Saale wohl, mein Abgott; o vergieb!“ In der Schnelligkeit waren dieſe Worte geſprochen; Ca⸗ fanoba war verſchwunden und Thereſe ſtand allein im Ritterſaale. Sie ſchickte ſich eben an, ein Bildniß, welches in der mittlern Reihe hing, genauer zu betrachten, damit ihr Aeußeres den Anſchein gewönne, als wäre hier weiter gar nichts vorgegangen — als die andre Thür aufgeriſſen wurde und der Prinz Ferdinand nebſt dem Kammerherrn und etlichen an⸗ dern Begleitern hereinſtürzte. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, wenn ich ſtöre, Madame!“ rief der Eintretende ſeiner erſchrockenen Gemahlin ſpöttiſch entgegen; „es iſt mein Unglück überhaupt, daß ich ſiets nur zu ungelegener Zeit komme, wo ich immer willkom⸗ 3 men ſein ſollte, wenn es nach dem Rechte ginge. Madame 6* etrachteten eben, wie ich vernommen habe, mit ihrem Liefe⸗ ranten, welchen Allerhöchſtdieſelben ſich ganz nach eignem Ge⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 2¹ ſchmack gewählt hatten, dieſen Saal, nicht wahr? Wo iſt denn der Herr Lieferant, wenn man fragen darf? Ich möchte ihn bloß ſehen, weil mich's intereſſirt zu wiſſen, welch einen Ge⸗ ſchmack meine vielgetrere Frau Gemahlin bei dieſer Wahl ge⸗ zeigt hat. . „Mein Herr und Gemahl,“ entgegnete die Gefragte mit erzwungener Kälte in ihrem Weſen, „dieſer Lieferant — nun er hat ſich ſchon vor einiger Zeit durch jene andre Thür ent⸗ fernt und dürfte bereits außerhalb des Schloßbereiches ſein, wenn er nicht über die Maßen gezögert hat.“ Die letzten Worte ſprach ſie ebenfalls mit etwas ſpitziger und ſpöttiſcher Stimme, was freilich eine Unbeſonnenheit von ihrer Seite genannt werden muß; allein ſie glaubte am beſten zu thun, wenn ſie auf die Vorrechte ihres Geſchlechtes und Standes pochend den Prinzen ſo reizte, daß er darüber die Verfolgung des Flüchtlings, welcher keineswegs außer Gefahr war, eine Zeit lang vergaß. Sie erwartete gleich im voraus ein losbrechendes Unwetter und täuſchte ſich in dieſer Hoffnung keineswegs. Der Zorn und die Wuth übermannten den Prin⸗ zen, welcher es nicht ertragen Pnte⸗ daß ihn dieſelbe Frau, welche ihn ſo arg getäuſcht hatte, uch noch zu verhöhnen wagte; eine Fluth von Vorwürfen, bei denen ſelbſt gemeine Schimpf⸗ reden mit unterliefen, brach über die kecke Sprecherin jetzt os. ſie ſtand ruhig da; ſie ließ geduldig über ſich ergehen Caſanova. was der beleidigte Gemahl über ſie auszuſchütten für gut fand; duldete ſie doch für den Mann ihrer Liebe, welchen ſie dadurch zu retten hoffte. „Wo iſt er? Wo haben Sie Ihren Galan?“ ſchrie der Eifernde, als ſich der Sturm wieder einigermaßen gelegt hatte; „heraus mit ihm, daß ich ihn durchbohren kann, durchbohren vor Ihren Augen! Heraus mit ihm, ſage ich, oder es wird nicht gut für Sie, Madame!“ „Ich hab' es ſchon geſagt,“ entgegnete ſie ſtolz und kalt, „wenn Sie nämlich den unwürdigen Verdacht. .. doch auf ſolche Reden bin ich nicht gewohnt vor Zeugen mich zu ver⸗ autworten, ſelbſt wenn ſie ein fürſtlicher Mund und nicht der eines Tagelöhners ausgeſtoßen haben ſollte. .. Mein Herr und Gemahl, ich bin Ihre gehorſamſte Dienerin, und thun Sie was Sie nicht laſſen können .. es ſteht Ihnen ja frei die Thore * ſchüeßen zu laſſen, dann können Sie das Schloß von oberſt bis zu unterſt umkehren, oder wenn Sie das nicht wollen, nun ſo ſteht es Ihnen ebenfalls frei es ſein zu laſſen . .“ „Ha, gebt mir Geduld, ihr Mächte des Himmels!“ wü⸗ thete der Prinz, der die Zähne zuſammenbiß und die geballten Fäuſte vor die Stirn „gebt mir übermenſchliche Lang⸗ muth und laßt mir ke WMordgewehr in dieſem Augenblicke vor die Augen kommen! Was ſteht Ihr hier und horcht und ſperrt die Ohren und die Augen auf?“ donnerte er plötzlich * Begebenheiten eines Weltmannes. 23 umgewendet ſeinem Gefolge zu; „macht daß Ihr fortkommt oder ich nehme Euch alle einzeln bei der Gurgel und würge Euch daß Euch der Athem ausgeht!“ Zitternd und ſcheu wie ein Volk ſchüchterner Vögel huſchte das Hofgeſinde vom erſten bis zum letzten zur Thüre hinaus. „Die Thore ſollen geſchloſſen werden, niemand ſoll aus⸗ und niemand eingelaſſen werden!“ rief der Wüthende den Ab⸗ gehenden nach; „hört Ihr wohl, die Thore geſchloſſen!“ rief er nochmals ſeinen Befehl an der Thüre wiederholend; dann kam er zurück zu ſeiner Gemahlin, mit welcher er eine lange geheime Unterredung hielt, deren Inhalt niemand jemals er⸗ fahren hat. Während dieſes Geſpräches unter vier Augen, welches trotz ſeines verfänglichen Inhaltes der Prinzeſſin dennoch im Grunde nicht gerade ungelegen kommen mochte, gelang es dem, auf welchen es der Prinz Ferdinand hauptſächlich abgeſehen hatte, ſich aus den Klauen der lieben landesherrlichen Gerech⸗ tigkeit zu retten. Durch die Thür, durch welche ihn die Geliebte gewieſen hatte, war er ſo ſchnell als möglich entflohen; die Gänge wa⸗ ren ihm allerdings unbekannt, die Treppen ebenfalls, nicht minder die Pforten und Thüren, ſowie die Orte, auf welchen Poſten lauerten, die ihn hätten ergreifen und der ſogenannten Gerechtigkeit, welche der Prinz in Privatſachen handhabte als Caſanova. wenn es öffentliche geweſen wären, zu höchſten Händen liefern können. Für ſich fürchtete Caſanova nichts — was konnte ihm weiter geſchehen als daß höchſtens eine blinkende Stahlſpitze aus der Luft, die ihn umfloß, heraus und ihm in's Hetz ſchoß? Aber ſie — ja ſie, das war der Gedanke, welcher all ſeine Mannheit weich und ſchlaff machte. Raſch und haſtig trieb ihn die Angſt vorwärts, aber die Sorge um das Wohl und Wehe der Geliebten zwang ihn zur Vorſicht, er ſchritt ſo leiſe und behutſam vorwärts als wäre der Boden mit Filz belegt, unter welcher Decke die ſchlafende Gefahr lauerte, die durch jeden unvorſichtigen Tritt geweckt werden könnte, daß ſie brül⸗ lend wie der Tiger aus dem Graſe aufſprang, ihn packte und ihn zermalmte, ach, nicht ihn allein, nein auch noch jemanden, der ihm theurer war als ſein eignes Leben, ſeine Thereſe. Linker Hand lief ein dunkler Gang dahin. Kaum hatte er in die ungewiſſe Dämmerung zwei Secunden hineingehorcht, als er auch die Stimme des Kammerherrn erkannte, welche mehreren Dienern leiſe Verhaltungsbefehle zuflüſterte. „Nur geſucht, nur geſucht!“ rief der dienſteifrige Söfling; „und tretet vorſichtig auf! Wer ihn findet, drei Louisdor... In irgend einem Winkel hat er ſich verkrochen ..“ Hiermit eilte der Sprechende vorwärts und wäre beinahe gegen den gerannt welchen er eben ſuchte, wenn dieſer nicht Begebenheiten eines Weltmannes. 25 die augenblickliche Geiſtesgegenwart gehabt und ſich hinter einen großen mit Urkunden angefüllten Schrank geflüchtet hätte, wel⸗ cher ihn den Augen ſeines Feindes glücklicherweiſe verbarg. „He da, he da!“ hörte der Verſteckte ſeinen Verfolger noch in der Ferne rufen; „hier iſt nichts zu finden! Dorthin, immer links! Denn den geraden Ausweg wählt der Fuchs nicht, wenn ihn jemand in ſeinem Baue belagert hält!“ Die Stimme verſcholl und Caſanova, der ſich in den Winkel geſchmiegt hatte, als ob er an die Mauer anwachſen ſollte, wagte es den Oberleib wieder vorwärts zu recken, um zu ſehen ob die Fährte paſſirbar wäre. Auf der einen Seite hörte er die Dienerſchaft, welche der Kammerherr hinter ſich zurückgelaſſen hatte, auf der andern war alles ſtill; alſo ſchritt er nach der letztern Richtung vorwärts, feſt entſchloſſen, ent⸗ weder den erſten Beſten, welcher ihm den Weg verrennte, nie⸗ derzuſtoßen oder ſich durchzuſchlagen und die goldne Freiheit wieder zu erobern. Er war bis an die Pforte gekommen, welche in den offe⸗ nen Hofraum führte. Niemand war hier zu ſehen als drei Männer in Livrée, welche im Augenblicke verſchwanden, weil ſie den, welchen ſie zu ſuchen beauftragt waren, zu finden hoff⸗ ten wo ſie ihn nicht finden konnten; ſodann der Thorwärter, welcher ganz gemüthlich eine Pfeife Tabak rauchend auf ſeinem Caſanova. Poſten ſtand und wartete, bis ihm der koſtbare Fang in die Hände laufen würde. Hier galt kein langes Beſinnen. Der Flüchtige drückte ſich gegen die Wand, ſo daß er den Thorwart und die Andern zugleich im Auge behalten konnte. Er ſchlich ſich erſt eine Strecke an der Mauer hin und lauerte ſo lange bis der Wäch⸗ ter, in ſeine Gedanken vertieft harmlos die blauen Rauchwol⸗ ken vor ſich hin blaſend, ſich umwenden zu wollen ſchien; nun ſtürzte auch der Mann, der ein Herz voll Angſt in ſeinem Buſen ſchlagen fühlte, behend wie ein Raubthier auf ſeinen Gegner los, warf ihn zu Boden und ehe jener einen Hülferuf erſchallen laſſen konnte, hatte er ſchon den dunkeln Gang, welcher nach außen führte, glücklich gewonnen. Der überrumpelte Wächter war zu Boden geſtürzt und zwar ſo unſanft, daß er die Füße in die Luft reckte und die Thonpfeife, aus welcher er die beliebten narkotiſchen Düfte ſog, aus dem Munde verlor; ein Glücksfall welcher dem Fliehenden nicht wenig zum Vortheile gereichte. Zwar hätte der letztere ſich ganz ruhig auf ſein früheres Einverſtändniß mit dem Argus ohne hundert Augen berufen und ihn dadurch zum Schweigen zwingen können; allein er mußte in dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke, in dieſer Minute der Entſcheidung raſch und ſicher han⸗ deln, er mußte ſich, wenn auch auf gewaltſame doch jedenfalls auf die kürzeſte Weiſe, aus dem Bereiche der Gefahr heraus⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 27 reißen. Hatte er einmal die ſteinernen Gefängnißmauern hinter ſich, dann mochte ihn ein günſtiges Geſchick immer weiter ge leiten; und auf das letztere baute er auch. Vor dem Thore ſah er die weite unbegrenzte Welt wie⸗ der vor ſich, und wie athmete er auf, als er ſich bewußt wurde, daß er die unerbittlichen Steinmauern hinter dem Rücken hatte, daß er die freien Glieder wieder ungehindert in der freien Welt bewegen durfte! „Nach, nach!“ riefen mehrere Stimmen hinter ihm. „Er iſt hinaus!“ knirſchte der Thorwärter, welcher ſich voller Ver⸗ zweiflung aus dem dunkeln Bogengange herausſtürzte; „lauft was Ihr laufen könnt!“ Dieſe theilnehmenden Ausrufungen waren keineswegs ge⸗ eignet den Flüchtling etwa zu einer längeren Raſt zu veran⸗ laſſen. Schon ſah er drei, dann noch zwei Männer bergunter geſtürzt kommen; er hatte wohlweislich den Fahrweg gewählt, hoffend man würde ihm am wenigſten hier, wo er ſo leicht entdeckt werden konnte, nachſpüren. Seine Erwartung täuſchte ihn nicht. Die Verfolger ſchlugen ſich ſämmtlich nach den Ge⸗ büſchen und Seitenwegen, und der, welchen ſie ſuchten, ge⸗ wann Zeit genug, um auf einen Eichbaum zu klettern, in deſſen dichtbelaubtem Wipfel er ſich verborgen hielt. Jetzt holte er zum erſten Male wieder frei Athem; zum Glücke war er an der Seite des Baumes emporgeklettert welche — —— ———— 28 Caſanova. dem Schloſſe entgegengeſetzt war, und kaum hatte er ein ſicheres Verſteck erreicht, ſo hörte er auch ſchon die Stimmen derer, welche ausgegangen waren um ihn zu fahnden. Die Vögel, welche noch vor kurzem auf der Eiche geſeſſen hatten, waren freilich ſammt und ſonders aufgeflogen, als das ungefiederte Zweibein mit ſeinen Gliedern ſich an dem Stamme und in den Aeſten in die Höhe ſchlang; aber davon merkten die Menſchen nichts, welche ihrem Mitmenſchen nachſetzten — dieſe fluchten bloß und ſchimpften auf den unglückſeligen Zu⸗ fall, welcher ihnen ihre Beute vor der Naſe hinweggeführt hatte. Das alles mußte der Verfolgte in ſeinem Verſtecke mit anhören. Zum Ueberfluſſe kam jetzt auch der Prinz ſelbſt, welcher ſein Zwiegeſpräch mit ſeiner Gemahlin beendigt haben mochte, und hieß die Leute ſtill ſtehen. „Er iſt heraus?“ fragte der Gebieter; „Ihr habt ihn entwiſchen laſſen, Schurken? Gott ſei Euch gnädig, wenn Ihr mir den Mann nicht bald zur Stelle ſchafft! Wo iſt der Kam⸗ merherr, dieſer Eſel?“ „Dort kommt er, gnädigſter Herr!“ antwortete ein Die⸗ ner, indem er keck mit der Hand nach dem Schloſſe wies. Der Prinz hatte jenen Unglücksmann kaum erblickt, als er auch auf ihn losſtürzte. „Und Du biſt auch ein Verräther, und Du biſt auch Begebenheiten eines Weltmannes. 29 mit im Complotte!“ kreiſchte der Fürſt wüthend; „ich will Dich in Stücke reißen, ich will Dich erwürgen, Bube ...“ Der Hofmann wurde bei dieſer Anrede, welche ſein Ge⸗ bieter an ihn richtete, nur noch bleicher als er ſchon war; ein leiſer Anflug von Zornesröthe färbte dann die gelbe Perga⸗ menthaut ſeines Geſichtes etwas anders als gewöhnlich; ſeinen Ingrimm mit Mühe verbeißend trat er zwei Schritte zurück und vom Wege ab; er war den Händen des Drohenden nur eben entgangen und hätte bloß einen Fußbreit weniger aus⸗ weichen dürfen, ſo würde er von jenem an der Gurgel gefaßt worden ſein, und wer weiß wozu es dann gekommen wäre. Er nahm ſich auf's äußerſte zuſammen, um ja keine Spu⸗ ren von der innern Bewegung, welche obige Worte bei ihm hervorgerufen hatten, ſichtbar werden zu laſſen. Die Haut, welche das Antlitz eines Hofmannes überdeckt, muß wo mög⸗ lich noch unempfindlicher ſein als das Stück Pergament, wel⸗ ches man von dem oft durchbläuten Eſelsrücken abgezogen, ge⸗ gerbt und zubereitet und das dann die Stammtafel des Edel⸗ mannes hergegeben hat. Gerade dieſer Kammerherr war ein Muſter in ſeiner Art. Während ſonſt niemand ſo leicht in der Nähe des erlauchten Prinzen Ferdinand aushielt, hatte er ſchon Jahre lang die Launen und den Uebermuth des Ge⸗ bieters ertragen; er fügte ſich darein, wenn er nur nicht gar mit Füßen getreten wurde, aber er hielt ſich auch ſchadlos da⸗ Caſanova. für, indem er die Untergebenen nach Herzensluſt quälte, daß . ſie hätten Blut ſchwitzen mögen. „Gnädigſter Herr,“ rief der Hofmann mit einer höflichen Verbeugung, „was ich thun konnte, hab'ich gethan, und mehr als in ſeinen Kräften ſteht kann niemand thun; ich bitte alſo meine Verſicherung zu genehmigen, daß wir den Schändlichen, welcher allerhöchſt Ihr Mißfallen im vollſten Maße verdient hat, gewiß noch auffinden und der verdienten Strafe werden ₰ überliefern können.“ „Das wollte ich Dir auch gerathen haben!“ antwortete der Prinz, deſſen Wuth ſich in etwas gelegt hatte, als ihm Hoffnung gemacht wurde, er würde ſeines Feindes noch hab⸗ haft werden und ſeine Rache an ihm kühlen können. „Aber wo, wie? Raſch an's Werk, ſonſt gewinnt er das Weite und wir haben das Nachſehen!“ „Belieben Sie, gnädigſter Herr, hier zu verweilen,“ ord⸗ nete der Kammerherr jetzt in der Schnelligkeit an; „ich werde Andern den Auftrag ertheilen, die Gebüſche und Verſtecke d 8 ganzen Umgegend zu viſitiren. Die Erde müßte ihn einge⸗ geſchluckt haben oder er müßte wie ein Schattenbild in der Luft zergangen ſein, ſonſt haſchen wir ihn!“ „Gut!“ erwiederte der Prinz mit der Freude eines blutdir⸗ . ſtigen Raubthieres, „ich will hier am Wege abwärts ſuchen, 3 Begebenheiten eines Weltmannes. und fällt er in meine Hände, dann ſei ihm der Himmel gnädig!“ Die Diener zerſtreuten ſich wie ihnen der Kammerherr die Richtung angab, welche jeder von ihnen verfolgen ſollte; der Prinz blieb in der Nähe des Baumes, in deſſen dichtem Laubdache ſich der verborgen hielt, welchen er ſuchte. Wit keinem Gliede rührte ſich der Verborgene. Er ſaß ganz bequem auf zwei ſtarken faſt zuſammengewachſenen Aeſten und hatte ſich hart an die grobe Rinde des Baumſtammes edrückt. Die Blätter waren allerdings dicht genug und die Aeſte liefen durcheinander wie ein labhrinthiſches Sparren⸗ werk, ſo daß ſie keinen geraden Blick in die Höhe zu⸗ ießen und eine Entdeckung ſo gut als unmöglich machten. „Wer kommt dort des Weges daher?“ fragte der Unten⸗ ehende ſich ſelbſt, und Caſanova, der ſich etwas vergeſſen hatte, gab dem augenblicklichen Drange ſeiner Neugierde nach, indem er ſo vorſichtig als möglich einen Zweig auf die Seite bog um die freie Ausſicht wegabwärts zu öffnen. Beinahe wäre ihm ſein Hut vom Kopfe gefallen und hätte von Aſt zu Aſt ſtürzend ſich endlich dem Prinzen vor die Füße legen müſſen, um ſeinen gehorſamen Gruß von dem Kopfe, der hier unter ihm fehlte, aber anderswo zu ſuchen war, nach alter Gewohn⸗ heit auszurichten. Noch zur rechten Zeit wurde der Eigen⸗ thümer deſſelben gewahr was ſich begeben ſollte; da rückte er — —— 32 Caſanova. ſeinen ungehorſamen Hut wieder feſt, allein indem er dies that, ließ er den Zweig, den er zurückgebogen hatte, ſo ſchnell fahren, daß der unten ſtutzig wurde und in die Höhe blickte. Ein jäher Schreck zuckte durch alle Glieder des Unvor⸗ ſichtigen. Er hatte die Gefahr geweckt, hatte ſie auf ſich auf⸗ merkſam gemacht, dieſe Schlange, welche ſo lange ruhig liegen bleibt als ſich das Opfer, das ſie ſich erſehen hat, nicht ſelbſt verräth.. in der That, wäre der Prinz ein beſſerer Jäger und nicht gerade auf den Mann, welcher den Berg heraufge⸗ ſtiegen kam, geſpannt geweſen, er würde die Spur verfolgt und endlich den verhaßten Nebenbuhler gefunden haben. Schon glaubte ſich dieſer entdeckt, ſchon ſah er die Noth⸗ wendigkeit das Aeußerſte für Freiheit und Leben zu wagen vor Augen .. aber der Andre ließ den Gedanken, welchen er eine Secunde flüchtig gehegt hatte, wieder fallen und Caſanova war wieder ſo ſicher als zuvor. Schon in der Entfernung von funfzig Schritten hörte er einen Klang, als wenn Schläge auf irgend jemandes Rücken niederfielen. Der Verſteckte lugte nach jener Gegend hin, und es dauerte nicht lange, ſo kam Hans mit ſeinem Eſel an der Stelle des Weges zum Vorſcheine, welche der Lauſchende auf dem Baume feſt in's Auge gefaßt hatte. Unbekümmert um Gott und alle Welt draſch der gemüth⸗ liche Hans in gleichmäßigem Takte auf ſeinen Eſel los, und Begebenheiten eines Weltmannes. 33 dem Thiere ſchienen die Prügel ordentlich wohl zu thun, denn es trabte ganz in ſeinem gewöhnlichen Galgenſchritte aufwärts. Hans mochte prügeln wie er wollte, jenes ging deshalb durch⸗ aus weder ſchneller noch langſamer. So kam das Paar bis an den Baum, unter welchem der Prinz Poſto gefaßt hatte. Der Eſel nahm von der Anweſen⸗ heit eines Fürſten gar keine Notiz, Hans aber nur ſehr we⸗ nige, denn er würdigte den unbekannten Herrn vermöge ſeiner angebornen Faulheit nur eines flüchtigen Seitenblickes und grüßte ihn, als er ſich ſchon wieder von ihm hinweggewendet hatte und gerade ausſchaute. „Halt da, halt doch, Du Schlingel!“ rief der Prinz über dieſes Betragen erzürnt; „wer biſt Du denn und was haſt Du denn dort oben zu ſuchen?“ Bei dieſer Frage fiel er mit der einen Hand dem Eſel in den Zügel und mit der andern riß er dem geduldigen Hans ſeinen Prügel aus der Hand. „Was ſoll mir denn das heißen?“ fragte der Angehaltene voller Erſtaunen, aber mit unmuthigem Ernſte. „Das wirſt Du gleich ſehen, wenn ich Dir Mundwerk mache!“ erwiederte der Prinz, indem ex dem Fragenden mit ſeinem eignen Prügel einen Hieb über den Rücken zog. „Das geht mir doch zu weit!“ rief Hans immer ge⸗ laſſen. Caſanvva III. 3 Caſanova. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, riß er ſeinem Geg⸗ ner den Prügel wieder aus der Hand, mit der linken packte er ihn an der Bruſt und hielt ihn, was er vermöge ſeiner Leibesſtärke leicht konnte, einen angemeſſenen Raum von ſich hinweg, dann zielte er erſt mit dem Prügel, um die Stelle auf dem Rücken des Angreifers, auf welche der Schlag nieder⸗ fallen ſollte, ja recht genau abzumeſſen, und als er ſeiner Sache gewiß war, begann er den Fürſtenſohn zu bearbeiten. „Kerl, biſt Du toll?“ ſchrie jener; „weißt Du wer ich bin? Ich laſſe Dich hängen, ich laſſe Dir die verwegene Hand, welche es wagt ſich an meiner geheiligten Perſon zu vergreifen, von Deinem Leibe hauen!“ Hans hörte nicht auf dieſe Drohungen, ſondern arbeitete immer darauf los, ohne zu fürchten, daß er des Guten etwa zu viel thäte. „Hülfe, Hülfe!“ ſchrie der Andre ſo laut er konnte, u Hülfe! Räuber, Mörder, Hochverräther!“ Der Bedrängte hatte eine gute Weile zu rufen, ehe ſein Stimme einige von ſeinen Leuten erreichte und herbeizog. Es war der Kammerherr, welcher den Ruf zuerſt vernahm, und da er die Stimme ſeines Gebieters kannte, eilte er durch Dick und Dünn auf den Ort los, wo er jenen verlaſſen hatte und jetzt noch vermuthete. „Was machſt Du, Kerl?“ rief er dem erſchrockenen Hans Begebenheiten eines Weltmannes. 35 zu, welcher bei dem Anblicke dieſer ihm wohlbekannten Perſon den Prügel ſinken und ſeinen Gegner los ließ; „biſt Du wohl F bei Sinnen, daß Du Dich erdreiſteſt dieſen Herren anzu⸗ taſten?“ „Nun, was denn?“ fragte der Erſchrockene; „der Mann da hat mich angefallen und hat mich zuerſt geſchlagen!“ „Wer iſt denn dieſer Bengel?“ fragte der Prinz zähne⸗ knirſchend. „Er bringt den Mehlbedarf auf das Schloß, Allergnä⸗ digſter,“ berichtete der Dienſtbefliſſene, an welchen dieſe Frage gerichtet worden war. „Er iſt der Sohn des Müllers.“ „Nun, danke es meiner guten Laune, Menſch,“ wendete ſich der Prinz wieder zu ſeinem Gegner von vorhin, „dank es meiner guten Laune auf den Knien, ſag' ich Dir, daß ich Dich nicht an dieſem Baume aufknüpfen laſſe wie einen Strauch⸗ dieb. In Anbetracht Deiner augenfälligen Dummheit will ich vergeſſen was Du Dich unterſtanden haſt, aber ein zweites Mal, ich ſchwöre Dir's zu, ein zweites Mal darf es nicht ſo kommen, wenn Du nicht im nächſten Augenblicke baumeln willſt!“ „Ich befehle, daß Sie ſich von dieſem lächerlichen Vor⸗ falle keine Sylbe, ſei es gegen wen es wolle, verlauten laſſen,“ wendete ſich der Sprechende gegen den Kammerherrn; „und Du,“ fuhr er zum Eſelstreiber gekehrt fort, „Du wirſt eben⸗ 3* Caſanova. falls reinen Mund halten! Jetzt vorwärts, edles Brüderpaar!“ 5 rief er dann lachend und trieb den Eſel ſammt ſeinem Herrn weiter den Berg hinauf und nach dem Schloſſe zu. „Mit dem Fahnden wird's heute nichts mehr ſein“ rief der Prinz dem Kammerherrn zu; „laſſen Sie die Leute heim⸗ kehren, denn es wird dunkel.“ Während dieſer Worte ſah der, welcher auf dem Baume lauerte, einen wohlbekannten Mann den Berg herunterkommen; es war der liebe Mieſching, der Vetter des Herrn Doctors, mit welchem er das erwähnte Rencontre gehabt hatte. De⸗ müthig näherte ſich der Schleicher ſeinem Gebieter und ſagte mit zitternder Stimme, daß es ihm leid thäte ſeinem geliebten Bruder in Chriſto keine beſſere Kunde bringen zu können. „Ich glaube die unumſtößliche Gewißheit zu haben, daß er es iſt, allergnädigſter Herr,“ ſagte er mit geſenktem Haupte und gefalteten Händen, „ aber im Schloſſe, welches wir um und um gekehrt haben, iſt keine Spur von ihm zu entdecken; ſomit muß er entflohen ſein; die hölliſchen Mächte ſtehen ihm mit ihrer Hülfe ſichtbarlich bei, ſo oft er auf böſem Wege geht, ein Zeichen mehr dafür, daß er der ewigen Verdammniß dereinſt anheimfallen muß!“ „Ach, meinetwegen! Mit Eurer ewigen Verdammniß bleibt mir vom Halſe!“ rief der Prinz ärgerlich; „was hilfts, was Begebenheiten eines Weltmannes. 37 hab ich davon, wenn er mir nicht unter die Hände kommt, daß ich meine Rache ſelbſt an ihm kühlen kann!“ „Wenn es Gott thut, allergnädigſter Herr,“ erwiederte der Andre ſalbungsvoll, ohne ſich in ſeinen Reden irren zu laſſen, „wenn es Gott thut, ſo iſt die Rache um ſo ſicherer und vollkommner .. am Orte, wo Heulen und Zähneklappen iſt, wird er ſchmachten eine lange Ewigkeit, er wird ſterben wollen und nicht können, er wird die Qualen dulden müſſen welche ſeine Gottloſigkeit und ſein Unglaube im vollſten Maße verdienen, während wir, die Heiligen des Herrn, in Abraham' Schoße ſitzen und in den Abgrund hinunterſchauen, in welchem unſre Feinde gefangen gehalten werden.“ Aergerlich kehrte ſich der Prinz um und ging ohne den Mann Gottes einer Antwort zu würdigen auf das Schloß zu; der Kammerherr that daſſelbe und der Zurückgebliebene fand es endlich auch für das Gerathenſte denſelben Weg einzu⸗ ſchlagen. „Aha, ſteht es ſo!“ rief der auf dem Baume, welchem ein Licht aufgehen mochte, als er jene Worte aus Mieſching's Munde kommen hörte; „habt Ihr die Hand im Spiele? Dann iſt's freilich ſchlimm und für Dich armen Mann hier zu Lande ſchwerlich ein ſicheres Plätzchen mehr zu finden! Gut daß ich' weiß und meine Leute kenne!“ Er wartete bis die Sonne untergegangen war. Sobald 38 Caſanova. er den Weg für ſicher genug hielt, ſtieg er eilig von Aſt zu Aſt herunter, ſah ſich um ſo weit ſeine Blicke reichten, aber er entdeckte niemanden; auch Hans mit ſeinem Eſel kam noch nicht; man mußte ihn längere Zeit auf dem Schloſſe zurück⸗ halten, vielleicht daß man ihn ausfragte, vielleicht ihm bloß nachträglich eine Lection gab wegen der Berührung, in die er den prinzlichen Rücken mit ſeinem Prügel gebracht hatte. Wit eiligen Schritten ſtahl ſich Caſanova den Schloß⸗ berg vollends hinunter; er begegnete keiner Seele, aber ſein Herz klopfte vor Angſt, wenn er daran dachte, daß hinter jedem Strauche der Verräther lauern konnte, welcher ſeine Hä⸗ ſcherhand nur hervorzuſtrecken brauchte um ihn zu faſſen und den Feinden in die erbarmungsloſen Hände zu liefern. In⸗ deſſen kam er doch ganz glücklich davon. Als er die Mühle erreichte, ſtand Röschen, welche auf ihn wartete, unter der Hausthür. „Wo bleibſt Du ſo lange?“ flüſterte ihm das Mädchen mit aller Innigkeit der wahren Liebe in's Ohr. „Laß, laß mich!“ gab er zurück; „ſchnell ein Licht! Mach ein Abendbrod fertig! Ich habe noch etwas Wichtiges vor!“ „Und Du biſt ganz anders als ſonſt?“ fragte ſie wöhniſch; „was haſt Du denn?“ „Eile habe ich!“ rief er aus; „die Welt geht hinter meinen Schritten in Feuer auf und der Boden bricht unter Begebenheiten eines Weltmannes. 39 meinen Tritten und über mir ſtürzt der Himmel zuſammen, deſſen Trümmer mich begraben, wenn ich nicht.. ein Licht, ein Licht, ich bitte Dich; ich muß in meine Stube... bring' 3 mir's hinauf!“ Damit eilte er im Finſtern vorwärts, tappte die Treppe hinauf und begab ſich in ſein Zimmer. Es dauerte nicht lange, ſo brachte das Mädchen das verlangte Licht, aber die Augen ſtanden ihr voll Thränen und vor lauter Jammer war ſie nicht im Stande ein Wort heraus zu bringen. Er ſah ſie an; dieſer Anblick ſchnitt ihm durch's Herz. „Mein armes Kind!“ rief er, indem er ſie an ſich preßte, „was kann ich dafür? Das Schickſal will es ſo. . . mein Un⸗ glücksſtern treibt mich fort von hier; aber tröſte Dich, ich komme wieder. Es war ſo ſchön die Zeit über daß wir bei⸗ ſammen bleiben durften, nicht wahr? Und wirſt Du mich vergeſſen, wenn ich nicht mehr bei Dir bin, meine theure liebe Freundin?“ „Ach, wie kann ich das?“ rief ſie jammernd; „ich muß ja an Dich denken... Wenn Du in der weiten Welt draußen biſt und ein bleicher Schatten tritt vor Dich hin, der Dir die letzten Grüße zuwinkt, denke immer ich bin's und das Herz iſt mir gebrochen . „Nicht doch, nicht ſo!“ unterbrach er ſie; „hörſt Du, Röschen? ich komme wieder . die Berge kommen nicht zu⸗ Caſanova. ſammen, denn ſie ſchlagen ihre Wurzeln tief hinab in die Erde, aber die Menſchen, welche das Schickſal auseinander reißt, kommen wieder zuſammen . . .“ „Aber wann willſt Du fort und wohin willſt Du?“ fragte ſie ihn. „Heute Nacht, in der nächſten Stunde muß ich fort!“ erwiederte er mit feſtem Tone; „wohin? Das weiß ich vor der Hand ſelbſt noch nicht.“ Er machte ſich von ihr los, öffnete einen Mantelſack, wel⸗ chen er mitgebracht hatte, als er hier eingewandert war, nahm daraus eine Brieftaſche und ein mäßiges Paketchen und ſteckte Beides in die Taſche. „So,“ ſagte er, „nun bringe mir zu eſſen; was Du am ſchnellſten beſorgen kannſt, iſt mir das Liebſte. Doch eile, eile, wenn Du mich lieb haſt; das ſchärfſte Schwert hängt an einem Pferbehaare über meinem Haupte; o wenn das ſchwache Haar zerreißt, ſo iſt der Mann Deiner Liebe ver⸗ loren. . Vor Schrecken zitternd eilte Röschen hinunter. Wäh⸗ rend er allein war, machte er einen raſchen Gang durch das Zimmer, welches der Schauplatz ſo mancher ſeligen Genüſſe für ihn geweſen war. Er war innerlich bewegt, ſo daß er zum Sitzen keine Ruhe hatte, obwohl er hätte bedenken ſollen, Begebenheiten eines Weltmannes. 4¹ daß er ſeine Füße auf dem nächtlichen Marſche noch gar ſehr würde anſtrengen müſſen. Röschen kam mit dem Verlangten zurück, und er ver⸗ ſuchte es einige Biſſen zu eſſen. Allein auch dieſes erlaubte ihm ſeine Unruhe nicht. * „Ich kann nicht eſſen, es geht nicht!“ rief er gepreßt; „lieber Engel, leb' wohl! Den Mantelſack behältſt Du da, zum Andenken an mich, bis ich wiederkomme. Leb' tauſend⸗ mal wohl, und Dein guter Engel behüte Dich!“ „Ach geh' nicht fort, verlaß mich nicht, ſonſt muß ich ſterben!“ rief ſie, indem ſie ihn am Kleide zurückzerrte; „willſt Du daß ich ſterben ſoll? Und haſt doch geſchworen mit tau⸗ ſend heiligen Eiden daß Du mich liebhaben wollteſt bis an den Tod, wie ich Dich... und Du willſt von meinem Vater und meinem Bruder nicht einmal Abſchied nehmen?“ „Kann ich denn? Sage Du ihnen Beiden meinen Gruß; da, dieſen Kuß auf Deine Lippen bringe Deinem guten Vater,“ unterbrach er ſie, „und er ſoll an mich denken.“ „Alſo wirklich hilft kein Bitten und kein Flehen von mir armen Geſchöpfe, das Du unglücklich gemacht haſt?“ rief ſie bitterlich weinend und ſich an ihn anklammernd; „auch nicht einen einzigen Tag länger willſt Du bleiben? Geh, geh, Du biſt ein harter Mann; ich glaube, ich könnte mich wie ein armer Wurm vor Deinen Füßen krümmen und winden, Du ſäheſt 42 Caſanova. ruhig zu, bis ich mit untergehender Sonne den letzten Hauch meines elenden Lebens ausathmete .. .“ „Nicht das, bei Gott das verdiene ich nicht, Du holdes Engelsangeſicht!“ rief er heftig ergriffen; „ich muß ja fort! Denke doch, daß es mir weher thut als Dir, wenn mich das Schickſal aus Deinen Armen und von Deinem Herzen reißt! Noch einen Kuß und dann leb' wohl, dann laß mich los und in die weite Welt hinaus!“ „Ich gehe noch eine Strecke mit Dir!“ rief ſie wieder. „Dann komm, komm eiligſt!“ erwiederte er das Aner⸗ bieten genehmigend; „ich habe keine Minute mehr zu ver⸗ lieren!“ Auf wohlbekanntem Fußpfade ſchritten die beiden Lieben⸗ den mit den trauernden Herzen in der Bruſt neben einander her; ſie wechſelten kein Wort, aber ſie hatten ſich umſchlungen und preßten ſich von Zeit zu Zeit ſtillſtehend leidenſchaftlich aneinander. Da hörten ſie auf einmal von ferne Männerſtimmen, auch der Eſel gab ſein Wort mit in das Zwiegeſpräch, und hieran erkannten jene, daß der gute Hans mit noch jemandem auf dem Wege nach der Mühle ſein mußte. „Treten wir bei Seite!“ rief Caſanova der Geliebten in's Ohr; „ich ahne wer mit Deinem Bruder kommt; er hat geplaudert Dein lieblicher Bruder und die Herren auf dem Begebenheiten eines Weltmannes. 43 Schloſſe ſind ſolche gute Freunde von mir, daß ſie mich we⸗ nigſtens auf der Stelle todtſchießen würden wenn ſie meiner habhaft werden könnten.“ Sie traten hinter einen Buſch, welcher am Wege ſtand, und die beiden Andern, welche ſich ganz ſicher glauben muß⸗ ten, kamen in ziemlich lautem Geſpräche begriffen ſo nahe heran, daß man jedes Wort verſtehen konnte. 3ℳ 9 „Ja, ſo iſt's!“ ſagte die eine Stimme, in welcher Sſ noba die des edlen Mieſching wieder erkannte; „er iſt ein“ Landſtreicher, weiter nichts, und ich finde es ganz begreiflic daß er ſich gern in Eure Mühle ſetzen möchte. Was hat ſolch ein Burſche denn zu verlieren?“ „Mein Erbtheil!“ jammerte Sans; „mein ſaurer Schweiß! Aber warte,“ ſetzte er knirſchend hinzu, „das ſoll Dir nicht gelingen!“ „Ja wohl, auf Dein Erbtheil iſt's abgeſehen!“ rief der Andre, „und was er von den Soldaten geſagt hat, iſt leeres Gerede; ich ſtehe Dir dafür, Du ſollſt Zeit Deines Lebens unangefochten bleiben.“ „Aber wie mach' ich's nur, wie fange ich's an?“ ſtotterte Hans wieder. „Ja ſo,“ erwiederte der Andre, „Du darfſt nur einen Wink auf's Schloß geben, wenn er irgend wohin geht, ver⸗ ſtehſt Du wohl? etwa in den Wald, in einſame Landſchaften, Caſanova. welche niemand groß beſucht. das Uebrige wird ſich finden. Beſſer jedoch iſts, Du machſt Dich einmal Nachts, wenn er in ſeinem Bette ſchläft, auf und eilſt zum gnädigen Herrn, welchen Du davon benachrichtigſt, daß dieſet gefährliche Gauner eben ſchläft, weiter haſt Du dann für nichts zu ſorgen und darſſt auf einen erklecklichen Botenlohn hoffen. Wir find wohl nahe bei der Mühle?“ „Dort wo das Licht brennt iſt ſie,“ antwortete Hans gleichgültig. „Dann kehre ich um, denn es wird ſpät,“ nahm Mie⸗ ſching wieder das Wort; „höre, mein lieber Freund Hans, das was wir hier mit einan der verabredet haben, mußt Du ja Deiner Schweſter und Deinem zukünftigen Schwager ſagen, verſtehſt Du mich wohl? Dieſe Beiden müſſen es zuerſt er⸗ fahren und zwar heute Abend noch.“ „Wenn ich ſoll,“ erwiederte Hans, „das will ich ſchon thun.“ „Hans, biſt Du denn ganz von Sinnen?“ fragte der Rathgeber, der nicht wußte ob er ſich ärgern oder über dieſe Dummheit lachen ſollte; „ſtehſt Du denn nicht ein daß es kein lebendiger Menſch erfahren darf, wenn wir nicht die größte Gefahr laufen wollen?“ „Wie kann ich das wiſſen?“ fragte der Geſcholtene; „ich Begebenheiten eines Weltmannes. 45⁵ thue was mir geheißen wird, zumal wenn geſcheidtere Leute da ſind.“ „Aber Du mußt doch bei Gott auch einen Funken Ver⸗ ſtand im Leibe haben!“ rief Mieſching, welcher jetzt hell auflachen mußte; „alſo Du wirſt ſchweigen, hörſt Du? Nie⸗ mandem, auch Deinem beſten Freunde nicht, und wär's Dein Eſel da, darfſt Du ein Wörtchen davon vorplaudern, denn es könnten Dich Dritte behorchen und das Geheimniß verrathen. Gute Nacht, morgen treffen wir uns an dem bewußten Orte.“ Hiermit kehrte der Mann nach dem Schloſſe zurück, Hans aber trieb ſeinen Eſel voll von inhaltsſchweren Gedanken nach der Mühle zu. „Siehſt Du wohl? Haſt Du's gehört?“ raunte Caſanoba der Geliebten in's Ohr, „und begreifſt Du nun weshalb ich hier nicht länger bleiben darf?“ „Ach ja wohl!“ entgegnete ſie, „und mein unglückſeliger Bruder, der iſt am Ganzen Schuld!“ Sie preßte ſich noch einmal heftig an den Geliebten, ſie wollte gar nicht wieder los laſſen und jammerte und klagte, als ob ſie vor Schmerz zergehen müßte. „Leb' wohl, leb' tauſendmal wohl!“ rief er, indem er ihr den letzten Kuß auf die zitternden Lippen drückte, „und denk an mich, wenn ich nicht mehr bei Dir bin!“ „Ach, denk Du auch an mich!“ rief ſie; „vergiß mich 46 Caſanova. nicht und ſchreibe mir bald, ich will Dir wieder ſchreiben. Dein Halstuch gieb mir noch! Da, ſchlinge Du das meinige um Deinen Hals!“ Sie löſtte das ſeidne Tuch, welches ſie vermittelſt eines ſchlangenförmigen ſilbernen Ringes um ihren Hals befeſtigt hatte, band ihm das ſeinige ab und tauſchte ſo mit ihm. „Und nun das letzte Lebewohl!“ rief er, nachdem dieſes vorüber war. Er riß ſich mit dem letzten heißen Kuſſe los und ver⸗ ſchwand hinter dem Vorhange der dunkeln Nacht. Das Mäd⸗ chen hörte er im leiſen Vorwärtsſchreiten noch ſchluchzen; end⸗ lich verſchwand der letzte Klageton vor ſeinen Ohren, ihre Stimme konnte ihn nicht mehr erreichen. Nach den Sternen ſeinen Weg beſtimmend, ging er vor⸗ wärts und dachte im Gehen an die jüngſt erlebten Ereigniſſe. Dann trat ihm König Oedipus vor die Seele, wie er, ein Jüngling, das Haus verließ und auf der feſten Erde gleich einem Schiffer, der auf dem offnen Meere ſich ſeine Wege ſucht, in gerader Linie dahineilte. .. Führe ihn Dein Flügel, Liebe, rief er kurz darauf, ein Lied recitirend, auf welches er ſich beſann, Bau den Steg ihm feſt und dicht, Daß er unter ſeinen Füßen K Begebenheiten eines Weltmannes. 47 Nicht mit ihm hinunterbricht, Wo ſich an dem Felſen ſtauchen Wilde Wellen, weiße Fluth, Und die rothen Feueraugen Rollt der Drachen alte Brut. .. Dieſe Worte ſtieß er haſtig heraus; dann fiel er wieder in eine vorhergehende Strophe deſſelben Liedes: Eile denn, Alonzo, eile Bei dem matten Sternenlicht, Denn die Nacht hat keine Weile, Und die Stunden warten nicht. „Was hat's denn da für Eile, mein lieber Don Alonzo, wenn man fragen darf?“ rief plötzlich eine Stimme von einem Seitenwege aus dem Flüchtigen zu, und in demſelben Augen⸗ blicke arbeitete ſich jemand durch das Gebüſch auf die Haupt⸗ ſtraße zu. Caſanova erſchrak; wie gelähmt blieb er ſtehen und ſtöhnte: „Wer iſt hier?“ Zugleich nahm er eine Stellung an, um einen etwaigen Angriff erfolgreich abweiſen zu können. „Nur ein Wandersmann wie Du zu ſein ſcheinſt,“ erwie⸗ derte dieſelbe Stimme ſchon in geringerer Entfernung; „wo⸗ hin führt Dich der Weg?“ „Ueber die Grenze!“ antwortete der Andre. „Das iſt auch der meinige,“ rief der Unbekannte. 48 Caſanova. Zugleich ſtellte ſich im Sternenſchein eine lange Figur von ziemlich ſtarkem Knochenbau vor den wartenden Caſanova hin. Der Mann trug eine Büchſe über der Schulter und eine Jagdtaſche an der Seite; der Griff des Hirſchfängers, welcher von blankem Silber war, flimmerte im Lichte der Sterne. „Wer biſt Du denn?“ fragte der Jüngling zurücktretend, indem er den Mann, welcher ſich ihm auf ſo ſonderbare Weiſe zum Reiſegefährten angeboten hatte, mit nicht geringem Argwohne betrachtete. „Das braucht niemand zu wiſſen!“ antwortete der Andre mit ſeiner rauhen Stimme, aber in ſcherzendem Tone; „doch wenn Du Dich fürchteſt, ſo gehe in Gottes Namen allein, aber dann biſt Du unklug genug. Ich kenne die Wege auf zehn Meilen weit in der Runde wie ſie laufen und ſich kreuzen; ich thue keinem Menſchen etwas, aber ich bin mit der diesſei⸗ tigen Polizei, nämlich den Herren Jägern und Conſorten etwas zerfallen, weil ich ſo frei bin manchmal einen Rehbock zu ſchießen, was ſie nicht leiden wollen. . „Alſo Wildſchütz!“ rief der Andre beruhigt; „gut, ich gehe mit Dir!“ „Wir treffen unterwegs noch auf ſo manches gute Ver⸗ ſteck“ ſagte der Wilddieb — denn das war der Mann in der That —; „ort finden wir Brod und Wein und können eſſen ſoviel wir Luſt haben... Du darfſt nicht denken, daß Du die 8 Begebenheiten eines Weltmannes. 49 Orte wiederfindeſt,“ ſetzte er hinzu, „und wenn Du Dir alle Mühe gäbeſt, es wäre doch vergeblich. Alſo vorwärts, ich gehe voraus. Es geht ſich beſſer in S als allein, zumal wenn's Racht iſt.“ Bei dieſen Worten ſchritt der Unbekannte ohne weiteres voraus, nur einmal ſah er ſich nach ſeinem Begleiter um, und als dieſer folgte, ſetzte er ſeinen Weg ſo unbekümmert fort, als könnte ihm dieſer gar nichts zu Leide thun. „Siehſt Du wohl, daß ich mich vor keinem Menſchen fürchte?“ fragte der Vorausgehende nach einer Weile des Still⸗ ſchweigens ſeinen Gefährten; „Unſereins geht mit Gefahren zu Vette und ſteht mit Gefahren von ſeinem Lager auf. Das iſt nun einmal ſo.“ Caſanova ſchüttelte ſich, denn es fror ihn; er wollte eben eine Bemerkung über dieſe Kühnheit machen, als ſein Ge⸗ fährte ihm die Flaſche, welche er aus ſeiner Jagdtaſche her⸗ vorgelangt hatte, vor den Mund hielt. „Da, trink einmal, Mann!“ rief er lachend; „Du ſcheinſt auch nicht ſonderlich an die Nachtluft gewöhnt zu ſein.“ „O was das anlangt.. aber wärmere Kleider bin ich gewohnt,“ gab ihm der Andre, welcher mit einem herzhaften Schlucke Beſcheid gethan hatte, zur Antwort; „zudem bin ich müde und habe ſeit Mittag nichts gegeſſen was der Rede werth wäre.“ Caſanova III. 4 50 Caſanova. „Trink noch einmal, das hilft ſchon!“ rieth der Wild⸗ ſchütz; „und wenn das nicht verfängt, ſo verſuch's zum dritten MWale; ich kenne das. Uebrigens ſind wir in einer Stunde, die Du freilich aushalten mußt, Du magſt wollen oder nicht, auf einem Plätzchen, wo Du zu eſſen bekommen ſollſt.“ Die beiden Wanderer ſchritten rüſtig vorwärts. Allgemach ward der Himmel heller, beſonders als ſie aus einer Thal⸗ ſchlucht den mit niedrigem Laubholz beſetzten Berg hinaufſtiegen. Der ſchönſte Morgen brach an. „Guten Morgen!“ rief wieder eine Stimme den beiden —.— Reiſenden zu, und im Augenblicke ſtand ein Mann in Jäger⸗ tracht, der ſein Gewehr ſchußfertig im Arme trug, etwa zwanzig Schritte vor den Kommenden, die er mitten auf dem Wald⸗ wege erwartete. „J guten Morgen!“ antwortete der Wildſchütz, ohne nach ſeinem Gewehre zu greifen, ganz gelaſſen; „wie geht's denn, Herr Förſter?“ „Na, laßt Euern Witz mit dem Förſter!“ antwortete jener; „wo ſteckt Ihr denn die ganze Zeit? Ich ſoll einen Bock liefern, denn der leidige Satan muß den Prinzen gerade auf das Schloß führen, und weiß nicht wo einer ſteht...“ „Wann ſoll er denn geliefert werden?“ fragte der Wild⸗ ſchütz den Jäger. „Heute ſchon!“ rief der Letztere; „ich habe mich die ganze 4½ Begebenheiten eines Weltmannes. 51 Nacht geplagt und nichts getrffenz weiß der Teufel was meine Flinte hat!“ „Na, laßt's nur gut ſein, Ihr ſeid ja auch nicht ſo!“ tröſtete der Wilderer; „in einer Stunde liegt er beim Linden⸗ ſteine oder in zweien auf der Bank am Schwarzbache. Adieu!“ „Halt einmal!“ rief der Andre; „wir haben einen neuen Burſchen; es iſt ein Nilchbart, der nichts vom Handwerke ver⸗ ſteht und dem die Naſe noch nicht geputzt iſt; er hat ſich hoch und theuer vermeſſen, er wollte Euch, wo er Euch anträfe, ſchon eine Ladung in den Leib jagen; alſo ſeid auf Eurer Hut!“ „Gelbſchnabel der!“ lachte der Waidmann auf eigne Fauſt; „ſoll nur kommen! Will's ihm ſchon anſtreichen! Iſt er jetzt auf dem Reviere?“ „Ich glaube. dort wird er wohl ſein,“ ſagte der Jäger, indem er mit der Hand gerade aus zeigte. „Auch gut; ich gehe ihm doch nicht aus dem Wege; aber wenn Du einen meiner Leute triffſt — der Sp echt kann nicht weit ſein — ſo ſchicke ihn doch Punkt zehn Uhr zu den bei⸗ den Mispeln, oder auch eher, wie es paßt — Dein Bürſchchen ſchicke auch dorthin. ich will ihm ſchon die Cour machen. Adieu!“ Beide Schützen trennten ſich als die beſten Freunde. „Ja,“ ſagte der Begleiter Caſanova's zu dieſem im 4* Caſanova. Fortgehen, „ich und der da wir ſind gute Freunde, aber ſo ſind nicht Alle. Der wurde es, als ich ihm einmal das Fell gar gemacht hatte, weil er aus blankem Muthwillen einer armen Tagelöhnerin ihren einzigen Korb zerhackte, in welchem ſie ein paar dürre Reiſer aufgeſammelt hatte. Er mußte den Korb noch obendrein bezahlen und ich gab der Alten ebenſo viel Geld ertra. Da ſagt' er, ich wäre doch ein tüchtiger Kerl und wir wollten Freunde ſein. Meinetwegen, gab ich ihm zur Antwort, und ſeitdem ſind wir wie Ihr ſeht gute Leute ge⸗ plieben bis auf den heutigen Tag. Das kann ihm nur lieb ſein, denn er ſchießt etwas ſchlecht und hat bei ſeinem geringen Gehalte als Jägerburſche die paar Pfennige Schußgeld recht nöthig.“ Die letzten Worte ſagte der Mann gls ob er nicht daran dächte was er ſprach, denn er lugte ſcharf vorwärts, langte während ſeiner Rede die von der Schulter und machte ſich ſchußfertig. „Bleib hier ſtehen!“ flüſterte er leiſe aber gebieteriſch; „dort muß ein Bock kommen!“ Der Begleiter ſtellte ſich hinter einen Baum und der Jä⸗ ger ſtand in geſpannter Erwartung auf der andern Seite des Weges, wohin er ſich zurückgezogen hatte. „Weiß der liebe Himmel,“ rief der Jäger nach einer Weile vergeblichen Lauerns, „es iſt nichts; iſts doch als wäre Begebenheiten eines Weltmannes. 53 ich behert ſeit geſtern früh wo ich den Hirſch anſchoß ohne ſeiner habhaft zu werden. Verdammt! Na, wir wollen weiter gehen; es wird ſich ja wohl ein Thier ſehen laſſen, oder ich zerſchlage meine Büchſe an der erſten beſten Eiche .. Die Reiſe ging vorwärts in den Wald hinein, der immer dichter wurde und den einen der Wanderer immer müder machte. Zweites Capitel. Der Mann muß hinaus In's feindliche Leben. Schitler. Das Abenteuer im Walde. Caſ anova, welcher weder an lange Fußreiſen, noch an Hunger und Durſt, noch auch an dieſe Waldwege gewöhnt war, wurde nach einiger Zeit ſo matt, daß er nur mühſam folgen konnte, wohin ſein gemüthlicher Führer voranſchritt. Die friſche Morgenluft erquickte ihn allerdings einigermaßen, und er ver⸗ mied ſorgfältig jeden ſcharfen Stein und jede Wurzel, welche über den Weg lief, mit ſeinen müden brennenden Füßen, allein dieſes reichte doch nicht hin ihm die gehörigen Kräfte wieder⸗ zugeben, welche er haben mußte, wenn er ſeinem Gefährten in gleichem Schritte folgen wollte. Ohne ſich umzuſehen und immer fort redend war dieſer einige Schritte voraus gekommen; als er den Andern nicht mehr unmittelbar hinter ſich merkte, blieb er ſtehen und ſah ſich nach demſelben um. Begebenheiten eines Weltmannes. 55 „Aha,“ rief er, „ich merke ſchon . .. ja 's iſt ein beſchwer⸗ liches Marſchiren hier .. . wart, lege Dich da auf's Moos hin und warte, ich weiß in der Nähe Wild ſtehen und will ein Stück ſchießen . .. der Lindenſtein iſt nicht weit von hier... ruhe aus bis ich wieder komme. Siehſt Du, wenn Du mich nun nicht hätteſt!“ rief er im Davongehen und ſchritt in die Büſche hinein. Caſanova hinkte ihm nach; denn auf dem Wege, ob⸗ ſchon dieſer wenig betreten war, wollte er nicht bleiben, weil er beſorgte, man könnte ihm doch vielleicht nachſetzen und ihn hier antreffen. Er ſchleppte ſich ſo bis zu dem Rande des Waldes, wel⸗ chen eine unabſehbare Grasfläche ringsum einſchloß, und hier erſt, wo kein betretener Weg mehr vorbeiführte, legte er ſich in das grüne Gras, welches die immer höher ſteigende Sonne zu trocknen begann. Die Waldwieſe ſfiel unmittelbar vor dem Ausruhenden ſanft ab und bildete ein enges Thal, welches ſich nach der rechten Hand hinzog bis es ſich endlich hinter dem Vorſprunge des Waldes verlor. Aus dieſem Thale ſtieg die Oberfläche wieder in die Höhe und lief ſo fort, bis ſie die Sehweite des Auges überſchritt. Nur in der Ferne ſah man einen blauen Rand am Himmel; es waren dieſes die Bäume welche die Wieſe von jener Seite umgrenzten. In der Mitte dieſes wei⸗ 56 Caſanova. ten freien Platzes ſtand eine gewaltige Linde und unter ihren Zweigen, welche ſie weit wie Rieſenarme in die Luft hinaus breitete, lag ein Stein, deſſen Größe zu der des Baumes paßte; an dem Steine hin rieſelte ein Bach, der ſich wie eine ſchil⸗ lernde Schlange mit ſeinen Silberwellen bergunter nach der Thalſchlucht ſchlängelte. Am blauen Bogen des Himmels war kein Wölkchen zu ſehen, kein weißer Streifen ſchimmerte guch nur ſchwach aus dem tiefen Blau heunter; nur hin und wie⸗ der ſtieg ein Vogel aus den grünen Bäumen wie eine Leucht⸗ kugel empor; bald aber ſtieß er in grader Linie wieder nieder oder war in den Höhen als ſchwarzer Punkt verſchwunden, den das Menſchenauge nicht mehr finden konnte. Wie der Fremdling, welcher dieſe Gegenden beſucht und gleich einem Zugvogel die Blicke über die ſtille Landſchaft dahin⸗ ſtreifen und ſich in dem lichthellen Himmel baden läßt, lag Caſa⸗ nova da, als er auf einmal ein eigenthümliches Pfeifen hörte. Er war ziemlich erſchrocken über dieſen Ton, der ihm vorkam, als hätte er ſeinen Quell in einer Menſchenbruſt gehabt. Wer konnte, wer mochte es ſein, der hier in dieſer Wildniß, wo die Natur kaum zu athmen ſchien, einem Andern ſolche Sig⸗ nale gab? Vielleicht die Feinde? Nein, nein,“ ſagte er bei ſich ſelbſt, „wer ſollte ſie hierher geleitet haben, hierher auf den unwahrſcheinlichſten Weg von allen den ich zur Flucht hätte wählen können! Nicht möglich!“ 4 3 Begebenheiten eines Weltmannes. 57 Das Pfeifen wiederholte ſich; er horchte aufmerkſam, rich⸗ tete ſich mit dem halben Leibe auf und ſpähte nach rechts, von woher er die Töne vernommen zu haben glaubte. Er ſah nichts. Als er jedoch eine Weile in dieſer Stellung gewartet hatte, bemerkte er ein Reh, welches an der entgegengeſetzten Seite des Waldes hervorhuſchte und dieſelben Töne von ſich gab, wie die welche von der anderg gekommen waren. Bald kamen mehr von dieſen Thieren zum Vorſcheine; ſie fingen an zu graſen, nur der Bock, der größte von allen, ging nach allen Seiten vorſichtig umherſpähend weiter auf den Ort los, nach welchem ihn die wohlbekannten Töne hinriefen. Auf einmal ſtürzte das Thier zuſammen und die übrigen flohen aus der warmen Sonne, in welcher ſie geweidet hatten, wie von Todesangſt getrieben wieder in den Wald hinein. Nun erſt hörte Caſanova den Knall und ſah den Rauch . eine Männergeſtalt, die er von ferne am Gange zu erkennen glaubte, ſchritt haſtig am Waldſaume dahin, ſtürzte ſich auf die Beute, welche das ſicher treffende Blei, das aus dem Rohre der Büchſe entſendet worden war, zu Boden geſtreckt hatte. Es war niemand anders als der Wildſchütz, welcher den Schuß gethan und durch denſelben das arme harmloſe Thier getödtet hatte, welches der fürſtliche Magen zur S ſeines . tites verlangte. Caſanova. Der Mann that Gewehr und Jagdtaſche von ſeiner Schul⸗ ter, gab dem armen Geſchöpfe, das ſich im letzten Todeskampfe herumwinden mochte, noch ein paar Nickfänge, dann lud er es wie es war auf ſeine Achſeln und trug es in gerader Linie auf die Linde zu, welche mitten auf der Waldwieſe wie ein einſamer Rieſe daſtand. Am Steine legte er die Veute nie⸗ der, eilte dann ſich vorſichtig umſehend nach ſeinem Gewehre und ſeiner Jagdtaſche und ſchlug ſich hierauf querfeldein nach der Waldgegend zu, in welcher ſich beide Reiſende getrennt hatten. Caſanoba war durch die kurze Raſt wieder einiger⸗ maßen zu Kräften gekommen und bemerkte kaum die Abſicht ſeines Wegweiſers, als er aufſprang und aus dem Walde her⸗ austrat, um ſich demſelben zu zeigen. Dieſer erkannte ſeinen Mann im Augenblicke, winkte ihm mit der Hand nach rechts und bog ſelbſt dahin ab, Beide machten ein Dreieck, an deſſen einem Winkel ſie zuſammentreffen mußten. „Gut daß wir uns hier wiedertreffen!“ rief der Wild⸗ ſpüß, als er nahe genug gekommen war um verſtanden zu werden, „noch eine kleine Strecke und wir hätten einander verfehlt. .. — ah, dort kommt er ſchon und holt das Thier; er muß den Schuß gehört haben,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich umdrehte und einem Manne, der von der entgegengeſetzten Seite des Waldes her auf die hohe Linde zuſchritt, mehem Begebenheiten eines Weltmannes. 59 mit dem Hute winkte, welchen er um den Kopf ſchwenkte. Dieſes Zeichen erwiederte der Andre, und die beiden Reiſen⸗ den ſchritten hierauf in den Wald. Ueber dürres Laub und durch hohes Gras gingen ſie unter den Buchen und Eichen dahin, welche ihre diesjährigen Blätter noch trugen, während die vorjährigen am Boden la⸗ gen; der Weg führte bergaufwärts, die Stämme wurden im⸗ mer umfangreicher, die Kronen der Bäume immer majeſtäti⸗ ſcher und höher, ein ſcharfer Luftzug rauſchte durch die grünen Zweige daß es klang wie ein fernes Wehr, welches der Wan⸗ derer hört, ohne daß er es ſehen kann. So ging es wieder bergabwärts; hier hielt Caſanova zagend ſeine Schritte an und faßte ſeinen Führer am Arme, um ihn gleichfalls zurückzuhalten. Er deutete haſtig mit der Hand nach der Urſache ſeiner Furcht hin, nämlich nach einer Heerde wilder Schweine, welche im raſchelnden Laube nach Eicheln und Bucheckern ſuchten und durch ihr Grunzen ſchon bemerkbar wurden, ehe man ſie ſah. Der Vater der Fa⸗ milie war ein gewaltiges Thier; zwei weiße Zähne ſtanden ihm aus dem Rüſſel heraus; er ging ſeinen eignen Weg und zwar in gerader Richtung auf die beiden Menſchen los, welche ſich in dieſer Wildniß herumtrieben. „Ach, davor fürchteſt Du Dich?“ fragte der Wildſchütz den Begleiter lachend; „das iſt's, was Dir das Blut aus dem Caſanova. Geſichte jagt? Sei kein Thor; der dort kennt mich als ob ich ſein Bruder wäre! Sieh nur, was für ein guter Fami⸗ lienvater er iſt! Er hat ſo eben reichliches Futter gefunden und ruft und lockt die Kinder alle herbei, daß ſie miteſſen ſollen, wie der Hahn auf dem Bauerhofe ſeine Henne her⸗ beilockt, wenn er ein Gerſtenkorn gefunden hat. Komm nur getroſt mit vorwärts, er thut Dir nichts — und die Bache, ſeine Frau, iſt auch ein ganz gemüthliches Weib, Du wirſt's ſehen Rüſtig ging der Sprechende voran; mühſam ſeine Angſt verheimlichend folgte ihm Caſanova nach. Sie gingen fort, an der grunzenden Heerde vorüver, und nun erſt ſah der Zweite welch ein gefährliches Thier ſolch ein Hauer ſein mußte, wenn itti er gereizt auf ſeinen Gegner eindrang und ihn mit den ſchar⸗ fen Zähnen packte. „Sieh nur, wie Elfenbein!“ rief der Wildſchütz aus, nach den Zähnen deutend, welche aus dem Rüſſel hervorrag⸗ ten; „aber in den Bauch mag ich ſie nicht haben; ſchon man⸗ cher tüchtige Hund mag daran zu Grunde gegangen ſein, in⸗ dem er mit heraushängenden Eingeweiden von ſeinem Angriffe abſtehen mußte... Aber iſt's nicht ein Götterleben hier im Walde? he? 2 wird die Männerbruſt geſtählt und das ſcharfe Auge lernt ſeine Beute erſpähen, bis es ſie trefen Begebenheiten eines Weltmannes. 61¹ kann. Ihr in Euern und Städten habt ein Leben wie in einem Schneckenhauſe. .. Als ſie die weidende Heerde aus den Augen enbrti hat⸗ ten, äußerte der Wildſchütz, welcher in dieſer Gegend wie zu Hauſe wa, nun würden ſie in kurzer Friſt bis zu dem Platze gekommen ſein, wo ſie Raſt machen wollten. Nach einet Weile ſagte er zu ſeinem Begleiter: „Hier, nimm meine Büchſe; Du ſollſt ſie tragen; ich will mir eine andre holen. Leg Dich hier in's Gras und warte bis ich mit voller Flaſche und gefülltem Kober wiederkomme. Es kann ein Viertelſtündchen dauern; unterdeſſen ſchlaf' ein wenig.. Er aeihi ſeinem Begleiter das Scußgenehr und ſchritt nach dem Ziele ſeines Weges zu. Der Zurückbleibende legte ſich ſo bequem als möglich an den Boden, die Büchſe lehnte er an einen Baum und nach kaum fünf Minuten war er ein⸗ geſchlafen. Er ſchlief den feſteſten Schlaf eines Müden, und die Furcht, daß ihn im Schlafe ein wildes Thier oder ein Menſch mit der Geſinnung eines ſolchen überraſchen und ihm etwas zu Leide thun könnte, wich immer weiter über ſeine mat⸗ ten Augenlider zurück. Es war ihm als zöge eine drohende Wetterwolke auf den Flügeln des Windes, ohne Schaden „ thun, über ſeinem Haupte dahin. Plötzlich wurde er jedoch aufgeweckt. Ein junger Mann 62 Caſanova. in prächtigem Jägergewande hatte die Büchſe von ferne ſtehen ſehen; er unterſuchte erſt genau ob der Gegner wachte oder, wie er vermuthete, wirklich eingeſchlafen wäre; dann ſchlich er ſich, ohne vollſtändig zur Gewißheit gekommen zu ſein, immer hinter den Bäumen heran; jetzt machte er ſich ſchußfertig, jetzt ſtand er das Feuerrohr in der Haud noch drei Schritte weit von ſeinem Feinde, jetzt erkannte er daß dieſer ſchlief, nahm ſein Gewehr vom Baume und verſteckte es. 3₰ „Heda!“ ſchrie der Jüngling in Jägertracht dem Schlä⸗ fer zu; „wach auf, Schurke, und beichte wo Deine Kamera⸗ den ſich verſteckt halten, oder ich ſchieße Dich durch und durch! Heda, wach auf!“ rief er mit noch ſtärkerer Stimme, als der Andre auf den erſten Anruf nicht erwachen wollte. Dieſer richtete ſich raſch empor, als dieſe Stimme an ſeine . Ohren ſchlug, rieb ſich die Augen und blickte zitternd um ſich als hätte ihn ein böſes Traumbild aufgeſchreckt, das er nun im hellen Tageslichte wollte forthuſchen ſehen. Da fiel ſein Auge auf den Jäger, welcher ihm in der Entfernung von fünf oder ſechs Schritten das geſpannte Gewehr entgegenhielt. „Was, was?“ ſtotterte der Erſchrockene, „was willſt Du von mir? 3 bin ein friedlicher Menſch, der ſich hierher ver⸗ irrt hat.. . ein friedlicher Menſch!“ lachte der Jäger höhniſch; „einem ſolchen ſiehſt Du ſnlich⸗ 36 müßte Dein Gewehr Begebenheiten eines Weltmannes. 63 nicht unterſucht haben, mit welchem vor kaum einer Stunde geſchoſſen worden iſt! Ha, hab' ich Dich endlich? Diesmal ſollſt Du mir nicht entkommen, denn Gott ſei Dank ich ſchieße eine gute Kugel... Wo habt Ihr Euer Verſteck, ſag an und mach keine Umſtände, ſonſt mache ich auch keine, denn hier iſt ohnedies der Ort nicht dazu.. .“ „Mein Herr,“ erwiederte der Sitzende, der ſich mit ge⸗ preßter Bruſt nach allen Seiten umſah, ob nicht ein Helfer zu ſeinem Beiſtande nahte, „wenn Sie mich erſchießen wollen, ſo thun Sie es in Gottes Namen, aber Sie müſſen auch wiſ⸗ ſen, daß dies die Handlungsweiſe eines feigen Mörders ſein würde, für welchen ich Sie doch nicht halte. He!“ rief er jetzt vor Freude aufjauchzend aus, indem er hinter ſich in den Wald hinein rief; „Sie ſagten Sie ſchöſſen eine gute Kugel, mein Herr; wohlan denn, ich kenne Einen, welcher vielleicht eine noch beſſere ſchießt als Sie... dort ſteht er!“ Der Gegner richtete ſich auf und folgte mit den Augen der Hand ſeines Gefangenen er wurde blaß wie der Tod und wankte zurück, denn der Wildſchütz, welcher ſich bis in Schußweite unvermerkt herangeſchlichen hatte, ſtand an einem ſtarken Eichſtamme und hatte auf ihn angelegt. „Gewehr aus der Hand!“ donnerte die Stimme des Man⸗ nes aus der Ferne hervor, „den Augenbllick das Gewehr aus der Hand oder ich ſchieße Dich nieder wie einen Rehbock!“ 64 Caſanvva. Der Jägersmann wollte Einwendungen machen und zö⸗ gerte den Befehlen ſeines Gegners zu gehorchen; der Letztere ſchoß aber im Augenblicke los und jenem Mann durch den Hut, daß dieſer vom Kopfe flog. „Das Gewehr aus der Hand!“ rief der Schütze wieder, „oder die Kugel, die ich im andern Rohre nachbringe, trifft eine Hand breit tiefer“ . Zitternd vor Schrecken warf der Bedrohte ſeine Jagdflinte, in welcher er doch bloß Schrotkörner hatte, zu Boden und wartete bis der verzweifelte Wilddieb herangekommen ſein würde. 4 „So bleibſt Du ſtehen, Bürſchchen!“ befahl dieſer wei⸗ ter; „wenn Du Dich unterſtehſt Dich zu bücken, ſo kommt die zweite Kugel dennoch und wird ſchon gut genug trefſen, daß Du das Aufſtehen vergiſſeſt!“ Sofort ſetzte ſich der Sprechende nach den beiden Andern zu in Bewegung, vergaß aber nicht die Doppelflinte immer ſo zu halten, daß er jeden Augenblick den Ungehorſam des Jüng⸗ lings, welchen er gezwungen hatte die Flinte wegzuwerfen, nachdrücklich beſtrafen konnte. Sobald er ganz nahe gekom⸗ men war und ſah, daß ſein Feind ſo gut als wehrlos war, wurde er gelaſſener. „Ach ſo!“ rief er ſpöttiſch, „Du biſts, mein Bürſch⸗ chen! Haſt mich alten Kerl, der unter Gefahren aufgewach⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 65 ſen iſt, in's Bockshorn jagen wollen! Du biſt ſo ein junger Wilchbart, welcher denkt er hat in ſeiner Forſtſchule die Weis⸗ heit mit Löffeln gefreſſen! Kommt nur erſt her zu uns in die freien Wälder, damit Ihr Leute findet, welche Euch den geſchwollnen Kamm etwas niederdrücken! Was haſt Du denn eigentlich mit dieſem Manne da, den Du erſchießen woll⸗ teſt, nachdem Du ihn wehrlos gemacht hatteſt? Sag' mir doch das!“ „ch bin in Deiner Gewalt!“ rief der Jägerburſche er⸗ glühend vor Zorn, „aber das alles hindert mich nicht Dir zu ſagen, daß Du ein frecher Wilddieb biſt, der mit ſammt ſeiner ſaubern Sippſchaft ſeiner Strafe doch nicht entlau⸗ fen wird!“ „Nur nicht hitzig!“ rief der Andre lachend... „Dein Mäd⸗ chengeſicht ſieht ſonſt ſo häßlich eben nicht, und wenn der Flaum Dir nicht um das Kinnchen keimte, ſo ſchwüre ich dar⸗ auf, daß Du eine Dirne wäreſt! He, was hatte Dir aber dieſer Mann da gethan, ſag' mir doch?“ „Was ſoll er mir gethan haben?“ rief jener; „ich hielt ihn für einen Wilddieb wie Du einer biſt, und wollte ihm den verdienten Lohn geben.“ 6 „Sieh, da biſt Du in ſtarkem Irrthum geweſen, mein Söhnchen,“ erwiederte der Wildſchütz, „denn ich muß Dir ſagen, daß ich dieſen Mann gar nicht kenne und ihn nur, Caſanova III. 5 ⸗ Caſanova. weil er die Wege und Stege nicht wußte, mit mir genommen habe. Die Büchſe dort habe ich ihm zu tragen gegeben, weil ich mir meine Doppelbüchſe holen wollte, und daraus geſchoſ⸗ ſen hat niemand anders als ich eben ſelbſt. Aber wenn er auch ein Wilddieb geweſen wäre, müßteſt Du ihn, den Du ſchlafend trafſt, deshalb erſchießen? Iſt ein Menſchenleben nicht mehr werth als ein Reh oder ein Haſe oder ein Hirſch, he, ſag einmal? Zudem hatteſt Du ja auch ſein Gewehr und folglich kein Recht mehr ihm an's Leben zu gehen! Wenn ich Dich nun wie eine wilde Katze hier niederſchießen wollte, wie würde Dir das gefallen? Ich könnte es thun wenn ich wollte, denn ſieh nur, mein Rohr iſt gerade auf Dich gerich⸗ tet; ich treffe gut, wie Du wohl wiſſen wirſt... Ha, wie er zittert der Mann der Angſt! Sei ruhig, ich will Dir nicht einmal den Vogeldunſt oder die Poſten, die Du in Deinem Flintchen haſt, in die Waden jagen, obſchon Du es verdient hätteſt.“ Der Straſprediger hielt hier mit ſeiner Rede inne und ergötzte ſich eine Weile an der Verlegenheit des Jägers, wel⸗ cher nicht wußte was er anfangen ſollte; er ſah zu Boden und wurde bald blaß bald roth; er konnte kein Wort über ſeine Zunge bringen. „Na, wir wollen die Geſchichte kurz abmachen, mein Bürſchchen,“ nahm der Wildſchütz wieder das Wort; „ich habe — Begebenheiten eines Weltmannes. 67 nicht lange Zeit und überdies zu ſchlechten Späßen keine Luſt; Du könnteſt mir vor Alteration in Ohnmacht fallen, und das wäre ſchlimm. Du, Reiſekamerad,“ wendete er ſich an Caſa⸗ nova, welcher immer noch in ſeiner halbaufgerichteten Stellung dalag und bisher einen ſtummen Zuſchauer dieſer Stene abge⸗ geben hatte, „ſchieß' doch die Flinte dort einmal los und dann bringe ſie mir her!“ Dieſer ſtand auf, hob die Flinte vom Boden auf und feuerte den Schuß in die Luft hinein. Wie er ſie ſeinem Er⸗ retter in die Hand gab, nahm dieſer mit der einen Hand einen Mreſſingſtift aus der Weſtentaſche, welchen er dem Andern hin⸗ reichte, während ſein rechter Arm die Doppelbüchſe immer in gerader Linie auf den Dritten loshielt. „So; den Stift keilſt Du mit einem Steine feſt in's Zündloch!“ ſagte er; „s iſt nur damit das Herrchen nicht. etwa auf den unglückſeligen Gedanken kommt, auf's neue zu laden und uns etwa aufzulauern, wenn wir den Rücken gewendet und ihn losgelaſſen haben.“ § Nachdem das Zündloch glücklich verkeilt war, erhielt der Jäger ſein Gewehr zurück und damit zugleich die Weiſung, ſich nach der Richtung zu entfernen, in welcher die beiden Andern herangekommen waren. Die Letztern ſahen ihm eine Weile ſchweigend nach, dann 5* Caſanova. wendete ſich der Wilderer um und forderte ſeinen Freund auf, ihm zu folgen. „Es war gerade die rechte Zeit, ſagte er, „ſowohl daß ich kam als auch daß Du Dich umdrehteſt und nach mir rieſſt; 's iſt ein junger Brauſekopf, der denkt, alles muß ſich beugen, wenn es von oben her heißt, ſo und ſo... die Wilddiebe werden niedergeſchoſſen wo man ſie antrifft wie die tollen Hunde⸗ Ich will drauf ſchwören, er hätte Dir ſeine Ladung in den Leib gejagt, aber dann hätte ich ihm auch den Garaus gemacht, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Wenn mich der Jäger im Walde trifft, ſo ſtehen wir Mann gegen Mann; er kann mich niederſchießen und ſagen, ich wäre davongelaufen und bei ſei⸗ nem Anrufen nicht ſtehen geblieben oder hätte mich zur Wehr geſetzt. Wer kann Nein ſagen, da es niemand geſehen hat, oder wer wird's beweiſen daß er lügt, wenn es auch jemand geſehen hätte, da er ein vereideter Mann iſt, dem man mehr glaubt als andern Menſchenkindern? Schöne Zucht das! Und der arme Bauer muß ſich die Felder und Wieſen von dem ——— Wilde abweiden laſſen wenn es ausbricht, ohne daß ihm die gnädigen Herren ein gutes Wort geben oder einen Pfennig von ſeinen Abgaben erlaſſen.“ Caſanova, neugierig gemacht durch dieſe Rede, welche er Manne gar nicht Petraht hätte. 8 „Wie lange treibſt Du denn das Handwerk ſchon?“ ſtagt⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. „Weit in die zwanzig Jahre,“ gab ihm dieſer zur Ant⸗ wort; „jetzt bin ich achtundvierzig; richtig, mit zweiundzwanzig Jahren deſertirte ich von den Soldaten. ..“ „Von den Soldaten?“ fragte der Andre nur noch neu⸗ gieriger. „Nun freilich, von den Soldaten!“ rief der Erzählende aus; „was iſt denn dabei weiter Sonderbares, daß Du mich ſo fragſt?“ „Erzähle nur fort,“ bat Caſanova, „ich bin einmal neugierig von Natur und Du gefällſt mir.“ „So? Gefalle ich Dir?“ ſagte der Andre; „aber hier ſind wir an Ort und Stelle; ich denke wir legen uns hin auf die Erde und halten unſre Mahlzeit; 's iſt eine Flaſche Wein das, die nicht zu verachten iſt. Der Wildprethändler hat ſie mir mit in den Kauf gegeben als ich ihm die letzte Lieferung brachte, auf die er gar nicht gerechnet hatte und die ihm recht zu Paſſe kam. So!“ Beide legten ſich bei dem letzten einſylbigen Worte wie auf ein Commando nieder und der Wirth, welcher ſeinen Gaſt unter dem grünen Dache des freien Waldes, durch welches das höhere des Himmels an manchen leck gewordenen Stellen hin⸗ durchſchimmerte, langte ein tüchtiges Stück Fleiſch nebſt kräf⸗ tigem Brode aus einem Korbe hervor, welchen er gleichfalls aus einem nur ihm bekannten Verſtecke hierher gebracht hatte. 70 Caſanovg. „So iß und trink nach Deines Herzens Luſt “ſpach er voller Gutmüthigkeit; „nimm Dir was das Herz verlangt; s iſt freilich nicht viel, aber wenn Du Hunger haſt, ſchmeckt Dir alles Er ſelbſt langte zu und kaute herzhaft darauf los; ein Glas voll würzigen Weines mußte die Speiſen hinunterſpülen helfen. Caſanova, der wohl einſah, daß hier im freien Waidmannsleben von den beſchränkten Rückſichten, die man in den zahmen Geſellſchaftskreiſen der Städte und Dörfer zu neh⸗ men hat, keine Rede ſein konnte, ließ ſich mit keinem Worte weiter nöthigen, ſondern folgte wacker dem Beiſpiele ſeines Wirthes, ein Betragen welches dem Letztern ſichtlich wohlgefiel. „Hörſt Du? Ein Auerhahn!“ rief derſelbe die Ohren ſpitzend ſeinem Gaſte leiſe zu; „den ſollt ich ſchießen, aber ich brauche jetzt kein Geld und da mag er leben bleiben bis ich ihn mit leeren Taſchen wieder treffe oder ein privilegirter Jäger ihm den Garaus macht. Schrei nur fort und balze meinetwegen wenn Du Luſt haſt!“ rief er dem Vogel zu; „ach, was fliegſt Du denn davon, guter Freund, ich mag Dich 3 ja jetzt gar nicht ſchießen! So iſt's, die Thiere fürchten ſich einmal vor dem Menſchen, weil ſte ihm nichts Gutes zu⸗ trauen.. „Nun bin ich ſatt!“ rief der Andre; „ich könnte keinen Biſſen mehr eſſen!“ Begebenheiten eines Weltmannes. 71 „Ich bin's guch,“ antwortete der Wildſchütz; „hab Dir eigentlich ſo bloß zu Gefallen mitgegeſſen, aber es ſchmeckte doch. . „Wie war's denn mit den Soldaten?“ fragte der Andre auf's neue. Der Wilderer wurde durch dieſe Frage, welche ihm ſo direct zu Leibe ging, etwas verſtimmt; der Schatten einer dü⸗ ſtern Erinnerung ſchien über ſeine Seele zu gehen und färbte wirklich ſein ſonnenvetbranntes Geſicht noch dunkler. „Jetzt laß das!“ rief er aus; „wir wollen erſt noch ein Stück gehen; dort drüben vielleicht im dunkelgrünen Tannen⸗ walde fange ich an zu erzählen; es giebt am Ende eine helle Mondesnacht, wenn das Gewitter, welches mir in meinen Glie⸗ dern liegt, nicht etwa noch herankommt. ..“ „Auch das,“ antwortete der Fragende von vorhin, ſich ſogleich in den Willen ſeines Wirthes fügend, als er deſſen Verſtimmung bemerkte; „willſt Du mich wecken?“ „Ja, wenn's Zeit iſt; aber ich gehe dorthin und die Büchſe legen wir unter das Laub dort, wenn ja etwa der lei⸗ dige Satan wieder einen ungebetenen guten Freund des Weges daherführte; ich verkrieche mich dort, weiter waldeinwärts. .. gute Nacht bei hellem Tage!“ Mit dieſen Worten verlor ſich der Mann im dichten Ge⸗ büſche, das den Hintergrund verhüllte. Caſanova legte ſich 72 Caſanova. ſo bequem als möglich zurecht; das weiche Moos und das Gras war ein ganz leidliches Bette für ſeine müden Glieder. So ſchlief er ein; der letzte Blick, welchen er um ſich warf, fiel matt durch die grünen Zweige in den Himmel hin⸗ auf, wo eben eine große Wolke, als ob ſie ſich ebenfalls ſatt gegeſſen hätte, ſchwerfällig ihre Bahn zog. Er wurde ſich die⸗ ſes Anblickes ſchon nicht ganz klar mehr bewußt, die Arme ſanken von ſelbſt ſchlaff an die Erde und die Augenlider ſielen zu, um der Seele, die ſich zur Ruhe legen wollte, die Aus⸗ ſicht nach der Außenwelt auf einige glückliche Stunden zu ver⸗ ſchließen. Eben glaubte der Schlafende auf dem Schloſſe zu ſein, welches Thereſen zum Aufenthaltsorte angewieſen war. Ein verklärter Engel ſaß neben ihm auf der Steinbank und hoch oben rauſchte die kühle Abendluft in der Krone einer Eiche, welche ſich wie ein Rieſenſchirm ausbreitete. Die Vögel ſan⸗ gen, aber ihre Stimmen hörte er nur halb und wie verklin⸗ gende Töne; deſto aufmerkſamer ſah er der neben ihm Sitzen⸗ den in's holdſelige Engelsantlitz. Es kam ihm vor als wäre dieſes Geſicht das ſeiner Thereſe, bald ſchien es aber auch Röschen zu ſein, die um ihn weinte. Lächelnd bückte ſich die Frau zur Erde, wo ſie eine Roſe blühen ſah, die ganz unten am verblühten Roſenſtocke wie ein zurückgebliebener Zugvogel hängen geblieben war; ſie riß den Spätling ab, war aber zu Begebenheiten eines Weltmannes. 273 haſtig geweſen und hatte ſich an einem Dorne blutig geriſſen. Lächelnd hielt ſie dem Geliebten den weißen Finger, über den die purpurrothe Flüſſigkeit ſtrömte, vor die Augen, er faßte die Hand. .. Aber als er ſie faſſen wollte dieſe marmorweiße Hand, um das Blut davon zu küſſen, rief ihn die Stimme ſeines Begleiters von dem Paradieſe hinweg, in deſſen Gefilde ihn der ſüße Schlaf hinübergezaubert hatte, gleich dem ſtillen Meere, das einen Schiffbrüchigen auf ſeinen ſanften Wellen an das Ufer des glücklichſten Eilandes trägt. „Ah,“ rief er aufſpringend und ſchaute zuerſt nach dem Baume, deſſen Aeſte wirklich rauſchten wie er die Eiche im Traume rauſchen gehört hatte, „ach, wo bin ich, wo war ich?“ Traum und Wirklichkeit waren hier theilweiſe ineinander geſchmolzen, daher die Täuſchung, von welcher Caſanova ſo ſeltſam überraſcht wurde, als er wieder mit offenen Augen in die Wirklichkeit hineinſah. Das Brauſen, welches er im Traume gehört hatte, klang immer noch vor ſeinen Ohren. „Wach' auf, wach' auf!“ rief ihm der zu, welcher nicht wußte daß er einen ſchönen Farbenſchleier von ſeiner Seele geriſſen hatte, „die Sonne finkt ſchon! Wir haben lange geſchlafen...“ „Ach, ich träumte ſo ſchön!“ rief der Andre. „Laß Träume Träume ſein!“ entgegnete der Wildſchütz, „und folge mir, denn ich verſichere Dich, es iſt ſchon hohe — ————— Caſanova. Zeit. Da, nimm die Büchſe über!“ ſetzte er hinzu, indem er dieſe dem Andern über die Schulter hing, „und nun komm!“ Der Weg ging noch eine geraume Strecke durch Laubholz, wo lauter hohe Eichen und Buchen nebeneinander ſtanden. Schweigend ſchritten die beiden Gefährten neben einander her; der Eine dachte an vergangene Zeiten, eine Erinnerung die ihm nicht ſonderlich erfreulich ſein mochte, der Andre wollte ihn in dieſer Beſchäftigung nicht ſtören, denn er ſchloß ganz richtig, daß ſich jener das Material zu der Erzählung, welche er, ſobald ſie den dunkelgrünen Tannenwald betreten, anfangen wollte, in ſeinem Kopfe zurechtlegte. Schon dämmerte der Abend und brachte etwas Kühlung in die ſchwüle Luft; es kamen jetzt auch einzelne Tannen, welche das große Heer dieſer Bäume, das weiterhin in dichtgeſchloſſe⸗ nen Reihen zuſammenſtehen mußte, gleichſam wie verlorne Vor⸗ poſten ausgeſtellt hakten; dieſe Vorpoſten waren paſſirt, und nun kamen ſtärkere Trupps, endlich that ſich die Ausſicht auf ein dunkel⸗ grünes unabſehbares Waldmeer auf, wo lauter Nadelholz ſtand. Als ob ihn die Tannen leiſe erinnert hätten, hatte der Wildſchütz ſchon bei der erſten, an welcher ſie vorüber kamen, einige Worte, die auf ſeine Geſchichte Bezug haben mußten, fallen laſſen, weiterhin aber ſich noch häufiger und noch be⸗ ſtimmter ausgeſprochen. Jetzt kamen ſie an den Raſenſtreifen welcher das Nadelholz von dem Laubholze ſcharf trennte. Hier Begebenheiten eines Weltmannes. 75 hielt der Erzählende einen Augenblick an und ſah ſich rückwärts um, dann rief er mit einem tiefem Seufzer: „Nun, in Gottes oder des Teufels Namen, ich will Dir ſagen was mir im Gedächtniſſe geblieben iſt! Siehſt Du, ich heiße Franz Falkner, bin aus einem ſtillen Dorfe, wo mein Vater, ein armer Häusler, ſich und ſeine Familie durch ſeiner Hände Arbeit kümmerlich nähren mußte. Wir waren der Geſchwiſter vier, drei Brüder und eine Schweſter; die Schweſter war die jüngſte von uns allen und der äl⸗ teſte von den Brüdern war ich. Ich ſeh's noch liegen das kleine liebe Häuschen dort am Verge, wo der Bach vorüber⸗ fließt,“ fuhr der Erzähler mit bebender Stimme fort, und abgewendet eine Thräne im Auge zerdrückend, „ein Apfelbaum vor dem Fenſter trug für uns Kinder rothbäckige Aepfel, wie wir ſelbſt waren, und in dem Garten durften die Kleinen ſpielen, während wir größern arbeiten mußten, um etwas mit zu verdienen. Jungen waren wir wie die Falken, ſag ich Dir, und auch alle Leute ſagten's, die uns kannten. Ich ſollte ſtudiren und kam in der Stadt auf Schulen; ich war ein ganz anſtelliger Junge und machte meine Sache ſo gut, daß mir der Rector ſoviel Verdienſt zuwies, als ich zu meinem Lebens⸗ unterhalte brauchte. Ich konnte ſogar noch manchen Groſchen nach Hauſe ſchicken, denn ich lebte genügſam wie ein Nage⸗ thier, indem ich bei mir ſelbſt ſagte: Franz, Du biſt ar⸗ —— 76 Caſanova. mer Leute Kind, und Dein Vater muß ſich's ſauer werden laſſen; verthue ja nichts und ſei froh wenn die reichen Leute Dich einen Biſſen an ihrem Tiſche miteſſen laſſen! Ich hatte bei der vorletzten Verſetzung zu meinem Unglück einen Nach⸗ bar bekommen, welcher aus vornehmem Sauſe war; dem fehlte es an Kopf und gutem Willen, kurz an alle dem was nö⸗ thig iſt, wenn ein junger Menſch die Schule mit Erfolg be⸗ ſuchen will; nur das hatte er, was er nicht hätte haben ſol⸗ len, einen unerſättlichen Hang zu Vergnügungen aller Art, und zum Unglück immer einen vollen Geldbeutel. Mit die⸗ ſem wurde ich bekannter. Der Lehrer, welcher ihm ſchon ſei⸗ nes Vaters wegen — der Vater war einer der einflußreichſten Vorſteher jener Schulanſtalt — durch die Finger ſehen mußte, gab es dieſem unter die Hand, daß er mich zu ſeines Sohnes Führer erwählen und in ſeinem Hauſe einführen ſollte. Ge⸗ ſagt, gethan. Eines Tages, ich weiß es noch wie heute, kommt mein Nachbar mit einer Empfehlung von ſeinem Herrn Vater auf mein ärmliches Stübchen und bittet mich für den andern Mittag zu Tiſche. Ich war verblüfft; indeſſen redete er mir zu, die Lehrer wünſchten mir Glück, und ich, der das Geld gerade brauchen konnte, laſſe mich willig finden, den Antrag, von welchem man ſchon Winke hatte fallen laſſen, beſtens zu aceeptiren. Meine beſten Kleider ſuche ich hervor — die Auswahl war natürlich nicht groß — ich bürſte und —— Begebenheiten eines Weltmannes. 77 reibe ſie rein, um ja recht anſtändig zu erſcheinen, und ſo trete ich mit bang ahnendem Herzen den Weg zu dem Hauſe an, in welchem die vornehme Familie logirte. Ich weiß es nicht was es geweſen ſein muß, aber auf den Wege war mir's als ob's von allen Seiten mir in die Ohren riefe: Geh nicht, geh' nicht hin, Franz! Kehre lieber wieder um! Aber ich ging doch. Von dem Empfange will ich weiter nichts ſagen, würde es auch nicht gut können, denn wie ich in den Speiſeſaal eintrat und die vornehmen Herrſchaften ſtehen ſah, aus deren Mitte der Vater meines Schulkameraden auf mich zu kam, war's als drehte ſich die Decke mit den Wänden im Kreiſe herum. Daß ich mich dabei linkiſch genug benommen habe, mußte ich ſpäter noch ſo manchmal hören. Denn — ich beſinne mich noch recht deutlich — es war mir als ob mir ein Stein vom Herzen fiele, ſobald ich mich hinter den Rücken der vornehmen Leute verkriechen konnte, welche ich verſammelt ſah. Nach Tiſche nahm mich der Vater meines Schulkamera⸗ den einen Augenblick bei Seite und wir wurden bald mit ein⸗ ander richtig; ich ſollte mit ſeinem Sohne gemeinſchaftlich ar⸗ beiten, dafür freie Station und überdies noch jährlich eine angemeſſene Geldſumme erhalten. Wer war froher als ich! Ein Prinz konnte nicht glücklicher ſein! Meine übrigen Ar⸗ beiten mußte ich aufgeben und konnte es auch recht gut, denn ich verdiente mir jetzt auf leichtere Weiſe, alles zuſammenge⸗ 4 78 Caſanova. rechnet, mehr als früher, wenigſtens ebenſo viel. Ich ver⸗ ſuchte alles Mögliche, meinen Alters⸗ und Standes⸗Genoſſen — als letztern betrachtete ich ihn, weil er ſo gut ein Zög⸗ ling der Schulanſtalt war als ich — auf den rechten Weg zu bringen; ich arbeitete, ich ging ihm mit gutem Beiſpiele vor⸗ an; aber er folgte mir nicht nach, ſondern trieb es nach wie vor immer in einem Thun fort. Ich drohte ihm mit ſeinem Vater, er aber ſteckte ſich hinter Mutter und Schweſter, welche mir zuredeten, ſo daß ich meinen Vorſatz, dem Vater zu beichten, unausgeführt ließ. Namentlich die ſüßen Worte, welche Helene, die Schweſter meines Zöglings, zu mir ſprach, hatten hierauf einen bedeutenden Einfluß gehabt. Während der Bruder, ſobald er den Vater in Geſchäften wußte, ſich in allen liederlichen Häuſern, im freien Felde oder der Him⸗ mel weiß ſonſt wo herumtrieb, kam das Mädchen auf mein Zimmer und plauderte mit mir, ich mußte ihr vorleſen und wißbegierig fragte ſie mich, wenn ſie eine Stelle nicht verſtan⸗ den hatte, wie die Worte zu nehmen wären. So wurden wir von Tage zu Tage zutraulicher gegen einander, ich wußte ſelbſt nicht was mir fehlte wenn ſie einmal ausgeblieben war, und ſie ſagte es ginge ihr ebenſo, wenn ſie nicht hatte tom⸗ men können. Ohne daß ich's merkte, verging die Zeit zwi⸗ ſchen Studien und Plaudern mit meiner jungen ſchönen Braut, wie ſie ſich einmal im Scherze ſelbſt nannte; aber dieſes Wort Begebenheiten eines Weltmannes. 79 fuhr mir durch Leib und Seele; ich zitterte und wußte nicht wie mir geſchehen war. Auf einmal wurde ihr Bruder krank; er hatte ein ekelhaftes Uebel, von welchem er angeſteckt wor⸗ den war, ſehr lange verheimlicht; jetzt machte es Rieſenfort⸗ ſchritte, und ich war es dem er ſich entdeckte. Ohne jemandem ein Wort zu ſagen, laufe ich zu einem Arzte, welcher denn auch kommt und die Sache unterſucht. Achſelzuckend ſagt er: Hier iſt nichts mehr zu thun; die Sache iſt zu weit hinein böſe; was ſich aber thun läßt, will ich verſuchen; indeß ich ſtehe für nichts! Und nach zwei Tagen machte die Krankheit auch dem Leben des Jünglings, deſſen noch zarter und oben⸗ drein verweichlichter Körper der zerſetzenden Kraft derſelben nicht hatte widerſtehen können, ein Ende. In der erſten Be⸗ täubung, welche dieſer Trauerfall zur Folge hatte, wußte die Familie noch nicht, gegen wen ſie ihrem Ingrimme über den Verluſt des einzigen Sohnes Luft machen ſollte. Als der Vater aus derſelben erwachte, war ich der Erſte gegen welchen ſich ſein Haß mit der raſendſten Stärke richtete. Auf der Stelle mußte ich ſein Haus verlaſſen, meinen Gehalt erhielt ich durch einen Bedienten zugeſchickt, aber vor die Augen ſollte ich ihm nicht wieder kommen. Der vornehme Herr ſuchte mir nun auf alle mögliche Weiſe zu ſchaden. Der Falkner iſt ſchuld an dem Tode des hübſchen jungen Herrn! hieß es überall; wäre er doch lieber geſtorben! Ich kümmerte mich 80 Caſanovg. um ſolches Gerede nicht, obſchon einige meiner Mitſchüler, welche mit neidiſchen Augen auf mich ſahen, eifrigſt bemüht waren, alles Nachtheilige, was ſie von mir gehört hatten, mir wo möglich noch übertrieben zu hinterbringen. Ich that nich nach Arbeit um, aber während man ſich früher um mich ge⸗ riſſen hatte, wollte jetzt niemand von meiner Geſchicklichkeit Gebrauch machen können, kurz ringsum war alles abgeſchnit⸗ ten, als ob ich zwiſchen vier ſteinernen Mauern eingeſchloſſen wäre. Nur Eine, nur meine liebe Helene ſchien mich nicht zu vergeſſen. Eines Tages kam mir durch die Stadtpoſt ein Brief von roſenrothem Papiere zu; ich erkenne ihre Hand, reiße das Siegel auf; und was ſchreibt ſie? „Mein lieber Franz, glaube nicht daß ich Dich ver⸗ geſſen habe; ich bin noch Deine junge ſchöne Braut. Meine Eltern aber ſind ſehr böſe auf Dich. Komm heute Nachmit⸗ tag in unſern Garten; ich werde von vier Uhr an allein dort auf Dich warten. Selene.“ 1 Als ich dieſe Worte geleſen hatte, war ganz außer mir; ich mußte mich auf das Sopha ſetzen, wenn man näm⸗ üch ein altes Holzgeſtelle, das mit einem Strohpolſter belegt und nothdürftig mit einer geflickten Kappe überzogen war, ſo nennen kann. Immer noch hielt ich den Brief in der Hand und wußte nicht was ich anfangen ſollte. In meiner Freude küßte ich das fühloſe Papier unzählige Male, dann legte 6 . Begebenheiten eines Weltmannes. 81 es in ein Buch, das aufgeſchlagen auf meinem Tiſche lag, und ſtürzte in das Freie, um dem Himmel über mir für ſeine Güte zu danken. Die Stunde ſchlug, welche uns zuſammenführen ſollte, nachdem wir ſo lange getrennt geweſen waren. Ich eile im Sturmſchritt nach dem verabredeten Orte, die Gartenthüre ſteht offen und Helene ſitzt im Gartenhauſe, aus deſſen Thüre ſie mir entgegentritt. Kaum ſind die erſten Freuden⸗ grüße vorbei, da läßt ſich eine Stimme hinter uns vernehmen; das Blut hätte mir in den Adern gerinnen mögen — es war Helenen 3 Vater, welchem einer meiner Mitſchüler, der mich auf meinem Zimmer hatte aufſuchen wollen, den verhängniß⸗ vollen Brief überbracht hatte. Dieſen hielt der zornige Mann hoch in der Hand. Bube, rief er mir zu, iſt es Dir noch nicht genug, daß Du meinen armen Sohn geopfert haſt? Greifſt Du auch noch weiter und willſt die Unſchuld meiner Tochter morden? Er ergrif mich beim Arme und ich mußte mich, ſchon durch ſein moraliſches Uebergewicht zu Boden ge⸗ drückt, zur Gartenthüre führen laſſen, welche er hinter mir zuſchloß. In der nächſten Zeit mußte ich mich zur Recrutirung ſtellen. Ich hoffte auf die günſtigen Zeugniſſe, die mir von Rechtswegen zukamen, frei entlaſſen zu werden. Ich täuſchte mich. Ich wurde ohne weiteres einrangirt, und um die Demüthigung vollſtändig zu machen, mußte ich in derſel⸗ Caſanova III. 6 82 Caſanova. ben Stadt garniſoniren, in welcher ich noch vor kurzet Zeit eine ganz andre Rolle geſpielt hatte. Mein Herr Lieutenant, unter deſſen Befehle ich gegeben war, hatte ein Auge auf Helenen und war mir ſchon, weil ich mehr Bildung beſaß als er ſich je zu erwerben vermochte, ohnedies nicht ſonderlich gewogen. Der Herr Lieutenant war ſo glücklich, Helenens Sand, welche ihr Vater gewaltſam in die ſeinigen legte, wie ich ſpäter erfahren habe, endlich zu erhalten. Und von dieſer Zeit an war des Maltraitirens kein Ende. Eines Tages läßt er mich, daß es die frühere Ge⸗ liebte ſehen kann, mit Stockprügeln reguliren; ich war im Begriff dieſe Demüthigung geduldig hinzunehmen... Da fällt mein Blick auf das Fenſter, aus welchem ſie das ganze Stück mit anzüſehen im Begriff ſteht. Nun war von keiner Mäßigung mehr die Rede; ich ſtoße meinem Peiniger den Ge⸗ wehrkolben vor den Leib daß er rücklings niederſtürzt, verſetz ihm noch einen Stich wit dem Bajonet, wohin weiß ich ſelbſt nicht, dann eile ich gerade aus und ſuche das freie Feld zu erreichen. Niemand ſetzt mir nach, denn niemand iſt da es zu befehlen, oder die, welche es hätten thun können, haben den Kopf ver⸗ loren und denken ich werde in meinem Quartiere warten bis ſie kommen und mich in aller Ruhe abholen. Aber ich wartete nicht. Im freien Felde endlich finde ich mich wieder. Wohin mn? dachte ich, indem ich einen Raſenrain zwiſchen zwei Korn⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 83 feldern entlang ſchlich. Zu den guten Eltern? Bei Leibe nicht, dort ſuchen ſie Dich zuerſt! In die weite Welt, über die Grenze! raunte mir's aus der Luft zu. Ja, über die Grenze! rief ich aus; das ſpricht mein guter Engel! Am erſten Abend ſprach ich in einer Dorfhütte bei armen Leuten ein, deren Sohn ebenfalls Soldat war; ſie gaben mir zu eſſen und mochten vorausſetzen daß ich auf Urlaub wäre, und am Morgen wünſchten ſie mir glückliche Reiſe. Am andern Tage bat ich in einem Bauerhofe um ein Stück Brod, welches ich auch erhielt, und ſtahl mich wie ein armer Sünder, der dem Henkerbeile entlaufen iſt und ſich nicht ſehen laſſen darf. wenn er nicht wieder auf's Schafott geliefert ſein will, bei den Städten der Menſchen und hinter ihren Dörfern hinweg. Das halbreife Korn mußte mir, als mein Brod aufgezehrt war, zur Nahrung dienen. So kam ich über die Grenze hier in dieſen Wald und zu einem Manne, der trotz ſeines vorgerückten Alters doch mein jetziges Gewerbe mit aller Keckheit trieb, deren ſich ein junger Wagehals nur hätte rühmen können. Wir wurden gute Freunde und dann Kameraden. So bin ich hier und will hier bleiben, bis der Tod mir die Augen zudrückt und die letzte Thräne aller Erinnerung an mein vergangenes Leben hinweg⸗ ſchwemmt. Ich will nur noch erwähnen, daß jener vornehme Herr, deſſen Schwiegerſohn ſo gröblich von mir beleidigt wor⸗ 6 Caſanova. den war — er kam wieder auf, nahm aber ſeinen Abſchied — die volle Schale ſeines Zornes über meinen armen Vater und meine Geſchwiſter ausgoß. Der gute Mann hatte ein kleines Capital auf ſein Grundſtück aufnehmen müſſen, weil er krank geworden war und nichts verdienen konnte. Er hoffte es mit der Zeit wieder abtragen zu können. Drei Jahre nach meiner Flucht wurde es ihm gekündigt, trotzdem daß er ſeine Zinſen pünktlich bezahlte und auch noch höherr bot; es half nichts; ein andres konnte er nicht auftreiben, denn niemand hatte Ohren für ſeine Bitten. Meine Eltern ſtarben im Armen⸗ hauſe, vor Hunger und Kummer, meine Brüder find beide ebenfalls todt, meine Schweſter — o wenn ich daran denke!“ rief der Erzähler zähneknirſchend; „ſie iſt eine liederliche Dirne und ich ein Wilddieb, der die Gräber ſeiner Eltern nicht ein⸗ mal beſuchen darf um dort eine halbe Stunde ſeinen Thränen freien Lauf zu laſſen.“ „Beim ewigen Himmel, Mann, Du greifſt mir an's Herz!“ rief der Zuhörer, der dieſe Erzählung mit keiner Shlbe unter⸗ brochen hatte; „aber. .. „Aber reden wir nicht mehr davon!“ fiel ihm jener ins Wort, „ſonſt drückſt Du den Stachel des Schmerzes im⸗ mer tiefer in mein Herz... ſieh, dort ſchwimmt ſchon der Mond im blauen Himmel; wie ſein Licht die dunkeln Bäume weißer färbt...“ —— Begebenheiten eines Weltmannes. 85 „Zum Vorſchein bringt die lange ungemeßne Zeit,“ rief der Andre, dem eine Stelle aus Sophokles' Trauerſpielen in den Sinn kam, „was noch nicht da war, und was der Tag ge⸗ ſehn, begräbt ſie wieder. Nichts, deſſen man ſich nicht ver⸗ ſehen müßte, nein, auch der ſchreckenvolle Eid wird nichtig, und der felſenfeſte Sinn ...“ „Ach, laß das, laß das!“ rief der Wildſchütz jetzt; „es taucht mir auf als wenn ich's einſt geleſen hätte! Laß es be⸗ graben ſein in der Vergangenheit! Ach, könnt' ich doch den leiſe rauſchenden Strömen der Zeit die letzten Schatten der Erinnerung mitgeben, die mir geblieben iſt. ..!“ Schweigend wie die ſtille Nacht ſelbſt ſchritten die beiden Männer vorwärts; nur die Zweige, welche ſie auf die Seite beugen mußten, um bequemer fortzukommen, verurſachten zu⸗ weilen einiges Geräuſch; wenn ſie wieder in ihre vorherige Lage ſchlugen. Drittes Capitel. „ In's Gebüſch verliert ſich ſein Pfad, Hinter ihm ſchlagen Die Sträuche zuſammen, Das Gras ſteht wieder auf, Die Oede verſchlingt ihn. Göthe. Die Unterirdiſchen. So waren Beide wohl bis um Mitternacht gegangen, als Falkner der Wildſchütz vor einer dunkeln Höhle, die in den Berg hineinging, ſtehen blieb. Das Mondlicht fiel gerade auf die Oeffnung und ließ eben nicht viel Erbauliches erkennen. „Hier machen wir Nachtquartier!“ rief der aus, welcher den Führer bisher gemacht hatte; „laß Dir nicht bange ſein, wenn Du ſiehſt, daß dieſes Gewölbe, welches uns aufnehmen ſoll, ſchon halb eingeſtürzt iſt; folge mir nur.. .“ Zugleich bückte er ſich und kroch, dem Begleiter voran⸗ gehend, in die Höhle hinein. Es war ein uraltes verfallenes Kellergewölbe. „Hier ſind wir ſicher!“ redete Falkner zu ſeinem Ge⸗ 3 ſellſchafter weiter, indem er vorwärts tappte; „unten aber nimm 3 Begebenheiten eines Weltmannes. 87 Dich in Acht; wir kommen nicht in die delicateſte Geſellſchaft, wie Du bald ſehen wirſt; aber verlaß Dich nur auf mich; vor mir haben ſie Reſpect.. . Halt, wir ſind an Ort und Stelle!“ Beide ſtanden ſtill. Es ſchien Bratengeruch aus dem Boden nach oben zu dringen. Caſanova war zu ſehr Ken⸗ ner, um dieſen Umſtand zu überſehen. — Falkner drückte ſich hart an die Wand an und ließ ein gellendes Pfeifen durch eine Oeffnung erſchallen; kaum war dieſes verklungen, als der Pfeifer ſeinen Gefährten bei der Hand nahm und ihn mit ſich in die Witte des Bogenganges zog, wo er mit ihm wartete. „Halte Dich an meinen Arm!“ rief er leiſe dem Andern in's Ohr, „und thu' als wären wir alte Bekannte; Du wirſt ſchon hören was ich antworte und Dich danach richten.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſagt, als der Boden unter ihren Füßen nachzugeben begann; langſam ſanken ſie hinunter in die Tiefe und Caſanova fühlte ſein Herz doch etwas ängſtlicher ſchlagen als gewöhnlich, denn die Finſterniß, welche ihn in ihren geheimnißvollen Schoß aufnehmen ſollte, war wirklich grauſenerregend. Als ſie nicht mehr ſanken, wurde von der einen Seite her ein Lichtſchimmer bemerkbar, welcher an Helligkeit mit jedem Augenblicke zunahm; ferne Stimmen wurden laut — und 88 Caſanova. nicht lange darauf kamen zwei zerlumpte Kerle mit ſchrecklich verzerrten Geſichtern zum Vorſchein, welche Laternen in den Händen trugen und wahrſcheinlich nachſehen wollten wer ange⸗ kommen wäre, um in ihrem unterirdiſchen Hauſe Aufnahme zu ſuchen. „Ah Du biſt's, Falke?“ riefen ſie wie aus einem Munde, indem ſie ſich um den Genannten herdrängten, ohne daß ſie ſich ſonderlich um ſeinen Begleiter zu bekümmern ſchienen; „wo biſt Du denn herumgeſtoßen, alter Raubvogel? Haſt Dich ja ſeit drei vier Wochen nicht bei Deinen alten Freunden ſehen laſſen!“ d „Bringt auch Geſellſchaft mit!“ rief der Eine von Bei⸗ den, indem er Caſanova gewahrte; „einen guten Freund und zukünftigen Spießgeſellen, nicht wahr?“ „Die Hunde angelegt!“ ſchrie der Zweite in den matt erhellten Gang hinein. „Die Lina wird ſich freuen wenn ſie Dich wieder ſieht; ſie hat ſchon lange nach Dir gefragt und behauptet immer, Du müßteſt unſer Hauptmann werden. . .“ „Du bleibſt doch längere Zeit bei uns 2 fragte der Erſte wieder; „komm nur, wir haben einen delicaten Braten, und zu ſaufen ſoviel hinunter will; die Chorherren hatten zu viel in ihrem Keller und des Pfarrers Magd verrieth dem Stoß⸗ vogel, daß er ein Schweinchen in ſeinem geiſtlichen Rauchfange hängen hätte. Wir haben's uns geholt und wollen uns daran Begebenheiten eines Weltmannes. 89 krank eſſen, wenn's angeht... Heda, die Hunde an!“ wieder⸗ holte der Sprechende im Vorwärtsgehen; „ſind die Hunde angelegt?“ „Freilich ſind ſie angelegt!“ rief eine kreiſchende Weiber⸗ ſtimme. Es war das Urbild einer alten Hexe, welche geſpro⸗ chen hatte und nun, voll Neugierde zu wiſſen wer die Ankömm⸗ linge wären, herbeigetrippelt kam wie ein Wieſel; „denkt Ihr denn ich bin taub?“ „Geh, alte Bettel!“ rief ihr der eine von den beiden Bewohnern der unterirdiſchen Höhle zu, indem er ſie auf die Seite ſtieß; „ich weiß gar nicht was Du hier zu ſuchen haſt!“ „Packe Dich zum Satan, Deinem Engel!“ rief der Andre, „oder ich werfe Dich an die Wand daß Du breit werden ſollſt wie eine Kröte!“ „Ei, ſeht mir doch die Hallunken!“ rief die Alte, indem ſie die Arme keck in die Seite ſtemmte und vor ihre Beleidiger hintrat; „was denkt Ihr denn, Ihr groben Eſel, die Ihr gar keine Manier wißt, wie Ihr mit einem anſtändig erzogenen Frauenzimmer umzugehen habt?“ Die beiden Kerle lachten und ſtießen die Keiferin auf die Seite. „Das laß ich mir nicht gefallen!“ kreiſchte dieſe und zeigte ſchon die Nägel, mit welchen ſie den Männern einen Denkzettel in's Geſicht graben wollte; „das leide ich nicht!“ 90 Caſanova. Plötzlich wie durch einen Zauberſchlag verwandelte ſich jedoch ihr ganzes Weſen in Freundlichkeit, als ſie den Mann erblickte, welcher vermöge einer Anſpielung auf ſeinen wahren Namen bei den Bewohnern dieſes Eilandes, über welchem keine Sonne leuchtete, ſchlechthin nur der Falke hieß. „Ah, ſieh da, der Herr Falke!“ rief ſie aus, „und immer noch ſo ſchmuck und hübſch und manierlich wie ſonſt! Sei er uns ſchön willkommen der Herr Falke! Bringt er auch etwas für die Küche mit?“ „So alt Du biſt, ſo dumm biſt Du, alte Hexe!“ don⸗ nerte ihr einer der beiden Kerle zu und begleitete ſeinen Aus⸗ ſpruch mit einem ſehr fühlbaren Rippenſtoße, denn das Weib taumelte davon förmlich zu Boden; „Du weißt es ja, daß wir von allem vollauf haben und gar nicht wiſſen wohin wir damit ſollen. Der Falke iſt unſer Gaſt und bleibt auf längere geit bei uns.. und nun halt' Dein Maul oder ich ſtopfe Dir's!“ Brummend eilte die ſo Abgewieſene voraus, um der Ge⸗ ſellſchaft, welche in einem größern Raume beiſammen ſitzen mochte, die frohe Botſchaft zu bringen, daß ein allverehrter Freund heute nach langer Zeit zum erſten Male wieder bei ihnen einſprechen würde und auch noch einen Mann mitgebracht hätte, den ſie weiter nicht kennte. Man kam an eine Stelle, wo man von der Seite ein N Begebenheiten eines Weltmannes. 91 ziemlich lautes Geräuſch vernahm, welches klang als ob es von unterirdiſchem Gewäſſer herrührte. Caſanova hatte ſchon ſoviel Herz gewonnen, daß er fragte was das wäre, und erhielt zur Antwort, daß es allerdings ein unterirdiſcher Bach wäre, welcher am Fuße des Berges zu Tage ausbräche. Uebrigens, hieß es, diente dieſes Waſſer hier unten zu mehreren Bequem⸗ lichkeiten, von denen eine die war, daß man daraus kochte und wüſche, eine andre die, daß das Waſſer mitnähme was man hier nicht behalten wolle. Der Gang hatte einige Stufen, welche abwärts führten; dann machte er einen Bogen, aus welchem ſchon ſehr vernehm⸗— liche Menſchenſtimmen erklangen, noch einige Schritte und die Ankommenden hatten das Schauſpiel einer unterirdiſchen Be⸗ wohnerſchaft, einer Gaunergemeinde, welche bei dem Lichte des Tages nicht für ſicher hielt. Auf einer großen Steinplatte in der Mitte des Raumes brannte ein helles Feuer, welches mit Nadelholz fleißig genährt wurde; die rothe Flamme kniſterte luſtig und ſtieg bis an die ſteinerne Decke des Gewölbes empor. Rund um dieſes Feuer her waren die Menſchen gruppirt; die Einen kauerten, die Andern lagen ausgeſtreckt am Voden, wieder Andre hatten ſich eine Ecke ausgeſucht, wo ſie ſichs auf einem Strohbündel ſo bequem als möglich gemacht hatten. Es war ein ſeltfames Gemiſch von Menſchen, bei welchem Einem hätte angſt und Caſanova. bange werden können, und was den frappanten Eindruck des Bildes nur noch vermehrte, war die ungewöhnliche Beleuch⸗ tung, in welcher ſich dieſes Bild mit ſeinen Figuren präſen⸗ tirte. Acht Männer und ſechs Weiber bildeten die Geſellſchaft, die Kinder mochten ſich in den Hintergrund zurückgezogen ha⸗ ben. Sobald die Ankommenden ſichtbar wurden, erhoben ſich die, welche die Geſichter nach dem Eingange gekehrt hatten, von der Erde und blieben aufrecht um das Feuer herum ſtehen. Die Andern, welche mit dem Rücken nach jener Seite hin ſaßen, thaten als merkten ſie gar nichts davon, daß Gäſte ankämen, und ſtellten ſich überraſcht, als ſie die Köpfe wendeten und dennoch welche erblickten. Dieſes letztere Manveuvre war von dem Hauptmann un⸗ geſchickt genug angeordnet worden, wie ſich ſpäter leicht aus gewiſſen gefliſſentlichen Hindeutungen, welche von dieſer und jener Seite fielen, abnehmen ließ, wenn man nur einiger⸗ maßen die wahren Abſichten zwiſchen den Worten herauszu⸗ hören verſtand. Es ſollte nämlich ausſehen als ob die beiden Gäſte die Geſellſchaft ganz bei ihrem gewöhnlichen Mahle an⸗ getroffen hätten; man wollte den Falkner namentlich gern ködern, denn er ſollte Hauptmann werden, ein Amt, deſſen der jetzige Führer herzlich überdrüſſig war und dem er auch nicht gewachſen zu ſein ſchien, wenigſtels nicht in dem Grade als dies bei ſeinem im voraus erkorenen Nachfolger der Fall Begebenheiten eines Weltmannes. 93 war. Die Leute rechneten nun nach ihrer Art ſo: Wenn der Falke ſieht, daß wir unſte Tage in lauter Wohlleben zu⸗ bringen, ſo müßte er von Stein ſein, wenn er nicht anbeißen wollte. Kommt er ſpäter dahinter, daß nicht alles Gold ge⸗ weſen iſt was geglänzt hat, nun was thut's? Es iſt eben ſeine Sache und unſer iſt er doch einmal und bleibt darum auch unſer! Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieſes Raiſon⸗ nements mag auf ſich beruhen, ſoviel war jedoch klar abzu⸗ nehmen, daß der Falke nicht die geringſte Luſt verrieth, den Ehrenpoſten, welchen man ihm zugedacht hatte, zu übernehmen. Er ſprach manchmal bei der Geſellſchaft ein; wenn man gu⸗ ten Rath von ihm verlangte, ſo gab er einen ſolchen, aber übrigens war er zu nichts weiter zu bewegen. Ja, je zudring⸗ licher die Menſchen wurden, deſto zurückhaltender wurde er, und je mehr ſie ihm merken ließen, was ſie von ihm erwar⸗ teten, deſto deutlicher gab er ihnen zu verſtehen, welches Sin⸗ . nes er war. 5 Ein großer goldener Becher, eine Beute aus dem näch⸗ ſten herrſchaftlichen Schloſſe, hatte ſo eben wie es ſchien die Runde gemacht, und eine junge Dirne, deren Reize jedoch ſchon ziemlich verblüht waren, bat den neben ihr ſitzenden Mann, er möchte den Humpen emporheben und ihr den Po⸗ kal wieder voll ſchenkens Schweigend erhob ſich der Mann, ging nach der Seite und nahm einen mächtigen Krug vom 94 Caſanova. Geſimſe, den er in den Vordergrund, wo die beiden Fremden mit dem Hauptmann ſtanden, getragen brachte und der Dirne ihren Willen that. . Sobald das Gefäß voll war bis zum Ueberlaufen, trat das Mädchen vor den Falken hin, machte einen zierlichen Knicks und credenzte ihm den Trunk als ein Zeichen, wie ſie ſagte, daß er ihr und allen ihren Freunden jetzt willkommen wäre und daß es gern geſehen würde, wenn er als wackrer Schütze der Hauptmann wackrer Leute werden wollte. Jener dankte der Dirne freundlich für ihre Begrüßung, ging aber mit keiner Sylbe auf den Antrag ein, welcher eben in jenem Gruße enthalten war. Die Reihe war nun an Caſanova, als dem zweiten Fremden, welcher die Gaſtfreundſchaft der Bande in Anſpruch genommen hatte, und auch an dieſen erging eine Einladung, welche dahin lautete, daß ihm kein Hinderniß im Wege ſtehen würde, wenn er Mitglied dieſer ehrenwerthen Geſellſchaft werden und hier bleiben wollte. Dieſer that eben⸗ ſo Beſcheid wie ſein Vorgänger und hielt ſich ganz innerhalb den Grenzen einer Zweideutigkeit, welcher man weder anſehen konnte, daß er den Antrag abwies noch daß er ihn annahm. Er liebte nämlich das freie ungebundene Leben in den Wäl⸗ dern, er lobte die Gaſtfreundlichkeit, mit welcher ihn dieſe Söhne der Natur aufgenommen hatten, und verſicherte er würde dieſen Tag in ſeinem Leben nicht vergeſſen, auch wenn Begebenheiten eines Weltmannes. 95 er — was man ja auch nicht wiſſen könnte — vom räthſel⸗ haften Schickſale in einen andern Welttheil geführt würde. Als dieſe Ceremonie vorüber war, lud der Hauptmann ſeine beiden Gäſte ein, am Feuer Platz zu nehmen, und wies ihnen zwei bequeme Steinſitze an, über deren jeden eine wollene Decke gebreitet wurde, damit die Ermüdeten weicher ſitzen ſollten. Ein Ferkel, welches am Spieße ſtak und vorhin noch gebraten hatte, war jetzt vom Feuer abgerückt worden, und die beiden Männer bezeigten auf die Frage, ob ſie Luſt hätten ein Stück Fleiſch davon zu probiren, nicht wenig Luſt dazu. Sogleich nahm Lina, dieſelbe welche vorhin die Hausfrau geſpielt hatte, eine Schüſſel vom Simſe, welcher als Topf⸗ bret, Vorrathskammer und Keller dienen mußte, und ſchnitt zwei appetitliche Portionen herunter, welche ſie mit der größ⸗ ten Freundlichkeit präſentirte. „Eßt!“ ſagte der Hauptmann mit anſcheinender Gleichgültig⸗ keit, „eßt! denn es iſt ja da, und es thut mir nur leid, daß Ihr mit unſrer gewöhnlichen Alltagskoſt abgeſpeiſt werden müßt; s iſt aber eben nichts Andres da, und ſo müßt Ihr ſchon vorlieb nehmen; Lina, ſchenk doch voll, unſre Freunde haben ja nichts zu trinken!“ Augenblicklich nahm Lina den Becher, welcher neben Ca⸗ 96 Caſanvva. ſanvva's Sitze ſtand, und ließ denſelben ſich abermals voll⸗ ſchenken; dann ſtellte ſie ihn wieder an ſeinen alten Ort. Währ end dieſe Beiden aßen und tranken, ſaßen die Ue⸗ brigen müßig um das Feuer herum und wechſelten, ſo oft ſte † ſich nicht beobachtet glaubten, ſeltſame Blicke mit einander⸗ Außer dem Hauptmanne und einer ſchmucken Frauensperſon von etlichen zwanzig Jahren theilte kein einziges Mitglied der Geſellſchaft dieſes Mahl; nur ein Junge von etwa acht Jah⸗ ren kam aus dem Schlupfwinkel, in welchem er ſich verſteckt gehabt hatte, hervorgekrochen und verlangte eine gebratene Kartoffel, welche ihm auch von dem Stoßvogel, an den er ſich gewendet hatte, zugleich mit einem Rippenſtoße verabreicht wurde. Als der Bube das Verlangte erhalten und das was er nicht haben mochte hingenommen hatte, huſchte er wieder in ſeinen Winkel, wo er ſich zuſammenkrümmte wie ein Igel, der ſich in einen Knäuel zuſammenziehen will. Er nagte an der gebratenen Erdfrucht, die Schale von der Aſche zu rei⸗ nigen kam ihm nicht in den Sinn, und als er nit ſeiner WMahlzeit fertig war, machte er große Augen und warf gierige Blicke nach den beiden Männern, die nicht zur Geſellſchaft gehörten und doch die beſten Biſſen verzehren durften. Caſanova hatte den Jungen recht wohl bemerkt; er drehte ſich wie von ungefähr etwas ſeitwärts um ihm mit den Augen in ſein Verſteck folgen zu können. Der kleine Rabe Begebenheiten eines Weltmannes. 97 ſchien einen wahren Heißhunger auf ein Stück Fleiſch zu ha⸗ ben, wenigſtens funkelten ſeine Augen wie die einer hungrigen Tigerkatze, welche ein Stück warmes Fleiſch, das noch vom Blute trieft, in ihrer Nähe wittert und es doch nicht erreichen kann. Der Eſſende beobachtete ihn von der Seite und hatte ſeine eignen Gedanken dabei; nun erſt fiel es ihm auf daß alle Andern außer dem Hauptmanne keinen Biſſen anrühren durften, nun erſt durchſchaute er den künſtlichen Schleier, wel⸗ chen man gefliſſentlich vor die geſellſchaftlichen Verhältniſſe ge⸗ hängt hatte, um ſelbige den Augen Uneingeweihter zu ver⸗ decken. 3 „Ach,“ dachte er, „Ihr ſeid nicht bloß moraliſch ſchlecht und verworfen, ſondern auch phyſiſch elend! Das iſt der Hun⸗ ger und das Laſter, welches dieſe Geſichter gebleicht, jene ſo entſetzlich verzerrt hat! Geht mir mit Eurem Leben hier; ich will froh ſein wenn ich und meine Papiere mit heiler Haut aus Euren gefährlichen Händen find!“ Zum Ueberfluſſe ſtimmte ein Mitglied der Geſellſchaft, welches ſich für muſikaliſcher halten mochte als es war, eine Guitarre, aber leider ſo kläglich, daß ſich kein Accord richtig greifen ließ, und trug zur nicht geringen Ergötzlichkeit der An⸗ weſenden ein ekelhaft unzüchtiges Lied vor. Caſanova, der es mit anhören mußte, verzog unwill⸗ kührlich den Mund, der Falke gähnte ſo laut dazwiſchen, daß Caſanova III. 7 98 Caſanova. der Sänger eine Pauſe machte, ſich verwundert im Kreiſe um⸗ ſah und dann den letzten Vers anſtimmte, um nur ſeiner Kunſt⸗ leiſtung einen gehörigen Schluß zu geben. „Meine Leute lieben das Natürliche!“ rief der Haupt⸗ mann, als er bemerkte daß der Eindruck, welchen dieſer Geſang auf die Gäſte gemacht hatte, nicht der erwünſchte war. „Ich auch!“ gab der Falke zur Antwort; „aber auf meine Art.“ „Du biſt wohl müde?“ fragte der Hauptmann, der den Stich fühlen mochte. „Einigermaßen allerdings,“ ſagte der Andre, „und wenn Du uns zu Bette bringen willſt, ſo werden wir's mit Dank annehmen.“ „Alſo morgen mehr!“ nahm der Hauptmann hierauf das Wort; „Lina, führe doch unſern Falken zu Bette und Du, Bertha,“ wendete er ſich an die junge Frau, welche mit hatte von dem Mahle der Gäſte eſſen dürfen, „nimm den da unter Deine Obhut, Du weißt ſchon wohin.“ Die beiden Frauenzimmer erhoben ſich von ihren Sihen und Lina legte mit ſichtbarem Verdruſſe das Inſtrument, auf welchem ſie ſich zu einem gefühlvollen Liede hatte begleiten wol⸗ len, bei Seite; die Andre dagegen war ftoh daß ſie ſich mit dem Fremden aus der übrigen Geſellſchaft entfernen durfte. Caſanova richtete einen fragenden Blick auf ſeinen Gefähr⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 99 ten, dieſer aber ſtand auf und winkte ohne Umſtände zu machen dem Mädchen, daß es vorausgehen ſollte. Beide Paare ver⸗ abſchiedeten ſich von den Andern und Caſanova war über dieſen Umſtand nicht wenig verwundert, denn es kam gerade heraus als ſollten die Frauenzimmer mit ihnen Beiden die Nacht über das Lager theilen, eine Vermuthung die ſich ſpä⸗ terhin auch als richtig erwies. Lina und Falkner gingen voraus, Bertha und Ca⸗ ſanova folgten ihnen nach. Der Weg führte zunächſt wieder nach dem Eingange zu, durch welchen die beiden Männer gekommen waren, und jetzt erſt fiel es dem Begleiter Bertha's ein, daß man ja jenes Loch, vermittelſt deſſen ſie herabgeſunken waren, nicht wieder geſchloſſen hatte. Er machte das Frauenzimmer auf dieſen Um⸗ ſtand aufmerkſam, doch ſie erwiederte, daß dieſes nichts auf ſich hätte, denn es brauchte bloß einen Zug um den Deckel wieder hinaufzuheben und in dem Fußboden des obern Gewölbes feſtzumachen. In dem ganzen Weſen dieſes Weibes lag etwas Trauriges; wie ein trüber Schatten breitete ſich dieſer Grundzug ſelbſt über ihr freundliches Lächeln, zu welchem ſie ſich zuweilen zwang. Sie war ihrem Begleiter zur Seite geſchritten bis ſie mit ihm in einen Gang kam, welcher ſeitwärts von der Verſenkung aus nach der Oberwelt lief und, ſoviel man unter der Erde beurtheilen 100 Caſanova. konnte, ſüdweſtlich ſtreichen mußte. Hier angekommen, nahm Lina ihren Begleiter zuerſt beim Arme und führte ihn in eine Art Seitengemach, welches in den Berg hineingewölbt war, ohne jedoch eine verſchließbare Thüre vor dem Eingange zu haben; Bertha ging mit ihrem Begleiter noch einige Schritte weiter vorwärts, dann wendete ſie ſich ebenfalls links ab und lud jenen ein ihr zu folgen. „Und bleibſt Du bei mir, mein Kind?“ fragte Caſa⸗ nova neugierig. „Wenn Sie's befehlen, ja,“ antwortete ſie. „Aber wie komme ich zu dieſer Gunſt?“ fragte er weiter; „ich habe kein Wort mit Dir gewechſelt, und doch wirſt Du, die Du die ſchönſte von den Frauen hier unten biſt, einem Fremdling unter Euch zu Theil? Wie iſt das?“ „Ach, davon ließe ſich vielerlei reden!“ ſeufzte ſie, indem ſie die Augen wiſchte; „ich wollte, ich wäre tauſend Meilen weit von hier weg, ich dankte meinem Schöpfer auf den Knien!“ „So? Lebt Ihr denn nicht glücklich und in Eintracht mit einander? Ihr habt vollauf zu eſſen und zu trinken, braucht Cuch nicht anzuſtrengen, ſeid an keine Geſetze gebunden als die welche Ihr Euch ſelbſt macht, Ihr genießt die größte Freiheit in Bezug auf Liebesverhältniſſe... was wollt Ihr denn mehr?“ Begebenheiten eines Weltmannes. 701 warf Ihr Caſanova ein, um ſie zu veranlaſſen daß ſie noch mehr ſagen ſollte. „Ja, Sie ſollten's nur wiſſen!“ antwortete ſie; „das iſt eine Eintracht und ein Leben! Wie die Verdammten in der Hölle leben wir! Die Männer haſſen einander wie Feuer. und Waſſer, und wenn nicht einer wie der andre mit dem Dolche in der Fauſt ſchliefe, er würde über Nacht erwürgt ohne daß ein Hahn danach krähte. Keins gönnt dem Andern das liebe Leben und wir Frauen werden von ihnen gehalten wie die Hunde. Dazu kommt die Noth. .. wir haben oft Tage lang kaum ſoviel daß wir den Hunger ſtillen können, und wenn ja einmal einiger Ueberfluß herrſcht, ſo zählt Einem jedes die Biſſen in den Mund und möchte dieſelben vergiften, da es ſie nicht ſelbſt haben kann .. .“ „Aber jetzt ſind doch Eure Schüſſeln gut beſtellt?“ äußerte der Mann, welcher mit Fleiß noch immer den Ungläubigen ſpielte; „ich geſtehe, ſolch ein Leben, ſo frei und ungenirt, könnte mir raſend gefallen.“ „Ach, wie lange wird's dauern, ſo iſt Schmalhans wieder Küchenmeiſter“ entgegnete die Frau. .. „und frei und unge⸗ nirt! Du lieber Gott, was das anlangt, ſo hat's gute Wege! Nicht aus dem Loche dürfen wir Weiber, denn unſre Männer fürchten wir möchten davonlaufen, weil ſie uns gar zu ſchlecht halten . — 102 Caſanova. „So? Iſt denn die Flucht nicht möglich zu machen?“ fragte der Fremde weiter. „Ich möchte wiſſen wie!“ antwortete ſie troſtlos; „wenn ein ſchwaches Geſchöpf von meiner Art nun auch zwei Stun⸗ den Vorſprung hat; der Wald iſt weit und die beiden Hunde ſind Beſtien, welche jede Spur augenblicklich ausfinden. Die Flüchtige würde unfehlbar von ihnen eingeholt und feſtgehalten oder, wollte ſie nicht ſtehen, zerriſſen werden.. .“ „Entſetzlich!“ rief der Zuhörer dieſer Schaudererzählung; „aber wie biſt Du hierher gekommen? Du hätteſt doch, ſollte ich meinen, noch auf der Oberwelt ein Plätzchen finden kön⸗ nen. .. Biſt hübſch von Anſehen, haſt ein leidliches Venehmen; ich ſehe wirklich nicht, weshalb Du zu dieſem Aeußerſten ge⸗ griffen haſt. ..“ „Ja, wer's gewußt hätte!“ antwortete ſie, indem ſie kaum ihrer Thränen Herr werden konnte; „mein Vater iſt ein an⸗ geſehener Mann, und mir iſt's nicht an der Wiege geſungen worden daß ich. .. Hier hielt ſie inne in ihren Herzensergießungen und ſprang nach dem Eingange, um zu horchen ob nicht jemand in der Nähe wäre. „Du denkſt man belauſcht uns?“ fragte ſie der Fremde. „Freilich denk ich's, und es wird wohl auch ſo ſein!“ rief ſie leiſe zurück; „daß nur die Lina, welche nicht weit Begebenheiten eines Weltmannes. 103 von uns ſchläft, nichts hört! Sie iſt meine Todfeindin, weil ich ſchöner ausſehen ſoll als ſie; nun möchte ſie mich bei aller ihrer Freundlichkeit vergiften.. .“ „Aber wenn Du ſchöner ausſiehſt, weshalb bekommt Dich der Falke nicht ſondern ich?“ „Weil wir ſchon wiſſen, daß der Falke die Lina gern hat, obgleich er ſich nicht mit ihr einläßt. . .“ „Ah ſo!.. Nun höre, Du bleibſt bei mir, nicht?“ „Wenn ich nicht läſtig falle,“ erwiederte die Frau, indem ſie ſich bemühte, einen Reſt von Schamgefühl, der noch auf dem unterſten Grunde ihres Herzens ſchlummerte, aufzurühren und ihre Wangen röther damit zu färben. „Im Gegentheil, es wird wir eine wahre Wonne ſein die Nacht in Deinen Armen zuzubringen — laſſen wir die Laterne brennen?“ „Nein, denn ſähe es jemand, ſo würde man mir für den Augenblick zwar nichts ſagen, wohl aber ſpäter einen Denk⸗ zettel geben . wir müſſen alles ſparen, nur um das liebe Leben nothdürftig hinzufriſten... Ach, hier unter der Erde blüht das Blümchen Freude gar ſelten, und wenn es blüht, iſt's noch dazu verkümmert... es braucht ja die hellſte Sonne und hier haben wir bloß Licht von trüben Oellampen oder Holzfeuer. .. ich habe ſeit zwei Jahren keinen Sonnenſtrahl zu ſehen be⸗ kommen .. .“ 104 Caſanova. „Und blühſt doch immer noch ſo herrlich, Du ſchöne Roſe?“ rief der Mann, der bei den Klagen der Unglücklichen wärmer wurde, weil ſie ihm Theilnahme einflößte; „ſoll ich Dir beim Ausziehen behülflich ſein?“ „O nein,“ erwiederte ſie ſeine Hand von ſich abwehrend, „ich will's allein verrichten, wenn ich das Licht ausgelöſcht habe.“ „Laß doch ſehen, wie iſt denn unſer Lager beſchaffen?“ fuhr er fort, indem er die Laterne in die Hand nahm uud auf ein Bette leuchtete, welches rechter Hand vom Eingange ſtand; „ah, ganz vorzüglich; Rehfelle ſind weich und halten warm... wollne Decken, was wollen wir denn mehr? Wir werden gut ſchlafen, wie?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtotterte ſie verlegen und wendete ſich ab, um ihm Zeit zum Ausziehen zu geben. Er verſtand den Wink, entledigte ſich ſeiner Kleider, war aber ſo klug auf alle Fälle das Päcktchen mit den Papieren unter das Kopfliſſen zu practiciren, ein Manveuvre, welches ſie weder vermuthete noch bemerkte. Als er fertig war, ſprang er auf das Bette und rief: „So, nun läg' ich denn einmal weich! Löſch' aus und komm in meine Arme, liebe Frau!“ Nach kurzer Friſt hörte er ſie herankommen; ſie ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, ehe ers ſelbſt hoffen zu können glaubte. Begebenheiten eines Weltmannes. 105 Vom heißen Kampfe der Liebe abgemattet, ſchliefen ſie endlich ein; zwar ſuchte ſie ihn noch zu erhalten, aber er ſank dem Schlafe mit unwiderſtehlicher Gewalt in die Arme, und ſo konnte ſie nicht umhin ein Gleiches zu thun. Nach einem langen unruhigen Schlafe fühlte er etwas Warmes an ſeinen Lippen brennen; er beſann ſich nicht ſo⸗ gleich wo er war und glaubte es wäre noch finſtre Nacht ringsum. „Biſt Dus, liebes Herz?“ rief er leiſe ſich über das Geſicht der Küſſenden im Dunkeln hinbeugend. „Ja freilich bin ich's!“ rief eine unbekannte Stimme, und jetzt beſann er ſich erſt, wo er ſich in's Bett gelegt hatte. Als er dieſe Entdeckung machte, gab's ihm einen Stich durch's Herz; er hätte das Weib lieber von ſich gedrückt, welches ihn voll heißer Inbwunſt umſchlang, und nur ein Gefühl von Mit⸗ leid und der Gedanke, daß ſie gutwillig gegen ihn geweſen war, hielt ihn ab dieſen Vorſatz auszuführen. „Wir müſſen lange geſchlafen haben!“ fing er an eine Unterhaltung anzuknüpfen. „Thut nichts!“ erwiederte ſie; „es war ſo ſchön in Dei⸗ nen Armen; die Nacht iſt bei uns Tag und Tag iſt Nacht..“ „Sind die Uebrigen ſchon wach?“ erkundigte er ſich weiter. „Wir vollen ſehen!“ rief ſie; „bleib hie ich will nebenan ſchleihen und Lina rufen.“ 106 Caſanova. Sie ſprang aus dem Bette, warf erſt einige Kleidungs⸗ ſtücke über, dann ergriff ſie die Laterne, um ſie am erſten beſten Lichte anzuzünden, und eilte hinaus. Es dauerte eine geraume Weile, ehe ſie wiederkam. Als ſie ſich näherte, merkte es der, welcher dieſe Nacht das Lager mit ihr getheilt hatte, ſchon von ferne, denn das brennende Licht verrieth ſie. „Nun, wie iſt's?“ rief er hinaus. „Alles ſchon auf den Beinen!“ erwiederte ſie herankom⸗ mend; „die liebenswürdige Lina hat mir auch meine Portion geſtohlen, und ich werde heute faſten müſſen.“ „Was hat ſie? Und meinetwegen ſollſt Du faſten?“ rief er entrüſtet; „bei Gott nein, das geht nicht; ich werde Rath ſchaffen, oder Falkner wird es thun...“ Sogleich ſprang er aus dem Bette und fuhr in ſeine Kleider, welche er mit Fleiß in einer gewiſſn Ordnung nach⸗ einander hingelegt hatte. Er war nicht wenig überraſcht, als er bemerkte, daß ſie, während er geſchlafet hatte, unterſucht worden waren; namentlich gab ihm ein Notizbuch, von welchem er noch genau wußte, wie er es das letzte Mal eingeſteckt hatte, den deutlichſten Fingerzeig von dieſem nächtlicher Beſuche, denn anſtatt mit dem Schnitte nach oben gekehrt zu ſein, ſtak es ſo, daß der Rücken die obere Seite bildete. Ei winſchte ſich Glück daß er ſeine Papiere wohl verwahrt hate, denn dieſe würde ſich der gute Freund, welcher ihm unbetnnter aber ge⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 107 wiß nicht unabſichtlicher Weiſe dieſe Viſtte abgeſtattet hatte, gewiß zu Gemüthe geführt haben. Von den Gegenſtänden, welche in den Taſchen geweſen waren, fehlte nicht das Geringſte. Er ſah die Frau, welche daſtand und zuſchaute wie er ſich ankleidete, mehrmals forſchend an, allein an ihr bemerkte er kein Zeichen von Verlegenheit, welches ihn in ſeinem Ver⸗ dachte hätte beſtärken können; denn in der erſten Ueberraſchung dachte er wirklich, daß ſie nächtlicher Weile und über ſeinen Taſchen geweſen wäre. „Haſt Du die ganze Nacht geſchlafen, ſobald als ich ent⸗ ſchlummert war?“ fragte er ſie in liebevollem Tone. „Kurze Zeit nachher ſchlief ich ein, und da ich aufwachte, mußte ich Dich gleich wecken,“ entgegnete ſie ſchalkhaft lächelnd. „So ſo!“ antwortete er nachdenklich geworden; „es muß ein ſchändliches Leben ſein, wenn Einer dem Andern nicht trauen darf. .“ „Wie kommſt Du nach ſolch einer Nacht auf ſolch einen Gedanken?“ fragte ſie. „Es fiel mir ſo ein, Schatz!“ antwortete er; „wenn Du angezogen biſt, ſo komm. ..“ Beide gingen Arm in Arm dem gemeinſchaftlichen Auf⸗ enthaltsorte zu; ehe ſie jedoch dahin gelangten, forderte ſie ihn auf, ſich erſt in dem Bache abzuwaſchen, das würde ihn erfri⸗ ſchen, denn er ſähe etwas angegriffen aus. 108 Caſanova. Das Waſſer rauſchte lebhaft und war eiskalt; als er die Hand hineintauchte um es gegen ſein Geſicht zu führen, erſchrak ſein Blut ſehr merklich. Aber er fühlte ſich wunderbar geſtärkt von dieſer kühlen Fluth, die aus dem Herzen des Felſens ge⸗ quollen kam und ſich dann kopfüber hinunter und zu Tage ſtürzte. Während er ſich wuſch, ſtand ſie neben ihm und hielt die Laterne, um ihm zu leuchten; ein weißes Handtuch hing ſchon für ihn bereit und nach vollbrachter Reinigung trocknete er ſich daran ab. „Haltet Ihr keine Fiſche in dieſem Bache?“ fragte er den Hauptmann, welcher herbeigekommen war, um ihm den Mor⸗ — gengruß zu bringen. „Bewahre!“ antwortete dieſer; „verſucht haben wirs, aber es iſt als wenn ſelbſt die Fiſche in Gewäſſern, die keine Sonne haben, nicht fortkommen könnten.“ Hierauf folgte er ſeinen beiden Begleitern in den ſoge⸗ nannten Geſellſchaftsſaal, in welchem er den Falken bereits völlig angekleidet fand. Wieder brannte das Feuer, wieder ſtak das Ferkel am Spieße und auch der Becher, welchen man geſtern eredenzt hatte, war wieder dabei, ein deutliches Zei⸗ chen, daß es mit der Küche dieſer Leute wenigſtens nicht ſo beſtellt war als ſie vorgaben. Dieſes Mal zog es Caſanova vor ſelbſt nach dem Begebenheiten eines Weltmannes. 109 Weſſer zu greifen und ſich vermittelſt deſſelben ein Stück Fleiſch herunter zu ſchneiden, welches groß genug war um ſeinen und Bertha's Appetit zu ſtillen. „Ich bitte um eine einzige Gunſt,“ rief er, als er be⸗ merkte wie manche Augen die Linien, welche ſein Meſſer in das Fleiſch des Ferkels beſchrieb, verfolgten, „nämlich daß die liebenswürdige Bertha mit mir ſpeiſen dürfe.“ „Sie iſt ſchon dabei geweſen,“ erwiderte Lina lachend; „ſie wird keinen Hunger haben, und ehe ſie ſchlechte Geſell⸗ ſchaft leiſtet, thut ſie beſſer wenn ſie gar davon bleibt...“ „Dann werde auch ich keinen Biſſen anrühren,“ entgeg⸗ nete er mit feſter entſchloſſener Stimme, indem er die boshafte Schwätzerin ſcharf in's Auge faßte, ſo daß das bleiche Ge⸗ ſicht derſelben roth wie Blut wurde; „lieber will ich Hunger leiden als allein eſſen... Will Bertha die Hälfte meines Mahles und die Hälfte des Trunkes, den mir die Güte der Geſellſchaft zukommen läßt, annehmen?“ wendete er ſich an dieſe. „Wenn's nicht anders ſein kann,“ antwortete die Ge⸗ fragte mit einem triumphirenden Blick auf die Feindin; „ich muß ja wohl. .. Vor innerlichem Aerger zitternd und bebend ſchlug Lina eins von den Kindern, welches ihr zu nahe kam, mit der flachen Hand in's Geſicht, daß ihm die Naſe blutete. Es war ein Junge, welcher etwa fünf Jahre zählen mochte und 10 Caſanvva. in ſeine ſchmuzigen Lumpen gehüllt zum Kohlfeuer kriechen wollte, um ſich eine Kartoffel herauszuſchüren. „Das muß immer freſſen und freſſen!“ rief das Weibsbild höhniſch auf⸗ lachend; „geh zurück und ſieh' wie Dir meine Hand ge⸗ ſchmeckt hat!“ „Alte Hexe, Judenline, Nudelbret!“ ſchrie der Bube wüthend auf und rannte ſeine Beleidigerin mit dem Kopfe ge⸗ gen den Unterleib, „was ſchlägſt Du mich denn?“ „Was willſt Du Balg?“ kreiſchte das Weib nur noch gereizter; „das Deiner Mutter?“ Sie faßte ihn bei den Haaren und ſchlug ihn mit der Hand welche ſie noch frei hatte ſo lange ins Geſicht, bis das arme Geſchöpf nicht einmal mehr ſchreien konnte. Um ſich einigermaßen in den Augen der Fremden zu rechtfertigen, wen⸗ dete ſie ſich mit den Worten an ſie: „Wenn vollends die Kinder ihren Eltern ſo begegnen wollen, dann hört alles auf! 's iſt ſo ſchon ſchlecht genug in der Welt!“ Sie war wirklich die Mutter dieſes Buben, allein unter dieſen Menſchen war von kindlichem Gefühle beinahe keine Rede mehr. Die Kinder betrachteten ihre Eltern gerade wie die jungen Thiere ihre Alten, und die Eltern ſahen ihre Kin⸗ der mit nicht viel andern Augen an. So wuchs eine Gene⸗ ration heran, welche glücklicherweiſe wenig Köpfe zählte, denn Begebenheiten eines Weltmannes. 111 waren die Eltern, die ihnen, ihrem viehiſchen Triebe folgend, das Leben gegeben hatten, der Auswurf der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft, ſo waren dieſe Kinder, welche auf dem Boden des Laſters entſprungen und unter lauter Abſcheulichkeiten groß geworden waren, wenigſtens der Auswurf von dieſem Aus⸗ wurfe. Welch ein Bild moraliſcher Nichtswürdigkeit und kör⸗ perlicher Verkrüppelung bot ſich dem Beobachter hier dar! Während dieſer Scenen verzehrte Caſanova in Ber⸗ tha's Geſellſchaft ſeine Mahlzeit. Der Ekel ließ ihm bei⸗ nahe den Biſſen im Munde quellen, nur der ſtarke Wein half die Speiſe über den Gaumen hinunterſpediren. Das Mäd⸗ chen dagegen aß mit einem wahren Heißhunger und ſperrte den Mund auf, ſo oft er ihr einen appetitlichen Mundbiſſen vorgeſchnitten hatte und hinhielt. Wein wollte ſie dagegen weniger genießen und nippte kaum wenn er ihr den Rand des Bechers an den Rand ihrer Lippen hielt. Lächelnd und die Füße über ſeine Büchſe lehnend ſah der Falke dieſem Spiele der beiden Eſſenden zu. Mit nachdrück⸗ licher Miene gab er ihnen folgende Verſe zu bedenken, von denen er beſonders das zweite, dritte und vierte Wort gar ſonderbar betonte: Fürſtengunſt, Aprillenwetter, Frauenlieb' und Roſenblätter, Kartenſpiel und Würfelglück Wechſeln jeden Augenblick. Caſanova. Die Uebrigen, welche zuhörten und zuſahen, horchten hoch auf als er zu recitiren begann. Sowie et mit der letzten Zeile ſchloß, belohnte ihn ein helles Gelächter des Beifalls, welches faſt kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Die Mahlzeit war beendigt und Caſanopa ließ ſeine Schäferin auf ſeinem Schoße noch eine Weile ſitzen, wo ſie während des Eſſens Platz genommen hatte. Es ſchien dieſem Mädchen wohlzudäuchten, daß ſie einmal ein Herz gefunden hatte, dem ſie ſich aufſchließen konnte; ſie blickte ihm leiden⸗ ſchaftlich heiß in's Auge, aber o weh! ſie merkte daß dort nicht die Gluth brannte, welche aus dem ihren leuchtete. Dennoch verſuchte ſie wieder und immer wieder ein Feuer anzuſchüren, deſſen Flamme ſie doch nur im glücklichſten Falle auf zwei Tage erwärmen konnte und dann einer Andern zu Gute kommen mochte. Das ahnte ſie wohl, aber auch um dieſe kurze Friſt war ihr's zu thun. Endlich ſchien es als ſollte wenigſtens einiger Erfolg ihre unausgeſetzten Bemühungen krönen; ihr Liebling ſah ihr ſtarr, mit Blicken die wie Speere ſtachen, in die Augen und wandte ſich nicht ab. Sie wurde weich, ſie legte den Kopf an ſeine Bruſt, ungenirt wenn auch alle Anweſende zuſahen und ihre Gloſſen erſt leiſe, dann lauter und endlich überlaut machten. „Na, ſeid Ihr denn bald in's Reine mit einander?“ fragte jetzt der Wildſchütz lachend, indem er zu ſeinem Reiſe⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 113 kumpan hintrat und den Kopf des Mädchens von der Bruſt deſſelben in die Höhe zog; „das iſt doch ein Gekoſe von dem es einem verſtändigen Menſchen ordentlich übel wird! Geht doch auf die Seite, wenn Ihr's gar nicht laſſen könnt!“ Hochroth vor Zorn und Scham ſprang Bertha empor und eilte davon; nur ein wüthender Gluthblick ſprühte auf den frevelhaften Störer ihres kurzen Liebesglückes herüber. Die Thränen quollen ihr heiß und hell aus den Augen und netzten ihre Wangen, ſo daß der Waſſerfall ſich ſelbſt bis auf den Buſen fortſetzte. Caſanova, welcher das Geſpiele von Herzen ſatt hatte, ſtand ruhig auf und ging nach der andern Seite des Gewöl⸗ bes, wo die Hunde lagen. Er verſuchte es ſich dieſen Thie⸗ ren zu nähern, allein man rief ihm zu er möchte ſich nicht zu weit wagen, ſonſt könnte es übel für ihn ablaufen. Dieſer ließ ſich jedoch nicht irre machen. Er näherte ſich der einen dieſer beiden Beſtien ſo weit daß ſie ihn zur Noth erreichen konnte, denn er glaubte ſie ſchliefe. Aber wie er ſo daſtand und die ſtarken Glieder und das Gebiß betrachtete, auf welches er aus der Beſchaffenheit der Schnauze und des Kopfes ſchloß, machte das Thier einen Satz und hätte ihm unfehlbar ein Stück Fleiſch aus dem Leibe geriſſen, wenn er nicht zu rechter Zeit zurückgeſprungen wäre; beinahe hätte er einen Jungen, welcher ſich eben hinter ihn herangeſchlichen Caſanova III. 114 Caſanova. hatte um ſeine Taſchen zu unterſuchen, rücklings in's Feuer geſtoßen. Der Hauptmann hatte bisher ruhig zugeſehen, aber jetzt da das gereizte Thier wüthend wurde und aus Leibeskräften an ſeiner Kette herum riß, weil es dem fremden Menſchen der ſich ſo nahe herangewagt hatte durchaus zu Leibe wollte, jetzt legte er ſich in's Mittel, indem er eine Peitſche von der Wand nahm und mit derſelben ganz ruhig auf den Hund losging. Kaum hatte dieſer bemerkt was ſein Herr im Schilde führte, als er auch wedelnd zur Seite kroch und ſich duckte, um durch dieſen augenblicklichen Gehorſam eine weitere Strafe von ſich abzuwenden. Der Hauptmann ſeinerſeits war hier⸗ durch vollkommen zufrieden geſtellt und hing ſeine Peitſche wieder an den Nagel von welchem er ſie genommen hatte. * „Kommt doch einen Augenblick bei Seite!“ rief er jetzt ſeinen Leuten zu, „und Du und Du,“ wendete er ſich an den Falken und Caſanova, „Ihr ſollt ebenfalls dabei ſein. Ihr Weiber und Ihr Andern begebt Euch indeſſen nach dem Gange dort, und kommt nicht eher wieder zurück als bis Ihr gerufen worden ſeid!“ Als Alle, welche nicht zugegen ſein durften, ſich entfernt hatten, begann der Hauptmann folgendermaßen: „Wir haben etliche Kronleuchter und ſonſtige Gegenſtände Begebenheiten eines Weltmannes. 115 von Gold und Silber, welche wir nicht feil bieten dürfen, wenn uns die Leute nicht ſogleich feſtnehmen ſollen. Nun nützen uns aber dieſe Sachen in ihrer jetzigen Geſtalt nichts und deshalb wollte ich Dich, Falke, oder Deinen Kumpan da fragen, ob Ihr nicht ein Mittel wüßtet ſie irgendwie zu verwerthen.“ „Das Einzige wäre ſie einzuſchmelzen,“ nahm Caſa⸗ nova das Wort, „und dann müßte man Geldſtücke daraus prägen, die ſich wohl ausgeben laſſen würden .. . “ „Ja, aber wer macht das?“ fragte der Hauptmann; „ich bin's nicht im Stande, und von meinen Leuten verſteht es auch keiner . . .“ „Ich leider auch nicht,“ ſagte der, welcher den obigen Rath gegeben hatte, „aber ein Goldſchmied ließe ſich wohl auftreiben. Iſt's denn viel daß e ſich der Mühe auch verlohnt?“ „Hier iſt der Leuchter; er ſtammt aus der Hauptkirche der nächſten Stadt,“ ſprach der Mann, indem er einen gel⸗ ben Armleuchter aus einem Verſtecke holte, welches die Hunde beſtreichen konnten, und gab ihn in Caſanova Hände. „Ach, der iſt ja nicht von Gold, nicht einmal übergol⸗ vet!“ belehrte dieſer die erſtaunten Beſitzer, welche dieſes ihr Kleinod für ſehr koſtbar gehalten hatten, weil ſie nicht wußten daß es von gewöhnlicher Maſſe war. Was, nicht von Gold?“ fragten ſie; „wovon iſt es denn? 8* Caſanova. Wird in einer Kirche wie die iſt, ſo ſchön, ſo reich, wird da etwas Andres als Gold⸗ und Silber⸗Geräth zu finden ſein?“ „Na, wenn's nicht iſt, können wir's nicht ändern!“ rief der Hauptmann; „ſo werfen wir das liebe Gut nächſter Tage auf die Heerſtraße, und wer's dort findet, mag's dem lieben Gott wieder zuſtellen und ihn an unſrer Statt um Verzeihung bitten, daß wir ſo frei geweſen ſind... Aber das?“ fragte der Hauptmann, ein neues Stück hervorlangend. „Die Monſtranz hier?“ antwortete Caſanova; „ſe iſt von Halbſilber und viel ſchlechter als das Silber zu den Scheide⸗ münzen. .. werft ſie mit dem Leuchter wohin Ihr wollt. ..“ „Da haben wir uns doch geplagt!“ eiferten die Uebrigen; „und am Ende iſt' nichts; s iſt ſo gut als hätten wir eine Seifenblaſe in die Hand genommen und die zerginge nun auf einmal!“ Es kamen noch mehr derartige Gegenſtände zum Vor⸗ ſchein, welche aber alle geringern Werth hatten als die un⸗ rechtmäßigen Eigenthümer derſelben glaubten. Sie waren wie aus den Wolken gefallen, als ſie ihre eingebildeten Schätze vor ihren Augen gleichſam zu Waſſer werden ſahen. Der Hauptmann ſelbſt wurde ärgerlich, daß er ſich ſo getäuſcht hatte, und ließ das fernere Vorzeigen gern unterwegs. „Ruft die andern Canaillen wieder!“ befahl er einem ſeiner ſchwarzgebräunten Helfershelfer; „wenn nichts darzn iſt — — Begebenheiten eines Weltmannes. 127 verlohnt ſich's nicht weiter der Mühe daß wir uns mit dem Bettel behelligen!“ „Welche Zeit mag's eben wohl ſein?“ fragte der Falke, welcher ſich ſichtlich langweilte. „Ihr wollt doch nicht ſchon fort?“ fragten mehrere Stim⸗ men dagegen. „Allerdings; denn ich möchte gern aus den diesſeitigen Landen hinaus, weil ſie mir hier ſtark auf der Fährte find!“ rief der Wildſchütz. „Ach, dummes Zeug! Auf der Fährte ſuv!“ nahm der Hauptmann das Wort; „mir ſind ſie's auch und mehr als Dir! Sie haben hundert Goldſtücke auf meinen Kopf geſetzt, und es hat ſie doch keiner verdienen mögen! Meine Leute ſind aber auch wackere Kerls,“ fuhr er mit erzwungener Zuverſicht⸗ lichteit fort, was man ihm anmerkte und was weder Caſa⸗ nova noch der Falke überſah, „ja, ſtraf' mich Gott, ich glaube die alten Perrückenſtöcke könnten auf mich den Preis ſetzen, daß der, welcher mich verriethe, ſtraflos ſein und ein Rittergut nebſt dem ſchönſten Edelfräulein bekommen ſollte, und einer meiner Burſche könnte es wiſſen, ganz gewiß wiſſen, daß er dieſen Preis ohne die geringſte Gefahr ſicher erreichen würde, bei allen Teufeln der Hölle, er nähme das Anerbieten nicht an und träte den fürſtlichen Brief, welcher es ihm machte, 118 Caſanova. mit ſeinen Füßen in den Straßenkoth. Nicht wahr, ſolche Kerle ſeid Ihr?“ „Ja wohl, ja wohl, hol' uns der und jener!“ ſtimmte das Chor in ſchlecht geläufigem Uniſono an, „ſo ſind wir, das thäten wir. .. wenn's Noth hätte!“ ſetzte einer, der länger aushielt als die andern, hinzu. „Nun, ich will auch Euer getreuer Hauptmann bleiben,“ nahm dieſer wieder das Wort, „bis mich der Tod entweder von meinem ſchweren Poſten ruft oder ſich ein Andrer findet, welcher dieſem Aute beſſer gewachſen iſt als ich.“ Ein bedeutungsvoller Blick fiel jetzt auf den Falken, welcher ſchon wußte wohinaus die ganze Geſchichte wollte. „Ja, ja,“ ſagte der Letztere trocken und als hätte er die Anſpielung gar nicht verſtanden, „es find das nun ſolche Ge⸗ ſchichten. . .“ „Und wann ſieht man Dich denn einmal wieder, da Du doch jetzt in's Ausland gehen und nicht im Lande bleiben und Dich redlich nähren willſt?“ fragte der Stoßvogel jetzt an den Falken herantretend. „Das kann ſich gar bald machen... ſobald die Luft nur einigermaßen rein iſt. ..“ „Und der da reiſt mit Dir?“ fragte der Andre weiter auf Caſanova deutend. „Reiſ't mit mir, weil es ihm geht gerade wie mir.“ Begebenheiten eines Weltmannes. 119 „Verträgt ſich auch nicht gut mit der hohen Obrigkeit?“ „Auch nicht gut, ſo iſt's!“ „Eigne Paſſion das! Mir geht's ſchier ebenſo! Sieh aber, ich bleibe doch hier, um meinen ſchönen Leichnam einem inländiſchen Galgen nicht zu entziehen.. .“ „Noch eine eignere Paſſion, nur meine nicht,“ ent⸗ gegnete der Falke; „aber Kinder, jetzt müſſen wir aufbrechen, ſonſt kommen wir zu ſpät an die Grenze, und wer weiß welche Fallen ſie uns geſtellt haben, wenn wir ihnen ſaumſeliger Weiſe zu lange Zeit dazu gelaſſen haben.“ „Nun, wenn Ihr nicht anders wollt und durchaus nicht— anders wollt, ſo können wir Euch freilich nicht länger aufhal⸗ ten,“ nahm der Hauptmann das Wort; „wir hätten Euch gern länger, noch lieber ganz unter uns behalten. . . Ihr hättet mit uns ſchmauſen und jubiliren ſollen nach Herzensluſt. .. Doch geht in Gottes Namen, und wer von Euch zuerſt wieder in dieſe Gegend kommt, der ſpreche bei uns ein!“ Die Umſtehenden hörten dieſe Rede mit Erſtaunen in den Geſichtern an; nur ein Frauenzimmer war untröſtlich, die arme Bertha, welche hier zurückbleiben mußte und doch ſo gern mit dem Manne, der in ſo kurzer Friſt ihr ganzes Herz ge⸗ wonnen hatte, in die freie helle Gotteswelt hinausgezogen wäre. Jammernd klammerte ſie ſich an ihn an, wollte nicht von ihm 120 Caſanova. laſſen und bat ihn flehentlich hier zu bleiben oder ſie mitzu⸗ nehmen. „Das geht nicht; keins von Beidem geht!“ raunte er ihr zu; „und nimm Dich zuſammen, damit das Letzte niemand hört, ſonſt könnte Dir's übel bekommen!“ Während er ſo mit ihr ſprach, zog er einen goldnen Ring aus der Taſche und ließ ihr denſelben in den Buſen gleiten. Sie fühlte danach, was das für ein Gegenſtand wäre, der ihr ſo auf der Haut kältete. „Ein Ring iſt's!“ ſagte er leiſe wie oben; „behalte ihn und trag' ihn mir zum Angedenken!“ Immer an ihm hängend hatte ſie ihn bis zum Ausgange begleitet. Er trat neben den Falken auf den Verſenkungs⸗ apparat, welcher herabgelaſſen worden war. Ein Druck und ein Ruck, die Platte hob ſich und vor dem thränenumſchleier⸗ ten Auge des halb ohnmächtigen Weibes verſchwand der theure WMann, um fortan im hellen Sonnenlichte weiter zu wandeln, während ſie einſam mitten unter dieſen Menſchen ihr Daſein in dunkler Nacht verjammern mußte. Im Aufwärtsſteigen warf Caſanova noch einen Blick niederwärts; er ſah die Arme ſtehen, die ihm nachſchaute wie ein Wenſch aus einer Erden⸗ nacht einem verklärten Engel, der vor ſeinen ſehenden Augen zu ſeiner lichten Himmelsheimath in die Höhe ſteigt; es wurde ihm bei dieſem Anblicke weich um's Herz und er fühlte, daß Begebenheiten eines Weltmannes. 121 ihm die Thränen kommen wollten ... er riß das Auge gewalt⸗ ſam von der trauernden Geſtalt los, ſchaute aufwärts und dachte an die Sonne, deren Licht er ſeit geſtern nicht hatte ſcheinen ſehen. Die Platte, welche beide Männer trug, fügte ſich in den Boden, es ſchnappte unter ihren Füßen und die Platte war wieder feſt. „Nun, komm vorwärts!“ rief der Falke; „Gott ſei Dank daß wir wieder hier ſind!“ „Ja, Gott ſei Dank!“ antwortete der Andre. Sie ſchritten den gewölbten Gang hinaus und kamen bald an den hellen Tagesſchein, der ſie anfänglich freilich blendete. So wanderten ſie bis ſpät Abends weiter, immer im Walde fort; endlich kamen ſie an einen einſamen Weiler, wo ein Köhler ſeine Kohlen brannte. Hier machten ſie Halt; ſie hofften und fanden eine freund⸗ liche Aufnahme bei dem einfachen Manne, welcher ihnen von Herzen gern zukommen ließ, was ſeine auf die natürlichſten Bedürfniſſe berechneten Vorräthe hergaben. Gruchſtück aus dem Tagebuche Caſanova's). „Ach, wüßteſt Du, mein lieber Kohlenbrenner, wie ich jetzt an Dich denke! Du aber biſt weit in Deinem tiefen Wald verſteckt und erinnerſt Dich vielleicht bloß in müßigen Minuten Caſanova. an jenen Wandersmann, der einſt müde bis zum Tode an Deinen Weiler kam und welchen Deine roſenrothe Tochter ge⸗ führt brachte, damit ihn der Vater aufnähme und ihm über Nacht ein gaſtliches Quartier gewährte. Ja ja, wir kamen, und ich ſchlief bei Euch, und ich blieb den andern Tag auch noch bei Euch. .. Und wir ſelbdritt, wir haben auch mit⸗ ten in den Tannenwald hinein eine junge Eiche gepflanzt und ringsum wilde Roſenſtöcke. Steht die Eiche noch und blühen die Roſenſtöcke noch am ſchwarzen Bergbache?. .. Und Du, lebendige Blume, wie Du einſt an Deines Freundes Seite gingſt und ahnungsvoll die dunkeln Föhren rauſchen hörteſt — blühſt Du noch und denkſt Du noch an ihn, dem, wie Du ſchwureſt, Dein Herz zugeflogen war, ſobald ihn Deine Augen erblickt hatten? Fern iſt er jetzt von Euch, denn der Wellenſchlag des Zeitenſtromes hat ihn faſt bis an's andre Ufer geſpült, aber ſeine Gedanken kommen wie Liebesboten aus der Ferne herangegangen, ſie klopfen an Eure Thür und wollen ſich erkundigen, wie es um Euch ſteht.“ Dieſe Herzensergießungen, welche freilich aus ſpäterer Zeit ſtammen, laſſen deutlich genug errathen, weshalb Caſanova damals ſich von ſeinem bisherigen Gefährten trennte und läàn⸗ gere Zeit in der Einſamkeit des Waldes blieb. Er ſchien von der Erde verſchwunden zu ſein, wenigſtens erfuhren ſeine Freunde und diejenigen, welche ſich ſonſt für ihn intereſſirten, trotz aller ein⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 123 gezogenen Erkundigungen nicht, wo er ſich verſteckt hielt. Es hieß er wäre geſtorben; noch Andre behaupteten, er hätte ſich in einem Anfalle ſeiner ſonderbaren Laune ſelbſt entleibt; Viele wollten wiſſen, daß er ſich als Einſiedler mitten in einem katho⸗ liſchen Lande etablirt hätte und große Wunder verrichtete, wo⸗ ran ſich die dortige Chriſtenheit männiglich erbaute: kurz die widerſprechendſten Gerüchte über ihn waren im Umlaufe; keins aber traf das Rechte. Viertes Capitel. Im Schatten ſah ich Ein Blümchen ſtehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Aeuglein ſchön. 5 Göthe. Die Waldidylle. Wihrend ſich die Leute in der großen Welt die Köpfe über das räthſelhafte Verſchwinden eines Menſchen zerbrachen, für welchen ſie ſich mehr intereſſirten als er für ſie, lebte dieſer ganz ruhig und heiter eine glückliche Zeit durch, welche er ſpä⸗ ter nur zu oft zurückwünſchte. inter ſich hatte er gelaſſen, was das Leben der Menſchen Unnatürliches und Gezwungenes hat; alle Schranken der Convenienz hatte er geſprengt, an der Schwelle dieſes grünen Naturtempels hatte der Pilger die Schuhe ausgezogen, die unreinen Kleider von ſich gethan und trat nun mit offenem empfänglichem Herzen vor den Altar hin, aus wel⸗ chem die Lebensquelle hervorſtrömte. Weit, weit weg von der Hütte führte die Heerſtraße durch den Wald, und die Gegend, wo ſich unſer Zugvogel jetzt nie⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 125 dergelaſſen hatte, glich einem verſteckten Winkel des Meeres, von welchem aus man die häufig beſuchte Waſſerſtraße, auf der die Kauffahrer daherkommen, nur wie eine dunkle Linie erkennen kann. Mühſam mochte ſich der Fuhrmann mit ſeinem knarrenden Wagen weiter placken, langſam der Wanderburſche ſich mit ſeiner Laſt auf dem Rücken vorwärts ſchleppen und aus langer Weile ein Lied dazu fingen — an das Ohr Ca⸗ ſanova's ſchlug kaum der Schatten eines fernen Nachhalles von alle dem. 6 Wie das Waldthal, in welchem er ſich aufhielt, gleich einem köſtlichen Bruchſtücke in den Wald eingelegt zu ſein ſchien, ſo war auch die Spanne Zeit, welche er hier verlebte, ein liebliches Bildchen, das in ſein Leben eingefügt war. Es war eine köſtliche Idhlle, an die er ſpäter öfter noch mit gro⸗ ßer Vorliebe zurückdachte. Ein ſchmaler Fußpfad ſchlängelte ſich vom höchſten Gipfel des Bergrückens in mannigfachen Windungen hinunter in ein weites Waldthal, deſſen tiefſte Niederung eine ebene Fläche bildete. Hier ſtanden ſparſame Bäume, ein ziemlich großer Raum war bloß mit jungem Buſchwerk überwachſen, eine Stelle war völlig kahl raſirt, denn die Art des Kohlenbrenners hatte hier die Bäume gefällt und ſie, in Kohlen verwandelt, nach dem großen Markte des Lebens geführt, wo man für Silber und Gold alle Herrlichkeiten dieſer Erde zu verſchachern pflegt. ₰ Caſanova. Dieſer freie Platz lehnte ſich mit der einen Seite an den Berg, welcher ſanft emporſtieg; unter drei mächtigen Eichen war eine niedliche Hütte gebaut, und die Bäume ſtreckken ihre dichtbe⸗ laubten Aeſte wie ein gewaltiges Schirmdach über die Woh⸗ nung des Friedens aus, in welcher neben der Armuth das lück und die Zufriedenheit wohnten. Nach Norden wurde das Thal immer enger, bis es zuletzt in dem Berge aufging, welcher es von dieſer Seite wie eine ſchroffe Steinwand begrenzte; nach Süden zu fiel es dagegen immer tiefer und tiefer ab — der Waldberg lag über dem flachen Lande, welches von dieſer Seite die Grenze bildete, wie eine grüne Waſſerwoge, welche feſt geronnen iſt. Die ganze Gegend glich einer gewaltigen Scenerie auf einem Thea⸗ ter, welche der große Decorationsmaler, der die Couliſſen vor⸗ und hintereinander ſchiebt, wie ſie zu den jedesmaligen Scenen ſich ſchicken, in großartigem Ebenmaße ausgeführt hatte. Die Farbentöne waren einfach, aber zugleich die reinen Grundtöne der Natur, welche um ſo gewaltiger zum Herzen ſprechen, je ein⸗ facher und lauterer ſie find. unterſten Kante auf den grünen Boden auftraf, kam ein klarer Quell hervor; plötzlich kam er armſtark an das Tageslicht ge⸗ ſprungen, als hätte man hier eine Ader des Erdkörpers ge⸗ troffen, alis deren Oeffnung das Blut nun herausſtrömte. Das Aus den nördlichen Bergwand, da wo dieſelbe mit ihrer Begebenheiten eines Weltmannes. 127 Waſſer war hell und friſch und drängte ſich raſch durch das grüne Gras an der Köhlerhütte vorüber, bis es ſich in der Ferne verlor. An dem Abend, an welchem die beiden Wanderer den Bergpfad herunterſtiegen, ſaßen die Bewohner des einſamen Hauſes, ein bejahrter Mann und ein Mädchen, ſchön wie das Traumgebilde eines Engels, beiſammen in der Stube — der Mann war müde von der Arbeit, welche er den Tag über ver⸗ richtet hatte, die Dirne ſpann Flachs auf dem Spinnrade, welches ihr der Vater ſelbſt gemacht und zu ihrem letzten Ge⸗ burtstage geſchenkt hatte. Ein mattes Licht ſchien durch das Fenſter in die dunkle Nacht heraus; es flimmerte hin und her, wie ein Sternenfunke, der einſam am hohen Himmel ſteht und in die Nacht herunterblickt. Als jene Beiden näher kamen, ſchlug ein Hund an; die heiſere Stimme des wachſamen Thieres wurde lauter und hef⸗ tiger, und der Kohlenbrenner ſteckte, ſobald er dieſen Wächter⸗ ruf vernommen hatte, ſeinen Kopf zum Fenſter heraus, indem er in die Finſterniß hinein fragte ob jemand in der Nähe wäre.. „Ja wohl!“ antwortete der Wildſchütz hierauf; „zwei fremde Männer ſind's, welche Dich um ein Obdach bitten, guter Freund!“ „Dann kommt nur herein!“ rief der Andre; „Marianka, leuchte doch und mach' auf!“ hörte man ihn in der Stube 128 Caſanova. ſagen, worauf das Licht vom Tiſche verſchwand und durch das Fenſter ſchimmerte, welches über der Hausthüre angebracht war. Der Hund lärmte entſetzlich, als er die Fremden immer näher kommen ſah; er riß wüthend an ſeiner Kette herum; das Mädchen, welches jetzt mit der Lampe in der Hand her⸗ ausgetreten war, mußte das Thier nachdrücklich zur Ruhe ver⸗ weiſen, ehe es ſich wieder zufrieden gab. Dieſes Mädchen aber ſetzte die Sinne des einen Ankömm⸗ lings in nicht geringe Bewegung; er zitterte als er die zarte Engelgeſtalt unter der Thüre erblickte und wußte nicht wie ihm geſchehen war. Sie war ſchlank gewachſen wie eine zunge Tanne, aber wie zart und geſchmeidig ſie auch ausſah, ſo ver⸗ mißde man doch keineswegs jene Fülle und Kraft an ihr, welche ihrer Schönheit erſt den wahren Reiz verliehen. Ihr rabenſchwarzes Haar hing in zwei langen Flechten den Rücken herunter; es glänzte wie ſchwarzgefärbtes Elfen⸗ hein. Die Stirn war eher ſchmal zu nennen als breit, aber unter den vollen ſchwarzen Augenbrauen funkelten zwei Sterne, deren Strahlen jeden andern Blick verſengen zu müſſen und im Dunkeln zu leuchten ſchienen. Nur die Naſe war bei dem erſten Anblicke etwas über das Verhältniß groß; ſah man in⸗ deſſen länger in das Geſicht, ſo fiel dieſes Uebermaß nicht mehr ſo ſtark in die Augen, ja man gewöhnte ſich ſo daran, daß man jede Linie breit ungern vermißt haben würde, welche ein ——— Begebenheiten eines Weltmannes. 129 verbeſſerungsſüchtiger Maler der Natur etwa abzuzwacken ſich unterſtanden hätte. Der Mund war klein, die Lippen ſcharf geſchnitten und das Kinn vollkommen ausgebildet. Im Gan⸗ zen war das Geſicht des Mädchens ein vollkommnes Oval, eher hager als fett und ein auf kleinerem Raume ausgeführtes Ab⸗ bild des ganzen übrigen Körpers. Das rothe Halstuch bedeckte den Hals, das knapp anliegende Mieder verſchloß den Buſen, ließ aber die Fülle ahnen, welche es neidiſch verbarg; ein langes Kleid von dunklem Wollenzeuge verhüllte den übrigen Körper. In der linken Hand die Lampe haltend und mit der rech⸗ ten die Klinke der geöffneten Thür, ſtand das Mädchen da und leuchtete vorſichtig, daß der Luftzug die Flamme nicht etwa ausblieſe, in die Nacht hinaus. Den einen Fuß hatte ſie etwas vorwärts und über die Schwelle hinaus geſetzt; aufmerkſam ſpähte ſie nach allen Seiten umher, ob ſie die Fremden etwa entdecken könnte. „Guten Abend, guten Abend!“ riefen ihr zwei Stimmen zu und in demſelben Augenblicke wurden auch die beiden Män⸗ ner ſichtbar, welche die Gaftfreiheit der Waldbewohner in An⸗ ſpruch nehmen wollten. „Guten Abend!“ erwiederte die Dirne, welche die Augen niederſchlug, fobald ſie Caſanova's anſichtig wurde, gerade als hätte ſie in dieſem Momente eine Vorahnung von den Caſanova IIMI. 9 130 Caſanova. Gefühlen gehabt, welche ſpäter für dieſen Fremdling in ihrem Herzen lebendig werden ſollten. Sie ſchloß die Thüre hinter ihren Gäſten wieder zu, ſo⸗ bald dieſelben die Schwelle überſchritten hatten und in's Haus getreten waren; dieſes Geſchäft kam ihr ſehr gelegen, denn ſo konnte ſie wenigſtens einigermaßen ihre Verwirrung bemänteln. „Nimm's nicht übel, liebes Herz!“ redete ſie der Wild⸗ ſchütz mit ſeiner rauhen Stimme treuherzig an; „nimm's nicht übel, wenn wir Euch beläſtigen, aber Noth bricht Eiſen und hier iſt weit und breit kein Obdach zu finden.“ Der Köhler hatte die Stubenthür indeſſen geöffnet und lud ſeine Gäſte ein hereinzutreten. Dieſe ließen ſich, müde wie ſie waren, nicht lange nöthigen; ſie ſetzten ſich, nachdem ſie abgelegt hatten was ſie trugen, nieder und machten ſich's vor der Hand ſo bequem als möglich, das heißt hier mit an⸗ dern Worten, ſie entledigten ſich des Schuhwerkes und ſteckten ihre brennenden Füße in weite bequeme Binſenpantoffeln, welche der Kohlenbrenner ſeklbſt geflochten und ſeine Tochter eben aus der Ecke hervorgeholt hatte, wo die Garderobe war; dann ent⸗ ledigten ſie ſich der übrigen Kleider, ſoweit es der Anſtand erlaubte, und Caſanova fuhr in einen weiten Pelz, während ſein Begleiter ſich mit einem Kittel von grobem Linnen be⸗ gnügte, das noch ſeine Naturfarbe hatte. Auf Geheiß ihres Vaters trug das Mädchen ein einfaches Begebenheiten eines Weltmannes. 131 Abendbrod auf; es waren drei Teller, welche ſie nebeneinander auf den Tiſch hinſtellte; der eine davon enthielt Butter, der zweite Käſe und der dritte Beeren, welche der Wald geliefert hatte; das Brod lag auf dem bloßen Tiſche; übrigens aber kam noch ein hölzernes Salzfaß und ein Krug mit friſchem Waſſer zu dieſen Geſchenken der reinen Natur, und der frei⸗ gebige Wirth forderte ſeine Gäſte auf zuzulangen. Unter mannigfachen Geſprächen verſtrich die Zeit, man wußte ſelbſt nicht wohin ſie kam. Der Kohlenbrenner erzählte was er von ſeinem Walde wußte, wunderſame Geſchichten von dem nächtlichen Tanze der Elfen, die ihre Hemden im Mond⸗. ſcheine bleichen ſollten; er wollte es ſelbſt geſehen haben und ließ es es ſich nicht ausreden, daß dieſe luftigen Geſtalten all⸗ nächtlich dort wo der Kreuzweg wäre, nämlich nicht weit von der Quelle gen Norden ihre Reigen aufführten. Auch eine leiſe Muſik von ſonderbarem Klange wollte er einmal gehört haben; da er näher gekommen, hätten die Töne geſchwie⸗ gen bis er weit genug geweſen wäre, um nichts mehr ſehen und verrathen zu können. Die beiden Fremden hielten nun zwar nicht viel, der eine vielmehr gar nichts von ſolchen Ge⸗ ſchichten, indeſſen ſie ließen den Mann bei ſeinem Glauben und begnügten ſich einfach damit daß ſie ſtill ſchwiegen. Es hörte ſich ohnedies nicht übel an was er erzählte; eswas Kindliches lag in der ganzen Redweiſe dieſes Mannes und die Geſchichten 9* Caſanova. ſelbſt ſchienen dem geheimnißvollen Rauſchen des Waldes, wenn der Mond ſcheint und die leiſe Luft über ihn hinſtreicht, ab⸗ gelauſcht zu ſein. Das Mädchen hatte ſich mit ihrem Spinnrade in die Ecke geſetzt und hörte zu was geſprochen wurde, zumal dann war ſie ganz Ohr, wenn ihr Vater von den Nixen und Elfen, den Berg⸗ und Wäldgeiſtern ſprach; ſie hatte dieſen Glauben mit der Muttermilch eingeſogen und hielt ihn feſt als wenn das Heil ihrer Seele daran hinge. Endlich hatte der Stundenzeiger den Scheitelpunkt im Halbkreiſe der Nacht erreicht und trat ſomit den Weg an, wel⸗ cher bergunter dem Tage entgegenführte. Man war allerſeits herzlich müde und ſehnte ſich nach Ruhe, zumal Falkner und Caſanova fühlten dieſes Bedürfniß, denn ſie hatten die letz⸗ ten Stunden tüchtig ausſchreiten müſſen, weil ſie nicht wußten wie weit fie noch bis zum nächſten Orte haben konnten, wo menſchliche Wohnungen und unter ihnen ein Obdach zu finden waren. Der Köhler führte ſeine Gäſte bis unter das Dach ſeiner niedrigen Hütte; hier war in einer Kammer das Lager bereitet, auf welchem die beiden Unbekannten ausruhen ſollten. Ein⸗ fach wie es der Wald hergab, beſtand dieſes Bette bloß aus einer Unterlage von weichem trockenem Mooſe, über welches Begebenheiten eines Weltmannes. 133 eine grobe Wolldecke ausgebreitet war, zwei andre Tücher von demſelben Stoffe waren zum Zudecken beſtimmt. Die Müden waren bald darüber mit ſich einig, wie ſich's hier am bequemſten ſchlafen ließe; ſie ſtreckten ſich ohne Um⸗ ſtände nebeneinander auf das Lager, und kaum war der Wirth, welcher ſie heraufgeleuchtet hatte, fünf Minuten fort, als ein ſanfter Schlummer ihre Augenlider zuſchloß. Wie erquickte dieſer Schlaf die ermatteten Glieder! Wie von Blei lagen die letztern auf der Moosſtreu, keins rückte, keins rührte ſich, nur der Athem, der ſich wie auf einem leicht ſchnarrenden Spinnrade in der Bruſt auf und nieder ſpann, verrieth, daß hier zwei lebendige, keine todten Menſchen neben⸗ eeeinander lagen. Der Morgen hatte ſchon lange einen weiten Lichtbogen über die Erde beſchrieben, die Vögel waren wach geworden und ſangen ihre Lieder bunt durcheinander, auch die Menſchen . hatten die verſchloſſenen Sinne wieder geöffnet, ſobald ſie das Klopfen des kommenden Tages an dieſen Fenſterläden gehört hatten, und ſahen nun mit hellen Blicken in die Welt hinaus, die ſich vor ihnen aufthat. Die beiden Fremden ſchliefen immer noch feſt auf ihrem Mooslager und der Kohlenbrenner, welcher gern an ſeine Arbeit gehen wollte, war vergeblich mehrmals in die Kammer gekommen, um jene zu wecken. Der Mann mußte gehen ohne ſie ſprechen zu können; aber er befahl ſeiner X Caſanova. Tochter, jedem von Beiden beim Abſchiede ein Stück Brod und Käſe mitzugeben und ihnen zu ſagen, wo ſie ihn bei ſei⸗ nem Weiler finden könnten. Mit dieſer Weiſung verließ er die Hütte. Endlich, endlich kamen die Langſchläfer herunter; ſie gähn⸗ ten und dehnten ſich noch, als wenn ſie ſich nicht recht aus dem Schlafe finden könnten. Das Mädchen war mit weiblicher Arbeit beſchäftigt und ging den beiden Männern entgegen, ſo⸗ bald dieſelben die Stubenthür öffneten. Sie war heute weni⸗ ger befangen als geſtern, und vor allen Dingen ſchien es der Wildſchütz Falkner zu ſein, welcher ihr Zutrauen gewonnen hatte, denn dieſem ſah ſie getroſt in's Geſicht, ſobald er eine Frage an ſie richtete, während ſie roth wurde und die Augen niederſchlug, ſobald der Gefährte deſſelben ſich auf gleiche Weiſe nähern wollte. Den Letztern verdroß dieſes Betragen anfänglich; da er jedoch näher über den möglichen Grund deſſelben nachdachte, zuckte ein Strahl der Freude durch ſein Herz. „Sie liebt Dich!“ ſagte er zu ſich ſelbſt; „ſie liebt Dich mit aller Gluth der erſten Liebe; dieſer Engel iſt Dein, ſobald Du ihn haben willſt!“ Dieſe verrätheriſche Röthe, welche ihre Wangen färbte, ſobald ſie wußte daß ſein Auge auf ihr ruhte, dieſes ſcheue Zurückziehen ihrer Blicke, wenn ſie damit auf die ſeinigen traf⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 131 das leiſe Beben der Stimme, dies alles waren Merkmale, welche deutlicher redeten als Worte gekonnt hätten. Sie mochte ihm etwas Aehnliches anfühlen als das war, was ſie ſelbſt in ſich gewahrte; das ſchloß er aus dem glühenden Blicke, welchen ſie einmal von der Seite auf ihn heftete, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, das ſchloß er aus dem unwillkührlichen Freudenſchrecken, der ſie durchzuckte, wenn er ihr denſelben Blick zurückgab. Keins getraute ſich dem Andern nahe zu kommen, aus Furcht die Flamme möchte herausſchlagen und alle Schranken durch⸗ brechen. Falkner hatte ſich, ohne weiter auf das heimliche Ge⸗ berdenſpiel der beiden Liebenden zu achten, die friſche Ziegen⸗ milch trefflich munden laſſen, welche Marianka als Frühſtück auf den Tiſch gebracht hatte; er aß ein großes Stück Brod, das er in ſeine Milch brockte und darin aufweichen ließ, bis auf den letzten Biſſen, dann zog er ſich gemächlich an. „Meines Bleibens iſt nicht länger hier zu Lande,“ rief er über dem Anziehen aus, „ſo gern ich auch hier bliebe; ich weiß nicht wer mir's angethan hat, aber es will mich ſchier feſthalten als wäre mir das Herz angenietet.“ Caſanova antwortete nicht, ſondern ſann nach einem Auswege, wie er ſich mit guter Manier von ſeinem bisherigen Reiſegeſellſchafter trennen und hier zurückbleiben könnte. End⸗ lich glaubte er einen ſolchen gefunden zu haben. Caſanova. Er ſtand ſtillſchweigend auf und ging hinaus; kaum aber hatte er einige Schritte gethan, ſo gleitete er aus und hinkte zurück, als ob er ſich das Beingelenk vertreten hätte. „Schöne Geſchichte das!“ rief Falkner, als er den Kameraden auf dieſe Weiſe zurückkommen ſah; „werde hier bleiben müſſen, und ſie ſfind mir überall auf der Fährte!“ „Ach, liebſter Himmel, iſt's ſchlimm?“ fragte Marianka angſtvoll herbeiſtürzend den Verunglückten. „Eine leichte Verſtauchung wahrſcheinlich, die ſich in kur⸗ zer Zeit ſchon heben wird,“ antwortete der Hinkende mit be⸗ deutungsvollem Lächeln; „und Du, mein Freund,“ wendete er ſich an den Schützen, „laß Dich meinetwegen ja nicht halten, ich vermuthe ſchon was Dich treibt.. . laß mich hier; ſobald ich wieder gehörig fortkann, will ich mich ſchon allein auf den Weg machen.“ Nach langem Widerſtreben ließ ſich endlich Falkner be⸗ wegen, ſeinen Weg allein fortzuſetzen; er redete nur noch mit ſeinem zurückbleibenden Kameraden ab, wo dieſer ihn jenſeit der Grenze treffen ſollte, wenn er binnen einer gegebenen Friſt nachkäme und Luſt hätte ihn aufzuſuchen. Als der Mann fort war und ſich die beiden Liebesleute allein einander gegenüber ſahen, entſtand eine peinliche Stille, denn keins getraute ſich das Wort zu nehmen. Marianka trat an's Fenſter und ſah dem Abgehenden nach, bis er hinter den Büſchen verſchwun⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 5 387 den war; Caſanova ſaß auf ſeiner Pritſche und kämpfte anſcheinend mit ſeinem Schmerze, in der That aber lauſchte er mit allen ſeinen Sinnen auf jeden Athemzug des lieben Mädchens, deſſen Zutrauen er behutſam zu gewinnen hoffte. „Du biſt ſo ſchüchtern, liebes Kind,“ unterbrach er end⸗ lich dieſes Schweigen; „fürchteſt Du Dich vor mir? Dann ſag's, ich bitte Dich; denn Deine Ruhe iſt mir theuer und ich will lieber gehen und unter freiem Himmel campiren als daß ich Dir auch nur eine unruhige Minute bereite. ..“ „Ach nein,“ erwiederte ſie, „ich fürchte mich nicht; warum ſollt' ich mich denn fürchten?“ „Und doch biſt Du ſo ängſtlich und gepreßt!“ fuhr er fort; „komm doch her und gieb dem armen Fremdling, der eine Zuflucht bei Euch gefunden hat, Deine liebe Hand und ſieh ihn an, wie ſich's gehört wenn Zwei gute Freunde werden wollen. Willſt Du nicht?“ fragte er wieder, als ſie zögerte; „gut, Du willſt nicht, und nun iſt es doch wahr, Du verab⸗ ſcheuſt mich .. „Nein, wahrhaftig nicht!“ rief ſie mit Wärme und eilte ſogleich auf ihn zu; ſie nahm ſeine Hand in die ihrigen und drückte dieſelbe und ein unbeſchreiblicher Blick fiel in ſein Auge, bis derſelbe wie ein warmer Sonnenſtrahl allmählich darin erſtarb. „Es ſchmerzt wohl ſehr?“ fragte ſie erröthend, indem ſie 138 Caſanova. das ſtumme Zwiegeſpräch der Augen und der Hände auf dieſe Weiſe unterbrach und ihm eine andre Wendung gab; „ich will kühlende Kräuter holen, kaltes Waſſer. es ſoll ſich bald legen „Ach wenn es doch recht lange dauerte!“ entgegnete er; „auf dieſe Weiſe könnt' ich länger bei Dir ſein, wo ich ſo gern bin.. und bin ich wieder geſund, ſo muß ich ja fort. .. Haſt Du mich ein wenig lieb?“ „Ein ganz klein wenig!“ ſtotterte ſie und erröthete dazu wie mit Blut übergoſſen. Mehr konnte ſie aus lauter Ver⸗ wirrung nicht hervorbringen. „So ſetze Dich zu mir!“ ſagte er; „ſo, ſo, ganz hart an meine Seite mußt Du Dich ſchmiegen; das Fünkchen in Deinem Herzen wird ſich ſchon zu einer hellen Flamme anbla⸗ ſen wie die iſt, welche in dem meinigen brennt!“ Er zog ſie zu ſich nieder, preßte die ſchwach Widerſtre⸗ bende in ſeine Arme und an ſeine Bruſt, ein langer heißer Kuß brannte auf ihrer Stirne. Er hielt ſie lange in dieſer Stellung und ſie, nicht wiſſend wie ihr geſchah, duldete ſeine Liebkoſungen mit ſchweigender Ergebung. MWit einem Rucke aber riß ſie ſich aus der Umarmung des Fremdlings los, ehe ſich's dieſer verſah, hoch aufgerichtet wie ein zürnender Engel ſtand ſie da, ihr Auge flammte, ihre Wan⸗ gen brannten und ihre Lippen zuckten bebend voneinander. Begebenheiten eines Weltmannes. 139 „Was iſt Dir, Mädchen?“ rief er erſchrocken und hatte alle Mühe, ſeine ruhige Faſſung wenigſtens äußerlich zu be⸗ haupten; „Du ſtehſt ja vor mir wie eine erzürnte Gottheit; was willſt Du denn rächen mit den flammenden Schwertern, welche dem Freoler verderbendrohend aus Deinen Augen ent⸗ gegenleuchten?“ „Was ich rächen will?“ entgegnegte ſie, „was ich rächen will, fragſt Du? Das gebrochene Herz in meiner Bruſt will ich rächen, wenn Du meine Liebe verrathen haſt...“ „Und wie kommt Dir dieſer Gedanke?“ erwiederte er; „dieſer Gedanke in ſolch einem Augenblicke des ſeligſten Rau⸗ ſches?“ „Wie mir dieſer Gedanke kommt?“ rief ſie träumeriſch, als ob ſie ſich auf ſich ſelbſt erſt beſinnen müßte; „ja er fuhr mir durch die Seele wie ein leuchtender Blitz, der ſchneller als die Augen ſehen können durch den weiten Himmel fliegt; ſo kam es über mich, ſo zuckte es durch mein Innres. nun iſt's vorbei und ich bin wieder ruhig.“ „Und bleibe ruhig, liebe Freundin!“ ſagte er, um die Aufregung ihrer Seele zu beſänftigen. „Es ſollte mir leid thun, wenn der Gram und der Argwohn Deine Wangen bleich⸗ ten, ehe die Zeit es gethan hat. Sieh, wenn ich nun bei Dir bliebe, das ganze Leben hier in dieſem Walde bliebe und 140 Caſanova. mir eine Hütte baute, wie die Hütte Deines Vaters da, wäre Dir das recht?“ „Was könnte ich dagegen haben?“ gab ſie ihm zur Ant⸗ wort; „der Wald iſt für jedermann frei, der ſeinen Grund⸗ zins bezahlt; den Grundzins bekommt die Kammer, und wer ihn gegeben hat, darf Kohlen brennen ſoviel er will.“ „Und meine Hütte wäre nicht weit von der Eurigen,“ fuhr er fort, ohne ſonderlich auf die Notiz Acht zu haben, welche Marianka gegeben hatte, „und Du kämſt alle Tage herüber zu mir und ich brächte Dich den Abend nach Hauſe zu Dei⸗ nem guten Vater, Du würdeſt mir mit der Zeit von ganzem Herzen gut wie ich Dir bin, ich nähme Dich zu meiner kleinen Frau und Dein Vater zöge zu uns. .. wäre das nicht ein Leben wie im Himmel?“ „Schön wäre es, ſchön!“ rief ſie haſtig dazwiſchen, ohne daß ſie recht überlegt hatte was ſie zu ſagen im Begriff ſtand; „ach ja, wunderſchön.. wenn alles dann auch wirklich ſo aus⸗ ſähe wie es jetzt klingt. ..“ „Und weshalb ſoll es nicht tauſendmal ſchöner ausſehen, kleine Zweiflerin mit Deinen hunderterlei Bedenklichkeiten?“ unterbrach er ſie; „Du trauſt mir immer noch nicht über den Weg, und doch, das ſchwöre ich Dir mit jedem Eide zu, den Du verlangen kannſt, doch bin ich der beſte Freund, den Du unter der Sonne finden kannſt... Begebenheiten eines Weltmannes. 141 „Aber wollen wir denn gar nichts am Fuße thun?“ fragte ſie um abzulenken, was ihr vorhin ſchon nicht hatte ge⸗ lingen wollen; „es tritt am Ende Geſchwulſt und Brand dazu . „Ach, ſei unbeſorgt, Du liebes gutes Kind!“ wröſtete er ſie in ihrer ſcheinbaren Angſt; „es wird von ſelbſt wieder gut; ich brauche mich nur drei oder vier Tage ruhig zu halten, um völlig wieder hergeſtellt zu ſein.“ „Was kommt dort für ein Mann auf das Haus zu?“ rief das Mädchen, welches zufällig durch das Fenſter geſehen und wirklich jemanden erblickt hatte, welcher bewaffnet wie er war auf die Köhlerhütte zugegangen kam. Der Geliebte, wel⸗ chen ſie im Stillen ſchon anbetete wie einen Abgott, ſtand bei dieſem Ausrufe auf und ging, ſeine Rolle als Patient ganz vergeſſend, nach dem Fenſter, um nachzuſehen wer der Ankom⸗ mende ſein möchte. Kaum hatte er einen Blick hinausgewor⸗ fen und den Mann erkannt, als er auch den Augenblick zu⸗ rücktrat und mit ſichtbarer Angſt das Mädchen bat, ſie möchte ihn verſtecken und ſeine Anweſenheit verleugnen. „Aber, was haſt Du gethan, daß Du Dich verſtecken mußt?“ fragte ſie angſtooll; „mir wird nicht wohl zu Muthe, und ich kann Dich doch nicht verdammen, denn das Herz ſagt nein dazu. „Verbirg mich, wo Du mich für ſicher hältſt!““ unterbrach 142 Caſanova. er ſie; „es hat Eile! Bei Hofe iſt man mir nicht gewogen; das kann Einem ſchon paſſiren, auch wenn man der beſte Menſch von der Welt iſt, und dort kommt Einer, den ich von wei⸗ tem ſchon an den Federn kenne. . .“ In der Schnelligkeit riß Marianka eine Thür auf, welche ganz verſteckt im Hintergrunde der Stube angebracht war und in eine Art von Verſchlag führte. Durch dieſe ſchob ſie den Mann hinaus und ermahnte ihn ſich ſtill zu halten. Eine Leiter führte auf ein kleines Bödchen, wie ſie ſagte, da⸗ hin ſollte er ſich flüchten und die Leiter nachziehen. Statt der letztern Weiſung zu folgen blieb er jedoch hinter der zugemachten Thüre ſtehen und legte das Ohr lauſchend an eine Ritze, um zu erhorchen was der Bewaffnete wollte. Letzterer ließ nicht lange auf ſich warten. Die Thüre wurde aufgeriſſen und ein langer vierſchrötiger Mann mit mächtigem Bartwuchſe, wovon faſt das ganze Ge⸗ ſicht überſchattet wurde, kam hereingetreten. Ohne erſt zu grü⸗ ßen begann er ſogleich ſein Verhör mit der zitternden Jung⸗ frau anzuſtellen, die ihm denn auch antwortete, ſo gut ſie es in ihrer Verwirrung zu thun im Stande war. „Sind nicht zwei Männer hier vorbeigekommen?“ fragte er mit barſcher Stimme; „der eine wie ein Bauer, der andre wie ein Jäger gekleidet? He, was iſt das? Du zitterſt ja am Begebenheiten eines Weltmannes. 143 ganzen Leibe, Dirne? Das iſt das böſe Gewiſſen. .. heraus mit der Sprache, wo habt Ihr ſie verſteckt?“ „Wenn man mir auch ſo kommt!“ entgegnete ſie, indem ſie allen Muth zuſammennahm; „ich bin allein im Haufe, weil mein Vater bei ſeinem Weiler ſein muß... und nicht einmal zu grüßen, wie ſich's für jeden Chriſtenmenſchen ſchi „Larifari das!“ unterbrach ſie der Geſtrenge mit ent⸗ ſchiedener Stimme; „ich will wiſſen ob zwei Männer, welche ausſahen wie ich oben ſagte, geſtern oder heute hier vorbei⸗ gekommen ſind oder nicht; haſt Du mich verſtanden?“ „Freilich hab' ich das,“ rief Marianka; „Ihr ſchreit ja laut genug, daß man Euch ſchon verſtehen muß!“ „Nun in's Teufels Namen, ſo antworte doch!“ ſchrie der Andre nur noch heftiger werdend; „begreiſt Du denn nicht daß Du antworten mußt, wenn ich wiſſen ſoll woran ich bin?“ „Nun ja, es ſind zwei Männer, die ſo ausſahen wie Ihr eben ſagtet, vorbeigekommen,“ ließ ſich die Geftagte mit ſi cht⸗ barem Aerger vernehmen, „und dort ſind ſie hinausgegangen, dort üher den Bergrücken; wenn Ihr gut beilegt, könnt Ihr ſie vielleicht vor Abend noch einholen, denn ſie ſchienen ſehr müde zu ſein.“ „Wo iſt Dein Mann?“ fragte der Andre weiter. „Ich habe ja keinen Mann,“ gab ihm die Jungfrau zurück. 144 Caſanova. „Gleichviel; ein Mann muß doch im Hauſe ſein; was wäre das für eine Wirthſchaft“ äußerte der Uniformirte barſch; „wo iſt Dein Vater oder Bruder oder wer ſonſt den Haus⸗ herrn ſpielt?“ „Dort geht dem Bache nach!“ antwortete jene und kehrte dem Fragenden trotzig den Rücken. Ohne ſich um dieſes Zei⸗ chen eines ganz beſondern Mißfallens weiter zu kümmern, ſchritt der Letztgenannte wieder zur Thüre hinaus, durch welche er hereingekommen war und verfehlte nicht das zu thun, was Leute der Art eben zu thun pflegen, ſobald ſie ungeſtraft grob ſein dürfen, er ſchlug die Thüre zu daß die Fenſter klirrten. Sobald die Luft wieder rein war, eilte Marianka zur Thüre des Verſteckes, in welches ſie den Geliebten hinausge⸗ ſchoben hatte. Sie riß dieſelbe auf, aber wie erſchrak ſie, als ſie jenen dicht dahinter ſtehen und immer noch horchen ſah, was in der Stube vorging. „Aber wenn er die Thüre öffnete?“ rief ſie aus; „was haſt Du gethan? Du konnteſt nieſen oder huſten müſſen, ſo waren wir verrathen!“ „Sei nicht ängſtlich, Liebe!“ antwortete er; „wie oft zieht die Wolke, die den Domnerſchlag in ihrem Schoße trägt, hart über den Gipfel des Berges und der Schlag trifft doch nicht. Und geſetzt den Fall, er hätte die Thüre aufgeriſſen, Begebenheiten eines Weltmannes. 145 ſo hätte ich ihn gepackt und würgen wollen bis er den Geiſt aufgegeben hätte.“ „Mann, mir graut vor Dir, und doch weiß ich nicht was mich in Deine Arme zieht!“ rief ſie ſich angſtvoll umblickend und ließ ſich von ihm mit ſanfter Gewalt hinaus in den halb⸗ geöffneten Alkoven ziehen, wo er ſie wiederholt an ſich preßte. „Er wird zu Deinem Vater gehen?“ fragte er hierauf weiter; „er wird ihn finden; nicht wahr, das wird er?“ „Freilich wird er das,“ ſprach ſte darauf. „Dann bin ich nicht mehr ſicher hier!“ rief er aus; „ich muß fort, auf der Stelle muß ich das Weite ſuchen, denn der argloſe Mann wird ihm ſagen was er weiß, ſeine Ausſage mird mit der Deinigen nicht übereinſtimmen, der Verdacht iſt da, man wird das Haus von unten bis oben umſtürzen, und findet man mich, ſo bin ich verloren...“ „Und hinaus darfſt Du nicht!“ entgegnete ſie; „Du kennſt die Wege nicht und möchteſt Deinen Feinden geradezu in die Hände laufen... O könnt' ich Dich retten, o wüßt' ich einen Ausweg; mein Leben ſetzte ich daran; nur Du, nur Du ſoll⸗ teſt es behalten!“ „Das wollteſt Du?“ fragte er liebeglühend; „wirklich das thäteſt Du?“ „Und könnt' ich denn anders?“ rief ſie unter lautem Weinen; „weißt Du denn nicht, daß ich das arme Leben gern Caſanova III. 10 146 Caſanova. tauſendmal für Dich hingäbe, wenn's auch nur wäre Dir eine Freude zu machen, als ob Du ein beſcheidenes Veilchen am Wege pflückteſt!“ Sie barg ihr glühendes Geſicht an ſeine Bruſt und klammerte ſich feſt an ihn an. „Doch ja,“ fuhr ſie nach einer längern Pauſe entſchloſſen fort, „jetzt weiß ich's, und nun iſt uns geholfen! Komm, aber fürchten darfſt Du Dich nicht! Ich fürchte mich ja auch nicht, und bin bloß ein ſchwaches Weib, welches die Liebe kühn gemacht hat! Komm, komm und laß Dich dahin führen, wo Dich niemand ſuchen ſoll!“ „Aber wohin denn?“ fragte er zögernd und als ob er ihren Worten nicht recht traute. „Kein Augenblick iſt zu verſäumen, wenn die Sachen ſtehen wie Du geſagt haſt!“ drängte ſie, indem ſie ihn bei der Hand mit ſich fortzog; „Dein Fuß iſt ja auf einmal wieder gut geworden! Verſtellſt Du Dich auch nicht und thuſt Dir etwa Schaden?“ Beide eilten nun haſtig aus der Hütte hinaus. Das Mädchen ging voraus und Caſanova folgte ſeiner Retterin⸗ Sie bogen auf einen wenig betretenen Bergpfad ein, wo die jungen Tannen immer dichter wurden. Sie mußten die Zweige zurückbiegen, wenn ſie vorwärts wollten, und Dorngebüſche rankten ſich zwiſchen den Bäumen empor und ſtarrten ihnen entgegen. Ohne darauf zu achten, führte Marianka den bedrohten Begebenheiten eines Weltmannes. 147 Liebling ihrer Seele vorwärts. Endlich kamen ſie bis vor eine ſchmale Höhle, vor der ein freier Grasplatz war, ſo daß die Sonne hineinſcheinen konnte. „Hier,“ ſagte das Mädchen, den Geliebten zu dem Ein⸗ gange führend, „hier bleibe bis ich wiederkomme; Eſſ en und Trinken will ich Dir alle Tage bringen.“ „Aber wird man mich hier nicht auch ſuchen?“ fragte er. „Hier gewiß nicht!“ tröſtete ſie ihn; „hier biſt Du vor Menſchen ſicher. Es geht die Sage, daß alle Mittage von eilf bis zwölf Uhr ein Geiſtlicher in der Tracht, wie man ſie zur Zeit der Schwedenkriege trug, ſich ſehen läßt, und wer dem in die Hände kommt, dem dreht er den Hals um ohne Er⸗ barmen; 's iſt ein böſer Geiſt, der nicht zur Ruhe kommen kann, bis er von jemandem erlöſtt wird, der dazu beſtimmt iſt. Geh nur nicht dorthin, wo die Beilchen blühen; dort kann er Dich erreichen; einen Köhlerknaben, der vor langen Jahren die Veilchen pflücken wollte, hat er auch erwürgt.“ „Das klingt ja grauſenvoll!“ gab ihr der Ungläubige zur Antwort; „hab' keine Angſt um mich und hüte Du Dich „Das will ich ſchon! Und jetzt leb' wohl!“ rief ſie zu⸗ rückeilend; „ſie dürfen mich im Hauſe nicht vermiſſen, wenn ſie etwa zurückkommen und nachſuchen wollen.“ Die Höhle, welche ſich Caſanova, nachdem das Mäd⸗ 10* Caſanova. chen ſich entfernt hatte, genauer betrachtete, war zu ar ſchmal, aber hell und hoch, die Wände waren von feſtem Urgeſtein und nur im Hintergrunde tropfte eine klebrige Maſſe herunter, welche ſich mit der Zeit zu den wunderlichſten Gebilden ver⸗ härtete. Sinnend ſtand er ſtill und betrachtete die ſeltſamen Figuren aufmerkſam; Thiergeſtalten wechſelten mit baumähn⸗ lichen und andern, die Fiſche oder Menſchen vorzuſtellen ſchie⸗ nen, ohne jedoch eins von beiden gänzlich zu ſein; er löſte ein Stück dieſer wunderbaren Moſaik ab und ging damit in's Freie, wo eben die helle Mittagsſonne ihren vollen Glanz her⸗ unterſtrömen ließ, und ſeine Verwunderung ſtieg nur noch mehr, als er die Entdeckung machte, daß es eine krhſtallhelle durch⸗ ſichtige Maſſe war, welche ſich zu dieſen Formen verhärtet hatte. „Nun, da wären wir ja denn in der wohlbeſtellteſten Einſiedelei!“ rief er aus, als er des Betrachtens müde war; „eine Höhle, wilde Beeren, alle Tage ein Stück ſchwärzes Brod, ſodann einen Krug voll Milch oder reines Waſſer, das 3 die Hand des Mitleides oder der Liebe reicht, auch die Schreck⸗ niſſe einer Einöde fehlen nicht. Der dunkle Föhrenwald mit ſeinem unheimlichen Rauſchen, welcher mir die Geheimniſſe von Jahrhunderten zuflüſtert; der einſame Geier, welcher hoch in den Lüften über meinem Haupte kreiſt... Und vor den Thü⸗ ren meiner grünen Burg ſchleichen die Häſcher, welche mit Begebenheiten eines Weltmannes. 149 geſpanntem Hahne lauern bis ſie den Moment erſehen, wo ſie die tödtliche Kugel auf mich abſchießen können... dann iſt wieder ein gequälter Geiſt vorhanden, welcher ſeine Ruhe nicht finden kann und darum allem Lebendigen, was ihm in die Hände kommt, den Tod geſchworen hat. Komm doch, Du böſes Geſpenſt! Es muß bald Mittag ſein, wo Deine Stunde ſchlägt,“ rief der Uebermüthige, indem er die Uhr zog und nach der Stunde ſah; „ja, ja, es iſt Mittag, und vielleicht nimmſt Du es nicht übel, wenn ich mich bis auf weiteres dort mitten unter die blauen Veilchen lege, die wie eine dichtge⸗ drängte Heerde ihre duftigen Lockenköpfchen im warmen Son⸗ nenſcheine hin und wieder neigen.“ Geſagt, gethan. Er ſtreckte ſich auf das ſonnigſte Plätz⸗ chen, welches von den dunkelblauen Blumen ſo dicht über⸗ ſä't war, daß es ausſah wie ein reichgewirktes Tuch, und blickte in die blaue Luft hinauf. Während er ſo dalag und an die nächſte Vergangenheit dachte, deren Bilder er vor ſeiner Seele vorüberziehen ließ, rauſchte es laut in den Zweigen; es war ein ſonderbarer Ton, wie er ihn noch nie gehört hatte. Das Entſetzen packte ihn, der bleiche Schrecken ſchüttelte ihn; er ſprang empor und mit einem Satze bis vor die Höhle, welche für die nächſte Zeit ſein Obdach abgeben ſollte. „Was war das?“ rief er zitternd, als er ſich hier wie⸗ 150 Caſanova. derfand; „find wirklich Geiſter im Spiele? Ich ſehe doch nichts!“ Eine Wolke, welche gerade über den Wald dahinzog, ließ ihren dunkeln Schatten herunterfallen. Der Frevler, welcher den Geiſt herausgefordert hatte, erſchrak nur noch mehr und zog ſich weiter in die Höhle zurück, immer nach vorwärts lu⸗ gend, ob der gefürchtete Geiſt bald kommen und ſeine unbarm⸗ herzigen Hände nach ihm ausſtrecken würde. Die Todesſtille, welche ringsum herrſchte, ſteigerte den Eindruck nur noch mehr; er konnte ſein Grauen kaum bemeiſtern. Endlich war die ge⸗ fürchtete Stunde vorüber und der Mann ſchöpfte wieder freier Athem. Wie er heraustrat, hörte er's in der Nähe huſten und in den Zweigen rauſchen, und noch nicht lange hatte er ge⸗ horcht, als er Marianka's anſichtig wurde, die mit einem Kruge und einem Päcktchen unter dem Arme ſich zwiſchen den Tannen hervordrängte. „Du lebſt noch!“ rief ſie freudig; „ach Gott ſei Dank, daß Du noch lebſt!“ „Faſt wär' ich geſtorben!“ erwiederte er mit erzwungener Heiterkeit; „ich wollte das Geſpenſt verſuchen und legte mich gerade dort unter die Veilchen — Du ſiehſt, ſie ſind noch zuſammengedrückt — da aber flog ein ſchwarzer Schatten über Begebenheiten eines Weltmannes. 151 die Scene und es rauſchte ſo unheimlich, daß ich aufſprang und bleich vor Schrecken in meine Höhle flüchtete. ..“ „Siehſt Du, hab' ich Dir's nicht geſagt?“ antwortete ſie ſchmollend; „aber ſo ſeid Ihr Alle; tollkühn ſtürzt Ihr Euch der Gefahr in die Arme und fragt nichts danach, wenn auch ein armes Mädchenherz, das unauflöslich an Euch hängt, mit dem Eurigen zugleich bricht...“ „Hat man das Haus durchſucht?“ fragte er, um ihren weitern Vorwürfen auszuweichen. „Nein, niemand hat ſich ſehen laſſen,“ ſprach ſie; „aber hier bringe ich Dir etwas: ein halbes Brod und ein Stück Fleiſch; willſt Du Eier haben, ſo ſollſt Du morgen welche bekommen; zu trinken haben wir bloß Waſſer, denn mein Va⸗ ter ſieht genau nach, wieviel es Milch gegeben hat, und wenn ich Dir welche bringen wollte, würde er Verdacht ſchöpfen..“ „Schon gut, und tauſend Dank Dir, lieber Engel!“ unterbrach er ſie; „nun werde ich mir Moos zu einem Lager eintragen müſſen. ..“ „Nicht doch, ich werde Dir zwei Decken heraufbringen; mein Vater weiß ſie gar nicht,“ antwortete das Mädchen; „ſie find dicht und warm genug, daß Du kein Moos von⸗ nöthen haſt...“ „Laß mich!“ rief er ſcherzend, „ich liebe ein Lager auf weichem Mooſe; hilf Du mir mit zuſammentragen; dem Thiere 152 Caſanova. in der Wildniß hilft ja ſeine Frau auch am Lager bauen, wenn ſie ſich paaren wollen...“ Indeſſen hatte ſie das, was ſie mitgebracht hatte, an den Boden geſtellt, das Fleiſch ausgepackt, das Salzfaß nebſt dem Meſſer und dem Waſſerkruge hervorgeholt und ſetzte ſich in das Gras, ihn durch eine ſtumme Handbewegung auffordernd, daß er zulangen ſollte. Dieſes that er denn auch; der Hunger war die beſte Würze, welcher ihm ſeine einfache Mahlzeit ſchmackhaft machte, und als er mit dem proſaiſchen Geſchäfte des Kauens und Hinunterſchlingens endlich fertig war, wunderte er ſich ſelbſt über ſeinen guten Appetit. „Ach und wie ſchön Du biſt!“ rief er jetzt, nachdem er das Gedeck bei Seite geſchoben hatte, und rückte näher an ſie heran; „ach wenn Du's wüßteſt, wie einzig ich Dich liebe, meine ſüße Freundin .. .“ „Ach geh, du ſcherzeſt doch bloß mit der Einfalt eines armen Köhlermädchens, das Deinen Schwüren nicht trauen ſollte,“ rief ſie beſchämt und als ob ſie ſelbſt nicht an das glaubte was ſie ſo eben geſagt hatte; „haſt Du mich wirklich lieb, ſo bleibſt Du hier bei uns...“ „Oder Du ziehſt mit mir in die große weite Welt hin⸗ aus!“ unterbrach er ſie; „mögen wir ſein wo wir wollen, wenn wir nur beiſammen bleiben dürfen . ..“ Begebenheiten eines Weltmannes. 153 „Ach aber das geht nicht!“ warf ſie ihm ein; „mir iſts immer als wäre hier in dieſem Thale, wo meine Ziegen wei⸗ den und wo ich ſelbſt jung geworden bin, das ſichere Ufer und draußen jene weite Welt wäre das ſturmbewegte Meer, auf dem kein Fahrzeug ſicher iſt, daß es nicht über kurz oder lang an eine Klippe geſchleudert wird, an welcher es zerſchellen muß. . Bleib' hier, mein lieber Freund, laß Dich hier halten; Du räthſt Dir ſelbſt gut, wenn Du mir folgen willſt. Hier wohnt der Frieden mit der Liebe unter einem Dache, hier guillt das reinſte Glück aus der beruhigten Bruſt; ach und wie es da draußen auf dem großen Schauplatze zugeht, wo die Menſchen miteinander um den Biſſen Brod ringen müſſen, den ſie zum Leben brauchen, das habe ich in einem Buche geleſen, welches ein Fremder meinem Vater einmal dagelaſſen hat. .. „Ahnungsvolle liebe Seele!“ ſprach er zu ihr, indem er die Hand auf ihre Stirn legte und ihr in das zurückgebogene Geſicht ſchaute, „ich leſe aus Deinen Augen was Du fühlſt, und Dein holdes Antlitz iſt wie ein klarer Quell, in deſſen Spiegelfläche ſich die Wolken des Himmels ſpiegeln. Du haſt Recht, da draußen wo der Staub auf der Heerſtraße empor⸗ wirbelt, daß man ihn mit der reinen Luft zugleich in ſich hin⸗ einziehen muß, da draußen auf dem großen Jahrmarkte des Lebens, wo ſich die Menſchen in tollem Taumel durcheinander⸗ treiben, dort giebt's nichts als Kämpfe, keine Sicherheit, keine 154 Caſanova. Ruhe und keine Raſt; wie ein gehetztes Wild muß ſich der Menſch bei Tage abquälen und wenn die Nacht kommt, ſchickt die Furcht bleiche Schreckensbilder, die an ſein Lager treten und ihm den Schlaf vergällen; Eines iſt des Andern Feind, das ganze Leben iſt ein großer Krieg jedes Einzelnen gegen Alle, Aller gegen jeden Einzelnen; wer heute ſteht, er ſtehe ſo feſt er wolle, morgen kann er gefallen ſein, auch wenn er es an nichts fehlen ließ, was er thun konnte. Und all dieſe Mühe, dieſe Arbeit, die Furcht und dieſe Schweißtropfen, die ihm von der Stirne perlen, weshalb erträgt ſie der Menſch? Um ſein elendes Leben zu friſten erſtlich und dann um noch einige Spielzeuge ſein nennen zu dürfen, welche der Tod die⸗ ſem blöden Thoren über kurz oder lang doch aus ſeinen Kin⸗ derhänden windet. Dagegen hier ein ſtilles Thal, beinahe in jungfräulicher Reinheit, wie es aus den Händen der Natur gekommen iſt; des Lebens Unverſtand, wie er in den vollge⸗ füllten Städten der Menſchen erſcheint, iſt hier noch unbekannt, die Bäume wachſen gen Himmel empor wie ſie hie Triebkraft von unten auf in die Höhe treibt, das grüne Gras trinkt ſich ſatt, die Brombeergeſträuche breiten ſich in der Sonne aus, damit dieſe die ſüßen Beeren zeitigen kann; das Thier des Waldes weidet, wenn es Hunger hat, und das friedliche Haus⸗ thier, welches an die Geſellſchaft der Menſchen gewöhnt iſt, giebt uns für unſre Pflege ſeinen Nutzen — hier iſt das Leben Begebenheiten eines Weltmannes. 15⁵ ein einziger Friede, ein ruhiger Strom, der uns auf ſeinen ſanften Wellen mit ſich weiter nimmt, bis wir aus dieſem Er⸗ denleben hinausgekommen ſind und da anlanden, wohin uns Menſchenaugen nicht mehr folgen können!“ „So bleibe denn hier, bleibe bei uns! Wenn Du ein armer Kohlenbrenner geworden biſt, was kümmern Dich dann die betreßten Herren und die ſtolzen Damen mit ihrem Sammt und ihrer Seide?“ rief ſie in freudiger Haſt. Dazu ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Nacken, als ob ſie den lieben Zug⸗ vogel zurückhalten wollte, damit er ihr nicht etwa aus den Händen gleitete. „Die Hütte, die Du bauen mußt, ich ſehe ſie ſtehen, ich ſehe ſie ſchon im Geiſte fertig; am Bergabhange liegt ſie, nicht weit von unſrer Thür; die Fenſter gehen nach dem Morgen, ſo daß wir uns grüßen können wenn wir her⸗ ausſehen; vor der Thür iſt eine Bank, gerade groß genug für Dich und mich und meinen Vater. Wenn die Sonne finkt und die Arbeit gethan iſt, ſitzen wir Drei beiſammen und ſehen zu wie es immer dunkler und ſtiller um uns her wird; nun geht alles zu Bette und auch wir legen uns ſchlafen; des Mor⸗ gens geht Ihr Männer auf die Arbeit und ich bin Deine kleine Frau geworden, die bleibt zu Hauſe bei...“ Erröthend ſtockte hier das Mädchen; ſie hatte ihrer Phan⸗ taſie ganz freien Lauf gelaſſen und beſann ſich eben daß ſie etwas hatte ſagen wollen, was ſie für unſchicklich hielt und 156 Caſanova. was doch von dem Geliebten, der ihr zuhörte, bereits errathen ſein mußte. „Bei den Kindern,“ ergänzte er die abgebrochene Rede, „muntern Jungen und ſchämigen Mädchen, die um Dich ſpie⸗ len, die Dich fragen und aufmerkſam horchen, was die liebe Mutter ihnen geſagt hat... nicht? Und Abends, wenn der Vater aus dem Walde kommt, geht Ihr ihm entgegen oder wartet unter der Thür bis Ihr ihn von ferne ſehen könnt; dann ruht er aus, Ihr pflegt und wartet ihn.. .“ Dem einfachen Kinde der Natur traten bei dieſen Wor⸗ ten, welche der Mann ſprach, in deſſen Armen es ruhte, die Thränen in die Augen; zwei ſolcher Perlen rollten warm die Wangen herunter; das Mädchen wußte ſelbſt nicht recht, wie ihr bei dieſer Rede geſchehen war; ſie ſah dem Sprechenden eine Weile in's Auge; wie zuckten alle Muskeln ihres Geſichts; Wehmuth und Freude ſchienen das ganze Antlitz weich und flüſſig gemacht zu haben, und aller Faſſung endlich bar, drückte das liebliche Kind ſeine Stirn gegen die Bruſt des geliebten Mannes. „Was weinſt Du, liebes Kind?“ fragte er, der ſelbſt weich geworden war; „wär' ſo nicht ſchön?“ „Ach zu ſchön, zu ſchön!“ antwortete ſie ſchluchzend; „zu ſchön für mich armes Geſchöpf; und ich wage es zu denken, daß es wahr werden könnte!“ „8* * Begebenheiten eines Weltmannes. 157 „In ſolchem Augenblicke wirf alle Zweifel von Dir,“ rief er ihr zu, „und halte feſt am Glauben, der Dich ſelig macht! Was haſt Du weiter, wenn Du den nicht feſthältſt? Das ganze Leben, verlaß Dich darauf, iſt eitel Tand und Schein, iſt eine leere Seifenblaſe, die nur wohlthätig ſchim⸗ mert, wenn die Sonne der Phantaſie ihre Strahlen darauf fallen läßt. Den Augenblick ergriffen, das iſt die Loſung; mit raſcher Hand den Freudenbecher an den Mund geführt und ausgetrunken, der auf einer Welle des Stromes herangeſchwom⸗ men kommt; iſt er leer, nun dann mag er aus der ſchlaffen Hand herausfallen und weiter treiben, der Verluſt iſt zu ver⸗ ſchmerzen. Ein ſüßer Taumel faßt alle Sinne und dreht Dich um in ſanften Kreiſen, welche die Wellen ſchlagen; die Adern ſchlagen voll und heiß und das Blut nährt verdampfend die Flamme der Leidenſchaft, die im Herzen emporlodert. ..“ „Wie biſt Du auf einmal?“ rief ſie aufſchauend; „Dein Auge flammt ja wirklich, als wollten mich Deine Blicke ver⸗ ſengen; und auch ich muß zittern, ich weiß nicht wie es kommt; was iſt mir denn?“ Sie war erſchrocken über dieſe neue Entdeckung, von der ſte ſich noch keine klare Rechenſchaft geben konnte; ſie bebte wirklich vor dem nie geahnten Feuer, das ſie auch in ihrem eignen Herzen entglimmen fühlte, wie vor einer heiligen Flamme zurück und herſuchte es ſich von ihm loszuwinden. Er aber, 158 Caſanova. durch dieſen Widerſtand nur noch mehr gereizt, wurde immer heißer, immer dringender, ſo daß ſie ſich in ſeinen gewaltigern Willen fügen mußte. Es umnebelte ihre Sinne mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt, an ſeiner Gluth fachte ſich die ihrige an; die Leidenſchaft in dem Einen ſteigerte die des Andern; nach einem kurzen aber heftigen Wettkampfe der Liebe ſank. e matt widerſtrebend in ſeine Arme und nun eß ſie ihn gewihren, ließ ſie ihn genießen was zu verſagen ſie jetzt die Kraft nicht mehr in ſih hatt. Wie aus einem Taumel erwachend fanden ſich Beide nach einer Weile Arm in Arm wieder. Die Bäume rauſchten, die Sonne ſchien, die Lüfte fühlten ſie wieder um ihre heißen Wan⸗ gen ſpielen. „Mein lieber Mann!“ rief ſie und bedeckte ſeine Lippen mit brennenden Küſſen, „haſt Du mich auch lieb?“ „Das fragſt Du er; „kann ich Dich lieber haben?“ „Nein, nein!“ rief ſie wieder wie vorhin, „ſo war's ja nicht gemeint; ſei nicht böſe, zürne mir nicht!“ „Werde ich Dir nicht zürnen!“ tröſtete er ſie, uden e den Ton eines Scherzenden annahm; „wollen wir nicht ſammeln, damit ich ein weicheres Lager habe?“ N Er ſprang empor und ſie folgte, wiewohl von dieſer Wen⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 159 dung der Dinge nicht eben angenehm überraſcht, ſeinem Bei⸗ ſpiele. Sie ſammelten Moos, trugen es in die Höhle und mach⸗ ten ein Lager daraus, wie es gehen wollte; dann erinnerte er ſie, daß es für ſie die höchſte Zeit ſein dürfte fortzueilen, wenn ſie anders heute noch die beſprochenen Decken hierher bringen wollte, ohne daß es der Vater bemerkte. Sie entfernte ſich ſchweigend, und während ihrer Abwe⸗ ſenheit vertrieb ſich der neue Einſiedler die Zeit damit, daß er ſich die Ereigniſſe in's Gedächtniß zurückrief, welche ihn in der letzten Zeit zunächſt berührt hatten. Thereſe ſtand vor ihm, dann das einfache Mädchen in der Mühle; er ſah einen Menſchen bei dunkler Nacht den Weg querfeldein nehmen. .. der Flüchtling glich ihm ſelbſt.. ein dunkles Schattenbild auf dunklem Grunde... „Fort, fort von dieſer Erſcheinung, vor der mir graut! Fort bis zum Hafen, wo ich Ruhe ahne und Ruhe wirklich finde...“ Er war wieder in dem Waldthale angelandet, wo er ſich jetzt aufhielt. Aber was ſollte in Zukunft werden? Sollte er hier blei⸗ ben, bis der Schnee des Alters auf ſeinem Scheitel lag und die matten Glieder ſeinen Leib dem nahen Grabe zuſchlepten?“ NWas weiß ich das?“ rief er für ſich; „oft wähnt der Menſch, das Schickſal würde ihn da laſſen, wo er feſten Fuß gefaßt hat, und die Wellen nehmen ihn doch wieder mit fort, 160 Caſanova. mag er wollen oder nicht; volentem ducit, nolentem trahit — wer willig nachgiebt, den führt das Schickſal, wer widerſtrebt, den reißt es fort. Der Strom wird kommen, er wird mich emporheben und weiter tragen, hinter mir zurück kann ich nichts laſſen als einen freundlichen Gedanken, den ich hier anhefte und mit mir weiter ſpinne. Er verſank in ein langes ernſtes Nachdenken, aus welchem ihn erſt die Ankunft Marianka's aufweckte. Letztere brachte nämlich die Decken getragen, welche ſie ihrem Geliebten ver⸗ ſprochen hatte. Wie ſie hereintrat in die Höhle, wo jener auf die angegebene Weiſe philoſophirt hatte, blieb ſie ſtehen; ſie merkte daß er lebhaft mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, und ſah dein Spiele ſeiner Mienen, in welchen alle Augenblicke Licht und Schatten wechſelten, eine Weile zu. Auf einmal fuhr er in die Höhe; wie geblendet von einer Geiſtererſcheinung ſtand er vor ihr und konnte für den Augenblick keine Worte finden, um ſie anzureden. „Biſt Du unwohl?“ fragte ſie ihn etwas fremd. „Nein, nein, vergieb!“ erwiederte er; „es war ein böſer Traum, der mir im Wachen vor die Seele trat... Ach, da bringſt Du ja — laß doch ſehen . Er nahm ihr die Decken aus der Hand, rollte ſte auf und breitete ſte auf das Moosbette. „O wie ſich das weich liegt!“ rief er ihr zu, indem er Begebenheiten eines Weltmannes. 161 ſich der Länge nach hinſtreckte; „komm, theile mein Lager mit mir, komm in meine Arme!“ Ohne das geringſte Widerſtreben erfüllte ſie diesmal ſei⸗ nen Wunſch und blieb bei ihm, bis er ſie ſelbſt an das Fort⸗ gehen erinnerte, wenn ſie ihres Vaters Verdacht nicht auf ſich ziehen wollte. Fortan kam ſie jeden Tag, ſo oft ſie abkommen konnte, zu dem Verſtecke, wo ſie den Geliebten wußte; jeder Tag brachte neuen Genuß und das Paar fühlte ſich mitten in der einſamen Wildniß tauſendmal glücklicher, als dieſes im Geräuſche des Stadtlebens hätte der Fall ſein können. Die Zeit, welche er allein war, brachte er damit zu, daß er das Leben der Thiere, welche ihm vorkamen, genauer beob⸗ achtete. Auch machte er Morgens und Abends mit der nöthigen Vorſicht größere und kleinere Ausflüge durch die herrliche Waldung. Allein dieſes Leben wurde ihm zuletzt doch äußerſt langweilig und er ſehnte ſich in einſamen Stunden recht herzlich wieder auf das vielbewegte Meer hinaus, wo die Wogen toſend durch⸗ einandertreiben. Marianka erfuhr jedoch nichts von alledem, ſondern bemerkte nur in der letzten Zeit eine große Kälte an ihm; ſie fragte ihn was ihm fehlte und weinte vor Aerger, als er ihr ausweichend antwortete. Sie machte ihm Vorwürfe und ſchöpfte Verdacht, wodurch ſich ihre gereizte Stimmung nur noch verſchärfte. Der Funke der Zwietracht war bereits Caſanova III. 11 — — — — — Caſanovg. im Erglimmen und ſollte binnen kurzer Friſt zwei Herzen aus⸗ einanderreißen, welche im Vollgenuſſe ihres Glückes eher an den Einſturz des Himmels als an dieſe Möglichkeit gaht hätten. Eines Morgens ſteckte er ein Stück Brod, welches er von geſtern übrig gelaſſen hatte, in die Taſche und verließ die Höhle. „Bald muß ſie kommen!“ ſagte er für ſich; „gehe ich, bleibe ich? Was ſoll ich machen? Nein, noch einmal — Ab⸗ ſchied muß ich nehmen — ſo kann ich ſie nicht laſſen.“ Da kam ſie eben verweinten Auges einher, trat zu ihm, ſetzte ſchweigend, was ſie mitgebracht hatte, an Ort und Stelle, ſah ihm dann in's Geſicht und faßte ſeine Hand, die ſie an ihre Lippen zog und küßte. „Was haſt Du, meine liebe Marianka?“ fragte er; „Du biſt ſo i und haſt geweint, ich ſehe Dir's an den Augen an. wenn auch, was fugſt Du danach?“ gab ſie zur Antwort. „Uund mir das, Mädchen?“ rief er aus; „Du weißt nicht wie lieb ich Dich habe; Du glaubſt es nicht wie mir das Serz blutet, wenn ich daran denke, daß ich mich vielleicht von Dir trennen muß. „Muß?“ entgegnete ſie gereizt, „muß? Wer zwingt Dich Begebenheiten eines Weltmannes. 163 aber Du willſt; Du biſt mich überdrüſſig, Verräther...“ „Bei Gott nein, aber kann ich anders?“ rief er wieder; „kann ich für mein Herz, das mich hinaustreibt. ..“ „Wohl kannſt Du dafür!“ unterbrach ſie ihn; „aber laß ſie nur liegen die arme Blume, die ſich von Dir brechen ließ, wirf ſie nur an den Heerweg hin, weil Du ſie nicht mehr lei⸗ den magſt! Sie wird bald verwelken, und dann kannſt Du ſie ja auch noch zertreten, wenn das Giſt des Grames zu lang⸗ ſam wirkt, damit ſie ſchneller ſtirbt...“ 6 „Still, ſtill!“ rief er ihr zu und verſchloß ihr den Mund mit der Hand. Er ſchloß ſte in ſeine Arme und ſuchte durch zärtliche Liebkoſungen ihren Kummer zu zerſtreuen. Noch einmal war ſie eine Stunde lang ſelig, und als ſie da⸗ von ging, drückte ſie verſöhnt und beruhigt ihr hochrothes Geſicht an das ſeinige. Er nahm glühenden Abſchied von ihr und ſah ihr nach, ſo weit er ihr mit den Augen folgen konnte. . Am letzten Wendepunkte des Weges drehte ſie ſich noch einmal um und winkte, da ſie die wohlbekannte Geſtalt des 4 theuern Freundes erblickte, mit der Hand demſelben noch ein⸗ mal zu. Sie blieb eine Weile ſtehen, dann riß ſie ſich los 1 und verſchwand raſch ausſchreitend hinter dem Gebüſche. Er aß und trank, aber ſeine Gedanken waren anderswo. 11* denn in aller Welt? Du mußt nicht, ich will Dirs ſagen, — Caſanova. Bald ſchweiften ſie in die ungemeſſenen Fernen der weiten Welt hinaus, bald kehrten ſie zu der ruhigen Hütte zurück, in welcher Marianka wohnte, und ſahen ihr zu, wie ſte unter hellen Thränen die Geſchäfte ihres Hausweſens beſorgte. Den Vater ſah er heimkommen; das Mädchen trocknete die Augen ſchnell mit der Schürze ab und hütete ſich, dem Manne ihr Geſicht zu zeigen. Der aber fragte was ihr fehlte. Sie wüßte es ſelber nicht, ſagte ſie, und er ſetzte ſich ſchweigend und kopfſchüttelnd an ſeinen Tiſch, um ſein Mahl allein zu verzehren. So kam die Zeit heran, wo ihn Marianka jedes Tages das zweite Mal zu beſuchen pflegte. Er nahm einen Staatsſchuldſchein von ziemlichem Werthe aus ſeiner Brieftaſche, riß ein Blatt Papier aus derſelben heraus und ſchrieb mit Bleiſtift folgende Worte darauf: „Theure Marianka, wenn Du dieſes Blatt findeſt, ſo bin ich längſt weit von hier weg. Das Schickſal führte uns zufammen, das Schickſal reißt uns wieder auseinander, darum tröſte Dich und lerne Dich in das Unvermeidliche ſchicken. Glaube, mir thut es eben ſo weh als Dir, daß ich Dich laſſen muß. Leb tauſendmal wohl und vergieb Deinem Freunde, der auch in der Ferne an Dich denken wird; denk auch Du manchmal an ihn, aber ohne Haß und Groll, darum bitte ich Dich⸗ Wirſt Du Mutter, ſo laß Dir beiliegendes Papier in klingende Begebenheiten eines Weltmannes. Münze umſetzen; die Summe reicht hin, um Dich und das Kind anſtändig zu ernähren. Leb' nochmals wohl und laß s dem Kinde nicht entgelten, daß Dich ſein Vater verlafſen mußte, ehe es das Licht der Welt erblicken konnte. Einmak in dieſem Leben ſiehſt Du mich wieder, darauf verlaſſe Dich feſt. Dein Freund, der ewig Dein gedenken wird.“ Dieſes Papier ſchlug er um das andre, auf welches die Geldſumme verzeichnet war, welche die Staatskaſſe dafür zahlen mußte; dann legte er beide unter einen Stein, damit ſie nicht etwa ein Windſtoß hinwegführen konnte, jedoch ſo, daß ſie Marianka gleich gewahren mußte, wenn ſie ihren Fuß in. die Höhle ſetzen wollte. Hierauf beſtieg er einen dicht gewach⸗ ſenen Tannenbaum, von welchem aus er den Eingang der Höhle und den größern Theil des Weges überſehen konnte, welcher heranführte. Er wollte beobachten wie ſich die Verlaſſene geberden würde, wenn ſie ihr Unglück gewahrte. Dies war keine Grau⸗ ſamkeit, wie ſich der Tiger an den Todeszuckungen ſeines Opfers weidet, es war vielmehr Theilnahme für die Geliebte, denn er war entſchloſſen, ſobald ſie dem Schmerze etwa unterlegen wäre, aus ſeinem Verſtecke hervorzutreten und ein bevorſtehendes Un⸗ glück zu verhindern. Er ſah ſie flüchtig wie ein junges Reh den Fußpfad her⸗ aufkommen; ſie trug ein Körbchen am Arme, wahrſcheinlich 166 Caſanova. brachte ſie Beeren, wie er ſie gern aß. Sie ahnte nicht eine Shlbe von dem was ihr bevorſtand. Ach, wie griff ihm der Gedanke an's Herz, daß ſie aus allen ihren Himmeln fallen mußte, ſobald die nächſte Zukunft ihren Vorhang auseinander geſchlagen hatte. Heiter lächelnd ſchritt ſie heran, ſah ſich aber um, da er ihr nicht wie ſonſt entgegenkam; ein trüber Schatten verdun⸗ dunkelte ihr Geſicht. Nirgends entdeckte ſie ihn; doch jetzt faßte ſie wieder Muth, ſchritt nach der Höhle. .. aber da ſtieß ſie an den Stein, unter welchem das unheilvolle Papier lag, eine Schreckensahnung durchzuckte ſie — bleich wie der Tod und zitternd bückte ſie ſich und hob den Brief in die Höhe, ſie ſchlug ihn auseinander und in der einen Hand das Papier mit der Zuſchrift des Ungetreuen, in der andern ſein ſchnödes Ge⸗ ſchenk haltend, las ſie, ohne ein Wort zu ſagen, was auf bei⸗ den Blättern ſtand. Der Korb ſiel ihr vom Arme und die Beeren kollerten heraus, ſie ſtand wie eine Marmorſtatue, der Schrecken hatte alle ihre Glieder gelähmt. „Fort, fort,“ jammerte ſie endlich und richtete die über⸗ quellenden Augen zum Himmel empor, aus deſſen klarem Blau der vernichtende Schlag auf ihr Herz gefallen war, „fort,“ wiederholte ſie, „und ich verlaſſen!“ Still fortweinend ſetzte ſie ſich in die Sonne, wo ſie eine Begebenheiten eines Weltmannes. 167 Weile blieb, dann ſtand ſie auf, nahm ihr Körbchen und wan⸗ delte der väterlichen Hütte zu. Wie er ſie beobachtete, wie er ihre Stimme hörte — gern wäre er herabgeſtiegen von ſeinem Baume, um den lieben gedul⸗ digen Engel in ſeine Arme zu ſchließen und an ſein Herz zu drücken. Aber eine innere Stimme flüſterte ihm einen andern Rath in's Herz, er hielt ſich ſtill und wartete bis ſie den Rück⸗ weg angetreten hatte. Dann ſtieg er herab, küßte die Stelle, wo ſie geſeſſen hatte, und ſteckte eine Hand voll Beeren, welche er ſammelte, in ſeine Taſche. Noch einmal ſah er zurück — dann ſchritt er durch die Gebüſche vorwärts und in den Wald hinein. Fünftes Capitel. —— Ein Blumenglöckchen Vom Boden hervor War früh geſproſſet In lieblichem Flor. Göthe. Leopoldine. In wenigen Stunden hatte er die Grenze glücklich hinter ſich und athmete um ſo freier, da er jetzt offen auftreten durfte, ohne daß ihm ſeine Feinde zu Leibe konnten, wenn ſie ihn auch aufſpürten. Reizende Thäler dehnten ſich unter den Füßen des Wan⸗ derers dahin, der ſeine Bauerntracht noch immer beibehalten hatte, ſein Herz wurde weit wie der Himmel, der ſich in klarer Reinheit über den Thalgründen ausſpannte, und das Vergan⸗ gene lag hinter ihm wie eine Welt, die ihm nichts mehr an⸗ ging. Er wendete ſich dem friſchen Leben zu, das mit allen ſeinen bunten Farben vor ihm prangte wie eine ſchön gemalte Tapetendecke, welche die Fluthen des Windes ſanft auf⸗ und nie⸗ derheben. Begebenheiten eines Weltmannes. So kam er in die Stadt zurück, welche er zu ſeinem Aufenthalte erwählt hatte, ſobald er gezwungen worden war, die Reſidenz des Fürſten zu meiden und auf Theveſens län⸗ geren Beſitz zu verzichten. Alle ſeine Sachen fand er in der beſten Ordnung, ſelbſt das Gepäck, welches er abgeſendet hatte, um daſſelbe mit über See zu nehmen, war wieder zurückgekommen und, Dank der Sorgfalt des getreuen Conrad, richtig an Ort und Stelle eingetroffen. Aber was ſollte er nun hier? Mochte die Gegend noch ſo ſchön ſein, er ſehnte ſich nach dem ſchönen Süden, den er ſchon einmal geſehen, aber damals nicht gehörig genoſſen hatte. Vorſichtig bei dämmerndem Abend war er durch das Thor her⸗ eingeſchlichen, ohne daß ihn ſelbſt der Thorwächter bemerkt hatte; ebenſo unbemerkt ſtahl er ſich die noch ziemlich belebte Hauptſtraße dahin, bis er an das dunkle Gäßchen kam, wel⸗ ches nach ſeiner Wohnung führte. Die Wirthsleute waren wie aus den Wolken gefallen, als ſie ihren Abmiether ſo unverhofft wieder erſcheinen ſahen, beſonders die junge Frau war lauter Freude darüber, denn heimlich hatte ſie ſchon lange ein gün⸗ ſtiges Auge auf den ſtattlichen Mann gehabt und es demſelben unter vier Augen auch oftmals merken laſſen, wie ſie gegen ihn gefinnt war. Allein der Funke hatte nicht zünden wollen, das eigenſinnige Herz des Mannes war nach einer Andern ge⸗ 17⁰ Caſanova. richtet geweſen und hatte die ſüßen Zuckerworte, welche von jener Seite her an ihn verſchwendet wurden, wie die Lockſpeiſe an ein leckeres Vögelchen das man fangen will, kaum der Beachtung gewürdigt. Wie er aus der freien Welt in die Stadt pient war's ihm ſchon als würde es ihm zu enge; dieſes Gefühl ſtei⸗ gerte ſich nur noch zu größerer Unbehaglichkeit, als er die Schwelle des Hauſes, wo er logirte, hinter ſeinem Rücken hatte und ſich wieder in ſeinem Zimmer ſah, deſſen Wände ringsum liefen wie eiſerne Schranken, die ſichtlich jeden Augenblick zu⸗ ſammenrückten und ſeine Seele preßten, als wollten ſie jede freiere Regung daraus verjagen. Die Wirthin blieb noch, als ihr bejahrter Herr und Gemahl ſich ſchon verabſchiedet hatte, um die gewohnte Ruhe zu ſuchen; dieſe Frau, erfinderiſch aus Liebe, hatte mit Leichtigkeit einen Vorwand ausgedacht, unter welchem ſie zurückbleiben und dem lieben Flüchtling, welcher glatt wie ein Aal ihren Verſuchungen ſich entwand, nahe ſein durfte. Als nichts verfangen, als kein Mittel anſchlagen wollte, wurde ſie heftig; ſie weinte und drehte dem Jünglinge den Rücken zu, ja in ihrer Entrüſtung ſtieß ſie eine Waſſerflaſche, die auf dem Tiſche ſtand, herunter, ſo daß dieſelbe in kleine Scherben zerbrach. Nun bat ſie wieder um Verzeihung, ſie ſtehte mit bebender Stimme, er möchte ihr nur nicht zürnen, ſie verſprach fromm zu ſein wie ein Lamm, aber im nächſten Begebenheiten eines Weltmannes. Augenblicke, als ſte wieder vergebliche Verſuche auf die Feſtung gemacht hatte, welche ſie zu erobern gedachte, fing ſie nochmals an zu ſchluchzen, zu jammern und zu ſchimpfen, ſo daß dem Zuhörer dieſer bunten Moſaikpredigt endlich die Geduld ausging. „Madame,“ rief er ihr zu, indem er in Ton und Ge⸗ berden ſeine Entrüſtung ſichtbar werden ließ, „wenn Sie län⸗ ger auf dieſem Zimmer bleiben wollen, ohne daß ich Sie ver⸗ laſſe, ſo muß ich Sie ernſtlich bitten ſich zu mäßigen. Ich bin nicht gewohnt derartige Scenen lange auszuhalten und werde mich augenblicklich hinunter in Ihre Zimmer verfügen, um Ihren Gemahl zu bitten...“ „Bei Leibe nicht,“ rief die Erſchrockene, indem ſie auf den Drohenden zuſtürzte und ihre beiden Arme um ihn ſchlang, um ihn ſo zurückzuhalten und zugleich mit zu reizen, „was kann ich dafür, daß Sie meinen Augen ſo gefallen, daß Sie das arme Herz beſtochen haben ohne daß ich's hindern konnte. Mag's alle Welt doch wiſſen, ich liebe Dich, Du harter Mann, mit allem Feuer eines Weibes, welches die Liebe zum erſten Male als die Sonne ſeines Lebens im Herzen aufgehen fühlt — hier lieg ich auf den Knien vor Dir und umklammere die Deinigen. — Tritt mich mit Füßen, wenn Du Luſt haſt, ſchlage mich, ſei mein Thrann, ich will alles von Dir mit der Geduld eines Engels hinnehmen, aber verachte mich nicht; ich habe Durſt nach Deiner Liebe; reiße mir den vollen ſüßen Becher mit den Füßen ſort, ja zertritt ihn nur den armen Wurm, 172 Caſanovg. nicht von den heißen bebenden Lippen, ſonſt muß ich ſterben und alle Schuld binde ich Dir auf Deine Seele, Du Grau⸗ ſamer Das ſchöne Weib war während dieſer Rede auf die Knie geſunken, ihr leuchtendes Auge ſah empor nach dem ſeinigen und ihre Stimme war die einer Beſchwörenden. Sie erwar⸗ tete eine Antwort von ihm, welche wenigſtens wie ein Tropfen Kühlung auf ihre glühende Seele fallen ſollte; mit ſteigender Angſt harrte ſie einen Augenblick um den andern auf ſolche Heilsbotſchaft von den lieben Lippen, von welchen ſie lieber gleich die ſüße Luſt mit den ihrigen getrunken hätte; es kam keine Erwiederung, es kam kein Troſt, und der ſteigende Schmerz, der in ihrem Herzen wühlte, malte ſich mit immer grellerem Ausdruck auf ihrem Geſichte. Sie hob ſich etwas empor, ſie knickte in demſelben Momente wieder nieder; einen langen Seuf⸗ zer ſtieß ſie aus der Bruſt — dann biß ſie vor innerem Schmerze ihn ſo heftig unmittelbar über dem rechten Knie, daß er aufſchrie und ſich von ihr loszumachen ſuchte. „Felſenharter Mann,“ jammerte ſie, „kein Wörtchen des Troſtes haſt Du für Deine arme Magdalena, die Dich an⸗ betet, die Dich lieben muß, und ach, deren Seele von der hei⸗ ßen Flamme herzehrt wird, bis der ketzte Lebenstropfen auf⸗ gezehrt iſt — Du machſt mich raſend — ja, ſtoß mich nur Begebenheiten eines Weltmannes. 175 der ſich in ſeinem Schmerze zu Deinen Füßen windet, zertritt ihn, großmüthiger ſtarker Mann, und wenn das elende Ge⸗ ſchöpf den letzten Athemzug gethan hat, dann freue Dich Dei⸗ ner Heldenthat, vermöge deren Du es mit kaltem Blute in's Grab geſtürzt haſt. Ich werde wahnſinnig, ich werde zur Furie; weißt Du auch wozu ein Weib im Stande iſt, wenn ſie aus Liebe wahnfinnig wird? Haſt Du noch nie davon gehört? O es giebt alte Geſchichten, vor denen Dir das Haar zu Berge ſteht, wenn Du ſie bloß anhörſt — aber Du ſollſt ſte mit Deinen Augen vor ſich gehen ſehn, ja das ſollſt Du.“ „Madame, ich weiß nicht, wie ich zu dieſer Scene komme,“ rief er mit ſchlecht unterdrückter Bewegung; „ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Sie, ſtehen Sie nur auf und nehmen Sie Vernunft an — laſſen Sie ruhig mit ſich reden und hören Sie den wohlgemeinten Rath eines guten Freundes, welcher es beſſer mit Ihnen meint als Sie ſelbſt.“ „Ach, guter Rath von guten Freunden,“ rief ſie mit ſchneidendem Spotte und verharrte in ihrer frühern Lage, ohne den Geliebten loszulaſſen; „was nützt mir ſolcher guter Rath für mein heißes Blut und mein pochendes Herz — und läge der Himmel auf der einen Seite, auf welcher Du nicht biſt, und der offene Abgrund der Hölle, auf deſſen unterſtem Voden ich Dich erblickte, auf der andern, ich ſpränge hinunter mitten in die Teufel hinein und klammerte mich an Dich an, denn 17⁴ Caſanova. ich muß ja bei Dir ſein, und ließe den Himmel den Frommen und den Seligen welche ſich in ihm nach ihrer Weiſe glücklich fühlen möchten.“ „Aber Sie ſind außer ſich,“ unterbrach er ſie. „Das weiß ich ſchon,“ rief ſie, „was ſagſt Du mir das erſt noch? Ja ich bin außer mir, noch mehr, ich raſe, ich wüthe, ich vergehe, wenn Du es verſchmähſt, mir den Balſam, der einzig meine Heilung bewerkſtelligen kann, in die klaffende Herz⸗ wunde hineinzuträufeln. Ja, zieh nur, zieh und rüttle, Du kommſt nicht los, ich laſſe Dich nicht, wie Stricke will ich meine Glieder um Dich ſchlingen, und die Knoten ſollſt Du nicht löſen, ſollſt Du nicht einmal mit dem Schwerte durchhauen können — ich will Dir meine Liebe aufdringen, bis ich Dich weich gemacht habe, bis Du doch endlich reuevoll in meine Arme ſtürzeſt und mich auf meinem Lager aufſuchſt, wo ich Deiner in heißen Thränen zu jeder Stunde warten will — o es iſt auch eine Wolluſt zu lieben, wenn man nicht geliebt wird, und ſich dem Manne aufdringen zu können.“ „Bedenken Sie, Madame,“ fuhr Caſanova gelaſſen fort, „was ſagten Sie bei dem Anfange unſrer Bekanntſchaft? Sie wieſen meine Huldigungen ſchnöde zurück, Sie wollten Ihrem Namen Ehre machen, keuſche Magdalena, und ver⸗ achten die Schwüre, verachteten die Bitten eines Mannes, der im Augenblicke beſchloß, für dieſe Behandlung ernſtliche Rache Begebenheiten eines Weltmannes. 175 zu nehmen. Sie verreißten ſogar, als ich ſo glücklich geweſen war, Sie in einer Stunde zu überraſchen, welche mich für die nächſte Zeit auf den ungetheilten Genuß Ihrer ganzen Reize hoffen ließ, ja Sie verreiſſten, ohne auch nur Abſchied von mir genommen zu haben. Ich wartete natürlich ihre Wieder⸗ kehr nicht ab, ſondern machte nun ebenfalls Ausflüge, und was kann ich dafür, wenn ich auf dieſen Ausflügen, zu welchen Sie doch den erſten und alleinigen Anlaß gegeben hatten, jemanden fand, der dieſem Herzen theuer wurde, der mich Sie entbehren läßt, ohne daß ich eine fühlbare Leere merkte.“ „Ungeheuer,“ kreiſchte ſie aufſpringend, „alſo das iſt, das iſt der Grund Deiner Kälte!“ „Iſt der Grund meiner Kälte,“ wiederholte der Beſtürmte mit einem Anfluge von Spott. „Und Du ſpotteſt noch?“ rief ſie weiter; „ha, Du ſpot⸗ teſt meiner noch? Wirklich, das wagſt Du? O daß Dich der rollende Donner träfe, daß er Deine gottheilloſe Zunge lähmte, und jene Verhaßte, welche mir Dein Herz geſtohlen hat, neun⸗ tauſendfacher Tod möge ſie an Leib und Seele verderben, der giftige Ausſatz möge ihrer Schönheit Blume abfreſſen, daß ſie ein Scheuſal in Menſchengeſtalt wird, und Dich möge die ra⸗ ſendſte Verblendung Deiner Leidenſchaft zwingen, ſie auch in dieſem Zuſtande zu liebkoſen! Ha, wie ich jubeln will, wenn Dir dann die Augen aufgehen und Du Dich voll Abſcheu von 276 Caſanova. dem Ungethüm wendeſt, das Deine Lippen küßten und welchem die gräßliche Krankheit ein Glied nach dem andern vom Leibe gefreſſen hat, bis es mit der verſtümmelten Zunge kaum noch jammernd zuletzt verenden muß.“ „Und was würde Ihr unglücklicher Gemahl ſagen, wenn er Sie in dieſer Situation vor mir überraſchte?“ rief der Jüngling voll Bitterkeit; „auf Ihre ſataniſchen Faſeleien von vorhin, auf Ihre Verwünſchungen, welche ſich im Munde einer Frau abſcheulich ausnehmen, will ich nämlich gar nicht weiter eingehen. — Aber Sie ſind ein abſcheuliches Weib, das ich haſſe vom innerſten Grunde meines Herzens aus.“ „Aber ich liebe Dich!“ rief ſie glühend dagegen; „Du kannſt mir's nicht verbieten; o ich liebe Dich mit aller Innigkeit, deren meine Seele fähig iſt, und ſchwöre Dir's zu mit den ſchrecklichſten Eiden, ich laſſe nicht von Dir ab, bis Du meine Gluthen geſtillt haſt; ja, wüßt' ich ein Mittel, ich ſchaffte es, und müßte ich's mit den bloßen Fingern aus der Mitte eines harten Felſens herausgraben.“ Jetzt ließen ſich Schritte vernehmen, man kam die Treppe herauf und die Frau ſprang auf, weil ſie mit Recht vermu⸗ tete, es möchte ihr Mann ſein, welcher aus langer Weile oder Neugierde käme, um nachzuſehen, wo ſie ſo lange bliebe. Sie brachte ſich in aller Eile wieder in Ordnung und war bald bereit, jede dritte Perſon in dem Zimmer zu empfangen, in Begebenheiten eines Weltmannes. 177 welchem ſie den Mann ihrer Neigung ſo eben in Verſuchung geführt hatte. Ein letzter glühender Blick funkelte aus ihrem Auge heraus wie ein Feuerſtrahl, welcher zu verſengen droht was er trifft; ſie wollte ihm damit andeuten, daß er ſich hüten möchte, ſich auch nur ein Wort von dem Vorgefallenen, von ihrer Schwachheit und wüthenden Leidenſchaft, die ſie ſo offen zur Schau getragen hatte, verlauten zu laſſen. O, in dieſem Blicke lag der Schrecken der Hölle, ſie ſchien im voraus jedes verrätheriſche Wort, das etwa über ſeine Lippen herausſchlüpfen wollte, vergiften und tödten zu wollen. Ein verächtliches Lächeln war alles, was er ihr erwiederte, dann wendete er ſich nach dem Sopha, auf welches er ſich be⸗ haglich hinſtreckte. Sie dagegen beſchäftigte ſich zum Schein damit, das Zimmer in Ordnung zu bringen, welches durch die lange Abweſenheit ſeines Bewohners etwas derangirt und bei deſſen plötzlicher Rückkunft noch nicht wieber in den gehörigen Stand geſetzt worden war. Eben ſtand ſie vor den Blumenſtöcken, als ihr Mann, der gute Calculator Porring, mit einem Lichte in der einen und ſeiner lieben Pfeife in der andern Hand hereingetreten kam. Es war dieſer Herr Porring ein ganz leidlicher Mann für ſeine Actenhefte, aber für ſeine Frau leider ſo gut als gar keiner, ein triftiger Grund, weshalb dieſe ſich bei Andern Raths zu erholen ſuchte. Porring war der Sohn eines Caſanova III. 12 178 Caſanova. höhern Staatsbeamten und ſeiner Wirthſchafterin; der Vater hatte ſich nicht um die Erziehung ſeines Sohnes bekümmert ſondern ſich damit begnügt, Geld dazu herzugeben und die ſpe⸗ cielle Sorge der Mutter zu überlaſſen. Dieſe Frau hatte denn nun auch nach ihrer Weiſe geſchaltet; das Geld hatte ſie auf Intereſſen gegeben, von der Anſicht ausgehend, daß ein Capi⸗ tülchen wohl immer das Beſte wäre, was ſie ihrem lieben Söhn⸗ chen hinterlaſſen könnte. Wenn ſein Herr Vater ſpäter ihm ein Plätzchen in irgend einem Bureau verſchaffte, wo der liebe Junge nicht viel zu arbeiten brauchte, ſo glaubte die gute Frau ihre Wünſche erfüllt zu ſehen, und ſtarb, nachdem dieſes glück⸗ lich bewerkſtelligt war, froh und zuftieden ein Jahr und zwei Monate danach. Der Vater folgte ihrem Beiſpiele — er ſeg⸗ nete das Zeitliche ebenfalls und nun ſtand Porring allein in der Welt; er hatte bloß ſein Aemtchen und für den Verluſt ſeiner Eltern hatte ihm das Schickſal einige nicht unanſehnliche Capitale, welche gut ausgethan waren, in die Hände gegeben. Mit dem Glockenſchlage erhob ſich der junge Calculator, wie er ſich mit innerlichem Vergnügen tituliren hörte, von ſeinem Lager, wuſch ſich, dann bereitete er ſich das Frühſtück und war⸗ tete völlig angezogen, bis ihn der Stundenſchlag in ſein Archiv führte. Niemand konnte pünktlicher ſein als er; er kam regel⸗ mäßig eher als der Schließer und mußte zu ſeiner nicht gerin⸗ gen Genugthuung regelmäßig einen Tag wie den andern warten, Begebenheiten eines Weltmannes. 179 bis dieſer mit den Schlüſſeln kam und die Eingangsthüre öffnete. Alle Tage bewegte ſich in gleichmäßigem Schritte, nie langſa⸗ mer, nie ſchneller, der beſcheidene Menſch in ſeinem einfachen Anzuge die Kirchgaſſe entlang, dann wendete er ſich zur Frauen⸗ ſtraße rechtsab und wanderte weiter, bis er vor dem Gebäude ſtehen blieb, in welchem ſeine Acten aufgeſpeichert lagen. So hatte er einige Jahre wie ein aufgezogenes Uhrwerk dahingelebt, als es ihm auf einmal ganz ſonderbar in ſeiner Einfiedelei zu Muthe wurde. Er glaubte es fehlte ihm etwas; aber was dies war, das wagte er ſich ſelbſt nicht zu geſtehen. Doch ein feu⸗ riges Mädchenbild ſchwebte mit ſeinen funkelnden Augen auf ihn zu — er drehte ſich nach dieſer Schöpfung ſeiner Phan⸗ taſie um — dieſelbe war verſchwunden wie ein Schattenſpiel an der Wand. Er hatte ſie geſehen, er wußte wo ſie zu finden war dieſe kleine Holde, welche ſich zur Königin ſeines Herzens zu machen im Begriff ſtand — dort in dem unſcheinbaren Hauſe gab es ein Fenſter, das üher und über mit Blumenſtöcken beſetzt war, dahinter ſaß ſie und nähte, und er mußte alle Tage vor⸗ bei und mußte ſie wohl grüßen, denn wenn ſie auch nicht mit⸗ einander geſprochen hatten und keins wußte wie das andre hieß — dies dachte unſer Calculator, nicht aber das Mädchen, welches längſt Erkundigungen eingezogen hatte — ſo waren ſie dennoch alte Bekannte und gleichſam für einander beſtimmt. Einſt hatte die Schöne etwas aus einem Bäckerladen geholt und ſich ſo 12* — 180 Caſanova. eingerichtet, daß ſie dem blöden Schäfer, der gar keine ernſt⸗ hafteren Anſtalten machen wollte, gerade vor ihrer Thüre be⸗ gegnen mußte. Jetzt grüßten ſie ſich das erſte Mal auf der Straße und nun ſpann ſich die Bekanntſchaft vom erſten Zwie⸗ geſpräche weiter, bis Freundſchaft und ein vertrauterer Umgang daraus wurde, endlich ſchlug das Verhältniß in Liebe um und Magdalena hatte nichts dawider, als der ſchüchterne Lieb⸗ haber ſie um ihr niedliches Händchen anging. So war ſie Frau Calculatorin geworden und legte Nähnadel und Schere, die beiden Inſtrumente, vermittelſt deren ſie ihr kärgliches Stück⸗ lein Brod erarbeitet hatte, alsbald auf die Seite. Als der Fremdling, mit welchem ſie obige Steene ſpielte, in das Haus der Eheleute ziehen wollte, machte die junge Frau nicht wenig Schwierigkeiten und that als wenn ihr gar nichts an dieſem Zuwachſe ihres Hausweſens gelegen wäre, indeſſen der Herr Gemahl, eine biedere argloſe Seele, beſchwichtigte ſie pald mit dem triftigen Grunde, daß der Herr ein anſtändiges Stück Geld in das Haus brächte und ſie wohl zufrieden ſein könnten, wenn die Stuben und die Kammern, die ohnedies leer ſtänden, ihnen bei jetziger ſchlechten Zeit ſo gut abgemiethet würden. Der Mann zog ein, denn Madame hatte ſich endlich den triftigen Gründen ihres Gemahles gefangen gegeben, aber ſie ben ahm ſich gegen den neuen Hausgenoſſen wahrhaft imper⸗ tinent, ſobald Dritte zugegen waren, welche ſie beobachten konn⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 181 ten. Unter der Hand jedoch verſäumte ſie keinen Augenblick, wo ſie ſich dem hübſchen Manne im obern Geſtocke unter vier Augen nähern konnte, und gab ihm manchen bedeutungsvollen Wink darüber, wie ſie ihr Betragen, das ſie vor den Leuten gegen ihn annahm, gedeutet zu wiſſen wünſchte — er jedoch fand für gut, ſolche Andeutungen unbeachtet zu laſſen und den Unwiſſenden zu ſpielen. Darüber gerieth ſie in Verzweiflung und reiſ'te eines Ta⸗ ges über Hals und Kopf zu einer Freundin in einem benach⸗ barten Orte, hoffend, die Trennung würde den Grauſamen ſchon anders ſtimmen, ſo daß er ihr bei der Rückkehr mit offenen Armen entgegenkäme. Aber ſie hatte ſich entſetzlich verrechnet, denn bei ihrer Zurückkunft fand ſie den Vogel ausgeflogen, und als derſelbe ebenfalls wieder antraf, fand ſie ihn nicht um einen Grad wärmer gegen ſie als früher. Das brachte ſie völlig aus dem Gleichgewichte und führte ganz natürlich obigen Auftritt herbei, welchem der beſorgte Herr Porring noch glücklicher⸗ weiſe ein Ende machte. „Wo bleibſt Du, meine gute Magdalena?“ fragte der Eintretende, indem er einen Zug aus ſeiner langen Pfeife that. Caſanova, der auf dem Sopha lag und that als ob er ſchliefe, hätte laut auflachen mögen, als er dieſe Frage hörte, welche in wahrem Leichenbittertone angebracht wurde. „Der gute Herr ſchläft, er wird müde ſein,“ fuhr der Caſanova. Rauchende fort; „komm alſo herunter in unſer trauliches Stüb⸗ chen, mich ſchläfert und ich will zu Bette gehen.“ „Sogleich komme ich, geh nur!“ antwortete Magdalena mit unterdrücktem Aerger, ohne daß ſie ſich umſah; „ich will nur hier die Blumen noch ein wenig in Stand ſetzen; geh' nur, ich komme gleich.“ „Nun, wenn Du's ſo haben willſt, Lehnchen, ſo will ich unten warten,“ ſagte der gehorſame Gemahl hierauf und entfernte ſich langſamen Schrittes. Unter der Thür jedoch drehte er ſich nochmals um und legte ſchließlich ſeiner Getreuen daſ⸗ ſelbe Anſinnen wieberholt an's Herz. Seine Frau antwortete ihm jedoch nicht, ein Zeichen, daß ſie bei ſchlechter Laune war, und er, dies auf ihre Beſchäftigung ſchiebend, machte die Thüre leiſe hinter ſich zu. Die Frau fuhr noch einige Minuten in ihrer Beſchäftigung fort, dann wendete ſte ſich zu dem Schlafenden, welcher ſein Geſicht unvermerkt gegen die Wand gekehrt hatte, ſie beugte ſich über ihn und leuchtete ihn an — er rührte ſich nicht, und nun fand ſie es ebenfalls für gerathen hinunterzugehen, um ihrem Manne Geſellſchaft zu leiſten. Kaum war ſie fort, als Caſanova aufſtand, ſich ent⸗ kleidete und das Bette ſuchte. Er ſchlief wirklich ein, denn er war müde von dem langen Wege und hatte ſeit geraumer Zeit in keinem vernünftigen Vette gelegen. Begebenheiten eines Weltmannes. 183 Als er am frühen Morgen erwachte, war fie ſchon wieder da; er aber nahm ſie beim Arme und führte ſie ſo trotz alles Sträubens zur Stubenthür, durch welche er ſie hinausſchob und die er dann zuſchloß. Er hörte ſie von außen bitten und drohen, dann jammerte ſie wieder — er hatte keine Ohren für ſie, denn als er jetzt neugeſtärkt wieder aufgewacht war, bemächtigte ſich ſeiner die tiefſte Entrüſtung über ſolch ein ſchmachvolles Spiel, welches ein lüſternes gemeines Weib mit ihm zu treiben ſich erdreiſtete. „Aber ſo ſind ſie alle, und dieſe ſoll's büßen!“ rief er wüthend. Er zog ſich in aller Eile an und ſtürzte dann, ohne ſich von ihrem Bitten und Flehen abhalten zu laſſen, zur Thüre hinaus. Als er ſich auf der Straße umſah, erblickte er ſeine Verführerin, wie ſie mit ihrem Taſchentuche ſich die Augen ab⸗ trocknete und dann ſehnſüchtige Blicke hinter ihm her ſendete. Sein Plan war bald gemacht. Er wollte dem betrogenen Ehemanne die Augen über das ſchändliche Treiben des gewiſ⸗ ſenloſen Weibes öffnen und dann fort in die weite Welt hin⸗ auseilen. Aber dieſer Entſchluß, gefaßt in einer leidenſchaft⸗ lichen Aufregung, hielt nicht Stich, als die Blutwellen wieder ruhiger gingen. Er ſah im Geiſte den Einfaltspinſel von einem Manne vor ſich ſtehen, welchem er die Augen hatte öffnen wol 184 Caſanova. len — mit einer wahren Schafsmiene hörte er ihn wiederho⸗ len, was er ſchon einmal geäußert hatte, als ihm Caſanova in ziemlich unverblümten Ausdrücken zu verſtehen gegeben hatte, daß es mit der Treue ſeiner liebenswürdigen Ehehälfte nicht gar zu weit her wäre. „Aber wie kann denn meine Frau ſo etwas thun?“ hatte der Hörnerträger damals geſagt; „meine Frau iſt ja meine Frau, hat mir vor Gott und Menſchen Treue gelobt und ſo etwas, das ſehen Sie ja, iſt ſchlechterdings unmöglich.“ Aehnliche Phraſen mußte er alſo wieder erwarten, wenn er dem Jammermanne Eröffnungen machte wie die obige, und deshalb beſchloß er ſich auf die kürzeſte Weiſe aus dieſen fatalen Verhältniſſen zu ziehen, die es nur immer geben konnte. Er begab ſich auf der Stelle in den nächſten Gaſthof, verlangte dort Dinte, Feder und Papier und ſetzte ſich nieder, um einen Brief an die verhaßte Zudringliche zu ſchreiben, den er dann abſendete. Er ſchrieb: „Madame! Danken Sie es einem Reſte von Mitleid und der gren⸗ zenloſen Verachtung, welche ich gegen Sie hege, daß ich nicht auf der Stelle zu Ihrem betrogenen Gemahl eile und ihm die ganze Geſchichte erzähle, welche leiber zwiſchen Begebenheiten eines Weltmannes. 185 uns vorgefallen iſt. Freilich könnten Sie mit frecher Stirn lügen, wenn ich Ihnen in ſeiner Gegenwart vorhielte, was Sie ſich haben zu Schulden kommen laſſen, allein die übrige Welt würde gewiß auf meine Seite treten, wenn auch Ihr verblendeter Mann Thor genug ſein ſollte, um Ihre Partie zu ergreifen. Lügen Sie ihm vor was Sie für gut finden, aber meine Effecten laſſen Sie durch den Ueberbringer dieſer Zeilen aus Ihrem Hauſe fortſchaffen wohin dieſelben gebracht werden ſollen, brauchen Sie nicht zu wiſſen; nur ſoviel ſage ich Ihnen, daß ich mit einem Weſen Ihrer Art keine Stunde länger unter einem Dache bleiben mag. Mit den Formeln, welche unter jedem Briefe ſtehen und ſoviel als nichts bedeuten, ſchließe ich. Alſo Ihr ergebenſter Wittgenſtein, genannt Caſanova.“ Der Brief wurde abgeſendet und das, was dem Abſender im Hauſe des Calculators noch gehörte, ſtückweiſe herüber in den Gaſthof geſchafft. Er ließ noch hinüberſagen, in der Mit⸗ tagsſtunde möchte der Herr Calculator herüberkommen, damit man ſich von wegen der Gelbangelegenheiten auseinanderſetzen könnte. Madame jedoch ſendete ein niedliches Billetchen zurück, in welchem ſie bis auf Heller und Pfennig alles aufnotirt hatte, 186 Caſanova. was ihr bisheriger Miethsmann noch zu entrichten haben ſollte. Die Forderung war etwas unverſchämt und der Empfänger die⸗ ſer Rechnung ärgerte ſich dermaßen, daß er ſchon die Hälfte der Forderung ſtreichen und die andre einſiegeln wollte, um ſie hin⸗ über an Madame abzuſchicken; die bodenloſe Gemeinheit des Weibes, welches ſich auf dieſe Weiſe wenigſtens zu rächen ſuchte, da alle übrigen Wege abgeſchnitten waren, kam ihm zu ver⸗ ächtlich vor. Er zählte augenblicklich die verlangte Summe ab, gab ſie dem Hausknechte, dem gröbſten Menſchen, welchen man nach der Verſicherung des Wirthes weit und breit auftreiben konnte, und wies denſelben an, nicht eher von der Stelle zu gehen, als bis ihm Madame Porring in aller Form quittirt hätte. Er ſollte ſich nur kein Blatt vor den Mund nehmen, fügte der Auftraggeber hinzu, und könnte immer ein wenig grob ſein, wenn es im Guten etwa nicht gehen wollte — eine Er⸗ laubniß, bei welcher der Bote wohlgefällig ſchmunzelte — denn während man ihm ſonſt ſeine Grobheit beſtändig vorwarf und ihn tadelte, fand hier einmal dieſes edle Metall, welches er in der urſprünglichſten Reinheit in ſich fühlte, ſeine gebührende Anerkennung. Er ging und kam nach kurzer Zeit mit der Quittung zurück. „Nun?“ fragte ihn der Abſender. =—— — Begebenheiten eines Weltmannes. 187 „Nun, Himmeltauſendelement,“ brüllte der Andre, dem der Kamm ſchwoll, weil er glaubte, er hätte ſeine Sache gut gemacht und dürfte darum mit aller Welt grob ſein, „was ſoll's denn? Grob bin ich geweſen, hanebüchen grob, die ſchwere Noth hätte ſie kriegen ſollen, wenn ſie nicht —“ „Wie machteſt Du's denn?“ fragte ihn Caſanova lachend. „Erſt latſchte ich durch alle Pfützen, die mir auf dem Wege vorkamen,“ berichtete der Hausknecht wohlgefällig; „an die Thür hieb ich an, daß die Fenſter klirrten, und da ſie nicht gleich aufmachte, fing ich an zu ſackermentiren, daß ſich die Erde hätte anſthun mögen. Ich ſagte's der Frau, ſie ſollte quittiren und da wäre der Bettel, und da ſie nicht wollte, legte ich mich auf die Pritſche, die ſie Sopha nannte, und ſchwors ihr zu, ich ginge nicht vom Flecke, wenn ſie nicht gleich unter⸗ ſchriebe. Sie wollte ſchimpfen und meinte, ich möchte mich nicht ſo ungebührlich aufführen und die Mütze vom Kopfe neh⸗ men, ich aber lachte ihr in's Geſicht und hieb auf den Tiſch, daß alles krachte, und in die Stube ſpukte ich und den Spuk⸗ napf warf ich um — enblich unterſchrieb ſie den Zettel und da iſt er.“ „Na, Du biſt leidlich grob geweſen,“ rief der Zuhörer dieſer maſſiven Schilderung lachend und hielt ſich den Bauch —— 188 Caſanova. mit beiden Händen; „da trink' auf meine Geſundheit und Deine Grobheit — ich danke Dir.“ 4 „Nicht Urſache,“ ſagte der Menſch, nahm das Gel welches der Andre ihm reichte, und ging, ohne ſich zu beha ken, ſeines Weges. Dieſe Unterhaltung war in der Hausflur geführt worden und Caſanova ſtand noch auf ſeiner alten Stelle, als der Portier die Klingel zog und beide Thorflügel aufriß, weil eine elegante Kutſche auf der Straße hielt, welche herein wollte. Sogleich waren Kellner und Hausknecht bei der Hand — die Kutſche fuhr herein und aus dem geöffneten Schlage ſtieg erſt eine Frau in vorgerückterem Alter und von geſetztem Weſen, dann ein junges wunderſchönes Mädchen heraus, welches na⸗ mentlich Caſannova's ganze Aufmerkſamkeit feſſelte. Die ältere Dame trug einen ſchwarzſeidenen Reiſemantel, der ihre ganze Figur vom Kinn an bis auf die Füße verdeckte, die jüngere hatte ſich dagegen in einen Ueberwurf von hellgrü⸗ nem Seibenzeuge gehüllt, welches beim Ausſteigen ſich lüftete und eine reizende Taille ſehen ließ, die der Bildhauer ſelbſt mit aller ſeiner Mühe und aller Kunſt nicht ſchöner hätte formen 1 können. Caſanova war wie geblendet von der Schönheit dieſes herrlichen Geſchöpfes, er trat auf die Seite der Treppe, welche Begebenheiten eines Weltmannes. 189 ½ dis ober⸗ Geſtock führte, und hoffte hier mehr und genauer u ſi en, als eihm ſchon egelungen war. Indeß er betrog ſich ner Erwartung, denn die Begleiterin des holden Engels an der Seite, auf welcher der Lauernde ſeinen Platz ge⸗ nommen hatte. Dieſen Platz aber zu verändern und augen⸗ blicklich auf die andre Seite zu ſpringen, hielt er für unrathſam und auffällig. . Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. ⸗ — —— — — — 8 —— — —