e ee Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben. entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— auf 1 Monat: Pf. „3 „ — 3 — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene unt defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. ⁰ * Caſanova's Memoiren. Erſter Band. —————— „ — — S. — — 5 Caſanovns Memoiren. Seitenſtück zu Martin der Findling. Roman von GOS S0 O Liebe, ſüßes Labſal aller Leiden Der Sterölichen, du wonnevoller Rauſch Vermählter Seelen! Welche Freuden Sind deinen gleich? Wieland. Erſter Band. Ueue Ausgabe. Mit Stahlſtich. Teipzig, Berger's Buchhandlung. 1849. —— Erſtes Capitel. Die Störung. Wa eine reizende Villa liegt dort am Ufer des Meeres auf einem ſanft anſchwellenden Hügel! Sie iſt wie gemacht zum Paradieſe für zwei Liebende, und wenn in den Herzen dieſer Beiden ein Himmel voll Seligkeit liegt, ſo darf das Stück Erde auf welchem, und das Stück Himmel, unter welchem ſie wan⸗ deln, auch ſeinerſeits die Schönheit nicht entbehren, weil ſonſt der Abſtand zu groß wäre. Man ſieht das oberſte Stockwerk des Hauſes mitten aus grünen Bäumen hervorragen, eine weiße Mauer läuft nach beiden Seiten weiter fort, bis ſie auf der einen ſo gut wie auf der andern das Meeresufer erreicht. Der Weg, welcher zu dieſer reizenden Einſiedelei führt, läuft gerade auf ein eiſernes Gitterthor zu, deſſen einzelne Stäbe den Lan⸗ zen gleichen und oben eine vergoldete Spitze haben. Hinter dem Gitterthor ſieht man ein Raſenrundtheil, auf welchem ſtolze Pfauen umherſpazieren; dann kommt Gebüſch, hinter Caſanova I. 1 6 Caſanova. welchem das Wohnhaus hervorragt; links zieht ſich ein düſterer Park dahin, rechts vom Hauſe laufen Blumenrabatten neben einander fort; hinter dem Hauſe aber ziehen ſich die Anlagen bedeutend in die Breite und endigen in einem ſcharf in's Meer 7 vorſpringenden Landwinkel. Dieſe Landzunge trägt auf ihrer Spitze einen niedlichen Pavillon, welchen die ſalzigen Wogen oft bis an's Fenſter beſpritzen. In dieſer traulichen Einſamkeit wandeln zwei Menſchen, ein Mann und eine Frau, die einander leiſe Worte zuflüſtern und feurige Blicke wechſeln. Sein linker Arm war um ihren Nacken geſchlungen; ſein rechter hatte ihre Hand gefaßt und preßte dieſelbe gegen die Lippen; ſie ſchmiegte ſich mit einer Innigkeit an ihn an und ſchaute mit ſo freudeſtrahlendem Auge zu ihm 6. empor, daß man wohl ſah, ihrem Glücke fehlte in dieſer Minute nichts als die Bürgſchaft einer ewigen Dauer. „Mein theurer lieber Freund!“ rief ſie mit ſtockender Stimme, weil ihre Bruſt zu bewegt war; o wie vergelte ich Dir Deine Liebe?“ „Durch Deine Gegenliebe,“ erwiederte er; „o die wiegt alles, was ich Dir geben kann, viel tauſendmal auf!“ „Ach, wenn ich ſo glücklich, ſo ganz glücklich bin,“ äußerte 3 ſie hierauf mit einem leichten Uebergange zur Schwermuth, „mein theurer Carlo, was glaubſt Du wohl, welche Gebanken mir dann kommen? Siehſt Du, Geliebter, ich denke, wie S Begebenheiten eines Weltmannes. 7 lange wird's dauern! Deine Liebesſeligkeit wird vorüber ſein wie ein kurzer Sommer, und der liebe Freund wird von Dir geriſſen! Die Blätter fallen von den Bäumen ab, die Blüthen verwelken, und die arme Verlaſſene ſitzt trauernd unter kahlen Bäumen und ſtarrt in die öde Welt hinaus, immer unver⸗ wandt nach dem Punkte ſehend, wo ihr Auge den Geliebten zum letzten Male erblickte . „Welche trübe Gedanken das ſind, Du Liebe, Gute!“ ſagte der Mann und beugte ſich zu ihr nieder, um einen Kuß auf ihre Lippen zu drücken, eine Bewegung, der ſie gern ent⸗ gegenkam; „denke nicht an ſo etwas; die Allmacht der Liebe wird uns ſchützen, wenn auch Stürme auf uns herabbrauſen, unter deren Macht ſonſt Berge zittern.“ „Aber verſprich mir, Carlo, verſprich mir nur Eines,“ fuhr ſie mit weichem bittenden Tone fort; „Du mußt Dich losmachen von „Gnädige Frau! Hilf Hiumel, gnädige Frau!“ rief eine Kammerzofe, welche jetzt außer Athem herangeſprungen kam; „hilf Himmel, die ganze Villa iſt rings von Wächtern um⸗ zingelt und Reiter kommen auf dem Wege gerade nach dem Gitterthore zu geſpengt.. Ihr Berr Gemahl iſt der vor⸗ derſte. „Leb' wohl, tauſendmal wohl, lieber Engel!“ ſagte der Mann raſch zur Geliebten, die er nochmals in ſeine Arme 8 Caſanova. ſchloß, und eilte nach der Richtung von dannen, wo er ſeinen Kahn angebunden hatte, um ſich auf dieſe Weiſe ſogleich aus dem Staube zu machen. Es dauerte jedoch nicht lange, ſo kam er todtenbleich und am ganzen Leibe zitternd wieder zurück⸗ geſtürzt und wollte nach der andern Seite des Ufers eilen.. Eben wollte er vorüber, als ihn die Geliebte feſthielt. „Was iſt Dir, Carlo?“ fragte ſie; „was haſt Du? Stürze Dich nicht in Lebensgefahr; lieber decke ich Dich mit meinem eignen Leibe gegen jede Kugel... Was haſt Du?“ „Der Kahn iſt fort!“ rief der Gefragte; „am Ufer dort ſpazieren zwei Kerle mit Gewehren auf und nieder.. ich könnte durch Schwimmen entkommen .. „Bilf Himmel!“ rief ſie, die Hände über dem Kopfe zu⸗ ſammenſchlagend; „bleib! Du darfſt nicht fort!“ Die ſterbende Stimme, mit der ſie dieſe Worte ſagte, und die ſchlotternden Knie ſtraften jedoch ihre entſchloſſenheit⸗ heuchelnde Rede Lügen; kraftlos ſank ſie zuſammen. „Leb' wohl!“ rief er, ohne ſich halten zu laſſen; „ich laſſe keinen Verdacht auf Dich kommen, und ſoll's mein Leben koſten, Geliebte! Mein Leben iſt ja ſo Dein... und ſoll ich mich auch im Grunde Meeres feſtbeißen wie ein nes Waſſerhuhn .. Damit eilte er ſie wollte in die Höhe, wollte ihm nach; aber er war ſchon zu weit hinweg und ſie war zu ermattet. Begebenbeiten eines Weltmannes. 9 Während ſie in namenloſer Angſt nach einem feſten Ent⸗ ſchluſſe rang, fielen nicht in gar zu großer Entfernung zwei Schüſſe; zu gleicher Zeit traten auch zwei Herren hervor, denen ebenſo viele Diener folgten. Der ältere von Beiden hatte die Schüſſe kaum bemerkt, als er ſeinen Begleiter bedeutungsboll anblickte, aber ohne weiter ein Wort zu ſagen auf die erbleichende Frau, die ſich auf ihre Kammerdame geſtützt hatte, zuſchritt. „Ach Madame, gehorſamſter Diener!“ redete er ſie an; „wie geht's? Wird Ihnen die Zeit nicht lang auf dieſem ein⸗ ſamen Landſitze? Doch was frage ich danach, Sie werden ſchon wiſſen wie Sie ſich die Zeit verkürzen müſſen ... ha, ha, ha, wer wüßte das nicht, zumal da die Noth beten lehrt . . .“ „Ihre Dienerin, mein Herr Gemahl!“ erwiederte die Dame; „ſein Sie mir beſtens willkommen, mein liebwerther Vetter; laſſen Sie ſich's eine Weile hier gefallen; Sie müſſen freilich zufrieden damit ſein, was Ihnen dieſe Idhlle im Kleinen bieten kann .. Aber, mein Herr, was ſoll das?“ fragte die Dame, als ſie bemerkte, wie mehrere als Jäger gekleidete Män⸗ ner und Andre, welche die Lioree des Hauſes trugen, in den Gebüſchen herumſpionirten und mit Schrotpoſten durch die Aeſte der Bäume ſchoſſen; „wonach laſſen Sie ſuchen? Man wird die Anlagen zum guten Theil ruiniren .. .“ „Schadet nichts, Madame,“ antwortete der Mann; „ich Caſanova. habe mir in den Kopf geſetzt, hier dieſe Anlagen, welche Sie, meine Gemahlin, mit ſolcher Vorliebe beſuchen, von allem Un⸗ geziefer ſäubern zu laſſen. Es giebt Dinge, wie z. B. den guten Ruf einer Frau, welche vom leiſeſten Anhauche ſo be⸗ fleckt werden, daß man ſie ohne weiteres in die Rumpelkam⸗ mer zu dem alten Eiſen und ſonſtigen unnützen Sachen werfen muß ... Ich will nun nicht ſagen, daß Sie und ich in die⸗ ſem Falle wären, allein .. ich habe ſo meine Gedanken und hoffentlich kennen Sie mich in dieſer Beziehung, gnädige Frau...“ „Aber, mein Herr,“ etwiederte die Dame vor Zorn er⸗ glühend, „wofür ſoll ich dieſen Eingang nehmen? Ich will nicht hoffen, daß Sie Ihrer Gemahlin zutrauen .. doch was ſage ich? .. Mein Herr, ich glaube dieſen Verdacht nicht um Sie verdient zu haben; ich verlange, daß Sie auf der Stelle dieſe Maßregeln, welche Sie in Folge jenes Verdachtes ergriffen haben, als Ihrer und Ihrer Gemahlin unwürdig, fallen laſſen! Ja das fordre ich im Bewußtſein meiner Unſchuld als mein gutes Recht... werden Sie befehlen, daß das Nachfuchen ein⸗ geſtellt werde?“ „Laſſen Sie doch, laſſen Sie doch!“ erwiederte der Ge⸗ mahl boshaft lachend; „es wird ſich um ſo unwiderleglicher behaupten laſſen, daß Sie ein Engel der Unſchuld ſind, wenn ein gewiſſer Jemand, welchen man der Villa hat nahen und in derſelben hat verſchwinden ſehen, wirklich nicht gefunden Begebenheiten eines Weltmannes. 11 wird. Verſtehen Sie mich? Werden Sie nicht zornig, Madame, bei Leibe nicht, das entſtellt ja entſetzlich ...“ „Gnädiger Herr!“ rief ein Jäger von ſchon vorgerück⸗ terem Alter, welcher jetzt herangetreten kam; mit ſeiner rauhen Stimme und ſtrich ſich den Backenbart, der von den Ohr⸗ läppchen gerade nach den Mundwinkeln lief, und wohl laufen mußte, weil der gnädige Herr ſeinen eignen Geſchmack hatte und nach dieſem auch die unbedeutendſten Dinge zu ordnen pflegte; „gnädiger Herr,“ wiederholte dieſelbe Stimme nun noch lauter als vorhin — und dadurch wurde der Gerufene von ſeiner Gemahlin, welche eben darüber war nach allen Regeln der Kunſt in Ohnmacht zu fallen, abgezogen und wendete ſich zum Jäger. „Was bringſt Du?“ fragte er kurz. „Wie ich auf meinem Poſten ſtehe, ſehe ich linkshin eine Weile gerade aus,“ erzählte jener; „da ſich von dieſer Seite nichts hören und nichts ſehen läßt, drehe ich mich nach der rechten. Siehe da, es raſchelt in den Zweigen; ich rufe an: Wer da? und da niemand antwortet, drohe ich zu ſchießen⸗ Gehorſamer Diener, es antwortet doch niemand, und ich, knack! ſpanne den Hahn und ſchieße los. Auf einmal kommt ein Mann aus dem Gebüſch geſtürzt; er ſieht, daß ich eben darüber bin wieder zu laden, er läuft etwa funfzig Schritte von mir gerade aus nach dem Ufer; da ich wieder geladen habe, liegt er Caſanova. im Waſſer, ich ſchieße aufs⸗ Gerathewohl in's Meer hinein, aber getroffen habe ich ihn nicht, ſonſt müßte er ſich wohl gefangen gegeben haben.“ „Und was glaubſt Du denn daß dieſer Mann hier ge⸗ wollt hat?“ fragte der Herr ſeinen Jäger. „Doch ſtehlen!“ antwortete jener „der Gärtner ſagte, es kämen ihm immer die ſchönſten, theuerſten Blumen ab⸗ handen, und wenn er den Dieb einmal erwiſcht — er hat's ſchon geſagt — ſo will er ihm Arme und Beine entzwei ſchlagen.“ „Wenn es nicht mitleidige Herzen giebt nota bene,“ bemerkte der Gebieter ſarkaſtiſch, „ welche den armen Gaudieb in Schutz nehmen, weil ſie ſolche Mißhandlungen nicht mit anſehen können.“ „Sonderbar!“ rief der zweite Herr, welcher mit dem Gemahl der Dame gekommen war, „ſehr ſonderbar! Ein Dieb am hellen lichten Tage ... Aus welcher Gegend des Gartens mag er denn wohl gekommen ſein? Das wäre in der That von Wichtigkeit.. .“ „Man müßte die Spuren aufſuchen,“ meinte der Jäger; „es wird ſich ja wohl hin und wieder einmal ein Fußſtapfen in's Land gedrückt haben, welcher noch ſichtbar iſt .. . “ „In der That,“ ſagte der eiferſüchtige Gatte der ängſt⸗ lichen Frau, welche hinter ihrer ſcheinbaren Entrüſtung eine Begebenheiten eines Weltmannes. 13 Höllenangſtverbergen mußte, „wir werden nachſehen, ob ſich nicht vielleicht hier und da Spuren auffinden laſſen .. Ja, da fällt mir etwas ein. .. ich hatte mich gar nicht auf den Kahn beſonnen; man muß bei dem Eigenthümer des Kahnes nach⸗ fragen, wer den Kahn von ihm entlehnt hat, und wenn man weiß, wer den Kahn entlehnt hat, kann man auch nicht weit mehr vom Diebe entfernt ſein.“ Mit Fleiß wiederholte der Sprechende das Wort „Kahn“ öfter als es nöthig war und betonte es ziemlich nachdrücklich, denn er hatte die Abſicht, auf dieſe Weiſe ſeiner Gemahlin Angſt einzujagen. Dieſe jedoch war nicht füglich mehr in Angſt zu bringen, als ſie es ſchon war; ſie bot der Kammer⸗ frau ihren Arm und entfernte ſich mit einer ſtolzen Verbeugung. Während ſich dieſes innerhalb der reizenden Villa er⸗ eignete, trugen ſich außerhalb derſelben noch viel ſeltſamere Dinge zu. Ein junger bildſchöner Mann ſtürzte ſich, das hatte der Jäger ſeinem Herrn ganz der Wahrheit gemäß wiedererzählt, vom Ufer herab mitten in die Wogen des Meeres, und fortan war nichts mehr von ihm zu ſehen. Die Wogen gingen ziemlich hoch und das Meer war unruhig, aber was kümmerte das den kühnen Waghals, der lieber ſterben als der Geliebten die geringſte Unannehmlichkeit bereiten wollte. Kühn und ent⸗ ſchloſſen warf er ſich, wie er war, hinunter in das feuchte 14 Caſanova. Wellengrab, immer an ſein zuletzt gegebenes Verſprechen den⸗ kend und für ſich hin ſprechend: „Lieber todt, als daß Du leideſt, als daß ich Dich compromittire!“ Ein fertiger Taucher wie er war, ging er eine Strecke unter dem Waſſer dahin, obwohl er ſich ziemlich zuſammen⸗ nehmen mußte, um nichts zu verſchlucken. In gehöriger Ent⸗ fernung kam er wieder auf die Oberfläche des Waſſers, und als er ſich vrientirte, ſah er, daß er ſchon weit in's Meer hineingetrieben worden war. Er bemühte ſich, die Wellen mit ſtarkem Arme zu zertheilen, allein dies gelang ihm ſehr ſchlecht, denn dieſe waren zu gewaltig und ſchleuderten den ſchwachen Menſchen trotz ſeiner verzweifelten Kraftanſtrengung immer weiter in's offene Meer hinein. Es war als ſpielten die Wellen Fangeball mit dem Menſchen, indem ſie ihn ſcherzweiſe einander zuwarfen. Grauſames Spiel! Die Windsbraut ſchleudert, was ſie erfaßt, gegen den erſten beſten Felſen, wo es zerſchellt, oder führt es in das uferloſe Meer hinein, wo es dann ſchwimmen mag, bis es hinunter finkt. Wehe dem Menſchen, welcher einmal in die drehenden Kreiſel der tan⸗ zenden Wellen gerathen iſt! Alle⸗Anſtrengungen des Schwim⸗ mers, welcher nach dem vffenen Meer hinausgetrieben wurde, würden vergeblich geweſen ſein, er würde vielleicht in feinem Leben kein Land wieder zu ſehen bekommen haben, wenn nicht das gute Glück ſich in's Mittel geſchlagen hätte. Anfangs ** Begebenheiten eines Weltmannes. 15 ſchwamm er ganz wohlgemuth einher; er legte ſich auf den Rücken, ſchlug die Hände über der Bruſt zuſammen und ſah behaglich in den blauen Himmel, mochten ihn die Wellen ſchau⸗ keln wie ſie wollten. Als es aber ärger und ärger wurde, fühlte er doch einige Angſt, und dieſe ſtieg mit jeder Secunde, als er ſah, daß alle ſeine Anſtrengungen vergeblich waren. In der Ferne ließ ſich ein Boot ſehen, welches gerade herangetrieben kam und, wie ſich ſpäter zeigte, von einem alten Fiſcher und ſeiner Tochter geleitet wurde. Zu errufen war es noch nicht, das war freilich klar, indeſſen ließ es ſich mit gro⸗ ßer Wahrſcheinlichkeit vvrausſehen, daß es nach dieſer Uferſtelle zu ſteuern und alſo den Schwimmer auf ſeinem Wege treffen würde. Wenn es aber näher kam, ſo ließ ſich ſchon ein Zei⸗ chen geben, welches bemerkt werden mußte. Jetzt hatte es wirklich den Anſchein, als wäre der Mann bemerkt worden; das Mädchen ſtellte ſich auf das äußerſte Ende des Schiffes und lugte aufmerkſam, dann rief ſie den Vater und deutete mit der Hand nach der Gegend hin, wo ſie den Mann geſehen hatte; ja, ja, ſie mußte geſehen haben, daß ein Menſch in Lebensgefahr war, denn in dieſem Augenblicke wen⸗ dete ſich das Fahrzeug auch entſchieden auf den Schwimmer zu⸗ Es dauerte nicht lange, ſo konnte man ſich wechſelſeitig ver⸗ ſtänlich machen, und natürlich unterließen die zwei Perſonen im Schiffe nicht, dem, weſcher ihnen in dieſer Einöde aller Ein⸗ Caſanova. öden Geſellſchaft leiſtete, Winke zu geben, wie er ſich halten ſollte. „Eigner Spazierweg!“ rief der Vater des Mädchens, ein alter Fiſcher, der in ſeinem Handwerke grau geworden war; „wenn Ihr ein Lachs oder ein Krebs wärt, guter Freund, ſo ließe ich mir die Sache gefallen, aber ſo ſeid Ihr ein Menſch, der auf dem Lande zu leben pflegt.. He, holla! Haltet Euch links — immer mehr links. ſo recht!.. kommt!.. nun greift zu, da iſt der Strick! Von nun an ſchwieg der Alte ſtill, denn er hatte den Athem nöthig, um den Verunglückten oder übermüthigen Wage⸗ hals vollends in's Fahrzeug hineinzuziehen. Sobald dies jedoch geſchehen war, nahm er ſeine Rede wieder auf. „Sagt mir um glles in der Welt,“ redete er den Mann an, „was hat Euch auf den Gedanken gebracht, Euch ſo ohne weiteres mitten in's Meer hineinzumachen? Hätte Euch meine Tochter nicht zu rechter Zeit geſehen, ſo wärt Ihr verloren ge⸗ weſen ohne Rettung. ..“ „Ach, Alter, glaube das nicht,“ erwiederte der Gefragte ziemlich keck; „ich weiß es ſchon wie mir's geht; das Waſſer behält mich nicht, ich kann machen was ich will. Es iſt als wäre ich der ewige Jude, der ſich auf die höchſte Klippe ſtellen und ſo tief ins Meer ſtürzen kann, bis das Senkblei ſelbſt —,—— Begebenheiten eines Weltmanes. 17 nicht mehr fällt, und doch wieder wohlbehalten an's Ufer ge⸗ ſpült wird. Habt Ihr denn Rum bei Euch?“ Statt zu antworten, holte der alte Fiſcher eine leidliche Korbflaſche herbei, entkorkte dieſelbe und bot ſie ſeinem Paſſa⸗ giere an. Dieſer that einen und dann noch einen ſehr herzhaften Zug, indem er ſagte: „Das ſtärkt bei Gott, und ich hatte es nöthig. Höre, Alter,“ fuhr der Mann ganz harmlos fort, „Du könnteſt einen Umweg machen... Kennſt Du den alten Martin, der dort am Strande die Kähne vermiethet? Zu dieſem ſollſt Du mich fahren; es ſoll mir auf ein Trinkgeld nicht ankommen. .. aber ſchnell...“ Sogleich drehte der Fiſcher ſein Boot, ſo daß daſſelbe einen ziemlichen Bogen in das offene Meer hinein machte; er kam unter den Wind und nun ſchoß das Fahrzeug ſchnell wie ein fliegender Pfeil auf der Waſſerfläche weiter. Nicht fern von der Fiſcherhütte hielten die Seefahrer an, der junge Mann ſtieg aus, gab ſeinem Retter ſoviel Geld als er bei ſich hatte und verſprach wieder bei ihm vorzuſprechen; dann ging er auf die Fiſcherhütte des alten Martin los, welcher eben unter der Thüre ſaß und eine Pfeife Tabak rauchte. „Höre, Martin,“ rief der Ankommende, ſchnell in das Haus hineintretend und jenen nachwinkend; „ich rechne auf Caſanova I. 2 18 Caſanova. Deine Verſchwiegenheit; ſollte heute oder morgen, gleichviel wenn, jemand kommen und Dich fragen, wer den Kahn vos Dir geborgt hätte, der zur Zeit weiß der Himmel wo herum⸗ treiben mag, ſo ſagſt Du, Du wüßteſt es nicht, er müßte Dir geſtohlen worden ſein. Willſt Du mir den Gefallen thun?“ „Aber wo iſt denn mein Kahn?“ fragte Martin. „Das laß Dich nicht weiter kümmern; „ich bezahle ihn wenn er nicht wieder kommt,“ tröſtete der Andre. Indeß Martin war gar nicht damit zufrieden, ſondern machte ein ziemlich ſaures Geſicht und ſagte: „Aber, lieber Herr, wenn mir nun dieſer Kahn gar nicht für Geld und gute Worte feil iſt, wie dann? Es war ein Meiſterſtück in ſeiner Art, und Meiſterſtücke ſind manchmal gar nicht mit Gelde zu bezahlen...“ „Still, ſtill, Martin, gieb Dich zufrieden!“ flüſterte der Jüngling; „ſiehſt Du, wer dort über das Meer auf Deine Hütte zu gerudert kommt? Halte reinen Mund von wegen des Kahnes, das ſag' ich Dir; es gilt Tod und Leben, hörſt Du?“ „Der... der. ..“ ſtammelte Martin mit offenem Munde, ohne vor Erſtaunen ein Wort weiter hervorbringen zu können; „ach Gott, was wird das werden!“ rief er nach einer Weile, als der Kahn am Lande feſtgemacht wurde und zwei Männer, eben der Gemahl der Dame und ſein Vetter, ausſtiegen. Sie erblickten den alten Martin, welcher ſich ſcheinbar Begebenheiten eines Weltmannes. 19 mit ſeinen Netzen zu ſchaffen machte, kaum in der Ferne, als ſie auch auf ihn zuſchritten und ihn fragten, ob er nicht wüßte, wem dieſer Kahn, in welchem ſie gekominen wären, eigenthüm⸗ lich angehörte. Martin erklärte ihnen, daß er der Beſitzer davon wäre. Nun fragten ſie weiter, wer den Kahn heute ge⸗ miethet gehabt hätte und darauf an das jenſeitige Ufer gefah⸗ ren wäre. Martin war ſchlau genug zu ſagen, ein Fiſcher⸗ knecht von ihm wäre hinübergerudert und müßte ihn am Ufer angebunden haben, daß ihn die Herren hätten finden können — indeſſen es wäre weiter kein Unglück, denn der Fiſcherknecht könnte auch auf einem Umwege noch vor Abend nach Hauſe kommen. „So ſo,“ antwortete derjenige von den beiden vornehmen Herren, welcher das Wort zu führen ſchien; „und kommt nicht manchmal ein ſtattlich gekleideter Herr zu Dir, welcher den Kahn miethet? Er thut ſehr geheimnißvoll und eilig, er trägt meiſtentheils einen hellgrünen Oberrock und ſchwarze Beinkleider nebſt ſeidenem Halstuche von gleicher Farbe.. beſinnſt Du Dich nicht, Alter? Krame einmal in den Schubfächern Deines Gedächtniſſes herum, vielleicht findeſt Du ein Zettelchen der Erinnerung, worauf dieſe Geſchichte geſchrieben ſteht. Rir liegt entſetzlich viel daran, hinter die Sache zu kommen, und hilfſt Du mir auf die Sprünge, ſo ſoll es Dein Schade nicht ſein Der Herr hat zu Zeiten ein Windſpiel bei ſich und dann trägt 2* 20 Caſanova. er auch eine lederne Reitgerte. . . He, beſinnſt Du Dich noch nicht?“ „O ja,“ erwiederte der Greis; „ſo eben erinnere ich mich. .. er war erſt vor kurzem wieder hier.“ „Zum Tollwerden iſt's!“ rief der, welcher dieſe Fragen gethan hatte, gegen ſeinen Begleiter gewendet, als ob er vor Wuth berſten wollte. .. „und er fährt wohl allemal in dieſer Richtung,. ſieh, ſo wie ich meinen Arm ausſtrecke... nicht wahr, in dieſer Richtung. ..?“ „Ja, allemal,“ antwortete der Andre. „Nein, ſagen Sie mir, ſoll ich nicht verrückt werden? Soll ich den Buhen nicht mit dieſen meinen beiden Händen erwürgen, wo er mir in den Wurf kommt?“ fragte der Mann ſeinen Vetter, vor Wuth ſchäumend;.. . „und bleibt er lange aus?“ wendete er ſich wieder an den Fiſcher. „Je nachdem; manchmal kommt er nach ſehr kurzer Zeit wieder,“ gab ihm dieſer zur Auskunft, „manchmal bleibt er auch mehrere Stunden lang aus.“ „Nein, Beweis um Beweis häuft ſich zuſammen!“ rief der Fragende, deſſen Wuth um ſo höher ſtieg, je mehr er von dem Fiſcher über den Unbekannten erfuhr; „ſoll ich mit kaltem Blute zuſehen, wie ein frecher Bube und ein verbuhltes Weib tagtäglich meinen guten Namen mit Füßen treten?... Bei Gott, ich ſtehe nicht für mich... und wenn er gleich wieder Begebenheiten eines Weltmannes. 21 kommt?“ wendete er ſich zu dem Fiſcher, „was für ein Ge⸗ ſicht macht er wenn er gleich wiederkommt?“ „Er bezahlt mich dann,“ ſprach der Greis, „und ſieht aus als wollte er alle Welt zerreißen; aber wenn's ihm recht gefallen hat auf dem Waſſer und er lange geblieben iſt, ſo iſt er ſo gut wie ein Kind, welches man um den Finger wickeln kann?“ „So? Nein, ich möchte vor Wuth laut auflachen!“ kreiſchte der Mann, ſeinen Begleiter anſehend, in hohen Tönen; „mit allem Fleiße ſtoße ich das Meſſer immer tiefer in mein Fleiſch hinein. . o ihr Götter des Himmels, gebt mir Geduld, gebt mir ja Geduld, ſonſt zerreiße ich den Frevler mit meinen Zäh⸗ nen oder mein armer Verſtand ſchnappt über. .. Wenn ge⸗ fällt es denn dem ſonderbaren Herrn vorzüglich auf dem Meere, bei heiterm Himmel oder wenn es trübe iſt?“ fragte er den Fiſcher weiter. „Je nachdem,“ antwortete dieſer; „manchmal fährt er bei Sturm und Wetter, wo ich mich kaum hinaus getraue, und bleibt lange aus, manchmal bei klarem reinem Himmel kommt er bald zurück, ich habe es beobachtet: er muß ſo ſeine eignen Motiven, ſeine Mucken haben, worauf das Wetter gar keinen Einfluß hat. .. „Ja, es iſt richtig, richtig iſts!“ rief der Andre; „o Du verzweifelter Scharfſinn der Eiferſucht! Je mehr ich frage, deſto 22 Caſanova. mehr erfahre ich und deſto mehr ärgere ich mich — ja wohl, das glaube ich, daß ſeine Leidenſchaft nichts mit dem Wetter zu thun hat! Aber was frage ich denn, wenn ich mir dadurch nur das Leben verbittere? Muß ich's denn wiſſen? Freilich muß ich's wiſſen, ſonſt hätte ich ja keinen Grund an den Wänden hinauf zu laufen!. .. und ich treffe auch mit meinen Fragen allemal unglücklich den Nagel ſo auf den Kopf, daß ich die Antwort erhalte, welche mich am ſchwerſten beugt!. .. Willſt Du uns wohl wieder zurückfahren, dort hinüber an das andre Ende?“ wendete ſich der Zornige an den Fiſcher. „Warum denn nicht?“ antwortete dieſer; „aber, guter Herr, wenn ich Ihnen weh gethan habe, ſo bitte ich um Ver⸗ gebung; ich hab's, weiß es der Himmel, nicht gern gethan und Sie wollten es ſelbſt ſo haben.“ „Laß, Alter, laß; ich weiß. .. weiß. ..“ antwortete der Unbekannte; „hier haſt Du Fährlohn, den Lohn für Deine Aufrichtigkeit, und wenn der Burſche einmal wieder bei Dir einſprechen ſollte. .. doch nein. . . es iſt gut. . .“ ſetzte der Sprechende im Einſteigen ſich anders beſinnend hinzu; „fahr' zu, Freund!“ Der Kahn durchſchnitt die Waſſerwogen, daß dieſe oft rechts und links in zwei Theilen wie ein geſpaltener Hügel auseinander fielen; aus der Fiſcherhütte trat der triefende Schwimmer, welcher vor kurzer Zeit von dem Fiſcher in ſeinem Begebenheiten eines Weltmannes. 23 Boote an's Land geſetzt worden war, heraus und eilte zähne⸗ knirſchend auf einem Seitenwege von dannen. Vorher jedoch hatte er mit Kreide auf den Tiſch in der Fiſcherhütte die Worte geſchrieben: „Alter Eſel, der Du biſt, ſoll das etwa reinen Mund halten heißen, wie Du mir verſprochen hatteſt?“ Als der Fiſcher zurückkam und dieſe Worte las, mußte er unwillkührlich lächeln. „Reinen Mund habe ich nicht gehalten, aber den Mund rein,“ rief er aus; „ein Mann mit grauen Haaren lügt nicht mehr, guter Freund, wenn Du ihm auch Geld die ſchwere Menge bieteſt.“ Der Andre, welcher zu dieſer Bemerkung Anlaß gegeben hatte, eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen wollten, nach der Stadt, um in ſeiner Wohnung die erſt halb trockenen Kleider mit ganz trockenen zu vertauſchen. Durch eine Hinterthüre, zu welcher er den Schlüſſel hatte, konnte er unbemerkt in den Garten und aus dieſem ebenſo wenig auffallend in ſein Quar⸗ tier kommen. „Conrad,“ rief er hier angelangt ſeinem Diener zu, „Conrad, den neuen Anzug herein, welchen der Schneider dieſen Morgen gebracht hat!“ Der Diener brachte das Verlangte, wurde aber ſogleich 24 Caſanova. wieder fortgeſchickt, um einige Freunde ſeines Herrn zu bitten, daß ſie dieſen für heute Abend in's Concert begleiten möchten. „Dort treffe ich ihn,“ ſagte der glücklich Entronnene; „er muß mich ſehen, und ich werde alles Mögliche aufbieten, daß es den Anſchein gewinnt, als wäre mir hente gar nichts begegnet... dann fällt doch ſein Verdacht weniger auf mich. . Und ſie iſt auch da, auch ſie iſt da!“ ſtöhnte er, während er ſich vollends anzog. Zweites Capitel. Nichts iſt ihm Kleinigkeit, was ſich auf ſie bezieht. Wieland. Die Eiferſucht. An die beiden Männer, welche vom alten Fiſcher überge⸗ fahren worden waren, wieder feſtes Land unter den Füßen hat⸗ ten, eilten ſie ſo ſchnell als möglich auf das Hauptgebäude zu, deſſen Hinterthür offen ſtand und die Ausſicht nach dem Gar⸗ tenſaale im Erdgeſchoß frei ließ. Der Saal war leer, als ſie eintraten, und die Windharfe, welche an eine Oeffnung in der Giebelwand angebracht war, ſpielte leiſe träumeriſche Weiſen. Ein Kammerherr, welcher die beiden Männer erwartete, ſtand außen vor der entgegengeſetzten Thüre und zählte, ohne deren Nähe gewahr zu werden, die Minuten an den Fingern ab; er langweilte ſich offenbar, das ſah man an ſeiner ganzen Haltung, wenn auch ein mehrmaliges Gähnen dieſen ſeinen Gemüthszuſtand nicht verrathen hätte. „Ha, da iſt ja Roſenau!“ rief der eine von den Ein⸗ tretenden mit lauter Stimme, und ſogleich drehte ſich der Kam⸗ 26 Caſanova. merherr um und erblickte durch die Glasſcheiben der Saal⸗ thüre ſeinen Gebieter und deſſen Begleiter. Er eilte auf die⸗ ſelben zu und redete ſie mit den Worten an: „Was ſteht zu Befehl, mein Prinz?“ „Ah, lieber Roſenau,“ erwiederte jener mit erzwunge⸗ ner Ruhe, „ſagen Sie doch... ja, ja, iſt Madame noch hier?“ „Die gnädige Prinzeſſin, Höchſtdero Gemahlin?“ fragte der Kammerherr; „zu dienen, mein Prinz; Prinzeſſin Thereſe macht ihre Toilette, wie ich hörte, um dem Conecerte beizuwoh⸗ nen, welches . .“ „Schon gut, ſchon gut,“ unterbrach der Prinz Ferdi⸗ nand, eben der Gemahl dieſer Dame, die Nachricht, welche ihm der Kammerherr hinterbrachte; „hören Sie, mein lieber Roſenau, Sie würden mir einen Gefallen thun, wenn Sie der Prinzeſſin ſo ganz nebenbei wiſſen ließen, daß ich, ver⸗ ſtehen Sie wohl, daß ich das Concert nicht beſuchen würde. Freilich darf ſie nicht merken, daß Sie dieſe Nachricht abſicht⸗ lich an ſie bringen; das müßte ſich, wie geſagt, wie ganz von ungefähr machen. .. wohin Sie mich thun wollen, wenn Sie meine bevorſtehende Abweſenheit verkünden iſt mir gleichgültig.. meinetwegen ſagen Sie, ich ſei in der Staatskanzlei, um alte Urkunden nachzuſehen.“ Die ganze Antwort des Agenten, welchen der Prinz mit dem Auftrage beehrt hatte, beſtand in einer reſpectvollen Ver⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 27 beugung, zum Zeichen daß er ſich mit allem Eifer der Aus⸗ führung der Wünſche ſeines hohen Gönners zu unterziehen bereit war. Der Letztere ſelbſt gab den wartenden Dienern einen Wink und verfügte ſich zu dem Pferde, welches ihn hier⸗ her getragen hatte und ſchon wieder zum Rückwege bereit ſtand. Um ſeinen vorigen Begleiter kümmerte er ſich nicht im gering⸗ ſten, denn dazu war er zu aufgeregt; neben ihm ritt ſein Vet⸗ ter, ein Seitenverwandter des regierenden Hauſes, welcher von ſeinen unermeßlichen Einkünften wohl ein glänzendes Leben hätte führen können, wenn er gewollt hätte, es aber vorzog ſein Vermögen durch Sparſamkeit von Jahr zu Jahr zu ver⸗ größern. Was der Mann mit all ſeinem Gelde beabſichtigte, war und blieb allen Leuten ein unauflösliches Räthſel; er ver⸗ ſchloß ſich vor jedem Späherblick und hatte das ſeltene Glück, den Horcher, welcher ſeine Geheimniſſe belauſchen wollte, wie durch Inſtinct geleitet, ſchon von fern zu merken. Der Prinz ritt eine Weile ſchweigend voraus; ſein Be⸗ gleiter folgte ihm etwa drei Schritte hinten nach. Der Erſtere athmete heftig, ſtieß auch zuweilen abgebrochene Sätze aus, die aber niemand recht verſtehen konnte, wer den Zuſammenhang der letzten Vorfälle nicht kannte. Der Vetter des Prinzen wußte recht gut woran er war, denn theilweiſe waren ja eben dieſe Vorfälle auch ein wenig ſeine eigne Veranſtaltung mit und er freute ſich, daß er ſo gut gerechnet hatte. M Caſanova. „Wir werden Sie alſo nicht im Conterte ſehen?“ fragte der ſchlaue Beobachter des eiferſüchtigen Verwandten; „Sie würden ſich aber gewiß eine angenehme Zerſtreuung verſchaffen, liebwerther Vetter, wenn Sie ... der Violinſpieler ſoll vor⸗ trefflich ſein; ich habe erſt geſtern noch mit dem Intendanten geſprochen, und dieſer war ſelbſt entzückt. . „Ach, der Herr Intendant iſt mit Ihrer Erlaubniß ein Eſel!“ fuhr der Prinz Ferdinand hitzig heraus; „ich wollte, er wäre mit ſeinen leidigen Geigen mir tauſend Meilen weit vom Halſe geblieben!“ „Aber Sie ſind ſehr mißlaunig,“ gab der Abgewieſene in einem Tone, als wenn ihn dieſe Rede verdroſſen hätte, zur Antwort; „ich werde mich entfernen, wenn Sie meine Geſell⸗ ſchaft läſtig finden.“ „Lieber Eduard, wer ſagt denn das?“ erwiederte der Prinz, um jenen zu beſänftigen, und legte den gutmüthigſten Ton ein, der ihm für den Augenblick zu erzwingen möglich war; „mein Gott, begreifen Sie denn nicht, ſehen Sie denn nicht ein. .. doch was ſage ich? ... Iſt es nicht um an den Wänden hinaufzulaufen, frag' ich Sie? Ich werde halb toll, wenn ich bedenke. .. nein, ich mag's nicht ausſprechen, 5 nicht daran denken.. . und doch kommt mir der Kerninſchte Gedanke immer wieder. .. ich mag mich geberden wie ich will.“ „Denken Sie an etwas Andres!“ rieth der Begebenheiten eines Weltmannes. 29 indem er ein ſtechendes vom Prinzen jedoch nicht bemerktes Lächeln um ſeinen Mund ſpielen ließ. Seine Mienen ſchienen Schlangen zu ſein, welche ſich auf dem Geſichte geſchmeidig durcheinander wanden, und ſeine Worte waren wirklich ver⸗ giftete Pfeile, ohne daß man ſie dafür anſah; denn der Schütze, welcher dieſe tödtlichen Geſchoſſe auf die Bruſt ſeines Beglei⸗ ters ſendete, hatte die Vorſicht gebraucht, ſeine Abſicht im hin⸗ terſten Winkel ſeines Herzens verſteckt zu halten. „Nicht jeder Verdacht iſt begründet,“ fuhr er zu refler⸗ tiren fort; „denken Sie an die Menge Beiſpiele, welche man in dieſer Beziehung namentlich anführt; doch will ich Ihrem Ermeſſen keineswegs vorgreifen. Sie ſagten, mein werther Freund, Sie hätten Ihre Gründe, weshalb Sie ſo hartnäckig auf Ihrer Meinung beſtünden, und ich muß es Ihnen über⸗ laſſen, das Gewicht dieſer Gründe, deren Haltbarkeit oder Un⸗ haltbarkeit zu unterſuchen. .. “ „Bei allen Teufeln, die in den Lüften wohnen, ja, ich habe meine Gründe!“ ſchrie der Prinz, indem er ſich in der äußerſten Wuth umdrehte. „Aber ſo mäßigen Sie ſich doch wenigſtens; dort reiten ja die Diener hinter uns,“ redete ihm ſein Vetter, der Prinz Eduard zu; „ſie werden die Köpfe zuſammenſtecken und es wird Geſchichten bei Hofe geben .. . “ „Wenn ſie die Köpfe zuſammenſtecken, ſo habe ich ſte 30 Caſanova. gleich beiſammen, um ihnen die Hälſe zu brechen!“ rief Prinz Ferdinand mit unterdrückter Wuth. „Wir werden ja ſehen, wie die Sache ausgehen wird.“ „Ich riethe aber dennoch, daß Sie am heutigen Concerte theilnähmen,“ lenkte der Andre wieder auf ſein voriges Thema ein; „beobachten Sie Madame, denn ſie iſt gewiß zugegen; jener Herr wird nicht verfehlen ſich ebenfalls einzuſtellen. ein einziger Blick verräth oft mehr als hundert andre Zeug⸗ niſſe, er iſt eine unmittelbare Thatſache, welche aus dem Innern des Menſchen ſelbſt kommt. . .“ „Ungghittlicher Schwätzer!“ fiel der Prinz Ferdinand ſeinem Vette rlich in die Rede; „ich habe ja alles bereits ſo angelegt wie es in meinen Plan paßt. Gewißheit muß ich haben, komme es wie es wolle — aber dann auch wehe Beiden!“ Der Sprechende ballte die Fauſt und ein fürchterlicher Ausdruck der Wuth verzog ſein Geſicht, ſo daß es ſeinem Be⸗ gleiter ſelbſt etwas unheimlich zu Muthe wurde. „Ich werde zugegen ſein!“ rief der Prinz nach einer Pauſe, indem er die Worte haſtig herausſtieß, „werde ſie ungeſehen beobachten. . ich fiel gleich anfangs auf den Gedanken ... ja ja, ein Blick ſagt mehr als tauſend Worte... ich werde ſehen wie ihr ganzes Weſen immer mehr in Flammen gerathen wird... wenn nun alle Schwingungen der Seele in raſchem Gange 5 Begebenheiten eines Weltmannes. 31 ſind.. ha, da leuchtet hier ein Strahl aus dem Auge, dort zuckt eine Miene, da zittert wieder die Hand Anmerklich. .. und könnte ich die bebende Stimme noch hören, könnte ich in dieſem Augenblicke den prüfenden Finger an ihre Pulſe legen, könnte ich das Schallrohr an die Stelle ſetzen, wo ihr Herz ſchlägt, könnte ich die Gedanken und Gefühle ſelbſt in ihrer Seele mit Augen ſehen.. bei Gott im Himmel, ich würde ein Teufel und riſſe ihr dieſe verbrecheriſche Seele aus dem Leibe .. . Aber ſtill, ich will mich faſſen, ich will ruhig ſein als wäre nichts vorgefallen; wenn das Raubthier auf ſeine Beute lauert, muß es auch ſchlau zu Werke gehen, denn ſonſt geht die Beute nicht in die Falle; all ſeine Stärke hilft dem Raubthiere nichts!“ „Sehr richtig, ſehr richtig!“ beſtätigte der Andre dieſe Rede; „will man den Menſchen erblicken wie er iſt, ſo muß man ihn glauben machen, daß er unbewacht ſei. Dann läßt er ſich gehen, überläßt ſich ſeinen Gefühlen unbedenklich; der aber, welcher unbemerkt hinter ihm ſteht und ihm zuſieht, hat leichtes Spiel. Ich finde Ihren Plan vortrefflich.“ So waren die beiden Reiter allmählich bis an ein Haus gekommen, vor welchem ſie Halt machten und abſtiegen. Der Prinz Ferdinand eilte raſch zur offenen Thüre hinein und flog die Treppe hinauf; der Andre folgte ihm. Der Kammer⸗ diener erhielt Befehl heute niemanden mehr vorzulaſſen und 32 Caſanova. Alle, welche aufzuwarten begehrten, mit dem Beſcheide abzu⸗ weiſen, ſein Herr wäre unwohl und wünſchte allein zu ſein. Ringsum in einem hohen Saale liefen kunſtreiche Säu⸗ lenreihen, welche die gewölbte Decke trugen, aus deren Mitte ein koſtbarer Kronleuchter herabhing und ſeinen Strahlenfächer nach allen Seiten ausbreitete. Nach Süden zu war der Ein⸗ gang für das Publicum, in öſtlicher Richtung hatte das Or⸗ cheſter ſeinen Platz, in der Mitte waren die Sitze für die Zu⸗ hörer. Von den letztern hatten ſich ſchon mehrere eingefunden, namentlich junge Herren und alte Hageſtolze, welche insgeſammt jede Dame, die hereingerauſcht kam, ſorgſam unter die Lor⸗ gnette nahmen, gleich als wären ſie Naturforſcher und jene lieb⸗ lichen Geſchöpfe mit den lächelnden Geſichtern und blühenden Wangen die Objecte, an welchen ſie ihre Wiſſenſchaft lernen müßten. Die Damen ihrerſeits thaten als ſähen ſie weder rechts noch links; indeſſen weiß man ſchon wie dieſe lieben Heuchlerinnen ihre Abſicht zu verſtecken wiſſen. Sie reden mit dieſem und während des Geſprächs hören ſie immer, was jemand, auf den ſie es eigentlich abgeſehen haben, mit einem Andern verhandelt; ſie halten die Hand vor die Augen, wenn ſie etwas nicht ſehen wollen; aber neugierig wie ſie ſind, laſſen ſie Ritzen zwiſchen den Fingern offen und durch dieſe ſehen ſte ſchon was ſie ſehen wollen — kam es doch bloß darauf an, daß die Leute glaubten, die lieben Engel ſähen etwas wirklich Begebenheiten eines Weltmannes. 3 nicht, was mit ihrer himmliſchen Reinheit in ſchreiendem Con⸗ traſte ſtand. Unter ſich wiſſen die Frauen recht gut wie ſie mit einander daran ſind; in ſolchen Fällen geniren ſie ſich auch nicht; nur wenn Männer dazukommen, hüllen ſie ſich in den Roſenſchleier der Verſchämtheit und ſchlagen die Augen nieder⸗ Die blühenden Roſen in Menſchengeſtalt ſahen ſich ver⸗ ſtohlen nach allen Seiten um; ach, die eine hatte mit ihrem feurigen Augenpaare für ihr empfindſames Herz, welches ſie wie eine jeder Berührung leicht nachgebende Feder in ihrer Bruſt erzittern fühlte, hier etwas zu ſuchen, die andre hoffte es dort zu finden; es entſtand eine ſüße geheimnißvolle Stille, die wie Bangigkeit auf der geſpannten Verſammlung lag. Bald jedoch ſteckten die holden Engel die Köpfchen zuſammen und flüſterten einander vertrauliche Worte zu, wenn ſie auch von der Seite immer noch die verlangenden Blicke wie blitzſchnelle Kundſchafter herüber und hinüber leuchten ließen; das geringſte Geräuſch gab ihnen einen genügenden Vorwand, offen nach einem oder dem andern Punkte hinzuſehen. Jetzt ging die Thür auf — Aller Augen wendeten ſich wie auf Verabredung nach dem Eintretenden. Ein äußerſt geſchmackvoller junger Mann überſchritt die Schwelle. Alles an ihm war Anmuth und Kraft; ſein Geſicht verrieth die edelſte Seele und ein geiſtreicher Zug lief durch daſſelbe hindurch, welcher ihm nur noch magiſcheren Reiz ver⸗ Caſanova I. 3 Caſanova. lieh. Je einfacher er ſich gekleidet hatte, deſto entſchiedener traten die edlen Formen ſeines Körpers hervor; vom Kopfe bis zum Fuße glich er einem Kunſtwerke, in welchem der Mei⸗ ſter das Ideal der männlichen Schönheit ſo annähernd als mög⸗ lich darzuſtellen verſucht zu haben ſchien. Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte dieſe Erſcheinung alle Frauenherzen, die in raſcheren Schlägen klopften und die Bruſt gewaltſamer hoben. Das Geplauder war plötzlich verſtummt. Der Mann ſchien hier noch ziemlich fremd zu ſein. Er grüßte bei ſeinem Eintritt die ihm zunächſt ſtehenden Herren mit vornehmer Nachläſſigkeit. Sein Gruß wurde im Hoftone erwiedert. Dann begab er ſich an einen Ort, welchen er für die Dauer des Concertes behaupten zu wollen ſchien. Die Neugierigſten vom Publicum fragten einander, wer der Unbekannte doch ſein möchte, niemand aber wußte etwas wei⸗ ter von ihm, als daß er ein ſehr reicher junger Mann wäre, welcher im Sinne hätte, hier zu Lande in Staatsdienſte zu gehen. Dieſe Nachricht wurde von Ohr zu Ohr geflüſtert und machte beinahe von einem Ende des Saales bis zum andern die Runde; ehe man aber weitere Vermuthungen aufſtellen und an den Mann bringen konnte, trat ein Umſtand ein, wel⸗ cher die Aufmerkſamkeit der Anweſenden für ſich in Anſpruch nahm. Beide Flügelthüren wurden mit mehr Geräuſch als ge⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 35 wöhnlich geöffnet; voraus trat ein Cavalier vom Hofe, hinter ihm her kam eine Frau geſchritten, welche im vollſten Glanze weiblicher Schönheit ſtrahlte. Stolz und majeſtätiſch bewegte ſie ſich vorwärts wie eine aufgehende Sonne, herablaſſend grüßte ſie nach allen Seiten hin, indem ſich die Sitzenden ehrfurchts⸗ voll erhoben, die Stehenden aber ſich mit nicht mindern Zeichen der Ergebenheit und Bewunderung verbeugten. Die ſeidenen Gewänder rauſchten an allen Enden, die Edelſteine in den Baaren walfen, ſ owie ſich die Köpfe drehten, auf welchen dieſe fun⸗ kelnden Sterne prangten, ihre Strahlen nach allen Seiten. Jetzt hatte die Königin der Schönheit, welcher dieſe Huldigun⸗ gen dargebracht wurden, in der Mitte des Saales ihren Platz gefunden; ſie ließ ſich auf einem mit rothem Sammet überzo⸗ genen Lehnſeſſel nieder und nahm die Vrtſammniig in Augen⸗ ſchein. Was ihre Geſtalt in dieſer ruhigen Haltung an Anmuth verlor, gewann ſie doppelt durch den Ausdruck der Erhabenheit wieder, von welchem ſie wie übergoſſen wurde. Ha, dieſe ge⸗ waltige Macht, mit welcher die Schönheit aus ihrem Geſichte leuchtete! Es ſchien als ob ſich ein ganzes Heer von kampffer⸗ tigen Liebesgöttern auf Lippen, Wangen und Augenwimpern gelagert hätte, welche jeden, der den verwegenen Blick auf das Geſicht der ſtolzen Frau richtete, mit ihren Geſchoſſen verwun⸗ deten. Die hochgewölbte Stirn leuchtete wie ein erhabener 3* Caſanova. Himmel; unter ihr die beiden funkelnden Augen, aus denen doch bei allem Feuer eine wahre Engelsſanftmuth mit tauſend Zungen redete; weiter herab die ſammetweichen Wangen, dann der feingeformte Mund und ein Kinn, deſſen Umriſſe und Fär⸗ bung die Natur mit der äußerſten Vorliebe vollendet zu haben ſchien; dazu die üppige Geſtalt, welche wie hingegoſſen ſich auf dem Lehnſtuhl ausbreitete — nein, das war ein unbeſchreib⸗ liches Gewebe von tauſend magiſchen Reizen durcheinander, deſſen unerklärliche Macht man wohl fühlen konnte, aber deſſen einzelne Fäden zu entwirren und ſo den Grund ſeiner Wir⸗ kung in's Einzelne gehend zu zergliedern man nimmermehr im Stande war. Von dieſer Minute an war der Fremde, der vorhin die Aufmerkſamkeit der Anweſenden erregt hatte, ganz Auge für die Frau, welche dieſelbe Aufmerkſamkeit unmittelbar nach ihm in Anſpruch genommen hatte. Gleich als ſte hereinge⸗ treten war, gleich beim erſten Schritte in den Saal hatte er ſie mit den Augen in Beſchlag genommen, als wenn er ſie allein anſehen und dies keinem zweiten Augenpaare geſtatten wollte; er war ihr mit durſtigen Blicken gefolgt; da ſie nun ſaß, heftete er dieſe Blicke immer unverwandt auf denſelben Punkt, auf ihre Perſon, und bemerkte nicht, daß er wenn auch im allgemeinen weniger auffiel, doch von zwei Männern, die ihre Stellung im Hintergrunde genommen hatten, auf's genauſte 4 Begebenheiten eines Weltmannes. 37 beobachtet wurde. Auch ſie ſuchte nach jemandem, den ſie zu vermiſſen ſchien und doch gern hier geſehen hätte; ſie fand ihn — und nun war die Muſik und alles, was ringsum vor⸗ ging, für Beide ſo gut als nicht vorhanden. Die beiden Beobachter aber, von welchen die Liebenden nichts wußten, ſtrengten ihre Sehnerven auf's äußerſte an; ſie wollten keinen Zug, der auf ihren Geſichtern ſpielte, verloren gehen laſſen. Den einen trieb die raſende Eiferſucht, den an⸗ dern leitete eine kältere Abſicht, der aber eben deshalb ſchlauer zu Werke ging und wegen der umſichtig gewählten Mittel zum Zwecke gefährlicher werden konnte. „Ha, ſehen Sie nur!“ rief der Eine von jenen Beiden, indem er ſeinen Nachbar mit dem Elbogen anſtieß; „ſehen Sie nur! Ihre Seelen bekommen Arme, die Arme breiten ſich aus, im vollen Taumel ſtürzen ſie auf einander zu; in Gedanken ſchlingt der Bube ſeine Arme um ihren Nacken und ſie erwie⸗ dert das Zeichen ſeiner Inbrunſt.. . jetzt hängt ſeine Seele an ihren Lippen wie der Schmetterling mit ſeinem Rüſſel am Kelche einer Blume... ſie läßt ihn ſaugen, ſie läßt ihn trin⸗ ken.. ha, wie durſtig er zieht, und der Kelch der Blume, von Wonne zitternd, beugt ſich nieder. . tränkſt Du das Giſft des Todes in Dich hinein! Könnte ich doch Beide zugleich mit die⸗ ſen meinen Händen faſſen .. .“ „Still, ſtill doch!“ flüſterte der Andre dem Sprechenden Caſanova. zu; „man wird ſchon aufmerkſam; ſehen Sie nicht wie ſich die Köpfe drehen?“ Der Warner richtete ſich, ſobald er dieſe Worte ſeinem Nachbar in's Ohr geflüſtert hatte, wieder in die Höhe und drückte ſich ſo hart als möglich an die Säule, neben welcher er Platz genommen hatte, denn er wollte nicht bemerkt ſein, ebenſo wie der Andre verborgen bleiben wollte, obſchon er die⸗ ſen ſeinen Vorſatz, von der Gewalt der Leidenſchaft hingeriſſen, vorhin auf einen Augenblick aus den Augen verloren hatte. Die beiden Männer ſtanden neben einander und thaten als wäre nicht das Mindeſte vorgefallen, was ihre Gefühle in Allarm geſetzt hätte; Prinz Eduard war der heimliche Laurer, wel⸗ cher das Eiſen ſchmieden wollte, ſobald es nur warm genug geworden wäre; ſein Vetter, der Prinz Ferdinand, aber der glühende Feuerkopf, welcher durch die Handgriffe des An⸗ dern geleitet und gehandhabt werden ſollte. Die beiden Liebenden ſchwelgten in der Wonne ihres ge⸗ genſeitigen Anblickes. Er erkannte ſie kaum wieder, wenn er daran dachte, wie hingebend, wie ſanft und demüthig ſie ſein konnte, ſobald ſie mit ihm in traulicher Einſamkeit allein war und an ſeiner Bruſt lehnte. Hier dieſe ſtolze ſtrahlende Schön⸗ heit, dieſe Königin, die von Diamanten glänzte wie der Him⸗ mel von unzähligen Sternen, von denen immer einer heller und in ſchönern Farben ſtrahlt als der andre: war das jenes Begebenheiten eines Weltmannes. 39 ſanfte Weſen, welches ſich um einen Finger winden ließ ohne zu murren? Und doch fand ſich jeder der lieben Züge, die er ſo lange und ſo gut kannte, in ihrem Antlitz wieder; jeder Blick kam ihm aus ihren Augen entgegen wie ein alter guter Freund. Sie ſuchte dem Zuge des Herzens Gewalt anzuthun und blickte ſich nach allen Seiten um; aber kaum hatte ſie ſich von dem Punkte, wo der Mann ihrer Wahl ihr gegenüber ſtand, mit aller Gewalt ein wenig hinweggewendet, gleich drehte ſie ſich wieder in die rechte Sehlinie. Der Eiferſüchtige ahnte, wie geſagt, den ſüßen Taumel der Leidenſchaft, von welchem ihre Seelen ergriffen waren. Daſſelbe, weshalb ſte vor Wonne zitterten, ſetzte ihn in Zornesflammen. Jene glichen argloſen Kindern; tauſend Blüthen dufteten um ſie her und ſie freuten ſich des Paradieſes, worin ſie lebten; daß eine Schlange unter den lachenden Blüthen verſteckt liegen, daß dieſer häßliche Wurm augenblicklich hervorſchießen und das kalte Gift des Todes Beiden an's klopfende Herz ſpritzen könnte, ein ſolcher Gedanke war fern von ihnen. Der erſte Theil der heutigen Abendunterhaltung hatte ſein Ende erreicht; die letzten rauſchenden Accorde waren eben ver⸗ klungen und die Herren ſchwiegen meiſtens noch einen Augenblick, weil ſie, von den Tönen der Mufik mächtig ergriffen, ſich nicht gleich in eine andre Welt wieder zurückfinden konnten. Die, welche am wenigſten gefühlt und verſtanden hatten, ſetzten wie Caſanova. gewöhnlich ihre Hände zuerſt in Bewegung; das Pelotonfeuer des Beifallklatſchens wurde bald immer lauter, denn Andre, welche noch unter dem Eindrucke des Kunſtwerkes den Regungen ihres Gefühles lauſchten, wurden durch das Beiſpiel ihrer Nach⸗ barn angeregt und verſtärkten das Getöſe. Die feierliche Stille war geſtört, die bisherige Ordnung ſo zu ſagen aufgelöſ't; die Verſammelten glichen einer Abtheilung von Soldaten, welche ihre Uebungen zum Theil vollendet haben und nun auf das Commando „Los!“ unter einander herumgehen und ſich unter⸗ halten wie es ihnen beliebt. Dieſen Moment benutzte der Prinz Ferdinand, um ſich unbemerkt zu entfernen. Vorher jedoch flüſterte er ſeinem Nach⸗ bar etwas in's Ohr und übergab ihm einen Zettel, worauf dieſer zum Zeichen des Einverſtändniſſes mit dem Kopfe nickte. Der Zurückbleibende verbarg ihn, drehte ſich nach der Richtung, in welcher der Andre ſich entfernte, und ſah demſelben mit ſtarren ſtechenden Blicken nach; dann wendete auch er ſich herum, um die bisherige Stellung zu verlaſſen; aber er ging nach der gerade entgegengeſetzten Seite. 1 Sobald er an einen Ort gekommen war, wo er das Ge⸗ ſchriebene unbemerkt leſen konnte, trat er dicht unter die Wand⸗ laterne. Er las bloß die einfachen Worte: „Wenn Sie noch einen Funken von Ehre im Leibe haben, ſo verfügen Sie ſich, ſobald Ihnen dieſe Einladung zugekommen Begebenheiten eines Weltmannes. 41 ſein wird, ſogleich nach dem Kloſterparke, wo jemand auf Sie wartet, welcher über einen gewiſſen Punkt Auskunft von Ihnen verlangen und nach Befinden Sie zur Rechenſchaft ziehen wird.“ Die Unterſchrift war ein lateiniſches F. und hinter dieſem ſtanden drei Sterne. „Die Hand hat Dir ſehr gezittert, armer Mann!“ be⸗ merkte der Leſende, indem er das Blatt auf⸗ und niederbewegte; „Du biſt ſehr in Leidenſchaft geweſen... Ha, wer würde das auch nicht unter ſolchen Umſtänden wie die Deinigen ſind?“ Hier brach er ab und ſchwieg eine Weile; ſein ſtechender Blick haftete am nächſten Pfeiler; da er unbelauſcht war, ließ er ſeinen Gedanken und Worten weiter ihren freien Lauf. „Aber den Zettel abgeben, den Auftrag an die richtige Adreſſe beſorgen? Nein doch, das kannſt Du nicht von mir verlangen, guter Freund; wie gern ich's auch thäte, ſo ſebe ich doch ein, daß eine ſolche Handlungsweiſe meinem eignen Vor⸗ theile ſchnurſtracks zuwiderlaufen würde... und folglich wirſt Du mich entſchuldigen, wenn ich zunächſt meine Intereſſen wahr⸗ nehme und dann erſt die Deinigen an die Reihe kommen laſſe. .. Ja, ich hab's!“ rief er zufrieden aus und legte den Zeigefinger der rechten Hand an die Naſe; „ſo muß es gehen; der Auf⸗ wärter muß die Schuld auf ſich nehmen, wenn nicht der Rechte kommt.“ „He da, guter Freund!“ wendete er ſich ſofort an den 42 Caſanova. nächſten Aufwärter, der ganz beſcheiden an der Seitenthür ſtand, durch welche die Orcheſtermitglieder ihren Eingang hatten; „wie iſt Euer Name?“ „Zu dienen, gnädiger Herr,“ antwortete der Gerufene mit einer tiefen Verbeugung, „mein Name iſt Peter Urbino und ich bin bei der Geſellſchaft, ſeit dieſelbe hier beſteht.“ „So ſo,“ antwortete der gnädige Herr ironiſch lächelnd, weil ſich der Mann zur Künſtlergeſellſchaft ſelbſt zählte; „Ihr würdet wohl die Güte haben, mein Freund, dieſen Zettel, den Ihr freilich nicht leſen dürft, auf der Stelle dort an jenen Herrn, welcher vor dem dritten Pfeiler rechts in der vorderſten Reihe ſteht, ſo unbemerkt Ihr immer könnt abzugeben? Wer⸗ det Ihr?“ „Eigentlich darf ich nicht von dieſem meinem Poſten, gnädiger Herr,“ antwortete Peter Urbino äußerſt ceremoniös; „denn, ſehen Sie, bei einem Orcheſter muß alles, auch das Kleinſte, in ſeiner Ordnung ſein, ſonſt kann eine Störung eintreten und die Muſik umwerfen, eine Schmach, vor welcher der gütige Himmel uns in Gnaden behüten möge; allein in Anbetracht, daß jetzt gerade eine Pauſe iſt, ferner in Anbetracht daß ich mir ſchmeichle, ehe die Muſik wieder beginnt, die Sache abgethan und meinen Poſten wieder erreicht zu haben, ſo trage ich kein Bedenken, Dero höchſten Auftrag anzunehmen, und erbiete mich ihn zu vollführen.“ — Begebenheiten eines Weltmannes. 43 „So eilt!“ rief der Prinz lachend und drängte den Auf⸗ wärter zu gehen, indem er nochmals wiederholte: „Er lehnt rechts an dem bewußten Pfeiler, ſeht Ihr dort? An den in der vorderſten Reihe. . . daß Ihr ihn aber ja nicht verfehlt und den Zettel etwa an einen Unrechten abgebt. ..“ Beinahe beleidigt durch dieſes Mißtrauen, welches man in ſeine Geſchicklichkeit zu ſetzen wagte, eilte Peter Urbino da⸗ von und der Andre ſteuerte ebenfalls unter der Hand weiter, bis er glücklich wieder an ſeinem alten Platze ſtand. „Der gute Baron wird ſich wundern, dachte er bei ſich im Stillen; „aber wer heißt ihn auch den Geſandtſchaftspoſten gerade des Hofes über ſich nehmen, welcher hierorts meine Intereſſen und meinen gegründeten Anſprüchen die meiſten Hin⸗ derniſſe in den Weg legt!“ In dieſem Augenblicke drehte ſich der Baron Lamber⸗ tini um, ein Mann von mittleren Jahren, welcher erſt ſeit kurzer Zeit als Geſandter eines befreundeten Hofes in der Re⸗ ſidenz figurirte. Es hatte ihn jemand, der hinter ihm ſtand, aufmerkſam gemacht, daß ein zweiter ihm etwas zu übergeben hätte. Der, an welchen die fragliche Zuſchrift eigentlich hätte gelangen ſollen, ſtand gerade neben dem Geſandten und ſchien die Bewegung deſſelben gar nicht zu bemerken, ſo hatte er ſich in das Anſchauen der Theuern gegenüber verloren. Der Baron Lambertini entfernte ſich kurz darauf, ohne 44 Caſanova. ein Wort gegen jemanden zu äußern — und die Leute dach⸗ ten, es wären Staatsangelegenheiten wichtiger Natur, welche den Diplomaten ſo plötzlich abgerufen hätten. Außer den Bör⸗ ſenmännern nahm niemand ſonderlich viel Notiz von dieſem Zwiſchenſpiele. Die Muſik begann wieder und ſo war ein Gegenſtand gegeben, auf welchen ſich die Aufmerkſamkeit der Anweſenden richten mußte. Der Herausforderer war mit ſeinem glühenden Geſicht und ſeinem heißen Blute durch mehrere Straßen dahingeſtürzt, ohne daß er es gewahrt hätte, wie der Wind die Wolken am Himmel durcheinandertrieb und ihm die Regentropfen entgegen⸗ peitſchte. Mochten doch die Wetterfahnen kreiſchen, mochten die Fenſter klirren, was konnte das ihn kümmern, in deſſen Innerem ein noch größerer Aufruhr tobte als der, welcher die Außen⸗ welt zuſammenſchüttelte, ihn der nach Rache dürſtete und den Augenblick kaum erwarten konnte, wo er ſie zu befriedigen hoffte! Jetzt kam er ins Freie; die Häuſer hatten aufgehört, aber dafür rauſchten über ſeinem Haupte die hohen Bäume; die Stämme knarrten und bogen ſich unter der Gewalt des Sturmes, als wollten ſie zuſammenbrechen, und die Nachtvögel kreiſchten ihr abſcheuliches Lied in der Finſterniß. Ein Andrer hätte gezittert und gebebt, der Froſt hätte ihn geſchüttelt, daß ihm alles Weitergehen vergangen wäre, aber dieſer Mann konnte Begebenheiten eines Weltmannes. 45⁵ ſich nicht abkühlen. Endlich kam er an eine Gitterthür, die er mit einem Rucke aufriß. Hier wartete er. „Ha wirklich!“ rief er knirſchend in die ſtürmiſche Nacht hinein, „das paßt zu meiner Stimmung! Wie ihre Blicke an einander hingen . . .. Auge in Auge ſtanden ſie einder gegenüber.. ah.. ich berſte Luft „Lateiniſches F, wo ſtehen Deine drei Sterne?“ rief eine laute Stimme jetzt in einem nahen Gange. „Hier, hier, hier findeſt Du Deinen Mann!“ anwortete der Angerufene mit ſchrecklicher Freude in ſeiner Stimme; „noch funfzig Schritt und Du ſtehſt vor mir!“ In der Dunkelheit der Nacht ſah der Wartende wirklich einen Mann auf ſich zu kommen, welcher die Geſtalt deſſen hatte, dem er an's Leben wollte. Er rieb ſich die Hände wie ein blutdürſtiger Bandit; jetzt ſollte ja ſein glühender Zorn ſich kühlen, wie der Blitz ziſchend verlöſcht, wenn er in's Waſſer ſchlägt; er ſah und hörte beinahe nicht mehr, ſo entſetzlich war die Aufregung, welche ihn in dieſer Minute erfaßt hatte. „Was willſt Du?“ fragte der Ankommende noch halb außer Athem, indem er den letzten Schritt that, um ſeinem Gegner gerade gegenüber zu ſtehen. Dieſer ſtand ſo, daß man ſein Geſicht allenfalls erkennen konnte, der Andre aber wurde vom Gebüſche, aus welchem er ſo eben hervorgetreten war, noch theilweiſe Lerdeckt, und deshalb war er ſchwer zu erkennen. Caſanova. . „Du pflogſt unerlaubten mit der Prinzeſſin The⸗ reſe!“ rief der Eſtere. „Und Du biſt kurz zweilig, guter Freund!“ antwortete der Zweite lachend; „wo denkſt Du hin?“ „So? Leugne noch, Schurke!“ ſchrie der Gegner wüthend über dieſe Antwort; „biſt Du etwa nicht alle Tage in dem Landhauſe zu ſehen, wo jenes Weib Dich erwartet? Biſt Du nicht heute erſt mit Mühe und Noth von dort entwiſcht wie ein Gaudieb? Hat man es nicht bemerkt, wie Ihr im Concert⸗ ſaale bloß für einander da zu ſein ſchient, unbekümmert, ob tauſend Augen die verwegene Sprache Eurer Geberden leſen und verſtehen würden? Aber dafür ſollſt Du Deinen Lohn jetzt empfangen! Den Räuber meiner Ehre muß ich vernichten . . So ſo ſ Die drei letzten Ausrufungsworte begleitete er mit eben⸗ ſo vielen Schlägen, welche mit ſolcher Geſchicklichkeit und Stärke geführt wurden, daß der Getroffene ſogleich zuſammenſtürzte, ohne weiter einen Laut von ſich zu geben. „So wärs gethan!“ rief der Sieger in dieſem ungleichen Kampfe, „ſo; nun iſt mir wieder wohl! O, und wie wohl! Wie frei athme ich auf, wie zufrieden bin ich: — Todt iſt er todt? wie war das? todt, ſagte ich? Ja, ſo ſagte ich,“ ſtöhnte er und ſank beinahe vor Entſetzen über die eigne That zu Boden; „er iſt todt, ich kann es nicht ändern, denn die Begebenheiten eines Weltmannes. 47 That iſt geſchehen .. . Faſſe Dich! Du haſt gethan was tauſend Andre an Deiner Stelle auch gethan hätten .. . Und todt. .. was iſt es denn weiter? Was da lebt, iſt wie ein Licht, wie ein Sternenfunke, deren Tauſende an allen Enden in dieſer Nacht der Endlichkeit flackern. . .. Wenn ich nun einen ſolchen Funken austrete, ein ſolches Lichtchen ausblaſe... ha, ha, ſo wird es an der Stelle dunkle Nacht, wo jenes Leben leuchtete... das iſt alles, weiter iſts nichts . ein bloßer Formenwechſel, ein Uebergang iſt der Tod ... jene Lichtfunken find in die Körper gefeſſelt, damit ſie hier unten auf dieſer Erde brennen ... was ſchadet es, wenn ich die Bande lö ſe, durch welche ſie zurück⸗ gehalten werden? Sie fliegen auf, ſie ſteigen nach der Region des Lichtes zu ... und eine Hand voll Erde bedeckt das nutz⸗ loſe Gefäß, in welchem ſie geleuchtet haben . Er packte den Leichnam, wofür er den Daliegenden hielt, und ſchleppte ihn in den dunkeln Gang einer künſtlichen Ruine, welche ſo leicht niemand betrat, denn man begnügte ſich dieſes Werk eines bizarren Geſchmackes aus der Ferne anzuſchauen. Trotz der Kälte und ſeiner Abſpannung ſchwitzte ihn doch bei dieſer Arbeit, daß ihm die hellen Tropfen von der Stirn fielen. Endlich war er damit zu Stande, und nun eilte er zurück nach ſeiner Wohnung, um ſich hier umzukleiden und dann die Prin⸗ zeſſin Thereſe, ſeine Gemahlin, in ihre Appartements zu begleiten. 48 Caſanova. Er eilte mit einer Haſt von dannen, als wenn er gejagt würde; es däuchte ihn als käme es hinter ihm her; wer und was, ja davon hatte er ſelbſt keine deutliche Vorſtellung ... ſein Schatten ſchien es zu ſein, der immer an ſeiner Seite in gleichem Schritte und Tritte mit vorwärts ging; der Zeigefinger des bleichen Schreckbildes war drohend erhoben und von der andern Seite wuchſen tauſend lange Arme aus der pechſchwarzen Luft, welche alle nach ihm griffen, welche ihn mit ihren langen dürren Knochenfingern faſſen wollten — ach, die Luft überall wurde zu lauter ſcheußlich grinzenden Geſichtern, wurde zu einem Feuerathem, welcher augenblicklich wieder in die Kälte des Todes umſchlug; aber ſort ging es, immer fort, denn die Angſt ließ ihn keinen Augenblick ſtillſtehen, um auszuruhen. Wie ein Trunkener ſtürzte der Mann der Angſt vorwärts, bis er das Schloß erreicht hatte; ungeſehen ſchlüpfte er durch einen geheimen Gang in ſein Cabinet; er zündete Licht an und klingelte zu wiederholten Malen ſo heftig, daß augenblick⸗ lich der Leibkammerdiener und noch drei andre Mitglieder des Hausperſonals herbeiſtürzten, in der Meinung es wäre Feuer ausgebrochen oder ſonſt ein Unglück paſſirt. Als ſie erfuhren was ihr Gebieter wollte, entfernten ſich alle bis auf den Kam⸗ merdiener, welcher in aller Schnelligkeit die verlangten Kleider herbeiholte und ſeinem Herrn behülflich war, ſich anzukleiden. Nach kaum zehn Minuten war die Sache gethan; der Prinz Begebenheiten eines Weltmannes. 49 eilte davon, um, wie er ſich vorgenommen hatte, der Prinzeſſin das Geleite in ihre Gemächer zu geben. Im Concertſaale hatte keine Seele eine Ahnung von dem Vorfalle gehabt, welcher ſich hier entſponnen und außerhalb ſeiner Mauern ein ſo tragiſches Ende genommen hatte; nur der Ueberlieferer jenes verhängnißvollen Papieres fühlte ſein Herz etwas unruhiger pochen als gewöhnlich; allein er wußte ſich zu beherrſchen, ſo daß niemand von ſeiner Bewegung etwas merkte; und auch innerlich hatte er bald alle Bedenklichkeiten glücklich unterdrückt. Während die Muſik die letzte Pièee ſpielte, tändelte er gedankenlos mit den Fingern; denn die Töne, auch wenn andre Leute davon bis in's Innerſte ergriffen wurden, waren nicht im Stande die äußerſte Oberfläche ſeines Weſens in einige Bewegung zu ſetzen. Er hatte die Finger ſeiner Hände in einander gefalzt und ließ behaglich einen Daum um den andern herum laufen. Jetzt ging die Thüre auf ... und der Prinz trat herein. Aber welch ein Anblick bot ſich dar, als er ſichtbar wurde! Sein Geſicht war bleich wie das einer Leiche; er kieß die un⸗ ſteten Blicke auf⸗ und niederſchweifen .. . nun wurde er wieder roth, alles Blut drang ihm nach dem Kopfe; jetzt taumelte er und ſchon ſprangen mehrere Offieiere, welche am Eingange ſtan⸗ den, herzu, um ihm ihren Beiſtand angedeihen zu laſſen, der Caſanova I. 4 50 Caſanova. jedoch zurückgewieſen wurde; der Prinz faßte ſich und trat ſo einigermaßen zuſammengerafft hinter den nächſten Pfeiler. Er konnte von dieſer Stelle aus ſeine Gemahlin ſitzen ſehen und bemerkte, daß ſie ſich ängſtlich nach ihm umblickte, denn ſie mochte ſeine ungewiſſe Haltung bemerkt und Verdacht geſchöpft haben. Den verhaßten Nebenbuhler konnte er nicht ſehen, denn dieſen verdeckte der Pfeiler, hinter welchem er ſtand, um ſo mehr, als er den Platz eingenommen hatte, welcher vom Baron Lambertini bei ſeiner Entfernung leer gelaſſen worden war. Ach, hätte es der Unglückliche ſehen können, wie dieſer verhaßte Menſch, dieſer ſein Todfeind, welchen er unter die Erde ge⸗ bracht zu haben wähnte, immer noch wie eine lebloſe Bildſäule daſtand und die theure Einzige anſchaute. .. er wäre wahnſin⸗ nig geworden, wahnſinnig vor Schreck und Wuth zugleich. Aber jetzt verhüllte ihm noch ſein gütiges Geſchick jene Geſtalt. Eduard, ſein Verwandter, hatte ſich ihm wie von un⸗ gefähr genähert und richtete die kurze für Andre unverſtändliche Frage an ihn: „Kalt gemacht?“ „Ja,“ ſtöhnte der Prinz, „kalt gemacht!“ Dann lehnte er ſich wieder todesmatt an den kalten Stein⸗ pfeiler, an welchen er die glühende Wange drückte. Die Muſik ſchwieg. Das Publicum wartete bis ſich die Begebenheiten eines Weltmannes. 51 Prinzeſſin entfernt haben würde, jene aber gab einen Wink, welcher von einigen Hofleuten wiederholt wurde, und demzu⸗ folge entfernte ſich wer wollte, ohne auf den Voraustritt der Herrſchaft zu warten. Dieſes hatte eben die Dame beabſichtigt; denn ſie fürch⸗ tete, als ſie die Aufgeregtheit ihres Gemahles bemerkte, eine Seene, da ſie zumal den lieblichen Vetter neben ihm erblickte, von welchem ſie ſich nichts Gutes verſah. Der Saal war faſt leer von Menſchen, die Prinzeſſin jedoch blieb ruhig auf ihrem Stuhle ſitzen, denn ſie ſchien zu erwarten, daß ſich noch jemand ihr nähern ſollte. Sie ſah ſich nach der Thür um, und da ſie ihren Gemahl nicht mehr dort erblickte, erhob ſie ſich, um den Heimweg anzutreten. Aber ein gellender Schrei unterbrach ſie auf ihrem Wege. Ihr Gemahl war von Säule zu Säule ſchlüpfend hinter ihrem Rücken vorwärts gegangen. Er hatte ſich vorgenommen gehabt, ſich an den Ort zu ſtellen, von welchem aus er den begünſtigten Nebenbuhler den Gegenſtand ſeiner Liebe hatte be⸗ trachten ſehen. Mit zu Boden geſenktem Blicke hatte er den zitternden Fuß ganz leiſe weiter geſetzt... nun ſtand er noch zwei Schritte von der bewußten Stelle; er ſah Füße und erhob die Augen allmählich; er ſah einen Leib.. ein Schauer des Todes durchfuhr ihn ... er wagte nicht dem Manne in's Ge⸗ ſicht zu ſehen, welcher dieſen Platz inne hatte. 4* 52 Caſanova. Mit einem Rucke jedoch riß er den Kopf in die Höhe, denn er mußte ſehen, wer daſtand, und wäre es der leibhafte Tod ſelbſt geweſen. Sprachlos knickte er zuſammen, als er den, welchen er zur Leiche gemacht zu haben glaubte, aufrecht und lebendig vor ſich ſtehen ſah. Dieſer Anblick wirkte zuerſt wie ein Donner⸗ ſchlag auf ihn; denn alle ſeine Bewegungen waren gehemmt; mit einem Male ſchleuderte ihn das Entſetzen auch wieder in die Höhe; mit Grauſen in allen Gliedern ſtand er da und ſtarrte das Geſpenſt an, welches aus ſeinem Grabe wiederge⸗ kommen zu ſein ſchien, um als Schatten den Mörder zu äng⸗ ſtigen. Er ſtieß einen langen gellenden Schrei des Entſetzens aus, ſo daß Alle, welche um ihn herſtanden, glaubten er wäre wahn⸗ finnig; dann ergriff er rücklings einen Kammerherrn, an wel⸗ chem er ſich anhielt. „Was willſt Du?“ ſchrie er mit erzwungener Ruhe, ob⸗ chon ſeine hohle Stimme das Entſetzen verrieth, welches er bei dieſem Anblicke fühlen mochte; „was willſt Du von mir haben?.. Hu, die Nacht iſt kalt.. Geh nur, geh nur...“ „Ich weiß nicht was ich thun foll,“ wendete ſich der, an welchen dieſe Rede gerichtet war, gegen den ihm zunächſt ſtehen⸗ den Kammerherrn. „Ach, ach!“ ſchrie der Prinz, als er die ſehr menſchliche Begebenbeiten eines Weltmannes. 353 Stimme des Mannes hörte, und ſah ſich zornvollen Auges im Kreiſe um; „ich beſinne mich... Aber wo iſt unſer Vetter Eduard? Unſer Vetter ſoll auf der Stelle in unſre Appar⸗ tements kommen. Gehen Sie; wenn er ſich bereits entfernt haben ſollte. .. gehen Sie!“ fügte er wüthend auf einen Kam⸗ merherrn zutretend hinzu, „wie viele Male ſoll ich's ſagen?“ Der Kammerherr ging und der Prinz wendete ſich, ohne ein Wort weiter gegen ſeine Umgebung zu äußern, zu ſeiner Gemahlin, welche vor Schrecken in der Mitte des Ganges ſte⸗ hen geblieben war, bot ihr mit einer höflichen aber ſehr küh⸗ len Verbeugung den Arm und führte ſie zu ihrem Wagen. Verwundert und mit ſichtbarer Scheu ſah ihm dieſe in's Geſicht und ließ es nur eben geſchehen, daß ihr Gemahl ſie fortführte. „Was war Ihnen?“ fragte ſie im Gehen halblaut. „Was mir zuſtieß?“ erwiederte er; „ein Anfall von Toll⸗ heit, gnädige Frau, weiter nichts. Ich werde nächſtens ganz toll werden, das ſehe ich ſchon kommen; allein Sie brauchen ſich deshalb nicht im geringſten zu geniren, können die Con⸗ certe beſuchen nach wie vor, können auf Ihr geliebtes Luſtſchloß fahren — ich meine das am Waſſer — wenn ich es nicht etwa in meiner Wuth zerſtöre, verſteht ſich... Ha ha, jetzt bin ich auf einmal wieder ſo aufgeräumt, daß ich mich zu Tode lachen könnte, wenn ich Ihnen den Gefallen thun wollte 54 Caſanova. „Aber Sie ſind abſcheulich,“ antwortete die Dame auf dieſe Aeußerungen des zerrütteten Kopfes; „ich werde mich gänzlich zurückziehen müſſen...“ „Um in ungeſtörter Ruhe gewiſſen Lieblingsneigungen deſto beſſer nachhängen zu können?“ fragte jener ſpitzig; „o ich bin ein Meiſter, wenn es gilt hinter gewiſſe Geheimniſſe zu kom⸗ men.“ So waren Beide eben unter den angenehmſten Geſprächen bis an den Wagen gekommen, welcher die Prinzeſſin aufnehmen ſollte. Dieſe war froh, daß ihr Gemahl nicht mit einſtieg, ſondern ſeinen Weg zu Fuße fortſetzte und ſie ſomit einer peinlichen Unterredung von wenigſtens zehn Minuten überhob, welcher ſie außerdem nicht hätte entgehen können. Der Prinz ſetzte ſeinen Weg ſogleich fort, um den zu ſprechen, welchem er den verhängnißvollen Zettel zur Beſorgung übergeben hatte. Er traf ſeinen Vetter zu Hauſe und ließ ſich nicht aufhalten, obſchon der Kammerdiener verſicherte, derſelbe läge bereits im Bette und würde ſchon eingeſchlafen ſein. Als jener den Lärm des Eindringenden vernahm, griff er nach dem Degen, welcher immer neben ſeinem Bette hing, ſo daß er ihn mit Leichtigkeit erreichen konnte; im Bette aufge⸗ richtet erwartete er, was man zu dieſer ungewohnten Stunde von ihm wollen möchte. „Laßt uns allein!“ befahl Prinz Ferdinand, als er Begebenheiten eines Weltmannes. 55 ſeines Vetters anſichtig wurde. Die Dienerſchaft entfernte ſich, obſchon ſie bedenkliche Geſichter machte, denn die eben vorge⸗ fallenen Scenen hatten die Runde wie ein Lauffeuer gemacht, und aus dem Anſehen ſowohl als aus dem Betragen des Prin⸗ zen war nicht eben etwas Gutes zu ſchließen. „Wem haben Sie den Brief gegeben?“ fragte der Prinz heftig. „Einem Aufwärter, welchem ich die Perſon genau bezeich⸗ nete, der er zugeſtellt werden ſollte,“ antwortete dieſer. „Es iſt eine Verwechſelung vorgefallen, wie ich nicht an⸗ ders denken kann,“ fuhr der Prinz fort; „wem hat dieſer Auf⸗ wärter den vermaledeiten Zettel zugeſtellt?“ „Weiß ich nicht, doch wohl dem Rechten,“ gab Prinz Eduard zur Antwort. „Hölle und Teufel! Nicht dem Rechten, ſondern einem Unrechten!“ ſchrie der Andre; „deshalb bin ich ja hier . denn der Schurke lebt! Ich habe ihn mit dieſen meinen Augen geſehen, ich habe ihn ſprechen hören. . er muß doch im Saale zu ſehen geweſen ſein „Nicht daß ich wüßte,“ antwortete jener kalt; „ich habe mich nicht weiter umgeſehen, als die Sache abgemacht war, alſo den Mann auch nicht erblicken können.“ „Mit dieſer eiſigen Kälte tödten Sie mich!“ ſagte der Prinz tonlos; „ich habe unſchuldiges Blut vergoſſen, aber es 56 Caſanvva. komme über Sie! Ja, über Sie kommt es, über keinen Men⸗ ſchen ſonſt unter Gottes Himmel!“ „Thorheiten“ lachte der Andre; „laſſen Sie mich ſchla⸗ fen und ſehen Sie wie Sie mit Ihrem Gewiſſen zurecht kommen!“ „Schicke die Hölle Dir ihre Schreckniſſe als Träume, die Deinen Schlaf verſüßen!“ knirſchte der Verſpottete und eilte zur Thüre hinaus, worauf ſich Prinz Eduard, den Degen wieder an die gewohnte Stelle hängend, ruhig auf die rechte Seite legte und nach kurzer Friſt einſchlief. Am andern Tage durchlief ein ſeltſames Gemurmel die Kreiſe der Höflinge und Staatsmänner, dann ſtieg es in immer tiefer liegende Schichten der Geſellſchaft hinab, bis es endlich die Laſtträger und Hökerweiber der Reſidenz einander in die Ohren raunten. Baron Lambertini, hieß es, wäre plötz⸗ lich verſchwunden, wahrſcheinlich ermordet worden; aus dem Palaſte des Prinzen Eduard flüſterten bedeutungsvolle Stim⸗ men Winke über den wahrſcheinlichen Urheber dieſer Unthat; man zeigte mit den Fingern nach einem nahe gelegenen Pracht⸗ gebäude und legte dabei das Geſicht in vielſagende ſehr be⸗ denkliche Falten. Dieſe Sprache wurde verſtanden wie ſie ver⸗ ſtanden werden ſollte; die Leute wußten gar bald wie ſie die⸗ ſen unerhörten Vorfall erklären ſollten, und wenn etwa jemand ſo trägen Geiſtes war, daß er dem Zuſammenhange der Dinge Begebenheiten eines Weltmannes. 57 nicht gleich auf die Spur kam, ſo halfen klatſchluſtige Müßig⸗ gänger ihm menſchenfreundlich auf die Sprünge. „Prinz Ferdinand,“ ſo lautete die umgehende Sage, „Prinz Ferdinand hatte den Herrn Geſandten überraſcht, wie derſelbe mit ſeiner Gemahlin ſchön gethan hatte; nun war dieſer Prinz von Natur etwas heftig und zumal ſehr eiferſüchtig; an den letztern Umſtand aber pflegt ſich die Prinzeſſin The⸗ reſe nicht eben viel zu kehren.“ Dieſes Geſpenſt von einer Sage ſchlich in allen Winkeln umher, aber es trat vorſichtig und leiſe auf, damit es von den betreffenden Perſonen nicht etwa ertappt und feſtgehalten würde; kaum vermuthete es jemanden in der Nähe, vor welchem es ſich fürchten zu müſſen glaubte, ſo verkroch es ſich ſchnell und hielt ſich verſteckt, bis die Luft wieder rein war. Dieſes gleich einem Geſpenſt umherſchleichende Gerücht wuchs wie eine Lawine, und hatte es doch eine Zeit lang geruht und dadurch von ſeinem ätzenden Gifte verloren, ſo durfte man es nur wieder in Um⸗ lauf ſetzen, um denſelben Proceß vor Augen zu ſehen, welcher ſich bei Schlangen ereignen ſoll, denen man das Gift genom⸗ men hat. Man legt dieſe in ein verſchloſſenes Gefäß voll Kleie und kann ſie ſicher anrühren; ſobald man den eiskalten Wurm aber wieder auf die Erde läßt, zieht er ſich auch wieder voll Gift und iſt im Nu wieder ſo gefährlich geworden als er es ije geweſen war. ——— Drittes Capitel. Wer zählet Amor's Launen? Wieland. Gemahl und Gemahlin. Der Prinz Ferdinand lag abgemattet an Leib und Seele, ſo daß er die Augen jede Minute hätte ſchließen mögen, wenn es ſonſt angegangen wäre, auf ſeinem Bette und ſtarrte gedanken⸗ los auf die herabgelaſſenen Gardinen von rother Seide mit ſchweren Goldfranſen. Er kehrte ſich nach der Wand, wendete ſich wieder um, verkroch ſich unter die Decke und entblößte dann den Leib bis an die Bruſt ... die innere Unruhe ließ ihn nicht zum Einſchlafen kommen; ſie ſtachelte die müde Seele wie mit einer Eiſenſpitze wieder wach, ſobald ſie ſich zur Ruhe legen wollte. Die ganze Nacht hatte der Veklagenswerthe kein Auge ſchließen können ... jetzt ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel und immer noch rang er vergeblich nach Faſſung. „Iſt der Doctor noch nicht hier geweſen?“ fragte er den Kammerdiener mit matter, zitternder Stimme. „Nein, gnädiger Herr, noch nicht,“ antwortete dieſer faſt ſeufzend. Begebenheiten eines Weltmannes. 59 „Wenn er nur kommt!“ fuhr jener ungeduldig fort. „Ich will nach ihm ſchicken, wenn Sie befehlen,“ ſagte der theilnehmende Diener, welcher ſich zugleich damit beſchäf⸗ tigte das Schlafzimmer ſeines Herrn in Ordnung zu bringen. „Ach nein, laß das, guter George,“ bat der Prinz; „mir fehlt nichts; aber wenn der Doetor kommt, ſo ſchicke ihn gleich zu mir; er bringt mir eine wichtige Nachricht; .. . thue das, George; ja?“ Daß ſich der Gebieter ſeinem Diener bittend näherte, be⸗ fremdete dieſen nicht ſehr; er ſchien daran gewöhnt zu ſein. Es konnte auch nicht anders kommen, denn George hatte ſeinem Herrn gar manche vertraute Dienſte geleiſtet, die ſelbſt mit Gold nicht hinreichend ausgeglichen werden können. Der Prinz konnte von Glück ſagen, daß er in der Perſon dieſes ſeines Kammerdieners einen genügſamen Menſchen gefunden hatte, welcher ſich hütete die Vortheile ſeiner Stellung auf un⸗ verſchämte Weiſe auszubeuten. Eben verſprach er den Willen ſeines Gebieters ſogleich zu vollziehen, als der Doctor ſich melden ließ und unmittelbar darauf eintrat. „Ah gut, ſchön, daß Sie kommen, lieber Doctor!“ rief der bleiche Prinz, indem er ſich mit dem halben Leibe in die Höhe richtete. „Lieber George, laß uns allein und nieman⸗ den vor mich; hörſt Du, niemanden vor mich, wer es auch ſein mag.“ 60 Caſanova. George ging und der Prinz fuhr, mit der geſpannteſten Erwartung den Doctor anblickend, in ſeiner Rede fort: „Nun, wie ſteht's mit dem Manne?“ „Vor allen Dingen werden Sie gehört haben, daß es der Baron Lambertini geweſen iſt,“ begann der Doctor ſeinen Bericht, und um den Erſchrockenen zu beruhigen, ſetzte er ſogleich hinzu: „Er iſt außer Gefahr; aber wäre ein ein⸗ ziger Schlag einen halben Zoll weiter nach dem Vorderhaupte gefallen, ſo hätte der Mann das Licht des Tages ſicherlich nicht wieder geſehen.“ „Gott ſei Dank!“ ſtöhnte der Prinz; „es fällt mir eine Centnerlaſt vom Herzen .. aber wie in aller Welt iſt es ge⸗ kommen? .. Erzählen Sie . „Man hat ihm das Billet gegeben, welches ich Ihnen hiermit wieder zuſtelle,“ fuhr der Andre fort; „er hat ſich in der Ueberzeugung, daß die Sache auf einem Irrthum be⸗ ruhen müſſe, an den bezeichneten Ort begeben; aber gleich vom erſten Schlage ſeines erbitterten Gegners iſt er ſo betäubt wor⸗ den, daß er die Beſinnung verloren und an eine Aufklärung des unſeligen Irrthums nicht hat denken können. Ich verfügte mich, ſobald Sie mir die Weiſung dazu gegeben hatten, ſo⸗ gleich an Ort und Stelle und fand den Mann bewußtlos in der Ruine. Nach vieler Mühe gelang es mir ihn wieder in's Leben zu bringen. Es war als wenn er aus einem ſchweren Traume Begebenheiten eines Weltmannes. 61 erwachte. Ich konnte ihn endlich auf die Beine bringen, und ſo wankte er, von mir unterſtützt, bis zu dem Wagen, welchen ich in einiger Entfernung hatte halten laſſen. Jetzt iſt er in ſeinem Hotel und hütet das Bette; über den Thäter hegt er zwar Vermuthungen, hat aber keine völlige Gewißheit.“ „O Sie geben mir das Leben wieder, guter Doctor!“ rief der Prinz, gerührt die Hand ſeines Tröſters erfaſſend und ſte an ſeine Lippen drückend; „trotz meiner Schwäche fühle ich mich wie neu geboren.“ „Eben Ihre Schwäche, gnädiger Herr, eben dieſe iſt es, weshalb ich ein ernſtes Wort mit Ihnen reden muß,“ nahm der Doctor das Wort; „die ſteten Reizmittel, welche Sie an⸗ wenden, um Ihre abgeſpannten Nerven etwas zu beleben, bringen eine fieberhafte Aufregung in Ihnen hervor, welche wie ein zehrendes Gift an Ihrem Leben frißt. Trotz meinen freund⸗ ſchaftlichen Warnungen hören Sie nicht auf, jene Mittel an⸗ zuwenden aber bedenken Sie — ich meine es gut mit Ihnen, wenn ich Ihnen das ſage — Sie mögen Prinz ſein, Sie mögen Kaiſer oder ſonſt wer ſein, vor allen Dingen ſind Sie ein Menſch und den Geſetzen der menſchlichen Natur unter⸗ worfen. Keine Macht der Erde kann Sie hiervon entbinden; und wenn Sie den Forderungen der Mäßigkeit nicht entſpre⸗ chen, ſo müſſen Sie ſich auch den Folgen Ihrer Handlungs⸗ weiſe unterwerfen.“ 62 Caſanova. „Ach, aber dieſe unwiderſtehlichen Begierden ich kann mich nicht mäßigen ich bin nun einmal nicht wie andre Menſchen,“ erwiederte der Prinz, über deſſen bleiches Geſicht eine krankhafte Röthe dahinflog. „Das iſt eben Ihre Krankheit,“ ſagte der Arzt in ſtrengem Tone; „folgen Sie mir: bleiben Sie acht Tage auf Ihrem Zimmer, genießen Sie kräftige Speiſen, ſehen Sie niemanden als mich und Ihren George; nach Ablauf dieſer Zeit werden Sie ſich ſtärker fühlen; dann aber ſetzen Sie ſich ſogleich in den Wagen und machen eine Reiſe von zwei Monaten; auch während dieſer Zeit freilich müſſen Sie ſich ſtreng halten. Wenn Sie das thun, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß Sie die Reſidenz, welche Sie als ein kranker Mann verlaſſen haben, als ein kräftiger wieder betreten werden.“ „Will's mir überlegen, will's mir überlegen, guter Doe⸗ tor,“ fiel der Kranke dieſem in die Rede. „Hier iſt nichts zu überlegen,“ erwiederte der unerbittliche Jünger Aeseulaps; „nur den Anfang gemacht; mit jeder Stunde wird Ihnen das, was Sie jetzt für unausſtehlich halten, er⸗ träglicher. Wenn erſt die Kraft wiederkommt, dann werden Sie ſich ganz anders fühlen, glauben Sie mir's. Denken Sie ſich einen faſt bis auf den Grund ausgetrockneten Fluß; wie matt und langſam ſchleicht er durch das Land dahin! Aber da cx kommen endlich die Gewäſſer wieder; bis zum höchſten Ufer⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 63 rande ſchwellen ſie empor: der Fluß iſt wieder einem ſtarken kräftigen Manne vergleichbar, der rüſtigen Schrittes ſich ſeinen“ %. Weg bahnt, mögen ſich ihm auch Felſen entgegenſtemmen. Zg In ausgedörrtem Voden ſenkt die Pflanze ihre welken Blättet und Aeſte niederwärts; geben Sie ihr neue Kraft, ha wie hebt ſie die Glieder, wie friſch ſteht ſie da und gerade aufge⸗ richtet! Entſchließen Sie ſich — ich bitte Sie dringend um Ihrer ſelbſt willen — machen Sie die Probe .. Ja?““ „Ich wilbs verſuchen,“ antwortete der Prinz endlich mit ſichtbarem Zögern; der Arzt aber gab auf der Stelle ſämmt⸗ lichen Dienern im Namen des Prinzen die nöthigen Weiſungen. ueberdies, fügte er hinzu, werde er ſelbſt, ohne ſich an eine beſtimmte Stunde zu binden, kommen und nachſehen, wie man ſeine Befehle befolgte, alſo möchte man ſich ja nicht etwa für ſicher halten, wenn er kurz zuvor dageweſen wäre und revidirt hätte; auch der Prinz ſelbſt dürfte über die angegebenen Beſchrän⸗ kungen hinaus nichts verlangen; verlangte er's aber, ſo wären die Diener gehalten, ihm ſeine Wünſche zu verſagen. Dieſer letzte Satz klingt etwas ſonderbar, allein er wird völlig erklärlich, ſobald man ſich die Perſönlichkeit und den Haushalt des Prinzen klar vor Augen ſtellt; dieſer junge Fürſt, Sprößling eines alten reichen Geſchlechtes, ſchien anfangs zu einer untergeordneten Rolle beſtimmt zu ſein, denn der ältere Mannsſtamm, zu welchem er nicht gehörte, zählte noch zwei 64 Caſanova. männliche Nachkommen, und dieſe ſtanden zwiſchen dem Prin⸗ zen Ferdinand und dem Genuſſe derjenigen Rechte, welche den Familien überhaupt zukamen. Jene beiden waren die Söhne des noch jetzt lebenden Fürſten, zwei Jünglinge, ebenſo ausge⸗ zeichnet durch ihren Charakter als durch ſonſtige Vorzüge des Leibes und des Geiſtes. Beſonders beſaß der jüngere einen ſcharfen Verſtand und dabei war ſeine Seele von einer ſo hin⸗ gebenden Weichheit, daß man ihm beinahe ein weibliches Weſen hätte zuſchreiben können. Der ältere war mehr entſchloſſen, edel und kühn; aber ein Bruder hing an dem andern mit aller Liebe, wie nur immer zwei für einander geſchaffene Freunde aneinander hängen können. So verlebte das herrliche Jüng⸗ lingspaar, ein Herz und eine Seele, die glücklichſten Tage, welche Sterblichen hienieden vergönnt find. Und der greiſe Vater weinte oft im Stillen eine Thräne der Freude über ſeine Söhne ach, er dachte ſie wären vielleicht zu gut für dieſe Erde und der Himmel würde ſie ihm nicht lange mehr laſſen. Einen Vorfall erzählte ſich der ganze Hof noch heute, wenn die Rede auf ſie kam; aber der Fürſt ſelbſt durfte dann nicht zugegen ſein, denn ihm ging jedes Wort durch's Herz, das in dieſer Beziehung geſprochen wurde. Einſt hatte nämlich der ältere Bruder, der Prinz Ludwig, ſeinen jüngern Bruder Alfred aufgefordert ihn auf die Jagd zu begleiten. Alfred hatte nicht gewollt. „Ach, folge mir, ich bitte Dich,“ hatte Begebenheiten eines Weltmannes. 65 der Andre dringend entgegnet; „thue mir das zu Liebe, mein lieber Alfred; ſieh, mir iſt's zu Muthe ich weiß ſelbſt nicht wie es drängt mich hinaus und eine leiſe Stimme flüſtert mir in's Ohr: Nimm Deinen Bruder mit, nimm Deinen Bru⸗ der mit, denn es iſt zu Eurem Glücke!“ Dem Drängen des geliebten Bruders nachgebend hatte ſich Alfred endlich mit auf den Weg gemacht; ſie hatten einen Fußſteig nach dem Föh⸗ renwalde eingeſchlagen und waren den Augen der Nachſehenden bald entſchwunden geweſen. Eine Stunde nachher war Al⸗ fred allein und verſtörten Geſichtes in's Schloß zurückgekommen; man hatte nichts aus ihm bringen können. Wir erzählen hier ledoch, wie ſich die Sache ſpäter aufklärte. Ludwig bleibt plötzlich auf einer Waldwieſe, zu der ſie gelangt ſind, ſtehen und bittet ſeinen Bruder immer vorwärts zu ſchreiten. Als dieſer etwa hundert Schritte gemacht hat, hört er ſeinen Bru⸗ der rufen, daß er ſtill halten ſoll. „Wie es ſein muß, wenn man vor einem Flintenlaufe ſteht, aus dem die tödtliche Kugel jeden Augenblick hervorſauſen kann!“ ruft ihm der Bruder zu; „und Soldaten müſſen's wiſſen; ziele einmal auf mich und nimm mich genau auf's Korn.“ — „Nicht doch!“ antwortet ihm Alfred erſchrocken; „welch eine ſonderbare Laune haſt Du heute?“ — „MWir iſt's als müßte es ſo ſein,“ fährt Lud⸗ wig fort; thue mir's zu Liebe! Raſch die Flinte auf mich gehalten! Es kann nichts ſchaden, denn Du drückſt ja nicht ab!“ Caſanova I. 5 66 Caſanova. Zögernd giebt der Andre den eigenſinnigen Bitten des geliebten Bruders nach; aber kaum hat er ihn auf's Korn genommen, als auch, ohne daß der Zielende ſelbſt weiß wie ihm geſchieht, der Schuß aus dem Rohre fährt. In demſelben Momente knickt der Bruder zuſammen, der unglückliche Schütze läßt das Gewehr fallen; er kann nicht vorwärts, er glaubt in den Bo⸗ den ſinken zu müſſen. Aber der raſende Schmerz, der ſein Herz zerreißt, treibt ihn vorwärts; er ſtürzt auf den Bruder zu, eine lächelnde Abſchiedsgeberde iſt alles was er erhaſchen kann; er faßt die Hände, drückt ſeine Lippen auf die des Bruders — aber die Hände ſind kalt, der Athem ſtockt und das Leben läßt ſich nicht im Leibe zurückhalten. Ein Engel fliegt zum Himmel und auf der Erde bleibt eine Leiche, der das Herz in der Bruſt gebrochen iſt. Alfred ſieht ſeinen Ludwig in die Gruft ſenken; regungslos ſteht er dabei; ſein Schmerz hat keine Thränen, ſein Jammer keine Worte: aber beredter als mit tauſend Zungen ſpricht der tiefe Gram aus ſeinem Geſichte und ſeinem ganzen Weſen. Von dieſer Stunde an ſchwindet er zuſehends hin. Nur zwei Orte giebt es, an denen ſeine Gedanken weilen: den wo er ſeinen Bruder er⸗ ſchoſſen hat, und den wo der geliebten Leiche ihre letzte Ruhe⸗ ſtätte geworden iſt. Tröſten läßt er ſich nicht; alle Mittel, welche der trauernde Vater anwendet, um über den einen nicht auch noch den zweiten Sohn zu verlieren, ſind vergeblich. — Begebenheiten eines Weltmannes. 67 In einem halben Jahre ſteht Alfred's Sarg neben dem ſei⸗ nes Bruders Ludwig. Prinz Ferdinand, auf dieſe Weiſe aus ſeiner engern plötzlich in eine weitere Sphäre verſetzt, war ein ganz guter Menſch. Abgeſehen von ſeiner Herzensgüte, konnte er auch auf den Titel eines wackern Artilleriegenerals Anſpruch machen, denn dieſer Branche hatte er ſich gewidmet, da unter den ob⸗ waltenden Umſtänden niemand daran dachte, daß er je die nächſte Staffel nach dem Throne und dann dieſen ſelbſt einzu⸗ nehmen beſtimmt ſein könnte. Bei alledem aber war der Prinz nicht charakterfeſt, namentlich war er ſehr genußſüchtig und leerte den Becher der Freude, wenn er den Rand deſſelben einmal an den Lippen hatte, gewöhnlich bis auf den letzten Tropfen, mochte der Bodenſatz auch aus Hefen beſtehen. Seine Genußſucht ſteigerte ſich im Verlaufe nicht ganz eines Jahres zur Unerſättlichkeit; von einem Vergnügen taumelte er zum andern, und oft ſchlief er ein, während er den letzten halb⸗ vollen Becher der Wolluſt noch in der Hand hielt, ohne im Stande zu ſein denſelben vollends auszuleeren. Die Erſchlaf⸗ fung, welche nothwendig auf ſolche Ueberreizung folgen mufßte, war ihm unerträglich, aber er brauchte auch je länger deſto ſtärkere Reizmittel, wenn er ſich aus dieſem Schlafe mit wachen Sinnen emporraffen wollte. Dadurch rieb er ſeine Körperkräfte auf und zugleich ſank er in eine Art von Willenloſigkeit her⸗ 5 * Caſanova. ab; wie ein eigenſinniges Kind geberdete er ſich und dieſe krank⸗ hafte Ueberreiztheit trat bei ihm an die Stelle eines feſten be⸗ ſonnenen Willens, wie ihn der Mann haben ſoll. Aus dieſem Zuſtande wurde er für eine kurze Zeit dadurch herausgeriſſen, daß er, dem Willen des Familienhauptes ge⸗ horſamend, die junge und ſchöne Prinzeſſin Thereſe hei⸗ rathete. Er ſchien die frühern Ausſchweifungen ganz vergeſſen zu haben. Er wohnte mit ſeiner reizenden Gemahlin in einem Landhauſe, welches man mit allen Bequemlichkeiten verſehen hatte, die den Aufenthalt daſelbſt einem jungen Ehepaare an⸗ genehm machen konnten. Aber eines Tages verirrte ſich ſein unbewachter Fuß wieder auf einen jener frühern Abwege — und nun war er verloren, nun konnte er ſich nicht wieder los⸗ reißen; ach, die tauſend ſüßen Stimmen des Laſters, ſie ſchlugen ohne Aufhören lockend an ſein Ohr. Der Schwindel hatte ihn wieder ergriffen; zur Beſinnung konnte er nur durch einen Gewaltſtreich kommen. Wer aber dieſen Gewaltſtreich mit ihm wagen ſollte, war nicht abzuſehen, denn der Fürſt war alt, liebte ſeinen Vetter und hatte mit Staatsangelegenheiten alle Hände voll zu thun; ſonſt aber war niemand am Hofe, wel⸗ cher ſich unterſtanden hätte offen mit der Sprache herauszugehen. Selbſt der Leibarzt, eben jener Doctor der Medicin, welcher oben ſo offen am Vette ſeines Patienten ſprach, hatte dieſen Schritt erſt dann zu thun gewagt, als er zu der Gewißheit Begebenheiten eines Weltmannes. 69 gelangt war, daß dieſes jetzt mit Erfolg und demgemäß auch ohne Gefahr geſchehen könnte. Die junge Fürſtin, feurig wie ſie war, fühlte wohl die Leere in ihrem Herzen; ſie ſehnte ſich nach einem zweiten, wel⸗ ches das Sehnen des ihrigen verſtand und ihr entgegenkommen konnte; aber wo ſie ſich auch umſah, nirgends fand ſie was ſie ſuchte. Das unbeſtimmte Verlangen in ihrer Bruſt wurde mit jedem Tage heißer und ihre Ungeduld ſtieg, je länger ſie vergeblich nach dem Urbilde der Vollkommenheit ſuchte, welches ſich ihre glühende Einbildungskraft in einſamen Stunden ge⸗ ſchaffen hatte. In einer Stunde des äußerſten Verdruſſes befahl ſie an⸗ zuſpannen und fuhr nach jenem Schloſſe am Meere, w ſie ſich eben von ihrem Gemahl überraſchen laſſen mußte. Ihre Kammerfrauen ließ ſie hinter ſich und wandelte in den dun⸗ kelſten Laubgängen, die ſie finden konnte. Die kühle Luft that ihr wohl, wenn ſie die glühenden Wangen der unglücklichen Frau umfächelte. Eben wollte ſie von einem Seitenwege auf einen breiten Hauptgang hinaustreten, über welchem ſich die Zweige hoher Eichen und Buchen zu einem rauſchenden Dache wölbten, als ſie den Schritt hemmte, als ſie ſtillſtand und hoch⸗ klopfenden Herzens nach einer Steinbank ſchaute, welche den riſſigen Stamm einer Eiche zur Rücklehne hatte. Was ſie erblickte? Was ſie ſo lange ſchon ſehnſüchtig —— —— Caſanova. ſuchte und nicht finden konnte, das Bild, welches ihre Träume belebte und ſchon als bloßer Schatten ihr Herz beſeligte, das ſah ſie dort leibhaftig vor ſich, und vollkommener noch als ſie es ſich ſelbſt gedacht hatte. Sie zitterte vor freudigem Erſtaunen; bewegten Herzens richtete ſie ſich empor, um den Fremden unbemerkt noch beſſer betrachten zu können. Wer ſie jetzt beobachtet, wer das Feuer ihrer Blicke geſehen hätte! Sie wiegte ſich noch immer auf den Fußzehen und mit der Hand drückte ſie das ungeſtüm pochende Herz etwas nieder; es war ihr als ſollte ihr⸗ der Athem ausgehen. Das war ein Mann wie ſie ihn wünſchte, das Bild der Vollkommenheit in ſeiner Vollendung. Ein Reiſemantel ver⸗ hüllte ſeine Geſtalt von den Schultern an bis zu den Knien und der Hut deckte einen Theil ſeiner Stirn — aber als ob er die Wünſche der unbemerkten Lauſcherin geahnt hätte, ließ er jetzt den Mantel herunterfallen, nahm den Hut ab und legte ihn neben die Bank in den Sand; dann ſtrich er ſich die Haare zurück und hob die Blicke hinauf zu dem grünen Dache von tauſend Blättern; der Ausdruck ſeines Geſichts war unwider⸗ ſtehlich; für die ſehnende Frau, die das Ziel ihrer Wünſche gefunden hatte, war ſein Mienenſpiel ein ſüßes Liebesgedicht, deſſen Weiſen verführeriſch in ihren Ohren klangen und ſich mit ſanfter Gewalt in das willig nachgebende Herz einſchmeichelten. Begebenheiten eines Weltmannes. 71 Zum erſten Male in ihrem Leben ſcheute ſie ſich einem Manne unter die Augen zu treten; ſie, rang nach einem Ent⸗ ſchluſſe wohl zwei Minuten lang; dann hatte ſie einen gefaßt; ſie folgte getroſt dem Zuge des Herzens, deſſen Drange ſie ohnehin nicht zu widerſtehen vermocht hätte, und ſchrüt leiſe zitternd vorwärts. Er bemerkte ſie nicht eher, als bis ſie vor ihm ſtand, denn er ſah unverwandt in die Höhe nach dem blauen Himmel, der ſtellenweiſe durch die grünen Blätter hin⸗ durch blickte, und beobachtete dieſe Blätter ſelbſt, mit welchen der ſanfte Wind wie mit lauter ſäuſelnden Zungen ein ſüßes Geheimniß von Baume zu Baume weiter zu flüſtern ſchien. Sobald aber der Widerſchein ihres Bildes in den Spiegel ſei⸗ nes Auges ſiel, fuhr er zuſammen, ſeine Blicke, noch den letzten ſchwachen Farbenſchatten des Himmels reflectirend, hef⸗ teten ſich zuf die Geſtalt der engelgleichen Frau, welche jetzt vor ihm ſtand. Beide waren für den erſten Augenblick gleich befangen; er wußte nicht, ſollte er ſich aufrichten oder ſollte er ſitzen bleiben, ſie ſtund wie an den Boden angewurzelt und konnte ebenſo wenig vor⸗ oder rückwärts, als ſie es vermochte die Lip⸗ pen zu einem Worte zu zwingen. Der Fremde gewann die Faſſung zuerſt wieder. „Madame,“ rief er aus gepreßter Bruſt und ſprang auf, „ich ſtöre Sie vielleicht und in dieſem Falle bitte ich, daß Sie Caſanova. befehlen — ich werde mich augenblicklich entfernen. Ich bin hier fremd, bin erſt ſeit geſtern hier angekommen; ich ſuche heute die freie Natur und zufällig gerathe ich hierher — weiß der Himmel wer mir den Gedanken eingab — ich frage ob ich dieſe Gartenanlagen beſehen darf man hat nichts dagegen einzuwenden, und ſo bin ich hier.“ „Schön, ſchön, mein Herr,“ antwortete die Dame mit zitternder Stimme und voll holder Befangenheit in ihrem gan⸗ zen Weſen; „aber meinetwegen bleiben Sie ja — ich bitte ſogar darum — denn auch mich trieb die Langeweile aus der geräuſchvollen Stadt in dieſe Einſamkeit, wo ich das Vergnü⸗ gen habe Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Er hätte mit einer gewöhnlichen Höflichkeitsphraſe ant⸗ worten können, aber das war ihm nicht möglich, in dieſem Augenblicke wenigſtens nicht; dafür aber ließ er aus ſeinem ſchwarzen Auge einen brennenden Strahl in das ihre fallen, welcher das Feuer entzündete, das in ihrem Herzen bis zu deſ⸗ ſen letztem Schlage brennen ſollte. Die Pauſe, welche auf den erſten Austauſch ihrer Worte folgte, war beredt genug, um Beide ſich näher zu bringen. Er hob Mantel, Stock und Hut auf, dann trat er näher an ſie heran und bot ſich ihr zum Begleiter an. Sie genehmigte ſein Erbieten mit innerlicher Freude und nun wandelten ſie ganz Eins in das Andre verſunken unter den rauſchenden Bäu⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. men, deren Stämme wie mächtige Sterbepfeiler mit grünen Kronen zu beiden Seiten ſtanden, langſam weiter. Sie unterhielten ſich über tauſenderlei Kleinigkeiten; gerade gleichgültige Dinge mußten ſie ja beſprechen, denn woher hätten ſie die Aufmerkſamkeit für ſolche nehmen ſollen, für welche ſie ſich lebhafter intereſſirten? Eins belauſchte das Andre, Eins ſuchte dem Andern abzufühlen, ob es hoffen könnte; aber vor⸗ ſichtig zuckten die Taſtwerkzeuge zurück, ſobald das Andre etwas davon zu bemerken ſchien. Sie waren bis an einen Pavillon unmittelbar am Ufer gekommen, die Thüre ſtand offen, eine bequeme Treppe führte aufwärts in das obere Geſtock. Ohne Umſtände ſetzte die Dame den F Fuß über die Schwelle, ihr Begleiter jedoch zögerte ihr zu folgen. „Iſt es auch erlaubt hier einzutreten, ſchöne S fragte er; „ich weiß es wirklich nicht, woran ich bin . „Folgen Sie mir,“ erwiederte mit nithiic Lä⸗ cheln; „ich weiß Beſcheid hier.. „Sie ſind. .7 rief der Wn, der erſtaunt einen Schritt rückwärts trat, und die Stimme ſtockte ihm in der Bruſt. „Ich bin gleich Ihnen, mein Herr, zum Vergnügen hier,“ gab ſie ihm wie oben zur Antwort; „und wenn ich Ihnen ſage, daß es keine Gefahr hat, ſo können Sie ſich auf meine Worte verlaſſen; denn ich verſichre Ihnen nochmals, daß ich hier bekannt bin.“ 74 Caſanova. Sie winkte ihm mit der zarten Hand und ihre Blicke baten ſo unwiderſtehlich, daß er nun nicht länger zögern zu dürfen glaubte. Er folgte ihr in ein niedliches Gemach, wo Kunſt und Reichthum nichts geſpart hatten, um den Aufent⸗ halt in demſelben angenehm zu machen. Die Decke war ge⸗ wölbt und mit dem zierlichſten Getäfel ausgelegt; der Fußboden beſtand aus lauter verſchobenen Vierecken von braunem und grünem Holze und zwei Divans luden zum Sitzen ein; außer⸗ dem ſtanden noch ebenſo viele Lehnſtühle vor einem oblongen Marmortiſche und die Fenſterhalle, welche auf das Waſſer hin⸗ aus ging, war zu beiden Seiten mit ſteinernen Bänken ver⸗ ſehen. In der letztern nahmen ſie Platz; die Dame öffnete das Fenſter und vor ihnen lag das weite unermeßliche Meer, deſſen Oberfiäche lauter kleine Wellen warf, und dieſe alle ſtrahlten das Sonnenlicht in tauſendfältiger Brechung zurück. „Iſts nicht herrlich hier?“ redete die Dame ihren Be⸗ gleiter an, ſobald dieſer ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Himmliſch!“ antwortete dieſer und ließ ſein Auge träu⸗ meriſch auf ihr ruhen. „O und viel ſchöner erſcheint uns die Welt, wenn wir mit noch jemandem ihre herrlichen Partien genießen können, der uns verſteht!“ ſagte ſie leiſe flüſternd zu ihm; „ein ver⸗ wandter Zug der Seele muß den Freund an's andre Herz ket⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 25 ten. .. Sehen Sie die tanzenden Wellen, ſehen Sie, wie ſie ſich tummeln, wie neckiſch eine neben der andern in die Höhe ſpringt und dann wieder in ſich zuſammenbricht. ..“ „Und dort die Vögel, wie ſie auftauchen, wie ſie muth⸗ willig den Waſſerſpiegel ſtreifen!“ fiel er ihr in's Wort; „dort die Wimpel des Nachens. .. und oben darüber des Himmels leuchtende Sonne.. .“ „Sehen Sie einmal ſo!“ ſagte ſie, nachdem ſie das Fen⸗ ſter wieder geſchloſſen hatte, und zog ihn am Arme vor eine rothgefärbte Glastafel. .. „Sieht es nicht aus, als ſtünde die ganze Welt in Flammen und die Gluth färbte mit ihrem Widerſcheine auch den hohen blauſeidnen Himmelsbogen roth...“ „und die Muſik der ſchlagenden Wellen, die jetzt immer lauter wird, begleitet dieſes Schattenſpiel einer ſeligen Stunde, die ich nie vergeſſen werde,“ erwiederte der Fremde. Zugleich faßte er ihre Hand und blickte ihr feſt ins Auge. Er fühlte wie dieſe Hand zitterte, ſah wie die ſchöne Frau das feurige Auge niederſenkte; er drückte leiſe den erſten Kuß auf die Lilien⸗ haut jener Hand, und eine Röthe, glühender als die welche das Meer mit ihrem Schleier überzog, färbte ihr Antlitz. „Auch ich nicht!“ flüſterte ſie halblaut. „Wirklich nicht?“ fiel er ihr freudig in's Wort. Aber ſie erhob das engelſanfte Auge und mit dieſem ſagte — — — 76 Caſanova. ſie noch einmal ihr: „Auch ich nicht!“ Doch dieſes Mal in einer Sprache, welche keinen Zweifel mehr zuließ. Das majeſtätiſche Meer, der herrliche Himmel mit ſeiner Sonne, alles trat jetzt in den Hintergrund, die beiden Men⸗ ſchen waren nur mit ſich beſchäftigt und ihrer Liebe, für etwas Andres hatten ſie keinen Sinn. Sie vertändelten mit verliebten Kleinigkeiten, welche jedoch, durch die Liebe verklärt, von der höchſten Bedeutſamkeit waren, eine flüchtige Stunde — eine Glocke ſchlug in der Nähe und ſchreckte ſie aus ihrem Traume auf. „Wohin iſt die Zeit geflogen?“ fragte er aufſpringend. „Ich weiß es auch nicht,“ antwortete ſie. „Leben Sie wohl, meine theure Freundin,“ rief er im Uebermaße des Entzückens und breitete die Arme gegen ſie aus. Sie flog an ſeine Bruſt und „leben Sie wohl, geliebter theu⸗ rer Freund!“ ſtammelte ſie ſchluchzend. Zugleich klammerte ſie ſich mit beiden Armen feſt an ihn an, als ob ſie ihn für die Ewigkeit behalten wollte, und drückte iyr glühendes Geſich gegen ſeine Bruſt. „Wann ſehen wir uns wieder?“ raunte er ihr halblaut in's Ohr. 1* „Täglich hier, zu dieſer Stunde,“ beſtimmte ſie mit haſti⸗ ger Stimme; „dort jenſeits an der Bucht — die rothe Fiſcher⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 77 hütte — ein Kahn bringt Sie unbemerkt hierher, wo Ihre Freundin Ihrer wartet ...“ „Alſo morgen!“ ſagte er. Ein letzter Kuß brannte auf ihren Lippen und ſie war allein; den Freund ſah ſie wieder auf dem breiten Baumwege zurückeilen — bald war er ihr aus den Augen. Dieſe ganze Epiſode kam ihr vor wie ein Traum, welcher aus dem Himmel der Seligen auf ſie herniedergeträufelt wäre. Sie warf ſich auf einen Divan und dachte über das genoſſene Glück eine lange Weile nach. Endlich brach die Abenddäm⸗ merung herein und jetzt erſt machte ſie ſich auf den Weg, um die Rückfahrt nach der Stadt anzutreten. Seitdem war ſie zufrieden; ſie hatte gefunden wonach ihr Herz verlangte. Der Freund kam täglich zur beſtimmten Stunde und niemand ahnte eine Sylbe von dem Glücke, welches die beiden Liebenden in jenem einſamen Pavillon genoſſen. Allein endlich fand ſich auch ein Späherauge, welches ſie belauſchte. Die Folge davon war zunächſt jener unerwartete Beſuch, welchen Prinz Ferdinand in Begleirung ſeines Vet⸗ ters ſehr zur Unzeit ſeiner Gemahlin auf dem Landhauſe ab⸗ ſtattete. —— Viertes Capitel. Krone des Lebens, Gluͤck ohne Ruh, Liebe, biſt Du! Göthe. Der Liebe Wonne und Wagen. Wiejenigen, welche die neulichen Vorfälle lediglich als Ge⸗ genſtand benutzten, an dem ſie ihre Zungenfertigkeit und ihren Scharfſinn erproben konnten, blieben im ganzen natürlich gleich⸗ gültig; giftig genug waren zwar manche Bemerkungen, welche man ſich ins Ohr flüſterte, das konnte nicht abgeleugnet werden; aber dennoch betrachteten die Meiſten die erwähnten Begeben⸗ heiten als ein Schauſpiel, an welchem ſie keinen beſondern An⸗ theil nahmen. Wie ganz anders war dies bei der Prinzeſſin Thereſe, wie ganz anders bei dem Geliebten derſelben! Sie war wie betäubt von den Schlägen, welche ſo raſch nach einander auf ſie niedergefallen waren, er dagegen auf's äußerſte gereizt, alle ſeine Kräfte waren auf' höchſte geſpannt und er würde den Kampf mit aller Welt gewagt haben, auch wenn er voraus⸗ geſehen hätte, daß ein einziger Schlag ihn zermalmen müßte. 3 Begebenheiten eines Weltmannes. 79 Gleich am Morgen nach jenem unglückſeligen Ereigniſſe im Concertſaale erfuhr er was geſchehen war; was der Er⸗ zähler ſelbſt nicht äußerte, dachte ſich jener; vor ſeinem Geiſte lagen die Glieder der verhängnißvollen Kette deutlich da; er errieth wie Eins aus dem Andern hatte folgen müſſen und wirklich gefolgt war. Er wollte nicht mehr hören; mit Gewalt ſuchte er ſeinen Geiſt von den widerwärtigen Dingen abzu⸗ ziehen, welche ihn ſo nahe angingen; allein wenn er auch eine Minute in dumpfem Hinbrüten ſchweigend hatte vorübergehen laſſen, ſo drängte es ihn doch immer wieder zu neuen Fragen. Jetzt war er allein; endlich konnte er der gepreßten Bruſt Luft machen und ihr freieren Spielraum laſſen. Er riß ſich die Kleider vom Leibe, ſchleuderte ein Stück nach dem andern von ſich und warf ſich dann auf das Sopha um auszuruhen; es ließ ihm aber keine Ruhe; er ſprang auf und ſuchte das Bette, unter deſſen Decke er ſich verkroch, um nur das Tages⸗ licht nicht ſehen zu müſſen; doch auch hier war ſeines Bleibens nicht; die Nacht, die ihn umfing, wurde zur hellen Flamme, die Angſt und Ungewißheit über das Schickſal der Geliebten hauchten ihm mit ihrem Gluthathem in's Geſicht; er warf die Decke wieder von ſich und ſtürzte händeringend in's Zimmer. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn es ihm ver⸗ gönnt geweſen wäre auch nur ein einziges Wort mit der zu reden, für welche er in dieſem Augenblicke das Aeußerſte fürch⸗ 80 Caſanova. ten mußte und ohne deren Liebe er nicht leben zu können meinte! Die halbe Lebenszeit hätte er dreiſt gegen einen einzigen ſolchen Augenblick auf's Spiel geſetzt; er bot dem Schickſal vermeſſen die Partie an, und während er dies that, blickte er mit ſtarrem faſt gebrochenem Auge an die Decke des Zimmers, in welchem er auf den Knien lag und dieſes vermeſſene Gebet an die geheimnißvoll waltenden Mächte richtete. Er hatte die Hände gefaltet und hielt ſie ſo über ſich wie Einer der in höch⸗ ſten Nöthen iſt und jenen Gewalten abtrotzen will was er in dieſem Augenblicke zu ſeiner Rettung für nöthig hielt. So lag er lange; der kalte Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirn, das Entſetzen leuchtete unheimlich aus ſeinen Augen; aber es regte ſich nichts außer ihm, es kam keine Antwort an ſeine Ohren. Endlich ließ er die Hände ſinten und der Kopf ſenkte ſich gleichfalls, ſo daß er mit dem Kinne die Bruſt berührte; ſeine äußere Stellung gab ein getreues Bild ſeiner innern Stimmung. Wie ein geknicktes Rohr lag er da; ſein Wille war gebrochen, ſein Muth niedergedrückt; rathlos wie er war, gab er für den Augenblick alles auf, ſeine Liebe, ſeine Hoffnung und ſich ſelbſt. Aber plötzlich wars ihm als ginge hinter ihm eine milde Sonne auf; noch richtete er ſich zwar nicht empor, allein er merkte doch, daß es warm und hell wurde; ſüße Stimmen flü⸗ ſterten von ferne halbabgebrochene Troſtesworte. „Liebe kann Begebenheiten eines Weltmannes. 8¹ alles, Liebe kann alles!“ hörte er ſagen, ohne zu wiſſen von welchen Lippen dieſe Silbertöne kamen, und: „Liebe kann alles, ja Liebe kann alles!“ jauchzte er auf einmal überlaut; dabei ſprang er in die Höhe, und als er wieder auf den Füßen ſtand, kamen ihm warme Thränen aus den Augen gequollen. Jetzt konnte er ſeine vorige Muthloſigkeit gar nicht begreifen. „Steht nicht die Sonne der Liebe in ihrem hellſten Glanze dort über mir?“ rief er aus; „welche Macht führte uns zu⸗ ſammen, welche Macht ſchleuderte uns einander in die Arme, ſo daß die Herzen an einander flogen und ſich nun nicht wie⸗ der trennen laſſen wollen? Warum zieht's mich ſo unwider⸗ ſtehlich in Deine Arme, Du theure Liebe, daß ich glaube ich hänge an Deinem Halſe, auch wenn ich Dich mit dieſen Armen nicht erreichen noch umſchlingen kann? Und biſt Du auch fern, ich ſehe Dich doch vor mir ſtehen, ich fühle Deinen Leib doch unter meinen Händen und höre Deine ſüße Stimme, als ſag⸗ teſt Du der Liebe Schwüre mir wirklich in's trunkene Ohr .. Aber raſch auf! Jetzt gilt's!“ unterbrach er dieſe Gedankenfolge mit einem Male; „wer nicht für ſeine Liebe alles wagt, iſt des höchſten Preiſes dieſer Liebe auch nicht werth!“ Mit derſelben Haſt, mit welcher er die Kleider von ſich geworfen hatte, raffte er ſie wieder zuſammen und zog ſie an, um dem Drange ſeines Herzens, den er für des Schickſals Willen nahm, Folge zu leiſten. Wohin er wollte? Das dachte Caſanova I. 6 82 Caſanova. er ſich ſelbſt noch nicht klar; aber ſein Plan ſchwebte ihm doch vor der Seele wie ein Stern, welchen das Auge des Wandrers am tiefen Himmel zwiſchen Dünſten und Wolken matt hervor⸗ blinken ſieht. Er drückte den Hut auf den Kopf, nahm ſeinen Stockdegen und ſo ſtürzte er zur Thüre hinaus auf die Straße. Ein heftiger Wind trieb ihm den Staub entgegen und in die Augen; über ihm hing eine drohende Wolkendecke, von welcher ſchon zahlreiche Regentropfen niederfielen; er fühlte weder den Regen auf ſeinem glühenden Geſicht noch achtete er auf Sturm und Staub; ohne ſich aufhalten zu laſſen, ſtürzte er in der Richtung fort, nach welcher ihn das Verhängniß trieb. Wie den Wahnſinnigen bei ihren Unternehmungen eine gewiſſe Schlauheit gar nicht abzuſprechen iſt, ſo auch nicht den Leidenſchaftlichen; ſie ſcheinen beim erſten Anblick tollkühn und unüberlegt zu verfahren, aber wie ſicher werden ſie von einer Art Inſtinet geleitet, vermöge deſſen ſie unter tauſend Mitteln, welche ſie auf einmal mit wetterleuchtendem Blicke überſchauen, das rechte, das ſicherſte ausſuchen, welches zum Ziele führt! So in unſerm Falle. Die Leute wunderten ſich, als ſie vor ihren Fenſtern den ſonderbaren Spaziergänger gewahrten. „Seltſame Laune das!“ kicherten die Damen. „Bei dem iſt's nicht richtig!“ bemerkten die Männer trocken. Aber jener hörte nichts davon und würde Begebenheiten eines Weltmannes. 83 ſich auch um ſolche Einwürfe nicht viel gekümmert haben, ſelbſt wenn ſie ihm deutlich zu Ohren gekommen wären. Sobald er die Häuſer hinter ſich hatte, ſchlug er den Weg nach dem Meeresufer ein, um auf die Landzunge zu ge⸗ langen, welche der mit dem Pavillon und dem Landhauſe ge⸗ rade gegenüber lag. Die Fluth ging hoch und der Wind peitſchte die Wellen durch einander, welche ſich auf der öden Strecke herumtummelten wie tauſend wilde Roſſe, die weder Zaum noch Zügel gehorchen. Das Wetter wurde immer ärger, das Toben immer wilder .. . Ha, wie jetzt die Elemente um ihn her tobten! Ein ſolcher Aufruhr hatte noch vor kurzem in ſeinem Innern geherrſcht, wo ſich jetzt nur noch einzelne Wel⸗ lenſchläge höher emporhoben, um bald wieder in ſich zuſam⸗ menzuſtürzen. Es machte ihm Freude, als er dieſes Schau⸗ ſpiel vor ſich ſah; er fühlte Muth genug um mit ſeinem Arme die gewaltigen Wogen zu theilen; die Möglichkeit, daß er in der Brandung begraben werden konnte, fiel ihm gar nicht ein. Die Fiſcherhütte, in welcher er bisher den Kahn gewöhn⸗ lich entlehnt hatte, umging er aus guten Gründen; dieſes Mal ſchlich er ſich ſo vorſichtig von hinten heran, daß ihn niemand bemerkte. Weiterhin wußte er einen zweiten Fiſcher wohnen, mit dem er's verſuchen wollte; dieſer Mann war noch nicht im Verdachte wie der andre, welchen man beobachtete und veſtochen haben konnte; freilich war auch der Weg von ſeiner 84 Caſanova. Hütte aus dreimal länger und gefährlicher als von dem ge⸗ wöhnlichen Abfahrtspunkte, aber was that das! War er doch eben aus dieſem Grunde den Späheraugen weniger verdächtig und demgemäß weniger beobachtet! Aus Schilf und Geſträuch ragte das Binſendach einer nied⸗ rigen Hütte hervor; ein Stück Gartenland, welches der Beſitzer nothdürftig urbar gemacht und mit einigen Obſtbäumen bepflanzt hatte, wurde von einem lebendigen Zaune unſchloſſen, deſſen dichtes Dornengeflecht alle unberufenen Eindringlinge abhalten ſollte, aber freilich ſeinen Zweck ſchlecht erfüllte, denn der Zaun hatte hier und da Lücken, ſo daß ein Menſch leicht hindurch⸗ ſchlüpfen und nach Belieben von allen Herrlichkeiten des Gärt⸗ chens genießen konnte. Der Tag glich mehr einer Nacht; die Färbung des Him⸗ mels theilte ſich der Luft mit und ſo ſtand die ganze Landſchaft unter einem düſtern unheimlichen Schleier von Schlagſchatten. Deſſenungeachtet ſchritt unſer Wandrer raſch vorwärts; er ging um die Hütte herum und ſtand vor der niedrigen Thüre, welche bloß angelehnt war. Ein mächtiger Waſſerhund, welcher in ſeiner Hütte an der Kette lag, hatte den Fremden kaum be⸗ merkt, als er auch ſogleich wüthend anſchlug und mit aller Macht an der Kette riß, ohne daß es ihm jedoch gelingen wollte ſich loszumachen. Der Mann aber trat in das Haus, öffnete ohne Umſtände die Stubenthür und fand den Fiſcher Begebenheiten eines Weltmannes. nebſt ſeiner Familie beſchäftigt Netze zu ſtricken und auszubeſſern. Die Leute waren höchſt erſtaunt in dieſem Wetter einen fein⸗ gekleideten Städter hier bei ſich eintreten zu ſehen; mit großen Augen betrachteten ſie ihn und ließen die Hände einen Augen⸗ blick ruhen, dann aber nahm der Hausvater das Wort, indem er den Fremden fragte, was er hier wollte. „Einen Kahn?“ ſprach der Mann erſtaunt, als er die Eröffnung des Andern mit angehört hatte, „und in dieſem Wet⸗ ter? Sagen Sie mir doch was Sie eigentlich denken? Es iſt ja nicht menſchenmöglich; ſehen Sie doch nur hin auf die Wellen, wie ſie ſich erheben! Was fällt Ihnen denn ein?“ Die Andern theilten das Erſtaunen des Sprechenden in vollem Maße; ſie wollten gar nicht glauben, daß das Ver⸗ langen des fremden Herrn ſein vollkommener Ernſt wäre, und waren nahe daran laut aufzulachen. „Gieb mir einen Kahn!“ gebot der Fremde kurz und ſtreng; „wenn ich's wagen will, was haſt Du dagegen?“ „Aber wer ſoll Sie denn fahren?“ wendete der Fiſcher ein; „ich fahre Sie bei Gott nicht, und eins von meinen Leuten darf Sie auch nicht fahren, darauf können Sie ſich verlaſſen ... „Ihr ſollt ja auch nicht,“ erwiederte jener ärgerlich; „ich * fahre mich ſelbſt.“ „Aber wer giebt mir etwas, wenn Kahn und Ruderer 86 Caſanvva. zuſammen Lerloren gehen? Ein ſolcher Kahn iſt nicht ſogleich wieder angeſchafft!“ ſagte der Fiſcher. „Wie hoch ſchlägſt Du ihn an?“ fragte der Fahrluſtige. „Zwanzig Ducaten,“ erwiederte der Fiſcher nach einigem Bedenken; „ich muß Ihnen den beſten geben, denn mit einem ſchlechten kommen Sie bei dem Wetter vollends nicht durch.“ „Da!“ fiel der Fremde raſch ein und zahlte die Gold⸗ ſtücke auf den Tiſch vor die ſtaunenden Leute hin; „aber nun iſt die Sache mein Eigenthum. Komm .. .“ Voraus ging er und der Fiſcher folgte zögernd dem auf⸗ fordernden Blicke, welchen jener hinter ſich zurückwarf. Die Uebrigen, welchen die ganze Erſcheinung immer noch wie ein Traum vorkam, traten an's Fenſter oder in die Thüre, um zu ſehen, ob der Wagehals wirklich auf ſeinem zerbrechlichen Fahr⸗ zeuge in's tobende Meer hineinfahren und wie er ſich dabei anſtellen würde. Der Kahn war losgebunden und der Fiſcher legte dem Verwegenen noch mehrere Ruder hinein, für den Fall daß etwa eins verloren gehen ſollte. „Na,“ ſagte der ſchlichte Strandbewohner, „wenn Sie's einmal nicht anders thun, ſo geleite Sie Gott!“ Eine Welle kam an's Ufer heran, nahm das Fahrzeug, in welchem der kühne Fährmann ſaß, auf ihren Rücken und ſchwenkte ſich mit ihrer Laſt in das Meer zurück. Jetzt war Begebenheiten eines Weltmannes. 87 keine Wahl mehr; wie die Wellen ihn warfen, ſo mußte der Mann ſich fügen; weder er noch ſonſt jemand konnte berechnen, an welchem Ufer ihn das tobende Element auswerfen würde, wenn es ihn nicht etwa gar verſchlang. Aber dieſes Schau⸗ ſpiel, weit entfernt ihn niederzudrücken, begeiſterte ihn vielmehr zur größten Muthesfreudigkeit. Strahlenden Auges ſah er über die Köpfe der tauſend tanzenden Wellen dahin und mit kühnem Arme verſuchte er's das Ruder zu handhaben. Vergebliche Mühe .. . das Ruder zerbrach unter dem Stoße einer mäch⸗ tigen Woge, welche herangeſtürzt kam und daſſelbe von oben faßte, in zwei Stücke — das eine hielt der Mann in den Händen, das andre verſchwand im Waſſer. „So iſt ja das Leben auch!“ rief der Jüngling in den Tumult hinein, der ihn umgab; „Muth in der Bruſt, das iſt das beſte Steuer und der ſicherſte Steuermann dazu; tauſend Möglichkeiten drängen ſich gegen Dich heran wie tauſend Wellen an dieſen Kahn ſchlagen; wohin Dich dieſe Stöße bugſiren werden, wer weiß das? Ebenſo wenig weiß ich's wohin mich dieſe Wellen mit meinem Kahne führen. Gefahr, Gefahr — das iſt die Linie, die wir ewig unter den Fußſohlen haben und auf der wir zu Lande ſo gut wie zu Waſſer ſchaukelnd balanciren! . . . Hero, Hero, Dein Leander kommt! Ver⸗ ſtehſt Du auch das Lied, das dieſe Wellen wie den Nachklang von einem ſeit tauſend Jahren verflogenen Traume noch leiſe —— ———— —————— 88 Caſanova. murmeln, und haſt Du Deine Leuchte auf jener Warte ange⸗ zündet, nach welcher Dein Leander ſteuern ſoll? Unter ſeinen Füßen hat er das feuchte Grab, auf deſſen Grunde in dunkler Nacht die bunte Heerde des Meeres weidet und nur zuweilen einen ſpähenden Boten nach oben ſteigen läßt; aber über ihm hängt der Himmel, aus welchem des Schickſals Fäden nieder⸗ laufen, und jeder Faden von dieſer Art iſt einem Menſchen auf den Wirbel ſeines Hauptes geheftet — die Göttin der Liebe ſitzt mit im Rathe der Himmliſchen, und ſie wird ihn, der um die Liebe alles wagte, nicht ſinken laſſen zu dem Ab⸗ grunde, wo die Liebe zwar nicht aufhört, aber doch begraben wid Die Wellen gingen immer höher, der Aufruhr der Ele⸗ mente tobte immer gewaltiger und dieſer Umſtand dämpfte den ungeſtümen Muth des Kahnführers doch einigermaßen. Er ſetzte ſich ſo feſt als möglich zurecht, ſchlug die Arme über ein⸗ ander und ſuchte ſich vergeblich über die Urſache eines etwas volleren Herzſchlages zu täuſchen. Er wurde mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt nach einer ganz entgegengeſetzten Richtung getrie⸗ ben als die er einzuhalten ſtrebte. Indeſſen mußte er das Seinige thun. Er ergriff ein andres Ruder und verſuchte es aufs neue den Wogen entgegenzuarbeiten. Je mehr er ſich anſtrengte, deſto weiter kam er von ſeinem Ziele ab; er arbeitete, ohne es zu wollen, ſich ſelbſt entgegen. Begebenheiten eines Weltmannes. 89 Nach und nach fühlte er ſeine Kräfte abnehmen; er wurde matt; aber doch gab er ſeine Bemühungen nicht auf; doch beſtand er eigenſinnig auf dem einmal gefaßten Entſchluſſe. Obgleich ihn das Waſſer von allen Seiten anfeuchtete, war er doch fieberheiß und große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn. Aber endlich wurden ihm die Augenlider ſchwer, der Drang zum Schlafen kam ihn an und nun erſt legte er ſein Ruder aus der Hand, um ſeine vorige Stellung wieder einzunehmen. Starren Blickes ſchaute er in die grenzenloſe Weite um und über ſich — es flimmerte ihm vor den Augen und aus der Luft kamen ganz ſeltſame Geſtalten gleich Nebelgebilden hernieder, die dann auf der Oberfläche des Waſſers ihren unheimlichen Reigentanz aufführten und zuletzt in unabſeh⸗ bare Weiten hinaus huſchten, wohin ihnen das Menſchenauge nicht folgen konnte. Anfangs waren es bleiche Geſpenſter mit verzerrten grinzenden Mienen, welche ihn umgaukelten; je näher er aber dem Einſchlafen kam, deſto freundlicher wurden die Erſcheinungen und deſto näher zogen ſie ſich an ihn heran. Er ſchlief darüber feſt ein. Nun trieb das zerbrechliche Fahrzeug mit dem Schläfer auf ſeinem Boden, wie es eben die Wellen warfen, immer fort in das Meer hinein; es trieb mehrere Stunden lang und der Schlafende, von den ſüßeſten Träumen umgaukelt, wachte nicht auf. 90 Caſanova. Er merkte alſo nicht, daß die Wolkendecke zerriß und daß aus dem Antlitz des zornigen Meeres eine Runzel nach der andern verſchwand; er ſchlief fort und ließ ſich tragen, wohin ihn die Mächte des Schickſals führten. Die Sonne glänzte wieder am Himmel und trocknete mit ihren Strahlen den Durchnäßten; ein ſanfter Wind führte den Kahn rückwärts. .. An einer Stelle des Ufers zog ſich eine Bucht landeinwärts und aus dieſer fuhr eben ein andrer Kahn von zierlicher Arbeit in's Meer. Der Führer dieſes Fahrzeuges ſah das andre ſchon von fern treiben und theilte dieſe Neuigkeit einer Dame mit, welche auf einem Polſterſitze des Kahnes Platz genommen hatte. WMan beſchloß nach dem ohne Fährmann treibenden Nachen hin zu rudern. Da nun dieſer den Nahen⸗ den entgegentrieb, ſo waren beide Fahrzeuge bald ganz an einander. Die Dame bog ſich vor, um den Inſaſſen des Kahnes zu ſehen; aber kaum hatte ſie einen Blick auf ſein Geſicht geworfen, als ſie auch wie vom Donner gerührt ſtehen blieb und dann auf ihren Sitz zurückſank. Der Fährmann eilte ihr zu Hülfe, ſobald er dieſes ſah. „O Dank Euch, ihr Götter!“ ſtammelte ſie mit gefalteten Händen; „an's Land, an's Land!“ rief ſie dem Manne mit ſchwacher Stimme zu und begleitete dieſe Worte mit einer ungeduldigen Geberde; „aber wecke ihn nicht auf, er möchte erſchrecken!“ — Begebenheiten eines Weltmannes. 91 Schweigend band der Ruderer den andern Kahn an den ſeinigen und begann ſogleich die Rückfahrt. Am Ufer angelangt, befahl die Dame ihrem Fährmanne unter dem Vorwande, daß er etwas herbeiholen ſollte, ſich zu entfernen; aber ſobald er weit genug weg war, daß er nichts von dem, was in den Kähnen vorging, beobachten konnte, ſprang die Frau nach dem Schlafenden und warf ſich auf ihn. Unzählige Küſſe be⸗ deckten im Augenblicke ſeinen Mund und ſein Geſicht — er ſchlug die Augen auf und ſtieß als erſtes Zeichen des Lebens einen lauten Schrei aus. Dann ſchlang er beide Arme um ſeine Retterin und preßte ſie innig an ſeine Bruſt. „O, wußt ich's doch,“ rief er im Uebermaß der Freude, „wußt' ich doch, daß unſre Sterne nicht lügen konnten!“ „Aber eile! Komm, theurer Freund,“ unterbrach ſie ihn dringend; „ich werde Dich leiten, beſter Freund; aber jetzt ver⸗ birg Dich, daß Dich keines Menſchen Auge ſieht, damit wir unſer Glück deſto länger genießen können!“ Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit ſich fort; raſch ging ſie voran, mit leichter Mühe konnte er ihr folgen. Der Weg ging durch eine einſame Gegend; es waren etliche Aecker mit Küchengewächſen, hierauf kamen Gebüſche, in denen man eine Muſterkarte aller Holzarten vor ſich ſah; dann ſtieg der Pfad aufwärts und verlor ſich zuletzt unter dichtem Na⸗ delholz, daß man keine Spur mehr davon ſah. Caſanova. Der Jüngling fragte ſeine Führerin, wohin ſie ihn brächte; ſie tröſtete ihn mit der Antwort, daß ſie ihn an einen ſichern Ort geleiten wollte, wo ſie ihn ganz unbemerkt beſuchen könnte. Auf einmal ſtand ſie vor einem Steinwürfel ſtill, maß von der einen Ecke deſſelben zehn Schritte ab und ſtund ſo vor drei jungen Tannen, deren Aeſte völlig mit ein⸗ ander verwachſen zu ſein ſchienen. „HSierher, folge mir!“ rief ſie, indem ſie ſich zu jenem umwendete und zugleich die Aeſte auseinander bog; „nur vorſichtig wir ſind bald am Ziele.“ Ein ſchmaler Bergpfad führte zwiſchen den dichtſtehenden Bäumen in verſchiedenen Windungen dahin; die Luft war hier ſo friſch, wie ſie der Jüngling noch nie geathmet zu haben glaubte, und es gemahnte ihn an das ſchöne Traum⸗ land, welches er auf den Meereswogen um ſich hatte ſchwe⸗ ben ſehen. „Jetzt find wir da!“ rief die Führerin wieder; „noch zwanzig Schritte und Du biſt geborgen, mein Freund!“ Sie ſtieg abwärts, als ſie dirſe Worte geſagt hatte; es waren Stufen in den Felſen gehauen, gerade breit genüg, daß ein Menſch ſeinen Fuß hineinſetzen konnte; ein einziger Fehltritt des Wandrers aber würde zur Folge gehabt haben, daß er die ſteile Felſenwand hinab und in's Meer geſtürzt wäre. Deshalb wurde ihm auch mehrmals bange, als er die —— Begebenheiten eines Weltmannes. 93 heldenmüthige Geliebte — denn ſeine Retterin war niemand Andres als Thereſe, und auch der Gerettete eben der, welchen ſie mit aller Gluth der Seele liebte — auf dieſem ge⸗ fährlichen Wege einherſchreiten ſah. Ihr Schritt war jedoch ſicher und zeugte von der größten Vorſicht. Jetzt waren ſie bis zu einer Stelle gelangt, wo der Felſen einen Vorſprung machte. „Siehſt Du nichts?“ fragte ſie. „Was denn?“ erwiederte er, indem er ſein Erſtaunen, daß er da, wo nichts war, etwas ſehen ſollte, zu verbergen ſuchte; „den Felſenblock hier, das Meer dort und jene Bäume.“ „Kurzſichtiger Zweifler, der Du biſt!“ ſagte ſie lachend; „komm,“ fügte ſie ſeine Hand ergreifend hinzu und zog ihn nach einem dichten Tannengebüſch, das wie ein ſchwarzgrüner Vorhang am Berge hinunterhing. Dieſes Gebüſch theilte ſie aus einander, und der Geliebte, welcher ihr gefolgt war, ſtand plötzlich mitten in der finſterſten Nacht. Sie taſtete auf dem Boden herum und fand endlich ein Feuerzeug, vermittelſt deſſen ſie ein Licht anzündete. Nun ſahen Beide, wo ſie waren. Es war eine natürliche Höhle von mäßiger Größe, welche nach Süd⸗Oſten in den Bauch des Berges hineinſtrich. Der Fußboden war leidlich eben und muthigen Schrittes gingen ſte vorwärts. Sie leuchtete voran, er folgte. Caſanova. Nach der erſten Windung dieſer Vorhalle zu einem un⸗ terirdiſchen Heiligthume wurde eine Thür ſichtbar, welche den Raum von der Decke bis zum Boden vollkommen ausfüllte; an den Seiten, wo die Thüre nicht hinreichend gefüllt haben würde, war mit Kalk und Ziegeln nachgeholfen. „Nun?“ fragte ſie wieder ſtillſtehend, „iſt dies das Feenreich, in welchem Du gebieten möchteſt?“ „Schließe es nur auf, holde Zauberin!“ exwiederte er, den Arm um ſie ſchlingend. Sie aber machte ſich los, drückte mit ihrer ſanften Frauen⸗ hand ein wenig an einer Feder und die Thüre ſprang auf, wie groß und ſchwer ſie auch ſein mochte. Ein weiter dunkler Raum that ſich vor den Augen des überraſchten Kahnführers von vorhin auf und die Fackel, welche bisher hinreichendes Licht gegeben hatte, war viel zu ſchwach, um den großen finſtern Raum zu durchdringen. Thereſe, wie es ſchien mit der Oertlichkeit vertraut, zog eine Schnur, welche an der Wand befeſtigt war, und ſo⸗ gleich ließ ſich aus der Mitte des Deckgewölbes ein goldener Kronleuchter herunter, ſo daß er über den Tiſch zu hängen kam, deſſen Umriſſe jetzt dem Manne deutlich in die Augen fielen. Sie zündete eine Kerze nach der andern an, welche der Leuchter auf ſeinen Armen trug. Der Leuchter wurde wieder in die Höhe gezogen und nun Begebenheiten eines Weltmannes. 95 erſt war es möglich, ſich zu vrientiren. Es war ein ziemlich hohes Gewölbe, worin ſich die Liebenden befanden; die Wände waren künſtlich mit flimmernden Erzſtufen ausgelegt und dieſe ſelbſt nicht ſämmtlich Erzeugniſſe der Natur, ſondern augen⸗ ſcheinlich von Menſchen ſo geſchmolzen, daß ſie dem Auge wohlgefielen. Hier wuchs ein weißflimmernder Silberbaum aus dem Boden und breitete ſeine Aeſte und Zweige nach allen Seiten aus, während ſich deſſen Krone in immer ſchwä⸗ cheren Umriſſen an der Decke verlor, von welcher der Leuchter herunterhing. Neben dieſer Hauptfigur ſchlang ſich noch klei⸗ neres Strauchwerk aus demſelben Stoffe an der Wand hin und bildete ein dichtes Geflecht, das wie eine Dornenhecke ausſah. Dort ſah man Elephanten, Löwen, Tauben, Pfauen, Stiere und Schlangen, Fiſche und Würmer; alles wand ſich durcheinander und ſchien ſich zu regen. An einem andern Orte erſchienen Bruſtbilder von Engeln, welche Bücher in den Händen hielten und ihre himmliſche Meſſe abzuhalten ſchienen. Den Hintergrund verſchloß ein ſchwerer rothſeidener Vorhang, mit glänzenden Goldtroddeln beſetzt. Thereſe, welche dem Geliebten lächelnd in das Geſicht ſah und ſich an ihn ange⸗ ſchmiegt hatte, während er dieſe Herrlichkeit betrachtete, ließ ihn jetzt los, ging auf den Vorhang zu und ſchlug ihn aus⸗ einander. Aber kaum war dies geſchehen, als auch eine tau⸗ ſendfarbige Lichtfluth aus der Grotte, welche hinter dem Vor⸗ 5 Caſanova. hange verſteckt war, hervorbrach und jenen zwang, das Auge abzuwenden. Neugierig trat er näher, um dieſer Erſcheinung auf den Grund zu kommen. Unzählige Spiegelflächen waren hier angebracht, die eine in dieſer, die andre in jener Lage; dieſe war aus Metall, jene von Glas, eine andre wieder aus funkelndem Stein, und ſo konnte es nicht Wunder nehmen, daß das Licht in den verſchiedenſten Richtungen und Farben aufgefangen und zurückgeworfen wurde. Ein weiches Polſterbette war an der Wand angebracht. Es hatte bequem Raum für zwei Perſonen. Da die eine Hälfte des Vorhangs herabgefallen war, wurde die Grotte von einem Halblichte übergoſſen, deſſen magiſche Wirkung nicht ausblieb. Die tiefſte Stille herrſchte ringsum, kein leben⸗ diges Weſen hielt ſich in dieſem Raume unter der Erdober⸗ fläche auf, die beiden Liebenden ausgenommen, kein Lüftchen regte ſich — und die Welt, auf der die Menſchen ſich herum⸗ tummeln, bis ſie des tollen Lärmens müde ſind, lag hinter ihnen, wie ein fernes halbvergeſſenes Land, das man im Meere wie einen Nebelſtreifen am Horizonte ſieht; alle Rück⸗ ſichten traten in den Hintergrund zurück — er ſah in ihr und ſie in ihm den reinen Menſchen mit dem liebewarmen Herzen, und ſte umklammerten ſich voll heißer Inbrunſt, um 4 eine ſchnell verfliegende Stunde ſüßen Genuſſes zu feiern. Die Herzen klopften an einander und eine Art von Tau⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. mel bemächtigte ſich ihrer Sinne; ſie verloren den feſten Boden unter ihren Füßen und folgten dem Zuge der Luſt, welcher ſie hinriß, wie der Waſſerwirbel oder der kreiſende Wind ein ſchwaches Blatt mit ſich fort nimmt, wenn er es einmal gefaßt hat. Das war eine von den Stunden, wo die Luft, die uns umfließt, zu Engelſtimmen wird, zu einem einzigen Gold⸗ tone, der eine kurze Weile in unſrer Seele klingt und dann fortzieht — wir ſtehen aus dem Rauſche erwacht da und lau⸗ ſchen dem verklingenden Tone, bis er endlich in weiter Ferne völlig verſchwindet. Nichts bleibt uns als die Erinnerung, und auch ihr iſt ein Element beigemiſcht, wodurch ſie ver⸗ bittert wird; halb Reue, halb Schmerz darüber, daß ſolche Seligkeit nicht beſteht, läßt uns vergangener Freuden nur mit halber Luſt gedenken. Nach einer Weile erwachten Beide wie aus einem Traume; Eins fand ſich in der Umarmung des Andern wieder; ſie ſchauten einander in das glühende Antlitz und in die noch halb trunkenen Augen .. „Was war das?“ fragte er. Sie preßte, ſtatt zu antworten, ihr Geſicht an ſeine Bruſt und umfaßte ihn noch inniger . er legte ſeine Hand auf ihren Kopf und ließ ſie eine Zeit lang gewähren. „Meine Freundin, wie iſt Dir's?“ redete er die Ge⸗ liebte wieder an. Caſanova I. Caſanova. „O wohl, wohl!“ erwiederte ſie ihm; „und Dir, wie iſt Dir's?“ „Sind wir nicht glücklich?“ antwortete er; „mögen doch die Lüfte der Oberwelt über den Scheitel dieſes Berges dahin⸗ rauſchen; wir ſind ſicher hier; wir hören das Rauſchen, aber keines Menſchen Auge kann ſich zu uns hereinſtehlen, um unſte Wonne zu erlauſchen. Fühlt das meine Thereſe auch?“ „Wohl fühle ichs, lieber Mann; ich bin ja ſo glück⸗ lich!“ erwiederte ſie mit dem vollſten Ausdrucke der Liebe; „o wie gern blieb' ich immer ſo bei Dir! Aber da kommen die unerbittlichen Verhältniſſe und packen Deine arme Freun⸗ din mit tauſend Eiſenhänden an und reißen ſie von Dir und Dich von ihr — ſie muß Dich wieder einmal verlaſſen und ſollte ſich ihr Herz darüber verbluten!“ „Tröſte Dich, theures Weib!“ rief er; „das ganze Leben kann nun einmal nicht eine einzige ſelige Stunde ſein; es müſſen ſchmerzliche Augenblicke darin vorkommen, wir zer⸗ rönnen ſonſt unter dem Uebermaße der Wonne gleich zittern⸗ den Waſſertrvpfen. Solch eine Stunde gleicht einer grünen Matte, welche zwiſchen dem Klippenwalde der Zeit aufgehangen iſt — ein Menſch und noch einer vielleicht ſollen ſich in die⸗ ſem Paradieſe eine Weile ſonnen — dann iſt der Traum vor⸗ Begebenbeiten eines Weltmannes. 99 bei, dann bleibt ihm nichts, als daß er an das Vergangene denken und auf neue Seligkeit hoffen darf.“ „Ach bleibe bei mir!“ rief ſie zärtlich bittend, als er durch eine Bewegung ſeines Körpers die Abſicht verrieth ſich vom Lager zu erheben; „ſieh, jetzt wollteſt Du fort und mußt doch noch nicht — es kommt die Zeit vielleicht ſo bald genug, wo Du nicht mehr bei Deiner Thereſe bleiben kannſt, auch wenn Du wollteſt. ..“ „Wirklich? Denkſt Du daran?“ fragte er ſie gepreßt; „was wirſt Du dann thun, lieber Engel?“ „An Dich denken!“ gab ſie zur Antwort; „ganz heim⸗ lich werde ich mich bei Seite ſchleichen und mich ſtill an ein verborgenes Plätzchen begeben. Dort werde ich mir das Ge⸗ dächtniß an den lieben theuern Freund zurückrufen und werde ſinnend daſitzen; ſein liebes Bild kann keine Macht des Him⸗ mels und der Erde mir aus der Seele reißen; ich werde den⸗ ken: Ach, er iſt fort! Du haſt ihn nicht mehr, arme Ver⸗ laſſene! Aber als er ging, nahm er auch Dein Bild in ſeinem Herzen mit ſich fort, und Dein Bild lebt in dieſem Herzen ſo gut als wenn Du bei ihm wärſt! — Dann wirſt Du wie Du leibſt und lebſt mir vor Augen ſtehen, ich werde glauben Deine füße Stimme zu hören, Deinen Athem und Deinen Kuß zu fühlen, die Hand des Schattenbildes wird warm werden.. das Schattenbild bekommt Fleiſch und Bein „ 7* 100 Caſanova. ha, es ſchreitet auf mich zu, es ſchlägt den Arm um meinen Nacken. .. Du biſts, biſt's wirklich! und ich habe Dich wie⸗ der wie ich Dich jetzt in dieſen Armen halte. . .“ „Du geräthſt außer Dir, Liebe!“ rief er, indem er die ſchöne Geſtalt, welche ſich wie angegoſſen an ihn heranſchmiegte, wohlgefällig betrachtete; „aber wie ſchön Du biſt!“ „Wirklich? Gefalle ich Dir?“ erwiederte ſie fteudig raſch ihm in's Wort fallend; „ach, das arme Blümchen Schönheit, welches auf dieſen Wangen blüht, wie gern brächt ich Dir's zum Oyfer dar! Nimm's hin, mein lieber, lieber Mann! Dir geb' ich alles und mich ſelbſt. . .“ Das Verhältniß, welches zwiſchen Beiden obwaltete, wurde wieder inniger; er fühlte ſchon von fern die Taumelſchwüle, wie man ein Gewitter in den Gliedern merkt, bevor es noch ausbricht.. die Worte verſtegten und die glühende Sprache der Leidenſchaft wurde Stellvertreterin dieſer hörbaren Laute, die bisher dem Herzen des Einen die Gefühle des Andern ver⸗ dolmetſcht hatten. „Der Becher der Luſt iſt aus, aus bis auf den letzten Tropfen am Boden!“ rief er nach einer Weile, während der er ſtumm an ihrem Buſen gelegen hatte . . „Aber er guillt wieder voll!“ flüſterte ſie; „ach ſieh, ſieh, die Fluthen ſchwellen ſchon und bald iſt er wieder bis zum Rande gefüllt.“ —— Swhe Begebenheiten eines Weltmannes. 101 „Auch hier unten giebt's Zeit,“ entgegnete er; „und denkſt Du nicht daran, daß man Dich vermiſſen und nach Dir ſuchen könnte? Wenn ſie uns entdecken, wenn das Auge des Verräthers unſern Schritten gefolgt iſt, bis wir hier in un⸗ durchdringlichem Geheimniß uns verloren — wenn uns der ungehörte Tritt nachſchleicht? Was würde...“ „Nicht das, ich bitte Dich!“ rief ſie haſtig, indem ſie ihm den Mund mit ihrer Hand zuhielt; „das ſollſt Du nicht ſagen, und zumal in dieſem Augenblicke nicht! Mögen ſie' wiſſen, daß ich Dich liebe, daß Du mein Eins und Alles biſt; mögen ſie! Ich bin ſtolz darauf; ſie ſollen wiſſen, ſie ſollen ahnen, welches Glück ich fühle, mich dem Manne ganz hinzugeben, der einmal meine ganze Seele füllt... ich trotze kühn der Verach⸗ tung, dem Hohnk und dem Spotte der Welt, ich trotze allen Drohungen und Gefahren; mögen ſie mich zermalmen, mögen ſie mich von Dir reißen, meine Liebe können ſie mir doch nicht nehmen, nein, das können ſie nicht — und ich will es ihnen ſagen!“ „Aber faſſe Dich, liebe Frau!“ rief er ihr entgegen; „wozu muthwillig Gefahren heranbeſchwören, welche wir ver⸗ meiden können? Wozu den Haß mächtiger Gegner herausfor⸗ dern, wenn es nicht nöthig iſt? Vorſicht iſt uns vor allen Dingen nöthig; denn denke nur, daß wir Beide keineswegs im Stande ſind der Macht zu trotzen, auf welche ein Gewiſſer Caſanvva. pochen kann! Es giebt Kerker, es giebt Dolche und Schieß⸗ gewehre, und wenn ich mich auch nicht vor ſolchen Sachen fürchte, ſo iſt doch meine Bruſt nicht von Stahl und kann von der Eiſenſpitze oder der Bleikugel durchdrungen werden .. auch Dein Leben iſt ein Licht welches verlöſchen kann.. . “ Staunend, und als ob ſie dieſe Worte gar nicht verſtan⸗ den hätte, blickte ſie zu ihm empor; ſie ließ die Arme herab⸗ fallen und duldete es, daß er ſich aufrichtete. Als er vor dem Lager ſtand, ſah ſie immer noch unverwandt empor nach ſeinem Geſichte .. der Vorhang öffnete ſich wieder ganz und der hellſte Lichtglanz trat an die Stelle des bisherigen Dämmer⸗ lichts. Jetzt ſprang auch ſie in die Höhe und eilte auf ihn zu, als er die Thüre, durch welche ſie hereingekommen waren, wieder öffnen wollte. „Nicht hier!“ rief ſie; „geh dort hinaus, wenn Du friſche Luft verlangſt!“ Sie zog ihn nach der entgegengeſetzten Seite, wo er eben⸗ falls eine Thür entdeckte, welche ſich durch einen Druck gegen einen Eiſenknopf aufthat. Das Tageslicht, welches hier her⸗ eingequollen kam, miſchte ſich mit dem Glanze der Kerzen wie ſich das Waſſer zweier verſchiedenen Flüſſe miſcht und dadurch ein neues Element hervorbringt, deſſen Farbe weder die des einen noch die des andern iſt, woraus es gemiſcht wurde, ſondern zwiſchen beiden die Mitte hält. ———— Begebenheiten eines Weltmannes. 103 Es war ein großer weiter Halbkreis, in welchen ſie her⸗ austraten. Die Ausſicht war frei und die friſche Meeresluft ſtrich an ihre Wangen. So weit das Auge reichte, dehnte ſich der blaue Himmel über das ruhig gehende Meer dahin und an der äußerſten Grenze rannen Himmel und Meer in eine Kreislinie zuſammen. „Ah, wie friſch, wie herrlich!“ rief er und legte den Arm um ihren Nacken; „o, die friſche Luft iſt ein Born, an wel⸗ chem die matten Lebensgeiſter ſich wieder friſch trinken können.“ „Haſt Du Hunger oder Durſt, mein Freund?“ fragte ſie jetzt plötzlich. „Einigermaßen,“ antwortete er; „aber wie ſoll ich dieſes Verlangen hier befriedigen?“ Kaum hatte ſie gehört was er ſprach, als ſie wieder zu⸗ rückeilte und einen Korb getragen brachte, deſſen Inhalt ſie auf einer Steinbank ganz im Hintergrunde der Grotte auspackte. Eine Flaſche nebſt einem ſilbernen Becher kam zuerſt heraus und Beides wurde neben einander aufgeſtellt. Ein Teller kam dann an die Reihe; Meſſer und Gabel, ein Brod, Fleiſch und verſchiedene Porzellangefäße mit mancherlei Füllſel folgten. So war eine ziemliche Menge von Gegenſtänden in beſter Ordnung aufgeſtapelt, um dem Hungrigen oder Durſtenden bequem zur Hand zu ſein. „Komm, iß und trink, mein lieber Freund!“ rief ſie, ſo⸗ 8 104 Caſanova. bald ſie mit Anordnung des Mahles zur Stande war; „ſetze Dich, es iſt gerade noch Platz genug.“ Sogleich nahm er Platz und ſie ſchickte ſich an ſtehend etwas zu ſich zu nehmen. Sie wurde jedoch von ſeiner Hand auf ſeinen Schoß niedergezogen und folgte gern der ſanften Gewalt, welche ihr ihren Sitz auf dieſe Weiſe anwies. Es mochte ihr hier ſehr wohl gefallen, wenigſtens lächelte ſie ſo zufrieden und überſelig, als ginge ihr jetzt nichts mehr von ihrem Glücke ab. Sie ſchenkte den Becher voll Wein und hielt ihm den Rand deſſelben an die Lippen; da er einen herzhaften Zug gethan hatte, ſetzte ſie das Trinkgefäß an ihren Mund und trank den Inhalt deſſelben vollends aus. Dann langte ſie von den Speiſen zu und fütterte ihn, wie ein kleines Kind von ſeiner Mutter gefüttert wird; ſie neckte ihn ſogar, indem ſie ihm einen Mundbiſſen hinhielt und dann, wenn er zubeißen wollte, ſelbſt den Biſſen aß; dann ſchenkte ſie wieder ein und trank ihm zu, und ſo ſpann ſich die verliebte Tändelei von Minute zu Minute weiter fort. „Aber wenn Du mir untreu wirſt, Böſewicht!“ rief ſie auf einmal; „wenn ich erfahre, daß Du eine Andre liebſt, ſo bin ich im Stande ...“ „Schwätzerin Du!“ rief er und drückte einen Kuß auf ihre Lippen; „eher verlöre ja die Sonne ihr Licht als ich meine Liebe zu Dir, meine Einzige!“ Begebenheiten eines Weltmannes. 105 „Ach,“ lispelte die Frau, „auch dem Ungetreuen, wenn er Reue empfände, würde ich mit ausgebreiteten Armen entge⸗ fliegen, auch ihn würde ich an's klopfende Herz drücken, an das Herz, das immer noch ihm gehörte und das ihn nicht haſ⸗ ſen könnte, wenn er es auch einen Augenblick hätte vergeſſen können!“ Unter ſolchen Reden und wechſelſeitigen Liebkoſungen hat⸗ ten ſich Beide hinreichend geſättigt; er machte ihr wiederholt bemerklich, daß es jetzt Zeit ſein würde ſich zu entfernen, da ein längeres Außenbleiben leicht auffällig werden könne, und auch er wollte ſich ſo heimlich als möglich davonſchleichen, um ja keinen Anlaß zum Verdachte zu geben. „Heute mußt Du ſchon hier bleiben, lieber Freund!“ fiel ſie ihm in's Wort, „und auch dieſe Nacht aushalten; denn erſt morgen wird ſich eine paſſende Gelegenheit auffinden laſſen, damit Du Dich ebenſo unbemerkt entfernen kannſt als Du ge⸗ kommen biſt. Und zur Strafe für Deine Ungeduld, mit wel⸗ cher Du von mir loszukommen ſuchſt, wirſt Du einige Stun⸗ den der Nacht mich als Zuchtmeiſterin zur Seite haben.. Aber erſchrick nur nicht, ich will es ſchon gnädig mit Dir machen; ſtatt Dich zu züchtigen, will ich Dir als Magd dienen, will ich thun was Du haben willſt — den leiſeſten Wunſch will ich Dir vom Auge abſehen, und wenn ich recht viele 106 Caſanova. Wünſche zu erfüllen habe, ſo werde ich mich deſto glücklicher fühlen.“ „Eigenſfinn der Du biſt!“ gab er ihr zurück; „ſo werde ich denn bleiben müſſen — aber in der Nacht werde ich frie⸗ ren, wenn ich nicht ein Feuer anzünden kann...“ „So bleibe in den innern Räumen,“ rieth ſie ihm; „das Lager iſt weich und kein Lüftchen kann hineindringen .. .“ „Aber ich liebe die friſche Luſt,“ entgegnete er; „ſie ſtärkt ſo wunderſam und es iſt als lebte man mit doppelter Kraft, wenn man den reinen Gottesathem aus den Tiefen des Him⸗ mels in die Bruſt trinken kann. Wir wollen verſuchen .. ſieh, hier liegen ja dürre Aeſte — und ich brauche ja nur einen Schritt in's Freie zu gehen um gewiß zu ſein, daß ich noch mehr dürres Holz finden werde.“ Er ſtand auf und ſuchte am Boden der Höhle Holzſtücke zuſammen, welche umherlagen. Er machte einen kunſtgerechten Holzſtoß, den man nur anzubrennen brauchte, um ihn ſogleich hell aufflackern zu ſehen. „Warte, ich hole mehr!“ rief ſie, auf ſeinen Plan ein⸗ gehend, und eilte fort, um Holz zu ſammeln, damit er es nicht zu thun brauchte. Nach kurzer Zeit kam ſie mit einem Arme voll dürrer Reiſer wieder zurück und legte dieſelben fröhlich an den Boden. „Wird man aber das Feuer nicht bemerken?“ fragte ſie, Begebenheiten eines Weltmannes. 107 ſich beſorgt ſtellend; „der Rauch, der Schein der rothen Flamme kann uns verrathen, und wenn ſich die ungebetene Sorgfalt eines Schiffers oder Strandbewohners um etwas kümmert was ihm nichts angeht, ſo laufen wir wohl Gefahr hier überraſcht zu werden. .. „O nein, es kann ja niemand zu dieſem Orte; den Ein⸗ gang kennt niemand, und wer wird die ſenkrechte Felſenwand, welche ſich wie eine Mauer aus dem Meere erhebt, hinaufklet⸗ tern wollen?“ tröſtete er; „zudem iſt das Feuer hier ganz im Hintergrunde .. .“ „Sieh dort das Schiff!“ unterbrach ſie dieſe Rede, da es ihr ohnehin mit ihren Bedenklichkeiten nicht recht Ernſt war; „wie eine Taube ſtreicht es am Horizonte hin ... wie pfeil⸗ ſchnell ſchießt es ...“ Raſch wendete er ſich nach der Gegend, wohin ſie zeigte, und erblickte wirklich ein Segelſchiff, das mit vollem Winde über die Gewäſſer dahingleitete; bald war es in den Lüften verſchwunden. Dieſer Umſtand veranlaßte ihn näher an den Rand der Grotte vorzutreten, was die beſorgte Freundin, welche ihm zur Seite ſtand, vergeblich zu verhindern ſuchte. Sie trat dann ſogar ſelbſt an ſeine Seite und ſchaute mit ihm auf die ſpie⸗ lenden Wellen, welche tief unter Beider Füßen als weiße Schaum⸗ kante an die feſten Felſen ſchlugen. Erſtaunt biegte er ſich mit 108 Caſanovg. dem Oberleibe nach vorn über und ſah hinab auf die wogen⸗ den Gewäſſer; ſie hielt ſich mit der einen Hand an der Felſen⸗ wand an, mit der andern faßte ſie ſeinen Arm und hielt ihn, wenn er etwa ſchwindlig werden oder das Uebergewicht bekom⸗ men ſollte. Dieſen Anblick genoſſen Beide, ſie freilich mit etwas mehr Bangigkeit als er, eine lange Weile, dann entfernte ſie ſich und ermahnte nun den Freund, daß er ſich, wenn er allein wäre, nicht zu weit vorwagen ſollte. „Was ſollte ich anfangen,“ rief ſte im Abgehen, „wenn ich wiederkäme und Dich nicht mehr hier fände? Zu Tode jammern müßte ich mich, das wäre gewiß! Alſo — nicht tollkühn, mein Herz! ... Adieu, adieu, mein Freund! Sieh Dich vor!“ Ehe er zu Worte kommen konnte, war ſie ſchon ver⸗ ſchwunden. Er ſtand allein. Es wurde ihm an dieſem ein⸗ ſamen Aufenthaltsorte doch etwas ſeltſam zu Muthe; er fühlte ſich beklommen, ohne recht zu wiſſen warum, aber er konnte auch ein gewiſſes unheimliches Gefühl, das faſt an Grauſen grenzte, nicht loswerden. Alles ringsum ſchwieg, nur die Lip⸗ pen des Meeres murmelten einige unarticulirte Laute und das bereits emporlodernde Feuer kniſterte durch die Stille. Es war ihm als fingen die Felſen unter ſeinen Füßen zu wanken an; ſchon glaubte er die Stöße der Meeresfluth gegen dieſelben zu Begebenheiten eines Weltmannes. 109 fühlen; es war ſo; er ſetzte den rechten Fuß mit der Zehen⸗ ſeite als Sonde auf den Boden; es wankte unter ihm, das Wanken wurde immer fühlbarer; die Höhle ſelbſt ging mit ihm im Kreiſe herum . .. er hätte zuſammenſtürzen mögen als er dieſe Bemerkung machte, von welcher er vor wenigen Augen⸗ blicken noch nicht die entfernteſte Ahnung gehabt hatte . er ſchlich zitternd an der Wand hin nach dem Hintergrunde der Höhle, ſich dort für ſichrer haltend, wenn ja etwa ein Theil des Berges hinunter in den Abgrund ſtürzen ſollte; er ſetzte ſich auf die Steinbank und verſank in ein langes tiefes Hin⸗ brüten, während deſſen er den Blick nicht vom Boden erhob⸗ Das Feuer war dem Erlöſchen nahe; er achtete nicht darauf; jetzt gab es bloß rothglühende Kohlen, jetzt waren auch dieſe ausgegangen und nun trat das Drückende einer gänz⸗ lichen Verlaſſenheit noch mehr hervor. Dennoch ſuchte er ſich zu tröſten. „Es iſt ja keine Gefahr,“ ſagte er bei ſich ſelbſt; „was will ich denn? Der Felſen wurzelt ja tief in der Erde und das Waſſer kann ihn ebenſo wenig herausreißen als der Sturm⸗ wind eine tiefgewurzelte Eiche. Weg, weg, ihr ſchreckenden Geſpenſter der bleichen Furcht! Fort, fort, ihr häßliches Ge⸗ ſchmeiß aus meiner Nähe! Sinaus auf die weite Flur des Meeres! Dort tummelt euch herum! Hinaus, hinaus!“ 110 Caſanova. Er legte das Holz wieder zurecht, während er ſich ſelbſt Muth einredete, und zündete es auf's neue an. „So, ſo, mein liebes Feuer, Du freundliches Element!“ rief er aus, ſobald er wieder die helle Flamme ſah; „wie jener alte Philoktet in ſeiner Höhle lebte, ſo will ich hier in der meinigen leben ...“ Bei dieſen Worten wendete er ſich nach der offenen Sih der Höhle zu. „Die Sonne iſt geſunken,“ fuhr er fort, „d Sterne kommen und der Mond ſteigt auf ... Von rief er, den Arm ausſtreckend, „von dorther bin ich gekom⸗ men ... Wie es wohl ſein würde, wenn der leichte Kahn mit mir noch weiter in das Meer hinausgetrieben worden wäre? Auf einmal hätte ich die Augen aufgeſchlagen, über mir dun⸗ keln Himmel, um mich dunkle Nacht, unter mir die bodenloſe Waſſermaſſe; oder wenn es Tag geweſen wäre, über mir den endloſen Himmel mit ſeiner einzigen Sonne, dann nichts als Waſſer und nirgends Land ... nun hätte der heißeſte Durſt in meiner Kehle zu brennen begonnen... Todesmatt hätte ich dagelegen und wäre aus der Ohnmacht dem Tode in die Arme geſunken.“ Ein leichter Schlag auf die Schulter weckte ihn aus die⸗ ſen Träumen; erſchrocken kehrte er ſich um — und die Ge⸗ liebte, ſtrahlend im vollen Glanze der Schoͤnheit, ſtand wieder vor ihm. Begebenheiten eines Weltmannes. „Was er da fabelt, der liebe Träumer!“ rief ſie ſcher⸗ zend; „das klingt ja ganz tragiſch — und wäre aus einer Ohnmacht dem Tode in die Arme geſunken!“ parodirte ſie ihn, indem ſie ſeinen Ton ſo gut als möglich nachahmte; „der Tod mochte Dich gar noch nicht, ſonſt hätte er ja wohl die Arme geöffnet und zugegriffen ...“ „Du kommſt ganz unverhofft!“ rief er; „ich bin beinahe erſchrocken ...“ „Nun, doch nur beinahe; das laſſe ich gelten, mein Liebſter.“ „Mir kamen ganz ſonderbare Gedanken, als ich ſo allein war,“ ſagte er zu ihr; „ich wußte, daß niemand als Du von meinem hieſigen Aufenthalte Kunde hatte, gleichwohl durchbebte mich eine Art von Bangigkeit; ich dachte, wenn ſich der Boden unter mir in die Tiefe ſenkte, ſo wäre ich von der Oberfläche der Erde verſchwunden, ohne daß jemand erfahren hätte, wo⸗ hin ich gekommen wäre. Nur das Feuer machte mir die Ab⸗ geſchiedenheit etwas erträglich, und ich habe mit ihm geredet als ob es mich verſtehen könnte ... Doch nun habe ich Dich, mein einziges Leben .. komm, komm, hier iſts kalt und Du wirſt frieren!“ Er zog ſie nach der Thüre, welche in den innern Raum führte, und ließ die prächtige Sternennacht hinter ſich, die über der Erde aufgezogen war. 112 Caſanova. Inwendig brannten die Kerzen und ihr Schein umfloß die ſchöne Frau wie eine Glorie. Er löſte mit zitternder Hand die Haarflechten, welche ihren Kopf bedeckten, und das volle Haar wallte auf den blendend weißen Nacken nieder. Sie er⸗ röthete, ließ ihn aber gewähren und ihr Auge blickte vertrauungs⸗ voll in das ſeinige. Er wühlte mit unerſättlicher Luſt in den ſchönen Haaren herum; das neidiſche Tuch, welches den klo⸗ pfenden Buſen verhüllte, hatte ſich gelöſ't; es fiel wie durch Zufall herunter und ſie wendete ſich ab, um es aufzuheben. „Zürne mir nicht!“ rief er, ſie umfangend; „ich kann ja nicht anders, ich muß mich an der Fülle Deiner Reize be⸗ rauſchen und ſollte es das Leben koſten. Die Mücke fliegt in's Licht hinein ... ſie muß es thun ... und ſie kümmert ſich nicht darum ob ſie in der Flamme verbrennen wird.“ „Ich zürne Dir nicht, lieber Mann,“ erwiederte ſie; „Du biſt mein Gebieter und ich Deine Sklavin, die glücklich iſt, wenn ſie Deine Knie umfaſſen und zu Deinen Füßen ſterben darf. Des Weibes Liebe kennſt Du nicht, die kannſt Du nicht ermeſſen. Ach, thue mit mir was Du willſt, und wollteſt Du meine Bruſt durchſtoßen, hier iſt ſie!“ Ein Weilchen ſpäter wandelten zwei glückliche Menſchen Arm in Arm nach dem Lager zu, welches ſie für einige Stun⸗ den mit einander theilen ſollten. Schlaf kam nicht in ihre Augen, denn dazu war das Blut in ihren Adern zu unruhig Begebenheiten eines Weltmannes. 113 und verſcheuchte dieſen ſchüchternen ſtillen Bruder des Todes, ſo oft ſich ſein leiſer Tritt vernehmen ließ. Am frühen Morgen, kaum als der erſte weiße Streifen im Oſten ſichtbar wurde, ſchlich ein ſchöner Mann, deſſen Gang nur einiges Angegriffenſein verrieth, den Weg am Meere hin, bis er an die Stelle gelangte, wo ein Kahn angebunden ſein ſollte. „Leb' wohl, Geliebte!“ rief er einer Dame zu, welche ihm in einiger Entfernung folgte, und den letzten Scheidewink ihr zuwerfend, ſprang er vom Ufer in das bereitſtehende Fahr⸗ zeug, in welchem er ſich den Wellen und ſeinem guten Glücke anvertraute. Caſanova I. 8 Fünftes Capitel. Lehrling, Du ſchwankſt und zauderſt und ſcheueſt die glättere Fläche; Nur gelaſſen! Du wirſt einſt noch die Freude der Bahn. Göthe. Die Bekanntſchaft bei Hofe. Di See ging ruhig und er lenkte ſeinen Kahn mit leichter Mühe nach Belieben. Die Morgenſonne, welche ſich mit aller Macht aus Oſtens Tiefen emporarbeitete, goß ihr Licht in vollen Strömen auf die Erde und das Becken des Meeres nieder und die Wellen warfen es in hundertfältiger Brechung zurück. In der Ferne tauchte das Ufer auf; ſchon ſah man deutlich Bäume und grünes Gras; dort kamen auch die Fiſcherhütten zum Vor⸗ ſchein, welche wegen der Entfernung, aus der ſie geſehen wur⸗ den, ganz nahe beiſammen zu liegen ſchienen. Der Seefahrer ſteuerte in gerader Richtung auf den Landungsplatz los, welchen er für den paſſendſten hielt. Der Umſtand, daß er ſich mit ſeinen Kräften durch die Fluth vorwärts arbeiten mußte, war deshalb von günſtigen Folgen, weil ſein Blut ſo immer in Wallung erhalten wurde und eine angenehme Wärme durch den ganzen Körper goß. Begebenheiten eines Weltmannes. 115 Mit Feuer und Luſt handhabte er das Ruder und mit jedem Schritte, den er ſich vorwärts ſchob, ſchien ſeine That⸗ kraft zu wachſen; doch da er zuletzt immer energiſcher gegen das ungern nachgebende Waſſer agirte, ſo konnte die Mattigkeit am Ende nicht ausbleiben; nach einer Stunde mußte er eine Weile ruhen, denn die müden Arme verſagten ihm beinahe den Dienſt; die äußerſte Abſpannung aber wollte er natürlich nicht eintreten laſſen. Freilich war er höchſt ungeduldig, als er dieſe Zeit über daſitzen und die Hände unthätig in den Schoß legen mußte; ſein Wille eilte ſeinem Körper voraus und ſteuerte in Gedanken immer auf dem feuchten Pfade vor⸗ wärts nach dem Punkte zu, wo das Ende der Laufbahn ſich befand. Das flammende Auge leuchtete vorwärts, als ob es wie der Führer einem Wandrer in dunkler Nacht die Laterne vor⸗ tragen und den Weg unterſuchen müßte, feſt heftete ſich der brennende Blick auf den nebelgrauen Hintergrund und drang ſo tief in denſelben hinein, bis er die Landungsſtelle erreicht hatte — und hier ließ er den Anker fallen. „Iſt es nicht im Leben auch ſo?“ rief er, indem er ſich zu tröſten verſuchte; „wir müſſen uns durch die Wellenſchläge der Zeit und der Verhältniſſe hindurcharbeiten, daß wir müde werden .. CElendes Leben, wenn wir bloß zu wünſchen und das Gewünſchte zu genießen hätten, ohne ringen und ſtreben 8* „ — Caſanova. zu müſſen .. elendes Leben, deſſen ewiges Einerlei auch einem Gotte nicht auf die Dauer frommen kann! Kampf, Kampf, das iſt das Salz, welches die geſchmackloſe Brühe von Zeit, die wir löffelweiſe auseſſen müſſen, noch etwas würzt; ohne Kampf äßen wir uns daran einen Ekel und legten den Löffel freiwillig bei Seite, bevor die Schüſſel leer wäre!“ Er fühlte jetzt wieder friſche Kräfte in den Armen; ent⸗ ſchloſſen griff er zum Ruder und in langen Schüſſen gleitete das Fahrzeug auf dem glatten Wellenſpiegel weiter. Nach einer Stunde tüchtiger Arbeit ſtieß er an's grüne Ufer. Er ſprang an's Land und befeſtigte den Kahn an einem eingerammten Pfahle. Der Fiſcher, welcher ihm den Kahn verkauft hatte, ſah ihn verwundert auf die Hütte zuſchreiten und meinte, der, welcher ſolch einem Wetter auf dieſem zerbrechlichen Nachen ge⸗ trotzt hatte, könnte von mehr als gewöhnlichem Glücke ſagen. Ohne auf den Fiſcher zu achten, nahm er ſeinen Stock und ſchlug ſich auf Seitenwegen nach der Landſtraße zu, welche in die Stadt führte. Sein Schritt war haſtig, in ſeinem ganzen Weſen lag eine Ungeduld, eine Unruhe, welche ihn raſch und raſcher vorwärts trieb; es war ihm als gebe der Boden unter jedem ſeiner Tritte nach; eine Angſt bemächtigte ſich ſeiner, die er ſich gar nicht erklären konnte. „Was ſoll das heißen?“ rief er aus; „iſt mirs doch als müßte jeder Baum am Wege zum Straßenräuber, jedes Begebenheiten eines Weltmannes. 117 Gras am Voden zur giftigen Schlange werden Wäre ich aber⸗ gläͤubiſch, ich dächte an eine Ahnung . Aber was uns zu⸗ ſtößt, können wir ja nicht im voraus wiſſen; es giebt ja keine Geiſter, welche es uns in die Seele flüſtern könnten .. und doch ... die durchſichtige Luft iſt ein ſo räthſelhaftes Weſen und gebiert aus ihrem tiefen Schoße gar wunderliche Gebilde ... das guillt und quillt und die Woge ſtürzt auf uns ein .— können wir's nicht ſo oder ſo ſchon aus der Ferne rauſchen hören? ... Das geſcheuchte Wild ... Was war das?“ rief er plötzlich bleich vor Schrecken und ſah ſich rings um. Eine Kugel war ihm hart am Kopfe vorbeigepfiffen und ſaß im nächſten Baume feſt. „Ha, das wars!“ ſchrie er überlaut, als er wieder einige Faſſung gewonnen hatte; „das alſo hatte die Angſt zu bedeuten? Stümper von einem Banditen, wo ſteckſt Du? Hervor! ... Ha, dort iſt die Mörderhöhle. .. und wehe Dir, Du Bube, der Du Deine Sache ſo ſchlecht gemacht Faſt NMit einem Rucke riß er ſeinen Stockdegen heraus und ſtürzte, die blanke Klinge in der Hand ſchwingend, gerade aus nach einem Abhange, welcher mit Strauchwerk beſetzt war und für einen meuchelmörderiſchen Schurken wie den, welcher die Kugel ſo eben abgeſchoſſen hatte, ein recht bequemes Verſteck abgegeben haben konnte. Als er noch etwa zwölf Schritte von dem muthmaßlichen Schlupfwinkel ſeines unſichtbaren Feindes Caſanova. entfernt war, ſprang ein Mann in die Höhe, welcher mit ſei⸗ nem Piſtol in der Hand das Weite ſuchte. Der Andre rief ihm nach, daß er ſtehen bleiben ſollte, und drohte ſogar zu ſchießen, obgleich er kein Feuergewehr bei ſich hatte; der Flücht⸗ ling aber kehrte ſich nicht an dieſe Aufforderung, ſondern floh mit ſchnellen Schritten querfeldein. Der Verfolger mußte ihn alſo durch Schnelligkeit zu beſiegen ſuchen, wenn er ſeiner hab⸗ haft werden und der Sache auf den Grund kommen wollte. Aber dazu hatte er leider nicht die beſte Ausſicht; denn jener war gut zu Fuß und hatte bereits einen ziemlichen Vorſprung, abgeſehen davon daß er mit friſcher Kraft ausgerüſtet war, welche noch überdies durch die Angſt geſteigert wurde, während der Andre eine beſchwerliche Fahrt beſtanden hatte und nicht dieſelbe Nothwendigkeit vor Augen ſah ſeinen Feind zu erreichen, welche jenen trieb, alle Kräfte zuſammen zu nehmen um ſeinem Verfolger zu entrinnen. „Stehe, Kerl!“ rief der Letztere jenem nach; „feiger Schurke, haſt Du nach mir geſchoſſen, ſo ſtehe nun auch und ſage warum Du es gethan haſt und mit welchem Rechte!“ Der Andre hatte den Athem nicht gerade übrig, aber bei dieſer naiven Aufforderung mußte er doch hell auflachen; er drehte ſich m und machte dem Verfolger eine verhöhnende Pan⸗ tomime. Dieſer freche Uebermuth ſteigerte die Entrüſtung des Andern zur Wuth; wie raſend ſtürzte er vorwärts; aber der Begebenheiten eines Weltmannes. 119 ſchlaue Schuft von einem Strauchdiebe ſäumte nun auch nicht einen Augenblick länger, ſondern ergriff das Haſenpanier ſo eiftig als zuvor. Indeſſen auf einmal geht es langſamer er will über einen Graben ſpringen und gleitet aus, jedoch ohne zu fallen; aber nun hinkt er bloß noch auf einem Beine vor⸗ wärts, während er mit dem andern durch behutſames Aufſtoßen auf die Erde nachzuhelfen ſucht. Endlich läßt ihn der Schmerz gar nicht weiter .. er muß ſich, wo er ſteht, auf den Boden ſetzen und ſieht ſeinen Feind mit ſchnellen Schritten immer näher kommen. „Hab' ich Dich, Canaille?“ rief ihm dieſer ſchon von ferne zu; „Gnade Dir Gott! Denn ganzbeinig kommſt Du nicht aus meinen Händen!“ Ein verlegenes Lächeln iſt alles was der arme Scheln äußern kann; das Piſtol hält er immer noch in der Hand, aber es hilft ihm leider nichts, denn er hat es nicht wieder geladen, und ehe er dieſen Fehler gutmachen kann, iſt der Feind ihm ohne allen Zweifel ſchon ſo hart auf dem Leibe, daß kein Schuß mehr abgefeuert werden kann. „Was ſchoſſeſt Du auf mich?“ fragt der zornglühende Jüngling, mit blanker Klinge vor den Gelähmten hinſpringendz „ſtehe mir Rede oder dieſe giftſcharfe Spitze fährt Dir durch Dein Banditenherz! Was ſchoſſeſt Du auf mich?“ „Thun Sie nur die Klinge weg, gnädiger Herr,“ bat der Caſanova. Bedrohte weinerlich; „ich will ja alles ſagen; es war nur ſo ein Spaß; ich wills auch nicht wieder thun oder — beſſer machen . „Schöner Spaß das!“ donnerte ihm der Andre entgegen; „glaubſt Du ich gehe auf Deine Lüge ein? Warum ſchoſſeſt Du? Rede, oder das kalte Eiſen fährt Dir in die Bruſt und Du biſt kalt gemacht, ehe Du daran denkſt!“ Ein Hieb mit der flachen Klinge, welcher jetzt über den Rücken des Mannes gezogen wurde, verſtärkte die Wirkung die⸗ ſer Drohworte. „Wer biſt Du? Ich ſehe, Du ſtehſt in herrſchaftlichen Dienſten; alſo kannſt Du kein Straßenräuber von Profeſſion ſein.“ „Wer ich bin? Hm ..“ ſagte der Andre ſtotternd und ſchien ſchon halb bereit auf die Fragen des Gegners einzugehen. Mit einem Male jedoch ſchlug er wieder um. „Todtſchlagen können Sie mich,“ rief er frech und entſchloſſen, „aber aus mir ſollen Sie nichts bringen, darauf verlaſſen Sie ſich! Wenn Sie mich aber erſtechen,“ ſetzte er langſam und mit Nachdruck hinzu, „wenn Sie es wagen dieſes Eiſen in meine ſchuldloſe Bruſt zu bohren, ſo bedenken Sie, daß es hier zu Lande einem Einzelnen übel bekommen würde, wenn er auf ſeine eigne Fauſt der Gerechtigkeit vorgreifen wollte. Ja, das bedenken Begebenheiten eines Weltmannes. 121 Sie nur, und wenn Sie ſich's ſo recht ordentlich überlegen, werden Sie gewiß andern Sinnes werden.“ „He da, Feldwächter!“ rief der Verhöhnte einem Manne zu, welcher in ziemlicher Entfernung die Aecker beging, „kommt ſchnell hierher!. .. Und Du, Schurke, mache Dich nun gefaßt! wendete er ſich an den Sitzenden, welcher den Dritten nicht gewahrend in der Meinung ſtand, ſeine Sache recht gut ge⸗ macht zu haben; „jetzt entrinnſt Du der verdienten Strafe auf keine Weiſe; ich überliefere Dich den nächſten Gerichten.. .“ Der Andre verſtummte bei dieſer Eröffnung; der Feld⸗ wächter nahte ſich. „Ah, Herr Delisle!“ rief der Letztere, als er ſeinen Mann erkannte; „was iſt Ihnen denn begegnet, Herr Delisle, daß Sie ſo daſitzen?“ „Nichts, guter Mann; ich habe mir den Fuß etwas ver⸗ renkt, weil mich dieſer Unbekannte verfolgt wie ein wildes Thier,“ antwortete Herr Delisle zuverſichtlich. „Nichts da!“ fiel ihm der Gegner in die Rede; „er hat, als ich ruhig meines Weges ging, wie ein Meuchelmörder auf mich geſchoſſen; dort im Gebüſche hatte er ſich verſteckt.“ „Mit Ihrem Verlaub,“ antwortete der Feldwächter, indem er ſich ungläubig lächelnd auf ſeinen Knotenſtock ſtützte, „das kann ich nicht glauben. Herr Delisle, den Sie hier vor ſich ſehen, hat die Ehre der Herr Leibjäger Seiner Hoheit..“ Caſanova. „Hölle und Teufel, und wenn ich auch der Leibjäger nicht wäre,“ unterbrach der Genannte dieſe Aeußerung; „Du kennſt mich als einen ehrlichen Mann, das iſt genug. Hören Sie, mein Herr, wer Sie auch ſein mögen, ich bin ein ehrlicher Mann, was mir dieſer gewiſſenhafte Wächter der Feldfrüchte gern beſtätigen wird, und deshalb iſt es nicht ſo leicht, als Sie ſich denken mögen, mich eines ſolchen Verbrechens zu über⸗ führen. Sein Sie froh, wenn ich dieſen guten Freund bloß erſuche, daß er mich in das nächſte Dorf führt, und nicht die Leute noch aufbieten laſſe, um Sie, ja Sie der hohen Obrig⸗ keit zu überliefern, welche Sie nicht lange auf Ihre wohlver⸗ diente Strafe warten laſſen dürfte. Was laufen Sie mir wie ein Raſender nach, he? Wer giebt Ihnen ein Recht mich un⸗ ſchuldigen Mann immer querfeldein zu verfolgen und den Schweiß des Landmannes unter Ihre Füße zu treten? Pfände ihn doch, Wächter, wenn er nicht geht; ich mache Dich dafür verantwort⸗ lich.. wenn er nicht auf der Stelle geht. ..“ „In der That, ich erſuche Sie, mein Gerr, ſich auf der Stelle zu entfernen,“ nahm der Feldwächter mit ruhigem Lächeln das Wort; „und wenn Sie etwa nicht wollen, was ich indeſſen nicht vorausſetze, ſo würden Sie in mir einen Mann finden, der, wenn es gilt Unſchuldige und gute Freunde, wie zum Beiſpiel den Herrn Leibjäger hier, gegen übermüthige Angriffe zu beſchützen, ſich auch vor ſpitzigen Klingen nicht Begebenheiten eines Weltmannes. 123 fürchtet. Mit dieſem äußerſt zweckmäßigen Knotenſtocke getraue ich mich Ihnen jede Waffe aus der Hand zu ſchlagen.“ „Ich könnte es darauf ankommen laſſen, wenn es mir geſiele. Glaube nur nicht, daß ich mich vor Dir fürchte, wenn ich mich entferne,“ erwiederte der Fremde, „aber ich habe jetzt einen Anhaltepunkt und verſpüre keine Luſt, mich mit Dir im freien Felde herumzubalgen. Leb' wohl, Mann, und Du, Schurke, wirſt weiter von mir hören!“ Stolz wendete der Sprechende ſich um und ließ die beiden Andern hinter ſich. Noch an dieſem Tage ging dieſe Geſchichte wie ein Lauf⸗ feuer von Mund zu Mund; jeder Erzähler, welcher ſie einem Andern mittheilte, that etwas von ſeiner eignen Erfindung hinzu, ſo daß dieſer an ſich ganz einfache Vorfall in kurzem eine Geſtalt annahm, in welcher er ſich neben der ſchauerlich⸗ lichſten Scene aus einem Räuberroman ſehen laſſen konnte. Der Held dieſer Geſchichte ward gar ſehr gefeiert; ſein Muth wurde bis in den Himmel erhoben; ſeine Schönheit und Stärke ſollten nicht ihres Gleichen haben, und die Damen vergingen faſt vor ſüßem Entzücken, wenn ſie ſich im Geiſte die Seene ſo recht lebhaft vergegenwärtigten, wie der junge bildſchöne Mann mit den feurigen Augen, den blühenden Wangen und dem feingeformten Munde ſich einem überlegenen Feinde entgegenwirft und ihn in die Flucht ſchlägt. „Eine mächtige Hand iſt im 124 Caſanova. Spiele geweſen,“ ſo flüſterte man ſich in die Ohren; „die Eiferſucht...“ mehr ſagte man nicht, ſondern nahm ſeine Zuflucht zu vielſagenden Blicken und ließ jeden ſelbſt ergänzen, was an der vollſtändigen Erzählung mangelte. Nun hatte man den Helden mehrmals bei dem Polizeidirector vorfahren ſehen, ein Grund mehr für die Wahrheit der ganzen Ge⸗ ſchichte; allein der ſchöne Fremdling hüllte ſich in ein undurch⸗ dringliches Dunkel und ſo konnte man nicht hoffen, von ihm ſelbſt nähere Auskunft zu erlangen; auch der Polizeidirector ſchwieg ſo hartnäckig, daß nicht einmal ſeine Töchter und Nichten eine genügende Antwort aus ihm bringen konnten. Einer der reizendſten Sommertage war leuchtend über die grüne Erde aufgegangen; die Luft war heiter und rein, alles ſchien zur Freude geſtimmt zu ſein und luſtwandelte hinaus aus den engen Wohnungen in's Freie. Auch unſer Held legte das Buch, in welchem er geleſen hatte, bei Seite, auch er folgte dem allgemeinen Zuge und machte ſich auf den Weg nach einem öffentlichen Orte, wo ſich die feine Welt zuſammenzufinden pflegte, um bei den Tönen der Muſik die reine friſche Waldesluft in die Bruſt zu trinken. Unter mächtigen Eichbäumen, welche wie Rieſenſäulen zum blauen Himmel emporſtrebten und ihre lichten Kronen in der Sonne wiegten, ſtanden Tiſche, Bänke und Stühle, rings⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 125 um liefen Lauben aus allerlei Holzarten, die einen verſteckt, wie für das ſüße Geflüſter heimlicher Liebe beſonders gemacht, die andern aber den Blicken der Anweſenden offen. Ganz im Hintergrunde verborgen war ein hölzernes Gebäude, in welchem die Muſiker ihren Sitz aufgeſchlagen hatten. Noch weiter entfernt lag die Anſtalt, aus welcher flinke Kellner De⸗ licateſſen der verſchiedenſten Art nach den einzelnen Tiſchen trugen. Es war ein heiteres, luſtiges Völkchen verſammelt; alles ſprach und lachte durch einander und ſchien ſich des herr⸗ lichen Tages zu freuen. Auf einmal jedoch ſtand das gehende Uhrwerk ſtill; das Summen verſtummte und das Kichern hörte auf. „Das iſt er!“ hieß es; „dort, der im rothbraunen Rocke mit den weißen Beinkleidern!“ Aufmerkſam ſchielten die lüſternen Augen nach dem blü⸗ henden Jünglinge, welchem dieſe Aeußerungen galten, und die ſchönen Lockenköpfchen drehten ſich in den ſeidnen Hüten, unter welchen ſie ſtaken, wie auf Commando alle nach der Seite, von welcher ſich jener näherte. Er ſchien es gar nicht zu be⸗ merken, daß die allgemeine Aufmerkſamkeit ſich auf ihn richtete; ganz unbefangen wie Einer, der ſich völlig unbeobachtet und unbekannt wähnt, ſchritt er einher, nahm einen Platz ein, von welchem aus er alles überſehen, freilich aber auch von allen Leuten ſelbſt geſehen werden konnte, dann beſtellte er „* 126 Caſanvva. bei dem Kellner, welcher zu ihm herangetreten war um ſeine Befehle zu empfangen, mit wohlklingender Stimme ein Glas Himbeerlimonade. . Welch ein Anſtand in ſeinem ganzen Benehmen, welch ein Adel in ſeinen Geſichtszügen! Sein Auge flammte wie ein funkelnder Stern aus dem wolkenloſen Himmel, ſeine Züge nahmen alle Herzen gefangen. Sein geſchmackvoller Anzug vollendete den unwiderſtehlichen Eindruck, welchen die ſchöne Geſtalt auf die Herzen der Frauen ausübte. Dieſe waren ganz außer ſich und einige von den verheiratheten gingen in ihrem Rauſche ſo weit, daß ſie gegen ihre Begleiter ihren Gefühlen freien Lauf ließen, ein Umſtand, an welchem ſich jene freilich nicht ſonderlich erbauten. Noch mehr wurde die Neugierde rege, als der Kammer⸗ herr von Rouſſillon, der Vertraute des regierenden Für⸗ ſten, ſich wie von ungefähr dem Tiſche näherte, an welchem der Liebling der Damen Platz genommen hatte, und ihn mit einer verbindlichen Verbeugung begrüßte. Man ſah jenen raſch auf⸗ ſtehen und die Verbeugung ebenſo erwiedern, worauf er auch einige Worte der Höflichkeit dem Kammerherrn zurückgab. Die Unterhaltung der beiden Männer hatte nicht drei Minuten gedauert, als ſie ſich ſelbander auf den Weg nach einer ganz im Gebüſch verſteckten Laube machten, deren eine Begebenheiten eines Weltmannes. 127 Seite ſich an eine Eiche lehnte, während die Vorderfronte mit dem Eingange nach den Tiſchen der Geſellſchaft hin lag. In jener Laube ſaß ganz allein bei einer Taſſe ſchwarzem Kaffee ein einfacher alter Herr mit weißem Haar; ſeine Ge⸗ ſtalt war nicht ſehr groß und unterſetzt, dazu ſchien er die Gutmüthigkeit ſelbſt zu ſein. Behaglichkeit und eine gewiſſe Jovialität ſprachen wie ein engverbundenes Schweſterpaar aus ſeinem etwas weinrothen Geſichte. Uebrigens war nichts an ihm zu bemerken, was für zin beſonders, charakteriſtiſches Zeichen hätte genommen werden können. Sowie der Fremde herankam, ſah man den ältlichen Herrn auſſtehen und demſelben drei kurze Schritte entgegen⸗ gehen. „Ich habe Sie rufen laſſen, mein lieber Freund!“ rief er dem Kommenden entgegen; „es verlangte mich Sie näher kennen zu lernen.“ Der Fremde verneigte ſich ehrerbietig und wollte eben eine Entſchuldigung vorbringen, aber der Andre ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Nichts von Complimenten,“ rief er freundlich; „vergeſſen Sie in dieſem Augenblicke den Fürſten, ich bitte darum, und reden Sie mit mir wie mit jedem an⸗ dern Menſchen, mit welchem Sie ſich in ein Geſpräch ein⸗ laſſen... Was die letzte Fatalität anlangt, in welche Sie ver⸗ wickelt waren, ſo vernehmen Sie zu Ihrer Genugthuung aus 128 Caſahova. meinem eignen Munde, daß ich dem Schurken von einem Strauchdiebe die gebührende Würdigung bereits habe ange⸗ deihen laſſen; aber thun Sie mir auch den Gefallen, aus be⸗ ſondern Rückſichten weitere Schritte in dieſer Sache zu unter⸗ laſſen.“ „Ganz zu Ihren Befehlen, gnädiger Herr,“ erwiederte der Jüngling ehrfurchtsvoll; „ich hatte dieſes ohnehin ſchon bei mir beſchloſſen.“ „Sie intereſſiren mich, junger Mann,“ fuhr der Aeltere fort; „kann ich Ihnen nützlich ſein, ſo nehmen Sie meine Protection dreiſt in Anſpruch; ich glaube hier zu Lande gilt ſie etwas. Wie nennen Sie ſich, wenn ich fragen darf?“ „Wittgenſtein,“ antwortete der Gefragte, „auch Caſanova, doch letzteres bloß zur Unterſcheidung.“ „Ei, ei!“ unterbrach der Fürſt ſcherzhaft dieſe Rede, „was machen Sie da? Wiſſen Sie nicht, daß es in meinem wohlgeordneten Staate durchaus nicht geduldet werden darf, daß ſich jemand bald dieſen bald jenen Namen beilegt? Hüten Sie ſich, darauf mache ich Sie freundſchaftlichſt aufmerkſam, daß Sie nicht mit meinem Polizeidirector in Colliſſton kom⸗ men, denn dieſer iſt ein ſtrenger Mann, welcher keinen Spaß verſteht. Es könnte leicht ſein, daß er Ihnen einmal ohne alle Barmherzigkeit mit ſeiner Schere einen Theil Ihres wer⸗ then Namens abzwackte.. Begebenheiten eines Weltmannes. 129 „Gnädiger Herr, mein Name kann mir nicht beſtritten werden; er iſt ſo echt in ſeinen beiden Beſtandtheilen als der verbriefteſte Adel nur ſein kann,“ erwiederte jener feſt. „Aber wie geht das zu?“ fragte der Fürſt. „Auf folgende Art, gnädiger Herr,“ belehrte der Andre: „Von Geburt bin ich ein Deutſcher und heiße Karl von Wittgenſtein; mein Vater war Officier unb blieb im Felde, meine Mutter ſtarb kurz darauf und ließ den hülfloſen Sohn unter fremden Menſchen zurück. Da erbarmte ſich ein mit⸗ leidiger Italiäner des Kindes; er nahm mich zu ſich, erzog mich und ließ mich in den Künſten und Wiſſenſchaften, zu denen ich Neigung und Anlage zeigte, von den beſten Lehrern unter⸗ richten; ich hielt ihn für meinen Vater; da er nun mit mir in ſeine Heimath, in das ſchöne Italien zog, folgte ich ihm ohne alles Bedenken, nicht ahnend, daß ich mein eigentliches Vaterland hinter mir ließ. Bisher hatte ich mich bloß bei jenem italiäniſchen Namen nennen hören; aber auf ſeinem Sterbebette eröffnete mir der väterliche Freund mit kurzen herz⸗ lichen Worten, was ich bereits erzählt habe. Noch ſehe ich ihn vor mir liegen, noch fühle ich die kalte Hand des Ster⸗ benden die meine ergreifen, und es iſt mir allemal als hörte ich ſeine Stimme in meine Ohren klingen, wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke. „Mein theurer Carlo,“ ſagte er, „Du haſt Dich bisher für meinen Sohn gehalten; Du biſt Caſanova I. 9 Caſanova. es nicht; ich halte es für meine Pflicht, Dir in dieſer letzten Unterredung, welche wir mit einander haben werden, die Augen zu öffnen. Du haſt mich geliebt wie ein Kind ſeinen leib⸗ lichen Vater nur lieben kann, und ich danke Dir dafür mit dieſem letzten Händedrucke, den ein Sterbender als Abſchieds⸗ gruß Dir mit auf Deine weitern Lebensbahnen giebt. Ich habe Dich auch geliebt und liebe Dich noch; aber wenn ich nicht mehr bei Dir bin, vergiß auch Du des alten guten Freundes nicht, der' ſo treu mit Dir gemeint hat, ſo lange er auf Erden lebte. Hier dieſes Päckchen enthält Deine Pa⸗ piere; es iſt ein deutſcher Taufſchein; dann habe ich aufge⸗ ſchrieben, was ich von Deinen guten Eltern wußte, um es Dir nicht erſt ſagen zu müſſen, wenn die letzte Abſchiedsſtunde nahte. Daß ich auch nach dem Tode noch ..“ hier ſtockte ſeine Stimme und nach einer Weile erſt fand die ſchon ſchwere Zunge die Sprache ſo weit wieder, daß er noch die Worte: 3 „mein Teſtament beweiſ't es“ hervorſtammeln konnte. Als ich hierauf näher nachſah, war er todt. . . das treuſte Herz hatte zu ſchlagen aufgehört. In ſeinem Teſtamente verordnete er, daß ich ſeinen Namen führen und für ſeinen Sohn gelten ſollte, wenn ich nämlich von dieſer Erlaubniß Gebrauch machen“ wollte. So ſtehen die Sachen, und nun urtheilen Sie ſelbſt, gnädiger Herr, ob ich ein Anrecht an dieſen Namen habe.“ „Sie ſind gerührt, junger Freund,“ rief der Fürſt mit Begebenheiten eines Weltmannes. 131 weicher Stimme; „ich ehre dieſen ſchönen Zug Ihres Herzens. Bewahren Sie das Andenken des edlen Wohlthäters im Hei⸗ ligthume Ihrer Seele; er nahm die hülfloſe Waiſe in ſeine Arme und an ſeine Bruſt, und wäre er hier, im Namen der Menſchlichkeit würde ich ihm dankend die Hand drücken. Aber welchen Lebensplan verfolgen Sie nun?“ „Offen geſagt, dieſe Frage bringt mich einigermaßen in Verlegenheit,“ erwiederte der Jüngling mit einem leichten Er⸗ röthen; „ich habe mich noch nicht entſchloſſen. ..“ „Nun, was haben Sie denn vorzugsweiſe gelernt?“ fuhr der Fürſt zu fragen fort; „vielleicht bringe ich Sie auf einen Gedanken, man kann nicht wiſſen... Welches Fach ſagt Ihren Neigungen am meiſten zu? Verſtehen Sie Griechiſch, Lateiniſch? Haben Sie ſich mit den Rechtswiſſenſchaften oder mit der Me⸗ diein beſchäftigt?“ „Von allen dieſen Dingen verſtehe ich etwas,“ erwiederte der Andre halblaut; „aber bis zu der Fertigkeit habe ich es in keinem Fache gebracht, welche nöthig iſt um ſelbſtſtändig auftreten und ſich auf ſeinen eignen Füßen halten zu können.“ „Freilich ſchlimm, von allem etwas, von keinem etwas Rechtes!“ rief der Fürſt, indem er die Lippen über einander legte; „bei uns ſind die Prüfungen ſehr ſtreng, welche ein junger Mann beſtehen muß, che er zum Staatsdienſte über⸗ gehen darf. Sie müßten nachholen was Sie verſäumt haben. .“ 9* Caſanova. „Gnädiger Herr, Sie erlauben mir hier einige Bedenk⸗ lichkeiten vorzubringen, die ich in dieſem Augenblicke nicht un⸗ terdrücken kann,“ erwiederte der Andre; „jene freundliche Offen⸗ heit, womit Sie mir ſo huldvoll entgegenkommen, läßt mich hoffen, daß Sie mir nicht zürnen werden. Die Art und Weiſe, wie die Studien hier zu Lande betrieben werden, ſagt mir vor allen Dingen nicht zu, und es würde mir unmöglich ſein mich darein zu fügen. Der Jüngling ſpeichert in ſeinem Kopfe eine Maſſe Dinge auf, die er nicht verſteht oder nicht brauchen kann, und wenn er nun die Stunde der Prüfung hinter ſich hat, läßt ſein Gedächtniß das ganze mühſam feſtgehaltene Material wieder fahren; die Natur hilft ſich ſelbſt und wirft aus dem Kopf heraus was dieſer Kopf nicht verdauen konnte, und ſo iſt die alte Leere wieder da. Kaum ein Zehntel deſſen, was die geängſtigten Menſchen, welche wie Treibhauspflanzen hinter ihrem Tiſche ſitzen, in ſich hinein arbeiten, geht in Fleiſch und Blut über, das Andre alles iſt todte nutzloſe Maſſe, welche man am beſten ſobald als möglich von ſich wirft. Ich habe mich nur damit beſchäftigt was ein Menſch wiſſen muß, wel⸗ cher mit offner Seele vor dieſe große Schöpfung treten und einzelne Partien derſelben ſo leidlich begreifen will. Vor allen Dingen wollte ich ein Menſch mit wachem hellem Geiſte ſein, dann erſt glaubte ich an die ſogenannten Fachſtudien denken zu dürfen. Von dieſen allen aber, ich geſtehe es, hat mir „ Begebenheiten eines Weltmannes. 133 kein einziges behagt. Glauben Sie nicht, daß ich wie Einer ſpreche, der über eine Sache aburtheilt, welche er nicht kennt; nein, wie jung ich auch ausſehe, ſo darf ich mir doch das Zeugniß geben, daß ich jene Fächer, in welche die Men⸗ ſchen ihr Wiſſen abzutheilen belieben, ſtudirt habe, und ich glaube mit Erfolg. Alſo ich kenne ſie; aber je tiefer ich bei jeder einzelnen Wiſſenſchaft auf den Grund drang, deſto ent⸗ ſchiedener wurde die Abneigung dagegen, und ſo bin ich denn wie ich hier ſtehe zu dem unabweislichen Endergebniß gelangt: Alles Wiſſen iſt eitel Dunſt, iſt leerer Wortkram und zum größten Theile nicht werth daß man es beſitzt. Was ich nun thue? Gnädiger Herr, ich reiſe in der Welt herum, um mir dieſen großen Bilderſaal allerwärts zu beſehen und jeden Strahl der Wahrheit, welcher hier oder da aus einer Tapete hervor⸗ leuchtet, mit durſtigem Auge aufzutrinken. Jeder reflectirt dann im Krhſtall der Seele, der warm — ich fühle es — in mei⸗ nes Weſens Vitte funkelt, auf ſeine eigne Weiſe. Das bin ich — ſo lebe ich, ein Zugvogel, welchen das Verhängniß unſtät von Ort zu Ort treibt, bis er weiß der Himmel wann eine Stelle findet, wo er des Wanderns müde ſich ruhig nie⸗ derläßt und der finkenden Sonne, die über ſeinem Lebenstage leuchtet, getroſten Auges nachſieht, bis ſie ſich unter den Hori⸗ zont hinunter ſenkt. ..“ „Hm, hm!“ äußerte der Fürſt, welcher lächelnd mit dem Caſanova. Kdyfe ſchüttelte, „wenigſtens eigenthümlich, wenn auch vielleicht nicht haltbar. Sie ſcheinen große Anlage zu haben in die Fußſtapfen Ihres bekannten Namensvetters zu treten, wie? Vortheilhaftes Aeußere, Geiſt, Muth, etwas lare Moral, — was nicht iſt, ann beiläufig geſagt noch werden — kurz alle nothwendigen Bedingungen zu einem Don Juan oder Fauſt oder einem vollendeten Epikuräer ſind gegeben . „Wenigſtens würde der neuen Auflage ein verb eſſert und vermehrt vorgedruckt werden müſſen, wie die Gelehrten immer von einer editio secunda auctior et emendatior reden,“ erwiederte der Jüngling. „Zu einer ſolchen ſchmuzigen Ge⸗ meinheit herabzufinken, bin ich in dieſem Augenblicke wenig⸗ ſtens nicht fähig. Leſen Sie, und wenn Sie ſchon geleſen haben ſollten, dann ſagen Sie . . . “ „Sie werden leidenſchaftlich,“ unterbrach der Fürſt dieſe Sittenpredigt; „wir werden ja ſpäter ſehen und wollen es uns wiederſagen. Ueberdies, bedenken Sie denn nicht: Humana non sunt turpia, was menſchlich iſt, bringt keine Schande?“ „Wohl bedenke ich das,“ antwortete jener mit der Zor⸗ nesröthe einer edlen Entrüſtung im Geſicht; 5 aber es giebt Dinge, welche aufhören bloß menſchlich zu ſein, Dinge wo das Thier mit ſeinem zur Erde gerichteten Kopfe anfängt, und die ſchänden allerdings. Wenn ſolch ein porcus de grege Bpicuri, ſolch ein Schwein von Cpikur's Heerde mit ſeiner gauzen Un⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 135 flätherei vor mich hintritt und mich auffordert es von allen Seiten zu betrachten, ſo wende ich mich voll Abſcheu und Ekel ab und ſehe lieber in die leere Luft hinein, als daß ich jenen widerwärtigen Anblick ertrage!“ „Nun ja, Sie haben Recht,“ erwiederte der Fürſt; „ich billige Ihre edle Entrüſtung und zumeiſt theile ich dieſelbe. Aber vergeſſen Sie nicht, junger Brauſekopf, daß man vor allen Dingen duldſam ſein muß. Jeder Individualität muß man ihr Recht laſſen, und dieſes beſteht hauptſächlich darin, daß ſich dieſelbe frei entwickeln darf, verſteht ſich in ſo weit als hierdurch die Rechte Andrer nicht beeinträchtigt werden. Den⸗ ken Sie ſich, wenn ich als Regent dieſes Landes alles nach meinem Kopfe moduliren wollte, welch ein Zuchthausleben inner⸗ halb der Grenzen dieſes Staates ſein würde! Sie laufen Ge⸗ fahr auf den erbaulichen Grundſatz zu kommen, welchen der Chor im Chklops, einer Komödie des Euripides ausſpricht: Der Weiber Geſchlecht wäre beſſer gar niemals geſchaffen worden, außer — für ihn allein.“ „Nichts weniger, gnädiger Herr,“ antwortete der Andre; „ich will ein reiner Menſch mit reinen Menſchen ſein, aber ich verlange auch, daß jenes höhere Element, welches in der Men⸗ ſchennatur liegt, vorwalte, damit ich, beim Anſchauen dieſes lebendigen Beiſpieles erſtarkt, mich leichter, kräftiger und zu⸗ Lerſichtlicher erhebe und aus dem Schlamme der Alltäglichkeit 136 Caſanvva. herausarbeite. Blicken Sie in Fauſt's leidenſchaftglühendes Antlitz — die gewaltigſten Kräfte ſchmelzen durch die raſende Gluth und ſchäumen auf; er iſt nicht minder obſeön, aber ihn adelt der Geiſt, während wir in meinem lieben Namensbvetter ein Weſen vor uns haben, welches ſich aus den Schlacken ge⸗ gebildet hat, die im Schmelztiegel zurückblieben, nachdem alles edlere Metall zu Fauſt's höherer Perſönlichkeit bereits ver⸗ braucht war. Ich will einen Caſanopa ſpielen, aber bei den Göttern ſchwöre ich Ihnen, einen beſſern als jener es konnte, der bloß ſchmuzige Farben zur Hand hatte, womit er die ſinnverwandten Schlammthiere unter den Menſchen an⸗ lockte.“ „Wir werden ja ſehen,“ gab der Fürſt mit bedeutſamem Lächeln zur Antwort; „Sie ſind eine feurige ungeſtüme Natur, und wenn die Feinde gegen die Feſtung ihren erſten hitzigen Anlauf nehmen, ſo mag ſie ſich vorſehen, daß ſie nicht über⸗ rumpelt wird. .. Die Genüſſe ſind einem berauſchenden Mittel gleich; erſt ſetzt eine geringere Gabe das Blut in die gewünſchte angenehme Wallung und die ſchlagenden Wellen tragen die beglückte Seele auf ihren Windungen in einem ſanften Wirbel herum; die Portion muß aber ſpäter immer größer werden, wenn ſie wirken ſoll, der Wellentanz wird zum Aufruhr und völligen Seeſturm, die Seele wird in raſendem Kreiſel herum⸗ geſchleudert, bis ſie unterſinkt oder an der nächſten Klippe zer⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 137 ſchellt... Sie haben die größte Vorſicht anzuwenden bei jedem Schritte, welchen Sie auf einem gewiſſen Felde vorwärts thun, denn es giebt Stellen, wo Gefahr und Tod hinter jedem Buſche lauern und ſich unvermuthet auf den Menſchen ſtürzen, der unter lauter Blumen zu wandeln und höchſtens die Stacheln an den Roſenſtöcken fürchten zu müſſen glaubt. Namentlich ſind gewiſſe Luſtſchlöſſer hier in Anſchlag zu bringen — dort ſind Fußangeln und Schlagfallen überall aufgeſtellt und es ge⸗ ſchieht zu Zeiten, daß jemand in's Meer ſpringen muß, um ſich durch Schwimmen zu retten, wenn er nicht in unrechte Hände fallen will — ja das begegnet zuweilen.“ Bei dieſer gar zu offenbaren Anſpielung auf einen neu⸗ lichen Vorfall gerieth der, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, in die größte Verlegenheit; er fühlte die verrätheriſche Röthe, welche er ſo gern in ſich zurückgedrängt hätte, auf ſei⸗ nem Geſichte brennen, biß die Oberlippe zwiſchen die Zähne und ſenkte die Blicke zu Boden, kurz, er war das vollſtändigſte Bild eines Menſchen, welcher durchaus nicht weiß was er thun oder laſſen ſoll. O hätte der Fürſt doch wenigſtens fortge⸗ ſprochen, hätte er die Anſpielung, welche man mit Händen greifen konnte, doch lieber in eine unverhohlene Anklage ver⸗ wandelt — aber nein, er ſchwieg und ſah ſeinen Kammerherrn an, welcher bisher in einer Ecke geſtanden und den ſtummen Zuhörer dieſer Verhandlung abgegeben hatte — und Beide Caſanova. weideten ſich ein Weilchen an der Verlegenheit des jungen Mannes. Endlich brach der Fürſt jenes verhängnißvolle Schweigen, das mit der Schwere eines bleiernen Berges auf dem Aermſten laſtete, endlich durfte derſelbe wieder freier athmen und es wa⸗ gen die Blicke vom Boden zu erheben. „Sie kennen die hieſigen Verhältniſſe noch nicht,“ nahm der Menſchenfreundliche das Wort wieder und klopfte dem Ver⸗ legenen dabei traulich auf die Achſel; „bürgern Sie ſich einigermaßen ein, und dann werden Sie wiſſen wie Sie ſich zu benehmen haben. Ich wünſche, das geſtehe ich Ihnen offen, Sie möchten ſich meinem Dienſte widmen; denn gerade einen Mann wie Sie habe ich längſt geſucht und freue mich, den⸗ ſelben in Ihnen gefunden zu haben. Aber was wir zuſammen verhandelt haben, bleibt unter uns... Sie hören es, lieber Rouſſillon,“ wendete er ſich an den Kammerherrn, „und Sie,“ fuhr er wieder gegen Caſanova gewendet fort, „ſein Sie behutſam, pochen Sie nicht auf einen beſondern Schutz, denn gerade ſo würde der Plan, welchen Sie mir verwirklichen helfen ſollen, unfehlbar ſcheitern. Sie werden die weitern Weiſungen aus meinem eignen Munde, aber an einem andern paſſendern Orte hören als dieſer hier iſt. Wer Ihnen eine Doſe mit meinem Bildniſſe bringt, dem vertrauen Sie ſich. Jetzt Adieu; ich ſehe eben dort den Herrn Geſandten kommen..“ Begebenheiten eines Weltmannes. 139 Ein zweideutiges Lächeln, welches bei dieſen Worten über das Antlitz des Sprechenden hinglitt, entging der Aufmerkſam⸗ keit Caſanova's keineswegs. Er wendete ſich um und er⸗ blickte in dem erwähnten Geſandten eben jenen Mann, welcher in dem neulichen Concerte nicht weit von ihm geſtanden hatte und abberufen worden war, den Baron Lambertini, wel⸗ cher zwar von ſeinem Abenteuer noch etwas blaß ausſah, in⸗ deſſen für den, welcher von dieſem Vorfalle nicht unterrichtet war, noch immer ganz wohl auf zu ſein ſcheinen konnte. Mit einer ſtummen Verbeugung entfernte ſich unſer Held, um dem Geſandten Platz zu machen. Fünftes Capitel. Nicht jeder wandelt nur gemeine Stege; Du ſiehſt, die Spinnen bauen luft'ge Wege. Goethe. Eine Heirath. Die Unterredung mit dem Fürſten. Caf anova lag behaglich auf ſeinem Kanapee ausgeſtreckt und dachte über die Erfahrungen nach, welche er in der letzten Zeit gemacht hatte. Er vermuthete ſo halb und halb was der Fürſt mit ihm vorhatte, aber die geheime Abſicht, welche allen Manveuvres deſſelben zu Grunde lag, war er noch nicht zu er⸗ rathen im Stande, er mochte ſinnen wie er wollte. Conrad ſein Diener war ausgegangen; er hatte wegen eines wichtigen Geſchäftes, wie er ſich ſehr geheimnißvoll aus⸗ drückte, um Urlaub für dieſen Tag gebeten und dieſen von ſeinem Herrn um ſo leichter erhalten, da er ſich mit allem Eifer und aller Gewiſſenhaftigkeit, die man nur verlangen konnte, den Angelegenheiten deſſelben widmete. Plötzlich klopfte man an die Thüre und der Bewohner des Zimmers, welcher ſeine behagliche Lage ungern verlaſſen mochte, rief liegen bleibend ein lautes „Herein!“ Begebenheiten eines Weltmannes. 141 Ein junger Mann von zwanzig und etlichen Jahren trat herein und gleich hinter ihm her kam ein Mädchen, welches ihr Geſicht und wahrſcheinlich die rothgeweinten Augen hinter das Taſchentuch verſteckt hatte. Durch dieſen Beſuch war Caſa⸗ nova nicht wenig überraſcht und verbarg es auch nicht, wie ſehr er es war, denn er richtete ſich auf und rief den Kom⸗ menden entgegen: „Was giebt's denn in aller Welt? Was habe ich denn angerichtet, daß Ihr...“ „Ach, verzeihen Sie, gnädiger Herr,“ nahm der junge Mann das Wort, „ich falle Ihnen ungern zur Laſt, aber ich muß.“ Ein lautes Schluchzen der Jungfrau, welche das Taſchen⸗ tuch immer feſter vor ihr Geſicht drückte, begleitete dieſe Aeu⸗ ßerung. „Nun heraus denn mit der Sprache! Wozu dieſe Um⸗ ſchweife?“ rief der, welcher den Helfer in dieſer Noth abgeben ſollte; „Eure Angelegenheiten ſind mir unbekannte Größen; ſoll ich ein Facit herausbringen, wenn Ihr's nicht ſo müßt Ihr mich natürlich damit bekannt machen.. „Ach, von einem Rechnenexempel iſt nicht die Rede,“ antwor⸗ tete der Burſche, welcher ſeine Mütze in beiden Händen drehte, mit weinerlicher Stimme, „aber Sie ſollen uns helfen „Nun, ſo ſagt nur, womit ich Euch helfen kann!“ rief Caſanova. Caſanova lachend; „wenn es Menſchen möglich iſt, ſo bin ich ja gern bereit dazu. Was fehlt Dir denn, Burſche?“ „Hier iſt mein Gretchen“ fing der Bittende ſeine Er⸗ öffnungen an; „thue das Tuch von Deinen Augen, liebes Gretchen, daß der Herr ſieht, wie wir uns grämen. Gret⸗ chen Blanchefleur iſt doch eigentlich meine Braut, denn ſie hat mich lieb und ich habe ſie wieder lieb; aber ich ſoll ſie nicht heirathen, denn mein Vater iſt ihr auch gut und will ſie ebenfalls heirathen, ihre Mutter aber will ſie zwin⸗ gen meinen Vater zu nehmen, weil der mehr Geld hat als ich, denn ich habe gar keins... „Wie komme ich denn aber dazu, hier den Vermittler zu machen?“ bemerkte der Andre theilnehmender geworden; „ich kenne Deinen Vater nicht und hahe die Mutter dieſes armen Kindes in meinem Leben nicht geſehen. . .“ „Ach, meinen Vater kennen Sie wohl,“ belehrte ihn jedoch der 5 es iſt ja ihr Bedienter Conrad Dippel.. „Wer? Mein alter Conrad? Dieſer alte Knaſterbart läßt ic die Luſt nach ſolch einer Speiſe ankommen?“ fragte Caſanova höchſt erſtaunt. „Eben darum!“ redete der Sohn des Bedienten weiter; „vor drei Monaten hat er meine Braut zum erſten Male ge⸗ ſehen, ohne zu ahnen daß ſie mich kannte; er geht gleich zu Begebenheiten eines Weltmannes. 143 ihrer Mutter und hält um das Mädchen an; da er, wie ich ſagte, Geld hat, ſo ſagt ſie ja und Gretchen ſoll in ihrem Leben nicht heirathen, wenn ſie meinen Vater nicht nimmt; und mir hat mein Vater geſagt, er ſchlüge mir Arme und Beine entzwei, wenn er mich mit meiner Braut anträfe.“ „Woher aber hat er das Geld?“ fragte der Herr nach⸗ denklich werdend. „Das weiß ich nicht; wahrſcheinlich in der Lotterie ge⸗ wonnen,“ berichtete der Sohn Conrad Dippel's; er ſagte, es hätte ihm all ſeine Lebtage, ſo lange er denken könnte, in den zwölf Nächten geträumt, daß er noch einmal in der Lotterie gewinnen müßte; Bedienter wollte er aber doch bis an ſein ſeliges Ende bleiben, denn das wäre er einmal ge⸗ wohnt und es wäre ein geſegneter Stand.“ „Em, hm!“ rief der Andre; „ich möchte beinahe über den närriſchen Kauz lachen. .. Doch jetzt geht, ihr lieben Leutchen, und tröſtet Euch mit der Hoffnung, daß ſich alles erwünſcht machen wird; ich will mit dem Alten reden .. Wo treffe ich Euch?“ Der Jüngling wollte den großmüthigen Helfer nicht in⸗ commodiren, indem er ſich von dieſem außer dem Hauſe auf⸗ ſuchen ließe, ſondern ſchlug vor, daß er morgen, oder wenn es ſonſt erlaubt wäre, wiederkommen wollte; allein jener be⸗ ſtand auf dem Gegentheil, und ſo wurde verabredet, daß in Caſanova. der Wohnung des Andern, im Ringe Nummer Sechs, drei Treppen im Hofe, die nächſte Unterredung ſtattfinden ſollte. Kaum hatten ſich beide Liebende entfernt und die nächſte Straße erreicht, als Conrad, der getreue Conrad auf das Haus zugeſchritten kam, in welchem ſein Herr dermalen ſein Quartier aufgeſchlagen hatte. Dieſer ſtand am Fenſter und ſah ihn kommen; er wartete auf ihn, aber dennoch wunderte er ſich, daß jener ſo früh wiederkam, da er doch den ganzen Tag Urlaub hatte und jetzt noch nicht Mittagszeit war. Un⸗ gewöhnlich flüchtig ging der Mann einher und man ſah es ihm an, daß heute ein außerordentlicher Feſttag für ihn ſein mußte. Er trug nicht einmal ſeine Lioree, nein, er hatte ſeinen Bräutigamsanzug auf dem Leibe, den er ſich bei ſeiner erſten Hochzeit hatte machen laſſen; er wollte darin die Vor⸗ bereitungen zu einer zweiten treffen. Ein ſonderbarer Auf⸗ zug das, über welchen Caſanopa nicht allein lachte, indem ſich auch die Leute auf der Straße darüber luſtig machten. Man denke ſich, um von unten anzufangen, einen Mann von vorgerückten Jahren, welcher ſchwarze Schuhe mit großen blank⸗ geputzten Silberſchnallen trägt, dann kommen weiße Strümpfe mit Zwickeln auf beiden Seiten, weiter herauf eine ſchwarze Mancheſterhoſe, an den Knien ebenfalls durch ſilberne Schnallen befeſtigt; aus der erbsgelben Weſte kommt ein mächtiger Bu⸗ ſenſtreif wie ein Kalbsgekröſe hervorgeguollen, ein weißes Tuch Begebenbeiten eines Weltmannes. 145 umſchließt den Hals und die beiden Enden ſind zu einer mäch⸗ tigen Schleife verſchlungen; auf dem Kopfe ſitzt ein altmodiſcher Hut, und ein hellblauer Frack mit ſchwarzen Knöpfen vollendet den Anzug. Endlich baumelt noch ein ſchweres Uhrgehänge unter der Weſte hervor und zum Ueberfluſſe trägt der Menſch einen großen Stock von ſpaniſchem Rohr in der Hand, wel⸗ chen er vorwärts ſetzt wie ein drittes Bein, das vom Poda⸗ gra ſteif geworden iſt. Conrad bemerkte ſeinen Herrn nicht, denn dieſer ſteckte ſich hinter die Gardinen, und als er die Hausthür gehen hörte, ſtreckte er ſich wieder auf das Sopha. Conrad trat in das Zimmer ein, in welchem er, ohne es zu wiſſen, von ſeinem Herrn erwartet wurde. „Schon wieder da, mein lieber Conrad?“ fragte der Letztere; „es läßt Dir wohl nirgends Ruhe, alter Freund? Du biſt ſeit einiger Zeit ganz anders geworden und ſiehſt auch anders aus. Manchmal ſah ich Dich ganz in holden Träumen verloren eine Weile ſtehen; Du fuhrſt mit der Hand nach dem Herzen oder über die Stirn; ich habe Dich ſeufzen hören; kurz und gut Du mußt etwas auf dem Herzen haben...“ „Ja, das habe ich auch,“ rief Conrad Dippel mit Erhabenheit in ſeiner Stimme, „und deshalb bin ich hier.“ Aber eine holde Scham hielt ihn jetzt zurück; er geberdete ſich Caſanova I. 0 146 Caſanova. wie ein ſiebzehnjähriges Mädchen, welches ihren Eltern ihre erſte Liebe bekennen will. „Nun, Conrad, genire Dich nicht,“ rief Caſanova, der das Lachen nur mit Mühe unterdrückte; „der Menſch iſt ja zu gar großen Dummheiten fähig, es iſt ihm faſt keine zu groß.“ „Wie ſo?“ fragte Conrad wie aus den Wolken ge⸗ fallen. „Sage nur was Du auf dem Herzen haſt, alter Freund!“ fuhr der Herr fort; „ich weiß es ſchon, daß Du im Begriff ſtehſt einen der dümmſten Streiche von allen möglichen zu machen, die der Menſch denken kann. Man muß die Garben in der Zeit ausdreſchen, wenn man Körner davon haben will, ſonſt thuts ein Andrer und nimmt auch die Körner. Und Du, der Du eine Dummheit machen willſt, gieb Dir nur Mühe, daß Du ſie ſo groß als möglich machſt; nachgedacht haſt Du ja wohl lange genug darüber.“ „Aber, mein Herr,“ rief Conrad ſich ſtolz emporrich⸗ tend und Zornesgluth im Geſichte, „ich bin nicht gemeint ſolche Reden zu dulden; ich fühle Muth in meinem Vuſen ſolche Beleidigungen zu rächen, welche meine Perſon in den Angen der Leute herunterſetzen müſſen.“ „Still doch, Alter! Wir ſind unter vier Augen und Du wirſt ſehen, daß ich's gut mit Dir meine,“ unterbrach Begebenheiten eines Weltmannes. 147 ihn ſein Herr; „laß mich nur zu Ende kommen. Du willſt heirathen, nicht wahr?“ „Ja, ich bin entſchloſſen dem Zuge meines Herzens zu folgen,“ antwortete jener etwas überraſcht. „Du wrillſt ein junges Mädchen von ſiebzehn Jahren heirathen, welches Dich nicht haben mag,“ fragte der Andre weiter. „Ich glaube ihr zu gefallen, und was nicht iſt, kann noch werden, wenn ſie erſt die Meinige geworden iſt. ſchön wie ein Engel des Himmels iſt ſie, und ich ſchwöre darauf, wenn ich Ihnen meine junge Frau vorſtelle, ſo ſagen Sie, Conrad hat's recht gemacht...“ „Aber Du biſt ſechzig und darüber ... Dein graues Haar, Dein altersmatter Leib . . haſt Du denn daran mit keinem Gedanken gedacht?“ „Wie? Bin ich nicht ſtark und rüſtig? Ich getraue mich es mit einem Burſchen von ſechzehn Jahren aufzunehmen .. ein gewiſſes liebenswürdiges Etwas, wie mir meine künftige Schwiegermutter ſagte... kurz und gut, ich habe nichts An⸗ ſtößiges an meiner Perſon .. .“ „Aber andre Leute, und was die Hauptſache iſt, Deine Zukünftige! Und nun halte das junge Mädchen gegen Deine Perſon.. ſie iſt ſiebzehn Jahre, ſie hat Feuer und Leben und will einen Liebhaber, der auch Feuer und Leben hat. 10* Caſanova. Wenn ſie Dir ein Hirſchgeweihe zur Zierde auf Dein graues Haupt ſetzt, ſo wird alle Welt über den alten Eſel lachen, deſſen Selbſtverblendung ſo weit ging, daß er die Warnungen guter Freunde, welche ihm von dieſem Schritte abriethen, für Beleidigung nahm.“ „Aber ich heirathe ſie doch!“ erwiederte der Hartnäckige; „mein Herz ſagt mir, daß wir mit einander glücklich ſein wer⸗ den; und wer kann etwas dagegen haben, wenn ich nun ein⸗ mal will?“ „Höchſtens ich und dann noch einige Leute, welche ver⸗ nünftiger ſind als Du, alter Narr! Weißt Du denn nicht, daß Dein Sohn ſchon längſt ein Auge auf ſie hatte, ehe Du ſie kennen lernteſt?“ „Ach, der hat die Hand im Spiele?“ rief der Bediente zornig; „o Du ungerathener Bube, der ſeinen alten Vater..“ „Hindern will eine Thorheit zu begehen .. .“ „Nein, bei Gott nicht, der ihm ſeine letzten Lebensſtun⸗ den verbittert! O Du Schlange Du! Wie viel habe ich an Dir gethan, und nun... nein, ich muß auf der Stelle fort, muß ihn aufſuchen! Gewiß iſt er bei ihr oder ſie bei ihm! Aber wehe ihm, wenn ich ſie überraſche! Ich ſchlage ihm alle Knochen im Leibe entzwei! Ja, das will ich und das thue ich auch! Wenn es auf ſo etwas ankommt, bin ich zu allem bereit! Begebenheiten eines Weltmannes. 149 „Toll genug biſt Du dazu, das glaube ich, ohne daß Du mir's zuſchwörſt... doch vielleicht gelingt es mir doch noch Dich alten Graukopf zu Verſtande zu bringen. Du haſt ein Capitälchen geſammelt, lieber Conrad; aber es mag wohl damit nicht ſo ganz mit rechten Dingen zugehen. Ich habe mir ſo eben überlegt, daß Deine Rechnungen etwas hohe An⸗ ſätze hatten — ich werde mich erkundigen... und komme ich hinter gewiſſe Schliche, hörſt Du, komme ich hinter Sachen, die nicht in der Ordnung ſind, ſo ſei Dir Gott gnädig! Ich mache Dir Dein ganzes Geld zu Waſſer und Du kommſt noch auf das Zuchthaus!“ „Ich bin mir meiner gerechten Sache bewußt,“ erwiederte der Bedrohte mit ſichtbarem Erſchrecken; „thun Sie was Sie nicht laſſen können; aber bedenken Sie auch, daß es eine Sünde iſt, wenn man einen alten treuen Diener auf dieſe Weiſe kränkt, ohne daß man eine gegründete Urſache dazu hat. ..“ „Erſtlich biſt Du nicht mein alter Diener, denn dazu ge⸗ hören mehr Dienſtjahre als Du Monate in meinem Brode ſtehſt,“ antwortete der Herr; „zweitens entſchuldigt ſich eine ſolche Handlungsweiſe wie die Deinige durch gar nichts auf der Welt. Ich will jedoch dann nachgeben, wenn Du nach⸗ giebig biſt und zwar darin, daß Du Dir die bewußten Hei⸗ rathsgedanken aus dem Kopfe ſchlägſt...“ „Kann ich meinem Herzen gebieten zu lieben und zu haſ⸗ 150 Caſanovä. ſen wie ich will?“ fragte der Andre weinerlich; „kann das ein fühlender Menſch von einem andern verlangen, ohne grauſam zu ſein? Kann ich ihr, deren Ruhe mir über alles theuer iſt, das ſüße Ja, welches ſie mit ihren Roſenlippen flötete, als ich da⸗ rum bat, ſo ohne weiteres zurückgeben? Darf ich mich der boshaften Nachrede ausſetzen, als hätte ich einen Korb bekom⸗ men, ohne mich gegen meinen ehrlichen Namen, welchen wir Dippel ſeit einer undenklichen Reihe von Jahren in ſeiner ſtrahlenden Reinheit alle vom Vater auf den Sohn vererbt haben, auf's gröblichſte zu verſündigen? Kann und darf ich das? Nein, nein und abermals nein, ſag' ich, und dabei bleibt's und niemand ſoll's anders machen!“ „Aber ſie war ſelbſt bei mir, ich meine Deine Angebetete, Deine Herzenskönigin, und bat mich mit rothgeweinten Augen, ich möchte mich in's Mittel ſchlagen, daß ſie von Dir loskäme; wenn ſie Dich nehmen müßte, ſo ſchwur ſie ſich in's Waſſer zu ſtürzen!. .. Denkſt Du, auch wenn ſie das nicht thut, daß ſte Dir treu ſein wird? Geht Deine Verblendung ſo weit, nachdem Du das gehört haſt?“ „Infamer Streich!“ rief Conrad überraſcht; „es iſt eine große Wahrheit: eine Frau iſt ſchwerer zu hüten als ein Scheffel voll Flöhe. . . .“ „Ueberlege Dir die Sache; in einer Stunde ſage mir Antwort; aber ziehe Deinen Hochzeitsſtaat aus und ſchlüpfe Begebenheiten eines Weltmannes. 151 in Deine Livree, daß Du auf andre Gedanken kommſt, alter Bärenhäuter!“ Mit einem tiefen Seufzer entfernte ſich der arme Con⸗ rad; er drehte ſich ſchnell um, denn er fühlte, daß ihm die heißen Thränen in die Augen traten; ach, er war ja mit einem Male aus allen ſeinen Himmeln geſtürzt! Aufmerkſam ſchaute der Zurückbleibende ihm nach, dann überließ er ſich ſeinen Ge⸗ danken. Nach einer Weile kam der gute Conrad wieder zurück; ſein verſtörtes Geſicht zeigte deutlich, welch einen Kampf er ſo eben beſtanden hatte. „Es iſt aus!“ rief er tonlos; „ich habe entſagt!“ Eine feierliche Stille herrſchte eine Zeit lang; der Ent⸗ ſagende ſchluchzte wieder und vermochte folgende Worte kaum ſo deutlich hervorzubringen, daß ſie verſtanden werden konnten: „Auch iſt ein Herr draußen, welcher Sie ſprechen möchte.“ „Laß ihn herein!“ antwortete der Gebieter in gütigem Tone. Ein ſchwarzgekleideter kleiner Mann, deſſen weißes Hals⸗ tuch ſeinen Stand verrieth, kam zur Thüre herein, verbeugte ſich kurz und linkiſch, dann erhob er ſeine ſchielenden Augen ſalbnngsvoll zur Decke des Zimmers und ſchritt ſo, ohne auf ſeine Füße zu ſehen, vorwärts. Kaum zwei oder drei Schritte mochte er auf dieſe Weiſe gemacht haben, als er ſich im Tep⸗ 152 Caſanova. pich verwickelte und ſo lang er war zu Boden ſtürzte. Der Andre, dem dieſe Figur gleich anfangs, als ſie vor ihm auf⸗ getaucht war, höchſt lächerlich gedäucht hatte, konnte bei dieſer Wendung der Dinge nicht mehr an ſich halten, ſondern machte dem Lachkitzel, der unaufhörlich in ſeiner Bruſt herumarbeitete, durch ein herzhaftes Gelächter Luft. Jener raffte ſich wieder auf, verdrehte die Augen wo mög⸗ lich noch auffallender als vorher und öffnete den Mund zum Sprechen. „Verzeihen Sie, ich bitte Sie tauſendmal,“ rief der In⸗ haber der Stube ihm zuvorkommend zu, „aber ich mußte lachen; es ſah zu komiſch aus...“ „Sündhafte Weltluſt!“ erwiederte eine hohle Stimme, und die Hand des Sprechers ſchlug ein Kreuz, als wäre Sa⸗ tanas leibhaftig in der Stube; „ſo fällt der Menſch, ſo liegt er, und wenn er ſich nicht durch die Gnade Gottes am Stabe des Glaubens und am Stecken der Buße aufrichtet, ſo bleibt er liegen bis die hölliſchen Geiſter ihn zu ſich in ihren Pfuhl hinunterziehen. Mein Bruder in Chriſto!“ fuhr der Mann in ſchwermüthigem Geiſtertone fort; „ich komme von Ihnen eine Beiſteuer zu einem frommen chriſtlichen Werke zu fordern. Die Bekehrung der armen verlornen Heiden, die Rettung un⸗ zähliger Seelen, welche ohne das Wort des Heils, das ihnen noch nicht gepredigt werden kann, ewig verdamnt ſein müſſen, Begebenheiten eines Weltmannes. 153 iſt es für welche ich Sie mit einem kleinen Beitrage um Got⸗ tes willen in Anſpruch nehme. ..“ „Mein Herr, dazu gebe ich nichts. . .“ Wer aber malt das Entſetzen, mit welchem der Mann Gottes, als er dieſe kurze Erklärung vernehmen mußte, zurück⸗ ſchrak. „Gebe — gebe — ich. nichts? Hörte ich recht oder täuſchte mich ein böſer Geiſt der Finſterniß, welcher in der Luft wohnt und Worte, die anders von den Lippen meines chriſtlichen Mitbruders kamen, in dieſe gottloſe Sentenz um⸗ zauberte?“ „Sie haben vollkommen richtig gehört,“ verſicherte Ca⸗ ſanova phlegmatiſch; „ich gebe aus Grundſatz keinen Heller zu ſolchen Zwecken wie dem Ihrigen. Laſſen Sie doch die Leute in Ruhe; wenn ſie auf den Gedanken kommen, daß ſie nicht anders als in Ihrer Kirche, mein Herr, ſelig werden können, ſo werden ſie ſchon von ſelbſt kommen und Belehrung verlangen. Was würden Sie denn ſagen, wenn Muhamedaner oder Chineſen Miſſionäre in unſre Lande ſendeten, die hier einen fremden Glauben predigen ſollten? Sie ſchrien Zeter und Mord und die Polizei becomplimentirte jene Herren ohne Um⸗ ſtände über die Grenze. Nun, was uns recht iſt, das iſt die⸗ ſen billig! Laſſen Sie alſo die Leute in Ruhe! Cs iſt eine Caſanova. grenzenloſe Anmaßung gewiſſer Religionsparteien hier im Spiele . „O armer verlorner Sünder!“ betete der Andre die Hände faltend, „o Säugling der Hölle, der ſich vom böſen Feinde beherrſchen läßt und dem ewigen Verderben anheim fallen wird; kehre um auf Deiner verruchten Bahn, beſſere Dich, thue Buße und bitte Gott, daß er Dir einen neuen heiligen Willen ſchenke, welcher Dich zum Heile führen kann!“ „Mein Herr,“ rief der verſtockte Sünder ganz wohlge⸗ muth, „der gelindeſte Ausdruck für Ihre Aeußerungen iſt, daß es bodenloſer Unſinn war was Sie ſo eben ſchwatzten. Aber wenn Sie von Hauſe aus ſo ganz ohne alle Lebensart find, daß Sie gar nicht ahnen, welche Unſchicklichkeit darin liegt einem fremden Manne ſolche Grobheiten zu ſagen, wie Sie es eben gegen mich gethan haben, ſo vernehmen Sie meine Mei⸗ nung und laſſen Sie ſich dieſelbe zur guten Lehre dienen: Wenn mir der erwähnte Unfinn, eben weil er ſo großartig, ſo koloſſal iſt, nicht Spaß machte, ſo hätte ich Ihnen ſchon längſt mit dem Stocke darauf geantwortet. Aber wenn Sie mir wieder ſo kommen wie vorhin, ſo verklage ich Sie bei der 3 weltlichen Obrigkeit, damit Sie für Ihr loſes Maul in gehs⸗ rige Strafe genommen werden; darauf verlaſſen Sie ſich!“ „Ja, Verworfener, ſchlage und ſchmähe die Heiligen des Herrn!“ rief der Fanatiker; „zur Ehre meines Gottes dulde Begebenheiten eines Weltmannes. 155 ich alles und wäre es der Tod! Ich verlaſſe Dich in Deinem Sündenelend; gehe immerhin dem Abgrunde entgegen, in wel⸗ chen Du ſtürzen mußt, um unter Heulen und Zähneklappern im Pfuhle, da Schwefel und Pech ſiedet, die ewige Pein der Verdammten zu leiden! Amen.“ Voll Entſetzen ſtürzte der Einſammler zur Thüre hinaus und ließ den Frevler allein. Eine kurze Weile lag dieſer noch in der Ecke des Kanapees; Aerger und Lachen kämpften in ihm um die Oberherrſchaft. Da horchte er plötzlich auf, ſprang in die Höhe und eilte nach dem Vorſaale, denn dort hörte er Lärm und zankende Stimmen. Als er die Thüre aufmacht, erblickt er ſeinen getreuen Conrad, welcher eben in voller Thätigkeit iſt, den frommen Eiferer von vorhin mittelſt einer Reitpeitſche zu bearbeiten. Jener Zelot nämlich war nicht ſogleich aus dem verruch⸗ ten Hauſe gegangen, ſeitdem er das Zimmer, welches nach ſeiner Aeußerung von einem Ungeheuer in Menſchengeſtalt be⸗ wohnt wurde, verlaſſen hatte. Auf dem Vorſaale hatte er den Diener des gottloſen Herrn in tiefſinnigem Hinbrüten am Fenſter ſtehen ſehen und aus dem verſtörten Geſichte deſſelben ſchließen zu dürfen geglaubt, daß hier die Samenkörner des Heils einen empfänglichen Boden finden würden. Sogleich hatte er ſich vermöge jener unausſtehlichen Zudringlichkeit, welche allen ſolchen Leuten in hohem Grade eigen iſt, an das Caſanova. verirrte Schaf gemacht, um es wieder zur großen Heerde zu⸗ rückzuführen. Conrad hatte ihm zu verſtehen gegeben, daß er ihn zufrieden laſſen ſollte, da er nichts von ſolchen Sachen wiſſen möchte; aber wer Oel in's Feuer gießt, muß ſich ge⸗ fallen laſſen, daß die Flamme nur noch größer wird, und hier hatten die Worte Conrad's gleiche Wirkung. „Ha, auch Du, Verlorner, bleibſt hartnäckig in Deiner Sündhaf⸗ tigkeit! O verhärteter Sünder!“ rief der Frömmler; „o Du Auswurf der Hölle!. ..“ Conrad ließ ſich die Sache eine Weile gefallen; als er aber die zuletzt angeführten Worte vernahm, als er von verhärteten Sündern, vom Auswurf der Hölle ſprechen hörte, verſtand er unrecht und griff ohne weitere Umſtände nach der Reitpeitſche, welche neben ihm im Fenſter lag. Ohne ein Wort zu ſagen, ſchritt er auf den Bekehrungsſüchtigen los, faßte ihn mit der linken Hand beim Kragen und gerbte — ſo drückte er ſich ſpäter ſelbſt aus — dem Schmähſüchtigen das Fell weidlich durch. „O Herr, Herr! Um Deinetwillen werden wir geſchla⸗ gen!“ rief der Einſammler eben aus und blickte mit gefalte⸗ ten Händen zum Himmel, als ob er Chriſtum in himmliſcher Verklärung ſehen wollte, wie ihn ja Stephanus laut der Apoſtelgeſchichte in einer ähmlichen Lage erblickt haben ſoll .. Da trat Conrad's Herr aus der Stube und machte den Begebenheiten eines Weltmannes. 157 Leiden des Bejammernswerthen ein Ende. Dieſer blieb, auch als die Peitſche nicht mehr mit ſeinem Rücken ſprach, immer in der bisherigen Stellung, vielleicht weil er ſich da⸗ rüber Gewißheit verſchaffen wollte, ob ihn Chriſtus nicht etwa wirklich für ſeine Sache leiden ſähe, vielleicht handelte er im Sinne der Worte: „Wenn Euch jemand auf den einen Backen geſchlagen hat, ſo bietet ihm auch den andern dar!“ und war bereit, noch mehr ſchmachvolle Hiebe um des Herrn willen aufzuladen. Der Herr des Hauſes trat ernſthaft auf den frommen Dulder zu und ſaßte ihn beim Arme, an welchem er ihn zur Thüre führte. „Guter Mann,“ ſagte er, „Sie ſehen was Sie mit Ihrem unberſtändigen Weſen anrichten; gehen Sie und laſſen Sie mich für die Zukunft in Frieden; ich will ſchon ſelbſt für meine Seligkeit ſorgen. Gehen Sie und kom⸗ men Sie nicht wieder, denn ich ſtehe Ihnen für nichts!“ Jener verdrehte die Augen, ſeufzte wo möglich noch tiefer als Conrad vorhin gethan hatte, da er den Gebieter verließ um den ſchweren Entſchluß der Entſagung zu faſſen, dann ſpukte er giftig aus und ließ ſich über die Schwelle ſchieben. Die Zuſchauer ſahen noch, wie er die Füße abſchüttelte und dann mit dem Taſchentuche abſtäubte, eine bildliche Handlung, die unſchwer zu verſtehen war. Caſanova. „Conrad, Conrad! Was haſt Du gethan!“ rief Caſanova ſeinem Diener halb ernſthaft, halb im Spaße zu. „Ich konnte mir nicht helfen,“ antwortete Conrad; „aber er kam mir gerade recht, und es war eine wahre Wolluſt für mich, ihn tüchtig durchzuarbeiten.“ „Wir haben in ein ſchönes Wespenneſt geſtört!“ be⸗ lehrte ihn ſein Herr; „allen Reſpect vor den Frommen!“ Ein ältliches unſcheinbares Männchen ſteckte jetzt den Kopf vorſichtig zur Thüre herein und blinzelte mit ſeinen beiden funkelnden Augen erſt dem Diener und, da dieſer der richtige Mann nicht ſein mochte, dann dem Herrn deſſelben in's Ge⸗ ſicht. Zögernd trat der Unbekannte ein und zog, da er die Thüre hinter ſich zugemacht hatte, immer ſeinen Mann im Auge behaltend, eine Doſe mit einem Bruſtbilde aus der Taſche. „Ja, ich bin richtig angekommen,“ ſagte er zu Caſa⸗ nova gewendet; „Sie werden aus dem Bilde erkennen, wer mich ſendet, mein Herr, und die Gewogenheit haben, mir auf eine kurze Zeit zu folgen.“ „Sogleich, mein Herr; ich bin ſchon unterrichtet,“ ant⸗ wortete jener; „belieben Sie einzutreten.“ Anzug und alles war in Ordnung; das Paar ging ab und ließ Conrad in ſeinen vier Pfählen allein. Der Weg führte durch unbewohnte enge Gaſſen, in wel⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 15⁵⁵ chen ſelbſt bei hellem Tage Dämmerung herrſchte, jetzt aber nach Sonnenuntergang kein Menſch den andern deutlich erken⸗ nen konnte, ſo daß die Leute nicht ſelten an einander ſtießen. Eben dieſer letztere Umſtand war auch der Grund, aus welchem man das unaufhörliche Schimpfen leicht erklären konnte; denn wenn nicht an dieſer, ſo machten doch an einer andern Stelle die Köpfe zweier Markthelfer oder andrer Leute, welche ſich nicht gern viel gefallen laſſen, eine nähere Bekanntſchaft als ihnen lieb war. Natürlich machte nun jedermann ſeinem Un⸗ muthe durch Schimpfwörter Luft, über deren reiche Auswahl die, welche das Schelten mit anhören mußten, ziemlich er⸗ ſtaunt waren. Endlich kam man in eine große breite Straße, welche mehr einem freien Platze glich. Vor einem in großartigem Sthle erbauten Hauſe blieb der Führer ſtehen. „Folgen Sie mir nur ganz zuverſichtlich,“ ſagte er, ſich an den Andern wendend; „die Wachen werden uns ungehindert paſſiren laſſen.“ Die Wache vor der äußern Thüre machte keine Schwie⸗ rigkeit, ebenſo wenig die, welche Gewehr im Arm an der hochgewölbten Hausflur auf und nieder ging. Eine breite Treppe führte nach oben und vor ihr lagen zwei mächtige marmorne Löwen⸗wie Wächter des Thrones, welche ihre aus⸗ drucksvollen Geſichter einander zukehrten. Vor dem gewaltigen Caſanova. Schatten, welchen ſie warfen, wäre Caſanova beinahe er⸗ ſchrocken; er trat an die Geſtalten der Thiere heran, ſtreichelte ihre kalten Mähnen und ſah ihnen in die ſteinernen Augen; er glaubte jeden Augenblick ſie müßten lebendig werden und emporſpringen. „Folgen Sie mir ſchnell!“ rief der Führer, welcher ſchon einige Stufen voraus war, leiſe zurück; „man wünſcht alles Aufſehen möglichſt zu vermeiden.“ Nun ging's die halberleuchtete Treppe hinauf, dann bogen Beide in einen noch ſpärlicher erleuchteten Vogengang ein. Als ſie am Ende deſſelben angelangt waren, ward eine Thür geöffnet, hinter welcher Beide verſchwanden. In einem ſtillen heimlichen Zimmer fanden ſie den Für⸗ ſten, welcher in ſeiner bequemen Hauskleidung auf einem Sor⸗ genſtuhle ſaß, das Haupt auf die Seite gelegt hatte und eben im Einſchlummern begriffen war. Sobald er jedoch die Na⸗ henden merkte, riß er ſich aus den weichen Armen des Schlum⸗ mers, welche ihn eben umſtricken wollten, ſprang auf und trat den Kommenden freundlich entgegen. „Ich war dem Einſchlafen nahe,“ rief er aus, „wie es eben geht, wenn man ſich müde gedacht und matt gewünſcht hat... Setzen Sie ſich!“ Und zu dem, welcher den Führer gemacht und die Doſe jetzt wieder auf den Tiſch geſetzt hatte, Begebenheiten eines Weltmannes. 161 ſagte er: „Beſorge Thee, Cigarren und einen kleinen Imbiß, mein guter Caſimir!“ Der Letztere ging und der Fürſt hielt es für nöthig ſeinem Gaſte Vertrauen zu ſeinem Diener einzuflößen. „Er iſt eine gute treue Seele,“ ſagte er; „ein Menſch, den man nicht mit Gelde bezahlen kann. Vor ihm habe ich kein Ge⸗ heimniß... Auf einer meiner Reiſen rettete ich ihn aus der harten ſibiriſchen Gefangenſchaft; ſeitdem ſchwur er mir Treue auf Leben und Tod und hat mich nicht wieder verlaſſen. Er ſcheint mein Kammerdiener zu ſein, allein er iſt mein Freund.“ Der Andre hatte, ohne Umſtände zu machen, was auch der einmal angeſchlagene Ton der Unterhaltung ſchwerlich ge⸗ ſtattet hätte, ſich auf einen Polſterſtuhl niedergelaſſen und hörte die Mittheilung des Fürſten mit halber Aufmerkſamkeit an, denn er war außerordentlich geſpannt darauf, was dieſer Mann mit ihm ſelbſt vorhätte. Auch der Fürſt ſetzte ſich wieder in ſeinen bequemen Sor⸗ genſtuhl. Mit über einander geſchlagenen Beinen nahm er auf's neue das Wort: „Sie werden begierig ſein zu erfahren, welcher Natur die Angelegenheit iſt, zu deren Erledigung ich Sie auserſehen habe, mein junger Freund. Ich muß dabei etwas weit aus⸗ holen, aber dennoch wird die ganze Sache mit wenigen Wor⸗ ten abgethan ſein. .. Zwei hoffnungsvolle Prinzen ſtarben kurz Caſanova I. 11 162 Caſanova. nach einander; der eine war die unſchuldige Urſache von des andern Tode geweſen, und dieſes nahm er ſich ſo zu Herzen, daß er kurze Zeit nach ſeinem Bruder ebenfalls dahinſtarb. Ach, mir bricht das Herz, wenn ich dieſe vernarbte Wunde aufreißen muß ... Doch ſtill, ſtill, du ewig wiederkehrender Schmerz!..“ Er wiſchte ſich abgewendet die Augen, dann fuhr er gefaßter Athem holend fort: „Der zweite hätte ſich vielleicht tröſten laſſen, aber unſelige Frömmler hatten ſich ſeines Vertrauens bemächtigt; die flüſterten ihm lauter Dinge in's Ohr, welche wohl eine Eiſenſeele ſchmelzen könnten, ge⸗ ſchweige denn ein ſo weiches empfängliches Gemüth wie das des armen Jünglings . Kurz, er ſtarb an dem heilloſen Geflüſter dieſer Schlangenbrut. Später erfuhr ich, wer jene Leute abgeſendet hatte. Es war dies ein Mann, welcher der rechtmäßige Erbe unfres Hauſes werden mußte, ſobald außer jenen Zweien noch ebenſo viele Andre, die zwiſchen ihm und der Erbſchaft ſtanden, glücklich bei Seite geſchafft waren. Dieſe beiden Andern ſind die Prinzen Ferdinand und Eduard, von denen der Erſte in bodenloſer Wolluſt ſich bereits ſo geſchwächt hat, daß er es nicht mehr lange treiben wird, der Zweite aber im Begriff ſteht bald ebenſo zu werden wie ſein Vetter. Wer die Jünglinge verführen ließ? Eben jener Mann, der zu den Betbrüdern ſeine Zuflucht nahm! Die nächſte Vorſichtsmaßregel war, daß weder der Eine noch der Begebenheiten eines Weltmannes. 163 Andre von dieſen Beiden etwa rechtmäßige Leibeserben nach⸗ ließe. Nun, bei dem Erſten iſt nicht daran zu denken, das be⸗ greifen Sie wohl auf der Stelle; bei dem Zweiten aber ebenſo wenig, denn ich weiß, daß dieſer, ganz im Intereſſe jener feind⸗ lichen Mächte, das nicht haben mag was ich ihm doch ſo gern gäbe, nur damit dieſe Intriganten, die ich tödtlich haſſe, ihr Ziel doch nicht erreichten. Wüßte ich gewiß, daß mir die Er⸗ reichung dieſes Zweckes gelungen wäre, ich gäbe zehn Jahre meines Lebens, nein, ich gäbe augenblicklich mein ganzes noch übriges Leben darum!“ „Aber, gnädiger Herr,“ rief der Zuhörer, über die plötz⸗ liche Aufregung des Fürſten erſchrocken, „was kann ich dabei helfen?“ „Es iſt Rechtsgrundſatz: Pater est quem justae nuptiae declarant,“ rief der Fürſt; „Vater iſt der, welchen eine geſetz⸗ mäßige Ehe als ſolchen ausweiſ't. Hören Sie! Wir müſſen dieſen Satz in ſeinem ganzen Umfange und nach allen Rich⸗ tungen in Erwägung ziehen. Geſetzt den Fall ich bekomme einen Sohn und erkenne ihn dafür an, ſo kann keine Macht der Welt mir dieſen Sohn nehmen oder ihm die Rechte, welche ihm vermöge ſeiner Geburt zukommen würden, ſtreitig machen. Man könnte mir medieiniſch nachweiſen, daß ich unfähig wäre einem Kinde das Leben zu geben; man könnte den wirklichen Vater dieſes Kindes, welchen man vielleicht gewonnen hätte 1 164 Caſanova. zum Schaden ſeines Kindes zu reden wo er nicht zu reden brauchte, mir vorführen und ſagen: Siehe, dies iſt der Va⸗ ter!. .. Ich ſetze bloß dieſen möglichen Fall, um obigen Satz zu erhärten, denn das Letztere würde wohl niemand ſo leicht wagen. .. Ich brauchte allen dieſen Beweiſen der Gegenpartei bloß zu entgegnen: Ich bin der Vater des Knaben, denn das Weib, welches ihn geboren hat, iſt meine rechtmäßige Gattin!“ „Mein Fürſt, Sie heben den Vorhang, der den düſterſten Abgrund ſchwarzer Verbrechen verhüllte, vor meinen Augen auf!“ rief der Andre ſchaudernd; „man weiß von alten Häuſern, wo der Vater das Verbrechen auf den Sohn vererbte und die Tochter die Schande mit der Muttermilch einſog; jene blei⸗ chen Schatten leben noch wie grauſenhafte Geſpenſter im Ge⸗ dächtniß des Menſchengeſchlechtes fort. Wem erſtarrt nicht das Blut in den Adern, wenn er hört, wie Atreus ſeines Bruders Kinder ſchlachtete und deren Fleiſch dem nichts ahnenden Vater zur Speiſe vorſetzte ... Aber jetzt, in unſern lichthellen Tagen, jetzt noch verbirgt ſich hinter der gleißenden Außenſeite der Fürſtenpaläſte die ſchwarze Schandthat, die mit tauſend Zungen zum Himmel ſchreit! NRein, das iſt unbegreiflich .. das faſſe ich nicht!. . „Und ich habe mich faſſen müſſen und war der Bethei⸗ ligte!“ rief der Fürſt bitter; „aber haben Sie meinen letzten Reden nicht nachgedacht?“ 6 Begebenheiten eines Weltmannes. 165 „Wie konnte ich? Erſt hörte ich Ihre Erzählung wie ein halb Betäubter, dann trat die Wirkung derſelben, der bleiche Schrecken und das Entſetzen in immer vollerem Maße ein ... mir iſt's als ginge ich auf glühendem Boden, der alle Augen⸗ blicke unter meinen Füßen in einen Flammenabgrund hinunter⸗ brechen wollte. ..“ Der Fürſt ſchwieg, denn eben trat Caſimir mit Thee, Eſſen und Cigarren herein. Zierlich ſtellte er das Mitgebrachte auf den Tiſch, gerade mitten zwiſchen die zwei brennenden Ker⸗ zen, dann entfernte er ſich wieder, ohne ein Wort zu äußern, um im Vorzimmer weiterer Befehle gewärtig zu ſein. Der Fürſt ſchenkte ſich ein, gab aber ſeine Taſſe dem Gaſte, welcher ſie hinnahm, ohne eines Wortes fähig zu ſein. Der Erſtere ſchenkte die zweite Taſſe voll und führte ſie zum Munde; während er hiermit ſeinen Körper beſchäftigte, war er ganz Aufmerkſamkeit auf das Benehmen des Andern, wel⸗ cher die Taſſe noch immer unberührt in den Händen hielt. „Trinken Sie doch und beſinnen Sie ſich!“ rief der Aeltere; „glauben Sie etwa, weil in den Paläſten Dolche und Gift ihre Heimath haben, auch dieſe Taſſe Thee ſei in der Hölle gewürzt? Hier, gießen Sie Rum zu, wenn Sie Rum lieben ..“ Mechaniſch entſtöpſelte Caſanova die Flaſche, welche der Fürſt vor ihn hinſchob, und goß ſo viel von jenem Feuertranke Caſanova. in den Thee, daß die Taſſe überlief und die Maſſe des Rums die des Thees überwog. Er trank das Gemiſch bis auf den letzten Tropfen aus, denn ſein Gemüth war ſo ergriffen, ſeine Leidenſchaft ſo erregt, daß die Zunge wohl ſchmecken mochte, aber ihre Empfindungen dem Geiſte nicht mittheilen konnte, weil dieſer ſchon zu voll war. „Gnädiger Herr,“ rief der Jüngling, jetzt mit einem Male ſeine ganze Energie wieder gewinnend, „mit Leib und Leben ſchwöre ich Ihnen beizuſtehen! Die ſchändliche Rotte darf den Lohn ihrer Unthat nicht ernten, ſie muß die Schuld der Sünde auf ſich laden und muß doch wiſſen, daß ſie es vergeblich ge⸗ than hat! Ja, ich begreife... ein Niſſethäter kann ſich tröſten, wenn er um den Preis ſeiner Miſſethat nur nicht betrogen worden iſt; aber Höllenpein muß es ſein, wenn er Schuld um Schuld auf ſeiner Seele drücken fühlt und dafür das, was er wollte, doch nicht erlangen kann!“ „Ahnen Sie, wie wir's anfangen?“ fragte der Andre mit halblauter Stimme und abgewendetem Geſicht. „Wie könnte ich?“ ſtotterte der Gefragte, dem es ſchon heller wurde als ihm lieb war. Beide ſchwiegen eine Weile und ſenkten die Blicke zu Boden. Der Fürſt erhob ſich, ſtellte ſich vor ein Bild, welches Begebenheiten eines Weltmannes. 167 über der Thüre hing, und that als ob er dieſes aufmerkſam betrachtete; plötzlich aber rief er beinahe ziſchend: „Kennen Sie Thereſen?“ Wie ein Donnerſchlag trafen dieſe Worte Caſanova's Ohr; es war ihm als würde er von der Gewalt derſelben emporgeſchnellt; aber ſchwer wie Blei blieb ſein von Schrecken gelähmter Körper auf dem Stuhle liegen. Der Fürſt wendete ſich um und ſah ihn feſt an an. Ach, unter dieſem Blicke hätte der Arme erliegen, hätte er zerſchmel⸗ zen mögen .. Der Unerbittliche ging aber gerade auf ſein Ziel los; er trat vor den Sitzenden hin und hielt ihm ein Bild vor die Augen . „Dieſe Thereſe meine ich,“ ſagte er feſten Tones; „lie⸗ ben Sie dieſe Thereſe?“ O ja, es war ihr Bild, es waren die lieben Züge der theuern Heiligen; aber in ſeiner ungeheuern Aufregung däuchte es ihm als müßte ihm die Seele im Leibe zergehen, wie ein zitternder Ton, welcher ſich eben verklingend auseinanderlöſit; er ſtarrte das Bildniß an, ohne ein Wort vorbringen zu können. „So ſieh doch! Was wirſt Du denn bleich, warum zit⸗ terſt Du?“ rief der Fürſt; „ſind das nicht die Züge des Wei⸗ bes das Du anbeteſt?“ Caſanova. „Vergebung, Vergebung!“ rief der Andre, indem er jenem zu Füßen ſtürzte und ſeine Knie umklammerte; „ja mehr als mein Leben liebe ich ſie! Vernichten Sie mich, führen Sie den tödtlichen Streich hier in dieſem Zimmer auf meinen Nacken, willig und ſanft wie ein Lamm will ich ihn empfangen... nur ſie verſchonen Sie, nur ihr gehen Sie nicht ans Leben! Ach, das wäre zehnfacher Tod für mich!“ „Biſt Du bei Sinnen, Freund, daß Du ſolche Sachen faſelſt?“ fragte der Fürſt ruhig; „haſt Du alle Beſinnung ſo gar verloren, daß Du keinen Zuſammenhang findeſt, wo er ſo klar am Tage liegt? Stehe auf und komme zu Dir ſelbſt!... Ich rathe Ihnen ganz ruhig eine Taſſe Thee zu trinken.“ Sofort wendete ſich der Sprechende wieder um und ſchritt auf das Bild zu, welches er vorhin ſo aufmerkſam zu betrach⸗ ten geſchienen hatte. Er fing daſſelbe Manveuvre von neuem an. Er hörte, daß hinter ihm jemand aufſtand, ſich Thee eingoß, den Rum dazu ſchüttete und Platz auf einem Stuhle nahm. Sobald er hierüber Gewißheit hatte, drehte er ſich wieder um und ſetzte ſich mit heiterer Miene wieder in ſeinen Lehnſtuhl. Wieder ſchlug er die Beine über einander und un⸗ begreiflicher Weiſe für ſeinen Gaſt that er als wenn gar nichts vorgefallen wäre. „Immer eingeſchenkt! Der Thee iſt gut!“ ſagte er zu dem Staunenden, der heute aus einer Ueberraſchung in die Begebenheiten eines Weltmannes. 169 andre fiel und gar nicht zu ſich kommen konnte; „zünden wir uns eine Cigarre an und plaudern ein wenig.“ Hierauf nahm er ſich eine Cigarre vom Teller, zündete ſie an und hielt den brennenden Fidibus ſammt dem Teller ſeinem Gaſte hin, welcher nun wohl oder übel auch zulangen mußte. Dem letztern ſchwindelte der Kopf, als ſein Geſell⸗ ſchafter mit aller Heiterkeit eines harmloſen Menſchen das un⸗ befangenſte Geſpräch von der Welt eröffnete und dazu die blauen Dampfwolken vor ſich hinblies und ihnen nachſchaute wie ſie in der Luft verſchwanden. Wie ein Blitz in dunkler Nacht war die vorige Seene auf den Jüngling hereingeſtürzt... Der leuchtende Strahl verſchwindet, aber der, welcher ihn geſehen hat, ſteht noch lange danach auf einem und demſelben Orte. Wie ein Träumender ſaß der Jüngling auf ſeinem Stuhle, ließ ſeinen Geſellſchafter reden ohne darauf zu hören und wenn er eine Antwort nicht umgehen konnte, ſo war dieſe gewiß unpaſſend, manchmal ſogar lächerlich. Aber jener lachte nicht, denn auch ſeine Heiterkeit war bloß vorgenommene Maske, welche er mit Mühe vor dem Geſichte feſthielt .. . Freude und Zorn verarbeiteten eine gar wunderliche Miſchung hinter dieſem Vorhange zuſammen, bei der es ihm keineswegs wie Lachen war. Er hatte dem jungen Manne, welcher ihm den Plan ſeiner Rache vollführen helfen ſollte, gewiſſermaßen ein Bild in einem Brennſpiegel vorgehalten .. einen Blick ſollte und 170 Caſanova. mußte jener hineinwerfen .. . dann verſteckte er das Bild wie⸗ der unter den Mantel und die Sache war gemacht. Auf dieſe Weiſe ließ ſich jede undelicate Erörterung vermeiden und doch konnte dem Andern ſo viel Licht gegeben werden, als er, um ſicher zu gehen, gerade nöthig hatte. Caſanova wurde gnädigſt entlaſſen; er wankte die 3 Treppe hinunter und ſuchte ſeine Wohnung; aber den ganzen Tag ſtand ihm das jüngſte Erlebniß in brennenden Farben vor der Seele. Am Morgen beim Auſſtehen, als Conrad in's Zimmer trat, beſann ſich Caſanoba erſt, daß er über ſeinem geſtrigen Abenteuer das Brautpaar gänzlich vergeſſen hatte, welches alles Glück des Lebens von ſeiner Hand erwartete. Er ließ ſich ankleiden und begab ſich ſogleich nach dem Orte, wohin er geſtern Abend die Liebenden beſtellt hatte; es war Conrad Dippel's des Jüngern beſcheidene Wohnung. Er pochte an die bezeichnete Thüre im dritten Geſtock. Niemand wollte antworten. Da er jedoch dieſes Zeichen zum dritten Male und zwar etwas ſtark wiederholte, that ſich die Thüre auf und ein bleiches Mädchen, deſſen Augen vom Weinen ganz geröthet waren, lud ihn ein hereinzukommen. „Da ſeid Ihr ja!“ rief der Ankömmling; „wo iſt denn Dein Mann, liebe Kleine?“ „Spotten Sie noch!“ erwiederte Gretchen Blanche⸗ fleur, denn dieſe; Conrad's Geliebte war es, die heraus⸗ Begebenheiten eines Weltmannes. 171 gekommen war; „Conrad iſt ſeinen Geſchäften nachgegangen... wir haben die ganze Nacht gehofft und geweint und niemand iſt gekommen, um eine tröſtliche Nachricht zu bringen.“ „Kleine Ungeduld, die Du biſt!“ gab ihr der freund⸗ liche Mann zur Antwort, welcher gekommen war, ihr eben jene ſehnlich erwartete Nachricht zu uberbringen; „muß denn alles gleich mit der Secunde ſein? Bildeſt Du Dir denn ein, daß alles nach Deinem Köpfchen gehen muß? Ich ſollte Dich eine Weile warten laſſen, und dieſe Strafe wäre ganz gerecht, aber ich will großmüthig ſein und es nicht thun. So höre denn: Dein ehrſamer Geſpons von geſetzten Jahren, welchen Du nicht haben nochteſt, iſt zurückgetreten; dieſe Großmuth hat auch mich angeſteckt; ich beſorge Deine Ausſtattung und lade mich bei Eurer Hochzeit zu Gaſte. Wann wollt Ihr denn Hochzeit machen?“ „Wann es iſt ...“ ſtotterte die Grröthende, welcher vor Freude der Athem ſtockte. „Je eher deſto lieber, nicht wahr? So meinſt Du es doch eigentlich?“ fragte der Andre boshafter Weiſe fort. „Ich... was nützt das Warten?“ fagte das Mädchen, welches ſein Köpfchen über die eignen Worte erſchrocken nie⸗ derſinken ließ, um nur dem Manne nicht das glühende Antlitz ſehen zu laſſen. „Nun ſo höre,“ ſagte der Letztere; „ich glaube, ich 172 Caſanova. kann es dahin bringen, daß Ihr noch heute getraut werdet. Ich kenne einen Mann, bei dem ich nur ein Wort zu ſagen brauche, ſo iſt die Sache gemacht; wäre Dir es recht, wenn ich von dieſem Umſtande Gebrauch machte, oder ſoll ich's laſſen?“ „Wenn es Conrad zuftieden iſt .. .“ ſtotterte das Mädchen; „ich kann nichts dawider haben .. .“ „Gut, gut, mein Kind; fange Deinen Eheſtand hübſch als gehorſame Frau an; ſo muß es ſein!“ rief der Ueber⸗ bringer der frohen Botſchaft lachend. „Jetzt gehſt Du und ſuchſt Deinen Bräutigam; aber daß Du ihn auch bringſt! Denn wenn das nicht der Fall und die Trauung doch beſtellt wäre, ſo könnte ſich Dein geweſener Bräutigam aus purem blanken Mitleid bewogen finden, ſich der armen Verlaſſenen anzunehmen. Deine Mutter und Deine Freundinnen beſtellſt Du nach Bellevue und ebendahin ſoll Dein Conrad be⸗ ſtellen wen er Luſt hat. Das Uebrige iſt meine Sorge und — hörſt Du? — in zwei Stunden auf's längſte biſt Du wieder hier! Jetzt leb wohl und gehe Deiner Wege!“ Er drückte beim Abſchied der freudezitternden Braut einen Kuß auf die heißen Lippen, den ſie willig duldete, dann wendete er ſich nach der Thür und ließ eine Glückliche zurück. Der erſte Weg, welchen er machte, ging zu einem Lohn⸗ lakai, den er als einen gewandten und zuverläſſigen Mann bei * Begebenheiten eines Weltmannes. 173 mehrern Gelegenheiten hatte kennen lernen. Dieſem wurde der Auftrag ertheilt, daß er für heute Nachmittag Muſiker nach Bellevue, einem wenig beſuchten, obwohl vorzüglich eingerich⸗ teten Vergnügungsort unfern der Stadt, beſorgen ſollte; wei⸗ ter hatte der Mann Vorkehrungen zu treffen, daß hinreichende Schüſſeln und Flaſchen mit entſprechendem Inhalte nicht fehl⸗ ten, mochten ſich nun funßzig Perſonen oder noch einmal ſo viel einfinden. Im voraus erhielt er einen wohlgefüllten Beutel als Abſchlagszahlung; er ſollte die Rechnung ſpäterhin im Ganzen vorlegen, um den vollſtändigen Koſtenbetrag S zahlt zu erhalten. Von hier verfügte ſich der Heirathsſtifter, auf alles be⸗ dacht, in eins der beſtaſſortirten Kleidermagazine, wo er einem Commis den Auftrag gab ſich zur beſtimmten Zeit an dem Orte einzufinden, an welchen er die Braut beſtellt hatte, um einen männlichen und weiblichen Anzug zu überbringen oder, falls dieſer den betreffenden Perſonen nicht paſſen ſollte, die⸗ ſelben mit ſich in die Niederlage zu nehmen, in welcher ſie ſich ausſuchen könnten, was ihnen am meiſten zuſagte. Die Hauptſache war jedoch die Trauung ſelbſt, und jetzt erſt fiel es dem allzu kühn Hoffenden ein, daß er hier wohl auf unbeſiegbare Schwierigkeiten ſtoßen würde, indem ſich die Sache nicht ſo mir nichts dir nichts abmachen ließe. Jedoch ſein Verſprechen hatte er dem Mädchen einmal gegeben und ſo Caſanova. entſchloß er ſich alles zu verſuchen, um doch das ſcheinbar Un⸗ mögliche vielleicht noch möglich zu machen. Der Zufall führte ihm den Kammerherrn von Rouſſil⸗ lon entgegen, denſelben, welcher ihn vor kurzer Zeit auf die erwähnte Weiſe aufgeſucht und zum Fürſten geführt hatte. „Glücklich, glücklich!“ ſprach er bei ſich; „der Zufall ſelbſt ſchlägt ſich in's Mittel!“ Raſchen Schrittes ging er auf jenen los. „Mein Herr,“ redete er ihn an, „wenn Sie nur eine Viertelſtunde für mich übrig haben, ſo würden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie mir dieſelbe widmen wollten.“ „Mit Vergnügen, mit Vergnügen zwei Stunden, wenn es ſein muß!“ erwiederte jener geſchmeichelt; „womit kann ich Ihnen dienen?“ „Die Sache iſt einfach ... mit Ihrem Einfluſſe; Sie ſollen ein gutes Wort einlegen ... Hören Sie! Ein junges Paar wünſcht heute noch, wo möglich in der kürzeſten Friſt, den prieſterlichen Segen zu erhalten; nun aber ſind die übli⸗ chen und unter Umſtänden wohl auch nothwendigen Prälimi⸗ narien nicht in der Ordnung, mit einem Worte, weder der Bräutigam noch die Braut können ihre Papiere augenblicklich zur Stelle ſchaffen. Sie ſind nicht aufgeboten und ſo weiter, kurz es ſoll eine Trauung und Hochzeit ſo recht aus dem Stegreife geben. Späterhin, dafür ſtehe ich mit meinem Begebenheiten eines Weltmannes. 175 Ehrenworte, wird nachgeſchafft werden, was irgend die Ge⸗ ſetze verlangen; es handelt ſich nur darum, daß irgend ein Geiſtlicher dieſem Verſprechen traut und auf dieſes Vertrauen hin die feierliche Handlung verrichtet . . .“ „Aber, mein Herr, welch ein Unterfangen!“ rief der Kammerherr erſtaunt; „wir werden uns vergeblich bemühen und ich werde mich compromittiren. In dieſer Beziehung muß die Kirche ſich nach den weltlichen Geſetzen richten, und wehe dem Diener derſelben, welcher hier aus eigner Machtvollkom⸗ menheit handeln wollte! Bedenken Sie was für eine Unord⸗ nung im Staate werden würde, wenn jeder trauen könnte wen er wollte! Die Leute liefen in die Kirche und träten mit ihrem Trauſcheine in der Hand als Eheleute wieder heraus „ aber ſowie ſie den Fuß über die Kirchthüre ſetzen, treten ſie in's Gebiet des Staates, welcher es nun mit ihnen zu thun hat. Deshalb kann und muß der Staat jeden, welcher ſolch einen Schritt thun will, erſt fragen, wohin willſt Du? und hat das Recht ja oder nein zu ſagen. Kommt aber Einer aus der Kirche, welcher den Geſetzen nicht nachgekommen iſt, ſo kann die Behörde wohl fragen, wo biſt Du geweſen? — Da und da ich habe mich trauen laſſen „. — Aber wir haben nichts davon gewußt und erkennen Eure Verbindung nicht an; den aber, welcher Euch zuſammengegeben hat, wer⸗ den wir in die gebührende Strafe verurtheilen .“ Caſanova. „Aber es gilt ja nur dieſen einen Fall!“ unterbrach Caſanova ungeduldig dieſe Rede, „nur für dieſen Fall will ich eine Ausnahme von der Regel .. . und wenn Sie Ihre Perſon nicht bloßſtellen wollen, ſo bitte ich Sie, mir wenigſtens zu ſagen, an wen ich mich zunächſt wenden muß, um meinen Zweck zu erreichen. ..“ „Dort gleich ſchief über ſehen Sie das Eckhaus, welches ſo alterthümlich gebaut iſt,“ berichtete der Herr von Rouſil⸗ lon den Fragenden; „erkundigen Sie ſich nur nach dem Herrn Doctor, ſo wird man Sie ſchon zu dem kleinen ſchieläugigen Männlein mit dem vielberühmten weißen Halstuche führen. Am Halstuche können Sie ihn erkennen, denn dieſes iſt einzig in ſeiner Art, nicht ſowohl weiß als vielmehr weißgelb, weil nämlich der Herr Doctor eigenſinniger Weiſe bei niemand an⸗ ders als bei der Mutter ſeiner Köchin waſchen läßt, welche die weißen Halstücher nun einmal blaßgelb zu waſchen pflegt.“ Während der Kammerherr dieſe Rede, welcher man die Abſicht zu ſpotten anſah, mit geläufiger Zunge zu Ende ſprach, verbeugte ſich Caſanova ſchon, um Abſchied zu nehmen, denn er hatte keine Zeit zu verlieren. Auf dem Wege nach dem erwähnten Hauſe fragte er ſich bedenklich, wer der Herr Doctor wohl ſein könnte. Das gelb⸗ weiße Halstuch fiel ihm ein — dazu war es ein kleiner ſchiel⸗ äugiger Mann ja, ja, es mußte wohl der Einſammler Begebenbeiten eines Weltmannes. 177 für Miſſionszwecke ſein, denn alles was Ruuſſillon geſagt hatte, paßte auf ihn ſehr gut. Aber welch ein Wiederſehen! Wie ſollte er, der ihm vor wenigen Stunden ſo übel begegnet war, jetzt mit ſeiner Bitte vor ihn hintreten? Was mußte dieſer Mann denken, wenn er das gottloſe Weltkind mit frecher Stirn in ſeine Stube kommen ſah und eine Bitte vorbringen hörte, welche unter den obwaltenden Umſtänden wie der bitterſte Spott herauskam? Seine Schritte wurden langſam und er war einen Augenblick unentſchloſſen, ob er auf dem betretenen Wege vorwärtsgehen oder lieber wieder umkehren ſollte. Ein unſichtbares Etwas zog ihn nach jenem Hauſe, ein andres hielt ihn auf der Stelle feſt und zog ihn nach der entgegengeſetzten Seite. Nach langem Kampfe fühlte er ſich doch vorwärts ge⸗ riſſen. Er trat vor die Thüre des bezeichneten Hauſes, welche geſchloſſen war; noch einen Blick warf er auf die Fronte deſ⸗ ſelben; es ſah gar unheimlich altfränkiſch aus: kleine Fenſter mit eiſernen Gittern, dazu noch von Weinreben dicht über⸗ ſchattet; der Thorſtock von grobem Stein mit wunderlichen Figuren und die Thüre ſelbſt von ſtarken Pfoſten und dunkel⸗ roth angeſtrichen; die übrigen Stellen der Wand beinahe ſchwarz⸗ grau.. nein, hinter dieſer Außenſeite konnten unmöglich Freunde des Lichts und heitern Lebensgenuſſes weilen, und waren ſie es erſt geweſen, gewiß hatte ihre Seele nach und nach die Fär⸗ Caſanova I. 12 178 Caſanova. bung ihres beſtändigen Aufenthaltsortes immer mehr ange⸗ nommen. Er zog die Klingel; es regte ſich nichts. Er wiederholte den Anmeldungsverſuch noch einmal; ebenſo vergeblich. Wie er ungeduldig geworden zum dritten Male in die Klingel riß, ging eine Thüre, und ein Mann, welcher mit näſelnder Stimme einen Bußpſalm ſang, kam die Treppe herunter. Der Außen⸗ ſtehende horchte aufmerkſam; ja wirklich, er glaubte die Stimme zu erkennen; es war die des Einſammlers von Miſſionsgeldern, welchem ſein Eifer für die Ehre Gottes ſo übel bekommen war. Jetzt that ſich die verſchloſſene Thüre auf; der aber, wel⸗ cher von innen geöffnet hatte, trat erſtaunt einen Schritt zurück, ohne jedoch wieder zuzuſchließen; der Ton des frommen Buß⸗ geſanges blieb ihm im Halſe ſtecken und die Augen ſchwollen zuſehends, als wollten ſie jeden Augenblick aus dem Kopfe heraustreten; der weit geöffnete Mund ſtand auf wie die Thüre, welche der Mann in der Hand hielt. „Was ?... Wie ?.. ſtammelte er, den Gegner be⸗ trachtend. „Ich muß mit dem Herrn Doctor ſprechen,“ nahm Ca⸗ ſanova das Wort und überſchritt die Schwelle, ohne ſich an das Benehmen des Andern im geringſten zu kehren. „Sind Sie es, mein Herr?“ fragte er weiter und ſah dem Mann Gottes in das Geſicht mit der demüthig ſtolzen Büßermiene. Begebenheiten eines Weltmannes. 179 „Hebe Dich weg von hier!“ antwortete jener mit hohler Geiſterſtimme; „was haſt Du mit den Heiligen des Herrn zu ſchaffen?“ „Guter Mann, ich komme in Geſchäftsangelegenheiten,“ rief der gottloſe Menſch; „ich habe jetzt keine Zeit zu Poſſen übrig und überhaupt keine Luſt ſolche zu treiben.“ „Der Herr Doctor iſt nicht zu ſprechen,“ entſchied der Andre kurz. „Wie, Mieſching?“ rief gleich darauf eine weibliche Stimme die Treppe herunter; „was ſagt Ihr da? Jetzt iſt ja gerade Sprechſtunde!. . . Ihre Dienerin, mein Herr!“ ſagte die leidlich ſchöne Frau, welche während dieſer Worte die dunkle Steintreppe vollends heruntergekommen war und mit der Fülle ihrer Reize vor den Fremden hintrat; „treten Sie nur näher und bemühen Sie ſich die Treppe hinauf; der Herr Doctor wird Sie bereitwilligſt empfangen. . . “ „Aber für verſtockte Sünder, für Kinder der argen Welt, welche den heiligen Namen Gottes ſchänden ſo oft ſie ihn in den Mund nehmen, iſt der Herr Doctor nicht da!“ rief der Eiferer mit gellender Stimme. „Ich bitte Euch, guter Mieſching, benehmt Euch höf⸗ licher, wenn Ihr anſtändige Leute wie dieſen Herrn vor Euch habt!“ entgegnete die Frau ärgerlich und in befehlendem Tone; „wenn Ihr ſo fortfahrt, werde ich dem Herrn Doctor meine 12* Caſanova. Meldung machen müſſen, und dann wird ſich zeigen wer von uns Beiden Recht hat!“ „Dank, tauſend Dank, meine liebenswürdige Dame!“ ſagte Caſanova, welcher ſogleich merkte wie viel die Glocke geſchlagen hatte, verbindlichſt zu ſeiner Vertheidigerin; „kann ich Ihnen irgendwie gefällig ſein, ſo bin ich zu jedem Gegen⸗ dienſte bereit...“ „O bitte, mein Herr!“ gab dieſe zurück, indem ſie ſich bemühte holdſelig zu erröthen und die Augen verſchämt nie⸗ derſchlug. Ihre Stimme ſtockte... es gelang ihr ſo leidlich die Schüchternheit eines jungen ſiebzehnjährigen Mädchens zu affectiren.“ Da niemand ſprach, nahm Caſanobva das Wort: „Dürfte ich bitten mich anzumelden? Meine Sache hat Eile und iſt von der höchſten Wichtigkeit für zwei Perſonen.“ Der Widerſacher des Sprechenden ſtürzte jetzt als ob ihm der Kopf brennte die Treppe hinauf, um ſeinem Feinde bei dem Doctor zuvorzukommen. Die beiden Andern ſchritten ganz gemächlich auf demſelben Wege nach. „Es iſt der Herr Vetter des Doctors,“ ſagte die Frau zu ihrem Begleiter, den ſie mit jenem wohlgefälligen Seiten⸗ blicke betrachtete, welchen alle Frauen für Männer, die ihren Augen gefallen und ihren Herzen zuſagen, beſtändig in Bereit⸗ — — Begebenheiten eines Weltmannes. 181 ſchaft haben; „es iſt ein garſtiger läſtiger Menſch, mit welchem ich meine wahre Noth habe. ..“ „Wie bedaure ich Sie, Schönſte!“ erwiederte der Lieb⸗ ling der Klagenden; „dieſer häßliche Menſch verdiente mit Hunden aus der Stadt gejagt zu werden, wenn er Ihnen Ihre Stunden verbittert. . .“ „Ach ja, das thut er!“ rief jene mit einem tiefen Seuf⸗ zer; „aber was will ich machen? Ich muß ihn in Geduld er⸗ tragen, obgleich ich dieſe eentnerweiſe nöthig habe. Den gan⸗ zen Tag ſingt er Bußpſalmen oder bläſtt mir die Ohren mit ſeiner Poſaune voll, und ich bin froh wenn er ſeine Büchſe nimmt und für die Heiden einſammeln geht. O dieſer Mie⸗ ſching! Seitdem er im Hauſe iſt. ..“ „So ſuchen Sie ihn zu beſeitigen!“ rieth ihr der Be⸗ gleiter; „klagen Sie Ihre Noth dem Herrn vom Hauſe; ſägen Sie ihm, daß Sie ſterben würden wenn er jenes Ungeheuer nicht entfernte; drohen Sie ihm, daß Sie das Haus verlaſſen würden; bitten Sie ihn mit Thränen in den Augen um die Erfüllung Ihres Wunſches .. er müßte ein Herz von Stein haben, wenn er ſolch einer ſchönen Bittſtellerin ihren ſehnlich⸗ ſten Wunſch abſchlagen wollte! Ich wenigſtens wäre es nicht im Stande, und ſollte mich's ſonſt etwas koſten .. „Ach ja, wer' glauben dürfte!“ lispelte die Schöne in betrübtem Tone; „ſo ſprechen die Männer alle.. .“ Caſanova. „Stellen Sie mich auf die Probe!“ fiel ihr jener in's Wort; „es iſt Sünde, wenn Sie an der aufrichtigen Meinung meines Herzens zweifeln, Schönſte Ihres Geſchlechts! Sünde wenn Sie den Worten keinen Glauben ſchenken, welche ein be⸗ geiſterter Verehrer Ihrer Reize aus ſeiner innerſten Seele ge⸗ ſprochen hat! Sie ſind grauſam, Sie quälen mich. ..“ „Nicht ſo laut!“ rief ſie leiſe und lächelte wie die freund⸗ liche Maienſonne dem feurigen Lobredner in's Geſicht; „dort iſt die Stubenthür. ..“ „Kann ich eintreten?“ fragte jener, welcher nun die Reize ſeiner Führerin mit einem Male vergeſſen hatte; „darf ich bit⸗ ten daß Sie mir öffnen?“ Die Enttäuſchte merkte endlich woran ſie war; ſogleich änderte ſich die Färbung ihres Mienenſpiels; denn während noch einen Augenblick zuvor die hellſte Freude aus ihrem Ge⸗ ſichte geſtrahlt hatte, zogen jetzt große dunkle Wolkenſchatten über dieſen Himmel dahin und das Auge ſprach beredter als alles. „Ja,“ ſagte ſie fremd; „treten Sie ein, mein Herr!“ Sie öffnete die Thüre und zog ſich dann ſtolz zurück. „Mich aus dem Hauſe zu werfen, nachdem man mich ge⸗ ſchlagen und verhöhnt hat!“ hörte der Eintretende ſeinen Wi⸗ derſacher eben zu einem ſonderbar ausſehenden Manne ſagen, welcher auf dem Lehnſtuhle vor dem Arbeitstiſche voll Bücher Begebenheiten eines Weltmannes. 183 und Schriften ſaß; „den Herrn Herrn zu läſtern und dann mit frecher Stirn in die Wohnungen ſeiner Heiligen einzu⸗ dringen Was will Judas der Etzſchelm bei uns?“ „Verzeihen Sie, hochgeehrteſter Herr,“ wendete ſich Ca⸗ ſanova, welcher bei ſolchen Reden that als wäre er taub; „ich wage es eine kurze Viertelſtunde Ihrer koſtbaren Zeit nicht für mich ſondern für Andre, welche ich gern glücklich ſehen möchte, in Anſpruch zu nehmen.“ „Wenn ich helfen kann, ſo ſoll mich dieſe Viertelſtunde nicht dauern, mein Herr!“ erwiederte der Angeredete, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob und auf den Unbekannten zutrat. „Was betrifft Ihr Anſuchen?“ fragte er mit der Kürze des Geſchäftstones. „Die Sache iſt kurz: Ein junges Paar ſteht auf dem Punkte ſich zu verheirathen und möchte den Bund der Herzen gern noch heute durch den prieſterlichen Segen geweiht ſehen.“ „Finde ich ganz in der Ordnung, und ich ſehe nicht wer etwas dawider haben kann,“ rief der Doctor trocken, aber ver⸗ wundert über dieſen Eingang. „Die Schwierigkeit, welche zu heben iſt, kommt nach,“ fuhr der Andre fort; „das Paar muß durchaus ſobald als möglich zuſammengegeben werden, denn mit jeder Stunde der Verzögerung können Hinderniſſe eintreten, welche nach vollzo⸗ gener Verbindung nichts mehr bedeuten würden. Nun aber Caſanova. ſind die nöthigen Präliminarien nicht in der Ordnung, werden jedoch, das verſichre ich auf meine Ehre, nachträglich in Ord⸗ nung gebracht werden, und es kommt nur darauf an, daß Sie, verehrteſter Herr, ein Wort zu unſern Gunſten ſprächen. . .“ „Das iſt eine andre Sache!“ rief der Doctor in ver⸗ ändertem Tone; „rund und rein herausgeſagt, das geht auf keine Weiſe! Sie ſcheinen mir mit der Heiligkeit der Ehe, deren beinahe ſacramentlicher Charakter leider heut zu Tage zu ſehr in den Hintergrund geſtellt wird, ein frevelhaftes Spiel treiben zu wollen. Ja, ja, ich weiß es, wie manche Menſchen über dieſen Punkt denken! Sie laufen zuſammen und wohnen bei einander wie die Thiere; zwingt ſie das Ge⸗ ſetz eines wohlgeordneten chriſtlichen Staates davon Notiz zu nehmen, daß die Verhältniſſe unter den Menſchen durch die Weihe der Religion eine veredeltere Geſtalt erhalten müſſen — nun ſo fügen ſie ſich; ſie laſſen den Geiſtlichen in's Haus rufen und ſich in Nachtmütze und Schlafrock trauen. Einige gute Freunde, welche als Zeugen dienen ſollen, liegen auf dem Sophä oder Feiten verkehrt auf den Stühlen und ſehen die heilige Handlung mit an, als wäre ſie eine leere Poſſen⸗ reißerei. Aber dieſem Unfuge ſoll und muß geſteuert werden — und ich erkläre Ihnen hiermit auf das beſtimmteſte, daß aus dieſer Stegreifhochzeit nun und nimmermehr etwas wird!“ „Dann erkläre ich Ihnen auch auf das beſtimmteſte, daß —— —— Begebenheiten eines Weltmannes. 185 aus dieſer Stegreifhochzeit dennoch etwas wird!“ entgegnete der Abgewieſene zornroth; „ich ſetze es durch, und verſagt uns die Kirche ihren Segen, nun ſo wollen wir's verſuchen, ob es ohne dieſen Segen geht!“ „Werden Sie nicht zu kühn, mein Herr!“ rief der Doctor in ſtrengem verweiſenden Tone. „Es werden ſich Mittel finden laſſen, durch welche man Sie zwingt Ihren frevel⸗ haften Eingriff in die beſtehenden Geſetze zu unterlaſſen, und hiermit, mein Herr, dürfte unſre Unterredung ihr Ende er⸗ reicht haben. Da jede weitere Erörterung zwecklos ſein würde, ſo erſuche ich Sie mich nicht länger zu ſtören.“ „Was ich auf der Stelle bewerkſtelligen werde!“ ant⸗ wortete der weltgewandte Bittſteller und kehrte ſich voll Un⸗ muth und Verachtung um. Er eilte davon, ohne jene Bei⸗ den — Mieſching hatte den ſtummen Zuhörer gemacht — auch nur eines Blickes zu würdigen. Wie er ſpäter erfuhr, war dieſer Doctor der Theologie einer der finſterſten Fanatiker, und doch hatte er bei dieſer Unterredung gar nichts dabon gemerkt, vielmehr war ihm jener Mann vorgekommen wie ein nüchter⸗ ner Geſchäftsmann, der maſchinenmäßig verrichtet was die beſtehenden Geſetze von ihm verlangen. Allein dieſe Erſchei⸗ nung erklärte er ſich leicht: Gerade die glühendſten Schwärmer verbergen ihren finſtern Sinn am meiſten hinter der Maske der Ruhe und Sanftmuth, aber wenn ſie warm werden, wenn Caſanvva. der rechte Zeitpunkt eintritt, dann bricht der ſorgſältig gehütete und verhaltene Feuerſtrom auch deſto unaufhaltſamer hervor. So abgewieſen eilte Caſanova nun das Brautpaar aufzuſuchen. Er fand Gretchen bereits angekleidet bis auf den Kranz, und der Bräutigam hatte ſich ebenfalls in den Staat geworfen, denn der Commis aus der bewußten Handlung, ein gewandter raſcher Menſch, hatte ſich beeilt die Befehle des freigebig zahlenden Beſtellers ſo ſchnell als möglich zu erfüllen. „Mit der Trauung wird nichts!“ rief der Eintretende den Verſammelten zu, „aber laſſen wir uns nicht ſtören!“ Dieſe wenigen Worte machten einen unbeſchreiblichen Ein⸗ druck auf die, welche ſie hörten. „Wie?“ hieß es, „nichts wird? Und doch ſoll Hochzeit ſein? Das geht nicht, geht unmöglich!“ äußerten Gretchens Freundinnen und zögerten ihr das grüne Reis in die Haare zu flechten. „Ich ſage, wir werden uns dadurch nicht ſtören laſſen“ wiederholte Caſanova faſt unmuthig zu dem Mädchen ge⸗ wendet; „kleiden Sie die kleine Frau da ſo ſchnell als mög⸗ lich an; wir wollen die Hochzeit feiern! Was Ihr Euch tau⸗ ſendmal bei allen heiligen Sternen, wenn die Nacht ihre Augen öffnete, zugeſchworen habt, werdet Ihr ja halten können, auch ohne daß Ihr's Euch erſt vor den Altarſtufen in einer finſtern Kirche voll Moderluft wiederholt,“ fuhr er fort, indem er vor die hocherröthende Braut hintrat und ihre Hand faßte. Begebenheiten eines Weltmannes. 187 „Kommen Sie hierher, Dippel!“ wendete er ſich nach dieſem um; „was zögern Sie? Der Brautkranz ſteht bereits als grüne Krone auf dem Haupte Ihrer Frau; kommen Sie her zu uns!“ Dippel näherte ſich zögernd dem Vermittler, dieſer er⸗ griff ſeine zitternde Hand und legte ſie in die Gretchens. „So, gehört einander an für dieſes lange Leben!“ rief er feierlich; „vor dem ewigen Weltgeiſte, der die Liebe iſt und in dieſem Augenblicke wohlgefällig auf uns niederſieht, habt Ihr Euch die Hände gegeben zum ſichtbaren Zeichen für uns und zur bindenden Bekräftigung Eurer Schwüre für Euch; lebt glücklich, bis der Tod Euch auseinander reißt! Helft ein⸗ ander tragen was das Schickſal Euch auferlegt, und theilt die Freuden, welche Euch ein günſtiges Geſchick beſcheert!“ Dieſe wenigen mit paſſendem Ausdruck geſprochenen Worte brachten eine zauberähnliche Wirkung hervor. Die bei⸗ den Liebenden hielten ſich immer noch gefaßt; der, welcher ihre Hände ineinander gelegt und durch die obige Anrede den Bund geweiht hatte, wünſchte ihnen mit einer freundlichen Verbeu⸗ gung Glück; die Andern, als hätten ſie ein Commando ver⸗ nommen, drängten ſich ebenfalls heran und brachten ihre Wünſche vor; es entſtand ein freudiges Durcheinanderdrängen, in deſſen Mitte die beiden Hauptperſonen ganz überraſcht da⸗ ſtanden, ohne zu wiſſen wie ihnen eigentlich geſchehen war. Sie 188 Caſanova. ließen alles gehen wie es ging und ſahen einander an, als glaubten ſie noch gar nicht an die Wahrheit dieſes Traum⸗ bildes. „Wohlan!“ rief jetzt der Stiſter dieſer ungeſetzlichen Ehe, „vor der Untermarktskaſerne ſtehen Wagen bereit; meine Herren und Damen, folgen Sie uns! Wir werden heute in Bellevue ein kleines Feſt haben. Der Letzte zieht den Schlüf⸗ ſel ab und ſteckt ihn zu ſich.“ Nach dieſen Worten nahm er die Braut beim Arme und führte ſie zur Thüre hinaus. Die Uebrigen folgten. Unter lautem Jubel eilte die Geſellſchaft die Treppe hinunter, um ſich an den beſtimmten Platz zu begeben. Unter heiteren Tänzen verlebte das luſtige Völkchen die übrige Zeit des Tages. Die Stunden vergingen raſch, der Feſtgeber ſelbſt war immer mitten unter ſeinen Gäſten und be⸗ lebte deren heitere Laune aus allen Kräften. Während die Geſellſchaft bei Tafel ſaß, wurden im Tanz⸗ ſaale die Lichter angezündet, denn der Abend war bereits her⸗ eingebrochen. Als die Leute in den Saal voll Lichter eintraten, welchen ſie bei der Helle des Tages verlaſſen hatten, waren ſie von der blendenden Lichtfluth, die ihnen entgegenſchlug, über⸗ raſcht; aber an die enteilte Zeit zu denken, fiel keinem Men⸗ Erſt als der Morgen graute, wanderten die ermüdeten * * — . —— —— ———— 3 —— Begebenheiten eines Weltmannes. 189 freudeſatten Gäſte einzeln oder in Gruppen nach der Stadt zurück, um hier einige Stunden zu ſchlafen und dann an die alltäglichen Geſchäfte zu gehen. Am andern Tage war die ganze Stadt von dieſer Neuig⸗ keit voll; man ſprach von nichts weiter als von jener origi⸗ nellen Hochzeit, welche ein ebenſo origineller Fremdling, der jetzt innerhalb der Stadtmauern weilen ſollte, geſtiftet hätte. Die Einen freuten ſich darüber und lachten, die Andern mach⸗ ten grimmige Geſichter über dieſe Verwegenheit, die Meiſten ſprachen darüber wie man über etwas Neues zu ſprechen pflegt, was die Langeweile zu kürzen geeignet iſt. Nur die Frauen, zumal die älteren, welche weniger ſchonen, wollten ſich mit die⸗ ſer Neuerung nicht einbverſtanden erklären; denn dieſe halten es mit der kirchlichen Ehe und mögen von einer Civilehe nichts wiſſen, indem ſie das Band nicht feſt genug bekommen können, welches den Mann geſetzlich an ihre Perſonen kettet, da ſie klug genug ſind, nicht zu ſehr auf die Allgewalt ihrer Reize zu pochen, während eine wahrhafte Schönheit ſich im Bewußt⸗ ſein ihrer Macht leichter über ſolche Nebendinge bei der Liebe hinwegſetzt. S — ₰= ₰ — S S S — — 5 8 — — S S — ₰ 2 S