—— 2 * deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: . für enrüch 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ———— —— auf 1 Monat: 1 Wt. — Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wk. — Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— Erinnerungen einer fungen Frau. Von Engene Sue. Ueberſetzt und eingeleitet von Dr. FScherr. Dreizehntes bis fünſzehntes Bändchen. Ftuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Vuchhandlung. 1845. Viertes Kapitel. Der Priefwechſel. Ungefähr drei Monate nach meiner Ankunft in Paris überbrachte mir Blondeau ein kleines Packet. Ich öffnete es und erblaßte, denn es enthielt — ein Bouquet von denſelben hochrothen Giftblumen, di Herr Lugarto mir einſt überſandt, die Frau von Riche⸗ ville am Todestage des Herrn von Mortagne bekom⸗ men hatte. Was Wunder, daß ſie mir von jener Zeit an ein Symbol dieſes verächtlichen Menſchen wurden! Beigeſchloſſen lag nachſtehender Brief meines Man⸗ nes an einen ſeiner Freunde, deſſen Namen ich nicht erfahren habe, weil der Umſchlag fehlte. Wie Herr Lugarto, der meinem Vermuthen nach nicht in Paris war, den Briefwechſel meines Gemahls auffing, konnte ich nicht wiſſen, doch befremdete es mich nicht ſehr, da ſein ungeheures Vermögen ihn in den Stand ſetzte, überall, ſogar in den Häuſern der Perſonen, die er ins Auge faßte, Spione zu er⸗ kaufen. Der Zweck bei Ueberſendung dieſes Briefes lag offen am Tage. Herr Lugarto, der meine Gleichgül⸗ tigkeit gegen Herrn von Lanery nicht kannte, glaubte, mir durch dieſe Zeilen, welche auf das geheime Trei⸗ ben meines Gatten und Urſulas ein helles Licht war⸗ fen, eine tiefe Wunde zu verſetzen. 8 Obwohl dieſe Abſicht nicht erreicht wurde, mußte der Brief, wie aus dem Inbalt zu erſehen iſt, ſchmerz⸗ liche Gefühle in mir erwecken. Inſofern verfehlte dieſe neue Hinterliſt des Herrn Lugarto ihr Ziel allerdings nicht. Der Brief meines Gemahls lautete: * Herr von Lanery an Paris, Januar 1835. „Ich danke für Ihren Brief, lieber Freund, und beeile mich in der Beantwortung Ihrer Anfragen: „Was wird aus Ihnen werden? Darf ich dem Gerücht, das bis in meine Einöde vordrang, glau⸗ ben? Iſt es wahr, daß Sie der glückliche An⸗ beter der geprieſenſten Dame von ganz Paris ſind, einer Dame, die durch Geiſt und Körperreize die Schmach ihres bürgerlichen Namens einer Ma⸗ dame Secherin in Vergeſſenheit gebracht hat? — Iſt es wahr, daß Fräulein von Maran, die Tante Ihrer Gemahlin, Ihrer Eurydice, ihrem Ruin entgegengeht? daß ſie das Geld zum Fenſter hin⸗ auswirft? daß der Glanz ihrer Feſte, die Pracht ihres Hauſes ganz Paris in Erſtaunen ſetzt, ꝛc. 2c. 2 Wir ſcheint, das heißt ein Bischen ſpät anfangen zu leben. —“ fortzufahren. „Sie gehören zu jenen erprobten Freunden, denen man Alles vertrauen darf, weil ſie Alles verſtehen. Sie haben in der Pariſer Hölle zwei enorme Erb⸗ ſchaften verpufft, drei Gegner im Duell getödtet und eine ſchreckliche Verletzung überlebt, als Sie ſich das Gehirn verbrennen wollten. Jetzt ſind Sie von dieſen Thorheiten, wie Sie's nennen, zurückgekommen und leben als Philoſoph, in tiefes Nachdenken verſunken, in Ihrem alten Schloſſe am äußerſten Ende der Bre⸗ tagne und freuen ſich am Geplätſcher der Meereswogen 9 wider die ſandigen Dünen. Das heißt einen ent⸗ ſchloſſenen Charakter haben und die menſchlichen Schwächen von Grunde aus kennen. Drum werden Sie nicht ſtaunen über die vertraulichen Mittheilungen, die ich Ihnen noch zu machen habe. „Ich bin von ſo einfältigen, neidiſchen Menſchen umgeben, daß ich mich lieber tödten will, als ſie meine Leiden merken laſſen. Das wäre ein Triumph für ſie! Ob Sie, Necker, mich verachten, gilt mir gleich; ich muß endlich einmal meißen Klagen über mein Glück und Unglück, denn auch mein Glück iſt ein Unglück, Luft machen. „Ich hoffe von dieſer Fortſetzung meines Schrei⸗ bens ebenſo viel Erleichterung für mich als von dem Anfange. Auch ſchreiben Sie mir, Sie könnten erſt dann rathen, wenn Sie meine ganze Geſchichte wüßten. So hören Sie denn. „Die Nachricht, daß Urſula in Paris und von Anbetern umſchwärmt ſei, entflammte meine Eiferſucht. Um jeden Preis wollte ich ſie wiedergewinnen, obgleich jener garſtige Brief, der in die Hände Ihres Mannes gefallen war, mir alie Hoffnung zu nehmen ſchien. So verließ ich meine Gemahlin und reiſte von Ma⸗ ran nach Paris. „Ich fand Urſula ſchön, ausgelaſſen, ſpöttiſch und ſtolz, wie immer. Als ich ihr von meinem vergange⸗ nen Glück erzählte, lachte ſie mich aus; doch hielt ich an mich, denn mein Plan war gefaßt. „Fräulein von Maran, die Tante meiner Frau, empfing mich ungemein gütig. Vergeſſen Sie ihren Haß auf Mathilde nicht, ſonſt bleibt Ihnen das Fol⸗ gende unverſtändlich. Ich wußte, daß Urſula einen unbändigen Hang zu Vergnügungen und Luxus habe und dieſem Hange viel aufopfern könne, aber ich wußte auch, daß ſie trotz ihrer Lebhaftigkeit, trotz der Kühnheit ihrer Grundſätze, trotz der Leidenſchaftlichkeit ihres We⸗ Mathilde. v. . 2 5 6 ſens, und vermöge einer ſonderbaren Miſchung von Stolz und Unabhängigkeitsgefühl ſich nie zu gewiſſen Niedrigkeiten hergeben werde. „Es blieb alſo kein anderes Mittel übrig, um mich bei ihr einzuſchmeicheln und ſie zu beherrſchen, ſo weit dies überhaupt möglich war, als ſie in den Stand zu ſetzen, das glänzende Leben, wovon ſie Tag und Nacht träumte, zu verwirklichen, ohne daß ihre im höchſten Grade argwöhniſche Eigenliebe verletzt wurde. „Vergeſſen Sie ferner nicht, daß ich nie das Geld anſah, wenn es die Befriedigung eines noch ſo finn⸗ loſen Wunſches galt; am wenigſten, da ich Urſula liebte und noch liebe mit aller Hitze, aller Wuth einer unerwiderten, gereizten, ſtets ungefättigten Liebe . . . ch hatte alſo folgende Aufgabe zu löſen: mich Urſula unentbehrlich zu machen, indem ich ihr Genuß auf Genuß häufte und ſie mit allem erdenklichen Glanze umgab, ohne ihr Zartgefühl zu verletzen, vor Allem aber ohne der Welt mein Geheimniß zu verrathen. „Die Habſucht des Fräulein von Maran und ihr Haß auf meine Frau, die ſie nicht tief genug kränken konnte, kamen mir nach Wunſch zu ſtatten. Hören Sie wie: „Eines Tages fragte ich Fräulein von Maran in Gegenwart Urſula's, die, wie Sie wiſſen, bei ihr wohnt, wie viel ihr Haus⸗ und Stallweſen u. ſ. w. koſte. — Vierzigtauſend Franken, war die Antwort. — Unmöglich, rief ich aus. Sie ſehen ja Niemand bei ſich und fahren in den abſcheulichſten Wagen. Man beſtiehlt Sie. Mit dieſer Summe will ich Ihr Haus zum glänzendſten in ganz Paris machen, wenn Sie ſich mir anvertrauen und meinem Rathe folgen wollen. „Wie das?“ frayte ſie. „Geben Sie mir vierzigtauſend Franken für das Zahr, und ich beſtreite alle ihre Ausgaben. Sie ſol⸗ len gewiß zufrieden ſein, nur bitte ich mir aus „daß 4 11 Sie einige Monate auf dem Lande zubringen, bis ich die nöthigen Anordnungen in Ihrem Hotel getroffen habe, natürlich mit von den 40,000 Franken. „Urſula ſah mich groß an. Ich wette, ſie ver⸗ ſtand mich, denn ein Lächeln . oh! daß Sie es ein⸗ mal ſähen . belohnte mich für meinen ſinnreichen Einfall. „Jetzt wird Ihnen Alles klar ſein. Urſula ſollte in allen Wonnen und Genüſſen ſchwelgen, während Fräulein von Maran das Geld herzugeben ſchien. Dieſe nahm laut lachend meinen Vorſchlag an. (Ihr Lachen hat immer etwas Falſches.) Vierzehn Tage nach die⸗ ſer Uebereinkunft bezogen Fräulein von Maran und Urſula ein wunderniedliches Häuschen in Auteuil, das ich vorgab von einem, dieſes Aufenthalts müden Eng⸗ länder für einen Spottpreis gemiethet zu haben. Bei vollem Beutel fehlt es mir weder an Witz, noch Ge⸗ ſchmack. „Die Einrichtung dieſes Häuschens in Auteuil ko⸗ ſtete natürlich ungeheure Summen, aber es war in der That eine Feenwohnung. Inzwiſchen wurde an dem Hotel in Paris rüſtig fortgearbeitet. Zuerſt ſchaffte ich neue Equipagen an, die hübſcheſten der Hauptſtadt. Da Urſula gern ritt, beſtimmte ich Fräulein von Ma⸗ ran, ein leerſtehendes Zimmer ihres Hauſes an mei⸗ nen Onkel, den Herzog von Verſac, der durch die Juli⸗ revolution gänzlich herunter gekommen war, abzutre⸗ ten. So diente er Urſula als Begleiter auf ihren ritterlichen Ausflügen und führte ſie in Geſellſchaft, wenn Fräulein von Maran verhindert war, zu er⸗ ſcheinen. „Dank meiner Thätigkeit, war das Hotel ſchon Anfangs Winter in einen wahren Palaſt verwandelt. Das Erdgeſchoß mit ſeinen prachtvollen Sälen diente nur zum Empfange. Urſula's Gemach, das Allerhei⸗ ligſte meiner Zauberſchöpfung, war ein Wunder von Lurus und Eleganz; die ſeltenſten Mobilien, das werth⸗ vollſte Porcellan, die reichſten Farben, die beſten Ge⸗ mälde der beſten Meiſter! Zeder, der Fräulein von Maran kannte, mußte glauben, ſie ſei von Sinnen ge⸗ kommen; denn all die enorme Verſchwendung wurde ihr Schuld gegeben. Sie ließ die Leute bei dem Glau⸗ ben, und mehr noch ich; aus tauſend Gründen, wie Sie wiſſen. „Während des Winters gab Fräulein von Maran glänzende Bälle, in der Faſtenzeit treffliche Concerte, und im Frühlinge Soiréen im Freien in ihrem ſehr geräumigen Garten, einem wahren Paradieſe. „Das Hotel Maran wurde das angenehmſte, mo⸗ diſchſte, gefeiertſte Haus in Paris. Außerdem hatte Fräulein von Maran ihre Loge in der Oper und im italiäni⸗ ſchen Theater. Alles das vermittelſt der erwähnten vier⸗ zigtauſend Franken für's Jahr! „Als ich ihr am Ende des erſten Jahres Rechnung ablegte, ſchlug ſie ein helles Gelächter auf, erklärte mich für einen Zauberer und bat, ich möchte ihr Haus⸗ hofmeiſter bleiben. Mehr als zehntauſend Louisd'or hatte mich dieſe Ehre gekoſtet. Wie natürlich, war Ur⸗ ſula die Königin dieſer Feſte, die für ſie und faſt von ihr gegeben wurden, denn ſie machte die Honneurs mit unbeſchreiblicher Anmuth und hoher Würde. Auch legte ſie in den Concerten des Hotels Maran ein ſeltenes Talent für Muſik an den Tag. Bald redete man nur von ihr, von ihrem glänzenden und kühnen Geiſte, von ihrem muntern, ſpöttiſchen Witze, namentlich von ihrer reizenden Koketterie, die mich wahrhaft folterte und die ganze Wuth der Eiferſucht in mir weckte. „Auch Fräulein von Maran erfuhr den Einfluß dieſer verführeriſchen Frau, denn ſie bezauberte Alles, was in ihre Nähe kam. Immer ſich ſelbſt gleich, an⸗ ſpruchslos, ſchmeichelhaft, einnehmend, den Weibern ge⸗ genüber war ſie gegen die Männer bald die Wärme, bald die Kälte ſelbſt. So galt ſie denn zuletzt für 13 ein lebendes Räthſel, und durfte ungeſtraft Alles thun, Alles wagen. „Seltſamer Widerſpruch! Sie, die ohne Beden⸗ ken all die Herrlichkeiten genoß, womit ich ſie Namens des Fräuleins von Maran überſchüttete, behandelte mich mit äußerſter Härte, mit empörendſter Verachtung, weil ich ihr zum Namenstage einige Kleinodien verehren wollte. . „Bei ruhigem Nachdenken, wundert mich dies Be⸗ nehmen nicht. Urſula iſt voll Takt. Man weiß, daß ſie arm iſt, der geringſte perſönliche Luxus hätte ſie kompromittirt. So hat ſie ſich ihre eigene Mode, eben ſo einfach als elegant, geſchaffen. Ihr Hals iſt ſo reitzend, ihre Arme ſo friſch, ſo weiß und rund, daß ſie eben aus Koketterie Hals und Armbänder ver⸗ ſchmäht. „Abends trägt ſie ein höchſt geſchmackvolles Kleid, von ſchneeweißem Flor, eine friſche Blume im ſchönen Haar und ein gleiches Bonquet am Mieder. Das iſt all ihr Schmuck. Morgens ein äußerſt einfaches Kleid mit langem Kragen, darüber einen großen Kaſchmir⸗ ſpawl. Sie begreifen, daß die ſechszigtauſend Franken Mitgift eine Ewigteit ausreichen müſſen“ „Inmitten der Pracht, die ſie umgibt, lebt ſie ſo ſtolz und glücklich, als wäre ſie Herrin im Hauſe. Der wunderlichen Frau iſt es weniger um den Beſitz, als um den Genuß des Lurus zu thun. Gewiß würden Sie mir in dieſer parador klingenden Behauptung Recht geben, wenn ſie Urſula kennten. „Trotz dem Allem bin ich oft nicht glücklich. Ich weiß, daß ich ihr unentbehrlich geworden bin; ich weiß, daß ſie nur ſchwer der Herrſchaft, die ſie über mich ibt, entſagen würde. .. . . Aber was für eine Herr⸗ chaft iſt das! „Nach ihrem Briefe an mich, der von ihrem Ge⸗ mahl aufgefangen wurde, hätte ſie bei unſerer erſten Zuſammenkunft verlegen ſein ſollen. Nichts weniger „ 14 als das. Ich, den Sie den liebenswürdigen Wüſtling zu nennen pflegen, war's viel mehr, als ſie, und das nähme Sie nicht Wunder, wüßten Sie, wie eiſern ihr Charakter, wie geſchmeidig, kühn und über⸗ legen ihr Geiſt iſt. „Iſt das wahr, was Sie in jenem Briefe ſchrie⸗ ben? fragte ich ſie bitter. „Ha, ha, ha! lachte ſie mich an, denn ſie lacht immerfort. . . Gehören Sie zu jenen Blinden, die Ge⸗ genwart und Vergangenheit verwechſeln? Heute kann wahr ſein, was geſtern falſch war, und heute falſch, was geſtern wahr. Denken Sie nicht mehr an jene Zeilen, die unter ganz andern Verhäliniſſen geſchrieben wurden. Lieben Sie mich wirklich, nun gut, ſo ma⸗ chen Sie, daß ich Sie wieder liebe oder doch ſo ſcheine. Mich zu einer erdichteten Gegenliebe zwingen, iſt noch ſchmeichelhafter für Sie, als mich zum Geſtänd⸗ niß wahrer Liebe bringen. Letztere ſchmeichelt Ihrem Herzen, erſtere Ihrem Stolze. Jedenfalls iſt Ihre Rolle ſchön genug, wie ich hoffe. „Was antworten auf ſolche Paradoren, ſolches Geſchwätz, in Ihr Ohr gelispelt von einem Korallen⸗ munde mit Perlenzähnen und friſchen, üppigen, purpur⸗ rothen Lippen, die ſeit kurzem ein leichter Schatten ſam⸗ metweichen, dunkeln Flaumes umſpielt . und da⸗ bei dieſer Blick, ſo tief, ſo glühend, ſo wollüſtig! . . . . . O, daß Sie den Zauber dieſer beiden großen, blauen Augen kennten, die unter ihren langen Wimpern und ſchoön gewölbten Brauen hervor bald die Leivenſchaft bis ins tiefſte Herz ſchleudern, bald durch höhniſche Verachtung es gefrieren machen. Nein, nein! Rirgends finden ſich ſolche Augen wieder! „Ich bebte vor keinem Opfer zurück. Seit jener Zeit lebte ich in beſtändigem Fieber, denn das Weib iſt unbegreiflich, unerforſchlich. Noch jetzt weiß ich nicht, was ich ihr bin. * „Bald ſcheint es, als fühle ſie eine unwiderſtehliche 15 Liebe für mich, der ſie ſich oft wie in zärtlichem Un⸗ willen hingibt. O, was ſie dann iſt, dieſe Trunken⸗ heit, dieſe gränzenloſe Hingabe läßt ſich nicht beſchrei⸗ ben, noch weniger die Glut des Verlangens malen, wenn ſie unter den ſüßeſten, leidenſchaftlichſten Schwü⸗ ren dem Genuſſe der Liebe unterliegt! „Beim bloßen Gedanken daran klopft mir das Herz, kocht mein Blut, brennen meine Wangen! Und doch dauert das Verhältniß länger als zwei Jahre; doch bin ich von ihrer Untreue lebhaft überzeugt; doch habe ich kaum einen Monat dies Glück vollſtändig ge⸗ noſſen, denn in jedem Augenblicke entfliehtmir dies luftige Geſchöpf, lacht mich aus, verſtößt mich aus dem Himmel in die Hölle der qualvollſten Zweifel, die ſie morgen weglächelt und wegküßt. . . .. „Wüßten Sie nur, was es heißt, ſo zwiſchen Hoff⸗ nung und Verzweiflung, Wonne und Thränen, Zorn und Liebe, Mißtrauen und blindem Glauben ſchweben! Mit dämoniſcher Kunſt bereitet ſie langſam den Necktar, der mich berauſcht! Ich bin wie ein Unglücklicher, der ver⸗ dürſtet und deſſen welke Lippen jede Stunde nur ein Tropfen kühlen und kryſtallhellen Waſſers netzt.. . . „Heißt das nicht, ſeinen Durſt noch mehr reizen, ihn noch mehr guälen? Möchte man nicht vor Wuth ſterben!. . . . Ganz ſo iſt mein Leben langſam verzehrt von Liebe. . . Urſula gibt nie genug, meine Leidenſchaft zu ſättigen, aber immer genug, ſie zu rei⸗ zen, um dadurch ihre Herrſchaft über mich noch des⸗ potiſcher zu machen. „Oh, die Hölliſche! . ... Sie weiß, daß wer Viel hat, immer mehr will, und daß ein ungeſättigtes Ver⸗ langen ewig lebt. „Dies das Geheimniß meiner Schwäche, meiner Feigheit, meiner Schmach; aber auch meiner wahn⸗ ſinnigen, raſenden Luſt und Wonne, wenn Urſula den höhniſchen Teufel auszieht und ſich mir als Weib zeigt. „Bald weiß ſie mir einzureden, oder richtiger; ich 16 thue es ſelbſt, daß ſie, trotz ihrer tollen Laune, mich glühend liebe; daß ihr wunderliches Weſen mich über ihre Liebe zu mir täuſchen ſolle, weil ihr Stolz ſich ge⸗ kränkt fühlt. Bald ſcheint es mir, als erheuchele ſie Untreue und Verachtung, um ſich länger den Beſitz mei⸗ nes Herzens zu ſichern, wohlwiſſend, daß die Unruhe über die Aufrichtigkeit der Gegenliebe die Gefahr des Ueberdruſſes fern hält. In ſolchen Augenblicken iſt mir das ein Beweis heftiger Leidenſchaft, was in andern mich erzürnt und empört. „Endlich, in den Tagen des Argwohns, ſtelle ich mir vor, ſie liebe mich nicht, ſie dulde mich blos, weil ich ihren Neigungen und ihrem Geſchmack zu ſchmeicheln weiß. „Iſt das nicht fürchterlich? Oh! die Elende! Sie weiß recht gut, daß ſie ſo lange mich beherrſcht, als ſie mich durch Zweifel guält! „Auf die Keberzeugung, ſo innig, ſo einfältig von Urſula geliebt zu ſein, wie ich von meiner Frau und vielen Andern geliebt worden bin, würden ſchnell Gleich⸗ gültigkeit und Widerwille fen und auf die Ueberzeugung hin, nichts als die Zielſcheibe Ihres un⸗ verſchämten Witzes zu ſein, würde ich ſie ohne Anſtand und Angenblicks verlaſſen. Aber Tod und Hölle! Dieſe Mitte iſt mir ein Räthſel! Was halten Sie davon? Und doch kann kein Fremder darüber urtheilen. Was ich nicht vermag, vermögen Sie noch viel weniger. „Auch der Kampf zwiſchen meinem Stolze und mei⸗ ner Eigenliebe iſt ein ſchmerzlicher für mich. Sorg⸗ fältig meidet Fräulein von Maran jeden Schein, als begünſtige ſie einen ſträflichen Umgang zwiſchen uns. Ich habe ein dem Herrn von Rochegune abgekauftes Haus wieder verkauft, und wohne jetzt ziemlich in der Nähe des Hotels Maran. In Auteuil habe ich ein Abſteigequartier, doch wechſeln wir nur die gewöhnli⸗ chen Höflichkeiten. Vor den Augen der Welt bin ich nicht mehr und nicht weniger, als Zeder aus dem 4 — — — *— 17 Schwarm ihrer Anbeter, ſo daß ich oft gefragt wurde, ob ich glücklich ſei oder nicht. „Bald ärgere ich mich, daß ein ſo theuer erkauf⸗ tes Glück ein Geheimniß bleibt, und in jugendli⸗ chem Uebermuth wünſche ich oft, Urſula bloszuſtellen. Dann fürchte ich wieder Betrug und Gelächter, weß⸗ halb ich die öffentliche Meinung irre führe, indem ich ſelbſt meine Nebenbuhler nenne. 3 „Und dann die Ungewißheit, ob Urſula mir treu iſt oder nicht, peinigt mich furchtbar. Ich habe ſie be⸗ öbachten laſſen, ohne daß man Etwas entdeckt hat. Doch das beruhigt mich nicht, denn ſie hat es vielleicht gemerkt. Ich glaube mehr an ihre Schlauheit, als an ihre Tugend. „Noch ein anderer Fluch einer ſo unmännlichen, verzehrenden Liebe iſt der, daß alle die niedrigen, ſchlechten Handlungen, die wir im Dienſte dieſes Götzen begangen haben, eben ſo viele Bande ſind, die uns unauflöslich an ihn feſſeln. Dann und wann erzürnt es mich, daß Urſula für alles Böſe, das ich gethan habe und thue, für die Thränen, die ich erpreſſe, mich nicht hinreichend entſchädigt; denn das Geld, womit ich um mich werfe, gehört meinem verlaſſenen, unglück⸗ lichen Weibe . . . . . Dergleichen Rührungen vergehen eben ſo ſchnell, wie ſie kommen; ich habe an eigenen Schmerzen genug, um gegen fremde gleichgültig zu ſein; und es iſt ja nur eine Geldfrage. Den Werth des Geldes habe ich nie zu ſchätzen gewußt, nicht wahr? . Aber wie wird es, wenn mein Vermögen aufge⸗ zehrt iſt? Der Gedanke erſchreckt mich am meiſten. Wird Urſula ſich in ein minder glanzvolles Leben im Hauſe des Fräuleins von Maran finden können? Dieſe altert, und um Richts in der Welt würde ſie ſich von Urſula trennen. Doch was ſoll aus mir werden .. aus mir? 6 „Um dieſe trüben Gedanken zu bannen, will ich Ihnen einen Beweis geben, wie unermüdlich ich befliſ⸗ 18 ſen bin, die tollſten Einfälle dieſes Weibes zu befrie⸗ digen. „Noch vor zwei Monaten ſchmollte ſie mit mir, und nie bin ich unglücklicher, d. h. verliebter, geweſen. Hören Sie, warum. Auf Urſula's Wunſch war im Ho⸗ kel Maran ein Theater wie hingezaubert worden. Sie ſelbſt hatte in der Rolle der Celimene im Miſan⸗ thropen ein unglaubliches Talent für die Bühne be⸗ zeugt. Plötzlich fiel es ihr ein, — ſie bewegt ſich in ewigen Widerſprüchen, — nun auch eine Rolle der Mademoiſelle Dejazet in einem kleinen, ſehr ſchlüpfri⸗ en Stücke zu ſpielen. Schon in ſie vernarrt, konnte ich's nicht mehr werden! „Alle waren außer ſich vor Staunen. Selbſt die blindeſten Verehrer der Madem. Mars mußten zugeben, daß nach ihr Niemand die Celimene mit ſo viel An⸗ nnnuth, Freiheit, Geiſt, namentlich mit ſo viel Würde, geſpielt habe. In deni zweiten Stücke machte ſie, min⸗ deſtens geſagt, der Madem. Depazet den Ruhm der erſten Künſtlerin in ſchalkhaften, zügellos⸗koketten Rol⸗ len ſtreitig. Nie hatte man erlebt, daß eine und die⸗ ſelbe Dame in zwei ſo ganz verſchiedenen Rollen mit gleich großem Beifall auftrat. „Hingeriſſen von Stolz und Liebe, ſtimmte ich in das Lob der Menge ein. Wiſſen Sie, was ſie mit ihrer bekannten Keckheit erwiderte? Wenn eine Weltdame Komödie ſpielt, hat ihr Liebhaber am wenigſten Urſache, ſich über ihr komiſches Talent zu freuen.“ — „Dann grollte ſie zwei Tage lang, und ſcharmirte indeß mit Lord C, einem ebenſo liebenswürdigen, als gefeierten Herrn, auf die anſtößigſte Weiſe. „Dießmal war ich nahe daran, mit Urſula zu brechen. Aber eine Laune dieſes ſeltſamen Weſens, die mich abermals ungeheure Summen koſtete, ſöhnte mich wieder mit ihr aus und kettete mich feſter als je an ihren Triumphwagen. — — 9 „Sie müſſen wiſſen, daß ich inmitten des zum Hotel Maran gehörigen Gartens eine große Schwei⸗ zerhütte hatte aufführen laſſen, die im Frühling als Tanzſal diente. Inwendig waren die Mauern mit Tannen ⸗Nadeln bedeckt und mit blaßgrünem Holze in Geſtalt von Weinſtockguirlanden geſchmückt. „Nachdenklich und finſter treke ich ein, und finde Urſula, Fräulein von Maran und Lord Cs** in der Hütte. Mitten im Geſpräche ruft Urſula, auf die Mauern des Pavillons deutend, aus: Mein Gott! Wären alle Wände mit natürlichen Blumen ausgelegt, wie zauberiſch müßte das ſein! Schade, daß es ein Traum bleibt! „Lord C** und Fräulein von Maran meinten, das laſſe ſich unmöglich thun. Urſula warf mir einen jener Blicke zu, deren Wirkung auf mich ſie kannte, und ſprach dann von etwas Anderem. Ich verſtand ſie. „Den andern Tag waren die innern Mauern des Pavillons unter einer Hülle natürlicher Blumen ver⸗ ſchwunden. Eng gezogene Binſengitter mit Jasmin, weißen Nelken und Roſen, verdeckten den ganzen Hin⸗ tergrund, ſo daß das Auge Nichts, als eine blendende Schneeweiße gewahrte, worauf große Bouquets bunt⸗ farbiger Roſen regelmäßig vertheilt und mit langflat⸗ ternden, himmelblauen Atlasbändern befeſtigt waren, wie auf gemalten Tapeten. „Sie glauben nicht, wie viel Geld und Mühe es koſtet, in vier und zwanzig Stunden dieſe ungeheure Maſſe Blumen aufzutreiben, die ein Getäfel von viel⸗ leicht hundert Quadratfuß erforderte. „Urſula geruhte, ſich für dieſe Aufmerkſamkeit erkenntlich zu beweiſen, und mir die Qualen, die ſie doch ſelbſt verurſacht, zu verzeihen. So war ich denn wieder der Glücklichſte unter den Sterblichen“ „Ein anderes Mal, in Auteuil, an einem ſchönen, mondhellen Abende, kam das Geſpräch auf eine neue, damals ſehr beliebte, komiſche Oper von Auber, deren 20 Gedankenreichthum und Harmonie allgemein geprieſen wurde. — „Schade,“ ruft Urſula, und ſieht mich an, „Schade, daß das Lüfichen, das in den Bäumen des Gartens ſpielt, uns die ſchöne Muſik von Paris nicht mitbringt.“ — Es war zehn Uhr. Ich gehe auf einen Augen⸗ blick hinaus und kehre dand in's Zimmer zurück. Es gelingt mir, die beiden Damen bis gegen Mitternacht aufzuhalten. Plötzlich hört man in der Ferne dieſelbe Quverture mit voller Orcheſterbegleitung, nach Urſula's Wunſche, wie mitgebracht vom Lüftchen, das in den Bäumen des Gartens ſpielte. „Sie fragen, wie das möglich ward? So. Nicht ſo bald hatte ürſula dieſen Wunſch geäußert, als zwei meiner Leute ſich ſchon auf dem Wege nach Paris be⸗ fanden, wo ſie in zwanzig Minuten eintrafen. Der Eine beſtellte den Chef des Orcheſters mit ſeinen Inſtru⸗ mentiſten nach Auteuil, der Andere beſorgte die nöthi⸗ gen Miethwagen mit Poſtpferden, um die Muſiker nebſt ihren Inſtrumenten vom Theater aus ſchnell an Ort und Stelle zu ſchaffen. Die Oper war oft genug ge⸗ geben, ſo daß ſie ohne Noten geſpielt werden konnte. Um eilf Uhr war das Theater aus. Eine Stunde ſpäter befand ſich das ganze Orcheſter in Auteuil, in einem Gehölze des Gartens. Urſula hatte ihren Willen. „Dießmal erntete ich kaum einen Dank. Sie war an dergleichen Ueberraſchungen ſchon ſo gewöhnt, daß ſie allen Geſchmack an den Wundern, die ich mit Hülfe des Geldes wirkte, längſt verloren hatte. „Erbittert durch ſo viel Unverſchämtheit, Undank und Härte, wagte ich es, ihr Vorwürfe zu machen, ihr von den mannigfachen Opfern, die ſie mich geko⸗ ſtet, zu reden; von meiner Frau, die ich ihrerwegen verlaſſen; von Mathildens Vermögen, das ich ihr zu lieb verſchwendet. Mit eiſigem Stolze, mit zermal⸗ mender Verachtung im Geſichte, fraste ſie, was dieſe Worte zu bedeuten hätten, ob ich geſchmacklos genug — ——— — ——— 2 ſei, ihr eine Serenade oder ein Bouguet (Anſpie⸗ lungen auf das Ereigniß in der Schweizerhütte und im Garten von Auteuil) zu verübeln. Hinſichtlich der andern Opfer verſtehe ſie mich nicht im Geringſten. Fräulein von Maran, die ſich ohne Geſellſchaft lang⸗ weile, habe ihr, Urfula, die vereinzelt dageſtanden, eine Wohnung in ihrem Hotel und die Mitſorge für die Unterhaltung ihrer Gäſte angetragen. Es verdiene zwar meine Oekonomie, rückſichtlich des Hausweſens, alle Anerkennung, aber ſie, Urſula, begreife nicht, wie ſie mir deßhalb perſönlich verpflichtet ſein könne. Habe ſie nicht das Geſchmeide, das ich ihr einſt verehren wollte, mit Entrüſtung zurückgewieſen? „Alles wahr. In (wigem Widerſpruche mit ſich ſelbſt, ſchlägt ſie einen Diamant aus; trägt aber kein Bedenken, die Honneurs eines Hauſes zu machen, deſſen ungeheuren Aufwand ich insgeheim beſtreite, um mich ſchadenfroh in die ſinn⸗ und nutzloſeſte Verſchwen⸗ dung zu ſtürzen. „Und als ich ſie in höchſter Erbitterung über ihr Benehmen gegen mich einen köſen Genius nenne, lacht ſie mir ſchnöde in's Geſicht: Hab' ich Sie nicht immer vor mir gewarnt, wenn ich Ihnen anders als mit Gleichgültigkeit oder Verachtung zu begegnen ſcheine, weil es mir noch in den Sinn kommen könne, Ma⸗ thilde zu rächen? Die Warnung iſt Wirklichkeit ge⸗ worden; ich räche Mathilde. „Ein zärtliches Wort von ihr am folgenden Tage ließ mich nochmals ihre Verachtung vergeſſen . . „Halt, Freund! Der Liebeswahnſinn, der ſo oft im Leben vorkommt, erklärt mein räthſelhaftes Beneh⸗ men nicht! Ich mag wollen oder nicht, ich muß am Ende an Hexerei glauben... Ja, gewiß, das Weib hat mich behert! „O! Ihre Freude hat ſo was Düſtres! Ihre Nähe, ihr ganzes Weſen ſo was Unheimliches!! „Fräulein von Maran ſagte mir oft: Ich habe 27 mich nie an wen gebunden, nie hat mich was be⸗ herrſcht; aber ohne dieſe junge Frau kann ich nicht leben. Ich kenne ihre teufliſche Bosheit, dennoch ſcheint es mir, als erleuchte das Feuer ihrer großen blauen Augen Alles um mich her.“ Und Fräulein von Maran hat Recht. Ihre Augen ſtralen in ungewöhnlichem Glanze; es iſt, als borgten ſie ihr Licht.. Kein Wort weiter! Sie lachen mich ſonſt aus, als glaubte ich an Teufel und Hererei.. .. „Adieu. Ich weiß nicht, wo mein Kopf ſteht. Der Rückblick auf die letzten Jahre meines Lebens wirkt auf mich, wie ein ſchwerer Traum. „Was denken Sie von dem Allem? Antworten, rathen Sie mir, beklagen Sie Ihren G. de Lanery.“ Fünftes Kapitel. Pie Vegegnung. unwille, Mitleid und Verachtung wechſelten in mir nach Leſung dieſes Briefes. Ich wußte ſelbſt nicht, welches Gefühl überwog. Hätte ich noch Schmerz über die Vergangenheit oder Haß wider meinen Gemahl empfunden, ſo wäre ich entweder furchtbar gerächt oder auf's Tiefſte betrübt worden. Doch konnte ich mich eines bittern Lächelns nicht erwehren bei'm Gedanken an die Opfer, die mein Gemahl einer Frau brachte, welche ihn verachtete, während er mich mit äußerſter Härte behandelt hatte, als ich ihn einſt bat, die Hundeſtälle in weitere Ent⸗ —— 23 fernung vom Hauſe zu verlegen, und mir eine mäßige Summe für ein Werk chriſtlicher Liebe zu bewilligen. Ebenſo ſehr erſchütterte mich der Aberglaube, der in den Schlußzeilen des Briefes durchblickte. Ein Menſch von böſem Herzen und ſtolzem Geiſte iſt immer geneigt, ſeine Ausſchweifungen oder Verbrechen dem Verhängniß, einer übernatürlichen Urſache Schuld zu geben, ſtatt die Quelle derſelben in ſich ſelbſt, in ſei⸗ ner verkehrten Natur zu ſuchen. Und welche Veränderung mit Herrn von Lanery! Einſt ſo glänzend, ſo übermüthig in ſeinem Glücke, ſo gefühllos gegen die ſelbſtverurſachten Leiden Anderer, ſo kalt⸗egviſtiſch, ſo gleichgültig gegen alle Huldigun⸗ gen, ließ er ſich von dieſem Weibe an der Naſe herum⸗ führen und auslachen, wie ein alter Vormund im Luſtſpiel von einer jungen neckiſchen Schönen. Und doch war er jung, ſchön, reich und geiſtvoll. In der That, ſagte ich mir, die Rache des Himmels ereilt Jeden auf ſeine Weiſe. Wie wird ſie dich treffen, Urſula? Es war mir gewiß, daß Herr von Lanery mit Rieſenſchritten ſeinem Verderben zueile. Nichts blieb ihm, als das aus dem Verkauf von Maran gelöſte Geld, denn auch die Erbſchaft von Herrn von Mor⸗ tagne, ſo weit ſie ihm mitgehörte, war ſchon verzehrt. Bei aller Werthloſigkeit des Geldes für mich, nament⸗ lich ſeit dem Tode meines Kindes, kränkte es mich doch tief, daß mein perſönliches Vermögen zur Beſtrei⸗ tung des Luxus im Hauſe des Fräuleins von Maran und zur Befriedigung all der unſinnigen Launen mei⸗ ner Couſine dienen mußte. Leider war ich durch einen Ehekontrakt ſo gebun⸗ den, daß ich gegen die thörichte Verſchwendung meines Gemahls Nichts thun konnte, als gerichtliche Klage er⸗ heben oder auf Scheidung antragen. Aber um keinen Preis der Welt hätte ich mich der Gefahr ausgeſetzt, vor den Augen der Menſchen die zarten Geheimniſſe M meiner Bruſt bloszuſtellen. Je tiefer der Schmerz, um ſo mehr flieht er die Oeffentlichkeit. Kaum ver⸗ mochte ich's über mich, der Frau von Richeville mei⸗ nen Kummer mitzutheilen, und ich ſollte Tauſende in mein Leiden einweihen? So fügte ich mich denn in das Unabänderliche, was mir durch die Einfachheit meiner Lebensweiſe un⸗ gemein eultichtert burde. Frau von Richeville hatte recht prophezeit. Ihrer mütterlichen Sorgfalt und Freundſchaft, dem Wohl⸗ wollen der Perſonen, die ich oft bei ihr ſah, gelang es bald, meine alte Traurigkeit bis auf die letzte Spur zu verwiſchen. Ich genoß endlich jener heitern, ſelbſtbewußten Ruhe, die zwar nicht das Glück ſelbſt iſt, doch wenigſtens in dem Sichfreifühlen von allen und jeden Seelenleiden beſtehet. Dieſer Uebergangszuſtand ſchien mir äußerſt rei⸗ zend; er hatte viel Aehnlichkeit mit jener leichten, ſüßen Betäubung, mit jenem allgemeinen, unbeſtreitbaren Wohlbefinden, die auf lange und ſchmerzliche Krank⸗ heiten folgen. pei 3 Zufall bewies mir, daß ich vollkommen ge⸗ eilt ſei. Eines Tages fuhren wir Beide, Frau von Riche⸗ ville und ich, im Boulogner Wäldchen ſpazieren. Plötz⸗ lich jagten zwei Damen zu Pferde, von mehreren Herren begleitet, an uns vorüber. Es waren Urſula, die Fürſtin Kſernika, der Herzog von Verſac, Herr von Lanery, Lord C* und zwei oder drei andere Perſonen, deren Namen ich nicht wußte. Meine Couſine tummelte mit gewohnter Anmuth und Kühnheit Stella, die uns gehört hatte. Unſer Wagen fuhr Schritt, ſo daß Urſula und mein Gemahl mich recht gut erkannten. Spöttiſchen Blickes wies Urſula Herrn von Lanery auf mich hin. Dieſer wurde über und über roth und that, als bemerke er mich nicht. — † Im Fluge waren ſie vorbei. Aengſtlich beſorgt ſah Frau von Richeville mich an. Mein Herz pochte furchtbar, aber nur für einen Augenblick. Auf dem Rückwege nach Paris begegneten wir Urſula, der Fürſtin Kſernika und dem Herzog Verſac in einer wunderhübſchen Kaleſche mit Vieren. Die Dienerſchaft trug die Livree des Fräuleins von Maran. Gleich darauf folgte Herr von Lanery in einem Til⸗ bury. Nochmals blickte Frau von Richeville mich an.. . Ich lächelte. 3 „Gottlob! rief ſie aus, Sie ſind vollſtändig geheilt!“ Es war an einem Dienſtag wenn ich nicht irre. Abends ging ich mit Frau von Richeville in's italiäniſche Theater. Letztere hatte dem Fürſten und der Fürſtin von Heéricvurt einen Platz in ihrer Loge angetragen. Kaum hatten wir uns niedergelaſſen, als Urſula und Fräulein von Maran in Be eitung des Herzogs von Verſae in einer Loge deſſelben Ran⸗ ges erſchienen. Auf meine inſtändige Bitten hatte Frau von Riche⸗ ville den vorderen Platz neben der Fürſtin von Heri⸗ cvurt eingenommen, ſo daß ich im Schatten ſaß und Alles ſah, ohne geſehen zu werden. Urſula konnte nicht einfacher gekleidet ſein; ſie trug ein weißes Kleid, eine Schärpe von leichter Gaze, welche die reizenden Schultern, ſo glatt und glänzend wie Marmor, gleich⸗ ſam in ſchneeweißen Nebel hüllte, zwei kirſchrothe Kamelien im ſchönen braunen Haar, das in langen, vollen Locken bis auf den Buſen herabfloß, und am WMieder ein Bouquet von venſelben Blumen. Neid habe ich nie gekannt. So geſtehe ich denn, daß ſie mir hübſcher als je vorkam. Ihre Züge, ihre ganze Haltung athmeten eine gewiſſe Würde oder richtiger Vornehmheit, welche die Kühnheit ihres Blickes und die allbekannte Leichtigkeit ihrer Rede erhöhte. Mathilde. v. 3 26 Fräulein von Maran, wie immer, in ihr kar⸗ meliterartiges Gewand gekleidet und in ſchwarzer Haar⸗ friſur mit blumenbeſetzter Mütze, ſchien mir ſehr ge⸗ altert, ſehr verändert. Nur die Augen waren dieſelben geblieben und ſchoſſen unter den dichten grauen Augen⸗ brauen die wohlbekannten Schlangenblicke hervor. Während des Zwiſchenaktes ſtrömte die ganze vor⸗ nehme und elegante Pariſer Welt in der Loge des Fräulein von Maran ein und aus. Dieſen Abend gewahrte ich Urſula in ihrer gan⸗ zen Glorie, in ihrem ganzen Triumphe. Die Aufgabe, die ſie ſich geſtelt, nämlich die gefeiertſte Dame von Paris zu werden, hatte ſie glücklich gelöſt. Sie ſchien mir wie geboren zu der Rolle, die ſie ſpielte. Das Leidenſchaftliche ihres Blickes, die Anmuth und Lebendigkeit ihrer Bewegungen, die Friſche und Süße ihres Gelächters, der ſtete Wechſel von Würde und ſpöttiſcher Schalkheit — Alles verrieth eine lang⸗ jährige Erfahrung in der Kunſt, zu gefallen und die Herzen zu erobern. Unter der Zahl derer, die Urſula aufwarteten, war auch Herr Gaſton von Senneville, der liebens⸗ würdigſte Geck ſeiner Zeit, wie Frau von Riche⸗ ville, ſeine Tante, ihn zu nennen pflegte. Meine Cou⸗ ſine nahm ihn beſonders artig auf, während ein Herr von geſetzterem Weſen — ich meine, der ſächſiſche Ge⸗ ſchäftsführer, mit Fräulein von Waran ſich unterhielt. Bald ſpielte Herr von Senneville mit Urſula's Lorgnette, bald flüſterten ſie, bald lachten ſie laut auf, bald bog er ſich wieder zu den Perſonen, die ſie ihm zeigte. Kurz, er trieb mit ihr alle die kleinen Scherze, welche die junge Welt einer Modedame gegenüber ſo gerne auskramt. Immer koketter wurde Urſula. Endlich kehrte ſie ſich halb um, bog ihren ſchlanken Leib zuſammen und hielt Herrn von Senneville das große Bouguet, das ſie in der Hand trug, hin, um ihn daran riechen zu laſſen. 27 Ratürlich ſchien Herr von Sencville vom Dufte der Blumen wie bezaubert. Obgleich dieſe Art von Be⸗ vorzugung ſtreng genommen gegen die Regeln des guten Geſchmackes verſtieß, that ſie es doch mit unglanblicher, wahrhaſt verführeriſcher Anmuth. Gerade in demſelben Augenblicke ſah ich auf und bemerkte in der gegenüberliegenden Loge, ganz im Hintergrunde verſteckt — meinen Gemahl. Ohne Zweifel beobachtete er Urſula, deren Stel⸗ lung und Benehmen ſeine Eiferſucht im höchſten Grade rege machen mußten. Nach wenigen Minuten verſchwand Herr von Lan⸗ erp und kam in Urſula's Loge wieder zum Vorſchein. Da Herr von Senneville viel jünger war, als der ſächſiſche Geſchäftsführer, ſah er ſich genöthigt, meinem Manne Platz zu machen. Ehe er dies that, nahm er lächelnd einige Blumen aus Urſula's Bougquet und ſteckte ſie triumphirend in ſein Knopfloch. Herr von Lanery ſtand wie auf Feuer und wechſelte verlegen einige Worte mit Fräulein von Maran⸗ Kaum war Herr von Senneville fort, ſo griff Urſula in ihrem Aerger wieder zur Lorgnette, ohne meinen Manne eines Blickes zu würdigen. Links und rechts und rechts und links lorgnettirte ſie herum. Zwei⸗ mal redete Herr von Lanery ſie an; ſie hörte nicht oder wollte nicht hören. Endlich berührte er leiſe ihren Arm, um ſie aufmerkſam zu machen. Zerſtreut gab ſie ihm die Hand, antwortete kurz und ging an ihr altes Geſchäft. Auf Herrn von Lancry's Geſicht war Ungeduld und Zorn deutlich zu leſen. Den Morgen hatte ich keine Zeit, ihn näher in's Auge zu faſſen, ſo ſchnell fuhren und ritten ſie vor uns vorbei. Zetzt betrachtete ich ihn nach Muße. Aus den abgemagerten, erſchöpften Zügen ſprachen die Qualen der Eiferſucht, die ſein Brief ſo beredt ſchilderte. Keine Spur mehr von dem alten Herrn von Lanery! In früheren Tagen glänzend, lebensluſtig, leichten Sinnes — denn er liebte nicht; übermüthig und ſpöttiſch — denn er war ſeines Sieges im Voraus gewiß: ſtand er jetzt da, unruhig und finſter, kleinlaut und nieder⸗ geſchlagen, — denn er liebte, aber ſeine leidenſchaft⸗ liche Liebe ward verhöhnt und verlacht. Als Urſula ſich ſatt geſehen hatte, redete Herr n Lanery ſie nochmals an, aber traurig⸗ſchüchtern. An dem Ausdruck ihrer Gebärde und an der gebieteriſchen Haltung, die ſie annahm, an dem höhniſchen Lächeln des Mundes merkte ich, daß ſie mit beißendem Spott auf die verſteckten Vorwürfe meines Mannes antwor⸗ tete. Gleich darauf erſchien der Herr von Verſac; der Vorhang hob ſich und die Muſik begann. So endete ein Auftritt, der für meinen Gemahl höchſt qualvoll ſein mußte. Entſetzlich! Herr Secherin ſiecht in ſtiller Ver⸗ zweiflung dahin, taub gegen das Bitten und Flehen einer frommen Mutter — und Urſula, ſein Weib, fröhnt ihrem Hange zu Vergnügungen und Vuhlereien und ſtürzt ſich lachend, wonnekrunken in den Strudel der Welt! 3 Während ich, im Hintergrunde der Loge verſteckt, die obenerwähnten Vorgänge beobachtete, plauderten die Fürſtin und Frau von Richeville unaufhörlich mit einander, ohne Zweifel aus zarter Rückſicht für mich. Der Fürſt hatte uns verlaſſen. So durfte ich un⸗ geſtört meinen Gedanken nachhängen. Der Abend war kein verlorner. Er überzeugte mich, daß ich für Herrn von Lanery nicht mehr em⸗ pfände, als für jeden Fremden in gleich falſcher, gleich ſchimpflicher Lage: Mitleid und Verachtung. Nach und nach fand ich meine Ruhe wieder. Die gegenwärtigen Leiden des Herrn von Lanery riefen mir meine vergangenen Leiden in's Gedächtniß zurück, und ich dankte dem Himmel, daß er die Quelle aller Liebe in meiner Bruſt vertrocknet und mir da⸗ 29 durch ähnliche bittere Erfahrungen für die Zukunft er⸗ ſpart habe. Denn eben die Unmöglichkeit, in der ich zu ſein glaubte, je wieder lieben zu können, hielt ich für die ſicherſte Bürgſchaft meines künftigen Glückes. Wenige Tage vor meiner Ankunft in Paris war Herr von Roche gune auf ſeine Güter gereiſet, um ei⸗ nige Geſchäfte zu beſorgen. Bald nach dem eben be⸗ — Vorfalle im italiäniſchen Theater kehrte er zurück. Herr von Rochegune lebte in meiner Erinnerung unzertrennlich mit Herrn von Mortagne fort. Seiner Ergebenheit gegen mich, ſeinem ernſten Charakter, ſei⸗ ner lauteren Menſchenliebe widerfuhr ſtets eine ſo achtungsvolle Anerkennung in unſerm geſellſchaftlichen Cirkel, daß ich mich gewöhnt hatte, ihn, trotz ſeiner Jugend, für einen Manne reifern Alters zu halten, weil er die Feſtigkeit und Sicherheit deſſelben beſaß. So oft in früheren Leidensſtunden, als der Zau⸗ ber meines Gemahls noch wirkte, der Gedanke, daß ich Frau von Rochegune hätte werden können, in mir auftauchte, geſtand ich mir faſt zu meiner Schmach die Abweſenheit eines zärtlicheren Gefühles für den⸗ ſelben; ſo entſchieden gab ich damals den Körperreizen und dem einſchmeichelnden Weſen des Herrn von Lanery den Vorzug vor der beſcheidenen Seelengüte des Herrn von Rochegune. Laut den Berichten der Fran von Richeville hatte Letzterer ſeit ſeiner Rückkehr aus dem Orient eine ent⸗ ſchloſſene, kühne, der Unabhängigkeit und dem Adel ſeines Charakters durchaus würdige Stellung in der Welt eingenommen, ſtatt dem öffentlichen Leben ſich zu entziehen, wie früher. Ich brannte vor Ungeduld, ihn wieder zu ſehen, ebenſo ſehr aus Neugierde als herz⸗ licher Theilnahme an ihm, und begrüßte daher die Kunde von ſeiner Ankunft in Paris mit wahrem Jubel. Gegen zehn Uhr Abends durchſchritt ich die kleine Glasgallerie, welche meinen Pavillon mit dem Hauſe der Frau von Richeville verband. Ich weiß nicht, wie es kömmt; aber gewiſſe Sa⸗ lons wirken ſchon durch ihren Bau und deren Ein⸗ richtung wohlthätig auf das Gemüth und laden zu heiterem, traulichem Geplauder ein. So auch der Salon der Frau von Richeville. Ich habe ſo ſchöne Abende dort verlebt, daß ich der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen kann, ihn kurz zu beſchreiben. Das Bild eines geliebten Ortes weckt die in der Seele ſchlummernden Erinnerungen zu neuem Leben. Ein mit guten, alten Gemälden reich geſchmücktes Vorzimmer führte in den Sal der Frau von Riche⸗ ville, ihren gewöhnlichen Aufenthalt. Alles in dem⸗ ſelben war mit grünem Damaſt behängt: Wände, Thü⸗ ren, Fenſter und die im beſten Geſchmack des Jahr⸗ hunderts von Ludwig K1V. aus vergoldetem Holz ge⸗ arbeiteten, bronzirten Mobilien. In der einen Ecke des Kamines ſaßen auf einer großen Cauſeuſe Frau von Richeville und der Fürſt von Héricourt, ein hoher, ſchöner Greis mit weißen Haaren und edlem, heitern, milden Antlitz; auf der andern die Fürſtin von Héricourt, deren blaſſe Züge Würde und engelgleiche Sanfimuth athmeten. Sie trug ihre graugelockten Haare unter der Mütze mit einem gewiſſen Stolz auf ihr Alter, und ſelbſt während ſie mit Frau von Söémur ſich unterhielt, blickte ſie oft wohlgefällig und zufrieden ihren Gemahl an. Stets fühlte ich eine innige Rührung, ſo oft ich das ehrwürdige Greiſenpaar betrachtete, welches Arm in Arm und feſten Schritts eine ſo ſtürmiſche Zeit durch⸗ pilgert und das Ziel ihrer Laufbahn erreicht hatte — aufrecht, heiter das Auge gen Himmel. Frau von Sémur, die neben der Fürſtin ſaß, war das Gegenſtück von dieſer. Man wußte nicht, was man aus dem ebenſo edlen als ſchelmiſchen Geſichte dieſer vierzigjährigen Dame machen ſollte. Bald war 31 es die Vornehmheit und Würde ſelbſt, bald ließ es die tauſend wechſelnden Eindrücke ihres glänzenden, muthwilligen, ewig bewegten Geiſtes durchblicken⸗ End⸗ lich ſaß Emma am Theetiſche zwiſchen den beiden Fen⸗ ſtern des Sals und ſtickte. Dies Gemälde denfe man ſich erhellt von mehreren Lampen aus chine ſiſchem Porzellan, deren allzu ſtarkes Licht durch Schirme gemildert ward und das Gold des weißen die Rahmen der Bilder, die Bronze der Meubeln, die Se der Vaſen aus Sévres oder den Glanz ihrer natürlichen Blumen in ein wohl⸗ thätiges Halbdunkel hüllt. Luſtig flackert das Feuer im Kamin und ſpiegelt ſich auf dem ſcön⸗ und dicht⸗ gewebten, blumigen Teppich. Der Duft der Eſſence de Bouquet, eines engliſchen Parfüms, den Frau von Richeville beſonders gern hatte und der noch in ſpäten Jahren mich immer wieder an dieſe ſchöne Zeit erinnert, (gewiſ ſe Wohl gerüche und gei⸗ Melodien zaubern mich ſeh⸗ in eine glücktiche Vergangenheit zu⸗ rück!) zieht durch den wohlverſchloſſenen, warmen S s Alkes, zu Einem Ga inzen vereinigt, gibt einen Begriff von dem reizendſten Aſyl, das je dem ſüßen Geſchwätz eines gewählten, vertrauten Kreiſes ſich er⸗ öffnete. S 1 Küpitel. Erzählung. Emma ſtand auf, als ich eintrat, und bot mir einen Lehnſtuhl an, wie ſie eine ziemlich niedrige Vergere nannte. Das liebe Kind hatte bemerkt, daß ich dieſen Stuhl beſonders gern habe. Ich füßte ſie 32 zum Dank auf die Stirne und drückte dem Fürſten von Heéricvurt zärtlich die Hand. „Schade, daß ſie ſo ſpät kommen,“ liebe Mathilde, rief Frau von Richeville mir zu. „Der Fürſt erzählte eben eine Heldenthat eines unſerer Freunde, die Sie gerne mit angehört hätten.“ Weſſen? fragte ich. „Des Herrn von Rochegune,“ antwortete Frau von Sémur. „Ein wahrer Cid! Der einen Platz im Epos der Gegenwart verdient!“ „Auf die Gefahr hin, für einen Schwätzer zu gelten,“ ſagte der Fürſt von Héricourt lächelnd, „will ich die Ge⸗ ſchichte meines Cid von vorn anfangen zu Nutz und From⸗ men der Frau von Lanery, die mir Dank wiſſen wird.“ „Und ich auch,“ fiel Frau von Sémur ein. „Denn die frühere Rührung iſt aus, und ich will jetzt über Ihren Helden lachen. Nichts unerträglicher, als allzu⸗ viel bewundern müſſen!“ „Hören Sie?“ ſagte Frau von Richeville lächelnd zur Fürſtin. „Und ſie läug net noch ihre Vorliebe für's Paradoxe!“ „Gewiß! entgegnete Frau von Sömur. Wenn die Rührung vorbei iſt, macht man ein Geſicht, wie der Bürger, der vom Hofe kommt. Alſo, Fürſt, ſein Sie ſo gut und fangen Ihre Erzählung von vorn an, da⸗ mit ich nach Herzensluſt lachen kann.“ Auch ich bitte Sie um die Gefälligkeit, ſagte ich zum Fürſten, und bin gewiß, ſie wird Ihnen nicht ſchwer fallen ... Die Glucklichen, heißt es, erzählen gern von ihrem Glücke. ... „Oh! ich verſtehe Sie,“ lächelte der Fürſt . „ich ver⸗ ſtehe Sie Sie machen mir dies Compliment, damit ich Ihnen ja nicht Alles ſage, was ich von Ihnen denke Aber bei der erſten beſten Gelegenheit will ich unerbittlich ſein ... vergebens ſchmeicheln Sie mei⸗ nem Stolz, ich werde Ihre Beſcheidenheit nicht ſchonen .. Doch weil Sie's wünſchen, fange ich nochmals an ... . 33 „Sie wiſſen vielleicht, meine Damen, daß Roche⸗ gune, zum Dank für die in Griechenland geleiſteten tapfern Dienſte, zum Oberſten eines der drei Reiter⸗ regimenter ernannt wurde, das er faſt allein geſchaffen und auf eigene Koſten equipirt hatte. Der Umſtand, daß er aus rührender Freundſchaft für Herrn von Mor⸗ tagne ſeinem Regimente dieſelbe Uniform gab, welche das Huſarenregiment, in dem Herr von Mortagne während der Kaiſerzeit gedient hatte, trug — ich glaube, weiß und roth mit blauen Aufſchlägen — erwähne ich deßhalb, weil er Sie auf eine noch ſchönere, wahrhaft edle und große That vorbereitet; eine That, die dem Dankgefühl des Herrn von Rochegune zur höchſten Ehre gereicht ... und die auch Sie, Frau von Sémur, be⸗ wundern und aufrichtig bewundern müſſen.. . .“ „Wollen ſehen,“ fiel Frau von Sémur ein. „Denn ich verſichere Sie, mein Fürſt, ich höre ſie mit größtem Mißtrauen an. Man beurtheilt den Advo⸗ katen nach der Sache, die er vertheidigt.“ „So wollen wir die unſrige beſtens zu gewinnen ſuchen,“ entgegnete der Fürſt lächelnd und fuhr fort: „Als Griechenland frei und ſelbſtſtändig geworden, machte Rochegune eine Reiſe nach Rußland, das damals im Kriege mit den Circaſſiern lebte. Auf ſein Anſuchen erhielt er die Erlaubniß, dem Feldzuge gegen die Bergvölker des Caucaſus als Zuſchauer, oder vielmehr als Freiwilliger anzuwohnen. Er wurde in einem Reitergefechte, worin er ſich rühmlichſt auszeichnete, ſchwer verwundet, und das Pferd unter ſeinem Leibe getödtet. Vom Blutverluſt erſchöpft, blieb er ohnmäch⸗ tig auf der Wahlſtätte liegen. Endlich kam er wieder zu ſich, aber wer ſchildert ſein Entſetzen, als er er⸗ wachte: einſam und allein inmitten einer ungeheuren, öden Steppe, beſchienen vom unheimlich blaßen Lichte 33 n halbbegraben unter einer dichten Schnee⸗ ecke? — „Schauerlich!“ rief Frau von Richeville. „Dieſe 31 Schneedecke ſchien ihm ein großes Leichentuch. . . . denn bis ſo weit hat Herr von Rochegune die Ge⸗ ſchichte mir erzählt, aber den Schluß dieſes romanti⸗ ſchen Abenteuers hat er mir verſchwiegen.“ „Das glaube ich wohl,“ erwiederte die Fürſtin. „Seine Beſcheidenheit gebot es ihm. — Auch ich habe den Schluß erſt geſtern von einem kaiſerlichen Adjutanten, der Augenzeuge dieſer Begebenheiten war, erfahren. Nur mit größter Anſtrengung arbeitete Herr von Roche⸗ gune ſich aus dem Schnee heraus. Endlich hörte er in der Ferne das dumpfe Getrabe einer Reitertruppe, vielleicht Freunde, vielleicht Feinde. Den Tod ſeiner ſchrecklichen Lage vorziehend, rief er mit Leibeskräften einige Reiter an, die dicht bei ihm vorüberſprengten. Zu ſeinem Glücke waren es doniſche Koſaken. Sie hörten ihn und kamen herbei. So wurde er gerettet. Dieſe irregulären Koſaken, ebenſo wild wie ihre Pferde, gehorchten blindlings dem alten Hetmann, der ſie vefehligte. Sie verbanden Rochegunes Wunden, ſetz⸗ ten ihn hinten aufs Pferd und jagten mit ihm ihrem Hetmann zu. Dieſen beſchrieb mir der Adjutant des Kaiſers als eine Art patriarchaliſchen Krieger, deſſen Tapferkeit und Geſichtsbildung an die klaſſiſchen Zeiten erinnerten. Rochegune verdankte ihm das Leben und von Stunde an ſchloſſen Beide Waffenfreundſchaft mit einander. Unſer Landsmann verließ den ungleich leich⸗ tern Dienſt im Generalſtabe der Armee, und theilte alle Beſchwerden, alle Gefahren mit den Kriegern des Hetmanns, die als Vor-, Nachtrab, und als Plänkler dienten, nie unter Zelten wohnten, immer auf bloßer Erde oder auf den Schnee lagerten. Dabei wagte er um ſo mehr, als es ein Vertilgungskrieg war, wo keine Gefangenen gemacht, kein Pardon gegeben oder verlangt wurde; wo Alles, was in die Hände der Feinde gerieth: Weiber, Kinder, Greiſe über die Klinge ſpringen mußte .. . .“ „Verzeihen Sie die Unterbrechung, mein Fürſt,“ 35 rief Frau von Sémur lächelnd ... „Aber ich habe doch Necht, daß bei nochmaligem Anhören der Großthaten Ihres Schützlings meine Bewunderung für ihn nicht mehr ſo gränzenlos ſein werde! . . . Hören Sie nur! Seine Romantik treibt ihn unter — Banditen und Mörder . . er drückt ein Auge zu über ihre Schändlichkeiten .. . und Alles aus Dankbarkeit! . . .“ „Alles das!“ ſiel der Fürſt lächelnd ein. „Und doch ſollen Sie ihn um ſo mehr bewundern.“ — „Wie ſo?“ „Hören Sie nur!“ — „Fortgefahren!“ rief Frau von Semur, „damit wir ſchnell zum Schluß kommen, auf drn ich ebenſo neugierig bin, als Frau von Lancry!“ Der Fürſt erzählte weiter: „Rochegune war feſt entſchloſſen, von ſeinem Hetmann nicht eher zu weichen, als bis er ihm einen gleich großen Dienſt erwieſen habe. Die Gelegenheit dazu gab ſich bald. Ich muß hier nachholen, daß der Hetmann zwei Söhne hatte, die als Gemeine in der Truppe des Vaters dienten. Er liebte ſie, wie ein Wolf ſeine Jungen. Ohne eine Miene zu verziehen, ſchleuderte er ſie in den heißeſten Kampf, aber lautbrüllend, wie ein wildes Thier, drückte er ſie an ſeine narbige Bruſt, wenn der Sieg errun⸗ gen. Die natürliche Unerſchrockenheit Rochegune's, die Liebe, die ihm der Hetmann bewies, deſſen Gefahren und Entbehrungen er muthig theilte, erwarben ihm bald einen großen Einfluß auf die rohe Horde. Plötz⸗ lich hieß es, der Vorpoſten mit den beiden Söhnen des Hetmanns ſei oben im Gebirge in einen Hinter⸗ halt des Feindes gefallen. Faſt alle Koſaken waren ermordet worden, und einen Leichnam nach dem an⸗ dern ſpülte der nahe Bergſtrom ans Land.“ „Entſetzlich! Schauerlich!“ rief Frau von Sé⸗ mur. „Man glaubt eine junge Dame zu hören, die ſich zuerſt im Roman verſucht.“ „Hören Sie den Ausgang,“ fuhr der Fürſt fort. „Wie gelähmt an allen Gliedern, ſteht der Hetmann da. In dieſem Augenblick ſprengt ein Adjutant des Feldmarſchalls — derſelbe ruſſiſche Offizier, dem ich dieſe Mittheilungen verdanke — heran, und befiehlt dem Hetmann, ſich mit aller ſeiner Mannſchaft auf je⸗ nen Punkt zu ſtürzen. Mechaniſch gibt der Hetmann ein Zeichen mit dem Kopf, und ohne die Ausführung des Manoeuvres abzuwarten, galoppirt der Adjutant davon. Rochegune, der eine tüchtige militäriſche Bil⸗ dung mit einem praktiſch geübten Auge verbindet, be⸗ greift die Wichtigkeit dieſer mit Blitzesſchnelle auszu⸗ führenden Bewegung. Er redet dem Hetmann zu, er⸗ innert ihn an die erhaltene Ordre ... Alles umſonſt. Er bleibt ſtumm und ftarr, wie eine Säule. Jede Minute Verzug konnte die Armee und das Leben des Hetmanns gefährden, denn nach den Kriegsgeſetzen hatte er für ſeine Unthätigkeit den Tod verdient. Da kommt ihm ein verzweifelter Gedanke. Aufs Pferd! Aufs Pferd!“ ruft er aus. Kopfſchüttelnd ſieht ihn der Hetmann an .. — „Es gilt das Leben dei⸗ ner Söhne!“ Die Augen des Greiſes funkeln. — „Meine Söhnel!“ſchreit er, „wo ſind ſie?“ „Folge mir . . und du ſollſt ſie ſehen.“ Mit dieſen Worten ſchwingt ſich Rochegune auf ſein Roß, und jagt davon. „Meine Söhne .. meine Söhne!“ ruft der Greis und ſetzt dem voranreitenden Rochegune nach. Dicht gedrängt um ihren Häuptling, folgen die Koſaken, daß die Erde bebte. Rochegune bleibt an der Spitze, der Hetmann nahe hinter ihm, immer ru⸗ fend „meine Söhne meine Söhne!“ — Folge mir,“ antwortete Rochegune. So geht es weiter, bis die feindlichen Linien ſichtbar werden. „Da ſind deine Söhne!“ ſchreit Rochegune dem Hetmann zu und deu⸗ tete mit dem Finger auf die Feinde. Wuthbrüllend ſtürzt der Greis auf die Gegner los und ein furchtbarer Kampf beginnt. Mitten im Feuer kommt der Hetmann wieder zu ſich und ficht 37 miüt gewohnter Kaltblütigkeit. Die Circaſſier, die lang⸗ ſam ihren Rückzug bewerkſtelligten und ſich keines An⸗ griffs verſahen, wurden geworfen und mußten ihre Gefangenen aufgeben. Ein glücklicher Zufall wollte, daß unter ihnen auch die beiden Söhne des Hetmanns ſich befanden . . .“ „Die beiden Söhne des alten Hetmanns!. . . fiel Frau von Sémur ein. „Welch ein Glück!“ „Die beiden Söhne des alten Hetmanns!“ fuhr der Fürſt fort. „Mit Wunden bedeckt! Sie allein wa⸗ ren verſchont worden, um als Geißeln zu dienen. Man denke ſich Rochegune's Freude, als er die geretteten Söhne dem Vater zuführen konnte. Dieſer kreuzte die Arme über der Bruſt, ließ ſich auf ein Knie nieder und küßte ehrerbietig Rochegune's Hand. Um das Auszeichnende dieſer Art von Huldigung zu begreifen, müſſen Sie wiſſen, daß der Hetmann eine ſolche Ehre nur dem Kaiſer erweiſt, und daß das Niederknien ei⸗ nes Aelteren vor einem Jüngeren bei dieſen wilden Völkerſchaften etwas Unerhörtes iſt. „Ich rettete dir das Leben,“ rief der Hetmann gerührt aus, „du haſt mir die Ehre gerettet, alſo müß ich dir noch⸗ mals das Leben retten, ehe ich meine Schuld bezahlt habe, denn die Ehre iſt doppelt ſo viel werth als das Leben. Nicht zufrieden damit, gibſt du mir auch meine Söhne wie⸗ der. Sprich, was verlangſt du von mir?“ — „Daß Ihr mir ſchwört, du und deine Söhne,“ antwortete Rochegune, — und merken Sie wohl, ich führe die eigenen Worte Rochegunes an, ſo wie der Adjutant, der Augen- und Ohrenzeuge dieſer Scene war, ſie mir erzählte — „daß Ihr mir ſchwört, alle Weiber, Kinder und Greiſe, die hinfort in Eure Hände fallen, zu ſchonen und ihnen zu ſagen: Lebetim Namen...“ der Fürſt hielt inne. „Im Namen weſſen?“ fihien wir Alle neu⸗ gierig. .. 38 Lächelnd erwiederte der Fürſt: „Begnügen Sie ſich mit der Nachricht, daß der Hetmann und ſeine Söhne den verlangten Eid leiſteten und hielten. Noch jetzt lebt dieſer Name unter der Horde fort, und der oft genannte ruſſiſche Offizier verſicherte mich, daß er dem Hetmann ebenſo heilig ſei, als der unſerm tapfern und edeln Landsmanne abgelegte Schwur... „Wahrlich!“ rief Frau don Sémur aus; „die ganze Geſchichte erinnert mich an die ſchönen Tage der irrenden Ritterſchaft. Aber der Name? — Ge⸗ wiß der einer wilden Schönheit, die ...“ „Nicht ſo,“ unterbrach der Fürſt mit ernſter Miene. „Sondern ein Name, der mit eben ſo viel Theilnahme als Achtung genannt zu werden verdiente und noch verdient. Unſere lieben irrenden Ritter laſſe ich Ihnen gern; doch von dieſem geheimnißvollen Namen . den Sie kennen...“ — „Den ich kenne?... rief Frau von Sémur.. „Ja, Madame, und den Sie zwanzigmal genannt haben, denn er gehört einer Perſon, die Sie lieben kurz, ein Name, der in jeder Hinſicht würdig iſt, als Symbol eiger großmüthigen, edlen Handlung zu dienen ... und konnte der Perſon, die ihn trägt, keine ſchönere Huldigung bringen ...“ „Seien Sie nicht ſo grauſam, lieber Fürſt,“ bat Frau von Richeville. „Nennen Sie ihn!“ „Ich darf nicht, Madame; Sie werden mein Still⸗ ſchweigen billigen, wenn Sie die Urſache deſſelben erfahren. Rochegune ſelbſt muß ihn nennen.“ — „Aber ich ſterbe vor Ungeduld,“ rief Frau von Se⸗ mur. „Laſſen Sie ſich erweichen, ich will Ihnen auch gern geſtehen, daß ich das Benehmen des Herrn von Rochegune bewundere. Den Vater vermöge der Liebe zu ſeinen Kindern zum Bewußtſein ſeiner Pflicht zu⸗ rückbringen, zeugt von einem edlen, gefühlvollen Her⸗ zen. — „Und wie ſchön bemerkte die Fürſtin, „ſich ein 39 wildes Volk zum Dank zu verpflichten, um es Scho⸗ nung und Menſchlichkeit zu lehren!“ „Groß und ſchön!“ ſagte der Fürſt. „Und doch muß die That Ihnen noch rührender ſcheinen, wenn Sie den Namen hören.“ — „Schon wieder den Namen,“ rief Frau von Sémur. „Wir bewundern Alles aufrichtig, und doch bleiben Sie unerbittlich. Her mit dem Namen!“ — „Da fährt ein Wagen in den Hof ein,“ rief der Fürſt. „Vielleicht bringt Ihnen der Zufall unſern Hel⸗ den. Wenden Sie ſich an ihn — O, wenn es Herr von Rochegune wäre! Das Geſchick iſt oft ſo neidiſch, daß es wohl einmal .. . . Ehe Frau von Seémur geendet, trat Herr von Rochegune ein. Kaum war er wiederzukennen, ſo hatte die ſüd⸗ liche Sonne ihn verbrannt und der Ausdruck ſeiner Züge ſich verändert. Die dunkle Geſichtsfarbe erhöhte den Glanz ſeiner großen grauen Augen unter ihren ſchwarzen Brauen. Dieß Alles und der braune Bart, welcher die Röthe ſeiner Lippen und die blendende Weiße ſeiner Zähne noch ſtärker herpghob, ließ eher einen Orientalen als einen Europäek in ihm vermu⸗ then. Die kraftvollen, markirten Züge prägten ſich unvergeßlich ein. Sein ſchlanker, hoher Wuchs, die ſtolze, ritterliche Haltung, die kühne und edle Stirn erinnerten an die Geſtalten, die der Pinſel eines Va⸗ lasguez oder van Dyk geſchaffen. Sein feſter, ent⸗ ſchloſſener Gang hatte nichts Erkünſteltes, Manirirtes; er verrieth eben ſo viel ſelbſtbewußteRuhe und Würde, als Verſtand und Willenskraft. An der Krümmung ſeiner feinen, leicht gebogenen Lippen bemerkte man, daß ſie auch zu farkaſtiſchem Lächeln ſich verziehen konnten. . Wir Beide waren über das Wiederſehen hoch er⸗ freut. Als wir von der Vergangenheit ſprachen, malte ſich eine tiefe Trauer in ſeinen Zügen. Ohne Zweifel gedachte er des Herrn von Mortagne, doch ſchwieg er von ihm, aus Rückſicht auf Ort und Zeit. „Aber daß Sie ſo hinter dem Berge halten!“ ſagte Frau von Richeville. „Wie ſo, Frau Herzogin?“ „Von Ihren Wunden, Ihrer Lebensgefahr, Ihrem Schneelager, Ihrer Rettung — das Alles haben Sie mir erzählt, aber kein Wort von einem gewiſſen alten Koſakenhetmann!“ „Kein Wort von Ihrem unermeßlichen Verdienſt um ihn, indem Sie ſeine Ehre retteten,“ rief Frau von Sémur. „Kein Wort von ſeinen beiden Söhnen,“ rief die Fürſtin. „Kein Wort von dem Schwur, den Sie allen Dreien abverlangten,“ fügte Frau von Sémur hinzu: „von dem Schwur, die Gefangenen zu ſchonen im Na⸗ men von ...“ O! nennen Sie dieſen Namen, Herr von Roche⸗ gune, der die Wildheit der Barbaren ſänftigte. Sie ihn! der böſe Fürſt will ihn uns nicht agen .. . Alle dieſe Vorwürfe waren ſo ſchnell auf einander gefolgt, daß Herr von Rochegune nicht zum Worte kommen konnte. Statt eine übelangebrachte, erlogene Beſcheidenheit zu heucheln, antwortete er einfach und edel: „Alles iſt wahr, mein Fürſt; aber bitte, woher wiſſen Sie, daß .. . „Sagen Sie's ihm nicht eher,“ fiel Frau von Richeville ein, „als bis er den geheimnißvollen Namen genannt hat.“ „Sehen Sie, wie roth er wird!. . .“ rief Frau von Sémur lächelnd. Dem war in der That ſo. „Ja, ich werde roth,“ entgegnete lächelnd Herr von Rochegune; „aber aus Dankbarkeit; denn ich höre einen Namen, der mir ſtets Glück gebracht, der mich *n 41¹ in den gefährlichſten Augenblicken meines Lebens ge⸗ leitet, berathen und beſchützt hat. Seit ich ihn zuerſt ausgeſprochen habe, iſt er mir ein mächtiger Talisman geworden, dem ich blindlings folge, den ich anbete. Man rühmt die Rede, die ich dieſen Morgen in der Pairskammer gehalten; aber ich hatte dieſen Namen angerufen, daher meine Begeiſterung!“ „Jemehr Wunder er wirkt,“ ſagte Frau von Ri⸗ cheville, „um ſo lieber möchten wir ihn wiſſen.“ „Um ſo ungeduldiger werden wir,“ fügte Frau von Séömur hinzu. „Wollen Sie endlich mit der Sprache heraus!“ drohte Frau von Richeville. „Wir quälen Sie ſo lange, bis Sie uns das Geheimniß geſtehen ... Der Fürſt behauptet, wir kennten die Perſon, die ſo heißt.. wir liebten ſie s iſt, um verrückt zu werden! .. „Glauben Sie nicht etwa,“ nahm Herr von Ro⸗ chegune ernſt das Wort, „ich fürchtete mich, ihn zu nennen. Die Geſinnung, aus der meine That floß, iſt ehrenvoll genug, um mich ihrer ſtets überall und laut zu rühmen. Aber aus gewiſſen Gründen darf ich für jetzt Ihren Wunſch nicht erfüllen. Herr von Héricourt wird mir beipflichten; wo nicht, ſo ergebe ich mich.“ „Faſt möchte ich Sie bitten, Ihr Geheimniß zu verrathen,“ ſagte der Fürſt lächelnd. „Ich würde mich ſo rächen an...“ „An wem?“ unterbrach ihn Frau von Sémur... „An Ihnen, Madame!“ war die Antwort. „Denn ich zwänge Sie, zu bewundern, was Sie jetzt kaum loben. Doch ich will großmüthig ſein, und erkläre mich daher mit Herrn von Rochegune einver⸗ üchevil „Abſcheulich!“ rief Frau von Richeville. „Wie gut Sie i verſtehen! Dafür ſollen Sie aber auf andere Weiſe unſere Neugierde befriedigen, Herr von Rochegune!“ Wathilde. v. 4 „Ganz zu Befehl, Madame.“ „So befehl ich Ihnen denn, ſich hinzuſetzen, und mir in Emma's Album das Portrait des alten Het⸗ mann's zu zeichnen.“ Ehe Herr von Rochegune geantwortet, war Emma hocherfreut und mit purpurrothen Wangen aufgeſprun⸗ gen und hatte ein Tiſchchen mit dem nöthigen Zeich⸗ nungsapparat herangeſchoben. „Und aus Strafe für ſeine Verſchwiegenheit,“ fügte die Fürſtin hinzu, „ſoll er uns das albaneſiſche Lied von den Schwalben ſingen.“ „Und Emma begleitet ihn,“ ſagte die Herzogin. „Frau von Lanery wird entzückt ſein.“ Wonnevoll und in anmuthiger Eile öffnete Emma das Pianoforte. „Schnell, mein Herr Geheimnißkrämer,“ rief Frau von Richeville, „und das Geſicht des alten Koſaken gezeichnet, den ich, ohne ihn zu kennen, gerne habe.“ „Und ſchnell das Lied von den Schwalben geſun⸗ gen, das ich, weil ich es kenne, gerne habe,“ fügte Frau von Sémur hinzu. „Womit ſoll er anfangen, liebe Fürſtin?“ fragte Frau von Richeville.“ „Mit dem Liede; denn es klingt noch lange im Herzen nach, ſo einfach und rührend iſt die Melodie.“ Emma ſetzte ſich ans Pianoforte. Herr von Rochegune fing an. Es war ein albaneſiſches Volkslied, das er in Noten gebracht und überſetzt hatte. Welche Naivität, welche Naturfriſche lag in der zauberiſchen Schwermuth dieſer Arie. Zum erſten Male hörte ich die Stimme des Herrn von Rochegune; ſie war eben ſo klangreich und ſanft, als ſeelenvoll. Auf meine Bitten wiederholte er das Lied. Emma begleitete ihn vortrefflich. Nach der ſo glücklichen Löſung der erſten Aufgabe — 43 ging er an die zweite. In einer halben Stunde ſtand der alte Koſakenhäuptling mit ſeinen wilden Zügen und maleriſchen Koſtüme fertig da, wunderhübſch in Sepia gezeichnet. Mehr als die wirklich ausgezeichneten Talente des Herrn von Rochegune, obgleich ich ſie heute zuerſt an ihm ſchätzen lernte, überraſchte mich die anmuthige Gefälligkeit, womit er unſern Wünſchen nachgekom⸗ men war. Nie hätte ich gedacht, daß ein ſo unerſchrockener Krieger, beredter Redner und herzlicher Menſchenfreund — denn auf ſeinen Gütern ehrte er das Gedächtniß ſeines Vaters durch raſtloſe Wohlthätigkeit — es in den Künſten ſo weit bringen können. Davon bin ich überzeugt, daß Einfachheit, Güte und Zuvorkommen⸗ heit ſets um ſo dankbarere Anerkennung finden, als ſie mit Muth und Verſtand gepart ſind. Ich war übrigens nicht die Einzige, die dieß fühlte, obgleich Herr von Rochegune, ohne alle Ziere⸗ rei, ſeine eigenen Verdienſte herabſetzte und fremde erhob. An tauſend Kleinigkeiten ließ ſich leicht mer⸗ ken, daß man ſeine Ueberlegenheit um ſo williger an⸗ erkannte, je eifriger er trachtete, ſie in Vergeſſenheit zu bringen. Nie ſchwindet die Erinnerung an dieſen ſchönen Abend, der unter Geſang und Spiel und allerlei Ge⸗ plauder über Kunſt, Poeſie und Reiſeabenteuer ſo ſchnell verſtrich, aus meinem Gedächtniß. Es iſt doch eine liebe Sache um das Geſchwätz in trauter Freunde Kreiſe, wo Jeder dem Andern wohlwill und nur Un⸗ terhaltung wünſcht. Während Frau von Richeville der Fürſtin von Héricvurt das Geleit gab, erſuchte mich Herr von Ro⸗ chegune um die Ehre eines Empfanges auf den näch⸗ en Morgen. Nur unter der Bedingung, daß Sie mir den geheimnißvollen Namen nennen, der ſolche Wunder 44 wirkte, erwiderte ich lächelnd. Ich bin noch neu⸗ gieriger und eigenſinniger, als Frau von Richeville, und kann nicht bis morgen warten. — „Selbſt vor Ihren beſten Freunden durfte ich ihn nicht nennen. nicht ihretwegen, o gewiß! ſie hätten ihn mit Beifall aufgenommen. .. aber aus Rückſicht auf Sie! Auf mich? Und warum? „Warum?“ antwortete Herr von Rochegune mit der ungezwungenſten, natürlichſten Miene von der Welt: „weil es der Ihrige iſt, weil er hieß: Mathilde.“ Siebentes Kapitel. Ein alter Freund. Unruhig und unter wechſelnden Gefühlen betrat ich mein Zimmer. Es war mir, als hätte Herr von Rochegune mir ein Geſtändniß ſeiner Liebe abgelegt. Die urſache meiner Aufgereiztheit lag nicht in ei⸗ ner falſchen Empfindlichkeit, ſondern in der Furcht, mein künftiges Verhältniß zu Herrn von Rochegune werde aufhören, ſo vertraut und⸗ brüderlich zu ſein, wie bisher. Doch nach kurzem Bedenken fielen mir die Worte des ehrwürdigen Fürſten von Héricvurt ein. Er wußte, daß ich im Spiel ſei, und verſchwieg meinen Namen, um meine Beſcheidenheit zu ſchonen, dagegen hatte er dem Herrn von Rochegune ein ſolches Lob geſpendet, und dieſer ſich ſo offen ausgeſprochen, daß alle meine Unruhe ſchwand. Auch berechtigte mich Nichts zu dem Glauben, als meine Herr von Rochegune es nicht ehrlich mit mir. — Wir waren oft in äußerſt zarte Berührung mit ein⸗ ander gekommen, aber nie hegte ich ſolchen Verdacht. Er hatte mir zwei hochwichtige Dienſte geleiſtet: den erſten bald nach meiner Verheiratung, indem er mich von den gehäſſigen Gerüchten, die Herr Lugarto in Umlauf brachte, in Kenntniß ſetzte; den zweiten, indem er mit Herrn von Mortagne mich den Schlingen dieſes Niederträchtigen entriß. Bei jeder Gelegenheit verfuhr er auf das Zarteſte. Nie ließ er ſeine frühere Hoffnung auf meine Hand, oder ſeine gegenwärtigen Empfindungen für mich durch⸗ blicken. Bald nach jenem traurigen Ereigniß im Hauſe des Herrn Lugarto, war er nach Griechenland abge⸗ reiſt, und von dort nach Rußland. Während des mör⸗ deriſchen Feldzuges gegen die Bergvölker hatte er mei⸗ nem Namen, meinem Andenken eine Art Anbetung erwieſen, ohne zu wiſſen, ob er mich je wiederſehen werde. Wie konnte ein ſo ſchöner und ſeltener Be⸗ weis ſeiner Neigung zu mir mich kränken? Um ſo leichter beruhigte ich mich über die ver⸗ meinte Liebe des Herrn von Rochegune zu mir, als ich keine Gegenliebe in mir zu finden glaubte. Trotz aller Bewunderung für ſeine kusgeneien Talente und ſeinen edlen Charakter, trotz aller Dankbarkeit für die geleiſteten Dienſte, fühlte ich ſtets den gewaltigen Unterſchied zwiſchen meiner innigen Freundſchaft zu ihm und der Liebe, die ich einſt für Herrn von Lanery empfunden. Von jeher gewöhnt, auch über den flüchtigſten Eindruck Rechenſchaft mir zu geben, fragte ich mich, ob ich im zwanzigſten Lebensjahre der Liebe entſagen könne, ebenſo ſehr aus Pflichtgefühl, als aus Herzens⸗ ohnmacht. Das kalte Ja, das ich in meiner Bruſt vernahm, ſchien mir ein Unterpfand einer glücklichen Zukunft. Seit meiner Rückkehr nach Paris war ich voll⸗ 46 kommen glücklich. Der kleine, aber gewählte Kreis, in dem ich lebte, die Liebe zu Frau von Richeville und Emma, gab mir, ſo zu ſagen, Herzensbeſchäfti⸗ gung genug, um mich über die Abweſenheit zärtlicherer Gefühle zu tröſten. Nachträglich muß ich bemerken, daß ich den Mor⸗ gen meiſtens zu Hauſe blieb, und häufig Beſuche von den Freunden der Frau von Richeville, die auch die meinigen geworden waren, empfing. So hatte denn der Beſuch des Herrn von Rochegune bei mir nichts Auffallendes. Ich erwartete ihn mit Ungeduld. Er kam, wie mich dünkt, am zweiten Tage nach jenem Abende. Ich war allein im Zimmer. Mir die Hand reichend, ſagte er traurig: „Wir durften vorge⸗ ſtern nicht von unſerem unglücklichen Freunde reden, waren wir gleich bei einer Bame, die er zärtlich liebte. Sie fühlten ſo gut, wie ich, daß der Augenblick dazu nicht günſtig war . . . . . Sie glauben nicht, was ich in ihm verloren habe!“ Eine Thräne, die Herr von Rochegune nicht zu verſtecken ſuchte, rann aus ſeinen Augen. Ich habe ihn eben ſo ſehr beklagt, erwiederte ich tief bewegt, und beklage ihn noch täglich, wenn ich denke, daß ſeine letzten Gedanken ſich mit mir beſchäf⸗ tigten! . . . Velch ein Ende! Welch eine hölliſche Rache! . Herr von Rochegune runzelte die Stirn und ſagte finſter: „Ich that alles Mögliche, um den Aufenthalt dieſes elenden Lugarto und die Werkzeuge ſeiner feigen Hinterliſt zu entdecken; denn hinſichtlich dieſes Duells und ſeines ſchrecklichen Ausgangs pflichte ich ganz der Anſicht der Frau von Richeville bei. Aber ich erfuhr Nichts, als daß einige Perſonen meinten, er ſei entwe⸗ der in Nordamerika oder in Braſilien.“ Ich erzählte jetzt Herrn von Rochegune den ſon⸗ derbaren Vorfall mit dem Briefe des Herrn von Lanery. 47 „Er ward überraſcht und verſprach, ſich zu erkun⸗ ſn ob Herr Lugarto vielleicht noch in Paris ver⸗ teckt ſei⸗ Sollte er's wagen, wieder nach Paris zu kommen? fragte ich. „Ich fürchte, ja. Er iſt allzu feige, ſich mit mir zu ſchlagen, und offen geſtanden, ich trage Bedenken, die ſchreckliche Drohung des Herrn von Mortagne auszu⸗ führen.“ Er ſelbſt wäre davor zurückgebebt „. „Ich glaube kaum, er war ein eiſerner Charakter aber Lugarto wird um ſo frecher ſein, weil ſeine Verbrechen nicht bewieſen find, er kann ſich unter den Schutz der Geſetze ſtellen und dem Scandal eines Pro⸗ zeſſes wegen Ihrer Entführung Trotz bieten.“ Nie, rief ich aus, werde ich meinen Namen zu einem ſolchen Prozeſſe hergeben! Die Vergangenheit iſt mir wie ein Traum. Jede Erinnerung an ſie ſchreckt mich. „Sie haben Recht. Vertrauen Sie unſerem Schutze! Vergeſſen Sie alles Vergangene! Unſere Sorgfalt, inſere Liebe ſoll Ihre Gegenwart und Zukunft ver⸗ ſchönen. Mortagne hat Sie der Frau von Richeville, mir und allen edlen Seelen überwieſen. Wir wollen ſeine Stelle vertreten und Ihnen die Erde zu einem Paradieſe machen! .. Arme Frau! Sie haben ſoviek“ gelitten, ſind ſo unwürdig behandelt worden, daß wir Ihnen uns ganz zu widmen geloben.“ Es lag eine unbeſchreibliche Herzlichkeit und Ein⸗ falt in dieſen Worten des Herrn von Rochegune. Wie gut Sie ſind! erwiederte ich. Wie viel Dank ſchulde ich Ihnen! Erinnern Sie ſich noch ... vor drei Jahren — — „Nichts in Vergleich mit dem, was ich Ihnen verdanke,“ fiel Herr von Rochegune ein. „Meine beſten, ſüßeſten, zärtlichſten Gedanken „ Ich gerieth etwas in Verlegenheit. Herr von Rochegune bemerkte es und fuhr lächelnd fort:; Halt, ich will mich Ihnen durch ein Bild ver⸗ ſtändlich machen, den Vorwunrf abgeſchmackter Galan⸗ terie nicht fürchtend. Sie lieben die ſchönen Künſie, nicht wahr?“ Gewiß. „Sie begreifen, daß man Stunden lang vor der Verklärung der Jungfrau mit' dem Kinde, einem Penſeroſo, ſtehen kann?“ Gewiß. „Daß man die Muſik eines Mozart, Gluck oder Beethoven mit dankbarem Entzücken anhört? Daß die Bewunderung dieſer Meiſterſtücke der Kunſt den gött⸗ lichſten Genuß, die höchſte und reinſte Begeiſterung, eingibt?“ Aber wozu das Alles ? „Wozu? Weil ich dieſen göttlichſten Genuß, dieſe höchſte und reinſte Begeiſterung, einem Meiſterſtücke der Natur, einem Engel von Güte, Anmuth und Seelen⸗ adel, verdanke! Die letzten Wünſche eines Vaters, die des Herrn von Mortagne, die himmliſche Geduld, wo⸗ mit Sie Ihre Leiden trugen, beſtärkten mich in dem Dienſt, den ich Ihnen gelobt. Sie ſind mir wie ein Mittler zwiſchen Menſchlichem und Göttlichem gewor⸗ den. Seit ich Sie kenne, habe ich Ihnen meine ſchön⸗ ſten und beſten Thaten geweiht, weil der Trieb und die Kraft dazu von Ihnen kam. Wenn ich die Barba⸗ rei zur Bewunderung Ihres Namens zwang, geſchah es nicht aus leerer Schmeichelei, ſondern aus Pflicht⸗ gefühl gegen Sie.“ Doch hatten Andere eben ſo viele Anſprüche auf dankbare Erinnerung, entgegnete ich, um das Geſpräch auf einen andern Punkt zu leiten. Ihr Vater, der ſie zu ſo edlen Gefühlen erzog? „Mein Vater? er wußte im Voraus, was Sie ſein würden, er hoffte, uns verbunden zu ſehen . . . .. ant⸗ wortete Herr von Rochegune ernſt. An ihn oder an Sie denken, iſt Eins. Sein Schatten ſchwebt ſegnend über meiner Liebe zu Ihnen. . . .. Beruhigen Sie ſich. — — 49 Am wenigſten glauben Sie, ich wolle oder könne Ih⸗ nen Galanterien ſagen, Ihnen den Hof machen Ihnen den Hof machen! Einer Dame, wie Sie, macht man nicht den Hof . . . . Nein! Man ſieht ſie und liebt ſie, wie ſie's verdient. Und das habe ich ſtets gethan . . . . . Herr von Rochegune!! .. . . „Dies Geſtändniß kann Sie nicht beleidigen, nicht einmal erſtaunen .. . ..“ Dennoch. .. „Und wüßiten Sie erſt, was ich für Sie ſein will und was Sie für mich ſein ſollen, wie dankbar wären Sie mir für dies Geſtändniß! . .. In der That, mein Herr? fragte ich, über ſeine Lebhaftigkeit lächelnd, glücklich? „Und ſtolz .. Und ſtolz? Merkwürdig! .. . „Nichts einfacher. Sie ſind eine muthvolle Frau, ebenſo eiferſüchtig auf Ihre Ehre, wie ein Mann auf die ſeinige. Sie ſind keines Fehltrittes fähig, nicht weniger vus Grundſatz, als aus Rückſicht auf Ihre Stellung zu Ihrem Gemahl, damit man Ihnen nicht kleinliche Rache ſchuld gebe. Richt wahr 2 Ganz gewiß. „Sie ſehen, ich leſe in Ihrem Herzen, weil es auch das meinige iſt. Doch Sie ſind jung, erſt zwanzig Jahre alt. Vor Ihnen liegt ein langes, einſames Leben, ohne alle Familienbande. Für jetzt genügt Ih⸗ nen die Freundſchaft der Frau von Richeville, weil Sie an der Gränze zweier Zuſtände ſich befinden, weil Sie den Stillſtand der Leiden für das Glück ſelbſt halten. Aber es wird nicht immer ſo bleiben, Ihr Herz muß wieder erwachen zur Liebe . 2 Nein, nein! fiel ich ihm ins Wort. Ich gebe Ih⸗ nen in Allem Recht, nur nicht in der letzten Behaup⸗ tung. . ... Mein Herz iſt der Licbe abgeſtorben. „Abgeſtorben?“ rief Herr von Rochegune. „Es hat ja nie der Liebe gelebt!“ Nie der Liebe gelebt? „Nie!“ Laſſen wir den Scherz bei Seite, Herr von Roche⸗ gune, oder wir gerathen auf die Paradoxen der Frau von Sémur! „Ich ſcherze nicht. Ich wiederhole, Sie haben nie geliebt.“ Aber, mein Herr. „Aber, meine Dame . . .. Das göttlichſte aller Ge⸗ fühle, das die höchſten und ſchönſten Seelenkräfte in Bewegung ſetzt, ſollte der erſte beſte Lump nach Belie⸗ ben entzünden oder auslöſchen können! — und das in einem Herzen, wie das Ihrige!! —“ Erſtaunt ſah ich Herrn von Rochegune an. Alſo ich hätte nie geliebt! fuhr ich fort. Aber was habe ich denn empfunden? Woher dieſe Leere im Herzen, dieſe Hoffnungsloſigkeit? „Sagen Sie, ſtatt Leere im Herzen, Erſchöpfung durch Schmerz. Ein ſolches Herz, wie das Ihre, wird nie leer!.. Und Keiner, der Nichts zu bedauern hat, entſagt jeder Hoffnung!“ Der Nichts zu bedauern hat, mein Herr? „Ja; Sie haben Viel zu beklagen, aber Gottlob! Nichts zu bedauern! Daher dürfen Sie freudig und getroſt in die gränzenloſe Zukunft blicken .. . .“ In die Zukunft 2... „In die Zukunft. Wer verſchlöſſe ſie Ihnen? Eine Seele, die rein, innig und tief liebt, und wieder⸗ geliebt wird, trauert ewig und entſagt aller Hoffnung, wenn ein übermenſchliches Ereigniß ſie von ihrer zwei⸗ ten Hälfte losreißt. Ja, ihre Trauer währt ewig; denn ſie fließt aus einer lautern Quelle; ewig, denn ſie wird fromm gepflegt und nicht gewaltſam erſtickt; ewig, denn in der Gewißheit eines untröſtlichen Schmer⸗ zes liegt eine unnennbare Wolluſt; ewig, denn das 51 verlorene Glück iſt unerſetzlich. Und dieſe fromme Trauer, dieſe kindliche Treue im Kultus der Vergan⸗ genheit ſollte beweiſen, daß die Liebe im Herzen erſtor⸗ ben, verloſchen ſei? Im Gegentheil. Sie beweist, daß die Liebe nie lebendiger geweſen, nie reiner und glü⸗ hender gebrannt hat... .. Zetzt ſagen Sie, armes, un⸗ glückliches Weib, haben Sie je etwas der Art empfun⸗ den ?.. Gewiß nicht . . . . Nach entſetzlichen Leiden flohen Sie jede Erinnerung an dieſelben, und dankten Gott für Ihre Befreiung aus Henkershand!“ Alles wahr! . . . . Ich meide die Vergangenheit, ſtatt ſie aufzuſuchen. . ... Aber welcher Vorwurf meine Liebe auch trifft . . . . Doch liebte ich, ſonſt hätte ich Herrn von Lanery nicht geheiratet. „Ze nun, das Herz hat ſeine ſchwachen Augenblicke, wie die Sinne. Das verführeriſche Aeußere Ihres Gatten, ſeine ſüßen Heuchelreden, Ihr ſo natürlicher Wunſch, der Vormundſchaft Ihrer Tante zu entgehen, Ihr ehrenvolles Vertrauen zu einem Menſchen, den Sie deſſelben würdig erachtet, Ihr angeborener Edel⸗ muth, Ihr Mangel an Menſchenkenntniß — dies Alles trieb Sie in die Arme eines Gatten, der Ihrer nicht werth war. Einmal verheiratet, einmal unglücklich, hielten Sie blinde Unterwürfigkeit unter Ihren Ge⸗ mahl und muthige Fflichterfüllung für die edle Hin⸗ gabe der Liebe. Sie waren ergeben, tugendhaft, wäh⸗ rend Sie leidenſchaftlich zu lieben glaubten.“ Aber fühlte ich nicht die Qualen der Eiferſucht? „Sie irrten ſich über Ihre Eiferſucht, wie über Ihre Liebe. Ein Irrthum erzeugt den andern. Sie wurden mehr durch den Undank Ihres Gatten empört, als durch ſeine Untreue.“ Warum kann ich dem Herrn von Lanery nicht ge⸗ liebt haben? „Weil er Ihrer unwerth war.“ Liebt man denn nur, die Unſerer würdig ſind? 52 „Sie, Mathilde von Maran, können nur einen Ihrer Würdigen lieben . . . .“ Sehen Sie Herrn Secherin an. Er iſt eben ſo gut, als ſeine Frau ſchlecht. Sie hat ihn ſchändlich hintergangen, und doch betet er ſie an. „Ich rede nicht von Herrn Secherin, nicht im All⸗ gemeinen, ſondern von einem beſondern Falle. Ich ſage, daß Sie Keinen lieben können, der nicht Ihre Liebe verdient.“ Warum denn ich, mehr als jede Andere? „Weil die Liebe für Sie, wie für alle erwählten Seelen, ein Austauſch der reinſten, edelſten Gefühle ſein muß.“ Ihre Gründe laſſen ſich hören, und die Eitelkeit könnte Ihrer Beweisführung zu Hülfe kommen, erwie⸗ derte ich Herrn von Rochegune. Doch bin ich nicht überzeugt. „Sie werden es ſein.“ Warum? Warum ſoll ich denn glauben, daß mein Herz ſich hat blenden laſſen, daß ich nie wirklich ge⸗ daß ich nur einen meiner Würdigen lieben ann? „Weil ich Sie über das Geſtändniß meiner Liebe glücklich und ſtolz machen will.“ Erklären Sie ſich. „Durch den Beweis, daß Sie nie geliebt haben, und nur Einen Ihrer Liebe Würdigen lieben können, zwinge ich Sie zu dem Bekenntniß, daß Sie einſt lie⸗ ben müſſen.“ Nichts weniger, als das. Wer ſagt Ihnen erſtlich, daß ich dieſen Würdigen finden werde; und zweitens, daß ich ihn lieben muß. „Alles ſagt mir es. Ihre Lage bringt es mit ſich, und Ihr Herz, Ihre Grundſätze ſind der Art, daß, wenn Sie lieben, Sie Ihre Liebe nicht blos laut geſtehen, Angeſichts der ganzen Welt ſich derſelben rühmen.“ Eine ſolche Liebe iſt ſelten .. . . . „Noch ſeltener Männer, die ſie zu würdigen wiſ⸗ ſen. Aber haben Sie ihn erſt gefunden, müſſen Sie ihn lieben. Alles treibt Sie dazu: Herzensbedürfniß, der Stolz, ſo geliebt zu ſein, der geheimnißvolle Zug edler Seelen zu einander . .. Aber wo iſt ein ſolcher Mann? „Er ſteht vor Ihnen. Ich bin's.“ Sie? „Ich, denn ich bin Ihrer würdig.“ An jedem Andern, entgegnete ich ernſt, und reichte ihm meine Hand, würde dieſe Zuverſicht mir abge⸗ ſchmackt ſcheinen. Doch Ihnen muß ich glauben. Sie haben Recht, ich bin ſtolz und glücklich über Ihr Ge⸗ ſtändniß. „Hab'ich's nicht geſagt!“ rief er mit unglaublicher Einfalt. Eine Offenheit iſt der andern werth, enigegnete ich Herrn von Rochegune. Vielleicht, daß mein Herz erwacht. Wenn ich Sie je ſo liebe, daß wir Beide ſtolz darauf ſein können, dann, ſchwöre ich Ihnen, will ich mit Wonne und Zuverſicht ihr mich ergeben... Aber ach! auch die reinſte, heiligſte Liebe iſt gegen die Verleumdungen der Welt nicht ſicher. „Ich will mich nicht zum Schutzredner der Welt aufwerfen. Aber die Urſache des Böſen, das ſie thut, liegt faſt immer in der Verſtellung oder Schwäche derer, die ſie anklagen. Wer kein reines Gewiſſen hat, dem mangelt es ſtets an Muth. Weſſen Bruſt edle, ſtolze Gefühle nährt, braucht ſie nicht zu verbergen. Wenn er es doch thut, begeht er eine Feigheit und verdient geläſtert zu werden. Sie haben ſich Nichts vorzuwerfen. Warum alſo die Heimlichthuerei, die ſtets ein Schuldbewußtſein verräth. Die Tugend hat ihre Kühnheit ſo gut, wie das Laſter. Warum ſollten wir, eine Frau, wie Sie, ein Mann, wie ich, unſere reine, lautere Liebe der Welt verheimlichen, während 54 urſula und Ihr Gatte ihren doppelten Ehebruch ſo frech zur Schau tragen? Die Welt liebt Entſchloſſen⸗ heit und Kühnheit, und zieht die muthige, kühne, ent⸗ ſchloſſene Tugend dem muthigen, kühnen, entſchloſſenen Laſter vor.“ Der edle Stolz in den Zügen des Herrn von Roche⸗ gune entzückte mich. Sie haben Recht, erwiderte ich, von dem Strom ſeiner Beredtſamkeit fortgeriſſen. Es wäre ſchön, durch Muth und Offenheit die Läſterzungen unſchädlich zu machen! Nach kurzem Beſinnen fuhr ich fort: Ihnen einen Beweis meiner Aufrichtigkeit und meines Vertrauens zu geben, frage ich Sie: weßhalb haben Sie nicht vor drei Jahren ſo zu mir geredet?“ „Weil ich vor drei Jahren jünger war, und nicht Selbſtbewußtſein genug hatte, um eine ſolche Sprache ge⸗ gen Sie führen zu dürfen. Mortagne wußte um meine Liebe. Er rieth mir, Frankreich ſchnell zu verlaſſen, auf Reiſen zu gehen, mich durch den Dienſt einer edlen Sache nützlich zu machen, bis ich ſelbſt ſtändig genug geworden, um das Gold meiner Liebe von den Schlacken zu reinigen, und ohne Erröthen es Ih⸗ nen antragen zu können.“ Und wenn ich, über den Verluſt meines Gatten getröſtet, mein Herz bereits vergeben hätte? „Ein edles, uneigennütziges Herz trägt die Schläge des Schickſals mit Geduld, während das ſelbſtſüchtige verzweifelt. Dann hätte ich Ihnen angeboten und geſagt, was ich Ihnen jetzt anbiete und ſage — und zwar in Gegenwart der geliebten Perſon. Sie würde mich verſtanden haben. Auch wenn ſie meiner unwerth geweſen wäre? „Es gibt moraliſche Unmöglichkeiten, ſo gut wie phyſiſche. Ich wiederhole, Sie können keinen Unwür⸗ digen lieben.“ Wenn aber dem doch ſo wäre, Eigenſinn, Sie? 5. Stillſchweigend ſah mich Herr von Rochegune an und ſagte mit feierlichem Ausdruck in Haltung und Stimme; „Ich würde anmir ſelbſtirrewerden.“ Achtes Kapitel. Geſtändniſſe. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich die Nachwir⸗ kung meines Geſpräches mit Herrn von Rochegune empfand. Sein offenes, ungezwungenes Benehmen erſparte mir die durch ſein Geſtändniß gebotene Zurückhaltung. Ich ſah ihn faſt jeden Abend bei Fran von Riche⸗ ville. Mitunter auch bei mir. Mein Vertrauen zu ihm und zu mir war ſo groß, daß ich mich der wachſenden Vertrautheit zwiſchen uns furchtlos hingab. Ich legte einen, wie ich glaube, gerechten Stolz auf die Beweiſe der Zuneigung des Herrn von Rochegune und auf den Einfluß, den ich ohne mein Wiſſen über ihn geübt, offen an den Tag. Sein Anſehen nahm reißend zu. Er ſprach nur ſelten in der Pairskammer, aber ſein beredtes Wort fand in allen edlen Gemüthern Nachhall, um ſo mehr, als er durchaus unabhängig daſtand. Er gehörte zu keiner Partei, oder richtiger, zu allen, inſoweit eine jede ihr Gutes und Wahres hatte. Entſchiedener An⸗ hänger alles Gerechten, Menſchlichen, Großen und wahrhaft Nationalen, war er gegen jede Feigheit, Selbſtſucht, Lüge und Heuchelei unverſöhnlich. Dadurch ſchadete er ſeinem perſönlichen Intereſſe, aber erwarb ſich um ſo ſchönere Verdienſte um die Ausbreitung der Wahrheit in Frankreich, in Europg. Sd 5 Der Ruhm ſeines Namens und Charakters ging ſo weit, daß ein nordiſcher Monarch, der trotz aller Bemühungen der franzöſiſchen Diplomatie, ſich zu einer gewiſſen Einräumung nicht verſtehen wollte, Herrn von Rochegune brieflich kund that, daß er in Anſehung ſeiner Verdienſte um die Sache der Menſchheit gern bewillige, was er aus diplomatiſchen Rückſichten bis⸗ her verweigert habe. In dieſer Huldigung eines Fürſten, der, außer aller perſönlichen Berührung mit Herrn von Rochegune, deſſen Mangel an Ehrgeiz nach öffentlichen Aemtern er kannte, ihn in die Angelegenheiten ſeines Vater⸗ landes dadurch zu verwickeln wußte, daß er ihn als Menſch ſo hoch ehrte, lag ebenſo viel Achtung als Wohlwollen. Freudeſtralend theilte mir Herr von Rochegune dieſe Nachricht mit und bewies mir, daß er dieſe Aus⸗ zeichnung mir verdanke. Denn ich ſei die Quelle, woraus ihm alle große und erhabene Gedanken zu⸗ ſtrömten. Die Freunde des Herrn von Rochegune waren über die ihm widerfahrne Anerkennung mehr überraſcht, als erſtaunt. Alles floß über von dem Lobe ſeiner auf⸗ opfernden Menſchenliebe, ſeiner Rednertalente, ſeiner kriegeriſchen Thaten, ſeiner ebenſo gründlichen, als vielſeitigen Bildung. Jeder Fremde von Auszeichnung geizte nach der Ehre des Zutritts zum Salon der Frau von Riche⸗ ville, wo Herr von Rochegune der Mittelpunkt war um den ſich Alles ſammelte. Dennoch verſtand Keiner beſſer die Kunſt, durch natür⸗ liches, heiteres, geſelliges Weſen die unbeſtrittene Ueberle⸗ genheit ſeines Geiſtes in Vergeſſenheit zu bringen, ſobald einmal eine Annäherung ſtattgefunden hatte. Sein feltfames Talent, zu gefallen, wirkte begeiſternd auf ſeine Umgebung ein. Die Art, wie wir uns gegenſeitig bevorzugten — 57 denn wir brauchten unſerer Gefühlen uns nicht zu ſchämen — hatte in der Geſellſchaft der Frau von Richeville ſolchen Anklang gefunden, daß es Herrn von Rochegune nicht verübelt wurde, wenn er ſtets neben mir ſaß und bei jeder Gelegenheit mir ſeinen Arm bot. Dieſe Nachſicht von Seiten ſtreng⸗ſittlicher Per⸗ ſonen beweiſt mehr, als alles Andere, die Unſchuld und Ehrenhaftigkeit unſerer Geſinnung. Frau von Richeville und ich waren durch innige Freundſchaft verbunden. Jeden Tag gab ſie mir neue Proben ihrer Güte. Emma liebte ich wie eine jüngere Schweſter. Nie hatte ich mich glücklicher gefühlt. Wenn ich nicht in's italiäniſche Theater ging oder zu Hauſe blieb, verbrachte ich den Abend bei Frau von Richeville. Morgens ging ich entweder ſpazieren, oder machte Beſuche, oder ſpielte Klavier. Dieſes neue, ruhige Leben behagte mir ſo wohl, daß ich jede Einladung ausſchlug. Ein, in den Annalen der Geſellſchaft vielleicht unerhörtes Ereigniß ließ mich einen neuen Blick in das ercentriſche Weſen des Herrn von Rochegune thun. Zum Verſtändniß des Folgenden muß ich nachho⸗ len, daß Herr Gaſton von Senneville ſich angelegent⸗ lichſt um meine Gunſt bewarb. Offenbar hatte er mein Verhältniß zu Herrn von Rochegune als ein rein ſchweſterliches aufgefaß, welches ihm Hoffnung laſſe, mir zärtlichere Gefühle einzuflößen.« Bei aller Eleganz und Anmuth war er die Unbe⸗ deutendheit, die Nullität ſelbſt. Den Mangel an Geiſt wußte er hinter geſelligen Umgangsformen zu ver⸗ ſtecken, die übrigens einer ſpätern Altersſtuft ange⸗ hörten, ſo daß die Abgemeſſenheit und Förmlichkeit ſeines Benehmens einen faſt lächerlichen Gegenſatz bil⸗ dete gegen ſein hübſches, jugendliches, zwanzigfähriges Geſichtchen. Mathilde. v. 5 58 Nach den altklugen Kindern, die im Rocke ſchon die Madame ſpielen wollen, kenne ich nichts Betrüb⸗ ſameres, als ſo ein Herrchen, das noch mit den Gänſen prozeſſirt, und doch die Miene des Mannes annimmt, ſtatt heiter und froh des Lebens zu genießen. Wider⸗ wärtiger als das ceremoniöſe Weſen iſt freilich die Ungenirtheit oder gar dummerweiſe Vertraulichkeit ge⸗ wiſſer Männer der vornehmen Geſellſchaft. Uebri⸗ gens lachen Frau von Richeville und ich nur unter vier Augen über dieſe Abgeſchmacktheit ihres Neffen. Ich nahm ihn um ſo wohlwollender auf, als ich ihm nicht die kleinſte Anmaßung zutraute. Auch hatte er mir bisher keine andere Aufmerkſamkeiten erwieſen, als welche jeder Guterzogene den Damen erweiſt. Lei⸗ der! iſt in unſern Tagen eine gute Erziehung ſo ſelten, und kümmern ſich die Herrn um die Damen ſo wenig, daß ſelbſt das Unſchuldigſte übel gedeutet wird. So hätte, was in unſerm kleinen Kreiſe für gute Lebens⸗ art galt, in einer weniger gewählten und vertrauten Geſellſchaft für ein ſtarkes Hofmachen und Kurſchneiden gegolten. Erſt die Scene, welche ich erzählen will, klärte mich über die ſelbſtgeäußerten oder ihm in den Mund gelegten Abſichten des Herrn von Senneville auf. Eines Morgens trat Frau von Richeville eiligſt in mein Zimmer und warf ſich in meine Arme. — „Mathilde,“ rief ſie, „ich weiß mich vor Freude nicht zu faſſen. Denken Sie ſich, Sie ſind die Heldin eines unerhörten, unglaublichen Ereigniſſes, ſind geliebt, bewundert über alle Maßen, und ſollen für alle frü⸗ heren Leiden entſchädigt werden. Sagte ich Ihnen nicht, daß die Welt doch gut ſei? Sie läßt Ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Wer mir jetzt noch die Welt anklagt!!!“ ch verſtehe Sie nicht, fiel ich lächelnd ein. Ich, die Heldin eines unerhörten, unglaublichen Ereigniſſes? „Will Ihnen Alles erzählen, nur Geduld! und 59 Sie ſollen ſo roth werden wie. .. .. Mein Gott, ein ſolches Lob!. .. Aber das Beſte an der ganzen Sache, iſt eine Dummheit meines Neffen Gaſton de Senneville, welche den Herrn von Rochegune zu wahrhaft hinreißender Beredtſamkeit begeiſterte, und... Doch ich will von vorn anfangen. Sie wiſſen, daß ich geſtern Abend bei der Frau von Longpré war, zugleich mit dem Fürſten und der Fürſtin von Hericourt. Wir alle Drei hatten ſie eine Ewigkeit nicht beſucht und mußten daher das Verſäumte nachholen. Ich kann den Charakter dieſer Dame nicht leiden, bei allem Geiſte fehlt es ihr an Muth; ſie hört ruhig zu, wenn ihre vertrauteſten Freunde auf das Schändlichſte verleum⸗ det werden; ein: Mein Gott! was Sie da ſagen! Hätte ich das gedacht! Iſt's auch wahr? Gewiß über⸗ trieben u. ſ. w. iſt Alles, was ſie erwidert. Der Fürſt von Héricourt zeigt ſich jetzt ſo ſelten, daß ſein Erſcheinen bei Frau von Longpré faſt ein Ereigniß war. Sie glauben nicht, wie der Salon Augenblicks eine ganz andere Geſtalt annahm. Kaum wurde der Namen des Fürſten mitten in den Lärm hineingerufen, als plötz⸗ lich eine tiefe Stille entſtand. Alle Männer, ſogar einige jüngere Damen erhuben ſich bei unſerm Eintritt.“ Sie haben Recht, erwiderte ich der Frau von Richeville; eine ſolche Huldigung gefallener Größe er⸗ wieſen, ſöhnt mit der Welt aus. „Nicht wahr? Aber warten Sie nur das Ende ab, es kömmt noch beſſer. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß in den Salons der Frau von Longpré alle Schattirungen der politiſchen Parteien und des geſellſchaftlichen Lebens vertreten ſind. Gleich nach der Ankunft des Fürſten und ſeiner Gemahlin gab Frau von Longpré, die übrigens eine vortreffliche Wirthin iſt, und trotz ihrer böſen Zunge viel Takt beſitzt, dem Geſpräche eine ſolche Richtung, wie ſie der Würde ihrer neuen Gäſte angemeſſen war. Bald darauf kam auch Herr von Rochegune, deſſen letzte Rede in der Pairskammer einen ungewöhnlichen Anklang gefunden. Aller Augen richteten ſich auf ihn. Der Fürſt ging auf ihn zu und drückte ihm mit auszeichnender Herz⸗ lichkeit die Hand. Noch viele andre traten ein, auch mein lieber Neffe, Gaſton de Senneville, in wunder⸗ hübſcher Halsbinde, ein großes Bouquet im Knopfloch, mit jener einſtudirten Gemeſſenheit, die Sie lachen macht.“ Und die Sie in Verzweiflung bringt., „Einer Verwandten kann das nicht gleichgültig ſein! Ich will Ihnen aus guten Gründen einige der vornehmſten Perſonen nennen. Zuerſt Frau von Kſer⸗ nika und ihren wilden Herrn Gemahl. Ihre Anwe⸗ ſenheit entzückte mich, aus gewiſſen Urſachen, die Sie ſpäter erfahren ſollen. Nicht weniger, obgleich in audrem Sinne, war ich über die Gegenwart der öſterreichiſchen Geſandtin entzückt, denn dieſe Dame weiß alles Zarte, alles Hohe zu ſchätzen. Gleichzeitig mit uns erſchien jener große Staatsmann, von dem Herr von Talleyrand ſagte: Er gebietet und ver⸗ bietet.“ Vortrefflich! ſagte ich zur Frau von Richeville. Aber auch das Bild iſt ſchön, das der Fürſt von Héri⸗ court in folgenden Worten entwirft: „Ganz wider den gewöhnlichen Lauf der Dinge bezau⸗ bert er durch Ernſt, gewinnt er Liebe dunch männliche Feſtigkeit, Achtung durch vollen⸗ dete Anmuth, das Vertrauen ves Volks durch hohe Geburt.“ „Gutgetroffen!“ entgegnete Frau von Richeville „Und doch weit hinter dem Original. Ein edler Cha⸗ rakter iſt ebenſo ſchwer ſchildern, als eine Schönheit beſchreiben. Aber warum Sie länger hinhalten? Kurz und gut, die Elite von Paris war berufen, Zeuge folgender Scene zu ſein. Um ſo größer meine Freude!“ Geſchwind, geſchwind! Ich ſterb' vor Ungeduld. Frau von Richeville erzählte weiter; „Herr von 61¹ Rochegune unterhielt ſich neben dem Kamin mit Frau von Longpré über das letzte Concert im Conſervatorium, welches wir zuſammen beſucht hatten. Die Frage, ob Sie muſikaliſch ſeien, lenkte das Geſpräch auf Sie.“ „Gewiß,“ erwiderte ich. „Nur Schade, daß ihre Schüchternheit uns des Vergnügens beraubt, ſie öfter zu hören; ſie hat eine vortreffliche Schule und aus⸗ gezeichnet viel Geſchmack.“ „Gleich das erſte Mal, als ich Frau von Lanery reden hörte,“ ſagte Herr von Rochegune, „war ich über⸗ zeugt, daß ſie herrlich ſingen müſſe; ihre Stimme iſt ſo klangreich, ſo metalliſch, daß ihr Geſang nur eine andere Art von Naturſprache, keine Kunſt iſt. Frau von Kſernika, die Ihnen, liebe Mathilde, das Miß⸗ lingen ihrer böſen Abſichten noch immer nicht verziehen hat, lächelte hinterliſtig und ſagte mit ſüßlicher Stimme zu Herrn von Rochegune, ohne Frage, um ihn verlegen zu machen: „Auch Sie, mein Herr, ſind ein großer Bewunderer der Frau von Lancry?“ „Ja, meine Dame, aber vielleicht liebe ich ſie noch zärtlicher, als ich ſie bewundere,“ entgegnete Herr von Rochegune mit ſolcher Feſtigkeit der Stimme, mit ſolchem Ausdruck von natürlicher und leiden⸗ ſchaftlicher Ehrerbietung, daß das öffentliche Geſtänd⸗ niß, trotz ſeiner Sonderbarkeit, die natürlichſte, ein⸗ fachſte Sache von der Welt ſchien.“ Ich kenne die Ergebenheit des Herrn von Roche⸗ gune für mich beſſer, als irgend wer, ſagte ich errö⸗ thend. Vor Ihnen und Ihren Freunden hätte ich ihm ſolche Aeußerungen gern verziehen; aber vor Perſonen, an meinem Schickſal mehr, als zwei⸗ elhuſt „Sie werden ungerecht, Mathilde,“ fiel Frau von Richeville ein. „Das Ende wird Ihnen zeigen, daß unſer Freund vollkommen recht gehandelt hat. Merken Sie wohl, Frau von Kſernika legte beſondern Nach⸗ druck auf das Wort zärtlich, und ihm einen recht empfindlichen Schlag zu verſetzen, ſagte ſie geziert: „Eine ſolche Erklärung iſt wenigſtens ſehr indiskret. Haben Sie auch bedacht, daß ſie leicht zu den Ohren der Frau von Lanery gelangen kann?“ „Und glauben Sie, Madame,“ fragte Herr von Rochegune, „daß ſie etwas Neues erführe? Unlängſt hab' ich ihr meine leidenſchaftliche Liebe geſtanden!“ „Frau von Kſernika that ganz erſtaunt und ver⸗ dutzt. Erſt blickte ſie auf, dann nieder, dann wieder auf, ganz außer ſich vor Beſtürzung. Nachdem ſie eine Weile dies Spiel getrieben, ſagte ſie: „Es thut mir ſehr leid, mein Herr, daß ein Scherz von mir eine Antwort veranlaßte, die für den Ruf der Frau von Lanery ſo nachtheilige Folgen haben kann und. .“ „Für den Ruf der Frau von Lanery nachtheilige Folgen haben!“ unterbrach ſie Herr von Rochegune mit der natürlichſten Manier von der Welt. „Unmöglich! Darf ich nicht ſtolz ſein auf die Bewunderung und Liebe, die ſie mir einflößt? Darf ich meiner Empfäng⸗ lichkeit für alles Edle und Große mich nicht rühmen? Soll ich meine Begeiſterung für dies Edle und Große verhehlen, weil ich es an einer jungen und ſchönen Frau finde?“ „Nein, mein Herr, gewiß nicht!“ erwiderte Frau von Kſernika hinterliſtig lächelnd. „Nur könnten Läſter⸗ zungen aus dieſer Begeiſterung ſchließen, die Dame laſſe die Gefühle, die ſie einflößt, nicht unerwidert . . . „So ſollen denn vor allem die Läſterzungen wiſſen, daß Frau von Lanery meine Begeiſterung theilt,“ rief Herr von Rochegune und warf einen Blick voll bitterer Verachtung auf Frau von Kſernika . „Die Läſterzungen! Kennen Sie zufällig welche, Madame, ſo ſagen Sie ihnen gefälligſt, daß Frau von Lanery um meine innige Liebe zu ihr weiß, daß ſie meine Gefühle erwidert, daß ich ſie täglich ſehe, daß der Umgang mit ihr das höchſte Glück meines Lebens iſt!“ Dieſe offene Erklä⸗ rung über ſein Verhältniß zu Ihnen, das die Argliſt —— 1 — — v— 63 der Frau von Kſernika in ein gewiſſes Halbdunkel hüllte und dadurch verdächtigte, vereitelte alle ihre böſen Abſichten. Außer Faſſung gebracht, wollte ſie meinen Neffen Gaſton de Senneville zu Hülfe rufen. Dieſer muß ſich für Ihren Anbeter erklärt und den Leuten weiß gemacht haben, daß Sie ſeine Bewerbung um Ihre Gunſt nicht ungern ſähen.“ Sonderbar! rief ich aus. Nie hat er ſich mir von dieſer Seite gezeigt. Noch weniger habe ich .. „Weiß es wohl,“ fiel Frau von Richeville ein. „Hören Sie nur, wie mein Neffe für ſeinen Uebermuth beſtraft wurde! . . Natürlich war er durch das Ge⸗ ſtändniß des Herrn von Rochegune ſchon verſtimmt.“ „Wohlan,“ fragte ihn, der purpurroth daſtand, ſpöt⸗ tiſch Frau von Kſernika: „was halten Sie von der Discre⸗ tion des Herrn von Rochegune? Mein armer Neffe zeichnet ſich nicht eben durch allzu ſchnellen Witz aus, und doch mußte er antworten, oder er wäre als Tropf ver⸗ ſchrieen worden. Hätte er nur geſchwiegen! Ich finde, Madame, erwiderte er mit Philoſophenmiene, daß Herr von Rochegune keinen beſondern Werth auf Ver⸗ ſchwiegenheit in der Liebe legt, und kann ihm darin nicht beipflichten. Oh! die Nacht, in die ſich die Liebe hüllt, hat ſo viele Reize, daß . daß das Halb⸗ dunkel in .. . in welches .. . Und damit war's aus. Er konnte weder vor, noch rückwärts. Alle ſahen ihn an. Die Stimme zitterte ihm, er ſtockte, ſtammelte, huſtete .. . Nichts half. Herr von Rochegune erbarmte ſich ſeiner und antwortete Anfangs mit faſt väterlichem Wohlwollen, dann mit immer größerer Lebhaftigkeit: „Ich verſichere Ihnen, mein lieber Herr von Senneville, ich erkenne den ganzen Werth des Geheimniſſes und der Verſchwiegenheit in gewiſſen Fällen an. Eine Schön⸗ heit von zweifelhaftem Rufe, eine trügeriſche Liebe, oder eine Liebe, die Gleiches mit Gleichem, Untreue mit Untreue vergilt, bedarf allerdings des Schleiers der Nacht. Aber eine Schönheit, ſo rein, ſo glänzend, 64 wie der weißeſte Marmor, beſchienen vom jungen Stral der Morgenſonne — ich meine Frau von Lancry,“ fügte er höhniſch hinzu mit einem Seitenblicke auf Frau von Kſernika; — aber ein Gefühl, worin der ganze Stolz, das ganze Glück zweier gleichgeſtimmten Seelen beſteht — ich meine unſere Liebe — braucht ſich nicht in Nacht und Nebel zu verſtecken. Nein! für ſolche Liebe, für ſolche Schönheit iſt kein Tag hell und lauter, keine Stimme voll und klangreich, keine Anbetung innig und feurig genug. Wenn ich dieſe göttlichen Genüſſe, die mit ſtolzem Herzen, freier Stirn und kühnem Auge eingeſogen werden, mit jenen Lüſten vergleiche, die ſich ſcheu und furchtſam in das Dunkel der Nacht hüllen, dann frage ich mich, wer hat je den Adler mit der Eule, den Krieger mit dem Meuchelmörder, die Ehre mit der Schande, die Wahrheit mit der Lüge, die Offenheit mit der Heuchelei vergleichen können? Hand auf's Herz, Madame, bin ich, der den Namen des geliebten Weibes mit aller Kraft ſeiner Stimme in die Welt hinausruft, nicht tauſendmal glücklicher, als wenn ich den theuren Namen erröthend lispele, oder ihm durch eine Feigheit ausweichen müßte?“ „Mathilde, daß Sie ihn geſehen hätten!“ rief Frau von Richeville begeiſtert aus. „Seine Züge flammten, ſeine Augen ſprühten Feuer, ſeine Stimme kam aus tiefſter Bruſt, jede Bewegung athmete die Gefühle ſeines Herzens aus, und dabei dieſe ruhige, gebieteriſche, würdevolle Haltung! Wie ein elektriſcher Schlag wirkten ſeine Worte. Alle Umſtehende, Gaſton de Senneville und Frau von Kſernika nicht ausgenom⸗ men, theilten den ritterlichen Enthuſiasmus des Herrn von Rochegune. Es war einer jener ſeltenen Augen⸗ blicke, wo Freund und Feind der hinreißenden Kraft der Beredtſamkeit unterliegt. Als die erſte Aufregung vorbei, ging der Fürſt von Héricourt, der wie Sie wiſſen, in allen Ehrenſachen und Principienfragen eine entſcheidende Stimme beſitzt, auf Herrn von Rochegune 65 zu, ergriff ſeine Hand und ſagte, als ob er den Wor⸗ ten des Herrn von Rochegune einen höhern Werth geben wolle: Dank, Dank, mein Freund! Endlich ein⸗ mal iſt es Angeſichts der Welt ausgeſprochen und be⸗ wieſen worden, daß es eine Liebe gibt, die alle Guten, alle Wohlgeſinnten zu Zeugen ihres Glückes einladen kann! Die Welt wird das ihr geſchenkte Vertrauen zu ehren wiſſen. Ihnen und der jungen Frau,“ deren Name ich ſtets mit aufrichtiger Hochachtung nenne, ge⸗ bührte der ſchöne Ruhm, unſerer Zeit das erſte Bei⸗ ſpiel einer Liebe gegeben zu haben, welche ſich bis zum Heldenmuth ſteigert.“ . „Gewiß, mein Freund;“ fügte d'e würdige Gattin hinzu. „Konnten wir einer jungen, ſchwergeprüften Dame den Kummer nicht erſparen, ſoll ſie doch wiſſen, daß wir ihre Standhaftigkeit und ihre fromme Erge⸗ bung hochſchätzen, und durch Achtung für die reinen Gefühle, worin ſie Troſt ſucht, ihr unſere Theilnahme beweiſen!“ 3 „Hoffen wir,“ rief der Fürſt mit erhobener Stimme, „daß der Auftritt von heute Abend nicht ohne wohl⸗ thätige Folge bleibt; daß dieſe Worte bis in die Ohren derer gelangen, die der Geſellſchaft die Macht oder den Willen abſprechen, diejenigen Gemeinheiten zu züch⸗ tigen, welche dem Arme weltlicher Gerechtigkeit ſich entziehen. Möge endlich einmal die öffentliche Mei⸗ nung einen Nichtsnutzigen brandmarken, und zur Strafe eine Art moraliſcher Eheſcheidung gegen ihn ausſprechen; möge ſie der tugendhalten, verlaſſenen Gattin dieſes Menſchen zurufen: Du haſt keine Verpflichtung mehr gegen den Elenden, als ſeinen Namen, der auch der Deine iſt und bleibt, rein und makellos zu bewahrenz weder Gott, noch Menſchen tadeln Dich, daß Du in einem Herzen, das Deiner würdig iſt, Troſt ſuchſt für Deine Leiden. Ich wiederhole, Dank und Ruhm Ihnen, mein Freund! —“ und dabei drückte er Herrn von Rochegune tief gerührt die Hand. „In ähnlichen Fällen, 66 wo Menſchenſatzung zwei wahrhaft Liebende getrennt hält, wird hinfort Ihr Beiſpiel angeführt werden. Bei Nennung Ihres Namens ſchweigt die Löſterzunge!“ O, mein Gott! rief ich mit Thränen im Auge, daß ich es ſein muß, die Anlaß dazu gab! Ich kann nicht ſagen, wie ſehr ich dieſe Sprache bewundere. „Hätten Sie es doch ſelbſt gehört, Mathilde. Und geſehen. Geſehen den Fürſten, voll Majeſtät im Ge⸗ ſichte, voll edlen Zorns, der die hohe Stirn bis unter's greiſe Haar röthete, als er von dem ausſchweifenden Leben Ihres Gatten ſprach; und dann den Ausdruck unbeſchreiblicher Güte, als er auf Sie zu reden kam! Hätten Sie es geſehen und gehört! Mein armes Wort vermag eine ſolche Scene nicht wiederzugeben. Wagen Sie es auch jetzt noch, die Unbeſonnenheit des Herrn von Rochegune zu tadeln?“ Nein, nein! rief ich und ergriff die Hand der Frau von Richeville. Gewiß nicht! Denn ich verdanke dieſer Unbeſonnenheit einen der ſchönſten, ſüßeſten Au⸗ genblicke meines Lebens! — Nicht wahr? — Zedem Andern würde ich mißtrauen, liebe Freundin, ſo ſehr ſcheint mir das Erzählte unſern Sitten, Gewohnheiten und unſerer Zeit zu widerſprechen! „Glauben Sie denn,“ entgegnete Frau von Riche⸗ ville, „daß Leute, wie der Fürſt, die Fürſtin und Herr n Rochegune, nach dem Schnitte unſers Jahrhun⸗ derts ſind? ... Ich will nicht von Ihnen reden, beſte Mathilde, Sie würden mir zürnen! Aber wahrlich! Männer von ſo anerkanntem Werthe, daß ſie durch ein Geſtändniß, welches in jedem andern Munde Ihren Ruf auf immer vernichtet hätte, die Dame ungleich höher ſtellen in der öffentlichen Meinung, ſind eine große Seltenheit! Die ritterlichen Eigenſchaften des Herrn von Rochegune erfreuen ſich einer folchen Achtung, das Vertrauen, das er einflößt, iſt ſo feſt, daß Per⸗ ſonen, an denen Ehre, Religion, Würde und Geburt ihre wärmſten Vertreter finden, ſeiner Liebe zu einer — — 67 Frau, die nicht die ſeinige iſt, die Krone aufſetzen! So rein iſt dieſe Liebe! So ſehr verdient dieſe Frau eine ſolche Liebe! .. Ach! .. Mathilde ... Mathilde! ...“ rief Frau von Richeville aus tiefbewegter Bruſt, daß es mir in's Herz ſchnitt, „nie habe ich die gewaltige Entfernung zwiſchen uns Beiden lebhafter gefühlt .. . nie die Fehltritte früherer Jahre bitterer bereuet!“ Das wagen Sie? fiel ich ein. Wollen Sie meine Freude ſtören? ... Wem verdanke ich dies un⸗ verdiente Lob, dieſe wahre Theilnahme, wenn nicht Ihrer Freundſchaft? Sind Sie es nicht, die aus allen Kräften ſich bemühen, die einzige — ach! ſehr paſſive Eigenſchaft, meine Ergebung geltend zu machen? Mein Gott! iſt Leiden denn ſo ſchlimm? Habe ich je gekämpft, oder durch das geringſte Opfer meine Liebe bewieſen? Nein. Ich glaube, ich hätte es können, aber die Gelegenheit dazu fehlte. Keine Spur bei mir von jener Thatkraft, die durch aufopfernde Menſchenliebe ihren Kummer bemeiſtert. Nichts davon! Ich liebte einen Unwürdigen mit der feigen Hingabe eines Skla⸗ ven. Daher mangelte es meiner Ergebung an wahrer Seelengröße. O, wie tief ſtehe ich unter Ihnen, die Sie durch Muth und Unerſchrockenheit tauſendmal mehr gewonnen haben, als Sie verloren hatten. Iſt mir je der Verſucher genaht? Selbſt die Liebe, auf die ich ſo ſtolz bin, was hat ſie mich gekoſtet? Mich lieben laſſen, iſt mein einziges, ach! ſehr geringes Verdienſt!.. . Es iſt nicht falſche Beſcheidenheit, die aus mir redet. Ich ſchwöre Ihnen, beſte Freundin, noch jetzt begreife ich die Leidenſchaft nicht, die ich Herrn von Rochegune einflößen konnte. Zwar weiß ich mich von edlen Trieben beſeelt, aber Herr von Rochegune liebt mehr in mir. Und wie verhält es ſich mit der ſo geprieſenen Zart⸗ heit und Reinheit dieſer Liebe? Wahrlich, da läßt ſich leicht zart und rein lieben, wo man mit keinen ſtür⸗ miſchen Gefühlen zu kämpfen hat. Wie ganz anders liebe ich Herrn von Rochegune, als ich, vor meiner 68 Heirat und in den wenigen glücklichen Augenblicken nach derſelben, Herrn von Lanery liebte? So ſchön dieſe kurzen Stunden auch ſein mochten, immer empfand ich im Hintergrunde meiner Bruſt eine gewiſſe Unruhe und Verlegenheit, wovon ich in meinem Verkehr mit Herrn von Rochegune Nichts weiß. In ſeiner Nähe bin ich ſo ruhig, ſo unſäglich heiter. Geſtärkt geht mein Herz regelmäßiger als gewöhnlich, ſtatt heftiger zu ſchlagen, fühle ich mich wohler als je, athme ich leichter auf. Seine Gegenwart, ſein Geſpräch, ja ſelbſt ſeine Liebesgeſtändniſſe beengen mich nicht, vielmehr veißt er mich hin, begeiſtert er mich, wie eine edle That, ein hoher Gedanke, ein Werk der Kunſt, ein klaſſiſches Stück mich hinreißen und begeiſtern. Frau von Richeville ſah mich erſt erſtaunt an, dann ſchüttelte ſie zärtlich lächelnd den Kopf. „Möge dieſe Ruhe, dieſer Friede fortdauern, lie be Mathilde! Ich kenne die Feſtigkeit Ihrer Grundſätze und weiß, daß Sie eher dem Leben entſagen werden, als einer Liebe, die zu ſolcher Höhe des Ruhmes erhoben iſt!“ Ich will Ihnen nur geſtehen, antwortete ich erröthend; ich erſchrecke oft, daß ich nicht mehr Wärme für Herrn von Rochegune empfinde, obgleich Niemand ſeine ausgezeichneten Talente höher ſchätzen kann als ich. Aber, aber! Die Liebe, die in Ewigkeit dauert, entwickelt ſich nicht plötzlich, wie die Pflanze, die an einem Tage keimt, blüht und verwelkt. Rein! allmä⸗ lig ſenkt ſie ihre unſichtbaren Wurzeln bis in den tief⸗ ſten Boden des Herzens ein; ſtill und unvermerkt wächſt ſie heran, denn ſie entfaltet ſich von innen heraus. 6 Wer weiß, ob hinter der ſcheinbar ſo ſanften Neigung zu Herrn von Rochegune nicht ſchon ein feuriges Ge⸗ fühl ſich verſteckt, das bald zum Ausbruch kömmt.. . . . Dann, Freundin, .. . erſt dann, wenn ich über dieſe Verſuchung ſiege, bin ich Ihres Lobes würdig; aber bisher .. . war meine Tugend kein Verdienſt!. . 8 Nenntes Kapitel. Ver PVriefmechſel. Einige Tage nach dem eben erzählten Geſpräche erhielt ich folgende zwei Briefe des Herrn von Lancry auf dieſelbe geheimnißvolle Weiſe, wie die früher mit⸗ getheilten. Sie waren an dieſelbe, uns unbekannte Perſon gerichtet und abermals von einen Bougquet jener ro⸗ then Giftblumen begleitet, die mich ſtets an Herrn Lu⸗ garto erinnern. Paris, März 1831. Herr von Lanery an *. „Alles ſtürmt auf mich ein, 's iſt zum Verzweifeln! Denken Sie ſich, gar die Welt fängt an zu moraliſiren und mich aus gewiſſen Kreiſen — natürlich von Vet⸗ brüdern und Betſchweſtern zu bannen. „Ich würde über dieſe tugendhaften Anwandlun⸗ gen, dieſen frommen Eifer lachen, aber ſie ſind nicht ohne Einfluß auf das Weib geblieben, das zu meinem Unglück geboren ſcheint und das ich doch närriſcher als je lieben muß. „Wenn Sie dieſe Zeilen in Ihrer wilden Einſam⸗ keit leſen, werden Sie ſich in die Tage der Amadis und Galaor verſetzt glauben. „Vielleicht, daß Sie einen Marquis von Rochegune von früher her kennen. Einen ſonderbaren Kauz, un⸗ geheuer reich, durch und durch Philantrop, wie ſein ſe⸗ liger Vater, ein Romantiker aus den beſten Zeiten des Mittelalters, der als fahrender Ritter überall ſeinen Degen zieht, tapfer, nicht ohne Geiſt, der in der Pairs⸗ kammer Freunde und Feinde ſeinen Prinzipien zum Opfer bringt; aber ein Menſch ohne allen Geſchmack, der ſein großes Vermögen weder zum Lebensgenuß, noch zu ehrgeizigen Plänen verwendet, denn von einer jährlichen Rente von 300,000 Livres braucht er, wie es heißt, kaum 60,000 für ſich. Man behauptet, er thue im Stillen viel Gutes, das iſt ökonomiſcher. Seine Züge ſind markirt, aber hart und ohne Anmuth. Den⸗ noch ſoll er in Italien, Spanien und ſelbſt in Paris ſo viel Glück bei den Damen gemacht haben, daß man geringeres Maß von Ernſt gern verzeihen würde. „Nach zwei⸗ oder dreijähriger Abweſenheit iſt er dieſen Winter zurückgekehrt. Sein ſonnenverbranntes Geſicht, ſein großer brauner Schnurrbart, eine gewiſſe Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit im Benehmen, da⸗ bei eine Art von Stolz — dies Alles gibt ihm das Ausſehn eines italiäniſchen Bravo. Aber die Welt, die einmal alles Neue mit viehiſcher Dummheit anglotzt, iſt von dieſem prahleriſchen Philantropen, rabuliſtiſchen Soldaten und geizigen Millionär bezaubert. Zur Stunde ſchwört Alles nur bei ihm. „Wozu dieſe Einzelnheiten? fragen Sie. Ganz natürlich, lautet meine Antwort, denn er iſt der Lieb⸗ haber meiner Frau.. . .. Verſtehen Sie den Aus⸗ druck Liebhaber ja nicht im gewöhnlichen eyniſchen Sinn. Nein, er kömmt aus dem Munde der ſtreng⸗ ſten, tugendhafteſten Leute, die dieſe ſchöne, rührende Liebe unter ihre ſchützenden Flügel genommen haben. Ja, ſie haben offen erklärt, daß Frau von Lanery keine andere Verpflichtung habe, als meinen Namen rein und makellos zu bewahren. Unter dieſer Bedingung darf ſie ſich allen Genüſſen einer platoniſchen Liebe ohne Scheu und am hellen Tage hingeben, denn ich ſei ein Elender, der ſein Weib verlaſſen habe, um mit Maitreſſe ein wahrhaft empörendes Leben zu ühren. „Und wiſſen Sie, wer im Namen meiner tiefge⸗ kränkten Gefährtin als öffentlicher Ankläger aufgetreten. Der alte Fürſt von Héricourt, dieſer Eh⸗ renmann, dieſer Ritter ohne Furcht und Tadel. Die Rolle, die er ſpielt, iſt um ſo komiſcher, als er dazu durch eine der gewohnten Excentrizitäten des Herrn von Rochegune veranlaßt wurde, dem es plötzlich einfiel, vor den Augen von ganz Paris ſeine leidenſchaftliche, nicht unerwidert gebliebene — natürlich in allen Eh⸗ ren nicht unerwidert gebliebene — Liebe zu meiner Frau zu geſtehen. „Bravo, bravo! rufen der Alte und die Fürſtin, ein Engel an Frömmigkeit, und wünſchen Herrn von Rochegune Glück zu ſeinem Freimuth. Der fromme Schwindel war ſo groß, ſo allgemein, daß eine mir befreundete Dame zu ihrer Schmach geſtand, auch ſie ſei einen Augenblick angeſteckt worden. „Alles, wie Sie wiſſen, iſt in Paris Mode. So jetzt die Bewunderung der ritterlichen Ergebenheit des Herrn von Rochegune. Die Weiber ſind wie toll, die Män⸗ ner eiferſüchtig oder erboßt auf ihn; Frau von Lanery gilt als unerreichbares Vorbild einer tugendhaften Lei⸗ denſchaft, und auf eine Viertelſtunde ſchwärmte die ganze Stadt für die troſtreichen und unſchuldigen Ge⸗ nüſſe platoniſcher Liebe. „Trotz all dieſes Platonismus bin ich oft verſucht, Herrn von Rochegune für einen exemplariſchen Wüſt⸗ ling zu halten. Nichts bequemer, als dieſe neue Weiſe Liebſchaften anzuknüpfen. Erſt poſaunt man ſeine zärt⸗ lichen Gefühle für dieſe oder jene Dame aus, dann genießt man unter dem gefälligen, keuſchen Mantel und lacht ob der gläubigen Einfaltspinſel ins Fäuſtchen. „Und doch — Nein, nein! Ich kenne Mathilde. Sie muß ſich unglaublich verändert haben, oder mein Name iſt rein und ohne Flecken geblieben. Auch Rochegune iſt ſeltſam genug, um dieſe ätheriſche Liebe, die ſo lange in geiſtigen Genüſſen fortſchwelgt — als es eben geht, höchſt pikant zu finden. „Noch einmal, ich würde über all dieſe Geſchichten laut lachen, wenn die anzüglichen Worte des alten 72 Fürſten nicht ſchlimme Folgen für mich gehabt hätten. Er hat die Geſellſchaft aufgefordert, mir zur Strafe für die Mißhandlung meiner Frau mit Kälte zu be⸗ gegnen, und die Welt hat gethan, was er wünſcht, denn er gilt als unfehlbares Orakel. Die Mißgunſt meiner Nebenbuhler, die gekränkte Eigenliebe der Dumm⸗ köpfe, die Rachſucht betrogener Schönen, der Reid der Häßlichen — Alles hat ſich wider mich verſchworen. Seit einigen Tagen merke ich nur zu gut, daß ich kalt und gleichgültig aufgenommen werde. Dergleichen kränkt tiefer, als Unverſchämtheit, denn für letztere kann man dieſe oder jene Genugthuung verlangen. „Der Fürſt von Héricvurt, der Anſtifter dieſer elenden Verſchwörung gegen mich, iſt zu alt, als daß ich ihn zu Rede ſtellen könnte. So bleibt mir nur der Rochegune. Wohl zwanzigmal des Tages kömmt mir der Gedanke, mich mit ihm zu ſchlagen, aber ich fürchte, daß man der Eiferſucht das Duell ſchuld gibt und mich auslacht. Dennoch möchte ich den Menſchen tödten, ſo haſſe ich ihn. Von jeher war er mir widerwärtig, ſchon als Freund des Mortagne, den ich nicht mehr zu verwünſchen brauche, und ſchon vor meiner Heirat we⸗ gen ſeines affectirt menſchenfreundlichen Weſens. Jetzt will er auch durch Anmaßung und Frechheit imponiren. „Den folgenden Tag begegneten wir uns, Beide zu Pferde. Das Blut ſtieg mir in's Geſicht. Grüßt er nicht, ſo bindeſt Du mit ihm an, dachte ich mir. Leider grüßte er, doch ſo, daß ich mich auf's Tiefſte beleidigt fühlte, ohne Genugthuung fordern zu können. Ich las auf ſeinem kalten, eiſigen Geſichte, in ſeinem ſtrengen, durchbohrenden Blicke, daß er in mir den prüfte, von dem Frau von Lanery den Namen trug, vielleicht auch den Gemahl ſeiner Geliebten, denn ich bin Thor genug, noch immer an die Tugend meiner Frau zu glauben. Oft wünſche ich, es wäre nicht ſo, weil mir ſcheint, ich würde dann leichter athmen, weniger ſchuldig daſtehn; aber ich darf einmal nicht auf ihre Schwäche 73 rechnen, es fehlt ihr an Muth zur Untreue, ſie kann Nichts, als wimmern und wehklagen, aber nicht — ſich rächen. Oft gefalle ich mir wieder in meinem Glauben an ihre Treue, denn ungeachtet meiner tota⸗ len Gleichgültigkeit gegen ſie würde die Ueberzeugung vom Gegentheil meine Eigenliebe verletzen. „Am meiſten empört es mich, daß Niemand die⸗ ſen Rochegune lächerlich findet. Hundert Andere wä⸗ ren bei dieſem Auftritt, welcher den Läſterzungen ſo viel Stoff bietet, unbarmherzig ausgeſetzt. Iſt denn die Welt ſo lammfromm geworden? Oder was iſt dieſer Menſch, der mit dem Feuer ſpielt, ohne ſich zu ver⸗ brennen, der ſo feſt geht, wo alle Alle Andern ſtrau⸗ cheln? Der — wenn auch nur auf vierzehn Tage — die platoniſche Liebe, dieß einfältige Hirngeſpinſt von Kindern, Penſionären oder Greiſen, der Modewelt aufzwingt. Unmöglich! es kann ihm nicht Ernſt da⸗ mit ſein! „Iſt es aber blos eine verbuhlte Liſt, ſo verdient er, noch mehr angeſtaunt zu werden. Denn Leute, wie der Fürſt und die Fürſtin von Héricourt, laſſen ſich nicht ſo leicht zum Narren haben, daß ſie zu Gunſten eines Betrügers ſprechen. Wer löſt mir das Räthſel? Wie dem auch ſei, ich haſſe ihn, ja, ich haſſe ihn bis aufs Blut; namentlich ſeit Kurzem, ohne zu wiſſen warum. Eine innere Stimme ſagt nir, dieſer Menſch werde mich an der verwundlichſten Stelle treffen .. „Uebrigens, wozu dieſe Umſchweife mit Ihnen? Ich ſchreibe Ihnen, um meine Galle auszuſchütten, um mein beklommenes Herz zu lüften. Wohlan denn! Seit dieſer Menſch die mittelbare oder unmittelbare Veranlaſſung zu der kalten Aufnahme geworden, die ich überall finde, vermag ich Nichts mehr mit Urſula anzufangen. Ob ſie durch dieſe Kälte um meinetwil⸗ len ſich gedemüthigt fühlt, oder ob ſie ihre beſondern Gründe hat: ich weiß es nicht, aber ſie war unver⸗ Mathilde. v. 6 74 5 ſchämt genug, mir zu verſichern, daß ich eine ſolche Behandlung für mein Unrecht an Mathilde dreidoppelt verdiene, daß die Geſellſchaft gut thue, mich ſo zu brandmarken, daß ſie es in allen ähnlichen Fällen, die der rächenden Hand des Geſetzes ſich entzögen, ebenſo machen ſollte. „Sie ſind ja nicht weniger ſchwer gekränkt und beleidigt, als ich,“ rief ich erſtaunt aus. „Hören Sie mich klagen?“ fragte ſie. „Die Welt iſt gerecht. Ich wollte um jeden Preis .. und mein Gott! um welchen Preis!. die gefeiertſte Dame von ganz Paris, der Abgott ſeiner glänzendſten Feſte ſein, und ich habe meinen Willen erreicht!... Aus Liebe zu Ihnen ſoll ich Sie Ihrer Frau entführt haben, und ich werde deßhalb mit Recht verachtet. Wüßte die Welt, daß ich Sie nie geliebt habe, würde ich noch mehr verachtet werden — und mit ebenſo viel Recht.“ „Jeder Andere wäre vor Zorn außer ſich gera⸗ then. Doch gewöhnt an ihr launiges Weſen, machten dieſe harten Worte nur deßhalb einen ſtärkern Eindruck auf mich, weil Urſula ſeit kurzem auffallend ſchweig⸗ ſam und düſter geworden war. „Ich ſchäme mich, ſelbſt Ihnen alle die Thor⸗ heiten zu geſtehen, wodurch ich ihren Trübſinn aufzu⸗ heitern gedachte. Alles umſonſt. ZJetzt will ſie nicht einmal zu Fräulein von Maran hinunter, welche ſie ebenſp wenig zerſtreuen kann. Urſula behandelt ſie bald gleichgültig, bald verächtlich. Ganze Tage ſitzt ſie allein in ihrem Zimmer, lefend oder träumend. Kammermädchen meint, ihre Herrin müſſe was auf b dem Herzen haben, denn ſie kenne ſie oft nicht mehr, ſie gehe mitunter ſtundenlang unruhig im Zimmer auf und ab, bis ſie erſchöpft und das Geſicht in den Hän⸗ den verſteckend zuſammenfalle. „In der That iſt ſie merkwürdig verändert. Sie magert ab und verliert jenen Anflug von Fülle, der ihrem ſchlanken Wuchſe ſo viele Reize lieh, die friſche 75 Röthe ihrer Wangen ſchwindet, die Augen fallen ein. Schon ſeit vier Wochen keine Spur mehr von jenem ſpöttiſchen, kühnen Lächeln, das eben ſo ſehr in Furcht ſetzte, als bezauberte! „Oft läßt ſie keinen Menſchen zu ſich. Beim An⸗ blick all dieſer Symptome eines tiefliegenden Kum⸗ mers, deſſen Urſache ich nicht errathen konnte, gab ich mich der Hoffnung hin, er werde die Härten ihres Gemüthes abſchleifen und den Starrfinn ihres Cha⸗ rakters beugen. In heitern Stunden hatte ich mein Geld ihren Launen geopfert; in trüben, kummervollen Stunden wollte ich ſie tröſten mit den Schätzen einer Liebe, die ſeit lange in meinem Herzen aufgehäuft lagen, aber aus Furcht vor ihrem Geſpött verheimlicht wurden. „Jetzt, ſagte ich mir, iſt der Augenblick da, ſie zu beherrſchen, ſie durch die Beweiſe der zärtlichſten Hin⸗ gabe auf ewig an mich zu feſſeln. Ich irrte mich, ſie will Nichts von mir; Nichts von mir, der vor ihr kniet, ſage kniet, der ihre Hand mit Thränen netzt. . denn ich muß vor ihr weinen, wie ein Kind. Urſula, rief ich, ſprich, was betrübt Dich, damit ich Deinen Kummer theile, damit ich Dich tröſte; o! Du glaubſt nicht, wie ich tröſten kann! Urſula, ich bin zu Allem fähig, um die Laſt Deinem Herzen abzunehmen. Ver⸗ traue Dich mir! Was ſind alle die Wunder, die mein Geld wirkte, gegen die Wunder, die meine Liebe zu Dir und die Hoffnung, Dir ein Leid zu erſparen, hervorzaubein können! — — „ „O gewiß! Jedes Wort, das ich vor den Füßen dieſer Frau weinend ausrief, iſt die lautere Wahrheit! Ich fühlte, was ich nie zuvor gefühlt, einen tiefen Schmerz, furchtbare Beklemmung. Und blos, weil ich Urſula niedergeſchlagen ſah. Sie litt, Urſache genug, mitzuleiden. Es war, als ergöſſe ſich meine Stele in die ihrige. „Sie dürfen es wiſſen, diesmal war ich die Of⸗ fenheit ſelbſt. Meine Bitten kamen aus tiefſtem Her⸗ zensgrunde, meine Seufzer aus innerſter Bruſt, meine Thränen brannten wie die Thränen der Verzweiflung Nichts half. . Das Weib blieb ſtumm, gleich⸗ gültig, finſter, als hätte ſie mich nicht gehört oder begriffen. „Wohin iſt ihr Verſtand gerathen, daß ſie nicht merkt, wie ich ſie liebe? daß ſie nicht merkt, wie ſelten vie Leidenſchaft iſt, die ſie mir einflößt? wie tröſtlich es iſt, wenigſtens Ein Herz zu haben, worauf man bauen darf? wie verbrecheriſch ſie handelt, meine Liebe, ſo ſchuldbefleckt ſie ſein mag, in den Wind zu ſchlagen? Denkt ſie denn nicht an die Zukunft? Veraißt ſie, daß Jugend und Schönheit ſchnell verblühen? Daß eine Zeit kommt, wo Jeden nach der Liebe verlangt, die ſie ſchnöde von ſich ſtößt; nach einer Liebe, die ewig ſein muß, weil ſie der Laune, der Verachtung und dem Undank trotzt?. . . Schändlich! Ich werde noch wahnſinnig vor Wuth gegen mich und ſie!. .. Ich kann nicht weiter ſchreiben . . Zorn und Schmerz überwältigen mich — — — — Herr von Lanery an **** Paris . „Ich fahre fort, wo ich geſtern ſtehen geblieben. Neue Ereigniſſe ſind inzwiſchen eingetreten. Der Kopf ſchwindelt mir, vielleicht daß ich durch Schreiben zur Beſinnung komme. „Gleich nach Schluß obiger Zeilen ging ich, um Urſula zu beſuchen. Es hieß, ſie befinde ſich ſehr un⸗ paß und wolle niemanden ſehen. Alles Bemühen war umſonſt; ihre Thüre blieb mir verſchloſſen. Heute morgen begab ich mich wieder hin. Denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich von Fräulein von Maran er⸗ fuhr, Urſula wolle ihr Haus verlaſſen und in Zukunft allein für ſich wohnen. Meiner Sinne kaum mächtig, ſtürze ich die Treppe hinauf, dränge das Kammermäd⸗ chen, das mir den Eintritt wehren will, bei Seite und finde Urſula mit dem Ordnen der Papiere ihres Se⸗ cretärs beſchäftigt. „Iſt es wahr?“ rief ich verwirrt aus. „Was?“ fragte ſie und ſah mich finſter an. „Ich höre von Fräulein von Maran, Sie wollen das Hotel verlaſſen. Unmöglich!“ „Möglich! ſogar gewiß!“ ſagte ſie achſelzuckend und fuhr im Ordnen ihrer Papiere fort. „Das ſoll nicht ſein!“ rief ich außer mir... „Ich verbiete es Ihnen! Das ſoll nicht ſein!“ „Sie verbieten es mir! Das ſoll nicht ſein! Mit welchem Rechte reden Sie ſo, mein Herr?“ fragte ſie, mich von oben bis unten anſehend. „Ich habe Rechte auf Sie . wahre oder ver⸗ meinte, gleichviel!. .. und ich will ſie geltend machen!“ „Bei wem, mein Herr?“ „Ich ſage, ich will nicht, daß ſie das Haus ver⸗ laſſen, oder ich folge Ihnen überall hin!“ rief ich aus. „Ich werde das Haus verlaſſen, und Sie werden mir nicht folgen.“ „Urſula, treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte, erbittern Sie mich nicht! Warum ich Sie nicht ver⸗ laſſen will? Aus zwei Gründen. Weil ich Ihrer wegen mein Weib geopfert habe, und weil ich faſt entehrt in der Welt daſtehe. Wir dürfen uns nicht trennen. Ihr Schickſal iſt auf ewig an das meine gebunden, und umgekehrt. Verſtehen Sie mich?“ fragte ich zähneknirſchend vor Wuth, denn eine ſolche Kalt⸗ blütigkeit war mir nie vorgekommen. „Und ich erkläre Ihnen ebenſo kurz, warum ich Nichts mehr mit Ihnen zu ſchaffen habe,“ ſagte ſie mit einem Blick, ver bis ins Herz ſtach. „Niemand in der Welt hat ein Anrecht auf mich. Ich verlaſſe das Haus, wenn ich will. Verfolgen Sie mich .. was ein gemeines Betragen wäre... ſo wende ich mich an die Gerichte, um gegen ihre Nachſtellungen ſicher zu ſein.“ „An die Gerichte? Aha, an die Behörde, an die Polizei?“ rief ich krampfhaft lachend. In dem⸗ ſelben Augenblick gewahrte ich einen ſchwarzatlasnen Domino auf dem Sopha. „Wie ein Blitz durchzuckte es mich, denn ich dachte an den geſtrigen Faſtnachtsball in der großen Oper und fühlte alle Qualen der Eiferſucht. Ihr den Do⸗ mino hinhaltend, rief ich: „Trotz Ihrer vorgeblichen Leiden, trotz Ihrer vorgeblichen Schwermuth, auf dem Maskenball geweſen?“ „Trotz meiner vorgeblichen Leiden, trotz meiner vorgeblichen Schwermuth auf dem Maskenball gewe⸗ ſen!“ wiederholte ſie mit unglaublicher Frechheit. „Das beweiſt Ihnen, wie ſehr mich dahin verlangte!“ „Ich habs errathen,“ rief ich aus. „Eine Lieb⸗ ſchaft, eine Intrigue, ein Liebhaber! Aber Tod und Teufel! wenn der Gimpel mit heiler Haut davon⸗ kommt! . .. Fürs Erſte, bleibe ich hier, und weiche nicht von der Stelle.“ Mit dieſem Worte ließ ich mich aufs Sopha nieder. „Nach Bequemlichkeit, mein Herr,“ ſagte ſie und fuhr im Kramen fort, als wäre ich nicht da. „Solche Härte, ſolche Unverſchämtheit empörte mich. Ich riß die Papiere aus ihren Händen und warf ſie auf den Boden. „Sie ſah mich kalt an, zuckte die Achſeln und ging auf die Thüre zu. Ich hielt ſie gewaltſam am Arm zurück. „Hier geblieben!“ rief ich. „Sie kommen nicht eher fort, als bis Sie mir ſagen, warum Sie auf den Ball gegangen ſind, ohne mein Wiſſen und ſo krank denn Sie ſehen blaß und verändert aus . Un⸗ — 79 glückliches Weib!“ ſagte ich, beim Anblick ihres abge⸗ magerten Geſichtes bis zu Thränen gerührt. „ Sie müſſen einen ſehr wichtigen Grund gehabt haben, nicht wahr?“ „Keine Antwort. Sie wandte ſich ſanft von mir los, und als ich ihr die Thüre vertrat, ließ ſie ſich nieder, ſtützte den Ellenbogen auf den Arm des Seſ⸗ ſels, nahm das Kinn in die Hand und blieb ſtumm und unbeweglich ſitzen. Ich kannte dieſen unbeugſamen Charakter; Sanftmuth und Bitten halfen ſo wenig, als Drohungen und Gewalt. Noch einmal erniedrigte ich mich bis zum Feigling. Ihr plötzlich gefaßter Ent⸗ ſchluß vereitelte ſo von Grund aus alle meine Hoffs nungen, daß ich das Aeußerſte verſuchen wollte, ihn ihr auszureden. — Ich ſagte ihr Alles, was die wil⸗ deſte Leidenſchaft, die blindeſte Hingabe, die ſchreck⸗ lichſte Verzweiffung, der wüthendſte Schmerz eingeben kann; ich flehte, ich beſchwor, ich ſeufzte, ich tobte, ich weinte. . an dieſem Herz von Marmor glitt Alles ab ja, ich ging bis zu Schmähungen, bis zu den ſchmachvollſten Vorwürfen, nur um ſie zum Sprechen zu bringen.. . . auch das, auch das umſonſt. Nichts, Nichts, auch nicht Ein Wort! . . „Wie eine Statue ſaß ſie da. Sie hörte mich nicht einmal, ihr Geiſt war abweſend. Der ſtiere Blick zeigte, daß ihre Gedanken, Gott weiß wo! um⸗ herſchwärmten. Zweimal irrte ein ſchwaches, trauriges Lächeln über die Lippen, und machte ſie eine leichte Bewegung mit dem Kopfe, als wäre ſie mit ſich ſelbſt beſchäftigt. „Troſtlos, verzweifelnd ging ich zu Fräulein von Maran hinunter. Dieſe im Egoismus erſtarrte Frau klagte nur über ihren eigenen Verluſt. Sie habe ſich ſo an Urſula gewöhnt und fürchte ſich ſo vor der Ein⸗ ſamkeit, daß der bloße Gedanke an die Möglichkeit einer Trennung ſie erſchrecke. Ihr Haus werde leer und öde daſtehen, wenn Urſula fort ſei. Dann be⸗ 80 ſchwor ſie mich, meine Anſtrengungen mit den ihrigen zu vereinen, um Urſula zurückzuhalten . . . . . als wenn das nicht auch mein Wunſch wäre! Endlich betheuerte ſie, ſie ſcheue kein Opfer; wenn die vierzig tauſend Franken nicht hinreichten, den Aufwand ihres Hauſes zu beſtreiten, ſolle ich mehr haben, ſo viel ich wünſche, müßten auch Capitalien gekündigt werden. Sie lebe ja doch nicht lange mehr, und könne daher dieſe Thorheit ſchon verantworten. Urſula dürfe und dürfe nicht fort. „Ich führe dieſe Einzelheiten deßhalb an, um Ihnen einen Begriff zu geben von dem ungeheuern Einfluß Urſüla's. Den Geiz, den ſchmutzigen Geiz eines Fräuleins von Maran, die jahrelang mit aus meinem Beutel lebte, die mit den verſprochenen Sum⸗ men kaum herausrückte, zu beſiegen, was gehört dazu? „Fräulein von Maran und ich verfügten uns zu Urſula hinauf. Sie erſchöpfte den ganzen Vorrath ihrer Beredtſamkeit und Schmeichelei, aber Urſuka blieb unerbittlich bei ihrem einmal gefaßten Entſchluß. Wei⸗ nend — Fräulein von Maran und Weinen! — malte ſie ihre troſtloſe Zukunft aus, wie ſie, eine arme, alte Frau, den Angriffen ihrer Feinde, deren ſie leider! viele habe, ausgeſetzt, wie ſie, von allet Welt ver⸗ laſſen, der Untreue ihrer Dienſtboten preisgegeben ſein werde. Urſula blieb une bittlich. „Dann gerieth das Fräulein in Wuth, machte ihr die bitterſten Vorwürfe, ſchalt ihren Undank und Leicht⸗ ſinn. Urſula lächelte und erwiderte kein Wort. Auf unſre Frage: wovon ſie denn zu leben gedenke? ant⸗ wortete ſie, daß die von ihrer Mitgift noch übrigen dreißigtauſend Franken für ihre Bedürfniſſe genügten. „Urtheilen Sie jetzt über die Schrecklichkeit meiner Lage. Ich kenne Urſula's Charakter hinreichend, um zu wiſſen, daß nur ein Wunder ſie von der Ausfüh⸗ rung ihres Planes abbringen kann. Vergebens zer⸗ breche ich mir den Kopf über die Urſache ihres plötz⸗ lichen Entſchluſſes. Ich errathe ſie ſo wenig, als die „ 81¹ — urſache des Kummers und der Traurigkeit, wovon ſie ſeit einiger Zeit befallen. „Gewiffensbiſſe können es nicht ſein. Anfangs fürchtete ich, ſie fühle eine tiefe Leidenſchaft für irgend wen. Aber trotz ihrer Liebeleien mit mehreren Herren aus der vornehmen Welt, trotz meiner Zweifel an ihrer Treue, die übrigens nie zur Gewißheit geworden ſind, habe ich in ihrem geſellſchaftlichen Verhältniß zu den Männern, auf die ich am eiferſüchtigſten war, Nichts entdecken können, das einen Argwohn beſtätigte, das auf eine leidenſchaftliche Liebe ſchließen ließ. Sie war gegen ſie, wie gegen mich, wankelmüthig, launiſch, wunderlich, ſtolz. Aber zum erſtenmale im Leben ſehe ich ſie traurig und nachdenkend. Das iſt ſie erſt ſeit vier Wochen. . ... „Doch halt. . halt.. ein Gedanke. . kömmt mir jetzt: . ja warum denn nicht?. . O lachen Sie mich nicht aus! . .. Sollte ſie viel⸗ leicht beirübt ſein, daß ich ihrerwegen mehr, als die Hälfte meines Vermögens durchgebracht habe?2 „Von jeher bekämpfte ich meinen Unmuth über ihr launiſches, hoffärtiges Weſen in der feſten Ueberzeu⸗ gung; ſie liebt dich inniger, als ſie geſteht; ſie ver⸗ ſtellt ſich theils aus Stol;, theils aus Furcht, du möchteſt deine Gewalt über ſie merken; ſie glaubt durch dieſen Wechſel von Zärtlichkeit, Kälte oder Ver⸗ achtung dich um ſo feſter an ſie zu binden. „Ja gewiß! Durch dieſen raſchen Entſchluß will ſie beweiſen, daß ſie mich um meiner ſelbſt willen liebt. Daher entſagt ſie dem Glanze, womit ich ſie bisher umgeben. Warum ſollte das unmöglich ſein? Zum Gefühl meiner Leidenſchaft für ſie erwacht, verſchmäht ſie plötzlich den Lurus, den ſie eben noch vergötterte. Dieſer ſchnelle Wechſel entſpricht ganz der Natur die⸗ ſes ſeltſamen Weibes. Vielleicht träumt ſie ſich ein ruhiges, friedliches Leben in irgend einem Winkel Frankreichs oder des Auslandes ... Wenn dem ſo 82 wäre! . .. wenn dem ſo wäre!. . . . . O ich ſtürbe vor Wonne! Mit einem Zauberſchlage hat ſie ein neues Weſen aus mir geſchaffen. Ich verabſcheue jetzt die Welt ebenſo herzlich, als ich ſie ehedem liebte. Mein einziger Wunſch iſt, in ſtiller Einſamkeit meine Tage mit ihr zu beſchließen. Da gehörte ſie mir ganz an, da wäre jede Sekunde ihres Lebens meinem Glücke geweihet. „Nehmen Sie das nicht für eitel Redensart oder Uebertreibung. Unſere Verbindung dauert bereits über zwei Jahre, und ich liebe Urſula zur Stunde leiden⸗ ſchaftlicher und verzweifelter, als am erſten Tage. Ich kenne mich und ſie; ich kenne die unerſchöpflichen Hülfs⸗ quellen dieſes ſprudelnden, ſchillernden, durch und durch originellen Geiſtes. Der Zauber ihrer Schönheiten erſtirbt nicht, bleibt immer jung und friſch. Ein ſol⸗ ches Weib wiegt ein ganzes Serail auf. „Ich brachte die Flitterwochen ganz allein mit meiner Frau zu. Nach vierzehn Tagen hatten wir uns ausgeſprochen, ausgeſchüttet. Das war ein ewiges, langweiliges, unausſtehliches Geliebel! Kein Schwung, keine Begeiſterung in der Liebe!. . .. Aber mit Ur⸗ ſula. .. O, ein ſolches Leben. .. mit Urſula... ich wiederhole, ich ſtürbe vor Wonne! . .. . . „Halt. halt!. . ich irre mich nicht, nein!. . . . Alles iſt mir klar. Die lang unterdrückte Liebe zu mir bricht durch ſie kann nicht länger heucheln .. . . . Und doch, iſt es möglich, wahrſcheinlich, natürlich, daß ein ſo verderbtes, ſo gefühlloſes Weib, wie ſie, durch ſolche Liebe ſich rühren laſſe? „Der Stolz blendet mich nicht. Ich habe Ihnen ſo demüthigende Geſtändniſſe abgelegt, daß ich mich wohl etwas erheben darf. Ich bin jung, habe Glück genug gehabt, es fehlt mir weder an Weltbildung, noch an Geiſt, ich bin geliebt, leidenſchaftlich geliebt worden von Weibern, die in allen andern Augen als den meinigen chenſo viel galten, als Urſula, um von⸗ meiner Frau und ihrer vertrauten Freundin, der Frau 83 von Richeville, anzufangen. Warum alſo ſollte Ur⸗ ſula meine Leidenſchaft nicht erwidern? Vergebens macht ſie mir weiß, daß ſie, eben weil ich ſo verliebt in ſie ſei, Nichts für mich fühle. Das ſind Paradoxen, wohinter ſich ihr Aerger verſteckt. Sie fühlt ſich unter dem Joche meiner Liebe, und will es nicht geſtehen. „Aber der Domino. . . .. Vielleicht iſt ſie eiferſüch⸗ tig auf mich Ja, jetzt fällt mirein, daß ich ihr vor wenig Tagen ſagte, ich würde auf den Ball gehen. Sie wußte nicht, daß ich mich anders beſonnen; ſie wollte mich belauſchen. So etwas ſieht ihr ganz ähnlich. „Gottlob, daß ich Ihnen geſchrieben habe, lieber Freund! Am Schluſſe dieſer Zeilen bin ich ungleich beſſer, ungleich ruhiger als im Anfange derſelben. Ich ſchöpfe neue Hoffnung. Ja, je länger ich nach⸗ denke, von um ſo günſtigerer Vorbedeutung ſcheint mir das hartnäckige Stillſchweigen, das Urſula über ihre Pläne und die Urſache ihrer Traurigkeit beobach⸗ tet. Sie fürchtet, ſich durch eine Antwort zu verra⸗ then. Die erkünſtelte Zerſtreuung hat ihr nach Wunſch gedient. „Ein zweijähriges, wenn auch oft durch Eifer⸗ ſucht und Kälte getrübtes Verhältniß wird nicht ſo Knall und Fall aufgelöſt, ohne den geringſten Grund anzugeben. Nicht wahr? Nach den ungeheuren Opfern, die ich ihr gebracht habe, wäre das unedel, barbariſch, ſinnlos. „Und endlich, was zwang ſie, nach Paris zurück⸗ zukehren? Ihr Mann war verliebt genug, um ſie auch nach dem Vorfall in Maran wieder zu Gnaden auf⸗ zunehmen. .. .. Sollte ſie vielleicht in ſeine Arme zurückkehren wollen?.. ... Dies wunderliche Weib iſt zu Allem fähig! .... Doch nein! nein!. ... Unmöglich!. . .. Könnte ſie Herrn Secherin mir vorziehen ?1. ... „Erſt jetzt geht mir ein Licht auf über ihr heutiges Venehmen gegen mich. Als ich mich bis zu Schmähungen 84 gegen ſie vergaß, las ich in ihren Augen weder Zorn, noch Haß. Sie war die Gleichgültigkeit ſelbſt. Nun iſt ſie aber allzu reizbarer, ſtolzer Natur, um dieſe Kränkungen nicht tief empfunden zu haben. Sie muß alſo einen mächtigen Beweggrund zur Verſtellung ge⸗ habt haben. Was für einen? Offenbar keinen andern, als die Theilnahme, die ich ihr einflößte! Kam nicht auch mein Zorn aus Liebe 2. . . . „Noch einmal, Gottlob, daß ich Ihnen geſchrie⸗ ben! Dies laute, folgerichtige, vertrauensvolle Denken hat mich meinen Qualen entriſſen und mich der Hoff⸗ nung wiedergegeben. „Ich ſchließe dieſe Zeilen eiligſt. Antworten Sie mit umgehender Poſt, Sie Trägling, der Sie mir drei Briefe ſchulden. Doch ich verzeihe Ihnen, denn Sie haben ein reiferes Urtheil, wenn Sie das Ganze überblicken. Ihre gründliche Welt⸗ und Menſchen⸗ kenntniß, Ihre Unpartheilichkeit in dieſen Dingen, Ihre kalte Ruhe, vor Allem Ihr heller, ſcharfer Geiſt be⸗ fähigen Sie zu richtiger Würdigung meiner Lage. So rathen Sie mir denn, hauptſächlich aber ſagen Sie mir, ob Sie glauben, daß ich recht ſehe. Ich ſtehe an einem Wendepunkt meines Lebens. Meine ganze Zukunft hängt von Urſula's Entſchluß ab. Sie hat mich Anfangs furchtbar erſchreckt, doch jetzt erblickte ich ſie wie verklärt im Lichte der ſüßeſten Hoffnung. „Schelten Sie mich immerhin feige, nur — und darum beſchwöre ich Sie! — vernichten Sie meine Hoffnungen nicht, ohne gewichtige Gründe anzuführen, denn in dieſem Punkte bin ich hartnäckig und .. „Vier Uhr.“ „Fluch über mich. und über ſie! Ja, über ſie! In dieſem Augenblicke ſchreibt mir Fräulein von Maran, daß Urſula ihr Haus verlaſſen und ſchriftlich auf immer Abſchied genommen hat... .. Kein Menſch „ * v— — — v— —— 8⁵ weiß, wo ſie iſt.. ... Entſetzlich!... Was anfangen? Was anfangen? Oh, meine Ahnungen!.. Oh! meine thörichten Hoffnungen!. . ... JZetzt ſehe ich Alles . aber Rache! Rachel. .... Antworten Sie, antworten Sie !... Ach, ich bin der elendeſte unter den Men⸗ ſchen!... . Aber, Tod und Teufel!. . . ... Rache, G. von Lanery.“ Zehntes Kapitel. Der Maskenball. Kaum hatte ich dieſen Brief geleſen, der auf das Liebesverhältniß zwiſchen Urſula und meinen Gemahl ein eigenthümliches Licht warf, als Herr von Roche⸗ gune in mein Zimmer trat. In Folge einer frommen Uebung, die ich geſtern vorgenommen, war ich den Abend für mich allein ge⸗ blieben. „Wie geht es Ihnen?“ fragte er und gab mir ſeine Hand. „So viel Muth geſtern bewieſen?“ Muth?.. ja, denn ich lebte ganz in der Erin⸗ nerung an unſern ſeligen Freund . Mitten in mei⸗ ner Betrübniß ſtieg ein faſt peinlicher Gedanke in mir auf, weil er wie Undank ausſah... „Und welcher?“ Daß ich, ohne meine Bekanntſchaft mit Ihnen, den Verluſt des Herrn von Mortagne vielleicht noch tiefer gefühlt hätte. „Ich könnte mir venſelben Vorwurf machen, Ma⸗ hilde Aber ich tröße mich, daß ich ſein Gedächtniß nicht beſſer ehren kann, als indem ich liebe, was er liebte, beſchütze, was er beſchützte. Wie froh und ſtolz würde er auf unſer Glück ſein!“ Und welche Stütze hätten wir an ihm, meine Freund? „Wir bedürfen keiner Stütze, Mathilde! Sogar die Welt, die an reine und uneigennützige Gefühle ſo ſchwer' glaubt, hat unſere Liebe anerkannt! ſere Liebe! wie zauberiſch klingt dieß Wori. Ja, Wathilde, Sie lieben mich, nicht wahr?. Ja, ja, ich liebe Sie!. .. Noch jetzt ezee ich nicht, wie meine innige, faſt ehrerbietige Freundſchaft ſo unvermerkt in Liebe übergehen konnte. „Hören Sie, Mathilde, wollen . mich glücklich, recht glücklich machen?.. Reden Sie, reden Sie!.. „Wohlan, ſo ſagen Sie mir heute, noch in dieſer Stunde, was halten Sie von mir? ſagen Sie frei und offen Alles, Günſtiges und Ungünſtiges! Ich werde Ihnen ein gleiches Vertrauen ſchenken.“ O wie ſchön der Gedanke, von Zeit zu Zeit die Schätze unſerer Liebe nachzuzählen. Welche Wonne! Die Wonne des Millionärs, der Zinſen auf Zinſen häuft! Dieſe Art Herzensbeichte wird uns die Gefahren kennen lehren, die wir aus Schwäche oder falſcher Scham uns vielleicht verheimlichen... Sie wiſſen, der Gedanke an den edlen Schutzherrn unſrer Liebe fordert uns zu unverföhnlicher Strenge gegen uns auf. „Ich weiß es. Weniger rechtſchaffene Herzen als die unſrigen, würden die Höhe, auf die wir uns ge⸗ ſtellt ſehen, faſt bedauern. Der König, der ſeinem bedrängten Thron entſagt, macht ſich verächtlich; ſo auch wir, ſobald wir von unſerer Höhe herabſteigen. Gewiſſe Stellungen verläßt man nur zu ſeiner Schande. Je heißer unſer S um ſo ehrenvoller.“ —̃,,,,,—ꝓYÜ“ — — 87 Und um ſo herrlicher der Sieg. Unlängſt erzählte mir der Fürſt von Héricourt Etwas, das mich über⸗ raſchte. Sie ſollen die Nutzanwendung gleich erfah⸗ ren. Bei einer politiſchen Unterhandlung, wo das Recht entſchieden auf ſeiner Seite war, hatte er mit Diplomaten von ſeltener Gewandtheit zu thun. Statt auf allerhand Kunſtgriffe zu finnen, folgte er ſchlicht den Eingebungen ſeines biedern Herzens und wußte durch dieß in den Annalen der Diplomaten unerhörte Benehmen ſeinen Gegner dermaßen aus der Faſſung zu bringen, daß ſeine Sendung mit dem ſchönſten Er⸗ folge gekrönt wurde. Der gerade Weg im Leben — verſicherte mich der Fürſt, iſt nicht blos der kürzeſte, ſondern auch alles Andere, der ehrenvollſte, der ge⸗ wiſſeſte, der vortheilhafteſte, ja, auch der geſchickteſte, wenn das Gute ſich berechnen ließe. „Das nennt er die Feinheit der Ehrenmänner,“ erwiderte Herr von Rochegune lächelnd. „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber die Nutzanwendung?“ Warten Sie noch. Sie müſſen erſt wiſſen, daß ich heute über Sie verfügt habe. „Welch' ſüße Ueberraſchung!...“ Es iſt jetzt drei Uhr. Ich wünſche Ihr Urtheil über einige Bronzeſtatuen zu hören, ehe ich ſie ankaufe. Wir gehen zu Fuße, denn das Wetter iſt ſchön. Sie reichen mir Ihren Arm! „Reizend! Reizend! Und...“ Noch nicht Alles. Wir eſſen zuſammen bei Frau von Richeville, dann gehen wir ins Concert: Sie, Emma, Frau von Sémur, die Herzogin von Grandval und ihr Mann. Nach dem Concerte wird Thee bei mir getrunken, denn ich weihe heute Abend mein Häuschen ein. Aber ja geſchwiegen! Sie allein wiſſen dieß große Geheimniß! . . . „Zu meiner Schmach geſtanden, Mathilde, mich verlangt nicht mehr nach der Nutzanwendung!“ 88 Jch ſchenke ſie Ihnen nicht. Nur Geduld: Ich möchte ferner gar zu gerne in's alte Muſeum, Nota bene mit Ihnen. Sie ſprechen über die Werke der Kunſt, wie ein Dichter. Nota bene, kein Tadel, ſondern ein Lob! „Gewiß, Mathilde, nur wer liebt und wieder geliebt wird, fühlt alle Schönheiten der Meiſterſtücke der Kunſt. Die⸗ Liebe ſieht Alles im goldfarbigen , Aber wir werden in Einem Tage nicht ertig. An ſo beſſer, mein Freund. Wir laſſen uns gehörig Zeit. Auf Ihren Arm gelehnt, vor einem Raphael oder Titian in Bewunderung verſunken da⸗ ſtehen!! Welch unerſchöpflicher Text zu langem und ſüßem Geplauder! „Sie ſind ſo zartfühlend, ſo empfänglich für alles Schöne, Mathilde!“ Und Sie, mein Freund, ſind ſo geübt in der geheimen Kunſt, Alles auf unſre Liebe zurückzuführen! Ich wette, Sie beweiſen mir noch, daß Titian, Vero⸗ neſe, Raphael u. ſ. w. bloß deßhalb die unſterblichen Werke ihrer Kunſt geſchaffen haben, um uns Stoff zu Anſpielungen auf unſere Zärtlichkeit zu geben ... O, Sie Egoiſt! „Gewiß, Mathilde, der ſchöpferiſche Genius gibt Allen und ZJedem, er antwortet auf alle unſere Ge⸗ danken, wie Gott auf alle unſre Gebete...“ Oh, ich weiß, Sie ſind nie um eine Ausrede verlegen! Uebrigens helfe ich Ihnen darin nach beſten Kräften . . . Jetzt die Nutzanwendung von der Theorie des Fürſten! Könnten wir wohl ſo herrliche Pläne ausführen, uns ſo zwanglos und mit ſo reinem Ge⸗ wiſſen dem fortwährenden Genuſſe dieſer herrlichen Vertraulichkeit hingeben, wenn unſre Liebe anders wäre, als ſie iſt? Ach, mein Freund, rief ich, und eine Wonnethräne netzte mein Auge, nur das Weib begreift die unbegreifliche Innigkeit unſres Dankes — 89 gegen den Mann, der uns Schmach und Reue in der Liebe erſpart!“ „Und nur, wer von Ihnen geliebt wird, Mathilde, begreift, daß es ein heimliches Entzücken gibt, wo die Seele in leidenſchaftliche Anbetung ſich wie auflöſt! ein Entzücken ſo rein und lebendig zugleich, daß alles irdiſche Verlangen mit dem himmliſchen zuſammenfließt Ja, Mathilde.. jetzt glaube ich an die Wonne einer Seelengemeinſchaft.“ Eine ſolche Liebe, wie die unſrige, rief ich be⸗ geiſtert aus, iſt über die Wechſel und die Verände⸗ rungen der Altagsliebe erhaben. In die hohe Sphäre, wo ſie heimiſch, verirrt ſich keine Gefahr des Ueber⸗ druſſes, der Unbeſtändigkeit. Warum ſollte ſie nicht ewig währen 2.. „Ja, Mathilde, ewig! Denn ſie iſt von allem Räumlichen, Zeitlichen, Sterblichen entkleidet! .. Sie haben Recht, die Freiheit, die wir genießen, iſt die ſchönſte Belohnung unſrer Liebe. Wüßten Sie nur, wie glücklich, wie wonnig das Leben an Ih⸗ rer Seite mir erſcheint! Wüßten Sie nur alle meine Pläne Und Sie die meinigen! Oft gerathe ich in Ver⸗ legenheit, ſo nehmen ſie Ihre Zukunft in Anſpruch. „Das geht blos Sie an, Mathilde. Ich habe keine Zukunft mehr; ſie gehört ganz Ihnen. Aber Ihre Verlegenheit?... Iſt die Verlegenheit des Reichen! Vor lauter Plänen komme ich zu keinem Plan. Sie find der Held aller meiner Romane Doch für dieß Jahr genügt mir eine Reiſe nach Italien. Frau von Riche⸗ ville macht ſie mit. Den Fürſten und die Fürſtin von Héricvurt treffen wir auf ihrer Rückreiſe von Görtz in Florenz. S err von Rochegune ſah mich erſt überraſcht, dann lichelnd an. Mathilde. v. 7 90 „Warum ſtaune ich denn?... Daſſelbe iſt auch mein höchſter Wunſch. Sie haben mich errathen, Ma⸗ thilde, und nichts natürlicher!“ Nichts natürlicher? „Gewiß, Mathilde! Mögen Sie meine Metaphyſik auslachen, ſo viel Sie wollen; ich behaupte: gleiche Gefühle erzeugen gleiche Pläne; je erhabener dieſe Gefühle ſind, um ſo mehr concentriren ſie ſich in der Einbildungskraft, um ſo häufiger und — verzeihen Sie dieß barbariſche Wort! — um ſo normaler ſind auch die geheimen Sympathieen im Wollen.“ Ich verzeihe Ihnen dieſen Barbarismus im Aus⸗ druck zu Gunſten Ihres etwas närriſchen, doch immerhin gefälligen Syſtems. Nun meine italiäniſche Reiſe2. .. „Entzückt, bezaubert mich! Denken Sie nur, dieß gelobte Land der Künſte an Ihrer Seite durch⸗ fliegen!... Vielleicht bleiben wir gar eine Zeit lang in Italien! .. Ein Winter in Neapel oder Roml. .. Was meinen Sie dazu?. .. „Ich meine Nichts, ich will Richts, ich ſage Nichts, Mathilde! Worte, Mienen, Denken, Vollen, mein ganzes Leben gehört Ihnen. Verfügen Sie nach Be⸗ lieben! Wohlan! So bleiben wir den Winter in Neapel und kehren dann durch Deutſchland zurück, um die Ufer des Rheins in ihrer Frühlingspracht zu ſchauen. Vielleicht bringen wir einige Monate in einem der Schlöſſer zu, die ſich im ſchönen Strome ſpie⸗ geln! „Auch hierin, Mathilde, kommen Sie meinen Wünſchen zuvor. Auf meiner Rückreiſe von Rom verlebte ich drei Monate auf dem romantiſch gelegenen Schloſſe Arensberg.. Mathilde, Sie müſſen es wie⸗ derkennen. Sie haben dort eben ſo lange mit mir gewohnt!... Welche gottliche Zukunft! Welche Selig⸗ 91 keit, jeden Tag Erfahrungen, Eindrücke, Träume, Wonne und Schmerz auszutauſchen! .. Schmerz? „Ja, Schmerz! Gedenken Sie des Wunſches mei⸗ nes ſeligen Vaters?“ Seien wir nicht undankbar, mein Freund! Dan⸗ ken wir Gott für das unverhoffte Glück! „Oh, Mathilde, es iſt kein Schmerz, der verwun⸗ det, nein! ein wehmüthiger! .. . der Schmerz des Glücklichſten unter allen Erdenſöhnen, wenn er von der Seligkeit des Himmels träumt.“ Aber halt! wir ſind ganz von unſerer Herzens⸗ prüfung abgekommen. Ich ſchenke ſie Ihnen nicht. „Wohlan, Mathilde! Was fühlen Sie für mich? Ich höre Sie an mit dem Stolze des Dichters, der vorleſen hört. ... Denn Ihre Liebe iſt mein erk. Nach einigen Augenblicken ernſten Nachdenkens antwortete ich Herrn von Rochegune: Den gewaltigen Unterſchied zwiſchen meinen früheren Gefühlen für⸗Sie und den gegenwärtigen kann ich Ihnen nur durch ein Bild deutlich machen. Wir ſprachen ſo eben von Rei⸗ ſen und romantiſch gelegenen Rheinſchlöſſern. Gut. Ich denke mir, ich ſtünde vor einem ſolchen und träume mich in das Glück einer Einſamkeit, die von allen Schönheiten der Natur belebt wird. Kühne Felsformen am Hintergrunde des dunkelblauen Himmels, das friſche Grün der Wieſen, den tiefſchwarzen Schatten auf demſelben, die kryſtallhellen Bäche, die ſchlank emporſpringenden Thürme — Alles bezaubert mich. Dennoch iſt meine Luſt mit Bitterkeit vermiſcht, weil ich einen geheimen Neid fühle. Ich ſage mir: erſt wenn das launiſche Geſchick Dich zur Herrin aller die⸗ ſer Naturſchönheiten macht; erſt wenn Du gewiß biſt, Deine Tage in dieſem Eden beſchließen zu dürfen: erſt dann iſt Deine Freude und Bewunderung ohne 92 Gränzen; erſt dann bin ich ſtolz darauf, erſt dann iſt es mein Schloß! ... „Gute, theure Mathilde! Möge die Gewißheit, daß ich Ihnen mit Leib und Leben angehöre, Sie für ſo Lie⸗ entſchädigen, das mir fehlt, um Ihrer würdig zu ſein . Meine Zuverſicht, mein Vertrauen auf Sie, mein Freund, iſt gränzenlos. Und mit Recht. Kein eifer⸗ füchtiger Gedanke ſoll je in mir aufſteigen, denn Ihr Herz wird nie für eine Andere ſchlagen, wie für mich. „Nie, nie! das ſchwöre ich Ihnen!“ Still, ſtill! Es gibt gewiſſe Schwüre, die nur⸗ von einem Weibe verlangt, und nur von ihr gehalten werden können. Reden wir lieber von wahrſcheinlichen und möglichen Dingen! „Sie thun mir Unrecht, Mathilde! Ich weiß, was ich ſage; ich übertreibe Nichts. Ich kann die Wahr⸗ heit meiner Gefühle nicht blos betheuern, ſondern Gott Lob! auch durch eine Thatſache erörtern.“ Welch ein Glück! „Ernſtlich, Mathilde! Seitdem ich mich Ihrer Liebe überzeugt halten darf, gibt es nur Ein Weib für mich. Sie ſind der Maßſtab, womit ich Alle meſſe. Alle andern laſſen mich kalt und gleichgültig. Wollen Sie den Beweis?“ Geſchwinde, geſchwinde! rief ich lächelnd. Ich muß ſehen, ob ich wirklich ſo wenig eiferſüchtig bin, als ich behaupte. „Als ich vorgeſtern Abend von der Frau von Riche⸗ ville nach Hauſe zurückgekehrt war, fand ich ein Billet * vor, das ungefähr ſo lautete: „Eine Unglückliche, die einiges Recht auf Ihr Mitleid hat, erſucht Sie inſtän⸗ digſt um einen Augenblick Gehör. Leider machen die Umſtände es ihr nur möglich, Sie dieſe Nacht auf dem Ball in der gro⸗ ßen Oper zu ſprechen.“ 3 . Bei dieſen Worten des Herrn von Rochegune durchzuckte mich, Gott weiß, welcher trübe Gedanke. Pir fiel die Stelle aus dem oben mitgetheilten Briefe ein, wo von dem heimlichen Beſuche Urſula's auf demſelben Balle die Rede war. Sollte Urſula die Heldin dieſes Abenteuers geweſen ſein? Beſtürzt rief ich aus: Vorgeſtern Nacht! „In der großen Oper?. . Derr von Rochegune begriff die wahre Urſache meiner Gemüthsbewegung nicht. „Vergeſſen Sie nicht, Mathilde, daß wir vorgeſtern Faſtnacht hatten. Mir kam dies Rendezvous ziemlich ſeltſam vor, ſo daß ich Anfangs entſchloſſen war, der Einladung keine Folge zu leiſten. Dann aber ſagte ich mir, es könne ja wirklich eine Unglückliche ſein, die ihre Gründe habe, zu der Faſtmaske ihre Zuflucht zu nehmen. Darin beſtärkte mich der Beweis unermüdli⸗ cher Geduld; denn ſie ſchrieb, ſie würde unter der großen Uhr, von Mitternacht bis vier Uhr Morgens, auf mich warten. So ging ich denn hin. Leider! wurde ich gleich bei meinem Eintritt in das Haus durch Frau von Longpré aufgehalten, die ich erſt nach viertelſtündigem Geſpräch erkannte, und durch eine an⸗ dere, heitere und ſpöttiſche Dame, die ich nicht errieth, und deren Geſchwätz mich unter allen andern Umſtän⸗ den höchlichſt ergötzt hätte. Mit dem Schlage halb drei war ich unter der großen Uhr.“ Weiter, weiter! rief ich und verſuchte meine Un⸗ ruhe hinter ein Lächeln zu verſtecken. — „Gerade unter der Uhr ſtand eine Dame in ſchwarz⸗ atlaſſenem Domino. Ihr Haupt lehnte auf ihre Bruſt. Ohne Zweifel in tiefes Nachdenken verſunken, bemerkte ſie mich nicht. Mich zu überzeugen, ob es die rechte ſei, näherte ich mich ihr und fragte: „Wenn ich der Erwartete bin, ſchöne Maske, bekenne ich wie mein HGlück, ſo auch meine Schuld.“ Mein Domino fuhr zu⸗ ſafnmen, erhob eilig den Kopf und bat mit ſanfter * Stimme: Gehen wir hinaus, mein Herr. Ich bot ihr meinen Arm. In Folge des Gedränges kam ich ihr einige Mal mit dem Arm nahe genug, um den ſtarken Pulsſchlag ihres Herzens zu fühlen.“ War die Dame groß? „Etwas größer, wie Sie, Mathilde, und wie mir ſchien, von reizendem Wuchſe. Wir gingen, um dem Gewühl zu entfliehen, auf den Corridor des zweiten Ranges. Die Dame zitterte am ganzen Körper. Ich bat ſie, ſich niederzulaſſen.“ „Nein, neink rief ſie bewegt aus und drückte mei⸗ nen Arm krampfhaft an ſich. Es iſt das erſte und auch das letzte Mal, daß ich auf dieſen edlen Arm mich ſtützen darf. .. Gehen wir auf und b mein Serr Was wollte ſie denn? „Von Ihnen reden.“ Von mir? „Mit tiefſter Bewunderung.“ Von mir, von mir? rief ich aus, immer lebhafter überzeugt, daß dieſes Domino kein anderes als Urſula geweſen. „Ja, von Ihnen, Mathilde, und in Ausdrücken, um welche ich die Unbekannte beneide. Nie iſt Ihrem Herzen, Ihrem Geiſte, Ihrem Unglück größere Aner⸗ kennung widerfahren, nie ein beredteres Lob geſungen worden. Ich hing an ihrem Munde wie bezaubert, als ſie unſere Liebe, unſere Seligkeit pries. Gewiß, Mathilde, wer ein ſolches Seelenleben, wie das un⸗ ſerige, begreift, muß es ſelbſt erlebt haben ... Meinen Sie? „Ohne Frage. Mit Betrübniß dachte ich an das Ende einer Unterredung, die unter der Anrufung, un⸗ ter dem Zauber Ihres Namens begonnen. Nie werde ich die Lebhaftigkeit, den Scharfblick dieſes Geiſtes vergeſſen. Von dem Lobe unſerer Liebe ging ſie auf den bitterſten Tadel der neidiſchen Welt über. Ich 95 müßte mich ſehr irren, oder die Dame beſitzt eine ſeb⸗ tene Thatkraft, denn ihre Stimme, die, während ſie von uns redete, ſanft und liebreich war, nahm einen ganz anderen Ton an, als ſie auf unſere Feinde und Reider zu ſprechen kam. Nie ſchwindet aus meinem Gedächtniß das Bild, das ſie von Ihrem Gatten und Ihrer hölliſchen Couſine entwarf.“ Urſula's Bild? fragte ich erſtaunt. „Ja, und welch ein Bild! Ohne Erbarmen wurden Beide mitgenommen, Urſula vielleicht noch mehr als Ihr Gatte. Unſere unbekannte Freundin ſchien mit wahrer Wolluſt das ſchändliche Leben dieſes Weibes zu brandmarken. Mit gleich bitterem Tadel ergoß ſie ſich über Fräulein von Maran, ſo ſchwunghaft, ſo glänzend, ſo beredt, daß ich mich hingeriſſen fühlte. Früher, Mathilde, — und das iſt mir die Hauptſache bei der Erzählung dieſes Ereigniſſes — früher hätte die Unbekannte mir den Kopf verrückt, ſo entzückte mich die Kühnheit, womit ſie das Laſter und die Ge⸗ meinheit angriff, und die Wärme, womit ſie alles Edle und Schöne pries. Für einen Augenblick über⸗ raſchte mich ihre Erſcheinung, aber nur für einen flüch⸗ tigen Augenblick. Dann ließ ſie mich ziemlich kalt und gleichgültig, während ich früher Alles verſucht hätte, um den Namen dieſes myſtiſchen Geſchöpfes ausfindig zu machen. Dieſe meine Gleichgültigkeit gegen die ſchöne Maske iſt — ich wiederhole es — ganz natür⸗ lich, Mathilde; Alles außer Ihnen hat keinen Reiz mehr für mich. Sie haben mich verwöhnt, haben mei⸗ nen Geſchmack, mein Herz geläutert, ja vergöttlicht. Zur Stunde gleiche ich jenen Fanatikern der Kunſt, die Nichts gelten laſſen, als das Antike. Wer ſich einmal in dieſe Religion des Schönen, in die majeſtätiſche Ruhe, in die einfache Erhabenheit des klaſſiſchen Alter⸗ thums hineingelebt hat, den widert das Fanatiſtiſche, Verzerrte, Manirirte, Zierliche der modernen Kunſt⸗ produktion an, der verabſcheut endlich Alles, was nicht 96 jene vollendete Einheit athmet, die das Werk eines Gottes zu ſein ſcheint. Dürfte ich nicht mit Recht ſagen, Mathilde, daß nur Sie für mich da ſeien?“ Und war die Dame ſchön und jung? „Schön, vielleicht; jung, gewiß! Letzteres bezeugte ihre friſche Stimme, ihr feiner, ſchlanker Wuchs, ihr ſchwebender Gang, ihre weiße, runde, glatte Hand, die ich zufällig blos ſah. Wahrlich, keine niedlichere Hand nach der Ihrigen!“ Und womit endete denn die Unterredung? Was wollte die Dame? „Zum erſten und zum letzten Mal mit mir ſpre⸗ chen, um ſich perſönlich zu überzeugen, ob das Gerücht von mir gelogen, und mir zu unſerer Liebe Glück zu wünſchen. Und dann endlich .. . Doch nein! Sie la⸗ chen mich und meine Maske aus!... und mit Recht!“ Reden Sie, reden Sie, ich bitte. „Erſt, Mathilde, muß ich Ihnen ſagen, daß ich wie aus den Wolken gefallen war . ... Auf Ehre! ich erwartete nichts weniger, als einen ſo komiſchen Be⸗ weis Ihrer Verehrung für mich!“ Heraus damit! Heraus! Auf mein Wort, ich lache nicht über Sie. „Wohlan denn! Als wir ſchieden, reichte ſie mir vertraulich ihre Hand. Ich gab ihr die meinige, da doch nein, Mathilde, s iſt eben ſo albern, das Weitererzählen, als es thun!“ Ich will Alles wiſſen. . „So lachen Sie denn! Ich gab ihr meine Hand. Sie bückte ſich über dieſelbe, führte ſie mit einem Aus⸗ druck ſcheuer, doch leidenſchaftlicher Ergebenheit an ihre Lippen, küßte ſie — und ließ eine heiße Thräne fal⸗ len! Dann plötzlich verſchwand die Maske im Ge⸗ * Unter irgend einem Vorwande verſchob ich den 97 mit Herrn von Rochegune verabredeten Ausgang auf den folgenden Tag und blieb zu Hauſe. Eilftes Kapitel. Vas Erwachen. Ich war oft im Begriff, Herrn von Rochegune über den räthſelhaften Domino außuklären. Aber die Furcht, voreilig zu handeln, hielt mich zurück. Ich kannte Herz und Charakter des Herrn von Rochegune. Er mußte Urſula eben ſo ſehr verachten, als verabſcheuen. Doch der Zauber dieſes Weibes war groß, wovon ich leider traurige Beweiſe hatte. Schlau genug, hatte ſie durch Lobeserhebungen gegen mich nach und nach die Neugierde, das Intereſſe, endlich gar die lebhafte Theilnahme des Herrn von Rochegune für ſich gewonnen. Rannte ich ihm meine Couſine, ſo prägte ſich ihm das Abenteuer vielleicht noch tiefer ein; nannte ich ſie nicht, ſo vergaß er es viel⸗ leicht von ſelbſt. Wenn ich einige der im obigen Briefe meines Gemahls an ſeinen unbekannten Freund erwähnten Thatſachen, z. B. die ebenſo plötzliche, als ſeltſame Veränderung im Charakter dieſes außerordentlichen Weibes, den Umſtand mit dem Domino u. ſ. w. mit dem Abenteuer auf dem Maskenballe in der großen Oper zuſammenhielt, ſo ſchien es mir faſt, als müſſe Urſula eine heftige Leidenſchaft für Herrn von Roche⸗ gune fühlen, den ſie von Anſehen kannte und der in Jedermanns Munde lebte. Zugleich fiel mir die Stelle aus ihrem Briefe an 98 meinen Gemahl ein, wo ſie ihm mit glühender Be⸗ redtſamkeit die Liebe ſchilderte, die ſie für den Mann empfinden werde, der ſie deſpotiſch beherrſche. Endlich gedachte ich ihres unverſöhnlichen Haſſes gegen mich. Wie, wenn ſie auch diesmal dich tödtlich treffen will ? Im Bewußtſein meines eigenen Werthes bean⸗ ſtandete ich die Treue und Aufrichtigkeit des Herrn von Rochegune keinen Augenblick. Dennoch hatte ich eine dunkle Ahnung von irgend einem neuen Unglück, irgend einem unerwarteten Schlage. .. Ich irrte mich nicht; der Schlag wurde mir ver⸗ ſetzt, wenn auch nicht durch Urſula, doch durch ihren Einfluß, der ſtets ein unheilbringender für mich war. Dir folgenden Geſtändniſſe ſind ſo zarter Natur, greifen ſo ſehr in die geheimſten Saiten der weiblichen Bruſt ein, daß ich erſt nach langen Bemühungen die feinen Fäden erfühlte, welche mit einem der wichtigſten 1 ſchmerzlichſten Ereigniſſe meines Lebens zuſammen⸗ ängen. Ich habe mir zur Pflicht gemacht, Alles heraus⸗ zuſagen. Wie ſchmerzlich ein ſolches Bekenntniß mir fällt, wie ſeltſam eine ſolche Erklärung ſcheinen mag: ich darf und will ſie nicht verſchweigen. Es iſt kaum glaublich. Aber was mich in der Unterredung zwiſchen Urſula und Herrn von Rochegune am Meiſten beunruhigte, mir bis dahin unbekannte Qualen verurſachte, mir Tag und Nacht nicht aus dem Sinne kam, was die erſte Schamröthe auf meine Stirne trieb, was mich gegen mich ſelbſt, meinen Muth und meine Tugend mißtrauiſch machte, war .. Der Kuß, den Urſula auf die Hand des Herrn von Rochegune gedrückt. Noch jetzt, wo ich in ſtiller Einſamkeit dies Be⸗ kenntniß niederſchreibe, iſt mir, als ſtünde meine Schande Augen zu leſen, und ich wage nicht aufzu⸗ icken. . 2 99 Ja, das Wort Kuß durchfuhr mich wie ein elek⸗ triſcher Schlag, machte mich ſchauern vor Zorn, färbte meine Wangen purpurroth, trieb mir das Blut zum Herzen zurück. Unwillkürlich hafteten meine Blicke an ſeiner Hand, als ſuchten ſie ängſtlich die Spur jenes Flammenkuſſes. Zum erſten Male bemerkte ich oder geſtand es mir, daß feine Hand nicht ſchöner ſein konnte. . .. Zum erſten Male fühlte ich die Regung einer qualvollen Eiferſucht, ohne daß ich es wagte, an die Urſache und an die Folgen derſelben zu denken. Alles das erſchreckte mich, denn ich ſah daran die Vorboten eines nahen Sturmes. Wäre meine Liebe wirklich ſo rein und ätheriſch geweſen, wie ſie ſchien, hätte dieſer Kuß mich wohl mit Unwillen über dieſe neue Unverſchämtheit Urſu⸗ la's, aber niemals mit Unruhe erfüllen können. „ Man verſtehe mich nicht ſo, als wollte ich dieſe plötzliche Veränderung in meinen Gefühlen für Herrn von Rochegune einzig und allein ſeiner Zuſammenkunft mit Urſula zur Laſt legen. Nein! dieſer Umſchwung wäre leider auch ohne ſie erfolgt. Doch diente ſie, mich ſchneller von meinem Irrwahn, meiner Charak⸗ terſchwäche und von der unwiderſtehlichen Macht einer ſchuldigen Liebe zu überzeugen. Aber bei Allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich, daß dieſe Entdeckung mich tief betrübte. Nur wer die ſtolze Freude kennt, die das Ver⸗ trauen auf eigne Kraft und das Bewußtſein an Feſtig⸗ keit und an Adel ſeiner Grundſätze, ſich weit über das Gemeine erhoben zu haben, gewähren; nur der begreift meinen Schmerz. Gleichwie ein Funke genügt, eine ganze Feuers⸗ brunſt zu entzünden, ſo génügte dieſer flüchtige Ein⸗ druck, mich über die Beſchaffenheit meiner Liebe aufzu⸗ ellen. Was verſprach mir die Zukunft? 100 Entweder war ich muthig genug, der ſündlichen Neigung zu widerſtehen. Aber dann verzehrte ſich mein Leben in ewigen Kämpfen, Leiden und Thränen, die um ſo heißer, weil ſie im Stillen fließen mußten. ... Der Himmel, in den die reizende Vertrautheit zwiſchen mir und Herrn von Rochegune mich gezaubert, ver⸗ wandelte ſich in eine wahre Hölle! Welche Qual, jede Minute über ein trauriges Geheimniß wachen zu müſ⸗ ſen, das ſchon ein Laut, ein Blick verrathen kann! ... Ein ſo zartes, inniges, reines Verhältniß durch Furcht, Zwang und Zurückhaltung entehren! Und dann gar, die erſte geweſen zu ſein, die dieſe Liebe in Gedanken entweihte! ... Den Geliebten den Qualen des Argwohns Preis zu geben! ... Nein, nein, ich aus, tauſendmal lieber den Tod als ſolch ein eben! . Oder ich war unglücklich genug, zu unterliegen. Dann rächte ich mich nicht blos an meinem Gemahl, ſondern mißbrauchte auch das mir bewieſene Vertrauen auf die ſchnödeſte Weiſe. Dem durch Verzweiflung gelähmten, auf's Schänd⸗ lichſte verleumdeten, einſam und verlaſſen daſtehenden Weibe hatten Freunde großmüthig die Hand gereicht, ſie zu ſchirmen, zu ſchützen, zu vertheidigen, für ſie mit wahrer Hingabe zu ſorgen. Nicht zufrieden damit, hatten ſie die Gefühle, worin ſie Troſt und Entſchädi⸗ gung für die Leiden der Vergangenheit ſuchte, unter ihre beſondere Obhut genommen. Und ich ſollte der Welt einen ſo unerhörten Be⸗ weis von Undank geben? Sollte die Feigheit haben, Perſonen von ſo ſtrenger Denkungsart über die wahre Beſchaffenheit meiner Liebe zu täuſchen 2 ... Großer Gott! Hätte ich mich nicht unter Urſula erniedrigt? Bei allen ihren Vergehen hat ſie wenigſtens Muth. Sie tritt die Geſetze der Welt mit Füßen, aber ſie trotzt der Rache der Welt, während ich ihr nur 101 durch die gemeinſte Heuchelei entfliehen könnte. Nein, nein! Tauſendmal lieber den Tod, als ſolch ein Leben! .. Ein einziger, blitzſchneller Gedanke zeigte mir meine ganze Zukunft in ſo grellem Lichte. Und doch war es ſo. Anfangs wollte ich dieſen Vorſtellungen mich ge⸗ waltſam entſchlagen. Umſonſt. Immer reizender malte ich mir das Bild des Geliebten aus; ich, die zuvor wo nicht gleichgültig gegen ſeine Körperſchönheit, doch wenigſtens unaufmerkſam darauf geweſen warz die zuvor nur ſeine Seelengröße und Geiſtesgaben be⸗ wundert hatte. . Ich muß ſchon lange, mir ſelbſt unbewußt, den Keim dieſer Gedanken in mir getragen haben, ſonſt hätte ein ſo unbedeutender Umſtand, wie der obener⸗ zählte, nicht ſolche Folgen haben können. Endlich — um auch das nicht zu verſchweigen — bedauerte ich gar, ſo hoch in der Achtung der Welt zu daß ein Fehltritt mich doppelt tief herabſtürzen mußte. Ja, oft beneidete ich den Alltagsmenſchen um ſeinen Standpunkt. Dann würde man eine Pflichtvergeſſenheit von meiner Seite aus Rückſicht auf das ſchimpfliche Leben meines Gemahles verzeihen; dann wäre man gegen mich nicht unduldſamer als gegen ſo viele andere Weiber. Was thun? fragte ich mich. Was thun? fliehen? Den Geliebten aufgeben? Aber das heißt, mich noch⸗ mals vereinzeln, mich nochmals zu Thränen, zur Ver⸗ zweiflung verdammen. Nein! Nein! ich habe dies ewige Dulden ſatt! Und ſolche Freunde verlaſſen? Und ihn ihn . den ich liebe? ja, den ich liebe?. leiden⸗ ſchaftlich.. abgöttiſch. . . Ach! So war es denn mit dieſer Liebe, wie mit jeder andern. Erſt im Schmerz geht uns das Gefühl ihrer Allmacht auf. 5 102 Zum erſten Mal koſtete ſie mich Thränen . zum erſten Male wurde ich ihrer Allgewalt mir bewußt.. .. . . ⸗ . . . 6 Vielleicht hatte ich mir die Gefahr größer gedacht, als ſie war. Ich wartete daher ängſtlich auf die Ge⸗ legenheit, mich von dem Grund oder Ungrund meiner Beſorgniß zu überzeugen. Machte Herr von Rochegune bei meinem erſten Zuſammentreffen mit ihm keinen andern als den ge⸗ wöhnlichen Eindruck auf mich, ſo durfte ich ruhig ſein. Gegen ſechs Uhr ging ich zur Frau von Richeville hinüber. Nach dem Mittageſſen wollten wir zuſammen in's Concert. „Nun, liebe Mathilde,“ fragte die Herzogin; „was urtheilt Herr von Rochegune über die Bronzeſtatuen? Er verſteht dergleichen.“ Ein leichtes Unwohlſein hielt mich zurück, erwie⸗ derte ich erröthend und mit verlegener Stimme. „Oh! über die Trägheit!“ rief Frau von Riche⸗ ville lächelnd und drohte mit dem Finger. „Gewiß hat ſie am Kamine mit dem Freunde die Zeit ver⸗ ſchwatzt, und Bronze Bronze ſein laſſen.“ Nein, nein! ich verſichere Sie, ich . „Keine Verſicherung, liebe Mathilde,“ fiel die Her⸗ zogin ein. „Ich weiß zu gut, wie ſchwer es iſt, ſich vom Zauber eines zärtlichen Geplauders loszumachen. Doch hoffentlich haben Sie ihn nicht allzulange auf⸗ gehalten. Das Concert beginnt mit einer Beethoven⸗ ſchen Symphonie, die ich gern hören möchte . Herr von Rochegune ging ſchon früh fort ... „So muß er wichtige Geſchäfte gehabt haben, daß er Ihnen wider ſeine Gewohnheit einige Stunden des Vormittags entzog. ... In der That, liebe Mathilde, eine ſolche Vertrautheit zwiſchen einer zwanzigjährigen Frau und einem dreißigjährigen Manne, ohne daß die 103 Velt, die an allen neuen Erſcheinungen ſo lebhaftes Intereſſe nimmt, ein einziges Wort darüber verliert, kommt mir oft wie ein Traum vor. Doch ſtehe ich nicht dafür ein, daß Ihr Beiſpiel ebenſo glückliche Nach⸗ ahmer fände abgeſehen davon, daß ſehr ſelten Per⸗ ſonen gegen die gewöhnlichen Läſterungen ein ſolches Gegengewicht in die Wagſchale legen können.“ Dieſe Worte der Frau von Richeville, die mir geſtern noch ſehr angenehm geklungen hätten, brach⸗ ten mich in Verlegenheit und zwangen mich nochmals zu erröthen. Zu meinem Glück ging Frau von Riche⸗ ville auf ein anderes Geſpräch über und bemerkte meine Unruhe nicht. „Ach!“ fuhr ſie fort, „Männer von Geiſt und Ehre ſind jetzt ſo ſelten, daß ich oft nur mit Schmerz an eine künftige Verbindung Emma's denken kann. „ Was brauchen Sie zu fürchten, liebe Freundin? Emma beſitzt alle Eigenſchaften, die Auszeichnung von Seiten der Männer verdienen. „Aber ihre Geburt?“ fragte die Herzogin ſeuf⸗ zend. „Ich bin am Ende genöthigt, ſie unter ihrem und unſerm Stand zu verehelichen. Dieſe meine Furcht kommt nicht aus Stolz, ſondern aus Liebe zu ihr. Es gibt eine gewiſſe Feinheit und Zartheit im Umgange, die ſich nur bei Unſresgleichen findet, und je mehr Emma ſich entwickelt, um ſo deutlicher wird es mir, daß ſie nur mit einem Manne glücklich werden kann, der ebenſo fein fühlt, der ebenſo hoch ſteht, wie ſie. Die ungemeine Empfänglichkeit und Reitzbarkeit ihres Weſens betrübt mich oft. Sie iſt eine wahre Sinn⸗ pflanze.. Aber weil wir gerade von dem lieben Kinde reden, muß ich Ihnen Etwas ſagen, was ich bisher verſchwiegen habe. Erſtaunt ſah ich Frau von Richeville an. „Wahrſcheinlich irre ich mich,“ fuhr die Herzogin fort, „weil Sie, die es beſonders angeht, es nicht be⸗ merkt zu haben ſcheinen.“ 104 Mich? Wie ſo? „Haben Sie nicht ſeit kurzem eine Veränderung im Benehmen Emmas gegen Sie bemerkt?“ fragte die Herzogin etwas verlegen. Nein. Vielmehr iſt ſie, wo möglich, noch zuvor⸗ kommender und liebevoller gegen mich geworden. Als Beweiſe will ich Ihnen nachträglich folgende kindliche Aeußerung erzählen. Vor ungefähr acht Tagen finde ich ſie, wie oft jetzt, in tiefes Sinnen verſunken. Woran denken Sie, Emma? frage ich. „Ich denke daran, daß ich, wie Sie, Ma⸗ thilde heißen möchte, antwortet ſie. Warum das? Iſt der Name Emma nicht hübſch genug? „Ja, aber der Name Mathilde iſt mir noch lieber.“ Aber warum denn? „Weil er der Ihrige iſt.“ Und ich muß ihr glauben, weil das gute Mädchen die Offenheit ſelbſt iſt. „Sie haben Recht, Mathilde. Offenheit iſt ihr Bedürfniß, Natur. Das erklärt mir manche räthſel⸗ hafte Erfahrung an ihr. Sie kann ſich ſo wenig ver⸗ ſtellen, daß jeder Gedanke, wie er kömmt, heraus muß, mag ſie eine Abſicht haben oder nicht. Es iſt, als dächte und fühle das gute Kind laut. Oft fürchte ich, es verräth ſich dadurch eine Schwäche des Verſtandes. . Unmöglich. Sie überraſcht uns Alle durch die Leichtigkeit, womit ſie begreift und das Treffende ihrer Antworten. Dieſe zwangloſe Hingabe in die Gefühle des Augenblicks zeugt von der Engelsreine ihrer Seele. Sie weiß im Voraus, daß ſie nur ihrer reinſten Natur gemäß empfinden kann. Wie hoch muß der ſtehen, der nicht immer ängſtlich der Quelle und dem Ziel feiner Gedanken nachzuſpüren braucht? „Sie haben Recht, Mathilde, und ich danke Jh⸗ nen für den Troſt. Wüßten Sie nur, wie ſchweſterlich 10⁵ Sie von ihr geliebt werden. Letzthin bat ſie mich, ihr Haar ebenſo wie Sie, tragen zu dürfen. Kein Wunder, denn es ſteht Ihnen vortrefflich. Auch wollte ſie, wie Sie, gekleidet ſein, natürlich inſoweit ſich dies für ein junges Mädchen ſchickte.“ Die Gute! In ihrer Kindlichkeit glaubt ſie, durch Nachahmen mir am beſten ihre Liebe ausdrücken zu können! „Sie haben vielleicht Recht, liebe Mathilde. Den⸗ noch begreife ich Manches nicht, zum Beiſpiel. „ In dieſem Augenblick trat Emma in den Saal. Frau von Richeville gab mir ein Zeichen, auf⸗ merkſam zu bleiben. Zwölftes Kapitel. Vas Conrert. Emma näherte ſich der Frau von Richevillé, welche ihr die Stirne küßte. Dann kam ſie auf mich zu. Plötzlich blieb ſie vor mir ſtehen, als fiele ihr Etwas ein, Hals und Geſicht überflog eine hohe Röthe, ſie ſah mich eine Weile mit unbeſchreiblichem Ausdruck an und ſchlug dann die Augen nieder. Frau von Richeville winkte mir bedeutſam zu. Nach kurzem Stillſchweigen rief Emma mit be⸗ zaubernder Natürlichkeit, beide Hände an ihr Herz ge⸗ legt: „Mein Gott, wie mein Herz pocht!“ Mit einem Blick auf die Mutter fuhr ſie fort: „Woher es doch kommt, daß ich Frau von Lanerh jetzt nicht ohne Er⸗ röthen anſehen kann! Ich muß mich erſt beſinnen, ob ich ſie umarmen ſoll.“ Mathilde. v. 8 106 Und als hätte ſie in einem innern Kampfe geſiegt, der ſich auf ihren Zügen abmalte, fiel ſie mir um den Hals. — „Gottlob! Jetzt iſt's vorbei.. aber es that weh! „Was that weh? Woher dieſe Bewegung, Emma?“ fragte die Herzogin, mich nochmals anſehend. „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ antwortete Emma, das lockige Köpfchen ſchüttelnd. „Ich komme ganz vergnügt herein; aber ſo wie ich Frau von Lanery ſehe, iſt mir, bei, und ich freue mich wieder, Frau von Lanerh um⸗ armen zu dürfen.“ Sie umarmte mich nochmals. Seit wann haben Sie dies Gefühl, liebe Emma? fragte ich und legte ihre Hand in die meinige. „Ich weiß nicht. Es iſt ganz allmälig ſo ge⸗ kommen. Und denken Sie! mit jedem Tage nimmt mein Schmerz und mein Vergnügen zu .. Und doch, Schmerze empfinde...“ „Was denn?“ fragte die Mutter theilnehmend. „Es iſt mir, als hätte ich eine gute That gethan, als hätte ich über meinen böſen Gedanken geſiegt.“ Ueber was für Einen? fragte ich. „Ich weiß es nicht; ich glaube, ich habe nie Einen gehabt; doch mich dünkt, er muß ebenſo wehe thun.“ Frau von Richeville und ich ſahen uns ſtillſchwei⸗ gend an. Man meldete der Reihe nach Frau von Sémur, den Herzog und die Herzogin von Grandval. . Bald darauf erſchien Herr von Rochegune. Nachdem er Frau von Richeville die Hand gedrückt, kam er auf mich zu. Unwillkürlich und wider meine Gewohnheit hielt ich die Hand zurück. Als ich ſein Erſtaunen ſah, reichte ich ſie ihm ſchnell.. Gott weiß, ob er ſie heiß oder kalt fand, ob er meine Röthe und das leichte Zittern, das mich über⸗ nein! es iſt mehr als Vergnügen, was ich nach dem als würde mir das Herz zugeſchnürt.. jetzt iſt's vor⸗ — ——— 107 lief, bemerkte, ob er die Gefühle meiner Bruſt errieth: genug, er behielt meine Hand eine Sekunde länger in der ſeinigen, als ſchicklich war, ſo daß ich ſie raſch zurückzog. „Wie geht es Ihnen? Iſt der Kopfſchmerz ver⸗ ſchwunden?“ fragte er theilnehmend. Tauſend Dank, mein Herr, noch nicht ganz. Dies Herr machte ihn auf's Neue ſtaunen, denn in unſern kleinen Kreiſen redeten wir uns nie mit Herr und Madame an. Zum erſten Male beunruhigte mich dieſe Vertrau⸗ lichkeit. Als angerichtet war, führte Herr von Grand⸗ val, Frau von Richeville, Herr von Rochegune mich zu Tiſche. Und Frau von Sémur? fragte ich letztern im Tone des Vorwurfs. Es war zu ſpät. Frau von Sémur war an Em⸗ mas Seite luſtig vorangeeilt. Dieſe und manche andere Unziemlichkeiten oder richtiger unfreiwillige Geſtändniſſe, kann ich nur mit der peinlichen Erregtheit meines Innern und meiner gänzlichen Unkunde in der Verſtellungskunſt entſchuldi⸗ gen. Ich hatte ſchon die Heiterkeit meines Gemüthes eingebüßt und wollte nicht länger eines ſüßen Vorrechts genießen, deſſen ich mich damals weniger würdig fühlte. Hätte mich nicht mein eigenes Nachdenken von dieſen Unvorſichtigkeiten überzeugt, ſo doch Miene und Stimme des Herrn von Rochegune, der neben mir ſaß. „Mein Gott! Was haben Sie heute?“ fragte er mich betrübt. Dieſe Worte brachten mich zur Beſinnung. Zum erſten Male begriff ich die Nothwendigkeit, mich zu ver⸗ ſtellen, und in der Hoffnung, mich bald rechtfertigen zu können, antwortete ich lächelnd: Nichts, Nichts! s iſt eine Kinderei, die Sie ſpäter hören ſollen. Auch leide ich immer noch etwas an Kopfſchmerz; aber es dauert nicht mehr lange... Beruhigt nahm Herr von Rochegune mit gewohn⸗ ter Lebhaftigkeit am Geſpräche Theil. Bald erholte ich mich ganz. Es fiel mir auf, daß ich mehreremale einem durch⸗ bohrenden Blick Emma's begegnete. Anfangs hielt ich ihn lächelnd aus. Als er aber immer ſtarrer wurde, mußte ich ihm ausweichen. Ich wollte ſchon wieder meinen düſtern Gedanken nachgehen, denn ich fürchtete mich von Emma errathen. Doch raffte ich nochmals alle Willenskraft zuſammen und ſiegte endlich über mich. Auf dieſen letzten Seelenkampf ſtellte ſich eine höchſt wonnige Empfindung ein. Ich überließ mich ganz den Eindrücken des Augenblicks, ich fühlte eine leichte Fieberröthe auf den Wangen und die frühere Zurückhaltung wich einer frohen Geſprächigkeit, ſo daß Alle, ich ſelbſt nicht ausgenommen, über meine Heiter⸗ keit ſtaunten. Gleich nach dem Eſſen gingen wir in's Concert. Diesmal beſann ich mich nicht lange, ſondern nahm tapfer den Arm des Herrn von Rochegune an. Ich faßte einen kühnen Entſchluß. Der heutige, ganz in Geſellſchaft des Herrn von Rochegune verlebte Abend ſollte mir den entſcheidenden Beweis geben. Du bleibſt auf dem altvertrauten Fuß mit ihm, ſagte ich zu mir; Du verſchließeſt dich gegen keinen der neuen Eindrücke, die er möglicherweiſe hervorrufen kann. Ich ſaß in der erſten Reihe, zwiſchen Frau von Richeville und Frau von Grandval, die Herren, die zu uns gehörten, waren hinter uns. Mag ſein, daß der über mich ſelbſt errungene Sieg und der gereitzte Nervenzuſtand, in dem ich mich befand, zum Genuſſe der Muſik mich günſtiger als je ßimmitf genug, ich fühlte ein unnennbares Entzücken. 6 Meine trunkene Seele badete ſich in den Strömen der Harmonie, die über mich hinrauſchten. 1 Namentlich erinnere ich mich eines Augenblickes, — 109 wo Alles ſich vereinte, mich auf die höchſte Höhe der Wonne zu erheben. Rubini ſang eine Arie aus der Na chtwandlerin unvergleichlich ſchön. „Göttlich! göttlich!“ rief Frau von Richeville von Bewunderung hingeriſſen und drückte unwillkürlich meine Hand. Hinter mir ſaß Herr von Rochegune, der, um beſ⸗ ſer zu hören, ſich ein wenig vorgebogen hatte, ſo daß ſein Athem meine bloße Schulter leicht anhauchte und ſanft in meinen Locken ſpielte, deren zitternde Bewe⸗ gung mich mit ſüßen Schauern übergoß Dabei der leidenſchaftliche Geſang. Endlich der Duft aus Bou⸗ guetes von Roſen und Stepharotis, eine Liebesgabe aus theurer Hand... Nie, nie in meinem Leben werde ich dieſen Augenblick volltommener Seligkeit vergeſſen. Die beſte Freundin ne⸗ ben ſich haben; den Mann, den man vergöttert, in ſeiner Nähe fühlenz ſich durch den Zauber der Töne in den wärmſten Schlummer einwiegen laſſen, während man ſich am Dufte der Blumen aus geliebter Hand berauſcht: heißt das nicht, die Wolluſt durch alle Poren, alle Sinne einſaugen? Meinem Vorſatze treu, darf und will ich nichts verſchweigen. Ich geſtand mir mit einer Art lüſterner Beklem⸗ mung, daß ich nie zuvor etwas Aehnliches empfunden. Nie hatte die Nähe des Herrn von Rochegune mich ſo heftig erſchüttert, ſo wonnig bewegt. Endlich geſtand ich mir, daß mit dieſem, in meiner Liebe zu Herrn von Rochegune erfolgten Umſchwunge, alle meine Gefühle für ihn, unlängſt noch ſo ſtill, friedlich und heiter, einen ſo bittern und zugleich ſo brennendheißen Ausdruck be⸗ kommen ſollten, daß ich nicht weniger erſchreckt, als entzückt wurde. S. Ebenſo plötzlich ging meine Beſcheidenheit in Stolz auf meine Körperſchönheit über. Mein Geſicht mußte mein Herz verrathen haben. Denn nachdem Frau von Richeville mich eine Weile ſtillſchweigend angeſehen, ſagte ſie leiſe zu unſerm Freunde: „Betrachten Sie doch Mathilde. Nie war ſie ſo hübſch wie heute.. . Herr von Rochegune blickte mir erſtaunt, ent⸗ zückt ins Auge, und ich ſah, wie er leicht erzitterte. Ein bedeutſames Winken mit dem Kopfe drückte ſeine Bewunderung aus. So? fragte ich die Freundin ganz leiſe. So 2 Sie finden mich hübſch? O, wäre dem ſo, fügte ich hinzu und ſah Herrn von Rochegune zärtlich an. Erſt heute wünſche ich es zu ſein. Herr von Rochegune erwiederte meinen Blick. Und wie? Keine Worte ſchildern die Zauberkraft dieſes Bli⸗ ckes, der mir durch Mark und Bein ging. Der Taumel, die Ohnmacht, das Entzücken, die Schauer der Wolluſt ſtrömten insgeſammt auf mich ein und riſſen mich aus der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in einen Raum, wohin kein Denken nachfolgt. .. Aus dieſem ſekundenlangen Blicke ſchlugen alle Flammen der brennendſten Leidenſchaft hervor. . . . . Dann ſank er, wie erſchöpft, zurück und begrub das Antlitz in beiden Händen. So oft ich mich nach ihm umſah, immer ſaß er in derſelben Stellung da. Nach dem Concerte ſollte Thee bei mir getrunken werden. Ich fuhr mit Frau von Richeville, Emma und Herrn von Rochegune, der ſtill und nachdenklich war. Wie gefiel Ihnen die Muſik, liebe Emma? fragte ich. „O! ich habe viel gelitten,“ antwortete ſie. „Immer wollten mir die Thränen in die Augen. Es war mir, als hörte ich aus allen Geſängen eine herzzerreißende Melodie.“ . Wir ſtiegen aus. Als ich am Spiegel vorüberging, mußte ich über mich ſelbſt ſtaunen. Frau von Richeville hatte Recht, 111¹ ich war ungleich hübſcher als gewöhnlich. „ WMein Kleid von blaſſem, himmelblauem Mohr mit Spitzen und Schleifen von roſenfarbenem Atlas, die Kamelien im blonden Haare, deſſen lange Locken faſt bis auf die Schultern reichten, ſtanden mir vortrefflich. Mein Wuchs ſchien voller und ſchlanker, meine Augen glänzender, mein Teint durchſichtiger, meine Lip⸗ pen röther, meine Haltung eniſchiedner und feſter. Ich fühlte mich von einer höhern Kraft beſeelt und be⸗ herrſcht. Wohlgefällig betrachtete ich mich, als ich plötzlich dem zärtlichen, aber unſteten Blicke des Herrn von Rochegune begegnete. Bewundernd ruhte mein Auge auf den edlen Zü⸗ gen, die männliche Kühnheit athmeten. Erſt jetzt ge⸗ wahrte ich ihn im Glanze jener ſtolzen Schönheit, die den Männern das iſt, was den Weibern die Anmuth iſt. Jeder ſeiner Blicke drang erſchüttert in meine Bruſt ein. Ach! ach! Die ganze Leidenſchaftlichkeit meiner Liebe war mir heute zur Gewißheit geworden. Der Abend verflog wie ein Traum. Sonderbar! Trotz meines Seelenleidens, bewirthete ich meine Freunde auf's Beſte, ſo daß Frau von Richeville mir beim Ab⸗ ſchiede unter herzlicher Umarmung verſicherte: Ich muß Ihrem Geiſte dieſelbe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wie Ihrer Schönheit. Nie hat er uns mehr bezaubert. Kaum hatte die Herzogin mich verlaſſen, ſo ſank ich, von den Anſtrengungen des Tages erſchöpft, halb ohnmächtig in die Arme meiner guten Blondeau. Die reine, heldenmüthige Liebe war ein Traum, ein Hirngeſpenſt. Hatte meine Schwäche, die Hitze der Jugend, den herrlichen Bau eingeriſſen, den ich aus meiner reinen Liebe aufgeführt, oder gehört ſolche Liebe in's Reich der Träume, iſt ſie ein furchtbarer Abgrund, mit blu⸗ migen Auen leicht überdeckt? Ich weiß es nicht. Haben andere Weiber die rechte Mitte zwiſchen 112 g Kälte und Wärme finden können? Gibt es eine Ent⸗ ſchloſſenheit, eine Tugend, die auch das ſchüchterne, ge⸗ Verlangen im Herzen erſtickt? Ich weiß es kicht Iſt eine platoniſche Liebe möglich zwiſchen zwei jungen Leuten, die ſich mit allem, ihrem Alter natür⸗ lichen Feuer lieben? Ich hoffte und glaubte es; ich wollte lieber an mir ſelbſt zweifeln, als an Andern, — Verhältniß verdächtigen, das ſo rein und tröſt⸗ ich iſt. Mehr als alles Andere erſchreckte mich die Schnelle, womit ein böſer Gedanke nach dem Andern in mir aufſtieg, und der Schatten, den ſie auf das keuſche, innige Gefühl warfen, das noch geſtern meinem Her⸗ zen genügte. Wie matt, wie eiſig dünkte es mich heute! Mit frechem Undank ſah ich auf die vergangenen Tage zu⸗ rück, die unter ſo edlen Genüſſen verfloſſen waren! Dieſe plötzliche Umwälzung in meiner Bruſt war und iſt noch jetzt mir ein Räthſel. Ich würde meine Pflichten gegen Herrn von Roche⸗ gune vergeſſen haben, ſagte ich mir, um ihn nicht noch zärtlicher, aufmerkſamer, eifriger und beſorgter um mich zu machen. Liegt denn in den Zuckungen eines getrübten Ge⸗ wiſſens eine Art von böſem, unwiederſtehlichem Zauber? Oder glauben wir erſt dann unſte Liebe bewieſen zu haben, wenn wir ihr das ſchmerzlichſte aller Opfer bringen; unſre Tugend und die Ruhe unſres Lebens 2 . Und wie tief demüthigte der Gedanke, daß viel⸗ leicht durch mich allein das Heiligthum unſrer Liebe entweiht ſei, daß Herr von Rochegune Willenskraft und Vernunft genug beſitze, um die Leidenſchaft zu be⸗ ſiegen, um ein reines, dauerhaftes Glück den ängſten⸗ den Genüſſen einer ſchuldbefleckten, und eben deßhalb auch eintägigen, verächtlichen Liebe vorzuziehen. Ja! einer eintägigen, einer verächtlichen Liebe! 7 1¹3 Denn der erſte Fehltritt hat das Schreckliche, daß er Selbſtvertrauen und Selbſtbewußtſein untergräbt. Hat man einmal gegen die edelſten und beſten Entſchlüſſe gefehlt, warum nicht immer auf's Neue? Der Glaube an die Herrſchaft des Geiſtes über das Fleiſch war eine Täuſchung . warum nicht auch der Glaube an die Dauer und Beſtändigkeit unſter Liebe? Ach! Noch einmal. Nichts ſchrecklicher als der Gedanke an das allmälige Herabſinken von einer Stufe zur andern, die nothwendige Folge der erſten ſittlichen Verirrung. Dreizehntes Kapitel. Vas Geſtündniß. Man wundert ſich nicht, daß ich ſo hart über mich urtheilte, als ſei der Gedanke ſchon zur That gewor⸗ den. Ach! ich war einer Niederlage gewiß, ſobald Herr von Rochegune dieſelbe Schwäche zeigte. Ich machte daher keinen oper nur einen geringen Unterſchied zwiſchen einem ſündigen Gedanken, den ich nicht zu bekämpfen vermochte, und zwiſchen der That ſelbſt. Die moraliſchen Folgen waren dieſelben. So hing ich denn ganz von der Zartheit und dem Ehrgefühl des Herrn von Rochegune ab. Um jeden Preis wollte ich ihm die Empfindungen meiner Bruſt verbergen. Verrieth ich mich, ſo war ich verloren. Er kam den folgenden Tag um zwei Uhr, und bat, die Thüre ſchließen zu dürfen. Pie zuvor hatte ich ihn ſo blaß, ſo traurig und 114 niedergeſchlagen geſehen. Mattigkeit ſprach aus allen ſeinen Zügen. Die Stunde der Entſcheidung war gekommen. Nur Feſtigkeit konnte mich retten. Ich ſammelte alle meine Kräfte und bot meine ganze Verſtellungskunſt auf, um ſorglos und heiter zu erſcheinen. Geſtern war ich recht unartig, nicht ſo? rief ich ihm faſt keck entgegen, erſt bitte ich Sie um Ihren Arm, dann ſchlage ich ihn aus. Geſtehen Sie, daß ich ſchrecklich launig bin. Herr von Rochegune ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: „Mathilde, Sie halten mich für einen Mann von Ehre ?2 „ Mein Gott! welch' ernſte Anrede, mein Freund! „Ernſt? ja, gewiß und mit gutem Grund.“ Aber warum? „ „Mathilde, ich habe nie gelogen!“ fuhr er nach ei⸗ ner Pauſe fort. „Geſtern ſchwur ich, Ihnen alle meine Gedanken, gute oder böſe, anzuvertrauen ich glaubte nicht, ſobald Wort halten zu müſſen. 4 In der That, mein Freund, Sie erſchrecken mich. Welch' plötzliche Veränderung! . „Mathilde, ich bin wie ein Traum. Seit geſtern ſind alle meine Grundſätze erſchüttert, bezaubert. Was ich hier, im Herzen, fühle beſchreibt kein Wort. Ich t mich nicht mehr ich erkenne Sie nicht nhr Was ſagen Sie? „Seit geſtern ſehe ich in Ihnen eine ganz andere rau Ich ich ich verſtehe Sie nicht, erwiederte ich gezwungen lächelnd. Seit geſtern bin ich ſo ganz anders geworden? 3 „Ja, Mathilde. Umſonſt frage ich mich nach der Urſache dieſer plötzlichen Umwandlung, ich finde ſie nicht. Ihr Antlitz hatte einen ganz andern Ausdruck. 11⁵ Bemerkte Ihnen nicht Frau von Richeville, daß Sie nie⸗ mals ſo hübſch geweſen ſeien 2... Und ſie hatte Recht. Ihr Blick, ſonſt ſo ruhig, ſanft, ſo hell war bald glänzend, bald unſtet, bald ſchmachtend; Ihre Stimme leiden⸗ ſchaſtlicher; Ihr Teint friſcher; Ihr Lächeln anmuthi⸗ ger über Ihre Schultern gelehnt, glaubte ich ſie unter meinem Athem ſchauern zu ſehen.. Sie ſchie⸗ nen mir von einer Luft umgeben, die mich berauſchte. Nein, nein! Ich täuſche mich nicht. Sie waren und find noch jetzt ſchöner als je oder richtiger, Sie ſind überſchön. . . .. ören Sie auf, mein Freund! Lauter Schmeiche⸗ leien!. . . Vielleicht war ich zu meinem Vortheil ge⸗ kleidet.. . . . Das löst Ihnen das ganze Räthſel der Veränderung. . . .. Eins, weiß ich, iſt unverändert ge⸗ blieben: die zärtlichen Gefühle Ihrer Freundin, Ihrer Schweſter. Schweſter geliebt ... wie ich Ihnen oft geſtand. Aber bisher hatte ich Muth, bisher hatte ich Willens⸗ kraft . bisher glaubte ich, man konne ein Weib wie Sie, ungeſtraft lieben . bisher glaubte ich, die herzliche Vertrautheit zwiſchen uns werde mir ſiets ge⸗ nügen; bisher glaubte ich, daß die Erhabenheit einer idealen Liebe, daß die Bewunderung, die ſie einflößt, mich über jede menſchliche Leidenſchaft hinaus entzück⸗ ten. . Mathilde! Muth, Willenskraft, Glaube iſt dahin: Schwüre, Eide, Betheuerungen . . Alles, Alles iſt vergeſſen!. .. Die lang unterdrückte Leiden⸗ ſchaft lodert in hellen Flammen empor. ..; Ma⸗ thilde . Mathilde . es muß heraus ein Feig⸗ ling, ein Schuldbeladener ſteht vor Ihnen!. Aber Mütleid . Mitleid mit einer glühenden wahn⸗ finnigen . Liebe!!“ ch zitterte vb der Gefahr, die ich lief. War es nicht, als hätte Herr von Rochegune dieſe Worte in meiner Seele abgeleſen? 116 Und doch ſchmeichelten dieſe leidenſchaftlichen Ge⸗ ſtändniſſe meinem Stolze. Aber bald raffte ich meinen Muth zuſammen, und wider mein Erwarten kräftigte mich die Schwäche des Herrn von Rochegune. Wie wird er dir danken, ſagte ich mir, wenn du ihn zum Bewußtſein ſeiner Würde zurückführſt, und ihm und Dir jede Unehre erſparſt! Nach kurzem Schweigen erwiederte ich zärtlich, aber ruhig und ernſt: Verzeihen Sie, lieber Freund, daß ich Anfangs ſcherzhaft antwortete. Ich danke Ih⸗ nen für dieſen rührenden Beweis Ihres Vertrauens zu mir. Ich reichte ihm meine Hand. Dieſe ruhige Sprache überraſchte ihn. Ich erwartete etwas Aehnliches, fuhr ich fort. „SieMathilde2unterbrach michHerr vonRochegune. Ja, mein Freund! Denken Sie nur an unſer ge⸗ ſteriges Geſpräch. Sagten Sie nicht, das innige Ver⸗ hältniß zwiſchen uns ſei durch ſchwere Opfer erkauft; je größer ſie ſeien, um ſo theurer würden ſie geachtet? „Reden Sie nicht von der Vergangenheit,“ rief er mit erhobener Stimme. „Zwiſchen dem Geſtern und Heute gähnt eine gewaltige Kluft!“ „Wohlan, mein Freund!“ entgegnete ich mild lä⸗ chelnd, „ſo bin ich die Fee und ſchlage eine unfehlbare Brücke über den Abgrund. Ich führe Sie an meiner Hand in die himmliſchen Regionen zurück, in die ewi⸗ gen Wohnungen alles Schönen, Großen und Guten, um nach wie vor den Aether dieſer ſeligen Gefilde zu athmen. Ein Lächeln ſchwebte auf meinen Lippen, während das Herz mir brechen wollte. Herr von Rochegune ſchien ſchmerzhaft berührt von meinen Worten. Er ſchwieg eine Weile, dann entgegnete er mit wehmü⸗ thigem Ausdruck in Miene und Stimme: „Sie haben Recht, Mathilde. Die Vergangenheit war ganz ſo, wie Sie ſagen; auch meine Liebe zu Ihnen. Mein Charakter war thatkräftig, mein Wille unerſchütterlich, 117 mein Wort heilig, mein Herz tapfer und kühn. Woher dieſe plötzliche Veränderung? Gott weiß es. Ja, noch geſtern ging mir nichts über das Glück Ihrer Nähe als der Wunſch, das letzte Gebet meines Vaters er⸗ füllt zu ſehen. Ein einziger Tag, ſage ein einziger Tag hat meinen Ehrgeiz bis zum Wahnfinn geſteigert. Und doch hat dieſer Ehrgeiz mich in meiner Selbſt⸗ achtung nicht erniedrigt, vielmehr erhöhet, ja erhöhet!“ Wie ſo, mein Freund? Wäre unſre Liebe nicht entweihet .. „Entweihet?“ fiel er ernſt und feierlich ein. „Rein, Mathilde, nein! Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt keine Maske, wohinter ſich eine unlautere Liebe ver⸗ ſteckt; es fließt nicht blos aus jugendlich⸗heißem Her⸗ zen. nein, es fließt auch aus dem edelſten Triebe, den Gott in die Bruſt des Menſchen gelegt, aus dem Verlangen nach jenem dauernden Glücke, das nur am häuslichen Herde blühet. Kurz, Sie verſtehen mich, Mathilde .. in Ihnen würde ich vielleicht noch mehr die Gattin anbeten . als die Geliebte .. Sie ſind ſo ſchön und heilig zugleich, daß ſelbſt die Wolluſt, die Sie einflößen, keuſch und rein wird.. Ein Ge⸗ danke an Sie genügt, um Alles zu läutern, um einer ſchuldigen Liebe das geheiligte Gepräge einer feier⸗ lichen Verbindung aufzudrücken .. Beruhigen Sie ſich, mein Freund, ich beſchwöre Sie bei allem, was Ihnen lieb iſt! .. . „Nein, nein! das alte Glück befriedigt mich nicht; es iſt unvollſtändig. Ich will mehr als die Freiheit, Sie ſehen und ſprechen zu dürfen Ich will mein ganzes Leben an Ihrer Seite verbringen.. hören Sie mich, Mathilde? Ich will ewig und unauflöslich an Sie gefeſſelt ſein. .. ich will alle Rechte, damit Ihnen alle meine Pflichten gehören; ich will alles Glück, damit Ihnen all mein Dank gebührt.“ Aber waten Sie nicht immer die Güte und Er⸗ gebenheit ſelbſt? „Was iſt das gegen jenes Leben, das im Genuſſe aller Gaben, die Gott auf ſeine Lieblinge gehäuft hat, ſich verzehrt, wo die ſittliche Schönheit die körperliche verklärt. Denn, wenn Gott eine ſchöne Seele in ei⸗ nen ſchönen Körper gekleidet hat, ſo will er damit, daß beide Zauber ſich in Einen auflöſen. Sie trennen, den einen ohne den andern genießen, heißt gegen die Natur ſündigen.“ Was ſagen Sie? „Etwas Anderes als geſtern, mag ſein; aber heute wie geſtern immer die Wahrheit.“ Und dieſe plötzliche Veränderung. .. „Bringt mich zur Verzweiflung, Mathilde. Ver⸗ geſſen Sie nicht, Ein Tropfen kann den Becher über⸗ laufen machen. Der geringfügigſte Umſtand entſcheidet die wichtigſten Ereigniſſe, wenn die Stunde da iſt. Ich bin gewiß, Ein Händedruck, Ein zärtliches Wort von Ihnen würde morgen eine lang unterdrückte Lei⸗ denſchaft entzündet haben. Was ich Ihnen geſtern von Opfern ſagte, war keine Redensart. aber auch der Heldenmuth hat ſeine Grenzen. All mein Denken und Sinnen iſt jetzt auf Einen Punkt gerichtet: auf ein Leben an Ihrer Seite, in ſtiller Zurückgezogenheit. Wir Beide legen keinen Werth auf die eitlen Ver⸗ gnügungen der Welt. O Mathilde, wenn Sie woll⸗ Er hielt plötzlich ein, als habe er zu Viel geſagt. Ich verſtand ihn nur zu gut. Auch ich hegte den⸗ ſelben Wunſch. Dennoch mußten die Lippen, nach wie vor, die Empfindungen eines liebeglühenden Herzens verleugnen; dennoch mußte ich auf dieſe Ausbrüche der Leidenſchaft kalt antworten: In der That, ich erkenne Sie nicht wieder. Sie wollen, daß ich allen Anſtand, alle Pflichten mit Fü⸗ ßen trete, daß ich Freundſchaft und Vertrauen ſchimpf⸗ lich hintergehe? Denken Sie nur, wie die Welt unſre Freunde auslachen würde, daß ſie in unſer Ehrgefühl ————— „ 1¹9 nicht den leiſeſten Zweifel ſetzen? Antworten Sie, was wird der Fürſt und die Fürſtin von Héricvurt ſagen, wenn ſie von unſerer Flucht hören ?.. S Dieſe Frage beſtürzte Herrn von Rochegune. Er beſann ſich einige Augenblicke. Ach! es ſchien mir, als lag die Antwort uns Beiden ziemlich nahe. Trotz meiner ſcheinbaren Kälte, wünſchte ich die Flucht vielleicht noch heißer als Herr von Rochegune. Meine Liebe zu ihm hatte ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als einmal war ich im Begriff, ihm zuzurufen: Ich folge Dir, Geliebter . . . „Ich habe nie gelogen, Mathilde, und werde auch jetzt nicht lügen,“ antwortete er traurig. „Willigen Sie ein, ſo geſtehe ich ohnehin dem Fürſten Alles.“ Und welche Vorwürfe werden Sie hören müſſen? „Ha,“ rief er ſchmerzlich ungeduldig aus, „was brauchen wir denn nach dem Fürſten, nach dem Ur⸗ theile der Welt zu fragen? Verdammen wir nicht uns ſelbſt, wenn wir uns der Geſellſchaft entziehen? Ent⸗ ſagen wir nicht freiwillig ihrer Achtung, ihrem Schutze? Was will ſie mehr? Könnten wir nicht weniger edel handeln? Könnten wir nicht das uns geſchenkte Ver⸗ trauen mißbrauchen?“ Unmöglich. Wir Beide wären einer ſolchen Nie⸗ derträchtigkeit unfähig. „Ich weiß es. Auch hätten wir nicht den Muth, von der Höhe, auf die wir uns ſelbſt geſtellt, herab⸗ zuſteigen. Aber fliehen heißt ſo viel, als freiwillig ab⸗ danken, denn wir ziehen unſer Glück der Bewunderung der Welt vor. Darin liegt keine Feigheit, kein Ver⸗ rath ich bin bereit, dieß laut und offen auszu⸗ ſprechen. .. Ach! mein Freund! unterbrach ich ihn, hebt das Geſtändniß der Schuld die Schuld ſelbſt auf? Es wäre keine edle Kühnheit mehr; nein! eine grobe Un⸗ verſchämtheit. Glauben Sie mir, wenn wir unſere — 120 Leidenſchaft nicht beſiegen, müſſen wir ſchmächlich flie⸗ hen und uns gleich Miſſethätern verſtecken. „Oh, käme der längſterſehnte Tag, Mathilde. Nie würde ich meine Stirn kühner etheben So reden Sie, mein Freund? Und ewig Schmach einer Unehre2. .. „Unehre, Mathilde? Sind Sie nicht frei? Hat nicht die Weli ſelbſt eine Art moraliſches Eheſcheiden über Sie und Ihren Gatten ausgeſprochen? Können Sie ſich mit irgend einem Weibe vergleichen wollen?“ Nein, nein! heute, zur Stunde noch, ſtehe ich einzig da. Aber ſobald ich meiner Pflicht untreu werde, bin ich wie tauſend andere Frauen, die Gleiches mit Glei⸗ chem vergelten. Mehr noch! Ich werde um ſo tiefer verachtet werden, je höher ich in der Achtung der Menſchen ſtand. 7 „Meine Liebe, Mathilde, ſoll Ihnen alle Verluſte erſetzen. das Glück ſoll Sie rächen .. Nur wer in der Welt und für die Welt lebt, fürchtet die Welt; wer aber in ſich und für ſich lebt, der ſpottet ihrer, der trotzt ihr. Freunde, Stolz, Ehrgeiz, Pflicht: Alles iſt vergeſſen. Sie, Mathilde, Sie ſind all mein Den⸗ ken, Wünſchen und Verlangen.“ Und Ihre politiſche Laufbahn, Ihre Zukunft, Ihr Vaterland, das Ihres Rathes bedarf, die Arme, die von Ihnen leben 27 Herr von Rochegune zuckte die Achſeln. — „Po⸗ litik, Staatskunſt! Nichts als fabelhafte, leere Träume! Den Armen ſoll es nicht ſchlimmer gehen. Wir wollen in ländlicher Stille ihnen leben, wie Eltern ihren Kindern. Eine Liebe, wie die unſrige, macht Jeden, der es nicht ſchon iſt, wohlthätig und barmher⸗ zig. Sie ſehen mich erſtaunt an, Mathilde? Sie wundern ſich, daß ich heute Alles gering ſchätze, was ich unlängſt vergöttert? Auch ich bin erſtaunt und er⸗ freut darüber...“ Erfreut? — 121 Ja, dieſer plötzliche Gedankenaufſchwung beweiſt mir, daß Ihr Einfluß auf mich immer größer wird... Früher war ich ſtolz auf dieſen Einfluß, denn er begeiſterte Sie zu den edelſten und ſchönſten Tha⸗ ten. Heute ſchäme ich mich deſſelben, denn er treibt Sie zu Entſchlüſſen, die unſrer unwürdig ſind. „Wer ſagt Ihnen das? Wer ſagt Ihnen, daß der Aufruhr unſrer Leidenſchaften keine ſchönen Früchte zu tragen vermöge. Die Zukunft iſt mir unbekannt, aber Gott hat uns nicht vergebens zuſammengeführt. Ja, unſer ſcheinbarer Fall iſt der Anfang einer glorreichen Auferſtehung. Eine ſolche Liebe, wie die unſrige, ver⸗ ſchwindet nie ſpurlos. Im Innern meiner Bruſt ruft eine Stimme, die nie gelogen, mir zu, daß nach kur⸗ zer Entfernung die alten Freunde ergebner als je uns aufſuchen werden, weil wir uns mehr als je ihrer Freundſchaft würdig gezeigt haben Wodurch? „Ich weiß es nicht. Aber es muß ſo kommen, Mathilde. Keine Liebe gleicht der meinen an Größe und Adel. Die Zukunft foll es beweiſen ..“ Dieſe Worte ſtrömten aus ſo vollem, warmem Herzen, daß ich meinen Entſchluß, kalt zu bleiben, vergaß. Hingeriſſen von den Gefühlen des Augen⸗ blicks, rief ich aus: Ja, ja, ich glaube Ihnen. Es iſt, als läſen Sie in meiner Seele .. „Mathilde! rief er, vor mir niederknieend und mit heißem Ungeſtüm meine Hände drückend. Oh! kom⸗ men Sie . laſſen Sie uns fliehen!. Kommen Sie Kommen Sie! ... Freundin, Schweſter, Geliebte, Gattin! Blicke und Worte des Herrn von Rochegune brach⸗ ten mich zur Befinnung. Schnell richtete ich mich auf. „Verzeihung, Mathilde, bat er, das Geſicht mit veiden Händen verbergend. „Verzeihung!. .. Ich raſe.“ In wenigen Minuten hatte ich mich geſammelt. Mathilde. J. 9 122 So kalt, wie möglich, erwiederte ich: Ja, Sie raſen. Oder glauben Sie, ich würde einen Schritt thun, der Sie und mich der Schande preisgibt? WMit troſtloſem Blicke auf mich und mit herzzer⸗ reißender Stimme rief er: „Oh! Sie lieben mich nicht, wie ich Sie liebe!“ Und er weinte. Daß ich dieſer härteſten Verſuchung widerſtehen und die Maske vorbehalten konnte, erklärt ſich daraus, daß ich ſelbſt jetzt zur Flucht entſchloſſen war, wenn die letzte, gewaltigſte Anſtrengung fehl ſchlug. Ich wollte es aufs Aeußerſte ankommen laſſen. Uum die Hände frei zu haben, mußte ich ihm jede Hoffnung nehmen und dadurch ihn ohne ſein Wiſſen zu meinem Hülfsgenoſſen in dem ſchwerſten Kampfe machen, den ich beſtehen wollte. Ich liebte Sie nicht! erwiederte ich. Welch ein Vorwurf! Eben meine Liebe gibt mir Kraft und Muth, Ihnen und mir ewigen Kummer zu erſparen. Er erhob ſich und ging unruhig auf und ab, während er ſich die Augen trocknete. Noch eine harte Probe ſtand mir bevor. Durch einen Zufall gewahrte ich unter den Locken die Narbe jener Wunde, welche er der Hinterliſt des Herrn Lu⸗ garto verdankte. Der Anblick dieſer Narbe, die mich an die lang⸗ jährige Ergebenheit des Herrn von Rochegune erin⸗ nerte, erſchwerte mir die Ausführung meines Ent⸗ ſchluſſes ungemein. . Plötzlich blieb er vor mir ſtehen. „Mathilde,“ fragte er mich, „glauben Sie, daß ich vor unſern Freunden eine Unruhe verbergen kann?“ Ich hoffe, ja. Nachdenken „Nachdenken,“ fiel er ein, „Vernunft, Wille vermö⸗ gen nichts gegen ein ſo heißes Gefühl, wie das meinige. Ich bin keiner Verſtellung fähig; in jeder Minute — 123 würden wir uns durch den Zwang verrathen, den wir uns anthun.“ O gewiß! Ihre Aufregung würde ſich bald legen. Ein Mann von Ihrem Muthe ſiegt in allen Kämpfen. „Weil ich Muth habe, Mathilde, fühle ich um ſo tiefer die unwiderſtehliche Macht der Leidenſchaft, die mich beherrſcht. Aber weil ich Muth habe .. Und er ſchwieg. Reden Sie, meine Freund, reden Sie!. .. „Es ſei! Weil ich Muth habe, habe ich auch die Kraft, das Einzige zu thun, was uns Beide retten kann... Die Kraft, Sie zu verlaſſen!. ..“ rief er mit verbiſſenen Lippen und erhabener Stimme. Den Schlag hatte ich nicht erwartet. WMich verlaſſen? rief ich und faltete die Hände Unmöglich!. .. WMein Gott!. ... Nein, nein! S'iſt nicht Ihr Ernſt! „Was bleibt mir ſonſt übrig, armes Weib?... Sie meiden?... Das heißt, den ſchlimmſten Argwohn erregen . WMit Ihnen auf dem alten Fuße fort⸗ leben?.... Das iſt mir unmöglich. So muß ich denn eine Reiſe vorſchützen.“ Nein, Sie ſollen nicht fort . ich will es nicht Itch liebe Sie. .. WMeine ganze Hoffnung, meine ganze Zukunft beruht auf Ihnen... Nein, Sie können nicht ſo grauſam mich verlaſſen! .. „Aber was bleibt mir übrig?“ Ich weiß es nicht. . . Aber im Namen des Him⸗ mels beim Gedächtniß Ihres Vaters.. beſchwöre ich Sie, mich nicht zu verlaſſen. Ich würde die Stunde nicht überleben. Ich bin ſchon ſo unglück⸗ lich geweſen, mein Gott! daß mir jede Kraft fehlt, neue Schmerzen zu dulden. „Hören Sie, Mathilde! Sie halten dieſe Reiſe nicht für eine leere Drohung, nicht wahr?. Was ich ſage, das thue ich. „ Ich habe Alles reiflich er⸗ wogen und finde, daß mir nichts übrig bleibt, als eine Reiſe .. Ich reiſe alſo . .. Gott geleite mich! Jeſu Maria! rief ich aus, durch einen unheim⸗ lichen Ausdruck in ſeinen Zügen erſchreckt. Sie wol⸗ len doch nicht. . „Fürchten Sie nichts, Mathilde,“ fiel er ein, denn er verſtand mich . .. „Ich ſehe im Selbſtmorde eine Feigheit, und ich werde nie eine Feigheit begehen. So bin ich denn zu den Qualen eines vielleicht langen Lebens verurtheilt!“ Tief ſeufzend bedeckte er das Antlitz mit den Händen. Schon wollte ich ihm Alles geſtehen, als er nach kurzem Stillſchweigen aufſah. „Aber wir ſind Thoren, Mathilde,“ ſagte er ruhig und gefaßt, „daß wir in Einer Stunde über das Ge⸗ ſchick eines ganzen Lebens entſcheiden wollen.. . Kein Wort mehr davon!. .. Wir ſind allzu aufgeregt, um dies Geſpräch fortzuſetzen. Ich reiſe noch heute ab und komme in vierzehn Tagen zurück, mit denſelben Gedanken, Vorſätzen und Wünſchen ... Das ſage ich Ihnen im Voraus .. Sie haben inzwiſchen Zeit zu reiflicher Erwägung. . .. So kehre ich denn wieder, um Ihnen entweder mein ganzes Leben zu weihen, oder auf ewig Lebewohl zu ſagen. .. Ich ſchreibe Ihnen nicht. ich will Sie ganz ſich ſelbſt überlaſſen. Gott gebe, daß die Vergangenheit von mir nicht die Zukunft für mich werden möge! . „In vierzehn Tagen!“ rief er tiefbewegt und reichte mir würdevoll die Hand. In vierzehn Tagen! wiederholte ich. 1 Vierzehntes Kapitel Ein Beſuch. Kaum war Herr von Rochegune fort, ſo zerfloß ich in Thränen. Ich warf mir eine ſcheinbare Kälte vor, denn ich fürchtete, ihn erbittert oder doch von mir entſernt zu haben. Ich bedauerte tief, nicht den erſten Eingebungen meines Herzens gefolgt zu ſein, welche für die Flucht mit ihm ſprachen. Wenn er dich verläßt, fragte ich mich, erſetzt die froſtige Achtung der Welt den Verluſt einer ſolchen Liebe? . Weiter fragte ich mich: widerſtehſt Du nicht viel⸗ leicht mehr aus Stolz, als Illichtgefühl? Faſt wünſchte ich, dieſe Frage bejahen zu können. Dann hatte ich ja einen Vorwand, um dem Anſinnen des Herrn von Rochegune nachzugeben. Ol und wie herrlich malte ich mir das Leben an ſeiner Seite aus. Die Feſtigkeit ſeines Charakters, ſein Geiſt, ſeine ebenſo zarte, als innige Liebe zu mir, Alles verhieß die ſeligſte Zukunft. Ja, Herr von Rochegune hatte Recht, meine Liebe zu Herrn von Lancry war nichts als eine Herzens⸗ überraſchung geweſen, denn ich wußte keinen ern⸗ ſten Grund, warum ich ihn liebte. Sein ſchönes Aeußere, die Anmuth ſeines Geiſtes und feinen Sitten hatten mich verführt. Wenn ich auf die Heirath mit ihm beſtand, wider den Rath der Frau von Richeville und des Herrn von Mortagne, ſo geſchah das mehr aus jugendlicher Unerfahrenheit und dem Wunſche, Fräu⸗ lein von Maran los zu werden, als aus tiefgewurzel⸗ ter Leidenſchaft. Nach jenen empörenden Auftritten war die Liebe, die ich ihm erübrigte, nur noch eine Ge⸗ 126 wohnheitsſache, eine Art heldenmüthiger Geduld in Leiden und Selbſtverleugnung, hauptſächlich aber die Nachwirkung jenes faſt unauslöſchlichen Eindruckes, den die erſte Liebe im Herzen eines jungen Mädchens zu⸗ rückläßt. Als ich endlich in Folge des letzten Buben⸗ ſtückes, welchem mein Kind als Opfer fiel, mich der Schreckensherrſchaft meines Gemahls entzogen, füblie ich nichts als eiſige Verachtung wider ihn. . Wie ganz anders hatte ſich meine Neigung zu Herrn von Rochegune entwickelt! Aus der Bewunder⸗ ung freier edelmüthiger Hingabe für mich und ſeiner ſeltenen Talente keimten, ohne mein Wiſſen, die erſten Sprößlinge der Liebe hervor. Als die ehelichen Bande zwiſchen mir und meinem Gemahl ſo gut wie gelöst waren, gab er mir neue, rührende Beweiſe der edel⸗ ſten, ſtandhafteſten Anhänglichkeit an mich. So ge⸗ ſellte ſich zur aufrichtigſten Bewunderung erſt das Ge⸗ fühl einer innigen, herzlichen Freundſchaft, . dann eine reine, ſeelenvolle Liebe. . . endlich die brennendſte Leidenſchaft. Der langſame Wachsthum dieſer Liebe verbürgte ihre Dauer nur allzu gewiß.. Wie alles Große, Wächtige, menſchlich Ewige, hatte ſie eine tiefe, unerſchütterliche Grundlage. All⸗ mälig, unvermerkt war ſie herangewachſen, der Eiche gleich, die der Blitz zerſchmettert, nie entwurzelt.. Stürme oder Jahreszeiten können ſie ihres ftiſchen, grünen Blätterſchmuckes entkleiden, aber nimmer ſie dem heimiſchen Boden entreißen. Um die Verſchiedenheit meiner Liebe zu Herrn von Lancry und Herrn von Rochegune kurz zufammenzufaſ⸗ ſen: erſtere war nie ganz frei von einem gewiſſen Schamgefühl; der Muth, womit ich meine Schmerzen getragen, hatte kaum Theilnahme erweckt; meine Er⸗ gebung in mein Schickſal erſchien als Bewußtloſigkeit. Letztere dagegen machte mich ſtolz und glücklich; ſie fand allgemein Beifall; ſie erhöhte, veredelte mich. 127 Aus dieſen Betrachtungen ſchöpfte ich allmächtige Gründe bald für den Plan des Herrn von Rochegune, bald gegen ihn .. Das alte Verhältniß hatte ich ſo lieb gewonnen, daß ich mich nicht entſchließen konnte, es aufzugeben. Dann legte ich, ohne es zu wollen, den Zauber eines ſtillen Lebens an der Seite des Geliebten in die Wagſchale gegen das Opfer, um welche ich die glänzende Krone einer mehr als menſchlichen Reinheit und Tugend erkaufte. Oh! dann ſchien es mir, als könne nur ein Wahn⸗ ſinniger den kalten Marmor und Goldpalaſt, der ein⸗ ſam und freudenlos bewohnt wird, der Hütte vor⸗ ziehen, die eben groß genug iſt, ein glücklich liebendes Paar zu faſſen . Ach! Nur das Weib fühlt die ganze Furchtbarkeit eines Kampfes zwiſchen Pflicht und Leidenſchaft. Der Mann fühlet ein Erlangen oder Nichterlangen, dieſe Ungewißheit quält ihn. Sonſt Nichts. Während uns die Gabe, die wir am liebſten geben möchten, oft die größte Ueberwindung koſtet. Höchſtens im Punkte ſeiner Ehre, nicht aber der unſrigen, hat der Mann einen gleich ſchweren Kampf zu beſtehen. Selbſt Herr von Rochegune, das Vorbild aller Männer von Herz, Muth und Ritterlichkeit; ſelbſt Herr von Rochegune hatte keinen Augenblick geſchwankt zwiſchen ſeiner Liebe und der Entfremdung ſeiner Freun⸗ de, zwiſchen ſeiner Leidenſchaft und meiner Schmach. 2 . Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß ich zu einem feſten Entſchluß kam. ch kann nicht ſagen, wie ſehr ich Herrn von Rochegune vermißte. Was mußte mein Leben ſein, wenn er mir ganz fehlt? Das ſtand feſt bei mir, daß ich ihn um keinen 128 Preis in der Welt verlieren wollte. Nur hoffte ich noch das von ihm zu erlangen, daß er das alte Ver⸗ hältniß zwiſchen uns, wenigſtens für eine Weile, wie⸗ der aufnahm, obgleich auf Koſten der früheren herz⸗ lichen Vertraulichkeit. Vielleicht beſiegte er dann ſeine Leidenſchaft. Wo nicht, was dann thun? Es gab keine Mitte zwiſchen dem Entweder und Oder. Ihn in Verzweif⸗ lung ſtürzen? . Ihn, die Treue und Ergebenheit ſelbſt?... Ihn, den ich liebte, den ich von ganzem Herzen liebte?... Ihn in Verzweiflung ſtürzen?.. da es nur Eines Wortes, eines einzigen Wortes bedurfte, um ſein Glück und das meinige auf ewig zu beſiegeln? Nein, nein! Niemals!. . . .. Und ſchon war ich im Be⸗ griff, ihm zu ſchreiben ... Kommen Sie .. Kommen Sie fliehen wir. Stunden, Tage, Nächte ſchwanden in ſolcher Un⸗ ſchlüſſigkeit dahin. . ... Mein Muth erblich immer mehr Bald o trauriges Zeichen! .. bald wagte ich kaum mehr mein Herz zu befragen, ſo gewiß war ich, daß es zu Gunſten Herrn von Rochegunes antworten Herr von Rochegune hatte Geſchäfte als Beweg⸗ grund ſeiner Reiſe vorgeſchützt. Ich ſelbſt entſchuldigte mich mit heftigem Kopfſchmerz, um den Abend allein zu bleiben. Eines Tages ſagte mir Frau von Richeville, als ich ſie beſuchte, daß Emma, ſchon länger unwohl, ſehr leidend und nachdenklicher ſei, als je. Sie ſchlief ge⸗ rade, und ich wollte ſie nicht wecken. So ließ ich mich denn mehrmals durch Blondeau nach Emma's Befinden erkundigen. Tags darauf in aller Frühe trat Frau von Riche⸗ ville ganz verſtört bei mir ein. Mein Gott, was fehlt Ihnen? fragte ich ſie. „Emma beunruhigt mich äußerſt,“ antwortete ſie. 129 „Ich habe die Nacht bei ihr gewacht. Sie ſchlummert jetzt; ſo will ich mich bei Ihnen ausweinen...“ und die Thränen rannen aus ihren Augen . . . . „denn bei Emma wage ich's nicht.“ Faſſen Sie ſich, liebe Freundin, tröſtete ich ſie. — kunn ja nicht gefährlich ſein. Was ſagt Ihr „Er weiß nicht, was er aus Emma's Krankheit machen ſoll. Das Geſtändniß eines ebenſo geſchickten als aufrichtigen Mannes betrübt und erſchreckt mich ſo ſehr. Er kann ſich die Urſache der zunehmenden Mat⸗ tigkeit und Hinfälligkeit des armen Kindes durchaus nicht erklären. . .. Er fürchtete ein ſchleichendes Nerven⸗ fieber, doch geſteht er, daß jeden Augenblick eine ge⸗ waltſame Kriſis eintreten kann. ...“ Klagt ſie über Schmerzen? „Nein! vielleicht nur aus Liebe zu mir, nicht?“ Was iſt denn dieſe Nacht vorgefallen, daß Sie ſo bewegt ſind? „Emma war äußerſt unruhig. Ich las ihr geſtern Abend eine der Betrachtungen des Herrn von Lamar⸗ tine vor. Plötzlich unterbrach ſie mich und ſagte kind⸗ lich naiv: Wie lieblich find dieſe Verſe! Dank, Dank Ihnen, ich fühle mich viel beſſer und freier. Bin ich denn am Herzen krank, daß dieſe Sprache des Herzens mir ſo wohl thut?“ Das arme Kind! rief ich aus. Seltſam! „Ja gewiß, Mathilde, ſehr ſeltſam! Ich fürchte, ich fürchte. . Was fürchten Sie ? „Die ganze lange Nacht plagte mich ein entſetz⸗ licher Gedanke. Sie ſah mich einigemal mit fieberhaft glänzenden Augen an . ... Welche Blicke, Mathilde! Es war mir, als las ich darin einen ſtillen, ſchreck⸗ lichen Vorwurf!..“ Ich verſtehe Sie nicht, liebe Freundin! „Mathilde, Mathilde! Wollte ſie nun das Geheim⸗ 130 niß wiſſen? Gott im Himmel, wenn ſie erfahren hätte⸗ daß ich ihre Mutter bin . . . . . O, Mathilde! Das wäre ein tödtlicher Schlag für ſie .. Erſtaunt betrachtete ich Frau von Richeville. Es ging mir nun plötzlich ein Licht auf über ſo manche dunkle Seiten im Weſen Emma's. Ja, eine ſolche Entdeckung mußte einem jungen Mädchen von ſo engelreiner Seele ein tödtlicher Schlag ſein. In ihrem natürlichen Abſcheu gegen alle Schwä⸗ chen oder Vergehen war ſie durch Erziehung und das Beiſpiel ihrer Mutter und mütterlichen Freundin beſtärkt worden. Was mußte Emma, die mit dem äußerſten Zart⸗ gefühl für alles Gute und Reine eine herzliche Zunei⸗ gung zu Frau von Richeville verband, bei dieſer Nach⸗ richt leiden? Die Mutter kennen lernen 1. . . um ſie verachten zu müſſen !. . .. 1 „Nun, Mathilde,“ fragte die Herzogin tief ſeufzend. „Nicht wahr? Sie theilen meine Befürchtung? . . Ent⸗ ſetzlich!“ rief ſie halb in Verzweiflung aus. „Ja, ſie weiß Alles . . . . Alles. Ich darf den Blick nicht mehr aufſchlagen vor ihr... Welche Strafe!. .. Vor ſeinem Kinde erröthen müſſen!. . . . Und doch iſt der Kelch mei⸗ nes Leidens noch nicht geleert!“ Sie machen ſich unnöthige Beſorgniſſe, liebe Freun⸗ din, tröſtete ich. Eben weil ich Emma kenne, glaube ich, daß ſie zwar Verdacht hat.. aber keine Gewiß⸗ die würde ſie ganz anders erſchüttert ha⸗ Um's Himmels willen, Mathilde, reden Sie offen und frei heraus!“ Das thue ich. Bedenken Sie die Offenheit, die Durchſichtigkeit dieſer Seele, die nicht im Stande iſt, den geringſten Eindruck des Augenblicks zurückzuhalten. Und ſie ſollte ein Geheimniß von ſolcher Wichtigkeit, den tödtlichen Einfluß deſſelben auf all ihr Denken und 121 Fühlen, verſtecken können ? . . .. Unmöglich. Doch ich gehe noch weiter. Wäre es denn ſo unwahrſchein⸗ lich, daß ein dunkler Verdacht, deſſen Urſprung und Name ihr noch unbekannt iſt, ſich von ſelbſt in ihr erzeugt hätte? „Wie dem ſei, die Gefahr iſt gleich groß!“ rief Frau von Richeville. „Wüßten Sie, ich und Herr von Rochegune allein nur dies Geheimniß, ſo wäre ich ru⸗ hig. Aber auch Ihr Gemahl und das ſchamloſe Weib, die es dem Böſewicht, dem Lugarto, verkauft hat, die Alle wiſſen nun daſſelbe. Jede Minute kann der ge⸗ fürchtete Schlag mich treffen.“ Wer denkt gleich an das Schlimmſte, liebe Freun⸗ din! ermuthigte ich die Herzogin. Ze genauer ich Alles erwäge, um ſo günſtiger ſcheint mir der Umſtand, daß Emma's Verdacht allmählig kömmt. Vielleicht liegt darin unſer Heil. So können, ja müſſen wir vielleicht, langſam und vorſichtig den Schleier lüften, der ihre Geburt verhüllt. Dadurch entfernen wir die Gefahr einer plötzlichen Entdeckung. „O Mathilde, Sie ſind mein Schutzengel! Ihre Worte ſprechen eben ſo ſehr zum Herzen, als zum Ver⸗ ſtande. Ich bin ganz Ihrer Meinung. . Vielleicht könnten wir mit größter Schonung ſie auf dies Ge⸗ ſtändniß vorbereiten. . .. Mein Gott! welche Seligkeit, ſie Tochter nennen zu dürfen!. . . . . Aber nein, nein! Das Glück iſt zu groß für mich . ich verdiene es nicht. Der Himmel verlangte eine Sühne!!.. . .“ Iſt denn Ihr Schmerz, Ihr muſterhaftes Leben keine Sühne 2 .. „Doch halt! warten wir, bis Herr von Rochegune zurückkehrt. Er ſoll uns rathen .. . .. Gute, theuere Mathilde,“ rief Frau von Richeville, und drückte mir die Hand, „ach! Sie verdienen das Glück, das Sie endlich genießen. . ... Wunderbar, gerade jetzt, da ich von Ihrem Glücke rede, fällt mir das Unglück Ihrer Tante ein. Wiſſen Sie es ſchon?“ Nein! Was iſt ihr geſchehen? „Sie hat ſich das plötzliche Verſchwinden Ihrer hölliſchen Couſine ſo zu Gemüthe gezogen, daß ſie von einem Schlaganfalle getroffen iſt. Dazu kömmt, daß Ihr Haus gänzlich verödet da ſteht, und ſie ganz den Händen ihrer Dienerſchaft preisgegeben iſt. Man er⸗ weist ihr auch nicht die geringſte Aufmerkſamkeit mehr, ſo verabſcheut iſt ſie.“ * Sie dauert mich. Ihr erſter und älteſter Bedien⸗ ter iſt ein wahrer Teufel, vor dem ich mich ſchon als Kind fürchtete. Ein dick⸗rother Weinfleck macht ſein Popanzgeſicht noch ſcheußlicher. „Von ihrer Coufine glaubt man, daß ſie Paris verlaſſen habe. Alle Nachforſchungen Ihres Mannes find vergebens geweſen. Er ſoll jetzt am Spieltiſche ſeinen Kummer zu vergeſſen ſuchen.“ Ich ſchwieg über das Abenteuer auf dem Masken⸗ ball, weil es mit der Unentſchloſſenheit, worin ich noch immer befangen war, zuſammenhing. Und Herr von Lancry? fragte ich die Herzogin. „Er vermuthete ſie in Rouvray bei ihrem Manne, aber fälſchlich. Es iſt ſo gut, wie gewiß, daß ſie Lord C**v, der ihr letzten Winter ſtark die Cour machte, nach Italien nachgeeilt iſt. Sehr möglich, denn Lord Cu*siſt ungeheuer reich.“ Wie gerne hätte auch ich an das Verſchwinden Urſula's aus Paris geglaubt ... Aber meine innere Stimme ſagte mir, daß ſie ganz in unſerer Nähe ſei. Ich fürchtete nicht ihre Nebenbuhlerſchaft, wohl aber ihre Rache, ſobald ſie ſich von Herrn von Rochegune verſtoßen ſah. Und das geſchah gewiß, wenn ſie ſich ihm zu erkennen gab. 6 Ich wollte, Sie wären gut unterrichtet, ſagte ich zur Herzogin. Sehen wir jetzt, was Emma macht. Jedenfalls wache ich dieſe Nacht bei ihr .. . „Nein, nein, theure Mathilde, Sie ſind ja ſelbſt unpaß.“ 133 Ich fühle mich viel beſſer, und wollen Sie mich ganz heilen, ſo geſtatten Sie meinen Wunſch, Emma mit Ihnen gemeinſchaftlich pflegen zu dürfen. Sie wiſ⸗ ſen, es fehlt mir nicht an Scharfblick; vielleicht, daß ich einige Erfahrungen ſammle, die uns ſpäter nützlich werden können. „Keiner iſt um triftige Beweisgründe weniger ver⸗ legen, als meine gute Mathilde! So nehme ich denn Ihr Anerbieten dankbar an.“ Kein Wort von Dank, liebe Freundin, Sie beſchä⸗ men mich! Ich bleibe ewig in Ihrer Schuld! „Mathilde! Ja, ewig. Ich werde nie vergeſſen, daß ich ſo viele, faſt mütterliche Güte, die Sie mir erzeigt, mit Kälte, mit Härte, mit Liebloſigkeit aufnahm. Das ſchmerzt mich ewig. „Und mich auch, liebes Kind. Denn hätten Sie auf meinen Rath gehört, wären Sie jetzt Frau von Rochegune hch weiß, es hat ſich ſo gefügt, daß Sie dem Ziele meiner und des Herrn von Mortagne Wünſche für Sie nahe ſtehen . . .. Aber ich weiß auch, es iſt ein gewaltiger Unterſchied zwiſchen der Liebe, wie Pflicht und Charakter ſie Ihnen erlauben, und der Liebe, welcher Sie ſich als Gattin des Herrn von Roche⸗ gune hingeben dürften. Jetzt, da Sie ihn kennen, . vielleicht beſſer, als ich ihn kenne, fügte ſie lächelnd hinzu. jetzt geſtehen Sie, daß er wie geſchaffen iſt zu herzlicher Vertraulichkeit ... Blos da, blos im vertrauten Kreiſe, zeigen ſich alle Eigenſchaften ſeines Geiſtes und Herzens im ſchönſten Lichte. ſeine Un⸗ terhaltungsgabe, ſein eben ſo vielſeitiges, als gründ⸗ liches Wiſſen, ſeine Talente, namentlich ſein Charakter, ſo ſanft, ſo gleichmäßig, ſo heiter. Und wie unerſchöpf⸗ lich iſt er in ſeinen geiſtigen Mitteln. Je länger man mit ihm plaudert, um ſo mehr lernt man ihn bewun⸗ dern. Tage, Jahre laſſen ſich mit ihm verleben, ohne daß man einen Augenblick nicht etwa Langeweile, ſon⸗ dern auch nur die leiſeſte Schwächung des anfängli⸗ chen Intereſſes verſpürte .. Oh! Und mit welcher Beredtſamkeit ſpricht er von Ihnen, Mathilde! Wie oft hat er mir und Emma betheuert: ich plaudere nie beſſer und lieber, als mit Ihnen, weil auch Sie Frau von Lanery lieben und bewundern; weil Sie wiſſen, daß Frau von Lanery mir nie aus dem Sinne kömmt, weßhalb Sie die leiſeſten Anſpielungen ſchon halbwegs verſiehen. Es iſt, als redeten wir dieſelbe Sprache.“ Das ſieht ihm ganz gleich, antwortete ich errö⸗ thend. Und Ihnen auch, liebe Freundin, Sie und Herr von Rochegune reden immer die ſchöne Sprache des Wohlwollens. Aber ſehen wir jetzt, was Emma macht! fügte ich hinzu, denn ich konnte kaum meiner Gemüthsbewegung Herr werden. „Hoffentlich ſchläft ſie nicht mehr,“ ſagte Frau von Richeville. Wir gingen hinauf. Emma ſchlummerte noch. Kaum waren wir unten wieder angelangt, als ein Bedienter, den ich erſt kürzlich angenommen, mir die Rachricht brachte, daß ein Herr in dringenden Ge⸗ ſchäfts⸗Angelegenheiten mich zu ſprechen wünſche, und deßhalb auf mich warte. „Gewiß einer Ihrer Geſchäftsführer,“ meinte die Herzogin. „Reden Sie mit ihm, liebe Mathilde. So⸗ bald Emma erwacht, ſchicke ich zu Ihnen.“ Ich begab mich nach Haus. Wer ſchildert mein Entſetzen, als am Kamin mei⸗ von Lanery, meinen Gatten. „ nes Sales ſitzend und leſend ich antraf — — Herrn Fünfzehntes Kapitel. Vie Juſammenkunft. Wie vom Schlage gerührt, blieb ich bei der Thüre ſtehen, die eine Hand auf einen Seſſel ſtützend, die andere an das laut pochende Herz drückend. Herr von Lanery erhob ſich, legte ruhig das Buch auf den Tiſch, ſtellte ſich vor den Kamin und winkte mir zu ſich . Eine geheime Schadenfreude war auf dem kalten Geſichte zu leſen. Ich wagte mich nicht von der Stelle, ich glaubte zu träumen. So kam er denn auf mich zu. Welch ein Empfang nach ſo langer Trennung!“ rief er und wollte mich bei der Hand faſſen. Ich flog zurück. „So ſpröde, Theuerſte!“ ſagte er grinſend. Dieſe Worte machten meinen ganzen Zorn und Muth rege. Mit feſten Schritten trat ich bis in die Mitte des Sales vor. Was wollen Sie, mein Herr? fragte ich. „Gar Vieles, Madame. Darum haben Sie die Gewogenheit und ſetzen ſich .. Mein Herr! „Nach Belieben!. . ſo ſtehen Sie!“ Er ließ ſich nieder. Nach einer Pauſe blickte er auf und ſagte: „Nicht wahr, beſte Freundin, ich bin ein bequemer, ungenirter Ehemann? .. Sind Sie des Scherzes halber gekommen, mein Herr?.. Ich hoffe, Sie haben einen ernſten Beweg⸗ grund. Faſſen Sie ſich kurz, ich bitte . „Erwarten Sie etwa Herrn von Rochegune?. . Ich wurde dunkelroth, ſchwieg aber. „Gewiß wären wir Beide entzückt über dies Zu⸗ ſammentreffen! Es iſt doch einköſtlich Ding, dieſe tugendhafte, platoniſche Liebe! Sie bringt keinen in Verlegenheit, weder den Gatten, noch die Gattin, noch den Liebhaber. .. Er ſah ſich im Zimmer um. .. Aber wiſſen Sie, daß Sie allerliebſt eingerichtet ſind? fuhr er fort. So nett, ſo herrlich, ſo traulich!“ Noch einmal, mein Herr, was wünſchen Sie? Er antwortete nicht, ſondern prüfte mich von Kopf bis zu Fuß. „Wahrhaftig, Sie blühen wie eine Roſe. Die Ver⸗ laſſenſchaft bekömmt Ihnen vortrefflich; mir ſcheint, Sie haben das beſte Theil erwählt. Keine Empfindelei, keine Rührung, kein Vorwurf, kein Haß. Nichts als ungeduldige Verachtung nach dreijährigem Wie⸗ derſehen.“ Um ſo mehr Grund für Sie, ſchnell zur Sache zu kommen. „Ich ſinde dieſe Eile ſehr begreiflich, obgleich ſie wenig ſchmeichelhaft für mich iſt und wenig Bewußt⸗ ſein Ihrer ehelichen Pflichten verräth; denn beſte Freun⸗ din, Sie find mein Weib . vergeſſen Sie den ſchein⸗ bar ſo geringfügigen Umſtand nicht.“ Gott ſei Dank, ich habe ihn längſt vergeſſen. Erſt Ihre Gegenwart erinnert mich daran. „Und meine Abweſenheit wird ihn wieder in Ver⸗ geſſenheit bringen, nicht wahr 2... Ich verſtehe Ihr Schweigen. Schweigen iſt auch eine Antwort. Aber Gottlob! habe ich ein beſſeres Gedächtniß. Ich er⸗ innere mich noch ſehr gut, daß ich Ihre Ehehälfte bin, namentlich jetzt, da Sie ſo reizend ſind. Auch komme ich, mein Unrecht abzubitten.“ Sie brauchen kein Unrecht abzubitten, das nicht gefühlt wird und nie gefühlt worden iſt. . „Zweifle nicht, Madame. Sollte auch nur eine Lockſpeiſe ſein, eine gewiſſe Gunſt zu erſiſchen. 137 Und die wäre? Aber ſprechen Sie nicht mehr in Räthſeln. . . . „So, ſo,“ rief er mit einem teufliſchen Blicke auf mich. „In Räthſeln? So hören Sie denn die Löſung: ich kann nicht mehr ohne Sie leben, und erſuche Sie daher gefälligſt, der allzulangen Trennung ein Ziel zu ſetzen.“ Mitleidig zuckte ich die Achſeln und ſchwieg. „Kein Scherz, Madame! Barer Ernſt!“ Ich habe nichts darauf zu erwidern, mein Herr.. . „Verſtehen Sie mich, Madame, barer Ernſt!“ Wie wagen Sie in meinem Hauſe ſolche Reden. . „In Ihrem Hauſe?.. Wie ſo, in Ihrem Hauſe?“ wiederholte er grinſend. .. „Haben Sie die Paragra⸗ phen des Ehecontractes, der von der Gütergemein⸗ ſchaft handelt ſage von der Gütergemein⸗ ſchaft gleichfalls vergeſſen? Seien Sie froh, wenn ich Ihnen erlaube, zu ſagen: in unſerm Hauſe. Denn Sie ſind hier in meinem Hauſe!“ Aber, mein Herr .. „Aber, Madame; wiſſen Sie, was im Ge⸗ ſetzbuche ſteht?. Nein; ſonſt wüßten Sie auch, welche Rechte ich habe. Zetzt ging mir ein Licht auf. Geld wollen Sie, Geld, mein Herr, nicht wahr? fragte ich mit einem Blicke eiſiger Verachtung. Wüthend ſprang er vom Seſſel auf. „Hüten Sie ſich, Madame. Und Sie wollen über Ihre Abweſenheit abrechnen mit mir?. ... Leider reicht das Wenige, das ich noch übrig habe, nicht hin, um dieſe unſchätzbare Gunſt zu erkaufen. . „Sie ſpotten, Madame?. Unglückliche,“ rief er mit wuthflammenden Blicke „Sie gehören mir! Ich bin hier in meinem Hauſe! Sie ſind mein Weib! hören Sie? mein Weib!. ſind und bleiben es! Ich Mathilde. V. 10 138 thue mit Ihnen, was mir beliebt.... Sie haben kei⸗ nen Willen. . Das Geſetz ſpricht für mich. . . Mor⸗ gen, heute noch, kann ich hier einziehen oder Sie mit mir nehmen! . . ..“ Dieſe Drohungen, mein Herr, ſollen mich ſchrecken, und ſie ſind gut gewählt, denn der Gedanke, mit Ih⸗ nen leben zu müſſen, könnte mich wahnſinnig machen. Aber Sie vergeſſen, daß Sie durch Ihr anſtößiges Le⸗ ben alle Rechte auf mich verloren haben. „Ich hätte meine Rechte auf Sie verloren?. Nochmals, mein Herr, wenn Sie Geld von mir erwarten, ſo irren Sie. Ich weiß kaum, wovon mein Daſein friſten. 8 „Halt,“ rief er mit einer Kälte, die noch ſchrecklicher war als ſeine Wuth, „faſt muß ich Sie bemitleiden, arme Närrin. Merken Sie auf! Dies Geſchwätz ermüdet mich. Sie ſprachen eben von einen anſtößigen Wandel. Ohne Zweifel ſoll damit mein Verhältniß zu Urſula gemeint ſein. Aber das Geſetz geſtattet mir zehn Ge⸗ liebte, und Sie haben kein Recht, ſich zu beſchweren, ſo lange ich ſie nicht in die eheliche Behauſung ein⸗ führe. Trauen Sie ſich den Beweis zu, daß Urſula je einen Fuß in meine Wohnung geſetzt? Mein Herr, es handelt ſich nicht blos von Urſula! „Gut. Auch von einem verſchwenderiſchen Leben? So wiederhole ich Ihnen, daß nach dem Wortlaut des Geſetzes mir allein die Verwendung unſrer Güter zuſteht, und Keiner hat das Recht, mich zu kontrolliren; iin Keinem Rechenſchaft ſchuldig, Verſtehen Sie mi Ja, mein Herr, und „ „Kurz und gut, ich will, daß Sie fortan bei mir wohnen. Ich gebe Ihnen acht und vierzig Stunden Zeit. Wir haben heute Freitag. Sonntag Morgen hole ich Sie. . Ich könnte Sie dieſen Abend, die⸗ ſen Augenblick mitnehmen, aber es genirt mich und damit Ihnen nicht die Reiſeluſt ankömmt, bleiben Sie 139 unter der Obhut eines Vertrauten. .. Ihren plato⸗ niſchen Liebhaber dispenſire ich hiermit von ſeinem Be⸗ ſuche es ſei denn, daß er mir einen zudächte . perſönlich ... und dann . und dann doch das gehört nicht dahin . . verſtanden ?. ℳ Erlauben Sie mir jetzt Ihnen eben ſo klar und deutlich zu antworten.... Sie brauchen keine Reiſeluſt auf meiner Seite zu fürchten. Aber nie folge ich Ihnen freiwil⸗ lig. Wenden Sie Gewalt an, d. h. rufen Sie die Obrigkeit zu Hülfe, ſo ſind wir bald im Reinen. „Ha, ha, hai“ grinſte er. „Ein trefflicher Advocat! Nur fuͤrchte ich, Sie werden gleich den erſten Prozeß derlieren. .. .. Ohne Zweifel meinen Sie die Schei⸗ dung. Haben längſt daran gedacht, Madame. Schade, daß Scheidung wollen und Erlaubniß dazu bekommen, zweierlei ſind.. ... Denken wir uns, wir ſtünden vor den Schranken.. . .. Sie nennen mir Urſula, ich ant⸗ worte Ihnen Rochegune.. ... Die öffentliche Stimme klagt mich an, ſie klagt auch Sie an. . .. Die Folge iſt, daß man die Ehe feſter knüpft, ſtatt ſie zu löſen. Was dem Einen Recht, iſt dem Anbern billig. . Sie wagen es, mein Leben mit dem Ihrigen zu vergleichen?. „Warum nicht?.... Ich ſoll an Ihren Plantv⸗ nismus glauben, weil ein kindiſcher Greis, eine alte Betſchweſter und eine Veſtalin à la Frau von Riche⸗ ville ihn beſchwört?.... Wohlan! Auch ich bekenne mich zu dieſer Philoſophie. Fräulein von Maran und ihre Freunde werden in Maſſe herbeieilen und die En⸗ gelsreinheit meines Verhältniſſes zu Urſula betheuern. Auf mein Wort! Das gibt einen luſtigen Prozeß! . So viel in Betreff der Zukunft!. .. Was die Ge⸗ genwart anbelangt, ſo wird eine gewiſſe Perſon, Po⸗ lizeikommiſſair genannt, Ihnen melden, daß Sie einſt⸗ weilen, bis zum Ausgange des Prozeſſes, ſich in Ihre eheliche Behauſung zu verfügen haben, armes, verirt⸗ tes Schäfchen!“ . Das glaube ich nicht, mein Herr! „Aber ich, Madame. . Oder mit welchem Zau⸗ ber hoffen Sie den geſtrengen Herrn Polizeikommiſſair zu fangen?“ Mit dem einfachſten Mittel! Ich lege ihm die poſitivſten Beweiſe Ihres ſträflichen Umgangs mit Ma⸗ dame Secherin und Ihrer Verſchwendung meines Ver⸗ mögens vor.. . „Beweiſe? Etwa ein handſchriftliches Zeugniß des Fürſten von Héricvurt oder eine Beſcheinigung der her⸗ zoglichen Büßerin?“ Viel Gewichtigeres, mein Herr! „Warum nicht gar einen Klagebrief des armen Herrn Secherin oder ſeiner Frau Mama, der Haus⸗ hälterin der Vorſehung, wie Fräulein von Ma⸗ ran ſie nennt?“ Hüten Sie ſich, mein Herr! rief ich aus. Viel⸗ leicht ſchickt die Vorſehung Einen aus dieſer armen Fa⸗ milie, mit Ihnen abzurechnen! .. Ich dachte an die Drohungen des Herrn Secherin gegen Herrn von Lancry. „Sie haben Recht. Die Vorſehung iſt jedenfalls im Spiel; ſie hat den armen Herrn Secherin zu kei⸗ nem beneidenswerthen Lvoſe prädeſtinirt...“ ſagte er, über dieſen groben Scherz lachend. Um dieſer Unterredung, die mich anekelte, ein Ende zu machen, erwiderte ich: die Beweiſe, auf welche ge⸗ ſtützt, ich mich einſtweilen, bis die gerichtliche Schei⸗ dung erfolgt, in das Kloſter zum heiligen Herzen zurückziehe „Sind, Madame?“ Ihre eigenen Briefe an den Freund in der Bre⸗ Wie vom Blitz getroffen, ſtand er da. Scham, Zorn, Wuth, Haß — nalten ſich in ſeinen Zügen. Er packte mich an Arme und rief mit entſetzlicher Stimme: tag 141 „Wehe Ihnen, wenn Sie die Briefe geleſen haben. Wehe Ihnen! Ich habe ſie geleſen! antwortete ich kaltblütig und machte mich von ihm los. „Sie haben ſie geleſen?. .. Wo ſind ſie?“ Wohl verſchloſſen! „Ha!“ rief er und blickte um ſich, als wollte er ſuchen „Den Verrath ſoll er mit dem Leben bü⸗ Dann ſchlug er ſich mit den geballten Fäuſten vor die Stirn, ſtampfte auf den Boden und rief mit be⸗ bender Stimme: „Sagen Sie nicht noch einmal, daß § ſie geleſen haben oder ich ſtehe nicht für mich!. . Ich zog haſtig die Glocke. Der Bediente erſchien. Wartet im Nebenzimmer, gebot ich mit feſter Stimme, ich habe gleich einen Auftrag. Das brachte Herrn von Lanery zur Beſinnung. Er ging unruhig im Sal auf und ab. „Wie kamen Sie zu den Briefen?“ fragte er, ſich mir nähernd. „Bei Gott! ich will es wiſſen.“ Thut nichts zur Sache, mein Herr! Die Briefe ſind einmal in meinen Händen. Zwingen Sie mich, ſo mache ich von ihnen Gebrauch. „Das wird ſchon geſchehen ſein,“ ſchrie er in Ver⸗ zweiflung. „Welch ein Triumph für Sie und Ihre Kleriſei, mich ſo verſchmäht und verhöhnt zu ſehen!. . Wie viele Abſchriften ſind jetzt in Umlauf? Dieſer ſchändliche Verdacht empörte mich. Leider führe ich Ihren Namen, mein Herr! Die Strafe iſt demüthigend genug, um mir jede tiefere Demüthigung zu erſparen. „Iſt das eine Antwort auf meine Frage? Die Briefe! Durch wen und ſeit wann haben Sie ſie.“ Ich finde keinen Grund darüber zu ſchweigen. Die beiden erſten wurden mir in einem Paket zuge⸗ ſtellt, nebſt einem Bougquet von denſelben Blumen, die Herr Lugarto durch Ihre Vermittlung mir einſt an⸗ bot; ich zweifle alſo nicht, daß ich ſie der Güte des Herrn Lugarto zu verdanken habe. Woher dieſer ſie hu weiß ich nicht. Der Dritte kam mir durch die oſt zu. „So bin ich doch recht berichtet!“ rief er aus. „Ja, ja, Lugarto iſt in's geheim hier. Und doch habe ich ihn durch den treueſten meiner Diener auf die Poſt bringen laſſen. . .. Auch ſind fie richtig be⸗ antwortet worden.“ Es wäre nicht das erſte Mal, daß Herr Lugarto Ihre Leute beſtochen und Ihre Hand nachgemacht hätte, mein Herr. „Ja, ja es iſt ſo! Aber warum verſteckt er ſich? Oh, wenn ich ihn finde.. Wollte er durch dies Bubenſtück meine Abneigung gegen Sie bis zum unverſöhnlichſten Haſſe ſteigern, ſo hat er mehr als ſeinen Zweck erreicht.. ... Tod und Hölle! Zu wiſſen, daß Sie Sie Sie meine geheimſten, ſchimpf⸗ lichſten Gedanken geleſen haben!... Und daß Sie es zu geſtehen wagen!. .. Aber Sie bedenken nicht, daß je vortheilhafter dieſe Briefe für Sie werden können, um ſo mehr ich Ihnen fluche.... Her mit den Brie⸗ fen! Auf der Stelle! . Sie vergeſſen, mein Herr, daß Ihre Drohungen ſie mir noch werthvoller machen. . . „Mathilde, treiben Sie mich nicht auf's Aeu⸗ ri Leben wir nach wie vor getrennt, mein Herr! Dann laſſe ich die Briefe Briefe ſein. „Sie ſollen und müſſen wieder zu mir. .. jetzt mehr als je . verſtehen Sie mich?“ Ich bin zu Allem entſchloſſen, mich dieſem furcht⸗ baren Schickſal zu entziehen! ... „Aber Sie ſind eine Närrin! Trotz dieſer Briefe müſſen Sie den Ausgang des Prozeſſes in meinem Hauſe abwarten.“ . 143 Wollen ſehen, wer es mir wehrt, in einem Klo⸗ ſter Schutz zu ſuchen .. Ich laſſe es aufs Aeußerſte ankommen. „Das iſt ihr letztes Wort?. . Mein letztes... Und doch, in Ihrem Intereſſe und in meinem — denn nur mit Eckel rühre ich den Schmutz Ihres Lebenswandels auf — bitte ich Sie Folgendes zu beherzigen. Sie wünſchen meine Rückkehr aus ei⸗ gennützigen Gründen. Das iſt klar. Wollen Sie viel⸗ lei ich meine Freiheit mit Abtretung meines Jahrg bltes erkaufe: ich bin auch zu dieſem Opfer um Ihnen die Schande eines Prozeſſes zu er⸗ paren .. „Und wäre ich zum Bettelſtab herabgeſunken,“ unterbrach er mich wüthend — „und Sie böten mir alles Gold der Welt: nie würde ich meinem Recht auf Sie entſagen. Ohne den gebieteriſchen Umſtand, der mich abhält, würde ich Sie... nicht übermorgen... nein! heute noch, zur Stunde noch! in mein Haus ſchleppen!“ So redet nur der Wahnſinn! rief ich. .. Es iſt unmöglich, daß wir uns je wieder nähern. . In die⸗ ſer Minute verſichern Sie mir, daß Ihr Haß ebenſo groß ſei als meine Verachtung.. Was wollen Sie denn von mir?... Dahinter ſteckt ein ſchreckliches Ge⸗ heimniß.. aber Gott ſei Dank! bin ich nicht allein. Ich habe noch Freunde, die mich ſchützen... Es ſchlug drei Uhr. „Drei Uhr, ſchon Drei!“ rief er ungeduldig. . „Ich wiſ fort. Noch einmal, Sie kommen nicht?“ ein. „Hüten Sie ſich! Ich weiche nur der Gewalt. „Alſo wollen Sie Aufſehen, .. Aergerniß, .. Skandal 2 Ich weiß nicht, was Sie mit mir vorhaben . aber jetzt halte ich Sie zu Allem fähig .. * 144 „Recht ſo. Ja, ja, ich bin zu Allem fähig, Sie in meine Hände zu bekommen ... denn mehr als mein Leben ſteht auf dem Spiel.“ Und als hätte er ſich verrathen, fügte er hinzu: „Das heißt, mein Glück... Ja, ſüße Mathilde, das Glück meiner Seele ... Schöne Tage warten unſrer. Auf Wiederſehen, Sonntag Mittag. ..“ Und damit ſtürzte er zum Zimmer hinaus .. Kaum war er fort, ſo ſchwand ueiie ſehfe Aufregung und ich ſank wie ohnmächtig zuſammen. Alles ging mir im Kopfe herum . Erſt allmälig kehrte die Beſinnung zurück, und es dauerte lange, ehe ich über die Folgen der Drohun⸗ gen des Herrn von Lanery ruhig nachzudenken ver⸗ mochte. . Jedenfalls hatte er unlautere Abſichten mit mir. Was lag mir daran, ſie zu kennen, da ich feſt ent⸗ ſchloſſen war, ihm nicht zu gehorchen. So fragte es ſich nun noch, ob er mich zwingen konnte. Meine juridiſchen Nathgeber hatten ſtets in mich gedrungen, auf Scheidung anzutragen, was ich aus Furcht vor Skandal beharrlich von mir gewieſen. Aber weder ihnen, noch mir war je ein Gedanke gekommen, daß Herr von Lancry die Frechheit ſo weit treiben werde, ein ſolches Anſinnen an mich zu ſtellen. Die Briefe, die ich in Händen hatte, benahmen mir zwar jede Furcht, als könne man mich zu einem noch ſo kurzen Aufenthalt im Hauſe des Herrn von Lancry zwingen, dagegen wußte ich, wie ungerecht oft das Geſetz gegen uns Weiber iſt. So ſchrieb ich denn auf der Stelle an einen be⸗ rühmten Sachwalter, den mir Frau von Richeville em⸗ pfohlen, und bat ihn, mich ſo bald als möglich zu beſuchen. Die Wirkung des eben erzählten ſchrecklichen Auf⸗ 14⁵ trities war faſt glücklich zu nennen, denn er ſetzte einer früheren Unentſchloſſenheit ein Ziel. Der Weg, den ich einzuſchlagen hatte und auch einſchlagen wollte, war einfach dieſer. Erſt um Tren⸗ nung von Tiſch und Bett einkommen, dann den Wün⸗ ſchen meines Herzens folgen und mich mit Herrn von Rochegune in die Einſamkeit zurückziehen. Eine gültige geſetzliche Trennung war ſo gut wie eine Eheſcheidung, und ich durfte mich als vollkommen frei anſehen. Ich geizte nicht nach dem Ruhme, die heldenmüthige Entſagung, die ich bisher geübt, bis ans Ende meines Lebens durchzuführen. Wie ſchmerzlich die gerichtliche Prozedur, zu der ich mich ohne die Scene zwiſchen mir und Herrn von Lanery nimmer verſtanden hätte, mir auch fiel: doch verhieß ſie mir eine glückliche, ſelige Zukunft. Rie fühlte ich mich feſter, entſchiedener, ruhiger und heiterer als nach dieſer letzten gewaltigen Erſchüt⸗ terung. Nie hatte ich einen ſchnelleren Entſchluß ge⸗ faßt. Ich bebte vor keiner Möglichkeit, auch dem ſchlimm⸗ ſten Falle nicht, zurück. Ich dachte mir, ich ſei genöthigt, im Hauſe des Herrn von Lanery den Ausgang des Prozeſſes abzu⸗ warten. Im Hinblick auf ein ſpäteres Glück hoffte ich, auch dieſe Prüfung zu beſtehen. Ja, ich ging noch weiter und ſah meinen Prozeß als verloren, mich ſelbſt zur Selavin des Herrn von Lanery verdammt, an. Aber dann widerfuhr mir ein ſo ſchreiendes Un⸗ recht, dann ſpiegelte ſich in dem Urtheil des Gerichts eine ſo empörende Parteilichkeit der Geſellſchaft ab, daß ich jeder Pflicht gegen dieſe parteiiſche Geſellſchaft, jeder Rückſicht auf ſie von ſelbſt entbunden war Dann vertraute ich meine Zukunft, mein Leben ganz der Zärtlichkeit des Herrn von Rochegune an. Und das mit dem beſten Gewiſſen von der Welt, heiter 146 und wohlgemuth. Es wäre dieſer Schritt eine Art Appellation vom Richterſtuhl der Menſchen an den Richterſtuhl Gottes, die letzte Zuflucht, die letzte Hoff⸗ nung aller Bedrückten. Nicht weniger um mich unwiderruflich an Herrn von Rochegune zu binden, als um ſeinen Rath und Beiſtand in ſo gewichtigen Sachen zu haben, ſchrieb ich ihm eiligſt folgende Worte: Kommen Sie ſchnell ſchnell . . zurück, zärtlich gelieb⸗ ter Freund. „um nie wieder von mir zu ſcheiden. . . Ich gehöre Ihnen mit Leib und Blondeau mußte dieſe Zeilen in das Hotel Ro⸗ chegune bringen nebſt dem Befehl, ſie durch einen Eil⸗ boten an ihre Adreſſe gelangen zu laſſen. Kaum war Blondeau fort, als das Kammermäd⸗ chen der Frau von Richeville athemlos und verweint ins Zimmer ftürzte .. Ums Himmelswillen, Madame, rief ſie. Kommen Sie! Fräulein Emma ſtirbt Frau von Richeville liegt in Krämpfen. Sechszehntes Kapitel. Der Arzt. Welch ein Anblick, mein Gott! „ Noch heute iſt mir der Eindruck ſo friſch, wie von geſtern her. Die halbverſchloſſenen Jalouſien, die blendend weißen Mouſſellinvorhänge und Decken ihres Bettes ließen das blaſſe, engelſanfte Antlitz Emmas kaum erkennen, die etwas feuchten Locken hingen über die alabaſterne Stirn, die großen Angen ſahen matt 1¹7 unter den halboffenen Wimpern hervor, die Wangen waren eingefallen, die Lippen zuckten, die zierlichen Hände und Arme ruhten kreuzweiſe über dem jung⸗ fräulichen Buſen. Welche Veränderung war in zwei Tagen mit dem blühenden Mädchen vorgegangen! Frau von Richeville kniete neben ihr, ſchloß ſie krampfhaft in ihre Arme und bedeckte ſie mit ihren Küſſen. Ein Kammermädchen lehnte ſchluchzend über das Bett und hielt eine Taſſe. Großer Gott! Was gibts? rief ich und kniete neben Frau von Richeville nieder. Sie antwortete nichts. Ihre Liebkoſungen wur⸗ den immer ungeſtümer. Ich ergriff Emmas Hand, die von Fieberhitze glühte. Sie athmete ſchwer. Hat man zum Arzt geſchickt? fragte ich leiſe. Ach, nein, Madame! der Anfall kam ſo ſchnell, daß wir Alle den Kopf verloren. So gib mir die Taſſe und geh geſchwind zu Herrn Gerard, gebot ich. „Emma,“ rief die verzweifelnde Mutter, „Emma, liebes Kind!. .. Du hörſt und ſiehſt mich nicht? . Komm, und trink ein Bischen.“ Als ſie ſich nach der Taſſe umwandte, bemerkte ſie mich. „Sagte ichs nicht?“ flüſterte ſie und blickte troſtlos auf ihre Tochter .. „Verloren. .. verloren. .. und ich mit ihr!. .. . Stille . ums Himmelswillen ... Stille!. . „Sie erkennt Sie nicht mehr. Sie nimmt nichts mehr von mir... Die Arznei würde ſie vielleicht retten.“ Mit dieſen Worten hielt ſie Emma einen Löffel hin. Emma wandte ſich ſanft weg.. „Sagte ichs nicht? . ſie weiß Alles.. ſie ver⸗ — 148 achtet.. ſie haßt mich... O mein Gott! ſie ſtirbt, ihrer Mutter fluchend In wilder Verzweiflung rang ſie mit den Händen ſu ſchluchzte krampfhaft, bis ſie ohnmächtig nieder⸗ ſank. Sie wurde in ihr Zimmer gebracht, während ich bei Emma blieb. S Gleich darauf kam Doctor Gérard. Er erkundigte ſich genau nach der letzten Nacht, die ſehr unruhig geweſen. Den Morgen hatte ſie ein wenig geſchlummert, und bei ihrem Erwachen erſt Frau von Richeville lange angeſehen. Dann einige unverſtändliche Worte geſprochen, bis ſie in den be⸗ wußtloſen Zuſtand geſunken war, in dem wir ſie vor⸗ fanden. Herr Gérard trat ans Bett hinan, prüfte ſie lange mit den Blicken und horchte aufmerkſam auf ihr Athmen. „Ich wünſche Sie allein zu ſprechen, Madame,“ ſagte er nachdenklich. . „Die Frau Herzogin iſt leider! in Zuſtande, daß ich mich ihr nicht vertrauen darf.“ Auf einen Wink von mir entfernten ſich die beiden Mädchen. Mein Gott! rief ich erſchreckt. Was gibt es denn?. . „Die Gefahr iſt groß . ſehr groß.“ Iſt denn keine Hoffnung mehr?. „Ich fürchte, nein. Gegen ein Körperleiden, das rein von phyſiſchem Einfluſſe abhängt, vermag unſte Wiſſenſchaft nichts. Umſonſt bekämpfen wir die Wirkungen einer Krankheit, wenn wir ihrer Quelle und Urſache nicht beikommen können Der kritiſche Zuſtand in dem Fräulein Emma ſich befindet, macht es mir zur Pflicht. Sagen Sie Alles, mein Herr, ſiel ich ein, als ich ſeine Verlegenheit gewahrte. — Ich liebe Emma 149 wie eine Schweſter und bin hier, wie im eigenen Hauſe. Ich kann auf Alles antworten. „Was ich Ihnen zu eröffnen habe, iſt ſehr zarter Natur. Deßhalb wünſchte ich auch mit Ihnen allein zu ſein.“ Nach einer neuen Pauſe fuhr er fort: „Ich habe Fräulein Emma ſowohl im Kloſter, als hier im Hauſe behandelt. Sie ſchien mir ſtets von ungemein reiz⸗ barem und empfindlichem Charakter, von lebhafter Phantaſie, regem Geiſte und ſeltener Offenheit und Natürlichkeit. Habe ich Recht?“ . Durchaus. In unſerer Gegenwart iſt ſie die Of⸗ fenheit ſelbſt. Sie denkt und fühlt i „Daſſelbe hatmir Frau vonRicheville verſichert,/ſagte Herr Gérard. „Dadurch wurde mir ein gewiſſer Arg⸗ wohn benommen, der dann und wann in mir aufſtieg. 6 thut mir leid, daß ich ihn nicht früher geäußert abe.“ Und der wäre? „Wie ich glaube, iſt die Urſache von Fräulein Emma's Krankheit eine rein geiſtige, innerliche. Ihr nachdenkliches und träumeriſches Weſen kenne ich ſchon ziemlich lange. Seit einigen Wochen ſind die Krank⸗ heitsſymptome ernſt, ſeit einigen Tagen beunruhigend, ſeit geſtern ſehr, ſehr gefährlich.. .. Das Uebrige, Madame, iſt ſehr zarter Natur; aber unter den ob⸗ waltenden Umſtänden iſt es eine Pflicht, Alles zu ſagen.“ Ich bitte, mein Herr. .. „Sie, Madame, ſehen Fräulein Emma jeden Tag und beſitzen ihr Vertrauen. Haben Sie keinen Grund, eine zärtliche Neigung, eine unglückliche Liebe zu ver⸗ muthen?“ Nicht den geringſten, mein Herr. .. Woraus ſchließen Sie das? „ch wiederhole, Madame, die Krankheitsſomp⸗ tome weiſen auf ein geheimes Seelenleiden zurück. 15⁰ Wenn ich meine Befürchtungen nicht laut werden ließ, ſo geſchah es, weil ich ſtets die Offenheit und Natür⸗ lichkeit Fräulein Emma's rühmen hörte. . 2 Ich habe durchaus keinen Grund, erwiderte ich nach kurzem Beſinnen, an Line unglückliche Neigung Emma's zu glauben. Gewiß wären Sie auf dieſe Vermuthung nicht gekommen, wenn Sie die kindliche Unſchuld Emma's, ihre ungemeine Aufrichtigkeit ſo kennten, wie ich ſie kenne. Es wäre ihr rein unmög⸗ lich geweſen, ein ſolches Geheimniß vor mir oder Frau von Richeville zu verbergen. „Aber vielleicht liebt ſie, ohne es zu wiſſen.. . Finden Sie bei genauem Nachdenken Nichts, gar Nichts, was uns einen Fingerzeig geben könnte?“ Nichts, Nichts! erwiderte ich nach kurzer Pauſe .. Meine einzige Furcht iſt, daß Emma ein Geheimniß von großer, ſehr großer Wichtigkeit für ſie, über wel⸗ ches ich mich nicht weiter ausſprechen darf, das ſich auf ihre Familie bezieht, entdeckt habe und dadurch ſo tief erſchüttert worden ſei. Herr Gerard wurde immer verlegner. Er ſchüt⸗ telte ungläubig den Kopf, trat nochmals an Emma hinan, horchte auf ihren Athem, der ruhiger zu gehen ſchien, fühlte ihren Puls. . und ſagte: „Sie iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm. . . . . Das kömmt von Innen heraus und kann nur von Innen heraus geheilt wer⸗ n Es gibt Beiſpiele, daß Menſchen durch die bloße Gegenwart einer geliebten, längſt erſehnten Per⸗ ſon, wie durch ein Wunder wieder in's Leben gerufen worden ſind. . .. Ich will Ihnen nicht verhehlen Madame, mur ein ähnliches Wunder kann Fräulein Emma retten.“ O mein Gott! rief ich, durch dieſe Worte und die trübe Miene des Herrn Gerards erſchreckt. „Die Größe der Gefahr, in der Fräulein Emma ſchwebt,“ fügte er hinzu, gibt mir Muth, Ihnen einen Vorfall zu erzählen, der mir äußerſt unangenehm iſt.“ 151 Ich bitte, mein Herr.. . .. „Dieſen Morgen wurde mir von unbekannter Hand ein Käſichen überbracht, das einen Zehntauſend⸗ frankenſchein enthielt, nebſt folgenden Zeilen.“ Herr Gérard las: „Dieſe zehn tauſend Franken gehören Ihnen, wenn Sie Frau von Lanery glauben machen, daß Fräukein Emma von Loſtanges aus Liebe zum Herrn Marquis von Roche⸗ gune ſtirbt...“ Die innere Gefühlswelt bietet oft ähnliche Er⸗ ſcheinungen dar, wie die äußere. Ein heftiger Schlag an den Kopf verurſacht uns ein wenig Schwindel, wo Anfangs alles individnelle Denken erliſcht. Im Hin⸗ ſtürzen haben wir Nichts, als das dunkle und unbe⸗ ſtimmte Bewußtſein einer großen Gefahr... Ganz ſo ging es mir bei dieſen Worten des Briefes. Sie verſetzten meinem Herzen einen furchtbaren Schlag, ſo daß Denken und Fühlen wie von einem Schwindel befallen ward. Eine Sekunde lang ſah und hörte ich nichts. Es war ſo dunkel im Gemach, daß der Arzt die Veränderung in meinen Zügen nicht gewahrte. Er fuhr fort: „Ich brauche Ihnen nicht zu verſichern, Madame, daß die zehntauſend Franken unmittelbar den Spi⸗ tälern überſandt wurden. Aber konnte ich mich nicht dem Verdachte ausſetzen, als ſei ich ein Werkzeug fremder Hände, wenn ich meine ſchon ſeit lange ge⸗ hegten, und — Sie wiſſen aus welchen Gründen ver⸗ ſchwiegenen Befürchtungen der Frau von Richeville oder Ihnen, Madame, mütheilte, während ich doch nur aus eigener Ueberzeugung handelte? . Wiederholt betheure ich Ihnen, meine Anſicht, daß Fräulein Emma eine zärtliche Neigung empfinden müſſe, ſtand längſt feſt; nur wußte ich nicht für wen? Denn ich habe 152 „ nicht die Ehre, Herrn von Rochegune anders als dem Namen nach zu kennen. Endlich verſichere ich Ihnen auf mein Wort, daß ich, auch ohne dieſe geheimniß⸗ volle Correſpondenz, der Frau von Richeville noch heute meinen Argwohn anvertraut hätte. So ſehr beunruhigt mich die Lage Fräulein Emma's. Was glauben Sie jetzt? Sollte Fräulein Emma gerade für Herrn von Rochegune eine zärtliche Neigung fühlen? Sah ſie ihn oft?“ Ja, mein Herr, ſie ſah ihn faſt täglich. „Und meinen Sie, daß Herr von Rochegune dieſe Liebe erwiderte, oder doch darum wüßte?“ Schwerlich, mein Herr, ſchwerlich!... Alſo das liebe Kind iſt in Todesgefahr? fragte ich nach kurzem Schweigen mit veränderter Stimme und feierlicher Haltung... Eine tiefgewurzelte Leiden⸗ ſchaft tödtet ſie? „Ja, das glaube ich. Bei meiner Ehre!. .. Nichts kann ſie retten als die Hoffnung auf den ein⸗ ſtigen Beſitz des Geliebten...“ Wohlan! So wage ich dann, um Emma's willen, eine große, große Bitte an Sie! „Reden Sie, Madame!“ Geben Sie mir den Brief und Ihr Wort, Kei⸗ nem .. Keinem! von dieſem Vorfall zu erzählen. Herr Geérard beſann ſich einen Augenblick, um nichts zu übereilen. „Mein Gewiſſen iſt rein, antwortete er, die zehn tauſend Franken kommen den Armen zu gut, was ich Ihnen eröffnen ſoll, iſt meiner innerſten Ueberzeugung gemäß. Ich ſehe alſo keinen Grund, Ihre Bitte zu verweigern. Da haben Sie den Brief und mein Wort!“ Ich danke Ihnen, mein Herr! „Aber vergeſſen Sie nicht,“ Madame, ſagte Doktor Gerard ernſt und feierlich, „daß Sie eine große Ver⸗ antwortung auf ſich nehmen... Die Augenblicke ſind 153 koſtbar und Frau von Richeville befindet ſich außer Stand, für ihre Verwandte zu ſorgen... Die junge Dame iſt ganz in Ihre Hand gegeben... Können Sie ihr Hoffnung machen, ſo thun Sie's je eher je lieber Doch mit größter Vorſicht.:. Das Fieber hat nach⸗ gelaſſen, fügte er, ihren Puls fühlend, hinzu. „ſie ſchlummert ein wenig . vielleicht hört das Phanta⸗ ſiren auf... Sobald ihr Gehirn nicht ganz ergriffen iſt, wäre Rettung noch möglich. ..“ Sie haben Recht, mein Herr, antwortete ich bit⸗ ter.. Ich lade mir eine große . ſchwere. furcht⸗ bare Verantwortung auf.. Nachdem er Emma nochmals betrachtet hatte, ſagte er; „ich glaube eine Thräne in ihrem Auge zu ſehen. Ein gutes Zeichen! Eine Erleichterung! . .. Sobald ſie fieberfrei iſt, erzählen Sie ihr von Herrn von Rochegune, aber ja mit Vorſicht.. Geben Sie genau Acht, welche Wirkung das auf fie.. auf ihre Züge macht.“ Ja, ja, mein Herr. „Bemerken Sie eine Veränderung an ihr, wenn auch noch ſo ſchwach, dann tröſten Sie ſie mit der Hoffnung eines baldigen Wiederſehens... Iſt er hier?“ Nein. nein! mein Herr. Er iſt ſeit einigen Tagen abweſend. „Und gerade ſeit einigen Tagen iſt Fräulein Emma ſo ſchlimm.,. Gewiß hat ſeine Abreiſe die letzte Kri⸗ ſis veranlaßt.. Sagen Sie ihr, daß er bald zurück⸗ kehren werde, daß er ſich auf das Wiederſehen freue vielleicht gar, daß er ihre Gefühle für ihn erra⸗ then habe und ſie erwidere . wir müſſen ſie um jeden Preis retten.“ Gewiß, mein Herr, um jeden Preis! wiederholte ich faſt mechaniſch. 6 „Und ſchlägt das an, ſo gehen Sie noch weiter und ſprechen von ihrer bevorſtehenden Verbindung mit Mathilde. v. 11 Herrn von Rochegune. Noch einmal, ihr Leben ſteht auf dem Spiel.. Iſt die Heirath unmözlich, ſo kann man ſie ſpäter enttäuſchen, vielleicht mit weniger Ge⸗ fahr, denn ſolche Kriſen kommen nicht leicht zweimal.“ Glauben Sie das, mein Herr? „Feſt und gewiß.. Wenn ſie den Anfall überlebt, ſo läßt man ſie in dem Glauben, bis ſie ganz herge⸗ ſtellt iſt, was nicht lange dauern wird. Glück und Hoffnung ſind die beſte Medizin. Bei Seelenkrank⸗ heiten wirken ſie oft wahre Wunder... Darum Muth, Madam, Muth!... Keiner eignet ſich zu dieſer ſchwe⸗ ren Aufgabe, die ſo viel Zartheit, Takt und Hinge⸗ bung verlangt, beſſer, als Sie, die vertraute Freun⸗ din der Frau von Richeville, und faſt des armen Mädchens ältere Schweſter... Alſo auf Wiederſehen, heute Abend, Madame!.. “ 6 Nachdem er Einiges verordnet, ging er fort. Die Herzogin befand ſich noch immer in ſehr auf⸗ geregtem Zuſtande. So ſagte das Kammermädchen Ich ſchickte dieſe hinunter, und blieb bei Emma allein... Allein bei dieſem juſgen Mädchen, das ohne ihr i und Wollen mir den empfindlichſten Schlag ver⸗ etzte.. O mein Gott! Du biſt Zeuge, daß ich vor ihrem Bette niederkniete, und Dich inbrünſtig anflehte, ſo manchen abſcheulichen Gedanken, ſo manchen mörderi⸗ ſchen Wunſch. ja, mörderiſch.. denn Wort, Wunſch, Gedanke treffen oft ebenſo tödtlich in's Herz als Stahl und Eiſen.. aus mir zu verſcheuchen. Herr, Herr! Du, dem nichts entgeht, haſt da⸗ mals in den geheimſten Falten meiner Bruſt Gefühle aufſteigen ſehen, die faſt ſchon Verbrechen ſind. Siebenzehntes Kapitel. Die Entdeckung. Da ſaß ich, allein allein mit Emma, den erſten lichten Augenblick abwartend, um ihr Herz zu befragen, „ihr eine Liebe zu entdecken, deren Daſein ſie vielleicht nicht ahnte. Ich ich! ſie zum Bewußtſein dieſer Liebe bringen! . Eine Liebe, die auch mein Leben war... Doch der Würfel war gefallen, ich konnte nicht mehr zurück. So ging ich denn mit Sturmſchritt auf dem eingeſchlagenen Wege vorwärts. Ein Räthſel nach dem andern im Weſen Emma's wurde mir gelöſt. Ihre ſchmerzliche Empfindung beim erſten Schneefall erinnerte mich an die Schneedecke, unter der Herr von Rochegune begraben gelegen. Aehnlich mit der Schwalbe, der kriegeriſchen Muſik u. ſ. w. Endlich erklärte ſich mir ihr wunderbares Beneh⸗ men gegen mich aus einem dunkeln Gefühl von Eiferſucht Woher dieſe plötzliche Abneigung gegen mich, die eben ſo ſchnell verflog, als ſie kam, wenn nicht aus Liebe zu Herrn von Rochegune? und mußte es nicht ſo ſein? Wie konnte ſie ihn täglich ſehen, täglich ſein Lob ſingen hören, ohne ihn zu lieben? Ich ging gar ſo weit, Frau von Riche⸗ ville der Unvorſichtigkeit zu zeihen. Vergib mir, theure Freundin, vergieb mir! 5 Endlich fluchte ich dem Herrn Lugarto aus tiefſtem erzen. Seine Rache hatte keine Gränzen. Sie konnte nicht giftiger ſein. 156 Aber wie war er hinter ein Geheimniß gekommen, das weder Frau von Richeville noch ich argwöhnten, das nur Doktor Gérard vermuthete? Beſoldete Lugarto, im Hauſe der Herzogin Spione? Wie konnte die Dienerſchaft tiefer und richtiger in Emma's Herzen leſen als die Mutter und ich? Und doch war dies nicht unmöglich, denn ich lebte ganz meiner Liebe zu Herrn von Rochegune, an der die Herzogin innigen Antheil nahm. So mußten ge⸗ wiſſe Wahrnehmungen uns Beiden entgehen; wir hät⸗ ten eher des Himmels Einſturz vermuthet, als eine zärtliche Neigung Emma's zu Herrn von Rochegune. Sollte denn Emma eine Vertraute unter der weib⸗ lichen Dienerſchaft der Herzogin haben? Das ſah ihr nicht gleich. Auch ſchien die Dienerſchaft der Herzogin treu ergeben. Aber freilich, Gold vermag viel, und Gold hatte Herr Lugarto genug. . Während ich ſo ruhig nachdachte, litt ich inwendig die entſetzlichſten Qualen. Die ganze Welt des Schmer⸗ zes in ſeinen Urſachen und Wirkungen drängte ſich in meiner Bruſt zuſammen. Dann wieder empörte ſich mein ſittliches Gefühl gegen eine ſo totale Vernichtung aller meiner Hoff⸗ nungen. Sonſt bezweifelt man Wunder und dießmal be⸗ zweifelte ich die barſte, handgreiflichſte Wirklichkeit. Der Evidenz der Thatſachen ſtellte ich Gründe ent⸗ gegen, die mir eben ſo mächtig, eben ſo unumſtößlich ſchienen, als die Gefahr der Natur . Nein, nein!. ſagte ich mir, Emma kann Herrn von Rochegune nicht lieben. Es kann nicht ſein. Sonſt müßte ſie ſterben, oder ich ewig unglücklich wer⸗ den und ich will eben ſo wenig den Tod des lieben Mädchens als mein eigenes ewiges Unglück. Es iſt unmöglich, daß ich meiner Liebe entſäge, daß ich zu Herrn von Lancry zurückkehre, es iſt unmög⸗ lich, daß ich, dem Ziele meines Glückes ſo nahe gekom⸗ 157 men ſein ſollte, um es plötzlich und auf ewig in Nacht und Nebel verſchwinden zu ſehen. „es iſt unmöglich, daß ich zu einer ſo ſchrecklichen Zukunft beſtimmt bin Eine ſolche Anhäufung von Mißgeſchick auf ein einziges Haupt überſteigt alle Gränzen des Möglichen. Gott kann das nicht wollen. Das heißt, ſein Ge⸗ ſchöpf auf ewig verdammen. Was hatte ich verbrochen, um dieſe ewige Verdammung zu verdienen? Dann hörte ich wieder eine Stimme in mir, die in väterlich ernſtem Tone mir zurief: Was hat denn dieß Kind, dieſer Engel verbrochen? Und doch ſtirbt Dieſe Jungfrau iſt ſo rein, daß ſie nicht ein⸗ mal weiß, daß ſie liebt Sie trägt ihre Liebe ſtill in ſich. ſie ſchmachtet ſie duldet ſie klagt nicht und wird nie klagen . .. und doch ſtirbt ſie!. Der Blume gleich, die ohne Sonne hinwelkt und doch von der Sonne nichts weiß „ iſt ſie verblüht, weil die Liebe, ohne die ſie nicht leben konnte, ſich ihr entzh Ach! ihre Liebe rechtfertigte ſich durch ſich ſelbſt Sie war jung und frei der Ge⸗ genſtand ihrer zärlichen Neigung jung und frei, wie ſie ihre Liebe verſtößt weder gegen göttliche noch menſchliche Geſetze ſie zählt ſechzehn Sommer „ und doch ſtirbt ſie!. ... Schließe auf immer die Augen, armes Kind! Deine jungfräuliche Liebe ſinkt mit dir ins Grab Fürchte nichts Kein Sterblicher weiß von ihr, ſo wenig wie du ſelbſt Wie ſchön du da liegſt! . Du kreuzeſt die Arme über dem reinen Buſen, als wollteſt du den keuſchen Trieb verſtecken, der durch die kryſtall⸗ helle Seele durchſcheint Schlafe, armes Kind ſchlafe den ewigen Schlaf!. .. Ich konnte einer zärtlichen Rührung mich nicht erwehren. WMit thränendem Auge blickte ich die Sterbende an. Es war als ſchwanden die mitternächtlichen Schat⸗ ten vor dem Glanze ihres ſchönen blaſſen Antlitzes. 1⁵8 Sie ſchlummerte leicht. Stiller Friede und Erge⸗ bung ſprachen aus jedem Zuge. . Mein Gott, mein Gott! rief ich niederknieend, was mag ſie leiden? Aber ſie kennt die Urſache ihrer Teiden nicht Würde ſie nicht leicht und ohne Reue ſterben und ich mir eine Zukunft voll Verzweif⸗ lung erſparen, wenn . Ich wagte nicht, den ſchrecklichen Gedanken aus⸗ zudenken O Emma, ſüße Emma, verzeihe mir! Der Schmerz über dieſen verbrecheriſche Gedan⸗ ken ſteigerte mich bis zum Heldenmuth. Da plötzlich vernahm ich wieder die innere Stimme, welche den Funken großmüthiger Entſagung zu hellen Flammen anfachte. Muth Muth armes Weib! rief ſie mir zu. Dein Kreuz iſt ſchwer. Muth! Ein Schritt noch, und du haſt deinen Leidensberg erklommen. Dann ſiehſt du zu deinen Füßen das Kind, das du gerettet haſt, und ſeine Mutter, die dich ſegnet. Und zu dem Mann, der deiner ſo würdig iſt, den du mehr liebteſt als dich ſelbſt, ſprichſt du tiefſeufzend; Ach, wenn du wüßteſt. Muth! Ja, es bedarf eines mehr als menſchlichen Entſchluſſes, die Dornenkrone fremder und unbekannter Viden ſich auf's Haupt zu ſetzen. Aber oh! des Bal⸗ ſams, den die Tröſtungen des Gewiſſens in deine offe⸗ nen Wunden gießen werden! Oh! du weißt noch nicht, armes Weib, was es heißt, durch Opfer das Recht über dich ſelbſt zu weinen, erkauft haben! Oh! du kennſt das fromme Entzücken dieſer heiligen, fruchtreichen Thränen noch nicht . . du kennſt den edlen Stolz nicht, den das Bewußtſein einflößt, Zähren zu weinen, die Andere weinen würden — und noch heißer, noch brennender. Du kennſt die heilige Wolluſt des Schmerzes nicht! Wenn das Herz bricht, das Auge überläuft, wenn die 159 Lippen von der Klage zittern: Ich vergehe vor Lei⸗ den! Aber die, für welche ich leide, vergehen vor Wonne: dann iſt wie dein Leid, ſo auch deine Luſt am Größten. Ja, ja, ſei ſtolz auf die Liebe, die dich zu ſolchem Opfer begeiſtern kann . Sei ſtolz darauf . Es iſt deine erſte, deine einzige, deine göttliche Liebe „ Wie anders denkſt du, wie anders fühlſt du durch ſie, als durch die frühere, die dich auf eine Urſala eifer⸗ ſüchtig machte? Und jetzt? — Emma ſtirbt aus Liebe für den, den auch du liebſt . Du entlockſt ihr dieß züchtige Geheimniß ... Du ſteigſt aus dem Himmel deines Glückes nieder, um ſie dahin zu erheben und doch ſ n nur Zähren des Mitleids und der Mitfreude ür ſie. Ja, Mathilde, ja.. Dein Geliebter hatte Recht. Eure Liebe wird Euch zu den ſchwerſten und ſchönſten Opfern begeiſtern. Früher litteſt du für eine unwürdige Sache mit blinder Ergebung jetzt iſt die Stunde da, für die heiligſte aller Sachen zu leiden und zu handeln. Wahre die götkliche Glorie deiner Tugend, thue nichts, was in den Augen derer, die du liebſt, und in deinen eige⸗ nen dich herabſetzt, opfere dich für ein unſchuldiges und reines Kind, rette es vom Tode arbeite an ſeinem Glück. Muth! Gott ſieht dich .. Gott lächelt dir zu! Gleich als wäre dieſe Stimme eine Verſuchung zur Sünde, verſchloß ich mein Herz gegen ſie. Ich war des fernern Leidens gründlich ſatt. Warum dieſem armen Kinde eine Hoffnung ma⸗ chen, die Herr von Rochegune nie erfüllen konnte, weil er mich liebte mich und leidenſchaftlich liebte? Warum alſo mich vergeblich vpfern? 160 Plötzlich wandte Emma ſich um, ſeufzte, ſchlug die Augen auf und blickte mich an. ooch jetzt haftet dieſer Blick, ſo ſanft, ſo traurig, ſo ergeben zugleich, in meiner Seele. Er ſchien Leben und Seligkeit von mir zu er⸗ ehen Nachdem ſie mich eine Weile erſtaunt angeſehen, ſchloß ſie die Augen wieder, und zwei Thränen rannen über ihre Wangen, die ſich mit einer flüchtigen Blaß⸗ röthe bedeckten. Was fehlt Ihnen, liebe Emma, fragte ich ſanft, Sie weinen? haben Sie Schmerzen? „Ja,“ antwortete ſie mit ſchwacher Stimme, ohne die Augen zu öffnen, „ich liebe Sie und doch thut Ihre Gegenwart mir weh . Zürnen Sie nicht, ſchonen Sie mich, denn ich ſterbe.. So jung, Emma, und ſchon an den Tod denken! „Ja, ja ich weiß, daß ich ſterbe Gott hat es mir im Traum geſagt.“ In welchem Traum? „O! ein ſeltſamer Traum,“ fuhr ſie fort, immer mit verſchloſſenen Augen . „Ich wage kaum, ihn zu erzählen.“ Emma, ich bitte Sie darum. „Ich war im Begriff zu ſterben, da glaubte ich eine Stimme in mir zu hören, die rief: Soll ſie denn ſterben! Soll ſie denn ſterben!“ Und zu wem redete dieſe Stimme, liebes Kind? „O närriſches Zeug das .. im Fieber hörte ich ſo reden.“ Aber zu wem ſprach dieſe Stimme: Soll ſie denn ſterben! „Zu einer Frau; .. zu einer Frau, die ich nicht ſehen konnte ..“ antwortete Emma haſtig. Ich verſtand das arme Kind. Sie hinterging mich, denn keine Andere als mich hatte ſie im Traume geſehen. 161 Und dieſe Frau? fragte ich. „Sie antwortete nichts, und die Stimme ſprach: Emma, du mußt ſterben! Dann, als fühlte ſie das Unrecht, das ſie mir an⸗ gethan, ergriff ſie meine Hand, küßte ſie mit ihren kalten Lippen und drückte ſie an ihr Herz. „Es iſt mir,“ ſagte ſie, „als würde mein eiskaltes Herz warm. .4 So lieben Sie mich wirklich, Emma? „Jetzt. ja, gleich nach meiner zweiten Mut⸗ ter. liebe ich keine ſo, wie Sie Sie lieben Keine ſo, wie mich, Emma? „Keine ich möchte Ihnen in allen Stücken gleichen . .. Sie ſelbſt ſein .. .“ Und doch haſſen Sie mich .. mitunter, nicht ſo? Sie fuhr zuſammen und drückte meine Hand noch feſter an ihr Herz, das geſchwinder ſchlug. Schmerzlich lächelnd antwortete ſie: „Wüßten Sie nur, wie weh dieſe Frage mir thut! Ja, ja, ich liebe Sie Ich habe Ihnen den Grund geſagt, warum ich oft ſo ſonderbar gegen Sie geweſen So? warum denn? „Weil ich mir ſagte, ich hätte Ihnen Kummer ver⸗ urſacht .. Dann wagte ich kaum, mich Ihnen zu nähern: das Gewiſſen ſchlug mir, aber Ihre Güte ließ es mich wieder vergeſſen und ich mußte Sie umarmen.“ Dieſer Verſuch, das ihr ſelbſt unbewußte Gefühl von Eiferſucht zu deuten, rührte mich tief. „Ja, ich ſchwöre Ihnen,“ fügte Sie hinzu, „daß ich Sie nicht haſſe ... Ich will mit keiner Lüge vor meinen Gott treten.“ Sie ſprechen immer vom Sterben, liebes Kind . Gottlob! daß keine Gefahr da! .. Würden Sie nicht gerne noch bei uns und am Leben bleiben? . „Oh, ja. Bei Frau von Richeville und Ihnen möchte ich gerne noch bleiben . aber am Leben liegt mir nichts.“ 162 Warum liegt Ihnen am Leben nichts? Weil ich aber ohne Grund, ohne den gering⸗ ſten Grund immer unglücklicher wurde .. Alles wurde finſter um mich „alle meine Gedanken ſtießen ſich an ein unfehlbares Hinderniß.“ Aber bevor Sie ſo unglücklich wurden? „Oh,“ rief ſie händefaltend und wie entzückt gen Himmel blickend; „oh! zuvor ſchien es mir, als ſollte ich ewig leben, die Zeit flog wie ein ſchöner Traum dahin, Alles lachte mich an. . Ich war ſo glücklich, ſo glücklich ich glaubte immer, meine Mutter wieder zu finden, obgleich ich wußte, daß ſie geſtor⸗ ben war Und im Kloſter? Waren Sie da eben ſo glücklich, liebe Emma? „Oh das war ein anderes Glück, ich verdankte es der Liebe meiner Geſpielen und der Güte der Frau von Richeville. Das Glück und die Schmerzen von damals konnte ich mir wohl erklären. Aber das andere Glück und die anderen Schmerzen konnte ich mir nicht erklä⸗ ren, und doch waren beide viel größer und lebendiger.“ kieicht freuten Sie ſich, aus dem Kloſter fort zu ſein? „Oh nein! ich hatte meine Geſpielen gern und Frau von Richeville ſah ich damals eben ſo oft, wie jetzt.“ Denken Sie nach, Emma! Wann fing das Glück für Sie an, das Ihnen eine neue Ausſicht ins Leben eröffnete, das Ihnen dafür eine beſtimmte Rich⸗ tung gab, das Ihnen alle Gegenſtände in ſchönerem, verklärtem Lichte zeigte, nicht wahr? „Ja, ja, es iſt ſo, ganz ſo! Nach einer Minute peinlichſter Unentſchiedenheit fragte ich mit bebender Stimme: hat nicht dort Ihr Glück angefangen kurz nach der Rückkehr .. des Herrn von Rochegune nach Paris, ſeitdem Sie ihn täglich ſahen? 163 Himmliſches Entzücken leuchtete aus allen ihren Zügen. Ihr Herz ging ſchneller als je zuvor. MWit einer Freude, worin Erſtaunen, Dankbarkeit und Leidenſchaft gleichen Theil hatten, antwortete ſie: „Ja ja es iſt ſo Oh! mein Gott! es iſt Und Ihr unglück hat kurz nach meiner Rückkehr hieher angefangen, nicht wahr? . Gott weiß, ob die Verzweiflung meiner Bruſt Wort und Geſicht einen Ausdruck ſchmerzlichen und qualvollen Vorwurfs lieh: genug, kaum hatte ich dieſe Frage an ſie gerichtet, als Emma ſich halb erhob, laut ſchluchzend in meine Arme ſiel und mit herzzerreißender Stimme mich um Verzeihung bat. Nach dieſer krampfhaften Umarmung ſank ſie in Ohnmacht. Erſchreckt legte ich ſie auf das Kiſſen zurück und griff Zu einer Eau de Cologne⸗Flaſche. odesbläſſe bedeckte ihr Antlitz, die Wangen färb⸗ ten ſich blau, die Hände wurden eiskalt. Alle Mittel, ſie wieder zu beleben, ſchlugen fehl. Ich fühlte an ihr Herz: Es ſchlug nicht mehr! Ich bückte mich über die halb offenen Lippen nie⸗ der. Kein Athemzug mehr! Ich klagte mich ihres Mordes an. Gott im Himmel, welch ein Augenblick! Ich ftürzte auf's Knie nieder und ſchrie: Verzeihung, Verzeihung! O mein Gott, rufe ſie ins Leben zurück! dann will ich mich gern für ſie opfern, will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um ſie glücklich zu machen, als wäre ſie meine Schweſter.. meine Tochter! Ja, Herr, ich ſchwöre es feierlich!.. ich will mich opfern für ſie.. ſollte es auch mein Leben koſten! Nur gib, daß ich nicht ihr Mörder bin... Mein Gott! gib, ja gib, daß ich nicht ihr Mörder bin. .. Und Gott erhörte mein Gebet, meinen Schwur! Dann nach einigen Minuten furchtbarer Seelen⸗ 164 angſt, während welcher ich Emma ſtier anblickte, fühlte ich — einen ſchwachen Athem, eine leiſe Bewegung. Sie ſeufzte leicht auf, das Blut fing wieder an zu kreiſen, die Bläue der Wangen ging in Bläſſe über. .. Sie lebte... ja, ja, ſie lebte, Gott hatte mei⸗ nen Schwur erhört!. .. Würfel war gefallen, mein Opfer unwider⸗ ruflich! Von dieſem Augenblicke an, mußte ich meine Liebe meine heiße, wehmüthige Liebe . in die Tiefe meiner Bruſt, wie in ein Grab, verſenken!. . Ja, es war ſonnenklar, die Unglückliche wäre aus Liebe und Eiferſucht geſtorben. Aber er .. für den ſie geſtorben wäre .. Wie ihn von mir losmachen?... Wie ihm Liebe zu Emma einflößen 2.. Wie ihn ewig an ſie binden? .. Bei dieſen Gedanken befiel mich ein Schwindel. War ich doch kaum im Stande geweſen, ihr das Ge⸗ heimniß zu entlocken, das ſie allein retten konnte. Und gerettet ſollte und mußte ſie werden. — Achtzehntes Kapitel. Die Rettung. Der Arzt hatte mir einen herzſtärkenden Trank für Emma zurückgelaſſen, um im äußerſten Falle da⸗ von Gebrauch zu machen. Als ich ſie ſo matt und ſchwach ſah, bot ich ihr einen Löffel voll an. Sie ſchluckte die Medicin ganz mechaniſch nieder. „. 16⁵ Gleich darauf zeigte ſich eine leichte Röthe auf ihren Wangen. Sie öffnete erſtaunt die Augen, als erwachte ſie aus einem ſchweren Traume. Um ſie von den ſchmerzlichen Gedanken, welche die letzte Ohnmacht verurſacht hatten, abzuziehen, und um einen entſcheidenden Schritt zu thun, rief ich aus: „Ermuntern Sie ſich, Emma! Herr von Rochegune iſt da, mit Frau von Richeville.“ Bei Nennung des Herrn von Rochegune ſchlug ihr Herz ſo heftig, daß ich erſchrack. Sie ſah mich überraſcht, wonnevoll an, doch ohne die geringſte Beſchämung zu verrathen. „Herr von Rochegune iſt zurück?“ liſpelte ſie. Ja, ja, antwortete ich mit fieberhaft zitternder Stimme ... Ja, er kommt, um Sie glücklich, recht glücklich zu machen. . Er hat mir oft von ſeiner Liebe zu Ihnen geſprochen.. aber wir durften Ihnen nichts davon ſagen.. wir hatten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen.. Ja, wir dachten nur an Sie wäh⸗ rend Sie glaubten, ich dächte an ihn, und er an mich Aus dem Grunde waren Sie oft ſo wunderlich gegen mich, ohne ſelbſt zu wiſſen warum.. Eiferſucht war's, Eiferſucht, nichts anders, liebes Kind.. und mit Unrecht, denn Herr von Rochegune liebt Sie ganz ſo innig, wie Sie ihn liebten, ſich ſelbſt unbewußt. .. Ja, er liebt Sie. . er liebt Sie.. jetzt darf ich's Ihnen ſagen, denn alle Hinderniſſe ſind beſeitigt. .. Er wirbt um Ihre Hand bei Ihrer zweiten Mutter . und ſie hat ihre Erlaubniß gegeben... Welch glück⸗ liche Zukunft wartet Ihrer, Emma ... Drum machen Sie geſchwind, daß Ihre Wangen wieder roth wer⸗ WVollen Sie auch jetzt noch ſterben? .. Keine Feder beſchreibt die tauſend verſchiedenen Seelenzuſtände, die ſich auf ihrem Geſichte abſpiegelten: Erſtaunen, Freude, Betäubung, Furcht, Entzücken. 166 Jedes meiner Worte ſchlug wie ein Blitz in ihre Bruſt ein. Emma war gerettet... Dennoch wagte ich an⸗ fangs kaum an die Rettung zu glauben. So furcht⸗ bar war die Erſchütterung. Mehrere Stunden ver⸗ ſtrichen mir in tödtlicher Angſt. Sie fiel von einer Ohnmacht in die andere. End⸗ lich trat ein Phantaſiren ein, wo ich nur meinen Na⸗ men und die Worte: „Verzeihung, Schutzengel!“ unter⸗ ſcheiden konnte. Nicht ein einziges Mal nannte Sie Herrn von Rochegune. Aus räthſelhaftem Vergeſſen oder aus inſtinetmäßigem Zartgefühl? Ich weiß es nicht. Dieſer Fieberanfall endigte Gottlob! mit einem wohlthätigen Schlummer. i Kaum war ſie eingeſchlafen, als ien. „Nun, Madame?“ fragte er beſorgt. Stumm wies ich ihn mit einem Blicke auf Emma hin und verbarg mein Geſicht in den Händen. Er ſah ſie mehrere Sekunden aufmerkſam an, dann rief er hocherfreut aus: „Sie iſt ſo gut, wie gereitet! Sie haben mit Ihr geredet, Madame, nicht wahr? Ein Wunder! Eine Auferſtehung! Vielleicht verdankt Sie Ihnen das Leben.. Die gewaltſame Erſchütterung iſt von den wohlthätigſten Folgen gewe⸗ ſen.. Sehen Sie nur ſie ſchläft.. und ſo ſanft... Seit fünf Tagen hat ſie wie erſtarrt da gelegen . Aber wie haben Sie ſich ihr entdeckt, Madame?“ Ich erzählte dem Arzte Alles, ausgenommen, was mich betraf. Als er die Weiſe erfuhr, wie ich Emma von der vorgeblichen Rückkehr des Herrn von Rochegune in Kenntniß geſetzt, verſicherte er mir: Sie haben mehr Muth gehabt, als ich, Madame. Das arme Kind wäre ohne dieſe heftige Kriſis verloren geweſen. Ein ſchonenderes Verfahren würde nimmer dieſe unverhoffte er Arzt er⸗ 167 Beſſerung bewirkt haben . Ich gebe mich der frohen Hoffnung hin, ſie bald ganz geheilt zu ſehen. Für den Augenblick iſt nichts dringender nothwendig, als daß Sie ihr Erwachen abwarten. . Sie wird meinen, geträumt zu haben . .. Daher müſſen Sie ihr dieſen Glauben auf alle Weiſe benehmen. Vor allen Dingen hüten Sie ſich, daß Sie ja nicht die Täuſchung merkt. Ein Rückfall würde erfolgen. .. und der wäre tödtlich Herr von Rochegune iſt nicht hier. .. Wir müſſen ihn ſchnell benachrichtigen . . . Er iſt der Mann, die der ſchleunigen Rückkehr zu be⸗ greifen .. Er iſt ſchon benachrichtigt, entgegnete ich, an die kürzlich abgeſandten Zeilen denkend. „Schon behachrichtigt?“ fragte Herr Gerard. „Und durch Sie?“ Er konnte es durch keinen Andern ſein, antwor⸗ tete ich, erſtaunt über dieſe Frage. „Sie haben Recht, Madame. Nur noch ein Bis⸗ chen Muth, Madame!!“ Ich fürchte, ich fürchte, mein Herr; es wird mir an Kraft fehlen. „Bedenken Sie, daß Fräulein Emma's Rettung ganz von Ihnen abhängt. Das wird Sie kräftigen. Bei ihrem Erwachen würde die junge Dame vielleicht eine der Kammermädchen der Frau Herzogin fragen, und Alles, Alles wäre vergeblich geweſen. Wir kön⸗ nen keine ſolche in das Geheimniß einweihen.“ Und die Herzogin? fragte ich. „Ich komme ſo eben von ihr. Sie ſchläft, es iſt nichts zu fürchten: Ihr Unwohlſein rührt von körper⸗ licher Ermattung her. Vielleicht könnten wir uns ihr anvertrauen?“ Weniger, als je, mein Herr. Ich beſchwöre Sie, das Geheimniß für ſich zu behalten. „Sie haben mein Wort darauf, Vadame. Aber, . 168 können Sie es verhindern, daß Fräulein Emma mit der Frau Herzogin über Herrn von Rochegune und die Heirat redet? Iſt ſie hergeſtellt, kann man ſie allmä⸗ lig enttäuſchen... Aber bis dahin?“ Geduld, mein Herr! fiel ich ein... Ich fürchte nur, Gott läßt mich nicht lange mehr bei Verſtand.. Sie wiſſen nicht... Sie können nicht wiſſen, was ich heute gelitten habe... Ich muß unterliegen... Mein Kopf. mein Kopf!... Woran erkennt man den Wahn⸗ finn. . mein Herr?.. Wenn die Adern an den Schlä⸗ fen pochen, als wollten ſie brechen? „ fühlen Sie nur, wie ſie ſchlagen .. „Madame...“ Oder wenn es im Kopfe herumgeht, wie ein Mühlrad ... Ganz ſo .. ganz ſo, iſt mir jetzt zu Sinnen .. Herr Gérard geſtand mir ſpäter, daß er einen Augenblick wahrhaft beſorgt um mich geweſen ſei und gefürchtet habe, es werde mir an Kraft zur Durch⸗ führung meines Liebeswerkes fehlen. 2 „Seien Sie unbeſorgt, Madame! Die friſche Luft wird Ihnen gut thun!“ Darauf führte er mich an ein Fenſter, das auf den Garten ſah, und öffnete es. Es war Ende März, gegen Frühlingsanfang; die Nacht warm und hell. Der Mond ſchien herrlich. Mit Wolluſt ſog ich die Friſche ein und ließ meine brennende Stirn von den lauen Lüften kühlen. Immer ruhiger ward mir. Voll ſtiller Ergebung blickte ich auf zum Sternenfirmament. Da vernahm ich dieſelbe Stimme wieder, die mich ſchon einmal berathen und geſtärkt hatte. „Muth!“ rief ſie mir zu, „Muth, edle Frau.. Du haſt Dich bis in die höchſten Regionen aufopfern⸗ der Liebe.. heiligen und großen Schmerzes erho⸗ ben.. Du ſtehſt faſt auf dem Gipfel Deiner Veiden. .. 169 So vollende denn Dein Werk... Vertraue auf Gott.. Er wird Dir Kraft geben, auch das letzte Hinderniß zu überwinden.. Keinen liebt er mehr, als den edlen Dulder.. ſein Geiſt leitet ihn.. ſein Licht erleuchtet ihn . ſein Arm hält ihn...“ Ach!. dieſe Gedanken waren für meine Seele, was der kühle Nachtwind für meine glühende Stirn war!... „Sie ſind jetzt beſſer, nicht wahr, Madame?“ fragte der Arzt nach langer Pauſe. Seine Stimme ſchien mir bewegt, und im Lichte des Vollmonds gewahrte ich eine Thräne in ſeinen Augen. Was fehlt Ihnen, mein Herr? rief ich aus. Er ſah mich eine Weile ſprachlos an. Dann ſagte er gerührt und feierlich: „Ich ſoll das Ge⸗ heimniß den Menſchen verſchweigen... und Sie haben mein Wort darauf ... Aber einer weiß es doch der da oben!“ fügte er hinzu, mit dem Finger gen Himmel weiſend. Hatte er durch das Gerücht von meiner Liebe zu. Herrn von Rochegune gehört, oder hatte er ſie mir dieſen Morgen abgemerkt? Uebrigens war er kein Modedoktor und konnte daher möglicher Weiſe nicht wiſſen, was mein Opfer ſo ſchwach machte. Er verordnete noch Einiges und ging dann fort. So ſah ich mich nochmals allein mit Emma, aber dießmal — nach gebrachtem Opfer. Nach dreiſtündigem, geſundem Schlafe erwachte ma. Wenn die Gewißheit, das arme Kind vom Tode errettet zu haben, hingereicht hätte, mich zu tröſten, ſo dürfte ich glücklich ſein. Denn ſie war durch den Schlummer wie umgewandelt, wie neu geſchaffen wor⸗ Mathilde. v. 12 Em 170 den. Die Hoffnung hatte ſie gereitet; ſie wußte oder vielmehr ſie glaubte ſich ebenſo geliebt, als ſie liebte. Aber ich zitterte vor den möglichen Folgen die⸗ ſer Lüge „Ich ſchloß daher die Augen vor dem der Zukunft und hoffte Alles von ... ott. „Alſo Sie ſind's,“ rief Emma beim Erwa⸗ chen „Sind Sie's wirklich?. Ja, ja, ich bin's, liebes Kind. Alles, was ich ſagte, iſt wahr. Sie lieben Herrn von Rochegune; liebt Sie Später mehr davon, Emma. . Wie geht's Ihnen jetzt ?. „O, ich bin ſo ſchwach. Aber ich möchte jetzt gbenſo gern leben, wie ich früher zu ſtetben wünſchte.“ Alſo find Sie glücklich, recht glücklich? „Oh, ja, und wie!. „Jetzt fühle ich, daß ich all das Glück, das ich mir nicht erklären konnte, Herrn von Rochegune verdankte Oh, die Augen⸗ kommen nicht wieder, wo ich Sie weniger iebte Sie ſtützte ſich ihr Haupt nachdenklich auf den „Wunderbar!“ rief ſie. „Welch' ein Licht geht mir nun über mein vergangenes Leben auf! Doch merkte ich, daß ich in ſeiner Nähe immer glücklicher war Aber es fiel mir nicht ein, daß er die Urſache ſein könne „ O wie tief und unvergeßlich prägte ſich mir Alles ein, was er ſagte oder was er ſang... Meine Seele war gleichſam das Echo der ſeinigen. Wenn ich ihn loben hörte, freute ich mich mehr, als über mein eigenes Lob. „ Wenn ich ihn auf dem Flügel begleitete, ſo griff ich nie eine falſche Note. .. Wenn er mit mir plauderte, kamen Worte und Gedanken mir eyn ſelbſt.“ Aber warum haben Sie mir oder Frau von Ri⸗ cheville nichts davon geſagt? „Siſt wahr. „Warum?“ fragte ſie nachdenklich. rm 171 „Ich weiß es nicht. Ohne Zweifel, weil es von An⸗ fang an ſo geweſen; weil ich glaubte, es könne nicht anders ſein. Es ſchien mir ſo natürlich, daß ich da⸗ rüber ſchwieg. An ſeiner Seite glücklich ſein, war mir nichts anders, als athmen, als leben, als ſehen, als fühlen. Ich war wie Einer, der die Gaben Gottes genießt, ohne zu wiſſen, daß es einen Gott gibt. .. Nur dann, wenn eine Furcht oder eine trübe Erinnerung mein Glück ſtörte, nur dann konnte ich meine Traurigkeit nicht verbergen. Zetzt weiß ich, warum ich weinte, als ich den erſten Schnee fallen ſah. Weil Herr von Rochegune unter dem S9½ faſt geſtorben wäre Aber ſchon vor meiner Ankunft ſprachen Frau von Richeville und Herr von Rochegune oft von mir? Nicht wahr? „O, immer! Unaufhörlich verſicherte er, er liebe Niemand ſo wie Sie. Darum liebte ich Sie ſchon, ehe ich Sie noch kannte. Und wie glücklich war ich, als ich Sie kennen lernte, und Herr von Roche⸗ erwartete Sie mit ſolcher Sehnſucht. und vch Nun? Was weiter! Sagen Sie Alles heraus, Emma. Der Augenblick iſt günſtig. „Und doch, als ich Sie ſo oft bei Herrn von Rochegune ſah, ward ich nachdenklich, traurig. . ich wußte ſelbſt nicht warum! Oh, da, da wünſchte ich zu ſterben. Aber warum vergangener Schmer⸗ zen gedenken,“ rief ſie lebhafter aus „warum eines Benehmens gegen Sie, das jetzt.. jetzt tiefer als je mich betrübt. . Oh! daß ich es vergeſſen dürfte!.. Ja, Emma, ja, vergeſſen wir alles Vergan⸗ gene! Das iſt auch mein heißer Wunſch! „Mein Gott, und doch danke ich Ihnen mein Le⸗ ben!“ rief ſie. 172 So will ich Ihnen denn Gelegenheit geben, ſich dankbar zu erweiſen. „Wie und wodurch? Reden Sie!“ Indem Sie mir unbedingtes Vertrauen ſchenken, auf meinen Rath hören, ihm folgen, vor Allem aber, ſhe Sie ſich überzeugt halten, daß ich nur Ihr Beſtes will. „O, ich weiß es ich glaube es! Ich ver⸗ ſpreche Ihnen Alles.“ Gut, Emma .. So kann Ihre Hochzeit bald, vielleicht noch bälder, als Sie glauben, ſtattfinden. Denn die Schwierigkeiten, die jetzt noch im Wege ſtehen, laſſen ſich leichter wegräumen. Aber Sie ſind goch ſo leidend, ſo ſchwach, daß Sie Herrn von Rochegune erſt nach einigen Tagen wiederſehen dürfen. Es könnte Ihnen leicht gefährlich werden. . „Oh, nein, nie! ich denke, es ſollte mich ganz heilen.“ Mag ſein, Kind; aber er? er?. . bedenken Sie doch, wenn er Sie ſo verändert ſähe! Denn erſt nach ſeiner Abreiſe find Sie ſo krank geworden „Ja, als er fort war, glaubte ich mich in tiefes Dunkel gehüllt. . Ich ſchloß die Augen und bat Gott, er wolle mich ſtets in ſeinem Gedächtniß er⸗ halten aber der barmherzige Gott ſandte einen ſeiner guten Engel, über mich zu wachen. Zärtlich küßte ſie meine Hand. Sie vertrauen mir alſo unbedingt, Emma, nicht wahr? Und vor allen Dingen wollen Sie Herrn von, Rochegune jeden Kummer erſparen? „Ich ihm Kummer machen? Mein Gott!“ Ja, Emma, ja. Wenn er ſie jetzt ſähe, ſo lei⸗ dend, ſo ſchwach, wie Sie ſind, würde er glauben, Ihre Krankheit durch ſein Schweigen veranlaßt zu haben. Ich wünſche daher, Sie ſehen ihn erſt dann wieder, wenn Sie friſch und blühend find, wie zu⸗ vor... Noch etwas Wichtiges, Emma, das ich Sie 173 ja zu beherzigen bitte!. . Frau von Richeville, Ihre zweite Mutter, hat es für gut befunden, aus Rück⸗ ſicht auf Ihre Jugend, ihre Pläne mit Ihnen bis auf Weiteres zu verheimlichen. Ich allein weiß davon, und nur der Wunſch, Sie aus einer großen Gefahr zu retten, hat mich vermocht Ihnen dies Geheimniß zu eröffnen. Nicht wahr? Sie wollen nicht mich da⸗ für büßen laſſen? So geloben Sie denn äußerſte Verſchwiegenheit, hinſichtlich dieſes Punktes. Sie dür⸗ fen nicht einmal thun, als wüßten Sie von den Ab⸗ ſichten der Frau von Richeville, die Ihnen zu ſeiner Zeit ſchon das Ganze mittheilen wird. Ich verlange keine Lüge, ſondern nur Stillſchweigen. Darf ich hoffen, Emma? „Ja, ich will thun, was Sie wünſchen. Es iſt vas erſte Mal, daß ich ihr etwas verberge.“ Ich bin noch nicht fertig, arme Emma, ſagte ich und derſuchte zu lächeln. Sie müſſen ſich noch mehr verſtellen.“ „Gegen wen und worin?“ Herr von Rochegune liebt Sie... liebt Sie zärt⸗ lich aber er konnte Ihnen ſeine Liebe nicht eher geſtehen, als bis er ſich überzeugte, daß ſowohl Sie, als Frau von Richville die Heirat wünſchten Sie müſſen daher auch gegen Herrn von Rochegune ſich ſtellen, als ahnten Sie von ſeinen Plänen nichts. Und ſelbſt, wenn Sie ſeine Frau ſind, dürfen Sie nichts von dem Geheimniß von heute ver⸗ lauten laſſen. Er würde mir die Taktloſigkeit daß ich, früher als er ſelbſt, von ſeiner Liebe zu Ihnen geredet, nie vergeben. „Ja, ja, rief ſie kindlich erfreut aus .. ich be⸗ greife Sie ganz! .. Das Geheimniß iſt und bleibt unſer Geheimniß.“ Sie ändern in Ihrem Benehmen gegen Herrn von Rochegune nichts, nicht die kleinſte Kleinigkeit. 174 „Aber jetzt, da ich weiß, daß ich ihn liebe daß er mich liebt.. wie es ihm verbergen?“ Nichts weniger als das, Emma! Sie ſollen ihm nichts verbergen, Sie ſollen ganz ſo offen, ungezwun⸗ gen und natürlich gegen ihn ſein, wie früher. Das iſt das beſte Mittel, ihm fortwährend zu gefallen. . Wenn ich auf einige Zeit verreiſen muß .. und Sie mich etwas zu fragen haben, ehe Frau von Richeville Sie in ihre Pläne mit Ihnen eingeweiht hat. „ ſo können Sie mir durch Blondeau ſchreiben „ich will Ihnen auf demſelben Wege antworten. „Hinter dem Rücken von Frau von Richeville?“ fragte ſie erſtaunt, als wäre dies gegen ihr Gewiſſen. Sie vergeſſen, liebes Kind, daß Frau von Riche⸗ ville von dieſem Allem nichts weiß, und nichts wiſſen darf „ Jch denke, Sie ſind hinreichend überzeugt, daß ich Sie zu nichts Böſem anleiten werde „Oh, mein Gott, wie könnte ich ſo was den⸗ ken!. Verreiſen Sie denn bald und auf lange?“ Nein. ich hoffe nicht. „Oh, nein, nein! Sie können, Sie dürfen Ihre Emma nicht verlaſſen, die Ihnen Alles... Alles dankt Oh, Sagen Sie. ſagen Sie, wie Ein Wort ein einziges Wort den Blick in Vergangenheit und Zukunft, ja, die Vergangenheit und Zukunft ſelbſt ändern kann?“ Vor Allem, Emma, danken Sie Gott, der Ihnen ein ſolches Glück ſendet!. .. Gegen Tagesanbruch ſchlummerte Emma wie⸗ der ein. Durch Körper⸗ und Seelenleiden ermattet, ſank auch ich dem Schlaf in die Arme. Um Mittag weckte mich Blondeau und brachte mir einen Brief des Herrn von Rochegune. Zitternd öffnete ich ihn und las: „Unſer Schickſal iſt entſchieden. Es gibt Freuden, die ſo andächtig ſcheinen, wie Ge⸗ * 175 bet.. .. Als ich Ihre Zeilen geleſen, ſtürzte ich aufs Knie und weinte Wann darf ich Sie ſprechen?“ Eiligſt antwortete ich: „Um Ein Uhr erwarte ich Sie.“ Vit dem Schlage Eins trat Herr von Rochegune in mein Zimmer. Neunzehntes Kapitel. Vie Rückkehr. Wonneſtralend warf er ſich mir zu Füßen, ergriff meine Hände und netzte ſie mit Freudenthränen. Meine Augen brannten. Hätte ich doch weinen können! Ach, mein Thränenvorrath war erſchöpft! Ich fühlte mich ſo abgeſtumpft, daß ich es für unmög⸗ lich hielt, über die plötzliche Vereitelung ſeiner ſüßeſten Hoffnungen mich gegen ihn zu rechtfertigen. Nachdem er mich eine Weile zärtlich angeſehen und den Schmerz gewahrt hatte, der aus allen mei⸗ nen Zügen ſprach, ſagte er traurig: „Ach, ich ſehe es Dieſer Entſchluß hat Sie viel. viel gekoſtet. Um ſo ſtolzer bin ich auf meinen Sieg in dieſem Seelenkampfe . Mathilde, das ſind die letzten Zähren geweſen, die Sie geweint haben!“ Wollte Gott, Sie redeten wahr! „Schweigen Sie, Mathilde, ſchweigen Sie!“ rief er mit der Geſchwätzigkeit des Glückes „Ich will an Ihren Blicken bewundernd hängen, wie der Geizige an den aufgehäuften Millionen ich will mich be⸗ rauſchen an dem Gedanken, daß das Weib, das vor 176 mir ſteht, die meinige iſt..., dieſelbe, vor der der Knabe und Jüngling trauerte „dieſelbe, welche Menſchen, Ereigniſſe, ihr eigener Wille mir auf ewig zu entreißen drohten Dieſelbe, ja dieſelbe ſteht vor mir, iſt die meinige!!. .. Ich kann das Glück nicht faſſen!. .. Es iſt zu viel!. .. Nur jetzt, nur in dieſem Augenblick will ich dem ſeligen Glauben leben, damit Sie die Trunkenheit ſehen, die Ihr Werk iſt.. . Und doch konnte ich oft nicht zwei⸗ feln, daß die unwiderſtehliche Macht unſrer Liebe uns früher oder ſpäter der höchſten irdiſchen Seligkeit zu⸗ i Ach, Mathilde! Sie dürfen nicht wiſſen, was ich in den letzten Tagen gelitten habe, ehe meine Zweifel Gewißheit wurden. Gott im Himmel! Der Gedanke, Ihnen vielleicht Lebewohl ein ewiges Lebewohl ſagen zu müſſen!! . . .. Ich ſchweige. . Sie würden ſich's zum Vorwurf machen, Mathilde....“ Keine Sekunde Kummers, die ich Ihnen verur⸗ ſacht habe oder noch verurſache, werde ich mir je ver⸗ geben, erwiderte ich faſt gedankenlos. „Aber ich bin undankbar, Mathilde. Ich rede nur von dem Unglück der letzten Tage, nicht von Ihrem Glücke. . In ſolchen wenigen Stunden malte ich mit wahrhaft kindiſchem Entzücken mir einen Aufent⸗ halt in Caſtellamare aus. .. Ich weiß, wie gern Sie Italien haben. . ... Denken Sie ſich einmal, Ma⸗ thilde!.. .. So da zu ſitzen, mitten unter Blumen, im Schatten tauſendjähriger Bäume, zu unſern Füßen das blaue Meer, hoch über uns der azurne Himmel Italiens, im Hintergrunde der Veſuv. .. Was mei⸗ nen Sie von dieſem Rahmen unſter Liebe?“ Mein Freund, ich. . „Verzeihung, Mathilde, Verzeihung für dieſe Thor⸗ heit!. .. Haben wir nicht an tauſend wichtigere Dinge zu denken?.. Was ſoll ich unſern Freunden ſagen?.. Reiſe ich vor oder nach Ihnen ab? . Wen nehmen Sie zur Begleitung mit?... Mein Gott! 177 Mein armer Kopf wirbelt vor lauter Glück... Ein wahrer Orkan von Seligkeit hat mich vor Ihre Füße geworfen. .. Aber mein Gott!. warum ſo traurig, ſo niedergeſchlagen, Mathilde?... Nicht ein⸗ mal ein Lächeln Ihrer Lippen, ein zärtlicher Blick Jh⸗ res Auges! . In der That, Mathilde, je länger ich Sie anſehe. ... Nie habe ich dieſe trübe bei⸗ nahe finſtere Miene an Ihnen bemerkt.. . Was ha⸗ ben Sie mir zu ſagen? . Oh, viel Trübes, viel Finſteres. . „Ich verſtehe Sie nicht, Mathilde!.. Was iſt vorgefallen ?... Schrieben Sie mir nicht, eiligſt zu kommen?“ Genug, genug, ums Himmelswillen!.. Oh, ſchwei⸗ gen Sie von dieſem Briefe!. „Warum denn, Mathilde?“ Seitdem ich dieſen Brief geſchrieben, „. und ich mußte den Blick vor ihm niederſchlagen . habe ich Herrn von Lanery . geſehen. von Lanery? Ihren Gemahl?.. Und wo?“ ier! „Hier? Er wagte es, zu Ihnen zu kommen?. . Und warum? Gewiß, um Sie auf's Neue zu krän⸗ ken. . . . Aber was kümmern Sie ſich um ihn?. . Sie ſind ja auf ewig von ihm getrennt... Was geht er uns an?.... Sie haſſen ihn, Sie verachten ihn, wie er's verdient..... Dieſer Beſuch war eine neue Unverſchämtheit, nichts Anderes!. Ich glaubte, mein Ende nahe.... Zetzt oder nie mußte ich mit einem Male Herrn von Rochegune alle Hoffnung für Gegenwart und Zukunft benehmen; mußte mit einem Worte ſeine glühende Liebe für mich er⸗ tödten.. Sonſt war mein Opfer ein vergebliches. Um Emma heiraten zu können, mußte er auf⸗ hören, mich zu lieben; mußte ihm jede Ausſicht auf meine Gegenliebe geraubt werden.... Oh, mein Gott! 178 ich flehte zu Dir um Muth.. .. Dank, Dank! Du gabſt ihn mir. . .. „Aber noch einmal, Mathilde; was liegt an die⸗ ſem Beſuche Ihres Gemahls? Haben Sie ſich etwa durch Drohungen einſchüchtern laſſen 2.. .“ Nein, nein! Wollte Gott, er hätte gedroht!. .. „Wie ſo?. „ Er kam zitternd und zagend, bittend und flehend, voll Reue, voll herzlicher Betrübniß zu mir. . .. „Und Sie glaubten ſeinem heuchleriſchen Wort und Weſen?“ Ich mußte ihm glauben. So furchtbar kann Nie⸗ mand ſich verftellen. Ich habe ſeine Ausſchweifungen nicht entſchuldigt, aber vergeben und verziehen. . .. Herr von Rochegune ſah mich erſtaunt an. Das Wohlwollen, womit ich von meinem Gemahl ſprach, machte ihn beſtürzt. Er ſchüttelte den Kopf und erwiderte gerührt: „Ja, ja, ich errathe Sie. Sie glauben an die Aufrichtigkeit dieſer Reue, bloß um nicht länger haſſen zu müſſen... Vergeſſen wir unſern Haß und unſere Verachtung gegen ihn. Vergeſſen iſt die edelſte Rache!“ Aber er kam nicht nur, um mir ſeine herzliche Reue zu bezeigen, ſondern auch weil wir nicht ge⸗ ſetzlich. rechtmäßig geſchieden ſeien, um. . „Um ſo beſſer,“ fiel Herr von Rochegune lebhaft ein... „Um ſo beſſer! Die Trennung von Tiſch und Bett iſt ſo gut wie Scheidung.. .. So werden Sie ein für alle Mal Ihren Gatten los.. .. Um ſo leich⸗ ter haben wir's. Oh, jetzt begreife ich Ihre Trau⸗ rigkeit.. Sie fürchten den Aerger eines Prozeſſes . und mit gutem Grund .. nicht für ſich, mein Gott!... Sie können nur dabei gewinnen .. ſondern für den Mann, deſſen NamenSie tragen. . .. Aber was hilft's.... Es muß Ihnen endlich Recht werden. ... Sie haben lange genug gelitten. ... Tröſten Sie ſich über die Widerwärtigkeiten eines Augenblicks mit der Hoffnung 179 einer langen und frohen Zukunft.... Bedenken Sie, daß dieſer letzte ſchwere Schritt Ihnen die Freiheit wie⸗ der gibt, und jeden Zweifel über Ihr natürliches Recht auf ſich ſelbſt hebt.. . .“ Mit jedem Worte des Herrn von Rochegune ſtieg meine Qual.. .. Ich raffte alle meine Kräfte zuſam⸗ men und erwiderte ihm mit erſtickter Stimme: Ich kann Sie nicht länger in dieſem Irrthum laſſen. „ Kaum hatte ich die Zeilen an Sie geſchrieben, worin ich mich Ihnen zuſagte und Sie zu ſchleuniger Rück⸗ kehr aufforderte, als Herr von Lanery eintrat.. . „Und weiter?“ Gerührt von ſeinem Schmerz, ſeiner Reue, . ſeinem Unglück, . ſeinen Betheurungen, ... ſeiner Zärtlichkeit, von alten Erinnerungen bewegt, habe ich ihm. . verſprochen.. nach ſchwerem Kampfe verſprochen, ihn nicht mehr zu verlaſſen. Vor lauter Herzklopfen ſtieß ich ein Wort nach dem andern heraus. geſenkten Blicks. Als er mehrere Sekunden ſchwieg, erhob ich das Haupt. Er hörte mich an, nicht mit Betäubung, nicht ſit erpoifung nein! mit unruhiger Neu⸗ zie. Kalt erwiderte er: „Ich habe jedes Wort ver⸗ ſtanden, und weiß, daß Sie in ſo ernſtem Augenblicke ſich keinen Scherz erlauben können. Ihre zitternde Stimme, Ihr verſtörtes Antlitz, Ihre Gemüthsbewe⸗ gung — Alles verräth den furchtbarſten Ernſt. Den⸗ noch müſſen Sie mir anſehen, daß ich keinem Ihrer Worte glaube.“ Sie glauben mir nicht? „Ich kann an keine Unmöglichkeit glauben.“ Ach, ich fühle, Sie trauen mir keine ſolche Sprache nd dch „Ich erlaube mir kein Urtheil, Mathilde! Ich ſage bloß, es kann nicht ſein es iſt nicht 180 ſo. WMehr als Alles beunruhigt mich Ihre Er⸗ regtheit, Ihre Bläſſe .. Wein Gott, rief ich aus; iſt das ein Wunder, wenn ein allmächtiges Gefühl mich zwingt, Ihre Liebe ſo zu erwidern? Herr von Rochegune zuckte die Achſeln. „Sie müſſen dringende, ſehr dringende Gründe haben, Mathilde,“ ſagte er mit eiſiger Kälte, . „eine ſolche Sprache gegen mich zu führen . . . .. Gottlob! Mein Glaube an Sie ſteht allzu feſt. ich kenne mich ſelbſt hinreichend, um Andere, nament⸗ lich Sie, beurtheilen zu fönnen. Ich brauche mich bloß an das zu erinnern, was Sie mir tauſendmal verſichert haben und das war Lüge nein! die gewiſſeſte Wahrheit .. Abe „Aber, liebe Mathilde, in vierund⸗ zwanzig Stunden fällt kein ſolches Weib, wie Sie ſind Noch jetzt bin ich ſo ungläubig wie Anfſangs Ich glaube nicht an die Fabel von dem Beſuche Ihres Mannes .. Sie haſſen ihn... Sie verachten ihn ebenſo herlich wie früher Das ſage ich Ihnen!. Halten Sie mich denn einer Lüge fähig? „Ja, wenn es einem großen und ſchönen Zwed gilt, Mathilde. Und ſo muß es auch jetzt ſein . Sie müſſen Viel zu gewinnen hof⸗ fen dürfen, da Sie ſo Viel zu verlieren Gefahr lau⸗ fen. Gott ſei Dank! Sie ſtehen nicht mehr allein da im Leben . .. Die Sorge für ihr Glück liegt mir ob. . und ich will über Sie wachen, wie über meinen Schatz wie über mein Weib ich will Sie gegen ſi ſich ſelbſt vertheidigen . WMan traut mir Scharfſinn genug zu Ehe vierundzwanzig Stunden verfließen, Mathilde, will ich Ir Geheimniß heraus haben!!. „ Ich war nicht weniger entzückt als erſchreckt, mich 181 ſo errathen zu ſehen. Und doch galt es jeden Preis, um Herrn von Rochegune von mir los zu machen, ihm jede Hoffnung zu rauben, vor Allem aber ihm den Glauben zu benehmen, als opfere ich mich für ir⸗ gend wen. Schützte ich nichts als mein Anſtandsgefühl und mein Mitleiden als Grund meiner Annäherung an Herrn von Lanery vor, ſo dürfte er immer noch auf die Fortdauer meiner Liebe zu ihm rechnen, was die Ausführung meines Planes, ihn mit Emma zu verhei⸗ rathen, faſt unmöglich gemacht hätte. Ich konnte daher meinen Zweck nur dann errei⸗ chen, wenn ich muthig genug war, eine leidenſchaft⸗ liche Liebe für Herrn von Lancry zu erheucheln. Nur ſo konnte ich ihn über mich enttäuſchen. Meine Lage wurde dadurch ſo peinlich und ſchwer, daß Emma mit ins Spiel kam. Ich war dem guten Mädchen Rechenſchaft ſchuldig über das Verſprechen, das ich ihr gegeben. Die Liebe des Herrn von Rochegune zu mir mit der Wurzel aus ſeinem n reißen, ihn dann all⸗ mälig zur Erkenntniß von Emma's Liebe zu bringen: das war der ſchauerlich einfache Weg, den ich gehen mußte und um jeden Preis gehen wollte. Dann — erſt dann ſah ich die Früchte meines Opfers. Emma ward glücklich; Herr von Rochegune gleichfalls, denn er mußte dies engelreine Kind ſchätzen und lieben lernen; und ich genoß wenigſtens eine Art bittern Troſtes Gelang mein Vorhaben nicht, ſo war auch mein Opfer ein vergebliches. Ich hatte dann die beiden Perſonen, die ich am innigſten liebte, ewig unglücklich gemacht 1Ach! Aus dieſen Betrachtungen er⸗ hellt genugſam die räthſelhafte und gehäſſige Natur der Liebe, die ich für Herrn von Lanery erheucheln mußte. Ich wundere mich nicht, begann ich, daß Sie 182 meinen Worten keinen Glauben ſchenken. Mein Be⸗ nehmen erſcheint Ihnen ſo ſträflich, daß Sie gar die Möglichkeit deſſelben bezweifeln . . . . . Erlauben Sie mir, nochmals auf die Vergangenheit zurückzu⸗ kommen „ Als Sie letzthin von mir ſchieden als Sie in Ihrer Einſamkeit zwiſchen Hoff⸗ nung und Verzweiflung ſchwebten gaben Sie im⸗ merhin die Möglichkeit einer Trennung. .. zu, „ „Ohne Zweifel! hätte ich Sie, trotz Ih⸗ rer troſtreichen Zeilen, bei meiner Rückkehr unſchlüſſig, vielleicht gar entgegengeſetzter Anſicht gefunden .. aus Gründen, denen ich eine gewiſſe Anerkennung nicht verſagen konnte nun! dann würde ich von der Zeit und meinem Einfluſſe auf Sie das Beſte gehofft haben. „Aber, daß ich Ihrer Verſicherung glauben ſoll, Herr von Lanery habe in der kurzen Zeit meiner Abweſenheit Ihren Haß in Liebe umgewandelt: nein, nein, Mathilde, das heißt zu viel verlangen! .. Eher traue ich Ihnen eine Buhlſchaft mit zwanzig Liebhabern zu, als eine ſolche Feigheit! Feigheit? Iſt er nicht mein Gemahl? Iſt es nicht eine Schuldigkeit, ihm zu verzeihen, wenn er reuig darum bittet? „ Bin ich nicht, trotz meiner Liebe zu Ihnen, meinen ehelichen Pflichten unverbrüch⸗ lich treu geblieben. weil ich Sie als Freund, als Bruder liebte? . Ein Funken meiner alten Liebe glimmte unter der Aſche fort. Das war meine ganze Tugend!! .. Obgleich Herr von Rochegune an Talent und Charakter ſich weit über das Gewöhnliche erhob, be⸗ ſaß er doch Ergebung genug, um ſich durch die letzten Worte tief gekränkt zu fühlen. „Entſetzlich!“ rief er aus und fuhr krampfhaft zuſammen. — So etwas von Ihnen von Ih⸗ nen hören müſſen! „ Ja, es gibt einen böſen Zauber, der Engel von Reinheit und Tugend an Lüſt⸗ —————— ———— a6 183 linge und Verworfene auf ewig feſtgebannt hat. Aber nein! nein!“ rief er voll edlen Zorns, „das iſt nicht Ihr Fall! Ihre Worte fließen aus Schwäche, Feigheit oder aus Schamgefühl .. Ich wiederhole, ich glaube Ihnen nicht . . . Sie lieben dieſen Menſchen nicht . . . Sie können ihn nicht lieben, vder Si wiren ſo iedrig, bbenſo verworfen wie er Er hatte Recht. Ich begriff, ich bewunderte ſei⸗ nen edlen Unwillen. Aber um nicht aus der einmal übernommenen, traurigen Rolle zu fallen, mußte ich ſowohl meine erheuchelte Liebe für Herrn von Lanery, dieſen ſelbſt, gegen Herrn von Rochegune verthei⸗ igen. Oh! Wie dankte ich dem Himmel, daß ich die Glut meiner langgenährten Liebe Herrn von Roche⸗ gune zu verbergen die Kraft gehabt. Sonſt hätte ich niemals eine neue Leidenſchaft für Herrn von Lanery vorſchützen können. Sichtbarlich leidend ging er mit raſchen Schritten im Zimmer auf und ab. Eine ſchwer begreifliche, immer aber rechtmäßige Liebe verdient keinen ſo harten Vorwurf! erwiderte ich, um den qualvollen Auftritt ſo ſchnell als möglich zu beenden Habe ich nicht Jahrelang die Nachwirkung meiner erſten Liebe zu ihm geſpürt? Habe ich ihm nicht Alles zum Opfer gebracht? „ Ja, ja, ich geſtehe es. ſeine Nähe hat mich bezau⸗ bert Ehe ich ihn wiedergeſehn, trug ich mein Schickſal muthig und würdevoll Aber ſeit ich ihn unglücklich weiß, ſeit ich ihn reuig zu mei⸗ nen Füßen erblickte, ſeit ich ſeine Stimme ge⸗ hört, ſeit ich ihm ins Auge geſchaut. ach! von Stund an iſt Muth, Würde, Kummer, Schmerz und alles Andere vergeſſen. „Hocherfreut legte ich mir ſelbſt die Ketten an! . . „Und das wagen Sie zu geſtehen! Entſetzlich!. „ 184 Sie ſind von Sinnen, Mathilde! Nein, Nein! glaube Ihnen nicht, ich will Ihnen nicht glau⸗ Und doch verdiente ichs um Sie, denn was ich Ihnen ſage, erfährt kein Anderer. Ich könnte Mitleid, Pflichtgefühl u. ſ. w. als einzigen Grund meiner Wie⸗ derannäherung an Herrn von Lanery vorſchützen, wie ichs unſern Freunden gegenüber thun werde „ Aber nein! ich bekenne Ihnen die reine, lautere Wahr⸗ heit. wie demüthigend ſie ſein mag Und Sie glauben mir nicht!! . . Ja, ja, ich liebe ihn mit einer Liebe, für die ich keinen Namen weiß aber ich liebe ihn . muß ihn lieben . es iſt ſeltſam, wunderbar aber es iſt „Und die Liebe, die Sie mir, mir. geſchwo⸗ n Wer ſagt, daß ich Sie nicht liebe? Von welcher Seite drohte der Reinheit unſeres Verhältniſſes Ge⸗ fahr? Von Ihrer oder meiner? Von Ihrer. Und weil ich in einem ſchwachen Augenblick unklug genug war, Sie zur Rückkehr einzuladen, ſoll das Kommen Sie ein unwiderrufliches Jawort ſein?. . .. Verſicherten Sie nicht, Sie würden mir ſelbſt dann Ihre Liebe ge⸗ ſtanden haben, wenn Sie bei Ihrer Rückkehr aus dem Orient mich an der Seite meines Mannes gefunden hätten? Und ſo ganz ſo iſts jetzt Meine Liebe zu Ihnen iſt und bleibt herzlich, rein und brüderlich. Endlich, wer hat ein Recht mich zu tadeln? Sſelbſt unſre Freunde müſſen meinen Entſchluß billigen und loben, dem Gatten, der reu⸗ müthig ſeine Verirrungen eingeſteht, zu verzeihen. „Gottlob! Endlich ein Grund, der ſich hören läßt Mathilde, noch, noch iſt es Zeit, mich zu halten! „„Berufen Sie ſich auf Ihre Menſchen⸗ liebe, Ihr Mitleid „ ja, dann glaube ich an die Möglichkeit eines Sieges wahnfinnigen Ehrgeizes über i 185 die Allgewalt der Liebe „ dann glaube ich, daß aus Mißverſtand ſelbſt die edelſten Seelen der Sucht, bewundert zu werden, einem falſchen, raſenden Helden⸗ muth Alles zum Opfer bringen können. Sagen Sie, daß ein übertrieben frommes Gefühl Sie wieder in die Arme Ihres Gatten treibt dann, auch dann glaube ich Ihnen Sie werden ewig die Auserwählte meines Herzens bleiben, der ich mein ganzes Leben gelobt. Sie gehen in Ihren Tu⸗ genden zu weit, wie Andere in ihren Laſtern . Aber, wenn Sie ſich ſelbſt und mich lieben, o ſo ſa⸗ gen Sie nicht, daß eine unwiderſtehliche Liebe Sie in die Arme Ihres Gatten zurücktreibe! . . . Entſetzlich! Nein! Er iſt Ihr Gatte nicht mehr . . . . Dee Schänd⸗ lichkeit ſeines Lebenswandels hat ihn auf ewig von Ihnen geſchieden . . . . Sie können ihn bemitlei⸗ den, beklagen, bedauern, und Gott weiß was ſonſt noch, aber nimmer, nimmer! ihn lieben!“ Und doch liebe ich ihn noch mehr als ich ihn be⸗ klage und bemitleide! Ja, ja — und ſollten Sie mich verachten!! in ihm liebe ich meine erſte Lebe in ihm liebe ich. meinen Gatten „ in ihm liebe ich. meinen Geliebten „ und aus dem Grunde will ich zu ihm zurück. Herr von Rochegune barg das Geſicht in den Hän⸗ den und ſchwieg lange. Und als revete er mit ſich ſelbſt, ſagte er halblaut: „Wunderbar! Schien es mir doch immer... Aber nein! ich würde es nicht geglaubt haben!.. Erſt jetzt, da ich mit eigenen Augen ſehe.. .. Was ſehen Sie? fiel ich ein, erſchreckt durch den wilden, unheimlichen Ausdruck ſeiner Züge. Was ſehen Sie 2.. „Eine ſeltſame Erſcheinung, in meiner Bruſt, Ma⸗ thilde, fuhr er mit ſich ſelbſt redend fort. „Ja . ja eine Hoffnung nach der andern, „eine Ueber⸗ Mathilde. V. 13½ „ 186 jengung nach der andern fällt langſam, wie wel⸗ es Laub von meinem Lebensbaume ab. . .. Und ich fühle keinen Schmerz .. nein! ich bin wie er⸗ ſtarrt. Keine Klage, kein Weh, kein Zorn, keine Verzweif⸗ lung nichts als kalte, bittre Verachtung oder dumpfes Mitleid! . .. Der Boden unter meinen Füßen zittert.. .. Das vergangene Leben, das ich unwandelbar glaubte, ſchwindet in Nacht und Nebel dahin. . . . Ich hielt den Schnee, der im erſten Stral der Sonne ſchmilzt, für ewigen Marmor. . .. Wunderbar! Eben noch erbebte ich vor dem Gedanken, dieſem angebeteten Weibe ent⸗ ſagen zu müſſen, wie vor einem bodenloſen Abgrunde. Und jetzt jetzt ſehe ich ſtatt dieſes Abgrun⸗ des eine Pfütze, die mich anekelt. .. Und doch verging ſeit zehn Jahren kein Tag, keine Stunde, daß ich nicht meiner Liebe gedachte . und doch war dieſe Liebe der Angelpunkt meines Lebens und doch habe ich, von dieſer Liebe geſtützt, getragen, große Thaten gethan und doch weinte ich geſtern wie ein Kind und doch war ich noch ſo eben von Himmelswonne trunken, weil der Traum meiner Jugend Wirklichkeit zu werden ſchien.. .. Und jetzt jetzt Nichts . Nichts von dem Allen mehr... Das wundervolle Ge⸗ bäude, an dem ich Jahre lang mit heiliger Liebe ge⸗ arbeitet, das ich aus meinen ſchönſten Gedanken und Empfindungen aufgebaut. . .. Das Gebäude iſt ſpur⸗ los ſpurlos in einem Nu verſchwunden!!. .. Iſt das nicht ſeltſam, Mathilde 2. . . Gott im Himmel! Welche Qualen, ihn das Ab⸗ ſterben ſeiner Hoffnungen und ſeines Glaubens an mich ſo ſchildern hören!. .. Noch einmal war ich im Begriff, ihm Alles, meine leidenſchaftliche Liebe zu ihm und meine Täuſchung, zu entdecken.. .. So ſehr entmuthigte mich dieſe verach⸗ tungsvolle Ergebung in ſein Schickſal. 6 Und doch ſollte eben dieſe Verachtung meinen Plä⸗ nen zu ſtatten kommen. 187 Denn ſeine Verzweiflung hätte mir ſeine leiden⸗ ſchaftliche Liebe allzu gewaltig gepredigt, als daß ich dieſer Verſuchung widerſtanden wäre. „Kein Anderer, als ich, begreift die Möglichkeit ei⸗ ner ſo plötzlichen Veränderung,“ fuhr er zu mir gewandt fort. . . . „Das feinſte, furchtbarſte Gift iſt nicht tödt⸗ licher als das Gift einer Verachtung, wenn es bis in die edelſten Gefühle einer Seele eindringt. Das liegt ganz in meiner Natur.. .. Ich ſollte Ihren Irrſinn bemitleiden,“ ſagte er ſchnell ſich aufrichtend... „Ich ſollte zehn Jahre heiliger und großer Liebe nicht wie Spreu in den Wind des Vergeſſens hinwerfen... Aber Menſch bleibt Menſch, im Purpur oder im Bettlerge⸗ wande. .. Ich kann nicht anders. Ich bin in Allem entſchieden, gehe nie die Mittelſtraße, kann nur lieben oder haſſen. .. Sie ſind mir entweder eine Göttin oder ein Jemeines Weib. .. Ich habe Sie auf den Altar meiner Liebe erhoben und Sie angebe⸗ tet.. .. Sie ſteigen freiwillig herab, ſo ſehe ich denn in Ihnen ein gewöhnliches Weib. ... Ich ſchwöre mei⸗ nen Glauben an Sie ab!!!“ Sie ſchwören Ihren Glauben an mich ab, Sie verachten mich, weil ich einer erlaubten Liebe nach⸗ gebe? Was hätten Sie gethan, wenn ich Ihren Bit⸗ ten gefolgt und aus unerlaubter Liebe meiner Pflicht untreu geworden wäre? fragte ich bitter. Das machte ihn beſtürzt. Nach kurzer Beſinnung rief er mit verbiſſenem Ingrimm aus; „Ich ſagte Ihnen früher, wenn ich je an Ihnen mich irrte, würde ich auch an mir ſelbſt irre werden. Die Stunde iſt da! .. Ich zweifle an Ihnen, an mir, an Allem. Ja, wehe Ihnen, die alle meine Begriffe von Gut und Böſe verwirrt. Wehe Ihnen, die durch Pflichterfüllung Abſcheu einflößt... Wehe Ihnen, die im Genuſſe einer erlaubten Liebe ſündigt!.. Ja, ja, mehr als das verſchämte Laſter verachte ich Ihre tugendhafte Unverſchämtheit. 188 Mit dieſen Worten ſtürzte er zum Zimmer hinaus. Es war geſchehen.. Er verachtete, er haßte mich. Jetzt erſt war mein Opfer vollſtändig . Vor meinen Augen hatte er ſeine Liebe zu mir, ſeine Achtung für mich ertövtet .. Sein Herz war leer. Wer ſollte die Leere deſſelben ausfüllen? In dieſem Augenblick durchzuckte mich ein hölliſcher Gedanke. Wie! ſagte ich mir, wenn Urſula ſich in ſein Herz einſchleicht? Wird er ihrem Zauber widerſtehen können. Wird Emma, die ohne dieſe Liebe ſtirbt, den Kampf mit Urſula aushalten, namentlich wenn dieſe leiden⸗ ſchaftlich liebt? und ich ich entſage meiner Liebe zu ihm viel⸗ leicht nur — um Urſula Platz zu machen? Hölliſche Gedanken! Die Ereigniſſe waren ſo Schlag auf Schlag gefolgt, daß ich keine Zeit gefun⸗ den, an die Zuſammenkunft Urſulas mit Herrn von Rochegune auf dem Balle in der großen Oper zu denken. Sonſt hätte ich vielleicht eher Emma geopfert, als meine Liebe zu Herrn von Rochegune. Zwanzigſtes Kapitel. Das Lebewohl. Gleich nach gefaßtem Entſchluß hatte ich Herrn von Lanery geſchrieben, daß ich ſeinen Wunſch reiflich erwogen habe und gern bereit ſei, ihn zu erfüllen. Ich fürchtete nämlich, er werde zu gewaltſamen Maßregeln ſchreiten und dadurch meine Ausſage, als habe ich ihm aufrichtig verziehen, Lügen ſtrafen. — 159 Kaum war Herr von Rochegune fort, ſo ging ich zu Frau von Richeville hinüber. Emma befand ſich viel beſſer, der Arzt bezweifelte ihre Geneſung keinen Au genblick. Auch die Herzogin war vollkommen hergeſtellt, und wußte mir nicht genug Dank für die ihrer Tochter bewie ſene Pflege. Als ich ihr ohne Weiteres meinen Vorſatz, zu Herrn von Lanery zurückzukehren, eröffnete, that ſie alles Mög⸗ liche, mir ihn auszureden. Aber Bitten, Ermahnungen, zärtliche Vorwürfe . Alles war umſonſt. Daſſelbe thaten der Fürſt und die Fürſtin Hericvurt, mit keinem beſſern Erfolge. Auf meine Frage, ob ich in ihrer Ach⸗ tung verlöre, antworteten ſie mit Nein; nur fürchteten ſie, daß meine Zärtlichkeit auf das harte Gemüth mei⸗ nes Gatten keinen Eindruck machen werde. Vergebens ſchützte ich ſein Unglück und ſeine Reue vor. Erſteres, meinten ſie, ſei wohl verdient; letztere noch durchaus unbewieſen. Selbſt nach mehreren Jah⸗ ren muſterhaften Lebenswandels verdiene er kaum eine ſolche Liebe. Ach! ich fühlte die Wahrheit dieſer Bemerkung tiefer und beſſer als irgend wer. Aber ich war auf dem eingeſchlagenen Wege ſo weit vorgeſchritten, daß ich weder ſtillſtehen, noch umkehren konnte. Dennoch gewahrte ich mit Betrübniß eine gewiſſe Kälte im Benehmen des fürſtlichen Paares gegen mich. Sie warfen mir Mangel an Feſtigkeit und Würde vor und empfanden es ſchmerzlich, daß ich ihrem Schutze entſagte zu Gunſten eines Menſchen, den ſie wegen des mir zugefügten Unrechts haßten und verachteten, und von dem ſie mich längſt gewiſſermaßen moraliſch ge⸗ ſchieden hatten. Endlich bedauerten ſie, an meinem Kummer, der ſo ſchnell vergeſſen worden, Antheil ge⸗ nommen zu haben. Allen meinen Freunden ſagte ich bloß, daß Mitleid mich zu dieſem Schritte bewogen habe. O! daß ich vor 2 dem Manne, den ich am meiſten achtete und liebte, eine ſchimpfliche Liebe zu meinem Gemahl erheucheln mußte! Die Bitte der Herzogin, ich möchte ihren Garten⸗ pavillon mit meinem Manne gemeinſchaftlich bewohnen, lehnte ich aus leicht begreiflichen Urſachen ab. Die Lüge hinſichtlich meines guten Einverſtändniſſes mit meinem Gemahl wäre bald ans Tageslicht gekommen. Welche zärtliche Vorwürfe mußte ich anhören! ... Ich ſchwieg, denn ſie zeigten mir die Größe der Anhäng⸗ lichkeit ver Frau von Richeville an mich. Auch ver⸗ diente ich ſie in ihren Augen. Zum erſten Male in meinem Leben koſtete ich die Art bitterſüßen Genuſſes einer Verkennung, die ein einziges Wort in Anbetung umwandeln würde ... Wie ſchön, ſagte ich mir, von Allen verkannt und angeklagt, ſtill für ſich allein an einem Werke fort arbeiten, das Alle bewundern müßten, wenn ſie die wahren Triebfedern erſchauten. Erſt damals fühlte ich, wie das Bewußtſein eines edlen Zweckes den Einzelnen im Kampfe gegen die Maſſe aufrecht erhält. Vor allen Dingen galt es, die Buhlerkünſte Ur⸗ ſulas unſchädlich zu machen, ehe ich Herrn von Roche⸗ gune für Emma gewinnen konnte. ch leugne nicht, daß der heiße Wunſch, ſo ſchnell als möglich mein Ziel zu erreichen und das erhebende Bewußtſein, für eine edle Sache zu wirken, mir unge⸗ wöhnliche Stärke liehen und meine Thatkraft überreiz⸗ ten. Sonſt wäre ich dem Drucke des Opfers erlegen. Oh! noch in dieſem Augenblicke merkte ich den gewaltigen Unterſchied zwiſchen einer Liebe zu Herrn S Rochegune und meiner frühern Liebe zu Herrn von ancry. Letztere hatte alle Saiten meiner Seele erſchlafft und abgeſpannt. Ich konnte nichts, als Dulden. Er⸗ ſtere begeiſterte mich zu den ſchwerſten Opfern. Noch 191 unter Thränen und Herzeleid wollte ich vieſes angebe⸗ teten Mannes mich würdig erweiſen. Oh! wie ſtolz war ich auf dieſe Liebe, dieſe unbe⸗ fleckt bewahrte Perle meiner Bruſt ... In ſchwachen Stunden, immer fiel mir jene innere Stimme ein, die ich an Emma's Sterbelager vernommen: Wenn er wüßte! Ja, ſagte ich mir, wenn ich ihm morgen mein Geheimniß entdecke, ſo bittet er mich fußfällig um Ver⸗ zeihung und liebt mich leidenſchaftlicher als je. Und wurde die Verſuchung ſo mächtig, daß ich ihr zu erliegen drohte, dann klang mir jene wohlbekannte Stimme in den Ohren: Muth, arme Frau, Muth! du weißt nicht, was es heißt, durch DOpfer das Recht, über dich ſelbſt zu weinen, erkauft zu haben ... Und ſiehe, ich fühlte wirklich die heilige Wolluſt deß Schmerzes! Endlich ſprach ich zu mir: Und gelingt dein Plan, wird Emma die Gattin des Herrn von Rochegune, dann kannſt du dich geſetzlich von deinem Manne ſchei⸗ den laſſen, zu Frau von Richeville zurückkehren und Herrn von Rochegune dein Geheimniß entdecken „. Wie wird er dir ſein und Emma's Glück danken! . Welcher ſüße Lohn nach ſo unſäglichen Leiden! Wie friedlich und glücklich werden deine Tage dahin fließen!! . Der gefürchtete Sonntagmorgen war da. Ich nahm von Emma Abſchied, die allein im Zim⸗ mer ſich befand, ſchärfte ihr nochmals die äußerſte Ver⸗ ſchwiegenheit ein und bat ſie, mir durch Blondeau meine Briefe zu beantworten. Als ſie meine Rückkehr zu meinem Gemahl erfuhr⸗ konnte das arme Kind eine freudige Aufwallung nicht unterdrücken, trotz ihrer Zärtlichkeit gegen mich. Nicht 4 Herz, ſondern der Drang ihrer Liebe war Schuld aran. 192 Zugleich verſprach ich ihr, ſie oft zu beſuchen. Mein Plan brachte dies mit ſich. Sonntag Morgens zur beſtimmten Stunde erſchien Herr von Lancry. Nachträglich muß ich bemerken, daß er ſeit Urſula's Verſchwinden die Sorge für ſeine Perſon und Klei⸗ dung faſt bis zu ſchmutziger Nachläßigkeit vergeſſen hatte. Seine Züge waren durch Kummer, Nachtwachen und allerhand Ausſchweifungen, womit er die Glut ſeiner wahnſinnigen Leidenſchaften erſticken wollte, furcht⸗ bar erſchlafft und verſtört. Die eingefallenen, matten Augen, das bleiche, abgemagerte Geſicht, der lange Bart, das ungekämmte Haar, die harte und rauhe Stimme — ſah er wie das Laſter, wie das Elend ſelbſt, aus!! . Mein Gott! War das derſelbe Mann, der noch vor wenig Jahren im Glanze der Jugend, der Schön⸗ heit und des Glückes prangte? .. „Ich gratulire Ihnen,“ redete er mich bei ſeinem Eintreten an „ich gratulire Ihnen, Madame, daß Sie ſich eines Beſſeren beſonnen haben, wenn nicht etwa eine Liſt dahinterſteckt . Aber beim Zeus! Ma⸗ dam, der Herr von Lanery läßt ſich nicht von Weiber⸗ liſt fangen! Wann gehen wir, mein Herr? „Gleich auf der Stelle, Madame, auf der Stelle! ... fünf Minuten ſtehen zu Ihrem Dienſt, ſich von Ihrem platoniſchen Freunde zu verabſchieden.... Geniren Sie ſich nicht!“ Ich habe mich ſchon bei Frau von Richeville ver⸗ abſchiedet. Uebrigens hoffe ich ſie bald wieder zu ſehen! „So vft ſie wollen,. wenn nicht etwa ic ich mich eines Andern beſinne.“ 2 Mein Herr, befehlen Sie, ich bin bereit .. „Einen Augenblick! Ich muß Ihnen voraus ſagen, beſte Freundin, daß meine Wohnung nicht die glän⸗ 193 zendſte iſt .. Sie wiſſen, ich habe mein Haus ver⸗ miethet . aus Gründen, die Sie leicht errathen .. Das Quartier, das ich mittlerweile bezogen, wird Ihnen nicht ſonderlich behagen... Dazu fehlte mir die Zeit, es wohnlich einzurichten . Ich werde mich zu behelfen wiſſen, mein Herr, wenn ich nur ein Zimmer für mich und ein anderes für Blondeau habe .. Die nothwendigſten Mobilien will ich holen laſſen. „Und den Reſt will ich verkaufen laſſen, Madame. Denn ich muß geſtehen, daß ich ganz abſonder⸗ lich in Nöthen bin.. Sie ſtaunen, Madame? Aber es iſt einmal ſo. .. Um mit der Thüre in's Haus zu fallen, ich habe geſpielt, aus Aerger geſpielt . . . und viel geſpielt . . und habe noch mehr verloren. . . Gewiß ſind Ihnen einige Er⸗ ſparniſſe geblieben, Madame? Ich denke, mein Herr, wi Zeit davon reden. . . „Ganz recht, Madame. .. Wollen Sie meinen Herr von Lanery und ich ſtiegen in einen Mieth⸗ wagen. Blondeau folgte mit den nothwendigſten Sachen in einem andern. Mein Bedienter hatte den Auftrag, denſelben Abend verſchiedene andere Artikel nachzubringen. Im Wagen ſagte Herr von Lanery: „Ich könnte meinen Diener fortſchicken, aber er iſt mir treu. Drum will ich ihn behalten. Er und Ihre Madame Blon⸗ deau find uns genug. . . Ich ſpeiſe nie zu Hauſe, ſo werden Sie Ihr Eſſen bei einem Reſtaurateur holen laſſen. .. Die Hausmagd kann Ihrer Blondeau helfen.“ Vor ſechs Jahren, mein Herr, ungefähr um die⸗ ſelbe Zeit, kehrten wir von Chantilly zurück.. Auch damals hatten Sie die Gewogenheit, einen Haushalt e⸗ Die Zeiten find anders geworden, mein err rkönnten zu gelegenerer 194 „Ganz anders, Madame. Kein Wunder! Ein Tag gleicht ſo wenig dem andern, wie ein Blatt dem andern. . Man ſieht, Madame, das ſpöttiſche Blut der Marans fließt in Ihren Adern. .. Aber thut nichts; ich bin ein geduldiger, ſanfter Ehemann nicht immer, aber. . . Doch, da ſfind wir an Ort und Stelle Wirhielten vor einem alten Hauſe der Straße ****. Ein dunkler, ſchmutziger Hof führte zum Hinter⸗ gebäude. Im zweiten Stocke empfing uns der Kam⸗ merdiener des Herrn von Lanery, die mir wohlbekannte alte Fratze. Ein kleines Vorzimmer, wo Alles in buntem Wirrwarr durch⸗ und übereinander lag, ein dürftig meublirter Wohnſal; rechts davon die Schlafkammer meines Gemahls, links die meinige, daneben ein Kabinet für Blondeau — das war die Wohnung, die ich mit Herrn von Lanery theilen ſollte. Die ſchmierigen Tapeten hingen loſe an den Wän⸗ den, die Fenſtervorhänge fehlten, das Getäfel war räucherig, der Fußboden faſt ſchmutzig, kein Ta⸗ geslicht fiel in dieſe dunkle Höhle. . Ich kann nicht ſagen, mit wie unheimlichen Ge⸗ fühlen ich dieſe Behauſung betrat. Die arme Blondeau wich nicht von meiner Seite und zitterte am ganzen Leibe. „Nun, wie gefällt es Ihnen hier?“ fragte Herr von Lanéry ſpöttiſch lächelnd. . „Die goldnen Zeiten find vorüber, meine Beſte! Zetzt kommen die eiſernen. .. Wir haben das weiße Brod vor dem ſchwarzen verzehrt.“ Ich werde mich in Alles finden, mein Herr. Nur n ich einige nothwendige Veränderungen zu treffen. „Nach Belieben, Madame.. Sie ſtören mich hier durch keinen Lärm, wie in Maran. Ich gehe früh 195 aus und komme erſt ſpät zurück, oft gar nicht. .. Thun Sie, was Sie wollen.“ Zuerſt bitte ich Sie, meinen Bedienten behalten zu dürfen. . „Wenn Sie ihn bezahlen können, ja. . . Er mag im Vorzimmer ſchlafen. Fritz ſchläft oben. . .“ Blondeau ging hinaus. „Jetzt, Madame, muß ich Ihnen frei und offen erklären, wie es zwiſchen Gatten ſein ſoll, daß ich höchſtens noch tauſend Thaler habe. . . Wie ſteht es mit Ihrem Geſchmeide, Ihren Diamanten, Madame? Sie haben bis voriges Jahr eine Penſion von zwan⸗ zig tauſend Franken bezogen, von der Sie in Ihrer Einſiedelei gewiß viel erſpart haben Iſt's möglich, rief ich erſchreckt aus, daß Sie ſo gänzlich ruinirt ſind? „Als Urſula verſchwand, blieben mir noch 250,000 Franken. Die Verzweiflung brachte mich an den Spiel⸗ tiſch.. Ich habe Alles . Alles eingebüßt. .. Was ſt das Klagen? Es iſt ſo, und damit Punk⸗ un So bin ich denn bloß hier, um Ihr Elend zu theilen? Was wollen Sie mit mir, da Sie den gan⸗ zen Tag nicht zu Hauſe ſind? Weßhalb haben Sie mich zur Rückkehr gezwungen? fragte ich erſchreckt und meinen Gehorſam bereuend. Aber die Reue kam zu ſpät. Ich mußte alle Fol⸗ gen meines Schrittes auf mich nehmen, oder meinen Plänen entſagen. Da war nicht Einer, auch nicht Einer, dem ich meinen Schmerz klagen, oder den ich um Rath und Troſt anſprechen durfte. Hatte ich doch behauptet, aus eigenem freiem An⸗ triebe zu Herrn von Lanery zurückzukehren. Ich mußte alſo eine heitere Miene heucheln. „Sie fragen mich, Theuerſte,“ antwortete Herr von Lanery, „weßhalb ich Sie zu mir eingeladen habe? Erſtens, um das Glück Ihrer Geſellſchaft zu genießen. Sodann ſodann doch das küm⸗ mert Sie nicht. . .“ So häben Sie gehäſſige Abſichten mit mir, daß ich ſie nicht wiſſen darf? „Abſichten hin und Abſichten her. . . Ich will mein Recht, und kraft dieſes Rechts behalte ich Sie.. Um Ihnen aber ein für allemal jeden Ge⸗ danken an Flucht, unter dem fabelhaften Vorwande einer Eheſcheidung, zu benehmen, geruhen Sie dieß Papier durchzuleſen. Es iſt die Abſchrift eines juridi⸗ ſchen Gutachtens dreier der berühmteſten Pariſer Sach⸗ walter, und hat mich fünfzig Luisd'or, ſage fünfzig Louisd'or gekoſtet. Viel Geld unter ſo bewandten Umſtänden, aber doch war die Gewißheit, ruhig an Ihrer Seite fortleben zu dürfen, mir viel mehr werth. Sie erſehen daraus, daß die Frage, ob Sie die geringſte Ausſicht hätten, mit Ihrer Bitte um Ehe⸗ ſcheidung durchzudringen, von allen Dreien ein⸗ ſtimmig mit Nein beantwortet iſt, weil das Un⸗ recht auf beiden Seiten gleich groß. . . Zugleich ver⸗ ſicherten alle drei, daß das Gericht die Eheſcheidungs⸗ klage nicht einmal annehmen werde, ſobald förmlich erwieſen ſei, daß Sie freiwillig in die eheliche Be⸗ hauſung zurückgekehrt ſeien, weil Sie ſtillſchwei⸗ gend dadurch erklärten, daß Sie alles frühere Unrecht, wie ſchreiend es auch geweſen, vergeben und vergeſſen hätten.. Ich geſtehe, ich erwartete nicht, Sie bei ſo guter Laune zu finden, und wollte daher nochmals den Weg der Güte verſuchen, ehe ich Ihnen den Ge⸗ richtsboten zuſendete. .. Denken Sie ſich mein Er⸗ ſtaunen und meine Freude, als ich dies aller⸗ liebſte kleine Billet erhalte, worin Sie, nach reiflicher Erwägung der Sache, Ihren freien Willen zur Rückkehr zu erkennen gaben.“ Ich bebte zuſammen über eine ſolche Unklugheit 197 von meiner Seite. Herrn von Lanery entging meine Beſtürzung nicht. „An das dachten Sie nicht, wertheſte Freundin, nicht wahr?. . O dieß unſchätzbare Stücklein roſen⸗ rothen Atlaspapiers, riechen Sie, wie es duftet, „ ſagte er mit teufliſcher Schadenfreude und hielt mir meinen Brief her. .. „Das nietet Ihre Ketten auf ewig und die werden nicht immer von Roſen ſein . fürchte ich. .. Aber meine Toilette nimmt mich in Anſpruch! . Madame, ich möchte aus⸗ nahmsweiſe heute als Adonis mich zeigen. Adieu denn, Madame! .. Spöttiſch ſich verbeugend, ging er in's Neben⸗ zimmer. So war denn mit der Gegenwart auch meine ganze Zukunft unwiderruflich an dieſen Menſchen ge⸗ unden. Alle Hoffnungen, die ich ſo eben noch genährt, ſanken in Nacht und Nebel dahin. Gott! Welch ein Augenblick! Ja, ja! Herr von Lanery hatte nur allzu Recht. Der unſelige Brief richtete mich zu Grunde, denn er alle Ausſicht auf eine künftige Eheſchei⸗ ung ab. So zog ſich der eiſerne Knoten des Schickſals immer enger um mich zuſammen. .. Es fehlte nur noch, daß meine Befürchtungen hin⸗ ſichtlich Urſula's Wahrheit wurden. Auch der Schlag traf mich. . Denn Abends, als ich mit der Einrichtung meines Zimmers beſchäftigt war, brachte man mir folgenden Brief: „Madame! „Einer Ihrer beſten Freunde, der ſeit lange Sie über die geheimſten Gedanken Ihres Gemahles auf dem Laufenden erhält, wünſcht Ihnen die erſte Nach⸗ richt zu bringen, daß auf Urſula's Befehl Herr von Lanery Sie in ſeine Wohnung gelockt hat. Urſula 198 wollte Sie dadurch von Herrn von Rochegune, den ſie leidenſchaftlich liebt, abziehen. „Urſula hat Herrn von Lanery nicht geſehen, ihm aber geſchrieben, daß ſie nur unter der Bedingung eine Zuſammenkunft ihm bewillige, wenn er Sie in ſein Haus hole und dort feſthalte. . . Natürlich denkt ſie nicht daran, Wort zu halten, eben ſo wenig be⸗ greift der arme Schelm, daß er Urſula den größten Dienſt erweiſt, wenn er Sie von Herrn von Roche⸗ gune trennt. „Man hat in Urſulas Händen das Original eines Gutachtens dreier der berühmteſten pariſer Sachwalter geſehen, nebſt der Abſchrift eines Briefes, worin Sie ſich herzlich bereit finden laſſen, zu Herrn von Lanery zurückzukehren. „Hieraus, und aus dem Berichte des Doktors Gérard, folgt: „Erſtens, daß Emma vor Kummer ſtirbt, was der Frau von Richeville und Ihnen, die Sie fe unnütz geopfert haben, nicht gleichgültig ſein ann; „Zweitens, daß Rochegune den Buhlerkünſten Ur⸗ ſulas erlegen. Das wird Ihnen empfindlich ſein; „Drittens, daß Sie nie wieder Ihren Gemahl verlaſſen .. ſelbſt dann nicht, wenn Herr von Lanery merkt, daß Urſula ihn hinters Licht geführt hat. Man wird ihm andere Gründe geben, um Sie feſtzuhalten; Gründe, worüber Sie nicht wenig er⸗ ſchrecken würden, wenn ſie in der Zukunft zu leſen Simöchten Dieſer Brief konnte von keinem Andern als Herrn Lugarto geſchrieben ſein. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Correſpondenz. Ich wußte jetzt zu meinem nicht geringen Troſte, warum Herr von Lanery meine Rückkehr zu ihm ſo gebieteriſch verlangte. In wie trübem Lichte der anonyme Brief mir meine Zukunft zeigte: doch gedachte ich vor der Hand nur der Gegenwart. Ohne Zweifel ſchlug ich den Einfluß Urſulas auf Herrn von Rochegune zu hoch an. Sie hatte mich zu tief gekränkt, als daß er ihr auch nur einen Augen⸗ blick Gehör ſchenken konnte. Die größte Schwierigkeit war und blieb die, Herrn von Rochegune für Emma zu gewinnen, ohne ihn merken zu laſſen, daß ich um die Liebe dieſes armen Kindes wiſſe . . Ich hoffte Alles von jener in⸗ nern Stimme, die mich ſchon einigemal geleitet und berathen hatte. Dank der Fürſorge des ſeligen Herrn von Mor⸗ tagne, die mich in den Stand geſetzt, Maran unter dem Namen der Fran von Richeville wieder anzukau⸗ fen, war ich zwar gegen jeden Mangel geſichert, aber die Seltſamkeit meiner Lage nöthigte mich, dieſen Umſtand zu verheimlichen und das Elend, wozu die Ausſchweifungen meines Gemahls mich verdammt, mit Geduld zu tragen. Ich ſah in dieſem faſt ärmlichen Leben eine neue Prüfung des Himmels. Blondeau that ihr Beſtes, eine traurige Wohnung ſo hübſch als möglich einzurichten. Herr von Lanery war ſelten zu Hauſe. An ſeiner Stimmung konnte ich merken, ob Urſula ihn ermuthigte oder nicht. Immer noch hoffte ich, daß er in eine Scheidung willigen 200 werde, ſobald Urſula ihren Befehl, mich feſtzuhalten, zurücknahm. Mehr als mein erzwungener Aufenthalt bei Herrn von Lanery bekümmerte mich der Verluſt des Herrn von Rochegune und die Ungewißheit über Emmas Zukunft. Den zweiten Tag nach meinem Einzuge beſuchte mich Frau von Richeville, nachdem ſie ſich zuvor von der Abweſenheit meines Gemahles überzeugt hatte. Die Aermlichkeit meiner Wohnung rührte ſie bis zu Thränen. Erſt jetzt, geſtand ſie mir, begreife ſie Mitleiden mit dem Schickſale des Herrn von ancry. Ich erfuhr, daß Emma ſich raſch erhole und Herr von Rochegune ſich leidend befinde. Meine Annäherung an Herrn von Lanery werde, ſo erzählte ſie mir, ſehr verſchieden beurtheilt. Die Einen tadelten ſie ebenſo ſehr, als die Andern ſie prieſen. Aber was kümmerte mich Lob und Tadel der Welt? Den Tag darauf erhielt ich folgendes Schreiben des Herrn von Rochegune: „Paris. „Vergeſſen Sie mein ungerechtes und hartes Be⸗ nehmen gegen Sie. Ich habe mich geſtern von mei⸗ ner Eitelkeit hinreißen laſſen, und Eitelkeit iſt das Grundübel unſrer Natur. Weil Sie für einen Andern empfanden, was Sie nicht für mich empfanden, er⸗ wachte meine Eigenliebe und verblendete mich bis zum Unverſtand, ſo daß ich in Herrn von Lanery nicht ſah. „All das iſt ſehr begreiflich. Aus dem Himmel hochherziger Gefühle bin ich in die Alltagswelt der Eiferſucht hinabgeſunken, und mußte es. Die plato⸗ niſche Liebe iſt einmal nicht möglich zwiſchen jungen Leuten; früher oder ſpäter unterliegt das Eine oder mehr Ihren Gemahl, ſondern meinen Nebenbuhler 7. Andere. Dieſe Liebe iſt eine gefährliche Falle. Ohne 201 den unter der Aſche fortglimmenden Funken Ihrer Leidenſchaft für Herrn von Lanery wäre Ihre Tugend, gleich der meinigen, erloſchen, „Ich habe Ihren Schritt ganz von Ihrem Standpunkte aus erwogen, empfunden, daß Sie nicht den geringſten Vorwurf verdienen. Um ſo ſchlim⸗ mer für mich! So darf ich nicht einmal trauern. „Ihnen mein Leben weihen, unſer Glück in der Einſamkeit genießen — denn je feuriger die Liebe, um ſo gewiſſer ſucht ſie die Einſamkeit — das war die Aufgabe meiner Zukunft! Was bleibt mir? Nichts! Weder die Liebe des Bruders, noch die des Liebha⸗ bers . . Seitdem ich in Ihnen das Weib erblickt iſt die Schweſter verſchwunden. „Und das Weib hat mir plötzlich einen Andern vorgezogen ſo iſt das Weib nicht mehr für mich da. „Es geht mit den Eindrücken, wie mit der Zeit. Man kann ſie nicht ungeſchehen machen. Ich kann ſo wenig wieder Ihr Bruder werden, als aus einem kreißfiährißen Mann ein zwanzigjähriger Jüng⸗ in „Wir ſind geſchieden auf ewig ge⸗ ſchieden! „Der Bruder würde die Rückkehr zu Ihrem Ge⸗ mahl uneigennützig gebilligt oder getadelt haben, un⸗ beſchadet des alten Verhältniſſes Der Liebhaber kann es nicht. . „Ich bin jetzt dreißig Jahre alt. Seit meinem achtzehnten Jahre habe ich Sie geliebt und Ihnen meine Liebe durch Thaten bewieſen. „ . „Die Liebe iſt todt, aber ihr Gedächtniß lebt ewig ort. „Ich gedenke Ihrer, wie ich geliebter Todten ge⸗ denke — mit frommer Andacht. „Nicht heute und morgen bloß, nein! in alle Mathilde. v. 14 202 Meine Aſche ſoll mit der Ihrigen vermiſcht, im Grabe modern. Dieſe Gefühle für Sie bleiben unwandelbar dieſelben! „Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Mathilde! Den Sterbenden ſchilt man nicht, . . . man be⸗ weint ihn. „Wozu dieſe von Grab und Tod entlehnte Sprache? fragen Sie . Um Ihnen zu beweiſen, daß die Vergangenheit nicht verwünſcht, gehaßt, ver⸗ nein! daß ſie mir eiskalt iſt, wie die Grüft daß ſie öd it daß ſie nicht vergeſſen, daß ſie gemor⸗ det iſt. „„Ich bin zu einem elenden Leben verdammt, Ma⸗ thilde! heute will ich ſo . . . morgen anders . Ihr Verluſt hat mein ganzes Lebensgerüſte umgeſtoßen. Ich muß es wieder aufbauen muß von vorn anfangen zu leben 2ch! und bin ſo lebensſatt! „Ich glaubte ſchon das Ziel erreicht zu haben Aber nein! Weiter vorwärts und immer wei⸗ ter! Und durch welche Lebenswüſte, mein Sbt „Paris.“ „Geſtern, in einem Anfall von Haß und Wuth ging ich aus, Ihren Gemahl zu fordern und zu tödten. „Ja, zu tödten. Es gibt gewiſſe Ahnungen, die nie lügen. „Aber eben dieſe Gewißheit hielt mich zurück. Ich wollte nicht ſein Mörder werden. Zum Beweiſe, daß ich mich vollſtändig von Ih⸗ nen losgemacht habe und Ihnen nie vergeben werde, daß Sie einen Schuft mir vorziehen konnten, diene der Umſtand, daß ich mir ganz trocken ſagte: der Tod des Herrn von Lancry und Ihr Wittthum werde zwi⸗ ſchen uns eine unüberſteigliche Schranke ſetzen. „Und doch hätte dieſer Gedanke allein mich nicht ——— Sie zweimal einem Nichtswürdig 203 abgeſchreckt Wären, Sie mworgen frei, würde ich mit größter Seelenruhe eine Hand ausſchlagen, die en reichen konnten!!!“ „ . . * Von dieſen beiden Briefen that der letzte mir am Weheſten. Denn er zeigte, wie ſicher und tief ich Herrn von Rochegune in die verwundlichſte Stelle ſeines Herzens getroffen. Nie zuvor hatte er ſich ſo entſchieden, ſo förmlich von mir losgeſagt. Um ſo ſchneller und ſicherer hoffte ich zum Ziele zu kommen. Urſula fürchtete ich ſtets am Meiſten, obgleich ich überzeugt war, Herr von Rochegune werde ſie mit ſchnöder Verachtung von ſich ſtoßen. Während ich ſo nachſann, wurde mir folgender Brief des Herrn Lugarto oder eines ſeiner Helfershelfer — denn ich kannte die Handſchrift nicht — gebracht. Man denke ſich meinen Schrecken, als ich las: „Paris. „Der unbekannte Freund, dem Sie ſchon ſo manche angenehme und werthvolle Nachrichten über die Geheimniſſe Ihres Herrn Gemahls verdan⸗ ken, ſetzt ſein Unternehmen mit um ſo größerem Ver⸗ gnügen fort, als die Ereigniſſe ihm nach Wunſch zu Statten kommen und immer intereſſanter für Sie werden. „Dießmal iſt es vor Allem auf Urſula und ihr Schattenſpiel abgeſehen, worin der Schatten des Herrn von Rochegune die Hauptrolle ſpielt. Man hofft, es werde Ihnen um ſo beſſer gefallen. Sie ſollen Alles erfahren, nur nicht ihren Aufenthalt oder doch nicht mehr, als daß ſie in einer der entlegenſten und einſamſten Vorſtädte von Paris wohnt. „Urſula hat ſeit zwei Jahren ein Kammermädchen (ſie heißt Jungfer Zephhrine), der ſie ſich unbedingt an⸗ 204 vertraut. Dieſe erhielt kurz vor dem Faſtnachtball in der großen Oper von ihrer Herrin den Auftrag, ein recht verſteckt gelegenes Zimmer oder Häuschen zu miethen. „Jungfer Zephyrine, die ebenſo eifrig und geſcheidt als ihrer Herrin treu ergeben iſt, fand in einer der entlegenſten und größten Vorſtädte von Paris eine wahre Trappiſtenzelle. Zwei Tage nach dem Faſt⸗ nachtsballe verließ Ihre ſchöne Rivalin glücklich das Hotel Maran nebſt aller ſeiner Herrlichkeit, und bezog mit Jungfer Zephyrine ihre klöſterliche Wohnung, wo ſie ſich vierzehn Tage einſchloß, während welcher Herr von Lanery ſich beinahe die Beine ablief, ohne den keuſchen Flüchtling erwiſchen zu können. „Beifolgend erhalten Sie die Quinteſſenz von Urſula's geheimſten Gedanken, die ſie in ein verſchließ⸗ bares Album, wozu fie allein den Schlüſſel hat, ein⸗ zutragen pflegt. „Sie erſehen aus dieſer Indiscretion, daß Jungfer Zephyrine während der Spaziergänge ihrer Herrin Mittel findet, das Album auch ohne Schlüſſel zu öffnen, das Merkwürdigſte abzuſchreiben und es ihrem unſichtbaren Gebieter zuzuſtellen, der es nit aufrichtigem Vergnügen an Sie wieder befördert. „Dieß Tagebuch fängt an vor ungefähr zwei Jah⸗ ren und ſchließt mit den Erfahrungen der letzten Tage. Man zweifelt keinen Augenblick, daß dieſe Auszüge Ihnen ebenſo unterhaltend als lehrreich ſein werden.“ Auszüge aus Urſula's Tagebuch. Ich feierte heute Abend einen großen Triumph Mathilde und ich trafen uns in der italiäniſchen Oper Ich habe ihren Gemahl vor ihren Augen gemißhandelt .. Ihr Gontran abwendig machen, war eine Rache ihn vor ihren Augen demüthigen, eine große Luſt. — Herr von Senneville gilt für un⸗ —— — 205 widerſtehlich. Er iſt Einer von jenen Männern, die ungeheuer viel verſprechen, ſo lange man ſie nicht kennt. Bei allem Anſtand dieſer affectirte, dumme Ernſt! Der muß ihn ſelbſt vor dem Spiegel nicht verlaſſen. Ich wette, er bindet ſich das Halstuch mit der Miene eines Philoſophen! Sein Gezwitſcher iſt ebenſo reizend als unerträglich, denn er trillert allerliebſt immer dieſelbe Arie. Sein größter Fehler in meinen Augen iſt: ſeine Hübſchheit. Von männlicher Schönheit kann bei ihm ſo wenig die Rede ſein als bei Herrn von Lanery, der mir nie gefallen hat. Das ſind nichts als glatte All⸗ tagsgeſichter, die die Natur verächtlich in ihren Model: hübſch, Nro. 1. wirft, ohne ſich die Mühe zu neh⸗ men, ihnen ein vriginelles Gepräge zu geben. — Lord C iſt beſſer, ausdrucksvoller, aber durch und durch Engländer, d. h. verlegen bei aller Arroganz, und griesgrämig bei aller Tölpelei. Wie ihre Haut, ſo iſt auch ihre Seele von Flanell. 4* * O daß ich endlich den kernfeſten, diktatoriſchen, leivenſchaftlichen Mann fände, der mit eiſerner Fauſt mich zuſammenbiegt wie ein Rohr. — Wie verächtlich iſt mir dieſer Gontran! Dieſe feige Sclavenſeele! Er liebt mich, wie ein Lakai, der mit Fußtritten tractirt zu werden fürchtet. — Was ſoll ich mit dieſem Elen⸗ den, der ſeine Frau beſtiehlt ... Denn ſich für mich zu Grunde richten, iſt nichts anders, als ſie beſtehlen auf die gemeinſte Weiſe beſtehlen.. .. Und ja. ja, ich haſſe ſie. Sie ſieht nicht aus, als wäre ſie un⸗ glücklich. Ich glaube gar, ich Närrin habe ſie von ihrem Manne befreiet .. Fräulein von Maran erzählte mir heute ein Witz⸗ wort der verſtorbenen Herzogin de la F**, das vor⸗ trefflich auf mich paßt. Es war die Rede von der Frau von P, welche vor der Revolution die Hul⸗ digungen des Prinzen **s beſſer als gut aufnahm. „Grenadiere,“ rief die Herzogin de la Fs, tyranniſi⸗ ren, Abbeé's ſcandaliſiren, Juriſten compromittiren, aber Prinzen von Geblüt und Finanzmänner honoriren .. .. und die hat eine Frau, die auf ihren Ruf hält, immer bei der Hand.“ Gewiſſe Leidenſchaften einflößen, iſt ſchmeichelhaft ſie verſchmähen, noch ſchmeichelhafter. * 3 Herr von Volanges, einer meiner neuen Anbe⸗ ter, hat ſich beifallen laſſen, eine ſogenannte Kokette⸗ rie mir vorzuwerfen und ſich bitter zu beſchweren, daß ich ihn ſeit zwei Monden zum Entzücken aufnehme. — Gibt es was Dümmeres auf der Welt, als ſolche An⸗ ſchuldigungen? Ein Menſch beklagt ſich, daß ich ihm einige Wochen lang beſondere Aufmerkſamkeit erweiſe?! — Seine Bewerbungen nicht zurückweiſen, wäre ſchon Dank genug Jetzt thue ich tauſendmal mehr, als er verdient, und doch klagt er?! — Dieſe Kurſchneider, die ewig über unſern Wankelmuth jammern und ſich Gott weiß! einbilden, welche Rechte ſie auf uns haben, ſind um nichts beſſer, als die Diebe, die ſich beſtohlen glauben, wenn ſie nach Wundern von Geduld und Geſchicklichkeit nichts erwiſchen als einen leeren Koffer * *6 In Theorie und Praxis habe ich ſtets die Männer als unſere geſchworenen Feinde angeſehen. — Selbſt bis in die leidenſchaftlichſte Liebe verſteigt ſich ihr Haß, oder richtiger) die Liebe, die zur Leidenſchaft wird, ver⸗ wandelt ſich in Haß. Mathildens Gemahl ver⸗ göttert mich und — flucht mir; er trägt mein Joch, aber vor Wuth zitternd .. Er liebt mich, weil er mich lieben muß. — Ich quäle ihn unbarmherzig, weil ich das Geheimniß meiner Herrſchaft über ihn kenne, ———— — 207 und dieß Geheimniß ein unedles iſt. — Mehr noch . Meine Feindſchaft wider Mathilde kennt keine Gränzen. Dennoch gefalle ich mir in meiner Schonungslofigkeit hegen einen Menſchen, der ſie ſo unglücklich gemacht t Erhören wir die Wünſche der Männer nicht, ſo verabſcheuen ſie uns; erhören wir ſie, ſo verachten ſie uns. — Sie verzeihen niemals weder Tugend, noch Schwäche. — Während ſie uns den Hof machen, lauert im Hinterhalte des Herzens ein ganzes Heer gehäſſiger Gedanken: Eitelkeit, Lüge, Eiferſucht, endlich Mißtrauen, Heuchelei, und die ekle Furcht, mit langer Naſe abzie⸗ hen zu müſſen. . .. Von Liebe iſt da keine Rede, kaum von Geſchmack oder Laune. Mehr als Alles reizt ſie der Stolz, über ein argloſes Herz oder über ihre Ne⸗ benbuhler zu triumphiren. — Es gibt vielleicht keinen Mann, der nicht lieber vor Aller Augen glücklich ſchei⸗ nen, als unter der Bedingung des tiefſten Geheimniſ⸗ ſes glücklich ſein will. — Sie ziehen das ſcheinbare Opfer unſeres Rufes dem wirklichen, aber verborge⸗ nen Opfer unſerer Grundſätze vor. — Wie viele Män⸗ ner würden, unter beziehungsweiſe gleichen Verhält⸗ niſſen, für eine Frau wagen, was dieſe wagt, wenn ſie ſich hingibt? .. So habe ich neulich irgendwo geleſen: Wenn für einen ſträflichen Umgang der Ge⸗ liebte mit dem vierten Theile ſeines Vermö⸗ gens büßen müßte, würde ſich kein Mann der Ge⸗ fahr ausſetzen, ſeine Liebe ſo theuer zu erkaufen Daher tröſte ich mich, daß wir in keinem Falle den Männern ſo viel Böſes anthun, als ſie uns an⸗ thun möchten. * * Dieſer Schauſpieler hat einen beſondern Eindruck auf mich gemacht und mich durch ſein leidenſchaftliches 208 Spiel zur Bewunderung hingeriſſen. — Er hat ſeine Rolle mit wilder Energie und wildem Stolze geſpielt. — Als er das Weib bei den Schultern ergriff . . . . als er ſie mit eiſerner Fauſt aufs Knie warf, war er unübertrefflich . .. Aus jedem Zuge, aus jeder Be⸗ wegung flammte die Eiferſucht hervor. — Und dann ſeine männliche, etwas rauhe Stimme bebte wie die des Löwen. — Die muthwillige Fürſtin Kſernika war mit mir auf der Vorderbühne und rief ſpöttiſch, er ſehe aus, als ob er brüllen wolle „ Die Einfältige! Soll denn der Löwe girren? ** ℳ Gleich meifterhaft war er in der Liebesſcene .. Er hat dem jungen Mädchen nicht feige, wie ein Sclave, den Kuß von den Lippen geſtohlen nein! er hat ihn als Herr eingeſogen kühn, faſt mit thieriſcher Wuth.. . ** * Als ich beim Fortgehen den Schauſpieler — er tee Stephen — gegen die hämiſchen Angriffe der ürſtin Kſernika vertheidigte, meinte Herr von Lanery, aber mit pflichtſchuldigſter Ehrerbietung, daß ich mich Stephens vielleicht etwas zu warm annehme . Ich ſah ihn mit meinem ſchwarzen Blicke an, und er erkannte ſeinen Mißgriff . . . Dann flüſterte ich ihm zu, mich kokett auf ſeinen Arm lehnend, und ſo hold als möglich lächelnd: morgen will ich an Stephen ſchrei⸗ ben und ihn bitten, mir Unterricht im Deklamiren zu geben. (Natürlich nur Scherz!) Als der arme Menſch ganz verblüfft herausplatzte, daß dieſer Wunſch minde⸗ ſtens ein ſeltſamer ſei, lächelte ich ihm noch holder zu und ſagte ihm, daß er ſelbſt mir übermorgen eine Loge miethen werde, um Stephen jeden Abend bewun⸗ dern zu können, und daß ich im Garten des Hotels Maran einen Schauſpielſal unverzüglich erbaut haben wolle. 5 * 209 Leider! zweifle ich nicht, daß es geſchehen wird. Gontran iſt feige und dumm genug, mich nicht einmal mehr durch eine abſchlägige Antwort zu zerſtreuen. Ich darf an keine Unmöglichkeit länger glauben. Er gleicht meinem Reitpferde Stella .. die iſt ſo unerträglich gut dreſfirt, daß ihre Dreſſur mich ärgert .. Ich ſchlage ſie aus Zorn, da ich keinen Grund habe, ſie zu ſchlagen. 4 * *. Der Baumeiſter des Herrn von Lanery hat mir mehrere Pläne vorgelegt, die ich aber alle zu einfach fand. Ich will den Schauſpielſal des Schloſſes von Verſailles im Kleinen, und das ſogleich. Ueber Nacht kömmt Rath, ſo ſoll denn Mathildens Gemahl nicht auf einige Abende, ſondern auf ein halbes Jahr die Theaterloge miethen, damit ich ſie nach Wunſch einrichten darf, denn das Theater, wo Stephen auftritt, iſt wahrhaft entſetzlich. Schon morgen ſollen Mobilien, Spiegel und Vorhänge da ſein. Gontran hat ſechs und dreißig Stunden Zeit, und das iſt für ſolchen Zauberer mehr als genug. 63 Ich komme ſo eben von dem Geſandtſchaftsballe zurück, der nichts zu wünſchen ließ. Obwohl ich von Anbetern umſchwärmt war, habe ich mich tödtlich ge⸗ langweilt. Gott weiß, ich habe dieſe faden Schmeiche⸗ leien herzlich ſatt! — Braucht man doch nur zu wol⸗ len, um alle dieſe Schmetterlinge ihren Geliebten oder Frauen abwendig zu machen ... Aber weil es ſo leicht iſt, eckelt es mich an. — Die Schwachheit, die auf keine Hinderniſſe ſtößt, gewährt kein Vergnügen. — Um aber auf Hinderniſſe zu ſtoßen, bin ich leider! allzuſehr in der Mode, und haben die Männer allzu wenig Grund⸗ ſätze. — O! daß ich bald Einen fände, über den meine 2¹0 Künſte nichts vermögen! Welch' ein Ruhm im Siege über ihn! 25 Der Gedanke erhob mich. Meine gereizte Stim⸗ mung entging meinem Hofe nicht. Ich ſtatuirte mehrere Exempel an Herrn und Damen, zur großen Ergötzung Fräuleins von Maran. — Sicher und gewiß, ſie iſt ganz vernarrt in mich. — Unſer ge⸗ meinſchaftlicher Haß gegen Mathilde hat uns an ein⸗ ander gekoppelt. Nicht blos das, ich erheitere ſie auch. — Mit ihrem Alter nimmt ihr Abſcheu vor der Einſamkeit zu; aber was kümmert das mich. Ich verlaſſe ſie, ſobald mein Geſchick mich anderswohin ruft. * „ * Mathildens Gemahl hat ſich ſelbſt übertroffen. Die Einrichtung der Loge läßt nichts zu wünſchen übrig. Aber wozu dieſe Pracht? Keinen Fuß ſetze ich mehr in dieſen Sal . Meine Täuſchung iſt dahin ... Bei ſeinem zweiten Auftreten erſchien mir Stephen abſcheu⸗ lich, häßlich, gemein. Wo hatte ich das erſte Mal Auge und Ohr? Und doch bedaure ich den erſtern, vom ſpätern ſo verſchiedenen Eindruck durchaus nicht, denn ohne ihn hätte ich kein Theater, und keine Luſt, Komödie zu ſpielen, bekommen. 4 5 * Ich habe ſo eben die Celimene geſpielt. — Mein Schauſpielhäuschen war allerliebſt. — Denke dir, Ma⸗ thilde! du haſt Furore gemacht. Iſt das nicht ergötz⸗ lich 2 — In der Rolle von Mademoiſelle Dejazet verrückte ich durch überkühne Koketterie allen Männern die Köpfe — O die eiteln Thoren! Kaum ſehen ſie eine Frau die Verliebte ſpielen, gleich hoffen ſie von dieſer erkünſtelten Buhlerei zu profitiren. — Sie be⸗ greifen in ihrem dummen Stolze nicht, daß man ſie 21¹ um ſo weniger fürchtet, je freier man ſich in ihrer Gegenwart benimmt! — Nach dem zweiten Stückchen kam Mathildens Gemahl mit wonneſtralendem Geſichte auf mich zu. Vermuthlich hielt er den Um⸗ ſtand, daß ich dieſe Rolle mir auserwählte, für eine Prinzipienerklärung. Aber ich habe ihn mit Schmach und Hohn abgefertigt. *4 2 ₰ Die Langeweile bringt mich oft um, während es in den Augen Aller und in meinen eigenen kein benei⸗ denswertheres Loos gibt. — Ich genieße endlich den Reichthum und den Ruf der Eleganz, wonach mich von jeher gelüſtete; ich bin im vollſten Sinne des Wortes eine Modedame, denn ich herrſche über einen Theil der beſten Geſellſchaft von Paris, die liebenswürdigſten Herren ſchmachten zu meinen Füßen und meine Neben⸗ buhlerinnen fürchten und verwünſchen mich, weil ich ihnen allzu überlegen bin, um auf gutem Fuße mit ihnen zu leben. — Vollends bringe ich ſie in Ver⸗ zweiflung, indem ich den Liebhaber, um den ſie alle mich beneiden, auf's Verächtlichſte behandle, und ihren Läſterzungen ſo frech wie möglich Trotz biete. — Gleich einem Eroberer, verdanke ich, was ich bin, mir ſelbſt. Einen faſt lächerlichen Namen habe ich zum Symbol alles Schönen, Eleganten und Ausgezeichneten gemacht. Man kopirt meine Toilette, citirt meine Bonmots, be⸗ neidet mein Glück. Mit Einem Blick, Einem Worte, erhebe ich auf den Thron der Mode, oder ſetze ab. Ich bin allmächtig. — Sobald ich mich in der Geſell⸗ ſchaft zeige, legt jede Frau ihren Anbeter an das Seil. Das ſummt und brummt um mich, wie ein Bienen⸗ ſchwarm. Aber kaum fällt eine Blume aus meinem Bouquet zu meinen Füßen nieder, ſo zerreißen alle Anbeter ihre Seile und drängen ſich um die Ehre, ſie aufzuheben zum ſchwarzgelben Aerger einer Anzahl ſchöner Damen, die ihre Korydon vergeblich zurück⸗ locken. — O wie mich das ergötzt! Dennoch fehlt mir Etwas oder vielmehr Alles — die Liebe. Ich liebe nicht und habe nielgeliebt! — Komm, o Liebe, kommel... — Einmal war mir zu Muthe, als werde der Sturm der Leidenſchaft losbrechen .. . gleichwie das dumpfe Rollen des Donners dem Ausbruche des Ge⸗ witters vorhergeht. Allein ich irrte mich. — Und doch hätte der Mann faſt begriffen, wie ich geliebt ſein will, um Alles für den Geliebten opfern zu können. — Ohne Zweifel wäre mir ein elendes Loos gefallen, er würde mich geſchlagen, verrathen und verjagt haben. .. aber ich hätte wenigſtens geliebt, hätte Augenblicke höchſter Wonne genoſſen, hätte mich in meinen eigenen Augen erhoben gefühlt .. * * — Erhoben? ... ſagt mir denn ein dunkles Be⸗ wußtſein, daß der Schmerz, wie das Feuer, reinige? Steht mir denn eine Bekehrung in der Liebe bevor? Nein, nein! ... Das Gewiſſen macht mir keine Vorwürfe, auch würde ich nicht auf ſie hören. — Ein einziges Mal habe ich mich Mathildens erbarmt, ihr ſo viel Güte und Edelmuth bewieſen, als meine Natur erlaubte. Ich habe ſchwer dafür büßen müſſen .. — Wie ſollte ich Herrn von Lanery nicht haſſen! — Oft ſteigt mir unwillkürlich die Schamröthe in's Geſicht, wenn ich bedenke, daß ich ſeinem ſchnöden Un⸗ dank wider ſeine Frau dies glänzende Leben verdanke. Umſonſt ſuche ich mein Gewiſſen zu beſchwichtigen, um⸗ ſonſt ſage ich mir, daß es nichts inmaterielleres gibt als dieſen Glanz, umſonſt habe ich Mathildens Gemahl verächtlich abgefertigt, als er mir etwas Andres als Blumen und Serenaden anzubieten 2¹3 wagte .. Oh! Gewiſſe honigſüße Getränke haben einen gallenbittern Nachgeſchmack! Diesmal, ja, diesmal bin ich in's Herz, mitten in's Herz getroffen . . . Mit heute beginnt mein Lie⸗ besleben, glücklich oder unglücklich. — Endlich habe ich den Mann, wie ich ihn im Traume erblickt, gefunden! — Er hat mich nicht bemerkt, während er vorüber⸗ ging. Ich weiß nicht, wer und was er iſt. Aber Bettler oder König, ich fühle, ich werde ihn lieben; ich fühle, ich liebe ihnz ich gehöre ihm an. — Welch edles, ſtolzes Antlitz! Welch gemeſſener, kühner Gang! Und vieſer braunliche Teint, dieſe rothen Lippen, dieſe ſchwarzen Brauen, dieſe großen, grauen Augen! Vor ſolchen Blicken muß man niederknieen und ausrufen: Herr, Herr! befiehl! Dein Sklave gehorcht! — Wer mag dieſer Unbekannte ſein? Ohl ob dieſes Zaubers, der mich beſtrickt! Kein Wort, kein Blick von ihm und doch gebunden, be⸗ herrſcht! . WMeine tief beklommene Bruſt ſagt mir, daß mein Schickſal reif iſt. Keine Spur von Romanhaftem in meinem Zu⸗ ſammentreffen mit dieſem Unbekannten! — Im Tuil⸗ lertengarten ſehe ich einen Mann langſam vor mir hergehen, deſſen Wuchs und Haltung mir auffällt. Plötzlich blickt er ſich um — und wie bezaubert muß ich ſtehen bleiben. Ohne mich zu bemerken, verſchwin⸗ det er hinter den Gebüſchen. * * * Wer iſt er? Wer iſt er? Nie habe ich ihn geſehen. Genug, daß ich weiß, er lebt. . . — Werde ich ihn je wiederſehen? — Ja, ja, „ ſonſt wäre ich ihm nicht begegnet. Er lebt, er lebt. .. Grund ge⸗ nug, alle andere Männer zu verachten. — Ja, alle. Selbſt die, welche Rechte auf mich anſprechen, habe ich ſie nicht am meiſten verſpottet und beſchimpft? — Haben ſie auch nur den kleinſten Einfluß auf mei⸗ enen Geiſt oder mein Herz gehabt? — Gewiſſe Unbe⸗ ſonnenheiten beweiſen nichts als die äußerſte Gleich⸗ gültigkeit. — Mathildens Gemahl hat geſagt und ha, ha! auch gezeigt: Ein Mann iſt kein Sklave!!! — — Gott im Himmel! Der Unbekannte iſt . . . Ma⸗ thildens Geliebter, . . der Marquis von Rochegune! Derſelbe, von dem alle Welt redet, den ich längſt kennen zu lernen wünſchte! Derſelbe! Derſelbe! — Er liebt Mathilde, und ſie ihn. . . — Habe ich nicht ein Recht, ihr zu fluchen! . . JZetzt weiß ich, warum ich ſie von Kindesbeinen an ſo unverſöhnlich gehaßt! — Eine dunkle Ahnung ſagte mir, daß ſie meine einzige Liebe mir ſtreitig machen werde!! ** * Sie liebt ihn . ſie ſie, die Unwürdige, die den Flachkopf, den Schuft von Gontran lieben... leidenſchaftlich lieben konnte! — O, wie ſtolz bin ich, daß ich vor ihm, . . . meinem Herrn und Gebieter, Keinen lieben konnte. .. Ha! auch ich klagte darüber!! . . . Fußfällig danke ich dem Zufall, der bisher mein Herz der Liebe verſchloß. - Ich ſchaudere über mich ſelbſt und Alles, was mich umgibt. — Zetzt fühle ich, wie unglücklich, wie tief geſunken ich bin in den Koth des Laſters und der Schande! Keine Thräne reinigt mich von dieſem Schmutz! Welche Täuſchung, daß ich mich ſeiner würdig ſeiner würdig. glauben konnte. .. Als ob er blos zu mir hinabzublicken wagte! — Und den Blick zu ihm erheben . . gar zu ihm reden ... — 2¹⁵ müßte ich nicht vor Beſchämung des Todes ſein! Ach, jetzt weiß ich, was Scham heißt!! .. * Ja! ich will fort aus dem Hotel Maran. Die Pracht empört mich. . Ich möchte mich vor Aller Augen verkriechen. — Um dieſe Pracht zu genießen, habe ich mich verkauft wie eine gemeine Buhldirne. — Das Weib, das aus Hunger ſich preisgibt, iſt ein Engel gegen mich. — Ich haſſe das Tageslicht. KIm Dunkeln quält mich mein Gewiſſen weniger. — Wie er ſie liebt wie ſie ihn liebt! . . . — Welcher Edelſinn! Welcher Stolz! Welcher Muth! Ehre, Vater⸗ landsliebe, Ritterlichkeit umgeben ihn mit einer Glorie, die meine matten Augen blendet. — Und um ſeinet⸗ wegen wird Mathilde ſo geachtet, geliebt und bewun⸗ dert! — Wie herrlich die Gemeinſchaft zwiſchen dieſen beiden ſchönen Seelen! . . . Wie rein und groß iſt ihre Liebe! — Und Gontran, der elende Wicht, ſpot⸗ tet ihrer, denn er verſteht ſie nicht! .. Gott ſei Dank, daß er ſie nicht verſteht! .. * 4 Ich, Närrin, habe heute zwei Stunden lang im Wagen verſteckt, vor ſeiner Thüre gewartet, . nur um ihn zu ſehen. . . Um keinen Preis möchte ich ihm in Geſellſchaft begegnen; ich würde ſeinen Blick nicht aus⸗ halten . . . würde nicht ein Wort ſtammeln können. — Seit länger als vier Wochen meide ich jede Geſell⸗ ſchaft, gehe nicht einmal zu Fräulein von Maran hin⸗ unter, wo ich doch gewiß bin, ihn nicht zu treffen. — Ich habe lange vor ſeiner Thür gewartet, bis er aus⸗ ging. Im Wagen verſteckt, bin ich ihm gefolgt bis vor Mathildens Wohnung, wo er ſechs Stunden blieb. — Oh, wie glücklich mag ſie ſein! — Neid, Haß — Alles iſt dahin. Ich kann nur noch dulden. — Wider 216 muß ich geſtehen .ſie ſind einander wür⸗ i6 Weine, weine Unglückliche! . Weine blu⸗ tige Thränen. . ſtirb aus Verzweiflung! Daß die Welt um Deine wahnfinnige Liebe nicht weiß! .. all ihr Hohn und Spott tilgt Deine Sünde ni Ach! Hätte ich ihn früher gekannt, wie ganz an⸗ ders wäre mein Leben geweſen. . . Es wäre ebenſo ſchön und ehrenhaft geweſen, als es jetzt häßlich und ſchuldvoll iſt. . . Aber es ſoll anders werden, . von Grund aus anders. .. Er ſoll meine Liebe nie erfah⸗ ren, aber das Feuer, das er in mir entzündet, ſoll mein Leben von den Schlacken läutern. — Heute noch verlaſſe ich das Hotel Maran . arm und dürftig. Ich will mein Brod erarbeiten oder ſterben; will frei ſein und an ihn denken dürfen. .. — An ihn denken dürfen, welche Verantwortung! .. * Meine ganze Energie iſt erwacht.. Morgen verlaſſe ich das Haus, und noch heute Abend muß ich mit ihm reden. . . — Ich fühle Muth genug in mir. — Ha, ha, jetzt kommt mir ein Gedanke! Ich will ihn ſchriftlich bitten, einem armen ſchüchternen Mäd⸗ chen auf dem heutigen Maskenball in der Oper einen Augenblick Gehör zu ſchenken. — Gewiß wird er kom⸗ men! — Aber bin ich kühn genug, ihn anzureden? — Der Gedanke ſtürzt mich in die alte Schwäche und Unentſchloſſenheit zurück! — Ich zittere und bebe! O, über die Feigheit! . . . — WMit welchen Gefühlen werde ich nach Jahren dieſe Zeilen wieder leſen, in welchen die Ereigniſſe meines innern Lebens gewiſſer⸗ maßen Fleiſch und Blut angenommen haben. — O wie glücklich bin ich, daß die Erlebniſſe des heutigen ——— 217 Tages . dieſer Stunde irgend eine ſichtbare Spur hinterlaſſen können! .. Ich habe mit ihm geredet, mein Gott! mit ihm geredet! — Mein Herz ſchlug gegen ſeinen Arm, meink Lippen berührten ſchüchtern ſeine Hand, ſeine edle Hand, meine Thränen netzten ſie. „ Mit welcher Güte antwortete er! . . . Aber nie, nie! iſt eine königliche Gnade dankbarer entgegen genommen, nie ein Wort aus Königsmunde gieriger angehört und verſchlungen worden! . . . Die Maske gab mir Muth, ohne ſie wäre ich verſtummt. Meine Wangen glühten in Fieberhitze. — Wie beredt ſang ich Mathildens Lob, wie bewundernd horchte er auf! . . Und dann dieſe eiſige Verachtung, als ich meinen Namen ausſprach. Aus Liebe zu ihm habe ich mich ſelbſt gebrandmarkt, micht nicht bitter genug anklagen können. .. Und dieſe Anklagen kamen aus tiefſter Bruſt. Mit wahrem Ent⸗ ſetzen blickte ich in die Kluft, welche mein vergangenes Leben zwiſchen mich und ihn gegraben. * Wie glücklich ſchien er, als er mich preiſen hörte, was er liebte, und fluchen, was er verabſcheute! Ein Wort, ein Befehl von ihm, und ich glaube, ich hätte Mathilde vergöttert. — O dieſe Anmuth, dieſe Seele, dieſer Geiſt, dieſe Gedankenfülle! Dieſe Kühnheit im Guten und Edlen, die ſonſt nur ans Laſter verſchwen⸗ det wird! O, er hat mich Begeiſterung für das Reinſte und Heiligſte gelehrt! Es war, als ſtrömte der Adel ſeiner Seele in die meinige über! Ich habe das Hotel Maran verlaſſen und will Herrn von Lanery nie wiederſehen. Mathilde V. 15 — Gottlob! daß ich aus der Stickluft fort bin. Um keinen Preis der Welt vertauſche ich meine niedere Wohnung mit einem Königspalaſte. Herr von Rochegune ſoll mich nie wiederſehn. Nie foll er erfahren, daß er zu dem Weib, das er am meiſten auf Erden verachtet und verabſcheut, gütig und ſanft geſprochen hat. — Aber ich will ihm ewig mit leidenſchaftlicher Fi mit leidenſchaftlicher Liebe ergeben bleiben als hätte er mir erlaubt, ihn zu lieben ₰a, j ich begreife die Reinheit ihrer Liebe. ich begreife ſie viel⸗ leicht beſſer, als Mathilde ſie begreift . Wahr⸗ lich mehr ais Mathilde wäre ich zu den Sn fähig, die eine ſolche Liebe gebietet. „ Bei ihr iſt ein tugendhafter Entſchluß die Folge tugendhafter Grund⸗ ſie, ſo fehlt ſie gegen ihre Pflicht Ich aber kann nimmer wanken in meinem Entſchluſſe, welche Grundſätze, Ehr⸗ und Schamge⸗ fühl, Keuſchheit weil das Alles erſt durch ihn mir gegeben oder geoffenbart iſt; weil ich alſo ihn, nicht Pflicht und Tugend vergeſſen müßte. 36 bin erſchreckt über die Verheerungen, die dieſe Leidenſchaft in mir anrichtet. Die traurigſten Gedanken gehen mir durch den Kopf. — Oh, wenn er meine Liebe wüßte, wie bemitteidete er mich! — Ja, gewiß! Er würde nich lieben, mich mehr lie⸗ ben als Muthilve — Welchen Einflüß hat er denn auf ſie geübt? Keinen . . Sie war gut und rein, ſie iſt es geblieben. Aber ich war gefallen und ver⸗ worfen, und er hat mich aufgerichtet, hat mich e rein, ebenſo gut gemacht, als Nathilde es iſt Und wer weiß, ob ſie rein geblieben iſt? Oh, wenn ſie einen Fehltritt gethan hätte, mit „ 6 219 wie viel größerem Stolz dürfte er ſeines Einfluſſes auf mich ſich rühmen. . . Aus der tugendhaften Ma⸗ thilde hätte er eine ſchuldige, aber aus der ſchuldigen Urſula eine tugendhafte gemacht! — Was iſt ſchöner? Was ſeiner großen Seele würdiger? Sollte er, der alles Edle und Große liebt, gegen eine ſolche Bekehrung gefühllos ſein? * Ja, es iſt wahr, er hat mich bekehrt. Mein Ge⸗ wiſſen, das immer ſchlief, rührt ſich jetzt. — Mein Benehmen gegen meinen Mann erfüllt mich mit Schau⸗ der „ WMein Herz bricht, wenn ich denke, daß ich ihn, der ſo gut und liebevoll war, einem Men⸗ opfern konnte, den ich verachten mußte und ver⸗ achtete. Früher hätte ich keinen Augenblick geſchwankt! Aber jetzt! . Zwei Tage, zwei lange Tage habe ich gekämpft „ und ſchwer gekämpft . Meine Liebe, die mein Leben iſt, hat geſiegt „ Was ich thue, thue ich nicht aus Eigennutz, aus Grau⸗ ſamkeit, .. ſondern aus einem Triebe zur Selbſt⸗ erhaltung .. Mein eigenes Leben ſteht auf dem Spiel! . . Ja, ja! das Mittel muß anſchlagen, es muß Herrn von Rochegune von Mathilde trennen. Ich will an Gontran ſchreiben, ohne ihm zu ſagen, wo ich bin, daß ich ihn wiederſehen will, wenn er Mathilden bewegt, zu ihm zurückzukehren. — Ich wage Viel. Vielleicht zwinge ich ſie zur Flucht, um Herrn von Lanerg zu entgehen .. Aber ich kann nicht un⸗ glücklicher werden als ich bin; ich kann Alles gewin⸗ nen, ohne Etwas zu verlieren. Gontran iſt nicht im Stande, mir das Geringſte abzuſchlagen. Das weiß ich im Voraus. Doch was ſoll ich thun, wenn Mathilde ſich in den Händen des Herrn von Lanery befindet?. Habe ich Muth genug, dem Blicke eines Mannes zu trotzen, an den ich, vhne die gewaltigſte Erſchütterung zu fühlen, nicht einmal denken kann? — Liebt er nicht Mathilde lei⸗ denſchaftlich? — Der leiſeſte Argwohn, als habe ich Herrn von Lanery zu dieſem Schritte bewogen, würde ihn mit äußerſtem Abſcheu gegen mich erfüllen! — Aber kann er mich ärger haſſen? . . Wohin ich blicke, ergreift mich Schwindel über Schwindel! — Es ſei, ja! es ſei! . . Alles oder Nichts! Träume oder wache ich? . Vor vier Tagen ſchrieb ich an Herrn von Lanery, und ſchon antwortet er mir. Und wie? Durch den eigenhändigen Brief Mathildens, worin ſie ſich freiwillig zu einem Schritte verſteht, den ſie, wie ich glaubte, nur gezwungen thun würde. — Noch einmal, träume oder wache ich? — Zephyrine kommt von Herrn von Rochegunes Bedien⸗ ten. Bei dem ſoll ſie anfragen, ob .. 3* * Zephyrine kömmt zurück. — Ich zittere und bebe. — Gewiſſe angenehme Nachrichten überraſchen der⸗ maßen, daß wir ſie kaum glauben, daß ſie uns faſt erſchrecken. — In einem Anfalle heftigen Kummers hat Herr von Rochegune vier Tage das Haus nicht ver⸗ laſſen. — Wie die Rede geht, iſt Mathilde in ihren Gemahl verliebter als je. — Iſt es möglich? Nein, nein! es kann nicht ſein . Aber wenn es wäre wenn es wäre, „ dann blühte mir alle Hoffnung. „ 578 g14 Seqae