————— —= — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otlmann in Gießen, 2 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: ieheni, i Birher ee —— —— —— auf 1 Monat: 1 Mt. — Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. — Pf. ⁰ 9 3 6 6 . 3 „ 2 „ „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher (namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſitt Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus B eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. —— „ Erinnerungen einer jungen Frau. 6 Von Eugene Sue. Ueberſetzt und ein geleitet — 3 von * Dr. Scherr. Sechszehntes bis achtzehntes Bändchen. 5 2 Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1845. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Rendezvnus. Ich legte den Brief des Herrn Lugarto einen Augenblick bei Seite. Hatte ein und dieſelbe Frau Anfang und Ende dieſes Tagebuches geſchrieben?. Konnte dieſe plötzliche umſtimmung von dem größten ſittlichen Leichtfinn bis zur Glut einer tiefgefühlten Leidenſchaft an Einem und demſelben Weibe vorgegangen ſein? Am unangenehmſten berührte mich das, was ſie von ſeinem Einfluſſe ſagte. Mußte er an der wunder⸗ baren Bekehrung dieſes Weibes nicht aufrichtig Antheil nehmen? Und wie parador auch die Behauptung klang, daß ich Herrn von Lanery leidenſchaftlich geliebt, während ſie weder ihn, noch irgend wen geliebt habe vor ihrem Zuſammentreffen mit Herrn von Rochegune, doch hatte ſie von ihrem Standpunkte aus Recht. Denn ſie war von Jugend auf in ſittlicher Hinſicht ſo ſehr vernachläſſigt worden, daß ſie von Grundſätzen und der Schuld gewiſſer Sünden nichts wußte. Noch beſorgter wurde ich, wenn ich an die Stim⸗ mung dachte, in die ich Herrn von Rochegune durch mein Benehmen gegen ihn verſetzt. Die Gereiztheit und Bitterkeit gegen mich gab ihn ganz den Buhlerkünſten Urſulas Preis. Konnte er ſich nicht durch ſie an mir rächen, blutig rächen wollenz an mir, die ihn ſo unglücklich gemacht, die ſeine lieb⸗ ſten Hoffnungen ſo grauſam vereitelt hatte? . Neugierig griff ich wieder zum Briefe und las: „So weit gehen die Auszüge aus Urſulas Tage⸗ buch, die Ihr unbekannter Freund für gut be⸗ findet, Ihnen mitzutheilen. Alle ſpäteren Zuſätze be⸗ ziehen ſich auf ihre leidenſchaftliche Liebe. „Wie man glaubt, ſucht ſie vor Allem ein Ren⸗ dezvous mit Herrn von Rochegune „Da ſie leidenſchaftlich liebt, wie aus dem Tage⸗ buch zu erſehen, da eine wahre Liebe immer einen un⸗ widerſtehlichen Zauber übt, da Rochegune auf alle acht⸗ baren Weiber, namentlich auf Sie, einen wüthenden Haß geworfen hat; ſo hätte Ihre werthe Coufine, die kein Dummkopf iſt, ihres Sieges ſich feſt verſichert. „Die Männer ſind ſo ſeltſam, daß hundert gegen Eins zu wetten ſteht, Rochegune läßt ſich in den Netzen Ihrer Couſine fangen. Nicht wahr, die Sache wird nachgerade hoch komiſch. Alle die heldenmüthigen Opfer, wozu man Sie durch Vermittlung des Doktors Gérard bewogen hat, kommen Ihrer Urſula nach Wunſch zu Statten. „Emma's Liebe, die der Frau von Richeville, Herrn von Rochegune und Ihnen nach einem wohlbekannten Naturgeſetze entgehen mußte, blieb Einem Ihrer Freunde nicht ganz verborgen. Die flüchtig hingeworfene Be⸗ merkung — wahr oder unwahr, gleichviel! — mit Em⸗ ma's Krankheit geſchickt in Verbindung gebracht, ließ ſich vortrefflich benutzen, um Sie in Ihrer Liebe zu erſchüttern und den Apfel der Zwietracht zwiſchen Sie, Emma und vielleicht auch Frau von Richeville zu wer⸗ fen.. Ein großer Theil des Beabſichteten iſt bereits in Erfüllung gegangen. „Faſſen wir Alles kurz zuſammen. Ich ſage wir, 9 denn, wie Sie aus meiner Theilnahme an Ihrem Wohl und Weh erſehen, iſt Ihre Sache ganz die meinige. „Ich vermag Alles gegen Sie, Sie nichts gegen mich. 650 ſchneide Ihnen unbarmherzig jeden Aus⸗ weg ab. „Entweder Sie geſtehen Herrn von Roche⸗ gune Alles. Aber dann 1) ſtirbt Emma, das iſt ſonnenklar und 2 können Sie Ihrem Gemahl ſich nicht entziehen, um, nach Emma's Tode, zu Ihrem platoni⸗ ſchen Freunde zurückzukehren. Ihr Brief hat Ihnen jede Hoffnung auf geſetzliche Scheidung benommen. Oder Sie fliehen heimlich. Aber Sie ſind mit Argusaugen bewacht. Aus höchſtwichtigen Grün⸗ den wird Ihr Gemahl Sie nie freigeben. „Was ſagen Sie zu der Falle, in der ſie ſtecken? „Sind Sie nicht in dem Augenblick, wo Sie dieſe Zeilen leſen, der Fliege gleich, die im Spinnengewebe feſt ſitzt?. . . Jemehr ſie im Netze herumſchwirrt und herumſummt, um ſo tiefer verwickelt ſie ſich.. Zum Unglück gewahrt ſie in der Ecke lauernd, die häßliche Spinne mit giftgeſchwollenem Bauche und tödtlichem Stachel. Sie wetzt ihren blutigen Rüſſel und uckt mit mörderiſchem Auge ihr Schlachtopfer an; ſe weivet ſich an der Todesangſt deſſelben, ehe ſie es verzehrt. Ich ſtieß einen lauten Schrei aus, ſo machte dies Bild, das nicht paſſender gewählt ſein konnte, mich ſchaudern. Offene Gefahr, wie furchtbar ſie ſein mochte, hätte mich weniger erſchreckt, als dies Gewebe einer Bos⸗ heit, die im Finſtern ſchleicht. . Mit Zittern und Zagen las ich weiter: „Nicht wahr, Mathilde, dieſe Stelle macht mei⸗ nem Dichtertalent Ehre? Es überläuft Sie ein Grau⸗ ſen, wie bei den Geſpenſtergeſchichten und Ammenmähr⸗ Mathilde. vI. 10 chen Ihrer Kinderjahre. .. Und dabei dies finſtere, unheimliche Gemach in der Straße *6.. Hu! Hul... Ja, Mathilde, ich kenne dies Gemach recht gut Betrachten Sie einmal das Getäfel da zur Linken des Kamin's. Haben Sie's 2 Ich hielt ein und ſah unwillkürlich auf die Stelle hin. Obgleich ich nichts bemerkte, bebte ich doch zuſam⸗ men, denn ich dachte an das einſame Haus. Mein Herz pochte fühlbar, als ich weiter las: „Zetzt treten Sie hinan und drücken gewaltſam gegen das Geſims an der Wand neben dem Ka⸗ min... Dann werden Sie Etwas ſehen, was Sie überraſcht. Meiner Sinne kaum mächtig, rief ich Blondeau. „Zeſu, Maria, Madame!.. Was fehlt Ihnen?“ ſchrie ſie. Ohne zu antworten blickte ich entſetzt auf die Wand. „Was fehlt Ihnen, Madame ? Sie erſchrecken mich.“ rch Blondeau's Gegenwart ermuthigt, drückte ich gegen das Geſimſe der Wand. ... Sie wich. . Ich und Blondeau ſtießen einen lauten Schrei aus. Die Wand wich ſanft zurück, und ein Verſteck wurde ſichtbar, groß genug für eine Perſon. Die Röhre des mit dieſem Schlumpfwinkel in Verbindung ſtehenden Kamin's führte ihm Luft zu. „Mein Gott, Madame!“ rief Blondeau erblaſſend. „Was bedeutet das?“ Still, ſtill! gebot ich.. .. Schließe es wieder!. . Kein Wort davon geſagt! Sie that, wie beſohlen. Nicht wiſſend, wo mir der Kopf gand, las ich weiter: „Gut. Sie kennen jetzt mein Verſteck. Wie viele und welche mag ich noch in Petto haben, da ich die⸗ ſen Ihnen freiwillig anzeige? „Aber, nein! armes Schäſchen, beruhigen Sie ſich. * 11¹ Ich habe keinen weitern. Es war nur ein Scherz, der ſie um einige Nächte bringen ſollte. „Sie werden ſich einbilden, das Haus, das mir gehört, wimmle von Fallthüren, wie die Häuſer der Ritter⸗ und Räuberromane.. .. Das beſte an der gan⸗ zen Geſchichte iſt, daß Ihr Gemahl Sie wie eine Gei⸗ ſterſeherin auslachen wird, wenn Sie ihm Ihren Wunſch ausdrücken, eine andre Wohnung zu beziehen. „O, wie ruhig werden Sie fortan ſchlafen! O, die erquicklichen Nächte nach den kummervollen Ta⸗ gen.. .. Ich rathe Ihnen, die treue Blondeau auf die Wache zu ſtellen. .. Aber der Schlaftrunk . gedenken Sie deſſen noch 2... Doch nein! Sie wer⸗ den nichts von dem anrühren, was man Ihnen vom Reſtaurateur bringt. . .. Er könnte ja auch einer mei⸗ ner Treuen ſein. (Beiläufig, welch eine Erniedrigung für eine Dame, die das beſte Haus in Paris machte! Bei einem Reſtaurateur zu ſpeiſen!!) „Es iſt doch eine hübſche Sache, ums Geld, nicht wahr? Doch ich will Sie nicht ärger plagen! Es iſt ſchlimm genug, Tags keinen ruhigen Augenblick ha⸗ ben, und Nachts von den ſchrecklichſten Träumen ge⸗ plagt werden, dabei die Ausſicht in eine finſtere, ſchwarze, ſtürmiſche Zukunft! „Das heißt nicht, ſich auf Roſen betten! Aber wüßten Sie nur, wie geſchickt ich zu Werk gegangen! Ja, ja, Haß und Rache können aus einem Dumm⸗ kopf einen Weiſen machen. . Auf mein Wort, Ma⸗ thilde, ein Bischen ſind Sie ſelbſt Schuld daran. Ge⸗ denken Sie nur jener Nacht, wo ich vor Ihren Augen beleidigt und geohrfeigt ward, wo ich fußfällig und mit gefalteten Händen um Gnade bat.. . Sie muß⸗ ten ſich damals auf Rache gefaßt machen. .. Jetzt hebt ſie an. 1 „Und wie! Glauben Sie mir, Mathilde, ich bin gewitzigt, ich gehe klug und geſcheidt zu Werk, vor al⸗ len Dingen habe ich Glück. Sehen Sie nur den Mortagne. Fünfhundert Meilen war ich fern, als er die Händel kriegt mit einem Raufer, den ich ſeit Adam's Zeiten nicht geſehen und der mich von ihm befreit. . . . Wahyrlich! das kann nur mir paſſiren! „Sie mögen mit dieſem Briefe anfangen, was Sie wollen, mögen ſelbſt die Hülfe des Geſetzes an⸗ rufen. Für's Erſte, bin ich nicht in Paris. Für's Zweite, wo iſt das Corpus delicti? Mit mehr oder weniger platoniſchen Liebeshändeln befaßt ſich das Ge⸗ ſetz nicht. . Aber wunderbar! Doch gehen dieſe Lie⸗ beshändel mit Thränen, Verzweiflung, vielleicht gar mit Todtſchlag, Selbſtmord und Gott weiß! was . ſo zu ſagen, ſchwanger. . .. „So wünſche ich Ihnen denn eine friedliche, gute Nacht. WMögen Sie in Morpheus Armen träumen, wie das Kind am Buſen der Mutter. . .. Ihr unbekannter Freund oder be⸗ kannter Feind, wie Sie wollen.“ Ich wußte nicht, wie mir war, als ich den Brief beendet. Es kochte in mir, als platzte das Gehirn. Der hölliſche Scharfſinn des Herrn Lugarto ant⸗ wortete im Voraus auf alle meine Einwürfe, machte meine ganze Furcht rege. Der Gedanke, Urſula könne Herrn von Rochegune für ſich gewinnen, brachte mich zur Verzweiflung. Lie⸗ ber ſoll Emma ſterben, wenn es doch einmal ſo ſein muß, rief ich aus, als daß ich mich für Ur⸗ ſula opfere. Schon ſtand ich im Begriff, Herrn von Rochegune Alles zu entdecken, als ich die wohlbekannte Stimme vernahm.. Muth . Muth! ſprach ſie. . Wende Dich ab von dem Abgrunde, den ein Ungeheuer Dir zeigte, um Dich in Deinen edlen Vorſätzen zu erſchüt⸗ tern. Blicke nicht nieder zu den Füßen, ſondern hinauf gen Himmel, hoffe auf Gott, er wird Dich ſtär⸗ ken. Tröſte Dich über den Verluſt eines Mannes, der ſich von einer Urſulg fangen läßt.... Muß Emma 13 ſterben, ſo ſterbe ſie nicht durch Dich. ... Bedenke, daß Du auch gegen Frau von Richeville, die Dich mit müt⸗ terlicher Freundſchaft liebte, ernſte Pflichten haſt. . . . Verſcheuche die Geſpenſter, womit ein Ungeheuer Dich ſchrecken will!. .. Sei muthig und ſtark! Verachte ſeine Rache!. . Nur noch Ein Schritt und Du haſt das Maaß Deiner Opfer voll gemacht.... Der ſchönſte Lohn harrt Deiner!... Muth! Muth!... ſ v immer, ſo wurde ich auch dießmal neu ge⸗ ärkt. Ich entſchloß mich feſter als je, die Ereigniſſe ab⸗ zuwarten, Emma in ihren Hoffnungen zu beſtärken und mich auf jede mögliche Weiſe gegen die Liſt und Ränke des Herrn Lugarto zu ſichern. Blondeau mußte in meiner Kammer ſchlafen, ich prüfte ſorgfältig alle Wände und tröſtete mich endlich damit, daß er mir ſolche Mittel nicht angezeigt hätte, wenn er ſie für ſeinen Zweck gebrauchen wollte. Herrn von Lancry ſah ich äußerſt ſelten. Seine finſtere Miene, ſeine ſchlechte Laune bewieſen mir, daß Urſula ihr Verſprechen nicht gehalten, ohne ihm deßhalb alle Hoffnung zu benehmen, weil er ſonſt mich leicht hätte freigeben können. Ich zeigte ihm den Verſteck, ſchwieg aber von dem Briefe des Herrn Lugarto. Spöttiſch lächelnd und Achſel zuckend antwortete er, eine ehrliche Bürgers⸗ frau habe ihn vielleicht machen laſſen, um ihre Lecker⸗ biſſen gegen die Gefräßigkeit ihrer Dienſtboten in Si⸗ erheit z hiigen. Ungefähr vierzehn Tage nach letzterwähntem Briefe des Herrn Lugarto erhielt ich folgende Zeilen von ihm: „Paris, vier Uhr. „Ich wollte nicht eher ſchreiben, bis ich meiner Sache gewiß war. Rochegune hatte heute eine Unter⸗ redung mit Urſula auf den äußern Boulevards. Das ſieht anſtändiger aus, als wenn ſie ihn in ihrer Woh⸗ nung empfängt. „Sie werden ſich um neun Uhr auf dem Boule⸗ vard, links von der Barriere von Fontainebleau, treffen.“ Tief erſchüttert durch dieſe Nachricht, die mir un⸗ glaublich ſchien, ließ ich mich den folgenden Morgen an Ort und Stelle fahren. Urſula wartete. Einige Augenblicke ſpäter kam Herr von Rochegune. Er bot ihr ſeinen Arm und Beide verſchwanden in einen Nebenweg. Ich konnte und wollte ihnen nicht folgen. In unbeſchreiblicher Verzweiflung kehrte ich nach Haus zurück. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Berzensergießungen. Ungefähr ſechs Wochen waren verfloſſen ſeit der Herzensergießungen ebenberichteter Zuſammenkunft Ur⸗ ſula's mit Herrn von Rochegune. Ich wartete auf letztern im Park von Monceaux, wohin er mich beſtellt hatte, um eine höchſt dringende Angelegenheit mit mir zu beſprechen.. Der Wunſch, je eher je lieber auf dieß mir ſo tröſtliche Geſpräch zu kommen, läßt mich über die wich⸗ tigen Ereigniſſe der dazwiſchen liegenden ſechs Wochen hinwegeilen. Der geneigte Leſer wolle ſie aus dem Inhalte der mitgetheilten Unterredung ſich ergänzen. Herr von Rochegune kam gleich nach mir. 15 „Tauſend Dank, daß Sie da ſind. Ich habe Kei⸗ nen, den ich zu Rathe ziehen kann, als Sie!“ Und Urſula? fragte ich. „Immer dieſelbe Lächerlichkeit!“ antwortete er är⸗ gerlich. „Die ganze Nacht hat ſie vor meiner Thür gewartet.“ Und ſolche Liebe läßt Sie kalt? Er zuckte die Achſeln. Ach! ſagte ich. Noch zittere ich, wenn ich an Ihre Zuſammenkunft mit ihr denke, vor ſechs Wochen... „Die Schlaue wußte, daß der Zauber Ihres Na⸗ mens Alles über mich vermag. Das erſtemal, als ſie mich brieflich zu einem Geſpräche — hinſichtlich Ihrer — einladet, unterzeichnet ſie ſich: die Unbekannte vom Maskenball. Ich fliege zu dem Rendezvous. Denken Sie ſich meine Beſtürzung, als ich in der Un⸗ bekannten das Weib erkenne, das Ihnen ſo viel Kum⸗ mer verurſachte! Meinen Widerwillen gegen ſie ver⸗ hehlte ich ihr ſo wenig, daß ſie erblaßte. Sie bedauerte, für dießmal die verſprochene Auskunft nicht geben zu können, und lud mich auf den nächſtfolgenden Tag ein, um die gewünſchten Aufſchlüſſe entgegenzunehmen. Geſchah es abſichtlich oder nicht, genug ſie ſchien einige Worte fallen zu laſſen, als gebe ſie Ihrer Rückkehr zu Ihrem Gemahle einer geheimnißvollen Urſache Schuld. Noch damals, Mathilde, hatte ich nicht alle Hoffnung fahren laſſen. So willigte ich denn ein, um ihr viel⸗ leicht das Geheimniß zu entlocken.“ Sie rechnete ſchlau genug, mein Freund! Ehe ſie ihre Künſte ſpielen ließ, mußte ſie Ihre Abneigung gegen ſie beſiegen. „Gewiß. Es war ihrer würdig angelegt, hören Sie nur weiter!“ Reden Sie, reden Sie! „Ich ſah Sie ein zweites, ein drittes Mal. Im⸗ mer wußte ſie die verſprochene Auskunft hinauszuſchie⸗ ben, während ſie mich immer feſter in der ſchrecklichen Wahrheit beſtärkte, daß Sie mehr als je von Liebe zu Ihrem Gatten erfüllt ſeien Urſula würde mir je⸗ den Zweifel, wenn ich einen gehabt hätte, benommen haben. Mit ſolcher Gewandtheit verfuhr ſie . . . Aber das muß ich ihr nachſagen, daß ſie nie anders als mit höchſter Achtung von Ihnen ſprach.“ Sie wußte, daß Sie keine andere Sprache ge⸗ duldet hätten, antworte ich Herrn von Rochegune. „Vielleicht!“ erwiderte er nach einer Pauſe mit ſeltſamem Blick auf mich .. . . „Vielleicht!“ Wie? fragte ich. So hätten Sie ihren Läſte⸗ rungen ruhig zugehört? Sie, mein Freund, Sie? Nein, das glaube ich nicht. „Ich bin ein faſt ganz anderer Menſch jetzt, Ma⸗ thilde! So darf ich denn meine Schwäche meine Feigheit. . geſtehen.“ Reden Sie, ich bitte. „In meinem Unwillen auf Sie, Mathilde, ſagte ich mir: von Dir geliebt, würde Urſula Dir vielleicht ſ4 den Kummer gemacht haben, den Mathilde Dir macht „ Iſi's möglich, mein Freund? „Es ſoll meine Strafe ſein, Mathilde, daß ich Ihnen Alles geſtehe . . „Das Böſe, ſo ſchloß ich weiter, das Urſula Ma⸗ thilden gethan hat, hat aufgehört, ſeit Mathilde ihren Mann leidenſchaftlicher liebt als je. Herrn von Lanery verzeihen, heißt Urſula verzeihen .. „Warum ſoll ich alſo gegen Urſula härter ſein als ſelbſt Mathilde?“ Zu ſolchen Trugſchlüſſen konnten Sie greifen, Sie, mein Freund? „Was thut man nicht in der Verzweiflung, Ma⸗ thilde So ſagte ich ihr denn einige wohlwollende Worte „ Ich erinnerte mich an ihren lebhaften Witz, an ihren geiſtreichen Scherz u. ſ. w.“ 17 Und Urſula wird ſich Ihnen in allem Glanze ge⸗ zeigt haben? „Gottlob! Nein! Sie war das reine Gegentheil.“ Urſula? „Ja, Urſula.“ Sie, die Zauberin, der Witz, die Schönheit, die Feinheit, die Gewandtheit ſelbſt? Unmöglich. „Es iſt, wie ich ſage. Keine Spur von jenem Geiſt, der auf dem Maskenballe mich bezauberte .. Sie ſtammelte dieß und jenes ohne allen Zuſammen⸗ hang . . .. Nichts als abgedroſchene, flaue Redensar⸗ ten, ſobald nicht von Ihnen die Rede war. Sie ver⸗ ſtieg ſich in allerhand metaphyſiſche Spekulationen über leidenſchaftliche Liebe und über die Schönheit der Tu⸗ gend, auf eine Weiſe, daß es Mitleid und Gelächter erregte .. . . Das verdroß mich, während ich den An⸗ griffen einer jungen und ſchönen Frau, die alle ihre Buhlerkünſte aufbietet, nicht widerſtanden hätte . Ach! Mathilde, ich war in ſolcher Stimmung, wo man an allem Guten und Edlen zweifelt, wo man Alles, was man bisher geſchätzt und verehrt hat, mit Füßen treten möchte ... Gott ſei Dank! Statt eines ſolchen, in Engelsgeſtalt verkleideten Teufels glaubte ich eine alte Betſchweſter mit rothen Augen und ver⸗ witterten Zügen vor mir zu ſehen und ihre frömmeln⸗ den Bußpſalmen zu hören.“ Und dieſe Veränderung im Benehmen und Cha⸗ rakter Urſula's hat Sie nicht gerührt? „Nicht im Geringſten, liebe Mathilde ... War die Bekehrung aufrichtig gemeint, ſo rechnete ich ſie zu der Zahl derer, die nicht viel Ehre machen; es gibt ſolche. War ſie erheuchelt, ſo verdiente ſie die äußerſte Verachtung .. . . Nochmals, Mathilde, nur wenn Urſula ihren ganzen Leichtſinn gezeigt hätte, wäre ſie mir gefährlich geworden. Ich hätte einige Minuten in ihrem Herzen geleſen, wie man in einem ſchlechten Buche liest um ſich einige Augenblicke zu zer⸗ ſtreuen! . . . . Aber ſo, wie ſie mir unter die Augen trat, war ſie unerträglich . . . und ich behandelte ſie, wie ſie es namentlich um Sie verdiente, mit Abſcheu! Welch eine Lehre, mein Freund! Welch eine furcht⸗ bare Strafe! Dieß in allen Verführungskünſten erfah⸗ rene Weib muß in dem entſcheidenden Augenblick, wo Alles für Sie auf dem Spiele ſteht, wo Sie unter⸗ igen wären, ſobald ſie ihren ſchändlichen Grundſätzen treu bleibt, eine Sprache reden, die vielleicht dießmal aus dem Herzen kam, die Sprache der Tugend . und ſiehe, ſie verwandelt ſich in ihrem Munde in eine Sprache des Laſters . Unglückliche Frau! Was mag ſie leiden, wenn ſie das ganze Gewicht dieſer Lehre fühlt! „Ich bin nicht ſo zartfühlend, wie Sie, Mathilde! Sie leidet mit Recht, wenn ſie leidet! Ich will ihre Schmerzen nicht mehren, aber auch nicht mindern!.. Zweimal hat ſie mich vergeblich um Gehör gebeten. Jetzt poſtirt ſie ſich von Zeit zu Zeit vor meiner Thüre, woran ich ſie nicht hindern kann . . .. Aber laſſen wir das Das Andenken an dieſe Schwächen macht mich noch unglücklicher!“ fügte er tiefſeufzend hinzu. Alſo noch immer unglücklich? „So fragen Sie, Mathilde ? . . . . Wiſſen Sie, was ich leide, wenn ich die Vergangenheit vergleiche . Doch kein Wort mehr von der Vergangenheit! .. Sie iſt todt todt, wie die Mathilde von ehemals 345 Mijide, ja, ich bin unglücklich, recht un⸗ glucklich! „Aber um auf den Gegenſtand zu kommen,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, „der mich veranlaßte, Sie um eine Zuſammenkunft zu bitten .. . . er iſt wichtig, ſehr wichtig, Mathilde! Ich ſchwankte lange, noch in dieſem Augenblicke bin ich unſchlüſſig, doch ich habe ſonſt Keinen, dem ich mein Geheimniß, 19 d wie ich fürchte, ſchon Andere wiſſen, anvertrauen Seit einigen Tagen hatte ich dieſer Mittheilung nicht ohne Furcht entgegengeſehen. Auch ich habe Ihnen Etwas anzuvertrauen, fiel ich ein, um meine Verlegenheit zu verbergen und jeden Argwohn des Herrn von Rochegune ſo viel als mög⸗ lich zu beſeitigen. Es betrifft unſre beſte Freundin und inſofern auch mich . . .. haft „Reden Sie, Mathilde!“ unterbrach er mich leb⸗ aft. Hören Sie denn! erwiderte ich mit aller Ruhe, die mir zu Gebote ſtand. Geſtern erzählte Herr von Lanery, daß ein natürlicher Sohn eines nordiſchen Mo⸗ narchen in Paris angekommen ſei. Er ſoll hübſch, reich, liebenswürdig, fein gebildet und von trefflichem Cha⸗ rakter ſein. Wie wärs, wenn er Emma heirathete? Was meinen Sie dazu? Ich geſtehe, daß ich ſelbſt über die Sicherheit ſtaunte, womit ich dieſe Lüge vortrug. Herr von Rochegune ſchien überraſcht und fragte ſichtbar verlegen: „Sollte Emma nicht ſchon eine ge⸗ wiſſe Vorliebe . gezeigt haben? „ ch glaube kaum, antwortete ich . So lange ich im Hauſe war, habe ich nichts der Art bemerkt Und Sie? Iſt Ihnen Etwas aufgefallen? „Nein,“ erwiderte er . . . „Damals . . nein; gewiß, nein! „Aber haben Sie nicht ſeit Kurzem eine ſeltſame Veränderung im Benehmen Emmas bemerkt?“ . fragte er. Durchaus nicht, mein Freund! Leider ſehe ich ſie jetzt ſehr ſelten, und ſo wäre es möglich, daß Aber wie kommen Sie auf den Gedanken? fragte ich erſtaunt. Nach kurzem Kampfe mit ſich ſelbſt antwortete er: „Doch ich bin ein Thor, daß ich hinter dem Berge halte. Vielleicht, daß ich ſpäter bereuen müßte, geſchwiegen zu haben.“ In der That, ich begreife Sie nicht, mein Freund! „Hören Sie mich! Seit ich Sie verloren habe, beſuche ich Frau von Richeville häufiger als ſonſt. Emma iſt ſtets zugegen, wenn ich von Ihnen rede ... Wiederholt ſchien es mir, als gewahrte ich in ihrem Blicke einen ſeltenen, nie zuvor bemerkten Ausdruck. Anfangs befremdete es mich, bald vergaß ich es. . .. Neulich trat ich unangemeldet in den Sal und fand Emma allein. Kaum ſieht ſie mich, ſo ſtößt ſie einen leichten Schrei aus und wird purpurroth. Habe ich Sie erſchreckt, Emma? fragte ich lächelnd. — Nein! o nein! . . . Aber fühlen Sie wie mein Herz ſchlägt Doch nicht vor Schreck. . . . Mit dieſen Wor⸗ ten legte ſie meine Hand an ihren Buſen. Es war ſo, ihr Herz ſchlug heftig.“ Was finden Sie ſeltſam daran? fragte ich . . . Das ſieht dem argloſen Mädchen ganz gleich! . .. Herr von Rochegune blickte mich erſtaunt an. ſtue Zweifel glaubte er, ſchon genug geſagt zu aben. „Dies Herzklopfen, dieſe plötzliche Röthe über⸗ raſcht mich nicht. Ich bin ſo Etwas ſchon gewöhnt an ihr. . . Sie iſt ein argloſes, närriſches Kind! — Dennoch forderte dieſer Umſtand mich zu größerer Aufmerkſamkeit auf. Dazu kömmt, daß ſie ſeit Kur⸗ zem, ſelbſt in Geſellſchaft, mich auf eine Weiſe aus⸗ zeichnet, die mich wahrhaft in Verlegenheit bringt ... Endlich, und das iſt der Hauptgrund, warum ich Ih⸗ nen dieſe Sache mittheile . . . Vorgeſtern, als ich nach Hauſe gehen will, fand ich Emma vor der Thüre des Sals auf mich warten .. Es iſt heute mein Geburtstag! flüſterte ſie mit geheimnißvoller Stimme und überreichte mir ein kleines Portefenille. Nehme 21 Sie das von mir, ich habe es ſelbſt gemacht. Aber ſagen Sie Frau von Richeville nichts! . . . Und was war in dem Portefeuille? „Mein Bild, in Aquarell gemalt, und ſprechend ähnlich, obgleich ſie es aus dem Gedächtniß gearbeitet hatte . .. Ich weiß, es iſt bloß eine Kinderei, aber auch die muß aufhören, die Erklärung bin ich der Frau von Richeville, mir ſelbſt und Emma ſchuldig, deren liebenswürdige und ſchätzenswerthe Eigenſchaften ich von ganzem Herzen anerkenne . . Das iſt der Grund, Mathilde, weßhalb ich mit Ihnen zu reden wünſchte.“ Auch ich halte das Alles für eine Grille eines jungen Mädchens, die bald verfliegt. Dennoch meine ich, daß man jedenfalls dahin wirken muß, daß ſie nicht Wurzel faßt und in ein tieferes Gefühl über⸗ geht. Darum möchte ich Ihnen eine kleine Reiſe vor⸗ ſchlagen, deren Unbequemlichkeit ſie aus Freundſchaft für die Herzogin vergeſſen werden. .. Inzwiſchen will ich wegen des jungen Fremden mit Frau von Riche⸗ ville reden, und iſt er ſo, wie der Ruf ihn ſchildert, können wir vielleicht zum Ziele kommen. Ich hoffe, daß das, was Liebe zu ſein ſcheint, nichts iſt als herzliche Freundſchaft, die ſich für einige Augenblicke in den Irrgarten der Phantaſie verſtiegen hat .. Was halten Sie von meinem Rath? „Ich billige ihn durchaus und will ihn befolgen, wie ſchwer es mir auch fällt.“ Warum das, mein Freund? „Ach, Mathilde, wüßten Sie, wie ungern ich mich von dem Ort meiner Leiden trenne. Mit Schrecken denke ich daran!“ Ich begreife es wohl, mein Freund. Aber beden⸗ ken Sie auch, welch Unglück entſtehen kann, wenn Emma eine ernſte Neigung zu Ihnen faßt . . . Wir müſſen Alles thun, um dies zu verhüten, und da ſehe ich kein anderes Mittel als eine kurze Abweſenheit. „Sie haben Recht, Mathilde. Emmas Ruhe und künftiges Glück hängen davon ab. Ich darf dies kleine Opfer nicht ſcheuen, das einem ſo engelreinen Mädchen gebracht wird.“ Gewiß, mein Freund! das Mädchen iſt ein wahrer Schatz „Vielleicht, daß Sie bei Ihrer Rückkehr alle Ihre Wünſche für ſie erfüllt ſehen . . . Dann kann die Hochzeit in zwei oder drei Monden ſtatt finden, und Ihre Freunde werden nichts verſäumen, Ihnen das Leben, das Sie traurig und öde nennen, auf jede Weiſe zu erheitern. „Und iſt es nicht traurig und öde, Mathilde? Welche Hoffnung blüht mir? Welche Zukunft wartet meiner? Ach, Mathilde, Verwandte, Freunde, auch die beſten nicht, geben einen Erſatz für ein Gefühl, das all mein Leben war. All die Triumphe, die ich feierte, laſſen mich jetzt kalt. Stolz, Ehrgeiz — Al⸗ les iſt mit Ihnen dahin. Ich gleiche,“ fügte er trübe lächelnd hinzu, „zwei Weibern, die ſich auf die An⸗ kunft ihrer Liebhaber herrlich herauszuputzen pflegten Als ſie ausblieben, fragten ſie ſich: wozu dieſe Schönheit, wozu der Schmuck?“ Für die neuen Liebhaber! fiel ich lächelnd ein. „Sie wiſſen recht gut, Mathilde,“ antwortete er kopfſchüttelnd, „daß ich nicht mehr lieben kann! . . Und was iſt Glück ohne Liebe? . Dem dreißigjäh⸗ rigen Manne ſteht vielleicht noch ein weiter Weg durch dieſe Lebensöde bevor. Die Fragen: was ſoll ich thun? was wird aus mir? ſind mir unerträglich. Ich könnte, ich weiß nicht was? thun, nur um den ewigen Ge⸗ danken an den morgenden Tag zu entfliehen; könnte ins Kloſter. ℳ Jung und frei, wie Sie ſind? fiel ich erſtaunt ein. „Eben die Freiheit erſchreckt mich, Mathilde. Nichts weckt mich mehr aus dem Seelenſchlafe, in den ich ver⸗ ſunken bin Nichts „ Hundertmal wollte ich ihm zurufen; Heirathen 23 Sie Emma. Sie werden von ihr geliebt, heiß ge⸗ liebt, dadurch erhält ihr Leben eine beſtimmte Rich⸗ tung, einen Zweck und ein Ziel . . . Aber ich fürch⸗ tete, durch Uebereilung ein Werk zu gefährden, das aus Thränen und Opfern aufgebaut war. Muth, Muth! rief ich. Vielleicht läßt die Reiſe Sie Ihre Betäubung vergeſſen. Zählen Sie auf mich. Ich werde Ihnen genau über Emma berichten. So Gott will! darf ich Ihnen bald melden, daß Ihre Reiſe den gewünſchten Erfolg gehabt hat .. S Mit dieſen Worten ſchieden wir. Am nächſten Tage erhielt ich nachſtehenden Brief Emmas: Emma an Frau von Lanery. „Ich bin Ihrem Rathe gefolgt, mein ſchützender und rettender Engel . . . . Ich will Ihnen erzählen, was ſeit meinem letzten Schreiben vorging. „Sie ſagten mir, es werde bald der letzte Grund wegfallen, der ihn abhält, ſeine Liebe mir zu ge⸗ ſtehen. Ich habe Ihnen von jeher herzlich gern ge⸗ glaubt, Sie haben mir ſo viele und ſo liebe Dinge geſagt! . „Sie riethen mir, meinen Gefühlen für ihn freien Lauf zu laſſen — und ich habe es gethan . war ſelig, wenn ich ihn anſchauen durfte . Wenn unſre Blicke ſich begegneten, ſah ich nie weg. Er mußte meine Wonne mir im Auge leſen . „Ich weiß nicht, ob Sie es billigen werden . aber ich habe ihm ſein Bild geſchenkt . . . . das ich ſelbſt malte. aus dem Gedächtniß, erinnern Sie ſich noch? Ich wußte, ich würde ihm nicht eben viel Freude damit machen, doch hoffte ich, er werde daraus ſehen, daß ich immer an ihn denke. Und ſelt⸗ ſam, Mathilde, ſeitdem ich an ſeinem Bilde nicht mehr male, iſt es mir, als gehörte er mir und ich ihm nicht mehr O, und wie ſtolz war ich auf dies neue 24 Werk, denn Sie glauben nicht, wie es ihm ähnlich ſieht. Und wie gern arbeitete ich daran! Wenn ich vor meinem Zeichentiſche ſaß und ihn ſehen wollte, brauchte ich nur die Augen zu ſchließen und gleich ſah ich ihn, als ob er vor mir ſtünde. „Herr von Rochegune iſt immer ſehr betrübt, wenn er von Ihnen ſpricht.. und Frau von Richeville und ich auch.. Wir ſind noch ganz untröſtlich über Ihren Verluſt. „Ja, ich merke gut, daß er mich liebt; er behan⸗ delt mich nicht mehr als junges Mädchen. Vorgeſtern, als ich ihm das Portefeuille gab, hat er mich ſo ge⸗ rührt angeſehen, daß ich weinen mußte. „Wenn ich denke, daß ich vor ſechs Wochen ſo krank war, daß Sie mir ſagten, wovon ich krank ſei, und daß Sie mich geheilt haben: oh! dann ſegne ich Sie auf meinen Knieen und bete Sie an, wie eine Hei⸗ lige. Kurz, Mathilde, Sie haben mich gerettet. .. mit Einem Worte mich gerettet... und das Wort war ſein Name... „Unaufhörlich frage ich mich, wodurch ich es ver⸗ dient habe, daß er mich liebt, daß er mich erwählt aus den Vielen, die ihm zur Wahl frei ſtehen? O welch unverhofftes Glück für Ihre Emma, nicht wahr2... . „Ich möchte doch wiſſen, ob ich ihn zuerſt geliebt habe, oder er mich.. Ja, ja! Ich habe ihn zuerſt ge⸗ liebt, ſonſt wäre ich ja undankbar geweſen. „Zürnen Sie mir nicht, Mathilde. Aber glauben Sie, daß er noch lange ſchweigen muß? Wann wird er mir ſagen, daß er mich liebt? Sie verſprachen, es ſolle bald mit dem Schweigen aus ſein. Was nen⸗ nen Sie bald? „Zürnen Sie mir nicht, Mathilde, ich will auch recht geduldig ſein und nie wieder ſo unbeſcheidene Fragen thun. Ich darf jetzt um ſo weniger ungedul⸗ dig ſein, als ich ihm zeigen darf, wie ſehr ich ihn liebe.“ 25 „Adieu, mein Schutzengel! Adieu. .. Sie ſehen, daß ich ganz Ihrem Rathe folge. Beſuchen Sie uns recht bald. Sie wiſſen ja, wie Sie von uns Allen geliebt werden, von Frau von Richeville, von ihm und von Ihrer Emma.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Perlobung. Herr von Rochegune hatte wiederum Geſchäfte als Beweggrund ſeiner Reiſe vorgeſchützt. Den folgenden Tag ſetzte ich Emma von der Ab⸗ weſenheit des Herrn von Rochegune, die diesmal recht lange dauern könne, weil unvorhergeſehene Familien⸗ ereigniſſe eingetreten ſeien, in Kenntniß. Er ſei durch dieſe Nachrichten ſo entmuthigt worden, daß er es nicht gewagt habe, ſich perſönlich bei ihr zu verabſchieden. Emma wude durch dieſen unerwarteten Schlag, der alle ihre Hoffnungen zu vereiteln oder doch weit hinaus zu ſchieben drohte, ſo ſchmerzlich betroffen, daß die Symptome ihrer erſten Krankheit ſich theilweiſe er⸗ neuerten, wenn auch lange nicht ſo ernſtlich. So war ich genöthigt, den Doktor Gérard zu Rathe zu ziehen. Als dieſer mir beiſtimmte, daß je⸗ der weitere Verzug gefährlich werden müſſe, ſchrieb ich an Herrn von Rochegune und bat ihn, ſo ſchnell wie möglich nach Paris zurückzukehren, weil ſeine Gegen⸗ wart allein eine heilfame Kriſis herbeiführen könne. Er antwortete mir alſo: „Morgen Abend werde ich in Paris ſein.. Ihre Mathilde. vI. 3 Nachrichten ſind entſetzlich.. .. Leider kann ich Nichts gegen das Uebel thun, das ich ohne meine Schuld ver⸗ anlaſſe. Emma iſt ein Engel an Güte, Schönheit, Offenheit und Anmuth. . .. Sie verdient, daß ſie ein Herz ganz beſitze.. Wäre ich nicht Ihnen auf mei⸗ nem Lebenswege begegnet, könnte ich noch lieben . ſo ſollte ihre Liebe mein koſtbarſter Schatz ſein.. . Aber ſie aus Mitleid heiraten, iſt ihrer und meiner unwürdig.. .. Ich hoffe zu Gott, Sie täu⸗ ſchen ſich über die Gefahr des armen Kindes. ... Je⸗ denfalls komme ich.... Und ihre Mutter, unſre beſte Freundin ?... Gott weiß, welches Schickſal mich ver⸗ folgt!.. R.“ Einige Stunden nach der Ankunft des Herrn von Rochegune ging Doktor Gsrard auf meinen Rath zu ihm, um ihn von dem wahrhaft beunruhigenden Zu⸗ ſtande Emma's in Kenntniß zu ſetzen. „Und das arme Mädchen iſt in Todesgefahr?“ fragte er mich tief bekümmert. „So eben verläßt mich Herr Geérard.“ Leider! Leider! antwortete ich. Ich bat den Dok⸗ tor, den Sie kennen und ſchätzen, Sie von der Gefahr zu benachrichtigen. Ich zweifelte nicht, daß ſeine Worte beredter ſein würden, als alle Vernunfkgründe. „Ich habe ihn mit tiefſter Betrübniß angehört. Leider! kann ich Richts für Emma thun als ſie bemit⸗ leiden. Ich wiederhole Ihnen, Mathilde, Emma iſt ein liebes, gutes Mädchen. ... Sie kennen mich und wiſſen, daß ihre Geburt kein Hinderniß für mich iſt. . Ich ſchätze ſie, ich achte ihre ſeltſamen Eigenſchaften.... aber ich liebe ſie nicht, kann ſie nicht lieben. .. chlimm genug, mein Freund! Doch gebe ich noch nicht alle Hoffnung auf! .. Vielleicht, daß die früher beſprochene Heirat zu Stande kommt.. . Wo nicht, ſcheint es mir faſt, als wären Sie verpflichtet. „Verpflichtet?“ Ja, Sie, ein Mann von ſo großem, edlem Herzen. „Zu ſo Etwas iſt Niemand verpflichtet, Mathilde, weder ich, noch ſonſt wer!“ antwortete er mit einer Entſchiedenheit, die mich erſchreckte... „Ich bedaure 5 Vorfall von ganzem Herzen, aber ich kann Nichts dafür.“ Sie können Nichts dafür? Und Ein Wort, ein einziges Wort.. .. „Dies Wort heißt Liebe, fiel er ein, und die habe ich nicht.“ Aber ſie hat ſie. ... Sie liebt Sie, ja ſie ſtirbt aus Liebe zu Ihnen! Ich denke, das ſollte Sie er⸗ weichen. „Iſt es meine Schuld, wenn ſich das arme Kind allerlei in den Kopf geſetzt hat 2... Und iſt es ihre Schuld, wenn ſie jeden Tag Sie geſehen und gehört, wenn ſich die Liebe in ihr Herz eingeſchlichen hat? Iſt es nicht grauſam, eine Gleich⸗ gültigkeit zur Schau zu tragen, die Sie nicht fühlen ja, die Sie nicht fühlen.... Denn Emma's Liebe kann Sie wohl ſtolz machen. ... „Und ich wäre ſtolz darauf, gewiß!. wenn ich dieſer Liebe würdig wäre.. . Warum ſollten Sie dieſer Liebe nicht würdig ſein? „Weil ich ſie nicht theile und nicht theilen kann.“ Vielleicht jetzt nicht, aber doch dereinſt.... Den⸗ ken Sie doch an das, was Sie vor Ihrer Abreiſe mir ſagten, von Ihrem Lebensüberdruß.... Dieſe trübe Stimmung wird immer ärger werden. .. Sie lieben mich nicht mehr, können mich nicht mehr lieben! . Und ich jeder Tag knüpft die Bande zwiſchen mir und meinem Gemahl enger er will mich das alte Unrecht vergeſſen machen. . .. Sie ſehen alſo, unſere Träume von ehemals find alle zu Schaum geworden! Sie werden meiner ewig mit Wehmuth gedenken. . und ich werde Ihnen ſtets die zärtlichſte Freundſchaft, die tiefſte Achtung bewahren. ... Aber unſre Lebens⸗ wege gehen jetzt weiter aus einander . . . mit jedem Tage weiter. ... Welche Zukuuft bleibt Ihnen? „Die traurigſte, Mathilde!“ Und doch beſinnen Sie ſich, ſie zu vpfern, wenn⸗ das Opfer Emma's Leben retten kann? „Es iſt Emma beſſer, ſie ſtirbt, als ſich an eine welke Seele ketten.“ Die Seelenwärme dieſes herrlichen Mädchens wird belebend, befruchtend in die Ihrige dringen! „Unmöglich, Mathilde. Ich bin aller Liebe er⸗ ſtorben!“ So ſoll denn Emma ſterben! rief ich bitter aus. Was liegt auch daran, ob ein Geſchöpf Gottes mehr oder weniger auf Erden iſt!... Emma iſt jung, ſchön, liebenswürdig, untadelhaft an Geiſt und Seele!. ... Sie liebt . ſie ſtirbt vor Liebe! Und ſie ſoll ſter⸗ ben!. Das liebliche Mädchen fällt als Opfer, nicht eines heldenmüthigen Ehrgeizes oder einer großen, be⸗ wundernswerthen Leidenſchaft, nein! ſie fällt als Opfer des Eigenſinns, der Langenweile, einer unmännlichen, feigen Trägheit!1. .. „Harte Worte, Mathilde!“ Dieſelben, die Herr von Mortagne Ihnen zurufen würde. Hätte er anders geſprochen? Antworten Sie!.. Herr von Rochegune ſchwieg und ließ nachdenk⸗ lich den Kopf hängen. Jedes ſeiner Worte war Ihnen heilig, mein Freund!. .. Oh! daß Sie ſo bald Ihre eigenen Worte vergeſſen können: Unſre Liebe wird uns einſt zu den höchſten und ſchwerſten Opfern begeiſtern! Eine dunkle Ahnung ſagte Ihnen die Ereigniſſe dieſer Stunde voraus! . .. Oh, ſeien Sie großmüthig und edel, wie ſonſt immer! „Offen, Mathilde! Könnte Herr von Mortagne gerathen haben, können Sie, Mathilde, rathen, Emma aus Mitleid zu heiraten 2... Um den Preis würde ſelbſt Emma zurücktreten.“ So reden Sie, mein Freund? Geſetzt, Sie hei⸗ rateten Emma bloß aus Mitleid. Würden Sie es ihr geſtehen. Nein, ich kenne Sie, Sie ſind zu edel, um es ſie merken zu laſſen. Sie würden eher zu einer Lüge Ihre Zuflucht nehmen, als ſie ſo tief betrüben. Denn auch Emma iſt ſtolz, ſie zieht tauſendmal den Tod einer Heirat aus Mitleid vor. „Aber Emma muß wiſſen, daß ich Sie liebe! Mit welcher Zärtlichkeit habe ich ſtets in ihrer Gegen⸗ wart von Ihnen geſprochen!“ Sie ſah in unſrer Zärtlichkeit nur eine geſchwi⸗ ſterliche Zuneigung. War ich nicht verheiratet? Dies Eine Wort trennte uns auf immer. „Und Sie würden eine Heirat mit Emma gern ſehen?“ Gewiß, gewiß! Die Heirat würde Sie, Emma und unſre beſte Freundin glücklich machen, würde Emma vom Tode retten, würde Sie aus dem Seelen⸗ ſchlafe wecken, worin Sie befangen liegen. Ihr Leben bekäme einen Zweck; neue, ſüße Bande könnten Sie feſter als je an's Daſein knüpfen; Sie hätten Hoff⸗ nung, den erlauchten Namen Ihrer Familie auf die Nachwelt zu bringen; und endlich fügte ich unter Thränen hinzu: wenn man den liebſten Hoff⸗ nungen entſagen mußte, wenn das Herz vor Wehmuth brechen möchte, was tröſtet dann mehr als das Be⸗ wußtſein, Andern das Glück zu geben, das man ſich ſelbſt wünſchte! . Eiin Wort, ein einziges Wort aus Ihrem Munde kann das arme Kind von Grab und Tod retten, und Sie wollten es nicht ſpre⸗ chen?. Wem iſt je Gelegenheit gegeben, eine ſchönere, edlere That zu thun? ein höheres Entzücken einzuflößen? Im Himmel ſelbſt gibt es keinen gött⸗ lichern Genuß. Nur ein Ungeheuer konnte behaupten, daß Rache das Vergnügen der Götter ſei!! .. „Schweigen Sie, Mathilde, ſchweigen Sie!“ rief Herr von Rochegune ſichtbar bewegt. „Sie reden nur zum Herzen, nicht zur Vernunft!“ Merken Sie auf die Stimme ihres Herzens und Sie werden iic daß ſie mit der Vernunft über⸗ einſtimmt! . Ja, mein Freund, ich ſehe, Sie find gerührt . O, folgen Sie der Stimme des Herzens! Sder wollien Sie, daß zu dem Schmerze über den Verluſt unſrer Liebe noch die Qualen Ihres Gewiſſens, das Sie des Mordes an Emma beſchul⸗ vigte, ſich hinzugeſelle Dver wollen Sie, daß ich mir ewig vorwerfe, durch den Ihnen verurſachten Kummer die Schönheit Ihrer Seele ge⸗ trübt zu haben „ Nein, nein! Trachten wir Beide, daß unſre Liebe uns läutere und beſſere! Dann werde ich dem verzeihen, dem ich ſo viele Schmerzen verdanke; dann werden Sie dem armen Kinde die Leiden vergüten, die es Ihrer wegen erduldet hat.. „Mathilde, Mathilde, wir Beide werden dieſe Stunde einſt bereuen! Sie, daß Sie mir zuredeten; ich, daß ich Ihnen nachgab!“ Nie, mein Freund, nie! O gewiß! Sie werden mir innigen, herzlichen Dank wiſen Dann, und vor Thränen konnte ich nicht ausreden. „Was fehlt Ihnen, Mathilde?“ fragte Herr von Rochegune unruhig. Nichts, mein Freund, Nichts! erwiderte ich und verſuchte zu lächeln. Ich vachte an Ihr und Emma's Glück hören Sie auf meine Wünſche und meinen Rath. Dann, wenn Sie ſich in Ihrem Glücke nicht zu faſſen wiſſen, wenn auch ich mit Ihnen glücklich bin, dann flüſtere ich Ihnen in's Böſer Freund Sie, der ich Sie zwingen mußte! . .. „Hüten Sie ſich, Mathilde, hüten Sie ſich! Mehr um Emma's, als um meiner willen! .. Mein Leben kann nicht unglücklicher werden, als es iſt Aber dies Kind! „ WMein Goit, —— —,— 3¹ wenn ſie ſich in mir täuſchte! .. Auch ihr Leben kann nicht unglücklicher werden!! .. „Mathilde, Mathilde! Es wäre eine traurige Verlobung! . . . Für Emma, die Verlobung einer Königin! Ihr Wort, mein Freund, Ihr Wort! Im Namen Ihres Vaters . im Namen un⸗ ſeres ſeligen Freundes, der ſeine Bitten mit den mei⸗ nigen vereint. „So wollen Sie es?“ 3ch flehe darum! „So haben Sie es. Es geſchehe dem Kinde, wie es verlangt!“ Oh, Dank, Dank Ihnen, Beſter, Edelſter unter den Menſchen 2ch! wüßten Sie die unſägliche Wonne der Thränen, die ich Ihnen ginen muß, rief ich tiefbewegt aus. Für ſo viele ſchmerzliche Dpfer 6 ich ni end⸗ mit Emma's Glück belohnt!! . 8 . . . . . — Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 2 Der Antrag. Herr von Rochegune hatte ſein Wort gegeben, und ſein Wort war ihm heilig. Ein Mann von ſol⸗ cher Zartheit begriff leicht die Nothwendigkeit, gegen Emma zu thun, als liebe er ſie ſchon lange. Ich übernahm es, um Emma's Hand in ſeinem ne bei Frau von Richeville anzuhalten. Ehe ich mit letzterer ſprach, eilte ich zu Emma. Man denke ſich ihr Staunen, ihre Freude, ihre Trunkenheit, als ſie die Rückkehr des Herrn von Ro⸗ chegune und ſeine Bewerbung um ihre Hand erfuhr. Sie verſprach, ſich gegen die Herzogin recht über⸗ raſcht zu ſtellen, ſobald dieſe ihr die frohe Nachricht mittheilen werde. Ich durfte daher weder von dieſer Seite, noch von Seite Herrn von Rochegune's eine Entdeckung meiner Lüge befürchten. Ich komme von Emma, redete ich Frau von Ri⸗ cheville an. Sie befindet ſich viel beſſer. Frau von Richeville ſchüttelte traurig den Kopf. „Ich bin gewiß, erwiderte die Herzogin, Emma verbirgt mir Etwas, vielleicht gar, daß ſie um das Geheimniß ihrer Geburt weiß. Sie muß am Herzen leiden, der Arzt forſcht umſonſt nach der Urſache ihrer Krankheit.“ Doktor Gerard hat ſie für nervös erklärt. Der⸗ Krankheiten kommen ebenſo ſchnell, als ſie gehen. „Kaum geneſen, iſt ſie ſchon wieder befallen. O, wie mich das beunruhigt!“ Und Ihre Freunde auch. Namentlich Herrn von Rochegune, den ich dieſen Morgen geſehen habe. „So, iſt er wieder zurück?“ Ja und er hat mir einen wichtigen Entſchluß an⸗ vertraut, den er in der Einſamkeit ſeines ländlichen Wohnſitzes gefaßt hat . . . . Sie wiſſen, er iſt tief. erſchüttert .. „Und mit Recht; ohne daß ich Sie anklagen will. Ja, er iſt ſehr unglücklich.“ Geweſen, fiel ich ein. Er blickt jetzt ruhiger in die Zukunft ... „Gottlob! Mit wahrer Verzweiflung geſtand er, daß die Mathilde von ehemals wie todt für ihn ſei.“ Und er hat die Wahrheit geſagt. Daß er ſich ganz von mir losgemacht, beweist . . . . . . Sie werden — 33 es kaum glauben . . . ., ſein Wunſch „ ſich zu verheiraten . . „Er, er! Unmöglich!“ Seine letzte Reiſe hatte keinen andern Zweck, als dieſen Plan reiflich zu erwägen. Er fühlt mehr als je das Bedürfniß, ſich einen häuslichen Herd zu gründen. „Er und heiraten! wiederholte Frau von Riche⸗ ville erſtaunt. Und Sie macht er zu ſeiner Ver⸗ trauten?“ Ich bin und bleibe ſeine beſte Freundin! . Mußte er mich nicht über einen ſo wichtigen Entſchluß befragen? „a, gewiß! Und doch fieht es wie Grauſamkeit . Ich ſehe Nichts als Liebe darin Iſt es nicht na⸗ türlich, daß er an die Zukunft denkt? „ Und wie iſt er geſchaffen dazu, ein Weib glücklich zu ma⸗ chen! Wäre er davon nicht überzeugt: nimmer würde aus er heiraten! Gewiß, gewiß! Alle Bande, alle Pflichten ſind ihm heilig!“ Warum ſtaunen Sie denn über ſeinen Wunſch? „Weil nur Ein Weib ſeiner würdig war.“ Sagen Sie wenig Weiber, ſo haben Sie Recht. Es hält ebenſo ſchwer, für Herrn von Rochegune ein ſeiner würdiges Weib ſinden, als für Emma einen ihrer würdigen Mann. „Ach, Mathilde, der Gedanke hat mich ſchon lange gequält . . . Die längſte Zeit, rief ich aus. Ich habe den ein⸗ zig würdigen Mann für ſie gefunden! „Und wer iſt er?“ Herr von Rochegune! „Herr von Rochegune?“ Ja Herr von Rochegune! „Mathilde, Sie ſind von Sinnen!“ 34 Nicht ſo ganz, wie Sie glauben. Fürchten Sie, daß er ſich an Emma's Geburt ſtößt 2 „Durchaus nicht!“ Oder daß er an ſein Vermögen, an ſeine Stel⸗ lung denkt? „Auch das nicht.“ Und doch ſtaunen Sie? „Weil er nie an Emma gedacht hat und nie an ſie denken wird.“ Geſetzt, es wäre ſo; würden Sie nicht glücklich, recht glücklich darüber ſein? „Welche Frage! Doch wozu ſolche Träume?“ Und wenn es keine Träume wären, wenn er wirk⸗ Sms liebte und um ihre Hand bei Ihnen an⸗ hielte? . „Zum erſten Male, Mathilde, betrüben ſie mich. Dieſer Scherz thut mir weh!“ Ich ſcherze nicht, geliebte Freundin. Bei allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich, daß ich förmlich be⸗ ir bin, um Emma's Hand bei Ihnen anzu⸗ alten Sie mußte mir glauben. 1 Keine Feder beſchreibt ihre Rührung, die noch durch Emma's trunkene Freude erhöhet wurde So ſtand ich denn am Ziele meiner Wünſche . . Die ſchmerzliche Ungewißheit, ob ich meine Ab⸗ ſichten erreichen werde oder nicht, hatte mich meine Seelenleiden vergeſſen laſſen. Zetzt, da ich mein Opfer mit dem ſchönſten Erfolge gekrönt ſah, bemäch⸗ tigte die Verzweiflung ſich meiner Bruſt auf's Neue. Emma war glücklich, Herr von Rochegune war glücklich, aber ich ich? . .. Ich will nichts verſchweigen .. . So lange Herr von Rochegune die Heirat mit Emma als ein Opfer anſah, das er dem armen Mäd⸗ 35 chen brachte; ſo lange ich, faſt wider ſeinen Willen, in ſeinem Herzen fortlebte; empfand ich eine Art weh⸗ müthiger Freude. Als er aber mehr und mehr den unwidverſtehli⸗ chen Zauber dieſes Mädchens erfuhr, das unter ſei⸗ 5 nen Augen immer lieblicher ſich entfaltete; als er mir geſtand, daß nun Emma ihn über einen Verluſt tröſten, daß ſie vielleicht einſt den Kummer, den ich ihm verurſacht, ganz in Vergeſſenheit bringen könne; oh, da erwachte ein tiefer, tiefer Schmerz in mir .. Bald ſprach ganz Paris von dieſer Partie. Die Einen ſchrien über den Wankelmuth des Herrn von Rochegune, die Andern prieſen die Feinheit und Geſchicklichkeit der Frau von Richeville, noch An⸗ dere glaubten an gegenſeitige Neigung; endlich behaup⸗ teten Viele, Herr von Rochegune wolle nur von ſich reden machen, denn ein Mann von hunderttauſend Livres Renten heirate keine arme Waiſe, ohne ge⸗ heime Abſichten dabei zu haben. Die Hochzeit ſollte in Rochegune gefeiert werden, ſobald die Förmlichkeiten es erlaubten. Sechs undzwanzigſtes Kapitel. Vie Heirat. Ich muß jetzt Einiges aus meinem häuslichen Le⸗ ben nachholen. Die Briefe des Herrn Lugarto waren ſeit lange ganz ausgeblieben. Nach und nach verſchwand die 6 Furcht vor ihm. Blondeau ſchlief in meiner Kammer. Da ich wenig aß und Bedenken trug, meine Koſt aus der Reſtauration kommen zu laſſen, ſo bereitete Blon⸗ deau ſelbſt die Speiſen, mit äußerſter Vorſicht. Ich ließ den Verſteck dicht überkleiden und kaufte — man lache nicht! — einen ſcharfen Dolch, den ich ſtets mit in mein Bett nahm. Die erſten Nächte nach dem Empfange jenes Brie⸗ fes des Herrn Lugarto wurde ich von ſchrecklichen Träumen geplagt. Aber je länger ich mich in das trübe Logis einwohnte, je mehr blieben ſie aus. Herrn von Lanery ſah ich ſelten. Er ſchien alle Hoffnung, Urſula wiederzufinden, aufgegeben zu haben. Tauſend Gründe zwangen mich, bei ihm auszu⸗ halten. Sonſt würde er vielleicht in meine Bitte um Eheſcheidung gewilligt haben. Mein Leben floß äußerſt einförmig dahin. Frau von Richeville und Emma beſuchte ich faſt täglich. In meiner Wohnung empfing ich Niemanden. Den Tag über zeichnete und ſtickte ich, ging dann im Park von Monceaux ſpazieren oder machte einige Beſuche. Mit Ungeduld erwartete ich den Hochzeittag des Herrn von Rochegune. Gleich darauf wollte ich mich nach Maran zurückziehen, das Frau von Richeville unter ihrem Namen angekauft hatte. Die von meiner Mutter ererbten Diamanten im Werthe von etwa fünfzig tauſend Thalern hatte ich beharrlich meinem Manne verweigert und ſie derſelben Freundin anver⸗ traut. Ich hoffte, um dieſen Preis ſpäter die geſetz⸗ liche Scheidung von meinem Manne zu erlangen. Verſtand er ſich dazu, ſo koſtete mich das Be⸗ kenntniß, mich nochmals in meinem Manne getäuſcht zu haben, keine große Ueberwindung. Was auch die Welt ſagen mochte: ich hatte wenigſtens meine Ketten abgeſchüttelt. Ein an ſich ziemlich bedeutungsloſer Umſtand trieb mich zu einem Entſchluſſe, der ſpäter von traurigen Folgen war. 37, Seit lange war ich durch Nichts an die Nähe des Herrn Lugarto erinnert worden, als ich eines Tages unter meinen Briefen, die ich in einem Muſchelkäſichen verſchloſſen hielt, deſſen Schlüſſel ich ſtets bei mir trug, eine gewiſſe Unordnung zu entdecken glaubte. Kein Brief fehlte, aber das Schloß ſchien wäh⸗ rend meiner Abweſenheit geöffnet worden zu ſein. Wiewohl ich keinen Grund zum Argwohn auf Blondeau oder meinen Bedienten hatte, fürchtete ich voch die Macht des Geldes und der Verführungskünſte, die Herrn Lugarto zu Gebote ſtand. So entſchied ich mich, alle wichtigen Papiere, namentlich meinen Brief⸗ wechſel mit Emma und Herrn von Rochegune, ſichern Händen anzuvertrauen. Herrn von Rochegune und Frau von Richeville durfte ich ſie aus leicht begreiflichen Urſachen nicht geben. Gott weiß wie! aber ich dachte plötzlich an Herrn von Senneville. Ich ſah ihn oft bei ſeiner Tante und hörte ihn ſtets als einen Mann von Ehre rühmen. Herr von Senneville war mit Freuden dazu be⸗ reit und kam eines Abends, um das Käſtchen mit den Briefen abzuholen. Ich hatte ihn um dieſen kleinen Gefallen erſucht, weil ich gegen die ſchändliche Hinter⸗ liſt des Herrn Lugarto mich nicht genug ſichern zu kön⸗ nen meinte. Zugleich wurde verabredet, daß Blondeau jeden neuen Brief ihm überbringen und in ſeiner Gegenwart zu den alten einſchließen ſolle. 8 Wenige Tage nach der Abreiſe des Herrn von Rochegune auf ſeine Güter erhielt ich folgenden Brief von ihm: „Rochegune, 20. Octbr. 1836. „Emma iſt mein Weib. Der Dank für ein Glück, das Ihr Werk iſt, gebührt Ihnen, meine edle Freun⸗ din! Ihre Prophezeihungen ſind erfüllt, ich gehe jetzt meinen Lebensweg mit feſtem, ſicherem Schritte, die 38 Zukunft erheitert ſich mir, mit jedem Tage wird der Himmel reiner. Auf Ihren Rath habe ich mich durch geheiligte Bande an das Leben gebunden ... Gebun⸗ den ſein, heißt Pflichten haben, und Pflichterfüllung war mir ſtets ein herzliches Vergnügen. „Ich ſchreibe Ihnen, weil meine Heirat ein Wendepunkt in Ihrem Leben ſein muß. Ze weiter ich mich von der Zeit entferne, wo das Gebäude meiner Hoffnungen durch Sie zuſammenſtürzte, um ſo mehr kehrt die Beſinnung wieder, um ſo herzlicher wünſche ich mir Glück, Ihrem Rathe gefolgt zu ſein. „Keine liebte ich ſo, wie Sie; Keine werde ich höher achten, als Sie. Ich verdanke Ihnen die Er⸗ kenntniß eines Glückes, von dem ich keine Ahnung hatte; des Glückes, in einer Andern zu leben oder vielmehr, eine Andere dadurch zu beleben, daß ich für ſie lebe. „Ich kann nicht ſagen, was ich für Emma fühle. Sie iſt ſo in mein Fleiſch und Blut übergegangen, ſie beweiſt mir eine ſolche Empfänglichkeit fuͤr meinen Einfluß, daß ich eben ſo ſtolz und glücklich darauf bin, als unruhig und beſorgt darüber. „O daß Sie das kindliche Entzücken ſähen, wo⸗ mit ſie das Leben anblickt, das ich ihr geſchaffen habe. Ja, Mathilde, Sie hatten Recht, ihr Glück hat mich glücklich, ihre Liebe faſt verliebt gemacht. „Warum ſollte ich es Ihnen verſchweigen? Es iſt nicht... die Liebe, die ich für Sie fühlte... Die iſt todt, ganz todtz. . mit Einem Schlage wie ver⸗ nichtet, verflüchtigt.. und gerade in dem Augenblicke, wo ſie in ihrer ganzen Blüthe und Kraft ſtand. „Ich habe es Ihnen oft geſagt: die Todten al⸗ tern nicht im Grabe; wenn ein Wunder ſie erweckte, ſtünden ſie ſo auf, wie ſie niederſanken. So auch mit meiner Liebe. Wenn ſie durch ein Wunder erſtünde, erſtünde ſie ganz ſo, wie ſie war, als ſie erblich. „Nein, nein! Gott ſei Dank, iſt das Gefühl, das 39 Emma mir einflößt, kein Bruchſtück von dem Feen⸗ ſchloſſe unſerer alten Liebe ... Nein! es iſt ein reines, jungfräuliches Gefühl, wie nur eine Jungfrau es ein⸗ flößen kann. Keine Frau liebt ſo und kann ſo lieben. Und wie die Liebe, ſo auch die Gegenliebe. „Ich kann keinen Schritt thun auf dem ſchönen Wege, den Sie mir eröffnet haben, ohne Ihrer Worte zu gedenken: wenn man den liebſten Hoffnun⸗ gen entſagen muß, wenn das Herz vor Weh⸗ muth brechen möchte: was tröſtet dann mehr, als das Bewußtſein, Andern das Glück zu geben, das man ſich ſelbſt wünſchte. „Wie ein Gott im Kleinen dünke ich mich mitten in der Welt von Glück, die ich ſelbſt geſchaffen. Oh, daß Sie die Wonne der Herzogin ſähen! Es iſt ihr noch jetzt, als träumte ſie, ſo vollkommen iſt ihre Seligkeit. Oft erſchreckt ſie mich durch den Ausruf: Das Glück iſt zu groß! Gewiß, es ſteht uns ein Un⸗ glück bevor! „Ich beruhige ſie, ſo gut ich kann. Aber ſie iſt abergläubiſch, wie Alle, die viel im Leben gelitten haben. Ohne Ihr Heilmittel, Mathilde, wäre auch ich ein Fataliſt geworden . . „Frau von Richeville und ich haben reiflich erwo⸗ gen, ob es nicht beſſer wäre, Emma in das Geheim⸗ niß ihrer Geburt einzuweihen; doch wir wollen die Sache auf ſich beruhen laſſen. „Es wäre freilich ein großes Unglück, wenn der Zufall es ihr doch mittheilte. Aber warum das Schlimmſte befürchten? „Wir bleiben in Rochegune bis Ende Februar oder März, nach Emma's Wunſche. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie ſchmerzlich wir Alle Sie vermiſſen. Sie wiſſen, wer und was Schuld iſt, daß wir Sie nicht hier haben. Ich tröſte mich mit dem Gedanken, daß Sie glück⸗ lich ſind. Die Entbehrungen der Gegenwart ſind Jh⸗ 40 nen keine Laſt, Sie würden noch härtere aus Rückſicht auf Ihren Gemahl geduldig ertragen. „Um Ihnen Nichts zu verheimlichen, Mathilde! Der Augenblick, wo ich das Wort ausſprach, das mich auf immer an Emma bindet, war mir ein höchſt bit⸗ terer, denn dieſe meine Ehe war der letzte Schritt, der mich unwiderruflich von Ihnen trennte. Bis den Au⸗ genblick hatte ich, wenn auch keine Hoffnung mehr⸗auf Sie, doch wenigſtens Freiheit. k ℳ „Aber dieſer ſchmerzliche Eindrück ſchwindet bald. Meine Gegenwart iſt glücklich, meine Vergangenheit voll trüber Erinnerungen, meine Zukunft voll freudi⸗ ger Hoffnungen. „Ich würde mein Gefühl für Emma mißtrauiſch anſehen, wenn es lebhafter wäre, als es wirklich iſt. So wie es iſt, genügt es der Freude und dem Glücke des lieben Kindes. Und es muß täglich an Innigkeit zunehmen. „Die Aehnlichkeit im Charakter Emma's mit dem Ihrigen überraſcht mich oft ungemein. Ganz dieſelbe Offenheit und Geradheit, dieſelbe Empfänglichkeit für alles Gute und Wahre .. . . Auch im Aeußern hat ſie viel von Ihnen angenommen, ſie trägt ihr Haar ganz wie Sie und ſpricht oft ganz wie Sie .. Sie kön⸗ nen ſich denken, wie mich das entzückt! .. „Adieu denn, liebe Freundin, zärtlich Adieu! Es ſcheint mir, als wäre unſre Stellung jetzt ausgegli⸗ chen und als kehrte die alte Freundſchaft für Sie zurück, ſo ſanft und ruhig, vielleicht noch ruhiger, weil da⸗ mals der Funke der Leidenſchaft ſchon längſt unter der Aſche glimmte. „Jett iſt der Funke ganz erloſchen. . „Lebewohl, Mathilde, und Dank! Ja, innigen Dank! Denn ohne Sie würde ich nicht blos das zärt⸗ lich geliebte Kind geopfert haben, ſondern auch ein elen⸗ des, troſtloſes Leben führen. Mit Schrecken gedenke ich, 41 daß ich für einen Augenblick die Buhlerkünſte Ihrer hölliſchen Coufine ungern vermiſſen konnte. „Wer weiß, wie tief ich geſunken wäre, wenn ich mich ihr in die Arme geworfen hätte! „Je mehr man ſich von der Gefahr entfernt, um ſo richtiger beurtheilt man ſie. „Aber geſchwind zu meiner engelgleichen Emma zurück! Im ſichern Hafen träumt ſich gut von den Stürmen auf hoher See; mit dem Lichte einer frohen Zukunft beleuchtet man gern eine ſchmerzliche Vergan⸗ genheit; am Buſen meiner Emma . . Plötzlich wurde die Thüre aufgeriſſen. Bleich und mit verzerrten Zügen ſtürzte herein — Herr Secherin. „Um Gotteswillen! Sie, kommen Sie!“ ſchrie er mir kutzegen ie ſtirbt ſie will Sie ſehen! ſie ſtirbtl⸗“ Wer firbt? fragte ich erſchreckt . „Ich ſage Ftt Urſula ſtirbt . ſie ſtirbt „ und ich bin nicht da Kommen Sie kommen Sie! „ Zeder Augenblick kann der letzte ihres Le⸗ bens ſein!“ urſula? Urſula? wiederholte ich und ſchlug die Hände entſetzt zuſammen. „O wie unbarmherzig! „. Ich komme auf ihre Bitten ſo können auch Sie kommen! Ge⸗ ſchwind, geſchwind! Ich ſage Ihnen, ſie ſtirbt! . Jede Winute iſt koſtbar kann die letzte ſein! Gott im Himmel, und ich bin nicht da „ Haſtig ergriff er mich am Arm und zog mich fort. Ich warf ein Tuch um, ſetzte den Hut auf und folgte ihm mechaniſch. Wir ſetzten uns in den Wagen, der vor der Thüre wartete, und flogen von dannen. Ich war ſo gut wie nicht da für ihn. Ein wale res Bild der Verzweiflung, lehnte er in der Ecke des Wagens; abgezehrt und bleich, mit verweinten, tieflie⸗ Mathilde. vI. 4 42 genden Augen und ſchmerzentſtellten Zügen. Einmal übers andere trieb er den Kutſcher zu immer größerer Eile an. Iſt ſie denn rettungslos verloren? Iſt keine Hoff⸗ nung mehr? Er ſah mich ſtier an. „Bei ſo viel Gift Hoffnung?“ fragte er krampf⸗ haft lachend. Gott im Himmel! Urſula vergiftet? „Und ich kann ihn nur Ein Mal tödten!“ ſagte er mit hohler Stimme und drückte meine Hand ge⸗ waltſam. Laſſen Sie die Rache! Denken wir, die Arme zu retten, wenn es noch Zeit iſt .. Und Ihre Mutter? „Meine Mutter!“ rief er aus. „Meine Mutter iſt hier Aber, mein Gott, ſind wir noch nicht „Urſula ſtirbt ſie ſtirbt, ehe wir ankom⸗ en Wie haben Sie die Nachricht erfahren? „Durch einen Brief . nur zwei Zeilen . .. wenn ich ſie zum letzten Mal ſehen wolle ſolle ich gleich nach Paris kommen .. Meine Mutter . die iſt unverſöhnlich wie immer .. Oh! dieſer Kutſcher „ der faule Menſch wie er langſam fährt ſie iſt gewiß ſchon todt!“ und weiter? Ihre Mutter? fragte ich, um ihn zu zerſtreuen „Meine Mutter! rief er mit wutherſtickter Stimme „die ſagt, es ſei eine Komödie, ein Poſſenſpiel .. damit ich ihr verzeihe! . Denken Sie ſich nur, eine Komödie!!. „Dieſer Brief voll Modergeruch... ein Poſſenſpiel!! Aber ich wußte es beſſer! Ich eilte von Rouvray nach Paris . Meine Mutter nach ha! ha! Eine Komödie! Sie ſollen ſie ſehen .. ganz eine Sterbende Gottlob! Da ſind wir . nein! noch nicht! Geſchwind, Kutſcher, geſchwind! .. Oh, wenn ſie nur noch lebt .. daß ſie meine Härte verzeiht .. . nein! nicht Härte.. Schwäche . . . denn aus Schwäche gab ich dem Haß meiner Mutter nach . . . . Und was iſt das Ende da⸗ von was iſt das Ende vom Lied? Ein ar⸗ mes Geſchöpf fehlt . . . Statt Nachſicht zu haben .. ſtatt ihr zu verzeihen ... jagt man ſie aus dem Hauſe fort . . wie eine gemeine Perſon flucht man ihr .. .. Und was thut ſie? .. . Ganz natürlich, ſie fällt immer tiefer . . . . Und dann, als die Reue erwacht denn ihr Herz iſt gut geblieben. was thut ſie? .. Das Leben iſt ihr eine Laſt „ſie ver⸗ giftet ſich Bah! heißt es Eine Komödie! Poſſenſpiel! .. Das that meine Mutter aus Haß und das that ich aus Schwäche „ Aber was meinen die Aerzte? „Die Aerzte?“ fragte er mit wahrhaft entſetzlichem Gelächter .. „Die meinen, daß es keine Komödie ſei!!. .. daß ſie ſo gut wie todt ſei!! . . hörſt Du, Mutter, ſagte ich .. Biſt Du jetzt zufrieden? . hörſt Du's? Eine Todte!! . . . Gottlob, da ſind wir . Halt, Kutſcher, halt!“ ſchrie er. Der Wagen hielt. Herr Secherin ſprang heraus. Ich folgte ihm eilig. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Vas Sterbebett. Wir gingen durch einen kleinen, mit Unkraut über⸗ wachſenen Garten. Eine Art Vorgemach führte in eine ziemlich große, aber dunkle, feuchte, höchſt ärmlich meublirte Stube . Hier ſtarb Urſula. Ein altes Weib, mit widerlichem Geſichte und faſt in Lumpen, diente ihr als Wärterin. Sie entfernte ſich auf einen Wink meiner Couſine. Mein Gott! Welch ein Anblick! Urſula, ſchwarz gekleidet, lag auf einem Sopha, ein großer Shawl bedeckte Füße und Kniee. Sie zit⸗ terte vor Kälte, mit der einen Hand drückte ſie krampf⸗ haft das Kiſſen an ſich, worauf ihr Haupt ruhte, mit der andern ſtrich ſie die ſchönen braunen Locken zurück, die über die Stirn herabfielen. Die Farbe des Todes war über das Antlitz aus⸗ gegoſſen, das Feuer ihrer großen blauen Augen faſt erloſchen. . Als ſie mich ſah, belebte ſich ihr Blick, ein weh⸗ müthiges Lächeln ſchwebte über die entfärbten Lippen, und ſie faltete die Hände als wie zu tiefßefühltem „O, wie edel von Ihnen, daß Sie kommen, Ma⸗ thilde!“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. „Ich möchte einige Augſenblicke mit Ihnen allein ſein.“ „Nein, nein!“ ſchluchzte Herr Secherin, neben ihr knieend. „Ich verlaſſe Dich nicht mehr!“ Urſula ſah ihn mit flehender Miene an. „Oh, dieſer Blick!“ rief er mit herzzerreißender Stimme. „Noch im Tode derſelbe, wie früher!“ „Nur einige Augenblicke, mein Freund!“ bat Ur⸗ ſula. „Meine letzten gehören ganz Ihnen.“ Auch ich flehe darum, lieber Coufin, ſagte ich. „Es iſt meine letzte Bitte!“ bat ſie ſchmerzlich lächelnd. Das Geſicht in den Händen verbergend, ſtürzte er zum Zimmer hinaus. „Mathilde,“ hub Urſula an, „hier iſt der Schlüſ⸗ ſel zu meinem Sekretär. Ich wünſche, daß Sie alle 45 meine Papiere und Briefe verbrennen Das Gift wirkte ſo ſchnell, daß ich ſelbſt es nicht thun konnte. Erfüllen Sie meine Bitte?“ Es ſoll geſchehen, Urſula, antwortete ich, den Kopf abwendend, um meine Thränen zu verbergen, „Mathilde,“ fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort, . „ich ſterbe für Herrn von Rochegune Großer Gott! unterbrach ich ſie. .. In dieſem fürchterlichen Augenblicke „denken Sie an ſo was? Er iſt verheiratet. „Deshalb muß ich ſterben. Bis zuletzt machte ich, Arme, mir Hoffnung auf ihn Als ich ſeine Heirat erfuhr, blieb mir nichts übrig als ſter⸗ Ach! Urſula, wie viel Böſes haben Sie ſich ſelbſt . . . und Andern . angethan! „Ich weiß es „Aber ich habe ſchwer dafür ge⸗ büßt WMit welcher Verachtung, mit welchem Ab⸗ ſcheu hat er mich zurückgeſtoßen, als ich ihm zei⸗ gen wollte, wie er auf mich eingewirkt Wehe, wehe mir! . Als ich von Frömmigkeit und Tugend reden wollte, da fehlten mir die Worte! „ ſonſt ſo kühn und gewandt ich zitterte zagte . Ein Wort . Ein Blick von ihm hätte mich ermuthigt . er hätte in mir leſen können! aber nein! Nichts als eiſige, ſpöttiſche. Ver⸗ achtung ach! da verzagte ich da ſtockte meine Zunge Und doch, Mathilde, heuchelte ich nicht zum erſten Mal im Leben redete ich die Wahrheit tiefgefühlte Wahrheit nie, nie! empfand ich tiefer und reiner . . . Gewiß war ich unwürdig, eine ſolche Sprache zu reden Oh, Mathilde, wenn der Schmerz eine Buße iſt, dann werden Sie mir verzeihen, denn an jenem Tage habe ich furchtbar gelitten.“ Ja, arme Urſula, ich glaube Ihnen Sie müſſen viel gelitten haben! 46 „Und doch wiſſen Sie nicht Alles Ich habe noch mehr, noch viel mehr gelitten .. Reden Sie, Urſula, reden Sie! „Ach, Mathilde, gerade in dem Augenblicke, wo das Gift anfing zu wirken gerade da hat Gott mich am furchtbarſten geſtraft, denn er zeigte mir plötzlich das einzige Mittel, wie ich meine Fehler hätte gut machen, die Theilnahme deſſen, für den ich ſterbe, und die Achtung Aller mir verdienen können.“ Roch immer iſt Zeit dazu! tröſtete ich „Nein, nein! Es iſt zu ſpät „ich fühle, mein Ende naht ... Und das macht meinen Tod ſo fürch⸗ terlich!“ rief ſie laut aufſchluchzend aus. urſula, Sie find jung „. es iſt noch Hoff⸗ nung da . . Gott wird Ihre frommen Wünſche er⸗ hören „Nicht für mich,“ rief ſie in Verzweiflung die Hände faltend aus „nicht für mich bitte ich um mein Leben . . nein! für den Mann, den ich ſo ſchändlich behandelt habe . Ja, ich ſchwöre bei Dir, vor Gott, wenn Du mir das Leben wieder gibſt, will ich nur leben, um ihn zu tröſten, um ſeine Schmerzen zu ſtillen! So iſt denn Ihr Gewiſſen .. „Erwacht!“ fiel ſie ein. „Ja, es iſt erwacht! Oh! Statt durch ein Verbrechen meine Tage zu beſchließen, hätte ich mich reuig ihm und ſeiner Mutter zu Füßen werfen ſollen . . . . Ich bin gewiß, ſie würden mich nicht verſtoßen haben . . Wie glücklich hätte ich ihn, mich und ſie machen können! . Ja, dann hätte ich einſt zu ihm, den ich liebe, ſagen können: Siehe, das war ich und das bin ich jetzt . . was ich bin, bin ich durch deine Liebe geworden, durch die Liebe zu dir, die ich ſtill im Herzen trug . . . Gott, mein Gott, Zu ſpät, zu ſpät, meine Stunde hat geſchlagen!. Schrecklich! rief ich aus. Wie groß und ſchön wäre ſolche Umkehr geweſen!! . .. 3 47 „Nicht wahr, Mathilde? . Sie kennen die Kraft meines Willens, meine Entſchiedenheit .. Wie früher zu allem Boſen, ſo wäre ich jetzt zu allem Gu⸗ ten und Edeln fähig geweſen.“ Arme . arme Urſula! rief ich aus ſchmerzlich bewegter Bruſt. „Oh wie gut Sie find, Mathilde, daß Sie Mit⸗ leid haben mit mir. . . Iſt es nicht ſchrecklich zu ſter⸗ ben, ſo jung ſo voll edler Vorſätze „ zu ſterben, elend und verlaſſen, verachtet . .. verabſcheut von Allen, .. während ich geachtet, geliebt hätte leben können? ... Furchtbare Strafe des Himmels!“ Erſchöpft ſank ſie aufs Kiſſen zurück. Immer mehr hatte ſich mein Abſcheu in Mitleid mit der Sterbenden umgewandelt. Ja, gewiß! Bei der Entſchiedenheit ihres Charak⸗ ters hätte ſie alle alten Sünden leicht in Vergeſſenheit bringen können! Zugleich rührte mich tief ihre innige Liebe zu Herrn von Rochegune. Faſt bewußtlos lag ſie in meinen Armen. Er⸗ ſchreckt rief ich Herrn Secherin, der wie wahnſinnig hereinſtürzte. Sie athmete kaum. Tiefer Schmerz ſprach aus allen Zügen. Bald erholte ſie ſich etwas; aber immer näher ſtellten die Vorzeichen der nahen Auflöſung ſich ein. Sie bewegte leicht die Arme von ſich ah, als wolle ſie beängſtigende Erſcheinungen abwehren. Endlich ſchlug ſie die Augen auf und ſagte mit erſtickter Stimme: „Mathilde, verzeihen Sie mir? Ja, urſula, ja, ich verzeihe Ihnen Alles Auch Gott wird Ihnen gnädig ſein. „Mein Freund, . wo ſind Sie? Es iſt mir, als könne ich nicht mehr ſehen!“ „ ſagte ſie, während ihr matter Blick ihn zu ſuchen ſchien 48 „Urſula, Urſula. Du ſtirbſt. Du darfſt nicht ſterben. Uurſula, verzeihe mir . . Richt ich, nicht ich habe Dich verſtoßen . Nein, meine Mutter wars Wehe mir! Wehe ihr!“ In dem Augenblick trat Madame Secherin herein. Mit finſterer, drohender Miene und langſam, faſt majeſtätiſch, näherte ſie ſich der Sterbenden. „Der Sohn flucht der Mutter!“ rief ſie mit wuth⸗ bebender Stimme. Schonen Sie ihr, Madame, ſchonen Sie ihr! flehte ich Urſula ſtirbt. „Sie ſtirbt, wie ſie gelebt hat!!!“ „Mitleid, Madame, Milleid!“ rief Urſula, ſich trotz ihrer Schwäche halb aufrichtend und entſetzt die Hände ringend . „Kein Mitleid mit Ihnen!“ ſchrie Madame Se⸗ erin. Wie eine Rachegöttin ſtand ſie da. „Mitleid, Mitleid!“ flehte Urſula. „Haben Sie Mitleid gehabt, als ich um Scho⸗ nung für mein Kind bat?“ „Oh, ich bereue es bitter! bitter! „Zu ſpät, Madame.“ „Verzeihung, Madame, Verzeihung! Ihr Sohn WMathilde . Beide haben verziehen!“ „Keine Verzeihung für Ehebruch!⸗ „Oh, mein Gott!“ „Keine Verzeihung für Selbſtmord!“ „Wehe, wehe!“ rief Urſula und fiel regungslos auf den Sopha zurück. „Mutter, Mutter!“ rief Herr Secherin, aus ſei⸗ ner Betäubung auffahrend „Gott wird ſich ihrer erbarmen „ „Hat ſie ſich Deiner erbarmt, Du Thor? . Hat ſie ſich andrer erbarmt?“ „Aber ſie fühlt Reue, Mutter!“ 49 „Das heißt, ſie fürchtet die Strafe ihrer Ver⸗ brechen Das iſt ihre Reue! ℳ „ „Komödie, nicht wahr? Komödie? „ „Ja, eine Komödie, Angeſichts des Grabes! . .. Drei Jahre verbrecheriſchen Lebens drei Jahre und Eine Minute Reue . . Eine Minute . Verzeiht man ſo leicht? . Nein, nein! Kein Mit⸗ leid, weder diesſeits noch jenſeits des Grabes, nicht auf Erden und nicht im Himmel! „Was, Madame,“ rief Urſula und ſah Madame Secherin mit brechenden Augen an, „was bleibt mir übrig als Reue? Iſt das auch Sünde, mein Gott! daß ich vor meinem Tode die um Verzeihung bitte, die ich ſo ſchwer gekränkt? . Auf Erden und im Himmel gibt es für mich keine andere Buße als Reue! Ja, ich habe Sie tief betrübt Sie und Ihren Sohn und Keiner verdiente es weni⸗ ger, auch Mathilde, die mich wie eine Schweſter liebte. WMein Leben iſt voll Schuld und Sünde mein Ende, ein Verbrechen Alle fluchen mir mein Vater wird keine Thräne um mich weinen die Welt wird ſagen, ſie hat die Strafe verdient.“ „Ja, ja, verdient!“ wiederholte Madame Secherin mit harter Stimme. „Ich will nicht klagen Aber bedenken Sie, daß ich als Kind ſchon in die Hände der böſeſten aller Frauen kam Bedenken Sie, daß dieſe ſtatt guten Samen den Samen des Haſſes, der Eiferſucht, des Neides und der Heuchelei in das Herz des Kindes, der Jungfrau ſtreute „ „Warum hat dieſer Same bei Ihrer Couſine an⸗ dere Früchte getragen? „Weil ich von Natur ebenſo bös war, als Ma⸗ thilde gut iſt, fiel Urſula mit ſanftem Tone ein, während ihr Mann ſtier an ihrem Munde hing m ſo mehr bedurfte ich eines guten Beiſpiels, 50 einer frommen Erziehung! . . . Vielleicht, vielleicht wäre ich dann anders, ganz anders geworden,“ ſagte ſie mit einem trüben Blick auf mich, deſſen Meinung ich ſchnell genug verſtand .. „Ach, wie anders wollte ich jetzt leben, wenn es noch Zeit wäre . .. Aber es iſt zu ſpät, zu ſpät! Gott wollte, daß ich in Sünden lebte und mit Verbrechen endete! Keiner betet für die Ruhe meiner Seele .. ne als die Beiden, die ich am tieſſten gekränkt abe.“ Madame Secherin ſah Urſula einige Augenblicke aufmerkſam an. Die eiſerne Härte ihrer Züge ſchien ſich etwas zu verlieren. Vielleicht gedachte ſie der Zeit, wo ſie Urſula zum letzten Male geſehen in allem Glanze der Jugend und Schönheit. Urſula konnte dieſen Blick ihrer Schwiegermutter, die noch immer aufrecht und ſtumm neben ihr ſtand, nicht aushalten. Immer matter wurde ihre Stimme, als ſie die Hand ihres Gatten, der laut ſchluchzte, in die ihrige legend, zu ihm ſprach: „Ich weiß, ich habe oft Ihr Verhältniß zu Ihrer Mutter getrübt. Nichts laſtet ſchwerer auf meinem Herzen, als dieſer Vor⸗ wurf.. O, befreien Sie mich von dieſer Laſt, daß ich weniger unglücklich aus dieſer Welt ſcheide. .. Werden Sie wieder der gute, fromme Sohn von ehe⸗ mals! Vielleicht daß Ihre Mutter mir dann einſt ver⸗ gißt, was ſie jetzt, in meiner Todesſtunde, mir nicht verzeihen kann. Nicht wahr, Sie geloben es mir mit Herz und Hand?“ „Ja, ja, ich ſchwöre es!“ rief Herr Secherin vor Schmerz außer ſich. „Nein, nein!“ rief plötzlich Madame Secherin. „Die Arme darf nicht ſo ſterben. Iſt denn kein Prieſter bei der Hand?“ „Die Kirche verſtößt die Selbſtmörder aus ihrem . 51 Schooße!. Ich wagte es nicht, einen Prieſter zu mir zu beſcheiden,“ ſagte Urſula leiſe und zitternd. Langſam kniete Madame Secherin neben ihrer Schwiegertochter nieder, zwei Thränen rannen über die gramgefurchten Wangen, und die Hände faltend, ſagte ſie feierlich: „Herr, Herr! Vergieb ihr, wie ich ihr vergebe.“ „Dank, Dank, meine Mutter!“ rief der Sohn, die Hände der Madame Secherin mit Küſſen und Thränen bedeckend. „All mein Lebelang. .“ Und er konnte nicht weiter. „Ja, Gott erbarmt ſich meiner!“ rief Urſula mit verklärtem Antlitz. .. „Sie hat mir verziehen!“ „Mehr noch! Sie ſegnet Dich, Arme!“ fiel Madame Secherin ein. . . „Sie betet für Dich! Ja, ich will, ich muß es glauben. .. Ohne die Erziehung, ohne dies Beiſpiel wärſt Du das geworden, was Mathilde iſt. . . Dann legte ſie Urſula's Antlitz an ihre Bruſt und küßte ihre Stirn. „Oh! erlauben Sie, zum erſten und zum letzten Male, daß ich Sie Mutter .. Mutter nennen darf jetzt, nur jetzt!. Oh, wie ſüß klingt das Wort. . . Es iſt mir, als könnte ich ruhig ſterben. . . „Ja, „ich will Deine Mutter ſein. . . Das Herz bricht mir, ich kann nicht länger haſſen und zür⸗ nen!“ rief Madame Secherin tief bewegt. „Auch ich bedaure und bereue . . . leider! zu ſpät ich hätte Dich wie meine Tochter behandeln, und Dir nicht den Weg des Heiles verſperren ſollen.“ „Oh! meine Mutter . liebe Mutter! . Gott ſei Dank! Sie retten mich aus der Verzweiflung .. in meiner letzten Stunde! . Dank Ihnen, Dank, liebe Mutter! Und Sie, mein Freund, werden Ihrer Mutter ſtets würdig ſein? Nicht wahr?“ „Ja, ich ſchwöre es!“ rief Herr Secherin krampf⸗ 52 haft. „Mein Lebenlang will ich nichts thun, als Deiner gedenken, Urſula, und meine Mutter lieben, kindlich lieben! „Aber nein! Urſula, Du darfſt nicht ſterben . Gott wird Dich mir und mei⸗ ner Mutter erhalten, uns Beide glücklich zu machen. Zetzt biſt Du ihre Lochter, jetzt verzeiht ſie Dir jetzt ſind wir Alle glücklich, jetzſt darfft und kannſt Du nicht ſterben... Nicht wahr, liebe Mutter?“ Urſula's Kräfte waren erſchöpft. „Mutter,“ ſagte ſie mit ſterbender Stimme, . „lege meinen Kopf. an Deine Bruſti Madame Secherin bückte ſich über den Sopha, hob Urſula leicht empor und nahm ſie in ihre Arme. „Mein Freund, . Ihre Hand, und Mathilde, ie Dei Kalter Todesſchweiß war auf ihrer Hand. Sie hatte nicht mehr die Kraft, meine Hand zu drücken. Immer matter und leißer ſtieß ſie die Worte her⸗ vor: „Jetzt Lebewohl! auf immer .. Lebewohl! Verzeihet mir. Mutter, „Freund, „ Macthilde! Betet für mich.“ „Tochter, liebe Tochter, ich ſegne Dich . rief Madame Secherin feierlich und legte ihre alten Hände auf Urſula's Stirn. 5 Ein kurzes Röcheln und Urſula war nicht Nach einem Anfalle wüthender Verzweiflung ſank Herr Secherin bewußtlos zuſammen. Madame Secherin und ich erwieſen Urſula den letzten Liebesdienſt. Wir brachten die Nacht in Gebet bei ihrem Sarge zu, Der Vater Urſula's hatte ſie nicht wieder ſehen wollen, ſeit ſie ihren Gemahl verlaſſen. Er war bald darauf nach Deutſchland abgereiſt. 53 Um jedes Aufſehen zu verhindern, erſuchte ich den Herrn Doktor Gerard, deſſen Verſchwiegenheit ich kannte, die nöthigen Anftalten zur Beerdigung zu treffen. Nach Urſula's Wunſche verbrannte ich alle Pa⸗ piere, die ich in ihrem Sekretär fand. Aus dem Umfange derſelben ſchloß ich, daß auch das Tagebuch Urſula's, woraus Herr Lugarto mir Bruchſtücke mitgetheilt hatte, darunter ſein müſſe. Ob Zephyrine, das von Herrn Lugarto beſtochene Kammermädchen Urſula's, ihre Herrin vor oder nach ihrer Vergiftung verließ, weiß ich nicht. Zu ſeinem Glücke merkte Herr Secherin nichts von dem, was um ihn vorging. Mit gekreuzten Armen ſaß er unbeweglich auf Urſula's Bette und ſtierte vor ſich hin. Nur zwei⸗ oder dreimal des Nachts kam er, wäh⸗ rend wir beteten, und knieete neben uns, aber ganz mechaniſch. Er ſah und hörte nicht, und kehrte, ohne ein Wort zu ſagen, in die Kammer zurück. Gegen Morgen ſchlief er in einem Seſſel ein. Von ihrem Rechte, mit vielleicht übertriebener Strenge, Gebrauch machend, hatte die Kirche Urſula ein feierliches Begräbniß verweigert. Ich wollte bis auf den letzten Augenblick bei Ur⸗ ſula aushalten. Nie, nie in meinem Leben werde ich dies herzzer⸗ reißende Gemälde vergeſſen. Es war ein trüber, nebeliger Herbſtmorgen. Zum Letztenmale gingen Madame Secherin und ich, bei dem ärmlichen Sarge zu beten, der in einem ebenſo ärmlichen Gemache des Erdgeſchoßes ſtand, das auf den Garten hinaus ſah. Kein Prieſter! Kein Weihwaſſer! Keine Kerzen! Kein Trauergerüſt! Nichts, Richts von dem Allem! Der Tod in ſeiner ganzen entſetzlichen Nacktheit ſtierte uns entgegen. . Und draußen! Eine tiefe Stille, von dem Geheul des Windes in den entblätterten Zweigen dann und wann ſchauerlich unterbrochen. . . Da liegſt Du, Urſula, — dachte ich bei mir — todt, arm und verachtet. . Und vor Kurzem, .. als ich Dich zuletzt geſehen? . . Da glänzteſt Du in Jugendfülle und Schönheit, gefeiert von Jung und ic Als Blondeau die Ankunft des Leichenwagens an⸗ ſagte, ſchluchzte ich laut auf. Ich küßte nochmals den Sarg und zog mich dann mit Madame Secherin und Blondeau in das Innere des Gemaches zurück. Wir hörten erſt verworrene Tritte dann einige grobe Stimmen, die einen Augenblick ſchwiegen dann einen ſchweren, abgemeſſenen Schritt . . endlich das dumpfe Rollen eines Wagens, der langſain fortfuhr. Ich ſchlug die Gardine etwas bei Seite, um Urſula zum letzten Male nachzublicken. Ich ſah den Leichenwagen ſich entfernen, „ langſam und allein ganz allein. Niemand folgte ihm. Er verſchwand . und damit war's aus. .. Gott! Welch eine Minute! Das Geräuſch des Leichenwagens ging Herrn Secherin durch Mark und Bein. . Er fuhr aus ſeiner Betäubung auf. Blickte mit hohlen Augen um ſich und ſiel dann mit einem des Entſetzens bewußtlos in die Arme ſeiner Kein Prieſter ſprach ein letztes Gebet an dem Grabe, das die Arme aufnahm und ſich über ſie ſchloß. Unglückliche Urſula! . unglückliches Opſel der hölliſchen Bosheit des Fräuleins von Nar Die ſie £ * 2 2 7 0 * * * 3 Dich methodiſch verderbte, um Dich als Werkzeug ihres Haſſes gegen mich zu gebrauchen! Arme Urſula! . . Trotz Deiner Verirrungen be⸗ ſaßeſt Du von Natur eine edle Seele! Oh! Daß die Reue kam, als es zu ſpät war. Als es zu ſpät war. Ja, ſonſt hätteſt Du, bei der Entſchiedenheit Deines Charakters, Dein Vergehen gut gemacht und Dir die Achtung und Liebe der Dei⸗ nen erworbeſ.⸗. Ehe ich nach Haus zurückkehrte, ging ich in die Kirche des h. Thomas von Aquino. Da ich in der Sakriſtei einen Prieſter vorfand, erſuchte ich ihn, für Urſula eine Seelenmeſſe zu löſen, der ich bis an's Ende beiwohnte . Ach!. Als ich die Kirche verließ, fielen meine Augen auf den Stein, woraus wir als Kinder ſo oft das h. Waſſer geſchöpft hatten. In derſelben Kirche waren wir zum erſten Male zum h. Abendmahle gegangen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Berrn von Tanrry's Erauer um Arſula. Herr Secherin kehrte mit ſeiner Mutter nach Rouvray zurück. Zuvor beſuchten mich Beide in meiner Wohnung. S6 Herr Secherin mich verließ, flüſterte er mit wil⸗ der Riene in mein Ohr;: Wenn er nur nicht vor dem Sh meiner Mutter fällt! Das heißt lange auf Rache * „ 56 Ehe ich ihm antworten konnte, hatte er ſchon den Arm ſeiner Mutter ergriffen. Sein ganzer Haß war auf meinen Gemahl gerich⸗ tet, und es konnte nicht wohl anders ſein, denn überall wurde die Schuld von Urſula's Fall auf Herrn von Lanery geſchoben. Ich muß nachträglich bemerken, daß mein Gemahl erſt zwei Tage nach dem Tode Urſula's von einer klei⸗ nen Reiſe heimkehrte. Was konnte er jetzt noch mit mir wollen? Zetzt, da der Selbſtmord Urſula's ſeine letzten Hoffnungen vernichtet hatte? Am nächſtfolgenden Tage nach dem traurigen Vor⸗ falle trat er in mein Zimmer. „Ich gratulire Ihnen, Madame! Sie find gerächt!“ redete er mich an. Wie ſo, mein Herr? „Urſula, Ihre eingefleiſchte Feindin, i todt Welch ein Jubel für Sie!“ Ich habe ihr fromm die Augen geſchloſſen, mein Herr!. Alles iſt verziehen 1! — „Sehr erbaulich!“ ſagte er, höhniſch lachend „Um ſo erbaulicher, je mehr Ihre Couſine gegen Sie gefrevelt! „ Ich war wie aus den WVolken gefallen, ihn ſo von einer Frau reden zu hören, der er Alles geopfert hatte. Statt der Verzweiflung, die ich vermuthete, las ich Nichts, als eine Art finfterer Freude auf dem kalten Antlitz . Aber ich ſollte noch mehr ſtau⸗ nen Das menſchliche Herz iſt ein furchtbarer Abgrund „Geſtorben im fünfundzwanzigſten Jahre in allem Glanze der Jugend und Schönheit!“ rief er aus, nachdem er eine Weile ſchweigend im Zimmer auf un ab gegangen Ha! Auch ich bin gerächt! Entſetzlich! Sie hat mir Nichts als Böſes ang than, und doch habe ich ſie beweint! 57 2 „Beweint ? . .. Das macht Ihrem Gefühl Ehre, Madame! Ich. ich bin nicht ſo weich, Madame! beſſer!! Bin ich doch meinen Plagegeiſt los! . Sie gehört nicht mehr mir .. aber auch Niemand ſonſt, ſo brauche ich keine Eiferſucht mehr Mich quält nicht mehr der Gedanke: Wo iſt ſie? Was thut ſie? Schwelgt ſie etwa in den Ar⸗ men eines glücklichen und reichen Nebenbuh⸗ lers? Lacht ſie etwa in Gold und Seide über mich Bettler?. urſula iſt todt!! Um ſo beſſer! So bin ich aller Furcht ledig .. Denn ich liebte dies Weib, wie ich das Spiel liebe! Ganz ſo! ch ſtand vor ihr, wie vor einem Spieltiſche, mit den quälendſten Gefühlen. Furcht, Wuth, Haß, Hoffnung, Neid, Stolz, triumphirende Siegesfreude, kämpften in mir, wenn ich Tage und Nächte vergebens auf ſie warten mußte . . . Ja, ganz wie beim Spiel! Wie Tauſende auf meine Karte gewagt worden, ſo rückte ich Tauſende an eine lächelnde Miene von ihr! Und ganz wie beim Spiel! Die ſeltenen Freuden des Gewinns wogen die Angſt und Qual, und Wuth des häufigeren Verluſtes lange nicht auf! . Urſula iſt todt!! Folglich bin ich frei, endlich frei! Frei von dieſer Zauberin, die mich zum Schwächling, Feigling, zum Dummkopf machte!. .. So bin ich nicht mehr der gehorſame Sclave dieſes eiſernen Willens, gegen den ich ich, ſonſt ſo feſt und kühn, nicht anzu⸗ kämpfen wagte, dem ich blindlings folgte .So brauche ich mich nicht länger über mich ſelbſt zu ärgern Sie iſt todt! auf ewig todt! Erloſchen der Blick, der mich beherte, der mich zwang, die ſinnloſeſten Wünſche dieſes Weibes zitternd und bebend zu erfüllen Sie iſt todt! . . Ich höre nicht mehr ihre ſtolze, ſpöttiſche Stimme, denn dies Geſchöpf war ein Teufel an Bosheit. Wenn ich unter dem Schmerz Mathilde. vI. 5 der Wunden, die ſie meinem Stolz und meiner Eigen⸗ liebe geſchlagen, mich wie ein Wurm hin und her trümmte. glaubte ich, von fern ihr teufliſches Ge⸗ lächter als Antwort auf meine Flüche zu hören!. . Sie iſt todt! . . Urſula iſt todt! mauſetodt! Gott ſei gedankt, der ſie in die Hölle geſchickt hat. „ Ich muß an Gott glauben, weil ich an den Teufel glauben muß!!“ Ich traute meinen Ohren nicht. Mein Schrecken wuchs mit ſeinem Gelächter, das immer wilder und ſchauriger wurde. So endete Urſula's und Herrn von Lanery's iebe. So trauerte Herr von Lanery um das unglückliche Weib. „Und wer war der glückliche Reiche, oder reiche Glückliche, der zuletzt mit ihr lebte?“ fragte Herr von Lanery nach einer Pauſe, dicht an mich hintretend. Sie ſtarb arm und verlaſſen von Allen. „Arm, weil ſie's ſo haben wollte. Für ſie hätte ich Geld genug gehabt . Aber um Ihnen die Luſt zum Fortſpielen der großmüthigen Rolle zu benehmen, will ich Ihnen ſagen, daß Sie dieſen freundlichen Auf⸗ enthalt bei mir ürſula's Haß verdanken. Weil Urſula es wollte, befahl ich Ihnen die Rückkehr zu mir.“ Der Grund läßt ſich hören, mein Herr. Er iſt mit Urſula's Tode weggefallen. So hoffe ich, Sie geben mir die Freiheit wieder. „Ich habe jetzt andere Gründe, Sie feſtzuhal⸗ ten!“ antwortete er, boshaft lächelnd. Ich glaubte, er meine die Diamanten. Obgleich entſchloſſen, ſie ihm zur Hälfte abzutreten, wollte ich doch nicht die Erſte ſein, die davon anfing Ich begreife nicht, mein Herr, ſagte ich ihm, w rum Sie mich länger feſthalten wollen. Wie oft hab Sie geäußert, daß Sie mich haſſen. Ich beklage mi nicht darüber, aber ich hoffe, daß Sie um ſo eher . meine Bitte um geſetzliche Scheidung unſerer Ehe wil⸗ ligen werden. „Sie irren ſich, Madame. Eben weil Sie mir gleichgültig ſind,. um nicht mehr zu ſagen . . .. Vielleicht Haß? fiel ich ein . „Ja, Haß! Sie dürfen jetzt Alles wiſſen, Ma⸗ dame!. Ich haſſe Sie, Madame . Haben Sie die Gewogenheit, mich anzuhören, Madame, auf daß Sie mich in Zukunft nicht mit ähnlichen Bitten beläſtigen, oder ſich mit falſchen Hoffnungen ſchmeicheln . . Sie haben mir ein ſchönes Vermögen gebracht, Sie waren ein Engel an Sanftmuth, Ergebung und Tugend Ich habe Sie geheiratet ohne Liebe .. Reden wir friſch von der Leber weg, Madame.“ Das thun Sie ſchon lange, mein Herr! „Aber wozu das Alles ? . .. „Gleich, Madame! . . ₰ch habe Sie alſo ohne Liebe geheiratet; Sie waren eine reiche Erbin, Urſache genug, den Verliebten zu ſpielen. Sie glaubten mir; warum? weiß ich nicht. Mit den Flitterwochen war die Liebe dahin. Dann kam eine Art ſanften Mitleids mit Ihnen. Ach! Sie waren ſo gut, ſo lieb, ſo fromm, Sie weinten ſo rührend, daß es mir zu Herzen ging und ich Alles wagte, um ſie von dem .. untreuen Freunde . . dem .. Lugarto . . . zu befreien. Später, als die Eiferſucht auf Urſula erwachte, hatte ich Mitleid mit Ihnen wegen Ihres damali⸗ gen intereſſanten Zuſtandes, wegen Ihrer Thränen, Ihres Kummers u. ſ. w. Geſtehen Sie, daß es auch mir nicht an tugendhaften Augenblicken fehlte. Aber, wohlgemerkt, damals waren Sie noch reich, beſcheiden, unterwürfig, zärtlich, und Gott weiß, was Alles.“ Sie haben alles Ihrige gethan, mein Herr, mir mein Geld und meine Liebe zu rauben! „Recht ſo; Sie haben weder Geld, noch Liebe mehr Sie nehmen mir das Wort aus dem 60 Munde, Madame. Ihr Vermögen iſt dahin; mit oder ohne Ihre Schuld, gleichviel! Sie ſind ruinirt, das iſt Thatſache. Und nicht bloß Ihr Gold iſt dahin, auch Ihre Liebe. Und nicht bloß Ihre Liebe für mich, Sie kieben gar einen Andern. Und Sie lieben nicht bloß einen Andern, Sie fluchen mir, Sie haben alle alte Betſchweſtern und Betbrüder Ihrer Clique gegen mich aufgehetzt . . . Ergo, Madame, was ſind Sie mir? Was ſoll ich mit einer Frau, die arm, feindſelig ge⸗ trennt, und von — mindeſtens geſagt — zweifelhafter Tugend iſt ? . Bleibt Ihnen Nichts, als Ihre Schönheit . und die ſchenke ich Ihnen gern Alles ganz logiſch, mein Herr! Erlauben Sie mir, in der Schilderung Ihres Verhältniſſes zu mir alſo fortzufahren: Wäre ich blos arm, ergeben und gegen jeden Ihrer Wünſche willfährig, würden Sie mit Gleich⸗ gültigkeit auszureichen glauben. Weil ich aber Ihre Gemeinheiten zufällig erfahre, weil ich mir das Recht erworben habe, Sie offen ins Geſicht verachten zu dürfen, ſo iſt Ihre Gleichgültigkeit in Haß übergegangen. „Ich verſichere Sie, Madame, ich hätte mich nicht kürzer und bündiger ausdrücken können .. Was Sie auch bei mir erwarten durften, Madame: Theilnahme, Mitleid, Gleichgültigkeit u. ſ. w.; immer durfte und mußte ich bei Ihnen Liebe und Ergebung erwarten..“ Gar zu gütig, mein Herr. „Weniger gütig, Madame, als vriginell .. Ich liebte Sie nicht, aber ich wollte von Ihnen angebetet, vergöttert ſein. Vor Allem kränkten Sie mich, daß Sit zu Ihrem — platoniſchen oder nicht platoniſchen — Liebhaber gerade den Mann wählten, den ich am meiſten haßte „ WMeinen Haß auf dieſen Rochegune habe ich auch auf Sie übertragen, Madame . Viel⸗ leicht wenden Sie ein, daß er Sie betrogen habe Gleichviel! Der Betrug ändert in der Sache nichts . Punktum, Madame! ich habe noch eine furchtbare Rech⸗ nung⸗mit Ihnen.“ Dank Ihnen für dieß Geſtändniß, mein Herr! Es heißt ſo viel, als ich darf mich auf Alles gefaßt machen. „Beinahe ſo, Madame!“ Wohlan, mein Herr! Sehen wir, was zu thun iſt! . Sie haben die Mobilien meiner früheren Wohnung, mein Silbergeräth, meine Gemälde verkauft und das daraus gelöste Geld durchgebracht, wie ich vermuthe denn bisher lebte ich von meinen eige⸗ nen Erſparniſſen, und die ſind erſchöpft . . .. Darf ich Ihre künftigen Abſichten mit mir wiſſen, mein Herr? „Nein, Madame!“ Ich ſoll und muß bei Ihnen bleiben? „Ja, Madame!“ Trotz Urſula's Tod? „Trotz Urſula's Tod.“ Und wovon ſoll ich leben? „Laſſen Sie das meine Sorge ſein.“ Ihre Sorge? Wie können Sie für mich ſorgen, mein Herr? „Was kümmert Sie das, Madame?“ Sehr viel, mein Herr? Es gibt Hülfsmittel, die ich nie mit Ihnen theilen werde .. Gemeinheiten, mein Herr .. „Beſinnen Sie ſich, Madame, oder . Nur eine Närrin kann ſo reden . .. Dank Ihnen, mein Herr ... Uebrigens zwingen Sie mich, auf das zurückzukommen, was ich Ihnen gleich bei unſerer erſten Zuſammenkunft in meinem Hauſe ſagte .. „Wozu dieſe Wiederholung, Madame? . Weil ich um jeden Preis meine Ketten abſchütteln möchte Sie erinnern ſich meiner Diamanten? „Vortrefflich, Madame!“ Sie ſind werth? „Fünfzigtauſend Thaler, Madame!“ Die Hälfte gehört Ihnen, wenn Sie in die geſetz⸗ liche Scheidung willigen. 62 „Keine Hälfte, Madame. Sie bleiben bei mir!“ Aber, mein Herr, ſoll ich denn von der Luft leben? „Nicht für das Ganze laſſe ich Sie los, Madame. Ein furchtbarer Gedanke dämmerte in mir. Wein Herr, Sie bezweifeln ſo wenig als ich, daß Herr Lugarto in Paris iſt. „Weiter, Madame?“ Sie haben tauſend Gründe, dieſen Menſchen zu haſſen aber Sie lieben das Geld faſt ebenſo ſehr als Sie mich haſſen. „Weiter, Madame?“ Der Menſch iſt reich und haßt mich, wie Sie ... auch er hat eine furchtbare Rechnung mit mir. „Weiter, Madame?“ Der Bettler, der Kreuzer ausſchlägt, hofft auf Gulden. „Weiter, Madame?“ b 5 Dieſe ſchauderhafte Kaltblütigkeit empörte und er⸗ bitterte mich. So wollen Sie mich an den Unmenſchen verkau⸗ fen, wenn er Sie beſſer zahlt? ſchrie ich ihm entgegen. „Vielleicht ſo!“ antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen. „Sie, meine Kaſſandra, die Sie die Zukunft richtig ſchauen, ohne ſie ändern zu können ... Vielleicht ſchon morgen fährt der Reiſewagen vor, ich biete Ihnen meinen Arm und Sie ſteigen ein, ohne Ihre Blondeau, wohlverſtanden .. Ich würde nicht folgen, mein Herr! „Sie müßten, ſo gut Sie hieher, Rue de Bourgogne, Nro. 15, 1ſtes Stockwerk gefolgt ſind ... Der Herr Commiſſair wird Ihnen ſchon einſchärfen, daß Sie mir überall hin zu folgen haben . . . . Und damit Baſta, Madame . Steigen wir alſo beruhigt in den Wa⸗ gen, Madame Die Pferde fliegen von dannen. Fünf oder ſechs Stationen von hier erwartet uns Ei⸗ ner meiner älteſten Freunde oder Feinde, gleichviel!.. ich kann auf die Reiſe mitnehmen, wen ich will . Das Geſetz gebietet weder wen und wie viele ich zu 63 Freunden haben darf, noch verbietet es, Beleidigungen zu vergeſſen . Ich ſage dieß nur für den Fall, daß es ſich wirklich um Lugarto handelte Zetzt weiter Von Frankreich gehts nach Ztalien in die Nähe von Florenz, wo Lugarto eine herrliche Villa beſitzt Auch dagegen können Sie nichts einwen⸗ den Ich darf mich niederlaſſen, wo ich will, und Sie müſſen immer folgen, immer folgen . Was kümmert ſich das Geſetz um Ihre Spmpathie oder Antipathie? „ Steifen Sie ſich auch jetzt noch auf Ihren Willen? Sie häben keinen andern Wil⸗ len, als den meinigen, Madame, und dürfen keinen andern haben. Dank dem Haß des Fräuleins von Maran auf Sie! . Wunderbar! Kaum hat das Schickſal Sie von dieſem Plagegeiſt befreit — ſie iſt zu alt und ſchwach, wie Sie wiſſen — gibt es Ihnen den unglücklichen Gedanken ein, mich gegen Sie auf⸗ zubringen und zu erbittern! Sie behaupten, ich liebe das Geld ſehr und ſei gegen gute und prompte Be⸗ zahlung zu Allem fähig? Sie haben Recht: Ver⸗ ſchwendung iſt ein Laſter, das nie geheilt wird, nie er⸗ ſtirbt. Noch in dieſer Stunde möchte ich das luſtige Leben von ehmals wieder anfangen. ... Spiel, Pferde, Weiber, Tafelfreuden, Luxrus — liebe ich noch jetzt mit der Wärme und Glut eines achtzehnjährigen Kindes; um ſo feuriger, als eine unbegreifliche Leidenſchaft für Ihre hölliſche Couſine mich hinderte, die Herrlichkeiten, womit ich ſie umgab, ſelbſt zu genießen. Ich war wie der Hungrige, der mit leerem Magen zuſehen muß, wie Andere den ihrigen auf ſeine Koſten füllen. Kurz, wer mich zur Stunde in den Stand ſetzte, meinen Götzen reichlich zu opfern — nicht mehr hier in Paris, denn ich bin Paris herzlich ſatt, ſondern anderswo — unter der Bedingung, Sie überall hin mitzunehmen, dem würde ich herzlich danken, wäre er auch Lugarto Bedenken Sie das, Madame. Befragen Sie ſelbſt Ihre Rechtsgelehrte. Sie werden Ihnen keinen 64 Pn Rath geben können, als ſich blindlings in das Unvermeidliche zu ſchicken . Sie müſſen geſtehen, daß ich nicht offener mich ausſprechen kann ... Und um Phnen Stoff zu angenehmen Betrachtungen zu ge⸗ ben, Madame, mögen Sie wiſſen, daß vielleicht ſchon nächſtens, wenn nicht gar ſchon übermorgen ... der Reiſewagen vorfährt . Adieu für heute, Madame!“ Mit dieſen Worten ging er fort. . Neunundzwanzigſtes Kapitel. Der St. Claratag. Dieſe meine Unterhaltung mit Herrn von Lancry beſchleunigte ohne Frage den Ausbruch einer Krankheit, deren Keime ich längſt in mir getragen. Seit geraumer Zeit litt ich an einem ſchleichenden Fieber. Aber die Ereigniſſe waren ſo Schlag auf Schlag gefolgt, daß ich gewiſſermaßen keine Zeit finden konnte, krank zu ſein. Dazu kamen die ewigen Seelenleiden. Je größer das gebrachte Opfer, um ſo ſchmerzlicher empfand ich es „ WMeine Liebe zu Herrn von Rochegune hatte nichts von ihrer Gewait verloren; mein einziger Troſt lag in der Betheurung, daß ich, wie keine Andere, in ihm fortleben werde. So oft die gute Blondeau ihre Bewunderung mei⸗ nes Muthes ausdrückte, ſagte ich zu ihr: Freue Dich nicht zu früh. Hört dieſe ewige Seelenſpannung auf, ſo kann es nicht fehlen, daß meine körperliche Schwäche zum Vorſchein kommt. Und ich irrte mich nicht. Nur wudde dieſe Er⸗ 65 ſchütterung nicht durch das Aufhören meiner geiſtigen Unruhe bewirkt, ſondern durch das eben mitgetheilte Geſpräch mit Herrn von Lancry. So wußte ich denn, was Herr Lugarto mit jener Stelle in einem ſeiner Briefe: er werde meinem Gemahl gebieteriſche Gründe, mich auch fer⸗ nerhin feſtzuhalten, beibringen, und meine Zukunft werde eine ſchreckliche ſein, ſagen wollte. Er hatte ohne Zweifel meinem Manne, der aller Hülfsquellen beraubt war, eine bedeutende Summe zu Gebote geſtellt, wenn er ſich bereit finden laſſe, mich an ihn abzutreten. Das Geld vermochte Alles über meinen tief geſunkenen Gemahl. Welche entſetzliche Zukunft harrte meiner! In die Hände eines Lugarto zu gerathen. Kaum hatte Herr von Lanery mich verlaſſen, als ich von ſchweren Krämpfen befallen wurde, die mit einer heftigen Gehirnentzündung endeten. Wie ich durch Blondeau und den guten Doktor Görard ſpäter erfuhr, ſchwebte ich vierzehn Tage zwi⸗ ſchen Tod und Leben. Herr von Lanery verſchwand gleich nach dem Ausbruch meiner Krankheit, mit Hin⸗ terlaſſung eines Briefes, worin er mir anzeigte, daß mein Unwohlſein einen Strich durch ſeine Rechnung gemacht habe und daß er auf einige Zeit nach Ita⸗ lien gehe. Dieſe neue Gefühlloſigkeit erſtaunte mich weder, noch betrübte ſie mich. Sobald Frau von Richeville von meinem Zuftande gehört, war ſie nebſt Emma und Herrn von Roche⸗ gune nach Paris geeilt. Erſtere blieb ganz bei mir, bis ich mit ihr nach Maran abreiſen durfte. Auch Emma beſuchte mich täglich mehrere Stun⸗ den. Durch die liebevollſte Pflege vergalt ſie Alles, was ich einſt ihr erwieſen. 66 Erſt gegen Frühlingsanfang konnte ich Maran mit Paris vertauſchen. Um die Mitte des Sommers 1837 war ich wieder anz in Maran eingewohnt, und wenn auch nicht voll⸗ ommen geheilt, doch mehr als Reconvaleſcentin. Als Folge meiner Krankheit blieb eine große Bläſſe, Mat⸗ tigkeit und eine gewaltige Reizbarkeit meines Nerven⸗ ſyſtems zurück. Doktor Gerard rieth mir dringend an, den nächſten Herbſt und Winter im Süden zuzu⸗ bringen. Die Anweſenheit der Frau von Richeville, und ſpäter auch Herrn von Rochegunes und ſeiner Gemah⸗ lin, trug viel dazu bei, mich die ſchmerzlichen Erinne⸗ rungen an den frühern Aufenthalt in Maran vergeſſen zu machen. Dennoch bedurfte ich aller meiner Kraft, um den traurigen Eindruck los zu werden, den die herzliche Zuneigung des Herrn von Rochegune zu Emma auf mich machte, und doch war dieſe Heirat das Ziel aller meiner Wünſche geweſen. 4 Ach! es ſchien mir oft als habe der ewige Kum⸗ mer den Aufſchwung meiner Seele gelähmt. Nicht als ob ich das Glück dieſes Paares beneidete; nicht im Geringſten! Aber ich mußte ſtets dabei an mein eige⸗ nes Unglück denken. Wie gut ich meine Leidenſchaft auch zu verſtecken wußte, doch war ſie da .Ich liebte Herrn von Rochegune nach wie vor Der St. Klaratag, der 12. Auguſt 1837, der Na⸗ menstag der Frau von Richeville ſollte ſtill unter uns in Maran gefeiert werden. Es wird bald genug deutlich, warum ich das Da⸗ tum und den Tag ſelbſt nie vergeſſen kann. Die Sonne ſchien herrlich, als ich gegen eilf Uhr Mor⸗ gens in einer der ſchattigſten Alleen des Parks, die auf den Schloßflügel zuführte, den Frau von Richeville bewohnte, auf und abging. Die Herzogin ſtand in der Regel 67 ziemlich ſpät auf. Ich erwartete Emma, um ein Bou⸗ quet von Roſen und Sinngrün, die Lieblingsblumen der Herzogin, mit ihr zu pflücken, und es der Mutter, nebſt unſrem Glückwunſche zu überbringen. Ich ſah Herrn von Rochegune auf mich zukommen, und reichte ihm die Hand entgegen. Wie herrlich die Sonne den Namenstag unſerer Freundin begrüßt! ſagte ich lächelnd .. Iſt Emma's Bouquet ſo ſchön wie das meinige? fragte ich, ihm meine Blumen hinhaltend. „Sie iſt noch immer nicht fertig,“ antwortete er... „Wie lieblich ihr ſchlanker Leib ſich unter den hohen Stöcken der von Thau perlenden Königsroſen umher⸗ krümmt!“ Stoff genug zu Canzonen und Sonetten! rief ich lächelnd. Und doch iſt es unhöflich, das feine Incarnat ihrer Wangen mit der impertinent geſunden Farbe der Königsroſe zu vergleichen. Das heißt Röthe und anmuthige Friſche verwechſeln ... Die Bengaliſche Roſe paßt beſſer als Bild ihrer Wangen. „Und Sie, Mathilde,“ ſagte er, mich theilnehmend anblickend,, gleichen noch immer der holden Lilie? Wann, wann endlich kehren die Roſen auch auf ihre Wangen zurück?“ Doktor Gérard und ich hoffen das Beſte von der wärmeren Sonne des Südens. „Und Sie, der wir unſer Glück verdanken, wären die einzige unter uns, die nicht glücklich iſt?“ fragte er, traurig den Kopf ſchüttelnd. Welche Idee, mein Freund? Iſt eine Bläſſe nicht natürlich, nach ſo langer und ernſter Krankheit? „Mathilde, der Grund liegt tiefer! Ihr Gemahl quält ſie! Sie bekommen keine Nachrichten von ihm!“ Er ſchreibt nie viel. Auch liegt die Schuld an der Poſt, wie man ſagt .. „Mathilde! Mathilde!“ fiel er ſeufzend ein . „Ich frage ſtets von Neuem: wie konnte er Sie in Ihrer ſchweren Krankheit verlaſſen? Seine Reiſe läßt ſich durch Nichts rechtfertigen.“ Ich betheure Ihnen, mein Freund, dringende Ge⸗ ſhſte die keinen Augenblick Aufſchub duldeten, riefen ihn ab. Herr von Rochegune ſchüttelte ungläubig den Kopf. „ „Ich muß Ihnen am Ende glauben, denn ich be⸗ komme immer dieſelbe Antwort. Und doch ſcheint ein Geheimniß dahinter zu ſtecken .. Ich fürchte, ich fürchte . . Sie ſind nicht glücklich . Sie haben ſich von Ihrem edeln Herzen vorſchnell hinreißen laſſen, wie Ihr Gemahl von ſeinen guten Entſchlüſſen, die eben ſo raſch verflogen, als ſie kamen . Doch nein, laſſen wir dieß Geſpräch, ich könnte Sie betrüben .. . Sie haben Recht, mein Freund! Reden wir von was Anderem von Ihnen und Emma. „Von uns reden, heißt ſo viel als von Ihnen reden, denn wir verdanken Ihnen Alles . Nie war mein Leben kuhiger und friedlicher. Und Emma iſt ſo glücklich, ſo zufrieden .. mit ſo Wenigem! Oft werfe ich mir vor, daß ich nicht genug für ſie thue ich ſ oft wie beſchämt, ſie ſo leicht zufrieden geſtellt zu ehen. Sie gleichen den großen Dichtern, mein Freund, die nicht begreifen können, daß ein Werk, welches ſie Fis Mühe gekoſtet hat, ſo allgemein angeſtaunt wird. „Nein, Mathilde, nein! Es ſcheint, als gebe ich Alles, und doch empfange ich mehr als ich gebe .. Zwar fühle ich nicht die Begeiſterung, den erhabenen Aufſchwung der Leidenſchaft, aber dafür fließt mein Leben ſo lachend, ſo friedlich und heiter dahin, daß ich, nach dem früher geträumten Leben an ihrer Seite, mir kein ſchöneres denken kann. Anfangs vermißte ich ein glühenderes Gefühl für Emma, jetzt würde ich bedauern, wenn es da wäre. Eben die Abweſenheit eines ſolchen gibt meiner Liebe zu Emma einen eigenthümlichen Reiz.“ — 69 Sie haben Recht, mein Freund. Die Art tiefer Anbetung, die Emma Ihnen widmet, macht jede ſoge⸗ nannte galante Gegenliebe unmöglich. Ihre Beſchei⸗ denheit beunruhige ſich nicht über dieſen Vergleich. Die Götter, wie gut ſie ſein mögen, lieben nie ſo, wie ſie geliebt werden. „Mathilde, Mathilde!“ erwiderte Herr von Roche⸗ gune lächelnd. „Dieſe ſpöttiſche neckiſche Vergötte⸗ rung iſt eines Fräuleins von Maran würdig!“ Ich achte ſie zu hoch, um ſie über Gebühr zu loben. Geſtehen Sie, daß mein Bild ſo richtig iſt, wie nur eln Bild ſein kann! „Ich müßte eben ſo blind als undankbar ſein, wenn ich die abergläubiſche Verehrung Emma's für mich leugnete ... Ich leugne blos, daß ich ſie ver⸗ diene .. Doch bleiben wir bei dem Bilde ſtehen, Mathilde!“ Um ſo beſſer! antwortete ich lächelnd. „Ich will Ihnen zeigen, daß dieſe Vergötterung kein 2ob, ſondern einen Tadel enthält.“ Der Beweis wird Ihnen ſchwer fallen, mein Freund, keineswegs dachte ich daran, ſie tadeln zu wollen. „Sie kennen mich beſſer, als ich mich ſelbſt, Ma⸗ thilde!“ nahm Herr von Rochegune ernſt das Wort... „Ohne die feſte Ueberzeugung, daß ich für Emma eine Art von Gottheit bin, — wie Sie ſich auszudrücken belieben — würde ich mir immer den leiſen Vorwurf machen, vielleicht nicht genug für Emma zu thun .. Ich laſſe mich lieben . lebe allzuſehr als Sul⸗ tan gleiche den falſchen Göttern, die, weil die Menge vor ihnen das Knie beugt, ſich Wunders was auf ihre Macht einbilden und ſchon genug für die armen Sterblichen gethan zu haben glauben, wenn ſie ſich ruhig anbeten laſſen . Erſtlich, Mathilde, ich danke Ihnen, Sie klären mich über mich ſelbſt auf, und erſparen vielleicht Emma'n bittere Thränen. Wie müßte ſie weinen, wenn ſie die leicht zu verkennende Trägheit des Glücks mit Selbſtſucht oder Kälte ver⸗ wechſelte! Um keinen Preis der Welt möchte ich dieſem Engel an Güte den geringſten Kummer machen!“ Jetzt iſt die Reihe an mir, erwiderte ich lächelnd, Ihnen die Bosheit eines Fräuleins von Maran vorzu⸗ werfen!. Ich ſage Ihnen kein Compliment, ſondern eine Wahrheit, und Sie machen daraus eine Unwahr⸗ heit und einen Tadel gegen ſich ſelbſt! „Beiläufig! Wiſſen Sie ſchon, daß Fräulein von Maran jetzt durchaus gelähmt iſt? Kein Menſch nimmt Theil an ihr, ſo daß ſie ganz ihrer Dienerſchaft Preis gegeben iſt, von der ſie furchtbar mißhandelt wird.“ Unſer Geſpräch wurde von Emma unterbrochen, die in der einen Hand ihr Roſenbouquet und in der andern ein Packet Briefe hielt, die eben angekommen waren. „Können wir Frau von Richeville begrüßen, liebe Emma?“ fragte Herr von Rochegune, die Briefe bei⸗ ſteckend. „Sie plaudert ſchon eine halbe Stunde mit dem guten Abbée Dampierre,“ antwortete Emma. „Ihr Pfarrer, Frau Kaſtellanin,“ ſagte Herr von Rochegune zu mir. Der beſte und ärmſte aller Landpfarrer, erwiderte ich. Ein Mann von wahrhaft evangeliſcher Salbung und Frömmigkeit. „Oh und dieſe edle Einfalt und Klarheit in ſeinen Predigten!“ rief Emma. „Sie ſind eben ſo lehrreich und verſtändlich für den Bauer wie für den König.“ „Weil es nichts Herrlicheres gibt, als Einfachheit und Einfalt!“ entgegnete Herr von Rochegune. „Ich kenne kaum einen Mann, den ich höher achtete als dieſen Pfarrer. Verdienſte und Talent, mit Beſcheidenheit ge⸗ paart, ſind eben ſo ſelten als Anmuth und Schönheit, mit Seelenreinheit verbunden... Wohl gemerkt, liebe Emma, das Compliment gilt nicht Ihnen; unſre S— 7 Schweſter Mathilde würde es mir nie verzeihen. Sie glaubt allein das Recht zu haben, Ihnen zu ſchmeicheln.“ Während Herr von Rochegune redete, ſog Emma jeden ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte begierig ein. Es war keine Liebe, nein! eine ewige leidenſchaftliche Anbetung. Sie lebte nicht in ſich, ſie lebte in ihm. Und ſo oft ſie von ihrem ſtillen Entzücken ſich erholte, ſah ſie mich mit unausſprechlich dankbaren Blicken an. „Schweſter Mathilde hat Recht,“ ſagte Emma mit bezauberndem Ausdruck in Miene und Stimme und gab Herrn von Rochegune die Hand „Nur ſie kann ſo lieblich ſchmeicheln!“ „Beſſer als ich?“ „Warum nicht?.. Sie, mein Freund, reden zu mir von mir ſelbſt. Sie aber redet zu mir von Ih⸗ nen Und mir ſagen, daß Sie mich lieben, heißt mich über alle Gebühr loben ... Zugegeben, fiel ich ein; wenn Ihre Liebe, Emma, ein ebenſo großes Lob für mich enthält. Emma ſchüttelte lächelnd das hübſche blonde Köpf⸗ chen und meinte, das ſei nicht daſſelbe Wie im Fluge eilten die frohen Morgenſtunden dahin. Auf den Mittag hatte ich den Herrn Abbé Dampierre eingeladen. Gegen drei Uhr klopfte Herr von Rochegune an meine Thüre. Bleich und verſtört trat er ein, einen offenen Brief in der Hand. 5 1 „Mathilde!.. Man ſchreibt mir aus Italien .. aber leſen Sie ſelbſt!.. hier!“ und damit zeigte er auf eine Stelle des Briefes. Ich las: . „„. Bei meiner Ankunft in Neapel, ſprach man von nichts als von dem unmäßigen Aufwande des . Lugarto, von ſeinen Ausſchweifungen und einigen Schändlichkeiten, die dermaßen empört hatten, daß der König ſich genöthigt ſah, ihn aus ſeinen Staaten zu verweiſen, wenige Tage vor meinem Eintreffen, ohne daß der braſilianiſche Geſchäftsträger Einſprache da⸗ gegen erhob, denn Lugarto wird von allen ſeinen Landsleuten verachtet — und das mit Recht. Ich kenne dieſen Menſchen ſeit lange und wundere mich über dieſen Vorfall nicht im Geringſten.. Um ſo mehr beſtürzte mich die Nachricht, die ich ohne die beſtimmteſte Verſicherung unſeres Geſandten nimmer geglaubt hätte, daß der vertraute Freund und Genoſſe ſeiner Ausſchweifungen der Vicomte von Lanery ge⸗ weſen, der ſich früher einmal aus ſehr ernſten Beweg⸗ gründen mit ihm geſchlagen hat, wie ich höre. .. Es heißt, Herr von Lanery ſei total ruinirt und ganz in den Händen ſeines alten Feindes. Sie haben Neapel auf einem Dampfſchiffe verlaſſen, Gott weiß wohin. Alle wünſchen Ihnen das Schlimmſte, was auf einer Seereiſe ſich ereignen kann.. .“ Der Brief entfiel meinen Händen. Ich wagte nicht, Herrn von Rochegune anzuſchauen, „Ach! Mathilde .. Sie haben mich getäuſcht!“ ſagte er im Tone des tiefſten Vorwurfs.. „Das hätte ich nicht von Ihrem Gemahl gedacht . Ja, ja, ich wollte es Ihnen verbergen, doch Sie haben es längſt errathen. Seine Reue war aufrich⸗ tig, aber ſein alter Leichtfinn iſt erwacht. Ich glaube jetzt, wie Sie, daß der Grund, womit er ſeine Reiſe entſchuldigte, nur ein Vorwand war. „Und wie wollen Sie ſeine Verbindung mit die⸗ ſem Ungeheuer nennen? — . Ich ſchwieg. 3 „Das iſt der Menſch,“ rief Herr von Rochegune in tiefem Unwillen aus, „dem Sie mich opferten! Dieſem Menſchen zu Liebe entſagten Sie dem Glücke, das ich Ihnen anbot, indem . 8 73 Kein Wort davon! fiel ich entſchloſſen ein. Sie wagen es, das Vergangene zu beklagen? Iſt das der Dank gegen Emma und mich? Mag Herr don Lanery ſich auffuhren, wie er will; gleichviel! Wenn meine Anhänglichkeit an ihn morgen aufhörte: will ich tau⸗ ſend mal lieber ſterben, als meiner Pflicht untreu wer⸗ den. Das ſchwöre ich bei meiner ſeligen Mutter!. .. Und ich weiß gewiß, Sie wären nie fähig, Emma merken zu laſſen, daß Sie die Heirat bedauerten .. Das wäre ihr Tod. „Entſetzlich!“ rief er, gegen ſeine Stirn ſchlagend, und ſtürzte zum Zimmer hinaus. Die Nachricht von der Verbindung zwiſchen Herrn von Lanerg und Herrn Lugarto erſchreckte mich weniger als der Eindruck, den ſie auf Herrn von Rochegune gemacht hatte. Das war nicht zu befürchten, daß er ſeinen Schmerz über die Ehe mit Emma offen ausſprechen werde. Aber wie, wenn er ſich unwillkürlich verrieth? Der Tag, der ſo ſchön angefangen, untzog ſich mit Wolken. Sein Ende ſollte noch trauriger ſein! Dreißigſtes Kapitel. Ver Abbé Dampierre. Herrn von Rochegune merkte man nichts von dem Kampfe an, der in ſeiner Bruſt tobte. Nach dem Mittageſſen verſammelten wir uns in dem kleinen Gartenſale: der Abbe Dampierre, Frau von Richeville, Emma und ich. Abbe Dampierre war ein ſchöner Greis mit filber⸗ Mathilde. vI. 6 weißem Haare und edlem Antlitz. Seine volle, klang⸗ reiche Stimme lieh dem geringſten ſeiner Worte einen ernſten Nachdruck. Noch jetzt lebt der kleinſte Umſtand mir im Ge⸗ dächtniß fort. In einer Ecke des Sales, auf dem Divan, ſaßen„ Frau von Richeville und der Abbe Dampierre, Emma und ich zu beiden Seiten des Kaffeetiſches. Herr von Rochegune hatte ſich auf ſein Zimmer begeben, um einige Briefe umgehends zu beantwor⸗ ten, denn Abends um neun Uhr kam die Briefpoſt von Tours nach Paris durch Maran. Während des beſten Geſpräches trat Stolk, der alte Kammerdiener des Herrn von Rochegune herein und überreichte Emma einen Brief. Dieſen Brief hat der Herr Marquis heute Mor⸗ gen erhalten und ihn der Frau Marquiſin zu geben vergeſſen. 1 „Ein Brief an mich?“ lächelte Emma. „Zum er⸗ ſten Male bekomme ich hieher einen Brief... und noch dazu von Paris,“ rief ſie, als ſie den Poſtſtempel ge⸗ wahrte. Wollen doch ſehen, was er enthält.“ „Geſchwind, liebe Emma, hören wir deinen Corre⸗ ſpondenten,“ ſagte Frau von Richeville lächelnd. „Sie erlauben, Herr Abbé?“ bat Emma. Abbe Dampierre verneigte ſich. „Ein Bittſchreiben!“ rief Emma, nachdem ſie die erſten Zeilen durchflogen. Lies ihn nur vor, liebe Emma! ſagte Frau von Richeville. Vielleicht können wir an deinem Rebeswerk Theil nehmen. Fmma las: „Madame, 3 „Eine Unglückliche nahet Ihnen, hof⸗ fend und vertrauend, daß Sie die Bitte ei⸗ ner armen Frau genehmigen werden, die als Opfer ihrer Schwäche und ihres Her⸗ ————— zens gefallen iſt und ſich mit Nichts zu ent⸗ ſchuldigen weiß, als mit der Gewalt einer ſündigen Leidenſchaft, der ſie erlegen.“ Emma hielt ein und ſah Frau von Richeville und den Abbé an. „Seltſame Entſchuldigung!“ ſagte dieſer. .. „Den Arm ins Feuer ſiecken, und dann über Schmerzen kla⸗ gen. Nicht wahr, Frau Herzogin?“ „Ganz gewiß, Herr Abbé!“ erwiderte die Her⸗ zogin etwas verlegen ... „Aber fahre fort, Kind!“ Emma fuhr fort: „Meine Eltern verheirateten mich in früher Jugend an einen Mann, der mich höchſt elend machte. Ohne ſeine Laſter und Mißhandlungen wäreich nimmer ſo tief ge⸗ ſunken, Madame. Das ſchwöre ich Ihnen vor Gott!“ 5 „Welch ein Frevel!“ rief der Abbé unwillig aus. „Den heiligen Gott zum Zeugen ihrer Schande an⸗ rufen.“ „Gewiß, Herr Abbé,“ fiel Emma ein. „Daß ſie ſich nicht ſchämt, ſo Etwas zu geſtehen!. .. NRichts in der Welt entſchuldigt ihre Sünde, nicht wahr, Frau von Richeville? Statt dem böſen Beiſpiele eines Mannes zu folgen, würde ich ihn durch Sanftmuth und Liebe zu gewinnen ſuchen.. Und beim Namen Gottes ſchwö⸗ ren! Bäte ſie ihn lieber um Verzeihung. .. Den Reui⸗ gen erhört Gott immer!“ „Sehen Sie die Frucht Ihrer Erziehung, Madame!“ ſagte der Abbé zur Herzogin, ſie mit einem Blicke auf Emma verweiſend. Frau von Richeville erröthete und ſchwieg, aber an ihrem Auge merkte ich, wie peinlich ihr dieß Ge⸗ ſpräch wurde. Emma las weiter: „Mein Gemahl hat mich vor vier Jahren verlaſſen, Madame, und ſeit der Zeit weiß 76 ich nicht, was aus ihm geworden. Denno ch, Ma⸗ dame. und kaum wage ich die Worte nie⸗ derzuſchreiben, ſo groß iſt meine Beſchäm⸗ ungl. . Dennoch flehe ich zu Ihnen um Hülfe für . . ein unglückliches kleines Geſchöpf, das eben erſt das Licht der Weklt erblickte, und nicht ſeine Tochter iſt. . . „Schändlich!“ rief der Abbé. Schweigend, aber mit einem Blick tiefſter Ver⸗ achtung, der beredter war als das beredtſte Wort, trat Emma den Brief unter die Füße. Frau von Richeville ſaß wie auf glühenden Kohlen. Ihre Blicke begegneten den meinen . ſie wies mich auf Emma hin Ach! Ich begriff ſie. Mutter ſah ſich von der Tochter gebrand⸗ markt. „Nur ein wenig Mitleid!“ ſagte die Herzogin be⸗ trübt. „Vielleicht iſt die arme Mutter, trotz ihrer Schuld, zu beklagen.“ „Madame!“ erwiverte der Abbé mit feſter Stimme „Ich bin im Dienſte des Herrn ergraut. .. Erlau⸗ ben Sie, daß ich offen und frei zu Ihnen rede.“ „Ich bitte darum, Herr Abbé,“ entgegnete die Her⸗ zogin, immer verlegener. „Wie kann eine Dame von ſo muſterhaftem Le⸗ benswandel und hoher Tugend, wie Sie, Frau Her⸗ zogin, die das Laſter unerbittlich verdammen ſoll und darf, wie kann ſie es aus falſchem Mitleiden in Schutz nehmen wollen 2. .. Gewiß, Madam, dies Ihr Mitleid mit ſirafbarem, wohlverdientem Unglück macht ſie unge⸗ recht gegen ein unverdientes, ehrenwerthes Unglück.“ Ber Herr Abbé hat Recht, ſagte ich, über dieſe Wendung des Geſprächs erſchreckt . Nehmen Sie den Brief auf, Emma, wir wollen morgen ſehen was zu thun iſt. „Erſt will ich ihn ausleſen,“ erwiderte ſie kindlich — 77 naiv. „Der Herr Abbe hat mir alle Theilnahme an dem Schickſal dieſer Frau benommen, die ihren Mann tadelt und es doch nicht beſſer, vielleicht gar ſchlimmer gemacht hat.“ „Wie hart, Emma,“ rief die Herzogin und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. . „Mag ſein! Aber Dank Ihrer Erziehung, kann ich meinen Abſcheu gegen alles Niedere und Gemeine nicht überwinden Wie oft ſagten Sie, daß die Fagen der, Weiber ſei, was der Muth der Männer Dann fuhr ſie fort. „Ach! und ich habe das traurige Loos der Gegenwart nicht verdient. Geburt und Erziehung beſtimmten mich zu einem gün⸗ ſtigern Geſchicke. Um ſo gewiſſer hoffe ich auf Ihre Theilnahme, Madame. Endlich bitte ich Sie zu beherzigen, daß der arme Wurm für den Fehltritt der Mutter nicht verantwortlich ſein kann und darf. Tadeln Sie mich, Madame, aber erbarmen Sie ſich meines Kindes . Wo nicht, dürfte ich mit ebenſo viel Recht über Mangel an Ge⸗ fühl klagen, als über meinen Leichtſinn ge⸗ klagt wird „ „Die Elende!“ rief der Abbé, nochmals von ed⸗ lem Zorn hingeriſſen. „Sie jammert, wie alle ihres Gleichen jammern. Was ſie für ſich anführen, muß gegen ſie angeführt werden.“ „Ze beſſer die Erziehung, die ſie genoſſen, um ſo weniger iſt ſie zu entſchuldigen! Nicht wahr, Frau von Richeville? Wie oft ſagten Sie mir: Früher habe es geheißen: Adel gebe Pflichten, jetzt könne 5 man daſſelbe von der Erziehung behaupten je mehr Bildung, um ſo mehr Tugend und um ſo ſtraf⸗ barer das Laſter. Nicht wahr? ..„ „Die Frau Herzogin hatte ſehr Recht!“ fiel der Abbé ein . . . . „Aber das iſt noch nicht Alles .. Sehen Sie nur, wie das Laſter ſich immer durch eine dumme, heuchleriſche, grauſame Sprache verräth. . . .. Mein Kind darf für den Fehltritt der Mut⸗ ter nicht verantwortlich ſein, ruft ſie aus, und damit glaubt ſie ſich von einem der ſchwer⸗ ſten Verbrechen wider die Menſchenwürde gereinigt zu haben vor dem Verbrechen, ewige Schmach und Schande auf .. . . . einen ſchuldloſen, armen Wurm zu häufen.“ „Entſetzlich!“ ſchrie Frau von Richeville in Ver⸗ zweiflung. „Und ich gehe noch weiter!“ rief der Abbé, der die Herzogin ſo verſtand, als pflichte ſie ſeinen Wor⸗ ten dei, immer wärmer. „Ich gehe noch weiter und behaupte, die Mutter, die ihr Kind der Schande preisgeben kann, iſt um nichts beſſer als eine .. Kindsmörderin.“ „Gott im Himmel, Herr Abbé!“ ächzte Frau von Richeville. „Ja, Madame. Es iſt, wie ich ſage Eine ſchuldige Frau iſt immer eine ſchlechte Mutter. Weiß ſie nicht, daß laut eines furchtbaren Grundge⸗ ſetzes alles ſittlichen und ſtaatlichen Lebens ihr Kind für das Verbrechen der Mutter büßen muß; daß ihr Kind ſo gut wie geächtet iſt; daß es weder Namen, noch Familie hat; daß es nie den heiligen Mutter⸗ namen ausſprechen darf; daß, wenn es den Makel ſeiner Geburt erfährt, es gezwungen iſt, diejenigen zu verachten, die es nach göttlichen und menſchlichen Ge⸗ boten achten und lieben ſoll?“ „Entſetzlich, aber wehe!“ rief Emma warm „. „Die Mutter, die ihr Kind zwingt, alle kindlichen Gefühle zu verläugnen, zwingt es, dem Tag ſeiner Geburt zu fluchen! . Seine Mutter verachten Die Mutter verachten . müſſen, gro⸗ 79 ßer Gott! Gibt es was Schrecklicheres? „. Tau⸗ ſend Mal lieber den Tod! „ Emma, Emma! rief ich aus. Sie ſah mich erſtaunt an. „Habe ich nicht Recht, liebe Freundin?“ fragte ſie. Frau von Richeville, die beinahe ſich verrathen hätte, gewann die Faſſung wieder. Aber ſie ſaß lei⸗ chenblaß da. Sparen Sie Ihren Eifer, Emma, für eine beſ⸗ ſere Sache! Reden wir von was Anderm! Gehen wir im Park ſpazieren, der Abend iſt herrlich. Mein Kopfſchmerz kehrt zurück. Aber Emma war von dem Briefe nicht abzu⸗ bringen. „Nur noch wenige Zeilen ſind's. Dann ſtehe ich Ihnen zu Gebote,“ antwortete Emma. Ich fürchtete, Emma argwöhniſch zu machen, wenn ich nachdrücklicher auf meinen Bitten beſtand. Dies und ein Blick der Herzogin beſtimmte mich, ihr nach⸗ zugeben. Emma fuhr fort: „Mehr als von irgend wem, darfich von Ihnen, Madame, Mitleid mit meinem Un⸗ glück oder richtiger, mit dem meines Kindes erwarten . . . . „Warum das?“ fragte Emma, erſtaunt uns an⸗ blickend Laſſen Sie die Närrin gehen, Emma! rief ich. Und als ahnte ich was Böſes, ſtand ich auf, um Emma den Brief wegzunehmen. Es war zu ſpät. Sie hatte ſchon weiter geleſen. Immer ſtarrer ward ihr Blick, immer größer das Auge. hre Lippen bewegten ſich krampfhaft, ſie ward bleich, wie eine Leiche. Mit Blitzesſchnelle ſtürzte ſie der Frau von Richeville zu Füßen, umklammerte ihre Kniee und ſchrie mit herzzerreiſſender Stimme: 80 „Mutter, Mutter, . 3Werzeihung, Verzeihung! Fluchen Sie Ihrer Tochter nicht! Dieſer Auftritt läßt ſich nur fühlen, nicht be⸗ ſchreiben. Wie vom Blitz getroffen, ſaß die Herzogin da . ſtumm und unbeweglich. Der Abbe Dampierre fuhr vom Seſſel empor und faltete die Hände in tiefem Schmerze. Emma ſchluchzte laut und verbarg das Haupt im Schvoße der Muttter. Todtenſtille herrſchte im Sale. Nach einer qualvollen Pauſe ſtand die Herzogin auf, erhob ihre Tochter und ſagte zum Abbé mit eben ſo viel Würde als Ergebung: „Mein Vater, ich habe die Vorwürfe verdient, die Sie den ſchuldbefleckten Müttern machten. Emma iſt meine Tochter Seit langen Jahren bin ich bemüht, meinen Fehltritt abzubüßen . Der Herr hat mich heute ſchwer ge⸗ Sein Wille geſchehe! ich hoffe auf ſeine Barmherzigkeit! .. „Die Wahrheit iſt für Alle dieſelbe, für König und Bauer,“ ſagte der Abbé mit feierlicher Stimme. „Es iſt die heilige Pflicht des Prieſters, ſie Allen zu verkünden . Gott allein verzeiht oder verdammt Hoffen wir auf ſeine Barmherzigkeit!“ Ehrerbietig grüßend ging er fort Der Schluß dieſes hölliſchen Briefes lautete: „Mehr als von irgend wem, darfich von Ipnen, Madame, Mitleid mit meinem Un⸗ glück, oderrichtiger mit dem meines Kindes erwarten, de Si ſ natürliche Tochter der Frau von Richeville. Die Beweiſe davon ſtehen Ihnen zu Dienſt, wenn Sie mir hülfreich die Hand bieten. Geruhen Sie, die Unterſtützung, welche Sie mir zu gewähren bereit ſind, gefüllisſ an „„ — 81 Madame Jenny Pierra, Mutter der Made⸗ moiſelle Albin, Ihrer Erzieherin, die um das Geheimniß Ihrer Geburt weiß, poſte reſtante überſenden zu wollen.“ War der Brief wirklich von dieſer Frau? Oder war er eine neue Teufelei des Herrn Lu⸗ garto? Das konnte weder ich, noch Frau von Riche⸗ ville damals beantworten. Was hätte es geholfen, die Behauptung des Briefes wegzuleugnen? Emma's Argwohn war ein⸗ mal erweckt und die Ungewißheit, würde ſie vermuth⸗ lich ebenſo ſehr gequält haben, als die Gewißheit .. — Je näher ich dem Ende meines Tagesbuches komme, um ſo trauriger werden die Ereigniſſe. Oft geht mir aller Muth aus. Was mir zu erzählen übrig bleibt, iſt ſo friſch, daß ich kaum die Kraft habe, länger dabei zu ver⸗ weilen, wie bei ältern Thatſachen. Nie bin ich zurückgebebt vor dem, was mich per⸗ ſönlich betraf. Es gewährte mir eine Art bittern Rei⸗ zes, die Erfahrungen meines Seelenlebens auf's Schärfſte zu prüfen. So oft ich das gethan, war mir immer zu Muthe, als hätte ich durch Thränen und Seufzer mein gepreßtes Herz erleichtert. Doch jetzt, da ich von den Leiden meiner liebſten Freundin reden ſoll, iſt mir zu Sinn, als würde mir zugeſchnürt und verſagte die Feder den Die wenigen, aber inhaltsſchweren Worte, die Emma den Tag nach dieſem jammervollen Auftritte mir ſagte, geben einen Begriff, wie peinlich ihr Ver⸗ hältniß zu Frau von Richeville in Zukunft ſein mußte. „Nein,“ ſagte ſie mir, „nie werde ich mir vet⸗ zeihen, ſo von meiner Mutter geredet zu haben.“ Damit halte man zuſammen, was Frau von 8² Richeville mir ſo oft verſichert hatte, wenn von der einer Entdeckung dieſes Geheimniſſes die ee war. „Das Leben wäre mir eine furchtbare Laſt von dem Augenblicke an, wo ich vor Emma erröthen müßte.“ WMan urtheile jetzt, was dieſe Mutter leiden mußte, ſeit ſie von ihrer hochherzigen Tochter gebrand⸗ markt daſtand! Man urtheile jetzt, was die Tochter leiden mußte bei vieſem fortgeſetzten Seelenkampfe zwiſchen ihrer Anhänglichkeit an Frau von Richeville und zwiſchen der unerbittlichen Strenge ihrer Grundſätze, die die Mut⸗ ter ſelbſt in die Bruſt des Kindes gepflanzt! Gewiß würde Emma's Zärtlichkeit für ihre Mut⸗ ter den Sieg erfochten haben. Aber das arme Kind mußte ewig untröſtlich ſein über das harte Urtheil, das ſie über die Mutter ausgeſprochen. Leider hatte mich das Schickſal erkoren, die Her⸗ zensergießungen Beider anhören zu müſſen. Oft ſagie Emma: Die Güte meiner Mutter macht mein Herz bluten; je mehr ſie thut, das Gedächtniß zweier Stunden in Vergeſſenheit zu bringen, um ſo deutlicher beweist ſie mir, daß ſie unaufhörlich daran denkt. Und es muß ſo ſein. .. Ich habe ihr eine un⸗ heilbare Wunde geſchlagen. Dagegen ſagte Frau von Richeville: Emma ſucht auf jede Weiſe mich zu überzeugen, daß ſie mich nicht verachtet. Aber ihr Charakter iſt allzu erhaben, der Einfluß ihrer Erziehung allzu tiefgreifend, als daß ſie trotz ihrer Zärtlichkeit, trotz ihrer blinden Liebe zu mir je das harte, doch wahre Urtheil vergeſſen könnte, das ſie über ihre Mutter gefällt hat, oder den edlen Zorn des Abbé Dampierre, womit dieſer von allen Ihres Gleichen ſprach. Umſonſt ſuchte ich ſie zu tröſten und zu beruhigen. Je feinfühlender Beide waren, um ſo reizbarer und empfindlicher. 83 Das alte Verhältniß, ſo ſanft und zärtlich, war auf ewig dahin. Zwang, Mißtrauen, Traurigkeit, un⸗ freiwillige Kälte drohten den Frieden ihrer Seele zu gefährden. So oft dieſe beiden Opfer einer grimmigen Bos⸗ heit ſich bekümmert anſchauten, mußte Jede glauben, in den Augen der Andern einen ſtillen Vorwurf zu leſen. Man ſieht einem Geſichte wohl den Schmerz an, aber nicht, welcher Art dieſer Schmerz iſt. In ſo ſchwierigen und peinlichen Verhältniſſen zeigte ſich die Herzensgüte und Charakterſtärke des Herrn von Rochegune im ſchönſten Lichte. Er war unerſchöpflich an Troſtgründen für Beide. Immer liebevoller und zärtlicher wurde er gegen Emma, ſeit er ihr Seelenleiden gewahrte. Es gelang ihm endlich, die Nachwehen dieſes traurigen Ereigniſſes ſo ziemlich in Vergeſſenheit zu bringen, Dank ſeiner Beredſamkeit und Beharrlichkeit, die nicht ermüdete zu wiederholen, was er gleich den erſten Abend zu Emma und Frau von Richeville ge⸗ ſagt hatte: „Der beſte Beweis, Madame, daß gewiſſe Fehler, wie groß ſie ſein mögen, vollſtändig abgebüßt werden können, iſt, daß ich, deſſen Charakterfeſtigkeit Niemand beanſtandet, deſſen Ehrgefühl nicht reizbarer ſein kann, deſſen ſtrenge Pflichterfüllung oft ins Kleinliche über⸗ geht, keinen Augenblick mich beſann, um die Hand Ihrer Tochter zu werben und ſie beglückt in die mei⸗ nige zu legen ... In jeder weltlichen Hinſicht haben Sie daher ebenſo wenig Recht, die Geburt Ihrer Toch⸗ ter zu beklagen, als Ihre Tochter, ſie Ihnen vorzu⸗ werfen. Im Uebrigen hoffen wir auf die Barmherzig⸗ ket Gottes“ . zult Der Herbſt nahte heran, es war regnicht und alt. Meine Geſundheit machte mir allerhand Beſorgniſſe. 84⁴ 6 Ich hatte ſogar einen leichten Rückfall gehabt. Trotz der dringlichſten, faſt gebieteriſchen Zureden des Dok⸗ tors Gérard, der aufrichtig Antheil an mir nahm, wollte ich in ſolchen Augenblicken meine Freunde nicht verlaſſen. Da alle Vorſtellungen nichts halfen, ſah ſich Herr Görard endlich genöthigt, an Frau von Richeville zu ſchreiben, daß meine Geſundheit ſich nie wieder befeſti⸗ gen, vielleicht gar ein ernſtes Bruſtübel drohen könne, wenn ich ſeine Weiſung, den Herbſt und Winter im Süden zuzubringen, beharrlich in den Wind ſchlage. So mußte ich den Bitten meiner Freunde nach⸗ eben. Emma und ihr Gemahl wollten auf einige Mo⸗ nate nach Rochegune, Frau von Richeville nach Paris zurückkehren. Ungeachtet aller Bemühungen des Herrn von Ro⸗ chegune, ungeachtet aller Verſicherungen Emma's, ja, ungeachtet ihrer eigenen, beſſern Ueberzeugung, fühlte die arme Mutter unter den Augen ihrer Tochter ſich ſtets unglücklich ... Ebenſowenig konnte Emma den Schmerz, der Mutterbruſt eine unheilbare Wunde ge⸗ ſchlagen zu haben, ganz vergeſſen. Als die Herzogin von mir ſchied, ſagte ſie: Ich wußte es, Mathilde.. die Gerechtigkeit des Himmels war noch nicht zufrieden geſtellt ... ich mußte noch ſchwerer beſtraft werden ... Und wie bin ich beſtraft, Mathilde! Kann ein furchtbareres Gericht über eine Mutter ergehen? . . Sich von dem eigenen Kinde ſchonungslos angeklagt und verurtheilt zu ſehen! . .. Und nicht bloß von der Tochter, auch von einem from⸗ men Diener des Herrn!!. .. Und wer weiß, ob nicht 3, härteſte, der ſchrecklichſte Schlag noch bevor⸗ Ach! ich verſtand fie, ihre finſtern Ahnungen tuſch⸗ ten ſie nicht. Beim Einſteigen in den Reiſewagen umarmte ich — —— ———— 8⁵ Emma zum letzten Male ach! zum letzten Male. Ich ſollte ſie nie wiederſehen . . nie . . nie! . Mit Blondeau und einem Kammerdiener reiſte ich bald darauf nach Hyeres ab. Gegen den Anfang Oktobers bezog ich das Dorf. Wenige Tage ſpäter erhielt ich folgenden von Cadir datirten Brief des Herrn von Lanerh: „Man ſagt, Sie wären noch leidend, erholen Sie ſich d'rum ſchnell. Sobald Sie wieder reiſefähig ſind, nehme ich Sie mit mir. Wüßten Sie, welche Ueber⸗ raſchung ich Ihnen zudenke! Ihre Krankheit machte mir voriges Jahr einen Strich durch meine Rechnung, doch werden Sie durch Warten nicht verlieren. Dar⸗ aus, daß ich von Allem unterrichtet bin, was Sie thun, können Sie ſehen, welches Intereſſe ich an Ihnen nehme. Ich weiß, daß Sie in Hyeres ſind, oder bald ſein werden. Vielleicht komme ich bald nach. „Mein Reiſegefährte trägt mir tauſend Grüße auf und läßt Sie fragen, ob nicht am 12. Auguſt, dem Tage der h. Klara, der geliebten Schutzherrin der ſchönen herzoglichen Büßerin in Maran bei Frau von Richeville — um nicht zu ſagen, bei Ihnen, denn ich weiß jetzt, daß die Herzogin zum Ankauf blos den Namen geliehen hat — ein gewiſſer Brief abge⸗ geben wurde? „In dieſem, an die Marquiſe von Rochegune ge⸗ richteten Brief bittet eine arme Frau um Unterſtützung für ihr natürliches Kind. .. Mein Reiſegefährte, der überall und nirgends iſt, und die arme Frau recht gut kennt, hat ihr gerathen, an dieſem Tage zu ſchrei⸗ ben, wo man immer ein Bischen luſtiger lebt, und wo die Freude das Herz weicher und mitleidiger ſtimmt. Er zweifelte nicht, daß der Kreis erwählter Freunde den Brief, namentlich ſeines Schluſſes wegen, beſon⸗ ders gut aufnehmen werde. „Mein Reiſegefährte fragt nach, ob der Pfarrer 86 von Maran bei Leſung des Briefes, der aus Nach⸗ läßigkeit erſt Nachmittags in die Hände der kleinen Marquiſe kam, zugegen geweſen? „Dieſe Fragen, die wir uns eben ſo gut ſelbſt beantworten könnten, ſollen Ihnen beweiſen, daß wir nicht blos geſcheidt und wohl unterrichtet, ſondern auch beharrlich in der Ausführung gewiſſer Pläne ſind. „Wir leben hier wie Sardanapale. Nichts fehlt uns, als . . . Sie, Sie, mein Täubchen! O wie ſehnlich wünſche ich den Tag herbei, wo ich Sie ſchön, friſch und wohlgemuth in meine Arme ſchließen darf. Bis dahin ſuche ich meinen Schmerz zu betäuben durch.“ Meine Vermuthung war alſo doch richtig. Der Brief rührte wirklich von Herrn Lugartv her. Um ſo wohl unterrichtet zu ſein, mußte er einen Spion in meinem Hauſe, oder bei Frau von Riche⸗ ville, oder auch bei Herrn von Rochegune haben. Den Winter verlebte ich traurig und allein. Von Zeit zu Zeit erhielt ich einen Brief von Frau von Ri⸗ cheville oder Herrn von Rochegune. Dieſer benachrich⸗ tigte mich, daß Emma's Geſundheit durch den furcht⸗ baren Schlag zwar äußerſt erſchüttert ſei, daß er aber doch keine ernſte Befürchtungen hege. Einunddreißigſtes Kapitel. Das Rüſtchen. Der Frühling 1838 kam heran. Ich war nahe an ſechs Wochen ohne Nachrichten von meinen Freunden geblieben. Schon wurde ich beſorgt, als ich folgende Zeilen von Herrn von Rochegune empfing; ——— — —— —— 57 „Emma iſt todt.. ich bin ihr Mörder... Ihre letzten Worte waren:. .. Sie liebten Mathilde... Sie heirateten mich aus Mitleid. . . Ver⸗ zeihen Sie mir das Glück, das ich Ihnen verdankte... Nicht in Trauer und Betrübniß ſtürzt mich ihr Tod!... Nein in ewige Gewiſſensqualen .. Ja, ja, ich bin ihr Mörder!... Ich habe ſie nicht mit der Liebe geliebt, deren ſie würdig war... ich muß wider Willen mich verrathen haben . . . Das arme Kind muß ſich in den Kopf geſetzt haben, daß ſie mich nicht glücklich machen könne. .. Dieſer Irrthum hat ſie getödtet. .. Schon hatte ſie ſich von dem Kummer erholt, den jene ſchreckliche Entdeckung ihr verurſachte, ſchon hegte ich die beſten Hoffnungen, als ſie auf's Neue befallen wurde . . . In Zeit von vier Wochen ſiechte der Engel dahin!!. . . Ich weiß nicht, wo mein Kopf ſteht... Ich bin außer mir vor Verzweiflung!. ..“ Man denke ſich, was ich bei dieſer Nachricht em⸗ pfinden mußte. Es war mir räthſelhaft, wie Emma die Liebe des Herrn von Rochegune zu mir hatte erfahren und auf den Argwohn kommen können, daß er ſie aus Mitleid geheiratet habe. Dies Räthſel ſollte mir ſpäter ge⸗ löſt werden! Ich verließ Hyeères. Gleich nach meiner Ankunft in Paris eilte ich zu Frau von Richeville. Wider alles Erwarten, fand ich ſie ergeben, fromm ergeben in ihr Schickſal. Sie ſah in dem Verluſte ihrer Tochter eine gerechte Strafe des Himmels. „Gott iſt gerecht,“ ſagte ſie mit einer Ruhe, die mir in's Herz ſchnitt.. Er trifft mich in meinem Kinde, dem lebendigen Zeugniſſe meines Verbrechens.“ Sie war bleich wie eine Leiche, und ihr Haar in Zeit von vier Wochen ganz ergraut, wie das nicht ſelten der Fall iſt bei heftigen und anhaltenden See⸗ lenleiden. Entſchloſſen, den Reſt ihrer Tage in Uebun⸗ gen frommer Buße zuzubringen, war ſie mit der An⸗ 88 ordnung ihrer weltlichen Angelegenheiten beſchäftigt, und wollte niemand als mich und die Fürſtin von Hericourt zu ſich laſſen. Herr von Rochegune war kurz nach Emma's Tode abgereiſt, man wußte nicht wohin. Frau von Richeville blieb bei dem Glauben, daß die Entdeckung von dem Geheimniß ihrer Geburt Em⸗ ma's Tod veranlaßt habe. Seit der Zeit, behauptete die Mutter, ſei eine große Veränderung mit der Toch⸗ ter vorgegangen und ihre Geſundheit allmälig ſchwä⸗ cher geworden, bis ſie vor ungefähr vier Wochen von heftigen Krämpfen befallen worden ſei, die ihrem Le⸗ ben ein Ziel ſetzten. In dieſem traurigen Berichte kam nicht ein ein⸗ ziges Wort vor, woraus ich hätte ſchließen können, daß Emma die Liebe ihres Gemahls zu mir erfahren habe oder daß ſie überzeugt geweſen ſei, ihr Gemahl habe ſie bloß aus Mitleid geheiratet. Ungefähr ein Monat nach dieſem traurigen Er⸗ eigniſſe, zog Frau von Richeville in das Kloſter zum heiligen Herzen zurück, nachdem ſie ihr geſammtes Ver⸗ mögen milden Stiftungen angewieſen hatte. Dank dem ſüdlichen Clima war ich faſt vollkom⸗ men hergeſtellt, doch wollte ich Frau von Richeville nicht eher allein laſſen, bis ſie ſich einigermaßen an das ſtrenge Kloſterleben gewöhnt habe. So blieb ich denn vor der Hand in Paris. Gerührt durch dieſen Beweis meiner Anhänglich⸗ keit, und um mir die Widerwärtigkeit einer neuen Woh⸗ nung zu erſparen, bot ſie mir ihr Haus an, deſſen Nutznießung ſie noch auf ein Jahr anzuſprechen hatte. Es wird bald deutlich werden, warum ich dieſe ge⸗ ringfügigen Umſtände berichte. Ich nahm das Anerbieten dankbar an. Da ge⸗ wiſſe Familienangelegenheiten nicht wohl durch ihre Geſchäftsleute ſich beſorgen ließen, ſo hatte die Her⸗ zogin ihren Neffen, Herrn Gaſton von Senneville, da⸗ 89 mit beauftragt und mich erſucht, die Mittelsperſon zwiſchen ihr und Herrn von Senneville zu machen, weil ſie Keinen als mich und die Fürſtin von Héricourt ſehen wollte. So beſuchte Herr von Senneville mich einige Mal des Morgens. Er hatte noch immer das Käſtchen, das ich ihm anvertraut. Zwei oder drei Mal ſchickte ich Blondeau zu ihm, um einige meiner Briefe den alten beizuſchlie⸗ ßen. Mehr als je fürchtete ich die Hinterliſt des Herrn Lugarto. Gegen December ſchrieb mir Herr von Rochegune, daß er nach langem Herumreiſen wieder in Paris ein⸗ getroffen ſei, daß er ſich aber nicht den Muth zutraue, mich oder Frau von Richeville zu ſprechen. Er be⸗ wohne ein einſames Haus im Marais unter falſchem Namen, weil er in aller Zurückgezogenheit zu leben wünſche, doch ſchicke er mir ſeine Adreſſe für den Fall, daß ich oder Frau von Richeville dringend ſeiner be⸗ dürften. Ich ließ dieſe Zeilen unbeantwortet aus Rückſicht auf ſeinen Schmerz. Durch Frau von Richeville erfuhr ich, daß er die beſondere Erlaubniß erhalten, Nachts den Kirchhof des Pere la Chaiſe beſuchen zu dürfen, wo die ſterblichen Ueberreſte Emma's in der Familiengruft Rochegune beigeſetzt waren. Blondeau mußte ſich oft bei Stolk nach dem Befinden ſeinesHerrn erkundigen. In düſtrer Verzweiflung vermied er allen Umgang. Nur einmal war er bei Tage aus⸗ gegangen, um den Jahrestag der Befreiung Griechen⸗ land's mit ſeinen alten Waffenbrüdern zu feiern. Er hatte ſich, der Verabredung gemäß, in Uniform an Ort und Stelle begeben. Er behauptete, unmittelbar von ſeinen Gütern zu kommen und unmittelbar dahin zu⸗ rückzukehren. An einem der letzten Tage des Jahres beſuchte ich Mathilde. vI. 7 90 Frau von Richeville, die ich trauriger fand, als ge⸗ wöhnlich. „Ich bin,“ redete ſie mich an, „die unfreiwillige Ur⸗ ſache einer unwürdigen Verleumdung. Mein Neffe, Ga⸗ ſton, iſt ein Elender, den ich nie im Leben wiederſehen will. Geſtern erfuhr ich durch die Fürſtin Héricourt, daß „ Herr von Senneville die Beziehungen, in welche Sie auf meineBitten getreten ſind, höchſt gehäſſig gedeutet und aus⸗ geſprengt habe, daß er Sie während Ihres Aufenthaltes in Hyeres beſuchte. Er behauptet, Madame Blondeau ſei die Zwiſchenträgerin zwiſchen Ihnen und ihm, und in der Gewißheit auf Ihre Hand, habe er eine ſehr reiche Partie ausgeſchlagen.“ Ich brauchte Frau von Richeville nicht zu ver⸗ ſichern, daß ich während meines Aufenthalts in Hyeres kein Wort von Herrn von Senneville gehört, geſchweige denn ihn geſehen habe. Ich ſetzte ihr einen Theil der Gründe auseinander, warum ich Herrn von Senneville um die Aufbewahrung meiner Briefchatvulle erſuchte, und wie ſich daraus die Beſuche Blondeaus in ſeinem Hauſe erklärten. War ich, ja, mehr noch, war die Herzogin über dieſen ſchändlichen Mißbrauch des ihMm geſchenkten Vertrauens auf's Aeußerſte empört. Mein Entſchluß war ſchnell gefaßt. Schon am nächſten Morgen ſchickte ich Blondeau zu Herrn von Senneville, um das Käſtchen abzuholen, oder wenn Herr von Senneville nicht zu Hauſe ſein ſollte, es ſich von ſeinem Kammerdiener geben zu laſ⸗ ſen. Das Letztere geſchah. Ich ſtieg in meinen Wagen, um die Briefe eigen⸗ p händig Herrn von Rochegune zu überbringen. Leider beſann ich mich all zu ſpät, daß ich die Entdeckung des Inhaltes dieſer Papiere nicht mehr zu fürchten habe. Unterwegs fiel mir ein, daß es mit Rückſicht auf das Incognito des Herrn von Rochegune klüger ſein möge, im Miethwagen vorzufahren. So nahm ich denn ei⸗ nen Fiacre und ſchickte meine Kutſche zurück. Wir ka⸗ men im Marais an. Mit Wehmuth betrachtete ich das Aeußere des von Herrn von Rochegune bewohnten Hauſes. Die dicht verſchloſſenen Fenſterläden ließen auf die Oede zurück⸗ ſchließen, die im Innern des Hauſes und der Bruſt ſei⸗ nes Inſaßen herrſchen mochte. Welche Verzweiflung mußte ihn quälen! Die Minuten mußten ihm Stun⸗ den, die Stunden Tage, die Tage Jahre dünken! An der Ecke der Straße Saint⸗Pris ſtiegen wir aus und ließen den Fiacre warten. Nachdem Blondeau das Käſichen an Stolk abge⸗ geben und ſich nach dem Befinden des Herrn von Segut erkundigt, kehrten wir in meine Wohnung zurück. Dann nahm ich von Frau von Richeville Abſchied, weil ich noch denſelben Abend nach Maran abreiſen wollte, um das gehäſſige Gerücht, das die erbärm⸗ liche Geckenhaftigkeit des Herrn von Senneville in Umlauf gebracht hatte, ſo viel als möglich zum Schwei⸗ gen zu bringen . . 5 Einige Tage nach meiner Ankunft in Maran er⸗ fuhr ich durch Frau von Richeville ein Ereigniß, deſſen höchſt ſchmerzlich für mich hätten werden önnen. Die darauf bezügliche Stelle jenes Briefes lautete: „ WMein Neffe Gaſton iſt in ſo großer Gefahr geweſen, daß ich, trotz meines Unwillens auf ihn, nicht umhin konnte, ihn zu beſuchen. Er ſchrieb mir, er habe eine wichtige Sache mir anzuvertrauen. Ich traf ihn ſchwer verwundet von einem Degenſtiche, den ihm Herr von Rochegune beigebracht, woran er vielleicht Zeit Lebens zu leiden hat. Uebrigens be⸗ kannte er frei und offen, daß er das ihm bewieſene Zutrauen ſchändlich gemißbraucht habe, und daß ſein vorgeblicher Beſuch in Hyeres eine Unwahrheit ſei. Er erſuchte mich, falls ſeine Wunde tödtlich ſein ſollte, Sie in ſeinem Namen um Verzeihung zu bitten. Ich Ihnen den Vorfall mit ſeinen eigenen Worten er⸗ zählen: „Nach Hauſe zurückgekehrt, erfuhr ich, daß Ma⸗ dame Blondeau inzwiſchen das Käſtchen abgeholt habe. Ueber das Benehmen erſtaunt, faſt aufgebracht, ging ich zu Frau von Lancry, die ich nicht antraf. Auf dem Heimwege ſah ich Frau von Lanery nebſt Madame Blondeau aus dem Wagen in einen Fiacre ſteigen. Neugierig folge ich ihnen, als mir Herr von Baudri⸗ court begegnet, ein alter Freund, der erſt vor Kurzem aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt war. Auch er hatte dem von mir ausgeſprengten Gerüchte über eine Verhältniß zu Frau von Lanery geglaubt. Ich klärte ihm die Sache theilweiſe auf und lud ihn ein, mir die Spur der Frau von Lanery, die ich aus den Augen verloren, ſuchen zu helfen. Mehrere Umſtände gaben mir die Gewißheit, daß das Käſichen in die Straße Saint⸗Louis, im Marais, zu einem Oberſten Ulrich gebracht ſei. „Aerger, Gewiſſensunruhe, die Furcht, in den Augen des Herrn von Baudricourt für einen Schwäch⸗ ling zu gelten, Eiferſucht auf den Unbekannten — Al⸗ les dies bewog mich, von dem Oberſten Ulrich die Herausgabe des Käſtchens zu verlangen. Nur nach vielen Bemühungen wurde ich vorgelaſſen. Herr von Baudricourt und ich traten bei ihm ein. „Denken Sie ſich mein Erſtaunen, als ich im Oberſten Ulrich den Herrn von Rochegune erkenne. Mein Freund hatte ihn nie geſehen. Ich handelte, wie ich glaube, als Ehrenmann. Da Herr von Rochegune, ungeachtet er mich kannte, ſein Incognito beibehielt, ſo hielt ich es für anſtändig, ihm nur als Oberſt Ulrich zu nahen. Die Herausgabe der Briefe wurde verweigert. So endete denn dies Geſpräch mit einem Rendezvous in Vincennes. — — . — —— „Mein zweiter Sekundant war der Generalmajor Hartman, erſt kürzlich aus Wien eingetroffen. Die beiden Sekundanten des Herrn von Rochegune waren zwei ihm befreundete Offiziere, die er Augenblicks an Ort und Stelle beſchied. So blieb er vor, während und nach dem Duell in Aller Augen der Oberſt Ulrich und ſein Incognito reſpektirt.“ „Das die Erzählung meines Neffen, liebe Ma⸗ thilde. Er ſchloß mit der dringenden Bitte, ich möge mich zu ſeinen Gunſten bei Ihnen verwenden. In der That dünkt mir, daß er ſich bei der letzten Angelegen⸗ heit als ein unerſchrockener Mann — nichts mehr und nichts weniger — gezeigt hat. . . Aber dies Alles macht ſein höchſt unwürdiges Benehmen gegen Sie, liebe Mathilde, nicht gut, und nie will ich ihn wiederſehn ech ſchreibe Ihnen über dieſe Ereigniſſe ſo ausführlich, damit Sie wiſſen, woran Sie ſind, wenn c Gerücht von jenem Duelle bis zu Ihnen gelangen ſollte.“ . 5 5 2 k . . Ich bin eben mit der Durchleſung dieſer langen Geſchichte meines Lebens von meiner Heirat bis heute, den 10. April 1839, fertig geworden. Ich ſchwanke jetzt, ob ich dieſe Seiten dem ſchicken ſoll, für den ich ſie geſchrieben? Iſt die Stunde der Be⸗ ſitznahme von meinen alten Rechten auf ihn endlich er⸗ ſchienen ? Iſt es Zeit, ihm zu geſtehen, daß ich ihn liebte, daß ich ihn noch liebe . . und wie!. . .2 Iſt dies Ge⸗ ſtändniß nicht vielmehr ein Fehler? . . . Ein Fehler? Nimmer . . Was liegt daran, ob er weiß, daß ich ihn liebe. daß ich nie einen Andern, als ihn, geliebt habe? . . . Ich bin jetzt ge⸗ wiß, daß ich nie weder Andrer, noch ſeiner unwür⸗ dig mich zeigen kann . .. Und wer weiß, was die Zukunft mir bringt . . . Vorgeſtern erhielt ich einige Zeilen des Herrn von Lancry, worin er mir ſeine nächſt bevorſtehende Rück⸗ kehr anzeigt . . . . Er kann mich zwingen, ihm zu folgen, Frankreich auf immer zu verlaſſen . .. und wozu ſonſt noch? .. Nach dem einſtimmigen Urtheib der Rechtsgelehrten, die ich befragt, bleibt mir kein Mittel übrig, mich der Gewalt des Herrn von Lan⸗ ery zu entziehen, wenn er Gewalt anwenden will. Bin ich zu dieſem Aeußerſten gezwungen ſoll wenigſtens der, den ich liebe, den ich am meiſten auf der Welt achte, meine geheimſten Gedanken erfahren; ſoll er wiſſen, daß ich ſeiner nie unwürdig geweſen, daß ich mich für das Glück derer, die ich liebte, zum Opfer bringen konnte . . . .. Welches Schick⸗ ſal mich erwartet, von Seiten meiner Freunde werde ich ſtets recht aufgefaßt und beurtheilt werden. Ohne die Angſt, welche die Drohung des Herrn von Lanery mir verurſacht, würde ich mich jetzt, bei Vollendung meines Tagebuches, faſt glücklich nennen. Der Rückblick auf die Vergangenheit hat mich be⸗ ruhigt und mir, wenn nicht Stolz, doch wenigſtens n auf die Stärke meines Charakters einge⸗ flößt. Ich habe mir von meinen Kämpfen, meinen Lei⸗ den Rechenſchaft gegeben, ich habe ſo wenig was Bö⸗ ſes verſchwiegen, als im Guten übertrieben. Bei dieſer ſtrengen, unparteiiſchen Muſterung mei⸗ nes Lebens ſtiegen manche ſchmerzliche Gefühle in mir auf, F auf mein Gewiſſen machten ſie einen ſtill⸗ friedlichen Eindruck. Dieſe Heiterkeit und Ruhe des Gewiſſens iſt mein einziger Troſt, meine einzige Hilfe, wenn das Unglück von Neuem auf mich einſtürmt . . „ Man ſieht, mit welch' ſicherem Blicke Fräulein von Maran die Zukunft errieth. Sie hatte Urſula und Herrn von Lanery zu Werkzeugen ihrer Rache er⸗ S All mein Unglück habe ich dieſen Beiden zu danken Das iſt mein Leben bis auf den heutigen Tag. 95 Indem Fräulein von Maran in den Heirats⸗ antrag des Herrn von Rochegune willigte und darin dem Rathe des Herrn von Mortagne folgte, ſicherte ſie das Glück meines Lebens . die Partie ging zurück. und meine Tante machte mich wider meinen Willen zu einer Mitſchuldigen ihres Haſſes, in⸗ dem ſie mich an Herrn von Lanery verheiratete. Ende von Mathildens Erinnerungen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Vas Café Lebveuf. ungefähr ein Monat war verfloſſen, ſeit Madame Blondeau Mathilden's Tagebuch in das Haus des Sberſt Ulrich getragen, den wir von nun an mit ſei⸗ nem rechten Namen: Herr von Rochegune, nennen wollen. Das Café Leboeuf entzückte nach wie vor die ein⸗ ſamen Fußgänger der Straße Saint⸗Louis durch die zierlichen Kquerfläſchchen mit den Schilden von plat⸗ tirtem Silber, die vor den Fenſtern prangten. Das ſchräg gegenüber befindliche Hotel Orbeſſon ſchreckte nach wie vor durch ſein düſteres Ausſehen ab. Sein einziger Inſaße, bald der Waldteufel, bald der Vampyr von den Gebrüdern Godet benamſet, hatte, bei Tag, noch nie den Fuß über die Schwelle geſetzt. Von Zeit zu Zeit zeigte ſich das patzige Geſicht Stolks in der Nebenthüre. Die Fenſterläden waren Lon oben bis unten beſtändig geſchloſſen. Endlich hat⸗ ten Madame Leboeuf, die Gebrüder Godet und die andern Stammgäſte des Cafö's mit dem gem ein ſa⸗ 96 men Feinde Waffenſtillſtand gemacht, d. h. ſie hat⸗ ten ihrem Spionirſyſtem entſagt, und das war um ſo verdienſtlicher, als ſich ſeit dem letzten Beſuche der Madame Blondeau bei Herrn von Fochegune nichts Neues ereignet hatte. Jeden Morgen, puͤnktlich um dieſelbe Zeit, fanden die Gebrüder Godet ſich ein, ih⸗ ren Kaffee zu ſchlürfen und den Kreis der aufgeklärten Gäſte um den Mahagonythron der Madame Leboeuf zu vergrößern. Den 13. Mai 1839, an einem ziemlich ſchönen Frühlingsmorgen, kamen die Gebrüder, wider ihre Gewohnheit, zwei Stunden ſpäter, als ſonſt. Dieſe Revolution in ihrem Alltagsleben war durch eine huldreiche Einladung der Madame Lebveuf zu einer Art von Gabelfrühſtück veranlaßt, das dieſe aus guten, d. h. ökonomiſchen Gründen, dann und wann ihren treueſten Anhängern zu geben pflegte. Durch einen tüchtigen Spaziergang im botaniſchen Garten auf die gaſtronomiſche Feſßtlichkeit vorbereitet, und feſt entſchloſſen, der Gaftfreiheit ihrer Wirthin alle Ehre zu erweiſen, näherten ſich die Gebrüder dem Cafe. Wenige Schritte vor dem Etabliſſement blieb Godet, der Aeltere, ſtehen, nahm ſeinen Regen⸗ ſchirm unter den Arm, zog den Hut ab, trocknete ſich die Stirn und ſagte mit ſeiner Brummbaßſtimme und Philoſophenmiene zu ſeinem Bruder: „Höre, Dieudonné, die Luft, Spaziergang, Sonnenſchein und alle die Wunder der fünf Erdtheile im botaniſchen Garten, vom Elephanten bis zum Johanniswurm, haben mich hung⸗ rig gemacht, wie einen Wolf.“ „Wundert mich nicht,“ antwortete Godet, der Jün⸗ gere, furchtſam. „Wir ſind heute früh aufgeſtanden, und t das Sprüchwort; Tugend ſteht früh am In dieſem Augenblicke gingen die Gebrüder an dem großen Thor des Hotels Orbeſſon vorüber. Godet der Aeltere wies mit ſpöttiſchem Blick auf das Haus hin und ſagte mit wichtiger Miene zu ſeinem Bruder: 97 „Wenn Tugend früh aufſteht .... ſo bin ich gewiß, der da hat nicht oft die Sonne aufgehen ſehen.“ Das klang hart. Dieudonné merkte den Sinn dieſer Worte und bedeutete leiſe: „Hüte Dich, Godet oft haben die Wände Ohren .. „Wenn die Wände Ohren haben,“ rief Godet der Aeltere mit donnernder Stimme, „ſo hat Frank⸗ reich ſeine Geſetze, eine konſtitutionelle Regierung und eine Bürgergarde, welche natürlich die friedlichen Bür⸗ ger beſchützt, und die Böſewichte, die im inſteti ihr Handwerk treiben, nicht aus dem Auge läßt . . . Und der da, ich weiß nicht, was er machinirt aber 6 machinirt!! .. Verlaß Dich darauf! .. „Godet, ſtill, ſtill! Bedenke, was Du ſagſt!“ fiel der Jüngere erſchrect ein. 8 „Und ob er mir alle ſeine Sbirren auf den Hals ſchickt,“ rief der Aeltere . . „und ob er den Todten ſpielt. Doch machinirt er!! Punktum! 4 Vit dieſer energiſchen, muthvollen Bekräftigung traten ſie in das Café ein. Hier war ihnen eine Ueberraſchung nach der andern, — und zwar in auf⸗ ſteigender geometriſcher Progreſſion — vorbehalten. Gleich Anfangs kam ihnen, ſtatt des ehrlichen Boitard, ein langer, magerer Kerl, mit ſchwarzem Haar und Bart, und ſpitzbübiſchem Geſichte entgegen. „Was wollen Sie?“ fragte er barſch. Godet der Aeltere ſah ſeinen Bruder erſtaunt an, beſann ſich aber, daß Boitard mit dem Anrichten be⸗ ſchäftigt ſein könne. „Wir kommen zum Frühſtück, mein Freund!“ er⸗ widerte er väterlich „Zu welchem Frühſtück?“ Statt zu antworten, fragte Herr Godet: „Wo iſt die gute Madame Leboeuf?“ „Madame Leboeuf? Wer iſt das 2 „Ein wahrer Hottentott!“ flüſterte der Ael⸗ tere dem Bruder zu, und näherte ſich der Hinterſtube. „Nicht hinein!“ rief der Subſtitut Boitards, und packte Herrn Godet unſanft am Arme. . Herr Godet wurde feuerroth, doch verbiß er ſeinen Grimm. Mit wahrhaft majeſtätiſcher Würde entgegnete er: „Freund, Freund! Ihr ſpielt ein hohes Spiel .. das Euch viel koſten kann ..“ „Aber Ihr ſeid unbekannt im Hauſe, und wißt nicht, was hier Sitte iſt . . . Ein Wort... und Madame Lebveuf . „Donnerwetter!“ fiel der Menſch fluchend ein. .. „Ich kenne keine Madame Leboeuf. . . Setzen Sie ſich, Sie ſollen haben, was es gibt. . . Aber dahinein geht's nicht! . .. „Zum letzten Male ſage ich Euch, wir ſind zum Frühſtücken eingeladen .. . Noch Ein Wort .. und ich wende mich an Eure Herrin 4ℳ „Ha, ha!“ kicherte der Subſtitut; „Wäret Ihr nicht der alte Graukopf, ſolltet ſehen, wie ich Euch mit Fußtritten traktirte....“ Und damit kehrte er ihm den Rücken zu. „Höre Einer den Grobian!“ rief Godet der Ael⸗ tere, vor Wuth außer ſich. Plötzlich drehte der Kellner ſich um mit einer ſo drohenden Geberde, daß die beiden Brüder gleichzeitig zu ihren Regenſchirmen griffen und ſie wie Bajonette fällten. Trotz dieſer defenſiven Stellung der Gebrüder rückte der Namenloſe auf ſie los .. „Den kahlen Schädel gibt er bloß, und deckt ſeine Kniee!“ rief er ſpöttiſch, auf den Kahlkopf des ältern Godet deutend. „Ruchloſer!“ ſchrie der ältere Bruder. „Iſt Dir Nichts heilig?“ Ueber dem Lärm kam eine neue Perſon dazu, ein Menſch von mittleren Jahren, bärtig, unterſetzt, in rundem Wamms und Pelzmütze. „Was gibt's, Jean?“ fragte er den Kellner. „Die Beiden da ſind auf das Nebenzimmer wie verſeſſen, ſie riechen ein Frühſtück drinnen, wozu Ma⸗ dame . . . . Madame Lebveuf ſie eingeladen hat „. Ich glaube, ſie ſind beſoffen, Herr Saurier!“ „Selbſt beſoffen, Grobian!“ rief Godet der Ael⸗ tere, durch die Gegenwart des Herrn Saurier ermuthigt. „Madame Leboeuf wohnt nicht mehr hier . .. Ich gebe kein Frühſtück!“ rief der Herr, faſt eben ſo grob, als ſein Kellner. Herr Godet war wie vom Blitz getroffen. „Madame Leboeuf ausgezogen! Unmöglich, mein Herr! Noch geſtern Abends acht Uhr hat ſie ihre Ein⸗ ladung zum heutigen Frühſtück wiederholt „Sage Ihnen, ſie iſt mit Mann und Maus abge⸗ zogen. Alles hat ſie hier gelaſſen, bis auf ihre Nacht⸗ mützen. Um zehn Uhr geſtern Nacht iſt ſie abge⸗ ſegelt.“ „Aber ſonderbar, mein Herr, daß ein leerer Ma⸗ „Was wollen Sie? He, Jean, bediene die S Herr Saurier ging in die Hinterſtube zurück und verriegelte ſorgfältig die Thüre. „Gebt, was da iſt. WMilch. Bavarviſe, was weiß ich?“ rief Godet der Aeltere, ſtillerge⸗ ben gen Himmel blickend. „Gibt keine Bavaroiſe!“ ſagte Jean. „Keine Bavaroiſe ? Aber Kaffee mit Milch?“ ſeufzte Godet. „Auch nicht.“ „Nicht einmal Kaffee?“ „Nichts als Chokolade in Stücken, Kaffee in Boh⸗ nen, Kirſchen in Branntwein und Zuckerwaſſer.“ „Entſetzlich! In einem Cafs nichts als Eßwaare!“ ächzte Herr Godet. „Donnerwetter! Hört das Gebrumm bald auf!“ drohte Jean. 100 Dieſe letzten Worte ſchienen einen lebhaften Ein⸗ vruck auf den ältern Bruder zu machen. „So gebt mir ein Stück Chokolade, ein Glas Zuckerwaſſer und Brod!“ beſtellte der Aeltere nach einem vielſagenden Blicke auf den jüngern-Bruder. Offenbar konnte Jean nicht einmal das A B C der Kellnerkunſt. Er brachte den Zucker in der Taſſe, die Chokolade auf einer alten Zeitung und das Waſſer in der Flaſche. Als das Brüderpaar dieſe Abnormitäten und Enormitäten gewahrte, blickten ſie ſich erſtaunt, faſt er⸗ ſchreckt an. . . Bald darauf erſchienen noch einige andere Stamm⸗ gäſte der Madame Lebveuf, um das erſehnte Frühſtück einzunehmen. Man denke ſich ihre Ueberraſchung, als ſie das plötzliche Verſchwinden der Madame Lebveuf und den Einzug dieſer Hottentotten erfuhren. Während die Gebrüder Godet und ihre Freunde mit wahrer Todesverachtung an der Chocolade nagten, zerbrachen ſie ſich den Kopf über die Urſachen einer ſo plötzlichen Revolution. Mehrere Stimmen erinnerten an die Möglichkeit einer Entführung durch einen Eng⸗ länder oder Amerikaner. Auf die weiſe Bemerkung des Herrn Dieudonné Godet, daß Alter und Ausſehen der Madame Leboeuf dieſe Annahme glänzend Lügen ſtraften, entgegnete ein Ex⸗Klarinette vom Ambigu, der eine tiefe Welt⸗ und Menſchenkenntniß ſich zutraute, daß die reichen Mylords oft einen ganz abſonderlichen, räthſelhaften Geſchmack an den Tag legten, und daß die eben geäußerte Vermuthung ſich daher recht gut hören laſſe. . . Die Stimmenmehrheit hatte kaum zu Gunſten dieſer Annahme entſchieden, als man auf die Erörterung der Frage überging, wer denn die unwür⸗ digen Nachfolger der würdigen Wittfrau ſein möchten. Ihr ganzes Weſen und Benehmen war Ein großes Problem. Gleich Anfangs ihre Gäſte ſo ſchnöde zu bewirthen! Warum denn ein Café halten? 101¹ Johann, derErzgrobian, beſchäftigte ſich beſtändig am Fenſter und wandte keinen Blick von den beiden Tho⸗ ren des Hotels Vampyr ab. Als der alte Stolk das Nebenthor öffnete, rannte Jean plötzlich zu ſeinem Herrn, holte ihn herbei und rief, auf Stolk weiſend: „Immer nur der. .“ — „Die Seele des Andern muß an ſeine Rippen feſtgenagelt ſein!“ rief Saurier. Stolk verſchwand, und das Thor ſchloß ſich wieder. Einige Stunden ſpäter trat ein Kerl mit ſpitz⸗ bübiſchem Geſichte haſtig in das Café ein und ſagte zu Jean: „Aufgepaßt! Sie wird gleich da ſein. ..„ Er haite Recht, daß ſie kommen werde. . „Glaub's wohl!“ antwortete Jean. „Die Maus⸗ falle iſt famos! . . . Simon lauert an der Ecke des Gäßchens. .. Sie konnte uns nicht entwiſchen.“ „Da iſt ſie ja!“ rief der Andere. Die beiden Perſonen und die Stammgäſte, die kein Wort von dem Geſpräche verloren hatten, drängten ſich an's Fenſter zuſammen. „Dieudonné! Dieudonné!“ rief Godet der Aeltere... „Geſchwind! Geſchwind! Dieſelbe Hexe, die vor vier Monaten das Käſtchen abgab, und vor einem Monate den Brief! . . . Sieh, wie ſie beſtürzt ausſieht! ℳ Es war richtig Madame Blondeau „ bleich und zitternd. Sie zog an der Glocke und ward von Stolk eingelaſſen. „Gut!“ rief der Spießgeſelle Jean's. „Was iſt die Uhr?“ Jean ſah nach der Uhr. „Zwanzig Minuten nach zwölf!“ „Gut. Ich will gleich in's Hotel Maurice zurück, wo ſie heute Morgen um zehn Uhr abgeſtiegen ſind Damit ging er eben ſo ſchnell fort, als er ge⸗ kommen. Zean flog in die Hinterſtube. Wer die ungeſtüme Neugierde der Stammgäſte des Café's Lebveuf kennt, wer bedenkt, daß ſeit mehreren Monaten dieſe ihre Neugierde mit der magerſten Koſt vorlieb nehmen mußte, der begreift, mit welchem Heiß⸗ hunger die beiden Godet und ihre Clique dieſe Brocken verſchlangen. Die geheimnißvolle Intrigue, die ſie längſt beendet glaubten, ſchien ſich auf's Neue zu ver⸗ wickeln und um ſo intereſſanter zu werden, als die neuen Beſitzer des Café's Lebveuf offenbar ihr nicht fremd waren. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Vas Botel Maran. Wir bitten den Leſer, uns aus dem Cafe Lebveuf in das, noch immer von der Tante der Frau von Lanery bewohnte Hotel Maran zu folgen. Die Nacht nahte heran. Ein reich gedeckter Tiſch ſtand inmitten eines glänzend erleuchteten Offizes, das an den großen Eßſal ſtieß. Servien, der Haushofmeiſter des Fräuleins, prä⸗ ſidirte dem Gaſtmahl. Zwei Kammermädchen, zwei Bediente, der Koch und zwei oder drei aus ihrer Be⸗ kanntſchaft ließen ſichs auf Koſten ihrer Herrin vortrefflich ſchmecken. Dieſe war ſeit zwei Monaten ſo total von der Gicht gelähmt, daß ſie kaum den linken Arm bewegen konnte. Wie aus den Memviren der Frau von Lanery erhellt, war das Fräulein von Maran allgemein gehaßt und gemieden, und ſomit re Dienerſchaft auf Gnade und Ungnade Preis ge⸗ geben. Aelteſte im Dienſt von uns Allen! „ „Auf Ihre Geſundheit, Herr Servien,“ rief der. och. „„Ehre, dem Ehre gebührt. .. Sie ſind der Der Menſch mit dem Karfunkelgeſicht erhob ſich und ſagte mit teufliſcherMiene:„Auf die Geſundheitunſerer lieben Herrin! Möge Gott ſie uns noch lange er⸗ halten! Auf dieſen Toaſt folgte ein lautes Hohngelächter. „Ha! ha! Ihre Waſſerſuppe!“ ſagte der Koch, die hab' ich ganz vergeſſen! Aber Schildkrötenſuppe thut denſelben Dienſt. .. Heraus mit dem Reſt von geſtern.“ In dieſem Augenblicke wurde laut geklingelt. Niemand rührte ſich. „Das Glockengeläut fängt heute früh an,“ rief Mademvoiſelle Julie, das erſte Kammermädchen des Fräuleins von Maran. Es wurde nochmals geklingelt. „Unerträglich!“ rief Mademoiſelle Julie. „Sie läßt Einen nicht mal ruhig eſſen! Aber ſo halten Sie Wort, Herr Servien! Verſprachen Sie nicht Ein⸗ für Allemal, alle Glocken zu verbinden...“ „Man erlaube ihr das Muſiziren!“ ſagte der Koch. „Sie kriegt's bald ſatt.“ Das Geklingel wurde immer ärger. „Mademvoiſelle Julie hat Recht!“ ſagte Servien. „Es bleibt uns nichts Anderes übrig. .. Eher haben wir keinen Frieden.“ „Gebt ihr eine Handglocke,“ ſagte Mademoiſelle Julie. „Darauf mag ſie in ihrem Zimmer muſizi⸗ ren ſo lange ſie will. Das genirt uns nicht.“ „Was hilft's!“ rief Educhd der Bediente. „Sie läßt den Schloſſer holen . und dann iſt's aus.“ „Merkt man doch, daß Sie eben erſt vom Lande herein kommen, Herr Goujon,“ entgegnete Julie. .. „Wer holt den Schloſſer? . . . Niemand. .„ Und be⸗ ſiehlt ſe, ſo heißt's „Alle Schloſſer ſeien an der Feſt geſtorben!“ fiel Herr Servien ein. Vor lauter Gelächter wurde das Läuten, das erescendo furioso ging, auf einen Augenblick über⸗ 104 hört. Endlich ſchien es, als müßten alle Stränge reißen. * „Gibt kein ander Mittel!“ ſagte Mademoiſelle Julie. „Man laſſe ſie muſiziren!“ rief der Koch. „Ha! Wie ſie die Zähne vor Wuth fletſcht und ſich die Lippen zerbeißt, wie eine Beſeſſene!“ ſagte Goujon. . .. „Bah! Was kümmert mich das. Kann ſie doch kaum den linken Arm rühren.“ „Aber wie geſchickt! . . . Hör' nur Einer dies Glockenſpiel an. . . S wird immer hübſcher.“ „Nein! das iſt um wahnſinnig zu werden!“ rief Julie. „ „Geſchwind die Leiter geholt und den Zug abgeſchnitten.“ Dieſer Vorſchlag ward um ſo beifälliger aufge⸗ nommen, als das Geläute in Einem fortging, und kaum ſekundenlang pauſirte. Goujon brachte die Leiter, Servien ſetzte ſie an und zwickte vermöge einer Zange zum Aufbrechen der Champagnerpfropfen den Glockenzug mitten unter furcht⸗ baren Vibrationen durch. Der Draht wich . . und das Geläut verſtummte. . „Bravo!“ rief Mademviſelle Julie, laut auf⸗ lachend. „O, daß ich die Geſichter ſähe, die ſie unter ihrem Pappendeckel ſchneidet. .. Sie biße mich, wenn ich ihr nahe käme.“ „Der Biß wäre giftig,“ ſagte der Koch. „Wüßte ich doch, warum ſie den ſeidenen und die flohfarbenen Pappendeckel und die Blouſe in ihrem Bette trägt?“ fragte Goujon. „Das hat ſie dem Teufel gelobt!“ antwortete Servien ernſt⸗komiſch. 3 „Und wenn der Teufel ihr Pathe iſt, ſo iſt ſie ſein Täufling,“ ſagte Julie. „Sie iſt ganz ſo böſe wie er. . Wie hat ſie uns in ihren geſunden Tagen 105 quält? Wie das liebe Vieh! Und wie hat ſie gegeizt und geknickert! . . . So Du mir, ſo ich Dir!“ „Und das macht ſie wüthig,“ fuhr Servien fort. . .— „daß ſie nicht mehr an Herrn Luchet, ihren Kurator, ſchreiben kann ... Sie heißt mich alle Augenblicke an ihn ſchreiben ... Aber da wäre ich ein rechter Eſel. Wenn da der Fabri zu uns ins Haus käme, wie ſie möchte; dann wär's mit uns Allen aus und vorbei; dann dürften wir uns Alle wieder in die Küche trollen, ſtatt hier oben flott und luſtig zu gaſtiren .. Und wie ſtände es dann mit dem Trinkgeld!... „Was meinen Sie, Herr Servien,“ ſagte Julie „wenn wir ihr von Herrn Luchet daſſelbe ſagten, wie von dem Schloſſer: daß die Peſt alle Kuratoren geholt habe? . „Vortrefflich. Das wäre keine abſchlägige Ant⸗ wort. Und Herrn Luchet ſagt man, daß Madame nichts mehr von ihm wiſſen will .. Schreibt er, ſo gebe ich den Brief nicht ab .. ich kenne ſeine Handſchrift.“ „Aber wenn ſie von ihren Freunden unſrte Lügen erfährt. Wie dann?“ fragte Julie boshaft. „Freunde? ha, ha! Seit dem halben Jahre, daß ich im Hauſe bin, habe ich Niemand geſehen, als den alten Philoſophen mit ſtruppigem Haar,“ ſagte Herr Goujon. „Herr Briſon,“ bemerkte Servien, „iſt ihr allein treu ... Aber ſo oft er ſie beſuchen wollte, iſt er nicht zugelaſſen worden ... Mein Gott! Wie anders war Alles, als Madame Urſula noch lebte ... Die Bälle, Concerte, Diners und Soirées wollten kein Ende neh⸗ men! .. Man hat ſo viel getanzt, geſungen, gegeſſen und getrunken .. daß ich mir einen netten Bauern⸗ hof in Beauce erſparte.“ „Das heißt ſparſam ſein,“ rief Mademoiſelle BZulie Aber nein! das iſt erbärmlich .. Die arme Madame Urſula...“ Mathilde. vI. 8 „Ich möchte eher die Frau Vicomteſſe, die Nichte von Madame, beklagen. O, die hat ſo viel von ihr leiden müſſen, als ſie jung war!“ ſagte Servien. „Das ſollte Madame hören, Herr Servien!“ rief Julie . „Haben Sie vergeſſen, daß ſie ſich mit Doktor Gérard, der ihr viel Gutes von Frau von Lancry ſagte, ſo gezankt hat, daß der Doktor nicht mehr zu ihr kommen will?“ „Und wie habe ich ſie beſtraft?“ fragte Servien „Sie trug mir auf, den Doktor Verteuil zu holen aber ich bin nicht gegangen .. Was kann ihr der Arzt helfen? . Und uns genirt er.“ „Recht ſo, Herr Servien,“ ſagte Julie ... „Gegen die Gicht braucht man keinen Doktor?“ „Gicht iſt keine Krankheit!“ rief Goujon .. . . „Man rührt ſich nicht von der Stelle .. . man bleibt ruhig liegen, wo man liegt ... ganz ruhig ... heißt dieß krank ſein?“ „Was thut ſie auch mit all den hundert Lumpe⸗ reien, die ihr der Doktor verſchreibt? .. „Und gewiß iſt, daß es nicht ſchlimmer mit ihr geht, ſeit der Doktor ausbleibt,“ ſagte Servien .. „Sie kann noch lange fortleben .. . Bucklige und Katzen haben ein zähes Leben . . . Es ſoll uns nie an Geld fehlen. Ehe ich die Rechnungen bezahle, ziehe ich gerade ſo viel ab, als wir nöthig haben, um an nichts Mangel zu leiden ...“ „Von dieſer Seite geht Alles nach Wunſch,“ ſagte Mademoiſelle Julie .. . „Nur ſollten wir einen Kellner haben, der uns aufwartet ... Das ewige Aufſtehen iſt ſo langweilig!“ - „Vortrefflich!“ rief der Koch .. „ch koche und mein Küchenmädchen gibt die Speiſen dem Kellner . Um ſo wärmer eſſen wir.“ „Bleibt dabei!“ rief Servien . „Beiläufig, ſeit ihr letzter Hund krepirt iſt, quält ſie mich täglich, ihr einen andern zu kaufen.“ 107 „Nichts von Hunden mehr!“ gebot Julie. „Ich bin die längſte Zeit gehorſame Wärterin dieſer Thiere ge⸗ weſen! Ich habe ſie herzlich ſatt . .. Weshalb meinen Sie denn, daß ich dem erſten die Gräte in den Hals ſteckte? Um einen zweiten zu haben?“ „Ha! ha! Sie waren's, Mamſell Julie?“ fragte Servien. „Wer ſonſt? die glte Beſtie war mir ein Greuel.“ „Und weil die Beſtie ſo bös war, hat Madame ſo geweint „Alſo keine Hunde mehr?“ fragte Servien. „Keine Hunde mehr!“ riefen Alle wie aus Einem Halſe. „Es ſei ſo!“ rief der Haushofmeiſter . „Ich will ihr ſagen, es ſei den Hunden gegangen wie Schloſ⸗ ſern, Kuratoren und Doktoren.“ Lautes Gelächter ſchallte durch das Anrichtzimmer. „Aber ein Gläschen Cyperwein zum Nachtiſch! Was meinen Sie, Herr Servien?“ fragte Mamſell Julie. Servien ſah auf den Tiſch. 5 „Hab ich denn keinen von Madame mitgebracht?. .. „Seht doch die abſonderliche Art, Wein auf⸗ zubewahren. Alle andern Weinſorten find im Keller oder im Anrichtzimmer, aber den hebt ſie in ihrem großen Toilettenkaſten auf,“ ſagte Mamſell Julie. „Mitleid mit der Alten!“ bat Herr Servien .. ſtand er auf mit den Worten; „ich will nun 9 en.“ . „Warten Sie!“ rief Mamſell Julie. „Ich gehe mit und bringe ihr die Suppe .. So trifft uns das Donnerwetter gemeinſchaftlich.“ „Sie haben Recht. Was iſt die Uhr? ... Neun Uhr bloß eine halbe Stunde ſpäter.“ Der Koch goß nachläſſig den Reſt aufgewärmter Schildkrötenſuppe in eine Porzellanſchüſſel, Servien nahm eine Serviette, legte ſie auf einen Teller und ließ Mamſell Julie mit dem Wachslichte vorangehen. So zogen ſie in feierlicher Prozeſſion durch die drei Säle, welche zwiſchen dem Eßſal und dem Schlaf⸗ zimmer des Fräuleins lagen Es war vollkommen Nacht. „Kommen Sie ihr nicht zu nahe, Herr Servien!“ rief Mamſell Julie lächelnd, während ſie ins Zimmer trat .. „Nehmen Sie ſich in Acht, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt.“ Das Innere dieſes Zimmers war noch ganz ſo, wie Frau von Lanery es beſchrieben. Auf dem Kamin dieſelben chineſiſchen Figuren von grünem Porzellan, welche die rothäugigen Köpfe auf und ab bewegten, auf dem mächtigen Sekretär von altem Lack drei Generationen wohl ausgeſtopfter weißer Wolfshunde. An den grauen Wänden die ernſten Bild⸗ niſſe ihrer Vorfahren. Beim ſchwachen Scheine der Kerze, die Mamſell Julie in Händen trug, entwickelte ſich allmälig aus dem Hintergrunde des mit dunkelrothen Damaſtgardi⸗ nen behängten Bettes das gelbe, widerliche Geſicht des Fräuleins von Maran, vor einem ungeheuern Rücken⸗ kiſſen aufrecht daſitzend. Immer noch das ſeidene Kleid von altem Schnitt, derſelbe Bettmantel, dieſelbe Haarfriſur von ſchwarzen Locken, welche die flache, eingedrückte Schlangenſtirn halb bedeckten, dieſelben tiefliegenden, brennenden Au⸗ gen, die in dem Augenblick, wo Servien eintrat, von unſäglicher Wuth erglänzten. Man denke ſich dieß furchtbar gereizte Weib, das in Folge des Schlaganfalls ſeine Wuth nur durch eine ſchwache Bewegung des Halſes, des linken Vorderarms und der linken Hand auslaſſen konnte! EFlender!“ rief ſie vor Wuth ſchäumend. „Willſt Du mich tödten?“ Servien ſetzte mit unerhörtem Gleichmuth den Teller vor dem Bette nieder. — — 109 „Fort mit Dir! Fort aus meinem Hauſe!“ rief ſie, durch das Stillſchweigen Serviens noch ärger empört. Servien drehte ſich behend um, gab Mamſell Julie ein Zeichen und ging auf die Thüre los. „Aber der Cyperwein!“ flüſterte dieſe. „Warten Sie nur! Sie ruft mich ſchon wieder zurück.“ . „Servien Servien Zulie ... Wollt Ihr bleiben! .. Oh, die Elenden! Sie quälen mich lang⸗ ſam zu Tode! Servien drehte ſich nochmals um und kehrte lang⸗ ſam und würdevoll zurück. „Was iſt die Uhr? Wann habe ich eine Waſſer⸗ ſuppe beſtellt?“ fragte das Fräulein etwas ruhiger. „Ich wartete, bis Madame klingelte,“ antwortete Servien und ſtellte die Schüſſel aufs Bett ... „Ich ſterbe noch vor Wuth!“ rief das Fräulein mit erſtickter Stimme, gen Himmel blickend .. „Habe ich nicht ſeit einer Stunde geklingelt, als ſtürzte das Haus zuſammen?“ ſchrie ſie. „Madame geklingelt?“ fragte Servien. „Madame glaubt geklingelt zu haben,“ ſagie Mamſell Julie. „Glaubt geklingelt zu haben . . Höre Einer die dumme Beſtie, die ſchändliche Lügnerin an! Ich glaube, geklingelt zu haben!!! Ich klingle ſeit einer halben Stunde, daß es kracht .. . Beſtie!“ „Da haben wir's, Madame! .. Der Zug wird geriſſen ſein. Natürlich!“ ſagte Servien. „Und weſſen Schuld iſt das? .. die Eurige!“ tobte das Fräulein heraus .. „Seit einer halben Stunde ſitze ich hier im Finſtern, und Ihr wißt, daß ich die Finſterniß fürchte. Gleich die Kerzen angeſteckt, ſtatt zu maulaffen! .. Statt zu gehorchen, nahm Mamſell Julie den 110 Zipfel ihrer Schürze, hielt ihn vor's Auge, that als ob ſie weinte und ging auf die Thüre zu. „Sich ſo behandelt zu ſehen!“ ſchluchzte ſie .. . „Hi, hi, hi!“ „Dageblieben, Julie, dageblieben! Ha, die Elende!“ ſchnob das Fräulein .. „Fort mit ihr aus meinem Hauſe!“ „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ tröſtete Servien. Dann holte er eine Flaſche Cyperwein. Kaum hatte er den Schrank wieder verſchloſſen, als er ein furchtbares Geräuſch und die fluchende Stimme des Fräuleins hörte . „Servien! Servien!“ rief dieſe. „Was gibt es, Madame?“ „Willſt du mich vergiften, Elender? Schildkröten⸗ ſuppe ſtatt Waſſerſuppe!!“ „Mein Gott! Leller, Schüſſel, Alles zerbrochen auf dem Fußboden!“ ſagte Servien ruhig . .. „Wer ſoll das eſſen, Madame?“ „Schildkrötenſuppe für eine Kranke, Du Elen⸗ der!“ ſchrie ſie wie wahnſinnig. „Keinen Augenblick länger in meinem Hauſe.“ „Lieber will ich gehen, als mich ſo behandeln laſſen, Madame!“ ſagte Servien und machte es wie Mamſell Julie, doch er machte ſich in aller Stille aus ven Zimmer fort und ſchloß die Thüre ſachte hinter ich zu. „Servien! . . . Servien! hier geblieben!“ don⸗ nerte das Frävlein . .. „Mein Gott! ich glaubé, er nimmt den Cyperwein mit . . . O die ſchändlichen Diebe! Ich erſticke vor Wuth . ... Sie griff zum Glockenzuge. Aber er ging nicht. „Zerbrochen,“ rief ſie .. „Wer hört mich jetzt Was fang ich an, ich Arme; Niemand, der mich von dieſen Schurken befreit . . . Sie lachen mich aus quälen mich plündern mich. und ich kann Nichts thun . Nichts! .. Ganz allein alt... 111 gelähmt. verlaſſen! . . . Und jage ich ſie fort, be⸗ komme ich noch ſchlimmere . . . Oh, mein Gott! Welch Loos! Alt, krank, ſchwach . . und hungrig oben⸗ an ja hungrig, im eigenen Hauſe Gott! . Mein Gott! . . . Servien, Servien, geſchwind! . Aber ſie wollen nicht kommen . . . Iſt denn keine Ge⸗ rechtigkeit im Himmel und auf Erden. . . Das ärmſte Weib hat Jemand, der für ſie ſorgt . . . Und ich .. ich habe Niemand . . ich muß vor Wuth ſter⸗ ben. . . und wie heute, ſo jeden Tag! . . . O mein Gott!... Servien! Servien! Er hört mich nicht... Zu Hilfe, zu Hilfe! Auch jetzt hört er nicht! Vielleicht, wenn ich Feuer rufe . . .“ „Feuer! .. Feuer! .. . Feuer!“ ſchrie ſie aus vollem Halſe. Aber Niemand hörte. Todtenſtille herrſchte ringsum. Der ſchwache Schein der niedergebrannten Kerze erhellte das große Zimmer auf die unheimlichſte Weiſe. Wie alle Böſen und Feigen, die das Gewiſſen ſchreckt, fürchtete ſich das Fräulein vor der Finſterniß ärger als das Kind. „Hilfe! Hilfe . . . Feuer, Feuer!“ ſchrie ſie, bis ihre Stimme ermattete. Alles umſonſt. Keiner rührte ſich. Nach einer Pauſe, worin ſie Athem ſchöpfte, rief ſie heiſer: „Die Elenden laſſen mich verbrennen, . zu Aſche ver⸗ brennen. . . ohne ſich darum zu kümmern. . . Ha, ich ſterbe.. ich ſterbe... Entſetzlich, zu ſterben.. allein, verlaſſen, unter den Händen diebiſcher Knechte Schrecklich! . . . Sterben ſterben und was Nicht Nichts In dieſem Augenblick fielen ihre ſtarren Blicke auf das Bild ihrer Ahnfrau, einer Aebtiſſin der Urſuline⸗ rinnen von Blois. Das bleiche, geſpenſtiſche Geſicht dieſer Frau in ſchwarzem Mantel ſchien wie lebendig aus dem Rahmen hervorzutreten. ſnſt Das Fräulein wußte vor Angſt ſich nicht zu aſſen. Die Finſterniß, die Verlaſſenheit, die Todtenſtille, der Anblick dieſer Ahnfrau . . . Alles dies machte ſie wenige Augenblicke frommen Gefühlen zugänglich, ohne daß ſie ihren ſchnöden Eigennutz verläugnen konnte. „Erbarmen, mein Gott, Erbarmen!“ ächzte ſie „O, ich will gewiß fromm werden . . will beten „ will nun meine Sünden beichten ja, der Beichtvater ſoll mich nicht verlaſſen, ſoll für mich ſorgen ſoll die Schurken fortjagen . . . Ja, mein Gott, das will ich thun, ich ſchwöre es .. Aber wer holt den Prieſter . . Keiner von meinen Dienſt⸗ boten gehorcht. . Sie gehen nicht einmal zum Arzte Und gegen wen darf ich klagen? .. . Wer ſteht mir bei? . Niemand .. Niemand Bin ganz allein und verlaſſen „ Alle Welt haßt mich . Als ich noch Feſte gab, da nicht „. Aber jetzt, da ich krank und ſchwach bin . .. Alles rächt ſich an mir Schrecklich! Schrecklich! .. Aber horch . ein Wagen hält vor der Thüre. .. Welch Glück, mein Gott! Aber ſie laſſen Niemand zu mir . „ Gewiß ſchicken ſie ihn zurück!.. Nein, nein, er bleibt .. die Thüre wurde geſchloſſen .. Oh! ich bin gerettet! Wenn das der langerſehnte Arzt wäre! Horch, Schritte Ja, ja, ſie kommen immer näher Ja, ja, es kömnt wer! . Sie irrte ſich nicht .. Die Thüre des Zimmers ward gufgeriſſen und hereinſtürztc — Frau don Lan⸗ ery, gefolgt von Servien. —— Vierunddreißigſtes Kapitel. Die Juſammenkunft. „Mathilde! der gütige Gott ſendet Dich mir,“ rief das Fräulein, „daß Sie mich ſchützen!“ „Nein, Madame! ſchluchzte Mathilde, auf das Bett ihrer Tante zueilend. Ich komme zu Ihnen, daß Sie mich ſchützen! .. Mein Mann wird gleich hier ſein . . Retten Sie mich! Retten Sie mich!“ Servien ging hinaus. „Ja, ja, ich will Dich retten, liebes Kind. Aber Sie dürfen mich nicht mehr verlaſſen,“ rief das Fräu⸗ lein. „O ich will jetzt ebenſo gut gegen Sie ſein, wie ich früher böſe war . . . Ja, ich will Alles für Sie thun, das ſchwöre ich .. Nur bleiben Sie bei O Sie wiſſen nicht, welche Höllenqual ich eide. Wort und Miene des Fräuleins erſtaunten Ma⸗ thilde, trotz ihres Entſetzens. „Madame,“ erwiderte Mathilde eilig, „die Augen⸗ blicke ſind koſtbar. Ich bitte, bei Ihnen bleiben zu dürfen.“ „Sie bitten, bei mir bleiben zu dürfen?“ wieder⸗ holte das Fräulein, die vor Staunen und Freude ihren Ohren nicht traute. ja. Madame Alles lieber, als ... Schrecklich! Schrecklich!“ ächzte das arme Weib. „Aber er hat Geſetz und Macht ſür ſich,“ . rief ſie. „Oh! Lieber ſterben als ihm folgen! . „Recht ſo, Mathilde, folgen Sie ihm nicht .. bleiben Sie bei mir .. Mein Vermögen, all mein Vermögen gehört Ihnen . . . . iſt Ihnen längſt von mir beſtimmt oh! gewiß . gewiß! Sie ſollen 114 mir bleiben wollen.“ Mathilde dachte an Nichts, als an die Flucht vor ihrem Manne. „Aber. er kann mich zwingen, ihm zu folgen“ ſie „Nein, nein, nein! Er kann es nicht. Wir nehmen Advokaten, wiſſen Sie, die beſten Advokaten in Paris . ſoll Ihnen nichts koſten wenn Sie bei mir bleiben, mein liebes, gutes Kind, meine theure Nichte! „Aber er kömmt vielleicht ſchon in dieſer Stunde, Madame, in dieſer Stunde! . . . Vorgeſtern kam er nach Maran, mich zu holen. .. Ich wollte ihm nicht ſolgen, der Maire zwang mich . . Als wir hier an⸗ kamen, im Hotel Maurice . . ich und Blondeau .. . hieß er uns warten. Wir ſollten blos zwölf Stun⸗ den in Paris warten, um inzwiſchen unſere Päſſe in Ordnung zu bringen und ſich einen Schein von der Obrigkeit auszuwirken, daß er mich überall hin mit⸗ nehmen dürfe .. „Gut, Kind, ich verſtecke Sie; er weiß nicht, daß Sie hier ſind.“ „Jeder Schritt von mir wird bewacht, Madame Sobald er fortging, eilte ich zu Frau von Riche⸗ ville, die rieth mir, zu Ihnen zu flüchten und nur der Gewalt zu weichen .. Und die Magiſtratsperſon ſolle ich bitten, bei Ihnen bleiben zu dürfen, bis ich die Schändlichkeiten des Herrn von Lanery gegen mich be⸗ wieſen habe.“ 8 „Ja, ja, ſie hat Recht, die gute Herzogin. Das kann man Ihnen nicht verwehren .. Wer wagt es, die Nichte von der Tante zu reißen?. . Nein, nein! Sie dürfen mich nicht verlaſſen . . . O wie freue ich mich, Mathilde! Sie ſollen alle frühere Böſe vergeſ⸗ O Sie ſind ſo gut, Mathilde und ich ſen. bin ſo unglücklich! . . . Alber wie ſchön iſt das Ver⸗ es ſchon zu meinen Lebzeiten haben, wenn Sie bei —— 11⁵ zeihen, nicht wahr, Mathilde?.. Wüßten Sie, was ich zu leiden habe von meinen Dienſtboten, den Schur⸗ ken. Sie haben das einzige Geſchöpf, das mich nicht haßte meinen Hund, haben Sie . vergiftet. Denken Sie ſich, Mathilde! „. Und doch war er mein einziger Freund, mein einziger Troſt . . Und als ich Ihnen befahl, einen andern zu kaufen, haben ſie nicht gehorcht . Kaum glaublich, Mathilde, aber wahr .. Und Keinen laſſen Sie zu mir .. Aber wenn Sie bei mir ſind, dann wird Alles an⸗ ders . Sie zwingen ſie zum Gehorſam gegen mich nicht wahr?“ „Still, ſtill!“ rief Mathilde plötzlich. „Ein Wagen, ein Wagen!. . . Er iſt's, er iſt's. „Nein, nein . ſagte das Fräulein aufhor⸗ chend, „der Wagen fährt vorüber . . . Aber was will denn das Ungeheuer von Ihnen. .. ja, ein Ungeheuer, das iſt er . . Wenn Sie ihn ſo kennten, wie ich ihn kenne! . . Oh! wie reut es mich jetzt, daß ich in Ihre Heirat mit ihm gewilligt habe, . mit dieſem Banditen, .. Falſchmünzer, mit dieſem Gaudieb! Biüutige Thränen weinte ich, wenn ich weinen könnte . . Was will er denn mit Ihnen? Hat er nicht Ihr Vermögen durchgebracht?“ „Was er mit mir will, Madame 2 . . . Mich an Herrn Lugarto verkaufen! . .. ſchrie Mathilde ent⸗ ſetzt. . „Abſcheulich, Mathilde!“ „Ich ſage Ihnen, um Geld thut der Menſch Alles! rief Mathilde. Er iſt ein Abgrund von Laſter und Schändlichkeit! . Und doch, Madame, ſo iſt das Geſetz, das Menſchen machen, daß es mich zwingt, einem Menſchen zu gehorchen, der mich eher zum Selbſtmord zwingt, als zu einer ehrloſen Handlung Lieber mich tödten, als mich dieſen beiden Men⸗ ſchen anvertrauen . . .. Aber hören Sie, diesmal 116 hält ein Wagen vor der Thüre! rief Mathilde ent⸗ ſetzt „ „Sie haben Recht, Mathilde .. . Vielleicht iſt's der Arzt.“ „Nein, nein! Er iſt's, er iſts! . .. Er hat mich bewachen laſſen und mich entdeckt.“ „O mein Gott! ich will geſchwind den Servien zum Advokaten ſchicken .. Auf alle Fälle weigern Sie ſich, ihm zu folgen auf alle Fälle! .. S Geben Sie nur der Gewalt nach! Ach! wenn meine Leute treu wären, ließe ich ihn zum Fenſter hinaus⸗ ſchmeißen, den Elenden, den Schuft das Ungeheuer . das mir meine liebe Nichte rau⸗ ben will Die Thüre ging auf und Herr von Lanery trat herein. Trotz der Beleibtheit, die ſich ſeit Kurzem bei ihm eingeſtellt, konnte ſein Wuchs noch immer ſchön ge⸗ nannt werden. Er war äußerſt elegant, faſt ſtutzer⸗ haft gekleidet . . Aber aus den erſchlafften, verwelk⸗ ten Zügen, aus den hohlen, matten, blinzelnden blau⸗ umlaufenen Augen ſprachen die ſcheußlichſten Laſter. Ueber das ſonſt ſo anmuthige, geiſtreiche Antlitz war eine Art widrigſüßlicher Wildheit ausgegoſſen. So ungefähr mußten die blutgierigen, entnervten Kaiſer des alten Roms ausgeſehen haben. Die ehemals ſo kräftige, männlich ſtolze gebieteriſche Stimme war faſt weinerlich geworden. Ein affektirtes Schnarren machte ſie wahrhaft eckelhaft. Er näherte ſich dem Bett des Fräuleins, ergriff ihre Hand und küßte ſie und ſagte: „Ein günſtiger Zu⸗ fall fübrt in Ihrem Hauſe das Paar zuſammen, das Sie ſo glücklich gemacht, liebe, liebe Tante.“ . „Verſchonen Sie mich mit Ihrer Flötenſtimme und Ihrer Geziertheit, mein Herr rief Fräulein von Maran. „Sie erſchrecken mich. Sie ſehen aus wie ein Wolf in Schafskleidern . Waruim 117 quälen Sie die arme Frau? . Ich ſage Ihnen, ſie will hier . . . in meinem Hauſe bleiben bei Jh⸗ rer lieben Tante. . Verſtehen Sie mich?. Ich bin ihre nöchſte Anverwandte und Sie ſollen hier keine Hand an ſie legen.“ „So fürchten Sie ſich denn vor mir, mein ſchö⸗ nes Täubchen,“ ſagte er mit einer Art grauſam ſpötti⸗ ſcher Süßlichkeit zu Mathilde, während er ſich neben dem Bette des Fräuleins auf einen Seſſel niederließ . „Sie fürchten ſich vor mir, daß Sie dies Theil erwählen?“ „Nimmer bringen Sie mich lebendig von hier fort, mein Herr!“ rief Mathilde ſchauernd. „Hören Sie's,“ fiel das Fräulein ein . .. „Kei⸗ nes entreißt ſie mir . . Darum fort von hier .. fort, Elender! . . . Laſſen Sie uns in Ruhe! 4 „Noch immer ſo unvernünftig . noch immer ſo widerſpenſtig, Schätzchen! .. Wollen Sie denn nie begreifen, daß wir Ein Herz und Eine Seele ſind, daß Sie mir mit Leib und Seele angehören . Haben Sie die Lektion ſo bald vergeſſen, die der Mair von Maran Ihnen gab?“ „Ha, ha, ha!“ lachte Fräulein von Maran hä⸗ miſch „Ihr Herr Maire iſt ein Dummkopf. .. ein Eſel . . . So was paſſirt hier in Paris nicht .. Unſre geſcheidten Herrn Advokaten werden eine gül⸗ tige Trennung zu erlangen wiſſen. . . Damit wir Ruhe vor Ihnen haben.“ „Sie glauben, ſchöne Tante?“ „Gewiß! . . . Eine arme Frau zu laſſen in den Händen eines . Iſt denn keine Gerechtigkeit mehr auf Erden?“ „Vorbei,“ erwiderte Herr von Lanery hämiſch „Siiſt nicht Alles in dieſer Welt, wie es ſein ſollte, Madame . . Statt alles Weitern, geruhen Sie dies Papier zu betrachten, Madame... Der heutige Flucht⸗ verſuch meiner Angebeteten konnte nicht erwünſchter 118 kommen Ich hatte ihn vorausgeſehen . Auf meiner Durchreiſe durch Paris nach Maran ſprach ich mit dem Herrn Polizeipräfekten .. Kaum in Paris angekommen, waren Sie, meine Holde, ſchon von den Leuten des Herrn Präfekten und von andern ebenſo geſchickten Perſonen umringt . . . So weiß man, daß Sie Ihre treue Madame Blondeau an einen gewiſſen Oberſten Ulrich abſandten, der Marquis von Rochegune heißt. Man weiß, daß ſie um zwanzig Minuten nach Zwölf dort eintraf und bis ein und dreiviertel Uhr blieb. Man weiß, daß Sie, mein ſchöner Engel, von dem Hotel Maurice, wo wir abſtiegen, erſt in das Kloſter zum heiligen Herzen und dann hieher gingen. Auch habe ich ſo eben einen Reiſewagen beſtellt, denn wie geſagt, haben wir nur zwölf Stunden Zeit. In⸗ zwiſchen brachte ich die Päſſe in Ordnung und ließ mir von dem Präſidenten des Gerichtshofes erſter Inſtanz einen Schein ausſtellen, der mich ermächtigt, Sie über⸗ allhin mitzunehmen, wohin mir beliebt, und alle Be⸗ hörden verpflichtet, mir nach Kräften behülflich zu ſein, wenn Sie mir, der ich Ihr Gatte, um nicht zu ſagen, Ihr Herr bin, den Gehorſam aufkündigten. Geruhen Sie, Ihre ſchönen Blicke auf dies Papier zu werfen, meine Holde . Zerreißen Sie es nicht, Sie mach⸗ ten mir nur die Mühe, ein zweites zu holen.“ Bei dieſen Worten überreichte er ihr eine in beſter Form abgefaßte, wohldokumentirte Urkunde... Es war, wie er geſagt. .. Das Geſetz ſprach für ihn, er war in ſeinem Rechte und machte davon Gebrauch. „Iſt es möglich?“ rief Fräulein von Maran er⸗ ſchreckt aus, während Mathilde das Papier mit den Blicken wie verſchlang... Wiſſen Sie denn, was Sie Ihnen vorwirft 2... Sie an den ſchuftigen Kretin, den Lugarto, zu verkaufen? Die Schändlichkeit allein reicht zur Eheſcheidung hin.“ „Das arme Schäfchen hat nicht übel gerathen!“ erwiderte Herr von Lanery, teufliſch lächelnd... Die⸗ 119 ſer gute, zärtliche Freund erwartet uns in Nizza . Wir reiſen noch heute Abend ab. . Fritz geht mit und Madame Blondeau bleibt hier . . Ich bin überglücklich, bei meiner Holden Kammerfrauenſtelle zu vertreten.“ Einen Augenblick hörte Mathilde theilnahmlos zu. Plötzlich fiel ſie auf ihre Knie, ſenkte das Haupt und betete inbrünſtig. „Sehen Sie,“ rief Fräulein von Maran. . „Sie betet zu Gott, der allein kann ſie vor dieſein Unge⸗ heuer bewahren!“ „Ungeheuer?“ wiederholte Herr von Lanery trocken. „Ich verſichere Sie, ſchönſte Tante, bei meiner Ehre! Man tritt ihm zu nahe. Mein Schäſchen wird ihn bald anders kennen lernen. Von Nizza aus reiſen wir nach Sicilien, eine wilde, maleriſche Inſel, wo Lugarto einige Zeit zu bleiben gedenkt. Das ſoll ein Götterleben werden, beſte Tante. Wir leben da ſo frei und ungenirt, wie im Schlaraffenlande. Plötzlich erhob ſich Mathilde aufrecht, ſtolz, gebie⸗ teriſch, mit glänzenden Augen, hochrothen Wangen. „Gott wird mich nicht verlaſſen!“ rief ſie Fräu⸗ lein von Maran mit feſter Stimme zu. „Er wird mich nicht verlaſſen, da Menſchen mich verlaſſen!. .. Was auch geſchehen mag. Er wird mir verzeihen. .. Was auch geſchehen mag, ich fluche, ja.. ich fluche Ihnen, meine Tante, die Sie die Tochter Ihres Bru⸗ ders an dieſes Ungeheuer verrathen konnten.“ „Mathilde, Mathilde!.. .“ rief Fräulein von Ma⸗ ran mit flehender Stimme. „Ja, mit dieſer Stunde bricht das Gericht Gvites über Sie ein!. ..“ fuhr Mathilde fort. „Sie ſterben gehaßt, verlaſſen, verachtet von Jedermann, in den Händen treuloſer, habſüchtiger Diener !... Urſula, die in Ihrer Schule Ihre Verbrechen lernte, hat Ihnen geflucht.. Herr von Mortagne, der unter dem Dolch eines Mörders ſein Leben ausathmete, .. hat Ihnen geflucht... 120 „Gott im Himmel! Schone mich, Mathilde!... Ich bin das elendſte aller Geſchöpfe. . .“ „Vor zwanzig Jahren . auf dieſem Ihrem Schmer⸗ Zenslager. .. preßten Sie mir die erſten Thränen aus, als Sie mir die Haare abſchnitten, auf denen die Hand der ſterbenden Mutter geruht hatte!. .. heute... bin ich bereit.. dieſem. .. Menſchen .. zu folgen, weil Geſetz und die Gewalt des Stärkern mich zu dieſem Schickſal verdammen .. Ihm folgen!. .. Verſtehen Sie, was das heißt ?... Denken Sie an das Boͤſe, das Sie von der Wiege an, bis auf dieſe Stunde mir zufügten... Denken Sie an Alles, was noch über mich einbrechen kann... und wenn Sie einſt hören, daß ich, die Tochter Ihres Bruders, die Hand an das eigene Leben legte, um der Schande zu entgehen . . oh! dann komme mein Blut ... und das Blut Urſulas über Sie.. Dann Fluch... Fluch... Ihnen bis in's Grab bis in die Hölle!!!. . „Gnade, Mathilde, Gnade!“ rief Fräulein von Maran. Es ſchlug zehn Uhr. Ein Poſtwagen hielt vor der Thüre an. „Mathilde! . .. verlaſſen Sie mich, wenn Sie wollen.. nur folgen Sie Ihrem Gemahl nicht... Er iſt zu Allem fähig ...“ „Es iſt der Gemahl, den Sie mir ausſuchten, Madame. . und ich folge ihm. Adien!“ „Ich bin bereit, mein Herr.“ Herr von Lanerh hatte ſich auf verzweifelten Wi⸗ derſtand gefaßt gemacht. Lächelnd ſtand er auf und bot ihr ſeinen Arm. Frau von Lanery ſtieß ihn voll Abſcheu zurück. „Die Herren warten im Sale, Herr Vicomte!“ meldete der eintretende Diener. „Welche Herren?“ „Drei Herren, die eben vom Hotel Maurice kommen.“ Ich weiß nicht, wen Du meinſt,“ entgegnete Herr von Lanery. In derſelben Minute öffnete ſich die Thüre und hereinſtürzte — Herr Secherin, leichenblaß, geſpenſterhaft. Er war in tiefer Trauer. „Meine Mutter iſt todt... Ich bin da, Sie zu tödten!“ ſchrie er Herrn von Lanery entgegen. Fünfunddreißigſtes Kapitel. 6. Vas Yuell. Herr von Lanerh wurde grün und gelb. „Wir ſehen uns ſpäter wieder!“ antwortete er mit zitternder Stimme.. „Ihren Arm, Madame!“ „Nicht von der Stelle, oder Sie ſchlagen ſich mit mir!“ rief Herr Secherin, ihm den Weg vertretend. „Herr Secherin, . . . Sie ſind ein Narr!“ rief Herr von Lanery vorwärts drängend. „Herr von Lancry! Keinen Schritt weiter, oder ich beohrfeige Sie vor Ihrer Gemahlin!“ Das Verbrechen macht feige .. So wars auch mit Herrn von Lancry. „Servien!“ gebot er, „werft den Menſchen zur Thüre hinaus!“ „Servien, Servien! Ich verbiete es Euch!“ rief in von Maran .. .. Laßt Herrn Secherin gewäh⸗ WVochte Servien einen alten Groll gegen Herrn von Lanery hegen, oder wollte er ſeiner Gebieterin Mathilde. V. S — — 122 den Auftritt vom heutigen Abend vergeſſen machen: genug, er gehorchte und ſchlich leiſe zum Zimmer hinaus. Mathilde ſank auf einen Stuhl zurück und barg das Geſicht in den Händen . . Herr von Lanerg, außer ſich vor Wuth, wollte ſich den Ausgang erzwin⸗ gen. Aber Herr Secherin packte ihn mit kräftiger Fauſt am Kragen und warf ihn auf den Boden. Im Auf⸗ richten blickte er ſich um, ob er nichts fände, was ihm als Waffe dienen konnte. Er fand nichts . . Seine blaſſen Wangen bedeckten ſich mit leichter Röthe. „Die Rohheit ſoll Ihnen theuer zu ſtehen kom⸗ men, Sie Bauer!“ „Bauer, mag ſein. Aber ich will Sie tödten, je eher je lieber und ich tödte Sie!“ „Uebermorgen, mein Herr! Schicken Sie mir Ih⸗ ren Sekundanten, damit wir uns verſtändigen Kommen Sie, Madame!“ „Gottlob ſind die Nächte kurz . . . Sekundanten, Waffen, Alles iſt in Bereitſchaft . .. Wir gehen di⸗ rekt von hier auf die Wahlſtätte!“ „Mein Herr,“ rief Herr von Lanery. „Dieſer Auftritt iſt entehrend für mich „. Vor Da⸗ „Wahr, wahr!“ entgegnete Herr Secherin, der bisher an der Thüre ſtehen geblieben war. Im Nu packte er Gontran am Kragen und zog ihn aus dem Schlafzimmer des Fräuleins in den anſtoßenden Sal, wo Beide ſich mit den Sekundanten des Herrn Seche⸗ rin allein ſahen. Die Wuth des Herrn von Lanerg ſtieg aufs Höchſte. Mit geballten Fäuſten, ſchäumenden Lippen ſtürzte er auf Herrn Secherin los. „Sie wagen Hand an mich zu legen?“ rief er. „Ja, Vicomte und werde noch mehr thun Herr Secherin ergriff mit ſeinen großen, kräftigen Händen die zarten Hände des Herrn von Lanerh und ——— 123 ſchüttelte ſie, als müßten ſie brechen. Dann trat er ſo nahe an Herrn von Lancry hinan, daß er ſeinen Odem fühlte und fragte ihn mit höhniſcher Stimme: „Schlagen Sie ſich vielleicht, mein Herr? und das auf der Stelle? . Gab es eine tödtlichere Beleidigung? Herr von Lanery brüllte vor Wuth. Herr Seche⸗ rin ſtieß ihn verächtlich von ſich, pflanzte ſich vor der Thüre des Sals auf, riß Einem der Sekundanten den Stock aus der Hand und ſchwang ihn drohend über ſeinem Haupt mit den Worten: Ein Schritt von der Stelle da „ und ich ſchlage Sie windelweich. Phyſiſche Gewalt vermochte Nichts. Herr von Lan⸗ ery biß ſich die Finger vor Wuth. „Daß Ehrenmänner!“ rief er den Sekundanten mit wutherſtickter Stimme zu, „daß Ehrenmänner, wie Sie, ſolchen Mißhandlungen ruhig zuſehen können!“ „Ha, ha!“ entgegnete Einer der Sekundanten tro⸗ cken. „Eine alte Schuld, das.“ ⸗ „Warum weigern Sie ſich?“ rief der Andere, ein langer, kahlköpfiger Mann, mit ungeheurer Schmarre auf dem rechten Backen . ſich morgen mit Herrn Secherin zu ſchlagen „. . Er hat lange genug auf Rache warten müſſen . . . . Wer in Schulden ſteckt, zahlt oder ſchweigt geduldig.“ „Aber Sekundanten, mein Herr, Sekundanten!“ entgegnete Herr vou Lanery. . . . „Ich muß doch Zeit haben, ſie zu ſuchen. Ihr Poſtwagen ſteht vor der Thüre .. Wir ſteigen zuſammen ein, denn ich weiche nicht von Ihrer Seite Sie haben Bekannte genug hier, die Ihnen den kleinen Dienſt erweiſen werden. Dann kommen wir zurück, um Secherin abzuholen, und auf der erſten Station von Paris ſehen wir die Sonne aufgehen .. finden überall Platz, unſer Geſchäftchen abzuma⸗ chen. „Ich folge Ihnen wie Ihr Schatten nach!“ rief Herr Secherin, im Zimmer auf und ab gehend, wie ein Löwe in ſeinem Käfig. . . . „Und wollen Sie nicht, wie und wohin ich will, ſo gibt's Prügel. Merken Sie ſich's „Noch Ein Wort, mein Herr!“ ſagte Herr von Lancry zum Sekundanten des Herrn Secherin . . „Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren?“ „Vor fünf Tagen ſtarb die Mutter des Herrn Se⸗ cherin. Zwei Tage darauf ſagte Herr Secherin mir und dem andern Herrn da Peter Leblanc, der mit mir beim zwölften Dragonerregiment ſtand, warum es ſich handle. Wir alle Drei ſind Nachbarn auf dem Lande und kennen uns ſeit lange. Wir geben Secherin Recht. Ehe wir Sie tödten konnten, mußten wir Sie auf⸗ ſuchen, nicht wahr? Wir fahren alſo mit der Poſt von Rouvray nach Paris, und kommen gerade durch Maran, als Sie mit Frau von Lanery abreiſen. Wir folgen Ihnen immer auf der Ferſe, von Station zu Station, bis nach Beray. Dort warten wir ganz gemächlich auf die Rückkehr der Poſtillons, welche uns melden, daß Sie im Hotel Maurice abgeſtiegen ſeien. Wir gehen ins Hotel Maurice, Sie waren nicht da .. fünf oder ſechs Mal kommen wir zurück, Sie waren immer noch nicht da. Was thun? Wir laſſen uns alſo friedlich nieder, um Ihre Ankunft zu erwarten. Gegen halb zehn ſagt der Haushofmeiſter: „Wenn Sie den Herrn von Lanery durchaus ſprechen müſſen, ſetzen Sie ſich in ſeinen Wagen, der ihn in der Vorſtadt Saint⸗ Germain abholt; ſo werden Sie ihn gewiß treffen. Der Rath war trefflich, wir nahmen ihn dankbar an, und ſo ſind wir hier . . Sie ſehen, der da oben meint es mit dem ehrlichen Menſchen gut, und will, daß Sie ſich mit dem. abfinden. . Das Ueb⸗ rige will ich Ihrem Sekundanten ſagen wenn ich Luſt habe .. . und wenn ich Sie und Secherin bei r eit ſehe Was war zu machen? Entſchlüpfen konnte er nicht. ————— 12⁵ So wollte er ſich dann je eher, je lieber ſchlagen. Auch war mit den erlittenen Beſchimpfungen ſein Muth zurück gekehrt. Vielleicht konnte er ja Herrn Secherin tödten? Gontran hatte mehrere, ſehr glückliche Duelle ge⸗ habt, und wußte mit Degen und Piſtole vortrefflich umzugehen. „Ich bin zu Allem bereit, mein Herr!“ ſagte er zu Einem der Sekundanten des Herrn Secherin. „Ehe wir einen Sekundant aufſuchen, erlauben Sie, daß ich mich von meiner Frau verabſchiede.“ „Vielleicht will er durch eine verborgene Treppe entwiſchen,“ ſagte Herr Secherin . . „Peter Leblanc, ſtelle Dich vor dem Hausthore auf.“ Herr von Lanery ſteckte auch dieſe Beleidigung ein und ging haſtig in das Zimmer des Fräuleins. „Wohlan, Madame,“ ſagte er zu ſeiner Gattin, „Sie werden bald Wittwe ſein! Freuen Sie ſich.“ Mathilde antwortete nichts. „Ja, ja! wir freuen uns!“rief Fräulein von Maran. „Es geſchieht Ihnen Recht. Ich wünſche dem braven Herrn Secherin alles Glück!“ „Vielleicht falle ich!“ ſagte er zu ſeiner Gattin, nachdem er ſie eine Weile mit wüthendem Haſſe ange⸗ ſeben . Aber ich werde gerächt werden . Lugarto bleibt Ihnen ... Er wird Sie treffen, wie er Herrn von Mortagne getroffen hat, wie er Frau von Richeville getroffen hat, wie er Herrn von Rochegune durch Sie und in Ihm treffen wird. . . Aber wenn ich nicht falle „dann, oh dann! zittern Sie ... Ich will ſie zer⸗ malmen!. .. Das waren ſeine letzten Worte an Mathilde. Dieſe verließ, trotz der verzweifelten Bitten des Fräuleins, das Hotel Maran auf der Stelle, um bei Frau von Richeville den Ausgang des Duells abzuwarten. Herr von Lanecry fand bald zwei Freunde. In Saint⸗Denis ſollte das Duell vor ſich gehen. Kaum — 126 £ dämmerte es, ſo begaben ſie ſich in einen der alten Feſtungsgräben. Auf den erſten Schuß des Herrn Se⸗ cherin fiel Herr von Lanery, tödtlich ins Herz getroffen. .. Er ſtarb, das Andenken Urſula's verfluchend und ſie Fines Mode nktähend — * Sechsunddreißigſtes Kapitel Schluß. Frau von Lanery verlebte die erſte Hälfte des Trauer⸗ jahres im Kloſter zum h. Herzen bei Frau von Riche⸗ ville .. Auf die Nachricht vom Tode des Herrn von Lanery trat Herr von Rochegune eine mehrmonatliche Reiſe nach Italien an. Obgleich durch Mathildens Memvoiren über ihre Liebe zu ihm aufgellärt, wurden ſeine ſüßen Hoffnungen getrübt durch das peinliche Bewußtſein, das er nicht los werden konnte — Emma's Tod veranlaßt zu haben. Mathilde entdeckte dieß traurige Geheimniß. Frau von Richeville hatte nach Emma's Tode alle Sachen zu ſich genommen, die ſie unmittelbar an ihre ſelige Tochter erinnerten, ohne daß ſie es wagte, dieſe geheiligten Reliquien näher zu unterſuchen. Unter an⸗ dern auch das Portefeuille mit dem Bildniß des Herrn von Rochegune, das ſie dieſem an ihrem Namenstage verehrt und das Herr von Rochegune ihr nach der Hei⸗ rat zurückgegeben hatte. Eines Tags bat Frau von Richeville Mathilde, unter dem Nachlaſſe Emma's ein Medaillon zu ſuchen, worauf Emma als Kind gemalt. . war. Während ſich Mathilde damit beſchäftigte, öff⸗ „ ——— 127 nete ſie das Portefeuille und fand darin zwei Briefe verſteckt. Der erſte lautete alſo: „Man hintergeht Sie. Mathilde iſt die Geliebte Ihres Gemahls. Sie kennen die Handſchrift des Herrn von Rochegune. Leſen Sie das beifolgende Billet, das ein unge⸗ nannter Freund Ihnenzuſtellt.“ Das zweite war eben dies beifolgende Billet, das, wie wir wiſſen, Herr von Rochegune an Frau von Lanery geſchrieben hatte (ſ. S. 37). Kein Wunder, daß dieſe Nachricht und die Ent⸗ deckung des Geheimniſſes ihrer Geburt ein ſo zartes, tieffühlendes Weſen, wie Emma war, tödtlich verwun⸗ den mußten. Den Kummer über dieſen letzten, härtſten Schlag hatte ſie Niemand anvertraut. Man konnte an den Falten und dem Verbrauch dieſes Briefes merken, daß ſie ihn oft geleſen und wie⸗ der geleſen haben mußte. Es war, als hätte ſie ſich das Gift tropfenweiſe eingegeben. Mathilde ſuchte unter ihren Papieren nach jenem Brief und fand ihn. Als ſie beide mit einander ver⸗ glich, entdeckte ſie die Unächtheit des an Emma abge⸗ ſandten, obgleich die Handſchrift des Herrn von Roche⸗ gune mit wahrhaft hölliſcher Geſchicklichkeit nachge⸗ ahmt war. Das Räthſel löſte ſich ſo: Als ſie zu ihrem Ge⸗ mahl in die Straße ** zog, hatte Herr von Lancry einen von Lugarto beſtochenen Kammerdiener, welcher ſich Mathildens Briefkäſtchen zu verſchaffen wußte. Lugarto konnte unter den Briefen des Herrn von Rochegune an Mathilde keinen zweckdienlicheren auswählen. Er wurde nicht weniger gut nachgemacht, als auserkoren... Dank dieſer Vorſicht, entgingen andere, nicht weniger gefähr⸗ lichere Briefe dem Schickſal jenes erſtern. Nach der Entdeckung dieſer fluchwürdigen Argliſt ſandte Mathilde die beiden Briefe an Herrn von Roche⸗ gune. Sie befreiten ihn von einer großen Qual und wandelten ſeine Selbſtanklage in herzliche Betrübniß und tiefes Mitleid mit der ſchwergeprüften allzufrüh verſtorbenen Gattin um. Ungeſähr fünfzehn Monate nach dem Tode ihres Gemahls heiratete Mathilde von Lancery Herrn von — Rochegune. die trunkene Freude zurückſchließen, mit der ſie in die Zukunft blicken mußte. Etwa um dieſelbe Zeit wurde ein kleines, einſam gelegenes Haus zwiſchen Luzarches und dem Walde von Chantilly abgebrochen. Das Haus hatte lange leer geſtanden. In der Ecke eines Schlupfloches, das neben dem Kamin des Schlafzimmers angebracht war und dem in Mathildens Memoiren beſchriebenen total glich, fand man das Skelett eines Menſchen. Es war das Skelett Lugartos. Ehe Herr von Lancry ſeine Gemahlin bei Fräulein von Maran abholte, hatte er ſeinem Helfershelfer in dieſem Häuschen, wohin Mathilde heimlich gebracht werden ſollte, ein Rendez⸗ vous gegeben. Fritz, der Eilbote Gontrans, ſollte die Ankunft ſeines Herrn und Mathildens durch Peitſchengeknall Herrn Lugarto anzeigen, und dann in der Poſt zu Chantilly auf den Wagen warten. Das Duell mit Herrn Secherin hatte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber Fritz, der dies nicht wußte, glaubte ſich unmittelbar auf den Reiſewagen gefolgt, beſtellte die Poſtpferde, gab, als er vor dem Häuschen ankam, das verabredete Zeichen mit der Peitſche und eilte weiter nach Chantilly. Auf dies Signal war Lugarto, der jeden Augenblick die Ankunft ſeiner Gäſte erwartete, in das Verſteck gekrochen, um Mathilden jeden Argwohn zu benehmen. Die Vorſehung hatte es ſo geordnet, daß die innere Sprungfeder des Schloſſes den Dienſt verſagte, als Lugarto aus dem Schlupfwinkel hervor⸗ wollte. Er ſchrie und ſchrie. Aber Alles umſonſt. Aus der Größe ihret frühern Opfer kann nian auf 1 129 Niemand konnte ihm helfen, weil er allein im Hauſe war. Den folgenden Tag kehrte der Eilbote zurück, klopfte an die Thüre, erhielt keine Antwort und machte, daß er nach Paris kam, wo er den Tod des Herrn von Lanery erfuhr ... Lugarto hatte von jeher ein ſo unſtetes, geheimnißvolles Leben geführt, daß er nirgends vermißt wurde. Man wird ſich über all das Böſe, das dieſer ſchändliche Menſch angerichtet, nicht wundern, wenn man die Mittel bedenkt, die ihm zu Gebot ſtanden. .. Für dieſen ruchloſen, mit allen möglichen Laſtern be⸗ fleckten, von Grund aus verderbten Menſchen war das Böſe eine Art von Wolluſt geworden. Mit Hilfe des Geldes, ſeines Spionirſyſtems und ſeiner Fertigkeit in Nachahmung fremder Handſchriften hatte er nach der Reihe Herrn von Mortagne, Emma, Frau von Riche⸗ ville, Herrn von Rochegune und Mathilde tödtliche oder unheilbare Wunden verſetzt. Wer weiß, welch hölliſche Pläne zwei ſolche Sub⸗ jecte in Zukunft noch entworfen und ausgeführt hätten!! Herr Secherin ging nach dem Duell auf Reiſen. Das Andenken Urſula's verfolgte ihn überall hin .. der Tod des Herrn von Lanery hatte ihn gerächt, aber nicht getröſtet. Fräulein von Maran blieb nach wie vor unter dem furchtbaren Druck ihrer Dienerſchaft, namentlich Serviens. Sie ſtarb, wie ſie gelebt hatte. Ohne den feſten und entſchiedenen Willen des Herrn von Roche⸗ gune würde Mathilde alles Mögliche gethan haben, die letzten Stunden ihrer Tante zu erleichtern. Frau von Richeville überließ ſich immer härtern Bußübungen. Die langen Seelenleiden untergruben ihre ohnehin ſchwache Geſundheit vollends. Sie ſtarb bald, nachdem ſie das großherzige Opfer, das Mathilde Emma gebracht, erfahren hatte. Herr von Senneville brachte ſeinen ſtrafbaren Leicht⸗ finn durch offenes Geſtändniß ſeines Unrechts und herz⸗ liche Anhänglichkeit an Mathilde und Herrn von Roche⸗ gune in Vergeſſenheit. um endlich keine der Perſonen zu übergehen, die in dieſer langen Erzählung handelnd aufgetreten ſind, möge der Leſer wiſſen, daß die Wittwe Leboeuf wenige Tage nach ihrem Verſchwinden in das Café zurückkehrte, und um ihren Mahagonythron nach wie vor ihre treuen Stammgäſte, vor Allen die Gebrüder Godet verſam⸗ melte. DBurch eine beträchtliche Summe des Herrn von Lanery und des Herrn Lugarto bewogen, hatte ſie ihr Cafe auf einige Tage an die geheime Polizei die ſer beiden Herrn abgetreten. Es war Beiden von größter Wichtigteit, das gegenüber befindliche, von Herrn von Jochegune bewohnte Hotel Orbeſſon bewachen zu laſſen für den Fall: daß Mathilde dort Zuflucht ſuchte. Madame Leboeuf gefiel ſich darin, ihren plötzlichen Auszug in den Schleier des tiefſten Geheimniſſes zu hüllen. Dies Geheimniß iſt noch jetzt ein Stein des Anſtoßes für das Combinationsvermögen der Gebrüder Godet und der andern Stammgäſte des Cafés Lebveuf... Gleich nach der Abreiſe des Oberſten Ulrich wurde das alte For Orbeſſon in eine chemiſche Fabrik umge⸗ wandelt. Ende. g14 ↄee